Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Ceih- und geſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgen 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen 2. Lesepreis. Bei Nuckg abe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mt Pf 2 4 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung ücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen 6. Schadenersatz. 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Napoleons Abreiſevon Dresden Zweites Buch. Das Ende des Zahres 1812. Die Verſchwornen auf Helgoland Die europäiſche Verſchwörung 0 III. Gebhard Leberecht Blücher.. W Mecleiburgiſche Jugenderinnerungen Gute Nachrichten S bnnn W Drittes Buch. Der Staatskanzler von Pardenberg. bfall des Generals Nort III. Die Warnung. 197 V. Die Somnambule VI. Eine Abenteurerin VII. Die beiden Diplomaten VIII. Das Attentat IX. Der heimkehrende Courier Viertes Buch. Die Freiwilligen. I. Der Aufruf an die Freiwilligen. II. Eleonore Prohaska III. Johanna von Orleans. IV. Die Nationalrepräſentanten Fünftes Buch. Brieg und Waffenftillſtand. I. Theodor Körner. 5 II. Der heldenmüthige Sen III. Der Obergeneral der ſchleſiſchen emee IV. Der Ball im Rathhausſaal zu Breslau V. Die Ernennung VI. Nach der Schlacht bei Betin VII. Hiobspoſten VIII. Die Verräther. IX. Napoleon und Metternich. Sechstes Buch. Die Befreiung Beutſchlands. I. An der Katzbach II. Die Mir's und die Wich's III. Die Empörung der Generäle. IV. Die Schlacht bei Leipzig V. Der neunzehnte October Siebentes Buch. Hannibal ante portas. I. Blüchers Geburtstag II. Der Uebergang über den Rhein III. Napoleons Neujahrstag. IV. Der König von Rom V. Joſephine VI. Hannibal ante portas VII. Madame Lätitia 297 309 318 336 357 371 381 391 406 416 428 442 449 465 474 483 496 511 537 547 560 572 585 594 Achtes . 2 .2 .) Achtes Buch. Die Einnahmt von Paris. I. Die Schlacht bei La Rothière II. Die kranken Augen III. Nach Paris IV. Abreiſe Marie Louiſens. V. Die Einnahme von Paris. VI. Nacht und Morgen vor Paris VII. Napoleon in Fontainebleau VII. Eine Seele im Fegefeuer Erſtes Buch. Uapolron in Dresden. 3 Mihlbach, Napoleon. II. Bd. Es war war ungl aber der ſeine duft hoffnunge ſungen d und blüh Wilhelm Trmerſch In lickliche noch an war Cho Jetz Luuiſe— Ihr heit nie ihre uur ſir — ſn als dich In ein M der Sar Sarg, . Friedrich Wilhelm und Hardenberg. Es war ein ſchöner warmer Maitag des Jahres 1812. Die Welt war unglücklich und ſeufzte unter dem Druck Napoleoniſcher Tyrannei, aber der Himmel war heiter, und ſandte ſeinen lachenden Frühling und ſeine duftenden Blumen als ſüßen Troſt auch dem ſo traurigen und hoffnungsloſen Jahre 1812. Ueberall grünte und blühte es, überall ſangen die Vögel, dufteten die Blumen, auch in Charlottenburg ſangen und blühten ſie, in dieſem Charlottenburg, das der König Friedrich Wilhelm ſonſt ſo gern ſein„Luſtſchloß“ genannt, und das ihm nun ſein Trauerſchloß geworden. In Charlottenburg hatte Friedrich Wilhelm ſo viele ſchöne und glückliche Frühlingstage mit der Königin Louiſe verlebt, und als ſie noch an ſeiner Seite in dieſem glänzenden Sommerſchloß geweilt, da war Charlottenburg in Wahrheit ein Luſtſchloß geweſen! Jetzt war ſie auch in Charlottenburg, die edle und ſchöne Königin Louiſe,— aber der König fühlte nur ihre Nähe, er ſah ſie nicht mehr. Ihr heiterer Scherz, ihr liebliches Lachen waren ebenſo verklungen, wie ihre Klagen und ihre Schmerzensſeufzer; ihr ſtrahlendes Auge war für immer geſchloſſen, ihr lieblicher Mund für immer verſtummt, — ſie weilte noch neben dem König in Charlottenburg, aber nur als Leiche. Im Garten von Charlottenburg hatte der König für ſeine Louiſe ein Mauſoleum erbauen laſſen. Dort in dem einſamen Gewölbe ſtand der Sarg der Königin, aber neben ihm war noch Platz für einen zweiten Sarg,— neben ſeiner Louiſe wollte der König einſt ruhen⸗ —————— 4 Seit die Leiche der Königin in das Mauſoleum in Charlottenburg eingezogen war, ſeit dieſem Tage der Schmerzen und der Thränen nannte der König Charlottenburg nicht mehr ſein„Luſtſchloß“. Es war ihm ein Trauerſchloß, in welchem all ſein Glück, ſeine Liebe, ſeine Freude begraben war. Aber dennoch weilte er gern in Charlottenburg, denn es war ihm, als fühle er dort, wo ihre irdiſche Hülle ruhte, auch dem Geiſt der Verklärten ſich näher, als höre und verſtände er hier beſſer, was ſie in ſtillen und heiligen Nächten in ſeine Seele flüſtere von Troſt und von einſtigem Wiederſehen. Nur in dem großen, glänzenden Schloß, in welchem Friedrich Wilhelm ſonſt bei jedem neuen Frühling einige Wochen mit ſeiner Louiſe gewohnt, nur dort mochte der einſame König jetzt nicht mehr wohnen. Zur Seite des Schloſſes hatte er ſich daher eine kleine Woh⸗ nung anbauen laſſen, einen Wittwenſitz für ſein heimgegangenes Glück. In dieſe kleine einfache und ſtille Wohnung zog ſich der König zurück mit ſeinem trauernden, belaſteten Menſchenherzen, und hier verlebte er jetzt ſchon den zweiten einſamen Frühling. Zwei Jahre faſt waren vergangen ſeit dem Tode der Königin, aber der Schmerz in dem Herzen Friedrich Wilhelms war noch nicht verſtummt, nur war er milder geworden, und der König hatte gelernt, was das Schickſal jeden Sterblichen lehrt, er hatte gelernt, zu reſigniren. Ja, die Reſignation war in dieſen ſchlimmen und traurigen Tagen das Einzige, was dem unglücklichen König von Preußen geblieben war. Und er hatte reſignirt, reſignirt auf das Glück, auf die Liebe, auf die Größe und Hoheit, auf die königliche Selbſtſtändigkeit ſogar! Freilich hieß er noch immer König von Preußen, aber er war doch nur ein machtloſer, willenloſer König, ſein Haupt und ſein Arm mußten ſich beugen unter den deſpotiſchen Willen Napoleons, und nur der Schein der Größe, kaum auch dieſer noch, war dem unglücklichen König Friedrich Wilhelm geblieben. Die Tage von Tilſit hatten noch nicht genug der Schmach und der Demüthigung gebracht, immer neue hatte der Kaiſer der Franzoſen der alten hinzugefügt, immer höher hatten ſich ſeine Forderungen geſteigert, immer rückſichtsloſer hatte ſein Machtwille ſich geäußert. Frie gegenüber Schwert Der Wittwen zuſammer ihm, den gegenübe Frei gekümpft unter de Widerſa Franzoſe Rußland Es forderte, und in Friedrich Priufen Abe Prufen nittelba vemichte Hoffmn werden. eigenen wenn es längſ v dülfehe Fr welches mit de rlottenburz er Thränen hloß“ Es Liebe, ſeine rlottenburg, ruhte, auch eele flüſtere n Friedrich mit ſeiner nicht mehr leine Woh⸗ önig zurück verlebte er r Königin, noch nicht tte gelernt, eſigniren. igen Tagen lieben war. be, auf die ich und del nzoſen del ngeſteigert, Friedrich Wilhelm blieb, ſolchen immer geſteigerten Forderungen gegenüber, nur die Wahl: entweder ſich zu unterwerfen,— oder zum Schwert zu greifen! Der König ſchaute auf ſein unglückliches Land, auf die vielen Wittwen und Waiſen, die der Krieg ſchon gekoſtet, auf ſeine kleine, zuſammengeſchmolzene Armee, auf die mangelhaften Hülfsquellen, die ihm, den ungeheuren Hülfsquellen Napoleons und ſeiner großen Armee gegenüber, zu Gebote ſtanden, und— der König unterwarf ſich. Freilich hatte er lange gezaudert, lange mit ſeinem eigenen Herzen gekämpft, ehe er ihm dies Opfer abgerungen. Denn die Unterwerfung unter den Willen Napoleons ſollte Friedrich Wilhelm zum Feind und Widerſacher des Kaiſers Alexander machen, und mit dem Kaiſer der Franzoſen vereint, ſollte der König von Preußen gegen den Kaiſer von Rußland ſich waffnen. Es war ein ungeheures Opfer, welches das Schickſal von ihm forderte, denn Friedrich Wilhelm ſollte den Freund dem Feinde opfern, und in demſelben Augenblick ſogar, wo Alexander ſeinem Freunde Friedrich Wilhelm die Hand zu neuem Bunde dargeboten, wo er mit Preußen und England ein Schutz⸗ und Trutzbündniß abſchließen wollte! Aber das Schutz⸗ und Trutzbündniß des fernen Rußlands konnte Preußen nicht ſtärken gegen das nahe Frankreich, deſſen Heere un⸗ mittelbar an ſeinen Grenzen lagerten. Die Gefahr, von Napoleon vernichtet, zertreten und zerbrochen zu werden, lag viel näher als die Hoffnung, von Rußland unterſtützt, wieder aufgerichtet, und befreit zu werden. Rußland hatte vorläufig genug mit ſich ſelbſt und ſeiner eigenen Sicherheit zu thun, Rußland konnte Frankreich nicht hindern, wenn es ihm Ernſt war Preußen zu vernichten, und die Krone konnte längſt von dem Haupt Friedrich Wilhelms gefallen ſein, ehe ein ruſſiſches Hülfsheer die Grenze Preußens überſchritten hatte. Friedrich Wilhelm unterwarf ſich alſo, und nahm das Bündniß an, welches Frankreich mit der einen Hand Preußen anbot, während es mit der andern Hand ihm drohte. Am 24. Februar 1812 hatte der König den neuen Allianztraktat mit Frankreich unterzeichnet, und Preußen war demzufolge jetzt der Bundesgenoſſe Frankreichs geworden, Preußen hatte, wie der erſte Artikel des neuen Allianztraktats feſtſtellte,„ſich mit Frankreich zu einer Defenſiv⸗Allianz vereinigt gegen jede europäiſche Macht, mit welcher eine oder die andere der beiden verbündeten Mächte in Krieg gerathen würde.“*) Napoleon, der Mann, der das Herz der Königin Louiſe gebrochen, war jetzt der Freund und der Bundesgenoſſe des Königs Friedrich Wilhelm, und die Feinde Frankreichs ſollten jetzt auch die Feinde Preußens ſein! Daran dachte der König, als er heute, an einem der erſten Tage des Mai, einſam und gedankenvoll in ſeinem kleinen Hauſe in Char⸗ lottenburg verweilte. Es war noch früh am Morgen, der König aber war ſchon lange wach, und hatte ſchon lange gearbeitet. Jetzt hatte er ſich einen Mo⸗ ment der Erholung und der Einkehr in ſich ſelber gegönnt. Sanft zurückgelehnt in den Fauteuil, die beiden Arme auf die Seitenlehnen aufgelegt, ſchaute der König mit ernſtem ſinnendem Blick durch die ge⸗ öffneten Glasthüren ſeines Gemachs hinaus in das duftige Grün ſeines Gartens und empor zu dem blauen ſtrahlenden Himmel. Aber dieſe Ruhe und Behaglichkeit ſollte nicht lange dauern, hinter dem König öffnete ſich die Thür des kleinen Vorzimmers und der ein⸗ tretende Kammerdiener meldete Se. Excellenz den Herrn Staatskanzler Miniſter von Hardenberg. Eintreten! befahl der König raſch und kurz, und erhob ſich von ſeinem Lehnſtuhl, den ernſten, noch düſterer gewordenen Blick nach der Thür hingewandt, auf welcher ſo eben die elegante, etwas übervolle Geſtalt des Staatskanzlers erſchienen war. Hardenberg verneigte ſich ehrfurchtsvoll, dann, als er das Haupt wieder emporhob, begegnete ſein Auge den Blicken des Königs, die feſt auf ihn gerichtet waren. Hardenberg's feines edles Antlitz war heiter, lächelnd und freund⸗ *) Siehe: Mémoires d'un homme d'état. XI. 325. lih wie guch wie Sch Kommen Nich unverwi in einer müchte, j Vor Abſonder und dam uf ſein Hm unſicher Ein Bürger Ne ett ſch halten ſ derungö von Zw wollte ie einen C De in Fült Vo überraſe den Kai Wuiſe das Zi wolle n nehmen lärt, e Haupt ie feſt reund⸗ — 0 lich wie immer,— des Königs Antlitz ernſt, gedankenvoll und traurig, auch wie immer. Schlimme Nachrichten, nicht wahr? fragte der König kurz und raſch. Kommen ſo früh, muß was Beſonderes paſſirt ſein, nicht? Nichts Beſonderes, Ew. Majeſtät, ſagte Hardenberg mit ſeinem unverwüſtlichen Lächeln. Aber wir befinden uns freilich fortwährend in einer beſondern Lage, ſo daß Alles, was ſonſt auffallend erſcheinen möchte, jetzt nur noch das Gewöhnliche iſt. Vorrede! ſagte Friedrich Wilhelm nachdenklich. Haben alſo etwas Abſonderliches zu ſagen. Sprechen Sie! Was giebt's? Platz nehmen, und dann reden! Der König deutete auf einen Stuhl hin, und nahm dann wieder auf ſeinem Fauteuil Platz. Hardenberg ſetzte ſich, und blickte einen Moment faſt befangen und unſicher vor ſich nieder. Etwas in Berlin paſſirt? fragte der König. Krawall zwiſchen den Bürgern und den Herren Franzoſen? Nein, Ew. Majeſtät, ſagte Hardenberg, auf deſſen feinen Lippen jetzt ſchon wieder ſein gewohntes Lächeln thronte. Die Berliner ver⸗ halten ſich ganz ruhig und gelaſſen, und ertragen mit einer bewun⸗ derungswürdigen Geduld den Uebermuth der Franzoſen. Ich habe nichts von Zwiſtigkeiten, überhaupt nichts von Bedentung zu berichten, nur wollte ich Ew. Majeſtät vermelden, daß ich geſtern Abend ſpät noch einen Courier aus Dresden erhalten habe. Der König zuckte leicht zuſammen und ſeine Stirn zog ſich düſterer in Falten. Von wem? fragte er tonlos. Von unſerm Geſandten, erwiederte Hardenberg leichthin. Es ſind überraſchende Nachrichten in Dresden angelangt. Man erwartet dort den Kaiſer Napoleon. Er hat am 9. Mai mit der Kaiſerin Marie Louiſe St. Cloud verlaſſen, ohne daß irgend Jemand die Abſicht und das Ziel der kaiſerlichen Reiſe kannte. Jedermann glaubte, der Kaiſer wolle mit ſeiner Gemahlin nur eine kleine Luſtreiſe bis Mainz unter⸗ nehmen, aber plötzlich hat der Kaiſer in Mainz ſeiner Umgebung er⸗ klärt, er ziehe zu einem neuen Kriege aus, und werde ſeine Gemahlin nur bis Dresden begleiten, woſelbſt auch die Majeſtäten von Oeſterreich ſich einfinden ſollten. Couriere ſind von Mainz aus nach Wien, nach Dresden, an den König Jerome und an alle Marſchälle und Generäle abgefertigt worden. Ueberall haben die Heerescolonnen ſich in Bewe⸗ gung geſetzt und ziehen von allen Seiten nach Dresden hin. Napoleon iſt es abermals, wie ſchon ſo oft, gelungen, ſeine Pläne bis auf den letzten Moment geheim zu halten, und die ganze Welt erſt in dem Augenblick über ſein Wollen aufzuklären, wo ſeine Pläne ſich in Thaten umſetzen. Ja, rief der König mit dem tiefen Ton des Zorns und des Haſſes, ja, er trägt ſo lange eine freundliche, gleißneriſche Maske, er heuchelt ſo lange Freundſchaft und Friedfertigkeit, bis er Diejenigen, die er bethören will, ins Garn gelockt hat, dann aber läßt er die Maske fallen und zeigt ſein übermüthiges, ehrgeiziges, von Leidenſchaften durchflammtes wahres Angeſicht. Er hat ſo lange mit uns geliebäugelt, und ſchön gethan, und Freundſchaftsverſprechungen gemacht, bis wir den Allianztraktat unterzeichnet haben, jetzt aber wird er die Erfüllung der eingegangenen Verpflichtungen fordern. Er beginnt einen neuen Krieg und kraft des erſten Artikels unſers Traktats muß ich ihm dazu ein Contingent von zwanzigtauſend Mann und ſechzig Kanonen ſtellen! Ja, Ew. Majeſtät, ſo iſt es, ſagte Hardenberg gelaſſen. Der neue franzöſiſche Gouverneur von Berlin, General Durutte, war heute morgen ſchon bei mir und verlangte im Namen ſeines Kaiſers den ſo⸗ fortigen Aufbruch der preußiſchen Bundestruppen. Bundestruppen! rief der König zürnend. Der preußiſchen Schlacht⸗ opfer, hätte er ſagen ſollen, denn was werden meine armen unglück⸗ lichen Soldaten denn anders ſein als die unglücklichen Schlachtopfer ſeines Ehrgeizes, ſeiner nie geſättigten Ländergier? Er wird ſie in den Tod jagen, damit ſie ihm aus den Flammen, die jetzt das Glück der ganzen Welt verwüſten, irgend einen glänzenden Fetzen blutigen Landes, einen prunkenden neuen Fürſtentitel heraus retten, gleichviel ob die tapfern Soldaten dabei verbrennen und zu Grunde gehen. Ja, ſagte Hardenberg feierlich, ſein Weg geht über Leichen und durch Blutbäche, aber die Rache Gottes und der Menſchen wird ihn doch ein ſchon au Alſt lich, ge Jo, der Vel unterſtar wollen, Pläne u Schictſal Alexand ſich beth Prufen Cdelſtin Nic der Sch bewihrt nigſten hintet d und die zululln, beſchwic bis er Vuffen J0 heb Kicehr unter de vertraut habe es die Su Seit; gegen 2 ſie dieſ etreich „nach neräle Bewe⸗ poleon uf den dem haten d des ke, er enigen, Maske chaften äugelt, is wir füllung neuen dazu ſtellen! r neue heute den ſo⸗ chlacht⸗ nglüc⸗ htopfer in den ück der Landes, ob die hen und ird ihn 9 doch eines Tages zu finden wiſſen, und wer weiß, ob ſie ihn jetzt nicht ſchon auf dieſem abenteuerlichen ruſſiſchen Feldzug ereilt. Alſo meine böſen Ahnungen erfüllen ſich, ſeufzte der König ſchmerz⸗ lich, gegen Rußland richtet ſich der Kriegszug? Ja, gegen Rußland, ſagte Hardenberg ſpöttiſch, der Beherrſcher der Welt gedenkt auch Rußland zu zertreten, blos weil Rußland ſich unterſtanden hat, noch eine unabhängige ſelbſtſtändige Macht bleiben zu wollen, und weil Kaiſer Alexander ſo kühn war, die Realiſirung der Pläne und Verſprechungen von Tilſit und Erfurt zu begehren. Das Schickſal iſt zuletzt doch immer gerecht, Majeſtät. Es ſtraft den Kaiſer Alerander, daß er von Napoleons Schmeicheleien und Verſprechungen ſich bethören ließ, und die Gebietsvergrößerungen, die er auf Koſten Preußens ſich von Napoleon in Tilſit ſchenken ließ, werden nicht als Edelſteine in ſeiner Krone glänzen. Nichts gegen Alerander! rief der König gebieteriſch. Wie auch der Schein gegen ihn ſprechen mag, er hat ſich mir immer als Freund bewährt, und vielleicht gerade damals am meiſten, als wir es am we⸗ nigſten vermutheten. Sein kluger Blick ſchaute in die Zukunft, und hinter den Wolken, die unſern Horizont trübten, glaubte er das Licht und die Rettung zu ſehen. Er gab nach, um Napoleon in Schlaf ein⸗ zulullen, er zeigte ſich entzückt und hingeriſſen, um Napoleon von ſeiner Anhänglichkeit und Ergebenheit zu überzeugen, und ſein Mißtrauen zu beſchwichtigen. Er wollte ſo lange für den Freund Napoleons gelten, bis er ſich gerüſtet und ſtark genug fühlte, um als ſein Feind die Waffen gegen ihn kehren zu können. Still, widerſprechen Sie nicht. Ich habe dies Alles aus des Kaiſers eigenem Munde. Bei ſeiner Rückkehr von Erfurt hat der Kaiſer mir und der Königin damals ſchon unter dem Siegel des tiefſten Geheimniſſes die Pläne ſeiner Zukunft vertraut. Louiſe hat das Geheimniß mit in ihr Grab genommen, ich habe es in meiner Bruſt bewahrt! Jetzt darf ich es Ihnen ſagen, denn die Stunde der Entſcheidung iſt gekommen, und ſie findet mich auf der Seite Frankreichs, und Gott hat gewollt, daß ich gegen den Freund, gegen Alerander die Waffen kehren muß! O, wohl der Königin, daß ſie dieſen Tag nicht zu erleben hat, daß ſie nicht Zeuge iſt meiner — ——————— — Und war es denn unvermeid⸗ neuen Demüthigung und meiner Leiden! Bündniß eingehen? lich, mußte ich denn in der That dieſes verhaßte Gab es keinen Ausweg mehr? Und indem der König mehr an ſich ſelber, als an Hardenberg dieſe Frage richtete, ließ er ſein Haupt an die Rücklehne ſeines Seſſels ſinken und ſtarrte trüb und gedankenvoll vor ſich hin. Nein, es gab leider keinen andern Ausweg, ſagte Hardenberg nach leinen Pauſe. Ew. Majeſtät wiſſen es wohl, und nur der Noth⸗ fügt; ihr auszuweichen wäre zu gefährlich auf dem Haupt Eurer Ma⸗ einer k wendigkeit haben wir uns ge geweſen, denn es wäre dadurch die Krone jeſtät ſelbſt bedroht worden. Beſſer die Krone verlieren und als ein freier Mann ſterben, denn zu leben als ein gekrönter Sclave und Vaſall, rief der König ungeſtüm. Nein, verzeihen es mir Ew. Majeſtät, wenn ich zu widerſprechen wage, ſagte Hardenberg lächelnd, es iſt beſſer die Krone behalten, der ſeine Re⸗ Nothwendigkeit ſich fügen, ſo lange man muß, um nachher ſ vanche nehmen zu können! Es giebt auch für mich Stunden, in denen ich von den Zweifeln und Beängſtigungen heimgeſucht werde, die jetzt die edle Seele Ew. Majeſtät beunruhigen. Aber in ſolchen Stunden r dann immer zu unſerer Rechtfertigung einige Worte on Baſſano damals an unſern Geſandten, richtete, als das letzte Ultimatum der f ganz auswendig gelernt, und wenn Ihnen einige Worte wiederhole ich mi jenes Briefes, den der Herzog v den Baron von Kruſemark, Tuilerien. Ich habe dieſen Brie Ew. Majeſtät gnädigſt erlauben, wiederhole ich deſſelben. Der König nickte leiſe mit dem Kopf, und Hardenberg fuhr fort: Dieſer Brief alſo lautete:„Mein lieber Baron, der Moment, ſich über das Schickſal Preußens auszuſprechen, iſt endlich gekommen. Ich kann es Ihnen nicht verbergen, daß es ſich in dieſer Angelegenheit für Preußen um Leben oder Tod handelt. Sie wiſſen, daß der Kaiſer ſchon in Tilſit ſehr ſtrenge Abſichten in Bezug auf Preußen hegte. Dieſe elben geblieben und werden jetzt nur in Abſichten ſind unverändert dieſ wenn Preußen unſer Alliirter, dem Fall noch nicht ausgeführt werden, und zwar bar, und Ein Ja! verneigen auf der verloren, ſchon Fr ausſchlug und Sid werden. andere V zümend. deshalb! ſchmachre Londe de ſehr bede diſs Bi ich mß inem Fe chend, de Abe Lande al Krieg, de nird nich de Han Stidte u ſſt nuig Sie Der ße lauert je — 9) 1 11 und zwar unſer treuer Allürter ſein will. Die Augenblicke ſind koſt⸗ bar, und die Umſtände ſehr ernſter Art.“*) Ein empörender Brief! murmelte Friedrich Wilhelm leiſe vor ſich hin. Ja wohl, ein empörender Brief, wiederholte Hardenberg ſich leicht verneigend, denn dieſer Brief enthielt eine ernſte Drohung und bot uns auf der andern Seite doch eine Art von Garantie dar. Preußen war verloren, wenn es ſich der Allianz weigerte, denn auch Oeſterreich hatte ſchon Frankreichs Allianz angenommen, und wenn Preußen dieſelbe ausſchlug, ſo lief es Gefahr, von zwei bewaffneten Feinden im Norden und Süden erdrückt und aus der Liſte der Nationen ausgeſtrichen zu werden. Wir mußten uns alſo unterwerfen, es blieb uns keine andere Wahl! Was aber hat dieſe Unterwerfung uns genützt? fragte der König zürnend. Um von meinem Volke das Unheil des Krieges abzuwenden, deshalb habe ich mich dem Willen Napoleons unterworfen und das ſchmachvolle Bündniß angenommen. Ich wollte meinem unglücklichen Lande dadurch den Frieden erhalten, deſſen es vor allen Dingen ſo ſehr bedarf, um ſeine Wunden zu heilen. Statt deſſen ſtürzt uns dieſes Bündniß gerade in den Abgrund, den ich vermeiden wollte, und ich muß meine Soldaten hinausſchicken für eine ungerechte Sache, einem Feind entgegen, der mein Freund iſt, einem Kriegsherrn gehor⸗ chend, der mein Feind iſt, und ſich mir immer als ſolcher gezeigt hat. Aber Ew. Majeſtät haben mindeſtens den Krieg von dem eignen Lande abgewendet. Es iſt wahr, Sie ſenden Ihre Armee in den Krieg, doch der Krieg wird nicht die preußiſchen Fluren verwüſten, er wird nicht den Acker des preußiſchen Landmanns zertreten, die Arbeiten des Handwerkers unterbrechen, und ſeine Schreckniſſe in alle unſere Städte und Dörfer, unſere Häuſer und Familien tragen! Der Feind iſt wenigſtens nicht bei uns! Sie wollen das Unheil nur beſchönigen, rief der König ungeſtüm. Der Feind iſt hier, und Sie wiſſen es ſehr wohl! Der Feind be⸗ lauert jeden unſerer Schritte, er horcht auf jedes meiner Worte, jede 65 bo + *) Mémoires d'un homme d'état. Vol. XI. 32 ———— ———————— meiner Bewegungen! Ein unbedachtes Wort, ein unüberlegter Schritt, und die franzöſiſchen Schergen ſtürzen herbei und führen den König von Preußen als Gefangenen fort, ohne daß irgend eine Hand ſich erheben kann, es ihnen zu wehren. Wir haben den Feind in Berlin, in Spandau, wir haben ihn in allen unſeren Feſtungen. Unſere eigenen Soldaten müſſen wir hinausſchicken in den Kampf, und unſere Städte und Feſtungen erhalten franzöſiſche Beſatzungen und Garni⸗ ſonen. Eine Armee von viermalhundert und achtzigtauſend Mann Infanterie und ſiebenzigtauſend Mann Cavallerie hat ſich wie eine Schaar hungriger Heuſchrecken über ganz Preußen ausgegoſſen; Berlin, Spandau, Königsberg und Pillau haben franzöſiſche Garniſonen er⸗ halten, nur Oberſchleſien, Colberg und Graudenz ſind davon frei ge⸗ blieben.*) Das ganze Land iſt, wie in Zeiten des Krieges, der Plün⸗ derung, der Bedrückung, der Bosheit des Feindes ausgeſetzt, nur daß dieſer Feind jetzt als Freund kommt, nur daß er den Landmann quält und zu Grunde richtet, den Handwerker und Fabrikanten mißhandelt und von ſeiner Arbeit verjagt, indem er ſich unſeren Bundesgenoſſen nennt. Und ich muß dies nicht allein dulden und dazu ſchweigen, ſondern ich muß noch meine eigenen Soldaten, die natürlichen Ver⸗ theidiger unſeres Landes, hinausſchicken in die Fremde, muß ihnen befehlen, demjenigen Manne zu gehorchen, der nicht allein mich, ſon⸗ dern der ganz Preußen bis auf den Tod beleidigt und gekränkt und der meiner Gemahlin das Herz gebrochen hat! Und der König, ganz athemlos und erſchöpft von dem langen, ungewohnten Sprechen, faſt beſchämt über ſeine eigene, zitternde Auf⸗ regung, ſchlug beide Hände vor ſein Angeſicht und ächzte laut. Hardenberg ſchaute ihn einen Moment mit dem Ausdruck tiefſter Theilnahme und innigſten Mitgefühls an, dann ließ er ſeine großen Augen mit einem langen, leuchtenden und forſchenden Blick durch das ganze Zimmer gleiten und bohrte ihn in jede Niſche, in jede Falte der Vorhänge ein und ließ ihn unter jedes Möbel, hinter jede Statue ſpähen. *) Mémoires d'un homme d'stat. KI. 327. Sint belauſchen Der ſah ihn e Eu. und Hor Majtſtät Neit lette Se Bis hierl wird nic Nut hier kein Ey. Ma Mein finſtere und der ſſt der drüßig, ſchöyftn Dank d alle Vil allen di war es, gegen t in den Feinde hetze ſchipfu Darr, ſich ne lange ſeinen erſchie Schritt, König nd ſic Berlin, Unſere unſere Garni⸗ Mann e eine Berlin, den er⸗ frei ge⸗ Plün⸗ ur daß n quült handelt genoſſen weigen, n Ver⸗ ihnen h, ſon⸗ nkt und langen, de Auf⸗ tiefſter großen urch das alte der ſpihen 13 Sind Ew. Majeſtät gewiß, daß uns hier Niemand hören und belauſchen kann? fragte er dann leiſe. Der König ließ ſeine Hände von ſeinem Antlitz niedergleiten und ſah ihn erſtaunt an. Ew. Majeſtät ſagten vorher ſelbſt, daß Sie überall von Spionen und Horchern umgeben ſind, fuhr Hardenberg fort. Vermuthen Ew. Majeſtät dieſelben auch hier?. Nein! ſagte der König mit einem traurigen Lächeln, das iſt der letzte Segen meiner Louiſe, daß ſie mir dies ſtille Aſyl geſichert hat. Bis hierher wagen ſich die Spione nicht, und dies Aſyl der Schmerzen wird nicht entweiht von ihren neugierigen und lauernden Blicken. Nun, Majeſtät, ſagte Hardenberg faſt freudig, wenn man denn hier keines Spähers Auge und Ohr zu fürchten hat, ſo mögen mir Ew. Majeſtät erlauben, hier offen und frei zu Ihnen reden zu dürfen. Mein König, es bereiten ſich große Dinge vor; während uns noch finſtere Nacht zu umgeben ſcheint, dämmert allmälig der Morgen herauf und der Tag iſt nicht mehr fern, der Tag der Vergeltung. Europa iſt der ewigen Kriege, des nie endenden Blutvergießens müde und über⸗ drüßig, es hat ſo lange Geduld und Langmuth geübt, bis dieſelbe er⸗ ſchöpft worden und ſeine Langmuth ſich in Zornesmuth verwandelt hat. Dank den Machinationen Napoleons war es ihm bis hierher gelungen, alle Völker Europa's in Waffenfehde gegen einander zu kehren, um aus allen dieſen Fehden für Frankreich allein Vortheil zu ziehen. Napoleon war es, der die Polen und die Türken gegen die Ruſſen, die Italiener gegen die Oeſterreicher, die Dänen gegen die Schweden und Engländer in den Kampf jagte, der die deutſchen Fürſten des Rheinbundes zu Feinden und Gegnern des eigenen deutſchen Vaterlandes waffnete. Er hetzte Alle gegeneinander, er ließ ſie kämpfen bis ſie umfielen vor Er⸗ ſchöpfung und Blutverluſt, denn er wußte, daß er dann das Eigenthum Derer, die er ſich einander hatte morden laſſen, als gute Beute für ſich nehmen konnte. Wer hätte ihn auch hindern ſollen? Die von der langen Blutarbeit erſchöpften Krieger, das hungernde Volk, dem in ſeinem Hunger und ſeiner Herzensangſt nur der als ſein wahrer Freund erſchien, der ihm den Frieden und ein wenig Brod brachte? Italien wollte ſich frei machen von Oeſterreich, und nach langen Kämpfen be⸗ Bericu ſtand die Freiheit, welche Napoleon ihm verſprochen, doch nur in der imer i völligen Unterwerfung unter ſeinen Scepter. Auch Polen hatte er die e wirte vö Freiheit verſprochen, und nachdem das unglückliche Land aufgeſtanden 4 und ſeine letzten Kräfte gegen Rußland ausgeblutet hatte, ſank es jum Sel todesmatt zuſammen und wehrte ſich nicht, als Napoleon es als Beute Bürdniſ begehrte und die Polen, welche ſich ſchon frei geträumt hatten, zu gan Eu Unterthanen Frankreichs erklärte. Die Rheinbundsfürſten mußten ihre Firſen deutſchen Armeecorps nach Spanien ſenden, um dort ein Volk zu be⸗ die fteud kämpfen, das für ſeine Freiheit und ſein gutes Recht ſtritt, und wäh⸗ tommen rend der Zeit ſetzte Napoleon mitten in das deutſche Land einen fran⸗ ich überz zöſiſchen Aventurier als König hin und machte ihm von der Beute cdlen un deutſcher Fürſten ein fabelhaftes Königreich zurecht. Holland, das es jenem T verſucht hatte, ſich ein wenig Freiheit und Selbſtſtändigkeit zu bewahren, ſchwur ie ward eines Tages ſeines Königs beraubt und zu einer franzöſiſchen kein ande Provinz erklärt, und als es Napoleon gelungen war, Schweden gegen Preußen Rußland zu hetzen und das edle und unglückliche Finnland zum Kampf Kraft zu gegen Rußland zu treiben, benutzte er den Moment und nahm ſich ſterben! Stralſund und die Inſel Rügen, die beide dem bisherigen Bundesge⸗ und Gott ₰ noſſen, dem König von Schweden, gehörten. In Italien hatte ihm Der allein noch der Kirchenſtaat und der heilige Vater zu Rom widerſtanden, der höni nachdem das ganze übrige Italien aus ſeinen Freiheitsträumen unter Krizn den Sceptern und Faſtnachtsthronen franzöſiſcher Marſchälle und neu⸗ ſerſt ge gebackener napoleoniſcher Prinzeſſinnen erwacht war. Napoleon hetzte Got Neapel und Sardinien gegen Rom, und als der Kampf begonnen lijung 8 hatte, eilte er großmüthig ſeinem Schwager Murat zu Hülfe, entführte und ſie den Papſt aus Rom, ſchleppte ihn als Gefangenen nach Frankreich und Sie,— erklärte Rom ſo lange für das Eigenthum Frankreichs, bis der Papſt ſin. Vi ſich ſeinem Willen gefügt habe. Kein Land, kein Volk iſt ſeinen nichen Ränken und Liſten entgangen, überall hat er Brand und Verwüſtung, ich daſt Tod und Verderben erzeugt. Aber die Völker, wie geſagt, haben end⸗ Leiche j lich ihre Geduld und Langmuth verloren, ſie ſind es müde, zu kämpfen, betäubt oder vielmehr, wenn ſie jetzt noch kämpfen, ſo wollen ſie es nur, um tiefe, fu ſich endlich den Frieden zu erobern, um endlich Rache zu nehmen an e wie fen be⸗ in der e er die eſtanden ſank es 6 Beute en, zu en ihre n gegen Kampf hm ſich 21 Bedrückung ein unvermeidliches Uebel, aber ſie ſind und bleiben doch immer ein Uebel, und leicht kann es Diejenigen verderben, für welche es wirken wollte. Möge Gott in ſeiner Gnade geben, daß es für uns dies Mal zum Segen ausſchlage, rief Hardenberg, und daß aus den geheimen Bündniſſen und Geſellſchaften, die ſich wie eine ungeheure Lawine über ganz Europa hinrollen, endlich das Heer erſtehe, das den Völkern und Fürſten Befreiung von dem Druck des Tyrannen erkämpfe. Ich habe die freudige Ueberzeugung, daß es ſo ſein und daß endlich der Moment kommen wird, wo Preußen den Schwur einlöſen kann, den, davon bin ich überzeugt, jedes Preußenherz ſich gelobt hat, als es den Sarg der edlen und erhabenen Königin Louiſe an ſich vorüber wallen ſah. An jenem Tage, Majeſtät, als ich dieſen Sarg zum erſten Male ſah, da ſchwur ich mir ſelbſt mit einem heiligen Eide, keinen anderen Gedanken, kein anderes Wollen und Empfinden mehr zu haben, als die Befreiung Preußens von dem Joch des Tyrannen, dieſem Ziel allein meine ganze Kraft zuzuwenden, für daſſelbe zu leben, und wenn es ſein muß, zu ſterben! Gott und die Königin Louiſe haben meinen Schwur gehört, und Gott wird nicht wollen, daß ich ſterbe, bevor ich ihn erfüllt habe! Der König ſchaute mit einem langen trüben Blick zu dem Bilde der Königin empor, dasüber ſeinem Schreibtiſch hing und das die Königin darſtellte in dem Anzug, in welchem Friedrich Wilhelm ſie zuerſt geſehen. Gott hat doch gewollt, daß ſie ſtürbe, bevor die Stunde der Er⸗ löſung geſchlagen, ſagte er düſter vor ſich hin. Ihr Herz iſt gebrochen und ſie hat nicht einmal eine Hoffnung mit in ihr Grab genommen. Sie,— plötzlich ſchwieg er und wandte den Blick nach Hardenberg hin. Will Ihnen etwas mittheilen, ſagte er kurz und ſcheu, will Ihnen geſtehen, daß ich Ihren Schwur nicht allein begreife, ſondern— daß ich daſſelbe gelobt habe, als ich die Königin zum erſten Mal als Leiche in meinen Armen hielt. War anfangs ganz wie erſtarrt und betäubt von Schmerz, und es war mir, als wenn ich plötzlich in eine tiefe, furchtbare Finſterniß geſchleudert würde. Dann auf einmal zuckte es wie ein Blitz durch meinen Kopf, daß es mir ordentlich weh that in meinem Hirn, und es läuteten wie mit Glocken vor meinen Ohren die Worte:„Du darfſt nicht ſterben, denn Du mußt ihren Tod rächen an Dem, der ihr Herz gebrochen hat.“— Ich neigte mich über die Leiche und indem ich ihre Lippen küßte, ſchwur ich, daß ich leben wolle, um dies Ziel zu erreichen.— Habe jenen Schwur und jene Stunde nicht vergeſſen, werde ihrer immer eingedenk bleiben, ſeien Sie deſſen gewiß. Nur aber will ich die richtige Zeit abwarten und man ſoll nicht glanben, daß ich mich zu voreiligen und unüberlegten Handlungen jemals werde hinreißen laſſen. Auch wird Niemand es wagen wollen, dies von Ew. Majeſtät zu erwünſchen, ſagte Hardenberg haſtig. Vielmehr thut jetzt gerade die Vorſicht Noth, und aus dieſem Grunde möchte ich Ew. Majeſtät be⸗ ſchwören, Ihr edles Herz zu überwinden und nach Dresden zu gehen zur Begrüßung des Kaiſers. Nimmermehr! rief Friedrich Wilhelm auffahrend und hoch erröthend Nein, nein, nirgends anders als vielleicht in der Schlacht will ich vieſen Menſchen wiederſehen, der mein Glück, meine Ehre, meine Hoffnung vernichtet hat. Sagen Sie mir nichts mehr davon. Es kann nicht ſein! Wie ſollte ich dieſem Mann gegenübertreten, den ich ſeit Tilſit nicht wieder geſehen. Wer kann von mir fordern, daß ich jetzt nach Dresden gehe, um als ein Höfling an der Thür des Triumphators zu ſtehen und mich unter die Schleppenträger ſeiner Herrlichkeit zu miſchen? Majeſtät, auch der Kaiſer von Oeſterreich kommt nach Dresden, ſagte Hardenberg bittend. Der Kaiſer von Oeſterreich hat auch das Unglück, der Schwieger vater Napoleons zu ſein! Doch hat Kaiſer Franz ſeinen Schwiegerſohn an jenem Tage zum letzten Mal geſehen, als er nach der Schlacht von Auſterlitz ſich als ein Bittender an das Wachtfeuer Napoleons begab und den Triumphato um Frieden anflehte. Das war noch ſchlimmer als Tilſit, und der Kaiſer von Oeſterreich kommt dennoch jetzt nach Dr esden, un wie Ew. Majeſtät vorher ſagten, der Schleppenträger von Napoleot Herrlichkeit zu ſein! Weshalb thut er's? fragte der König achſelzuckend. Weil ein Befeh ſeinen Ge ſehnlich, lund zul Luiſe m Wunſch Nun nicht gel dennochk Ver dortigen Der Kai zu känne es leſen 8 e Dannſ darreich der Köni Lan ward de Mi Seite u ſanften und kan förderl einen Ohren Tod richen ich übet die leben wolle, jene Stunde Sie deſſen deman ſoll Handlungen h erröthend. ne Hoffnung kann nicht ſeit Tilſit 6 riumphall pnioſtr Maſe)l* Weil er muß, weil bis jetzt noch jeder Wunſch Napoleons beinahe ein Befehl iſt, ſelbſt für die Fürſten. Der Kaiſer Napoleon hat durch ſeinen Geſandten in Wien dem Kaiſer mündlich ſagen laſſen, er wünſche ſehnlich, den Kaiſer Franz in Dresden vor ſeinem Zuge nach Ruß⸗ land zu begrüßen und Zeuge des Wiederſehens ſeiner Gemahlin Marie Louiſe mit ihren Aeltern zu ſein. Kaiſer Franz hat ſich beeilt, dieſem Wunſch nachzukommen und wird ſchon morgen in Dresden erwartet. Nun, an mich hat Bonaparte zum Glück einen ſolchen Wunſch nicht gelangen laſſen, und man wird von mir nicht fordern, daß ich dennoch komme. Verzeihung, Majeſtät, unſer Geſandter in Dresden hat von dem dortigen franzöſiſchen Geſandten eine ähnliche Mittheilung erhalten. Der Kaiſer Napoleon wünſcht auch Ew. Majeſtät in Dresden begrüßen zu können. Hier iſt das Schreiben des Geſandten, wenn Ew. Majeſtät es leſen wollen! Der König nahm das dargereichte Papier und überlas es haſtig. Dann ſeufzte er tief auf und indem er das Papier Hardenberg wieder darreichte, wandte der Blick Friedrich Wilhelms ſich wieder dem Bilde der Königin zu. Lange ſchaute er es an, unverwandt, mit ſtarrem Blick. Allmälig ward der Ausdruck ſeines Antlitzes milder und ſein düſterer Blick ſaufter. Mit einem leiſen Wink ſeiner Hand rief er Hardenberg an ſeine Seite und indem er dann wieder zu dem Bilde aufblickte und es mit ſanftem Kopfnicken begrüßte, ſagte er: Sie überwand auch ihr Herz und kam nach Tilſit, weil ſie es zu Preußens Wohl nothwendig und förderlich erachtete, und weil ſie den Zorn des Allgewaltigen beſchwich⸗ tigen wollte. Ich will dem Beiſpiel meiner Louiſe folgen! Ich will mein Herz überwinden und nach Dresden gehen. Sie aber, Harden⸗ berg, Sie ſollen mich begleiten! II. Dir weiße Frau. Im Reſidenzſchloſſe zu Baireuth war Alles in Aufruhr und Be⸗ wegung, geſchäftige Diener eilten hin und her durch die glänzend ge⸗ ſchmückten Gemächer, hier und dort noch einen Teppich ausbreitend, eine Vaſe mit duftenden Blumen placirend, oder den Staub abwiſchend, der ſich auf eins der glänzend polirten Meubles gelegt hatte. Es war heute ein großer, ein wichtiger Tag für Baireuth. Jeder⸗ mann empfand das, und die Aufregung und Neugierde trieb die Ein⸗ wohner hinaus auf die Straße. Niemand mochte in ſeinem Hauſe bleiben, Niemand wollte ſich den großen hiſtoriſchen Moment entgehen laſſen, der heute über Baireuth einen Schimmer ſeines alten Gl ergießen ſollte. Der Mann, dem die ganze Welt zu Füßen lag, vor dem Könige und Fürſten ſich beugten, vor dem Reiche erbebten und Throne zuſammen anzes u ſtürzten, der nur die Hand auszuſtrecken brauchte, um neue Throne aus dem Nichts und neue Fürſten aus dem Dunkel zu ſchaffen, den man bewunderte, obwohl man ihn haßte,— Napoleon ſollte heute in Baireuth eintreffen. Die Fouriere waren ſchon in der Frühe des Morgens angelangt, und hatten im Namen des Kaiſers befohlen, daß die Zimmer im Schloß in Bereitſchaft geſetzt würden, weil der Kaiſer heut am Nachmittag des vierzehnten Mai in Baireuth einzutreffen und dort die Nacht zu bleiben gedenke. Die ganze Bevölkerung wogte daher auf den Straßen, überall an den Häuſern, an denen der Kaiſer vorüber kommen mußte, ſah man die Fenſter geöffnet und in denſelben die erſten Damen der Stadt und der Umgegend im ſchönſten Schmuck der Toilette mit großen Blumen⸗ ſträußen in den Händen, um dem Kaiſer damit ihre Grüße zuzuwinken. Die lebhafteſte Bewegung aber, wie geſagt, herrſchte auf dem neuen Reſidenzſchloß, denn dort, nicht in dem alten Reſidenzſchloß der Markgrafen von Brandenburg, hatte der Kaiſer ausdrücklich befohlen, daß man der fürſt geleiſtet, ſchoft geſ letten) kaſtellan ſerung d Nein eben in d eben ſo l Ihnen v ein koſtb Kaiſer iſ Ma Kaſtellan dem Rau nicht der Sie rigſens wohl bete Er geht ſeinen Fi zu feiem nicht vor thigen un Ich er nicht Achſezut ruhr und Be⸗ glänzend ge⸗ ausbreitend, bwiſchend, euth. Jeder⸗ rieb die Ein⸗ einem Hauſe ent entgehen ten Glanzes dem Könige zuſammen e Throne haffen, den te heute in Frühe des len, daß die Kaiſer heut en und dort überall au e ſah man Stadt und n Blumen⸗ zuzuwinken. zu e auf dem e nſchloß der h befohlen, daß man ihm ſeine Zimmer bereite. Graf Münſter, der Intendant der fürſtlichen Schlöſſer hatte natürlich dem kaiſerlichen Befehl Folge geleiſtet, und vier glänzende Zimmer waren für den Kaiſer in Bereit⸗ ſchaft geſetzt worden. Alle Anordnungen waren jetzt beendet, und zum letzten Mal durchwanderte der Intendant, gefolgt von dem Schloß⸗ kaſtellan Schluter, die kaiſerlichen Gemächer, um noch eine letzte Mu⸗ ſterung derſelben vorzunehmen. Nein, ich finde nichts mehr zu erinnern, ſagte der Graf, als er eben in das für den Kaiſer beſtimmte Schlafzimmer eintrat. Alles iſt eben ſo bequem als glänzend und comfortable, das Arrangement macht Ihnen viel Ehre, mein lieber Schluter, und wird Ihnen ohne Zweifel ein koſtbares Geſchenk kaiſerlicher Dankbarkeit eintragen, denn der große Kaiſer iſt ſehr freigebig, wie man ſagt. Mag kein Geſchenk von dem Tyrannen annehmen, brummte der Kaſtellan mit düſterm Geſicht, will meine Hände nicht beſudeln mit dem Raub, den er aus fremden Ländern daher führt, und an dem nicht der Segen Gottes, ſondern nur der Fluch des Teufels haftet. Sie ſind ein Narr, lieber Schluter, rief der Graf lachend. We⸗ nigſtens ſehen Sie, daß der Fluch des Teufels dem großen Kaiſer ſehr wohl bekommt, denn alle Tage wächſt ſeine Macht und ſein Anſehen. Er geht jetzt nach Dresden, um dort alle Fürſten Deutſchlands zu ſeinen Füßen zu ſehen, und dann eilt er nach Rußland, um neue Siege zu feiern, und den einzigen Mann der Welt, der es noch wagt, ſich nicht vor ihm zu beugen, den Kaiſer Alerander von Rußland, zu demü⸗ thigen und in den Staub zu treten. Ich weiß noch Jemand, der ſich nicht vor ihm demüthigt, und den er nicht in den Staub treten wird, ſagte der Kaſtellan mit verächtlichem Achſelzucken. Nun, und wer wäre das? fragte Graf Münſter raſch. Das iſt die weiße Frau! rief der Kaſtellan feierlich und laut. Graf Münſter ſchrak zuſammen, und warf einen ſcheuen ängſtlichen Blick umher. Um Gotteswillen, ſchweigen Sie, befahl er haſtig. Vergeſſen Sie doch dieſe thörichten Träumereien, und vor allen Dingen wagen Sie es nicht, jetzt davon zu ſprechen. Der Kaſtellan ſchüttelte langſam das Haupt. Es ſind keine Träu⸗ mereien, Herr Graf, ſagte er feierlich. Die weiße Frau wacht und geht um, und ſie weiß, daß heute Nacht der Feind ihres Hauſes, des Hauſes Brandenburg, hier im Schloſſe ſein Quartier nehmen will. Die weiße Frau geht um, ſage ich Ew. Excellenz, und ihr Auge iſt voll Zorn, und auf ihren Lippen zittert ein Fluch für den Feind der Hohenzollern. Es ſollt' mich gar nicht wundern, wenn ſie ihn dem Tyrannen dieſe Nacht ins Ohr ſchrie, und ihn mit ihren Donnerworten aus ſeinem Schlafe weckte. Mein Gott, Schluter, reden Sie doch nicht ſo vermeſſen, rief der Graf ängſtlich. Wenn irgend Einer von den Leuten des Kaiſers ſolche Worte von Ihnen hörte, ſo wären Sie verloren. Der Kaiſer Napoleon iſt, wie man ſagt, ein wenig abergläubiſch; er, der ſich ſonſt vor nichts auf der Welt fürchtet, ſoll doch vor Geſpenſtern ein heimliches Grauen empfinden, und an allerlei Zeichen und Prophezeiungen glauben. Er hat auch ſchon von der weißen Frau in Baireuth gehört, und deshalb hat er ausdrücklich befohlen, man ſolle ihm nicht in dem alten, ſondern in dem neuen Schloß ſeine Wohnung bereiten, und ihm ſolche Zimmer auswählen, in denen die weiße Frau nicht umzugehen pflege.*) Ich hoffe doch, Sie haben den Befehl pünktlich vollführt, und dieſe Zimmer hier ſind ganz ſicher vor dem Spuk? Wer hat die Macht, Geiſtern Befehle zu geben, und ihnen zu gebieten: bis hieher, und nicht weiter? fragte der Kaſtellan faſt höhnend. Wo ſie ſein will, da iſt ſie, und wo man vor ihr die Thüren verſchließt, da öffnet ſie dieſelben mit einem Hauch ihres Mundes. Durch die Mauern ſchreitet ſie hindurch, denn ſie thun ſich vor ihr auf, ſobald ſie es will, und wo man ſie am wenigſtens erwartet, da begegnet man auf einmal ihrer hohen majeſtätiſchen Geſtalt in dem weißen Gewande, das Haupt überdeckt mit dem ſchwarzen Schleier, unter dem hervor ihre großen zürnenden Augen wie zwei Dolchſpitzen flimmern. Seid ſtill, Schluter, rief der Graf ängſtlich, ich kenne ja das Bild *) H iſtoriſch. Siehe: J. v. Minutoli, Die weiße Frau. Geſchichtliche Prüfung der Sage ꝛc. S. 17. der Meiße und es iſt t Vir! Frmn, ſugt Ja w andere mi es iſt doch es doch dr Das Wos vol I6h Bild iſt, ruht, bis daß ſie w Ew. Ece abermals ſei) Es man ein! hingen K laſſen, un einmauern auf und In der N über mei ſtund die hoben, de prblize Am ard ſehen. mauert 8 Stückche nd keine Träu au wacht und Hauſes, des nehmen vill. ihr Auge iſt den Feind der nſie ihn dem Donnerworten iſer Napoleon nſt vor nichts iches Grauen glauben. Er und deshalb alten, ſondem olche Zimmer 04 I0) dieſe Zimmer d ihnen zu faſt höhnend. Durch die heg gnet man ewande, dem herwel 27 der weißen Frau, das drüben im Cabinet neben dem Audienzſaal hängt, und es iſt daher gar nicht nöthig, daß Sie es mir ſo ausführlich beſchreiben. Wir haben, wie Ew. Excellenz wiſſen, zwei Bilder von der weißen Frau, ſagte der Kaſtellan lakoniſch. Ja wohl, das eine mit dem weißen Kleid in der Eremitage, das andere mit dem dunklen Ueberwurf hier im Schloß. Gott ſei Dank, es iſt doch jedenfalls nur Ein Gemälde von ihr hier, und Sie haben es doch drüben auf dem andern Flügel, nicht wahr? Das heißt, ich habe das Bild dort heute Nachmittag noch geſehen, ob es aber noch dort iſt, wer kann das wiſſen! Wie ſo? Wer kann das wiſſen? fragte der Graf ungeduldig. Was wollen Sie damit ſagen? Ich will damit ſagen, Herr Graf, daß das Bild eigentlich kein Bild iſt, ſondern nur das Bett, in welchem die weiße Frau ſo lange ruht, bis es ihr beliebt zu wandeln, und daß es während der Zeit, daß ſie wandelt, gewiß nicht an ſeinem Platz zu finden iſt. Hatte ich Ew. Excellenz nicht vor einem halben Jahr berichtet, daß das Bild abermals ſeinen Nagelzerbrochen habe, und von demſelben heruntergeſtiegen ſei? Es war ein ganz neuer Nagel, Herr Graf, feſt und ſtark, daß man ein halbes Regiment Franzoſen zu gleicher Zeit hätte daran auf⸗ hängen können; ich hatte den Nagel eigens vom Schmidt anfertigen laſſen, und der Maurer hatte ihn in ein gebohrtes Loch in der Wand einmauern müſſen. Ich ſelbſt hing alsdann das Bild an dem Nagel auf, und es hing feſt und gut, als wär' es mit der Wand verwachſen. In der Nacht aber erwachte ich von einem Geräuſch, als ob ein Donner über meimem Haupte hinrollte, und als ich meine Augen aufſchlug, ſtand die weiße Frau vor meinem Bett; die rechte Hand drohend er⸗ hoben, den ſchwarzen Schleier zurückgeſchlagen, ſtarrte ſie mich an mit zornblitzenden Augen. Ich ſtieß einen Schrei aus, und ſchloß die Augen. Als ich ſie wieder öffnete war die Erſcheinung verſchwunden. Am andern Morgen ging ich in den Saal, um nach dem Bilde zu ſehen. Es war nicht mehr da. In der Wand, wo der Nagel einge⸗ mauert geweſen, war nur ein blutrother Flecken, der Nagel, in kleine Stückchen zerbrochen, lag an der Erde. Das Bild aber war in das ——— —— kleine Cabinet neben den Saal gegangen, und lehnte dort ruhig und ſtill, als wäre nichts geſchehen an der Wand. Und ich ſagte Ihnen, Sie möchten es ruhig da ſtehen laſſen, und nicht mehr verſuchen es an der Wand aufzuhängen. Das große Bild iſt zu ſchwer für einen Nagel. Wenn das große Bild an der Wand hängen wollte, ſo würde es an dem kleinſten Nagel ſich halten laſſen, ſagte Schluter kopfſchüttelnd. Aber die weiße Frau will auf ihren eigenen Füßen ſtehen, und keine Menſchengewalt kann ſie halten. Schluter, ich wiederhole Ihnen, Sie ſind ein Träumer, rief der Graf ungeduldig. Sprechen wir nicht mehr von dem Spuk. Es wird Einem ganz unheimlich dabei zu Muthe. Sagen Sie mir nur noch, ob Sie das Bild auch gewiß ſo weit entfernt haben, daß es dem Kaiſer nicht unter die Augen kommen kann? Als ich vor einer Stunde drüben war, ſtand das Bild noch im Kabinet neben dem Audienzſaal. Aber wer kann wiſſen, was ſeitdem geſchehen ſein mag! Nun, es iſt einmal Ihre fixe Idee, ſagte der Graf achſelzuckend. Schweigen wir davon! Die Zimmer hier ſind vortrefflich eingerichtet, und ich finde nichts mehr daran zu erinnern. Schließen Sie nun die vordere Eingangsthür ab, und laſſen Sie uns durch die Palmengallerie, durch welche der Kaiſer hier eintreten muß, hinaus gehen. Haben Ew. Excellenz nur die Güte voran zu gehen, ich werde die Thür abſchließen und gleich nachfolgen, ſagte der Kaſtellan, indem er eiligſt durch die geöffneten Zimmer dahin ging. Graf Münſter ſchritt langfam weiter, gedankenvoll vor ſich hin⸗ ſchauend, voll innerlichen Bebens über den unerſchütterlichen Aberglauben des Kaſtellans, den zu verlachen und zu verſpotten ſein Verſtand ſich vergeblich bemühte. Und es iſt doch Thorheit, nichts als Thorheit, murmelte er leiſe vor ſich hin, indem er jetzt die hohe Saalthür öffnete, und hinaus trat in den Vorſaal, dem man wegen ſeiner Länge und Schmalheit, und wegen der auf den Wänden angebrachten Malereien tropiſcher Gewächſe den Namen„Palmen⸗Gallerie“ gegeben. Eine tie dunklen Vorh len, und zog Die Schritte ſpähend um trat riſch ei der Gallerie; nähernde Sc er es ganz Gallerie dah Geſtalt und und in volle Schriten kar anfungs erſto Kaſtellan wa Sie ha der Graf he ſchloſſen blei hier herein t Befehl nicht Abet, 6 ſchenſeele au habe ich ſcho ſelbſt hinter Ven t Galerie noa der Hand ve Eine D Da G in peſen e lichteſt geſeh wihrend ic dort uhig und laſſen, und as große Bild e, ſo würde es kopfſchüttelnd. d, und keine „rief der Es wird mir nur noch, s dem Kaiſer Bild noch im was ſeitdem achſelzuckend. erichtet, Sie nun die mengallerie, ch werde tellan, indem or ſich hin⸗ Aberglauben erſtand ſich alheil, und Gewächſe 29 Eine tiefe lautloſe Stille herrſchte in der Gallerie, durch die von dunklen Vorhängen beſchatteten Fenſter warf die Abendſonne ihre Strah⸗ len, und zog lange zitternde Silberſtreifen durch den hohen Raum. Die Schritte des Grafen hallten dröhnend von den Wänden wieder, daß der Graf ſelber davor erſchrak, und ſeine ſcheuen ängſtlichen Blicke ſpähend um ſich her warf. Plötzlich erbebte er in jähem Schreck, und trat raſch einige Schritte vorwärts. Er hatte da an dem untern Ende der Gallerie ſich etwas bewegen geſehen, es war ihm als habe er ſich nähernde Schritte gehört. Ja, er hatte ſich nicht getäuſcht, jetzt ſah er es ganz deutlich. Eine Dame ſchritt von dem unteren Ende der Gallerie daher. Die Strahlen der Abendſonne beleuchteten ihre hohe Geſtalt und warfen goldene Lichter über das weiße Gewand, das weit und in vollen Falten bis über ihre Füße niederwallte. Mit langſamen Schritten kam ſie näher, ganz unbekümmert um den Grafen, der ſie anfangs erſtaunt anblickte, und ſich dann mit zürnendem Antlitz an den Kaſtellan wandte, welcher eben hinter ihm in die Gallerie trat. Sie haben alſo meine Befehle doch nicht reſpectirt, S hluter, rief der Graf heftig. Es war ausdrücklich befohlen, daß die Zimmer ver⸗ ſchloſſen bleiben ſollten, bis zur Ankunft des Kaiſers, und daß Niemand hier herein kommen ſollte. Wie können Sie ſo vermeſſen ſein, meinem Befehl nicht zu gehorchen? Aber, Excellenz, ich habe ja gehorcht, rief Schluter. Keine Men⸗ ſchenſeele außer den Bedienten hat hier eintreten dürfen, und auch die habe ich ſchon vor zwei Stunden Alle hinausgejagt, und die Thüren ſelbſt hinter ihnen verſchloſſen. Wenn das wahe wäre, wie kommt es denn, daß ſich hier in der Gallerie noch eine Dame befindet? fragte Graf Münſter, indem er mit der Hand vorwärts deutete. Eine Dame? fragte Schluter erſtaunt. Wo iſt ſie denn, Excellenz? Der Graf heftete ſeine Blicke forſchend auf das große Bogenfenſter, in deſſen hellem Licht er die Dame vorher mit unverkennbarer Deut⸗ lichkeit geſehen. Jetzt ſtand ſie nicht mehr dort,— die Gallerie war leer Sie haben alſo vergeſſen, die untere Thür dort zuzuſchließen, und während ich mich zu Ihnen wandte, und Sie ausſchalt, iſt die Dame durch die offene Thür entflohen, rief der Graf, während er eilig vor⸗ wärts ſtürzte, und jetzt am Ende der Gallerie an die Thür faßte, die von dort auf den äußeren Corridor führte. Aber dieſe Thür war verſchloſſen,— vergebens rüttelte der Graf am Schloß,— die Thür war und blieb verſchloſſen! Bei Gott, das iſt ſeltſam, murmelte Graf Münſter, indem er die Hand ſinken ließ. Ich habe ſie doch ganz deutlich geſehen, es iſt un⸗ möglich, daß ich mich getäuſcht habe! Wo iſt ſie geblieben? Was iſt aus ihr geworden? Wo kann ſie ſich verſteckt haben? Was wird aus dem letzten Seufzer eines Sterbenden, Excellenz? fragte Schluter feierlich. Wo verſteckt ſich die Seele, wenn ſie dem Körper entflieht? Ach, Unſinn! rief Graf Münſter. Hier kann von einem Geſpenſt gar nicht die Rede ſein. Es iſt ja nicht einmal die Geiſterſtunde, und überdies habe ich die Dame ganz deutlich geſehen, es war eine durch⸗ aus körperliche und irdiſche Geſtalt. Ihr Geſicht war bleich und ernſt, aber nichts Geſpenſterhaftes war darin. Sie trug einen ſchwarzen Schleier, den ſie von ihrem Antlitz zurückgeſchlagen hatte, den oberen Theil ihrer Geſtalt bedeckte— Ein dunkler, pelzverbrämter Ueberwurf, unterbrach ihn Schluter gelaſſen. Unter dem dunklen Ueberwurf hervor kam aber das weite, weiße Seidengewand, das in vollen Falten bis zur Erde herniederwallte. Ja, ja, grade ſo war ſie angezogen, rief der Graf. Woher wiſſen Sie das aber, da Sie ſie doch nicht ſahen? Es iſt der Anzug der weißen Frau, Excellenz, ſagte Schluter, und ſie war es, die hier ſo eben durch die Gallerie gewandelt iſt. Belieben der Herr Graf nur jetzt mit mir hinüber zu gehen nach dem anderen Schloßflügel, und ſich das Bild anzuſchauen, Ew. Excellenz werden ſich dann überzeugen, daß ich die Wahrheit ſagte. Nein, nein, ich will nichts mehr ſehen, rief Graf Münſter, deſſen Wangen bleich geworden waren, und der ſein Herz wie von Todes⸗ ſchauern überrieſelt fühlte. Schließen Sie die Thür auf, Schluter! Ich will hinaus! Die Luft iſt hier ſchwül und beengt! Fort! Fort! Mein Gott, ſo öffnen Sie doch! Der ha auf den Cor ʒigen di f In die und Rufen, athemlo ib Creelle Thor eingez Vivatrufen. zu melden. Es iſt an dem End den Kaſtella Schlute Sie kein W ſtrenges Ge Ein G enteilenden weiße Fru ein bischen lann nicht ſchlufen lm Er wa hinaus auf Stuße. 