i he — Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und geſebedingungen. 1 oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Pesepreis. Bei Rückgabe eines gelichenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.* 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus ſbezahlt werden und beträgt:* 8 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —.——.——— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. 3„ 2— 4 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ korene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. k 7 Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird eſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —————————————— —————— —————————— — Napolevn in Deutſchland. Von . Mühlbach. Zweite Abtheilung:. 1. Uapoleon und Bönigin Lniſe. Dritter Band. Zweite Auflage. Berlin, 1859. Druck und Verlag von Otto Janke. Napoleon und Königin Louiſe. Von cL. Mühlbach. —— Dritter Band. Zweite Auflage. Berlin, 1859. Druck und Verlag von Otto Janke. Fünftes Buch. Das trauernde Rönigspaar und ſeine Getreuen. —— In dem Hu Wochen ſchon weinten Auge ſchienen, ſo o mer ihres Ge nach Troſt un hetrin von S Hausarzt, de ſchweigſamet Herr vo denjerigen, d trank und ge heftgen Scer und ſich in! ſner Fanili gezogenheit, lagt, niem war immer worden, und eines Haus hiten müſſe l. Berr von Stein. In dem Hauſe des Herrn Carl von Stein herrſchte ſeit mehreren Wochen ſchon die tiefſte Niedergeſchlagenheit und Trauer. Mit ver⸗ weinten Augen, mit trübem Antlitz gingen ſeine Kinder umher und ſchienen, ſo oft ihre Mutter, die Freiherrin von Stein, aus dem Zim⸗ mer ihres Gemahls auf einen Moment zu ihnen kam, in ihren Mienen nach Troſt und Hoffnung zu ſuchen. Aber das blaſſe Antlitz der Frei⸗ herrin von Stein ward jeden Tag düſterer und umwölkter, und der Hausarzt, der täglich mehrmals das Haus beſuchte, ward jeden Tag ſchweigſamer und ernſter. Herr von Stein war krank, und ſeine Krankheit war eine von denjenigen, die ſchwer zu heilen ſind, weil der Sitz des Uebels weniger in dem Körper, als in der Seele zu ſuchen iſt. Das Unglück Preußens hatte Stein darnieder geworfen. Innerlich trank und gebrochen, hatte er zu Anfang des Jahres 1807 nach jener heftigen Scene mit dem König Friedrich Wilhelm Königsberg verlaſſen und ſich in kleinen Tagereiſen nach Naſſau begeben. Dort war er mit ſeiner Familie zuſammengetroffen, dort hatte er ſeitdem in ſtiller Zurück⸗ gezogenheit, in ſchweigendem Kummer gelebt. Niemals hatte er ge⸗ klagt, niemals irgend eine Verſtimmung geäußert, aber ſein Antlitz war immer bleicher, ſein Gang immer ſchleppender und matter ge⸗ worden, und endlich hatte er den Thränen ſeiner Gemahlin, den Bitten ſeines Hausarztes nachgegeben und Arze gebrauchen und das Bett üten müſſen.„ 400 2 Aber die Arzeneien hatten ihn nicht geheilt, das Ruhen auf dem Bett hatte ihn nicht geſtärkt. Seine Kräfte waren immer mehr ge⸗ ſchwunden, das Fieber, das ſeiner Körper durchbebte, war immer hef⸗ tiger gewordeu. Seit einigen Tagen indeß hatte ſein Leiden wenigſtens einen beſtimmten Character angenommen; die böſen Nachrichten, die von Tilſit zu ihm gekommen und ihm von dem Unglück bei Friedland und dem demüthigenden Frieden von Tilſit erzählten, hatten ſeiner Ge⸗ ſundheit den heftigſten Stoß gegeben, und jetzt wenigſtens konnte man von einer beſtimmten Krankheit reden und ihr einen Namen geben. Es war jetzt das Tertial⸗Fieber, das in dem Körper des Frei⸗ herrn von Stein wüthete, das bald brennende Fiebergluth, bald eiſige Kälte auf ſeine Wangen rief, das ſeine Glieder beben machte vor eiſiger Kälte und dann wieder ſie mit Feuergluthen durchraſte, das ſogar in bangen, entſetzlichen Stunden den klaren, machtvollen Ver⸗ ſtand des Freiherrn von Stein umdüſterte und phantaſtiſche Träume und wilde Fieberphantaſieen von ſeinen Lippen tönen ließ. Dieſe Nacht erſt wieder hatte Herr von Stein einen ſolchen Fieber⸗ anfall zu erdulden gehabt. Dieſe ganze Nacht hatte ſeine ſorgſame und treue Gattin an ſeinem Bett gewacht und mit ſchmerzerfüllter Seele ſeinem angſtvollen Stöhnen und Aechzen, ſeinem phantaſtiſchen Geplauder, ſeinem Lachen und Weinen, ſeinem Klagen und Jammern über Preußens Unglück zugehört. Jetzt am Morgen war der Kranke wieder ruhig geworden, das Bewußtſein war in ſeine hellen, verſtandesblitzenden Augen zurück ſſ aber gekehrt, der böſe Feind, das Fieber, hatte ihn wieder verl eine unendliche Mattigkeit und Schwäche war in ſeinem Körper zurück⸗ geblieben, ſo daß der Kranke kaum zu reden, kaum ſeine Hände zu bewegen vermochte. Der Arzt hatte ihn ſo eben beſucht und mit ernſtem Schweigen t den Zuſtand des Kranken geprüft. Frau von Stein begleitete ihn jetzt hinaus, und die Thränen, welche ſie in dem Krankenzimmer mit gller Kraft ihrer Liebe zurückgehalten, ſtürzten jetzt in hellen Strömen aus ihren Augen. Nicht wahr, lieber Doctor, flüſterte ſie leiſe, Sie finden meinen Mann ſehr kra Ihrer Bewegun und Sie haben Er iſt ſehr ich nicht. Irge tomnen und die ſie auch den K welcher litte, ſi Wege der Heilo zu kriren iſt. lichen, noch zu nicht für ſich Blüthe der Kre turiren könnten Aber woh Seele kommen! nagt an ſeiner die er getade! lufcyferng u in ſein Herz ein Oh, ich werde er weinen hoch ſo bitter kränke beſchuldigen kor aler ſeiner Be hut er des Ei digt und jhn horſanen St uns an Stiin von Preußen und ſein Her ngetecht gede mhr nüglich konnen) g n 3 Na einek 1 401 Mann ſehr krank? Oh, ich habe es in Ihren Mienen geleſen, an Ihrer Bewegung erkannt, mein lieber, herrlicher Stein iſt ſehr krank und Sie haben wenig Hoffnung für ihn. Er iſt ſehr krank, ſagte der Arzt ſinnend, aber ohne Hoffnung bin ich nicht. Irgend ein unvorhergeſehener Umſtand kann uns zu Hülfe kommen und die Seele zur Energie und Kraft aufrichten, dann wird ſie auch den Körper nach ſich ziehen. Wäre es der Körper allein, welcher litte, ſo würde ich in meiner Wiſſenſchaft ſchon Mittel und Wege der Heilung für eine Krankheit wiſſen, die an und für ſich leicht zu kuriren iſt. Das Tertial⸗Fieber gehört weder zu den acut gefähr⸗ lichen, noch zu den ſchlimmen Krankheiten. Aber hier iſt die Krankheit nicht für ſich beſtehend, ſondern ſie iſt nur die äußere, körperliche Blüthe der Krankheit, die in der Seele wurzelt. Wenn wir die Seele kuriren könnten, würde der Körper bald geſunden. Aber woher ſoll in dieſen trüben Zeiten die Geneſung für ſeine Seele kommen! ſagte Frau von Stein traurig. Der Gram um Preußen nagt an ſeiner Seele, und alle die Kränkungen und Mißkennungen, die er gerade von Denen erfahren, welchen er mit ſo viel Hingabe, Aufopferung und Treue gedient hat, haben ſich wie vergiftete Nadeln in ſein Herz eingebohrt und hören nicht auf zu ſchmerzen und zu ſtechen. Oh, ich werde es dem König von Preußen nie vergeben können, daß er meinen hochherzigen, edlen und Preußen ſo ſehr ergebenen Gemahl ſo bitter kränken und demüthigen, ihn ſo ſehr verkennen, ſo grauſam beſchuldigen konnte. Ihn, den beſten, den verſtändigſten und ergebenſten aller ſeiner Beamten, hat er einen aufrühreriſchen Kopf genannt, ihn hat er des Eigenſinns, des Hochmuths und der Rechthaberei beſchul⸗ digt und ihn einen widerſpenſtigen, trotzigen, hartnäckigen und unge⸗ horſamen Staatsdiener genannt. Oh, glauben Sie nur, das iſt es, was an Steins Seele nagt, was ihn krank gemacht hat. Der König von Preußen trägt an ſeiner Krankheit die Schuld, er hat ſeine Seele und ſein Herz zu tief gekränkt, den Stolz des Mannes zu tief und ungerecht gedemüthigt, daß niemals eine Verſöhnung, eine Ausgleichung mehr möglich iſt. Woher alſo ſoll da die Heilung und die Beſſerung kommen? Stein lebt, denkt und betrübt ſich nur für Preußen, und Mühlbach, Napoleon. II. Bd. 26 —˖————————— 402 doch haben die rückſichtsloſe Heftigkeit, die beleidigenden Worte des Königs von Preußen es ihm ganz unmöglich gemacht, jemals wieder in preußiſche Dienſte zu treten. Er ſieht, wie Preußen täglich mehr zuſammenſtürzt, wie es nicht blos von dem äußeren Feind, ſondern auch von dem inneren Feind, der in den Eingeweiden des Staats⸗ körpers, in ſeiner Verwaltung, wühlt, zu Grunde gerichtet wird, er möchte abhelfen, er fühlt, daß er dazu die Mittel in ſeinem Kopf, in ſeinem Herzen und ſeinen Erfahrungen beſitzt, und er kann doch nicht helfen, er iſt zu ſehr beleidigt worden, um jemals wieder dorthin gehen zu können, wo man ihn mit ſo viel Stolz und Uebermuth fortgeſchickt hat. Ich frage Sie alſo, mein Freund, woher ſoll da die Geneſung für ſeine Seele kommen? Woher, das weiß ich nicht, ſagte der Arzt, aber ſie wird und muß kommen. Deutſchland hat jetzt nicht ſo viel edle und tapfere Männer aufzuweiſen, daß es auch nur Einen, und zwar den beſten von ihnen Allen, entbehren könnte; der Genius Deutſchlands wird alſo ſchon ein Mittel finden, ſich ſeinen edlen Kämpfer, den Freiherrn von Stein, wieder aufzurichten und zu ſtärken. Ach, Sie glauben noch an den Genius Deutſchlands? fragte Frau von Stein trübe. Sie ſehen alle die Greuel, die Schmach, die Er niedrigung, welche Deutſchland und zunächſt Preußen zu erdulden hat, und Sie glauben noch an einen Genius Deutſchlands, welcher über ſeinen edlen Männern wacht! Das Unglück, mein vortrefflicher Freund, hat Sie alſo gläubig gemacht und aus dem kühnen Rationaliſten einen begeiſterten Myſtiker werden laſſen, der auf Wunder hofft? Ich war bisher, Sie wiſſen es, fromm und gottergeben, aber jetzt fange ich an, zu zweifeln, jetzt frage ich mich angſtvoll, ob es dort droben wirklich einen Geiſt giebt, der Alles lenkt und ordnet, und der es doch duldet, daß Deutſchland ſo darnieder liegt, ſo im Staub der Schmach und des Unglücks zu den Füßen ſeines Ueberwinders niedergeſchmettert iſt? Aus dem Unheil ſoll uns vielleicht das Heil erblühen, ſagte der Arzt. Deutſchland war ſo tief eingeſchlafen, daß es erſt mit Nadel⸗ ſtichen und Peitſchenhieben aus ſeiner Lethargie zum Bewußtſein und zur Erkenntniß geweckt werden konnte. Aber glauben Sie mir, jetzt ſt es erwacht, je auf, jett ſchut Helfern, und de filen, da muß und es muß, de zu verhelfen, die Gott gebe, Stein, daß Ihr laut und ſchmet offenbar ein Fr denn kein Einh Die Einwohner nahme bewieſen, Befinden meines Antrich haben Straße entlang Kranken erſchre Eben öffn einen Frenden, heiten zu ſpred Mich? fr derte der Dien tnt ſei, ſcha bluß Dune und ſigen, überhringen. Nhmn e e gute Nchri aber erlauben Er fragte er Nin, me Sie ſind der und dieſer Fr hiren limnten. wiede auf, jetzt ſchaut es ſchon ſuchend umher nach ſeinen Männern, ſeinen 403 iſt es erwacht, jetzt ſchlägt es immer gewiſſer, immer klarer die Augen Helfern, und da muß ſein Auge zuerſt auf den Freiherrn von Stein ſondert fallen, da muß es fühlen, daß es vor Allen dieſes Mannes bedarf, t und es muß, da die Menſchen kein Mittel haben, ihm zur Geneſung zu verhelfen, die Hülfe vom Himmel ſelber für ihn herunter holen. Gott gebe, daß Sie ein guter Prophet ſind, ſeufzte Frau von ich Stein, daß Ihre Worte— Aber horch, unterbrach ſie ſich ſelber, wie he laut und ſchmetternd da an der Hausklingel geſchellt wird. Das muß offenbar ein Fremder ſein, der nicht weiß, daß mein Gemahl krank iſt, denn kein Einheimiſcher würde mit ſo vielem Geräuſch ſich anmelden. Die Einwohner dieſer Stadt haben uns eine wahrhaft rührende Theil⸗ muf nahme bewieſen, jeden Morgen kommen ſie ſchaarenweiſe, ſich nach dem mer Befinden meines Mannes zu erkundigen, unaufgefordert und aus freiem nen Antrieb haben unſere Nachbarn vor unſerem Hauſe und die ganze Straße entlang Stroh aufgefahren, damit kein Geräuſch den theuren ötein Kranken erſchrecke, und— Eben öffnete ſich die Thür und der eintretende Diener meldete einen Fremden, der die Freiherrin von Stein in dringenden Angelegen⸗ heiten zu ſprechen wünſche. ha Mich? fragte die Freiherrin verwundert. Er fragte eigentlich zuerſt nach dem Freiherrn von Stein, erwie⸗ t derte der Diener, und als ich ihm ſagte, daß dersgnädige Herr ſehr krank ſei, ſchrak er förmlich zuſammen und ſein Geſicht ward leichen⸗ war blaß. Dann aber bat er, ich möchte ihn der gnädigen Frau melden an und ſagen, er komme von weit her und habe wichtige Nachrichten zu rlie überbringen. de Nehmen Sie ihn an, gnädige Frau, ſagte der Arzt, vielleicht ſind es gute Nachrichten, die unſerm theuren Kranken nützen können. Mir aber erlauben Sie, mich zu beurlauben. Nein, mein lieber Doctor, Sie bleiben, ſagte die Freiherrin haſtig. Sie ſind der vertraute Freund meines Mannes und meiner Familie, und und dieſer Fremde kann mir nichts zu ſagen haben, das Sie nicht ſetzt hören könnten. Außerdem mag Ihr Rath und Ihr Beiſtand mir noth⸗ 404 wendig ſein, und wenn die Nachrichten für meinen Mann von Wichtig⸗ teit ſind, dürfen Sie dabei nicht fehlen. Nun, wenn Sie es wollen, ſo bleibe ich, ſagte der Arzt. Wer weiß, ob ſich meine Hoffnungen nicht ſchon jetzt verwirklichen ſollen. Laſſen Sie den Fremden eintreten, ſagte die Freiherrin, ſich dem Diener zuwendend. Dieſer ging hinaus und wenige Minuten ſpäter trat der Fremde ein. Der Oberkammerherr von Schladen! rief Frau von Stein über⸗ raſcht, indem ſie dem Fremden entgegenſchritt. Sie erkennen mich alſo, gnädigſte Frau? fragte Herr von Schladen. Das Gedächtniß an vergangene Zeiten iſt alſo noch nicht ganz in die⸗ ſem Hauſe erloſchen, und man darf hoffen— In dieſem Moment traf ſein Auge auf den Arzt und er ſchwieg betroffen. Der Herr Doctor von Waldau, ſagte die Freiherrin, der treue Freund meines Mannes und jetzt ſein ſorgſamer, unermüdlicher Arzt. Er gehört zu den Unſern und Sie dürfen frei und unbehindert vor ihm ſprechen, Herr Kammerherr. Erlauben Sie alſo, daß ich mich ſogleich an Sie ſelber wende, ſagte Herr von Schladen, ſich verbindlich vor dem Arzt verneigend, daß ich Sie dringend bitte, mir genau zu ſagen, ob der Freiherr von Stein ſehr krank iſt, ſo krank, daß ich ihn nicht ſehen, ihm nicht von ernſten und wichtigen Geſchäften ſprechen darf? Der Freiherr iſt ſehr krank, ſagte der Arzt, aber es iſt keine augenblickliche Gefahr vorhanden, und da das Fieber ihn für heute verlaſſen hat, wird er im Stande ſein, auch von ernſten Geſchäften zu ſprechen, das heißt, wenn dieſelben nicht ſehr traurigen und nieder⸗ ſchmetternden Inhalts ſind. Mein Mann iſt krank geworden vor Kummer um Preußen, ſagte Frau von Stein faſt feierlich, überlegen Sie alſo wohl, ob das, was Sie ihm zu ſagen kommen, ſeine Krankheit verſchlimmern oder ihm Tröſtung bringen wird. Hat ſich Preußens Lage verändert, verbeſſert, bringen Sie ihm die Nachricht, daß dieſer ſchmachvolle Frieden von Tilſit zurückgenommen iſt, daß der Krieg von Neuem beginnen wird, ſo wird das für nit Ihrer grieg Kommen Sie a niedergeworfen, nur noch tiefer Ich komme trarig, ich bri ilſit zickgen ganzen Schwer Sie ſagen, al Aber ich komn Unheils zu ſei im Namen unt von Stein an dens zu der K als der Atztk Stein ſprechen ſchweigen muß kommen bin. Ich bitte mein ganzes Ich kom und blos aus enpfinde, ſag Nanen des 6 won Hardenbe Grneml von Königin. Je meine Briefe luftrige ent ich den Man und Halt iſt Thür Lätninng Wichtig Mo Wel Schladen. jn pie n die 405 ſo wird das für ihn eine heilbringende Arzenei ſein und Sie werden mit Ihrer Kriegsnachricht doch als Friedensengel an ſein Lager treten. Kommen Sie aber nur, um die ſchlimmen Nachrichten, die ihn dar⸗ niedergeworfen, zu beſtätigen, ſo wird Ihre Erſcheinung den Stachel nur noch tiefer in ſein Herz ſtoßen und er kann daran verbluten. Ich komme nicht mit Kriegsnachrichten, ſagte Herr von Schladen traurig, ich bringe nicht die goldene Botſchaft, daß der Frieden von Tilſit zurückgenommen iſt, vielmehr laſtet er auf Preußen mit ſeiner ganzen Schwere und ſeinem tiefen Unheil. Ich kann daher nicht, wie Sie ſagen, als ein Friedensengel an das Lager des Kranken treten. Aber ich komme doch auch nicht, um blos der krächzende Rabe unſeres Unheils zu ſein und die ſchlimmen Nachrichten zu beſtätigen. Ich komme im Namen und im Auftrage Preußens, ich komme, um den Freiherrn von Stein an die Worte zu mahmen, die er in der Stunde des Schei⸗ dens zu der Königin von Preußen geſagt hat. Sie, mein Herr, Sie als der Arzt können jetzt allein entſcheiden, ob ich den Freiherrn von Stein ſprechen und ihm meine Mittheilungen machen darf, oder ob ich ſchweigen muß. Deshalb aber muß ich Ihnen ſagen, weshalb ich ge⸗ kommen bin. Sie erlauben es, nicht wahr, gnädige Frau? Ich bitte S mein ganzes Herz ſehnt ſich Ihren Worten entgegen! ie darum, rief Frau von Stein. Oh, ſprechen Sie, Ich komme zu dem Freiherrn von Stein, nicht in meinem Namen und blos aus der Sehnſucht der Liebe und Achtung, die ich für ihn empfinde, ſagte Herr von Schladen feierlich, ſondern ich komme im Namen des Königs und der Königin. Ich bringe Briefe vom Miniſter von Hardenberg, von der Prinzeſſin Louiſe von Radziwill und dem General von Blücher, mündliche Aufträge von Ihrer Majeſtät der Königin. Ich bin Tag und Nacht gereiſt, um ſobald wie möglich meine Briefe in die Hände des Freiherrn niederlegen und mich meiner Aufträge entledigen zu können. Und jetzt, da ich hier anlange, finde ich den Mann, auf den wir Alle hoffen, der Preußens einziger Troſt und Halt iſt, krank und bettlägerig. Sie werden mir vielleicht ſogar ſeine Thür verſchließen und alle die Grüße der Liebe, die Bitten und Beſchwörungen, deren Organ ich bin, werden nicht zu ihm gelangen 406 können! Es ⸗wäre ein beklagenswerthes Mißgeſchick für mich, ein großes Unglück für Preußen und für den ſchwer darnieder gebeugten König, der auf den Freiherrn von Stein hofft. Er hofft auf ihn, rief Frau von Stein bitter, und er iſt es, der meinen Gemahl ſo tief gekränkt, ſo ſchwer beleidigt hat! Aber der König bereut es und er will wieder gut machen, ſagte Herr von Schladen. Ich komme nur, um den Freiherrn von Stein im Namen des Königs zu bitten, daß er nach Preußen zurückkehre, daß er das Portefeuille, welches ihm der König bietet, nehme, und als Miniſter und Rath dem König zur Seite ſtehe. Oh, rief der Arzt frendig, Sie ſehen es wohl, ich war ein rich⸗ tiger Prophet. Der Genius Deutſchlands hat ein Mittel gefunden, unſern edlen Kranken wieder aufzurichten. Sie erlauben alſo, daß ich ihm meine Nachrichten bringe? fragte Herr von Schladen. Im Gegentheil, ich bitte Sie darum, rief der Arzt freudig, ich verlange, daß Sie ſogleich zu ihm gehen, daß Sie ganz unumwunden und ohne Rückhalt mit ihm reden. Seine Seele bedarf jetzt eines ſtarken Anſtoßes, um ſich ihrer eigenen Kraft und Geſundheit wieder bewußt zu werden, wenn ſie aber erſt einmal zu dieſen Bewußtſein gekommen iſt, wird ſie ſich frendig emporſchwingen und den Körper mit ſich aufrichten. Doctor, ich fürchte mich dennoch, ſagte Frau von Stein zaghaft. Er war in der letzten Zeit ſo nervös und reizbar, Sie wiſſen es ja, daß die geringſte Kleinigkeit ihn erbehen machte und ſeine Stirn mit kaltem Schweiß übergoß. Wenn nur dieſe wichtigen und inhaltſchweren Nachrichten nicht allzu erſchütternd auf ihn wirken! Mögen ſie ihn immerhin erſchüttern, rief der Arzt freudig, mag er ſogar davon in Ohnmacht fallen, ich fürchte das nicht, ſondern ich wünſche es, denn es wird eine heilſame Erſchütterung ſeines Nerven ſyſtems ſein und eine Kriſis hervorrufen, die zur Geneſung führt. Aber Sie wiſſen, das Fieber hat dieſe ganze Nacht ſeinen Körper ſo durchraſt, er iſt zum Tode matt. Was wird es alſo helfen, ihm dieſe Nachrichten zu bringen? Er kann dem Ruf des Königs ja doch nicht folgen, un the er ſich Ah, k Wochen be nern, dere tann. Me ſchaften, d ſeinem He Aber anwehwen zu ſchwer Aber von Schl ſich un d Und ſo empfü thuung, werde jet unterſuch Sie mi Ihren E das Kre die jitte empor. Thür, Geſicht * 407 folgen, und es werden ja im beſten Fall doch noch Wochen vergehen, ehe er ſich ſoweit erholt hat, um an Geſchäfte denken zu können. Ah, der Freiherr von Stein vollbringt in Tagen, wozu Andere Wochen bedürfen, rief der Arzt lächelnd. Er iſt einer von den Män⸗ nern, deren Geiſt Gewalt hat über ihren Körper und ihm gebieten kann. Machen wir alſo den Geiſt ſtark und geſund durch dieſe Bot⸗ ſchaften, dann iſt mir für den Körper gar nicht bange. Der wird ſchon ſeinem Herrn gehorchen müſſen. Aber ich bezweifle, daß mein Mann dieſe Anerbietungen des Königs annehmen wird, ſagte Frau von Stein zögernd, er iſt zu tief gekränkt, zu ſchwer beleidigt worden! Aber er iſt ein Patriot im edelſten Sinne des Wortes, ſagte Herr von Schladen, er wird die perſönliche Beleidigung vergeſſen, wenn es ſich um das Wohl des Ganzen handelt. Und wenn er nicht annimmt, weil er beleidigt iſt, rief der Arzt, ſo empfängt er wenigſtens jetzt durch den Antrag des Königs Genug⸗ thuung, und das iſt jedenfalls auch Balſam für ſeine Wunden. Ich werde jetzt noch einmal zu ihm hineingehen, um ſeinen Zuſtand zu unterſuchen und ſeinen Puls zu prüfen. Iſt Herr von Stein fieber⸗ frei, ſo laſſ Alles ſagen. Aber Sie werden nicht fortgehen, bat Frau von Stein angſtvoll, e ich Sie eintreten und Sie mögen ihm ohne Bedenken Sie werden hier bleiben, damit Sie, wenn ihm irgend etwas zuſtößt, gleich zur Hülfe bereit ſind? Ich werde hier in dieſem Zimmer bleiben, ſagte der Arzt, und ein Zuſtand es erfordert. Jetzt laſſen Sie mich zuerſt ſehen, wie es unſerm Kranken geht und ob ich ihm Sie mögen mich rufen, wennſ Ihren Beſuch melden darf. Er eilte, ohne eine weitere Antwort abzuwarten, haſtig wieder in das Krankenzimmer; Frau von Stein ſank auf einen Seſſel nieder, und die zitternden Hände ineinander faltend, flüſterte ſie leiſe Gebete zu Gott empor. Der Oberkammerherr von Schladen blickte hinüber nach der Thür, durch welche der Arzt gegangen war, und ſein feines upd edles Geſicht drückte die lebhafteſte Spannung und Ungeduld aus. 408 Endlich, nach einer angſtvollen Pauſe, öffnete ſich dieſe Thür wieder und der Arzt erſchien auf der Schwelle. Herr Oberkammerherr von Schladen, ſagte er laut, treten Sie hier herein, der Freiherr von Stein erwartet Sie! H. Der Patriot. Leiſe auf den Zehen trat der Oberkammerherr von Schladen in das Krankenzimmer, Frau von Stein ſchritt ihm voran, und zu dem Lager ihres Gemahls hineilend, betrachtete ſie ihn mit beſorgten, angſt⸗ vollen Blicken. In der That, der Freiherr von Stein hatte ein ſehr krankes, lei⸗ dendes Ausſehen. Seine Wangen waren eingefallen und von einer tödtlichen Bläſſe, ſeine Augen lagen tief in ihren Höhlen und blitzten in jenem eigenthümlichen, flackernden Feuer, das nur das Fieber ver⸗ leiht, ſeine bleichen, ſchmalen Lippen waren ausgedörrt von den Fieber⸗ gluthen, und der Kranke verſuchte jeden Moment, ſie mit der Spitze ſeiner Zunge zu kühlen und anzufeuchten, während ſeine Athemzüge langſam aus ſeiner Bruſt hervorzitterten. Herr von Schladen ſchaute in tiefer innerer Bewegung zu dem Er mußte erkennen, daß Frau von Stein Recht habe, daß dieſe Lei⸗ densgeſtalt nicht im Stande ſei, ſich von ihrem Lager zu erheben, um dem Ruf des Königs zu folgen, er ſagte ſich, daß er umſonſt gekommen ſei und ohne Reſultat wieder fortgehen müſſe, und dieſe Ueberzeugung machte ihn laut und ſchmerzlich aufſeufzen. Der Kranke hatte dieſen Seufzer gehört und ein leiſes Lächeln glitt über ſeine Züge hin. Sie finden mich alſo ſehr krank, Herr von Schladen? fragte er mit leiſer, zitternder Stimme. Nicht wahr, ich bin nn eitigen M ich laun n ich eifere Schatten! ſeinen Tor es bald w Aber — er ſagte G= haben. leben in Männer: das Grab Sie ſehen wir wolle führt Sie Pot. Beſuch? ſind zu! Ihnen n müthiger nicht als beneiden Ihrem ſich wie nern. reten u nütziche ſage ts 5 409 ich bin nur noch der Schatten des friſchen, kräftigen Mannes, der vor einigen Monaten in Königsberg von Ihnen Abſchied nahm? Sie ſehen, ich kann noch immer meine Sympathieen für Preußen nicht aufgeben, ich eifere ihm in allen Stücken nach. Preußen iſt auch nur noch ein Schatten von Dem, was es vor kurzer Zeit noch war, es kämpft auch ſeinen Todeskampf und wird ihm erliegen, wenn nicht ein ſtarker Arm es bald wieder aufrichtet. Aber dieſer ſtarke Arm wird kommen und wird Preußen aufrichten, ſagte Herr von Schladen. Sie glauben es? fragte der Kranke. Wollte Gott, daß Sie Recht haben. Aber Alles, was ich höre, iſt trübe und verzweiflungsvoll; wir leben in einer Zeit der Erniedrigung und Knechtſchaft, in der die Männer nichts Beſſeres und Heilbringenderes thun können, als ſich in das Grab zu retten, weil ſie dort allein noch die Freiheit finden können. Sie ſehen, daß ich mich ſchon zu dieſer letzten Rettung hinneige! Aber wir wollen jetzt nicht von mir ſprechen, ſondern von Ihnen. Was führt Sie hierher? Welchem glücklichen Zufall verdanke ich Ihren Beſuch? Mein Arzt ſagte mir, Sie ſeien auf der Durchreiſe begriffen, und da Sie von meiner Krankheit gehört, wünſchten Sie mich zu ſehen. Welches iſt das Ziel Ihrer Reiſe? Ich kehre wieder zurück nach Memel zu dem preußiſchen Königs⸗ paar, ſagte Herr von Schladen. Ah, Sie ſind ein treuer Diener, ſeufzte Herr von Stein, und Sie ſind zu beneiden, denn man nimmt Ihre Dienſte an, man begegnet Ihnen nicht mit Hohn und Spott, man behandelt Sie nicht mit über⸗ müthiger Verachtung und legt Ihnen Ihren Eifer und guten Willen nicht als Böswilligkeit und Eigendünkel aus. Wahrlich, Sie ſind zu beneiden, denn Sie können helfen mit Ihrem Arm, Ihrem Kopf und Ihrem Herzen, auf daß dieſes Preußen, welches jetzt darniederliegt, ſich wieder erhebe und wieder aufſtehe aus dem Schutt und den Trüm⸗ mern. Sie ſind nicht verdammt, unthätig und müßig bei Seite zu treten und nutzlos Ihre Tage zu verträumen, ſtatt in der Arbeit und nützlichen Thätigkeit ſich Troſt und Erfriſchung zu ſuchen. Oh, ich ſage es noch einmal, Sie ſind zu beneiden! 410 Während er ſprach, hatten ſeine bleichen Wangen ſich gefärbt und ſeine Stimme, welche vorher ſo ſchwach und matt geweſen, hatte an Kraft und Ton gewonnen. Jetzt aber, erſchöpft vom Sprechen und von der inneren Erregung, ſank Herr von Stein in die Kiſſen zurück und ſchloß die Augen. Seine Gemahlin neigte ſich über ihn mit zärtlichen Liebesblicken und trocknete ihm den Schweiß ab, der in großen Tropfen auf ſeiner Stirn ſtand. In der offenen Thür, die in's Nebengemach führte, zeigte ſich jetzt das kluge und freundliche Geſicht des Arztes, deſſen Augen ſich prüfend auf den Kranken hefteten. Dann nickte er wie befriedigt und flüſterte leiſe, zu dem Oberkammerherrn gewandt: Nur weiter! Vor⸗ wärts! Gerade heraus mit der Sprache! Er wird's vertragen! Eben wie ſein Kopf wieder hinter der Thür verſchwunden war, öffnete Herr von Stein die Augen und wandte die Blicke wieder zu Herrn von Schladen hin. Sie haben mir noch nicht geſagt, woher eine bloße Sie kommen, mein lieber Freund! ſagte er. War Ihre Reiſe Vergnügungsfahrt, oder verbanden Sie mit derſelben ernſte Zwecke? Es war keine Vergnügungsfahrt, denn welcher im Stande, Vergnügungsfahrten zu machen, ſagte Herr von Schladen. + Deutſche iſt jetzt Ich habe mich aber auf die Reiſe begeben nicht blos zu ernſtem, ſon⸗ dern auch zu heiligem Zweck. Ich habe mich auf die Reiſe begeben zum Wohl und Heil Preußens, und ich komme jetzt zu Ihnen, Herr Frei herr von Stein, um mir Ihren Rath und Ihre Meinung zu erbitten. Ich weiß, Sie haben Preußen einſt geliebt, Sie werden ihm auch jetzt, öbwohl Sie ihm nicht mehr angehören, Ihre Theilnahme nicht ent ziehen, Sie werden, wo Sie dem unglücklichen Preußen mit Ihrem Rath dienen und nützen können, es freudig thun. Nicht wahr, es iſt ſo? Ja, wahrlich, es iſt ſo! rief Herr von Stein lebhaft; meine Ge danken ſind immer nur bei Euch geweſen, meine Schmerzen haben immer nur von Euch, von Preußen ihre Nahrung geſogen, und das zuſammenbrechende Preußen allein hat mich darnieder geworfen. Sprechen Sie alſo, was iſt es? Worin kann ich Ihnen rathen und nützen? Darin, Excellenz, daß Sie mir beiſtehen, den Mann aufzufinden, den ich ſuche! Den Mann, auf den jetzt die Augen aller guten Preußen von t gerichtet, ein zu G in Inner und Anſe nennt un ſeine Ha will, ihn Geiſt, un der UUnbi vergißt dieſen die man perſönlic einen S D hat. hoffen, d wang, zu ſcheid Heil m ſagen, St Haupt den mit Port v war plö Schlaff und an des Fie Er zu ſuge onz P 6 on 411 gerichtet, der allein im Stande iſt, Preußen wieder emporzuheben und ein zu Grunde gerichtetes Land aus dem Verderben herauszureißen, es im Innern wiederherzuſtellen und ihm nach Außen hin wieder Achtung und Anſehen zu verſchaffen. Den Mann, den die Königin ihren Freund nennt und von dem ſie Rettung und Beiſtand erhofft, dem der König ſeine Hand darreicht und ihn bitten, verſtehen Sie wohl, ihn bitten will, ihn zu unterſtützen mit ſeinem ſtarken Arm und ſeinem mächtigen Geiſt, und um Preußens willen nicht eingedenk zu ſein früherer Tage der Unbill. Excellenz, ich ſuche dieſen edlen Mann, der Beleidigungen vergißt und ſein Ohr dem Schmerzensruf Preußens nicht verſchließt, dieſen Mann, den das Unglück nicht zurückſchreckt und die Rieſenarbeit, die man auf ſeine Schultern legen will, nicht erbeben macht, der jede perſönliche Rückſicht bei Seite ſetzt, um die Befriedigung zu haben, einen Staat zu retten, dem er ſeit ſeiner Jugend ſeine Kräfte geweiht hat. Der Mann, auf den in Preußen jetzt alle Vaterlandsfreunde hoffen, den Hardenberg, als der despotiſche Wille Napoleons ihn jetzt zwang, ſein Amt niederzulegen und aus dem preußiſchen Miniſterium zu ſcheiden, dem König als den Einzigen bezeichnete, von dem Preußen Heil und Rettung zu erwarten habe. Excellenz, wiſſen Sie mir zu ſagen, wo ich dieſen Mann finden kann? Stein hatte, während Herr von Schladen ſprach, langſam ſein Haupt von den Kiſſen erhoben und ſich aufgerichtet, um den Sprechen⸗ den mit ſtarren, unverwandten Blicken anzuhören und gleichſam jedes Wort von ſeinen Lippen aufzufangen. Eine wunderbare Veränderung war plötzlich in ſeinem Geſicht vorgegangen, ſeine Züge hatten ihre Schlaffheit und Abſpannung verloren und erſchienen jetzt ausdrucksvoll und angeregt, ſeine Augen blitzten nicht mehr in dem flackernden Feuer des Fiebers, ſondern leuchteten jetzt von Geiſt und Energie. Excellenz, fragte Herr von Schladen noch einmal, wiſſen Sie mir zu ſagen, wo ich dieſen Mann finde, den der König ſucht, nach dem ganz Preußen ruft? Sie haben mir noch nicht ſeinen Namen geſagt, flüſterte Herr von Stein athemlos und beklommen. Um Jemanden finden und rufen 412 Wie zu können, muß man vor allen Dingen ſeinen Namen wiſſen. heißt der Mann, den Sie ſuchen? Sein Name ſteht auf dieſem Brief, den mir die Prinzeſſin Louiſe von Radziwill für ihn mitgegeben hat, ſagte Herr von Schladen, in⸗ dem er einen Brief aus ſeinem Portefeuille hervorzog und ihn dem Kranken darreichte. Herr von Stein nahm ihn raſch, und indem er ſeine Augen auf den Brief heftete, tönte ein leiſer Schrei von ſeinen Lippen. Mein Name! Es iſt mein Name, der da auf dem Brief ſteht! murmelte er leiſe. Und es iſt Ihr Name, es iſt der Name des Herrn von Stein, der jetzt auf allen preußiſchen Lippen und in allen preußiſchen Herzen ſteht. Es iſt Ihr Name, den die Königin voll Hoffnung in die Ferne ruft, den der König— Ach, unterbrach ihn Herr von Stein ſchmerzlich, der König hat mich zu tief gekränkt. Ich würde mich ſelbſt entehren, wenn ich das vergeſſen könnte. Sie werden ſich ſelber die ſtrahlendſte Ehre ſchaffen, wenn Sie es vergeben, rief Herr von Schladen. Der König ruft Sie, Excel lenz, er hat mich beauftragt, Ihnen zu ſagen, daß er ſeine Hoffnung auf Sie allein ſetzt. Er will Ihnen das Miniſterium des Innern und der Finanzen übertragen, er verſichert Sie ſeines vollen Vertrauens, er verſpricht, von Dem, was zwiſchen Ihnen vorgefallen iſt, nie mals wieder d e ſein ſoll.*) Hier, Excellenz, ein Brief des Mi⸗ niſters von der Ihnen Alles, was ich ſage, beſtätigen wird. Er legte einen zweiten Brief auf den Tiſch neben dem Bett nieder. 8 Herr von Stein nahm ihn und betrachtete die Aufſchrift mit einem leiſen Lächeln. Hardenbergs Handſchrift, ſagte er leiſe, und der echte Hofmann, der immer annimmt, daß der Wille des Königs gleich für Jedermann Geſetzeskraft habe. Er nennt mich ſchon„königlich preußiſcher Finanz⸗ miniſter.“— Und die Königin? fragte er dann, ſein Auge zu Herrn *) Siehe: Pertz, Leben Steins. Th. I. S. 452. von Schla guch, daß Die iſt min! zens, um verborgen etwas lis heiligen halten v Sagen G Königin 6 der de ſchen ein Her und unt hewor, Ere leſen) heſſer, e ſchildern was Si Sie bal ein llein mit den Renau wegs U Inhalt nicht Es ſin Schme will ſe —— 3 - 413 von Schladen erhebend. Was ſagte die Königin? Glaubt ſie denn auch, daß ich vergeſſen und verſchmerzen und zurückkehren kann? Die Königin glaubt es, weil ſie es hofft, Excellenz.„Stein iſt mein letzter Troſt, ſagte ſie zu mir beim Scheiden. Großen Her⸗ zens, umfaſſenden Geiſtes, weiß er vielleicht Auswege, die uns noch uf verborgen liegen.*) Sägen Sie ihm, daß, wenn er kommt, mir wieder etwas Licht aufgehen wird, ſagen Sie ihm, er ſoll eingedenk ſein des heiligen Gelübdes, das er einſt in meine Hand gethan, treu zu uns zu halten und zu kommen, wenn Preußen ſeiner bedarf und ihn ruft. Sagen Sie ihm, daß er Preußens letzte Hoffnung iſt und daß Preußens Königin zu Gott betet, auf daß er ihrem Lande den Mann wiedergäbe, der des Rechtes Grund⸗Stein, dem Unrecht ein Eck⸗Stein, den Deut⸗ ſchen ein Edel⸗Stein iſt.“ Herr von Stein blickte ſtill vor ſich nieder, ſeine Lippen zitterten und unter ſeinen niedergeſchlagenen Wimpern quollen zwei Thränen hervor, die langſam über ſeine Wangen niederrollte Excellenz, bat Herr von Schladen, wollen S leſen? Der Brief der Prinzeſſin Louiſe von Radziwill wird Ihnen beſſer, als meine Worte es vermögen, die jetzige Situation des Hofes 9 ſchildern, der Brief des Miniſters von Hardenberg wird Ihnen ſagen, 5 was Sie zu thun haben und wie wichtig und nothwendig es iſt, daß Sie bald kommen. In dem Brief von Hardenberg werden Sie auch ein kleines Briefchen vom General von Blücher finden, der ſeine Bitten n. ie die Briefe nicht mit denen Hardenbergs vereint. Ich kenne dieſe Briefe, man hat mir d genau deren Inhalt mitgetheilt, damit, wenn mir die Briefe unter⸗ er. wegs verloren gingen oder mir fortgenommen würden, ich Ihnen deren em Inhalt dennoch mittheilen könnte. Excellenz, wollen Sie die Briefss nicht leſen? n, Ja, ſagte Herr von Stein, froh aufathmend, ja, ich will ſie leſen. un Es ſind die erſten Tauben, die nach langer, furchtbarer Sündfluth der ⸗ Schmerzen mit einem Oelblatt des Friedens zu mir hereinflattern. Ich n will ſehen, was ſie enthalten. N ²) Der Königin eigene Worte. Siehe: Königin Louiſe, S. 320. 414 Er erbrach haſtig den Brief der Prinzeſſin Louiſe und begann ihn zu leſen. Aber bald wieder entſank das Blatt ſeiner Hand, tiefe Bläſſe überdeckte ſeine Wangen und halb ohnmächtig ließ er ſein Haupt in die Kiſſen zurückſinken. Ach, murmelte er ſchmerzlich, ich vergaß, daß ich ein armer kranker Mann bin! Ich kann nicht leſen, die Buchſtaben ſchwimmen vor mei⸗ nen Augen. Aber dieſe Schwäche dauerte nur einen Moment, dann hob Stein ſein Haupt wieder empor und wandte ſeine Blicke mit einem zärtlichen Ausdruck zu ſeiner Gattin hin, welche neben ſeinem Bett ſaß und in ängſtlicher Spannung jeder ſeiner Bewegungen gefolgt war. Liebe Wilhelmine, ſagte er, Du warſt in den letzten Wochen ſo oft mein Secretair und haſt mit Deinen holden Lippen mir ſo oft die böſen Nachrichten erträglich gemacht, willſt Du mir jetzt auch einmal gute und erfreuliche Briefe vorleſen? Die Freiherrin neigte ſich zu ihm hin und drückte ſtatt aller Ant⸗ wort einen Kuß auf ſeine Stirn. Dann nahm ſie den Brief und las: „Ihr Freund Hardenberg, und vor ihm die Zeitungen, werden Sie von dem traurigen Ende aller Hoffnungen unterrichtet haben. Muthloſigkeit und Schwäche vielmehr, als das Glück unſerer Feinde, haben uns unterjocht, und der Austritt Hardenbergs, den er ſich ſelbſt auferlegt, um noch durch dieſes Opfer zu nützen und ſeinem Herrn die Beſchämung deſſelben zu erſparen, läßt uns unſere Knechtſchaft ziemlich fühlen. Ich habe verſprochen, Ihnen über dieſen Herrn zu ſchreiben, Ihnen zu ſagen, und ich ſage es mit Wahrheit, daß er in dieſem Augenblick unſere ganze Theilnahme verdient, daß ſein Muth und ſeine Feſtigkeit durch unſere letzten Unfälle nicht erſchüttert worden, daß er zu allen Opfern bereit war und von dem Gedanken durchdrungen, daß es beſſer ſei, edel zu fallen, als mit Schande zu leben. Er hatte ſich Ihrem Freunde Hardenberg aufrichtig angeſchloſſen, ünd gerade in dieſem Augenblick, wo Alles ihn verläßt, wo er weder Macht noch Willen hat, verliert er noch dieſen erprobten Freund, und dieſer Freund verläßt ihn aus Anhänglichkeit an dieſes Land und ſeinen Herrn mit einem Schn werden ſich Ihnen hoff uns entfer den zu ein Ihre Hülf entzchen? und ihm d ſerem Full er ſicht f wenn Sit derer nicht ſoll aus forden, halten, u Seele iſt erinne, wenn Sie lichen Fü zuf The tigen Au Uhänge ſiit dieſe Muth,e niemals er ſelbſt ſinem peinliche mitnimn und ſeie die us ſchen ve nige ſi 415 einem Schmerz, der mich tief gerührt hat. Auf Sie, mein lieber Stein, wenden ſich alle unſere Blicke in dieſen traurigen Augenblicken. Von Ihnen hoffen wir Troſt und Vergeſſen der Unbilden, welche Sie von uns entfernt und deren ſich zu erinnern Sie zu großmüthig ſein wer⸗ den zu einer Zeit, wo derjenige, welcher Sie beleidigt hat, nur noch Ihre Hülfe und Theilnahme verdient. Könnten Sie ſich unſern Bitten entziehen? Könnten Sie dieſes Land unglücklich und verlaſſen ſehen und ihm dieſe Talente, dieſe Einſichten verweigern, die allein von un— ſerem Fall uns noch erheben könnten? Hardenberg hofft nur auf Sie, er ſieht für ſeinen Herrn keine andere Hoffnung, als in Ihnen, und wenn Sie uns nicht zurückgegeben werden, wenn Sie den Wünſchen derer nicht folgen, welche Sie verlangen und flehentlich fordern, was ſoll aus dieſer traurigen Zukunft werden?— Ich gebe zu, Sie auf⸗ fordern, unſer Loos zu theilen, heißt, Sie der größten Opfer fähig halten, und man hat nichts gethan, um ſie zu verdienen; aber Ihre Seele iſt zu edel, um ſich in dieſem Augenblick der Beleidigungen zu erinnern, und ich kenne Sie zu gut, um nicht verſichert zu ſein, daß, wenn Sie hier wären, Sie ohne Bedenken zur Hülfe dieſes ſo unglück⸗ lichen Fürſten kommen würden, der ſeit fünf Monaten gerechte Anſprüche auf Theilnahme und Anhänglichkeit beſitzt. Selbſt in den gegenwär⸗ tigen Augenblicken behauptet er ſeine Würde; er hat Freunde, eifrige Anhänger erworben, und er iſt mir nie achtungswerther erſchienen, als ſeit dieſen ſchrecklichen Unfällen, unter denen ich ihn einen geiſtigen Muth, eine Feſtigkeit, eine Entſagung entwickeln ſah, welche ich ihm niemals zugetraut hätte. Ich ſah Hardenberg mit Schmerz abreiſen, er ſelbſt iſt betrübt, und ich bin gewiß, daß allein die Hoffnung, Sie ſeinem Herrn wieder zu erwerben, ſeinen Muth aufrecht hält und die peinlichen Erinnerungen verſüßt, welche er in ſeine Zurückgezogenheit mitnimmt.— Verſagen Sie ſich unſern Bitten nicht, mein lieber Stein, und ſeien Sie nicht ſo grauſam wie das Schickſal, welches uns alle die ausgezeichneten Weſen nimmt, die mit dem Leben und den Men— ſchen verſöhnen konnten.— Ich erwarte mit Ungeduld Ihre Antwort; möge ſie uns günſtig ſein! Sie bedürfen keiner Verſicherung, um an 416 die ſehr zärtliche und beharrliche Anhänglichkeit zu glauben, die ich Ihnen für immer geweiht habe. Louiſe.“*) Stein hatte mit halb geſchloſſenen Augen, das Haupt zurückgelehnt in die Kiſſen, der Vorleſung des Briefes zugehört. Ein ſchwaches Roth hatte allgemach ſeine bleichen Wangen gefärbt, der Schimmer eines Lächelns umſpielte jetzt ſeine Lippen. Und was ſagſt Du zu dieſem Brief, Wilhelmine? fragte er dann, ſeine Blicke feſt auf ſeine Gemahlin geheftet. Was ſagt Dein Herz zu dieſem Ruf? Mein Herz bangt und ängſtigt ſich um Dich, mein geliebter Freund, ſagte die Freiherrin traurig. Mein Herz ſchreckt zurüchpör dieſer neuen Laufbahn, die Du jetzt betreten willſt, und auf welche r Du auf's Neue der Verfolgung, der Feindſchaft und dem Undank aus⸗ geſetzt ſein wirſt. Nicht dem Undank, ſagte Herr von Schladen. Ganz Preußen wird Ihnen dankbar ſein, und der König wird der Erſte ſein, welcher dieſen Dank ausſpricht, der Ihnen mit ſeiner Liebe lohnt, daß Sie ſeinem Ruf gefolgt ſind. Excellenz, wollen Sie nicht den Brief des Miniſters Hardenberg leſen? Er wird Ihnen am Beſten ſagen, wie feſt Sie auf den König und ſeine Dankbarkeit zählen dürfen und wie nothwendig und wichtig es iſt, daß Sie bald zu ihm ſich begeben. Nein, nein, ich will jetzt keine Briefe mehr leſen, rief Stein mit lauter, machtvoller Stimme. Es ſoll nicht geſagt werden, daß die ſchmeichelnden Reden und die rührenden Freundesbitten mich bewegt haben, das zu thun, was meine Pflicht und mein Recht iſt.— Schafft mir den Doctor, ich muß den Doctor ſprechen. Der Doctor iſt da, ſagte Herr von Waldau, in das Zimmer *) Dieſer Brief iſt wörtlich mitgetheilt aus: Leben des Freiherrn von Stein von Pertz. Th. I. S. 453.