Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oitmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und geſebedingungén 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen.* 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 5 für wöchentlich 2 2 Bücher: 4 5 Bücher: 6 Bücher: 2 Monat: 1 N—f 1 N 50 Pf. 2 Mk Pf 4 2 Auswärtige ben für Hin⸗ und Zurückſendung der Büchot auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersutz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders varauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem en, welche die⸗ E von mir geliehen, auch daſür zu ſtehen haben. Napoleon in Deutſchland. Von L. Mühlbach. Zweite Abtheilung: Uapoleon und Bönigin Louiſe. Vierter Band. 3 Zweite Auflage. ½ Berlin, 1859. Druck und Verlag von Otto Janke. Napolevn und Königin Louiſe. Von c. Mühlbach. Vierter Band. Zweite Auflage. Berlin, 1859. Druck und Verlag von Otto Janke. Siebentes Buch. Der Wiener Frieden. — Mit z poleon pagny tiſch d ——— — — — * meine „ ſnf zunehn und w kommt mit D dieſen bande dieſen iſolirt halb zu köt der N Der Vrieg mit BPeſterreich. Mit zornigen Blicken, mit zuſammengezogenen Augenbrauen ging Na⸗ poleon in ſeinem Cabinet auf und ab, während der Miniſter Cham⸗ pagny an dem großen, mit Papieren und Landkarten bedeckten Schreib⸗ tiſch des Kaiſers ſtand und mit dem Zuſammenfalten und Ordnen einiger Papiere beſchäftigt war. Sie wollen alſo durchaus den Krieg, dieſe übermüthigen Herren Oeſterreicher, ſagte Napoleon nach einer Pauſe, und ſie wollen ihn ſchon jetzt, weil ſie meinen, daß ich noch nicht gerüſtet bin. Welche unerhörte Frechheit, meine Couriere zu arretiren und ihnen ihre Pa⸗ piere abzunehmen. Und jetzt, da ich Repreſſalien gebrauche, da ich meinerſeits Srdre gegeben, die öſterreichiſchen Couriere auf allen Land⸗ ſtraßen und in allen Städten zu arretiren und ihnen ihre Papiere ab⸗ zunehmen, jetzt ſchreien dieſe Oeſterreicher von verletztem Völkerrecht, und werden mir, wie immer, die Schuld geben, wenn es zum Kriege kommt. Gott weiß es, daß ich gewünſcht hätte, für jetzt den Frieden mit Deutſchland bewahren zu können, denn ich habe genug zu thun mit dieſen verwünſchten Spaniern, die ſich wie eine einzige große Guerilla⸗ bande gegen meine Truppen erheben. Aber das iſtes erade, was dieſen Oeſterreichern Muth gemacht. Sie glauben mich Zeſchwächt, iſolirt und nicht im Stande, einen neuen Krieg aufzunehmen, und des⸗ halb gewinnen die Feigherzigen Muth und vermeinen, Beute machen zu können an der Mähne des Löwen. Abher Geduld, Geduld, noch hat der Löwe ſeine alte Kraft und Stärke, und er wird das elende Gewürm, 582 das ihn umſchwirrt, aus ſeiner Mähne fortſchütteln und es unter ſei⸗ nen Füßen zertreten.— Champagny, Sie haben doch dem öſterreichi⸗ ſchen Geſandten ſeine Päſſe geſchickt? Ja, Sire, der Graf Metternich iſt auch mit dem geſammten Ge⸗ ſandtſchaftsperſonal bereits abgereiſt. Gut, möge er nach Wien gehen und dem Kaiſer Franz meine baldige Ankunft melden, rief Napoleon ungeſtüm. Sire, der Graf Metternich wird den Kaiſer nicht mehr in Wien treffen, ſagte Champagny gelaſſen. Nicht mehr in Wien? rief der Kaiſer hohnlachend. Wittert der Herr Franz vielleicht ſchon, daß ich komme, und macht ſich aus dem Staube, noch bevor ich Paris verlaſſen habe? Nein, Sire, es ſcheint vielmehr, als ob der Kaiſer Franz die Ab⸗ ſicht habe, ſich diesmal ſelbſt an die Spitze der Truppen zu ſtellen. Der Kaiſer lachte laut auf. Die Herren Oeſterreicher halten alſo meine Soldaten für Sperlinge, und ſie wollen ſie verjagen, indem ſie ihnen eine Vogelſcheuche entgegenſtellen! Wenn der Kaiſer Franz ſelbſt commandiren will, ſo will er nur zum Rückzug commandiren, denn das Wort Vorwärts ſteht nicht in ſeinem Lexicon. Haben Sie die deut⸗ ſchen Depeſchen jetzt durchgeſehen, können Sie mir Bericht erſtatten über ihren Inhalt? Zu Befehl, Sire! ſagte Champagny, die Papiere überblickend. Fangen Sie alſo an, rief der Kaiſer, indem er ſich vor dem Schreibtiſch auf einen Seſſel niederwarf, und ein Federmeſſer von dem Tiſch nehmend, mit demſelben an der Lehne des Fauteuils bohrte und ſchnitzte, während Champagny ſprach. Die vier Armee⸗Corps Oeſterreichs hatten ſich nebſt den beiden Reſerve⸗Corps am erſten April ſchon ſämmtlich der baieriſchen Grenze genähert, begann Champagny ſeinen Bericht. Sobald ſie den Inn überſchreiten und das Land meines Bundes⸗ genoſſen betreten, beginnt der Krieg! rief Napoleon ungeſtüm. Weiter! Am neunten April Abends iſt der Erzherzog Carl mit ſeinem Bru⸗ der, dem Kaiſer, und mit ſeinen Truppen in Linz eingetroffen. Von hier aus hat er einen ſeiner Adjutanten an den König von Baiern geſandt, ſen Sch daß er B widerſteh handelnn gbe Abe Erempla Oeſterre kannten Ge Oeſterte ein böſe Jena d verfußt M daraus it Me gekränk Jahre Dieſe ter ſei rreichi⸗ en Ge⸗ meine n Vien tert der us dem die Ab⸗ ellen. ten alſo dem ſie n ſelbſt enn das ie deut⸗ erſtatten beiden Grenze Bundes Weiter! em Bru⸗ Von Baiem geſandt, um dem König ein Schreiben von ihm zu übergeben. In die⸗ ſem Schreiben kündigt der Erzherzog Carl dem König von Baiern an, daß er Befehl habe, vorwärts zu gehen, und alle Truppen, welche ihm widerſtehen und ihn zurückhalten wollten, als Feinde betrachten und be⸗ handeln werde, gleichviel, ob es deutſche oder ausländiſche Truppen ſeien.*) Aber das iſt ja eine vollkommene Kriegserklärung, rief der Kaiſer, indem er ſein Federmeſſer tief in das Sammetpolſter ſeines Lehnſeſſels einbohrte. Ja, Sire, es iſt eine Kriegserklärung, ſagte Champagny, indem er ein anderes Papier ergriff. Wir haben außerdem jetzt auch ein Eremplar des Kriegs⸗Manifeſtes exhalten, welches der Kaiſer von Oeſterreich in ſeiner Wiener Hofzeitung erlaſſen hat, und das den be⸗ kannten Publiciſten Gentz zum Verfaſſer hat⸗ Gentz! rief Napoleon lebhaft. Sehen denn dieſe kriegsdurſtigen Oeſterreicher nicht, daß ſie da ihre Todtenglocken läuten, und daß es ein böſes Omen für ſie iſt, daß Gentz die Kriegstrompete zuerſt blaſen muß? War's nicht dieſer ſelbe Herr Gentz, der vor der Schlacht von Jena das hochtönende Kriegs⸗Manifeſt für den König von Preußen verfaßt hatte? Ja, Sire, es war derſelbe Gentz, der jenes preußiſche Manifeſt damals verfaßt hatte. Nun, das war 1806, jetzt iſt die 6 umgekehrt und es iſt eine 9 daraus geworden, das iſt der einzige Unterſchied, rief Napoleon. Sonſt iſt Alles unverändert geblieben. Dieſelbe Sprache der Zuverſicht, der gekränkten Ehrliebe, des edlen Patriotismus in dem Manifeſt von dem Jahre 9, wie in dem vom Jahre 6, nicht wahr? Oh, ich kenne das! Dieſe Deutſchen bleiben ſich immer gleich, ſie ſind immer Diejenigen, welche das Recht auf ihrer. Seite glauben, ſie ſind immer Diejenigen, welche den Frieden wollen, und ſtatt deſſen, ohne ihr Verſchulden, den Krieg finden. Dieſe Oeſterreicher haben mich ſeit einem Jahre fort⸗ während gereizt; ſie haben heimlich ſeit einem Jahre gerüſtet; je mehr ſie mich in Spanien beſchäftigt glaubten, deſto lebhafter und energiſcher *) Thiers, Histoire du Consulat et de Empire. Vol. X. p. 85. 584 haben ſie ihre Rüſtungen fortgeſetzt, und wenn ich ſie um die Veran⸗ laſſung und den Zweck dieſer Rüſtungen fragen ließ, haben ſie mir ausweichende und ungenügende Antwort gegeben. Die natürliche Folge davon war, daß ich meine Truppen an die deutſche Grenze rücken ließ, daß Davouſt, Lannes und Maſſena mit drei Armee⸗Corps ſich den öſterreichiſchen Grenzen nähern mußten, bereit, im ſelben Augenblick, wo die Oeſterreicher die baieriſche Grenze überſchreiten, ihrerſeits über die öſterreichiſche Grenze zu gehen, und daß ich endlich den Fürſten des Rheinbundes den Befehl ertheilte, ihr Bundes-Contingent auf den Kriegsfuß zu ſetzen und zum Kriege bereit zu halten. Kaum iſt dies geſchehen, ſo verhaften mir die Oeſterreicher wider alles Völkerrecht meinen Courier und zwingen mich, Repreſſalien zu gebrauchen. Und nichtsdeſtoweniger ſind ſie jetzt ganz unſchuldig, nicht wahr, und das Manifeſt des Kaiſers Franz beweiſt ganz klar, daß Frankreich durch fortwährende Beleidigungen und Ausſchreitungen, durch ſeine Länder⸗ gier und ſeinen raſtloſen Ehrgeiz Oeſterreich gezwungen habe, endlich zu den Waffen zu greifen. Iſt es nicht ſo? Ja, Sire, es iſt ſo, wie Ew. Majeſtät ſagen. Es befinden ſich am Schluß dieſes Manifeſtes Worte und Betrachtungen, die ganz mit den Worten Ew. Majeſtät übereinſtimmen. Leſen Sie dieſen Schluß! befahl Napoleon, ſich in den Seſſel zurücklehnend. Champagny las:„Der Kaiſer Franz wird ſich niemals befugt glauben, in die inneren Verhältniſſe fremder Staaten einzugreifen, oder ſich über ihr Regierungsſyſtem, über ihre Geſetzgebung, über ihre Ver⸗ waltungsmaßregeln, über die Entwickelung ihrer Streitkräfte zum Richter aufzuwerfen. Er verlangt eine gerechte Reciprocität. Von Ehrgeiz und Eiferſucht weit entfernt, wird der Kaiſer keinem andern Souverain ſeine Größe, ſeinen Ruhm, ſeinen rechtmäßigen Einfluß beneiden; nur in einem ausſchließenden Anſpruch auf ſolche Vortheile liegt der Ge⸗ genſtand allgemeiner Beſorgniſſe und der Keim zu immerwährenden Kriegen. Nicht Frankreich, für deſſen Erhaltung und Wohlfahrt ſich Seine Majeſtät ſtets lebhaft intereſſiren werden, nur die fortſchreitende Ausdehnung eines Syſtems, welches unter dem unbeſtimmten Titel eines der Mäf aller St damit t Ganze! Fauteuil hinein n ließ er Yr Muder 6 ſie mir eFolge en ließ, ſich den genblic, its über ſten des uf den iſt dies kerrecht Und 585 franzöſiſchen Reiches kein anderes Geſetz, als ſein eigenes, in Europa mehr gelten laſſen will, hat die gegenwärtige Verwirrung er⸗ zeugt; ſie wird gehoben und alle Wünſche Seiner Majeſtät werden er⸗ füllt ſein, wenn an die Stelle jenes ausſchließenden Syſtems das Reich der Mäßigung, der Genügſamkeit, der wechſelſeitigen Unabhängigkeit aller Staaten, der Achtung für die Rechte eines Jeden, der Heiligkeit der Verträge und des Uebergewichts friedlicher Beſtrebungen tritt. Nur damit kann die öſterreichiſche Monarchie, und nur damit kann das Ganze beſtehen.“*) Genug, genug! rief Napoleon, indem er ungeſtüm von ſeinem Fauteuil aufſprang und das Federmeſſer weit von ſich in das Zimmer hinein warf. Ich werde mich für dieſen Uebermuth bezahlt machen, und ein Tag wird kommen, wo der Kaiſer Franz und ſein Schreiber Gentz dieſes elende Pamphlet hier bereuen ſollen. Ich werde es mit dieſem Kaiſer Franz machen müſſen, wie ich es mit den Königen von Neapel und von Spanien gemacht habe. Das Haus Habsburg wird aufhören müſſen, zu regieren! Oder wenn ich aus beſonderer Lang⸗ muth den öſterreichiſchen Kaiſerthron unter den Habsburgern noch länger beſtehen laſſe, ſo ſoll nicht dieſer unfähige und widerſpenſtige Kaiſer Franz, ſondern S Bruder, der Ch urfürſt von Würzburg, ihn ein⸗ nehmen.**)— Wehe aber dieſem Herrn Gentz, der es gewagt hat, mich auf's Neue zu reizen! Schon einmal habe ich befohlen, ihn zu ergreifen und zu beſtrafen. Damals iſt es ihm noch gelungen, ſich durch die Flucht der Gefangennahme zu entziehen. Zum zweiten Mal wird man vorſichtiger ſein und es ihm unmöglich machen, und wenn ich jetzt als Sieger in Wien reſidire, werde ich mich des Herrn Gentz erinnern. Ah, man kommt! Siehe: Friedrich v. Gentz, kleinere Schriften, herausgegeben von Guſtav Sch Ph. L S 05. *) Wenige Monate ſpäter, als Napoleon ſiegreich in Wien eingezogen war, ließ er in der That dem Kaiſer Franz das Anſinnen ſtellen, zu Gunſten Bruders zu abdieiren, und nur die für Frankreich ungünſtige Schlacht von Aspern oder Eßlingen hinderte die Ausführung dieſes Planes.. 586 Die Thür hatte ſich raſch geöffnet und einer der kaiſerlichen Ad⸗ jutanten trat ein. Sire, ſagte er, Napoleon ein verſiegeltes Schreiben dar reichend, der Director der Pariſer Telegraphenſtation überbringt ſo eben dies Schreiben. Endlich! rief Napoleon, das Papier ungeſtüm den Händen des Adjutanten entreißend und dann lebhaft winkend, das Zimmer zu verlaſſen. Endlich! wiederholte er, indem er das Siegel erbrach und das Tier auseinander faltete. Mit einem glühenden Ausdruck flog ſein Auge über das Papier hin, dann zuckte es wie ein Blitz über ſein Antlitz hin, ſeine bleichen Wangen überzogen ſich mit einem Schimmer von Röthe, und als er jetzt ſeine Augen von dem Papier zu ſeinem 2 Miniſter erhob, funkelten ſie wie zwei Schwerterſpitzen. Champagny, ſagte er mit faſt freudiger Stimme, der Krieg hat begonnen, die Oeſterreicher haben den Inn überſchritten und ſind feind⸗ lich in das Land meines Bun desgenoſſen, des Königs von Baiern, ein⸗ gedrungen. Die Entſch eidung iſt da! In dieſer Nacht noch reiſe ich ab. haben heute den zwölften April,— am ſiebzehnten werde ich in Donauwörth ſein und mich ſelbſt an die Spitze meines Heer Jetzt wollen wir arbeiten und unſere Dispoſitionen Was giebt es ſchon Die Thür hatte ſich eben wieder geöffnet und der Hofmarſchall er⸗ ſchien auf der Schwelle, um zu verkünden, daß das Diner ſervirt ſei. Napoleon einen haſtigen Blick hinüber nach der Pendule. Wahrhaftig, es iſt ſchon ſechs Uhr, ſagte er. Aber ich kann jetzt noch nicht! Man ſul Alles bereit halten! Ich laſſe die Kaiſerin bitten, mich im Speiſeſaal zu erwarten! Ich werde bald bei ihr ſein! Man ſoll mir den Herzog von Benevent und den Herzog von Otranto rufen, ich will ſie ſogleich ſ ſprechen! Nun kommen Sie, Champagny, ſagte Napoleon lebhaft, als der Hofmarſchall ſich entfernt hatte, jetzt wollen wir an vie Geſchäfte gehen! Wir haben noch Vieles zu thun und es bleibt uns nur noch ſchiren l darreicht Me ſich mit Ankunft — 9 haſtigen verſchied luſtig m erſchein 1 kommer 2 Helt ak en Ad⸗ eichend, Papier eichen bitten, Man to rufen, als der 6 ſchäfte ur noch wenig Zeit; denn, wie ich Ihnen ſchon ſagte, in dieſer Nacht noch reiſe ich ab. Eine Viertelſtunde ſpäter traten Talleyrand und Fouché, dem Ruf des Kaiſers Folge leiſtend, in das Cabinet ein. Sie fanden Napoleon inmitten von Landkarten, auf denen er die verſchiedenen Armeen mar⸗ ſchiren ließ, mit Hülfe der bunten Nadeln, welche Champagny ihm darreichte. Meine Herren, rief Napoleon, die Eintretenden mit einem glühen⸗ den Blitz ſeiner Augen begrüßend, die Oeſterreicher haben den Land⸗ frieden gebrochen, der Krieg hat begonnen, kommen Sie hierher und ſehen Sie!— Indeſſen hatte die Kaiſerin, dem Wunſche ihres Gemahls gemäß, ſich mit ihrem Hofſtaat in den Speiſeſaal begeben und wartete auf die Ankunft Napoleons, um zur Tafel zu gehen. Das Diner war vollſtändig ſervirt; denn bei der raſchen und haſtigen Weiſe, mit welcher der Kaiſer zu diniren liebte, durften die verſchiedenen Gänge nicht erſt von der Küche heraufgeholt werden, ſon⸗ dern mußten ſchon vor Beginn der Tafel ſervirt werden. Zu dieſem Behuf befanden ſich auf der kaiſerlichen Tafel eine Anzahl ſilberner Wärmſchüſſeln, die mit kochendem Waſſer angefüllt waren, und auf deren heißer Oberfläche man die Speiſen warm erhielt. Nur das ge⸗ bratene Huhn, welches jeden Tag den Schlußpunkt des kaiſerlichen Diners ausmachte und zu den Lieblingsſpeiſen Napoleons gehörte, nur dies gebratene Huhn war in der Küche zurückgeblieben und drehte ſich luſtig am Bratſpieß, des Momentes harrend, wo es auf der Tafel zu erſcheinen hatte. Aber dieſer Moment verzögerte ſich heute ungewöhnlich lange. erſte Huhn war längſt ſchon durch ein zweites, ein drittes und viertes Huhn erſetzt worden, und auch dies hatte ſchon wieder ſo lange am Feuer gebraten, daß es hart und ſaftlos geworden und durch ein neues erſetzt werden mußte, und noch immer war der Vorſchneider nicht ge⸗ kommen, das Huhn abzufordern. Statt ſeiner ſtürzten von Zeit zu Zeit aber die Tafeldecker in die Küche, um kochendes Waſſer zu holen Das 588 und damit auf's Neue die Wärmſchüſſeln zu füllen, zur Erwärmung der Speiſen auf der Tafel. Wenn das ſo fortgeht, werden wir heute den ganzen Hühnerhof entvölkern, brummte der Küchenmeiſter, indem er den Befehl gab, ein neues halbes Dutzend junger Hühner zu holen und zum Braten be⸗ reit zu halten. Der Kaiſer ließ noch immer auf ſich warten. Die Uhr war ſieben, ſie war acht, neun und zehn geworden, und Napoleon war noch immer nicht im Speiſeſaal erſchienen. Aber dies lange Warten hatte auch nicht den leiſeſten Zug von Ungeduld oder Mißſtimmung auf dem Antlitz der Kaiſerin hervorge⸗ rufen; nicht einen Moment war das Lächeln von ihren Lippen gewichen und nicht der kleinſte Schatten hatte ihre klare Stirn umdüſtert. An muthig und heiter wie immer unterhielt ſie ſich mit ihren Cavalieren und Hofdamen, und nur zuweilen flog ihr leuchtender Blick ſehnſuchts⸗ voll hinüber nach der Thür, durch welche Napoleon eintreten mußte. Endlich öffnete ſich dieſe Thür und der Kaiſer erſchien in der⸗ ſelben. Mit einem raſchen, eiligen Kopfnicken ſchritt er auf die Kaiſerin zu, und ihr die Hand reichend, um ſie zur Tafel zu führen, ſagte er: Ich glaube, es iſt ſchon ein wenig ſpät. Ich habe Dich warten laſſen, nicht wahr? Joſephine lachte. Die Frage iſt ziemlich naiv, mein Freund, ſagte ſie. Ich warte ſeit ſechs Uh und jetzt iſt es, wie die Pendule zeigt etwas über elf Uhr. Ach, das iſt in der That ſpät, ſagte der Kaiſer zerſtreut. Ich glaubte ſchon dinirt zu haben, und nur Champagny erinnerte mich eben daran, daß dem nicht ſo ſei. Nun, Joſephine, laß uns eſſen! Und der Kaiſer begann haſtig die Suppe zu eſſen, welche der Großmarſchall eben vor ihn hinſetzte. Die Speiſen waren alle, Dank den ſilbernen Wärmſchüſſeln, trot des fünfſtündigen Wartens, noch warm und genießbar geblieben, nur der Küchenmeiſter hatte eben, als die beglückende Kunde von dem end⸗ lichen Erſcheinen zu ihm gelangte, das dreiundzwanzigſte Huhn an den Br und friſche Schwe Kaiſer heu Huhnes w ſpringend, Ohne ſchritt er einem lan ihren ipp wieder un Gute darreichen Wir ſehen Ern ließ dunn gelangt, und von kuter St ₰ Die ſtant, ſae höre. D Und war Du begb Wort ſ Pris er mir ſehr arnung ühnerhof gab, ein aten be⸗ ſieben, ch immer Zug von gewichen tt. An walieren nſuchts⸗ dem end⸗ Hu hu an den Bratſpieß ſtecken laſſen, um dem Kaiſer beſtändig einen ſaftigen und friſchen Hühnerflügel bereit zu halten.*) Schweigend und in ſich gekehrt, raſcher noch wie ſonſt, nahm der Kaiſer heute ſein Diner zu ſich, und der Flügel des dreiundzwanzigſten Huhnes war kaum verzehrt, als Napoleon, ungeduldig vom Stuhl auf⸗ ſpringend, die Tafel aufhob. Ohne auch nur ein Wort, einen Gruß an die Kaiſerin zu richten, ſchritt er wieder durch den Saal dahin. Joſephine ſchaute ihm mit einem langen, ſchmerzvollen Blick nach, und jetzt war das Lächeln von ihren Lippen gewichen und eine Wolke ſtand auf ihrer Stirn. Er iſt grauſam, flüſterte ſie in ſich hinein. Nach ſo vielen Stun⸗ den des Wartens hat er kaum ein Wort für mich und verläßt mich ohne Gruß. Aber eben, wie Napoleon ſchon dicht an der Thür war, kehrte er wieder um und ſchritt haſtig zu der Kaiſerin hin. Gute Nacht, meine liebe Joſephine, ſagte er, ihr flüchtig die Hand darreichend. Es iſt ſchon ſpät, faſt Mitternacht, geh' alſo zu Bett! Wir ſehen uns heute nicht mehr, lebe wohl und auf Wiederſehen! Er nickte ihr leicht und flüchtig einen Abſchiedsgruß zu und ver— ließ dann das Zimmer, um in ſein Cabinet zurückzukehren. Dort an⸗ gelangt, verriegelte er haſtig die kleine Thür, welche auf den Corridor und von dort in die Gemächer der Kaiſerin führte; dann rief er mit lauter Stimme: Ohé, Conſtant, halloh, Conſtant! Die Thür öffnete ſich ſofort und der Kammerdiener trat ein. Con— ſtant, ſagte der Kaiſer, komm hierher, dicht zu mir heran, und nun höre. Du wirſt in aller Stille meine Reiſekaleſche in Ordnung bringen, und zwar ſo, daß ich genau in einer Stunde abreiſe. Rouſtan und Du begleiten mich, Niemand ſonſt. Aber Du ſagſt zu Niemand ein Wort von meiner Abreiſe, ich will, daß man in den Tuilerien, wie zu Paris erſt morgen erfahre, daß ich Paris verlaſſen habe, und es iſt mir ſehr wichtig, daß es bis dahin für Jedermann ein Geheimniß *) Bausset: Mémoires sur l'intérieur du palais de l'emperenr Napo- 16on. Vol. II. p. 13. 590 bleibe, verſteh' mich wohl: für Jedermann! Und nun eile Dich! In einer Stunde muß Alles gethan ſein! Conſtant verneigte ſich ſchweigend und eilte hinaus. Ja, ja, mur⸗ melte er, während er haſtig weiter ging, ich habe den Kaiſer ſehr wohl verſtanden. Seine Abreiſe ſoll für Jedermann ein Geheimniß bleiben, das heißt: beſonders für die Kaiſerin. Ach, die arme, gute Kaiſerin! Wie wird ſie weinen und klagen, wenn ſie morgen erfährt, daß der Kaiſer ſich wieder ohne ſie auf die Reiſe begeben hat. Sonſt nahm er ſie immer mit, ſie mußte alle Triumphe und alle Beſchwerden der Reiſe theilen, aber jetzt muß ſie immer zu Hauſe bleiben! Arme Jo⸗ ſephine, und ſie iſt ſo gut und ſie liebt ihn ſo ſehr! Aber ich muß dem Befehl des Kaiſers gehorchen, ich darf ihr nichts ſagen! Nein, ich nicht; aber ich kann doch nichts dafür, wenn es ein Anderer thut. Ha, was fällt mir ein! Die Kaiſerin hat ſich geſtern das goldene Reiſeneceſſaire des Kaiſers holen laſſen, um darnach genau ein eben ſolches für den Vicekönig von Italien zu beſtellen. Ich muß mir das Reiſeneceſſaire ſogleich von ihrer Kammerfrau abholen, und zum Glück iſt die erſte Kammerfrau der Kaiſerin ſehr ergeben! Vorwärts alſo! II. Zoſephinens Tebewohl. Die Kaiſerin war indeß traurig und in ſich gekehrt in ihre Ge⸗ mächer zurückgegangen. Sie hatte ihre Damen entlaſſen, nur ihre Oberhofmeiſterin, Frau von Remuſat, war noch bei ihr, und ihre Kam⸗ merfrauen waren im offenen Nebenzimmer, um, bis die Kaiſerin das Bett beſtiegen, den Dienſt bei ihr zu verſehen. Joſephine hatte ſich, kaum in ihrem Zimmer angelangt, langſam und gedankenvoll auf einen Lehnſeſſel niedergleiten laſſen, und ihr Haupt zurückgelehnt, ſchaute ſie mit ſtarren Blicken aufwärts. Ein Ausdruck ien Sch welche da oſephine Erſchein Stirn um unter der Frau he Und von Tra ſie ware daß die etwachte ſein, ſie chloß ur Plaz zu Fürſtenh Mutter poleon n flüſenn in ſeinen ln ſaß ſie ihres 3 Fr zugeſehe hingend ur Ru diber Dich! In „ja, mur⸗ ſehr wohl iß bleiben, Kaiſerin! t, daß der onſt nahm werden der Arme Iv⸗ rich muß ihre Ge nur ihre d ihre Kan⸗ ſaiſerin du ſam gt, lugſon zr Haupt 1d ih in Ausdut 591 ifen Schmerzes ſprach aus ihren Zügen und erhöhete noch die Schatten, welche das Alter ſchon über ihr Antlitz auszubreiten begann. Wenn Joſephine lächelte, war ſie noch immer eine anmuthsvolle und feſſelnde Erſcheinung, aber wenn ihr Antlitz von Trauer umdüſtert, wenn ihre Stirn umwölkt war, dann ſah man, daß ihre Reize im Verwelken, und unter der Schminke und den ringelnden Locken ſchaute dann die alternde Frau hervor. Und Joſephinens Stirn war jetzt oft umwölkt, ihr Antlitz war oft von Trauer umdüſtert! Unheimliche Ahnungen erfüllten ihr Gemüth, ſie war es ſich bewußt, daß ſie am Rande eines Abgrundes ſtehe und daß die Tage ihres Glückes gezählt ſeien. Mit Angſt und Schrecken erwachte ſie an jedem Morgen, denn dieſer Tag konnte dazu beſtimmt ſein, ſie hinunter zu ſtoßen in den Abgrund und ſie aus dem Tuilerien⸗ ſchloß und von der Seite ihres Gemahls zu entfernen, um einer Andern Platz zu machen, einer Anderen, Jüngeren, einer aus einem legitimen Fürſtenhauſe entſproſſenen Frau, welche die Gemahlin Napoleons, die Mutter ſeiner Söhne werden ſollte. Joſephine wußte, daß die Brüder und Schweſtern des Kaiſers ihn fortwährend beſtürmten, ſeine alternde, kinderloſe Gemahlin zu verſtoßen und ſeine und ihre Throne und Dy⸗ naſtien zu ſichern, indem Napoleon eine andere Gemahlin wähle, die im Stande ſei, ſeinem Throne Erben zu geben, daß Tallehrand dem Kaiſer dies täglich als eine politiſche Nothwendigkeit vorſtellte, ohne die ſein Reich und ſeine Größe gefährdet ſei. Sie wußte auch, daß Na⸗ poleon nicht mehr, wie in früheren Jahren, all' dieſen feindſeligen Zu flüſterungen ſein Ohr verſchloß, ſondern daß er ihnen lauſchte und ſie in ſeinem Herzen überlegte. Und weil Joſephine dies Alles wußte, deshalb zitterte ſie, deshalb ſaß ſie jetzt ſchmerzbefangen und traurig da und ſtarrte zu der Decke ihres Zimmers empor. Frau von Remuſat hatte ihr eine Zeitlang ſchweigend und ſeufzend zugeſehen, jetzt näherte ſie ſich leiſe der Kaiſerin, und ihre ſchlaff herab⸗ hängende Hand ergreifend, ſagte ſie zärtlich: Ew. Majeſtät ſollten ſich zur Ruhe begeben! Sie bedürfen des Schlafes, Mitternacht iſt längſt vorüber und Ew. Majeſtät Augen ſind trübe und umſchleiert. 592 Nicht vom Wachen, ſondern vom Weinen, meine liebe Remufhe, ſagte die Kaiſerin, ihrer Vertrauten zärtlich die Hand drückend. Aber Sie haben Recht, ich will zu Bett gehen. Ich will ſchlafen, oh, wäh⸗ rend man ſchläft, vergißt man doch und leidet nicht ſo ſehr. Aber die Träume, oh, die böſen Träume! Remuſat, in meinen Träumen ſehe ich Napolevn immer ſo zärtlich, ſo liebevoll und zutraulich, wie er es ſonſt geweſen; in meinen Träumen liebt er mich noch und ſchaut mich an, nicht mit den ſtrengen Augen des Kaiſers, ſondern mit den ſanften, flammenden Blicken eines zärtlichen Gemahls. Wenn ich dann erwache, Remuſat, ſein ſchönes, ſtrahlendes Götterangeſicht noch vor meiner Seele, und mich dann erinnere, daß das Alles jetzt vorbei und auf immer verloren, oh, dann geht es wie ein Schwert durch meine Seele und ich muß weinen, wider meinen Willen heftig weinen! Aber ich will doch zu Bett gehen! Er hat es befohlen, daß ich zu Bett gehen ſoll, und ich will ſeinen Befehlen gehorchen bis zum letzten Wie trübe und muthlos Ew. Majeſtät heute wieder ſind, ſeufzte Frau von Remuſat. Und doch ſcheint mir heute weniger Grund dazu als jemals. Der Kaiſer war heute herzlicher wie ſonſt. Er war offen⸗ bar ſehr beſchäftigt und von wichtigen Plänen erfüllt, und doch kehrte er noch einmal zurück, und ſein Blick war ungewöhnlich ſanft, ſeine Stimme zitterte, als er Ew. 2 A ſtät Lebewohl ſagte. ebewohl? rief die Kaiſerin lebhaft. Aber weshalb ſagte er Dies iſt es gerade, was mich ängſtigt, was mich martert. Sonſt ſagt er immer nur:„gute Nacht!“ und: auf morgen, Joſephine!“ Heute ſagte er:„Lebe wohl und auf Wiederſehen!“ Remuſat, das bedeutet Etwas. Es geht Etwas vor, und es iſt kein gewöhnlicher derſehen! Oh, man ſagt ſich nich den mir der Kaiſer geſagt. Auf Wie auf Wiederſehen won einem Abend bis zum nächſten bedeutet 2 gewiß, es bedeutet Etwas! Aber Sie haben Recht, ich will zu Bett gehen! Ich bedarf der Ruhe, denn alle meine Glie der zittern und mein Kopf brennt mir wie im Fieber. Rufen Sie meine Frauen! Mit einem tiefen Seufzer erhob ſich Joſephine, um ſich von den Sie war ſo ver tieft Morgen! Das eintretenden Kammerfrauen entkleiden zu laſſen. —————— verſchieder erufen abgen kleide der Rheiten Und Sch dringende Ma haben. ſo holte nd Nei bed arf d Nihb inzihre Gedanken, daß ſie, welche ſonſt immer für alle ihre Dienerinnen ein freundliches Wort, einen lächelnden Gruß hatte, jetzt ihre Gegen⸗ wart gar nicht zu bemerken ſchien. Schweigend ließ ſie ſich ihren Schmuck abnehmen, den Frau von Remuſat alsdann ſorgſam in den verſchiedenen Etuis verwahrte, ſchweigend ließ ſie ſich das ſilbergeſtickte blaue Atlaskleid ausziehen und ſich des weißen Atlasuntergewandes entkleiden, ohne zu bemerken, daß heute die zweite Kammerfrau ſtatt der erſten den Dienſt verſah. Jetzt erſt, als die Kaiſerin im leichten Unterrock, die Bruſt nur loſe verhüllt von dem ſpitzengeränderten Batiſt⸗ hemd, daſtand, und die Arme ausſtreckte, um von den Händen der erſten Kammerfrau ihr langes Nachtkleid ſich überwerfen zu laſſen, jetzt erſt bemerkte Joſephine, daß dieſe nicht bei ihr ſei. Wo iſt Madame Dufour? fragte ſie, zögernd und fröſtelnd das Batiſthemd über dem Buſen ſich zuſammenhaltend. Majeſtät, ſie ward eben in dringenden Angelegenheiten des Kaiſers abgerufen, ſagte die zweite Kammerfrau, indem ſie ſich mit dem Nacht⸗ kleide der Kaiſerin näherte. Aber Joſephine wehrte ſie heftig zurück. In dringenden Angele⸗ genheiten des Kaiſers? fragte ſie athemlos. Was bedeutet das? Ah, da iſt die Dufour! Und in heftiger Bewegung ſtürzte die Kaiſerin der eben eintretenden Kammerfrau entgegen und faßte ihre Hand. Dufour, wo warſt Du? Was giebt es? Majeſtät, ich ward von Conſtant abgerufen. Ich bitte um Verzei⸗ hung, daß ich zu ſpät komme, aber es war eine dringende Angelegenheit. Schon wieder dieſes Wort, rief Joſephine. Was war es für eine dringende Angelegenheit? Majeſtät, Herr Conſtant verlangte das goldene Reiſeneceſſaire des Kaiſers, das Ew. Majeſtät heute dem Juwelier als Muſter gezeigt haben. Er wollte es abholen, und da ich es im Verwahrſam hatte, ſo holte ich es. 65 Und hatte denn das nicht Zeit bis morgen? fragte Joſephine. Nein, Majeſtät, es hatte nicht Zeit bis morgen, denn der Kaiſer bedarf des Reiſeneceſſaires, und er bedarf es ſogleich! Mühlbach, Napoleon. II. Bd. 38 — *——————————— 594 Joſephine ſtieß einen Schrei aus. Er reiſt ab! Oh, ich fühle es, er verläßt mich! Er reiſt ab! rief ſie, außer ſich. Und ohne zu überlegen und zu zaudern, unbekümmert darum, daß ſie unangekleidet, nur im leichten Unterkleide, nur die Schultern halb verhüllt von dem Batiſthemd, nur die Füße bedeckt mit den kleinen roſa Sammetpan toffeln, alles Andere vergeſſend, nur ſich erinnernd, daß der Kaiſer ſie verlaſſen, ſich entfernen wolle, ohne ſie mitzunehmen, ohne ihr Lebewohl zu ſagen, ſtürzte Joſephine durch das Zimmer nach der Thür hin. Vergebens ſtellte ſich Frau von Remuſat ihr in den Weg, Jo ſephine ſchob ſie unwiderſtehlich bei Seite, riß die Thür auf und ſtürmte vorwärts.— Athemlos, das Antlitz überfluthet von Thränen, die Bächen gleich aus ihren Augen ſtürzten, ihr aufgelöſtes Haar im Lufthauch flatternd, flog die Kaiſerin durch die Gemächer dahin, durch dieſe kai⸗ ſerlichen Prunkgemächer, in denen ſie ſonſt nur in ſtrahlender Toilette die Huldigung ihres Hofes, der Fürſten und der Geſandten zu em pfangen pflegte, und durch welche ſie jetzt im Unterrock dahin rannte. Jetzt, indem ſie aus dem erſten Empfangsſaal in den Corridor trat, verlor ſie beim Ueberſchreiten der Schwelle einen ihrer Pantoffel. Aber Joſephine achtete nicht darauf, unaufhaltſam, eine zweite Atalante, ſtürzte ſie vorwärts, den Corridor entlang, die Treppe hinunter. Jetzt, jetzt ſtand ſie im Vorhofe, und oh,— ſie hatte ſich nicht getäuſcht, dort ſtand die Reiſekaleſche des Kaiſers. Sie ſtürzte zu ihr hin; wie eine Lufterſcheinung flog ſie vorüber an Rouſtan und Eonſtant, die harrend neben dem offenen Wagenſchlag ſtanden. Ehe ſie wußten, wie ihnen geſchah, war ſie im Wagen und kauerte ſich bebend und weinend in die Kiſſen. Ehen trat der Kaiſer auf den Hof. Sprachlos und wie gelähmt vor Schreck ſtanden die beiden Kammerdiener noch immer neben dem offenen Wagenſchlag. Napoleon achtete nicht auf ſie; er ſetzte den Fuß auf den Wagen⸗ tritt, und ſchon berührte ſein anderer Fuß das Innere des Wagens, als er die weiße, ſeltſame Erſcheinung im Wagen gewahrte. Was iſt das? rief der Kaiſer, auf dem Tritt ſtehen bleibend. Wer iſt da? 90 bin es, du nlt r Aber ich dulde Dich nicht Sie ſchlan in den Wagen Aber Nay Joſephine, ſag macht und mei Habe die Güte, Aber, Bor ſephine, laut ſ mich nicht hinn Du nich aus mit mir, Bon nimm mich mi haſt ich ſolle T halte Wort! N meines dumme Sie ſchlar ſie bedecte ſei Thränen, und hutten ihn ern um den Hals Mein Got Was bedeutet Das bede behutet, daß als ich den L V nich verlaſen um Dich noch Und Du ine Minute uſehhine uf , ich hle Und ohne zu nangekleidet, G ammetpan der Kaiſer ſie hr Lebewohl Thür hin. f und ſtürmie die Bächen Lufthauch 595 Ich bin es, rief die flehende Stimme der Kaiſerin. Ich, Joſephine! Du wollteſt abreiſen, Bonaparte, wollteſt abermals abreiſen ohne mich. Aber ich dulde es nicht, ich klammere mich an Dich! Ich verlaſſe Dich nicht! Sie ſchlang ihre beiden Arme um ſeinen Nacken und wollte ihn in den Wagen hineinziehen. Aber Napoleon wehrte ſie unſanft zurück. Du biſt eine Thörin, Joſephine, ſagte er heftig. Dies iſt eine Kinderei, die Dich lächerlich macht und meine Abreiſe unnöthig verzögert. Genug der Thorheiten! Habe die Güte, den Wagen zu verlaſſen. Ich muß fort! Aber, Bonaparte, es kann nicht Dein Ernſt ſein, jammerte Jo⸗ ſephine, laut ſchluchzend. Bonaparte, erbarme Dich meiner! Stoße mich nicht hinaus! Ich ſage Dir, Du mußt Gewalt brauchen, wenn Du mich aus dem Wagen entfernen willſt. Oh, habe doch Mitleid mit mir, Bonaparte, Mitleid mit meinem armen gefolterten Herzen, nimm mich mit Dir. Denke daran, daß Du mir neulich verſprochen haſt, ich ſollte Dich auf Deiner nächſten Reiſe begleiten. Oh, Bonaparte, halte Wort! Nur diesmal halte Wort! Erbarme Dich meiner Thränen, meines Kummers, nimm mich mit! Bonaparte, nimm mich mit! Sie ſchlang zum zweiten Mal ihre nackten Arme um ſeinen Hals, ſie bedeckte ſeinen Mund, ſeine Wangen mit ihren Küſſen und ihren Thränen, und diesmal ſtieß Napoleon ſie nicht zurück. Ihre Thränen hatten ihn erweicht. Ganz unwillkürlich hob er die Arme und legte ſie um den Hals ſeiner Gemahlin. Mein Gott, rief er, wie kalt Du biſt, und die Schultern entblößt! Was bedeutet das? Das bedeutet, ſagte die Kaiferin, halb lachend, halb weinend, das bedeutet, daß ich eben im Begriff war, in's Bett zu ſteigen, als— als ich den Wagen vorfahren hörte. Mein Herz ſagte mir, daß Du mich verlaſſen wollteſt, daß ich nicht Zeit hatte, mich erſt anzukleiden, um Dich noch zu treffen, und ſo ſtürzte ich vorwärts! Und Du haſt, bei Gott, Recht gehabt, ſagte der Kaiſer, wärſt Du eine Minute ſpäter gekommen, ſo wäre ich abgereiſt. Gieb Raum, Joſephine, laß mich einſteigen. 596 Der Kaiſer ſprang in den Wagen, und ſelbſt den Schlag zuwer⸗ fend, rief er mit mächtiger Stimme aus dem Fenſter hinaus: Man ſoll dafür ſorgen, daß die Kaiſerin auf dem erſten Relais Alles be⸗ kommt, was ſie zur Toilette nöthig hat. Man bringe der Frau Ober⸗ hofmeiſterin meinen Befehl, daß ſie mit den Damen der Kaiſerin ſich ſofort auf die Reiſe mache. Am achtzehnten muß der Hof der Kaiſerin in Straßburg ſein! Vorwärts!*) Joſephine ſtieß einen Freudenſchrei aus und ſchwang ſich auf des Kaiſers Schooß, ſein Haupt mit ihren Armen an ihren Buſen drückend. Der Kaiſer lachte und wehrte ihr nicht. Rouſtan und Conſtant ſchwan⸗ gen ſich auf den Bock und der Wagen rollte von dannen. Bonaparte, ich danke Dir, oh, tauſend Mal danke ich Dir, flüſterte Joſephine, das an ihrer Bruſt ruhende Haupt des Kaiſers mit glühen⸗ den Küſſen bedeckend. Niemals werde ich dieſe Stunde vergeſſen, Bo⸗ naparte, denn ſie beweiſt mir, daß liebſt, daß Du wenigſtens noch Mitleid mit ihr haſt. Oh, Du weißt wohl, Verrätherin, daß ich Deinen Thränen nicht widerſtehen kann, ſagte Napoleon, halb grollend, halb lächelnd. Aber Du biſt ja ganz nackt und bloß, Joſephine. Bin nackt und bloß, wie es einer Bettlerin geziemt, die an der Pforte des Palaſtes um ein Liebesalmoſen gefleht hat, ſagte die Kai⸗ ſerin lächelnd. Ich erwarte von meinem Herrn und Kaiſer, daß er mir Du Deine arme Joſephine noch Kleidung gebe. Da haſt Du ſie, Du ungeſtüme Bettlerin, rief Napoleon, ihr ſei⸗ nen Zobelpelz, ein Geſchenk des Kaiſers Alerander, über die Schultern werfend und ſie wie ein Kind feſt darin einhüllend. Ach, ich danke, mein Kaiſer, rief Joſephine lachend, danke für den warmen Pelz, und ich werde ihn tragen zu Deinem Angedenken. Nein, nein, das wirſt Du nicht, rief Napoleon lachend. Seht nur dieſe ſchlaue Bettlerin. Will mir den koſtbaren Pelz entführen. Nein, ich leihe ihn Dir, Joſephine, leihe ihn Dir bis zum nächſten *) Siehe: Constant, Mémoires. Vol. IV. p. 183.— Le Normand, Mémoires. Vol. II. p. 500. Rluis, wo wir werden. Aber er wi mir Deinen Pel Nein, nein als wir fahren zu haben, denn Ja, die N Sie ſchlan Schultern, und zog ſie die beide daß ſie Beide i ſeine beiden Ar ſie dicht und fe oſephine lehnt Der Wagen ro ſchaukelnden Be wie bezaubert u ihre Augen un Luf eim ihrem Schlum richt es war die Beanten un chrfurchtsvollen uf keuchendem Es war bracht hatte Da iſt D den kleinen R haft J D o0, Du Mihrhen. Ne Buſen drückend. lachend Peb um nüchſen ſtant ſchwan die an del duß er mil ihr vi entführen⸗ Le Normani, Seht 597 Relais, wo wir hoffentlich einen Courier mit Deinen Kleidern finden werden. Aber er wird uns bis dahin nicht einholen, Bonaparte, Du mußt mir Deinen Pelz noch länger laſſen. Nein, nein, er wird uns einholen, denn er wird ſchneller reiten, als wir fahren können. Oh, mich verlangt ſehr, meinen Pelz wieder zu haben, denn die Nacht iſt kalt. Ja, die Nacht iſt kalt, komm, ich theile mit Dir! Sie ſchlang die eine Hälfte des weiten Pelzes um des Kaiſers Schultern, und ſich eng und klein auf ſeinem Schooß zuſammenkauernd, zog ſie die beiden Enden des Pelzes über ihren Buſen zuſammen, ſo daß ſie Beide in demſelben eingehüllt waren. Napoleon lachte, und ſeine beiden Arme um die ſchlanke Geſtalt Joſephinens legend, zog er ſie dicht und feſt an ſeine Bruſt. Der Pelz des Kaiſers Alexander bedeckte und erwärmte ſie Beide. Joſephine lehnte in ſeligem Schweigen ihr Haupt an Napoleons Schulter. Der Wagen rollte unaufhaltſam weiter, und ſanft eingewiegt von der ſchaukelnden Bewegung, ermattet von ihrer eigenen Aufregung, und wie bezaubert und betäubt von der ſüßen Gegenwart, ſchloß Joſephine ihre Augen und ſchlief ein. Auf einmal ſchreckte die laute Stimme des Kaiſers Joſephine aus ihrem Schlummer. Der Wagen hielt, ſie hatten das erſte Relais er⸗ reicht, es war ſchon lichter Tag. Vor der Thür des Poſthauſes ſtanden die Beamten und der Magiſtrat der kleinen Stadt, um dem Kaiſer ihre ehrfurchtsvollen Morgengrüße darzubringen. Daneben hielt ein Reiter auf keuchendem, mit Schaum und Schweiß bedeckten Es war die Ordonnanz, welche die Toilette der Kaiſerin ge⸗ bracht hatte. Da iſt Dein Reiſebündel, ſagte der Kaiſer lächelnd, indem er auf den kleinen Lederkoffer hindeutete, der auf dem Rückſitz ſtand. Wahr⸗ haftig, recht wie eine fahrende Abenteurerin begiebt ſich die Kaiſerin auf die Reiſe. Ja, Du haſt Recht, rief Joſephine lachend, es iſt wie in den Mährchen. Nackt und bloß ziehen die armen verſtoßenen Prinzeſſinnen aus, und dann kommt irgend ein ſchöner König und nimmt ſie in ſeine Arme, und giebt ihnen prächtige Kleider, und erhebt ſie zu ſeiner Ge⸗ mahlin. Ich danke Dir, mein ſchöner König, und jetzt wollen wir Toilette machen! Wie? Doch nicht hier im Wagen? fragte Napoleon erſtaunt. Wir werden den Koffer in das Haus tragen laſſen, der Poſtmeiſter wird doch wohl ein Zimmer haben, wo Du Deine Toilette machen kannſt, und ein Frauenzimmer, die Dir dabei behülflich ſein kann? Aber, Bonaparte, rief Joſephine lachend, bedenke doch, das iſt ja unmöglich. Es iſt heller Tag; ſoll denn der Wagen ſich öffnen und die Kaiſerin, zum Entſetzen der Menſchheit, im Unterrock und Hemde, mit nur Einem Pantoffel an den Füßen, herausſteigen, um im Triumph von ihren Vaſallen in's Haus geleitet zu werden? Ach, mein Freund, ganz Europa würde lachen über die idylliſche Kaiſerin, die ihren Ge⸗ mahl in Unterrock und Pantoffeln auf der Reiſe begleitet. Es iſt wahr, ſagte Napoleon düſter, es wäre eine allerliebſte Anecdote für die ſogenannten legitimen Fürſten, und ſie würden ſtolz die Naſe rümpfen über die Verletzung der Dehors, die ſich die kaiſer⸗ lichen Emporkömmlinge zu Schulden kommen laſſen. Als ob es ſo ſchwer wäre, ſich vie lächerlichen Regeln ihrer Etiquette zu erlernen, wenn man es der Mühe werth hält. Joſephine fuhr mit ihrer ſammetweichen, weißen Hand leiſe und koſend über des Kaiſers Stirn hin. Keine Wolken dürfen meine Mor⸗ genſonne verdüſtern, ſagte ſie, das bedeutet ſonſt einen trüben Tag. Leuchte, leuchte, meine Götterſonne, und auf eine kurze Minute ſteige jetzt hernieder und verwandele Dich in meine Kammerzofe! Wie, rief der Kaiſer lachend, ich ſoll mich in Deine Kammerzofe verwandeln? Und weshalb nicht, Bonaparte? fragte Joſephine. Hat nicht Dein Bruder, der große Jupiter, ſich ſogar in einen Ochſen verwandelt, der ſchönen Europakzu Liebe? Eine Kammerzofe ſcheint mir doch immerhin noch anſtändiger, als ein Ochſe. Siehe, da rollt der Wagen ſchon wieder vorwärts! Nun, zieh die ſeidenen Gardinen vor die Fenſter, Bonaparte, und jetzt, meine allerliebſte Zofe, jetzt wollen wir Toilette machen! Sie öffn ſorgſan mit gefült hatten Jpſephin und warmen und eine mit Du win ſerin, geſchi Alles ſo bey ſind auch ſchi was nothwen Nun, u Das iſt ſein! Aber hilf mir die Allerlie den Schnüre kleinen Din Sie pa Deine Jrſe und Navan Napoleon, ftüher nuf und Du fr nich. Ach, wohnten no Vahrh lchte Napr nicht einge verändert. und in de jetzt gieb Feenſchuh Bona mmt ſie in ſeine tzt wollen wir chen kannſt, doch dus jſ ju ſich öffnen und ock und Hende, n im Triumph eine allerliebſte ſie würden ſtohz ſich die kaiſer⸗ Als ob es ſo zu erlernen, e Mor üben Tog. Minute ſteige Deine Kammelzl ſt en Hat nicht Ven vewandelt, der dod immerhin en ſchol Bonaparte, n ge machen wiedet 599 Sie öffnete haſtig den kleinen Reiſekoffer, den die Kammerfrauen ſorgſam mit Allem, was zu einer Reiſetoilette nothwendig ſein mochte, gefüllt hatten. Joſephine fand da kleine Halbſtiefel von Sammet, einen bequemen und warmen Sammetoberrock, dazu einen ihrer großen Caſhemirſhawls und eine mit köſtlichen Spitzen beſetzte Capote von roſa Atlas. Du wirſt wenig Arbeit mit mir haben, liebe Zofe, ſagte die Kai⸗ ſerin, geſchäftig in dem Koffer umherwühlend. Die gute Remuſat hat Alles ſo bequem wie möglich eingerichtet und hat nichts vergeſſen. Da ſind auch ſchöne warme Reiſehandſchuhe, geſtickte Mouchvirs, kurz Alles, was nothwendig iſt. Nur Eins haben meine Frauen vergeſſen. Nun, und das iſt? Das iſt ein Spiegel! Bonaparte, Du mußt heute mein Spiegel ſein! Aber zuerſt komm, liebe Zofe! Beginne Deinen Dienſt! Zuerſt hilf mir die Stiefel anziehen! Allerliebſte Stiefelchen, ſagte der Kaiſer, eine der Stiefeletten an den Schnüren faſſend und ſie hin und her ſchaukelnd. Paſſen denn die kleinen Dingerchen für Deine Füße? Sie paſſen, Bonaparte. Haſt Du denn vergeſſen, Böſewicht, daß Deine Joſephine den kleinſten und zierlichſten Fuß in ganz Frankreich und Navarra hat? Früher, als Du noch nicht der großmächtige Kaiſer Napoleon, ſondern der tapfere, berühmte General Bonaparte warſt, früher wußteſt Du es ganz genau, daß ich einen ſchönen Fuß habe, und Du freuteſt Dich deſſen, denn damals warſt Du noch verliebt in mich. Ach, ich wollte, Du wärſt noch der General Bonaparte und wir wohnten noch in unſerem kleinen Hötel in der Rue Chantereine. Wahrhaftig, ich bin ganz zufrieden, daß ich da nicht mehr bin, lachte Napoleon. Mir ſcheint, der General Bonaparte hat ſeinen Ruhm nicht eingebüßt, er hat nur ſeinen Titel und ſeinen Stand ein wenig verändert. Es iſt ein ganz guter Stand, der Stand eines Kaiſers, und in den Tuilerien wohnt es ſich auch recht gut und bequem. Aber jetzt gieb Deinen Fuß her, Joſephine, ich will ſehen, ob der kleine Feenſchuh wirklich für einen Menſchenfuß paßt! Bonaparte, es iſt Neid und Eiferſucht, was aus Dir ſpricht, lachte * 600 Joſephine, Du kannſt nicht begreifen, daß irgend ein Menſchenfuß noch kleiner ſein könnte, als der Deine. Aber bedenke doch,— Du biſt der große Bonaparte, und ich bin nur die kleine Joſephine, das kleine winzige Geſchöpf, das nur Farbe, Licht und Leben von Dir empfängt. Bonaparte, Du haſt den g größten Fuß, den nur je ein Mann gehabt hat. Wie denn? Ich habe den größten Fuß? rief Napoleon erſtaunt. Man hat mir doch immer geſagt, daß ich einen ſehr kleinen Fuß habe. Man hat ſich geirrt! ſagte Joſephine ernſthaft. Du haſt die aller größten Füße, denn wie wo llteſt Du es ſonſt möglich machen, daß Du, wie Du es doch in der That thuſt, ganz Europa unter Deine Füße trittſt? Napoleon lachte. Sehr gut, ſagte er, Du haſt Recht, ich ſetze meinen Fuß auf Europa's Nacken, und wer mir widerſteht, den werde ich zertreten! Bonaparte, rief Joſephine drohend, keine Politik jetzt und kein drohendes Kaiſergeſicht! Erinnere Dich, daß Du jetzt eben nichts weiter biſt, als meine Kammerzofe. Da haſt Du meinen Fuß. Zieh mir den Stiefel an und ſieh zu, ob er paßt Napoleon fügte ſich lachend ihrem Willen, und die Toilette Jo⸗ ſephinens begann. Der Kaiſer war zuerſt ihre Kammerzofe und dann ihr Spiegel, und unter Lachen und Schäkern, unter lieblichem Geplauder verging der erſte Tag ihrer Reiſe. Ein Tag, ſo glücklich und ſchön, wie ihn Joſephine ſeit manchem Jahr nicht gekannt, und der ihr Herz wie mit einem neuen Sonnenſtrahl des Glücks durchglühte. Vergeſſen waren jetzt alle Sorgen, alle trüben Befürchtungen, alle Thränen. Die Gegenwart lächelte wieder, was fragte das leichtbe⸗ ſchwingte freie Herz Joſephinens nach der Zukunft. Aber ach! Schon der zweite Reiſetag glich nicht mehr dem erſten, und das Lächeln, die Scherze und Neckereien Joſephinens fanden heute ſchon keine Erwiederung mehr. Der Kaiſer war einſylbig, ſtill und düſter. In ſeinen Zobelpelz gehüllt, lehnte er in der Ecke des Wagens, und nur kurz und abweiſend beantwortete er die Fragen Joſephinens. Der Sonnenſchein auf dem Antlitz der Kaiſerin begann allmälig wieder zu erblaſſen und ihr Herz ward wieder ſchwer und ſorgenvoll. Ab ſie a ſuß Jed er von mit Thränen Sini ſie in das Se für rdie Kaiſer Du vill flehender Sti Nein ich lnd ohn ſehine begab ntzog ſie digkit llen Silfjnne ihter aus Pu Der 8 Napolet Stimme, N ſ zu ſage ich leſe es a raſch und au 601 fuß noch Als ſie am Abend des vierten Tages in Straßburg anlangten, u biſt der ſaß Jeder von ihnen ſchweigend in ſeiner Wagenecke. Die Kaiſerin das kleine mit Thränen in den Augen, der Kaiſer mit finſter zuſammengezogenen empfüngt. Augenbrauen, mit düſterer Stirn. bt hat Schweigend reichte Napoleon ſeiner Gemahlin den Arm und führte 1 eon erſtaunt ſie in das Schloß. Gute Nacht, Joſephine, ſagte er, am Eingang der en Fuß habe für die Kaiſerin beſtimmten Gemächer ſtehen bleibend, gute Nacht! Du willſt nicht mit mir ſoupiren? fragte die Kaiſerin mit leiſer, achen, daß flehender Stimme. Dein Nein, ich habe Geſchäfte. Gute Nacht! Und ohne Gruß und Blick ſchritt der Kaiſer von dannen. Jo— ſetze ſephine begab ſich in ihre Gemächer. Sie ließ das Souper abbeſtellen de und entzog ſich unter dem Vorwand allzu großer Erſchöpfung und Mü⸗ digkeit allen weiteren Repräſentationen und Huldigungen. Einſam und allein in ihrem Schlafzimmer, konnte ſie wenigſtens ungeſtört weinen.— Am andern Morgen trat Napoleon ungewöhnlich früh in das Schlafzimmer Joſephinens, die eben im Begriff war, mit dem Beiſtand ihrer aus Paris angekommenen Kammerfrauen ihre Toilette zu machen. Der Kaiſer winkte den Frauen, hinaus zu gehen, und ging dann, die Hände auf dem Rücken gefaltet, mit düſterem Geſicht ſchweigend auf und ab. Napoleon, ſagte Joſephine nach einer langen Pauſe mit bebender Stimme, Napoleon, Du biſt gekommen, um mir eine ſchlimme Nach⸗ richt zu ſagen. Ich fühl's an dem ängſtlichen Klopfen meines Herzens, e ich leſe es auf Deiner düſteren Stirn. Alſo ſprich! Sage mir Alles raſch und auf einmal. Ich bin auf Alles gefaßt. Nun denn, ja, es muß geſagt werden! rief Napoleon heftig. Jo⸗ ſephine, Du darfſt mich nicht weiter begleiten. In dieſer Stunde noch müſſen wir uns trennen! Ich habe Dir wider meinen Willen nach⸗ gegeben, ich habe Dir den Willen gethan und Deine Begleitung auf meiner Reiſe angenommen. Aber bis hierher und nicht weiter! Ein neuer Feldzug beginnt, Tage der Schlachten, der Beſchwerden und Mühen erwarten mich. Du darfſt und kannſt ſie nicht mit mir theilen. Du mußt hier zurückbleiben! plauder — —— ——— —— — —— 602 Joſephine ſah ihn mit einem langen, traurigen Blick an. Aber wenn Du geſiegt haſt, Napoleon, wenn Du zum zweiten Mal als Triumphator Deinen Einzug in Wien gehalten, wirſt Du mich dann zu Dir rufen, Napoleon? Werde ich dann, wie ſonſt, Deine Triumphe mit Dir theilen? Bonaparte, gieb mir jetzt keine ausweichende Ant⸗ wort. Sprich die Wahrheit, denn ich habe den Muth, ſie zu hören. Sage, wenn das Schickſal Dir günſtig iſt, wenn Du Oeſterreich be⸗ ſiegſt, wie Du bis jetzt alle Deine Feinde beſiegt haſt, wirſt Du mich dann zu Dir rufen? Die Wahrheit, Napoleon, die Wahrheit! Nun denn, die Wahrheit, rief Napoleon nach kurzem Zaudern. Nein, Joſephine, ich werde Dich nicht zu mir rufen! Du wirſt meine Triumphe nicht mehr theilen! Joſephine ſtieß einen Schrei aus und ihre Augen füllten ſich mit Thränen. Ich bin alſo verurtheilt, ſagte ſie, es iſt alſo wahr, was Fouché mir geſagt hat? Was hat er Dir geſagt? fragte der Kaiſer haſtig. Er hat mir geſagt, daß ich mich vorbereiten ſoll auf einen großen Schlag, der mich treffen wird. Er hat mir geſagt, daß Du, Napoluön, unter der Hand durch Deinen Vertrauten haſt werben laſſen um die Schweſter des Kaiſers Alexander, und daß nur durch den Widerſtand der Kaiſerin⸗Mutter Dein Plan geſcheitert iſt. Ja, rief Napoleon düſter und zerſtreut, ja, die ſtolze Kaiſerin⸗ Mutter haßt mich und ſie hat es vorgezogen, ihre Tochter lieber raſch an einen kleinen deutſchen Fürſten zu verheirathen, als ſie dem Kaiſer von Frankreich zur Gemahlin zu geben.