6 bummend, Auges hinn Eine u 6, Mler A mte Peh dichtgenin tend, der ſ n ſein V Vie ſ der eilig vor⸗ hir ſit, de itelte der Graf „indem er die hen, es iſt un⸗ n, Ercellenz wenn ſie dem em Geſpenſt ude, und eine durch⸗ und ernſ, en ſchwarzen „den obeten Schluter gs weite, derwallte. oher wiſſen G dem 31 Der Kaſtellan öffnete die Thür, und Graf Münſter ſtürzte hinaus auf den Corridor, um dort ein Fenſter zu öffnen, und in langen haſtigen Zügen die friſche Luft einzuathmen. In dieſem Moment vernahm man in der Ferne lautes Schreien und Rufen, und zu gleicher Zeit ſtürzte der Kammerdiener des Grafen athemlos über den Corridor daher. Excellenz, der Kaiſer kommt, rief er haſtig. Er iſt ſchon in das Thor eingezogen, das Volk in den Straßen begrüßt ihn mit lauten Vivatrufen. Ich bin gelaufen, ſo ſchnell ich konnte, um es Ew. Excellenz zu melden. Es iſt gut, ich komme ſchon, ſagte der Graf vorwärts eilend. Aber an dem Ende des Corridors wandte er ſich noch einmal um, und winkte den Kaſtellan zu ſich heran. Schluter, flüſterte er leiſe, wenn Ihnen Ihr Leben lieb iſt, ſo ſagen Sie kein Wort über das, was hier ſo eben geſchehen. Es muß ein ſtrenges Geheimniß bleiben. Ein Geheimniß! brummte Schluter vor ſich hin, indem er dem enteilenden Grafen mit einem leichten Achſelzucken nachſchaute. Die weiße Frau wird's ſchon ſo einzurichten wiſſen, daß Er wenigſtens ein bischen von dem Geheimniß erfährt, und daß der blutgierige Ty⸗ rann nicht ruhig in dem Schloß der Markgrafen von Brandenburg ſchlafen kann. Er warf die Thür des Corridors heftig hinter ſich zu und trat hinaus auf die große Treppenhalle, deren Fenſter hinausgingen auf die Straße. Einzelne unverſtändliche Worte des Unwillens vor ſich hin⸗ brummend, ſtieß der Kaſtellan eins dieſer Fenſter auf, und ſchaute düſtern Anges hinunter auf die Straße. Eine ungeheure Menſchenmaſſe wogte vor dem Schloß auf und ab, Aller Augen waren dorthin geheftet, von woher der Kaiſer kommen mußte. Bebend vor Erwartung, athemlos vor Neugierde ſtand das dichtgedrängte Volk, in feierlicher Stille das Nahen des Heros erwar⸗ tend, der ſich die Welt erobert hatte, und jetzt auszog, die letzte Hand an ſein Werk zu legen. Wie ſie daſtehen, die feigen Gaffer, brummte Schluter. Müßig 32 und faul wie immer; klagen mögen ſie und lamentiren, aber etwas zu vor den St thun fällt ihnen nicht ein. Wenn Jeder von ihnen ſich jetzt nur bückte, glligen Bl und Jeder nur einen einzigen Stein aus dem Pflaſter nähme, um ihn Der ſe dem Tyrannen zur Begrüßung an den Kopf zu ſchleudern, ſo würde et wagt es ſein harter Eiſenkopf endlich doch berſten müſſen, und alle Noth und wird ihn wi aller Jammer hätte in der Welt ein Ende. Aber daran denkt Keiner, Thranen i und ich erleb's noch, daß dieſe Kerls die Mäuler aufreißen, und ſtatt weife Frau einen Fluch ein Vivat ſchreien. Er lach Wirklich tönte in dieſem Moment das Rufen und Schreien immer zureißen un näher heran. Es wälzte ſich wie eine Lawine von dem untern Theil aufzuſtellen. der Straße herauf, immer höher anſchwellend, immer machtvoller er Jetzt h 6 donnernd. Jetzt ſprengten franzöſiſche Lanciers heran, um das Volk ward es lel rückwärts zu drängen an die Seite der Häuſer, und auf der Straße ſtelten ſich daher rollten jetzt mehrere Equipagen, voran ein einfacher Caleſch⸗ auf Albda wagen. Ein Mohr im goldgeſtickten Gewande ſaß vorn auf dem Seite in eh Bock neben dem Kutſcher, im Innern des Wagens zwei einfach ge⸗ Aler kleidete Herren. darauf, ſon Das iſt er! brummte Schluter vor ſich hin. Der Schwarze bringt Sie] ihn her, der Teufel iſt ſein lieber Freund! Ja, das iſt er, und ſo ſeier ehem bleich und ernſt und zürnend ſchaut er drein, als gelüſte es ihn, mit Daz n U einem einzigen Blick das ganze elende, erbärmliche Volk, das ihn da anglotzt, zu erſchlagen. Das iſt er! ſchrie und jubelte das Volk. Es lebe Napoleon! Es lebe der Kaiſer! Napoleon ließ ſeinen Blick kalt und theilnahmlos über die Menge dahin gleiten, das Jubelgeſchrei ſchlug nur wie ein längſtgewohntes, treten hat, ſißen Lichel ſeinen Schli Pas j Alernge. läſtiges Geräuſch an ſein Ohr. Es verlohnte ſich nicht der Mühe, Man 3 dieſem armen unbedeutenden Geſindel, dieſen Bewohnern einer kleinen 6r at die Stadt gegenüber, die feſtgeſchloſſenen Lippen zu einem Lächeln zu öffnen, ein kaltes, haſtiges Kopfnicken war genügend zur Begrüßung 8 und zum Dank. Sne i eſt m Der Es lebe Napoleon! Es lebe der Kaiſer! ſchrie und jauchzte die iſn Menge wieder, als Napolevn, der jetzt den Wagen verlaſſen hatte, ſich 6 di Der K ihnen hert 2 Nihlbac 33 vor dem Schloßthor noch einmal umwandte und einen langen, gleich⸗ gültigen Blick über die Menge hinſchweifen ließ. Der Kaſtellan ſchlug ſein Fenſter zu. Gut, ſagte er ingrimmig, er wagt es, hier in das Schloß einzutreten. Gut! die weiße Frau wird ihn willkommen heißen, und ſie wird es verſtehen, den frechen Tyrannen in die Flucht zu jagen. Napoleon kommt! Hörſt Du es, weiße Frau? Napoleon kommt! Er lachte laut auf und eilte dann, die Thür des Corridors auf⸗ zureißen und ſich neben der Thür, die in die Palmengallerie führte, aufzuſtellen. Jetzt hallten Schritte von der Treppe herauf und in dem Corridor ward es lebendig. Generäle, Adjutanten und Lakaien eilten herbei und ſtellten ſich an beiden Seiten des Corrridors wie zur Schlachtordnung auf. Alsdann erſchien am Ende des Corridors der Kaiſer, ihm zur Seite in ehrerbietiger, unterwürfiger Haltung der Graf Münſter. Aller Häupter neigten ſich ehrfurchtsvoll. Napoleon achtete nicht darauf, ſondern ſchritt langſam und kalt an den Grüßenden vorüber. Sie haben doch meine Befehle genau erfüllt, Graf? fragte er mit ſeiner ehernen Stimme. Dies iſt doch das neue Reſidenzſchloß? Das neue, Sire! Und daß Niemand die kaiſerlichen Zimmer be⸗ treten hat, davon zeugt dieſer Mann, ſagte Graf Münſter mit einem füßen Lächeln auf den Kaſtellan deutend, der, in dem erhobenen Arm ſeinen Schlüſſelbund haltend, neben der Thür der Palmengallerie ſtand. Was iſt das für ein Mann? fragte Napoleon, deſſen ſcharfes Adlerauge mit einem einzigen Blitz die ganze Geſtalt Schluters überflog. Sire, es iſt der Kaſtellan des Schloſſes, ein treuer, zuverläſſiger Mann, der ſchon ſeit mehr als dreißig Jahren hier den Dienſt hat. Er hat die Zimmer hier bewacht und verſchloſſen, und ſie werden ſich ietzt erſt den Befehlen Eurer Majeſtät öffnen. Heffnen Sie! befahl der Kaiſer mit einer raſchen Handbewegung. Der Kaſtellan ſchob langſam den Schlüſſel in das Schloß und öffnete die Thür. Der Kaiſer trat in die Palmengallerie, Graf Münſter folgte, hinter ihnen her drängte ſich das Gefolge des Kaiſers. Mühlbach, Napoleon. III. Bd. Napoleon ſchritt raſch bis in die Mitte der Gallerie vor, dann blieb er grade vor dem großen Bogenfenſter ſtehen, in welchem Graf Münſter vorher die ſeltſame Erſcheinung geſehen. Alſo auf dieſem Flügel des Schloſſes zeigt ſich die weiße Frau niemals? fragte Napoleon raſch. Nein, Sire, niemals, ſagte Graf Münſter feierlich. Ueberhaupt, . Sire, glaubt jetzt, Gott ſei Dank, Niemand hier mehr an dies alters⸗ graue Mährchen, und ich wüßte nicht, daß irgend Jemand die weiße Frau anders als aus verſchollenen Erzählungen kennte. Der Kaiſer nickte leiſe mit dem Kopf und ſchritt vorwärts. Laſſen Sie uns bald das Souper haben, Sie ſind mein Gaſt, 4 Graf, ſagte Napoleon, ſich auf der Schwelle des nächſten Gemachs zu dem Grafen Münſter wendend, und die Herren ſeines Gefolges mit einem flüchtigen Wink ſeiner Hand entlaſſend. Die Thür ſchloß ſich hinter ihm. Der Kaiſer hatte ſich in ſeine Gemächer zurückgezogen. Er wohnte jetzt als Gaſt in dem Schloſſe der Ahnen der preu⸗ ßiſchen Königsfamilie, im Schloſſe der Markgrafen von Brandenburg. Uapoleon und die weiße Frau. Das Souper war längſt beendet. Das kaiſerliche Gefolge hatte ſich zurückziehen und zur Ruhe begeben dürfen. Nur der Kaiſer war noch wach. Er ſaß im leichten bequemen Nachtcoſtüm auf hohem alter⸗ thümlichen Lehnſtuhl neben dem großen Kamin, in welchem man auf ſeinen Befehl trotz der milden warmen Maiennacht, ein großes Feuer hatte anzünden müſſen. Napoleon liebte die Hitze; die Sonne Aegyptens und der Wüſte war ihm niemals zu heiß geweſen, in den heißeſten Sommertagen Frankreichs konnte er oft ein unheimliches, fröſtelndes Gefihl habe welche in ſei Ader goß, leuchtend, ab Auch je im Kamin a zum ſanin l geneigt die Es wor Mit ra hiet, bald d Nodeln bez Jo, ſo ſum vor ſic ſtehen, Dar ins werde ſtehen. Hie Garde unte Hier weiter Baien zuſa hat den Ot Gwdn un das fünſte, veröme befe machen und Oerhefe ſeinen ſid bende lden, wenn ſchurlenn üfen N Rboten we ricwärts möge ſein 35 Gefühl haben und nach Feuer begehren. Es ſchien, als ob die Gluth, welche in ſeiner Seele brannte und ihre Feuerſtröme durch Napoleons Adern goß, ihn die Außenwelt kalt und die Strahlen der Sonne nur leuchtend, aber nicht erwärmend empfinden ließ. Auch jetzt hatte Napoleon über Kälte geklagt und befohlen, Feuer im Kamin anzuzünden. Er hatte ſich dann ſelbſt den Lehnſtuhl dicht zum Kamin hingerollt und ſaß jetzt da, das Antlitz über die große Karte geneigt, die auf dem Tiſche vor ihm lag. Es war dies eine Karte von Rußland. Mit raſchem Finger zog er über dieſelbe ſeine Linien hin; bald hier, bald dort irgend eine Poſition, einen Anhaltepunkt mit den bunten Nadeln bezeichnend, die in mehreren Käſtchen neben der Karte ſtanden. Ja, ſo ſoll es ſein, ſagte er dann nach einer langen Pauſe lang⸗ ſam vor ſich hin. Drei meiner Armeecorps ſollen hier am Niemen ſtehen, Davouſt, Oudinot und Ney commandiren ſie. Hier weiter links werden Cavallerie⸗Reſervecorps unter Nanſouty und Montbrün ſtehen. Hierher kommt die alte Garde unter Lefobvre, dort die junge Garde unter Mortier und Beſſiéres mit der Reiterei der Garde.— Hier weiter ſüdlich ſoll das vierte Armeecorps, aus den Italienern und Baiern zuſammengeſetzt, ſtehen und der Vicekönig von Italien, Eugene, hat den Oberbefehl über daſſelbe. Noch weiter abwärts, hier bei Grodno und Bialyſtock, werden die Polen, Weſtphalen und Sachſen, das fünfte, ſiebente und achte Armeecorps, ſtehen, das mein Bruder Jeröme befehligt. Hier alsdann bei Tilſit werden die Preußen Halt machen und den äußerſten Flügel bilden, Macdonald hat über ſie den Oberbefehl, und dort unten bei Drochiczyn bildet Schwarzenberg mit ſeinen Oeſterreichern den zweiten äußerſten Flügel. Die Vorbereitungen ſind beendet und das Gewitter iſt bereit, ſich über Rußland zu ent⸗ laden, wenn Alexander es nicht anders will. Wie die Wogen des ge⸗ ſchwollenen, ſturmgepeitſchten Meeres rollen meine Armeen zu den Ufern Rußlands heran; noch iſt es Zeit, noch kann ihnen Stillſtand geboten werden und ein bittendes Wort Alexanders kann ihnen gebieten, rückwärts zu fließen. Wenn er dies Wort nicht ſpricht— nun, dann möge ſein Geſchick ſich erfüllen und der Donner meiner Kanonen möge 3— 36 ihm zurufen, daß ſeine Stunde geſchlagen hat und ſein Reich zu Ende geht. Er hat es ſo gewollt! Er ſelbſt hat ſein Verderben herauf⸗ beſchworen! Er— Ein lauter, donnerähnlicher Knall, der über ſeinem Haupte hin⸗ rollte, und die Wände zittern und die Fenſter klirren machte, unterbrach auf einmal die tiefe Stille. Der Kaiſer ſprang von ſeinem Sitze empor und rief mit lauter Stimme: Rouſtan! Sofort öffnete ſich die Thür des nächſten Gemachs, und der Ma⸗ meluck erſchien auf der Schwelle. Was war das? fragte Napoleon haſtig. Sire, es war, als ob grade über uns eine Mauer einſtürzte, es krachte, als ob man eine Kanone löſte. Ich ſtürzte ſofort auf den Corridor hinaus, aber auch da war Alles ruhig und ſtill. Nur der Kaſtellan des Schloſſes kam in höchſter Eile, im Nachtgewand daher gerannt und fragte, ob in den Gemächern des Kaiſers ein Unglück ge⸗ ſchehen ſei. Wo iſt der Kaſtellan jetzt? Sire, als ich ihm ſagte, daß das Geräuſch aus dem oberen Stock⸗ werk gekommen, begab er ſich ſofort dahin, um zu ſehen, was dort ge⸗ ſchehen ſei. Geh, und bringe mir den Kaſtellan hieher, befah als Rouſtan hinaus gegangen, blieb des Kaiſers Auge feſt und geſpannt auf die Thür geheftet und ſeine zuſammengepreßten Lippen zuckten vor innerer Ungeduld. Endlich öffnete ſich die Thür wieder; Rouſtan erſchien, gefolgt von dem Kaſtellan, der bleich und an allen Gliedern zitternd, hinter dem Mamelucken herſchwankte und ſich mit bebenden Händen an die Thür feſtklammerte, damit ſeine Füße nicht unter ihm zuſammenbrächen. Napoleon ſchleuderte auf ihn einen ſeiner raſchen leuchtenden Adlerblicke. Woher kam dieſes Geräuſch und weshalb zittern Sie ſo ſehr? fragte Napoleon haſtig. Majeſtät verzeihen, ſtammelte Schluter, aber l Napoleon, und der Schreck,— die neberaſchu habe ſo etwe Pas he ſimme. Re Der He aiſer mit e ran hat es Napole Hat man n hier ſein W nir ſolche Majeſt getaſtet gew hieher ihre gonz whig d mit einem 5 Das es heut noc verſchloſen hier oben j Eide legen gſtlhert u Frau auf di hiecher gel ſchs N Holzahner itt iſes ſogn Un geſchedat Unde borgebrach 3hl einige Ma leon, und d geſpannt uckten vor n, gefelgi d, hinter en an die enbrächen⸗ leuchtenden ſo ſchr — die leu, . 37 Ueberraſchung,— ich glaube, meine Sinne haben ſich verwirrt. Ich habe ſo etwas Unerhörtes, Unglaubliches geſehen, daß ich— Was haben Sie denn geſehen? rief Napoleon mit ſeiner Donner⸗ ſtimme. Reden Sie! Woher kam das Geräuſch? Der Kaſtellan richtete ſein Haupt langſam empor und ſtarrte den Kaiſer mit entſetzten Blicken an. Majeſtät, ſagte er feierlich, die weiße Frau hat es verſchuldet. Napoleon zuckte leicht zuſammen und ſeine Stirn verfinſterte ſich. Hat man mir aber nicht geſagt, daß das alberne Geſpenſt niemals hier ſein Weſen treibe? fragte er. Habe ich nicht befohlen, daß man mir ſolche Zimmer gebe, die niemals von dieſem Spuk berührt worden? Majeſtät, dies ſind die Zimmer, die bisher ganz rein und unan⸗ getaſtet geweſen ſind, rief Schluter. Noch niemals hat die weiße Frau hieher ihre Schritte gelenkt und noch heute Nachmittag ſtand das Bild ganz ruhig drüben auf dem andern Flügel des Schloſſes. Ich kann das mit einem heiligen Eide beſchwören. Was für ein Bild? fragte Napoleon ungeduldig. Das Bild der weißen Frau! ſagte Schluter feierlich. Ich habe es heut noch drüben im Kabinet geſehen, die Thüren waren ſämmtlich verſchloſſen und jetzt finde ich dieſes große, rieſenhafte Bild auf einmal hier oben in der Kammer, grade über dieſem Gemach hier, auf der Erde liegen, wie wenn es im Wandeln über irgend einen Gegenſtand geſtolpert und hingeſchlagen iſt. Es iſt das erſte Mal, daß die weiße Frau auf dieſem Flügel des Schloſſes ſich zeigt, ihr Bild iſt von drüben hierher gekommen, Gott allein weiß, wie es geſchehen. Sonſt bedurfte es ſechs Männer, um das rieſengroße Bild mit ſeinem ungeheuren Holzrahmen nur von einem Zimmer in das andere zu bringen und jetzt iſt es auf einmal hier, als wär' es durch die Luft herüber ge⸗ flogen! Und es liegt auf dem Boden, als wär' es vom Blitz nieder⸗ geſchleudert. Und Sie meinen, daß das Fallen des Bildes das Geräuſch her⸗ vorgebracht habe? fragte Napoleon. Ich bin davon überzeugt. Wenn Ew. Majeſtät befehlen, hole ich einige Mannſchaft und wir gehen hinauf, um das Bild wieder aufzu⸗ richten und es dann wieder auf die Erde fallen zu laſſen, damit Ew⸗ Majeſtät alsdann ermeſſen können, ob es daſſelbe Geräuſch iſt. Ach, Sie haben wenig Reſpect vor Ihrem wandelnden Bilde, rief der Kaiſer lächelnd. Sie wollen es mißbrauchen, um damit Experi⸗ mente zu machen! Wir wollen annehmen, daß das Fallen des Bildes allein die Urſache des Geräuſches geweſen. Jetzt, da es einmal liegt, wird es wohl ſtill liegen und uns nicht mehr ſtören, es müßte denn ſein, daß Ihr Bild vielleicht einſchliefe und im Schlafe ſchnarchte. Wie iſt es damit? Majeſtät, ſagte Schluter feierlich, die weiße Frau ſchläft niemals! Der Kaiſer warf ihm einen raſchen, forſchenden Blick zu und wandte ſich dann ab, um, die Hände auf dem Rücken gefaltet, langſam auf und ab zu gehen. Auf einmal blieb er vor dem Kaſtellan ſtehen. Was iſt es mit dieſer weißen Frau? fragte er haſtig. Wer war ſie und was erzählt man von ihr? Ach, Sire, das iſt eine ſehr lange und traurige Geſchichte, welche die Ahnen der Markgrafen von Brandenburg betrifft, ſeufzte Schluter. Sie kennen die Geſchichte? Jawohl, Majeſtät, ich kenne ſie. So erzählen Sie einmal, aber raſch und kurz! befahl Napoleon, indem er ſich auf den Lehnſtuhl neben dem Kamin warf und Rouſtan mit einem haſtigen Wink ſeiner Hand und dem Wort: Feuer! bedeutete, neues Holz in die Flammen des Kamins zu werfen. Erzählen Sie! befahl Napoleon noch einmal. Ew. Majeſtät, ſagte Schluter zögernd, ich verſtehe mich nicht darauf, mit ſchönen Worten zu erzählen und Ew. Majeſtät müſſen gnädigſt verzeihen, wenn ich's ſchlecht mache! Wer war die weiße Frau? fragte Napoleon ungeduldig. Sire, es war die Frau Kunigunde, die Herrin von der Plaſſen⸗ burg. Hatte den alten Grafen von der Plaſſenburg heirathen müſſen auf Befehl ihrer Aeltern, und als der alte Graf nach ſechs Jahren einer ſchlimmen Ehe ſtarb, war Frau Kunigunde von Orlamünde eine junge Wittwe von vier und zwanzig Jahren, die Erbin der ſchönen Plaſſenburg und Mutter von zwei Kindern. Sie war eine junge lebensluſlige Da filen gbornen H ihn ſo, un die Bürger Nürnberg, edle Herr Hennegau, von Orlam ließ ihn f Eigenthum all ihrem lichelte, a ſprach:„ſu ſie wohl kanns nim abet meint Orlamünd auf ſeine 2 Aber die die vier Au mit ihr in Sie liebte Stunde an ihrer Vech ſlüſterten i gunde eche dus Haupt lugen her An ihrn Cdelſtn ſchenk, u Huupt ih dem Wirh damit Ew. Bilde, rief nit Experi⸗ des Zildes nmal liegt, tüßte denn t, langſam lan ſtehen. er war ſie te, welche d Rouſtan bedeutete, nich nicht ſtät müſſen el Plaſen⸗ then niſſen lebensluſtige Dame und ſchaute umher nach einem zweiten Gemahl. Da fielen ihre Augen auf den Burggrafen von Nürnberg, den hoch⸗ gebornen Herrn Albrecht den Schönen. Das ganze deutſche Volk nannte ihn ſo, und alle Mädchen weit und breit, die Fräuleins ſowohl wie die Bürgerstöchter von Nürnberg liebten den ſchönen Grafen von Nürnberg, den Stammherrn des Hauſes Hohenzollern. Er aber, der edle Herr Albrecht, liebte nur die Eine, die ſchöne Beatrix von Hennegau, und keine als dieſe wollte er heirathen. Frau Kunigunde von Orlamünde aber wußte das nicht und ſandte ihm Botſchaft und ließ ihn fragen, ob er ſie heirathen möchte? Sie wollte ihm zum Eigenthum auch die ſchöne Plaſſenburg geben, ſammt ſich ſelbſt und all' ihrem Hab und Gut!— Der Herr Burggraf Albrecht der Schöne lächelte, als er die Botſchaft vernahm und zuckte die Achſeln und ſprach:„ſagt Eurer Gräfin, ſie wär' wohl liebenswerth und ich möcht' ſie wohl heirathen, wenn nur vier Augen nicht wären! So aber kann's nimmermehr ſein, weil die vier Augen ſind!— Der Burggraf aber meinte damit die Augen ſeiner Aeltern, welche der Gräfin von Orlamünde nicht wohlgeneigt waren, und er wollt' ſeine Weigerung auf ſeine Aeltern ſchieben, um die ſchöne Wittwe nicht zu beleidigen. Aber die Frau Kunigunde legt' ſich die Worte anders aus und dachte: die vier Augen, von denen der Burggraf geſagt, daß ſie einer Heirath mit ihr im Wege ſtänden, das wären die vier Augen ihrer zwei Kinder. Sie liebte aber den ſchönen Burggrafen ſo heiß, daß ſie von dieſer Stunde an ihre Kinder haßte, weil ſie vermeinte, ſie allein ſtänden ihrer Verheirathung im Wege. Der böſe Geiſt und die böſe Liebe flüſterten in ihr Ohr:„gehe hin und tödte deine Kinder.“ Und Kuni⸗ gunde erhob ſich von ihrem Lager; im langen weißen Nachtgewand, das Haupt bedeckt von einem ſchwarzen Schleier, aus dem ihre böſen Augen hervorblitzten, ſo ſchlich ſie an das Lager ihrer beiden Kinder. Aus ihrem ſchwarzen Rabenhaar zog ſie eine lange goldene, mit Edelſteinen beſetzte Nadel, die ihr einſt der Burggraf Albrecht ge⸗ ſchenkt, und mit der Nadel durchbohrte ſie eins nach dem andern das Haupt ihrer beiden Kinder und durchſtach ihnen das Gehirn mitten auf dem Wirbel! 40 Medea! rief Napoleon, in die Flamme ſtierend. Das alſo iſt die Geſchichte der hohenzolleriſchen Medea! Nein, Sire, die Gräfin hieß nicht Medea, ſondern Kunigunde, ſagte Schluter beſcheiden. Napoleon lächelte. Weiter! befahl er. Am anderen Morgen war groß Wehklagen auf der Plaſſenburg, denn die beiden lieblichen Kindlein lagen todt im Bett, keine Spur einer Gewaltthat war an ihnen zu ſehen, und der Hausarzt der Gräfin entſchied alſo, die Kinder ſeien am Schlagfluß geſtorben. Die Gräfin Orlamünde ſandte einen reitenden Boten gen Nürnberg zum Burg⸗ grafen Albrecht dem Schönen und ließ ihn zu ſich beſcheiden. Und als der Burggraf kam, da trat ihm Frau Kunigunde im weißen Braut⸗ gewande entgegen und ſchaute ihn an mit leuchtenden Augen und hielt in ihrer erhobenen Rechten die goldene Nadel und ſprach:„Die vier Angen ſind nicht mehr. Ich habe um Euretwillen meine beiden Kinder mit dieſer Nadel, Eurer erſten Liebesgabe, durchbohrt, die vier Augen ſind geſchloſſen! Jetzt nehmt mich zum Weibe!“ Da entſetzte ſich aber der Burggraf und er ſtieß die Mörderin zurück, die ihn umarmen wollte, und packte ſie und ſchleppte ſie durch alle Gemächer bis zu dem Burg⸗ verließ hin. Sie weinte und bat und ſchrie und jammerte, aber der Burggraf hatte kein Erbarmen mit der Kindesmörderin, er ſtieß ſie hinunter in's Burgverließ. Dann zeigte er ihr Verbrechen den Ge richten an, und es ward Gerichtsſitzung gehalten und die Gräfin Kuni⸗ gunde von Orlamünde, die letzte ihres Namens und Geſchlechts, ward zum Tode verurtheilt. Der Burggraf von Nürnberg ſandte den erſten Scharfrichter der Stadt hinaus auf die Plaſſenburg und in demſelben Zimmer, in welchem ſie die Mordthat verübt, ward der Gräfin Kuni⸗ gunde im Beiſein des Burggrafen das Haupt vom Rumpfe getrennt. Bevor ſie aber das Haupt auf den Block legte, ſchaute die Gräfin zu dem ſchönen Burggrafen hinüber und erhob beide Arme gen Himmel und that einen fürchterlichen Schwur, daß ſie ſich rächen wolle an dem Grafen und an ſeinem Geſchlecht, und daß, ſo oft einer von ſeinem Geſchlechte ſterbe, ſie dabei ſein wolle, ſo wie der Burggraf jetzt bei ihrem Tode zugegen ſei, und daß ſie nimmer ruhen wolle in ihrem Grabe, ſond ſe zun Tod letten Stun ſcheinen wer dem ſie ſo g hatte, legte that ſein We ſie begraben Nümberg je von Orlami allem Gut hrecht des freuen, den der ſchänen plötlich. S ausſtieß un Weh wirl Leuten, na Der Burge du, V Die w nach Baire auch zuweil In Be Hehenzoll d„die thun nif Nein, ſe nudell mißſilt, d weiße Frn digung un Ich llagten ſel 41 Grabe, ſondern leben und wandeln wolle, trotzdem daß der Burggraf ſie zum Tode geführt habe, und daß ſie, ſo wie ſie jetzt ihm in ihrer letzten Stunde gegenüber ſtehe, ihm auch in ſeiner letzten Stunde er⸗ ſcheinen werde, ihm und allen ſeinen Enkeln und Urenkeln. Und nach⸗ dem ſie ſo geſchworen und es mit einem fürchterlichen Eid bekräftigt hatte, legte ſie ruhig ihr Haupt auf den Block und der Nachrichter that ſein Werk.— Im Kloſter Himmelkron ließ alsdann der Burggraf ſie begraben, und kraft eines alten Vertrages wurden die Grafen von Nürnberg jetzt die Erben ihrer Lehnsvettern, der ausgeſtorbenen Grafen von Orlamünde. Die Plaſſenburg ſammt Bayrenth und Burgund und allem Gut der Orlamünde ward alſo Eigenthum des Burggrafen Al⸗ brecht des Schönen. Er konnte ſich der Erbſchaft aber nicht lange freuen, denn nach wenigen Jahren, nachdem er ſeit einiger Zeit mit der ſchönen Gräfin Beatrix von Hennegau vermählt war, ſtarb er ganz plötzlich. Seine Gemahlin erwachte davon, daß er einen lauten Schrei ausſtieß und rief: Kunigunde, kommſt Du ſchon, mich zu holen? Weh! Weh mir!— Dann ward Alles ſtill, die Gräfin ſchrie nach ihren Leuten, nach Licht. Die Diener ſtürzten herbei mit Licht und Fackeln. Der Burggraf Albrecht der Schöne lag in ſeinem Bett und war todt. Das, Majeſtät, iſt die Geſchichte von der weißen Frau von Baireuth. Die weiße Frau iſt alſo den Hohenzollern von der Plaſſenburg nach Baireuth und Berlin gefolgt? fragte Napoleon. Denn ſie erſcheint auch zuweilen in Berlin, nicht wahr? In Berlin und aller Orten ſonſt, wo ein Mitglied des Hauſes Hohenzollern, der Urenkel der Burggrafen von Nürnberg, bald ſterben wird. O, die gute Frau hat es alſo nur mit der Familie Hohenzollern zu thun! rief Napoleon lächelnd. Nur dieſen erſcheint ſie? Nein, Majeſtät, ſie erſcheint zuweilen auch Andern, ſagte Schluter, ſie wandelt umher im Schloß, und wer ihr im Wege ſteht und ihr mißfällt, dem ſagt ſie's und heißt ihn im Zorn von hinnen gehn. Die weiße Frau von Baireuth vergißt keine ihrem Hauſe angethaene Belei⸗ digung und ſie iſt mächtig in ihrem Zorn. Ich habe davon gehört, rief der Kaiſer düſter. Meine Generäle klagten ſehr über die Ruheſtörungen, die ſie hier im Jahre 1806 von 42 der weißen Frau erduldet hätten. Sie waren damals ſchon hier, nicht wahr? Ja, Sire, und ich war auch hier, als der General d'Espagne im Jahre 1809 hier im Schloſſe ſein Quartier nahm. Ach, ich entſinne mich! ſagte Napoleon leiſe vor ſich hin, Duroe erzählte mir damals von der Geſpenſtergeſchichte! Was geſchah denn eigentlich dem General d'Espagne? Sire, der General war Abends ſpät hier angekommen, und hatte, da er ermüdet war, ſich früh zur Ruhe begeben. In der Nacht hörte man in dem Zimmer des Generals ein fürchterliches Geſchrei. Die Ordonnanz⸗Officiere ſtürzten hinein; das Bett des Generals, das Abends, als er ſchlafen ging, an der Wand geſtanden, befand ſich jetzt mitten im Zimmer, war umgeſtürzt und unter demſelben lag der Ge⸗ neral im völlig bewußtloſen Zuſtand. Man zog ihn hervor, der herbei⸗ gerufene Arzt ließ ihm zur Ader und gab ihm, als der General erwachte, ein niederſchlagendes Pulver ein. Der General erzählte aber, die weiße Frau ſei ihm erſchienen und ſie habe ihn erwürgen wollen. Im Ringen mit ihr fei ſein Bett umgefallen, und im letzten Todeskampfe habe er um Hülfe geſchrieen. Er beſchrieb ganz genau Geſicht, Figur und Anzug der Erſcheinung, die er geſehen, und ich mußte ihn auf ſein ausdrückliches Begehr zu dem Bilde der weißen Frau führen. Als er es ſah, ward er leichenblaß und ſank faſt in die Knie, indem er ſtam⸗ melte:„Das iſt ſie! Gerade ſo iſt ſie mir erſchienen! Ihr Erſcheinen verkündigt mir ohne Zweifel meinen baldigen Tod!“— Seine Officiere ſuchten es ihm auszureden, aber er beharrte bei ſeiner Ueberzeugung und verließ in ſelbiger Nacht noch das Schloß, um in der kleinen fürſtlichen Villa Fantaiſie ſein Quartier zu nehmen. Am andern Morgen aber ſandte General d'Espagne ein ganzes Detaſchement Sol⸗ daten hierher, und die mußten unter der Aufſicht ihrer Officiere das Tafelwerk des Fußbodens aufnehmen und die Wandtapeten ablöſen, um zu unterſuchen, ob Verſenkungen oder verborgene Eingänge vor⸗ handen wären.*) Sie fanden aber nichts, denn die weiße Frau bedarf Di *) Siehe: v. Minutoli, Die weiße Frau. S. 17. einer Thea ſih die Wi aber war d und als et in Bairet bald ſterbe Und et Aspern,*) Kaminfeuer Eine und ſtand von der w jet mhig Noch! der Kaiſer auf und al Einmal ſt ſinkenden Alber melte er, leiſer hinz weiden, u ſoßen wi Ich habe Malmaiſp weil Du ſephine, meinet S nil ſchlu zummer i dann bli S hon hier l hier habe er r und auf ſein Erſcheien Officiere zeugung leinen ern — a nt Sol⸗ G e das ficier ablöſen, znge vbl⸗ Frau bed arf 43 keiner Theatermaſchinen, ſie geht, wohin ſie will, und vor ihr öffnen ſich die Wände und die verſchloſſenen Thüren. Dem Grafen d'Espagne aber war das unheimlich. Er verließ ſchon am andern Tage Baireuth und als er durch das Thor aus der Stadt hinausritt, ſagte er:„Hier in Baireuth habe ich meine Todtenglocke läuten hören. Ich werde bald ſterben!“ Und er ſtarb wirklich bald darauf, denn er fiel in der Schlacht von Aspern,*) ſagte Napoleon leiſe vor ſich hin, mit düſtern Blicken in das Kaminfeuer ſtarrend. Eine Pauſe trat ein; dann auf einmal ſchreckte der Kaiſer empor und ſtand auf. Es iſt gut, ſagte er. Gehen Sie! Ihre Geſchichte von der weißen Frau war recht unterhaltend. Hoffentlich wird ſie ſich jetzt ruhig verhalten. Gehen Sie! Auch Du, Rouſtan! Ich werde rufen! Noch lange, nachdem die Beiden das Gemach verlaſſen hatten, ging der Kaiſer, die Hände auf dem Rücken gefaltet, langſam in dem Gemach auf und ab. Seine Stirn war bewölkt, ſein Antlitz bleich und finſter. Einmal ſtand er vor dem Kamin ſtill und ſtarrte düſter in die zuſammen⸗ ſinkenden Gluthen. Alberne Ammenmährchen, an die kein Vernünftiger glaubt, mur⸗ melte er,— aber die dennoch zuweilen in Erfüllung gehen, fügte er leiſer hinzu. Hatte man Joſephinen nicht prophezeiht, daß ſie Kaiſerin werden, und daß nicht der Tod, ſondern eine Frau ſie vom Throne ſtoßen würde? Die Prophezeihung hat ſich erfüllt! Arme Joſephine! Ich habe Dich verlaſſen müſſen, und in Deinem einſamen Schloß Malmaiſon beteſt Du dennoch vielleicht zu dieſer Stunde für mich, weil Du weißt, daß ich neuen Gefahren entgegen gehe! Arme Jo⸗ ſephine, Du warſt mein guter Engel, und ſeit Du nicht mehr an meiner Seite biſt— Gleichviel, unterbrach ſich der Kaiſer haſtig, ich will ſchlafen gehen! Er that einige Schritte nach der Thür hin, die zu ſeinem Schlaf⸗ zimmer führte, und in welchem Rouſtan und Conſtant ſeiner harrten, dann blieb er ſtehen. v. Minutoli, Die weiße Frau. „ ße E 44 Nein, ſagte er, ich will erſt meine Schlachtordnung zu Ende bringen und mit dem Kaiſer Alexander den Vernichtungskampf ſchlagen! Haſtigen Schrittes kehrte er wieder zu dem Tiſche mit den Karten zurück und ließ ſich wieder auf dem Lehnſtuhl nieder. Tiefe Stille herrſchte jetzt in dem weiten Gemach. Die faſt ſchon herabgebrannten Kerzen brannten düſter und trübe, das zuſammen⸗ fallende Feuer im Kamin kniſterte zuweilen hoch auf, und dann tiefer in ſich zuſammenſinkend, warf es einen dunkelrothen Schein über das eherne Antlitz des Kaiſers, der, über die Karte gelehnt, unbeweglich und ſchweigend da ſaß. Vielleicht war es die Hitze des Kamins oder die tiefe Stille um ihn her, welche den Kaiſer einſchläferte. Er lehnte ſein Haupt zurück in den Seſſel, ſein flammendes Auge ſchloß ſich. Der Kaiſer ſchlief. Das Feuer im Kamin ſank tiefer zuſammen, die Lichter brannten trübe und düſter und waren im Erlöſchen begriffen. Der Kaiſer ſchlief, aber ſein Schlaf war kein ruhiger und ſanfter, und die im Wachen ſo unbeweglichen und feſten Züge waren jetzt im Schlaf heftig bewegt und zuckten in wechſelnden Empfindungen. Einmal rief er mit lauter zärtlicher Stimme: Mein Vater! Kommſt Du endlich einmal zu mir? Oh ſei willkommen, mein Vater! Und ein freudiger Schein flog über das Antlitz des Schlummernden hin. Aber er verblaßte bald wieder und das Antlitz des Kaiſers ward finſter und ſeine Lippen zuckten vor Zorn. Nein, nein, ſagte er mit ſchwerer, vom Schlaf gefeſſelter Zunge, nein, mein Vater, Du irrſt, nicht den wechſelnden Jahreszeiten gleicht mein Glück, nicht ſtehe ich ſchon im Herbſt, wo die Früchte abfallen und der Winter kommt. Mein Glück iſt von Eiſen und es wird nicht zuſammenbrechen. Wieder ſchwieg er und ſein Antlitz nahm den Ausdruck eines Horchenden, Aufmerkenden an. Wie? rief er dann mit lauter Stimme, Du ſagſt, meine Familie wird mich treulos verlaſſen und mir im Unglück mit Undank lohnen? Nein, das iſt unmöglich, ich habe ſie mit Wohlthaten überhäuft, ich— Er ſch Fuſe, heft nicht, mich Und, ſchlug der, Blick unhe Ach, ſe ein fürchter verkündete Er wamte Marſchälle und wie i ſprach die Und der Ko hin:„Du! eine von ih Die zweit noch Dein zu ſein Geualt ve umgeben i wandten! 2 1h bah, Ales iſt 2 ungeſtect! Trimen e bringen en Karten tt im ck eines Famili Er ſchwieg und ſchien wieder zu hören. Pauſe, heftig emporfahrend, das iſt zu viel! Ganz Europa vermag nicht, mich zu ſtürzen. Mein Name gebietet dem Schickſal!*) Und, geweckt vielleicht von der Gewalt ſeiner eigenen Stimme, ſchlug der Kaiſer die Augen auf und ſchaute mit einem langen, düſtern Blick umher. Ach, ſagte er, ſich die Hand an die feuchte Stirn legend, welch' ein fürchterlicher Traum war dies. Mein Vater ſtand vor mir und verkündete mir die Zukunft. Er prophezeihte amir Unheil und Verderben! Er warnte mich vor meinen Verwandten, vor der Undankbarkeit meiner Marſchälle!““) Zum zweiten Male kommt mir dieſe Prophezeihung, und wie ich meinen Vater jetzt im Traume gehört und geſehen, ſo ſprach die alte Zauberin zu mir bei den Pyramiden Aegyptens.— Und der Kaiſer, tiefer in ſich ſelber verſinkend, murmelte leiſe vor ſich hin:„Du wirſt zwei Frauen haben, ſagte mir die ägyptiſche Zauberin, eine von ihnen wirſt Du ungerecht verſtoßen; das wird die Erſte ſein. Die zweite wird Dir einen Sohn gebären, aber mit ihr beginnt den⸗ noch Dein Unglück. Bald wirſt Du aufhören, glücklich und machtvoll zu ſein. Alle Deine Hoffnungen werden Dich betrügen, Du wirſt mit Gewalt verjagt und auf einen fremden Boden verſtoßen werden, der umgeben iſt von Meeren und Klippen. Hüte Dich vor Deinen Ver⸗ wandten! Dein eigenes Blut wird ſich wider Dich empören!“*2*)— Ah bah, rief der Kaiſer auf einmal, das Haupt raſch erhebend, dies Alles iſt Thorheit. Dies Schloß mit ſeinen Spukgeſchichten hat mich angeſteckt und ich wittere Geſpenſter in der Luft und mache aus meinen Träumen Prophezeihungen. Ich will zu Bett gehen! Und zum zweiten Male näherte er ſich der Thür des Schlafzimmers. Plötzlich aber fuhr er zurück, und ſeine flammenden, weit aufgeriſſenen Augen ſtarrten auf die Thür hin. Vor derſelben ſtand eine hohe weibliche Geſtalt, die Arme weit über die Thür ausgebreitet, als wolle ſie dem Kaiſer den Durchgang *) Napoleons eigene Worte. Siehe Le Normand II. S. 420. **) Le Normand II. S. 421. ***) Dieſe Prophezeihung iſt hiſtoriſch. Siehe: Le Normand II. S. 487. Ach, rief er nach einer 46 wehren. Ein langes weißes Gewand bedeckte ihre ſchlanken ſtolzen ganzer Jili Formen, ein ſchwarzer Schleier verhüllte ihren Buſen und ihr hoch⸗ und wage m gehobenes Haupt. Aber hinter dem durchſichtigen Gewebe des Schleiers vitd Dein d erblickte man ein bleiches, ſchönes Frauengeſicht, deſſen Augen leuch⸗ zu verſihner teten wie Schwerterſpitzen. Abgefallenen Napoleon, von ſtummem Entſetzen ergriffen, heftete ſeine düſteren Ver ſi Blicke feſt und unverwandt auf die Erſcheinung, die jetzt mit hoch⸗ und Abgefal gehobenen Armen zu ihm heran ſchritt. Wer ſi Der Kaiſer, wider Willen erbebend, trat einen Schritt rückwärts, Schritt nähe und die Hand auf die Lehne des Fauteuils legend, auf welchem er düſter amm vorher geſeſſen, ſchaute er mit düſtern, forſchenden Augen der ſich Treue geſch nähernden Geſtalt entgegen. Philadelphi Du wagſt es, den frechen Fuß in die Wohnung der Hohenzollern Der h zu ſetzen? fragte die Erſcheinung mit dumpfem, drohendem Ton. Du Wangen.( kommſt hierher, um die Ruhe der Todten ſtören? Fliehe, Vermeſſener, habt, warer fliehe, denn das Verderben jagt hinter Dir her, und es wird Dich Schreckens packen und Dich erwürgen. Deine letzte Stunde iſt gekommen! Bereite drcherd erl Dich vor, um vor Deinem Richter zu erſcheinen! Di Ach, Du willſt mich alſo tödten, ſchöne Dame? fragte Napoleon Iih kenne ſi mit leiſem Spott. Du willſt die Niederlagen rächen, die ich den Nach⸗ Du ke kommen des ſchönen Burggrafen Albrecht bei Jena, Eylau und Fried⸗ Du wit, land bereitete? Wahrlich, ich hätte gemeint, die ſchöne Kunigunde von veden, vei Orlamünde ſollte mich vielmehr als Freund willkommen heißen, denn 0 ve bin ich es nicht geweſen, der ſie gerächt hat an dem treuloſen Geſchlecht Vihe! der Hohenzollern? ſun In Du ſpotteſt, ſagte die Geſtalt, denn der Zweifel iſt in Deinem in der ge Herzen und der Hochmuth iſt in Deiner Seele. Hüte Dich aber, Bona⸗ Im Vlle parte, hüte Dich, denn ich ſage es Dir zum letzten Mal: Deine Stunde uhnen in iſt gekommen, und jeder Schritt, den Du vorwärts thuſt, iſt ein Schritt Seſn Sin zu Deinem Verderben! Kehre alſo um, Bonaparte, kehre um, wenn T Du gerettet ſein willſt! Kehre um, denn auf den Schlachtfeldern Ruß⸗ zuſ lands droht Dir das Verderben! Kehre um, denn die Seelen der durch horhen 4 Dich Erwürgten ſchreien zu Gott empor um Rache, und fordern Dein Blut für das ihre, Deine Beſtrafung für das hingemordete Glück ihr hoch⸗ do en der ſich ohenzollern Du Ton 1 Be eite Napoleon den Nach denn Geſchlecht um, wenn 5 6. eldern Ruß nder durh erdem Dein „ Glück ordete 47 ganzer Völker! Kehre um, Bonaparte, fliehe den Boden Deutſchlands, und wage nicht, ihn wieder zu betreten, denn ſchmachvolles Unterliegen wird Dein Loos ſein! Kehre heim nach Frankreich und ſuche Diejenigen zu verſöhnen, welche Dich verwünſchen als einen Eidbrüchigen und Abgefallenen! Wer ſind Diejenigen, die es wagen wollen, mich einen Eidbrüchigen und Abgefallenen zu nennen? fragte Napoleon haſtig. Wer ſie ſind? ſagte die Erſcheinung, indem ſie dem Kaiſer einen Schritt näher trat, und unter dem Schleier hervor ihn anſtarrte mit düſter flammenden Augen. Es ſind Diejenigen, welchen Du einſt ewige Treue geſchworen, welche Du Deine Brüder genannt. Es ſind die Philadelphier! Der Kaiſer ſchrak zuſammen und eine tödtliche Bläſſe bedeckte ſeine Wangen. Seine Mienen, welche vorher einen ſpöttiſchen Ausdruck ge⸗ habt, waren jetzt düſter, entſetzensvoll, und mit einem Ausdruck des Schreckens ſtarrte er die Erſcheinung an, die ſtolz und groß, mit drohend erhobenem Arm vor ihm ſtand. Die Philadelphier? fragte Napoleon zögernd und faſt ſchüchtern. Ich kenne ſie nicht! Du kennſt ſie! ſagte die Erſcheinung feierlich. Du kennſt ſie und Du weißt, daß die Unſichtbaren über Dir wachen und Dich ſtrafen werden, weil Du Deinen Schwur gebrochen haſt! Ich weiß von keinem Schwur! Wehe Dir, wenn Du ihn vergeſſen haſt. Ich will ihn Dir wieder⸗ holen! Im Walde von Fontainebleau im Jahr 1789 war es, wo Du in der Verſammlung der Brüder erſchienſt und um Aufnahme bateſt. Im Walde von Fontainebleau war es, wo die Philadelphier Dich auf⸗ nahmen in ihren Bund und Deinen Schwur vernahmen. Soll ich Dir dieſen Schwur wiederholen? Thue es, wenn Du es kannſt! Du ſchwurſt, daß niemals ein freier Mann wieder Königen ge⸗ horchen ſolle, Du ſchwurſt: Tod den Tyrannen, unter welchem Titel und in welcher Eigenſchaft ſie ſich auch darſtellen möchten. 48 Das war die Schwuresformel jedes Clubs und jeder geheimen Geſellſchaft jener Zeit, rief Napoleon verächtlich. Aber die Philadelphier forderten von Dir einen andern, ſchrift⸗ lichen Eid. Dieſer Eid lautete:„Ich willige ein, daß man mir das Leben nimmt, wenn ich mich jemals mit dem Königthum verſöhne. Um zu ſeiner Ausrottung in Europa beizutragen, will ich Feuer und Schwert gebrauchen, will ich, wenn die Geſellſchaft, der ich angehöre, es von mir fordert, ſelbſt das Theuerſte, was ich beſitze, opfern.“ Du ſchriebſt den Eid und unterzeichneteſt Deinen Namen mit Deinem Blut.*) Es iſt wahr, ich that das! murmelte Napoleon. Ich war ein Thor, der, wie alle Andern, von der Möglichkeit der Republik träumte. Du warſt ein Gläubiger und Du biſt ein Abtrünniger geworden, rief die Erſcheinung mit drohender Stimme. Die Unſichtbaren werden Dich ſtrafen und Dich richten, wenn Du nicht eilſt, ſie zu verſöhnen! Du haſt vergeſſen, daß Du unter dem Joch der Philadelphier ſtehſt; der Kaiſer Napoleon glaubt die Macht zu haben, mit dem Blut der unterjochten Völker die Worte des heiligen Schwurs auszulöſchen, den einſt der General Bonaparte im Walde von Fontainebleau den Phila⸗ delphiern gethan. Und ich habe die Macht dazu, rief Napoleon ſtolz. Ich ſtrecke den Arm über Europa hin und es beugt ſich vor mir in den Staub. Aber die Philadelphier werden Deinen Arm zerbrechen und Deine Kronen in Staub verwandeln, wenn Du nicht eilſt, ſie zu verſöhnen, rief die Erſcheinung. Kehre um, denn noch iſt es Zeit. Gehe heim nach Frankreich, entſage dem Krieg und den Eroberungen, Frankreich will den Krieg nicht mehr, es verwünſcht den Tyrannen, der ihm und Europa den Frieden verweigert. Kehre um, genug des Bluts iſt ver⸗ goſſen worden! Schwöre in dieſer Stunde mit einem heiligen Eide, daß Du Deinem Ehrgeiz entſagen, daß Du nicht fortſchreiten willſt auf der Bahn der Verbrechen und des Blutes. Schwöre, daß Du heimkehren willſt nach Frankreich, morgen ſchon! Nimmermehr! rief Napoleon heftig und zornglühend. *) Le Normand II. 516. Schwör Erſcheinng. unſchuldigen Nein, n Ach, D nung, und n packte ihn m Du vilſt al ſchwatzen S hüllt zeigend die farbloſer unterlaufene Du wi Nun ſo ſiirl Und ih Npoleons, ſich, un p ſchienen ſei Der At ſich inmer der letzen um Hilfe. Sire, ihm Napo die Hund fe Sire, höne in ſürzte heri jin und he tern, und d Und L Freund, w rf ſich! nit das Mhlbac, der geheimen idern, ſchrift man mir das ne. Um und Schwert re, es von Du ſchriebſt Ich war ein er geworden, aren werden verſöhnen! er ſtehſt; Blut der löſchen, den den Phila⸗ G md Deine verſöhnen, Gehe heim Frankreich ₰ und Breiten wibſt daß Du e ble, 49 Schwöre, daß Du umkehrſt, oder ich erwürge Dich! ſchrie die Erſcheinung. Ich erwürge Dich, wie man den Wolf erwürgt, der die unſchuldigen Lämmer zerreißt. Schwöre, daß Du umkehrſt! Nein, nein, und abermals nein! Ach, Du ſchwörſt nicht, Du willſt alſo ſterben, ſchrie die Erſchei⸗ nung, und mit einem einzigen Sprung war ſie an des Kaiſers Seite, packte ihn mit eiſernen Fäuſten und warf ihn auf den Lehnſtuhl nieder. Du willſt alſo ſterben, wiederholte ſie, mit einer wilden Bewegung den ſchwarzen Schleier von ihrem Haupte reißend und ihr Antlitz unver⸗ hüllt zeigend. Dieſes Antlitz war das aſchfarbene Antlitz einer Leiche, die farbloſen, blutleeren Lippen zuckten im drohenden Zorn, die blut⸗ unterlaufenen, rothen Augen flammten vor Wuth. Du willſt alſo ſterben, rief die Erſcheinung zum dritten Mal. Nun ſo ſtirb! Und ihre Arme umklammerten wie zwei eiſerne Reifen die Bruſt Napoleons, ihre Augen bohrten ſich in ſein Antlitz, ihre Lippen öffneten ſich, um zwei Reihen furchtbarer Zähne zu zeigen, die im Begriff ſchienen, ſeine Bruſt zu zerfleiſchen. Der Athem ſtockte in des Kaiſers Bruſt, die eiſernen Reifen ſchloſſen ſich immer enger um dieſelbe, er fühlte ſeine Kraft erſterben, mit der letzten Anſtrengung ſtieß er einen gellenden Schrei aus und rief um Hülfe. Sire, Sire, erwachen Sie! rief eine angſtvolle Stimme neben ihm. Napoleon fuhr empor und wehrte mit einer wilden Bewegung die Hand fort, die ſeinen Arm berührte. Wer iſt da? fragte er zornig. Sire, ich bin es! Conſtant! ſagte der treue Kammerdiener. Ich hörte im Nebenzimmer das Aechzen und Rufen Eurer Majeſtät, ich ſtürzte herein und ſah Eure Majeſtät auf dem Lehnſtuhl ſich ängſtlich hin und her winden. Ein böſer Traum ſchien Ew. Majeſtät zu mar⸗ tern, und deshalb wagte ich es, Sie zu wecken. Und Du haſt wohl gethan, Conſtant, ſagte der Kaiſer. Ach, mein Freund, welch ein fürchterlicher Traum! Die weiße Frau war hier; ſie warf ſich wie ein Tiger über mich her, und wollte mich erwürgen und mir das Herz ausſaugen. Mühlbach, Napoleon. 1M. Bd. 4 Ew. Majeſtät hatten ſchon einmal einen ähnlichen Traum, ſagte Conſtant lächelnd. Wo denn? Wo war das? fragte Napoleon haſtig, indem er ſich den kalten Schweiß von der Stirn trocknete. Sire, es war in Erfurt, als der Kaiſer Alexander dort war.