— Prinzeſſin Louiſe war eine Schweſter des Prinzen Louis Ferdinand, vermählt mit dem Fürſten Radziwill, dem Componiſten des „Fauſt“ von Göthe. Die Prinzeſſin und ihr Gemahl waren treue Gefährten des Königspaares auch im Unglück, ſie folgten ihnen nach Memel und Königs⸗ berg und theilten mit ihnen alle Geſahren und alles Unglück. eintretend. miſſer Puls, Manneswo Der den Puls Emartung (oſo Dieſe zetut. zeeſen, Geiſt eche Körper n Sie ſowei Iu ichem Te dar f, da daß ich Tagen, n ch 417 eintretend. Wenn die Patienten mit ſolcher Stentorſtimme rufen, ſo müſſen ſie wahrhaftig ſehr der Hülfe bedürfen. Doctor, rief Stein eifrig, kommen Sie hierher, fühlen Sie meinen Puls, ſehen Sie mir feſt in's Auge und ſagen Sie mir auf Ihr Manneswort, wann kann ich abreiſen? Der Arzt nahm die dargereichte Hand und legte die Finger auf den Puls. Eine Pauſe trat ein, Aller Blicke waren in athemloſer Erwartung auf das Geſicht des Doctors gerichtet. Dieſer nickte leiſe mit dem Haupt und ein Lächeln glitt über ſeine Züge hin. Es iſt, wie ich geſagt habe, rief er, ſeine triumphirenden Blick der Freiherrin Der Genius Deutſchlands iſt uns zu Hülfe gekommen und hat ſich ſeinen tapferſten, edelſten Kämpfer gerettet. Der Puls iſt ruhig und kräftig, wie er ſeit Wochen nicht geweſen, die Kriſis, auf die ich ſo lange hoffte, iſt eingetreten, der Geiſt erhebt ſich wieder in ſeiner Macht und Energie, und er wird den Körper nach ſich ziehen. Herr von Stein, in vierzehn Tagen werden Sie ſoweit hergeſtellt ſein, um abreiſen zu können. In vierzehn Tagen! rief Herr von Stein laut und mit verächt⸗ lichem Ton. Sie haben alſo nicht gehört, daß Preußen Meiner be⸗ darf, daß der König mich ruft, daß Hardenberg ſagt, es ſei wichtig, daß ich ſogleich mein Amt antrete? Nein, ich werde nicht in vierzehn Tagen, nicht in vierzehn Stunden, ſondern ich werde ſogleich abreiſen! Er richtete ſich raſch in ſeinem Bett empor, und die Arme gebie⸗ teriſch ausſtreckend, rief er mit lauter, machtvoller Stimme: Meine Kleider! Gebt mir meine Kleider her! Ich will aufſtehen! Ich habe keine Zeit mehr, krank zu ſein! Gebt mir meine Kleider! Aber mein geliebter Freund, rief die Freiherrin entſetzt, dies iſt ja unmöglich, bedenke doch, daß das Fieber Deine Kräfte aufgezehrt hat, daß— Still, widerſprechen Sie ihm nicht, flüſterte der Arzt, der Wider⸗ ſpruch würde ihn reizen und könnte leicht einen neuen Fieberanfall zur Folge haben. Meine Kleider! Meine Kleider! rief Herr von Stein noch lauter Mühlbach, Napoleon. I. Bd. 27 418 . und gebieteriſcher, und der flammende Zornesblick ſeiner großen Augen traf ſeine Gemahlin. Der Arzt ſelber eilte zu dem Wandſchrank, und den ſeidenen Schlaf⸗ rock aus demſelben nehmend, trug er ihn zu dem Kranken hin. Hier iſt Ihr Schlafrock, ſagte er, laſſen Sie mich Ihren Kammer⸗ diener ſein und Ihnen denſelben überwerfen. Herr von Stein dankte ihm mit einem lächelnden Blick und hob ſeine beiden Arme empor, um ſich das Kleid überwerfen zu laſſen. Und hier ſind Deine Pantoffeln, ſagte Frau von Stein, laß mich Deine Füße damit bekleiden. Und mir erlauben Sie, daß ich Ihnen eine Stütze ſei, an der Sie ſich aufrichten, Excellenz, ſagte Herr von Schladen, dicht an das Lager tretend. Oh, ſtützen Sie ſich wenigſtens einen Augenblick auf mich, nachher wird ganz Preußen ſich wieder auf Sie ſtützen. Herr von Stein antwortete nicht. Er hatte das Gewand ange⸗ zogen, die Pantoffeln auf ſeine Füße ſchieben laſſen, und richtete ſich jetzt mit Hülfe des Herrn von Schladen empor. Aber eine tiefe Bläſſe zog allgemach über ſein Antlitz hin und der Schweiß ſtand in großen Tropfen auf ſeiner Stirn. Jetzt hatte er ſein Lager verlaſſen, jetzt ſtand er frei und aufrecht da, und tief aufathmend, rief er: Ich bin geſund! Preußen ruft mich und bedarf meiner! Ich darf nicht krank ſein, ich— Seine Stimme erſtarb in einem matten Aechzen, ſein Haupt neigte ſich hinten über, ſeine Geſtalt brach zuſammen. Herr von Schladen und Frau von Stein fingen den Ohnmächtigen in ihren Armen auf und ließen ihn wieder auf das Lager niedergleiten. Doctor, rief die Freiherrin mit drohendem Ton, wenn er ſtirbt, ſind Sie ſein Mörder! Sie haben ihn mir getödtet! Nein, ſagte der Arzt ruhig, ich habe ihn gerettet. Dieſe Ohnmacht iſt der letzte Kampf, den der Tod mit dem Leben beſteht. Wenn Herr von Stein erwacht, wird er kein Kranker mehr ſein, ſondern ein Gene⸗ ſender. Wenn er aus ſeiner Ohnmacht erwacht, iſt die Kriſis überwunden. Sehen Sie nur, er beginnt ſich zu regen! Ach, ſein tapferer Geiſt will ſeinem Körper keine Ruhe laſſen, er will ihn ſchon wieder wecken! fomnen ml zu den Ar Her den Brief lege Deine es gufricht reiſen könn Aber Sie ſchen nur noch Herr der. Und bitte ich( vorleſen? Her gleiten, d Liſen Gemohln und öffne von Blüi Miniſters Der den Freil Miniſter Wohl auf, ſic Vichtigt und nac liſe An etwerben ren wen u wolle 9 Augen G chlaf⸗ kammer⸗ und hob s Lager 6 uf mich, hete ſich und der d aufrecht uft mich er ſürbt, Ohnmacht n Herr nonn Gene⸗ ein eit ern unden⸗ Geiſt wil vecken! 419 Herr von Stein ſchlug die Augen auf und ſchaute mit einem voll⸗ kommen ruhigen, verſtändnißvollen Blick erſt zu ſeiner Gemahlin, dann zu dem Arzt und dem Boten des Königs hin. Herr von Schladen, ſagte er mit leiſer Simme, wollen Sie mir den Brief Hardenbergs vorleſen? Wilhelmine, mein geliebtes Weib, lege Deinen Arm um mich und ſtütze mein Haupt ein wenig, damit ich es aufrichten kann. Waldau hat Recht, ich werde heute noch nicht ab⸗ reiſen können, ich bin noch ſehr ſchwach. Aber Sie werden in zehn Tagen abreiſen können, rief der Arzt. Sie ſehen, ich gebe nach! Ich fordere nicht mehr vierzehn, ſondern nur noch zehn Tage! Herr von Stein reichte ihm mit einem dankbaren Blick die Hand dar. Und jetzt, Herr Kammerherr von Schladen, ſagte er ſanft, jetzt bitte ich Sie noch einmal, wollen Sie mir den Brief Hardenbergs vorleſen? Herr von Schladen ließ ſeine Blicke fragend zu dem Arzt hinüber gleiten, dieſer nickte zuſtimmend. Leſen Sie, bat Herr von Stein, ſein Haupt an die Schulter ſeiner Gemahlin lehnend. Herr von Schladen nahm den Brief, der auf dem Nachttiſch lag und öffnete ihn. Den kleinen darin enthaltenen Brief vom General von Blücher legte er auf den Tiſch und begann dann den Brief des Miniſters von Hardenberg zu leſen. Der Brief enthielt die dringendſte Aufforderung Hardenbergs an den Freiherrn von Stein, die doppelte Stelle als Finanzminiſter und Miniſter des Innern, welche der König ihm übertragen wolle, zum Wohl Preußens anzunehmen. Hardenberg forderte außerdem Stein auf, ſich ſofort zum König zu begeben, weil dies von der äußerſten Wichtigkeit ſei, damit nicht das Ohr Friedrich Wilhelms von fremden und nachtheiligen Einflüſterungen wieder belagert werde! Er gab ihm leiſe Andeutungen, in welcher Weiſe er ſich das Vertrauen des Königs erwerben müſſe, und wie er ſicher ſein könne, daſſelbe auch zu bewah⸗ ren, wenn er ſich nur niemals das Anſehen gebe, den König beherrſchen zu wollen. Er forderte ihn im Namen Preußens und Deutſchlands 2 420 auf, ſich dem ſchweren Werk, welches man von ihm fordere, nicht zu entziehen, ſondern die Hoffnungen zu erfüllen, welche alle Vaterlands⸗ freunde auf ihn ſetzten, und Preußen nicht zu verlaſſen in dieſen Tagen der äußerſten Noth und Gefahr; er rieth ihm, ſeine Bedingungen in Bezug auf ſeinen Amtseintritt zu ſtellen und dieſe dem König ſelbſt zu ſchreiben.*) Eine Pauſe trat ein, nachdem Herr von Schladen zu Ende ge⸗ leſen. Stein hatte noch immer das Haupt an die Schulter ſeiner Gemahlin gelehnt und hatte ganz ſtill und bewegungslos der Vor⸗ leſung zugehört. Angſtvoll und zitternd ſchauten Alle zu ihm hin. Sein Antlitz war bleich, aber ruhig, und wie er jetzt langſam ſeine Augen aufſchlug, zeigte auch ſein Blick die vollkommenſte Sicherheit und Verſtandeskraft. Herr Kammerherr von Schladen, fragte er, Sie haben alſo die weite Reiſe von Memel hierher zu keinem andern Zweck gemacht, als— um mir dieſe Briefe und den Befehl des Königs zu überbringen? Ja, Excellenz, das iſt der einzige Zweck meiner Reiſe geweſen, ſagte Herr von Schladen. Ich bin über Kopenhagen und Hamburg ereiſt, um den franzöſiſchen Spionen auszuweichen und meine Briefe 5 5 nicht zu gefährden. Und wann gedenken Sie wieder abzureiſen? fragte Herr von Stein. Excellenz, ſobald ich Ihre Antwort erhalten habe. Ach, rief Stein mit einem ſanften Lächeln, Sie wollen mich alſo verhindern, gleich zu ſchreiben, um Sie noch einige Zeit als lieben Gaſt in meinem Hauſe zu behalten? Nein, Excellenz, ich will Sie beſchwören, ſofort mir die Antwort zu geben auf dieſe angſtvolle und flehende Bitte, mit welcher der König und die Königin, mit welcher ganz Preußen, ja ganz Deutſchland ſich an Sie wendet, und Sie beſchwört, dem Vaterlande Ihren ſtarken Arm und Ihre hülfreiche Hand zu leihen. Ach, meine Hand iſt ſo ſchwach, daß ſie nicht einmal die Feder zu führen im Stande iſt, ſeufzte Herr von Stein. Wilhelmine, meine *) Leben des Freiherrn von Stein. I. S. 452. ſtts gütig Deine Ha Die blick an. Entſchluß hitten wol Dich wied Herz wer meiner Se kaum wü gemeinen ſelber in uf des g Herz, da hören der Pflicht ie Sie trat dann geräh ſi Dei nir jetz. Her Stimne Ew eintritts duch e nde ge ſeiner Vor⸗ amburg Briefe Stein ich alſo en Gaſt Antwort r König and ſich ten Arm je Feder meine , 421 ſtets gütige und helfende Freundin, willſt Du mir auch jetzt wieder Deine Hand leihen und mein Secretair ſein? Die Freiherrin ſchaute ihn mit einem langen, ſchmerzlichen Liebes⸗ blick an. Ich leſe in Deinen Augen, ſagte ſie wehmüthig, daß Dein Entſchluß gefaßt iſt, und daß, wenn ich ſelbſt für mich und die Kinder bitten wollte, all' mein Flehen doch vergeblich ſein würde. Wir werden Dich wieder auf lange Zeit entbehren müſſen, Dein Haus und mein Herz werden vereinſamen, und nur meine Gedanken und die Augen meiner Seele werden mit Dir ziehen und Dich ſchauen! Aber ich darf kaum wünſchen, daß Du anders beſchlöſſeſt. In dieſen Tagen des all⸗ gemeinen Unglücks ziemt es dem deutſchen Patrioten nicht, ſich für ſich ſelber in das ſtille Glück des Hauſes retten und ſein Ohr dem Hülfe⸗ ruf des gequälten deutſchen Vaterlandes verſchließen zu wollen. Dein Herz, das weiß ich, gehört mir! Dein Geiſt und Deine Kräfte ge⸗ hören der Welt. Gehe alſo hin, mein Geliebter, und thue Deine Pflicht, ich will die meinige erfüllen. Sie drückte einen leiſen Kuß auf die Stirn ihres Gemahls und trat dann zu dem Tiſch am Fenſter, auf welchem Papier und Schreib⸗ geräth ſich befand. Dein Secretair iſt bereit, ſagte ſie, die Feder nehmend, dictire mir jetzt. Herr von Stein hatte ſich aufgerichtet, und mit feſter, hallender Stimme dictirte er: „An des Königs Majeſtät! Ew. Königlichen Majeſtät Allerhöchſte Befehle wegen des Wieder⸗ eintritts in Dero Miniſterium der inländiſchen Angelegenheiten ſind mir durch ein Schreiben des Cabinets⸗Miniſters Hardenberg, de dato Memel den 10. Juli, am 9. Auguſt zugekommen. Ich befolge ſie un⸗ bedingt und überlaſſe Ew. Königlichen Majeſtät die Beſtimmung jedes Verhältniſſes, es beziehe ſich auf Geſchäfte oder Perſonen, mit denen Ew. Königliche Majeſtät es für gut halten, daß ich arbeiten ſoll. In dieſem Augenblick des allgemeinen Unglücks wäre es ſehr unmoraliſch, ſeine eigene Perſönlichkeit in Anrechnung zu bringen, um ſo mehr, da Ew. Majeſtät ſelbſt einen ſo hohen Beweis von Standhaftigkeit geben 422 Ich würde ſogleich meine Abreiſe antreten, läge ich nicht an einem heftigen dreitägigen Fieber krank. Sobald aber meine Geſundheit wie⸗ der hergeſtellt iſt, welches hoffentlich in zehn bis vierzehn Tagen der Fall ſein wird, werde ich abreiſen und zu Ew. Majeſtät eilen als Ihr ganz gehorſamer Diener Stein.“*) Herr von Stein hielt Wort. Nach vierzehn Tagen beſtieg er, obwohl noch leidend und ſchwach, den Reiſewagen, um ſich nach Memel zu begeben und die Zügel des preußiſchen Staats wieder in ſeine machtvolle und energiſche Hand zu nehmen. 1I. Zohannes von Müller. Frieden! Es war Frieden! Die franzöſiſchen Behörden hatten es dem Magiſtrat von Berlin verkündet, daß zu Tilſit der Frieden zwi⸗ ſchen dem Kaiſer der Franzoſen und dem König von Preußen zum Abſchluß gekommen. Sie hatten befohlen, daß Berlin ſich dieſes Sieges freue und denſelben auch öffentlich bethätige. 6. In der Domkirche ſollten deutſche Sänger mit ſchallenden Jubel⸗ ſtimmen ein Tedeum ſingen zur Feier dieſes Friedens von Tilſit, und am Abend dieſes Tages ſollten die Berliner in einer allgemeinen Illu⸗ mination ihrer Häuſer ihre Freude zu erkennen geben über dieſen Frieden von Tilſit. Die franzöſiſchen Behörden hatten es befohlen und die Berliner, obwohl tieftraurig und kummervoll über dieſen Friedensvertrag, deſſen demüthigenden und entſetzlichen Inhalt ihnen der Berliner„Telegraph“ jubelnd und freudevoll mitgetheilt, die Berliner mußten gehorchen. Sie mußten im Dom das befohlene Tedeum ſingen, ſie mußten *) Leben des Freiherrn von Stein. J. S. 457 an Abend thigten zer Jommer m Aber hatten, den ſie doch ni ihre Geget In di dem Acco bejohw zöſiſchen lommen, An welche die waren lee Freudeng hier und Geſingen dieſes m Nahrng nung, al Lindern Die die hell Bevölter mit eine und nir der fta jedem ſigt ſi mkiſa Harmon deung Es an einem heit wie⸗ agen der als Ihr * eſtieg er, ch Memel in ſeine hatten es ieden zwi⸗ ußen zum 6Sieges en Jubel⸗ ilſit, und nen Illu⸗ Berlinet, rug, defn Lelegruph orchen⸗ ſie mußten 423 am Abend ihre Häuſer erleuchten, und die Hauptſtadt des tief gedemü⸗ thigten, zerſchmetterten Preußens mußte ihre eigene Schmach und ihren Jammer mit dem Glanz einer feſtlichen Illumination verherrlichen. Aber die franzöſiſchen Behörden, welche den Berlinern befohlen hatten, den Frieden mit Geſang und Illumination zu feiern, ſie konnten ſie doch nicht zwingen, dieſe Feſtlichkeiten anzuſchauen und ihnen durch ihre Gegenwart ihre Zuſtimmung zu geben. In der Domkirche ſang der Organiſt mit ſeinen Chorknaben zu dem Accompagnement von Poſaunen und wirbelnden Trommeln das befohlene Tedeum, aber die Kirche war leer, Niemand außer den fran⸗ zöſiſchen Behörden und einigen elenden erkauften Abtrünnigen war ge⸗ kommen, dieſer Feierlichkeit beizuwohnen. Am Abend dieſes Tages ſtrahlte ganz Berlin im Lichterglanz, welche die Straßen wie mit Tageshelle erleuchteten, aber dieſe Straßen waren leer. Kein jubelndes Volk wogte in ihnen auf und nieder, kein Freudengeſchrei, kein Jauchzen und Lachen ließ ſich vernehmen, nur hier und da ſah man einen Trupp franzöſiſcher Soldaten mit lauten Geſängen durch die Straßen ziehen, oder begegnete man einem Schwarm dieſes müßigen Geſindels, das ſich überall da umher treibt, wo es Nahrung für ſeine Neugierde findet, und das fern von aller Geſin⸗ nung, aller Ehre und allem Rechtsgefühl, in allen Städten und allen Ländern daſſelbe iſt. Die Franzoſen und der Pöbel allein bevölkerten an dieſem Abend die hell erleuchteten, blendenden Straßen von Berlin; die eigentliche Bevölkerung hielt ſich in ihren Häuſern und verſchmähete es, auch nur mit einem flüchtigen Blick hinaus zu ſchauen auf den Glanz der Straße, und nirgends auch ſah man mehr Lichter angezündet, als der Befehl der franzöſiſchen Behörden verlangt hatte, nämlich zwei Lichter an jedem Fenſter. Nur an dem Fenſter eines Hauſes in der Behrenſtraße zeigte ſich ein höherer Lichtſchimmer, dort ſah man farbige Lampen in maleriſcher Gruppirung ſich ordnen um zwei Büſten, die in ſeltſamer Harmonie neben einander ſtanden und das Staunen und die Verwun⸗ derung aller derjenigen erregten, die an dieſem Hauſe vorüber kamen. Es waren die Büſten Friedrichs des Großen und Napoleons. 7 welche da ſo dicht neben einander ſtanden und deren hohe Stirnen jetzt von dem Glanz deſſelben Lichtes umſtrahlt wurden. In dieſem Hauſe wohnte Johannes von Müller, der große Ge⸗ ſchichtsſchreiber der Schweizer; es war das Fenſter ſeines Studir⸗ zimmers, hinter welchem die Büſten Friedrichs und Napoleons aufge⸗ ſtellt waren. Johannes von Müller hatte dieſe Aufſtellung angeordnet, und mit zufriedenen, lächelnden Mienen prüfte er jetzt ſein Werk. Es iſt gut ſo, ſagte er leiſe vor ſich hin. Es iſt ein ſchöner An⸗ blick, dieſe herrlichen Köpfe neben einander zu ſehen, und es thut mei⸗ nem Herzen wohl, daß ich meinen Feinden und Widerſachern dies Aergerniß angethan habe. Sie ſollen ſehen und erkennen, daß ich ihre Angriffe nicht ſcheue und daß ich trotz ihrer Verdächtigungen und ihres Spottes ruhig und gelaſſen auf meiner Bahn weiter gehe. Sie haben mich einen Abtrünnigen genannt, weil ich nicht von hier geflohen bin, als ſie Alle flohen, ſie haben mich einen Franzoſenfreund genannt, weil ich in der Academie meine Rede am Geburtstage Friedrichs des Großen franzöſiſch gehalten habe, und es hat der pöbe lhaften Gemeinheit nicht gefallen, daß ich in dieſer Rede den großen Napoleon mit dem große Friedrich zu vergleichen wagte. Sie haben es mir auch zum S6 gemacht, daß ich mich nicht Geheimer Kriegsrath mehr nennen laſſe und nur noch einfach und kurz Johannes Müller genannt ſein will. Als ob der Geheime Kriegsrath nicht ein ganz zufällig Ding, ein über flüſſig Anhängſel ſei für den Johannes Müller, den Deutſchland liebte, ehe er einen Titel hatte, und den es lieben wird, wenn er keinen mehr Ja, ja, meine Feinde beneiden nur meinen Ruhm, das iſt Alles. Sie nennen mich einen Abgefallenen, nur we il ich kein Gefallener bin, ſi nennen mich einen Franzoſenfreund, nur weil ich nicht, wie ſie, meine Fauſt in der Taſche mache, und wenn kein Franzoſe da iſt, auf die Franzoſen ſchimpfe, wenn aber Einer da iſt, fein ſtille bin und dummes Schweigen für kühnes Grollen ausgebe. Ich aber halte meine Hände frei und offen, ich mache keine heimlichen Fäuſte, aber ich ſchrelbe zſfentlich, ich bin kein heimlicher Franzoſenfreſſer, aber ein offener Ver⸗ ehrer alles Großen, Erhabenen und Genialen. Und darum habe ich hier auch die Büſten der beiden größten Männer, welche das vorige Jahrhunder Aergemiß Ihr ne 6uh ein ſchen Lui d predigt hannes von unbekimmer das Zimme nem Schr Er w zu und wa pieren bela trat, umi Kriegstath Dir nicht ſchmackten Kaſtanie. rieg ger kaum noch inmer noe Nun, dor vier« ſeht ſolz ich glue heute Mit ſchen Ge tnnicken hir ſtehe noch inm D d Vu tinen ja thut mei⸗ hern dies ß ich ihre m großen Vorwurf nnen laſſe 425 Jahrhundert geboren, neben einander geſtellt, meinen Feinden zum Aergerniß, mir ſelber zur ſchönſten inneren Genugthuung! Und nun, Ihr großen Heroen, leuchtet ruhig weiter im Glanz Eurer Kerzen, die Euch ein Mann angezündet, den die Leute mit dem Namen des deut⸗ ſchen Tacitus beehrt haben, leuchtet und ſtrahlt hinunter auf die Straße ind predigt mit Euren Heroen⸗Stimmen dem deutſchen Volk, daß Jo⸗ hannes von Müller dem Genius huldigt und ihn verehrt und anbetet, unbekümmert um die Nationalität und den Geburtsſchein! Bewacht das Zimmer des Gelehrten und haltet die böſen Geiſter fern von mei⸗ nem Schreibtiſch, an den ich mich jetzt begeben will zur Arbeit. Er winkte mit der Hand den beiden Büſten einen Abſchiedsgruß zu und war eben im Begriff, ſich vor ſeinen mit Folianten und Pa⸗ pieren beladenen Schreibtiſch niederzulaſſen, als ſein alter Diener ein⸗ trat, um ihm zu melden, daß ein Herr da ſei, der den Geheimen Kriegsrath dringend zu ſprechen begehre. Michael Fuchs, rief Müller zuſammenzuckend, wie oft habe ich Dir nicht ſchon geſagt, Du ſolleſt mich nicht mehr mit dieſem ſchmackten Titel nennen, der gar keine Bedeutung mehr hat und d hoffentlich bald von mir abfallen wird, wie die Schale von der Kaſtanie. Kriegsrath! Ich meinestheils habe nie zu dieſem unſinnigen Krieg gerathen, und zumal jetzt, da wir Frieden haben und ich mich kaum noch als preußiſchen Beamten betrachten kann, giebſt Du mir immer noch dieſen lächerlichen Titel. Nun, nun, ſagte der alte Diener ſchmunzelnd, als wir den Titel vor vier Jahren bekamen, da waren wir und dünkten uns ſehr ſtolz und glücklich damit. Es d freilich jetzt andere Zeiten, und glaube es wohl, daß der franzöſiſche General Clarke, bei dem wir heute Mittag wieder geſpeiſt haben, nichts wiſſen will von dem preußi⸗ ſchen Geheimen Kriegsrath, und daß wir den Titel da fein ſäuberlich einwickeln, daß Niemand ihn ſehen kann. Aber H r, während wir hikr ſtehen und uns zanken, ſteht der fremde Herr draußen und wartet noch immer, daß wir ihn einlaſſen. Du haſt Recht, Michael Fuchs, ſagte Johannes von Müller in einem faſt begütigenden Ton, laß den Fremden eintretei 426 Der alte Michael nickte ſeinem Herrn freundlich zu, und indem er die Thür wieder öffnete und hinaustrat, ſagte er laut: Treten Sie ein, mein Herr! Ich habe Sie gemeldet und Herr von Müller erwartet Sie. Es iſt doch eine gar gute und treue Haut, der alte Michael, mur⸗ melte Johannes von Müller, indem er dem Fremden entgegenſchritt, der eben in das Zimmer trat. Oh, Herr von Noſtitz, rief Müller alsdann freudig. Sie hier in Berlin? Ich glaubte Sie auf Ihren Gütern! Ich war nicht auf meinen Gütern, ſondern in Memel bei unſerm König, ſagte Herr von Noſtitz ernſt. Mit einigen Aufträgen von Seiner Majeſtät beehrt, bin ich hier angelangt, und da einer dieſer Aufträge Sie, Herr Geheimrath, betrifft, habe ich nicht ſäumen dürfen, Sie aufzuſuchen. Der König hat alſo endlich mein Schreiben erhalten und er be⸗ willigt mir meine Entlaſſung? fragte Müller raſch. Der König hat Ihr Schreiben erhalten, erwiederte Herr von Noſtitz. Und meine Entlaſſung? Sie bringen mir meine Entlaſſung? rief Müller ungeduldig. Es iſt Ihnen alſo wirklich Ernſt mit dieſer Forderung? fragte Herr von Noſtitz faſt ſtrenge. Ich geſtehe Ihnen, daß wir Alle nicht haben daran glauben wollen und mögen, und daß ich gekommen bin, Sie im Namen des Königs und der Königin, im Namen aller Ihrer Freunde, die, treu ihrer Pflicht, dem Königspaar gefolgt ſind, zu bitten, Ihren Entſchluß aufzugeben und bei uns zu bleiben. Die Königin beſonders will es nicht glauben, daß Johanngs von Müller, der große Geſchichtsſchreiber, der noch vor wenigen Mbnaten mit ſo flammender Begeiſterung für Preußen geſprochen und geſchrieben, daß der jetzt freiwillig Preußen verlaſſen und dem allgemeinen Unglück ſich in treu⸗ loſem Egoismus entziehen wolle. Im Namen der Königin ſoll ich Sie bitten, zu bleiben und auszuharren; Ihre Majeſtät können und wollen es nicht glauben, daß Sie dieſen Entſchluß, Ihre Stelle niederzulegen und auszuwandern, wirklich ernſthaft meinen. Sie läßt Sie durch mich dringend bitten und beſchwören, dem Staat in dieſer Epoche nicht die „ „ Schmach an duß Ihr Ei Sie durch gwogene u Leben hier üiber Friedr zu echalten. Wie ti Miller wit Ueinſter, b daß ich de leiſten kön hohe Mein zeugt bin, halten, in des Rechts hiet gunz großes Un kann; gun einem ſch daß mir Freunden Friden u Hier aber mehr, da Manſchen ſichert hu welche M und nicht — *) Jo 6 Jo Shritn. d indem 5 Trelen Miüller uhſer ägen von rdieſel wole nd Wo derzl urch ulegen mich 427 Schmach anzuthun, an ihm zu verzweifeln; ſie läßt Sie verſichern, daß Ihr Einkommen immer pünktlich bezahlt werden ſoll, und ermahnt Sie durch mich, an Ihre vielen hieſigen Freunde, an die Ihnen wohl⸗ gewogene und gutgeſinnte preußiſche Regierung, an Ihr angenehmes Leben hier in Berlin, und endlich an Ihr begonnenes großes Werk über Friedrich den Großen zu denken und ſich dem preußiſchen Staat zu erhalten.*) Wie tief rührt mich dieſe Gnade und Güte der Königin, rief Müller mit bewegter, zitternder Stimme, und wie wünſchte ich aus reinſter, treueſter und dem preußiſchen Königshauſe ergebenſter Seele, daß ich den gnädigen Worten der Königin in jeder Hinſicht Folge leiſten könnte. Ihre Majeſtät und alle meine Freunde wiſſen, welche hohe Meinung und Hoffnung ich für Preußen hege, und wie ich über⸗ zeugt bin, dieſer Staat habe von der Vorſehung die hohe Miſſion er⸗ halten, in Deutſchland ein Vorkämpfer der Wahrheit, der Freiheit und des Rechts zu ſein. Auch darin hat die Königin Recht, daß es ſich hier ganz angenehm in Berlin lebt, und daß Berlin, wenn es ein großes Unterrichtsinſtitut für den Norden wird, ſehr intereſſant ſein kann; ganz wahr iſt auch, daß ich hier liebe Freunde habe, daß ich in einem ſchönen Garten wohne, bisher ohne eine tägliche Pflicht, und daß mir mein Gehalt bisher immer pünktlich ausbezahlt worden.**) Aber ich geſtehe, es zieht mich nach dem Süden, nach meinen lieben Freunden in Süd⸗Deutſchland und der Schweiz; ich ſehne mich nach Frieden und nach Stille, um meine Schweizerhiſtorie zu vollenden. Hier aber ſehe ich keine Hoffnung auf Ruhe und Stille, fürchte viel⸗ mehr, daß die Gährung und Aufregung aller Verhältniſſe und aller Menſchen noch lange andauern wird. Es ſtehen, wie man mich ver⸗ ſichert hat, große Reformen und Reductionen in den Finanzen bevor, welche Männer von hohem Rang, die ein halbes Jahrhundert gedient und nicht reich ſind, treffen— wie könnte ich alſo nur hoffen und *) Johannes von Müllers ſämmtliche Werke. Th. VII. S. 298. **) Johannes von Müllers eigene Worte. Siehe: Johannes von Müllers Schriften. Th. VII. S. 299. 428 glauben, daß dieſe Reductionen an mir, der ich Preußen erſt ſeit drei Jahren angehöre, vorübergehen könnten? Das heißt, Sie fürchten trotz der Verſich Ihr Gehalt? fragte Herr von Noſtitz. Das heißt, ich bin leider nicht reich genug, um mich mit weniger begnügen zu können, ich habe nichts als mein Gehalt und muß davon noch Schulden bezahlen. Dennoch habe ich in einem Augenblick, wo der unglückliche preußiſche Staat zwei Dritttheile ſeiner Einkünfte ver⸗ liert, mich erboten, meine hieſige Stelle mit dreitauſend Thalern Gehalt aufzugeben. Ich glaube, das iſt ehrenhaft und macht meinem Character und meiner Geſinnung keine Schande.“ Das heißt, mein Herr, rief Herr von Noſtitz erregt, Sie haben Ihre Enutlaſſung eingereicht, weil der König von Württemberg Sie an die Univerſität nach Tübingen berufen hat. Aber niemals würde ich dieſe Berufung angenommen haben, wenn erungen der Königin für ich es nicht ſ eine Ehrenpflicht erachtete, in dieſen Zeiten der Be⸗ drängniß von dem preziſchen Staat kein Geld anzunehmen, das zu zur Bſalbung eines überflüſſigen Bedenken Sie nur, daß, wenn ich viel e Dingen, als Gelehrten, verwandt werden muß dieſe Berufung annehme, wozu es mich zu allererſt der Entlaſſung aus dem preußiſchen Staatsdienſt bedarf, man gewiß nicht von mir ſagen kann, ich handele ſo aus und Geldgier. Um mit der Hälfte meiner Beſoldung aus einet⸗ eſchäftsloſen Stelle in der ſchön⸗ ſten Stadt Deutſchlands auf eine kleine Univerſität in einer geringen Stadt zu gehen und den— und Allerlei, was ich ſonſt wohl bin, abzulegen, um in Tübingen Profeſſor zu werden, dazu ge⸗ hören andere Gründe, als der Egoismus und die Geldgierde.**) Ich werde dort ja nur halb ſo viel Gehalt haben, ich werde in einem ver⸗ g. een Weltwinkel leben, aber ich werde das ſtille, ungeſtörte Leben elehrten führen und meine angefangenen Arbeiten pollenden können. . 5 J. v. Müllers eigene Worte. Siehe: J. v. Mü S. 294. J. v. Müllers eigene Worte. Siehe ebendaſelbſt. lers ſämmtliche Schriften. Alle me die Ernahm Her von N dienſt emlaſ Ich ha händigen S ich indem ere legte Befehl, erſt gem laſſungsſchr Staat und nichts meht anderswo, Mit ei zu einer W ließ das G Johan Blic nach. Wiede und vor de anzullagen, Dumnhit Lerrüther nicht einſe Mngel 9 lehen zu k Penſunen Vſſunſte entzehen arbeiten k del 429 Alle meine Vorſtellungen, die Wünſche und Bitten der Königin, die Ermahnungen Ihrer Freunde, alles dies iſt alſo vergeblich? fragte Herr von Noſtitz. Sie beſtehen darauf, aus dem preußiſchen Staats⸗ dienſt entlaſſen zu werden? Ich habe Seine Majeſtät den König von Preußen in einem eigen⸗ händigen Schreiben um meine Entlaſſung gebeten, ſagte Müller aus⸗ weichend, ich wünſche vor allen Dingen eine entſcheidende Antwort, ob gehen kann, oder bleiben muß. Sie können gehen, mein Herr, rief Noſtitz faſt verächtlich, und indem er ein Papier aus ſeinem Portefenille nahm und es auf den Tiſch legte, fuhr er fort: Hier iſt Ihre Entlaſſung! Ich hatte den Befehl, erſt dann, wenn meine Bitten und die im Namen der Königin Ihnen gemachten Vorſtellungen vergeblich wären, Ihnen das Ent⸗ laſſungsſchreiben zu übergeben. Sie ſind jetzt frei, der preußiſche Staat und der König entläßt Sie aus ſeinem Dienſt. Preußen hat nichts mehr zu ſchaffen mit Ihnen. Suchen Sie ſich Glück und Geld anderswo, Ihren Ruhm laſſen Sie hier zurück! Leben Sie wohl! Mit einem leichten Abſchiedsgruß und ohne dem Gelehrten Zeit zu einer Antwort zu laſſen, wandte Herr von Noſtitz ſich ab und ver— ließ das Gemach. Johannes von Müller ſchaute ihm mit einem langen, trüben Blick nach. Wieder einer, der hingehen wird, um mich bei meinen Freunden und vor der Welt der Falſchheit, der Verrätherei und der Achſelträgerei anzuklagen, ſagte er dann, mit der Schulter zuckend. Oh, über die Dummheit und die hohlen Redensarten! Sie wollen mich zu einem Verräther ſtempeln, weil das ihnen am bequemſten iſt, und weil ſie nicht einſehen wollen, daß ein armer Gelehrter wenigſtens vor dem Mangel geſichert ſein muß, um den Wiſſenſchaften und ſeinen Arbeiten leben zu können. Hier ſteht eine Reduction aller Gehälter und aller Penſionen bevor, es iſt meine Fflicht gegen mich ſelber, gegen die Wiſſenſchaft und meine begonnenen Werke, mich dieſer Calamität zu entziehen und mir einen Ort zu ſuchen, wo ich wenigſtens ungeſtört arbeiten kann. Und jetzt, Gott ſei Dank, jetzt habe ich ihn gefunden! 430 Jetzt kann ich nach Tübingen gehen, denn ich bin frei! Da iſt endlich meine Entlaſſung! Er nahm das Papier von dem Tiſch und brach haſtig das Siegel, um den Inhalt des Schreibens zu leſen. Ja, wiederholte er dann freudig, ich bin frei! Ich habe meine Entlaſſung! Nun kann ich gehen! Nun ſei mir gegrüßt, du ſtilles Tübingen, ſo nahe den Alpen, ſo nahe dem herrlichſten Wald! In deiner erquickenden Stille werde ich wieder mit aller Kraft und Luſt zurückkehren können zu der Braut meiner Jugend, zu meiner Schweizer⸗ geſchichte, und ſie hübſch abgerundet und vollendet auf die Nachwelt bringen. Schon das Wehen der nahen Alpenluft, ſchon die Nähe des holden Italiens, wenn ich auch nie wieder hingehe, ladet mich zu dir, du ſtilles, friedliches Tübingen!*) Johannes von Müller hatte nicht bemerkt, daß, während er ſo laut und mit ſo flammender Aufregung zu ſich ſelber ſprach, die Thür ſich hinter ihm leiſe geöffnet hatte und eine männliche Geſtalt, tief ein⸗ gehüllt in einem Mantel, das Antlitz beſchattet von einem großen breit⸗ geränderten Hut, in das Zimmer getreten war und ſeine letzten Worte gehört hatte. Der Gelehrte, mit entſetzten Blicken die breite, muskelkräftige Ge⸗ ſtalt dieſes räthſelhaften Fremden, der ſo unerwartet vor ihm erſchien, anſtaunend, wich einige Schritte zurück und ein tiefer, angſtvoller Schrecken malte ſich in ſeinem erblaſſenden Angeſicht. Mein Gott, murmelte er entſetzt, was bedeutet dies? Wo iſt Michael Fuchs? Michael Fuchs iſt draußen und findet es ganz begreiflich, daß ein alter langjähriger Freund ſeinen Herrn lieber überraſchen, als ihm feier⸗ lich angemeldet ſein will, ſagte der Fremde, indem er näher ſchritt und ſeinen Hut abnahm. Friedrich von Gentz! rief Müller mit einem Ton halb voll Freude, halb voll Entſetzen. Mein Gott, Freund, Sie wagen es, hierher zu *) Joh. v. Müllers eigene Worte. Siehe: Joh. v. Müllers Schriften. Th. XVII. S. 437. fomnen, de Zorn gegen fuſer alet ſehr gemſ gebracht wi Jo, es der Her N meiner Fed wie er den ſchon noh mit vieler nen Lerfo lnd! det ftanz Freund, di detſehens, Vamnnge Sie das ftanz ber es 2 G ie könn reizenden, Fürſtin L aufgenom Cabinets als Hen mand hi Unbruch zukehren. Frantrei Behörde lund, de nohe zu Ge⸗ ien, ller iſt ein und 431 kommen, der Sie doch wiſſen müſſen, daß der franzöſiſche Kaiſer in Zorn gegen Sie entbrannt iſt, daß er Sie noch immer für den Ver⸗ faſſer aller möglichen aufrühreriſchen Schriften hält, und daß er es ſehr gern ſehen würde, wenn Sie verhaftet und in ſichern Gewahrſam gebracht würden? Ja, es iſt wahr, ſagte Gentz mit ſeinem ſorgloſen, heiteren Weſen, der Herr Napoleon Bonaparte thut mir die Ehre an, ſich vor mir und meiner Feder zu fürchten, und möchte mich ſo gern unſchädlich machen, wie er den armen Palm unſchädlich gemacht hat. Ich war einmal ſchon nahe daran, ſeinen Häſchern in die Hände zu fallen, und nur mit vieler Mühe und durch eine Verkleidung gelang es mir noch, mei— nen Verfolgern zu entgehen. Und dennoch wagen Sie ſich hierher, mitten hinein in den Sitz der franzöſiſchen Herrſchaft? rief Müller entſetzt und angſtvoll. Oh, Freund, die Angſt um Sie bringt mich ſogar um die Freude des Wie⸗ derſehens, und ich halte meinen Liebesgruß zurück, um Ihnen nur meine Warnungen und Beängſtigungen entgegen zu rufen. Sie haben Recht, es iſt ziemlich tollkühn von mir, mich mitten in das franzöſiſche Spinnen⸗ und Raubnetz hineinzuwagen, ſagte Gentz. Aber es iſt doch nicht ſo ſchlimm und gefährlich, als Sie glauben, und Sie können ſich ganz über mich beruhigen. Ich bin hier mit einer reizenden, liebenswürdigen und bezaubernden Freundin, der genialen Fürſtin Bagration, die mich in ihr Herz, ihr Haus und ihren Paß aufgenommen hat. Ich figurire auf ihrem Paß als ihr geheimer Cabinetsſecretair und habe ſelber einen wohlgeordneten ruſſiſchen Paß als Herr von Gentzowitſch in der Taſche. Zudem vermuthet mich Nie⸗ mand hier, wir ſind ſo eben erſt angekommen und wollen morgen vor Anbruch des Tages wieder Berlin verlaſſen, um nach Dresden zurück⸗ zukehren. Ueberdies leben wir ja jetzt überal im vollſten Frieden mit Frankreich, und am allerwenigſten werden die hieſigen franzöſiſchen Behörden es wagen wollen, einem Unterthanen des Kaiſers von Ruß⸗ land, des Freundes und Bewunderers des Kaiſers der Franzoſen, zu nahe zu treten. Sie ſehen alſo, Sie dürfen ſich um mich gar nicht 432 beängſtigen, und ich kann ganz ungefährdet eine Stunde hier in Berlin in Ihrem Studirzimmer mit Ihnen verplaudern. Dann, mein theuerſter, vielgeliebter Freund, ſeien Herzen willkommen, rief Müller freudig, dann laſſen Stunde des reinſten Glückes genießen und Ang' in Auge ſen Hand in Hand gedrückt, uns einander die herrlichen Genüſſe unver⸗ gänglicher Freundſchaft ernenern. Er drückte Gentz mit glühender Leidenſchaft an ſein Herz, dieſer ließ es geſchehen, ohne die Umarmung zu erwiedern und ohne die Gluth des Freundes zu theilen. Sie ſind alſo unſern Erinnerungen treu gebl ieben? fragte er, in⸗ Sie mir von ie uns eine dem er ſich von Müller zu dem Divan hinziehen ließ und neben ihm —= 4 6— S Platz nahm. Sie haben die Vergangenheit nicht vergeſſen und Ihr Her ſchlägt noch für mich in ungetrübter und un veränderter Freundſchaft? Er heftete, während er ſo ſprach, ſeine dunklen Augen mit einem ¹5 ſcharfen, durchbohrenden Ausdruck auf Johannes von Müllers Geſicht; dieſer aber ſchien das Anſchauen dieſer forſchenden Blicke nicht ertragen zu können und ſchlug verwirrt und befangen die Augen nieder. Oh, mein Geliebteſter, rief er dann leidenſchaftlich, wie können Sie fragen, ob ich der Vergange S und unſerer Freundſchaft ein⸗ gedenk geblieben? Oft erhöht mein„ Herz der Gedanke der Freund⸗ ſchaft, welchen ſo Wenige ganz faſſen. Dann gehen die großen Helden dieſes Gefühls bei mir vorbei, dann frage ich mich begeiſtert: edler Jonathan, Du ſelbſt ſiegreicher Krieger und unter Deinem Volke groß, was band Dich an Jeſche's herzvollen Sohn, daß Ihr Euch liebtet wie Ein Herz und Eine Seele? Wie ſüß der Augenblick, da Ihr Dr 6 Eure Rüſtungen wechſeltet! Und wie groß Du, da Du gewiß wußteſt, der Thron Israels würde von Deinem Geſchlecht entften an David übergehen, und Du zürnteſt Deinem Vater und retteteſt Deinen Freund. Daher ging mir's immer durch's Herz und bewegt mir in dieſem Augen⸗ blick auch die Seele, der Ausruf deſſelben bei ſeinem Tode:„Es iſt mir Leid um Dich, Jonathan, mein Bruder! Ja, wundervo m unſere Liebe, und weit über Weiberliebe!“— Und ſo liebte Scipio den Lälius, obwohl er wußte, daß Neider ihm den Ruhm des beſiegten Karthago rauben woll Den Freun Schwung d beſten Stel ich einſt mi den Helder nand. Er d Pline lächelte und ſchaft kenn Jonathans fteue. ²) 1 Sie, Gelie Vorte mich nit 2 aus und! gllein bin Wie e denn voch ſtorben, übrig geb dieſe noch ſchweigen. Und Gentz en weshalb j willen bin *Ihr böſe Ihr B B un mir von Uugen n 3 6 Verk Mhltae rauben wollten, um nur Alles den Anſchlägen des Lälius zuzuſchreiben. Den Freunden war es gleichgültig; wie wenn ich einſt mit neuem Schwung der Väter Großthaten beſchreibe und es ſagte Jemand:„die beſten Stellen hat ſein Freund gemacht!“— Was Scipio gefühlt, ſah ich einſt mit Rührung bei einem traulichen Mittageſſen téte à téte mit dem Helden von Crefeld und Minden, dem braunſchweigiſchen Ferdi⸗ nand. Er hatte auch einen Freund, und dieſem wurden alle Thaten und Pläne des Prinzen beigemeſſen. Ferdinand erzählte es mir ſelber, lächelte und ſprach:„Wie gleichgültig das Einem iſt, welcher die Freund⸗ ſchaft kennt!“ Oh, es werden ſich im Schattenreich die Geiſter Davids, Jonathans und Scipio's dieſer Worte gefreut haben, wie ich mich ihrer freue.*) Und mich, den Bewunderer ſo edler Freundſchaft, mich fragen Sie, Geliebteſter, ob ich unſerer Freundſchaft nicht vergeſſen? Worte, Worte, rief Gentz unwillig, Sie wollen ſtatt der Thaten mich mit Worten abſpeiſen! Aber ich will dieſe Speiſe nicht! Grad' aus und wie ein deutſcher Mann will ich mit Ihnen reden! Dazu ht allein bin ich gekommen! Wie ein deutſcher Mann, wiederholte Müller ſeufzend. Giebt es denn noch deutſche Männer? Sind ſie nicht alle verblichen und ge⸗ nen ſtorben, und nur zitternde Sclaven und Schmeichler ſind übrig geblieben? Es iſt keine Zeit für deutſche Männer, und wenn dieſe noch hier und da wirklich leben, ſo ſollen ſie ſich verbergen und ſchweigen. dler Und das ſagen Sie, der einſt ſo begeiſtert Thaten fordernde? rief roß, Gentz ie Hören Sie mich, Johannes von Müller, hören Sie, btet weshalb ich gekommen bin. Ich ſage es Ihnen noch einmal: um Ihret⸗ Iht willen bin ich gekommen. Ich wollte vor Sie hintreten entweder als ſteſt,„Ihr böſes Gewiſſen oder als Ihr Freund, als Ihr Richter oder als avid Ihr Bundesgenoſſe. Ich wollte nicht glauben an Alles das, was man und mir von Ihnen erzählte. Nur meinen eigenen Ohren, meinen eigenen g Augen wollte ich trauen. Johannes von Müller, ich bin gekommen, *) Joh. v. Müllers eigene Worte. Siehe: Joh. v. Müllers ſämmliche jus, Werke. Th. XVII. S. 232. Mühlbach, Napoleon. II. Bd. 28 0 19 434 um Sie zu fragen: gedenken Sie noch des Schwurs, den wir damals in Frankfurt geleiſtet? Wiſſen Sie noch, was wir damals einander gelobt in heiliger Stunde? Ich weiß es noch, ſagte Johannes von Müller kleinlaut und zag⸗ haft. Hingeriſſen von der heiligen Begeiſterung unſerer Hoffnungen ſchwuren wir, einen Bund zu ſchließen zum Wohl Deutſchlands, zur Befreiung von fremder Tyrannei. Wir ſchwuren, uns zu vereinen in der thätigen Liebe für Deutſch⸗ land, in dem thätigen Haß gegen Frankreich, rief Gentz feierlich. Ich habe meinen Schwur erfüllt, ich habe unabläſſig gearbeitet an der Be⸗ freiung Deutſchlands, ich bin thätig geweſen im Haß gegen Frankreich. Die Verfolgungen der Franzoſen, der Zorn Napoleons ſprechen für mich! Ich habe meine Zeit wohl angewendet, meinem Schwur treulich genügt. Aber Sie, Johannes von Müller, was haben Sie gethan? Wie haben Sie Ihrem Schwur genügt? Wo ſind die Freunde, die Sie unſerm Bunde geworben? Wo ſind die Genoſſen, die ſich um Sie geſammelt zu thätigem Haß gegen Frankreich? Die Zeit des Handelns und der Thaten bricht herauf, und wir müſſen vorbereiten, damit, wenn die Zeit gekommen, unſer Heer gerüſtet und bereit ſei, um die Schlacht zu ſchlagen und den Tyrannen, der uns bedrückt, zu verjagen. Johannes von Müller, wo ſind die Truppen, welche Sie geworben, die Geiſter, die Sie unſerm Bund geeinigt haben? Ich habe keine Truppen geworben, keine Schlachten vorbereitet und keine Armee⸗Corps geſammelt, ſagte Müller ſeufzend. Auf dem Schlachtfeld von Jena liegen nicht blos die Leichen der Soldaten, ſon dern auch die Leichen des Geiſtes, der Hoffnungen und der großen Gedanken. Unermeßlich iſt das Unglück; ruit alto a culmine Proja. Der Name, die Rechte der Exiſtenz, alles Alte iſt hin! Etwas Neues wird! Die große Periode der mancherlei Reiche ſeit dem Untergang des Römiſchen iſt geſchloſſen. Uns bleibt, wenn wir es faſſen wollen, zu Ruhm und Glück kein anderer Weg, als durch Künſte des Friedens; Krieg zu machen gelingt nicht. Es iſt alſo wahr, rief Gentz ſchmerzlich, man hat Sie nicht ver⸗ leumdet, Sie ſind ein Verräther, ein Abtrünniger! Sie haben den Glauben ni Schmach u hielt es für lngſt ſchon drängte Sa Ausbruch d haftigkeit w maßen noch blieben, als havyten, a nachdem d Ihre Freun Johre lang keit gegen doppelzüng würden, de Ihnen ther ten— die in Ihnen Und Vo hitte was mirb Sie mich ſcht ich e meiner T den vil. die Ankle — )6 Shriftn. lals ag⸗ igen zur vel⸗ Glauben nicht blos verloren, ſondern auch das Bewußtſein Ihrer Schmach und Ihres Treubruchs. Oh, ich wollte es nicht glauben, ich hielt es für unmöglich! Ich vertraute Ihnen noch immer! Daß Sie längſt ſchon Muth und Neigung verloren hatten, für unſere hochbe⸗ drängte Sache zu kämpfen, war mir bekannt. Daß ſchon vor dem Ausbruch des preußiſchen Krieges Ihre Unentſchloſſenheit und Zag⸗ haftigkeit auf's Höchſte geſtiegen war, auch das wußte ich. Nur einiger⸗ maßen noch konnte es mich daher wundern, daß Sie in Berlin zurück⸗ blieben, als alle Treuen es verließen, oder daß Sie gar, wie Einige be⸗ haupten, auf franzöſiſche Einladung zurückgekehrt ſind. Daß Sie nun, nachdem dies Alles einmal geſchehen, Ihre Grundſätze, Ihren Ruhm, Ihre Freunde, die Sache Deutſchlands, alles Große und Gute, das Sie Jahre lang gepredigt und verfochten hatten, in feigherziger Nachgiebig⸗ keit gegen den Sieger, in lichtſcheuen Unterhandlungen mit ihm, in doppelzüngigen Bekenntniſſen und Erklärungen verleugnen und aufgeben würden, darauf war ich vollkommen gefaßt. Daß Sie aber Alles, was Ihnen theuer ſein ſollte, verrathen, ſich öffentlich davon losſagen könn⸗ ten— dieſen Grad von Verwegenheit in der Untreue hätte ich nicht in Ihnen geſucht.