*) Nun, immerhin, es giebt *) Napoleon hatte in Erfurt den Kaiſer Alexander durch Talleyrand er⸗ forſchen laſſen, ob er ihm ſeine Schweſter zur Gemahlin geben wolle. Alexander hatte geantwortet, daß es für ihn das größte Glück ſein würde, Napoleon ſei nen Schwager nennen zu dürfen, daß aber dies nicht von ſeinem Wunſch und Willen allein abhängig ſei. Für die Vermählung ſeiner Schweſter bedürfe er auch der Einwilligung ſeiner Mutter. In ſeinem Reich ſei er der alleinige und unumſchränkte Herr, aber in ſeiner Familie, und namentlich was ihre Tochter anbetrifft, habe auch die Kaiſerin⸗Mutter eine gewichtige Stimme, und ſie müſſe daher zuerſt gefragt werden, wenn es ſich um die Vermählung der Großfürſtin handele. Er würde aber ſofort bei der Kaiſerin anfragen und ihr auch ſagen, noch andere meine Kaiſe Napolo voll. Du Der Lerze Jo, Zerſtreuun Joſephin vergeſſen, lſcht) D von Deine Nin, nichts zu als Solde Aber veue Länd nicht wahr N 1 Napo ging ere und ſah Angeſich oſe tapferes ein Tog liebe, ch daß 1 dingend vemahm beeilte, d Eile mit rfolgte Uufnge 1 Jtat Aick an. Aber ten Mal als Du mich dann eine Triumphe weichende Ant⸗ ſie zu hören. Oeſtetreich be wirſt Du mich rheit! Zaudern. Du wirſt meine 603 noch andere Fürſtentöchter, und bei Gott, ſie werden ſich glücklich ſchätzen, meine Kaiſerin zu werden! Napoleon, und das wagſt Du mir zu ſagen? rief Joſephine ſchmerz⸗ voll. Du giebſt es alſo zu, daß Du mich verſtoßen willſt? Der Kaiſer ſchrak leiſe in ſich zuſammen. Verzeih, Joſephine, ſagte er verlegen, ich war zerſtreut, ich— Ja, Du warſt zerſtreut, unterbrach ihn die Kaiſerin, und in Deiner Zerſtreuung verrietheſt Du mir Deine Gedanken. Es iſt alſo wahr! Joſephine ſoll geopfert werden. Grauſamer Mann, Du haſt alſo Alles vergeſſen, die ganze Vergangenheit iſt alſo in Deinem Herzen ausge⸗ löſcht? Du kannſt im vollſten Ernſt daran denken, Dich von mir, Dich von Deiner beſten Freundin zu trennen? Nein, Joſephine, nicht jetzt, rief Napoleon, ſei ruhig, Du haſt nichts zu fürchten. Ich ziehe jetzt nicht aus als Brautwerber, ſondern als Soldat, und keine Myrthen, ſondern Lorbeeren will ich mir erwerben. Aber dann, Napoleon, dann, wenn Du neue Lorbeeren erworben, neue Länder mit dem Blute Deiner Soldaten Dir erkauft haſt, dann, nicht wahr, dann ſoll Joſephine geopfert werden? Napoleon antwortete nicht ſogleich. Langſam, mit geſenktem Haupt ging er einige Male auf und ab. Dann blieb er vor Joſephinen ſtehen und ſah mit trüben, düſteren Blicken in ihr von Thränen überfluthetes Angeſicht. Joſephine, ſagte er mit ernſter, feſter Stimme, Du haſt ein großes, tapferes Herz, und es wird tapfer und groß die Wahrheit tragen. Ja, ein Tag mag kommen, wo wir uns trennen müſſen, obwehl ich Dich liebe, obwohl ich weiß, daß Du das einzige, treue Herz biſt, auf das daß er, Alerander, die Vermählung ſeiner Schweſter mit dem Kaiſer Napoleon dringend wünſche.— Die Kaiſerin⸗Mutter, eine energiſche und kühne Frau, vernahm indeß nicht ſobald dieſen Wunſch und Plan Napoleons, als ſie ſich beeilte, denſelben unmöglich zu machen. Sie verlobte ihre Tochter in größter Eile mit dem Fürſten von Oldenburg, und die ſchon einige Wochen darauf erfolgte Vermählung der Grofßfürſtin war die einzige Antwort auf Napoleons Anfrage und Wunſch. Siehe: Thiers, Th. IX., und Mémoires d'un homme d'6tat, Th. IX. 604 zählen kann. Urtheile alſo, was es mir koſten wird, wenn ich eines Tages den harten Entſchluß faſſen muß, mich von Dir loszuſagen, von Dir, meinem guten e Aber ich g85 öre meinen Völkern, ich gehöre meinem Ruhm! Me ine Macht iſt ſo rieſengroß emporgewachſen, k ich ſie mit feſten Grundlag ſtützen muß, damit ſie nicht eines Tages über mir Der Kaiſer Napoleon bedarf eines Erben, hätteſt Du ihn mir gegeben, ſo würde ich mich nie von Dir trennen. Jetzt iſt alle Hoffnung geſchwunden, und da Joſephine mir keinen Sohn geben kann, ſo werde ich wohl eines Tages gezwungen ſein, mir unter den Töchtern der Könige eine Gemahlin zu ſuchen. Ich wünſche es nicht, aber die Pflicht gegen meine Völker wird mich dazu zwingen. Nein, nicht die Pflicht, ſondern Dein Ehrgeiz läßt Dich eine ſolche „ 5 6 Verbindung wünſchen, 3 Joſephine, in Thränen zerfließend. Deinem Ehr tge haſt Du Alles geopfert, Deine Ruhe, Deinen Frieden, das Blut Deiner Soldaten, und jetzt willſt Du ihm auch mich noch, Dein Veib,z zum Opfer bringen. Ja, Joſephine, es iſt ſo, wie Du ſagſt, rief Napoleon ungeſtüm, es iſt der Ehrgeiz, der mich von Dir ſcheidet, der mich zwingt, mich von der Gemahlin zu trennen, die ſechszehn Jahre lang mein Leben verſchönert hat. Es iſt der Ehrgeiz, der mit eiſernem Arm auf meine Kaiſerkrone deutet und mir befiehlt, mir eine legitime Gemahlin zu ſuchen, damit ich und mein Sohn in der Zukunft eintreten können in die Reihe der legitimen Fürſtenhäuſer. Ich habe große Pläne vor, ich werde bald neue Umwälzungen in ganz Europa vornehmen, ich werde ſiegreich alle meine ſi überwinden, und ganz Europa wird mich Jo E anerkennen müſſen als ſeinen Herrn. Dann aber, dann, wenn mir für meinen Ruhm mehr zu wünſchen bleibt, dann, wenn ich ſo hoch geſtiegen bin, daß es keine Höhe mehr über mir giebt, dann werde ich daran denken, das Glüc und den Frieden meines Volkes und meines Reiches zu ſichern, und dazu bed arf ich eines legitimen Erben. Ich will — und verlange nichts mehr für mich, ſondern alle meine Wünſche ge⸗ hören Frankreich. Wenn ich einſt nicht mehr bin, dann werden meine Zeitgenoſſen von mir ſagen: Er war der Einzige, der im Stande war, das Gute; gab; die A mus, ihren ſich nichts Beſtrebung theuer war hüuſer Em geiz ſchmei odet König können. T die vin eines Tag zerbrechen dem ſie ſ hingeriſſe ſephinent Rnter ei wie Blize wid di und wein Engel ge Dein Gl guter St Ues zuſagen, ich 605 das Gute zu wollen, weil es für ihn keine perſönlichen Wünſche mehr gab; die Andern beſchäftigten ſich nur mit ſich ſelber, mit ihrem Egois⸗ mus, ihren Begierden; Bonaparte hatte Alles erreicht, und da er für ſich nichts mehr zu wünſchen hatte, gehörten alle ſeine Wünſche, ſeine Beſtrebungen ſeinem Lande. Nur Eins gab es, das ihm perſönlich theuer war, das war ſein Weib! Aber da es zum Wohl des Vater⸗ landes nothwendig war, opferte er dies geliebte Weib dem Vaterlande.*) Worte, Worte! rief Joſephine. Du ſuchſt vergeblich vor mir Dein Inneres zu verbergen. Ich kenne Dich, Bonaparte, und ich leſe in Deiner Seele! Du willſt eintreten in irgend eins der erſten Fürſten⸗ häuſer Europa's, weil das Deinem Stolz, Deinem unerſättlichen Ehr⸗ geiz ſchmeichelt. Dann, wenn Du der Schwiegerſohn eines Kaiſers oder Königs biſt, dann wirſt Du glauben, ungeſtraft Alles wagen zu können. Du wirſt Dich einen Halbgott dünken, und begleitet von Dei⸗ nen ſiegreichen Phalanxen, die Dir ſo oft ſchon den Sieg verliehen, willſt Du ausziehen, das Weltall zu unterjochen. Aber der Hauch des Schickſals wird Dich berühren und wie ein Phantom wird es Dich fortblaſen von der Oberfläche der Erde. Du glaubſt, die Fürſten und die Völker in Ketten ſchlagen zu können. Hüte Dich, daß ſie nicht eines Tages aus ihrer Betäubung des Schreckens erwachen, ihre Ketten zerbrechen und Rache, glühende Rache nehmen an dem Tyrannen, von dem ſie ſo lange ſich knechten ließen. Verführt von glänzendem Schein, hingeriſſen von grenzenloſer Ehrbegierde, will Napoleon ſich von Jo⸗ ſephinen trennen; der Unſelige wird zu ſpät erkennen, daß er über dem Krater eines Vulkans einhergeht; ſeine Fehler und Vergehen werden wie Blitze in den Krater hineinfahren, und ein furchtbarer Ausbruch wird die Folge davon ſein.**) Oh, Bonaparte, Bonaparte, ich zittere und weine um Dich! Erinnere Dich, daß Du mich oft Deinen guten Engel genannt. Glaube mir, wenn Du mich verſtößt, verſtößeſt Du Dein Glück. Von dem Treuloſen wird es ſich abwenden und Dein guter Stern wird auf ewig erbleichen! Das iſt es, Bonaparte, was *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Le Normand, II. S. 235. **) Joſephinens eigene Worte. Siehe: Le Normand, II. S. 197. ———— 606 mein Herz am tiefſten verwundet, was mich zur Verzweiflung treibt. Du wirſt allein ſein inmitten von Neidern, Verräthern und falſchen Freunden. Niemand wird es ehrlich mit Dir meinen, wenn Joſephine nicht mehr bei Dir iſt! Niemand wird es wagen, Dir die Wahrheit zu ſagen, wenn Du Deine beſte Freundin verſtoßen haſt. Die Lüge wird Dich umgarnen, die Lüge wird Dir ſchmeicheln, die Lüge wird Dich zum Abgrund führen und Du wirſt in ihm verſinken! Und ganz außer ſich, an allen Gliedern bebend, bleich und wie von Entſetzen ergriffen, ſank die Kaiſerin auf einen Seſſel nieder und bedeckte das Geſicht mit ihren Händen. Eine lange Pauſe trat ein. Napoleon ging langſam und düſter auf und ab. Joſephine ſaß zuſammengekauert, verhüllten Angeſichts, da und ächzte laut. Endlich näherte ſich der Kaiſer ſeiner Gemahlin und legte ſanft ſeine Hand auf ihre Schulter. Weine nicht mehr, Joſephine, ſagte er faſt bittend. Wir haben uns einmal wieder mit Phantomen geängſtigt und uns über Dinge ereifert, die der Zukunft angehören. Jetzt biſt Du noch meine Gemahlin, und wer weiß, ob Du es nicht immer blei⸗ ben wirſt, wer weiß, ob Du nicht bald meine Wittwe ſein wirſt. Ich gehe einem neuen Kriege entgegen, und es wird ein hartnäckiger und erbitterter Kampf ſein, in welchem das alte Oeſterreich mit dem jungen Frankreich ringen wird um den Sieg. Er wird Frankreich zufallen, der glorreiche Sieg, oh, ich zweifle nicht daran, aber wer kann wiſſen, ob ich ihn nicht mit meinem Blute bezahlen muß! Denn ich werde mich nicht ſchonen, ich werde immer an der Spitze meiner Truppen ſein, ich werde gleich dem geringſten der Soldaten meine Bruſt den Kugeln bloßſtellen, denn in ſolchem Kampfe der Entſcheidung, wie wir ihn jetzt haben werden, darf auch der Kaiſer nur Soldat ſein und ſich als Soldat fühlen. Oh, Bonaparte, rief Joſephine, entſetzt aufſpringend und ſich an ihn anklammernd, habe doch Erbarmen mit meinem Herzen! Setze Dich nicht tollkühn den Zufällen der Schlacht aus! Bedenke, daß das Schickſal von Millionen an Deinem Haupte hängt, bedenke, daß ich ſterben und verzweifeln würde, wenn Unheil Dich träfe. Oh, Bonaparte, geliebter, itziger Mann mein Herz! Du liebſt für die Zukun weiß es wohl, und was auch Und dies, J In dieſer St meiner met zitternden De von Jena wie pflücen, und neue aufzurich Vor dar dinand von ſeine Vohnu ten und war Staub und e welcher in de ſein überwac diſelbe ein⸗ Hoſtic Ooſtig vor welchen hatte und ſt D Her ju Mein Herr 0h hier in d eiflung treibt. d falſchen poſephine Wahrheit ie Lüge üge wird leich und wie el meder und nd düſter Angeſichts, ſauft ne, ſagte er geängſtigt etzt biſt ch diger und njungen ch zufallen, ſen, verde Truppen Bruſt den wir ud ſich ſich an Setze Dch Schicſſal liebtel, 607 einziger Mann, ſei gut und großmüthig, ſchone Dein Leben, ſchone mein Herz! Du liebſt mich alſo dennoch, trotz Deiner ſchlimmen Befürchtungen für die Zukunft? fragte Napoleon mit einem ſanften Lächeln. Oh, ich weiß es wohl, meine Joſephine iſt meine treueſte und beſte Freundin, und was auch kommen möge, ſie wird mir niemals ihr Herz entziehen. Und dies, Joſephine, laß jetzt unſer Lebewohl ſein! Ich muß fort! In dieſer Stunde noch breche ich auf! Morgen ſchon werde ich bei meiner Armee ſein, und bald wird der Donner meiner Kanonen dem zitternden Deutſchland verkünden, daß der Sieger von Auſterlitz und von Jena wieder da iſt, um ſich in Deutſchland neue Lorbeeren zu pflücken, und je nach ſeinem Belieben alte Fürſtenthrone zu ſtürzen oder neue aufzurichten. IIi. Ferdinand von Fchill. Vor dem Hauſe der Friedrichsſtraße, in welchem der Major Fer⸗ dinand von Schill, ſeitdem er mit ſeinem Regiment in Berlin lagerte, ſeine Wohnung genommen, hielt ein Reiſewagen an. Die Pferde keuch⸗ ten und waren naß von Schaum und Schweiß, der Wagen war mit Staub und Schmutz bedeckt. Alles deutete an, daß der junge Mann, welcher in dem Wagen ſaß, eine lange und eilige Reiſe gemacht, und ſein überwachtes, bleiches und angſtvolles Geſicht ließ vermuthen, daß dieſelbe eine ſehr wichtige Veranlaſſung haben mochte. Haſtig ſprang er aus dem Wagen und näherte ſich dem Hauſe, vor welchem ein ziemlich anſehnlicher Trupp Menſchen ſich aufgeſtellt hatte und ſtarr zu den Fenſtern emporſchaute. Der junge Reiſende näherte ſich einem der gaffenden Männer. Mein Herr, fragte er, höflich grüßend, können Sie mir wohl ſagen, ob hier in dieſem Hauſe der Major von Schill wohnt? 608 Ja wohl, ſagte der Gefragte ſtolz, jeder richtige Berliner kann Ihnen ſagen, daß in dieſem Hauſe der Major Ferdinand von Schill wohnt, der Liebling aller Berliner und aller redlichen Deutſchen. Der junge Mann lächelte. Und wiſſen Sie auch vielleicht, fragte er, ob der Major von Schill eben zu Hauſe iſt? Na, fragte der Mann verwundert, weshalb ſtänden wir denn hier, wenn Schill nicht zu Hauſe wäre? Stehen ja blos hier, um ihn zr ſehen und zu begrüßen, wenn er an's Fenſter kommt, und ihm's Geleit zu geben, wenn er aus dem Hauſe tritt. Er hat jeden Tag, wenn er auf die Straße kommt, eine Ehrenwache von Bexliner Volk um ſich, und die Hurrah's nehmen kein Ende, wo er geht und ſteht. Ich habe ihn ſelbſt noch nicht geſehen, denn ich war krank. Aber geſtern war mein Geburtstag, und da hat mir meine Frau einen Pfeifenkopf mit Schills Bildniß geſchenkt, und meine Tochter ſagt, der Schill iſt der ſchönſte Mann auf der Welt und deshalb hat ſie ſich ein Medaillon mit ſeinem Bildniß gekauft, das trägt ſie um den Hals. Alle jungen Mädchen tragen jetzt ſolche Portraits von Schill. Nun bin ich gekom⸗ men, um zu ſehen, ob die Portraits ähnlich ſind und ob der Schill nicht blos der tapferſte und kühnſte Soldat, ſondern auch, wie die ver⸗ liebten Frauen ſagen, der ſchönſte Mann iſt. Na, und Hurrah will ich ſchreien, Hurrah, daß die Puppen auf'm Zeughaus wackeln ſollen. Sie ſind auch wohl gekommen, um den Schill zu ſehen? Ja, blos deshalb bin ich gekommen, ſagte der junge Mann, und indem er ſich an den Poſtillon wandte, der ſo eben ſeine Pferde vom Wagen abgeſchirrt hatte, rief er: Schwager, wenn Du zur Poſt kommſt, beſtelle mir ſofort vier andere Poſtpferde und ſchicke ſie hierher. In einer halben Stunde muß ich meine Rückreiſe wieder antreten. Dann ſchritt er raſch dem Hauſe zu. Nur mühſam gelang es ihm, durch den ſich immer vergrößernden Volkshaufen hindurch zu kom⸗ men und die Thür zu erreichen. Haſtig durcheilte er dann den Haus⸗ flur und ſprang die Treppe hinauf. Ein Livréebedienter ging mit gravitätiſchen Mienen auf dem oberen Flur auf und ab und maß den jungen Fremden mit forſchenden Blicken. Wohnt hier der Major von Schill? fragte der Reiſende. Jo, mei Und er Dus hei glube, er iſ von Beſuchen ob er noch 2 Mtet ja ganz ven ſo könnten und elend, n muß er in hären und a trinken und vielen Rend noch zletzt daß er zuw liegen kann. von Schill Vul heinge muß heute Berlin, He muß er u geht's nicht Aber, ſnde. Ich ein enthuſia dri NRichte den Major Ah, d meinem He nal nochſe — S Sehen un Stil Vihlbech und ihms Grleit Tag, wenn er Volk um ſich, % habe Ich habe geſtern war Ja, mein Herr! Und er iſt zu Hauſe? Das heißt, ſagte der Bediente zögernd, ich weiß nicht gewiß, ich glaube, er iſt ſchon ausgegangen. Er iſt den ganzen Tag ſo belagert von Beſuchen, ſo geplagt von Einladungen, daß ich wirklich nicht weiß, ob er noch Beſuch drinnen hat, oder ob ihn ſchon wieder einige ſeiner Anbeter zu irgend einem Feſteſſen abgeholt haben. Die Berliner ſind ja ganz vernarrt in meinen Herrn, und wenn der Herrgott ſelber käme, ſo könnten ſie ihn nicht mehr feiern! Er iſt ſchon ganz angegriffen und elend, mein Herr, von all' der Wirthſchaft. Mittags und Abends muß er in großen Geſellſchaften ſein und hunderttauſend Reden an⸗ hören und auch darauf antworten, und das viele Jubiliren und Wein⸗ trinken, und dazu die Weibsleute mit ihren verliebten Blicken und die vielen Rendezvous,— na, ſie machen mir meinen guten lieben Herrn noch zuletzt krank und elend, die Berliner, und ich muß dafür ſorgen, daß er zuweilen Ruhe hat und in Frieden und Stille auf dem Sopha liegen kann. Und ich muß Ihnen jetzt ſagen, mein Herr, Herr Major von Schill iſt nicht zu Hauſe. Er iſt heute Morgen erſt von einem Ball heimgekommen, den die Stadt Berlin ihm zu Ehren gegeben, er muß heute Mittag zu einem Feſtmahl, das der Commandant von Berlin, Herr von Leſtocg, ihm zu Ehren veranſtaltet hat, und jetzt muß er ausruhen. Kommen Sie lieber ein anderes Mal wieder. Heute geht's nicht. Aber, lieber Freund, ich kann nicht wieder kommen, ſagte der Rei⸗ ſende. Ich bin keiner von den enthuſiaſtiſchen Berlinern, aber ich bin ein enthuſiaſtiſcher Verehrer Schills, und ich bin ſeit drei Tagen und drei Nächten mit Courierpferden gereiſt, um hierher zu kommen und dem Major von Schill eine wichtige Nachricht zu bringen. Ah, das iſt etwas Anderes, ſagte der Diener. Ja, wenn Sie meinem Herrn eine wichtige Nachricht zu bringen haben, ſo will ich mal nachſehen, ob er zu Hauſe iſt. Sehen Sie nach, lieber Freund, und melden Sie dem Major von Schill, der Referendar von Bothmar ſei mit Courierpferden von Caſſel gekommen, um ihn zu ſprechen. Miühlbach, Rapolevn. IM. Bd. 39 610 Der Diener nickte und eilte durch die Thür, die er bis dahin als treue Schildwacht mit ſeinem Leib verbarricadirt hatte. Nach einigen Minuten ſchon kehrte er wieder, und die Thür weit öffnend, rief er: Der Herr Major laſſen bitten! Herr von Bothmar trat ein. Dem Wink des Bedienten folgend, durchſchritt er das Vorzimmer und öffnete die nur angelehnte Thür des nächſten Gemachs. Ein ſchöner Mann in Majors⸗Uniform, mit lebensfrohem, friſchem Antlitz, die hohe Stirn von einer breiten Narbe geſchmückt, trat ihm entgegen. Es war Ferdinand von Schill, der Lieutenant von den Königin-Dragonern, der ſeit dem unglücklichen Schlachtage von Jena von ſeinem Muth und ſeinem Patriotismus in Colberg und im nachherigen, auf eigene Hand unternommenen kleinen Guerillakrieg ſo glänzende Zeugniſſe gegeben, daß das Volk auf ihn als auf den Erretter des Vaterlandes hoffte, daß der König von Preußen ihn außer der Reihe zum Major befördert und ſeinem Regiment die Ehre ertheilt hatte, als das erſte preußiſche Regiment nach dem Ab⸗ marſch der Franzoſen in Berlin einzuziehen. Seien Sie mir willkommen, mein Herr, ſagte Schill, dem jungen 1 Reiſenden freundlich die Hand darreichend. Sie haben meinem Diener geſagt, Sie ſeien mit Courierpferden von Caſſel hierher gekommen, um mir eine wichtige Nachricht zu bringen. Sie ſind alſo ein guter 6 deutſcher Patriot und ich darf den Herrn von Bothmar als einen Bru⸗ der und Geſinnungsgenoſſen begrüßen. Aber nun Ihre Nachricht! Es iſt eine gute, nicht wahr? Nein, Herr Major, es iſt keine gute, ſagte Herr von Bothmar lebhaft, aber eine wichtige. Schill ward unruhig und eine glühende Röthe flog einen Moment über ſein Antlitz hin. Sie kennen Dörnberg? fragte er. Ich kenne ihn und wußte auch von ſeinem Plan, kannte Tag und Stunde, an dem ſein Unternehmen zum Ausbruch kommen ſollte. Er hat alſo ſchon begonnen? fragte Schill lebhaft. 3 Ja, begonnen und ſchon geendet, ſagte Bothmar traurig. Der 36 edle Dörnberg hatte zu viel gehofft auf die deutſche Treue der Heſſen⸗ Er kam im jubelnden Siegesruf mit ſeinen Bauernſchaaren bis nach Coſel und f den König Je daten folgten ciere und rich bald in wilde Eutſetzli Es iſt i wenden, wo Nun, n Schill aufath lich eine ſchli gute Nachrich Hof einen gl Umnögh nicht ein W ich überall n Heer eingetr Und den Berln, Gen die Porole e Gottg zeihen Sie aber die ſch haben meine Ende nit Rden en Rb und dürfte hren gen mationen zu Jo, es — 6 Päuſ breiten Narbe n Schill, de unglücklicher 611 Caſſel und forderte die Soldaten auf, ſich mit ihm zu vereinen, um den König Jerome und ſeine Franzoſen zu verjagen. Aber die Sol⸗ daten folgten dem Ruf nicht, ſie gehorchten den Befehlen ihrer Offi⸗ ciere und richteten ihre Waffen gegen die deutſchen Brüderſchaaren, die bald in wilder Flucht auseinander ſtoben.*) Entſetzlich! rief Schill, und Dörnberg? Es iſt ihm gelungen, zu entfliehen, er wird ſich wohl nach Prag wenden, wo der Churfürſt von Heſſen jetzt lebt. Nun, wohl uns, daß der edle Mann wenigſtens gerettet iſt, rief Schill aufathmend. Das Uebrige müſſen wir verſchmerzen, es iſt frei— lich eine ſchlimme Nachricht, aber ſie wird aufgewogen durch andere gute Nachrichten, die wir erhalten haben. Der Erzherzog Carl hat bei Hof einen glänzenden Sieg über die franzöſiſchen Truppen errungen. Unmöglich! rief Bothmar. Ich habe auf meiner ganzen Reiſe nicht ein Wort von ſolcher Siegesnachricht gehört. Vielmehr vernahm ich überall nur die ſchreckensvolle Kunde, daß Napoleon ſelbſt bei ſeinem Heer eingetroffen iſt und es überall ſiegreich vorwärts führt gen Wien. Und dennoch iſt meine Nachricht ſo wahr, daß der Commandant von Berlin, General Chaſſot, in frendiger Anerkennung dieſes Sieges heute die Parole ausgegeben hat:„Carl und Hof.“ Gott gebe, daß Sie Recht haben, ſeufzte Herr von Bothmar. Ver⸗ zeihen Sie mir, daß ich Ihre freudige Zuverſicht nicht theilen kann, aber die ſchlimmen Erfahrungen, die wir jetzt eben in Heſſen gemacht, haben meine Hoffnungen entmuthigt und dann,— ich war noch nicht zu Ende mit den Nachrichten, die mich zu Ihnen geführt. Reden Sie alſo, mein Herr, was giebt es weiter? rief Schill lebhaft. Verzeihen Sie, ſagte Herr von Bothmar, ich muß mir jetzt das Anſehen geben, als gehörte ich zu Ihren vertrauteſten Bundesbrüdern und dürfte mit Ihnen über Ihre geheimſten Pläne ſprechen. Sie haben Ihrem getreuen Freund und Anhänger Romberg Briefe und Procla⸗ mationen zur Verbreitung in Weſtphalen mitgegeben. Iſt es nicht ſo? Ja, es iſt ſo! *) Häuſſer: Deutſche Geſchichte, III. S. 392 folg. 612 Sie haben ihm geheime Briefe an den Landrath von Ledebour bei Bielefeld und den Obriſt von Sobbe gegeben, welche den Aufſtand in ihrer Gegend leiten und anführen wollten? Ja, Sie haben Recht, ich that es! Nun denn, Herr Major, Romberg iſt ſammt ſeinen Papieren, Briefen und Proclamationen in Magdeburg verhaftet und vom Ge⸗ neral Michaud unter ſtarker Bedeckung nach Caſſel abgeführt worden. Romberg verhaftet, mein treuer, lieber Romberg in Gefahr! rief Schill ſchmerzlich Nein, ſagte Herr von Bothmar feierlich, Romberg iſt nicht mehr verhaftet, er iſt nicht mehr in Gefahr! Was wollen Sie damit ſagen? Ich will damit ſagen, daß Romberg gleich nach ſeiner Ankunft in Caſſel vor ein Kriegsgericht geſtellt ward und daß dies Gericht ihn als Verräther zum Tode verurtheilte. Er iſt erſchoſſen? Ja, Schill, Romberg iſt erſchoſſen worden! Schill ſtieß einen Schrei aus und bedeckte ſich mit den Händen das Geſicht. Oh, murmelte er ſchmerzlich, ich habe den treueſten mei⸗ ner Freunde, Deutſchland hat einen ſeiner edelſten Männer verloren. Er war ein ſchlichter Bauer, aber unter dem Bauernkittel ſchlug das Herz eines Patrioten. Er war der Andreas Hofer des Nordens, und viel haben wir verloren, da wir ihn verloren haben.— Aber ich will nicht klagen, fuhr Schill fort, indem er ſeine Hände von ſeinem er⸗ blaßten Antlitz niedergleiten ließ, nein, ich will nicht klagen. Selig ſind die Todten, und wer weiß, wie bald auch wir dem Leben Valet ſagen müſſen! Die Stürme drohen von allen Seiten. Und ſie bedrohen zunächſt den edlen Schill, die Hoffnung Deutſch⸗ lands, rief Herr von Bothmar. Ich ſagte Ihnen, daß man nicht allein Romberg, ſondern auch ſeine Papiere ergriffen hat, daß man folglich auch die Briefe gefunden hat, die Sie an Ihre Vertrauten Ledebour und Sobbe gerichtet, daß man Ihre Proclamationen geleſen und folg⸗ lich Ihre Pläne kennt, und ſogleich Alles thun wird, ſie zu vernichten und Sie ſelbſt unſchädlich zu machen. Wird Preußen die Macht und den Muth hab Sie als Veri ſtnfung, ville Es iſt wa fuhr, die man man unſern F treffen, wird fihrung der 2 noch meine W Dörnbergs Un gonnen haben. vielleicht iſt G ſei der die Ke Deuſſchlo habe ich den trotz des Eid nüſen, den Ioh abeite a von der Gefe wand, die B liegt, zur Ru tägigem Urla laſen, und uchtn Zit Ihnen marmend,( ſfils de ligen Dienſt Es mj nach ſiner Heldenam ich wenigſte ſuhe ſo vie ind möge d our bei tand in 613 den Muth haben, Sie zu ſchützen, wenn der König von Weſtphalen Sie als Verräther und Aufwiegler anklagt, wenn Napoleon Ihre Be⸗ ſtrafung, vielleicht gar Ihre Auslieferung fordert? Es iſt wahr, ſagte Schill, Sie zeigen mir da eine dringende Ge⸗ fahr, die man nur abwenden kann, wenn man ihr zuvor kommt. Wenn man unſern Feinden Zeit läßt, zu handeln und ihre Vorkehrungen zu treffen, wird Alles verloren ſein. Wir müſſen alſo ſofort zur Aus⸗ führung der That ſchreiten, wir dürfen nicht mehr zaudern, und bevor noch meine Waffenbrüder und Bundesgenoſſen hier erfahren haben, daß Dörnbergs Unternehmen mißlungen iſt, müſſen auch wir das Werk be⸗ gonnen haben. Was Dörnberg mißglückt iſt, kann uns gelingen, denn vielleicht iſt Gott mir gnädig und er hat gewollt, daß Schill der Erſte ſei, der die Ketten der entehrenden Zwingherrſchaft zerreiße. Deutſchland hofft auf Schill, rief Bothmar begeiſtert, und deshalb habe ich den Muth gefunden, das Amtsgeheimniß zu verrathen und trotz des Eides der Treue, den ich dem König Jerome habe leiſten müſſen, dem edlen deutſchen Helden kund zu thun, was ihn bedroht. Ich arbeite als Referendar im Miniſterbüreau, ich zuerſt erfuhr alſo von der Gefahr, die über Ihrem Haupte ſchwebt. Unter dem Vor⸗ wand, die Bauern auf meinem Gute, das einige Meilen von Caſſel liegt, zur Ruhe und zum Gehorſam zu zwingen, verließ ich, mit ſechs⸗ tägigem Urlaub verſehen, Caſſel. Ich habe Caſſel vor drei Tagen ver⸗ laſſen, und Gott ſei Dank, daß ich Sie gefunden, daß ich noch zur rechten Zeit gekommen bin, Sie zu benachrichtigen. Ihnen ſei Dank, rief Schill, den Herrn von Bothmar herzlich umarmend, Sie haben mich vielleicht vom Tode errettet, und Sie haben jedenfalls der heiligen Sache des gemeinſamen Vaterlandes einen wich⸗ tigen Dienſt geleiſtet. Es muß ein Jeder dem Vaterlande dienen nach ſeiner Weiſe und nach ſeiner Kraft, ſagte Bothmar ſanft; Sie dienen ihm mit Ihrem Heldenarm und mit Ihrem begeiſternden Beiſpiel, ich diene ihm, indem ich wenigſtens das Unheil zu verhüten und meinen Brüdern zu helfen ſuche, ſo viel ich kann. Mein Werk hier iſt gethan! Leben Sie wohl, und möge der Himmel Ihnen den Sieg verleihen! — ———— 614 Wo wollen Sie hin? rief Schill, lebhaft den Arm Bothmars er⸗ greifend und ihn zurückhaltend. Sie dürfen mich nicht ſchon wieder verlaſſen, Sie müſſen wenigſtens heute noch hier bleiben, damit— aber was bedeutet dieſes Trompetengeſchmetter? Das bedeutet, daß der Poſtillon mit den Pferden da iſt und mich ruft, ſagte Herr von Bothmar lächelnd. Wie? Sie ſind drei Tage und Nächte gefahren, ſind kaum ange⸗ kommen, und wollen ſchon wieder abreiſen? Sagte ich Ihnen nicht, daß ich nur einen Urlaub von ſechs Tagen erhalten habe? Nun wohl, in drei Tagen werde ich wieder in Caſſel ſein und, wie ich denke, meine ſechs Tage gut benutzt haben. Leben Sie wohl! Leben Sie wohl, edler junger Mann, wenn wir uns wiederſehen, wird Deutſchland, ſo Gott will, frei und glücklich ſein! Gott gebe es, ſeufzte Herr von Bothmar. Seien Sie vorſichtig, ſchonen Sie Ihr Leben, denken Sie immer daran, daß es nicht Ihnen, daß es dem Vaterlande gehört, und ſomit Gott befohlen! Hören Sie nur, der ungeduldige Poſtillon bläſt ſchon zum zweiten Mal. Adieu! Er verließ raſch das Zimmer, aber Schill eilte ihm nach, und ſeinen Arm um Bothmars Nacken ſchlingend, geleitete er den ſchnell gewonnenen Freund bis zur Treppe. Dann kehrte Schill in ſein Zimmer zurück und eilte an's Fenſter, um dem Reiſenden von dort aus noch einen letzten Gruß zuzuwinken. Lautes Jubelgeſchrei empfing ihn, ſowie ſein Antlitz hinter den Schei⸗ ben ſichtbar ward; der Volkshaufe da unten war immer gewaltiger angewachſen, und ein hundertfaches Vivat erſchallte, als Schill jetzt den ſehnſuchtsvollen Blicken ſich zeigte. Sie machen zu viel aus mir, ſagte Schill lächelnd vor ſich hin, indem er vom Fenſter zurücktrat. Aber ihr Jubel und ihre Liebe gilt doch eigentlich nicht meiner Perſon, ſondern dieſe guten Leute grüßen und lieben in mir die erſte Hoffnung, die ihnen nach langer, ver⸗ zweiflungsvoller Schmerzenszeit wieder aufdämmert. Und ſo will ich mich denn freudig lieben laſſen, und will für dieſe Liebe durch tapfere Thaten danken. Ja, ja, durch Thaten! Die Zeit des Wartens und Geduldens iſ delt werden! Eben tre für ihn abge Schill n uf duftigem Die ſechste die ſechste 2 licben, zirtl dig in Eure Ihr liebt m land iſt, das die Ihr una Euch das Ve die der fra Er nah der mich u immer nicht nich auf ſ nicht jedes genug! H Er na bewöltte ſi dieſelbe M den anm rechte Zeit Er he als die W Fe er nicht ine gro weit t Ihnen, 615 Geduldens iſt vorbei. Ich darf nicht mehr zögern, es muß gehan⸗ delt werden! Eben trat ſein Diener ein und brachte ihm einige Briefe, welche für ihn abgegeben worden. Schill nahm ſie und erbrach einen nach dem andern. Der erſte, auf duftigem roſa Seidenpapier geſchrieben, entlockte ihm ein Lächeln. Die ſechste Liebeserklärung, die ich heute empfange, ſagte er leiſe, und die ſechste Aufforderung zum Rendezvous für heute Abend. Oh, Ihr lieben, zärtlichen Weiber, wie ſeid Ihr doch ſo rührend und ſo unſchul⸗ dig in Eurem Enthuſiasmus für den armen Schill. Bildet Euch ein, Ihr liebt mich, und merkt gar nicht, daß es nur das deutſche Vater⸗ land iſt, das Ihr in mir liebt, und daß es eigentlich die Freiheit iſt, die Ihr umarmen und küſſen wollt! Aber wartet nur, wartet, ich will Euch das Vaterland wieder erobern und Euch die Freiheit wieder holen, die der franzöſiſche Tyrann uns entführt hat, bis dahin aber keine Rendezvous, keine Liebesbande! Das Herz muß frei ſein, damit es ganz dem Vaterlande gehöre. Er nahm den zweiten Brief und las ihn. Schon wieder ein Maler, der mich um eine Sitzung bittet. Haben die guten Leute denn noch immer nicht genug an meinem Conterfei? Hat nicht jeder Spießbürger mich auf ſeinem Pfeifenkopf und auf ſeiner Tabacksdoſe, und trägt nicht jedes ſchöne Kind meine zerhauene Fratze im Medaillon? Genug, genug! Hab' keine Zeit mehr zu ſitzen, muß hinaus in's Feld! Er nahm den dritten Brief und erbrach ihn; aber als er ihn las, bewölkte ſich ſeine Stirn und ſein Blick ward düſter. Schon wieder dieſelbe Mahnung, die ich ſo oft empfangen, fagte er. Zweifelt man denn an mir? Glaubt man denn, daß ich ein Verräther bin und die rechte Zeit vorüber gehen laſſe, ohne ſie zu benutzen? Er heftete ſeine Augen wieder auf den Brief, der nichts enthielt als die Worte:„Brutus, ſchläfſt Du?“*) *) Faſt täglich erhielt Schill Briefe aus den verſchiedenſten Gegenden, die weiter nichts enthielten als die Worte:„Brutus, ſchläfſt Du?“ Es ſchien, als ob eine große, weit verbreitete geheime Geſellſchaft es ſich zur Aufgabe gemacht, 616 Nein, rief er laut und mächtig, nein, ich ſchlafe nicht! Ich wache und ſehe den Tag heraufdämmern, den goldenen Tag der Freiheit! Oh, Deutſchland, mein Deutſchland, dir gehört mein Arm, dir gehört meine Ehre! Dir— und Ihr! flüſterte er ganz leiſe. Ja, Ihr, dem Genius Preußens, dem Stern meines Lebens! Für Sie mein Blut, mein Leben, meine Kraft! Die Thür ward wieder geöffnet und der Diener trat ein. Herr Major, ſagte er, es iſt ſchon wieder ein Herr da, der Sie in drin⸗ genden Angelegenheiten zu ſprechen verlangt. Ich wollte ihn abweiſen, aber er ſagt, er müſſe den Herrn Major durchaus ſprechen. Er habe ihm etwas zu übergeben, was den Herrn Major ſehr erfrenen würde. Er nennt ſich Kammerherr Schladen und kommt aus Königsberg. Führe ihn herein, oh, führe ihn raſch herein, rief Schill, aber in ſeiner Lebhaftigkeit eilte er ſelber dem Diener voran und öffnete die Thür. Kommen Sie, Herr Kammerherr, und verzeihen Sie, daß man Sie auch nur einen Moment warten ließ, ſagte er, Herrn von Schladen die Hand reichend und ihn in ſein Wohnzimmer führend. Sie kommen aus Königsberg? Ja, Herr Major, ich komme aus Königsberg und bringe Ihnen Grüße von den Freunden, den Bundesbrüdern, Grüße auch vom König und der Königin. Sie hat es Ihnen aufgetragen? Wirklich aufgetragen? fragte Schill. Oh, täuſchen Sie mich nicht, Herr von Schladen, ſagen Sie mir die Wahrheit, hat die Königin Ihnen wirklich ein Gruß für mich aufgetragen? Sie hat mehr gethan, Herr Major, ſagte Herr von Schladen lächelnd, ſie hat mir ein Geſchenk für Sie anvertraut, ein Geſchenk, das ich Ihnen ſelbſt übergeben ſoll und das die Königin mit eigenen Händen für Sie gearbeitet hat. Schill fortwährend anzuſtacheln zur That, damit er unter den Weihrauchdünſten und den Feſten, mit denen Berlin ihn berauſchte, nicht ſeiner eigentlichen Auf⸗ gabe und Pflicht vergeſſe. Siehe: Haken, Leben Schills. Bd. II. S. 20. In dieſem Herlins, wenn zitt geneſen ſe dichln das ſei dus aus ſeinen Die König welches Sie ſe Jo, und ſchrieben hat, Beweis ihrer Oh, geben Schladen ſeine Herr von aus ſeinem Br Niin, nic ſchenk meiner Kniee niederſa ſt ihr edles, jenen rihrend Augen uft. jüngſt in Kön meine Lppen ich mich ihr in ihrer hinn den Meſſias: in dn Todg ondern der G die alein no ſcher Vaterlg wo alle Min is ale Mi ſge Weſen dieſe meine e einer Heilige 617 In dieſem Augenblick war Schill wirklich ſchön. Wenn die Frauen Berlins, wenn die Maler ihn eben geſehen hätten, ſo würden ſie ent⸗ zückt geweſen ſein über ſein edles, leuchtendes Angeſicht, über das ſelige Lächeln, das ſeine friſchen Lippen umſpielte, über das glühende Feuer, das aus ſeinen großen ſchwarzen Augen blitzte. Die Königin ſendet mir ein Geſchenk, rief er freudig, ein Geſchenk, welches Sie ſelbſt gearbeitet hat? Ja, und in welches ſie mit eigener Hand ihren Namen einge⸗ ſchrieben hat, damit es Ihnen ein deutlicher und nie abzuleugnender Beweis ihrer Gnade ſei. Oh, geben Sie, mein Herr, geben Sie! rief Schill, Herrn von Schladen ſeine beiden Hände entgegenſtreckend. Herr von Schladen zog ein kleines in Papier gewickeltes Paket aus ſeinem Buſen hervor und reichte es Schill dar. Nein, nicht ſtehend, ſondern auf meinen Knieen will ich dies Ge⸗ ſchenk meiner Monarchin empfangen, rief Schill, indem er auf ſeine Kniee niederſank. Oh, mir iſt es, als ſtände ſie vor mir, als neigte ſie ihr edles, ſchmerzensreiches Antlitz zu mir, als lächle ſie mir mit jenem rührenden Lächeln, das Jedem, der es ſieht, Thränen in die Augen ruft. Ich habe ſie nur Einmal geſehen; nur Einmal, als ich jüngſt in Königsberg weilte, war es mir vergönnt, ſie zu ſprechen und meine Lippen auf ihre Hand zu drücken, aber mit dieſem Handkuß habe ich mich ihr geweiht für das ganze Leben, und ewig ſteht ſie vor mir in ihrer himmliſchen Schöne, ſie, meine jungfräuliche Madonna, die den Meſſias: Freiheit! in ihren Armen hält, ſie, für die ich freudig in den Tod gehen werde, ſie, welche nicht blos der Genius Preußens, ſondern der Genius Deutſchlands iſt, die heilige, unnahbare Veſtalin, die allein noch auf dem Altar ihres Herzens die heilige Flamme deut⸗ ſcher Vaterlandsliebe nährt, die allein noch gehofft und gekämpft hat, wo alle Männer verzweifelten, die allein dem Tyrannen getrotzt hat, als alle Männer ſich vor ihm in den Staub warfen, ſie, die das ein⸗ zige Weſen iſt, welches der Tyrann haßt, weil er es fürchtet! Und dieſe meine edle, meine ſchöne Königin, zu der ich alle Abende wie zu einer Heiligen bete, ſie ſendet mir ein Geſchenk, das ihre eigenen Hände 618 für mich gearbeitet haben? Oh, bin ich denn ſolcher Gnade würdig, habe ich denn ſchon etwas gethan, wodurch ich ſo viel Himmelshuld verdiene? Ja, Sie ſind der. Gnade und Huld unſerer edlen Königin würdig, ſagte Herr von Schladen feierlich, denn Sie ſind Deutſchlands Held, und Gott hat Sie vielleicht dazu beſtimmt, daß Sie das erſte Glied der Kette zerbrechen, mit welcher der Uſurpator die edle Germania in Banden geſchlagen hat. Iſt aber erſt Ein Glied der großen Kette zerriſſen, ſo werden auch die andern leichter zerſprengt werden. Sie, Herr von Schill, Sie ſind die Hoffnung Deutſchlands, die Hoffnung der Königin Louiſe. Nehmen Sie alſo, würdiger Ritter der heiligen Sache des Vaterlandes, nehmen Sie das Geſchenk Ihrer Königin! Er reichte das Paket Schill dar, und dieſer, noch immer auf ſei⸗ nen Knieen liegend, nahm es und riß mit bebenden Händen das ver⸗ hüllende Papier auseinander. Eine koſtbare, mit Gold geſtickte und mit einem goldenen Stift geſchloſſene Brieftaſche befand ſich in dem Papier. Schill nahm ſie und beſchauete mit einem glückſeligen Lächeln die kunſtvolle und reiche Stickerei auf beiden Seiten der Brieftaſche, dann öffnete er ſie und ſuchte in den Papierblättern, welche darin befeſtigt waren, in athem⸗ loſer Erwartung nach der Inſchrift der Königin. Jetzt ſtieß er einen Freudenſchrei aus. Er hatte die Inſchrift ge⸗ funden, da, da dieſe kleinen zierlichen Schriftzüge, die Königin hatte ſie geſchrieben, die Königin hatte dieſe Worte eingezeichnet, dieſe Worte: „Für den braven Herrn von Schill. Louiſe.“*) Schill neigte ſein Haupt über die Brieftaſche hin und preßte ſeine Lippen feſt auf die Worte, welche die Königin geſchrieben. Dann ſchloß er die Brieftaſche, und indem er aufſtand, ſteckte er ſie in ſeinen Buſen. Sie wird da auf meinem Herzen ruhen, ſo lange ich lebe, ſagte er, und jeder Schlag meines Herzens wird ihr gehören!— Und jetzt, Herr von Schladen, jetzt ſagen Sie mir, wie ſteht es in Königsberg? Welche Hoffnungen hegt man dort? G *) Haken: Ferdinand von Schill. Th. II. S. 28. Hoffnunge nan hegt dort Und man und den edlen Nein, ma erklärt, von ſe laſſen, in der eingezogen, ol Paterlande, f gethan, was von Nopoleon von Stein leb uuf beſſere 3 Und der eine offene V und den edel Er fühlt fühlt es viell der letten Je verzagt und bald Juyole ein äußeres leihen. Jede der treueſten Siefner, d hat es ſogar von dieſer e örig gebet gung aller« nung, den Und w Er ha — 5) Pert n. Sie, die Hoffnung 619 Hoffnungen? fragte Herr von Schladen mit einem traurigen Lächeln, man hegt dort gar keine Hoffnungen, ſondern nur Befürchtungen! Und man denkt noch immer nicht daran, dem Tyrannen zu trotzen und den edlen Herrn von Stein aus ſeiner Verbannung zurückzurufen? Nein, man wagt es nicht. Stein lebt, von Napoleon in die Acht erklärt, von ſeinem König aufgegeben und auf des Kaiſers Befehl ent⸗ laſſen, in der Verbannung, aller ſeiner Güter beraubt, welche Napoleon eingezogen, ohne Thätigkeit, ohne Arbeit, ohne Einfluß, fern von ſeinem Vaterlande, fern von ſeinen Freunden. Der Kaiſer von Oeſterreich hat gethan, was der König von Preußen nicht wagen mochte, er hat dem von Napoleon Geächteten und Verbannten ein Aſyl gegeben, Herr von Stein lebt, mit ſeiner Familie vereint, in Brünn, er lebt und hofft auf beſſere Zeiten.*) Und der König? fragte Schill lebhaft. Empfindet er es nicht als eine offene Wunde, daß er dem Willeh des Tyrannen ſich hat beugen und den edelſten und beſten ſeiner Diener hat entlaſſen müſſen? Er fühlt es vielleicht, erwiederte Herr von Schladen zögernd, er fühlt es vielleicht, aber er ſagt es nicht. Die ſchweren Heimſuchungen der letzten Jahre haben ſeinen Muth gebrochen und ihn unentſchloſſen, verzagt und kleinmüthig gemacht. Er hat den Herrn von Stein, ſo⸗ bald Napoleon es begehrte, entlaſſen, ohne nur zu wagen, ihm irgend ein äußeres Zeichen ſeines Wohlwollens, ſeiner Anerkennung zu ver⸗ leihen. Jeder treue Preuße war darüber traurig und verſtimmt; einer der treueſten und biederherzigſten Diener des Königs, der Kriegsrath Scheffner, der im genauen und täglichen Verkehr mit der Königin ſteht, hat es ſogar gewagt, ſich ſchriftlich an den König zu wenden und ihn von dieſer allgemeinen Mißſtimmung zu benachrichtigen. Er hat den König gebeten, doch dem Herrn von Stein, zur Freude und Beruhi⸗ gung aller Preußen, als muthiges Zeichen ſeiner königlichen Anerken⸗ nung, den ſchwarzen Adler-Orden zu verleihen. Und was hat der König ihm geantwortet? Er hat ihm geantwortet: es thäte ihm ſehr leid, dieſen Wunſch *) Pertz: Leben des Freiherrn von Stein. II. S. 365 ff. 620 nicht erfüllen zu können. Er ſchätze Herrn von Stein ſehr hoch, er würde ihm ſehr gern ſeinen höchſten Orden verleihen, aber in ſeiner jetzigen Lage dürfe er eine ſo höchſt unpolitiſche Demonſtration nicht unternehmen.*) Das iſt der Dank der Könige gegen ihre Getreuen, rief Schill mit bitterem Schmerzgefühl, ſo lohnen ſie es ihren Dienern, die für ſie Gut und Blut, Leben und Ehre eingebüßt! Aber wir dienen und kämpfen ja nicht für Könige und Fürſten, wir dienen dem großen an⸗ gebeteten Vaterlande, wir kämpfen für die Freiheit, und der Tod, den wir auf dem Schlachtfelde der Ehre finden, das iſt der ſchwarze Adler⸗ Orden, den uns das deutſche Vaterland verleiht! Oh, Deutſchland, Deutſchland, eines Tages werde auch ich dieſen ſchwarzen Adler⸗Orden von dir empfangen, möge wenigſtens das freie Deutſchland meine Leiche damit ſchmücken! Oh, welche trüben und verzagten Worte Sie da ſprechen, ſagte Herr von Schladen faſt ängſtlich. Wer ſoll denn noch muthig ſein und hoffen, wenn Schill vom Tode und vom Sterben ſpricht? Ich bin nicht trübe und auch nicht verzagt, rief Schill lächelnd, aber ich habe eine Ahnung, daß ich meine Liebe für Deutſchland mit meinem Blute werde bezahlen müſſen. Doch ich bin deſſen faſt froh, denn die Freundſchaften, welche mit Blut beſiegelt werden, ſagt man, ſeien ewig, und ſo wird Deutſchland vielleicht meiner auch in Liebe gedenken, wenn ich nicht mehr bin, Deutſchland und— Louiſe! Was ſagt die Königin? Wie trägt ſie dieſe trüben Tage der Demüthigung? Wie eine Heldin! Wie eine Königin, deren Reich nicht von dieſer Welt iſt! Ihre Wangen ſind erbleicht, aber ein Ausdruck von Ver⸗ klärung ſpricht aus ihrem edlen, göttlich klaren Angeſicht, und wenn ſie ihre großen blauen Augen aufwärts ſchlägt, ſo liegt in ihrem Blick eine ſo unbeſchreibliche Sehnſucht und Trauer, daß man erkennen muß, ſie fühlt ſich ſchon wie dieſer Welt entrückt und ſehnt ſich nach der Heimath dort oben. Sie iſt indeſſen geſund? rief Schill angſtvoll. Sie leidet nicht? *) Pertz, II. S. 308. Sie iſt jetiges Aben iht Herz iſt phyſiſc. Sie im Hetzen. würden auch nittel für un die Befreiun Deutſchl hend. Es m Gewalt aufe Sie hab damit Alle e trioten, das wir Ale hir gewaltige A gilt es kein Heſemeich h entgegengei mit ſeinen A eines vom C land hin, Retung und Pem jezt ſeine Bride wetden aus Schaaren wie ein gro kauſchen, u Miiſter vo legen, Hinl werden in Vut entzi hr hoch, er er in ſeiner tration nicht dienen und großen an⸗ er Tod, den varze Adler⸗ Deutſchland, ldler⸗Orden id meine echen, ſagte muthig ſein ll lächelnd, ſchland mit nfaſt froh, ſagt man, uch in Liebe 621 Sie iſt geſund, das heißt, ſie iſt nicht krank, aber ihr ganzes jetziges Leben iſt ein verklärtes Leiden. Ihr Körper iſt geſund, aber ihr Herz iſt gebrochen, nicht bloß geiſtig, ſondern eich fürchte, auch phyſiſch. Sie leidet oft an Bruſtbeklemmungen, an heftigen Schmerzen im Herzen. Sie leidet, aber ſie klagt niemals, ach, und die Aerzte würden auch kein Heilmittel für ſie wiſſen! Es giebt nur Ein Heil⸗ mittel für unſere bleiche, lächelnde, kranke Königin, das Heilmittel heißt: die Befreiung Deutſchlands! Deutſchland muß, Deutſchland ſoll befreit werden, rief Schill glü⸗ hend. Es muß Etwas geſchehen! Wir müſſen die Schlafenden mit Gewalt auferwecken, wir müſſen ſie zwingen, zu handeln und zu wagen. Sie haben Recht, es muß ein gewaltiger Anſtoß gegeben werden, damit Alle erwachen, Alle aufſtehen. Das iſt die Meinung aller Pa⸗ trioten, das iſt auch die Meinung der Königin. Und auf Sie ſchauen wir Alle hin mit gläubigem Herzen, von Ihnen, hoffen wir, ſoll dieſer gewaltige Anſtoß ausgehen, der ganz Deutſchland erwecken ſoll. Jetzt gilt es kein Zögern, kein Beſinnen mehr, jetzt gilt es zu handeln. Oeſterreich hat ſein Schwert erhoben, und ſeine Völker haben ihm entgegengejauchzt und ſind ausgezogen, den Tyrannen zu beſiegen, der mit ſeinen Armeen wieder in Deutſchland eingedrungen iſt. Die Kunde eines vom Erzherzog Carl errungenen Sieges flattert über ganz Deutſch⸗ land hin, wie die erſte Taube, welche dem verſunkenen Deutſchland Rettung und Land verkündet, und alle Herzen füllen ſich mit Hoffnung. Wenn jetzt Schill, der angebetete, geprieſene Held, ſeine Fahne erhebt, ſeine Brüder aufruft zum heiligen Kampf für das Vaterland, dann werden aus allen preußiſchen und norddeutſchen Landen jauchzende Schaaren zu ſeinen Fahnen herbeieilen, dann wird die Begeiſterung wie ein großer, Alles überfluthender Strom durch ganz Preußen dahin rauſchen, und wider ihren Willen werden auch der König und ſeine Miniſter von ihm mit fortgeriſſen werden; und ihr Zaudern, ihr Ueber⸗ legen, Hinhalten und Befürchten, Alles wird überfluthet und begraben werden in den Wellen der allgemeinen Volksbegeiſterung, die Schills Wort entzündet hat. Das iſt die Hoffnung der Königin, das iſt die — Hoffnung Gneiſenau's, Blücher's, Scharnhorſt's, die Hoffnung aller Patrioten! Und dieſe Hoffnung ſoll erfüllt werden! rief Schill begeiſtert. Brutus ſchläft nicht, Brutus wacht und iſt bereit zur That. Ich ſchwöre das auf das Schönſte, was ich beſitze, auf das Geſchenk der Königin! Er zog die Brieftaſche wieder aus ſeinem Buſen, und feierlich die Hand auf dieſelbe legend, die großen glühenden Augen zum Himmel erhebend, ſagte er: Ich ſchwöre, daß ich mein Schwert jetzt erheben will zum heiligen Kampf für die Freiheit, ich ſchwöre, daß ich mein Schwert nicht eher wieder niederlegen will, bis der heilige Kampf glor⸗ reich beendet iſt, oder bis der Tod mich verhindert, weiter zu kämpfen. Er drückte das Buch an ſeine Lippen und öffnete es dann, um noch einmal die Worte der Königin zu leſen. Wie er in dem Buche blätterte, flatterte ein Streifchen Papier aus demſelben hervor. Schill hob es auf, und wie er es näher betrachtete, ſah er, daß einige Worte darauf geſchrieben waren. Mit leichten, zierlichen Schriftzügen ſtand auf dem Papierſtreifen:„Der König ſchwankt. Schill, ziehen Sie mit Gott!“*) Ja, ich ziehe mit Gott, für Deutſchland und für meine Königin! rief Schill. Morgen ſchon breche ich auf! *) Aus den mündlichen Erzählungen der Gräfin Ahlefeldt, deren Mann, der Freiherr von Lützow, Schills Adjutant und Waffengenoſſe war, dem Schill dieſen Zettel, ſowie das von der Königin geſtickte Taſchenbuch zeigte. Noch ein anderes Geſchenk erhielt Schill, nach den Mittheilungen der Gräfin, von der Königin, eine kleine Krone von echten Perlen, die er mit Genehmigung des Königs über dem Kreuz des vom König erhaltenen Ordens pour le mérite befeſtigte. Die Verf. An Noch von Schill m Holleſchen Th mit lautem 3 Schill da und zog nit ſ Niemand Schill auch he üben und ſie diſer Meim die Vertraute vorbereitet. Das Re titt der Maſo heiter, uet marſchirten Weges nch ſein Pſerd ar Halt zu ma bunts hut den Braunen trchted. A dem ſchönen Mend, hoch ſin wle — Am offnung aller ill begeiſtert. That. Ich Geſchenk der d feierlich die um Himmel t.3 erheben daß ich mein Kampf glor⸗ u kämpfen. es dann, um in dem Buche eror. Schill ige Worte ſtand i, zieen Königin! IV. Der Ausmarſch. Am Nachmittag des nächſten Tages*) zog der Major Ferdinand von Schill mit ſeinem Regiment durch die Straßen Berlins nach dem Halleſchen Thor hin. Die Leute auf den Gaſſen begrüßten ihn überall mit lautem Jubelruf und fröhlichem Hüteſchwenken. Schill dankte ihnen ernſter und feierlicher, wie er ſonſt gepflegt, und zog mit ſeinen Soldaten zum Thore hinaus. Niemand nahm Anſtoß daran; Jedermann war überzeugt, daß Schill auch heute nur, wie er oft gethan, ſeine Truppen im Felddienſt üben und ſie bivouakiren laſſen wolle. Selbſt ſeine Soldaten waren dieſer Meinung, nur ſeine Adjutanten, Bärſch und Lützow, waren die Vertrauten feines Planes und hatten mit ihm in der Stille Alles vorbereitet. Das Regiment ſchlug den Weg nach Potsdam ein. Ihm voran ritt der Major von Schill mit ſeinen beiden Adjutanten. Die Soldaten, heiter, unverzagt und rüſtig wie immer, ſangen patriotiſche Lieder und marſchirten frohgemuth vorwärts. Auf einmal, auf der Hälfte des Weges nach Potsdam, dicht bei dem Dorfe Steglitz, hielt der Major ſein Pferd an und gab mit ſeinem Säbel ſeinem Regiment das Zeichen, Halt zu machen. Mit donnernder Stimme befahl er, vom Wege ab auf die Feldflur zu rücken und dort um ihn ein Quarré zu bilden. In kurzer Zeit war's gethan, und in der Mitte des lebenden Vierecks hielt der Major von Schill auf ſeinem ſcharrenden, ſtolz nicken⸗ den Braunen, mit einem flammenden Blick ſein ſchönes Regiment be⸗ trachtend. Aller Augen waren auf ihn gerichtet, Aller Herzen ſchlugen dem ſchönen, ſtolzen Helden entgegen, der freudeſtrahlend, muthflam⸗ mend, hoch über ihnen Allen hervorragte, und als er dann ſprach, tönte ſeine volle ſonore Stimme wie Sturmesdonner über die weite Feldflur *) Am 28. März 1809. 624 dahin und traf die Ohren ſeiner Zuhörer wie der erſte Kanonenſchuß der beginnenden Schlacht. Soldaten, ſagte er, Kampfgenoſſen, der Augenblick iſt gekommen, wider einen Feind auszuziehen, gegen den wir alleſammt einen gleich glühenden Haß im Buſen nähren, wider den großen Thronenräuber, der das Vaterland in Unglück und Jammer geſtürzt, der alle Rechte der Menſchheit mit Füßen getreten, dem kein Vertrag und Friedens⸗ ſchluß heilig iſt, und der nur die günſtige Stunde erwartet, die Ver⸗ faſſung unſeres Landes vollends umzuſtürzen. So hat der treuloſe Tyrann Spanien behandelt, nachdem es ihm, um den Frieden zu er⸗ halten, unzählige Opfer dargebracht, ſo will er auch Preußen behan⸗ deln, und will nicht eher ruhen, als bis er dem Vaterland den geliebten König geraubt und den erlauchten Regentenſtamm der Hohenzollern in den Staub getreten. Aber nie, niemals ſoll dem Tyrannen ein ſo ſchändlicher Plan gelingen! Oeſterreich, Deutſchland, jedes Biederherz iſt gegen ihn in Aufruhr, wir Preußen können nicht zurückbleiben. Es gilt für das Vaterland, für den geliebten König, für die von uns Allen angebetete Königin, von der ich ein theures Andenken hier in meiner Hand halte, und für die wir in den Tod zu gehen zu jeder Stunde bereit ſind!