*) Ja, ich entſinne mich, ſagte der Kaiſer leiſe vor ſich hin. Es ſcheint, daß, ſowie ich mich Alexander nähere, dieſer böſe Traum mir wiederkehrt. Will das Schickſal mich warnen? Sollte er der Wolf ſein, der meine Bruſt einſt zerfleiſchen wird? Ach, es war in der That ein fürchterlicher Traum, und noch jetzt iſt mir, als hätte ich nicht blos geträumt, ſondern dies Alles wirklich erlebt. Er ließ einen langen prüfenden Blick durch das weite öde Zimmer gleiten. Alles war noch ſo, wie es bei ſeinem erſten Eintreten geweſen. Die Karten lagen noch ruhig auf dem Tiſch vor ihm, die bunten Na⸗ deln hoben noch in langen Reihen, wie kleine Armeen, ihre Köpfe em⸗ por und ſtanden in Schlachtordnung gegeneinander aufgereiht. Nur die Lichter waren faſt alle niedergebrannt und ausgegangen, und das Feuer im Kamin war im Erlöſchen. Napoleon erhob ſich fröſtelnd von ſeinem Lehnſtuhl. Ich will zu Bett gehen, ſagte er. Conſtant nahm den Armleuchter und dem Kaiſer voran eilend, öffnete er die Thür des anſtoßenden Gemachs.— Eine Viertelſtunde ſpäter war der Kaiſer zu Bett gegangen, und Conſtant und Rouſtan hatten ſich in das äußere Vorzimmer zurück gezogen, um gleich dem Kaiſer zu ſchlafen. Aber dieſer Schlaf ſollte nicht von langer Daner ſein. Ein lauter Aufſchrei Napoleons weckte Conſtant, und ließ ihn abermals haſtig in das Schlafzimmer ſtürzen. Der Kaiſer ſaß aufrecht in ſeinem Bett. Conſtant, ſagte er, dies Mal war es kein Traum. Die weiße Frau war hier, ich ſah ſie ganz deutlich, ich hatte noch nicht geſchlafen, ſondern meine Augen und alle meine Sinne waren noch wach. Ich ſah die lange weiße Geſtalt, das 59 *) Constant, Mémoires. Vol. IW S 79. Haupt bedec dem Fußbot meinen Bet Hand, und ſchwand. Verſenkung, ſucht die W Der Ke ein icht nel boden, nach Aber il bodens war überall feſt Nun,ſ nect, ſagte Die be verſuchen, d Eine( des Kaiſer Von E Das 4 det daneben auf den Ti En. N den Bett) Nein, nein, nir Geſpenſt we Weral vEzy etwirgen. mein Beit rief nach daß die we ſind, ſo ſul raum, ſagte ndem er ſich dort war.*) ſich hin. Es Traum mir der Volf der That ch nicht blos öde Zimmer ngeweſen. unten Na⸗ Köpfe em Nur „und das Ich will zu gate el, dies h ſie gar „ ble gen und ale Geſtal das 51 Haupt bedeckt mit dem ſchwarzen Schleier, dort neben der Wand aus dem Fußboden hervorwachſen. Mit einem Sprung ſtand ſie neben meinem Bett, und hob ihre Fäuſte empor. Ich packte ſie mit raſcher Hand, und rief nach Dir. Da entglitt ſie meinen Fingern und ent⸗ ſchwand. Ich ſage, wie der Graf d'Espagne, es muß hier irgend eine Verſenkung, eine Fallthür ſein. Rufe Rouſtan, nehmt Licht, und unter⸗ ſucht die Wände und den Fußboden. Der Kammerdiener beeilte ſich, Rouſtan herbeizuholen, und jeder ein Licht nehmend, unterſuchten ſie ſorgfältig die Wände und den Fuß⸗ boden, nach einer Verſenkung, einer Mauerhöhlung forſchend. Aber ihr Suchen war umſonſt. Das eichene Tafelwerk des Fuß⸗ bodens war dicht ineinander gefügt, die dunkeln Sammettapeten waren überall feſt an die Wand geklebt. Nun, ſo hat mich die weiße Frau abermals mit einem Traum ge⸗ neckt, ſagte der Kaiſer. Geht! Wir wollen ſchlafen! Die beiden Kammerdiener zogen ſich zurück, um noch einmal zu verſuchen, der Ruhe zu pflegen. Eine Stunde mochte vergangen ſein, als ein abermaliger Schrei des Kaiſers Conſtant in das Schlafzimmer rief. Von Entſetzen ergriffen, blieb er an der Thür ſtehen. Das Bett des Kaiſers ſtand mitten im Zimmer, der Nachttiſch, der daneben geſtanden, war umgeworfen, und die Nachtlampe, die ſich auf dem Tiſch befunden, lag erlöſchend auf der Erde. Ew. Majeſtät iſt doch kein Unglück geſchehen? fragte Conſtant, zu dem Bett hinſtürzend. Nein, ſagte Napoleon, welcher aufgerichtet in ſeinem Bette ſaß, nein, mir iſt kein Unglück geſchehen. Aber dieſes verwünſchte weiße Geſpenſt war wieder hier. Es wollte es mit mir, wie mit dem Ge⸗ neral d'Espagne machen, es wollte meine Bettſtelle umſtürzen und mich erwürgen. Ich erwachte davon, daß dies entſetzliche Frauenungeheuer mein Bett mit Rieſenkraft bis in die Mitte des Zimmers ſchob, ich rief nach Dir, und da verſchwand das Geſpenſt. Da es nun ſcheint, daß die weiße Frau es nicht liebt, wenn mehrere Menſchen im Zimmer ſind, ſo ſollſt Du und Rouſtan die Nacht bei mir bleiben. 4* ———— 52 Und wir werden, wenn Ew. Majeſtät es erlauben, jeder ein ge⸗ ladenes Piſtol in der Hand halten, um, ſo wie ſich wieder etwas blicken läßt, darnach ſchießen zu können. Ach, mein Freund, Du verſtehſt wenig von der Macht der Ge⸗ ſpenſter, ſagte Napoleon lächelnd. Wenn Du nach ihnen geſchoſſen haſt, werfen ſie Dir hohnlachend die Kugel zurück und gehen unverſehrt weiter, das iſt ſo Geiſterbrauch. Aber Ihr mögt immerhin Eure Piſtolen nehmen, und wenn die weiße Frau noch ein menſchlich empfindend Herz hat, ſo wird ſie Reſpect davor haben. Und die weiße Frau ſchien wirklich ein menſchlich empfindend Herz zu haben. Conſtant und Rouſtan, die zu beiden Seiten des kaiſerlichen Bettes auf dem Fußboden lagerten, erwarteten mit ihren geſpannten Piſtolen vergeblich das Wiederkehren der Erſcheinung. Alles blieb ſtill und ruhig, nichts regte ſich in dem Gemach, in welchem der Kaiſer, von ſeinen Getreuen bewacht, jetzt endlich eines ruhigen Schlafes genoß. Als der Kaiſer am andern Morgen ſich erhob, war ſein Antlitz bleicher und düſterer noch, als gewöhnlich. Während er ſonſt bei ſeiner Toilette ſich heiter und gütig mit ſeinen Kammerdienern zu unterhalten pflegte, blieb er heute ſtumm und ernſt, und nur zuweilen flüſterte er zwiſchen den zuſammengepreßten Lippen hervor:„Dies verwünſchte Schloß! dies abſcheuliche Spukneſt!“ Als Conſtant und Rouſtan die Toilette des Kaiſers vollendet hatten, und ſich anſchickten, das Zimmer zu verlaſſen, rief der Kaiſer ſie mit einem kurzen Wink ſeines Hauptes zu ſich. Kein Wort von dem, was hier heute Nacht geſchehen! befahl er. Wenn irgend etwas von der Erſcheinung verlautet, ſo trifft Euch mein Zorn! Geht! Und der Kaiſer begab ſich in die Palmengallerie, um die Meldungen ſeiner Suite zu empfangen und die gewöhnlichen Audienzen zu ertheilen. Mit einem raſchen Kopfnicken und einem düſtern Blick begrüßte er den Grafen Münſter, der mit ſeiner ehrerbietigſten Miene und dem *) Hiſtoriſch. Siehe: Minutoli, Die weiße Frau. S. 17. angenehnſt nqt gehal Ihr S abſcheulicher poleon verd ſtürkere Nil herabfallen auch nur ei Sire, ſ Iſt nie hüngten fa und die Lu — Die V Er wi das nächſte Adjutanten Eine und zahlre zu begeben hatte, abho ſetzen woll in der Fri waren geſt verwundert Eniyagen urücgeſch As d noch einme nuch den der Nur Ein Ich werd 9) N ſeder ein ge⸗ etwas blicken acht der Ge⸗ eſchoſſen haſt, n unbverſehrt Fure Piſtolen findend Her? indend Herz s kaiſerlichen geſpannten der Kaiſer, 6 genoß ſein Antlitz ei ſeiner unterhalten flüſterte er verwünf hie ndet hallen, iſer ſie mit angenehmſten Höflingslächeln ſich erkundigte, ob Se. Majeſtät eine ruhige Nacht gehabt. Ihr Schloßkaſtellan hat Ihnen alſo nichts rapportirt von dem abſcheulichen Lärm, der geſtern Abend im Schloſſe entſtand? fragte Na⸗ poleon verdrießlich. Sie ſollten dafür ſorgen, Herr Graf, daß man ſtärkere Nägel beſchafft, um die Bilder ſo aufzuhängen, daß ſie nicht herabfallen können. Wenn man Jemand aufhängen will, und wär's auch nur ein Bild, ſo muß man für einen haltbaren Galgen ſorgen. Sire, ſtammelte Graf Münſter, ich begreife nicht— dieſes Schloß— Iſt nicht einmal zum Galgen gut genug, denn es läßt ſeine Ge⸗ hängten fallen, rief Napoleon heftig. Es iſt ein verwünſchtes Schloß, und die Luft darin iſt ſchwül und beklommen, wie in einem Rattenneſt! — Die Wagen vor! Wix wollen aufbrechen! Er würdigte den Grafen keines weiteren Blickes, und kehrte in das nächſte Zimmer zurück, wohin nur der Großmarſchall und ſeine Adjutanten ihm folgen durften. Eine Viertelſtunde ſpäter verließ der Kaiſer mit ſeinem glänzenden und zahlreichen Gefolge das Schloß von Baireuth, um ſich nach Plauen zu begeben, wo er die Kaiſerin Marie Louiſe, welche dort übernachtet hatte, abholen, und mit ihr zuſammen die Reiſe nach Dresden fort⸗ ſetzen wollte. Die geſtern ſo belebten Straßen Kaireuths waren heute in der Frühe des Morgens noch öde und menſchenleer, alle Fenſter waren geſchloſſen, nur hier und da ſchaute hinter den Scheiben ein verwundertes, neugieriges Geſicht nach den durch die Straßen rollenden Equipagen, und nach dem bleichen, düſtern Antlitz des Kaiſers, der im zurückgeſchlagenen Wagen ſtolz, finſter und kalt dahin fuhr. Als der Wagen durch das Thor gefahren, wandte Napoleon ſich noch einmal um, und ſchaute mit einem düſtern Zornesblitz noch einmal nach dem Schloß zurück, deſſen hohe graue Mauern in der Beleuchtung der Morgenſonne ſich gar ſtattlich ausnahmen. Ein verwünſchtes, altes Schloß, murrte Napoleon vor ſich hin. Ich werde niemals wieder da eine Nacht zubringen.*) Siehe: Minutoli. S. 17. *) Napoleons eigne Worte. 54 Und er lehnte ſich in die Wagenecke zurück und ſtarrte düſter und ſchweigend zum Himmel empor. Drinnen im Schloß zu Baireuth aber ſtand der Graf Münſter, der Intendant der fürſtlichen Schlöſſer, am hohen Bogenfenſter der Palmengallerie, und ſchaute mit geſpannten Blicken dem Kaiſer nach, deſſen Wagen man von hier aus noch weit hinüber auf der Landſtraße verfolgen konnte. Jetzt bei einer Biegung des Weges verſchwanden die Equipagen hinter den grünen Weidenbäumen, und der Graf wandte ſich zu dem Kaſtellan Schluter, der hinter ihm ſtand. Aber jetzt ſagt mir um Gotteswillen, Schluter, rief der Graf, was meinte denn der Kaiſer? Und was mag ihm denn dieſe Nacht ge⸗ ſchehen ſein? Es iſt ihm geſchehen, was allen Denen geſchehen wird, welche es wagen, die weiße Frau von Baireuth zu beunruhigen, oder ihrer Macht zu ſpotten, ſagte Schluter feierlich. Ihr glaubt alſo wirklich, daß ſie ſich ihm gezeigt hat? fragte der Graf erſchrocken. Ich ward geſtern Abend ſpät noch und heute Morgen wieder zum Kaiſer gerufen. Wollen Ew. Excellenz wiſſen, weshalb? Das Bild der weißen Frau, das ich da drüben im Kabinet, neben dem Audienz⸗ ſaal, aufgeſtellt hatte, war hier herüber gewandert, und auf dem Boden⸗ raum, gradeüber von dem Zimmer des Kaiſers, hatte es ſich mit ſolcher Gewalt niedergeworfen, daß es wie ein Donner durch das ganze Schloß rollte. Aber das iſt ja unmöglich, rief Graf Münſter entſetzt. Ihr ſagtet ja, daß das Bild drüben auf dem andern Schloßflügel ſtände, und daß Ihr alle Thüren wohl verſchloſſen hättet. Aber ich ſagte Ew. Excellenz auch, daß Schlöſſer und Riegel die weiße Frau nicht aufhalten können, und daß, wenn ſie wandern will, die Mauern ſich vor ihr aufthun, und die Schlöſſer und Riegel weichen, und die Luft ſie trägt. Die Luft hat ſie hinüber getragen zu dem Feind ihres Hauſes und mit dem Donner ihres Zorns hat ſie ihn aus dem Schlafe geweckt. Und de Ja, ic ſchichte der niſchen Lüch hier paſſirt Sagle wieder ufe Der Nun, Ich m die weiße ſicht, Alle Koiſer vo laſſen, da wüthenden ſicht ſchen hoftig, ic weiße Fr tige Kaiſe lnd Graf Palnenga Der Grafen in nach den Schfzin und beug lugn zu Alles ſich hin. Er in ſeine re düſter und Hraf Minſter, genfenſter der Kaiſet nach, der Landſttaße ie Eyuipagen ſich zu dem tief der Graf, ieſe Nacht ge ird, welche es er ihrer Macht t7 fragte der n wieder zum dem Audienz⸗ fdem Boden⸗ h mit ſolcher rch das ganje Ihr ſagtet und daß be, d Riegel die „ andern wil zegel weichen, n dem Feind 3 ihn us dem Und deshalb ließ der Kaiſer Euch geſtern Abend rufen? Ja, ich ſollte die Ehre haben, dem großmächtigen Kaiſer die Ge⸗ ſchichte der weißen Frau zu erzählen, ſagte Schluter mit einem höh⸗ niſchen Lächeln. Ich hab's gethan, und auch, was dem General d'Espagne hier paſſirte, hab' ich erzählt. Sagtet Ihr aber nicht, der Kaiſer hätte Euch heute Morgen auch wieder rufen laſſen? Der Kaſtellan nickte. Nun, was wollte er denn da? Ich mußte ihm ganz genau das Coſtüm beſchreiben, in welchem die weiße Frau zu wandeln pflegt, ihr Kleid, ihren Schleier, ihr Ge⸗ ſicht, Alles mußt' ich ſchildern. Ich ſchlug zuletzt dem großmächtigen Kaiſer vor, ich wolle ihm das Bild der weißen Frau herbringen laſſen, daß er's ſelber anſchauen könnte, aber da warf er mir einen wüthenden Blick zu, und ſagte ganz zornig:„nein, nein, ich will es nicht ſehen! Verſchont mich mit Eurem verdammten Bild!“*) Wahr⸗ haftig, ich glaube, der großmächtige Kaiſer hatte Furcht, und die weiße Frau hat's ihm angethan! Er war ganz blaß, der großmäch⸗ tige Kaiſer! Und Schluter brach in ein lautes Hohngelächter aus. Graf Münſter ſchüttelte ernſt ſein Haupt, und beeilte ſich, die Palmengallerie und das unheimliche Schloß zu verlaſſen. Der Kaſtellan blieb ſtehen, und horchte, bis die Schritte des Grafen in die Ferne verklangen, dann eilte er durch die Palmengallerie nach den Gemächern, welche der Kaiſer bewohnt hatte. In dem Schlafzimmer des Kaiſers angelangt, ſchob er das Bett bei Seite, und beugte ſich auf den Fußboden nieder, um ihn mit ſorgſamen Augen zu betrachten. Alles in Ordnung! Nichts iſt zu ſehen! murmelte er leiſe vor ſich hin. Die weiße Frau kann hier noch oft ſpazieren gehen! Er lachte laut auf, und verließ die kaiſerlichen Zimmer, um ſich in ſeine unter denſelben befindliche Privatwohnung zu begeben. *) Hiſtoriſch. Siehe Minutoli. S. 17. Nun will ich meine lieben Schätze verwahren, damit kein unein⸗ geweihtes, menſchliches Auge ſie erblickt! ſagte er, indem er vorſichtig die Thür hinter ſich verriegelte. Kommt, meine geheimnißvollen Schätze! Kommt! Er zog aus ſeinem Bett ein langes, weißes Gewand, einen kleinen pelzverbrämten Mantel und einen langen ſchwarzen Schleier hervor, und während er alle dieſe Dinge ſorgfältig zuſammenlegte, und in einer unter dem Bett ſtehenden Truhe verſchloß*“), ſang er dabei mit lauter fröhlicher Stimme: Ein Korſ', Ihr kennt den Namen ſchon, Seit vierzehn Jahr und drüber, Spricht allen Nationen Hohn, Giebt Fürſten— Naſenſtieber, Stürzt Throne wie ein Kartenhaus Und treibt das Weſen gar zu kraus, Nicht Bona— Malaparte!**) IV. Mapoleon in Dresden. Freude, Glück und Liebe herrſchten am Hofe des Königs von Sachſen, Alles ſtrahlte in Luſt und Wonne! Napoleon hatte das ſächſiſche Königshaus mit einem Beſuch beehrt, er war nach Dresden gekommen, um mit Friedrich Auguſt, den er ſchmeichelnd„cher papa“ zu nennen pflegte, einige Tage im ſchönen Familienkreiſe zu verleben. Auch war er nach Dresden gekommen, um vor ſeiner Abreiſe nach *) Dieſe verſchiedenen, zur Toilette der weißen Frau gehörigen Gegen ſtände fanden ſich, als Schluter 1820 ſtarb, in ſeinem Nachlaß. Siehe: Mi nutoli. S. 17. **) Spottlied auf Napoleon aus dem Jahr 1812. Siehe: Volkswitz der Deutſchen. Heft XII. S. 99. Rußland d Oeſterreich, Preußen, d kommen, un bundes, um digung der Untet mit Marie Stunde der völkerung v jubeln. Al jichen, No Morie Lou Napoleons überall auf in ungehe Hünſer gei ſam mrk Lanſende pagen und enpor, die aber dieſe ſünniges Liede ſein Rgenſchall Bultstegei Der Vorwurf Bücen vo ſizerden Aber Keine P innern 3 Et unter ſt kein unein⸗ er vorſchtig er dabei mit Abreiſe nach olköwit der Rußland dort noch einmal ſeinen Schwiegervater, den Kaiſer von Oeſterreich, zu umarmen und ſeinem Bundesgenoſſen, dem König von Preußen, die Hand zu drücken. Er war ferner nach Dresden ge⸗ kommen, um dort noch einmal ſeine Vaſallen, die Fürſten des Rhein⸗ bundes, um ſich zu verſammeln, und im Angeſicht Europa's die Hul⸗ digung der Kaiſer, Könige und Fürſten entgegenzunehmen. Unter dem Geläute der Glocken, bei Fackelſchein, hatte Napoleon mit Marie Louiſe ſeinen Einzug in Dresden gehalten. Die ſpäte Stunde der Nacht, in welcher das Kaiſerpaar anlangte, hatte die Be⸗ völkerung von Dresden gehindert, dem Kaiſer ihre Grüße entgegen zu jubeln. Aber man durfte den guten Dresdenern nicht das Glück ent⸗ ziehen, Napoleon willkommen zu heißen, und ſeine ſchöne junge Kaiſerin Marie Louiſe zu ſehen. Der Hof unternahm daher am Tage nach Napoleons Ankunft in offenen Kaleſchwagen eine Spazierfahrt. Und überall auf den Straßen, durch welche der Zug kam, wogte das Volk in ungeheuren Maſſen auf und ab, überall waren die Fenſter der Häuſer geöffnet und ſchön geſchmückte Frauen ſchauten hervor. Lang⸗ ſam nur konnten die königlichen Wagen ſich vorwärts bewegen, denn Tauſende ſchoben ſich vor ihnen her, Tauſende umringten die Equi⸗ pagen und ſchauten mit neugierigen Blicken zu den hohen Perſonen empor, die grüßend und lächelnd zu beiden Seiten ſich neigten,— aber dieſe Tauſende blieben ſtumm, kein Jubelruf erſchallte, kein viel⸗ ſtimmiges Vive l'Empereur machte die Luft erzittern, und dem hohen Liede ſeiner Herrlichkeit, das Napoleon hier von fürſtlichen Lippen ent⸗ gegenſchallte, fehlte doch das ſonſt gewohnte Accompagnement der Volksbegeiſterung. Der gutmüthige König Friedrich Auguſt empfand das als einen Vorwurf für ſich, als einen Fehler ſeiner Gaſtfreundſchaft, und mit Blicken voll Beſorgniß und Zärtlichkeit ſchaute er auf den neben ihm ſitzenden Kaiſer hin. Aber Napoleons Antlitz war ruhig, kalt und ernſt, wie immer. Keine Wolke lagerte auf ſeiner breiten Cäſarenſtirn, kein Aufblitzen innern Zorns war in dieſen tiefen, unergründlichen Augen zu ſehen. Er unterhielt ſich ruhig, lächelnd faſt mit ſeiner Gemahlin, der Kaiſerin Marie Louiſe, und ſchien es gar nicht zu bemerken, daß das Volk ihn ſchweigend empfing. Er ſoll indeß heute Abend im Theater eine glänzende Entſchädi⸗ gung haben, ſagte Friedrich Auguſt zu ſich ſelber. Das Publikum wird dort wenigſtens den großen Napoleon mit Jubel empfangen, und wenn er bei der Rückkehr vom Theater ganz Dresden im glänzenden Feuermeer der Illumination ſchimmern ſieht, dann wird er doch be⸗ kennen müſſen, daß meine guten Sachſen, gleich ihrem König, den großen Napoleon lieben. Und der König Friedrich Auguſt hatte ſich nicht vexrechnet. Das glänzende Publikum, das am Abend in dem königlichen Theater ver⸗ ſammelt war, empfing den eintretenden Hof mit lautem Jubelruf, es erhob ſich von ſeinen Sitzen, es jauchzte und rief mit immer erneuer⸗ tem Entzücken: Es lebe Napoleon! Es lebe der Kaiſer Franz! Es lebe unſer guter König Friedrich Auguſt!— Das Orcheſter ſchmetterte dazu ſeine Jubelfanfaren, die Damen in den Logen grüßten und winkten mit den vollen Blumenſträußen, die ſie in den Händen hielten, die Herren wehten mit ihren Taſchentüchern und ihren Hüten, und als endlich das allgemeine Entzücken ruhiger geworden, als die Grüße ver⸗ ſtummt waren, richteten ſich hundert und aber hundert glänzende Augen auf die große königliche Loge hin, um in athemloſer Aufmerkſamkeit jede Bewegung, jede Miene Napoleons zu beachten und ihn zu bewun⸗ dern im Kreis ſeiner Familiei Denn dieſer große Verein von Fürſten und Königen, das war jetzt ſeine Familie, und Napoleon, der Sohn des corſiſchen Advokaten, war das Haupt dieſer Familie! Da war der Kaiſer Franz von Oeſterreich, der vor wenigen Stunden erſt in Dresden angelangt war, um Napoleon, den er ſeit der Schlacht von Auſterlitz nicht wieder geſehen, jetzt als ſeinen geliebten Schwiegerſohn zu begrüßen. Mit dem Kaiſer war ſeine junge Gemahlin, die Kaiſerin Ludovica, gekommen. Jedermann wußte, daß ſie Napoleon haßte, daß ihr ſtolzes Herz ihm niemals die Demüthigungen, welche er Oeſterreich auferlegt hatte, vergeben konnte, daß ſie nur mit dem äußerſten Wider⸗ ſtreben, nur mit bittern Schmerzensthränen in die Vermählung ihrer Stieftochte winder He mgenden K Kaiſetin U Napoleons an dieſem dazuſtehen. Schwigeri ſich glückli war ferner Franz, je Baden, de Nayoleons Fürſten de um dem K zu verſuch thanen ur teißen ve Niemand beſcheiden Kiſer un und der erſten, be der König iberall de aiſer un Brillnte Ame in ud ippi un i hingeleu einnehn Herrlich Napoleo de Entſchädi Vas Publikum im glänzenden er doch be⸗ Theater ver⸗ er erneuer⸗ Franz! Es ſchmetterte dvokaten, wal Schwle gerſohn die Kaiſeri Haſ 6 0 e, daß Stieftochter, der Erzherzogin Marie Louiſe, mit Napoleon, dem Ueber⸗ winder Oeſterreichs, gewilligt hatte! Und dennoch, ihrem Haß, ihrem nagenden Kummer, ihrem gebeugten Stolz zum Trotz, war auch die Kaiſerin Ludovica nach Dresden gekommen, um Zeuge des Triumphes Napoleons und ihrer Tochter Marie Louiſe zu ſein, und als die Zweite an dieſem Hofe, als die Erſte im Gefolge der Kaiſerin Marie Loniſe dazuſtehen. Da war der König und die Königin von Weſtphalen, die Schwägerin Napoleons, die Tochter des Königs von Würtemberg, der ſich glücklich pries, Napoleon ſeinen Verwandten nennen zu dürfen, da war ferner der Großherzog von Würzburg, der Bruder des Kaiſers Franz, jetzt der Oheim Napoleons, da waren der Großherzog von Baden, der Neffe Napoleons, der König von Sachſen, der„cher papa“ Napoleons, und da war endlich die Schaar der kleinen deutſchen Fürſten des Rheinbundes, die dienſtbefliſſen nach Dresden geeilt waren, um dem Kaiſer, ihrem Protector, ihre Huldigungen darzubringen und zu verſuchen, ob ſie nicht irgend eine neue Schenkung an Land, Unter⸗ thanen und Titeln dem allmächtigen Beherrſcher Deutſchlands zu eut⸗ reißen vermöchten. Aber dieſe Schaar gehörte nur zu dem Gefolge, Niemand hatte für ſie Aufmerkſamkeit und Beachtung, auch ſtanden ſie beſcheiden und demuthsvoll in der zweiten Reihe, und nur die beiden Kaiſer und Kaiſerinnen, die Königinnen von Sachſen und Weſtphalen und der König von Sachſen nahmen die vordere Reihe ein. Zu dem erſten, beſonders reichvergoldeten Lehnſtuhl auf der rechten Seite führte der König von Sachſen den Kaiſer Napoleon hin, ihm gehörte hier wie überall der Ehrenplatz, Napoleon mußte der Erſte ſein in der Reihe der Kaiſer und Könige! Und neben ihm ſaß Marie Louiſe, ſtrahlend von Brillanten, die wie ein Heer von Sternen ihr Haupt, ihren Hals, ihre Arme und den goldenen Gürtel umfunkelten, der ihre zugleich feine und üppige Taille zuſammenhielt. Auch ihr Antlitz ſtrahlte, und nie hatten ihre Blicke mit mehr Entzücken und Stolz zu ihrem Gemahl hingeleuchtet, als an dieſem Abend, wo ſie, neben ihm den erſten Platz einnehmend, ihre kaiſerliche Stiefmutter überſtrahlte an Pracht und Herrlichkeit und vor ihr den Vorrang gewonnen hatte.— Erſt als Napoleon ſeinen Platz eingenommen, ließen der Kaiſer und die Kaiſerin 60 von Oeſterreich und all' die übrigen Könige und Fürſten ſich auf ihren Lehnſtühlen nieder, und ſofort begannen im Orcheſter die Inſtrumente zu jauchzen und zu ſchmettern und die Feſtcantate nahm ihren An⸗ fang. Man ſah da auf der Bühne den ſtrahlenden Tempel der Sonne, um den in leuchtenden Reihen die Prieſterinnen und Prieſter der Sonne ſich ſchaarten. Und jetzt hoben ſie ihre Arme, aber nicht zu dem Sonnentempel, ſondern empor zu der Loge da drüben, in welcher Na⸗ poleon thronte, und unter ihrem jauchzenden Chor trat der Ober⸗ prieſter der Sonne hervor aus dem Tempel. In ſeinem goldſtrahlen⸗ den Gewande vorwärts ſchreitend bis an den Rand der Bühne, neigte er ſich vor der Kaiſerſonne da droben und begann mit machtvoller Stimme zu ſingen:„Es ſteigt am Himmelszelt erhaben auf der Sonnen⸗ gott, erleuchtet und erwärmt die Welt. Doch Du, ſein größerer Bruder, Du bezwingſt ihn, und rückwärts lenkt er ſeinen Wagen, be— kennend laut, daß, ſeit Du da biſt, die Welt nicht anderer Sonne mehr bedarf.“ Und während der Oberprieſter ſo ſang, erbleichte auf einmal der von der Sonne erleuchtete Tempel auf der Bühne, und über ſeinem Eingang ſtanden mit goldfunkelnder Schrift die Worte zu leſen:„Di Lui men grande e men chiaro il Sole.“*) Ein unermeßlicher Jubel durchrauſchte bei dieſem Anblick das glänzende Haus, das Publikum erhob ſich von ſeinen Sitzen und wandte ſich der kaiſerlichen Loge zu, um Napoleon zu grüßen und vor ihm ſich zu neigen; der Kaiſer von Oeſterreich, der König von Sachſen und die Fürſten des Rheinbundes applandirten laut in freudiger Uebereinſtim mung mit dem Publikum. Aber Napoleon, dem all dieſer Jubel, dies Entzücken galt, Na⸗ poleon ſchien gar nichts davon zu bemerken. Er war plötzlich aufge⸗ ſtanden und hatte dem Theater den Rücken zugekehrt, ohne Rückſicht auf den Oberprieſter und ſeine emphatiſchen Worte. Jetzt, unbekümmert *)„Weniger groß und weniger leuchtend als Er iſt die Sonne.“ Der Dichter dieſes zu Ehren Napoleons aufgeführten Feſtſpiels war der Italiener Orlandi und der Componiſt deſſelben der Kapellmeiſter Morlacchi. um alles 2 zu dem Ka giſerinnen Sire, bite Ew. 1 wenn ich nommen he Nein, iſt Alls ſe der Khnſt Eben von Oeſte Napoleon, vor igend lauben Sie Mit ſanft zu dem A Meir ih entſage Oberhuup dater mei können, u z erzühle Erg Sonnengl Seſel hin ſih zur 9 Das uf diſen mutter, wolle, e Lud des Kai tiefen, b ſich auf ihren ie Inſtrumente hm ihren An⸗ pel der Sonne, über ſeinem leſen: Di or ihm ſich chſen und die Uebereinſtim galt, Na⸗ lich aufge⸗ ne Riſcht * bekümmert G „ taliener 61 um alles Jauchzen und Applaudiren, verließ er ſeinen Platz und eilte zu dem Kaiſer Franz hin, der auf der linken Seite neben den beiden Kaiſerinnen ſaß. Sire, ſagte Napoleon mit ſeiner tiefen, klangvollen Stimme, ich bitte Ew. Majeſtät, mit mir tauſchen zu wollen, und mir zu verzeihen, wenn ich aus Verſehen den für Ew. Majeſtät beſtimmten Platz einge⸗ nommen habe. Nein, nein, iſt halt kein Verſehen, rief Kaiſer Franz haſtig. Es iſt Alles ſchon richtig ſo und Ew. Majeſtät müſſen da bleiben, denn der Lehnſtuhl da iſt der Ehrenplatz! Eben darum gebührt er Ew. Majeſtät, dem erhabenen Kaiſer von Oeſterreich, meinem geliebten und verehrten Schwiegervater, ſagte Napoleon, indem er ſein Haupt tiefer neigte, als er es ſonſt jemals vor irgend einem Fürſten der Welt gethan. Kommen Sie, Sire, er⸗ lauben Sie mir, Sie zu dem Platz zu führen, der Ihnen allein gebührt! Mit ſanfter Gewalt ergriff er die Hand des Kaiſers und führte ihn zu dem Lehnſtuhl zur Rechten Marie Louiſens hin. Meine theure Louiſe, ſagte er, ſich an ſeine Gemahlin wendend, ich entſage dem Glück, neben Dir zu ſitzen, weil dieſer Platz hier dem Oberhaupt unſerer Familie, dem Vater meiner Gemahlin, dem Groß⸗ vater meines Sohnes gehört. Du wirſt die Gelegenheit benutzen können, um unſerm theuren Papa von dem kleinen König von Rom zu erzählen. Er grüßte Marie Louiſe mit einem Lächeln, das wirklich wie Sonnenglanz ſein Antlitz überſtrahlte, und begab ſich dann zu dem Seſſel hin, den der Kaiſer Franz vorher eingenommen hatte, und der ſich zur Linken der Kaiſerin Ludovica befand. Das Lächeln ſtrahlte noch auf ſeinem Antlitz, als Napoleon ſich auf dieſem Lehnſeſſel niederließ, und ſich an die Kaiſerin, ſeine Schwieger⸗ mutter, wendend, ſie faſt demüthig bat, ob ſie ihm das Glück verſtatten wolle, neben ihr zu ſitzen. Ludovica ſelbſt fühlte ſich geſchmeichelt, die ſanfte, bittende Stimme des Kaiſers, ſein Lächeln und das volle Anſchauen ſeiner großen, tiefen, blitzenden Augen übten auch auf ſie den gewohnten Zauber aus. 62 Sie hatte ihr Herz gewappnet gegen den ſtolzen, übermüthigen Trium⸗ phator, den gebietenden hochfahrenden Weltenbezwinger, aber vor dem ſanften, ergebenen, faſt demuthsvollen Weſen Napoleons ſanken ihre Waffen, und ſie, die bisher nur Haß und Zorn gegen ihn empfunden, ſchaute ihn jetzt an mit einem Gemiſch von Staunen und Bewun— derung. Napoleon ſchien mit ſeinen ſcharfen, durchdringenden Augen auf dem Grunde ihres Herzens geleſen zu haben, denn ſein Blick ward noch ſanfter, ſein Lächeln noch bezaubernder. Cw. Majeſtät haben mich ſehr gehaßt, nicht wahr? fragte er leiſe und raſch. O, leugnen Sie es nicht, Majeſtät, man hat Ihnen von mir ein ſehr ſchlechtes Bild entworfen? Ludovica ſah ihn mit einem vollen Blick der Bewunderung an. Ich muß geſtehen, Sire, ſagte ſie, daß keins der Bilder, die ich von Ew. Majeſtät geſehen, Ihnen gleicht! Das glaube ich wohl, rief Napoleon haſtig, man hat mich immer zu ſchwarz gemalt, und dies dunkle Colorit werden alle Bilder gehabt haben, die man Ew. Majeſtät von mir zeigte*) Aber vor Ihnen, Madame, möchte ſich der Mohr gern rein waſchen, und ich wünſchte, daß Sie mein Bild in einigen lichteren Farben ſehen möchten. Sire, lächelte die Kaiſerin, haben wir nicht ſo eben erſt geſehen, daß Ihr Bild noch den Glanz des Sonnengottes überſtrahlt! Ach, das ſind alberne Theaterbstiſen, rief Napoleon, es iſt wenig Ehre dabei, dem papiernen Sonnengott überlegen zu ſein. Wenn der Lampenputzer ſeiner ölgetränkten Herrlichkeit zu nahe kommt, geht er in Rauch auf, ich denke aber, daß mein Bild und meine Perſon im Feuer ſtehen kann, ohne vernichtet zu werden. Nur das Feuer des Zorns aus Ihren Augen, Madame, könnte mich vernichten, und ich bitte deshalb, daß Sie Erbarmen mit mir haben. Laſſen Sie uns offen ſein, ich bitte! Weshalb haſſen Sie mich? Er ſah die Kaiſerin mit einem ſo milden Blick, einem ſo ſanften *) Napolcons eigene Worte Siehe Geſchichte Napoleons. Von***r. Th. II. S. 143 Lächeln an, daf ein S Nein, Und wie w ſich in Ehr Ich ha wilde Roß und mir ge ein Grund, vor mir lie recht neben vater, und junge Kaiſ ſie die Mn wunderung fürchten, ſ wird mine endlich ga und Deſte Unter ſich ludt Uhmen, ſe Ach, Slidten u Sire, der ſaune es doch ni Kuter ale dun von un ſichh Nun dame, ſo und Sch Caren thigen Triun⸗ aber vor den s ſanken ihre hn empfunden, und Benun⸗ en Augen auf ick ward noch fragte er leiſe at Ihnen n underung an. r, die ich von at mich immer Bildet gehabt er vor hnen, ich wünſchte, öchten. nerſt geſehen, rahlt! es iſ weniz Wenn der nnt, geht er in erſon im Feuer ves Zorns aus bitte debhalb, offen ſein, ich nen ſo ſufin 4 477I Bon 63 Lächeln an, daß dieſe ſich davon faſt verwirrt und beſchämt fühlte und daß ein Schimmer von Röthe ihr ſchönes bleiches Antlitz überhauchte. Nein, ſagte ſie leiſe, wer ſagt Ihnen denn, daß ich Sie haſſe? Und wie wäre es möglich, den Mann zu haſſen, vor dem ganz Europa ſich in Ehrfurcht und Bewunderung neigt? Ich habe Europa den Fuß auf den Nacken geſetzt, ich habe das wilde Roß gebändigt, und es hat mich als ſeinen Herrn anerkennen und mir gehorchen müſſen, ſagte Napoleon ſtolz. Aber iſt denn das ein Grund, daß Sie mich haſſen müſſen? Mögen Alle im Staube vor mir liegen, und ſie ſollen es wohl,— aber Oeſterreich ſoll auf⸗ recht neben mir ſtehen, denn Oeſterreichs Kaiſer iſt mein Schwieger⸗ vater, und wenn ich auch nicht zu ſagen wage, daß Oeſterreichs ſchöne junge Kaiſerin meine Schwiegermutter iſt, ſo darf ich doch ſagen, daß ſie die Mutter meiner Gemahlin iſt und daß ich ihr meine ganze Be⸗ wunderung und Ehrfurcht zolle. Oeſterreich hat nichts von mir zu fürchten, ſobald es in treuer Freundſchaft mir verbunden bleibt, es wird meine Driumphe, meine Eroberungen und Siege theilen, und wenn endlich ganz Europa darniederliegt, werden die Kaiſer von Frankreich und Oeſterreich aufrecht neben einander ſtehen, und ſie werden die Welt unter ſich theilen. Und der Eine wird ſich ſein Herculanum, der Andere ſein Pompeji nehmen, ſagte die Kaiſerin mit leiſem Spott. Ach, Sie meinen, daß unſere eroberte Welt nur aus verſchütteten Städten und todten Unterthanen beſtehen wird? fragte Napoleon düſter. Sire, ſagte Ludovica ſanft, ich meine, daß, wenn der Veſuv ſich der ſtaunenden Welt in ſeiner ganzen Majeſtät und Schönheit zeigt, er es doch nicht verhindern kann, daß die glühende Lava, welche ſeinem Krater als natürliche Folge ſeiner majeſtätiſchen Schönheit entſteigt, dann von ſeiner Höhe herniederſtrömt und Tod und Verderben rings um ſich her verbreitet. Nun, rief Napoleon lächelnd, wenn Ihr Gleichniß paßt, Ma⸗ dame, ſo wird die glühende Lava ſich jetzt bald über Rußland ergießen, und Schrecken, Verderben und Tod in das Reich des übermüthigen Czaaren bringen. —————— —— — ——— 64 Ach, Sire, ſagte Ludovica ernſt, Rußland iſt ſo ſehr kalt, daß ich meine, ſelbſt das Feuer des Veſuvs müßte dort erlöſchen, die glühende Lava müßte erſtarren und, rückwärts fließend, den Veſuv ſelber beſchädigen! Nicht doch, Madame, rief Napoleon haſtig, der Veſuv wird nicht erlöſchen, denn es iſt göttliches Feuer, das in ihm brennt. Und Rußland wird nicht aufthauen, denn es iſt göttliche Kälte, welche Alles erſtarren macht, das ſich ihm naht, ſagte Ludovica ſanft. Der Kaiſer ſchleuderte auf ſie einen ſeiner flammenden Zornesblicke. Madame, ſagte er, ich— In dieſem Augenblick ließ das ganze Publikum eine laute, be⸗ geiſterte Beifallsſalve ertönen und rief mit ſtürmiſchem Jubel: Es lebe der Kaiſer! Es lebe der Heros, der die Welt bezwingt! Napoleon unterbrach ſich in ſeinem angefangenen Satz und wandte ſeine Blicke der Bühne zu. Der Sonnentempel war noch immer dunkel, aber über demſelben ſtrahlte jetzt ein neues glänzendes Licht, das in tau⸗ ſend funkelnden Strahlen von dem in Brillantfeuer glänzenden Wort NAPOLEON ausſtrömte. Bei dieſem Anblick hatte das enthuſiaſtiſche Publikum ſein Ent⸗ zücken nicht mehr zurückhalten können, und es war in jenen lauten Jubel ausgebrochen, der Napoleon in ſeiner Rede unterbrochen hatte. Das Antlitz des Königs von Sachſen ſtrahlte vor Zufriedenheit bei dieſem ſtürmiſchen Jubel des Publikums. Jetzt, dachte er, wird der große Napoleon die unangenehme Scene von heute Morgen vergeſſen haben. Das Publikum war heute Morgen nur ſtumm und ſtill vor Bewunderung, heute Abend aber hat es ſeine Sprache wieder gefunden, und wenn wir jetzt das Theater verlaſſen und die ganze Stadt ihm entgegenſtrahlt im Glanz der Illumination, dann wird Napoleon ſich doch überzeugen müſſen, daß mein Volk ihn wahrhaft liebt und anbetet. Aber was iſt das, der Kaiſer verläßt ſeinen Platz. Sollte er ſchon aufbrechen wollen? Und er eilte haſtigen Schrittes zu Napoleon hin, der ihm einen Schritt entgegentrat. Brech Scheichel Aber ihn mit z Bühne dun ein wogend um dem g et vetweilt die Dunkel Ach, nation ver Sire, Majeſtät! Majeſtit e erkennen. ſogleich in machen, di Nape hape ſig Er re ferigkeit i Eben roße Tre nit verſtö Mun! Alminat Maſt Schoß le Ilnna Abe in den Ja überall g Mihlbac ſehr kalt, duß erlöſchen, die nd, den Veſur eſuv wird nicht göttliche Kält, Adovica ſanft. en Zoresblicke eine laute, he⸗ Jubel: Es lebe 1 tz und wandte immer dunkel, t, das in tau⸗ ärzenden Wort kum ſein Ent⸗ njenen lauten gen vergeſſen ſtill vor und vieder gefunden⸗ e Stadt ihm Naopoleon ſich bt und anbetet. ollte er ſch yn einen der! 65 Brechen wir auf, Sire, ſagte er haſtig. Es iſt genug der Schmeicheleien. Sie ſehen, die Sonne iſt hier untergegangen. Aber ſie weilt doch noch unter uns, Sire, ſagte Friedrich Auguſt, ihn mit zärtlichen Blicken anſchauend. Und wenn es dort auf der Bühne dunkel geworden, ſo kommt es daher, daß alles Licht jetzt wie ein wogendes Flammenmeer ſich durch die Straßen Dresdens ergießt, um dem großen Napoleon zu beweiſen, daß es keine Nacht giebt, wo er verweilt, und daß ſeine Gegenwart überall, wohin er den Fuß ſetzt, die Dunkelheit in Licht und die Nacht in Tag verwandelt. Ach, ſagte Napoleon, müde und gelangweilt, es iſt eine Illumi⸗ nation veranſtaltet? Sire, mein Volk ſowohl wie ich, wir haben keine Worte, um Ew. Majeſtät unſer Entzücken über Ihren Beſuch auszuſprechen, möge Ew. Majeſtät es im Glanz der Lichter, die vor jedem Fenſter leuchten, heute erkennen. Ich hoffe, Ew. Majeſtät geſtatten gnädigſt, daß wir nicht ſogleich in das Schloß zurückkehren, ſondern noch eine kleine Fahrt machen, die Illumination anzuſehen. Napoleon neigte leiſe zuſtimmend ſein Haupt. Thun wir das, cher papa, ſagte er, ſehen wir Ihre Illumination an! Er reichte Marie Louiſe den Arm und verließ mit ihr die Loge. Die Schaar der Könige, Herzöge und Fürſten folgte in größter Eil⸗ fertigkeit ihm nach. Eben als der König von Sachſen am Arm ſeiner Gemahlin die große Treppe hinunter ſchritt, flog der Kammerherr von der Planitz mit verſtörtem, bleichem Geſicht die Stiegen herauf. Nun? fragte der König eilig, es iſt doch Alles in Ordnung? Die Illumination iſt im Gange? Majeſtät, ſagte der Kammerherr athemlos und leiſe, das königliche Schloß leuchtet im Lichterglanz, die ganze von Ew. Majeſtät befohlene Illumination iſt ſchon angezündet, aber die Stadt ſelbſt iſt dunkel und leer. Aber, mein Gott, rief der König entſetzt, hat denn die Polizei nicht in den Häuſern angeſagt, daß man illuminiren ſoll? Ja, Majeſtät, die Polizei hat ihre Schuldigkeit gethan, ſie hat überall angezeigt, daß man heute Abend illuminiren ſoll. Miühlbach, Napoleon. III. Bd. O 66 Und dennoch? Und dennoch, Sire, ſind alle Häuſer dunkel. Es iſt, als ob die ganze Bevölkerung ſich verſchworen hätte, in übereinſtimmender Oppo⸗ ſition zu handeln. Die Polizei iſt noch jetzt wieder in alle Häuſer ge⸗ gangen und hat befohlen, noch jetzt zu illuminiren, überall hat ſie die⸗ ſelbe Antwort erhalten: es ſei unmöglich zu illuminiren, denn es ſei nirgends weder Oel noch Licht zu haben. Man hätte dem eigenſinnigen Volke mit einer Strafe drohen ſollen. Die Polizei hat auch dies Mittel angewendet, Majeſtät. Sie hat bei Strafe von einem Thaler befohlen, daß man illuminiren ſolle, und überall hat man ſich bereit erklärt, lieber die Strafe zu zahlen! Mein Gott, das ift ja eine Rebellion, ſeufzte der König. Demzu⸗ folge ſind die Straßen dunkel? Ganz dunkel, Sire! Dann dürfen wir die beabſichtigte Fahrt durch die Stadt nicht machen, rief der König ängſtlich. Eilen Sie, Herr Baron, geben Sie Contreordre, und— Eben fuhr mit donnerndem Geräuſch der erſte Wagen von dem Portal ab. Es iſt zu ſpät, ächzte der König traurig. Der Kaiſer iſt ſchon abgefahren. Er wird unſere ganze Schmach alſo ſehen! Vielleicht fährt er dennoch gleich nach dem Schloß hin, ſagte die Königin. Er ſchien mir ermüdet und abgeſpannt— Nein, nein, unterbrach ſie der König, er hat eingewilligt, die Illumination zu ſehen, und die Vorreiter hatten ihre Ordre. Ich ſelbſt hatte den Weg vorgeſchrieben, den wir fahren wollten. Aber halt, da fällt mir noch ein Auskunftsmittel ein. Raſch, Herr von Planitz, raſch. Rufen Sie den Vorreiter meines Wagens. Er ſoll, ſo raſch ſein Pferd jagen kann, der kaiſerlichen Equipage nacheilen. Er muß ſie einholen, und wenn nachher das Pferd todt unter ihm zuſammenbricht. Er ſoll zu dem Vorreiter heranſprengen und ihm befehlen, ſogleich umzukehren und die Auguſtſtraße entlang zu fahren nach dem Eingang der Lin⸗ den, dann langſam über den Platz nach dem Schloſſe hin. Eilen Sie, eilen Sie! Der aubzuführe Und w Nein, ihn dort er Wege folge den wir ho ſehen! Ge Mit e zum Vage Ein und die vo Tagebhelle wunden vo langen St ander verb portal der an dem E Platz war Flammen tuuſend L zöſiſchen W ihn eigene funktlnden ſihle ſih I Süulen h Jo, de Hand jenſets d Gyl in die G ſaß, bis ſſt, als ob die nmender Oppo⸗ alle Hüuſer ge⸗ rall hat ſi die⸗ n, denn es ſei fe drohen ſollen. jeſtüt. Sie hat iniren ſolle, und u zahlen! König. Demzu⸗ die Stadt nicht wn, geben Sie ßagen von dem Kaiſer iſt ſchon hin, ſagte die eingeniligt, die nn ch ſelbſt Aber halt, da n Planitz raſch. ſch ſein Pferd ſie einholen, nbricht. Er ſoll leich umzukehren Lin⸗ ingang der Eilen n ſſe hin⸗ 67 Der Kammerherr ſtürzte von dannen, die Befehle des Königs auszuführen. Und wie? fragte die Königin. Werden wir ihm auch nachfahren? Nein, ſagte der König, wir werden in's Schloß zurückkehren und ihn dort erwarten! Die andern Equipagen werden natürlich alle dem Wege folgen, den die erſte kaiſerliche Equipage einſchlägt, und ſo wer⸗ den wir hoffentlich die beiden Kaiſer bald wieder im Schloſſe anlangen ſehen! Gott gebe es! Mit einem langen Stoßſeufzer führte der König ſeine Gemahlin zum Wagen, und fuhr mit ihr dem Schloſſe zu. Ein Meer von Licht ſtrahlte ihnen von dem Schloßplatz entgegen, und die von dem König ſelber angeordnete Illumination goß ſchimmernde Tageshelle über den weiten Platz aus. Ungeheure Säulen, ganz um⸗ wunden von unzähligen bunten Lampen, ſtiegen vor dem Eingang der langen Schloßbrücke empor, durch lichterfunkelnde Girandolen mit ein⸗ ander verbunden. Vier ähnliche Säulen erhoben ſich vor dem Haupt⸗ portal der ſeitwärts von der Brücke belegenen katholiſchen Kirche, und an dem Eingang der gegenüber belegenen Auguſtſtraße. Rings um den Platz waren Altäre aufgeſtellt, auf welchen Naphta in züngelnden Flammen loderte. Am königlichen Schloſſe, das von tauſend und aber tauſend Lampen funkelte, waren die vereinten öſterreichiſchen und fran⸗ zöſiſchen Wappen angebracht, jedes mit heraldiſcher Genauigkeit in den ihm eigenen Farben erglänzend. Es war ein prachtvoller Anblick, dieſen funkelnden, feenhaft erglänzenden Platz zu ſehen, und ſelbſt der König fühlte ſich davon imponirt und erfreut. Ich denke, ſagte er aufathmend, indem er nach den flammenden Säulen hindeutete, ich denke, das wird ihn freuen! Ja, aber ich fürchte, das wird ihn ärgern, ſagte die Königin, mit der Hand hinüber winkend nach der Neuſtadt, die dunkel und trübe jenſeits der Elbe lag. Gott gebe, daß er es nicht ſieht, ſeufzte der König, indem er ſich in die Ecke des Wagens zurücklehnte, und mit geſchloſſenen Augen da ſaß, bis der Wagen vor dem Schloßportal da anhielt. 68 Ich werde hier unten bleiben, bis die Kaiſer kommen, ſagte der König Friedrich Auguſt, ſich mit einer Verbeugung von ſeiner Gemahlin verabſchiedend, und mit angſtvollen Blicken und angehaltenem Athem ſchaute er über den Platz hin, horchte er auf jedes Geräuſch, das in der Ferne ſich vernehmen ließ. Endlich nach einer Viertelſtunde vergeblichen Wartens vernahm man das Geräuſch heranrollender Wagen, und jetzt donnerten ſie über den Platz daher und rollten in's Schloßportal. 4 Den Hut in der Hand, mit entblößtem Haupt, mit demüthiger Miene trat der König Friedrich Auguſt an den erſten Wagen, deſſen Schlag eben von den goldſtrotzenden Lakaien geöffnet ward. Mit eigener Hand hob er die junge Kaiſerin Marie Louiſe aus dem Wagen, und reichte dann faſt ſchüchtern dem Kaiſer ſeine Hand dar, um auch ihm beim Ausſteigen behülflich zu ſein. Napoleon wehrte mit einer raſchen Bewegung ſeine Hand fort, und ſtieg aus. Seine Augenbraunen waren düſter zuſammengezogen, und beſchatteten die finſter blitzenden Augen. Wir haben früher, als man vermuthete, das Theater verlaſſen, ſagte der König ſchüchtern, und daher kommt es, daß die Illumination noch nicht überall im Gange iſt. Nicht doch, ſagte Napoleon mit grollender Stimme, Ihre Illu⸗ mination brennt vortrefflich, und was die Bewohner Dresdens be⸗ trifft, ſo ſind ſie, wie es ſcheint, Kinder des Sonnengottes, den wir im Theater geſehen, und das Licht iſt ihnen ausgegangen, ſeit ich da bin! Und mit einem kurzen Gruß ſchritt der Kaiſer, ſeine Gemahlin am Arm führend, vorwärts. Er iſt erzürnt, murmelte König Friedrich Auguſt ganz entſetzt. Oh, mein Gott, er iſt mir böſe! Eben trat der Kaiſer Franz, ſeine Gemahlin am Arm, zu ihm. Eine allerliebſte Idee, ſagte Kaiſer Franz mit heiter lachendem Geſicht, wahrhaftig eine allerliebſte Idee, die Wappen von Oeſterreich und Frankreich in vereinter Herrlichkeit leuchten zu laſſen. Das flam⸗ nerirt ud f Freud iſt,e Vappen hib reich inmer Ein ne Huldigung von dem ju In den Zir lichen Frem ſich zuerſt Hinde gere dann hatte tigen große Der K angenomme und ſeinem von der Kö allein und nicht bei Kiſers vo Rdonnert, daten in hatte ihn hatte den Dresden 2 lber men, ſagte der einer Gemahlin altenem Athem eräuſch, das in utens vernahm merten ſie über mit demüthiger Wagen, deſen arie Louiſe aus iſer ſeine Hand ne Hand fort, ammengezogen, uter verlaſſen, je Illumination Dresdens be⸗ 8„ nengottes, den gegungen, ſeit „Gemahlin am z entſebt. Um, zu ihr teiter laherden geſtneich Das flam⸗ ſſen⸗ 69 merirt und funkelt halt ſo herrlich und prächtig zuſammen, daß es eine Freud' iſt, es anzuſchauen. Dank Ihnen, Majeſtät, daß Sie mein Wappen hübſch in's Licht geſetzt haben! Es nimmt ſich neben Frank⸗ reich immer doch gar nit übel aus! v. Napoleon's fürſtliche Ahnen. Ein neuer Gaſt war in Dresden angelangt, um Napoleon ſeine Huldigung darzubringen. Der König von Preußen war da, begleitet von dem jungen Kronprinzen und dem Staatskanzler von Hardenberg. In den Zimmern der Königin von Sachſen hatten die beiden feind⸗ lichen Freunde, der Kaiſer von Frankreich und der König von Preußen, ſich zuerſt begrüßt, und einander mit erzwungener Freundlichkeit die Hände gereicht. Nur einige Worte hatten ſie miteinander ausgetauſcht, dann hatte Napoleon ſich verabſchiedet, indem er den König zum heu⸗ tigen großen Familiendiner und zu dem darauf folgenden Ball einlud. Der König hatte dieſe Einladungen mit einer ſtummen Verbeugung angenommen, und hatte ſich in das Marcoliniſche Palais, das ihm und ſeinem Gefolge zur Wohnung beſtimmt war, begeben. Niemand von der Königlichen Familie fand es für nöthig, ihn dahin zu geleiten, allein und unbemerkt begab ſich der König in das Palais. Man hatte nicht bei ſeinem Kommen, wie bei der Ankunft Napoleons und des Kaiſers von Oeſterreich, mit den Glocken geläutet und mit Kanonen gedonnert, man hatte nicht auf ſeinem Wege durch die Stadt die Sol⸗ daten im feierlichen Paradeanzug Spalier bilden laſſen. Der Hof hatte ihm keinerlei Aufmerkſamkeit und Zuvorkommenheit bewieſen, er hatte den König von Preußen ſtill und geräuſchlos ſeinen Einzug in Dresden halten laſſen. Aber wenn dies Mal, dem unglücklichen König von Preußen —— — — gegenüber, der Hof vermeinte, die Etikette vernachläſſigen zu können, ſo hatte dafür das Volk dieſe Vernachläſſigung wieder gut gemacht, und es hatte Denjenigen mit Ehren überſchüttet, den die Könige und Fürſten, weil er unglücklich war, glaubten überſehen zu können. Tau⸗ ſende hatten ſich hinaus begeben vor das Thor, um den König von Preußen bei ſeiner Ankunft zu bewillkommnen, und wie er in die Stadt einzog, hatten dieſe Tauſende, ſtatt der militäriſchen Escorte, ihm mit lauten Hurrahrufen und begeiſterten Lebehochs das Geleit gegeben zu dem königlichen Schloß. Dann, als er daſſelbe verließ, war die Menge ihm nachgefolgt zu dem Marcoliniſchen Palais, und hatte ſo lange gerufen und gejubelt, bis der König auf dem Balcon erſchienen war, und ſich dem jauchzenden Volke gezeigt hatte. In den Vorzimmern des Königs war es freilich öde und leer, keine lächelnden Höflingsgeſichter, keine von Ordensſternen funkelnden Kammer⸗ herren, keine Würdenträger, keine Marſchälle, Fürſten und Herzöge waren da zu ſehen, aber drunten auf der Straße, da war das eigent⸗ liche Vorzimmer des Königs, da wogte ſein dienſtbereiter, begeiſterter Hof auf und ab, und harrte des königlichen Herrn, und blickte zu den Fenſtern empor, in ſehnſuchtsvoller Liebe ſeines Kommens wartend. Aber das Lächeln, mit dem ſie Friedrich Wilhelm begrüßten, war kein Höflingslächeln, und die Liebe, die aus dieſen tauſend und tauſend Augen leuchtete, war keine Höflingsliebe. Unter den Fenſtern Napoleons war es heute öde und leer; nicht wie ſonſt ſtand das Volk in ſchweigender Neugierde vor dem Schloſſe, und ſtarrte hinauf zu den Fenſtern, hinter deſſen Scheiben ſich von Zeit zu Zeit das bleiche, eherne Antlitz des Kaiſers zeigte. Die Straße war leer, das Volk, das dort immer ſcheu und ſtumm geſtanden, wogte jetzt freudig bewegt unter den Fenſtern des Königs von Preußen auf und ab; es hatte ſeine Sprache wieder gefunden, und jauchzte und jubelte Friedrich Wilhelm ſeine Grüße entgegen. Aber in den Vorzimmern Napoleons war es deſto bewegter und voller. Da wogte eine glänzende, ordengeſchmückte, lächelnde Menge auf und ab; da waren Generäle und Marſchälle, da waren die Fürſten des Rheinb Fürſen De ſie zu dem leons Friic itgend eine lag ja in7 Händen eir deſto tiefer zu werden. Mon und ungen und Firſt Gnade we Höflingen Gunſt der durch dete erlungen, Und Bewunder Appen, u Lorheeren, u winde poleon Frankreic Nur Zweien v Ohren, u ſih ſuf wie ins den St Kümpfe vielleich heinlich gen zu kännen, gut gemacht, ie Könige und können. Tuu⸗ r in die Stadt corte, ihm mit it gegeben zu nachgefolgt zu nund gejubelt, em jauchzenden ar das ügent⸗ „begeiſterter hlickte zu den nens wartend. „war kein tauſend Au 1gen und leer; nicht dem Schloſſe, eiben ſich von Die Straße nden, wogte Prebßen uf jauchzte und und Lelnde Menge die Fürſten en de b 71 des Rheinbundes, die von Napoleon geſchaffenen Herzöge, Könige und Fürſten Deutſchlands, Alle ſehnſuchtsvoll des Momentes harrend, wo ſie zu dem Glück einer Audienz gelangen konnten, um vielleicht Napo⸗ leons Freigebigkeit irgend ein Stück Land ihres deutſchen Nachbars, irgend eine Provinz, einen Titel, eine Würde zu entreißen. Deutſchland lag ja in Napoleons Händen, man mußte alſo verſuchen, aus dieſen Händen ein Broſamen der Großmuth zu erhalten, man mußte ſich deſto tiefer vor Napoleon bücken, um deſto höher von ihm erhoben zu werden. Man hatte daher in dieſem Vorzimmer des Kaiſers das ſeltene und ungewohnte Schauſpiel, zu ſehen, wie die deutſchen Souveraine und Fürſten, ſtatt Gunſt und Gnade zu ertheilen, um Gunſt und Gnade warben, ſtatt einen Hof um ſich zu ſammeln, jetzt ſelber zu Höflingen wurden, die ſich mit zuvorkommender Verbindlichkeit um die Gunſt der kaiſerlichen Adjutanten und Kammerherren bewarben, um durch deren Güte und Vermittelung von dem Kaiſer eine Audienz zu erlangen, und von der Sonne der kaiſerlichen Gnade beſtrahlt zu werden! Und alle dieſe Höflinge des Kaiſers floſſen über von Lob und Bewunderung Napoleons, nur Entzücken, Liebe und Lob war auf ihren Lippen, und mit prophetiſcher Begeiſterung ſprachen ſie von den neuen Lorbeeren, die Napoleon im Begriff ſei, ſich um ſeine erhabene Stirn zu winden. Mit dem Ausdruck der Ueberzeugung ſprachen ſie von Napoleons Siegen, von dem Wahnſinn Alexanders, gegen den Unüber⸗ windlichen kämpfen zu wollen, von den baldigen neuen Triumphen Frankreichs, den unvermeidlichen Niederlagen Rußlands. Nur wenn man ſich hier und dort in irgend einer Fenſterniſche zu Zweien oder Dreien gegenüber ſtand, wenn man ſich vor indiscreten Ohren, untreuen Lippen geſichert glaubte, wagte man leiſe und beſorgt ſich zu fragen, ob all dieſer Glanz und dieſe Herrlichkeit nicht bald wie ein Meteor zerplatzen müßte, ob man nicht ganz fern am Horizont den Schimmer eines neuen Tages auftauchen ſähe, ob die neuen Kämpfe und Schlachten, denen Napoleon trotzig entgegen zog, nicht vielleicht doch die Möglichkeit aufdämmern ließen, daß man von dieſem heimlich verwünſchten, öffentlich hochgeprieſenen Joch der Unterwürfig⸗ —— — — 32 keit befreit werden könne. Aber auf dieſe heimlich geflüſterten Fragen gab der Anblick dieſes glänzenden Vorzimmers, dieſer ſieggekrönten Marſchälle des Kaiſerreichs, dieſer Herzöge und Fürſten, dieſes aus Deutſchlands Fürſten zuſammengeſetzten Hofes Napoleons eine laute und triumphirende Antwort. Die heimlichen, geräuſchloſen Hoffnungen, die man eben in der Stille genährt, erbleichten vor der Erinnerung an die Größe und das unabänderliche Glück Napoleons, und man fühlte ſich ſchnell wieder zur Demuth und Unterwürfigkeit zurückge⸗ führt.