Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Seſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher keden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Pesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus ſbezahlt werden und beträgt:. 8 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. 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Der Ftaatskanzler von Hardenberg. — —— Es war keiten und Jahres ge wegen ver lichen Ger ſich mehr Weine un und politi Ein Augereau fir das gr als offiie Heut mur einp Saales ve aus fünf goldgeſtic Sterne f gſellſche Da Berin, e ſeiner A Litel N ſcnſiche Mhlia . Das unterbrochene Souper. Es war am vierten Januar 1813. Die großen officiellen Feſtlich⸗ keiten und Gratulationscouren, mit denen man den Beginn des neuen Jahres gefeiert hatte, waren jetzt beendet, und nach den von Amts⸗ wegen veranſtalteten Diners konnte man ſich jetzt wieder dem behag⸗ lichen Genuß kleiner, freundlicher Soupers hingeben, bei denen man ſich mehr mit der Betrachtung über die Vorzüglichkeit der duftenden Weine und der auserleſenen Speiſen, als mit langen officiellen Toaſten und politiſchen Reden zu beſchäftigen hatte. Ein ſolches freundſchaftliches Souper gab heute der Marſchall Augereau in Berlin ſeinen Auserwählten zur Entſchädigung gleichſam für das große Feſteſſen von hundert Gedecken, das er am erſten Januar als officieller Vertreter des Kaiſers Napoleon veranſtaltet hatte. Heute ſpeiſte man nur im kleinen, behaglichen Salon, und es war nur ein petit comité, das da um den runden Tiſch in der Mitte des Saales verſammelt war. Aus fünf Herren nur beſtand dieſes Comité, aus fünf Herren mit behaglichen, freundſelig lächelnden Geſichtern, mit goldgeſtickten Uniformen, auf deren linker Seite viele Ordenskreuze und Sterne funkelten und den hohen Rang und Stand der kleinen Tiſch⸗ geſellſchaft bekundeten. Da war zuerſt der Marſchall Augereau, der Gouverneur von Berlin, einſt ein ſo wüthender Republikaner, daß er ſogar Jeden in ſeiner Armee⸗Abtheilung mit dem Tode bedrohte, der ſich der verpönten Titel„Monſieur“ oder„Madame“ als Anrede bediente, jetzt der leiden ſchaftliche Imperialiſt, der glühende Bewunderer des Kaiſers Napo⸗ Miühlbach, Napoleon. UI. Bd. 12 leon. Ihm zur Seite dieſer Herr mit der corpulenten, unterſetzten Figur, dem feinen, ächt ariſtokratiſchen Angeſicht, auf welchem der Sonnenſchein eines verbindlichen Lächelns niemals erblaßte, das war der Staatskanzler Baron von Hardenberg, der erſte Miniſter Friedrich Wilhelms III. Er war eben im eifrigen Geſpräch mit ſeinem Nach bar begriffen, und zwar mit dem Grafen Narbonne, dem abgefallenen und treuloſen Anhänger der Bourbonen, der ſeit Kurzem aus dem Lager der Legitimiſten in das Lager Napoleons übergegangen war, und ſich vom Kaiſer zu allerlei diplomatiſchen Sendungen verwenden ließ. Neben dieſem befand ſich der Fürſt Hatzfeld, jener Mann, den im Jahre 1807 der Zorn Napoleons getroffen, und der als„Verräther“ wäre erſchoſſen worden, wenn die kühne Liebe und die begeiſterte Für⸗ ſprache ſeiner Gemahlin ihn nicht errettet und ihm bei Napoleon Gnade erwirkt hätte.*) Dieſem zur Seite, den Kreis abſchließend, ſaß der Graf St. Marſan, der Geſandte Napoleons bei dem König von Preußen. Die fünf Herren ſaßen ſchon ſeit einigen Stunden an der Tafel⸗ runde, und ſie befanden ſich in jener milden, behaglichen und ange⸗ nehmen Stimmung, welche die in der Kunſt der Gaſtronomie Einge⸗ weihten ſtets empfinden, wenn die Speiſen auserleſen und pikant, der Rheinwein hinlänglich kalt, der Burgunder hinlänglich warm, die Auſtern friſch und die Trüffeln duftig befunden werden. Man war jetzt bis zu dem Braten gelangt; die mit Trüffeln ge ſpickten Faſanen verbreiteten einen Wohlgeruch durch den Salon, und die Pfropfen der Champagnerflaſchen knallten, wie die Salutſchüſſe des im Triumph einziehenden Vergnügens. Jetzt hob der Marſchall Augereau ſein Glas hoch empor. Ich trinke dies Glas auf das Wohl unſeres Kaiſers! rief er mit begeiſter⸗ tem Tone. Die Gläſer klangen fröhlich zuſammen, dann leerten die drei fran⸗ zöſiſchen Herren ihre Gläſer auf Einen Zug. Der Fürſt von Hatz⸗ feld folgte ihrem Beiſpiel, Herr von Hardenberg aber berührte nur *) Siehe: Napoleon in Deutſchland. Zweite Abtheilung. Band I. liſe nit den vieder hin. En. Exci ilſo nicht ehrl Doch, He lichelnd, aber hat. Sie habe bin ich der erg des Künigs Fr inmerhin nicht Ich hatte nir unſere Gl des gufen h Er ließ ſe und ſeine ſchur merkſamkeit au Herr von jog er es noc Marſchall Aug Marſchall, daß uf das Pohl Uliunz nit P Und auf ndem Heren lßen ſih wie Vir habe Füſt Hatzeld Sit nur no zwiſchen Preu Ich hoff Nhr ſein, uee Fre eines Krunpr un Funti unterſetzten welchem der te, das war ſter Friedrich ſeinem Nach abgefallenen s dem Lager r, und ſich venden ließ. den im 1, Verräther“ geiſterte Für ei Napoleon abſchließend, m König von n der Tafel⸗ und ange⸗ nomie Einge⸗ d pikant, der n die Auſtern tTriffeln ge n Salon, und alutſchiſe des empe ni ber pie drei fran⸗ gerührte nur beluh 179 leiſe mit den Lippen den Rand des Glaſes und ſetzte es dann wieder hin. Ew. Excellenz trinken nicht? fragte Augereau. Sie meinen es alſo nicht ehrlich? Doch, Herr Marſchall, ich meine es ehrlich, ſagte Hardenberg lächelnd, aber Sie haben da ein Wort geſagt, das mich verhindert hat. Sie haben geſagt: auf das Wohl unſeres Kaiſers! Nun aber bin ich der ergebene, und ich darf ſagen treue Diener meines Herrn, des Königs Friedrich Wilhelm, und ich darf den großen Napoleon alſo immerhin nicht meinen Kaiſer nennen. Ich hatte mich alſo falſch ausgedrückt, rief Augereau haſtig. Füllen wir unſere Gläſer auf's Neue, uud nun trinken wir: auf das Wohl des großen Kaiſers Napoleon! Er ließ ſein Glas hell anklingen an das Glas des Staatskanzlers, und ſeine ſcharfen, beachtenden Blicke ruhten dann mit lauernder Auf⸗ merkſamkeit auf dem Miniſter. Herr von Hardenberg ſetzte das Glas an die Lippen, aber dann zog er es noch einmal zurück, und ſich leicht und lächelnd vor dem Marſchall Augerean verneigend, ſagte er: Erlauben Sie mir, Herr Marſchall, daß ich Ihren Toaſt vervollſtändige. Laſſen Sie uns trinken auf das Wohl des großen Kaiſers und auf eine lange und glückliche Allianz mit Preußen! Und auf eine glückliche Allianz mit Preußen, wiederholten die vier anderen Herren mit begeiſtertem Ton; dann leerten ſie ihre Gläſer, und ließen ſich wieder auf die Fauteuils niedergleiten. Wir haben da eben angeſtoßen auf unſer lautes Geheimniß, ſagte Fürſt Hatzfeld lächelnd. Denn nicht wahr, Excellenz von Hardenberg, es iſt nur noch ein lautes Geheimniß, dieſe neue glückliche Allianz zwiſchen Preußen und Frankreich? Ich hoffe, dieſe glückliche Allianz wird bald gar kein Geheimniß mehr ſein, ſagte Hardenberg. Preußen hat mit innigſter Freude den Vorſchlag Frankreichs entgegengenommen, und wird die Vermählung ſeines Kronprinzen Friedrich Wilhelm mit einer kaiſerlichen Prinzeſſin von Frankreich als die freudige Gewähr einer unauflöslichen Verbin⸗ 1 dung begrüßen.*) Nur iſt der Kronprinz noch zu jung, um in eins Ehe eintreten zu können, und in dieſem Augenblick wenigſtens muß man es vermeiden, ihm von dem glänzenden Glück ſeiner Zukunft zu reden. Seine Gedanken dürfen jetzt nur Gott und der Religion an⸗ gehören, denn Sie wiſſen, meine Herren, daß der Kronpinz in einigen Tagen die Feier ſeiner Einſegnung begehen wird. Erſt, wenn er ſeine Seele Gott gelobt hat, erſt dann wird es Zeit ſein, daß er ſein Herz der Liebe gelobt, erſt dann wird man ihm Mittheilungen machen über die glänzenden Zukunftspläne, die ſich vor ihm aufthun, und er wird ohne Zweifel, gleich dem König, freudig bereit ſein, die Bande noch feſter zu ſchließen, welche Preußen mit Frankreich verbinden. Er wird ſtolz darauf ſein, eine Prinzeſſin aus dem Hauſe Napoleons als ſeine Gemahlin zu empfangen, denn eine ſolche Vermählung macht ihn zum Verwandten des größten Fürſten ſeines Jahrhunderts! Eines Fürſten, den Gott vor Allen Andern liebt, da er vor Allen Andern ihn mit Glück begnadigt, rief Fürſt Hatzfeld emphatiſch. Gottes Liebe iſt ſichtbar mit ihm, und ſchützt ſeinen Liebling. Wer hätte es ſonſt außer ihm vermocht, dieſe furchtbaren Gefahren des ruſſiſchen Feldzugs zu überwinden, und wie mit dem Flug des Adlers aus den Schneeſteppen Rußlands wieder heimzukehren nach Frankreich, ohne auf dieſem raſchen Flug auch nur ein Blatt aus ſeiner Lorbeerkrone verloren zu haben, und ohne nur eine Feder aus ſeiner Schwinge ge⸗ knickt zu ſehen. Es iſt wahr, ſagte Augereau gedankenvoll, das Glück, oder wenn Sie wollen, die Gottheit iſt mit dem Kaiſer, ſie beſchützt ihn in allen Gefahren und läßt ihn ſiegreich aus allen Stürmen hervorgehen. In Rußland war er in Gefahr, ſeinen Ruhm und ſeine Armee einzubüßen, aber die Schlacht an der Moskwa und mehr noch die Schlacht an der Bereſina retteten ſeine Lorbeeren und ſeinen Feldherrnruhm. Auf ein ſamen Wegen, ohne Eskorte, ohne Schutz, reiſte der Kaiſer durch Polen *) Eine ſolche Verbindung war damals in der That von Frankreich in Vorſchlag gebracht, und Hardenberg ſchien ſie zu begünſtigen. Siehe: Mémoires d'un homme d'état. Vol. XII. S. 13. ind durch De ihn erkannt, fihne Waguif ufzulauern Feinde ſchien führiche Rei zrößte ufte war eben Ze weſen, und Erde doch) ob man nic ſchweige T Poris, und bisher ſo di das Wundet ihm hin, u rühren, ihn durch alle ſ ſſt nicht ein der heimge dem Glick, dringen es ihre Viter Vichen zuri feier, us Fortunn ſ und es wir ſich wider Zum danken gin haglich der Vülter wie und Fried nin ein tens muß ukunft zu igion an n eirigen er ſeine ſein Herz chen über er wird nde noch Er wird als ſeine ihn zum or Allen Grttes hüätte es ruſſiſchen aus den ch, ohne 181 und durch Deutſchland, um nach Frankreich zurückzukehren. Hätte man ihn erkannt, ſo wären vielleicht irgend einige exaltirte Köpfe auf das kühne Wagniß verfallen, dem großen Kaiſer auf ſeiner einſamen Fahrt aufzulauern und ihn gefangen zu nehmen. Aber die Augen aller ſeiner Feinde ſchienen wie geblendet. Unerkannt legte der Kaiſer ſeine ge⸗ fährliche Reiſe zurück und erſcheint plötzlich in Paris, wo eben die größte Aufregung, Rathlogſikeit und Verwirrung herrſchte. Denn Paris war eben Zeuge der unſeligen Verſchwörung des Generals Mallet ge⸗ weſen, und die Pariſer fragten einander entſetzt, ob Mallet nicht am Ende doch Recht gehabt, ob Napoleon nicht doch geſtorben ſei, und ob man nicht blos aus Rückſichten der Politik ſeinen Tod noch ver⸗ ſchweige. Da auf einmal erſcheint Napoleon auf den Straßen von Paris, und es iſt, als ob plötzlich ein glänzendes Licht aufgehe in den bisher ſo düſtern Straßen. Alles eilt aus den Häuſern, Jeder will das Wunder ſchauen, den wiedergekehrten Kaiſer ſehen, Jeder ſtürzt zu ihm hin, um ſein Pferd, ſeine Geſtalt, ſeine Hände und Füße zu be⸗ rühren, ihm in's Auge zu ſchauen, ſeine Stimme zu hören, und ſich durch alle ſeine Sinne zu überzeugen, daß dies in Wahrheit Napoleon iſt, nicht ein Schattenbild, ein Phantom, ſondern das Leben, das Glück, der heimgekehrte Kaiſer! Die Luft erzittert von Jubelgeſchrei, und in dem Glück, ihn wiederzuſehen, vergeben dieſe Tauſende, die ihn um⸗ drängen, es dem heimgekehrten Kaiſer, daß er ihre Söhne und Brüder, ihre Väter und Gatten auf den Schneefeldern Rußlands als erſtarrte Leichen zurückgelaſſen. Nie hatte Napoleon einen größeren Triumph ge⸗ feiert, als an dieſem Tage ſeiner Heimkehr von dem ruſſiſchen Feldzug. Fortuna iſt die an den Triumphwagen des Kaiſers gefeſſelte Göttin, und es wäre daher von den Fürſten, wie von den Völkern ſehr thöricht, ſich wider ihn auflehnen zu wollen. Zum Glück haben die Fürſten, wie die Völker, alle derartige Ge⸗ danken gänzlich aufgegeben, ſagte Hardenberg lächelnd, indem er be⸗ haglich den Faſanenflügel auf einem ſilbernen Teller zerſchnitt. Die Völker wie die Fürſten begehren und erſehnen nichts weiter, als Ruhe und Frieden, um ihre Wunden verbinden, ihren Acker beſtellen, und ſo Gott will, alsdann auch das Korn friedlich in ihre Scheunen bringen zu können. Und daß die Völker alle das thun ſollen, rief St. Marſan, das verbürgt ihnen das Wort des Kaiſers! Napoleon will den Frieden, er iſt zu jedem Opfer bereit, um denſelben herbeizuführen und zu erhalten. Die deutſchen Fürſten werden ihm natürlich mit Freuden die Hand dazu bieten, ſagte Hardenberg, leiſe das Haupt neigend. In der That, ich wüßte nicht, auf welchem Punkt von Deutſchland der Krieg jetzt zum Ausbruch kommen ſollte. Die Fürſten des deutſchen Rheinbundes haben den Kaiſer der Franzoſen längſt als ihren Herrn und ſich als ſeine gehorſamen Vaſallen anerkannt. Das mächtige Oeſterreich hat ſich an Frankreich durch die Bande der Verwandtſchaft geknüpft, und die Hände von Marie Louiſe und Napoleon ſind ſegnend über den beiden Ländern ausgebreitet. Das arme Preußen aber hat ſich nicht nur bewährt als den treuen Bundesgenoſſen Frankreichs, ſondern es iſt jetzt auch, aller früheren Demüthigungen vergeſſend, freudig bereit, ſeinen künftigen König mit einer Napoleoniſchen Prinzeſſin zu vermählen. Woher alſo ſollte der Anſtoß zu einem neuen Kriege mit Deutſchland kommen! Wir werden, ſo Gott will, Frieden haben, einen langen, dauernden Frieden! Und das wird ein großes Glück ſein, rief der Graf Narbonne, denn alsdann werden wir nicht mehr nöthig haben, uns unſere Soupers durch die leidige Politik vergiften zu laſſen.„Die Politik“, pflegte mein großer königlicher Gönner, der König Ludwig der Sechszehnte, der würdige Oheim des Kaiſers Napoleon, zu ſagen,„die Politik verſteht gar nichts von der Kochkunſt, ſie verdirbt alle Speiſen, und man muß ſich daher wohl hüten, ſie in die Küche oder in den Speiſeſaal eintreten zu laſſen. Nicht einmal gleich nach dem Eſſen darf man ſie empfangen, denn ſie ſtört alsdann die Verdauung, nur in den Morgenſtunden ſoll man ihr Audienz geben, dann mag ſie als der ſpaniſche Pfeffer dienen, der dem Dejeuner ſeine pikante Würze verleiht.“ Das war in der That ſehr weiſe gedacht, ich erkenne das jetzt auf's Neue, wo Sie mir ſo grauſam den herrlichſten Faſan mit Ihrem ſpaniſchen Pfeffer der Politik beſtreut haben! Sie ha Ercellenz da welcher in de der Stelle iſ Unglick wieder Polit Vie ſo dem Herm Nun, h unſern ſchle ſagte er, p Trifeln. 2 genoſſen ſin ſöhnen wer Tod, den G wenig Ausſ Fußbreit Vllington funden. S Ach, ſind Sie es anilagen. Sie h ber Sie ſ ſpiel verdir riſchen ie einmgl die Trifel, d werden m jeder Hinſi ſefüger, d hat der W Von Ne Scheunen Marſun, das ꝙ. Frieden, er d zu echalten. den die Hard In der That, r Krieg jetzt Rheinbundes und ſich als ſterreich hat knüpft, und d über den n ſich nicht ndern es iſt udig bereit, vermählen. Deutſchland en langen, Narbonne, re Soupers ik“, pflegte zehnte, der itit verſeht man muß al eintreten empfangen, fer dienen, r in der Sie mir feffer der 183 Sie haben Recht, rief Hardenberg lachend, und ich bitte Ew. Excellenz daher auch um Entſchuldigung, denn der ſpaniſche Pfeffer, welcher in der Cumberlandſauce, und einigen andern Gerichten ſehr an der Stelle iſt, paßt ſich doch ſehr wenig zu der franzöſiſchen Trüffel! Unglücklicher, rief Narbonne mit komiſchem Pathos, das iſt ja ſchon wieder Politik, und zwar Politik der ſchlimmſten Art! Wie ſo denn? fragte Graf St. Marſan. Was haben Sie denn dem Herrn Miniſter Hardenberg vorzuwerfen? Nun, hörten Sie denn nicht ganz deutlich, daß Se. Excellenz von unſern ſchlechten Erfolgen in Spanien ſprach? Der ſpaniſche Pfeffer, ſagte er, paßt ſich zu engliſchen Saucen, nicht aber zu franzöſiſchen Trüffeln. Das ſoll heißen, daß Spanien und England gute Bundes⸗ genoſſen ſind, und daß Frankreich und Spanien ſich niemals ver⸗ ſöhnen werden. Und es iſt wahr, es iſt ein Krieg auf Leben und Tod, den Spanien gegen uns führt, und leider ein Krieg, der uns wenig Ausſicht auf Erfolge bietet. Die Spanier machen uns jeden Fußbreit Landes mit ihrem Blut ſtreitig, und ſie haben an Lord Wellington und ſeinen Engländern ſehr würdige Hülfstruppen ge⸗ funden. Sie— Ach, mein Herr Graf, rief der Marſchall Angereau lächelnd, jetzt ſind Sie es, der Politik macht, und Sie dürfen uns jetzt nicht mehr anklagen. Sie haben Recht, und ich bitte um Verzeihung, ſagte Narbonne, aber Sie ſehen, wie ſich das alte Sprüchwort bewährt:„Böſes Bei⸗ ſpiel verdirbt die guten Sitten.“ Reden wir nicht mehr von dem ſpa⸗ niſchen Pfeffer, ſondern von der franzöſiſchen Trüffel. Vergleichen Sie einmal dieſe franzöſiſche Trüffel von Perigord mit der italieniſchen Trüffel, die wir vorher bei dem Entremét genoſſen haben, und Sie werden mir zugeſtehen müſſen, daß unſere Trüffel von Perigord in jeder Hinſicht den Vorzug vor der italieniſchen verdient. Sie iſt feiner, ſaftiger, duftiger und pikanter. Es iſt unbeſtreitbar, dieſes Perigord hat der Welt die ausgezeichnetſte Frucht geliefert! Von welcher Frucht reden Sie? fragte Hardenberg lächelnd. Ver⸗ 184 ſtehen Sie darunter die Trüffel von Perigord, oder den Abt von Perigord, den großen Talleyrand? Ich ſehe, Sie ſind verloren, ſeufzte Narbonne, während die übrigen Herren in ein fröhliches Lachen ausbrachen. Selbſt einer Trüffel gegenüber wagen Sie es noch, ſich mit politiſchen Wortſpielen zu zerſtreuen, und verwechſeln abſichtlich einen Abt mit einer Trüffel! Oh der Läſterung dieſer ſchönſten aller Früchte,— von der Trüffel nämlich rede ich jetzt,— oh des Verraths an— Eben ward die Thür des Salons haſtig geöffnet, und der erſte Secretair der franzöſiſchen Geſandtſchaft trat ein. Wie, mein Herr? rief Graf St. Marſan ihm entgegen. Sie kommen hierher, mich aufzuſuchen? Es iſt alſo etwas Wichtiges vor⸗ gefallen? Der Seeretair näherte ſich ihm eilig. Ja, Excellenz, ſagte er, es ſind wichtige und dringende Depeſchen angelangt. Sie kommen von der Armee, und der Adjutant des Marſchalls Macdonald iſt der Ueberbringer derſelben. Er iſt Tag und Nacht geritten, um bei Ew. Excellenz noch früher einzutreffen, als der Courier, welchen ohne Zweifel der General von York an den König von Preußen abgeſendet hat. Hier ſind die Depeſchen, welche der Adjutant des Marſchalls überbracht hat, und von denen er behauptet, daß ſie ſogleich in die Hände Eurer Excellenz gelangen müßten. Er übergab dem Grafen ein großes verſiegeltes Schreiben, das dieſer haſtig erbrach, und auseinander faltete. Tiefes Schweigen herrſchte jetzt in dem kleinen Salon, die Ge⸗ ſichter der fröhlichen Tiſchgenoſſen waren ernſt geworden, und Aller Augen waren mit geſpanntem, fragendem Ausdruck auf den Grafen St. Marſan gerichtet. Dieſer hatte Anfangs mit ruhiger, gleichgül⸗ tiger Miene geleſen, plötzlich hatten ſeine Züge den Ausdruck des Er⸗ ſtaunens, ja des Zorns angenommen, und eine finſtere Wolke hatte ſich auf ſeiner Stirn gelagert. Es iſt gut, ſagte er dann, ſich an den Secretair wendend. Kehren Sie in das Hötel zurück. Ich werde Ihnen in einigen Mi⸗ nuten dahin folgen! Der E jett wieder Nun? richige De Graf langſam im ſcharfen, di von Harder Jo, ſo Wunder n noch nicht und zu all 90 9 daß ich nick Ich habe preußiſche Nun Sie mir, die untet t Heeresabt weigert. reichs unt in Tu Unterzeich und dos tral erll⸗ Abe wagen, und Krie Er Erclum Yurk an mpigt, Cwale or ß der erſte d iſt der nbei Ev. chen ohne abgeſendet Marſchalls „die Ge⸗ und Mer en Grufen des Er⸗ hatte ſich wendend igen Mi⸗ Der Secretair verneigte ſich und ging. Die fünf Herren waren jetzt wieder allein. Nun? fragte der Marſchall Augereau. Es ſind alſo in der That wichtige Depeſchen? Graf St. Marſan antwortete nicht ſogleich. Er ließ ſeine Augen langſam im Kreiſe der Tiſchgenoſſen umhergleiten, und ſie dann mit ſcharfem, durchbohrendem Ausdruck auf dem Antlitz des Staatskanzlers von Hardenberg ruhen. Ja, ſagte er, es ſind ſehr wichtige Nachrichten, und es ſollte mich Wunder nehmen, wenn Se. Excellenz der Herr Staatskanzler dieſelben noch nicht erhalten hätten, denn es ſind Nachrichten, welche zunächſt und zu allermeiſt die preußiſche Armee betreffen. Ich gebe Ihnen aber mein Wort, mein Ehrenwort, Excellenz, daß ich nicht weiß, um was es ſich hier handelt, ſagte Hardenberg ernſt. Ich habe keinen Courier und keine auffälligen Nachrichten von der preußiſchen Armee erhalten. Nun denn, ſagte St. Marſan, ſich leicht verneigend, ſo erlauben Sie mir, daß ich Ihnen dieſelben gebe! Der General York, welcher die unter dem Oberbefehl des Marſchalls Macdonald ſtehende preußiſche Heeresabtheilung commandirt, hat dem Marſchall den Gehorſam ver⸗ weigert. Er iſt noch weiter gegangen! Er hat mit dem Feind Frank⸗ reichs und Preußens, mit Rußland, einen Vergleich abgeſchloſſen, und in Tauroggen mit dem ruſſiſchen General von Diebitſch eine Convention unterzeichnet, kraft deren er ſich von der franzöſiſchen Armee losſagt, und das preußiſche Armeecorps, mit Einwilligung Rußlands, für neu⸗ tral erklärt. Aber das iſt nicht möglich, rief Hardenberg, er konnte das nicht wagen, er konnte nicht ſo ganz und gar gegen die Befehle ſeines Königs und Kriegsherrn ſündigen! Er hat es gethan, ſagte Augereau, und wenn Sie noch zweifeln, Excellenz, ſo iſt hier das eigenhändige Schreiben des Generals von York an den Marſchall Macdonald, in welchem er ihm ſeinen Abfall anzeigt, und ferner hier ein zweites Schreiben von dem General der Cavallerie, von Maſſenbach, welcher dem Marſchall Macdonald an⸗ 186 zeigt, daß er ſich der Convention Yorks anſchließt, und gleich dieſem ſich dem Oberbefehl des Marſchalls entzieht. Die Preußen haben dieſer Convention zur Folge bereits ihre vom Marſchall Macdonald befohlenen Standorte verlaſſen, und ſich auf preußiſches Gebiet begeben. Es iſt wahr, es iſt nicht zu bezweiſeln, ſagte Hardenberg, indem er mit einem tiefen Seufzer die mit eiligen Blicken durchflogenen Pa⸗ piere dem Marſchall wieder darreichte, und ſich von ſeinem Sitz erhob. Es iſt dies aber ein ſo unerhörtes und unerwartetes Ereigniß, daß Sie mich für den Moment ganz verwirrt und rathlos ſehen. Sie werden mich alſo entſchuldigen, wenn ich mich zurückziehe, denn vor allen Dingen muß ich doch Sr. Majeſtät dem König dieſe wichtige Nachricht über⸗ bringen, und mir ſeine Befehle einholen. Alsdann aber bitte ich den Gerrn Grafen St. Marſan, daß ich ihn in ſeiner Wohnung aufſuchen darf, um über dies entſetzliche Ereigniß die nöthigen Verabredungen zu treffen. Ich werde Sie erwarten, zu welcher Stunde der Nacht es immer ſei, ſagte Graf St. Marſan, ich kehre jetzt ſogleich in mein Hötel zurück. Und ich eile zum König! rief Hardenberg, indem er ſich von den Herren verabſchiedete. Il. Der Abfall des Generals ork. Der König Friedrich Wilhelm war ſo eben von ſeinem letzten Ge⸗ ſchäft jedes Tages in ſein Kabinet zurückgekehrt, das heißt, er hatte ſich in die verſchiedenen Schlafzimmer ſeiner Kinder begeben, und an ihre Betten tretend, hatte er mit einem leiſen Kuß den Schlafenden gute Nacht geſagt. Sonſt hatte er dieſes letzte Tagesgeſchäft an der Seite ſeiner Gemahlin mit glücklichem Herzen und heiterem Antlitz vollbracht, es war gewiſſermaßen das letzte Siegel geweſen, das ſie Beide in gemeinſan Jett aber ſeine Kind den Hönig heln die Söhne un drei Johr ſih z ſ Liebe und der Könic mit ſanft deren Au zwei Küſ für Nuiſ Pon in ſein des Abe geſicht, 1 ſein pfleg Er ſeiner S trüben L Ale Stiig Mi ſeitwärt niß der Buſen Vr Rlaſen tragen, Pl eich dieſem ßen haben Machonald et begeben. erg, inden genen Pa⸗ Sitz ethob. niß, daß ie werden n Dingen icht über⸗ e ich den aufſuchen redungen s immer l zurüc. von den afenden an der Antlitz das ſie Beide in inniger Liebesgemeinſchaft an jedem vollendeten Tage ihres gemeinſamen Glückes auf die Stirnen ihrer ſchlafenden Kinder gedrückt. Jetzt aber, ſeit Louiſe ihn verlaſſen, war dieſer letzte Nachtgruß an ſeine Kinder eine Art heiliger Wallfahrt zu ſeinen Erinnerungen für den König geworden. An keinem Abend durchwandelte Friedrich Wil⸗ helm die ſchweigenden Corridore und trat in die Gemächer ſeiner Söhne und Töchter ein, ohne daß er Derer gedachte, die ihn faſt ſeit drei Jahren nun ſchon verlaſſen hatte, und die er doch immer neben ſich zu ſehen glaubte mit ihrem heiterſtrahlenden Lächeln und ihren vor Liebe und Begeiſterung glänzenden Augen. An keinem Abend unterließ der König es, denjenigen ſeiner Kinder, welche er noch wachend traf, mit ſanfter Stimme zu ſagen:„Betet und gedenkt Eurer edlen Mutter, deren Augen auf Euch ruhen!“ und denjenigen, welche ſchon ſchliefen, zwei Küſſe auf die Lippen zu drücken, den einen für ſich, den andern für Louiſe. Von dieſem Kirchgang der Erinnerungen war der König ſo eben in ſein Kabinet zurückgekehrt, und wie ein letzter erſterbender Schimmer des Abendrothes erglänzte noch ein mattes Lächeln auf ſeinem An⸗ geſicht, das ſeit dem Tode der Königin immer ernſt und traurig zu ſein pflegte. Er ſetzte ſich auf den Divan nieder, auf welchem ſie ſo oft an ſeiner Seite geſeſſen, und ſeine Augen hefteten ſich mit einem langſamen, trüben Blick auf den leeren Platz neben ihm. Allein! Immer allein! ſagte er leiſe. Nichts als Intriguen, Streitigkeiten und Bosheiten um mich her! Keiner, der mich liebt! Allein! Mit einer ungewohnten ſchnellen Bewegung wandte er das Haupt ſeitwärts nach der Wand hin, wo über ſeinem Schreibtiſch das Bild⸗ niß der Königin Louiſe in dem weißen Gewande und mit der Roſe am Buſen hing. Wo biſt Du denn, Louiſe, rief er laut, warum haſt Du mich allein gelaſſen, da Du mir doch geſchworen, Freud und Leid mit mir zu tragen, und Du biſt nicht da, es mit mir zu theilen, und— Plötzlich verſtummte der König und wandte den Blick nach der Thür hin. Es war ihm geweſen, als habe er haſtige Schritte ſich 188 nähern gehört, als habe man leiſe an ſeine Thür geklopft. Wer konnte zu dieſer ungewohnten Stunde noch Einlaß begehren, wer durfte es wagen, ſeine Einſamkeit zu einer Zeit zu unterbrechen, in welcher man wußte, daß er allein ſein wollte? Es klopfte zum zweiten Male, dies Mal lauter als vorher und eine flehende ſchüchterne Stimme fragte: Befinden Sich Se. Majeſtät ſchon wieder in Ihrem Kabinet? Es iſt mein Kämmerer Timm! ſagte der König leiſe. Was kann er wollen? Und er befahl mit lauter Stimme einzutreten. Sofort ward die Thür haſtig geöffnet und der Kämmerer erſchien auf der Schwelle. Verzeihung, Majeſtät, ſagte er, aber Se. Excellenz der Herr Staatskanzler von Hardenberg befinden ſich im Vorzimmer und bitten Se. Majeſtät dringend um eine ſofortige Audienz. Hardenberg! rief der König erſchrocken. Mein Gott, was iſt denn vorgefallen, was— Nun, es iſt gut, unterbrach er ſich dann ſelber. Will den Staatskanzler ſprechen! Sogleich eintreten laſſen! Der Kämmerer ſchlüpfte hinaus. Der König ſprang empor und that einige haſtige Schritte nach der Thür hin, dann, gleichſam be⸗ ſchämt über ſeine eigene Ungeduld, blieb er ſtehen, und nur ſeine Blicke drückten noch die Erwartung und Spannung aus, die ſein Inneres bewegten. Jetzt trat Hardenberg ein, und die Thür hinter ſich zudrückend, näherte er ſich eiligen Schrittes dem König. Majeſtät, ſagte er, ich bitte um Verzeihung, daß ich zu ſo ſpäter Abendſtunde noch Ew. Majeſtät zu ſtören wage. Aber die Wichtigkeit und Größe der Nachricht, welche ich hierher bringe, wird meine Ent⸗ ſchuldigung ſein. Ich ſpeiſte ſo eben mit dem franzöſiſchen Geſandten, dem Grafen St. Marſan, beim Marſchall Augereau, al Geſandten wichtige Depeſchen überbrachte, die ſo eben v eingetroffen waren. s man dem on der Armee Es iſt eine Schlacht vorgefallen, nicht wahr? Mein Armeecorps zu Grunde gerichtet? fragte der König athemlos. Nein, Majeſtät, es iſt keine Schlacht vorgefallen, etwas viel Ungewöh iſſiſchen Vertrag 1 ſih vn erllären. Das Umögli Maj digen Br dem Mo von ſein De nach ſein Oh rühren.* ligſten( gegen ſ ſo furch Kriegsg ihn nich M York ei bleibt d Friegeg nir nic ſchedu viellbit gerette Disci 6 Seile durfte es cher man orher und Majſtit 189 Ungewöhnlicheres iſt geſchehen. Der General von York hat mit dem ruſſiſchen General Diebitſch eine Convention abgeſchloſſen und einen Vertrag unterzeichnet, nach welchem die unter York ſtehenden Truppen ſich von Frankreich losſagen und ſich bis auf Weiteres für neutral erklären. Das iſt nicht wahr! rief der König. Ein bloßes Gerücht! Eine Unmöglichkeit! Majeſtät, es iſt reine Wahrheit! Ich ſelbſt habe die eigenhän⸗ digen Briefe geleſen, in welchen die Generäle York und Maſſenbach dem Marſchall Macdonald ihren gefaßten Beſchluß ankündigen und ſich von ſeinem Oberbefehl losſagen! Der König faßte in heftiger Bewegung mit ſeinen beiden Händen nach ſeinem Kopf und drückte ſie an ſeine Schläfen. Oh, rief er bewegt, ich hab' ein Gefühl, als ſollte mich der Schlag rühren.*) Das iſt unerhört, gegen alles Kriegsrecht, gegen die hei⸗ ligſten Geſetze! Es iſt offene Empörung, revolutionaires Auflehnen gegen ſeinen König und Kriegsherrn! Ein General, der es wagt, ein ſo furchtbares Verbrechen gegen die Disciplin zu begehen, muß vor ein Kriegsgericht geſtellt und zum Tode verurtheilt werden. Ich aber werde ihn nicht begnadigen! Majeſtät, rief Hardenberg entſetzt, es iſt möglich, daß General York ein Verbrechen begangen hat gegen die Disciplin, aber ſeine That bleibt dennoch eine heldenkühne und großherzige, und kein preußiſcher Kriegsgerichtshof wird es wagen, ihn deshalb anzuklagen. Noch kennen wir nicht die dringenden Umſtände, welche den General zu dieſer Ent⸗ ſcheidung getrieben, noch wiſſen wir nicht, aus welchen Gefahren er vielleicht durch ſeine ſchnelle entſchloſſene That die preußiſche Armee gerettet hat. Aber wir wiſſen, daß er ein unerhörtes Verbrechen gegen die Disciplin begangen hat! Ein Verbrechen, durch das er vielleicht Preußen vom Untergang *) Des Königs eigene Worte. Siehe: Droyſen, Yorks Leben. Thl. II. Seite 36. errettet hat! Der General wird ſich zu entſchuldigen, ſeine That zu rechtfertigen wiſſen! Aber er ſcheint es vielmehr gar nicht für nöthig zu erachten, mir Nachricht zu geben, rief der König mit ſchneidendem Ton. Er hat ſich, wie es ſcheint, zum Dictator erhoben, und da er meine Militairgeſetze nicht anerkennt, will er mich auch nicht anerkennen als den Kriegsherrn, dem er Rechenſchaft ſchuldig iſt. Doch, Majeſtät, und ich glaube, da kommt ſeine Rechtfertigung ſchon, ſagte Hardenberg, auf den Kämmerer Timm deutend, der eben wieder in das Kabinet eintrat. Nun, was bringſt Du da, Timm? fragte der König haſtig. Majeſtät, es iſt ſo eben ein Courier des Generals von York an⸗ gelangt, der Depeſchen überbringt, die er in die Hände Sr. Majeſtät niederlegen ſoll. Wer iſt der Courier? fragte der König. Der Adjutant des Generals, der Major Thile. Eintreten! ſagte der König. Timm eilte hinaus, und jetzt hörte man Sporengeklirr und ſchwere, müde Schritte, welche ſich näherten. Der Major von Thile trat ein. Seine Uniform war mit Staub und Schmutz bedeckt, das Haar hing in langen feuchten Streifen über ſeine Stirn nieder, und in ſeinem Schnurrbart glänzten einige weiße Schneeflocken, mit denen die ſtür⸗ miſche Jantarnacht ihn geſchmückt hatte. Kamen ſo eben an? fragte der König, ſeine Geſtalt muſternd. Zu Befehl, Majeſtät, und ich bin dem Befehl des Generals von York gemäß ſogleich hier am Palais vorgefahren, denn es lag dem General Alles daran, daß ich meine Depeſchen ſo raſch als möglich in die Hände Ew. Majeſtät niederlegen ſollte. Ich bin daher Tag und Nacht geritten, und nur heute, da mein Pferd ſtürzte, habe ich einen Wagen nehmen müſſen. Der franzöſiſche Courier iſt doch vor Ihnen angekommen, ſagte der König barſch. Woher kommt das? Haben die Franzoſen raſchere Pferde, oder pflichteifrigere Soldaten? Nein, Majeſtät, ſie hatten einfach einen kürzern Weg zurückzulegen. Da ih nich ich einen U Stunden au Geben Major Körig ſtrck zog er ſie n Nein, rätheriſchen pfungen. 2 Schreiben Maor that, begeg des Majors gaben eine den Stufze Vſen und ſich de Vorhinge Herren ent Harde „Dur „geſchtebe Rüchug durch Un habe ich najor D hiermit e Feſt unzen( Kbenſe u Thet zu chten, mir rhet ſih, tairgeſeze egsherrn, ertigung der eben hork an⸗ Majeſtit ſchwere, trat ein. ar hing ſeinen ie ſtür⸗ rnd. ls von ig den glich in ¹9 und ſagte aſchere 191 Da ich nicht mitten durch das franzöſiſche Lager reiten konnte, mußte ich einen Umweg über Gumbinnen machen. Das hat mich um vier Stunden aufgehalten. Geben Sie Ihre Depeſchen! befahl der König. Major Thile reichte ihm ein großes verſiegeltes Papier dar. Der König ſtreckte ſchon die Hand aus, um es zu nehmen, dann auf einmal zog er ſie wieder fort und trat einen Schritt zurück. Nein, ſagte er, es ziemt einem König nicht, von einem hochver⸗ rätheriſchen Unterthan, einem verbrecheriſchen Soldaten Briefe zu em⸗ pfangen. Nehmen Sie, Herr Staatskanzler, erbrechen Sie dieſes Schreiben und leſen Sie es mir vor. Geben Sie es Sr. Excellenz. Major Thile reichte Hardenberg den Brief dar, und, indem er es that, begegneten ſich die Blicke der beiden Männer. In den Augen des Majors ſtand eine bange angſtvolle Frage, die Augen Hardenbergs gaben eine traurige, ſchmerzliche Antwort, und beide Männer konnten den Seufzer nicht unterdrücken, der ihre Bruſt beengte. Leſen Sie! ſagte der König, indem er in die Fenſterniſche trat und ſich dort, die Hände über die Bruſt gefaltet, ſo hinſtellte, daß die Vorhänge ſein Geſicht beſchatteten und es dem Anſchauen der beiden Herren entzogen. Hardenberg entfaltete das Papier und las: „An Se. Majeſtät den König! „Tauroggen, den 30. December 1812. „Durch einen ſpätern Abmarſch wie der Marſchall, durch die vor⸗ „geſchriebene Marſchdirection von Mitau auf Tilſit, bloß um den „Rückzug der ſiebenten Diviſion zu decken, durch böſe Wege und endlich „durch ungünſtige Witterung in eine höchſt nachtheilige Lage verſetzt, „habe ich mich genöthigt geſehen, mit dem kaiſerlich ruſſiſchen General⸗ „major Diebitſch die Convention abzuſchließen, welche ich Ew. Majeſtät „hiermit allerunterthänigſt zu Füßen lege. „Feſt überzeugt, daß bei einem weitern Marſch die Auflöſung des „ganzen Corps und der Verluſt ſeiner ganzen Artillerie und Bagage ebenſo unausbleiblich geweſen ſein würde, wie bei der großen Armee, 192 „glaubte ich als Unterthan Ew. Majeſtät nur noch auf Allerhöchſt Dero „Intereſſe und nicht mehr auf das Ihres Verbündeten ſehen zu müſſen, „für den das Corps nur aufgeopfert wäre, ohne ihm in ſeiner Lage „noch wahre Hülfe leiſten zu können. „Die Convention läßt Ew. Majeſtät in Höchſt Ihren Ent⸗ „ſchließungen freien Willen; ſie erhält aber Ew. Majeſtät ein Truppen „corps, was der alten oder einer etwaigen neuen Allianz Werth giebt „und Allerhöchſtdieſelben nicht unter die Willkür eines Alliirten ſetzt, „von dem Sie die Erhaltung oder Retablirung Ihrer Staaten als „Geſchenk annehmen müßten! „Ew. Majeſtät lege ich willig meinen Kopf zu Füßen, wenn ich „gefehlt haben ſollte; ich würde mit der freudigen Beruhigung ſterben, „wenigſtens nicht als treuer Unterthan und wahrer Preuße gefehlt zu „haben. Jetzt oder nie iſt der Zeitpunkt, wo Ew. Majeſtät ſich von „den übermüthigen Forderungen eines Allirten losreißen können, deſſen „Pläne mit Preußen in ein mit Recht Beſorgniß erweckendes Dunkel „eingehüllt waren, wenn das Glück ihm treu geblieben wäre. Dieſe „Anſicht hat mich geleitet. Gebe Gott, daß ſie zum Heil des Vater⸗ „landes führt!„Yorl.“*) Eine Pauſe trat ein. Der König ſtand noch immer mit über einandergeſchlagenen Armen in der Fenſterniſche, das Geſicht beſchattet von den Vorhängen, unerreichbar für die angſtvoll fragenden Blicke Hardenbergs und des Majors. Befehlen Ew. Majeſtät, daß ich jetzt die Convention leſe? fragte der Miniſter nach einer Pauſe. Nein, ſagte der König rauh, was kümmert mich eine Convention, die ein Verräther aufgezeichnet hat. Ich dürfte ſie doch nicht annehmen, und wenn ſie mir ſelbſt neue Provinzen zuſicherte. Major Thile! Ew. Majeſtät zu Befehl! ſagte der Major, in ſteifer militairiſcher Haltung einige Schritte näher tretend. Waren Sie bei den Verhandlungen, die dem Ereigniß vorhergingen, *) Droyſen: Yorks Leben. I. S. 493. zegenrig ſünden deſel Ja, M trauens, ich auch bei de die großen i weſen, wie treuer Unter brechens ben begehen, al begchen mi Armeecorps geben wolle Hatten Ich vill All wiſen! Hei Ju, T dauert, ſch zerfezten un banden aus Amer ſich niherte. D ſtein und 1 Yol ud l allen Siite ſclle dahe Ev. Majr Er ſoll zu entgegenſtr ſu Gunde det Eiiſten ſte Kift Ginerel von den Mhln rhöchſt Dero nzu müſſen, ſeinet Lage Ihren Ent in Truppen Werth giebt lürten ſett, 3 taaten als 1, wenn ich ung ſterben, e gefehlt zu ät ſich von unen, deſſen des Dunkel äre. Dieſe des Vater⸗ mit über beſchattet den Blicke ſed fragte onvention, annehmen, Thile! tiriſcher chetgingen, 193 gegenwärtig? Haben Sie genaue Kenntniß von den einzelnen Um⸗ ſtänden deſſelben? Ja, Majeſtät, der General von York würdigte mich ſeines Ver⸗ trauens, ich kenne den ganzen Gang der Unterhandlungen und war auch bei dem Abſchluß der Convention gegenwärtig. Ich habe alle die großen innern Kämpfe des Generals beobachtet, ich bin Zeuge ge⸗ weſen, wie er gerungen mit ſeinem Gewiſſen als Soldat und als ge⸗ treuer Unterthan Ew. Majeſtät. Als Soldat war er ſich des Ver⸗ brechens bewußt, das er im Begriff war gegen die Disciplin zu begehen, als getreuer Unterthan fühlte er, daß er dies Verbrechen begehen müſſe, wenn er nicht ein Ew. Majeſtät allein gehöriges Armeecorps von zehntauſend Mann rettungslos dem Verderben über geben wollte. Hatten die Unterhandlungen ſchon lange gedauert? Erzählen Sie! Ich will Alles wiſſen, aber merken Sie wohl auf, ich will die Wahrheit wiſſen! Keine Betheuerungen! Sprechen Sie jetzt! Ja, Majeſtät, die Unterhandlungen hatten ſchon längere Zeit ge dauert, ſchon ſo lange, als die ſogenannte große Armee in einzelnen zerfetzten und zerſchlagenen Trümmern, in einzelnen troſtloſen Bettler⸗ banden aus Rußland daher kam und die glänzende machtvolle ruſſiſche Armee ſich immer mehr unſern Standorten und der preußiſchen Grenze näherte. Die ruſſiſchen Feldherren und Generäle, der Fürſt Witgen⸗ ſtein und der General von Diebitſch ſandten Boten auf Boten an York und ließen ihm das Gefährliche ſeiner Lage, und wie er von allen Seiten von den ruſſiſchen Truppen umzingelt ſei, melden. Er ſolle daher nachgeben, riethen ſie, wenn er nicht ohne Noth die Truppen Ew. Majeſtät dem ſichern Untergang und Verderben Preis geben wolle. Er ſolle zum Heil Preußens die rettende Hand ergreifen, die ſich ihm entgegenſtrecke, und Preußen zwingen, ſich loszuſagen von einem völlig zu Grunde gerichteten Alliirten, der, um ſich noch eine kurze Stunde der Exiſtenz zu friſten, es ſicher nicht verſchmähen würde, Preußens letzte Kräfte und letzte Hülfsquellen für ſich auszubeuten. Aber der General konnte ſich immer noch nicht entſchließen zu einem Schritt, von dem er nicht wußte, ob er die Billigung Ew. Majeſtät haben Mühlbach, Napoleon. 1U. Vd. 18 194 werde. Indeß jetzt kam die Nachricht, daß Memel von den Ruſſen eingenommen und beſetzt ſei, und zugleich ließ der Fürſt Witgenſtein melden, daß er mit ſeinem Armeecorps von funfzigtauſend Mann die Ufer des Niemen beſetzt habe, bereit, die franzöſiſche Armee zu ver⸗ folgen, welche jetzt ihre Rettung in Preußen ſuchen wolle. Fürſt Witgenſtein fragte daher zu letzter Entſcheidung: ob York ſich losſagen wolle von der franzöſiſchen Armee, oder ob man ihn als einen Theil derſelben und als Feind Rußlands zu betrachten habe? Und was antwortete York? fragte der König haſtig. Majeſtät, York ſchwieg noch immer. Selbſt wir, ſeine Vertrauten, wußten noch nicht, was er beſchloſſen habe. Da auf einmal erſchien bei York ein Bote des Marſchalls Macdonald, dem es gelungen, ſich durchzuſchleichen. Er meldete dem General, daß die franzöſiſchen Truppen unter dem Marſchall bei Piktupöhnen ſtänden, und brachte den Befehl, daß York ſich eben dorthin verfügen ſollte, wo Macdonald ihn erwartete, und wo die franzöſiſchen und die preußiſchen Armeecorps ſich vereinigen ſollten. Jetzt gab es kein Zaudern mehr. Die Boten des ruſſiſchen Generals Diebitſch und des franzöſiſchen Marſchalls Macdonald waren da und drängten auf Entſcheidung. York mußte entweder ſogleich aufbrechen und ſich durch die Ruſſen durchſchlagen, um ſich in Piktupöhnen mit dem franzöſiſchen Marſchall zu vereinen, oder er mußte dem Marſchall den Gehorſam aufkündigen und, ſtatt nach Piktupöhnen zu marſchiren, ſich mit den Ruſſen vereinen und nach Preußen marſchiren. Aber General York zauderte noch immer. Da kam in der Dämmerung des Abends ein zweiter Bote des Generals von Diebitſch. Dieſer Bote war der Oberſtlieutenant Clauſewitz, den Diebitſch geſandt, um eine letzte beſtimmte Antwort zu fordern. York empfing ihn mißmuthig und rief ihm zürnend entgegen:„Bleibt mir vom Leibe, ich will nichts mehr mit Euch zu thun haben. Eure ver— wünſchten Koſacken haben einen Boten Macdonalds durchgelaſſen, der mir den Befehl bringt, nach Piktupöhnen zu marſchiren und mich dort mit ihm zu vereinen. Nun hat aller Zweifel ein Ende. Eure Truppen kommen nicht an, Ihr ſeid zu ſchwach; ich muß marſchiren und ver⸗ bite mir jett ulnn“ Das hat de it die Wahrhei Ja, Majeſ geſagt, ich war nebſt dem Obr ſein dringendes wenigſtens die! Diebitſch überg ſeine durchbohre ſind ein Preuße ehrlich it und! am Niemen befi geben“— De — Not ſchie reichte er Cau wunderbar erhe Genetal Diebit Poſcherun ſpret on den Franz Pikupähnen!“ dieſes Momente te und zu dem( Etigut Henerg den Augen zu Vunſch desg Offciere gleis würden, daß ber ſah uns ätuhn ſage n den Ruſſen ſ Witgenſtein d Mann die mee zu ver⸗ wolle. Fürſt ſich losſagen einen Theil e Vertrauten, nmal erſchien elungen, ſich franzöſiſchen und brachte Macdonad Armeecorys Die Boten Marſchalls ork mußte urchſchlagen, nund, ſtatt en und nach immer. Va Generals auſewitz, den York mich dort Uih en und ver⸗ 195 bitte mir jetzt die weitern Unterhandlungen, die mir den Kopf koſten würden.“*) Das hat der General wirklich geſagt? fragte der König raſch. Es iſt die Wahrheit, welche Ihr da ſprecht? Ja, Majeſtät, es iſt die Wahrheit! Der General York hat das geſagt, ich war zugegen, als Claufewitz zu ihm kam. Ich blieb auch, nebſt dem Obriſten Röden, im Zimmer, als Clauſewitz endlich auf ſein dringendes Bitten vom General York die Erlaubniß erhielt, ihm wenigſtens die mitgebrachten Briefe von den Generälen d'Auvray und Diebitſch übergeben zu dürfen. Der General las ſie, dann heftete er ſeine durchbohrenden Blicke auf Clauſewitz und ſagte:„Clauſewitz, Sie ſind ein Preuße! Glauben Sie, daß der Brief des Generals d'Auvray ehrlich iſt und daß ſich die Witgenſtein'ſchen Truppen am 31. December am Niemen befinden werden? Können Sie mir Ihr Ehrenwort darauf geben?“— Der Oberſtlieutenant Clauſewitz gab ihm ſein Ehrenwort. — York ſchwieg und ging nachdenkend einige Male auf und ab, dann reichte er Clauſewitz die Hand dar und mit feſter Stimme und einem wunderbar erhabenen Ausdruck ſagte er:„Ihr habt mich! Sagt dem General Diebitſch, daß wir uns morgen früh auf der Mühle vor Poſcherun ſprechen wollen, und daß ich jetzt feſt entſchloſſen bin, mich von den Franzoſen und ihrer Sache zu trennen. Ich gehe nicht nach Piktupöhnen!“ Und wie er ſo ſprach, da konnten wir, die wir Zeuge dieſes Moments waren, unſer Entzücken nicht mehr zurückhalten. Aller Etiquette und Disciplin vergeſſend, ſtürzten Rödern, Clauſewitz und ich zu dem General hin, um ihn zu umarmen, um ihm mit Thränen in den Augen zu danken, um ihm zu ſagen, daß er nur den glühendſten Wunſch des ganzen Armeecorps erfüllt habe, und daß alle preußiſchen Officiere gleich uns mit enthuſiaſtiſcher Freude die Nachricht aufnehmen würden, daß wir erlöſt ſein ſollten vom franzöſiſchen Bündniß. York aber ſah uns mit ernſten, trüben Blicken an, und mit einem matten Lächeln ſagte er;„Ihr habt gut reden, Ihr jungen Leute, mir Alten *) Yorks eigene Worte. Siehe: Droyſen I. S. 486. 196 aber wackelt der Kopf auf den Schultern.“*)— Am andern Morgen us der Frem berief er die ſämmtlichen Officiere ſeines Corps, und in einer tief⸗ die Zunge ge ergreifenden Rede theilte er ihnen ſeinen gefaßten Entſchluß mit. landes reden. Was ſprach er? fragte der König. Können Sie mir ſeine Worte ſihle ſich be . wiederholen? und ſeines Ki Ja, Majeſtät, denn nach jenem Vorgang in mein Quartier zurück⸗ mann trig ei gekehrt, ſchrieb ich die ſo eben gehörte Rede ſogleich in mein Notiz⸗ jett wieder d buch, und ich glaube, daß ſich jedes Wort meinem Gedächtniß einge⸗ der man hatt prägt hatte. Haben Sie Ihr Notizbuch bei ſich? Zu Befehl, Majeſtät! Leſen Sie! Major Thile zog ſein Portefeuille hervor und las:„Meine Herren, das franzöſiſche Heer iſt durch Gottes ſtrafende Hand vernichtet; es iſt der Zeitpunkt gekommen, wo wir unſere Selbſtſtändigkeit wieder ge winnen können, wenn wir uns jetzt mit dem ruſſiſchen Heer vereinigen. Wer ſo denkt, wie ich, ſein Leben für das Vaterland und die Freiheit hinzugeben, der ſchließe ſich mir an; wer dies nicht will, der bleibe zurück. Der Ausgang unſerer heiligen Sache mag ſein wie er will, ich werde auch Den ſtets achten und ehren, der nicht meine Meinung theilt und zurückbleibt. Geht unſer Vorhaben gut, ſo wird der König mir vielleicht meinen Schritt vergeben, geht es mißlich, dann iſt mein begeſteten Kopf verloren. In dieſem Falle bitte ich meine Freunde, ſich meiner ue ſe t Frau und Kinder anzunehmen.“— Majeſtät, ſagte Major Thile, ſein ni daxeſt Taſchenbuch ſchließend, das war die ganze Rede. teſch Und was erwiderten die Herren Officiere darauf? fragte der König. Die Wahrheit, ich will die Wahrheit wiſſen! Und ich werde den Muth haben, ſie zu ſagen, obwohl ich jetzt fürchte, daß Ew. Majeſtät unzufrieden ſein werden!— Majeſtät, die ſämmtlichen Officiere nahmen die Rede des Generals mit lautem Jubel, mit Thränen des Entzückens auf. Man reichte einander die Hände, man umarmte ſich, man begrüßte ſich, als kehre man plötzlich uu *) Dioſe ganze Scene iſt hiſtoriſch. Siehe: Droyſen I. S. 487. 3 de Mitte der Genetal güttichem B vollenden,“ d als noch lin heilige uner iſt ſo ſind a uns von ihm Aber Keiner leberzeugn anders Cp. und hingeber Sind ſe Najr, ſagt andern Morgen d in eſner tief⸗ ſchluß mit. mir ſeine Porte Quartiet zurü⸗ in mein Noti⸗ dächtniß einge Meine Herren, vernichtet; es keit wieder ge Ner vereinigen. id die Freiheit ill, der bleibe wie er will, eine Meinung vird der König dann iſt mein e, ſich meiner jor Thile, ſein f7 fragte der bwohl ich jetzt Mojeſtät, die ls nit lautem le einander die eman lötlich 6 497 197 aus der Fremde in die geliebte Heimath wieder, als ſei Einem plötzlich die Zunge gelöſt und man dürfe jetzt wieder die Sprache des Vater⸗ landes reden. Niemand dachte daran, zurückzubleiben, Jedermann fühlte ſich begeiſtert, endlich wieder für die Sache ſeines Vaterlandes und ſeines Königs allein ſein Blut und Leben wagen zu ſollen, Jeder⸗ mann trug ein frommes Gebet für die neue heilige Sache, der man jetzt wieder dienen ſollte, eine Verwünſchung für die verhaßte Sache, der man hatte dienen müſſen, im Herzen und auf der Lippe, und als der General mit hallender Stimme jetzt rief:„So möge denn unter göttlichem Beiſtand das Werk unſerer Befreiung beginnen und ſich vollenden,“ da riefen wir Alle:„Amen, ſo ſoll es ſein! Lieber ſterben, als noch länger dem Feinde dienen!“— Majeſtät, ich habe Ihnen die heilige unverfälſchte Wahrheit verkündet! Wenn der General ſtrafbar iſt, ſo ſind alle Officiere ſeines Corps es auch. Er forderte uns auf, uns von ihm loszuſagen, wenn wir ſeine Ueberzeugung nicht theilten! Aber Keiner von uns hat ſich losgeſagt, denn wir theilten Alle ſeine Ueberzeugung, und ſind Alle bereit, auch ſeine Strafe zu theilen, wenn anders Ew. Majeſtät ihn ſtrafen wollen für das, was York als edler und hingebender Patriot gethan! Sind ſehr vorſchnell und unziemlich in Ihren Bemerkungen, Herr Major, ſagte der König mit barſchem Ton. Werd' mich von Ihren begeiſterten Tiraden nicht beſtechen laſſen. Gehen Sie. Sie werden der Ruhe bedürfen! Melden Sie ſich morgen früh! Dann ſollen Sie mit Depeſchen zur Armee zurückkehren! Adien! III. Die Warnung. Nun, Herr Staatskanzler, ſagte der König, nachdem Thile das Zimmer verlaſſen, jetzt ſagen Sie mir Ihre Meinung! Geben Sie mir Mittel an, wie wir dieſen unſinnigen und vorſchnellen Streich des 198 Generals contrepariren und uns und unſer Land vor deſſen üblen uf S Folgen ſchützen können.„ Ew. Majeſtät iſt alſo nicht der Abſicht, dem kühnen Schritt Yorks Ich darf Ihre Billigung zu geben? fragte Hardenberg. chr und W Ich hoffe, Sie haben das nicht einen Moment geglaubt, rief der i bin König. York that vielleicht Recht, daß er ſeine Truppen vor nutzloſer ti Bringn Aufopferung bewahrt hat. Aber er hätte einzig und allein dieſen Ge Lit vilz ſichtspunkt in's Auge faſſen und von dieſem Geſichtspunkt aus allein hofungen ſeine Handlungen erklären müſſen. Statt deſſen hat er ſeinen Hand⸗ Neinng, lungen politiſche Motive untergelegt und mich dadurch compromittirt Bundegen und bloßgeſtellt. Ich befinde mich aber in vollkommen wehrloſer Lage, ſtets nur V und habe nicht die Mittel in Händen, dem Zorn Frankreichs die Stirn iffenllihen! zu bieten.