*) Indem er, ſo ſprach, ſchwenkte Schill das goldgeſtickte Taſchenbuch der Königin hoch über ſeinem Haupte empor, daß es ſeinen Soldaten entgegen blitzte gleich einer funkelnden Trophäe kommender Siege. Und jetzt, wie ein lang zurückgehaltener Donner, rollte es durch die Reihen: Hurrah! Es lebe der König! Es lebe die Königin! Es lebe unſer Major von Schill! Kinder, rief Schill frendeſtrahlend, wollt Ihr mit mir ausziehen zum Kampf für Deutſchland und unſer Königspaar? Ja, wir wollen es, wir wollen es! riefen und jubelten die Hu⸗ ſaren, indem ſie ihre Säbel zogen und ſie hoch empor ſchwangen über ihren Häuptern. G 2 5 *) Haken: Schills Lebensgeſchichte. II. S — Schwört ſthalten? man einander g. dug und daß man alle ſeine Hal laſſen, daß m von den alten As war un erung fi und 3 Wiit 8 gi man die Nach Officiere, vor Piſſen für ih teudigen Mu um die Feſtun Freilich ſchloß mindeſt „ daß er mit ſ Kanonen der entgegen.— An zwei Herzog ware tinicknde pi güßten Sch drückender e Thtonenräuber, der alle Rechte d Friedens⸗ t, die Ver⸗ at der treuloſe Frieden zu er⸗ reußen behan⸗ hrhenzllern in yrannen ein ſo k nuns ken hier in n z jeder 625 Schwört Ihr, treu in Noth und Tod bei Eurem Obriſten aus⸗ zuhalten? rief Schill. Wir ſchwören es! donnerte der begeiſterte Chor, und jubelnd ſchaute man einander an, jubelnd wünſchte man ſich Glück zu dem beginnenden Feldzug. Niemand dachte daran, welchen Wagniſſen man entgegen zog, und daß man nichts mit ſich führe, als die bloße Kleidung, daß man alle ſeine Habſeligkeiten, ſein Geld, ſeine Kleider in Berlin zurückge⸗ laſſen, daß man nicht einmal Abſchied genommen von Weib und Kind, von den alten Eltern und der jungen Braut. Alles war vergeſſen, Alles war untergegangen in dem Einen großen Gefühl, in der Begei⸗ ſterung für das Vaterland, in der glühenden Begierde, es zu retten und Ruhm zu ernten auf dem Schlachtfeld der Ehre. Weiter ging nun der Zug, weiter gen Potsdam hin. Dort ruhete man die Nacht, und dorthin kamen am andern Tag die Bedienten der Officiere, vom Commandanten von Berlin, dem General Chaſſot, mit Päſſen für ihre Officiere und für Schill verſehen.— Geſtärkt und freudigen Muthes brach alsdann die tapfere Schaar von Potsdam auf, um die Feſtung Wittenberg zu erobern. Freilich gelang dies nicht, aber der Commandant von Wittenberg ſchloß mindeſtens einen Waffenſtillſtand mit Schill und geſtattete es, daß er mit ſeinen Huſaren mit klingendem Spiel über die unter den Kanonen der Feſtung liegende Elbbrücke dahinzog, weiteren Kämpfen entgegen.— Am zweiten Mai langte die muthige Schaar in Deſſau an. Der Herzog war entflohen, aber die Einwohner von Deſſau empfingen das einrückende preußiſche Huſaren⸗Regiment mit lautem Jubel und be⸗ grüßten Schill als den Befreier des Vaterlandes, den Erlöſer aus bedrückender Sclaverei. Das Unternehmen Schills war jetzt kein Geheimniß mehr. Wie eine frendige Siegeskunde flog es von Mund zu Mund: Schill iſt ausgezogen, den Tyrannen zu bekämpfen, Schill ruft die deutſchen Männer zu den Waffen, und ſie werden ſich um ſeine Fahnen ſchaaren und werden Deutſchland befreien! Und Schill ſelber glaubte daran. Er war des begeiſternden Mühlbach, Napoleon. II. Bd 40 626 Glaubens, daß es nur noch ſeines Rufes bedürfte, um das Volk in Maſſen ſich erheben zu ſehen, und dieſen Ruf wollte er von Deſſau ertönen laſſen. Kaum in Deſſau angelangt, begab ſich Schill in das für ihn be⸗ reitete Quartier und ſchrieb auf ſeinem Zimmer mit eiliger Hand einen Aufruf„an die Deutſchen.“ Das Papier war noch naß, als er es nahm und ſich, begleitet von ſeinem Adjutanten, damit in die Wohnung des Hofbuchdruckers Hormuth begab und den Buchdrucker zu ſprechen verlangte. Herr Hormuth eilte bleich und angſtvoll herbei und fragte nach Schills Begehr. Sie werden mir dieſe Proclamation drucken, mein Herr, ſagte Schill, Sie werden es ſogleich thun und das Werk in einer Stunde vollendet haben. Und er reichte dem Buchdrucker das von ihm beſchriebene Blatt dar. Mein Herr Major, ſagte dieſer, die eiligen, halb verlöſchten Schriftzüge verzweiflungsvoll betrachtend, ich kann das nicht drucken, denn ich vermag es nicht zu leſen. So werde ich es Ihnen vorleſen, rief Schill, und mit lauter Stimme las er:„An die Deutſchen! Meine in den Ketten eines frem⸗ den Volke ſchmachtenden Brüder! Der Augenblick iſt erſchienen, wo Ihr die Feſeln abwerfen und eine Verfaſſung wieder erhalten könnt, unter welcher Ihr ſeit Jahrhunderten glücklich gelebt, bis der unbe⸗ grenzbare Ehrgeiz eines kühnen Eroberers unermeßliches Elend über das Vaterland verbreitet! Ermannt Euch! Folgt meinem Winke und wir ſind, was wir ehemals waren. Ziehet die Sturmglocken! Dieſes ſchreckliche Zeichen des Brandes fache in Eurem Herzen die Vaterlands⸗ liebe an und ſei für Eure Unterdrücker das Zeichen des Unterganges. Alles greife zu den Waffen! Senſen und Piken mögen die Stelle der Gewehre vertreten. Bald werden engliſche Waffen ſie erſetzen, die ſchon angekommen ſind. Mit kräftiger Hand geführt, wird auch die friedliche Senſe zur tödtlichen Waffe. Jeder greife zu den Waffen, nehme Theil an dem Ruhme der Befreier des Vaterlandes, erkämpfe für ſich und ſeine Enkel Ruhe und Zufriedenheit! Wer feig genug iſt, ſich der chrewollen Auf ctung, der ſei riche nie die mit uns und1 Segen für uns den großprahl ſcon rihmlich geſammelt; an zu Euch. Ba Vaterlandes he Jtzt, mei clamation kenn und darnach z Jtzt, da jest weiß ich, Leben riskirt, Palm es verle glücklich in me nicht gen vie wit werign zoſenfeindliche die gan Deu oſen Herr1 Vi) ne ſih, det enle Proclanntien , ich ſie drucken, al An, un Die Bed Piſole u ktſcheßen, w E d ehrenvollen Aufforderung zu entziehen, den treffe Schmach und Ver⸗ achtung, der ſei zeitlebens gebrandmarkt! Ein edles, deutſches Mädchen reiche nie die Hand einem ſolchen Verräther! Faſſet Muth! Gott iſt mit uns und unſerer gerechten Sache! Das Gebet der Greiſe möge Segen für uns erflehen! Siegreich rücken Oeſterreichs Heere vor, trotz den großprahleriſchen Verſicherungen Frankreichs; die Tyroler haben ſchon rühmlichſt die Feſſeln zerbrochen; die braven Heſſen haben ſich geſammelt; an der Spitze geprüfter, im Kampf geübter Krieger eile ich zu Euch. Bald wird die gerechte Sache ſiegen, der alte Ruhm des Vaterlandes hergeſtellt ſein! Auf, zu den Waffen! Schill.“*) Jetzt, mein Herr, ſagte Schill, jetzt, da Sie den Inhalt der Pro⸗ clamation kennen, werden Sie im Stande ſein, meine Schrift zu leſen und darnach zu drucken, nicht wahr? Jetzt, da ich den Inhalt kenne, ſagte Herr Hormuth kopfſchüttelnd, jetzt weiß ich, daß der Buchdrucker, der dieſe Proclamation druckt, ſein Leben riskirt, daß er es mit derſelben Schnelligkeit verlieren kann, wie Palm es verloren hat. Mein Herr, ich habe Frau und Kinder, ich bin glücklich in meiner Familie, ich habe daher das Leben lieb und möchte nicht gern wie der edle Palm erſchoſſen werden. Und der hatte doch weit weniger gethan, als Sie mir zumuthen. Er hat nur eine fran⸗ zoſenfeindliche Schrift verbreitet, ich aber ſoll eine Proclamation drucken, die ganz Deutſchland unter die Waffen ruft gegen den Kaiſer der Fran⸗ zoſen. Herr Major, ich riskire mein Leben, wenn ich das gutwillig thue. Wie? rief Schill zornig, Sie ſind ein Deutſcher, und Sie weigern ſich, der edlen Sache des Vaterlandes zu dienen? Sie wollen dieſe Proclamation nicht drucken? Ja, ich will ſie drucken, ſagte Herr Hormuth bedächtig, ich will ſie drucken, aber unter Einer Bedingung! Nun, und die Bedingung iſt? Die Bedingung iſt, daß Sie, Herr Major, die Güte haben, mir die Piſtole auf die Bruſt zu ſetzen und mir zu drohen, daß Sie mich erſchießen, wenn ich den Druck der r Proclamation verweigere. Daß Sie *) Haken, II. S. 37. 628 dies im Beiſein meiner Setzer und Arbeiter thun, und es mir dann gefülligſt ſchriftlich beſcheinigen, daß ich nur dieſem Gewaltmittel nach⸗ gegeben und die Proclamation gedruckt habe. Herr Hormuth, Sie ſind ein ſehr kluger Mann, und ich werde Ihnen mit Vergnügen Ihren Wunſch erfüllen, ſagte Schill lächelnd, indem er ſein Piſtol hervorzog und es auf den Buchdrucker richtete. Bitte, Herr Major, ziehen Sie den Hahn nicht auf, denn das Ding könnte losgehen, ſagte Herr Hormuth ängſtlich. Nun ſeien Sie ſo gefällig und ſetzen Sie mir die Piſtole dicht auf die Bruſt, und ſchreien Sie mit recht lauter und drohender Stimme, daß Sie mich wie einen Hund niederſchießen wollen, wenn ich die Proclamation nicht drucke. Bedienen Sie ſich auch einiger Schimpfworte, wenn ich bitten darf! Nennen Sie mich einen Feigling, einen Abtrünnigen, Alles, was Sie wollen, aber gefälligſt recht laut! Gut, es ſoll geſchehen, ſagte Schill laut lachend, und ſeine Adju⸗ tanten und ſelbſt Herr Hormuth ſtimmten in das Lachen ein. Nun an's Werk, ſagte Schill, und mit machtvoller, zorniger Stimme fuhr er fort: Wollen Sie dieſe Proclamation drucken, Sie elender Feigling, der Sie nicht den Muth haben, ein Deutſcher zu ſein? Ich frage Sie zum letzten Mal, wollen Sie die Prock amation drucken? Oh, Herr, Erbarmen, Gnadel ſchrie Herr Hormuth jammervoll. Ich kann die Proclamation nicht drucken, es iſt unmöglich, Herr, unmöglich! Kerl, ich tödte Dich auf der Stelle, wenn Du es wagſt, mir zu widerſtehen, 5 Schill, ich— Hören Sie nur, meine Leute kommen ſchon, ſagte Herr Hormuth vergnügt, nur noch ein ganz klein bischen, Herr Major! Ich ſchieße Dich nieder wie einen Hund, wenn Du meinen Be⸗ fehlen nicht gehorchſt! Hülfe, Hülfe! Herr Major, haben Sie Erbarmen! Die Thüren da drüben öffneten ſich. In der einen erſchienen die Setzer und in der andern Frau Hormuth mit ihren Kindern. Willſt Du meine Proclamation drucken, elender Kerl? rief Schill Sage Nein, und ich ſchieße Dir eine Kugel durch Dein elendes, treu⸗ loſes Herz! Hen, ich Mann, i ſtürzte, Mann an mich, und Nein, n Schrift druck Nun wo ich erſchieße Hen H Gehülfen. 2 ninn Sie ni 36 z Ihr Piſtl i Sie erbarm handlungen e als Zeug Jo, wir Grt, ſa Hier iſt da ſchneide der Satz, don dem P den Major „ da d Zehntau Gut ſin. Beden z0 „ Herr Maor 6 E , ich ich J damit Genau gedruckt Herr, ich kann nicht, ich— mitel nach⸗ Mann, ich beſchwöre Dich, jammerte ſeine Frau, indem ſie herbei⸗ . ſtürzte, Mann, bedenke was Du thuſt. Denke an Deine Kinder, denke d ich werde an mich, und thue, was Dir der Major befiehlt. ill lächelnd, Nein, nein, ich will lieber ſterben, als ſo eine aufrühreriſche t richtete. Schrift drucken! f, denn das Nun wohl, Du ſollſt ſterben, rief Schill. Du willſt nicht drucken, 1 un ſeien Sie ich erſchieße Dich! 1 Bruſt, und Herr Hormuth, um Gotteswillen, geben Sie doch nach, ſchrien die ß Sie mich Gehülfen. Der Gewalt muß man weichen! Wollen Sie uns Alle denn mation nicht 4 vaußer Arbeit und Brot bringen? Was ſoll denn aus uns werden, m ich bitten wenn Sie nicht mehr ſind! Alles, was Ich gebe nach, ſeufzte Herr Hormuth, Herr Major, ſetzen Sie Ihr Piſtol in Ruhe! Ich will Ihre Proclamation drucken! Aber ſeien ſeine Adju⸗ Sie erbarmungsvoll! Beſcheinigen Sie mir, daß ich nur Ihren Miß⸗ Nun an's handlungen und Drohungen nachgegeben habe. Meine Drucker mögen es als Zeugen unterſchreiben! Wollt Ihr? Ja, wir wollen, riefen Alle.* Gut, ſagte Herr Hormuth. Nun, Ihr Burſche, friſch an's Werk! Hier iſt das Manuſcript. Vier Setzer gehen ſogleich daran, Ihr ſchneidet das Manuſcript in vier Theile, in einer Viertelſtunde muß der Satz, in zwei Stunden der Druck vollendet ſein. Ihr nehmt von dem Papier, das ſoeben angelangt iſt. Wie viel Exemplare, Herr Major? Zehntauſend Exemplare! Gut, zehntauſend Exemplare! In zwei Stunden müſſen ſie fertig ge⸗ ſein. Bedenkt, daß es ſich um mein Leben handelt, denn, nicht wahr, Herr Major, Sie erſchießen mich, wenn wir nicht gehorchen? Ja, ich erſchieße Sie. Aber jetzt geben Sie mir Feder und Papier, damit ich Ihnen Ihr Zeugniß ausſtelle. Genau nach zwei Stunden langten die zehntauſend Exemplare des gedruckten Aufrufs im Quartier des Majors von Schill an, und Herr Hormuth, der keine andere Zahlung annehmen wollte, empfing dafür N 630 als Quittung ſein Beglaubigungsſchreiben als gewaltſam gezwungener Drucker der Proclamation.*) Von Deſſau ſetzte die tapfere Schaar am andern Tage ihren Marſch weiter fort; immer noch voll freudiger Hoffnung und Erwartung, daß das deutſche Volk ſich erheben, daß Schaaren jauchzender Krieger zu Schills Fahnen herbeiſtrömen würden, um mit ihm zu kämpfen für die Befreiung des Vaterlandes. Aber ach, dieſe Hoffnuugen ſollten ſich nicht verwirklichen. Ueberall, wohin ſie kamen, empfing die Bevölkerung der Städte und Dörfer die Schill'ſchen Huſaren und ihren tapfern Anführer mit lautem Jubel⸗ geſchrei, überall las man mit Begeiſterung Schills Proklamation an die Deutſchen, aber— Niemand nahm die Senſe oder die Pike, um Theil zu nehmen an dem Ruhm der Befreiung des Vaterlandes. Einmal nur gab es für Schill einen Moment der Freude. Das war am zwölften Mai, als ihm der Lieutenant von Quiſtorp aus Berlin eine Schaar von hundert und ſechszig Männern zuführte, die ſeinem Ruf gefolgt waren, ihre Fahnen verlaſſen hatten, und mit Quiſtorp kamen, dem„Befreier Deutſchlands,“ dem tapfern Schill, ſich anzuſchließen. Aber ſchlimme Botſchaft zugleich brachte Quiſtorp von Berlin mit. Die Siegesnachrichten aus Oeſterreich hatten ſich als grundlos erwieſen. Erzherzog Carl hatte keine Siege erfochten, ſondern war vielmehr nach einer Reihe blutiger Kämpfe am drei und zwanzigſten April bei Re⸗ gensburg von Napoleon beſiegt worden, und hatte ſich in eiliger Flucht in den Böhmer Wald gerettet. Der Kaiſer Napoleon war mit ſeinen ſiegreichen Armeen in geradeſter Richtung nach Wien hingezogen. Wenn Napoleon Wien erobert, ſagte Schill düſter vor ſich hin, wenn Oeſterreichs Fahnen ſinken, dann ſind auch wir verloren. Aber noch wollen wir hoffen und vertrauen, noch kann das Schickſal ſich wenden, noch weilt der Kaiſer von Oeſterreich in Wien, und die Wiener haben ja geſchworen, ſich lieber unter den Trümmern der Stadt be⸗ graben zu laſſen, als Wiens Thore noch einmal dem ſiegreichen Feinde zu bffnen. Hoffen wir alſo, und kämpfen wir. Vielleicht wird noch 26 *) Haken: Schills Lebensgeſchichte. II. S. 36. Ales gut! 2 unſerer preu zu vereinen. touſend Mo beiſanmen und die V Sache des wird auch offen hero einen, und Hoffen von Duiſt nehmens, poleons he jenals gen Mpoleons kühnes Unt Wos Ich n er ſagt, biligung zudrücken, zu laſſen, einem ſtre Das der Köni Quſſoch, hrüchalt Nein war ſcho von hier — 9 ezwungener Lage ihren d Erwartung, er Krleger u kämpfen für hen. Ueberall, nd Därfer die lautem Jubel⸗ die ſeinem Ruf torp kamen, ndlos erwieſen. April bei Re⸗ liger Flucht mit ſeinen gezogen. or ſich hin, n. VAber Schicſal ſic d die Wiener 5 631 Alles gut! Vielleicht auch hallt mein Ruf in den tapfern Herzen aller unſerer preußiſchen Waffenbrüder wieder, und ſie kommen ſich mit uns zu vereinen. Heute ſind Sie, Herr von Quiſtorp, mit hundert und ſechszig Mann gekommen, morgen mag ein anderer Freund mit einigen tauſend Mann zu uns ſtoßen! Bald werden wir eine kleine Armee beiſammen haben, und das wird denen, die noch zaudern, Muth geben, und die Verzagten ſtärken im Vertrauen auf die heilige und große Sache des Vaterlandes; je mehr unſere Schaar wächſt, deſto mehr wird auch der König Zutrauen faſſen, und zuletzt wird er frei und offen hervortreten und befehlen, daß alle ſeine Regimenter ſich mit uns einen, und daß der allgemeine heilige Kampf beginne! Hoffen Sie nicht auf den König, Herr Major, ſagte der Lieutenant von Quiſtorp traurig. Das Mißlingen des Dörnberg'ſchen Unter⸗ nehmens, die Niederlage des Erzherzogs Carl, die neuen Siege Na⸗ poleons haben den König ſcheuer und verzagter gemacht, als er es jemals geweſen, er fürchtet mehr als jemals den Zorn und die Rache Napoleons, und um derſelben zuvorzukommen, hat er Sie und Ihr kühnes Unternehmen feierlich und öffeütlich desavouirt. Was hat der König gethan, rief Schill erblaſſend, was wiſſen Sie2 Ich weiß, daß der König einen Armeebefehl erlaſſen hat, in welchem er ſagt, daß er nicht Worte finden kann, um hinlänglich ſeine Miß⸗ billigung über Ihr geſetzwidriges und ſtrafwürdiges Unternehmen aus⸗ zudrücken, die Armee auffordert, ſich nicht von Ihrem Beiſpiel verführen zu laſſen, und befiehlt, daß Sie und Alle, die mit Ihnen gegangen, einem ſtrengen Militairgericht unterworfen werden ſollen.*) Das iſt nicht möglich, rief Schill außer ſich, ſo ganz kann mich der König nicht verlaſſen und aufgeben. Man hat Sie getäuſcht, Quiſtorp, man hat Sie mit dieſer falſchen Nachricht ſchrecken und zurückhalten wollen! Nein, ſagte Quiſtorp traurig, man hat das nicht gewollt. Ich war ſchon auf dem Marſch hierher nach Arneburg, als einige Meilen von hier ein Courier mich einholte, den mir der General Chaſſot von *) Häuſſer: deutſche Geſchichte. III. S. 402. 632 Berlin nachgeſchickt. Der General ſendet mir, um mich zu warnen, den Armeebefehl des Königs, und befiehlt mir, augenblicklich umzukehren und zu meinem Regiment zurückzueilen. Er fügt hinzu, daß dies der letzte Befehl iſt, den er ertheilt, denn ein Befehl des Königs rufe ihn ſowohl, als auch den Gouverneur von Berlin, General LEſtocq, nach Königsberg, woſelbſt eine Unterſuchung gegen ſie Beide eingeleitet werden ſolle.*) Hier ſind die Papiere, Herr Major. Schill nahm die Papiere und durchflog ſie mit einem raſchen Blick. Seine Hände zitterten, während er las, und eine tiefe Bläſſe überzog ſeine Wangen. Dies iſt ein herber Schlag, ſeufzte er, die Arme ſinken laſſend, der König ächtet mich und ſtellt mich dar als einen Verräther und Deſerteur! Oh mein Gott, mein Gott! Es iſt alſo Alles umſonſt, Alles vergeblich! Deutſchland ſchläft und unſer Hahnenruf wird es nicht wecken, Deutſchland liegt im Staube vor dem franzöſiſchen Ty⸗ rannen, und der König von Preußen will Diejenigen als Verräther ſtrafen, welche ihre Hand muthvoll erheben, um Deutſchland wieder aus dem Staube emporzuziehen! Oh Deutſchland, Deutſchland, Du biſt verloren, denn Deine eigenen Fürſten verleugnen Dich und Deine treuen Söhne! Er ſank wie gebrochen auf einen Seſſel nieder, und bedeckte ſich das Geſicht mit ſeinen beiden Händen. So ſaß er eine lange Zeit bewegungslos, ächzend in unausſprechlicher Qual, verhüllten Angeſichts. Seine Adjutanten waren in das Gemach getreten, Schill merkte es nicht, verſenkt in ſeine traurigen und ahnungsvollen Gedanken war ſein Geiſt gleichſam der Gegenwart entrückt, und ſchauete die Zukunft, die troſtloſe, erfolgloſe Zukunft. Traurig ſtanden die drei ſonſt ſo muthigen jungen Krieger, die Officiere Lützow, Quiſtorp und Bänſch da, mit düſtern Blicken ſchauten ſie auf ihren tapfern Major hin, der jetzt gebrochen und gebeugt, ſeufzend und ächzend daſaß. Auf einmal ließ Schill die Hände von ſeinem Antlitz niedergleiten, *) Ebendaſelbſt. und von dem und krüftig er Ich dank Sie mir Ihr wird wenigſte land nicht ve gegeben, wi der deutſchen mehr zuric, zum Tode! weiter. Was Wir wollen n Bielleicht ew Hat aber de ohne daß D mit Schrecke und im äuß unſetet ur Traurig Rſot, d erreicht hat Nichts ihn geliche duftung, 4 G0 chil zu warnen, ch umzukehre ch umzukehren daß dies der s rufe ihn ide eingeleitet raſchen Blic. läſſe überzeg erräther und ſiſchen Ty⸗ Verräther nd wieder tſchland, V hts. geſicht VNn0 4¹9 danken war ft die Zukunſt, en ſchauten Iel nd gebeugt. ton peraleiten, 633 und von dem Seſſel emporſpringend, richtete er ſeine edle Geſtalt ſtolz und kräftig empor. Ich danke Ihnen, Herr Lieutenant von Quiſtorp, ſagte er, daß Sie mir Ihre Schaar der Getreuen zugeführt haben. Deutſchland wird wenigſtens ſehen, daß es noch Tapfere giebt, welche das Vater⸗ land nicht verleugnen, und wenn wir unſer Gut und Leben ihm dahin gegeben, wird es wenigſtens unſere Namen auf die Gedächtnißtafel der deutſchen Märtyrer für die Freiheit einzeichnen. Wir können nicht mehr zurück, meine Freunde, wir müſſen vorwärts, vorwärts, ſei's auch zum Tode! In dieſer Nacht noch verlaſſen wir Arneburg und gehen weiter. Was Dörnberg und Karl mißglückt iſt, kann uns gelingen. Wir wollen noch einmal den Mahnruf an die deutſche Treue verſuchen. Vielleicht erwachen die Herzen, und hören unſern Ruf und folgen ihm! Hat aber der Himmel es anders beſchloſſen, ſollten wir untergehen, ohne daß Deutſchland frei wird, nun wohlan denn! Beſſer ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende! Vorwärts winkt die Ehre und im äußerſten Fall ein rühmlicher Untergang; rückwärts wartet unſerer nur Schmach und Schande. Vorwärts alſo!*) Schills Ende. Traurig und verlaſſen ſaß Schill in ſeinem einſamen Quartier zu Roſtock, daß er am zwanzigſten Mai nach mancherlei Irrfahrten erreicht hatte. Nichts war ihm bis dahin gelungen, nicht Einmal hatte das Glück ihm gelächelt! Er hatte ſich nach Magdeburg wenden wollen, in der Hoffnung, die dortige weſtphäliſche Beſatzung werde ihm jubelnd die *) Schills eigene Worte. 634 Thore der Feſtung öffnen und ſich von dem aufgedrungenen König Jeröòme abwenden. Aber ſchon eine Meile vor der Stadt waren ihm feindliche Colonnen entgegengerückt und bei Dodendorf war es zu einem Gefecht gekommen. Vergebens hatte Schill den deutſchen Brüdern einen Parlamentair entgegengeſchickt, um ſie aufzufordern, mit ihm gemeinſame Sache zu machen, nicht um des wälſchen Theaterkönigs willen das deutſche Vaterland zu verleugnen und deutſches Bruderblut zu vergießen. Die Weſtphalen hatten den Parlamentair erſchoſſen und hatten den mahnenden Worten Schills mit Kartätſchenfeuer geantwortet. Damit hatte der Kampf begonnen, ein entſetzlicher, verzweiflungsvoller Kampf der Brüder gegen die Brüder, der Deutſchen gegen die Deutſchen. Schill war in dieſem Kampf Sieger geblieben. Er hatte den franzöſiſchen Anführer der Weſtphalen, den Obriſt Vautier, tödlich ver⸗ wundet, ſeine Huſaren hatten gefochten wie die Löwen, den Feind aus⸗ einander gejagt; hundert und ſechszig Gefangene, einige Fahnen und eine große Anzahl Waffen war die Beute dieſes Tages geweſen. Aber Schill hatte dieſen Kampf bei Dodendorf nicht benutzen können, er hatte, da er befürchten mußte, es werde von Magdeburg ein größeres und überlegenes Corps ihm entgegenziehen, ſich wieder zurückgezogen, Verzweiflung und Kummer im Herzen, denn er nahm nur die traurige Enttäuſchung mit ſich, daß die deutſchen Soldaten ſeinen Ruf nicht hören wollten, daß die Weſtphalen ihrem fränkiſchen König treu blieben und nicht zum Abfall ſich bewegen laſſen wollten. Auch der zweite Sieg, die Einnahme von Dömitz, hatte Schill und ſeinem Corps keine Vortheile gebracht. Zudem war Zwiſt und Uneinigkeit unter den Officieren ſelbſt ausgebrochen, die kleine, anfangs ſo begeiſterte Schaar begann allmälig zu verzagen und den Glauben an Schills Heldenkraft zu verlieren; die Officiere wollten ſelber eine berathende Stimme haben, ſie wollten Schill nicht mehr unbedingt gehorchen, ſie wollten, daß er ihrem Rath, ihren Vorſchlägen Gehör gebe. Aber Schill forderte unbedingten Gehorſam, der Widerſtand machte ihn nur noch ſtörriſcher und oft wies er beſſern Rath, beſonnenere Vorſchläge eigenſinnig zurück, um in ingrimmigem Trotz ſeine Anſicht als die einzig richtige durchzuführen und von ſeinem Kopf, der von geiden, Kumt ſich und ſein Traurig Roſtock, ſei gller ſeiner! buch der Kö ihrer Hand Hinter don Litzw Schil wieder de! J, ich Und w waltet ein geſprochen? Nein, einen Ihrer haben mit Natürl unn alſo ſein Heil k Wos ſonſt Hier Major! T Rüubechau Miltair⸗ und bietet inen Pri Thut mir da ei hoch. Es werde heu an die D unbedingt blägen Gehör „Pierſtund ſonnenere ne Anſicht von 635 Leiden, Kummer und fehlgeſchlagenen Hoffnungen ganz betäubt war, ſich und ſeine Schaar leiten zu laſſen. Traurig und verlaſſen ſaß Schill in ſeinem einſamen Quartier zu Roſtock, ſein düſteres Schickſal überlegend und über die Vereitelung aller ſeiner Hoffnungen ſeufzend. In ſeiner Hand hielt er das Taſchen⸗ buch der Königin, und mit düſtern Blicken ſtarrte er hin auf die von ihrer Hand geſchriebenen Worte; dem braven Herrn von Schill! Hinter ihm ward die Thür haſtig geöffnet und der Lieutenant von Lützow trat erhitzt, die Uniform von Staub bedeckt in das Zimmer. Schill wandte langſam ſein Haupt zu ihm hin. Nun, ſind Sie wieder da, Lützow? fragte er. Waren Sie in Dobberan beim Herzog? Ja, ich war in Dobberan. Und was für Nachrichten? Schlimme natürlich, denn über uns waltet ein böſer Stern. Haben Sie den Herzog von Mecklenburg geſprochen? Nein, der Herzog hatte Befehl gegeben, weder Sie noch irgend einen Ihrer Abgeſandten vor ihn zu laſſen. Er will nichts zu ſchaffen haben mit den Aufrührern und Rebellen! Natürlich, rief Schill hohnlachend, er iſt ein deutſcher Fürſt und kann alſo ſich nicht zu der Sache Deutſchlands bekennen, ſondern muß ſein Heil bei Frankreich ſuchen! Es iſt alles natürlich, Alles gut ſo! Was ſonſt für Nachrichten, Lützow? Hier iſt eine Proklamation des Königs Jeröme von Weſtphalen, Major! Die Majeſtät thut Ihnen die Ehre an, Sie darin einen Räuberhauptmann, Piraten und Ausreißer zu nennen, befiehlt allen Militair⸗ und Civilbeamten, auf den Major Schill Jagd zu machen und bietet dem, der Sie arretirt und Sie lebend oder todt abliefert, einen Preis von zehntauſend Franes. Thut er das? rief Schill lachend. Nun, der Herr Jeröme erzeigt mir da eine große Ehre und ſchätzt wahrhaftig meinen Kopf ziemlich hoch. Es thut mir leid, die Höflichkeit nicht erwidern zu können. Ich werde heute noch die Proclamation Jeröme's mit einer Proclamation an die Deutſchen erwidern, und ich werde dem, der mir den Jeröme arretirt und mir bringt, eine Belohnung von fünf preußiſchen Thalern zuſichern.*) Was giebt's weiter? Auch der Kaiſer Napoleon hat ein Edict gegen Schill und ſeine Schaaren geſchleudert.„Ein gewiſſer Schill, heißt es in ſeinem Armeebulletin, eine Art von Straßenräuber, der in dem letzten preußiſchen Feldzug Verbrechen auf Verbrechen häufte und den Grad eines Haupt⸗ manns dafür erhalten hat, iſt mit ſeinem ganzen Regiment von Berlin deſertirt, hat ſich nach Wittenberg begeben und dieſen Ort umzingelt. General l'Eſtocq, Gouverneur von Berlin, hat Schill als Deſepteur erklärt, der König von Preußen hat befohlen, ihn, wo man kann, zu arretiren und den Aufrührer vor ein Kriegsgericht zu ſtellen!“ Ja, murmelte Schill, ſtarr vor ſich hinblickend, der deutſche Patriot iſt zum Aufwiegler geworden und was er zum Heil des Vaterlandes gethan, wird ihm zum Verbrechen angerechnet. Diesmal hat der Kaiſer Napoleon gar nicht nöthig gehabt Den zu ſchimpfen und zu läſtern, der ſich auflehnte gegen ſeine Tyrannei,— der König von Preußen und der Gouverneur von Berlin haben es ſtatt ſeiner gethan! Was ſagt Napoleon weiter? Er befiehlt die Errichtung eines Obſervations⸗Corps an der Elbe; dies Corps ſoll von dem Marſchall Herzog von Valmy commandirt und ſechszigtauſend Mann ſtark werden. Sechszigtauſend Mann! rief Schill freudig. Ach, es ſcheint, der Herr Napoleon hat doch eine ziemlich gute Meinung von dem Deſerteur Schill, da er ihn ſo ſtark und gefährlich hält, daß er ihm ein Heer von ſechszigtauſend Mann entgegenſtellt. Ich danke, Herr Bonaparte, ich danke für dieſe Anerkennung. Sie war ein köſtlich Ehrenpflaſter für das gequälte Herz des armen preußiſchen Deſerteurs, ſie hat mir meinen Muth und meine Freudigkeit wieder gegeben. Muthig und unverzagt vorwärts! Wir werden am Ende doch noch zum Sieg gelangen, die Deutſchen werden am Ende doch noch erwachen und ſie werden jubelnd meinen Fahnen entgegenſtrömen. Ach Schill, ich fürchte, Ihre Hoffnungen ſind vergeblich, ſagte *) Hiſtoriſch: Haken, Leben Schills. I. bitzen trurig Rachrichten. Noch nich Wien iſt Vien iſt Jo, Sch ſeiner Famili abermals als Und die Sie hab ruhig und gel in Schönbrun an die Heſten zu ſein, und ihre Waffen Ein Ge dafür daß ſi zur Vertheid die ſich nicht Den O Friſt heimk coufiscirt, u Oh, rie dehn da drol Goth und e fir unſere E Umutu, di Gott ſieht e V, ſa das Vort, Die ſiegrei Am Hünſ ſchen Thalern hill und ſeine es in ſeinem en preufiſchen Haupt⸗ nt von Berlin rt umjingelt. als Deſerteur nkann, zu utſche Patriot Vaterlandes der Haiſer zu lüſtern, von Preußen ethan! Was an der Elbe; commandirt int, der em Deſerteut hn ein Heer Bonaparte, Ehrenpflaſter ſie hat mir Muthig und zum Sieh achen und ſie lich, ſagte 637 Lützow traurig. Ich bin noch nicht zu Ende mit meinen ſchlimmen Nachrichten. Noch nicht? fragte Schill ſchmerzvoll. Nun denn— fahren Sie fort! Wien iſt gefallen! Wien iſt gefallen? ſchrie Schill entſetzt. Iſt das wahr und gewiß? Ja, Schill, es iſt wahr und gewiß! Der Kaiſer Franz iſt mit ſeiner Familie nach Ungarn geflohen, und der Kaiſer der Franzoſen iſt abermals als Sieger in Wien eingezogen.*) Und die Wiener haben keine Vertheidigung verſucht? Sie haben ſie verſucht, aber bald die Waffen geſtreckt und ſich ruhig und gehorſam gefügt. Der Kaiſer Napoleon hat ſeine Reſidenz in Schönbrunn genommen, und von dort aus hat er eine Proclamation an die Oeſterreicher erlaſſen. Er fordert ſie auf, ihm treu und gehorſam zu ſein, und löſt die Wiener Landwehr auf. Denen, welche ruhig ihre Waffen abliefern, wird ein Generalpardon bewilligt. Ein Generalpardon, rief Schill hohnlachend, ein Generalpardon dafür, daß ſie dem Ruf ihres Kaiſers gefolgt, und ſich bewaffnet haben zur Vertheidigung des Vaterlandes! Und was ſoll Denen geſchehen, die ſich nicht ergeben? Den Officieren und Landwehrmännern, die nicht zur beſtimmten Friſt heimkehren, ſollen ihre Häuſer niedergebrannt, ihr Vermögen confiscirt, und ſie als Aufrührer behandelt und verurtheilt werden.**) Oh, rief Schill, ſeine beiden Arme zum. Himmel erhend, giebt es denn da droben noch einen Gott, oder ſchläft auch Er? Giebt's einen Gott, und er hat kein Ohr für unſern Schmerzensſchrei, kein Mitleid für unſere Schmach? Die Dinge kehren ſich um, die Natur wird zur Unnatur, die Ehre zur Schande, der Patriotismus zum Aufruhr, und Gott ſieht es, und Gott leidet es! Ja, ſagte Lützow mit einem traurigen Lächeln, Gott leidet es; das Wort, was Ovid vom Cato ſagt, gilt jetzt von Ihnen, Schill: „Die ſiegreiche Sache gefiel den Göttern, aber Ihnen gefällt die beſiegte!“ *) Am 13. Mai 1809. **) Häuſſer: Deutſche Geſchichte. III. S. 419. 638 Ja, murmelte Schill leiſe vor ſich hin: Victrix causa Diis placuit, Sed victa Catoni! Die beſiegte Sache gefiel dem Cato! Und ſie ſoll auch dem Schill gefallen, ſo lang' er athmet und lebt, ſie ſoll ihm gefallen, ob auch ſein König ihn einen Deſerteur nennt, ob auch das Kriegs⸗ gericht ihn zum Tode verurtheilt!„Die Nürnberger hängen Keinen, ſie hätten ihn denn zuvor,“ ſagt ein gutes deutſches Sprüchwort, und ſo denke ich, werden auch die Königsberger keinen erſchießen, ſie hätten ihn denn! Mich aber ſollen ſie nicht haben! Lieber unter Feindes Roſſen zerſtampft, als von den Kugeln deutſcher Brüder durchbohrt zu werden! Es iſt beſchloſſen, Lützow, wir brechen auf zu neuem Kampf. Zu neuem Kampf? fragte Lützow; ich beſchwöre Sie, nehmen Sie Rath an, folgen Sie nicht der Stimme Ihres tapfern Herzens allein, geben Sie auch der Stimme der Vernunft Gehör! Die Zeit des Kämpfens iſt für jetzt vorüber, Schill, wir müſſen unſer Blut und unſere Kraft aufſparen für beſſere Zeiten! Wir ſind von allen Seiten vom Feinde umringt, überall droht man uns mit den Waffen, oder mit dem Geſetzbuch in der Hand. Preußen hat an ſeiner Grenze ein Corps aufgeſtellt, um nöthigenfalls unſern bewaffneten Uebertritt zurück⸗ zuweiſen, und kommen wir unbewaffnet, ſo bedroht es uns mit dem Kriegsgericht. An der Grenze Sachſens und Weſtphalens ſteht Napo⸗ leons großes Obſervations-Corps, und jetzt hat auch der König von Dänemark den General von Ewald mit einem Corps gegen uns auf⸗ brechen laſſen. Der Hirſch iſt umſtellt, aber er iſt noch nicht gefangen, rief Schill. Noch giebt es eine Stelle im Netz, wo er hindurch ſchlüpfen kann. Der König von Schweden hat noch kein Obſervations⸗Corps gegen uns aufgeſtellt, und in Stralſund liegt nur eine kleine Beſatzung vo kaum dreihundert Mann, die der General Candras befehligt. Vir wenden uns nach Stralſund, wir überrumpeln die Feſtung, und ſetzen uns in ihr feſt. Wenn Stralſund unſer iſt, dann haben wir das s Meer, die Seeverbindung mit England offen, dann haben wir Schiffe im Hafen, auf denen wir, wenn Alles fehlſchlägt, ein ſicheres Aſyl finden, und nach England um zu warten, bis beſſere Zeiten tagen. il Aber, wenn wir Stralſund nicht erobern, was dann? fragte Lützow. Hafen von W uicht gutwilli Wir werden 1 nach England Niin, rie dabei, was ich die Feſung. in Parnemünd ind die Krieg in Sicherheit nach Stralſun Und ſo n Schil zo Moment noch von Strahun im offenen ſ Feſtu ngs mal Bijtung un lauten Hurra zeprengte, zog ſiegreich Und hier ſei en O Oſſicie um von ihm in Lun nemün achtzig Frde der Inſel el Ri üchwort, und en, ſie hätten mter Feindes urchbohrt zu uem Kampf. Waffen, oder ttritt zurick⸗ r Fönig von 63 Wie werden wir uns dann noch retten und helfen? Schill, ich beſchwöre Sie, geben Sie der Vernunft der Gehör! Denken Sie an unſere bedrängte hoffnungsloſe Lage, retten Sie ſich, retten Sie die armen Soldaten, die auf Sie ihre ganze Hoffnung und ihr ganzes Vertrauen geſetzt haben! Schiffen wir uns von hier aus nach England ein. Im Hafen von Warnemünde liegen nahe an dreißig Schiffe; wenn ſie es nicht gutwillig thun, ſo werden wir ſie zwingen uns aufzunehmen. Wir werden uns zum Herrn dieſer Schiffe machen, und auf ihnen uns nach England einſchiffen. Nein, rief Schill heftig, wir werden das nicht thun! Es bleibt dabei, was ich geſagt habe. Wir ziehen gen Stralſund, und erobern die Feſtung. Der Lieutenant Bänſch aber ſoll zwanzig von den Schiffen in Warnemünde nehmen, und auf ihnen ſoll er das Gepäck, die Kranken, und die Kriegskaſſe einſchiffen, um ſie nach der Inſel Rügen und dort in Sicherheit zu bringen.*) Wir aber brechen morgen auf und ziehen nach Stralſund! So iſt es beſchloſſen, und ſo wird es ausgeführt! Und ſo ward es ausgeführt. Schill zog mit ſeinen Huſaren nach Stralſund, und einen kurzen Moment noch lächelte ihm das Glück. Der franzöſiſche Commandant von Stralſund, der General Candras, zog es vor, den Feind lieber im offenen Feld aufzuſuchen, ſtatt ihn hinter den halb zerfallenen Feſtungsmauern von Stralſund zu erwarten. Er zog mit der ganzen Beſatzung und einer Batterie Kanonen Schill entgegegen, und mit lautem Hurrah warf ſich Schill mit ſeinen tapfern Schaaren auf ihn, zerſprengte, zerhieb die Reihen, machte ſechshundert Gefangene, und zog ſiegreich in Stralſund ein. Und hier wollen wir ſiegen oder ſterben! rief Schill ſiegestrunken ſeinen Officieren zu, die nach der Einnahme der Stadt ihn umſtanden, um von ihm ihre Befehle zu empfangen. Freunde, Brüder, der Tag des Glücks dämmert wieder herauf, und Stralſund iſt der erſte Strahl *) Dies Unternehmen gelang wirklich. Der Lieutenant Bäuſch ſchiffte ſich in n ide auf 19 Kaffahrteiſchiffen mit fünfhundert Mann, zehn Offizieren, achtzig Pferden und acht Kanonen ein, und gelangte mit ihnen glücklich nach der Inſel Rügen. Siehe: Haken II. S. 128. der neuen Morgenſonne! Hier wollen wir bleiben, hier wollen wir uns verſchanzen gegen den Feind, hier wollen wir ausharren, bis England uns endlich die verſprochene Hülfe ſendet. Laſſen Sie uns nicht warten, Schill, bis dieſe Hülfe kommt, ſagte einer der Officiere, laſſen Sie uns ihr entgegenziehen! Jede Stunde der Zögerung vergrößert die Gefahr, rief ein Anderer. Wenn wir jetzt nicht die günſtige Zeit benutzen, wenn wir nicht ohne Verzug, ohne Säumen uns aufmachen, die engliſche Flotte auf offener See aufſuchen, oder hinübereilen nach der ſchwe ediſchen Küſte, ſo ſind wir verloren. Es wäre eine Tollkühnheit, hier zu bleiben, und ruhig zu warten, bis der Feind in überlegener Zahl gegen uns heranrückt, ſagte ein Dritter. Gegen die Ueberzahl tämpfen zu wollen, iſt Thorheit, und der Vernünftige fügt ſich dem Willen des Schickſals, ſtatt mit kindiſchem Trotz ſich gegen daſſelbe aufzulehnen. Sparen wir unſer Blut und unſere Waffen für beſſere Zeiten auf, ſagte ein Vierter, es wird ein Tag kommen, wo Deutſchland, das uns jetzt von ſich ſtößt, gar ſehr unſerer Hülfe und unſers Arms bedarf, und uns zu ſich ruft, um ihm zu helſen beim großen Werk der Befreiung. Retten wir uns jetzt, und ſparen wir uns für künftige Zeiten! Schill ließ ſeine dunklen Augen mit zornigem Blitzen in dem Kreis der Officiere umherſchweifen. Iſt Keiner da, der ſeine Stimme gegen dieſe Anſichten, die wir ſpeben vernommen haben, erheben will? fragte er. Keiner, der den Verzagten und Kleinmüthigen antwortet i Namen der Ehre, der Tapferkeit und Vaterlandsliebe? Alles ſchwieg; ein dumpfes Murren des Unwillens war die einzige Antwort. Nun denn, rief wider Euch Alle, ſo will ich Euch ſagen, daß es feig iſt, vor Gefahr zu fliehen, daß es kleinmüthig iſt, nur an das Unterliegen, ſtatt an das Siegen zu denken, daß es treulos iſt, ſein Vaterland zu verlaſſen, wenn es in Todesnoth iſt, es zu verlaſſen, um nur das eigene erbärmliche Leben zu erretten! Fluch und Schande über den, der an Schill glühend, ſo will ich meine Stimme he Flucht denkt, werden und u Mann. Vir und uns liebe uns ergeben Wille wieder! den Wällen! und ich dulde und Rebell be — Die Solda aber von den zu nehmen, 1 ſichten, zu kä duch ſeine 5 es Niewand Hafen zu beſ ſie bedenken, Theil haben: dem aumen S wird. 5 A S nelg ſ endlich wir hab en ge lundes, mit 6 unſerm F Fahne, d der v nöge der N das Leb haben, daß wenn er ſi — — Schil Mihliach g en a England ein wenn wir 641 Flucht denkt, an Abfall von der großen Sache, der wir dienen! Wir werden und wollen uns in Stralſund behaupten, bis auf den letzen Mann. Wir wollen Stralſund zu einem deutſchen Saragoſſa machen, und uns lieber unter den Trümmern der Stadt begraben laſſen, als uns ergeben.*) Wir wollen die Feſtungswerke wieder ausbeſſern, die Wälle wieder herſtellen, Bettungen für die Geſchütze anlegen, und hinter den Wällen wollen wir den Feind erwarten. So iſt es beſchloſſen, und ich dulde keine Widerrede, und ich werde Denjenigen als Aufrührer und Rebell behanbn, der es wagt, meinen Befehlen zuwider zu handeln! — Die Soldaten gehorchen mir, und ich habe ihnen zu gebieten. Wer aber von den Herrn Officieren nicht mehr Luſt hat am Kampf Theil zu nehmen, wer, ſtatt treu der geheiligten Sache auszuharren, zu fechten, zu kämpfen, und wenn es ſein muß, zu ſterben, es vorzieht, durch ſeine Flucht ſein Leben zu retten, der möge es thun, ich werde es Niemand wehren, ich werde ihnen geſtatten, eins der Schiffe im Hafen zu beſteigen, und zu entfliehen, wohin ſie wollen. Nur mögen ſie bedenken, daß ſie ihre Ehre hier zurücklaſſen, und daß ſie nicht Theil haben werden an dem Märtyrerruhm, den die Nachwelt vielleicht dem armen Schill und ſeinen Getreuen als einzige Siegerkrone ſchenken wird. Wer Luſt hat zu fliehen, der trete vor, und empfange ſeinen Abſchied. Eine lange, athemloſe Pauſe folgte, Schill ließ ſeine Blicke fragend und düſter im Kreiſe der Officiere umhergleiten. Keiner trat vor. Wir haben den Major von Schill zu unſerm Heerführer angenommen, ſagte endlich der älteſte der Officiere, mit ernſter, feierlicher Stimme, wir haben geſchworen, mit ihm zu kämpfen gegen die Feinde des Vater⸗ landes, mit ihm vereint zu bleiben bis zum Tode, ihm zu gehorchen, als unſerm Anführer. Wir werden unſern Schwur erfüllen, und die Fahne, der wir bis hierher gefolgt ſind, nicht treulos verlaſſen. Nur möge der Major von Schill bedenken, daß er verantwortlich iſt für das Leben aller Derer, welche ihr Schickſal mit dem ſeinen verbunden haben, daß ſein Gewiſſen, Gott und die Nachwelt ihn richten werden, wenn er ſtatt Diejenigen, welche ihm gefolgt ſind, vor nutzloſem und *) Schills eigene Worte. Siehe: Haken. II. S. 152. Mühlbach, Napoleon. II. Bd. 41 2 642 verderblichem Kampf zu retten, ſie einem ruhmloſen Tode oder ſchmach⸗ voller Gefangenſchaft entgegengeführt. Wenn der Major von Schill nicht der Vernunft und Klugheit Gehör geben, wenn er nicht mit uns zu Schiff gehen, nicht mit uns ſich retten will, ſo bleiben wir Alle, und erwarten mit ihm vereint unſer Geſchick! Sprechen Sie alſo, Herr Major, wollen Sie mit uns kommen, oder wollen Sie bleiben? Nein, ich will bleiben, rief Schill begeiſtert, auf deutſchem Boden will ich den Feind erwarten; auf deutſchem Boden will ich ſiegen, oder ſterben. Oh, Freunde, Waffengefährten, redet n nicht von Flucht und Unterwerfung, der Schill flieht nicht, der Schill unterwirft ſich nicht! Ich habe es verſucht, Deutſchland zu erwecken, ich habe ihm die Hand entgegengeſtreckt, und gerufen:„ich will Euch helfen, aufzuſtehen, und Euch den Schlaf der Ermattung aus den trüben Augen zu ver⸗ ſcheuchen. Stehet auf, nehmt Euer Schwert und folgt mir, ich führe Euch auf den Weg der Freiheit und der Ehre. Mein Arm iſt ſtark und mein Schwert iſt ſcharf, vereint Euch mit mir, und laßt uns den Tyrannen verjagen!“ Aber Deutſchland iſt meinem Ruf nicht gefolgt, es ſchläft noch zu tief, und Gott hat nicht gewollt, daß ich mein Werk zu Ende führe. Vielleicht hat das Schickſal es mir und uns Allen vorbehalten, daß wir mit unſerm Blute die heilige Sache der Freiheit t wird unſer Tod die Schlafenden wecken, und ſie werden ſtärken, vielleich zu rächen! Denn die Deutſchen aufſtehen in Zorn und Scham, um uns haben viel Pietät und Bewunderung für die Todten, und nur den Lebenden ſind ſie mißgünſtig und kalt. Brüder, laßt uns ſterben für die heilige Sache der Freiheit, wenn wir nicht für ſie leben dürfen! Laßt uns vereint bleiben, vereint in Noth und Tod! Ja, vereint in Noth und Tod! riefen die Officiere wie aus Einem Munde, und ſie umdrängten Schill, um ihm ihre Hände darzureichen, und ihn auf's Neue ihres Gehorſams und ihrer Treue zu ver ſichern.—— Vier Tage der Ruhe und des Friedens folgten nun. Schill benutzte ſie zur Ausbeſſerung der verfallenen Wälle und der Feſtungswerke, und traf alle Vorbereitungen zur hartnäckigen Vertheidigung der Stadt gegen den anrückenden Feind.— Am einunddreißigſten Mai in der Frühe des Morgens, als Schill kben uf dem ließ, näherte Straßen daher, Es kum n her in weiterer Ein Stra Engländer kon Föte Die( Die Engl Nein, nei länder ſnd da überfullen, hal Gewalt in die ſchon in Sw Der Fiind iſ Der Fei Der Feind iſ Cwwallerie ble narſchiren an Und Sch zu dem Thor ſutterte im Augen leuchte Mit eine Abeltien, in Centnerl ſui Der g ſch vn mi Hurrah, vord Er gut Avensleben Freund, uht bin, be Binge der oder ſchmach⸗ micht mit uns en wir Alle, (* cht von Flucht unterwirft ſich habe ihm die aufzuſtehen, , ich führe n Am iſt ſtart und ſie werden die Deltſchen den 6 Einem zureichen, Shill benutie erke, und 643 eben auf dem Marktplatze hielt, und ſeine Truppen die Revue paſſiren ließ, näherte ſich ein unheimliches und wüſtes Geſchrei von den Straßen daher, die auf den Markt führten. Es kam näher und näher, Soldaten ſtürzten herbei, hinter ihnen her in weiterer Ferne ſah man andere Soldaten in rothen Uniformen. Ein Strahl der Freude blitzte über Schills Antlitz hin. Die Engländer kommen! rief er mit lautem Jubel. Seht da ihre rothen Röcke. Die Engländer ſind gelandet und bringen uns Hülfe! Die Engländer ſind da, Hurrah, die Engländer!jubelten die Soldaten. Nein, nein, keuchte einer der herbeiſtürzenden Soldaten, die Hol⸗ länder ſind da, der Feind iſt da! Sie haben uns am Knieper Thor überfallen, haben unſere Infanterie auseinander gejagt, und ſind mit Gewalt in die Stadt eingedrungen. Seht nur, ſeht, da rücken ſie ſchon in Sturmcolonnen heran! Auf, auf, es?rette ſich wer kann! Der Feind iſt da! Der Feind iſt da! rief Schill, ſich auf ſein Pferd ſchwingend. Der Feind iſt da! Auf, Brüder, auf, dem Feind entgegen! Die Cavallerie bleibt hier auf dem Markt als Reſerve zurück. Wir aber marſchiren an das Triebſer Thor, um dort den Feind zu erwarten! Und Schill ſprengte von dannen, hinein in die enge Gaſſe, die zu dem Thor führte, hinter ihm her ſeine Getreuen. Schills Haar flatterte im Winde, ſein Antlitz ſtrahlte wie in Begeiſterung, ſeine Augen leuchteten in der Verklärung des Hervismus. Mit einem ſtrahlenden Lächeln wandte er ſich an den Lieutenant Alvensleben, der an ſeiner Seite ritt. Oh, ſagte er, mir iſt, als wäre eine Centnerlaſt von meiner Bruſt gewälzt, als athme ich jetzt wieder frei. Der Kampf, die Entſcheidung iſt da, und das Leben iſt es, das ſich von meinem Herzen wälzt. Ich werde ſterben, Freund, ſterben. Hurrah, vorwärts, die Freiheit winkt mir, die goldene Freiheit! Er gab ſeinem Pferde die Sporen, und ſprengte raſcher vorwärts, Alvensleben blieb an ſeiner Seite. Freund, rief Schill im raſchen Weitereilen, Freund, wenn ich nicht mehr bin, vertheidige mich gegen meine Feinde, grüße meine Freunde! Bringe der Königin meinen letzten Schwur der Treue, bringe Deutſch⸗ 41* 644 land, wenn es einſt frei iſt, meine letzten Liebesgrüße. Hurrah, da kommt der Feind! Laßt uns ſingen, ein Jubellied ſingen! Und mit lauter Stimme ſang er: Tod, du ſüßer, für das Vaterland, Süßer als der Brautgruß, als das Lallen Auf dem Mutterſchooß des erſten Kindes, Sei mir willkommen!*) Willkommen! rief er noch einmal und ſprengte raſcher vorwärts, vorüber an den feindlichen Schaaren, die eben durch eine Quergaſſe ſich herbeidrängten und Alvensleben und die Gefährten von ihm ab⸗ ſchnitten, vorwärts, geradehin auf den Feind, der ſich hier auf ihn von der entgegengeſetzten Straße heranwälzt. Es iſt der holländiſche General Carteret mit ſeinem Generalſtabe, der da heranrückt. Schill ſprengt mitten unter ſie, ſein Säbel ſauſt durch die Luft und trifft das Haupt des Generals, daß er wie vom Blitz getroffen hinunterſinkt vom Pferde. Aber nun wendet Schill ſein Pferd um; da er nicht vorwärts kann durch dieſe lebendige Mauer von Kriegern, welche die Straße abſperrt, will er zurück. Aber auch hinter ihm hat ſich jetzt ſchon eine Menſchenmauer ge⸗ bildet und hat ihn abgeſchnitten von ſeinen Gefährten. Wohl verſuchen dieſe, ſich zu ihm durchzuſchlagen und die Mauer zu durchhauen, die ſich gegen ſie, wie gegen Schill, aufgerichtet hat. Wüſtes Geſchrei, Fluchen und Toben, Wuthgeheul und Todesächzen miſcht ſich durch— einander. Bleich wie das Antlitz eines Todten iſt das Antlitz Schills. Er ſieht, daß er verloren iſt, er fühlt, daß er weder ſich, noch ſeine Ge⸗ treuen, noch ſein Vaterland mehr retten kann, daß Alles verloren iſt, Alles! Kein Entrinnen mehr, keine Rettung. Der Tod umgiebt ihn, er heult ihm von allen Seiten ſein wildes Kriegslied entgegen, er klafft ihn an aus den Wunden der Gefallenen, er blitzt ihm entgegen aus *) Siehe dieſes Werkes Band IM. den Augen D Gewehr auf i Da, da ſicht da die S letten, ungeh empor bäumt weichen entſe Führſtraße h Vowir treuen zu Hi Dy ſauſ Schil ſchwan Ein Tw Der Vorder der ſich müh Er ſih Dos iſt Hurrah, Gewehre an. Schil j ſich noch au ſteht ſtil. Die ho hetunter. Da lie er lebt oc ſich mit bre ti ſo fih Vaterland!“ Er lel machtvoller ſende Wun Jetzt Ja, e Hurrah, da en aſcher vowärts, eine Quergaſſe n von ihm ab⸗ r auf ihn von m Generalſtabe, zbel ſauſt aß er wie vom nicht vorwärts die Straße nſchenwauer ge⸗ Wohl verſuchen urchhauen, die Geſchrei, Wiſtes t ſſcht ſich durch⸗ Schills. Er noch ſeine Ge⸗ Alles verloren mngiebt ihn, e „ er klafft ege* entgegen aus 645 den Augen Derjenigen, die mit geſchwungenem Säbel, mit geladenem Gewehr auf ihn eindringen. Da, da öffnet ſich die Colonne der Feinde! Schill ſieht es, er ſieht da die Straße, welche dieſes Gäßchen durchſchneidet. Mit einer letzten, ungeheuren Kraftanſtrengung ſpornt er ſein Roß, daß es hoch empor bäumt und mitten hinein ſetzt in den Haufen der Feinde. Dieſe weichen entſetzt zur Seite, und an ihnen vorüber ſprengt Schill in die Fährſtraße hinein. Vorwärts, vorwärts jetzt auf Sturmesflügeln, vorwärts, den Ge⸗ treuen zu Hülfe, vorwärts! Da ſauſt eine Kugel an ihm vorüber,— ein zweiter Schuß.— Schill ſchwankt im Sattel, die Kugel hat ihn getroffen. Ein Trupp holländiſcher Soldaten kommt eben die Straße herauf. Der Vorderſte von ihnen ſieht den todesbleichen feindlichen Officier, der ſich mühſam noch auf dem Pferde hält. Er ſieht ihn und er erkennt ihn. Das iſt Schill! Das iſt Schill! ruft er, vorwärts ſtürzend. Hurrah, das iſt Schill! ſchreien die Anderen, und ſie legen die Gewehre an. Schill ſprengt vorwärts,— da knallen drei Schüſſe,— er hält ſich noch aufrecht, aber ſeine Hand läßt die Zügel fallen, das Pferd ſteht ſtill. Die holländiſchen Jäger umringen ihn, ſie hauen ihn vom Pferde herunter. Da liegt er am Boden, der ſtarke, der gewaltige Mann. Aber er lebt noch, ſein großes Auge, das einſt ſo muthig geflammt, richtet ſich mit brechendem Blick aufwärts zum Himmel, ſeine Lippen, die einſt ſo fröhlich gelächelt, flüſtern nun leiſe:„Tod, du ſüßer, für das Vaterland!