*) Und wo hätte ich ſolchen Verrath geübt? fragte Müller ſchmerzlich. Wo hätte ich öffentlich oder im Geheimen mich losgeſagt von Allem, was mir bisher theuer und werth geweſen? Sagen Sie es mir, klagen Sie mich an! Ich will mich rechtfertigen! Erkennen Sie daran, wie ſehr ich Sie liebe, Freund, da ich Sie annehmen will zum Richter meiner Thaten und von Ihnen losgeſprochen oder ſchuldig erklärt wer⸗ den will. Nun alſo, klagen Sie an, ich will mich verantworten! Es ſei ſo! rief Gentz. Ich ſtehe nicht vor Ihnen als der einzelne WMenſch, ich ſtehe vor Ihnen als die Stimme Deutſchlands, die Stimme der Nachwelt, welche Sie richten und verurtheilen wird, wenn Sie in dieſer Stunde ſich nicht zu rechtfertigen vermögen. Hören Sie alſo die Anklagen und antworten Sie! Weshalb, als der Hof floh, als *) Gentz' eigene Worte an Joh. v. Müller. Siehe: Friedr. v. Gentz' kleinere Schriften. Herausgegeben von Guſtav Schleſier. Th. IV. S. 269. 436 Alle, welche es treu mit dem König und der deutſchen Sache meinten, Berlin verließen, weil ſie ihr Haupt nicht beugen wollten unter das franzöſiſche Joch, weshalb ſind Sie da in Berlin geblieben? Ich bin geblieben, weil ich keinen Grund einſah, weshalb ich hätte fliehen ſollen. Ich bin keine Säule der Politik, ſondern dieſe iſt nur für mich eine ſecundaire Angelegenheit. Die Hauptſache iſt für mich die Wiſſenſchaft und Alles, was ſich auf dieſe bezieht. Der Wiſſen⸗ ſchaft aber konnte ich hier beſſer obliegen, als irgend anderswo. Ich hatte hier meine Bücher, ich erwartete deren eine neue bedeutende Sen⸗ dung, die ſchon auf dem Transport begriffen war und die ich daher nothwendig abwarten mußte; ich hatte außerdem angefangen, in dem hieſigen königlichen Archiv Studien zu machen für meine Geſchichte Friedrichs des Zweiten. Dies ſind die Gründe, weshalb ich in Berlin geblieben bin, als ſo Viele flohen, und ich geſtehe Ihnen, ich habe auch keinen Grund gehabt, es zu bereuen. Niemand iſt mir zu nahe getreten, Niemand hat Ungebührliches oder Ehrwidriges von mir ge⸗ fordert, oder mir etwas zugemuthet, was mit irgend einer ältern Pflicht geſtritten hätte, ſondern Jedermann iſt mir mit Achtung und Zuvor⸗ kommenheit begegnet. Man ſchien mich ſo wie einen der Alten zu be⸗ trachten, der nur in und für die Nachwelt lebt; nie iſt die Würde der Geſchichtsſchreibung beſſer geehrt worden, als dieſe Franzoſen und ihr Kaiſer es in mir gethan. So habe ich mitten in dem Lärm der fal⸗ lenden Throne ruhig an meiner Schweizergeſchichte gearbeitet, Artikel für einige gelehrte Zeitſchriften geliefert und viele der Alten, den ganzen Muratoriſchen Thesaurus inscriptionum und andere gedruckte und un⸗ gedruckte Bücher excerpirt.— Da haben Sie, Freund, einen kurzen Abriß meines hieſigen Lebens, wie es ſtill dahingefloſſen ſeit den Un⸗ glückstagen von Jena. Sie haben in dieſem Abriß indeß einige Hauptlinien vergeſſen, ſagte Gentz ſtrenge. Sie haben nichts geſagt von Ihrem freundſchaft⸗ lichen Verkehr mit den Prätorianern Napoleons, Sie haben Ihren merk⸗ würdigen Beſuch bei dem Kaiſer der Franzoſen ſogar zu erwähnen unterlaſſen. Wie konnte ein Mann, wie Sie, ein Mann, der kurz zu⸗ vor noch in öffentlichen, flammenden Zornesreden alle Welt gegen den Uſurpator es wagen, i der Löwe ih erwürgen. nit ſchmeich wohl hüten, dieſem Beſt geln, welche Herzen find teten? W prußiſchen niſſe gemae nicht treulo Ich h machen, de ſunft. Joh Sanmlung on Engh Ach, jett das ſut ſchz man mich großen S mine St nen Fuß Reche un Zeitungst den groß ſchauende mntiſchen ſecung; Ich ju mnd blieben, meinter, nter das ich hätte ſe iſt nur für mich Wiſſen⸗ „ein dem Geſchichte in Berlin ich habe zu nahe en kure tden Un⸗ vergeſſen, undſchaft en merk⸗ erwähnen rkurz gegen del 437 Uſurpator zum heiligen Vernichtungskampf aufgerufen, wie konnte der es wagen, in die Höhle des Löwen einzutreten, ohne zu fürchten, daß der Löwe ihn nur gerufen, um ihn mit einem Griff ſeiner Tatze zu erwürgen. Beim ewigen Gott, mich könnte dieſer Napoleon Bonaparte mit ſchmeichelnder Bitte zwanzig Mal zu ſich einladen, ich würde mich wohl hüten, zu kommen, denn ich würde überzeugt ſein, daß ich von dieſem Beſuch nimmer wieder heimkehren möchte, ſondern daß die Ku⸗ geln, welche Palms Bruſt getroffen, auch den ſichern Weg zu meinem Herzen finden würden. Wie kommt es, daß Sie nicht Aehnliches fürch⸗ teten? Wie konnten Sie vermuthen, daß man Ihnen Ihren früheren preußiſchen Patriotismus vergeben würde, wenn Sie nicht Zugeſtänd⸗ niſſe gemacht, wenn Sie der Sache, welcher Sie bis dahin angehangen, nicht treulos ſich abgewandt hätten? Ich habe keine Zugeſtändniſſe gemacht, ich brauchte ſie nicht zu machen, denn Niemand forderte ſie von mir, ſagte Johannes von Müller ſanft. Ich war in Berlin geblieben, weil ich nicht mit allen meinen Sammlungen fliehen konnte, und weil ich ſo wenig von Frankreich, als von England oder ſonſt irgend einer Macht beſtochen worden war. Ach, ich verſtehe, rief Gentz mit einem lauten Lachen, Sie wollen jetzt das Blatt zu Ihren Gunſten wenden, Sie wollen mich anklagen, ſtatt ſich zu rechtfertigen. Es iſt ja jetzt eine hergebrachte Sache, daß man mich überall anklagt, daß man Wunderdinge erzählt von den großen Summen, mit denen England mich beſtochen hat, damit ich meine Stimme und meine Feder erhebe gegen den Uſurpator, der ſei⸗ nen Fuß auf Deutſchlands Nacken geſetzt und unſerer Freiheit, unſerer Rechte und unſerer Nationalität Hohn ſpricht. Man kann ja kaum ein Zeitungsblatt mehr aufſchlagen, ohne neben den Lobeserhebungen über den großen deutſchen Geſchichtsſchreiber, und wie der„Alles über⸗ ſchauende Held Napoleon ſein Verdienſt zu würdigen wiſſe“, den ſyſte⸗ matiſchen Diatriben gegen mich und meine von England bewirkte Be⸗ ſtechung zu begegnen. Ich wollte Sie indeß nicht anklagen, ſagte Müller ſanft, ich bin ja nur dabei, mich zu rechtfertigen, erſtens darum, daß ich hier ge⸗ blieben, und zweitens darum, daß ich beim Kaiſer Napoleon geweſen. 438 Ohne mein Zuthun ließ er mich rufen. Sollte ich etwa nicht hingehen? Vom König, von der Königin von Preußen, von mir, meinen Wün⸗ ſchen, Plänen ſprach er nicht eine Sylbe. Lieber Freund, wollen Sie mir erlauben, Ihnen meinen Beſuch bei dem Kaiſer Napoleon aus⸗ führlich zu ſchildern? Wollen Sie mich ruhig anhören, um darnach ſelbſt ermeſſen zu können, ob jener ſo viel getadelte Beſuch wirklich ein ſo großes Verbrechen, ein ſo furchtbarer Verrath an Deutſchland ge⸗ weſen, wie meine Feinde es auszupoſaunen belieben? Sprechen Sie! Ich ſagte es Ihnen ſchon, ich bin gekommen, um Sie im Namen Deutſchlands und der Nachwelt anzuklagen und Ihre Rechtfertigung zu vernehmen. Sprechen Sie alſv. IV. Die Berufung. Johannes von Müller wiegte leiſe lächelnd ſein Haupt, und wäh⸗ rend er dann ſprach, hob ſich ſeine Stimme immer mehr, ſtrahlte ſein Antlitz immer höher auf im Feuer der Begeiſterung. Ich war durch Herrn Alexander von Humboldt mit dem franzö⸗ ſiſchen Staatsminiſter Maret bekannt geworden, ſagte Müller. Er lud mich öfter mit Humboldt und einigen andern Gelehrten zu Tiſche und ſchien an meiner Unterhaltung Gefallen zu finden. Eines Morgens aber kam er zu mir, um mir zu verkünden, daß der Kaiſer mich den Abend um ſieben Uhr zu empfangen wünſche. Ich fuhr alſo zur be⸗ ſtimmten Stunde zu Maret und ward vorgeſtellt. Der Kaiſer ſaß auf einem Sopha; wenige, mir nicht bekannte Perſonen ſtanden entfernt im Zimmer. Der Kaiſer fing an, von der Geſchichte der Schweiz zu ſprechen, daß ich ſie vollenden ſolle, daß auch die ſpäteren Zeiten ihr Intereſſe haben. Er kam auf das Vermittelungswerk, gab ſehr guten Willen zu erkennen, wenn wir uns in nichts Fremdes miſchen und im Innern mul giichiſche fuſſungen, Urſachen it der Araber welches a genden G Dann ſpre Cultur, u Humait hundert lichen Lei groß gew deren Ide und ihrer heit wohl werden; wann die fuſunge Staaten dem noc tonen g je intere nich gn haben ke werde. „Ganz U die M tungen, mit Be Uiebe, f Benene und ic ingehen? en Win⸗ ollen Sie eon aus⸗ darnach irklich ein Mand ge⸗ men, um und Ihre und hle und wäh⸗ ahlte ſein nfranzö⸗ Er lud iſche und Morgens mich den ſo zut be⸗ ſuß auf ntfernt im chweiz zu Zeiten ihr ehr guten nund in 439 Innern ruhig bleiben. Wir gingen von der ſchweizeriſchen auf die alt⸗ griechiſche Verfaſſung und Geſchichte über, auf die Theorie der Ver⸗ faſſungen, auf die gänzliche Verſchiedenheit der aſiatiſchen und derſelben Urſachen im Klima, in der Polygamie, die entgegengeſetzten Charactere der Araber, welche der Kaiſer ſehr rühmte, und der tartariſchen Stämme, welches auf die für alle Civiliſation von jener Seite immer zu beſor⸗ genden Einfälle und auf die Nothwendigkeit einer Vormauer führte. Dann ſprachen wir ferner von dem eigentlichen Werthe der europäiſchen Cultur, und daß es nie größere Freiheit, Sicherheit des Eigenthums, Humanität, überhaupt ſchönere Zeiten, als ſeit dem funfzehnten Jahr⸗ hundert gegeben; alsdann, wie Alles verkettet und in der unerforſch⸗ lichen Leitung einer unſichtbaren Hand iſt, und er ſelbſt, der Kaiſer, groß geworden durch ſeine Feinde; von der großen Völkerföderation, deren Idee nicht Heinrich IV. gehabt; von dem Grund aller Religion und ihrer Nothwendigkeit; daß der Menſch für vollkommen klare Wahr⸗ heit wohl nicht gemacht iſt, und es bedarf, in Ordnung gehalten zu werden; von der Möglichkeit eines gleichwohl glücklichen Zuſtandes, wenn die vielen Fehden aufhörten, welche durch allzu verwickelte Ver⸗ faſſungen, wie die deutſche, und durch unverträgliche Belaſtung der Staaten durch die übergroßen Armeen veranlaßt worden. Es iſt außer⸗ dem noch ſehr viel, und in der That faſt über alle Länder und Na⸗ tionen geſprochen worden. Der Kaiſer ſprach anfangs wie gewöhnlich; je intereſſanter aber die Unterhaltung wurde, immer leiſer, ſo daß ich mich ganz bis an ſein Geſicht bücken mußte und kein Menſch verſtanden haben kann, was er ſagte, wie ich denn auch Verſchiedenes nie ſagen werde. Ich widerſprach bisweilen und er ging in die Discuſſion ein.— „Ganz unpartheiiſch und wahrhaft, wie vor Gott, muß ich ſagen, daß die Mannigfaltigkeit ſeiner Kenntniſſe, die Feinheit ſeiner Beobach⸗ tungen, der gediegene Verſtand, die große, umfaſſende Ueberſicht mich mit Bewunderung, ſowie ſeine Manier, mit mir zu ſprechen, mich mit Liebe für ihn erfüllten. Ein paar Marſchälle, auch der Herzog von Benevent, waren unterdeß gekommen; er unterbrach ſich nicht.— Nach fünf Viertel⸗ oder anderthalb Stunden ließ er das Concert anfangen, und ich weiß nicht, ob zufällig oder aus Gäte, er begehrte Stücke, 440 deren Eines zumal auf das Hirtenleben und den ſchweizeriſchen Kuh⸗ reigen ſich bezog. Nach dieſem verbengte er ſich freundlich und verließ das Zimmer.— Ich muß ſagen, ich war wie bezaubert. Seit der Audienz bei Friedrich dem Zweiten vor vierundzwanzig Jahren hatte ich nie eine mannigfaltigere Unterredung, wenigſtens mit keinem Fürſten; wenn ich nach der Erinnerung richtig urtheile, ſo muß ich dem Kaiſer in Anſehung der Gründlichkeit und Umfaſſung den Vorzug geben; Friedrich war etwas voltairiſch. Im Uebrigen iſt in Napoleons Ton viel Feſtes, Kraftvolles, aber in ſeinem Mund etwas ſo Einnehmendes, Feſſelndes, wie bei Friedrich. Es war einer der merkwürdigſten Tage meines Lebens. Durch ſein Genie und ſeine unbefangene Güte hat Napoleon auch mich erobert.*)— Dies, mein Freund, ſchloß Müller hochaufathmend ſeine Erzählung, dies iſt der getreue Bericht meines Beſuchs bei Napoleon und meiner Beſtechung durch ſeine Genialität. Wehe Ihnen, daß es ihm gelungen iſt, Sie alſo zu beſtechen, rief Gentz, daß er Ihren Geiſt verwirrt und Ihr Urtheil bethört hat. Iſt es denn in Wahrheit Ihr Ernſt mit dieſer Bewunderung, dieſer Lob— hudelei eines Mannes, den Sie ſonſt, gleich uns Allen, haßten und verdammten, dem Sie damals zu Frankfurt ewigen Haß geſchworen, den Sie in glühendem Zorneseifer die Zuchtruthe nannten, welche uns martert, damit das faule Fleiſch von uns abfalle und der Geiſt wieder lebendig in uns werde?**) Preiſen Sie ihn jetzt wirklich und in vollem Ernſt als den Genius, dem man huldigen und anbetend ſich neigen muß? Ja, ich nenne ihn den Auserwählten! rief Müller glühend. Gott, ich ſehe es, hat ihm das Reich, die Welt gegeben. Nie wurde dies offenbarer, als durch dieſen letzten Krieg, der ihm einen Sieg aufge⸗ drungen hat, welcher nur jenen alten, bei Arbela oder Zama, verglichen werden kann. Da das Alte, Unhaltbare, Verroſtete einmal untergehen *) Die ganze Erzählung ſeines Beſuchs bei Napoleon iſt wortgetreu von Johannes von Müller ſelbſt. Siehe: Joh. v. Müllers ſämmtliche Schriften. Th. vII. S. 243. **) Siehe: Napoleon in Deutſchland. Erſte Abtheilung; Raſtatt und Jena. Bd. III. S. 185. ſelle, ſo ij Nation geg Viſenſcheft So wenig lichen Augu werig habe einer ander wilig aufg zuwitken, iſt aber ei den Trim ſammenhar aufzuſuchen ſcheinliche friedigend ausfüllen! ſollen, beſ wen zu nichts hal die wahre Form zerfi Muth We Nun, ſelbſt ver von Jam Sie ſonſt poar, das Gutgeſin bergeſſen, des heili und um — 8 Werk 2 1 — en hatte Fürſten; n Kaiſer geben; ns Ton mendes, en Tage üte hat Müller neines lemes ſche uns wieder und in nd ſich de dies aufge⸗ rglichen d Jena. 441 ſollte, ſo iſt das größte Glück, daß der Sieg Napoleon und einer Nation gegeben ward, welche durch milde Sitten hervorragt und für Wiſſenſchaften mehr als Andere Empfänglichkeit und Schätzung hat. So wenig Cicero, Livius, Horaz dem großen Cäſar oder dem glück⸗ lichen Auguſt verborgen haben, daß ſie vormals wider ihn geweſen, ſo wenig habe ich verhehlt, bisher von einer andern Partei, oder vielmehr einer andern Anſicht geweſen zu ſein, die ich, da nun Gott entſchieden, willig aufgebe, bereit, bei der großen Weltumſchaffung, wo nicht mit⸗ zuwirken, ſo doch ſie wenigſtens ganz unparteiſch zu beſchreiben. Es iſt aber eine unausſprechlich erhebende Beſchäftigung des Geiſtes, von den Trümmern des gefallenen Europa den Blick auf den ganzen Zu⸗ ſammenhang der Univerſalgeſchichte zu werfen, die Urſachen der Dinge aufzuſuchen und kühn den Schleier ein wenig zu lüften, der die wahr⸗ ſcheinliche Zukunft deckt. Dieſe Betrachtungen ſind ſo groß und be⸗ friedigend für mich, daß ſie meine ganze Seele und alle meine Gedanken ausfüllen! So ſuche ich mich in Erwartung der Dinge, die da kommen ſollen, beſtmöglichſt emporzuhalten. Ich finde in der Geſchichte, daß, wenn zu einer großen Veränderung die Zeit da war, alles Dawider nichts half; die wahre Klugheit iſt Erkenntniß der Zeichen der Zeit; die wahre Tugend iſt, nicht ſchlecht zu werden, wenn dieſe oder jene Form zerfällt; wer ſich ſelbſt nicht vergißt, wer durch Geſchicklichkeit und Muth Werth hat, den wird auch der Weltherrſcher nicht verachten.*) Nun, rief Gentz hohnlachend, Sie haben ſich in der That nicht ſelbſt vergeſſen; Sie haben, als Alles zuſammenbrach, als Deutſchland von Jammer und Wehklagen erfüllt war, als Ihre Freunde, denen Sie ſonſt als die Kriegstrompete vorangeſchmettert, als das Königs⸗ pgar, das Sie mit Achtung und Wohlwollen überhäuft hatte, als alle Gutgeſinnten und Treuen flohen, haben Sie damals ſich ſelbſt nicht vergeſſen, vielmehr nur an ſich und Ihren Vortheil denkend, haben Sie des heiligen Schwurs vergeſſen, den Sie einſt in meine Hand gethan und um deswillen ich jetzt als Ihr Ankläger vor Ihnen ſtehe. Johannes *) Joh. v. Müllers eigene Worte. Siehe: Joh. v. Müllers ſämmtliche Werke. Th. XVII. S. 428. 442 von Müller, ich ſage mich los von Ihnen für immerdar, Deutſchland wird keine Dienſte mehr von Ihnen annehmen mögen, ſelbſt wenn Sie einſt noch zu ihm zurückkehren wollten, denn dem Treuloſen vertraut man nicht; die Nachwelt wird den Geſchichtsſchreiber ehren, aber den Menſchen Johannes von Müller verdammen. Ich habe Sie durch⸗ ſchaut; die ganze Zuſammenſetzung Ihres Weſens iſt ein ſonderbarer Mißgriff der Natur, die einen Kopf von außerordentlicher Stärke zu einer der kraftloſeſten Seelen geſellte. Die Maſſe von vortrefflichen Gedanken, von ſinnreichen und oft tiefen Combinationen, die ſeit einer Reihe von Jahren durch Ihre Feder gegangen, ſchien ſich blos für 3 Andere zu entwickeln, in Ihnen ſelbſt ſchien nichts haften, nichts Wurzel ſchlagen zu können; Sie ſind und bleiben das Spiel jedes zufällig vor⸗ übergehenden Eindrucks. Stets bereit, Alles anzuerkennen, Alles gelten zu laſſen, Alles zu umfaſſen, ſich gleichſam mit Allem zu vermählen, was nur irgend in Ihre N kachbarſchaft tritt, konnten Sie nie zu einem gründlichen Haß oder zu einer gründlichen Anhänglichkeit gelangen. Leben iſt eine immerwährende Capitulation. Wenn der Teufel Perſon auf Erden erſchiene, ſo könnte ich ihm die Mittel nach⸗ „ in vierundzwanzig Stunden einen Bund mit Ihnen zu ſchließen. Die wahre Quelle Ihrer jetzigen Verirrung iſt blos, daß Sie von allen Guten getrennt, von Schwachköpfen oder Schurken umringt, nichts mehr ſehen oder hören, als das Böſe. Wenn Sie ſich hätten entſchließen können, Berlin aufzugeben, ſo waren Sie wahrſcheinlich gerettet. Ihre eigentliche Strafbarkeit liegt in ußr Bleiben; alles Uebrige war eine unvermeidliche Folge davon. Ob dieſe Erklärung milder oder ſtrenger, ob ſie kränkender oder ehrenvoller iſt, als die, welche Sie vom Publikum zu erwarten haben, entſcheide ich nicht; für mich aber iſt ſie maßgebend und entſcheidend.*) Aber für mich iſt ſie es nicht, rief Müller mit ernſter, ſtolzer Würde. Ich vergebe Ihnen die Beleidigungen„ die Sie mir in's Ge⸗ ſicht geſchleudert, ich vergebe ſie Ihnen, und ſiutt mich ſtumm und im *) Friedr. v. Gentz' eigene Worte an Joh. v. Müller. Siehe: Friedrich v. Gentz' kleine geſammelte Schriften. Th. IV. S. 273. Bewußtſei noch ein! wohl, ich von ſeinen Sie habe milder un politiſchen und Rech Seiten m gethan h in dem ſitze gei Frankfur Oeſterrei zu einer echöben. geſchriebe ſerſtörte Grundſt Glüc, Perſone Prußen ſchlechte antwort nicht di ſchung nungen heit. hitte i Volle die Ha ſich zu aber Ji ſchland nn Sie ertraut ber den durch⸗ erbarer türke zu fflichen it einer os für WVurzel lig vor gelten mählen, einem langen. Teufel el nach⸗ ſchließen. on allen hts mehr ſchließen t. Ihre war eine ſtrenger, ublikum aßgebend , ſtolzer ins Ge⸗ und im Friedrich 443 Bewußtſein meines Rechts von Ihnen abzuwenden, will ich Ihnen jetzt noch ein letztes Wort der Rechtfertigung ſagen, denn Sie wiſſen es wohl, ich habe Sie ſehr geliebt und mein Herz reißt ſich ſchwer los von ſeinen Freundſchaftsträumen.— Sie haben mich ſchwer angeklagt, Sie haben mir gedroht mit der Nachwelt, aber die Nachwelt wird milder und gerechter ſein, als Sie, der Sie von Parteiſtimmung, von politiſchem Haß geblendet ſind.— Daß man für Vaterland, Wahrheit und Recht auch den Tod nicht ſcheuen ſoll, habe ich wohl auf allen Seiten meiner Bücher geſagt; ich weiß aber auch gar nicht, was ich gethan hätte, das dawider wäre, noch bin ich auf die entfernteſte Weiſe in dem Fall geweſen, wählen zu können. Nie habe ich meine Grund⸗ ſätze geändert. Was ich wollte, als ich mit Ihnen jenen Bund zu Frankfurt verabredete, das war, mit aller Kraft dahin zu ſtreben, daß Oeſterreich und Preußen im feſten Bunde ſich einten und Dentſchland zu einer ſtarken Mittelmacht zwiſchen den beiden mächtigen Kaiſerreichen erhöben. Danach habe ich geſtrebt, dafür habe ich gehandelt, geſprochen, geſchrieben. Man wollte nicht auf mich hören und das Jahr 1805 zerſtörte alle meine Hoffnungen. Die Zeiten änderten ſich, aber meine Grundſätze nicht. Sie lauten noch jetzt: So viel Freiheit, Würde, Glück, als nach den verſchiedenen Umſtänden und Formen für die Nation irgend erreichbar iſt! Aber nie ſah ich auf Perſonen, ſondern nur auf die Sachen und Geſchäfte, ſchrieb für die Preußen in der guten Sache des Fürſtenbundes, wider Preußen in der ſchlechten Sache des Separatfriedens. Es iſt wahr, über die unver⸗ antwortlichen Fehler, die man begangen, ſchwieg ich nicht, unterſtützte nicht die tollen Erwartungen, war auch nicht für die gefährliche Täu⸗ ſchung durch falſche Gerüchte, unſelige Aufruhren oder unſinnige Hoff⸗ nungen. Ich wollte die Wahrheit und ſprach und verkündete die Wahr⸗ heit. Aber ſchweigen, ſchweigen, meinen die deutſchen Biedermänner, hätte ich ſollen. Als der vaterlandsliebendſte der Propheten ſeinem Volke mit Thränen zurief:„Dem, welchem auf eine gewiſſe Zeit durch die Hand der Vorſehung Aſien übergeben ſei, für die beſtimmte Zeit ſich zu fügen,“ ſchien es den Juden patriotiſch, ihn zu ſteinigen,— aber Jeruſalem ward verbrannt. Warum ſchwieg er nicht? Weil der 444 Gott in ihm ihm zu reden gebot. Das iſt die Achſelträgerei, die nicht Falſchheit und Verrätherei, welche die ſogenanten Patrioten an mir ſ finden. Die Heuchler! Jedes Verbrechen hat ſein Motiv. Glaubte ich meinen Ruhm zu vermehren? Gewiß nicht! Alſo Intereſſe? Ja! der Verdruß macht mich das ſchöne Berlin, den Geheimen Kriegsrath, mhelu die dreitauſend Thaler Gehalt, eine ſorgenfreie Stelle hingeben;— ck it ohne Zweifel, um nach Paris zu gehen mit einer ſehr guten Penſion? Nein! Um mit zweitauſend Gulden in dem Städtchen Tübingen Pro⸗ feſſor zu werden und die Ehre zu haben, meine Schulden abzuverdienen! Das iſt das brillante, eminente Glück, das der Mühe werth ſein ſoll, A Nation, Freiheit und Ruhm aufzuopfern!— Ich gehe, ich flüchte mich Gott unſ Bemühun dieſe iſt nach Tübingen. Ich bin es müde, einem undankbaren Zeitalter, einem K nichtswerthen Geſchlecht, das feige zur That, verleumderiſch in Worten, Theil ne unſinnig im Wahn ſeiner Hoffnungen iſt, mit unausgeſetzter Lebens frdel mühe und oft wahrhafter Gefahr mich zu opfern. Die Hand des Er Höchſten waltet; eine Zeit iſt vorbei, eine andere iſt im Anzug, und oh wie die ſein ſoll, beruhet auf Gott und unſerer Selbſtreform! Gott iſt tigen Bl geworder es, der Napoleon geſendet hat, damit durch ihn der Uebergang von der * alten in die neue Geſchichte bewerkſtelligt werde. Ich beruhige mich in Gott, in dieſem oberſten Genius, der ſeit Jahrhunderten mehr der Mittel als je zuvor bereitet hat, auf daß die Menſchheit nie wieder allenthalben von dem erreichten Grad ihrer Bildung zurückſinken könne. Man muß nur ſich zuſammennehmen und emporhalten, ſich ermuntern, verzuger 6 die Geiſtesgegenwart nicht zu verlieren, und die Liebe des Guten und ſie wird 5 Schönen, wie ein heiliges Feuer durch eine Schaar von Liebenden um⸗ loren, geben, vor den Stürmen bewahren!*)— Da haben Sie mein letztes unſterbl Bekenntniß. Wenn es Ihnen genügt und Sie mich verſtehen, ſo reichen ihre un 6 Sie mir die Hand und wir ſind verſöhnt; wenn Sie mich noch ferner Geiſte mißkennen und verdammen wollen, ſo leben Sie wohl, denn unſere Wege trennen ſich alsdann für immer! Ja, ſie trennen ſich für immer, rief Gentz trotzig, indem er ſeinen Hut nahm und ſich zum Gehen anſchickte. Ich gehe, aber ich gehe F + + *) Müllers eigene Worte. Siehe ſeine Schriften, Th. KVII. S rei, die m mir aubte reichen h ferner nunſere r ſeinen ich gehe 443, 454 445 nicht ohne Schmerz! Ob ich Sie zu ſchätzen gewußt, mag Ihr Herz, mag die Vergangenheit Ihnen ſagen. Ich fühle, was es heißt, Sie zu verlieren! Aber als Streiter für eine geheiligte Sache, ſpreche ich über Sie und Ihre frevelhafte Apoſtaſie ein unerbittliches Verdammungs⸗ urtheil aus; als Menſch, als Ihr ehemaliger Freund, empfinde ich nichts als Mitleid für Sie; Sie zu haſſen, iſt mehr als ich vermag. Wenn Gott unſere Wünſche erfüllt und meine und anderer Gleichgeſinnten Bemühungen krönt, ſo wartet Ihrer nur eine einzige Strafe; aber dieſe iſt von allmächtigem Gewicht. Die Ordnung und die Geſetze werden zurückkehren, die Räuber und der Uſurpator werden fallen. Deutſchland wird wieder frei und glücklich und geehrt unter weiſen Regenten emporblühen,— und Sie werden von ferne ſtehen und nicht Theil nehmen dürfen an den heiligen Jubelchören unſerer Vaterlands⸗ freude! Das iſt Ihre Strafe. Leben Sie wohl!*) Er wandte ſich um und verließ haſtig das Gemach. Johannes von Müller ſchaute ihm nach mit einem langen, trau⸗ rigen Blick. Wieder alſo iſt mir das Leben um einen Freund ärmer geworden, ſeufzte er. Ach, ich wollte, ich könnte aus all' dieſem Wirrwarr, dieſen Mißverſtändniſſen mich retten in das dunkle, kühle Grab! Er legte leiſe ſeine Hand über ſeine Augen, die feucht waren von ſeinen Thränen, und ſtand lange ſchweigend und unbeweglich da. Nein, ſagte er dann nach einer langen Pauſe, nein, ich will nicht verzagen, nicht verzweifeln. Die Hand des Höchſten waltet überall; ſie wird auch mich halten und behüten!— Ich habe einen Freund ver⸗ loren, nun wohl, ſo will ich denn zurückkehren zu meinen ewigen, unſterblichen Freunden, zu meinen Alten! Sie ſollen mir verkünden ihre unſterbliche Weisheit und mein Herz ſtärken mit ihrer Kraft und Geiſtesfriſche. Er ſchritt raſch zu ſeinem Schreibtiſch hin, und vor demſelben ſich niederlaſſend, griff er nach einem der Folianten, die da aufgeſchlagen lagen. Komm und tröſte mich, Juvenalis, rief Müller begeiſterungs⸗ voll, Du biſt mir ein neuer Freund, den ich erſt jetzt recht verſtehen *) Gentz' eigene Worte. Siehe: Gentz' vermiſchte Schriften. Th. IV. S. 273. 446 gelernt. Oh, Juvenalis, Juvenalis, wer wollte nicht gern wie Cicero ſterben, wenn er einen Kaiſer fände, wie Du ihm warſt! Laß mich mein armes Herz erwärmen an dem Feuer, das in Dir flammt, und erquicke mich mit Deinen Worten, welche in den innerſten Schatz der Menſchheit gehören und werth ſind, täglich geleſen zu werden! Er neigte ſich über das Buch und begann zu leſen. Seine Mienen, welche anfangs trübe und wehmuthsvoll geweſen, nahmen bald einen ruhigen, faſt heiteren Ausdruck an, und ganz der Gegenwart entrückt und ihrer vergeſſend, gab der Gelehrte ſeinen Geiſt und ſeine Gedanken hin an ſeine Lectüre des alten römiſchen Schriftſtellers. Tiefe Stille umgab ihn. Am Fenſter ſtanden noch immer im glänzenden Schein der Kerzen die Büſten Napoleons und Friedrichs und ſchauten hinunter auf die hell erleuchtete, öde Straße, als wollten ſie am Fenſter des großen Geſchichtsſchreibers Wache halten, damit keine böſen Gedanken und keine feige Verzagtheit von der Welt da draußen zu ihm eindringe. Ihre bleichen Angeſichter ſahen, was der Gelehrte nicht ſah, ſie ſahen den heranſprengenden Reiter und den heranrollenden Wagen, die Beide vor dem Hauſe des Gelehrten an⸗ hielten. Die Lampen, welche die Stirnen Napoleons und Friedrichs beleuchteten, warfen ihren Schein hinunter auf die Straße und leuch⸗ teten den beiden Herren, die da von dem Pferde und aus dem Wagen ſtiegen und in's Haus eintraten. Johannes von Müller ſah und hörte nichts; er hatte Alles um ſich her vergeſſen, er las mit der Feder in der Hand und excerpirte auf einem Blatt Papier die Stellen aus dem alten Juvenalis, die ihm beſonders wohlgefielen. Auf einmal ward heftig an die Thür geklopft und eine männliche Stimme rief in franzöſiſcher Sprache: Darf ich eintreten? General Clarke! rief Johannes von Müller faſt entſetzt, indem er aufſprang, um nach der Thür zu eilen. Aber ſchon bevor er ſie erreicht hatte, ward dieſe geöffnet und der franzöſiſche Commandant von Berlin, General Clarke, erſchien in derſelben, gefolgt von einem franzöſiſchen Feldjäger, deſſen beſtäubte und beſchmutzte Kleider verriethen, daß er ſo eben erſt von der Landſtraße und aus dem Sattel komme. Her freundlice de, was i Nun? Einen auf ausdr ſchon übe geſagt, S et, daß C Sie dort Ich laſſung n Nun trijjt ger ſich an de Sie ihm Der Uufenthe habe di lauben mhen Ihren S Sorge K Cicero ß mich t, und hatz der Nienen, d einen edanken mer im iedrichs wollten damit elt da riedrichs d leuch⸗ rcerpirte die ihm ſiche nännliche 447 Herr Johannes von Müller, rief Clarke haſtig und mit einem freundlichen Kopfnicken dem Gelehrten die Hand darreichend, ſehen Sie da, was ich Ihnen bringe! Nun? fragte Müller erſtaunt. Was bringen mir Ew. Excellenz? Einen Courier bringe ich Ihnen, den der Staatsminiſter Maret auf ausdrücklichen Befehl des Kaiſers an Sie abgeſandt, und der Sie ſchon überall in Deutſchland geſucht hat. In Frankfurt hatte man ihm geſagt, Sie ſeien ſchon in Tübingen, und wie er dorthin kam, erfuhr er, daß Sie Berlin noch immer nicht verlaſſen hätten, obwohl man Sie dort ſchon ſeit einem halben Jahre erwartete. Ich konnte ja nicht fort, ſagte Müller, ich hatte ja meine Ent⸗ laſſung noch nicht, ſie iſt erſt heute angekommen. Nun, ſie ſei willkommen, dieſe Entlaſſung, rief Clarke, denn ſie trifft gerade zu gelegener Zeit hier ein! Mein Freund, fuhr er fort, ſich an den Courier wendend, da iſt der Herr von Müller. Uebergeben Sie ihm alſo Ihr Schreiben. Der Courier zog aus ſeiner Brieftaſche ein großes, mit amtlichem Siegel verſehenes Schreiben und überreichte es dem erſtaunten Gelehrten. Wann werde ich meine Antwort erhalten können? fragte der Courier. Ich habe Befehl, ſofort mit der Antwort wieder abzureiſen und ohne Aufenthalt nach Paris zurückzukehren. Die Antwort? fragte Johannes von Müller. Aber ich kenne ja die Frage noch nicht einmal. Mein gelehrter Freund, rief Clarke lachend, es wird mit dieſem Frage⸗ und Antwortſpiel wie mit einem Gewitter ſein, ſobald der Blitz der Frage da iſt, wird auch der Donner der Antwort da ſein. Da hilft kein Beſinnen und Zögern. Der Kaiſer Napoleon iſt es, welcher frägt, und die Welt muß ihm gehorchen. Erlauben Sie dieſem jungen Mann indeß, ſich ein wenig in das Nebenzimmer zurückzuziehen. Ich habe da ein allerliebſtes Sopha im Vorübergehen bemerkt. Sie er⸗ lauben wohl, daß der Herr Courier ſich auf demſelben ein wenig aus⸗ ruhen und ſtrecken darf, bis Ihre Antwort fertig iſt. Auch habe ich Ihrem Diener aufgetragen, für ein Glas Wein und einen Imbiß Sorge zu tragen und im Nebenzimmer für dieſen Herrn zu ſerviren. 448 Sie müſſen bedenken, daß der arme Schelm eben erſt vom Pferde kommt und Tag und Nacht geritten iſt. Gehen Sie, mein Herr, rief Müller mit eindringlicher Stimme, ruhen Sie ſich aus, ſtrecken Sie Ihre Glieder und vor allen Dingen genießen Sie etwas. Mein Gott, ich beklage es, daß ich es bin, der Ihnen ſo viel Bemühung verſchafft. Und nun, mein Herr, ſagte Clarke, als der Courier das Zimmer verlaſſen hatte, nun leſen Sie das Schreiben des Miniſters Maret. Johannes von Müller brach das Siegel und öffnete mit zittternder Hand das Papier. Dann, als er las, flog eine glühende Röthe über ſein Angeſicht und ein Ausruf freudigen Schreckens tönte von ſeinen Lippen. Mein Gott, mein Gott, rief er, welche neue und überraſchende Nachrichten ſind dies! Ich ſoll nach Paris kommen, ich ſoll eine ſo hohe, von mir nie geahnte, nie begehrte Stellung einnehmen. Ja, mein Herr, Sie ſollen nach Paris kommen, und zwar in höchſter Eile, ſagte Clarke lächelnd. Ich habe auch durch den Courier ein Schreiben des Miniſters erhalten, und in demſelben beauftragt mich Se. Excellenz, dafür Sorge zu tragen, daß Sie in der höchſten Eile abreiſen und unaufhaltſam nach Paris eilen. Es iſt der Wille des Kaiſers, mein Herr, und dem widerſpricht man nicht. Se. Majeſtät ſelber hat Sie zu der hohen Stelle ernannt, welche Sie bei ſeinem Bruder, dem König von Weſtphalen, einnehmen ſollen. Jerome's Kö⸗ nigreich iſt plötzlich über Nacht aus der deutſchen Erde hervorgewachſen, alſo iſt es billig, daß ihm aus der deutſchen Erde auch ein Miniſter des Unterrichts wachſe. Und das ſollen Sie ſein, mein Herr! Der Kaiſer will es ſo, und der Herr Miniſter trägt mir auf, Ihnen zu ſagen, der Kaiſer habe bei Ihrer Ernennung geäußert:„Er wollte ſeinem Bruder einen der Nation angenehmen Miniſter geben!“*) Mein Gott, ich, der arme Stubengelehrte, der mehr mit den Alten, als mit den lebenden Menſchen umgegangen, ich ſoll Miniſter werden! Das geht nicht! Es fehlen mir dazu die Fähigkeit, die Umſicht! Ah bah! rief Clarke, wem der Kaiſer ein Amt giebt, dem giebt *) Joh. v. Müllers ſämmtliche Werke. Th. VII. S. 318. er auch de zger Ihr geftagt ha blos durch hüchſter Ei leihen und werden üb in Fontain weiteten 2 träumte! Aber glnzend i zu machen, mal, wan der Sie n Oh, ict. für ihn n anbeten! ſein! Au danken en Villen u leben nich Brn werde fir das Nöth gelehrter geſchriebe fach. E Johe Siriti auf das Da Mhla Pferde Stimme, Dingen bin, der Zimmer Maret. ttternder über ſein n Lippen. raſchende Courier eauftragt höchſten der Wille Mazeſtät ei ſeinem 449 er auch den Verſtand dazu. Alles Zaudern ſchadet nur, denn es ver⸗ zögert Ihre Abreiſe. Bemerken Sie gefälligſt, daß man Sie gar nicht gefragt hat, ob Sie kommen wollen, ſondern daß der Kaiſer Ihnen blos durch ſeinen Miniſter befehlen läßt, zu kommen, und zwar in höchſter Eile zu kommen! Ich werde Ihnen meinen eigenen Reiſewagen leihen und Ihnen meinen Secretair zur Begleitung mitgeben. Sie werden über Mainz und Straßburg reiſen und müſſen in fünf Tagen in Fontainebleau ſein, wo der Kaiſer Sie erwartet, um Ihnen ſeine weiteren Befehle zu ertheilen. Nun alſo, wann werden Sie abreiſen? Wann ich abreiſen werde? Mein Gott, es iſt mir, als ob ich träumte! Als ob dies Alles nur ein Gaukelſpiel meiner Phantaſie wäre! Aber Sie werden mir zugeben müſſen, daß es wenigſtens recht glänzend iſt. Es verlohnt ſich ſchon der Mühe, eine Reiſe nach Paris zu machen, um ſich dort ein Miniſterportefeuille abzuholen. Noch ein⸗ mal, wann werden Sie abreiſen? Bedenken Sie, der Kaiſer iſt es, der Sie ruft! Oh, er hat mich alſo nicht vergeſſen, der große Mann! rief Müller entzückt. Er hat nach ſo langen Monaten voller Siege und Triumphe für ihn noch jener Unterredung gedacht, in der ich ihn bewundern und anbeten lernte. Ich darf für ſolch erhebendes Erinnern nicht undankbar ſein! Aus Jupiters Haupt können nur erhabene und fördernde Ge⸗ danken entſpringen, und deshalb füge ich mich denn in Allem ſeinem Willen und reiſe zu ihm hin, um ſeine Befehle zu empfangen und zu leben nach ſeinem Willen. Brav geſprochen, rief Clarke. Morgen früh reiſen Sie ab. Ich werde für Sie alles Nöthige beſorgen. Jetzt aber beſorgen auch Sie das Nöthige. Der Courier wartet auf ſeine Abfertigung. Raſch, mein gelehrter Freund, raſch ein Antwortſchreiben an den Herrn Miniſter geſchrieben. Es braucht nicht vieler Worte. Nur ganz kurz und ein⸗ fach.„Excellenz! Ich komme!“ Das genügt. Johannes von Müller eilte wie in ſeliger Trunkenheit zu ſeinem Schreibtiſch hin und warf ſtehend, mit fliegender Haſt, einige Zeilen auf das Papier. Da ſteht es geſchrieben, ſagte er dann lächelnd, indem er dem Miühlbach, Napoleon. M. Bd. 29 450 „ General das Papier darreichte, da ſteht es geſchrieben:„Excellenz, ich komme!“ Nun falten Sie raſch zuſammen und machen Sie die Adreſſe, ermahnte Clarke. Müller that, wie ihm geheißen, und reichte dann Clarke das ge⸗ ſiegelte Schreiben dar. Nun, Herr General, ſagte er, hier haben Sie den Brief. Ich lege es in Ihre Hände, und damit auch mein Schickſal und meine Zukunft! Mein Herr Miniſter, ich gratulire Ihnen, ſagte Clarke lächelnd, indem er nach der Thür eilte, um dem Courier das Schreiben zu übergeben. Miniſter! ſagte Johannes von Müller mit einem freudigen Aus⸗ druck ſeiner Züge. Ich ſoll Miniſter werden!— Dann aber auf ein⸗ mal flog ein Schatten über ſein Antlitz hin. Ach, murmelte er leiſe, jetzt werden ſie mich erſt recht einen Verräther ſchelten, und es wird das Ausſehen gewinnen, als ob Gentz Recht hätte, wenn er mich einen Apoſtaten nannte und meinte, daß ich nur deshalb hier meinen Ab⸗ ſchied genommen, um nach Paris zu gehen und dort Carriere zu machen!— Nun, immerhin, rief er nach einer Pauſe laut und freudig, mögen Sie mich ſchelten und verleumden, mögen ſie mich einen Ver⸗ räther nennen! Mein Bewußtſein ſpricht mich frei. Und vielleicht iſt es mir vergönnt, in meiner neuen Stellung Deutſchland zu nützen und deutſchem Geiſt und Weſen förderlich zu ſein. Mache es Gott mit mir nach ſeiner Gnade! V. Die Contributionsgelder. Gelobt ſei Gott, daß Sie endlich wieder hier, endlich uns wieder⸗ gegeben ſind, rief die Königin, dem Miniſter Stein mit einem frohen Lächeln die Hand darreichend. Oh, glauben Sie mir nur, ein ſolcher Sonnenbli Tngen, die Es iſt Tage durd wird, mein zu helfen, Die Mäglichkei haben ſchp den Tage jeder Tag und der Unglicks und zuwei S an ſagte Ste gufgeben Iht Mut Ohne L Hh, iſ herzlic Belohnun danken, liebt. Ae mein Ge Ey. Dijenig ſüt für Sie nigin, u „ * De Ercellenz, Adreſſe, e das ge⸗ aben Sie Schickſal lächelnd, hreiben zu igen Aus⸗ r auf ein⸗ e er leiſe, d es wird mich einen einen Ab⸗ arriere zu d freudig, einen Ver⸗ ieleicht iſt nützen und Gott mit ns wieder⸗ nem frohen ein ſolhet 451 — Sonnenblick des Schickſals thut uns Noth in dieſen kalten und düſtern Tagen, die wir hier in Memel verleben. Es iſt wahr, ſagte Stein ſeufzend, Ew. Majeſtät haben ſchwere Tage durchlebt, und ich bin froh, daß es mir jetzt wieder vergönnt ſein wird, meiner edlen und angebeteten Königin die Laſt ein wenig tragen zu helfen, auch, will's Gott, ſie zu erleichtern. Die Königin ſchüttelte leiſe ihr Haupt. Ich glaube nicht an die Möglichkeit einer Erleichterung und einer Aenderung, ſagte ſie. Wir haben ſchwere Tage erlebt, und noch ſchwerere mögen kommen. Seit den Tagen von Jena iſt unſer Unglück im beſtändigen Wachſen und jeder Tag bringt uns eine neue Demüthigung, eine neue Niederlage, und der Friede von Tilſit iſt immer noch nicht der Schlußſtein unſeres Unglücks geweſen. Es wälzt ſich vorwärts wie eine ungeheure Lawine, und zuweilen, ja zuweilen wünſchte ich unter ihr begraben zu werden. Dann erſt wäre für Preußen der letzte Hoffnungsſtern erloſchen, ſagte Stein lebhaft, dann erſt, wenn Ew. Majeſtät uns verlaſſen und aufgeben könnten, wären wir rettungslos verloren, denn Ihr Leben, Ihr Muth und Ihre Geiſtesfriſche ſind der Sonnenſchein des Königs. Ohne Louiſe iſt Preußen, iſt der König verloren. Oh, es iſt wahr, er liebt mich, rief die Königin freudig, der König iſt herzlicher und beſſer als jemals für mich! Großes Glück und große Belohnung nach vierzehnjähriger Ehe!*) Aber ich will es ihm auch danken, ſo lange ich lebe, ich will es Preußen danken, daß es mich liebt. Ach, aber ich habe keinen andern Dank, als meine Liebe und meine Gebete! Ew. Majeſtät haben noch Ihren Muth, Ihre freudige Hoffnung auf die Zukunft; mit dieſem Muth und dieſer Hoffnung müſſen Sie Diejenigen aufrichten, welche verzagen, Diejenigen ſtärken, welche den Muth verlieren wollen. Das ſei die Aufgabe und der Dank Ew. Ma⸗ jeſtät für die Liebe Ihres Gemahls und Ihrer treuen Unterthanen. Sie haben Recht, ich darf und will nicht verzagen, rief die Kö⸗ nigin, und ich danke Ihnen, daß Sie mit treuem Freundeswort mich *) Der Königin eigene Worte. Siehe: Königin Louiſe. Ein Denkmal. S. 328. o09 4 Oh, es iſt nur zuweilen ſchwer, recht an meine Pflicht gemahnen. ſchwer, ſich aufrecht zu erhalten, und ich fühle es, meine Kraft ſchwindet immer mehr. Und ſagen Sie ſelbſt, wo iſt noch Hoffnung, noch Troſt zu finden? Ueberall thürmen ſich die Wolken nur noch höher auf, und es kommt nicht mehr darauf an, ihnen zu entfliehen, ſondern nur noch zu verſuchen, vor den herniederfahrenden Blitzen irgend ein Obdach zu finden. Wo aber ſoll und kann man dies finden? In der Hoffnung auf die Zukunft! ſagte Stein energiſch. Zukunft! rief Louiſe. Zukunft giebt es nicht ohne Selbſtſtändigkeit, und wo iſt dieſe jetzt in der Welt? Jeder iſt Selave und beugt ſich in Sclavendemuth vor einem Herrn, der doch auch wieder nur der Sclave ſeines eigenen Ehrgeizes, ſeines Hochmuthes und Stolzes iſt. Oh, der Stolz und Hochmuth dieſes Mannes kennt keine Grenzen mehr, und kein Menſch iſt da, der es nur wagen würde, ihm Grenzen ſetzen zu wollen. Wiſſen Sie, mit welcher Geringſchätzung er unſern Geſandten, den Herrn von Knobelsdorf, behandelt hat? Seine Vor⸗ ſtellungen und Bitten, Preußen zu ſchonen und ſeine Heere aus unſerm armen, unglücklichen Lande zurückzuziehen, hat er gar nicht vorbringen können, denn nur Ein Mal, und wie von ungefähr, hat Napoleon ihn angenommen. Der Prinz von Baden und Cambacères waren im Zimmer, und Napoleon nahm unſern Geſandten auf— wie ein Krümchen Brod. Die Umgebung des Kaiſers iſt ebenſo geſtempelt, und der Miniſter Champagny hat zu Knobelsdorf geſagt: man werde zuſehen, wie Preußen ſich jetzt benehmen werde; hoffentlich hübſch nach⸗ Willen, denn dies allein könne uns helfen. Alle Schuld läge an uns, an unſerm böſen Willen; nach unſerm Ver⸗ fahren würde Frankreichs Verfahren gegen uns für die Zukunft ein⸗ gerichtet werden.