*) ſie nact geh 3 Nein, rief Hardenberg, Ew. Majeſtät befinden ſich nicht in wehr⸗ ifenli loſer Lage, und der Zorn Frankreichs darf Preußen nicht mehr ſchrecken. bleiben Die Ew. Majeſtät darf nur wollen, nur die Stimme erheben und die Ge⸗ treuen zu ſich rufen, und das ganze Volk wird ſich erheben wie Ein und verdam Mann, und Tauſende und aber Tauſende werden ſich um ihren König Provinzen ſchaaren, und mit einem unüberwindlichen Heer werden Sie hinaus⸗ ilſit ihm; ziehen zu dem heiligen Kampf der Befreiung. Und nicht bloß mit einem ſichtbaren Heer werden Sie dahin ziehen, dem Feinde entgegen, poleon, ſie ha meinem Lan Die bffentli nein, Majeſtät, noch ein unſichtbares Heer wird mit Ihnen ziehen, das daß ich hier Heer der Geiſter und Herzen, die große Armee, deren Anführer die meiner Vite öffentliche Meinung, deren Soldat jeder Bettler auf der Gaſſe, deren Haupſtadt Geſchütz jedes geſprochene Wort, jeder Liebesgruß und jeder Segen iſt. Oh, Majeſtät, dieſe große Armee der öffentlichen Meinung, die wird vor Ihnen herziehen, die wird Ihnen und Ihrer ſichtbaren Armee die Wege bahnen, die wird Ihnen in jedem Ort neue Rekruten zu⸗ führen, die wird Ihre Kaſſen füllen, Ihre Soldaten kleiden und nähren und unter Ihren Fahnen endlich kämpfen gegen den Feind, den ganz Deutſchland, ganz Europa haßt, und deſſen Joch jeder Einzelne auf ſich bnde Feſung wi ffentlich S nir nicht. ih in Dre deutſchen bon hrer ſeinem Rücken fühlt. Oh, ich wiederhole es noch einmal, Ew. Majeſtät und kune bu Vne *) Des Königs eigene Worte. Siehe: Droyſen I. S. 488. vor deſſen üblen Sc nen Schrit Yorts eglaubt, rief der pen vor mtzloſer allein dieſen Ge punkt aus allein er ſeinen Hand⸗ rch compromittirt n wehrloſer Lage, kreichs die Stirn nicht in wehr⸗ ht mehr ſchrecken. ben und die Ge⸗ zben wie Ein um ihren Kůnig den Sie hinaus⸗ nicht bloß mit Feinde entgegen, nen ziehen, das en Anführer die er Gaſſe, deren d jeder Segen Meinung, die ſichtbaren Amee e Rekruten zl— iden und nähren geind, den ganz er Einzelne auf 6n Mnſüt 485 199 darf nur wollen, und ganz Preußen wird ſich um Sie ſchaaren zum heiligen Kampf der Beſreiung! Ich darf aber nicht wollen, ſagte der König, es iſt wider meine Ehre und mein Gewiſſen! Ich gab dem Kaiſer Napoleon mein Wort, ich bin ſein Bundesgenoſſe, die Verträge ſind noch nicht abgelaufen, die Bedingungen ſind noch nicht erloſchen! Zudem ſehen Sie die Dinge viel zu parteiiſch, zu roſig an! Verwechſeln Ihre enthuſiaſtiſchen Hoffnungen mit der Wirklichkeit. Die große Armee der öffentlichen Meinung, von der Sie ſprechen, iſt aber ein ſehr unzuverläſſiger Bundesgenoſſe, der ſich wie der Wind dreht, ein Bundesgenoſſe, der ſtets nur Worte, niemals Thaten hat. Wenn meine Soldaten von der öffentlichen Meinung gekleidet und ernährt werden ſollen, dann werden ſie nackt gehen und Hungers ſterben können. Wenn meine Kaſſen von der öffentlichen Meinung ihre Füllung erwarten, dann werden ſie leer bleiben! Die öffentliche Meinung hat mir immer Recht gegeben gegen Na⸗ poleon, ſie hat ſeit ſechs Jahren ſein Benehmen gegen Preußen gemißbilligt und verdammt, aber ſie hat es dennoch zugelaſſen, daß Napoleon meine Provinzen an ſich riß, ſich viel mehr nahm, als die Verträge von Tilſit ihm zugeſtanden, daß er gegen die Verträge ſeine Truppen in meinem Lande ließ, Contributionen auferlegte und Steuern erpreßte. Die öffentliche Meinung hat es als ein entſetzliches Schickſal beklagt, daß ich hier in der Reſidenz meines eigenen Landes, in dem Schloß meiner Väter gewiſſermaßen ein Gefangener bin, und daß in meiner Hauptſtadt franzöſiſche Behörden und ein franzöſiſches Gouvernement ſich befinden, daß ich unter den Kanonen Spandau's lebe, welche Feſtung widerrechtlich von den Franzoſen occupirt worden iſt. Die öffentliche Meinung, ſage ich, hat mich deshalb beklagt, aber ſie hat mir nicht geholfen, ſie hat mir nicht die Demüthigungen erſpart, welche ich in Dresden nicht von Napoleon allein, ſondern mehr noch von allen deutſchen Fürſten zu erdulden hatte! Reden Sie mir alſo nicht mehr von Ihrer großen Armee der öffentlichen Meinung, ich verachte ſie und kenne ihr wetterwendiſches, treuloſes Weſen. Was aber die ſicht⸗ bare Armee anbetrifft, von der Sie ferner ſprachen, ſo beſitze ich eine ſolche nicht. Ich habe, kraft der geſchloſſenen Verträge, mein Armee⸗ 200 corps Theil nehmen laſſen an dem Kriegszug Napoleons. Ueber die Hälfte meiner Soldaten liegt in den Schneefeldern Rußlands begraben, die andere Hälfte befindet ſich jetzt in offener Inſurrection. Und das ſind die Truppen, mit denen ich ſiegen ſoll? Siegen gegen dieſes mächtige Frankreich, das immer neue Armeen aus dem Nichts hervor⸗ zuzaubern vermag, und dem aus ſeinen reichen Quellen immer neue Millionen in die Kaſſen ſtrömen? Nein, nein, ich werde ein ſolches Wagniß nicht machen! Ich werde meine letzten Provinzen, das Erb⸗ theil meiner Kinder, nicht gegen eine Chimäre auf's Spiel ſetzen, ich wäre gern bereit, mein Leben in die Schanze zu ſchlagen für eine Aenderung dieſer unſeligen Zuſtände, aber ich darf nicht meine Krone — die Krone meines einſtigen Nachfolgers— auf das Spiel ſetzen! Preußen ſoll nicht untergehen, nicht von Frankreich verſchlungen werden, und darum muß ich in Geduld die Laſt dieſer Zeiten ertragen und mich den Umſtänden fügen. Darum darf ich auch dem General York jetzt ſein Verbrechen nicht verzeihen, ſondern ich muß ihn richten, wie nach den Geſetzen des Krieges ſeine That es verdient. Ich bin dem Kaiſer von Frankreich für dies unerhörte Benehmen meines Generals eine Genugthuung ſchuldig, und bei Gott, er ſoll ſie haben. Der General von York wird ſeines Commando's entſetzt, caſſirt und zur Unterſuchung vor ein Kriegsgericht geſtellt. General von Kleiſt ſoll ſtatt ſeiner das Commando übernehmen! Und werden Ew. Majeſtät auch alle die Officiere abſetzen, welche mit lautem Jubelruf der kühnen That ihres Generals zugejauchzt haben? fragte Hardenberg. Werden Ew. Majeſtät auch den Geiſt des Wider⸗ ſtandes gegen Napoleon, der in dem ganzen preußiſchen Armeecorps herrſcht, zur Unterſuchung ziehen? Majeſtät, ich beſchwöre Sie noch einmal, im Namen Ihrer Armee und Ihres Volkes, im Namen der hochherzigen Königin, deren ſchönes, begeiſterndes Auge von dort her zu uns herüber ſchaut, faſſen Sie einen kühnen, erhabenen Entſchluß! Wagen Sie Alles, um Alles zu gewinnen! Billigen Sie die That York's, ſtellen Sie Sich an die Spitze, rufen Sie Preußen, Deutſch⸗ land zu Ihren Fahnen. Oh, Majeſtät, glauben Sie es nur, Deutſch⸗ land wartet nur auf Ihr Loſungswort, Alles iſt vorbereitet, alle Geiſter ſid geriſtet, Aer Blice ſi Sie nicht län nelen Tag be ſich von ihm Der gön auf und ob, ſlog ſein Bli langen, frage und ihm die bleiche, zucken kann den G nicht billgen, As Kriegsher halten. York delt, ich dar willürlich ge der Villlür Der unbedin Pilens, das ſanmerhäl, und nothwen Herens nicht Aber do glühed. Di das Schnert Bertige Unheil un Vos n Ich wil tehuht ſind, udichtg e vil dmit einen ſolche eon. leber die lunds begraben, ection. Und das gen gegen dieſes n Nichts hervor⸗ llen immet neue verde ein ſolches inzen, das Erb⸗ Spiel ſeten, ich hlagen für eine ht meine Krone 8 Spiel ſetzn! Aungen werden, ertragen und General York nrichten, wie Ich bin dem eines Generals ie haben. Der caſſirt und zur n Kleiſt ſoll abſetzen, welche ejauchzt haben? eiſt des Wider⸗ en Armeerops wöre Sie noch im Namen der e vo dort her nen Eutſchluß! Sie die That fen, Deutſch⸗ nur, Deutſch⸗ 201 ſind gerüſtet, alle Waffen liegen bereit, Aller Hände ruhen am Schwert, Aller Blicke ſind auf Ew. Majeſtät gerichtet! Oh, Majeſtät, zaudern Sie nicht länger, laſſen Sie die Nacht enden, die neue Zeit und den neuen Tag beginnen. Erklären Sie Frankreich den Krieg, ſagen Sie ſich von ihm los! Der König ging raſch und in ſichtbarer Aufregung einige Male auf und ab, und ſo oft er an dem Bilde der Königin vorüberkam, flog ſein Blick zu demſelben empor und haftete auf ihm mit einem langen, fragenden Ausdruck. Dann blieb er vor Hardenberg ſtehen, und ihm die Hand auf die Schulter legend, ſah er ihm ernſt in das bleiche, zuckende Angeſicht. Hardenberg, ſagte er endlich halblaut, ich kann den General York nicht ſtraflos laſſen, ich darf ſeine That nicht billigen, wenn— nun ja, wenn ich es vielleicht auch wünſchte. Als Kriegsherr muß ich die Disciplin vor allen Dingen aufrecht er⸗ halten. York hat eigenmächtig gehandelt, ohne meine Befehle gehan⸗ delt, ich darf nachträglich nicht billigen, was einer meiner Generäle willkürlich gethan. Das hieße den Gehorſam von dem Gutdünken und der Willkür jedes Einzelnen meiner Commandeure abhängig machen. Der unbedingte Gehorſam, die gänzliche Unterordnung des eigenen Willens, das iſt das geheimnißvolle Band, welches die Armeen zu⸗ ſammenhält,— ich darf es nicht lockern. Wo es ſich um geheiligte und nothwendige Prinzipien handelt, da darf ich die Stimme meines Herzens nicht hören! Aber doch die Stimme der Klugheit, Majeſtät, rief Hardenberg glühend. Die Klugheit aber ſelbſt gebietet, daß Ew. Majeſtät jetzt das Schwert erheben wider den treuloſen Feind, der niemals ſeine Verträge erfüllt, ſein Wort gehalten hat, und der auch jetzt wieder Unheil und Verderben im Schilde führt. Was wollen Sie damit ſagen? fragte der König haſtig. Ich will damit ſagen, daß Ew. Majeſtät täglich von der Gefahr bedroht ſind, bei dem geringſten Anlaß, welcher den franzöſiſchen Herren verdächtig erſcheint, verhaftet und heimlich fortgeführt zu werden. Ich will damit ſagen, daß man dringend wünſcht, Ew. Majeſtät möchten einen ſolchen Anlaß geben, damit man man Sie heimlicher Machina⸗ —ᷓům 202 tionen beſchuldigen, nach Frankreich entführen, und Preußen ganz und gar mit Beſchlag belegen könnte. Der kleine König Jerome iſt ſeines improviſirten Königreichs Weſtphalen überdrüſſig. Es gelüſtet ihn nach einem edleren Thron, deſſen Eriſtenz ſchon durch Jahrhunderte geheiligt iſt, und nach einer Krone, die nicht erſt, wie ſeine jetzige, aus dem Nichts braucht geſchaffen zu werden. Napoleon hat ſeinem Bruder die Krone und den Thron von Preußen verſprochen, im Fall Ew. Ma⸗ jeſtät ihm die geringſte Veranlaſſung geben, ſich über Sie zu beklagen. Jerome hat daher in Berlin eine Schaar von Aufpaſſern und Spionen, die beauftragt ſind, jedes Wort, jede Bewegung, jeden Schritt Eurer Majeſtät zu überwachen. Oh glauben es mir Ew. Majeſtät nur, Sie ſind zu jeder Stunde in Gefahr, überfallen und heimlich entführt zu werden! Ich weiß es, ich habe mit Geld, Verſtellung und Liſt einige dieſer franzöſiſchen Späher treuherzig gemacht, und für mich gewonnen. Sie haben mir verrathen, daß jedesmal beim Anbruch der Nacht eine verſchloſſene Kutſche in der Gegend des königlichen Palais anfährt, und dort die ganze Nacht wartet, daß unweit derſelben ein Detaſche⸗ ment Soldaten in einzelnen verſtreuten Gruppen hinter den Bäumen, auf dem Opernplatz, und an den Ecken der Straßen, welche die Linden durchſchneiden, aufgeſtellt ſind, daß ferner jede Nacht das königliche Palais von einer Anzahl heimlicher Diener der franzöſiſchen Polizei umſtellt iſt, und daß einige von dieſen Leuten immer Mittel und Wege finden, um ſich beim Anbruch des Abends in das Palais einzuſchleichen und dort in den Winkeln, im Garten, oder auf dem Hof verborgen zu horchen, zu ſpähen und zu lauern. Wozu dies Alles, wenn es nicht geſchähe, um bei einer ſich darbietenden Gelegenheit, bei dem geringſten Schein von einem Abfall Eurer Majeſtät, ſich der geheiligten Perſon Eurer Majeſtät zu bemächtigen, ſo die Pläne des ehrgeizigen Jerome zur, Ausführung zu bringen, und aus dem Theaterkönig einen wirk⸗ lichen König zu machen? Das Antlitz des Königs war bleich und finſter geworden, er preßte die Lippen feſt aufeinander, wie er es im Zorn zu thun pflegte. Sie erzählen mir da eins der Mährchen, mit denen die Ammen ihre Kinder zu erſchrecken pflegen, ſagte er rauh. Glaube aber nicht daran, verd' nich a vrängen laſſe verhaften zu ich habe es d feſchalte an! Abet w auf heimlice Wenn Napol Jetome, in j Verſicherung York und ſei finden möcht entführen, u I0h wei geben, daß e nir und o Es bleibt d neral von! werde ferner des Kaiſers über das Ge nittheilen. Nun W dabei behan ſol, ig! erwartet mi Euſſcheidn an den hi Eurer Ma ſihrte Ord Brife un dunglage Sie Prußen ganz und etene ſt ſeines Es geliſet ih urch Jhrhundert ſeine jetige, aus hat ſeinen Brider im Fall Ew. Ma⸗ Sie zu bellagen. ern und Spionen, en Schritt Eurer kajeſtät nur, Sie nlich entführt zu und Liſt einige mich gewonnen. der Nacht eine Palais anfährt, nein Detaſche⸗ r den Bäumen, velche die Linden tdas königliche öſiſchen Polizei ittel und Wege s einzuſchleichen of verborgen zu nenn es nicht dem geringſen heiligten Perſon geijgen Jerome zig einen wirk⸗ geworden, et n hun pfgt die Ammen ihre bet nicht daran, 203 werd' mich auch nicht davon ſchrecken und mich zu voreiligen Schritten drängen laſſen. Niemand wird es wagen, mich angreifen oder gar verhaften zu wollen. Ich bin der treue Bundesgenoſſe Frankreichs und ich habe es durch die That bewieſen, daß ich es ehrlich meine, und treu feſthalte an dem beſchwornen Bündniß. Aber wenn man nun dieſen Abfall des Generals von York als auf heimlichen Befehl Eurer Majeſtät geſchehen betrachten wollte? Wenn Napoleon, in ſeinem beſtändigen Mißtrauen gegen Preußen, Jerome, in ſeinem glühenden Wunſch nach dem Beſitz Preußens, allen Verſicherungen Eurer Majeſtät zum Trotz, an ein Einverſtändniß zwiſchen York und ſeinem König glaubten, und darin den willkommenen Vorwand finden möchten, um ihre böſen Pläne auszuführen, Eure Majeſtät zu entführen, und Preußen zu vernichten? Ich werde ihnen ſo ſchlagende Beweiſe von meiner Denkungsart geben, daß es ihnen unmöglich ſein wird, an ein Einverſtändniß zwiſchen mir und York zu glauben, rief der König. Genug der Worte jetzt. Es bleibt dabei. York wird ſeines Kommando's entſetzt, und der Ge⸗ neral von Kleiſt ſoll ſtatt ſeiner das Kommando übernehmen. Ich werde ferner einen eigenhändigen Brief an Murat, den Stellvertreter des Kaiſers bei der Armee, richten, und ihm meinen tiefen Unwillen über das Geſchehene und die Strafe, die ich über York verhängt habe, mittheilen. Nun wohl denn, ſagte Hardenberg ſeufzend, wenn Ew. Majeſtät dabei beharren, ſo muß es geſchehen, aber alsdann muß, was geſchehen ſoll, eilig und noch in dieſer Stunde geſchehen. Graf St. Marſan erwartet mich in ſeinem Palais, um von mir die Entſchließungen und Entſcheidungen Eurer Majeſtät zu erfahren, bevor er ſeine Couriere an den Kaiſer Napoleon abſendet. Es wird nöthig ſein, ihm den Brief Eurer Majeſtät an den König von Neapel vorzulegen, ſowie die ausge⸗ führte Ordre in Betreff des Generals von York. Auch müßten Ew. Majeſtät die Gnade haben, ſofort einen Courier zu ernennen, der die Briefe und Befehle Eurer Majeſtät nach Preußen in die beiden Heereslager brächte. Sie haben Recht, dies Alles muß und ſoll ſogleich geſchehen, 5— —— 204 ſagte der König, indem er nach der ſilbernen Handklingel griff und liſen fingem ſchellte. Sofort öffnete ſich die Thür und der Kämmerer Timm trat ein. leuchter, die Meinen Flügel⸗Adjutanten, den Major von Natzmer hierher be⸗ riedergebrannt ſcheiden, befahl der König. Soll ſchleunig ſeine Vorkehrungen treffen, dann und war um ſogleich eine Reiſe antreten zu können. In vier Stunden muß die cle, ſcin Alles gethan und der Major von Natzmer reiſefertig bei mir im Vor⸗ hing und mae zimmer ſein. Gehen Sie ſelbſt zu ihm, Timm, und bringen Sie ihm den ichtglanz meine Befehle. Das Aug Es genügt an dieſem Einen Courier, ſagte der König, ſich wieder er ſoh, wie an Hardenberg wendend, nachdem Timm das Zimmer verlaſſen hatte. plütlich echell Natzmer wird zuerſt zum König von Neapel gehen, ihm meinen Brief wie das gelie bringen, ihm die Ordre für Kleiſt und York mittheilen, und alsdann Licheln zu ih ſich in das ruſſiſche Lager begeben, um York meine Ordre zu über⸗ Kopf, als we bringen. langſamen, le Wollen Ew. Majeſtät nicht zum Mindeſten auch ein Schreiben an Louiſe, ſ den Kaiſer Alexander richten, um Schonung zu erlangen für Ihre Diine Thrin Truppen, die Witgenſtein jetzt als feindliche betrachten wird, und um wars, wo T dem Kaiſer, deſſen edles Herz dieſen neuen Schlag und dieſe neue nüthige Dei Täuſchung bitter empfinden wird, ein Wort des Troſtes und der Zu⸗ bat die hůni ſicherungen für beſſere Zeiten zu ſagen? fir ihr gud Sie haben Recht, ſagte der König nach kurzem Sinnen, ich werde Funkteih,! einen ſolchen Brief an den Kaiſer ſchreiben, und Natzmer ſoll ſelbſt Hilfe Pruß damit zum Kaiſer gehen, nachdem er zuerſt bei Murat, dann bei die Fungſſe Witgenſtein und bei York geweſen!— hit ſeh Eine Stunde ſpäter hatte der König ſeine Briefe und Hardenberg mzig Ewd das Abſetzungsdecret für York vollendet, und der Staatskanzler ver⸗ ließ das Kabinet des Königs, um ſich ſofort zu dem franzöſiſchen Ge⸗ ſandten zu begeben, und ihn von den Entſchlüſſen des Königs in Kenntniß zu ſetzen. Der König ſchaute ihm mit einem langen, ſinnenden Blick nach, und ging dann langſam, die Hände auf dem Rücken gefaltet, einige Male in ſeinem Kabinet auf und ab. Tiefe Stille herrſchte rings um ihn her, der Sturm der kalten Januarnacht warf den Schnee in dichten Maſſen an die Fenſter, daß es klang, als klopften Geiſterhände mit +„ Thränen g ſe begomen gel grf und imm trat ein. hiecher be⸗ ungen treffen, Stunden muß mir im Vor⸗ gen Sie ihm ſich wieder erlaſſen hatte. meinen Brief und alsdann dre zu über⸗ Schreiben an en für Ihre ird, und um d dieſe neue 2 und der Zu en, ich werde er ſoll ſelbſt t, dan bei d Hardenberg tskanzler ber⸗ nzſiſchen Ge⸗ des Körigs in en Blic nach, gefaltet, einige ſchte rings um chne in dichten eiſerhände mit 205 leiſen Fingern an die Scheiben; die Lichter auf den ſilbernen Arm⸗ leuchtern, die auf dem Schreibtiſch des Königs ſtanden, waren tief niedergebrannt; einige von ihnen, ſchon im Erlöſchen begriffen, flackerten dann und wann heller auf, und warfen einen blitzartigen Schein auf die edle, ſchöne Geſtalt der Königin, deren Bild über dem Schreibtiſch hing, und machten ihr Antlitz aufleuchten im ſchnell wieder verlöſchen⸗ den Lichtglanz. Das Auge des Königs begegnete grade einem ſolchen Moment; er ſah, wie das vorher in dichte Schatten eingehüllte Portrait ſich plötzlich erhellte, wie aus dem Dunkel die geliebte Geſtalt hervortrat, wie das geliebte Antlitz, gleichſam zu flüchtigem Gruß, mit ſanftem Lächeln zu ihm hinſchauete; ganz unwillkürlich nickte er leiſe mit dem Kopf, als wolle er den Gruß erwidern, und näherte ſich dann mit langſamen, leiſen Schritten dem Bilde. Louiſe, ſagte er mit lauter, feierlicher Stimme, das Schickſal hat Deine Thränen gezählt und Deine Rache übernommen. In Piktupöhnen war's, wo Du zuerſt Napoleon begegnen mußteſt, und wo der Ueber⸗ müthige Dein edles Haupt in den Staub beugte. In Piktupöhnen bat die Königin von Preußen den Kaiſer von Frankreich um Schonung für ihr Land, und um billige Friedensbedingungen. Jetzt war es Frankreich, welches in Piktupöhnen auf Preußen wartete, und die Hülfe Preußens erbat. Und Preußen hat dieſe Hülfe verweigert, und die Franzoſen haben in Piktupöhnen vergeblich den Beiſtand Preußens erhofft; ſie haben dort, wo das ſchmachvolle Bündniß begonnen, das trotzige Ende deſſelben erfahren. Gott iſt gerecht; er hat Deine Thränen gezählt, und er bereitet Deine Rache! In Piktupöhnen hat ſie begonnen. IV. Der Diplomat. Seit einer Stunde befand ſich der Staatskanzler von Hardenberg in dem Kabinet des franzöſiſchen Geſandten Grafen St. Marſan, und Beide hatten in eifrigen und ernſten Verhandlungen die neue Stellung Preußens und die Garantien, welche es Frankreich für die Aufrichtig⸗ keit ſeines Bündniſſes darbot, erwogen. Graf St. Marſan fühlte ſich vollkommen zufrieden geſtellt und beruhigt, und nachdem er den Brief des Königs Friedrich Wilhelm an den König von Neapel, und das Abſetzungsdecret für York geleſen, hatte ſein Antlitz ſich völlig wieder aufgeklärt. Er hatte dem Staatskanzler mit zärtlichen Händedrücken verſichert, daß nun dieſe fatale Angelegenheit auch nicht den kleinſten Schatten einer Wolke zwiſchen Preußen und Frankreich zurücklaſſen werde, und daß auch ſein erhabener Kaiſer gewiß von der Aufrichtig⸗ keit der anhänglichen Geſinnungen des Königs jetzt überzeugt ſein werde. Und ſetzen Sie hinzu, daß der Kaiſer ſich damit auch zugleich von meinen anhänglichen Geſinnungen überzeugt ſehen wird, ſagte Harden⸗ berg lächelnd. Der Kaiſer Napoleon hat, wie ich weiß, mir leider oft gemißtrauet und in mir eine ſeiner Größe widerſtrebende Geſinnung vermuthet. Von heute an wird Se. Majeſtät indeſſen zugeſtehen müſſen, daß ich zu ſeinen unwandelbarſten und treueſten Anhängern gehöre. Ich bin es geweſen, der den König zu dieſem treuen und unbedingten Feſthalten an Frankreich vermocht hat. Sie wiſſen es, und ich darf es Ihnen nicht verhehlen, daß der König Friedrich Wil⸗ helm den Kaiſer Alexander perſönlich liebt, und daß er glücklich ſein würde, wenn die Umſtände ihm geſtatten könnten, dem Freunde Alexander zu erneuertem Bunde die Hand darzureichen. Alexander von Rußland hat ihm ſchon die Hand entgegengeſtreckt und erwartct nur noch den Handſchlag Friedrich Wilhelms. Die That York's war ruſſiſcher Seits wohl vorbereitet und berechnet; ſie ſollte der Anſtoß ſein, der den König zu dem Handſchlag vorwärts dränge. Und, ich ſage es Ihnen in Vertrauen, uch diejerigen begeſſeren Anh den Unglicksfüll und glaubten bringend anth erungen, und! den Känig zu i und Zuſammen theil Preußens und die Folge lich abgelehnt! wovon dieſer T den Känig ber iebt. Frankre denn, Sie ſche und wir ſindt 0 Sie der Lohn undt lſen. Der g itziger Sinn liſt, als die Diſen lettere und Frankteich Ww. Crelen — icho liche Belohum Mein G le haben in verſtanden„ ſtolze F Chre iſt Ge St ſen Orden 207 im Vertrauen, der König war nicht allein ſehr geneigt dazu, ſondern auch diejenigen Herren in ſeiner Umgebung, welche ſonſt immer die begeiſterten Anhänger des Kaiſers der Franzoſen geweſen, fühlten ſeit den Unglücksfällen der großen Armee ihre Begeiſterung ſehr abgekühlt, und glaubten dem König jetzt ein Bündniß mit Rußland als heil⸗ Hardenberg bringend anrathen zu müſſen. Aber ich habe über ſie Alle den Sieg Narſan, und errungen, und meinem Eifer und meiner Beredtſamkeit iſt es gelungen, ue Stellung den König zu überzeugen, daß gerade jetzt ein unbedingtes Feſthalten Aufrichtig und Zuſammengehen, mit Frankreich ſowohl der Ehre als dem Vor⸗ n fühlte ſich theil Preußens am meiſten entſpricht. Der König hat das eingeſehen, r den Brief und die Folge davon war, daß er die Anerbietungen Rußlands gänz⸗ l, und das lich abgelehnt und ſich für treues Feſthalten an Frankreich erklärt hat, öllig wieder wovon dieſer Brief an Murat, und dieſes von mir geſchriebene, von ndedrien dem König bereits unterzeichnete Abſetzungsdecret das beſte Zeugniß en kleinſten giebt. Frankreich darf jetzt mit feſter Zuverſicht auf Preußen zählen, zurücklaſſen denn, Sie ſehen wohl, wir haben heute unſere Feuerprobe beſtanden, Aufrichtig⸗ und wir ſind treu befunden worden. tſein werde Ja, Sie ſind treu befunden worden, rief Graf St. Marſan, und zugleich von der Lohn und die Anerkennung Ihrer Treue wird nicht auf ſich warten ate Harden laſſen. Der Kaiſer weiß wohl, daß Ew. Excellenz edler und uneigen⸗ nir leider nütziger Sinn keine andern Belohnungen und keinen andern Dank zu⸗ läßt, als die Belohnungen der Ehre und den Dank des Herzens. Dieſen letzteren bringe ich Ihnen heute ſchon im Namen des Kaiſers und Frankreichs dar, und vielleicht darf ich dem Kaiſer melden, daß Ew. Excellenz das Großkreuz der Ehrenlegion immerhin als eine herr⸗ liche Belohnung der Ehre betrachten wollen. Mein Gott, rief Hardenberg mit freudeſtrahlendem Angeſicht, ich eGeſinnung 1 zugeſtehen Anhänger treuen und ie wiſſen es⸗ Wil⸗ ſicit i glaube, Sie haben das ſchöne Ziel meiner geheimſten Wünſche errathen. 8 nder Sie haben in meinem Herzen geleſen, und meine ehrgeizige Sehnſucht verſtanden. Es giebt jetzt nur noch Einen Orden, den zu tragen eine ſtolze Ehre iſt, und meiner Bruſt fehlte dieſer Orden bis jetzt! Graf St. Marſan neigte ſich dichter an das Ohr des Staats⸗ kanzlers. Mein edler Freund, ſagte er leiſe und lächelnd, wir werden von Rußland un noch den gſcher Seits ſiſchel 3. er den 2 2 4 ſein, de dieſen Orden an dem Tage auf der Bruſt des Staatskanzlers be⸗ e es Ihnen age 6 2— 208 feſtigen, an welchem wir den Heirathscontract des Kronprinzen von Preußen mit einer Napoleoniſchen Prinzeſſin unterzeichnet haben. Ja, rief Hardenberg, ja, ſo ſoll es ſein! Ich nehme dieſe Be⸗ dingung an! Nicht früher mache ich Anſprüche auf dieſen erſehnten Orden, oder fühle ich mich würdig ihn zu empfangen, als an dem Tage ver Verlobung des preußiſchen Kronprinzen mit einer kaiſerlichen Prinzeſſin von Frankreich. Dieſen Tag herbeizuführen, iſt jetzt für mich ein Ziel der Ehre und des Herzens, und zwar ſo ſehr, daß, wenn man mir vorher jenen Orden, das Ziel meiner Wünſche, anbieten wollte, ich ihn ablehnen würde, weil ich mir erſt durch Thaten den⸗ ſelben verdienen möchte. Und glauben Ew. Excellenz, daß Sie noch lange zu warten haben? fragte Graf St. Marſan. Glauben Sie, daß der Verlobungstag noch fern liegt? Ich hoffe, nein! Der Kronprinz wird im nächſten Monat confir mirt, und nach der Confirmation wird es Zeit ſein, von der Copula⸗ tion zu ſprechen. Ich habe die feſte Zuverſicht, daß Alles gut und unſern Wünſchen gemäß ſich entſcheiden wird, wenn nur— Nun? fragte St. Marſan, als Hardenberg plötzlich ſtockte und ſchwieg. Ich bitte Ew. Excellenz, daß Sie mir vertrauen, und mir die ganze Wahrheit ſagen wollen. Sie dürfen der größten Dankbar keit, der größten Verſchwiegenheit und des rückhaltloſeſten Gegenver—⸗ trauens ſich verſichert halten. Ich beſchwöre Sie alſo, vollenden Sie Ihren Satz! Nun denn, ſagte Hardenberg leiſe und mit dem Ausdruck der größten Zutraulichkeit, ich wollte ſagen, daß Alles unſern Wünſchen gemäß ſich entſcheiden würde, wenn nur der König den fortwährenden geheimen Beſchwörungen und Einflüſterungen Rußlands und der neuen ruſſiſchen Partei kein Gehör geben möchte. So lange ich in ſeiner Nähe bleibe, fürchte ich nichts, aber wenn es dieſen Herren gelingen ſollte, den König zu bereden, daß er Berlin verläßt, und ſich nach einer Stadt begiebt, wo er Rußland näher iſt, dann fürchte ich. Und Ew. Exrcellenz glauben, daß der König eine ſolche Abſicht hegen könnte? fragte Graf St. Marſan it athemloſer Spannung. hardenber er, aber ich fü vie ſch, wachſ es zwei Uhr! riere abzufertig auch eine Stun Gute Nacht alſ Ich eile zum K wird nit der dem Känig eine Ach, Sie Marſan heiter geben. So la Nibdigkeit der haben, werde whig ſchlafen meine Serle b Sagen Sie m ſugen, wird m Eine gute er ſich mit ein den Freunde! Das zir lanſus, als ſich hint ihn dieſes Lichen ntlit aus. Ich hoff vihriſc zu ſber. Dad ſhenken ill, Gwagen kön n eu niſ Mhlu, Ra ronprinzen von let haben. ehme dieſe Be ieſen erſehnten n, als an dem iner kaiſerlichen n, iſt jetzt für ehr, daß, wenn ſche, anbieten ch Thaten den⸗ warten haben? bungstag noch 3 nder Copula⸗ Alles gut und h ſtockte und ven, und mit ſten Dankbar ſten Gegenver⸗ vollenden Sie Ausdruck der Winſchen fortwährenden nſern und der neuen i6 in ſeinet 5 ren gelingen mn ſic nach hie ich⸗ ſolhe Wſict Syannung. 209 Hardenberg zuckte die Achſeln. Ich will es nicht glauben, ſagte er, aber ich fürchte es beinahe. Indeſſen werden wir, Sie ſowohl, wie ich, wachſam ſein. Doch hören Sie nur, Excellenz, da ſchlägt es zwei Uhr! Zwei Uhr in der Nacht! Wir haben Beide noch Cou⸗ riere abzufertigen, und dann endlich dürfen wir uns wohl erlauben, auch eine Stunde Schlafes für unſere erſchöpften Glieder zu ſuchen. Gute Nacht alſo, mein lieber Graf und Bundesgenoſſe! Gute Nacht! Ich eile zum König, um ihm zu ſagen, daß Frankreich zufrieden ſein wird mit der Genugthuung, die wir ihm bieten, und damit werde ich dem König einen ruhigen und friedlichen Schlaf für dieſe Nacht ſichern. Ach, Sie ſind in der That ein Zauberer, Excellenz, ſagte St. Marſan heiter, denn Sie verſtehen es, Schlaf zu nehmen und zu geben. So lange man ſich in Ihrer Nähe befindet, vergißt man jede Müdigkeit der erſchöpften Creatur, und jetzt, wenn Sie mich verlaſſen haben, werde auch ich, Dank Ihren Worten und Verheißungen, ſo ruhig ſchlafen können, wie ich es lange nicht vermocht. Sie haben meine Seele beruhigt, und alſo wird auch mein Körper Ruhe finden. Sagen Sie mir alſo noch einmal gute Nacht, denn wenn Sie das ſagen, wird man ſie haben. Eine gute Nacht alſo, mein lieber Graf, rief Hardenberg, indem er ſich mit einem langen Händedruck und einem zärtlichen Lächeln von dem Freunde verabſchiedete. Das zärtliche Lächeln ſtand noch auf den Lippen des Staats⸗ kanzlers, als er in ſeine Kutſche ſtieg. Aber ſobald die Thür derſelben ſich hinter ihm geſchloſſen und der Wagen davon rollte, verſchwand dieſes Lächeln und ein Ausdruck finſtern Ernſtes breitete ſich über ſein Antlitz aus. Ich hoffe, es iſt mir gelungen, ihn zu bethören und ihn arg⸗ wöhniſch zu machen in Bezug auf den König, ſagte er leiſe zu ſich ſelber. Da der König meinen Warnungen, meinen Bitten kein Gehör ſchenken will, da er nicht an die Möglichkeit glaubt, daß Frankreich es wagen könnte, ſich ſeiner Perſon zu bemächtigen, ſo wird es wohl an der Zeit ſein, ihm ſchlagende und unwiderlegliche Beweiſe zu geben. Vielleicht entſchließt er ſich dann, Berlin zu verlaſſen. Wir können Mühlbach, Napoleon. IMI. Bd. 14 210 dieſe ſo ſehr erſehnte Verlobung ja auch an irgend einem anderen Und Ihre Ort unterzeichnen, und den Orden, den von mir ſo heiß erſehnten ieber Kämmere Orden auf meiner Bruſt befeſtigen. Wahrhaftig, fuhr er lachend fort, zu wellen! es iſt nicht meine Schuld, wenn der gute Graf St. Marſan meine Ih glaub Sehnſucht nach ſeinem Sinne deutet. Ich habe ihm den Orden nicht mit der Vertra genannt, den ich auf meiner Bruſt zu tragen wünſche. Was kann ich Majeſtüt ewn dafür, wenn er ſich einbildet, es gelüſte mich nach der Légion d'hon- Melben S neur! Freilich, einen Ehrenorden wünſche ich mir, aber nur den eines künnte ſein, da deutſchen Biedermannes, und den kann ich nur von der Anerkennung Deutſchlands und von der Geſchichte erhalten! Der Wagen hielt vor dem königlichen Palais, und Hardenberg Das ſſt eilte ſich zum König zu begeben. Im Vorzimmer herrſchte tiefes werde Exeellen Schweigen, einige ſchlaftrunkene Lakaien ſaßen auf den Rohrſtühlen Er hatt neben der Thür, und achteten kaum auf den eintretenden Staatskanzler, der mit leiſen, eiligen Schritten die Antichambres durchſchritt und in den kleinen Salon eintrat. Auch hier herrſchte tiefes Schweigen und die beiden niedergebrannten Lichter dort drüben auf dem Tiſch warfen nur ein mattes Dämmerlicht durch den Salon. Bei dem Schein dieſer Lichter bemerkte der Staatskanzler zwei Geſtalten, die zu beiden Seiten der Thür, welche in das nächſte Gemach führte, auf den Fauteuils ſaßen, und wie der Pendel einer Uhr langſam von einer Seite zur andern ſich bewegten. Leiſe näherte ſich Hardenberg den beiden Herten, und genehm ſein. die Hand auſ Mein Freund, einerſtanden, Ew. Ey welcher vs( und daß ich d an den Rand Vollen E Schlummernden. Ach, flüſterte er dann mit einem feinen Lächeln, dort ſchläft der Kämmerer Timm, der mich melden ſoll, und hier der Ma⸗ jor von Natzmer, dem ich ein kleines Wort mit auf die Courierreiſe 6 geben will! er bir Der Käng ſ ſch zuerſt zu gehen Sie in Vigenſtein Vitgenſein ine ſii eint Er berührte leiſe mit der Hand die Schulter des Majors; ſofort ſprang dieſer empor und richtete ſich in ſteifer, militairiſcher Haltung vor dem Staatskanzler auf. Sie thun wahrhaftig ſehr wohl, ſich ein wenig Vorrath zu ſchlafen, ſagte Hardenberg, ihm freundlich die Hand darreichend, denn ich fürchte, Sie werden den übrigen Theil dieſer Nacht keine Zeit mehr dazu finden. Sie ſind reiſefertig, nicht wahr? ſe Ja, Exrcellenz, vollkommen reiſefertig. 3 vor Bie)n inem anderen heiß erſehnten r lachend fort, Rarſan meine n Oiden nicht Was kann ich égion d'hon- nur den eines Anerkennung nd Hardenberg herrſchte üefes en Rohrſtühlen Staatskanzlet, ſchritt und in chweigen und Tiſch warfen nSchein dieſer beiden Seiten den Fauteuils iner Seite zur g den beiden n Lächeln, dort hier det Ma⸗ die Courierteiſe Mojors; ſofort iriſcher Haltun rrith ju ſchl denn ich fürchte⸗ en, mehr dazl finden⸗ 211 Und Ihre Depeſchen ſind auch reiſefertig, glaube ich.— Mein lieber Kämmerer Timm, ich bitte Sie, mich Seiner Majeſtät melden zu wollen! Ich glaube, Excellenz bedürfen der Meldung nicht, ſagte Timm mit der Vertraulichkeit eines in hoher Gunſt ſtehenden Dieners. Se. Majeſtät erwartet Ew. Excellenz. Melden Sie mich doch lieber, ſagte Hardenberg lächelnd, denn es tönnte ſein, daß ich den König ebenſo überraſchte, wie hier dieſe beiden Herren, und ich glaube, das würde Sr. Majeſtät ſehr wenig an⸗ genehm ſein. Das iſt wahr, ſagte Timm, ſich eilig der Thür nähernd. Ich werde Excellenz ſogleich melden! Er hatte kaum das Zimmer verlaſſen, als der Staatskanzler haſtig die Hand auf des Majors Arm legte, und ſich dicht zu ihm neigte. Mein Freund, ſagte er leiſe und eilig, ich weiß, Sie ſind mit mir einverſtanden, und Sie theilen meine Geſinnung. Ew. Excellenz wiſſen, daß ich Sie verehre, als den Staatsmann, welcher das Glück und die Zukunft Preußens in ſeinen Händen hält, und daß ich die Franzoſen verabſcheue, als diejenigen, welche Preußen an den Rand des Verderbens gebracht. Wollen Sie etwas thun, um es von dieſem Rand zurückzuführen? Ja, Excellenz, und wenn es mein Leben koſtet! Das wäre ein theurer Preis! Nein, nein, wir bedürfen Ihres Lebens und Ihres Arms, denn Preußen wird bald der Arme ſeiner Krieger bedürfen. Es iſt weit weniger, was ich begehre. Hören Sie! Der König ſendet Sie als Courier nach Oſtpreußen. Sie verfügen ſich zuerſt zu Murat, und übergeben ihm den Brief des Königs. Dann gehen Sie in das ruſſiſche Hauptquartier und melden ſich beim Grafen Witgenſtein. Alles, was ich von Ihnen fordere, iſt, daß Sie dem Grafen Witgenſtein erzählen, Sie hätten zwei Depeſchen zu beſorgen. Die eine ſei ein eigenhändiger Brief des Königs h den Kaiſer Alexander, die andere ſei ein Decret, durch welches der General von York abge⸗ ſetzt und vor ein Kriegsgericht gerufen würde. Wie? rief Natzmer entſetzt, der evle Yort wird abgeſetzt? 212 Ja, der König enthebt ihn des Commando's und ſetzt ihn ab, weil der General mit ſeinem Corps zu den Ruſſen übergegangen iſt. York iſt zu den Ruſſen übergegangen! rief Natzmer freudig. Und für dieſe wundervolle kühne That ſoll ich ihm das Abſetzungsdecret überbringen? So verlangt es der König, und Sie müſſen natürlich gehorchen. Aber ich wiederhole es, das Einzige, was ich von Ihnen erbitte, iſt, daß Sie dem Grafen Witgenſtein erzählen, was Sie für Depeſchen überbringen, und welches Inhalts ſie ſind. Aber wenn mir der König nichts davon ſagt? Wenn ich alſo den Inhalt dieſer Depeſchen nicht kennen darf? Der König wird Ihnen ſelbſt den Inhalt mittheilen, und er wird Ihnen ſogar befehlen, überall auf Ihrem Wege zu erzählen, daß Sie dem abtrünnigen General York ſein Strafurtheil überbringen. Es liegt ihm daran, daß alle Welt, und beſonders Frankreich erfahre, daß er höchſt erzürnt iſt über den Abfall York's, und daß— ſtill, ich höre Timm kommen,— Sie werden meine Bitte berückſichtigen? Ich werde dem Grafen Witgenſtein von dem Inhalt meiner De⸗ peſchen erzählen. Dann, hoffe ich, iſt York gerettet! Still! Die Thür öffnete ſich wieder, und der Kämmerer trat ein. Ew. Excellenz hatten ganz Recht, es war ſehr gut, daß ich erſt Meldung machte. Es war Sr. Majeſtät ſo gegangen, wie uns hier, Se. Ma⸗ jeſtät waren ein wenig eingeſchlafen. Aber jetzt erwarten Se. Majeſtät den Herrn Staatskanzler! Er öffnete die Thürflügel und Hardenberg eilte durch den an—⸗ ſtoßenden Saal nach dem Kabinet des Königs, um ihm das Reſultat ſeines Beſuches bei dem franzöſiſchen Geſandten mitzutheilen.— Eine Stunde ſpäter empfing der Major von Natzmer aus den Händen des Königs drei Depeſchen. Die erſte derſelben war ein Brief des Königs an den Stellvertreter Napoleons bei der franzöſiſchen Ar⸗ mee, den König von Neapel. In dieſem Brief theilte Friedrich Wil⸗ helm Murat mit, daß er voll tiefſter Indignation ſei über den Schritt York's, und daß er Major Natzmer beauftragt habe, dem General von Kleiſt den küni nehmen, York diſen Brif fe ſimmung verwe preußſchen Tn Napoleons und Die jweite De traulicher Brief nicht mitgetheilt decret für Yo übernehmen. Ich denke, ich denke, wir beſchwichtigen1 Eind Sie nich Es bliebe leon ſelbſt zu berſichern, ſugt en ſolches Ze Der Köni Autlit des St ſch hin Hab Konderen Ab onn, inen; kein Mitl un ihn meiner Bu Prief gleich Dan w um die Hen iberugen, a Sie gu uge der K N Droy nd ſett ihn ab, übergegangen iſt. er freudig. Und Abſetungsdecret türlich gehorchen. hnen erbitte, iſt, e für Depeſchen enn ich alſo den en, und er wird zählen, daß Sie erbringen. Es ich erfahre, daß ſtill, ich höre igen? lt meiner De⸗ trat ein. Ew. erſt Meldung hier, Se. Ma⸗ n Se. Majeſtät durch den an⸗ m das Reſultat utheilen.— Natzmer aus den en war ein franzöſiſchen Ar⸗ Vil⸗ Brief e Fricdrich iber den Schritt dem Genetal von 213 Kleiſt den königlichen Befehl zu überbringen, das Commando zu über⸗ nehmen, York abzuſetzen und zu arretiren. Der König erklärte in dieſem Brief ferner, daß er ſelbſtverſtändlich der Convention ſeine Zu⸗ ſtimmung verweigere, und daß die vom General von Kleiſt commandirten preußiſchen Truppen nach wie vor unter dem Oberbefehl des Kaiſers Napoleons und ſeines Stellvertreters, des Königs von Neapel ſtänden.*) Die zweite Depeſche war ein an den Kaiſer Alexander gerichteter ver⸗ traulicher Brief, deſſen Inhalt der König ſogar ſeinem Staatskanzler nicht mitgetheilt hatte. Die dritte Depeſche endlich war das Abſetzungs⸗ decret für York, und der Befehl an Kleiſt, das Commando zu übernehmen. Ich denke, ſagte der König, nachdem Natzmer ſich beurlaubt hatte, ich denke, wir haben jetzt Alles gethan, um den Zorn Napoleons zu beſchwichtigen und alle übeln Folgen deſſelben von Preußen abzuwenden. Sind Sie nicht auch der Meinung, Herr Staatskanzler? Es bliebe nur noch übrig, einen beſonderen Geſandten an Napo⸗ leon ſelbſt zu ſenden und ihn der tiefen Entrüſtung Ew. Majeſtät zu verſichern, ſagte Hardenberg düſter. Vielleicht erwartet der ſtolze Kaiſer ein ſolches Zeugniß von der Geſinnungstreue Ew. Majeſtät. Der König warf einen raſchen, prüfenden Blick auf das düſtere Antlitz des Staatskanzlers und blickte dann ſinnend eine Zeitlang vor ſich hin. Haben Recht, ſagte er dann nach einer Pauſe, muß einen beſonderen Abgeſandten nach Paris ſchicken. Wenn es darauf an— kommt, einen zornigen und blutgierigen Tiger zu beſänftigen, muß man kein Mittel unverſucht laſſen. Will ſelbſt an Napoleon ſchreiben und ihn meiner Bundestreue verſichern. Der Fürſt Hatzfeld ſoll mit dieſem Brief gleich morgen nach Paris abreiſen. Dann werden Ew. Majeſtät Alles gethan haben, was möglich iſt, um die Herren Franzoſen von der Treue Ihrer Geſinnungen zu überzeugen, aber ich fürchte nur, ſie wollen ſich nicht überzeugen laſſen. Sie glauben alſo im Ernſt, daß die Franzoſen mich bedrohen? fragte der König mit einem verächtlichen Lächeln. *) Droyſen: Leben York's. II. S. 37. 214 Ich bin davon überzeugt, Majeſtät. Aber was glauben, was fürchten Sie denn? Ich ſagte es Ew. Majeſtät ſchon, ich fürchte, daß man es wagen wird, die geheiligte Perſon Ew. Majeſtät zu entführen, und ich be⸗ ſchwöre Ew. Majeſtät, auf Ihrer Huth zu ſein, niemals unbewaffnet und allein Ihr Palais zu verlaſſen, niemals ohne Eskorte auszugehen. Ach, ſagte der König mit einem trüben Lächeln, ſorgen dieſe Herren Franzoſen nicht immer für meine Eskorte? Bin ich nicht immer um— geben von ihren Spionen und Aufpaſſern? Wenn Ew. Majeſtät das ſelber wiſſen, warum geben Sie alsdann meinem Flehen nicht nach? Warum verlaſſen Sie nicht Berlin? Um etwa nach Potsdam zu gehen? Bin ich dort weniger beobachtet? Weniger ein Gefangener? Nein, Ew. Majeſtät ſollten Berlin verlaſſen, um ſich ganz und gar und auf Einmal zu befreien von dem franzöſiſchen Joch. Ew. Ma⸗ jeſtät ſollten ſich entſchließen, nach Breslau zu gehen. Dort ſind Sie Ihrer Armee näher, dort würden ſich Ihre Getreuen um Sie ſchaaren und dorthin würde vielleicht auch bald der Kaiſer Alerander kommen können. Jedenfalls aber wäre Ew. Majeſtät dort vor der franzöſiſchen Spionage geſichert und Ihre Getreuen hätten nicht mehr nöthig, für die perſönliche Sicherheit Ew. Majeſtät zu zittern. Nach Breslau! rief der König erſchrocken. Das iſt unmöglich! Das hieße Oel in's Feuer gießen. Das hieße den zweiten Schritt thun auf dem Wege, auf welchem York den erſten gethan! Der zweite Schritt zur Befreiung Ew. Majeſtät, zur Erlöſung des Vaterlandes, zur Vernichtung des Tyrannen! ſagte Hardenberg mit erhobener feierlicher Stimme. Der König antwortete nicht, er trat an's Fenſter, und dem Staats⸗ kanzler den Rücken zuwendend, ſah er ſinnend und ſchweigend hinaus in die Nacht. Hardenberg ſchaute erſt zu ihm auf das Bild der Königin. Plötzlich wurden ſeine Züge milder und ein Ausdruck unendlichen Flehens lag in ſeinen auf das Bild gehef⸗ teten Augen. hin und heftete dann ſeine Blicke hif mi Herz Du G Der Hö iinige Schrit ſugte Friedr das einer hr Frankreich d Lund nicht m Untergang z daß, wenn wirklich Ben meine Freih werde, nich anderen ſich Ew. Y wollen in de erkannt hab jiehen? Ich ge Und mn g der Ruhe. ben, nit w Stuntskan Nt kömen, vi Dum Kutſcher,i daonjagt Gena Stntlun die Alaien Ach, Wehalb Vil an es wagen und ich be⸗ ewaffnet und zugehen. dieſe Herren t immer um Sie alsdann Berlin? r beobachtet? ich ganz und h. Ew. Ma⸗ dort ſind Sie Sie ſchaaren ander kommen franzöſiſchen r nöthig, ſür ſt ur möglich! Schritt L 1 zur Erlöſung te Hardenberg nd den Sta 6 eige! hi 5 ne Blicke n ſeine milder und gild geheſ⸗ a Bild 9 215 Hilf mir, Königin, flüſterte er leiſe und andächtig. Lenke ſein Herz, Du Genius Preußens, mache es ſtark im Wollen und— Der König wandte ſich wieder dem Staatskanzler zu und that einige Schritte auf ihn hin. Ich kann Ihren Wunſch nicht erfüllen, ſagte Friedrich Wilhelm, denn wenn ich nach Breslau ginge, ſo käme das einer Kriegserklärung gleich, und wir ſind leider nicht in der Lage, Frankreich den Krieg erklären zu können. Ich darf mich und mein Land nicht muthwillig in eine Gefahr ſtürzen, die wahrſcheinlich unſern Untergang zur Folge haben würde. Aber ich gebe Ihnen mein Wort, daß, wenn Ihre Befürchtungen ſich wirklich bewahrheiten, wenn ich wirklich Beweiſe davon bekomme, daß man hier meine Perſon und meine Freiheit bedroht, daß ich es alsdann für meine Fflicht halten werde, mich dieſer Gefahr zu entziehen und meine Reſidenz nach einem anderen, ſicherern Ort, vielleicht nach Breslau zu verlegen. Ew. Majeſtät ſprechen im Ernſt? rief Hardenberg freudig. Sie wollen in der That, ſobald Sie die Gefahr, welche Sie hier bedroht, erkannt haben, Berlin verlaſſen und ſich den Herren Franzoſen ent⸗ ziehen? Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort darauf, ſagte der König feierlich. Und nun genug für heute. Wir bedürfen wohl Beide einiger Stunden der Ruhe. Im Laufe des Vormittags will ich dann den Brief ſchrei⸗ ben, mit welchem Hatzfeld nach Paris gehen ſoll. Gute Nacht, Herr Staatskanzler!— Jetzt nach Hauſe, und zwar ſo raſch, als Deine Pferde laufen können, rief Hardenberg ſeinem Kutſcher zu, als er in den Wagen ſtieg. Dann werden wir alſo in fünf Minuten dort ſein, brummte der Kutſcher, indem er auf die Pferde einhieb, daß ſie in brauſendem Galopp davonjagten. Genau nach fünf Minuten hielt der Wagen vor dem Hötel des Staatskanzler, und ein junger, elegant gekleideter Mann öffnete, haſtig die Lakaien zurückdrängend, den Schlag des Wagens. Ach, Sie ſelbſt, mein lieber Richard? ſagte Hardenberg erſtaunt. Weshalb ſind Sie noch nicht zur Ruhe gegangen? Weil ich keine Ruhe finden konnte, ſo lange Excellenz nicht daheim 216 waren, ſagte der junge Mann, indem er dem Miniſter beim Ausſteigen behülflich war. Es iſt faſt vier Uhr, das ganze Haus war ſchon in Sorge und Furcht. Und was fürchtetet Ihr denn, Ihr guten Thoren? fragte Harden⸗ berg lächelnd, während er die Treppe hinaufſchritt. Wir fürchteten, daß Ihre Feinde vielleicht Mittel und Wege ge⸗ funden, Sie heimlich zu entfernen, daß die Herren Franzoſen ſich auf ſolche bequeme Weiſe des gefährlichſten und mächtigſten ihrer Gegner entledigt hätten. Ach, Ihr großen Kinder Ihr, rief Hardenberg lachend. Wie konntet Ihr uur ſo unſinnige Furcht haben, da ich doch in Frieden und Freundſchaft bei dem franzöſiſchen Marſchall zu Nacht ſpeiſte. Eben deshalb, Excellenz, ſagte Herr Richard lächelnd. Man weiß wohl, wie man in eine Mauſefalle hinein kommt, aber man weiß nicht, ob man wieder heraus kommen kann. Ein wahrhaft paniſcher Schrecken herrſchte unter der ganzen Dienerſchaft, und die Leute waren alles Ernſtes ſchon geſonnen, ſich zu bewaffnen, nach dem Hötel des Marſchalls Augereau zu gehen und Ew. Excellenz mit Gewalt zu befreien. So bin ich alſo durch einen glücklichen Zufall einem großen dicule entgangen, ſagte Hardenberg ernſt. Ein Miniſter, der von Ni⸗ ſeiner Dienerſchaft nach Hauſe geholt wird, weil er ſich unterſteht, ein wenig ſpät auszubleiben! Welch ein allerliebſtes Luſtſpiel das wäre! Ich bitte Sie, gütigſt meinen Leuten zu ſagen, daß ihre Furcht ſehr chöricht war. Es herrſcht die größte Einigkeit zwiſchen mir und den franzöſiſchen Herren, und niemals iſt das Einvernehmen zwiſchen Frankreich und Preußen inniger geweſen, als eben jetzt! Das ſollen ſich meine Leute ein für alle Mal geſagt ſein laſſen und keine Thor⸗ heiten begehen. Er hatte das abſichtlich ſo laut geſagt, daß die beiden Kammer⸗ diener, die ihm mit den Lichtern voranſchritten, und die beiden Lakaien, welche ihm folgten, jedes Wort verſtanden und gehört hatten. Harden berg wußte daher, daß eine Viertelſtunde ſpäter ſeine ſämmtliche Diener⸗ ſchaft und am andern Tage ganz Berlin vou der neuen entente corditale Preußens mit ereicht haben Ew. Ere al der Mini unter zu gehe Nein, m Sie einn * D wir noch eine men Sie! Die Di und das Zin einen ernſten ſeinem Gehe bietend, eilte Zeilen nitder. Richard, Haupt nach heinnißvolle Der jun nit einem fre und drückte e Ach, ſo ſcöne Mide Dieſe 9 meines Beſt Hand des] zweiflung e ließ, und Fſicht über ſeie Exiſter Reden Sagen Sie Unausſ de Eupbe m Ausſteigen var ſchon in agte Harden⸗ d Wege ge⸗ oſen ſich auf hrer Gegner achend. Wie n Frieden und eiſte. helnd. Man er man weiß aft paniſcher Leute waren m Hötel des Gewalt zu großen Jel „ del von nterſteht, ein das wäre! Furcht ſehr mir und dell men zwiſchen Das ſollen d keine Thor⸗ idel Kammel⸗ eiden Lalaien, ten. Horden⸗ lihe Diene⸗ ute cordiale 217 Preußens mit Frankreich unterrichtet ſein und daß er ſomit ſeinen Zweck erreicht haben würde. Ew. Excellenz begeben ſich noch nicht zur Ruhe? fragte Richard, als der Miniſter, ſtatt den Corridor bis zu ſeinem Schlafgemach hin⸗ unter zu gehen, jetzt vor der Thür ſeines Arbeitszimmers ſtehen blieb. Nein, mein Herr Geheimſecretair, ſagte Hardenberg lächelnd. Da Sie einmal noch wach und ſo überaus munter ſind, ſo wollen wir noch eine kleine geſchäftliche Conferenz mit einander halten. Kom⸗ men Sie! Die Diener hatten kaum die Lichter auf den Tiſch niedergeſetzt und das Zimmer verlaſſen, als das Antlitz des Staatskanzlers plötzlich einen ernſten, geſpannten Ausdruck annahm. Mit ungeſtümer Haſt ſeinem Geheimſecretair mit einem Wink ſeiner Hand Schweigen ge⸗ bietend, eilte er zu ſeinem Schreibtiſch hin und ſchrieb raſch einige Zeilen nieder. Richard, ſagte er dann, die Feder bei Seite werfend und das Haupt nach dem jungen Mann hinwendend, der erſtaunt ſeinem ge⸗ heimnißvollen Weſen zugeſchaut hatte, Richard, kommen Sie hierher! Der junge Mann eilte zu ihm hin, und als Hardenberg ihm jetzt mit einem freundlichen Lächeln ſeine Hand darreichte, neigte ſich Richard und drückte einen innigen Kuß auf dieſe Hand. Ach, ſo heiße und glühende Lippen, wie die Ihrigen, ſollten nur ſchöne Mädchen küſſen, ſagte Hardenberg lächelnd. Dieſe Lippen küſſen aber lieber die Hand meines Wohlthäters, meines Beſchützers, rief der junge Mann leidenſchaftlich, die gütige Hand des Mannes, der mich der Armuth, dem Elend und der Ver⸗ zweiflung entzogen hat, der mich ernähren, erziehen und unterrichten ließ, und der, bis ich ſelber durch ſeine lieberale Güte dieſe heilige Pflicht übernehmen konnte, meiner armen kranken Mutter eine ſorgen⸗ freie Exiſtenz ſicherte. Reden wir nicht von dieſen Bagatellen, ſagte Hardenberg leichthin. Sagen Sie mir: lieben Sie mich ein wenig? Unausſprechlich, Excellenz, mit der Zärtlichkeit eines Sohnes, mit der Ergebenheit und Treue eines Dieners. —— —— —==—— 218 Wollen Sie mir einen Beweis davon geben? Ja, Excellenz, und forderten Sie mein Herzblut, ich würde es mit Freuden hingeben! Hören Sie alſo! Sie müſſen in fünf Minuten ein Pferd beſteigen und in raſendem Galopp Tag und Nacht reiten, bis Sie das ruſſiſche Lager erreicht haben! Ich werde in drei Tagen dort ſein, ſagte Richard einfach, nur werde ich mein Pferd zu Tode reiten. Ich gebe Ihnen zwei dafür wieder, wenn Sie vor dem Major von Natzmer beim Grafen Witgenſtein, dem commandirenden General der ruſſiſchen Armee, anlangen. Hat Natzmer ſchon Berlin verlaſſen? Ja, ſeit einer Stunde vielleicht, und Sie wiſſen, daß er für den tollkühnſten Reiter unter allen Officieren gilt. Er hat überdies einen Vortheil vor Ihnen voraus. Er reitet durch das franzöſiſche Lager und von dort in das hinter demſelben befindliche ruſſiſche. Sie aber müſſen das franzöſiſche Lager umgehen und ſich über Gumbinnen un⸗ bemerkt von den Franzoſen zu der ruſſiſchen Armee begeben. Aber, wie geſagt, die Hauptſache iſt, daß Sie vor dem Major von Natzmer dort eintreffen! Ich werde vor ihm dort ſein. Ich bin, wie Excellenz wiſſen, viel in Königsberg und der Umgegend geweſen, ich kenne alle Schleich⸗ und Richtwege, ich bin auch ein guter Reiter. Ich weiß es. Ich nehme alſo an, daß Sie vor Natzmer beim General Witgenſtein anlangen. Sie werden aber Niemand ſagen, daß ich es bin, der Sie ſendet. Es iſt Ihre Aufgabe, Mittel und Wege ausfindig zu machen, un ihn ohne Zeugen zu ſprechen. Aber halt, ich werde Ihnen doch einen Geleitsbrief mitgeben. Hier dieſer Ring! Der General kennt ihn, er hat ihn oft an meinem Finger geſehen, und er kennt mein Wappen. Senden Sie ihm durch ſeinen Adjutanten dieſen Ring und er wird Sie annehmen. Er wird mich annehmen, und müßte ich die Schildwachen vor ſeiner Thür niederſchießen, um bis zu ihm zu gelangen. Sobald Sie dem General gegenüberſtehen, werden Sie ihm dieſes Priefchen, d und dann w Er reic ſagte er. Der ju Major von die Erlaubn Generl o wiligen un Hoffnungen vemichtet. Chef verble die Hoffnun Fönig hand Zuſtände he in den Hin Jetzt ſagte Hard uf den Fe oder mane den Inhalt Ich w tönnen, de uchs zut Sie dem Payi werden ih und des! König ge werden, v er einen 2 — Ei, ſicungen! Se ſich würde es mit ferd beſteigen das ruſſiſche einfach, nur dem Major nden General ß er für den berdies einen öſiſche Lager e. Sie aber umbinnen un⸗ geben. Aber, von Natzmer wiſſen, viel Schleich⸗ und Natzmer beim nd ſogen, daß ttel und Wege Aber hat ich ſer Jing! Der eſehen, und er dieſen jutanten dwachen vor Fie ihm dieſes 219 Briefchen, das ich da eben geſchrieben habe, überreichen. Leſen Sie es, und dann werde ich adreſſiren und ſiegeln. Er reichte dem jungen Mann das Papier hin. Leſen Sie laut! ſagte er. Der junge Mann las:„In einer oder einigen Stunden wird der Major von Natzmer bei Ew. Excellenz anlangen, um von Ew. Excellenz die Erlaubniß zu erhalten, ſich durch das ruſſiſche Lager hindurch zum General York begeben zu dürfen. Wenn Ew. Excellenz ihm das be⸗ willigen und ihn dahin gehen laſſen, ſo iſt Alles verloren und alle Hoffnungen der preußiſchen Patrioten ſind dann auf Einen Schlag vernichtet. Nur wenn York ſeinen für ihn begeiſterten Truppen als Chef verbleibt, wenn das ganze Volk und das ganze Armeecorps daraus die Hoffnung ſchöpfen darf, daß York im Einvernehmen mit ſeinem König handelte, nur dann läßt ſich auf eine nahe Aenderung unſerer Zuſtände hoffen. Das Schickſal und die Zukunft Preußens liegt ſomit in den Händen des edlen Generals von Witgenſtein.“ Jetzt leſen Sie den Brief noch zwei Mal leiſe für ſich ſelber, ſagte Hardenberg, damit Sie ihn Ihrem Gedächtniſſe einprägen. Denn auf den Fall, daß Sie durch irgend einen Zufall den Brief verlören oder man Ihnen denſelben entwendete, müſſen Sie Witgenſtein mündlich den Inhalt meines Briefes wiederholen. Ich werde ihn nicht verlieren und Niemand wird ihn mir entwenden können, denn ich werde ihn auf meinem Herzen tragen. Ich habe weiter nichts zu thun, als dieſen Brief zu übergeben? Sie haben dem General noch einige Worte zu ſagen, die ich nicht dem Papier, ſondern nur Ihrem Gedächtniß anzuvertrauen wage. Sie werden ihm ſagen:„Alles iſt vorbereitet, und die Zeit des Hinwartens und des Zauderns geht zu Ende. In einigen Tagen ſchon wird der König Berlin, wo er in Gefahr war, von den Franzoſen verhaftet zu werden, verlaſſen und ſich nach Breslau begeben. Von dort aus wird er einen Aufruf an ſein Volk erlaſſen und es zu den Waffen rufen.