*) Man trat aus der Fenſterniſche wieder zurück in das Ge⸗ woge der fürſtlichen, beſternten Höflinge und miſchte ſeine begeiſterte Stimme wieder in die Jubelpſalmen der Bewunderer Napoleons. Und Aller Augen waren auf die Thür gerichtet, die ſich öffnen ſollte, um den Glanz, das Licht, die Sonne über die Planeten und Firſterne aus⸗ ſtrahlen zu laſſen. Und wie dies geſchah, wie der Kaiſer am Arm der von Brillanten funkelnden Kaiſerin Marie Louiſe hereintrat, da drängte Alles vorwärts ihm entgegen, begierig, einen Blick, ein Lächeln, einen freundlichen Gruß von ihm zu erhalten. Aller Rang, alle Etiquette war aufgehoben, es gab da nur Einen Herrn, Einen Gebieter, dem man huldigte, und das war der Kaiſer. Man ſtürzte ſich ihm entgegen, um Einer dem Andern den Vortritt abzugewinnen, dann auf einmal ward man mit Entſetzen gewahr, daß es irgend ein Großwürdenträger, ein erſter Miniſter, ein Fürſt, Herzog oder König geweſen, den man bei Seite gedrängt, man trat voll Ehrfurcht zurück, man entſchuldigte ſich und beeilte ſich wieder vorwärts zu dringen, Napoleon entgegen, der in der Mitte des Saales ſtand, und den Glücklichen, die ihm zu⸗ nächſt waren, einige Worte herablaſſender Güte ſpendete. Auf einmal ertönte von der Straße herauf lautes Rufen und Jubelgeſchrei, donnernde Vivats erſchallten, und machten die Scheiben der Fenſter erzittern. Napoleons brennender Blick flog zu den Fenſtern hinüber. Was bedeutet das? fragte er, ſich an den Herzog von Baſſano wendend. *) Phiers: Histoire du Consulat, de'Empire etc. Vol. XIII. S. 411. Sire, de guen E jeſtiten von zu jauchzen. Ein n ſcholl ſo eb nit ſeiner trat er mit Auf ei leuchtete in Eine ungel zu den Fer die Angen niſchen J juchzende dicht undr In d Ihm Wit e und überſe wandte ſich Sorge uleon ha ſunmenrot und kein G Dio die Schaa ſunnenrot Da! es eben g Geſtalt d vorzudrin Ach, ſerten Fragen ſieggekrinten n, dieſes aus ns eine laute nHoffnungen, er Frinnerung 16, und man gieit zurückge⸗ in das Ge⸗ zine begeiſterte poleons. Und en ſollte, um Firſterne aus⸗ am Arm der gte 6 , da drän icheln, einen alle Etiquette Febieter, dem ihm entgegen, auf einmal den man entſchuldigte eon entgegen, die ihn zl⸗ Rufen und Scheiben von Baſſano Sire, ſagte dieſer mit einem glücklichen Lächeln, das bedeutet, daß die guten Einwohner Dresdens ungeduldig ſind, die kaiſerlichen Ma jeſtäten von Frankreich zu ſehen und ihnen ihre Jubelgrüße entgegen zu jauchzen. Ein noch lauteres, noch ſtürmiſcheres Jauchzen und Schreien er— ſcholl ſo eben von der Straße herauf. Napoleon lächelte, und haſtig mit ſeiner Gemahlin den glänzenden Kreis der Höflinge durchſchreitend, trat er mit der Kaiſerin an das geöffnete Fenſter. Auf einmal verfinſterte ſich ſeine Stirn, und ein Blitz des Zorns leuchtete in ſeinen Augen auf, als er hinunter blickte auf die Straße. Eine ungeheure Menſchenmenge war da unten verſammelt, aber nicht zu den Fenſtern des königlichen Schloſſes hin waren die Geſichter und die Augen dieſer Menge gewandt, nicht den Kaiſer riefen dieſe ſtür⸗ miſchen Jubellaute! Ueber den Schloßplatz daher wälzte ſich die jauchzende Maſſe, und in ihrer Mitte fuhr langſam, Schritt für Schritt, dicht umdrängt von dem jauchzenden Volke, ein offener Wagen daher. In dieſem Wagen ſaß der König von Preußen. Ihm galten die Grüße des Volks, ihm das Jubeln und Vivatſchreien! Mit einem einzigen raſchen Blick hatte der Kaiſer Alles verſtanden und überſchaut. Er trat mit der Kaiſerin vom Fenſter zurück, und wandte ſich an den Großmarſchall Duroc, der neben ihm ſtand. Sorgen Sie dafür, daß das Volk ſeiner Wege gehe, ſagte Na⸗ poleon haſtig, daß es nicht durch unanſtändiges Geſchrei und Zu⸗ ſammenrotten die Ruhe und den Frieden ſtöre. Ich will keinen Lärm und kein Geſchrei mehr in meiner Nähe hören! Duroc verneigte ſich und eilte fort, dem kaiſerlichen Befehl gemäß die Schaar der Polizeiagenten zu beordern, daß ſie dergleichen Zu⸗ ſammenrotten des Volkes von jetzt an zu verhüten hätten. Der Kaiſer aber wandte ſich an den Herzog Auguſt von Gotha, dem es eben gelungen war, mit ſeinen breiten Schultern und ſeiner coloſſalen Geſtalt die Reihen der Höflinge zu durchbrechen, und bis zu Napoleon vorzudringen. Ach, ſind Sie wieder da, Herr Herzog? fragte der Kaiſer freund⸗ lich. Die Regierungsgeſchäfte Ihres Landes gründlich beſeitigt? — ———— ——— 74 Ja, Sire, ſie ſind beſeitigt, ſagte der Herzog, ſich faſt bis zur Erde neigend, und dann nach der kaiſerlichen Hand haſchend, um ſie an ſeine Lippen zu drücken. Nun, man muß geſtehen, daß das ziemlich raſch gegangen iſt, rief Napoleon lächelnd. War es nicht erſt vor drei Tagen, daß Sie ſich von uns beurlaubten, um nach Gotha zu gehen? Zu Befehl, Sire, vor drei Tagen reiſte ich ab. Und ſind ſchon wieder hier! Die Hin⸗ und Herreiſe und ſämmt⸗ liche Geſchäfte Ihrer Regierung in drei Tagen abſolvirt. Wie groß iſt denn Ihr Land? Sire, ſagte der Herzog von Gotha raſch, Sire, es iſt ſo groß, wie Ew. Majeſtät befehlen!*) Napoleon lächelte, und dieſes Lächeln ergoß ſich ſofort wie ein Sonnenſtrahl über die Geſichter aller Anweſenden. In dieſem Augenblick öffneten ſich die Thüren des äußern Vor⸗ zimmers, und auf der Schwelle derſelben erſchien die ernſte, würdevolle Geſtalt des Königs Friedrich Wilhelm. Sofort verfinſterten ſich die Geſichter der Höflinge, und ſie wichen ſcheu und betroffen zurück, als fürchteten ſie die Berührung mit dieſem, vom Unglück heimgeſuchten Könige, der ihnen keine Länder, keine Reich⸗ thümer und Gnaden zu bieten hatte, ſondern der hieher gekommen war als ein Bittſteller und Vaſall, der gekommen war, um den Zorn und das Mißtrauen Napoleons zu verſöhnen, und ſich wenigſtens die letzten Trümmer ſeines Königreichs zu retten. Aber der König kam nicht demüthig und mit Höflingslächeln, gleich den Andern, er beeilte ſich nicht, dem Kaiſer mit freundlicher Unterwürfigkeit zu nahen, ſondern langſam, mit hochgehobenem Haupt, mit ernſter Miene ſchritt Friedrich Wilhelm vorwärts, dem kaiſerlichen Paar entgegen. Napoleon empfing ihn mit einem kurzen Kopfneigen. Ew. Ma⸗ jeſtät haben einen beſchwerlichen Weg hierher gehabt, ſagte er rauh. *) Dieſe Antwort iſt hiſtoriſch. ch ſah,! und beliſti Verzei läſtigte: zu heißen, lichen und aber zwei und es zei Weisheit d Und i in denen ſternten, v die ſich ſch Napo linge genu verdüſterte unpjllger bemerkt, und Schn Stiefeln Man nuch den Handbewe Man ſit den Aber Sire ſſ für di Stll. ſich über ſich beſi Ebe Marſcha De c faſt bis zur ſchend, um ſie angen iſt, rief ſe und ſämmt⸗ es iſt ſo groß, ſofort wie ein ſern Vor⸗ ſte, würdevolle nd ſie wichen nit dieſem, r kein Reich⸗ gekommen war n Zorn und n die lebten hiflingelücheln, it freundlicher nHaupt, faiſerlichen 75 Ich ſah, wie die neugierige und aufdringliche Menge Sie umdrängte und beläſtigte. Verzeihung, Sire, ſagte der König laut und ernſt, das Volk be⸗ läſtigte mich nicht. Es erzeigte mir die Ehre, mich willkommen zu heißen, und dies iſt um ſo großmüthiger, da ich nicht zu den Glück⸗ lichen und vom Schickſal Begünſtigten gehöre. Das deutſche Volk hat aber zuweilen ſolche großmüthige und uneigennützige Anwandelungen, und es zeigt eben dadurch, wie wenig es von der Etiquette und der Weisheit der Höflinge verſteht. Und indem der König ſo ſprach, ließ er ſeine klaren, ruhigen Augen, in denen jetzt ein leiſer Spott aufblitzte, über dieſe Menge der be⸗ ſternten, von Goldſtickereien und Treſſen funkelnden Herren hingleiten, die ſich ſcheu von ihm fortgedrängt und hinter Napoleon geſchaart hatten. Napoleon lächelte. Er ſelbſt verachtete die ſchmeichleriſchen Höf⸗ linge genug, um ihnen nicht eine Beſchämung gern zu gönnen. Indeß verdüſterte ſich ſein Blick ſchnell wieder, und glitt mit einem prüfenden unwilligen Ausdruck an der Geſtalt des Königs herunter. Er hatte bemerkt, daß, während er, Napoleon ſelber, in ſeidenen Strümpfen und Schnallenſchuhen erſchien, der König in langen Beinkleidern und Stiefeln gekommen war. Man hat ohne Zweifel vergeſſen, Ew. Majeſtät zu ſagen, daß nach dem Diner ein Ball ſtattfindet? fragte Napoleon, mit einer leichten Handbewegung auf die Stiefel des Königs deutend. Man hat es mir geſagt, Sire, ſagte Friedrich Wilhelm ernſt, aber ſeit dem Tode meiner Gemahlin tanze ich nicht mehr. Aber die Etiquette, rief Napoleon heftig, die Etiquette iſt— Sire, unterbrach ihn der König ruhig und würdevoll, die Etiquette iſt für die Höflinge und Beamten gemacht, und da iſt ſie an ihrer Stelle. Ein ſouverainer Herr und König aber hat wohl das Recht, ſich über die Etiquette zu erheben, und von ſeinem eignen Willen allein ſich beſtimmen zu laſſen. Eben öffnete ſich wieder die Thür des Vorſaals, und der Groß⸗ Marſchall erſchien auf der Schwelle, um zu melden, daß ſervirt ſei. Der Kaiſer bot ſeiner Gemahlin auf's Neue den Arm, und ſchritt 76 unter Vortritt der Großwürdenträger und Hofbeamten durch den Vor⸗ ſaal nach dem an der andern Seite deſſelben ſich öffnenden Speiſeſaal. Hinter ihm her folgte die glänzende Schaar der Fürſten und Herren. Nur der König Friedrich Wilhelm hatte ſich unaufgefordert an die ſeinem Range gemäße Stelle begeben. Er ging an der andern Seite der Kaiſerin und trat mit Napoleon und ſeiner Gemahlin zugleich in den Speiſeſaal ein. Eine ſchmetternde Fanfare empfing das Kaiſerpaar, und unter dem Klange dieſer Jubeltöne ſchritt Napoleon mit ſeiner Gemahlin zu ſeinen in der Mitte des Saales harrenden Gäſten, dem Kaiſer und der Kai⸗ ſerin von Oeſterreich, dem König und der Königin von Sachſen hin. Es war heute großes Galladiner, und die franzöſiſchen Köche des Napoleoniſchen Hofſtaats hatten alle Wunder ihrer Kunſt entfaltet, um ſelbſt dem gelehrteſten und feinfühlendſten Gourmand Genüge zu thun. Aber Napoleon gönnte heute wie immer ſeinen Gäſten nur wenig Zeit, der Tafelfreuden zu genießen. Kaum eine halbe Stunde nach Beginn des Diners ſchon erhob ſich der Kaiſer von ſeinem Lehnſtuhl, und gab damit das Zeichen zum allgemeinen Aufbruch. Diesmal bewölkte ſich die Stirn des faſt immer heitern Kaiſers Franz doch ein wenig, und indem er ſeiner Gemahlin den Arm bot, um ſie in den Salon zu führen, in welchem die Kaiſer und Könige den Kaffee einnehmen wollten, murrte er leiſe: Ich weiß nit, aber mir ſcheint, der Kaiſer Napoleon ißt zu wenig! Und hat doch einen ſo großen Magen, daß er aller Herren Länder verſchlucken und verdauen kann, flüſterte Kaiſerin Ludovica mit einem ſpöttiſchen Lächeln. Er iſt jetzt ſatt wie eine Anakonda, wenn ſie eben einen Ochſen verzehrt hat. Ja, aber wir übrigen Menſchenkinder ſind indeß noch hungrig, ſagte Kaiſer Franz gedankenvoll. Es hilft uns halt nix, daß Er ſatt iſt! Es wird ein Tag kommen, an dem wir Alle unſern Hunger ſtillen werden, und an welchem Er hungern muß, ſagte die Kaiſerin feierlich. Still, ſtill, flüſterte Franz, kein Wort gegen Ihn! Iſt ja halt mein Schwiegerſohn, Ludovica. Und übrigens iſt er noch immer ganz und gar nit ſatt, und es gelüſtet ihn halt ſehr nach einem neuen Ochſen! Erw Ja w nit nir u Plan expli von Rußl Trümmer hat uns R hab! Ic den Eing ſtchen, da ſeinem He da iſt es Die überhaupt ſo wetden ſinden ih Stl Und ihm, ode richen, glungt i Luiſe da Er: haſtig ſei und eber Zucet u Lou tat, Lo — S N. leon, da ihm ſein Marie 6 urch den Vor⸗ en Speiſeſaal. und Herren. fordert an die andern Stite in zugleich in nd unter dem hlin zu ſeinen und der Kai⸗ Sachſen hin. en Küche des entfaltet, um und Könige nit, abet wit Herren Lünder ico nit einem wenn ſie eben och hungrig, Et ſat ſſt Hunger ſille ierlic. Hung iſerin fe Iſt j halt h imner gan . en gchſen! 77 Er will ihn ſich in Rußland holen, nicht wahr? ſagte Ludovica raſch. Ja wohl, in Rußland, ſagte Franz gedankenvoll. Er hat heute mit mir und dem Metternich über eine Stunde lang ſeinen ganzen Plan explicirt, und uns bewieſen, daß es in vier Wochen keinen Kaiſer von Rußland mehr giebt, und daß Rußland überhaupt vor ihm in Trümmer und Staub zerfallen wird. Hat noch allerlei ſonſt geredt, hat uns Rieſenpläne entwickelt, die ich, ehrlich geſagt, nit verſtanden hab'! Ich will Dir nur geſtehen, flüſterte der Kaiſer, indem er vor dem Eingang in den Empfangsſaal ſtehen blieb, ich will Dir nur ge⸗ ſtehen, daß mir ganz angſt worden iſt bei ſeinem Geſchwätz. Mit ſeinem Herzen da mag's ganz gut beſtellt ſein, aber in ſeinem Kopf da iſt es halt nit ſo recht richtig mehr.*) Die Kaiſerin lächelte. Glauben Sie denn, mein Gemahl, daß er überhaupt ein Herz hat? fragte ſie. Was aber ſeinen Kopf betrifft, ſo werden die Fürſten und Völker Europa's wohl bald die Gelegenheit finden, ihm denſelben wieder zurecht zu ſetzen. Still, ſagte Franz wieder, er iſt ja halt mein Schwiegerſohn! Und weil er das iſt, ſollten Ew. Majeſtät nicht länger ſäumen, ihm, oder vielmehr ſeiner Gemahlin, das koſtbare Geſchenk zu über⸗ reichen, das Ew. Majeſtät für ſie beſtellt hatten, und das heute an⸗ gelangt iſt. Es iſt wahr, rief Kaiſer Franz lebhaft, wir wollen der Marie Louiſe das Geſchenk jetzt ſogleich übergeben. Er trat mit ſeiner Gemahlin in den Salon ein, und näherte ſich haſtig ſeiner Tochter, die mit Napoleon in der Mitte des Salons ſtand und eben dem Kaiſer eine Taſſe Kaffee überreichte, die ſie ſelber mit Zucker und Sahne gemiſcht hatte.**) Louiſe, ſagte Kaiſer Franz, ihr lebhaft zunickend, indem er zu ihr trat, Louiſe, ich hab' Dir ein kleines Geſchenk beſorgt, von dem ich *) Kaiſer Franzen's eigene Worte. Siehe: Hormayr's Lebensbilder. Th. MI. **) Die Kaiſerin Joſephine hatte in ihrer zärtlichen Beſorgniß um Napo⸗ leon, da er oft vergaß, ſeinen Kaffee zu trinken, die Gewohnheit angenommen, ihm ſeinen Kaffee nach dem Diner zu miſchen und ihm denſelben zu überreichen. Marie Louiſe hatte dieſe Gewohnheit von ihrer Vorgängerin adoptirt. denk', daß es Dir lieb ſein wird. Ich hatte es ſchon vor einigen Monaten beſtellt, aber es war halt bei unſerer Abreiſe noch nit fertig. Heute aber iſt es angekommen, und da wir jetzt hier im Familiencirkel ſind, möchte ich Dir gern mein kleines Geſchenk überreichen. Das heißt, fügte der Kaiſer hinzu, indem er ſich leicht vor Napoleon ver⸗ neigte, das heißt, wenn Se. Majeſtät es erlauben. Ew. Majeſtät ſagten eben mit Recht, daß wir hier im Familien⸗ cirkel ſind, ſagte Napoleon lächelnd, und da im Familiencirkel der Vater immer das Haupt und der Herr iſt, ſo habe ich gar nichts zu erlauben, ſondern nur zu bitten, daß Ew. Majeſtät meiner Gemahlin das Geſchenk geben wollen, das Ihre Liebe ihr beſtimmt hat. Und ich verſichere Ihnen, mein Vater, rief Marie Louiſe lächelnd, ich bin ſo geſpannt auf Ihr Geſchenk, wie ich es als kleine Erzher⸗ zogin war, wenn Ew. Majeſtät mir irgend eine Ueberraſchung ver⸗ ſprochen hatten. Laſſen Sie mich alſo mein Geſchenk ſogleich haben! Kaiſer Franz lächelte, und nach der offenen Thür des Neben⸗ gemaches hinſchreitend, in welchem die nicht zur kaiſerlichen Familie gehörigen Herzöge, Fürſten, Marſchälle und Höflinge verſammelt waren, gab er einem der dort Pefindlichen Herren, der ſich in der Nähe der Thür poſtirt hatte, einen Wink. Sofort eilte dieſer aus dem Saal, und kehrte nach wenigen Minuten mit einem langen, ſchmalen, ſorgſam in ein goldgeſticktes Tuch eingehüllten Gegenſtand zurück, den er dem Kaiſer mit ehrfurchtsvoller Verbeugung überreichte. Kaiſer Franz nahm ihn haſtig und ſchritt mit feierlicher Miene zu Marie Louiſe hin. Hier Louiſe, ſagte er freundlich, hier iſt mein Geſchenk. Es wird Dir verkünden, was freilich jeder Tag dem bewundernden Europa be⸗ weiſt, daß nämlich ächt königliches Blut in den Adern Deines Ge⸗ mahls fließt. Marie Louiſe ſchlug mit neugieriger Eilfertigkeit das goldgeſtickte Tuch, welches das Geſchenk ihres Vaters verhüllte, zurück, und jetzt ward unter demſelben ein goldener, reich mit Brillanten und Perlen verzierter langer und hoher Kaſten ſichtbar. Welche herrlichen Brillanten! rief Marie Louiſe entzückt. Velch Der Franz, es Leopold, de Kaſten iſt der Schlüſ Er rei dar, und 2 teiſen beſet Kaiſerin v Känig von ihr der Ko deſſen De gierde un In d Pergamen Mar Ein koſtbarer Ram in ſ Sire, fu nüſſen ha ſende Ri hit. Er alten glor ils ſtine monte, d hat uf dieſen S feſtuſe alten fü —— ) 6 79 nvot einigen Welche kunſtvolle Arbeit! ſagte Napoleon lächelnd. och nit fertig. Der Kaſten iſt eine Arbeit von Benvenuto Cellini, ſagte Kaiſer Familiencirkel Franz, es war ein Lieblingsſtück meines hochſeligen Vaters, des Kaiſers ichen. Das Leopold, der ihn von Florenz mitgebracht hatte nach Wien. Aber der poleon ver⸗ Kaſten iſt dies Mal nit die Hauptſach', ſondern der Inhalt. Hier iſt der Schlüſſel, Louiſe, ſchließe auf! im Fumilien⸗ Er reichte der Kaiſerin einen kunſtvoll gearbeiteten goldnen Schlüſſel liencirkel der dar, und Marie Louiſe ſchob ihn in das mit großen orientaliſchen Tur⸗ ʒar nicts zu koiſen beſetzte Schlüſſelloch. Um ſie her ſtanden der Kaiſer und die ner Genahlin Kaiſerin von Oeſterreich, der König und die Königin von Sachſen, der bat. König von Preußen und der Großherzog von Würzburg, dicht neben uiſe lüchelnd, ihr der Kaiſer Napoleon. Aller Augen waren auf den Kaſten gerichtet, deſſen Deckel Marie Louiſe eben emporhob, Aller Mienen drückten Neu⸗ gierde und Spannung aus. In dem Kaſten lag weiter nichts, als ein zuſammengefaltetes Pergament. Marie Louiſe nahm es hervor und ſchlug es auseinander. Ein Stammbaum! rief ſie verwundert. Ja, ein Stammbaum, ſagte Kaiſer Franz vergnügt, aber ein ſehr koſtbarer und ſchöner Stammbaum, den Du dem kleinen König von hen Familie ammelt waren, der Nähe der Rom in ſeine Wiege legen kannſt, und an dem er leſen lernen kann. — Sire, fuhr er dann fort, ſich an Napoleon wendend, Ew. Majeſtät müſſen halt mir ſchon erlauben, noch ein neues Juwel in Ihre glän⸗ zende Kaiſerkrone zu legen. Dieſes Juwel, das iſt dieſer Stammbaum hier. Er beweiſt klar und unwiderleglich, daß Ew. Majeſtät einer alten glorreichen Fürſtenfamilie entſtammen, die ſchon im Mittelalter . als ſouveraine Fürſtenfamilie in Treviſo herrſchte.“*) Signor Giaca⸗ monte, der berühmteſte Genealoge und Heraldiker von ganz Italien, hat auf meinen Befehl ſich ſeit einem Jahre nur mit Studien für dieſen Stammbaum beſchäftigt, und es iſt ihm gelungen, unwiderleglich Deir es Ge⸗ vugeie feſtzuſtellen und nachzuweiſen, daß die Familie Bonaparte durchaus 4, und jet alten fürſtlichen Urſprungs iſt. und Perlen *) Siehe: Phiers, Histoire du Consulat etc. Vol. XIII. S. 409. ———— — 80 Das iſt eine herrliche Entdeckung, rief Marie Louiſe mit naiver Freudigkeit, demzufolge hat alſo mein kleiner König von Rom eine ganz reſpectable Reihe fürſtlicher Ahnen? Er hat halt mehr als fünfzig Ahnen! rief Kaiſer Franz ſtolz. Schau nur einmal hier unten, da iſt der Stammvater, der Duca di Buon et Malaparte, der hat im zwölften Jahrhundert gelebt, das iſt der Stammvater der Napoleoniſchen Familie. Er deutete mit dem Finger auf den dicken Stamm des künſtlich gemalten und verzierten Stammbaums hin, den Marie Louiſe ausein⸗ andergeſchlagen hatte, und von dem ſie die untern Enden hielt, während der König und die Königin von Sachſen dienſtbereitwillig die obern Enden faßten. Der König von Preußen ſtand daneben und ſchaute mit einem kaum merklichen Lächeln auf dieſe ſeltſame Scene hin, wäh⸗ rend die Kaiſerin Ludovica mit unverhohlenem Spott in das freudig erregte Antlitz Marie Louiſens blickte. Napoleon überſah mit einem ſchnellen feurigen Blick die Geſichter aller Anweſenden und ein Ausdruck erhabenen Stolzes breitete ſich über ſein Antlitz aus. Schau! rief eben der Kaiſer Franz eifrig, mit dem Antlitz ganz über den Stammbaum geneigt, ſchau, da iſt ſein Name! Da ſteht der Stammvater der Napoleoniſchen Familie! In dieſem Augenblick legte ſich Napoleons Hand ſanft auf ſeine Schulter. Nicht doch, ſagte er lebhaft, der Stammvater dieſer Familie ſteht hier. Wo denn? fragte Kaiſer Franz eifrig, immer noch über den Stamm⸗ baum geneigt und dort den Namen ſuchend. Wo denn? Wenn Ew. Majeſtät ihn ſehen wollen, müſſen Sie die Güte haben, von dem Stück Eſelshaut da den Blick abzuwenden und ihn auf mich zu lenken, ſagte Napoleon mit lebhafterem Ton. Kaiſer Franz ſchaute empor und blickte ſeinen Schwiegerſohn ver⸗ wundert an. Napoleon lächelte mit einem ſtrahlenden, triumphirenden Lächeln. Ich, und ich allein bin der Stammvater der Napoleoniſchen Familie, ſagte er langſam und feierlich, ich bin der Ahnherr der Ge⸗ ſchlechter, die von mir kommen. Der König von Rom bedarf keiner andem Aht wonnene E und daß S die ich mi hat wohl e der Zeiten die Geneal geſtorben ſi Namen ihr zu ſuchen, und da we Abends em glänzt ein meine, Sit Ihrem Enl gls ein ga Mori Hände von halb beſché Das ſ baun wied uſtn verſ Napol Mdane, ʒ Vihr Kanz an leiſe: Ichh hlbe6 uiſe mit naiver n pz p Rom eine ganz er Franz ſtolz. der Duca di gelebt, das iſt m des künſtlich Louiſe ausein⸗ hielt, während illig die obern en und ſchaute cene hin, wäh⸗ in das frendig d die Geſichter tete ſich über n Antlitz ganz Da ſteht der ſanft auf ſeine amilie ſteht hiet. erden Stamm⸗ 1 Glite haben, d ihn auf mich gerſohn vel⸗ „onde riumphirenden eoniſchen der Ge⸗ 81¹ andern Ahnen, es müßte denn ſein, daß Ew. Majeſtät ihm jede ge⸗ wonnene Schlacht ſeines Vaters als einen Ahnen anrechnen wollten, und daß Sie ſeinen Stammbaum aus den Lorbeeren zuſammenſetzen, die ich mir in Europa und Afrika erobert habe. Mein Sohn hat wohl ein Recht, ſolche Ahnen zu verachten, die ſpurlos im Dunkel der Zeiten verſchwunden ſind und von denen die Geſchichte gar nichts, die Genealogie nur das zu erzählen weiß, daß ſie gelebt haben und geſtorben ſind. Meine Enkel und Urenkel aber haben nicht nöthig, den Namen ihres Ahnherrn auf vergilbten Pergamenten und Eſelshäuten zu ſuchen, ſie brauchen nur die Bücher der Geſchichte aufzuſchlagen, und da werden ſie ihn finden. Sie werden ihn auch finden, wenn ſie Abends empor ſchauen zum geſtirnten Firmament, denn dort am Himmel glänzt ein Stern, dem man den Namen„Napoleon“ gegeben hat. Ich meine, Sire, dieſer Stern wird nie erlöſchen, und er ſoll meinem Sohn, Ihrem Enkel, beſſer ſeinen Weg zeigen und ihm beſſer voran leuchten, als ein ganzes Heer vermoderter Ahnen! Marie Louiſe hatte ſchon bei den erſten Worten Napoleons ihre Hände von dem Stammbaum zurückgezogen, und ſtand jetzt, halb trotzig, halb beſchämt, mit niedergeſchlagenen Augen neben ihrem Gemahl. Das ſächſiſche Königspaar bemühte ſich, möglichſt leiſe den Stamm⸗ baum wieder in ſeine Falten zu legen und ihn dann in dem goldenen Kaſten verſchwinden zu laſſen. Napoleon aber reichte ſeiner Gemahlin den Arm. Kommen Sie, Madame, ſagte er kurz und ſcharf, laſſen Sie uns in den Ballſaal gehen! Während er raſch mit ihr vorwärts ſchritt, wandte ſich Kaiſer Franz an ſeine Gemahlin, und auf ſeine Stirn deutend, flüſterte er leiſe: Ich hab'Recht! In ſeinem Kopf da iſt es halt nit recht richtig mehr! Mühlbach, Napoleon. I11. Bd. V. Uapoleons Abreiſe von Presden. Der glänzende Hofball war beendigt, und Napoleon hatte ſich in ſein Kabinet zurückgezogen, um zu arbeiten. Seine Stirn war bewölkt, ſeine Mienen ſorgenvoller, als er ſie irgend einen ſeiner Vertrauten ſehen ließ; die Hände auf dem Rücken gefaltet, ging er langſam auf und ab, zuweilen einen flüchtigen Blick auf die Karte werfend, die auf dem Tiſch lag und auf der mit bunten Nadeln die verſchiedenen, jetzt ſchon an den Grenzen Rußlands ſtehenden Armeecorps bezeichnet waren, dann wieder den Blick niederſchlagend und gedankenvoll vor ſich hinſtarrend Narbonne kommt noch immer nicht, murmelte er leiſe vor ſich hin, Alexander ſcheint in der That zu zaudern mit dem Frieden. Meine viermalhunderttauſend Mann, die am Niemen ſtehen, werden ihn ſchrecken, und er wird ſich mir unterwerfen, wie es alle Uebrigen gethan. Nein, nein, er wird es nicht wagen, mir zu trotzen! Er wird nachgeben! Er— Plötzlich ſchwieg er und näherte ſich haſtig dem Fenſter, auf wel ches ſein Blick ganz zufällig ſich geheftet hatte. Ein überraſchender Anblick bot ſich ſeinem Auge dar. Der große Platz unmittelbar vor ſeinen Fenſtern, der am Tage ſeiner Ankunft im Glanz der Illumi nation ſo herrlich geſtrahlt hatte, war dunkel und ſchweigend, aber drüben, jenſeits des Fluſſes, ſtrahlte die Neuſtadt, die an jenem Abend dunkel und ſchweigend geweſen, im hellſten Lichterglanz, und Napoleon meinte, von dorther lautes Jubeln und Schreien zu vernehmen. Un geſtüm riß er das Fenſter auf, und ſich weit vorwärts lehnend, ließ er den ſpähenden Blick nach allen Seiten hinſchweifen. Ueberall ſah er Lichterglanz und Illumination, ſelbſt in der nahen Schloßſtraße ſtrahlten alle Häuſer im funkelnden Lampenſchein. Und alle dieſe Häuſer waren an jenem Tage, gleich der ganzen übrigen Stadt, dunkel geweſen. Der Kaiſer warf das Fenſter klirrend wieder zu und klingelte haſtig. Der Groß⸗Marſchall ſoll kommen! befahl er dem eintretenden Diener. Wenige Minuten ſpäter trat Duroe in das Kabinet des Kaiſers ein, der mit zollender E Duroc, was Sire, ſe Rönigs von Der Ha ſlammnte vor gartätſchen Stimme. W illuniniren Sire, wie der Kö Lertraut, un Loll! Unterthanen treiben, we Hatte ſch vechten? Sire, Die Polizei Jubeln und nit Gewal weitere De hat. Zu e indeß hinge und unerve Iluminti ihres gni Abet die ſimmten? nicht illun alſo in S ordentlich ezeichnet warel, klingelte haſtig. e ſers inet des Kaiſ ein, der mit haſtigen Schritten auf und ab ging. Duroc, rief er mit grollender Stimme, erhobenen Armes nach dem Fenſter hindeutend, Duroc, was bedeutet dieſe Illumination? Wem zu Ehren erleuchtet man? Sire, ſagte Duroc langſam, ich vermuthe, daß es zu Ehren des Königs von Preußen geſchieht, welcher heute angekommen iſt. Der Kaiſer ſtampfte mit dem Fuß auf den Boden und ſein Auge flammte vor Zorn. Dieſe Dresdener ſind Rebellen, welche man mit Kartätſchen zur Vernunft bringen müßte! rief er mit lauter donnernder Stimme. Was geht ſie der König von Preußen an? Und weshalb illuminiren ſie für ihn? Sire, ſagte Duroe mit einem feinen Lächeln, das Volk iſt eben, wie der König von Preußen es heute ſagte, wenig mit der Etiquette vertraut, und es verſteht nichts von der Weisheit der Höflinge! Volk! Volk! grollte Napoleon, es giebt kein Volk, ſondern nur Unterthanen, und man muß es dieſen mit Feuer und Schwert aus⸗ treiben, wenn ſie es ſich einfallen laſſen, das Volk ſpielen zu wollen. Hatte ich nicht ſchon heute Befehl gegeben, alle Demonſtrationen zu verhüten? Warum hat man meine Befehle nicht befolgt? Sire, man hat ſie befolgt, ſoweit wir die Macht dazu hatten. Die Polizei hat die Zuſammenrottirungen auf den Straßen, das Lärmen, Jubeln und Vivatſchreien zu verhindern gewußt, aber ſie kann nicht mit Gewalt in die Häuſer eindringen, weil man, ohne irgend eine weitere Demonſtration zu machen, einige Lichter vor die Fenſter geſtellt hat. Zu einigen Beſitzern illuminirter Häuſer ſind unſere Agenten indeß hingegangen und haben ſie nach dem Grund dieſer plötzlichen und unerwarteten Illumination gefragt. Sie haben geantwortet: die Illumination geſchähe zu Ehren des Kaiſers Napoleon, des Gaſtes ihres Königs. Die Elenden! Sie wagen es, zu lügen! rief Napoleon zornig. Aber die Thatſachen ſprechen wider ſie! An dem zur Illumination be⸗ ſtimmten Tage waren alle Häuſer dunkel. Sie hatten aus Oppoſition nicht illuminirt, wie ſie heute aus Oppoſition illuminiren! Man liebt alſo in Sachſen, wie es ſcheint, den König von Preußen ganz außer⸗ ordentlich? 6 2 — —— 84 Ja, Sire, es ſcheint ſol Der König hatte, wie ich weiß, in allen Ortſchaften ſeines eigenen Landes, welche er auf ſeiner Herreiſe paſ⸗ ſirte, ſich jeden Empfang verbeten, aber für die ſächſiſchen Städte und Ortſchaften konnte er natürlich kein ähnliches Verbot erlaſſen. Von der ſächſiſchen Grenze an iſt aber der König von Preußen überall mit Enthuſiasmus empfangen worden. In den Städten Jüterbogk und Großenhayn läutete man bei ſeiner Ankunft mit allen Glocken und die ganze Bevölkerung, die Obrigkeit und alle andern Behörden an der Spitze, kamen dem König bis vor die Stadt entgegen und jauchzten ihm ihre Grüße zu. Und wie hat er dieſe Huldigungen aufgenommen? Er hat den Leuten mit einfachen, ſchlichten Worten gedankt für die uneigennützigen Ehrenbezeugungen, die ſie ſo großmüthig einem deutſchen Fürſten erwieſen. Einem deutſchen Fürſten? wiederholte Napoleon heftig; ah, dieſer kleine König von Preußen ſcheint noch immer Luſt zu haben, mir zu trotzen! Ich bin in Tilſit noch zu großmüthig geweſen! Man wird ihm die Flügel noch mehr beſchneiden müſſen! Ich werde ihm zeigen, was der franzöſiſche Kaiſer aus einem deutſchen Fürſten machen kann, wenn dieſer es wagt, ſich wider ihn aufzulehnen! Sire, ſagte Duroe mit ſanfter, flehender Stimme, ich beſchwöre Ew. Majeſtät, gehen Sie nicht zu weit. Der König von Preußen hat die Sympathieen des ganzen deutſchen Volks für ſich. Sein Unglück leuchtet ihnen wie eine Glorie von ſeiner Stirn entgegen und hat ihnen den König zu einem Heiligen verklärt. Das Volk glaubt überdies zu wiſſen, daß der König nur widerſtrebend und ungern in dieſen ruſſiſchen Krieg geht, und dies vergrößert noch die Liebe, die es für den König hegt, denn, ich wage es, Ew. Majeſtät zu ſagen, das deutſche Volk iſt gegen dieſen Krieg! Ich habe das deutſche Volk nicht zu meinem Kriegsminiſter ge macht, rief Napoleon, und ich habe meinen Groß-Marſchall nicht gebeten, mir Rath zu ertheilen. Sie haben meine Befehle auszu führen und Ihre Fflicht zu thun! Gehen Sie und ſenden Sie mir Berthier her! Duwe as glinze Nurſchall di Stimme des Sire? Aber a Mide, dß unwilltürlich, hinſchrit. Duroc, reichend ich gefordert ho das ſogenan ſehr ſie vor ſid. Oh, daß Diejeni ine Gelege frinilige eiſenen Ba daß ſie nich ich nit mir ſage Dir mem von 2 werfen wer habe ich go , meine( ſchwirneriſ wecken. Uch, geliebt, un Majeſtit f Bin j Napoleon Habe ich weiß, in allen er He rreiſe paſ⸗ hen Städte und erlaſſen. Von en überall mit Jüterbogk und n und jauchzten ten gedankt für 9 nü hig einem ftig; ah, dieſer en, wir zu Man vird ihm ir den ni Nolk e Volt jegs sminiſter ge Narſchul nicht le auszu Sie mit Befel eh ſenden 85 Duroe ſenkte traurig ſein Haupt und wandte ſich der Thüre zu. Das glänzende Auge Napoleons folgte ihm. Eben als der Groß⸗ Marſchall die Thür öffnete, um hinauszugehen, hörte er hinter ſich Stimme des Kaiſers, welcher ſeinen Namen rief. Sire? fragte er, ſich umwendend, aber an der Thür ſtehen bleibend. Aber aus den Augen des Kaiſers ſtrahlte jetzt ſo viel Liebe und Milde, daß Duroc ihnen nicht zu widerſtehen vermochte, ſondern ganz unwillkürlich, wie von electriſcher Macht gezogen, wieder zu dem Kaiſer hinſchritt. Duroc, mein alter Freund, ſagte Napoleon, ihm ſeine Hand dar⸗ reichend, ich danke Dir für Deinen Rath, denn wenn ich ihn auch nicht gefordert habe, ſo war er doch gut gemeint. Ich weiß es wohl, daß das ſogenannte deutſche Volk, und daß auch die deutſchen Fürſten, ſo ſehr ſie vor mir kriechen und mich umſchmeicheln, gegen dieſen Krieg ſind. Oh, ich kenne die Race dieſer Fürſten, und ich weiß ſehr wohl, daß Diejenigen, die mir heute am glänzendſten ſchmeicheln, nur auf eine Gelegenheit warten, um ſich für ihre Schmeichelworte und ihre freiwillige Hundedemuth an mir zu rächen. Aber ich habe ſie mit eiſernen Banden an mich gekettet und ihnen die Zähne ausgezogen, daß ſie nicht beißen können; ihre Zähne, das ſind ihre Soldaten, die ich mit mir nehme in dieſen letzten, entſcheidenden Krieg. Denn ich ſage Dir, Duroc, dies wird der letzte Feldzug ſein. Auf den Trüm⸗ mern von Moskau werde ich Alexander zwingen, ſich mir zu unter⸗ werfen, werde ich Europa den Frieden geben. Und wer weiß, vielleicht habe ich gar nicht einmal nöthig, ſo weit zu gehen. Vielleicht genügt es, meine Soldaten bis an den Niemen geführt zu haben, um den ſchwärmeriſchen Alexander aus ſeinen Träumereien zur Vernunft zu erwecken. Ach, Sire, ſeufzte Duroc, Alexander hat Ew. Majeſtät zu zärtlich geliebt, um ſich von dem Bruch dieſer z die ihn an Ew. M ajeſtät feſſelte, nicht auf's Aeußerſte gereizt zu fühlen. Bin ich es denn, welcher dieſe Freundſchaft gebrochen hat? rief Napoleon heftig. Habe ich denn dieſen Krieg veranlaßt und gewollt? Habe ich nicht vielmehr alle Mittel angewandt, um ihn zu vermeiden? 86 Habe ich nicht Lauriſton zwei Mal zu dem Kaiſer geſandt, und ihm den Frieden angetragen, im Fall er meine Bedingungen erfüllte: den engliſchen Schiffen ſeine Häfen zu verſchließen, einen Blocus auf alle engliſchen Waaren zu legen, und alle Verbindungen mit England auf⸗ zuheben. Aber ſtolz geworden durch ſeine Siege über die Türken, will ſich Rußlands Kaiſer erdreiſten, mir Geſetze und Bedingungen vor⸗ zuſchreiben. Er fordert von mir, daß ich ihm eine Entſchädigung da⸗ für gebe, daß ich das Land ſeines Schwagers, des Fürſten von Olden⸗ burg, eingezogen habe, er verlangt, daß ich mich verpflichte, das König⸗ reich Polen nicht wieder herzuſtellen. Er will mir Bedingungen des Friedens auferlegen! Bedingungen! Ich bin dazu da, Bedingungen aufzuerlegen, nicht aber, ſie anzunehmen! Das wäre eine Erniedrigung, der ich mich nicht unterziehen werde. Du ſiehſt alſo, Duroc, man hat mich zu dieſem Krieg gezwungen, ich habe ihn nicht geſucht, aber ich darf ihm nicht ausweichen. Nicht wahr, Du ſiehſt das ein? Du weißt, daß ich ihn noch jetzt will, und nur mit Blut meiner tapfern daß ich den Frieden wollte, ſchwerem und bewegtem Herzen auf's Neue Soldaten vergießen muß. Sire, ſagte Duroc mit einem matten Lächeln, ich ſehe wenigſtens ein, daß es jetzt zu ſpät iſt, vom Frieden zu ſprechen, da eine Armee von viermalhunderttauſend Mann Ew. Majeſtät am Niemen erwartet. Möge Alexander ſprechen, möge er meine Bedingungen annehmen, und nichts wird zu ſpät ſein, 1 ief Napoleon lebhaft. Ich erwarte Nar⸗ bonne, in jeder Stunde kann er hier anlangen. Er wird uns entweder den Krieg oder den Frieden geben, denn er wird mir die letzte Ant⸗ wort Alexanders bringen. Sowie er anlangt, ſoll er zu mir kommen, gleichviel, ob ich ſchlafe oder wache! Geh jetzt, Duroc! Rufe mir Berthier! Als Berthier eintrat, ſtand der Kaiſer, die gefaltet, am Fenſter, und blickte hinüber auf immer im hellen Lichterglanz ſtrahlte. Der Marſchall blieb ehrfurchtsvoll an der Thür ſtehen, und er— wartete die Anrede des Kaiſers.— Eine lange Pauſe trat ein Na⸗ Hände auf dem Rücken die Neuſtadt, die noch poleon ſtar fultet, am Auf ei weine Befe ſamkeit en erhalten Schreibti des Kaiſ depot emächt in Preu in Verl „und ihm Blocus auf alle mit England auf⸗ die Türken, will ngungen vor † hte, das König Bedingungen des da, Bedinzungen Erniedrigung, Duroc, man hat ſucht, aber ich Du weißt, und wur mit meiner tapfem ſehe wenigſtens ine Amee etwartet. n annehmel, erwarte Nar⸗ entweder nir kommen, Durc! Nufe uf dem Rücken die voch und ei 1* poleon ſtand noch immer unbeweglich, die Hände auf dem Rücken ge faltet, am Fenſter. Auf einmal drehte er ſich um, und Berthier ſein bleiches, finſteres Antlitz zuwendend, rief er lebhaft: Berthier, Sie werden ſogleich ab reiſen. Sie gehen nach Berlin, und bringen dem Herzog von Belluno meine Befehle. Sie werden ihm ſagen, daß ich ihm die ſtrengſte Wach ſamkeit empfehle, daß es ſeine Aufgabe iſt, die Ruhe in Preußen zu erhalten. Die Bevölkerung von Preußen iſt eine ſehr widerſpenſtige und aufrühreriſche. Sie iſt beſtändig bereit, zu conſpiriren und Ementen * zu machen, und wer weiß, ob nicht der König von Preußen mit ihnen „ gemeinſchaftliche Sache machen möchte. Man muß das auf alle Weiſe verhüten, der Krieg iſt vor der Thür, man muß daher die Feſtigkeit und Wachſamkeit verdoppeln, damit wir nicht hinter unſerm Rücken eine Revolution bekommen. Sie werden das dem Herzog von Belluno ſagen, Sie werden ihm meine Inſtructionen bringen. Sire, ſagte Berthier, wenn Ew. Majeſtät mir keine weitern Be fehle zu ertheilen haben, werde ich ſogleich abreiſen. Sie werden dem Herzog von Belluno ſagen, es ſei mein Wille, daß kein preußiſcher General, kein preußiſcher Officier in Berlin com mandire, und daß der Dienſt lediglich auf Befehl des franzöſiſchen Generals verſehen werde. Setzen Sie ſich, ich werde Ihnen die wei tern Inſtructionen dictiren! Berthier, gehorſam dem Befehl Folge leiſtend, ſetzte ſich an den Schreibtiſch, und harrte, mit der Feder in der Hand, auf die Worte des Kaiſers. Napoleon ging ſchweigend einige Male auf und ab, dann, noch einen raſchen Blick anf die zu Ehren des Königs von Preußen erleuch tete Stadt werfend, begann er Berthier die folgende Inſtruction für den Herzog von Bellund zu dietiren:„Man ſoll ein wachſames Auge daraf haben, daß weder in Berlin, noch in der Umgegend ein Waffen depot oder irgend ein Geſchütz ſich befinde, deſſen die Populace ſich vemächtigen könnte. Es müſſen ganz und gar keine preußiſchen Truppen in Preußen ſtehen, und die wenigen Mann regulairer Truppen, die in Berlin bleiben, ſollen lediglich für die Wache des Schloſſes ver⸗ S 88 wandt werden. Die franzöſiſchen Truppen aber, die in Berlin ſtehen, ſollen nicht bei den Bürgern einquartirt, ſondern in den Kaſernen untergebracht werden, und wenn dieſe nicht ausreichen, auf freiem Felde lagern. Sie ſollen beſtändig einige Geſchütze mit brennender Lunte bereit halten, um gleich jede Unordnung im Keim zu erſticken. Jede, einem Franzoſen zugefügte Beleidigung muß durch ein Kriegs⸗ gericht nach unſerer Weiſe gerichtet werden. Es iſt außerdem noth⸗ wendig, daß der General⸗Gouverneur von Berlin eine hohe Polizei organiſire, damit man weiß, was vorgeht, und ein wachſames Auge auf alle Umtriebe haben kann. Sie werden dem Herzog von Belluno kund thun, daß die Landesverwaltung ganz und gar den Beamten des Königs überlaſſen bleibt, daß aber die Aufſicht über die Zeitungen, ſowie über alle andern Druckſchriften und alle Mittel der Polizei in ſeinen Händen ſein müſſen, damit nichts dem Volke einen gefährlichen Anſtoß gebe, und das Land gar keine Mittel zum Aufruhr und zur Empörung habe. Man muß Preußen durch alle Mittel, die zu Ge⸗ bote ſtehen, niederhalten. Sie werden dem Herzog von Belluno ſagen, daß ich befohlen habe, es ſollen drei oder vier gut unterrichtete fran zöſiſche Officiere in Colberg und Graudenz ſich aufhalten. Das Recht, eine preußiſche Beſatzung zu haben, iſt nur Colberg vorbehalten, gleich⸗ wie Potsdam die einzige Stadt iſt, durch die den franzöſiſchen Truppen der Durchmarſch nicht geſtattet iſt. Aber man muß die Einwohner Potsdams daran gewöhnen, viele franzöſiſche Officiere in ihrer Stadt zu ſehen. Dieſe müſſen oft dort übernachten, unter dem Vorgeben, die Merkwürdigkeiten der Stadt zu ſehen, und wenn ihre eigene Wiß⸗ begierde ſie nicht dazu treibt, ſo ſoll man die Officiere dazu anregen. Der Herzog von Belluno ſoll unter allen Umſtänden die größte Ehr⸗ erbietung und Ergebenheit gegen den König von Preußen an den Tag legen, und kann dieſe ſogar bei allen Feſten und öffentlichen Veran⸗ laſſungen bis zur Affectation treiben. Er ſoll ferner die preußiſchen Miniſter und die wenigen in Berlin befindlichen preußiſchen Officiere oft zu Tiſche laden, und ſie äußerſt höflich und zuvorkommend behan⸗ deln. Aber immer, zu jeder Stunde, muß man ein wachſames Auge ſowohl auf den König, als auf die Behörden und das Volk haben, und ſtets Unordnung 3ch bi ſolgen Sie von Preuß unterworfe Bei den g nicht mein daß ich ſei werde ich Sie haber Bertl triumphire Känig vo Augen h kann dieſe Sie het unter Ih Die erſchen in Sire eine Adie Norb reten Sie Und eben in d dem Hof Verbeugu Aſſe deſſen x zurückge wartet. *) Na M Berlin ſtehen, den Kaſernen n, auf freiem mit brennender im zu erſicen. rch ein Kriegs⸗ erdem noth⸗ e hohe Polizei achſames Auge g von Belluno n Beamten des die Zeitungen, der Polizei in ngeführlichen fruhr und zur l, die zu Ge⸗ Belluno ſagen, errichtete fran⸗ Das Recht, halten, gleich⸗ ſchen Truppen ie Einwohner in ihrer Stadt dem Vorgeben, eigene Viß⸗ dazu anregen. grßte Ehr⸗ V hel ie preufiſchen Officiere hehan⸗ chen mmend chſames Auge rl hehen 89 und ſtets gerüſtet und bereit ſein, die geringſte Demonſtration oder Unordnung ſogleich mit aller Energie im Keim zu erſticken.“*) Ich bin zu Ende, ſagte Napoleon, gehen Sie, Berthier, und be⸗ folgen Sie genau meine Inſtructionen. Man kann weder dem König von Preußen, noch ſeinem Volk Vertrauen ſchenken. Wir haben Preußen unterworfen, aber es wird vielleicht nothwendig ſein, es zu zerſchmettern. Bei dem geringſten Anlaß ſoll und muß das geſchehen; wenn Preußen nicht mein ehrlicher Bundesgenoſſe ſein will, ſo werde ich ihm beweiſen, daß ich ſein ehrlicher Feind bin, und um ihm dieſen Beweis zu liefern, werde ich Preußens Exiſtenz aufhören laſſen. Gehen Sie, Berthier, Sie haben meine Inſtructionen, reiſen Sie ſogleich ab. Berthier eilte hinaus, Napoleon aber wandte ſich mit einem ſtolzen triumphirenden Ausdruck wieder dem Fenſter zu. Ach, mein kleiner König von Preußen, ſagte er höhniſch, man will hier unter meinen Augen Ihnen zu Ehren ein Licht anzünden, aber ein Hauch von mir kann dieſes Licht ausblaſen, und Dunkelheit und finſtere Nacht um Sie her verbreiten. Noch ein ſolcher Anlaß, und der Thron bricht unter Ihren Füßen zuſammen! Noch— Die Thür des Antichambre ward haſtig aufgeriſſen, und Rouſtan erſchien in derſelben. Sire, ſagte er, Se. Excellenz der Graf von Narbonne bittet um eine Audienz. Narbonne! rief Napoleon freudig. Kommen Sie, Narbonne, treten Sie ein! Und in ungeſtümer Erregung eilte er dem Grafen entgegen, der eben in das Cabinet eintrat, und als wohlbewanderter Cavalier von dem Hof Ludwigs des Sechszehnten ſeine ceremoniellen, kunſtgerechten Verbeugungen machte. Laſſen wir die Ceremonien und die Dehors, ſagte Napoleon, über deſſen ganzes Weſen ſich jetzt eine zuckende Heftigkeit, eine mühſam zurückgehaltene Ungeduld verbreitete. Ich habe Sie lange ſchon er— wartet. Was bringen Sie mir für Reſultate? *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Ségur, Histoire de Napoleon 1812. V. I. 90 Sire, ſagte der Graf mit ſeinem feinen, diplomatiſchen Lächeln, ich fürchte, das Reſultat meiner Sendung iſt der Krieg. Wie? rief Napoleon lebhaft, und einen Moment flog ein Schim⸗ mer von Röthe über ſeine bleichen wie? der Kaiſer Alexander will alſo nicht nachgeben? Er will meine Bedingungen nicht erfüllen? Sire, erlauben mir Ew. Paeſtn Ihnen des Kaiſers eigene Worte zu wiederholen, ſagte der Graf mit unerſchütterlicher Ruhe. Als ich Sr. Majeſtät die Vorſchläge Eurer Majeſtät gemacht, als ich ihm geſagt hatte, daß, wenn der Czaar ſeine Häfen den engliſchen Schiffen ſchließen, den Krieg mit England fortſetzen, einen Blocus auf alle engliſchen Waaren legen, und allen directen und indirecten Handels⸗ verkehr mit England aufgeben wolle, daß Ew. Majeſtät dann Frieden mit Rußland ſchließen wollten, rief Kaiſer Alexander heftig: Einen ſolchen Frieden würde ich erſt annehmen, wenn ich in das Innerſte Sibiriens zurückgedrängt wäre.*) Ach, rief Napoleon mit blitzenden ich werde ihm das Ver⸗ gnügen dieſer Reiſe verſchaffen. Er ſoll Sibirien kennen lernen, und dort werde ich ihm den F dictiren, wenn ich es nicht vorziehe, ihn überhaupt dort zu laſſe Haben Sie ſonſt Depeſchen mitgebracht? Zu Befehl, Sire, hier dieſe officielle Antwort des Miniſters, Grafen von Romanzoff, auf das Schreiben des Herzogs von Baſſano, deſſen Ueberbringer ich war. Es iſt nichts als eine Wiederholung der Phraſen, die der rnſſiſche Geſandte in Paris bis zu ſeiner Abreiſe machte. Hier iſt das Schreiben Romanzoffs, wenn Ew. Majeſtät die Gnade haben wollen, es zu leſen. Napoleon nahm das dargereichte Papier und ließ ſeine glühenden Augen haſtig darüber hingleiten. Sie haben Recht, ſagte er dann, das Papier verächtlich auf den Tiſch werfend. Nichts als dieſelbe Phraſe, daß Alerander den Frieden will, daß er aber meine Bedingungen nicht erfüllen kann. Gut denn, möge er den Krieg haben! Auf den erſten Schuß, den er auf meine Soldaten abfeuern läßt, werden ihm tauſend Kanonen poleon de Sire Schuß) kommen, feſt entſ Erſt, W ſein Lun Krieg al Ach rief Naz ſeine Un iſchen Licheln, flog ein Schim⸗ iſer Aexunder nicht erfüllen? 2 eigene licher Ruhe. gemacht, als ich den engliſchen nen Bloeus auf irecten Handels⸗ it dann Frieden heftig: Einen as Innerſte — nen letnen, und nicht vorziehe, en mitgebracht? des Miniſters, von Baſſano, ziedet holung der t Abreiſe naiſüt t die ſeine glühenden „ zun das pieſelbe Phraſe, gen nicht den erſtn ihm tauſend „état. 91 Kanonen Antwort geben, und ſie werden der Welt verkünden, daß Na⸗ polevn das Barbarenthum aus Europa verjagt. Sire, ſagte Narbonne lächelnd, wenn Ew. Majeſtät auf den erſten Schuß Rußlands warten wollen, ſo wird es niemals zum Kriege kommen, und Gott gebe, daß dem ſo ſei. Der Kaiſer Alexander iſt feſt entſchloſſen, nicht die Initiative der Feindſeligkeiten zu ergreifen. Erſt, wenn die Armeen Ew. Majeſtät die Grenze Rußlands über⸗ ſchritten haben, erſt wenn Ew. Majeſtät ſich gewaltſamen Eintritt in ſein Land erzwingen, und ſeine Grenzen verletzen, wird Alexander den Krieg als angefangen betrachten, aber er wird ihn nicht hinaustragen über die Grenzen ſeines Landes, er wird den Feind, den er ſo gerne immer noch ſeinen Freund nennen möchte, nicht außerhalb ſeiner Gren⸗ zen aufſuchen.