*) Wiſſen Sie das und haben Sie dennoch den Muth, mir von einer Zukunft zu ſprechen? Ja, ich weiß das, und gerade deshalb muß ich Ew. Majeſtät von der Zukunft ſprechen, ſagte Stein entſchieden. Wir miſſen uns regen und rühren, auf daß wir dieſe Wolken, von denen Ew. Majeſtät ſprachen, giebig gegen des Kaiſers *)„Königin Louiſe.“ S. 319 an Preußen dieſes Gew welche das dem Stum übet den 5 große Seel Preußen, tr verleugnen Preußens, von ihm ſ Mein Nachrichte hereingebr Jo, ſi richtn gek Geſetze erl hundert fi dat bezl letzen fun als Unter Stettin, Mam fta Cualeti ewähren Domainer der Elbe zoſen übe nach ſein Pltz in gebiete a ſeben nel Und wer, recht tſchwindet noch Troſt auf, und nur noch Obdach zu ii ſtändigkeit, bengt ſich er nur der Stolzes iſt. e Grenzen m Grenzen er unſern eine Vor⸗ us unſerm vorbringen apoleon ihn waren im pie ein geſtempelt non werde übſch nach⸗ uns helfen. nſern Ler⸗ zukunft ei⸗ den Mith, haeſüt on uns regen ſprachen tät prach 453 an Preußen vorüberführen, wir müſſen für die herniederzuckenden Blitze dieſes Gewitters, das ganz Preußen umdüſtert, Blitzableiter errichten, welche das ſchädliche und gefährliche Feuer ablenken können, wir müſſen dem Sturm einen Ausweg bereiten, damit er nicht Alles zerſtöre und über den Haufen werfe. Wären Ew. Majeſtät eine weniger ſtarke und große Seele, ſo würde ich Ihnen die furchtbare Gefahr, in welcher Preußen, trotz des unſeligen Friedens von Tilſit, noch immerfort ſchwebt, verleugnen und verheimlichen, aber Königin Louiſe iſt der Genius Preußens, und zu ihm wende ich mich, wenn Preußen bedroht wird, von ihm fordere ich Beiſtand und Hülfe. Mein Gott, ſagte die Königin angſtvoll, es ſind alſo neue ſchlimme Nachrichten gekommen, nicht wahr? Es iſt ein neues Unheil über uns hereingebrochen? Ja, ſagte Stein ernſt und traurig, ja, es ſind neue ſchlimme Nach⸗ richten gekommen. Wir haben Frankreichs letze Anträge oder vielmehr Geſetze erhalten. Frankreich legt Preußen eine Contribution von ein⸗ hundert fünfundvierzig Millionen auf; ein Drittel davon ſoll gleich baar bezahlt werden, funfzig andere Millionen in Promeſſen, und die letzten funfzig Millionen durch Domainen⸗Verkauf. Frankreich fordert als Unterpfand der Bezahlung fünf Feſtungen: Graudenz, Kolberg, Stettin, Küſtrin und Glogau. Dieſe Feſtungen ſollen mit vierzigtauſend Mann franzöſiſcher Truppen beſetzt werden, darunter zehntauſend Mann Cavallerie, und dieſe Truppen ſoll der König einkleiden, bewaffnen und ernähren und dazu die Summe von zwölf Millionen anweiſen. Die Domainen des Königs im Magdeburgiſchen und Märkiſchen, zwiſchen der Elbe und Oder und in Pommern, ſollen an den Kaiſer der Fran⸗ zoſen überlaſſen werden, und er kann ſie verwalten und verſchenken nach ſeinem Belieben. Da überdies die vierzigtauſend Mann nicht Platz in den fünf Feſtungen finden können, ſo werden ihnen Landes⸗ gebiete angewieſen werden müſſen, um zu verhüten, daß ſie ſich die⸗ ſelben nehmen.*) Und was bleibt dem König alsdann inmitten ſeiner Staaten? 324. G *)„Königin Louiſe.“ — 454 rief Louiſe mit flammenden Augen. Was bleibt uns Allen übrig, wenn dies geſchieht? Es darf nicht geſchehen, ſagte Stein. Wir müſſen alle unſere Kräfte, unſere Mittel und Fähigkeiten aufbieten, um dies zu verhindern. Das Unglück Preußens erfordert, daß wir dieſen letzten, härteſten Schlag abzuwenden ſuchen, oder das arme Land iſt verloren und muß unrett⸗ bar zu Grunde gehen. Oh, Königin, welche Noth, welchen Jammer und welche Schmach habe ich auf meiner Reiſe hierher in allen preußi⸗ ſchen Staaten gefunden. Ew. Majeſtät wiſſen, ich war in Berlin, ich ſah, wie Daru und Clarke mit kaltem Hohn, mit unnachſichtiger Härte, mit lächelnder Rückſichtsloſigkeit, taub gegen jede Vorſtellung, nur es ſich zu ihrer Aufgabe gemacht zu haben ſchienen, das Land zu bedrücken und auszuſaugen und ihm ſeinen letzten Blutstropfen und Lebensſaft zu erpreſſen. Und was ich in Berlin ſah, wiederholte ſich in jeder Provinz, in jeder Stadt, durch die ich kam. Jede Stadt, jede Feſtung hat einen ſyſtematiſchen Peiniger in ſeinem Gouverneur, ſeinem Com⸗ mandanten, deren Anmaßung und Härte unerträglich iſt. Ueberall hat das Elend und die Noth den höchſten Grad erreicht, überall hofft die bald jammernde, bald zähneknirſchende Bevölkerung auf endliche Ret⸗ tung und Befreiung von dieſem immer unleidlicher werdenden franzö⸗ ſiſchen Joch. Aller Augen wenden ſich mit Thränen und doch mit un⸗ endlicher Liebe und Hoffnung hierher! Hierher nach Memel, das jetzt das Herz der preußiſchen Monarchie iſt. Auf den König, auf die Königin allein ſind alle Hoffnungen Ihres ſo ſchwer heimgeſuchten und belaſteten Volkes gerichtet, von Ihnen allein erwarten ſie Abhülfe ihrer Noth, Linderung ihrer unſäglichen Pein! Mein Gott, rief die Königin unter ſtrömenden Thränen, giebt es denn noch ein Mittel, womit wir ihnen helfen können? Haben wir die Macht, unſerem Volke die Laſt zu erleichtern? Oh, ſprechen Sie, ſagen Sie es! Was kann der König und was kann ich thun, um Preußen und unſerm geliebten Volk irgend eine Erleichterung, eine Abhülfe ihrer Noth zu verſchaffen? Die größte und fürchterlichſte Noth iſt jetzt die Anweſenheit der franzöſiſchen Truppen, die Bedrückung der franzöſiſchen Behörden,⸗die gllen preu gefihleſet daher alle ſſchen Be müſſen da um das e andererſei ſuchen, wi dahin zu Mien zu begeh Mann hi zwölf M dem Land Ach, harten S ein groß Mileid ihn dah ganzer und unſ nur ſein Un unſeren ſich entſ ihn zul Tolſo gerechte ünig wunder tulihe einen ſ ) rig, wenn alle unſere verhindetn. ten Schlag uß unrett⸗ n Jammer en preußi⸗ Berlin, ich tiger Hürte, ng, nur es n bedrücken Lebensſaft ch in jeder de Feſtung nem Com⸗ eberall hat M hofſt die dliche Ret⸗ den franz⸗ och mit un⸗ el, das jetzt g, auf die ſuchten und bhülfe ihrer nen, gibt e aben vir die Ei, ſagen un Prußen hülfe ihrer weſerheit de gehördendi 455 allen preußiſchen Geſetzen und Inſtitutionen Hohn ſprechen und mit gefühlloſer Härte Geſetz und Recht unter ihre Füße treten. Wir müſſen daher alle Mittel in Bewegung ſetzen, um Preußen von den franzö⸗ ſiſchen Behörden und den franzöſiſchen Soldaten zu befreien. Wir müſſen dazu einerſeits uns die Mittel und Wege zu verſchaffen ſuchen, um das erſte Drittel der Contribution zu bezahlen, und wir müſſen andererſeits von Napoleon eine Milderung der Zahlungen zu erwirken ſuchen, wir müſſen ihn mit Vorſtellungen, mit Bitten, mit Verſprechungen dahin zu bringen ſuchen, daß der Kaiſer in eine allmälige und unſern Mitteln angemeſſene Zahlung einwilligt, ohne die Feſtungen als Pfand zu begehren und ohne ſeine Contributions⸗Armee von vierzigtauſend Mann hier zu laſſen. Dadurch würden wir unſern erſchöpften Kaſſen zwölf Millionen für Verpflegung und Einkleidung der Truppen und dem Lande die Noth und Laſt der franzöſiſchen Einquartirung erſparen. Ach, aber es giebt keine Mittel, glauben Sie es mir, um den harten Sinn Napoleons zu erweichen, ſeufzte die Königin. Er iſt gewiß ein großer Held, aber er iſt kein guter Menſch, und er kennt weder Mitleid noch Liebe. Er hat ſich ſeinen Weg vorgezeichnet und ſchreitet ihn dahin, unbekümmert, ob er ihn über Leichen und über dem Glück ganzer Nationen wandeln muß. Nein, Napoleon kennt kein Mitleid, und unſere Klagen und unſere Bitten würden ihn nicht rühren, ſondern nur ſeinen Stolz erfreuen. Und dennoch müſſen wir es verſuchen, ihn zu rühren und ihn unſeren Wünſchen geneigt zu machen, ſagte Stein. Der König hat ſich entſchloſſen, heute noch an den Kaiſer Alerander zu ſchreiben und ihn zu beſchwören, daß er durch ſeinen Geſandten in Paris, den Grafen Tolſtoy, auf Napoleon einzuwirken und ihm das Grauſame und Un⸗ gerechte ſeiner Forderungen begreiflich zu machen ſuche.*) Oh, der König iſt jetzt mit einer Freudigkeit und Energie, die wahrhafte Be⸗ wunderung verdient, bereit, Alles zu thun, um eine Abhülfe der fürch⸗ terlichen Belaſtungen ſeiner Unterthanen herbeizuführen. Er ſelbſt hat einen Finanzplan entworfen, um die erſten zwölf Millionen, die wir *) Leben des Freiherrn von Stein. II. S. 80. 456 ſofort zu zahlen uns anheiſchig machen wollen, zu beſchaffen. Er iſt bereit, Einſchränkungen im Heerweſen, in der Oper, dem Ballet und den Gnadengehältern eintreten zu laſſen. Aber er ſelber geht mit dem Opfer perſönlicher Einſchränkungen voran. Er will ſeinen Hofhalt noch mehr beſchränken und nur die unentbehrlichſte Dienerſchaft be⸗ halten. Auch beſteht der König, trotz meiner dringenden Bitten, mit Feſtigkeit darauf, den ihm zukommenden Chatoullgeldern zu entſagen. Oh, rief die Königin mit einem ſtrahlenden Lächeln, wer will es wagen, mich unglücklich zu nennen, da ich das Weib des edelſten und beſten Mannes bin! Aber ich will auch meinen Antheil haben an den großherzigen Opfern des Königs, und ich hoffe, der König hat auch für mich gethan, was er ſelber gethan hat. Ich hoffe, er hat auch für mich der Chatoullgelder entſagt. Nein, Majeſtät, die Chatoullgelder für Ew. Majeſtät dürfen nicht verkürzt werden, ich ſelber würde nie dazu rathen, und der König würde es niemals wollen. Aber ich will es! rief die Königin feſt. Möge es mir mein Herr und Gemahl verzeihen, wenn ich dies Mal einen eigenen Willen haben und mich ſeinen Wünſchen widerſetzen will. Ich fordere meinen Antheil an ſeinem Opfer. Wenn der König entbehren und darben kann, ſo iſt es mein heiliges Recht, mit ihm zu darben und zu entbehren. Aber Ew. Majeſtät müſſen an Ihre Kinder denken und daß auch dieſe alsdann vielleicht darben und entbehren müßten. Haben Ew. Ma⸗ jeſtät nur die Gnade, zu bedenken, daß das königliche Haus dann nur auf ſehr wenige Geldmittel beſchränkt ſein würde und daß es Ihnen oft ſogar mit der äußerſten Sparſamkeit unmöglich werden möchte, ſich materielle Verlegenheiten zu erſparen. Ein Theil der Domainen ſoll verpfändet und verkauft werden, um einen Theil der Contributions⸗ gelder aufzubringen, die Gelder aus den übrigen Domainen können bei der allgemeinen Noth leicht ſehr ſchlecht eingehen, oder gar ganz ausbleiben; der König hat in ſeiner edlen Weiſe ſich außerdem einer großen Hülfsquelle entäußert, indem er das große goldene Tafelſervice nach der Münze geſchickt und es in Friedrichsd'oren hat ausprägen laſſen, die er indeſſen nicht für ſich und ſein Haus, ſondern für die Regieung gürig noc kegenheiten da Ihte gewohnten Auch ſtünde und wird es g ihret Jug und der müſſe ſo dem ernſt häufigen2 Kronprinz wird das fommen n Wo Alles ſin. Mö werde ic wollen n eſſen, dar dieſen Ae Kinder ni Dayl für Nemen es bisher bin ſon den Her liten, d ſrei gieb ausmache . Er iſt allet und mit dem Hofhalt ſchaft be⸗ tten, mit tſagen. r will es lſten und n an den hat auch auch für fen nicht r König ein Herr en haben n Antheil nn ſo ſt daß auch Fw. Ma⸗ ann ur Ihnen chte, ſich ninen ſoll ributins⸗ en können gar ganz den einer elſervice uspräges n fir di 457 Regierungskaſſen verwendet hat. Wenn nun Ew. Majeſtät gleich dem König noch der Chatoullgelder entſagen wollen, ſo werden Geldver⸗ legenheiten eintreten, die Ew. Majeſtät um ſo ſchmerzlicher ſein müſſen, da Ihre Kinder vielleicht darunter leiden möchten und es ihnen an den gewohnten Lebensbedürfniſſen und Bequemlichkeiten mangeln könnte. Auch das wird ſein Gutes haben, ſagte die Königin raſch. Um⸗ ſtände und Verhältniſſe erziehen den Menſchen, und für meine Kinder wird es gewiß gut ſein, daß ſie die ernſte Seite des Lebens ſchon in ihrer Jugend kennen lernen. Wären ſie im Schooß des Ueberfluſſes und der Bequemlichkeit groß geworden, ſo würden ſie meinen, das müſſe ſo ſein. Daß es aber anders kommen kann, ſehen ſie jetzt an dem ernſten Angeſicht ihres Vaters und an der Wehmuth und den häufigen Thränen der Mutter. Beſonders wohlthätig iſt es gewiß dem Kronprinzen, daß er das Unglück ſchon als Kronprinz kennen lernt, er wird das Glück, wenn dereinſt für ihn, wie ich hoffe, eine beſſere Zeit kommen wird, um ſo höher ſchätzen ind um ſo ſorgfältiger bewahren. Wo Alles leidet und entbehrt, ſollen meine Kinder nicht ausgeſchloſſen ſein. Mögen ſie entbehren und leiden wie wir! Vor wirklichem Mangel werde ich ſie ſchon zu behüten wiſſen. Auf dem Wege des Rechts wollen wir leben, ſterben, und wenn es ſein muß, Brod und Salz eſſen, dann können wir auch nie ganz unglücklich ſein.*) Und bis zu dieſem Aeußerſten, bis zum Brod und Salz eſſen, wird es ja für meine Kinder nicht kommen; ſie davor zu bewahren, dazu habe ich Gott ſei Dank für's Erſte noch die Mittel und ſpäter wird Gott weiter helfen. Nennen Sie dies nicht Trotz und Vermeſſenheit, Sie wiſſen, wir haben es bisher auch an Bitten und Vorſtellungen nicht fehlen laſſen. Ich bin ſogar ſo weit gegangen, den jetzigen Gouverneur von Oſtpreußen, den Herzog von Rovigo, um ſeine Vermittelung bei ſeinem Kaiſer zu bitten, daß er die harten Contributionen mildert und unſere Domainen frei giebt, weil die Einkünfte derſelben jetzt unſer einziges Beſitzthum ausmachen. Wiſſen Sie, was mir der Herzog geantwortet hat? Er *) Der Königin eigene Worte. Siehe:„Königin Louiſe.“ Ein Denkmal. S. 304 und 207. 458 hat mir geſagt, alle Vorſtellungen und Bitten würden vergeblich ſein, und auch Rußlands Verwendung würde in dieſer Sache bei Napoleon nichts fruchten. Aber es gäbe für uns ein viel ſichereres Mittel, uns Geld zu verſchaffen, und er ertheile uns dazu einfach den Rath, unſere Koſtbarkeiten und Juwelen zu verkaufen.*) Der Unverſchämte! rief Stein erglühend. Wie durfte er den Uebermuth ſo weit treiben, Ew. Majeſtät das zu ſagen! Es iſt wahr, ſagte die Königin ſanft, es hat mir weh gethan und mir viele Thränen gekoſtet. Nicht, als ob mein Herz an dem Tand und Flitter dieſer Welt noch hinge, aber es liegt etwas ſehr Verletzendes und Demüthigendes in dem übermüthigen Hohn, mit welchem dieſe Herren, und namentlich der Herzog von Rovigo, nach dem Beiſpiel ihres ungroßmüthigen Herrn und Meiſters uns in unſerm Unglück zu begegnen wagen. Aber am Ende hat ja dieſer kluge Herzog doch Recht gehabt und das todte Kapital unſerer Juwelen läßt ſich ja in leben⸗ diges Geld umwandeln. Ich gebe zu, fuhr die Königin mit einem un⸗ endlich rührenden Lächeln fort, daß mir dieſer Gedanke bis dahin gar nicht gekommen war, und daß ich vielleicht niemals darauf verfallen wäre, daß man ſich ja Geld verſchaffen kann, indem man ſeine Hab⸗ ſeligkeiten verkauft. Ich habe alſo eigentlich Grund, dem Herrn Savary für ſeinen Rath dankbar zu ſein. Majeſtät, ſagte Stein mit zitternder Stimme und tief bewegt, Sie dürfen nicht daran denken, Ihre Brillanten zu verkaufen. Es werden beſſere Zeiten, es werden auch ſelbſt in dieſen Tagen des Un⸗ glücks Veranlaſſungen kommen, wo Sie ſich Ihrem Volk bei öffentlichen Feſten und Kundgebungen zeigen müſſen, und die Unterthanen lieben es, ihre Königin im höchſten irdiſchen Glanz und Schmuck zu ſehen. Mein höchſter Schmuck in dieſen Unglückstagen wird meine Ein⸗ fachheit ſein, und die Thränen der Dankbarkeit, mit welchen ich Die⸗ jenigen, die mir Freude machen und mich ehren wollen, empfangen werde, ſind genug des Glanzes. Aber Ihre Juwelen ſind das Erbtheil Ihrer Kinder, Majeſtät. *) Hiſtoriſch. Siehe:„Königin Louiſe.“ S. 325. Das bleiben m abet werd nicht für ginder, a Aber ſieht, daf als eine 1 Oh, faſt frew lüſſigen wir habe nicht nöt aber, das verwandt die alten daß es d dieſe alt Stnatst entzieher imnerhi dann ho und helf wollen( uf ſei nigin, us ſei H daß es Brillan der diel wird e blich ſein, Napoleon littel, uns h, unſere eee den ethan und dem Tand erletzendes chem dieſe n Beiſpiel Unglück zu doch Recht n leben⸗ einem un⸗ dahin gar f verfallen ſeine Hab⸗ rn Savarh ief bewegt, ufen. Es n des Un⸗ öffenlichen anen liben zu ſehen mein e Ein⸗ en ich Die⸗ enyfungen Majeſtt. 459 Das einzige Erbtheil, das meinen Kindern unveräußert erhalten bleiben muß, iſt unſere Ehre, ſagte die Königin feſt. Unſere Ehre aber werden wir nie veräußern und verkaufen, nicht für Millionen, nicht für Reiche und Kronen. Unſere Ehre bleibt das Erbtheil unſerer Kinder, alles Uebrige müſſen ſie entbehren und aufgeben lernen. Aber es wird für den König ein neuer Schmerz ſein, wenn er ſieht, daß Ew. Majeſtät Ihre Koſtbarkeiten verkaufen. Er wird das als eine neue Demüthigung in ſeinem Unglück empfinden. Oh, ich werde es den König nicht ſehen laſſen, rief die Königin faſt freudig. Ganz heimlich und in der Stille werde ich dieſe über⸗ flüſſigen Dinge verkaufen, und er wird es gar nicht bemerken, denn wir haben hier keine Gelegenheit zu Feſtlichkeiten und es wird daher nicht nöthig ſein, ſich in prunkender Toilette zu zeigen. Das Geld aber, das ich auf dieſe Weiſe bekomme, ſoll zu zwei Dritttheilen dazu verwandt werden, die rückſtändigen Penſionen und Gnadengehalte an die alten Diener und Freunde des Königs auszuzahlen, denn ich weiß, daß es den König ſchmerzt, dieſen ſchuldig bleiben zu müſſen. Wenn dieſe alten würdigen und erprobten Leute, wenn die Gelehrten und Staatsdiener, denen man ihre Gehalte, die ſie doch ſo ſehr verdienen, entziehen will, ihre Quittungen einſenden, dann möge mein Gemahl immerhin erfahren, woher wir das Geld genommen haben, denn als⸗ dann hoffe ich, daß er mir verzeihen wird, daß ich ohne ſeine Erlaub⸗ niß ſo gehandelt habe. Sie müſſen mir in dieſen Dingen beiſtehen und helfen und die Auszahlung der Penſionen und Gehalte beſorgen, wollen Sie mir das verſprechen? Herr von Stein verſuchte zu antworten, aber die Worte erſtarben auf ſeinen Lippen; er neigte ſich über die dargereichte Hand der Kö⸗ nigin, und indem er ſie an ſeine Lippen drückte, fielen zwei Thränen aus ſeinen Augen auf ihre Hand nieder. Oh, ſagte die Königin lächelnd, habe ich nicht Recht zu ſagen, daß es mir nie an Schmuck fehlen wird? Giebt es denn ſchönere Brillanten, als die Thränen eines edlen Mannes? Als die Thränen der Liebe und des Mitgefühls? Und an dieſen, und hoffe ich, wird es mir niemals fehlen. 460 Verzeihung, Königin, Verzeihung! flüſterte Herr von Stein mit leiſer, erſtickter Stimme. Ich wollte aber, ich könnte jeden Blutstropfen meines Herzens in Brillanten verwandeln und ſie zu den Füßen meiner Königin niederlegen. Und was ſollten mir dieſe todten Steine nützen? fragte Louiſe ſanft. Was wären alle dieſe Juwelen im Vergleich mit Ihrem edlen und treuen Mannesherzen. Die Diamanten können wir entbehren, aber nicht Ihren Rath, Ihre Hülfe, von der Preußen jetzt allein noch Ret⸗ tung hofft. Alle meine Kraft, meine Gedanken und Fähigkeiten werden von jetzt an Preußen gewidmet ſein, ſagte der Miniſter. Aber Ew. Ma⸗ jeſtät müſſen die Gnade haben, mir beizuſtehen. In dieſem Augenblick ſchon muß ich Ihre Hülfe beanſpruchen, Majeſtät, muß ich Sie be⸗ ſchwören, ſich mit mir zu vereinen, um von Napoleon mildere Bedin⸗ gungen und den Abmarſch der franzöſiſchen Truppen zu bewirken. Mein Gott, was kann ich dazu thun? fragte die Königin lebhaft. Sie ſehen mich freudig bereit, Alles dazu beizutragen, um das Unglück Preußens zu lindern. Nun, ſagen Sie mir die Mittel dazu! Sagen Sie, was geſchehen ſoll! Ich werde die Ehre haben, es Ew. Majeſtät zu ſagen. Ich habe einen Plan entworfen, wie Preußen im Lauf der nächſten drei Jahre im Stande ſein wird, die ihm auferlegte ungeheure Kriegscontribution zu bezahlen, ohne ſich ganz und gar zu Grunde zu richten. Es iſt wahr, wir müſſen zu dieſem Zweck große Erſparniſſe einführen, unſere Kriegsſchulden von Rußland einziehen, Anlehen machen, Contributionen auferlegen, den preußiſchen Unterthanen insgeſammt eine Einkommen⸗ ſteuer auf mehrere Jahre auferlegen und Papiergeld emittiren, aber wir werden mit allen dieſen Nothmitteln uns doch aus dem größten Bedürfniß erretten und die Contribution in einigen Jahren nach mei⸗ nem Plan ſicher und beſtimmt abtragen können. Ich habe meinen Plan zu Papier gebracht, und es kommt nur darauf an, denſelben ſicher nach Paris zu ſchaffen, ihn in die Hände Napoleons niederzulegen und ihn zu gewinnen, daß er denſelben annimmt, ſeine harten Bedingungen aufgiebt und ſeine⸗Truppen abmarſchiren läßt. Sie geht und indem ein Nein Bruder, d gönig ha Prinzen gefihrlich Er liebt ſei ſchwer ſ viele Der wird doc Vir raſch. U Sie müſ ihn in beſchwör Hand a Haiſer; ihm die und Ihr ſtiner h nehme. Ihrr und Au nen, u nicht z . Ni weichen men Oh, E Stein mit utstropfen zen meiner gte Louiſe rem edlen hren, aber noch Ret⸗ erden von Ew. Ma⸗ Augenblic ch Sie be⸗ ere Bedin⸗ virken. in lebhaft. Unglüc Sagen Ich habe drei Jhre ntribution n. Es iſt en, unſere tributionen inkommen⸗ iren, aber em grüften nnch mei einen Jln ſicher nach en und ihn tingungen 461 Sie wollen doch nicht etwa fordern, daß ich es ſei, die nach Paris geht und Napoleon Ihren Plan übergiebt, rief die Königin entſetzt, indem eine tödtliche Bläſſe ihre Wangen überzog. Nein, ſagte Stein, ich habe Sr. Majeſtät vorgeſchlagen, ſeinen Bruder, den Prinzen Wilhelm, mit dieſer Botſchaft zu betrauen. Der König hat meinen Vorſchlag angenommen, und er hat ſo eben den Prinzen zu ſich rufen laſſen, um ihn zu bitten, dieſe ſchwierige und gefährliche Botſchaft zu übernehmen. Er wird mit Freuden bereit dazu ſein, rief Louiſe lebhaft. Er liebt ſeinen König, er liebt Preußen, und kein Opfer wird ihm zu ſchwer ſein, wenn es gilt, dieſe Liebe zu bethätigen. Ach, er wird aber viele Demüthigungen und Kränkungen zu ertragen haben, und am Ende wird doch Alles umſonſt ſein und ſein Opfer wird zu nichts führen. Wir müſſen ihm mächtige Bundestruppen mitgeben, ſagte Stein raſch. Und jetzt, Königin, komme ich zu meiner Bitte an Ew. Majeſtät. Sie müſſen uns beiſtehen, Sie müſſen dem Prinzen hülfreich ſein und ihn in ſeinem ſchweren Unternehmen fördern und unterſtützen. Ich beſchwöre Sie alſo, geben Sie dem Prinzen ein Schreiben von Ihrer Hand an Napoleon mit, laſſen Sie ſich herab, in einem Briefe den Kaiſer zu bitten, er möge gütig und erbarmungsvoll ſein, ſchildern Sie ihm die Noth Ihres Landes, die tiefe Bedrängniß Ihrer Unterthanen und Ihres Hauſes, fordern Sie von ſeiner Großmuth, daß er von ſeiner harten Forderung abſtehe und unſern Plan der Zahlung an⸗ nehme. Oh, Ew. Majeſtät beſitzen in Ihrer edlen Begeiſterung, in Ihrer Liebe zu Ihrem Lande und Ihrem Volke eine Macht der Sprache und Ausdrucksweiſe, welcher ſelbſt Napoleon nicht wird widerſtehen kön⸗ nen, und was er vielleicht den Forderungen und Bitten des Prinzen abſchlagen könnte, wird er dem Wort und der Bitte der Königin Louiſe nicht zu verſagen vermögen. Nie, nie! rief die Königin, ganz entſetzt einige Schritte zurück⸗ weichend. Nie werde ich dieſe fürchterliche Demüthigung auf mich neh⸗ men! Nie werde ich mich ſo erniedrigen, an dieſen Mann zu ſchreiben. Oh, Sie wiſſen es alſo nicht, wie tief er mich gekränkt und beleidigt hat, da Sie es wagen, mir ſolchen Vorſchlag zu machen. Bedenken 462 Sie, was ich ſchon gethan, wie tief ich mich ſchon gedemüthigt habe vor dieſem Mann, und daß Alles vergeblich geweſen iſt. Ewig un⸗ vergeßlich ſind mir dieſe fürchterlichen Tage von Tilſit, dieſe Tage, wo ich nur da zu ſein ſchien, um durch meine bejammernswerthe Ge⸗ ſtalt den Triumph des Eroberers zu erhöhen, wo ich wie Cleopatra hinter dem Wagen des Cäſaren einherſchreiten mußte mit gebundenen Händen, mit einem Lächeln auf der Lippe, meine Thränen, meine Be⸗ ſchämung, meinen Jammer in mich hinein freſſend, und gezwungen, Dem äußerlich mit Höflichkeit und Zuvorkommenheit zu begegnen, vor deſſen kaltem Blick und ungroßmüthigem Betragen mein Herz ſich ent⸗ ſetzte und meine Seele erbebte. Nie werde ich an dieſen Mann ſchrei ben, der mich in Tilſit vergeblich bitten ließ, der die Grauſamkeit ſo weit trieb, mir in's Angeſicht Verſprechungen zu machen, die er nach her ſich nicht ſcheute zurückzunehmen und als eine flüchtige Galanterie gegen eine Dame die Zuſicherungen zu bezeichnen, die er den Thränen und Bitten meines zitternden und demüthigen Mutterherzens gemacht hatte. Nein, nie werde ich mich zum zweiten Mal vor Napoleon in den Staub beugen. Wenn ich Preußen damit retten, meinen Mann und meine Kinder damit glücklich machen könnte, ſo wäre ich freudig bereit, für ſie in den Tod zu gehen, aber dies Opfer überſteigt meine Kräfte, ich kann, ich will es nicht bringen! Und ganz außer ſich, glühend vor innerer Aufregung, mit hoch fliegendem Buſen und glühenden Wangen ging die Königin mit haſtigen Schritten auf und ab. Der Miniſter ſchaute mit ineinander geſchlagenen Armen, mit traurigen Blicken und tief bewegt ihrem haſtigen, unruhvollen Wan⸗ deln eine Zeitlang zu. Die Königin fühlte ſeine Blicke, und vor ihm ſtehen bleibend, ſagte ſie mit weicher, bittender Stimme: Nicht wahr, Sie fühle es, daß dies unmöglich iſt, daß ich dies Opfer nicht bringen kann? Königin, ſagte Stein ernſt und feierlich, darf ich Ew. Majeſtät die Worte wiederholen, welche Sie vorher in Bezug auf den Prinzen Wilhelm ſagten? Dieſe Worte lauteten:„Der Prinz wird mit Freuden bereit ſein, die ſchwierige Botſchaft zu übernehmen. Er liebt ſeinen Körig, er wenn es Die dend, beg Schritten, beugt, di gewandt. und tiefe Bruſt ho Sie ſie wird göttliche Und der Küni ihr Zig Her thun, w überwind Kaiſer) fordere nüthig h Ih zuvorgel ſinem Hie zu einen migen, die wic Prinz d ſam, da . V gut — thigt habe Cwig un⸗ ieſe Tage, erthe Ge⸗ Cleopatra ebundenen meine Be⸗ ezwungen, egnen, vor tz ſich ent⸗ ann ſchrei⸗ ſamkeit ſo e er nach⸗ Galanterie nThränen gemacht gpoleon in nen Mann ich freudig teigt meine nit hoch⸗ it haſtigen rmen, nit ollen Wan⸗ nd vor ihn Nicht wahr⸗ Opfer nicht v Majeſtüt den Prinzen nit Freiden lubt ſeinin 463 König, er liebt Preußen, und kein Opfer wird ihm zu ſchwer ſein, wenn es gilt, dieſe Liebe zu bethätigen!“ Die Königin brach in Thränen aus, und ſich von Stein abwen⸗ dend, begann ſie wieder auf und ab zu gehen, aber jetzt mit langſamen Schritten, die Arme über die Bruſt gekreuzt, das Haupt rückwärts ge⸗ beugt, die thränenfeuchten Blicke mit flehendem Ausdruck gen Himmel gewandt. Es arbeitete und zuckte in ihren Zügen, ihre Lippen bebten, und tiefe Seufzer drangen wie Todesgeſtöhn aus ihrer wogenden Bruſt hervor. Sie kämpft einen harten Kampf, ſagte Stein zu ſich ſelber, aber ſie wird ihn ſiegreich beſtehen, denn ihr Herz iſt edel und die ewige, göttliche Liebe iſt in ihr und mit ihr. Und Stein hatte ſich nicht getäuſcht. Allmälig ward das Antlitz der Königin ruhiger, allmälig ward ihr Blick klarer und freudiger und ihre Züge nahmen einen heiteren, faſt verklärten Ausdruck an. Herr von Stein, ſagte ſie mit weicher, ſanfter Stimme, ich will thun, was Sie fordern, ich will mein Herz beugen und mich ſelber überwinden. Da Sie glauben, daß es nützlich iſt, will ich an den Kaiſer Napoleon ſchreiben und ihn bitten, Preußen zu ſchonen.“*) Nur fordere ich von Ihnen, daß Sie mir den Brief aufſetzen und ich nur nöthig habe, ihn abzuſchreiben. Ich habe dieſe Forderung vorausgeſehen und ich bin ihr daher zuvorgekommen, ſagte der Miniſter, indem er ſeine Schreibtafel aus ſeinem Buſen zog und ein Blatt Papier aus derſelben nahm. Hier, ſagte er, es der Königin darreichend, hier iſt das Brouillon zu einem ſolchen Brief an den Kaiſer. Wenn Ew. Majeſtät es geneh⸗ migen, ſo wage ich zu bitten, daß Sie den Brief bald ſchreiben, denn die wichtige Angelegenheit erfordert die größte Eile, und wenn der Prinz den Vorſchlag des Königs annimmt, wäre es nöthig und rath⸗ ſam, daß er heute noch abreiſt. Die Königin überflog haſtig das Papier mit ihren Blicken. Es iſt gut ſo, ſagte ſie, ich genehmige Alles, was Sie da geſchrieben. *) Pertz: Leben des Freiherrn von Stein. II. S. 80. 464 Ich wünſche dieſe ſchmerzliche Sache gleich zu beendigen, und ich bitte Sie daher, warten Sie, bis ich den Brief geſchrieben. Nehmen Sie ihn dann ſogleich mit, um ihn dem König vorzulegen. Sie eilte zu ihrem Schreibtiſch, und vor demſelben ſich nieder⸗ laſſend, begann ſie haſtig zu ſchreiben. Ihre Hand flatterte mit flie⸗ gender Haſt über das Papier hin; nur zuweilen ſtockte ſie, und hoch⸗ aufathmend hielt ſie inne, als ſträube ſich ihre Feder, dieſe Worte der Bitte und Demüthigung niederzuſchreiben. Aber endlich war es voll⸗ bracht, endlich war der Brief fertig. Die Königin überlas raſch noch einmal das Geſchriebene, dann rief ſie mit einem ſanften Blick den Miniſter von Stein zu ſich. Hier, ſagte ſie, dem Miniſter, der neben ihrem Seſſel ſtand, mit einem unausſprechlichen Ausdruck das Papier darreichend, hier, nehmen Sie, das Opfer iſt vollbracht. Die Thränen, lange zurückgehalten, ſtürzten jetzt Bächen gleich aus ihren Augen, und die Blicke gen Himmel wendend, flüſterte ſie leiſe: Wird mein Volk, werden meine Kinder es mir einſt danken, daß ich mich für ſie gedemüthigt habe? Werden ſie es nur jemals wiſſen oder ahnen, wie bitter und ſchwer dieſe Opfer meinem Herzen gewor⸗ den? Werden ſie es mir danken, indem ſie glücklich ſind und dabei meiner nicht vergeſſen? Majeſtät! rief Stein begeiſtert, nie wird Preußen, nie werden Ihre Kinder die großmüthigen Opfer vergeſſen, welche Ew. Majeſtät mit ſo edler Hingabe dem Wohl Ihres Landes dargebracht, und in den ſpäteſten Zeiten noch, wenn unſere Urenkel von dieſen Tagen der Erniedrigung und des Elends ſprechen, werden ſie ſagen: Preußen konnte gebeugt werden, aber niemals verloren gehen, denn ſein Ge⸗ nius wachte, betete, handelte und litt für Preußen. Dieſer Genius hieß: Loniſe! Nun, flüſterte Louiſe mit einem wehmüthigen Lächeln, wenn ich das einſt in meinem Grabe höre, ſo wird es ſich ſüß ſchlafen laſſen! Auf einmal zuckte ſie zuſammen und griff nach ihrem Herzen. Oh, oh, klagte ſie mit bebenden Lippen und todesbleichen Wangen, der Dolch bohrt ſchon wieder in meinem Herzen! Wie lange, und er wird mein Her von Sie Niem in meinen wie er jed ſchwerer i Zukunft 1 des Ungli Thrinen Ich las ſie überſt inmitten ich bei G über die das Sie ich bellag wüſſen!* En Lakay m Di lichen 9 mein B Ich Fri, nd ich bitte lehmen Sie ſich nieder⸗ tte mit fle⸗ „und hoch⸗ Worte der ar es voll⸗ raſch noch n Blic den l ſtand, mit ier, nehmen ichen gleich flüſterte ſi anken, daß mals wiſſen rzen gewor⸗ d und dabei nie werden . Majeſtät ht, und in Tagen der Preußen n ſein e⸗ eſer Guis n, ven ich en luſen! ren Herzen⸗ en Wongel nge, und 6 465 wird meine Lebensader durchbohrt haben! Ich will Ihnen etwas ſagen, Herr von Stein, bewahren Sie es aber als ein tiefes Geheimniß, das Sie Niemand verrathen dürfen: Es iſt der Tod, welcher da drinnen in meinem Herzen wühlt. Ich fühle ihn Tag und Nacht, ich fühle, wie er jeden Tag ein bischen näher kriecht und ſeinen eiſernen Finger ſchwerer in mein Herz eindrückt. Für mich giebt es auf Erden keine Zukunft mehr, ich habe noch Thränen des Schmerzes für die Tage des Unglücks, aber wenn die Tage des Glücks kommen, werde ich keine Thränen der Freude mehr weinen können. Nun, wie Gott es will! Ich las neulich irgendwo:„Leiden und Elend ſind Gottes Segen, wenn ſie überſtanden ſind!“ Oh, wie wahr das iſt. Ich ſage ſchon jetzt inmitten meines Elends: Es iſt Gottes Segen! Wie viel näher bin ich bei Gott, wie deutlich ſind meine Gefühle zu Begriffen geworden über die Unſterblichkeit der Seele! Aber nicht ohne Thränen ſchmilzt das Siegel, das uns die Geheimniſſe der Unſterblichkeit verbarg, ich beklage mich daher nicht, daß ich viele Thränen habe vergießen müſſen!*) Ich— Ein leiſes Klopfen an der Thür unterbrach ſie, und der eintretende Lakay meldete den Prinzen Wilhelm. M. Der Prinz Wilhelm. Die Königin eilte dem Bruder ihres Gemahls mit einem freund⸗ lichen Lächeln entgegen und reichte ihm ihre Hand dar. Nicht wahr, mein Bruder, Sie kommen, um mir Lebewohl zu ſagen? fragte ſie. Ich komme, um mir von meiner edlen königlichen Schweſter den Brief zu holen, den ich dem Kaiſer Napoleon übergeben ſoll, ſagte der Prinz, ſeiner Schwägerin ehrfurchtsvoll die Hand küſſend. *) Der Königin eigene Worte. Siehe:„Königin Louiſe.“ S. 345. Mühlbach, Napoleon. Il. Bd. 30 466 Louiſe wandte ihre leuchtenden Blicke zu dem Miniſter hin. Der König alſo wußte, daß Sie mich auffordern ſollten, dieſen Brief zu ſchreiben? fragte ſie. Ja, Majeſtät, aber er verbot mir zu ſagen, daß er es wünſche und für nothwendig erachte. Von Ew. Majeſtät eigener und freier Entſchließung ſollte es abhängen, ob dieſer Brief geſchrieben würde oder nicht. Sie ſehen, meine Schweſter, rief der Prinz, ich zweifelte gar nicht, wie Ihre Entſchließung ausfallen würde. Ebenſo wenig, wie ich zweifelte, daß Sie heute noch abreiſen würden, ſagte Louiſe lächelnd. Aber wollen mir Ew. Majeſtät verzeihen, wenn ich Ihnen be⸗ tenne, daß ich nicht blos hierher gekommen bin, um mir Ihr Schreiben zu holen und Abſchied zu nehmen? fragte der Prinz. Ich erfuhr von dem König, daß der Herr Miniſter von Stein ſich eben bei Ew. Ma⸗ jeſtät befände, und da ich heute Abend abreiſen will, meine Zeit alſo ſehr gemeſſen iſt, wollte ich Ew. Majeſtät um die Erlaubniß bitten, hier ein kleines Geſchäft mit dem Herrn Miniſter beſprechen zu dürfen. Ich gebe Ihnen von Herzen meine Erlaubniß dazu, ſagte die Königin. Und Sie, Herr Miniſter? fragte der Prinz, ſich vor dem Freiherrn verbeugend; wollen Sie mir eine kleine Andienz bewilligen? Ich werde ſogleich die Ehre haben, mich in die Antichambre Eurer Königlichen Hoheit zu begeben und dort zu warten, bis Sie heimkehren und mich annehmen können, ſagte Stein, ſich der Thür nähernd. Nicht doch, bleiben Sie, rief die Königin, ich habe dem Prinzen dies Zimmer hier zu einer salle des conferences angeboten und werde mich in mein Cabinet zurückziehen. Der Prinz eilte der Königin, welche ſich entfernen wollte, nach, und ihre Hand faſſend und ſie an ſeine Lippen vrückend, führte er die Königin wieder zu dem Divan hin. Verzeihung, meine Schweſter, ſagte er, ich habe mit dem Herrn Miniſter keine Geheimniſſe, die Ew. Majeſtät nicht erfahren dürften, zu verhandeln!— Ich wollte Seine Excellenz, den Herrn Finanzminiſter, Pr er ſt Ihnel Prinz Uhanag kaſſe fl miüſſſen D auch de niniſte Hauſes von de — L darf, Wir k Heinri für un ſich v hin. Der n Brief zu es wünſche und freier ieben würde te gar nicht, och abteiſen Ihnen be⸗ hr Schreiben heerfuhr von ei Ew. Ma⸗ bitten, hiet dürfen. zu, ſagte die en Freiherrn n* ambre Eurer ähernd. den Punhen ten und werde Hauſes niederg von dem Patriote Dann, Excell darf, erſuche ich Sis Wir können dann das* Heinrich daran Theil neh für uns und wollen Sie n Ich bin ganz zu Dien) ſich verneigend. wollte, nnch, fihrte er die *) Pertz: Leben des Freiherrn vo. görig it zu konne Sie ſofort zu herzubeſch Di zimmer u Aderkaſte Nur ſe den und fliſ deſto me . Sle bahnen. ſchwiſter bin und Penſione Hand einen kabſtürzenden iſter von Stein, Kinder ſchließen, und igem Ton: Gott, unſerm Lande uns Bemühen, ſegne unſer Armen, Auge und Antlitz Kippen leiſe Gebete zu Gott „ließ ſie ihre Arme ſinken und e zu. Und jetzt, flüſterte ſie leiſe, annuth ſt dem Juwelier vorzunehmen. Der laſen, zu fte eine 4 Sie, treue id ge⸗ iſt, an örigin wird penn ibet pfer ott, hfir Sie, bahnen. ſchwiſtet Hand einen kabſtürzenden er von Stein, hließen, und Ton: Gott m Londe uns ſegne unſer e und Antlit bet ju Got ne ſinken und terte ſi leiſe⸗ 469 König iſt in ſeinem Cabinet und pflegt um dieſe Zeit niemals zu mir zu kommen. Es muß alſo ſchnell gethan werden. Sie ſchellte heftig und befahl dem eintretenden Kammerdiener, ſofort zu dem Hofjuwelier zu eilen und ihn ſogleich zu der Königin herzubeſcheiden. Dann eilte die Königin mit haſtiger Geſchäftigkeit in ihr Toiletten⸗ zimmer und nahm von dem Toilettentiſch den großen meſſingbeſchlagenen Lederkaſten, der in einzelnen Etuis all' ihren Schmuck enthielt. Nur mit Beſchwerde und keuchend unter der harten Laſt, konnte ſie den Kaſten in ihr Wohnzimmer tragen, aber ſie that es lächelnd und flüſterte leiſe vor ſich hin: Je ſchwerer er iſt, deſto beſſer, denn deſto mehr Geld werde ich für das, was ihn ſchwer macht, erhalten. Sie ſetzte ihn auf den Tiſch nieder und begann die einzelnen Etuis hervorzuholen und ſie auf dem Tiſch aufzuſtellen. Haſtig öffnete ſie die Käſten und das Funkeln und Blitzen der Evelſteine ſchien ſie heute zu erfreuen, wie ſie es nie zuvor gethan. Mit leuchtenden Augen be⸗ trachtete ſie dann, als alle Etuis ausgepackt waren und den ganzen großen Tiſch bedeckten, die Fülle der herrlichen Schmuckſachen. Mein Gott, rief ſie freudig, ich wußte gar nicht, daß ich ſo reich bin und ſo viel Brillanten und Edelſteine beſitze. Oh, ich werde gewiß viel Geld dafür bekommen, genug wenigſtens, um alle rückſtändigen Penſionen und Gnadengehalte davon zu bezahlen und auch für meine Kinder noch etwas zu erübrigen. In dieſem Augenblick ward die Thür des Vorzimmers geöffnet und der eintretende Kammerdiener meldete den Hofjuwelier Marcus. Die Königin befahl, ihn eintreten zu laſſen und Niemand anzu⸗ melden, ſo lange der Juwelier bei ihr ſei. Dann eilte ſie ſelbſt, die entgegengeſetzte Thür, vie zu dem kleinen Corridor und von da in die Gemächer des Königs führte, zu ſchließen. Der Juwelier war indeß eingetreten, und ehrfurchtsvoll an der Thür ſtehen bleibend, erwartete er die Anrede der Königin. Herr Marcus, ſagte Louiſe, ſeine tiefe Verbeugung mit einem anmuthigen Neigen des Kopfes erwiedernd, ich habe Sie zu mir bitten laſſen, um mit Ihnen über meine Schmuckſachen eine Conferenz zu 470 halten. Ich möchte Einiges daran umändern und ergänzen, und dann, da man nicht wiſſen kann, wohin der Sturm dieſer Zeiten uns Men⸗ ſchen oder unſer Eigenthum verſchlägt, möchte ich ein Inventarium meiner Juwelen und Schmuckſachen mit einer Angabe ihres Werthes aufnehmen laſſen. Treten Sie alſo näher und ſagen Sie mir gütigſt, wie viel mein ganzer Schmuck hier wohl werth iſt. Der Juwelier trat näher zu dem Tiſch hin und betrachtete mit prüfendem Auge alle die herrlichen Geſchmeide, die ihm aus den geöff⸗ neten Etuis hervorleuchteten. Es ſind wahre Schätze, Majeſtät, ſagte er bewundernd, einzelne Stücke davon ſind von ungeheurem Werth und ſeltener Schönheit. Nicht wahr, rief die Königin freudig, man würde ſehr viel Geld bekommen für alle dieſe Juwelen? Majeſtät, ſagte der Juwelier achſelzuckend, man hat ſehr viel Geld, ein enormes Vermögen zahlen müſſen, um alle dieſe Juwelen zu kaufen. Ein Theil ihres Werthes liegt in ihrer Faſſung, in ihrer kunſtvollen Arbeit. Ach, ich verſtehe, Sie meinen, wenn man ſie verkaufte, würde man nicht ſo viel dafür bekommen, als man gezahlt hat? Nicht die Hälfte, Majeſtät! Der wahre Werth iſt ſehr verſchieden von dem Kaufpreis, der durch die Arbeit bedingt wird. Nun, ſo bitte ich Sie, ſagen Sie mir den wahren Werth meines ganzen Schmuckes. Majeſtät, um denſelben der Wahrheit gemäß angeben zu können, müßte ich erſt jedes einzelne Stück beſichtigen und taxiren, von jedem den Werth aufzeichnen und dann die Totalſumme berechnen dürfen. Thun Sie das, Herr Marcus. Ich werde meine Schreibtafel neh⸗ men und jedes einzelne Stück aufzeichnen, Sie werden mir alsdann den Preis ſagen und ich ſchreibe ihn daneben. Nachher rechnen wir zuſammen. Herr Marcus ſah die Königin erſtaunt an; Louiſe ſchien es nicht zu bemerken, ſondern deutete mit dem erhobenen Bleiſtift, den ſie aus ihrem geöffneten Portefeuille gezogen, auf eines der Etuis hin. Da iſt das große Halsband von Brillanten, ſagte ſie, wie hoch taxiren Sie es, mein Herr? Der prifind d Zinmet d Es ſ werig gel ich doch, tauſend 2 Fün dos folge Die Stücken ſagte de ſind die jett nich nur ein ſich nur det ſie wäre, ih dofüt e beträgt V Halsbe Etui, d den D N nicht t für m Juwel zu de Smar N ſerig und dann, ns Men⸗ ventariun Verhe ir gütigſt, achtete mit den geöff⸗ d, einzelne hönheit. ſehr viel ſe Jwelen , in ihrer fte, würde verſchieden erth meines zu können, von jedem dürfen. eibtafel neh⸗ alsdann den ir zuſannn⸗ hien es nicht den ſi aus hin. ie, nie hoc ie 471 Der Juwelier nahm das Halsband dus dem Etui und ließ es prüfend durch ſeine Hand gleiten, daß es wie funkelnde Sterne das Zimmer durchleuchtete.. Es ſind Brillanten vom reinſten Feuer, ſagte er, nur ſind ſie ein wenig gelb und hier und dort haben ſie einige Blaſen. Indeß meine ich doch, daß die Steine, ohne die Faſſung, einen Werth von fünf⸗ tauſend Thalern haben könnten. Fünftauſend Thaler, ſchrieb die Königin in ihre Schreibtafel. Jetzt das folgende Etui. Das Halsband von Rubinen und Brillanten. Dieſe türkiſchen Rubinen ſind von jenen wundervollen, ſeltenen Stücken, die man nur noch in den Schatzkammern der Könige findet, ſagte der Juwelier mit dem Ausdrucke aufrichtiger Bewunderung. Es ſind die antiken Rubinen, die wie funkelndes Blut ausſehen und deren jetzt nicht mehr gefunden werden. Sie ſind unbezahlbar, Majeſtät, nur ein Kenner würde ſie zu würdigen wiſſen, aber taxiren laſſen ſie ſich nur nach dem Werth anderer türkiſcher Rubinen. Der Juwelier, der ſie beſäße und einen Liebhaber dafür fände, welcher im Stande wäre, ihre Schönheit zu ermeſſen, könnte indeß vielleicht das Doppelte dafür erhalten. Der Werth dieſer Steine nach gewöhnlichem Maßſtab beträgt viertauſend Thaler. Viertauſend Thaler, ſchrieb die Königin. Jetzt das nächſte Etui. Hier iſt ein vollſtändiger Schmuck der ſchönſten Zahlperlen, Diadem, Halsband, Ohrgehänge und Armbänder, ſagte der Juwelier, ein großes Etui, das indeſſen nicht geöffnet geweſen, von dem Tiſch nehmend und den Deckel aufdrückend. Nein, ſagte die Königin leicht erröthend, dieſe Perlen wollen wir nicht taxiren. Es iſt ein Erbtheil von meiner ſeligen Mutter und daher für mich von unberechnenbarem Werth. Sie ſtreckte ihre Hand nach dem großen Etui aus, das ihr der Juwelier überreichte, und legte es neben ſich auf den Tiſch. Nun zu den anderen Sachen, nehmen Sie das Armband von indiſchen Smaragden dort.