“ — Still, junger Mann, ſtill, keine frendigen Ausrufungen, keine Ent⸗ zückungen! Sie müſſen zu Pferde! Es iſt die höchſte Zeit! Hüten Sie ſich vor den Kugeln der Franzoſen und den Diebeshänden der 220 Ruſſen. Sie müſſen vor Natzmer bei Witgenſtein ankommen, vergeſſen Sie das nicht. Ich werde vor ihm ankommen! Leben Sie wohl, Excellenz! Leben Sie wohl, mein junger Freund. Ich werde alſo mindeſtens acht Tage lang Ihr liebes und ſchönes Geſicht mich nicht Morgens in meinem Arbeitszimmer begrüßen ſehen. Sie müſſen mir eine Entſchä⸗ digung dafür geben! Was für eine denn, Excellenz? Sie müſſen mich umarmen, mein junger Freund, rief Hardenberg, indem er dem jungen Mann ſeine Arme entgegenſtreckte. Oh, wie gütig, wie großmüthig Sie ſind! rief Richard, den Mi⸗ niſter feſt umſchlingend und dann mit ehrfurchtsvoller Liebe ſeine Schul tern und ſeine Hände küſſend. Jetzt, Excellenz, ſagte er dann, ſich raſch erhebend, jetzt bin ich bereit, allen Todesgefahren und allen Kugeln zu trotzen! Leben Sie wohl! Er winkte noch einmal raſch mit der Hand und verließ dann das Gemach. Er wird vor Natzmer ankommen, ſagte Hardenberg ihm nach⸗ blickend, es iſt ein Pfeil der Liebe, den ich abgeſchoſſen, und er wird ſein Ziel nicht verfehlen! Und jetzt wollen wir einmal ſehen, wie es mit dieſem andern Pfeil der Liebe iſt, den mes chers amis mes ennemis auf mich abſchießen möchten! Er klingelte heftig. Conrad, ſein alter langjähriger Kammerdiener, trat ein. Kein Briefchen für mich angekommen, Conrad? fragte Hardenberg. Doch, Excellenz, ſagte Conrad leiſe und ängſtlich. Zwei Briefe, Excellenz. Gieb her! rief Hardenberg. Conrad warf einen forſchenden Blick durch das Zimmer, dann zog er haſtig zwei zierlich gefaltete kleine Briefe aus ſeinem Buſen hervor und reichte ſie dem Miniſter hin. Sie war ſelbſt hier, flüſterte er, und ſie ſchien ſehr traurig, daß ſie Ew. Excellenz nicht antraf, auch wollte ſie es anfangs gar nicht glauben. Erſt als ich ihr ſchwur, es ſei die Wahrheit, da gab ſie mir tin erſen 8 den zweiten 2 Aber we fige Hude vſect hat Das ebe lönnten Ohre Er deute Ah, wir Gemahlin, wach iſt un horchen könn Die Fra ſagte Conrad Es iſt ziebt ihr ta haben ſie mi gemacht. S daß ſi meine trägt,— im nicht hinden nen der Fre ch gla Miiſtrin e daß ich die Voher Daher noch zu ſic Hauſe käme ich Beides guben und i haſſen. Das ſw Hunde n, bergeſſen cellenz! mindeſtens MWnrasnä Morgens iu ine Entſchä⸗ ſeine Schul ſetzt bin ich en Sie wohl! dann das ihm nach⸗ r wird ſein es mit Hardenberg. Zwei Briefe, „ dann 309 guſen heror nautig/ daß s gar nicht gab ſie m 221 den erſten Brief. Nachher kam ſie noch einmal wieder und brachte den zweiten Brief. Aber weshalb ſagſt Du das Alles ſo geheimnißvoll, ſo ängſtlich? fragte Hardenberg lächelnd. Fürchteſt Du etwa, daß ſich hier Jemand verſteckt hat und uns behorcht? Das eben nicht, Excellenz, flüſterte Conrad, aber— die Wände könnten Ohren haben! Er deutete verſtohlen mit der Hand nach der Decke des Zimmers. Ah, wir befinden uns hier unter dem Schlafzimmer meiner Frau Gemahlin, ſagte Hardenberg lachend. Du fürchteſt, daß ſie noch wach iſt und uns durch den Fußboden ihres Zimmers hindurch be⸗ horchen könnte? Die Frau Staatskanzlerin ſieht Alles, hört Alles und erräth Alles, ſagte Conrad mit dem Ausdruck des Entſetzens⸗ Es iſt wahr, murmelte Hardenberg vor ſich hin, ihre Eiferſucht giebt ihr tauſend Augen, und die Erfahrungen ihres eigenen Lebens haben ſie mit den Ränken, Intriguen und Bosheiten aller Art vertraut gemacht. Sie hat es durch dieſe Ränke und Intriguen dahin gebracht, daß ſie meine Gemahlin geworden iſt und vor der Welt meinen Namen trägt,— immerhin, ich fürchte ihre Argusaugen nicht, und ſie ſoll mich nicht hindern, meine eigenen Wege zu gehen und mir mit einigen Blu⸗ men der Freude meine öde Häuslichkeit auszuputzen. Ich glaube und fürchte, Excellenz, flüſterte Conrad, daß die Frau Miniſterin es auch gemerkt hat, daß das junge Mädchen hier war und daß ich die Briefe von ihr angenommen habe. Woher vermutheſt Du das? Daher, daß die Frau Miniſterin mich heute Abend gegen elf Uhr noch zu ſich rufen ließ, um mich zu fragen, wann Ew. Excellenz zu Hauſe kämen und wohin ſie gefahren ſeien, und als ich verſicherte, daß ich Beides nicht wiſſe, mir mit eigenen hohen Händen eine Ohrfeige gaben und mir androheten, mich nächſtens aus dem Hauſe werfen zu laſſen. Das ſind allerdings triftige Gründe für Deine Vermuthungen, ſagte Hardenberg lächelnd. Aber beruhige Dich nur. Vor dem Hinaus⸗ —— werfen werde ich Dich zu ſchützen wiſſen, und was die Ohrfeige anbe⸗ trifft, ſo iſt es keine Beleidigung, ſeine Wangen von den weichen Händchen einer Dame, wenn auch auf etwas unſanfte Weiſe, ſtreicheln zu laſſen. Sonſt weiter keine Beſtellungen? Doch, Excellenz, der Arzt der jungen Dame war noch ſpät Abends hier, um zu vermelden, daß dieſelbe wieder in ihren Schlaf verfallen ſei, und daß ſie vor dem Einſchlafen verkündigt habe, ſie werde morgen früh um acht Uhr hellſehend ſein. Um acht Uhr! rief Hardenberg lebhaft. Du hörſt es, Conrad, um acht Uhr muß ich alſo dort ſein. Das heißt, Du mußt mich um ſieben Uhr wecken! Aber, Excellenz, das heißt, Sie werden dann kaum zwei Stunden geſchlafen haben, rief Conrad traurig. Mein alter Freund, ſagte Hardenberg, werden wir nicht da unten im Grabe Zeit genug haben, zu ſchlafen? Laß uns hier alſo ſo lange als möglich wachen und den Augenblick genießen. Um ſieben Uhr alſo weckſt Du mich! Und jetzt komm und hilf mir zu Bette gehen! Eine Viertelſtunde ſpäter lag Hardenberg in ſeinem Bett. Ein zierliches Tiſchchen mit einer in goldener Schale brennenden Nachtlampe ſtand vor demſelben. Bei dem Schein dieſer Nachtlampe las der Staatskanzler die beiden Briefchen, welche Conrad ihm gegeben. Liebesſchwüre! flüſterte er, ſie alsdann lächelnd zuſammenfaltend. Liebesſchwüre, das heißt Betrügereien. Aber man muß geſtehen, daß dieſer Liebespfeil, den mes chers amis mes ennemis auf mich abgedrückt haben, wenigſtens ſchön befiedert und ſehr anlockend iſt. Morgen früh um acht Uhr alſo! Nun, wir werden ja ſehen, ob es mir nicht vielleicht gelingen könnte, meinen feindlichen Freunden ein Paroli zu biegen und den Pfeil auf ſie ſelber loszudrücken. Seit ein viel mit den von der neu ſeine Kranken viel Romanti Putienten de Minute lang tüienten fühlte Schnerzen v dliches Gej ihren Körper. Hürde zue Male über des Leidenden uf diſe Ly und Klagelau leten ſich m diſſen ſteche Püenen in derſelben ſe Mmnilig v ſchmerzende angſtvoll al lugn, we geruht, ſchl nifign A huden, der iihn hatt Fuili rfeige anbe⸗ en weichen e, ſtreicheln ſpät Abends af verfallen de morgen Lonrad, um ch um ſieben vei Stunden ht da unten ſo ſo lange en Uhr alſo gehen! Bett. Ein Nachtlampe anzler die flüſterte e cht Uhr alſo! ingen könnte, den Pfeil aul Die Somnambule. Seit einiger Zeit beſchäftigte man ſich in der Berliner Geſellſchaft viel mit dem Doctor Binder, und erzählte ſich wunderbare Geſchichten von der neuen Curmethode dieſes ſeltſamen Arztes. Er behandelte ſeine Kranken auf eine ganz neue Art, und in einer Weiſe, die ſehr viel Romantiſches und Zauberhaftes hatte. Er fühlte weder ſeinen Patienten den Puls, noch prüfte er ihre Zunge; er ſah ſie nur eine Minute lang an mit ſeinen düſtern, flammenden Blicken, und die Pa⸗ tienten fühlten ſich dann ſofort wie gebannt von ſeinem Blick, ihre Schmerzen verſtummten, ihr Blut brannte minder heiß, und ein un⸗ endliches Gefühl von Wohlbehagen ergoß ſich einen Moment durch ihren Körper. Wenn der Doctor das ſah, ſo pflegte er ſeine beiden Hände zu erheben, und mit der inneren Fläche derſelben leiſe einige Male über das Antlitz des Kranken hinzufahren. Dann rötheten ſich des Leidenden Wangen, dann trat ein ſeltenes, lang vergeſſenes Lächeln auf dieſe Uppen, welche ſich ſo lange nur zu Gebeten oder Seufzern und Klagelauten geöffnet hatten, die matten Blicke erglühten, und rich⸗ teten ſich mit ſtrahlendem Ausdruck auf das Geſicht des Doctors, deſſen ſtechende und unverwandte Blicke ſich durch das Antlitz ſeines Patienten in ſeine Seele hineinzubohren ſchienen, um auf dem Grunde derſelben ſeine geheimſten Gedanken und Beziehungen zu errathen. Allmälig dann ergoß ſich ein ſüßer Friede über den Kranken, die ſchmerzenden Glieder dehnten ſich, die Hände, die krampfhaft und angſtvoll auf der Bettdecke umher geſucht, falteten ſich in einander, die Augen, welche unverwandt auf dem Antlitz des wunderbaren Arztes geruht, ſchloſſen ſich allgemach, und bald verkündeten die langen, regel⸗ mäßigen Athemzüge des Kranken, daß er endlich den Schlummer ge⸗ funden, den er in ſeinen Schmerzen ſo lange vergeblich geſucht und erſehnt hatte. Freilich folgte dieſem Schlummer auch nach einiger Zeit immer 224 wieder das Erwachen, und damit auch die Erneuerung der Schmerzen, freilich war das Ende dieſes Schlummers oft von krampfartigen Zuckungen, von einem unendlichen Wehegefühl, von tiefer Traurigkeit begleitet, aber der Doctor Binder war da, um mit ſeinen Augen die Schmerzen zur Ruhe zu zaubern, und mit dem Auflegen ſeiner Hände die zuckenden Glieder zu beruhigen, die hervorſtürzenden Thränen zu hemmen und auf's Neue den ſüßen, erquicklichen Schlaf hervorzurufen. Dieſes Hervorzaubern des Schlafes, dieſes Händeauflegen und Anſchauen, das waren die einzigen Medicamente, welche der Doctor ſeinen Patienten gab, und mit denen er ſie von ihren Leiden und Krankheiten zu heilen verſtand. Man erzählte ſich von den wunder⸗ barſten Heilungen, die er zu Stande gebracht, von Blindgebornen, die durch ihn ſehend geworden, von. Taubſtummen, denen er nach einigen Tagen ſchon die Sprache und das Gehör wieder gegeben, von Lah⸗ men, die plötzlich, ſo wie ſie von des Doctors Händen berührt worden, ihre Krücken fortgeworfen, und frei und leicht umhergewandelt waren. Am meiſten aber erzählte man ſich von einem jungen Mädchen, das ſeit einiger Zeit ſich in der Kur des Doctors Binder befand. Sie war aus der Ferne gekommen, um bei dem berühmten Arzt und Schüler Mesmer's Heilung zu ſuchen. Eine große Erkältung hatte bei ihr eine vollſtändige Lähmung aller ihrer Glieder zur Folge ge⸗ habt, ſie hatte weder die Füße, noch die Hände bewegen können; ſtarr, unbeweglich und ſtumm hatte ſie wie ein lebendiges Marmor⸗ bild auf ihrem Lager Monden lang gelegen. In der Angſt ihres Herzens hatten ihre Eltern ſich endlich an den Wunderdoctor Binder gewandt, um von ihm Heilung des unglücklichen jungen Mädchens zu erlangen. Doctor Binder hatte ſie in ſein Haus aufgenommen. Er hatte alle Aerzte Berlins öffentlich eingeladen, ſeine Kranke zu beſuchen, um ihren Zuſtand zu prüfen, und ſich von der Wirkſamkeit ſeiner Kur zu überzengen. Er hatte auch das große Publikum der Laien aufgefor⸗ dert, den Verlauf dieſer Kur zu folgen, und in den Stunden, in wel⸗ chen er ſeine Kranke in Schlaf verſenke, in ſein Haus zu kommen. Die Aerzte hatten ſich in vornehmer Geringſchätzung des ungelehrten Punderdocte gedachte ſen Lien gekom Und di wie die ben ſtart und ſte regen begon die rechte H dann allgem und wie end junge Mide von ihrem Zimner au lauten Aufſ dern zittern jedoch war Antlitz verb angefangen imen Aug ſchliſen, u ihren ippe Dieſer tgelnüßige ufal gefol Du ſeltſanen ihrer Vem und der e underer F ihrem hell ſhüftgt, der Stnat Es n Uufnethſ Mihlint Schmerzen, ampfartigen Traurigkeit Augen die einer Hände Thränen zu worzurufen en wunder bornen, die ach einigen von Lah⸗ hrt worden, delt waren. n Mädchen, der befand. n Arzt und iltung hatte Folge ge⸗ en können 3 Mormor⸗ Angſt ihtes ctot Binder Mädchens zu n. Er hatte beſuchen um ſeiner Kur zu nen aufgefor⸗ den, in wel n fommen mnglehrin 225 Wunderdoctors, der ohne Salben und Mirturen Krankheiten zu heilen gedachte, fern gehalten, aber deſto hereitwilliger war das Publikum der Laien gekommen, um dem Gang der Kur zu folgen. Und dieſes Publikum hatte die Genugthuung gehabt, zu ſehen, wie die bewegungsloſe Geſtalt des jungen Mädchens, die anfangs ſtarr und ſteif wie ein Marmorbild da gelegen, nach und nach ſich zu regen begonnen. Es war Zeuge geweſen, wie ſie nach wenigen Tagen die rechte Hand, dann nach einiger Zeit den rechten Fuß gehoben, wie dann allgemach Leben und Bewegung in alle ihre Glieder gekommen, und wie endlich in einer großen und wahrhaft feierlichen Stunde das junge Mädchen auf den laut ausgeſprochenen Befehl des Doctors ſich von ihrem Lager erhoben hatte, und mit feſten, ſichern Schritten im Zimmer auf⸗ und abgegangen war. Dann freilich war ſie mit einem lauten Aufſchrei zu des Doctors Füßen niedergeſtürzt, an allen Glie⸗ dern zitternd und zuckend wie in einem innern Krampf. Allmählig jedoch war ſie ruhiger geworden, ein milder Friede hatte ſich über ihr Antlitz verbreitet, und wie in frendiger Begeiſterung hatte ſie zu ſprechen angefangen, hatte ſie erzählt von der Wunderwelt, die ſie mit ihren innern Augen ſchaue, von den Geſichten, die ihrer Seele ſich er⸗ ſchlöſſen, und wunderbare Prophezeihungen und Orakel waren von ihren Lippen geflüſtert worden. Dieſer Zuſtand hatte ſich ſeitdem täglich wiederholt, und war mit regelmäßiger Beſtimmtheit jedesmal einer„Kriſis“ oder einem Krampf⸗ anfall gefolgt. Das junge Mädchen war Somnambule geworden, und in einem ſeltſamen Spiel des Zufalls hatte ſie, die bis dahin nach der Ausſage ihrer Verwandten ſich niemals um Politik und Staatskunde bekümmert, und der es ganz gleichgültig geſchienen, ob Napoleon oder irgend ein anderer Fürſt über Deutſchland und die Welt herrſche, ſich plötzlich in ihrem hellſehenden Zuſtand nur mit öffentlichen Angelegenheiten be⸗ ſchäftigt, und war gewiſſermaßen als eine Prophetin der Politik und der Staaten erſchienen. Es war daher ſehr natürlich, daß dieſes Phänomen ſelbſt die Aufmerkſamkeit der Staatsmänner erregt hatte, und daß auch ſie hin⸗ Mühlbach, Napoleon. III. Bd. 15 gegangen waren, um die Somnambule in ihrer politiſchen Extaſe zu ſehen, und ſich mit ihr in Rapport zu ſetzen, um ihr Fragen politiſcher Art vorzulegen, welche die Hellſehende immer mit dem richtigſten Tact und mit der tiefſten Einſicht in die Staatenverhältniſſe beantwortete. Zu Denen, welche ſich für die junge Somnambule intereſſirten und ſie zu beſuchen kamen, gehörte auch der Staatskanzler, Miniſter von Hardenberg. Anfangs hatte ihn die Neugierde hingeführt, dann hatten ihn die ebenſo klugen und pikanten Bemerkungen der Somnam⸗ bule frappirt und ſtutzig gemacht, und endlich war er regelmäßig ge⸗ kommen. In letzter Zeit war auf ſeinen Wunſch das Zimmer der wunderbaren Kranken während der Kriſen und des hellſehenden Zu⸗ ſtandes allen andern Beſuchern geſchloſſen geweſen, und nur der Staatskanzler und der Arzt hatten Zutritt zu demſelben gehabt. Die junge Kranke, welche jedesmal in ihrem hellſehenden Zuſtande zu verkünden pflegte, zu welcher Zeit und Stunde ſie am nächſten Tage in dieſen Zuſtand verfallen werde, ſie hatte für den heutigen Tag prophezeiht, daß ſie Morgens acht Uhr aus ihrem magnetiſchen Schlaf erwachen und in dem Stadium des Hellſehens ſich befinden werde. Dieſe Stunde war noch nicht gekommen; die Uhr, welche da in ihrem Zimmer auf der Kommode unter dem Spiegel ſtand, zeigte, daß noch faſt zehn Minuten an der feſtgeſetzten Zeit fehlten. Es herrſchte daher noch eine tiefe Stille in dem Zimmer der jungen Kranken. Der Arzt ſaß auf dem hochlehnigen Seſſel neben ihrem Lager und hatte ſeine Augen auf ein Buch geheftet, in welchem er las, und das die Geſchichte und Offenbarungen Swedenborg's, des großen ſchwediſchen Geiſterſehers, enthielt. Von Zeit zu Zeit indeß wandte er ſeine großen, leuchtenden Augen auf das junge Mädchen hin und ſchien mit prüfendem Blick ihren Schlummer zu überwachen. Die Kranke lag ſtarr und unbeweglich da. Ein weißes, zierliches Negligé umhüllte ihre ſchlanke Geſtalt, die frei, und von keiner Decke umhüllt, auf dem Lager ſich ausgeſtreckt hatte. Die weißen, edel geformten Hände waren auf der Bruſt gefaltet, das Haupt war ſeit⸗ wärts zurückgeworfen auf ein Kiſſen von purpurrother Seide, das wunderbar contraſtirte zu dem bleichen Angeſicht und dem ſchwarzen hunr welches Seite ihrer bl Die Krat da. Plötlich achte Stunde nach det htan Dos jun zu einem lang In dieſet Rollen eines tünſch, der T Die Kin tete es wie ei ſi mit einer herauftommen. und überwach geſchlafen. 2 ſſt mir wohl, In der! Stuntslunler Hand hatte e liſe uf den Die Kra mit du Pin ſie Harde nbet ſie: Mun D er ausſieht ſonſt zu rrlicht auf * wei St nüſen, daſ e hiyſten M Drr Dieſr n Ertaſe zu politiſcher richtigſten antwortete. ner det habt. Zuſtande n nächſten n heutigen agnetiſchen gle, 227 Haar, welches in einzelnen langen Flechten, Schlangen gleich, ſich zur Seite ihrer bleichen Wangen niederringelte. Die Kranke, wie geſagt, lag noch immer ſtarr und unbeweglich da. Plötzlich begann die Uhr mit langſamen, ſchrillenden Klängen die achte Stunde anzuſchlagen. Der Doctor warf einen Blick hinüber nach der Kranken, und machte dann langſam ſein Buch zu. Das junge Mädchen begann ſich zu regen und öffnete ihre Lippen zu einem langen, ſchmerzlichen Seufzer. In dieſem Augenblick vernahm man von der Straße her das Rollen eines Wagens. Dann auf einmal verſtummte auch das Ge⸗ räuſch, der Wagen ſchien vor dem Hauſe anzuhalten. Die Kranke bebte in ſich zuſammen, und auf ihrem Antlitz leuch⸗ tete es wie ein Strahl der Freude auf. Er kommt! er kommt! ſagte ſie mit einer tiefen melodiſchen Stimme. Ich ſehe ihn die Treppe heraufkommen. Er iſt bleich und angegriffen, ſeine Augen ſind trübe und überwacht, das macht, er hat dieſe Nacht nur wenige Stunden geſchlafen. Die Staatsgeſchäfte haben ihn wach gehalten.— Oh, jetzt iſt mir wohl, ſo wohl, denn da iſt Er! In der That, die Thür hatte ſich eben leiſe geöffnet und der Staatskanzler war vorſichtig eingetreten. Mit einem raſchen Wink der Hand hatte er den Doctor bedeutet, ihm nicht entgegenzukommen, und leiſe auf den Zehen war er jetzt zu dem Lager hingetreten. Die Kranke hatte ihre Stellung nicht verändert, ſie hatte nicht mit den Wimpern gezuckt, nicht die Augen geöffnet, und dennoch ſchien ſie Hardenberg zu ſehen, denn mit trauriger, zitternder Stimme ſagte ſie: Nun, Doctor, hatte ich nicht Recht? Sehen Sie nur, wie bleich er ausſieht, und wie das ſchöne und ſüße Lächeln, mit welchem er ſonſt zu kommen pflegte, heute nur wie ein armes, erlöſchendes, kleines Irrlicht auf ſeinen Lippen tanzt. Aber ich ſagte es Ihnen ja, er hat nur zwei Stunden geſchlafen, er hat ſo lange Staatsminiſter ſein müſſen, daß er kaum zwei Stunden Zeit finden konnte, um den armen erſchöpften Menſchen zu ruhen. Der Arzt warf einen fragenden Blick auf den Staatskanzler. Dieſer nickte lächelnd und zuſtimmend mit dem Kopf. 228 Sie haben Recht, Friederike, ſagte er, ich war geſtern den ganzen Tag Staatsminiſter. Nein, nein, rief ſie lebhaft, nicht immer. Beim Beginn des Sou⸗ pers beim Marſchall Augereau waren Sie heiter und es war Ihnen gelungen, die ſchwerfälligen Geſchäfte auf einige Zeit zu vergeſſen, und wäre da nicht der Secretair des Grafen St. Marſan gekommen und hätte die Depeſchen gebracht, ſo würden Sie Ihren Faſanenflügel mit gutem Appetit und in heiterſter Stimmung verzehrt haben. Das Antlitz des Miniſters nahm den Ausdruck des Erſtaunens, faſt des Schreckens an. Ach, rief er lebhaft, es ſcheint, Sie waren bei dieſem Souper gegenwärtig? Gewiß war ich dabei, ſagte ſie, denn meine Seele geht immer mit Ihnen, und meine Seele iſt das Auge meines Körpers. Ich ſehe daher Alles, was Sie thun, und ich kenne alle Ihre Gedanken. Nun denn, ſagte Hardenberg lächelnd, ſo erzählen Sie mir ein mal, was Sie geſtern Abend geſehen haben. Blicken Sie rückwärts, Friederike, und erzählen Sie mir, wo ich während dieſer Nacht geweſen und was ich gethan. Sie zweifeln alſo an mir? fragte ſie ſchmerzlich. Sie wollen mich prüfen, um zu ſehen, ob ich es vermag, Ihnen die 2 gahrheit zu ſagen? Und doch wiſſen Sie, daß es meine Augen ſchmerzt, rückwärts zu blicken, und daß mein Geiſt mit leichterem Flug ſich in die Zukunft aufſchwingt, als ſich in die Vergangenheit hinabſenkt. Thun Sie es dennoch, Friederike, ſagte Hardenberg gebieteriſch. Ich will es! Er legte ſeine Hand auf ihren Arm, und ſie zuckte bei dieſer Be⸗ rührung zuſammen, wie von einem electriſchen Schlage getroffen. Ich gehorche, flüſterte ſie in demüthigem Ton. Ich ſehe Sie an der Tafel des Marſchalls Augereau ſitzen. Sie ſind heiter und ver⸗ gnügt, Sie ſagen dem Marſchall ſo eben, daß die Verlobung des Kronprinzen mit der Napoleoniſchen Prinzeſſin nun bald geſchloſſen werden ſolle, der Graf Narbonne klagt dann über die politiſchen Ge⸗ ſpräche, mit welchen Sie ihm das Souper allzu pikant würzen, da kommen die Depeſchen und ſtören Sie in Ihrer Heiterkeit. Von we Bom M St. Marſan Kennen Ich ke York— Stil, für jett iſ Nnqt getha Nachde nittheilte, Nachrichten als ein Cor peſchen brac Grafen St. dem Körig St Marſ nigs nit. eilten zun den der Ki ſchiten wol lange Unte Mit Die( ſagte ſe, dij Ach Conrad. Ihnen zw den garzen n des Sou⸗ war Ihnen geſſen, und ommen und nflügel mit Etſtaunens, Sie waren geht immer Ich ſehe mken. ie mir ein e rücwärts, acht geweſen Sie wollen Wahrheit zu t rückwärts die Zukunft gebieteriſch Ro⸗ ei diſer e getroffen⸗ ehe Sie an eht*— und vet⸗ obung des geſchloſſen zen, da 229 Von wem kommen die Depeſchen? fragte Hardenberg. Vom Marſchall Macdonald an den franzöſiſchen Geſandten Grafen St. Marſan. Kennen Sie den Inhalt derſelben? Ich leſe ſie ſo eben! Zuerſt iſt da ein Schreiben des Generals York— Still, unterbrach ſie Hardenberg, davon wollen wir ſpäter reden, für jetzt iſt es genug. Sagen Sie mir erſt weiter, was ich dieſe Nacht gethan. Nachdem Sie die Depeſchen, welche Graf St. Marſan Ihnen mittheilte, geleſen, eilten Sie zum König, um ihm die entſetzlichen Nachrichten mitzutheilen. Sie waren aber kaum einige Minuten dort, als ein Courier vom General York an den König anlangte und De⸗ peſchen brachte über denſelben Gegenſtand, welchen die Depeſchen des Grafen St. Marſan behandelten. Nach einer langen Unterredung mit dem König begaben Sie ſich zu dem franzöſiſchen Geſandten, Grafen St. Marſan, und theilten ihm den Willen und die Anſichten des Kö⸗ nigs mit. Der Graf erklärte ſich dadurch zufrieden geſtellt, und Sie eilten zum König zurück. Dort trafen Sie den Major von Natzmer, den der König als Courier zu Murat und zum General von York ſchicken wollte. Sie traten zum König ein und hatten abermals eine lange Unterredung mit ihm. Dann kehrten Sie in Ihr Hötel zurück. Mit wem ſprach ich hier zuerſt? Die Somnamhule ſchwieg einen Augenblick. Ich ſehe es nicht, ſagte ſie, es iſt eine ſo dunkle Nacht. Oeffnen Sie Ihre Augen, bis Sie ſehen! Ach, jetzt ſehe ich! rief ſie. Ew. Excellenz ſprachen mit dem alten Conrad. Er begleitet Sie in Ihr Schlafzimmer, und da überreicht er Ihnen zwei kleine Briefe. Sie hat Recht, murmelte der Staatskanzler, aber laut genug, um von der Kranken und von dem Arzt gehört zu werden. Ja, ſie hat Recht, es verhält ſich Alles ſo, wie ſie ſagt.— Dann fragte er laut Habe ich außer Conrad noch mit ſonſt Jemand geſprochen? Nein, ſagte ſie, ich ſehe Niemand. Conrad ſagte Ihnen, daß ich ——. 230 heute Morgen um acht Uhr die Augen meiner Seele öffnen und ſehen würde. Sie befahlen, daß man Sie um ſieben Uhr wecke und begaben ſich zur Ruhe. Was that ich vor dem Einſchlafen? Sie laſen die beiden Briefchen, ſagte ſie mit einem verſchämten Lächeln. Der Staatskanzler wandte ſeine Blicke zu dem Arzt hin, der ſchweigend und mit feierlichem Ernſt Zeuge dieſer Scene geweſen war. Herr Doctor Binder, ſagte er, Alles, was dies junge Mädchen da geſagt hat, iſt wahr. Alles hat ſich genau ſo zugetragen, wie ſie ſagt, nichts iſt dabei vergeſſen. Alle meine Zweifel ſind jetzt beſiegt und überwunden, und von dieſer Stunde an gehöre ich zu den Ueber⸗ zeugten. Nein, ich bekenne es laut und aus tiefſter Seele, dies iſt keine Täuſchung, kein Betrug, dies iſt ein Myſterium der Natur, wel⸗ ches ich nicht zu enträthſeln vermag, an das ich aber glauben muß. Dieſem jungen Mädchen iſt es gegeben, mit den Augen ihrer Seele in die Vergangenheit ſowohl, wie in die Zukunft zu ſchauen, und die geheimſten Dinge zu erkennen und zu durchdringen. Ich glaube an ſie, und werde mich hinfort von ihren Offenbarungen leiten und be⸗ lehren laſſen. Ich danke Ihnen, daß Sie dies wunderbare Mädchen mich kennen gelehrt haben, und Sie ſollen allezeit an mir einen erkennt⸗ lichen Verehrer finden. Der Glaube an die hohe Kraft meiner Wiſſenſchaft und Lehre, das iſt die einzige Dankbarkeit, die ich mir erflehe, und mein einziger Wunſch iſt, daß man mich nicht hindere, durch meine heilige Wiſſen⸗ ſchaft die armen Kranken zu heilen und die leidende Menſchheit zu beglücken. Es ſoll Sie Niemand daran hindern dürfen, ſo lange ich Miniſter bin, darauf gebe ich Ihnen mein Wort, ſagte Hardenberg ernſt. Seien Sie daher guten Muthes und unverzagt. Ich bin Ihr Jünger und Ihr Beſchützer zugleich. Jetzt aber eine Bitte. Ich möchte unſerer edlen Seherin noch einige Fragen in Bezug auf die Ereigniſſe dieſer Nacht vorlegen. Sie ſoll mir in ihrer ſchauenden und prophetiſchen Weisheit ihren Rath geben und beſtimmen, was ich jetzt ferner zu hun habe. ngelegenhe görig und ſ Ich bit Sie mit un Binder mit Kranke zu b im Friſenſaa in Stande, herrſchen un Gehen Hardenberg, erwacht. Venn Doctor, ſich Wirterin iſ ärzte wfen. Er ver ſich noch ei nit den Hi Rrüuſchloſet Der E Als d icer un Sſch d und ſehen und begaben verſchämten t hin, der weſen war. e Mädchen en, wie ſie jetz beſiegt den Ueber⸗ le, dies iſt Natur, wel⸗ uben mß. hrer Seele n, und die glaube an en und be e Mädchen en erkennt⸗ und Lehte, ein einziger ige Wiſen⸗ enſchheit ju ich Miſtr unſt Seien Jünger und chte unſerer griſe dieſer 9 rophetiſchen tſemer zu 231 thun habe. Aber ich werde dabei Staatsgeheimniſſe zu berühren, über Angelegenheiten zu ſprechen haben, die Niemand wiſſen darf, als der König und ſeine Miniſter, und— Ich bitte Ew. Excellenz, daß Sie mir gnädigſt erlauben wollen, Sie mit unſerer edlen Seherin allein zu laſſen, unterbrach ihn Doctor Binder mit einem feinen Lächeln. Ich habe ohnedies einige ſchwere Kranke zu beſuchen; auch iſt meine Anweſenheit hier im Hauſe unten im Kriſenſaal nöthig, denn meine beiden jungen Aſſiſtenzärzte ſind kaum im Stande, die Patientinnen während der Kriſen ohne mich zu be⸗ herrſchen und zu zügeln. Gehen Sie alſo zu Ihren Patienten und in den Kriſenſaal, rief Hardenberg, ich werde bei unſerer Somnambule hier bleiben, bis ſie erwacht. Wenn Ew. Excellenz irgend etwas bedürfen ſollten, ſagte der Doctor, ſich der Thür nähernd, ſo haben Sie nur zu klingeln. Die Wärterin iſt dort nebenan im Warteſaal, und ſie kann die Aſſiſtenz⸗ ärzte rufen. Er verneigte ſich, Abſchied nehmend, vor dem Staatskanzler, beugte ſich noch einmal prüfend über das Lager der Somnambule, beſchrieb mit den Händen einige Kreiſe über ihrem Haupt und verließ leiſen, geräuſchloſen Schrittes das Gemach. Der Staatskanzler und die Somnambule blieben jetzt allein. VI. Eine Abenteurerin. Als der Arzt das Zimmer verlaſſen hatte, trat der Staatskanzler wieder an das Lager der Somnambule; ſie lag noch immer in unver⸗ rückter Stellung da und ihre Augen waren noch immer feſtgeſchloſſen. Sei ſah daher nicht das ſpöttiſche Lächeln, mit welchem Hardenberg zu — —— — 232 ihr niederſchauete, nicht den ſtolzen, triumphirenden Ausdruck, der in ſeinen Augen aufflammte. Sie hatte die Augen geſchloſſen, und trotz ihres Hellſehens ſah ſie nichts, und die Stimme des Staatskanzlers verrieth ihr nichts von ſeinen Gedanken und ſeinem Angeſicht. Friederike, ſagte Hardenberg mit ſeiner weichen, ſanften Stimme, jetzt ſprechen Sie zu mir, meine Seherin, jetzt ſeien Sie meine Pro⸗ phetin und laſſen Sie mich die Zukunft ſehen. Sagen Sie mir, was ich thun muß, um alle dieſe Zwiſtigkeiten zu verſöhnen, dieſe Wirrniſſe auszugleichen. Auf welcher Seite iſt das Recht, das Glück und der Friede? Auf der Seite des großen Mannes, deſſen gigantiſche Kraft die Welt aus ihren Angeln gehoben, und ihr eine neue Geſtalt gegeben hat, ſagte die Somnambule ernſt und feierlich. Halten Sie feſt an dem Bündniß mit Frankreich, wenn Sie nicht wollen, daß die Krone von dem Haupte Ihres Königs falle, daß Preußen verloren gehe, und aufgelöſt werde in zwei Provinzen, in eine Provinz des Königs von Weſtphalen und eine Provinz des Herzogthums Warſchau. Aber wird Frankreich denn immer noch die Macht dazu haben, fragte Hardenberg, ſteht Frankreich nicht endlich ſelbſt an dem Rande des Abgrunds, in welches es alle Länder und Reiche, alle Fürſten und Kronen hinabgeſchleudert hat? Frankreich iſt heute noch ſo machtvoll, wie es jemals geweſen, rief die Seherin. Neue Armeen werden auf Napoleons Wink aus Frankreichs Erde hervorwachſen, mit neuen Millionen werden ſeine Kaſſen ſich füllen, und zu neuen Siegen wird der Unüberwindliche ſeine Heere führen. Wehe dann Preußen, wenn es nicht treu befunden worden, wehe, wenn es in troſtloſer Verblendung ſich von Frankreich abwendet, um den Zuflüſterungen und Verſprechungen zu glauben, mit denen Rußland es zu ſich lockt. Rußland iſt ſelber ſchwach und erſchöpft, es wird Preußen keinen Halt darzubieten vermögen. Seien Sie auf Ihrer Hut! Rußland iſt ſtets ein perfider Bundesgenoſſe geweſen, es hat allemal die Hand ſeiner Bundesgenoſſen in ſeiner Fauſt erdrückt, wenn es den Handſchlag der Bundestreue zu geben ſchien. Frankreich allein bietet für Preußen Garantien des Friedens dar, Napoleon allein duf der Pro die unſeligen nicht den Köt Sie ihn nie Verrüther, d Krieges und billigen, hei vernichten! Punder mein Comyl kännte ihre gethan habe Die S heftig zuſan Pangen wa weſen. Abe ſo ſtur un Harde nicht verſtl licet zu m an Sie zu Sie n nit befihl denn Ihr G Mn Nacht, a ſprochen, meinem 3 zu, öffne ſchen Sie J Sunnn nn Conre Si ieht c, der in ehens ſah nichts von emir, was eVirrniſſe et Friede? e Kraft die alt gegeben Sie feſt an die Krone ehe, und Königs von azu haben, dem Rande fürſten und 6 geweſen, Wink aus ſeine Kaſſen ſeine Heere den worden, h abwendet, mit denen d erſchößft, ien Sie auf geweſen, e uſt erdrück, Frarkric oleon allin 233 darf der Protector Preußens ſein und bleiben. Verbannen Sie daher die unſeligen Gedanken, welche Ihre Seele beunruhigen, ſuchen Sie nicht den König ſeinem Bundesgenoſſen abwendig zu machen! Wollen Sie ihn nicht bereden, die That York's zu billigen! York iſt ein Verräther, deſſen Haupt fallen muß, denn alſo will es das Geſetz des Krieges und der Disciplin. York iſt ein Verräther und ſeine That billigen, heißt Frankreich den Fehdehandſchuh hinwerfen und Preußen vernichten! Wundervoll geſpielt! rief Hardenberg lachend. Ich mache Ihnen mein Compliment, mein liebes Kind, die erſte Schauſpielerin der Welt könnte ihre Rolle nicht beſſer ſpielen, als Sie es heute und alle Tage gethan haben. Die Somnambule war bei den erſten Worten des Staatskanzlers heftig zuſammengefahren, ihre ganze Geſtalt hatte gezuckt, und ihre Wangen waren einen Moment von einer tiefen Gluth übergoſſen ge⸗ weſen. Aber dies war raſch wieder verflogen, und ſie lag jetzt wieder ſo ſtarr und unbeweglich da wie zuvor. Hardenberg's Augen ruhten unverwandt auf ihr. Sie wollen mich nicht verſtehen, Friederike, ſagte er. Nun denn, ich werde mich deut⸗ licher zu machen ſuchen. Wollen Sie mir erlauben, noch zwei Fragen an Sie zu richten? Sie wiſſen wohl, daß ich antworten muß, wenn Ihr Geiſt es mir befiehlt, ſagte die Somnambule mit vollkommen ruhiger Stimme, denn Ihr Geiſt hat Gewalt über den meinen, und ich muß ihm gehorchen. Nun olſo. Hier iſt meine erſte Frage: hab' ich wirklich dieſe Nacht, als ich in mein Hötel zurückkehrte, mit Niemand Anders ge⸗ ſprochen, als mit dem alten Conrad? War Niemand außer ihm in meinem Zimmer, bis ich mich zur Ruhe begab?— Sehen Sie wohl zu, öffnen Sie die Augen Ihres Geiſtes ſo weit Sie können, und ſehen Sie! Ich öffne die Augen meines Geiſtes und ich ſehe, ſagte die Somnambule nach einer Pauſe. Aber ich ſehe, daß Sie allein waren, nur Conrad war bei Ihnen, und die Gedanken eines Mädchens, welches Sie liebt! 234 Es iſt mir ſehr lieb, das von Ihnen zu hören, ſagte Hardenberg ruhig, denn ich erſehe daraus, daß meine Feinde und Gegner, welche Ihnen ſo genauen Bericht abſtatten über all mein Thun und Treiben, doch von einer Angelegenheit, die mich dieſe Nacht beſchäftigte, keine Kenntniß erhalten haben. Es war aber in der That in dieſer Nacht noch Jemand Anders bei mir, und es würde Ihren Beſchützern ſehr willkommen ſein, wenn ſie wüßten, welche Aufträge dieſer Jemand von mir erhalten hat. Nun meine zweite Frage! Aber Sie hören mich doch, ma toute belle, und ſind nicht etwa jetzt aus dem unnatürlichen in einen natürlichen Schlaf verfallen? Ich höre Sie und bin bereit, Ihre zweite Frage zu beantworten, wenn Ihr Geiſt es mir befiehlt! Nun denn, meine zweite Frage, ſagte Hardenberg, indem er ſich über die Somnambule neigte, und ſeine blitzenden Augen feſt in ihr Antlitz bohrte. Meine Frage heißt ſo: wie viel geben Ihnen Ihre * Beſchützer für die Rolle, welche Sie hier vor mir ſpielen müſſen? Eine Pauſe trat ein. Auf einmal ſchlug das Mädchen ihre Augen auf und heftete ſie mit einem unausſprechlichen Ausdruck auf das An⸗ geſicht des Miniſters, der ſich noch immer über ſie geneigt hatte. Nichts geben Sie mir, ſagte ſie mit feſter klangvoller Stimme, nichts als die Hoffnung auf eine glänzende Zukunft. Sie geſtehen alſo zu, daß Sie Comödie geſpielt haben? fragte Hardenberg lächelnd. Ich geſtehe zu, daß ich ſchlecht geſpielt habe, und daß Ihrem ſcharfen Adlerauge nichts verborgen bleibt. Ich geſtehe zu, daß ich Sie darum anbete, weil Sie mich durchſchaut haben, rief das junge Mädchen, indem ſie mit einer raſchen Bewegung ihre beiden Arme um den Nacken Hardenberg's ſchlang und ſein Haupt tiefer zu ſich nieder⸗ ziehend, einen glühenden Kuß auf ſeine Lippen drückte. Dann, immer noch ihre Arme um ſeinen Hals geſchlungen, hob ſie ſich von dem Lager auf und richtete ſich, eng angeſchmiegt an die kräftige Geſtalt des Staatskanzlers, hoch empor. Nun ſprang ſie, ihre Arme frei machend, von dem Lager auf den Fußboden nieder, und ihre Arme weit ausbreitend, und das Haupt iu den Nacken! gunzen Ange habe nicht m Und ſie amuhig w lungſamen) die Ame be ſchaftlicherer inner glihe ſammten ihr dunkle Glut Luſt war üb geworfenen dend weifer denen die we geſunken, wo R, a los, hüpfte war, und m lediſches Gel und ihr eg ihren Augen ihn enpor. Sie ſin aber ich nu verünfüg Und! ſich unter! nihte, ſei und der S 4 Ich n bugen ant mit inſchn Harenberg gner, welche und Treiben, ftigte, keine chützern ſehr Jemand von hören mich mnatürlichen beantworten, dem er ſich feſt in ihr hnen Ihre müſſen? ihre Augen auf das An⸗ hatte. er Stimme, 7 fragte daß Ihrem u, daß it das jünge en Ame um ſich nieder⸗ ann inmer von dem ſice Geſtalt rauf den 6 Haupt iu 235 den Nacken werfend, mit einem wunderbar ſtrahlenden Ausdruck ihres ganzen Angeſichts, rief ſie mit jubelnder Stimme: ich bin frei! Ich habe nicht mehr nöthig, Comödie zu ſpielen! Oh, ich bin frei! Und ſie hüpfte in das Zimmer hinein, und leicht wie eine Sylphide, anmuthig wie eine Grazie, begann ſie zu tanzen. Anfangs nur in langſamen Rhythmen, nur in leiſen Schwingungen die Füße hebend, die Arme bewegend, dann immer raſcher ſich drehend mit immer leiden⸗ ſchaftlicherer Bewegung, mit immer mehr ſich ſteigernder Gluth. Und immer glühender, immer erregter auch ward ihr Angeſicht. Jetzt flammten ihre großen, ſchwarzen Augen wie Blitze, jetzt brannte eine dunkle Gluth auf ihren Wangen, ein Ausdruck wilder, bacchantiſcher Luſt war über ihr ganzes Weſen ausgebreitet, ihre purpurrothen, auf⸗ geworfenen Lippen waren halb geöffnet und ließen zwei Reihen blen⸗ dend weißer, untadelhafter Zähne ſehen, ihre erhobenen Arme, von denen die weiten Aermel ihres Negligé's bis auf die Schultern zurück⸗ geſunken, waren von der herrlichſten Fülle, der edelſten Schönheit. Jetzt, am Ende ihres Tanzes, mit hochfliegendem Buſen, athem⸗ los, hüpfte ſie zu Hardenberg hin, der in den Lehnſtuhl niedergeſunken war, und mit ſtaunenden Blicken ihr zuſchauete. In ein lautes, me⸗ lodiſches Gelächter ausbrechend, kauerte ſie ſich zu ſeinen Füßen nieder, und ihr erglühtes Angeſicht an ſeine Kniee drückend, ſchaute ſie mit ihren Augen, die wie Dolchſpitzen funkelten, fragend und flehend zu ihm empor. Sie ſind mir böſe, ſagte ſie athemlos, oh Verzeihung, Verzeihung, aber ich mußte meinen Jubel erſt ein wenig austoben. Jetzt will ich vernünftig ſein, ganz vernünftig! Und was nennen Sie denn vernünftig? fragte Hardenberg, der ſich unter den flammenden Blicken des jungen Mädchens vergeblich be⸗ mühte, ſeinem Geſicht und ſeiner Stimme den Ausdruck des Ernſtes und der Strenge zu geben. Ich nenne vernünftig, wenn ich ehrlich und aufrichtig auf die Fragen antworte, die Ew. Excellenz mir jetzt vorlegen werden, ſagte ſie mit einſchmeichelndem Ton. 236 Gut denn, ſehen wir zu, ob Sie wirklich vernünftig ſind, ſagte Hardenberg. Zuerſt alſo, ſtehen Sie auf! Sie ſchüttelte langſam ihr Haupt. Nein, ſagte ſie, ich bleibe zu Ihren Füßen liegen, bis ich gebeichtet und Ihre Abſolution em⸗ pfangen habe. Und wenn ich Ihnen dieſe Abſolution nicht ertheile? fragte Hardenberg. Dann werde ich zu Ihren Füßen ſterben! rief ſie feierlich. Ach, es ſtirbt ſich nicht ſo leicht, ſagte Hardenberg lächelnd. Es ſtirbt ſich leicht, wenn man will und wenn man einen ſolchen Freund bei ſich hat, rief ſie, aus ihrem Haar eine der beiden ſilbernen Nadeln hervorziehend, mit denen ihre dicken ſchwarzen Zöpfe theilweiſe befeſtigt waren. Seltſames Mädchen! murmelte Hardenberg überraſcht, während ſie mit leuchtenden Augen, mit einem wunderbaren Lächeln um die halb⸗ geöffneten üppigen Lippen, zu ihm aufſchauete. Wollen Sie mich jetzt fragen? bat ſie dann ſanft und demüthig faſt. Ich liege ja hier zu Ihren Füßen wie vor meinem Beichtvater, und ich zittere und glühe meiner Abſolution entgegen. Nun denn, ich will fragen. Zuerſt alſo: wer ſind Sie? Wer ich bin? fragte ſie. Eine Betrügerin, welche durch Intriguen, Ränke und Liſt ihr höchſtes Ziel zu erreichen ſuchte, das Ziel, ſo, wie ſie es jetzt thut, zu den Füßen eines edlen angeſehenen Mannes zu liegen und ihm zu ſagen, daß ſie ihn liebt. Wer ich bin? Eine Abenteurerin, die ausgezogen iſt in die Welt, um ihr Glück zu machen, wo möglich eine Rolle zu ſpielen, ſich einen Namen zu machen und Reichthum und Anſehen zu erwerben. Wer ich bin? Ein Taucher, der ſich mit todesverachtendem Muth in das brauſende Meer geſtürzt hat, um auf deſſen Tiefe entweder Muſcheln mit koſtbaren Perlen oder den Tod zu finden. Aber, mein Kind, ſagte Hardenberg, wiſſen Sie denn nicht, daß die Taucher, wenn ſie ſich in's Meer ſtürzen, um Perlen zu ſuchen, ſich immer umgürten mit einem Rettungsſchlauch, an dem ſie ſich empor⸗ ziehen laſſen, wenn ſie ſich in Gefahr fühlen zu ertrinken. Der M der nich em Hardenb wunderbaren Muth dazu, Gewif, Unglick verf Lichen. Es Ihten Füße Rehmen Si wungen ha betrügen zu Unſchuld un zu einer Re Sie meine Sie he gegeben, de Stinmne g ſich mit Th Mmes bewegt. 2 ſett laſen ſchen, das Sie ſ ſie, ich he wäre, Ihr edles ſchlen 3 ih ſe bin keine uelches e in Engel ih wege N., ief ſind, ſagte ich bleibe zu ſolution em⸗ eile? fragte erlich. ichelnd. inen ſolchen den ſilbernen pfe theilweiſe während ſie m die halb⸗ nd demüthig Beichtvater, ie h Intriguen, iel, ſo, wie Mannes zu bin? Eine tzu machen, machen und Ein Tucher, Meer geſtürzt Perlen oder m nicht, daß 1 ſuchen, ſich ſich empor⸗ 237 Der Mann, welcher mich liebt, wird mein Rettungsſchlauch ſein, der mich emporzieht, ſagte ſie ernſt. Hardenberg lachte. Wahrhaftig, ſagte er, Sie ſind von einer wunderbaren Naivetät und Aufrichtigkeit. Es gehört in der That viel Muth dazu, ſolche Wahrheiten über ſich ſelber zu ſagen. Gewiß, es wäre leichter geweſen, die verlaſſene Tugend, die vom Unglück verfolgte Unſchuld zu ſpielen, ſagte ſie mit einem verächtlichen Lächeln. Es wäre bequemer geweſen, mich in Thränen gebadet zu Ihren Füßen zu legen und zu ſagen:„Oh, erbarmen Sie ſich mein! Nehmen Sie dieſe unwürdige Rolle von mir, die man mir aufge⸗ zwungen hat! Erretten Sie mich von der Pein, heucheln, lügen und betrügen zu müſſen. Tugend und Keuſchheit wohnt in meinem Herzen, Unſchuld und Wahrheit auf meinen Lippen! Man hat mich gezwungen zu einer Rolle, die mich entehrt. Erbarmen Sie ſich mein, erretten Sie meine Tugend aus den Schlingen, die man ihr ſtellt!“ Sie hatte, während ſie ſo ſprach, ihren Zügen genau den Ausdruck gegeben, der zu ihren Worten paßte, ſie hatte mit zitternder, flehender Stimme geſprochen, mit gefaltenen Händen, und ihre Augen hatten ſich mit Thränen gefüllt. Armes Kind, rief Hardenberg überraſcht, Sie weinen, Sie ſind bewegt. Ach, jetzt alſo endlich zeigen Sie mir Ihr wahres Geſicht, jetzt laſſen Sie mich das arme, von Unglück verfolgte, unſchuldige Kind ſehen, das Sie wirklich ſind. Sie ſchüttelte ihre Thränen fort und lachte hell auf. Nein, rief ſie, ich habe Ihnen nur bewieſen, daß ich es ſehr wohl im Stande wäre, die Tugendhafte und Unſchuldige zu ſpielen, und daß ich vielleicht Ihr edles Herz damit zu rühren vermöchte. Aber Sie haben mir be⸗ fohlen, Ihnen die Wahrheit zu ſagen, und ich habe Ihnen gelobt, daß ich ſie Ihnen ſagen will, alſo thue ich es. Ich ſage Ihnen alſo: ich bin keine verfolgte Tugend, kein unſchuldiger Engel, ich bin ein Weib, welches einen Himmel und eine Hölle in ihrem Buſen trägt, ich kann ein Engel ſein, wenn das Glück und die Liebe mich dazu machen will, ich werde ein Dämon ſein, wenn das Schickſal mir das Glück verſagt. Ja, rief ſie aufſpringend und in heftiger Bewegung im Zimmer um⸗ hergehend, es giebt Stunden und Tage, in denen ich ſelbſt glaube, daß ich ein Dämon bin, ein vom Himmel hernieder geſchlenderter Engel, der um irgend eines Verbrechens willen dazu verurtheilt iſt, in Menſchengeſtalt auf Erden zu wandeln. Es giebt Stunden, wo es mich wie mit himmliſchen Erinnerungen überſchleicht, wo eine unaus⸗ ſprechliche ſelige Wehmuth mich wie in einen Perlenſchleier einhüllt, wo ein ſüßes Singen und Klingen heiliger Worte und andächtiger Gebete in meinem Herzen iſt und wo es mir ſcheint, als ſäße ich in der Mitte leuchtender Engel, umwallt von dem Lichtgewande einer Silberwolke zu den Füßen Gottes, und fühlte ſeinen Athem an meiner Wange und ſchaute voll mitleidiger erbarmender Liebe hernieder auf die Welt, die in unendlicher Ferne tief unten zu meinen Füßen liegt. Und dann ſage ich zu mir ſelber:„Du haſt Dich ſelber verläſtert und verleumdet. Du biſt doch ein guter Engel und Gott iſt mit Dir, und Gebet, Liebe und Unſchuld wohnen in Deinem Herzen.“ Dann auf einmal iſt es, als zerriſſe eine Saite in meiner Bruſt, ich höre ein lautes, höhniſches Lachen. Ich falle hernieder aus meinen Himmeln, ich ſchaue umher und ſehe die Menſchen mit den elenden ſüßlichen Fratzen, mit denen ſie einander anlächeln und anlügen, und ſehe alle ihre Falſchheit, ihre Erbärmlichkeit und Hinterliſt, und ich lache über meine eigenen Ent⸗ zückungen und ich ſchwöre, nie Menſch zu ſein mit den Menſchen, ſon⸗ dern Dämon mit den Dämonen, zu betrügen, wie ſie betrügen, zu lügen, und ihnen ſo viel an Glück, an Ehre und Reichthum abzuge⸗ winnen, wie es mit einem ziemlichen Schauſpielertalent, einem kalten und ſcharfen Kopf, einer hübſchen Figur, einem Paar großen ſchwarzen Augen und einem häßlichen Geſicht möglich iſt. Ach, jetzt verleumden Sie ſich ſelbſt, rief Hardenberg lächelnd. Sie haben kein häßliches Geſicht. Sie flog zum Spiegel hin und beſchaute ſich einen Moment mit ernſten prüfenden Blicken. Ja, ſagte ſie, ja, ich bin wirklich häßlich. Mein Mund iſt zu groß, meine Lippen ſind zu voll, die Form meines Geſichts iſt eckicht und unſchön, meine Naſe iſt gemein, meine Stirn zu niedrig und zu breit, dieſe buſchichten ſchwarzen Augenbraunen paſſen beſſer für einen Grenadier, als für ein junges Mädchen, und diſe gußen nit ſchurfen Mund und L vot der Häß nich nicht un und ich kan müdet iſt von maske ſcgen fühlen kann L lngweilig, d zum Beſten, ſie enthölt N Ich ſehe wohl Si ſich heit aus Ihr Sie ſch ſid ein grof im Stunde, erzihlen, da ausgießen. Nun, e ſtzen Sie ſi ſtals nue Ihr gheinn Priſtetin,! Mädchen, n ihres Herze Ein ju nben dem En jnges balt dor, line Pinſch ewig Ade, nach dem ew löſt glaube, ſchleuderter heilt iſt, in en, wo es eine unaus⸗ einhüllt, wo tiger Gebete in der Mitte lberwolke zu Wange und e Welt, die Und dann verleumdet. zebet, Liebe mal iſt es, „höhniſches haue umher mit denen ſchheit, ihre genen Ent⸗ en, ſon⸗ mn abzuge⸗ inem kalten ſchwarzen rg lächelnd Noment mit ſih hißlich. n neines eine Stim enbraunen dchen, un 239 dieſe großen ſchwarzen Augen ſehen aus wie zwei Schildwachen, die mit ſcharfen drohenden Blicken das niedere Geſindel von Naſe und Mund und Ohr und Wange überwachen müßten, damit nicht Einer vor der Häßlichkeit des Andern Reißaus nähme. Aber ich beklage mich nicht um meine Häßlichkeit, denn ſie iſt ungewöhnlich und pikant, und ich kann mir denken, daß ein genialer und kluger Mann, der er⸗ müdet iſt von den hübſchen Lärvchen und der unſchuldigen Schönheits⸗ maske ſogenannter tugendhafter Frauen, ſich angeregt und intereſſirt fühlen kann von meiner Häßlichkeit. Die Schönheit wird zuletzt immer langweilig, denn ſie giebt Alles, was ſie iſt und hat, gleich auf einmal zum Beſten, aber die Häßlichkeit intereſſirt mit jedem Tage mehr, denn ſie enthält Momente, wo ſie ſich zur Schönheit verklären kann! Ich ſehe das jetzt eben von Ihnen, ſagte Hardenberg, denn ob⸗ wohl Sie ſich ſelber häßlich nennen, blitzt doch eine zauberhafte Schön⸗ heit aus Ihrer ganzen Erſcheinung mir entgegen. Sie ſchaute ihn an mit einem langen leuchtenden Blick. Sie ſind ein großer und genialer Mann, ſagte ſie, darum ſind Sie auch im Stande, mich zu verſtehen! Ich will Ihnen jetzt meine Geſchichte erzählen, damit Sie endlich den Segen Ihrer Verzeihung über mich ausgießen. Nun, erzählen Sie! rief Hardenberg. Kommen Sie, Friederike, ſetzen Sie ſich neben mir auf dem Lager nieder, auf welchem Sie ſo oft als neue Pythia geruht und mir die Orakel verkündigt haben, welche Ihr geheimnißvoller Prieſter Ihnen zugeflüſtert. Jetzt ſind Sie keine Prieſterin, welche zweideutige Weisheit verkündet, ſondern ein junges Mädchen, welches die Wahrheit ſpricht und mich den Offenbarungen ihres Herzens lauſchen läßt. Ein junges Mädchen! ſeufzte ſie, indem ſie ſich auf ihr Bett, dicht neben dem Lehnſtuhl, auf welchem Hardenberg ſaß, niedergleiten ließ. Ein junges Mädchen! Bin ich denn jung? Ich komme mir zuweilen ſo alt vor, ſo alt, daß ich gar keine Illuſionen, keine Hoffnungen und keine Wünſche mehr habe, und daß es mir vorkommt, als wäre ich der ewige Jude, der ſeit Jahrtauſenden durch die Welt dahin wandert und nach dem ewigen Schlaf ſucht, den er nirgends finden kann. Aber doch —— 240 haben Sie Recht, ich bin noch ein junges Mädchen, denn ich bin kaum zwanzig Jahre alt. Und was ſind Ihre Aeltern? Wo wohnen ſie? Was meine Aeltern ſind? fragte ſie lachend. Mein Vater iſt ein heiliger Mann geweſen, der Hoheprieſter im Tempel der Zeit. Von ihm hing es ab, wenn die Menſchheit wachen oder ſich zur Ruhe be⸗ geben, eſſen oder arbeiten ſollte. Nach ſeinem Willen beſtimmten ſich die Rendezvous und Trauungen, die Geſellſchaften und die Verhaf⸗ tungen, und er hatte keine andern Gebieter über ſich, als die Sonne! Von der Sonne allein ließ er ſich leiten und beſtimmen, und doch war er kein Perſer! Aber er war ein Uhrmacher, nicht wahr? fragte Hardenberg lächelnd. Ja, er war ein Uhrmacher, und Dank ihm wußte die ganze Stadt, in der wir wohnten, genau, wie es an der Zeit ſei. Nur meine Mutter wußte es nicht. Sie hielt ſich noch immer für eine große Dame, obwohl ſie nur eines armen Uhrmachers Frau war. Das kam daher, daß ſie die Erinnerungen ihrer Jugend nicht in ſich zu ertödten vermochte. Sie war die Tochter eines franzöſiſchen Marquis, der, nachdem er all ſein Hab und Gut am Hofe Ludwigs des Funfzehnten verſpielt hatte, mit ſeiner jungen Gattin und ſeiner Tochter nach Berlin gewandert war, um am Hofe Friedrichs des Großen ein neues Glück ſich zu begründen. Aber Friedrich der Große war doch ſchon etwas mißtrauiſch geworden gegen die abenteuernden Marquis und Grafen, die Frankreich nach Berlin ausſpie. Der Marquis Barbaſſon, mein würdiger Großvater, bekam daher keine Anſtellung und kein Geld, und eine Zeit der Noth begann, wie der Herr Marquis es für den Sohn ſeiner Ahnen für unmöglich gehalten hatte. Er verließ mit ſeiner Fa⸗ milie Berlin, um an irgend einem andern Ort ſich als Sprachmeiſter ſein Brod zu verdienen. Er wanderte von Ort zu Ort und kam end lich mit ſeiner Familie nach einer kleinen Stadt, die hieß Neu⸗Branden burg. Da blieb er, denn ſeine Füße waren müde vom Wandern und ſein armes Weib war todtmüde und krank vom Leben. Sein armes Weib, die Frau Marquiſe Barbaſſon, aber ſtarb, und der Herr Mar⸗ quis lehrte die jungen Brandenburgerinnen das avoir und étre con⸗ juiten; ſein lehre ſie me hite wohl der ſich wa uthen De nicht lunge leicht auch b ſihrige Loch Schulden ih des Hauſes, hatten, ohne zlerſtatten, junger Uhr nicht blos ſe ßöſſchen Sp griſe Barbe liche, den des alten 2 men und di heirathen. ame Uhrm Lergab es ſicdrigt hat nennen zu dem uch lenz in m und der) Und wucher„w din, da S Sag Mhl dach 241 ich bin laum jugiren; ſeine Tochter half ihm dabei, und da ſie ſehr hübſch war, lehrte ſie manchen jungen Mann das aimer conjugiren. Aber wer hätte wohl Luſt gehabt, die Tochter eines franzöſiſchen Abenteurers, Vater iſt ein der ſich zwar Marquis nannte, aber arm war wie ein Bettler, zu hei⸗ r Zeit. Von rathen? Der Marquis konnte die Entbehrungen und Demüthigungen zur Ruhe be⸗ nicht lange mehr ertragen, er flüchtete vor ſeinen Schuldnern und viel⸗ eſtimmten ſich leicht auch vor ſeinen Gewiſſensbiſſen in den Tod, und ſeine zwanzig⸗ die Vethaf⸗ jährige Tochter blieb allein zurück, mit keinem andern Erbtheil als den s die Sonne! Schulden ihres Vaters. Einer der Hauptgläubiger war der Beſitzer und doch war des Hauſes, in welchem Vater und Tochter ſeit drei Jahren gewohnt hatten, ohne jemals Miethe zu zahlen oder die kleinen Summen zurück⸗ berg lächelnd. zuerſtatten, die er ihnen geliehen hatte. Dieſer Hausbeſitzer war ein anze Stadt, junger Uhrmacher, Namens Hahn, ein guter junger Menſch, der Nur meine nicht blos ſein Geld, ſondern auch ſein Herz an die Familie des fran⸗ eine große zöſiſchen Sprachmeiſters hingegeben hatte. Er liebte die junge Mar⸗ . Das kam quiſe Barbaſſon, der Unglückliche, oder, wenn Sie wollen, der Glück⸗ h zu ertödten liche, denn ſeine Liebe ward erhört. Er hatte jetzt nach dem Tode der, des alten Marquis die Rolle eines drängenden Gläubigers angenom— men und die Alternative geſtellt, entweder ihn zu bezahlen oder ihn zu nach Berlin heirathen. Die junge Marquiſe heirathete ihn, und damit hatte der Glück arme Uhrmacher ſeine Bezahlung erhalten. Die Marquiſe Barbaſſon ſchon etwas vergab es ihm niemals, daß er ſie zu der Frau eines Uhrmachers er— — Grafer, niedrigt hatte, und ſie fand, daß es ſehr verächtlich ſei, ſich Hahn nennen zu müſſen, wenn man bisher Barbaſſon geheißen habe. Wie dem auch ſei, ſie war ſeine Frau, und ich habe die Ehre, Ew. Excel⸗ lenz in meiner Perſon die eheleibliche Tochter des Uhrmachers Hahn und der Marquiſe Barbaſſon vorzuſtellen. Und man muß geſtehen, daß Sie Ihre Mutter und Ihren Vater auf ſehr würdige Weiſe vertreten, ſagte Hardenberg lächelnd. Sie e haben den Anſtand und das savoir vivre einer Marquiſe, und an Ihren Orakelſprüchen habe ich geſehen, daß Sie genau, wie ein Uhr Van⸗ nes macher, wiſſen, was die Glocke geſchlagen hat. Doch kann ich mir Sein ar denken, daß dieſe Doppelexiſtenz manchen Zwieſpalt in Ihr Leben brachte. Sagen Sie vielmehr, daß mein ganzes Leben ein Zwieſpalt war, Miühlbach, Napoleon. III. Bd. 16 Herr Mar⸗ und ètre 242 rief ſie heftig, daß ich in einem ewigen Zwieſpalt zwiſchen meinem Kopf und meinem Herzen, meiner Wirklichkeit und meiner Phantaſie gelebt habe. Oh wie oft, wenn ich einſam in troſtloſer Langeweile unter dem Schatten einer Eiche am Ufer des köſtlichen Sees lag, der die kleine Stadt beſpülte, in der wir wohnten, wie oft habe ich da laut aufgeſchrien vor innerer Qual und habe den Wellen, die mur⸗ melnd an's Ufer plätſcherten, erzählt: ich bin eine Marquiſe, es fließt hochadliges Blut in meinen Adern, ich bin berufen, am Hofe der Kö⸗ nige zu glänzen und Grafen und Fürſten zu meinen Füßen zu ſehen! — Aber Niemand als die Wellen des Sees haben mir geglaubt; für die Menſchen war ich niemals die Marquiſe Barbaſſon, ſondern immer nur die kleine Friederike Hahn, des Uhrmachers Töchterlein. Ich fühlte das als eine Beleidigung, und in mancher bittern Stunde ſchien es mir, als haßte ich, gleich meiner Mutter, meinen armen Vater, weil er uns unſern glänzenden Namen geraubt und uns entadelt hatte. Mein Vater trug es mit Geduld, denn er liebte mich, ich glaube, er hat nichts auf der Welt ſo ſehr geliebt als mich. Er ſah, wie ich mich verzehrte in Langeweile und Qual, er wußte, daß der Ehrgeiz wie ein Feuerſtrom in meinem Herzen loderte, und er weinte mit mir und bat mich um Verzeihung, daß er kein vornehmer Herr, ſondern nur ein armer Uhrmacher ſei. Er that Alles, was er vermochte, um dies ſein Unrecht wieder gut zu machen, er behandelte mich nicht wie ſeine Tochter, ſondern wie ſeine Herrin, und obwohl wir nicht reich, kaum wohlhabend waren, umgab er mich mit allem Comfort, wie er ſich für ein junges, vornehmes Mädchen ziemt. Ich hatte meine Bedienung, mein eigenes Zimmer, eine ziemlich geſchmackvolle Toilette, ein Piano, eine kleine Bibliothek, und mein Vater war ſtolz darauf, mir die beſten und theuerſten Lehrer halten zu können, und zu hören, daß mich ſe Lehrer ihre fleißigſte und fähigſte Schülerin nannten. Aber was half das Alles mir? Ich blieb immer, was ich war, Friederike Hahn, des Uhrmachers Tochter, und das Blut der Barbaſſons bäumte ſich in mir auf und die Herren Marquis und Vicomtes, meine hochadligen Ahnen, zogen an meinem innern Auge vorüber und ſchienen mir zu winken und mich zu ſich zu rufen in die ſtolzen Schlöſſer, die einſt unſerer ßanilie geh Stndt, die1 und meiner lhrmachets die Frage, auf die mit indeſſen gab Ah, w Hudenberg, bin wie bei füll alſo ga Jo, de niemuls ver Jahres. Je Buch hinaut meinen Liek ſweig die Sees zu m liebliches M den eben er Githe, un Lhitin. D li das Br zu Pas Oh nehnt mir nicht; hinunter dehnte und zu den m mich mit, Mmeiner( Env, ſor Eice wirbender ſchen meinem tet Phantaſie Langeweile Sees lag, der thabe ich da en, die mur⸗ ſe, es flißt Hofe der Kö⸗ ßen zu ſehen! ondern immer hterlein. Ich Stunde ſchien men Vater, ntadelt hatte. ch glube, er wie ich nich eiz wie ein t wie ſeine reich, kaum e er ſich für Bedienung, e, ein Pian, ir die beſten aß nich diſe was half 243 Familie gehört. Aber wie ſollte ich dahin gelangen? Wie dieſer kleinen Stadt, die meine Heimath war, entfliehen, wie die Laſt meines Namens und meiner Geburt abſtreifen, und wie ſollte aus der Verpuppung der Uhrmachers⸗Tochter die Marquiſe hervorflattern können? Das war die Frage, mit der ich Tag und Nacht mein Gehirn zermarterte, und auf die mir mein Verſtand keine Antwort geben konnte. Der Zufall indeſſen gab mir dieſe Antwort. Ah, wahrhaftig, ich bin begierig, dieſe Antwort zu hören, rief Hardenberg, denn ich höre Ihnen in athemloſer Erwartung zu, und bin wie bei einem Drama geſpannt auf die Entwickelung. Der Zu⸗ fall alſo gab Ihnen die Antwort, meine ſchöne Marquiſe? Ja, der Zufall, Excellenz, und ich werde den Tag und die Stunde niemals vergeſſen. Es war an einem ſchönen Herbſttage des vorigen Jahres. Ich war, wie ich das jeden Tag zu thun pflegte, mit meinem Buch hinausgewandert in den Wald am Ufer des Sees. Ich lag an meinem Lieblingsplatz unter einer großen Eiche, in deren dunklem Ge⸗ zweig die Vögel zwitſcherten und ſangen, während die Wellen des Sees zu meinen Füßen mit ihrem Rauſchen und Plätſchern ein gar liebliches Accompagnement zu dem Vögelgeſang bildeten. Ich las in den eben erſchienenen Gedichten meines Lieblingsdichters, des großen Göthe, und ich hatte eben das Gedicht geleſen von der wandernden Thörin. Dies Gedicht ſchlug wie ein Blitz in mein Herz ein. Ich ließ das Buch ſinken und ſtarrte hinauf zu den Wolken und rief ihnen zu:„Was ſeid ihr da droben denn anders als wandernde Thoren! Oh nehmt mich mit! Nehmt mich mit!