“ Er lebt noch,— aber nur noch einen kurzen Moment,— ein machtvoller Säbelhieb trifft ſein Antlitz und bringt ihm eine neue klaf⸗ fende Wunde. Jetzt iſt er todt! Ja, er iſt todt, denn wäre noch ein Funken Leben in ihm, ſo ——fͤ—z—— 646 würde er es nicht dulden, daß man ihm den Orden und die kleine Krone von Perlen, das Geſchenk der Königin, von der Bruſt reißt; lebte er noch, ſo würde er dieſes goldgeſtickte Portefeuille, das die hol⸗ ländiſchen Jäger jetzt aus ſeiner Buſentaſche reißen, vertheidigen mit ſeiner letzten Lebenskraft. Ja, er iſt todt! Mit lautem Freudengeſchrei ſehen es die feind⸗ lichen Soldaten. Sie packen den Leichnam, ſie ſchleppen und zerren ihn die Straße hinauf, um ihn als Siegestrophäe ihrem General zu bringen. Das blutende Haupt Schills ſchleift die Erde, ſeine Hände, die ſo tapfer und ſo treu das Schwert geführt, werden jetzt beſudelt von dem Schmutz der Straße, ſeine Uniform wird zerfetzt und zerriſſen von dem rohen Anpacken der feindlichen Soldaten. Sie ſchleppen die Leiche bis zum Marktplatz, bis zu dem dort ſtehenden Rathhaus hin. Dort unter den offenen Hallen des Rath⸗ hauſes ſtehen die Fleiſchbänke, auf welchen die Fleiſcher ihre Waare ſonſt feil zu bieten pflegten. Auf einer dieſer Fleiſchbänke betteten die Soldaten die Leiche.— Eine Fleiſchbank war das Paradebett des unglücklichen Ferdinand von Schill, des Märtyrers für die deutſche Freiheit! Da lag er auf der Fleiſchbank mit zerfetzten Kleidern, mit zer⸗ brochenen Gliedern, mit zerhauenem, von Wunden entſtelltem Angeſicht, und ſein gebrochenes Auge ſtarrte zum Himmel empor, als wolle es ihn anklagen für die Schmach ſeines Todes. „Tod, du ſüßer, für das Vaterland!“ M. Die Parade in Bchönbrunn. Napoleons großer Sieg bei Wagram*) hatte dem Krieg mit Oeſter⸗ reich ein Ende gemacht und nur zu ſchnell die Hoffnungen vernichtet, *) Am 6. Juli 1809. velce die S Devtſchen er Bei Asn Sieg erfocht leon gezwunt Inſel Lobau als ein Sie Aber über Napol nicht zu ben Stntt frmzüſſche gopf gedrä den Tod ih Montebello mit heimlic Kaiſers ve umzingeln, zog der Er gönnte ſei tägigen F Väh den, benu Bricen zu liicht ein ſu ſammel Danr die zwei erungene Schlife Deu Aspen, E und die kleine der Briſt reift, das die hol⸗ heidigen mit nes die feind⸗ de, ſeine Hinde, n jetzt beſudelt t und zeriſſen is ze dem dort ſcher ihre Waare erdinand von leidern, mit zer⸗ ſtelltem Angeſicht, eg mit Oeſter⸗ en vemichtet, 647 welche die Schlacht von Aspern oder Eßlingen*) in den Herzen der Deutſchen erregt hatte. Bei Aspern hatte der Erzherzog Carl über Napoleon einen halben Sieg erfochten, und daß die Oeſterreicher nicht geſchlagen, daß Napo⸗ leon gezwungen worden, mit ſeinem Heer zurückzuweichen und auf der Inſel Lobau eine Zuflucht zu ſuchen, ſchon das galt den Oeſterreichern als ein Sieg, den ſie mit lautem Jubelgeſchrei der Welt verkündeten. Aber wenn es ein Sieg war, den der Erzherzog Carl bei Aspern über Napoleon errungen, ſo wußten die Oeſterreicher dieſen Sieg doch nicht zu benutzen. Statt mit vereinter Macht ſich nach Lobau zu wenden, wo das franzöſiſche Heer, erſchöpft vom langen mörderiſchen Kampf, Kopf an Kopf gedrängt lagerte, wo die franzöſiſchen Grenadiere weinten über den Tod ihres tapferen Anführers, des Generals Lannes, Herzogs von Montebello, wo die Verwundeten und die Beſiegten zum erſten Mal mit heimlichen Drohungen die nie raſtende und endende Kriegsluſt ihres Kaiſers verwünſchten, ſtatt das franzöſiſche Heer anzugreifen und zu umzingeln, ſtatt eine Kanonade gegen die Inſel Lobau zu eröffnen, zog der Erzherzog Carl ſich weiter vom rechten Donauufer zurück und gönnte ſeinen erſchöpften Truppen Ruhe und Erholung nach zwei⸗ tägigen Kämpfen. Während die Oeſterreicher hier ruhten und ihre Wunden verban⸗ den, benutzten die Franzoſen die glücklich gewonnene Zeit, um neue Brücken zu bauen, Kähne heranzuziehen, und die Inſel, welche für ſie leicht ein Todtenacker hätte werden können, zu verlaſſen und ſich wieder zu ſammeln in neuen ſtreitbaren Schaaren. Dann, am 6. Juli, nahm Napolevn bei Wagram Revanche für die zwei Tage von Aspern, und entriß dem Erzherzog Carl den kaum errungenen Lorbeer von Aspern wieder, um ihn ſich ſelbſt auf die Schläfe zu ſetzen. Deutſchland hatte freudig aufgejauchzt nach der Schlacht von Aspern, es ſenkte gramvoll wieder ſein Haupt nach der Schlacht von *) Am 21. und 22. Mai 1809. 648 Wagram. Napoleon war wieder der Herr und der Triumphator über Deutſchland, und das geſchlagene Oeſterreich mußte, gleich dem übrigen Deutſchland, ſich in Demuth und Unterwürfigkeit dem Willen des All⸗ mächtigen fügen. Der„erſte Soldat von Aspern“, der tapfere Fürſt Johann Liech⸗ tenſtein, ward nach Znaim in's Lager Napoleons geſandt, damit er den Kaiſer um einen Waffenſtillſtand und um Unterhandlungen zum Frieden bitte. Napoleon, deſſen Heere erſchöpft waren, den außerdem der ſpa⸗ niſche Krieg in Anſpruch nahm, und der an den Tagen von Aspern und von Wagram erfahren, welche große Widerſtandsfähigkeit jetzt in Deutſchland zu erwachen beginne, Napoleon hatte dem Wunſche Oeſter⸗ reichs ſich gefügt und eingewilligt, daß die Waffen ruhen und die Abgeordneten Frankreichs und Oeſterreichs um den Frieden unterhan⸗ deln ſollten. Monate lang ſchon dauerten dieſe Friedens⸗Unterhandlungen, und immer noch war man nicht zum Abſchluß gekommen, immer noch war Wien eine franzöſiſche Stadt, und die Wiener mußten es ſich gefallen laſſen, daß man ihnen einen franzöſiſchen Stadt⸗Commandanten, einen franzöſiſchen Gouverneur gab, daß eine franzöſiſche Polizei jeden ihrer Blicke und alle ihre Handlungen überwachte. Sie mußten der ſtrengen Nothwendigkeit ſich fügen, und am funfzehnten Auguſt den Geburtstag Napoleons mit Feſtlichkeiten und Illumination feiern, als ſei es der Geburtstag ihres eigenen Herrſchers. Monate lang ſchon dauerten dieſe Friedens⸗Unterhandlungen, und noch immer reſidirte Napoleon in Schönbrunn, in dem Luſtſchloß, das einſt Maria Thereſia erbaut, und in welchem ſie den Heiraths⸗Contract ihrer Tochter Marie Antoinette und des Dauphins von Frankreich un⸗ terzeichnet hatte. Marie Antoinette, die Tochter der Kaiſerin, war unter der Guillo⸗ tine verblutet, und der Erbe der Revolution und der franzöſiſchen Krone wohnte jetzt als Sieger in Schönbrunn. Alle Morgen hielt der franzöſiſche Kaiſer auf dem großen Vorhof des Schloſſes Parade über ſeine Garden und ließ die verſchiedenen Reginenter d Nurgn juT nie er ſine vuren jett eit ſie der ſchöne ten, wenn ſie dem kleinen dem glänzen Reihen ſeine Vive IEnp ſtut ihn zu 1 daten, deren Nayoleo wüther mach Perſönlichkei überhaupt a um, nachdem reichſche Vol Zutitt zu d imner für d ſteundlichen Auch h Schönbrun ſihrte, war Reitem und zuſchauen. Unter t ſich ein jun der, wihre den Parade Sein jugen umwallte ſe N Augen glün erdem der ſpa von Aspern mdlungen, und ner noch war s ſich gefallen danten, einen n(Geburtsta der Guillo⸗ ſiſchen Krone Regimenter die Revue paſſiren, und die Wiener ſtrömten an jedem Morgen zu Tauſenden hinaus, um Napoleon zu ſehen und zuzuſchauen, wie er ſeine Truppen muſterte. Dieſe Morgenparaden in Schönbrunn waren jetzt eine Lieblingsunterhaltung der Wiener geworden, und wenn ſie der ſchönen und kunſtvollen Muſik der franzöſiſchen Truppen lauſch⸗ ten, wenn ſie zuſchauten, wie der Kaiſer in ſeinem grauen Rock, mit dem kleinen dreieckigen Hut über der mächtigen Stirn, umgeben von dem glänzenden Generalſtab ſeiner Marſchälle und Generäle, an den Reihen ſeiner Truppen hinunter eilte, unter ihrem jauchzenden Ruf: Vive l'Empereur!“ dann vergaßen die gemüthvollen Wiener zuweilen, daß es ihr Feind war, der da vor ihnen ſeine Macht entfaltete, und ſtatt ihn zu verwünſchen, bewunderten ſie ihn und ſeine herrlichen Sol⸗ daten, deren Narben nur eben ſo viele Siegesmale waren. Napoleon war ſich des Einfluſſes, den dieſe Paraden auf die Ge⸗ müther machten, nur zu wohl bewußt; er kannte den Zauber, den ſeine Perſönlichkeit nicht blos auf ſeine Soldaten, ſondern auf das Volk überhaupt auszuüben pflegte, und er wollte dieſen Zauber benutzen, um, nachdem er die öſterreichiſchen Soldaten beſiegt, auch das öſter⸗ reichiſche Volk ſich zu erobern. Es war deshalb Jedermann der freie Zutritt zu den Paraden in Schönbrunn geſtattet, und Napoleon hatte immer für die Zuſchauer, welche ſich herandrängten, ihn zu ſehen, einen freundlichen Blick und ein gütiges Lächeln, das ihm die Herzen gewann. Auch heute, am dreizehnten October, ſollte im Schloßhof von Schönbrunn eine Parade ſtattfinden, und die Straße, die nach Wien führte, war in der Frühe des Tages ſchon bedeckt mit Equipagen, Reitern und Fußgängern, die nach Schönbrunn eilten, um der Parade zuzuſchauen. Unter den Fußgängern, welche die Straße dahin zogen, befand ſich ein junger Mann, den Niemand beachtete, mit dem Niemand ſprach, der, während Alles um ihn plauderte, lachte und ſich von der kommen⸗ den Parade unterhielt, ernſt und ſchweigend ſeines Weges dahin ging. Sein jugendliches Antlitz war ernſt und bleich, langes blondes Haar umwallte ſeine hohe Stirn und die ovale Form ſeines Angeſichts. Seine Augen glänzten in einem ſchwärmeriſchen Feuer, und ſeine ſchmalen, 650 halb geöffneten Lippen zuckten und zitterten zuweilen wie in tiefer in⸗ Und m nerer Bewegung. Seine Geſtalt umhüllte ein großer ſchwarzer Mantel, Sie Ales o der faſt bis zu ſeinen Füßen hinabreichte, ſeine blonden Locken bedeckte nit Sie ein ein kleines ſchwarzes Sammetbarett. Wie eine Erſcheinung aus einer erwiſchen kö fremden Welt tauchte dieſe dunkle, ernſte und bleiche Geſtalt zwiſchen Auch wird dem heiteren, geſchwätzigen Volk, den eleganten Equipagen, den glän⸗ ſchiren bald zenden Reitern empor, aber, wie geſagt, Niemand beachtete ſie. Jeder commandirt war zu ſehr mit ſich ſelber beſchäftigt, mit der Parade, die heute be⸗ Reih und ſonders glänzend werden ſollte, mit dem Kaiſer, der heute nicht blos Iſt das ein die Truppen an ſich wollte vorbeimarſchiren laſſen, ſondern ihnen ſelber vergnigen, commandiren wollte. Sie nit tan Einige auch ſprachen von den Hoffnungen, die man auf den bal⸗ Ich de digen Friedensſchluß hegte, und ſeufzten, daß dieſe Hoffnungen ſich Mann mit immer noch nicht verwirklichen wollten, während Andere ſich verſtohlen wir hier d erzählten von den ſiegreichen Kämpfen der Tyroler und von dem edlen er und w und tapferen Andreas Hofer, der allein noch mit ſeinen treuen Tyrolern Dort dem franzöſiſchen Eroberer zu widerſtehen wagte. d ſtit Der bleiche junge Mann hörte ſchweigend und in ſich gekehrt all inter, hier dieſen verſchiedenen Geſprächen der Wandernden zu, und war jetzt mit wer. ihnen bis zu dem Vorhof des Schloſſes gelangt. thus um Es war noch ziemlich früh, denn die Wiener hatten ſich beeilt, veiter hi früh hinaus zu ziehen, um einen möglichſt guten Standpunkt zu ge⸗ ſchuen ki winnen und den Kaiſer recht in der Nähe ſehen zu können. Gut Der junge Mann überſchaute mit einem ſichtbaren Gefühl des Miß⸗ ſu. behagens dieſen großen öden Platz, der ſich vor ihm ausdehnte, und auf m“ dem noch gar nichts von der glänzenden Kaiſergarde zu ſehen war. uhh zus Wird heute keine Parade ſtattfinden? fragte er den wohlbehäbigen da dicken Wiener Bürger, der eben zufällig neben ihm ſtand. ſe hen, Gewiß, mein Herr, es wird eine Parade ſtattfinden, ſagte dieſer g. gewichtig. Aber es iſt halt noch ſehr früh, und es wird wohl noch i eine Stunde dauern, bis der Kaiſer kommt. und 36 Noch eine Stunde, bis die Parade angeht! rief der Fremde un⸗ willig. Man hatte mir geſagt, daß ich um dieſe Stunde hier ſein : 7 alein geh müßte, um die Parade anzuſehen. Imn wie in tiefer in⸗ warzer Mantel, nLocken bedeckte zwiſchen chteie ſie. Jeder e, die heute be⸗ icht blos n ihnen ſelber gatten ſich heeilt, unkt zu ge⸗ Fefül eb ehnte, und auf ſagte dieſer ird nehl noc nor Fremde un „une hier ſein 651 Und man hat Ihnen ganz recht geſagt, mein Herr. Denn wenn Sie Alles ordentlich ſehen wollen, müſſen's hübſch früh hier ſein, da⸗ mit Sie einen recht guten Platz bekommen und irgend einen Prallſtein erwiſchen können, auf den Sie ſich ſtellen, um Alles recht zu beſchauen. Auch wird Ihnen die Stunde des Wartens gar nit lang. Nun mar⸗ ſchiren bald die verſchiedenen Regimenter auf, welche heute zur Revue commandirt ſind, dann kommt die Garde des Kaiſers und ſtellt ſich in Reih und Glied, und zuletzt kommt der Kaiſer mit ſeinen Marſchällen. Iſt das ein Jubeln und Schreien, ein Fanfaren⸗Geſchmetter und Muſik⸗ vergnügen, wenn der Kaiſer kommt! Na, Sie werden's ja hören, wenn Sie nit taub davon werden. Ich denke, ich werde nicht taub davon werden, ſagte der junge Mann mit einem traurigen Lächeln. Aber ſagen Sie mir doch, werden wir hier den Kaiſer ordentlich ſehen können? Aus welcher Thür kommt er, und wo pflegt er ſeinen Standpunkt zu nehmen? Dort drüben aus dem großen Portal kommt der Kaiſer heraus, dort ſteigt er zu Pferde und reitet an der Front der Soldaten her⸗ unter, hier, wo wir jetzt ſtehen, macht er dann ein wenig Halt, und wer ihm etwas zu ſagen oder eine Bittſchrift zu überreichen hat, der thut's am beſten hier an dieſer Stelle. Aber kommen's, wir wollen weiter hinein gehen in den Vorhof, damit wir Alles noch beſſer ſchauen können. Gut, gehen Sie voran, ich folge, ſagte der junge Mann. Nun, ſo kommen's, mein Herr! Und der gutmüthige Wiener machte mit ſtarkem Arm ſich Platz durch das Gewühl der Zuſchauer. Der junge Fremde folgte ihm einige Schritte vorwärts, dann blieb er ſtehen, und ſtatt weiter zu gehen, ſchob er ſich leiſe wieder zurück. Nein, murmelte er leiſe vor ſich hin, ich darf hier mit Niemand zuſammen ſtehen, mit Niemand mehr ſprechen! Ich muß ganz allein und ganz fremd ſein, um Niemand zu verdächtigen und in Gefahr zu bringen. Mir allein gehöre der Ruhm der That, wenn ſie gelingt, mir allein gehöre die Strafe, wenn ſie mißlingt. Immer weiter drängte er ſich zurück von dem Mann, der ihm vorher ſo freundlich Auskunft ertheilt, und erſt als er ihn ganz aus dem Geſicht verloren, begann er ſich vorſichtig und von der andern Seite her dem Eingang des Schloſſes zu nähern. Gleich muß die That gethan ſein, flüſterte er leiſe. Jedes Zau⸗ dern bringt Gefahr, und es könnte mir ergehen, wie es den beiden 1 Brüdern erging, die im vorigen Jahr das Loos getroffen. Jetzt hat Währer es mich getroffen, und was ſie nicht zu Stande gebracht, das will die Zuſchau ich vollenden! ſeinem Cab Er hob ſeine großen blauen Augen zum Himmel empor und ein Aber e feierlicher Ernſt ſprach aus ſeinen Zügen. Ja, ich ſchwör's beim An⸗ und Murſch denken an meine Anna, beim Andenken an die Thränen, die ſie bald einen Tiſch, um mich vergießen wird, ich ſchwör's, daß ich nicht zaudern und beben ſtünden bede will, wie Jene es thaten. Mich hat das Loos getroffen, und der Prä⸗ detes Bein, ſident muß wieder gut machen, was die Brüder gefehlt! Ich ſchwör's, Hurd, weit ich werde ihn tödten! Höre meinen Schwur, Gott da droben, und gieb dem ein ku meinem Willen das Gelingen! bedecter Fi Er machte ſich raſcher Bahn durch das wachſende Gedränge und Napole näherte ſich immer mehr dem Eingang des Schloſſes. Einmal ward ihm und richtete „im Gedränge der Mantel feſtgehalten und öffnete ſich über der Bruſt. in eficher Darunter blitzte es hell auf, wie die blinkende Klinge eines Dolches der Rienm oder eines Meſſers. Näll d Der junge Mann zog haſtig den Mantel über ſeiner Bruſt zu⸗ Sie ſammen und warf einen ſcheuen, fragenden Blick umher. wi ufti Niemand hatte auf ihn Acht gegeben, Aller Augen waren den ven mn glänzenden Kaiſergarden zugewandt, die eben auf dem Platz ſich zu guhen al formiren begannen. Der junge Mann ſchritt vorwärts nach dem Eingang des Schloſſes zu. Indd Sire dde ernſt. Ma ſeiner ige Herr Es iſt „W ¹ bis zur 5 um die S S ſchreiten. ihn ganz aus n der andern Jedes Zau⸗ s den beiden Jetzt hat empor und ein ör's beim An⸗ die ſie bald nund beben und der Prä⸗ ben, und gieb en waren den Platz ſich zu 5Schloſſes zu. 653 MI. Napoleon in Schönbrunn. Während unten auf dem Vorhof die Soldaten ſich aufſtellten und die Zuſchauer ſich herandrängten, verweilte Napoleon noch immer in ſeinem Cabinet. Aber er war nicht allein in demſelben. Einige ſeiner Adjutanten und Marſchälle waren bei ihm und ſtanden, gleich dem Kaiſer, vor einem Tiſch, der mit allerlei wunderſamen und ſchauerlichen Gegen⸗ ſtänden bedeckt war. Da lag ein mit einem glänzenden Stiefel beklei⸗ detes Bein, dicht daneben eine mit einem weißen Handſchuh überzogene Hand, weiterhin ein mit einem Uniform⸗Aermel bekleideter Arm, neben dem ein kurz über dem Knöchel abgehauener, mit zierlichem Schuhwerk bedeckter Fuß ſich befand. Napoleon betrachtete alle dieſe Dinge mit ernſten, prüfenden Blicken, und richtete dann ſeine Augen auf dieſen kleinen, bleichen Mann, der in einfacher, beſcheidener Tracht und Haltung ihm gegenüber ſtand, und der Niemand Anderes war, als der berühmte Mechanikus Leonhard Mäklzl, der Erfinder des Metronoms. Sie ſind in der That ein Genie, ſagte der Kaiſer mit dem Aus⸗ druck aufrichtiger Bewunderung, man hat Ihnen nicht zu viel gethan, wenn man Sie den geſchickteſten Mann in Ihrem Fach nennt. Sie glauben alſo wirklich, daß es möglich iſt, auf ſo einem Bein zu gehen? Und der Kaiſer deutete nach dem auf dem Tiſche liegenden Bein hin. Sire, ich glaube es nicht, ſondern ich weiß es, ſagte Herr Mälzl ernſt. Man kann ſich dieſer Beine und Füße ſo gut bedienen, wie ſeiner eigenen. Haben Ew. Majeſtät nur die Gnade, zu ſehen! Herr Mälzl nahm das Bein und ſtellte es vor einen Stuhl hin. Es iſt, wie Ew. Majeſtät ſehen, ein Fuß nebſt einem Bein, das faſt bis zur Hälfte hinauf reicht. Mit dieſen beiden Tragbändern wird es um die Schultern geworfen, und dann kann man ruhig damit fort— ſchreiten. 654 Ja, fortſchreiten, rief Napoleon lebhaft, aber man kann ſich nicht damit ſetzen. Doch, Sire! Man drückt an dieſer Feder hier, und— ſehen Ew. Majeſtät nur, da biegt ſich das Knie und das Bein neigt ſich auf den Stuhl nieder. Wahrhaftig, das geht, rief Napoleon freudig, dann aber auf ein⸗ mal bewölkte ſich ſeine Stirn und ſeine Augen nahmen einen düſteren Ausdruck an. Ach, ſagte er leiſe und gedankenvoll, wenn Lannes noch lebte, ſo hätte ich ihm wenigſtens hier ein Surrogat bieten können für die beiden Beine, die er verloren! Er ſtarrte mit düſterem Ausdruck auf das kunſtvolle Bein hin, dann aber ſtrich er ſich raſch mit der Hand über ſein Antlitz, und ſo⸗ fort waren die Wolken wieder von ſeiner Stirn verſchwunden. Und Sie behaupten auch, mein Herr, daß man ſich jener Hand bedienen und damit etwas halten und faſſen kann? fragte Napoleon, die zierlich behandſchuhte Hand emporhebend. Sire, es iſt ſo gut, als wäre Einem eine neue Hand gewachſen. Der menſchliche Wille regiert jedes einzelne Glied des Menſchen, und er beherrſcht dieſe künſtlichen Finger ebenſo gut, wie die natürlichen. Wollen Ew. Majeſtät die Gnade haben, mir irgend Etwas zu befehlen, was die Hand, deren Finger, wie Ew. Majeſtät ſehen, jetzt geſtreckt ſind, vom Tiſche aufheben ſoll? Der Kaiſer zog einen koſtbaren, mit einem großen Solitair ge⸗ ſcmüz Ring vom Finger und legte ihn auf den Tiſch hin. Die Hand ſoll dieſen Ring nehmen! ſagte er. Mälzl nahm die Hand und drückte auf die am Handgelenk ange⸗ brachte Feder. Sofort krümmten ſich die Finger, zogen ſich mit den Spitzen dichter aneinander und faßten zierlich und gewandt den auf dem Tiſch liegenden Ring. Napoleon lachte und ſchaute ſeine erſtaunten Marſchälle und Ge⸗ neräle mit fröhlichen Blicken an. Nun, meine Herren, ſagte er, jetzt dürfen wir nicht mehr fürchten, uns dem Kugelregen in der Schlacht auszuſetzen, denn verlieren wir die Hünde un hide und 5i Sire, ſa daß meine kü auch feſthalte ſortzunehmen! Napoleo ihn mit unw In der heiter, ſi g Doch, ſich wieder. Nin, ne haben und d ſi ihn ablie ſeiner eigene gſhiüe Hi Dank ſchuldi Namen der ſchn, Dr alter des e Yhrer nEiß ubdene Zei ſclen des K ſegersreiche niger Stelzf uus jedem) ſin und ve Ame, Ben mein Her, daß Sie 9 Sire, Nun in ſich nicht und— ſehen kin neigt ſich abet auf ein⸗ diſteren n Lonnes voch en können fü natürlichen. zu befehlen, jetzt giſtrect fürchten, orlieren wir 655 die Hände und Füße, die uns Gott gegeben, ſo ſchnallen wir uns die Hände und Füße von Herrn Mälzl an. Sire, ſagte Herr Mälzl lächelnd, wollen Sie ſich überzeugen, daß meine künſtliche Hand nicht blos eine Sache ergreifen, ſondern auch feſthalten kann? Wollen Ew. Majeſtät verſuchen, den Ring fortzunehmen? Napoleon faßte nach dem Ringe, aber die zierlichen Finger hielten ihn mit unwiderſtehlicher Gewalt feſt. In der That, das ſind vernünftige Finger, rief Napoleon heiter, ſie geben nicht wieder heraus, was ſie einmal genommen haben. Doch, Sire, ich drücke an dieſe Feder, und die Finger öffnen ſich wieder. Nein, nein, rief der Kaiſer, mögen ſie diesmal behalten, was ſie haben und den Ring zu meinem Andenken tragen. Höchſtens dürfen ſie ihn abliefern an ihren Herrn und Schöpfer, der ſich nicht blos ſeiner eigenen Hände ſo gut zu bedienen weiß, ſondern auch Andern geſchickte Hände ſchafft. Keinen Dank, mein Herr, wir ſind Ihnen Dank ſchuldig, nicht Sie uns, und ich bin wohl verpflichtet, Ihnen im Namen der tapferen Soldaten, denen Sie die verlorenen Gliedmaßen erſetzen, Dank und Anerkennung zu zollen. Wenn das goldene Zeit⸗ alter des ewigen Friedens einſt gekommen ſein wird, dann mag man Ihrer Erfindung entbehren können; aber ich fürchte, wir werden dies goldene Zeitalter nicht mehr erleben, ſondern immer noch den Drang⸗ ſalen des Krieges ausgeſetzt bleiben. Deshalb iſt Ihre Erfindung eine ſegensreiche und anerkennenswerthe, denn, Dank Ihnen, wird es we⸗ niger Stelzfüße und Krüppel geben. Ich werde Ordre geben, daß man aus jedem Regiment meiner Armee von den Invaliden fünf der tapfer⸗ ſten und verdienteſten auswähle, und Sie werden ihnen die verlorenen Arme, Beine und Hände auf meine Koſten wiedergeben. Wahrhaftig, mein Herr, Sie ſind ein Rival des Schöpfers, und es fehlte nur noch, daß Sie auch verſtänden, die verlorenen Köpfe wieder aufzuſetzen. Sire, ich verſtehe das auch, ſagte Herr Mälzl lächelnd. Nun ja, einen Kopf von Wachs oder gemaltem Holz! 656 ind daß die Fleiſch und Sire, . Nein, Sire, einen Kopf, welcher ſich bewegt, welcher die Augen öffnet und ſchließt, und— welcher denkt. Welcher denkt? rief Napoleon lachend. Ach, das iſt eine etwas 3 ſtarke Behauptung, für welche Ihnen der Beweis ſchwer werden ſollte. Ich bitte um Verzeihung, Majeſtät, ich mache mich anheiſchig, den Beweis zu liefern. Wie denn? Wenn Ew. Majeſtät anerkennen wollen, daß, um eine Partie Schach zu ſpielen, man denken muß, ſo kann ich den Beweis liefern, daß der in meinem Beſitz befindliche Kopf und Menſch denkt. Wo haben Sie dieſen Menſchen mit dem denkenden Kopf? Sire, ich habe ihn im anſtoßenden Salon von meinen Gehülfen ſen, ene aufſtellen laſſen. Aber ich muß Ew. Majeſtät bemerken, daß dieſer den Kpf m nit einem re maten ſprin ſchaſt. Es nicht ſo ehr Ihr Autom Menſch nicht mein Werk iſt, ſondern das Meiſterſtück des verſtorbenen Pie Mechanikus Kempeler, von deſſen Sohn ich dieſen Menſchen gekauft habe. wir Schach Ah, rief Napoleon lachend, wiſſen Sie denn nicht, daß Menſchen⸗ Venm handel in unſeren civiliſirten Staaten verboten iſt? Aber laſſen Sie Und a uns Ihren Sclaven ſehen. Kommen Sie! Ja, S Kommen Sie, meine Herren, fuhr Napoleon fort, ſich ſeinen Mar⸗ ſeinen Stu ſchällen und Adjutanten zuwendend, laſſen Sie uns den Menſchen dieſes Ih erl neuen Prometheus anſchauen! in Reih ur . Er ſchritt nach der Thür hin, aber bevor er das Cabinet verließ, Der wandte er ſich an den dienſthabenden Kammerherrn. ſtehenden 6 Wenn der Herr Herzog von Cadore kommt, ſoll man es mir gleich Nun, melden, ſagte Napoleon; dann trat er in den anſtoßenden Saal ein. Der 2 Die Marſchälle und Adjutanten und der Mechanikus Mälzl ſeiner erhol folgten ihm. zu begine ſ In der Mitte des Saals vor einem kleinen Tiſch, auf welchem Gut, ſich ein Schachbrett befand, ſaß eine zierlich gekleidete männliche Ge Der ſtalt im Ausſehen eines Knaben von vierzehn Jahren. tücte ihn Das alſo iſt der berühmte Schachſpieler, rief Napoleon, ſich leb⸗ Der haft nähernd. Wahrhaftig, das Geſicht iſt von Wachs, aber wer bürgt Automat. mir dafür, daß unter der Wachslarve nicht ein Menſchenantlitz verborgen, zt Mihlbach cer die Augen iſt eine etwas werden ſollte. nheiſchig, den m eine Purtie Beweis liefern, denkt. Kopf? nen Gehülfen „daß dieſer es verſtorbenen en gekauft habe. daß Menſchen⸗ ber laſſen Sie h ſeinen Mar⸗ Menſchen dieſes Fabinet verleß, es mi gleich nSaal ein. anilus Milzl W lchem 657 und daß dieſe zierliche und wohlproportionirte Geſtalt nicht wirklich von Fleiſch und Bein iſt? Sire, dies bürgt Ew. Majeſtät dafür, ſagte Mälzl, indem er mit einem raſchen Druck ſeiner Finger eine Feder am Hals des Auto⸗ maten ſpringen ließ, den Kopf vom Rumpfe abhob und ihn dem Kaiſer darhielt. Sie haben Recht, rief Napoleon lachend, das iſt eine ſichere Bürg⸗ ſchaft. Es laufen zwar viele Menſchen ohne Kopf umher, aber ſie ſind nicht ſo ehrlich, ihre Kopfloſigkeit ſo offen zur Schau zu tragen, wie Ihr Automat es thut. Sire, wollen Ew. Majeſtät meinem Automaten die Gnade erwei⸗ ſen, eine Partie Schach mit ihm zu ſpielen? fragte Mälzl, indem er den Kopf wieder auf den Schultern des Automaten befeſtigte. Wie? rief Napoleon lachend, das Ding will ſich erdreiſten, mit mir Schach zu ſpielen? Wenn Ew. Majeſtät es erlauben! Und allein? Ganz allein? Ja, Sire, nur werden mir Ew. Majeſtät erlauben, daß ich hinter ſeinem Stuhl ſtehe. Ich erlaube es Ihnen. Die Schachfiguren ſind, wie ich ſehe, ſchon in Reih und Glied aufgeſtellt, fangen wir alſo an! Der Kaiſer ſetzte ſich auf den leeren, dem Automaten gegenüber ſtehenden Stuhl und grüßte ihn mit einem freundlichen Kopfnicken. Nun, mein Kamerad, fangen wir an! ſagte Napoleon lachend. Der Automat machte eine leichte Verbeugung und winkte mit ſeiner erhobenen Rechten dem Kaiſer zu, als wolle er ihm bedeuten, zu beginnen. Gut, ich fange an, ſagte Napoleon, indem er einen Bauer vorſchob. Der Automat faßte mit zierlicher Hand ſeinen Königsbauer und rückte ihn zwei Felder vorwärts. Der Kaiſer that wieder einen Zug, und Zug um Zug ſpielte der Automat. Jetzt, indem der Kaiſer lächelnd den Automaten anblickte, nahm Mihlbach, Napolevn II. Bd. 42 — 658 er ſeinen ſchwarzen Laufer und ließ ihn, gleich einem Springer, das ſchräge, weiße Feld einnehmen. Der Automat ſchüttelte leiſe mit dem Kopf, nahm den Laufer und ſetzte ihn wieder auf ſeine richtige Stelle. Ach, er will nicht, daß ich betrüge, rief Napoleon lachend, er iſt ein ſehr ernſter und gewiſſenhafter Spieler. Und der Kaiſer that einen andern Zug. Der Automat ſpielte weiter. Jetzt verſuchte der Kaiſer abermals zu betrügen und ließ den Thurm in ſchräger Richtung ausſchreiten. Der Automat nahm mit lebhafter Bewegung den Thurm und ſetzte ihn gleich einem gewonnenen Stein bei Seite. Er beſtraft mich und er hat Recht, ſagte der Kaiſer. Wir wollen ernſthaft ſpielen. Das Spiel ging weiter. Es verwickelte ſich immer mehr, bald ſtand es zu Gunſten des Automaten und der Kaiſer war in Gefahr, zu verlieren. Jetzt begann der Kaiſer zu vergeſſen, daß er es mit einem Auto⸗ maten zu thun habe, er erinnerte ſich nur, daß er im Begriff ſei, eine Partie zu verlieren, und ſeine Stirn umwölkte ſich. Haſtig ſpielte er weiter, und zum dritten Mal verſuchte er jetzt eine Figur wider die Regel zu ziehen. Der Automat ſchüttelte heftig mit dem Kopf und ſtieß mit einer raſchen Bewegung alle Schachfiguren durcheinander. 6 Ach, er will nicht weiter ſpielen, rief Napoleon lachend, er verachtet meine Betrügereien und vergißt, daß er ſelber eine an der Menſchheit begangene Betrügerei iſt. Danken Sie Gott, mein Herr Mälzl, daß wir nicht mehr im Mittelalter ſind, ſonſt würde man Sie ohne Gnade als einen Zauberer verbrannt haben, der dem lieben Gott in's Hand⸗ werk pfuſcht. Sire, ich wage es zu wieverholen, dieſer Automat iſt nicht von mir, ſondern von Kempeler. Aber ich bitte Ew. Majeſtät, Ihnen meinen *) Constant, Mémoires. IV. p. 19. iigenen Auto Majeſtit ein Vo iſt. Hier ſi Saalfenſters die hinter d Ach, e Trompete e Sire, vorſpielenz auf Rollen Er fan Der ſeidener Se gann zu bl ndi dienſtthuend „ Sire, 0. 0 und bittet! Führe aufſtehen. Trnpeter Künſte ma ich Ihnen Durc unt hitte, ſoll ihn kufen Sire, für welch Dank ſiz — )B der Vila och ſich b ) Si Springet, das den Laufer und lachend, er iſt at ſpielte weiter. ließ den Thurm hurm und ſetze WVir wollen ner mehr, bald war in Gefuhr, einem Auto riff ſei, eine ſiieß mit einer verachtet pe Menſchheit nd, el Mälzl, daß ie ohne Gnade hott ins Hand⸗ t iſt nicht von Ihren meinen 1 . Majeſtät ein kleines Concert zu geben. eigenen Automaten produciren zu dürfen und ihm zu geſtatten, Eurer Wo iſt. Ihr Automat? Hier! ſagte Mälzl, indem er die geſchloſſenen Vorhänge des einen Saalfenſters auseinander ſchlug und auf eine zierliche Figur hindeutete, die hinter den Vorhängen ſichtbar ward. Ach, ein Poſtillon, rief Napoleon, und er will uns auf ſeiner Trompete etwas blaſen? Sire, er bittet um die Erlaubniß, Ew. Majeſtät die Marſeillaiſe vorſpielen zu dürfen, ſagte Mälzl, indem er die Figur, deren Füße auf Rollen ſtanden, in den Saal hinein rollte. Er fange an! ſagte Napoleon lebhaft. Der Poſtillon hob ſeinen Arm, ergriff die um ſeinen Hals an ſeidener Schnur hängende Trompete, ſetzte ſie an den Mund und be⸗ gann zu blaſen. In dieſem Augenblick öffnete ſich die Thür des Cabinets, der dienſtthuende Kammerherr trat ein und näherte ſich dem Kaiſer. Sire, ſagte er, der Herr Herzog von Cadore iſt ſo eben angelangt und bittet um Audienz. Führen Sie ihn ſogleich in mein Cabinet, ſagte Napoleon, haſtig aufſtehend. Dann winkte er den Mechanikus zu ſich. Laſſen Sie Ihren Trompeter immerhin noch ein wenig vor den Herren Marſchällen ſeine Künſte machen, ſagte er. Was Ihren Schachſpieler anbetrifft, ſo kaufe ich Ihnen denſelben ab. Sie mögen darüber mit dem Großmarſchall Duroc unterhandeln. Zur Strafe dafür, daß er mich faſt beſiegt hätte, ſoll Ihr Schachſpieler jetzt mein Sclave werden, und ich will ihn kaufen.*) Sire, das iſt keine Strafe, ſondern eine köſtliche Belohnung, für welche ich im Namen der Schachmaſchine meinen ehrerbietigſten Dank ſage.**) *) Dieſe Schachmaſchine, welche Napoleon ankaufte, ſtand bis 1812 in der Villa Bonaparte bei Mailand und kam dann nach Paris, wo ſie auch jetzt noch ſich befindet. **) Siehe: Constant, Mémoires. IV. p. 19. 660 Sie haben für meine Invaliden, denen die Arme oder Beine fehlen, ein dankenswerthes Surrogat erfunden, ſagte der Kaiſer, jetzt müſſen Sie mir noch eine andere Erfindung machen, und auch den Bleſſirten auf dem Schlachtfelde Ihre Hülfe zuwenden. Machen Sie mir das Modell zu einem Wagen, auf welchem man die Bleſſirten bequem und ſicher betten kann, und der ſo eingerichtet iſt, daß er aus⸗ einander genommen und auf Pferden im Train der Armee„weiter geführt werden kann. Sie ſind ein erfinderiſcher Kopf und in acht Tagen erwarte ich Sie mit Ihrem Modell! Jetzt laſſen Sie Ihren Trompeter wieder beginnen. Adieu! Er winkte dem Mechanikus einen freundlichen Gruß zu, und eilte dann raſch in ſein Cabinet zurück. Der Herzog von Cadore befand ſich ſchon in demſelben, und begrüßte den eintretenden Kaiſer mit einer tiefen Verbeugung. Nun, Champagny, rief der Kaiſer haſtig, bringen Sie uns immer noch nicht den Frieden? Nein, Sire, die Abgeordneten Oeſterreichs wollen durchaus nicht auf die ihnen geſtellten Bedingungen eingehen. Ah, rief der Kaiſer drohend, dieſe Herren Oeſterreicher glauben mir Trotz bieten zu können. Es iſt ihnen noch nicht genug, daß ich ihre Armee beſiegt, ihren Feldherrn geſchlagen, den Kaiſer aus ſeiner Hauptſtadt verjagt habe, und in ſeiner Reſidenz reſidire. Sie verlangen noch weitere Demüthigungen, und beim Himmel, ſie ſollen ſie haben. Wenn das ſo fortgeht, ſo werde ich den Großherzog von Würzburg berufen, und ſein Haupt mit der öſterreichiſchen Kaiſerkrone ſchmücken.*) Sire, das würde heißen, eine Puppe an die Stelle der andern ſetzen, aber damit wären noch nicht die Maſchinenmeiſter beſeitigt, welche dieſe Puppen regieren. Und dieſe Maſchinenmeiſter ſind alle von demſelben Geiſt beſeelt. Fürſt Liechtenſtein und Graf Bubna ſind ebenſo unbeugſam, wie es Graf Metternich war. Sie haben freilich ſchon Einiges nachgegeben, und haben mir heute erklärt, daß *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Bausset, Mémoires. I. S. 367. der Kiſer mzunehmen. Velche? Der Ko Jtalien, De obzutreten un, erreicht. J und ein un Dann mig Conſtntino ſchützen wiſſ zu vertheidi und Krwati gebrochen, weigert uns Sire, Obetſerre Inn und beanſprucht ferner, ſo Galizjen † Virt nmerb beſſt ſt, ju erſchein Suchſen t richs, un dem vömg Fraukreich in Betref zufrieden andern B ſhweife u ie oder Beine er Kaiſer, jetzt und auch den Machen Sie die Bleſſirten i, daß er aus⸗ Amee weiter Sie uns immer durchaus nicht eicher glauben enug, daß ich iſer aus ſeiner Sie verlangen llen ſie haben⸗ on Würzburg e ſchmücken. 3) der andern ter beſeitigt, ſſter ſind alle Graf Bubna Sie haben te erklärt, daß 661 der Kaiſer Franz ſie ermächtigt habe, einige der geſtellten Bedingungen anzunehmen. Welche? fragte Napoleon haſtig. Der Kaiſer iſt bereit, die Länderſtriche, welche Ew. Majeſtät nach Italien, Dalmatien und Kroatien hin begehrt haben, an Frankreich abzutreten. Nun, rief Napoleon lebhaft, damit iſt wenigſtens die Hauptſache erreicht. Ich werde das Gebiet Frankreichs bis zur Save ausdehnen, und ein unmittelbarer Grenznachbar des osmaniſchen Reichs werden. Dann möge es der Kaiſer von Rußland verſuchen, ſeine Pläne auf Conſtantinopel auszuführen. Frankreich wird ſeinen Grenznachbar zu ſchützen wiſſen, und ſeine Truppen werden immer bereit ſein, die Pforte zu vertheidigen. Wenn ich meine Grenzen bis in's Innere Dalmatiens und Kroatiens ausgedehnt, dann iſt Rußlands Einfluß im Orient gebrochen, und Frankreich wird Herr ſein in Conſtantinopel. Was weigert uns Oeſterreich denn, da es uns die Hauptforderungen gewährte? Sire, Oeſterreich willigt ferner ein, an Baiern einen Theil von Oberöſterreich, nämlich Salzburg, Berchtesgaden, und einen Theil des Inn⸗ und Hausruck⸗Viertels abzutreten, aber es weigert ſich, die ganze beanſpruchte Hälfte von Oberöſterreich herzugeben, es weigert ſich ferner, ſo bedeutende Abtretungen in Böhmen für Sachſen, und in Galizien für Rußland zu machen, wie Ew. Majeſtät gefordert haben. Wir können darin etwas nachgeben, rief Napoleon lebhaft, es iſt immer beſſer, ſeine Forderungen etwas hoch zu ſtellen, weil es dann leichter iſt, nachzugeben, und als der Großmüthige und Verſöhnliche zu erſcheinen. Zudem liegt mir gar nicht Viel daran, ob Baiern, Sachſen oder Rußland ſich vergrößern. Nur die Vergrößerung Frank⸗ reichs, und die unmittelbare Ausdehnung unſerer Grenzen bis nach dem osmaniſchen Reich, das mußte ein Gegenſtand der Ambition Frankreichs ſein. Da wir dies erreicht haben, wollen wir nachgeben in Betreff der andern Länderabtretungen, und mit ermäßigtern Theilen zufrieden ſein, vorausgeſetzt, daß uns Oeſterreich dafür die beiden andern Bedingungen, welche für mich von Wichtigkeit ſind, ohne Um⸗ ſchweife und ganz bewillige. Siewiſſen doch, welche Bedingungen ich meine? 662 Ew. Majeſtät meinen die verlangte Verminderung des öſterreichiſchen Heers, und dann die hundert Millionen Francs Kriegscontribution, die wir beanſprucht haben. Die wir beanſprucht haben, und die man uns bewilligen muß, wenn man nicht will, daß der Krieg auf's Neue beginnen ſoll, rief Napoleon drohend. Sire, dies ſind die beiden Punkte, in denen Oeſterreich ſich am wenigſten nachgiebig zeigt, ſagte Champagny achſelzuckend. Oeſterreich behauptet, daß eine auf Frankreichs Begehr vorgenommene Verminderung des öſterreichiſchen Heers der Ehre und Würde des öſterreichiſchen Kriegsherrn und Kaiſers zuwider ſei, und es behauptet ferner, daß es nicht im Stande ſei, eine Kriegscontribution von hundert Millionen Franes zu zahlen. Man wagt es alſo, mir meine Forderung zu verweigern? rief Napoleon mit düſterm Angeſicht. Man will mich alſo nöthigen, um elender Millionen willen auf's Neue den Krieg zu beginnen? Sire, Oeſterreich macht ſeine Gegenvorſchläge, und es hofft auf eine Verſtändigung. Oeſterreich verſpricht, ſein Heer im Laufe von ſechs Monaten bedeutend zu verringern, die Landwehr zu entlaſſen, und die Regimenter auf den Friedensfuß zu beſchränken. Oeſterreich bietet ſtatt der geforderten hundert Millionen Franes die Hälfte, nämlich funfzig Millionen. Und man glaubt, daß ich mich damit begnügen werde? rief Na⸗ poleon. Man will mit mir ſchachern und dingen, als ob ich ein engliſcher Krämer wäre? Man wagt es, mir die Hälfte zu bieten, und ſpricht mir gegenüber von der Sye und Würde des öſterreichiſchen Kriegsherrn und Kaiſers! Als ob es nicht von mir abhinge, dieſe Ehre und Würde und dieſen ganzen Kriegsherrn unter meine Füße zu treten, und die öſtereichiſche Kaiſerkrone in den Wellen der Donau zu begraben, oder ſie auf mein Haupt zu ſetzen, je nachdem es mein Wille iſt. Sire, ich glaube, der Kaiſer Franz kennt vollkommen die Gefahr, die ihn bedroht, und iſt es ſich wohl bewußt, daß es ſich bei dieſen Friedensunterhandlungen um ſeine Krone und ſeine Dynaſtie handelt. Joh glaube t ſchitern wir Ich we nochgeben, pillen einen gar ſehr der Der K die eben mi Wahrh Garden we Er trat ſie ſchon in wogt es vo Parade zu Um G einen Wint Sehen Lben. Es ind, un das Polt, Mauer vo Reiter, un Er d fügel, un an den g die nach anzugehöre Sehe dort nit und nebe Damen! damit ſie — 6) 8 ereichiſchen ontribution, ligen muß, n ſoll, rief eich ſich am Oeſtetreich ermindetung terreichiſchen Millionen öthigen, um s hofft auf ifte, nämlich rief Na⸗ b ich ein hieten, und erreichiſchen dieſe Ehre zu treten, u begraben, die Gefahr⸗ 3 bei dieſen aſie handelr 663 Ich glaube daher auch nicht, daß der Friede an dieſen beiden Punkten ſcheitern wird. Ich werde nicht nachgeben, rief Napoleon, nein, ich werde nicht nachgeben, obwohl es mich ſchmachvoll dünkt, um funfzig Millionen willen einen neuen Krieg zu beginnen, und obwohl meine eigene Armee gar ſehr der Erholung und Stärkung Der Kaiſer unterbrach ſich, und horchte auf die große Pendule, die eben mit lautem Klang die Stunde anſchlug. Wahrhaftig, es iſt ſchon zwölf Uhr, rief Napoleon lebhaft, meine Garden werden mich längſt ſchon im Schloßhof erwarten. Er trat an's Fenſter und blickte hinunter in den Hof. Da ſtehen ſie ſchon in Reih und Glied, meine ſchönen Garden, ſagte er, und da wogt es von Zuſchauern, die von Wien hergeſtrömt ſind, um die Parade zu ſehen. Um Ew. Majeſtät zu ſehen, verbeſſerte Champagny, indem er auf einen Wink des Kaiſers ſich dem Fenſter näherte. Sehen Sie nur, ſagte der Kaiſer lächelnd, ſehen Sie nur das Leben. Es ſind wenigſtens dreitauſend Menſchen, die da hergeſtrömt ſind, um mich und meine Soldaten zu ſehen, und es iſt nicht blos das Volk, welches dieſe Theilnahme für mich hat; das beweiſt die Mauer von Equipagen, welche dort drüben ſtehen, die Zahl der eleganten Reiter, und endlich jene Fenſter dort. Er deutete nach den Fenſtern am gegenüber liegenden Schloß⸗ flügel, und wie der Miniſter ſeine Augen dorthin richtete, gewahrte er an den geöffneten Fenſtern dort drüben eine Anzahl von Damen, die nach ihrem Ausſehen und ihrer Toilette den höheren Ständen anzugehören ſchienen. Sehen Sie, ſagte der Kaiſer, hinüberdeutend, jene ſchöne Dame dort mit dem Hermelinumhang, das iſt die Fürſtin von Fürſtenberg, und neben ihr ſteht die Feldmarſchallin von Bellegarde. Die beiden Damen haben Bauſſet gebeten, ihnen eins ſeiner Fenſter zu leihen, damit ſie der Parade zuſchauen können.*) Die Damen neben ihnen *) Bausset: Mémoires. I. S. 369. ———————————————— — 664 gehören alle zur höchſten Ariſtokratie, und da drünten ſtehen die Bürger und das Volk. Sie ſehen, die guten Oeſterreicher betrachten uns nicht mehr als ihre Feinde, ſie lieben und ehren uns, und vielleicht wäre es das Weiſeſte und Beſte, daß ich, um allen Streitigkeiten ein Ende zu machen, die Krone Oeſterreichs für mein Haupt beanſpruchte. Die Oeſtereicher würden damit ganz zufrieden ſein, wie es ſcheint. Nun, wir ſprechen nachher weiter darüber! Ich will die Damen, und das Volk, und vor allen Dingen meine Soldaten nicht länger warten laſſen. Ich will die Parade abnehmen. Bleiben Sie hier in meinem Kabinet. Da auf dem Schreibtiſche liegt eine Note, die Sie bearbeiten können. Ich kehre bald zurück. Der Kaiſer nahm ſeinen Hut, und die Thür zu dem anſtoßenden Saal öffnend, rief er: meine Herren Marſchälle und Generäle, laſſen Sie uns zur Parade gehen! MII. Friedrich Ftaps. Die Fanfaren ſchmetterten, die Truppen jubelten ihr vive'Empereur! Der Kaiſer war aus dem Schloßthor hinausgetreten, und ſein ehernes Antlitz verklärte ſich bei dieſen Jubelrufen mit einem Sonnenſchein des Lächelns. Langſam ſtieg er die Stufen der äußern Treppe hinunter; den leuchtenden Blick den Soldaten zugewandt, beachtete er nicht die Geſtalt dieſes jungen Mannes, der neben der unterſten Treppenſtufe ſtand, und mit ſeiner linken Hand ihm eine Bittſchrift darreichte, während er die Rechte unter ſeinem Mantel verborgen hielt. Sire, ſagte der junge Mann laut und dringend, Sire, hier iſt eine Bittſchrift, und ich erſuche Ew. Majeſtät, mich einen Moment Ich— e T anzuhören. Der Kaiſer war nach der andern Seite hin weiter gegangen, ohne neBure d er, ſo warten wieder hier Er ging nicht auf ſeit unter das G Der Ge Schulter lege nicht hierher. Ich habe Auſſchub leid erlauben Sie Ich ſag er einen der winkte, befah zußerhalb d Komwer Soldaten, l Gaſe, in w und hinter d Ach mu füſterte er l PM Npolen m P Richter ſein! Mit i Gedringe „ 5 Zehen Käpfen der Halbkreis Vriberſch uns nicht m Jabinet. ten können. die Worte des jungen Mannes gehört zu haben. Dieſer, immer noch mit ſeiner Bittſchrift in der Hand, wollte ihm folgen, aber der Mar⸗ ſchall Beſſieres, der hinter dem Kaiſer ging, wehrte ihn zurück. Wenn Sie dem Kaiſer eine Petition zu übergeben haben, ſagte er, ſo warten Sie hier, bis die Parade beendigt iſt, und der Kaiſer wieder hierher zurückkommt. Er ging weiter, dem Kaiſer folgend. Aber der junge Mann achtete nicht auf ſeinen Befehl. Auch er ging weiter und miſchte ſich kühn unter das Gefolge des Kaiſers. Der General Rapp bemerkte ihn, und ihm die Hand auf die Schulter legend, ſagte er: mein Herr, entfernen Sie ſich. Sie gehören nicht hierher. Ich habe dem Kaiſer eine Petition zu übergeben, welche keinen Aufſchub leidet, ſagte der junge Mann mit ſanfter Stimme, ich bitte, erlauben Sie, daß ich ſie ſogleich dem Kaiſer übergebe. Ich ſage Ihnen, es geht nicht, rief der General heftig, und indem er einen der Unterlieutenants, der neben den Truppen ſtand, herbei⸗ winkte, befahl er: Führen Sie den jungen Mann hinter die Truppen, außerhalb des Kreiſes. Kommen Sie, mein Herr, ſagte der Unterlieutenant, gebt Raum, Soldaten, laßt den jungen Mann hindurch gehen! Die Soldaten traten ein wenig zur Seite, und öffneten eine kleine Gaſſe, in welche der junge Mann wider ſeinen Willen hineingeſchoben und hinter die Front der Soldaten gedrängt ward. Ich muß mein Ziel erreichen, ich muß meinen Schwur erfüllen, flüſterte er leiſe in ſich hinein. Das Schickſal hat es alſo beſchloſſen. Napoleon muß heute noch ſterben, und Friedrich Staps wird ſein Richter ſein! Vorwärts! Mit kühner und gewandter Hand machte er ſich Raum durch das Gedränge der Zuſchauer, die hinter den Soldaten ſtanden, und auf den Zehen ſtehend, die Hälſe emporgereckt, ſich bemühten, zwiſchen den Köpfen der Soldaten hindurch in den von den Truppen gebildeten Halbkreis hinein zu ſchauen, um den Kaiſer und ſeine Marſchälle im Vorüberſchreiten zu ſehen. 666 Niemand achtete auf Friedrich Staps, Niemand ſah, wie er haſtig und gewandt ſich durch das Gedränge hindurch wand, wie er jetzt, da er in den Reihen der Soldaten eine kleine Oeffnung gewahrte, raſch in dieſelbe hineinſchlüpfte, geſchmeidig und glatt wie eine Schlange ſich vorwärts ſchob, und jetzt ſich wieder innerhalb des Kreiſes befand. Das Schickſal iſt für mich, murmelte er leiſe, und jetzt iſt der Moment gekommen, wo Friedrich Staps Deutſchland befreien wird! Er näherte ſich dem Kaiſer, der eben von der andern Seite her die Fronte herunter kam. Sire, rief er, ſein Papier dem Kaiſer entgegenſtreckend, hier nehmen Sie meine Bittſchrift, und gönnen Sie mir einige Minuten Gehör! Des Kaiſers funkelnder Blick richtete ſich einen Moment kalt und düſter auf das bleiche Angeſicht des jungen Mannes. Ich verſtehe Sie nicht, ſagte er, wenden Sie ſich an den General Rapp! Er wandte ſeine Blicke wieder den Soldaten zu, aber Friedrich Staps ſchien ſeine Worte nicht verſtanden zu haben, er näherte ſich dem Kaiſer mehr und mehr, er ſchob die rechte Hand unter ſeinen Mantel, und machte einen weitern Schritt vorwärts. Sire, hören Sie mich an, rief er, ich— Eine ſtarke Hand legte ſich auf ſeinen Arm und ſchob ihn zurück. Haben Sie nicht gehört, daß Sie ſich an den General Rapp wenden ſollen? fragte der Marſchall Beſſieres. Weshalb laſſen Sie ſich zum zweiten Mal auf einer Stelle treffen, wohin Sie nicht gehören? Entfernen Sie ſich ſogleich, oder man wird Sie verhaften. Ich gehe ſchon, murmelte Staps, und er wollte ſich eilig wieder durch die Soldaten hindurch drängen. In dieſem Moment ſtieg ein ſeltſamer Verdacht in der Seele Beſſieres auf, ein Verdacht, den er ſich nicht zu erklären vermochte, der ihn aber zu ängſtigen begann. Er winkte zweien Soldaten, und auf Staps deutend, der eben durch die Reihen ſich hindurch ſchob, flüſterte er leiſe: Verhaftet den Menſchen dort, und bringt ihn hierher! In einem Moment ward ſeinem Befehl gehorcht, und die Soldaten führten Staps, ihn an beiden Armen haltend, zu dem Marſchall hin, neben den j ſich befanden. Weshalb ſiſtr mhiget Veil ich Ihren Mant Stays Beſſieres, u Soldaten z ſeinen Schul Ewas jungen Mam Es war Kdergurt ſt ſchloſſen hot Er iſt ſich hin, unt Was be Sie damit Staye Ann, umna I w Ein Stups diin Der ſe ind nihert Was dns tdech zürnenden Sire, hier einen nit dem e Kein Miene ver hier nehmen nt kalt und b ihn zurüc. neral Rapp lb laſſen Sie ucht gehören? eilig wieder 667 neben dem jetzt der Herzog von Rovigo und der General Rapp ſich befanden. Weshalb laſſen Sie mich verhaften, General? fragte Staps mit feſter ruhiger Stimme. Weil ich Ihnen mißtraue, erwiederte Beſſieres. Nehmen Sie Ihren Mantel ab! Staps zögerte. Nehmen Sie Ihren Mantel ab! wiederholte Beſſieres, und als Staps noch nicht gehorchte, ſtürzten die beiden Soldaten zu ihm hin und riſſen mit Gewalt den Mantel von ſeinen Schultern. Etwas Helles, Funkelndes blitzte auf dem ſchwarzen Gewande des jungen Mannes. Es war die Klinge eines großen Meſſers, das in dem ſchwarzen Ledergurt ſteckte, mit dem er den kurzen ſchwarzen Sammetrock ge⸗ ſchloſſen hatte. Er iſt gerettet, und ich bin verloren! murmelte Staps leiſe vor ſich hin, und er ließ gramvoll ſein Haupt auf ſeine Bruſt niederſinken. Was bedeutet dies Meſſer? fragte General Rapp. Was wollten Sie damit anfangen? Staps richtete langſam ſein Haupt wieder empor, und hob ſeinen Arm, um nach dem Kaiſer hinzudeuten, der wenig Schritte von ihnen ſtand. Ich wollte ihn ſtrafen, ſagte er feierlich. Ein Mörder! Ein Mörder! riefen die Marſchälle entſetzt, ſich um Staps drängend. Der Kaiſer hatte vielleicht dieſen ſchauerlichen Ausruf vernommen, und näherte ſich jetzt. Was geht hier vor? fragte er, und ſeine Augen bohrten ſich in das todesbleiche Antlitz des jungen Mannes, der ihn mit düſtern, zürnenden Blicken anſtarrte. Sire, ſagte Beſſieres mit dem Ausdruck des Entſetzens, ſehen Sie hier einen Verbrecher, der Sie ermorden wollte. Hier iſt das Meſſer, mit dem er die entſetzliche That verüben wollte. Kein Zug veränderte ſich in dem Antlitz des Kaiſers, nicht eine Miene verrieth eine innere Bewegung. 