*) Ach, ich wußte es wohl, daß Alexander Furcht hat und zaudert, rief Napolevn triumphirend. Er wagt es nicht, mich anzugreifen, und ſeine Unſchlüſſigkeit und ſein Zögern wird mir Zeit gönnen, um alle meine Vorbereitungen zu beenden, und alle meine Armeecorps ſo dicht um ihn zuſammen zu ziehen, daß er ihnen nicht mehr entſchlüpfen kann. Während er noch im Kreml zu Moskau von der Möglichkeit des Frie⸗ dens träumt, werde ich ſchon vor den Thoren des Kreml ſtehen, und mit dem Donner meiner Kanonen werde ich ihn fragen, ob er ſich mir untetwerſeder ſich unter den Trümmern ſeines Thrones begraben will. Er wird das Letztere wählen! rief Narbonne raſch. Er wird es nicht! ſagte Napoleon ſtolz, er wird ſich mir unter— werfen! Ein furchtbarer Schlag, im Herzen des Reichs gegen das große Moskau, gegen das heilige Moskau gerichtet, überliefert mir ganz Rußland. Ich kenne Alexander, ich habe Einfluß auf ihn geübt, und das findet ſich immer wieder. Man muß mit einem großen Er⸗ folge von Kühnheit und Macht ſeine Einbildungskraft überwältigen, und er wird zu mir zurückkehren!** 6*) Napoleons eigene Worte. Siehe: Sonvenir du Comte Villemain J. Seite 175. ———— —— —— 92 Gebe der Himmel, daß es ſo ſein wird! ſeufzte Narbonne. Es iſt ſo! ſagte Napoleon zuverſichtlich, indem er mit heftigen Schritten, mit ſtolz gehobenem Haupt auf und abzging, ja es iſt ſo! Das Schickſal hat mir die Miſſion gegeben, Europa von den Bar⸗ baren zu befreien. Die Macht der Dinge gebietet dieſen Krieg, und ſelbſt ein Familienbündniß, wie wir es zu Erfurt beſprachen, hätte ihn nicht gehindert. Das Barbarenthum bedroht von Rußland her ganz Europa. Denken Sie an Souwaroff und ſeine Tartaren in Italien; die Antwort iſt, ſie über Moskau zurückzuwerfen, und wann vermöchte das Europa, wenn nicht jetzt und durch mich?*) Sire, aber wenn Europa in dem Unverſtande ſeines Haſſes es vorzöge, mit Rußlands Barbarenthum gemeinſchaftliche Sache zu machen? Wenn es den Tartaren und Koſacken die Hand böte, um mit ihnen vereint ſich frei zu machen von dem Joch, das Napoleons Ruhm und Größe auf ſeinen Nacken gelegt hat? Sire, in dieſer Stunde der Entſcheidung muß es erlaubt ſein, die Wahrheit von meinen Lippen tönen zu laſſen, und die Wahrheit iſt: ich fürchte, daß der Haß, die Bosheit, die Verſchmitztheit und Wuth Ihrer Feinde diesmal ſtärker noch ſein werden, als der Ruhm und die Kriegskunſt Eurer Majeſtät und die Tapferkeit der Hunderttauſende, welche Ew. Majeſtät mit freu⸗ digem Jauchzen gefolgt ſind. Ew. Majeſtät ſagen, daß Alexander zau⸗ dert, und dem iſt vielleicht ſo, aber deſto entſchloſſener iſt ſein Volk, deſto entſchloſſener iſt die Umgebung des Kaiſers. Sie will den Krieg, ſie will ihn mit aller Gluth des Haſſes, mit allem Fanatismus der Vaterlandsliebe. Das Volk, von ſeinen gehäſſigen und leidenſchaft⸗ lichen Prieſtern aufgeregt, betrachtet dieſen Krieg als einen heiligen, von Gott ſelber gebotenen; ſeine Prieſter haben ihm geſagt, daß der Kaiſer der Franzoſen mit ſeinen Armeen kommt, um Rußland zu ver⸗ wüſten, die Kirchen, die Altäre und die Heiligenbilder zu zerſchmettern, und den Czaar zu entthronen, um ſich ſelbſt auf deſſen Thron zu ſetzen. Das uuſſiſche Volk, welches in ſeinem kindlichen Glauben Alles für wahr hält, was ſeine Prieſter und Popen ihm verkünden, fühlt ſich *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Villemain I. S. 163. in ſeinen zur hirch Mann, 1 Sire, di ſſt nicht wird ſich Parther, freie Fel aber im kriechen, mit wütl Es wird Dorf, führte E Vuterlan bekämpfe Seenen gleichen Ich w erſchli Menſo barſten rbonne. nit heftigen „ja es iſt ſo! von den Bar⸗ n Krieg, und hen, hätte ihn and her ganz en in Rualien; ann vermöchte mof 6 he zu machen? m mit ihnen — Stunde nen Lippen der Haß, die iesmal ſtärker urer Majeſtät it mit freu⸗ ander zau⸗ iſt ſein Volk, ill den Krieg, natismus der leidenſchaft⸗ heiligen, men daß der ron 5 en Ales für fühlt ſich 93 in ſeinen drei heiligſten Sympathien, in ſeiner Liebe zum Vaterland, zur Kirche und zum Czaaren verwundet, und es ſteht auf, wie Ein Mann, um das Vaterland, die Kirche und den Czaaren zu erretten! Sire, dieſer Krieg, den Ew. Majeſtät im Begriff ſind, zu beginnen, iſt nicht ein Krieg gewöhnlicher Art, es iſt ein Partherkrieg; der Feind wird ſich Ihnen nicht auf offenem Felde entgegenſtellen, er wird, gleich dem Parther, vor ſeinem Verfolger zu fliehen ſcheinen, er wird Ihnen das freie Feld überlaſſen, er wird Sie vorwärts locken, immer vorwärts, aber im Dickicht des Waldes oder in einer Schlucht wird er ſich ver⸗ kriechen, und wenn Sie dort vorüber kommen, wird er hervorſtürzen mit wüthendem Geſchrei, um hinterrücks zu würgen, ſtatt zu kämpfen. Es wird niemals zu einer entſcheidenden Schlacht kommen, aber jedes Dorf, jede Hütte wird ein Hinderniß, eine vor Ihrem Wege aufge⸗ führte Schanze ſein, jeder Bauer wird ſich als den Soldaten des Vaterlandes betrachten, der die heilige Verpflichtung hat, den Feind zu bekämpfen, wenn er auch des Todes gewiß iſt. Sire, die furchtbaren Scenen von Saragoſſa können ſich in Rußland erneuern, denn ganz Rußland wird ein einziges ungeheures Saragoſſa ſein, die Weiber, die Kinder, die Greiſe werden Theil nehmen an dieſem Kampf, ſie werden lieber ſterben, und mit dem Feind das vergiftete Brod eſſen, als ihm geſunde Speiſe zu reichen, und ihm gaſtlich das Haus zu öffnen. Sie übertreiben! rief Napoleon mit einem ſpöttiſchen Lächeln. Wahrhaftig, es iſt eine poetiſche Uebertreibung, den ruſſiſchen Sclaven, in deſſen Adern die ſibiriſche Kälte das Blut erſtarrt, und deſſen zer⸗ fetzten Rücken die Knute gebeugt hat, mit dem freien Spanier zu ver⸗ gleichen, deſſen Blut von den Gluthen der Sonne erhitzt iſt, und der in ſeinen Lumpen ſich noch immer als der Edelmann und Grande fühlt. Aber dieſe poetiſchen Uebertreibungen ſollen und dürfen mich nicht be⸗ einfluſſen! Die Würfel ſind gefallen, ich kann, und ich will nicht mehr zurück! Mein Gott, dieſes alte Europa iſt ſo unendlich langweilig! Ich will mir in Rußland die Schlüſſel holen, die mir eine neue Welt erſchließen ſollen! Oder meint Ihr etwa, Ihr kleinen kurzſichtigen Menſchen, daß ich blos um Rußlands willen dieſen größten, wunder⸗ barſten und machtvollſten Kriegszug, den die Geſchichte in ihre Bücher verzeichnen wird, unternommen habe? Nein, Ihr kurzſichtigen Thoren, Moskau iſt mir nur das Thor von Aſien! Mein Weg nach Indien geht über Moskau. Alexander der Große hat einen ebenſo weiten Weg nach dem Ganges gehabt, wie ich von Moskau, und er hat ihn doch gemacht. Sollte ich zurückſchrecken vor dem, was Alexander gelungen iſt? Ich habe ſeit St. Jean d'Acre daran gedacht; ohne die Aufhebung der Belagerung und ohne die Peſt hätte ich damals ſchon eine Hälfte von Aſien erobert, und wäre von da nach Europa zurückgekehrt, um die Throne Deutſchlands und Italiens zu erringen. Sehen Sie mich nicht ſo ſtaunend an, Narbonne, ich ſage Ihnen nur meine Pläne! Aber dieſe Pläne ſollen Thaten werden, und dann werden Sie, dann wird die ganze Welt bekennen müſſen, daß meine Worte Orakel, meine Handlungen Wun⸗ der ſind, und daß jeder Tag ein neues Wunder iſt!“) Morgen ſchon in der Frühe des Tages breche ich auf und verlaſſe Dresden, um mich zu meiner Armee zu begeben! Kein Wort mehr, Narbonne! Morgen früh reiſe ich ab, das Schickſal Rußlands iſt entſchieden! Gehen Sie! Er winkte mit der Hand nach der Thür hin, und wandte Narbonne den Rücken. Der Graf verließ mit einem letzten ſchmerzlichen kaiſerliche Kabinet. Draußen im Corridor begegnete er Seufzer das Berthier und Duroc, die ihn zu erwarten ſchienen. Nun? fragten ſie Beide, wie aus Einem Munde. Haben Ihre Vorſtellungen Erfolg gehabt? Wird der Kaiſer vielleicht doch noch in der letzten Stunde Frieden machen? Narbonne ſchüttelte traurig ſein Haupt. Es iſt Alles umſonſt ge— weſen, ſeufzte er. Der Kaiſer will den Krieg, und Sie ahnen noch nicht, bis wie weit hin er den Krieg tragen will. Wenn man ihm zu hört, glaubt man ſich zwiſchen Bedlam und dem Pantheon! Napoleon iſt entweder ein Halbgott, dem man Tempel erbauen, oder er iſt ein Wahnſinniger, den man nach Bedlam ſchicken muß.**)— und Hormayr, Allgemeine Geſchicht III. S. 137. ²) Des Grafen Louis von Narbonne eigene Worte. S.: Villemain, Souvenirs. Zweites Buch. Das Ende des Jahres 1812. Qahon Ihre Habel Vhit ſb 9 ſt in ſeine Wa S empor. Mi enden, wel er Vuth brüllenden Fl Dieſer noch ſtlzer ſeiner Größ die Schfe Hollud und inſel voribe und baten n un Befreiu Zehnfae Felſuinſel, als letze 3 ſine ander Shmtzs Hem ſich. der alhn! wählten. Geſellen, anen Gal Mihlbach, Die Verſchworenen auf Helgoland. Der Sturm heulte und donnerte über das Meer und wühlte Abgründe in ſeine Waſſer hinein, und ſchleuderte ſchäumende Berge zum Himmel empor. Mit wuthſchnaubendem Tigergebrüll überſtürzten ſich die äch⸗ zenden, weißlockigen Wogen und brachen ſich mit dem Geheul ohnmäch⸗ tiger Wuth an dem hohen Felſen, der dort inmitten der ſchäumenden brüllenden Fluthen einſam, ernſt und ſtill aus dem Meer emporſchaute. Dieſer Felſen, das iſt der Felſen von Helgoland. Einſt ragte er noch ſtolzer und majeſtätiſcher weit hinaus in das Meer, einſt zur Zeit ſeiner Größe war er ein Schrecken der ſeefahrenden Völker, und wenn die Schiffe der reichen Handelsherren von Hamburg, von Bremen, Holland und Dänemark ſo weit als möglich abwärts von der Felſen⸗ inſel vorüberfuhren, ſo bekreuzigten ſich die friedlichen Schiffscapitaine und baten mit ihren Matroſen Gott und den raſchen Kiel ihrer Schiffe um Befreiung aus der Gefahr. Damals war Helgoland groß, um das Zehnfache größer als jetzt, und damals wohnte auf der uralten Felſeninſel, welche in altersgrauen Zeiten auch den nordiſchen Göttern als letzte Zufluchtsſtätte gedient, ein wildes kriegeriſches Volk, das keine andern Geſetze kannte, als die Geſetze ſeines Willens und ſeines Eigennutzes, keine andere Arbeit als den Raub, das keinem andern Herrn ſich unterordnete, als dem Häuptling, den die rieſigen Einwohner der alten Felſeninſel ſich unter den Rieſigſten und Stärkſten auser⸗ wählten. Die Seeräuber von Helgoland waren gar kühne, gefürchtete Geſellen, die ſich ſelber ein ſeltſames Wappen gegeben: ein Rad und einen Galgen, den ſie als Schmuck der Seemannskleidung eingeſtickt Mühlbach, Napolevn. IM. Bd. 7 „ 98 auf dem rechten Aermel trugen, und der letzte ihrer Häuptlinge, der Schrecken der Kauffahrteiſchiffe, die an der Felſeninſel vorüber mußten, nannte ſich:„Ich, von meinen eigenen, nicht von Gottes Gnaden, der lange Peter, Mörder der Holländer, Einfanger der Hamburger, Stür mer der Dänen, Zuchtruthe der Bremer.“ Aber der lange Peter von ſeinen eigenen Gnaden hatte ſich endlich doch dem Wechſel des Schick⸗ ſals unterwerfen müſſen. Die über ſeine Grauſamkeit, Tyrannei und Bosheit empörten Weiber von Helgoland überlieferten die Inſel, den Sitz der alten Götter, dem däniſchen Admiral Paulſen. Das geſchah im Jahre 1684, und ſeitdem war Helgoland unter der däniſchen Oberherrſchaft geblieben bis zum Jahre 1807. Der Brand von Kopenhagen aber ſchmolz die Ketten, die das freie Felſen⸗ neſt an Dänemark gekettet, und England, das Dänemarks Flotte trium⸗ phirend von dannen führte, England erklärte auch die Felſeninſel Helgoland zu ſeinem Eigenthum. Helgoland war klein geworden ſeit dem Tode des langen Peters, ſeines letzten Häuptlings. Der Zorn der Elemente war über die Inſel dahin gerollt; der Sturm hatte Felsſtücke abgeborſten und in's Meer geſchleudert, die Wogen hatten ihr Fundament zerbröckelt und zermür belt und waren mit wildem Trotz über das eroberte Terrain dahingezogen. Helgoland war klein geworden, und doch war es jetzt die Leuchte und der Troſt Europa's! Doch ſchauten zu Ende des Jahres 1812 die Augen aller Patrioten von Deutſchland ſehnſuchtsvoll und hoffend hin⸗ über nach der Felſeninſel! Helgoland war ein Stück von England, der erſte Fuß, den Eng land vorgeſchoben hatte zu den Küſten des armen darniedergebeugten Deutſchlands, und dieſer Fußbreit Landes, den Gott aus dem Meere hervorgerufen, und auf dem Englands ſtolze Flagge wehte, war für die Verfolgten und Verdächtigten, wie für die Verſchworenen und Ver trauten, eine ſichere und gefeihete Zuflucht. Hierher, zu dem rothen Felſen inmitten des Meeres, gelangten keine Spione Frankreichs, hier hatte man keines Verräthers Ohr zu fürchten, denn der Lootſe auf dem Leuchtthurm hielt gute Wacht, und kein Schiff mit verdächtiger Flagge durfte akern, kein Mann oder Veib durfte Perſon gegeb als unvetdic treten, ward Schritt auf! der Feinde N der Verſchwo leon zu bekir der in Dunke Da wa ſtellt, die e England vr wollte, auf auszuſtreuen Europa hier Napoleon al verbaunte, kant, Mant Conptvir u echoben ſich hinein den Speihem n duſtie den ſo glherde worden„ itgend einer Niederlage und nicht m Wrdon“ ge durch d Straßen d rühmteſten großen Ri Vald von rHäuptlinge, der vorüber muften, ottes Gnaden, der mburger Stür Peter von echſel des Schic⸗ eit, Thrannei und n de ne, den r Helgoland unter ahre 1807. Der das freie Felſen⸗ arks Flotte tium die Felſerinſel es langen Peters, r über die Inſel und ins Meer Johres 1812 di und hoffend hin Fuß, den Eng rgebeugten 99 Weib durfte an's Ufer kommen, ohne genügenden Ausweis über ihre Perſon gegeben und ſich durch ihre Papiere und Empfehlungsbriefe als unverdächtig erwieſen zu haben. Aber einmal an das Land ge⸗ treten, ward Jedermann willkommen geheißen, denn mit dem erſten Schritt auf der Felſeninſel war er aufgenommen in die große Familie der Feinde Napoleons, der Verbündeten gegen ſeine Macht und Größe, der Verſchworenen, welche es ſich zum heiligen Geſetz gemacht, Napo⸗ leon zu bekämpfen, ſei es mit den Waffen der Liſt oder der Gewalt, der im Dunkel ſchleichenden Intrigne oder des offenen mannhaften Wortes. Da war das Heer der Schmuggler, welche ſich die Aufgabe ge⸗ ſtellt, die engliſchen Waaren, die Napoleons glühender Haß gegen England von dem ganzen Continent durch den Blocus fern halten wollte, auf Schleichwegen und durch Liſt über den ganzen Continent auszuſtreuen. Da waren die Schaaren von Kaufleuten, die aus ganz Europa hierher ſtrömten, um die engliſchen Waaren, welche das von Napoleon allen ſeinen Bundesgenoſſen aufgedrängte Geſetz des Blocus verbannte, von den Engländern einzukaufen. Jeder engliſche Fabri⸗ kant, Manufakturiſt und Großhändler, hatte jetzt in Helgoland ſein Comptoir und ſein Waarenlager. Ungeheure Speicher, Paläſten gleich, erhoben ſich auf dem Plateau der Inſel und zeigten weit in das Meer hinein den nahenden Schiffen ihre verlockende Herrlichkeit. In dieſen Speichern waren alle die Dinge aufgethürmt, welche Englands In⸗ duſtrie dem übrigen Europa zu bieten hatte, und die ganz Europa um ſo glühender entbehrte, je heftiger ihm der Beſitz derſelben unterſagt worden. Jedes Handlungshaus von London und Mancheſter, das irgend einer bedeutenden Firma ſich erfreute, hatte in Helgoland ſeine Niederlage und ſein Comptoir, jeder große Banquier ſeine Filialanſtalt, und nicht mit Unrecht hatte man daher Helgoland den Beinamen„klein London“ gegeben. Man glaubte in Londons City zu ſein, wenn man durch die engen, mit ungeheuren thurmhohen Speichern beſetzten Straßen der Inſel dahin ging, und an jedem dieſer Häuſer die be⸗ rühmteſten Firmen Londoner Handelshäuſer las. Man glaubte in dem großen Rieſenhafen der Themſe zu ſein, wenn man hinblickte auf dieſen Wald von Maſten, auß dieſes ungeheure Gewoge von Menſchen, 7* 100 Schiffen und Boten, das wie in einem unentwirrbaren Knäuel ſich in dem Hafen auf⸗ und abrollte, in welchem täglich drei⸗ bis vierhundert Schiffe aus⸗ und einliefen. Aber nicht blos die Kaufleute und die Schmuggler, die Glücks⸗ ritter und Speculanten ſuchten in Helgoland ihre Zuflucht, ſondern auch die Diplomaten, Politiker und Patrioten fanden auf der Felſen⸗ inſel ein Aſyl und eine Zufluchtsſtätte, einen gelegenen Ort zum Rendez⸗ vous mit befreundeten Geiſtern und mit gleichgeſtimmten Seelen und Herzen. Aus dem Süden und dem Norden Europa's eilten die zu geheimem Bunde Vereinten hin nach Helgoland, um dort ihre Be— ſprechungen zu halten, ihre Verabredungen zu treffen, ihre Pläne ſich einander mitzutheilen. Auch heute, an einem der letzten Septembertage des Jahres 1812, herrſchte ein ungemein bewegtes und friſches Leben auf der Inſel. Es war erſt um die Mittagsſtunde, und doch waren ſchon mehr als zwei⸗ hundert Schiffe vor Helgoland angelangt und hatten Anker geworfen. Alle Speicher waren geöffnet, alle Waaren ausgelegt, Mäkler und Speculanten machten ſich mit geſchwätziger Eilfertigkeit Platz durch das Gedränge von Kaufleuten, Rhedern, Schmugglern und Matroſen, das den ganzen obern Raum der Inſel bedeckte, und ſuchten Geſchäfte zu machen, und boten in allen europäiſchen Sprachen Waaren feil, und dazwiſchen ſah man die ſchönen Helgolanderinnen in ihrer ſchwarzen, ſeltſamen Tracht mit dem reichgezierten Mieder durch das Gewoge daher ſchlüpfen, auf Tellern und in Körben allerlei Leckerbiſſen und Eßwaaren feil bietend. Fernab von dem Gedränge und wenig bekümmert um das frohe und heitere Treiben der Menge ſtanden drei Männer; dicht in ihre Mäntel gehüllt, den Hut tief in die Stirnen gedrückt, ſchauten ſie ſtarr und unbeweglich hinaus auf das Meer. Eben zeigte ſich dort drüben, fern am Horizont, wieder ein kleiner dunkler Punkt, der, größer und größer werdend, bald Form und Geſtalt annahm. Ein Schiff, ſagte einer der drei Männer lebhaft. Ja, ein Schiff, wiederholten die beiden andern. Dann ſchwiegen ſie wieder, u Virde gettieb den bloßen 2 Sehen E tin Friegsfah Aber ich Doch, d Femohr hin Flagge aufg Farben. Endlich! Dort w nach einer e daher tanzt, ſchäumenden herſchlingeln es uns froh des Handele Da jiel ben Eygland wille, und Jonz das ſch Dort, d derwandelt, Sie, auch coquetter S in einer hal Gott wuchn, ſe Got) ſegnet unſ geboten, d uns oder heute von en Knäuel ſich in bis vierhundert gler, die Glück⸗ Zuflucht, ſondern auf der Felſen⸗ Ott zum Jendeʒ⸗ ten Seelen und der Inſel. Es nmehr als zwei⸗ Anker geworfen. egt, Mället und gkeit let durh nund Matroſen, ſuchten Geſchäſte Waaren feil, und ihrer ſchwarzen, „ch das Gewoge ij Leckerbiſen und „m das froh ſtur er: dicht in ſchauten ſie wieder ein kleiner Form nd Dem ſchwiegen 101 ſie wieder, unverwandt hinſchauend nach dem Schiff, das, von dem Winde getrieben, ſchnell wie ein Vogel vorwärts ſchoß und jetzt ſchon dem bloßen Auge erkennbar war. Sehen Sie, ſehen Sie, ſagte einer der drei Männer lebhaft, es iſt ein Kriegsfahrzeug. Ich erkenne ſchon die Kanonenluken. Aber ich ſehe noch keine Flagge wehen, ſagte der Andere. Doch, doch, rief der Dritte, welcher bis jetzt durch ein großes Fernrohr hinaus geſchaut hatte auf die See, man hat ſo eben die Flagge aufgezogen. Sehen Sie da, gelb und blau, die ſchwediſchen Farben. Endlich! rief der Erſte freudig aufathmend. Gott gebe, daß Er es iſt! Dort wieder ein Schiff, rief der Zweite, freudig mit der Hand nach einer andern Seite des Horizontes hindeutend. Wie luſtig es daher tanzt, wie ſcharf ſein Kiel die Wellen durchſchneidet, daß ihre ſchäumenden Häupter wie ein ſilbernes Band ſich hinter dem Schiff herſchlängeln. Oh, ich liebe dies Schiff, es ſcheint mir, als bringe es uns frohe Botſchaft, als komme es um unſertwillen und nicht um des Handels willen hierher. Da zieht es die Flagge auf! rief der Andere. Das ſind die Far⸗ ben Englands! Oh, Sie haben Recht, das Schiff kommt um unſert⸗ willen, und ein Freund, hoffe ich, iſt am Bord! Aber wir vergeſſen ganz das ſchwediſche Schiff. Wo iſt es? Dort, dort! Der kleine Vogel hat ſich ſchon in einen Wallfiſch verwandelt, der in aller Rieſengröße ſich uns darſtellt. Und ſehen Sie, auch der Engländer iſt ſchon mächtig gewachſen und tänzelt in coquetter Schönheit daher. Es ſind Beides vortreffliche Segler, und in einer halben Stunde werden beide Schiffe vor der Inſel ankern. Gott gebe, daß die Schiffe uns die Freunde bringen, welche wir erwarten, ſeufzten die beiden Andern. Gott wird es geben, ſagte der Dritte. Gott iſt mit uns und ſegnet unſern Bund. Hat er nicht ſeit zwölf Tagen ſchon dem Meer geboten, daß es ruhig iſt und ſtill, und nicht durch widrige Winde uns oder einen der Unſrigen aufhalte? Sind wir nicht ſämmtlich heute von drei verſchiedenen Weltgegenden an dem verabredeten Tage —— 102 hier angelangt? Warum ſollten es nicht auch die andern Bundes⸗ freunde vermögen? Ja, Sie haben Recht! ſagte der Erſte lächelnd. Gott ſcheint mit uns zu ſein, und recht uns zu Lieb' und Gefallen hat er den Felſen hier aus dem Meer emportauchen laſſen, damit wir ein traulich Bondoir haben für unſer europäiſches Rendez⸗vous. Der Bonaparte mag oft ſeine zornigen Blicke nach dieſer Gegend hinwenden, aber der Blitz ſeiner Augen und der Donner ſeiner Worte erliſcht vor unſerm meer⸗ umſpülten Boudoir, deſſen Baumeiſter und Tapezirer der liebe Gott ſelber iſt. Hier kann er uns nichts anhaben, der grimme Bonaparte, aber hier wollen wir ihm etwas anhaben, und eines Tages ſoll er ein Liedlein ſingen hören von Dem, was wir hier ausgeſonnen im politiſchen Boudoir von Helgoland. Sehen Sie, rief der Zweite, zu gleicher Zeit ſind die Schiffe vor der Inſel angelangt und werfen ihre Anker aus. Und jetzt laſſen ſie ihre Boote herunter, rief der Dritte, die Paſſagiere werden zu uns an's Land gebracht. Gehen wir zu dem verabredeten Ort, und warten wir, ob es die Bundesfreunde ſind, welche dort kommen, ſagte der Erſte. Ja, gehen wir, riefen die beiden Andern. Haſtig und ohne ein Wort weiter wandten die drei Männer ſich um und ſchritten durch das Gedränge der feilſchenden und handeln⸗ den, rufenden und ſchreienden Menge hindurch der Preppe zu, welche von dem obern Theil der Inſel nach dem untern Geſtade hinführt. Hier durchwanderten ſie raſch die Straße der kleinen zierlichen Fiſcher⸗ hütten und traten in die letzte dieſer Hütten ein. Ein Livréediener empfing ſie auf dem kleinen Vorflur und öffnete mit ehrerbietiger Unterwürfigkeit die Thür zu dem einzigen geräumigen Zimmer der Hütte Die drei Männer traten ein und ſchloſſen die Thür ſorgfältig hinter ſich zu. Dann warf der Erſtere von ihnen haſtig ſeinen Hut und Mantel ab und ſtand jetzt in einem reichen goldgeſtickten Gewande, die Bruſt mit Orden decorirt, den beiden Andern gegenüber. Erlauben Sie mir, meine Herren, ſagte er verbindlich und lächelnd, erlauben Sie, daß ich Sie hier als meine Gäſte begrüßen darf, denn Sie ſind hie hier mit den önnen. Bis und Parolen wenn es Ihn Graf Minſt von England Uind ich, Ehre, nich von Berlin, Mein Name Ein Ne nicht kannte, Seien Sie guten Sache nungen geſe Jetzt i deſen Antli Hut über die Wangen Er wa beugte, ſagt — ) Graf von Geburt don Englan ing er nac WnpRegent det immer Gördere m land Unterh kehrte er Stein, Nu heinen Zu lands zu v andern Bundes⸗ Grtt ſcheint mit hat et den Felſen ntraulich Boudoir onaparte mag oft n, aber der Blitz vor unſerm meer⸗ rer der liebe Gott rimme Bonaparte, es Tages ſoll er rausgeſonnen in nd die Schiffe vor f der Dritte, die ten wir, ob es die len Fſp drei Männer ſich den und handeln⸗ Trhpe zu, welche Grſude hinführ. ierichen Fiſcher⸗ Ein Liorediener ehrerbietiger gimmer der Hütte⸗ Thür ſorgfili ſg ſeinen hut eſtickten Gewande⸗ er. 103 Sie ſind hier in meinem Hauſe. Ich habe dieſe Hütte gekauft, um hier mit den Bundesfreunden ungeſtörte Zuſammenkünfte halten zu können. Bis jetzt haben wir uns nur an den verabredeten Zeichen und Parolen als zu einander gehörig erkannt; nun aber wollen wir, wenn es Ihnen gefällig iſt, unſer Incognito aufheben. Ich bin der Graf Münſter, der Miniſter des Kurfürſten von Hannover, Königs von England.*) Und ich, ſagte der Zweite, ſeinen Mantel abwerfend, ich habe die Ehre, mich Ew. Excellenz vorzuſtellen als der frühere Polizei⸗Director von Berlin, durch den Zorn Bonaparte's jetzt geächtet und vogelfrei. Mein Name iſt Juſtus Gruner. Ein Name, der mir lange bekannt war, wenn ich auch den Mann nicht kannte, ſagte Graf Münſter, freundlich ſeine Hand darreichend. Seien Sie mir willkommen als ein treuer und eifriger Anhänger der guten Sache, als ein edler Patriot, auf den Deutſchland ſeine Hoff⸗ nungen geſetzt. Jetzt iſt die Reihe an mir, mich zu demaskiren, ſagte der Dritte, deſſen Antlitz bisher faſt ganz unſichtbar geweſen, ſo tief hatte er den Hut über die Stirn gedrückt und den Kragen ſeines Mantels über die Wangen emporgezogen. Er warf jetzt Mantel und Hut bei Seite, und indem er ſich ver⸗ bengte, ſagte er: Mein Name iſt Friedrich Wilhelm von Braunſchweig. ) Graf Ernſt Friedrich Herbert, Graf zu Münſter, ein Hannoveraner von Geburt, war in Hannover Miniſter des Kurfürſten von Hannover, Georg IM. von England. Als Hannover dem Königreich Weſtphalen einverleibt ward, ging er nach England, wo er am Hof als der Freund und Vertraute des Prinz⸗Regenten eine bedeutende und einflußreiche Stellung einnahm. Er blieb aber immer für Deutſchland und Hannover thätig und war einer der eifrigſten Förderer und Vorbereiter der Befreiung Deutſchlands. Ueberall in Deutſch⸗ land unterhielt er Agenten, mit den bedeutendſten Männern Deutſchlands ver⸗ kehrte er durch in Chiffern geſchriebene Briefe, namentlich mit Gneiſenau, Stein, Nugent ꝛc. Auch kam er ſelbſt mehrmals nach Deutſchland, um in ge⸗ heimen Zuſammenkünften mit den Vertrauten einen Plan zur Befreiung Deutſch⸗ lands zu verabreden. Hormayr's Lebensbilder. 104 Ich hatte die Ehre, Ew. Durchlaucht zu erkennen, als Sie noch im Boot waren und ich am Ufer ſtand, ſagte Graf Münſter lächelnd, indem er ſich tief verneigte. Und weshalb ſagten Sie es mir nicht? fragte der Herzog lebhaft Weil ich Ihr Incognito ehrte, Durchlaucht, ſagte der Grafehr ſurchtsvoll. Der Herzog ſchüttelte haſtig ſein von dunklen Locken umwalltes Haupt. Keine Etiquette, Graf, ſagte er faſt unwillig. Ich bin nichts als ein armer Soldat, der kaum weiß, wo er ſein Haupt hinlegen ſoll, und der Tag um Tag und Jahr um Jahr an dem harten Knochen ſeiner Schmerzen nagt, ohne doch den Hunger ſeiner Rache ſtillen zu können. Die Zeit wird kommen, wo alle Die, welche hungern, wie Ew. Durchlaucht hungern, geſättigt werden ſollen, ſagte Juſtus Gruner feierlich. Wenn Sie wahr ſprechen, Freund, rief der Herzog mit düſterer Emphaſe, wenn Sie wahr ſprechen, ſo wird das Auge meines geblen deten und in Verzweiflung geſtorbenen Vaters ſich dort oben im Him mel wieder öffnen, und mit ſeligen Thränen wird er herniederſchauen auf die befreite Welt. Und die Thränen werden endlich ſeine letzten Todesworte, die wie Feuer in meinem Buſen brennen, auslöſchen. „Oh, welche Schmach! Welche Schmach!“ das waren meines Vaters letzte Worte. Ich höre ſie Tag und Nacht, ſie klingen ewig vor meinen Ohren wie das Todesgeläute Deutſchlands, ſie brennen ewig in meinem Herzen, wie eine offene Wunde, ſie klagen und ächzen noch in dieſer Stunde durch ganz Deutſchlands Gaue, denn Napoleons Fuß ſteht noch auf unſerm Rücken, und tödtlich getroffen und geblendet, wie mein Vater, wimmern wir Alle:„Oh, welche Schmach! Welche Schmach!“ Aber bald wird die Zeit kommen, wo alle unſere Wunden heilen, ſagte Graf Münſter ernſt. Die Nacht iſt zu Ende, der Morgen däm mert herauf und der Stern Bonaparte's iſt im Erbleichen. Ich ſehe nichts davon, ſeufzte der Herzog trübe. Noch leuchtet er wie ein drohend Meteor über unſern Häuptern, und ſein Glanz macht ſelbſt die Schneefelder Rußlands aufthauen. Aber ſtill, es nahen Schritte. Man kommt hierher! Der he Thir der hi verſchloſſene Die lle 6u Graf Nugen ſeine beiden engliſchen S Ich wo Uher ich g 9 ſah unfern hierher len Fenſter vor Thür hinho Ein g ewiederte de fnir! Vas ſ ſogte Graf Zwei den Uebrig Gueiſ Eing etreter Sie ſind 6 chen n habe, ſu kommenn unbeweg Sie en, als Sie noch Münſter ſzchol Münſter lächelnd, er Herzg lebhaft. te der Grafehr Locken umwalltes g. Ich bin nichts t hinlegen rten Knochen vor meinen en enig in meinem eſer ptet er leuchlet macht Noc zein Glanz 5 nohel 105 Der Herzog hatte ſich nicht getäuſcht. Man hörte draußen die Thür der Hütte heftig auf⸗ und zuſchlagen, und jetzt klopfte es an die verſchloſſene Thür. Die Parole! rief Graf Münſter, die Hand an den Schlüſſel legend. Il est tems de fnir! rief eine kräftige Stimme von außen. Graf Münſter öffnete. Eine ſehr ſtattliche Männergeſtalt trat ein. Graf Nugent, rief Graf Münſter frendig, dem langjährigen Freund ſeine beiden Hände darreichend. Sie waren es, der mit dem letzten engliſchen Schiffe kam? Ich war es, ſagte der Graf, die beiden andern Herren grüßend. Aber ich glaube, es werden noch mehr Gäſte hierher kommen. Ich ſah unfern hinter mir zwei andere verhüllte Geſtalten, die ihre Schritte hierher lenkten. Ah, und ſehen Sie nur, da gehen ſie ſchon an dem Fenſter vorüber. Und da treten ſie in das Haus ein! ſagte der Herzog, nach der Thür hinhorchend. Ein abermaliges Klopfen an der Thür erſchallte, und abermals erwiederte es auf die Frage nach der Parole von außen: U est tems de finir! Das ſind Paſſagiere von dem ſchwediſchen Schiff, wie ich hoffe, ſagte Graf Münſter, indem er die Thür öffnete. Zwei verhüllte Männergeſtalten traten ein und verneigten ſich vor den Uebrigen mit einem ſtummen Gruß. Gneiſenau! Mein Gneiſenau! rief Graf Münſter, den zuletzt Eingetretenen zärtlich umarmend. Sie haben alſo doch Wort gehalten! Sie ſind gekommen, allen Gefahren, allen Hinderniſſen zum Trotz! Ich danke Ihnen im Namen Deutſchlands! Sie werden mir erſt dann zu danken haben, wenn Sie erfahren, welchen neuen Bundesgenoſſen ich unſerer heiligen Sache angeworben habe, ſagte Gneiſenau lächelnd, indem er auf den mit ihm zugleich ge⸗ kommenen Herrn hindeutete, der in tiefſter Verhüllung, ſchweigend und unbeweglich neben ihm ſtand. Sie kommen von Stockholm, ſagte Münſter freudig, Sie bringen 106 uns einen Abgeſandten des Kronprinzen von Schweden, des edlen Ber⸗ nadotte! Nicht wahr, mein Herz betrügt mich nicht! Es iſt ſo? Nein, ſagte Gneiſenau lächelnd, Ihr Herz betrügt Sie nicht. Dieſer Herr iſt ein Abgeſandter des Kronprinzen von Schweden, der uns ſeine Hülfe, ſeine Freundſchaft zuſagt. Nein, ſagte der Verhüllte langſam und feierlich, in dieſer Stunde muß Wahrheit zwiſchen uns ſein. Ich bin nicht ein Abgeſandter des Kronprinzen von Schweden, ich bin Er ſelber, bin Bernadotte! Er warf ſeinen Mantel und Hut ab, und neigte ſich lächelnd vor den erſtaunten und überraſchten Männern. Ich wollte Ihnen und Denen, welche Sie vertreten, beweiſen, daß es mir Ernſt iſt mit meinem Vorhaben, ſagte Bernadotte würdevoll. Mein franzöſiſches Herz hat einen langen und bittern Kampf zu über⸗ winden gehabt, aber der Kronprinz von Schweden hat es beſiegt. Ich darf nicht mehr daran denken, daß franzöſiſches Blut in meinen Adern fließt, ſondern ich darf mich nur erinnern, daß ich durch den Willen der edlen ſchwediſchen Nation ihr König ſein ſoll, und daß die Intereſſen Schwedens mir daher heiliger und gewichtiger ſein müſſen, als mein eigenes Herz. Der Kaiſer der Franzoſen hat mir ein Bündniß an⸗ tragen laſſen. Aber auch Rußland und Preußen werben um meine Bundesgenoſſenſchaft. Es liegt im Intereſſe Schwedens, daß ich mich Denen verbünde, auf deren Seite die Gerechtigkeit, die Stärke und die Ehre iſt,— ich werde mich daher mit Rußland, England und Preußen verbünden. Das habe ich den Abgeſandten Rußlands, das habe ich auch hier dem preußiſchen General Gneiſenau erwidert. Aber zugleich habe ich Zeit gefordert, um meine Vorbereitungen treffen zu können, und bis dieſe beendet ſind, habe ich begehrt, daß man meinen Beitritt zu dem nordiſchen Bündniß als ein Geheimniß bewahre. Es ſchien mir, als wollte man in meinem Begehren ein Schwanken, einen Mangel an Aufrichtigkeit erkennen, als zweifle man an mir, und des⸗ halb wollte ich Zeugniß ablegen von der Wahrheit meiner Geſinnung, und deshalb, ſtatt einen Abgeſandten hierher zu ſenden, bvin ich ſelbſt gekommen. Da haben Sie meine politiſche Beichte. Sind Sie zufrieden mit derſelben, und darf ich Theil nehmen an Ihrer Berathung? Und int nit einem li ſein Haupt, Ich bit Freunde, da wollen, ſugt mehr. Die Plütze ein. Sie mit, al Die ſ der Mitte Münſter n Da ic kunft einge dus Wort Nanen D lonnen, a gekommen, hat uns A bud alein Synien, das wan darnieder Aber wo ſchließt L des edlen Ber⸗ Es iſt ſo? trügt Sie nicht. Schweden, der in dieſer Stunde Abgeſandter des Jernadotte ch lächelnd vor eiſen, daß dotte würdevoll. f zu über⸗ ſiegt. Ich in meinen Adern urch den PVillen daß die Intereſſen nüſſen, als mein Bündniß an⸗ ben um meine ns, daß ich mich e Stärke und die and und Preußen 8, das habe ich Aber zugleich u können, nBeitritt Es ſoien en, einen n mir, und des⸗ ner Geſinnung⸗ ich ſelbſt bin zuftiden ind Sie Berathung! 107 Und indem der Kronprinz von Schweden ſo ſprach, wandte er ſich mit einem liebenswürdigen Lächeln an den Grafen Münſter und neigte ſein Haupt, wie ein Angeklagter, der ſein Urtheil erwartet. Ich bitte Ew. Königliche Hoheit im Namen meiner anweſenden Freunde, daß Sie bleiben und an unſerer Berathung Theil nehmen wollen, ſagte Graf Münſter feierlich. Wir erwarten jetzt Niemand mehr. Die Geladenen Alle ſind gekommen. Nehmen wir unſere Plätze ein. Die Berathungen mögen beginnen. Vorher aber erlauben Sie mir, alle Anweſenden einander vorzuſtellen. II. Die europäiſche Berſchwörung. Die ſechs Herren nahmen Platz auf den Stühlen, die um den in der Mitte des Zimmers befindlichen runden Tiſch geſtellt waren. Graf Münſter neigte ſich grüßend nach den Herren hin. Da ich es geweſen, welcher die Anweſenden zu dieſer Zuſammen⸗ kunft eingeladen, ſagte er, ſo muß ich mir erlauben, auch zuerſt hier das Wort zu nehmen. Ich muß mich rechtfertigen, daß ich Sie im Namen Deutſchlands, im Namen Europa's eingeladen, hierher zu kommen, allen Gefahren und allen Beſchwerden zum Trotz. Sie ſind gekommen, weil Deutſchland Sie rief. Ja, meine Herren, Deutſchland hat uns Alle gerufen, Deutſchland bedarf unſerer. Aber nicht Deutſch⸗ land allein! Auch Spanien, das vom Blut ſeiner Patrioten triefende Spanien, auch Italien, das arme geknechtete Italien, auch Holland, das man willenlos Frankreich einverleibte, kurz alle Länder, welche darniederliegen unter dem Druck des Tyrannen, ja Frankreich ſelber! Alle ſchreien um Hülfe, um Erlöſung von der Schmach der Selaverei! Aber woher ſoll die Hülfe kommen, wenn Jedermann ſeine Ohren ver⸗ ſchließt vor dem Schrei der Verzweiflung Europa's, wenn Jedermann 108 ſeine Hände in den Schooß legt, und wartet, bis ein Anderer den Muth hat, den Ruf: zu den Waffen! ertönen zu laſſen? Jeder Ein⸗ zelne muß dazu den Muth und den Beruf in ſich fühlen, jeder Ein⸗ zelne muß ſich als den vom Schickſal Auserkornen betrachten, der das Werk der Befreiung beginnen ſoll! Jeder Einzelne muß ſo handeln und thun, als ſei Er es, der die Welt in Bewegung zu ſetzen habe, als ſei Er das Haupt der großen und heiligen Verſchwörung, durch welche die Menſchheit von dem Tyrannen erlöſt werden ſoll. Das ſagte ich mir, als ich ganz Deutſchland zuſammenbrechen ſah, das wiederholte ich mir an jedem Tage, und das iſt heute meine Entſchul digung, daß ich es gewagt habe, Männer, die mir in allen Dingen überlegen ſind, hieher einzuladen. Aber nicht Ich bin es ja, der Sie geladen, ſondern es iſt Deutſchland, und Deutſchland allein wollen wi Rechenſchaft geben über das, was wir bisher gethan zu ſeiner Be— freiung, für Deutſchland wollen wir berathen, was wir ferner thun, welche Pläne wir verfolgen wollen! Die Welt liegt darnieder, aber wir müſſen ſie wieder aufrichten, die Völker ſind in Ketten und Banden geſchmiedet, aber wir müſſen die Feilen ſein, welche leiſe und unbe merkbar dieſe Ketten durchſchneiden, und dann müſſen wir den Völkern zurufen, daß es nur an ihnen liegt, frei zu ſein, daß ſie nur nöthig haben, aufzuſtehen, das Schwert zu nehmen und durch die That zu beweiſen, daß ſie ſich frei fühlen, dann werden ſie auch frei ſein.— Dies iſt unſere Aufgabe, dies iſt die Aufgabe aller Edeldenkenden, aller Patrioten! Jeder hat ſich das ſelbſt geſagt, Jeder iſt ſich dieſer Aufgabe bewußt geweſen, aber Jeder hat auch gefühlt, daß es ein Band der Vereinigung geben müſſe unter allen den Gliedern dieſes großen Geheimbundes, zu dem jeder Patriot jetzt gezählt werden muß. Das war der Gedanke, welcher mich und einige Freunde zu einander führte! Wir vereinten unſere Beſtrebungen, und durch dieſe Vereini⸗ gung fühlten wir uns doppelt ſtark; wir beſprachen unſere Aufgaben und Pläne, und durch dieſes Beſprechen wurden uns unſere Aufgaben klarer, unſere Pläne abgerundeter. Wir machten uns zu Emiſſären der heiligen Sache des Vaterlandes, und ſandten uns ſelber hinaus in die Welt, um dem Vaterlande Streiter zu werben, ihm ein neues Loll zu bild flichten zu die Getünſch ʒir dieſen leben meine mußt zu ſein töthig daß ſich von Zeit und geleiſtet reden. De und den G bat ich ein Vertrauten nach Prag, Bertrauten ergehen, au wir ſind A hat den e Friedrich 2 Miniſter vo uns in Juſ Krnprinz unſere Mi Flin. W nel ſind. than haben Flin für watden wir ſudus an derd mi Uns, di zu gemeir zu wiſſen, nir ſchon ein Anderer den en? Jeder Ein⸗ hlen, jeder Ein⸗ trachten, der das muß ſo handeln zu ſetzen habe, ſchwörung, durch en ſoll. Das rechen ſah, das e meine Entſchul in allen Dingen es ja, der Sie Ulein wollen wir ſeiner Be zl vir ferner thun, darnieder, aber tten und Banden iſe und unbe den Völkern ſie nur nöthig uch frei ſein— rErdeldenkenden⸗ iſt ſich dieſe es ein ndieſes einander „ Nufgaben Emiſüren s zu 8 ſelber hinals zm ein neues 109 Volk zu bilden, die Schlafenden zu wecken, die Unwiſſenden über ihre Pflichten zu belehren, die Treuloſen zu ihrer Pflicht zurückzufordern, die Getäuſchten zu enttäuſchen, und die Verzweifelnden zu tröſten. Für dieſen Zweck habe ich ſeit Jahren gelebt, und für dieſen Zweck leben meine Freunde, leben, ohne ſich deſſen vielleicht ſo beſtimmt be⸗ wußt zu ſein, alle guten und getreuen Patrioten. Aber es iſt auch nöthig, daß Diejenigen, welche, wie wir, ihre Aufgabe erkannt haben, ſich von Zeit zu Zeit Rechenſchaft ablegen über das, was ſie gethan und geleiſtet, daß ſie miteinander neue Pläne für die Zukunft verab⸗ reden. Deshalb forderte ich meine Freunde, den Grafen Nugent und den General Gneiſenau, auf, ſich hieher zu verfügen, deshalb bat ich einen andern Freund in Norddeutſchland, mir einen ſeiner Vertrauten zu ſenden, deshalb ſchrieb ich an den Miniſter Stein nach Prag, und forderte ihn auf, ſelber zu kommen, oder auch einen Vertrauten zu ſenden. Vor vier Monaten ließ ich meine Einladungen ergehen, auf heute war der Tag der Zuſammenkunft feſtgeſetzt, und wir ſind Alle pünktlich erſchienen. Der Freund aus Norddeutſchland hat den edelſten und treueſten Kämpfer Deutſchlands, den Herzog Friedrich Wilhelm von Braunſchweig, bewogen, hierher zu kommen. Miniſter von Stein, der inzwiſchen nach Rußland gehen mußte, ſendet uns in Juſtus Gruner einen edlen Stellvertreter, und der hochherzige Kronprinz von Schweden bietet durch ſein freiwilliges Erſcheinen in unſerer Mitte eine neue Gewähr für das glückliche Gelingen unſerer Pläne. Wir haben jetzt uns klar gemacht, weshalb wir hier verſam⸗ melt ſind. Jetzt wollen wir einander mittheilen, was wir bisher ge⸗ than haben, um das Ziel, dem wir nachſtreben, zu erreichen, und welche Pläne für die Zukunft wir zu verfolgen haben. Die letztere Frage werden wir den beiden edlen Fürſten, die in unſerem Kreiſe ſind, be⸗ ſonders an's Herz zu legen haben, und an ſie werden wir uns beſon⸗ ders mit derſelben wenden. Die erſtere Frage aber betrifft zunächſt Uns, die wir ſeit Jahren im geheimen Verband miteinander ſind, und zu gemeinſamem Wirken, zu gleichem Ziel uns vereinigt haben. Um zu wiſſen, was wir thun wollen, müſſen wir erſt genau wiſſen, was wir ſchon gethan haben; um Pläne für die Zukunft machen zu können, 1 110 müſſen wir die Situation der Gegenwart erſt genau erörtert und er⸗ wogen, und uns einander unſere Beobachtungen und Erfahrungen mit— getheilt haben. Thun wir das alſo jetzt. Der zuletzt Gekommene ſpreche zuerſt. General Gneiſenau, ſagen Sie uns alſo, was für Hoff nungen hegen Sie für Preußen? Welches ſind die Geſinnungen des Königs? Was hat Deutſchland und Preußen zu hoffen von den Mi⸗ niſtern Friedrich Wilhelms? Wie iſt die Stimmung des Volks und der Soldaten? Sie fragen viel, ſagte Gneiſenau ſeufzend, und ich habe nur wenig zu antworten. Ich habe gar keine Hoffnungen für Preußen. Das iſt das Reſultat der Beobachtungen, die ich während meiner jetzigen Reiſe gemacht habe. Es iſt noch Alles ſo, wie es im Jahre 1811 war, es herrſchen dort noch dieſelben Menſchen und Zuſtände, um derentwillen ich im vorigen Jahr meinen Abſchied nahm. Der König iſt der edelſte, beſte und wohlwollendſte Menſch, aber ſeine Unentſchloſſenheit, ſein Mißtrauen in ſeine eigene Fähigkeiten, das iſt ſein und ſeines Landes Verderben. Als im Jahre 1808 uns in Königsberg die Nachricht von den Bayonner Vorfällen erreichte, ſagte der König:„Mich ſoll Bona⸗ parte gewiß nicht ſo fangen!“ und nun hat er ſich ſeinem bitterſten Feinde mit gebundenen Händen und Füßen hingegeben, ihm, der ihn ſicherlich, wofern Rußland beſiegt werden ſollte, vom Throne ſtoßen, oder falls Bonaparte ſelbſt ein Unglück erfahren ſollte, ihn als Geißel bewahren wird.*) Die Franzoſenanhänger, die Furchtſamen und Feigen belagern noch immer das Ohr des Königs, und genießen mehr ſein Zutrauen, als Hardenberg. Dieſer will das Gute, aber er will es auf Diplomaten⸗Weiſe langſam und vorſichtig erſchleichen, ſtatt es mit kühnem Muthe, mit dem Schwert in der Hand, ertrotzen zu laſſen. Er gehört in's Geheim ganz zu uns, er haßt Napoleon, und beſeufzt die Ketten, die Preußen an denſelben ſchmieden, er entwirft in der Stille Pläne, wie dieſelben zu zerbrechen ſeien, aber öffentlich unterhandelt er gleichzeitig mit den Diplomaten Napoleons, um eine Verbindung des Kronprinzen von Preußen mit einer Napoleoniſchen Prinzeſſin zu Stande *) Gneiſenau's eigene Worte. Siehe: Lebensbilder I. 261. zu bringen.? denn die vier noch geſtattet land folgen! Grerzen Pre wie in allen riſche Beſatzu würde jede G unmüglich m etheben zu Energie ver nicht mehrr und zu Gu außen irgen empor ſchrec ſeiner Kraft und Englan Hoffnungen werde ich C Ich rei ſſ, ſagte G Begleiter. lche Beſpre Bieles läßt Briſe nicht daß Sie di von Außen ndlich aus in Dauſchl Känpjen Heldenim Eumnn erortert und er Erfahrungen mit Helommene ent lebl ſo, was für Hoff Geſinnungen des ſen von den Mi des Volks und ch habe nur wenig en. Das iſt ner jetigen Reiſe e 1 war, es um derentwillen ig iſt der edelſte, hloſſenheit, ſein es Londes die Nachricht von Mich ſoll Bona⸗ einem bitterſten n, ihm, det ihn Throne ſtoßen, , ihn als Geißel ſamen und Feigen ießen mehr ſein abet er wil es cben, ſtatt es nit zu laſen. Er d beſeuft die jn der Stile uterhandelt er zerbindung de ſin zu Stande eſſin 111 zu bringen.*) Von einer Armee kann in Preußen nicht die Rede ſein, denn die vierzigtauſend Mann, die Napoleon dem König von Preußen noch geſtattet hatte zu halten, haben Napoleon zum Theil nach Ruß⸗ land folgen müſſen, oder ſtehen doch zum andern Theil an den äußerſten Grenzen Preußens, und bilden die Reſerve Napoleons. In Berlin, wie in allen größeren Städten und in allen Feſtungen liegt militai⸗ riſche Beſatzung und hält jede Regung der Bevölkerung nieder, und würde jede Erhebung, ſelbſt wenn das Volk eine ſolche beabſichtigte, unmöglich machen. Aber das Volk denkt ſchon nicht mehr daran, ſich erheben zu wollen. Es iſt ermattet in ſeinem Elend, es hat ſeine Energie verloren. Es fühlt nur noch, daß es leidet, aber es forſcht nicht mehr nach der Quelle ſeiner Leiden. Und ſo wird Preußen ſterben und zu Grunde gehen, wenn nicht irgend ein ungeheurer Anſtoß von außen, irgend ein von Gott geſendetes Ereigniß es aus ſeiner Lethargie empor ſchreckt, und ihm das Bewußtſein ſeiner Schmach, aber auch ſeiner Kraft wiedergiebt. Auf dieſes Ereigniß hoffe ich, dies allein und Englands Energie kann uns noch erretten. Weiter habe ich keine Hoffnungen. Deshalb wandere ich wieder aus, deshalb, Graf Münſter, werde ich Sie nach England begleiten, wenn Sie dahin zurückkehren. Ich reiſe noch heute dahin ab, ſo wie unſere Conferenz beendet iſt, ſagte Graf Münſter, und Sie ſind mir ein lieber und willkommener Begleiter. Jetzt erſt ſehe ich, wie nothwendig uns Allen eine münd— liche Beſprechung war, und wie gut es iſt, daß wir dieſelbe jetzt haben. Vieles läßt ſich in einer Viertelſtunde beſprechen, was die längſten Briefe nicht zu erörtern vermögen. Ich glaube und hoffe, mein Freund, daß Sie die Dinge zu düſter anſehen. Sie hoffen auf einen Anſtoß von Außen, aber kaum noch wird es deſſelben bedürfen, um die Völker endlich aus ihrer Lethargie emporzuſchrecken. Ein neuer Geiſt erwacht in Deutſchland, in Europa, und das glorreiche Spanien mit ſeinen Kämpfen und ſeinen Siegen iſt es, das dieſen Geiſt erweckt hat. Die Heldenkämpfe von Saragoſſa ſind wie ein begeiſterndes Zauberlied durch Europa dahin geflattert, und ſie haben den geknechteten und zu Boden *) Lebensbilder III. 112 getretenen Völkern geſagt, daß auch Bonaparte nicht unüberwindlich iſt, und daß ein Volk, wenn es nicht unterdrückt und zertreten werden will, die göttliche Kraft hat, ſich gegen den mächtigſten Tyrannen zu vertheidigen. Auf Spanien hinblickend, haben die Völker ſich das Wort des Tacitus zurückgerufen:„Nicht die Tyrannen ſind es, welche die Völker zu Sclaven machen, ſondern die freiwillig zu Sclaven ſich erniedrigenden Völker machen die Tyrannen.“ Und die Völker wollen keine Tyrannen mehr machen, ſondern ſie wollen den Tyrannen ver⸗ nichten, der den Fuß auf ihren Racken geſetzt hat. Sagen Sie, Graf Nugent, Sie, der Sie im Dienſt der heiligen Freiheit ſeit zwei Jahren die Welt durchſchiffen und durchwandern, ſagen Sie, ob ich nicht Recht habe, zu behaupten, daß das Morgenroth zu dämmern beginnt, und daß die Völker im Begriff ſind, zu erwachen? Ja, ich glaube, daß es ſo iſt, ſagte Graf Nugent freudig. Es iſt das dritte Mal, daß ich jetzt ſeit zwei Jahren die Reiſe durch Europa mache, daß ich von Wien über Trieſt, Corfu und Malta zu den bri⸗ tiſchen Heeresfürſten in Sicilien, Spanien und Portugal, von da nach England und aus England unter verſtelltem Namen und mancherlei Verkleidung durch Deutſchland nach Wien zurückgekehrt bin.*) Die beiden erſten Male ſah ich überall nur ſchlafende, betäubte Völker, die ſich willenlos unterwarfen, als ſei Bonaparte die Zuchtruthe, welche Gott ſelber geſandt, um die Völker zu ſtrafen, und deſſen Schlägen man ſich daher nicht entziehen durfte, wenn auch das Blut in rauchenden Strömen dahin floß. Neben den Völkern aber ſah ich keinen Fürſten, der den Muth und die Kraft, oder auch nur den Willen gehabt hätte, als ein freier, unabhängiger Fürſt über ein freies Volk herrſchen zu wollen. Ueberall waren es die Fürſten zufrieden, die Vaſallen Frank reichs zu ſein, prieſen ſie ſich glücklich, durch ihre Unterwürfigkeit ſich wenigſtens den Namen und Titel eines Fürſten geſichert zu haben, haſchten ſie danach, durch Kriecherei und Augendienerei ein Stückchen Land, ein Ordensband, einen Titel zu erhalten, verriethen ſie ihr eigenes Land und ihr eigenes Volk, um dem Kaiſer von Frankreich dienſtbar 83. II. 106 *) Lebensbilder aus dem Befreiungskrieg. I. zu ſein. Es in dieſen lett Patriot ſchun dieſe Zeit der denn ſie hat ſie hat ihn ü glaubte, für in ſeinen Hän jedes Gefühl Pölker aufge phirend aus Und wie e Rebeugt und aben, dann hof und ein für den Her mels when, Denjenigen nit Blindhe der aus den daß er die W bis zu ſoſen J, pulen iſ Abſtigen be dein es ma im igen Beiſziel.