“ Aber die Wolken antworteten mir nicht; ſie zogen ſtill weiter, und ich ſenkte meinen troſtloſen Blick hinunter auf den See, der wie ein glänzender Spiegel weithin ſich dehnte und drüben am Horizont in blauen Nebeln ſich verduftete, und zu den murmelnden Wellen ſagte ich, wie zu den Wolken:„Nehmt mich mit, ihr wandernden Thoren! Nehmt mich mit! Ich erſticke hier in meiner Gefangenſchaft! Ich muß fort aus dieſem Kerker der kleinen Stadt, fort aus dieſem offnen Grabe!“— In dieſem Moment begann die Eiche über mir ihre Blätter und Zweige mächtig zu ſchütteln, ein wirbelnder Wind trieb die Wellen des Sees ſchneller vorwärts, daß 16* —— 244 ſie ſchäumend am Ufer ſich brachen, und dieſer ſelbe Wind trieb ein Blatt Papier, das irgend ein Wanderer verloren haben mochte, und das ich bis dahin unbeachtet gelaſſen, gerade zu mir hin, er hob es empor und fächelte es mir koſend und ſchäkernd gerade in's Angeſicht. Ich griff darnach und faßte es, und auf einmal ſchwieg der Wind, als habe er ſeine Schuldigkeit gethan, die Blätter der Eiche bewegten ſich nicht mehr, der See ließ ſeine kleinen Wellen wieder ganz leiſe an's ufer plätſchern, und ſelbſt die Wolken ſchienen ſtill zu ſtehen, um mir zuzuſchauen, wie ich jetzt das Papier auseinander faltete und las. Oh, ich errathe! rief Hardenberg. Ein Liebesbrief von irgend einem Ihrer Anbeter, der wußte, daß die ſchöne Nymphe des Sees dieſe Stelle zu ihrem Tempel erkoren! Schlecht gerathen, Excellenz! Es war kein Liebesbrief, ſondern ein Zeitungsblatt! Ein Blatt Ihrer lieben und ehrwürdigen Voſſiſchen Zei⸗ tung. Ich hatte anfangs flüchtig geleſen, auf einmal haftete mein Blick auf einem Artikel aus Berlin, der mich lebhaft intereſſirte. In dieſem Artikel ward von der ſeltſamen Heilmethode des Wunderdoctors und Magnetiſeurs Binder geſprochen. Es ward erzählt, daß Kranke aus weiter Ferne nach Berlin kämen, um ſich von dem Arzt kuriren zu laſſen, deſſen ganze Kurmethode im Handauflegen und Anblicken beſtände. Dann ward die Geſchichte eines jungen Mädchens erzählt, von deren ſeltſamer Krankheit jetzt ganz Berlin erfüllt ſei, und die durch die Kur des Doctor Binders eine Somnambule geworden. Es war geſagt, daß die ſeltenen und wunderbaren Reden und Prophe⸗ zeihungen des jungen Mädchens das größte Aufſehen machten, und daß ſelbſt Miniſter und hohe Staatsbeamte ſich in den Kriſenſaal des Doctor Binder begäben, um der Somnambule zuzuhören und ihr Fra— gen vorzulegen. Ach, das war die kleine Henriette Meyer, die vor einigen Monaten geſtorben iſt, ſagte Hardenberg. Ja, ſie war ſo gefällig, zu ſterben und mir Platz zu machen, rief Friederike lächelnd. Als ich dieſe ihre Geſchichte geleſen, da war es mir auf einmal, als fiele ein Schleier von meinen Augen und ich ſchaute jetzt klar und deutlich meine Zukunft, Ich ſprang empor und * ſieß einen Sturnvogel in vechallen von Windes uf den Ge dert nach. achtete niht dem kleinen in Schweiß nich auf Augen und die Stimm Ich ſtarrte ſchlüſe reif durch an n und ihm n meine Jun und ihn g baren Kra allen Glie Ich konnte cheben, i Spndt ver Rlch mein Sy mir, als wachte, det Zaul echalten nen Vate ſamer, f nit aleit A, nih me ind trieb ein mochte, und i er hob es s Angeſicht. et Wind, als bewegten ſih anz leiſe ans ehen, um mir ſondern ein oſſiſchen Zei haftete mein eſſirte. In Punderdoctors „daß Kranke Arzt kuriren d Anblicken erzählt, ſei, und die und Proßhe⸗ machten, und Kriſenſaul des und iht Fra⸗ en Monaten nachen, rief da war es und ich npor und 245 ſtieß einen Schrei aus, einen einzigen lauten Schrei, der wie ein Sturmvogel über den See hinrauſchte und den das Echo weit hinab in verhallenden Klängen ſechs Mal wiederholte. Dann rannte ich wie von Windesflügeln getragen von dannen, zurück zur Stadt. Die Leute auf den Gaſſen, die mich vorüber laufen ſahen, blickten mir verwun⸗ dert nach. Einige riefen mich an und wollten mich anſprechen, ich achtete nicht auf ſie, ich rannte weiter, gelangte im vollen Lauf nach dem kleinen Hauſe meiner Eltern und fiel da keuchend, beſinnungslos, in Schweiß gebadet zur Erde nieder. Man hob mich auf und trug mich auf mein Lager. Ich lag regungslos da mit weitgeöffneten Augen und ſtarrte empor. Niemand ſah meine Gedanken und hörte die Stimmen, die in meiner Bruſt flüſterten und unheimlich lachten. Ich ſtarrte empor und überdachte meinen Plan und ließ meine Ent⸗ ſchlüſſe reifen.— Mein armer guter Vater ſaß die ganze Nacht hin⸗ durch an meinem Bett und weinte und beſchwor mich, ihn anzuſchauen und ihm nur mit Einem Wort zu ſagen, daß ich ihn erkenne. Aber meine Zunge blieb ſtumm, nur mit den Augen konnte ich ihm zuwinken und ihn grüßen.— Was ſoll ich Ihnen die Geſchichte meiner wunder⸗ baren Krankheit ausführlich erzählen? Genug, ich war gelähmt an allen Gliedern, und auch mein Geiſt ſchien verwirrt und umſchleiert. Ich konnte eſſen, ſchlafen, aber ich konnte mich nicht von meinem Lager erheben, ich konnte kein Wort ſprechen. Die Aerzte unſerer kleinen Stadt verſuchten alle Mittel ihrer Kunſt, um mich zu heilen. Ver⸗ geblich! Ich blieb ſtumm. Nur einmal nach vier Wochen erhielt ich meine Sprache wieder. Es war in der Nacht, und Niemand war bei mir, als mein guter Vater, der faſt jede Nacht an meinem Bett wachte, immer auf einen Moment hoffend, wo ich mich erholen, wo der Zauber ſich von meiner Zunge löſen und ich die Sprache wieder erhalten würde. Dieſer Moment war jetzt gekommen, ich winkte mei⸗ nen Vater mit den Augen zu mir, ich ſah ihn ſtarr an und mit lang⸗ ſamer, feierlicher Stimme ſagte ich:„Doctor Binder in Berlin kann mir allein auf der Welt helfen.“— Ach, rief Hardenberg aufathmend, ich gebe Ihnen die Erlaubniß, mich auszulachen. Ich bin ſo thöricht geweſen, wie Ihr Vater. Ich 246 habe bis zu dieſem Moment an die Wahrheit Ihrer Krankheit geglaubt Nicht ib und mich um Sie geängſtigt und beunruhigt. Die Worte, die Sie ih beneide di in jener Nacht geſprochen, geben mir meine Ruhe wieder und erleuchten nſonnen. M . mir das Dunkel wie ein angenehmes Grubenlicht. Ich hoffe indeß, Rei, ich daß ſie auf Ihren Vater nicht die gleiche Wirkung ausübten. Wie ſ . Nein, Excellenz, zum Glück thaten ſie das nicht, und der Beweis Hören 1 davon iſt, daß ich acht Tage ſpäter, ſanft gebettet in einem Kranken⸗ wieder allin wagen, in langſamen Tagereiſen mit meinem Vater nach Berlin fuhr, meiner Erſtar 1 um von dem Doctor Binder Heilung meines Leidens zu erlangen. Hern Binder Verſprach Ihnen der Wunderdoctor dieſe Heilung? nich entſetzt a Er ließ ſie wenigſtens hoffen, und nahm mich gegen Voraus⸗ wiſſen ja, ich bezahlung einer Penſion von drei Monaten in ſein Haus und in ſeine ſtand des S Kur. Ich ließ mir ſein ſtarres Anblicken, ſein Handauflegen und ſeine Beſchwörungen willig gefallen. Ich war ſo gefällig, ſehr bald einzu⸗ Doctor, ſagte haben, daß io ſchlafen und nach drei Tagen ſchon ein wenig hellſehend zu werden. ich meine Rol Der Doctor war ſelber überraſcht von der ſchnellen Wirkung ſeiner wollen Beide Kur, er benachrichtigte einige ſeiner vornehmen Gönner von dem Da⸗ ich als Som 3 ſein ſeiner neuen Somnambule, und lud ſie ein, meinem nächſten Er⸗ ſind der The wachen beizuwohnen. Unter dieſen Gönnern befanden ſich einige ein⸗ Thenters ſt 2„— E 7* 1 flußreiche Herren vom Hofe, der Fürſt Hatzfeld und der Feldmarſchall ſicht glänzen . von Kalkreuth. Man hatte mir geſagt, daß dieſe Herren die eifrigſten uſt und ma P 3. 6 0 i Anhänger des franzöſiſchen Bündniſſes und die glühendſten Bewun⸗ dlen, wirt derer Napoleons ſeien. Es war daher ſehr natürlich, daß, als ich in ſit u ine Gegenwart dieſer Herren an dieſem Tage in den Zuſtand des Hell— Thutiet 3. n. 5 ſehens verfiel, ich die entzückte Prophetin einer goldenen Zukunft für führte ic ih Preußen war, vorausgeſetzt, daß wir im Bunde mit Frankreich blieben. Jt S be Die beiden Herren waren ſichtlich erſtaunt und entzückt über meine cluuben. Prophezeihungen, und als der Doctor einen Moment hinausgegangen 4 Sie— um war, hörte ich den Fürſten Hatzfeld zum Herrn von Kalkreuth ſagen: Nicht Ah, wenn doch Hardenberg hier wäre und dieſes wundervolle Mäd⸗ „— 9 Der Doctor chen ſprechen hörte. Er glaubt ja an den Somnambulismus, und ihre ulen er Worte würden daher Eindruck auf ihn machen!“—„Man muß ſuchen, ihn hierher zu bringen,“ erwiederte Herr von Kalkreuth,„man muß durch die Somnambule auf den Starrkopf wirken.“— brken und ſir in wad nanbule n3 eit geglaubt e, die Sie erleuchten offe indeß, der Beweis n Kranken⸗ erlin fuhr, langen. n Voraus⸗ nd in ſeine nund ſeine bald einzu⸗ werden. dem Da⸗ ächſten Er⸗ euth ſagen: Mäd⸗ lle Mid „ und ihre 16, Unb uf ſuchen, nan muß 247 Nicht übel ausgedacht, in der That, ſagte Hardenberg lächelnd, ich beneide dieſe Herren faſt um die allerliebſte Intrigue, die ſie da erſonnen. Man machte Ihnen alſo Anträge, nicht wahr? Nein, ich machte meine Anträge! Wie ſo denn? Hören Sie nur! Als die Herren uns verlaſſen hatten und ich wieder allein war mit dem Doctor, richtete ich mich auf einmal aus meiner Erſtarrung empor; mich vom Lager erhebend, ſchritt ich zu Herrn Binder hin und machte ihm eine tiefe Verbeugung. Er ſah mich entſetzt an und ſchien wie erſtarrt vor Verwunderung, denn Sie wiſſen ja, ich war an allen Gliedern gelähmt und konnte nur im Zu⸗ ſtand des Somnambulismus meine Zunge bewegen. Mein lieber Doctor, ſagte ich vollkommen ruhig, ich hoffe Ihnen jetzt bewieſen zu haben, daß ich ziemlich viel Talent zur Schauſpielerin beſitze, und daß ich meine Rolle ebenſo gut begriffen habe, wie Sie die Ihrige. Wir wollen Beide unſer Glück machen in der Welt, Sie als Wunderdoctor, ich als Somnambule, und wir bedürfen dazu Einer des Andern. Sie ſind der Theaterdirector, der für mich im Beſitz eines convenablen Theaters iſt, ich bin die erſte Actrice, ohne welche Sie Ihre Stücke nicht glänzend werden in Scene ſetzen können. Verſtändigen wir uns alſo und machen wir einen Contract mit einander.— Ph bien, Ex⸗ cellenz, wir verſtändigten uns und machten unſern Contract! In Aus⸗ ſicht auf eine beſſere Stelle blieb ich vorläufig die erſte Actrice meines Theaterdirectors, des Doctor Binder, und Dank meinen Darſtellungen, führte ich ihm ſtets ein ebenſo glänzendes als freigebiges Publikum zu. Jetzt begreife ich Alles! Nur Eine Frage müſſen Sie mir noch erlauben. Wiſſen die Herren von Hatzfeld und von Kalkreuth, daß Sie— nur Actrice ſind? Nicht doch, Excellenz. Sie ſind ſo gütig, mich für ächt zu halten. Der Doctor hat ihnen geſagt, daß durch den geiſtigen Rapport, in welchem er mit mir ſteht, ich gezwungen bin, Alles das zu ſagen, zu denken und zu thun, was er will und mir befiehlt, und daß, wenn er mir im wachen Zuſtand meine Verhaltungsbefehle giebt, ich im ſom⸗ nambulen Zuſtand ſtets darnach handeln und ſprechen muß. So iſt 248 es gekommen, Excellenz, daß man mich als den Fuchsſchwanz benutzt hat, mit dem man die politiſche Electriſirmaſchine in Bewegung ſetzte, welche auf Sie wirken und Sie von der Krankheit Ihrer franzöſiſchen Antipathien heilen ſollte. Der Doctor ward der Vertraute dieſer Herren, welche Sie kuriren wollten. Man umgab Ew. Excellenz mit Spähern, man führte ein genaues Tagebuch über Ihr Thun und Laſſen, und dies Tagebuch ward in der Frühe jedes Morgens dem Doctor überbracht, er las es mir vor, und wir überlegten dann zu⸗ ſammen, wie ich es benutzen und verwenden ſollte. Und wie Sie mich dupiren ſollten, rief Hardenberg lachend. Zum Glück ließ ich mich nicht dupiren, ſondern erkannte die allerliebſte Schelmerei gleich vom Anbeginn her, nahm mir aber vor, die Farce noch einige Zeit lang mitzuſpielen, weil ich dadurch Gelegenheit erhielt, die Abſichten, Wünſche und Pläne meiner Gegner kennen zu lernen und zu verfolgen. Aber ſagen Sie doch, meine liebe Schöne, was wäre geſchehen, wenn ich Sie heute nicht hätte merken laſſen, daß ich ein wenig hinter die Couliſſen geſchaut? Dann hätte ich Sie heute ſelber dahinter geführt, Excellenz. Habe ich nicht geſtern ſogar zwei Mal meine junge Krankenpflegerin in Ihr Hötel geſchickt, um Sie zu beſchwören, noch geſtern Abend zu mir zu kommen, weil ich Ihnen etwas Wichtiges zu ſagen hätte? Schrieb ich Ihnen nicht, daß der Doctor geſtern den ganzen Abend nicht zu Hauſe ſei, und ich daher ungeſtört Ihnen ein wichtiges Geheimniß an⸗ vertrauen könne? Und ich Unglücklicher war nicht daheim, und dies Souper beim Marſchall Augereau, das Sie ſo wundervoll benutzt haben, hat mich um eine Stunde der Aufklärungen gebracht. Aber nehmen wir an, daß ich gekommen wäre, daß ich Sie allein getroffen hätte. Was würden Sie mir dann geſagt haben? Was ich Ihnen dann geſagt haben würde? Daſſelbe, was ich Ihnen jetzt ſage. Ich würde zu Ihren Füßen niedergeſunken ſein, wie ich es jetzt thue, und ſo Ihre Kniee umklammernd würde ich geſagt haben, was ich jetzt ſage:„Erbarmen, mein Herr und Gebieter, Er⸗ barmen! Ich kann dieſem edlen Antlitz gegenüber nicht mehr heucheln und lügen, lichen Ihres ſſt zu Ende, ich Sie aub mich verbind mein ganzes Sie wo Knieen berge Pengen, un lichelnd an. Welch Es war eit Nidenſchaft Ihre Rachbi Augen an. argwöhnen eb kaum vo Meine lichelnd. E Carriere zu Rgangen, mhige Ro Win, leumng! wählen, daß dieſe bewundern Rtungsſ inenden ſe Ae, d uinſche N und Sie 249 wanz benutzt und lügen, der Blick Ihrer himmliſchen Augen verwirrt mich, das egung ſetze, Lächeln Ihres edlen Mundes entzückt und beſchämt mich,— das Spiel franſiſchn iſt zu Ende, und die Wahrheit beginnt. Die Wahrheit aber iſt, daß raute diſer ich Sie anbete, daß ich nicht mehr mit Ihren Gegnern gegen Sie rcellenz nit mich verbinden will, daß ich Ihnen, und Ihnen allein dienen, Ihnen Thun ind mein ganzes Leben, Ihnen jeden Schlag meines Herzens weihen will!“ korgens dem Sie wollte ihr von Thränen überfluthetes Angeſicht an ſeinen en dann zu⸗ Knieen bergen, aber Hardenberg legte leiſe ſeine beiden Hände an ihre Wangen, und ſanft ihr Haupt emporhebend, ſah er ſie lange und hend. Zum lächelnd an. e allerliebſte Welch' ein großes Talent, ſagte er, wahrhaftig, ich bewundere Sie! , die Farce Es war eine Darſtellung zum Entzücken. Die wahre Liebe und nheit erhielt, Leidenſchaft kann keine ſchöneren Laute, keine edlere Mimik haben, als lernen und Ihre Nachbildung. was wäre Sie flog von ihren Knieen empor und ſah ihn mit zornblitzenden daß ich ein Augen an. Sie glauben mir nicht? fragte ſie faſt drohend. Sie be⸗ argwöhnen mich, obwohl ich Ihnen mein Herz enthüllt habe, wie ich t„ Ereellenz. es kaum vor Gott gethan? npflegerin in Meine ſchöne Thörin, wie könnte ich Ihnen glauben? fragte er bend zu mir lächelnd. Sind Sie nicht ausgezogen, um Abenteuer zu beſtehen und e Schrieb Carriere zu machen? Sind Sie nicht als kühne Taucherin in's Meer nd nicht zu gegangen, um Perlen zu ſuchen? Nun wohl, Sie haben mir die an⸗ heimniß an⸗ muthige Rolle zugedacht, Ihr Rettungsſchlauch zu ſein, das iſt Alles! Nein, nein, rief ſie, wild mit den Füßen ſtampfend, das iſt Ver⸗ zouper bin leumdung! Warum ſollte ich grade Sie zu meinem Rettungsſchlauch en, het nih wählen, grade Ihnen meine Seele offenbaren? Glauben Sie nicht, — 5 an, daß dieſe Herren, die mich gegen Sie benutzen, die mich anbeten und itt Vas bewundern, nicht freudig bereit wären, mir beizuſtehen und mein Rettungsſchlauch zu ſein? Aber ich habe ihre Huldigungen, ihre e n ih glänzenden Anerbietungen zurückgewieſen, ich verachte, ich verabſcheue ſie Alle, denn ſie ſind Ihre Feinde. Ich haſſe Frankreich, ich ver⸗ hn— wünſche Napoleon, denn Sie wollen das franzöſiſche Bündniß nicht, und Sie ſind von Napoleon geſchmäht worden, ich erſehne ein Bünd⸗ zebielel, ehr heucheln niß mit Rußland, denn ich weiß, daß dies Ihr Wunſch iſt, und ich habe keine Wünſche, als Ihre Wünſche, keinen Willen, als Ihr Wollen! Ach, rief Hardenberg lachend, dies iſt die ſeltſamſte politiſche Liebeserklärung, die jemals ein Mädchen einem Manne gemacht hat. Mein Gott, Sie lachen! rief ſie zornig. Sie glauben mir alſo nicht? Wie fange ich es nur an, Sie zu überzeugen! Ich will Ihnen ein Mittel dazu angeben, ſagte Hardenberg, plötz⸗ lich ernſt werdend. Sagen Sie das Mittel, und ich ſchwöre, daß ich es anwenden will. Dienen Sie mir jetzt ebenſo, wie Sie bis jetzt meinen Feinden gedient haben. Werden Sie jetzt die Prophetin meiner Politik, wie Sie bis jetzt die Prophetin der Politik meiner Gegner waren. Er⸗ lauben Sie mir, der geiſtreichen Somnambule meine Stichworte für ihre Rolle zu ſagen, und ſpielen Sie jetzt mit eben der Meiſterſchaft gegen meine Gegner, als Sie bis jetzt für dieſelben geſpielt haben. Friederike Hahn lachte laut auf. Wahrhaftig, das iſt eine wun⸗ dervolle Idee, rief ſie, eine pikante Rache, welche Ew. Excellenz da er⸗ ſonnen haben. Hier meine Hand, und ich ſchwöre Ihnen, daß ich Ihnen dienen und Ihnen treu ſein will, ſo lange ich lebe. Glauben Sie jetzt an die Wahrheit meiner Liebe? Laſſen Sie mich erſt die Thaten derſelben ſehen und erkennen, ſagte Hardenberg lächelnd. Ich will Ihnen aber jetzt ſogleich beweiſen, daß ich Ihrem Kopf vertraue, wenn ich auch nicht eitel genug bin, Ihrem Herzen zu glauben. Hören Sie alſo! Es liegt mir Alles daran, daß der König Berlin verlaſſe, und ſo dem franzöſiſchen Ein⸗ fluß entzogen werde. Der Fürſt Hatzfeld und der alte Feldmarſchall aber wollen durchaus, daß er in Berlin bleibe, und dadurch das Feſt⸗ halten Preußens an dem Bündniß Frankreichs manifeſtire. Ich ver⸗ muthe aber, ja ich möchte ſagen, ich weiß, daß der König hier von Gefahr bedroht iſt, und daß, ſobald er irgend ein freies und kühnes Wort ſprechen würde, die lauernden Franzoſen es benutzen würden, um ſich ſeiner Perſon zu bemächtigen, und ihn gefangen zu halten, wie ſie es Carl und Ferdinand von Spanien gethan. Warnen Sie alſo die gläubigen Herren, deuten Sie hin auf die Gefahren, von denen hier er hnig bedt ſü, ſich für Prophetenſim den König na Ich werd Verwegenſten rieſelt fühlen der gute alte Berlin zu ver ich Ihnen die wenn ich Ihr gegeben, wert Vir wen weiſe, wie O ſondern höre in dem Stu uns über da legen, ein A Eiſtnz Fi ſchwöre, daß dienen, auf ſördern wolle Gegu ſllſ Frantteich zu Nun w Breslau anl Ihnen eine ſthingig le Und da hchen mir Nein, ſ h verſpret chelches iſt, und ich Ihr Wollen! e politiſche emacht hat. en mir alſo berg, plät⸗ enden will. en Feinden Politit, wie varen. Er⸗ chworte für Neiſterſchaft llenz da er⸗ , daß ich Glauben erkennen, h beweiſen, genug bin, nir Ales ſiſchen Ein⸗ eldmarſchall ch das Feſt e. ch vel⸗ ig hier von 3 ihnes würden, glten, wie en Sie alſo denen hier 251 der König bedroht iſt, ſagen Sie, daß es die heilige Pflicht der Majeſtät ſei, ſich für ſein Volk zu erretten, rufen Sie mit Ihrer begeiſterten Prophetenſtimme: Fort, fort! In Berlin droht das Verderben! Rettet den König nach Breslau! Ich werde meine Rolle ſo ſpielen, daß ſelbſt die Muthigſten und Verwegenſten von Schauern der Furcht und des Entſetzens ſich über⸗ rieſelt fühlen ſollen, rief Friederike mit flammenden Augen, und daß der gute alte Herr von Kalkreuth den König fußfällig beſchwören wird, Berlin zu verlaſſen, und nach Breslau zu gehen. Aber dann, wenn ich Ihnen dieſe Rolle geſpielt, wenn Sie Ihren Zweck erreicht haben, wenn ich Ihnen alſo Beweiſe meiner Treue und meines Gehorſams gegeben, werden Sie mir dann glauben, daß ich Sie liebe? Wir werden ja ſehen, ſagte er lächelnd. Vielleicht bin ich nicht ſo weiſe, wie Odyſſeus, und verſtopfe meine Ohren nicht mit Wachs, ſondern höre dem Zaubergeſang der Sirene zu, auf die Gefahr hin, in dem Strudel der Leidenſchaft zu Grunde zu gehen. Wir wollen uns über das Schickſal unſerer Herzen keine Verſprechungen aufer⸗ legen, ein Anderes aber iſt es mit dem Schickſal Ihrer äußerlichen Exiſtenz. Für dieſe muß ich Ihnen Verſprechungen geben, und ich ſchwöre, daß ich ſie erfüllen werde. Sie verſprechen mir, daß Sie mir dienen, auf meine Pläne eingehen, meine Politik durch Ihre Künſte fördern wollen? Ich ſchwöre es Ihnen, Excellenz, ich ſchwöre Ihnen, daß Ihre Gegner ſelbſt den König anflehen ſollen, Berlin zu verlaſſen, und mit Frankreich zu brechen. Nun wohl, an dem Tage, an welchem der König wohlbehalten in Breslau anlangt, werden Sie von mir ein Document erhalten, welches Ihnen eine Jahresrente ſichert, damit Sie hier in Berlin frei und un⸗ abhängig leben können. Und das iſt Alles? fragte ſie mit verächtlichem Ton. Sie ver⸗ ſprechen mir nichts als Geld, um mich vor dem Verhungern zu ſchützen? Nein, ſagte Hardenberg lächelnd, ich verſpreche Ihnen noch mehr! Ich verſpreche Ihnen, daß die kleine Friederike Hahn, des Uhrmachers eheleibliches Töchterlein, ſich in eine vornehme Dame verwandeln ſoll, 252 und daß ich Ihnen einen Gemahl ausfindig machen will, der Ihnen einen adeligen Namen als Mitgift bringt, deſſen ſich die Tochter der Marquiſe Barbaſſon nicht zu ſchämen hat. Sind Sie zufrieden damit, meine Schöne? Bin ich verpflichtet, den Gemahl, welchen Ew. Excellenz mir geben wollen, zu lieben und zu ehren? fragte Friederike nach einer Pauſe. Und wenn ich Ja ſagte? fragte Hardenberg. Dann würde ich ſagen: ich ziehe es vor, Friederike Hahn zu bleiben, denn als ſolche werde ich wenigſtens das Recht haben, zu Ihren Füßen zu ſitzen und Sie anbeten zu können, und kein läſtiger Gemahl wird mich daran hindein können. Nun denn, meine holde Thörin, ich werde Ihnen einen Gemahl ſuchen, der wie ein deus ex machina blos erſcheint, Ihnen vor dem Altar ſeinen Namen giebt, und dann wieder verſchwindet. Sind Sie damit einverſtanden? Excellenz, das iſt grade ein Gemahl, wie ich ihn mir wünſche, und wie ihn meine Phantaſie erträumt hat. Ein Gemahl saus consequence, nicht ein Mann, ſondern nur ein Mannequin! Ich werde indeß dafür ſorgen, daß dieſer Mannequin Ihnen außer ſeinem Ramen noch ein ſehr ſchönes Brautgeſchenk, und eine Ihrer würdige corbeille de noce zu Füßen lege. Sie nehmen alſo meine Anerbietungen an, meine Freundin? Nein, ich nehme ſie nicht an, wenn Sie nicht noch Etwas hinzufügen. Was denn, Friederike? Ihre Liebe, Ihr Vertrauen, Ihren Glauben an meine Liebe! rief ſie, zu ſeinen Füßen niederſinkend. Ach, ſagte Hardenberg lächelnd, ſeien wir nicht ſo tollkühn, den Schleier lüften zu wollen, der uns vielleicht eine ſonnige, herrliche Zukunft verbirgt!*) *) Dieſe Scene iſt ihrem thatſächlichen Inhalt nach nicht erfunden, ſondern nach den eigenen, mündlichen Darſtellungen und Schilderungen der Dame, welche in derſelben die Hauptrolle ſpielt, niedergeſchrieben. D. V. Die kän Potsdam ein hatte in der der ganzen k den Geſand kenntniß abg Conſiſtorialt halten an den Nach de Diner ſtattfi gllein, ſonde von Berlin Indeſe es, ſei unn Feierlicheit, nihrlich aſ ſchon ſeit ei Mitel, we thun fümen Die G Nachrichte arſt Sr. nen, daß gfahroll daher auch ſondern 5 ullonnen hlen wer „der Ihnen Tochter der rieden damit, enz mir geben ner Pauſe. ike Hahn zu ht haben, zu kein läſtiger einen Gemahl hnen vor dem Sind Sie wünſche, und consequence, Ihnen außer d eine Ihrer nalſo meine hinzufügen⸗ ine Liebe! rief tollkühn, 3 errliche nige, henlic efunden ſondern „Pame, welche 253 MI. Die beiden Diplomaten. Die königliche Familie hatte heute, den zwanzigſten Januar, in Potsdam ein wichtiges Feſt gefeiert. Der Kronprinz Friedrich Wilhelm hatte in der Schloßkirche ſeine Confirmation begangen. Im Beiſein der ganzen königlichen Familie, aller hohen Staatsbeamten und frem⸗ den Geſandten hatte der ſiebenzehnjährige Prinz ſein Glaubensbe⸗ kenntniß abgelegt, und in die Hände des edlen und ehrwürdigen Ober⸗ Conſiſtorialrathes Sack hatte er mit feierlichem Eide gelobt, treu zu halten an dem Wort Gottes, ihn zu bekennen in guten und in böſen Tagen. Nach der kirchlichen Feierlichkeit ſollte bei Hofe ein glänzendes Diner ſtattfinden, zu dem nicht die Mitglieder der königlichen Familie allein, ſondern auch die Würdenträger und Staatsbeamten, nebſt den von Berlin herübergekommenen Geſandten Einladungen erhalten hatten. Indeſſen ward dies Diner plötzlich abbeſtellt. Der König, hieß es, ſei unwohl geworden. Die große Aufregung bei der kirchlichen Feierlichkeit, die heftige Gemüthsbewegung habe ſeine Nerven unge⸗ wöhnlich afficirt, und bei ihm ein Naſenbluten hervorgerufen, das ſchon ſeit einigen Stunden andauere, und dem ſelbſt die energiſcheſten Mittel, welche die Aerzte angewandt, bisher keinen Einhalt hatten thun können. Die Geſandten hatten ſich perſönlich im Schloß gemeldet, um Nachrichten über das Befinden des Königs zu erhalten, und der Leib⸗ arzt Sr. Majeſtät hatte ihnen wenigſtens die Verſicherung geben kön⸗ nen, daß der Zuſtand Sr. Majeſtät durchaus nicht beunruhigend oder gefahrvoll ſei, aber daß der König durchaus der Ruhe bedürfe, und daher auch heute nicht, wie es beabſichtigt geweſen, nach Berlin gehen, ſondern in Potsdam verbleiben, ſich auch die nächſten Tage dort in vollkommenſter Zurückgezogenheit von allen Geſchäften und Beſuchen halten werde. Dieſe Nachricht ſchien Niemand mehr zu beunruhigen, als den franzöſiſchen Geſandten, Grafen St. Marſan. Mit düſterer Stirn verließ er das königliche Schloß, und ſeine Equipage beſteigend, befahl er in haſtigem Ton dem Kutſcher, ſo ſchnell als die Pferde zu laufen vermöchten, nach Berlin zurückzukehren. Nach kaum drei Stunden, Dank den muthigen Pferden, war daher die Fahrt zurückgelegt, der Wagen hielt vor dem Hötel der franzöſiſchen Geſandtſchaft, und die Lakaien eilten herbei, den Schlag zu öffnen. Graf St. Marſan indeſſen erhob ſich nicht von ſeinem Sitz, ſon⸗ dern winkte nur ſeinen Kammerdiener näher zu ſich heran. Keine Briefe für mich angekommen? fragte er. Zu Befehl, Excellenz, dieſes Briefchen iſt ſo eben abgegeben worden, ſagte der Kammerdiener, dem Grafen ein kleines, zierlich ge⸗ faltetes Briefchen darreichend. St. Marſan erbrach es haſtig. Es enthielt nichts als die Worte:„So eben kehre ich von Potsdam zurück. Wahrſcheinlich habe ich eine Stunde vor Ew. Excellenz voraus, denn ich habe drei Relais legen laſſen. Sobald Ew. Excellenz angekommen ſind, bitte ich, es mich wiſſen zu laſſen, damit ich zu Ihnen eilen kann. H.“ Zum Hötel des Staatskanzlers von Hardenberg, befahl der Ge⸗ ſandte, indem er das Papier in ſeinen Buſen ſchob und ſich in die Kiſſen zurücklehnte. Der Wagen rollte davon, nach zehn Minuten hielt er vor dem Hötel des Staatskanzlers an. Graf St. Marſan ſprang mit jugendlicher Leichtigkeit heraus, und eilte, dem meldenden Lakaien auf dem Fuße folgend, in das Hötel und die Treppe hinauf. Schon im erſten Vorzimmer kam ihm der Staatskanzler entgegen, um ihn mit verbindlichen Worten zu begrüßen, und in ſein Kabinet zu führen. Sie ſind mir zuvor gekommen, Excellenz, ſagte er, mein Wagen war angeſpannt, und ich erwartete nur eine Botſchaft von Ihnen, um ſo⸗ gleich zu Ihnen zu eilen. Es iſt alſo eine ſehr wichtige Nachricht, welche Ew. Excellenz mir mitzutheilen die Güte haben wollen? fragte St. Marſan unruhig. Im Gegentheil, Excellenz, ſagte Hardenberg lächelnd, ich hoffte von Ihnen wichtige Nachrichten zu erhalten. Ich darf Ihnen nicht vechehlen, d ſind, und es Diplomaten, wohlſein und Se. Majeſti miden woll In der mir überhau ich geſthe E nißgeſtimmt Unwillen en Wie? f Ercellenz be des Känigs und Unerſch halten hat, lockende For und es dur duchaus tre und aufgebe Beredtſankei Bündriſes, ſprchungen, nüßſen, zr König kint in ſehr we uf immer örig ſeine pultuniſt dieſer Zeit iſt, daf hntich Aber, t Nuſſt G üſterer Stirn end, befahl ide zu kufen ferden, war m Höͤtel der „den Schlag en Sitz, ſon⸗ Keine Briefe en abgegeben s, zierlich ge⸗ tödam zurüct. voraus, denn angekommen ilen kann. H.“ efahl der Ge⸗ d ſich in die Minuten hielt arſan ſprang enden Lalkien er entgegel, ſein Kabinet in Wahen war en, um ſo⸗ Freellenz mir muhig. ich hoffte f Ihnen nicht 255 verhehlen, daß wir Alle in der höchſten Spannung und Aufregung ſind, und es iſt wohl nicht nöthig, einem ſo feinen und ſchapfſinnigen Diplomaten, wie Ew. Excellenz es ſind, zu geſtehen, daß das Un⸗ wohlſein und das Naſenbluten des Königs nur fingirt war, und daß Se. Majeſtät dadurch nur ein Zuſammentreffen mit Ew. Excellenz ver⸗ meiden wollten. In der That, ich vermuthete das wohl, rief St. Marſan, es kam mir überhaupt Alles in Potsdam ſehr ſeltſam und wunderlich vor, aber ich geſtehe Ew. Excellenz, daß ich nicht begreife, wodurch der König ſo mißgeſtimmt worden, und wodurch namentlich meine Perſon ſeinen Unwillen erregt haben kann? Wie? fragte Hardenberg, mit dem Anſchein des Erſtaunens, Ew. Erxcellenz begreifen das nicht? Mir ſcheint aber, daß dieſer Unwille des Königs gar wohl begründet iſt. Sie wiſſen, mit welcher Treue und Unerſchütterlichkeit Preußen an dem franzöſiſchen Bündniß feſtge⸗ halten hat, daß der König allen Verſprechungen Rußlands, in wie ver⸗ lockende Formen ſie auch immer gekleidet ſein mochten, widerſtanden, und es durch Wort und That bewieſen hat, daß er ſeinem Syſtem durchaus treu bleiben, und das Bündniß mit Frankreich niemals löſen und aufgeben wolle. Und gerade jetzt, wo es meinem Eifer, meiner Beredtſamkeit, meiner beſtändigen Darlegung von der Nützlichkeit dieſes Bündniſſes, gelungen iſt, den König taub zu machen gegen alle Ver⸗ ſprechungen, und ihn in ſeinem Herzen feſter als je an Frankreich zu knüpfen, grade jetzt müſſen Sie auf eine ſo herausfordernde Weiſe den König kränken und beleidigen. Ach, Herr Graf, das heißt mein Ziel in ſehr weite Ferne ſchieben, und mir den erſehnten Orden vielleicht auf immer entziehen. Denn wie kann ich mein Wort halten, wie dem König ſeine Einwilligung zu der Verlobung des Kronprinzen mit einer Napoleoniſchen Prinzeſſin abgewinnen, wenn Frankreich ihm grade in dieſer Zeit mit ſo wenig Schonung und Ehrfurcht begegnet, und ihm beweiſt, daß es ſelber die Verträge, die es mit Preußen geſchloſſen, für Frankreich nicht als bindend betrachtet. Aber, Excellenz, Sie ſehen mich in Verzweiflung, rief Graf St. Marſan, denn ich geſtehe Ihnen noch einmal, daß ich nicht be⸗ 256 greife, was wir gethan haben, um ſolche ſchmerzliche Vorwürfe zu verdienen. Nun, dann erlauben Sie mir, Sie an das zu erinnern, was ge⸗ ſchehen iſt, und um eine gütige Erklärung zu bitten. Ew. Excellenz wiſſen doch, daß die Diviſion des Generals Greénier neunzehntauſend Mann ſtark von Italien in Eilmärſchen hierher gekommen und in die Kurmark eingerückt iſt? Ja, allerdings, ich weiß das, ſagte St. Marſan zögernd, aber dieſe Truppen werden nur einige Tage raſten, um dann weiter zu ziehen. Im Gegentheil, Excellenz, dieſe Truppen ſind dazu beſtimmt, in der Kurmark zu bleiben, rief Hardenberg. Die Führer derſelben er⸗ klären mit aller Beſtimmtheit, hier ihre Standquartiere gefunden zu haben, und doch iſt die Kurmark ſchon ſo angefüllt von franzöſiſchen Soldaten, daß es nicht wohl abzuſehen iſt, wie es möglich ſein ſollte, noch weitere neunzehntauſend Mann unterzubringen. Außerdem iſt dieſe Vermehrung der franzöſiſchen Truppenzahl durchaus gegen die beſtehenden Verträge, und es iſt daher natürlich, daß dieſer Umſtand, der ſchon an ſich leicht eine feindliche Abſicht vermuthen ließe, die Miß⸗ ſtimmung des Königs erregt hat. Aber die außerordentlichen Umſtände, in denen die franzöſiſche Armee ſich ſeit dem unglücklichen ruſſiſchen Feldzug befindet, entſchul⸗ digen wohl auch außerordentliche Maßregeln, ſagte St. Marſan be⸗ fangen. Gewiß wird Se. Majeſtät der Kaiſer Napoleon, ſobald er erfährt, daß der König dieſe Truppenvermehrung ungern ſieht, ſich be⸗ gilen, ſeinem Bundesgenoſſen die Nothwendigkeit dieſer Maßregel aus— einander zu ſetzen, und nachträglich wenigſtens ihn um ſeine Einwilli⸗ gung zu erſuchen. Ach, rief Hardenberg raſch, Sie geſtehen alſo jetzt zu, daß dieſe Truppenvermehrung nicht eine vorübergehende, ſondern eine dauernde ſein ſoll? Aber ich bin noch nicht zu Ende mit meiner Beſchwerde! Ew. Excellenz iſt es doch bekannt, daß nach der letzten Uebereinkunft zwiſchen Frankreich und Preußen in Potsdam und deſſen Umgebung durchaus gar keine franzöſiſchen Truppen ſich aufhalten, oder auch nur Eine Nacht Quartier nehmen dürfen? 9u, ich orgſan aufre Bisher, wihrend wir wohnten, vo Frankreich un kunft auf ebe den. Viertau von Brunden hiren Sie es Quartier neh Vege begrei ſei, und erſt dahin bringe zurück marſc Blutverzieße Truhhen, ſo Beßörden. muth meines nir gerigen Mein der That ni tige ſo übe nich wohl mark unter keiten danj ſchreiten ko kegen, wo ſ Vir konnte nuten vür ti den B — Beit Mhltn Vorwürfe zu ern, was ge⸗ w. Ercellenz mzehntauſend n und in die ögernd, aber ter zu ziehen. beſtimmt, in derſelben er⸗ gefunden zu franzöſiſchen ch ſein ſollte, Außerdem iſt ws gegen die ieſer Unſtand, e franzöſiſche det, entſchul⸗ Marſan be⸗ ſobald er ſieht, ſich be⸗ Roßregel aus⸗ ſeine Envill⸗ zu, diß tieſe dauernde Beſch werde! ebereinkunft „r auch nur 257 Ja, ich kenne dieſe Uebereinkunft, und ich glaube, ſie iſt bisher ſorgſam aufrecht erhalten. Bisher, das heißt bis heute! Aber an dieſem Vormittag, und während wir in der Kirche der feierlichen Einſegnung des Prinzen bei⸗ wohnten, von dem Sie wünſchen, daß er ein neues Band zwiſchen Frankreich und Preußen werde, in derſelben Stunde iſt dieſe Ueberein⸗ kunft auf eben ſo unbegreifliche, als verletzende Weiſe gebrochen wor⸗ den. Viertauſend Mann von der Diviſion Grénier ſind heute Morgen von Brandenburg nach Potsdam gerückt, und haben mit Gewalt— hören Sie es wohl, Excellenz, ich ſage, ſie haben dort mit Gewalt Quartier nehmen wollen. Man ſuchte ihnen vergeblich auf gütlichem Wege begreiflich zu machen, daß ein ſolches Vorhaben unausführbar ſei, und erſt nach ſehr heftigen und ſtürmiſchen Scenen konnte man es dahin bringen, daß die Truppen Potsdam verließen und einige Meilen zurück marſchirten.*) Wenn es aber bei dieſen Scenen nicht zum Blutvergießen kam, ſo war das in der That nicht das Verdienſt Ihrer Truppen, ſondern der Beſonnenheit und Mäßigung der preußiſchen Behörden. Jetzt, mein Herr Graf, werden Sie vollkommen den Un⸗ muth meines Herrn, des Königs, begreifen, und Sie werden, hoffe ich, mir genügende Aufklärung geben, die ich im Namen Sr. Majeſtät erbitte. Mein Gott, Excellenz, ſagte St. Marſan erſtaunt, ich begreife in der That nicht, wie der König dieſe kleine Diverſion gegen die Ver⸗ träge ſo übel deuten kann. Ew. Excellenz ſagten es ja ſelbſt: es wird nicht wohl möglich ſein, eine ſo bedeutende Truppenzahl in der Kur⸗ mark unterzubringen. Man hat wirklich außerordentliche Schwierig⸗ keiten damit gehabt, und dieſer Umſtand erklärt es, wie man dazu ſchreiten konnte, eine Abtheilung der Truppen nach Potsdam zu ver⸗ legen, wo ſo viel Raum und ſo viele leere Quartiere vorhanden waren. Wir konnten in der That nicht ahnen, daß der König dies ſo übel deuten würde, und daß der Anblick der tapfern franzöſiſchen Soldaten bei dem Bundesgenoſſen des Kaiſers von Frankreich Gefühle des Un⸗ *) Beitzke: Geſchichte der deutſchen Befreiungskriege. I. S. 162. Mühlbach, Napoleon III. Vd 17 258 willens erregen könnte. Aber Sie ſehen ja, die Truppen haben ſich dem Willen des Königs gefügt und ſind zurückmarſchirt. Aber ſie ſind nahe genug geblieben, um auf den erſten Ruf gleich wieder vorwärts rücken zu können. Und meinen Ew. Excellenz, daß die franzöſiſchen Behörden Ver⸗ anlaſſung haben dürften, ſich Hülfstruppen herbeizurufen? fragte Graf St. Marſan, einen raſchen prüfenden Blick auf das Antlitz des Staats⸗ kanzlers werfend. Aber dieſes Antlitz blieb vollkommen unverändert und ruhig, nur der Schimmer eines Lächelns umſpielte die feinen Lippen Hardenbergs. Ich weiß nicht, ſagte er, welche Motive die franzöſiſchen Behörden veranlaſſen dürften, ſich zur Ausführung ihrer Zwecke Hülfstruppen herbeizuziehen, da ſie nicht in Feindesland, ſondern im Lande eines Bundesgenoſſen ſich befinden. Es müßte denn ſein, daß ihnen jede freie Aeußerung des königlichen Willens ſchon als eine feindliche De⸗ monſtration erſchiene, und daß Sie zum Beiſpiel darin, daß der König nicht in Berlin, ſondern in Potsdam, und vielleicht, je nach ſeiner Laune, in einer andern ſeiner Städte reſidirt, ſchon eine feindſelige Handlung entdecken wollten. Der König will alſo Potsdam verlaſſen, und in einer andern Stadt reſidiren? fragte St. Marſan raſch. Ich ſage das nicht gradezu, erwiverte Hardenberg lächelnd und zögernd, aber ich würde es natürlich finden, wenn der König, um den läſtigen Zwiſtigkeiten der franzöſiſchen und deutſchen Behörden auszu⸗ weichen, um ferner nicht Zeuge zu ſein, daß man vielleicht zum zweiten Mal die Verträge verletzt, und Potsdam mit Einquartierung franzö⸗ ſiſcher Truppen beläſtigt, ich würde es natürlich finden, wenn der König, um allen dieſen Unannehmlichkeiten ſich zu entziehen, ſeine Reſidenz vielleicht nach einer Stadt verlegte, in welcher Se. Majeſtät ſicher wäre, ſolche Beunruhigungen vermeiden zu können. Der König will Potsdam verlaſſen, ſagte St. Marſan leiſe zu ſich ſelber, laut aber ſagte er: ich wüßte indeß keinen Ort in der preußiſchen Monarchie, wo jetzt bei dem innigen Verkehr zwiſchen Preußen und Frankreich ſich nicht auch franzöſiſche Behörden und funſiſhe T dings laut de außer auf de fnnziſiſchen 2 zöſſchen Tu werden darf. die Gefohr li Sie geſt frunzöſiſchen Tht ſehr ger begeben wollt Truppen zu Es iſt e St. Marſan. Cs ſſt a der franzſiſc wollen die Gi wir ſpielen ſ lih eide woh Nun ju Grund, nich Ofen unde prßiſchen 6 fing w Pe daß Aillen daten beſch Das b on ſeinem ud erſucht ſch beeilt, d tn dezhul iſen n und die Ein mij nitd den haben ſich ſten Ruf gleich Behörden Ver⸗ n fragte Graf is des Stats⸗ nd ruhig, nur nHandenbergs. chen Behörden Hülfstruppen Lande eines ß ihnen jede eindliche De⸗ aß der König ſeiner Laune, ige Handlung andern Stadt lächelnd und önig, um den örden auszl⸗ t zum zweiten erung funi⸗ enn der günig, ſeine Rſdenz tät ſiche wäre, urſn leiſe zu n On in der ur wiſchen Behörden um franzöſiſche Truppen befänden. Doch ja, da fällt mir ein, daß aller⸗ dings laut den Verträgen vom vorigen Jahre in der Provinz Schleſien, außer auf der Militairſtraße von Glogau nach Dresden, gar keine franzöſiſchen Truppen ſtehen, und daß Breslau nicht einmal von fran⸗ zöſiſchen Truppen oder von denen ſeiner Bundesgenoſſen durchzogen werden darf. Breslau wäre allerdings ein Ort, wo der König nicht die Gefahr liefe, franzöſiſchen Truppen zu begegnen. Sie geſtehen es alſo zu, daß es für den König gefährlich iſt, franzöſiſchen Truppen zu begegnen? In dieſem Fall wäre es in der That ſehr gerechtfertigt und ſehr weiſe, wenn der König ſich nach Breslau begeben wollte, wo er nicht, wie Sie ſagen, Gefahr läuft, franzöſiſchen Truppen zu begegnen. Es iſt alſo entſchieden, der König geht nach Breslau? fragte St. Marſan. Ew. Excellenz wollen die Güte haben, es mir anzudeuten? Es iſt alſo entſchieden, den König bedroht Gefahr in der Nähe der franzöſiſchen Truppen? fragte Hardenberg zurück. Ew. Excellenz wollen die Güte haben, es mir anzudeuten? Ach, mir ſcheint, Excellenz, wir ſpielen ſeit einer halben Stunde Verſteck, während wir doch wahr⸗ lich Beide wohl Grund hätten, offen und ehrlich mit einander zu verkehren. Nun ja denn, offen und ehrlich, rief St. Marſan. Auch ich habe Grund, mich zu beſchweren, auch ich muß um Aufklärungen bitten. Offen und ehrlich denn! Was bedeutet es, daß plötzlich von dem preußiſchen Gouvernement in alle Provinzen der Befehl zur Einberu⸗ fung der Beurlaubten und zur Aushebung der Rekruten ergangen iſt, daß Artilleriepferde gekauft, und Bekleidungsgegenſtände für die Sol⸗ daten beſchafft werden? Das bedeutet ganz einfach, Excellenz, daß der König gewärtig iſt, von ſeinem Bundesgenoſſen, dem Kaiſer von Frankkeich, aufgefordert und erſucht zu werden, ihm neue Hülfstruppen zu ſenden, und daß er ſich beeilt, dieſem Wunſch rechtzeitig genügen zu können. Man mußte aber deshalb mit dieſen Vorkehrungen ſo eilig verfahren, weil, ſobald die Ruſſen weiter in Preußen vordringen, die Aushebung der Rekruten und die Einberufung der Beurlaubten ſelbſtverſtändlich unmöglich ge⸗ macht würde. Aber dies ſind nicht die einzigen Neuerungen und Vorkehrungen, welche gemacht worden ſind. Es iſt geſtern von dem König ein Edict erlaſſen worden, welches die Ausgabe von zehn Millionen Thalern Schatzſcheinen anordnet, und denſelben einen Zwangscours verleiht.*) Wozu dieſe enorme Summe, Herr Staatskanzler, wozu bedarf der König auf einmal ſo vieler Millionen? Sie fragen, wozu der König der Millionen bedarf? Mein Herr, der Zwangscours allein, den man auf die Ausgabe der zehn Millionen Schatzſcheine legen mußte, könnte Ihnen eine genügende Antwort ſein. Wenn ein Gouvernement nicht auf andere Weiſe Geld auftreiben kann, als dadurch, daß es ſeine eigenen Landesangehörigen zwingt, ſeine Pa⸗ piere zu einem befohlenen Werth anzunehmen, ſo beweiſt das, daß es keinen Credit mehr hat, um Anleihen zu machen, keine Fonds, die es flüſſig machen, keine Domainen, die es veräußern könnte, ſo beweiſt das, daß die Kaſſen des Gouvernements nicht allein, ſondern auch die Hülfs⸗ quellen des Landes vollſtändig erſchöpft ſind, und daß man auf einem Punkt angelangt iſt, wo man entweder Bankerott machen, oder durch Palliativmittel ſich hinzuhalten ſuchen muß. Preußen iſt auf dieſem Punkt angelangt. Wir wollen nicht unterſuchen, durch weſſen Schuld und durch welche Anhäufung von Ausgaben und Verpflichtungen; aber es iſt auf dieſem Punkt angelangt, und da der König nicht den Staats⸗ bankerott erklären will, ſo nimmt er zu einem Palliativmittel ſeine Zu⸗ flucht, giebt für zehn Millionen Schatzſcheine mit Zwangscours aus, um wenigſtens Geld zu bekommen, die Noth ſeiner Unterthanen zu lin⸗ dern, und— für ſeinen Bundesgenoſſen, den Kaiſer Napoleon, neue Regimenter einzukleiden und zu remontiren. Sind Sie mit dieſer Er⸗ klärung zufrieden, Herr Graf? Ich bin vollkommen beruhigt und zufrieden geſtellt, denn ich zweifle nicht, daß Ew. Excellenz es mit derſelben ehrlich meinen. Mein Gott, haben wir es nicht bewieſen, daß wir es ehrlich meinen! rief Hardenberg mit dem Ausdruck ſchmerzlicher Entrüſtung. Wir halten, allen Verlockungen, allen Verſprechungen Rußlands zum *) Beitzke I. S. 161. Twtz, an Fr halten an Fra und ſchaffen i bringen allen die Sympathi ſortdauemden zu laſen D Königs und blic, wo ich e bindung mit d zu bringen, ſchon gelunge ſprechen zu k Vie? rie Bemählung? Er nird man ihm vor Vortheile geſ hiheren Run Oh an ſchen hiſen, nichtig, eine ſu ſchen, als Bndas, des mn Hand darte trauen Sie Syſtem ninct Er die von Ru des Genera Beitz Vorkehrungen, ig ein Edict ionen Thalern urs vetleht*) Mein Hert, eAntwort ſein. uftreiben kann, ſt das, daß es Fonds, die es ſo beweiſt das, uch die Hülfs⸗ man auf einem „oder durch iſt auf dieſem weſen Schuld ichtungen; abe t den Staats rthanen zu lin⸗ lapoleon, neue e mit dieſer Er⸗ onn ich zweift del i e ehrlich „Ernüſtung. ic 7 En ußlands zum 261 Trotz, an Frankreich feſt, und, bemerken Sie wohl, Herr Graf, wir halten an Frankreich im Unglück feſt, wir geben ihm unſere Soldaten, und ſchaffen ihm, da die alten zu Grunde gegangen ſind, neue, wir bringen alle möglichen Opfer, ja, wir laufen ſogar Gefahr, den König die Sympathien ſeiner eigenen Unterthanen, welche, Sie wiſſen es, dem fortdauernden Bündniß mit Frankreich nicht allzugeneigt ſind, verlieren zu laſſen! Dennoch zweifelt Frankreich immer noch an der Treue des Königs und an meiner völligen Hingabe. Es zweifelt in einem Augen⸗ blick, wo ich es als mein höchſtes und ſchönſtes Ziel erkläre, eine Ver⸗ bindung mit dem Kronprinzen und einer kaiſerlichen Prinzeſſin zu Stande zu bringen, und wo es meinen Bitten und Vorſtellungen endlich faſt ſchon gelungen iſt, die Einwilligung des Königs mit Beſtimmtheit ver⸗ ſprechen zu können. Wie? rief St. Marſan freudig. Der König willigt in eine ſolche Vermählung? Er wird einwilligen, ſagte Hardenberg lächelnd, vorausgeſetzt, daß man ihm von Frankreich den erſten Antrag mache, daß ihm bedeutende Vortheile geſichert werden, und daß die Monarchie dadurch zu einem höheren Rang erhoben würde.*) Oh, an Vortheilen und Rangerhöhungen wird es der Kaiſer nicht fehlen laſſen, ſagte St. Marſan freudig. Es iſt Sr. Majeſtät zu wichtig, eine Prinzeſſin ſeines Hauſes den Thron Preußens beſteigen zu ſehen, als daß er nicht bereitwillig alle Wünſche ſeines zukünftigen Bruders, des regierenden Königs von Preußen, erfüllen ſollte. Dann alſo ſind wir einig, rief Hardenberg, dem Grafen die Hand darreichend, und alle Irrungen ſind wieder ausgeglichen. Ver⸗ trauen Sie nur feſt und zuverſichtlich auf uns, ſeien Sie gewiß, daß das Syſtem Preußens ſich nicht geändert hat, daß weder directe noch indirecte Eröffnungen an Rußland gemacht worden, daß der König die von Rußland geſtellten Anträge zurückweiſt. Die Desavouirung des Generals von York möge Ihnen davon ein genügender Beweis *) Beitzke I. 159. 262 ſein.*) Glauben Sie uns nur, Herr Graf, und beſchwören Sie Ihren Kaiſer, daß er das Mißtrauen endlich aufgebe, welches er noch immer gegen den König zu empfinden ſcheint, und welches noch immer wie ein dunkler Schleier die Herzen des größten Kaiſers und des edelſten Königs trennt. Ich werde Sr. Majeſtät genau die Worte melden, welche Ew. Excellenz an mich gerichtet haben, und ich zweifle nicht, daß der Kaiſer dieſelbe freudige Genugthuung dabei empfinden wird, wie ich ſie empfinde. Dank Ihnen alſo, Excellenz, Dank Ihnen. Und jetzt will ich Sie nicht länger von Ihrem Diner zurückhalten. Wir ſind Beide von Potsdam heimgekehrt, ohne dinirt zu haben, und es iſt daher natürlich, daß wir Beide nachholen müſſen, was wir in Potsdam verſäumt haben. Leben Sie alſo wohl, Excellenz. Hardenberg reichte ihm ſeinen Arm und geleitete ihn mit freund⸗ lichen und zuvorkommenden Worten bis in die Antichambre. Glauben Ew. Excellenz wohl, fragte St. Marſan Abſchied nehmend, daß ich es morgen wagen darf, nach Potsdam zu gehen und mich per⸗ ſönlich nach dem Befinden Sr. Majeſtät zu erkundigen? Warten Ew. Ercellenz damit noch zwei oder drei Tage, ſagte Hardenberg nach kurzem Beſinnen. Bis dahin wird es mir gelungen ſein, den Unmuth des Königs zu beſiegen, und wenn die franzöſiſchen Truppen in dieſer Zeit keine neuen Verſuche gemacht haben, ſich in Potsdam einzuquartieren, ſondern wo möglich weiter zurückgehen, dann wird der König ſich gern überzeugen, daß das Ganze nur ein Mißverſtändniß geweſen ſei. Alſo drei Tage Geduld, mein lieber Graf! Gut denn, drei Tage! Aber dann in Potsdam, nicht wahr? Ach, mein lieber Graf, rief Hardenberg lächelnd, kann ich denn wiſſen, wo es Sr. Majeſtät belieben wird, nach drei Tagen zu ſein? Der König iſt ja ſein eigner Herr, und es ſteht ihm daher wohl frei, ſich, je nach ſeinem Belieben, hierhin oder dorthin zu begeben, voraus⸗ geſetzt, daß er ſich nicht in das Lager der Ruſſen begiebt, und das würde ich wohl zu verhüten wiſſen.— 516. G *) Hardenbergs eigene Worte. Lebensbilder III. Cs iſt ſeiner Kutſche daß der Kini dern daß er ſeine Reſiden ment iſt alſo ſind zu dieſe ſobald der H zu und ſuche in dieſen Fo dadurch vore des gemeinſe Nun denn, d noch heute! nächtigen mi und meine E Der V und des Dir Lertrauten G Eine S hötel, undk ilgante hut Kutſchboc kennen, den waren hun Auch fumöſſce kabinet zur des Dinere fultet ging lichln 6 I he 263 eſchwören Sie Es iſt klar, murmelte Graf St. Marſan, als er ſich allein in elches er noch ſeiner Kutſche befand und nach ſeinem Hötel zurückfuhr, es iſt klar, s noch immer daß der König in drei Tagen nicht mehr in Potsdam ſein wird, ſon⸗ nd des edelſen dern daß er die Abſicht hat, ſich heimlich von dort zu entfernen, und ſeine Reſidenz in weiterer Entfernung von uns zu nehmen. Der Mo⸗ welche Ew. ment iſt alſo gekommen, wo wir energiſch handeln müſſen. Die Truppen ſind zu dieſem Zweck angelangt und der Befehl des Kaiſers lautet, daß, ſobald der König irgend verräth, er neige dem Bündniß mit Rußland zu und ſuche ſich von dem Bündniß mit Frankreich loszuſagen, man ſich in dieſem Fall ſofort der Perſon des Königs zu bemächtigen habe, um dadurch vor allen Dingen das preußiſche Volk, welches uns abgeneigt iſt, des gemeinſamen Leiters und des gemeinſamen Banners zu berauben.*) Nun denn, der Befehl des Kaiſers muß ausgeführt werden, und zwar noch heute! Noch heute werden wir uns der Perſon des Königs be⸗ mächtigen müſſen. Ich werde ſogleich die nöthigen Vorkehrungen treffen und meine Eilboten an die Grenier'ſchen Truppen ſenden! Der Wagen hielt, und Graf St. Marſan, ganz ſeines Hungers und des Diners vergeſſend, eilte in ſein Kabinet und berief dahin ſeine vertrauten Geſandtſchaftsſecretaire. Eine Stunde ſpäter verließen zwei Couriere das Geſandtſchafts⸗ hotel, und kurze Zeit darauf fuhr aus dem Thorweg des Hötels eine daß der Kaiſet h ſie empfinde. will ich Sie d Beide von aher nalürlich, rſäumt haben. n mit freund⸗ bre chied nehmend, und mich per⸗ Tage, ſagte nelungen ſein, 3—2 elegante Kutſche ab. Zwei Bediente ohne Livrée ſaßen auf dem hohen Kutſchbock; wer aber im Innern des Wagens ſaß, konnte Niemand er⸗ S kennen, denn die hinter den Fenſtern angebrachten ſeidenen Vorhänge tißverſtündn waren herunter gelaſſen.