— Nach einer halben Stunde war der Juwelier mit ſeiner Taxation fertig und die Königin zählte die verſchiedenen Summen zuſammen. 472 Dreißigtauſend Thaler, ſagte ſie, das iſt alſo der volle Werth meines Schmuckes. Ja, Majeſtät, aber im Einkauf wird er einen Werth von mehreren hunderttauſend Thalern gehabt haben. Ich habe nur den unvergänglichen Werth der Steine berechnet, Faſſung und Arbeit läßt ſich nicht berechnen. Für den Augenblick handelt es ſich auch nur um den reellen Werth der Steine, ſagte die Königin raſch. Und jetzt, mein Herr, hören Sie mich an. Ich habe, als es darauf ankam, Ihnen auf Ihren Wunſch den Titel meines Hofjuweliers zu geben, mich genau nach Ihnen er— kundigt, und ich habe nur Gutes und Lobenswerthes von Ihnen er⸗ fahren. Sie ſind bekannt als ein Ehrenmann, dem Jedermann Ver trauen ſchenken kann. Ich will Ihnen jetzt beweiſen, welchen hohen Werth ich auf die öffentliche Meinung lege, ich will Ihnen auch ver⸗ trauen, und ich rechne darauf, daß Sie das, was ich Ihnen jetzt ſagen will, als ein heiliges Geheimniß bewahren werden. Ich ſchwöre Ew. Majeſtät bei Allem, was mir heilig iſt, daß jedes Wort, welches Ew. Majeſtät die Gnade haben werden, mir zu ſagen, wie eine koſtbare Perle auf dem Grunde meines Herzens ruhen ſoll, und daß ich keinem menſchlichen Weſen auch nur eine Andeutung davon machen will. Ich glaube Ihnen, ſagte die Königin. Nun hören Sie! Ich will all dieſen Schmuck, die Brillanten und Smaragden und Rubinen, ich will Alles verkaufen, mit Ausnahme meiner Perlen. Verkaufen! rief der Juwelier, entſetzt zurückweichend und tief er⸗ blaſſend. Ew. Majeſtät wollen Ihren Schmuck verkaufen? Oh nein, nein, Ew. Majeſtät verzeihen, ich habe falſch verſtanden! Mein Gehör iſt etwas ſchwach! Ich bitte in Gnaden um Vergebung über mei⸗ nen Irrthum und erſuche Ew. Majeſtät, mir huldvoll Ihre Befehle zu wiederholen. Sie haben ganz recht gehört, ſagte die Königin gütevoll. Ich will meinen Schmuck verkaufen. Verkaufen! ſeufzte der Juwelier. Dahin iſt es alſo gekommen, daß unſere edle und ſchöne Königin nicht einmal mehr einherſchreiten will im Glanz ihrer Würde und Hoheit, daß ſie es nicht mehr der Mihe wer wie zu eine e gelemm Schlu ſeine Thrä Geſcht mi Dohir an den En keine ander Vugen ihr ſchmückt von ihren ſcheint. ₰ Ihre treu klagen. G er wirden Herr, laſt Ich errungene Gnnden der Schm jeſtit ben unterwerfe Indentari welen au außetden wicht zu Nich ſo kleine ſachen ka doch etwa olle Werth mehreren rgänglichen t berechnen. ellen Werth hören Sie en Wunſch Ihnen er⸗ Ihnen er⸗ mann Ver⸗ ſchen hohen nauch ver⸗ jett ſagen zens vohen Andeutung Fil ch will 4 ten, ich Oh nein, Rein Gehir über mei⸗ bre Befehle 1. N will gelommen⸗ berſchreiten t mehr det Mühe werth hält, ſich ihrem armen, unglücklichen Volk, das zu ihr wie zu einer Heiligen betet, in feſtlicher Pracht zu zeigen. Dahin iſt es gekommen, daß Schluchzen erſtickte ſeine Stimme, und nicht mehr im Stande, ſeine Thränen zurückzuhalten, wandte er ſich ab und bedeckte ſich das Geſicht mit ſeinen Händen. Dahin iſt es gekommen, daß die Königin auch ihren Antheil habe an den Entbehrungen ihres Volkes, ſagte die Königin ſanft, daß ſie keine anderen Brillanten haben will, als diejenigen, die ihr aus den Augen ihrer Getreuen entgegenglänzen, daß ſie ſich am ſchönſten ge⸗ ſchmückt glauben wird, wenn ſie am Arm ihres Gemahls, umgeben von ihren Kindern, unter ihren treuen und geliebten Unterthanen er⸗ ſcheint. Ich danke Ihnen für Ihre Thränen, denn ſie beweiſen mir Ihre treue Geſinnung. Aber glauben Sie mir, ich bin nicht zu be⸗ klagen. Gott ſchenke jedem Guten den Frieden in ſeiner Bruſt, und er wird noch immer Urſache zur Freude haben.*) Und nun, mein Herr, laſſen Sie uns mit Ruhe von dieſer Sache ſprechen! Ich bin zu Ew. Majeſtät Befehl, ſagte Herr Marcus mit mühſam errungener Faſſung, und ich bitte meine erhabene Königin, mir in Gnaden verzeihen zu wollen, daß mein Gefühl mich überwältigte und der Schmerz mich hinriß. Aber jetzt muß ich vor allen Dingen Ew. Ma⸗ jeſtät bemerken, daß ich die Juwelen noch einer genaueren Prüfung unterwerfen muß. Ich habe, da ich nur glaubte, eine Taxe für das Inventarium entwerfen zu ſollen, blos den niedrigſten Werth der Ju⸗ welen angegeben. Gewiß ließe ſich der Kaufpreis noch ſteigern, und außerdem bliebe noch der Werth der goldenen Faſſung nach ihrem Ge⸗ wicht zu berechnen. Nicht doch, ſagte die Königin lächelnd, wir wollen uns nicht in ſo kleine Details einlaſſen. Auch muß derjenige, der dieſe Schmuck⸗ ſachen kauft, für ſeine Mühe und das Riſiko des möglichen Verkaufs doch etwas mehr Vortheil haben, als daß er die Steine nur nach ihrem Werth kauft. Laſſen wir es alſo bei Ihrer erſten Taxe. Nun fragt es *) Der Königin eigene Worte. Siehe:„Königin Louiſe.“ S. 296. 474 ſich nur, ob Sie einen Käufer wiſſen, der im Stande iſt, eine ſo große! Summe gleich baar zu zahlen. den zrn Der Juwelier ſtand einen Moment ſinnend und in ſich gekehrt in die St da, dann hob er langſam und mit einem ſchwermüthigen Ausdruck ſeine ʒuet fin Blicke zu der Königin empor. upung get Wenn es denn Ew. Majeſtät Ernſt iſt, dieſe Koſtbarkeiten zu ver⸗ Guddenge äußern, ſagte er, ſo weiß ich eine Gelegenheit, ſie ſogleich zu verkaufen. Diener Ich ſelbſt werde, wenn es Ew. Majeſtät geſtatten, der Käufer ſein. Der Kaiſer Alexander von Rußland hat mir bei ſeiner letzten Anwe⸗ Oh, ſenheit bedeutende Beſtellungen auf Brillanten gegeben, die zum Hoch⸗ Dankesl t zeitsgeſchenk für die Braut des Großfürſten Conſtantin beſtimmt ſind. qi Ich habe auf die erſten Banquierhäuſer von Petersburg Creditbriefe ktin erhalten; ich bin bevollmächtigt, für funfzigtauſend Thaler Edelſteine vit einzuſenden und ſofort den Betrag dafür zu beziehen. Die Hälfte der diſe gu Kaufſumme bin ich im Stande, heute ſogleich baar zu entrichten, die ttn andere Hälfte in Creditbriefen auf Petersburg in vierzehn Tagen. Ich wiederhole aber Ew. Majeſtät, daß ich die Steine nur oberflächlich taxirt habe, und daß, wenn ich dieſe Juwelen mit der Faſſung für von ₰ r vortheilhaftes Geſchäft mache e . meine Taxe kaufe, ich ein für mich ſeh Kaiſet N Ew. Majeſtät ſollten mir ¹ und wenigſtens viertauſend Thaler verdiene. worfen ⁰ geſtatten, den Werth der Faſſung zu berechnen. i urch eig Ich ſagte Ihnen ſchon, wir wollen nicht handeln, das Geſchäft iſt abgeſchloſſen, ſagte die Königin milde. Bringen Sie mir das Geld gei und die Creditbriefe hierher und nehmen Sie alsdann die Juwelen mit 3 Bo ſich. Wir werden ſagen, daß ich Ihnen meinen Schmuck anvertraue, be abinet, um einige Aenderungen damit vorzunehmen. auf dem Tiſch der Königin, ſtatt eliebin Eine Stunde ſpäter befand ſich der Käſten mit den funkelnden Juwelen, ein Kaſten, der eine ſtattliche. Un Reihe von Rollen, die mit doppelten Louisd'ors angefüllt waren, ent⸗ 8 ſch hielt. Daneben lagen die Creditbriefe für Petersburg. Die Königin ſtahlten nahm von den Geldrollen nur einige wenige und legte ſie in ihren So Secretair. Dann that ſie die Creditbriefe zu den Louisd'ors in den hren A Kaſten, und nachdem ſie denſelben verſchloſſen, eilte ſie zu ihrem Se⸗ and J ſchrieb an Herrn von Stein: cretair und ſ allen D usdruck ſeine iten zu ver⸗ zu vetkaufen. Käufer ſein. tzten Anwe⸗ ezum Hoch⸗ eſtimmt ſind. Creditbrieſe let Evelſteine ie Hilfte der trichten, die Tagen. Ich oberflächlich Faſſung ſür eſchäft mache üt ſollten mt das Geſchüft nir das Geld Zuwelen mit anverttaul, görigin, ſat eine ſutllche waren, ent⸗ llt wa 1 Die Künigin „ſie in ihten ors in den rp Se⸗ u ihrem 475 „Ich bitte Sie, mir dieſelbe Gunſt widerfahren zu laſſen, die Sie den Prinzen bewilligen konnten. Ich wünſche auch einige Erſparniſſe in die Staatskaſſen fließen zu laſſen und ſende Ihnen anbei zu dieſem Zweck fünfundzwanzigtauſend Thaler. Ich bitte Sie, unſerer Verab⸗ redung gemäß, vor allen Dingen die rückſtändigen Penſionen und Gnadengehalte an die Gelehrten und Künſtler und an die alten treuen Diener des Königs im Namen meines Mannes auszahlen zu wollen. Louiſe.“ Oh, ſagte die Königin, die Feder niederlegend und mit frohem Dankesblicke zum Himmel aufſchauend, oh, wie Manchen wird nun die unerwartete Auszahlung ſeiner Penſion von Sorgen und Kümmerniſſen befreien, und welche heiße und inbrünſtige Dankgebete für ſeinen König wird er zu Gott emporſenden. Oh, Du lieber, gütiger Gott, erhöre dieſe Gebete, laß meinen Gemahl und meine Kinder einſt glücklich werden, dann habe ich auf Erden nichts mehr zu wünſchen. Für mich ſelber begehre ich kein Glück und hoffe auf keins mehr!— Am Abend dieſes Tages reiſte der Prinz Wilhelm, nur begleitet von einem Adjutanten und einem Kammerdiener, nach Paris, um dem Kaiſer Napoleon den Zahlungsplan, den der Miniſter von Stein ent⸗ worfen, und den Brief der Königin zu übergeben, und um zu verſuchen, durch eigene mündliche Vorſtellungen und Bitten Napoleon zur Nach⸗ giebigkeit und zur Annahme der Zahlungsfriſten zu bewegen. Bevor er aber ſein Haus verließ und die harrende Extrapoſt be⸗ ſtieg, begab ſich der Prinz noch einmal mit ſeiner Gemahlin in ihr Cabinet, um dort, wo keine Zeugen ſie umgaben, von ihr, der Heiß⸗ geliebten, den letzten Abſchied zu nehmen. Lange hielten ſie ſich ſtumm, ohne Wort und ohne Klage, umfaßt. Das ſchöne Antlitz der Prinzeſſin Mariane war bleich, aber ihre Augen ſtrahlten in Begeiſterung und keine Thräne verdunkelte ſie. So gehe denn, mein Geliebter, ſagte ſie, den Prinzen endlich aus ihren Armen laſſend und ihn mit einem langen zärtlichen Blick an⸗ ſchauend, gehe und beginne Deinen heiligen Opferdienſt für das Vater⸗ land! Meine Seele zieht mit Dir und meine Liebe begleitet Dich auf allen Deinen Wegen! Dein Leben iſt mein Leben, und Dein Sterben 476 wird auch mein Sterben ſein! Ich fürchte alſo nichts, denn im Leben wie im Tode ſind wir vereint! Aber in dieſer heiligen Stunde muß ich Dir noch ein Geheimniß anvertrauen, Mariane, ſagte der Prinz feierlich, und zu einem Ent⸗ ſchluß, den ich gefaßt, Deine Einwilligung fordern. Wenn alle meine Mittel erſchöpft ſind, wenn der Kaiſer ſich weder durch Steins Plan, noch durch den Brief der Königin, noch durch meine Bitten bewegen läßt, wenn er nicht einwilligen will, die angebotenen Zahlungsfriſten der Contributionsgelder anzunehmen, wenn er ſeine Truppen nicht aus Preußen fortziehen und uns die fünf Feſtungen nicht belaſſen will, weil er glaubt, keine genügende Garantie zu haben für die richtige Einzah⸗ lung der Contribution, dann, Mariane, bleibt mir noch ein letztes Mittel, das ich verſuchen will. Dann werde ich dem Kaiſer mich als Geißel anbieten! Dann werde ich ihm ſagen, ich wolle ſo lange in ſeiner Gefangenſchaft bleiben, ich ſei bereit, mich nach If, nach Cayenne, oder wohin es ihm beliebe, als Gefangenen transportiren zu laſſen und dort ſo lange zu bleiben, bis der König alle verſprochenen Zahlungen geleiſtet habe. Er wird daraus erkennen, daß ich ſelbſt überzeugt bin, daß die Zahlungen geleiſtet werden, und er wird vielleicht meinen Vor⸗ ſchlag annehmen, um den König dadurch zu nöthigen, ſeinen Verpflich⸗ tungen nachzukommen und pünktlich zu zahlen. Wenn er den Bruder des Königs als Geißel hat, kann er wohl ſicher ſein, daß man ihn auslöſen wird. Nun ſage, Mariane, billigſt Du meinen Entſchluß? Genehmigſt Du, daß ich als letztes und äußerſtes Mittel mich ſelber darbringe? Die Prinzeſſin legte ihre Hand wie ſegnend auf das Haupt ihres Gemahls. Dich ſelber nicht allein, ſondern Uns bieteſt Du als Geißeln an, ſagte ſie feierlich. Uns, Wilhelm, denn wo Du biſt, da will auch ich ſein. Ich will auch meinen Antheil haben an Deinem Opfer für das Vaterland. Uns Beide biete dem Kaiſer als Geißeln an. Wenn ich bei Dir ſein kans leichviel ob im Kerker oder in Paläſten, dann werde ich beglückt ſein. Die ſtarke Liebe, die uns vereint, wird uns ten, und wenn einſt unſere Gefangenſchaft be⸗ auch dann aufrecht erhal zurück! Wenn endet iſt, kehren wir froh und beglückt in unſer Vaterland es aber an verzgerten nüchte, we oh, dann nich nit ſind todt, ewig ſelig. kommen iſ muß, auc Sarg ſch nit ihnen mit ſeiner lnteredun lich gegen geiſtet vor redung do bot ſich 1 zun Bewe Gemahlin nen Zahlu genden Bl imnr nil und ihn j möglich. dung des in gar ki nit allen unter alle Julz abzu Paris gef lngt ju mhlin ſe von Stein nn im Leben n Geheimniß einem Ent⸗ n alle meine Steins Plan, tten bewegen hlungsfriſten en nicht aus en will, weil htige Einzah⸗ ch ein letzes iſer mich als ſo longe in ach Cahenne, z laſſen und meinen Vor⸗ nen Verpflich⸗ nBruder daf man ihn n Entſchluß? l mich ſelber Haupt ihre n als Geißeln da vil auch n Opfer für 8 er ln an⸗ Venn zliſen, dann at, wird uns 1, ngenſchaft be⸗ nrück! Wen 477 es aber anders kommt, wenn Umſtände einträten, welche die Zahlungen verzögerten, und des Kaiſers Zorn ſich auf Dich, ſeine Geißel, wenden möchte, wenn er dann in ſeinem Zorn anders mit Dir verfahren wollte, oh, dann wird es auch noch Wege zu ſeinem Herzen geben, daß er mich mit Dir ſterben läßt! Wir ſtehen ja Beide allein, unſere Kinder ſind todt, wir dürfen ſo handeln. Oh, Wilhelm, dann wären wir auf ewig ſelig.*) Gehe alſo, mein Geliebter, und wenn die Stunde ge⸗ kommen iſt, rufe mich zu Dir. Wir wollen leben, und wenn es ſein muß, auch ſterben für das Vaterland. Mögen ſie dann auf unſern Sarg ſchreiben:„Sie haben ihre Pflicht gethan. Das Vaterland iſt mit ihnen zufrieden.“**) *) Der Prinzeſſin eigene Worte. Siehe: Pertz, Leben des Freiherrn von Stein. Th. II. S. 95. **) Der Prinz Wilhelm führte dieſen Entſchluß, den er im tiefſten Geheimniß mit ſeiner Gemahlin gefaßt hatte, wirklich aus. Er fand gleich in ſeiner erſten Unterredung mit Napoleon dieſen ſehr mißgeſtimmt gegen Preußen, und nament⸗ lich gegen König Friedrich Wilhelm. Hingeriſſen von dem Moment und be⸗ geiſtert von ſeiner eigenen Opferfreudigkeit, that der Prinz gleich in dieſer Unter⸗ redung den Schritt, den er ſich als letztes Mittel hatte vorbehalten wollen. Er bot ſich und ſeine Gemahlin dem Kaiſer als Bürgſchaft und Geißel an, und zum Beweis, wie feſt er auf den König rechnen könne, bat der Prinz, mit ſeiner Gemahlin in franzöſiſcher Gefangenſchaft bleiben zu dürfen, bis die verſproche⸗ nen Zahlungen geleiſtet würden. Napoleon hörte ihm mit feſten, durchdrin⸗ genden Blicken zu, und während der Prinz ſprach, ward des Kaiſers Antlitz immer milder und weicher. Er trat, als der Prinz geendet, dicht zu ihm heran, und ihn innig umarmend, rief er lebhaft:„Das iſt ſehr edel, aber es iſt un⸗ möglich. Nie würde ich ein ſolches Opfer annehmen, nie! Nie!“— Die Sen⸗ dung des Prinzen mißlang überhaupt vollkommen. Napoleon ſelbſt wollte ſich in gar keine perſönlichen Verhandlungen einlaſſen, ſondern verwies den Prinzen mit allem Geſchäftlichen an ſeinen Miniſter Champagny; dieſer aber wußte unter allerlei Vorwänden die Verhandlungen in die Länge zu ziehen und endlich ganz abzubrechen. Der Prinz ward durch dieſe Verhandlungen längere Zeit in Paris gefeſſelt und kehrte erſt nach Monaten, ohne den erwünſchten Erfolg er⸗ langt zu haben, nach Königsberg, wohin die königliche Familie und ſeine Ge⸗ mahlin ſeitdem überſiedelt war, zurück. Siehe: Pertz, Leben des Freiherrn von Stein. Th. II. S. 94 folg. W. Der Genius Preußens. Die Königin war allein in ihrem Zimmer. Sie ſaß auf dem Divan, und vor ihr auf dem Tiſch lag ein Kleid von ſchwerem, mit bunten Blumen durchwirkten Seidenſtoff ausgebreitet. Die Königin wandte prüfend und forſchend den Rock nach allen Seiten hin und ſchien an demſelben nach Etwas zu ſuchen. Richtig, da iſt es! rief ſie auf einmal. Jetzt raſch an die Arbeit! Sie eilte nach ihrem Nähtiſch, der im Fenſter ſtand, und auf dem eine künſtliche Seidenſtickerei, an welcher die Königin eben gearbeitet hatte, ausgebreitet lag. Unter den ſeidenen Fäden, die zu der Stickerei gehörten, wählte ſie einen aus, der genau der Farbe des Kleides, das auf dem Tiſch lag, entſprach, und fädelte ihn haſtig in die Nadel ein. So, und nun raſch an's Werk, ehe Jemand kommt, flüſterte die Königin, wieder zu dem Divan hineilend. Sie ſetzte ſich, und nach dem Kleide faſſend, ſteckte ſie ihre Nadel in daſſelbe und begann haſtig zu nähen. So vertieft war ſie in ihre Arbeit, daß ſie gar nicht darauf ge⸗ achtet hatte, wie ſich leiſe die nur angelehnte Thür da drüben geöffnet hatte und der König eingetreten war. Einen Moment blieb er an der Thür ſtehen und ſchaute hinüber zu der Königin, die, über ihre Arbeit geneigt, ihn noch immer nicht bemerkte. Dann eilte er raſch zu ihr hin, und mit faſt zürnender Miene fragte er: Louiſe, was machſt Du da? Die Königin ſtieß einen leiſen Schrei aus und eine dunkle Röthe übergoß einen Moment ihre Wangen. Mit einer haſtigen Bewegung leide zur Seite ſchiebend, erhob ſie ſich raſch von ihren Gemahl mit inniger Umarmung zu begrüßen. Sei mir gegrüßt, Du Geliebter, ſagte ſie, ſich zärtlich an ihn ſchmiegend, Du wußteſt wohl, daß es kalt und einſam iſt in meinem Zimmer, und Du kommſt, mir etwas Sonnenſchein zu bringen und mein Herz zu erwärmen mit Deinem Liebesgruß. Ich danke Dir, mein den Tiſch mit dem K dem Divan und eilte, Fricdrich, mir jeden mit dem men ſieht Sie ihrer zart ſein Ang Aber Angen, zu wuher dem Klei Haſt Po ethebend ſchauend. Auf die Kön ob ich! Gemahl Schlag eben jetz ſſein g auf den zum M einen( Spajie heute ſhuhe D ſeinet und hen nicdeth D ſaß auf den chweren, mit Die Königin iten hin und an die Arbeit! und auf dem ben gearbeitet n der Stickerei Kleides, das die Nadel ein. t, flüſterte die ſch, ud nh begann haſtig icht darauf ge⸗ rüben geffnet lieb er an der ber ihre Arbeit aſch zu iht hin, machſt Du da ie dunkle Röthe igen Bewegung e ſich raſch begrüßen⸗ 479 Friedrich, und ich heiße Dich willkommen. Es iſt mir, als wärſt Du mir jeden Tag neu geſchenkt, und ich begrüße Dich jeden Morgen mit dem Herzklopfen einer Braut, die den Heißerſehnten endlich kom⸗ men ſieht! Sie lehnte ihr ſchönes Haupt an ſeine Schulter und fuhr mit ihrer zarten, weißen Hand leiſe und ſchmeichelnd über ſein Haar und ſein Angeſicht hin. Aber der König erwiederte ihre Liebkoſungen nicht, und ſeine Augen, die ſonſt immer ſo zärtlich auf dem Antlitz ſeiner Gemahlin zu ruhen pflegten, waren jetzt unverwandt nach dem Tiſch und nach dem Kleide hingerichtet. Haſt mir noch nicht geantwortet, Louiſe! rief der König haſtig. Worauf geantwortet? fragte ſie, ihr Haupt von ſeinen Schultern erhebend und ihn mit dem Anſchein vollkommener Unbefangenheit an⸗ ſchauend. Weißt es, ſagte der König, auf meine Frage! „Auf Deine Frage? Und was haſt Du mich denn gefragt? rief die Königin ſchmeichelnd. Haſt mich gefragt, ob ich Dich liebe und ob ich heute Morgen ſchon Dein gedacht? Ja, mein Herr und mein Gemahl, Du biſt der Inhalt aller meiner Gedanken, und mit jedem Schlag meines Herzens gedenk' ich Dein. Und weißt Du, was ich mir eben jetzt ausgedacht habe und was ich Dir jetzt vorſchlagen will? Es iſt ein gar ſchöner heller Wintertag heute, die Sonne glitzert ſo köſtlich auf dem funkelnden Schnee. Wir haben noch eine halbe Stunde bis zum Mittagseſſen. Laß uns dieſelbe benutzen und ganz allein Beide einen Spaziergang machen. Und ich weiß auch ein Ziel für unſern Spaziergang! Wir gehen hin, unſere beiden Prinzen abzuholen, die heute mit ihrem Gouverneur auf das Eis gegangen ſind, um Schlitt⸗ ſchuhe zu laufen. Sag', mein Friedrich, wollen wir das? Der König ſchüttelte heftig ſein Haupt und eine Wolke ſtand auf ſeiner Stirn. Willſt mich nur ablenken von meiner Frage, ſagte er, und beweiſt dadurch, daß Du ſie gehört haſt. Will ſie aber noch einmal wiederholen: Was machteſt Du da an dem Kleide, als ich eintrat? Die Königin blickte verlegen vor ſich hin und ihr Antlitz nahm 480 einen ſchmerzlichen Ausdruck an. Du willſt mir alſo die Antwort nicht erlaſſen, mein Gemahl? fragte ſie traurig. Ich hoffte, Du würdeſt großmüthig mein Zögern bemerken und von der Beantwortung Deiner Frage abſtehen. Muß Alles wiſſen, was Dir geſchieht, Louiſe, ſ traurig. Muß den ganzen Umfang unſeres Unglücks und unſerer Er⸗ niedrigung kennen und keine Illuſionen haben. Antworte mir alſo, was machteſt Du mit dem Kleide? Nun denn, mein Gemahl, ich will es Dir ſagen, rief die Königin entſchloſſen. Ich liebe das kleid, nicht um deswillen, weil es von ſehr ſchönem und koſtbarem Stoff iſt, ſondern weil Du ſelber es mir aus⸗ gewählt haſt. Du weißt, daß wir morgen, am Geburtstage des Kron⸗ prinzen, eine Geſellſchaft eingeladen haben, und ich wünſchte dies Kleid anzuziehen. Nun aber wußte ich, was Niemand wußte, daß ich näm⸗ lich, als ich dies Kleid zum letzten Mal trug, mir im Vorüberſtreifen an einem Nagel in der Wand des Corridors ein Loch geriſſen. Hätte ich das meiner Kammerfrau geſagt, ſo wäre es um mein ſchönes Kleid, das Du mir ausgewählt, geſchehen geweſen und ich hätte es nicht mehr tragen dürfen, denn wie ich glaube, verbietet die Etiquette, daß Kö⸗ niginnen bei feſtlichen Gelegenheiten geflickte und geſtopfte Kleider tragen. Ich wollte aber mein prächtiges Kleid mir erretten und hatte So habe ich denn ganz agte der König mich darauf capricirt, es morgen anzuziehen. heimlich, während meine Hofdame ſpazieren gefahren und meine Kam⸗ merfrau dinirt, mir das Kleid aus der Garderobe genommen, um ganz verſtohlen das kleine Loch zu verſtopfen. Ich war eben damit fertig, als Du eintrateſt, und wärſt Du einige Minuten ſpäter gekommen, ſo war das unſelige Kleid verſchwunden und kein Menſch auf der Welt hätte morgen geahnt, daß meine Pracht und Herrlichkeit einen kleinen Fehler habe. Nun weißt Du mein Geheimniß und ich bitte Dich, be⸗ wahr' es wohl und laß uns nicht mehr davon reden. Aber nun ant⸗ worte auch Du mir! Wollen wir einen Spaziergang machen? Aber der König antwortete nicht. Er nahm den ſchönen Kopf der Königin zwiſchen ſeine beiden Hände, und ihr Antlitz zu ſich erhebend, ſchaute er ſie mit einem langen Blick voll Zärtlichkeit und Wehmuth an. Du dar alle unſe ſparen ſu Dat Königin ericti und näh wied er von He Rendzeit ausbeſſe lehn, u — 6 kanmer Phr Untwort nicht Du würdeſt tung Deiner te der König unſeret Er⸗ ir alſo, was die Kirigin es von ſchr es mir aus⸗ ge des Kron⸗ hte dies Kleid daß ich nim⸗ vrüberſtreifen riſſen. Hätte ſchönes Kbid, es vicht mehr te, daß K⸗ zopfte Kleider und hatte ch denn gan meine Kam⸗ nen, un guz damit fertig, lomnen ſo aif der Vel einen! leinen tite dic, b ber m ant nuchen önen Kopf de ſich echebend Bent 481 Du haſt es gethan, Louiſe, weil Du die Ausgabe ſcheuteſt und Dir kein neues Kleid kaufen wollteſt, ſagte er traurig. Oh, verneine es nicht, ſuche nicht mich zu täuſchen. Ich weiß, daß es ſo iſt. Und wenn es wäre? fragte die Königin milde, ihr Haupt leiſe von ſeinen Händen frei machend und ſich höher emporrichtend. Willſt Du darum traurig ſein, weil ich in dieſen trüben Zeiten thue, was alle unſere Unterthanen auch thun müſſen, weil ich ein wenig zu ſparen ſuche? Dahin iſt es alſo gekommen! rief der König ſchmerzvoll. Die Königin von Preußen, meine Gemahlin, muß entbehren und darben, ſie muß ſich ſo weit erniedrigen, ſelber ihr Kleid auszubeſſern und zu flicken. Oh, oh, es iſt immer noch nicht genug der Schmach und der Demüthigung! Und weshalb ſprichſt Du von Schmach? rief die Königin, ihre beiden Hände auf die Schultern ihres Gemahls legend und ihn zärtlich anblickend. Weshalb ſagſt Du, ich habe mich erniedrigt, indem ich mein Kleid ausbeſſerte? Ich bin doch nur dem Beiſpiel Deines großen Ahnherrn Friedrichs des Zweiten gefolgt. Hat nicht der große König auch ſeine Sachen geflickt und gebeſſert? Hat er nicht mit eigener hoher Hand die lederne Degenſcheide, die er zu tragen gewohnt war, mit Siegellack zuſammengeflickt, um ſich keine neue kaufen zu dürfen?*) Nun, ich denke, was der große Friedrich that, das wird auch wohl der kleinen Louiſe erlaubt ſein, und ich habe nicht nöthig, mich deshalb erniedrigt zu fühlen. Im Gegentheil, mein Gemahl, wie ich da ſaß und nähete, war mein Herz froh, denn die Erinnerungen meiner Ju⸗ gend und Kindheit wurden wieder lebendig in mir und ich ſah mich wieder an der Seite meiner ehrwürdigen Großmutter, der Landgräfin von Heſſen⸗Darmſtadt, und ich erinnerte mich wieder der ſchönen Ju⸗ gendzeit, die ich mit ihr in Hannover verlebte. Daß ich ein Kleid ausbeſſern und ſtopfen kann, das hat mich meine gute Großmutter ge⸗ lehrt, und oft genug habe ich damals von dieſer Wiſſenſchaft Gebrauch *) Dieſe Degenſcheide befindet ſich noch jetzt auf der königlichen Kunſt⸗ kammer in Berlin. Mühlbach, Napoleon. II. Bd 31 482 gemacht. Denn Du haſt Dir die Tochter eines armen Fürſten, der damals noch kein regierender Herr, ſondern ein apanagirter Prinz war, zur Frau genommen, und die Königin von Preußen ſchämt ſich nicht, es einzugeſtehen, daß ſie als Prinzeſſin von Mecklenburg nicht blos zuweilen ihre Kleider ausgebeſſert, ſondern auch mit eigenen hohen Händen ſich ihre ſeidenen Schuhe überzogen hat. Es iſt kein Scherz, mein Herr und König, ich habe mir wirklich oft meine Atlasſchuhe überzogen,*) und ich geſtehe Dir, ich habe mich niemals dadurch ernie⸗ drigt gefühlt, und nie habe ich es für eine Schmach gehalten, daß ich zuweilen auch gethan, was Tauſende der tugendhafteſten und liebens⸗ würdigſten Mädchen und Frauen mit frohem Muthe immer thun. Da⸗ mals, mein Geliebter, als ich mir meine Schuhe nähete, damals war ich arm, denn ich kannte Dich noch nicht, jetzt aber, obwohl ich mir mein Kleid genäht, jetzt bin ich reich, denn ich habe Dich, ich habe meine Kinder, ich bin das Weib eines Mannes, der leidet und entbehrt, weil er die Ehre höher gehalten, als allen Glanz und alle Erdenhoheit, der lieber untergehen, als die beſchworene Treue brechen und ſein Haupt beugen wollte unter das Joch des Tyrannen. Oh, mein Gemahl, wenn ich Dich anſchaue, ſo freut ſich meine Seele, und ich danke Gott, daß ich Dich lieben und Dir angehören darf, und ich fühle mich mächtig, reich und glücklich, denn ich habe Dich! Sie legte ihre ſchönen Arme mit einer leidenſchaftlichen Innigkeit um den Nacken des Königs, der ſie feſt an ſeinen Buſen drückte. Habe Dank, Louiſe, für Deine Liebe und Deine Freudigkeit, ſagte er tief bewegt. Deine Augen ſind die einzigen Sterne meines Lebens, und Deine Stimme iſt die einzige Muſik, die meine Schmerzen in Schlum⸗ mer wiegen kann. Deshalb kam ich auch jetzt zu Dir. Ich wollte mir bei Dir ein wenig Troſt und Aufheiterung ſuchen, ich wollte Dich Theil haben laſſen an meinen Kümmerniſſen, denn wenn Du ſie mir tragen hilfſt, erſcheint mir die Laſt immer leichter. Ich habe ſo eben zwei Briefe erhalten, die meinem Herzen wehe gethan, und deshalb tam ich, um ſie Dir mitzutheilen. *)„Königin Louiſe.“ Ein Denkmal. S. Es iſt il Nei iſt vielw und bit fan. Die ihn raſc wie zür druck zu eichgü und Th in ihrer eine gli Ei Zulunft eines gerecht fordert ſo eben ihr fün ſe mög Lrophe Fürſten, der er Prinz war, int ſich nicht, rg nicht blos igenen hohen kein Scherz, Atlasſchuhe adurch ernie⸗ Uten, daß ich und liebens⸗ Oa⸗ er thun. „damals war bwohl ich mir ich, ich habe und entbehrt, Erdenhoheit, nd ſein Haupt Hemahl, wenn nle Gott, daß nich michtg, en Rnigkeit drückte. Habe ſagte er tief bens, und en in Schlum⸗ 3 ch wollte mir ch wollte Dich mn Du ſe mir be ſo eben und deshalb 483 Und ich danke Dir, mein Gemahl, daß Du es thateſt, rief die Königin. Komm, laß uns hier zuſammen auf dem Divan nieder⸗ ſitzen, und nun theile mir Deine Briefe mit. Von wem ſind ſie? Woher kommen ſie? Der eine iſt aus Königsberg von unſerer Tochter Charlotte. Von Charlotte? rief die Königin zuſammenſchreckend und erbleichend. Es iſt ihr doch kein Unglück widerfahren? Sie iſt nicht krank? Nein, ſie iſt geſund und es iſt ihr nichts Uebles geſchehen. Sie iſt vielmehr heiter und wohlauf und denkt wie alle Mädchen, und möchte ſich gern putzen, wie es ihrer Jugend geziemt. Sie ſchreibt an mich und bittet, ihr Geld zu ſenden, damit ſie ihre Wintergarderobe erneuern kann. Lies ſelbſt, hier iſt der Brief. Die Königin griff haſtig nach dem dargereichten Brief und überlas ihn raſch. Oh, das liebe, gute Kind, rief ſie mit leuchtenden Augen, wie zärtlich ſie uns liebt, wie innig und hübſch ſie ihrem Gefühl Aus⸗ druck zu geben verſteht. Und doch erſcheint ſie äußerlich oft kalt und gleichgültig. Es geht ihr wie ihrem edlen und geliebten Vater, ſie trägt ihr Herz nicht auf der Zunge, aber ſie trägt es warm in ihrer Bruſt. Scheinbar gleichgültig geht ſie einher und hat doch ſo viel Liebe und Theilnahme in ſich. Daher kommt es, daß ſie etwas Vornehmes in ihrem Weſen hat. Erhält ſie Gott am Leben, ſo ahne ich für ſie eine glänzende Zukunft.*) Eine glänzende Zukunft! wiederholte der König. Eine glänzende Zukunft für meine Tochter, für die Tochter eines Königs ohne Land, eines Mannes, der ſo arm iſt, daß er nicht einmal im Stande iſt, die gerechten und beſcheidenen Wünſche ſeiner Tochter zu befriedigen. Sie fordert Geld du ihrer Wintergarderobe. Nun weißt Du, was ich ihr ſo eben geſchrieben, wie ich ihren Wünſchen genügt habe? Ich habe ihr fünf Thaler geſandt und ihr dabei den erbärmlichen Troſt gegeben, ſie möge damit vorlieb nehmen, ich könne nicht mehr entbehren.**) *) Der Königin eigene Worte. Siehe: Königin Louiſe. S. 302. Dieſe Prophezeihung der Königin ſollte ſich glänzend erfüllen, denn die Prinzeſſin Charlotte ward bekanntlich Kaiſerin von Rußland. **) Die eigenen Worte des Königs. Siehe: Königin Louiſe. S. 84. 31* 484 Nun, ſagte die Königin mit einem ſanften Lächeln, für fünf Thaler kann ſie jedenfalls ein warmes Winterkleid haben, und mit der Zeit werden ſich unſere Kaſſen ſchon wieder füllen. Woher ſollen ſie ſich füllen? rief der König heftig. Alle unſere Mittel ſind erſchöpft, alle Kaſſen ſind leer, und auch Deine Großmuth wird keine neuen Hülfsqu mehr ſchaffen können. In großmäthiger Hingabe hat meine edle Königin ihre Brillanten aufgeopfert, um An⸗ deren dadurch e und Freude zu ſchaffen, um auch ihren Beitrag niederzulegen auf dem Altar des Vaterlandes. An ſich hat ſie dabei nicht gedacht, für ſich hat ſie nicht geſorgt. Doch, ſagte die Königin lächelnd, ich habe auch an mich gedacht. Ich habe mir fünftauſend Thaler von dem Erlös meiner Brillanten zurückbehalten, und damit ſind alle unſere ausſtehenden Rechnungen, alle unſere Schulden für den Haushalt, den Marſtall und die Diener⸗ ſchaft bezahlt. Aber Du wollteſt mir zwei Briefe mittheilen, mein ge⸗ liebter Freund. Was iſt's mit dem zweiten Brief? Der zweite iſt ein Abſchiedsbr brief, ſagte der König traurig. Ein letztes Lebewohl von meinen treuen Unterthanen in der Grafſchaft Mark, die ich, ach, mit wie ſchwerem Herzen, aus ihrem Unterthaneneid und ihrer Treue entlaſſen, indem ich ihnen geboten habe, einem andern Herrn zu dienen und dem neuen König von Weſtphalen als treue Un⸗ terthanen zu gehorchen. Ich habe geweint, Louiſe, als ich jenes an ſie richtete, und ich ſchäme mich nicht, es zu ſagen, ich habe auch geweint, als ich jetzt ihre Antwort las. Da, hier iſt der Brief meiner Markaner. Lies ihn, aber lies ihn laut. Es thut meinem Herzen wohl, rührenden Worte noch einmal zu vernehmen. Schreiben von Deinem Munde dieſe Die Königin entfaltete das große, mit amtlichen Siegeln verſehene Schreiben, und mit zitternder, tief bewegter Stimme las ſie: „Das Herz wollte uns brechen, als wir Deinen Abſchied laſen, Du guter König. Wir können es noch immer nicht glauben, daß wir, die Dich allzeit ſo treulich liebten, aufhören ſollen, Dein zu ſein. So wahr wir leben, es war nicht Deine Schuld und i nicht die unſere, daß nach der Niederlage von Jena Deine Generäle und Miniſter viel zu betäubt und verwirrt waren, um die zerſtreuten Schaaren zu uns herzubri Gott gl gewagt, Blut de und Vit Brden gen, da Vaterla bis auf Schickſ Du m Deiner niſter. für u verklir und ſe Abſchie A zu ver beklag Abhü Mein Villi Rben inf Thaler it der Zeit Alle unſere e Großmuth roßmüthiger rt, um An⸗ auch ihren ſich hat ſie mich gedacht. r Brillanten Rechnungen, die Diener⸗ en, mein ge⸗ taurig. Ein Graſſchaft interthaneneid inem andern treue Un⸗ Schreiben ch habe auch Brief meiner Heren wohl u vernehmen⸗ n verſehene ſtied ken, wir, — So ten, duß zuſ ein. die unſere, er viel zu un Miiſt haaren 185 herzubringen und ſie vereinigt mit dem ganzen Volk in einen, will's Gott, glücklicheren Kampf zu führen. Leib und Leben hätten wir daran gewagt, denn Du mußt nicht zweifeln, daß in unfern Adern noch das Blut der alten Cherusker rolle, daß wir noch ſtolz ſind, Herrmann und Wittekind unſere Landsleute zu nennen, und zu wiſſen: auf unſerem Boden ſei das Siegesfeld, wo unſere Voreltern ihre Feinde alſo ſchlu— gen, daß ſie darüber das Aufſtehen vergaßen! Sicher hätten wir das Vaterland errettet, denn wir haben Mark in den Knochen und ſind, bis auf Weiber und Knechte herab, unverdorben.— Dem Willen des Schickſals kann aber Niemand entrinnen.— Oh, ſo lebe denn wohl, Du unſer Vater und unſer König! Gott ſende Dir zu dem Ueberreſt Deiner Länder und Deines Lebens treuere Generäle und weiſere Mi— niſter. Allwiſſend, wie Gott, biſt Du nicht, darum mußteſt Du ihnen wohl zuweilen folgen.— Leider müſſen auch wir geſchehen laſſen, was nimmer zu ändern iſt. Gott uns bei! Wir hoffen, der neue Herr werde auch unſer Landesvater ſein und Sprache und Sitten, Glauben und Bürgerſtand ebenſo achten und ehren, wie Du, guter, lieber König, es gethan haſt! Gott ſchenke Dir Geſundheit, Freude und Frieden!“*) Und Du nennſt uns arm und niedergedrückt, wenn ſolche Herzen für uns ſchlagen, rief die Königin mit leuchtenden Augen und froh verklärtem Angeſicht. Nein, reich ſind wir, denn unſer Volk liebt uns, und ſelbſt indem es von Dir ſcheiden muß, ruft es Dir noch den letzten Abſchiedsgruß der Liebe zu! Aber ich muß dieſe Liebe von mir weiſen, habe keine Mittel, ihnen zu vergelten, rief der König ſchmerzlich. Oh, Louiſe, ich bin ein armer, beklagenswerther Mann, mein Herz iſt verzagt in meiner Bruſt, und ſelbſt Deine Troſtesworte vermögen es nicht mehr aufzurichten. Wo⸗ hin ich auch blicke, was ich auch verſuchen möchte, nirgend ſehe ich Abhülfe, nirgend einen Hoffnungsſchimmer, daß es beſſer werden könnte. Mein Land, vom Feinde überſchwemmt, meine Unterthanen, der rohen Willkür und barbariſchen Geldgier franzöſiſcher Blutſauger dahin ge⸗ geben, die ſich meines Landes Herren dünken, ſchreien vergeblich zu e Hormayr, Allgemeine Geſchichte der neueſten Zeit. Th. III. S. 101. — *) Sie 486 Gott und ihrem König um Hülfe und Beiſtand empor. Ihr Muth iſt erſchöpft, ihre Kräfte ſind ausgeſogen, der Handel liegt darnieder, die Gewerbe ſind ohne Nahrung; der Landmann hat kein Korn, ſeinen Acker zu beſtellen, und auch keinen Muth, es zu thun, denn er weiß doch, daß die franzöſiſchen K horden ihm vie Frucht ſeiner Arbeit wieder entreißen werden. er Soldat geht mürriſch und geſenkten Hauptes einher und wagt es ſeine Uniform zu tragen, denn ſie erinnert ihn an die unglücklichen Tage von Jena und Auerſtedt, an die ſchmachvolle Capitulation von Prenzlau, an die treuloſe ſo vieler Feſtungen, und er möchte, wie auch ich, auf dem Felde vo Jena begraben ſein, um nicht dieſe Tage der Demüthigung mit offenen Augen zu ſchauen. Ueberall Noth, Jammer und S und ich kann nicht helfen und nicht beſſern. Hab' keine Mittel, dieſe franzöſiſche Invaſion zu vertreiben. Muß es dulden, daß die S mein Land noch immer überſchwemmen, obwoh hl im Friedenstractat von Tilſit aus⸗ drücklich feſtgeſetzt iſt, daß die franzöſiſche Armee in zwei Monaten die preußiſchen Lande räumen ſollte. Muß es auch dulden, daß mir der Kaiſer Napoleon wider alle Verträge und alles Recht jetzt nachträglich noch Neuſchleſien fortnimmt und es dem Königreich Warſchau einver⸗ leibt, daß er die zwei Lieues, die das neue Gebiet Danzigs umfaſſen ſollte, in zwei Meilen und mir, ohne daß ich nur darum gefragt werde, nimmt, was mein iſt.*)— Aber ich bin entſchloſſer dieſe Qualen und Demüthigungen nicht länger zu ertragen und meinem Volke das letzte Opfer zu bringen, das mir zu thun noch übrig bleibt. Was willſt Du thun, mein Gemahl? rief die Königin, mit einer angſtvollen Bewegung ihre Hand auf den Arm ihres Gemahls legend. Was iſt das für ein Opfer, von dem Du ſprichſt? Ich will meinem Volk mich ſelber opfern, ſagte der König düſter, denn ich allein bin es, der meinem Volk Unglück bringt. Ein finſteres Verhängniß waltet über mir und verfolgt mich von früheſter Jugend an. Nun Ein Stern iſt mir an meinem düſteren Himmel aufgegangen, dieſer Stern, Louiſe, das biſt Du! Aber der wird mir auch nicht Deutſche Geſchichte. Th. III. S. 164. eri ſcen, ſttation wdem i zůrtlich benden mit mir an mich meiner! Ni ſamme villürl thun w es den Förig konnte auf de gt darnieder, Korn, ſeinen eun er weiß ſeiner Arbeit nd geſenkten en, denn ſie uerſtedt, an ſe Uebe m Felde von gmit offenen . und ich kann e ftanziſiſche en mein Lund n Tilſit aus⸗ Monaten die daß mir der nachträglich rſchau einver⸗ zigs 1 umfaſſen ch mr datum nentſchloſſen, d meinem übrig bleibt. in, mit einer mahls legend. Ein fiſteres heſer Jugend zufg gegangen, nir auch nicht 487 erlöſchen, wenn ich das jetzt ausführe, wozu ich entſchloſſen bin, der wird mit mir ziehen in die Einſamkeit und Stille und wird als ein⸗ ziges helles und köſtliches Licht die Nacht meines Unglücks durchleuchten. Ein nnerbittliches Schickſal verfolgt mich ſeit meiner Kindheit, ich habe eine düſtere, elende Jugend gehabt, ich habe als Kronprinz den uner⸗ meßlichen Schmerz gehabt, das Herz meines Vaters nicht zu beſitzen und ſein Thun nicht billigen zu können; ich habe das Mißgeſchick ge⸗ habt, den erſten Tag meiner Regierung gleich mit einer lauten Demon⸗ ſtration gegen das Leben meines Vaters und Königs zu beginnen, indem ich die Frau verhaften ließ, welche der König ſo lange und ſo zärtlich geliebt und der die letzten Gedanken und Wünſche des Ster⸗ benden gehörten.*) Vielleicht iſt es ſein Geiſt, der mir zürnt und der jetzt all' dies Unheil über mich verhängt! Aber mein Volk ſoll nicht mit mir leiden, ich will es erlöſen von den unheilsvollen Ketten, die es an mich binden, und um mein Schickſal zu verſöhnen, will ich freiwillig meiner Krone entſagen und in Dunkelheit und Vergeſſen zurücktreten.**) Nie, nie, mein Gemahl, darfſt Du das thun! rief die Königin in flammender Erregung. Nie darf mein edler und tapferer König ſich freiwillig auch in ſeinem Geiſt für überwunden und beſiegt erklären. Es wäre die Schuld eines Selbſtmordes, den die Majeſtät auf ſich lüde. Denn die Majeſtät iſt, wie das Leben, ein Geſchenk Gottes, und man darf ſie nicht willkürlich von ſich abſtreifen, wie man nicht willkürlich ſein Leben enden darf. Und am allerwenigſten darf man es thun wollen in Zeiten der Noth und der Gefahr, denn alsdann würde es den Anſchein von Feigheit gewinnen, die doch meinem Herrn und König ja ganz fremd iſt. Carl der Fünfte und Chriſtian von Schweden konnten wohl der Krone entſagen, denn als ſie es thaten, ſtanden ſie auf dem Gipfelpunkt ihrer Macht, und dennoch haben ſie es ihr ganzes Leben bereut, und dennoch ſind ſie immer einhergegangen mit geſenkten Augen und Schamröthe auf den Wangen, denn ſie fühlten, daß alle Völker ſie anſchaueten, daß ſie mit Fingern auf ſie wieſen und höhnend ) Die i Lichtenau. **) Pertz: Leben Steins. II. S. 7. 488 riefen:„Seht da den treuloſen Diener Gottes, den Selbſtmörder ſeiner eigenen Herrlichkeit. Seht da das Kainszeichen auf dieſer geſalbten Stirn. Die Krone heiligt nicht blos die Stirn Deſſen, der ſie trägt, ſondern ſie zeichnet ſie auch! Und dieſer Feigling hat ſeine Krone ab⸗ geworfen! Seine Stirn iſt nicht mehr geheiligt, ſondern ſie iſt ge⸗ zeichnet.“ Oh, mein Geliebter, niemals darf es den Völkern erlaubt ſein, ſo auch von Dir zu ſprechen, nie dürfen die Bücher der Geſchichte von Dir berichten, daß Du Dein Volk verließeſt, als es in Unglück und Noth war, daß Du, um für Dich ſelber Ruhe, Frieden und Sicherheit zu gewinnen, Dein Volk aufgegeben, Deine Krone von Dir geworfen hätteſt, daß Du inmitten des Kampfes von dem Schlachtfeld geflohen und Dich in einem Verſteck verborgen hätteſt. Es iſt wahr, das Schickſal ſucht uns heim und das Unglück hängt mit ſchweren Wolken über uns. Aber da ziemt es dem Tapfern, mit unverzagtem Muth zu kämpfen gegen das Schickſal, ihm mit reiner, kühner Stirn entgegen zu treten, zu den Wolken aufzudräuen und zu rufen:„Ich fürchte Eure Donner nicht, ſie werden verhallen und die Sonne wird wieder ſcheinen!