— Wig vn Nangh, in die Worte hielt dar gar den S dentliche Mihlbach müberwindlich iſ, zertreten werden ſten Tyrannen zu Vlker ſich das nſind es, welche zn Sclaven ſich die Völker wollen Tyrannen ver⸗ Sagen Sie, Graf it ſeit zwei Jahren ob ich nicht Recht ern beginnt, und t frendig. Es edurch Europa Nalla zu den bri⸗ gal, von da nach und mancherlei tbin*) Die täubte Völker, die uchtruthe, welche deſen Schlägen in rauchenden kinen Fürſten gehabt hütte, olk hen rſchen zu Vaſallen Frank rwü rfigkeit ſich . hert zu haben, j ein Sticcchen reigenes B en ſie ih eich dienſt ſtbun 113 zu ſein. Es war ein trauriges, entſetzensvolles Bild, das Deutſchland in dieſen letzten Jahren der Schmach darbot, ein Bild, vor dem jeder Patriot ſchamvoll die Augen niederſchlagen mußte. Und dennoch iſt dieſe Zeit der Erniedrigung nothwendig geweſen und heilbringend ſogar, denn ſie hat Napoleon geblendet mit dem Sonnenglanz ſeiner Macht, ſie hat ihn übermüthig und tollkühn gemacht, er wagte Alles, weil er glaubte, für ihn gäbe es kein Wagniß mehr, ſondern die Welt ruhe in ſeinen Händenunbeſtritten. Er wagte Alles, trotzte Allem, verhöhnte jedes Gefühl von Recht und Billigkeit, und hat dadurch endlich die Völker aufgeſtachelt zumsWiderſtand. Im Jahre 1810 rief er trium⸗ phirend aus: noch drei Jahre, und ich werde der Herr der Welt ſein!“ Und wie er jetzt gen Rußland zog, da ſagte er:„wenn ich Rußland gebeugt und in die Grenzen einer aſiatiſchen Macht werde zurückgeworfen haben, dann werde ich in Paris einen allgemeinen europäiſchen Gerichts⸗ hof und ein allgemeines europäiſches Archiv errichten!“— Er hält ſich für den Herrn der Welt, in deſſen Händen die Donnerkeile des Him⸗ mels ruhen, und dieſer Uebermuth wird ihn in's Verderben jagen, denn „Denjenigen, welchen die Götter verderben wollen, ſchlagen ſie zuerſt mit Blindheit.“ Und blind iſt Napoleon, daß er den Zorn nicht ſieht, der aus den Augen der Völker ihm entgegenflammt, taub iſt Napoleon, daß er die Flüche und Verwünſchungen nicht hört, die vom Mittel⸗ meer bis zum Nord⸗ und Oſtſeeſtrande alle Völker gegen ihn aus⸗ ſtoßen. Ja, das Morgenroth dämmert herauf und die Völker erwachen, Napoleon iſt ſchon über den Gipfel ſeines Ruhmes hinaus und im Abſteigen begriffen, ſein Glück blendet die Menſchen nicht mehr, ſon⸗ dern es macht ſie an der Dauer deſſelben zweifeln. Davon hatte ich im vorigen Jahr zu Wien im Salon Metternich's ein merkwürdiges Beiſpiel.— Als der Eilbote mit der Nachricht von der Geburt des Königs von Rom, noch blutig vom unerhörten raſenden Ritt von Nancy, in den Salon trat und Champagny's Billet, das nichts als die Worte enthielt: Eh bien, le roi de Rome est arrivé! hoch empor⸗ hielt, da rief man durcheinander:„Iſt das nicht Gottes Finger? So⸗ gar den Sohn, den Er gewünſcht hat, Er hat ihn erhalten, der außer⸗ ordentliche Mann. Worauf werden doch die Tollhäusler und Unruhe⸗ Miühlbach, Napoleon. III. Bd. 8 8 —— 114 ſtifter jetzt noch ihre Hoffnungen lenken?“— Aber auf einmal rief mitten in dem Kreiſe der Diplomaten ein muthiges, luſtiges Wiener⸗ kind:„Oh! In zehn Jahren haben wir dieſen König von Rom doch hier in Wien als Bettelſtudenten!“*) Die Herren Diplomaten ſchwie— gen entſetzt, nur der einſtige hannoverſche Geſandte, der Graf Harden berg, der Bruder des Staatskanzlers, der nieſ'te drei Mal gewaltig und lachte laut.— Das Wort aber ging hinunter auf die Straße, und jeder Wiener ſagt jetzt lächelnd, wenn auch noch leiſe:„Der König von Rom wird doch als Bettelſtudent nach Wien kommen!“ Und lauter rufen daſſelbe Wort die treuen Tyroler, die ewigen Hüter des heiligen Feuers der Vaterlandsliebe, und in der Stille prüfen ſie ihren Stutzen. Und in der Stille wetzt der Italiener ſeinen Dolch und ſchleift ſein Schwert, und in der Stille bereitet ſelbſt Frankreich ſich vor auf die Möglichkeit einer neuen Ordnung der Dinge. Die Kriegsluſt ſeiner Marſchälle iſt erſchöpft, ſie ſehnen ſich, gleich dem ganzen Lande, nach Ruhe, ſie fangen an, Den zu verwünſchen, den ſie bisher vergöttert, ſie wollen Frieden, und ſind entſchloſſen, ihn ſelbſt mit Gewalt von Napoleon zu fordern. Alle Nationen ſind in Gährung, und aus dieſer Gährung wird der edle Wein des heiligen Freiheitskampfes ſich abklären. Und iſt auch unſer Freund, der Freiherr von Stein, dieſer Anſicht? fragte Graf Münſter, ſich an Juſtus Gruner wendend. Ja, er iſt dieſer Anſicht, ſagte Gruner lebhaft. Als der Kaiſer Alexander ihn einlud, nach Petersburg zu kommen, iſt er dahin gegangen, nicht ſo ſehr, weil er einer Zuflucht bedurfte, ſondern weil er die Sache Deutſchlands von Rußland aus glaubte am wirkſamſten fördern zu können, weil er überzeugt war, daß es bei Alexander eines feſten ener⸗ giſchen Zuſpruchs bedürfe, um ihn ſtark zu erhalten in ſeiner Feind⸗ ſchaft gegen Napoleon, und jede Friedensbeſtrebung von ihm fern zu halten. Nur Napoleons Beſiegung in Rußland kann Deutſchland frei machen, das iſt des edlen Steins Ueberzeugung, und darum ſteht er, ein unerſchütterlicher Fels, an der Seite Alexanders und läßt nicht ab, mit begeiſterndem Zuſpruch und kühnen Rathſchlägen auf den Kaiſer *) Hiſtoriſch. Siehe: Lebensbilder. I. S. 80. zu wirken.„ Münſter geg Der Gr es raſch. A Deutſchland ein baldiges Zukunft gede beginnen hal Schweden zu die von Nah Allen Bernadotte zu einem th Tranbporſſch in Feldlagen denen Einſe Mächte mic hilt, dann! Jheil zu ne Schweden d Ih dur lebhaft. Dann legenheit be ſcaurn un liher wünſ treten und Dut der nn vi Und ſchwei — — *) Be er auf einmal rief , luſtiges Wiener⸗ nig don Rom doch Diplomaten ſchwie⸗ „der Graf Hatden⸗ drei Mal gewaltig rauf die Straße, h leiſe:„Der Hönig nmen! Und lauter Hüter des heiligen en ſie ihren Stutzen. h und ſchleift ſein ich ſich vor auf die e Friegöluſt ſeiner ganzen Lande, nach ie bisher vergättert, ſt mit Gewalt von ung, und ans dieſer ſich abklären. fe tein, dieſer Anſicht: end Ft. t er dahin gegangen, er die Suche n weil en fördern zl kſamſten ſo er eines feſten ener⸗ * r Feind⸗ Als der Kaiſet en in ſeine ihn ſern zu t non von Deutſchlond frei ſteht er zu wirken. Hier iſt ein Schreiben, das mir Stein für den Grafen Münſter gegeben. Der Graf Münſter nahm das dargereichte Papier und überflog es raſch. Ah, rief er frendig, auch Stein hält die Zeit nahe, wo Deutſchland ſich erheben wird und muß, auch er prophezeiht Napoleon ein baldiges Unterliegen. Nun alſo iſt es an der Zeit, daß wir der Zukunft gedenken, daß wir überlegen, was zu thun ſei, was wir zu beginnen haben. Und jetzt erlaube ich mir, den Kronprinzen von Schweden zu fragen: welche Hülfe er uns zu bieten kommt, und was die von Napoleon geknechteten Völker von ihm zu hoffen haben? Allen Beiſtand, den ich und mein Land zu bieten vermögen! ſagte Bernadotte glühend. Der König hat mich ermächtigt, alle Maßregeln zu einem thätigen Feldzug zu nehmen. Schon habe ich die nöthigen Transportſchiffe gemiethet, die zur Expedition beſtimmten Truppen ſind in Feldlagern zuſammengezogen und werden ſich jetzt nach den verſchie⸗ denen Einſchiffungspunkten in Marſch ſetzen. Wenn die deutſchen Mächte mich rufen, wenn England es ehrlich meint und treu zu uns hält, dann bin ich bereit, mit meinen Truppen mich einzuſchiffen und Theil zu nehmen an dem großen Kampf der Völker, vorausgeſetzt, daß Schweden die Vereinigung mit Norwegen garantirt wird. Ich darf dieſe garantiren im Namen Englands, rief Graf Münſter lebhaft. Dann werden die Schweden dieſen Kampf als eine Nationalange⸗ legenheit betrachten, ſagte Bernadotte, und ſie werden ſich freudig ſchaaren um die Fahne ihres Kronprinzen, der ſeinerſeits nichts ſehn⸗ licher wünſcht, als in die Fußtapfen des großen Guſtav Adolph zu treten und Schwedens neue Rechte auf jenen alten Ruhm und auf den Dank der Völker zu erringen.*) Ich warte auf den Ruf der verbün⸗ deten Mächte, um dahin zu eilen, wo ich wirken und nützen kann. Und auch ich warte auf dieſen Ruf! ſagte der Herzog von Braun⸗ ſchweig lebhaft. Ich habe Deutſchland nichts zu bieten als meinen *) Bernadotte's eigene Worte. Siehe: Mémoires d'un homme d'état. KI. 8 X 116 Haß gegen Napoleon, meinen glühenden Durſt nach Rache, meinen Namen und mein Schwert. Aber das wird die Drachenſaat ſein, welche zur rechten Stunde geharniſchte Krieger aus der Erde hervorzaubern wird, rief Münſter, Krieger, die mit begeiſterter Gluth dem Helden folgen, deſſen kühner Heldenzug von den böhmiſchen Wäldern nach der Weſer hin den deut⸗ ſchen Gemüthern unvergeßlich iſt. Bereiten wir Alles in der Stille vor, ſuchen wir heimlich unſere Soldaten anzuwerben für das große heilige Heer, die Anführer deſſelben ſind bereit, es ſind Gneiſenau, Friedrich Wilhelm von Braunſchweig und der Kronprinz von Schweden, und mit ihnen werden ſich zur rechten Zeit Blücher, Schwarzenberg und Wellington vereinen. Ja, bereiten wir uns vor zu dem großen Werk der Zukunft, rief Gneiſenau. Ich fühle mich jetzt wieder neu belebt mit Hoffnung, Ge⸗ duld und Muth. Ich gehe nach London, aber nicht mehr, um dort über mein Schickſal zu brüten, ich gehe, um dort eine engliſche Legion für Deutſchland anzuwerben, ich gehe, um den engliſchen Miniſtern zu ſagen, daß die britiſche Regierung nichts Zweckmäßigeres zur Befreiung der Völker und zur eigenen Sicherheit thun könne, als die Hanptſcene des Kriegs nach Deutſchland zu verſetzen, und Wellington mit allen den in Spanien und auf den drei Inſeln des britiſchen Reiches ent⸗ behrlichen Truppen dorthin zu ſenden. Mögen ſie mich für einen Phantaſten halten, die Zukunft wird ihnen vielleicht beweiſen, daß ich Recht gehabt. Oh, ein Sieg über Napoleon in Deutſchland löſt die Feſſeln aller Regierungen, bringt Gut und Blut von Millionen und abermals Millionen in Britanniens Wagſchaale und befreit uns viel⸗ leicht auf immer von dem Ungeheuer, das gleich furchtbar durch ſeine Waffen und ſein Gift iſt.*) Ich gehe nach London, das den Miniſtern zu ſagen und mir eine Legion anzuwerben. Und ich gehe nach Wien, um dort mit den Freunden auf die Stimmung des Kaiſers einzuwirken, ſagte Graf Nugent. Ich gehe nach Oeſterreich, um den edlen Erzherzögen Johann und Carl zu ſagen, *) Gneiſenau's eigene Worte. Siehe: Lebensbilder. I. S. 274. duß ſi ſch von dem nah Mich al un dort ein ſondern auch Juſtus Grn wird erſt dan gethan und das ſind die bevor wir e von Gedanl ßeldherm Stein. Au ſtellt, das i hat, und de ufen ſoll Flugſchrifte und ſein„ gelehrt wir Strit gehe dansAbth liche Mein Kuiſer Aex ich eſſutten ertignet, üb Jenaue No die ffentli und deren mn bweg Dos Stein zuführen. — % ach Rache, meinen r rechten Stunde rief Münſtet, gen, deſſen lühner eſer hin den deut⸗ lles in der Stille ben für das große es ſind Gneiſenau, tinz von Schweden, „Schwarzenberg der Zukunft, rief it Hoffnung, Ge⸗ b mehr, um dort engliſche Agion iſchen Miniſtem zu eres jur Befreiung die Hauptſcene llington wit allen iſchen Reiches ent⸗ ie mich für einen tbeweiſen, daß ich Deutſchland lſt die von Millonen und d befreit uns viel⸗ rchtbar durch ſ das den Miniſtern eine nuf di 3 ghe zu ſigen⸗ Freunde Nugent. und Eul 16. 117 daß ſie ſich bereit halten mögen, um den Tyrolern Kunde zu bringen von dem nahen Kampf der Befreiung. Mich aber hat der Herr von Stein nach Deutſchland geſendet, um dort ein geiſtiges Heer anzuwerben und nicht blos die Schwerter, ſondern auch die Federn für Deutſchland in Bewegung zu ſetzen, ſagte Juſtus Gruner lächelnd.„Das Schwert, ſagt Stein, das Schwert wird erſt dann in Thätigkeit treten können, wenn der Geiſt die Arbeit gethan und das Feld geebnet hat. Der Geiſt und das freie Wort, das ſind die Feldherren, welche dem Schwert vorangehen müſſen, und bevor wir ein Heer von Soldaten aufſtellen, müſſen wir erſt ein Heer von Gedanken und Geiſtern in's Feld ſchicken.“ Und keinen beſſeren Feldherrn der Geiſter kann es geben, als den edlen Freiherrn von Stein. Auch einen würdigen Adjutanten hat er ſich an die Seite ge⸗ ſtellt, das iſt Ernſt Moritz Arndt, den Stein nach Petersburg gerufen hat, und der von dort ſeine Lieder ertönen laſſen und die Deutſchen rufen ſoll mit ſeinem kräftigen Wort. Einige von Arndt verfaßte Flugſchriften, die in Petersburg gedruckt worden, habe ich mitgebracht, und ſein„Katechismus für den deutſchen Kriegs⸗ und Wehrmann, worin gelehrt wird, wie ein chriſtlicher Wehrmann ſein und mit Gott in den Streit gehen ſoll“, iſt, trotz Napoleons Macht, bei allen deutſchen Heeres⸗Abtheilungen ſeiner Armee verbreitet worden. Auf die öffent⸗ liche Meinung zu wirken, das iſt die Aufgabe, welche Stein und der Kaiſer Alexander mir für Deutſchland übertragen haben. Berichte ſoll ich erſtatten über Alles, was ſich im Rücken des franzöſiſchen Heeres ereignet, über deſſen Verſtärkungen, ſowie über den Zuſtand der Feſtungen genaue Nachrichten einziehen. Die Hauptaufgabe aber bleibt immer: die öffentliche Meinung zu leiten, das Volk gegen ſeine Unterdrücker und deren Mitſchuldige zu erbittern, einzelne Aufſtände zn unterſtützen, und bewegliche Trupps zu bilden, um die Couriere aufzufangen. 3) Das iſt ein Plan, ganz im Heldengeiſt und Sinn des Herrn von Stein! Nur reicht die Kraft eines Einzelnen nicht hin, um ihn aus⸗ zuführen. *) Pertz, Leben des Freiherrn von Stein II. S. 17. 5 118 Ich bin daher ermächtigt, für meinen Zweck Agenten anzuwerben, welche der Kaiſer von Rußland beſolden wird, ſagte Gruner. Ein Netz von angeſtellten Beobachtern muß über ganz Deutſchland ausgebreitet werden, überall muß ich meine Vertrauten, meine Reiſenden, meine Vermittler haben. An vierzig verſchiedenen Stationsorten in Deutſch⸗ land habe ich bereits meine Agenten angeworben. Sie erhalten von mir eine Dienſt⸗Inſtruction, die ſie über Alles belehrt, was ſie zu thun haben, um mitzuwirken zur Befreiung Deutſchlands; ſie müſſen mir allwöchentlich Bericht abſtatten, natürlich in Chiffern und mit chemiſcher Dinte, und ich wiederum meinerſeits ſtatte dem Kaiſer Alexander und dem Freiherrn von Stein Berichte ab, die ich wöchentlich mit eigenen Courieren nach Rußland abfertige. Meine Agenten und ich ſelber werden ſuchen, uns mit allen bedeutenden Patrioten Deutſchlands in Verbindung zu ſetzen, und beſonders an die edlen Herren, die hier ver— ſammelt ſind, hat mich der edle Stein gewieſen. Auch der General Scharnhorſt iſt eingeweiht in unſer Unternehmen, der Präſident von Vinke iſt für daſſelbe thätig und hülfreich, überall finden wir Freunde, Unterſtützung, Rath und Hülfe. Schon breitet ſich ein Netz von Ver⸗ ſchwörern und Kundſchaftern über ganz Deutſchland aus, mit jedem Tage wird dieſes Netz undurchdringlicher und feſter werden, eine Brücke für unſer deutſches Befreiungsheer der Zukunft, eine tödtliche Falle, in welcher wir, ſo Gott will, einſt den Bonaparte einfangen werden. Aber hüten Sie ſich, hüten Sie ſich vor Verräthern, rief Graf Nugent lebhaft. Nicht alle Ihre Agenten ſind verſchwiegen, denn, um Ihnen die Wahrheit zu ſagen, ich habe ſchon von Ihrem kühnen In⸗ ſurrectionsplan der Geiſter und Gemüther gehört, und in Oeſterreich iſt man ſehr erzürnt über denſelben. Graf Metternich hat ſich in dieſen Tagen ſchon mit einer Beſchwerde über das, was er Ihre revolntio⸗ nären Umtriebe nennt, an das preußiſche Kabinet gewandt, und der franzöſiſch geſinnte preußiſche Miniſter von Bülow iſt höchlich erzürnt über den Juſtus Gruner und ſeinen kühnen Guerillakrieg. Hüten Sie ſich, daß, während Sie das Netz der heiligen Verſchwörung aus⸗ ſpannen, Sie nicht ſelber in die Schlingen der tückiſchen und feigen Polizei fallen. Und wer wenn nur die ubhaſt. Die ſt ſchon kräft ihren Weg di gebreitet, es webt, zertrete wo meinem Sie mei Jo, ich on der Gri Agenten ha wir einige; in Verbindu Oeſtemeich. Das he Grfüngiß. richs Kund ſind Sie ve Ich m Vaterlandes wen die öj in Pelizei iſt überbie ſwiten Tl heimlich dr duckerei zu betichte au vot nach Ud agte Gr wir könn den, we len anzuwerben, uner. Ein Retz und ausgebreitet eiſenden, meine rten in Deutſch⸗ ie echalten von s ſie zu thun ſie müſſen mir d mit chemiſcher Alerander und lich mit eigenen und ich ſelber Deutſchlands in , die hier ver⸗ ch der General Präſident von en wit Freunde, Netz von Ver⸗ mus, nit jedem en, eine Brücke dtliche Falle, in en wetden. hern, rief Graf iegen, denn, um rem kühnen In⸗ d in O eſterreich hat ſich in dieſen Ihre revolntio⸗ vondt, und der höchlich erzümt llakrieg. Hiten ſchwötung aus⸗ chen und feigen 119 Und wenn ich es thue, was liegt daran, ob die Perſon ſtirbt, wenn nur die Sache, der ſie gedient, lebendig bleibt, rief Juſtus Gruner ebhaft. Dieſe meine heilige Sache kann jetzt nicht mehr ſterben, ſie iſt ſchon kräftig und ſtark genug, um auch ohne meine leitende Hand ihren Weg durch Deutſchland machen zu können. Das Netz iſt aus⸗ gebreitet, es wird beſtehen, wenn auch die kleine Spinne, die es ge⸗ webt, zertreten wird. Nur Eine Gegend Deutſchlands giebt es noch, wo meinem Netze die nöthigen Anhaltspunkte zur Befeſtigung fehlen. Sie meinen Oeſterreich, nicht wahr? Ja, ich meine Oeſterreich, wo man meine Agenten mißtrauiſch von der Grenze zurückweiſt, und wo ich noch keine eigenen, ſtehenden Agenten habe gewinnen können. Ich bitte Sie daher, nennen Sie mir einige zuverläſſige, wackere und treue Männer, mit denen ich mich in Verbindung ſetzen kann, denn mein Weg geht jetzt von hier nach Oeſterreich. Das heißt, rief Nugent erſchrocken, das heißt, Ihr Weg geht in's Gefängniß. Ich warne Sie, gehen Sie nicht nach Oeſterreich, Metter⸗ nich's Kundſchafter haben ſcharfe Augen, und wenn dieſe Sie entdecken, ſind Sie verloren! Ich muß nach Oeſterreich, ſagte Gruner lächelnd, die Sache des Vaterlandes erfordert es! Gefahren dürfen mich nicht ſchrecken, und wenn die öſterreichiſche Polizei mir auflauert, nun ſo bin ich ja ſelber ein Polizeimann geweſen, und kann vielleicht ihre Liſt durch meine Liſt überbieten. Zunächſt indeß gehe ich nach Leipzig, um dort den zweiten Theil von Arndts trefflichem Werke„der Geiſt der Zeit“ heimlich drucken zu laſſen, und an der ſächſiſchen Grenze eine Hand⸗ druckerei zur Verbreitung der aus Rußland mir zukommenden Kriegs⸗ berichte aufzuſtellen. Dann aber wende ich mich nach Prag und von dort nach Wien. Und möge Gott Ihrem kühnen Unternehmen ſein Gelingen geben, ſagte Graf Münſter. Wir Alle werden, deſſen bin ich überzeugt, wo wir können, Ihnen beiſtehen und Ihre Pläne unterſtützen. Wir wer⸗ den, wenn Sie gefangen werden ſollten, Sie zu befreien, wenn Sie 120 getödtet werden ſollten, Sie zu rächen ſuchen. Nicht wahr, das werden wir? Ja, das werden wir! riefen Gneiſenau und Bernadotte, Nugent und Friedrich Wilhelm von Braunſchweig, wie aus Einem Munde, und alle Vier reichten ſie Gruner ihre Hände dar. Von dieſer Stunde an ſtehen wir Alle für Einen und Einer für Alle, rief der Herzog von Braunſchweig begeiſtert, und vom Himmel hernieder ſchauet auf uns mein edler Vater, und ſegnet uns. O möge die Stunde der Befreiung und des Kampfes bald ſchlagen. Wir halten die Hand am Schwert, und warten, daß Deutſchland uns rufe! Wir halten die Hand am Schwert, und warten, daß Deutſchland uns rufe! riefen Alle, ſich die Hände reichend, undgeinander zunickend mit flammenden Augen und lächelnden Lippen. Und jetzt, wenn es den Herren genehm iſt, erkläre ich die Sitzung für aufgehoben, ſagte Graf Münſter nach einer Pauſe. Wir kennen uns jetzt, wir wiſſen, was wir in nächſter Zeit zu thun und zu wirken haben. Hier iſt die Chiffre, unter der wir, wenn Einer dem Andern wichtige Kunde zu geben hat, einander ſchreiben können. Juſtus Gruner wird ſchon Sorge tragen, daß ſeine Agenten uns die Briefe richtig und pünktlich befördern. Ich werde dafür Sorge tragen, ſagte Juſtus Gruner, und ſo lange ich nicht gefangen oder todt bin, können Sie darauf rechnen, daß alle Ihre Briefe nicht in Feindes⸗ oder Verrätherhand fallen.*) Und jetzt alſo— gehen wir! Ueber uns und Deutſchland walte Gott! *) Die Vorherſagungen und Befürchtungen des Grafen Nugent ſollten ſich nur zu bald erfüllen. Gruner gelangte bis Prag, dort aber ward er Anfangs October, auf beſonderen Betrieb der preußiſchen Polizei, verhaftet, ſeiner Pa piere und ſeines Geldes beraubt und nach einer öſterreichiſchen Feſtung abge führt. Erſt nach neunmonatlicher Gefangenſchaft gelang es der Verwendung des Kaiſers von Rußland ihn zu befreien. Siehe: Pertz, Leben des Freiherrn vom Stein. III. S. 131. Es war bige grue die im that ſchön und d Sommer ge ſtimmen ſo nicht ſonſt t Kunzendorf, und da drir plauderte u Heute Menſchen ſ dwrin, eine Der a graue, kalte einzelnen gr ſckeren. Geſult des ſirfe beilei gelegt an d Hulung, ſ wenn man lebensmide ſchauenden luzn ſch zogene St liche Calo Mannes Haar, w Schlifen icht wahr, das nodotte, Nugent Einem Munde, und Einer für nd vom Himnel t uns. O mige ſchlagen. Wir hland uns rufe! daß Deutſchland nander zunickend ich die Situng Wir kennen und zu wirken ner dem Andern Juſtus Gruner e Priefe richtig zruner, und ſo uf rechnen, daß fallen.*) land walte Gott! it ſollten ſich der Anfangs nßeſtung abge der Verwendung des Freiherrn III. Gebhard Leberecht Blücher. Es war ein kalter, unfreundlicher Decembermorgen. Der einfar⸗ bige graue Himmel hing wie die tödtliche Langeweile über der Welt, die im thatenloſen Winterſchlaf blüthenlos und arm da lag. Wie ſchön und duftig war der große Park auf dem Gute Kunzendorf im Sommer geweſen, der jetzt mit ſeinen kahlen, eiſenfarbenen Baum⸗ ſtämmen ſo öde und durchſichtig daſtand,— wie hell und ſchön war nicht ſonſt dieſer große Salon im untern Stockwerk des Schloſſes von Kunzendorf, wenn die Sonne ſo glänzend in die Fenſter hineinſchauete, und da drinnen in dem Saal eine frohe Geſellſchaft heiter und luſtig plauderte und lachte!— Heute aber ſchien die Sonne in den Saal, und keine frohen Menſchen ſaßen in demſelben. Nur zwei alte Leute befanden ſich darin, ein alter Herr und eine alte Dame. Der alte Herr ſaß am Fenſter und ſchaute finſter hinaus auf die graue, kalte Welt, und ſchien die Schneeflocken zu zählen, welche in einzelnen großen Stücken langſam und langweilig vom Himmel nieder⸗ flackerten. Ein weiter Militairmantel umhüllte die große, mächtige Geſtalt des alten Herrn, ſein rechter Fuß, mit einem tüchtigen Reiter⸗ ſtiefel bekleidet, ruhte auf einem Kiſſen, ſein Haupt hatte er zurück⸗ gelegt an die hohe Wand des Lehnſtuhls, auf welchem er ſaß. Seine Haltung, ſeine ganze Lage ſprach von Leiden, Alter und Kränklichkeit; wenn man ſein Antlitz nicht anſchauete, glaubte man nur einen kranken, lebensmüden Greis zu ſehen, aber wenn dies Antlitz ſich dem Be⸗ ſchauenden zuwandte, wenn man in dieſe großen, feurigen, blauen Augen ſchaute, dieſe hohe, breite, kaum von einzelnen Runzeln durch⸗ zogene Stirn, dieſe edle, ſtarke römiſche Naſe, dieſes kräftige, jugend⸗ liche Colorit der Wangen betrachtete, dann glaubte man den Kopf eines Mannes von kaum mehr als fünfzig Jahren zu ſehen. Freilich, das Haar, welches ſpärlich und nur in einzelnen ſchwächlichen Locken die Schläfen herniederflatterte, war von blendender Weiße, und ganz weiß —— 122 war auch der rieſige Schnurrbart, der den Mund bedeckte, und in langen Enden zu beiden Seiten der Mundwinkel niederhing, aber dieſer mächtige Schnurrbart verlieh doch dem ganzen Antlitz einen kräftigen, martialiſchen Ausdruck, und contraſtirte gar prächtig gegen die ge⸗ bräunten Wangen und die blitzenden Augen. Ihm gegenüber in der Niſche des andern Fenſters ſaß eine Dame in einfacher und doch eleganter Haustoilette. Kleine, braune, hier und da mit weißlichen Streifen gemiſchte Locken ringelten ſich unter der, mit hellblauem Bande garnirten Spitzenhaube hervor, ein graues, bis zum Halſe hinaufreichendes Seidengewand umgab die kleine, zierlich gebaute Geſtalt. Ihr Geſicht, das noch Spuren einſtiger Schönheit zeigte, war über eine Tapiſſerie⸗Arbeit geneigt, und die ſchlanken, weißen, mit vielen Ringen geſchmückten Finger zogen mit emſiger Ge⸗ ſchäftigkeit die Nadel mit dem bunten Wollenfaden auf und ab. Eine Zeit lang herrſchte tiefe Stille in dem Saal. Der alte Herr blies dichte Rauchwolken aus der langen, weißen Thonpfeife, die er in den Mund gepreßt hatte, die Dame ſtickte emſig weiter. Nur der ſchön gefiederte Papagei, der im großen, vergoldeten Bauer auf mar⸗ mornem Ständer in der dritten Fenſterniſche ſtand, ließ zuweilen ein lautes, wieherndes Gelächter vernehmen, oder ſprach mit ſchnarrender Stimme ein:„Guten Morgen! guten Morgen!“— Dann wieder ward Alles ſtill, ſo ſtill, daß man ganz deutlich das gleichmäßige Tickern der großen, bronzenen Pendule vernahm, die am andern Ende des Saales auf dem Kamin ihren goldenen Pendel ſchwang. Plötzlich ſchlug der alte Herr ſo heftig mit ſeiner rechten Hand auf das Fenſterbrett, daß die Scheiben klirrten, und die Dame erſchreckt zuſammenzuckte, und der Papagei ein lautes Gelächter aufſchlug. Na, nu iſt's recht, rief der Greis mit grimmigem Ton, nu fängt's an zu ſchneien, daß man nicht auf zwanzig Schritte mehr ſehen kann. Nu werden die Wege wieder verſchneien und kein Menſch wird ſich heute von Neiße zu uns herausmachen. Wir werden hier ſitzen und uns langweilen können, wie'n Mops in'n Tiſchkaſten. Aber es iſt gut, rief er, haſtig aufſpringend, daß ſeine lange Thonpfeife an ſeinem Knie zerbrach und in hundert kleinen Stückchen auf der Erde zerſprang, es iſt ganz gi verd ich zu Er heftet auf die Dame Aber ſie ihrer Stcere Na frag Gar nich Gar nichts ſe Na, das die Frau m Himmel ſchl über. Sie kein Wort. Er ſchri Hinde feſtha in den Saal ſagte er mit wiißt, ich bit aber nucſche ſpich, ud Dir gehan! Nichts inen traur Uha, 2 ſchuend, al Dir fehlt, M, wenn ſpielt ihr Na n unter ihr ſpät von bedeckte, und in ing, aber dieſer einen kräſtigen, gegen die ge⸗ ſaß eine Dame raune, hier und ſich unter der, ein graues, bis e kleine, zierlich ſtiger Schönheit d die ſchlanken, mit emſiger Ge⸗ und ab. Der alte Herr pfeife, die er in eiter. Nur der Bauer auf mar⸗ eß zuweilen ein nit ſchnattender n wieder ward ige Ticern der nde des Saales er richten Hand eDame erſchrect aufſchlug- Ton, nu füngts ehr ſehen kam denſch wir ſich itzen und hier f Aber e iſt ean ſeinem zerſprang⸗ n. Erde 123 es iſt ganz gut. Wenn die Neißer nicht zu mir herauskommen, na ſo werd' ich zu ihnen'rein fahren. Er heftete, während er ſo ſprach, ſeine glänzenden blauen Augen auf die Dame hin, und ſchien jetzt eine Antwort von ihr zu erwarten. Aber ſie ſaß ſchweigend da, und ſchon noch eifriger als zuvor mit ihrer Stickerei beſchäftigt. Na, fragte er endlich zögernd, was ſagſte dazu, Male? Gar nichts ſage ich, Blücher, antwortete ſie, ohne ihn anzuſehen. Gar nichts ſage ich, denn Du haſt mich gar nichts gefragt. Na, das fehlt mir noch blos bei dem ſchauderhaften Wetter, daß die Frau mit mir muckſcht! rief Blücher, einen Jammerblick gen Himmel ſchleudernd. Dann ſchaute er wieder nach ſeiner Frau hin⸗ über. Sie ſaß noch immer über ihre Stickerei geneigt, und ſagte kein Wort. Er ſchritt haſtig zu ihr hin, und mit ſanfter Gewalt ihre beiden Hände feſthaltend, nahm er die Stickerei und ſchleuderte ſie weit fort in den Saal hinein. Was kuckſte den alten Lappen an, Male, ſtatt auf mich zu ſchauen, ſagte er mit mühſam zurückgehaltenem Zorn. Siehſt Du, Frau, Du weißt, ich bin nich heftig, ich bin bei Dir ſanftmüthig wie ein Lamm, aber muckſchen mußt Du nich, Male, das macht mich wild. Und nu ſprich, und ſag's rund und friſch heraus, was iſt's? Was habe ich Dir gethan? Nichts haſt Du mir gethan, ſagte ſie, ihre dunkeln Augen mit einem traurigen Ausdruck auf ihn heftend, ganz und gar nichts! Aha, Du willſt's mir nicht ſagen, rief Blücher, ſie unruhig an⸗ ſchauend, aber ich weiß's doch! Ja, ich wett' mit Dir, ich weiß, was Dir fehlt, und warum Du böſe biſt? Willſt mir einen Kuß geben, Alte, wenn ich's rathe? Sie nickte leiſe mit dem Kopf, und ein unmerkliches Lächeln um⸗ ſpielte ihre feinen Lippen. Na nu hör! ſagte er, ſie näher zu ſich ziehend, und ſeine Hand unter ihr Kinn legend. Du biſt böſe, daß ich geſtern Abend erſt ſo ſpät von Neiße heimgekommen bin? —— ———— 124 Geſtern Abend? fragte ſie. Ich denke, es war heute Morgen um fünf Uhr. Na richtig, es war heute Morgen um fünf Uhr. Ich hatt' Dir verſprochen, ich wollt' um fünf Uhr Abends wieder hier ſein, weil der Doctor geſagt hat, daß die Abendluft mir ſchädlich ſei, und mir Schmerzen machen würde. Aber ſiehſt Du, Male, et ging nicht. Wir waren'n bischen in die Reſſource gegangen, und da traf ich'n paar alte Freunde— Und da ſpielten wir Pharao, unterbrach ihn ſeine Frau, und da verlor ich die zweihundert Louisd'or, für die ich mir vier neue Wagen⸗ pferde kaufen wollte. Na ja, na ja, das iſt wahr, ſagte Blücher begütigend. Aber was ſchadet's denn? Erſtens befinde ich mich ganz wohl, und daran kannſte ſehen, was für Weißſchnäbel die Doctor's ſind, die Alles beſſer wiſſen wollen, und eigentlich gar nichts wiſſen. Ich habe gar keine Schmerzen, und habe doch'ne ganz nette Portion Nachtluft geſchluckt. Und was die zweihundert Louisd'or anbelangt, ja, was die anbelangt, na, ſo bin ich beinah froh, daß ich die verloren habe, denn ich habe mich doch gut amuſirt. Weißt Du, wer mit unter den Spielern war? Der penſio⸗ nirte Major von Leeſten, der war dabei! Der Major von Leeſten? fragte ſeine Frau verwundert. Aber der ſpielt ja ſonſt niemals, der iſt ja ſonſt ein ſo verſtändiger, feiner Mann, daß— Daß er gar keine Karte in die Hand nehmen kann, willſt Du ſagen? unterbrach ſie Blücher lächelnd. Ja, ſiehſt Du, ich bin doch auch, wie mich dünkt, ein feiner, verſtändiger Mann, aber ich kam doch auch zuweilen eine Karte in die Hand nehmen, und übrigens— die Wahrheit zu ſagen, ſo habe ich geſtern den Major von Leeſten zum Spiel verführt.. Und das iſt ſehr Unrecht, ſagte Frau von Blücher mit ſanftem Vorwurf. Der Leeſten iſt arm, er hat eine große Familie, fünf er⸗ wachſene Töchter, die natürlich keinen Mann bekommen, weil ſie kein Vermögen, nicht einmal eine Ausſteuer mitbringen. Und nun verführſt Du den armen Mann noch zum Spiel, nun wird er ſeiner Familie noch den let lihe diſer S ale Anhingl Ein Mann,! iſt ihm gleich thut mir weh mehr nach m Kartentiſch, verſpielt wä uf die Kar Blüche Dich ſolle Du m Frau von 2 Mein, 1 Warm ſol noch ein hö prächtig, D Und m und ungehe Na, u hab mll ir det vot Ze ſ. Derz die Penelo Zwanjg er in ſeine ſuieten. vya in als der L warben d Dir auch Und wer Du? 6 eute Morgen um Ich hatt' Dir er ſein, weil der h ſei, und mir ging nicht. Wir traf ich'n paa e Frau, und da iet neue Wagen gend. Aber was nd daran kannſte s beſſer wiſſen eine Schmerzen, dt. Und was angt, na, ſo bw be mich doch gut Der penſio wundert. Aber diger, feine ſtänd fann, willſt Vl ich bin doch aber ich kam nit ſanftem l 1 milie, fünf er⸗ weil ſie kei d nun rerführ ſeiner Fanilie 125 noch den letzten Nothpfennig verſpielen. Denn das iſt ja das Fürchter⸗ liche dieſer Spielleidenſchaft, daß ſie den Männern alle Ueberlegung, alle Anhänglichkeit für die Familie, alle Vernunft und Klugheit raubt. Ein Mann, der ſpielt, liebt nichts weiter als ſeine Karten, alles Andere iſt ihm gleichgültig und unwichtig, ich ſeh's an Dir, Blücher, und es thut mir weh, daß ich's ſehe! Haſt mich nicht mehr lieb, fragſt nichts mehr nach mir, langweilſt Dich mit mir, haſt nur noch Vergnügen am Kartentiſch, und ich glaube, wenn Du in der Rage biſt, und Alles verſpielt wäre, ſo würdeſt Du Haus und Hof und Deine Frau dazu auf die Karte ſetzen. Blücher lachte hell auf. Na, rief er, was das für'n Einfall iſt! Dich ſollte ich auf'ne Karte ſetzen, Dich— Du meinſt, es würde mich Keiner mehr gewinnen wollen? fragte Frau von Blücher lächelnd. Nein, das meine ich nicht, ſagte Blücher, plötzlich ernſt werdend. Warum ſollte Dich Keiner mehr gewinnen wollen? Biſt ja immer noch ein hübſches, allerliebſtes Weibchen, Deine Augen funkeln noch ſo prächtig, Deine Lippen ſind noch ſo roth und voll, und— Und meine Haare ſind ſo hübſch grau, unterbrach ſie ihn lachend, und ungeheuer jung bin ich noch, kaum fünfzig Jahr! Na, und das iſt noch juſt nicht ſo alt! ſagte Blücher heiter. Ich hab mal irgendwo'ne Geſchichte geleſen von einem gewiſſen Odyſſeus, der vor Zeiten ein ſehr berühmter und ſchlauer Kriegsmann geweſen iſt. Der zog aus, um die wilden Völker zu bekriegen, und ſeine Frau, die Penelopeia hieß, blieb mit ſeinem Sohne Telemach zu Hauſe. Zwanzig Jahr blieb der Odyſſeus fort, und als er wieder kam, fand er in ſeinem Hauſe fünfzig Freier, die alle um die ſchöne Penelopeia freieten. Siehſt Du, fünfzig Freier, auf jedes Jahr von der Pene⸗ opeis ein Freier, denn ſie muß nah an fünfzig Jahr gehabt haben, als der Odyſſeus heim kam, und doch war ſie noch ſchön, und doch warben die Männer noch um ſie. Na, warum ſollt' das alſo nicht Dir auch noch paſſiren, da Du doch kaum acht und vierzig Jahr biſt? Und wer weiß, ob die Frau vom Odyſſeus ſo ſchön und gut war, wie Du? Gewiß war ſie's nicht. Denn mir ſcheint, Du biſt die liebſte 126 und beſte Frau, und ſchaueſt noch gerade ſo aus, wie vor zwanzig Jahren, als Du den dummen Streich machteſt, den alten, fünfzig⸗ jährigen Haudegen und Raufbold, den Blücher, zu heirathen. Nu, ein dummer Streich war das juſt nicht, ſagte Frau von Blücher lächelnd, vielmehr ein recht kluger Streich, und es wäre Alles ſchön und gut, wenn nur die Karten nicht wären! Und da hat der kluge Feldherr mit einer geſchickten Schwenkung uns wieder auf das verlaſſene Terrain zurückgeführt, rief Blücher lachend. Da ſind wir wieder beim Pharaoſpiel von geſtern Abend an⸗ gelangt! Na, nu ſag mir erſt: Hab' ich nicht richtig errathen? War's nicht um's ſpäte zu Hauſe kommen, daß Du mir böſe warſt? Ja, ſagte ſeine Gemahlin, es war deshalb! Hurrah! Ich habe meine Wette gewonnen! rief Blücher jubelnd. Jetzt raſch her, die Bezahlung! Du weißt doch, wir hatten um einen Kuß gewettet! Na, Alte, nu einen Kuß wie vor zwanzig Jahren! Er ſchloß ſeine Gattin feſt in ſeine Arme, und drückte einen langen, innigen Kuß auf ihre Lippen. Na, und nu biſt wieder gut? fragte er dann. Ich ſeh's in Deinen Angen, daß Du's biſt, und nu komm mal her, nu will ich Dir auch die Geſchichte von geſtern Abend ordentlich erzählen. Siehſt Du, das Geld iſt einmal fort, und was ſchadet's? Das Geld iſt doch dazu da, daß es fort muß, dazu hat es der liebe Gott gegeben, und dazu haben die Menſchen es rund gemacht, damit es beſſer rollen kann. Wenn es zum Feſtſitzen ſein ſollte, würden ſie's viereckig gemacht haben, dann ſitzt es beſſer zwiſchen den Fingern feſt. Aber ſie haben's rund ge⸗ macht, und nun rollt es, und meine Finger wenigſtens können es nicht halten. Und wozu ſollt ich's auch halten? Wir haben genug, über⸗ genug, die beiden Töchter ſind gut verheirathet, die zwei Söhne ſind verſorgt, unſer Gut Kunzendorf hier bleibt auch ſtehen, denn es iſt nicht rund, und rollt mir nicht fort, und bringt Geld genug ein, und es wird ſchon mal noch'ne Zeit kommen, wo ich viel Geld, ungeheuer viel Geld gewinne. Ich meine nicht am Spieltiſch, Amalie, ſondern auf dem Schlachtfeld! Ich werde dem König ſeine Städte und Länder wiedererobern, ſtohlen hat, n Du woll zihlen, unterb ihn die zu h vieder beginn JR, es Keſten wollt Nuchmittag e traurig und von einem rathen, aber tauſend Thal der Nähe bel ſellen, und d etzihlte mir und Rden i er keine Sich Der ar Sunne zuſ Seine Jdeman der Bonapa Du ve mein Freun Na jal hüten, ſo i N, glaub ſuh udl ein Unſ das, tin Ende geg ſchenke wi willen thi we vor zwanig alten, fünfjig⸗ ſagte Frau von nd es wäre Alles ten Schwenkung ſtem Abend an⸗ e warſt? Blücher jubelnd. hatten um einen zig Jahren! te einen longen, ſeh's in Deinen il ich Dir auch Siehſt Du, das iſt doch dazu da, „und dazu haben kann. Wenn es cht haben, dann babens rund ge⸗ ʒ können es nicht genug, über⸗ wei Söhne ſind „n denn es iſt genug ein, und Geld, ungehelet ern Amalie, ſonder tädte und Länder wiedererobern, ich werde dem Bonaparte Alles, was er Preußen ge⸗ ſtohlen hat, wieder abnehmen, ich— Du wollteſt mir von Deiner Spielparthie von geſtern Abend er⸗ zählen, unterbrach ihn ſeine Gemahlin, die nicht ohne einiges Bangen ihn die zu hundert Malen ſchon gehörte Philippica gegen Napoleon wieder beginnen hörte. Ja, es iſt wahr, ſagte Blücher aufathmend, vom Major von Leeſten wollte ich Dir erzählen. In der Reſſource traf ich geſtern Nachmittag einen alten Freund von ihm, und der erzählte mir, wie traurig und unglücklich der Leeſten ſei. Seine älteſte Tochter iſt Braut von einem jungen Landmann, die jungen Leutchen könnten ſich hei⸗ rathen, aber es fehlt an Geld. Wenn der junge Mann wenigſtens tauſend Thaler hätte, ſo könnte er die Pachtung von einem Gut hier in der Nähe bekommen, aber dazu muß er eben tauſend Thaler Caution ſtellen, und die hat er nicht. Das erzählte mir Leeſten's Freund, und erzählte mir auch, wie traurig der Leeſten ſei. Zu allen Wucherern und Juden iſt er gelaufen, aber Keiner hat ihm borgen wollen, weil er keine Sicherheit geben konnte. Hat ja ſelbſt nichts als ſeine Penſion! Der arme Mann! Und konnten denn ſeine Freunde nicht die Summe zuſammenlegen, und ihm ſchenken? Seine Freunde haben auch nichts! Wer hat denn jetzt Etwas? Jedermann iſt arm, ſeit die verdammten Franzoſen im Lande ſind, und der Bonaparte— Du vergißt ſchon wieder Deine Geſchichte vom Major von Leeſten, mein Freund! Na ja! Die Freunde von ihm haben auch nichts, und wenn ſie's hätten, ſo iſt der Leeſten doch viel zu ſtolz, um Geſchenke anzunehmen. Ne, glaub mir, Male, wenn man arm iſt, dann iſt man grade ſehr ſtolz, und lieber verhungert man, als daß man von'nem guten Freund ein Almoſen annimmt, und ihn um'n Butterbrod bittet. Ich kenn' das, bin auch arm geweſen, und hab' gehungert, wenn der Sold zu Ende gegangen war. Und der Leeſten iſt auch ſtolz, Almoſen und Ge⸗ ſchenke würde er nicht nehmen, oder, wenn er's um ſeiner Tochter willen thäte, ſo würde ihm's Herz doch zerſpringen vor Schmerz und 128 Wuth. Das erzählte mir ſein Freund, und es jammerte mich, und ich dacht', ich möcht' doch dem armen guten Major guten Tag ſagen, und ihm die Hand ſchütteln, damit er fühlt, daß ich ihm gut bin, und daß er doch Freunde hat, wenn er auch arm iſt. Na, ſo ging ich denn mit ſeinem Freund zu dem Major von Leeſten hin, und macht' ihm meinen Beſuch. Er freute ſich ſehr, und gab ſich Mühe, heiter zu ſein, aber ich merkt's doch, daß er traurig war, und daß das Lachen nicht von Herzen kam, und daß, wenn ein Anderer ſprach, er gleich wieder düſter ward und vor ſich hinſtarrte. Ich fragte ihn aber nicht nach ſeinem Kummer, that, als merkt' ich nichts, und bat ihn, uns zu begleiten, und mit'nen paar Freunden den Abend vergnüglich hinzu⸗ bringen. Er ſträubte ſich, er wollt' durchaus nicht mitgehen, aber ich beredete ihn doch, und es iſt mir gar nicht leid, daß ich es that, denn der arme Major ward zuletzt ganz luſtig und vergaß ſeinen Gram, und trank mit uns ein tüchtig Glas Wein, mehr vielleicht, als er in g einem Jahr getrunken hat, und dann ſpielte er ein bischen Pharao mit uns, zum erſten Mal in ſeinem Leben, und wir Alle waren recht luſtig, und davon iſt's gekommen, daß ich die Zeit verpaßt habe, und ein bischen ſpät nach Hauſe gekommen bin. Der Major von Leeſten iſt daran Schuld, und damit iſt die Geſchichte aus! Nein, damit iſt die Geſchichte nicht aus, rief Amalie lebhaft. Du haſt mir noch nicht Alles erzählt, Blücher. Du haſt mir noch nicht geſagt, wer Deine zweihundert Louisd'or, für die Du Dir vier neue Wagenpferde kaufen wollteſt, gewonnen hat? Ja, das war merkwürdig, ſagte Blücher gelaſſen, indem er den langen, weißen Schnurrbart langſam durch ſeine Finger gleiten ließ, wirklich werkwürdig war's. Der Leeſten hat niemals Karten in die Hand genommen, verſteht gar nichts vom Kartenſpiel und ſo'n Grün⸗ ſchnabel kommt daher, und gewinnt'nem alten Practicus, wie ich bin, gleich in einer Sitzung zweihundert Louisd'or ab. Der Leeſten hat das Geld für die Wagenpferde gewonnen, bei ihm kannſt Du Dich be⸗ danken, wenn Du nu noch'n halb Jahr länger mit den alten lenden⸗ lahmen Kracken fahren mußt! Ueber das Antlitz Amaliens flog es wie ein Sonnenſtrahl, ihre Augen leucht der Freude. Hlüchers Sck zu ihm auf. Du haſt jitternder St Du haſt den ſich bedanken winnen laſſe Unſinn, laſſen, wen haben, und Er hat laſſen, und biſt Du nic ein dlet, g ſeine Freude die Wahrhe icht wahr, Leſten nicht Still, blcend, we tigentlich zu das Geld y Ach, daß Dus ler, mein Sie f vüct ſe Uber, derwirt, Ich Licheln z Blücher. Mihlbach merte mich, und uten Tag ſagen, m gut bin, und la, ſo ging ich hin, und macht' ch Miühe, heiter d daß das Lachen ſprach, er gleich te ihn aber nicht bat ihn, uns zu nüglich hinzu⸗ itgehen, aber ich ch es that, denn ſeinen Gran, cht, als er in en Pharao mit aren recht luſtg, thabe, und ein von Leeſten iſt lie lebhaft. Du mir noch nicht 1Dir vier nele indem er den gleiten ließ, arten in die nd ſo'n Grün⸗ 16, wie ih kin Lreſten hat du 3 du dit k⸗ n alten lenden ihre 2 renſtrahl⸗ 129 Augen leuchteten höher auf, ihre Wangen glühten im hellſten Purpur der Freude. Mit einer raſchen Bewegung ihre beiden Hände auf Blüchers Schultern legend, ſchaute ſie mit einem ſtrahlenden Lächeln zu ihm auf. Du haſt ihn gewinnen laſſen, Gebhard, ſagte ſie mit vor Rührung zitternder Stimme. O ſchüttle nicht den Kopf, ſag' mir die Wahrheit. Du haſt den Leeſten gewinnen laſſen, weil Du's ihm erſparen wollteſt, ſich bedanken zu müſſen, und Geſchenke anzunehmen. Du haſt ihn ge⸗ winnen laſſen, damit ſeine Tochter heirathen kann? Unſinn, ſagte Blücher mürriſch, wie kann ich ihn denn gewinnen laſſen, wenn er nicht von ſelbſt gewinnt? Das würd' er ja gemerkt haben, und obenein wär' ich dann'n Falſchſpieler. Er hat nichts gemerkt, weil Du ihn erſt⸗ſo viel Wein haſt trinken laſſen, und weil er nichts vom Spiel verſteht, und ein Falſchſpieler biſt Du nicht, weil Du ihn haſt abſichtlich gewinnen laſſen, ſondern ein edler, großmüthiger Menſch biſt Du, an dem der liebe Gott ſelber ſeine Freude haben muß. O lieber, herziger Mann, ſag' mir doch die Wahrheit, gönn' mir die Freude, daß ich Dich errathen habe. Nicht wahr, Du haſt's mit Willen gethan? Die Karten haben dem Leeſten nicht das Glück gebracht, fondern der Blücher hat's gethan! Still, ſtill, ſag' das nicht ſo laut, rief Blücher, ängſtlich umher⸗ blickend, wenn das Jemand hört, und der Leeſten erführ', wie die Sache eigentlich zuſammenhängt, der Kerl wär' im Stand', und brächt' mir das Geld wieder. Ach, nun haſt Du Dich verrathen, nun haſt Du's eingeſtanden, daß Du's gethan haſt, rief Amalie jubelnd. O Dank, Dank, mein edler, mein großmüthiger Freund! Sie faßte mit leidenſchaftlicher Innigkeit ſeine beiden Hände, und drückte ſie feſt an ihre Lippen. Aber, Male, was machſt Du, rief Blücher ganz erſchrocken und verwirrt, ſeine Hände zurückziehend. Na, und nu weinſt Du noch! Ich weine vor Freuden, ſagte ſie, ihm mit einem glücklichen Lächeln zunickend, ich weine vor Glück über meinen prächtigen, lieben Blücher. Mühlbach, Napoleon. III. Bd 9 ——— ——— ——————— ————— 130 Biſt blos zu gut, Male, ſagte Blücher, deſſen Antlitz ſich plötzlich verdüſterte. Ich bin nichts als ein alter, in Ruheſtand geſetzter Hau⸗ degen, als'n altes verroſtetes Schwert, das man in die Ecke geworfen hat. Bin ein alter Invalide, den ſie für kindiſch und verrückt halten, weil er ſich einbild't, er könnt' noch zu was nütze ſein, und das Vater⸗ land könnt' ihn noch mal brauchen. Aber ich ſage Dir, Male, wenn ich zuletzt noch kindiſch und verrückt werde, ſo iſt's davon, weil ſie mich in die Ecke geſtoßen haben, weil ſie mir keine Arbeit geben, weil ſie mich auf der Bärenhaut liegen laſſen, weil mir der König dies nichts⸗ würdige Kunzendorf geſchenkt hat, nicht als Belohnung und aus Liebe, ſondern als Abfindung, und aus Furcht vor den Franzoſen. Als er's mir im Frühjahr ſchenkte, da hat er mir geſchrieben, ich müßt' aber gleich abreiſen nach Kunzendorf, und müßt' da bleiben und da wohnen, wie's jedem guten Edelmann geziemt, auf ſeinem Edelhof in der Mitte ſeiner Bauern zu leben. Aber er hat mich blos in die Verbannung geſchickt, er hat blos nicht gewollt, daß ich in Berlin bleiben ſollt'! Er hat es wohl ſeinen Miniſtern zu Gefallen thun müſſen, ſagte Frau von Blücher lächelnd. Du weißt wohl, die Miniſter des Königs ſind, mit Ausnahme Hardenberg's, Alle franzöſiſch geſinnt, und ver⸗ meinen, wenn Preußen nicht treu zu Frankreich halte, ſo würde es zu Grunde gehen. Landesverräther ſind ſie, weil ſie das meinen, ſchrie Blücher, wild mit dem Fuß ſtampfend, an'n Galgen hängen ſollt' man die Kerls, die ſo erbärmlich und ſo feig ſind, daß ſie meinen, Preußen müſſe zu Grunde gehen, wenn ſein Erzfeind es nicht aus Gnaden aufrecht er⸗ hielte. Ach, wenn der König man ein einziges Mal auf mich hätt' hören wollen, ſo hätten wir die Franzoſen längſt zum Teufel gejagt, und hätten jetzt nicht nöthig, unſere armen Soldaten als Hülfstruppen Bonaparte's in Rußland verfrieren zu laſſen. Wenn die Gefahr am größten iſt, muß man Alles wagen, um Alles zu gewinnen, und wenn mir Einer die Haut über die Ohren ziehen will, ſo überleg' ich nicht erſt, ob ich mir das gefallen laſſen muß, weil ich vielleicht ſchwächer bin, als der Hautabzieher, ſondern eh' der Kerl es ſich verſieht, heb' ich den Arm auf und hau' den Musje nieder wie'ne Fliege. Siehſt Du, das he hibſophie ſchie, die h nimmermeht gönig und ſe zunze Sache auch aus la fullen laſſen, Blücherſch, Male, wenn am End ſte ihm die Lor in's Geſicht ſetzen und fl et kann nich che ich als Pöſe, was cher ſterben zuch noch'n wunzig Jah hat mir mei alt werder, it genug, Eben Nun, ſo ſidel, me J, G in alter 1 ich dulbe, und der A er habe Etwe Jochen, ſchichte o it ſich plßlich d geſetzter Hau⸗ e Eüe geworfen vetrückt halten, und das Vater⸗ ir, Male, wenn on, weil ſie mich geben, weil ſie önig dies nichts⸗ und as Liebe, n. Als ers ich müßt aber und da wohnen, hof in der Mitte die Verbannung bleiben ſoll'! un miüſſen, ſagte ſinnt, und ver⸗ ie Blücher, wild nan die Kerls, ſten müſſe zu aufrecht er⸗ auf mil aden und wenn U, rleg ich nicht ht ſchwächet leicht i eb verſieht, he Siehlt e Fliege 131 Du, das heißt, ſich ſeiner Haut wehren, das heißen die Gelehrten: Philoſophie. Liebſte Male, es giebt aber im Leben nur Eine Philo⸗ ſophie, die heißt:„Wer Gott vertraut, brav um ſich haut, kommt nimmermehr zu Schanden.“ Von der Philoſophie wiſſen nun der König und ſeine Miniſter man blos die Hälfte, und darum geht die ganze Sache ſchief. Gott vertrauen, ja, das wollen ſie, und wenn ſie auch aus lauter Gottvertrauen ganz Preußem müßten in'n Klump fallen laſſen, aber brav um ſich hau'n, das können ſie nicht, das iſt zu Blücherſch, und darum gefällt's den gelehrten Herren nicht. Ach, Male, wenn ich an den Jammer denk', und wenn ich denk', daß ich am End' ſterben muß, ohne den Bonapart' abgeſtraft zu haben, ohne ihm die Lorbeern von Jena und Eylau und Friedland abgeriſſen und in's Geſicht geſchmiſſen zu haben, ſiehſt Du, dann könnt' ich mich hin⸗ ſetzen und flennen und heulen. Aber Gott kann nicht ſo grauſam ſein, er kann mich nicht eher ſterben laſſen, ehe ich den Bonaparte geſehen, ehe ich als grimmiger Feind ihm gegenüber geſtanden, und ihm alles Böſe, was er uns gethan, vergolten habe. Nein, Gott wird mich nicht eher ſterben laſſen, ich will's nicht fürchten, und im Grund bin ich ja auch noch'n junger Kerl! Kaum ſiebenzig Jahr! Mein Großvater iſt neunzig Jahr geworden, und ich ſehe meinem Großvater ähnlich, das hat mir meine Mutter oft geſagt; ich werd' alſo auch neunzig Jahr alt werden, und hab' noch zwanzig Jahr zu leben, zwanzig Jahr, das iſt genug, um— Eben ward die Thür geöffnet und ein Livréebedienter trat herein. Nun, Jochen, fragte Blücher, was giebt's? Was grinſt Du denn ſo fidel, mein Junge? Haſt wohl'ne gute Neuigkeit zu melden? Ja, Excellenz, eine Neuigkeit, ſagte der Lakai. Es ſteht draußen ein alter Mann, ein Invalide mit einem jungen Menſchen, der, wie ich glaube, ſein Sohn iſt. Die beiden Männer kommen aus Pommern, und der Alte verlangt den General von Blücher zu ſprechen. Er ſagt, er habe Sr. Excellenz etwas Wichtiges zu ſagen. Etwas Wichtiges? fragte Blücher. Und er kommt aus Pommern? Jochen, es wird doch nicht wieder Einer ſein, der mit der alten Ge⸗ ſchichte kommt? 