— Auch der Staatskanzler von Hardenberg war, nachdem ihn der icht wohr“ franzöſiſche Geſandte verlaſſen, ſtatt in den Speiſeſaal in ſein Arbeits⸗ fann ich 4 kabinet zurückgekehrt. Auch er ſchien keinen Hunger zu empfinden und Lagen zu des Diners ganz vergeſſen zu haben. Die Hände auf dem Rücken ge⸗ aher wohl ſtei faltet, ging er langſam in ſeinem Kabinet auf und ab und ein ſtolzes geben⸗. Lächeln ſtrahlte auf ſeinem edlen Angeſicht. und ² Ich hoffe, ſagte er leiſe zu ſich ſelber, ich hoffe, es iſt mir ge⸗ Beie. 162 264 lungen, den Herrn Grafen einestheils zu beruhigen und anderntheils zu beunruhigen. Er glaubt an mich und die Aufrichtigkeit meiner Ge⸗ ſinnungen, und deshalb an das fernere Zuſammengehen Preußens mit Frankreich, und das beruhigt ihn, aber er hat meine leicht hingewor⸗ fenen Aeußerungen ſehr wohl verſtanden, er hat begriffen, daß der König vielleicht Potsdam verlaſſen und nach Breslau gehen wird, und das beunruhigt ihn. Vielleicht iſt er Hitzkopf genug, ſich von ſeiner Beunruhigung fortreißen zu laſſen und einen Gewaltſtreich auf die Perſon des Königs zu verſuchen. Wenn das geſchieht, habe ich ge⸗ wonnenes Spiel, und es wird mir endlich gelingen, den König dieſen franzöſiſchen Einflüſſen zu entziehen und nach Breslau zu entführen. Nun, zum Glück habe ich einen guten Agenten im Hötel des Herrn Grafen, und wenn irgend etwas Außergewöhnliches geſchieht, wird er mir ſofort Nachricht geben! Ich darf alſo ganz ruhig ſein und abwarten! In dieſem Augenblick ward die Thür geöffnet und der Kammer⸗ diener Conrad trat ein, auf einem ſilbernen Teller dem Staatskanzler einen Brief präſentirend. Von wem? fragte Hardenberg. Von ihr! flüſterte Conrad ängſtlich. Ihre Krankenwärterin hat den Brief eben gebracht, und ſie ſagt, er müſſe ſogleich in die Hände Ew. Excellenz gelangen. Es iſt gut, ſagte Hardenberg, Conrad nach der Thür hinwinkend. Aber Conrad ging nicht, ſondern ſtand noch immer neben der Thür und ſchaute flehend zu ſeinem Herrn hin. Nun, fragte Hardenberg ungeduldig, haſt Du ſonſt noch etwas zu ſagen? Ja, ſagte Conrad ſchüchtern, wollte nur ergebenſt vermelden, daß die Excellenz Frau Staatskanzlerin heute Morgen wieder geruht haben, mir eine Ohrfeige zu geben, weil ich ihr nicht ſagen wollte, wohin der Herr Staatskanzler jetzt alle Abende gehen. Armer Conrad, ſagte Hardenberg lächelnd, meine Frau Gemahlin wird wahrhaftig Deine Wangen ſo lange ſtreicheln, bis ſie ganz un⸗ empfindlich ſein werden gegen jede andere Berührung. Da, nimm dies kleine goldene Pflaſter und kühle damit Deine Wange. Er reich Nein, Ercell ich brauche, ich eimmal zu wollte mir! wenig auf d kanzlerin hat Hern Staat ſthen, wohin und zu der daß es ihr emyfangen. ttaut und! Ereellenz wi würde, und hei ihr bleib weil es ein ganz Berli Ich da Luue, ſig Der hamm danke, und Uon dem A werde ich b wenig as Innern m ju leiden! Ich werde heute nicht Eren Utlaſſen d er noc Ntzt uls ve P 265 emtheils Er reichte Conrad ein Goldſtück dar, aber dieſer wehrte es zurück. inet Ge⸗ Nein, Ercellenz, ſagte er, ich bedarf deſſen nicht, denn ich habe, was ſens mit ich brauche, und ich weiß, daß Excellenz für mich ſorgen werden, wenn ingewor⸗ ich einmal zu alt und ſchwach werde, um noch arbeiten zu können. Ich diß der wollte mir nur erlauben, Ew. Excellenz zu warnen, damit Sie ein wird, und wenig auf der Huth ſind. Denn die Frau Miniſterin und Staats⸗ on ſeiner kanzlerin hat ihrer Kammerfrau anvertraut, daß ſie heute Abend dem auf die Herrn Staatskanzler nachgehen und ihm folgen wird, um genau zu ich ge⸗ ſehen, wohin Excellenz gehen, und dann will ſie morgen in das Haus ig dieſen und zu der Dame hingehen und ihr ein ſolches Ungewitter bereiten, i daß es ihr auf immer vergehen ſoll, den Herrn Gemahl bei ſich zu es Hertn empfangen. Die Kammerfrau der Staatskanzlerin hat mir das anver⸗ wird et traut und mir befohlen, es ſogleich Ew. Exrcellenz zu ſagen, denn bwarten! Excellenz wiſſen wohl, daß Jeder von uns ſein Leben für Sie laſſen kammer⸗ würde, und daß auch die Dienerinnen der Frau Staatskanzlerin nur tskanzlet bei ihr bleiben, weil ſie Ew. Excellenz ſo ſehr lieben und verehren, und weil es eine große Ehre iſt, im Hauſe eines Herrn zu dienen, welchen ganz Berlin liebt und verehrt. erin hat Ich danke Dir und allen Andern für Eure Anhäng Treue, ſagte Hardenberg, ſeinem alten Diener frexz eHände Der Kammerfrau meiner Frau ſage, daß ich ihz winkend. danke, und daß ſie mir auch ferner treu diene et Thür von dem Mißmuth und Jähzorn meiner G werde ich bemüht ſein, Euch zu vergelten ch etwas wenig als möglich nach Außen verlaut,; Innern meines Hauſes ſind, und daß der dß zu leiden haben. Geh, Conrad, geh tehaben, Ich werde Euren Rath gut benutzer hin der heute nicht erfahren, wohin ich ge Er nickte Conrad noch einn emahlin verlaſſen hatte, wandte er ſeine das er noch immer uneröffnet i Jetzt ſchlug er es haſtig als die Worte:„Meine Prop B un⸗ mm dies 266 iſt ganz voll Angſt und Sorgen um ſeinen geliebten König, und ſelbſt der alte Kalkreuth ward ſtutzig über die ſchreckensvollen Prophezeihungen der Somnambule. Ich glaube wohl, daß ſie Beide heute den Rath geben werden, der Gefahr aus dem Wege zu gehen und die Reſidenz anders wohin zu verlegen. Mögen die guten Götter ihren Worten Kraft verleihen, damit wir Alle unſer Ziel erreichen; dies Ziel iſt für Sie die Freiheit Preußens, für mich die Sclaverei meines Herzens. Denn was will ich denn weiter, als Ihre Sclavin ſein und zu Ihren Füßen liegen, um Ihnen die Mährchen meiner Liebe zu erzählen! Für Sie die demüthige Sclavin, für alle Andern die Diavolezza Friederike, des Uhrmachers Töchterlein,— wann endlich die entpuppte Marquiſe?“ Es iſt wahr, ſagte Hardenberg lächelnd, indem er das Papier in kleine Stückchen zerriß, es iſt wahr, ſie iſt eine Diavolezza, aber eine von der liebenswürdigſten und bezauberndſten Sorte, und es wird vielleicht gar nicht lange dauern, daß ich ſie trotz ihrer Teufeleien für einen Engel halte, und ihr reizendes Comödienſpiel für Wahrheit Ach, ſie hat Recht, ſie iſt von einer bezaubernden Häßlichkeit, ämoniſchen Augen ſind feſſelnder, als die Reize eines Engels! nicht Zeit, an ſolche Dinge zu denken. Der Ernſt des ein beſchäftigen! Köckeritz alſo iſt gewonnen, und wankend geworden in ſeinem Köhlerglauben an ott gebe, daß wir endlich die Feſtung dieſes können.— Ach, es klopft ſchon wieder! gad, Du biſt es ſchon wieder? Kommſt e Ohrfeige anzumelden? d lächelnd, dies Mal habe ich einen er ſich durchaus nicht abweiſen laſſen nz ſelbſt zu ſprechen. Er ſagt, er as Ew. Excellenz verloren hätten, einholen wolle. ardenberg, wir werden ja ſehen, rad die Thür, und ein fran⸗ ßſiſcher Sol gefunden tu ſch es vermi Ercellen muß es Ew. Geh hir der an der! jede Bewegu Conrad an und blie ſines gelie Jetzt ſi Ereelle ſendet der! Bnder. E des Herrn Verdacht g treten ſähe. ob Sie mi von weinen Dieſer Jo, zu ſo wohl verbinun ihn benie Verl den Brie Er meint er, auszahlte Vie Wil der Freu Sunm 9 und ſellſt Phezeihungen ſe den Ruth die Reſden hren Worten Ziel iſt fir nes Herzens. nd zu Ihren u erzählen! Diavolezza die entpuppte 6 Papier in , aber eine d es wird eleien für ir Wahrheit Häßlichkeit, nes Engels r Ernſt des onnen, und rglauben an on wieder! Kommſt ich einen weiſen laſen Er ſagt, er oren hätten, en ſehen, d ein frar⸗ 267 zöſiſcher Soldat trat ein. Nun, laßt doch ſehen, Freund, was Ihr gefunden habt, ſagte Hardenberg, und was Ihr mir wiederbringt, ehe ich es vermißt habe. Excellenz, es iſt ein koſtbares Kleinod, ſagte der Soldat, aber ich muß es Ew. Excellenz im Geheimen geben. Geh hinaus, Conrad, befahl Hardenberg, dem Diener zuwinkend, der an der Thür ſtehen geblieben war und mißtrauiſch und ängſtlich jede Bewegung des Soldaten überwachte. Conrad gehorchte, aber im Hinausgehen lehnte er die Thür nur an und blieb dicht neben derſelben ſtehen, bereit, auf den erſten Ruf ſeines geliebten Herrn ſogleich einzutreten. Jetzt ſind wir allein, jetzt ſprechen Sie, ſagte Hardenberg. Erxcellenz, flüſterte der Soldat, einige Schritte näher tretend, mich ſendet der Kammerdiener des Grafen St. Marſan, das heißt, mein Bruder. Er wagt es nicht, ſelbſt hierher zu kommen, denn das Haus des Herrn Staatskanzlers wird von Spionen bewacht, und es würde Verdacht gegen meinen Bruder erregen, wenn man ihn in daſſelbe ein⸗ treten ſähe. Deshalb ſendet er mich. Ich ſoll Ew. Excellenz fragen, ob Sie mir zwanzig Louisd'or für einen Brief geben wollen, den ich von meinem Bruder Ihnen überbringen ſoll? Dieſer Brief enthält alſo eine ſehr wichtige Nachricht? Ja, Excellenz, mein Bruder ſagt, er laſſe Ihnen den Brief nur zu ſo wohlfeilem Preiſe, weil er ſchon lange mit Ihnen in Geſchäfts⸗ verbindung ſtände, und weil Sie ſich immer als freigebiger Herr gegen ihn bewieſen hätten. Verlangt Ihr Bruder, daß ich die Summe auszahle, noch ehe ich den Brief empfangen habe? Er ſtellt das ganz dem Belieben Ew. Exrcellenz anheim, nur meint er, es ſei für Ew. Excellenz vortheilhafter, wenn Sie das Geld auszahlten, noch ehe Sie den Brief geleſen. Wie ſo denn vortheilhafter für mich? Weil, wenn Ew. Excellenz ihn geleſen, Sie ihm ohne Zweifel in der Freude über dieſe merkwürdige und wichtige Nachricht eine höhere Summe als die verlangte auszahlen würden. 268 In dieſem Falle ziehe ich es vor, den Brief erſt zu leſen, ſagte Hardenberg lächelnd, denn ich darf nicht durch die Großmuth Ihres Bruders übertroffen werden. Nun denn, Excellenz, hier iſt der Brief, ſagte der Soldat, dem Staatskanzler ein kleines zuſammengefaltetes Papier darreichend. Hardenberg nahm es und trat damit, als wolle er dem Soldaten den Anblick ſeines Antlitzes während der Lectüre entziehen, in die Fenſter⸗ niſche, dem Soldaten den Rücken zuwendend. Dieſer indeß hielt ſeine ſcharfen, beobachtenden Blicke unverwandt auf die Geſtalt des Staatskanzlers gerichtet, der jetzt den Brief las. Er ſah, wie es jetzt, einem jähen Schrecken gleich, die ganze Geſtalt Hardenbergs durchbebte, und ein triumphirendes Lächeln überflog das Geſicht des heimlichen Beobachters. Nach einigen Minuten wandte ſich Hardenberg wieder um, und das Papier ſorgfältig zuſammenlegend, verbarg er es in ſeinem Buſen. Mein Freund, ſagte er, Ihr Bruder hat Recht. Dieſer Brief wäre mit zwanzig Louisd'or zu gering bezahlt. Wir müſſen den Kauf⸗ preis ſteigern. Er trat zu ſeinem Schreibtiſch; die Chatoulle deſſelben öffnend, nahm er eine Rolle und zählte eine Reihe Goldſtücke auf den Tiſch hin. Hier ſind dreißig Louisd'or für Ihren Bruder, ſagte Hardenberg, und hier iſt ein Louisd'or Botenlohn für Sie. Kommen Sie hierher und zählen Sie das Geld nach. Sagen Sie Ihrem Bruder, er ſolle mir auch ferner treu dienen und mir ſeine wahrheitsgetreuen Mitthei⸗ lungen machen, dann könne er ſtets meiner freigebigen Dankbarkeit gewiß ſein! Der Soldat hatte kaum das Zimmer verlaſſen, als Hardenberg das Papier aus ſeinem Buſen zog und es noch einmal mit haſtigen Blicken durchflog. Endlich! Endlich! rief er laut und freudig. Der große Moment der Entſcheidung iſt gekommen! Jetzt hoffe ich mein Ziel erreichen zu können! Er klingelte heftig. In einer halben Stunde ſoll mein Wagen vorfahren, befahl er dem eintretenden Kammerdiener. Aber meine Ferde werd Ein Courier duß in Steg Es w düſtete Jon und Stile Potsdams. Nacht, hina der Welt, l und ſich vo ſucher Hün Glich der hnig laſtende hi und war d imungn der Patr Abendſtun und ihre Buters zu lleinen Kr General Duhn, d Funde, til d niele de leſen, ſagte Fmuth Ihres Soldat, dem eichend. dem Soldaten n die Fenſtet⸗ e unverwandt en Brief las. ganze Geſtalt überflog das der um, und einem Buſen. Dieſer Briff ſſen den Hauj⸗ lben öffnend, uf den Tiſch Hardenberg, Sie hierher uder, er ſolle euen Mitthei⸗ Dankbarkeit s Hardenber l mit hiſigen 0 freudig. Der hoffe ich mein mein Wagin Aber mein 269 Pferde werden ermüdet ſein. Man ſoll alſo vier Poſtpferde holen. Ein Courier ſoll ſogleich nach Potsdam abreiten und dafür ſorgen, daß in Steglitz und Zehlendorf für mich Relaispferde bereit ſtehen! MiI. Das Attentat. Es war um die ſechste Stunde deſſelben Nachmittags. Der düſtere Januartag war jetzt ſchon einer dunklen kalten Nacht gewichen, und Stille und Finſterniß lagerten über der Stadt und der Umgebung Potsdams. Der König hatte ſich heute, wie immer bei Einbruch der Nacht, hinausbegeben nach Sansſouci. Dort, fern von dem Geräuſch der Welt, liebte er es, ſeine ſtillen Abende und Morgen hinzubringen, und ſich von den beobachtenden Augen der Menſchen in die Stille ein⸗ facher Häuslichkeit zurückzuziehen. Gleich ſeinem erhabenen Großoheim, Friedrich dem Zweiten, legte der König vor den Pforten des kleinen Schloſſes Sansſouci ſeine be⸗ laſtende Königskrone und den Tand und Schimmer ſeiner Würde ab, und war da drinnen, in dem kleinen, durch ſo große geſchichtliche Er⸗ innerungen geweiheten Palais, nicht der König, ſondern nur der Mann, der Vater und der Freund. In Sansſouci verſammelten ſich in den Abendſtunden ſeine Kinder um ihn und ſuchten durch ihre Fröhlichkeit und ihre zärtliche Liebe die Falten von der ſorgenvollen Stirn ihres Vaters zu verſcheuchen; in Sansſonci empfing Friedrich Wilhelm den kleinen Kreis ſeiner vertrauten Freunde, und da durften ſich der alte General von Köckeritz, der Feldmarſchall von Kalkreuth, der Graf Dohna, der Staatskanzler von Hardenberg und die wenigen anderen Freunde, welche ihm treu geblieben, dem König ohne läſtiges Ceremo⸗ niel und beengende Etiquette nahen. Fremde Gäſte aber und ceremo⸗ nielle Beſuche wurden von dem König niemals in Sansſouci em⸗ 270 er warf den pfangen; dieſe waren, gleich den Staatsgeſchäften und Regierungs⸗ 6 des vom Hir angelegenheiten, nach dem Königsſchloß in der Mitte der Stadt Potsdam verwieſen. In dem Stadtſchloß, wohin ſich der König jeden Morgen den lungen 5 mit der pünktlichſten Genauigkeit um zehn Uhr begab, fanden die nitilud, als Miniſterſitzungen, die Berathungen mit den höheren Beamten, die die ſein Geſ Audienzen der Geſandten, die officiellen Vorſtellungen ſtatt, dort auch Eben h nahm der König im Kreiſe ſeiner Familie und ſeines Hofes ſein Diner Mantelkrage ein. Aber genau mit dem Schlag der ſiebenten Stunde beſtieg der pricklnden E König ganz allein, ohne irgend eine Begleitung, ſeinen Wagen und ſih öfnen h fuhr hinaus nach Sansſouci. Dies ſtand ſo feſt und wiederholte ſich und warf de ſo pünktlich an jedem Abend, daß, wenn die Bewohner der Straße, Thomas welche nach Sansſouci hinausführte, um dieſe Zeit das Rollen eines wohl er im Wagens vernahmen, ſie mit der Beſtimmtheit, als hörten ſie eine eine Biertelſ Glocke ſchlagen, zu einander ſagten:„Es iſt ſo eben ſieben Uhr, denn doch an gab der König fährt nach Sansſouci.“ wllte von da Auch heute, wie geſagt, wollte der König wie an jedem Tage hin⸗ Der he ii ausfahren nach Sansſouci. Es war dies eine ſo feſte und unumſtöß⸗ wirbelnde S liche Regel, daß der königliche Leibkutſcher, ohne weitere Befehle ab⸗ ihn juſ unſ zuwarten, jeden Abend mit dem Schlag der ſechsten Stunde zwei den kein m 3. Pferde vor die einfache Kutſche legte, deren ſich der König immer zu hute ſch v 3 bedienen pflegte. Mit dieſer Kutſche fuhr dann der Leibkutſcher vor un duitzn der kleinen Seitenpforte des Schloſſes vor, aus welcher der König ge⸗ ſchr nit nau einige Minuten vor ſieben Uhr hinauszutreten pflegte und ohne irgend zunſthen i ein Wort zu ſagen, einen Befehl zu ertheilen, in den Wagen ſtieg, die uh mn pie 3 Thür deſſelben dröhnend zuſchlug und dadurch dem Kutſcher das Zeichen lung nchd zur Abfahrt gab. De] . Auch heute hatte der Leibkutſcher ſeiner Gewohnheit gemäß mit ſmen, g dem Schlag der ſechsten Stunde ſeine Rappen angeſchirrt, die Kutſche Huptportu hergerichtet und in Ordnung gebracht, und eben begann das Glocken⸗ nen. ſpiel von der nahen Kirche die erſte Hälfte des alten Liedes:„Ueb' tentend immer Treu und Revlichkeit“ zu ſingen, um damit den halben Stunden⸗ nie dell ſchlag zu verkünden, als der Wagen an der Seitenpforte vorfuhr. kliſten Es war ein düſterer kalter Abend, der Wind pfiff und heulte über di den Platz und durch den Säulengang vor dem nahen Luſtgarten hin, d Regienngs⸗ Stadt Potsdam leden Morgen b, fanden die Beamten, die tatt, dort auch fes ſein Dinet ide beſtieg der n Wagen und wiedecholte ſich er der Straße, s Rollen eines örten ſie eine ben Uhr, denn dem Tage hin⸗ und ununſtöß⸗ ere Befehle ab⸗ Stunde zwei örig inmer zu eibkutſcher vor der König ge⸗ nd ohne irgend agen ſtieg, die er dus ʒeihen eit geniß mit rrt die Kutſche das Glocken⸗ lleb alben Stunden⸗ n giedes„ dheulte über nſtgarten hin⸗ 271 er warf dem Leibkutſcher auf dem königlichen Wagen ganze Maſſen des vom Himmel herniederflackernden Schnees in's Geſicht und hob den langen Kragen ſeines Mantels empor, ihm damit das Haupt um⸗ wickelnd, als wolle er ihn ſchützen vor den hartgefrornen Schneeflocken, die ſein Geſicht wie mit Nadelſpitzen peitſchten. Eben hatte der Leibkutſcher Thomas ſich mit Mühe den großen Mantelkragen wieder von ſeinem Geſicht zurückgezogen und ſich den prickelnden Schnee aus den Augen gerieben, als er die Seitenpforte ſich öffnen hörte. Eine dunkle Geſtalt trat hervor, ſtieg in den Wagen und warf den Schlag hinter ſich zu. Thomas hatte alſo ſein gewohntes Signal empfangen, und ob⸗ wohl er innerlich ein wenig verwundert war, daß der König heute eine Viertelſtunde früher als ſonſt gekommen war, zog er die Zügel doch an, gab den Pferden einen leichten Peitſchenſchlag und der Wagen rollte von dannen, den gewohnten Weg nach Sansſouci dahin. Der heulende Sturm übertönte das Rollen des Wagens, der wirbelnde Schnee ſchob ſich wie eine Wolke um ihn her und machte ihn faſt unſichtbar. Zudem war Niemand da, welcher ihn ſehen konnte, denn kein menſchliches Weſen erſchien auf der Straße, Jedermann hatte ſich vor dem Unwetter in die Häuſer geflüchtet, und wenn hier und da irgend eine tiefverhüllte Geſtalt vorüberhuſchte, ſo war ſie viel zu ſehr mit ſich und dem Feſthalten der flatternden Gewänder, dem Fortwiſchen des in die Augen getriebenen Schnees beſchäftigt, um ſich noch um dieſen Wagen zu bekümmern, der da die Schloßſtraße ent⸗ lang nach dem Thor hinrollte. Der Platz vor dem Schloß war jetzt öde und leer. Mit lang⸗ ſamem, gleichmäßigem Schritt gingen die beiden Schildwachen vor dem Hauptportal auf und ab, zuweilen emporblickend zu den hellerleuchteten Fenſtern der königlichen Wohnzimmer, dann die beiden trüben Laternen betrachtend, die auf dem Eiſengeländer der Auffahrt ſtanden und deren trübe Oellampen mit dem Sturm kämpften und jeden Moment im Erlöſchen begriffen ſchienen. Die Seitenpforte des Schloſſes blieb dunkel und leer, aber dies dauerte nur kurze Zeit. Von der Gegend des Marktplatzes kam 272 jetzt langſam und träge ein Wagen daher gefahren. Niemand hörte ihn rollen, Niemand bekümmerte ſich um ihn. Er bewegte ſich vor⸗ ſichtig und geräuſchlos vorwärts, und jetzt hielt er an der Seiten⸗ pforte des Schloſſes an, genau an derſelben Stelle, welche vorher der Wagen des Königs eingenommen hatte. Unbeweglich und ſteif, gleich dem würdigen Leibkutſcher Thomas, ſaß der Kutſcher auf dem Bock, und der Wind ſpielte mit ſeinem Mantelkragen und trieb ihm den Schnee in's Geſicht, gerade wie er es dem Thomas gethan. Ueber den Schloßplatz daher kam jetzt eine Patrouille gezogen, ſie näherte ſich den Schildwachen vor dem Schloßportal, die üblichen Commandoworte erſchallten, die Wache ward abgelöſt, und die be⸗ freiten, halb erfrorenen Schildwachen zogen ab, andern, minder glück⸗ lichen, Platz machend. Als ſie an der Seite des Schloſſes vorüber⸗ kamen, wo der Wagen hielt, ſagte der Eine zum Andern:„Ah, wir ſind um einige Minuten zu früh abgelöſt. Es kann noch nicht ganz ſieben Uhr ſein, denn die Kutſche des Königs hält noch vor dem Thor.“ Es war eine dunkle ſternenloſe Nacht. Niemand ſah es, daß der Mann, der auf dem Kutſchbock ſaß, lachte.— Es war aber in der That noch nicht ſieben Uhr, die Stunde der Abfahrt hatte noch nicht geſchlagen. Der König befand ſich noch in ſeinem Wohnzimmer und ſeine beiden alten Freunde, der General von Köckeritz und der Feldmarſchall von Kalkreuth, waren bei ihm. Eben war eine Pauſe in ihrem Geſpräch eingetreten, doch ſchien daſſelbe ſehr ernſter Art geweſen zu ſein, denn das Antlitz der beiden alten Herren war ſorgenvoll und befangen und der König ging mit düſterm Ange⸗ ſicht und finſtern Mienen langſam auf und ab. Köckeritz, ſagte er dann nach einer Pauſe, indem er vor dieſem ſeinem vertrauteſten Freunde ſtehen blieb und ihn feſt anſah, es iſt alſo wirklich Ihr Ernſt? Sie glauben an die Prophezeihungen der Somnambule? Ich geſtehe es zu, Majeſtät, ich glaube daran, ſagte Köckeritz ſeufzend. Ihre Worte, ihre ganze Ausdrucksweiſe, jede ihrer Geberden trägt ſo ſehr den Ausdruck der Wahrheit, daß ich es als einen Frevel an der Natur halten würde, wenn ich hier eine Betrügerei vermuthen volle Sie ußerdem die die ich Niema gus meinet S Und Sie nambule? fra Ich thue Villen, aber achſelzuckend. leberzeugung Ausduucks, d ich ſtets zu Frankreich ji daß ich die t das Feldherr Hehl daraus Maeſiü ſch lands annehr tiſch und Ton einer ſt irig iſ in Ntet den ſ duchtiſeln; welche ſich d ſtrecte. Ge einer Bezieh ſeriger Ben tigene Hant einem Kaiſ mathe then zu Und we vuſich Ri s i in 6 Mihlhaz Niemand hörte egte ſich vor⸗ n der Seiten⸗ che vorher der nd ſteif, gleich uf den Bock, trieh ihm den than. le gezogen, ſie „die üblichen „ und die be⸗ minder glüc⸗ loſſes vorüber⸗ in„Ah, vir och nicht ganz or dem Thor.“ ſah es, daß der die Stunde der ud ſich noch in r General von ei ihm. Eben en daſſelbe ſehr n alten Heren düſtern Ange⸗ er vor dieſen ſah, es it alſo ihungen der ſagte Köckeritz eihrel Geberd ls einen Frel vermuthen 273 wollte. Sie iſt eine wirkliche, echte Somnambule; ſie hat mir ſchon außerdem die wunderbarſten Dinge prophezeiht, und meine Gedanken, die ich Niemanden verrathen hatte, in ihrem wunderbaren Schlaf wie aus meiner Seele herausgeleſen, ſo daß ich gar nicht an ihr zweifeln kann. Und Sie, Herr Feldmarſchall, Sie glauben auch an dieſe Som⸗ nambule? fragte der König. Ich thue es mit Widerſtreben, ſehr gegen meinen Wunſch und Willen, aber ich bin gezwungen dazu, ſagte der alte Feldmarſchall achſelzuckend. Dieſes Mädchen ſpricht mit einer ſolchen Kraft der Ueberzeugung, einer ſolchen Beredtſamkeit, einer ſolchen Innigkeit des Ausdrucks, daß man an ſie glauben muß. Ew. Majeſtät wiſſen, daß ich ſtets zu Denen gehört habe, welche das Bündniß Preußens mit Frankreich für das einzige Heil, die einzige Rettung erachtet haben, daß ich die tiefſte Bewunderung für den Geiſt, den Charakter und das Feldherrntalent des Kaiſers Napoleon empfinde, ich habe nie ein Hehl daraus gemacht, daß ich Preußen für verloren halte, wenn Ew. Majeſtät ſich von Napoleon abwenden und die dargebotene Hand Ruß⸗ lands annehmen. Dennoch hat dies Mädchen vermocht, mich miß⸗ trauiſch und ängſtlich zu machen. Sie ruft mit einem ſo angſtvollen Ton, einer ſo tiefen Geberde des Schreckens:„Rettet den König! Der König iſt in Gefahr! Fort, fort aus Berlin, fort aus Potsdam! Rettet den König!“ daß ich jedes Mal einen Schander meine Glieder durchrieſeln fühlte und es mir ſchien, als ſähe ich ſchon die Hand, welche ſich drohend nach dem geheiligten Haupt Ew. Majeſtät aus⸗ ſtreckte. Gewiß glaube ich nicht, daß der Kaiſer Napoleon in irgend einer Beziehung zu dieſer Gefahr ſtehen könnte, aber irgend ein dienſt⸗ fertiger Beamter, irgend ein abenteuernder General könnte auf ſeine eigene Hand ein Wageſtück unternehmen, weil er ſich einbilden möchte, ſeinem Kaiſer dadurch gefällig zu ſein und ſeine geheimſten Wünſche errathen zu haben! Und was glauben Sie denn eigentlich? fragte der König ver⸗ drießlich. Reden Sie, Köckeritz, was für eine Gefahr ſoll mich bedrohen? Das weiß ich nicht, Majeſtät, ſagte Köckeritz faſt ſchüchtern, aber es iſt eine Gefahr vorhanden, und ich möchte Ew. Majeſtät beſchwören, Mühlbach, Napoleon. III. Bd 18 Ihre Reſidenz auf einige Zeit anderswohin zu verlegen, an einen Ort, wo Sie ſicherer ſind, wo keine abenteuernden Banden umherſchweifen, wie wir ſie hier noch vor einigen Tagen zu unſerm Leidweſen haben ſehen müſſen. Ew. Majeſtät ſollten nach Breslau gehen! Ach, rief der König heftig, es iſt alſo Hardenberg gelungen, Sie für ſeine Anſichten zu gewinnen? Sie ſind jetzt plötzlich auch der Mei⸗ nung, daß ich mich nach Breslau begeben ſollte? Majeſtät, ich ſchwöre Ihnen, daß Herr von Hardenberg es gar nicht einmal verſucht hat, mich für ſeine Anſichten zu gewinnen, und daß ihm dies auch ſicherlich nicht gelungen wäre. Ich habe auch gar keine politiſchen Beweggründe, wenn ich Ew. Majeſtät jetzt beſchwöre, nach Breslau zu gehen, ſondern ich denke dabei nur an Ew. Majeſtät perſönliche Sicherheit. Dieſe Greénier'ſchen Truppen beunruhigen mich, ihr abenteuerlicher Zug nach Potsdam hatte etwas Schreckenerregendes, und wenn ich dies mit den Prophezeihungen der Somnambule zu⸗ ſammenhalte, ſo erfaßt eine tövtliche Angſt um die Sicherheit Ew. Majeſtät mein Herz, und ich möchte Sie fußfällig beſchwören, Pots⸗ dam zu verlaſſen und nach Breslau zu gehen! Mir geht es eben ſo, Majeſtät, ſagte Feldmarſchall Kalkreuth ſeufzend, ich, der ich auf dem Schlachtfeld und inmitten des Kugel⸗ regens niemals die Furcht kennen gelernt habe, ich fürchte mich jetzt vor einer Gefahr, der ich nicht einmal einen Namen zu geben weiß. Und dieſer Ihrer unbeſtimmten Furcht zu Gefallen ſoll ich jetzt einen Schritt thun, der den Frieden meines Landes und meiner Krone gefährden kann? rief der König mit ungewohnter Heftigkeit. Denn, täuſchen Sie ſich darüber nicht, wenn ich jetzt nach Breslau gehe, ſo wird Napoleon, der mir beſtändig mißtrauet, und der ſehr wohl weiß, daß mein Bündniß mit ihm ſehr gegen meine Neigung und gegen meine perſönlichen Wünſche verſtößt, ſo wird er dies für einen offenen Bruch erachten, und er wird meinen, ich ſei zu ſeinem Feinde, zu Rußland, übergegangen. Aber ſchlimmer noch, auch mein Land, mein Volk wird das glauben. Jedermann wird vermuthen, daß ich, obwohl ich öffentlich York's Abfall als ein Verbrechen gebrandmarkt und ihn entſetzt habe, doch im Geheimen mit ihm im Einverſtändniß bin, und duß meine N orks iſ. Prlitik geſchel Bündniß wn ſelben erledi Stenen und gegen die Fr das Zeichen Jo, das wire vielleich Reſidenzen v reich erachten wagen zu di dus ſugte ſch poleons. Ae Ihre Vge fr Recht geben, rilich Thore ünne ſich ni Zeit ein Hee d erſt, au Ich bin Hifenulen Chn w nerer Tinn Se. E nit lauter e berg auf de Berzeih und tret, her d h Be Rin, an einen Ort, umherſchweifen, eidweſen haben en! gelungen, Sie auch der Mei⸗ denberg es gar gewinnen, und habe auch gu jetzt beſchwöre, Ew. Majeſtät unruhigen mich⸗ eckenerregendes, omnambule P⸗ Sichecheit En. ſchwören, Pots⸗ ſchall Kalkreuth tten des Kugel⸗ ärchte mich jett u geben weiß. ſoll ih jett nd meiner Krone Denn, eftügkeit. au gehe, ſo hl weiß, gegen ffenen Bresl ſehr Wo gung und enen off 5 Feinde, z nein Lond, m . ich, vbnohl nin nark daß meine Reiſe nach Breslau nur eine Fortſetzung von dem Plane York's iſt. Jedermann wird glauben, daß ein Wechſel in unſerer Politik geſchehen, daß das Bündniß mit Frankreich gelöſt ſei. Dieſes Bündniß war beim Volk wenig beliebt, und wenn man ſich jetzt deſ⸗ ſelben erledigt glaubt, ſo können die heftigſten und aufgeregteſten Scenen und Demonſtrationen die Folge davon ſein. Eine Empörung gegen die Franzoſen bricht los, ſobald ich durch irgend eine Handlung das Zeichen dazu zu geben ſcheine. Ja, das iſt wahr, rief Kalkreuth, Ew. Majeſtät haben Recht, es wäre vielleicht doch zu gefährlich, wenn Sie plötzlich Ihre bisherigen Reſidenzen verließen. Man könnte das für einen Bruch mit Frank⸗ reich erachten, und wir ſind leider nicht in der Lage, einen ſolchen wagen zu dürfen. Frankreich iſt der natürliche Verbündete Preußens, das ſagte ſchon der große Friedrich, und das iſt auch die Anſicht Na⸗ poleons. Aenderten Ew. Majeſtät jetzt Ihr Syſtem, ſo würden Sie Ihre Lage freilich nur verſchlimmern, und dem Kaiſer Napoleon das Recht geben, Ew. Majeſtät als ſeinen Feind zu behandeln. Es giebt freilich Thoren, welche glauben, Frankreich ſei zu Boden geworfen und könne ſich nicht wieder erheben, aber man wird ſehen, daß es in kurzer Zeit ein Heer von dreimalhunderttauſend Mann, ebenſo glänzend, als das erſte, aufſtellen wird! Ich bin ganz Ihrer Meinung, ſagte der König gedankenvoll, die Hülfsquellen Frankreichs ſcheinen unerſchöpflich, und— Eben ward die Thür des Kabinets leiſe geöffnet, und der Käm⸗ merer Timm trat ein. Se. Ercellenz, der Herr Staatskanzler von Hardenberg, ſagte er mit lauter Stimme, und in demſelben Augenblick ſchon erſchien Harden⸗ berg auf der Schwelle des königlichen Gemachs. Verzeihung, Majeſtät, ſagte er, ſich raſch dem König nähernd, Verzeihung, daß ich von der mir verliehenen Erlaubniß Gebrauch mache, und ohne ceremonielle Anmeldung ſofort zu Ew. Majeſtät ein⸗ trete, aber dringende Umſtände mögen mich entſchuldigen. In Berlin etwas vorgefallen? fragte der König haſtig. Nein, Majeſtät, Berlin iſt, wenigſtens für den Augenblick noch, 276 vollkommen ruhig, ſagte Hardenberg, jedes Wort betonend. Aber leicht hätte es kommen können, daß es in Berlin und in Potsdam Scenen der höchſten Aufregung und Empörung gegeben hätte, wenn ich nicht noch zu rechter Zeit hier angelangt wäre. Was wollen Sie damit ſagen? fragte der König. Ich will damit ſagen, erwiederte Hardenberg langſam und feierlich, ich will damit ſagen, daß Ew. Majeſtät in dieſem Augenblick von der Gefahr bedroht ſind, von den Franzoſen verhaftet und entführt zu werden. Der König ſtutzte und eine flüchtige Röthe zog über ſein Antlitz hin; Köckeritz und Kalkreuth ſahen einander mit Blicken voll Schrecken und Entſetzen an. Sie ſind alſo auch bei der Somnambule geweſen? fragte der König nach einer Pauſe faſt unwillig. Haben Sich auch von ihren kaſſandriſchen Prophezeihungen bethören laſſen? Nein, Majeſtät, ich glaube keinen Prophezeihungen, ſondern nur der Wahrheit und Wirklichkeit. Wollen Ew. Majeſtät die Gnade ha ben, mich einen Augenblick anzuhören? Sprechen Sie, Herr Staatskanzler. Ich muß alſo Ew. Majeſtät geſtehen, daß ich, dem Beiſpiel der Herren Franzoſen folgend, meine Spione und Aufpaſſer ſo gut im Geſandtſchaftsgebäude des Grafen St. Marſan, und im Hötel des General⸗Gouverneurs der Marken, des Marſchalls Augereau, habe, als dieſe ihre Spione im Schloß Eurer Majeſtät, in meinem Hauſe, und ſonſt überall haben. Ich bezahle meine Spione gut, und ſie be— dienen mich daher gut. Vor drei Stunden nun bekam ich von dem erſten und zuverläſſigſten meiner Spione eine Botſchaft, und dieſe ſchien mir ſo wichtig, daß ich ſogleich hierher geeilt bin, um die nöthigen Vorkehrungen zu treffen, und das Unheil, welches Ew. Ma jeſtät bedroht, wo möglich noch zu verhindern. Und was iſt das für ein Unheil? Ich ſagte es Ew. Majeſtät ſchon, Sie waren und ſind bedroht von der Gefahr, von den Franzoſen entführt zu werden. Wollen Ew. Majeſtät mir erlauben, Ihnen vorzuleſen, was mein Spion, der, wie geſagt, ein ſehr zuverläſſiger Mann iſt, mir darüber ſchreibt? Leſen E Hardenb nehmend, las bemüchtigen. Diviſion, we er bringt ih dort auf ein erwarten. 2 vollen Galo dieſer Kutſch eine ſehr eir den Kundſch Sansſouci! denen es ge der Dunkelh verläßt, ver Wagen vöhe Thir gerin lunnte Sign des Thores ird die in uſche iffn ihn dodurch Zit Werden ſpringen, d ihn vom L ihn dannj haben, ſo vegen köm 6 an der Maſt Van ab, und ſi lend. Po Po „ Aber leicht tsdam Scenen wenn ich nicht ſam und feierlich, enblick von der ntführt zu werden. er ſein Antlitz en voll Schrecken ſen? fragte der 0 uch von ihren ſondern nn tdie Gnade ha den Beiſpiel der ſo gut im Hötel des nereau habe, meinem Hauſe, 64 aft 1 und ſie be⸗ ich von dem und dieſe bin, um die 45 Ew. Ma ſind bedroh Vollen Gy per, wie „del, 277 Leſen Sie! rief der König. Hardenberg verneigte ſich, und ein Papier aus ſeinem Portefeuille nehmend, las er:„Man will ſich heute Abend der Perſon des Königs bemächtigen. Ein Eilbote iſt nach den Truppen von der Grénier'ſchen Diviſion, welche ſeit geſtern unweit von Potsdam lagern, abgegangen; er bringt ihnen den Befehl, bis vor die Stadt zu marſchiren, und dort auf einem genau bezeichneten Punkt die Ankunft einer Kutſche zu erwarten. Dieſe Kutſche ſollen die Truppen dann umringen, und in vollem Galopp mit ihr den Weg nach Brandenburg einſchlagen. In dieſer Kutſche wird ſich der König befinden. Man wird ſich ſeiner auf eine ſehr einfache und geräuſchloſe Weiſe bemächtigen. Man weiß von den Kundſchaftern, daß der König jeden Abend um ſieben Uhr nach Sansſouci hinausfährt, und man hat ſich die kleinſten Umſtände, mit denen es geſchieht, genau gemerkt. Eine Perſon wird daher ſich in der Dunkelheit neben der Thür, durch welche der König das Schloß verläßt, verborgen halten. Sie wird kurz vor ſieben Uhr ſich dem Wagen nähern, denſelben beſteigen, und wie der König dies thut, die Thür geräuſchvoll zuſchlagen. Der Kutſcher wird dies für das be⸗ kannte Signal halten und abfahren. Sobald er draußen außerhalb des Thores die einſame Allee, die nach Sansſouci führt, erreicht hat, wird die in dem Wagen befindliche Perſon die vordern Fenſter der Kutſche öffnen, dem Kutſcher eine Kaputze über den Kopf werfen, und ihn dadurch blind machen und am Schreien verhindern. Zu gleicher Zeit werden zwei hinter den Bäumen verborgene Vertraute hervor⸗ ſpringen, die Pferde anhalten, ſich alsdann des Kutſchers bemächtigen, ihn vom Bock ziehen, ihm die Arme und Füße zuſammenbinden und ihn dann in die Kutſche ſetzen. Die Pferde wird man halb abgeſchirrt haben, ſo daß weder dieſe, noch der Kutſcher ſich von der Stelle be⸗ wegen können. Während dies auf der Straße nach Sansſouci ge⸗ ſchieht, wird ein anderer Wagen die Stelle des vorigen einnehmen und an der Seitenpforte halten, um den König zu erwarten. Sobald Se. Majeſtät den Wagen beſtiegen haben, fährt er ab, nimmt anfangs den Weg nach Sansſouci, lenkt aber gleich außerhalb des Thores links ab, und fährt in raſchem Trabe einige Zeit auf der neben dem Garten 278 hinlaufenden kleinen Straße dahin. Dort in einiger Entfernung von der Stadt erwarten ihn die Chaſſeurs von der Grénier'ſchen Diviſion und werden ihn weiter transportiren. Der Wagen iſt ſo eingerichtet, daß er ſich von innen nicht öffnen läßt. Wenn der König ihn alſo einmal beſtiegen hat, iſt er ein Gefangener in demſelben.“ Und Sie glauben an die Zuverläſſigkeit dieſer Ausſagen? fragte der König, als Hardenberg ſchwieg. Ich bin davon überzeugt, Majeſtät. Die Ausſagen meines Kund⸗ ſchafters haben ſich bis jetzt noch immer als richtig erwieſen. Der König ſah nach der Uhr. Es iſt bereits ein Viertel nach ſieben Uhr, ſagte er. Demzufolge wäre es nicht mehr mein Wagen, der mich unten am Schloßthor erwartete, ſondern jener andere? Ja, Majeſtät! Die Somnambule hat alſo doch Recht gehabt, murmelte Herr von Köckeritz. Wenn ich alſo jetzt meinen Wagen beſteige, ſo meinen Sie, Herr Staatskanzler, daß man mich in demſelben entführen würde? Mein Kundſchafter berichtet es ſo, und ich habe auch ſonſt An⸗ zeichen, welche ſeine Angaben beſtätigen. Wenigſtens iſt es ganz rich⸗ tig, daß die Greénier'ſchen Chaſſeurs ſich wieder in der unmittelbaren Umgebung von Potsdam befinden. Ich geſtehe Eurer Majeſtät, daß ich, bei der Dringlichkeit der Gefahr, mir erlaubt habe, ohne beſon⸗ dere Einwilligung Eurer Majeſtät ſchon die nöthigſten und dringendſten Schritte zu thun, und daß ich mich deshalb mit den Befehlshabern der Garniſon von Potsdam in Einvernehmen geſetzt habe. Dieſe Herren fühlten gleich mir die Nothwendigkeit, augenblicklich zu handeln. Reitende Boten und Kundſchafter ſind nach allen Seiten von ihnen und haben die Nachricht gebracht, daß die viertauſend ausgeſandt, Mann, welche vor zwei Tagen in Potsdam mit Gewalt Quartier nehmen wollten, ſchon wieder im Sturmſchritt in Anmarſch ſind. Auch hält bereits ein Trupp von vielleicht fünfzig Chaſſeurs hinter dem hohen Zaun des letzten Gartens auf jener in dem Schreiben meines Kundſchafters angegebenen Straße und ſcheint dort die Kutſche zu erwarten. Ew. Majeſtät werden alle meine Angaben beſtätigt finden, venn Sie d nit nir ge zu hſen. ſo dringend, Augenblic hier in allr Ohner Majeſti Ich habe m Majeſtit zu Die T Känig nach Mein Majeſtät Still! und ſchelle. Der Vorzimmer Eine tiriſcher 5 Haben 3u B iſon iſ it ſuße hint Ium Die Tuy ihre Qua ales Auf Der dann der — g i em höhe Entfernung von erſchen Diviſion t ſo eingerichtet, örig ihn alſo ben.“ lusſagen? ftngte en meines Kund⸗ twieſen. ein Viertel nach hr mein Wagen, er andere? mmelte Herr von uinen Sie, Her würde? auch ſonſt An⸗ iſt es ganz tich⸗ unmittelbaren daß e, ne beſon⸗ und ngendſten nBefehlshabern etzt habe. Dieſe licklich zu zu hondeln. Seiten von ihnen die viertauſend 1 abe Gewalt Quartier Annniſch ſind. ſurs hinter nSchreiben on die Kutſche „ ätigt ſinden⸗ 279 wenn Sie die Gnade haben, ſich von dem Ordonnanz⸗Officier, welcher mit mir gekommen iſt und der die Expedition leitete, Rapport abſtatten zu laſſen. Die Befehlshaber der Garniſon fanden aber alle Indicien ſo dringend, und die Gefahr ſo augenſcheinlich, daß ſie in dieſem Augenblick alle Truppen ausmarſchiren, unter's Gewehr treten und hier in aller Stille im Luſtgarten aufmarſchiren laſſen.*) Ohne meine Befehle einzuholen? fragte der König raſch. Majeſtät, die dringende Gefahr entſchuldigt dieſe Voreiligkeit. Ich habe mich anheiſchig gemacht, die nachträgliche Erlaubniß Eurer Majeſtät zu erbitten. Die Truppen ſollen in ihre Quartiere entlaſſen werden, ſagte der König nach einigem Sinnen. Mein Gott, rief Herr von Köckeritz angſtvoll, das wollen Ew. Majeſtät thun? Wollen ſich der Gefahr— Still! unterbrach ihn der König ſtreng, indem er die Klingel nahm und ſchellte. Der Kämmerer trat ein. Der Ordonnanz-Officier, welcher im Vorzimmer ſteht, ſoll eintreten, befahl der König. Eine Minute ſpäter trat der Gerufene ein und ſtellte ſich in mili⸗ tairiſcher Haltung neben der Thür auf. Haben heute Abend recognoscirt? fragte der König. Zu Befehl, Majeſtät. Ein Truppencorps der Grénier'ſchen Di⸗ viſion iſt im ſtarken Anzug; fünfzig Chaſſeurs lagern auf der Garten⸗ ſtraße hinter der letzten Bretterwand. Zum commandirenden General zurückkehren! befahl der König. Die Truppen ſollen ſogleich aus dem Luſtgarten abmarſchiren, und in ihre Quartiere zurückkehren. Die ganze Affaire ſoll geheim bleiben, alles Aufſehen vermieden werden. Gehen Sie! Der Officier machte ſeinen militairiſchen Gruß, und wandte ſich dann der Thür zu, aber indem er ſie öffnete, ſchaute er noch einmal *) Hiſtoriſch. Siehe: Beiträge zur Geſchichte des Jahres 1813. Von einem höheren Officier der preußiſchen Armee. I. S. 84—86. —— 280 zurück, und ſein Auge heftete ſich einen Moment mit fragendem Aus⸗ druck auf das Antlitz des Staatskanzlers. Dieſer nickte leiſe und unmerklich mit dem Kopf. Der Officier ging hinaus und ſchloß die Thür hinter ſich.*) Will nicht, daß dieſe Affaire publique werde, ſagte der König, müßte ſonſt ſofort und entſchieden mit Frankreich brechen, und die Um⸗ ſtände verbieten es mir. Aber Ew. Majeſtät ſetzen ſich jetzt der Gefahr aus, in die Ge⸗ walt der Franzoſen zu fallen, rief Herr von Köckeritz angſtvoll. Wenn das Greénier'ſche Truppencorps jetzt in Potsdam einrückt, ſo wird es gar keinen Widerſtand finden, da Ew. Majeſtät die Truppen haben abmarſchiren laſſen. Die franzöſiſchen Truppen werden nicht einmarſchiren, wenn ſie ſehen, daß ihr Plan mißlungen iſt, und daß ich nicht mit der Kutſche bei den Chaſſeurs anlange, ſagte der König. Zudem, rief der Feldmarſchall Kalkreuth unwillig, zudem bleibt es noch immer die Frage, ob dieſe ganze Intrigue nicht blos eine erfun⸗ dene iſt. Der Herr Staatskanzler haben ſelbſt geſagt, daß Sie Ihre Spione gut bezahlen. Vielleicht hat irgend ein Schlaukopf ſich nur dieſe Geſchichte erſonnen, um der Großmuth des Herrn Staatskanzlers eine beträchtliche Summe zu entlocken. Er konnte ſich denken, daß der König, nachden er gewarnt worden, dieſen Abend nicht hinaus fahren würde nach Sansſouci, und daß ſomit die ganze Affaire im Dunkel dieſes Abends begraben werde. Und trauen Ew. Excellenz meinem Kundſchafter auch zu, daß er viertauſend Mann nach Potsdam marſchiren läßt, um ſeine Intrigue *) Der König befahl, als er von der Zuſammenziehung der Truppen Kunde erhielt, dieſelben in ihre Quartiere zu entlaſſen; aber die Beſorgniß war noch ſo groß, daß die Befehlshaber der Truppen es wagten, dem könig⸗ lichen Befehl nur zum Schein zu genügen. Sie ließen die Truppen aus dem Luſtgarten nach einem andern Platz abmarſchiren, und behielten ſie dort die ganze Nacht und noch einen Theil des Tages beiſammen. Beiträge zur Ge⸗ ſchichte des Jahres 1813. Von einem höheren Officier. I. S. 86. j fürdern Chaſſeurs l Ich ka tief Graf Alls ſich jett der V Ew. Majeſt Ihret, hin wohin man Nein, offenen Br Oh, dieſe recht ſind zu En Der Ricken gef und Span ſeiner Ber tefe Tru Mein Vir volle Ew. 9 Komn Die j Schwipn gingen m der klein Schloſſes Laut egnete ih then am Der und über Ru ifn 281 lagendem Aus⸗ zu fördern? fragte Hardenberg lächelnd. Glauben Sie, daß er die Chaſſeurs hincommandiren kann, wo es ihm beliebt? Der Oſſiier Ich kann nicht an dieſen Plan glauben, er wäre zu verwegen, rief Graf Kalkreuth. Ich bitte Ew. Majeſtät um eine Gnade! Wenn gte der Hönig, Alles ſich ſo verhält, wie es in jenem Bericht angegeben, ſo müßte en, und die Um⸗ jetzt der Wagen der Entführer hier unten vor dem Schloß halten, und Ew. Majeſtät erwarten. Geſtatten Ew. Majeſtät mir, daß ich, ſtatt in die Ge⸗ Ihrer, hinuntergehe und den Wagen beſteige. Ich will doch ſehen, ngſtvoll. Wenn wohin man mich führen wird. ickt, ſo wird es Nein, ſagte der König, nein! Will kein Aufſehn, will keinen Truppen haben offenen Bruch mit Frankreich. Die rechte Stunde iſt noch nicht gekommen! Oh, flüſterte Hardenberg ſchmerzlich und traurig in ſich hinein, iren, wenn ſi dieſe rechte Stunde wird jetzt niemals kommen. Meine Hoffnungen mit der Kutſche ſind zu Ende! Der König ging ſchweigend und ſinnend, die Hände auf dem udem bleibt es Rücken gefaltet, einige Male auf und ab. In angſtvoller Erwartung tis ine erfun⸗ und Spannung folgten die Herren von Kalkreuth und Köckeritz jeder daß Sie Ihre ſeiner Bewegungen. Hardenberg ſtand geſenkten Blickes da, und eine aukopf ſich nur tiefe Trauer ſprach aus ſeinen edlen Zügen. Stuntskanzlers Meine Herren, ſagte der König auf einmal, kommen Sie mit mir! erlen daß der Wir wollen hinunter gehen zu meinem Wagen! hinaus fahren Ew. Majeſtät wollen ihn doch nicht beſteigen? rief Köckeritz entſetzt. 6 5 Kommen Sie nur! rief der König faſt lächelnd. Kommen Sie! Die feſte, entſchiedene Weiſe des Königs duldete keinen Widerſtand. Schweigend folgten ihm daher die drei Herren aus dem Kabinet, und gingen mit durch den Vorſaal, und über den erleuchteten Corridor zu der kleinen Nebentreppe, welche unmittelbar zu der Seitenpforte des Schloſſes führte. Lautloſes Schweigen herrſchte hier überall, keiner der Lakaien be⸗ uch zu, daß er ſeine Intrigle ung t gegnete ihnen auf dem ganzen Wege, nur eine einzige Schildwacht ſtand tönig⸗ oben am Ende des Corridors. — naus den Der König ſchritt raſch, den Uebrigen voran, die Treppe hinunter, elten ſe dort die und über den kleinen Vorplatz nach der Thür hin. Mit einem haſtigen geirige zu 6 Ruck öffnete er dieſe. Der Sturm zog mit heulendem Ungeſtüm durch ————— 282 die Oeffnung herein, und warf eine Maſſe wirbelnden Schnee's den Herren in's Angeſicht. Die beiden Laternen, welche außerhalb vor der Thür ſtanden, waren von der Gewalt des Windes ausgeblaſen worden und eine tiefe Dunkelheit herrſchte jetzt da draußen. Still jetzt, flüſterte der König. Treten Sie leiſe hinaus, und ſtellen Sie ſich hier an die Wand. Niemand wird Sie ſehen. Warten Sie jetzt! Er trat raſch zu dem Wagen hin, deſſen dunkle Umriſſe jetzt erſt das an die Finſterniß gewöhnte Auge zu erkennen vermochte. Taſtend ſuchte der König nach dem Handgriff der Wagenthür. Jetzt hatte er ſie erfaßt und öffnete ſie. Nun ein Moment athemloſer, ſchweigender Erwartung für die drei Herren, welche da, dicht an die Wand gedrückt, mit weitgeöffneten Augen ſich bemühten, die Dunkelheit zu durchdringen, um zu ſehen, was ge⸗ ſchehen ſollte. Jetzt mit einem raſchen kräftigen Ruck warf der König die Wagen⸗ thür zu, und mit einem einzigen Satz ſprang er zurück. Im ſelben Moment ſchlug der Kutſcher auf die Pferde ein, und im raſchen Lauf rollte der Wagen von dannen. Kommen Sie nun wieder herein! ſagte der König vollkommen ge⸗ laſſen. Es iſt ein ſtürmiſcher Abend, kommen Sie! Er trat wieder in das Schloß, und die Herren folgten ihm. Jetzt, ſagte der König lächelnd, indem er auf dem innern Flur ſtehen blieb, jetzt wird der Kutſcher, in gutem Glauben, daß ich darin ſitze, mit ſeinem Wagen den vorgezeichneten Weg einſchlagen, die Herren Chaſſeurs werden ihn in ihre Mitte nehmen, und mit ihm weiter jagen. Mögen die Herren, welche dieſe elende Intrigue erſannen, ſich dann zu ihrer Beſchämung überzeugen, daß ſie mißlungen iſt. Sie werden es nicht wagen, ſich darüber zu beſchweren, und die ganze Affaire wird in Schweigen begraben ſein! Aber, wenn es nun doch der wirkliche Wagen Eurer Majeſtät ge⸗ weſen wäre? fragte Kalkreuth. Die Finſterniß war ja ſo groß, daß man den Wagen nicht erkennen konnte. Aber ſie verhinderte mich nicht zu fühlen, ſagte der König, und neine Hint f es ein der Thir ſ doch ein we mas, und! Wenn und ſche z 90 w görig. I Zu B Se w et die Tr dem dort marſchalls Venn bat der G Und Begl ſich an hi mein Käm umen Th Uld tren. ſu laſen, wie e be hinguf ſe und ſich ſrengen brüchlich ſlben zu kehren u jabinet, n Schner's den ßerhalb vor der geblaſen worden ſe hinus, un ſehen. Warten Umriſe jetzt erſt mochte. der Wagenthir. ing für die drei eöffneten Augen ſehen, was ge⸗ nig die Wagen⸗ i. Im ſelben im raſchen Luf vollkommen ge⸗ ten ihm. Jetz, u ſtehen blieb, arin ſize, nit erren Chaſſens jagen. Mägen danmn zu ihrer werden es nicht Air wird in rer Majeſtüt ge⸗ ſo gwß, daß der König, und 283 meine Hände haben mir dies Mal ſtatt der Augen gedient. Ich fühlte, daß es ein anderer Wagen war, als mein gewohnter. Der Handgriff der Thür ſaß tiefer und war um Vieles größer. Jetzt aber möchte ich doch ein wenig Nachricht haben über meinen guten alten Kutſcher Tho⸗ mas, und wiſſen, was aus meinem Wagen geworden iſt. Wenn Ew. Majeſtät erlauben, begebe ich mich an Ort und Stelle, und ſehe zu, ob wirklich der Wagen dort hält, rief Kalkreuth raſch. Ich wollte Sie eben darum bitten, Herr Feldmarſchall, ſagte der König. Ihre Equipage ſteht bereit, nicht wahr? Zu Befehl, Majeſtät, ſie ſteht bereit. So wollen wir befehlen, daß ſie vorfahre, ſagte der König, indem er die Treppe hinaufſchritt. Im Vorſaal angelangt, gab der König dem dort harrenden Lakai ſelbſt den Befehl, den Wagen des Feld⸗ marſchalls vorfahren zu laſſen. Wenn Ew. Majeſtät erlauben, begleite ich den Herrn Feldmarſchall, bat der General von Köckeritz. Und auch ich bitte um dieſe Gunſt, ſagte der Staatskanzler raſch. Begleiten Sie den Feldmarſchall, Herr General, ſagte der König, ſich an Köckeritz wendend. Nehmen Sie keine Diener weiter mit. Nur mein Kämmerer Timm ſoll Sie begleiten, denn Sie möchten für meinen armen Thomas der Hülfe bedürfen. Mein Kämmerer iſt verſchwiegen und treu. Ich bitte Sie, am Eingang der Allee Ihren Wagen halten zu laſſen, und zu Fuß weiter zu gehen. Wenn Sie Alles ſo finden, wie es behauptet wird, ſo ſoll Timm mit dem Wagen nach Sansſouci hinauf fahren, damit mein guter Leibkutſcher bald zur Ruhe komme, und ſich von ſeinem Schrecken erhole. Man wird ihm aber meinen ſtrengen Befehl mitzutheilen haben, über ſein Abenteuer ein unver⸗ brüchliches Stillſchweigen walten zu laſſen, und Niemanden von dem⸗ ſelben zu erzählen. Sie, meine Herren, haben dann zu mir zurückzu⸗ kehren und mir Bericht abzuſtatten. Folgen Sie mir jetzt in mein Kabinet, Herr Staatskanzler! IX. Der heimkehrende Courier. In ſeinem Kabinet angelangt, ging der König, anſcheinend ohne auf den Staatskanzler zu achten, mit langſamen Schritten auf und ab. Hardenberg, in ſchweigender Geduld die Anrede des Königs er⸗ wartend, zog ſich leiſe in die Fenſterniſche zurück, und halb das Antlitz dem Fenſter zugewandt, horchte er hinaus auf die Straße, von welcher man ſo eben das dumpfe Rollen eines ſich entfernenden Wagens vernahm. Da fahren ſie hin, die Kundſchafter, welche der König ausgeſandt, ſagte Hardenberg zu ſich ſelber. Sie werden ohne Zweifel Alles ſo finden, wie es in jenem Bericht angegeben worden, und doch wird Alles vergeblich ſein. Der König wird ſich dennoch nicht aufraffen zu einem feſten Entſchluß, und darüber werden wir Alle, und wird Preußen rettungslos zu Grunde gehen. Während er ſeinen trüben Betrachtungen ſich überließ und traurig hinausſchaute in die dunkle, ſtürmiſche Nacht, hatte er nicht bemerkt, daß der König am andern Ende des Zimmers ſtehen geblieben war und, die Arme ineinander geſchlagen, mit feſten prüfenden Blicken zu dem Staatskanzler hinüberſchauete. Jetzt ging er langſamen Schrittes und aufrechten Hauptes durch das Gemach hin und blieb dicht vor Hardenberg ſtehen. Herr Staatskanzler, ſagte Friedrich Wilhelm mit ungewöhnlich mildem und ſanftem Ton, Herr Staatskanzler, Sie ſind traurig und unzufrieden, nicht wahr? Sie ſind ſchier verzagt in Ihrem Herzen, und es ſcheint Ihnen, daß der König von Preußen, den die Franzoſen auf's Neue ſo tief beleidigt und gekränkt, daß der König von Preußen, den Napoleon jetzt ſogar mit Gefangenſchaft bedroht, endlich ſein Herz im Zorn ſich aufbäumen und ſeine Geduld müßte ſchwinden fühlen. Es ſcheint Ihnen, daß er, von ſo vielen Kränkungen, Beleidigungen und Perfidieen aufgeſtachelt aus ſeiner hinwartenden Ruhe, endlich empor ſpringen und rufen müßte:„Lieber ſterben, als dieſe Schmach linger ertt und Beleidi Sie haben Mann zu vertreten! Alles zu eines ungl und mich n und daß ie dern Mut nicht die( ſezen, un glücklichen Fehdehand Unglich, ſ Stuatclan doß zu Muth gel und freim zifall die imnerſten geößten 2 Rthan we den Ium eingetret Ew chrerbiet erſchiene den geri Und Ma Cn Nat den S nſcheinend ohne ritten auf und des Königs er⸗ halb das Antlitz ße, von welcher agens vetnahm. nig ausgeſandt, veifel Alles ſo och wird Alles affen zu einem wird Preußen ß und raurig nicht bemerkt, geblieben war den Blicken zu amen Schrittes b dicht vor ungewihnich nd traurig und Ihrem Hetzen⸗ die Franzoſen g von Prelßen⸗ lih ſein Herz inden fühlen. Beledigungen endlich Ruhe, ieſe Schmach „ b 285 länger ertragen! Lieber zu Grunde gehen, als dieſe Demüthigungen und Beleidigungen noch länger mit ſchweigender Reſignation hinnehmen!