“ Ach, wenn ich Deine und Freudigkeit haben könnte! ſagte der König tief aufſeufzend. Aber ich bin hoffnungslos, das Un⸗ glück hat nicht meinen Muth, rwohl meinen Glauben an eine beſſere Zukunft zerſchmettert. Und dennoch war auch dies Unglück nothwendig, damit wir einſt wieder zum rechten Glück kommen können, rief Louiſe freudig. Oh, es wird mir immer klarer, daß Alles ſo kommen mußte, wie es iſt. Die göttliche Vorſehung leitet unverkennbar neue Weltzuſtände ein, und es ſoll eine andere Ordnung der Dinge werden, da die alte ſich überlebt hat und in ſich als abgeſtorben zuſammenſtürzt. Wir waren eingeſchlafen 3 den Lorbeern Friedrichs des Großen, der, als Herr ſeines Jahrhunderts, eine neue Zeit ſchuf. Wir waren mit der⸗ ſelben nicht fortgeſchritten, deshalb überflügelt ſie uns.*) Vieles muß auch bei uns anders werden, das habe auch ich wohl He der Der Königin eigene Worte. Siehe:„Königin Louiſe.“ S. 298. mir, All theil unt ihn. Au und die wenn ſ franzöſi ju ſager um das din gen Hand G loren ſe an Got tder ſeiner geſalbten det ſi trägt, le Krone ab⸗ n ſie iſt ge⸗ kkern erlaubt er Geſchichte s in Unglück 1 mit ſchweren unverzagtem 8, das ln⸗ it wir einſt Oh, es s gekommen tzuſtände ein, die alte ſich — erkannt, ſagte der König gedankenvoll. Das Heer muß neu organiſirt und mit unerſchütterlicher Strenge müſſen Diejenigen gerichtet werden, welche ſich feig und unentſchloſſen zeigen in der Stunde der Gefahr. Ach, aber alles dieſes wird doch vergeblich ſein, denn Alles mißlingt mir, Alles, was ich auch beginnen mag, wendet ſich zu meinem Nach⸗ theil und zum Vortheil meines Feindes. Es iſt wahr, ſagte die Königin ſeufzend, das Glück begünſtigt ihn. Auch das Beſte und Ueberlegteſte mißlingt uns; wenn die Ruſſen und die Preußen tapfer wie die Löwen gefochten hätten, ſo mußten ſie, wenn ſie auch nicht beſiegt waren, doch das Feld räumen und der franzöſiſche Kaiſer blieb im Vortheil. Aber es wäre doch Läſterung, zu ſagen, Gott ſei mit ihm, er iſt nur ein Werkzeug in der Hand Gottes, um das Alte, welches kein Leben mehr hat, das aber mit den Außen⸗ dingen ſo feſt verwachſen iſt, zu begraben. Er iſt ein Werkzeug in der Hand Gottes, an dem wir lernen ſollen, und es wird uns nicht ver“ loren ſein, was er gethan und ausgerichtet hat.*) Oh, ich glaube feſt an Gott und an eine ſittliche Weltordnung. Aber dieſe kann ich nicht in der Herrſchaft der Gewalt ſehen, und deshalb bin ich der frohen Hoffnung, daß auf dieſe jetzige böſe Zeit eine beſſere folgen wird. Dieſe hoffen, wünſchen und erwarten alle beſſeren Menſchen, und durch die Lobredner der jetzigen Zeit und ihres großen Helden darf man ſich nicht irre machen laſſen. Alles, was geſchehen iſt und geſchieht, iſt doch nicht das Letzte und Gute, wie es werden und bleiben ſoll, ſondern es iſt nur die Bahnung des Wegs zu einem neuen, beſſern Ziel hin. Es ſoll uns nicht irren und nicht ſchrecken, mein geliebter Freund, daß dieſes Ziel noch in weiter Entfernung liegt; wir müſſen ihm dennoch immer entgegenſtreben mit Kraft, Muth und Heiterkeit. Wir müſſen durch, mit Gott für unſer Recht und unſere Ehre!**) Ja, es ſei ſo, wie Du ſagſt, wir wollen durch, mit Gott für unſer Recht und unſere Ehre! rief der König mit faſt freudiger Erregung. Gott iſt mit mir, denn er hat Dich an meine Seite geſtellt, er hat mir *) Der Königin eigene Worte. Siehe:„Königin Louiſe.“ S. 298. 9 9 9 **) Der Königin eigene Worte. Ebendaſelbſt S. 300. 490 in Dir einen Engel gegeben, der mein Herz erfriſchen und meine Seele den ſron entflammen ſoll mit dem rechten Muth, der ſich auf Gott ſtützt. Oh, Louiſe, verzeihe mir, daß ich vorher ſo verzagt und kleinmüthig ge⸗ weſen; ich gebe Dir mein Wort, von nun an will ich unverzagt und mit ſtarkem Herzen der Zukunft entgegen gehen und das Unglück ſoll mich nicht mehr beugen, ſondern es ſoll mich trotzig und ſtark machen in meinem Streben nach dem Glück. Bleibe Du nur immer bei mir, wagte, ſi grüßen z hofmeiſtet ſervirt ſe meine Louiſe, ſchaue mich immer an mit Deinen leuchtenden Augen, Und lächle mir Freudigkeit und Hoffnung in's Herz hinein, und wenn ich tereſont dennoch wieder verzagen und kleinmüthig werden will, ſo erinnere mich Eltern, an dieſe Stunde, in der ich Dir, meinem und Preußens Genius, ge⸗ freudige lobt habe, auszuharren bis an's Ende! Da Ich danke Dir, oh, mein König und mein Herr, ich danke Dir, kam im rief die Königin freudig, ihre beiden Arme mit inniger Zärtlichkeit um jn dann Gedonke den Hals des Königs ſchlingend. Was auch kommen möge, es finde uns vereint in Liebe, in Hoffnung und Gottvertrauen. Ja, es finde uns vereint, ſagte der König, einen innigen Kuß auf die Stirn ſeiner Gemahlin drückend. Auch das Unglück hat ſein Schö⸗ Du, meine Louiſe, biſt mir in dieſen Tagen des Unglücks nes, und nur noch theurer geworden. Jetzt weiß ich aus Erfahrung, welch einen J köſtlichen Schatz ich an Dir habe. Mag es draußen ſtürmen, wenn es bietend. in unſerer Ehe nur gut Wetter iſt und bleibt.*) D ¹ Es iſt mein höchſter Stolz, mein Freude und mein Glück, die der Eh 3 Liebe und Zufriedenheit des beſten Mannes zu beſitzen, ſagte die Kö⸗ Pane nigin, mit ihren leuchtenden Augen dem König tief in das bewegte vor; Antlit ſchauend; und wenn wir dann wirklich unſern Kindern kein glän⸗ gann: zendes Erbtheil hinterlaſſen ſollten, Ein Erbe laſſen wir ihnen, das iſt folgen das Vorbild unſerer Ehe, und an dem mögen ſie lernen, glücklich zu ſein in ſich Kelber, wenn auch das Glück, welches die Welt da draußen im, bietet, ihnen nicht zu Theil werden ſollte! hin, de Madame 1a Reine est servie! rief eine heitere, jugendliche Stimme un ſo hinter ihnen, und als die Königin ſich umwandte, ſah ſie ihren Sohn, *) Des Königs eigene Worte. Siehe:„Königin Louiſe.“ S. 301. meine Seele t ſtütt. Oh, inmüthig ge⸗ nverzagt und Unglück ſoll ſtark machen mer bei mir, nden Augen, und wenn ich etinnere mich Genius, ge⸗ ch danke Dir zrtlichtit um öge, es finde igen Kuß auf at ſein Schö⸗ des Unglücks g, welch einen 5 men, wenn es in Glück, die ſagte die K⸗ das bewegle dern kein glin⸗ ihnen, das ſſt n, glclic zu lt da drußen ndliche Stimme Fren Sohl ie ihren Soh 491 den Kronprinzen Friedrich Wilhelm, welcher mit friſchen, gerötheten Wangen und lachendem Antlitz ſich ihr näherte. Verzeihung, gnädigſte Eltern, daß ich ohne Erlaubniß einzutreten wagte, ſagte der Prinz, aber ich ſehnte mich ſo ſehr, Euch Beide be⸗ grüßen zu können, und deshalb übernahm ich das Geſchäft des Haus⸗ hofmeiſters, der eben die Thür öffnen wollte, um zu verkünden, daß ſervirt ſei. Und ich wette, mein Herr Sohn fand dieſe Nachricht ſehr in⸗ tereſſant und ſehnt ſich ebenſo ſehr nach dem Diner, als nach ſeinen Eltern, rief die Königin lächelnd, den Lieblingsſohn ihres Herzens mit freudigen Blicken betrachtend. Das nicht, nein, gewiß nicht, ſagte der Kronprinz lachend. Zuerſt kam immer noch der Gedanke an meine geliebten Eltern, dann aber, ja dann muß ich geſtehen, daß das Diner ein ſehr ſchätzenswerther Gedanke iſt, beſonders, wenn man mehrere Stunden auf dem Eiſe geweſen iſt. Nun, mein Gemahl? fragte die Königin heiter, wollen wir dem jungen Eßkünſtler den Willen thun? Wollen wir uns von ihm in den Speiſeſaal führen laſſen? Ja, er mag uns führen, ſagte der König, ſeiner Gemahlin den Arm bietend. Voran denn, immer voran, Herr Haushofmeiſter! Wir folgen! Der Kronprinz nahm eine ernſte, feierliche Miene an, und ſich mit der Ehrfurcht und Demuth eines Haushofmeiſters vor dem königlichen Paare verneigend, ſchritt er alsdann mit großen geſpreizten Schritten vor ihnen her, indem er mit lauter, ſchallender Stimme zu ſingen be⸗ gann:„Immer langſam voran, daß die öſterreich'ſche Landwehr nach⸗ folgen kann.“ Der König lachte ſo laut und fröhlich, wie er es lange nicht ge⸗ than, die Königin aber ſchaute mit ſtrahlenden Augen auf den Sohn hin, der dies Wunder bewirkt, und der mit ſo wundervoller Gravität und ſo komiſchem Ernſt als Majordomus vor ihnen herſchritt. MII. Ein Diner en famille. 5 Im Eßſaal fanden ſie den jüngeren Prinzen Wilhelm, der ſeinen Eltern mit freudiger Haſt entgegen eilte und den zärtlichen Willkom⸗ mensgruß ſeiner ſchönen Mutter mit glühenden Küſſen auf ihre Hand erwiederte. Niemand ſonſt war heute zu der königlichen Tafel geladen; der König liebte es, en famille zu ſpeiſen, und ſeit einigen Tagen hatte die Königin die Anordnung getroffen, daß auch die Hofdamen und Cavaliere ihre beſondere Tafel hatten, und nur dann zu der königlichen Tafel zugezogen wurden, wenn die Stimmung ihres Gemahls ihm das Anſchauen fremder Geſichter und die Unterhaltung mit Andern nicht läſtig und genirend erſcheinen ließ. Mit einem frohen Lächeln blickte der König auf die kleine Tafel hin, auf der er nur vier Couverts bemerkte, und ſeine Gemahlin zu ihrem Sitz hinführend, ſagte er mit einem Blick voll Dankbarkeit und Liebe: Haſt meine geheimſten Wünſche errathen, Louiſe! Liebe nichts ſo ſehr, als die Familientafel. Mit den Gäſten und den fremden Ge⸗ ſichtern kommt immer auch die Etiquette und macht das Diner ſteif und unbequem. Dank Dir, Louiſe! Sie nahmen ihre Plätze ein, und die beiden allein nur anweſenden Livréebedienten begannen leiſe und geräuſchlos zu ſerviren. Es war indeß ein ſehr frugales Mahl, das ſie zu ſerviren hatten, und das wenig geeignet erſchien, auf einer königlichen Tafel zu prangen. Das Königspaar hatte aber mit heiterem Geſicht und unter fröhlichem Geplauder von den einfachen Speiſen gegeſſen, und es ſchien gar nicht darauf zu achten, daß die Speiſen auf geringem Fayencegeſchirr auf⸗ getragen wurden, und daß auch die Teller, von denen ſie ſpeiſten, von derſelben ſchmuckloſen und wohlfeilen Maſſe waren. Auch der Prinz Wilhelm hatte mit dem friſchen und geſunden Appetit eines Knaben von den Speiſen gegeſſen, aber der zwölfjährige Kronprinz Suppe noe und werig richte vert gleitung e machte de zerſtreut 1 Biſt det das l Niir ich lieber vaterländ überall zu zoſen den weierlei kommen! Haſt Körig, i Kohlgeri Du Dir Vor und meir mit eine zunicte. Zuerſt n ſchirt, Hern aber G Ab önigin Nu meinem lemen langn lm, der ſeinen ichen Willkom⸗ uf ihre Hand A Rladen; der en Tagen hatte Hofdamen und der köriglichen mahls ihm das t Andern nicht ie kleine Tafel eGemahlin zu ankbarkeit und e Liebe nichts n fremden Ge⸗ das Dinet ſteif ur anweſenden ren. ſerviren hatten, fel zu prangen unter ftöhlen ſchien gar ſicht encegeſchir auf⸗ ſie ſpeiſen⸗ von nund geſunden der wöffihi 493 Kronprinz ſchien wenig Gefallen an denſelben zu finden. Er hatte die Suppe noch mit leidlichem Appetit verzehrt, und obwohl ſie ihm ſchwach und wenig pikant erſchien, ſich doch dabei auf die nachfolgenden Ge⸗ richte vertröſtet. Als aber gleich auf die Suppe der Braten in Be⸗ gleitung eines ziemlich derben und gewöhnlichen Kohlgemüſes folgte, machte der Prinz ein ſehr ernſthaftes Geſicht und ſeine Gabel ſchweifte zerſtreut und langſam auf ſeinem Teller umher. Biſt wohl kein ſonderlicher Freund von Kohl? fragte der König, der das langſame Eſſen des Kronprinzen bemerkt hatte. Nein, Majeſtät, ſagte der Prinz lächelnd, es giebt Dinge, welche ich lieber eſſe als Kohl, obwohl das, wie ich weiß, ein ſehr reſpectables vaterländiſches Gericht iſt, mit dem man die Herren Franzoſen jetzt überall zu ihrem Entſetzen bekannt macht. Ich gönne den Herren Fran⸗ zoſen den„Schukrut“ lieber als uns und getröſte mich indeſſen mit zweierlei Gedanken: mit dem Gedanken an das Entremet, das jetzt kommen wird, und an meinen Geburtstag, der morgen kommen wird. Haſt wohl recht viele Wünſche zu Deinem Geburtstag? fragte der König, indem er mit behaglicher Ruhe ſich zum zweiten Mal von dem Kohlgericht auf ſeinen Teller legte. Sag' einmal, Fritz, was wünſcheſt Du Dir denn? Vor allen Dingen wünſche ich mir, daß mich mein guädiger Vater und meine theure Mutter ein wenig lieb behalten, ſagte der Kronprinz mit einem vollen, zärtlichen Blick auf die Königin, die ihm lächelnd zunickte. Dann aber habe ich noch ſo einige kleine Nebenwünſche. Zuerſt wünſche ich mir ein ſchönes Reitpferd mit hübſchem neuem Ge⸗ ſchirr, und dazu wünſche ich mir die Erlaubniß, recht oft mit meinem Herrn Vater und meiner gnädigſten Mutter ſpazieren reiten zu dürfen, aber Galopp, immer Galopp! Aber Fritz, das Galoppiren würde Dir ſchlecht bekommen, rief die Königin lachend, Du ſitzeſt ja noch nicht ſicher zu Pferd. Nun denn, ſagte der Prinz ernſthaft, ſo wünſche ich mir ferner zu meinem Geburtstag, daß ich recht ſchön reiten kann, ohne daß ich's zu lernen nöthig habe! Denn das Lernen iſt eine gar unbequeme und langſame Sache, wie ich heute wieder geſehen habe, als ich, gleich 494 meinem Lehrherrn, im Schlittſchuhlaufen einen Kreis auf dem Eis laufen wollte und dabei recht angenehm auf die Naſe fiel. Muß aber doch Alles erlernt werden in der Welt, ſagte der König ernſthaft, und wenn man dabei zuerſt auch ein bischen auf die Naſe fällt, ſo lernt man nachher doch deſto feſter auf den Füßen ſtehen und ſeinen Kopf aufrecht tragen! Aber haſt Du uns denn ſchon alle Deine agswünſche geſagt, oder ſind noch einige zurückgeblieben? Oh, noch ſehr viele ſind zurückgeblieben, Majeſtät, rief d r Prinz lachend; wenn ſich alle meine großen und kleinen Wünſche ſien ließen, wie die Drachenzähne des Kadmos, ſo würde ich morgen der Anführer eines recht hübſchen Regiments Soldaten ſein. Merkwürdig, was die Jugend jetzt ſo viel zu wünſchen und zu begehren hat, ſagte der König nachdenklich. Will Alles hoch hinaus und Staat machen und Beſitz haben! Wünſcht ſich der zwölfjährige Burſch da ein Reitpferd zu ſeinem Geburtstag! Und noch dazu in dieſen traurigen und ſchlimmen Zeiten! Als ich ſo alt war, wie Du, waren es in Preußen ſchöne und goldene Zeiten, und bekam doch zu meinem Geburtstag gar wenig aufgetiſcht! Mußt' manchmal ſchon froh ſein, wenn ich als einziges Geſchenk ein Reſeda⸗Töpfchen, ſechs Dreier an Werth, bekam, und wenn mir mein Hofmeiſt er an dem Tage recht etwas zu Gute thun wollte, dann führte er mich nach einem öffent lichen Garten und ließ mir da für einen, und wenn's hoch kam, für zwei Groſchen Kirſchen geben.*) Oh, ſagte die Königin mit Thränen in den Augen, mein Herz thut weh, wenn ich daran denke, welch eine düſtere und freudloſe Ju⸗ gend Euer edler und guter Vater gehabt hat, und wie viel er unter dem Druck ſeines ſtrengen und harten Hofmeiſters hat leiden müſſen. Wer freilich ein harter und ſtrenger Mann, der Geheime Rath Beniſch, ſagte der König, hat mich ſehr hart gehalten, hat mich oft⸗ mals ſeine üble Laune empfinden laſſen und gemeint, er müſſe mir allen Frohſinn und alle Kinderluſt austreiben. Aber er hat es doch nicht aus böſem Herzen gethan, ſondern hat es als das Heil aller önigs eigene Worte. Siehe:„Königin Loniſe.“ S. 83. *) Des Kö W Erjehun auch ſo mes zu e behren, ſchwer z mich ein wie ich als ich i Du jetzt lohnung auf den Es el gte der König auf die Raſe en ſtehen und hon alle Deine r zwöffjhrige noch dazu in 3 Yl, bekam doch zu nuchmal ſchon Töyſchen, ſechs r an dem Tage einen öffent⸗ Re kam, für hoch k mein Herz en, freudloſe A⸗ 495 Erziehung angeſehen und nach beſter Einſicht gehandelt. Und es hat auch ſo ſein Gutes und Nützliches gehabt! Hab' früh gelernt, Schlim⸗ mes zu ertragen und ohne Murren Schönes und Angenehmes zu ent⸗ behren, und ſo iſt mir Manches leichter geworden, was Andern gar ſchwer zu ertragen ſchien. So war's zum Beiſpiel als Knaben für mich ein Freudentag, wenn es zum Entremet Eierkuchen gab, während, wie ich ſehe, unſer Prinz Fritz mit dem Eierkuchen nicht zufriedener iſt, als mit dem Kohlgericht. Ew. Majeſtät haben Recht, Eierkuchen iſt nicht mein Lieblingseſſen, ſagte der Kronprinz, und ich habe mich vorher beim Kohl vergeblich auf das Entremet vertröſtet. Wie? rief die Königin lächelnd, Du ißt nicht gern Eierkuchen? Wenn Du mein rechter Sohn biſt, ſo mußt Du ihn gern eſſen, denn als ich in Deinem Alter war, war es mein Lieblingseſſen, und wenn Du jetzt recht viel davon eſſen willſt, erzähle ich Euch dabei zur Be⸗ lohnung die Geſchichte von einem Eierkuchen mit Speckſalat. Oh, Mama, ſieh nur, ich habe mir einen ganzen Berg Eierkuchen genommen, ich habe alſo die Belohnung Deiner Geſchichte verdient, rief der Kronprinz lebhaft. Und ich Pill ſie erzählen, wenn der König es erlaubt, ſagte die Königin lächelnd, ihren Gemahl anſchauend. Der König bittet darum, ſagte Friedrich Wilhelm, freundlich nickend. Bin ſehr begierig auf Deine Geſchichte, Louiſe, weißt immer neue aller⸗ liebſte Geſchichten; ein wahres Schatzkäſtlein iſt Dein Gedächtniß! Es iſt eigentlich doch keine rechte Geſchichte, rief die Königin, ſin⸗ nend und lächelnd ihr Haupt wiegend. Jetzt, wo ich ſie erzählen will, ſehe ich erſt, daß es nur ein Sonnenſtrahl iſt, der aus meinen Früh⸗ lingstagen in meiner Erinnerung zurückgeblieben, und keine eigentliche Geſchichte. Der Sonnenſtrahl aber traf mich zu Frankfurt am Main, wohin ich mit meinem Vater und meinem Bruder Georg zur Krönung des Kaiſers Leopold gereiſt war. Es iſt mir wenig in der Erinnerung geblieben von den glänzenden Feſten, die man dort zu Ehren des deut⸗ ſchen Kaiſers gab; ich war damals vierzehn Jahre alt, und dieſer Prunk der Ceremonien, des ſchreienden Volks, das dem gebratenen, mit Haſen ———————— 496 geſpickten Ochſen ebenſo enthuſiaſtiſch zujauchzte, wie dem deutſchen Kaiſer ſelber, langweilte mich unſäglich. Liebe Mama, rief der Kronprinz lebhaft, vielleicht hat das gute Volk den gebratenen und mit Haſen geſpickten Ochſen für den deut⸗ ſchen Kaiſer ſelbſt gehalten, und der hat darum in ſehr gutem Geruch bei ihm geſtanden. Es iſt möglich, daß mein witziger Sohn Recht hat, ſagte die Kö⸗ nigin lächelnd, und das gute Volk hat mehr gejauchzt aus Luſt am Braten, als am Kaiſer. Mir aber dauerte die Ceremonie und der Bratengeruch gar zu lange, und da Aller Augen auf den Kaiſer ge⸗ richtet waren und Niemand an die Töchter des kleinen apanagirten mecklenburgiſchen Fürſten dachte, ſchlich ich mich ganz leiſe von der Fürſtentribüne fort, gab meiner Schweſter Friederike ein Zeichen, und fröhlichen Muthes verließen wir Beide, gefolgt von unſerer Gouver⸗ der lieben Gelieux, den Römer und ſchlüpften in unſern Wagen, nante, as Volksgedränge hindurch in eine ruhigere der uns mühſam durch d Straße brachte. Nachdem wir dem deutſchen Kaiſer gehuldigt und ſei⸗ nen gebratenen Ochſen angeſchaut, wollten wir noch eine andere Hul⸗ des Geiſtes wollten wir uns digungsfahrt machen, und vor dem König beugen, recht in Ehrfurcht und Liebe, und wallfahrten wollten wir zu Deutſchlands größter und herrlichſter Dichterfürſt ge⸗ und die liebe Frau wollten wir begrüßen, die ſeine Der Frau Räthin Göthe wollten wir unſern Beſuch ls der Wagen vor der dem Ort, wo boren worden, Mutter war. machen! Unſer Herz hüpfte vor Freuden, a das liebe prächtige Angeſicht mit den dunklen, glän⸗ Thür hielt und erzlich und freundlich zenden Augen am Fenſter erſchien und uns ſo h Bekannte und Freunde im Hauſe der Frau denn auch gar nicht um Erlaubniß, ob lten in's Haus und grad' hinein in ihr froh entgegen, und winkte zunickte. Wir waren alte Räthin, und ſo fragten wir wir eintreten dürften, ſondern ei Wohnzimmer. Die Frau Räthin kam uns raſch den Tiſch fortzuräumen, der in der Mitte des Zim⸗ Aber wir ſahen, daß die Schüſſel noch gefüllt war und von der Kaiſerkrönung heimkehrend, „Frau Räthin, riefen wir der Magd, mers ſtand. daß die Frau Räthin offenbar, ihr Mittagsmahl hatte einnehmen wollen. beide Sch und weitet niemals m wie Sie 1 lauben, d uns ceren laſſen, ſo es ſoll Al wenn Sie heute, de gehen, 1 Hausmag wagen da eſſen, wit ſizen, r den Am ſeufzend den Tiſc Gelieur Räthin das zwei Schiſſel legens( ſolle, mi katenen mit Spe Vollmon ihren T und ſch viel köſt cbwohl vor unſ Kleidern . Mh . m deutſchen hat das gute ür den deut⸗ utem Geruch ſagte die Kö⸗ en Kaiſer ge⸗ n apanagirten leiſe von der Zeichen und ſerer Gouver⸗ nſern Wagen, ne ruhigere e ldigt und ſei⸗ ollten wir uns wollten wir zu terfürſt ge⸗ n, die ſeine Beſuch ern 2 zagen vor der dunklen, glin⸗ und frundlic aſſe der Frau Liß a5 Erlaubniß, pirein in ihr d'hinein 2 d win en und! pes Zin⸗ Mitte de 3 „fillt war und ku* ng heimkehren⸗ riefen wn 497 beide Schweſtern, wenn Sie nicht gleich Ihr Eſſen aufgetragen laſſen und weiter ſpeiſen, ſo kehren wir ſogleich wieder um, und glauben auch niemals mehr, daß Sie uns gut ſind und wir Ihre lieben Kinder ſind, wie Sie uns doch oft genannt haben! Wenn Sie eſſen und uns er⸗ lauben, daß wir Ihnen dabei zuſchauen, ſo bleiben wir; wenn Sie uns ceremoniell als Prinzeſſinnen empfangen und den Tiſch abtragen laſſen, ſo gehen wir!“—„Herrgott, rief die gute Frau ganz erſchrocken, es ſoll Alles ſo ſein, wie die Prinzeßchen es wünſchen, will auch eſſen, wenn Sie es ſo wollen! Schäme mich nur meines einfachen Eſſens heute, denn ich habe der Köchin erlaubt, auch zur Kaiſerkrönung zu gehen, und die iſt nimmer wieder heimkommen. Jetzt hat mir die Hausmagd was angericht't. Es iſt aber gar ſo einfach, daß ich nit wagen darf, die Prinzeßchen einzuladen!“—„Wir wollen auch nicht eſſen, wir wollen Ihnen nur zuſehen, wie Sie eſſen, und bei Ihnen ſitzen,“ riefen Friederike und ich, indem wir Beide der Frau Räthin den Arm reichten und ſie zu dem Eßtiſch hinführten. Sie folgte uns ſeufzend und ließ ſich, unſern Bitten nachgebend, vor dem kleinen run⸗ den Tiſch nieder. Wir Beide ſetzten uns ihr gegenüber und Fräulein Gelieux nahm unfern von uns in der Fenſterniſche Platz.— Die Frau Räthin aß raſch die Suppe und klingelte dann ihrer Magd, daß ſie das zweite Gericht bringen ſolle. Als dieſe damit erſchien und zwei Schüſſeln auf den Tiſch ſetzte, machte die Frau Räthin ein ganz ver⸗ legenes Geſicht.„Das iſt nun ein Mittag, ſagte ſie, das ſich ſchämen ſollt, mit ſeinem gemeinen Geſicht zwei ſo ſchönen Prinzeßchen in bro⸗ katenen Kleidern unter die Augen zu treten! Es iſt ja nur Eierkuchen mit Speckſalat!“— Und ſie ſchnitt ganz verſchämt von dem runden Vollmondsgeſicht des Eierkuchens ein Stückchen ab und legte es auf ihren Teller zwiſchen das grüne Blätterwerk des Salats.— Wir ſaßen und ſchauten ihr zu, und der Eierkuchen und der Speckſalat dünkte uns viel köſtlicher anzuſchauen, als der mit Haſen geſpickte Kaiſerochſe, und obwohl die Frau Räthin meinte, daß ihr Mittag ſich ſchämen müſſe vor unſern brokatenen Kleidern, ſo ſchämten wir in unſern brokatenen Kleidern uns doch gar nicht, einen großen Appetit zu haben nach dem Eierkuchen, der uns gar ſo freundlich von ſeiner Schüſſel zulächelte. Möhlbach, Napoleon. 11. Bd. 32 498 Ich ſchaute nach meiner Schweſter Friederike hin und ſie nach mir, Und wie und dann blickten wir Beide auf den Eierkuchen und verlegen hinüber lihe ftol nach unſerer Gouvernante, der geſtrengen Fräulein Gelieux. Und end⸗ Gelieur. lich hielt es mich nicht mehr und ich rief ganz laut und doch ängſtlich: derbaren „Frau Räthin, ich bitte ſehr, geben Sie mir auch ein bischen Eierkuchen Gruvem und Speckſalat.“—„Ach ja, gute Frau Räthin,“ rief meine Schweſter, Rithin, „ein bischen Eierkuchen mit Speckſalat!“ hübſches Die beiden Prinzen unterbrachen mit einem lauten, fröhlichen h we Lachen die Erzählung der Königin, und ſelbſt der König lachte fröhlich tim“ mit ihnen. es uns Das war recht, Mama, rief der Kronprinz jubelnd. Dein Eier⸗ grun kuchen mit Speckſalat hat mir ordentlich Appetit gemacht auf Eierkuchen, gebe und ich habe ſchon meinen ganzen Berg verzehrt. Vuſch Das wollt' ich eben, ſagte die Königin lächelnd, wollte Dir Ap⸗ nir h petit machen. ſchen, z Aber wie ward es? fragte der Kronprinz lebhaft. Gab die Frau il 16 Räthin Dir Eierkuchen? Ich hoffe doch, ſie that es und ließ die Kö⸗ bat Sc nigin von Preußen nicht vergeblich bitten! Dus Ich war damals noch keine Königin von Preußen, mein Sohn, ſühh ſagte Louiſe mit einem leiſen Anflug von Wehmuth, aber ſelbſt die n Königinnen müſſen zuweilen vergeblich bitten. Diesmal indeß war es ic“ nicht vergeblich! Die gute Frau war freudig bereit, unſern Wunſch zenſ zu erfüllen, und es war ganz vergeblich, daß Fräulein Gelieux uns ſlnd ermahnte, doch der Frau Räthin nicht ihr Diner zu verzehren und nicht gun zu ſo ungewohnter und unziemlicher Zeit zu eſſen.— Wir rückten näher* zu dem Tiſch heran, Frau Räthin legte uns zwei Couverts zurecht, und zu unſern Brokatkleidern und der Kaiſerfeier zum Trotz begannen die beiden au Prinzeſſinnen von Mecklenburg mit wahrem Bauernappetit den Eier⸗ kuchen mit Speckſalat zu eſſen. Frau Räthin ſchaute uns zu mit ver⸗ Ere gnügtem Lächeln und leuchtenden Augen, Fräulein Gelieux mit finſterer. i Stirn und zornigen Blicken. Wir aber aßen und aßen, bis das letzte i fi Blatt Salat und das letzte Stückchen Eierkuchen verſchwunden war.*) Wir Fru *) Göthe's„Briefwechſel mit einem Kinde.“ nachei ie nach mir, egen hinüber L. Und end⸗ doch ängſtlich: en Eierkuchen ne Schweſter, n, fröhlichen lachte fröhlich Dein Eier⸗ uf Eierkuchen, ollte Dir Ap⸗ Fab die Frau ließ die Kö⸗ mein Sohn, aber ſelbſt die indeß war eb unſem Vunſch nGelieur uns hren und nicht r rückten niher ts zurecht, und nnen die beiden petit den Fiet⸗ ns zu mit ver⸗ ur mit finſteret bis das lebte 7 wunden war 499 Und wie wir Alles gegeſſen, da erſt ſchauten wir auf und ſahen das liebe frohe Angeſicht der Frau Räthin und das erzürnte des Fräulein Gelieux.— Aber der Eierkuchen mit Speckſalat hatte uns einen wun⸗ derbaren frohen Muth gegeben, ſtatt uns vor dem böſen Geſicht der Gouvernante zu fürchten, ſahen wir nur das gute Geſicht der Frau Räthin, und als die ſagte: Jetzt wollt' ich nur, ich hätt' was recht Hübſches zum Nachtiſch für meine beiden Prinzeßchen, da rief ich raſch: „Ich weiß noch etwas, das ich mir zum Nachtiſch wünſche, Frau Rä⸗ thin!“—„Ich weiß es auch,“ rief Schweſter Friederike,„wir wünſchen es uns Beide ſchon ſeit acht Tagen.“—„Nun, was iſt's?“ rief die Frau Räthin.„Sagen Sie, was Sie wünſchen, Prinzeßchen, und ich gebe Ihnen mein Wort, wenn es in meinen Kräften ſteht, ſoll Ihr Wunſch erfüllt werden.“—„Gute, liebe Frau Räthin,“ rief ich flehend, „wir haben vor acht Tagen die Magd am Brunnen Waſſer pumpen ſehen, und nun läßt es uns keine Ruh' mehr, wir möchten ſo gern auch ein Mal Waſſer pumpen!“—„Ja, ein Mal Waſſer pumpen,“ bat Schweſter Friederike,„aber pumpen, recht nach Herzensluſt“— „Das ſollen Sie, Prinzeßchen, das ſollen Sie!“ rief Frau Göthe, fröhlich lachend,„kommen Sie, wir gehen in den Hof zum Brunnen und da ſollen Sie pumpen.“—„Nein, mes dames, das iſt unmög⸗ lich,“ rief die Gouvernante, in aller ihrer Würde majeſtätiſch und ſtolz heranſchreitend und mit ausgebreiteten Armen vor die Thür ſich hin⸗ ſtellend,„niemals werde ich meine Einwilligung zu ſo unziemlichem Betragen geben.“—„Unziemlich,“ rief die Frau Räthin erglühend, „was iſt denn da unziemlich, daß die lieben Prinzeſſinnenkinder auch einmal wie andere Gotteskinder ihre Arme rühren und das friſche Quellwaſſer an's Licht fördern wollen, das der liebe Herrgott in die Erde geſenkt. Es iſt ein unſchuldig Vergnügen, und Sie ſollen's haben, ſo wahr ich die Mutter Göthe's bin. Kommen Sie, meine Prinzeſſinnen, ich führe Sie zum Brunnen.“ Und ſtolz und gravitätiſch ſchritt die Frau Räthin durch das Zimmer hin zur kleinen Tapetenthür da drüben. Wir folgten ihr frohen Herzens und ſchlüpften zur Thür hinaus, die Frau Göthe hinter uns her, und als Fräulein Gelieux jetzt raſch uns nacheilen wollte und dabei rief, ſie würde es niemals leiden, daß wir 32* ——— 500 Waſſer pumpten, ſie würde uns nöthigenfalls mit Gewalt davon zu⸗ rückhalten, da rief die Frau Göthe zürnend:„Ich werd' Gewalt brauchen jetzt, und ich will Den ſehen, der den Prinzeßchen ein unſchuldig Ver⸗ gnügen wehren will, das ſie nur in meinem Hauſe haben können.“ Und eben wie Fräulein Gelieux die Thür erreicht hatte, drückte die Frau Räthin die Thür zu und ſchob den Riegel vor. Fräulein Gelieur war eingeſchloſſen, und wir, wir unartigen Kinder, wir gingen zum Brunnen und pumpten Waſſer nach Herzensluſt, bis unſere Arme ganz ermattet und kraftlos waren.*)— Das iſt meine Geſchichte von dem Eierkuchen mit Speckſalat und dem Waſſerpumpen als Deſſert, ſchloß die Königin ihre Erzählung, indem ſie mit einem anmuthigen Lächeln ſich leicht vor ihrem Gemahl verneigte. Der König nickte ihr freundlich zu. Wollt', ich wär' ein Maler, ſagte er dann, malt' ich die Scene, wie Ihr Beide im ſchönen Putz am runden Tiſch ſitzt und eifrig eßt, die Frau Räthin Euch ſelig, das Fräulein Gelieur Euch zornig zuſchaut. Sollt' wohl ein allerliebſtes Bild werden, denk' ich. Und ich, obwohl ich kein Maler bin, ich zeichne mir nachher gleich das andere Bild, rief der Kronprinz lebhaft, oh, ich ſehe es ſchon ganz deutlich vor mir. Ein ſchöner großer Baum auf einem weiten Hof⸗ platz, unter dem Baum ein Brunnen in hübſcher Form, und neben dem Brunnen die beiden Prinzeſſinnen eifrig pumpend. Die Frau Räthin in ihrer Contuſche und der würdevoll lächelnden Miene, und am offenen Fenſter des Seitengebäudes das erglühte Geſicht der er⸗ zürnten Gouvernante. Oh, es wird gewiß, wie Seine Majeſtät ſagt, ein allerliebſtes Bild werden, und wenn meine Frau Mutter es gnädigſt geſtattet, erlaube ich mir, es ihr zum Dank für ihre ſchöne Geſchichte vom Eierkuchen mit Speckſalat darzubringen. Liebe, gnädigſte Mama, rief der Prinz Wilhelm lebhaft, wenn Du noch eine andere Geſchichte von einem Eierkuchen weißt, ſo bitte ich Dich, erzähle ſie uns auch noch, und ich will dann auch verſuchen, Dir die Geſchichte zu malen, wie der Fritz. *) Göthe's„Briefwechſel mit einem Kinde.“ Da Sind ga genies w Abe göiginl fuhr ſie kuchens, Vo der Kor Er ſo gnäd Lou haft. D daß ich Aue nigin la zweiten Oh, me Die go hörte je die uns ſtreuend Und un dern au der jun und Pe ſeiner auf mi gard 9 Dorf, zogen Blume um mi tdavon zu⸗ alt brauchen chuldig Ver⸗ en können ckte die Frau Gelieux war m Brunnen anz ermattet n Eierkuchen die Königin ich leicht vor ein Maler, ſchönen Putz ch ſelig, das allerliebſtes achher gleich s ſchon ganz weiten Hof⸗ ind neben Die Frau Miene, und eſicht der er⸗ Najeſtät ſagt, ne Geſcicht ꝙ aft, wenn V * erſuchen, Dir Da ſchau, Louiſe, was Du angerichtet haſt, rief der König lachend. Sind ganz begierig auf Deine Geſchichten und werden noch Maler⸗ genies werden, wenn Du ihnen noch neue Eierkuchengeſchichten erzählſt. Aber es wird leider nicht dazu kommen, mein Gemahl, ſagte die Königin lächelnd, denn ich weiß keine neuen Geſchichten mehr. Freilich, fuhr ſie ſinnend fort, freilich entſinne ich mich noch eines andern Eier⸗ kuchens, der mir viel Freude gemacht hat. Wo war das, liebe, theure königliche Mutter, erzähl' es uns, rief der Kronprinz mit glühender Lebhaftigkeit. Erzähl' es uns, liebe Königin, bat der kleine Prinz Wilhelm, ſei ſo gnädig und erzähle mir mein Bild! Louiſe blickte lächelnd zu ihrem Gemahl hin. Der König nickte leb⸗ haft. Dein Eierkuchen mit Speckſalat war ſo appetitlich, ſagte er heiter, daß ich gern bereit bin, noch eine zweite Portion davon zu verzehren. Auch wird dieſe zweite Portion nur ſehr klein ſein, rief die Kö⸗ nigin lachend, kleiner, wie ſie für mich in der Wirklichkeit war. Dieſen zweiten Eierkuchen aß ich auf unſerer Huldigungsreiſe nach Preußen. Oh, meine geliebten Kinder, das war eine ſchöne und herrliche Reiſe. Die ganze Welt lag wie ein glänzender Sommertag vor mir, überall hörte ich nur Grüße der Liebe und Freude, begegnete ich nur Augen, die uns zärtlich begrüßten. Ueberall gab es Blumenguirlanden, blumen⸗ ſtreuende Kinder und Mädchen, Glockenläuten, Feſtreden und Feſteſſen. Und unſer gutes Volk that das nicht aus Zwang und Convenienz, ſon⸗ dern aus rechtem Herzensdrang. Denn es hatte ſchon erkannt, daß der junge König, Euer edler Vater, auch ſeinem Volk ein Wohlthäter und Vater ſein werde, es liebte und verehrte ſeinen König, und in ſeiner Güte übertrug es einen Theil dieſer Liebe und Verehrung auch auf mich!— Wir waren auf dieſer Huldigungsreiſe bis hinter Star⸗ gard gekommen; der König war nach Cöslin zu Pferde vorausgeeilt, ich folgte ihm im Wagen nach. Unweit von Cöslin, in einem hübſchen Dorf, langte ich um die Mittagszeit an. Alle Bauern und Bäuerinnen zogen mir feſtlich geputzt und jubelnd entgegen, und mit einem großen Blumenſtrauß am Hut trat der Schulze des Dorfes an meinen Wagen, um mir eine Rede zu halten. Es waren nur wenige kunſtvolle Worte; einfach und treuherzig bat mich der gute Mann im Namen ſeiner Bauern, dem Dorf doch die Ehre anzuthun und hier ein bischen aus⸗ zuſteigen und ein wenig zu eſſen, denn die Bauern wollten auch gern einmal ihre Landesmutter tractiren, damit die Städter nicht dächten, ſie dürften allein dies Vorrecht haben.— Ihr könnt denken, daß ich ſogleich meinen Wagen verließ und mich von dem Schulzen in das Bauernhaus führen ließ, wo das„Tractement“ für mich bereitet war. In der kleinen Stube ſtand ein ſauber gedeckter runder Tiſch, und darauf in einer großen zinnernen Schüſſel ein ungeheurer Eierkuchen. Ich lachte vor Vergnügen, als ich ihn ſah, und dachte gleich an mei⸗ nen Eierkuchen bei der Frau Räthin. Ich ſetzte mich nieder, und zum Entzücken der Bauern, die fröhlich durch die geöffneten Fenſter herein⸗ ſchauten, aß ich ein großes Stück von dem Eierkuchen, während die Bauernmädchen draußen mit wahren Lerchenſtimmen mir ihre fröhlichen Lieder trillerten. Und der Eierkuchen, das war das ganze Tractement? fragte der Kronprinz lachend. Oh nein, mein kleiner Herr Eßkünſtler, es gab auch noch ein Deſſert. Friſche Butter, in grüne Blätter eingehüllt, und ſo duftig und ſchön, wie wir ſie niemals bekommen. Wahrhaftig, das iſt ein ſchönes Deſſert, rief der Prinz lebhaft. Mir ſcheint, das Bauerntractement war nicht ſo übel, und— In dieſem Augenblick öffnete ſich die Thür und der Kammerherr von Schladen trat ein und näherte ſich dem König. Verzeihung, Majeſtät, ſagte er, daß ich zu ſtören wage. Es iſt ſo eben ein Bauer und eine Bäuerin hier angelangt. Sie begehren eindringlich und flehend die Maieſtäten zu ſehen und zu ſprechen, und als man ihnen ſagte, die Majeſtäten ſeien eben bei Tafel, da verlangte die Bäuerin nur um ſo eindringlicher, ſofort zu Ihrer Majeſtät geführt zu werden, denn was ſie bringe, gehöre gerade zu einer ſchönen Mahl⸗ zeit. Ich geſtehe, es lag etwas ſo Treuherziges und Biederes in dem Weſen dieſer Leute, daß ich, auf die Gefahr hin, von Ew. Majeſtät einen Verweis zu erhalten, es dennoch gewagt habe, Ew. Majeſtät zu ſtören. Wo ſi Aus k ſcheint, gel Jedermann Qute ſind in ihre Au ihren Do Oh, dieſe gute ihre Reb briren la Wol Leute ſog Dein We Aute doh Er! türkiſchen Pinzen nehmend Ein meldete Die die Han begrüßte ſchlichte nicht vi hetzgen D Sicche grüßten inent breitger kamen ſeiner bischen aus⸗ en auch gern icht dichten, ken, daß ich ilzen in das bereitet war. Tiſch, und t Eierkuchen. leich an mei⸗ der, und zum enſter herein⸗ wührend die ihre fröhlichen t7 fragte der uch noch ein und ſo duftig Prinz lebhaft. ammerherr vage. Es iſt Sie begehren ſprechen und da verlnge njeſt gefihr ſcinen Vull⸗ ederes in den 6w. Najeſüt Wo ſind die Leute her? fragte der König ſinnend. Aus der Weichſel⸗Niederung bei Culm, Majeſtät, und wie es mir ſcheint, gehören ſie zu der Secte der Mennoniten, denn ſie ſprechen zu Jedermann mit bedecktem Hanpt und reden ihn mit Du an. Die guten Leute ſind zu Fuß hierher gewandert, und ſie ſagen, es ſei kein Schlaf in ihre Augen und keine Ruhe in ihre Füße gekommen, ſeit ſie ſich aus ihrem Dorfe aufgemacht, den König und die Königin zu ſehen. Oh, mein Gemahl, ich bitte Dich, rief die Königin lebhaft, laß dieſe guten Leute nicht länger warten. Sie kommen hierher, um uns ihre Liebe zu bezeugen, und die Liebe muß man niemals anticham⸗ briren laſſen! Wollen es auch nicht, ſagte der König lächelnd. Wollen die guten Leute ſogleich annehmen. Komm, Louiſe, laß uns hinübergehen in Dein Wohnzimmer, und Herr von Schladen wird die Güte haben, die Leute dahin zu führen. Er bot ſeiner Gemahlin den Arm, Louiſe hüllte ſich dichter in den türkiſchen Shawl, der ihre Schultern bedeckte, und von den beiden Prinzen mit einem zärtlichen Lächeln und freundlichen Kopfnicken Abſchied nehmend, begab ſie ſich mit dem König in ihre Wohngemächer. Einige Minuten ſpäter öffnete ſich die Thür und Herr von Schladen meldete den Bauern Abraham Nickel und ſeine Frau. Die Königin ſaß auf dem Divan unfern von der Thür, der König, die Hand auf die Lehne des Divans geſtützt, ſtand neben ihr. Beide begrüßten mit ermunterndem Kopfnicken die eintretenden Bauersleute, die langſam und feierlich näher ſchritten, und in ihren einfachen, ſchlichten Gewändern, mit den freundlichen, geſunden Geſichtern, die nicht die mindeſte Verlegenheit oder Beklommenheit verriethen, einen herzgewinnenden Eindruck machten. Die Bäuerin trug an ihrem Arm einen mit grünen Blättern ſorg⸗ fältig verhüllten Korb. Der Bauer hielt in ſeiner Rechten ein graues Säckchen, das er nur mit Beſchwerde ſchien tragen zu können. Beide grüßten ſie freundlich und ehrfurchtsvoll das Königspaar, die Frau mit einem tiefen Knix, der Mann mit einem Kratzfuß, ohne indeſſen den breitgeränderten ſchwarzen Hut von ſeinem Haupt zu nehmen. 504 Du biſt doch der König, unſer guter Herr? fragte der Bauer, ſeine vucter treuherzigen, glänzenden Augen auf das Antlitz des Königs geheftet. Kürign,1 Ich bin der König, ſagte Friedrich Wilhelm einfach. zu ſchen, Und Du, das ſeh' ich ſchon an Deinem ſchönen, prächtigen An⸗ meine But geſicht, rief die Bäuerin, auf die Königin mit aufgehobener Hand hin⸗ 3ch n 1 deutend, Du biſt die Königin, unſere liebe, ſchöne Landesmutter Louiſe, Korb lebh 4 die wir Alle lieben, für die wir Alle beten, und die wir auch unſere ſchine Geſ Kinder lehren, zu lieben und für ſie zu beten. ſilbſt mein Ich dank' Euch, Ihr guten Leute, rief die Königin froh bewegt, ſie es ver ich dank' Euch für Eure Liebe. Ja, betet für mich, und vor allen Und Dingen betet für Preußen, betet, daß Gott es erhalte und ſchütze, denn mein klein wenn Preußen glücklich iſt, dann bin auch ich es! Sickchen Preußen wird ſchon wieder glücklich werden, und der Herr wird Ah, es nicht verlaſſen, rief die Bäuerin lebhaft. Wir hoffen Alle darauf, der ſchönet und wir haben uns aufgemacht und ſind hierher gewandert, um unſerm Min, geliebten Königspaar von ihren getreuen Bauern in der Niederung von thanen in Culm Grüße zu bringen und den Majeſtäten zu ſagen, daß wir Gott ſſt, die G bitten Tag und Nacht, er möge die Franzoſen aus dem Lande jagen, Vir habe und unſern König und unſere Königin wieder ſo mächtig und ſtark vor ausgall der Welt machen, wie es die Liebe zu ihnen in unſerem Herzen iſt. Taſchen Wenn es aber der König und die Königin erlaubt, möchten wir Euch haben g gern einen kleinen Beweis unſerer Liebe geben und Euch die kleinen ſehl. Da Geſchenke, die wir mitgebracht haben, überreichen. Kindet in Der König nickte zuſtimmend; die Königin aber ſagte lächelnd: uſen S Was Ihr mit liebevollem Herzen gebt, wollen wir mit liebevollem lin uſe Herzen nehmen! Bringt uns alſo Eure Geſchenke dar! nir gjn Es iſt nur gering, was ich zu bringen habe, ſagte die Bäuerin. unſerer( Aber man hat mir geſagt, daß unſere gnädige Königin gute friſche freundlich Butter ſehr gern ißt und daß die jungen Prinzen und Prinzeßchen de nien auch gern ein gutes Butterbrod eſſen. Nun ſeht, fuhr ſie fort, indem du lihe ſie die Blätter von ihrem Korb abhob, dieſe Butter hier iſt rein und Nein gut; ich habe ſie ſelber in meiner Milchſtube gebuttert, und da ſie jetzt un iift allenthalben rar iſt, ſo habe ich gedacht, ſie werde auch wohl angenehm udt ſein und die gnädige Königin würde meine kleine Gabe wohl nicht er Bauet, ſeine iß geheftt h. prächtigen An⸗ ener Hard hin⸗ Smutter Luiſe, ir auch unſere n froh bewegt, und vor allen nd ſchütze, denn der Herr wird n Alle darauf, rt, um unſerm Niederung von daß wir Gott Lande jagen, und ſtark vor tem Herzen iſt. ten wir Euch uch die kleinen agte lächelnd: tit liebevollen e die Bäuerin. in gute friſche d Prinzeßchen ſie fort, indem r iſt rein und nd da ſie jetzt wohl angenehm e wohl niht 505 verachten. Du ſiehſt ja auch ſo freundlich und ſo gut aus, Du liebe Königin, und ich freue mich von Herzen, Dich ſo recht in der Nähe zu ſehen, und ich werd' mich doppelt freuen, wenn Du ſo gut biſt und meine Butter von mir annimmſt! Ich nehme ſie mit Freuden an, rief die Königin, den dargereichten Korb lebhaft ergreifend. Ich danke Euch auch von Herzen für das ſchöne Geſchenk, liebe Frau, und ich verſpreche Euch, daß ich heute ſelbſt meinen Söhnen davon ein Butterbrod ſchneiden werde, und daß ſie es verzehren ſollen zu Ehren der guten Frau Nickel! Und jetzt wollt' ich den König um Erlaubniß bitten, ihm auch mein kleines Geſchenk darzubringen, ſagte der Bauer, mit ſeinem grauen Säckchen in der Hand dem König einige Schritte näher tretend. Ich— Ah, ich merk' ſchon, rief der König fröhlich, Ihr bringt mir zu der ſchönen friſchen Butter auch den ſchönen friſchen Käſe. Nein, gnädigſter König! Deine getreuen mennonitiſchen Unter⸗ thanen in Preußen haben mit Schmerz erfahren, wie groß die Noth iſt, die Gott über Dich, Dein Haus und Dein Land verhängt hat. Wir haben erfahren, daß Deiner Kriegskaſſe auch ganz der Boden ausgefallen iſt, und daß der Franzos Alles, was darin war, in ſeine Taſchen gefüllt hat. Das hat uns Allen ſo ſehr leid gethan, und wir haben gedacht, daß es Dir nun gewiß auch zuweilen an kleinem Gelde fehlt. Da ſind wir denn zuſammengetreten, alle Männer, Weiber und Kinder in der Gemeinde, und haben nachgeſucht Groß und Klein in unſern Sparkaſſen, und haben Jeder mit freudigem Herzen das Scherf⸗ lein unſerer Liebe dargebracht für unſern König. Und hier iſt, was wir geſammelt haben, lieber, guter König, und ich will Dich im Namen unſerer Gemeinde recht herzlich bitten, Du wolleſt dieſe Kleinigkeit freundlich von Deinen getreuen mennonitiſchen Unterthanen annehmen, die niemals aufhören werden, Dich zu lieben und für Dich zu beten, Du lieber, armer König! Nein, rief der König mit zitternder Stimme, ſein Antlitz zuckend vor tiefer Rührung, nein, ich bin nicht arm, ſo lange ich noch ſo brave und treue Unterthanen habe, wie Ihr es ſeid. 506 Ein vie Körig, kun Ihr es mir nen Herzen Und mit einem innigen Blick reichte er dem Bauer ſeine Hand dar.