9* Ich glaub' doch, Excellenz, daß es ſo Einer iſt, ſagte Jochen grinſend. Male, rief Blücher, laut lachend, wieder Einer, der mich damals vor fünfzig Jahren will gefangen genommen haben. Es iſt der Siebente, denk' doch, der Siebente, der mich gefangen genommen hat. Der Siebente, der Geld von Dir haben und Dich betrügen will, ſagte Frau von Blücher lächelnd. Na, betrügen wohl juſt nicht, Frau, ſagte Blücher, aber'n bischen Geld wollen ſie haben, und weil ſie nicht betteln mögen,— So kommen ſie und lügen, unterbrach ihn Amalie lächelnd. Sie wiſſen ſchon, daß der General Blücher Jedem ein paar Louisd'or giebt, der da kommt und ſagt:„Herr General, ich bin's geweſen, der Sie damals Anno 1760 in Mecklenburg gefangen nahm und Sie zu den Preußen brachte. Mir alſo verdanken Sie all Ihren Ruhm und all Ihr Glück!“ Ja, es iſt wahr, ſagte Blücher, ſich lachend den Schnurrbart ſtreichend, das haben ſie alle ſechs geſagt. Aber Einer hat's doch ge⸗ than, denn die Geſchichte iſt doch wahr, und wenn ich nu Einen ab⸗ wies, der kommt und ſagt, er iſt's geweſen, na, ſo könnt' ſich's grad treffen, daß ich den Richtigen abwies, und das wär' doch eine rechte Sünd' und Schand'. Drum iſt's beſſer, ich bild' mir ein, mich hätt' damals eine ganze Schwadron gefangen genommen, und geb' Jedem, der kommt. Und wenn's nu auch juſt nich der Menſch iſt, der mich gefangen genommen hat, na, ſo iſt's doch jedenfalls'n alter Huſar, und ich werd' doch einen alten Huſaren nicht ohne ein kleines Geſchenk von meiner Thür fortgehen laſſen.*) Ich ſehe ſchon, Du willſt auch Deinen ſiebenten Helden und Ueberwinder willkommen heißen, ſagte Amalie lächelnd. Gut, ich räume ihm das Feld und ziehe mich in mein Kabinet zurück. Lebe wohl, mein Freund, und wenn Du Deinen Helden verabſchiedet haſt, ſo erwarte ich Dich! *) Blücher's eigene Worte. Siehe: Leben des Fürſten Blücher von Wahl⸗ ſtatt. Von Varnhagen v. Enſe. S. S. Sie ni No, Fenſter ſetze nir ne Pfe Jochen ſchrank“ un hervor, ind neue longe Vie guter Vorr Nein, Pfeifen un Kannſ Nu gieb rein komm Joche lauter, g urd ſein No, 2 Iug aus Ein alte vu der Han eines n großen Geſtalt ſt, ſagte Jochen der mich damals en. Es iſt der n genommen hat. ſch betrügen will, er, aber'n bischen gen,— ie lüchelnd. Sie r Louisd or giebt, eweſen, det Sie und Sie zu den Ruhm und all Schnurrbart er hats doch ge⸗ ich nu Einen ab⸗ önnt ſich's grad doch eine rechte t ein, mich hätt und geb Rden, ſch iſt, der mich n alter Huſen, kleines Geſchenk nten Helden und elnd. Gut, ich net zurüc. Lebe erabſchiedet haſt, 133 Sie nickte ihrem Gemahl freundlich zu und verließ den Salon. Na, Jochen, ſagte Blücher, ſich wieder in den Lehnſtuhl am Fenſter ſetzend, na, nu laß mir die Leute mal kommen. Aber erſt ſtopf' mir'ne Pfeife! Mußt'ne neue nehmen, die andere iſt getöpfert! Jochen eilte zu dem, neben dem Kamin ſtehenden eleganten„Pfeifen⸗ ſchrank“ und holte aus demſelben einen länglichten einfachen Holzkaſten hervor, indem er den Deckel öffnete und mit gewichtiger Miene eine neue lange Thonpfeife heraus nahm. Wie viel Pfeifen ſind noch drin? fragte Blücher haſtig. Noch guter Vorrath, Jochen? Nein, Excellenz, ſagte Jochen ſeufzend, nur noch ſieben ganze Pfeifen und acht Stummel. Kannſt morgen nach Neiße reiten und'ne Kiſte Pfeifen kaufen. Nu gieb mir die Pfeife her und laß den Huſaren mit ſeinem Sohn rein kommen. Mecklenburgiſche Zugenderinnerungen. Jochen, der Lakai, öffnete die Thür des Vorzimmers und rief mit lauter, gewichtiger Stimme: Excellenz, da iſt der Huſar Hennemann und ſein Sohn Chriſtian! Na, kommt rein! ſagte Blücher gutmüthig, indem er einen langen Zug aus ſeiner neuen Thonpfeife that. Ein Greis mit ſilberweißem Haar, die gebeugte Geſtalt in eine alte verſchoſſene Huſaren-Uniform gekleidet, den altmodiſchen Czako in der Hand, trat ein. Hinter ihm kam ein junger Mann in der Tracht eines norddeutſchen Landmanns, das dicke blonde Haar mit einem großen runden Kamm hintenüber gekämmt, die volle jugendkräftige Geſtalt bekleidet mit einem langen, faſt bis auf die Füße hinab⸗ 134 reichenden blauen Tuchrock, der mit weißem Flanell gefüttert war, darunter Beinkleider von dunkelgrünem Sammet, die nur bis zu den Knieen hinabgingen und dort ſich mit dem blau und roth geränderten Strumpf vereinigten, der das Bein umſchloß; die Füße bewaffnet mit dicken nägelbeſchlagenen Schuhen, die mit einer Schnalle geziert waren. Wo kommt Ihr her, Leute? fragte Blücher, deſſen Augen ſich mit einem freundlichen Ausdruck auf die beiden Männer hefteten. Von Roſtock, Herr General Excellenz, ſagte der Greis mit einem ehrerbietigen Kratzfuß. Von Roſtock? fragte Blücher freudig. Das iſt ja meine Vaterſtadt! Das weiß ich General Excellenz, ſagte der alte Huſar, der ſich vergeblich bemühte, ſeine plattdeutſche Zunge zu dem feinen ungewohnten Hochdeutſch zu zwingen. Ganz Roſtock weiß dat voch, und jede Jöhre is ſtolz darauf, dat der Blücher unſer Landeskind is. Na, ein ziemlich altes Kind iſt es, ſagte Blücher lächelnd. Alſo von Roſtock kommt Ihr, und Ihr wohnt in Roſtock? Nicht eigentlich grade in Roſtock, Excellenz. Meine Dochter, die Rieke, die hat'n Schneider in Roſtock geheirathet, und ick war jetzt vier Wochen bei ihr zum Beſuch. Sonſt eigentlich wohn' ick in Polchow, was'n Rittergut is vier Meilen von Roſtock, und wo ick als Einlieger bei meinem älteſten Sohn wohne. Iſt das da der älteſte Sohn? fragte Blücher, mit der Thonpfeife auf den jungen Mann hindeutend, der, verlegen ſeinen runden Hut in der Hand drehend, neben dem Alten ſtand. Ne, Herr, dat iſt der jüngſte Sohn, und um ſeinetwillen komm ick grade hieher. Der Chriſtian hier war Knecht auf'm Edelhof in Polchow, und er wollt' heirathen, weil er'n Mädchen hatt', die er lieb hat. Aber der Edelmann wollt's nicht leiden, der Edelmann ſagt, der Chriſtian ſoll noch'n zehn Jahr warten, bis daß im Dorf'n Haus leer wird und ein paar alte Kerls ſterben und ihm Platz machen. Da iſt nun der Chriſtian desperat geworden und wollt ſich das Leben nehmen und ſagt: Lieber ſterben, als'n Mecklenburgiſcher Tagelöhner und Aerkr nann ſein. Jo, ri Mecklenbur das dem E wenn eren fein Recht, Vaterland, nirgends wenn es ſi niemals w war, der ſein, und und ich w ich das ni Hn, und lächel ſchinpf m weine Hei Fürn Chriſian, ein Geld nehm' mi Und Soldat, General noch zu Und ihm vergelte Bl alten 1 Solda N ( el gefüttert wer, roth geränderten üße bewaffnet mit alle geziert waren. en Augen ſich mit hefteten. Greis mit einen e Vaterſtadtl e Huſar, der ſich inen ungewohnten ſtolz darauf dat 135 und Ackerknecht ſein, was ſo viel heißt, als der Sclave von'm Edel⸗ mann ſein. Ja, rief Chriſtian erglühend, ſo iſt es auch, Herr General. Ein Mecklenburgiſcher Tagelöhner und Ackerknecht das iſt'n Stück Ding, das dem Edelmann gehört. Wenn er will, kann er's entzwei ſchlagen, wenn er will, kann er's ruiniren. Ein Tagelöhner und Inſaſſe hat kein Recht, keinen Willen, kein Eigenthum, keine Heimath und kein Vaterland, er iſt nirgends angehörig als in ſeinem Dorf, darf ſich nirgends niederlaſſen als in ſeinem Dorf, darf aber nicht heirathen, wenn es ſein Edelmann und Gutsherr nicht will, und darf und kann niemals was Anderes werden, als was ſein Vater und ſein Großvater war, der Tagelöhner des Edelmanns. Und ich will kein Tagelöhner ſein, und ich will nicht blos man die Pferde vor'n Pflug ſpannen, und ich will die Rieke heirathen, und ein freier Mann ſein, und wenn ich das nicht kann, dann ſo will ich lieber ſterben! Hm, hm, das iſt friſches, junges Blut, ſagte Blücher wohlgefällig und lächelnd, friſches mecklenburgiſches Blut. Das gefällt mir. Aber ſchimpf mir nicht auf Mecklenburg, Chriſtian, ich hab's lieb, weil's meine Heimath iſt. Für'n Edelmann iſt's'ne gute Heimath, wenn er Geld hat, ſagte Chriſtian, aber für'n Ackersmann iſt's'ne ſchlechte Heimath, wenn er tein Geld hat. Und darum ſagt' ich zu meinem Alten: Vating, ich nehm' mir's Leben, oder ich laufe fort und werde Soldat! Und da ſagt ick: Na, mein Sohn, denn is et beſſer, Du wirſt Soldat, ergänzte der Greis, und, ſagt ick, Du ſollſt bei'nem guten General Soldat werden. Ick will Dir zeigen, dat mein Leben doch noch zu was nützen kann, ick will für Dich thun, was ick mir all mein Lebtag immer vorgenommen habe, ick will zu General Blücher gehen und ihm ſagen, wer ick bin, und ihn bitten, an meinem Jungen zu vergelten, was ick ihm Gutes gethan habe. Blücher ſchaute mit einem gutmüthigen Lächeln auf den armen alten Mann in der verſchoſſenen, fadenſcheinigen Uniform eines gemeinen Soldaten hin. Na, Alter, ſagte er, was habt Ihr mir denn Gutes gethan? 136 Der Greis richtete ſein Haupt höher empor und ein feierlicher Ausdruck flog über ſein wettergebräuntes runzliches Geſicht hin. Herr General, ſagte er feierlich, ich bin's geweſen, der Sie da⸗ mals Anno 1760 in Mecklenburg gefangen nahm, und mir verdanken Sie daher all Ihren Ruhm und all Ihr Glück! Blücher fuhr ſich mit der Hand über's Geſicht, um den Greis nicht ſein Lachen ſehen zu laſſen. Juſt, wie die Male es geſagt hat, murmelte er leiſe vor ſich hin. Laut ſagte er dann: Na, erzählt mir die Geſchichte, damit ich ſeh', ob Ihr's wirklich geweſen ſeid, der mich gefangen genommen hat. Es iſt eine lange Geſchichte, ſagte der Alte aufſeufzend, und wenn ick ſie erzählen ſoll, ſo muß ick den Herrn General Excellenz etwas bitten. Na, was denn? Bittet man los! ſagte Blücher, einen langen Zug aus ſeiner Pfeife rauchend, und ganz überzeugt, daß der alte Huſar jetzt ſchon um eine Geldunterſtützung bitten wolle. Ick muß bitten, dat ich mich hinſetzen darf, Herr General, ſagte der Greis ſchüchtern. Wir ſind zu Fuß von Roſtock hierher gewan⸗ dert, und ſind erſt vor'ner Viertelſtunde hier angekommen. Haben uns blos im Wirthshaus ſo viel Zeit gelaſſen, daß wir, ick meine Uniform und der Chriſtian ſeinen Sonntagskittel, uns angezogen haben. Ick bin achtzig Jahr, Herr General, und die Beine wollen doch nicht mehr ſo recht fort. Herr Gott, achtzig Jahr, rief Blücher aufſpringend, achtzig Jahr, und zu Fuß ſeid Ihr von Roſtock hierher gewandert. Das iſt ja un⸗ möglich! Chriſtian, ſag' mal, iſt das wahr? Ja, Herr General, es iſt wahr. Seit drei Wochen ſind wir unterwegs, denn viel kann der alte Mann doch nich mehr laufen, und wir hatten nich genug Geld, um fahren zu können. Mußten froh ſein, daß wir's Nachtlager im Wirthshaus bezahlen konnten. Und volle achtzig Jahr iſt mein Alter, wir haben den Taufſchein mitgebracht. Achtzig Jahr, und zu Fuß von Roſtock hieher gewandert, und ich laſſ' den alten Mann ſtehen und biet' ihm keinen Stuhl an, rief Blücher ganz verzweifelt, und frag' nich, ob er hungrig und durſtig iſt! Jochen! Jochen! Und Bli zunz entſetzt Jochen, wei Gliſer, in det Küche gute Stube n Vilſt Dich ſt Butterbrod h Jochen der ganz ſpr zugeſchaut h Kommt, Greiſes neh Fenſter hinft uht Euch a Nein, wider den R Dumml ahtzig Jahr haar Genere Und mi ſuhl nieder. Finſtrbrt, der um Br lnd m nonmen ha Der de Gris Blich Da bonn Eſen nen Glas nd ein feierlicher Seſcht hin. en, der Sie da⸗ nd mir verdanken „um den Greis le es geſagt hat, te, damit ich ſeh, nommen hat. fzend, und wenn lenz etwas bitten. einen langen Zug der alte Huſar General, ſagte hierhet gewan⸗ kommen. Haben wir, ic meine angezogen haben. vollen doch nicht nd, uitig Juht Dos iſt ja un⸗ Wochen ſind wir nehr laufen, und dußten froh ſein, nten. Und volle nitgebracht. wandert, und ich rief Blicher an, 4 Jochen rſtig iſt 137 Und Blücher ſprang zur Klingel und ſchellte ſo heftig, daß Jochen ganz entſetzt herein geſtürzt kam. Jochen, geſchwind! rief Blücher. Geſchwind'ne Flaſche Wein, zwei Gläſer, und Butter, Brod und Schinken. Und beſtell', daß ſie in der Küche für'n gutes und kräftiges Mittagbrod ſorgen, und'ne gute Stube mit zwei Betten ſollen ſie im Wirthſchaftshauſe herrichten. Willſt Dich ſputen, Jochen! In fünf Minuten muß der Wein und das Butterbrod hier ſein: Lauf! Jochen ſtürzte von dannen, und Blücher näherte ſich dem Greiſe, der ganz ſprachlos und gerührt dem geſchäftigen Eifer des Generals zugeſchaut hatte. Kommt, lieber Alter, ſagte Blücher freundlich, die Hand des Greiſes nehmend und ihn durch den Saal zu ſeinem Lieblingsplatz am Fenſter hinführend. Da, ſetzt Euch mal in meinen Sorgenſtuhl und ruht Euch aus. Nein, Herr General, nein, rief der Greis ganz entſetzt, das wär' wider den Reſpect. Dummheit, mit'nen Reſpect, rief Blücher, vor'nem Greis von achtzig Jahren muß Jedermann noch mehr Reſpect haben, als vor'n paar Generals⸗Epauletten. Nu kein Federleſens gemacht, hingeſetzt! Und mit ſeinen kräftigen Armen drückte er den Greis in den Lehn⸗ ſtuhl nieder. Dann nahm er ruhig ſeine Thonpfeife wieder vom Fenſterbrett, und nachdem er einige kräftige Züge gethan, um ſie wie⸗ der zum Brennen zu bringen, ſetzte er ſich auf einen Rohrſtuhl, dem Greiſe gegenüber. Und nu erzählt mir die Geſchichte, wie Ihr mich gefangen ge⸗ nommen habt. Ich verſpreche Euch, daß ich Alles glauben will. Der Herr General ſoll nichts glauben, als was wahr iſt! ſagte der Greis ſeierlich. Blücher nickte. Nanu, fangt an, ſagte er, aber ne, wartet noch. Da kommt Jochen mit Wein und Butterbrod. Nu eßt und trinkt erſt. Eſſen kann ick nicht, ſagte der Greis, hab' keinen Hunger. Aber 'nen Glas Wein, wenn's der Herr General erlauben, das trink' ich wohl! 138 Komm her, Jochen, zwei Gläſer, ſchenk ein! Und nu, Alter, nu wollen wir anſtoßen. Auf gute Landsmannſchaft! Und Blücher nahm das Glas mit dem purpurrothen Wein, und ſeine Augen flammten höher auf, und ſein Antlitz leuchtete wie im hellen Feuer der Jugend, als er, der friſche Jüngling von ſiebenzig Jahren, mit dem ſchwachen Greis von achtzig Jahren das Glas an⸗ klingen ließ. Hurrah, Landsmann, rief er jubelnd, es lebe Mecklenburg, es lebe Roſtock und der Oſtſeeſtrand! Nu trinkt aus, Alter, und Du, Jochen, ſchenk ein, und dann ſetz' dem Chriſtian da auf den Tiſch am Kamin den Wein und das Butterbrod hin. Iß und trink, Chriſtian, aber mucks Dich nicht und ſag' kein Wort, denn wir beiden Alten haben ein Wort mit einander zu reden. Nu, die Geſchichte, Alter, die Geſchichte. Na, die Geſchichte war ſo, ſagte der Greis, ſein geleertes Glas hinſetzend. Ick war meinen Aeltern fortgelaufen, weiltt mir juſt ſo ging, wie'n Chriſtian da, weil ick auch nicht Ackerknecht bleiben, und weil ick auch'n Mädchen heirathen wollt, und der Edelmann es nicht erlauben thät. Na, nu lief ick alſo fort und ließ mich bei den ollen Fritz, bei de Belling'ſchen Huſaren als Soldat anwerben. Es war Anno 1760, und es gab viel zu thun, und alle Tage hatten wir Scharmützel mit den Schweden, denn wir ſtanden dazumal in Meck⸗ lenburg, und die verdammten Schweden, die waren ſo übermüthig, dat ſie durch de ganze Mark Brandenburg und durch ganz Mecklenburg plänkelten. Nu kommt eines Tages, ick denk' es war im Auguſt 1760, grad wie wir Belling'ſche Huſaren an'n Kabelpaß nahe bei Friedland in Mecklenburg ſtanden, kommt wieder ſo'n Trupp ſchwediſche Huſaren angeplänkelt, und wollen uns nörgeln und necken. Und vorauf da reitet n kleiner Fahnenjunker,'n ganz junges niedliches Bürſchken, konnt kaum zwanzig Jahr alt ſein, ſo'n rechter Milchbart und Weißſchnabel. Und der kleine Musje reitet ganz nahe an uns alte Huſaren heran, und mit ſeiner hellen und friſchen Stimme fängt er an zu krähen und uns zu nörgeln und zu necken, ſagt, wenn wir Courage hätten, ſollten wir kommen, und er hätt' noch kein Frühſtück gegeſſen, und er hätt' zud LAſt, ſ ehren. Nn, nette Bürſchk helle blauen Abet ick ärg lauter lacht biat, ſprengt war ick ſcho J ja, gerufen. E lingen. A zihlt, das i wäret Ihr genommen? Na, hö den nu jetzt wührend die hatt' ich ma und als ich Nu, wie's viel wehren nahm d als meinen Und d Bliche m Go pelt und h nit einen vechten Ae Jo, ic den von Bell zum Gef Und m, Alter nu rothen Wein, und leuchtete wie im on ſiebenzig ndas Glas an⸗ cklenburg, es lebe „und Du, Jochen, n Tiſch am Hamin k, Chriſtian, aber beiden Alten haben chichte, Alter, die geleertes Glas eibt mir juſt ſo knecht bleiben, und Fdelmann es nicht nich bei den ollen werben. Es war ge wln wir umal in Met⸗ übermüthig, dat 3 Mecen urg ar in Augiſt 1760 „— bei Fredlud diſche Huſaren guf da reitet nahe nahe vora en, kemt r Veißſchnab bel. an, eHuſtren her zu kühen und iten, jollen und et hit 139 grad Luſt, ſo'n Dutzend Belling'ſcher Huſaren zum Frühſtück zu ver⸗ zehren. Na, die andern Huſaren die lachten und freuten ſich über das nette Bürſchken, und es iſt wahr, et war ein allerliebſter Burſche, ſo'ne helle blauen Augen, ſo'ne rothen Backen, ein ganz hübſcher kleiner Kerl. Aber ick ärgert' mich doch, und als der kleine Fahnenjunker immer lauter lacht und ſagt, wir hätten keine Courage, da da wurd' ick ra⸗ biat, ſprengt' vorwärts und brüllt':„Na, nu wart man Burſch, di war' ick ſchon ſchlachten!“ Ja, ja, das iſt wahr, rief Blücher erſtaunt, das hat der Huſar gerufen. Es iſt mir, als hört ich's noch jetzt mir vor den Ohren klingen. Aber das hat mir noch keiner von den andern Huſaren er⸗ zählt, das iſt neu und es iſt wahr. Hennemann, wär's möglich, und wäret Ihr alter Mann wirklich der Huſar, der mich damals gefangen genommen? Na, hören Sie weiter, Herr General, ſagte der Greis, Sie wer⸗ den nu jetzt gleich merken, ob ick es war! Ich ritt alſo vorwärts, und während die Preußen und die Schweden ſich nu miteinander katzbalgten, hatt' ich man immer meinen kleinen luſtigen Fahnenjunker in den Augen, und als ich ganz nahe an ihn'ran war, da ſchoß ick ſein Pferd nieder. Nu, wie's zuſammenſtürzt, da konnt ſich der Fahnenjunker nich recht viel wehren, und übrigens war ick auch'nen derber, forſcher Huſar. Ick nahm den kleinen Fahnenjunker beim Schlafittchen, und ſetzt' ihn als meinen Gefangenen vor mir auf mein Pferd. Und der Fahnenjunker ließ ſich das ſo gutwillig gefallen? fragte Blücher mürriſch. J Gott bewahre. Er ward vielmehr roth wie'n Krebs, und zap⸗ pelt und haut um ſich. Ick hielt ihm die Arme feſt, da riß er ſich mit einem Ruck ſo heftig los, daß der gelbe Aufſchlag von ſeinem rechten Aermel in meiner Hand zurück blieb. Das iſt wahr, das iſt wahr! rief Blücher vergnügt. Ja, wahr iſt's! ſagte der Greis ruhig, aber wahr is auch, daß ick den Fahnenjunker doch feſt hielt, und bracht ihn zu dem Obriſten von Belling, und ſagt ihm, daß ick das junge, allerliebſte Bürſchken zum Gefangenen gemacht hätt'. Dem Obriſten gefiel auch ſein nettes 140 Geſicht, und ſein friſches Weſen, und er behielt den ſchwediſchen Fahnen⸗ junker bei ſich, und macht'n ſchon den andern Tag zum Cornet, und ließ den kleinen Fahnenjunker Blücher bei den Schweden um ſeinen Abſchied einkommen. Und ich erhielt meinen Abſchied, rief Blücher, ganz in ſeine Er⸗ innerungen verſenkt, und ich ward preußiſcher Soldat. Der gute, brave Obriſt Belling kaufte mir eine Feldrüſtung und machte mich zu ſeinem Adjutanten, und zum Lieutenant. Gott ſei ſeiner lieben Seele gnädig! Der Belling war ein edler Mann, und ihm verdank ich Alles, was ich bin. Ne, Herr General, ſagte Hennemann, mir verdanken Sie Alles, denn wenn ick Sie damals nicht gefangen nahm— Ja, das iſt wahr, rief Blücher lachend, wenn Ihr mich damals nicht gefangen nahmt, ſo wär' ich jetzt ein alter penſionirter ſchwe⸗ diſcher Knaſterbart. Aber Ihr habt mich gefangen genommen, ich glaub's wirklich, daß Ihr es gethan habt! Ick hab'n Wahrzeichen, daß ick es gethan habe, ſagte der alte Mann feierlich. Chriſtian! Hier bin ich, Vating, ſagte Chriſtian aufſtehend. Was giebt's, Vating? Gieb mir de Brieftaſche mit de Papiere her! Chriſtian zog aus ſeinem blauen Kittel eine lederne, brannrothe Brieftaſche hervor, und reichte ſie ſeinem Vater dar. Da, Vating, ſagte er, es iſt Alles drin, der Taufſchein, der Werbezettel, die Abmeldung und das Andere. Grade das Andere will ick haben, ſagte der Greis, die Brieftaſche öffnend, und hier iſt es ſchon. Er nahm aus der Brieftaſche ein gelbes Stück Tuch hervor, und reichte es Blücher dar. Der Aufſchlag von meinem Aermel! rief Blücher freudig, das Stück Zeug hoch emporſchwingend. Ja, Hennemann, Ihr ſeid's wirk⸗ lich, Ihr habt mich gefangen genommen, Euch verdanke ich es, daß ich heute preußiſcher General bin! Und ich verſpreche Euch, ich will Euch nun auch ein gutes Löſegeld bezahlen. Gebt mir die Hand, Altet, wir zu upfünfzig Jn zun Gefanger Toge bei nir Mecklenburg, wenn Ihr ma plattdeutſches Ach Got mehr, Herr( nir die Kehle Ja ſo, aus ſeiner T wohl nicht m plattdeutſches ſeht Ihr, He daß ſi gar Jü gla nich, und me Und es Lied ſingen! Aber vi mann. Sag Jo, ich Juting! Nu, da uf gut mei Richtg ſo, ich hab doch, alz ſt ſie nich ſo derwegener Und wie j üng! Ich ilſo wiede chwediſchen Fahnen⸗ zu Cornet, und chweden um ſeinen Jarz in ſeine Er⸗ Soldat. Der ʒute, nd machte mich zu ſeiner lieben Seele nverdank ich Alles, rdanken Sie Alle, Ihr mich damals penſionirter ſchwe en genommen, ich abe, ſagte der alte end. Vas giebt', ederne, braunrothe r . der Tuufſchein, de reis, die Brieftaſche Tuch hervor, und freidig, das n u i vi⸗ wanke ich, do che Euch, ih w ücher ebt nir die H 141 Alter, wir zwei Beide gehören zuſammen. Ihr habt mich vor zwei⸗ undfünfzig Jahren zum Gefangenen gemacht, jetzt aber mache ich Euch zum Gefangenen, und Ihr müßt bei mir bleiben, und Ihr ſollt gute Tage bei mir haben, und zuweilen Abends da erzählt Ihr mlr von Mecklenburg, und wie's da ausſieht, und von Roſtock, und— na, und wenn Ihr mal recht luſtig ſeid, na, da ſingt Ihr mir ſo'n luſtiges plattdeutſches Lied vor. Ach Gott, rief der Greis entſetzt, Lieder ſingen kann ick nicht mehr, Herr General. Ick bin achtzig Jahr alt, und die Jahre haben mir die Kehle ausgetrocknet. Ja ſo, freilich, Ihr ſeid achtzig Jahr, ſagte Blücher, einige Züge aus ſeiner Thonpfeife nehmend, freilich achtzig Jahr,— da ſingt man wohl nicht mehr. Aber ich möcht doch ſo gern mal wieder ein luſtiges, plattdeutſches Lied hören. Hab's fünfzig Jahr nicht gehört, denn hier, ſeht Ihr, Hennemann, hier ſind die Menſchen ſo dumm und ungebildet, daß ſie gar kein plattdeutſch Lied verſtehen. Ick glaub's wohl, ſagte der Greis gewichtig, das iſt auch ſo leicht nich, und man muß ein mecklenburgiſch Kind ſein, um es zu verſtehen. Und es iſt ein rechter Jammer, daß Ihr mir kein mecklenburgiſch Lied ſingen könnt, ſeufzte Blücher, eine Rauchwolke blaſend. Aber vielleicht kann der Chriſtian eins ſingen, ſagte der alte Henne⸗ mann. Sag' mal, Chriſtian, kannſt Du'n Lied? Ja, ich kann Eins, Vating! rief Chriſtian, ſich räuspernd. Vating! rief Blücher. Was bedeutet das, Vating? Nu, das bedeutet, daß er ſeinen Vater lieb hat, und daß er darum auf gut mecklenburgiſch ſtatt Vater ganz zärtlich„Vating“ ſagt. Richtig, jetzt fällt mir's ein, rief Blücher. Vating! Mutting! Ja, ja, ich hab' auch ſo geſagt: Mutting! Mein Mutting! Ach, iſt mir doch, als ſäh' ich eben die ſchönen, blauen Augen meiner Mutter, wenn ſie mich ſo ſanft und gut anſchauet und ſagt:„Du biſt ein wilder, verwegener Junge, Gebhard, ich fürcht', du wirſt nimmer guts thun!“ Und wie ich dann ſchmeichelte und bat:„Mein Mutting, mein Mut⸗ ting! Ich will nicht mehr wild ſein, und nicht mehr unartig. Sei alſo wieder gut, mein Mutting!“— Und ſie ward immer wieder gut, 142 und red't mir immer wieder das Wort beim Vater, wenn der wüthend ward, und ſchalt, weil ich ſtatt hinter den Büchern zu ſitzen und in die Schule zu gehen, immer im Wald, auf der Jagd, oder auf dem Feld mich herum trieb. Und endlich, als ich ein vierzehnjähriger Junge war, und immer noch nicht gut thun wollte, da brachten ſie mich nach der Inſel Rügen zu meiner Schweſter, und zu meinem Schwager, dem Herrn von Krackwitz. Aber das dauerte nicht lange. Die Schweden kamen auf die Inſel Rügen, und ich fühlt', daß ich Soldat werden müßte, und lief zu den Schweden und ward Soldat. Na, und Soldat wußt' ich werden, das lag in meiner Natur. Ich war bis dahin geweſen, wie ein Fiſch auf trockenem Land, der mit dem Schwanz hin- und herſchlägt, und nicht mal'ne Fliege zerquetſcht; ich wälzt' mich aber in's Waſſer, und nun ging es luſtig zu. Wär' ich nicht in's Waſſer gekommen, ſo hätt' ich bald den Tod gekriegt.*) Aber wie ich nu im Waſſer war, ich mein', wie ich nu Soldat war, da hat ich doch was verloren, meine Mutter hatt' ich verloren; hab' ſie niemals wieder geſehen, weiß nur, daß ſie viel um mich geweint hat. Und hab's ihr nicht abbitten können, hab' nicht ein einziges Mal zu ihr ſagen können:„Sei wieder gut, mein Mutting! Lieb Mutting!“ Ich kam in's wilde Leben, und ſie ſaß in Roſtock und grämte ſich um mich, und dacht' immer noch, es würd' niemals was Rechts aus mir werden, und ich lag noch in Garniſon als Premierlieutenant, da ſchrieben ſie mir, daß meine Mutter geſtorben ſei. Ja, ſie iſt geſtorben, ohne daß ich an ihrem Bett ſtand, und ſagt':„ſei mir wieder gut, mein Mutting!“ Aber nu ſag' ich's, und ruf's ihr zu aus Herzensgrund: „mein Mutting, lieb Mutting! Sei mir wieder gut!“ Und indem Blücher ſo ſprach, hob er das Haupt empor, und heftete ſeine großen, blauen Augen mit einem rührenden, kindlichen Ausdruck des Flehens zum Himmel auf. Der alte Hennemann hatte andächtig die Hände gefaltet, und zwei Thränen rannen langſam über ſeine runzelichten Wangen nieder. *) Blüchers eigene Worte. Siehe: Blücher, der Marſchall Vorwärts. Ein Volksbuch. Chritian ſtn jrmel die feuc Zum Do ſind. Das bo Hatt' wahrhaf daß ich n alt ich wär noch Berzeihung bi deutſch Lied. Ich kann das Spinnlie ſungen hat. Na, mu ſeine Pfeife b Chriſtan wenn der wüthend uſitzn und in die d, oder auf den n vierzehnjihriger e, da brachten ſie und zu meinem merte nicht lange. h fühlt, daß ich und ward Soldat. einer Natur. Ich m Lund, det mit Fliege zerquetſchtz luſtig zu. Wär Tod getriegt.) nu Soldat war, h verloren; hab' um mich geweint ein einziges Mal Lieb Mutting!“ d grämte ſich um Rechts aus mir tenant, da ſi iſt geſtorben, wieder gut, mein Hetzensgrund: 6 t empor, und kindlichen efaltet, und zwei Wangen nieder 143 Chriſtian ſtand drüben an der Thur, und trocknete ſich mit dem Rock⸗ ärmel die feuchten Augen. Zum Donner, rief Blücher auf einmal, was das für Narrheiten ſind. Das kommt davon, wenn man ſich in die Erinnerungen vertieft. Hatt' wahrhaftig über all dem mecklenburgiſchen Geplauder vergeſſen, daß ich'n alter Knabe von ſiebenzig Jahren bin, und dacht' wieder, ich wär' noch der unartige Bengel von damals her, der's Mutting um Verzeihung bitten wollt'. Na, Chriſtian, nu ſing' mir mal ein platt⸗ deutſch Lied. Ich kann man blos ein Lied, ſagte Chriſtian verlegen. Blos das Spinnlied, das mir die Rieke Abends in der Spinnſtube ge⸗ ſungen hat. Na, nu ſing' uns mal Dein Spinnlied, ſagte Blücher, indem er ſeine Pfeife betrachtete, die ſeit einiger Zeit nur mühſam weiter brannte. Chriſtian aber räusperte ſich und ſang: Spinn doch, ſpinn doch, min lütt' lewes Döchting, Ick ſchenk Di ock'n poor hübſche Schoh! Ach Gott, min lewes, lewes Mütting, Wat helpen mi de hübſchen Schoh! Kann danzen nich, un kann nich ſpinnen, Denn alle mine teigen Finger, De dohn mi ſo weh, De dohn mi ſo weh! Spinn doch, ſpinn doch, min lütt lewes Döchting, Ick ſchenk Di ock'n ſchön Stück Geld. Ach Gott, min lewes, lewes Mütting, Ick wull, ick wihr man ut de Welt. Kann danzen nich, un kann nich ſpinnen, Denn alle mine teigen Finger, De dohn mi ſo weh, De dohn mi ſo weh! Spinn doch, ſpinn doch, min lütt lewes Döchting. Ick ſchenk Di ock'n hübſchen Mann! Ach jo, min lewes, lewes Mütting, Schenk mi'n lewſten, beſten Mann. 144 Kann danzen nu, un kann ock ſpinnen, Zeiten, und Denn alle mine teigen Finger, zuſehen, wie De dohn nich mihr weh, Ne, H De dohn nich mihr weh!*) Soldat hat Ein allerliebſtes Lied, ſagte Blücher behaglich, und ich mein', ich Nn, w c 6 1: 6 6 Den F hab's auch als Junge ſingen hören. Ich dank' Dir, Chriſtian, haſt Yen Ft gut geſungen. Aber nun ſagt mir, alter Hennemann, was ſoll denn zu ſchneißen nun mit dem Chriſtian werden? Ihr bleibt hier auf Kunzendorf, und nit krüftige ich will ſchon ſorgen, daß Ihr gut gepflegt werdet! Aber was machen Jo, ſa wir mit dem Chriſtian? guch dabei. 3 Er wollt' gern Soldat werden, Herr General, ſagte Hennemann Es m 6 ſchüchtern, und juſt darum bracht' ick'n zu Ew. Excellenz. Ick wollt' ſagt, es m 5„„—„ † Sie bitten, daß Sie ihn annehmen, und ſo'n guten Soldaten aus geſchmiſſen ihm machen, wie Sie ſelber einer ſind. helfen, will 1 11„ ⸗* Blücher lächelte. Ich habe mich durchgeſchlagen, ſagte er, aber Ja, de es waren auch gute Zeiten für'nen Soldaten. Jetzt aber ſind ſchlechte Blicher tra ſtand geſetzt 11*) Spinne, ſpinne, meine liebe Tochter, ſ Ich ſchenk' Dir ein Paar neue Schuh! denn da Ach, meine liebe, liebe Mutter, brennen! Was helfen mir die hübſchen Schuh. Kann tanzen nicht, und kann nicht ſpinnen, Und er Denn alle meine zehen Finger und blies d Die thun mir ſo weh, 8 Die thun mir ſo weh! Yarun Spinne, ſpinne, meine liebe Tochter, aht Chriſ 6 Ich ſchenk' Dir auch ein ſchön Stück Geld. ſchlecht geſt Ach, meine liebe, liebe Mutter, 6 Ich wollt' ich wär' nur aus der Welt. 3 Kann tanzen nicht, und kann nicht ſpinnen, ſoppt mir Denn alle meine zehen Finger 3 Die thun mir ſo weh, Ra, d Die thun mir ſo weh! Chriſtin 9 Spinne, ſpinne, meine liebe Tochter, die nicht Ich ſchenk' Dir auch'nen hübſchen Mann. ſchlecht e Ach ja doch, meine liebe Mutter, 2 6 Schenk' mir den liebſten, beſten Mann. geſtern th Kann tanzen nun, und kann auch ſpinnen, p. Denn alle meine zehen Finger er 1 Die thun nicht mehr weh, und er ha Die thun nicht mehr weh! den erſte en 6 5. Mihlb ach, und ich mein, ich r, Chriſtan, haſt nn, was ſoll denn f Kunzendorf, und Aber was machen ſagte Hennemann cellenz. It woll' iten Soldaten aus n, ſagte er, aber aber ſind ſchlechte 145 Zeiten, und der preußiſche Soldat hat nichts zu thun, und muß ruhig zuſehen, wie der verdammte Franzmann in Preußen wirthſchaftet. Ne, Herr General, ſagte Henneman, ick mein', der preußiſche Soldat hat doch grade was zu thun. Na, was meint Ihr denn, daß er zu thun hat? fragte Blücher. Den Franzmann, der in Preußen wirthſchaftet, aus Preußen raus zu ſchmeißen, das hat der preußiſche Soldat zu thun, ſagte der Greis mit kräftiger Stimme. Ja, ſagte Blücher ſchmunzelnd, wenn das ſo ginge, dann wär'ich auch dabei. Es muß gehn, Herr General, rief Hennemann, jeder ehrliche Kerl ſagt, es muß gehn, der Franzmann macht es zu arg. Er muß raus geſchmiſſen werden aus Deutſchland. Na, und dabei will mein Chriſtian helfen, will Soldat werden, und die Franzoſen raus ſchmeißen helfen. Ja, dann muß er ſich aber an einen Andern wenden, ſagte Blücher traurig. Ich kann ihm nicht helfen, denn ich bin in Ruhe⸗ ſtand geſetzt, ich habe keine Regimenter, ich— Aber alle Wetter, was iſt denn das heute mit meiner Pfeife! Das Ding will ja gar nich brennen! Und er wühlte mit dem kleinen Finger in dem Pfeifenkopf umher, und blies dann wieder mächtig in das Rohr. Darum will die Pfeife nicht brennen, weil ſie ſchlecht geſtoppt iſt, ſagte Chriſtian. Ick hab's gleich von Anfang an geſehen. Sie iſt ſchlecht geſtoppt. So? fragte Blücher. Was verſtehſt Du davon? Der Jochen ſtoppt mir ſchon vier Jahr die Pfeife, und verſteht's alſo! Na, dann macht der Jochen es ſchon vier Jahr ſchlecht, ſagte Chriſtian gelaſſen. So'ne Thonpfeife zu ſtoppen, das iſt'ne Kunſt, „bie nicht Jeder verſteht, und das erſte Mal brennt ſo'ne Pfeife immer ſchlecht. Sie muß erſt angeraucht werden, und das hätt' der Jochen geſtern thun müſſen, wenn der Herr General heut' rauchen wollt'. Der verſteht ſich wahrhaftig ſehr auf'ne Thonpfeife, rief Blücher, und er hat Recht, den zweiten Tag ſchmeckt'ne Thonpfeife beſſer, als den erſten Tag. Mühlbach, Napoleon. III. Bd. 10 —— —————— 146 Na, drum müßt' für Blüchern immer der zweite Tag der erſte ſein, ſagte Chriſtian. Er hat Recht, rief Blücher lachend, es wär' weiß Gott beſſer, wenn der zweite Tag immer der erſte wär. Na und jetzt weiß ich, was der Chriſtian werden ſoll, mein Pfeifenmeiſter! Pfeifenmeiſter? fragten der alte Hennemann und Chriſtian zu gleicher Zeit. Pfeifenmeiſter, was iſt das? Das iſt'n Mann, der mir meine Pfeifen in Ordnung hält, ſagte Blücher mit wichtiger Miene, ein Mann, der mir den zweiten Tag zum erſten macht, und mir die Pfeifen anraucht, der ſie Abends wieder in den Kaſten legt, und auch die abgebrochenen Pfeifen, die Stummel, gut aufhebt, und ſie mir ſo lange ſtoppt, als es irgend geht. Wer nen Stummel nicht achtet, der iſt auch'ne lange Pfeife nicht werth. Ne gute Pfeife aber, und'nen guter Taback, das iſt die Hauptſach' im Leben. Ach, hätt' ich 1807 in Lübeck noch Pulver für die Kanonen, und Toback für die Menſchen gehabt, ſo hätt' ich den Franzoſen da⸗ zumal noch Dampf und Qualm genug vorgemacht.*) Na, Chriſtian, Du ſollſt alſo mein Pfeifenmeiſter werden, und gieb Dir Müh', daß Du Dein Amt gut verwalteſt. Müh' geben will ich mir gewiß, ſagte Chriſtian, und ich verſprech' auch dem Herrn General, daß ich den Stummel auch achten, und ihn nicht bei Seit' ſchmeißen will, eh's Noth thut. Aber, wenn's nun Krieg wird, Herr General, und Sie fortziehen, was ſoll dann aus mir werden? Na, dann ziehſt Du mit in den Krieg, ſagte Blücher. Was ſollt' ich denn im Krieg anfangen, wenn ich nicht immer eine Pfeife hätt'? Ohne eine Pfeife Toback bin ich gar nichts nütze.**) Ich muß aber, ſo Gott will, Preußen noch recht viel nützen, und alſo brauch' ich vor allen Dingen im Krieg eine Pfeife Toback. Na, nu alſo kurz und gut: willſt Du mein Pfeifenmeiſter werden im Frieden und Krieg, Chriſtian? *) Blüchers eigene Worte. Siehe: Marſchall Vorwärts. Ein Volksbuch. **) Blichers eigene Worte. Jo, Her und Krig, ſ Himmel, es Pfeife fehlen, Franznam ſe Recht ſo jeßt Deinen! Frinnerung heißen. Das Alſo, es iſt! thut mir den gnügt, und meiſter, kling Der ne eilte herein. Jochen! hier me Ehr 1760 gefan den Aermela Unifomn von zum Andenke alſo, daß de ich ihws 95 zu thun, als Abend, wen Krieg, den lommen, die wißt Du, ben. Ube behuden, und zu prin auf den W Virthſcaf wo ſie wol ag der erſte Gott beſſet, etzt weiß ich, Chriſtian zu g hült, ſagte zweiten Tag lbends wieder die Stummel, dgeht. Wet nicht werth. ie Hauptſach die Kanonen, Franzoſen da⸗ Chriſtian, Mih', daß ich verſprech hten, und ihn wenn's nun ll dann aus Vs ſclt muß aber, runch ich vr alſo kurz und und Krieg, gollibuch 147 Ja, Herr General, ich will Ihr Pfeifenmeiſter werden in Frieden und Krieg, ſagte Chriſtian feierlich. Und ich ſchwör's bei Gott im Himmel, es ſoll dem General Blücher niemals an'ner brennenden Pfeife fehlen, und müßt' ich mir dazu die brennende Lunte von'n Franzmann ſeine Kanonen holen, um ſie anzuzünden. Recht ſo, Du biſt angeworben, Chriſtian, und Du kannſt gleich jetzt Deinen Dienſt antreten. Du biſt mein Pfeifenmeiſter, aber zur an's liebe Mecklenburg ſollſt Du mein„Pipenmeiſter“ heißen. Das klingt beſſer, und man denkt dabei an's liebe Vaterland! Alſo, es iſt Alles abgemacht! Ihr, alter Hennemann, bleibt hier, und thut mir den Gefallen, und lebt noch recht lange, und ſeid recht ver⸗ gnügt, und Du, Chriſtian, biſt mein Pipenmeiſter. Na nu, Pipen⸗ meiſter, klingel mal! Der neue Pipenmeiſter ließ die Klingel ertönen, und Jochen eilte herein. Jochen! ſagte Blücher feierlich. Ich bin dieſem alten Huſaren hier'ne Ehrenerklärung ſchuldig. Er iſt der richtige, der mich Anno 1760 gefangen genommen hat. Er hat mir's Wahrzeichen gebracht, den Aermelaufſchlag hier. Da nimm ihn, und kannſt ihn an die alte Uniform von dem ſchwediſchen Fahnenjunker Blücher, die ich immer zum Andenken aufgehoben habe, anheften, er wird paſſen. Du ſiehſt alſo, daß der alte Huſar Hennemann ein ehrlicher Kerl iſt, und daß ich ihm's Löſegeld noch ſchuldig bin. Er bleibt hier, und hat nichts zu thun, als gut zu eſſen und zu trinken, in der Sonne zu ſitzen, und Abends, wenn er will, Euch Geſchichten zu erzählen vom ſiebenjährigen Krieg, den er mitgemacht hat. Sollten nu aber wieder alte Huſaren kommen, die ſagen, daß ſie mich damals gefangen genommen, na, dann weißt Du, daß es nicht wahr iſt, und brauchſt ſie mir nicht vorzu⸗ laſſen. Aber mußt die armen, alten Kerls darum doch nicht ſchlecht behandeln, und ſie nicht Betrüger ſchimpfen. Giebſt ihnen zu eſſen und zu trinken, ein Nachtlager, und den andern Tag einen Thaler mit auf den Weg. Und nun bring den alten Mann mit ſeinem Sohn in's Wirthſchaftshaus, und der Inſpector ſoll ihnen da eine Stube geben, wo ſie wohnen ſollen. Und noch Eins, fügte Blücher zögernd und faſt 10* 148 verlegen hinzu,— Du haſt zu viel zu thun, Jochen, Du mußt Hülf' haben. Meine Pfeifen nehmen Dir zu viel Zeit weg, und darum ſoll der junge Menſch da Dir helfen. Ich hab' den Chriſtian Hennemann zu meinem Pipenmeiſter gemacht. Na, und nun kein Wort weiter, führ' die beiden Leut' in's Wirthſchaftshaus, und ſeid gute Freunde mit einander, hört Ihr, gute Freunde! Jochen verneigte ſich ſchweigend und gab den beiden Mecklenburgern einen Wink, ihm zu folgen. Blücher ſchaute ihnen mit ſcharfen, prü⸗ fenden Augen nach. Hm, ganz in Freundſchaft wird's nu doch wohl nicht abgehen, ſagte er, ſich lächelnd ſeinen Bart ſtreichend. Jochen iſt ärgerlich über den Pipenmeiſter, und wird's ihm bei nächſter Gelegenheit eintränken. Na, mir iſt's recht, wenn ſie ſich mal tüchtig durchbläuen. Es wär' doch immer'ne kleine Abwechslung, denn ſo iſt's auch gar zu lang⸗ weilig hier! Ach Gott, mein Gott, wie lang ſoll denn das noch ſo fortgehen! Wie lang ſoll ich noch hier ſitzen und warten, bis daß Preußen und der König mich rufen, daß ich den Napoleon zum Lande raus ſchmeiße! Wie lange ſoll ich noch die Hände in den Schooß legen, und müßig da ſitzen, während der verwünſchte Bonaparke in Rußland Siege auf Siege erkämpft! Hab' doch nicht mehr viel Zeit, lange zu warten, und— Na nu, unterbrach er ſich auf einmal, indem er raſch zum Fenſter trat, was iſt denn das? Fährt denn da nicht ein Wagen in den Hof? Ja, es war wirklich ein Wagen, der da eben in das eiſerne Hof⸗ thor einfuhr, und mit donnerndem Geräuſch über das Pflaſter des großen Vorplatzes heran rollte. Na, bin doch neugierig, wer das iſt? brummte Blücher vor ſich hin, indem er mit ſcharfem Falkenblick ſeine Augen in das Innere des Wagens hineinbohrte, der eben vor dem Schloß anhielt. Auf einmal ſtieß er einen lauten Freudenſchrei aus, und mit der Eilfertigkeit eines Jünglings ſtürmte er aus dem Salon hinaus. Er iſts, thür ſtürzend der eben, tie aus dem W Scharnhorſtl ſei es die la Jo kon Am um da würts, daß m S tigkeit bemi er dieſen vo Ich m ſicht weines ichs kiſſen! Sie 1 tal binken Und, noch einm Nun, laſe , ſa Gute AVachrichten. Er iſt's, er iſt es wirklich! rief General Blücher, aus der Haus— thür ſtürzend und mit ausgebreiteten Armen zu dem Herrn hineilend, der eben, tief in den ruſſiſchen Pelz eingehüllt, mit ſeinen zwei Dienern aus dem Wagen hernieder ſtieg. Mein Scharnhorſt, mein geliebter Scharnhorſt! Und er ſchloß den Freund ſo feſt in ſeine Arme, als ſei es die langerſehnte Geliebte, die er endlich an ſeinen Buſen drücke. Blücher, mein theurer Freund, laſſen Sie mich los oder Sie er⸗ drücken mich! rief Scharnhorſt lachend. Und kommen Sie, laſſen Sie uns in's Haus gehen, da wollen wir uns begrüßen! Ja, kommen Sie, liebſter, beſter Freund! ſagte Blücher, und ſeinen Arm um den Nacken Scharnhorſt's legend, zog er ihn ſo haſtig vor⸗ wärts, daß dieſer, athemlos keuchend, kaum zu folgen vermochte. Im Salon angelangt, war Blücher mit zuvorkommender Geſchäf⸗ tigkeit bemüht, den Freund ſeines Reiſepelzes zu entledigen, und indem er dieſen vor übergroßer Haſt an die Eide warf, riß er Scharnhorſt die große, pelzverbrämte Reiſemütze ab. Ich muß Sie anſehen, Freund, rief er zärtlich, ich muß das Ge⸗ ſicht meines lieben Scharnhorſt ſehen, und jetzt, da ich's ſehe, jetzt muß ich's küſſen! Er preßte einen zärtlichen Kuß auf Scharnhorſt's Lippen. So, ſagte er, das hat mir ſo köſtlich geſchmeckt, wie Einem, der in der Wüſte eben im Verſchmachten begriffen iſt, und findet da auf einmal eine Quelle, an der er ſich laben kann. Scharnhorſt, mein Freund, thun Sie mir den einzigen Gefallen, und laſſen Sie mich noch ein⸗ mal trinken! Und, ohne die Antwort des Freundes abzuwarten, küßte er ihn noch einmal. Nun, jetzt aber müſſen Sie mich auch einmal zu Wort kommen laſſen, ſagte Scharnhorſt lachend. Und vor allen Dingen, Freund, 150 müſſen Sie ſich auch von mir betrachten laſſen! Bedenken Sie, es iſt faſt ein Jahr her, ſeit ich nichts von Ihnen geſehen, als Ihre Schriftzüge. Und das ſind ſehr unleſerliche Geſellen! lachte Blücher. Sie ſind wenigſtens nicht ſo leſerlich und verſtändlich, als Ihr liebes Angeſicht, ſagte Scharnhorſt. Da, auf dieſer Stirn und in dieſen Augen, da iſt raſch und leicht Alles zu leſen, was Ihr präch⸗ tiger Kopf denkt, und Ihr ſchönes Herz fühlt. Und ich leſe jetzt darin, daß ich Ihnen wirklich willkommen bin, und daß ich gar nicht um Entſchuldigung zu bitten habe wegen meines unangemeldeten Beſuchs. Um Entſchuldigung bitten! rief Blücher. Sie wiſſen's wohl, daß Sie mir eine wahre Herzensfreude gemacht haben durch Ihr Konmen, und daß mir iſt, als ob's plötzlich Frühling in der Welt werde, und alles Eis aufthauete unter Ihren prächtigen Blicken. Wir wollen aber doch nicht wünſchen, daß der Frühling dies Mal früh kommt, um das Eis aufzuthauen. Wir brauchen viel Eis und Froſt, um dem Bonaparte damit in Rußland eine Mauſefalle zu bauen. Blücher warf auf ihn einen ſeiner raſchen Feuerblicke. Scharn⸗ horſt, fragte er athemlos, Sie ſind gekommen, um mir wichtige Nach⸗ richten zu bringen, nicht wahr? Oh ich bitte Sie, ſprechen Sie! Nicht wahr, Sie ſind gekommen, um mir zu ſagen, daß es jetzt Zeit iſt, loszuſchlagen? Nein, ich bin einfach gekommen, um Sie zu ſehen, ſagte Scharn⸗ horſt lächelnd. Und Sie ſind wahrlich ein kaltherziger Freund, daß Sie vermeinen, es bedürfe noch eines andern Grundes für meinen Beſuch, als eben der Freundſchaft. Hm, ſagte Blücher faſt verlegen, ich meine nur ſo, ich dacht', der liebe Gott müßte doch endlich ein Einſehen haben. Na, aber es iſt ſchön von Ihnen, daß Sie blos um meinetwillen hergekommen ſind, und noch dazu in der abſcheulichen Winterkälte, und in Ihrem Alter. In meinem Alter? rief Scharnhorſt lächelnd. Nun ja, Freund, in Ihrem Alter! Sie müſſen, wenn mir recht iſt, nahe an die ſechszig Jahre alt ſein, und da iſt das Reiſen in kalter Winterszeit doch wohl beſchwerlich, und— na, was lachen Sie? * Da Si guch erlaubt Na, w die aufn Y Nun al Ich“ Und ich das Alter t Schneeglck Jo, 8 Alter verge Das! horſt ihnz Schulter le junge Blie junge Blie vorzagt, w Es gi Ihnen an. ſchecht iſ. Nein, bringe mu Dingen zu Jo, d beinah ve Genenl, Er n Salon in neruln hi Nur meine Fr Wir Wol achtet ha en Sie, es „als Ihre ich, als Ihr ötirn und in s Iyr ptic⸗ ich leſe jetzt ich gar nicht alle zu bauen. de. Scharn⸗ Sjp echen Ste⸗ s jetzt Zeit ſaute Scharn⸗ eund, daß für meinen 151 Da Sie von meinem Alter ſprechen, theuerſter Freund, iſt es wohl auch erlaubt, von dem Ihrigen zu ſprechen? Na, warum nicht? Wir ſind ja keine heirathsfähigen Mädchen, die auf'n Mann lauern. Nun alſo, mein lieber General Blücher, wie alt ſind Sie? Ich? Na'n bischen über ſiebenzig Jahr. Und ich bin ſechs und fünfzig Jahr, und Sie meinen, daß mich das Alter drückt, während es auf Ihrer Stirn wie ein Kranz von Schneeglöckchen bimmelt und jubilirt. Ja,'s iſt wahr, ſagte Blücher verlegen, ich hatte wahrhaftig mein Alter vergeſſen. Das macht, Ihr Herz iſt noch ſo jung und friſch, rief Scharn⸗ horſt, ihn zärtlich anblickend, und die Hand auf Blüchers breite, kräftige Schulter legend. Sie ſind, Gott ſei dafür geprieſen, noch immer der junge Blücher mit dem Feuerkopf, und dem ſtarken Heldenarm, der junge Blücher, deſſen Adlerauge in die Zukunft ſchaut, und der nicht verzagt, wenn die Gegenwart auch trübe und umdüſtert erſcheint. Es giebt doch was Neues, General, ſagte Blücher lebhaft, ich ſeh's Ihnen an.»Ne Nachricht bringen Sie, Gott weiß, ob ſie gut oder ſchlecht iſt. Aber irgend'ne Nachricht iſt's. Nein, nein, mein jugendlicher Feuerkopf, rief Scharnhorſt, ich bringe nur mich ſelbſt, und dieſes Selbſt möchte ich jetzt vor allen Dingen zu den Füßen Ihrer Gemahlin niederlegen. Ja, das iſt wahr, ſagte Blücher, über all meiner Freude hätt' ich beinah vergeſſen, daß meine Male ſie theilen muß. Kommen Sie, General, ich führe Sie zu meiner Frau! Er nahm Scharnhorſt's Arm und geleitete ihn raſch durch den Salon in das anſtoßende Gemach nach den Wohnzimmern der Ge⸗ neralin hin. Nur ganz leiſe gegangen, ſagte Blücher, Sie wiſſen, wie ſehr meine Frau Sie verehrt, und wie ſie ſich freuen wird, Sie zu ſehen. Wir wollen ſie alſo überraſchen. Sie wird Ihren Wagen nicht be⸗ achtet haben, und ſehen konnte ſie ihn nicht, denn ihre Fenſter liegen 152 nach dem Garten hinaus. Alſo weiß ſie noch gar nichts, und wie wird ſie ſich freuen! Still jetzt! Er ſchlich leiſe an die Thür und klopfte. Male, ſagte er, biſt Du drin und kann ich kommen? Ja, gewiß bin ich drin, rief die Stimme der Generalin, und Du weißt wohl, daß ich Dich ſchon ſeit zwei Stunden erwarte. Tritt ein! Ich bringe Beſuch mit, Male, ich darf doch? fragte Blücher, ohne noch die Thür zu öffnen. Beſuch? fragte die Generalin, indem ſie die Thür öffnete. Der General von Scharnhorſt! rief ſie dann, freudig zu dem General hin⸗ eilend und ihm ihre beiden Hände darreichend. Willkommen, will⸗ kommen, Herr General, und das Schickſal möge Sie belohnen für den prächtigen Einfall, daß Sie mich alte Frau und meinen jungen Mann in unſerer Wintereinſamkeit aufſuchen. Kommen Sie, General, erzeigen Sie meinem Zimmer die Ehre, es zu betreten. Sie nahm den Arm des Generals und zog ihn vorwärts in ihr Gemach. Blücher folgte, indem er ſich lächelnd den langen weißen Schnurrbart durch die Finger ſtrich. Scharnhorſt, ſagte er, ich will Ihnen doch'n guten Rath geben. Machen Sie meiner Frau nicht allzu ſehr den Hof, denn ſie hat Recht, ich bin noch'n junger Mann, und mein Herz iſt noch ſo jung, daß es eiferſüchtig werden könnt', und das wär' doch eine ſchlimme Geſchicht', wenn ich auf den Scharnhorſt eiferſüchtig werden ſollt'! Müßte mich dann mit ihm duelliren, und Einer von uns müßt' ſterben, und doch hat uns der liebe Gott dazu beſtimmt, Preußen zu befreien und den verhaßten Bonaparte aus Deutſchland fortzujagen. Sehen Sie nur, Frau Generalin, welch ein ſchlauer und eigen⸗ ſinniger Intriguant er iſt! rief Scharnhorſt. Benutzt meine grenzen⸗ loſe Verehrung für Sie, um ſich daraus einen Stab zu machen, mit dem er in ſein Lieblingsfeld, die Politik, einwandert. Denken Sie, Generalin, der Barbar meint, es ſei ganz unmöglich, daß ich blos aus zärtlicher Freundſchaft hierher komme, und will durchaus behaupten, daß es die leidige Politik iſt, die mich hergeführt! 