“ Sie haben Recht, wäre ich ſo glücklich, gleich Euch Andern, nur der Mann zu ſein, der blos ſeine eigene Ehre, ſeine eigene Exiſtenz zu vertreten hätte, ſo würde es mir erlaubt ſein, Alles zu wagen, um Alles zu gewinnen. Aber ich bin der König, und zumal der König eines unglücklichen, zerfleiſchten Landes! Ich muß mich ſelber vergeſſen, und mich nur erinnern, daß ich heilige Pflichten habe gegen mein Volk, und daß ich, was meine eigene Perſon anbetrifft, jetzt noch keinen an⸗ dern Muth beſitzen darf, als den Muth der Reſignation. Ich darf nicht die Exiſtenz meines Landes, das Wohl meines Volkes auf's Spiel ſetzen, um mir perſönlich Genugthuung zu ſchaffen. Ehe ich des glücklichen Gelingens nicht ſicher bin, darf ich Frankreich nicht den Fehdehandſchuh hinwerfen, denn das Mißlingen wäre nicht blos mein Unglück, ſondern das Verderben meines Volkes. Ich warte alſo, Herr Staatskanzler, ich warte auf eine glückliche Stunde, aber ich glaube, daß zu dieſem Warten meinerſeits mehr Standhaftigkeit und mehr Muth gehört, als wenn ich, ſo wie Sie es wünſchen, ſchon jetzt offen und freimüthig mit Frankreich bräche, und von einem günſtigen Glücks⸗ zufall die Entſcheidung meines Geſchickes abhängig machte. Meiner innerſten Ueberzeugung nach darf ich das nicht, ſondern nur mit der größten Beſonnenheit und Ueberlegung muß jeder Schritt vorwärts gethan werden, denn— Nun, was giebt es? fragte der König, ſich dem Kammerherrn zuwendend, der eben die Thür geöffnet hatte und eingetreten war. Ew. Majeſtät verzeihen, daß ich ſtöre, ſagte der Kammerherr mit ehrerbietiger Miene. Aber der Herr, welcher ſo eben im Vorzimmer erſchienen, verſichert, daß ſeine Meldung von Wichtigkeit iſt, und nicht den geringſten Aufſchub erleiden darf. Und wer iſt der Herr? Majeſtät, es iſt der Major von Natzmer, welchen Ew. Majeſtät als Courier nach Preußen geſendet hatten. Natzmer? rief der König freudig. Er ſoll ſogleich eintreten! Ach, Herr Staatskanzler, wir werden alſo jetzt erfahren, wie es in meiner 286 Provinz Preußen ausſieht, und wie meine Truppen York's Entfernung vom Commando aufgenommen haben. Möge Herr von Natzmer Ew. Majeſtät gute und erfreuliche Nach⸗ richten bringen, ſagte Hardenberg mit vollkommener äußerer Ruhe, während ſein Herz hoch klopfte vor Ungeduld, und er in athemloſer Spannung dem Erſcheinen des Majors von Natzmer entgegenſah. Jetzt trat dieſer in die Thür, und während er vor dem König ſeine militairiſche Begrüßung machte, haftete das Auge Hardenberg's mit angſtvollem, fragendem Ausdruck auf dem Antlitz des Majors. Einen kutzen, flüchtigen Moment begegneten ſich jetzt die Blicke der Beiden. In den Augen Hardenberg's lag eine Frage; Natzmer beantwortete ſie mit einem leiſen Winken der Augenlider, und einem leiſen, unmerklichen Lächeln. Rapportiren Sie mir zuerſt kurz und bündig, ſagte der König raſch. Antworten Sie mir auf alle meine Fragen möglichſt kurz und gedrungen. Nachher können wir Alles ausführlicher beſprechen. Alſo, Sie waren bei Murat und Macdonald? Zu Befehl, Majeſtät! Ich traf den König von Neapel in Elbing, und hatte die Ehre, ihm das Schreiben Eurer Majeſtät zu übergeben. Er empfing mich ſehr freundlich, und war voll Freude über die Ver⸗ ſicherung von den fortwährenden freundſchaftlichen Geſinnungen Eurer Majeſtät. Weniger freundlich und entgegenkommend war der Marſchall Macdonald, den ich alsdann in ſeinem Hauptquartier aufſuchte. Er war noch immer ſehr gereizt über die That des Generals York, die er unumwunden die That eines Verräthers nannte; doch fühlte er ſich verſöhnt, als ich ihm meldete, daß ich die Abſetzungsordre für York bei mir führe, und im Begriff ſei, dieſelbe hinüber zu tragen in das Heerlager der Ruſſen und Preußen. Er machte Ihnen alſo keine Schwierigkeiten, ſondern ließ Sie un⸗ gehindert in das ruſſiſche Lager übergehen? Ja, Majeſtät. Während Macdonald weiter marſchirte, ſuchte ich mir die ruſſiſchen Vorpoſten auf, und gelangte von dort, durch einen dazu vom General Tſchoplitz commandirten Officier geführt, nach Heils⸗ berg, zum commandirenden General, Grafen von Witgenſtein. Vas Ich w ſuerſt um vun York nir den je zu ihm beh Gruf zu York zu Nein, Vie dafür anft wollten? Ep velchen A ſchwere S alſo berec meinet S lnd Jo, echalten w den Gene wüthigſte don ſeiner tks Entjernung rfreuliche Nach⸗ äußeter Ruhe, rin athemloſer entgegenſah. vor dem Kürig Hardenberg's des Majors. jetzt die Blicke Frage; Natzmer er, und einem agte der König lichſt kurz und ſprechen. Ahpo, eapel in Elbing, t zu übergeben. über die Ver⸗ nnungen Eurer rder Marſchall gufſuchte. Er ls York, die et fühlte er ſich ordre für York u tragen in das ern ließ Sie un⸗ chirte, ſuchte ich t, durch einen ort genſtein. 287 Was wollten Sie beim General von Witgenſtein? Ich wollte ihn gemäß dem von Ew. Majeſtät erhaltenen Befehl zuerſt um die Erlaubniß bitten, mich durch das Lager zum General von York begeben zu dürfen, und dann ferner wollte ich ihn bitten, mir den jetzigen Aufenthaltsort des Kaiſers anzugeben, damit ich mich zu ihm begeben könne. Graf Witgenſtein gab Ihnen natürlich ſofort die Erlaubniß, ſich zu York zu begeben, nicht wahr? Nein, Majeſtät, er verweigerte ſie mir. Wie denn, er verweigerte ſie Ihnen? Welchen Grund konnte er dafür anführen? Sagten Sie ihm denn, was Sie bei dem General wollten? Ew. Majeſtät hatten mir befohlen, es Jedermann zu ſagen, mit welchen Aufträgen ich zum General York mich begebe, und welche ſchwere Strafe Ew. Majeſtät über York verhängt hätten. Ich war alſo berechtigt und verpflichtet, dem Grafen Witgenſtein den Zweck meiner Sendung mitzutheilen. Und er wagte es, ſich Ihrer Sendung zu widerſetzen? Ja, Majeſtät. Er erklärte, daß ich durchaus nicht die Erlaubniß erhalten würde, zu York zu gehen, und daß, ſo lange er lebe, Niemand dem General York eine Depeſche überbringen werde, die den edel⸗ müthigſten, hochherzigſten und tapferſten General der preußiſchen Armee von ſeinem Amt entfernen ſollte. Er ließ Sie alſo in der That nicht zu York gehen? Nein, Majeſtät, er erklärte mich zu ſeinem Gefangenen, und ich durfte ihn nicht verlaſſen. So daß alſo in dieſem Augenblick der General von YPork noch immer am Commando iſt, und den Oberbefehl nicht an Kleiſt abge⸗ treten hat? Wie Ew. Majeſtät ſagen, ſo daß York noch immer am Com⸗ mando iſt. Und das Abſetzungsdecret gar nicht erhalten hat? Ich habe es ihm nicht übergeben können, und Ew. Majeſtät hatten befohlen, es nur in York's eigene Hände zu übergeben. Ich war aber, 288 wie geſagt, in einer Art Gefangenſchaft beim Grafen Witgenſtein. Er fragte mich, ob ich noch andere Aufträge von Ew. Majeſtät erhalten, und als er erfuhr, daß ich Sr. Majeſtät dem Kaiſer ein Schreiben zu überbringen habe, ließ er ſofort einen Schlitten vorfahren, beorderte einen Officier, mich zu begleiten, und wir fuhren ab, um uns zum Kaiſer zu begeben.*) Davon nachher, ſagte der König raſch. Sagen Sie mir erſt, ob Sie keine weiteren Nachrichten von meinem Armeecorps erhalten haben. General von York iſt alſo noch immer am Commando? Ja, Majeſtät. Aber wenn er auch Ihre Depeſchen nicht erhalten hat, ſo muß er doch aus den Zeitungen die Nachrichten erſehen haben. Denn die Berliner Zeitungen enthielten ja einen Abdruck des Abſetzungsdecrets, und er kann York nicht entgangen ſein. Er hat allerdings, wie ich auf meiner Rückkehr vom ruſſiſchen Kaiſer vom Grafen Witgenſtein erfuhr, durch die Zeitungen und Ge⸗ rüchte erfahren, welche ſchwere Strafe Ew. Majeſtät über ihn verhängt haben, und wie Sie ihn und ſeine That desavouiren. Demgemäß hat er den General von Kleiſt aufgefordert, das Commando zu übernehmen. Aber Kleiſt hat ſich deſſen geweigert, weil er dazu nicht die unmittel⸗ bare Ordre Ew. Majeſtät erhalten habe, und weil nicht Zeitungsartikel und Gerüchte, ſondern nur der ausdrückliche und perſönlich an ihn ge⸗ langende Befehl Eurer Majeſtät ſeine Handlungen beſtimmen, und ihn zur Uebernahme des Commando's veranlaſſen dürften. Darin hat der General von Kleiſt vollkommen Recht, ſagte der König. So lange York das Abſetzungsdecret nicht in Händen hatte, war und blieb er commandirender General. Dann, Majeſtät, iſt er es noch, rief Natzmer, denn hier bringe ich Ew. Majeſtät die Depeſchen an die Generäle von York und Kleiſt zurück. Da ich ſie nicht habe übergeben können, lege ich ſie wieder zu den Füßen Eurer Majeſtät nieder. Der König nahm die dargereichten beiden Depeſchen, und betrachtete *) Droyſen: Leben York's II. S. 38. ſie einen 1 haſtig ſein ſrahlte vor Freue Her Stna Ja, 1 ich freue n und ein ne Schritt da thun miſſe werden es die That Diutſchlu Schmach finzöſiſch Nun, Major vo an Se. I Sendung Ichl Nun Cw. Statsknr von Mtr Nih und was meine 5 das, wa haben S nn Kai Puußen pehon n Mhlun Witgenſtin Er kajeſtät echalten, Schreiben zu r ahren, beorderte „um uns zum Sie mir erſt, ob serhalten haben. t, ſo muß er Denn die ſetzungsdecrets, vom ruſſiſchen ungen und Ge er ihn vethängt Demgemüß hat zu übernehmen. tdie unmittel⸗ Zeitungsartikel mn ihn ge⸗ und ihn nmeh, ht ſagte der hl, Händen hatte, denn hiet bringe t und Keil ſie w der zu pet achtete 289 ſie einen Moment mit ſinnenden Blicken, dann auf einmal wandte er haſtig ſeine Augen zu Hardenberg hin, und er ſah, daß deſſen Antlitz ſtrahlte vor innerer Befriedigung. Freuen Sie ſich, daß man meine Befehle nicht ausgeführt hat, Herr Staatskanzler? fragte der König mit einem unmerklichen Lächeln. Ja, Majeſtät, ſagte Hardenberg mit voller bewegter Stimme, ja, ich freue mich, denn jetzt ſcheint es mir, als ginge die Nacht zu Ende, und ein neuer Morgen wolle für Preußen tagen. York hat den erſten Schritt dazu gethan, und Ew. Majeſtät werden jetzt wohl den zweiten thun müſſen. Denn da York ſeines Commando's nicht entſetzt worden, werden es die Herren Franzoſen nicht mehr glauben, daß Ew. Majeſtät die That Ihres tapferen Generals desavouiren, und Ihr Volk und ganz Deutſchland wird Muth faſſen, denn es wird ſehen, daß die Zeit der Schmach vorüber iſt, und daß ein deutſcher König es endlich wagt, dem franzöſiſchen Tyrannen ſich zu widerſetzen. Nun, wir werden ja ſehen, ſagte der König ſinnend. Jetzt, Herr Major von Natzmer, ſtatten Sie mir Bericht ab über Ihre Sendung an Se. Majeſtät den Kaiſer Alexander. Ich ſagte Ihnen, daß dieſe Sendung ein Staatsgeheimniß ſei. Haben Sie daſſelbe bewahrt? Ich habe es bewahrt, Majeſtät. Nun denn, berichten Sie jetzt! Ew. Majeſtät erlauben mir, daß ich mich entferne, ſagte der Staatskanzler, ſich der Thür nähernd. Da Ew. Majeſtät den Major von Natzmer mit einer geheimen Sendung betrauten, ſo— Nicht doch, Excellenz, ich bitte Sie zu bleiben, rief der König raſch. Ich wünſche, daß Sie erfahren, was ich dem Kaiſer ſagen, und was er mir antworten ließ! Alſo zur Sache! Beantworten Sie meine Fragen: haben Sie meinen Auftrag ausgeführt? Haben Sie das, was ich keinem Papier und keiner Feder anzuvertrauen wagte, haben Sie das dem Kaiſer mündlich von mir gemeldet? Haben Sie dem Kaiſer geſagt, daß ich ihm ein Schutz- und Trutzbündniß mit Preußen anbiete, wenn Alerander ſich verpflichte, den Krieg gegen Na⸗ poleon mit allen ihm zu Gebote ſtehenden Mitteln fortzuſetzen, und Mühlbach, Napoleon. III. Bd. 19 290 ohne Aufenthalt die Weichſel und Oder zu überſchreiten.“*) Haben Sie Alexander in meinem Namen dieſes Erbieten gemacht? Ich habe es gethan, Majeſtät. Des Königs Augen ſchweiften mit einem raſchen Blick hinüber zu Hardenberg, und das freudige, erſtaunte Geſicht ſeines Staatskanzlers machte ihn verſtohlen lächeln. Und was antwortete der Kaiſer? fragte Friedrich Wilhelm, ſich wieder dem Major zuwendend. Der Kaiſer war über das Erbieten Eurer Majeſtät ſehr erfreut, und er erklärte ſich bereit, alle Bedingungen, welche Ew. Majeſtät ſo⸗ wohl gleich, als ſpäter dabei feſtſtellen wollten, ohne Widerrede zuzu⸗ geſtehen.**) Nur Eine Bedingung machte Kaiſer Alexander. Welche Bedingung? Er verlangte, daß die Feſtung Graudenz eine Beſatzung von ruſſiſchen Truppen beibehalte, und er beſtand mit vieler Hartnäckigkeit auf dieſem Einen Punkt. Sagten Sie ihm alsdann nicht, daß ich mich ebenſo hartnäckig und entſchieden über dieſen Einen Punkt ausgeſprochen, und daß ich dem ganzen Schutz⸗ und Trutzbündniß entſagen würde, wenn Grau⸗ denz nicht, als die äußerſte Feſtung meines Landes, preußiſche Be⸗ ſatzung erhalte? Ich ſagte es dem Kaiſer. Und dann? Dann entſchloß ſich der Kaiſer, auch hierin nachzugeben und auch Graudenz den preußiſchen Truppen zu überlaſſen. Ueber das ernſte, ruhige Antlitz des Königs flog es wie ein milder Sonnenſtrahl, und die Wolke, welche ſonſt immer ſeine Stirn zu um⸗ düſtern pflegte, verſchwand von derſelben.— Herr Staatskanzler, ſagte er, ſich mit einem milden und gütigen Lächeln an Hardenberg wendend, ſind Sie jetzt ausgeſöhnt mit Ihrem Fabius Cunctator? Wollen Sie es mir jetzt vergeben, daß ich ſo *) Droyſen: Leben Yorks. II. S. 119. **) Ebendaſelbſt. lunge gezöger wort gebrach Oh, M diger Bewun von Ihrer Eben n Kalkreuth tra Ach, rie Generäle, die ſprechen Sie Ja, Me ihn gefunde triſtirte; wi Wagen Eure Pfude ware Und me ſugen Sie n worden? Vir far Regeben wor der Rutſche, emer Kaprze um Schreien nhe ghn iberwunden 8 uch er woll begleiten ſol und er iſt J, M dſ eldnurſh 291 ſen.*) Haben lange gezögert und hingehalten habe, bis Natzmer mir Alexanders Ant⸗ cht? wort gebracht? Oh, Majeſtät, rief Hardenberg, meine Seele beugt ſich in freu⸗ ick hinüber z diger Bewunderung vor Ew. Majeſtät, und ich fühle mich beſchämt Stnntslanets von Ihrer Größe und Milde. Eben ward die Thür geöffnet und die Herren von Köckeritz und Wilheln, ſich Kalkreuth traten ein. Ach, rief der König, ihnen lächelnd entgegen gehend, meine beiden it ſehr erfreut, Generäle, die ich auf Recognoscirung ausgeſandt! Nun, meine Herren, w. Majeſtät ſo⸗ ſprechen Sie! Haben Sie meinen Wagen gefunden? Widerrede zuzu⸗ Ja, Majeſtät, ſagte Feldmarſchall von Kalkreuth ſeufzend, wir haben ander. ihn gefunden. Es iſt leider kein Zweifel mehr möglich. Ein Complott eriſtirte; wir haben die Beweiſe davon, denn wir fanden wirklich den Beſatzung von Wagen Eurer Majeſtät in der Allee, die nach Sansſouci führt, die Hartnickigkeit Pferde waren halb abgeſchirrt,— Und mein armer Kutſcher? unterbrach ihn der König. Köckeritz⸗ enſo hurtnicig ſagen Sie mir, was iſt aus meinem treuen Leibkutſcher Thomas ge⸗ „und daß ich worden? nem Grau⸗ Wir fanden ihn genau in der Lage, wie es in jenem Bericht an⸗ preußiſche Be⸗ gegeben worden, ſagte General von Köckeritz haſtig. Er lag im Innern der Kutſche, an Händen und Füßen gebunden, den Kopf bedeckt mit einer Kapuze, die feſt um den Hals zuſammen gezogen war und ihn am Schreien hinderte, indeß ihn auch faſt ſchon dem Erſtickungstode en und auch nahe gebracht hatte. Aber jetzt iſt er wieder wohl und hat den Schrecken und die Angſt überwunden? fragte der König mit theilnehmender Beſorgniß. Ja, Majeſtät, er hat ſich wieder vollkommen erholt, ſagte Köckeritz, und er wollte es durchaus nicht dulden, daß Timm ihn nach Sansſouci begleiten ſollte. Er fühlte ſich ſtark genug, wieder hieher zurückzukehren, und er iſt mit uns zugleich hier angelangt. Sie haben ihm doch unverbrüchliches Schweigen anbefohlen? Ja, Majeſtät, und er hat geſchworen, es gegen Niemand zu brechen. Und jetzt, meine Herren, ſagen Sie mir Ihre Meinung. Herr Feldmarſchall von Kalkreuth, Sie haben ſich jetzt überzeugt, daß die 19 wie ein miler Stirn zu um⸗ en und gitigen hnt mi Ihrem en, duf ich ſo 292 Herren Franzoſen wirklich ein Attentat auf meine Perſon beabſichtigten und daß ſie mich in dieſer Nacht verhaften wollten? Ich habe mich leider davon überzeugen müſſen, ſeufzte der Feld⸗ marſchall. Und Sie, Köckeritz, glauben auch Sie daran? Ich glaube feſt und entſchieden daran, Majeſtät. Und Sie, Herr Staatskanzler? Ich war von der Exiſtenz dieſes Attentats überzeugt, bevor ich hieher kam, und alle Umſtände haben es beſtätigt: es exiſtirte ein ſolches Attentat. Die Franzoſen wollten ſich der geheiligten Perſon Ew. Ma⸗ jeſtät bemächtigen! Wollen Ew. Majeſtät auch mir erlauben, auf dieſe Frage zu ant⸗ worten? fragte Major von Natzmer. Wie meinen Sie das? fragte der König erſtaunt. Sind Sie nicht eben erſt hier angekommen? Wie können Sie urtheilen wollen über das, was vor Ihrer Ankunft geſchah? Majeſtät, ich bin zwar eben erſt hier angekommen, aber ich wußte doch, was hier geſchehen ſollte und welches verruchte Attentat man be⸗ abſichtigte, ſagte Major von Natzmer. Der Kaiſer Alexander theilte es mir mit, er hatte ſo eben die ſichere Kunde bekommen, daß der Marſchall Augereau den Befehl erhalten, ſich der Perſon Ew. Majeſtät zu bemächtigen. Der Kaiſer war darüber in höchſter Sorge und er⸗ klärte, nicht eher Ruhe finden zu können, als bis er erfahren, daß Ew. Majeſtät in Sicherheit ſeien und Berlin und Potsdam verlaſſen hätten.*) Ich ſelbſt brach in höchſter Angſt und Sorge ſogleich auf, und da ich am dreizehnten Januar ſchon den Kaiſer verließ, würde ich ſchon früher hier angelangt ſein, wenn ich nicht in Landeshut in Er fahrung gebracht, daß Murat an alle Behörden den Befehl hatte er⸗ gehen laſſen, daß man mich verhaften und in's franzöſiſche Haupt⸗ quartier bringen ſollte.**) Ich mußte daher große Umwege machen, und bin jetzt um ſo glücklicher, daß ich noch zur rechten Zeit hier an⸗ *) Droyſen: York's Leben. II. S. 120. **) Ebendaſelbſt. lange, um Anſchlägen d Der Ki Huptes auf Herren zu b Auf ei Ungeſicht ſtr Meine theilen. Gel bewahren w Vir ge Hören laſſen und n denz aufzuſch Stunde an In der nic rigliche F uf die St ſilen meine bs iſt mein entziehen he alſo n Indem dir vier de düſter un Stnatsfun ſrahlenden Nun, nichts zu ſ Ich ka it buudenthr Lßen emporl worleuch on beabſichtigten eufzte det Feld⸗ zeugt, bevor ich riſtirte ein ſolches Perſon Ew. Ma⸗ e Frage zu ant⸗ Sind Sie nicht len wollen über aber ich wßte Atentat man be⸗ Alerunder kheiltt mmen, daß der on Ew. Majeſtüt Sorge und er⸗ reerfahren, daß tödam verlaſſen rge ſogleich uj erließ, wirde c Landeshut in Er Beſchl hatte er⸗ Haupt nachen, anzöſiſch Umwege en Zeit hier au⸗ en 3 lange, um im Namen des Kaiſers Alexander Ew. Majeſtät vor den Anſchlägen der Franzoſen zu warnen. Der König erwiederte nichts. Er ging langſam und geſenkten Hauptes auf und ab; in ehrfurchtsvollem Schweigen ſtanden die vier Herren zu beiden Seiten des Gemaches. Auf einmal blieb der König mitten im Zimmer ſtehen, und ſein Angeſicht ſtrahlte von Entſchloſſenheit. Meine Herren, ſagte er, ich will Ihnen ein Staatsgeheimniß mit⸗ theilen. Geben Sie mir Ihr Ehrenwort, alle Vier, daß Sie es getreulich bewahren wollen? Wir geben unſer Ehrenwort! riefen die vier Herren zu gleicher Zeit. Hören Sie alſo, fuhr der König fort. Ich werde Potsdam ver⸗ laſſen und mich nach Breslau begeben, um dort vorläufig meine Reſi⸗ denz aufzuſchlagen. Alle nothwendigen Vorbereitungen ſollen von dieſer Stunde an mit der nöthigen Schnelle und Umſicht getroffen werden. In der nächſten Nacht ſchon will ich mit dem Kronprinzen abreiſen, die tönigliche Familie ſoll mir den nächſten Tag folgen. Man ſoll Truppen auf die Straße legen, die wir zu paſſiren haben, die Normal⸗Huſaren ſollen meine Eskorte bilden, die Garden ſollen mir nach Breslau folgen. Es iſt meine Pflicht, mich den heimtückiſchen Angriffen der Franzoſen zu entziehen und meine Perſon vor ihren Attentaten ſicher zu ſtellen. Ich gehe alſo nach Breslau! Indem der König ſo ſprach, ließ er ſeine Blicke an den Geſichtern der vier Herren vorübergleiten. Er ſah, daß der Feldmarſchall Kalkreuth düſter und verſtimmt vor ſich hinſtarrte, und ihm gegenüber ſah er den Staatskanzler, der mit gerötheten Wangen, mit zuckenden Mienen, mit ſtrahlenden Augen ihn anſchaute. Nun, Hardenberg, ſagte der König ſanft, haben Sie mir gar nichts zu ſagen? Ich kann nichts ſagen, flüſterte Hardenberg mit zitternder Stimme, aber ich thue, was ich ſeit vielen Jahren nicht gethan: Ich weine Freudenthränen! Die Nacht iſt zu Ende, ein neuer Morgen tagt für Preußen herauf, und die Sonne einer neuen Zeit wird über uns Alle emporleuchten! Viertes Buch. Die Freiwilligen. 1 4 4 1 ——— Auf den St ſchender St den Linden“ wie Velleng von Tauſend Der hi tizf hiet Ein Ale, die e lange Stra Der K Quartiermei ihn in Bre Es leh die Mange. Peuan und wie h aber tauſe Sie ſhrie ein lſt uns; bingen! 2 Jo je Und einer. die Stnße denſlten, . Der Aufruf an die Freiwilligen. Auf den Straßen Berlins drängte ſich das Volk wie ein einziger rau⸗ ſchender Strom vorwärts. Die ganze lange prächtige Straße„Unter den Linden“ war wie ein wogendes Menſchenmeer anzuſchauen, und wie Wellengebrauſe ertönte das Jubelgeſchrei, das Rufen und Grüßen von Tauſenden und aber Tauſenden herüber und hinüber. Der König iſt geſund und wohlbehalten in Breslau angelangt! rief hier Einer dem Andern zu, und: Es lebe der König! riefen ſofort Alle, die es gehört, und wie ein jubelndes Echo tönte es die ganze lange Straße hinunter: Es lebe der König! Der König hat den General Scharnhorſt wieder zum General⸗ Quartiermeiſter gemacht, und auch der General Blücher iſt wieder bei ihm in Breslau! rief da drüben eine mächtige Stentorſtimme. Es lebe Scharnhorſt! Es lebe Blücher! jauchzte und jubelte ſofort die Menge. Es leben unſere Helden! Pereant die Franzoſen! ſchrie jetzt eine laute zürnende Stimme, und wie ein einziger ungeheurer Wuthſchrei tönte es von tauſend und aber tauſend Lippen: Pereant die Franzoſen! Sie haben uns ſo lange geknechtet und unter die Füße getreten, ſchrie ein Anderer. Jetzt wollen wir ihnen vergelten! Kommt, kommk, laßt uns zu dem franzöſiſchen Geſandten gehen und ihm ein Pereat bringen! Wir wollen nicht länger ſchweigen! Wir wollen reden! Ja, ja, wir wollen reden! brüllte, ſchrie und jubelte die Menge, und einer ungeheuren Sturmeswoge gleich, wälzten ſich die Volksmaſſen die Straße hinunter dem Thore zu, in deſſen Nähe, an dem Platz vor demſelben, der franzöſiſche Geſandte wohnte. 298 Aber plötzlich ward die tobende Menge von einem Zug aufgehalten, der ſich ihr von dem Brandenburger Thor her näherte. Voran ſchritten drei Männer, der eine von kleiner, ſchwächlicher Geſtalt, mit bleichem, magerem Angeſicht, aus dem aber zwei große blaue Augen wie Sterne hervorblitzten; der zweite groß und ſchlank, von mächtigem Körperbau, mit freiem kühnem Angeſicht, das Haupt umwallt von langem Haar, das wie eine Löwenmähne auf ſeine Schultern nieder⸗ fiel; der dritte nicht groß, aber kräftig gebaut, mit ſtolz gehobenem Haupt, mit kühnen Mienen, wie ein ächter Ritter anzuſchauen. Hinter dieſen Dreien aber ſah man eine Schaar von mehr denn zweihundert Jünglingen in einfachen, leichten Gewändern, die Geſichter geröthet von Aufregung oder Anſtrengung, die Augen flammend und leuchtend wie in freudiger Luſt. Hurrah! Hurrah! rief das Volk, das ſind die Turner! Das iſt der Vater Jahn mit ſeiner Turnerſchaar! Es lebe Jahn! Hurrah! Es lebe Jahn! brüllte und tobte die Menge, die jetzt wieder ſich vorwärts ſchob. Aber ein unerwartetes Hinderniß bot ſich jetzt dar. Die Turner hatten auf einen Wink des„Vaters Jahn“ ſich guer über die ganze Breite der Straße aufgeſtellt und verſperrten ſo, einer eiſernen Kette gleich, den Vordringenden den Weg. Vor dieſer lebendigen Eiſenkette aber ſtanden die drei Männer und ſchauten ernſt und forſchend hin auf das anſtürmende Menſchengewühl. Platz! gebt Platz! rief und brüllte die Menge. Gebt uns Raum! Wir haben ein Geſchäft da unten auf dem Platz! Glauben Sie mir, es iſt wie ich ſagte, flüſterte der kleinſte unter den drei Männern ſeinem Nachbar mit der Löwenmähne zu. Es iſt ein Aufſtand, der ſich gegen den franzöſiſchen Geſandten richtet. Wo wollt Ihr hin? rief der mit der Löwenmähne, indem er mit ſeinen beiden herkuliſchen Armen die auf ihn eindringenden Männer zurückdrängte. Wir wollen zum franzöſiſchen Geſandten, brüllte die Menge. Wir wollen ihm ein neues deutſches Lied vorſingen, und die Steine, die wir in's Fenſter werfen, ſollen den Tact dazu ſchlagen. Und wa Vus geht E Vos kümmer jett ganz ein Fenſter einzu habt doch ge Groſſes geſc uns herüber Nein, Stimmen. Aber man h Menge. E Ih ver tief Jahn. nen hinusge und haben nir ſo frih künden, wa i. Gott ſankeit verl der ihn nich Schleie nacher ſolli geſagt hatl Zetteln an beſſer, als Und ſcwächlich hoben ihn an dem P Das duit ſol( Der Zug aufgehalten, näherte. Voran icher Geſtalt, mit oße blaue Argen , von müchtigen upt umwallt von Schultern nieder⸗ tſtolz gehobenem uſchauen. Hinter denn zweihundert eſichter geräthet nd und leuchtend Das iſt e, die jetzt ar. Die Turer r übet die ganze er eiſernen Kette n Eiſenkette forſchend hin auf ndige 0 1 Hebt uns Raum der kleinſte unter ähne zu. Es iſt dten richet. indem er mit Männer ne, ingenden Wir die Menge. die die Steine, 299 Und warum wollt Ihr das, Ihr Männer? fragte der Große. Was geht Euch heute, an dem ſchönen Freudentage, der Franzoſe an? Was kümmert Ihr Euch um den Franzoſen? Männer, wie Ihr, haben jetzt ganz etwas Anderes zu thun, als dem franzöſiſchen Geſandten die Fenſter einzuſchlagen. Es wird bald andere Schlachten geben. Ihr habt doch gehört und geleſen, Ihr Männer und Jünglinge, was uns Großes geſchehen? Ihr wißt doch, was der König aus Breslau zu uns herüber gerufen? Nein, nein, wir wiſſen's nicht! riefen hier und dort einzelne Stimmen. Ja, ja, wir haben's geleſen, ſagten dazwiſchen Andere. Aber man hört's immer gern noch einmal, rief eine Stimme aus der Menge. Erzählt es uns alſo noch einmal, Vater Jahn! Ich verſteh' nicht gut zu erzählen, und ich bin matt vom Turnen, rief Jahn. Ich war heut' früh ſchon mit meinen Schülern zum Tur⸗ nen hinausgegangen vor's Thor. Da ſind dieſe zwei Herren gekommen und haben mir die große Neuigkeit verkündet, und deshalb kommen wir ſo frühzeitig heute zurück. Mein Freund hier, der ſoll Euch ver⸗ künden, was er mir verkündet hat, denn der weiß beſſer zu reden als ich. Gott hat ſeine Zunge erleuchtet und ihr die Gabe der Beredt⸗ ſamkeit verliehen. Ihr Alle wißt das ja, denn wer wäre unter Euch, der ihn nicht kennte, den großen Kanzelredner Friedrich Schleiermacher. Schleiermacher! Es lebe Schleiermacher! rief das Volk. Schleier⸗ macher ſoll reden! Schleiermacher ſoll uns wiederholen, was der König geſagt hat! Schleiermacher ſoll uns vorleſen, was da auf großen Zetteln an allen Ecken gedruckt ſteht! Wenn man's hört, verſteht man's beſſer, als wenn man es lieſt. Schleiermacher ſoll vorleſen! Und zwanzig Arme ſtreckten ſich auf einmal nach dem kleinen ſchwächlichen Mann aus, der neben Jahn ſtand, und zwanzig Hände hoben ihn empor und ließen ihn ſanft auf dem Balkon nieder, der dort an dem Parterre eines Hauſes angebracht war. Das iſt eine ſchöne Kanzel, rief die jauchzende Menge, und von dort ſoll Schleiermacher zu dem Volk ſprechen! Der kleine Mann mit den großen flammenden Augen und dem edlen geiſtdurchſtrahlten Angeſicht ſchaute einen Moment ſchweigend auf 300 zufordern, Auszeichnun ſeglich, oht geſchickte O Was ſi brach ſich die Volksmenge, die immer dichter und dichter zu ihm heranwogte, auf die tauſend und aber tauſend Angeſichter, die alle ihm zugewandt waren und deren glänzende Augen von Erwartung und Neugierde funkelten. Dann erhob er beide Arme, Ruhe gebietend. Und allmälig ward 1 es ſtill, allmälig verſtummte das Lachen und Plaudern, das Rufen und Schreien, wie gebannt waren Aller Augen auf Schleiermacher hinge⸗ den Jrn wandt, wie gebannt war das Wort auf Aller Lippen. und Minm Tiefe Stille herrſchte jetzt auf der weiten Straße, und hell und befiehl voll wie Glockenton erſchallte jetzt die Stimme des Predigers. des Kinigs Ihr wollt, daß ich Euch vorleſe, was zu uns Allen geſprochen dalen des 6 worden iſt, ſagte er, und welchen Ruf der Miniſter Hardenberg im in die Han Namen unſeres Königs an uns Alle erlaſſen hat. Hört alſo, ich will ind heiigſ es Euch vorleſen! held iſt, de Er zog ein großes zuſammengefaltetes Papier aus ſeinem Buſen Vilens S 3 hervor, und es auseinander ſchlagend las er mit lauter tönender Stimme: größere E „Die eingetretene gefahrvolle Lage des Staats erfordert eine wſt und ſchnelle Vermehrung der vorhandenen Truppen, während die Finanz⸗ nit er ſic verhältniſſe keinen großen Koſtenaufwand verſtatten. Bei der Vater⸗ wohl, und 3 landsliebe und treuen Anhänglichkeit an den König, welche die Be⸗ lundes fol 13 wohner der preußiſchen Monarchie von jeher beſeelt und ſich in den Zu il Zeiten der Gefahr immer am lebhafteſten geäußert haben, bedarf es Mimet, nur einer ſchicklichen Gelegenheit, dieſen Gefühlen und dem Durſt nach Tumner Thätigkeit, welcher ſo vielen jungen Leuten eigen iſt, eine beſtimmte I Richtung anzuweiſen, um durch ſie die Reihen der ältern Vertheidiger rief Hert des Vaterlandes zu verſtärken und mit dieſen gemeinſchaftlich in der freiem u ſchönen Erfüllung der erſten von den uns obliegenden Pflichten zu ſeinen K 3 wetteifern. In dieſer Hinſicht haben Se. Majeſtät die Formirung von mir das Jäger⸗Detachements bei den Infanterie⸗Bataillonen und Kavallerie⸗ vilige, d Regimentern der Armee zu befehlen geruht, um beſonders diejenige Und Klaſſe der Staatsbewohner, welche nach den bisherigen Kantongeſetzen „„„——„ 8— vom Dienſt befreit und wohlhabend genug ſind, um ſich ſelbſt zu be⸗ S 8 3) Di kleiden und beritten machen zu können, in einer ihrer Erziehung und in ſ Fe ihren übrigen Verhältniſſen angemeſſenen Form zum Militairdienſt auf⸗ herunmwogte, auf ihm zugewandt und Nengierde nd allmülig ward „das Rufen und eiermacher hinge⸗ e, und hell umd Allen geſprochen Hardenberg in rt alſo, ich will s ſeinem Buſen nender Stimme: s erfordert eine rend die Finanz⸗ Bei der Vater⸗ welche die Be⸗ ſich in den — aben, bedarf es dem Durſt nach eine beſtimmte ern Vertheidiger ſchaftlich in der den Pſlichten zu Formirung von und gaballerie⸗ ſonder diejenige n gantongeſeben ſich ſelbſt zu be⸗ Erziehung m iliuirdienſt auf⸗ 301 zufordern, und dadurch vorzüglich ſolchen Männern Gelegenheit zur Auszeichnung zu geben, die durch ihre Bildung und ihren Verſtand ſogleich, ohne vorherige Dreſſur, gute Dienſte leiſten, und demnächſt geſchickte Officiere oder Unterofficiere abgeben können.“*) Was ſoll ich Euch die weitern Beſtimmungen alle vorleſen, unter⸗ brach ſich Schleiermacher hier in ſeiner Lectüre. Ihr wißt genug, denn Ihr wißt jetzt: der König ruft ſein Volk, er ruft alle Jünglinge und Männer ſeines Landes, daß ſie ſich um ihn ſchaaren, er ruft ſie, er befiehlt ihnen nicht. Das Vaterland iſt in Gefahr, und nicht des Königs Befehl, ſondern Euer freier Wille ſoll Euch zu Sol⸗ daten des Vaterlandes machen. Der freie Wille ſoll Euch die Waffen in die Hand legen! Und bedenket wohl, daß der freie Wille das höchſte und heiligſte Beſitzthum des Menſchen iſt, und daß Der doppelt ein Held iſt, den nicht ſeiner Pflichten Nothwendigkeit, ſondern ſeines freien Willens Stärke zum Soldaten ſeines Vaterlandes gemacht! Nicht größere Ehre kann Euch Allen werden, als daß das Vaterland Euch ruft und Eurem Arm vertrauend, auf Euren freien Willen hofft, da⸗ mit er ſich waffne zur Vertheidigung des Vaterlandes. Bedenkt das wohl, und überlegt, ob Ihr daheim bleiben oder dem Ruf des Vater⸗ landes folgen wollt! Zu ihm empor auf den Balkon ſchwangen ſich jetzt die beiden Männer, welche vorher an Schleiermachers Seite geweſen, der tapfere Turner Jahn, der ritterliche La Motte Fouqus. Ich will nicht daheim bleiben, wenn das Vaterland mich ruft! rief Herr von La Motte Fouqué mit weithin ſchallender Stimme. Mit freiem und freudigem Willen biete ich dem Vaterlande mich an als ſeinen Krieger. Ich habe Weib und Kind, aber höher als ſie ſteht mir das Vaterland, und hier gelobe ich mich ihm als der erſte Frei⸗ willige, der dem Rufe ſeines Königs und ſeines Vaterlandes folgt! Und hier gelobe ich mich ihm als der zweite! rief Jahn, der Vater *) Dieſer Erlaß zur Bildung von freiwilligen Jäger⸗Detachements war am 3. Februar von Hardenberg in Breslau ausgegeben und ward am 6. Fe bruar in Berlin bekannt gemacht. —————— 302 der Turner. Hier ſchwöre ich meinem Vaterlande, aus freiem und freudigem Willen für daſſelbe zu kämpfen. Dem Vaterland gehört fortan mein Blut, mein Leben. Und wo ſeid Ihr, meine Jünglinge, meine Turner? Soll ich allein hinausziehen, oder geht Ihr mit mir? Wir gehen mit Dir! riefen hundert kräftige Jünglingsſtimmen, und wie ein heiliger Orgelton, ſo voll und mächtig klang es zum Himmel empor: Wir gehen mit Dir! Wir ziehen hinaus, die freiwilligen Sol⸗ daten, die für das Vaterland kämpfen wollen! Und die Menge, begeiſtert von dem, was ſie ſah und hörte, die Männer mit Thränen in den Augen, die Jünglinge flammenden Blickes, ſie Alle riefen und jubelten: Wir ziehen hinaus, die freiwilligen Sol⸗ daten, die für das Vaterland kämpfen wollen! Und der Nachbar reichte dem Nachbar die Hand, und der Freund ſank dem Freunde in die Arme, und die ſich nie geſehen, die verſtanden ſich, und die nie zu einander geſprochen, die ſprachen jetzt zu einander wie alte Bekannte. Ein einziger großer Herzſchlag ſchien die ganze Menge zu beleben, ein einziges großes Gefühl der Begeiſterung leuchtete aus Aller Blicken. Ein einziger Schwur, ein einziges Gelübde brannte in Aller Herzen: dem Vaterlande ſchwuren ſie ſich Alle, ihm gelobten ſie ſich zu tapferen Soldaten an!——— Und es war nicht eine Begeiſterung des Moments, nicht ein raſches Aufwallen des Gefühls, welches dieſer von Breslau ergangene Waffenruf erzeugt hatte, ſondern mit jeder Stunde wuchs die Be⸗ geiſterung, mit jedem Tage loderte das heilige Gefühl der Vaterlands⸗ liebe höher empor. Jeder fühlte ſich als ein Soldat des Vaterlandes, Jeder hätte es als einen Schimpf empfunden, wenn er hätte daheim bleiben ſollen, während die Andern auszogen in den heiligen Krieg. Die lernende Jugend, welche auf den Bänken der Gymnaſien ge⸗ ſeſſen, ſchlug ihre Bücher zu, und die Lehrer hielten ſie nicht davon zurück, ſie erſchienen nur auf den Kathedern, um den halb erwachſenen Jünglingen zuzurufen:„Lebet wohl! Das Vaterland hat uns gerufen, wir wollen hinaus! Wer von Euch das ſiebenzehnte Jahr erreicht hat und den Willen in ſich fühlt, der folge uns!“ Und mi Runglinge ve nit Thränen Jhre zühlte deſen ſie ſich Was ab Karzleien, be jedes Advola Puterland ſei rechnungen, des Bürgers willigen tret hatte, um ſi Zukunft, er Heinkehr ſei und hatt ih hidigung. Lerloren! 7 de Mütter Kluge warf Aſchied in! blitenden G Veib und ſe dachte nicht ihren Gute wenn er W das ihn rie Noch des Auf fruf Gensd ame Nuun. Frnd ude ſich c warſthiren aus freiem und terland gehärt ueine Jünglinge, t Ihr mit mir? ngsſtimmen, und es zum Himmel reiwilligen Sol⸗ und hörte, die nmenden Blickes, reiwilligen Sol⸗ und der Freund die verſtanden etzt zu einander ſchien die gonze iſterung leuchtete Gelübde brannte e, ihm gelobten ents, nicht ein 6lau ergangene wuchs die Be⸗ der Vaterlands⸗ Jedet htte es nbleiben ſollen, Gynnſin ge⸗ ſie nich davon halb emnchſenen at uns gerufen, ahr erreicht hat Und mit freudigem Janchzen ſchaarten ſich um ihre Lehrer die Jünglinge von ſiebenzehn Jahren und mit Verzweiflung im Herzen, mit Thränen in den Augen traten Diejenigen zurück, welche weniger Jahre zählten, denn ihre Jugend laſtete jetzt auf ihnen wie ein Unglück, deſſen ſie ſich ſchämten! Was aber in den Gymnaſien geſchah, das wiederholte ſich in den Kanzleien, bei den Gerichtshöfen, in den Bureaux jedes Banquiers und jedes Advokaten. Keiner wollte daheim bleiben, Keiner wollte dem Vaterland ſeinen Arm und ſeine Kraft entziehen. Alle egviſtiſchen Be⸗ rechnungen, alle Standesunterſchiede hatten aufgehört; neben dem Sohn des Bürgers ſah man Prinzen und Grafen in die Reihen der Frei⸗ willigen treten, und der Unbemittelte, der ſeine letzte Habe veräußert hatte, um ſich die Waffenrüſtung zu kaufen, er dachte nicht an ſeine Zukunft, er überlegte nicht, was nach beendetem Kriege, nach der Heimkehr ſein Loos ſein und was aus ihm werden könne. Das Vater⸗ land hatte ihn gerufen, und aus freiem Willen ſtellte er ſich zur Ver⸗ theidigung. Der Tod hatte alle Schreckniſſe, das Leben allen Werth verloren! Mit ſtrahlenden Augen, mit freudejauchzender Bruſt ſahen die Mütter ihre Söhne ſich waffnen zum Kampf. Ohne Thräne, ohne Klage warf ſich die Braut dem dahin ziehenden Geliebten zum letzten Abſchied in die Arme; ſonder Furcht um das Schickſal ſeiner daheim bleibenden Gattin und ſeiner Kinder drückte der Gatte und Vater ſein Weib und ſeine Kinder zum letzten Mal in die Arme, und ſein Weib dachte nicht an die Möglichkeit, ihn zurückhalten zu können. Sie würde ihren Gatten verachtet haben, wenn er hätte daheim bleiben wollen, wenn er Weib und Kind mehr hätte lieben können als das Vaterland, das ihn rief! Noch nicht vier Tage waren vergangen ſeit der Bekanntmachung des Aufrufs an die Freiwilligen, da ſtanden in Berlin auf dem Gensd'armenmarkt hundertundfünfzig junge Freiwillige, die in dieſem Zeitraum weniger Tage aus eigenen Mitteln oder mit Hülfe ihrer Freunde ſich ausgerüſtet hatten, und die jetzt im Begriff waren, abzu⸗ marſchiren nach Potsdam, um mit der in dieſer Stadt ſchon geſam⸗ 304 den Aufuf zu folgen. Schleiemac melten Schaar von neunzig Männern nach Breslau zu ihrem König zu ziehen.*) Ganz Berlin aber wollte Theil haben an dieſem Abſchied des erſten Corps der Freiwilligen, das Berlin ſeinem König ſandte. Jeder woklte ihnen zu ihr den muthigen Vaterlandsvertheidigern noch einmal die Hand drücken, Schliernu Jeder wollte ihnen einen letzten Liebesgruß, einen letzten Wunſch noch Nacht zurufen, und mit ſeinen Blicken, ſeinen Gebeten die Soldaten des Freiwillgen Vaterlandes ſegnen. Voffen ab Ringsum, an allen Häuſern des Gensd'armenmarktes ſah man auf dant daher alle Fenſter beſetzt mit Frauen und Kindern, die mit ihren Dort Taſchentüchern, mit Blumen und Kränzen die ſcheidenden Krieger be⸗ ſtrahlenden 1 grüßten, von allen Kirchen läuteten die Glocken zum feierlichen Ab⸗ echaltenen ſchiedsgruß, und in ihren goldenen Amtsketten ſtanden die Väter der gedrüct ne Stadt, die Bürgermeiſter mit allen Magiſtratsmitgliedern auf dem Hand zu G Platz, um im Namen der Stadt die jungen Krieger bis an das Thor Unden zu geleiten, und hinter ihnen füllten ganze Schaaren von Männern und und mit ſta Jünglingen den weiten Raum. Dieſe allein blickten finſter drein, und kraſtvolle ſtatt ihre Brüder zu ſegnen, beneideten ſie dieſelben, daß es ihnen ge⸗ Noch lungen, früher aufzubrechen als ſie, ſtatt ihnen Glück zu wünſchen, riefen weiten ſir ſie: Wir folgen Euch nach! Bereitet uns die Quartiere, bald werden giſtſrahle wir bei Euch ſein! nie es ſn Die Glocken läuteten, und unter dieſen feierlichen Klängen, um⸗ ſt rienals rauſcht von den Jubelgrüßen der Tauſende und aber Tauſende, die giſtenng, auf der Straße und aus den Fenſtern aller Häuſer ihnen zunickten, giſprochen zog die junge Schaar im Geleit des Magiſtrats vom Gensd'armen⸗ Sile markt ab. Aber nicht unmittelbar den Weg zum Potsdamer Thor angehalter 3 ſchlugen ſie ein. teſen 3 Nicht ohne den kirchlichen Segen empfangen zu haben, wollten ſie tliten d von dannen ziehen, und dieſen Segen ſollte der Mann ihnen geben, itt jun der ihnen vor vier Tagen mit ſeiner vollen und begeiſterten Stimme hine Ernſ *) Es hatten ſich außerdem gleich in dieſen erſten drei Tagen neun⸗ waren die tauſend junge Männer in die Liſte der Freiwilligen einſchreiben laſſen und Aber ſeh waren mit ihrer Ausrüſtung beſchäftigt. Ug, 3 Mi Mühlbach zu ihrem König bſchied des erſten dte. Jeder wollte die Hand dricken, tten Wunſch noch die Soldaten des marktes ſah man n, die mit ihren enden Krieget be⸗ m feierlichen Ab⸗ die Väter der liedern auf dem bis an das Thor von Mänvern und finſter drein, und daß es ihnen ge⸗ u vwünſchen, riefen tiere, bald werden lele, nlängen, um⸗ er Tauſende, die rihnen zunicten, om Gensd amen⸗ Ther Potsdamer aben, wollen ſi Nann ihnen g Stimme egeiſterten— Tagen neu ſſen m 305 den Aufruf vorgeleſen und ſie ermahnt hatte, dem Ruf des Vaterlandes zu folgen. Eine Deputation der jungen Freiwilligen hatte ſich alſo zu Schleiermacher, dem berühmten Kanzelredner, verfügt und ihn gebeten, ihnen zu ihrem ernſten Beginnen den Segen der Kirche zu geben, und Schleiermacher hatte ihrer Bitte freudig gewillfahrtet. Nach der Dreifaltigkeitskirche alſo bewegte ſich jetzt der Zug der Freiwilligen. Draußen vor der Thür legten die jungen Krieger ihre Waffen ab und ſtellten ihre Büchſen rings an der Mauer der Kirche auf, dann traten ſie in die hellerleuchtete Kirche. Dort harrten ihrer ihre Mütter, Schweſtern und Bräute, ſie mit ſtrahlenden Liebesblicken begrüßend, ſie zu ſich winkend auf den frei erhaltenen Platz neben ihnen, damit ſie zum letzten Mal Seite an Seite gedrückt neben einander ruhen, damit ſie zum letzten Mal Hand in Hand zu Gott beten könnten. Und nun begann die Orgel ihre vollen Accorde ertönen zu laſſen, und mit ſtarker jubelnder Stimme tönte von Aller Lippen das herrliche, kraftvolle Lied:„In allen meinen Thaten laß ich den Höchſten rathen.“ Noch rauſchten die letzten Klänge des ſchönen Liedes durch die weiten Kirchenhallen, da erſchien drüben auf der Kanzel ſchon das edle, geiſtſtrahlende Angeſicht Schleiermachers. Sein Auge leuchtete heute, wie es ſonſt nie gethan, ſeine Stimme war begeiſtert und mächtig, wie ſie niemals geweſen, und nie zuvor hatte er mit ſo hinreißender Be⸗ geiſterung, ſo energiſcher Kraft, ſo edlem Freiheitsmuth in dieſer Kirche geſprochen, als er es heute that. P. Stille, feierliche Stille herrſchte ringsumher, Jeder lauſchte mit angehaltenem Athem den begeiſterten Worten des Propheten einer neuen, beſſern Zeit, Jeder ſchwur ſich in ſeinem Herzen, immer eingedenk zu vleiben der edlen hochherzigen Ermahnungen, welche Schleiermacher jetzt zum Schluſſe ſeiner Rede an die Jünglinge richtete und rein ſeine Hände zu erhalten im Dienſt der reinen Sache. Ernſte, feierliche Stille herrſchte unter den Zuhörern. Bei Gott waren die Gedanken Aller, zu ihm hatten ſich Aller Herzen erhoben. Aber jetzt ward die Stimme Schleiermacher's weicher, ſein ſtrahlendes Auge, welches bisher gen Himmel gerichtet geweſen, ſenkte ſich nieder⸗ Mühlbach, Napoleon. III. Bd. 20 306 wärts und ruhte auf den Frauen und Müttern, die dort drüben in langen Reihen ſaßen, und deren Blicke auf die Söhne gerichtet waren, welche durch das Gewühl der Menge nicht hatten zu ihnen gelangen können. Seid froh im Herrn, Ihr Mütter, rief Schleiermacher ihnen zu, ſelig iſt Euer Leib, der einen ſolchen Sohn getragen, ſelig Eure Bruſt, die ein ſolches Kind getränkt hat! Gott gab Euch Eure Söhne, Ihr gebt ſie dem Vaterlande! Seid fröhlich im Herrn, denn er will Großes vollbringen durch Eure Söhne! Seid fröhlich und weinet nicht! Aber ſie weinten! Jetzt weinten ſie, jetzt hielten ſie ihre Thränen, ihr Schluchzen nicht mehr zurück! Das an ſie gerichtete Wort hatte die Wunde ihres Herzens berührt, deren Schmerzen ſie bei der Erregung bis dahin nicht gefühlt hatten. Jetzt fühlten ſie ihre Wunden, und ſie weinten laut! Und wie ein electriſcher Schlag durchzuckte es die ganze Verſamm⸗ lung, kein Auge blieb trocken, kein Herz ungerührt, ſelbſt Schleier⸗ macher's Stimme zitterte in Thränen, als er jetzt ſein Amen! Amen! über die Weinenden dahin rief.*)— Aber jetzt die Thränen getrocknet und hinaus in die friſche, frohe Gottesluft! Hinaus zu dem Potsdamer Thor, und den Weg einge⸗ ſchlagen, der gen Potsdam führt!— Und von Potsdam geht's am andern Tage weiter, vereint mit der jungen Kriegerſchaar, die La Motte Fouqué von Potsdam aus dem König zuführt. Vergeſſen iſt die Ver⸗ gangenheit, vergeſſen der Schmerz des Abſchieds; der Zukunft eilt man entgegen, der ſchlachtendurchdonnerten ſiegreichen Zukunft! Keine Thränen jetzt mehr! Keine Seufzer! Laßt uns ſingen, ein friſches, fröhliches Lied ſingen! Ja, laßt uns ſingen! Wo iſt ein Dichter, der uns ein Lied ſingen kann, wie wir's jetzt brauchen! Der Fouqus iſt hier, der ſoll uns ein Lied ſingen! Ja, ja, der Fouqué iſt unter uns! Wir haben ihn zu unſerm Führer erwählt, daß er uns als unſer Officier zum König transportire. Er iſt ein *) Eylert: Friedrich Wilhelm III. Thl. I. S. 174. gferer Ritter ſunyf gegen inſer Führer Aber et i Uerk von der ſient. La Me lied ſingen! Auf, auf, uft und jubel Turnvater Jal den Fougué Und Joh ſeiner Schaar Biten der i hinein mumel Wf, auf uft Phnem ſi Dich ufe die in ihnen wein Dihter! Nein, ne ſhend und t u ich mir e Et wendi Unglingſc Ihr we hezen gena ſbſerfunder ſmnen! Und mi dort drüben in gerichtet waren, gelangen können. macher ihnen zu, n, ſelig Eure b Euch Eure im Herrn, denn eid fröhlich und ſie ihre Thränen, te Wort hatte die ei der Erregung Verſamm⸗ ſelbſt Schleier⸗ in Amen! Amen! die friſche, ftohe den Weg einge⸗ dam geht's am ar die lu Motte al, ſſen iſt die Ver⸗ 1 Zukunft eilt man nft! uns ſingen en ns ein Lid ſigen e en*„ ührer ewählt, ie Er iſt ein rtire⸗ 307 tapferer Ritter und Reitersmann, hat ſich ſchon im Jahre 1794 im Kampf gegen die Franzoſen die Sporen verdient. Er iſt es werth, unſer Führer zu ſein! Aber er iſt es auch werth, unſer Sänger zu ſein, denn durch ſein Werk von der Undine hat er ſich auch als Dichter die Sporen ver⸗ dient. La Motte Fouqué, der Dichter der Undine, der ſoll uns ein Lied ſingen! Auf, auf, zum fröhlichen Singen, Du tapferer La Motte Fouqué! ruft und jubelt die ganze Schaar. Oh, er muß ſingen! Da iſt unſer Turnvater Jahn, der vermag etwas über ihn! He! Vater Jahn, bittet den Fouqué um ein fröhlich Wanderlied! Und Jahn ſprengt auf ſeinem muthigen Roß zu Fouqué hin, der ſeiner Schaar voran ſtill und gedankenvoll dahin reitet, das Rufen und Bitten der Jünglinge wohl vernommen hat, aber lächelnd und in ſich hinein murmelnd weiter reitet. Auf, auf, zum fröhlichen Singen, Du tapferer La Motte Fouqué, ruft Jahn mit ſeiner Stentorſtimme. Hörſt Du nicht, Dichter, wie ſie Dich rufen, die tapfern Jünglinge! Gieb doch der Begeiſterung, die in ihnen brennt, Ausdruck. Auf, auf, zum fröhlichen Singen, mein Dichter! Nein, nein, ſo heißt es nicht, ruft Fouqué, ſein Haupt raſch er⸗ hebend und dem Freunde zulächelnd. Etwas anders heißt das Lied, das ich mir eben zurecht gemacht. Hör' zu, mein Freund! Er wendet ſein Roß und gebietet mit lautem Commandowort ſeiner Jünglingsſchaar zu halten. Ihr wollt ein Lied! Ihr ſollt es haben, wie's eben in meinem Herzen gewachſen iſt. Merkt wohl auf, ich ſing' Euch das Lied nach ſelbſterfundener Melodie. Sodann ſingen wir das Lied Alle mit⸗ ſammen! Und mit machtvoller Stimme begann Fouqué zu ſingen: Friſch auf zum fröhlichen Jagen, Es iſt ſchon an der Zeit! Es fängt ſchon an zu tagen, Der Kampf iſt nicht mehr weit! — —— 308 Auf! laßt die Faulen liegen, Gönnt ihnen ihre Ruh', Wir rücken mit Vergnügen Dem lieben König zu. Der König hat geſprochen: Wo ſind meine Jäger nun? Da ſind wir aufgebrochen, Ein wackeres Werk zu thun. Wir woll'n ein Heil erbauen Für all das deutſche Land, Im frohen Gottvertrauen Mit rüſtig ſtarker Hand. Schlaft ruhig nun, Ihr Lieben! Am väterlichen Heerd, Derweil mit Feindeshieben Wir ringen keck bewehrt. O Wonne, Die zu ſchützen, Die uns das Liebſte ſind! Hei! Laßt Kanonen blitzen, Ein frommer Muth gewinnt! Die Mehrſten zieh'n einſt wieder Zurück in Siegerreih'n; Dann tönen Jubellieder, Deß wird'ne Freude ſein! Wie glüh'n davon die Herzen So froh und ſtark und weich. Wer fällt, der kann's verſchmerzen, Der hat das Himmelreich.*) *) Das Lied iſt von La Motte Fouqué auf dem Wege von Potsdam nach Breslau, wohin er die erſte Schaar der freiwilligen Jäger führte, gedichtet worden und iſt das erſte der Freiheits⸗ und Jubellieder àus dem Jahr 1813. Der alt ledernen Lh Zeiung, in gelegt; das und blies g Munde hiel Unfer des einzige Gemach ei gus einen ſorffültig a wuf dem T achtzehn Je ſeltener hi breiten Wi wohnen. 3 zenen, dich Purzll der ewas auf Sthnemnt ſonder m und kraftt unze Erſ und Liebli fihr es z ihre Age Pmiger 2 Jtz zur Eide nicht ing Il. Eleonore Prohaska. Der alte Wachtmeiſter Prohaski ſaß traurig und ſinnend auf ſeinem ledernen Lehnſtuhl am Ofen; vor ihm lag ein Blatt der Voſſiſchen Zeitung, in dem er ſo eben geleſen. Seufzend hatte er es bei Seite gelegt; das Haupt an das Lederpolſter gelehnt, ſtarrte er in das Leere, und blies große Rauchwolken aus der kurzen Thonpfeife, die er im Munde hielt. Unfern von ihm an dem kleinen Nähtiſch, der da in der Niſche des einzigen Fenſters ſtand, welches Tageslicht in dieſes kleine düſtere Gemach einführte, ſaß ein junges Mädchen, emſig damit beſchäftigt, aus einem großen Stück Leinewand die Fäden auszuzupfen und ſie ſorgfältig auf den großen Haufen Charpie zu legen, der ſchon vor ihr auf dem Tiſch ſich erhob. Es war ein junges Mädchen von kaum achtzehn Jahren, aber ihr edles bleiches Antlitz hatte einen Ausdruck ſeltener Kühnheit und Energie, ihre Stirn war hoch, und unter der breiten Wölbung derſelben ſchienen große und ſtarke Gedanken zu wohnen. Zwei große ſchwarze Augen blitzten unter den hochgeſchwun⸗ genen, dichten, ſchwarzen Augenbraunen hervor, die ſich faſt über der Wurzel der edelgeformten, leicht gebogenen Naſe berührten. Um ihre etwas aufgeworfenen, purpurrothen Lippen ſpielte ein Zug düſterer Schwermuth, und auch die Farbe ihrer Wangen ſchien nicht Krankheit, ſondern nur der Kummer gebleicht zu haben. Ihre Geſtalt war hoch und kraftvoll, aber es fehlte derſelben die Ueppigkeit und Fülle. Ihre ganze Erſcheinung hatte mehr Ernſtes und Heroiſches, als Anmuthiges und Liebliches: während ſie ſo bei ihrer Arbeit ſaß und Charpie zupfte, fuhr es zuweilen wie dunkle Wolkenſchatten über ihr Antlitz hin, und ihre Augen hoben ſich zum Himmel empor, wie mit einem Blitzſtrahl zorniger Anklage. Jetzt auf einmal warf ſie die Leinwand mit heftigem Ungeſtüm zur Erde und ſprang auf. Nein, Vater, rief ſie hochathmend, ich halt's nicht länger aus! ——— 310 Was hältſt Du nicht länger aus, Leonore? rief ihr Vater erſtaunt. Hier zu ſitzen, und Charpie zu zupfen, während die ganze Welt in Bewegung iſt, während jedes Herz aufjauchzt in Vaterlandsliebe und Kampfesluſt, während jede Bruſt ſich hebt vor Wonne und Glück! Und ich kann nichts thun, ich darf nicht einſtimmen in den allgemeinen Jubel, ich kann nichts thun, als Charpie zupfen! Vater, es ſtößt mir das Herz ab, und ich kann's nicht ertragen! Muß ich es denn nicht ertragen? fragte ihr Stimme. Muß ich nicht ſtill hinter'm Ofen ſitzen, meine Kameraden von ehemals ſich ausrüſten und in den Kampf ziehen? Bei Jena liegt mein rechtes Bein begraben, und ich muß umher⸗ humpeln als alter Stelzfuß, kann mir nicht einmal Rache holen für den Schimpf von Jena, kann mein Bein nicht einmal durch ein paar lumpige Franzoſenköpfe bezahlt machen! Ich muß als Krüppel umher hinken, während die Andern zum Kampf Wenn ich das er⸗ tragen muß, ſo haſt Du gar keinen Grund zu klagen, Du ein Mädchen! Vater, rief Leonore mit blitzenden Augen, verachte mich nicht, weil ich ein Mädchen bin! Haſt Du mir nicht erzählt von den hochherzigen Spanierinnen und Tyrolerinnen, und von den Heldenthaten, die ſie vollbracht, und wie ſie durch ihre Kühnheit und ihre todeskühne Vater⸗ landsliebe ſelbſt den Männern ein leuchtendes Beiſpiel gegeben, und wie von ihnen der Strom der Begeiſterung ausgegangen iſt zur Er⸗ rettung des Vaterlandes? War nicht die Heldin von Saragoſſa auch nur ein Weib? Haben nicht in den Engpäſſen von Tyrol Weiber und junge Mädchen gekämpft wie Männer und wie Helden? Ja, das iſt wahr, rief ihr Vater lächelnd, aber das waren auch eben Spanierinnen und Tyrolerinnen! Die haben Feuer in den Adern, und hängen mit heldenmüthiger Begeiſterung an ihrem Vaterland. Ach, es iſt nicht nöthig, im Süden geboren zu ſein, um feuriges Blut zu haben, rief Leonore glühend. Die heiße Sonne iſt es nicht, welche die Begeiſterung für das Vaterland erzeugt, und auch unter dem Schnee können heiße Herzen ſchlagen! Haſt Du ſolch ein heißes Herz, Leonore? fragte ihr Vater, ſie mit einem langen, forſchenden Blick anſchauend. Vater mit zitternder während alle Vater, da drin wi Fahren nuf wie ein rei ich, das Fe Flammen a müßte dam Spanierin, Ach, ie ihr Pater! meine, Di Frewillige nicht zuric Meine Lonore mi geſtern abr a ich es Aber als Du, l Oh, t g ilige zu = S prich ni und traur erſchließe Sül, lch tr ſprcherei der Welt Leon uſtln inge validen Vate kmſtin ihr Vater erſtant. d die ganze Welt terlandsliebe und und Glick! Und Ugemeinen lbel, es ſtößt mir das ter mit zitternder en, während alle den Kampf ziehen? ich muß umher⸗ Rache holen für al durch ein paar Krüppel umher mn ich das er⸗ Du ein Mädchen! te nich nicht, weil den hochhetzigen denthaten, die ſie todeskühne Vater⸗ iel gegeben, und en iſt zur Er⸗ n Saragoſſa auch Tyrol Weibet und en? r das waren auch uer in den Adern, tem Vaterlnd. ſein, un fuige Sonne iſt es nicht, nd auch unter dem or ſie mit ihr Vatet, ſien 311 Vater, ſagte ſie, ihre Hände auf ihre Bruſt preſſend, es brennt da drin wie Feuer, und zuweilen, wenn ich höre, wie Alles zu den Fahnen ruft, wie die Waffen klirren, und das Jauchzen der Kampfesluſt wie ein reißender Strom durch das ganze Land hinzieht, dann meine ich, das Feuer, das da in meinen Adern brennt, müßte mir in hellen Flammen aus dem Herzen und aus dem Kopf herausſchlagen, und ich müßte damit die ganze Welt in Brand ſtecken. Ich bin zwar keine Spanierin, aber ich bin eine Preußin, eine Deutſche! Ach, ich wollt' lieber, Du wärſt ein Preuße, ein Deutſcher! ſeufzte ihr Vater kopfſchüttelnd. Wenn Du ein Knabe wärſt, wahrhaftig, ich meine, Du würdeſt Dich gar ſtattlich ausnehmen in den Reihen der Freiwilligen, und ſie würden den jungen Soldaten von achtzehn Jahren nicht zurückweiſen können. Meine Figur iſt ſtattlich, wenn ich auch nur ein Mädchen bin, rief Leonore mit blitzenden Augen; ich habe unter den Freiwilligen, die geſtern abmarſchirten, viel kleinere und ſchmächtigere Soldaten geſehen, als ich es bin. Aber ſie hatten jedenfalls kürzeres Haar, und eine ſtärkere Stimme, als Du, lachte ihr Vater. Oh, das Haar läßt ſich abſchneiden, ſagte ſie raſch, und was die Stimme anbetrifft, ſo hat der Schneider Kalbaum, der auch mit den Freiwilligen fortgezogen iſt, auch keine ſtärkere Stimme, als ich, und ſie haben ihn doch angenommen. Auch— Still, unterbrach ſie der Vater raſch, ich höre die Mutter kommen! Sprich nicht ſolche Sachen, wenn ſie da iſt. Es würd' ſie ängſtigen und traurig machen! Kühne Gedanken muß man in ſeinem Herzen verſchließen, denn wenn man davon ſpricht, ſieht's aus wie Groß⸗ ſprecherei; nur von kühnen Thaten darf man reden, und die darf man der Welt geſtehen! Merk' Dir das, meine Tochter, und gieb mir einen Kuß! Leonore eilte zu ihrem Vater hin, und ihn mit ihren beiden Armen umſchlingend, drückte ſie einen glühenden Kuß auf die Lippen des alten Invaliden. Vater, flüſterte ſie leiſe, ich glaube, Du verſtehſt mich, und Du kannſt in meinen Gedanken leſen! 