— Die Königin hatte mit geſteigerter Bewegung den Worten des Bauern zugehört; ihr ſchönes Antlitz leuchtete auf wie in einer freu⸗ digen Verklärung, ihre ſtrahlenden Augen wandten ſich dem Himmel zu und ihre lächelnden Lippen ſchienen ein Dankgebet zu Gott empor⸗ wen beſſere zuflüſtern. Jetzt, als der König die Hand des Bauern kräftig in der verwandeln, ſeinen ſchüttelte, jetzt übermannte ſie die Rührung, Thränen entſtürzten und werd n ihren Augen, Thränen der Freude, wie ſie ſie lange nicht geweint. ung von mi Mit einer ungeſtümen Bewegung nahm ſie den koſtbaren türkiſchen guter Mam Shawl ab und hing ihn, ehe die überraſchte Bäuerin ſich deſſen verſah, Mllteſten we derſelben über die Schultern. von ihm ei Zum Andenken an dieſen Augenblick, flüſterte die Königin mit Pos d leiſer, vor Rührung erſtickter Stimme.*) ſurchtsvoll. Du erlaubſt mir alſo, lieber, guter König, daß ich unſere kleine guter Künig Sparbüchſe Dir darbringen und vor Dir auf den Tiſch ausſchütten Gruß Deine kann? fragte Abraham Nickel. Du thun, w Ich erlaube es Dir, ſagte der König. wollen wir Der Bauer trat zu dem Tiſch, und mit bedächtiger Hand den wieder füllt Bindfaden von ſeinem grau leinenen Beutel ablöſend, kehrte er ihn um Es we und ſchüttete ſeinen Inhalt auf dem Tiſch aus. ſeierlich, ic 5 Die Königin ſtieß einen leiſen Schrei der Ueberraſchung aus, und hoff, daß ſelbſt der König konnte einen Ausruf der Verwunderung nicht zurück⸗ dauen und halten. Denn Goldſtück nach Goldſtück rollte aus dem Beutel hervor Prußen ſt und fiel klingend nieder auf den goldenen Berg, der ſich auf dem Tiſch 3 glänzend und hell anhäufte. Nun wahrlich, rief der König überraſcht, meine Bauern in der 9) De Weichſel⸗Niederung haben gute Sparbüchſen. du Es ſind dreitauſend Louisd'or, lieber König, ſagte Abraham Nickel nnzn einfach, mehr fanden wir leider nicht in unſern Sparbüchſen, ſo gern gtifjen n wir auch unſer Geſchenk größer gemacht hätten. ſin gunzes iot, beſſ *) Eylert: Characterzüge aus dem Leben Friedrich Wilhelms II. Sn Th. M. S. 227. u Gun uer ſeine Hand den Worten des e in einer fteu⸗ ch dem Himmel zu Gott empor⸗ nkräftig in der änen entſtürzten nicht geweint. baren türkiſchen ch deſſen verſah, die Königin mit ich unſere kleine Tiſch ausſchütten ſtiger Hand den kehrte er ihn um ſchung aus, und ung nicht zurück m Beutel hervor ch auf dem Liſch e Bauern in der e Abraham Nicel rbüchſen, ſo gern ₰ Vilhe ns UI. 507 Ein viel zu großes Geſchenk, dreitauſend Louisd'or, ſagte der König, kann's nicht ſo ohne Weiteres annehmen. Dank' Euch, daß Ihr es mir dargebracht, und werd' die Erinnerung dankbarlich in mei⸗ nem Herzen bewahren. Nehm's jetzt auch als Geſchenk, aber ſpäter, wenn beſſere Zeiten kommen, ſoll ſich das Geſchenk in ein Darlehn verwandeln, und ich werd' dran gedenken, daß ich Euch ſchuldig bin und werd' mit Zinſen wieder erſtatten. Mußt alſo jetzt auch Quit⸗ tung von mir annehmen über den Empfang der dreitauſend Louisd'or, guter Mann, und die Quittung ſollt Ihr von Eurem Gemeinde⸗ Aelteſten wohl aufbewahren laſſen, damit ich ſie eines Tages wieder von ihm einlöſen kann.*) Was der König will, das ſoll geſchehen, rief der Vauer ehr⸗ furchtsvoll. Wenn die Zeiten ſchlecht bleiben, ſo ſoll Deine Quittung, guter König, in unſerer Gemeinde heilig gehalten werden als ein Gruß Deiner Liebe! Wenn die Zeiten aber gut werden, dann mögeſt Du thun, wie Dir gefällt, und von dem glücklichen und reichen König wollen wir es gern annehmen, daß er die Sparbüchſen ſeiner Bauern wieder füllt! Es werden für Preußen beſſere Zeiten kommen, ſagte der König feierlich, ich hoffe das, denn ich hoffe auf Gott und mein Volk. Ich hoffe, daß Gott uns Allen Kraft verleiht, die böſen Tage zu über⸗ dauern und der guten, welche kommen werden, uns würdig zu machen. Preußen iſt nicht verloren, es kann nicht verloren ſein, denn ſein Volk *) Der König vergaß ſeines Verſprechens nicht. Nach überſtandener Noth, nachdem das Vaterland wieder befreit war, ließ der König im Jahre 1816 die Regierung in Marienwerder auffordern, ihm Auskunft zu geben über den Bauer Abraham Nickel. Es ergab ſich, daß der Bauer von dem Kriegsunglück mit ergriffen worden und daß er durch Brand, Plünderung und Einquartierung ſein ganzes Hab und Gut verloren hatte. Der König ließ ihm ſein ganzes Gehöft, beſſer und ſchöner, wie es geweſen, wieder aufbauen, gab ihm außer⸗ dem ein reichliches Kapital zum Beginn ſeiner neuen Wirthſchaft und löſte den Schuldſchein von der mennonitiſchen Gemeinde wieder ein. v. Hippel: Beiträge zur Characteriſtik Friedrich Wilhelms III. S. 22. 508 und ſein König ſind Eins in Liebe und in Treue, und die rechte Liebe ſchafft auch die rechten Thaten. Gott ſchütze Preußen! Gott ſchütze Preußen! rief die Königin, ihre thränenumdüſterten Augen und ihre gefaltenen Hände zum Himmel erhebend. Gott ſchütze Preußen! flüſterte der Bauer und ſein Weib, indem ſie ſtill betend die Häupter neigten. nd die rechte Hebe en! hränenundüſterten bend. ſein Weib, indem Sechstes Buch. Rapoleun und Alerander in Erfurt. Erfurt ha Die ſille, iden Plitze ſiſchen Reſi ſchen gewo oſſen, iw auf der B dieſe unge Arbeiten, um in die ſſche glic ih hte reihen wn nnt Potzlnſ und Srde ſen Wein die duftig den Spie dem Gold und die b ſunlli „ 6 Das franzöſiſche Erfurt. — Erfurt hatte ſich ſeit acht Tagen völlig verwandelt und umgeändert. Die ſtille, geräuſchloſe deutſche Stadt mit ihren düſteren Straßen und öden Plätzen war plötzlich, wie es ſchien, zu einer glänzenden franzö⸗ ſiſchen Reſidenz geworden, deren Straßen und Häuſer ein heiteres An⸗ ſehen gewonnen, auf deren Plätzen ein buntes Gewoge war von Ca⸗ roſſen, Livréebedienten, vornehmen Herren mit goldenen Fürſtenſternen auf der Bruſt, und neugierigem Volk, das gaffend umherſtand, alle dieſe ungewohnte Herrlichkeit anzuſtaunen. Aber welch ein Leben und Arbeiten, welch ein Jagen und Treiben war auch erforderlich geweſen, um in dieſen acht Tagen die deutſche traurige Stadt in eine franzö⸗ ſiſche glückſtrahlende Reſidenz zu verwandeln. Paris, ja ganz Frank⸗ rreich hatte dazu ſeine Schätze hergeben müſſen. In langen Wagen⸗ reihen waren die ſchönſten und koſtbarſten Meubles von Gold und Sammet aus den kaiſerlichen Gardemeubles aus Paris, die herrlichſten Porzellanſervices aus Sévres, die kunſtvollſten und köſtlichſten Gobelins und Seidenſtoffe aus den Fabriken von Lyon und Rouen, die köſtlich⸗ ſten Weine aus Bordeaux, die herrlichſten Südfrüchte aus Marſeille, die duftigſten Trüffeln aus Perigord angelangt. Mit den Meubles, den Spiegeln, den Gobelins und Seidenſtoffen, den Porzellanſervices, dem Gold⸗ und Silbergeſchirr hatte man nicht blos das Schloß von Erfurt, ſondern auch die größten und bedeutendſten Häuſer ausgeputzt und die bisherigen Wohnungen gewöhnlicher Menſchenkinder zu wahren Feenpaläſten verwandelt. Ein ganzes Heer von Köchen und Küchenjungen —— —————— 512 war in die Souterrains und Küchen dieſer Häuſer eingezogen und ſtellte die Schätze aus Bordeaux, Marſeille, Perigord und Paris in Schlachtordnung auf. Frankreich hatte Erfurt herausgeputzt wie eine Braut, die bereit iſt, ihren Herrn und Gebieter zu empfangen, und als würdige Braut⸗ führer hatten die deutſchen Fürſten ſich bereitwillig eingefunden. Jedes veutſche Land und Reich faſt hatte ſeinen Fürſten oder ſeinen Erbprinzen nach Erfurt geſandt. Da waren die Könige von Sachſen, von Württem⸗ berg, von Baiern und Weſtphalen, die Herzoge von Darmſtadt, von Baden, von Weimar, von Gotha, von Oldenburg, von Schwerin und Strelitz, und mehr denn zwanzig dieſer kleinen ſouverainen Fürſten, an denen Deutſchland geſegnet war, wie kein anderes Land der Welt. Zum erſten Mal ſchien ganz Deutſchland einig zu ſein in ſich ſelber, zum erſten Mal hatten ſeine Fürſten insgeſammt nur Ein Ziel und Einen Zweck! Dieſes Ziel war— dem Kaiſer Napoleon zu huldigen und in ehrfurchtsvoller Ergebenheit ſich zu beugen vor ſeiner Herrlichkeit. Kaiſer Napoleon wollte nach Erfurt kommen, um dort ſeinen in Tilſit gewonnenen Freund, den Kaiſer Alexander, wiederzuſehen. An⸗ derthalb Jahre faſt waren vergangen ſeit jenem erſten Begegnen der beiden Monarchen; ſeitdem hatte manche Wolke den glänzenden Himmel dieſer jungen Freundſchaft getrübt, und die lange Trennung hatte ihren ertödtenden Mehlthau auf die jungen Blüthen dieſer Allianz der beiden Kaiſer gelegt. Die Zuſammenkunft in Erfurt ſollte dieſen Mehlthau wieder hinweghauchen und die Wolken wieder zerſtreuen, welche ſich zwiſchen den neuen Freunden hatten aufthürmen wollen.— Beide Kaiſer fühlten, daß ſie ihrer gegenſeitigen Freundſchaft in dieſem Moment nicht entbehren könnten, Beide waren ſie daher gleich bereit geweſen zu dieſer Zuſammenkunft. Alerander bedurfte dieſer Freundſchaft, um ungeſtört ſeinen Krieg mit Schweden um den Beſitz Finnlands weiter zu kämpfen, Napolevn hatte ſeinen großen Völkerkampf in Spanien noch nicht beendet und mußte daher Frieden haben mit dem einzigen Fürſten, deſſen Macht und Feindſchaft er in Europa noch zu fürchten hatte, Frieden mit dem Kaiſer von Rußland. Und ſich in T wufte das zrtlichen lich wiede Heut ſtattfinden beteit, ih als demü ſem Her End der Donn nahen des warjetzt e die Volks durch ihre lichen Am begrüßen. Brillante diger Bl ſtelten ſic ſelzen G ſunden di von deutſ Nun und inn der Soh poleun 5 der glän mit leucht hnche Vpe ſeis nit uchzndi Vihlbat tingezogen und und Paris in raut, die bereit würdige Braut⸗ efunden. Jedes inen Erbprinzen „von Württem⸗ Darmſtadt, von n Schwerin und inen Fürſten, an Lund der Welt. in in ſich ſelber, r Ein Ziel und uldigen und in Herrlichkeit n dort ſeinen in derzuſehen. An⸗ en Begegnen der änzenden Himmel nung hatte ihren llianz der beiden dieſen Mehlthau nen, welche ſich Beide Kiſer dieſem Non geweſen ich bereit ßrundſhh um Finnlands wen m in Syonitn mit den eirzigen n ſu füröen weiter 513 Und außerdem liebten ſich die beiden Kaiſer ſo zärtlich, ſie hatten ſich in Tilſit ſo glühende Freundſchaft geſchworen. Die ganze Welt wußte das, und die ganze Welt mußte es natürlich finden, daß die zärtlichen kaiſerlichen Freunde die glühende Sehnſucht hatten, ſich end⸗ lich wiederzuſehen und zu umarmen. Heute, am 27. September 1808, ſollte endlich dieſes Wiederſehen ſtattfinden. Die deutſche Braut hatte ihren Schmuck vollendet und war bereit, ihren Herrn zu empfangen, und die deutſchen Fürſten harrten als demüthige Brautführer, um ſich in den Staub zu beugen vor die⸗ ſem Herrn, deſſen Fuß ſie Alle auf ihrem Nacken fühlten. Endlich war die feſtgeſetzte Stunde gekommen, endlich verkündete der Donner der Kanonen und das Läuten aller Glocken das Heran⸗ nahen des Kaiſers Napoleon. Ein unbeſchreibliches Wogen und Drängen war jetzt auf allen Straßen und Plätzen. In wildem Ungeſtüm ſtürmten die Volksmaſſen den Straßen zu, welche der Kaiſer paſſiren mußte, durch ihre Reihen bewegte ſich der Magiſtrat Erfurts in ſeiner feier⸗ lichen Amtstracht, um am Thor der Stadt den einziehenden Kaiſer zu begrüßen; die Fenſter aller Häuſer öffneten ſich, und mit Blumen und Brillanten gezierte ſchöne Frauen ſchmückten wie mit einem Kranz leben⸗ diger Blüthen die geöffneten Fenſter; zu beiden Seiten der Straße ſtellten ſich unter den ſchmetternden Klängen der Muſik die kaiſerlichen ſtolzen Garden auf, und in dem großen Saal des Regierungspalais ſtanden die Könige von Sachſen und Württemberg und der ganze Zug von deutſchen Herzögen und Fürſten, um den Kaiſer zu begrüßen. Nun tönte es durch die Luft wie ferner Donner; er rollte näher und immer näher heran. Es war das Vivatgeſchrei des Volks und der Soldaten, welches die Luft erbeben machte, denn der Kaiſer Na⸗ poleon hatte jetzt die Stadt Erfurt betreten. Dort nahete ſich ſchon der glänzende Zug, umrauſcht vom Volk, umjauchzt von den Soldaten, mit leuchtenden Augen begrüßt von den Damen in den Fenſtern, die dem heranziehenden Kaiſer mit ihren Taſchentüchern ihre Grüße zuwinkten. Napoleon, gleichgültig und müde zurückgelehnt in den offenen, von ſechs reich aufgeſchirrten Pferden beſpannten Caleſchwagen, dankte dem jauchzenden Volk mit einem ſtolzen, nachläſſigen Winken ſeiner Hand, Mühlbach, Napoleon. I. Bd. 33 514 und grüßte die Damen mit einem langen Blick und einem kaum merk⸗ lichen Neigen des Hauptes. Sein Antlitz war unbeweglich und kalt, und der Jubel um ihn her konnte nicht das kleinſte Lächeln, nicht den kleinſten Schimmer von Befriedigung in ſeinen ehernen Zügen hervor⸗ rufen; es ſchien ihn nur zu langweilen, wie ein altes längſtgewohntes Lied, deſſen man überdrüſſig geworden; nur ſein Ohr zu verletzen, wie ein unbequemes Geräuſch. Als ſein Wagen jetzt zwiſchen den ſchwarzen ſſen nur langſam ſich vorwärts bewegte, hob der wogenden Volksmaſ Kaiſer ſich mit einer ungeduldigen Bewegung aus den Polſtern empor. und die Adjutanten, Vorwärts! rief er mit donnernder Stimme, die zu beiden Seiten des Wagens ritten, ſchrieen es gebieteriſch den Kutſchern und Vorreitern zu: Vorwärts! Vorwärts! Und in raſchem Galopp, nicht achtend des angſtvoll zurückweichen⸗ den und ſchreienden Volkes, rollte der Wagen vorwärts. Hinter ihm her ſprengten die Marſchälle und Generäle, denen in zwei geſchloſſenen Kutſchen die Staatsminiſter Champagny, Maret und Talleyrand folgten. Jetzt hielt der Zug vor dem Schloß an. Der Kaiſer verließ raſch den Wagen und trat in das Palais ein. Oben an der Treppe em⸗ pfingen ihn die deutſchen Fürſten, an ihrer Spitze der König von Sachſen. Napoleon umarmte mit dem Ausdruck wahrer Zuneigung den alten Herrn, der mit zärtlichen, freudeleuchtenden Blicken ihn betrachtete. Sire, ſagte er, Sie ſehen es wohl, Sie haben mein Herz verjüngt und meinem alten Körper wieder die Elaſticität der Jugend gegeben. Ich bin mit Courierpferden hierher geeilt, um der Erſte zu ſein, der Sie begrüßt, und in der ungeduldigen Sehnſucht meines Herzens habe ich ſchon ſtundenlang am Fenſter geſtanden, um des Glücks theilhaftig zu werden, Ew. Majeſtät zu ſehen. Oh, rief Napoleon mit einem kalten finſteren Blick auf die übrigen Fürſten, ich wollte, es könnte meiner Liebe gelingen, Sie wieder ſo jung zu machen, als Ihr Herz und Ihr Kopf es ſind. zum Heil Deutſchlands gereichen, Sie würden das mit kräftiger Hand regenerire moraliſchen Einheit verhelfen. Er drückte dem König h Das würde ſehr alte deutſche Reich n und ihm wirklich zu einer geiſtigen und erzlich die Hand, grüßte die Fürſten mit einem raſc mücher, in bei ſeiner Eine Cabinet de Nopol faltenen H die mit bu übergehen Cho ſtehen, d zu bemer Endl und ſchaut bohrenden Char ſnd und Ev. Vertraut her gar Und Ich Kiſers n danit Er Spanin Nun Ve rieg m Ein niſters. Kige ſhen hſ dis Lich ſie uns nem kaum merk⸗ weglich und kalt, ächeln, nicht den en Zügen hervor⸗ längſtgewohntes zu verletzen, wie en den ſchwarzen ewegte, hob der nPolſtern empor. d die Adjutanten, s gebiet teriſch den voll zictweichen⸗ irt. Hinter ihm zwei geſchlofenen allehrand folgten. aiſet verließ taſch n der Treppe en⸗ König von Sachſen. ng den alten Herrn, rachtete. nein Herʒ verjüngt Jugend gegeben. Erſte zu ſein, der eines Herzens habe Glics t helhoft ie ibrigen der ſo jun Dos nin ſehr derſſch Reich gen und einer gi t di pirſen 515 einem raſchen Neigen ſeines Hauptes und ſchritt dann in ſeine Ge⸗ mächer, in welchen ſeine Kammerdiener ihn erwarteten, um dem Kaiſer bei ſeiner Toilette behülflich zu ſein.— Eine halbe Stunde ſpäter ward der Miniſter Champagny in das Cabinet des Kaiſers gerufen. Napoleon ging, als der Miniſter eintrat, mit auf dem Rücken ge⸗ faltenen Händen langſam auf und ab. Auf einem Tiſch lag eine Karte, die mit bunten Nadeln beſteckt war, und auf welche der Kaiſer im Vor⸗ übergehen einen langen düſteren Blick warf. Champagny blieb in ehrfurchtsvollem Schweigen an der Thür ſtehen, des Moments harrend, wo es dem Kaiſer gefallen würde, ihn zu bemerken. Endlich, nach einer langen Pauſe, ſtand Napoleon vor ihm ſtill und ſchaute ihn mit feſt zuſammengepreßten Lippen und ſcharfen, durch⸗ bohrenden Blicken lange an. Champagny, ſagte er dann haſtig, wiſſen Sie, weshalb wir hier ſind und welches der Zweck dieſes Rendezvous iſt? Ew. Majeſtät haben mir nicht die Ehre erzeigt, mich zu Ihrem Vertrauten zu machen, ſagte der Miniſter ehrfurchtsvoll, ich weiß da⸗ her gar nichts, und ich wage nur zu vermuthen. Und was vermuthen Sie? Frei heraus, ich will es wiſſen! Ich vermuthe, daß Ew. Majeſtät die Freundſchaft des ruſſiſchen Kaiſers neu befeuern und mit ihm eine feſte Allianz ſchließen wollen, damit Ew. Majeſtät ſeiner gewiß ſind und unbehindert den Krieg in Spanien fortſetzen, und wenn es ſein muß, wenn— Nun, was zögern Sie? unterbrach ihn Napoleon ungeduldig. Wenn es ſein muß, fuhr Champagny leiſer fort, auch einen neuen Krieg mit Oeſterreich unternehmen können. Ein Blitz aus den Augen des Kaiſers traf das Antlitz des Mi⸗ niſters. Sie glauben alſo auch ſchon an die Möglichkeit eines ſolchen Krieges? ſagte er. Ja, ja, Sie haben Recht, man darf ſich nicht täu⸗ ſchen laſſen von dieſer zweideutigen Demuth der Oeſterreicher; ſie haben das Lächeln auf den Lippen, aber die Tücke im Herzen, und während ſie uns mit der Rechten die Hand drücken, rüſten ſie ſich mit der Linken. 33 8 516 Wehe aber dieſen Schleichern, dieſen heimtückiſchen Schleichern, wenn ich ſie ertappe. Ich werde dann ein Strafgericht über ſie ergehen laſſen, bei dem ihr Thron zerſchmettert zuſammenſinken und ihre Macht in alle Winde zerſtäuben ſoll. Dieſe Menſchen, die ſich Fürſten von Gottes Gnaden nennen, ſie haben niemals etwas gelernt, und ſie wollen auch nichts lernen. Mit dünkelhaftem Stolz verſchließen ſie den Thatſachen, welche laut zu ihnen ſprechen, ihr Ohr und lullen ſich in Schlaf ein mit dem Lied von der unnahbaren Majeſtät. Aber ich will ſie Alle aus ihrem Schlaf erwecken mit dem Donner meiner Kanonen, und meine Heere ſollen ihnen ein neues Lied von der neuen gottgeſandten Majeſtät verkünden. Dies neue Lied hat die Throne von Neapel und von Spanien geſtürzt, es wird auch den Thron Oeſterreichs zerſchmet⸗ tern, wenn Ich es will! Und ich werde es wollen, wenn Oeſterreich in ſeiner Inſolenz verharrt und ſich unterfangen will, mir die Stirn zu bieten, oder gar mir drohen zu wollen. Er begann wieder heftig auf und ab zu wandeln und wie Wetter⸗ wolken zuckte der Zorn über ſeine Stirn hin. Champagny, ſagte er dann, mitten im Zimmer ſtehen bleibend, kommen Sie hierher. Dicht zu mir heran, damit auch die Wände nicht hören können, was ich Ihnen ſagen will. Sie ſollen jetzt den Zweck unſeres Hierſeins erfahren, und ich will Ihnen ſagen, was Sie zu thun haben. Ich habe es bisher mit Ihnen gemacht, wie ich es mit den Depeſchen mache, welche ich meinen Admirälen beim Auslaufen einhändige, und die ſie erſt auf hoher See öffnen dürfen. Sie ſind jetzt auf hoher See angelangt, Champagny, und Sie ſollen Ihre Ordre empfangen. Ich habe Sie hierher beſchieden, weil Sie mir helfen ſollen bei einem wichtigen Zweck; ich habe Sie, und Sie allein zu meinem Helfer erwählt, weil ich weiß, daß ich Ihrer Discretion vertrauen darf und daß Ihre Verſchwiegenheit über allen Zweifel erhaben iſt. Kein Wort von Dem, was Sie jetzt erfahren werden, darf jemals über Ihre Lippen kommen, und mit keinem Wort, keiner Andeutung, keinem ver⸗ ſtändnißvollen Blick dürfen Sie Talleyrand auch nur einen Wink geben über unſere Pläne. Talleyrand iſt ein Schleicher und Verräther, der es mit allen Parteien halten möchte, damit alle Parteien ihn halten. Ol, ich kenn in iyr ſeine glubt Ich lih mit He ließe an un Geſandien d bruche ihn, matiſchen S und darum Dem, was Sire, würde, we heinniſen! Gut, Kopf nicken Er faf mettockes u ſammenkun nir darau Cham Napol richen, ſa Miniſter b ihn duire ankomnt! womit ich dem die und deſſen ſonders ne weglich! ſieen zur Rwann ich ui ie ergehen laſen, d ihre Macht in ürſten von Gottes d ſie wollen auch e den Thatſachen, ich in Schlaf ein ich will ſie Alle er Kanonen, und euen gottgeſandten e von Nenpel und terreichs zerſchmet⸗ wenn Oeſterreich il, mir die Sim Schleichen, vem ſi d n und wie Wetter⸗ er ſiehen bleitend, ch die Vände nicht len jett den Zweck was Sie zu agen, es mit t, wie ich nbeim Auslaufen Sie ſind Ordre di rfen. ſollen Ihre O ie mir heffen ſolle allein zu meinem tior on vertrauen darf echeben it. Kin rf jen mals über Ihre eutung, keinem v vel⸗ einen V ink geben ud Lerrüther, bartien ihn ha lten. der 517 Oh, ich kenne ihn, ich ſchaue auf den Grund ſeiner Seele, und ich leſe in ihr ſeine geheimſten Gedanken, die er mir ſorgfältig zu verbergen glaubt. Ich weiß, daß ich ihm immer mißtrauen muß, daß er heim⸗ lich mit Oeſterreich intriguirt, und daß, wenn ich ihn Theil nehmen ließe an unſerem Plan, er ſich beeifern würde, dem öſterreichiſchen Geſandten die Geheimniſſe meines Cabinets zu verrathen.*) Ich ge⸗ brauche ihn, wo er mit ſeinen Pfiffen und Ränken und ſeinen diplo⸗ matiſchen Seiltänzerkünſten mir nützen kann, aber ich vertraue ihm nicht, und darum noch einmal, hüten Sie ſich, Talleyrand irgend Etwas von Dem, was ich Ihnen jetzt ſagen will, zu verrathen. Sire, ich ſchwöre Ew. Majeſtät, daß ich mich für entehrt halten würde, wenn jemals meine Lippen auch nur eine Sylbe von den Ge⸗ heimniſſen meines Kaiſers verrathen könnten, rief der Miniſter feierlich. Gut, gut, ich vertraue Ihnen, ſagte Napoleon, leicht mit dem Kopf nickend. Nun hören Sie! Er faßte den Miniſter an einen der goldenen Knöpfe ſeines Sam⸗ metrockes und zog ihn ganz nahe zu ſich heran. Ich habe die Zu⸗ ſammenkunft hier in Erfurt veranſtaltet, ſagte der Kaiſer leiſe, weil es mir darauf ankommt, den Kaiſer Alexander zu dupiren! Champagny ſchrak zuſammen und ſtarrte den Kaiſer betroffen an. Napoleon lächelte. Ich werde bei Alexander meinen Zweck er⸗ reichen, ſagte er, aber Sie müſſen denſelben Zweck bei Alexanders Miniſter, bei dem alten hartköpfigen Romanzoff erreichen, Sie müſſen ihn dupiren, wie ich den Kaiſer! Und nun hören Sie, worauf es ankommt! Sie wiſſen, was ich dem Kaiſer zu Tilſit verſprochen und womit ich mir ſein Herz gewonnen habe. Alexander iſt ein Idealiſt, dem die Pläne ſeiner Großmutter Katharina im Kopf herum ſpuken, und deſſen Augen und Gedanken unverwandt nach der Türkei und be⸗ ſonders nach Conſtantinopel hingerichtet ſind. Er iſt ehrgeizig, leicht beweglich und phantaſtiſch. Ich verſprach ihm in Tilſit, ſeine Phan⸗ taſieen zur Wirklichkeit, ſeine Träume zur Wahrheit zu machen; damit gewann ich ſein Vertrauen und ſein Herz. Ich verſprach ihm, wenn ²) Thiers, Histoire du Consulat ete. Th. IX. S. 267. 518 die Zeit gekommen, ſeinen Plänen gegen die Türkei nicht blos kein Hinderniß entgegenzuſtellen, ſondern ſie mit aller meiner Macht zu fördern. Dafür billigte Alexander meine Pläne auf Spanien und gab mir ſein feierliches Wort, daß er mich gewähren laſſen werde, wenn ich auf den Thron von Spanien ſtatt der Bourbonen einen meiner Brüder erheben wolle. Er hat Wort gehalten, denn wenn auch die ſpaniſche Krone noch ſchwankt auf dem Haupte meines Bruders Joſeph, ſo ſitzt ſie doch, und Alexander wird meinen, daß es jetzt an der Zeit ſei, daß auch ich ihm Wort halte. Seine Geſandten und ſein ver⸗ trauter Miniſter, der alte Romanzoff, haben ſchon lange mit ungedul⸗ diger Gier die Forderungen des Kaiſers und die Verſprechungen von Tilſit bei mir in Anregung gebracht. Da Joſeph in Madrid einge⸗ zogen iſt, will auch Alerander in Conſtantinopel einziehen. Seine Un⸗ geduld war auf's Höchſte geſtiegen, und um ihn zu beruhigen und zu verſöhnen, habe ich ſeinen Wunſch einer Zuſammenkunft genehmigt. Alexander wird mir ſeine Forderungen wegen Conſtantinopels erneuern, und ich werde ihm die Türkei, mitſammt Conſtantinopel, auf's Neue verſprechen. Ew. Majeſtät werden ihm Conſtantinopel verſprechen? fragte Champagny erſtaunt. Ja, ſagte Napoleon lächelnd, verſprechen! Aber es kommt mir gar nicht in den Sinn, dies Verſprechen erfüllen zu wollen. Niemals werde ich darein willigen, dem Kaiſer von Rußland Conſtantinopel zu geben, denn das würde heißen, ihm den Schlüſſel zur Weltherrſchaft in die Hand zu drücken und ihn zum Herrn zu machen über Europa und Aſien zu gleicher Zeit. Der gute Kaiſer! Er hat mich durch Coulaincourt oft genug verſichern laſſen, er verlange durchaus nicht die ganze Türkei, er beanſpruche durchaus kein Territorium im Süden des Balkan, nicht das kleinſte Stück von Rumelien, ſelbſt nicht Adria⸗ nopel, nur Conſtantinopel mit ſeinem Landgebiet, das ſich wie eine Zunge in's Meer erſtreckt. Alexander nennt das die Katzenzunge,*) und iſt ſo begierig auf dies Gericht, wie es nur je die alten Römer *) Thiers, IX. S. 212. zuf Nacht wen Juß wordeln, tichigen zefleiſchen Rußland von Euro Aber Conſtanti Zwed ſe die Einn Und kommens mit Freu betiuben, für Spa ſeiner V ausgeſet Aleand ſatt zu gewöhn Das al Conſtan heraus begehre A wetden genießt ich wer zu beſi alt, zu Seine i nicht blos kein neiner Macht zu Spanien und gab ſſen werde, wen nen einen meiner m wenn uch die Bruders Ioſeph, jett an der Zeit en und ſein ver⸗ ange mit ungedul⸗ zerſprechungen von in Madrid einge⸗ jchen. Seine Uu⸗ beruhigen und zu nkunft genehnigt. tinopels erneuern, opel, aufs Neve erſprechen? fragte ber es kmmt mir nwollen Niemals Cyrſtuntinopel zu zur Welbherſſchoſt achen über Europa hat mich durch uchaus nich Süden nge d ritorium in Eid ſelbſt nicht ir das ſich wie in di gunjng ie alten Römet e 519 auf Nachtigallenzungen waren. Aber dieſe Katzenzunge würde ſich, wenn Rußland ſie beſäße, für ganz Europa in eine Wolfszunge ver⸗ wandeln, die ſich bald gegen allen Handel und alle Macht mit einigen tüchtigen Reihen Zähnen bewaffnen und alle andern Fürſtenhäupter zerfleiſchen würde. Niemals, nein, niemals werde ich es dulden, daß Rußland ſich Conſtantinopel aneigne, denn das hieße das Gleichgewicht von Europa aufheben.*) Aber Ew. Majeſtät haben ſelbſt geſagt, daß die Beſitznahme von Conſtantinopel des Kaiſers Alexander Lieblingswunſch iſt, und daß der Zweck ſeines Hierherkommens hauptſächlich der iſt, von Ew. Majeſtät die Einwilligung zur Eroberung von Conſtantinopel zu erlangen. Und ich habe Ihnen auch geſagt, daß der Zweck meines Hierher⸗ kommens iſt, den Kaiſer zu dupiren und ihn allgemach ſo mit Liebe, mit Freundſchaft, mit Verſprechungen, mit Feſten und Huldigungen zu betäuben, daß es ihm ganz gleich iſt, ob ich ihm als Gegengeſchenk für Spanien das ſchöne Stambul und den Balkan, die Katzenzunge ſeiner Wünſche, vder irgend etwas Anderes in die Hand drücke, vor⸗ ausgeſetzt, daß es nur überhaupt ein genießbares Stück Fleiſch iſt. Alexander iſt hungrig auf Eroberung, es kommt nur darauf an, ihn ſatt zu machen; dem Heißhungrigen kann man leicht einreden, daß das gewöhnliche Gericht, das man ihm bietet, ein köſtlicher Braten iſt. Das alſo iſt unſere Aufgabe, dem Kaiſer und ſeinem Miniſter ſtatt Conſtantinopel eine andere Schüſſel darzureichen, und ſie ſo appetitlich herauszuputzen, daß ſie ihnen wohlſchmeckt und ſie nichts Anderes mehr begehren! Ach, Sire, rief Champagny ſeufzend, Ew. Majeſtät wird es leicht werden, den Kaiſer Alexander ſo zu bezaubern, daß er freudig Alles genießt und es für Manna hält, was Ihre Hand ihm darreicht. Aber ich werde mich vergeblich bemühen, ſeinen alten Miniſter Romanzoff zu beſiegen. Ich beſitze nicht die Kunſt, zu bezaubern, und er iſt zu alt, zu liſtig und zu hartköpfig, um ſich noch bezaubern zu laſſen. Seine Augen, die ſich durch nichts mehr blenden laſſen, ſind ſtarr und *) Napoleons eigene Worte. Thiers, VII. S. 420. 520 unabwendbar auf Conſtantinopel gerichtet, und es iſt ſeine ſeligſte Hoff⸗ nung, im Himmel von Peter dem Großen umarmt zu werden, wenn er ſeinem Enkel geholfen hat, das Teſtament ſeines großen Ahnherrn auszuführen. Und dennoch muß es gelingen, rief Napoleon, heftig mit dem Fuß ſtampfend, ich ſage Ihnen, Champagny, es muß und ſoll gelingen, was ich will! Keine Widerrede! Ich habe Ihnen geſagt, ich will es, und dabei bleibt es! Sie werden damit beginnen, Romanzoff in ſeinen Hoffnungen auf die Beſitznahme Conſtantinopels zu beſtärken, und nur ganz leiſe und allmälig werden Sie darauf hindeuten, daß es noch einige andere Länder gebe, deren Beſitz für Rußland wichtiger und folgenreicher ſei, als Conſtantinopel. Dann, wenn Sie ihn vor⸗ bereitet haben, werden Sie ihm nach und nach, ſobald ich den Kaiſer gewonnen, die neue Eroberung, die Rußland zuerſt machen muß, klar machen und ihm beweiſen, daß die Moldau und Walachei die herr⸗ lichſte Gebietsvergrößerung ſind, die Rußland ſich wünſchen kann. Ew. Majeſtät wollen alſo dem Kaiſer von Rußland die Moldau und Walachei zugeſtehen? fragte der Miniſter erſtaunt. Ja, ich will es! Ich muß ihm wohl einen Erſatz für Stambul geben und ihn zufrieden ſtellen. Und mir ſcheint, die ſchönen und fruchtbaren Donauprovinzen, wenn ich ſie ihm ohne Verzug und in Wayrheit zugeſtehe, ſind eine Erwerbung, mit welcher der glühendſte Ehrgeiz ſich zufrieden geben kann! Ich darf die Freundſchaft Alexan⸗ ders in dieſem Augenblick nicht entbehren. Spanien iſt im Aufruhr, und es wird bei Joſephs Zaghaftigkeit nicht ſo bald zur Ruhe und Unterwürfigkeit gebracht werden; Oeſterreich ſucht Händel, es bereitet ſich voll treuloſer Argliſt in der Stille zu einem Angriff vor und wartet und hofft nur auf neue Niederlagen meiner Armeen in Spanien, um mir den Krieg zu erklären; Preußen iſt freilich im Moment nicht im Stande, mir zu ſchaden, denn ich halte es unter meiner Fauſt, aber wenn ich genöthigt werde, auch nur Einen Moment dieſe Fauſt fort⸗ zuziehen, wird es von dannen ſchlüpfen, um ſich mit meinen Feinden zu verbünden. Auch meinen übrigen deutſchen Bundesgenoſſen traue ich nicht. Sie ſind mir nur treu und ergeben, ſo lange ſie mich fürchten, ſoh laſen Nur ſchlen genü geſelt; bei den alle die echeben, we lännten. Je dos ich ihne Elementen, nen und ir lern beweij diſche Wut Euwpa zitt mein Freun bis nach C her, und ſi Um in in Fiſllchteit dem betzu wohl beret einen geni Ihr Aufge Ihre granitene Site, fehlen, ſa Ew. N unſ es nicht wollen die Napo ner heft 2u ju fre ur Aufi lnge ne ſtigie uf⸗ werden, wem roßen Ahrhern g mit dem Fuß d ſoll geüngen, ſagt, ich ill Romanzoff in 8 zu beſtürken, ndeuten, daß es land wichtiger n Sie ihn vor⸗ d ich den Kaiſer achen muß, klar achei die herr⸗ ſchen kann. nd die Moldau t für Stanbul die ſchönen und Verzug und in r der glihendſte uſchaft Aleran⸗ ſt in Aufmh, zur Ruhe und idel, es bereitet vor und wartet n Spanien, m nt nicht im aber Nome ner Folſt, dieſe Fut! nFeinden ort⸗ meiner noſſen traue esge 3 mch lange ſie 521 fürchten, ſobald ſie mich in Verlegenheiten ſähen, würden ſie mich ver⸗ laſſen. Nur widerwillig und mit leiſem Murren haben ſie meinen Be⸗ fehlen genügt und mir ihre Hülfstruppen für meine ſpaniſche Armee geſtellt; bei einer zweiten von mir befohlenen Truppenaushebung wür⸗ den alle dieſe kleinen Fürſten des Rheinbundes ſich zum Widerſtand erheben, wenn ſie den Muth dazu hätten und einen Erfolg hoffen könnten. Ich muß dieſe Menſchen durch die Furcht und das Staunen, das ich ihnen einflöße, niederhalten, ich muß allen dieſen revolutionären Elementen, die in Deutſchland gähren, dieſen Aufrührern auf den Thro⸗ nen und in den Hütten, allen dieſen elenden Verſchwörern und Wüh⸗ lern beweiſen, daß ich feſt ſtehe, eine eherne Säule, an der ihre kin⸗ diſche Wuth zerſchellen wird. Mit Rußland im Bunde werde ich ganz Europa zittern machen. Ganz Europa ſoll alſo erfahren, daß Alexander mein Freund iſt. Der Schall der Feſte von Erfurt ſoll von London bis nach Conſtantinopel hinüberklingen; die ganze Welt ſchaut zu uns her, und ſie ſoll die Kaiſer von Rußland und von Frankreich Arm in Arm in innigſtem Freundſchaftsbund neben einander im Glanz der Feſtlichkeiten erſcheinen ſehen. Und unter den Klängen der Muſik und dem betäubenden Duft der Blumen werde ich meinen Freund Alexander wohl bereden können, daß er einſtweilen die Moldau und Walachei als einen genügenden Erſatz für Conſtantinopel nimmt.— Sie kennen jetzt Ihre Aufgabe, Champagny, legen Sie nur recht vorſichtig und geſchickt Ihre Minen an, dann wird es Ihnen zuletzt auch gelingen, die alte granitene Feſtung Romanzoff in die Luft zu ſprengen. Sire, an meinem Eifer und meinen Bemühungen ſoll es nicht fehlen, ſagte der Miniſter feierlich. Nur Eine Frage wollen mir Ew. Majeſtät gnädigſt geſtatten. Mit der Moldau und Walachei ſoll es nicht bei bloßen Verſprechungen bleiben, ſondern Ew. Majeſtät wollen dieſe Provinzen in der That an Rußland überlaſſen? Napoleon lächelte, und in ſeiner gewohnten Schwerzweiſe den Mi⸗ niſter heftig am Ohr zupfend, ſagte er: Wie neugierig und voreilig Sie zu fragen verſtehen! Zuerſt verſprechen wir! Wenn es nachher zur Ausführung kommt, ſuchen wir hinzuhalten und zu verzögern, ſo lange es geht, und— das Uebrige hängt von den Umſtänden ab!— 522 Noch Eins! Damit ich immer genau weiß, wie weit Sie mit Ro⸗ manzoff ſind, werden Sie mir jeden Tag Ihre Unterredungen mit dem ruſſiſchen Miniſter aufzeichnen und mir Ihre Pläne, Befürchtungen und Hoffnungen ſchreiben. Ich will jeden Abend einen Brief von Ihnen auf meinem Nachttiſch finden. Adieu! Er nickte dem Miniſter freundlich zu, und während dieſer ſich zurückzog, rief der Kaiſer mit lauter Stimme nach ſeinem Kammer⸗ diener Conſtant. Haſt Du Talma gerufen? fragte er den Eintretenden. Sire, Talma erwartet die Befehle Ew. Majeſtät in der Antichambre. Gut, laß ihn eintreten. Man ſoll die Pferde bereit halten. Alle Marſchälle und mein ganzes Gefolge ſollen mich erwarten. Wir werden ſogleich aufbrechen, dem Kaiſer entgegen zu reiten, zuvor aber will ich noch den ruſſiſchen Andreas⸗Orden umlegen; er fehlt noch an meiner Toilette. Talma! Talma! Conſtant eilte hinaus, den Gerufenen zu benachrichtigen, und einen Moment ſpäter trat Talma ein. Ah, Sie ſind alſo glücklich angelangt, Talma, rief Napoleon heiter, und Sie bringen uns hoffentlich die herrlichſte Truppe, die glänzendſten Coſtüme und köſtliche Decorationen mit? Sire, ich bringe die Schauſpieler und das Theater des Beherr⸗ ſchers der Welt mit, ſagte Talma, damit iſt Alles geſagt. Ew. Ma⸗ jeſtät Augen werden auf uns ruhen, es bedarf nichts weiter, um uns zu begeiſtern! Aber Sie werden auch vor einem Publikum ſpielen, wie es viel⸗ leicht in der Welt nicht zum zweiten Mal ſich zuſammenfinden wird, ſagte Napoleon lächelnd. Sie werden ein Parterre von Königen und ſouverainen Fürſten haben.*) Sire, ſagte Talma, ſich tief verneigend, wenn Ew. Majeſtät gegen⸗ wärtig ſind, giebt es keine anderen Könige und ſouverainen Fürſten, es giebt dann nur Einen Herrn und König, und der heißt Napoleon! Doch, es giebt noch Einen König, und der heißt Talma, rief *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Mémoires de Constant. Vol. III. Wpolen lich Talmn letnen, nie Unglick e wenig davon. Mohamet und Rrigen ſieht, gewinſcht da Voltaires zur lichen Werke mon wide ſchen die Sch ſie ſind fihig dringen ²) Damen, zur laut, danit d ſteht. Es iſt ſie zu vertret men, und bef Coquettiren liebt es nich tungen zu: habetinnen Hhin eigne prinzeſſinen halten, ſage die Minnd *) Np bald die A von ihrer S würde, bei n 5 indeß der Ghncter de * ie mit Ro⸗ gen mit dem efürchtungen n Brief von d dieſer ſich em Kammer⸗ . Antichambre. halten. Alle Wir werden aber will ich ih an meiner en, und einen woleon heiter, e glänzendſten r des Behert⸗ t. Ew. Ma⸗ iter, um uns enfinden wird, Fönigen und Majeſtt gegen⸗ nen Firſten, es Napoleon! Talma, tief n. Vol. III. 523 Napoleon lächelnd. Dieſe deutſchen Fürſten im Parterre können von Talma lernen, wie ein König mit Anſtand und Würde Glück ſowohl, wie Unglück ertragen muß; mir ſcheint, dieſe Herren verſtehen ſehr wenig davon. Sie werden ihnen alſo den Oedipus und Cinna, den Mohamet und die Andromache vorſpielen, damit das Parterre von Königen ſieht, wie ſich wahre Könige benehmen. Ich hätte indeß wohl gewünſcht, daß Sie nicht blos die Tragödien Racine's, Corneille's und Voltaire's zur Darſtellung brächten, ſondern auch einige der unſterb⸗ lichen Werke Moliere's. Sie wiſſen, wie ſehr ich ſie ſchätze. Aber man würde ſie in Deutſchland nicht verſtehen. Wir müſſen den Deut⸗ ſchen die Schönheit und Erhabenheit unſerer tragiſchen Bühne zeigen; ſie ſind fähiger, dieſe zu erfaſſen, als die Tiefe Molière's zu durch⸗ dringen.*) Machen Sie es allen Schauſpielern, und beſonders den Damen, zur dringenden Pflicht, recht deutlich zu ſprechen und möglichſt laut, damit der Kaiſer Alexander, der ein wenig ſchwer hört, ſie ver⸗ ſteht. Es iſt die Ehre der franzöſiſchen Tragödie und Poeſie, welche ſie zu vertreten haben, ſagen Sie das den Künſtlern in meinem Na⸗ men, und befehlen Sie beſonders den Damen, ſich von allem gewohnten Coquettiren und Augenwerfen fern zu halten. Die ſchöne Bourgoin liebt es nicht blos auf der Bühne, ſondern auch im Publikum Erobe⸗ rungen zu machen, und während ſie auf der Bühne tragiſche Lieb⸗ haberinnen ſpielt, wirft ſie in den Pauſen dem Publikum Blicke zu, welche ſich beſſer für eine Schönheit des Palais Royal, als für eine Heldin eignen, und im wunderbaren Contraſt zu den keuſchen Tugend⸗ prinzeſſinnen ſtehen, welche ſie darſtellt. Sie ſoll ſich deſſen ſtreng ent⸗ halten, ſagen Sie ihr das; ſie ſoll den Kothurn nicht entweihen durch die Minauderien eines Kammerkätzchens.**) Im Uebrigen verlaſſe ich *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Thiers, Vol. IX. S. 217. **) Mademviſelle Bourgoin, die ſchönſte Schauſpielerin damals, erregte ſehr bald die Aufmerkſamkeit des Kaiſers Alexander; er erklärte ſich ganz bezaubert von ihrer Schönheit, und fragte Napoleon, ob es große Schwierigkeiten haben würde, bei der ſchönen Künſtlerin eingeführt zu werden.— Napoleon machte indeß dem Kaiſer Alexander eine ſo wenig günſtige Schilderung von dem Character der Bourgoin, daß dieſer ſein Vorhaben aufgab. Indeß hatte die 524 mich ganz auf Sie, Talma! Ganz Europa ſchaut jetzt hierher nach Erfurt, ganz Europa wird Sie bewundern! Ihre Unſterblichkeit iſt geſichert! Sire, ſie war geſichert an dem Tage, an welchem Ew. Majeſtät mir nach der Vorſtellung des Cinna ſagten, daß Sie mit mir zu⸗ frieden ſeien! Und den Cinna werden Sie heute Abend ſpielen. Ich freue mich darauf. Noch Eins! Haben Sie auch die Rollen zu Voltaire's„Tod Cäſars“ mitgebracht? Zum„Tod Cäſars“? fragte Talma erſtaunt. Ew. Majeſtät— Ach, Sie wollen ſagen, daß dies Stück in Paris verboten iſt, rief Napoleon lächelnd. Aber wir ſind hier nicht in dem Veſuv Paris; was in Frankreich feuergefährlich iſt, zündet nicht in dem kalten, phleg⸗ matiſchen Deutſchland und iſt ganz ungefährlich. Die Schauſpieler ſollen ſich darauf vorbereiten, den„Tod Cäſars“ aufführen zu können, ſobald ich ihn begehre! Sagen Sie ihnen das!— Nun, Conſtant, was giebt's? Sire, ſagte der eintretende Kammerdiener, Ew. Majeſtät hatten befohlen, den großen ruſſiſchen Orden umzubinden. Ach, es iſt wahr, ſagte Napoleon. Komm, hänge ihn mir um!— Und während Conſtant ſich beeilte, das breite Ordensband mit dem brillantenen Stern um die Schultern des Kaiſers zu legen und es auf der Bruſt zu ordnen, wandte Napoleon ſich wieder Talma zu. Sie Künſtlerin doch von der Bewunderung Alexanders erfahren und war ſtets be⸗ müht, ſeine Aufmerkſamkeit zu feſſeln. Wenn ſie ſpielte, ſchien ſie ihre Worte nur an ihn zu richten, und wenn ſie nicht beſchäftigt war, erſchien ſie in glän⸗ zender Toilette im Publikum des Theaters, Aller Blicke an ſich feſſelnd und Alexanders heimlicher Leidenſchaft durch ihre glühenden und herausfordernden Blicke immer neue Nahrung gebend. Napoleon machte dieſen Bemühungen der ſchönen Schauſpielerin auf energiſche Weiſe ein Ende, indem er ihr befehlen ließ, niemals im Theater zu erſcheinen, wenn ſie nicht ſpielte, und wenn ſie ſpielte, ſich nur an das Publikum und nicht an einzelne Perſonen zu wenden⸗ Siehe: Constant, Mémoires. Vol. IV. p. 63. ſehen ſige e Handwer. 