3o je, Geliebte Nein, le nichts, und ie gur keine Pol derben wan b Politik hat da die Politik ni haben, ſtatt d lund kämpfen aber noch di Herren müßt ein bischen n Nichts ſ da kommt Jot talin ihren( bebend vor grimmige G Konmen die Generli therich gieb Partet: Sinn, ich nit beiden. Pölthen em Nenſcheni u ſolſt Du die Muſche Du venn, Jena, do, d Und dieſe, lchkeiten, d uſchg nd wie wird Ulin, und Du Tritt ein! lücher, ohne Der eral hin⸗ Rath geben. e hat Recht, jung, daß „Geſchicht, Mißte nich „und doch eien und den r und eigen⸗ e grenzen⸗ machen, mit Denken Sie daß ich blos behauptel, 153 Ja, ja, ſagte die Generalin lächelnd, das iſt Blücher's eigentliche Geliebte. Nein, lachte Blücher, von Politik da verſteh' ich nu grad' gar nichts, und ich glaub', die Welt wär' viel weiter gekommen, wenn es gar keine Politik gäbe. Die Federfuchſer und Dintenklexer, die ver⸗ derben man blos immer wieder, was das Schwert gut macht! Die Politik hat das ganze Unglück über Deutſchland gebracht, und wenn die Politik nicht geweſen wär', ſo würden wir längſt losgeſchlagen haben, ſtatt daß wir unſere Soldaten für den Bonaparte gegen Ruß⸗ land kämpfen laſſen. Ich ſag', das iſt'n Unſinn, über den ich mir aber noch die Schwindſucht an den Hals ärgere, ich ſag', daß die Herren müßten Alle mit marſchiren nach Rußland, um in Sibirien ein bischen neumodiſche Politik zu ſtudiren. Ich ſag'— Nichts ſagſt Du mehr über Politik, mein Freund, denn ſieh nur, da kommt Jochen, um zu melden, daß ſervirt ſei, unterbrach die Gene⸗ ralin ihren Gemahl, der glühend vor Zorn, mit blitzenden Augen, bebend vor Aufregung mit den Armen in der Luft umherfocht und grimmige Geſichter dazu ſchnitt. Kommen Sie, General, laſſen Sie uns zur Tafel gehen! ſagte die Generalin, Scharnhorſt die Hand bietend. Und Du, junger Wü⸗ therich, gieb mir auch Deine Hand! Wartet man blos noch'n Augenblick, rief Blücher mit faſt erſtickter Stimme, ich muß mir erſt Luft machen, ſonſt muß ich erſticken! Mit einem wilden Tigerſprung ſtürzte er zu dem Divan hin, und mit beiden Fäuſten auf ihn einhauend, daß der Staub in grauen Wölkchen emporſtieg, ſchrie er: Hab' ich Dich endlich, Du grimmiger Menſchenwürger, biſt Du endlich unter meine Fuchtel gegeben? Wart', nu ſollſt Du lernen, was pommerſche Keile ſind, und was es heißt, die Menſchen cujoniren. Cujonirt ſollſt Du werden, ja, cujonirt ſollſt Du werden, bis Du pater peccavi ſchreiſt. Da, da, das nimm für Jena, da, dieſen Fauſtſchlag dafür, daß ich in Lübeck capituliren mußt'. Und dieſe, und dieſe, und dieſe Püffe für die Grobheiten und Schänd⸗ lichkeiten, die Du unſerer ſchönen Königin in Tilſit angethan. Den Fauſtſchlag hier noch zu guterletzt für den ruſſiſchen Vertrag, zu dem 154 Du unſern König gezwungen haſt, und nun noch'n paar, noch'n paar! Wenn Dich der liebe Gott nicht ſchlagen will, ſo muß es der Blücher thun, es geht nicht anders, er muß es thun! Jetzt iſt es aber genug, mein Freund, rief Amalie, zu ihm hin⸗ eilend und ſeinen ſchon wieder zu neuem Fauſtſchlag erhobenen Arm aufhaltend. Du biſt im Stande und ſchlägſt mir den ganzen Divan entzwei, und glaubſt einen Feldzug gewonnen zu haben, wenn Du den ſchönen Sammet in Fetzen geprügelt haſt. Na ja, nun iſt es genug, und nun iſt mir auch wieder leicht und wohl, ſagte Blücher hochaufathmend und ſich emporrichtend. Ich hab' nun wieder Luft in der Bruſt, und meine Arme ſind nun wieder ge⸗ lenkig und ich kann ſie bewegen, wenn's losgeht. Na, mein Freund, wandte er ſich an Scharnhorſt, der ernſt und nachdenklich ſeinem wil⸗ den Gebahren zugeſchaut hatte, na, ſehen Sie mich nur nicht ſo traurig an. Sie haben Ihnen auch wohl erzählt, daß der alte Blücher manch⸗ mal ganz närriſch iſt, und auf die Fliegen an der Wand einhaut, und die Stühle und Sopha's ausklopft, weil er ſie in ſeiner Verrücktheit für Napoleon hält.*) Ich thu's aber wahrhaftig nicht aus Verrückt⸗ heit, wie die dummen Menſchen ſagen, ſondern es iſt blos ein kleiner Aderlaß, den ich meinem Zorn gönnen muß, damit er mir nicht das Herz zerſprengt. Es iſt blos ſo, als ob Einer Fechtſtunden nimmt, weil er ein Duell vor hat, und ſich'ne leichte Hand einüben will, um nachher ſeinen Mann zu ſchlagen. Aber nun iſt's gut, nun habe ich mich ausgetobt, und nun werde ich ſanft ſein, wie ein Lamm. Ja, ſanft wie ein Lamm, welches die Sache umkehrt, und ſtatt vom Wolf ſich freſſen zu laſſen, ganz bereit iſt, den Wolf zu verſchlingen, ſagte Scharnhorſt lachend. Zu Tiſche, zu Tiſche, meine Herren Generäle! rief Amalie. Aber eine Bedingung! Es darf während des Diners kein Wort von meiner unglücklichen Nebenbuhlerin, der Politik, geſprochen werden, und auch *) Blücher galt in der That wegen dieſer Eigenheit und ſeiner ſeltſamen Wuthanfälle vor dem Ausbruch des Befreinngskrieges für geiſtesſchwach und geſtört. Siehe: Varnhagen v. Enſe. S. 131. den Napoler Speiſen ſre niſchen Pfeff Aber n leber Freun Gehen Sie hab blos de Währen gab und ihn den beiden ralin Blüch Hören einen raſche ihnen entfer Frage. Iſt mit ihm vot angelungte daß er dad Sind J gl Dun, nithelen, wenn er di übewunden Körper ſt das ihn yft Aſſ, ich b So, d da Um! lüſtet mich Gliſer er Sche Nicht en nochn paar! „zu ihm hin⸗ hobenen Am ngen Dum wenn Du den der leicht und Ich hab' un wieder ge⸗ mein Freund, ch ſeinem wil— icht ſo trautig icher manch⸗ einhaut, und er Verrücktheit aus Verrückt⸗ os ein kleinet r nicht das nden nimmt, en will, um mun habe ich hrt, und ſtatt verſchlingen, alie Aber Amalle⸗ Ab rt von meiner n, und auch den Napoleon dürfen Sie mir nicht als ſpaniſchen Pfeffer über unſere Speiſen ſtreuen. Der Blücher hat zu hitziges Blut, um ſolchen ſpa⸗ niſchen Pfeffer vertragen zu können. Aber'n Glas Champagner, das kann er vertragen, wenn ein lieber Freund da iſt, rief Blücher. He, Jochen, komm mal hierher! Gehen Sie nur immer mit der Frau voran, Freund Scharnhorſt, ich hab' blos dem Jochen noch'n Wort vom Weinkeller zu beſtellen. Während Blücher haſtig und leiſe Jochen ſeine gewichtigen Befehle gab und ihn beorderte, eine tüchtige Batterie Champagnerflaſchen vor den beiden Generälen aufzufahren, ſchritt Scharnhorſt mit der Gene⸗ ralin Blücher vorwärts, dem Speiſeſaal zu. Hören Sie, Generalin, flüſterte Scharnhorſt, nachdem er ſich durch einen raſchen Seitenblick überzeugt hatte, daß Blücher zu weit von ihnen entfernt ſei, um ihn hören zu können. Erlauben Sie mir eine Frage. Iſt Ihr Gemahl kräftig, geſund und geiſtesſtart genug, um mit ihm von der Politik reden zu können? Darf ich ihm einige heute angelangte wichtige Nachrichten mittheilen, ohne fürchten zu müſſen, daß er dadurch zu ſehr alterirt und aufgeregt werde? Sind die Nachrichten gut? fragte die Generalin. Ich glaube, daß ſie gut, zum allerwenigſten hoffnungsreich ſind. Dann, Herr General, dürfen Sie ihm dieſelben ohne Bedenken mittheilen, aber, wenn ich bitten darf, erſt nach dem Eſſen, und erſt, wenn er die Freude über Ihren unverhofften, beglückenden Beſuch ganz überwunden hat. Blüchers Geiſt iſt ganz geſund und ſtark, aber ſein Körper iſt ſchwach, und er leidet immer noch an ſeinem Magenübel, das ihm oft, gerade während des Eſſens, gar heftige Schmerzen bereitet. Alſo, ich bitte, während des Eſſens keine Aufregung und keine Politik. So, da bin ich, ſagte Blücher, der ihnen nachgeeilt kam und jetzt den Arm des Generals packte, nun Kinder, kommt raſch, denn es ge⸗ lüſtet mich ſehr, mit meinem lieben Scharnhorſt einmal wieder die Gläſer erklingen zu laſſen.—— Scharnhorſt hatte den Wunſch der Generalin getreulich erfüllt. Nicht ein Wort von Politik war während der Tafel geſprochen worden und nur in heiteren und harmloſen Geſprächen und Scherzen hatte ſich die Unterhaltung bewegt. Jetzt hatte man den Speiſeſaal verlaſſen, und in dem traulichen Wohnzimmer der Generalin den Kaffee eingenommen. Und nun, ſagte Blücher, der neben Scharnhorſt auf dem Divan ſaß, während die Generalin ſich auf dem Fauteuil ihnen gegenüber geſetzt hatte, nun wollen wir uns eine ſtoppen, Scharnhorſt! Oder vielmehr eine Pfeife rauchen, denn geſtopft iſt ſie ſchon. Aber dürfen wir denn ſo unverſchämt ſein in dem Zimmer Ihrer Gemahlin? fragte Scharnhorſt. Oh, ich bin das gewohnt ſeit zwanzig Jahren, rief Amalie lachend. Wenn ich den Blücher in meinem Zimmer und an meiner Seite haben wollte, durfte ich ſeiner Pfeife nicht die Thür weiſen, und ſo habe ich mich denn als gutes Soldatenweib an den Dampf und Rauch gewöhnt. Na, dann zeig's mal, ſagte Blücher, auf die beiden Thonpfeifen hindeutend, die ſich neben dem brennenden Licht und dem Becher mit Fidi⸗ buſſen auf dem ſilbernen Plateau befanden. Nimm mal'ne Lunte, und ſteck' die Kanone in Brand, ſie knallt ja zum Glück nicht, ſie dampft blos. Die Generalin reichte jedem der beiden Herren eine Pfeife dar und hielt dann den brennenden Fidibus auf den Taback. So, die Kanonen ſind in Ordnung, die Schlacht kann beginnen, ſagte Blücher, indem er einen langen Zug aus ſeiner Pfeife that. Sie ſehen ſchon, General, ſagte Amalie, ſich mit einem bedeutungs⸗ vollen Blick an Scharnhorſt wendend, der tolle Blücher kann es einmal doch nicht laſſen, immer von Schlachten und von Politik zu ſprechen. Thun Sie ihm doch jetzt den Willen, Herr General, erzählen Sie ihm ein bischen von der Politik. Es wird freilich verdammt wenig dabei heraus kommen, brummte Blücher. Hätte der Scharnhorſt was Gutes zu vermelden, ſo würde er nicht ſo lange gewartet haben, bis er's mir mittheilt. Nein, nein, es ſind immer dieſelben Nachrichten, ich kenn' das ſchon! Immer neue Kriegsbulletins für den Napoleon, weiter nichts! Scharnhorſt lächelte. Sind Sie denn auf einmal ſo verzagt, Frund? fr Chre, und was ſoll im Hoffen? Nun, ſa noch immer e wird, denn vot. Jo, g ganz heimlic da S er fer ihn ſtellen rauſchender entgegen, un Schanden il ſoll, zuticht hoben, dazu abſtrafen ſoll gethan Ich weinen libe fihen Na helfen, dazu nicht ſerhen wan mich a wine Proph macht mich Ich l freue mich und kleinm —½ Blü tzen hatte ſich dem traulichen f dem Divan ien gegenüber chorſt! Oder Zimmet Ihrer lmalie lachend. r Seite haber d ſo habe ich auch gewöhnt. Thonpfeifen cher mit Fidi⸗ ul ne Aunte, lick nicht, ſie ne Pfeife dat ann beginnen, feife that. n bedeutungs⸗ n es einnul it zu ſprechen. ihlen Sie ihm nen, brummte en, ſo würde Nein, 1 ein, Imner e neue l ſo umng⸗ Freund? fragte er. Haben Sie denn ganz und gar den Glauben an beſſere Zeiten verloren? Sie, der Muthvollſte ſonſt von uns Allen, Sie, der Sie immer noch den guten Glauben einer Umgeſtaltung ſich bewahrt hatten, und uns vorleuchteten als das glänzende Banner der Ehre, der Hoffnung und des Muthes? Was ſollen wir wohl beginnen und was ſoll aus uns werden, wenn Blücher verzagt und ermattet im Hoffen? Nun, ſagte Blücher, verzagt bin ich auch noch nicht, ich hoffe auch noch immer auf eine beſſere Zeit, und ich weiß auch, daß ſie kommen wird, denn der Scharnhorſt iſt da, und der bereitet die beſſere Zeit vor. Ja, gewiß, es wird eine Zeit kommen; Scharnhorſt ſchafft uns ganz heimlich und in der Stille ein Heer aus dem Nichts, und wenn das Heer fertig iſt, dann wird er mich rufen, und ich werd' mich neben ihn ſtellen an die Spitze des Heeres, und dann ziehen wir mit rauſchender Muſik und mit jubelnden Gebeten dem franzöſiſchen Kaiſer entgegen, und dann ſchlagen wir ihn und jagen ihn mit Schimpf und Schanden über Deutſchlands Grenzen fort, daß er nimmermehr wagen ſoll, zurückzukommen. Dazu hat mich der liebe Gott ſo lang aufge⸗ hoben, dazu hat er mich geſchaffen, daß ich den übermüthigen Napoleon abſtrafen ſoll für Alles, was er Deutſchland und Preußen Schlimmes gethan. Ich ſoll den Napoleon ſtürzen, ſoll Deutſchland befreien und meinen lieben König von Preußen wieder ſiegreich in ſein Land zurück⸗ führen. Napoleon muß herunter von ſeinem Thron, und ich muß dabei helfen, dazu bin ich da, und eh' das geſchehen iſt, will und kann ich nicht ſterben.*) Ja, lachen Sie nur, ich bin's ſchon gewohnt, daß man mich auslacht, wenn ich das ſage, aber es wird doch wahr und meine Prophezeihungen werden ſich doch erfüllen. Lachen Sie nur, das macht mich doch nicht wankend in meinem Glauben. Ich lache aber auch gar nicht, ſagte Scharnhorſt, ſondern ich freue mich Ihrer himmliſchen Zuverſicht, die, während Alle verzagten und kleinmüthig wurden, als ein unerſchütterlicher Felſen inmitten der *) Blüchers eigene Worte. Siehe? Leben des Fürſten Blücher von Wahl Blücher ſtatt. S. 123. ————— toſenden Brandung dageſtanden und in den Himmel hineingereicht hat. Immer habe ich zu Ihnen hingeſchaut, mein Blücher, immer hat mich der Gedanke an Sie geſtärkt und geſtählt, und wenn ich ſelbſt ſchier verzagte und muthlos werden wollte, da habe ich mir zugerufen: Schäme Dich, Scharnhorſt, ſammle Dein Herz und hoffe, denn noch lebt Blücher, und ſo lange der lebt, iſt noch Hoffnung! Nun, rief Blücher mit leuchtenden Augen, indem er dem Freunde die Hand darreichte, nun ſoll mir Niemand mehr ſtreiten, daß Gott uns für einander geſchaffen hat. Daſſelbe, was Sie von mir geſagt, das habe ich alle Tage von Ihnen mir wiederholt. Was war mein Troſt, als Preußen nach dem Tilſiter Frieden ganz darniedergeworfen und zu Grunde gerichtet? Scharnhorſt lebt noch! Was? rief ich mir als die feigen Miniſter jetzt zu Anfang dieſes Jahres das abſcheuliche Bündniß mit Frankreich abſchloſſen? Scharnhorſt lebt noch und der alte Gott! Und als unſere armen Regimenter jetzt als Bundestruppen des Bonaparte nach Rußland ziehen mußten, da hab' ich mir geſagt: Scharnhorſt iſt da, um uns eine neue Armee zu ſchaffen, und der alte Gott iſt da, um einſt dieſer Armee, die ich anführen werde, den Sieg zu verſchaffen. Oh, ſagen Sie mir vor allen Dingen, Freund, wie ſteht es mit ihren Plänen? Was haben Sie thun und erreichen können zur Reorganifation der Armee? Und wie ſteht's mit dem neuen Officier⸗ Reglement, das Sie drucken laſſen? Er iſt jetzt fertig gedruckt, und ich bringe Ihnen hier ein Exemplar davon mit, ſagte Scharnhorſt, indem er ein gedrucktes Buch aus ſeiner Bruſttaſche hervorzog und es dem Freunde darreichte. Blücher betrachtete es lange mit ſinnenden und ernſten Blicken, las den Titel und blätterte darin umher. Scharnhorſt, ſagte er dann feierlich, es iſt ein großes und bedeutendes Werk, das Sie da zu Stande gebracht, und erſt die Nachwelt wird's recht verſtehen und es Ihnen recht zu danken wiſſen! Das Alte war verrottet und abge⸗ tragen, darum iſt es auch beim erſten Sturmwind zuſammengefallen und hat ſich in Staub aufgelöſt. Aber der Scharnhorſt iſt ein Bau⸗ meiſter, der aus den Ruinen ſich die Bauſteine zu einem neuen, feſten und ſoliden Bau hervorgeſucht hat, und an dieſem Bau wird dereinſt die Macht 9 Ofſicieren jet ſchafft, da lie des ſchünen diſes Buche Jena und A nißigkeit die maſche.) E nuß es Ihn Ich hab habe mein 2 ordnen und glücklichen T geſtaltung de gehabt, denn neue Kriegsa wicdet voll Stellung zu Beſitzthümer zu machen, Deshalb mu gehen, desh ſonder aus änderliche Vaterlande mußten die mußte, wie Dupn war wde, der Jer neu Mith, Fb daß aus d ngereicht hat. er hat mich h ſelbſt ſchier n Schäme lebt Blücher, dem Freunde n, daß Gott s war mein rief ich mir s abſcheuliche noch und der zundestruppen h mir geſagt: „und der alte de, den Sieg Freund, wie eichen können euen Officier⸗ ein Eremplar aus ſeiner ſaute er dann Sie da zu ſehen und es tet und abge⸗ ammengefolen t iſt ein Bol⸗ feſten die Macht Bonaparte's zerſchellen. Da, in dieſem Buch, das den Officieren jeder Waffe ganz neue Art von Kriegsdienſt und von Armee ſchafft, da liegt eine neue Welt, da liegt auch der prächtige Bauplan des ſchönen Gebäudes, das Sie aufrichten wollen. Mit Einführung dieſes Buches fällt der Kamaſchendienſt, der Preußen den Tag von Jena und Auerſtädt bereitet hat, und die hohe Einfachheit und Zweck⸗ mäßigkeit dieſes Reglements iſt das beſte Gegenmittel gegen die Ka⸗ maſche.*) Sie haben Großes geſchaffen, Scharnhorſt, und Preußen muß es Ihnen danken, ſo lange es noch eine Armee hat. Ich habe wenigſtens Großes gewollt, ſagte Scharnhorſt, und ich habe mein Leben daran geſetzt, es zu erreichen. Es war ſehr viel zu ordnen und neu zu geſtalten, als der König mich damals nach den un⸗ glücklichen Tagen von Tilſit an die Spitze einer Commiſſion zur Neu⸗ geſtaltung des Heeres ſtellte. Wir haben Tag und Nacht zu arbeiten gehabt, denn es galt ein neues Heer, eine neue Organiſation deſſelben, neue Kriegsartikel zu ſchaffen, die Bataillone, Eskadrons und Batterien wieder vollſtändig zu machen. Es galt, dem Heer eine ehrenvolle Stellung zu geben, den Soldaten zum heiligſten Hüter der edelſten Beſitzthümer aller Völker, zum Hüter der Freiheit und der Nationalität zu machen, und ihm ein Vaterland zu geben, für das er kämpft. Deshalb mußte der Soldat aus dem eigenen Vaterlande ſelbſt hervor⸗ gehen, deshalb mußte das Heer nicht mehr aus Söldlingen beſtehen, ſondern aus Landeskindern, und dieſen mußte die heilige und unab— änderliche Pflicht obliegen, das Kriegshandwerk zu erlernen und dem Vaterlande eine Zeitlang ſeine Dienſte zu weihen. Aus den Bürgern mußten die Soldaten geſchaffen werden und der Name„Soldat“ mußte, wie bei den Römern, zu einem Ehrentitel erhoben werden. Dazu war auch nöthig, daß der Unterſchied der Geburt aufgegeben wurde, der bis dahin bei Beſetzung von Officiersſtellen gewaltet hatte. Jeder neu eintretende Soldat muß wiſſen, daß er durch Tapferkeit, Muth, Fleiß und Kenntniſſe zu den höchſten Ehrenſtellen gelangen, und daß aus dem Gemeinen ein General werden kann. 62. G *) Geſchichte der deutſchen Freiheitskriege von Heinrich Beitzke. I. 160 Das iſt's, was die alten Kamaſchenhelden Ihnen am wenigſten verzeihen konnten, ſagte Blücher, und was Ihre hochadeligen Feinde am meiſten wider Sie empört hat! Ich weiß, was Sie zu leiden und zu kämpfen gehabt haben, wie viel Hinderniſſe man Ihnen in den Weg geworfen, wie man Sie als einen Neuerer, ſogar als einen Republi⸗ kaner verſchrieen hat, der die Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit der franzöſiſchen Sansculottes auch in die preußiſche Armee übertragen wollte und dem niedrig gebornen Rekruten gleich die Generals⸗Epau⸗ letten in den Torniſter legte. Aber an Ihrem lieben Kopf, der hart war wie ein goldener Ambos, ſind alle dieſe Pfeile abgeprallt, und ſie konnten's nicht hindern, daß der Scharnhorſt der deutſchen Freiheit Waffenſchmied ward, und daß er dazu ſeinen Kopf als Ambos brauchte. Aber manche Beule hat der Kopf doch davon getragen, ſagte Scharnhorſt lächelnd. Indeß, wer in den Krieg geht, der muß auf Wunden gefaßt ſein, und es war ein heftiger Krieg, zu dem ich auszog, ein Krieg gegen das Vorurtheil und das Herkommen, gegen Geburtsrechte und Privilegien. Gott iſt mit mir geweſen, der hat mir Kraft und Muth gegeben, mein Werk zu vollenden, der hat mir in Blücher einen Freund gegeben, der mir niemals ſeinen Rath ver⸗ ſagt hat, und deſſen hoher Einſicht und kühnem Muth ich die Hälfte meines Werkes verdanke. Ohne Sie wäre ich oft verzagt und ver⸗ zweifelt, aber ſchon der Gedanke an Sie war mir ſtärkend und Ihr Beifall war ein ſchöner Lohn für ſchwere Arbeit. Und nun aber gebe Gott, daß meine Arbeit auch bald ihren Lohn finde, und daß wir die Militair⸗Ordnung bald practiſch in's Werk ſetzen können. Mein Freund, ſagte Blücher kopfſchüttelnd, Gott hat uns ver⸗ geſſen, er hat ſein Auge von Preußen und von ganz Deutſchland ab⸗ gewandt und ſieht nur den Napoleon, ſieht nur, wie dieſer mit ſeiner Zuchtruthe die Menſchen abſtraft für ihre Erbärmlichkeit und Feig⸗ herzigkeit. Der Napoleon iſt ein Werkzeug in der Hand Gottes, wie die Knute ein Werkzeug der Gerechtigkeit in der Hand des uuſſiſchen Henkersknechtes. Und es ſcheint, daß Gott die Menſchen noch immer ſehr ſtrafwürdig erachtet, denn er hält ſein Werkzeug noch immer feſt in ſeinen Händen. Aber Geduld, Geduld, es wird doch eine Zeit —,— kommen, unſerer Wer und ewa Blü Blick auf doch ne hilft nicht Sie woll auf Alle vielleicht im Krem ſich vor andern ſehen, ie ſeinen T einmal, Si 5 Neit erfochten Bli langn 36 hat, geg Un Da Sum, Gotts Un Jo Bl gend, m wenigſten ligen Feinde nleiden und in den Veg nen Republi⸗ erlichkeit der e übertragen nerals⸗Epau⸗ pf, der hart rallt, und ſie chen Freiheit bos brauchte. ragen, ſagte t, der muß zu dem ich men, gegen en, der hat der hat nir n Rath ver⸗ h die Hilfte gt und ver⸗ end und Iht un aber gebe daß wir die at uns ver⸗ utſchland ab⸗ nit ſeiner t und pig Gottes, wie es uſſiſhen nch inn inner ſit t 2e och eine Zet —— ————— — 161 kommen, wo er's bei Seite wirft und wo wir uns aufrichten aus unſerer Erniedrigung, um Rache zu nehmen an unſerer Zuchtruthe. Wer weiß, ob dieſe Zeit nicht früher herbei kommt, als wir hoffen und erwarten, ſagte Scharnhorſt lächelnd. Blücher zuckte zuſammen und warf einen raſchen, flammenden Blick auf Scharnhorſt hin. Scharnhorſt, ſagte er haſtig, Sie bringen doch'ne Nachricht. Ich hab's gefühlt, ſo wie Sie kamen, und es hilft nichts, daß Sie leugnen und abſtreiten. Sie wiſſen was, und Sie wollen mir was ſagen. Na, ſprechen Sie nur! Ich bin gefaßt auf Alles! Was iſts? Hat Er wieder'n Sieg gewonnen? Hat Er vielleicht gar den Kaiſer Alexander nach Sibirien transportirt und ſich im Kreml die ruſſiſche Krone aufgeſetzt? Und hat das ruſſiſche Volk ſich vor ihm anbetend auf die Kniee niedergeworfen und, gleich allen andern Völkern, ihn anerkannt als ſeinen Herrn und Kaiſer? Sie ſehen, ich bin auf Alles gefaßt, denn ich bleib' dabei, Er mag ſich ſeinen Thron ſo hoch bauen, als er immer will, runter muß er doch einmal, und ich werd's ſein, der ihn runter bringt! Alſo, nun ſprechen Sie! Hat er wieder einen großen Sieg erfochten? Nein, General, ſagte Scharnhorſt feierlich, Gott hat einen Sieg erfochten! Blücher richtete ſein Haupt empor, und legte ſeine Thonpfeife langſam auf den Tiſch hin. Was ſoll das heißen, General? fragte er. Was wollen Sie damit ſagen: Gott hat einen Sieg erfochten? Ich will damit ſagen, daß Gott Truppen in das Feld geſchickt hat, gegen die ſelbſt Napoleon nicht zu ſiegen vermag. Und was ſind das für Truppen? Das iſt die Kälte, der Schnee, das Eis, das iſt der heulende Sturm, der von Sibirien daher weht, und wie die Zornesſtimme Gottes die Menſchen und das Vieh erſtarren macht. Und dieſe Truppen Gottes haben den Napoleon beſiegt? Ja, General, ſie haben ihn beſiegt! Blücher ſtieß einen Schrei aus, und von ſeinem Stuhl aufſprin⸗ gend, richtete er ſich kerzengrad empor. Die Truppen Gottes haben Mühlbach, Napoleon. III. Bd 11 162 den Napoleon beſiegt! rief er feierlich. Ich hab's ja immer geſagt: der alte Gott lebt noch! Aber erzählen Sie, Freund, erzählen Sie, fuhr er dann fort, indem er ganz überwältigt in ſeinen Stuhl zurück⸗ ſank. Fangen Sie von vorne an, denn ich fühl's, mein alter Kopf wird ganz verwirrt von der Freude, und ich muß mich erſt allmälig daran gewöhnen. Erzählen Sie mir die ganze Geſchichte von Rußland noch einmal, denn es iſt die Vorrede, die man leſen muß, um's Buch verſtehen zu können. Und dann zuletzt, dann erzählen Sie mir, was der liebe Gott gethan hat, und ob er ſeinen alten Blücher nun ge⸗ brauchen will! Herr Gott, Herr Gott, ich weiß nicht, mir iſt, als ob da in meinem Herzen plötzlich ein Altarlicht angezündet wäre, und als ob in meinem Kopf eine Orgel fiſtulirte. Muß mich erſt ſammeln, und zurecht ſetzen. Sprechen Sie, Scharnhorſt, denn Sie ſehen wohl, die Freude könnte mich ſonſt ſchier närriſch machen. Und er drückte ſeine beiden Hände gegen ſeine Schläfen, und athmete hoch auf. Seine Gemahlin eilte zu ihm, und ſtrich ihm liebevoll mit ihren weichen Händen über das purpurerglühte Antlitz hin, und ſchaute mit angſtvoll zärtlichen Blicken in ſeine unſtäten, blitzenden Augen. Ruhig, mein Blücher, ruhig, ſagte ſie. Faß Dein großes Helden⸗ herz zuſammen, und zwinge Dich gelaſſen zu ſein, ſonſt ſollſt und darfſt Du nichts erfahren. Nicht wahr, General Scharnhorſt, Sie erzählen ihm nichts, wenn er ſo aufgeregt und hitzig iſt? Ich will ruhig ſein, ganz ruhig, ſagte Blücher athemlos. Ihr ſeht ja, daß ich's bin, daß ich da ſitz', wie ein Lamm. Alſo, Scharnhorſt, erzählen Sie! Ich höre zu! Und beim Zuhören nimm Deine alte Freundin, die Dich ſo oft in Deinen Kümmerniſſen getröſtet hat, nimm Deine Pfeife wieder in den Mund, ſagte Amalie, ihm ſeine Thonpfeife darreichend. Aber Blücher wies ſie faſt unwillig zurück. Nein, ſagte er, man raucht nicht in der Kirche, und nicht wenn der liebe Gott ſpricht, und Scharnhorſt will mir erzählen, daß der liebe Gott geſprochen hat. Da muß das Herz andächtig ſein, und die Lippen können Hurrah ſchreien, o reden Sie, Schlinnes Reden Erzählen E Sie w Heeresſünle ſchien ihn a von paniſch mmer weit wärts dran e wagen, das Spiel zu verlaſſen Verſtng Rapoleon Fin ſich andern ei letzere Fei ſurchtaren Fuſen vemoht waren ni enge beſ s niſ gühendem mmer geſagt: etzählen Sie, Stuhl zrit⸗ in alter Kopf erſt allmälig von Rufland , ums Buch Sie mir, was ücher nun ge⸗ nir iſt, als ob wäre, und als erſt ſammeln, ie ſehen wohl, öchläfen, und voll mit ihren nd ſchaute nit ugen. llſt und darfſt nnichts, wem Sch amhorſt, je Dich ſo oſt ife wieder in ſagte et, tt ſpricht, und eſprochen hat. man 5 inn duu 163 ſchreien, oder beten, aber ſie dürfen keine Pfeife halten. Und jetzt reden Sie, Scharnhorſt, ich bin jetzt ganz ruhig und auf Gutes und Schlimmes gefaßt. M. Ber Schwur. Reden Sie, ſagte Blücher noch einmal. Ich bin auf Alles gefaßt. Erzählen Sie mir vom Napoleon in Rußland. Sie wiſſen, wie ſiegreich und überwältigend Napoleon mit ſeinen Heeresſäulen in Rußland vordrang, ſagte Scharnhorſt lächelnd. Nichts ſchien ihn aufhalten, nichts ſeinen Siegeslauf hemmen zu können. Wie von paniſchem Schrecken ergriffen, zogen die ruſſiſchen Feldherren ſich immer weiter zurück, je weiter Napoleon mit ſeinen Heeresſäulen vor⸗ wärts drang. Weder Kutuſoff, noch Witgenſtein, noch Barclay mochten es wagen, das Geſchick Rußlands in einer entſcheidenden Schlacht auf das Spiel zu ſetzen, ſelbſt der Kaiſer Alexander zog es vor, das Heer zu verlaſſen, und nach Moskau ſich zurückzuziehen, um dort erſt neue Verſtärkungen abzuwarten, neue Hülfsquellen flüſſig zu machen. Aber Rapoleon drang indeſſen unaufhaltſam immer weiter vor, immer den Feind ſuchend, den er nirgends zu finden vermochte, und überall einen andern Feind findend, dem er nirgends auszuweichen vermochte. Dieſer letztere Feind, das war das ruſſiſche Klima. Die glühende Hitze, die furchtbaren Regengüſſe erzeugten Krankheiten, die in den Reihen der Franzoſen ärger wütheten, als es die Schwerter lebendiger Feinde vermocht hätten. Dabei gab es nirgends die gehörige Verpflegung, waren nirgends hinlängliche Vorräthe für die ungeheure Menſchen⸗ menge beſorgt. Das Heer litt Mangel an allem Nothwendigen, und das ruſſiſche Volk, von ſeinem Czaaren und von ſeinen Prieſtern zu glühendem Haß und fanatiſcher Wuth aufgeſtachelt, zog es vor, mit 164 ſeinen Habſeligkeiten und ſeinen Nahrungsmitteln aus den Dörfern und kleinen Städten in die Wälder zu fliehen, als den Feind willkommen zu heißen, und ihm in erzwungener Gaſtfreundſchaft ſeine Häuſer zu öffnen. Das franzöſiſche Heer, durch Krankheit, Entbehrung und Hunger faſt bis auf die Hälfte zuſammengeſchmolzen, drang dennoch immer weiter vorwärts, es erkämpfte ſich in hitzigem Gefecht den Einzug in Smolensk, es zog nach kurzer Raſt in der brennenden, von allen Einwohnern verlaſſenen Trümmerſtadt weiter gen Moskan hin. Vor Moskau endlich traf es am ſiebenten September den lange geſuchten lebendigen Feind. Vor Moskau ſtanden Kutuſoff, Bragation und Barclay mit ihrer Armee, um dem anrückenden Feind den Einzug in die heilige Stadt, in das heilige Moskau zu wehren. Sie kennen die blutige Schlacht an der Moskwa, Freund, und auch ihre blutigen Re ſultate, die eigentlich keine Reſultate waren. Mit erbitterter Hart⸗ näckigkeit, mit fanatiſcher Wuth ſchlugen ſich die Ruſſen und Franzoſen an dieſem ſiebenten September elf Stunden lang, ihre Reihen ſanken darnieder, wie das Korn unter der Senſe des Schnitters, ihre An führer und Generäle ſelber fielen im hartnäckigen Kampf, mehr als ſiebenzigtauſend Leichen und Verwundete bedeckten das Schlachtfeld, und dennoch war es zu keiner Entſcheidung gekommen. Die Ruſſen waren nur zurückgedrängt, aber nicht beſiegt, nicht ſo geſchlagen, daß ſie des Friedens bedurften, um ſich zu erholen. Napoleon behauptete zwar das Schlachtfeld und zog am vierzehnten September in Moskau ein, aber es kamen keine Boten Alexanders, ihn um Frieden zu bitten, es kamen ihm keine unterwürfigen Beamten entgegen, um ihm, wie er das ſonſt in eroberten Städten gewohnt geweſen, die Schlüſſel der Stadt zu übergeben, es drängten ſich keine Menſchen in den öden Straßen und an den Fenſtern der Häuſer, um den Einzug der Fran zoſen und ihres Kaiſers mit anzuſchauen. Oede und leer waren die Straßen; verlaſſen von ihren Einwohnern und ihren Behörden war die Stadt ein großes, ſchweigendes, offenes Grab. Aher das Grab ward bald lebendig, rief Blücher erregt, die Wüſte verwandelte ſich in ein Feuermeer, und aus den Häuſern, aus welchen beim Einzug der Franzoſen keine neugierigen Menſchen heraus⸗ geſchut, l die rothen und rifen Gouverneur Sieger mit der Hand h brechern di würdig zu wohner vor überall pla und die 3 Häuſerfacke zünden mu das dicht ſoſtopſchin Großes in des Löwen ſich uf de Stot in und einem Mittl erl nicht blos, wär' ich ei hat doch 3 daß er kei Trimnem daß der Ke dun jihlt mehr nög Min, horſt, ſon Den Min nit er de Fels, di s den Därfer ind willlonmen ſeine Häuſer zu ntbehtung und drang dennoch fecht den Einzug den, von allen Skan hin. Vor lange geſuchten Bragation und den Einzug in Sie kennen die re blutigen Re bitterter Hart⸗ und Franzoſen Reihen ſanken tters, ihre An mehr als s Schlachtfeld, Die Ruſſen ſchlagen, daß ehauptete n M oskau u bitten, wie er Schlüſſel der den ödel der Fran waren di Behörden wa 3 erregt, die ſern, aus Häl enſchen henus 165 geſchaut, blitzten und züngelten in der Nacht, die dem Einzug folgte, die rothen Feuerflammen hervor, und lugten nach dem Feinde aus, und riefen den Franzoſen ihr gräuliches Willkommen entgegen. Der Gouverneur von Moskau, der Graf Roſtopſchin, wollte den einziehenden Sieger mit einer Illumination begrüßen, und da er keine Fackeln bei der Hand hatte, ließ er von den freigelaſſenen Sträflingen und Ver⸗ brechern die Häuſer in Brand ſtecken, um dem ſiegreichen Napoleon würdig zu illuminiren. Er ſchaffte die Vorräthe weg, zwang die Ein⸗ wohner von Moskau auszuwandern, ließ die Feuerſpritzen wegſchaffen, überall planmäßig zur Erhaltung des Feuers den Zündſtoff anhäufen, und die Zuchthäuſer alsdann öffnen, um von den Sträflingen die Häuſerfackeln anzünden zu laſſen. Und die erſte Fackel, die ſie an⸗ zünden mußten, das war des Roſtopſchin's eigenes prächtiges Palais, das dicht vor den Thoren von Moskau lag. Na, es iſt wahr, der Roſtopſchin hat da gehandelt wie ein Barbar, aber es iſt doch was Großes in dem Mann, und wenn er wild iſt, ſo iſt es die Wildheit des Löwen, der ſeine Mähnen ſchüttelt, und mit donnerndem Gebrüll ſich auf den Feind ſtürzt. Es war freilich keine große Kriegsthat, eine Stadt in Brand zu ſtecken, aber es war doch eine hübſche Kriegsliſt, und einem verhaßten und nichtswürdigen Feinde gegenüber ſind alle Mittel erlaubt und gerechtfertigt. Ich entſchuldige den Roſtopſchin nicht blos, ſondern ich bewundere ſeine wilde Energie, und ich glaub', wär' ich ein Ruſſe, ſo hätte ich vielleicht auch ſo etwas gethan. Er hat doch gemacht, daß der Feind bald wieder fortmußte aus Moskau, daß er keine Winterquartiere aufſchlagen konnte unter den rauchenden Trümmern, daß er ſich rückwärts wenden mußte, ſtatt vorwärts, und daß der Kaiſer Alexander nicht mehr ſchwanken konnte und durfte, ſon⸗ dern fühlte, daß jetzt kein Friede und kein Ausgleichen und Verſöhnen mehr möglich ſei. Nein, General, das iſt nicht Roſtopſchins Verdienſt, rief Scharn⸗ horſt, ſondern das iſt das Verdienſt unſeres großen Freundes Stein. Den Miniſter Stein hat aber Gott ſelber nach Rußland geſendet, da⸗ mit er dem weichen Alexander zur Seite ſtehe, als ein unerſchütterlicher Fels, damit ſeine Feuerſeele die wankenden Eutſchlüſſe des Czaaren kräftige und ihn begeiſtere mit dem rechten Glauben und der rechten Zuverſicht zu der großen Sache europäiſcher Völkerfreiheit, die jetzt auf den Schneefeldern Rußlands ſollte entſchieden werden. Stein allein verdanken wir es, daß die Friedenspartei im ruſſiſchen Kriegslager nicht das Ohr des Kaiſers für ſich gewann, Stein verdanken wir es, daß Alerander ſich aufraffte zu entſchloſſener That, daß er nicht mehr die Diplomaten, ſondern die Schwerter wollte entſcheiden laſſen, und alle Friedensbedingungen, die Napoleon jetzt machte, ſtandhaft und ſtolz zurückwies. Und mit Stein vereinigte ſich jetzt das ruſſiſche Klima, um Napoleon zu bekämpfen. Er fühlte, daß er den Winter nicht in Moskau abwarten dürfe, und am achtzehnten October verließ er mit den Trümmern ſeines Heeres die ungaſtliche Stadt. Aber der Winter zog mit ihm, der Winter hing ſich centnerſchwer an die Füße ſeiner Soldaten, legte ſich ihnen wie Blei auf das betäubte Gehirn, hielt die Pferde, die Kanonen, die Pulverwagen im Schnee und Eis feſt. Der Winter löſte die franzöſiſche Armee auf. In Schnee und Kälte er ſtarrten die Menſchen und das BVieh, alle Disciplin hörte auf, Jeder dachte nur noch an das eigene Leben, an den eigenen Hunger, die eigene Noth. Haufen von Leichen und todten Pferden bezeichneten die Straße, welche die Franzoſen auf jammervollem Rückzug dahin zogen, und als ſie am neunten November in Swmolensk einzogen, da beſtand⸗ die ganze große Armee nur noch aus vierzigtauſend Bewaffneten und einzelnen, loſen Haufen, ohne Waffen und Disciplin. Und dennoch wagte dieſer grauſame Tyrann, dieſer herzloſe Prahl hans, der große Napoleon, immer noch, von ſeinen Siegen und von dem Wohlergehen ſeines Heeres zu prahlen, rief Blücher zornig. Den noch ſchickte er immer neue Siegesbulletins in die Welt, und die dum men Deutſchen glaubten daran, und zitterten noch immer vor dem Glück des großen Kaiſers Napoleon. Hab' dieſe ſchielenden Siegesbulletins alle geleſen, und mich krank daran geärgert. Ich kenne die Bulletins bis zu Ende November, und immer waren's dieſelben Siegesnachrichten und Lobhudeleien der großen Armee. Aber jetzt ſollen Sie ein neues Bulletin kennen lernen, Freund Blücher, rief Scharnhorſt, ich bringe Ihnen das neunundzwanzigſte Bulletin, d Nachrichten geſten Abe um derenwil habe, umz Glocken ein zwanzigſte Siegen zu; Geben dem gedruc los, keuche jitterten ſe her bewegt Ih b Stumwind aus. Leſer Gefecht ar Fictor da wonnen ha Abert ſeinen zwil man zwei geſtalten d konnte. geſchichtic Jammtr. echalten, die entſet Siyifſſel finden u lind Sie, leſ Schrecni Neit n d der rechten t die jetzt auf Stein allein n Kriegslager anken wir es, er nicht mehr mlaſſen, und dhaft und ſtolz ſſiſche Klima 167 Bulletin, das erſchienen iſt, und ferner bringe ich Ihnen die neueſten Nachrichten von der großen Armee und vom großen Napoleon, die mir geſtern Abend Couriere von Berlin und Dresden gebracht haben, und um derenwillen ich mich heute in der Frühe des Morgens aufgemacht habe, um zu meinem Blücher zu kommen, und vor ſeinen Ohren die Glocken einer neuen Zeit erklingen zu laſſen. Hier iſt das neunund⸗ zwanzigſte Bulletin, und in dieſem wagt Napoleon nicht mehr von Siegen zu prahlen, in dieſem wagt er beinahe die Wahrheit zu geſtehen. Geben Sie her, laſſen Sie mich leſen! rief Blücher, ungeſtüm nach dem gedruckten Blatt greifend, das Scharnhorſt ihm darreichte. Athem⸗ los, keuchend vor innerer Bewegung, begann er zu leſen, aber bald zitterten ſeine Hände ſo heftig, daß das Papier kniſternd ſich hin und her bewegte, und die Buchſtaben vor ſeinen“Augen tanzten. Ich kann's nicht zu Ende leſen, ſeufzte Blücher. Es iſt da ein Sturmwind in meinem Herzen, und der bläſt meinen Augen das Licht aus. Leſen Sie mir's zu Ende, Freund. Ich hab' geleſen bis zum Gefecht an der Bereſina, und der Napoleon ſagt, daß der General Victor da am achtundzwanzigſten November wieder einen Sieg ge⸗ wonnen habe. Aber dieſer Sieg beſtand doch nur darin, daß der General Victor mit ſeinen zwölftauſend Mann die Ruſſen von der Bereſina fern hielt, damit man zwei Brücken ſchlagen, und über dieſelben die zerlumpten Jammer⸗ geſtalten der großen Armee nach dem jenſeitigen Ufer hinüber retten konnte. Dieſer Uebergang über die Bereſina iſt ein ungeheurer, welt⸗ geſchichtlicher Moment, eine Tragödie voll Grauſen, Entſetzen und Jammer. Ich habe ruſſiſche Berichte durch Stein's Agenten darüber echalten, die entſetzlich ſind. Bücher werden geſchrieben werden, um die entſetzlichen Scenen dieſes Tages darzuſtellen, aber weder die Schriftſteller, noch die Maler und Dichter werden Worte und Farben finden, um dieſes Grauſen zu ſchildern und dieſen Jammer zu malen. Und ſchildert er es in ſeinem Bulletin? fragte Blücher. Oh leſen Sie, leſen Sie mir den Schluß des Bulletins. Spricht er von den Schreckniſſen an der Bereſina? Nein, General, er ſpricht nur von dem Siege und dem Uebergang 168 3 über den Fluß, und dann fährt er alſo fort:„Den folgenden Tag, Lh 2 den neunundzwanzigſten November, blieben wir auf dem Schlachtfelde. den S Wir hatten zwiſchen zwei Straßen zu wählen: der Straße von Minsk ſüu 6u und der von Wilna. Die von Minsk geht mitten durch einen Wald ſuun und uncultivirte Moräſte; die von Wilna hingegen geht durch ſehr ficten u gutes Land. Die Armee, ohne Kavallerie, ſchwach an Munition und beret, ſ ſ furchtbar erſchöpft durch einen fünfzigtägigen Marſch, führte ihre ihre loße Kranken und Verwundeten mit ſich und hatte das Bevürfniß, zu ihren n, 3 Magazinen zu gelangen.“ ueulic 1 Das heißt, rief Blücher, ſie verhungerten faſt und fielen, da ſie, Heſit eine wie er ſagt, furchtbar erſchöpft waren vom fünfzigtägigen Marſch, daraus vir wie die Fliegen um. Oh, es iſt wahr, der Herr Napoleon iſt ſehr den. Die einſylbig in ſeiner Schilderung, aber wer es verſteht, zwiſchen den Officierdie Zeilen zu leſen, der ſieht doch all den Jammer und all das Elend König von dazwiſchen hervorleuchten. Leſen Sie weiter, lieber Scharnhorſt, leſen Sie. dieſen Bew Scharnhorſt las:„Wenn man zugeben muß, daß die Armee nöthig jeſtit des hat, ihre Disciplin wieder herzuſtellen, ſich von den langen Beſchwerden Das zu erholen, ihre Kavallerie, Artillerie und ihr Material zu remontiren, pört. Se ſo iſt das nur das natürliche Reſultat deſſen, was wir ſo eben dar⸗ Vel, als gelegt haben. Die Ruhe iſt jetzt das erſte Bedürfniß der Armee. mals beſe Der Train und die Pferde kommen ſchon an, die Artillerie hat ihren von Menſ Verluſt erſetzt, aber die Generäle, Officiere und Soldaten haben viel ſein von Beſchwerden und Mangel gelitten. Viele haben wegen des Ver⸗ m ihn luſtes ihrer Pferde ihre Bagage verloren, Andere durch den Hinterhalt tmn uß der Koſacken. Die Koſacken haben eine Menge einzelner Perſonen ge⸗ ſih nit fangen, Ingenieure, Geographen und verwundete Officiere, die ohne nch ml Vorſicht marſchirten und ſich lieber der Gefahr Preis gaben, als ruhig p gu te in den Convoi's zu marſchiren.“ 6 4 Und Ihn haben die Koſacken verſchont! rief Blücher ungeduldig. Get hut Ihn haben ſie nicht gefangen genommen. Was macht Er denn, daß des Eu die lieben Koſacken ihn nicht kriegen können? Sagen Sie, Scharnhorſt, gu es iſt alſo in dem Bulletin da gar nicht mehr wie ſonſt von den un⸗ Gut geheuerlichen Heldenthaten des großen Kaiſers die Rede? Er lobt ſich 6. ſelber gar nicht mehr ſo wie ſonſt? 3 5 F genden Tag, Schlachtfelde. on Minsk einen Wald durch ſehr unition und führte ihre iß, zu ihren elen, da ſie, e Marſch, eon iſt ſehr wiſchen den das Elend leſen Sie. mee nöthig geſchwerden remontiren, eben dar⸗ e Armee. hat ihren haben viel Hinterhalt erſonen ge⸗ „ die ohne als ruhig ngeduldig. denn, daß chahorſt on den un⸗ r lebt ſc 169 Oh doch, hören Sie nur, wie das Bulletin weiter lautet:„Bei allen dieſen Bewegungen marſchirte der Kaiſer immer mitten unter ſeiner Garde, die Kavallerie vom Marſchall von Iſtrien, und die In⸗ fanterie vom Herzog von Danzig commandirt. Se. Majeſtät waren zufrieden mit dem guten Geiſt, den die Garde bewies; ſie war ſtets bereit, ſich dahin zu verfügen, wo die Umſtände der Art waren, daß ihre bloße Gegenwart genügte, und daß die Garde nie in den Fall kam, einen Angriff zu machen!— Unſere Kavallerie iſt ſo außer⸗ ordentlich demontirt, daß man nur ſchwer ſo viel Officiere, die im Beſitz eines Pferdes geblieben waren, zuſammenbringen konnte, um daraus vier Compagnien, jede zu einhundertundfunfzig Mann, zu bil⸗ den. Die Generäle thaten darin Capitains⸗, die Oberſten Subaltern⸗ Officierdienſte. Dieſe heilige, vom General Grouchy unter dem König von Neapel commandirte Schaar verlor den Kaiſer in allen dieſen Bewegungen nicht aus den Augen. Das Wohlbefinden Sr. Ma⸗ jeſtät des Kaiſers iſt niemals beſſer geweſen.“*) Das wagt er noch zu ſagen und zu verkünden! rief Blücher em pört. Seine Armee verfriert und verhungert, und er verkündet der Welt, als wolle er ſeiner Armee ſpotten, daß er, der Kaiſer, ſich nie⸗ mals beſſer befunden habe. Iſt Schuld daran, daß Hunderttauſende von Menſchen vor Elend und Jammer umkommen, und jubilirt, daß ſein eigenes Wohlbefinden ſo außerordentlich gut ſei. Der liebe Gott muß ihm'n Stein ſtatt eines Herzens in die Bruſt gelegt haben, ſonſt kann'n Feldherr, deſſen Armee unter ſeinen Augen ſtirbt und verdirbt, ſich nicht ſo außerordentlich gut befinden. Na, er wird ganz gewiß noch'mal ſeine Strafe dafür bekommen, und er wird ſich nicht immer ſo gut befinden. Er hat ſeine Strafe ſchon, Freund, ſagte Scharnhorſt feierlich. Gott hat es gefallen, den Uebermüthigen zu züchtigen und das Haupt des Stolzen in den Staub zu beugen. Blücher ſprang auf und eine tiefe Bläſſe bedeckte ſeine Wangen. Gott hat ihn geſtraft? fragte er athemlos. Er hat den Napoleon klein *) Fain: Manuscrit de 1812. 170 gemacht? Was iſt's mit ihm? Sprechen Sie ſchnell, Scharnhorſt, ſprechen Sie, wenn Sie nicht wollen, daß ich ſterben ſoll! Was iſt's mit dem Napoleon? Er hat ſein Heer verlaſſen, er iſt heimlich bei Nacht und Nebel aus Rußland entflohen! Blücher ſtieß einen Schrei aus, und vorwärts ſpringend, ſtürzte er, ohne ein Wort zu ſagen, nach der Thür hin. Scharnhorſt und Amalie eilten ihm nach und hielten ihn zurück. Was wollen Sie beginnen? fragte Scharnhorſt. Ich will ihm nachſetzen, rief Blücher, vergeblich bemüht, die Hände des Generals und ſeiner Gemahlin von ſich abzuwehren. Laßt mich los, haltet mich nicht auf. Ich muß ihm nach, ich muß ihn ge⸗ fangen nehmen. Wenn er von ſeiner Armee entflohen iſt, ſo muß er nach Frankreich zuräckkehren, und wenn er nach Frankreich zurück will, ſo muß er durch Deutſchland kommen. Laßt mich! Laßt mich! Er darf nicht wieder raus aus Deutſchland! Er iſt aber ſchon wieder raus aus Deutſchland, ſagte Scharnhorſt lächelnd. Was? Er iſt ſchon wieder raus? fragte Blücher finſter. Und kein Menſch hat ihn aufgehalten? Kein Menſch hat es gewußt, daß er da war. Heimlich hat er am ſechsten Dezember ſeine Armee verlaſſen; nur begleitet von Cau⸗ laincourt und ſeinem Leibmamelucken Rouſtan hat er im einfachen Schlitten in fabelhafter Geſchwindigkeit, von Niemand erkannt, von Niemand erwartet, ganz Polen und Preußen durchjagt. Erſt immer, wenn er ſchon wieder abgereiſt war, erfuhr man an dem Ort, wo er angehalten, daß er dort geweſen. Schnell wie der heulende Sturm⸗ wind iſt er dahin gejagt. Am ſechsten noch war er in Wilna, am zehnten December in Warſchau, und am vierzehnten December in der Nacht hielt plötzlich in Dresden vor dem Hauſe des franzöſiſchen Ge⸗ ſandten Serra ein einfacher Schlitten; zwei Bediente ſaßen vorn, zwei dicht in Pelze gehüllte Herren, die ſo erſtarrt waren vor Kälte, daß man ſie aus dem Schlitten heben mußte, ſaßen im Fond. Das waren der Kaiſer Napoleon und Caulaincourt. In der Nacht noch hatte Na⸗ poleyn ein weitet, we Und h vird alſo ſ Kann ihn hätte mir gefungen ſteht doch Fortuna, geſptungen auf dem Scharnhor los, und Mamn ſeit Ohren zu Ja, bedarf, ſ legend. horcht, de ſein, wer General Kampf ſi Jo, wirbeln mehr ein ſpotten 1 Mann ſ command Schamh elenden riefen 1 und fir Komm will me Schamhorſt, Wos iſts und Nebel nd, ſtürzte nhorſt und emüht, die hren. Laft uß ihn ge⸗ ſo mß er zurück will, mich! Er Scharnhorſt ſter. Und ich hat er von Ca⸗ einfachen kannt, von rſt immer, rt, wo el de Sturm⸗ Pilna, am ber in der ſiſchen Ge⸗ vorn, wei gile, diß Das warer batte Nu 171 poleon eine Unterredung mit dem König von Sachſen, dann reiſte er weiter, war am funfzehnten in Erfurt, und— Und heute haben wir ſchon den ſiebenzehnten, ſeufzte Blücher, er wird alſo ſchon über den Rhein ſein. Und ich muß ihn laufen laſſen! Kann ihn nicht mehr aufhalten! Oh, oh, dieſe kleine Genugthuung hätte mir der liebe Gott doch gönnen können, daß ich den Napoleon gefangen genommen hätte! Nun es hat nicht ſein ſollen! Aber Eins ſteht doch feſt! Das Glück hat den Bonaparte verlaſſen, die Frau Fortuna, die ſonſt immer auf ſeinem Triumphwagen ſaß, iſt herunter geſprungen, und nun haben wir wieder Hoffnung, ſie bald wieder auf dem Brandenburger Thor von Berlin zu ſehen. Hurrah, mein Scharnhorſt, es geht los, ich fühl's in allen meinen Gliedern, es geht los, und die Zeit iſt gekommen, wo der alte Blücher wieder ein Mann ſein darf und nicht mehr nöthig hat, die Schlafmütze über die Ohren zu ziehen. Ja, die Zeit iſt gekommen, wo Preußen ſeines tapfern Blüchers bedarf, ſagte Scharnhorſt, zärtlich ſeinen Arm um Blüchers Arm legend. Nun den Kopf in die Höhe, mein General, nun aufge⸗ horcht, denn jeden Tag und jede Stunde muß der Blücher jetzt bereit ſein, wenn Preußen ihn ruft, wenn Preußens Söhne ihren tapfern General fordern, daß er ſich an ihre Spitze ſtelle und ſie in den Kampf führe. Ja, ja, es geht los, rief Blücher, bald werden die Trommeln wirbeln und die Kanonen donnern, und bald wird der Blücher nicht mehr ein alter kindiſcher Greis ſein, den die klugen Leute glauben ver⸗ ſpotten und verlachen zu können, bald wird der Blücher wieder ein Mann ſein, der das Schwert in der Hand hält und ſeine Truppen commandirt: Vorwärts! Vorwärts! Grad auf den Feind! Herr Gott, Scharnhorſt, und ich bin noch nicht einmal angezogen, bin noch im elenden Civilrock! Wenn's nun heute los ging und ſie kämen und riefen mich? Müßt' ſich der Blücher doch ſchämen, daß er nicht bereit und fir und fertig iſt! Jochen! Jochen! Meine Generals-Uniform! Komm in mein Schlafzimmer, Jochen! Ich will mich ankleiden! Ich will meine Uniform anziehen!— Eine Viertelſtunde ſpäter trat Blücher wieder in den Salon, in welchem ſeine Gemahlin in traulichem Geſpräch mit Scharnhorſt ſich befand. Er war jetzt nicht mehr der kranke, leidende Greis, als welcher er heute Morgen in dem Lehnſtuhl am Fenſter geſeſſen, er war wieder der Mann, der Soldat und der Held. Stolz war ſein Haupt ge⸗ hoben, kühn und muthvoll blitzten ſeine Augen, ein ſtolzes Lächeln umſpielte ſeine Lippen, ſeine breitſchultrige, kräftige Geſtalt war um⸗ hüllt von der Generals⸗Uniform, Ordensſterne erglänzten auf ſeiner breiten Bruſt, und lang und raſſelnd hing der Degen an ſeiner Linken nieder. Mit kraftvollen, ſtolzen Schritten näherte ſich Blücher ſeiner Ge⸗ mahlin und dem General Scharnhorſt, und Beiden ſeine Hände dar⸗ reichend, ſagte er mit ernſter, feierlicher Stimme: Die Zeit des War⸗ tens, der Ungeduld und Thorheit iſt jetzt vorüber. Ich habe mir jetzt mit der Uniform einen neuen Menſchen angezogen. Ich bin nicht mehr der ungeduldige Greis, der flucht und wettert und die Fliegen an der Wand todt ſchlägt, weil er nichts Beſſeres hat, ſondern ich bin der Soldat, der ruhig und gelaſſen auf dem Wachtpoſten ſteht und auf die Stunde wartet, wo er ſeinen Feind wird todt ſchlagen können. Kommt, meine Freunde, kommt mit mir! Er zog die Beiden vorwärts, und ſo haſtig ging er mit ihnen durch die Säle dahin, daß ſie ihm kaum zu folgen vermochten. Jetzt betraten ſie den großen Saal, der nur bei feſtlichen Gelegenheiten geöffnet ward. In dieſem großen Saal befand ſich nichts, als einige vergoldete Meubles, einige Tiſche mit Marmorplatten, an den Pfeilern zwiſchen den Fenſtern große venetianiſche Spiegel. Sonſt waren die Wände leer, nur drüben an der Wand über dem Divan hing in einem breiten, künſtlich geſchnitzten Goldrahmen ein Bild, das aber von einem großen ſchwarzen Kreppſchleier verhüllt war. Gerade zu dieſem Bilde führte Blücher die Beiden hin, einen Moment blieb er ſtehen und ſchaute ſinnend und tiefernſt zu dem ver⸗ ſchleierten Bilde hinauf, dann hob er die rechte Hand empor und riß mit einem raſchen Ruck den Trauerſchleier nieder. Die Königin Louiſe! rief Scharnhorſt, auf die edle und ſchöne Salon, in mhorſt ſic* als welcher war wieder 2 Haupt ge⸗ Lächeln„ twar um⸗ auf ſeiner an ſeiner ſeiner Ge⸗ Hände dar⸗ e mir jetzt nicht mehr en an der 3 bin det d auf die X Kommt, * „ * 4 n zwiſchen in, einen dem ver⸗ 6 ot und b d ſcöne GSrey 2 Grey 3 GSrey 4 Black