668 Still, gebot er leiſe, keinen Eclat gemacht! Führt den Menſchen in's Schloß! Nach der Parade ſoll er mir Rede ſtehen! Fort! Savarh und Rapp mögen mit ihm gehen! Kommen Sie, meine Herrn Marſchälle! Er wandte ſich wieder den Truppen zu, und während Savarh und Rapp mit den Soldaten, in deren Mitte Staps ſich befand, dem Schloſſe zueilten, ging der Kaiſer im Gefolge ſeiner Marſchälle langſam die Front der Truppen weiter hinunter. Nicht eine Minute früher als ſonſt beendigte der Kaiſer die Parade, langſam und ſtolz wie immer ſtieg er die Stufen der Außentreppe wieder hinauf, und auf dem obern Abſatz ſtehen bleibend, empfing er noch einmal den jubelnden Gruß ſeiner Truppen. Dann trat er in die Vorhalle des Schloſſes. Aber jetzt beeilte er ſeine Schritte, und mit ungeſtümer Haſt die Treppe hinauf und durch die Vorſäle ſchreitend, trat er in den neben ſeinem Cabinet befindlichen Saal. Noch vor kaum einer Stunde hatte er in demſelben den Schach⸗ ſpieler und Trompeter des Herrn Mälzl bewundert, jetzt ſtaunte er hinüber zu dieſem bleichen jungen Menſchen, der ſein Mörder hatte werden wollen. Oh, aus, rief der Kaiſer achſelzuckend, ich glaube nicht an eine Mordthat. Sire, hier iſt das Meſſer, das man bei ihm gefunden hat, ſagte Savary, dem Kaiſer das Meſſer mit der blinkenden Scheide darreichend. Das iſt allerdings ein Beweis, und zwar ein ſchneidender, rief Napoleon mit einem düſtern Blick auf das Meſſer. Allein, wer ſagt Euch, daß dieſes Meſſer für mich beſtimmt war? Ich will den Menſchen ſelbſt ſprechen. Rapp, verſtehen Sie hinlänglich Deutſch, um mir als Dolmetſcher dienen zu können? Ja, Sire, ich verſtehe und ſpreche Deutſch. So kommen Sie, rief der Kaiſer, indem er raſch zu Staps hin⸗ ſchritt, dem man die Hände auf dem Rücken gebunden hatte. Woher ſind Sie, und wie heißen Sie? fragte der Kaiſer. Ich bin aus Naumburg, und mein Name iſt Friedrich Staps, war die ruhige Antwort. — er iſt wahrhaftig noch ein Kind, und er ſieht ſo unſchuldig— Wos iſt Er iſt † Prediger Denn man ſ Es wor mein unglick uhiger Sti Wos fi Ich wol im Namen zu geben, ri Kraft geben, Augen öffne ſuchwürdige ergoſſen hat würdige Ha Mitleid mit Schaaren u Gott em Stüdten un zuf ihren m als de ſich Ihres Er iſt liſe vr ſi Miniaturpe Vos Sir, er tg es Nanm Mädchens Weſſ Sire Pit en Menſchen ort! Savath Marſchälle! d Savarh fund, dem älle langſam t die Parade, Außentreppe empfing et ntrat er in er Haſt die n den neben den Schach⸗ t ſtaunte er der hatte darreichend. dender, rief n Menſchen Stopt hin⸗ rich Staps, Was iſt Ihr Vater? Er iſt Prediger. Prediger, und er hat ſeinem Sohn ſo wenig Religion gelehrt. Denn man ſagt, Sie wollten mich tödten. Iſt das wahr? Es war das letzte Mittel, welches ich mir vorbehalten hatte, um mein unglückliches Vaterland zu erretten, erwiederte Staps mit ſanfter, ruhiger Stimme. Aber vorher wollte ich noch ein anderes verſuchen. Was für eins? Ich wollte Sie im Namen Deutſchlands, im Namen der Menſchheit, im Namen Ihrer eigenen Zukunft beſchwören, endlich der Welt Frieden zu geben, rief Staps begeiſtert. Ich hoffte, Gott würde meinen Worten Kraft geben, daß ſie Ihr Herz zu rühren vermöchten, daß ſich Ihre Augen öffneten, und Sie ſchauten die Ströme Blutes, welche Ihre fluchwürdige Hand über die einſt ſo glücklichen Gauen Deutſchlands ergoſſen hat, und Sie ſchauten die Berge von Leichen, die Ihre fluch⸗ würdige Hand auf unſern Feldern aufgethürmt hat. Sire, haben Sie Mitleid mit Deutſchland, mit Sich ſelber. Auf unſern Feldern liegen Schaaren unbegrabener Leichen, und ihre verweſenden Augen ſtarren zu Gott empor, und klagen Napoleon an als ihren Mörder! In unſern Städten und Häuſern liegen Schaaren weinender Mütter und Bräute auf ihren Knieen, und ſchreien zu Gott empor, und klagen Napoleon an als den Mörder ihrer Söhne und Gatten! Sire, erbarmen Sie ſich Ihres eigenen Gewiſſens, und geben Sie der Welt den Frieden! Er iſt wahnſinnig, gewiß, er iſt wahnſinnig, murmelte Napoleon leiſe vor ſich hin. In dieſem Moment traf ſein Auge auf ein kleines Miniaturportrait, das an einer Schnur befeſtigt auf dem Tiſch lag. Was iſt das für ein Portrait? fragte der Kaiſer. Sire, erwiederte Rapp, wir haben es dem Mörder abgenommen, er trug es um den Hals. Napoleon nahm es und betrachtete dies Bild eines jungen ſchönen Mädchens mit langem, prüfendem Blick. Weſſen Portrait iſt das? fragte er dann. Sire, ſagte Staps mit ernſter, feierlicher Stimme, es iſt das Portrait meiner Braut, das Portrait meiner über Alles geliebten Anna. 670 Wie? rief der Kaiſer, Sie haben eine Geliebte, Sie haben einen Vater, Sie ſind ſelber noch ſo jung, und wollten ſchon ein ſo finſteres Verbrechen begehen. Denn ein Mord iſt ein Verbrechen, das werden Sie nicht leugnen! Ein Mord im Allgemeinen, ja, ſagte Staps mit ſeiner ruhigen, ſanften Stimme. Aber Sie zu tödten, die Welt von Napoleon zu befreien, das iſt kein Mord, das iſt Gerechtigkeit, das iſt die heilige Pflicht jedes Deutſchen! Hätte ich Sie getroffen, ſo würde Niemand mich einen Mörder ſchelten, nur da meine That mißlang, iſt ſie fluch⸗ würdig. Das iſt's, was Schiller uns ſagt: Gedacht blos, und mißglückt— iſts nur ein Frevel, Vollbracht, iſt's ein unſterblich Unternehmen, Und was nur glückt, das wird dann auch verziehen, Denn jeder Ausgang— iſt ein Gottes⸗Urtheil! Und alſo hat das Gottes⸗Urtheil ſich gegen Sie ausgeſprochen, ſagte Napoleon rafch. Nein, Gott zögert nur mit der Erfüllung, und vielleicht war ich ihm nicht das willkommene Werkzeug. Er wird unter den deutſchen Jünglingen ein anderes Werkzeug wählen, und dies wird beſſer als ich den Weg zu Ihrem Herzen finden! Glauben Sie das! Die Deutſchen werden ihre Pflicht zu thun wiſſen, denn es iſt Pflicht, Deutſchland von ſeinem Tyrannen zu befreien, und uns den Frieden zu geben. Sie haben viel geleſen, nicht wahr? fragte der Kaiſer. Und Ihre Lectüre hat Ihre Phantaſie aufgeregt, wie es ſcheint. Welches war Ihre Lieblingslectüre? Sire, die Geſchichte, ſagte Staps ruhig. Aus ihr habe ich den Muth zu meiner That empfangen. Siekennen alſo Brutus?fragte Napoleon mit einem mitleidigen Lächeln. Es giebt deren zwei, ſagte Staps ruhig. Der letzte Brutus tödtete den Tyrannen, und ſtarb für die Freiheit. Die Menſchheit hat nicht aufgehört, ihn zu bewundern, ſo wie Frankreich nicht aufgehört hat, die Jungfrau von Orleans zu bewundern. Sie befreite ihr Vaterland von dem Druck des Feindes, dafür ward ſie von dem Feind, der ſie gefangen nahm, als Verbrecherin gerichtet und verbrannt. Ich wollte thun, was ſel land befteien, That nachahn We = Nein, v weiß von m gllein wollte ſollte die B zu meinen( Sündfluth d Rtt wi Ihnen echalt Sie we Augen wer Blumen der Sie gl Napoleon ra Ih fim Sie, was v Me T Ih habe oder ſterben Ach, S NMin, Rlaſen. Cowiſ wendend. was hier Ein A Sind Nein! Habe o! haben einen nſo finſtetes das werden ruhigen, Napoleon zu iſt die heilige ürde Niemand iſt ſie fluch⸗ ausgeſprochen, leicht war ich deutſchen eſſer als eDeutſchen Deutſchland ngeben⸗ Und Ihre Welches war eich den en Lücheln. B un tödtete hat: nicht ufgehört hat, Vot erland nd der ſie gi wollte 671 thun, was jene heldenmüthige Jungfrau gethan, ich wollte mein Vater⸗ land befreien, aber Gott hat gewollt, daß ich nur ihr Ende, nicht ihre That nachahmen ſollte! Weiß Ihr Vater um Ihre That? Nein, weder Er, noch meine Braut, noch irgend Jemand ſonſt weiß von meinem Vorhaben. Allein bin ich hierher gekommen, und allein wollte ich mein Werk vollbringen. Dann erſt, wenn es gelungen, ſollte die Botſchaft wie eine Taube mit dem Oelblatt des Friedens zu meinen Geliebten hinflattern, und ſollte ihnen melden, daß die Sündfluth des Blutes jetzt beendet und daß Deutſchland gerettet ſei! Jetzt wird Ihr Vater und Ihre Braut ſchlimme Botſchaft von Ihnen erhalten. Fürchten Sie nicht, daß Sie ihnen Kummer bereiten? Sie werden Beide um mich weinen, und noch viele andere deutſche Augen werden um mich weinen, und von dieſen Thränen werden Blumen der Erinnerung auf meinem Grabe aufblühen. Sie glauben alſo, daß ich Sie werde hinrichten laſſen? fragte Napoleon raſch. Ich finde das natürlich, entgegnete Staps ruhig und ſanft Aber vielleicht gefällt es mir, Sie zu begnadigen. Antworten Sie, was würden Sie thun, wenn ich Sie begnadigte? Die That ausführen, die ich beſchloſſen hatte, ſagte Staps ruhig. Ich habe Ihren Tod geſchworen. Ich muß meinen Schwur erfüllen, oder ſterben!» Ach, Sie ſind entweder wahnſinnig, oder krank! rief Napoleon heftig. Nein, ich bin weder das Eine, noch das Andere, ſagte Staps gelaſſen. Ich bin geſund an Seel' und Leib! Corviſart ſoll kommen, rief Napoleon, ſich ſeiner Umgebung zu⸗ wendend. Man rufe Corviſart, aber Niemand wage es, ihm zu ſagen, was hier vorgeht! Man rufe Corviſart! Ein Adjutant eilte hinaus, und der Kaiſer wandte ſich wieder an Staps. Sind Sie Freimaurer, oder Illuminat? fragte er. Nein! Weder das Eine, noch das Andere! Haben Sie von Moreau und Pichegru gehört? Ja! —————————— 672 Und was denken Sie von dieſen Männern, die mir nach dem Leben trachteten? Ich denke daß ſie ſich vor dem Tode fürchteten. Haben Sie Dörnberg und Schill gekannt? Staps zögerte zu antworten, und ſeine großen blauen Augen richteten ſich mit ſchwärmeriſchem Ausdruck zum Himmel empor. Ich habe Schill gekannt, ſagte er. Am Tage nach der Schlacht von Jena habe ich ihn geſehen, und gemeinſam haben wir geſchworen, nicht zu ruhen, nicht zu raſten, unſer Leben, unſer Denken und Wollen hinzugeben an das deutſche Vaterland, nicht nachzulaſſen im Kampf gegen den Tyrannen. Wir waren unſerer Drei, die dieſen Schwur leiſteten. Der Erſte erſchoß ſich ſelbſt, das war der Graf Prickler; der Zweite ward erſchoſſen, das war Ferdinand von Schill; der Dritte wird auch erſchoſſen werden, das iſt—— Friedrich Staps! Er iſt wahnſinnig, wiederholte Napoleon, unwillkürlich zuſammen⸗ ſchreckend vor dem Gleichmuth und der Ruhe des Gefangenen. Eben öffnete ſich die Thür, und der Leibarzt des Kaiſers, Herr von Corviſart, trat ein. Der glühende Blick Napoleons bemerkte ihn ſogleich. Corviſart, kommen Sie hierher, rief der Kaiſer heftig. Unterſuchen Sie dieſen jungen Menſchen, und ſagen Sie mir, was ihm fehlt. Die Marſchälle und Generäle traten bei Seite, mitten durch ſie hin ſchritt der Arzt, und näherte ſich dem Gefangenen, dem man ſo eben auf einen Wink des Kaiſers die Hände gelöſt hatte. Unterſuchen Sie ſeinen Puls, Corviſart, befahl der Kaiſer, unter⸗ ſuchen Sie ihn genau, und ſagen Sie mir, ob er das Fieber hat, oder ob er wahnſinnig iſt! Staps ſtreckte dem Arzt ruhig ſeine Hand hin; dieſer nahm ſie und legte ſeine Finger auf den Puls. Eine athemloſe Stille herrſchte in dem Saal. Im Kreiſe umher ſtanden die Marſchälle und Generäle in ihren glänzenden Uniformen, in ihrer Mitte ſtand der Kaiſer, deſſen bleiches Antlitz heute noch düſterer war, wie ſonſt, neben ihm Staps mit dem ſanften Angeſicht, den ſtrahlenden, gen Himmel gewandten Blicken, die rechte Hand in der Hand de jeden Pulsſ Meiſter gem Aller G an ſeinen 2 Sire, ſſt volltom hat nichts und nichts Ah, r daß ich Re Napol ſeine Auget untrſuchen fieberkrank Aber verſtehen. Sire, ich giht zunz Nun ganz geſu Erm ſu ſo fuc ſchwärmer der ſeit ze lond ghi lungen, d aber das Hand je entfallen Heerd e Müh Mr nach dem Unterſuchen ihm fehlt. r nahm ſie hreiſe umher Uniformen, 673 der Hand des Arztes ruhend, der mit geſpannten, aufmerkſamen Zügen jeden Pulsſchlag des jungen Mannes beobachtete. Es war ein ſeltſames und wunderbares Bild, werth, von einem Meiſter gemalt zu werden. Aller Geſichter waren dem Arzt zugewandt, Aller Blicke hing en an ſeinen Lippen. Sire, ſagte Corviſart nach einer langen Pauſe, dieſer junge Mann iſt vollkommen geſund. Sein Puls geht ruhig und normal, ſein Auge hat nichts von dem Blick eines Wahnſinnigen, ſeine Farbe iſt geſund, und nichts verräth an ihm auch nur den Schatten einer Krankheit. Ah, rief Staps mit einem triumphirenden Lächeln, Sie ſehen, daß ich Recht hatte! Ich bin weder wahnſinnig, noch krank! Napoleon ſtampfte heftig mit dem Fuße auf den Boden, und ſeine Augen ſchoſſen Blitze. Er iſt wahnſinnig, Corviſart, rief er heftig, unterſuchen Sie ihn noch einmal! Er iſt entweder wahnſinnig, oder fieberkrank! Aber der Arzt konnte oder wollte die Abſicht des Kaiſers nicht verſtehen. Er unterſuchte den Puls noch einmal, und wiederholte dann: Sire, ich finde nicht die Spur von Fieber oder Wahnſinn. Sein Puls geht ganz geſund. Nun denn, ſagte Napoleon mit einem düſtern Stirnrunzeln, dieſer ganz geſunde junge Menſch hat mich ſo eben ermorden wollen! Ermorden! rief Corviſart entſetzt. Unglücklicher, was trieb Sie zu ſo fluchwürdiger That? Das Unglück und die Leiden meines Vaterlandes, ſagte Staps ſchwärmeriſch. Ich wollte mein Vaterland von dem Tyrannen befreien, der ſeit zehn Jahren Elend, Schmach und Erniedrigung über Deutſch⸗ land gehäuft hat. Meine That iſt mißglückt, aber was mir nicht ge⸗ lungen, das wird einem Andern gelingen. Ich habe keine Mitſchuldigen, aber das Herz jedes Deutſchen iſt mein Mitſchuldiger, und in die Hand jedes Deutſchen legt ſich das Meſſer, das heute der meinen entfallen iſt. Ganz Deutſchland iſt jetzt nur noch der einzige blutige Heerd einer Verſchwörung, zu der jeder Deutſche gehört. Ihr könnt Mühlbach, Napoleon. II. Bd. 43 674 mich tödten, aber Tauſende erheben ſich ſtatt meiner, um Deutſchland zicn, eine zu befreien von ſeinem Unterdrücker. Der Kaiſer hatte mit düſterer Stirn Staps Worten zugehört. Jetzt rief er mit einem Winke ſeiner Hand den Herzog von Rovigo herbei. Savary, ſagte er, führen Sie ihn fort und ſtellen Sie ein genaues Kaiſer mit e ſchälle hegten voll an die 1 Verhör mit ihm an. Suchen Sie ſeine Mitſchuldigen zu erforſchen. ſ Wenn er ſie nennt, will ich ihn begnadigen. Bielleich 3 Sire, Sie haben das Recht mich tödten zu laſſen, aber ich gab Verbrechen: Ihnen nicht das Recht, mich zu verachten! rief Staps glühend. Ob es Führen Sie ihn fort! ſagte der Kaiſer, und rapportiren Sie mir Er geſtht ſ nachher, was er ausgeſagt. wenn ich ih 1 Er grüßte die Marſchälle mit einem Wink ſeiner Hand, und einen lungen iſ. 3 letzten flammenden Blick auf Staps werfend, ſchritt er an ihm vorüber, Eutſetli und öffnete die Thür des Cabinets, in welchem der Miniſter Cham⸗ Ja woh pagny noch immer der Rückkehr des Kaiſers harrte.*) uutſetlicher, Champagny, ſagte der Kaiſer, ſich erſchöpft auf einen Lehnſtuhl ſder Deutſ niederlaſſend, ſagten Sie mir nicht, der Fürſt von Liechtenſtein habe nur der Hee Ihnen mitgetheilt, daß man ihm häufig Anträge mache, mich zu ermorden? ſchon in der Ja, Sire, erwiederte Champagny, und der Fürſt ſagt mir, daß fir nich beſ er ſolche Vorſchläge jedes Mal mit Entſetzen zurück weiſt. trant! Con Nun, man hat dennoch eben einen Mordverſuch auf mich gemacht, normal, et rief Napoleon. Ein junger Menſch von kaum zwanzig Jahren, mit Menſch mie dem Antlitz einer unſchuldigen Jungfrau, iſt hierher gekommen, um des Blutes mich mit einem Küchenmeſſer zu erſtechen, wie man eine Gans oder das iſt eine 6 ein Kalb erſticht. Er ſen 1 Mein Gott, das iſt ja entſetzlich! rief Champagny erbleichend. hin. Dann, 3 Das Leben Ew. Majeſtät war alſo ernſtlich bedroht? enpor und 6 Wenn ein Meſſer, das man im Begriff iſt auf meine Bruſt zu rurchts Gan 53.*) Dieſe ganze Scene, ſo wie das ganze Verhör, welches der Kaiſer mit dutchaus Staps vornahm, iſt durchaus hiſtoriſch, und das Geſpräch enthält nur die eigenen Worte des Kaiſers und des Friedrich Staps. Siehe: Constant, Mémoires. VI. 137 folg.— Mémoires du Duc de Rovigo. IV. 223 folg.— Le Rormand, 9 8 folg lſen gh Berollnich Mémoires. II. 507 folg.— Hormayr, Lebensbilder. I. 211.— Las Cases, bereits eine 3 Mémorial de Ste. Helene. Quartausgabe. S. 190. uch den ſ 3 Fr Sie die D Deutſchland en zugehör. ovigo herbei ein genaues uerforſchen. aber ich gab ühend. iren Sie mir d, und einen hm vorüber, ter Cham⸗ nen Lehnſtuhl tenſtein habe zu ermorden? t mir, daß mich gemacht, Jahren, mit nen, um Hans oder erbleichend⸗ ne Bruſt zu der Kaiſer mt die eigenen Fi Memoires V Komand Ls Cxes 675 zücken, eine Lebensgefahr iſt, ſo war ich von ihr bedroht, ſagte der Kaiſer mit einem düſteren Lächeln. Es ſcheint, meine Herren Mar⸗ ſchälle hegten einiges Mißtrauen, und ſie glaubten nicht ſo vertrauens⸗ voll an die Liebe und Bewunderung der Zuſchauer, wie ich es that, und das hat mich gerettet. Vielleicht iſt es nur ein falſcher Verdacht, Sire, vielleicht war das Verbrechen nicht auf Ew. Majeſtät gezielt. Ob es das war! Ich habe dieſen Menſchen eben ſelber verhört. Er geſteht ſeinen Vorſatz ein, er rühmt ſich deſſelben, er ſagt, er würde, wenn ich ihn begnadigte, die That ausführen, die ihm diesmal miß⸗ lungen iſt. Entſetzlich! rief Champagny. Ja wohl, entſetzlich! wiederholte der Kaiſer, in ſich gekehrt, um ſo entſetzlicher, da dieſer Menſch mit heiterſter Ruhe mich verſichert, daß jeder Deutſche ſeinen Haß gegen mich theilt, daß ganz Deutſchlaud nur der Heerd einer großen Verſchwörung iſt, und daß tauſend Hände ſchon in der Stille mit dem Dolch oder Meſſer bewaffnet ſind, welches für mich beſtimmt iſt. Und dieſer Menſch iſt nicht wahnſinnig, nicht krank! Corviſart hat ihn unterſucht, ſein Puls geht ganz ruhig und normal, er iſt nicht einmal aufgeregt in dem Augenblick, wo dieſer Menſch mich ermorden wollte. Ah, dieſe Deutſchen haben Galle ſtatt des Blutes in den Adern. Sie ſind Schwärmer und Fanatiker, und das iſt eine Sorte Menſchen, vor denen man ſich hüten muß! Er ſenkte ſein Haupt auf ſeine Bruſt und ſtarrte düſter vor ſich hin. Dann, nach einer langen Pauſe, richtete er ſein Haupt wieder empor und ſeine düſteren Blicke wandten ſich auf den Miniſter, der in ehrfurchtsvollem Schweigen ihm gegenüber ſaß. Champagny, ſagte er haſtig, wir müſſen Frieden machen! Ich will durchaus den Krieg beendigt wiſſen und dies unſelige Deutſchland ver⸗ laſſen. Kehren Sie nach Wien zurück, beſcheiden Sie die öſterreichiſchen Bevollmächtigten ſogleich zu ſich. Ueber die wichtigſten Punkte iſt ja bereits eine Einigung erfolgt; die Kriegs-Contribution allein hindert noch den Friedensabſchluß. Sie differiren um funfzig Millionen, theilen Sie die Differenz; bringen Sie die öſterreichiſchen Bevollmächtigten 43* 676 dahin, Ihnen fünfundſiebenzig Millionen, wenn es durchaus nicht mehr ſein kann, zuzuſichern, und ſchließen Sie den Frieden alsdann ab. Die letzte Redaction des Tractats, den Sie mir mitgetheilt, genügt mir; fügen Sie derſelben hinzu, was Ihnen zweckmäßig erſcheint. Ich ver⸗ laſſe mich ganz auf Sie, aber auf jeden Fall— ſchließen Sie den Frieden ab! Eilen Sie ſofort nach Wien, und kehren Sie bald mit dem Friedenstractat zurück. Adieu!*) Der Herzog von Cadore verließ das Cabinet des Kaiſers. Na⸗ poleon ſaß immer noch auf ſeinem Lehnſtuhl mit ſtarrem Blick, mit düſterem Angeſicht. Ah, dieſe Deutſchen, murmelte er ingrimmig vor ſich hin, man darf ihnen nicht trauen! Es ſind gefährliche Fanatiker, die im Stande ſind, eine Mordthat für eine heilige Pflicht zu halten! 1X — Tod, du ſüßer, für das Paterland. Napoleon hatte eine ſchlafloſe Nacht zugebracht. Das Bild dieſes bleichen Jünglings mit dem begeiſterten Angeſicht, mit dem ſchwärme⸗ riſchen Blick, mit dem ſanften Lächeln auf den Lippen, die den Vorſatz einer Mordthat bekannten, und es beklagten, daß dieſe Mordthat miß⸗ glückt ſei, dieſes Bild ſtand immer noch vor des Kaiſers Seele und hielt jeden Schlaf von ſeinem Lager fern. Der Tag dämmerte kaum, als der Kaiſer, als ſonſt noch, ſich erhob und ſich von den herbeigerufenen Kammer⸗ ie ihm präſentirte Taſſe Chocolade, ſein ge⸗ chob ſie bleicher und düſterer dienern ankleiden ließ. D wöhnliches Frühſtück, berührte er kaum mit den Lippen und ſ dann unwillig bei Seite. 378, wo Champagny, 6 *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Bauſſet, II. der Herzog von Cadore, ſelbſt die ganze Scene ſchilder Ohne ſei freundliches V ſein Schlafzin Es war und die Cande im Kamin lot durchwärmt, Ein kalt in ſich erſcha Wir haben wie mitten i Schafpelz, d ein unangene etſt den Rü ſagen. Wen Polk erſt ſeil dann iſt es f den Weg g den will! U Ein lei zuſammen u us nicht mehr dann ab. Die Na⸗ m Blick, mit n ſchwirne⸗ 677 Ohne ſeinen Kammerdienern, wie er ſonſt zu thun pflegte, ein freundliches Wort, einen gütigen Blick zu gönnen, v verließ der Kaiſer ſein Schlafzimmer und begab ſich in ſein Cabinet. Es war noch ſo dunkel, daß man die Lichter des Kronleuchters und die Candelaber, die auf dem Kamin ſtanden, hatte anzünden müſſen; im Kamin loderte ein helles Feuer, aber das Zimmer war noch nicht durchwärmt, und der Kaiſer fror. Ein kaltes, unangenehmes Land, dieſes Deutſchland, rief er Kaiſer, in ſich erſchauernd und ſich an dem Kaminfeuer die Füße neiß Wir haben heute erſt die Hälfte des October, aber ſchon iſt es kalt, wie mitten im Winter, und die Sonne hüllt ſich auch ſchon in den Schafpelz, den ganz Deutſchland über die Ohren zieht. Wahrhaftig, ein unangenehmes Land, dieſes Deutſchland, ich wollt' ich könnte ihm erſt den Rücken kehren und dieſen Träumern und Fanatikern Valet ſagen. Wenn ſolch ein phlegmatiſches, langſam denkendes, kaltblütiges Volk erſt ſeine Imagination erhitzt und ſich zur Leidenſchaft aufſtachelt, dann iſt es fürchterlich, denn es gleicht dann dem wilden Stier in der Arena, den ein rothes Tuch zur höchſten Wuth aufſtachelt. Deutſchland iſt jetzt ein ſolcher wüthender Stier, und bei Gott, man muß ihm aus dem Wege gehen, wenn man nicht von ſeinen Hörnern durchbohrt wer⸗ den will! Und das wäre doch in der That kein ruhmwürdiger Tod! Ein leiſes Klopfen an der Thür ward hörbar. Der Kaiſer ſchrak zuſammen und wandte ſeinen flammenden Blick nach der Thür hin. Herein! rief er mit gebieteriſcher Stimme. Die Thür öffnete ſich ſofort und Conſtant erſchien in derſelben. Verzeihung, Sire, ſagte er, aber es iſt noch ſo früh und die dienſt⸗ thuenden Kammerherren ſind noch nicht im Vorſaal. Nun, was giebt's? fragte Napoleon ungeduldig. Ohne Umſchweife, was giebt's? Sire, der Herr Herzog von Cadore iſt ſo eben von Wien ange⸗ S und bittet um eine Audienz. Laß ihn eintreten, ſogleich, rief der Kaiſer, und er eilte ſelbſt nach der Thür hin, voll ungeduldiger Haſt, den Miniſter zu empfangen. 678 Champagny trat ein, eine große, mit Papieren angefüllte Mappe von Lunevill unter dem Arm tragend. ſen Friden; 35 Nun, Champagny, fragte der Kaiſer raſch und unruhig, was Menſchen un 6 führt Sie ſo früh hierher? Was giebt's? Was haben Sie dieſe Nacht Franck. Ich 3 gemacht? in aus di Sire, ſagte Champagny gelaſſen, Sire, den Frieden habe ich Oeſterreich gemacht! Bauernfürſt Was, den Frieden? rief Napoleon, über deſſen Antlitz, wie ein igener hui D 1 erſter Morgenſtrahl, ein Lächeln dahin glitt. en Frieden? Und der . Tractat iſt ſchon gezeichnet? 3 Ja, Sire, er iſt gezeichnet und ich bringe ihn Ew. Majeſtät. Schon unterzeichnet? Aber wie haben Sie das angefangen? Sire, ſobald ich geſtern Abend wieder in Wien angelangt war, it vrler ließ ich den Fürſten Liechtenſtein und den Grafen Bubna zu mir bitten 3ö in g und ſchloß mich mit ihnen ein. Wir debattirten lange und lebhaft, gr 3 aber ich ſah, daß die Herren Bevollmächtigten neue Ordre vom Kaiſer 6 beſaßen und daß ſie Befehl erhalten hatten, den Frieden abzuſchließen. Ich entriß ihnen Millionen nach Millionen; um ein Uhr in der Nacht hatte ich ſchon die von Ew. Majeſtät befohlenen fünfundſiebenzig Mil⸗ lionen, aber ich ſah, daß ich noch weiter gehen könnte, und ich ging weiter! Um zwei Uhr Nachts hatte ich ihnen eine Kriegs⸗Contribution von fünfundachtzig Millionen erpreßt, und damit begnügte ich mich. 3 Wie? rief der Kaiſer heiter, Sie haben fünfundachtzig Millionen erlangt, da ich mich doch ſchon mit fünfundſiebenzig Millionen zufrie⸗ derzulegen ſtatuiren, w ſoll und mu Rebell geſtr Zügen. D Hohnes ſpr Von je ſuge ex, Grenzen ſt ſchwächt ne reichs Lind athmen, ode ſo vemeſer den erklären wollte? Das iſt ſehr gut, Champagny, und ich bin ſehr mern des i zufrieden mit Ihnen! Geben Sie mir den Tractat! Ich will ihn leſen! 5 5 Champagny reichte ihm die Papiere dar, und der Kaiſer durch⸗ blätterte ſie mit raſchen, aufmerkſamen Blicken. 6 nicht, . Sehr gut, ſagte er, als er zu Ende geleſen, und ein Lächeln des 1 Triumphs umſpielte ſeine Lippen. Wir haben da in der That einen ſehr günſtigen Frieden gemacht. Oeſterreich hat in den letzten zwölf theilhafte, leßen und Jahren vier Mal Frieden mit mir geſchloſſen, aber man muß geſtehen,. ondern in pit daß dieſer Friedensvertrag für uns der günſtigſte iſt, und uns noch ...... an Ew on mehr Vortheile ſichert, als es die Friedenstractate von Campo Formio, Eu. M füllte Mappe mruhig, was den habe ich tz, wie ein n Und der u mir bitten und bbhaft, e vom Kaiſer abzuſchließen. der Nacht ich ging ntribution ich mich⸗ Millionen nen zufrie⸗ dich bin ſehr ill ihn leſen! Kaiſer durch⸗ n Lacheln des „That einen etzten zwülf uns noch ehen, ampo Form, 679 von Luneville und von Preßburg gethan. Oeſterreich verliert bei die⸗ ſem Frieden zweitauſend Quadratmeilen mit drei und eine halbe Million Menſchen und zahlt uns eine Kriegsſteuer von fünfundachtzig Millionen Francs. Ich denke, Frankreich kann mit uns zufrieden ſein, wir bringen ihm aus dieſem Feldzug Land, Geld, Ruhm und Ehre heim! Mit Oeſterreich ſind wir fertig, und auch das revoltirende Tyrol mit ſeinem Bauernfürſten Andreas Hofer wird ſich jetzt ergeben müſſen. Sein eigener Kaiſer wird dem aufrühreriſchen Volk befehlen, die Waffen nie⸗ derzulegen und Frieden zu machen. Aber ich will doch ein Exempel ſtatuiren, wie man die Aufrührer zu ſtrafen hat. Der Andreas Hofer ſoll und muß mir ausgeliefert werden, und er ſoll als Aufrührer und Rebell geſtraft werden. Kommen Sie, Champagny, wir wollen keine Zeit verlieren. Ich will den Tractat unterzeichnen. Er iſt ſehr gut! Ich bin zufrieden! Er trat zu ſeinem Schreibtiſch und unterſchrieb mit raſchen, eiligen Zügen. Dann warf er die Feder bei Seite und ein Ausdruck ſtolzen Hohnes ſprach aus ſeinen Mienen. Von jetzt an iſt Oeſterreich nichts mehr als ein Vaſall Frankreichs, ſagte er, und ich kann es vernichten, wenn es mir beliebt. Seine Grenzen ſind nach allen Seiten hin offen und unbeſchützt, es iſt ge⸗ ſchwächt nach innen und nach außen, und rings eingeengt von Frank⸗ reichs Ländergebieten. Oeſterreich kann nicht mehr wagen, frei zu athmen, oder den Arm wider uns zu erheben. Sollte es aber dennoch ſo vermeſſen ſein, ſo werden wir es zerſchmettern, und auf den Trüm⸗ mern des öſterreichiſchen Kaiſerthrons werden wir den Thron Carls des Großen wieder aufrichten. Seine Krone gehört mir ſchon, und ich weiß nicht, was mich hindern ſollte, die Kaiſerkrone Carls des Großen, die ich zu Aachen aufbewahre, mir zu Wien auf die Schläfe zu ſetzen. Sire, ſagte Champagny leiſe und lächelnd, vielleicht wäre es vor⸗ theilhafter, wenn Ew. Majeſtät den Thron der Habsburger beſtehen ließen und Oeſterreich unſchädlich machten, nicht indem Sie es ſtürzten, ſondern indem Sie die Kaiſerfamilie auf das Allerengſte und Innigſte an Ew. Majeſtät feſſelten. Ein beſiegter Feind iſt immer noch gefähr⸗ lich, ein ſchwacher Bundesgenoſſe aber kann die eigene Macht ſtärken, 680 und Oeſterreich iſt in der Lage, dem glänzenden Throne Ew. Majeſtät das einzige und letzte Juwel zu geben, das ihm jetzt zum Bedauern aller Ihrer Unterthanen noch fehlt! Ah bah, rief der Kaiſer, Sie meinen doch nicht, daß Oeſterreich, mein gedemüthigter, aus tauſend von mir geſchlagenen Wunden blu⸗ tender Feind, daß Oeſterreich ſich entſchließen könnte, den alten Haß mit einem Bund der Lebe zu beendigen? Sire, ſagte Champagny lächelnd, ich glaube nicht, daß Ew. Majeſtät von allen Mitgliedern des Kaiſer rhauſes der Habsburger gehaßt wird! Was wollen Sie damit ſagen? fragte Napoleon mit einem flam⸗ menden Blick auf das lächelnde Antlitz ſeines Miniſters. Ew. Majeſtät erinnern ſich doch, daß bei der letzten Erſtürmung Wiens, im Mai dieſes Jahres, ein Parlamentair aus Wien an Eure Majeſtät abgeſandt ward mit der Bitte, die Bomben nicht mehr auf die Kaiſerburg zu richten, weil in derſelben eine der Erzherzoginnen zurück geblieben und durch Krankheit verhindert worden ſei, mit der Kaiſerfamilie abzureiſen. Ja wohl, ich erinnere mich, ſagte Napoleon. Es waren ſchon einige Bomben auf die Kaiſerburg gefallen, ich ließ Befehl geben, die Bomben nicht mehr dorthin zu ſchleudern. Es war eine der kleinen Töchter des Kaiſers, die dort zurückgeblieben, eine Erzherzogin Marie Louiſe, glaube ich, ein kleines unmündiges Kind, das man mit ſeiner Wärterin zurückgelaſſen. Sire, dieſes unmundige Kind iſt indeſſen ſiebenzehn Jahre alt, und iſt, wie alle Welt verſichert, ein bildſchönes, kerngeſundes junges Mädchen mit blondem Haar, blauen Augen und ſehr reizender Figur. Die junge Erzherzogin iſt von der Großmuth, die Ew. Majeſtät ihr bewieſen, tief gerührt, ſie iſt von Bewunderung erfüllt für den Helden, dem die ganze Welt huldigt, und vor dem die Stärkſten und Gewaltigſten wie weiches Wachs zuſammenſchmelzen; ſie beſitzt Energie und Muth genug, um laut und unverholen ihre Bewunderung für Ew. Majeſtät ſelbſt ihrem Vater, dem Kaiſer, gegenüber zu äußern.*) *) Mémoires d'un homme d'état, IX., und: Pertz, Leben Steins, II. 486. Pahrha Ihnen das, Sire, d d unſerer vertt Frarz, trotz neuen Demi zu ſein ſche Erzherzogin Bei G dem Rücken ſchen Heirat Sire, pngth, es einen ſeinet boren hat. 5 1 51 8 frieden ſein Sire, licheld. Ein lich, ein l und die K wer wollte Sohnes a gebaut, e tin Siege ſolchen S Ume Jo Er vor dem Ich mich, ic Sie blei Ubgeſan Oeſterreich, Wunden blu⸗ en alten Haß Hüß Ew. Majeſtüt gehaßt wird! teinem flam⸗ Erſtürmung ne der kleinen nnit ſeine hre alt, und es Mädchen Die junge t wieſen, tieſ um geng, ſelbſ ihren 1 46 681 Wahrhaftig, thut ſie das? rief Napoleon freudig. Aber wer ſagt Ihnen das, Champagny? Sire, der Fürſt von Liechtenſtein erzählte es mir geſtern in einer unſerer vertraulichen Unterredungen, und er fügte hinzu, daß der Kaiſer des eben erſt beendeten blutigen Krieges, trotz der vielen neuen Demüthigungen, dennoch ſelbſt ein Bewunderer Ew. Majeſtät zu ſein ſcheine, denn er habe den enthuſiaſtiſchen Lobeserhebungen der Erzherzogin Marie Louiſe mit lächelnder Ruhe zugehört. Bei Gott, ſeltſam, murmelte Napoleon, indem er, die Hände auf dem Rücken gefaltet, langſam auf und ab ging. Aber die öſterreichi⸗ ſchen Heirathen haben Frankreich niemals Glück gebracht. Sire, es war indeſſen eine öſterreichiſche Prinzeſſin, ſagte Cham⸗ lche Frankreich Franz, trotz es war die Königin Anna von Oeſterreich, we pagnh, Ludwig den Vierzehnten, ge⸗ einen ſeiner größten Könige, den König boren hat. Das iſt wahr, rief Napoleon lebhaft, und ich würde es wohl zu⸗ frieden ſein, wenn mein Sohn dem großen Ludwig gliche. Sire, er wird ſeinem großen Vater gleichen, ſagte C lächelnd. Ein Sohn, ein Erbe meines Throns, rief Napoleon leidenſchaft⸗ meiner Macht, der die Lorbeeren ſeines Vaters hampagny lich, ein legitimer Erbe und die Kaiſerahnen ſeiner Mutter in ſeinem Stammbaum trägt,— wer wollte es wagen, die Legitimität und das Fürſtenblut eines ſolchen Sohnes anzuzweifeln? Er würde feſtſtehen auf dem Thron, den ich gebaut, er würde der vierten Dynaſtie, die über Frankreich herrſcht, ein Siegel der Beſtätigung Gottes ſein! Champagny, ich muß einen ſolchen Sohn haben, und— und Joſephine kann ihn mir nicht geben! Arme Joſephine! Er ging mit heftigen Schritten auf und ab, dann blieb er plötzlich vor dem Miniſter ſtehen und ſah ihn mit flammenden Blicken an⸗ Ich reiſe ab, morgen ſchon, ſagte er, dieſe deutſche Luft bedrückt mich, ich mag ſie nicht mehr athmen, und habe hier nichts zu thun. leiben hier, um die Friedensverträge auszuwechſeln. Sobald der Sie b dem vom Kaiſer Franz unterzeichneten Abgeſandte des Kaiſers mit 682 Friedenstractat in Wien anlangt, werden Sie die Auswechſelung der Tractate beſorgen und mir davon Nachricht geben. Ich gehe von hier nach München, und werde ſchon in acht Tagen in Fontainebleau ſein. Dem Fürſten von Liechtenſtein können Sie vorläufig ebenſo vertraulich, wie er Ihnen von der Erzherzogin erzählte, mittheilen, daß ich jetzt feſt entſchloſſen ſei, mich von der Kaiſerin Joſephine zu trennen, daß die Scheidung unwiderruflich beſchloſſen ſei, und daß ſie publicirt wer⸗ den ſolle, bevor noch dies Jahr zu Ende gehe. Weiter vorläufig nichts!— Champagny, ich bin entſchloſſen, meiner Dynaſtie dies Opfer zu bringen, ſo ſchwer es auch meinem Herzen wird. Das Wohl mei⸗ nes Landes und meines Thrones verlangt dies Opfer von mir. Nach der Scheidung werde ich eine letzte definitive Antwort von Rußland fordern, und wenn Alexander ſie mir nicht geben kann, wenn ſeine Mutter noch immer nicht einwilligt, ihre Tochter als Kaiſerin auf den mächtigſten Thron der Welt zu ſetzen, nun, dann werde ich die Unter⸗ handlungen abbrechen und mich erinnern, daß die Erzherzogin Marie Louiſe innige Sympathieen für mich hegt!— Vorläufig können wir mit Oeſterreich zufrieden ſein, und ich denke, der Wiener Frieden iſt ein Werk, auf das wir wohl ein wenig ſtolz ſein können, und den der Genius Frankreichs mit goldenem Griffel in die Tafeln der Geſchichte einzeichnen wird!—— Zwei Tage ſpäter hielt die Reiſekaleſche des Kaiſers vor dem Schloßthor von Schönbrunn. Alle Vorbereitungen zur Abreiſe waren beendet, und der Kaiſer war eben im Begriff, ſein Cabinet zu verlaſſen und hinunter zu gehen zum Wagen. Nur wollte er vor ſeiner Abreiſe noch den Großmarſchall Duroe ſprechen, der ſo eben von Wien angelangt war. Die Thür ward jetzt geöffnet und der Erwartete trat ein. Napoleon ging ihm lebhaft entgegen. Nun, Duroc, fragte er, haben Sie ihn geſehen? Hat er endlich ſeine Mitſchuldigen genannt? Sire, ich habe Staps geſehen und geſprochen, ſagte Duroe ernſt, Er weigert ſich, irgend welche Geſtändniſſe zu machen, er führt die Sprache eines Schwärmers. Was ſagt er? rief Napoleon lebhaft. Verhehlen Sie mir nichts! Dieſer Menſch intereſſirt mich! Ich will Alles wiſſen! Sire, Ew. Majeſti Deutſchland trieben, und Er ber Er ber die einzige das er beſt Verzeihung WVelch ſagte der beobachtet? Es ſin weſen, und Heiterkeit d gegangen, Vort der! hat er verg et das dab Einer der ſofott gutt nir kein L ſondern es blut vergoſ Hot e Nin, Retrunken. würde jede Tode zu Er n Ja, urtheil üt — ²) Le echſelung der he von hier ebleau ſein. o vertraulich, daß ich jetzt trennen, daß publieirt wer⸗ itet vorläufig tie dies Opfer 6 Wohl mei⸗ n mir. Nach von Rußland „wenn ſeine rin auf den ich die Unter⸗ tzogin Marie önnen wir r Frieden iſt und den der der Geſchichte ers vor dem lbreiſe waren verlaſſen Abreiſe noch te er, haben annt? Duroc emnſt⸗ fihn di 683 Sire, er behauptet, er habe keine anderen Mitſchuldigen, als Ew. Majeſtät allein. Das Unheil und Elend, das Ew. Majeſtät über Deutſchland gebracht, das ſei der Mitſchuldige, der ihn zu der That ge⸗ trieben, und ſich ſelber allein hätten Ew. Majeſtät Vorwürfe zu machen. Er bereut nicht? Er bittet nicht um Gnade? Er bereut nur, daß ihm die That mißlungen iſt, und verlangt nur die einzige Gnade, daß man ihm das Portrait ſeiner Geliebten laſſe, das er beſtändig anſchaut, und das er in den rührendſten Worten um Verzeihung bittet für den Kummer, den er ſeiner Braut bereitet. Welch ein ſeltſames Gemiſch von Wildheit und von Sanftmuth, ſagte der Kaiſer gedankenvoll. Hat man ihn dieſe zwei Tage genau beobachtet? Es ſind fortwährend zwei Gensd'armen mit ihm eingeſchloſſen ge⸗ weſen, und ſie erzählen mit Erſtaunen von der unveränderten Ruhe und Heiterkeit des jungen Mannes. Gewöhnlich iſt er langſam auf und ab gegangen, zuweilen iſt er niedergeknieet und hat ſtill gebetet. Nicht ein Wort der Verzweiflung iſt ſeinen Lippen entſchlüpft, nicht eine Thräne hat er vergoſſen. Geſtern, als man ihm ſein Mittagseſſen brachte, hat er das dabei befindliche Meſſer genommen und es ſinnend betrachtet. Einer der Gensd'armen wollte es ihm entreißen, Staps reichte es ihm ſofort gutwillig dar und ſagte lächelnd: Fürchten Sie nichts, ich werde mir kein Leid damit thun, ich werde mein Blut nicht ſelbſt vergießen, ſondern es ſoll auf dem Altar des Vaterlandes als unſchuldiges Opfer⸗ blut vergoſſen werden. Hat er Nahrung zu ſich genommen? fragte der Kaiſer. Nein, Sire, er hat in dieſen zwei Tagen weder gegeſſen noch getrunken. Er ſagt, er habe mit dem Leben abgeſchloſſen, und er würde jedenfalls noch ſo viel Kräfte haben, um feſten Fußes zum Tode zu gehen.*) Er weiß alſo, daß er verurtheilt iſt? Ja, Sire, er weiß, daß das Kriegsgericht geſtern Abend das Todes⸗ urtheil über ihn ausgeſprochen hat. *) Le Normand, II. p. 508. 684 Aber Sie ſagten ihm doch, daß ich Sie zu ihm ſende, Duroc? daß ich entſchloſſen ſei, ihn trotz des Kriegsgerichts zu begnadigen, ſo⸗ bald er ſeine That bereue, ſobald er mich um Verzeihung anflehe und feierlich auf die Bibel ſchwöre, die böſen Gedanken fahren zu laſſen und ſein Verbrechen nicht zu erneuern. Sagten Sie ihm das Alles, Duroc? Ja, Sire, ich ſagte es ihm! Und was antwortete er? Grad' heraus! Ich will es wiſſen! Sire, er antwortete, wenn er die That bereuen könnte, ſo würde ſie nicht gethan haben. Wenn er Ihre Vergebung annähme, ſo würde ganz Deutſchland ihm fluchen, während er jetzt von Deutſchlands Segenswünſchen und Thränen begleitet in ſein Grab hinunter ſteige, während ſein Tod jetzt nur der Hahnenruf ſei, der die deutſchen Männer⸗ wach riefe, nur die Fackel, die ihnen den Weg zeige, den ſie zu wan⸗ deln hätten. Der Kaiſer antwortete nicht. Ein Schauer rieſelte ihm durch alle Glieder, und wenn Corviſart eben ſeinen Puls hätte fühlen können, ſo würde er nicht geſagt haben, daß dieſer Puls normal und richtig gehe, und die großen Schweißtropfen, die auf der Stirn des Kaiſers ſtanden, würden den Arzt vielleicht geängſtigt haben. Er iſt doch ein Wahnſinniger, ich bleibe dabei, ſagte Napoleon nach einer Pauſe. Ich will, daß man ihn dafür halte. Ich hoffe, daß dieſe ganze Geſchichte n bleibt und die Welt nichts davon er⸗ fährt; ſollte aber dennoch öffentlich die Rede davon ſein, ſo ſoll man dabei beharren, daß dieſer Menſch wahnſinnig ſei und nur in ſeinem Irrſinn das Attentat gewagt hat.*) Durve verneigte ſich ſchweigend. Wann ſoll Staps erſchoſſen werden? fragte der Kaiſer nach einer Pauſe. Sire, heute Morgen um ſieben Uhr! Napoleon warf einen flüchtigen Blick nach der Pendule Es iſt halb ſieben Uhr, ſagte er. Ich will fort! Um ſieben Uhr alſo wird er erſchoſſen! Nun, die Wiener werden das Knattern der *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Häuſſer, Deutſche Geſchichte. III. 547. Schiſſe nich den abgeſch der Hinricht phantaſtiſch Vir wollen Er du Auf der S ſlog wiede Es iſ wird es in Einig war abger Um! Staps ſe geſeſſen) Ein terten Ge Frie es wor, den kurz ſchlanke halten don ſein nicht w E ſeinem noch 685 Schüſſe nicht hören, denn der Kanonendonner, der ihnen heute Morgen den abgeſchloſſenen Frieden verkünden ſoll, wird das kleine Gewehrfeuer der Hinrichtung übertönen. Kommen Sie, Duroc! Ich habe dieſes phantaſtiſche, ſchwärmeriſche, fanatiſche Deutſchland ſatt und überdrüſſig! Wir wollen nach Frankreich zurückkehren! Er durchſchritt raſch das Zimmer und näherte ſich dem Ausgang. Auf der Schwelle der Thür blieb er noch einmal ſtehen und ſein Blick flog wieder hinüber zu der Pendule Es iſt drei Viertel auf ſieben Uhr, ſagte er, in funfzehn Minuten wird es in Deutſchland einen Wahnſinnigen weniger geben! Einige Minuten ſpäter fuhr ein Wagen mit donnerndem Geräuſch über die Avenue des Schloſſes von Schönbrunn dahin.— Der Kaiſer war abgereiſt.— Um dieſelbe Zeit ward die Thür des Gemachs geöffnet, in welchem Staps ſeit drei Tagen unter ſteter Bewachung von zwei Gensd'armen geſeſſen hatte. Ein Officier trat herein, acht Soldaten ſtellten ſich mit geſchul⸗ terten Gewehren draußen vor der geöffneten Thür auf. Friedrich Staps ging dem Officier mit heiterem Lächeln entgegen, es war, als ob ein Sonnenſtrahl ſein Antlitz verkläre. Er trug noch den kurzen ſchwarzen, mit Schnüren beſetzten Sammetrock, um die ſchlanke Taille von dem breiten glänzenden Ledergürtel zuſammenge⸗ halten, und am Halſe geziert mit einem weißen Kragen, über den die von ſeinem Hut niederringelnden Locken in dichten Maſſen niederfielen. 6 den drei ſeiner Gefangenſchaft hatte er ſich nicht ne Nahrung zu ſich genommen und nicht geſchlafen. Seit drei 5 2 er nur den Himmel angeſchaut und lange Briefe an ſeir geliebte Anna und an feinen alten Vater geſchrieben. die er ſorgſam zuſammengefaltet und adreſſirt hatte, in dem Gürtel, den vor drei Tagen noch das unheilvolle Di 6 trug er jetz Meſſe hatte. Mein Herr, ſagte Staps, dem Officier die Hand darreichend, nicht wahr, Sie kommen, um mich Es iſt bald ſieben Uhr, erwiederte der Officier mit trauxigem Ton. 686 Oh, mein Herr, rief Staps lebhaft, bemitleiden Sie mich nicht! Ich ſterbe gern! Aber bevor ich ſterbe, habe ich noch eine Bitte an Sie! Ich möchte gern meinem Vater und meiner Braut meine letzten Liebesgrüße ſenden. Wollen Sie es über ſich nehmen, dieſe beiden Briefe zu beſorgen? Sie zögern? Antworten Sie mir und bedenken Sie wohl, daß man einem Sterbenden immer die Wahrheit ſagen muß! Nun denn, mein Herr, ich darf dieſe Briefe nicht beſorgen. Nichts ſoll verlauten von Ihrer That, ſie ſoll ein Geheimniß bleiben! Ah, man fürchtet das Bekanntwerden meiner That, rief Staps lächelnd. Man will mich im Dunkeln begraben und meinen Namen, wie meine That, der Vergeſſenheit übergeben. Aber eines Tages wird die Sonne der Freiheit doch aufgehen über Deutſchland, und ſie wird auch mein Grab beleuchten, und wird es meinem Vater und meiner Braut und allen deutſchen Brüdern zeigen! Sie wollen meine Briefe nicht beſorgen? Ich darf es nicht, mein Herr! Nun denn, ſo beſorge ich ſie ſelbſt, rief Staps, und er zog die beiden Briefe aus ſeinem Gürtel und zerriß ſie in kleine Stücke, die er erſt ſorgſam in ſeiner Hand feſthielt, bis auch das letzte Blatt in kleine Fetzen geriſſen war. Dann nahm er dieſe Fetzen und ſtreute ſie rings um ſich her, daß ſie wie Schneeflocken ihn unflatterten. Fliegt, fliegt in alle Winde, ihr meine Grüße an den Vater und an die Braut, rief er, ich vertraue euch den Lüften an, und dieſe Lüfte werden hinrauſchen durch Deutſchland, und fernhin in das ſtille Pfarr⸗ haus meines alten Vaters und in die keuſche Kammer meiner Braut werden ſie meine letzten Liebesgrüße tragen. Ihr könnt ſie nicht zurück⸗ halten, nicht verſtummen machen! Der Wind wird ſie beſorgen, und der Wind wird auch dem deutſchen Volk erzählen von dem armen Friedrich Staps, der Deutſchland erretten wollte, und doch nur für Deutſchland ſterben konnte!— Nun kommen Sie, mein Herr, laſſen Sie uns gehen! Sie haben keinen andern Wunſch? fragte der Officier. Es giebt nichts, das Sie zu fordern hätten und das ich Ihnen gewähren könnte? Doch, mein Herr! Ich wünſche, daß man mich nicht wie ein wil⸗ des Thier bindet, ſondern daß man mich mit freien Armen zum Richt⸗ platz führt, ich wünſche ferner, daß man mir die Augen nicht verbindet. Ich nichte! ſchen Himme Ihr W und freien 2 Ich dar det ſeinen d Jo, ſa So ko wandte er Die S cier in ihre der Zug in ging es dah Jtzt Baſtionen. ten, an der Stays dieſ geiffneten; die nit fiſ ihnen gun von deſſen Die a hin nach d Grab aufg Aus de ſiſcher Solt Die( hin und u Heilgenſch Indi Doner n Was Esſt Frieden v. ie mich nicht! ne Bitte an meine letzen beiden Briefe t, rief Stays nNamen, wie ages wird die ſie wird auch ler Braut und icht beſorgen? nd er zog die e Stücke, die ste Blatt in d ſtreute ſie en Vatet und d dieſe Lüft einer Braut nicht zurüc⸗ en, und der nen Friedtich rD eutſchland ie uns gehen! t. Es gicbt zhren fönnte pie ein vil⸗ t verbindet 687 Ich möchte bis zum letzten Augenblick die deutſche Erde und den deut⸗ ſchen Himmel ſehen! Ihr Wunſch ſoll erfüllt werden. Sie ſollen mit offenen Augen und freien Armen dahin gehen. Ich danke Ihnen, ſagte Staps, die Hand des Officiers herzlich in der ſeinen drückend. Nicht wahr, es iſt jetzt Zeit, wir müſſen gehen? Ja, ſagte der Officier traurig, wir müſſen gehen! So kommen Sie, rief Staps, und mit entſchloſſenem Schritt wandte er ſich nach der Thür hin. Die Soldaten traten zur Seite und nahmen Staps und den Offi⸗ cier in ihre Mitte. Langſam und mit taktmäßigem Schritt ſetzte ſich der Zug in Bewegung. Ueber lange Corridore und düſtere Gänge ging es dahin, ſchweigend, in feierlicher Stille. Jetzt traten ſie hinaus in's Freie, auf einen weiten Platz in den Baſtionen. Hohe Erdwälle umgaben dieſen Platz von allen drei Sei⸗ ten, an der vierten erhob ſich die Hinterwand der Caſerne, in welcher Staps dieſe drei Tage ſeiner Gefangenſchaft zugebracht hatte. An den geöffneten Fenſtern ſtanden hier und da einige franzöſiſche Soldaten, die mit finſteren, gleichgültigen Geſichtern hernieder ſchauten auf den ihnen ganz fremden Menſchen, den man ſo eben erſchießen wollte, und von deſſen Verbrechen ſie gar nichts ahnten. Die acht Soldaten und der Officier führten Staps über den Platz hin nach der jenſeitigen Böſchung des Walles. Dort war ein friſches Grab aufgeworfen, und neben daſſelbe ſtellten ſie Staps. Aus dem Thor der Caſerne marſchirte jetzt ein Detaſchement franzö⸗ ſiſcher Soldaten und ſtellte ſich längs der Mauer, Staps gegenüber, auf. Die Sonne warf ihre erſten Morgenſtrahlen über die Böſchung hin und umgab das Haupt des bleichen Jünglings wie mit einem Heiligenſchein. In dieſem Moment ſchien die Erde zu erbeben und ein ungeheurer Donner machte die Luft erzittern. Was iſt das? fragte Staps den Officier, der noch neben ihm ſtand. Es ſind die Kanonenſchüſſe, welche den Wienern den abgeſchloſſenen Frieden verkünden. 688 Den Frieden? rief Staps freudig. Es iſt alſo Frieden? Oh, ſagen Sie mir die Wahrheit, mein Herr, täuſchen Sie mich nicht? Der Frie⸗ den iſt wirklich abgeſchloſſen? Deutſchland wird Frieden haben? Ja, der Frieden iſt abgeſchloſſen und unterzeichnet. Heute noch verläßt der Kaiſer Napoleon Schönbrunn, um nach Frankreich zurück⸗ zukehren. In drei Monaten wird kein franzöſiſcher Soldat mehr in Oeſterreich ſein. Frieden! Deutſchland hat Frieden! rief Staps begeiſtert, und nun ſank er auf ſeine Kniee hin, nun hob er die Arme zum Himmel em⸗ por, auf ſeinem Antlitz ſtrahlte eine ſelige Freude und Ströme von Thränen entſtürzten ſeinen Augen.*) Ich danke Dir, mein Gott, ich danke Dir, rief er laut, Du läſſeſt mich in Frieden dahin gehen, und unter den Kanonenſchlägen, welche Deutſchland den Frieden verkünden, ſterbe ich eines ſeligen Todes! Aufgepaßt! Angelegt! commandirte da drüben der Officier. Staps ſprang von ſeinen Knieen empor. Gönnt mir noch eine Minute, rief er hinüber, laßt mich mein Todeslied ſingen! Der Officier nickte ſtumm Gewährung. Friedrich Staps ſtreckte ſeine Arme empor, und das Haupt auf⸗ wärts gerichtet, ſang er mit freudiger Stimme: Tod, du ſüßer, für das Vaterland, üßer als der Brautgruß, als das Lallen uf dem Mutterſchooß des erſten Kindes, ei mir willkommen! Was das Lied nicht löſet, löſt— 8 S G 9 G Eins, zwei, drei! comnkandirte der Officier. Zwölf Schüſſe knallten.— Friedrich Staps lag am Boden. Blut, das aus ſeiner Bruſt hervorquoll, röthete die deutſche Erde. Die Kanonen, welche der Welt den Frieden verkündeten, donnerten fort und f Donnern hauchte Friedrich Staps ſeinen Sein fort, und unter dieſen heiligen letzten Todesſeufzer aus.— *) Le Normand, II. p. 508. die Mihliat en Oh, ſagen er Frie⸗ n haben 15 O cht? D Heute noch kreich zurück⸗ Soldat mehr in eiſtert, und mn n Hinmel em⸗ Achtes Buch. nd Ströme von laut, Du liſſeſt Die Permählung Uapoleons und der Tod ligen Todes! t mir noch eine gen! 2 das Haupt guſ⸗ „Voden. Sein 6 F0 Die tſche Erde⸗ 6 erten fort und Staps ſeinen Mühlbach, Napoleon. II. Bd. S S 8 8 S S— ———= S——————= ₰— —— S S. S S S S 2 S— S Kö Die Heimkehr. Der funfzehnte December des Jahres 1809 dämmerte empor. Die Königin Louiſe hatte dieſem Tage ſeit langer Zeit mit hochklopfendem Herzen, mit ſehnſuchtsvollen Wünſchen entgegengeſehen, und jetzt, da er da war, fühlte ſie ſich faſt ängſtlich und beklommen. Es war der zur Abreiſe beſtimmte Tag; die königliche Familie wollte heute Königsberg verlaſſen, um nach Berlin zurückzukehren und dort wieder die königliche Reſidenz aufzuſchlagen. Seit dem dritten December hatten die fran⸗ zöſiſchen Truppen und Behörden die Stadt verlaſſen, und Berlin war jetzt wieder eine deutſche, eine preußiſche Stadt, die mit heißer Unge⸗ duld der Heimkehr der königlichen Familie entgegenhoffte. Die Wagen ſtanden ſchon zur Abfahrt bereit, die Prinzeſſinnen, in dichte Pelze gehüllt, befanden ſich ſchon im Vorſaal und erwarteten die Königin, deren Reiſetoilette längſt ſchon beendet war. Aber Louiſe hatte ihr Wohnzimmer noch immer nicht verlaſſen. Auch der König war ſchon in den Vorſaal gekommen, zur Abfahrt be⸗ reit, und war ganz erſtaunt, die Königin nicht ſchon dort zu finden. Die Königin weiß vielleicht nicht, daß die Wagen ſchon vorgefahren ſind, ſagte der König, ich werde ſelbſt zu ihr gehen und ſie abholen. Er durchſchritt haſtig die nächſten Gemächer und öffnete leiſe und geräuſchlos die Thür des Wohnzimmers der Königin. Louiſe, ſchon bekleidet mit dem Reiſepelz, ſaß auf dem Divan, die Hände gefaltet, das Antlitz von Thränen überſtrömt; ihre Blicke, welche mit dem Ausdruck unendlichen Flehens dem Himmel zugewandt waren, 44* 692 bemerkten nicht ſogleich den König, der, wie von Ehrfurcht und Anbe⸗ tung gefeſſelt, an der Thür ſtehen geblieben war. Die Königin betete, wie hätte er ſie ſtören mögen. Endlich ſenkte ſich Louiſens Blick und fiel groß und voll auf die Geſtalt ihres Gemahls. Oh, mein Freund, rief ſie, ſich haſtig erhebend und dem König entgegen gehend, meine Gedanken waren bei Dir, und indem ich Ab⸗ ſchied nahm von dieſen Räumen, in denen ich die letzten Jahre durch Deine Liebe ſo viel ſtill verſchwiegenes und heiliges Glück genoſſen habe, betete ich zu Gott, daß er dies Glück wolle mit uns ziehen laſſen. Aber indem Du beteteſt, haſt Du geweint, Louiſe? fragte der König. Ich hoffte, die Tage der Thränen ſollten jetzt vorüber ſein, und meine Louiſe ſollte jetzt wieder ſo heiter und froh werden, wie ſie es ſonſt geweſen. Kehrſt Du denn nicht gern nach Berlin zurück? Die Königin blickte ſinnend vor ſich hin. Ich weiß nicht, wie das mit mir iſt, ſagte ſie gedankenvoll. Wenn ich daran denke, daß ich bald wieder in Berlin bin und ſo viel treuen Menſchen zurückgegeben ſein werde, ſo klopft mir das Herz vor Freude, und dann vergieße ich ſo viele Thränen, wenn ich daran denke, wie ich Alles auf dem nämlichen Platz finden werde, und doch Alles ſo ganz anders ſein wird, daß ich nicht begreife, wie es dort werden mag. Schwarze Ahnungen ängſtigen mich; immer möchte ich allein hinter meinem Schirmleuchter ſitzen und mich meinen Gedanken überlaſſen. Ich ſehne mich nach Berlin, und doch fürchte ich mich faſt.