312 Nur Gott vermag in unſeren Gedanken zu leſen, ſagte ihr Vater feierlich, und nur vor ihm müſſen wir kein Geheimniß haben! Aber was iſt das? Weint die Mutter nicht da draußen? Und der alte Wachtmeiſter ſprang auf, und hinkte ſo raſch, als ſein Stelzfuß es ihm erlaubte, der Thür zu. Eben ward dieſe geräuſchvoll geöffnet, und eine Frau erſchien auf der Schwelle. Hinter ihr ſah man einen hochaufgeſchoſſenen bleichen Knaben von kaum vierzehn Jahren. Beide traten ſie mit Thränen in den Augen und mit lauten Klagerufen in das Gemach ein. Frau, was giebt's, was iſt geſchehen? rief der alte Prohaski angſtvoll. Warum weinſt Du, mein Bruder? fragte Leonore, indem ſie zu dem Knaben hineilte, und ihn in ihre Arme zog. Er lehnte ſein Haupt an ihre Bruſt und weinte laut. Was geſchehen iſt? jammerte ſeine Mutter. Das iſt geſchehen, daß alle unſere Hoffnungen zerſtört, daß wir abgewieſen ſind. Abgewieſen? Wo denn? Von wem denn? fragte der Invalide erſtaunt. Nun, von der Militair⸗Commiſſion, Alter! rief die Frau, mit ihrer langen Schürze ſich die Augen trocknend. Was wolltet Ihr denn bei der Militair⸗Commiſſion? Wollteſt Du etwa gar Marketenderin werden, Alte? Nein, aber der Carl wollte Soldat werden, Vater! Ja, jetzt muß Alles heraus, jetzt mußt Du Alles wiſſen! Wir dachten wohl, Dir eine freudige Ueberraſchung zu bereiten, aber der liebe Gott und die böſe Militair⸗Commiſſion haben es nicht gewollt. Siehſt Du, Alter, ich hatt's wohl gemerkt, wie's Dich wurmte, und wie's an Deinem Herzen fraß, daß Dein Stelzfuß Dich hier feſthält in Potsdam, und daß Du nicht mit kannſt ziehen mit den Soldaten, die zu ihrem König nach Breslau gehen. Ja, es iſt wahr, es thut weh, ſehr weh! Mein General von Anno 1800, mein General Blücher, iſt auch ſchon da, und wird wieder in Dienſt treten, und was wird der ſagen, wenn er ſeine alten Huſaren von 1806 ſucht, und der Prohaski iſt nicht dabei. Der Prohaski iſt eine feige Memme, ein fauler Ofenhocker geworden, wird er ſagen. Nein, er Dich kem uns, warn bekrübt hat! Vir he begtiffen, m Krieg, ſagte nur dem lie keinen erwac ſtelen kann. Bett, als ich muß T jumul da d künpfen ka Soldat we Ach, den Geſic Und Inalide. 3 h Herz wird Du, es w Kinig und Erſatznun in den F Rhauen. und wolle iche Ate den lein ler dem Rhngen Und der Ate ſagte ihr Vater iß haben! Aber kte ſo raſch, als Frau erſchien auf choſſenen bleichen mit Thränen in ch ein. Prohaski angſtvoll. ore, indem ſie zu lehnte ſein Haupt as iſt geſchehen, eſen ſind. ge der Fahde ie Frau, mit ihrer on? WVollteſt Du r 9, jett muß chten wohl, Dir be Gott und die ziehſt Du, Alter, wie's an Deinem in Potsdam, und ie zu ihrem König Mein Genetul von und vird wieder en alen huſun Der Frehasl ſt wird er ſagen⸗ 313 Nein, Vater, das wird er nicht ſagen, rief Leonore glühend, wenn er Dich kennt, kann er's nicht ſagen. Aber ſprich, meine Mutter, ſag' uns, warum Du weinſt, und was meinen lieben Bruder ſo gar ſehr betrübt hat? Wir hatten beide des Vaters Kummer geſehen, und wir hatten's begriffen, wie's ihm weh that, daß er nicht mit hinaus konnt' in den Krieg, ſagte die Mutter. Zu Niemand hatte ich davon geſprochen, und nur dem lieben Gott hatte ich's geklagt, wie weh es mir that, daß ich keinen erwachſenen Sohn habe, der ſtatt ſeines Vaters ſich ſeinem König ſtellen kann. Da kommt geſtern Abend der Carl da zu mir an mein Bett, als Ihr Alle ſchon ſchliefet. Mutter, ſagt er zu mir, Mutter, ich muß Dir was anvertrauen! Ich will und muß Soldat werden! Es wäre eine ewige Schande für mich, wenn ich daheim bleiben ſollt', zumal da der Vater nicht mehr Soldat werden und für das Vaterland kämpfen kann. Mutter, es gilt die Ehre unſerer Familie, ich muß Soldat werden oder ſterben! Ach, Du biſt mein ächter Bruder! rief Leonore mit freudeſtrahlen⸗ dem Geſicht, indem ſie den Knaben feſter in ihre Arme drückte. Und was haſt Du dem Carl geantwortet, Alte? fragte der Invalide. Ich hab' ihm geantwortet: Biſt mein einziger Sohn, und mein Herz wird brechen, wenn es Dich verlieren ſollt'. Aber Recht haſt Du, es wär' eine Schande für unſere ganze Familie, wenn ſie dem König und dem Vaterland keinen Soldaten ſtellte, und wenn nicht ein Erſatzmann hinausginge für den Vater, und ſtatt ſeiner Rache nähme an den Franzoſen dafür, daß ſie ihn bei Jena zum Krüppel zuſammen⸗ gehauen. Will morgen mit Dir hingehen zur Militair-Commiſſion, und wollen ſie bitten, daß ſie Dich annehmen, obwohl Du das geſetz⸗ liche Alter noch nicht haſt. Wir wollen ſchon ſo lange bitten, bis ſie den kleinen Fehler überſehen, und Dich zum Soldaten einregiſtriren. Aber dem Vater wollen wir vorher nichts ſagen; erſt, wenn es uns gelungen iſt, dann ſoll er Alles wiſſen! Und ſo ſeid Ihr denn wirklich hingegangen, Ihr Beide? fragte der Alte haſtig. 314 Die Frau nickte nur ſeufzend mit dem Kopf, und ihre Thränen floſſen auf's Neue. Ja, Vater, rief der Knabe, ſein Haupt von Leonorens Schulter erhebend, und mit einer zornigen Bewegung die Thränen aus ſeinen Augen fortſchleudernd, ja, wir ſind zur Militair⸗Commiſſion geweſen. Wir haben gebeten, geweint, gebettelt! Alles vergeblich! Sie ſagen, ſie dürfen keine Knaben von vierzehn Jahren annehmen, ich hätte das geſetzliche Alter noch nicht, und ſähe zu ſchwächlich aus.— Da, in unſerer Verzweiflung, gingen wir zum Prediger Eylert hin, und baten ihn, ſich für mich zu verwenden. Er iſt ſonſt immer ſo freundlich und gütig gegen mich, und im Confirmanden-Unterricht giebt er mir immer das beſte Lob. Ich hab' ihm mein ganzes Herz ausgeſchüttet, ich hab' ihm geſagt, daß ich mich für immer entehrt fühlen würde, wenn ich jetzt, wo Jeder, der kein Feigling iſt, das Schwert nimmt, wenn ich jetzt ſtatt deſſen mit den Büchern unterm Arm zur Schule wandern müßte. Ich hab' ihm geſagt, daß ich nicht wagen würde, die Augen aufzuſchlagen, und daß ich denken müßte, alle Leute zeigten mit Fin⸗ gern auf mich, und die Kinder auf der Gaſſe verhöhnten mich, und die Greiſe wendeten ihr Haupt verächtlich zur Seite, wenn ich an ihnen vorüber käme. Ach mein Bruder, mein geliebter Bruder, rief Leonore begeiſtert, bis heute habe ich Dich geliebt, wie man ein Kind liebt, aber nun werde ich Dich lieben, wie man einen Helden liebt! Es iſt aber Alles vergebens geweſen, rief Carl, laut weinend vor zornigem Schmerz. Auch der Herr Prediger Eylert hat uns keinen Troſt gegeben. Er ſagt, es wäre unmöglich, daß ſie mich annehmen, denn wenn ſie es auch überſehen möchten, daß ich erſt vierzehn Jahre alt, und ein wenig ſchwächlich ſei, ſo würden ſie mich doch nicht an⸗ nehmen, weil ich noch nicht confirmirt ſei. Knaben, die noch nicht confirmirt wären, würden überall zurückgewieſen, und dürften bei kei⸗ nem Regiment angenommen werden. Aber weil wir ſo ſehr viel baten, und weil ich ſo ſehr viel weinte, hatte der Herr Prediger Eylert doch Erbarmen mit mir, und iſt mit uns noch einmal hingegangen zur Militair-Commiſſion. Aber es war Alles umſonſt. Mir fehlt das geezlice duf der geieſen! haben nic lungen Fi wird, hier kleiner ſi dürfen. L norens ge wäre ich Feigling Taſche tr Mein blonde He geben, die auch mein bin doch daß Dui in unſere einnehmen in einen wiß inme und zu k dem, mei geniß, v ſind. A mit Beſt lebt noch Nei jg eben rich iſt und ihre Thränen eonorens Schultet hränen aus ſeinen mmiſſion geweſen. tlich! Sie ſege, nen, ich hätte das aus.— Da, in ert hin, und baten r ſo freundlich und giebt er mir immer geſchüttet, ich hab' würde, wenn ich nimmt, wenn ich Schule wandern würde, die Wogen e zeigten mit Fin⸗ öbnten mich, und iite, wenn ich an Leonore begeiſtert, d liebt, aber nun inend vor einen laut we t hat uns e mich annihmen⸗ rſt vietzehn Johre nich doch nicht an⸗ die noch nicht nd dürften hei kei⸗ . ſehr viel baten, ign Ehlert doch hingegangen zur Nir fehlt dai e, 315 geſetzliche Alter und der Confirmandenſchein, und es war vergeblich, daß der Prediger Eylert für mich ſprach.*) Sie haben mich zurück⸗ gewieſen! Vater, was ſoll ich nun anfangen, was ſoll ich thun? Sie haben mich zurückgewieſen, und ich bin nun verurtheilt, mit meiner langen Figur, die mich vor Jedermann als einen Feigling anklagen wird, hier in Potsdam zu bleiben, während meine Kameraden, die viel kleiner ſind als ich, Soldat werden, und für ihr Vaterland kämpfen dürfen. Oh Mutter, Mutter, warum haſt Du mich nicht ſtatt Leo⸗ norens geboren, warum bin ich nicht Dein älteſtes Kind! Dann wäre ich doch jetzt vor der Schande bewahrt, entweder als ein ehrloſer Feigling hier herum laufen oder meinen Taufſchein immer in der Taſche tragen zu müſſen! Mein Bruder, ſagte Leonore, ihre kräftige weiße Hand auf das blonde Haar ihres Bruders legend, könnte ich Dir die vier Jahre geben, die ich älter bin, als Du, ich würd's thun, und wenn es mir auch mein Leben koſtete, denn ich begreife Deinen Schmerz. Aber ich bin doch unſchuldig an Deinem Kummer, und ich bitte Dich alſo, daß Du ihn mir nicht anrechneſt. Gott hat gewollt, daß ich die Aelteſte in unſerer Familie ſei, und daß ich Deine, Du meine Stelle in derſelben einnehmen ſollſt! Und dann bedenke nur, der Krieg kann lange dauern; in einem halben Jahre wirſt Du eingeſegnet, und dann wird es ge⸗ wiß immer noch Zeit ſein, unter die Fahnen unſeres Königs zu treten und zu kämpfen für die Freiheit des geliebten Vaterlandes. Außer⸗ dem, mein lieber Bruder, iſt es ja jetzt noch gar nicht einmal ganz gewiß, ob all dieſe Rüſtungen auch wirklich gegen Frankreich gerichtet ſind. Alle Welt hofft es zwar, aber Niemand weiß es doch bis jetzt mit Beſtimmtheit, denn der König hat ſich noch nicht erklärt, und er lebt noch immer im Frieden mit Frankreich! Nein, der König hat ſich erklärt, rief Carl ungeſtüm. Das iſt ja eben mein Unglück und meine Verzweiflung. Der Krieg mit Frank⸗ reich iſt jetzt gewiß, es iſt jetzt ganz beſtimmt, daß alle Rüſtungen *) Eylert: Friedrich Wilhelm III. Th. II. S. 160. 316 gegen Frankreich gerichtet ſind. Ihr wißt alſo noch gar nichts, habt nichts gehört? Nein, nein, riefen Vater und Tochter zugleich, wir wiſſen gar nichts, wir haben noch Niemand geſprochen. Erzähle, Carl, erzähle! Nun, ſchon auf der Militair⸗Commiſſion hörten wir, daß ſoeben ein Courier von Potsdam angekommen ſei, der einen Aufruf des Königs an ſein Volk gebracht habe, und der Aufruf wäre eben in die Druckerei geſchickt, ſagten ſie, um da gedruckt und dann gleich an allen Straßen⸗ ecken angeſchlagen zu werden. Außerdem hatte der Courier die Nach⸗ richt gebracht, daß der Kaiſer von Rußland in Breslau angekommen ſei, und daß der erſte Beſuch, den er in Breslau gemacht, dem Herrn von Stein gegolten habe, der bis dahin ganz einſam und im Geheimen in Breslau gewohnt habe.*) Hurrah! Hurrah! rief der alte Wachtmeiſter, jetzt iſt Preußen ge⸗ rettet, denn der Herr von Stein iſt wieder da, und der wird ſchon machen, daß die Franzoſen und der Napoleon zum Lande'raus gejagt werden. Wo der Miniſter Stein iſt, da duldet er keine Franzoſen, und darum haßt ihn auch der Bonaparte, und hat allzeit Furcht vor ihm gehabt. Junge, das iſt eine prächtige Nachricht! Der Stein iſt wieder im Land, nun wird Alles wieder gut werden! Weißt noch weiter Etwas, mein Carlchen? Ja, noch mancherlei Neues giebt es, Vater, aber es treibt mir die Thränen in die Augen, nur daran zu denken, weil doch Alles für mich verloren iſt! Erzähle doch, oh erzähle, bat Leonore dringend. Was haſt Du noch ſonſt erfahren aus Breslau? Nun, ſagte Carl mit zitternder, wehmüthiger Stimme, der Cou⸗ rier hat erzählt, daß alle Tage viele hundert Freiwillige aus allen Gegenden Preußens nicht allein, ſondern auch Deutſchlands überhaupt in Breslau einrücken, und daß es da ein Jauchzen und Jubeln iſt, als gäb's ein großes Feſt zu feiern, und nicht, als ob's zum Kriege ginge. Beſonders iſt da ein Major von Lützow, nach dem die jungen *) Pertz: Leben Stein's. Th. II. Männer zu viliger J der Rache“ Uniform tr 1806 auf d Rache erſt Oh, d blitenden 2 zu richen, und zu wu ſendet, un unſere Hle zoſen!“ 1 gewühl zu chet det Je muß eine um die T Nupoleon, Aber junge Ni blizenden eben das E Buſen ihr ſolbs mit Begeſten Verzweiflt Schaar d Nein nitziehen ſein! Er Leonc Du da! Sie gar nichts, habt wir wiſen gar e, Carl, etzihle! r, daß ſoeben ein fruf des Hörigs in die Druckerei nallen Straßen⸗ ourier die Nach⸗ lau angekommen acht, dem Herrn nd im Geheimen iſt Preußen ge⸗ der uin ſchon nde raus geiagt keine Frarzoſen, allzeit Furcht vor Der Stein iſt Weißt noch weiter es teibt mir die Ales für nich Was haſt Du timme, der Cou⸗ willige aus alen lunts ibehuht und gubehn iſt, bs jn i b den di jungen 317 Männer zu ganzen Schaaren hinſtürzen. Er wirbt ein Corps frei⸗ williger Jäger an, und hat ſeiner Schaar den Namen„die Schaar der Rache“ gegeben. Auch dürfen ſie Alle nur eine ganz ſchwarze Uniform tragen, als ein Zeichen der Trauer und Schmach, welche ſeit 1806 auf dem Vaterlande geruht, und welche Schmach die Schaar der Rache erſt ſühnen will, bevor ſie ihre ſchwarze Kleidung ablegt. Oh, das iſt eine große, eine wundervolle Idee, rief Leonore mit blitzenden Augen. In Trauerkleidung hinzuziehen, um das Vaterland zu rächen, gleich den Todesengeln ſich auf das Schlachtfeld zu ſtürzen und zu rufen:„Wir ſind die Schaar der Rächer, welche Preußen ſendet, um ſeine Schmach in Feindesblut abzuwaſchen! Schwarz iſt unſere Kleidung, aber wir wollen ſie roth färben im Blute der Fran⸗ zoſen!“ Und dann ſich jauchzend hineinzuſtürzen in das Schlacht⸗ gewühl, zu kämpfen für das Vaterland und für unſere Königin, wel⸗ cher der Jammer und die Schmach das Herz gebrochen hat. Oh das muß eine ſelige Luſt ſein, mit der Schaar der Rache dahin zu fliegen, um die Thränen, welche die Königin Louiſe geweint, zu rächen an Napoleon, und— Aber Leonore! rief ihre Mutter, ganz entſetzt und erſchrocken das junge Mädchen anſtarrend, die jetzt mit glühenden Wangen, mit blitzenden Augen, den rechten Arm gen Himmel erhoben, als hätte ſie eben das Schwert erfaßt, um den Feind zu tödten, mit hochfliegendem Buſen ihr gegenüber ſtand. Aber Leonore, was ſicht Dich an? Was ſoll's mit dieſem Ungeſtüm? Hat der Carl Dich angeſteckt mit ſeiner Begeiſterung? Willſt den armen Jungen noch mehr aufregen und in Verzweiflung hringen? Er kann doch einmal nicht mitziehen mit der Schaar der Rache, kann kein Lützower Jäger ſein! Nein, ſagte Leonore heftig und faſt triumphirend, Er kann nicht mitziehen mit der Schaar der Rache, Er kann kein Lützower Jäger ſein! Er nicht! Leonore! rief ihr Vater mit warnendem Ton, Leonore, was ſprichſt Du da! Sie ſchreckte zuſammen und ließ ihren Arm ſinken. Es iſt wahr, 318 murmelte ſie leiſe vor ſich hin, von ſeinen Gedanken ſoll man nichts verrathen, die darf nur Gott kennen. Ihr Vater hinkte zu ihr hin, und ſeine Hand auf ihre Schulter legend, ſah er ihr tief und mit verſtändnißvollen Blicken in das erregte Angeſicht. Komm, meine Tochter, ſagte er, laß uns hinausgehen auf die Straße, und dort leſen, was der König ſeinem Volk ſagt. Denn jetzt wird der Aufruf des Königs, von dem Carl erzählt, wohl ſchon ge⸗ druckt ſein. Komm alſo, meine Leonore! Nein, es iſt nicht nöthig, daß Du deshalb auf die Straße gehſt, Vater, ſagte Carl, wir haben Dir ein Blatt mitgebracht, der Zettel⸗ träger, der eben die Blätter ankleben wollte, hat uns ein Eremplar für den Vater geſchenkt, weil's Dich freuen würde, meinte er. Wo haſt Du's denn gelaſſen, Mutter? Hab's in meine Taſche geſteckt! Hier iſt es! ſagte die Mutter, einen großen gedruckten Bogen Papier aus der Taſche, die unter ihrer Schürze hing, hervorziehend. Da, Vater, lies. Der Alte nahm das Papier, und reichte es Leonoren hin. Lies es uns vor, mein Kind, ſagte er zärtlich. Aus Deinem Munde am liebſten will ich hören, was der König zu ſeinem Volk ſpricht. III. Johanna von Brleans. Sie nahm das Blatt, und mit fliegendem Athem, mit hochgerö⸗ theten Wangen, ganz Bewegung und Gluth, las ſie:„An Mein Volk! So wenig wie für Mein treues Volk, als für Deutſche bedarf es einer Rechenſchaft über die Urſachen des Krieges, welcher jetzt beginnt. Klar liegen ſie dem unverblendeten Europa vor Augen.“ „Wir erlagen unter der Uebermacht Frankreichs. Der Frieden, der die Hilft mugen nicht, Dos Mark de von Feinde b hochgebrachte vnd gehemmt ſtundes verſto die ſtengſte Meinem Vo ndlich zu übe Unabhängigkei lebermuth un ſhung aufhör thauerl Ihr nict ehrenvol urfürſen, a die unſere Vo ihingigkeit, Beiſies unſe ertugiſen. gere Feinde rinnert Eut Ihr gebornen eiſiele leh Men würde Anſt auch gjuder ſoll man nichts uf ihre Schulter en in das eregte usgehen auf die ſagt. Denn jett „wohl ſchon ge⸗ die Straße gehſt, acht, der Zettel⸗ is ein Eremplar meinte er. Wo e die Mutter, e, die unter ihret d onoren hin. Lies em Munde am nem k ſpricht. erö⸗ m, mit hochge An Mein Lolk che bedal. beginnt. Klar Det Friden⸗ 319 der die Hälfte Meiner Unterthanen mir entriß, gab uns ſeine Seg⸗ nungen nicht, denn er ſchlug uns tiefere Wunden, als ſelbſt der Krieg. Das Mark des Landes ward ausgeſogen. Die Hauptfeſtungen blieben vom Feinde beſetzt, der Ackerbau ward gelähmt, ſo wie der ſonſt ſo hochgebrachte Kunſtfleiß unſerer Städte. Die Freiheit des Handels ward gehemmt und dadurch die Quelle des Erwerbes und des Wohl⸗ ſtandes verſtopft. Das Land ward ein Raub der Verarmung. Durch die ſtrengſte Erfüllung eingegangener Verbindlichkeiten hoffte Ich Meinem Volke Erleichterung zu bereiten, und den franzöſiſchen Kaiſer endlich zu überzengen, daß es ſein eigener Vortheil ſei, Preußen ſeine Unabhängigkeit zu laſſen. Aber Meine reinſten Abſichten wurden durch Uebermuth und Treuloſigkeit vereitelt, und nur zu deutlich ſahen wir, daß des Kaiſers Verträge mehr noch als ſeine Kriege uns langſam verderben mußten. Jetzt iſt der Augenblick gekommen, wo alle Täu⸗ ſchung aufhört. Brandenburger, Preußen, Schleſier, Pommern, Lit⸗ thauer! Ihr wißt, was Ihr ſeit ſieben Jahren erduldet habt, Ihr wißt, was Euer trauriges Loos iſt, wenn wir den beginnenden Kampf nicht ehrenvoll enden. Erinnert Euch an die Vorzeit, an den großen Kurfürſten, an den großen Friedrich. Bleibet eingedenk der Güter, die unſere Vorfahren blutig erkämpften: Gewiſſensfreiheit, Ehre, Un⸗ abhängigkeit, Handel, Kunſtfleiß und Wiſſenſchaft. Gedenkt des großen Beiſpiels unſerer mächtigen Verbündeten, gedenkt der Spanier und Portugieſen; ſelbſt kleinere Völker ſind für gleiche Güter gegen mäch⸗ tigere Feinde in den Kampf gezogen und haben den Sieg errungen. Erinnert Euch an die heldenmüthigen Schweizer und Niederländer. Große Opfer werden von allen Ständen gefordert werden, denn unſer Beginnen iſt groß, und nicht gering die Zahl und Mittel unſerer Feinde. Ihr werdet jene lieber bringen für das Vaterland, für Euren angebornen König, als für einen fremden Herrſcher, der ſo, wie viele Beiſpiele lehren, Eure Söhne und Eure letzten Kräfte Zwecken wid⸗ men würde, die Euch ganz fremd ſind. Vertrauen auf Gott, Muth, Ausdauer und der Beiſtand unſerer Bundesgenoſſen werden unſeren redlichen Anſtrengungen ſiegreichen Lohn gewähren. Aber welche Opfer auch gefordert werden, ſie wiegen die heiligen Güter nicht auf, für —— — — — 320 die wir ſie hingeben, für die wir ſtreiten und ſiegen müſſen, wenn wir nicht aufhören wollen, Preußen und Deutſche zu ſein. Es iſt der letzte, entſcheidende Kampf, den wir beſtehen für unſere Exiſtenz, unſere Unabhängigkeit, unſern Wohlſtand. Keinen andern Ausweg giebt es, als einen ehrenvollen Frieden, oder einen ruhmvollen Untergang. Auch dieſem würdet Ihr getroſt entgegen gehen, um der Ehre willen, weil ehrlos der Preuße und der Deutſche nicht zu leben vermag. Allein wir dürfen mit Zuverſicht vertrauen. Gott und unſer feſter Wille werden unſerer Sache den Sieg verleihen, mit ihm einen glorreichen Frieden und die Wiederkehr einer glücklichen Zeit. Friedrich Wil⸗ helm. Breslau, den 17. März“*) Eine Pauſe trat ein, als Leonore jetzt ſchwieg. Ihr Vater hatte, neben ihr ſtehend, die Hände auf ſeinen Krückſtock aufgeſtützt, mit tief⸗ ernſten Mienen ihr zugehört. Die Mutter war auf einen der binſen⸗ beflochtenen Stühle niedergeſunken, und mit gefalteten Händen, die Augen gen Himmel gewandt, andächtig, als vernähme ſie die Worte Gottes, hatte ſie zugehört, während ihr Sohn, neben ihr ſitzend, die Arme auf den Tiſch gelehnt, und auf denſelben ſein Antlitz ver⸗ borgen hatte. Iſt das Alles? fragte der Invalide nach einiger Zeit. Möchte gern noch mehr hören, denn es klingt ſchön und herrlich, wie als wenn in der Kirche die Orgel erklingt. Kommt nichts weiter, Leonore? Ja, Vater, es kommt noch ein zweiter Aufruf, ſagte Leonore. Er iſt gleich hier unter dem erſten abgedruckt. Du mußt ihn ſelber leſen, *) Dieſer„Aufruf an Mein Volk“ war verfaßt von dem Regierungsrath von Hippel, von dem auch die Idee, daß der König ſich unmittelbar an ſein Volk wenden, und es zur Erhebung aufrufen ſollte, ausging. Er theilte ſie in den Berathungen, die allabendlich in Breslau beim Staatskanzler von Harden⸗ berg zwiſchen dieſem, Gneiſenau, Scharnhorſt, Thile, Hippel und einigen An⸗ dern ſtattfanden, dem Staatskanzler mit, ſie ward von dieſem und allen Uebri⸗ gen gebilligt, und auch am andern Tage vom König gutgeheißen. Hippel ward mit der Ausarbeitung des Aufrufs beauftragt, und ſchon am nächſten Tage überreichte er dem König einen Entwurf deſſelben, der von dem König gebilligt und genehmigt ward. Siehe: Hippel, Beiträge zur Charakteriſtik Friedrich Wilhelms IMI. S. 63. den mein He In dieſem zw ein Landſturm Schluß dieſes Soche Meine Jo, er h rigs iſt unſer Fir uns geiſtert, wir 2 ihren Mürth Und ich, überfluthetes als wollt er und dulden, i meine Kamere Still, wie wir doch vir ihn auch Es giebt no Gteht es de große Oyfe denn, neine und unſern Was fü wir denn, do keine Soldat Wir he Solz. Ve ibts Vern Ja wol igend. Und die Schl Mihloac 3 müſſen, wenn pir ſein. Es iſt der re Eriſtenz unſere Ausweg giebt es, Untergang. Auch Ehre willen, weil n vermag. Allein unſer feſtet Wille n einen glorreichen Friedrich Vil⸗ Ihr Vater hatte, ufgeſtütt, mit tif⸗ einen der binſen⸗ teten Händen, die hme ſie die Worte cben ihr ſitzend, die nſein Antlitz ver⸗ iger Zeit. Möchte lic, wie als wenn eiter, Leonore? ſagte Leonork. Er t ihn ſelber leſen, rgierungsru ſein b unmittelbar mn ſü Er theilte ſie in Harden⸗ anzler vol und einigen In nd allen llebri 1. Hippel en. 2 ndem Kng b ur Cturnii 5 321 denn mein Herz klopft ſo laut, als wollt' es mir die Bruſt zerſprengen. In dieſem zweiten Erlaß befiehlt der König, daß eine Landwehr und ein Landſturm gebildet werde. Und hört nur, was der König zum Schluß dieſes zweiten Aufrufs ſagt:„Meine Sache,“ ſagt er,„iſt die Sache Meines Volkes und aller Gutgeſinnten in Europa.“*) Ja, er hat Recht, jubelte der alte Prohaski, die Sache des Kö⸗ nigs iſt unſere Sache! Für uns Alle iſt die Königin Louiſe geſtorben, rief Leonore be⸗ geiſtert, wir Alle müſſen uns bekennen zu der Schaar der Rache, welche ihren Märtyrertod rächt! Und ich, ich kann nichts thun, jammerte Carl, ſein von Thränen überfluthetes Haupt aufrichtend und die Hände zum Himmel erhebend, als wollte er Gott anflehen, ihm beizuſtehen. Ich muß hier ausharren und dulden, ich bin dazu verdammt, eine Knabe zu bleiben, während meine Kameraden Männer geworden ſind. Still, Carl, ſtill, ſagte ſeine Mutter, mir iſt etwas eingefallen, wie wir doch Alle ein wenig unſerm Vaterland nützen können, wenn wir ihm auch keine Soldaten und keine Freiheitskämpfer ſtellen werden. Es giebt noch Vieles zu thun außer dem Kämpfen und Schlagen. Steht es doch ausdrücklich in dem Erlaß des Königs geſchrieben: „große Opfer werden von allen Ständen gefordert werden.“ Nun denn, meine Lieben, wir wollen auch Opfer bringen für das Vaterland und unſern König! Was für Opfer denn, Alte? fragte der Invalide. Was haben wir denn, das wir dem Vaterlande darbringen könnten, wenn wir ihm keine Soldaten ſtellen können? Wir haben unſere Arbeit, Alter, rief ſeine Frau mit feurigem Stolz. Wenn gekämpft wird und Schlachten geſchlagen werden, da giebt's Verwundete, nicht wahr? Ja wohl, und Krüppel auch, ſagte der Alte, auf ſeinen Stelzfuß zeigend. Und die Verwundeten werden heimgebracht und in die Lazarethe *) Schlußworte des Aufrufs zur Bildung der Landwehr. Mühlbach, Napoleon. III. Bd. 21 322 transportirt, nicht wahr? Wer ſoll ſie pflegen, wer ſoll ihre Wunden verbinden, ihnen Nahrung reichen und bei ihnen wachen? Das werden wir Frauen thun! Das iſt unſere Arbeit! Die erſten Verwundeten, die in Potsdam einziehen, die pflege ich, bei denen werde ich Tag und Nacht Wache halten, für die werde ich die Nahrung bereiten und ihre Wunden verbinden. Den erſten Bleſſirten aber, den ich im Lazareth finde, und dem, wie meinem herzliebſten Wachtmeiſter, das rechte Bein amputirt worden, den nehmen wir ganz und gar zu uns, und den kannſt Du hier pflegen, Alter, und kannſt ihn tröſten und ihm zeigen, daß man doch ganz glücklich und zufrieden leben kann, wenn man auch nur noch Ein Bein hat, und daß die Frau und die Kinder ihren Alten eben ſo lieben, ob er auf zwei Beinen oder auf einem ſteht, vorausgeſetzt, daß er nur ſonſt ſeinen Mann ſteht und ein tüchtiger und ganzer Kerl iſt! Haſt Recht, Alte, ſo ſoll es ſein! jubelte der Wachtmeiſter. Einen Bleſſirten mit'nem abgeſchoſſenen Bein, den nehmen wir in's Haus, und ich will ihn pflegen, als ob er mein Bruder wär', und will ihn lehren ſeinen Stelzfuß gebrauchen, während Du im Lazareth biſt und die Andern pflegſt. Aber an die Kinder haſt Du nicht gedacht. Was ſoll denn die Leonore und der Carl thun, während wir die Verwun⸗ deten pflegen? Sie ſollen uns helfen, ſagte die Frau raſch. Die Leonore vor allen Dingen wird viel zu thun haben. Sie wird Charpie zupfen, Krankenſuppen kochen, Bandagen waſchen und auch Hemden und Klei⸗ dungsſtücke nähen. Der Invalide warf einen raſchen verſtohlenen Blick auf Leonore hinüber. Sie ſtand hochaufgerichtet in der Mitte des Zimmers; ein ſtolzes, verächtliches Lächeln umſpielte ihre Lippen, die kein Wort der Erwiederung hatten für die Pläne ihrer Mutter. Aber was wird der Carl thun? fragte der Wachtmeiſter raſch. Er kann doch nicht auch, wie Leonore, blos Charpie zupfen, Bandagen waſchen, Suppe kochen und Hemden nähen? Vater! rief Leonore vorwurfsvoll. Still, ſagte er faſt ſtrenge, ſtill, Leonore. Die Mutter hat Recht, Euch Frauen ſiten zu pfle gber iſt Män Curl für unſ votlegen, un ſollen wir de im Hauſe pfl von ihrer Hü validenpenſior mögen, und! rin in ganz Korbflechterei beſte Veißzen leben ſollen; nie ers ſo ſe und für ſie m Hab' de ſu. Der Co fürs Vaterl Rder ſeine nicht Soldat ſeinen Kpf ſi jn Iut und will ich ſrücgenieje Buterlandfr hbaſſunde ihrenden B Jo, ja, vaden doch 6 und ich Ohich we mir mfe zuſriede ſoll ihre Wunden en? Das werden ten Verwundeten, erde ich Tag und bereiten und ihre ich im Lzareth das rechte Bein zu uns, und den nund ihm zigen, kann, wenn man die Kinder ihren auf einem ſteht, und ein tüchtiger ichtmeiſter. Einen är, und vill ihn nzareth biſt und cht gedacht. Wos wir die Verwun⸗ Die Leonore vot Charpie zupfen, Hemden und Klei⸗ Blick auf Lonore des Zinners ein die kein Wort der Wachtmeiſte raſch zupfen, Bandagen e e Mutter hat 323 Euch Frauen ziemt es, Charpie zu zupfen, Suppe zu kochen, die Bleſ⸗ ſirten zu pflegen und Hemden für ſie zu nähen. Der Krieg ſelber aber iſt Männerſache. Doch halt, Frau, ehe Du mir ſagſt, was der Carl für unſere Bleſſirten thun ſoll, muß ich Dir noch Eine Frage vorlegen, und zwar eine ſehr traurige und ſchlimme Frage. Wovon ſollen wir denn eigentlich alle Ausgaben für unſere Bleſſirten, die wir im Hauſe pflegen wollen, beſtreiten? Wir ſind leider arme Leute, die von ihrer Hände Arbeit leben. Das kleine Häuschen hier, meine In⸗ validenpenſion von drei Thalern monatlich, das iſt unſer ganzes Ver⸗ mögen, und wäreſt Du nicht zum guten Glück die geſchickteſte Friſeu⸗ rin in ganz Potsdam und könnte ich nicht noch nebenher mit meiner Korbflechterei einige Thaler verdienen, und wäre Leonore nicht die beſte Weißzeugnätherin, ſo möchte ich wohl wiſſen, wovon wir hätten leben ſollen und den Carl auf's gelehrte Gymnaſium gehen laſſen, wie er's ſo ſehr wünſchte. Aber wenn wir nun die Bleſſirten pflegen und für ſie arbeiten, ſo wird's uns leider bald am Nothwendigſten fehlen. Hab' das Alles bedacht, Alter, rief die Frau eifrig. Hör' nur zu. Der Carl will doch auch ſeinen Antheil haben an den Opfern für's Vaterland, er wird auch nicht müßig bleiben wollen, während Jeder ſeine Hände regt, um für das Vaterland zu arbeiten. Da er nicht Soldat werden und für das Vaterland fechten kann, ſo muß er ſeinen Kopf gebrauchen für das Vaterland. Er macht alſo eine An⸗ zeige im Intelligenzblatt und ſagt: da ich leider wegen meiner Jugend, und weil ich noch nicht confirmirt bin, von der Militair-Commiſſion zurückgewieſen bin und nicht Soldat werden kann, ſo bitte ich edle Vaterlandsfreunde, daß ſie mir Gelegenheit geben durch Ertheilen von Privatſtunden ſo viel zu verdienen, um für das Honorar einen heim⸗ kehrenden Bleſſirten pflegen und ernähren zu können bis zu ſeiner voll⸗ ſtändigen Geneſung. Ja, ja, das iſt ſchön, das will ich thun, rief Carl freudig. Dann werden doch alle Menſchen erfahren, weshalb ich nicht Soldat geworden bin und ich werde doch auch etwas für das Vaterland verdienen können. Oh, ich werde ſchon Schüler bekommen, denn meine Lehrer ſind mit mir zufrieden und ich bin ja ſchon nach Prima verſetzt. Ich kann 324 Unterricht geben im Lateiniſchen, Griechiſchen, in der Mathematik und Geſchichte, ich habe gute Zeugniſſe, und um des edlen Zweckes willen werden mir ſchon Aeltern ihre Kinder anvertrauen und mich gut bezahlen. So wär' denn für Euch Alle geſorgt, und Ihr habt Arbeit und Beſchäftigung, ſagte Leonore, und Ihr macht Euch nützlich für das Vaterland. Aber auch ich will meinen Antheil haben an Euern Opfern, auch ich will arbeiten und nützen. Nun, Du wirſt mir eben helfen, ſagte ihre Mutter, wirſt kochen, waſchen und Hemden nähen. Und wenn ich noch ſo fleißig bin, Mutter, ſo werde ich damit doch nur ſo viel verdienen können, als ich ſelber Euch zur Erhaltung und Ernährung koſte, ſagte Leonore kopfſchüttelnd. Nützen kann ich Euch weiter nicht, ich bin hier überflüſſig; ſo will ich denn gehen und mich nützlich machen, und auch Geld verdienen. Wo willſt Du denn hingehen und was willſt Du thun? fragte ihre Mutter erſtaunt, während ihr Vater ſie ſchweigend, mit aufmerk⸗ ſamen, prüfenden Blicken anſchauete. Ich will nach Berlin gehen und da eine Stelle annehmen als Verkäuferin in einem Laden, ſagte Leonore. Was ich verdiene, das ſchicke ich Euch hierher und Ihr werdet es für Euren Invaliden ver⸗ wenden. Du weißt, Mutter, mein Pathe, der Kaufmann Rudolf Werkmeiſter in Berlin, der hat mich ſchon öfter aufgefordert, zu ihm zu kommen und in ſeinem Geſchäft zu conditioniren. Ich hab's immer abgelehnt, weil ich Euch nicht gern verlaſſen wollte, ſondern dachte mein ganzes Leben an Eurer Seite und mit Eurer Pflege zuzubringen; aber Gott will es nicht, er hat anders über uns Alle beſchloſſen. Geſtern hat nun mein Herr Pathe wieder an mich geſchrieben, er for⸗ dert mich abermals auf, zu ihm zu kommen, er ſchreibt, daß ſeine Frau erkrankt ſei, und er ſich in der größten Verlegenheit befinde, weil er Niemand in ſeinem Geſchäft habe, auf den er ſich verlaſſen könnte. Er bietet mir einen jährlichen Gehalt von achtzig Thalern, wenn ich ſogleich herüberkomme nach Berlin. Nun bitte ich Euch, meine lieben Aeltern, laßt mich gehen! Laßt mich meiner Beſtimmung ſlgen und e ſicht erfüll mhr, Du gie noch heute na fir unſerm J Ich erln ung jitternde die ich dem Schönſte und meine Nonor Du verdienſt, Oh Dor und ſie feſt i haſt, mein O Sie lüßt dann ihtem 2 Und Du kein Wort) Der In und gedanke ſoh et langj Schuler. 8 Ich wie ſeietlicher E und goldene ihm demt ind, mein fir Deine Er br ſein derz Lunge ien, ihrem Gonen il Und ſe Mathemati und n Zweckes willen nund nich gut habt Arbeit und nützlich für das m Euern Oypfern, tter, wirſt kochen, werde ich damit ch zur Erhaltung Nützen kann ich h denn gehen und Du hhunꝰ ftagte gend, mit aufnerk⸗ le annehmen als ich veriene, das en Invaliden ver⸗ Kaufmann Rudolf fge efordert, zu ¹0 ihm Ich habs immer ſondern dachte ſi zuzubtingeni is Alle beſchloſſen. gnn er for⸗ ſchreibt, ß ſine erlegenet tkinde e ſi verlaſſen en ℳ Flen n ochit nbite ich Euch ner Be ſinnun 325 folgen und erlaubt, daß ich meinen eigenen Weg gehe und meine Pflicht erfülle in meinem Sinn. Mutter, meine liebe Mutter, nicht wahr, Du giebſt mir Deine Einwilligung? Du erlaubſt mir, daß ich noch heute nach Berlin reiſe, und da bleibe, und tüchtig Geld verdiene für unſern Invaliden? Ich erlaube es Dir, mein Kind, ſagte die Mutter mit vor Rüh⸗ rung zitternder Stimme. Ich habe keine Brillanten und goldene Ketten, die ich dem Vaterlande weihen könnte, ſo gebe ich ihm denn das Schönſte und Koſtbarſte, was ich geben kann, meine Kinder. Ja, gehe, meine Leonore, verdinge Dich bei fremden Leuten, und das Geld, was Du verdienſt, das gieb dem Vaterland und ſeinen Kriegern. Oh Dank, Dank, meine Mutter, rief Leonore, zu ihr hineilend und ſie feſt in ihre Arme drückend, Dank, daß Du auch mir erlaubt haſt, mein Opfer niederzulegen auf den Altar des Vaterlandes! Sie küßte ihre Mutter mit innigſter Zärtlichkeit, und wandte ſich dann ihrem Vater zu. Und Du, mein Vater, ſagte ſie leiſe und ſchüchtern faſt, Du ſagſt kein Wort? Du giebſt mir nicht Deine Erlaubniß? Der Invalide ſtand auf ſeinen Krückſtock gelehnt, und blickte ernſt und gedankenvoll in das edle glühende Angeſicht ſeiner Tochter. Dann hob er langſam ſeine rechte Hand empor und legte ſie auf Leonorens Schulter. Ich wiederhole, was Deine Mutter vorher ſprach, ſagte er mit feierlicher Stimme. Gleich ihr ſage ich: Ich habe keine Brillanten und goldene Ketten, die ich dem Vaterlande weihen könnte, ſo gebe ich ihm denn das Schönſte und Koſtbarſte, was ich geben kann, mein Kind, meine Leonore! Gehe hin, meine Tochter, und thue, was Du für Deine Pflicht hältſt, und möge Gott Dich ſegnen! Er breitete ſeiner Tochter die Arme entgegen; ſie warf ſich an ſein Herz und lehnte ihr Haupt an ſeine Bruſt. Lange ſtanden ſie ſo, Herz an Herz gedrückt, nur mit ihren Seuf⸗ zern, ihrem leiſen Schluchzen, ihren Thränen und mit den geheimſten Gedanken ihrer Seele zu einander redend. Und jetzt, ſagte der Wachtmeiſter, Leonore ſanft von ſich ſchiebend, — — 326 jetzt wollen wir Alle gefaßt und ruhig ſein. Dies ſind die erſten Thränen, die ich ſeit dem Tode unſerer ſchönen und lieben Königin Louiſe geweint habe, die erſten Thränen, die ich um Dich vergoſſen habe, meine Tochter. Möge der liebe Gott ſie einem armen Vater, der nur Eine Tochter hat, zu gute halten, möge er mich deshalb nicht für einen Feigling oder ſchlechten Patrioten anſehen. Das Herz will auch ſein Recht haben, und nun werde ich auch wieder der tapfere Soldat ſein, der keine Thränen kennt! Aber nicht wahr, Alter, heute darf die Leonore uns noch nicht verlaſſen? fragte die Mutter. Einen Tag muß ſie noch bei uns bleiben. Mein Gott, man merkt ja erſt, was man Schönes und Liebes beſeſſen hat, wenn man's verlieren ſoll, und ſo meine ich, habe ich die Leonore niemals ſo gründlich und von Herzen geliebt, als in dieſer Stunde, und mein Herz kann ſich nicht von ihr losreißen und ſie nicht ſo ſchnell aufgeben. Ich muß mich erſt an das Scheiden gewöhnen, und mir Leonorens Bild erſt recht in die Seele hineinmalen, damit es darin bleibt. Laß ſie alſo noch hier bleiben bis morgen! Der Invalide ſchüttelte ernſt ſein Haupt. Nein, ſagte er, was geſchehen ſoll, muß gleich geſchehen, ſonſt werden unſere Herzen noch ſchwach, und unſere Thränen weichen unſere feſteſten Entſchlüſſe auf. Heute erlaube ich, daß die Leonore nach Berlin geht, ob ich's morgen noch kann, das weiß ich nicht! Vater, in zwei Stunden geht die Landkutſche nach Berlin ab, und ich reiſe mit ihr, rief Leonore raſch. Du haſt Recht, was geſchehen ſoll, muß gleich geſchehen, und wenn man einen Entſchluß gefaßt hat, ſo darf man nicht zaudern, ihn auszuführen. Ich will auf meine Kammer gehen und meinen Koffer packen. Ich gehe mit Dir und helfe Dir dabei, ſagte ihre Mutter, der Thür zueilend und mit Leonoren hinaustretend. Und ich will die Annonce für das Intelligenzblatt aufſetzen, rief Carl. Es muß ſchon morgen drin ſtehen, daß ich hier bleibe, weil ſie mich nicht annehmen wollen, und daß ich Unterricht geben will, um für das Honorar einen Bleſſirten zu erhalten. Und ich, was werde ich thun? fragte der alte Wachtmeiſter, als er allein wa ſugen, was der Liebling neine alten Ohren ihre wenn ſie m Herzen und und wenn ſchönſte Mu Nun wird's nich werde wenn Leonc irgend eine min Gida i ſtill un eine ſank der ſe weinte laut Dann iſchte mit Pjui, da und fle den Hinde und Got Vactn Wachtmeiß meiſter P kein altes die Höh⸗ wie unſer So, ufathmen Gemach g mü Niem Pied Led do. dazu ſind die eiſten d lieben Küigin Dich vergoſſen em armen Pater, ich deshalb nicht Das Herz vill ieder der tapfere e uns noch nicht ie noch bei uns hänes und Liebes ich, habe ich die t, als in dieſer reißen und ſie heiden gewöhnen, malen, damit es gen! , ſagte er, was ſere Hetzen noch Entſchlüſſe auf. ob ich's morgen Berlin ob, und was glſchehen hluß gefaßt hat, uf meine Kammer ihre Mutter, der rief bleibe, wel ht. en vill, un Faochtmeiſer, als 327 er allein war. Ich werde meine Thränen verſchlucken und Niemand ſagen, was ich denke. Ich werde mich ganz ſtill daran gewöhnen, daß der Liebling meines Herzens, daß meine Leonore von dannen geht, daß meine alten Augen ihr liebes Angeſicht nicht mehr ſehen, meine alten Ohren ihre ſchöne prächtige Stimme nicht mehr hören ſollen. Ach, wenn ſie mich anſah, da war's, als wenn's Frühling würde in meinem Herzen und als wenn die Sonne ingig in meiner Bruſt wohnte, und wenn ich blos ihre Stimme hörte, ſo meinte ich, es wäre die ſchönſte Muſik, und ich hätte ganz laut mein Hallelujah ſingen mögen! Nun wird's ganz dunkel und ganz ſtill hier in dem kleinen Hauſe um mich werden, kein Sonnenſchein und keine Muſik mehr, Alles fort, wenn Leonore fort iſt. Und wird ſie denn wieder kommen, wird nicht irgend eine Kugel, irgend eine Degenklinge— ſtill, ſtill, ich darf meine Gedanken nicht verrathen! Sei ſtill, mein Herz, und weine! Sei ſtill und— Seine Stimme brach in Thränen, und von Schmerz überwältigt ſank der ſonſt ſo ſtarke, eherne Mann auf ſeinen Lehnſtuhl nieder und weinte laut. Dann, nach einer langen Zeit, richtete er ſich wieder empor und wiſchte mit den Händen die Thränen aus ſeinen Augen fort. Pfui, Wachtmeiſter Prohaski, ſchäme Dich, ſagte er laut. Sitzeſt da und flennſt wie ein altes Weib, möchteſt Dir ſchier den Baſt von den Händen ringen vor Jammer und Herzeleid, ſtatt fröhlich zu ſein und Gott zu danken, daß ſich ein Erſatzmann gefunden für'n invaliden Wachtmeiſter mit'nem hölzernen Bein. Donner und Wetter, Wacht⸗ meiſter Prohaski, ich rathe Ihm, daß Er ſich zuſammennimmt und kein altes Weib wird, während die Weiber Männer werden. Kopf in die Höh', Aug' auf den Feind gerichtet, und nun: Druf auf den Feind! wie unſer Vater Blücher zu ſagen pflegt. So, nun iſt's gut und nun will ich arbeiten, ſagte er dann hoch⸗ aufathmend, indem er im Paradeſchritt einige Male in dem kleinen Gemach auf und ab gehumpelt war. Ja, arbeiten will ich, und da⸗ mit Niemand merkt, daß ich geweint habe, ſo will ich mir auch ein Lied dazu ſingen. Ein neues Lied, ein ſchönes Lied, das ich geſtern 328 von einem Freiwilligen gelernt habe. Ja, ja, arbeiten will ich und ſingen dazu! Mit haſtigen Schritten eilte er nach der neben dem Zimmer be⸗ findlichen Kammer hin und holte aus derſelben den zierlichen, halb erſt vollendeten Korb, an dem er geſtern gearbeitet hatte. Heute muß er fertig werden, ich hab's verſprochen, ſagte er, ſich geſchäftig auf ſeinen alten Lederſtuhl niederlaſſend. Nun begann er emſig zu arbeiten, und die feingeſchnittenen Weidenruthen in künſtlichem Geflecht durcheinander zu ſchieben, indem er mit lauter, mächtiger Stimme dazu ſang: Nun mit Gott! Es iſt beſchloſſen! Auf Ihr wackern Streitgenoſſen, Endlich kommt der Ehrentag! Beſſer flugs und fröhlich ſterben, Als ſo langſam hin verderben, Und verſiechen in der Schmach. Endlich darf das Herz ſich regen, Sich die Zunge frei bewegen, Alle Feſſeln ſind entzwei. Ach, da Alles ſchier zerſtoben, Kam der Retterarm von oben, Neu geboren ſind wir, frei! Tag der Freiheit, Tag der Wonne! Brüder ſeht, es tanzt die Sonne, Wie am erſten Oſtertag! Todte ſprengen ihre Grüfte, Und durch Berg und Thal und Klüfte Hallt ein freudig Jauchzen nach! Auferſtanden, auferſtanden Aus der Knechtſchaft Todesbanden, Streiter Gottes, nun zu Hauf! Unſre Adler! Ha ſie wittern Ihren Raub— die Feinde zittern, Unſre Adler fahren auf! Beſſer f und verſiecher hinter ihm. eingetreten w Jo, das die ſterben, als ſo lunge hin. Stch irs he ingts und Glüt ſnder Und wo bid zu ſein beugte, und Darum das thun da wenn das V bit hinrt Uun! Dir ic bereit x Du, Vater und die We hinder fall Midchen ſe ind die V die ginder 3g an citen vill ich und ndem Zinmer be⸗ jierlichen, halb erſt chen, ſagte er ſich Nun begann er hen in künſtlichem lauter, mächtiger ifte 329 Zu den Waffen, zu den Roſſen, Auf, Ihr wackern Kampfgenoſſen, Er iſt da, der Ehrentag! Beſſer flugs und fröhlich ſterben, Als ſo langſam hin verderben, Und verſiechen in der Schmach!*) Beſſer flugs und fröhlich ſterben, als ſo langſam hin verderben und verſiechen in der Schmach, wiederholte eine volle, kräftige Stimme hinter ihm. Es war Leonore, welche eben, unbemerkt von ihrem Vater, eingetreten war, und der letzten Strophe ſeines Liedes zugehört hatte. Ja, das Lied hat Recht, ſagte ſie mit feurigem Ton, beſſer gleich ſterben, als langſam hinſiechen! Ich aber, mein Vater, ich ſieche ſchon ſo lange hin. Der erſte Freiwillige, den ich ſah, der hat mir einen Stich ins Herz gegeben und ſeitdem kranke ich und leide, und immer klingt's und ſingt's in mir, wie ich's einmal im Theater hörte:„welch Glück ſonder Gleichen, ein Mannsbild zu ſein!“ Und warum nennſt Du es denn ein ſo großes Glück, ein Manns⸗ bild zu ſein? fragte der Wachtmeiſter, während er ſein Haupt nieder⸗ beugte, und nur mit ſeiner Arbeit beſchäftigt ſchien. Darum nenne ich es ein Glück, weil der Mann frei und kühn das thun darf, was ihm recht und gut deucht, rief Leonore, weil er, wenn das Vaterland ihn ruft, mit hochgehobenem Haupte und freiem Blick hintreten und antworten darf: hier bin ich! Dir gehört mein Arm! Dir gehört mein Blut! Dir, mein Vaterland! Für Dich bin ich bereit zu kämpfen und wenn es ſein muß, zu ſterben!— Siehſt Du, Vater, wenn ein Mann ſo ſpricht, ſo klingt das wie Orgelton und die Weiber falten die Hände und hören ihm andächtig zu und die Kinder fallen auf ihre Kniee und beten für ihn. Wenn aber ein Mädchen ſo ſpricht, ſo klingt das allen Menſchen wie ein Spottlied, und die Weiber würden ihre heldenmüthige Schweſter verhöhnen, und die Kinder würden mit Fingern auf ſie weiſen und hinter ihr her⸗ *) Lied aus dem Jahre 1813. Siehe: Volkswitz der Deutſchen. Zehntes Bändchen. S. 78. ſchreien: ſeht da die Närrin, die thun will, was Männerſache iſt! Seht die Verrückte, die ſich einbildet, ſie könne Männerarbeit thun! Und mit ihren heiligſten Gefühlen wird ſie zum Spott und mit ihren beſten Gedanken wird ſie verlacht werden! Deshalb alſo, mein Kind, ſagte ihr Vater, indem er gelaſſen an ſeinen Weidenruthen flocht, deshalb ſoll ſie ihre beſten Gedanken Nie⸗ manden verrathen und ihre heiligſten Gefühle, die ſoll ſie nur Gott vertrauen! Haſt vergeſſen, was der Carl uns vorgeleſen hat von der Jungfrau von Orleans? Schweigend und ſtill hat ſie Vater und Mutter verlaſſen und iſt dahin gegangen, wohin Gott ſie rief! Aber dafür hat ihr Vater ſie verflucht und verſtoßen, ſagte Leonore mit leiſer zitternder Stimme. Vater, findeſt Du es recht und gut, daß der Vater ſeine Tochter Johanna verfluchte und verſtieß, blos weil ſie der Stimme Gottes folgte und auszog, ihren König und ihr Vaterland zu befreien? Nein, ſagte der Wachtmeiſter, indem er ſein Korbgeflechte bei Seite legte und aufſtand, nein, ich finde das nicht recht, das hat mich allezeit verdroſſen und gekränkt, wenn der Carl uns die Stelle geleſen hat. Und was würdeſt Du geſagt haben, Vater? fragte Leonore mit bewegter Stimme. Ninm an, ich wäre die Johanna, die gottbegeiſterte Jungfrau, und ich träte vor Dich hin und ſagte: Vater, es duldet mich nicht länger in dem engen Hauſe! Die Stimme des Königs und des Vaterlandes iſt auch in mein Herz gedrungen und ſie hat auch mich gerufen! Ich muß ihr folgen, denn ich fühle den Muth dazu und die Kraft, und es wäre feig und unwürdig von mir, wollt' ich dem Rufe des Vaterlandes nicht gehorchen! Vater, was würdeſt Du ſagen, wenn ich die Johanna von Orleans wäre und ſo zu Dir ſpräche? Ich würde ſagen: kniee nieder, meine Tochter, und empfange meinen letzten Segen, ſagte Prohaski, indem er ſich höher aufrichtete und dicht zu ſeiner Tochter hinſchritt. Leonore knieete nieder und ihre von Thränen umdüſterten Augen zu ihrem Vater erhebend, flüſterte ſie: welchen Segen würdeſt Du für mich ſprechen, Vater, wenn ich die Johanna von Orleans wäre? Oh, denke, ich wär's und gieb mir Deinen Segen! Venn lich und Du meinen Sege auf Dein H Herr, welche deſſen Wille und beſchütz Kugelregen! ein ſichetes dem Tode i Du haſt D ſo gehe den Mann, kim wie ein Mi Jaters, meit daß er auch wird mir ö und ſelbſt d Soldatenhe gern wieder des letzten Hegn ger herzus abe Geſchwiſter und denke, Dir iſt! 1 mur Gott Lonol Juters Na ſie Kye Vater, Vater, mei die Danen letten Stu Mämnerſache iſt! ännerarbeit hun! ott und mit ihren em er gelaſſen an ten Gedanken Nie⸗ ſoll ſie nur Gott deſen hat von der at ſie Voter und ott ſie riefl ßen, ſagte eonore recht und gut, daß ieß, blos weil ſie und ihr Vaterland Korbgeflechte bei recht, das hat nich eStelle geleſen hat. W Leonore mit die gotbegeiſtene Vuter, es duldet re des Königs und und ſie hat auch eden Muth dazl mir, woll' ich was windeſt Du 6 zu Dir priche⸗ d empfonge meinen etee ud it ufrichtete unt ſ lugen undüſteren Auge en niweſt Vu 1 wire Oh, 331 Wenn Du die Johanna von Orleans wärſt, ſagte der Alte feier⸗ lich und Du knieeteſt vor mir, wie Du es jetzt thuſt und bäteſt um meinen Segen, ſo würde ich, ſo wie ich es jetzt thue, meine Hände auf Dein Haupt legen und alſo würde ich zu Dir ſprechen: Gott der Herr, welcher Erde und Himmel in ſeiner ſtarken Hand hält und ohne deſſen Willen kein Haar von unſerm Haupt fällt, der wache über Dir und beſchütze Dich. Er ſei bei Dir auf dem Schlachtfelde und im Kugelregen! Er gebe Dir ein tapferes Herz, einen ſtarken Arm und ein ſicheres Auge. Er gebe Dir Muth, dem Tode zu trotzen, Muth, dem Tode ins Auge zu ſchauen. Du haſt die Männerarbeit erwählt, Du haſt Deine Liebe und Dein Leben dem Vaterlande zugeſchworen, ſo gehe denn hin und ſei ein Mann, liebe Dein Vaterland wie ein Mann, kämpfe wie ein Mann und wenn es ſein muß, ſo ſtirb auch wie ein Mann! Aber in Deiner Todesſtunde, da gedenke Deines Vaters, meine Tochter, und bete mit Deinen letzten Gedanken zu Gott, daß er auch mich bald erlöſe und von hinnen führe, denn die Erde wird mir öde und leer ſein, wenn Du nicht mehr auf derſelben biſt, und ſelbſt der Siegesjubel der heimkehrenden Krieger wird mein altes Soldatenherz nicht mehr erfreuen, wenn ich Dich nicht unter den Sie— gern wiederfinde. Aber ſtill, ſtill, keine Thräne entweihe dieſe Stunde des letzten heiligen Abſchieds! Gott hat alle ſtarken und muthigen Herzen gerufen, folge ſeinem Rufe! Pflicht jedes ſtarken und muthigen Herzens aber iſt es, ſein Vaterland mehr zu lieben als Aeltern und Geſchwiſter! Gehe denn hin, meine Tochter, und thue Deine Fflicht und denke, daß im Leben, wie im Tode der Segen Deines Vaters bei Dir iſt! Und nun gieb mir noch einen letzten Kuß, einen Kuß, den nur Gott ſieht und nur Gott verſteht! Leonore erhob ſich von ihren Knieen, und ihre Arme um ihres Vaters Nacken ſchlingend, drückte ſie einen langen glühenden Kuß auf ſeine Lippen. Vater, ſagte ſie dann, mit ſtrahlender Begeiſterung ihn anſchauend, Vater, meine Lippen haben noch keines Mannes Lippen geküßt, außer die Deinen, und hier ſchwöre ich Dir, und möge Gott mir in meiner letzten Stunde gnädig ſein, wenn ich meinen Schwur nicht halte, hier 332 ſchwöre ich Dir, daß ich auch keines Mannes Lippen küſſen werde, bis ich heimkehre zu Dir, mein Vater, oder zu Gott! Ich glaube Dir, meine Leonore, ſagte Prohaski feierlich, ich glaube Dir, und ich nehme Deinen Schwur an! Leonore, mein Kind, jetzt iſt es Zeit, rief ihre Mutter, eilig in die Thür tretend. Der Poſtillon iſt ſchon mit den Pferden hier vorüber⸗ geritten, und in einer Viertelſtunde wird die Poſtkutſche hier vor unſerer Thür anhalten, um Dich mitzunehmen. Ich bin ſelbſt'runter ge⸗ gangen, zum Herrn Poſtmeiſter, und er will's uns zu Gefallen thun, daß er die Kutſche hier halten läßt, ſtätt daß Du in das Poſtgebäude gehen mußt. Dadurch haben wir Dich eine Viertelſtunde länger bei uns. Aber meinen Koffer, Mutter, den müſſen wir doch hinbringen? fragte Leonore. Oh, der wäre doch für uns zu ſchwer geweſen, ſagte Frau Prohaska mit einigem Stolz, der Carl trägt ihn eben mit zwei Kame⸗ raden hin. Er iſt tüchtig ſchwer, Vater, der Koffer Leonorens. Sie iſt Gott ſei Dank recht gut und ordentlich eingerichtet, und das erſte Jahr wird ſie ſich gar nichts zu kaufen nöthig haben. Die liebe Mutter hätte mir gern alle ihr gehörigen Sachen und Kleidungsſtücke mit eingepackt, wenn ich's nicht gehindert hätte, ſagte Leonore lächelnd. Mein Herz hätte ich Dir am Liebſten mit eingepackt, mein liebes Kind, rief ihre Mutter gerührt, und da ich das nicht konnte, ſo hab' ich Dir jetzt noch ganz ſchnell, wie Du fortgegangen warſt, mein Brautkleid mit eingepackt. Es iſt ein ſchönes prächtiges Seidenkleid und ich hab's im Ganzen nur drei Mal angezogen, an meinem Hoch⸗ zeitstag und zu den Kindtaufen meiner beiden Kinder; es iſt alſo noch ſo gut wie neu. Du erlaubſt doch, Alter, daß ich es der Leonore ſchenke? Ich erlaub's wohl, aber was ſoll ſie damit? fragte der Alte. Nun, welche närriſche Frage, rief Frau Prohaska, putzen ſoll ſie ſich, Staat ſoll ſie damit machen, wenn ſie Sonntags vielleicht einmal in eine große Geſellſchaft geht. Nicht wahr, Leonore, Du wirſt ſchon wiſſen, was Du damit machen ſollſt? Ja, Mutter, ich danke Dir von Herzen für das ſchöne Geſchenk, —— und ich verſp brauch davon meiner Mutte gungen verbre Zuecken diene Weiß wo Thränen, wei Tochter biſt, u Akltem ſich zu Freude geweſe Dir zu trenn König die ſch thut's doch, ſe Alte, unt nachher, wenn lang ſie noch Einen Auſtra dem alten Bl und nicht gla Felde jiehe. Bein abnehm lhl ſche J0 werd Ih mein Generul Bli Nin, ſ viligen zieh Aber n ſichten? fra Der V Bulin kom Gnuu Vl meint der V nküſſen werde bis feierlich, ich glaube Nutter, eilg in die rden hier vorüber⸗ he hier vor unſerer ſelbſt runtet ge⸗ zu Gefallen thun, in das Poſtgebäude inde länger bei uns. doch hinbringen? veſen, ſagte Frau en mit zwei Kame⸗ er Aonorens. Sie hiet, und das erſt en. örigen Sachen und hindert hätte, ſagte gepact, mein liebes ſ icht konnte, ſo hab ngen warſt, nin htiges Seidenkleid an meinem Hoch⸗ „ es iſt alſo noch der Nonor ſchenke“ fragte det lu asla, putzen ſu ag5 viellicht kul r, du wirſt ſchon ſtön Geſhel 333 und ich verſpreche Dir, daß ich nur einen edlen und würdigen Ge⸗ brauch davon machen werde, ſagte Leonore ernſt. Das Brautkleid meiner Mutter ſoll nicht zu leichtſinnigen und flatterhaften Vergnü⸗ gungen verbraucht werden, ſondern es ſoll den höchſten und reinſten Zwecken dienen. Weiß wohl, flüſterte ihre Mutter mit mühſam zurückgehaltenen Thränen, weiß wohl, daß Du ein ehrbares Mädchen und eine gute Tochter biſt, und daß Du niemals etwas thun wirſt, deſſen Deine alten Aeltern ſich zu ſchämen hätten, Du biſt allezeit mein Stolz und meine Freude geweſen, und ich eingewilligt haben, mich von Dir zu trennen, wenn nicht jetzt Jeder für ſein Vaterland und ſeinen König die ſchwerſten und größten Opfer bringen müßte. Aber weh thut's doch, ſehr weh, und— Alte, unterbrach ſie der Wachtmeiſter, keine Thränen jetzt. Haben nachher, wenn wir allein ſind, noch Zeit genug, uns auszuweinen. So lang ſie noch da iſt, wollen wir ſie anſchauen und uns ihrer freuen. Einen Auftrag habe ich Dir noch zu geben. Geh zu meinem General, dem alten Blücher, und ſag' ihm, er ſoll nicht ſchlecht von mir denken, und nicht glauben, daß ich ein feiger Faullenzer bin, weil ich nicht zu Felde ziehe. Sage ihm, daß ich mir noch nachträglich hab' müſſen's Bein abnehmen laſſen. Er ſoll mich alſo entſchuldigen, wenn ich beim Appell fehle! Ich werd's getreulich dem General beſtellen, Vater! Ih mein Gott, fragte Frau Prohaska verwundert, iſt denn der General Blücher jetzt in Berlin? Nein, ſagte ihr Mann achtlos, er iſt in Breslau, wohin alle Frei⸗ willigen ziehen. Aber wie kann denn da die Leonore an ihn eine Beſtellung aus⸗ richten? fragte die Frau mit ſteigender Verwunderung. Der Vater meint nur ſo, daß ich's ihm ſagen ſoll, wenn er nach Berlin kommt, ſagte Leonore raſch. Man ſpricht davon, daß der General Blücher kommen werde, um die Franzoſen zu verjagen, und da meint der Vater nur, daß ich ſeine Beſtellung dann ausrichten könnt'. 