*) Wovor fürchteſt Du Dich denn? fragte der König, ſeine Gemahlin zärtlich an ſich drückend. Ich fürchte mich vor dem Glück, glaube ich, ſagte ſie mit einem ſanften Lächeln. Ich war ſo ganz reſignirt, hatte ſo ganz abgeſchloſſen mit dem äußeren Glück und ihm für immer Lebewohl geſagt, daß ich mich nun von ſeiner Wiederkehr ganz überraſcht und faſt geängſtigt fühle. Oh, mein einziger, geliebter Freund, wird uns dies wieder⸗ kehrende äußere Glück nicht das ſtille, beſcheidene innere Glück ver⸗ *) Der Königin eigene Worte. Siehe: Königin Louiſe. Ein Denkmal. S. 355. rängen, nſet Tro hier in K Geführtin nich zu entführt drängen, ich bin Königin es mich! ſtehen ſch ſtille Zim Weib, f das rei Worten empfind hat als Genius ſo übe mir hie Louiſe Un Sinn, ürigin ertragen Freund bſer h haben fünf 5 Herzen und N 5 Hemahlin t einem eſchloſſen drängen, das in dieſen Tagen der Entbehrungen und der Schmerzen unſer Troſt, unſer Frieden und unſere Seligkeit war? Es iſt wahr, ſagte der König lächelnd, in dieſen ſtillen Jahren hier in Königsberg war ich ſo glücklich, immer meine Frau, die treue Gefährtin meiner Leiden, die holde Tröſterin meiner Kümmerniſſe, um mich zu ſehen, jetzt wird mir meine Frau oft genug von der Königin entführt werden, und die tauſend und tauſend Herzen, die ſich zu Dir drängen, werden mich ein wenig von meinem Ideal hinwegziehen. Aber ich bin nicht eiferſüchtig, und je mehr ich meine ſchöne, glanzumſtrahlte Königin gefeiert und angebetet ſehe, deſto fröhlicher und glücklicher wird es mich machen! Komm, meine Louiſe, laß uns gehen, die Wagen ſtehen ſchon bereit und die Kinder erwarten uns. Aber ehe wir dies ſtille Zimmer verlaſſen, nimm noch einmal meinen Dank, Du geliebtes Weib, für die Treue und Huld, die Du mir im Unglück bewieſen, für das reiche Glück, das ich Dir ſchulde. Bin nicht ein Mann von vielen Worten, kann nicht ſchöne Redensarten machen, aber hier im Herzen empfinde ich es tief und innig, daß Gott Dich an meine Seite geſtellt hat als den Engel des Troſtes für die Tage des Unglücks, als den Genius des Glückes für die Tage der Freude. Sieh, weil ich Dich ſo über Alles liebe, deshalb habe ich unſere jüngſte Tochter, die Du mir hier in Königsberg geſchenkt, auch Louiſe genannt. Möge es eine Louiſe werden.*) Und mögen unſere Söhne den edlen, hochherzigen und biederen Sinn, das treue, gottergebene Herz ihres Vaters geerbt haben, rief die Königin tief bewegt. Mögen ſie ohne Kleinmuth, wie Er, das Unglück ertragen, ohne Hochmuth, wie Er, das Glück genießen! Oh, mein Freund, weshalb wollen wir denn ſagen, daß wir ärmer und macht⸗ loſer heimkehren nach Berlin, als wir es vor drei Jahren verlaſſen haben? Nein, reicher und mächtiger kehren wir heim, reicher, denn mit fünf Kindern zogen wir aus, und mit ſieben kehren wir heim, ſieben Herzen, die uns lieben und die uns angehören, iſt das nicht Reichthum und Macht? Komm, komm, mein Geliebter, laß uns zu unſern Kindern *) Des Königs eigene Worte. Siehe: Königin Loniſe. S. 301. 694 eilen, und mit welchem frohen Mutterſtolz will ich den guten Berlinern unſere Schätze zeigen! Sie zog den König lächelnd mit ſich fort, ihre Augen, in denen die Thränen längſt getrocknet waren, ſtrahlten jetzt vor Liebe und Freudigkeit, und kein Zug von Wehmuth oder Traurigkeit war mehr in ihrem ſchönen Angeſicht, als ſie ihre Kinder in ihre Arme ſchloß. Langſam nur und in kürzeren Abſchnitten konnte die Reiſe nach Berlin zurückgelegt werden. Die hartgefrornen, vom Schnee über⸗ deckten Wege waren ſchlecht und holpericht, und man konnte nur langſam fahren. Zudem wollte jede Stadt, ja ſelbſt jedes Dorf, durch welches die königliche Familie kam, ſeinen Antheil haben an dem allgemeinen Jubel, und der allgemeinen Freude. Ueberall gab es Ehrenpforten, Jubellieder, weißgekleidete Mädchen, Glückwunſchreden und Bewillkomm⸗ nungen. Jedermann hatte durch den Krieg gelitten, aller Orten ſah man Unglück und Noth, trauernde Mütter und Weiber, zerrüttete Ver⸗ hältniſſe, aber alles dies war vergeſſen in dieſen heilig ſchönen Stunden, wo das endlich von fremdem Druck und fremder Tyrannei erlöſte Volk zum erſten Mal wieder das Königspaar als ſein Eigen begrüßte, zum erſten Mal wieder dem Herrſcher entgegen jubelte, der mit ihnen ge⸗ blutet aus denſelben Wunden, mit ihnen gelitten an denſelben Schmerzen. Die ganze Reiſe glich daher einem Triumphzug, überall gab es nur Jubel und Freude, Glockengeläute und Kanonendonner, Huldigungen und Liebesopfer. Am achten Tage endlich war man am Ziel der Reiſe angelangt, um Mittag hatte die königliche Familie das Dorf Weißenſee, eine Meile von Berlin, erreicht. Das Jauchzen und Jubeln tauſend froher, glücklicher Menſchen empfing ſie hier. Das ganze Dorf war hinaus gezogen auf die Landſtraße, um die Heimkehrenden zu begrüßen, und am Eingang des Dorfes ſah man auf ſtattlichen Pferden funfzig junge Berliner Bürger, welche im Auftrag der ganzen Bürgerſchaft Berlins der Königin den Wagen brachten, in welchem Louiſe ihren Einzug in Berlin halten ſollte, und der ein Geſchenk der Berliner Bürgerſchaft war. Es war eine köſtliche Equipage, außen reich mit Silber verziert, innen ausgeſchlagen mit Lilaſammet, da man wohl wußte, daß die ſanfte Veile gezert wat die 5 Sohn, de ilteſten Pi Nyn, ſind wir halben St wie Deine Rein, Körper hal als wollte ſterben ka Aber wohl jetz, muß ich n Auf Wied Mf zurückehr wenn wir raſchen 1. ich den Himnel über uns Sie tein wie an welch geiſten, Gebete ihre Eri Johre ſe hatte da chnee über⸗ nur langſam urch welches allgemeinen 695 ſanfte Veilchenfarbe die Lieblingsfarbe der Königin ſei. Auch die acht köſtlichen Schimmel, welche die Equipage zogen, waren mit lilafarbigem Lederzeug aufgeſchirrt, das mit ſilbernen Ringen und Schnallen geziert war. Die Königin beſtieg mit ihrer Tochter Charlotte und ihrem dritten Sohn, dem Prinzen Carl, den Wagen, der König mit den beiden älteſten Prinzen beſtieg die bereit ſtehenden Pferde. Nun, Louiſe, ſagte der König, an den Wagen heranreitend, nun ſind wir am Ziel. Sieh, da ſind ſchon die Thürme Berlins, in einer halben Stunde werden wir dort ſein. Aber wie bleich Du biſt, und wie Deine Lippen zittern. Iſt Dir nicht wohl, Louiſe, leideſt Du? Nein, ſagte ſie, ich leide nicht, ich fühle gar nicht, daß ich einen Körper habe, ich lebe nur in meinem Herzen, und das klopft ſo ungeſtüm, als wollte es zerſpringen. Oh, jetzt glaube ich, daß man vor Freude ſterben kann. Aber ein ſolcher Tod muß ſehr ſchön ſein! Aber Du ſollſt leben in Freude, ſagte der König lächelnd. Lebe wohl jetzt, Louiſe, ich muß Dich verlaſſen. Dem Ceremoniell gemäß muß ich mich jetzt mit den Prinzen an die Spitze des Zuges begeben. Auf Wiederſehen in unſerm Hauſe in Berlin! Auf Wiederſehen! rief die Königin, ſich in die Kiſſen des Wagens zurücklehnend. Charlotte, ſagte ſie zu der neben ihr ſitzenden Prinzeſſin, wenn wir nahe am Thor ſind, dann ſage es mir. Ich will mich über⸗ raſchen laſſen, und bis ich die ſchöne liebe Stadt erreicht habe, will ich den Himmel anſchauen, und mich daran erinnern, daß es derſelbe Himmel iſt, der in den Tagen des tiefſten Unglücks auch in Memel über uns geſtanden hat! Sie ſenkte ihr Haupt rückwärts! Ihre großen Augen, blau und rein wie der Himmel ſelber, ſchauten ſtrahlend empor zu dem Horizont, an welchem heute kein Wölkchen ſichtbar war, und ſchienen ſich zu be⸗ geiſtern, im geheimnißvollen Schauen der unermeßlichen Welten da droben. Gebete waren in ihrem Herzen, und mit ihren Gebeten miſchten ſich ihre Erinnerungen. Sie dachte daran, daß es heute gerade ſechszehn Jahre ſei, wie ſie als Braut ihren Einzug in Berlin gehalten. Damals hatte das Leben noch wie ein verſchloſſenes räthſelhaftes Buch vor ihr 696 gelegen, damals hatte ſie nur eine Welt des Glückes, der Liebe, der Herrlichkeit in hoffnungsvollen Träumen vor ſich geſehen. Damals war ſie Braut geweſen, jung, ſchön, liebend und geliebt von ihrem Verlobten, dem einſt ein mächtiger Thron gehören ſollte. Jetzt, bei ihrem zweiten Einzuge in Berlin, war ſie um ſechszehn Jahre älter, eine Frau von vierunddreißig Jahren, eine Mutter von ſieben Kindern. Das Leben mit all ſeinen Stürmen war über ihr Haupt hingezogen, es hatte viele Blüthen ihrer Hoffnungen geknickt, viele Illuſionen zerſtört. Sie hatten gerüttelt an ihrem Herzen, gerüttelt auch an dem Thron ihres Gemahls, und an ſeiner Majeſtät und Herrlichkeit. Alle Leiden, Schmerzen, Entbehrungen und Demüthigungen gewöhnlicher machtloſer Menſchen hatten den König und ſeine Gemahlin heimgeſucht, und nicht die angeborne Würde und Majeſtät hatte ſie aufrecht gehalten in dieſen Stürmen, ſondern nur das warme, fühlende Menſchenherz, nicht der Glaube an ſich ſelber hatte ſie getröſtet, ſondern der Glaube, daß Gott, welcher aller Menſchen Vater ſei, auch ihrer ſich erbarmen würde, wenn ſie zu ihm beteten mit aller Inbrunſt armer Menſchen⸗ kinder, die ihrer Ohnmacht ſich bewußt ſind. An dies Alles dachte die Königin, und ſie verglich jenen von Sonnenſchein und Liebesträumen verklärten Einzug der Braut vor ſechszehn Jahren mit dem von Wehmuth, enttäuſchten Hoffnungen und geſunkener Macht umdüſterten Einzug der Frau und der Königin von heute. Und es iſt doch beſſer heute, flüſterte ſie leiſe, ich bin doch reicher, wie damals. Mein Herz iſt reicher, meine Seele iſt kräftiger, ich— Mama, rief Prinzeſſin Charlotte, da ſehe ich ſchon das Bernauer Thor, oh, und höre nur das Geſchrei, ſieh den ſchönen Triumphbogen hier am Thor! Die Königin ſenkte ihre Blicke wieder der Erde zu. Das Jubel⸗ geſchrei des Volks ſchlug wie ein köſtlicher Morgengruß des wieder erſtandenen Glückes an ihr Ohr, und erfüllte ihr Herz mit Wonne und Entzücken. Eben war der König, in der Mitte ſeiner beiden Söhne, in das Thor eingeritten, und jetzt begannen die Glocken zu läuten, die Kanonen zu donnern; das glückliche Berlin begrüßte ſein heimkehrendes Königspaar! Jtzt fuh Seiten der S dahinter wog ſchenmenge. aus denen d Thränen der als grüßende Glockenläute wieder erner Der Kö Geſicht, er 9 aber ein Sc treuen, die e worden, an Johre, er d Beſizer de und dieſer( Die Ki Dieſe tauſe enigegen ſa inmer dich Thrinen er ihr herz i wehrte den ſch ihrer n jutelte mit Einng ſ die z tiefſter St bs ſihlig dünkt nich höre nur 6 iebt 1 ils das J der Liee, de Jetzt fuhr die Königin durch das Thor, links und rechts zu beiden hen ₰„„„„* hen. Damals Seiten der Straße bildeten das Militair und die Bürgergarde Spalier, tt von ihren dahinter wogte, Kopf an Kopf gedrängt, eine zahlloſe ungeheure Men⸗ Jetzt, bei ſchenmenge. Nichts ſah man als frohe, lächelnde Geſichter, als Augen, n hre älte, aus denen die reinſte Liebe leuchtete, und die doch überſtrömten von ſiben Kindern. Thränen der Rührung und Wehmuth, nichts als hochgehobene Arme, upt hingezogen, als grüßende und winkende Hände; nichts hörte man als Kanonendonner, uſionen zerſtrt. Glockenläuten und das unendliche, niemals verſtummende, immer ſich an dem Thron wieder erneuernde Jubelgeſchrei und Jauchzen des Volks. Alle Leiden, Der König empfing dieſe Liebesbeweiſe mit ernſtem, nachdenkendem cher machtloſer Geſicht, er grüßte mit tiefem, gerührtem Blick nach allen Seiten hin, ht, und nicht aber ein Schatten lag auf ſeiner Stirn, er dachte an die vielen Ge⸗ alten in dieſen treuen, die er verloren, an die Städte und Provinzen, die ihm entriſſen herz, vicht der worden, an die vielen blutigen und ſchmerzvollen Opfer der letzten Glaube, daß Jahre, er dachte daran, daß er heimkehre zu ſeinen Ahnen, nur noch ſich erbarmen Beſitzer des vierten Theils von dem Erbe, das ſie ihm hinterlaſſen, mer Menſchen⸗ und dieſer Gedanke trübte ſeine Freude und umdüſterte ſeine Stirn. Die Königin fühlte und dachte jetzt nur die Freude der Heimkehr. ch jenen von Dieſe tauſend und abertauſend ihr entgegen leuchtenden Augen, ihr entgegen ſchlagenden Herzen, dies frohe Gewühl der Grüßenden, die immer dichter ſich herandrängten, um ſie zu ſehen, um ihr halb in nicin vonheute Thränen erſtickte Worte des Willkommens zuzurufen, das Alles bewegte in dh richer, ihr Herz in ſeligſter Freude, und tiefſter Rührung zugleich. Sie wehrte den Thränen nicht, die in ihre Augen traten, und ſie ſchämte ſich ihrer menſchlichen Rührung nicht. Sie weinte, ſie lächelte, und jubelte mit ihrem Volk. Einmal, wie das Jubelgeſchrei gleich ungeheurem Wogengebrauſe Das Jbel⸗ ſich die ganze Straße hinunterrollte, rief die Königin laut und aus tiefſter Seele: Oh, mein Gott, welch eine himmliſche Muſik iſt das! Es ſchlägt wie heiliges Orgeltönen an mein Ohr, und die ganze Stadt dünkt mich heute eine große Kirche! Charlotte, meine geliebte Tochter, höre nur dies frohe Klingen und Tönen, aber höre es mit Andacht! Es giebt nichts Heiligeres, Köſtlicheres und Süßeres für eine Fürſtin, als das Jubelgeſchrei ihres Volkes, das auf ihrem Wege ihr entgegen⸗ der Braut vor offnungen und das Bernaller Triumphbogen uß des wieder ;nit Wonne Söhns in das die Kononen zrigsyur 698 tönt. Wer es verdienen will, der muß die Liebe des Volks mit Liebe erwiedern, der muß ein Herz haben für ſeine Leiden und Freuden, der muß Menſch ſein mit Menſchen. Denke daran, meine Tochter, wenn Du einſt ſelber eine Krone tragen ſollteſt, denke dann auch an dieſe Stunde, und nun öffne alle Thore Deines Herzens, und laß die Liebe des Volks darin einziehen, und laß dieſe Jubelmuſik darin wiederhallen! Aber ſieh, mein Kind, ſieh, da iſt unſer Haus, das ſchöne liebe Haus, in dem ihr Kinder geboren ſeid. Wer ſteht denn da vor demſelben? Wer winkt uns mit den Taſchentüchern entgegen? Sieh, das ſind die lieben Schweſtern Deines Vaters, die Prinzeſſinnen von Oranien und von Heſſen, und wer iſt denn das? Wer iſt dieſer hohe, ſchlanke Mann da neben den Prinzeſſinnen? Ach Gott, das iſt mein Vater, mein geliebter Vater! Eben fuhr der Wagen mit donnerndem Geräuſch die Rampe des Königlichen Palais herauf. Willkommen! Willkommen! riefen die Prinzeſſinnen. Willkommen! Willkommen! ſchrie und donnerte das Volk, das Kopf an Kopf gedrängt den weiten großen Platz vor dem Palais erfüllte. Die Königin ſagte kein Wort, ſie ſtreckte nur ihrem Vater die Arme entgegen, ſie grüßte ihn nur mit ihrem Lächeln, mit den Thränen, die aus ihren Augen ſtürzten. Der Herzog ſchob die Lakayen bei Seite und öffnetd ſelbſt den Schlag ihres Wagens, und die Königin, alle Etiquette, alles Ceremoniell vergeſſend, ſchlang ihre Arme um ſeinen Nacken und küßte ihm die Augen, die Stirn und die vor Rührung zuckenden Lippen. Das Volk da drüben, das Zeuge dieſes rührenden Wiederſehens war, das Volk verſtummte. Schweigend, mit gefaltenen Händen, mit Thränen in den Augen, ſchaute es hinüber zu der Königin, die auf dem Thron doch die zärtliche, dankbare Tochter geblieben war, ſchweigend betete es für die Königin, und die Glocken und die Kanonen miſchten ihre ehernen Stimmen darein, und trugen die Gebete der Menſchen durch die Lüfte zum Himmel empor. Halb getragen von den Armen ihres Vaters, war die Königin in das Palais getreten; wie von den Schwingen ihrer Seele getragen, und die zweiſt ſchnebte ſe die ſanles waren entgegen, hinte drinnen in Sac kleinſten ihrer! Die König Kommt her, Licheln, komm, Sie nahm drängten ſich t ſich die Königi ſie: Großvater Deine Tochter Segen bittet, mein Mann! Deiner Tochte echalten, ſeine Sie ſetze den kleinen Pri die ſie mit ein Der Kin und Rihung werden känne mhigerr Gel Schweſurn i tigng der z J, nif unſeres he ihn und m Haus beſch In der Püpſmne di Rehe de 699 Liebe ſchwebte ſie die Treppe hinauf. Die Thüren des großen Empfangs⸗ der ſaales waren geöffnet und aus demſelben trat ihr jetzt der König — h entgegen, hinter ihm ſtanden ihre beiden älteſten Söhne, und da 5 dieſ drinnen im Saal ſtreckten von den Armen ihrer Wärterinnen die beiden ß die tict kleinſten ihrer Kinder ihr die Arme entgegen. in wiederhalen! Die Königin jauchzte laut auf vor Glück, und eilte in den Sagl. n lbe Haus, Kommt her, Ihr alle meine Kinder, rief ſie mit einem glückſeligen vot denſelben? Lächeln, komm, mein leuchtendes, liebliches Siebengeſtirn, komm, komm! ſeh, das ſind di Sie nahm die beiden Kleinſten, den kaum drei Monate alten Albrecht „ d Ornnien und und die zweijährige Louiſe, auf ihre Arme, die fünf größern Kinder hohe, ſchlanke drängten ſich um ſie, und ſo, inmitten ihres„Siebengeſtirns,“ näherte ein Puter, ſich die Königin ihrem Vater. Halb ein Knie vor ihm neigend, rief ſie: Großvater, da ſind Deine ſieben Enkel, die ich Dir ſchenkte, da iſt die Ranpe des Deine Tochter, die mit ihren Kindern um Deine Liebe und um Deinen riefen die Segen bittet, und da iſt der edelſte, der treueſte, der geliebteſte Mann, d donnerte das mein Mann! Oh, Vater, Vater, liebe und verehre ihn, denn er hat Platz vor dem Deiner Tochter das ſchönſte und unvergänglichſte Glück gegeben und erhalten, ſeine Liebe! Sie ſetzte die kleine Louiſe zu den Füßen des Herzogs nieder, gab tden Thränen, den kleinen Prinzen ſeiner Wärterin zurück, und nahm die Hand des Königs, die ſie mit einem Blick voll unausſprechlicher Liebe an ihren Buſen drückte. ffned ſelbſt den Der König, voll zärtlicher Beſorgniß, daß die große Erregung Ceremoniell und Rührung der tief erſchütterten Geſundheit ſeiner Gemahlin ſchädlich werden könne, ſuchte den leidenſchaftlichen Strom ihres Gefühls in ruhigere Geleiſe zu bringen. Er begrüßte den Herzog und ſeine derſehens Schweſtern in herzlicher, froher Weiſe, und ſchlug dann eine Beſich⸗ tigung der geliebten, ſo lang entbehrten Räume ihres Hauſes vor. ißte ihm die ioin, di auf Ja, rief Louiſe, ja, wir wollen meinem geliebten Vater den Tempel S ſchweigend unſeres Eheglücks zeigen, und die guten Geiſter unſers Hauſes ſollen niſchten ihn und uns willkommen heißen. Kommt, kommt, wir wollen unſer † Nuſchen Haus beſchauen. In der Mitte ihres Vaters und ihres Gemahls, gefolgt von den Prinzeſſinnen und ihren älteſten Söhnen, durcheilte die Königin nun 3 9 oznioin in die Reihe der glänzenden Gemächer, die in ihrem Schmuck und ihrer Sele getragen 700 Behaglichkeit ſie grüßten mit holder Erinnerung der Vergangenheit, und ihr, nach drei Jahren der Trübſal, der Entbehrung und des Drucks, in ihrer königlichen Pracht, wie die leuchtenden Säle eines Feenpalaſtes erſchienen. Wie prächtig das Alles iſt, rief Louiſe, wie herrlich und glanzvoll! Früher iſt mir das gar nicht ſo aufgefallen, da erſchien mir das nur ſo natürlich und ſelbſtverſtändlich, jetzt aber weiß ich es zu erkennen und zu ſchätzen. In Memel und Königsberg haben wir viel einfacher gewohnt, und das hat meine Augen geöffnet, damit ſie erkennen, wie ſchön es hier iſt! Ach, und da iſt mein liebes prächtiges Inſtrument. Oh, wie oft habe ich mich heimlich geſehnt nach meinem Flügel und ſeinem ſchönen, zum Herzen dringenden Ton. Willſt Du mir eine Bitte gewähren, mein Herr und Gemahl? Die Königin iſt in ihren Gemächern, ſie hat da nicht zu bitten, ſondern nur zu befehlen, ſagte der König. Erlaubſt Du mir alſo, daß ich die guten Geiſter unſers Hauſes grüße mit Muſik, fragte die Königin, daß ich ihnen einen Willkom⸗ mensgruß ſinge? Der König nickte lächelnd Gewährung und Louiſe eilte zu dem geöffneten Flügel hin. Mit einer raſchen Bewegung zog ſie die Hand⸗ ſchuhe von ihren Händen und ließ ſich auf dem Seſſel vor dem Flügel nieder. Nun glitten ihre Finger über die Taſten hin, nun hüpften ſie in wirbelnden Läufen auf und ab, und ließen heitere Melodien und fröh⸗ liche Weiſen erklingen, und ruhten ſich dann in langen, feierlichen Accorden. Und zwiſchen dieſe Accorde hinein klang das Geläute der Glocken da draußen, das wunderſam und feierlich die Muſik der Königin accompagnirte. Louiſens Antlitz war Anfangs heiter und ſtrahlend geweſen, jetzt aber allgemach war es ernſt geworden. Ihre großen Augen hoben ſich aufwärts, ihre Finger glitten über die Taſten hin, träumeriſch, unbewußt faſt. Die Königin gedachte vergangener Zeiten. Sie gedachte des Tages, wie ſie einſt, von Ahnungen erzitternd, hier ein Lied geſungen, das ſie — dann, als die Bauernhauſe au Und wie ſi einfache ſchöne ihre Hippen, un die Heimkehr d ihres wiederger tief bewegt: W Au Po Yel Unruhig Cabinet auf t Stadions Rück neben den An ſchönes Geſcht ihn den Riücke erſcwand, we wid Franz jetzt h Bonapar Shr mhn Aber zul ſege Mettern achen wetden Vergangenheit, und des Duck, eines Feenpalaſtes rlich und glanzvoll! 7 ſchien mir das nur ich es zu erkennen nwir viel einfachet it ſie erkennen, wie tiges Inſtrument. einem Flügel und ſt Du mir eine icht zu bitten, en einen Villkon⸗ eilte zu dem gzog ſie die Hand⸗ eſſel vor dem un hüpften ſi in der Glocken laute ſit der Künigin d geweſen, ebt oſen Augen hoben rinneriſch R, en, das ſle 9/ dann, als die Ahnungen ſich erfüllt, ſich wiederholt hatte in dem Bauernhauſe auf der Flucht nach Königsberg. Und wie ſie das dachte, ſpielten ihre Hände wie von ſelbſt die einfache ſchöne Melodie dieſes Liedes. und wie von ſelbſt öffneten ſich ihre Lippen, und zum Accompagnement der hallenden Glocken, welche die Heimkehr des Königspaars feierten, in dem glanzvollen Gemach ihres wiedergewonnenen Hauſes, ſang die Königin demüthig und tief bewegt: Wer nie ſein Brot mit Thränen aß, Wer nie die kummervollen Nächte Auf ſeinem Bette einſam ſaß, Der kennt Euch nicht, Ihr himmliſchen Mächtel II. Ruiſer Franz und Metternich. Unruhig und in ſichtbarer Aufregung ging Kaiſer Franz in ſeinem Cabinet auf und ab. Graf Clemens Metternich, ſeit des Grafen Stadions Rücktritt der erſte Miniſter und Rathgeber des Kaiſers, ſtand neben dem Arbeitstiſch des Kaiſers Franz, und über ſein regelmäßig ſchönes Geſicht flog jedes Mal, wenn Franz im Auf⸗ und Abwandeln ihm den Rücken kehrte, ein ſpöttiſches Lächeln, das aber ſofort wieder verſchwand, wenn der Kaiſer ihm wieder das Antlitz zuwandte. 's wird böſes Blut machen in ganz Deutſchland, ſagte Kaiſer Franz jetzt haſtig, Niemand wird's glauben wollen, daß ich, der bisher des Bonaparte's erbittertſter Feind war, ihm jetzt auf einmal ſolche Ehr' anthu'. Aber zuletzt wird es doch Jedermann glauben müſſen, Majeſtät, ſagte Metternich mit ſeiner ſanften, melodiſchen Stimme. Die That⸗ ſachen werden jeden Unglauben widerlegen. 702 Es iſt aber himmelſchreiend, rief der Kaiſer, und es will mir halt immer noch nit in den Kopf, daß ich dem Bonapart dazu ver⸗ helfen ſoll, eine anſtändige Partie zu machen, daß ich mich ſoll ſo encanailliren, den Sohn des corſiſchen Advocaten meinen Schwieger⸗ ſohn zu nennen. Hören's, ich ſag' Ihnen, es geht halt nimmer gut, und ich werd' mich fürchten, wenn ich von jetzt an vorbeifahre bei den Kapuzinern. Werd' immer denken, die Gräber meiner Ahnen thun ſich auf, und ſie halten mich feſt und fragen:„wie haſt's leiden können, daß das kaiſerliche Blut der Habsburger ſich miſcht mit dem Blut des kleinen Advocatenſohnes, des Aufrührers und Revolutionairs, der Throne aufrichtet und ſtürzt nach ſeinem Belieben?“ Ja, und ich frag' mich das ſelbſt: wie kann ich's leiden, daß eine Erzherzogin, daß meine Tochter vermählt werde mit einem Mann, der auf einem Thron ſitzt, welcher nit ihm gehört und den die Bourbonen, die recht⸗ mäßigen Herren von Frankreich, ihm doch eines Tages wieder fort⸗ nehmen werden? Wie kann ich's leiden, frag' ich mich? Und wie ſoll ich's ertragen, wenn dieſer Menſch ohne Geburt und ohne Ahnen ſich vielleicht ſogar einmal unterſteht, mich ſeinen Herrn Schwiegervater zu nennen? Wie iſt's nur halt möglich, daß ich ſo etwas riskire? Wollen Ew. Majeſtät mir erlauben, daß ich dieſe gerechten Fragen Ihres kaiſerlichen Gewiſſens beantworten darf? fragte Metternich. Thun's das, rief der Kaiſer. Setzen's mir halt ſo einmal aus⸗ einander, als ob ich nit der Kaiſer wär', ſondern ein anderer gewöhn⸗ licher Menſch, der ſeine Gloſſen darüber macht, daß der Kaiſer Franz ſeine Tochter verheirathen wollt' mit dem Erzrevolutionair, der da in Frankreich auf einem Thron ſitzt, der ihm nit gehört, und der ſich erfrecht ſich einen Kaiſer zu nennen, obwohl er nur von ganz gemeiner Herkunft iſt. Was würden's ſagen? Wie würden's den Kaiſer Franz entſchuldigen? Metternich trat dem Kaiſer einen Schritt näher, und ſeine kleine zierliche Geſtalt höher aufrichtend, ſagte er mit feierlichem Tone: Ich würde ſagen, der Kaiſer Franz hat gehandelt als weiſer Staatsmann und Rehent, als der Vater ſeines Volks. Um Oeſterreich vor nexen Kriegen zu bewahren, hat er das Liebſte, was er beſitzt, hat er ſein eigen gind zum erſchüpften Völ jett nicht in d nachen ſollte, ſind ſchutzlos: Ausſicht iſt vt Bis jetz hat v gekoſtet, und unſinnigen Sy hinzugeben, wi narchie durch e heuer viel dure nüſſen, durch müſſen uns det iſt ſchon das ſich mit Oeſte ſeines politſſch tommt es, wie Rußhud ſom zu zichen und das neue Ve wird durh d Pfand 6 Ve Kaiſer ſin H auch ihn vertr nun auf das( den Haß, der abet, wonit L ſcht unſerer ſich imner n eind ſſt es Kgen Ruhl ehen uns k Kriz uszh es vill mir part dazu vet⸗ ch mich ſoll ſo Schwieget⸗ nimmer gut, ifahre bei den nen thun ſich leiden können, t utionairs, der dem Blut des Ja, und ich ne Erzherzogin, der auf einem nen, die recht⸗ wieder fort⸗ Und wie ſoll echten Fragen tternich. ſo einmal aus⸗ uderer genhr⸗ er Kaiſer Franz nair, der da in t, und der ſich ganz ginet n giſer Franj und ſein klin Lone: I0) ichem 2 „Staatsmann 6 vor neuen neio 1 703 eigen Kind zum Opfer dargebracht. Es ſoll ein Pfand ſein, das den erſchöpften Völkern Oeſterreichs den Frieden ſichert. Oeſterreich iſt jetzt nicht in der Lage, einem neuen Angriff, wenn Napoleon ihn machen ſollte, mit Erfolg widerſtehen zu können. Unſere Grenzen ſind ſchutzlos und unbewahrt, unſere Finanzen ſind erſchöpft, keine Ausſicht iſt vorhanden, einen Krieg mit Erfolg führen zu können. Bis jetzt hat uns der Krieg nur Opfer an Geld, Land und Menſchen gekoſtet, und ſo lange wir allein ſtehen, ſo lange Rußland in dem unſinnigen Syſtem verharrt, ſich jedem franzöſiſchen Zweck als Mittel hinzugeben, wäre es aberwitzig und verbrecheriſch, auf's Neue die Mo⸗ narchie durch einen Krieg auf's Spiel zu ſetzen. Wir haben ſo unge⸗ heuer viel durch den Krieg verloren, daß wir jetzt einmal verſuchen müſſen, durch den Frieden das Verlorene wieder zu gewinnen. Wir müſſen uns deshalb mit Frankreich ausſöhnen, und dieſe Ausſöhnung iſt ſchon das erſte Paroli, das wir Rußland biegen. Da Napoleon ſich mit Oeſterreich verbünden will, ſo zeigt das ſchon eine Aenderung ſeines politiſchen Syſtems, die man pflegen und benutzen muß, und kommt es, wie das unvermeidlich iſt, dereinſt zu einem Bruch mit Rußland, ſo muß Oeſterreich ſuchen, daraus den beſtmöglichſten Nutzen zu ziehen und ſich wieder zu arrondiren. Man muß überhaupt ſuchen, das neue Verhältniß ſo nützlich als möglich zu machen. Napoleon wird durch die Erzherzogin von Seiten Oeſterreichs das koſtbarſte Pfand des Vertrauens beſitzen, denn er wird überzeugt ſein, daß der Kaiſer ſein Kind nicht aufopfern will, und dieſe Ueberzeugung wird auch ihn vertrauensvoll und ſicher machen. Oeſterreich verbindet ſich nun auf das Engſte mit Napoleons dynaſtiſchen Intereſſen, und thilt den Haß, der Napoleon in ganz Europa verfolgt. Eben dieſer Haß aber, womit Oeſterreich ſich belaſtet, giebt Napoleon eine neue Bürg⸗ ſchaft unſerer Treue. Er wird ſich immer enger mit uns verbinden, ſich immer mehr von Rußland abwenden, das Oeſterreichs natürlicher Feind iſt; es iſt daher beſſer, daß wir dereinſt mit Frankreich vereint gegen Rußland kämpfen, als daß Rußland mit Frankreich vereint gegen uns kämpfe. Zudem ſind wir nicht im Stande, einen neuen Krieg auszuhalten. Unſere Finanzen ſind zerrüttet, ein völliger Ruin 704 und Bankerott des ganzen Staats würde die unausbleibliche Folge eines neuen Krieges ſein, und wenn der Kaiſer ihn unternähme, ſetzte er alſo nicht blos die Zukunft ſeiner eigenen Dynaſtie, ſondern auch das Wohlergehn und das Hab und Gut ſeiner Unterthanen auf das Spiel. Dies Alles wohl erwogen, hat der Kaiſer in hochherziger Weisheit es vorgezogen, ſeinen geliebten Unterthanen den Frieden, die Quelle des Wohlſtandes, zu erhalten, und wie Abraham giebt er willig und freudig ſein eigen Kind als Opfer hin. Man muß den edlen Kaiſer dafür ſegnen und preiſen, und ſeine Weisheit, die die Vorurtheile verachtet und nur die Vortheile erwägt und achtet, dankbar anerkennen! — Das, Sire, ſchloß Metternich ſeine Rede, das würde ich demjenigen antworten, der es wagen ſollte, die Verheirathung der Erzherzogin mit dem Kaiſer Napoleon in meiner Gegenwart zu tadeln. Und es klingt halt Alles recht ſchön und gut, ſagte der Kaiſer nachdenklich, aber es bleibt doch immer ein ſchlimmes Gericht, das ich da auseſſen ſoll, und es will mir durchaus nit in den Mund hinein, zu ſagen:„mein Schwiegerſohn, der Kaiſer Napoleon.“ Es iſt nun einmal halt kein Kaiſer, und wenn er ſich auch drei Kronen aufeinander⸗ ſetzt und ſich ſogar erfrecht hat, meinen Orden des goldenen Vließes wider alle Ordnung und alle Regel in drei Klaſſen einzutheilen, es wird doch nimmer ein wirklicher Kaiſer aus ihm, ſondern er bleibt immer der arme Advocatenſohn. Den indeſſen der Pabſt als Kaiſer geſalbt und gekrönt hat, ſagte Metternich mit einem leiſen ſpöttiſchen Lächeln. Ja, und dafür hat auch dieſer undankbare Menſch den heiligen Vater ſeines Thrones und ſeines Landes beraubt und ihn in's Gefängniß geſchleppt! Und kurz und gut, ich kann halt den Napoleon nit leiden, hab' ihn niemals leiden können.'s war mir von jeher ein Aergerniß, wenn ich nur von dem Bonapart' und von ſeinen neuen Siegen und Triumphen hören mußt', und ſeit ich ihn damals nach der Schlacht von Auſterlitz perſönlich geſehen hab', ſeitdem kannich ihn nimmer mehr leiden.*) *) Kaiſer Franzens eigene Worte. Siehe: Hormayr, Kaiſer Franz und Metternich. Ein Fragment. Hut der Men und zu nir g erbürmlich vo Werd' ihm d doch jetzt alé Mettetnich, e Aber es mit einem fe die Hauptſas auch für uné Ruhe erwart Es iſt ſ nur das leb det Herr Be am Ende de Majeſt durch das dem Wohl ſo wetden E Vndes den giebt es kei Brider, ke echabener C In der Pol J wa der Kaſſer! nih vn ge wecde rich ſchluten m Mae gutes itali werden.“ Ja n darnn den Mihltach 705 ibliche Folge Hat der Menſch, der Advocatenſohn, mich damals hochmüthig angeſchaut, hme, ſetzte und zu mir geredt ſo vornehm und ſtolz, daß ich mir ganz klein und ſondern auch erbärmlich vorkommen bin, und gar nit wußt, was ich halt ſagen ſollt. nanf das Werd' ihm das nimmer vergeben, dem Herrn Bonaparte, und ſoll ihn hochherjger doch jetzt als meinen Schwiegerſohn annehmen. Ich ſag' Ihnen, Metternich, es taugt nichts und nimmt halt kein gut Ende. Aber es nimmt einen guten Anfang, Majeſtät, ſagte Metternich den edlen mit einem feinen Lächeln, einen guten Anfang für Oeſterreich, das iſt ie Voturtheile die Hauptſache. Wir werden dann ſchon Sorge tragen, daß der Anfang auch für uns einen guten Fortgang nehme, damit wir das Ende mit Ruhe erwarten können, und es nicht für uns zum Nachtheil ausſchlage. Es iſt ſchon recht, ſagte Franz mit leiſem Kopfnicken, aber es iſt nur das Uebele dabei, daß, wenn das ſchlimme Ende endlich kommt, der Herr Bonaparte doch endlich mein Schwiegerſohn iſt, und daß ich am Ende dann noch gar für ihn werd' Partei nehmen müſſen. Majeſtät, ſagte Metternich leiſe und mit einem vorſichtigen Blick durch das Zimmer, Majeſtät, wenn Sie jetzt keinen Anſtand nehmen, dem Wohl Ihres Landes Ihr eignes Kind zum Opfer darzubringen, ſo werden Ew. Majeſtät Sich ſpäter auch nicht ſcheuen, dem Wohl Ihres Landes den Schwiegerſohn zum Opfer darzubringen. In der Politik giebt es keine Verwandtſchaften, Oeſterreich hat keine Schweſtern und Brüder, keine Töchter und Schwiegerſöhne, das hat Ew. Majeſtät erhabener Oheim, der Kaiſer Joſeph, oft geſagt, und er hat Recht gehabt. Frieden, die giebt er willig w anerkennen! ſch demjenigen Erzherzogin ſte der Kaiſer ericht, das ich Mund hinein, Es iſt nun aufeinander⸗ enen Vließes nzutheilen, es ern er bleibt in ha ſchte In der Politik giebt es keine Schwiegerſöhne. 4 Ja wahrhaftig, er hat Recht, mein großer Oheim Joſeph, rief eiligen Int der Kaiſer lachend, in der Politik giebt's keine Schwiegerſöhne! Soll Gefingti mich von ganzer Seele freuen, wenn ich einſt mich an Herrn Bonaparte on nit lede⸗ werde rächen können für alle die Demüthigungen, die ich jetzt ver⸗ ein Aergerniß⸗ ſchlucken muß. n Siegen und Majeſtät, ſagte Metternich noch leiſer wie zuvor, es giebt ein ſehr Schlacht gutes italieniſches Sprichwort, das heißt:„Die Rache muß kalt gegeſſen nelrläden) werden.“ Kennen Ew. Majeſtät dieſes Sprichwort? Ja wohl, ich kenne es, flüſterte der Kaiſer, und ich werd' halt Frun 10 varan denken. Die Rache muß kalt genoſſen werden! Wenn man ſie Milhlbach, Napoleon. II. Bd. 45 706 heiß genießen will, verbrennt man ſich leicht ſelbſt die Zunge dabei. Warten wir alſo! Ja warten wir! flüſterte Metternich. Laut fragte er dann: Ew. Majeſtät wollen alſo gnädigſt die Brautwerbung des Kaiſers Napoleon annehmen, die Ehecontracte ausfertigen laſſen und es geſtatten, daß der Fürſt von Neufchatel, Marſchall Berthier, im Namen ſeines Kaiſers bei Ew. Majeſtät und bei der Erzherzogin um die Hand der kaiſer⸗ lichen Prinzeſſin werben? Ja, ich will's zugeſtehen, ſagte Franz zögernd, aber wiſſen's was? Ich fürcht' mich halt vor der Kaiſerin, meiner Gemahlin, was die ſagen wird, und auch vor der Marie Louiſe ſelber! Die Kaiſerin hat den Bonaparte nimmer leiden können, und ich weiß halt gar nit, wie ich's anfangen ſoll, ihr zu ſagen, daß der Mann, um deſſentwillen jetzt erſt wieder ſo viel öſterreichiſches Blut vergoſſen iſt, und dem ich zuletzt noch wieder die tapfern Tyroler und den braven Andreas Hofer habe opfern müſſen, daß der Mann jetzt unſer Schwiegerſohn werden ſoll. Und auch die Marie Louiſe wird ſich halt gar grauſam erſtaunen, und es wird viel Jammern geben, fürcht' ich. Ich meinte, die Erzherzogin würde ihr Geſchick leichter zu ertragen wiſſen, ſagte Metternich. Ich habe die kaiſerliche Hoheit zuweilen mit großer Bewunderung von den heroiſchen Eigenſchaften und Thaten des Kaiſers Napoleon ſprechen hören. Ja, das war zuweilen der Fall, ſagte Franz, aber ich verbot's ihr, ich ſetzt' ihr auseinander, wie viel Jammer und Elend der Bona⸗ parte über Oeſterreich und unſer Haus gebracht, und welch' ein grau⸗ ſamer, thranniſcher und blutgieriger Menſch es ſei, und meine Worte haben einen ſolchen tiefen Eindruck auf das Gemüth meiner gehorſamen Tochter gemacht, daß ſie ſeitdem den Bonaparte verabſcheut, und ſich vor ihm fürchtet wie vor einem Ungeheuer. Vielleicht wenn Ew. Majeſtät der Erzherzogin jetzt ſagen, daß der Kaiſer Napoleon doch nicht ſo ſchlimm ſei, ſagte Metternich lächelnd, wenn Ew. Majeſtät der Hoheit verſichern, daß der Kaiſer Napoleon doch wirklich ein ſehr großer und bewunderungswürdiger Mann ſei, und daß man ihm ſeine Lorbeeren als Ahnen anrechnen müſſe, ſo wirden die 2 der Erzherzo kommen, um herzogin ein gen, denn! und Prinzeſ et als grau Oberhofmei leidenſchaftl reich überha zeſſin von i Erzherzogin Frau Oberk caturbilder Gnade hit dem Kaiſer Ich ha der Kaiſer t Aher d bei der fei ſcht ihrlic wwanzig en thum faufe dem Herrn meinen Ge En. Majeſ ſie ein wah Frendigtit meinen V Sie! Ey. —— 5) Di Werkes: 9 unge dabei. dann: Ew. s Napoleon ſatten, daß der kaiſer⸗ iſſens was? as die ſagen rin hat den t, wie ich's en jetzt erſt m ich zuletzt Hofer hobe werden ſoll. taunen, und zu ertragen uweilen mit d Thaten ch verbots Bona⸗ der ein gral⸗ neine Worte gehorſamen ut, und ſich 85 per gen, daß der lächelnd, Napoleon „Mann ſe miſſe, o 707 würden die Worte Ew. Majeſtät ihren tiefen Eindruck auf das Gemüth der Erzherzogin nicht verfehlen, und ſie würde von ihrem Haß zurück⸗ kommen, um ſo mehr, wenn Ew. Majeſtät die Gnade hätten, der Erz⸗ herzogin ein wahres und echtes Portrait des Kaiſers Napoleon zu zei⸗ gen, denn bisher hat man Sorge getragen, den kaiſerlichen Prinzen und Prinzeſſinnen nur ſolche Bilder von Napoleon zu zeigen, auf denen er als grauſenerregende Carricatur dargeſtellt iſt. Ich weiß, daß die Oberhofmeiſterin der Erzherzogin, die Gräfin Colloredo,*) in ihrem leidenſchaftlichen Haß gegen den Kaiſer der Franzoſen und gegen Frank⸗ reich überhaupt, dies Mittel angewendet hat, um die kaiſerliche Prin⸗ zeſſin von ihrer Bewunderung für Napoleon zu heilen, und da die Erzherzogin nichts ſieht, nichts hört und lieſt, das nicht erſt von der Frau Oberhofmeiſterin geprüft worden, ſo kennt ſie auch nur Carri⸗ caturbilder von dem Kaiſer Napoleon. Wenn Ew. Majeſtät daher die Gnade hätten, der Erzherzogin ein wirkliches und treues Portrait von dem Kaiſer zu zeigen, ſo meine ich, würde das ſehr erſprießlich ſein. Ich habe aber kein wirkliches Portrait von dem Bonaparte, ſagte der Kaiſer verlegen. Aber der Marſchall Berthier hat ein Portrait mitgebracht, das er bei der feierlichen Werbung der Erzherzogin überreichen ſoll. Es iſt ſehr ähnlich und ſehr koſtbar. Die Faſſung des Portraits beſteht aus zwanzig enorm großen Solitairs, für deren Preis man ein Fürſten⸗ thum kaufen könnte. Ich habe mir das Portrait auf eine Stunde von dem Herrn Marſchall erbeten, der es mir zeigte, als ich ihm vorher meinen Gegenbeſuch machte, ich habe ihm ehrlich geſagt, daß ich es Ew. Majeſtät bringen wollte, um es der Erzherzogin zu zeigen, damit ſie ein wahres Bild des Kaiſers Napoleon ſähe und deshalb mit mehr Freudigkeit die Brautwerbung willkommen heiße. Der Marſchall hat meinen Wunſch erfüllt und mir das Portrait anvertraut. Sie haben's mitgebracht? Ew. Majeſtät zu Befehl! Hier iſt es! *) Die frühere Victoria von Poutet. Siehe die erſte Abtheilung dieſes Werkes:„Raſtatt und Jena“. Th. I. und II. 45 708 Metternich zog ein Maroquin⸗Etui aus ſeinem Buſen hervor und reichte es dem Kaiſer dar. Dieſer öffnete es haſtig und betrachtete dann eine Zeitlang ſchwei⸗ gend das koſtbare Medaillon. Es ſind in der That wundervolle So⸗ litairs, ſagte Kaiſer Franz, und ich bin überzeugt, der Bonaparte hat die nicht in der Erbſchaftsmaſſe ſeines Vaters, des Advocaten, ge⸗ funden. Nicht der kleinſte Fehler, die kleinſte Blaſe iſt an den Stei⸗ nen zu entdecken, glaub' halt nit, daß ich ſchönere Stein' in meiner Krone hab'! Und die Aehnlichkeit? fragte Metternich. Finden Ew. Majeſtät nicht, daß es ein ſehr gelungenes Portrait iſt? Ach ſo, rief Franz lachend, daß hätt' ich beinah' über den Steinen vergeſſen! Ja, das Bild iſt ähnlich, ſehr ähnlich, er ſchaut grad' ſo aus, aber, Sie müſſen's zugeben, es iſt halt ein abſcheuliches Geſicht! Er ſchaut eben aus, als wenn's auf der Welt nur Einen Menſchen giebt, und der Eine, das iſt Er! Den Damen imponirt aber der Ausdruck ſolchen Stolzes, ſagte Metternich lächelnd. Sie haben es gern, wenn der Mann, den ſie lieben, ſich einen Gott dünkt, und er iſt's auch in ihren Augen. Ich glaube wirklich, daß es gut wäre, wenn Ew. Majeſtät der Erzherzogin dies Portrait zuvor zeigten, und ihr dann erſt ſagten, es ſei das Por⸗ trait ihtes zukünftigen Gemahls. Ich werde, wenn es Ew. Majeſtät ſo gefällig iſt, während der Zeit die Kaiſerin Ludovica um eine Audienz bitten und Ihre Majeſtät von der Nothwendigkeit dieſer Vermählung zu überzeugen ſuchen. Thun's das, rief der Kaiſer freudig, es iſt mir halt ſehr lieb, wenn's das ſo bald als möglich thun. Ich will dafür auch ſogleich zur Erzherzogin gehen, ihr das Portrait zeigen und ihr rund heraus ſagen, daß es das Portrait ihres zukünftigen Gemahls iſt. Es iſt beſſer, ohne Umſchweife zu handeln. Auch wird die Prinzeſſin nicht zu opponiren wagen, ſie weiß ſchon, daß es die Pflicht einer gehorſamen Tochter iſt, den Gemahl anzunehmen, den ihr Vater für ſie ausgewählt hat. Gehen Sie zur Kaiſerin, Metternich, ich werd' mit dem Portrait zur Erzherzogin Marie Louiſe gehen. Die ke ſeit Koiſer lich ihr D großen Sy Spiele det zum driten Kinder ethe Fortgang d häuſer wit Söhne wa Franz, u herzogin liebte ſie e ſehr häufi Wenig im ihren Sp Auch in ihre G großen 5 jüngeren helz mit beiden i Woyolin mit ein Cs die dat Rahmen von den Reſleren hervor und vocaten, ge⸗ n den Stei⸗ n in meiner Fw. Majeſtit den Steinen Geſicht! Meenſchen tolzes, ſagte den ſie Ich rErherzogin Fw. Majeſtät eine Audienz Vermählung ſt ſehr lieb, ch ſogleich rund heraus eſſin nicht zu „ehorſamen aewählt ause n Portrat III. Die Erzherzogin Marie Pouiſe. Die kaiſerlichen Prinzen und Prinzeſſinnen hatten eben, wie das ſeit Kaiſer Joſephs Zeiten am Kaiſerhofe eingeführt war, gemeinſchaft⸗ lich ihr Diner eingenommen und verweilten noch zuſammen in dem großen Speiſeſaal, der zugleich der Tummelplatz der gemeinſchaftlichen Spiele der kaiſerlichen Kinder war. Kaiſer Franz, ſeit einiger Zeit zum dritten Mal vermählt, hatte doch nur von ſeiner zweiten Gemahlin Kinder erhalten, aber die Zahl derſelben war groß genug, um den Fortgang der Dynaſtie zu ſichern und zugleich einige andere Regenten⸗ häuſer mit ſchönen Fürſtinnen zu verſehen. Fünf Töchter und zwei Söhne waren die Hinterlaſſenſchaft der zweiten Gemahlin des Kaiſers Franz, und von dieſen ſieben Kindern war die ſiebenzehnjährige Erz⸗ herzogin Marie Louiſe das älteſte. Aber, obwohl alſo erwachſen, liebte ſie es, mit ihren jüngeren Geſchwiſtern zuſammen zu ſein, und ſehr häufig pflegte ſie daher, nach eingenommenem Diner, noch ein wenig im Kreiſe der Geſchwiſter zu verweilen, um Theil zu nehmen an ihren Spielen und Geſprächen. Auch heute hatte die Erzherzogin, ſtatt mit ihrer Oberhofmeiſterin in ihre Gemächer zurückzukehren, es vorgezogen, noch ein wenig im großen Familienſaal bei den Geſchwiſtern zu verweilen. Während die jüngeren Prinzen und Prinzeſſinnen an einem großen Tiſch von Eichen⸗ holz mit gemeinſchaftlichen Spielen beſchäftigt waren, hatten ſich die beiden älteſten Prinzeſſinnen, die Erzherzoginnen Marie Louiſe und Leopoldine, in eine der tiefen Fenſterniſchen zurückgezogen, um ungeſtört mit einander zu plaudern. Es war ein ſchönes Bild, dieſe beiden jungen Mädchen zu ſehen, die da von dem Fenſtergeſims und den Sammetvorhängen wie in einem Rahmen eingefaßt ſtanden, und deren liebliche, jugendfriſche Geſichter von dem durch das Fenſter hereinfallenden Tageslicht mit wunderbaren Reflexen beleuchtet wurden. Beide ſtanden ſie in voller Jugendblüthe, —————.——— 710 aber Marie Louiſe, die Aelteſte von ihnen, war auch zugleich die ſchönſte. Hellbraunes Haar umgab in vollen, zurückgeſchlagenen Locken ihre ſchön gewölbte Stirn von durchſichtiger Weiße. Ihre großen blauen Augen leuchteten von Frohſinn und Herzensgüte, ihre ſchöne feingebogene Naſe gab ihrem Geſicht einen edlen und ariſtokratiſchen Ausdruck, während ihre dicken purpurrothen Lippen dem ganzen, ſonſt ſo feinen und noblen Geſicht einen Hauch unſchuldiger Sinnlichkeit und Naturfriſche hinzu⸗ fügten. Ihre nicht große Geſtalt war reizend gebaut, die halb ent⸗ blößten Arme und Schultern von einer anmuthigen Ueppigkeit und Fülle, jede ihrer Bewegungen hatte etwas Harmoniſches, Weiches und Schmiegſames, und das Lächeln, das oft und gern ihre Lippen um⸗ ſpielte, gab ihrem ganzen Weſen einen reizenden Zug von Unſchuld und Natürlichkeit. Sie hatte ihren vollen ſchönen Arm um den Nacken ihrer jüngern Schweſter gelegt und ſah ſie mit zärtlichen Blicken an. Ach, Leopoldine, ſagte ſie mit ihrer friſchen, glockenreinen Stimme, welch ein Glück iſt es doch, daß wir wieder beiſammen ſind und ein⸗ ander endlich wieder haben. Als ich hier krank und allein zurückge⸗ blieben war, während der böſe Feind unſere Thore belagerte, da dachte ich immer nur an Dich und ſehnte mich unausſprechlich nach Dir. Aber als die Kugeln in unſere Burg ſchlugen, da dankte ich Gott, daß Du nicht da warſt und nicht nöthig hatteſt, die Angſt und Pein zu erdulden, die mich folterte. Oh, dieſer Bonaparte iſt Schuld daran, daß meine Krankheit noch einige Wochen länger anhielt. Als er kam, hatte ich blos das Scharlachfieber, aber die Angſt machte, daß ich das Wechſel⸗ fieber dazu bekam. Ich werde es ihm nie vergeben, dieſem Herrn Bonaparte. Aber Gott ſei Dank, daß dieſe ſchlimmen Zeiten endlich überwunden ſind und daß wir Frieden haben. Jetzt dürfen wir doch nicht fürchten, wieder von dieſem böſen Mann aus dem Schloß unſerer Väter vertrieben zu werden und unſer liebes Schönbrunn von ihm und ſeinen Marſchällen verpeſtet zu ſehen. Jetzt haben wir Frieden und können behaglich und glücklich in ungeſtörter Ruhe mit einander leben. Ja, das können wir, ſagte Erzherzogin Leopoldine lächelnd. Aber findeſt Du nicht, Schweſter, daß unſer Leben jetzt unendlich eintönig und langwei ſt geriß ei aber ſi hlt die Kinderſt denken, daß teiten und? wir in vner am Ende 1 gehabt. Ac eine Prinze frei und un certe und G tereſſante M warten, bis es gar nich gehen, kein nehmen; ei und mit de unſet einzig leben ja w bewacht, n Jo, d ſtrengen K Polde, ich meiſterin Ach, d gub es de Ich v Bücher zu ein Buch Schiller. uns giebt die geblie d. einzel ie ſchönſte nihre ſchön uen Augen k, während und noblen iſche hinzu⸗ e halb ent⸗ pigkeit und Weiches und Lippen um⸗ Unſchuld er jüngern „da dachte Dir. Aber tt, daß Du werdulden, daß meine s Wechſel⸗ Herrn endlich wir doch oß unſerer n ihm rrieden und und langweilig iſt? Unſere zweite Mutter, die Frau Kaiſerin Ludovica, iſt gewiß eine ſehr liebenswürdige, fromme und tugendhafte Dame, aber ſie hält uns wahrſcheinlich immer noch für kleine Kinder, die in die Kinderſtube gehören, und es fällt ihr deshalb nicht ein, daran zu denken, daß für junge Fürſtinnen unſeres Alters auch einige Feſtlich⸗ keiten und Zerſtreuungen nothwendig ſind. Den ganzen Winter haben wir in unerträglicher Stille und Eintönigkeit verlebt, jetzt ſind wir ſchon am Ende der Februar und haben noch nicht einen einzigen Hofball gehabt. Ach, Louiſe, es hat doch auch ſeine Unbequemlichkeit und Laſt, eine Prinzeſſin zu ſein. Alle jungen Mädchen unſeres Alters können frei und ungehindert das Vergnügen genießen, Bälle beſuchen, in Con⸗ certe und Geſellſchaften gehen, wo ſie viele neue Geſichter, viele in⸗ tereſſante Menſchen ſehen. Wir dürfen das Alles nicht, wir müſſen warten, bis das Vergnügen uns aufſucht, und unglücklicherweiſe denkt es gar nicht an uns! Wir dürfen nicht zu andern Leuten in's Haus gehen, keine Einladungen zu Bällen, Concerten und Geſellſchaften an⸗ nehmen; ein ſteifer Hofball, bei dem wir einige Stunden erſcheinen und mit den erſten und vornehmſten Cavaliers tanzen dürfen, das iſt unſer einziges Vergnügen, und auch dies entzieht man uns jetzt. Wir leben ja wie Gefangene in unſern Gemächern, und werden auch darin bewacht, wie Gefangene. Ja, das iſt wahr, ſeufzte Marie Louiſe, und wir haben einen ſehr ſtrengen Kerkermeiſter an der Frau Gräfin Colloredo. Weißt Du, Polde, ich habe heute eine heftige Scene mit unſerer Frau Oberhof⸗ meiſterin gehabt. Ach, das freut mich, das freut mich, rief Leopoldine lachend. Was gab es denn? Ich wollte leſen und bat geſtern die Oberhofmeiſterin, mir neue Bücher zu geben. Sie vertagte es auf heute, und heute bringt ſie mir ein Buch, das ich verlangt hatte, die Jungfrau von Orleans von Schiller. Aber verſtümmelt und verunſtaltet, wie alle Bücher, die man uns giebt. Ganze Seiten waren ausgeſchnitten, und auf allen Seiten, die geblieben, fanden ſich dieſe dicken, unerträglichen ſchwarzen Striche, die einzelne Zeilen und Worte unleſerlich machen, und welche die 712 Frau Oberhofmeiſterin ſo freigebig an alle Bücher, welche wir leſen, verſchwendet.*) Ja, es iſt wahr, ſeufzte die jüngere Erzherzogin, kein einziges gutes Buch kann man im Zuſammenhang leſen, überall ausgeriſſene Seiten, ſchwarz übertünchte Zeilen, durch welche der Zuſammenhang unterbrochen wird und die Einem jede Luſt an der Lectüre rauben. Was thateſt Du alſo nun mit dem Buch, geliebte Schweſter? Ich warf das Buch verächtlich bei Seite und bat die Frau Ober⸗ hofmeiſterin um die neueſten Zeitungen. Sie brachte ſie mir, aber überall dieſelben ſchwarzen Striche, nicht blos Alles, was aus Frank⸗ reich gemeldet war, ſondern auch ſogar die Nachrichten aus Wien waren heute faſt unleſerlich, Zeilen herausgeſchnitten, Worte durchſtrichen, eine halbe Spalte ganz und gar verſchwunden. Jetzt fühlte ich mich em⸗ pört und auf's Aeußerſte gebracht. Ich gab der Oberhofmeiſterin das Zeitungsblatt zurück und ſagte:„Madame, es iſt wahrſcheinlich eine Verwechſelung vorgefallen. Dieſe Zeitung ſollte ohne Zweifel in das Kinderzimmer gebracht werden, zu den kleinen Erzherzoginnen, damit ſie daran buchſtabiren lernen; ich aber kann nicht blos buchſtabiren, ſondern auch leſen, und ich bitte daher, daß man mir leſerliche Bücher und leſerliche Zeitungen gebe.“ Oh! rief Leopoldine, die Hände fröhlich in einander ſchlagend, oh, das iſt wundervoll! Du haſt gehandelt wie eine Heldin, meine liebe Schweſter! Marie Louiſe fuhr lächelnd fort:„Madame, ſagte ich weiter, ich kann dies Ueberwachungsſyſtem nicht mehr ertragen. Es kränkt und beleidigt mich, daß man mich immer noch wie ein Kind behandelt und mir nicht ſo viel Geiſtesſtärke zutraut, daß ich, ohne Schaden zu neh⸗ men, Bücher leſen könnte, die Tauſende junger Mädchen in meinem Alter doch leſen und leſen dürfen, da man ſie überall verkauft. Oder wollen Sie mich etwa glauben machen, Frau Gräfin, daß alle Bücher und alle Zeitungen ſo zerriſſen, zerſchnitten und durchſtrichen nach Menneval, Napoléon et Marie Louise. Souvenirs historiques. Vol. I. p. 283. Oeſtereich kon Obetvomund pören würde, Geiſtesnahrun Revolution ke Tante Marie Das ſat Du nur den Ich muf drei Tagen! gemacht und Gelegenheit d lich ſatt, imn ein erwachſen Ach ver ſchreckichen natürlich nic wöhnlicher N imwer nur d Wir Prinzeſſ ſehen, mit d und die uns Gleichv ungeduldig. und haben n ubedingt zu Kaiſerin Lut Eünette be ſehn Uhr be ſondern zu ſogar, die! Uns la ſin ihr vie che wir leſen, kein einziges ausgeriſſene uſammenhang ctüre rauben. eſte? ſie mir, aber s aus Frank⸗ Wien waren ſtrichen, eine ich mich em⸗ fmeiſterin das einlich eine eifel in das n, damit buchſtabiren, erliche Bücher er ſchlagend, in meinen kauft. Odet ß glle Bücher en nach 713 Oeſterreich kommen? Oh, ich weiß wohl, daß das Volk ſich dergleichen Obervormundſchaft nicht mehr gefallen laſſen, daß es ſich dagegen em— pören würde, und daß, wenn man es verſuchen wollte, ihm ſo ſeine Geiſtesnahrung zu verſtümmeln, es ganz gewiß auch bei uns zu einer Revolution käme, wie in Frankreich zu Zeiten meiner unglücklichen Tante Marie Antoinette.“ Das ſagteſt Du? fragte Leopoldine erſtaunt. Aber wo fandeſt Du nur den Muth und die Worte? Ich muß Dir geſtehen, ſagte Marie Louiſe, ich hatte ſchon ſeit drei Tagen darüber nachgedacht und mir im Geiſte dieſe kleine Rede gemacht und auswendig gelernt, um ſie bei der erſten ſich darbietenden Gelegenheit der Frau Oberhofmeiſterin vorzutragen. Ich habe es end⸗ lich ſatt, immer noch wie ein Kind behandelt zu werden, da ich doch ein erwachſenes Mädchen bin, das alle Tage vermählt werden kann. Ach vermählt, ſeufzte Leopoldine. Wer weiß, an was für einen ſchrecklichen Fürſten man uns vermählt. Denn gefragt werden wir natürlich nicht, und es wird uns nicht ſo gut als den Töchtern ge⸗ wöhnlicher Menſchen, die, wie mir meine Kammerfrau erzählt hat, immer nur den Mann heirathen, der ihnen gefällt und den ſie lieben. Wir Prinzeſſinnen müſſen Männer heirathen, die wir noch niemals ge⸗ ſehen, mit denen wir erſt nach der Vermählung das erſte Wort ſprechen, und die uns vielleicht ganz und gar nicht gefallen. Gleichviel, die Vermählung macht uns doch frei, rief Marie Louiſe ungeduldig. Wir ſind dann wenigſtens doch unſere eigenen Herrinnen und haben nicht mehr nöthig, uns dem Zwang der Oberhofmeiſterinnen unbedingt zu fügen. Du ſiehſt das an unſerer zweiten Mutter, der Kaiſerin Ludovica. Sie hat durch eigene Machtvollkommenheit die Etiquette bei Seite geſchoben und hat jetzt jeden Abend von acht bis zehn Uhr bei ſich offenen Zirkel, wo ſie nicht die Hofchargen empfängt, ſondern zu denen ſie Einladungen ergehen läßt, oft an ſolche Perſonen ſogar, die nicht einmal dem höchſten Adel angehören. Uns ladet ſie aber nicht dazu ein, rief Leopoldine ſpöttiſch. Wir ſind ihr vielleicht von zu hohem Adel. Aber Du haſt Recht, Louiſe, 714 wenn wir verheirathet ſind, werden wir auch das Recht haben, die Eti⸗ quette zu verändern und nach unſerer Neigung zu leben. Wenn ich verheirathet bin, weißt Du, was ich dann zu allererſt thue? fragte Marie Louiſe raſch. Dann laſſe ich mir alle die Bücher kaufen, welche ich jetzt geleſen habe, und dann leſe ich alle diejenigen Stellen, die man uns jetzt durchſtrichen und weggeſchnitten hat.“*) Das ſind gewiß die intereſſanteſten und ſchönſten Stellen in den Büchern, und es iſt in ihnen gewiß von Liebe die Rede. Ach, Leopoldine, ich möchte wohl einmal ein Buch leſen, das eine recht romantiſche Liebes⸗ geſchichte enthielte, und bei dem man ſo recht ſchwärmen und träumen kann! Aber, mein Gott, was jauchzen und lärmen denn die Kinder ſo ſehr? Komm, laß uns einmal ſehen, was ſie haben. Ja, komm, laß uns mit ihnen ſpielen, rief Leopoldine. Arm in Arm traten die Prinzeſſinnen aus der Fenſterniſche und eilten zu dem Tiſch hin. Die kleinen Erzherzoginnen waren mit ihren Brüdern in einem, wie es ſchien, höchſt intereſſanten Spiel begriffen, dem ihre ſie beaufſichtigenden Gouvernanten mit lächelndem Antheil zuhörten. Sie umſtanden den großen runden Tiſch, auf welchem in zierlich geordneten Reihen eine kleine Armee von Wachsfiguren in grünen und blauen Uniformen aufgeſtellt war. An der Spitze dieſer Arme ſtand eine etwas größere Figur von der unförmlichſten und abſchreckendſten Miß⸗ geſtalt. Es war eine kleine Figur mit hohen Schultern, dickem Bauch, großem Höcker auf dem Rücken und mit einem unnatürlich großen Kopf. Das Geſicht von ſchwärzlich grüner Farbe, darin zwei kugelrunde Augen von wüthendem Ausdruck, und einem ungeheuer großen Mund ohne Lippen, aus welchem zwei Reihen gefletſchter gelber Zähne hervorkamen. Bekleidet war dieſe Figur mit einer grünen Uniform, die auf der Bruſt, an den Aermeln und am Halſe mit breiten weißen Aufſchlägen ver⸗ ſehen war; auf dem Kopfe trug ſie einen kleinen und niedrigen Hut. Dieſer Armee von Wachsfiguren gegenüber war eine Reihe kleiner, metallener Kanonen aufgeführt, und daneben lagen kleine zierliche Arm⸗ brüſte mit Pfeilen, deren Spitzen aus kleinen Stecknadeln beſtanden. G n 8 85 *) Menneval, I. S Die leinn M Euiſn gfill Das Spie clen den Feldz Die leinen Ei niere bei den! Analie waren Die Kan zoginnen hatte der kleinen Ar Kinderſchaar i kugel einen So Wos iſt d lachend, inden glühenden Au Dos iſt ſclz. Der Pa Ofen waren, Vir haben es wieder prohire da vor der F Fürſten Lnde ganz ven Erz hat er auf de darum mß n wenn ſi man und hat das G Oh, ich enn es oft ſelbſt Flucht warer hat mich auc höhnen muß — Manne haben, die Eti⸗ nn zu alleretſt ile die Bücher alle diejenigen en hat.*) Das den Büchern, Nopoldine, ich antiſche Hiebes⸗ nund träumen die Hinder ſo Arm in ilten zu dem en Brüdern in dem ihre ſie lich geordneten n und blauen und eine etwas dſten Miß⸗ dicem Bauch, großen Kopf un nde Augen n Mund ohne ervorkamel⸗ Bruſt, ſdel— ſchlägen ver⸗ eihe leiner, zierliche Mm⸗ 5 heſtanden⸗ 715 Die kleinen Munitionswagen für die Kanonen waren mit ſchwarzen Erbſen gefüllt. Das Spiel hatte ſo eben begonnen. Die kaiſerlichen Kinder hatten eben den Feldzug gegen die feindliche Armee von Wachsfiguren eröffnet. Die kleinen Erzherzöge Ferdinand und Franz Carl ſtanden als Kano⸗ niere bei den Kanonen, die Erzherzoginnen Clementine, Caroline und Amalie waren jede bewaffnet mit einer kleinen Armbruſt. Die Kanoniere ſchoſſen auf die Reihen der Soldaten, die Erzher⸗ zoginnen hatten ihre Pfeile hauptſächlich auf den fürchterlichen Anführer der kleinen Armee gerichtet. So oft ein Pfeil ihn traf, brach die ganze Kinderſchaar in lautes Triumphgeſchrei aus, und ſo oft eine Kanonen⸗ kugel einen Soldaten der Armee niederſtreckte, entſtand ein froher Jubel. Was iſt denn das für ein allerliebſtes Spiel? fragte Marie Louiſe lachend, indem ſie mit Wohlgefallen die gerötheten Wangen und die glühenden Augen ihrer kleinen Geſchwiſter betrachtete. Das iſt das Bonaparteſpiel, rief der kleine Erzherzog Franz Carl ſtolz. Der Papa Kaiſer hat mir dies Spiel geſchenkt, als wir noch in Ofen waren, und er hat mich auch gelehrt, wie man's ſpielen muß. Wir haben es lange nicht geſpielt, aber heute wollen wir's einmal wieder probiren. Sehen Sie, Schweſter Louiſe, dieſer abſcheuliche Kerl da vor der Front, das iſt der Schurke, der Bonaparte, der jetzt aller Fürſten Länder ſtiehlt und ein rechter Dieb und Räuber iſt. Er iſt ganz von Erz und kein Pfeil kann ihm was anhaben, aber eine Stelle hat er auf der Bruſt, da wo das Herz ſitzt, die iſt von Wachs, und darum muß man beim Schießen immer nach der Stelle hinzielen, und wenn ſie man trifft, ſo bleibt der Pfeil ſitzen, und dann iſt man Sieger und hat das Spiel gewonnen, und bekommt die ausgeſetzte Belohnung. Oh, ich kenne das Bonaparteſpiel ganz genau, der Papa Kaifer hat es oft ſelbſt gnädigſt mit mir in Ofen geſpielt, als wir noch auf der Flucht waren vor dieſem gräßlichen Bonaparte, und Seine Majeſtät hat mich auch gelehrt, wie man den Bonaparte ausſchimpfen und ver⸗ höhnen muß.*) Hört nur zu, Schweſtern! *) Menneval, 1. S. 284. 716 Er nahm der kleinen Erzherzogin Marianne die zierliche kleine Armbruſt fort und legte einen der Pfeile auf die geſpannte Sehne. Nun ſchau auf, Du erbärmlicher Menſch, rief er dabei mit zor⸗ niger Stimme und blitzenden Augen, jetzt tödte ich Dich ohne Erbar⸗ men. Du Dieb, der Du uns Venedig und Mailand geſtohlen haſt, Du mußt ſterben! Er drückte den Pfeil ab, aber dieſer prallte von der kleinen Figur ab und fiel zu ihren Füßen nieder. Fehlgeſchoſſen! Fehlgeſchoſſen! ſchrie und lachte die kleine Schaar. Jetzt bin ich an der Reihe, rief dann die Erzherzogin Marianne, in⸗ dem ſie dem Bruder die Armbruſt wieder entriß. Sie legte einen Pfeil auf, und ihre Augenbrauen finſter zuſammen⸗ ziehend, das lachende kleine Geſicht zu düſterem Ernſt zwingend, rief ſie: Nun zittere, Du böſer, abſcheulicher Menſch, denn ich werde Dich todt machen. Das iſt dafür, daß Du uns zwei Mal aus Wien fort⸗ gejagt haſt, daß wir uns ſo haben ängſtigen und uns vor Dir haben verkriechen müſſen, während Du in Herrlichkeit und Freuden in unſern Schlöſſern gewohnt haſt. Das iſt dafür, daß Du uns unſere Soldaten todt geſchoſſen und unſere Kanonen genommen haſt. Du biſt ein ganz erbärmlicher, ſchlechter Räuber und Dieb, und darum ſchieße ich Dich jetzt todt, damit Du keine Menſchen mehr morden und keine Kaiſer mehr verjagen kannſt, Du Räuber und Mörder! Sie ſchoß ihren Pfeil ab; indeß blieb er ebenſo wirkungslos, wie der des kleinen Erzherzogs, und ein ſpottendes Gelächter der Geſchwiſter beſtrafte ſie für ihre Ungeſchicklichkeit. Das iſt ja ein allerliebſtes Spiel, rief die Erzherzogin Marie Louiſe lachend. Komm, Leopoldine, laß uns Theil nehmen an dem Bonaparteſpiel, und auch verſuchen, ob wir ihn zu tödten vermögen. Die Prinzeſſinnen ſetzten ſich lachend zwiſchen den kleinen Erz⸗ herzögen nieder und nahmen nun Jede eine der kleinen Armbrüſte. Ich bitte Dich, laß mich zuerſt ſchießen, liebe Schweſter, rief Leo⸗ poldine eifrig. Sieh, da liegt ſchon mein Pfeil! Nun lege ich auf Dich an, Du böſer Bonaparte, nun will ich an Dir Rache nehmen für alles Leid, das Du uns gethan. Deine letzte Stunde iſt gekommen, falte Deine di nicht beten, der Gewiſen, Du gungen an Ge Vater zu Ron hewachen und Pater nun a Hölle überlief brecher, den t und Abſoluti Du dahin fah Sie dric ſchwiſter prall Die lbei ſchungen ihre gemacht, fül brachen in ei Jtzt it Armbruſt val druck tiefſtet ſie emſt, ja von Dir, d ſchenpfer zu Länder, und Du mßt a ausſchuſt. Rben, weil tödten, Du kein Weger Sie le Ein e Figun fiſt Hura ſierliche leine unte Sehne. dabei mit z⸗ ch ohne Erbar⸗ geſtohlen haſt, et kleinen Figur e kleine Schaar. Marianne, in⸗ nſter zuſammen⸗ zwingend, rief ich werde Dich Wien fort⸗ or Dir haben en in unſem e Soldaten u biſt ein ganz ſchieße ich Dich d keine Kaiſer der Geſchwiſter herzogin Marie el nun an dem ten vermögen⸗ en kleinen Erz⸗ Ambriſt weſter, rief Lo⸗ lege ich uf Rache nehmen ſ gekommen, falte Deine Hände und bete, wenn Du beten kannſt! Aber Du kannſt nicht beten, denn Du haſt ein von Sünden und Verbrechen beſchwertes Gewiſſen, Du kannſt nicht beten, denn Du haſt Dich freventlich ver⸗ gangen an Gott, da Du ſeinen Stellvertreter auf Erden, den heiligen Vater zu Rom, gemißhandelt, verhöhnt haſt, und ihn als Gefangenen bewachen und herumſchleppen läßt. Dafür aber hat Dich der heilige Vater nun auch in den Bann gethan und Du biſt verflucht und der Hölle überliefert, und jeder ehrliche Chriſt wendet ſich von dem Ver⸗ brecher, den der Bannſtrahl des Papſtes getroffen hat. Ohne Beichte und Abſolution ſollſt Du jetzt ſterben, und in Deinen Sünden ſollſt Du dahin fahren! Sie drückte den Pfeil ab, aber gleich denen ihrer kleinen Ge⸗ ſchwiſter prallte er an der ehernen Figur ab und fiel vor ihr nieder. Die kleinen Erzherzoginnen und Prinzen, die bei den Verwün⸗ ſchungen ihrer Schweſter ein ganz ernſthaftes und beklommenes Geſicht gemacht, fühlten ſich jetzt wie von einer drückenden Laſt befreit und brachen in ein um ſo friſcheres und fröhlicheres Gelächter aus. Jetzt iſt die Reihe an mir, rief Marie Louiſe, und indem ſie die Armbruſt nahm, richtete ſie ihre großen blauen Augen mit dem Aus⸗ druck tiefſter Verachtung auf die Figur hin. Du mußt ſterben, ſagte ſie ernſt, ja, ſterben mußt Du, Bonaparte, ich will die Welt befreien von Dir, denn Du biſt wie der Minotaur, der alle Tage ein Men⸗ ſchenopfer zum Frühſtück haben mußte. Du verſchlingſt Menſchen und Länder, und das Wehegeſchrei der Völker dünkt Deinen Ohren Muſik. Du mußt auch ſterben, weil Du ſo abſcheulich häßlich und widerlich ausſchaueſt. Gott hat Dich gezeichnet und Dir eine Mißgeſtalt ge⸗ geben, weil auch Deine Seele mißgeſtaltet iſt. Ich will Dich alſo tödten, Du Kobold, Du Ungehener, damit die Augen der Menſchen kein Aergerniß mehr an Dir haben. Sie legte den Pfeil auf die Sehne und ſchoß. Ein einziger ungeheurer Schrei ertönte.— Der Pfeil ſaß in der Figur feſt. Marie Louiſe hatte den Bonaparte getroffen. Hurrah, die Erzherzogin Marie Louiſe iſt die Siegerin! ſchrieen 718 die Kleinen. Das Ungeheuer iſt todt! Der Dieb und Räuber lebt nicht mehr! Der Verbrecher, der Schuft— Was geht denn hier vor? Wen ſchmäht Ihr denn halt gar ſo grauslich? fragte eine Stimme hinter ihnen, und als die Kinder ſich umwandten, ſahen ſie ihren Vater, den Kaiſer Franz, der, von ihnen unbemerkt, eingetreten war. Wir ſchmähen das Ungeheuer, den boshaften Räuber, Papa Kaiſer, rief die Erzherzogin Marianne, auf die Figur deutend. Ew. Majeſtät, lieber Papa Kaiſer, rief der kleine Franz Carl eifrig, denken Sie nur, die Marie Louiſe hat den Bonaparte gerade durch's Herz geſchoſſen. Nun iſt er todt, das abſcheuliche Ungeheuer, nun kann er uns nichts mehr rauben und ſtehlen, der gräuliche Dieb und Räuber! Jeſus Maria, rief der Kaiſer, wie kannſt Du halt nur ſo ſchmähen, mein Sohn, und ſolche reſpectwidrige Schimpfworte gegen den großen und berühmten Kaiſer Napoleon ausſtoßen? Der Knabe ſchaute verwundert und faſt entſetzt zu dem Kaiſer auf. Ew. Majeſtät, ſagte er ſchüchtern, Sie haben mir aber ſelbſt geſagt, daß man nicht genug ſchelten kann auf den Napoleon, und daß, wer ein ordentlicher Habsburger iſt, den nichtswürdigen Räuber haſſen und verwünſchen muß. Es ſind Ew. Majeſtät eigene Worte, Herr Papa Kaiſer. Ich hab's halt nur im Spaß geſagt, rief der Kaiſer eifrig, und ein kluger Prinz, wie Du, muß das gleich gemerkt haben. Jetzt aber red' ich ernſthaft, und ich verbiet's, daß Einer von Euch das dumme Spiel da nur ein einziges Mal mehr ſpielt und nur ein einziges böſes Wort wieder gegen den Kaiſer Napoleon ſagt. Das iſt ein ſehr be⸗ rühmter und ausgezeichneter Mann, ein ſehr großer Kaiſer, den alle Welt liebt und preiſt— Papa Kaiſer, rief der Erzherzog Franz Carl erſtaunt, Ew. Ma⸗ jeſtät haben mir aber damals zu Ofen geſagt, daß alle Welt den Bo⸗ naparte verabſcheut und haßt, und— Du biſt ein näſeweiſer dummer Bub'! rief der Kaiſer heftig. Was ich damals geſagt hab', das gilt halt jetzt nit mehr. Denn damals waren wir im aber hben vi und ein ſo lieb ih hob, anvet und lieben wi biſes Wort m dern ihn Alle, ſpielt werden. Die Prit geſchlagenen 7 Erzherzogin Le Hab Dic Ohethofmeiſter Etwas mit D Es war ufen zu laſſe Majeſtit daß Nein kon wollews urz Er wat die Porhinge ich wil Dir Dir gʒfillt? Er ffne trachtete es lo ſich hiher zu Nun? fr Majſtit ſein, rief die ſchauen Eine gwoßartig it breiten Stir nüthiges un itlich drein d Räuber lebt enn halt gar ſo die Kinder ſich der, von ihnen r Papa Hiſet, ine Franz Carl onaparte gerade ſche Ungeheuer, gräuliche Dieb ur ſo ſchmähen, gen den großen zu dem Kaiſer mir aber ſelbſt Napoleon, und ürdigen Räuber teigene Worte, ſer eifrig, und Jetzt aber ſch das dumme inziges böſes ſt ein ſchr be giſer, den glle unt, Ew. Ma⸗ qa⸗ Pelt den Bo⸗ 719 waren wir im Krieg und der Kaiſer Napoleon war unſer Feind. Jetzt aber haben wir Frieden und der Kaiſer Napoleon iſt unſer Freund, und ein ſo lieber Freund, daß ich ihm halt das Liebſte und Beſte, was ich hab', anvertrauen könnt, und gewiß wär', daß er's in Ehren halten und lieben würd'! Alſo merkt Euch meinen Befehl, Ihr Alle, kein böſes Wort mehr gegen den Kaiſer Napoleon. Wir lieben und bewun⸗ dern ihn Alle, und das dumme Spiel da, das ſoll niemals mehr ge⸗ ſpielt werden. Es ſoll bei Seit' gebracht werden, ein für alle Mal. Die Prinzen und Prinzeſſinnen ſaßen angſtvoll und mit nieder⸗ geſchlagenen Augen da, der Kaiſer wandte ſich von ihnen und gab der Erzherzogin Louiſe einen Wink, ihm zu folgen. Hab' Dich in Deinen Gemächern aufſuchen wollen, ſagte er, die Oberhofmeiſterin ſagte mir, daß ich Dich hier finden würde! Hab' Etwas mit Dir zu reden! Es war ſehr gnädig, daß Ew. Majeſtät mich aufſuchten, ſtatt mich rufen zu laſſen, ſagte die Erzherzogin, ſich verneigend. Befehlen Eure Majeſtät, daß ich Ihnen in Ihr Cabinet folge? Nein, komm hier einmal in die Fenſterniſche, ſagte der Kaiſer, wir wollen's kurz machen. Ich will Dir blos etwas zeigen. Er trat mit der Prinzeſſin in die letzte Fenſterniſche und ſchlug die Vorhänge hinter ihnen Beiden zuſammen. Nun ſchau, ſagte er, ich will Dir ein Portrait zeigen und Du ſollſt mir ſagen, wie es Dir gefällt? Er öffnete das Etui und hielt es der Erzherzogin dar. Sie be⸗ trachtete es lange mit ernſten, ſinnenden Blicken, ihre Wangen begannen ſich höher zu röthen und ein Lächeln umſpielte ihre üppigen Lippen. Nun? fragte der Kaiſer. Was ſagſt zu dem Mann? Majeſtät, das muß ein ſehr erhabener, ſehr ausgezeichneter Mann ſein, rief die Erzherzogin glühend. Es iſt ein Geſicht, bei deſſen An⸗ ſchauen Einem das Herz klopft, und das mehr iſt, als blos ſchön, das großartig iſt. Welche Majeſtät liegt in dem Antlitz, thronet auf der breiten Stirn, und doch hat das Lächeln Zieſer Lippen ſo etwas Weh⸗ müthiges und Kindliches, und die großen Augen ſchauen ſo milde und göttlich drein, wie Sternenfunkeln. 720 Schau ihn Dir recht an, lächelte der Kaiſer, und genire Dich nit, verlieb Dich nur recht in das ſchöne Mannesbild. Denn ich will Dir etwas anvertrauen, Louiſe, es iſt das Portrait Deines zukünftigen Herrn Gemahls. Das Antlitz der Erzherzogin übergoß ſich mit dunkler Purpur⸗ gluth, und halb beſchämt, halb angſtvoll heftete ſie ihre Augen wieder auf das Bild. Ja, fuhr der Kaiſer ernſter fort, es iſt das Portrait Deines Ge⸗ mahls, und Du wirſt noch heute ſeinen Abgeſandten empfangen, der bei Dir um Deine Hand werben wird. Meine Einwilligung hat er bereits, und ich weiß, meine Tochter kennt ihre Pflicht und wird gehor⸗ ſam und freudig den Gemahl annehmen, den ich ihr beſtimmt habe. Ja, flüſterte die Erzherzogin, ich weiß, daß dies meine Pflicht iſt, und ich unterwerfe mich demuthsvoll dem Willen und Befehl meines Herrn und Vaters. Und es iſt halt eine große Beſtimmung, die das Schickſal Dir giebt, rief der Kaiſer ernſt. Du ſollſt der Welt den Frieden erhalten, meine Tochter, ſollſt das Band der Verſöhnung ſein zwiſchen Denen, die ſich bis jetzt gehaßt und bekriegt haben. Sire, rief die Erzherzogin angſtvoll, Ew. Majeſtät haben mir noch nicht geſagt, weſſen Portrait dies iſt. Und wen ich zu Deinem Gemahl beſtimmt habe, ergänzte der Kaiſer. Ich will's Dir jetzt ſagen, aber ſei muthig und ſtandhaft, meine Toch⸗ ter, und denk' daran, daß Du mir unbedingt gehorchen mußt. Ich werde daran denken, Ew. Majeſtät! Nun denn! Hab' ich nicht vorher, als ich hier eintrat, gehört, daß die Kinder jubelten, Du habeſt den Kaiſer Napoleon grad' durch's Herz getroffen? Ich ſpielte mit den Kindern, Majeſtät, und— Und jetzt ſoll aus dem Spiel Ernſt werden, und Du ſollſt Dich bemühen, den Bonaparte in's Herz zu treffen, daß er Dich liebt und Dir vertraut. Denn ſchau einmal, meine Tochter, dies Bild, das Du ſo ſchön fandeſt, es iſt halt das richtige und ſehr ähnliche Portrait des Kaiſers Napoleon, und Er wird Dein Gemahl werden. Die Eizl und ſchwankte Der Kaiſ Fautenil nied waren jetzt to herunter. Merkwi mumilte der nen vier Fra ſo fallen's h ſie wachen do Mir iſt s liebe titt. Was ſie Erſchlu Moypoldine, r ner Schweſt worden. Ab aufwacht, oh met. Da wi Mätz, der 9 hren ſei Berlin. 3 Theinahme ſ erlauben wünſche da Ni hllach,3 nich will Dir es zukünftigen unkler Purpur⸗ Augen wiedet it Deines Ge⸗ pfangen, der Befehl meines Schicſol Dir den echalten, Die Erzherzogin Marie Louiſe antwortete nur durch einen Schrei und ſchwankte taumelnd an die Wand. Der Kaiſer nahm ſie in ſeine Arme und ließ ſie ſanft auf den Fauteuil nieder, der in der Niſche ſtand. Marie Louiſens Wangen waren jetzt todesbleich, ihre Augen geſchloſſen, ihre Arme hingen ſchlaff herunter. Merkwürdig, was die Frauenzimmer leicht in Ohnmacht fallen, murmelte der Kaiſer. Hab' halt die Erfahrung gemacht bei all' mei⸗ nen vier Frauen. Wenn's nichts Beſſeres zu thun und zu ſagen wiſſen, ſo fallen's halt in Ohnmacht. Alle Vier haben's ſo gemacht! Aber ſie wachen doch immer wieder auf, und die Loniſe wird auch aufwachen. Mir iſt's lieber, daß ſie ohnmächtig iſt, als daß ſie jammert und lamen⸗ tirt. Was ſie wiſſen ſoll, weiß ſie jetzt, und wird ſich darnach richten. Er ſchlug die Vorhänge auseinander und trat wieder in den Saal. Leopoldine, rief er der Erzherzogin zu, geh' einmal da hinein zu Dei⸗ ner Schweſter, der Marie Louiſe. Sie iſt ein biſſel ohnmächtig ge⸗ worden. Aber es hat weiter nichts zu ſagen. Red' ihr zu, daß ſie aufwacht, ohne Aufſehen zu machen, und dann führe ſie auf ihr Zim⸗ mer. Da wird ſie Dir erzählen, was ihr paſſirt iſt. IV. Der Geburtstag der Rönigin. Frohſinn und Luſt herrſchte heute in Berlin. Es war der zehnte März, der Geburtstag der Königin, und zum erſten Mal ſeit drei Jahren feierte die Königin dieſen Tag wieder in der Reſidenzſtadt Berlin. Jedermann beeilte ſich daher, der Königin ſeine Liebe, ſeine Theilnahme zu beweiſen, aus allen Ständen waren Geſuche ergangen, zu erlauben, daß man durch Deputationen der Königin ſeine Glück⸗ wünſche darbringe. Die Königin hatte freundlich zugeſagt, und die Mihlbach, Napoleon. II. Bd. 46 722 Deputationen des hohen Adels, der Stände, der Geiſtlichkeit, des Ma⸗ ſo fühlen wi giſtrats, der Academie, der Maler und Künſtler, der Gewerke und ihn her“ ſag Bürger waren jetzt im großen Saal des königlichen Palais verſam⸗ Thränen gedo melt und erwarteten das Erſcheinen der Königin, um ihre Glückwünſche Ja es iſ anzubringen. des Unglück Endlich öffneten ſich die Flügelthüren und unter Vortritt des Ober⸗ aus tiefſter S hofmarſchalls trat die Königin ein. Sie ſah bleich und angegriffen bewahrt habe aus, aber ein Lächeln umſchwebte ihre Lippen und ihre Augen leuch⸗ Sie lie teten wie verklärt. Mit bezaubernder Anmuth und Huld empfing ſie Büt an de das drei Mal wiederholte laute Vivat der Verſammelten und ging nnandte ſich! dann langſam an der langen Reihe der Deputationen hinunter, Jedem Und wie ein gütiges Wort, einen freundlichen Blick ſpendend, Jedermann ent⸗ fngt ſe 6 zückend durch ihre Schönheit, ihre Anmuth und Majeſtät zugleich. verſtehen kam Plötzlich ward ihr Blick noch heller, ihr Lächeln noch freundlicher, Wir we und ſie näherte ſich lebhaft dieſem großen, etwas ſtark beleibten Herrn, nnd ſeelensfi der da inmitten der Deputation der Künſtler ſtand. bei uns, un Herr Director Iffland, ſagte die Königin laut, ſeien Sie mir Liebe und 2 willkommen. Ich hoffte, Sie heute hier zu ſehen, um Ihnen noch ein⸗ durch Wort mal meinen Dank zu ſagen für die Freude, die Sie mir im vorigen gehöden it Jahre an meinem Geburtstage gemacht, und für die Leiden, die Sie und Euiner um meinetwillen erduldet. Aber ich möchte jene Begebenheit von Ihnen kenerlei De ſelbſt erfahren, und ich erbitte mir von Ihnen als Geburtstagsgeſchenk, Tynmnei f daß Sie mir jetzt erzählen, was Ihnen im vorigen Jahre an meinem di nun un Geburtstag geſchah. glühndenn Indem die Königin ſo ſprach, trat ſie einige Schritte rückwärts in leurt u die Mitte des Saals, und vöthigte dadurch Iffland, aus der Reihe und das der Deputationen herauszutreten und ihr zu folgen. ghen 6 Ew. Majeſtät ſind wahrlich zu gnädig, ſich dieſer kleinen Bege⸗ Dus i. benheit zu erinnern, ſagte Iffland, ſich tief verneigend. Ich war nur ſo glücklich, an jenem Tage den Gefühlen Ausdruck geben zu können, welche die Bruſt jedes Einzelnen erfüllten.„Die Königin Louiſe! Unſere königliche Frau!“ das war für uns Alle das Loſungswort zur Ausdauer und zum Muth, das war unſer Troſt, wenn wir Seiner Majeſtät, unſers geliebten Königs, gedachten. War es noch ſo trübe, Geſchichte e der Mutter Louiſe und ugerleſene Iffla Neit, des Ma⸗ Gewerke und alais verſam⸗ Glückwünſche d angegriffen Angen leuch⸗ ld empfing ſie lten und ging nunter, Rdem edermann ent⸗ bten Herrn, ſeien Sie mir voris u Ihnen geſchen, an meinem war nul u können, 1 Louie“ wort zul Seiner 723 ſo fühlten wir Alle uns doch beruhigt.„Die königliche Frau geht um ihn her,“ ſagten wir uns, und mit dieſem Troſt, und mit dankbaren Thränen gedachte dann Jeder ſeiner Königin.*) Ja es iſt wahr, rief die Königin bewegt, wir haben in den Jahren des Unglücks viel Liebe und viel Treue erfahren, und ich danke heute aus tiefſter Seele allen Denen, welche uns ihr Herz und ihren Glauben bewahrt haben. Sie ließ ihre großen, ſtrahlenden Augen mit einem langen innigen Blick an dem glänzenden Kreis der Verſammelten hingleiten, und wandte ſich dann wieder Iffland zu. Und wie war's alſo an meinem Geburtstage im vorigen Jahre? fragte ſie. Erzählen Sie doch, aber recht laut, damit Jedermann Sie verſtehen kann! Wir waren im vorigen Jahre an dieſem Tage nicht ſo glücklich und ſeelensfroh, wie heute, ſagte Iffland. Unſere Königin war nicht bei uns, und wir konnten ſie nicht wenigſtens in unſeren Blicken die Liebe und Treue leſen laſſen, die man uns verboten hatte, ihr laut durch Wort und That zu beweiſen. Es war von den franzöſiſchen Behörden überall der ſtrenge Befehl ergangen, ſich jeder Anſpielung und Erinnerung an den Geburtstag unſerer Königin zu enthalten, und keinerlei Demonſtrationen zu machen. Wir mußten uns wohl der Tyrannei fügen, aber unſere Herzen knirſchten vor Zorn, und die Liebe, die man uns verbieten wollte, zu bekennen, ergoß ſich nur in einem glühenderen Feuerſtrom des Gefühls in unſere Herzen zurück. Es bedurfte nur eines Funkens, um dieſe Gluthen zur Exploſion zu bringen, und das Schauſpiel war ſo glücklich, den Getreuen dieſen Funken zu geben. Es kam am Abend jenes zehnten März ein von mir gedichtetes kleines Familienſtück zur Aufführung. Die einfache und einfältigliche Geſchichte einer Familie, welche in Glück und Wonne die Geneſung der Mutter des Hauſes und ihrer Kinder feiert. Die Mutter hieß Louiſe und dieſer Namen hatte genügt, um das ganze Haus mit einem auserleſenen, glänzenden, geputzten Publikum zu füllen. Jedermann *) Ifflands eigene Worte. Siehe: Königin Louiſe. Ein Denkmal. S. 427. 46* 724 fühlte, daß das Theater an dieſem Tage der einzige Ort ſei, wo die Herzen, die der Königin gehörten, gemeinſam ſchlagen durften, wo die Blicke, die man einander zuwarf, ſich verſtanden, wo die Lippen leiſe flüſtern konnten:„es iſt heute Ihr Geburtstag! Segen über ſie!“ — Kein Platz alſo war leer im ganzen Hauſe, auf den Gallerien, wie in den Ranglogen, im Parquet, wie im Parterre, überall dieſelbe freudige Bewegung; Jedermann hatte ſein Feſttagskleid angezogen, und trug eine Feſttagsſtimmung im Herzen. Nur da drüben in den Logen der fran⸗ zöſiſchen Herren, da ſah man düſtere Geſichter, und gar feindſelige Blicke ſchleuderten ſie auf das frohbewegte, glänzende Publikum. Jetzt ging der Vorhang in die Höhe, und das Schauſpiel nahm ſeinen Anfang. Das Stück begann mit einer Scene, bei welcher der Schau⸗ ſpieler Lange und ich allein auf der Bühne ſtanden. Der Lange hatte die Rolle eines eben anlangenden Freundes des Hauſes, ich ſtellte den Sohn der Mutter Louiſe dar, und ich kam auf die Bühne mit einem großen duftenden Blumenſtrauß am Buſen. Was ſchauſt Du denn heute ſo geputzt und glücklich aus? fragte mich der Lange. Iſt wohl ein Feſttag in Eurer Familie?— Ja, rief ich laut und froh, es iſt ein Feſttag in unſerer Familie. Ein ſchöner, großer Feſttag. Es iſt das Feſt der Wiedergeburt unſerer angebeteten Mutter! Heil ihr, Heil unſrer Theuren, der dieſe Blumen gelten!— Und ich riß, vom Moment ſelber begeiſtert, das Bouquet von meiner Bruſt, und hielt es dem Publikum entgegen. Und auf einmal, von Einem und demſelben Blitz der Liebe, der Begeiſterung getroffen, erhob ſich das ganze Publikum, in den Logen, im Parterre, in den Parquets, und auf der Gallerie richtete es ſich empor, und wie aus Einem Munde, und aus Einem Herzen riefen tauſend Stimmen:„Heil Ihr! Heil der Theuren! Heil der angebeteten Mutter!“*) Oh, Königin, es war ein erhabener, ein wundervoller Moment, und Gott hat unſere Thränen gezählt, und die Gebete verſtanden, die wir in jenem Moment zu ihm emporſchickten. Er hat uns unſere Königin, die geliebte Mutter ihres Landes und ihres Volkes, wiedergegeben! *) Hiſtoriſch. Siehe: Königin Louiſe, S. 308, und Eylert, Thl. IMI. Die Kö almälig abe ſich niederge Iffland jett guollen zwei Tiefe( guf die Kön Longſa Augen richte Ich da gehalten, al geweſen, ur Titel eines Geburtstag tragen, Il In Namen rothen Adle Ffflan et den dar Oh, dem Schar Kunſgenoſ hinwegnehr andetr M Die g Es iſt der in Pre erſte Sch Etzihlng geſchildert Ach, ettragen chundit und Brod rt ſei, wo die urften, wo die ie Lippen leiſe en über ſie!“ Gallerien, wie eſelbe frendige „und trug eine ogen der fran⸗ gar feindſelige ublikum. Jtzt nahm ſeinen er der Schau⸗ er Lange hatte ich ſtellte den ihne mit einem auſt Du denn r Longe. Iſt laut und froh, oßer Feſttag⸗ Mutter! Heil —Und ich riß, er Bruſt, und nEinem und hob ſich das rauets, und Finem Munde, Ihr! Heil der es war ein 2 Thränen ſoment zu ihm Mutter ihres 725 Die Königin hatte ihm anfangs mit lächelndem Blick zugehört, allmälig aber war ihr Antlitz ernſter geworden, und ihre Augen hatten ſich niedergeſenkt. So, mit tiefbewegten Mienen ſtand ſie da, als Iffland jetzt ſchwieg; unter ihren niedergeſchlagenen Augenlidern hervor quollen zwei Thränen, die langſam über ihre Wangen niederrollten. Tiefe Stille herrſchte in dem weiten Saal, Aller Augen waren auf die Königin gerichtet, Aller Mienen waren tief bewegt. Langſam hob die Königin den Blick wieder empor, und ihre Augen richteten ſich mit einem Ausdruck unendlicher Güte auf Iffland hin. Ich danke Ihnen, ſagte Louiſe, Sie haben treu zu Ihrer Königin gehalten, als Viele ſie verleugneten, Sie ſind mir ein treuer Ritter geweſen, und deshalb will der König, daß Sie immer den ſchönen Titel eines Ritters führen ſollen. Er geſtattet mir, an meinem heutigen Geburtstagsfeſte, ſtatt des Bouquets, das Sie vor einem Jahr ge⸗ tragen, Ihnen heute einen andern Schmuck für Ihr Kleid zu geben. Im Namen des Königs überreiche ich Ihnen hier die Inſignien des rothen Adlerordens. Ifflands Antlitz überzog eine tiefe Bläſſe, und faſt knieend nahm er den dargereichten Stern aus den Händen der Königin entgegen. Oh, Königin, ſagte er tiefbewegt, eine ſolche Ehre, und dieſe mir, dem Schauſpieler! Ich danke Ew. Majeſtät im Namen aller meiner Kunſtgenoſſen, von denen Ew. Majeſtät in dieſem Moment den Bann hinwegnehmen, der ſie bis jetzt ausſchloß von den Ehren und Würden anderer Männer. Die Königin lächelte. Es iſt wahr, ſagte ſie, ich glaube, Sie ſind der erſte Schauſpieler, der in Preußen einen Orden empfängt. Aber ſind Sie nicht auch der erſte Schauſpieler? Doch Sie ſind uns noch das Ende von Ihrer Erzählung ſchuldig geblieben. Sie haben uns die Scene im Theater geſchildert, aber nicht die üblen Folgen, die für Sie daraus entſtanden. Ach, Majeſtät, rief Iffland lächelnd, die Folgen waren leicht zu ertragen für den ſchönen Moment, den ich erlebt. Man ſperrte mich achtundvierzig Stunden auf der franzöſiſchen Hauptwache bei Waſſer und Brod ein, das war Alles. 726 Ich danke Ihnen, daß Sie ſo freudig für mich gelitten haben, Napoleon an ſagte die Königin, Iffland mit einem freundlichen Neigen ihres Hauptes nß müthet lieſt, und de . 3 entlaſſend. Möchte ich im Stande ſein, allen Denen, welche für uns 6 3 gelitten, für uns in Liebe und Geduld ausgeharrt, die Tage des Leidens und ſeinen 1 ¹ zu vergelten mit Tagen der Freude! bedungenen Iffland trat glücklich in die Reihe der Deputationen, und die ein Vorgeſet Königin ſetzte ihren Gang fort, überall freundliche Worte des Dankes, üiſſigt er ſ der Anerkennung ſpendend, und Jedermann entzückend durch ihr lieb⸗ Fflicht verſ liches und hoheitsvolles Weſen. niſſens eit Endlich, nach beendeter Ceremonie, kehrte die Königin in ihre ſogar zur L Gemächer zurück. Und jetzt verſchwand das Lächeln von ihren Lippen, jidem Vort, und ihr Antlitz nahm einen ernſten, trüben Ausdruck an. uns gerichtet Sie winkte ihren Hofdamen, ſie zu verlaſſen, und blieb allein mit müſſen ihn ihrer Vertrauten, der Frau von Berg. Denn, weiß Oh, Caroline, ſeufzte die Königin, ich ertrag's nicht länger! nicht augenl Mein Herz erliegt dieſen Qualen! Sie ſagen, es ſei heute ein Feſttag, Erecutionsn aber für mich iſt es ein Schreckenstag. Heute Abend ein großes Gelder beiz glanzvolles Feſt im Schloß, vorher ein frohes Mahl, und ich muß kit. ³) Ein lächeln mit der unſäglichſten Trauer im Herzen. Das Herz iſt mir Krieg ſol zerfleiſcht, und ich ſoll tanzen, ſoll den Menſchen Angenehmes ſagen, worden, un freundlich ſein gegen alle Welt, und weiß doch vor Unglück nicht, Schon drol wohin! Wem wird Preußen über's Jahr gehören? Wohin werden der zahlun wir Alle zerſtreut ſein? Gott, allmächtiger Gott, erbarme Dich unſerer!*) uffünn,; Ew. Majeſtät ſehen die Dinge zu trübe, ſagte Frau von Berg ſiun1 tröſtend. Es iſt ja nichts Neues geſchehen, was Ew. Majeſtät Milnn ängſtigen könnte. Aber d Nichts Neues geſchehen? rief die Königin heftig. Du weißt nicht, ſg ſun daß der Graf Kruſemark heute Morgen von Paris hier angelangt iſt? dus Nite Nein, rief Frau von Berg entſetzt. Ich weiß nichts davon. Was mnnen bedeutet denn dieſe unerwartete Hierherkunft des Geſandten? Jattign Sie bedeutet, ſagte die Königin, daß ein neues Unglück für uns Die heraufzieht. Graf Kruſemark iſt der Ueberbringer eines Schreibens von Der —— *) Der Königin eigene Worte. Siehe: Königin Louiſe. Ein Denkmal. S. 389. — — Hä — velche für uns ge des Leidens en, und die te des Dankes, durch ihr lieb⸗ önigin in ihre n Lippen, lieb allein mit nicht länger! ute ein Feſtag⸗ ein großes und ich muß — s Herz ſſt mr ehmes ſagen, ck nicht, WPohin werden Did unſerer!*) von Berg Majeſtüt du weißt nicht, ngelangt iſt? Napoleon an den König. Oh, Caroline, welch ein Brief iſt dies, man muß erröthen und erbleichen vor Scham und Zorn, indem man ihn lieſt, und dennoch, dennoch muß man ſchweigen, und ſeine Thränen und ſeinen Zorn verſchlucken. Der Kaiſer droht und ſchilt, weil die bedungenen Contributionsgelder nicht richtig eingehen; er droht, wie ein Vorgeſetzter ſeinem Untergebenen droht, der den Dienſt vernach⸗ läſſigt; er ſchilt, wie ein Schulmeiſter den Schulknaben ſchilt, der ſeine Pflicht verſäumt und ſeine Aufgaben nicht gelernt hat. Und wir müſſen's ertragen, wir müſſen ſchweigen, dulden, ach, und müſſen uns ſogar zur Bitte erniedrigen.— Caroline, dem Mann, der uns mit jedem Wort, das er zu uns geſprochen, mit jedem Blick, den er auf uns gerichtet, beleidigt hat, dem Mann müſſen wir jetzt bittend nahen, müſſen ihn beſchwören, daß er Nachſicht und Geduld mit uns habe. Denn, weißt Du, womit er gedroht hat? Er ſchreibt, wenn der König nicht augenblicklich die rückſtändigen Zahlungen leiſte, ſo werde er eine Executionsarmee nach Preußen ſchicken, um mit Gewalt die ſchuldigen Gelder beizutreiben, und den König zu ſtrafen für ſeine Wortbrüchig⸗ keit.*) Eine Executions⸗Armee will er uns ſchicken, das heißt, der Krieg ſoll auf's Neue beginnen, und da wir machtlos und klein ge⸗ worden, und uns nicht mehr wehren können, ſo will er uns zertreten. Schon droht er, wenn wir nicht zahlen können, uns eine Provinz ſtatt der Zahlung zu nehmen. Er wird Alles nehmen, und Preußen wird aufhören, zu eriſtiren, wie Neapel und Spanien aufgehört haben, zu exiſtiren! Und wir können nicht zahlen, wir haben keine Mittel, dieſe Millionen zu beſchaffen! Aber die Miniſter werden dieſe Mittel erſinnen, theuerſte Königin, ſagte Frau von Berg begütigend. Der Finanzminiſter muß zuletzt das Mittel ausfindig machen, um die Bedingungen, die man über⸗ nommen hat, zu erfüllen, und den Forderungen, die Napoleon, den Verträgen gemäß, an Preußen hat, gerecht zu werden. Die Königin brach in ein ſpöttiſches Lachen aus. Der Finanzminiſter von Altenſtein iſt nicht Ihrer Meinung, ſagte *) Hänſſer: deutſche Geſchichte. III. S. 578. ſie. Der König hat von ihm gefordert, ihm die Mittel anzugeben, wie man die übernommenen Verpflichtungen erfüllen könne. Aber Altenſtein hat geantwortet, er wiſſe keine Mittel, und müſſe dem König vorſchlagen, ſtatt der Zahlung lieber die Provinz Schleſien an Napo⸗ leon abzutreten.*) Abſcheulich! rief Frau von Berg empört. Mitten im Frieden will ein preußiſcher Miniſter die ſchönſte Provinz, die dem König noch geblieben, die ſelbſt die Niederlagen von Jena und Friedland, und die Tage von Tilſit nicht angetaſtet haben, will er Schleſien derſchleudern! Und wenn wir es nicht thun, und wir werden es nicht thun, was aber dann? rief die Königin verzweiflungsvoll. Er wird uns ſeine Executionsarmee ſenden, er wird uns verjagen, in's Gefängniß werfen, er wird uns behandeln, wie er es der unglücklichen Königsfamilie von Spanien gethan. Oh, Caroline, ich habe Tag und Nacht keine Ruhe mehr. Die Angſt foltert mich, immer muß ich an Spanien denken, immer martert mich der Gedanke, daß mein Gemahl das Schickſal Carls von Spanien haben könnte. Glaube mir, ſein Leben, ſeine Freiheit iſt bedroht, und jeden Tag erneuert ſich für ihn die Gefahr, plötzlich in der Stille gefangen genommen, und als Geißel fortgeführt zu werden, bis wir den Willen des Tyrannen erfüllt und ihm Alles hingegeben haben, was noch unſer iſt, Alles, die Ehre, die Krone, und das Leben vielleicht. Wir ſind umringt von franzöſiſchen Spionen, man bewacht jedes Wort, jeden Blick, man ſucht nur nach einem Vor⸗ wand, uns zu verderben, und man wird ihn finden, wie man ihn in Spanien gefunden hat. Oh, Caroline, er wird mir meinen Gemahl entführen, er wird ihn als Gefangenen umherſchleppen, wie er es Carl von Spanien gethan, er wird Zwietracht ſäen in unſerer Familie, wie er es in Spanien gethan. Er, der Tyrann, Er, Napoleon, hat den Infanten mit ſeinem Vater entzweit, Er, mit ſeiner Fauſt von Eiſen, hat den unglücklichen Carl gezwungen, zu ſchreiben, daß ſeines Sohnes Schuld eine moraliſche Scheidewand aufgerichtet habe zwiſchen Vater und Sohn. Aber weſſen Hand es eigentlich war, die dieſe Wand *) Pertz. II. bauete— kar Oh, nein G wo die Hand ſtine Mauer Ew. M Sie werden Gewaltigen Die Ki Nein, f es wird wohl Oh, Lo Sie nicht ſo müſſen leber wäte eine! zweifeln mi von hinnen wirder geſe Meine Wyiſe wit edle Pahm edles Voll daß jett! mit dem 2 es uns erg Ferdinand tigen riht Tyulb je denn ich it en Freiheit.“ in Geiſt anzugeben, könne. Aber iſe dem König ſien an Napo⸗ n im Frieden en Fönig noch dland, und die verſchleudern! cht thun, was vird uns ſeine niß werfen, Sfamilie von ne Ruhe Spanien denken, das Schickſal Leben, ſeine n die Gefahr, ßel fortgeführt und ihn Alles die Krone, und Spionen, c einem Vor⸗ rie man ihn in inen Gemahl r Familie, we 16 den poleon, hat den uſt von Eiſen⸗ ſeines Sohnes Vuter viſchen „ gand dieſe Wand 729 pauete— kann man darüber in Zweifel ſein? Er war es, Er allein! Oh, mein Gott, kommt die Zeit, und werd' ich ſie erleben, dieſe Zeit, wo die Hand des Verhängniſſes endlich das Mene, Mene Tekel an ſeine Mauer ſchreibt?*) Ew. Majeſtät werden dieſe Zeit erleben, rief Frau von Berg. Sie werden Zeuge ſein des Gottes⸗ und des Völkergerichts, das den Gewaltigen zu Boden ſchleudern wird. Die Königin ſchüttelte leiſe das Haupt. Nein, flüſterte ſie, nein, ich werde dieſe Zeit nicht erleben. Ich denke, es wird wohl das letzte Mal ſein, daß ich meinen Geburtstag hier feiere.**) Oh, Louiſe, rief Frau von Berg, in Thränen ausbrechend, ſprechen Sie nicht ſo grauſame, herzzerreißende Worte. Sie werden leben, Sie müſſen leben, der Menſchheit zum Troſt, uns Allen zur Freude. Es wäre eine Ungerechtigkeit vom Schickſal, daß man auf immerdar ver⸗ zweifeln müßte an jeder göttlichen Gerechtigkeit, wenn unſere Königin von hinnen gehen ſollte, ohne die Tage der Befreiung und des Glücks wieder geſehen zu haben. Meine Liebe, es giebt ſolche Ungerechtigkeiten des Schickſals, ſagte Louiſe mit einem matten Lächeln. Oder war's etwa gerecht, daß der edle Palm erſchoſſen ward, daß Schill unterliegen mußte, und für ſein edles Wollen nur als Deſerteur gebrandmarkt ward? Iſt's gerecht, daß jetzt wieder Andreas Hofer ſein edles Kämpfen für die Freiheit mit dem Tode hat büßen müſſen? Dem Kaiſer iſt es ergangen, wie es uns ergangen iſt. Er hat Andreas Hofer opfern müſſen, wie wir Ferdinand von Schill opfern mußten. Die eiſerne Hand des Gewal⸗ tigen ruhte auf ihm, wie auf uns! Und ſo haben ſie den edlen tapfern Tyroler jetzt zu Mantua erſchoſſen! Meine Seele trauert um ihn, denn ich liebte ihn und hoffte auf ihn. Seit er erſchienen war, hatte ich erſt das Wort von Schiller verſtanden:„Auf den Bergen iſt Freiheit.“ Dies Wort erklang mir wie eine Prophezeihung, wenn ich im Geiſt hinüberſchauete auf das Hochgebirge, das ſich auf den ge⸗ *) Der Königin eigene Worte. Siehe: Königin Louiſe, S. 339. **) Der Königin eigene Worte. Siehe: Königin Louiſe, S. 359. 730 waltigen Ruf ſeines Hofer erhoben hatte! Meine Seele hoffte auf ihn, mein Herz kämpfte mit ihm. Und welch ein Mann war er, dieſer liebe, biedere, einfache Andreas Hofer! Ein Bauer, der ein Feldherr geworden, und welch ein Feldherr! Seine Waffe— Gebet! Sein Bundesgenoſſe— Gott! Er kämpfte mit gefaltenen Händen, kämpfte mit gebeugten Knieen und ſchlug den Feind wie mit dem Flammen⸗ ſchwerte des Cherubs! Und mit ihm kämpfte das treue Tyroler Volk! Ein Kind an Gemüth, kämpfte es wie die Titanen mit Felsſtücken, die es von ſeinen Bergen niederrollte.*“) Und nun iſt dies Alles doch umſonſt und vergeblich geweſen! Das arme Tyroler Volk iſt geopfert, Andreas Hofer iſt als Verräther erſchoſſen worden,**) und ſein Ueber⸗ winder reicht morgen der deutſchen Kaiſerstochter die Hand zum Bunde der Liebe. Die Tochter des Kaiſers von Oeſterreich wird morgen die Gemahlin Napoleons, und Du zweifelſt noch, daß es Ungerechtigkeiten des Schickſals giebt? Oh, ich zweifle ja auch nicht an der göttlichen Gerechtigkeit, aber wir Menſchen können ſie nur oft nicht erkennen und begreifen, weil unſer Leben nicht lang genug iſt, um das Ende zu ſchauen von Dem, wovon wir den Anfang geſehen. Das Ende wird kommen auch für ihn, für Napoleon. Aber wer von uns wird die Kraft haben, ſo lange zu leben? Wir Alle, ſagte Frau von Berg, die Hoffnung auf das endliche Erſcheinen der göttlichen Gerechtigkeit wird uns aufrecht halten. Ich werde dieſe goldenen Tage nicht erleben, ſagte die Königin feierlich. Dieſer Mann, der morgen ſein Vermählungsfeſt mit einer deutſchen Prinzeſſin feiert, hat den Dolch in mein Herz geſtoßen, an dem es verbluten wird. Es iſt dies nicht blos bildlich, es iſt wörtlich gemeint. Es ſitzt da Etwas in meinem Herzen, das mir Tag und Nacht keine Ruhe läßt. Es bohrt und hämmert wie der Todtenwurm, es klopft und ſticht immerfort, unaufhaltſam. Zuweilen fühl' ich ſchon, daß es ſich durchgebohrt hat bis zu meinem innerſten Leben, da iſt mir, als ob der Tod mir ſchon ſeine Hand entgegenſtreckt. Ich werde *) Der Königin eigene Worte. Siehe:„Königin Louiſe.“ S. 349. **) Den 20. Februar 1810. ſteben an dem in Frnkreich t ich werde ſterbe nird ihm zu mein Grablied ſtill, ſill,— Herz ſchauen weilen den blu Herz umhüll. bewahre das( bruſt, und vor auch nur nit Künig ängſtig denn meine„ lindern. Ver indem Du ih et glaubt. Ich verſy Ich wade Königin ſpre ſlehen. Und die Dunkelhe düſter, und ewigen unve Tag der Ver wilie glit gelickte Kön und ihr An wird wieder Frohſins Hoffen der Hand gfrißiger nich her eele hoffte auf ar er, dieſer rein Feldherr ebet! Sein n kämpfte dem Flammen⸗ Tyroler Polll Felsſtücken, die ies Alles doch kk iſt geopfert, d ſein lcbel⸗ zum Bunde t erkennen und das Ende zu as Ende wird uns wird die f das endliche d halten. te die Königin Sfeſt mit einer geſtoßen, an iſt wörtlich nir Tag und Todtenwurm, fühl ich ſchon, Leben, do iſt ch werde 731 ſterben an dem Unglück und der Schmach, die dieſer Mann, der da in Frankreich thront, über Deutſchland, über Preußen gebracht hat, ich werde ſterben, und Er wird weiter triumphiren, und ganz Europa wird ihm zu Füßen liegen, und die Siegeschöre ſeiner Armeen werden mein Grablied ſein, und mir auch im Grabe keine Ruhe laſſen! Doch ſtill, ſtill,— wir wollen ſchweigen davon! Ich habe Dich in mein Herz ſchauen laſſen. Du, Caroline, biſt die Einzige, vor der ich zu⸗ weilen den blutigen Schleier lüfte, der mein bis in den Tod verwundetes Herz umhüllt. Sage aber Niemand, was Du geſehen, meine Freundin, bewahre das Geheimniß meiner Leiden in treuer ſtandhafter Freundes⸗ bruſt, und vor allen Dingen, Caroline, verſprich mir, daß Du niemals, auch nur mit einem Wort, mit einer Andeutung über mein Leiden den König ängſtigen willſt. Helfen kann mir Niemand als Gott allein, denn meine Leiden kommen aus der Seele, und da kann kein Arzt lindern. Verſprich mir alſo, daß Du den König nicht ängſtigen willſt, indem Du ihm erzählſt, daß meine Geſundheit nicht ſo feſt iſt, als er glaubt. Ich verſpreche es, ſagte Caroline mit mühſam unterdrückten Thränen. Ich werde zu Niemand außer zu Gott von den Leiden meiner geliebten Königin ſprechen, und Niemand außer Gott werde ich um Hülfe an⸗ flehen. Und ich weiß, er wird helfen, beſſere Tage werden kommen, die Dunkelheit, welche jetzt über der Welt lagert und alle Blicke um⸗ düſtert, und alle Gedanken verwirrt, ſie wird ſchwinden müſſen vor dem ewigen unvergänglichen Licht der Wahrheit und Gerechtigkeit, und der Tag der Vergeltung wird kommen für Alle, welche gefrevelt, für Alle, welche gelitten und geduldet haben. An dieſem Tage wird auch meine geliebte Königin geneſen von allen Leiden, und von allen Schmerzen, und ihr Antlitz wird wieder ſtrahlen von Geſundheit, und ihr Auge wird wieder leuchten als der Stern der Liebe, des Glücks und des Frohſinns für uns Alle! Hoffen wir es, ſagte Louiſe mit einem matten Lächeln. Aber vor der Hand habe ich noch Schmerzen, und der Todtenwurm bohrt heute gefräßiger und wilder in meinem Herzen, als ſonſt jemals. Ich will mich hier ein wenig auf den Divan ſtrecken, bis der König kommt, mich zum Te Deum abzuholen. Oh, der liebe, theure Freund! Er, ſonſt dem Geräuſchvollen und den lauten Demonſtrationen ſo abgeneigt, will heute doch meinen Geburtstag in öffentlicher Feierlichkeit begehen, und es ſoll im weißen Saal des königlichen Schloſſes ein Te Deum geſungen, es ſoll mir zu Ehren getanzt werden. Er will es ſo, der ganzen Welt möchte er heute zeigen, wie wir uns lieben und wie glücklich wir ſind. Ich habe ihn nicht hindern wollen in Dem, was ſein großes edles Herz für mich thun möchte. Und ſo wollen wir denn das Te Deum ſingen, und ſo will ich auch heute Abend tanzen und froh erſcheinen, damit Er, mein geliebteſter Freund, ſeine Freude an mir habe. Laß uns alſo jetzt nichts Trauriges mehr ſprechen, Caroline, ſonſt ſieht es der König, wenn er kommt, in meinem Geſicht, und es ängſtigt ihn. Erzähle mir etwas, meine theure Caroline. Wie geht es Deinem Freunde, dem braven Herrn von Stein? Du haſt Briefe von ihm gehabt, ſagteſt Du mir geſtern. Was ſchreibt er? Wo lebt er jetzt? Er lebt in Brünn, Königin, ſeine Frau und ſeine Kinder ſind jetzt zu ihm gekommen, und ſo lebt er äußerlich wenigſtens minder ſorgenvoll und traurig als bisher. Er ſteht im engen Verkehr mit allen bedeutenden Männern Deutſchlands, alle Patrioten hoffen auf ihn, und empfangen von ihm Rath und Troſt. Er bereitet ganz im Geheimen und ganz in der Stille das große Werk der Befreiung vor, das eines Tages, wenn es vollendet iſt, das Auge meiner Königin entzücken, und ihren Segen empfangen ſoll. Sein Herz, ſein Auge iſt immer Preußen zugewandt, und ſein tiefſter Schmerz iſt es, daß er unthätig ſein muß, daß er in dieſen ſchweren Zeiten nicht helfend und fördernd dem König ſeine Dienſte weihen darf. Ja, ſeufzte die Königin, das iſt das harte und traurige Schickſal des Königs, daß er in dieſen ſchlimmen Zeiten nicht die großen und patriotiſchen Männer um ſich haben kann, die ihm und dem Staat allein helfen könnten. Der tyhranniſche Wille des Gewaltigen hat ihn ſeiner edelſten und beſten Diener beraubt; Stein ſeufzt im Exil, Hardenberg muß ſich fern von uns halten, weil Napoleon, weil der Kaiſer der Franzoſen es ſo befohlen hat. Wir könnten wohl Miniſter haben, welche das Steuer des Staatsſchiffs mit gewaltiger Hand lenken, und duch alle nicht, und ſo v wolleder Min und wir werd Stein und Ha den Muth ha zuſchlagen. L iſt denn Rettu in meinem Athem verſetzt thu's in der( der Herr von Er ſchild Oeſterreich di Kaiſer Noyol denn Jederm reichs, als ei und ſich zun beſonders hat porung aufge die man mit die Wiener ſelbet getröſt guten Wiene durch die St dem Hötel d Stimne: K dinngtigt öſtereichiſch Die ſi werig Selb Deſtrreich Hiſt Freund! Er, en ſo abgeneigt, keit begehen, ein Te Deum will es ſo, der nd wie glücich vas ſein großes das Te Deun froh erſcheinen, habe. Loß ſonſt ſieht es s ängſtigt ihn. ht es Deinem tiefe von ihm o lebt er jett? ne Kinder ſind igſtens minder n Verkehr mit ten hoffen auf reitet ganz in Befreiung vor, meiner Königin z„ſein Auge nicht helfend urige Schicfal ie großen und nd den Staat altigen hat ihn uſit im Eril⸗ on, weil der . ohl Miniſter Fand lenken⸗ und durch alle Klippen hindurch führen könnten, aber wir dürfen es nicht, und ſo wird das Staatsſchiff den Händen ſchwacher und übel⸗ wollender Miniſter überlaſſen, und es wird zerſchellen an den Klippen, und wir werden untergehen, wenn nicht bald, bald Hülfe kommt! Stein und Hardenberg im Exil, und hier der Miniſter Altenſtein, der den Muth hat dem König eine freiwillige Abtretung Schleſiens vor⸗ zuſchlagen. Oh, Preußen, mein geliebtes, unglückliches Preußen, wo iſt denn Rettung für Dich, wo— Ach, wie der Wurm ſchon wieder in meinem Herzen bohrt, wie das brennt und ſticht, und mir den Athem verſetzt. Still, ſtill, du Todtenwurm, wühle weiter fort, aber thu's in der Stille!