334 Schweſter, Schweſter, die Poſtkutſche kommt, rief Carl, athemlos hereinſtürzend. Der Poſtillon hat ſchon zum dritten Mal geblaſen! Nun denn, mein Kind, ſo müſſen wir ſcheiden, ſagte der Wacht⸗ meiſter tief bewegt, indem er Leonore mit einer ungeſtümen Haſt in ſeine Arme zog. Gott ſegne Dich, meine Tochter! Die Gedanken Deines Vaters werden allzeit bei Dir ſein! Er ließ ſie aus ſeinen Armen los und ſchob ſie ſanft zu ihrer Mutter hin. Die beiden Frauen hielten ſich lange ſchweigend umfaßt⸗ Keine von ihnen ſprach ein Wort, aber ihre Thränen und dieſe letzten langen Blicke, mit denen ſie einander waren beredter als alle Worte. Und mich vergißt Du ganz? rief Carl ſchmerzvoll. Von mir willſt Du gar keinen Abſchied nehmen? Leonore riß ſich von ihrer Mutter Herzen los und ſchlang ihre beiden Arme um den Nacken ihres Bruders. Lebe wohl, meines Herzens Liebling, mein Carl, rief ſie. Mache den Aeltern Freude, und bedenke, daß Du ſie von nun an lieben mußt für uns Beide! Lebe wohl, mein Bruder, und verzeih mir, daß ich früher geboren ward als Du und daß Du nicht an meiner Stelle biſt. Gott hat es ſo ge⸗ wollt, Gott hat uns Beide an unſere Stelle geſetzt, und wir wollen ſie Beide würdig ausfüllen! Ja, das wollen wir, ſagte Carl unter Thränen, gewiß, das wollen wir. Draußen raſſelte eben ein Wagen heran und hielt vor dem Hauſe an. Ein ſchmetterndes Poſthorn ertönte. Vater, Mutter und Bruder, lebt wohl! rief Leonore, und indem ſie ihre beiden Arme gen Himmel erhob, fuhr ſie fort: Du mein Gott da droben, wache über ihnen, und wenn es Dein Wille iſt, ſo laß mich dereinſt zu ihnen zurückkehren! Sie warf ſich haſtig ihren Mantel über, und ohne ſich nur noch einmal umzuſchauen, ſtürzte ſie von dannen und ſprang in den Wagen. Lebewohl, Lebewohl, Leonore! riefen die Aeltern und der Bruder, die ihr gefolgt waren und vor der Thür des Hauſes ſtanden. Sie lehnt und Grtt— Das ſchn wollte von dan Die Drei ſchwunden war Huus zurick Carl ſchli ſürt zu weiner Oh, wie Prohaska, da wird nir alle ſürchterlich we verloren, als nir ſie gehen ückgehalten, ich ſe mnn mein Gott, ind min t Sie ſank werfend, daf Der alte tirige Male i uch er weint Pangen inde Frau weckte Stil, ſ ſpät zum Uein tapfe Jaterland u ſin wir wi Und m Augen niede tief Curl, athemlos n Mul geblaſen! „ſagte der Vacht⸗ ngeſtümen Haſt in et! Die Gedanken ſie ſanft zu ihrer ſchweigend umfaßt, ten und dieſe letzen waren beredter als oll. Von mir vilſt und ſchlang ihre ebe wohl, meines en Meltern Freude, ußt für uns Beide! friher geboren wd Gott hat e ſo ge⸗ und wir wollen ſie ränen, gewiß, das ielt vor dem Hauſe onore, und inden Du mein Gott o laf nich ort: Jille iſt, ſ ohne ſich nr noch in den ind ſpralg in d m und der Bruder, ſes ſtanden⸗ 335 Sie lehnte ihr Haupt aus dem Wagenfenſter. Lebt wohl, rief ſie, und Gott— Das ſchmetternde Poſthorn übertönte ihre Worte; der Wagen rollte von dannen. Die Drei ſchauten ihm nach, bis er um die nächſte Ecke ver⸗ ſchwunden war, dann traten ſie ſtill und ſeufzend wieder in das kleine Haus zurück. Carl ſchlüpfte hinauf in ſeine ſtille Bodenkammer, um da unge⸗ ſtört zu weinen. Die beiden Alten kehrten in ihr Wohnzimmer zurück. Oh, wie ſtill es jetzt hier iſt, ſo ſtill wie im Grabe, ſeufzte Frau Prohaska, das macht, mein Kind, mein Sonnenſchein fehlt hier und wird mir aller Orten fehlen! Oh, Alter, mein Herz thut mir ſo fürchterlich weh, und es iſt mir, als hätt' ich meine Leonore auf ewig verloren, als würde ich ſie nimmer wiederſehen. Ach, warum haben wir ſie gehen laſſen, warum haben wir ſie nicht an unſerm Herzen zu⸗ rückgehalten, unſer Kind, unſere einzige Tochter! Mein Gott, wenn ich ſie nun nicht wiederſehe, wenn ſie der Tod heimſuchte! Oh, oh, mein Gott, erbarm' Dich eines armen Mutterherzens, beſchütze mein Kind, mein theures Kind! Sie ſank auf einen Seſſel nieder, und ihre Schürze über ihr Haupt werfend, daß ihr Antlitz ganz davon bedeckt war, weinte ſie laut. Der alte Wachtmeiſter ging ſchweigend und mit ungewohnter Haſt einige Male im Zimmer auf und ab. Er war's ſich kaum bewußt, daß auch er weinte, und daß die Thränen, großen Perlen gleich, über ſeine Wangen in den grauen Bart niederrollten. Das laute Schluchzen ſeiner Frau weckte ihn aus ſeinem ſtillen Kummer. Still, Frau, ſtill, ſagte er, vor ihr ſtehen bleibend. Es iſt jetzt zu ſpät zum Weinen. Laß uns vielmehr fröhlich ſein, denn die Leonore iſt ein tapferes Herz, und ſie hat ihre Schuldigkeit gethan gegen ihr Vaterland und ihren alten invaliden Vater! Wir wollen alſo vergnügt ſein, wir wollen ſingen! Und mit zitternder Stimme, während die Thränen aus ſeinen Augen niederrollten, begann er zu ſingen: — 336 Ihr Deutſche auf in Süd und Nord! Hinweg gemeiner Neid! Wir Alle reden eine Sprach' Und ſtehen All' für eine Sach' Im ehrenvollen Streit! Und wer ſich feig entzieht dem Kampf Für Freiheit und für Ehr', Wer nicht das Schwert ergreift zur Stund', Der leb' und ſterb' als ſchlechter Hund, Der ſei kein Deutſcher mehr!*) IV. Die Nationalrepräſentanten. Am Nachmittag vier Uhr langte Leonore Prohaska mit der Poſt⸗ kutſche in Berlin an. Sie hatte unterwegs mit geſchloſſenen Augen ihr Haupt in die Polſter des Wagens zurückgelehnt, und die Reiſegefährten hatten daher wenig Acht gegeben auf das junge Mädchen, von dem ſie meinten, daß ſie ſchlafe. Aber Leonore hatte jedes Wort vernommen, was geſprochen worden, und grade an dieſen Geſprächen der Reiſenden hatte ſich ihre Seele geſtärkt und ihr Herz ſeinen freudigen Muth wiedergefunden. Denn die Reiſenden hatten ſich erzählt von der Begeiſterung, die überall in jeder Stadt, in jedem Dorf, in jedem einzelnen Hauſe ſich kund thue, eine Begeiſterung, die ſchon weit über die Grenzen Preußens hinausfluthe und wie ein unaufhaltſamer, reißender Strom Alles mit ſich fortreiße, ſelbſt die Beſonnenſten und Zaghafteſten in ſeinem Strudel fortwirbele und die Kleinmüthigſten und Hoffnungsloſeſten mit freudigen Hoffnungen erfülle. Einer der Reiſenden kam ſo eben von Breslau, *) Lied aus dem Jahre 1813. Siehe: Volkswitz. Zehntes Bändchen. S. 92. und nit hinre baren Leben 1 z Tuiſenden belnd unter d Najot von L Breölan gekon lenden Schen Und in d innt die ſch gegen die ſich frih bis int ſonſigen ith und ſeine ſchö Engel eine re npfem Majo duchgſett, i kein Jemöge grade das ale hath daß der das ſchöne G geſtiegen in d in ſeiner Te Stin trug un Ich kenn des däniſchen und feiner S Su un eide zuſam Wie d ſihlen Siel Die jn in Reiſe i St gen 2 nit der Poſt enen Augen iht Reiſegefährten n von dem ſie tt vernommen, der Reiſenden eudigen Muth egeiſenng di enzen Preßens tron Alls nit Strudel nmit freudigen on Bieslun ſeinem Balb 225 337 und mit hinreißender Beredtſamkeit wußte er von dem dortigen wunder⸗ baren Leben und Treiben zu erzählen, von den Freiwilligen, die täglich zu Tauſenden aus allen Gegenden des Landes heranſtrömten und ju⸗ belnd unter den Fenſtern des Königs vorüberzögen, von dem tapfern Major von Lützow, der mit ſeiner jungen wunderſchönen Frau nach Breslau gekommen und dort wegen Mangels an Raum mit ihr in einer elenden Schenke wohne. Und in der ehemaligen Bierſtube dieſer elenden Schenke, ſagte er, nimmt die ſchöne Frau von Lützow die Meldung der Freiwilligen ent⸗ gegen, die ſich für die Schaar der Rache melden. Ihr Mann iſt von früh bis in die Nacht mit der Ausrüſtung ſeines Corps, mit den ſonſtigen nöthigen Anordnungen, mit tauſenderlei Dingen beſchäftigt, und ſeine ſchöne Frau iſt ſein Werbe⸗Officier. Sie iſt ſchön wie ein Engel, eine reiche Grafentochter, welche durch die Verbindung mit dem tapfern Major von Lützow, die ſie gegen den Willen ihrer Familie durchgeſetzt, ihren ahnenſtolzen Vater ſo erzürnt hat, daß er ihr gar kein Vermögen, nicht einmal eine Ausſteuer mitgegeben hat, ſondern grade das als Bedingung ſeiner Einwilligung in die Heirath gemacht hat, daß der Major von Lützow ſie ohne alle Mitgift heirathe. Aber das ſchöne Grafenkind iſt freudig aus ihrem ſtolzen Schloß hernieder⸗ geſtiegen in die enge Wohnung des preußiſchen Majors, den ſie liebte um ſeiner Tapferkeit und um der Narben willen, welche er auf ſeiner Stirn trug und die er 1806 im Kampf gegen die Franzoſen erhalten hat. Ich kenne dieſe Dame, ſagte der zweite Reiſende, ſie iſt eine Tochter des däniſchen Grafen von Ahlefeldt, ein Wunder von Anmuth, Grazie und feiner Sitte. Dabei haßt ſie die Franzoſen eben ſo glühend wie ihr Gemahl, und grade dieſer gemeinſchaftliche Franzoſenhaß iſt es, der ſie Beide zuſammengeführt hat. Wie denn das? fragte der Andere lebhaft. Ich bitte, er⸗ zählen Sie! Die junge Gräfin machte vor einigen Jahren mit ihrer Erzieherin eine Reiſe in einen vielbeſuchten deutſchen Badeort, erzählte der Reiſende. Sie aßen Beide Mittags an der table d'höte des Curhauſes, an der ein buntes Gemiſch von Menſchen aus aller Herren Ländern verſammelt Mühlbach, Napolevn. III. Bd. 22 338 war. Der Zufall wollte, daß die junge Comteſſe einen franzöſiſchen Officier zum Tiſchnachbar hatte, der ſogleich die junge Dame in ein ſehr intereſſantes lebhaftes Geſpräch zu verwickeln wußte. Er erzählte anziehend von ſeinen Feldzügen und Reiſen, und die junge Gräfin hörte ihm gern zu und bewies ihm lebhaft ihre Theilnahme. Der Franzoſe, entzückt über dieſen Antheil des jungen, ſchönen Mädchens, wagte es, ihre Hand zu ergreifen und einen glühenden Kuß auf dieſelbe zu preſſen. Die junge Comteſſe ſchrak zuſammen, eine glühende Röthe übergoß ihr ſchönes Angeſicht, und ohne ſich zu bedenken, nur dem erſten Impuls ihres Gefühls folgend, nahm ſie ein vor ihr ſtehendes Glas Waſſer und goß es über ihre Hand, welche der Franzoſe zu küſſen gewagt. Unfern von ihr ſaßen einige preußiſche Officiere, die den ganzen Vor⸗ gang bemerkt hatten und jetzt bei der jungfräulichen Abwaſchung des franzöſiſchen Kuſſes ein lautes Bravo nicht unterdrücken konnten. Der Eine von dieſen Officieren war der jetzige Major von Lützow. Nach aufgehobener Tafel näherte er ſich der Comteſſe, ließ ſich durch einen gemeinſchaftlichen Bekannten vorſtellen und bezeigte ihr im Namen aller Deutſchen ſeinen glühenden Dank für die kühne Zurückweiſung des Franzoſen. Das war der Anfang ihrer Bekanntſchaft mit dem Herrn von Lützow, und das Ende war ihre Verheirathung mit ihm.*) Sie iſt alſo jetzt in Breslau, Sie haben ſie dort geſehen? Wohl habe ich ſie geſehen, denn ich war mit einem Freund, der ſich beim Lützow'ſchen Corps melden wollte, in die Wohnung des Ma⸗ jors gegangen. Wir fanden aber nur ſeine junge ſchöne Frau; ſie empfing die Meldung meines Freundes mit ſolch einer Anmuth, ſolch einem ſtrahlenden Freudenblick, ſie ſprach ſo tiefempfundene, begeiſterte Worte über den großen und heiligen Völkerkampf, der jetzt beginne, und dem Niemand ſich entziehen dürfe, daß ich ſelber ganz davon hin⸗ geriſſen war und mich auf der Stelle den Lützower Jägern einverleibt hätte, wenn ich nicht ſchon als Landwehrmann eingetreten war. *) Die Erzählung dieſes Vorganges danke ich der perſönlichen Mittheilung der Gräfin Ahlefeldt ſelbſt(früher Frau von Lützow), die mir dieſe kleine Scene mit reizender Naivetät und Anmuth ſchilderte. D. V. Leonoren, ind heimlich ſ knn. Zu ih kutſce Vuter Die Reiſe nicht an einen geglaubt und n verjußten aufr der örig, der horſt das Rutzl von einem unge den. Nugieri an Fenſter un in inger Zug Vagen ſaßen! Vagen hielten dete den Küni lungten. Scha Verden E. fir Sie und d ſicht aber St Thrinen lichelt Endlich w Alein und ein kiriglihen Poſ uhme für ſie und Bangen 1 leß ſe ſich e Uhe nicht na n der Jiger Uubenſtraße n, Nnore Heitz franzöſiſchen ame in ein Er erzählte Grüfin hörte Ner Franzoſe, s, wagte es, be zu preſſen. übergoß ihr tſten Impuls Glas Waſſer ſſen gewagt. ganzen Vor⸗ Freund, der gdes Ma⸗ nnuth, ſolh egeiſterte jetzt beginne, n davon hin⸗ n einverleibt wal. ittheilung Leonoren, wie geſagt, war kein Wort dieſes Geſprächs entgangen, und heimlich ſagte ſie jetzt zu ſich ſelber: Dieſe Frau muß ich kennen lernen. Zu ihr will ich gehen und ſie ſoll mich anwerben für das deutſche Vaterland! Die Reiſenden ſprachen weiter. Sie erzählten, wie der König gar nicht an einen günſtigen Erfolg des erſten Aufrufs an die Freiwilligen geglaubt und wie er deshalb dieſen vom Staatskanzler von Hardenberg verfaßten Kufruf gar nicht unterzeichnet habe. Vier Tage ſpäter ſei der König, der eben mit ungewöhnlicher Heftigkeit dem General Scharn⸗ horſt das Nutzloſe dieſes Aufrufs an die Freiwilligen auseinanderſetzte, von einem ungewöhnlichen Geräuſch auf der Straße unterbrochen wor⸗ den. Neugierig, zu wiſſen was dies Geräuſch bedeute, trat der König an's Fenſter und General Scharnhorſt folgte ihm dahin. Es kam aber ein langer Zug von Wagen, achtzig an der Zahl, daher, und auf dieſen Wagen ſaßen lauter bewaffnete Jünglinge und Männer. Alle dieſe Wagen hielten vor dem Schloſſe an, und der eintretende Adjutant mel⸗ dete dem König: das ſeien Freiwillige, die von Berlin ſo eben an⸗ langten. Scharnhorſt wandte ſich zum König hin und rief triumphirend: Werden Ew. Majeſtät ſich nun überzeugen, daß Ihr Volk bereit iſt, für Sie und das Vaterland zu kämpfen?— Der König antwortete nicht, aber Ströme von Thränen entſtürzten ſeinen Augen und unter Thränen lächelte er.*) Endlich war die Fahrt beendet und Leonore langte in Berlin an. Allein und einſam ſtand ſie neben ihrem Koffer auf dem Hofe der königlichen Poſt; Niemand kümmerte ſich um ſie, Niemand hatte Theil⸗ nahme für ſie. Aber Leonore zagte nicht, und keine Spur von Zweifel und Bangen war in ihr. Von einem auf dem Hofe ſpielenden Knaben ließ ſie ſich einen Fiacre holen und fuhr mit ihrem Koffer von dannen. Aber nicht nach dem Hauſe ihres Pathen, des Kaufmanns Werkmeiſter in der Jägerſtraße, nahm ſie ihren Weg. Sie fuhr zuerſt nach der Taubenſtraße, dort vor einem großen düſtern Hauſe hielt der Wagen an, Leonore ſtieg aus, und indem ſie den Kutſcher bat, ſie hier zu er⸗ eiczke. 1. 340 warten, ſchlüpfte ſie in das Haus. Mit beflügelten Schritten eilte ſie drei enge Stiegen hinauf und befand ſich jetzt auf einem düſtern ſchweigenden Corridor, an deſſen beiden Seiten kleine, mit Nummern bezeichnete Thüren ſich befanden. An der mit Nummer 3 bezeichneten Thür klopfte Leonore. Eine weibliche Stimme von innen fragte: Wer iſt da? Ich bin es, Leonore Prohaska! Ein lauter Freudenſchrei ertönte, dann ward die Thür raſch ge⸗ öffnet und ein junger Soldat in voller Uniform erſchien auf der Schwelle. Jetzt war es Leonore, welche einen Schrei ausſtieß und erröthend einen Schritt zurückwich. Verzeihen Sie, ſagte ſie ſchüchtern, das muß ein Irrthum ſein. Ich ſuche hier meine Freundin, eine junge Putzmacherin Namens Ca⸗ roline Peterſen. Der junge Soldat lachte, aber es war das friſche helle Lachen eines jungen Mädchens. Du erkennſt mich alſo wirklich nicht, Lev⸗ nore? rief er, Du hältſt mich alſo wirklich für das, was ich ſein möchte und nicht bin, für einen Mann? Mein Gott, Du biſt es? rief Leonore, Du— Still, ſtill, flüſterte die Andere, indem ſie ſie haſtig in das Gemach zog und die Thür ſorgfältig hinter ſich verſchloß. Um Gotteswillen, daß uns Niemand hört. Welch einen Scandal würde es geben, wenn die Andern erführen, daß der Freiwillige Carl Peterſen auf ſeinem Zimmer Beſuche von ſchönen jungen Mädchen empfängt. Es wohnen hier im Gaſthof lauter Freiwillige, und Niemand von ihnen ahnt, daß ich ein Mädchen bin, und Niemand ſoll und wird es jemals ahnen. Nun aber willkommen, meine theure Leonore, und ſage mir, was führt Dich her nach Berlin? Haſt Du meinen Brief erhalten? Ja, Caroline, ich habe Deinen Brief erhalten, ſagte Leonore ernſt, und dieſer Brief hat mir wehe gethan, denn Du nennſt mich darin feig und ehrlos, weil ich daheim bleiben wolle, während das Vaterland der Arme aller ſeiner Kinder bedürfe, während Jeder, der noch der Begeiſterung und des Muthes fähig, entſchloſſen wäre, in dieſem heiligen Kampfe mitzukämpfen. Und da Paterland ha Ruf überhört Wer ſag Still, 1 Jetzt habe ic und in dem ſ kannſt Dun Aufnahme g In diſ Nein, in Oh, in jubelte Gnrol und ſi feſte Aber ne lichelnd, und Jenund, de dahin fahren Komm, n der Spitt an den auch gezhlt hat, Buder die abet ich ble denn er müc Männerllei iufen lun So lo utzjiehend. liden an de aht gu wähten de ritten eilte ſie einem diſtern mit Nummern Lonore. Eine Thür raſch ge⸗ f der Schwelle. und erröthend Irrthum ſein. Namens Ca⸗ e helle Lachen ich nicht, Le⸗ was ich ſein in das Gemach Gotteswillen, geben, wenn n auf ſeinem Es wohnen men ahnt, daß ſemals ahnen⸗ mir, was führt n e Leonore ernſt, mſt nich darin das Jaterland der noch der piſen heiligen 341 Und das iſt die Wahrheit, Leonore, rief Caroline heftig, das Vaterland hat uns Alle gerufen, und der iſt ein Feigling, der dieſen Ruf überhört! Wer ſagt Dir aber, daß ich ihn überhört habe? fragte Leonore einfach. Wie? rief Caroline freudig. Leonore, auch Du— Still, unterbrach ſie Leonore, Alles dies beſprechen wir nachher. Jetzt habe ich Eile, denn unten ſteht ein Fiacre, der auf mich wartet und in dem ſich mein Koffer befindet. Sage mir nur ſchnell, Caroline, kannſt Du mich für heute bei Dir behalten und auf eine Nacht mir Aufnahme gönnen? In dieſer Frauenkleidung, Leonore? Nein, in Männerkleidung, Caroline. Oh, in Männerkleidung biſt Du mir tauſend Mal willkommen, jubelte Caroline, ihre beiden Arme um Leonorens Nacken ſchwingend und ſie feſt an ſich drückend. Aber noch habe ich meine Männerkleidung nicht, ſagte Leonore lächelnd, und noch habe ich auch kein Geld dazu. Nenne mir alſo raſch Jemand, der Kleider kauft, denn ich will ſogleich mit meinem Koffer dahin fahren, und Alles, was ich mitgebracht habe, verkaufen. Komm, Leonore, komm, ich fahre mit Dir, ſagte Caroline, ich kenne an der Spittelbrücke einen ſehr patriotiſchen und gutherzigen alten Juden, an den auch ich meine Kleider verkauft habe, und der mir reichlich dafür gezahlt hat, als ich ihm ſagte, daß ich für das erlöste Geld meinem Bruder die Montirung kaufen wollte. Zu dieſem Juden fahren wir hin, aber ich bleibe im Wagen ſitzen, während Du in ſeinen Laden gehſt, denn er möchte mich ſonſt erkennen. Du findeſt auch bei ihm ganz neue Männerkleider, die Du für Deinen Bruder, das heißt für Dich ſelber, kaufen kannſt. So komm und laß uns eilen, ſagte Leonore, die Freundin mit ſich fortziehend.— Eine Viertelſtunde ſpäter hielt der Fiacre vor einem der Trödler⸗ läden an der Spittelbrücke, und Leonore ſtieg aus, in ihren Armen ein großes Packet Kleider, Tücher, Röcke und Schürzen haltend, die ſie während der Fahrt aus ihrem Koffer genommen. 342 Der alte Kleiderhändler Hirſch, vor ſeiner Ladenthür ſtehend, em⸗ pfing das junge Mädchen mit freundlichem Gruß, und lud ſie ein, in ſeinen Laden zu treten und ihm ihr Begehr zu ſagen. Leonore legte die Kleider auf den Ladentiſch, und ſagte hoch⸗ athmend und beklommen: ich möchte alle dieſe Sachen hier verkaufen, mein Herr. Der Kleiderhändler ſetzte langſam ſeine Brille auf und hob dann die Kleidungsſtücke, eins nach dem andern, empor, ſie mit prüfendem Blicke betrachtend. Wenn er mir nun nicht ſo viel Geld giebt, als ich bedarf? fragte Leonore angſtvoll ſich ſelber. Wenn dieſe Sachen nicht ausreichen, und er mir ſo wenig giebt, daß ich mir keinen Anzug kaufen kann? Und als habe der alte Hirſch die angſtvolle Frage ihres Herzens vernommen, ſagte er kopfſchüttelnd: kann nicht viel geben für die paar Kattunkleider und Schürzchen. Es iſt Alles recht ſauber und gut er⸗ halten, aber es hat keinen Werth, nicht den geringſten Werth. Doch dan iſt auch noch ein ſeidenes Kleid, mein Herr, ſagte Leo⸗ nore mit zitternder Stimme, ſehen Sie nur, ein ganz neues ſchönes Seidenkleid. Neu? fragte der Jude achſelzuckend, während er das Kleid hervor⸗ zog und mit ſpöttiſchem Lächeln es auseinander breitete. Neu iſt das Kleid nicht, denn es iſt ſo altmodiſch gemacht, daß man's nur auf einem Maskenball anziehen könnte, und der Stoff iſt auch nichts werth, denn es iſt nur Halbſeide, und das Meiſte daran iſt Baumwolle. Iſt auf den Schein gearbeit, Alles auf den Schein! Sieht wie ſchweres Seiden⸗ zeug aus, und die dicken Querfäden, die ihm ein ſo ſchweres Anſehen geben, ſind alle pure Baumwolle! Was wollen Sie denn haben für das Ganze, mein ſchönes Mamſellche? Weiß nicht, ſagte Leonore leiſe, ſo viel als Sie mir irgend ge⸗ ben wollen! Ja, ja, murrte der Alte, viel Geld ſoll ich geben für wenig Waare, das verlangen ſie Alle. Ich will Ihnen ſagen, das Höchſte, was ich für die Sachen zuſammengenommen geben kann, das ſind zwölf Thaler.* Zrüff duß der Al nporſchieb prifenden! Zwülf im Stonde, die ihren A murmelte: Man kann Der al haſtig. Si Montiung 9 N, me unſere Kleid laugen, um Hirſcfünge Lützowſcher Lützow Iſt das kei etpreſſen? werden ſollt 0 4 2 Ich ka den wir All auch beweiſ ie d 2 S adu meinen B neiner Fi Und nicht ſelbſt Eriſ tin Es mit der A Um ir ſtehend, em⸗ lud ſie ein, in nd ſagte hoch⸗ hier verkaufen, und hob dann mit prüfendem bedarf? fragte ausreichen, und n kann? nfür die paar er und gut er⸗ Werth. r, ſagte Le⸗ neues ſchönes 6 Hleid hervor⸗ Neu iſt das nur auf einem ts werth, denn wolle. Iſt auf hweres Seiden⸗ eres Anſeheh denn haben für nir irgend jir werig eben fir we 3, l, unn, das ſund 343 Zwölf Thaler! rief Leonore mit ſolchem Ausdruck des Entſetzens, daß der Alte zuſammenſchrak, und ſeine grüne Brille auf ſeine Stirn emporſchiebend, ſeine kleinen, funkelnden Augen mit forſchenden und prüfenden Blicken auf das junge Mädchen heftete. Zwölf Thaler, wiederholte Leonore noch einmal, und nicht mehr im Stande, ihren Schmerz zurückzuhalten, oder den Thränen zu wehren, die ihren Augen entſtrömten, rang ſie leiſe ihre Hände ineinander und murmelte: es iſt alſo Alles vergeblich. Zwölf Thaler genügen nicht! Man kann dafür keine Uniform und keine Montirung kaufen. Der alte Hirſch hatte ihre Worte gehört. Wie denn? fragte er haſtig. Sie wollen die Kleider verkaufen, um dafür Uniform und Montirung zu kaufen? Ja, mein Herr, ſagte Leonore, meine Mutter und ich wir wollten unſere Kleider verkaufen, weil wir hofften, dafür ſo viel Geld zu er⸗ langen, um meinem Bruder einen anſtändigen Anzug, ein Gewehr, einen Hirſchfänger und Czako zu kaufen, denn mein Bruder will unter die Lützow'ſchen Jäger gehen.„ Lützow'ſcher Jäger will er werden, der Bruder? fragte Hirſch raſch. Iſt das kein Vorwand, he? Sagen Sie das nicht blos, um Geld zu erpreſſen? Können Sie's mir ſchwören, daß dazu die Kleider verkauft werden ſollten? Ich kann's Ihnen ſchwören bei dem großen Gott im Himmel, an den wir Alle glauben, ſagte Leonore feierlich. Ich kann's Ihnen aber auch beweiſen! Wie denn? Wodurch denn? Dadurch, daß ich gleich hier in Ihrem Laden einen Anzug für' meinen Bruder kaufe. Er iſt genau ſo groß wie ich, und ganz von meiner Figur, wir ſind Zwillingsgeſchwiſter. Und Lützower Jäger will der Bruder werden? Warum kommt er nicht ſelbſt her, und ſucht ſich einen Anzug aus? Er iſt in Potsdam, mein Herr, und weiß gar nicht, daß ich hier bin. Es iſt morgen ſein Geburtstag und wir wollen ihn überraſchen mit der Ausrüſtung. Und er ſoll ſeine Ausrüſtung haben, rief der alte Hirſch, ja, er 344 ſoll ſie haben. Ich leſ' in Ihren Augen, daß Sie die Wahrheit ge⸗ ſprochen, mein Kind, und daß Sie das Geld nicht zu leichtſinnigen Zwecken verwenden wollen, ſondern für die große Sache des allge⸗ meinen Vaterlandes. Hab' auch ein Herz für das Vaterland, und Niemand ſoll uns Juden nachſagen, daß wir uns nicht fühlen und be⸗ kennen als Deutſche, daß unſere Herzen nicht gelitten haben unter der Schmach, die ganz Deutſchland erduldet hat, daß wir nicht freudig und bereitwillig unſer Blut und Leben, und was mehr ſagen will, unſer Hab und Gut hingeben wollen für die Sache des Vaterlandes. Wer iſt der Erſte geweſen, der in Berlin ſeine freiwillige Gabe dargebracht hat für das Vaterland? Ein Jude iſt's geweſen! Der Aelteſte der Judenſchaft, der Herr Gumpert, der hat den Reigen eröffnet von den patriotiſchen Gaben. Der hat der Oberregierungs⸗Commiſſion drei⸗ hundert Thaler geſchickt zur Equipirung armer Freiwilliger.*) Unſer Gunpert iſt der Erſte geweſen, der für das Vaterland geopfert hat, und ich, der Hirſch, ich will nicht der Letzte ſein. Ich hab' mich ver⸗ rechnet, ich will Ihre Sachen nochmals prüfen, und was ich geben kann, das geb' ich! Er unterwarf die Kleider einer raſchen, flüchtigen Muſterung, dann ſagte er kopfſchüttelnd, indem er über das ſeidene Kleid mit ſeiner langen, dürren Hand hinſtrich: wie konnte ich mich nur ſo verſehen, und dies Zeug für Halbſeide halten! Es iſt Seide, reine, ſchwere Seide, und aus dieſem prächtigen weiten Rock kann man ſehr gut allein zwei Kleider machen von der engen und modernen Art. Für dies Kleid allein gebe ich Ihnen zwanzig Thaler, und die übrigen Sachen, nun die wollen wir zuſammen auch auf zwanzig Thaler berechnen. Oh, rief Leonore mit freudeſtrahlenden Blicken, dem Alten ihre beiden Hände darreichend, oh, Sie ſind ein edler Mann, ein ächter Vaterlandsfreund! Ich danke Ihnen, und möge das gerettete Vater⸗ land dereinſt Ihnen lohnen können. Ach, der arme Hirſch kann wenig Lohn verdienen vom Vaterland, ſagte der alte Mann ſeufzend. Ich bin arm, hab' nicht einmal einen *) Hiſtoriſch. Sohn den könnt. Ich ſieben, als! derten, da! gegen die 7 gegen die A Märdet und lichen Augen Eidenfreude Frohlocken kommen, un haben! W ſelber Sold auczurüſten. ihn usriſt ſchuldigen, poleon und mter d die F ir Ihre S ſchwarzen Ihr Bude Genau Zrilingshr Nunſ Mit naß mit Maaß an Csp Und hier merken S wwülf The kufe Jiget b bra finger un Vahrheit ge⸗ leichtſinnigen he des allge⸗ Kerland, und ühlen und be⸗ ben unter der t freudig und nwill, unſer tlandes. Wer be dargebracht r Allteſte der ffnet von den miſſion drei⸗ er.*) Unſer geopfert hat, ab mich ver⸗ ich geben kan, uſterung, dann eid mit ſeiner ſo verſehen, eine, ſchwere ſehr gut allein Für dies Kleid Sachen, nun chnen. em Alten ihre mn, ein ichter eretet Vater⸗ om Valerland, 1 inmal einen Sohn, den ich dem Vaterland geben, dem ich meine Rache übertragen könnt'. Ich hatte einen Sohn, einen braven, lieben Sohn, aber Anno ſieben, als die Franzoſen hier ankamen, und überall raubten und plün⸗ derten, da wollt' er unſer Hab und Gut vertheidigen, und wehrte ſich gegen die Franzoſen, die in unſer Haus einbrachen, und entbrannte gegen die Wüthriche in gerechtem Zorn, und ſchalt ſie und ihren Kaiſer Mörder und Räuber. Da haben ſie ihn erſtochen, vor meinen ſicht⸗ lichen Augen erſtochen. Es war mein einziges Kind, und meine einzige Erdenfreude! Aber ſtill, ſtill, es iſt jetzt keine Zeit zum Klagen. Frohlocken will ich, ja frohlocken, denn die Stunde der Rache iſt ge⸗ kommen, und wir wollen den Franzoſen vergelten, was ſie uns gethan haben! Wär' ich nicht ein ſo alter, gebrechlicher Kerl, ſo würde ich ſelber Soldat werden, ſo aber kann ich nur noch helfen, Soldaten auszurüſten. Ihr Bruder ſoll Soldat werden, mein Kind, wir wollen ihn ausrüſten für die Schaar der Rache! Meinen Sohn, meinen un⸗ ſchuldigen, geliebten Sohn ſoll er mir rächen an dem Tyrannen Na⸗ polevn und dem Franzoſengeſindel, die uns ſo lange und ſo ſchmählich unter die Füße getreten haben! Ja, ja, ich geb' Ihnen vierzig Thaler für Ihre Sachen, aber ich geb' nicht Alles baar. Sehen Sie da dieſen ſchwarzen Anzug, er iſt ganz neu, geſtern erſt vom Schneider gekommen. Ihr Bruder iſt ſo groß wie Sie, ſagten Sie nicht ſo? Genau ſo groß wie ich, und eben ſo gewachſen, denn er iſt mein Zwillingsbruder! Nun ſehen wir einmal, ob dieſe Kleider Ihnen paſſen würden! Mit geſchäftiger Eile zog Herr Hirſch ſein Maaß hervor, und maß mit Schneidergewandtheit Leonorens Figur. Dann legte er das Maaß an die Beinkleider und den Rock von ſchwarzem Tuch an. Es paßt Alles auf ein Haar, und ganz genau, rief er fröhlich. Und hier iſt auch eine hübſche ſeidene Weſte, die dazu gehört. Nun merken Sie wohl auf! Den ganzen Anzug berechne ich Ihnen mit zwölf Thalern; es bleiben Ihnen alſo noch acht und zwanzig Thaler. Nun kaufen Sie zuerſt Ihrem Bruder eine ſchöne Büchſe, wie ſie die Jäger brauchen. Dafür zahlen Sie zehn Thaler; dann einen Hirſch⸗ fänger und einen Czako. Koſtet zuſammen fünf Thaler. Bleiben Ihnen 346 noch dreizehn Thaler. Dafür ſtecken Sie Ihrem Bruder ein paar gute Hemden und ein paar neue Stiefeln in den Torniſter, und das Geld, das dann noch bleibt, das geben Sie ihm als Taſchengeld. Soll's ſo ſein? Iſt der Handel abgemacht? Ja, der Handel iſt abgemacht! Gut. So haben Sie hier Ihren Anzug, und hier die acht und zwanzig Thaler. Er zählte mit geſchäftigen Händen die blanken Thaler auf dem Ladentiſch auf, und ſchob dann das Geld und die Kleider Leonoren hin. Hier iſt die Ausrüſtung für unſern Lätzower Jäger, rief er Und hier ſind die Kleider, mein Herr, ſagte Leonore, indem ſie dem Alten die Sachen hinreichte, aber indem ſie das that, neigte ſie raſch ihr Haupt und drückte einen Kuß auf das Seidenkleid. Der alte Hirſch ſah ſie erſtaunt an. Es iſt das Brautkleid meiner Mutter, mein Herr, ſagte Leonore, gleichſam um Entſchuldigung bittend. Es war bisher unſer größter Schatz, und ich gab ihm nur den Abſchiedskuß. Der alte Hirſch blickte ſinnend vor ſich hin. Hören Sie, mein Kind, ſagte er, ich werde dies Kleid nicht verkaufen. Ich werde es hängen laſſen bis nach beendetem Krieg. Wenn Ihr Bruder glücklich heimkehrt, ſollen Sie mit ihm hieher kommen, und zum Wiederſehens⸗ gruß will ich ihm das Brautkleid Ihrer Mutter ſchenken. Dafür aber ſoll er mir einen Gefallen thun! Was für einen Gefallen? Er ſoll bei jedem Franzoſen, den er niederhaut, laut ausrufen: „Moſes Hirſch iſt gerächt!“ Moſes hieß mein lieber, unglücklicher Sohn, und ich denk', er wird ruhiger und ſeliger ſchlafen in ſeinem Grabe, wenn er's hört, daß ſein Vater ihm einen Rächer geſandt hat. Wollen Sie's mir im Namen Ihres Bruders verſprechen, daß er den Ruf nimmer vergißt? Ich verſpreche es Ihnen im Namen meines Bruders! Bei jedem Franzoſen, den er niederhaut, wird er rufen: Moſes Hirſch iſt gerächt! Dank Ihnen, Dank, ſagte Hirſch gerührt. Mein Sohn wird's hören, und er wird vom Himmel hernieder lächeln auf ſeinen alten, einſamen fohlen! Neir het, ich Abe dem Mät Ebe und rief Der Herr, me Ach verberge mit mein ihre Sac licht zu Das ma Dei ſagte Hi Still, ſt geſchwiſt Vo Nac dem alte ein paar gute nd das Geld, d. Solls ſo die acht und ler auf dem Novoren hin. rief er. re, indem ſie n, neigte ſie eid. agte Lonore, unſer größter n Sie, mein 3 3 Ich werde es gliclich ut ausuufen: unglüdlichet en in ſeinem geſandt hat. 347 einſamen Vater. Und nun, mein ſchönes, liebes Mädchen, Gott be⸗ fohlen! Geben Sie her, ich trage Ihnen das Packet zu Ihrem Wagen hin! Nein, nein, geben Sie her! rief Leonore ängſtlich, geben Sie her, ich— Aber der alte Mann hörte nicht auf ſie, er nahm das Packet mit dem Männeranzug und eilte damit aus ſeinem Laden zu dem Fiacre hin. Eben ſchaute Caroline Peterſen ungeduldig aus dem Schlag hervor, und rief ihrer Freundin zu, ſich zu beeilen. Der alte Hirſch ſtieß einen Schrei aus, und ſtarrte Caroline an. Herr, mein Gott, rief er, Sie im Männeranzug, Sie ein Freiwilliger? Ach, rief Caroline, ihre Verwirrung unter einem lauten Lachen verbergend, ich ſehe ſchon, was Sie erſtaunt! Sie verwechſeln mich mit meiner Schweſter. Ich weiß, die war bei Ihnen, und hat an Sie ihre Sachen verkauft, um mich zu equipiren. Ja, ja, wir ſind ſehr leicht zu verwechſeln, denn wir gleichen einander wie ein Ei dem andern. Das macht, wir ſind Zwillingsgeſchwiſter. Der hat eine Zwillingsſchweſter, wie Sie einen Zwillingsbruder, ſagte Hirſch, mit einem ſeltſamen Lächeln ſich zu Leonoren wendend. Still, ſtill, ich begreife jetzt Alles! Gott ſchütze die muthigen Zwillings⸗ geſchwiſter! Fort, Kutſcher, fort! Wohin? fragte der Kutſcher. Nach der Jägerſtraße 23, zum Kaufmann Werkmeiſter, rief Leonore, dem alten Juden Hirſch einen letzten Gruß zunickend. Der Wagen rollte von dannen. Was willſt Du denn bei dem Herrn Werkmeiſter? fragte Caroline. Ich will bei ihm meinen letzten Beſuch als Mädchen machen, ſagte Leonore. Wenn ich von ihm zurückkehre, lege ich meine Frauenkleider ab, und werde Dein Kamerad, und wir gehen dann zuſammen hin und kaufen meine Montirung. Aber wär's nicht beſſer, wenn ich dann voraus führe nach unſerm Gaſthof, während Du Deinen Beſuch machteſt? fragte Caroline. Du haſt den Fiacre ſchon über eine Stunde, und wir Freiwilligen müſſen Geld ſparen, um ſo lange als möglich uns ſelber ernähren zu können, und nicht dem Staat zur Laſt zu fallen. 348 Es iſt wahr, ſagte Leonore. Ich will hier ausſteigen, und Du haſt die Güte, meinen Koffer und das Packet in Dein Quartier mitzunehmen. He, Kutſcher, halt! Der Fiacre hielt an, und Leonore, ſich feſt in ihr Tuch einhüllend, ſprang aus dem Wagen. Fahren Sie jetzt nach der Taubenſtraße zu⸗ rück, ſagte ſie, und helfen Sie dem Herrn meinen Koffer hinauftragen. Vorher aber will ich das Ganze bezahlen. Sagen Sie mir alſo, was ich Ihnen ſchuldig bin? Von der Poſt nach der Taubenſtraße vier Groſchen, ſagte der Kutſcher gelaſſen. Und weiter? Weiter gar nichts! Wie denn, weiter gar nichts? Sie haben lange in der Taubenſtraße gehalten, dann ſind wir hierher gefahren, hier haben Sie wieder lange warten müſſen, und nun wieder zurück nach der Taubenſtraße. Ja, aber von der Taubenſtraße an ſaß'n Freiwilliger im Wagen, ſagte der Kutſcher, indem er ſeinem Pferde einige leiſe, liebkoſende Peitſchenhiebe verſetzte. Wir Fiacrekutſcher nehmen niemals nicht Geld davor, wenn wir'n Freiwilligen fahren. Es muß ein Jeder, ſo viel er kann, für's Vaterland thun. Sie ſind mir alſo blos vier Groſchen ſchuldig! Hier ſind ſie, ſagte Leonore, dem Kutſcher das Geld darreichend, und ſchönſten Dank dazu. Sie haben mir gar niſcht zu danken, ſagte der Kutſcher mürriſch, denn Sie ſehen's ja, Mädchens fahr' ich nicht umſonſt. Man blos Freiwillige! Morgen wird er mich auch umſonſt fahren, ſagte Leonore, indem ſie dem davon rollenden Fiacre nachſchauete. Morgen bin ich kein Mädchen mehr! Denn jetzt gehe ich, um von meinem Mädchenthum und meiner Vergangenheit den letzten Abſchied zu nehmen! Und mit entſchloſſenen Schritten ging ſie über den Gensd'armen⸗ markt nach der Jägerſtraße dahin. Ich muß meinem Herrn Pathen doch ſagen, daß ich ſeinen Vor⸗ ſchlag nicht annehmen kann, ſagte ſie zu ſich ſelber, denn wenn ich das ——— ——————————————————— nicht thi ſchreiben, ihr die ers aber Niemand Por meiſter n mit Mih Hauſes h heftetes) „Hier n getauſe Ein Haus eir ſtube ihr genauer welches Bel nung de Leo ihn ihre Uh Kaſten b Kind) und zu hülfteich Stunde Ne Blick a ihm her He nir m bloz i nd Du haſt itzunehmen. einhüllend, nſtraße zu⸗ nauftragen. alſo, was ſagte der aubenſtraße ieder lange im Wagen, liebkoſende nicht Geld der, ſo viel er Groſchen darreichend, Man blos wore, indem in ich ken tidchenthum nod umen⸗ ſinen Vot⸗ venn ich dos 349 nicht thäte, ſo würde er vielleicht noch einmal an mich nach Potsdam ſchreiben, und dann erführe die Mutter dadurch vor der Zeit, daß ich ihr die Unwahrheit geſagt und nicht beim Herrn Pathen bin. Weiß er's aber, daß ich nicht kommen kann, ſo ſchreibt er nicht wieder und Niemand erfährt dann etwas von meinem Vorhaben. Vor dem Hauſe in der Jägerſtraße 25, wo der Kaufmann Werk⸗ meiſter wohnte, fand heute ein ungewöhnliches Gedränge ſtatt. Nur mit Mühe konnte Leonore ſich durch die Menge bis zu der Thür des Hauſes hindurchwinden. An dieſer bemerkte ſie jetzt ein großes ange⸗ heftetes Plakat, auf welchem mit rieſengroßen Buchſtaben gedruckt ſtand: „Hier werden die goldenen Trauringe gegen eiſerne um⸗ getauſcht.“ Etwas erſtaunt über dieſe ſeltſame Inſchrift trat Leonore in das Haus ein und ſchritt über den Flur zu der offenen Thür der Wohn⸗ ſtube ihres Pathen hin. Herr Rudolf Werkmeiſter befand ſich in derſelben, und ohne ſie genauer anzuſehen, näherte er ſich ihr und hielt ihr ein Käſtchen dar, welches eine Menge hellblinkender Ringe enthielt. Beliebt es Ihnen auszuwählen und den goldenen hier in die Oeff⸗ nung der verſchloſſenen Büchſe zu ſtecken, ſagte er. Leonore ſah ihn lächelnd an. Ich bin es, Herr Pathe, ſagte ſie, ihm ihre Hand darreichend. Ah Du, Leonore Prohaska, rief Herr Werkmeiſter, eilig ſeinen Kaſten bei Seite ſetzend. Du haſt alſo meinen Brief erhalten, mein Kind? Du haſt Dich endlich entſchloſſen, meinen Wunſch zu erfüllen und zu mir zu ziehen und meiner Frau im Geſchäft und im Hauſe hülfreiche Hand zu leiſten? Nun, Du konnteſt zu keiner gelegeneren Stunde kommen, als eben jetzt, und darum ſei von Herzen willkommen. Leonore heftete ihre großen dunkeln Augen mit einem traurigen Blick auf das gute, freundliche Antlitz des Kaufmanns, und dicht zu ihm herantretend legte ſie ihre beiden Hände auf ſeine Schulter. Herr Pathe, lieber Herr Pathe, ſagte ſie tiefbewegt, ſeien Sie mir nur nicht böſe und denken Sie nicht ſchlecht von mir, weil ich blos komme, um zu ſagen: ich kann nicht! Gewiß, ich kann Ihren 350 Vorſchlag nicht annehmen! Fragen Sie mich auch nicht weiter, warum ich nicht kann. Ich darf's Ihnen nicht ſagen, aber ich weiß, daß, wenn Sie eines Tages meinen Grund erfahren, Sie mir doch Recht geben werden. Ich bin gewiß kein undankbares und ſchlechtes Mäd⸗ chen, aber ich kann nicht, lieber Herr Werkmeiſter, ich kann nicht zu Ihnen kommen! Ich habe größere und heiligere Pflichten zu erfüllen, Pflichten, zu denen Gott ſelber mich gerufen hat! Das heißt, mein Kind, Du willſt Deine armen, alten Aeltern nicht verlaſſen? ſagte Herr Werkmeiſter gerührt. Willſt lieber bei ihnen bleiben in ihrem dunklen, kleinen Häuschen, und das trockene Schwarzbrod des Invaliden eſſen, als es Dir wohlgehen laſſen in der Fremde und in dem großen, ſchönen Berlin? Haſt vielleicht Recht, mein Kind. Biſt Deiner Aeltern einziges Glück und es war vielleicht egoiſtiſch von mir, Dich ihnen rauben zu wollen. Aber ich dachte da⸗ bei mehr an Dich und wünſchte Deiner Jugend ein beſſeres und ver⸗ gnügteres Loos zu bereiten. Aber Jeder muß die Wege wandeln, die Gott und ſein Gewiſſen ihm vorgezeichnet. Ja, rief Leonore begeiſtert, Sie haben Recht! Jeder muß die Wege wandeln, die Gott und ſein Gewiſſen ihm vorzeichnet. Und ſo laſſen Sie mich auch meinen Weg wandeln, und möge Gott mich auf demſelben begleiten! Sie zürnen mir alſo nicht, Herr Pathe? Sie ſind nicht böſe? Nein? Nun, Gott ſei Dank! Nun geben Sie mir Ihre Hand und, Herr Pathe, einen recht herzlichen Kuß zum Abſchied! Sie ſchlang ihre Arme um des alten Mannes Nacken und küßte ihn zärtlich. Aber Du willſt doch nicht ſchon wieder gehen? fragte Herr Werk⸗ meiſter erſtaunt. Haſt noch nicht einmal meine kranke Frau beſucht und ſprichſt ſchon vom Abſchiednehmen? Ich muß, Herr Pathe, muß fort. Habe noch vielerlei heute zu beſorgen und will zur Nacht noch wieder fort. Aber Eins bitte ich mir noch zu ſagen. Was bedeutet denn die Inſchrift an Ihrer Thür und warum ſtehen die vielen Menſchen hier außen? Sie leſen das Plakat, das ich angeklebt habe, ſagte Herr Werk⸗ neiſtet. E gehen liß. Und Ich h Bräute, m als ein An tauſend eiſ Gouvernem goldenen T wung in de ringe ung Sie ſindr die Fomd inwendig d Oh, d gereichten fortun alle ſein, undk dieſe eiſern geloben A liſche! ting habe henn woh Sie mich und geben „Gold zal im gli 6 Die wohl Clen armlich, tet, warum weiß, daß, doch Recht chtes Mäd⸗ inn nicht zu zu erfüllen, lten Aeltern liebet bei das trockene n laſſen in lleicht Recht, ar vielleicht dachte da⸗ und er⸗ vandeln, die er mß die et. Und ſo ott mich auf e Sie ſind e mir Ihre und lüßte Her Ver⸗ Frau beſucht rlei heute * zins bite ¹0 gun Lhir her Werk⸗ meiſter. Sie leſen die Aufforderung, die ich an alle Patrioten er⸗ gehen ließ. Und wozu haben Sie denn aufgefordert, Herr Pathe? Ich habe alle Familien aufgefordert, insbeſondere alle Frauen und Bräute, mir ihre goldenen Trauringe zu bringen und dafür von mir als ein Andenken dieſer Zeit eiſerne zu empfangen. Ich habe zehn⸗ tauſend eiſerne Ringe anfertigen laſſen und das königliche Militair⸗ Gouvernement hat meinen Plan gebilligt und mir die Sammlung der goldenen Trauringe übertragen. Heute Morgen hat meine Aufforde⸗ rung in der Zeitung geſtanden, und ſchon ſind mehr als dreißig Trau⸗ ringe umgetauſcht worden. Sieh nur, da ſind die eiſernen Ringe. Sie ſind recht ſauber und glänzend, nicht wahr? Ich gab ihnen ganz die Form der echten Trauringe, und nur ſtatt der Namen tragen ſie inwendig die Deviſe:„Gold gab ich für Eiſen, 1813.“ Lies nur! Oh, das iſt eine ſchöne und ſinnige Idee, rief Leonore, den dar⸗ gereichten eiſernen Ring betrachtend. Solch ein eiſerner Ring wird fortan allen Frauen und Bräuten der ſchönſte und herrlichſte Schmuck ſein, und kein Gold wird ſo köſtlich glänzen und ſo werthvoll ſein wie dieſe eiſernen Ringe, mit welchen die Frauen dem Vaterland ihre Liebe geloben! Ach, lieber Herr Pathe, ich möchte Sie noch Eins bitten zum Abſchied! Ich bin keine Frau und keine Braut, habe alſo keinen Trau⸗ ring, habe kein Gold zu geben. Habe nur mein Herz, und in dieſem Herzen wohnt keine andere Liebe, als die Liebe zum Vaterland. Laſſen Sie mich alſo mein Herz dem Vaterland ſtatt des Goldes anbieten und geben Sie mir dafür den eiſernen Ring mit der ſchönen Deviſe: „Gold gab ich für Eiſen, 1813.“ Da haſt Du einen Ring, mein Kind, Dein Herz iſt lauteres Gold, möge es ſo bleiben, dann haſt Du Deinen Ring verdient! Er ſteckte ihr einen Ring an den Finger und ſie dankte ihm mit einem glücklichen Lächeln. Und jetzt will ich gehen, lieber Herr Pathe, ſagte Leonore. Leben Sie wohl und behalten Sie mich ein bischen lieb! Und— Eben trat eine Frau in die offene Thür. Ihr Anzug war ärmlich, ihr Geſicht bleich und eingefallen, aber ihre Augen leuch⸗ 352 teten inen edlen, ſchönen Feuer, und mit entſchloſſenen Schritten nignn in Anen trat ſie ein.. * jteudige Hingabe Hier werden die Trauringe umgetauſcht? fragte ſie. u ih wi Ja, hier. 5 e und ftohlockend; Sie zog mit einer raſchen Bewegung zwei Trauringe von ihrem uc ju, 6 „fort, Car Finger und reichte ſie Herrn Werkmeiſter dar. den Soldaten, d Nehmen Sie, ſagte ſie. Der eine Ring gehört mir, den andern zog ich vom Finger meines lieben Mannes, als er eben geſtorben war. Seitdem ſind zehn Jahr vergangen, ich hab' die beiden Ringe immer getragen, und wenn ich auch oft in Noth und Verlegenheit war, nie⸗ mals konnte ich mich von meinem einzigen Schmuck und Schatz trennen. Heute thue ich's mit Freuden! Geben Sie mir meine eiſernen Ringe! Sie nahm die dargereichten Ringe und ſteckte ſe an ihren Finger. Leben Sie wohl, mein Herr, ſagte ſie. Dieſe Ringe werden das Erb⸗ theil meiner Tochter ſein, und ich weiß, ſie wird ſich deſſen freuen! Sie hatte noch nicht die Schwelle überſchritten, als abermals eine Frau auf derſelben erſchien und dann wieder eine und noch eine und immer andere folgten nach. Die Zeitungen, welche die Aufforderung 1 enthielten, waren jetzt allmälig in der ganzen Stadt geleſen worden, und alle Frauem beeilten ſich ihr nachzukommen und ihre Trauringe niederzulegen auf den Altar des Vaterlandes. 1 Leonore ſtand wie gefeſſelt von der ſchönen und herzerquickenden Vider uus 4 Scene. Mit glückſtrahlenden Blicken ſchaute ſie die Frauen an, welche in ud Jubeln Pit einem von ihrem Pathe der Thüt wich v Ehrfurht vrr di für das Vaterlan Kanore gin und ſchaute den Gold gab i ihre dunklen Au Auch ich bi handes Pird Nur eine Kugel die Braut des Sterben! kamen, mit freudigem Stolz für den goldenen Ring den eiſernen em⸗ ufgeſchrect. 6 4 pfingen, dieſe jungen Mädchen, welche erröthend und mit Thränen Ulls rief, jubel in den Augen, das erſte Liebespfand ihrer Verlobten dahin gaben für von Glüc, Ae das Vaterland, dieſe alten Mütterchen, die zitternd daher ſchwankten, Vas iſps um den abgetragenen Reifen, die letzte goldene Erinnerung an die gol⸗ Und hunde denen Tage ihrer Jugend, gegen den eiſernen Ring umzutauſchen.*) nntt den Pruuße — Thränen der Rührung floſſen aus Levnorens Augen nieder. Sie gericht hat ihn hätte alle dieſe Frauen an ihre Bruſt drücken, ſie hätte ihnen danken Hurh! „ *) Schon an dem erſten Tage, als die Aufforderung erſchienen war, wur⸗ 4 3) An1 den gegen zweihundert Trauringe gegen eiſerne umgetauſcht. Siehe Beitzke I. j n I7. C inz 9 in B i erl . nihlh z en Schritten ge von ihrem „den andern torben war. Ringe immer heit war, nie⸗ Schatz trennen. ſernen Ringel ihren Finger. den das Erb⸗ ſſen freuen! gbermals eine noch eine und eAufforderung geleſen worden, ihre Trauringe erzerguickenden nen an, welche neiſernen en⸗ nit Thrinen ahin gaben f her ſiu ür ung an die 6 unitanſche. zeder. Sie en niedel.— te ihnen danken 1 353 mögen im Namen des Vaterlandes für ihren ſchönen Patriotismus, ihre freudige Hingabe. Auch ich will dem Vaterlande meine Liebe beweiſen, ſagte ſie leiſe und frohlockend zu ſich ſelber. Auch ich will mein Opfer darbringen! Fort, fort, Caroline erwartet mich! Ich muß die Waffen kaufen für den Soldaten, den ich dem Vaterlande ſtellen will! Mit einem ſtummen Händedruck, einem letzten Liebesblick nahm ſie von ihrem Pathen Abſchied und ging von dannen. Die Menge vor der Thür wich vor ihr aus und ließ ſie hindurch, vor unwillkührlicher Ehrfurcht vor dieſen Frauen, welche heimgingen von ihrem Opferdienſt für das Vaterland. Leonore ging ſinnend weiter. Einmal hob ſie die Hand empor und ſchaute den eiſernen Ring an, der an ihrem Finger blitzte. Gold gab ich für Eiſen! ſagte ſie leiſe. Dann hob ſie langſam ihre dunklen Augen zum Himmel empor. Auch ich bin jetzt eine Braut, ſagte ſie, die Braut des Vater⸗ landes! Wird es mir für das Gold meiner Liebe nur Eiſen geben? Nur eine Kugel oder einen Schwertſtreich? Nun immerhin! Ich bin die Braut des Vaterlandes! Ihm gehört mein Leben, ihm gehört mein Sterben! Wieder aus ihrem Sinnen und Denken ward ſie durch lautes Ru⸗ fen und Jubeln, das plötzlich vom Gensd'armenmarkt her erſchallte, aufgeſchreckt. Eine ungeheure Menge Volks war dort verſammelt, und Alles rief, jubelte und ſchrie durcheinander, Aller Angeſichter ſtrahlten von Glück, Aller Augen waren feucht von Thränen. Was iſt's? Was giebt's? fragte man hier und dort. Und hundert jubelnde Stimmen antworteten: General York kommt mit den Preußen! Der König hat York wieder anerkannt! Das Kriegs⸗ gericht hat ihn für ſchuldlos erklärt!*) Hurrah! Hurrah! Es lebe der tapfere General York! rief und — *) Am 17. März 1813 hielt York mit den preußiſchen Truppen ſeinen Einzug in Berlin und ward von der Bevölkerung mit unendlichem Jubel und wahrhafter Begeiſterung empfangen. Mühlbach, Napoleon. II. Bd. 23 jubelte die Menge. York war der Erſte, der den Muth hatte, den Franzoſen zu trotzen! Es lebe York! York kommt nach Berlin! riefen und jauchzten neue Schaaren, die aus den angrenzenden Straßen auf den großen Platz ſtrömten. York ſteht mit den Preußen vor dem Königsthor, und morgen früh wird er ſeinen feierlichen Einzug in Berlin halten! Hurrah! Hurrah! Es lebe der tapfere York! Ganz Berlin wird ihm morgen entgegenziehen! Ganz Berlin wird morgen dem tapferen General entgegenjauchzen, der zuerſt das Schwert ergriff gegen die Franzoſen! Hurrah! Hurrah! Morgen zieht York in Berlin ein! Die neue Zeit bricht an! Der neue Tag beginnt für Preußen! Ja, der neue Tag beginnt für Preußen! rief Leonore glühend. Wir ſind lange in der Dunkelheit und Trauer dahingegangen. Aber jetzt tagt der Morgen, der goldene Morgen der Freiheit. Jetzt wollen wir wieder kühn unſere Häupter erheben. Das Vaterland hat uns gerufen, und wir Alle, Alle haben den Ruf vernommen, und ſind freudig bereit zu kämpfen, zu ſiegen und zu ſterben für das Vaterland! Heil dem tapferen York! Heil uns Allen, denn die Zeit der Knecht⸗ ſchaft iſt vorüber! Aus dem Staube werden wir uns erheben, und die Deutſchen werden ſich jetzt wieder das heilige Recht erobern, Deutſche zu ſein! Nun auf, mein Herz, und ſei froh! Ich bin kein Mädchen mehr, ich bin ein Lützow'ſcher Jägersmann, und morgen ziehe ich nach Breslau hin, um dem Corps der Rache einen neuen Krieger zu bringen! Lebe wohl, Leonore Prohaska, lebe wohl! Jetzt biſt Du ein Mann und männlich froh und ſtark ſoll Deine Seele ſein! Es lebe das Vaterland! . hatte, den Schaaren, die trömten. York n früh wird er nz Berlin wird n dem tapferen grif gegen die merlin ein! Die en! onore glühend. gangen. Aber Jetzt wollen erland hat uns men, und ſind das Vaterland! n kein Mädchen nziehe ich nach nnen er zu bringen! eger zu bring Du ein Mann s lebe das — * — ₰ — 3 . Srey Sornrol Shari Sreen vellow Red Magenta v.