— Erzähle mir weiter, Caroline. Was ſchreibt der Herr von Stein ſonſt noch? Er ſchildert, welchen tiefen und ſchmerzlichen Eindruck in ganz Oeſterreich die Vermählung der Erzherzogin Marie Louiſe mit dem Kaiſer Napoleon gemacht hat. Niemand hat ſich derſelben gefreut, denn Jedermann hat ſie angeſehen als eine neue Demüthigung Oeſter⸗ reichs, als eine Kette, mit der ſich Oeſterreich an Frankreich bindet, und ſich zum Vaſallen ſeines mächtigen Feindes macht. In Wien beſonders hat man die Nachricht von der Verlobung mit wahrer Em⸗ pörung aufgenommen, und es haben ſich ſogar Volksaufläufe gebildet, die man mit Gewalt auseinander bringen mußte. Da haben ſich denn die Wiener in ihrer Verzweiflung mit einem guten Witz über ſich ſelber getröſtet, und an dem Tage, wo zur feierlichen Verlobung die guten Wiener ex ofücio haben illuminiren müſſen, wogte das Volk durch die Straßen, und rief und hohnlachte, und brüllte, wenn es vor dem Hötel des franzöſiſchen Geſandten ſtand, mit mächtig ſchallender Stimme:„Jetzt iſt er hin, der Napoleon! Jetzt haben wir ihn doch drangekriegt! Jetzt haben wir ihm das öſterreichiſche Unglück und die öſterreichiſche Dummheit vaccinirt.“*) Die Königin lachte. Das klingt allerdings dumm, und zeugt von wenig Selbſtgefühl, ſagte ſie, aber es liegt doch ein tiefer Sinn darin. Oeſterreich hat Frankreich niemals Glück gebracht. Ludwig der Sechs⸗ *) Hiſtoriſch. Siehe: Hormayr.„Lebensbilder.“ I. S. 89. 734 zehnte iſt an ſeiner Heirath mit Marie Antoinette geſtorben, und ein Glück iſt dieſe öſterreichiſche Heirath für Napoleon gewiß nicht. Er will ſich dadurch legitim machen, aber er wird ſehen, daß er ſich dadurch ſeinem eigenen Volk entfremdet. Er bricht durch dieſe legitime Ver⸗ mählung auf immer mit dem Volk und mit den freiſinnigen Ideen der Revolution, die ihm zu dem Thron verholfen, und er wird an der Legitimität keine Stütze finden, wenn einſt der Thron unter ihm wankt. Und wanken wird er, und fallen wird er, rief Frau von Berg. Es gährt und wogt überall. Spanien iſt das erſte blutige Morgenroth der Zeit, die da kommen wird. Spanien iſt noch nicht beſiegt, und es wird auch nicht beſiegt werden, trotz aller hochtönenden Redensarten, und aller ſogenannten Siege. Spanien iſt die erſte Klippe, an der ſich die Woge dieſes übermüthigen Willens bricht, und andere Klippen werden nach und nach auftauchen aus dem Meer von Blut, das Er geſchaffen und geboren hat. Als ein Beiſpiel des Fanatismus, der in Spanien überall lebt und herrſcht, ſchickt mir Herr von Stein die Abſchrift einer Seite aus dem Katechismus, nach welcher jetzt die Prieſter in Spanien das Volk unterrichten, und als Gegenſtück dazu hat er mir auch einige Stellen aus dem neuen franzöſiſchen Katechismus hin⸗ zugefügt. Darf ich Ew. Majeſtät die beiden Stellen aus dem ſpani⸗ ſchen und dem franzöſiſchen Katechismus vorleſen? Lies, rief die Königin, ich bitte Dich, theure Caroline, laß mich dieſe Stellen hören! Frau von Berg zog aus der Taſche ihres Kleides mehrere beſchriebene Blätter hervor. Zuerſt, wenn es Ew. Majeſtät gefällig iſt, erbauen wir uns an dem ſpaniſchen Katechismus, ſagte Frau von Berg, und, indem ſie die Blätter auseinander faltete, las ſie: Frage: Wer biſt Du, Kind? Antwort: Spanier, durch die Gnade Gottes.— Frage: Was willſt Du damit ſagen? Antwort: Ein Ehrenmann.— Frage: Wer iſt unſer Feind? Antwort: Der Kaiſer der Franzoſen.— Frage: Was iſt der Kaiſer Napoleon? Antwort: Ein Böſewicht, die Quelle alles Uebels, der Heerd aller Laſter.— Frage: Wie viel Naturen hat er? Antwort: Zwei. Eine menſchliche und eine teufliſche.— Frage: Wie viel Kaiſer der Franzoſen giebt es? Antwort: Einen wirklichen in dri trügeri Rapolen, Mr ſſt der Schlim Voher ſtamm Murat? An Aus der Unz Chemglige C veldient der Den Tod u Sände, eine den Himmel, Entſetzlio welche das V goſſa. Und n Sie lau ihm dienen den der Hert hetzuſtellen: handhaben. meinen Obe jenigen, wel werden ſich dammniß au Das iſ ſelber gaub den Abgrund es Zrölf U orben, und ein wiß nicht. Er ſich daduch an der er ihm wankt. u von. Morge entoth cht beſi iegt, und Redensarten, Klippe, an der e Flippen Blut, das Er us, det in die Prieſter dazu hat er chismus hin⸗ us dem ſpani⸗ gline, laß mich ebeſchriebene iſt, erbauen 735 in drei trügeriſchen Perſonen.— Frage: Wie heißen ſie? Antwort: Napoleon, Murat und Manuel Godoy.— Frage: Welcher von ihnen iſt der Schlimmſte? Antwort: Alle Drei ſind es gleich ſehr.— Frage: Woher ſtammt Napoleon? Antwort: Von der Sünde.— Frage: Murat? Antwort: Von Napoleon.— Frage: Godoy? Antwort: Aus der Unzucht Beider.— Frage: Was ſind Franzoſen? Antwort: Ehemalige Chriſten, zu Ketzern geworden.— Frage: Welche Strafe verdient der Spanier, der ſeine Pflichten vernachläſſigt? Antwort: Den Tod und die Schande der Verräther.— Frage: Iſt es eine Sünde, einen Franzoſen zu tödten? Antwort: Nein, man gewinnt den Himmel, wenn man einen dieſer Ketzerhunde umbringt.*) Entſetzlich! rief die Königin ſchaudernd. Aber das ſind die Lehren, welche das Volk fanatiſirt haben zu den heroiſchen Thaten von Sara⸗ goſſa. Und nun, Caroline, die Stelle aus dem franzöſiſchen Katechismus! Sie lautet alſo, Königin:„Unſern Kaiſer Napoleon I. ehren, und ihm dienen, heißt: Gott ſelber ehren und dienen, denn Er iſt derjenige, den der Herr erweckt hat, den heiligen Glauben unſerer Väter wieder herzuſtellen und die öffentliche Ordnung mit Kraft und Weisheit zu handhaben. Er iſt der Geſalbte des Herrn, durch die, von dem allge⸗ meinen Oberhaupt der Kirche, von dem Papſt erhaltene Weihe! Die⸗ jenigen, welche ihre Pflichten gegen den Kaiſer Napoleon nicht erfüllen, werden ſich auflehnen gegen den Willen Gottes, und die ewige Ver⸗ dammniß auf ſich ziehen.“**) Das iſt der Fanatismus eines Mannes, der an nichts als an ſich ſelber glaubt, und den dieſe Selbſtvergötterung doch eines Tages in den Abgrund ſchleudern wird, rief die Königin. Aber horch, da ſchlägt es Zwölf Uhr! Der König wird bald hier ſein, um mich nach dem Schloß abzuholen. Ich will gehen, mich anzukleiden, denn ich darf ihn nicht warten laſſen. Ach, da iſt der König ſchon! Louiſe erhob ſich raſch von dem und eilte dem König entgegen, der eben eingetreten war. Frau von Berg verließ ſtill und *) Duchesse d Abrantès: Mémoires. Vol. XII. S. 20. **) Hormayr: Allgemeine Geſchichte der neueſten Zeit. Th. III. S. 128. 736 unbemerkt das Zimmer der Königin, und die königlichen Gatten waren jetzt allein. Der König nahm die beiden dargereichten Hände der Königin und drückte ſie zärtlich an ſeine Lippen. Ich komme vielleicht früher, als Du mich erwarteteſt, ſagte er, aber ich wollte meine geliebte Louiſe doch an dieſem feſtlichen Tage auch noch einen Moment für mich allein haben und ſie als meine geliebte Frau ſehen, ehe ſie wieder für den ganzen Feſttag Königin wird. Mir ſcheint, Louiſe, ich habe Dich heute noch gar nicht geſehen. Seit der Frühe des Morgens kommen die Gra⸗ tulanten und mit den Glückwünſchen und Geſchenken hat es kein Ende. Das haſt Du davon, mein Freund, daß ich geboren bin, rief die Königin lachend. Das iſt Deine Strafe dafür, daß Du nicht dieſen Tag, wie ſonſt wohl, ganz allein und in der Stille mit mir und den Kindern in unſerm lieben Parez verleben wollteſt. Das durft' ich heute nicht thun, ſagte der König ernſt. Mußte dem Volk und allen unſern Unterthanen heute die Gelegenheit gönnen, Dir ihre Liebe zu bezeigen und ſich zu entſchädigen für die verlorenen drei Jahre. Aber weißt Du, Louiſe, weshalb ich jetzt eben komme? Möchte Dir in aller Stille zwei liebe Geſchenke darbringen. Noch mehr Geſchenke? rief die Königin faſt vorwurfsvoll. Deine Liebe hat mich heute ſo überreich beſchenkt, mir ſo koſtbare, ſchöne und ſinnige Gaben dargebracht, daß ich kaum weiß, was noch zu ſchenken übrig bleibt. Ich weiß noch Etwas! Aber fürchte nichts, es ſind keine glän⸗ zenden Geſchenke! Nur zwei Stückchen Papier! Dein Schmuckkaſten wird dapurch nicht ſchwerer werden, aber Dein Herz leichter, hoff' ich! Da haſt Du mein erſtes Geſchenk, das erſte Stück Papier! Er zog einen Brief aus ſeinem Buſen hervor und reichte ihn der Königin dar. Lies die Adreſſe, ſagte er. Die Königin las:„An Seine Excellenz, den Herrn Baron von Hardenberg. Derzeit auf dem“Landgut Grohnde.“— Wie? fragte die Königin aufblickend und den König mit freudigen Blicken anſchauend. Wie, mein Freund, Du, Du ſelbſt haſt gn Hardenberg geſchrieben? Der König nickte. Ich ſelbſt, ſagte er lächelnd. Und wos, Ich habe i kommen und, Stantsgeſchäfte Aber Du Miniſtet ſei. ch bin je Napoleon Meilen der Re denke, theurer Ich hebet Muth hat, wir bemühen, Nopo nit ſeinen Hoch Zeit haben, ſic ſich einen ande ſonnen handel daß er den nicht gebrauche hinzugeben un ſtein ſoll fort gerufen! We auch ſein Hau Brief ſhreibe — ) Huden blickich und kat Er unte verſöhr größte Hingeb gelder pünti St. Marſu Aapoleon nah denberg gelege Mihlbach, N jatten waren önigin und früher, als be Dich heute men die Gra⸗ es kein Ende. bin, rief die nicht dieſen r und den nſt. Myßtte heit gönnen, e verlorenen eben komme! Deine e ſchöne und ſchenken keine glün⸗ Baron von 7 fragte die 737 Und was, oh, ſage mir, was haſt Du geſchrieben? Ich habe ihn aufgefordert, ſchleunig und nageſäumt hierher zu kommen und, wenn er den Muth und die Frendigkeit dazu fühlt, die Staatsgeſchäfte zu übernehmen. Aber Du weißt, Napoleon will es nicht, daß Hardenberg Dein Miniſter ſei. Ich bin jetzt wieder Herr in meinem Lande und ich will es bleiben! Napoleon hat befohlen, daß Hardenberg ſich nicht auf zwanzig Meilen der Reſidenz nähern darf, in welcher der König verweilt. Be⸗ denke, theurer Freund, Napoleon hat Hardenberg in den Bann gethan! Ich hebe den Bann auf und rufe Hardenberg zu mir. Wenn er Muth hat, wird er kommen, und wenn er da iſt, werden wir uns ſchon bemühen, Napoleons Zorn zu beſchwichtigen. Hat jetzt zu viel zu thun mit ſeinen Hochzeitsfeierlichkeiten und ſeiner jungen Kaiſerin, wird nicht Zeit haben, ſich darum zu kümmern, ob der kleine König von Preußen ſich einen andern Miniſter wählt. Wollen übrigens auch klug und be⸗ ſonnen handeln und verſuchen, es in Güte von Napoleon zu erlangen, daß er den Hardenberg wieder bei mir läßt. Kann einen Miniſter nicht gebrauchen, der mir vorſchlägt, die Provinz Schleſien gutwillig hinzugeben und treue Unterthanen wie eine Waare zu verkaufen. Alten⸗ ſtein ſoll fort und Hardenberg an ſeine Stelle treten. Ich hab' ihn gerufen! Wenn er ein guter Patriot iſt, wird er kommen, und wird auch ſein Haupt beugen und an den Kaiſer Napoleon einen reumüthigen Brief ſchreiben, damit er einwilligt, daß Hardenberg bei uns bleibt.*) *) Hardenberg folgte dem an ihn ergangenen Rufe des Königs augen⸗ blicklich und kam nach Potsdam, wo er mit dem König eine lange Unterredung hatte und ſich bereit erklärte, die Leitung der Staatsgeſchäfte zu übernehmen. Er unterwarf ſich auch der harten Pflicht, Napoleon durch Unterwürfigkeit zu verſöhnen, und ſchrieb an den Kaiſer einen demüthigen Brief, in dem er ſeine größte Hingebung für Frankreich verſicherte und verſprach, daß die Contributions⸗ gelder pünktlich gezahlt werden ſollten. Der franzöſiſche Geſandte, Herr von St. Marſan, übernahm die Beſorgung und die Befürwortung dieſes Schreibens. Napoleon nahm den Brief gut auf und löſte den Bann, der bisher auf Har⸗ denberg gelegen. Siehe: Kloſe, Hardenberg. 4 Mühlbach, Napoleon. II. Bd 47 Oh, er wird kommen, mein Freund, und er wird auch den Brief ſchreiben, rief die Königin. Und Du biſt einverſtanden, daß Hardenberg das Miniſterium Altenſteins übernimmt? fragte der König lächelnd. Einverſtanden? fragte die Königin. Voll Freude und Seligkeit bin ich, daß Du dieſen Mann zu Dir rufſt. Nun hege ich wieder Hoffnungen für Preußen, nun blicke ich vertrauensvoll in die Zukunft, denn Hardenberg iſt ein Patriot, ein deutſcher Mann, dem die Ehre und Würde des Vaterlandes am Herzen liegt, der uns nicht zu Va⸗ ſallen Frankreichs erniedrigen will, der nicht vorſchlagen wird, Pro⸗ vinzen aufzuopfern, wo wir uns mit Geld loskaufen können. Oh, mein geliebter, theurer Freund, wie danke ich Dir für dieſe Freude! Dies Papier iſt das ſchönſte meiner Geburtstagsgeſchenke, und es macht wirklich mein Herz froh und leicht. Hab' aber doch noch ein anderes gutes Papier, das Dir Freude machen wird, rief der König, indem er ein zweites Papier aus ſeinem Buſen hervorzog. Da, meine liebe zärtliche Prinzeſſin von Mecklen⸗ burg, da haſt Du mein zweites Geſchenk. Er legte ein zuſammengefaltetes Papier in die Hände der Königin und nickte ihr lächelnd zu. Louiſe ſchlug das Papier auseinander, und nun flog ein Lächeln über ihr Antlitz hin und ein Freudenſchrei tönte von ihren Lippen. „Reiſeſchein für die Königin Louiſe, gültig für eine Reiſe nach Mecklenburg⸗Strelitz,“ las ſie mit frohem Lachen.„Erſter begleitender Reiſe⸗Marſchall: Friedrich Wilhelm.“ Ich ſoll nach Mecklenburg, jauchzte die Königin, und Du, Du willſt mich begleiten? Oh, mein Geliebter, Du haſt alſo meines Her zens geheimſten und glühendſten Wunſch errathen, und ehe noch meine Lippen ihn ausgeſprochen, giebſt Du ihm Erfüllung. Oh, wie ſoll ich Dir danken, Du lieber, einziger Freund? Sie ſchlang mit leidenſchaftlicher Innigkeit ihre beiden Arme um den Nacken des Königs und drückte einen langen Kuß auf ſeine Lippen. Lieber, Lieber, wie ſoll ich Dir danken? flüſterte ſie noch einmal mit Thränen in den Augen. Der hirig mein ſcinſter Glic. Hab' he müſſen, das ga in Herzen klne Wie heißt Friedrich! und indem er Ich d Ich w Doch So ſe Der lan war endlich g erreichen und ſtreliz. In n ſchiſte noch in ihr und ihrer gehen und vor Vie hatt in die Heinail von ihem G ſchönen Antb niſſen, den Ruten, auf ſie ihren Vot in das Vater h den Brief Miniſterim nd Seligkeit e ich wieder die Zukunft, die Ehre nicht zu Vo⸗ DOh, mein ude! Dies dees macht Dir Frelde aus ſeinem on Mecklen⸗ der Königin ander, und nſchrei tönte keiſe nach begleitender e ſoll ich Arme um e Lippen⸗ amal mit 739 Der König ſah ſie lange und innig an. Daß Du biſt, das iſt mein ſchönſter Dank, ſagte er, daß ich Dich habe, iſt mein höchſtes Glück. Hab' heut immer an ein Lied vom alten guten Claudius denken müſſen, das ganz ausdrückt, was ich fühle, und das mir heut immer im Herzen klingt und tönt. Wie heißt das Lied? fragte die Königin. Friedrich Wilhelm legte ſeine Hand wie ſegnend auf ihr Haupt, und indem er ſeine Augen zum Himmel empor hob, ſagte er laut: Ich danke Dir mein Wohl, mein Glück in dieſem Leben, Ich war wohl klug, daß ich Dich fand; Doch ich fand nicht, Gott hat Dich mir gegeben, So ſegnet keines Menſchen Hand! In die Beimath. Der lang erſehnte glückliche Tag, der fünfundzwanzigſte Juni, war endlich gekommen. Heute ſollte die Königin endlich ihren Wunſch erreichen und in die Heimath reiſen, in das geliebte Vaterhaus zu Neu⸗ ſtrelitz. In wenigen Tagen wollte ihr der König, den die Staatsge⸗ ſchäfte noch in Berlin zurückhielten, nach Neuſtrelitz nachfolgen, um mit ihr und ihrer Familie nach dem herzoglichen Luſtſchloß Hohenzieritz zu gehen und von dort nach Berlin zurückzukehren. Wie hatte die Königin dieſen Tag erſehnt, wie innig ſich der Reiſe in die Heimath gefreut. Selbſt der Abſchied von ihren geliebten Kindern, von ihrem Gemahl trübte nicht den Sonnenglanz, der heute von ihrem ſchönen Antlitz ſtrahlte. Sie ſollte die Kinder ja nur wenige Tage miſſen, den Gemahl noch früher wiederſehen, ſie durfte es ſich wohl geſtatten, auf einige Tage ihr ganzes Herz der Freude hinzugeben, daß ſie ihren Vater, ihre Geſchwiſter wiederſehen, daß ſie heimkehren ſollte in das Vaterhaus, in die Heimath. ————— 740 In die Heimath! Fort rollt der Wagen aus dem Schloßthor von Charlottenburg. Die Königin lächelt und grüßt nach allen Seiten hin, am meiſten grüßt ſie den Himmel und die kleinen weißen Wolken, die wie raſche Schwäne dahin gleiten. Fliegt mir voran, ihr Wolken, ſagt es meinem Vater und meinen Brüdern, daß ich jetzt komme! ruft die Königin lächelnd zu den Wolken empor. Oh, warum kann ich nicht mit Euch fliegen, ihr Wolken, warum ſpannt nicht meine Seele ihre Schwingen aus und trägt mich durch die Lüfte dahin in die Heimath! Die Pferde gehen ſo langſam, ſo langſam! Und doch fliegen die Pferde pfeilgeſchwind über die Landſtraße da⸗ hin. Vorbei an Städten und Dörfern, an Feldern und Wieſen. Die Königin zählt die Relais. Da ſind wir ſchon in Granſee, die nächſte Stadt iſt Mecklen burgiſch. Zwiſchen Granſee und Fürſtenberg, da iſt die Grenze meiner Heimath! Vorwärts, vorwärts! der Heimath zu! Die Pferde jagen pfeilgeſchwind, die Königin lehnt ſich lächelnd in den Wagen zurück. Königin, hier ſind wir an der Grenze! Hier iſt Mecklenburg! ruft Frau von Berg. Mecklenburg! ſagte die Königin lächelnd. Ich grüße dich, mein Vaterland! Und ſie wirft mit ihren Fingerſpitzen nach rechts und links Küſſe in die Luft. Ich grüße dich und küſſe dich, mein Mecklenburg. Mit treuem Herzen kehre ich zu dir zurück, mit treuem Herzen geh' ich ein in die Heimath! Weshalb zuckt die Königin auf einmal ſo zuſammen und preßt ihre Hände angſtvoll auf ihr Herz? Oh, Caroline, flüſtert ſie, der Todtenwurm, der Todtenwurm! Konnt' er nicht ſtill ſein und ſchweigen wenigſtens in dieſem Mo⸗ ment? Konnt' er mir das Glück dieſer Stunde nicht gönnen? Oh, wie er hämmert und bohrt, als arbeite er an meinem Sarge und es habe große Eile damit, große Eile! Königin, weshalb ſo trübe Gedanken jetzt? Schauen Sie den Hinmel, ie die mecklenburg Die Luft nert weiter ar der wahren H Pos ſoll der nicht trinken, zen! Jetzt wo odet ich. Ich ſehen, ob ern Und die zwingt ein Lär Sei mir Kornfeldern, frohen, rothw nur, ſieh, Cn Kornfeld hier, btingen den 2 und Mhung des einſamen eine Buerfr weißhagrige nichts als ih an ud ſeid ſ hören. Still Der Wo weit Flurt angehaltenen Da dri ſitt die Bi Schloßthor von len Seiten hin, Wolken, die weinen u den Wolken Wolken, warum S. t mich durch die mn, ſo langſam! ſtraße da⸗ Die d Wleſen. T ſt Mecklen Grenze meiner nt ſich lächelnd Clenburg! nift ſe dich, mein und links Küſe Mit treuem ich ein in die m Todtenwurm Mo⸗ * dieſem Oh, des arce un Salhe Sie den hauer 741 Himmel, wie blau und glänzend er iſt, wie mild und weich die Luft, die mecklenburgiſche Luft, Königin. Die Luft der Heimath weht mich an, aber der Todtenwurm häm⸗ mert weiter an meinem Sarg, und er wird mir die Pforten öffnen zu der wahren Heimath, zu der Heimath da droben! Aber ſtille, ſtille! Was ſoll der Tropfen Wermuth in dem Freudenbecher! Ich will ihn nicht trinken, ich will nicht achten auf das Hämmern in meinem Her⸗ zen! Jetzt wollen wir einmal ſehen, wer mächtiger iſt, der Todtenwurm oder ich. Ich will lachen und heiter und glücklich ſein! Wollen einmal ſehen, ob er mich hindern kann! Und die Königin richtet ſich aus der Wagenecke wieder empor und zwingt ein Lächeln auf ihre Lippen. Sei mir gegrüßt, du mecklenburgiſch Land mit deinen wogenden Kornfeldern, deinen duftigen Wieſen, deinen rauſchenden Seen, deinen frohen, rothwangigen Menſchenkindern und deinen Eichenwäldern! Sieh nur, ſieh, Caroline, kein Meer kann ſchönere Wellen ſchlagen, wie dieſes Kornfeld hier, und dieſe Wellen bringen nicht Tod und Verderben, ſie bringen dem Bauer den Lohn der Arbeit, ſie bringen dem Armen Brod und Nahrung. Oh ſeht, ſeht, das allerliebſte Bild! Da vor der Thür des einſamen Bauernhauſes dort drüben, mitten im Kornfeld, da ſitzt eine Bauerfrau auf der Bank, der Säugling liegt an ihrer Bruſt, drei weißhaarige Kinder ſpielen zu ihren Füßen. Sie ſieht uns nicht, ſieht nichts als ihre Kinder und ſingt ihnen ein Lied. Oh, haltet an, haltet an und ſeid ſtille, und laßt mich das Lied der mecklenburgiſchen Mutter hören. Still! Still! Der Wagen hält, das Kornfeld rauſcht, der Wind gaukelt über die weite Flur und ſpielt mit dem weißen Schleier der Königin, die mit angehaltenem Athem, mit ſüßem Lächeln auf den Geſang lauſcht. Da drüben vor der Hüttenthür, inmitten des wogenden Kornfeldes, ſitzt die Bäuerin und ſingt: Oh ſchlop, mihn lewes lüttes Kind, Oh ſchlop un dröhm recht ſchön, Denn alle Engel bi di ſünd Un Gott, de het di ſehn! 742 Leev Gott het alle Minſchen gihrn, De Kinner doch am leevſten, Drüm wenn wi man wie Kinner wirn, Denn har uns Gott am leevſten! Oh ſchlop, mihn lewes lüttes Kind, Oh ſchlop un dröhm recht ſchön!*) Die Königin lacht vor Vergnügen. Das iſt ein mecklenburgiſch Lied, ein plattdeutſch Lied, ruft die Königin. Wie ſüß das klingt, wie herzig und wie weich, als ob es die Sprache des Herzens wäre! Nun hat mich die Heimath gegrüßt mit ihren ſchönſten Klängen, mit dem plattdeutſchen Lied, das die Mutter ihren Kindern ſingt. Nun vor⸗ wärts, vorwärts! Ich bin auch ein mecklenburgiſch Kind und ſehne mich nach dem Vaterkuß und nach den Armen der lieben alten Großmutter! Vorwärts rollt der Wagen, vorwärts in raſchem Lauf. Da tauchen aus der Ferne ſchon Thürme empor. Das ſind die Thürme einer mecklenburgiſchen Stadt. Die Thürme Fürſtenbergs! Da rollt der Wagen durch das alte, düſtere Thor, da hält er an am Schloß. Mein Vater! Mein geliebter Vater! Meine Tochter! Meine geliebte Louiſe! Willkommen, tauſend Mal willkommen in der Heimath! Sie liegen einander in den Armen, ſie halten ſich feſt umſchlungen *) Oh ſchlaf, mein liebes kleines Kind, Oh ſchlaf und träum' recht ſchön, Denn alle Engel bei Dir ſind Und Gott hat Dich geſehn. Lieb Gott hat alle Menſchen gern, Die Kinder doch am liebſten; Drum wenn wir nur wie Kinder wär'n, Dann hätt' uns Gott am liebſten. Oh ſchlaf, mein liebes kleines Kind, Oh ſchlaf und träum' recht ſchön! und weinen vor ſſt ein Vater u Und aus t derb, ihres Lie Uebertaſchung! ich hofſte, dem Komm jet alte Großmutt Großman Wagen, leicht Vater und der Damen der Ki Porwärts Händen des V lachende Flur Himmert Herzen? Wer die Königin? Die Aöni iſt in ihr, di Dus An flatten wie links und rec und ihr entge Und in der gepflegt, die Sie ſtr Liebestznen Und H Großnutter Sie ha weinen, wei on den V meckenburgiſch das klingt, wie äre! Nun ngen, mit dem Nun vor⸗ d ſehne mich f. Da tauchen t. Die Thürme a hält er an n tauſend Mal ſt umſchlungen 743 und weinen vor Freude. Er iſt kein Herzog, ſie iſt keine Königin, er iſt ein Vater und ſie iſt ſein Kind, nichts weiter. Und aus den Armen des Vaters ſinkt ſie in die Arme des Bru⸗ ders, ihres Lieblings Georg. Oh, Dank Ihr Lieben, Dank für dieſe Ueberraſchung! Nun habe ich noch zwei Stunden mehr des Glücks, als ich hoffte, denn ich dachte Euch ja erſt in NReuſtrelitz zu finden. Komm jetzt, meine Tochter, komm, die Pferde ſind bereit und die alte Großmutter erwartet Dich mit Sehnſucht. Großmama, ich komme! ruft die Königin, und ſie hüpft in den Wagen, leicht beſchwingt, froh wie ein Kind. Neben ihr ſitzen der Vater und der Bruder, und in den Wagen des Herzogs ſetzen ſich die Damen der Königin. Vorwärts geht es, vorwärts, der Heimath zu. Die Hände in den Händen des Vaters und des Bruders, ſo fährt die Königin dahin durch lachende Fluren, durch wogende Kornfelder. Hämmert der Todtenwurm noch? Bohrt er noch in Louiſens Herzen? Wer hat geſiegt, wer iſt mächtiger? Der Todtenwurm oder die Königin? Die Königin hat geſiegt, die Königin iſt mächtiger, denn die Liebe iſt in ihr, die göttliche Liebe, die Alles überwindet— ſelbſt den Tod. Das Antlitz der Königin ſtrahlt vor Glück und Heiterkeit, Lächeln flattert wie Amoretten um ihre Lippen, Grüße flammen ihre Augen links und rechts hin nach den frohen Menſchen, die da am Wege ſtehen und ihr entgegen jauchzen. Jetzt iſt das Ziel erreicht. Da liegt Neuſtrelitz, da das Schloß. Und in der Pforte ſteht die alte Großmutter, die Louiſens Kinderzeit gepflegt, die alte achtzigjährige Landgräfin. Sie ſtreckt der Königin die Arme entgegen, ſie ruft mit zärtlichen Liebestönen nach ihrem Pflegekind, nach ihrer Loniſe. Und Louiſe fliegt aus dem Wagen und hin in die Arme der Großmutter. Sie halten ſich feſt umſchlungen, ſie ruhen Herz an Herzen und weinen, weinen bitterlich. Und der Herzog ſelber wiſcht die Thränen von den Wimpern, und der Erbprinz Georg ſelbſt weint. 744 Auch das Glück hat ſeine Thränen und ſeine Wehmnth. Großmutter, flüſtert die Königin, ich habe viel geweint vor Kum⸗ mer und vor Weh! Jetzt weine ich vor Glück und Luſt und meine Thränen danken Gott! Nun iſt ſie daheim, die Königin, daheim beim Vater, iſt wieder angelangt im Vaterhaus. Die Stürme ſind vorübergebrauſt, das Unglück hat ſich ausgetobt. Das Glück iſt wieder dg. Es ſtrahlt von ihrem Antlitz den ganzen Tag, und auch die kom⸗ menden Tage, an denen die Königin die Bekannten und Freunde frü⸗ herer Zeit willkommen heißt. Am zweiten Tage iſt ein großes Hoffeſt. Ball am Abend. Eine glänzende Geſellſchaft iſt verſammelt in den herzoglichen Sälen, Alles harrt und hofft der Königin entgegen. Da thun ſich die Flügelthüren auf, da kommt ſie am Arm des Herzogs, ihres Vaters, in den Saal und grüßt freudig die willkom⸗ menen Gäſte. Wie ſchön ſie heute iſt. Das Antlitz ſtrahlt von Heiterkeit, eine unendliche Hoheit, Milde und Güte iſt über ihr ganzes Weſen ergoſſen. Heute zum erſten Mal auch nach den Tagen des Unglücks hat Louiſe ſich geſchmückt, wie es einer Königin geziemt. Ein weißes Atlaskleid umgiebt ihre edle, herrliche Geſtalt, ſchön geſchmückt ſind die entblößten Arme und der wundervolle Hals. Oh, Königin, wie ſchön Sie heute ſind! ruft eine ihrer Jugend⸗ freundinnen ganz entzückt. Und wie ſchön dieſe Perlen ſind! Ja, ſagt die Königin, dieſe Perlen ſind ſchön. Ich liebe ſie auch ſehr und habe ſie zurückbehalten, als es darauf ankam, meine Brillanten hinzugeben. Perlen paſſen beſſer für mich, denn ſie bedeuten Thränen, und ich habe deren ſo viele geweint.*) Und wie die Königin das ſagt, zuckt ſie leiſe zuſammen und faßt mit der Hand nach ihrem Herzen. *) Der Königin eigene Worte. Siehe: Letzte Lebenstage der Königin Louiſe.(Von dem damaligen Erbprinzen Georg, jetzigen Großherzog von Mecklenburg⸗Strelitz.) Himmert und ubeitet a Nein, nei ſrehlt von iht und im leicht Und dem Der Kör zu ſehen, ſie und an ſein Sie hat Sie ſchaut m frut ſich ſein der ihr aus Nit fre mit dem He ſehen. Oh, Wohrzinmer Georg, nun dus möcht Und al auch ſichtba ihres Vater Licheln haſtiger Ha bin heute ſ der Gatten. So, mein Pate zietit. Ab tiſch bitt, ihn fteuen ) Die dies letzte, es in ſeine t vor Kum⸗ t und meine ater, iſt wieder entblößten er Jugend⸗ e ſie auch 745 Hämmert der Todtenwurm ſchon wieder? Bohrt er in ihrem Herzen und arbeitet an ihrem Sarg? Iſt er doch mächtiger als die Königin? Nein, nein! Louiſe beſiegt ihn, Louiſe iſt mächtiger als er! Freude ſtrahlt von ihrem Angeſicht, heitere Worte nur tönen von ihren Lippen, und im leicht beſchwingten Tanz ſchwebt die Königin dahin. Und dem Tag des Glücks folgt ein anderer Tag ſchöneren Glücks. Der König kommt, ſeine geliebte, lang vermißte Gemahlin wieder zu ſehen, ſie wieder abzuholen in die zweite Heimath, in ſein Haus und an ſein Hetrz⸗ Sie hat ihn wieder, den geliebten Gemahl, den treueſten Freund. Sie ſchaut mit Entzücken in ſein edles, männlich ſchönes Angeſicht, ſie freut ſich ſeiner hohen, königlichen Geſtalt, und der Strahl der Liebe, der ihr aus ſeinen Augen flammt, entzückt ſie. Mit freudefunkelnden Augen ſchaut ſie dem König nach, der eben mit dem Herzog das Zimmer verläßt, um die alte Schloßkirche zu be⸗ ſehen. Oh, Georg, ruft ſie freudevoll dem Erbprinzen zu, der in dem Wohnzimmer des Herzogs mit ſeiner Schweſter allein geblieben, oh, Georg, nun erſt bin ich ganz glücklich! Das möcht' ich immer rufen, das möcht' ich Euch Allen immer wiederholen. Und als ob das geſprochene Wort ihr nicht genügt, als ob ſie es auch ſichtbar documentiren müßte, eilt die Königin zum Schreibtiſch ihres Vaters hin. Lächelnd nimmt ſie ein Streifchen Papier und eine Feder, und mit haſtiger Hand ſchreibt ſie auf das Papier:„Mein lieber Vater! Ich bin heute ſehr glücklich als Ihre Tochter und als die Frau des beſten der Gatten. Louiſe.“*) So, ruft die Königin, da ſteht es geſchrieben! Heute wird es mein Vater nicht mehr finden, denn wir fahren gleich ab nach Hohen⸗ zieritz. Aber wenn er übermorgen wieder kommt und an ſeinen Schreib⸗ tiſch tritt, da wird er dieſen Gruß ſeiner Louiſe finden, und es wird ihn freuen, und— *) Die letzten Worte, welche die Königin geſchrieben. Der König bewahrte dies letzte, von der Königin geſchriebene Zettelchen als Heiligthum auf und trug es in ſeinem Portefeuille immer bei ſich. 746 Was zuckſt Du ſo zuſammen, meine Schweſter? Was beben Deine Lippen, und wie bleich Du auf einmal biſt! Mein Gott, was fehlt Dir, liebe Schweſter? Es iſt nichts, mein Bruder, oh, es iſt nichts! Ein kleiner vor⸗ übergehender Stich im Herzen, ein Wehgefühl, oh, ein Wehgefühl!— Nein, es iſt nichts, und jetzt iſt's ſchon vorüber, ganz vorüber. Und wenn Du mich liebſt, Geprg, ſo vergißt Du es und ſagſt nichts von dieſem kleinen Zufall, ſprichſt zu Niemanden davon, am allerwenigſten aber zu meinem Mann! Da kommen ſie ſchon wieder, die Geliebten! Wir wollen ihnen entgegen gehen.— Nach Hohenzieritz geht nun die Reiſe von Neuſtrelitz hin, nach dem reizenden herzoglichen Luſtſchloß am Ufer des ſchönen Tollenſee. Da halten die Equipagen vor dem Schloßportal, am Arm des Königs tritt Louiſe in das Schloß; und plötzlich durchzuckt ein Schauer ihre ganze Geſtalt, eine tödtliche Bläſſe bedeckt ihre Wangen und krampfhaft klammert ſie ſich an den Arm des Königs feſt. Was fehlt Dir, Louiſe? Was biſt Du ſo bleich und zitterſt? Iſt Dir nicht wohl? Oh doch, mein geliebter Freund, mir iſt wohl, aber mich friert, und die Luft hier im Schloß dünkt mich ein wenig ſchwül und drückend, und ſo ſtill iſt es hier, ſo ſtill und öde, als ob der Tod hier wohnte. Komm, laß uns in den Garten hinunter gehen, da iſt das Leben und die Sonne! Komm! Sie eilt am Arm des Königs hinunter in den Garten. Im Garten, da iſt das Leben und die Sonne. Im Schloſſe wohnt der Tod. Jetzt im Garten röthen ſich die Wangen der Königin wieder und ihre Augen ſtrahlen wieder hell und licht. Leicht und ſchwebend durch— eilt ſie mit dem Gemahl die langen ſchattigen Alleen und führt ihn zu dem See, der den Garten begrenzt. Da liegt er vor ihnen, der ſchöne Tollenſee, glänzend wie Silber, rund wie ein Ring und rings umſäumt von einem Kranz von hohen Eichen. Und die Eichen ringsum rauſchen hoch auf, als wollten ſie die Königin grüßen, und die Wellen plätſchern zu ihren Füßen und ſprngen hiſig rigin küſſen. Oh, meir hiſt du! ruft tigen Ufer he Das Et ich Dich jetzt zeſſin zu ſein Die Heimath Aber da ſo glücklich, nigin mit ei Gemahl, un bin ich heute Gott e Deinen Kin und Du biſt Sie keh ſeiert die Den l Ein n ſcheint glä Louiſe richt zurück, ein faßt ſie na zucken und Oy, arheitet! Ame und arbei Es i der Kram Es i Neſtult as beben Deine t, was fehlt Fin klo; a Heiner vor⸗ Wehgefühl!— vorüber. Und agſt nichts von allerwenigſten t ein Schauer Wangen und tterſt? Iſt mich friert, und drückend, hier wohnte. das Leben und Im Garten, der Tod. nvieder und vebend durch⸗ führt ihn z wie Silber, von hohen s wollen ſe Fißen und 747 ſpringen luſtig ſchäumend heran, als wollten ſie die Füße der Kö⸗ nigin küſſen. Oh, mein liebes Mecklenburg, mein liebes Heimathland, wie ſchön biſt du! ruft die Königin weit hinaus über den See, und vom jenſei⸗ tigen Ufer herüber antwortete ihr das Echo: Schön biſt du! Das Echo hat Recht, ſagt der König. Schön biſt Du, und wie ich Dich jetzt anſchaue, ſcheinſt Du mir ganz wieder die junge Prin⸗ zeſſin zu ſein, die ich vor ſiebenzehn Jahren zum erſten Mal geſehen. Die Heimath hat Dich wieder zum jungen Mädchen gemacht. Aber das junge Mädchen vor ſiebenzehn Jahren war doch nicht ſo glücklich, als es die Frau, die Mutter von heute iſt, ſagt die Kö⸗ nigin mit einem ſüßen Lächeln. Damals hatte ich Dich nicht, mein Gemahl, und nicht die Kinder, die geliebten Kinder! Jünger wie damals bin ich heute in meinem Herzen, denn die Liebe macht und erhält jung! Gott erhalte Dir dieſe ewige Iugend, meine Louiſe, mir und Deinen Kindern zur Freude! Aber komm, es iſt kühl hier am See und Du biſt immer noch bleich! Sie kehren in das Schloß zurück, und im Kreiſe ihrer Familie feiert die Königin einen Tag des reinſten, ſchönſten Glücks.— Den letzten Tag!— Ein neuer Tag bricht an und eine neue Sonne geht auf. Sie ſcheint glänzend und hell herein in das Schlafzimmer der Königin. Louiſe richtet ſich auf, ſie will ſich erheben. Ihr Kopf ſinkt ſchwer zurück, ein lauter Schrei tönt von ihren Lippen, mit beiden Händen faßt ſie nach ihrem Herzen, ihre Bruſt hebt ſich krampfhaft, ihre Lippen zucken und wimmern. Oh, oh, mein Herz! Wie das hämmert und ſticht, bohrt und arbeitet! Arme Königin! Der Todtenwurm iſt doch mächtiger, er hämmert und arbeitet an Deinem Sarge und bald, bald wird er fertig ſein! Es iſt nichts, nichts! flüſtert die Königin ihrem Gemahl zu, als der Krampf vorüber war. Es iſt nichts! Nur eine Erkältung! wiederholt ſie, als die aus Neuſtrelitz herbeigerufenen Aerzte kommen. 748 Es iſt nur eine Erkältung, aber die Königin kann doch das Bett nicht verlaſſen, ſie kann den König nicht nach Berlin begleiten, als ihn nach einigen Tagen dringende Staatsgeſchäfte nach Berlin zurückrufen. Die Königin muß noch einige Tage in Hohenzieritz zurückbleiben, noch einige Tage ſich erholen und der Ruhe pflegen. Nur noch einige Tage! Und aus den Tagen wurden Wochen. Und die Königin war noch immer krank, ſie litt, wie ſie nie gelitten. Oft, in der Stille der Nacht, wenn nur die Freundin, Caroline von Berg, an ihrem Bette ſaß, winkte ſie dieſe leiſe zu ſich und flüſterte in ihr Ohr: Der Todtenwurm! Sagt ich's Dir nicht, Caroline, daß er in meinem Herzen ſitzt und hämmert und bohrt an meiuem Sarg? Jetzt hämmert er nicht mehr, denn der Sarg iſt fertig, aber mein Herz iſt ſchwer von der Laſt und es wird zuſammenbrechen! Oh, wäre nur erſt der König bei mir, mein geliebter Mann! Eilboten gingen nach Charlottenburg zum König hin, Eilboten kamen alle Tage von Charlottenburg nach Hohenzieritz hin und fragten im Namen des Königs nach dem Befinden ſeiner Louiſe. Er ſelber kann nicht kommen, auch Er iſt krank, das Fieber hält den König an ſein Lager gefeſſelt, wie der Bruſtkrampf die Königin. Und ich bin nicht bei ihm! jammert die Königin. Und ich kann ihn nicht pflegen, nicht ſeine Sorgen fortlächeln, nicht die Falten von ſeiner Stirn verjagen. Jetzt mache auch ich ihm Sorgen! Jetzt grämt er ſich auch um mich! Mein Gott, werde ich denn nicht bald geneſen? Sagen Sie es mir, lieber Doctor Heim, Sie, den mir der König ge⸗ ſandt hat, damit Sie mich wieder geſund machen, werde ich nicht bald geſund ſein, damit ich den König pflegen kann? Ja, Majeſtät, Sie werden, ſo Gott will, bald wieder geſund ſein. Aber vorläufig bringe ich Ihnen hier einen Brief des Königs, den er mir mitgegeben. Die Augen Louiſens glänzten vor Freude, und mit heiterem Antlitz entfaltete ſie den Brief und las ihn. Thränen des Entzückens ſtürzten während des Leſens aus ihren Augen über die Worte der zärtlichſten Liebe, der imit Brief! rief ſie. Und ſie ki ſell es bleiben cinen, Doctor Bruſtkrampf! iſt nahe.— Doctor kühlende Tri Gott allein! Und Got Inmerh rief die Könie ſie nach ihrer Doctor, Kindern entr Der De Mein G hat mit nod habe ſo viel ſterben, ehe wieder der mir!— Ac Es wa als die hör Gewitternac ten ſo dum nur leiſes nigin war noch ille der Nacht, m Bette ſaß, Todtenwurm! erzen ſitzt und er nicht mehr, t Laſt und bei mir, mein Eilboten ind fragten F oſhg Er ſelber Und ich kann Falten von etzt grämt d geneſen? nicht bald zens ſtirjten ulichſen 749 Liebe, der innigſten Sehnſucht, die der König an ſie richtete. Welch ein Brief! rief ſie. Wie glücklich iſt, wer ſolche Briefe empfängt!*) Und ſie küßte das Papier und legte es dann auf ihr Herz. ſoll es bleiben, und es wird mich beſſer heilen, als alle Ihre Medi⸗ cinen, Doctor. Wenn nur der Bruſtkrampf nicht wäre. Der böſe Bruſtkrampf! Wenn er mich überfällt, denke ich immer, mein Ende Da iſt nahe Doctor Heim antwortete nicht; er wandte ſich ab, verordnete kühlende Tränke und lindernde Mittel. Helfen konnte Niemand, als Gott allein! Und Gott wollte nicht helfen. Immer häufiger wurden die Bruſtbeklemmungen, immer angſtvoller rief die Königin: Luft! Luft! Ich ſterbe!— Immer angſtvoller rief ſie nach ihrem Gemahl und ihren Kindern. Doctor, muß ich denn ſterben? Soll ich dem König und meinen Kindern entriſſen werden? Der Doctor antwortete nichts. Mein Gott, ich bin noch ſo jung! ächzte die Königin. Das Leben hat mir noch ſo Vieles zu erfüllen, was es mir verſprochen hat, ich habe ſo viele Thränen vergoſſen, ſo viel Unglück erlebt! Muß ich denn ſterben, ehe ich das Glück wieder genoſſen! Ach,— da kommt ſchon wieder der fürchterliche Bruſtkrampf! Oh, oh, Doctor! Helfen Sie mir!— Ach, mir hilft nichts mehr, als der Tod!**) Es war in der Nacht vom achtzehnten auf den neunzehnten Juli, als die Königin ſo zu ihren Aerzten klagte. Eine dunkle, ſtürmiſche Gewitternacht. Die hohen Bäume im Garten von Hohenzieritz rauſch⸗ ten ſo dumpf und ſchauerlich. Das Schloß war ſo öde und ſtill,— nur leiſes Aechzen und Wimmern durchtönte das Schloß,—„der Tod wohnt in dem Schloß!“ Der Morgen dämmerte, da rollte ein Wagen in den Schloßhof. *) Der Königin eigene Worte. **) Der Königin eigene Worte. Siehe: Königin Loniſens letzte Lebens⸗ tage. Seite 20. 750 Der Herzog eilte hinaus, ein bleicher Mann ſpringt aus dem Wagen und ſtürzt ihm entgegen. Wie geht's? Wie geht's? Was macht Louiſe? Der Herzog vermochte nicht zu antworten. Er nahm den Arm des Königs und führte ihn in das Schloß; ſchweigend, geſenkten Hauptes folgten die beiden Söhne des Königs, die mit ihrem Vater gekommen waren. Der Herzog führte den König in ſein Gemach, dort fand er die alte Landgräfin und die drei Aerzte der Königin. Nur mit einem ſtummen Kopfneigen begrüßte Friedrich Wilhelm die Fürſtin, dann wandte er ſein bleiches, zuckendes Antlitz den Aerzten zu. Wie geht es mit dem Befinden der Königin? fragte er. Was haben Sie für Hoffnungen? Keine Antwort erfolgte. Düſteren Angeſichts, geſenkten Blickes ſtanden die Männer der Wiſſenſchaft da. Das Antlitz des Königs ward todesbleich, er faßte ſich mit der Hand nach der Stirn, die naß war von kaltem Schweiß. Antworten Sie mir, ſagte er dann rauh und gebieteriſch. Ich will die Wahrheit wiſſen! Wie geht es der Königin? Was für Hoff⸗ nungen haben Sie? Keine Hoffnungen mehr, Majeſtät! ſagte Doctor Heim feierlich. Es iſt ein organiſches Herzleiden, da vermag unſere Kunſt nichts. In wenigen Stunden wird die Königin ausgelitten haben. Der König taumelte, wie eine vom Sturm gefällte Eiche, rückwärts nach der Wand hin. Kein Schrei kam über ſeine Lippen, keine Thräne trat in ſeine Augen. Kalten Blickes ſtarrte er in das Leere, den Kopf an die Wand gelehnt, die Arme ſchlaff herabhängend. Die alte achtzigjährige Landgräfin trat zu ihm und legte ihre Hand ſanft auf ſeine Schulter. Hoffen Sie noch, mein Sohn, ſagte ſie feierlich, noch lebt Louiſe, und ſo lange ſie lebt, iſt noch Hoffnung. Gott kann ſie noch in ſeiner Guade uns erhalten. Der König machte eine abwehrende Bewegung und ſchüttelte heftig das Haupt. Ach rife nire vitde ſi Aber ih nil ſie noch mir, Ich werd welden, ſagte Einige W Krankenzimme rief: Mein F Der Kön Thür Doctor Da liegt gekrickte Lilie, votklärt in G Mein G Sie rich ſteht die Arn Oh, flüſ konn ich nicht Der Köt wie ſie ihm ſt bedeckte ihre Luiſe l ſelig zu ihn Du biſ Aber wie g llein gekom ingt aus dem ch Wilhelm die en Aerzten zu. ſich mit der teriſch. ch feierlich. ne Thräne den Kopf re Hand t Luiſe, in ſeiner 751 Ach, rief er mit rauher, zürnender Stimme, wenn Sie nicht Mein wäre, würde ſie leben. Aber da ſie meine Frau iſt, ſtirbt ſie gewiß!*) Aber ich will ſie ſehen, ich muß ſie ſehen! So lange ſie lebt, gehört ſie noch mir, und ich will ſie haben und beſitzen! Ich werde gehen, der Königin die Ankunft ihres Gemahls zu melden, ſagte Heim, und er eilte in das Krankenzimmer. Einige Minuten vergingen, dann vernahm man drinnen in dem Krankenzimmer einen lauten, freudigen Schrei und die Stimme Louiſens rief: Mein Friedrich! Mein Geliebter, komm zu mir! Der König ſtürzte vorwärts, nach dem Krankenzimmer hin, deſſen Thür Doctor Heim eben öffnete. Da liegt die Königin auf ihrem Lager, bleich und ſchön, wie eine geknickte Lilie, aber ihre Augen leuchten wie Sterne, ihr Antlitz iſt wie verklärt in Glück und Wonne. Mein Gemahl! Mein geliebter Freund! Sie richtete ſich empor, ſie wollte dem König, der an ihrem Lager ſteht, die Arme entgegenſtrecken, aber ach, ſie vermochte es nicht. Oh, flüſterte Louiſe ſchmerzvoll, ich bin Königin, aber meine Arme kann ich nicht bewegen!**) Der König neigte ſich zu ihr nieder mit einer Heftigkeit und Gluth, wie ſie ihm ſonſt nicht eigen war, dann drückte er die Königin an ſich und bedeckte ihren Mund, ihr bleiches, geliebtes Angeſicht mit ſeinen Küſſen. Louiſe lächelte und lehnte ihr Haupt an ſeine Schulter, und ſchaute ſelig zu ihm empor. Du biſt da! Ich habe Dich wieder! Oh, ich habe Dich wieder! Aber wie geht's den Kindern, den geliebten Kindern? Biſt Du ganz allein gekommen? Nein, ſagte der König, unſere beiden älteſten Söhne ſind mit mir hier. Meine Söhne! Wo ſind ſie? rief die Königin. Laßt mich ſie ſehen, oh, ich bitte, laßt mich meine Söhne ſehen! Heim eilt hinaus und kehrt zurück mit den Prinzen Friedrich und Wilhelm. *) Des Königs eigene Worte. Siehe: Königin Louiſch S. 379. **) Der Königin eigene Worte. Ebendaſelbſt S. 376. 752 Bleich, mit Thränen in den Augen, leiſe auf den Zehen treten die Prinzen an das Bett der Königin. Meine Kinder! ruft Louiſe mit lauter, mächtiger Stimme, und nun richtet ſie ſich empor, nun kann ſie die Arme ausbreiten, die Mutter⸗ liebe giebt ihr Kraft, die Mutterliebe hält ſie aufrecht. Oh, meine Kinder, meine geliebten Kinder! Sie drückt ſie feſt an ihre Bruſt, ſie küßt ſie Beide, ſo heiß, ſo innig, wie nur eine Mutter küſſen kann. Die beiden jungen Prinzen, ganz überwältigt von Schmerz und Rührung, ſanken neben dem Lager der Mutter auf ihre Kniee nieder. Louiſe legte ihre Hände wie ſegnend auf ihre Häupter, und ihre ſtrah⸗ lenden Augen heben ſich empor zu dem König, der bleich und ernſt, mit unendlichem Schmerze zu ihr niederſchaute. Nun bin ich glücklich, ganz glücklich! lispelte die Königin. Ich habe Dich wieder und die geliebten Söhne! Der König verſuchte zu lächeln, aber ſeine Lippen vermochten es nicht, ein krampfhaftes Schluchzen kam aus ſeiner Bruſt hervor. Haſtig wandte er ſich ab und verließ das Zimmer. Heim näherte ſich den Prinzen und bat ſie leiſe, das Krankenzimmer zu verlaſſen, weil die Königin ſo viele Aufregung nicht zu ertragen vermöge. Sie erhoben ſich von ihren Knieen und küßten die Hände der Königin. Louiſe war ſo matt, daß ſie ſelbſt ihre Kinder nur noch mit einem Lächeln, einem Winken ihrer Augen grüßen, ſie nicht mehr neben ſich ertragen konnte. Aber ihre Augen folgten mit einem langen, leuchtenden Blick den Prinzen und hefteten ſich feſt und unverwandt auf die Thür, durch welche ſie hinausgegangen. Lange lag ſie ſo ſtill und unbeweglich da, dann flüſterte ſie leiſe ihrer Schweſter, der Prinzeſſin Solms, zu: Der König that, als ob er Abſchied von mir nähme. Sagt ihm, er ſolle das nicht thun, ich ſterbe ſonſt gleich.*) Aber wo iſt er? Wo iſt mein geliebter Gemahl? Oh, warum iſt er nicht bei mir? * *) Der Königin eigene Worte. Siehe: Königin Louiſe, S. 380. Drauf Haupt an un das Ae ſelben hert nen, ſeine ſtirbt! Ol Louiſ tretend. 7 Wouiſe ſag Nein, heiter ſein d uge 9 ſein N So C ſerenz ge die beſten es Gefah Die antwortet Der Puiſe d ernſt au Sti Au Hörigin. und heb De herein, D die Aec können Lu —— 4 ) Mih 3 ehen treten die Stmme, und ten, die Mutter⸗ e drickt ſi feſt wie nur eine Schmerz und Kniee nieder. Ih vermochten es or. Haſtig erte ſich den „weil die die Hände der u noch nit nehr neben den Blick den Thür, durch erte ſie leiſe at, als ob t thun, ich te Gemahl Draußen im Vorſaal ſtand der König, in eine Ecke gepreßt, das Haupt an die Wand gelehnt, die beiden Hände auf die Bruſt gepreßt, um das Aechzen und Schluchzen, das wider ſeinen Willen aus der⸗ ſelben hervorquoll, zu unterdrücken. Seine Augen waren ohne Thrä⸗ nen, ſeine zuckenden Lippen murmelten leiſe: Sie ſtirbt! Mein Weib ſtirbt! Oh, oh! Sie ſtirbt! Louiſe verlangt nach Ihnen, flüſterte die Prinzeſſin Solms, zu ihm tretend. Aber bitte, ſeien Sie ſanft, zeigen Sie ihr nicht Ihren Schmerz, Loniſe ſagt, ſie ſtürbe ſonſt gleich. Nein, ſagte der König rauh, ſie ſoll nicht ſterben. Ich werde heiter ſein! Und er zwang ſeine Qual in ſeine Bruſt zurück, und er zwang ſein Auge, heiter zu blicken. So trat er an das Lager der Königin. Ich habe eben eine Con⸗ ferenz gehabt mit den Aerzten, ſagte er faſt lächelnd, ſie geben mir die beſten Hoffnungen, die allerbeſten. Hab' auch niemals geglaubt, daß es Gefahr habe, war nur ſo bewegt, weil ich Dich ſo leiden ſeh'!*) Die Königin blickte mit großen, ernſten Augen zu ihm empor und antwortete nicht. Der König ſetzte ſich an ihr Lager und nahm ihre rechte Hand. Louiſe drückte ſie leiſe in der ihren und ihre Augen ruhten nachdenklich, ernſt auf ſeinem Angeſicht. Stille, heilige Stille herrſchte um ſie her.— Heilige Stille.— Auf einmal zuckt es wie eine dunkle Wolke über das Antlitz der Königin. Er kommt! Er kommt! ruft ſie mit ſchneidendem Wehelaut, und hebt ſich im Bett empor vor Schmerz. Der König eilt nach der Thür und ruft die Aerzte. Sie ſtürzen herein, der Herzog und die Prinzen, die ganze Familie folgt. Der König eilt wieder zu ſeiner Louiſe hin. Frau von Berg richtet die Aechzende empor; die Aerzte bleiben in der Ferne ſtehen.„Wir können nicht mehr helfen! Es iſt der Todeskrampf!“ Luft! Luft bruft die Königin. 8) Des Königs eigene Worte. Siehe: Königin Loniſe, S. 379. Mühlbach, Napoleon. M. Bd 48 754 Friedrich Wilhelm blickt zu ihr nieder, thränenlos. Die Qual, die ſie erduldet, hat ſein Herz erſtarrt, vernichtet, das Stöhnen und Röcheln⸗ das aus ihrer Bruſt hervorquillt, es hallt vor ſeinen Ohren wie dumpfes Trommelwirbeln, das ihn, den Verurtheilten, zum Tode führt. Herr Jeſus, mach' es kurz mit mir!*) ſchreit die Königin mit einem letzten Aufſchrei des Schmerzes, und ihr Haupt ſinkt feſter in die Arme der Frau von Berg. Dann dehnt ſich die Geſtalt, dann ſchweigt das Aechzen,— nun noch ein Seufzer, ein langer zitternder Seufzer.— 1 Die Uhr ſchlägt langſam die neunte Stunde an.— Stille, heilige Stille herrſcht rings umher.— Die Königin iſt todt! ———— *) Der Königin letzte Worte. ie Qual, die d Röcheln⸗ wie dumpfes führt. Königin nit feſter in die Cem * * „ 8 4 rey Sorſtrol Sfrari 0 Sreen Vellow ed Magenta