1 der Rolle, di ſez, und heu Aber in Ihre Rolle a blikum war,! Bah, ich ſagte Napole Reitgerte na Einige glänzenden 6 ſtraße nach Zu beiden E lniform ufg emnander gun geſtrömt uur uyol das Schwei ihn nur an ſeltſame und Eine W yen preßt uf die Iu in ſeiner Ha imit uf Haupt mit tr trug, we lleichen, di u den Ki Sire, ſpale enden Auge ierher nach blichkeit it v. Majeſtät it mir zu⸗ freue mich ire's„Tod Rajeſtät— ten iſt, rief ſuv Paris; ſten, phleg⸗ chauſpieler zu können, Conſtant, re Worte 525 ſehen, ſagte er, wir Kaiſer und Könige pfuſchen Ihnen ein wenig in's Handwerk. Wir haben auch verſchiedene Coſtüme, je nachdem ſie zu der Rolle, die wir gerade ſpielen, paſſen. In Egypten trug ich den Fez, und heute in Erfurt den Andreas⸗Orden! Aber in Egypten wie in Erfurt und überall haben Ew. Majeſtät Ihre Rolle als Meiſter geſpielt, und die ganze Welt, welche Ihr Pu⸗ blikum war, hat Eurer Majeſtät applaudirt! rief Talma. Bah, ich hätte ihnen auch nicht rathen wollen, mich auszuziſchen, ſagte Napoleon, indem er die Handſchuhe anzog und die dargebotene Reitgerte nahm.— Einige Minuten ſpäter ſtieg der Kaiſer zu Pferde; von einem glänzenden Generalſtab begleitet, verließ er Erfurt und ſchlug die Land⸗ ſtraße nach Weimar ein, von woher der Kaiſer Alexander kommen ſollte. Zu beiden Seiten des Weges waren franzöſiſche Truppen in Gala⸗ Uniform aufgeſtellt, und hinter denſelben bewegten ſich im bunten Durch⸗ einander ganze Schaaren von Landleuten, die viele Meilen weit herbei⸗ geſtrömt waren, um die Kaiſer auf ihrem Feſtzug zu ſchauen. Napoleon hörte nicht das Jubelgeſchrei der Soldaten, aber er hörte das Schweigen des Volks, das nicht einſtimmte in den Jubel, ſondern ihn nur anſtarrte mit der dumpfen Neugierde, die ſie für jedes andere ſeltſame und ungewöhnliche Schauſpiel gehabt haben würden. Eine Wolke zog über die eherne Stirn des Imperators, und ſeine Lippen preßten ſich feſter aufeinander. Er beugte ſein Haupt tiefer auf die Bruſt und ritt gedankenvoll weiter; die Zügel hingen ſchlaff in ſeiner Hand, aber der ſchöne arabiſche Schimmel, den er ritt, war eingeübt auf ſolche Nachläſſigkeiten ſeines Reiters, und mit gehobenem Haupt, mit ſtolzem Gang, als ſei er ſich der hohen Würde deſſen, den er trug, wohl bewußt, ſchritt das ſchöne Thier vorwärts mit ſeinem bleichen, düſteren, unbeweglichen Reiter. Auf einmal ſprengte Duroc zu dem Kaiſer heran. Sire, ſagte er, ich glaube, dort kommt der Kaiſer Alexander. Napoleon hob lebhaft ſein Haupt empor und ſeine ſcharfen, leuch⸗ tenden Angen blitzten hinüber nach der angegebenen Richtung. 526 In der That, man ſah dort einen offenen Caleſchwagen ſich nähern und in demſelben eine einzelne Geſtalt; neben dem Wagen ſprengten einige Reiter daher. Napoleon hielt ſein Pferd an und wartete. Immer näher kam der Wagen. Jetzt konnte man ſchon die Geſtalt des darin Sitzenden deut⸗ lich unterſcheiden, jetzt ſchon ſeine Uniform erkennen und das breite Band des Großkreuzes der Ehrenlegion, das um ſeine Schultern hing. Er iſt es, es iſt der Kaiſer Alexander! rief Napoleon freudig, und in raſchem Galopp ſprengte er vorwärts, die glänzende Cavalcade ſeiner Marſchälle und Generäle hinter ihm her. Auch der Wagen des ruſſiſchen Kaiſers hatte ſich in raſche Bewe⸗ gung geſetzt, und jetzt, wie ſie ganz nahe bei einander waren, hielten Beide an. Napoleon ſchwang ſich vom Pferde, und Alerander, es nicht erwartend, daß man ihm den Schlag öffne, ſprang über denſelben fort auf die Erde. Mit ausgebreiteten Armen eilten die beiden Kaiſer aufeinander zu, Beide mit ſtrahlenden Augen, mit lächelnden Lippen, welche einen freudigen Willkommensgruß riefen. Lange hielten ſie ſich umſchlungen, unter dem donnernden Geſchrei der Soldaten, welche mit ihrem: Es lebe Napoleon! Es lebe Alexander! die Luft erzittern machten.— Dann erhob ſich Napoleon aus den Armen ſeines Freundes, um den Groß⸗ fürſten Conſtantin zu begrüßen, der ſo eben vom Pferde geſtiegen. Ein Pferd ward dem Kaiſer Alexander vorgeführt, um es zu beſteigen. Alerander, im Begriff, ſich in den Sattel zu ſchwingen, betrachtete dieſen und die ganze Anſchirrung des Thieres mit ſichtlichem Erſtaunen. Mein Gott, ſagte er, das iſt ja, als wenn ich in Petersburg auf meinem Lieblingspferd einen Spazierritt machen will. Ganz dieſelbe Aufzäumung, dieſelbe Farbe und Stickerei der Schabracke. Das beweiſt alſo, daß die Zeichnungen, welche mir Coulaincourt geſandt, ziemlich genau waren, ſagte Napoleon lächelnd. Ah, dies iſt alſo wieder eine Aufmerkſamkeit von Ihnen, rief Alerander, zärtlich die Hand ſeines Freundes drückend. Ew. Majeſtät haben es alſo darauf abgeſehen, mich ganz und gar zu bezaubern. Ich fühle mich auf dieſem Pferde wie zu Hauſe. Uh, das daß Gw. Ma Ew Najeſtüt Reiten w Sattel ſchwin niten ließ, ſe dicht neben e riten die beid ritt der Groſ phalen und Schwarm de die verſchloſſ Alexander, de Jubelgeſ dem ganzen Freundlichkeit undiſterte ſe linter d dem Jubelge in Erfurt ei ſetten, lebha ders beſtimn vom Pferde, grüßen und dus zu il Un Ab eſun Buf als die Vo Rhabt. C leden, daß erſehnte Na Herr ein ur Nuyle 3 habe wagen ſich em Wagen her kam der enden deut⸗ breite Band hing. on freudig, e Cadalcade raſche Bewe⸗ aren, hielten lerander, es ber denſelben aufeinander welche einen mnſtjlug t ihrem: Es en.— Dann nden Groß⸗ ſtiegen. Ein u beſteigen⸗ achtete dieſen rſtaunen⸗ etersburg uf Ganz dieſelb k. Couluintout Ihne en, Majeſt zaubern⸗ 3 527 Ah, das iſt es gerade, was ich wünſche, ſagte Napoleon lächelnd, daß Ew. Majeſtät ſich bei mir wie zu Hauſe fühlen! Nun, wenn es Ew. Majeſtät gefällig iſt, reiten wir. Reiten wir! rief Alexander, und ſich mit leichter Anmuth in den Sattel ſchwingend, reichte er lächelnd Napoleon, der ihn zur Rechten reiten ließ, ſeine Linke dar. Dieſer nahm ſie, und ſo, Hand in Hand, dicht neben einander ihre Pferde gedrängt, in traulichem Geplauder, ritten die beiden Kaiſer die Straße nach Erfurt dahin. Hinter ihnen ritt der Großfürſt Conſtantin zwiſchen dem König Jerome von Weſt⸗ phalen und Murat, dem Großherzog von Berg. Dann folgte der Schwarm der Marſchälle und Generäle, und hinter dieſen ſah man die verſchloſſene Fenſterkutſche, in welcher ſich der Miniſter des Kaiſers Alexander, der alte Romanzoff befand. Jubelgeſchrei und Vivatrufen umrauſchte die beiden Kaiſer auf dem ganzen Wege, jetzt dankte auch Napoleon mit liebenswürdiger Freundlichkeit nach allen Seiten hin und nicht der leiſeſte Schatten umdüſterte ſeine breite, gedankenvolle Sirn. Unter dem Geläute aller Glocken, unter dem Donner der Kanonen, dem Jubelgeſchrei der Soldaten und des Volkes zogen die beiden Kaiſer in Erfurt ein, Beide mit heiterem, freudevollem Angeſicht, im fortge⸗ ſetzten, lebhaften Geſpräch. Vor dem Hötel, das zur Wohnung Alexan⸗ ders beſtimmt war, hielten ſie an, und Napoleon ſchwang ſich zuerſt vom Pferde, um Alexander in ſeiner franzöſiſchen Stadt Erfurt zu be⸗ grüßen und ſeinen theuern Gaſt in das zu ſeinem Empfang eingerichtete Haus zu führen.— Am Abend dieſes Tages fand Napoleon auf ſeinem Nachttiſch den erſten Brief ſeines Miniſters Champagny. Er enthielt weiter nichts als die Worte:„Sire, ich habe die erſte Beſprechung mit Romanzoff gehabt. Es wird ſehr ſchwer ſein, dieſem hartköpfigen Mann einzu⸗ reden, daß ein Stück Fleiſch an der Donau ebenſo gut ſei, wie die erſehnte Katzenzunge, nach welcher der alte jugendlich leidenſchaftliche Herr ein unbezwingliches Gelüſte hat.“ Napoleon nahm raſch eine Feder und ſchrieb unter dieſe Zeilen: „Ich habe auch meine erſte Unterredung mit dem Kaiſer gehabt. Es 528 bleibt dabei! Die Moldau und Walachei ſtatt der Katzenzunge! Wir müſſen und wir werden es durchſetzen!“ Dann faltete er das Papier zuſammen und ſandte es ſofort an ſeinen Miniſter ab. II. Die Perſchwörer. Während in den langen Häuſerreihen der Hauptſtraßen die Illu⸗ mination noch nicht erloſchen war, mit welcher die guten Einwohner der franzöſiſchen Stadt die Ankunft der beiden Kaiſer gefeiert hatten, ſah man an dieſem kleinen, öden Gebäude, das da am Ende einer der abgelegenen Querſtraßen lag, nur an einem der oberen Fenſter ein ein⸗ zelnes kleines Licht aufgeſtellt. Alle übrigen Fenſter dieſes Hauſes waren dunkel; trübe und ſchweigend, als ſei es von keinem lebenden Weſen bewohnt, lag das ganze Gebäude da. Indeſſen ſah man von Zeit zu Zeit einzelne verhüllte Geſtalten mit raſchen Schritten daher kommen, die, wenn ſie das Haus betrachtet und prüfend das Licht dort oben angeſchaut hatten, einen ſeltſamen, ſchrillenden Ruf ertönen ließen. Alsdann erſchien hinter dem kleinen Licht da oben ein zweites Licht, das ſich einige Male hin und her bewegte und dann wieder verſchwand. Alsbald näherten ſich dann die Verhüllten dem Hauſe und klopften mit eigenthümlichem Tact einige Male an die Thür, die ſich ſofort öffnete und die Klopfenden einließ. Zwölf Mal hatte ſich die Erſcheinung wiederholt, alsdann ver⸗ ſchwand da oben das Licht vom Fenſter, man hörte von innen das Vorſchieben eines Riegels an der Thür, und das ganze Haus ſchien jetzt in ſtillem, lautloſem Schlummer dazuliegen. Die franzöſiſche Polizei hatte ihre ganze Thätigkeit den Haupt⸗ ſtraßen der Stadt zugewandt und dem Gewühl des Volkes, das in —— unmeßlichen Fürſen durch ſch mnih leine dunlle z erlauſchen, In einer Geſtalten, di melt. Dem 2 ſie das Loſun Thür geffne In dem waren mit ſ Schall der E Außen zu dr gleichmißigen erſte Eintrete und die beide Eintretende t und alle Ueb ten die Lichtet ſechs Lichtern ln den ſtund, ſaßen Schrizwert 1 tief ingehill verbargen d Jeder, ſobal oberen Ende lein war 1 Kaputzen der Richtet; Ke ſhweigenden, am h, Ne te ſich Mihl zunge! Vir es ſofort an ßen die Illu⸗ n Einwohner feiert hatten, nde einer der nſter ein ein⸗ ieſes Hauſes inem lebenden ſah man von Gritten daher das Licht dort rtönen ließen. weites Acht, verſchwand. d klopften nit pofort üffnete Sdann ver en das al von im e Haus ſchien ze* it den Huht⸗ das in 529 unermeßlichen Schaaren den Kaifern, die im Gefolge von Königen und Fürſten durch die Straßen zogen, um die Illumination anzuſchauen, ſich nachwälzte.— Die franzöſiſche Polizei hatte kein Auge für dies kleine dunkle Haus in der unſcheinbaren Nebenſtraße, kein Ohr, um zu erlauſchen, was da drinnen geſchah. In einem großen Hinterzimmer dieſes Hauſes hatten die zwölf Geſtalten, die nach und nach in das Haus geſchlichen, ſich verſam⸗ melt. Dem Mann, der an der Thür des Gemachs Wache hielt, hatten ſie das Loſungswort in's Ohr geflüſtert, und dann hatte er ihnen die Thür geöffnet und ſie eingelaſſen. In dem Zimmer ſelbſt herrſchte ein tiefes Schweigen. Die Fenſter waren mit ſchwarzen wattirten Vorhängen verhüllt, die zugleich den Schall der Stimmen und den Schein des Lichtes verhinderten, nach Außen zu dringen. An den weißen, ſchmuckloſen Wänden waren in gleichmäßigen Entfernungen dreizehn Wandleuchter angebracht. Der erſte Eintretende hatte ſich dem erſten dieſer Wandleuchter genähert und die beiden auf demſelben befindlichen Lichter angezündet, der zweite Eintretende hatte daſſelbe mit dem nächſtfolgenden Wandleuchter gethan, und alle Uebrigen waren dem Beiſpiel der Andern gefolgt. Jetzt brann⸗ ten die Lichter auf zwölf Wandleuchtern, und nur der dreizehnte, der mit ſechs Lichtern geziert war, hatte ſeine Beleuchtung noch nicht empfangen. Um den langen ſchwarzen Tiſch, der in der Mitte des Zimmers ſtand, ſaßen auf Rohrſtühlen, deren hohe Lehnen mit alterthümlichem Schnitzwerk reich geziert waren, zwölf ernſte, ſchweigende Geſtalten, tief eingehüllt in ſchwarze Mäntel, deren Kaputzen ihnen das Haupt verbargen; das Antlitz bedeckt mit einer ſchwarzen Halbmaske, welche Jeder, ſobald er das Haus betreten, vor ſein Geſicht gelegt hatte. Am oberen Ende des Tiſches erhob ſich ein ſchwarzer Lehnſeſſel, und dieſer allein war noch leer. Die düſteren, glühenden Augen, die aus den Kaputzen der Männer hervorſchauten, waren alle auf dieſen Seſſel hin⸗ gerichtet; Keiner ſprach ein Wort, kaum ein Athemzug ward in dieſer ſchweigenden, unbeweglichen Verſammlung gehört.— Auf einmal öff⸗ lete ſich am andern Ende des Saales eine ſchmale, kaum bemerkbare Müblbach, Napoleon. II. Bd. 34 530 Tapetenthür und eine hohe, männliche Geſtalt, gekleidet und verhüllt wie die Andern, trat herein. Die Verſammlung blieb unbeweglich, ſtarr und ſchweigend ſitzen und ſchien den Eintretenden gar nicht bemerkt zu haben. Dieſer ſchritt raſch zu dem dreizehnten Wandleuchter hin und entzündete ſchnell hinter⸗ einander die ſechs Lichter deſſelben. Sofort erhoben ſich die zwölf Verhüllten von ihren Seſſeln und verneigten ſich tief. Der Präſident! murmelten ſie leiſe. Wir grüßen Den, der uns gerufen hat, wir grüßen den Präſidenten! Er neigte leiſe ſein Haupt und ſchritt dann zu dem Lehnſeſſel am oberen Ende des Tiſches hin. Bevor er ſich ſetzte, ſchlug er den ſchwarzen Mantel, der ſeine ganze Geſtalt verhüllte, ein wenig aus⸗ einander, und man konnte jetzt eine ſchwere ſilberne Kette bemerken, die ſeine Bruſt ſchmückte, und an der ein mit Edelſteinen verziertes Me⸗ daillon befeſtigt war. In der Mitte dieſes Medaillons ſah man einen Todtenkopf und darunter ſtanden die Worte:„Freiheit oder Tod!“ So wie die Verhüllten dieſe Kette gewahrten, ſchlugen auch ſie ihre Mäntel zurück; Jeder von ihnen trug eine ebenſolche Kette um den Hals, an der ſich ein gleiches Medaillon mit derſelben Deviſe befand. Nehmt Eure Plätze ein, meine Brüder, ſagte der Präſident, indem er ſich auf dem Lehnſeſſel niederließ. Die Verhüllten gehorchten ihm ſchweigend. Eine tiefe Stille trat ein, dann ſagte der Präſident mit lauter, feierlicher Stimme: Die Stunde der That und der Rede iſt gekommen. Deutſchland hat uns gerufen, und wir, als ſeine gehor⸗ ſamen Söhne, ſind gekommen. Deutſchland, die edle, geliebte Mutter, iſt hier unſichtbar in unſerer Mitte. Sie ſteht mit verhülltem Haupt, mit thränenfeuchten Blicken neben ihren Söhnen und fordert, daß wir ihr Bericht abſtatten über das, was wir gethan und gewirkt. Brüder, ſind wir bereit, ihr dieſen Bericht zu geben? Wir ſind bereit! riefen alle Zwölf wie aus einem Munde. Als wir vor drei Monaten uns hier trennten, meine Brüder, fuhr der Präſident fort, da ward beſchloſſen, daß wir uns heute hier wieder zuſammenfinden wollten. Ich ſehe, daß wir Alle unſerem Schwur treu geblieben ſind. brennen, alle kennt und ſie Namen nicht für Eure Tre zuerſt Gekomn Sofort e Vechülten un ſugte er feier Ich gebe Erſtatte uns haſt Du ange Ich war dahin latete naten hier ver Couwert, wels „Ferdinand v eines Liedes. Rittmeiſter v hiſaren⸗Reg riſten und ei Riterſchwadr Fuhren ud Und gu ſchreiben, mei gu endet den tapfer und t ſine Worte. nih zihlen er heben wi i w aſchiteln u nd verhüllt eigend ſigen Rieſer ſchritt hnell hinter⸗ Seſſeln und en, der uns ehnſeſſel am hlug er den wenig aus⸗ emerken, die tziertes Me⸗ man einen der Tod!“ gen auch ſie Kette um den eviſe befand. ſident, indem horchten ihn ßräſident mit der Rede iſt ſeine gehor⸗ liebte Mutter⸗ ülten houpt dert, daß wir ſt. Brider, Nunde. Briüder, ſ te hier wieder 1¹ uhr Schwur e 531 geblieben ſind. Nicht Einer von uns iſt ausgeblieben. Alle Lichter brennen, alle Seſſel ſind beſetzt. Germania, welche alle ihre Söhne kennt und ſie bei Namen zu nennen weiß, wenn ſie auch jetzt ihren Namen nicht nennen und ihr Haupt verhüllen, Germania dankt Euch für Eure Treue. Sie erwartet unſere Berichte! Reden wir! Der zuerſt Gekommene rede zuerſt. Sofort erhob ſich an dem unteren Ende der Tafel einer der Verhüllten und neigte ſich tief. Ich bin es, der zuerſt gekommen, ſagte er feierlich. Ich gebe Dir alſo das Wort, mein Bruder, ſagte der Präſident. Erſtatte uns Deinen Bericht. Wo warſt Du? Welche Verbindungen haſt Du angeknüpft? Welche Hoffnungen bringſt Du mit? Ich war im nördlichen Deutſchland, ſagte der Angeredete, denn dahin lautete der Befehl, den ich mir damals, als wir vor drei Mo⸗ naten hier verſammelt waren, aus der Urne gezogen. Ich fand in dem Couvert, welches ich erhielt, ein Papier, auf dem die Worte ſtanden: „Ferdinand von Schill in Colberg.“ Darunter die Anfangsſtrophe eines Liedes. Ich begab mich alſo ſofort nach Colberg, und fand den Nittmeiſter von Schill damit beſchäftigt, das zweite brandenburgiſche Huſaren⸗Regiment, zu deſſen Inhaber der König ihn ernannt, auszu⸗ rüſten und einzuexerciren. Das Regiment beſteht aus den tapferen vier Reiterſchwadronen, mit denen der Lieutenant von Schill ſeine kühnen Fahrten und Eroberungszüge unternommen. Und gabſt Du dem Major von Schill Dein Beglaubigungs⸗ ſchreiben, mein Bruder? Ich gab es ihm. Er empfing mich mit freudigem Zuruf und ſendet den„Vaterlandsfreunden“ Gruß und Bruderkuß.„Wir arbeiten tapfer und treu an dem großen Werk, das wir beſchworen,“ ſo lauten ſeine Worte.„Gehe hin zu den Brüdern und ſage ihnen, daß ſie auf mich zählen können, auf mich und meine tapferen Schaaren und auf das Volk, das allgemach durchglüht iſt von dem rechten Geiſt und ſich erheben wird, wenn der Ruf erſchallt. Wenn die Zeit gekommen iſt, wird ganz Deutſchland aufſtehen, wie Ein Mann, und wird ſeine Ketten abſchütteln und den Tyrannen verjagen. Laßt uns dieſe Zeit vorbe⸗ 34* 532 reiten in Nord und Süd, in Oſt und Weſt, damit beim erſten Hahnenruf der Freiheit ganz Deutſchland gewaffnet ſei. Laßt uns unverzagt ſein und wirken, und Kunde uns geben getreulich herüber und hinüber. An Einem und demſelben Tage müſſen wir handeln!“ Habt Ihr den Gruß und das Wort des tapferen Schill vernom⸗ men, Ihr Brüder? fragte der Präſident. Wir haben es vernommen und in unſer Herz geſchrieben! Ich gebe dem zweiten der angekommenen Brüder das Wort, ſagte der Präſident. Erſtatte uns Deinen Bericht. Wo warſt Du? Welche Verbindungen haſt Du angeknüpft? Welche Hoffnungen bringſt Du mit? Große Hoffnungen bringe ich mit und viel Freude der Zukunft, ſagte der Verhüllte, der ſich jetzt erhoben hatte. Ich zog mir bei der letzten Verſammlung aus der Urne den Befehl, nach Berlin und Kö⸗ nigsberg meine Schritte zu lenken. Ich war dort! Oh, meine Brüder, die Tage der Freiheit dämmern ſchon herauf und überall beginnt es zu tagen. In Berlin ward ich durch unſere Vertrauten eingeführt in einen herrlichen Kreis von Patrioten, die ſich gleich uns in geheimer Geſellſchaft vereint haben, um für das Wohl des Vaterlandes zu wir⸗ ten und die Tage der Freiheit vorzubereiten. Dieſe Patrioten ſtehen in enger Verbindung mit Gleichgeſinnten im ganzen nördlichen Deutſch⸗ land, überall haben ſich Comité's gebildet, welche es ſich zur Aufgabe gemacht, das Volk zu belehren, die gute Geſinnung immer weiter zu verbreiten und dem großen Verein der Vaterlandsvertheidiger neue Krieger zu gewinnen. Ueberall werden heimliche Waffendepöts ange⸗ legt; das geheime große Comité, welches zu Berlin tagt, hat die Auf⸗ gabe übernommen, eine fortdauernde Aufſicht über die franzöſiſchen Truppen, ihre Zahl, ihre Vertheilung und Stärke zu führen, auch die herrſchende Stimmung in den Provinzen zu unterſuchen, und über dies Alles Berichte an die Zweig⸗Comité's und die Brüdervereine zu ſen⸗ den.*) Auch wir werden fortan dieſe Berichte empfangen, wenn einer unſerer Brüder ſie in Berlin abholt.— Von Berlin wandte ich mich *) Häuſſer; Deutſche Geſchichte, III. S. 391. mit Enpfehlu viel Boſ hab arbeitet übera haben in Kön ſeuer der Vo tetten vernicht ſich der Tug Spitze dieſes von Stein iſt Gneiſenau, d hören dem V tuten genehm und Liebe. mit dem Wo damit es dere phyſiſchen St Monarhen u Wiſenſchaft will er es in Tugendbund Am und ſe Thnten verh und uns in e bis zun Tag lin bringe ſthen und v tapfere Maf trauter Freu Künigin hat lach ihrem dem Präſider Ri itter dieſes nHahnenruf werzagt ſein hinüber. An chill vernom⸗ der Zufunft, g mir bei der erlin und K⸗ meine Brider, ll beginnt es eingeführt in in geheimer 0 dndes zu wi⸗ atrioten ſtehen lichen Deutſch⸗ ur Aufgabe mer weiter zu theidiger nele ndepöts ange hat die Auf⸗ e franzſiſhen ihren, auch die m ber dies vereine zu ſen⸗ en, wenn iner wandte ſch mich mit Empfehlungen des Comité's nach Königsberg. Viel Freude und viel Troſt habe ich dort empfangen für das Vaterland. Es gährt und arbeitet überall der große Gedanke der Freiheit, und edle Männer haben in Königsberg einen Altar errichtet, auf welchem ſie das heilige Feuer der Vaterlandsliebe entzünden wollen, damit es die Sclaven⸗ ketten vernichte und den Tyrannen verjage. Dieſer heilige Altar nennt ſich der Tugendbund. Edle und berühmte Männer ſtehen an der Spitze dieſes Bundes, ein Fürſt iſt ſein Präſident, der edle Miniſter von Stein iſt ſein Beſchützer, der tapfere General Blücher, der edle Gneiſenau, die bedeutendſten und angeſehenſten Männer Preußens ge⸗ hören dem Verein an. Der König Friedrich Wilhelm hat ſeine Sta⸗ tuten genehmigt, die Königin Louiſe ſchaut zu ihm hin voll Hoffnung und Liebe. Nicht mit offener Gewalt will der Verein wirken, ſondern mit dem Wort und dem Beiſpiel; ſittlich erheben will er das Volk, damit es dereinſt, moraliſch erſtarkt, ſich auch erheben möge in ſeiner phyſiſchen Stärke. Vaterlandsliebe, Gradſinn, Anhänglichkeit an den Monarchen und die Verfaſſung, Liebe zur Tugend, zur Kunſt, zur Wiſſenſchaft will der Tugendbund unter dem Volk heranbilden, wecken will er es im Geiſt, damit es erſtarke im Körper. Meine Brüder, der Tugendbund iſt unſerer Aller Kopf und Herz, wir werden dereinſt ſein Arm und ſein Schwert ſein und ſeine erhabenen Lehren in tapferen Thaten verherrlichen. Der Tugendbund ſendet den Brüdern ſeine Grüße. Er ermahnt uns, nicht nachzulaſſen im Wirken und Schaffen, und uns in enger Verbindung mit ihm und allen Freunden zu erhalten bis zum Tage der Auferſtehung!— Aber nicht von dem Tugendbund allein bringe ich Euch Grüße. Auch die Louiſenritter habe ich ge⸗ ſehen und von ihnen Händedruck und Bruderkuß empfangen. Der tapfere Major von Noſtitz, einſt des Prinzen Louis Ferdinand ver⸗ trauter Freund und Adjutant, iſt ihr Präſident, und die edle und ſchöne Königin hat ihnen als Zeichen ihrer Huld gewährt, daß ſich die Ritter nach ihrem Namen nennen. Sie hat als beſonderes Gnadenzeichen dem Präſidenten der Louiſenritter eine ſilberne Kette verliehen, und alle Ritter dieſes Ordens tragen als Bundeszeichen die ſilberne Kette mit 534 dem Medaillon der Königin.*) Der Tugendbund und die Louiſenritter ſenden den Brüdern hier ihre Grüße und wollen mit ihnen gemeinſam wirken am großen Werk der Freiheit. Sie erwarten unſere Boten und werden uns Kunde geben von Allem, was bei ihnen geſchieht, und Kunde empfangen von Allem, was bei uns geſchieht. Schön und hoffnungsvoll iſt Dein Bericht, ſagte der Präſident nach einer Pauſe. Der Tag der Auferſtehung wird bald tagen und die deutſchen Männer werden ihn heraufbeſchwören! Ich gebe dem dritten der angekommenen Brüder das Wort. Erſtatte uns Deinen Bericht. Wo warſt Du? Was haſt Du ausgerichtet und welche Hoff⸗ nungen bringſt Du mit? Ich war in Weſtphalen und bringe den patriotiſchen Brüdern gute Nachrichten, ſagte der Aufgerufene. Noch klirren die Ketten des frän⸗ tiſchen Königthums über dem unglücklichen Weſtphalen, aber die Männer ſind ſchon da und ſchärfen an den Feilen, welche die Ketten zepſchneiden ſollen. Der edle Ritter von Dörnberg ſendet den patriotiſchen Brü⸗ dern Gruß und Bruderkuß. Er ermahnt uns, zu wirken und zu ſchaffen und uns bereit zu halten für den Tag der Auferſtehung, der bald kom⸗ men wird. Die Schwerter ſollen wir bereit halten und die tapfere Männerfauſt. Tauſende edler und treuer Heſſen ſind mit ihm im Bunde. Des treuen Volkes ſchlichter Verſtand kann es nicht faſſen und begreifen, daß dem corſiſchen Imperator ein Recht zuſtehen ſolle, den angeſtammten Herrſcher zu verjagen und einen wälſchen Komödianten⸗ könig an ſeine Stelle zu ſetzen. Unendliche, zornige Erbitterung über die fremde Bedrückung herrſcht in ganz Heſſen und Weſtphalen, und 8 5 ganz D um den edlen Dörnberg ſammelt ſich die Schaar der Vaterlandsge⸗ treuen, ſeines Wortes und Winkes harrend, um das Schwert zu er⸗ heben und die Bedrücker zu verjagen. Mit uns vereint will Dörnberg wirken und ſchaffen bis zum Tage der Entſcheidung. Seine Boten wird er uns ſenden und unſere Boten wird er empfangen. Ich gebe dem vierten der angekommenen Brüder das Wort, ſagte der Präſident nach einer Pauſe. *) Schloſſer: Geſchichte des achtzehnten Jahrhunderts. Th. VI. I. S. 478. Ich kon cordiſten wirlt ſein V wie hier, da treten und1 Und w Grüße deutſche Ma um ſich rei Größe auch Corps de ſchaart ſich liſſiger Th für ſeines und das Co und Brude Befriung werden une pfangen v Der und auch Bertindun auch die ai ſinnte Patr und Zorue Befring As d der Priſt Nacht be dämmert melt um( in unſern ſie bereit ihnen pri Louiſenritter n gemeinſam ere Boten und geſchieht, und der Priſident Ad tagen und Ich gebe den uns Deinen d walcht Hof⸗ Brüdern gute etten des frän⸗ die Männer en zeyſchneiden iotiſchen Bri⸗ und zu ſchaffen der bald kom⸗ nd die tayfete d mit ihn im es nicht fuſſen zuſtehen ſolle, Komödianten⸗ itterung iber ſtohalen, und Vaterlandsge⸗ Schwert zu er will Dürnberg Boten Seine en. as Wort, ſagte Ich komme aus Baiern und bringe Grüße vom Verein der Con⸗ cordiſten des Ritters von Lang. Zur Befreiung des Vaterlandes wirkt ſein Verein, zum großen Tage der Auferſtehung bereitet er dort, wie hier, das Volk. Er iſt bereit, mit uns in ein enges Bündniß zu treten und uns Kunde zu geben von Allem, was er beginnt. Und was bringt der fünfte unſerer Brüder? Grüße und Bruderkuß bringe ich vom Rhein, wo der tapfere deutſche Mann, der edle Jahn, die Schaar der ſchwarzen Ritter um ſich reiht und mit ihnen baut am großen Werk der Erlöſung. Grüße auch bringe ich vom ritterlichen Herzog von Braunſchweig. Das Corps der Rache mit ſeinen Todtenköpfen an dem ſchwarzen Helm ſchaart ſich begeiſtert um den Fürſten, der mit edlem Eifer und unab⸗ läſſiger Thätigkeit den Tag vorbereitet, an dem er Rache nehmen will für ſeines Vaters Jammer, Gram und Tod. Die ſchwarzen Ritter und das Corps der Rache ſenden uns, den patriotiſchen Brüdern, Gruß und Bruderkuß und ſind bereit, mit uns gemeinſam zu wirken zur Befreiung des geliebten Vaterlandes, zum Sturz des Tyrannen! Sie werden uns Kunde ſenden von Allem, was ſie thun, und Kunde em⸗ pfangen von uns. Der Präſident gab jetzt dem ſechsten Angekommenen das Wort, und auch dieſer berichtete von gleichgeſinnten Vereinen, mit denen er Verbindungen angeknüpft. In ähnlichem Sinn und Geiſt berichteten auch die anderen Sechs. Ueberall in Deutſchland hatten ſie gleichge⸗ ſinnte Patrioten gefunden, überall waren ſie demſelben Geiſt des Haſſes und Zornes über die Fremdherrſchaft, des glühenden Wunſches nach Befreiung begegnet. Als der Zwölfte von ihnen ſeinen Bericht abgeſtattet, erhob ſich der Präſivent. Meine Brüder, ſagte er mit freudiger Stimme, die Nacht beginnt ſich zu erhellen, die Morgenröthe eines neuen Tages dämmert herauf. Laßt uns alſo wach ſein, thätig und unverzagt. Sam⸗ melt um Euch die Kreiſe der Treuen und Gleichgeſinnten, weiht ſie ein in unſern Bund, ſchafft ihnen Waffen, lehrt ſie dieſelben führen, lehrt ſie bereit ſein und ihr Ohr öffnen, damit, wenn der Waffenruf zu ihnen dringt, ſie daſtehen Alle für Einen und Einer für Alle. Beginnt 536 Eure Wanderungen auf's Neue, gründet überall neue Vereine, ſchließt Euch denen, welche Ihr findet, in treuer Bruderliebe an. Wirket und ſchafft für Deutſchlands Noth und für Deutſchlands Freiheit. Tauſende ſchon gehören zu uns, Tauſende noch müßt Ihr uns anwerben, damit, wenn der Tag der großen Freiheitsſchlacht gekommen iſt, die patrioti⸗ ſchen Brüder nicht ein Bataillon, ſondern ganze Regimenter den Käm⸗ pfern für die deutſche Freiheit zuführen. Aus allen Weltgegenden Deutſchlands ſind wir heute hier zuſammen gekommen, Keiner kennt den Namen des Andern, noch hat er jemals ſein Antlitz geſchaut, und doch iſt Keiner hier ausgeblieben, doch hat Keiner die Treue verleugnet, die er der heiligen Sache geſchworen! So geht denn wieder aus und arbeitet weiter am heiligen Werk. In drei Monaten wollen wir uns wieder begegnen, hier in dieſem Hauſe, um dieſelbe Stunde, und was Weiteres geſchehen ſoll, wollen wir dann überlegen. Holt die Urne und zieht aus derſelben die Ordres für die nächſten drei Monate. Der zuletzt gekommene der Verhüllten ſtand auf und ſchritt zu der Wand dort drüben hin, nach welcher der Präſident mit erhobenem Arm hindeutete. Drücke an dem goldenen Knopf, den Du dort in der Wand ſiehſt, befahl der Präſident. Der Verſchworene gehorchte dem Befehl. Sofort öffnete ſich in der Wand eine kleine Thür und ein kleiner Raum ward ſichtbar, in welchem eine ſchwarze Urne ſich erhob. Der Verſchworene nahm die Urne und reichte ſie dem Präſidenten dar. Kommt hierher, meine Brüder, und wählt Euch Euer Loos, ſagte dieſer. Einer nach dem Andern erhob Jeder der Zwölf ſich von ſeinem Sitz und ſchritt zu der Urne heran, um mit der Rechten in dieſelbe hinein zu greifen und eine der kleinen Papierrollen zu nehmen, die auf dem Grunde der Urne lagen. Sodann näherte ſich der, welcher eben ſein Lvos gezogen, mit dem Papier einem der Wandleuchter und ent⸗ rollte daſſelbe. Sobald er den Inhalt deſſelben geleſen, verbrannte er das Papier an dem Licht des Wandleuchters, löſchte dann das Licht aus und ſchritt, ohne ein Wort, einen Blick oder Gruß mit den Uebrigen zu wechſeln, aus dem Saal hinaus. Einer n Weiſe jett ſc noch, nur dr in dem Saal Dieſe D noch brennen üffnete Papie Veshalb Es ſteht jenige, zu w Es ſteh Auch ai Kommt Die dre Ve hei Freiheit Deutſchland! den Schlach Oder a Euch, meine Euch ſagte, Mutius Sch etmorden?( Tag unnen müſſe, die J Vir ei Diiſer land fordert wenn er ihn jüngling es Tuſende ui in offenen Fſchehen, 7 dozu lommt 6 eine, ſchließt Wirket und Tauſende erben, damit, die patrioti⸗ ter den häm⸗ Weltgegenden Keiner kennt eſchaut, und e verleugnet, der as und llen wir uns de, und was olt die Urne Monate. ſchritt zu t echobenem Wond ſiehſt, ffuete ſich in ſichtbar, in ſidenten dar. ſagte dieſer. vun ſeinem n in dieſelbe die auf ben mel, welcher e ter und ent⸗ erbrannte er in das icht den Uebrigen 537 Einer nach dem Andern, hatten neun der Verhüllten auf dieſe Weiſe jetzt ſchon den Saal verlaſſen. Nur vier Wandleuchter brannten noch, nur drei der Verſchwornen außer dem Präſidenten waren noch in dem Saal gegenwärtig. Dieſe Drei ſtanden Jeder unter einem der Wandleuchter mit den noch brennenden Lichtern und blickten ernſt und ſchweigend auf die ge⸗ öffnete Papierrolle in ihrer Hand hin. Weshalb bleibt Ihr noch hier, meine Brüder? fragte der Präſident. Es ſteht auf meiner Ordre, daß ich hier bleiben ſoll, ſagte der⸗ ienige, zu welchem der Präſident das Haupt hingewandt. Es ſteht auf meiner Ordre daſſelbe, ſagte der Zweite. Auch auf meiner ſteht der Befehl, zu bleiben, ſagte der Dritte. Kommt hierher und hört mich, meine Brüder, ſagte der Präſident. Die drei Verhüllten ſchritten zu ihm heran. Wie heißt das Motto unſeres Bundes? fragte der Präſident. Freiheit oder Tod! riefen alle Drei. Leben, Gut und Blut für Deutſchland! Wenn es ſein muß, ſterben für die Freiheit, ſei's auf dem Schlachtfelde, ſei's im Kerker oder auf dem Schaffot! Oder auf dem Schaffot! wiederholte der Präſident. Erinnert Ihr Euch, meine Brüder, daß ich, als wir das erſte Mal uns begegneten, Euch ſagte, ein Tag könnte kommen, an welchem Deutſchland eines Mutius Scävola bedürfen und ihn rufen könne, um den Porſenna zu ermorden? Erinnert Ihr Euch, daß wir Alle geſchworen, wenn dieſer Tag kommen ſollte, jeder Einzelne bereit zu ſein, um, wenn es ſein müſſe, die Rolle des Mutius Scävola zu übernehmen? Wir erinnern uns deſſen! Dieſer Tag iſt gekommen, ſagte der Präſident feierlich. Deutſch— land fordert ſeinen Mutius Scävola, um den Porſenna zu tödten, um, wenn er ihn verfehlt, ſchweigend und muthig zu ſterben, wie der Römer⸗ jüngling es that! Genug des deutſchen Blutes iſt vergoſſen. Noch Tauſende unſerer deutſchen Brüder würden ſterben müſſen, wenn wir im offenen Kampf dem Tyrannen gegenüber treten wollten. Dies muß geſchehen, wenn es keinen andern Weg mehr giebt. Aber bevor es dazu kommt, bevor auf's Neue Aufruhr und Kriegsgetümmel Deutſchland —— 538 verwüſtet, laſſet uns noch einen anderen Weg verſuchen, den Weg, den Mutius Scävola gewandelt iſt. Wenn der Tyrann getödtet iſt, dann iſt Deutſchland frei und es bedarf keines Blutes und keiner Schlachten mehr. Wenn der Tyrann getödtet iſt, wird ganz Deutſchland glücklich ſein, und der Jubel dieſes Glücks möge das Gewiſſen Deſſen tröſten, den die Welt dann einen Mörder nennen wird! Es wird ihn tröſten! ſagten die Drei, wie aus einem Munde. Es wird ihn tröſten! wiederholte der Präſident. Wir ſind unſerer Vier hier verſammelt. Zwei von uns ſollen hingehen und Deutſchland rächen an dem Tyrannen. Es iſt nothwendig, daß Zwei das Werk unternehmen, denn was dem Einen mißlingt, das ſoll der Andere ver⸗ ſuchen, und ihm kann es gelingen. Aber wir ſind nur unſerer Drei hier, ſagte einer der Verhüllten. Nein, wir ſind unſerer Vier hier, rief der Präſident, ich bin der Vierte. Bei einer That, die den kühnſten Muth erfordert, mit der die höchſte Gefahr verbunden iſt, dürft Ihr mich nicht ausſchließen wollen. Ich fordere meinen Antheil an den Bundesrechten! Aber der Bund bedarf ſeines Präſidenten! Was ſoll aus uns Allen werden, wenn ihn das Loos trifft und er vielleicht bei der That unterliegt und gefangen wird? Dann werdet Ihr Drei am Tage der nächſten Verſammlung, wenn der Präſidentenſitz leer bleibt, den Brüdern verkünden, daß der Prä⸗ ſident geſtorben iſt im Dienſt der heiligſten Sache, und Ihr werdet Euch einen andern Präſidenten wählen. Genug jetzt! Laßt uns zur Wahl ſchreiten. Hier ſind zwei weiße und zwei ſchwarze Kugeln, ich lege ſie in die Urne. Diejenigen, welche die zwei ſchwarzen Kugeln wählen, werden zuſammen fortgehen und miteinander ihren Plan ent⸗ werfen, den Tyrannen zu tödten. In acht Tagen muß die That ge⸗ ſchehen ſein, in acht Tagen, ſo lange der Tyrann noch hier am Ort iſt. In acht Tagen muß die That vollbracht ſein, wiederholten die Drei mit ernſter, feierlicher Ruhe. Aber laßt uns ſchwören, kein anderes Leben zu bedrohen, als das ſeine allein. Kein unſchuldig Blut ſoll neben ihm vergoſſen werden. Für ihn allein ſei der Dolch oder das Piſtol. Laſſet uns ſchwören, n fihrdet werd Vir ſc unſer Piſtol laßt uns di Bier zuſam Vier gehen An's Perk! Rder die Lichter. das ſechste Nun zu gleicher glicher Zei dem cht h Ale v des Priſde Gott Priſident, Gott deren Hänt Sie re aus der Ka die Gedank ſein Hayt Vir 9 Zwei mit der Thir Der Dann öſe mit den H welhe er dtet iſt dam et Schlachten land glicklich Deſſen tröſten, m Munde. r ſind unſerer d Deutſchland wei das Werk er Andere ver⸗ er Verhüllten. t, ich bin der t, mit det die ließen wollen. ſoll aus uns tbei der That mmlung, wenn daß der Prä⸗ d Ihr werdet Lußt uns zur Kugeln, ich Kugeln ze warzen hren Plan ent⸗ That ge⸗ ß die Ort iſt. ier am wiederholten die bedrohen, ol 1 ihm vergoſſen gaſſet uns 539 ſchwören, nichts zu unternehmen, wodurch auch Anderer Leben ge⸗ fährdet werde! Wir ſchwören es! Den Tyrannen allein treffe unſer Dolch oder unſer Piſtol! Wenn wir Andere neben ihm tödten, iſt es Mord! Jetzt laßt uns die Lichter verlöſchen bis auf eins. Dann greifen wir alle Vier zuſammen in die Urne und nehmen Jeder eine der Kugeln. Alle Vier gehen wir zuſammen zum Licht und beſchauen unſere Kugel. An's Werk! Jeder der Drei näherte ſich einem der Wandleuchter und verlöſchte die Lichter. Der Präſident verlöſchte fünf Lichter ſeines Armleuchters, das ſechste ließ er brennen. Nun ſchritten die vier Männer zu gleicher Zeit zu der Urne hin, zu gleicher Zeit ſenkten ſich ihre Hände auf den Grund derſelben, zu gleicher Zeit hoben ſie ſie wieder empor und ſchritten dann wieder zu dem Licht hin. Die Hände empor, laßt uns die Kugeln ſehen! befahl der Präſident. Alle vier Hände öffneten ſich zu gleicher Zeit.— In der Hand des Präſidenten lag eine weiße Kugel. Gott hat es nicht gewollt, er hat mich nicht erwählt, ſagte der Präſident, und ein tiefer Seufzer entrang ſich ſeiner Bruſt. Gott hat es gewollt, er hat uns gewählt, ſagten die Zwei, in deren Händen die ſchwarzen Kugeln lagen. Sie reichten einander die Hände, und ihre glühenden Augen, welche aus der Kaputze hervorleuchteten, ſchienen Einer in des Andern Blicken die Gedanken ſeiner Seele leſen zu wollen. Der, welcher die zweite weiße Kugel gewählt hatte, neigte leicht ſein Haupt und ſchritt hinaus. Wir gehen zuſammen, unſere Wege trennen ſich nicht, ſagten die Zwei mit den ſchwarzen Kugeln, und Arm in Arm ſchritten ſie Beide der Thür zu. Der Präſident ſchaute ihnen nach, bis ſie verſchwunden waren. Dann löſchte er das letzte Licht ſeines Wandleuchters aus und tappte mit den Händen vorſichtig an der Mauer hin bis zu der Thür, durch welche er vorher eingetreten war. Durch dieſe Thür trat er hinaus —— 540 auf einen Corridor, den er mit raſchen Schritten hinunter eilte, worauf er ſich jetzt vor einer kleinen Treppe befand, an deren unterem Ende eine trübe kleine Lampe brannte. Bevor er aber dieſe Treppe hinab⸗ ging, nahm er die Maske, welche bis dahin ſein Geſicht, und den Mantel, welcher ſeine Geſtalt verhüllte, ab, und wickelte Beides zu einem Paket zuſammen. Dies Paket verbarg er in einem Behälter, der ſich unter der erſten Stufe der Treppe befand, und nachdem er ihn wieder zugeſchoben, keinem uneingeweihten Auge mehr ſichtbar war. Halſt, das nit den Sc Flur hin, d und klopfte! Sofort wunderbarer Friedrich, bi Jetzt, beim dämmernden Schein der Lampe, konnte man deutlich ſeine den Eintrete ſchlanke, hochgewachſene Geſtalt erkennen und ſein jugenvliches, ſchönes Ich habe D Angeſicht, zu deſſen ernſtem, männlichem Ausdruck die langen blonden flüſterte ſie. Locken, die zu beiden Seiten ſeiner Wangen niederfielen, wunderbar Dein Opfe contraſtirten. Es iſt Raſch eilte er jetzt die Treppe hinunter und trat über den Haus⸗ nigen Kuß flur hinaus auf die Straße. Das Gewühl und der Jubel war jetzt drückend. A! beim Einbruch der Nacht auf den Straßen erſtorben, die Lichter der ſo muthig w glänzenden Illumination waren faſt alle erloſchen, nur hier und da nem Beifall flackerten noch einige niedergebrannte Lichter, ſah man noch einige er⸗ Sie fa leuchtete Transparente.— Wie der Präſident im raſchen Dahinſchreiten ſich mit ein eben um eine Ecke bog, blendete ihn der Glanz der Lichter, die dort reit ſeinem noch an einem der Häuſer ſchimmerten. Verwundert ſchaute er auf. ſein Opfer Es war ein Transparent, das dort von einem der Fenſter ſo herrlich erbarnt ha leuchtete. Mit goldenen Buchſtaben ſtand da auf purpurrothem Grunde J, ſ in funkelnder Schrift zu leſen: ſiniht,§ „Gäb's jetzt noch einen Götterſohn, nehnen, ne So wäre es Napoleon.“*) Du 5 Ein glühender Zornesblitz flammte in den Augen des Präſidenten ind di ſe auf und drohend hob er die geballte Fauſt zu dem Transparent empor. men, nil Deutſche Hunde, wedelt nur, ſagte er leiſe, wenn die deutſchen Männer Nein kommen, werdet Ihr Euch Alle verbergen und Euch in den Staub oos werfen. Bis vahin wedelt, wedelt nur! uc leyj Er ſchritt rüſtig weiter die Straße hinunter bis zu dem kleinen icer 6 *) Häuſſer: Deutſche Geſchichte, Th. III. S. 239. ein an ſage e Di eilte, worauf nterem Ende reppe hinab⸗ ht, und den te Beides zu em Behälter, chdem er ihn ſichtbar war. deutlich ſeine iches, ſchönes ngen blonden t, wunderbar ubel war jett them Grunde es Priſidenten arent empor. en Minnet 00* den Staub den kleinen ¹ 541 Hauſe, das ſtill und ruhig am Ende derſelben lag. Leiſe öffnete er mit dem Schlüſſel die Hausthür und ſchlich auf den Zehen über den Flur hin, die Stiege hinauf. Vor einer Thür dort oben hielt er an und klopfte leiſe. Sofort ward die Thür geöffnet und ein junges Mädchen von wunderbarer Schönheit erſchien auf der Schwelle. Oh, Friedrich, Friedrich, biſt Du es wirklich? flüſterte ſie leiſe, und ſie umſchlang den Eintretenden mit ihren Armen und zog ihn feſt an ihre Bruſt. Ich habe Dich wieder, ich halte Dich und habe Dich, mein Geliebter, flüſterte ſie. Das furchtbare Loos hat Dich nicht getroffen! Gott hat Dein Opfer verſchmäht! Es iſt ſo, meine theure Anna, ſagte der junge Mann, einen in⸗ nigen Kuß auf das braune glänzende Haar des jungen Mädchens drückend. Aber was weinſt Du jetzt, meine Geliebte, da Du doch ſonſt ſo muthig warſt zur That, da Du doch mit Deinem Segen und Dei⸗ nem Beifall mich hingehen ließeſt zu der ſchwarzen Wahl? Sie faltete die Hände und ihre großen ſchwarzen Augen wandten ſich mit einem frommen Ausdruck dem Himmel zu. Abraham war be⸗ reit, ſeinem Gott den Sohn zum Opfer zu bringen, ſagte ſie, als aber ſein Opfer verſchmäht ward, dankte er Gott, daß er ſeiner Liebe ſich erbarmt hatte! So auch danke und ſegne ich Gott! Ja, ſagte der junge Mann düſter, Gott hat mein Opfer ver⸗ ſchmäht, und für dies Mal bin ich frei. Ich komme, um Abſchied zu nehmen, meine Geliebte, noch in dieſer Nacht muß ich fort! Du willſt fort! rief ſie entſetzt. Ah, Du haſt mich alſo getäuſcht und das Loos hat Dich getroffen! Du kommſt, um Abſchied zu neh⸗ men, weil Du das Gräßliche vollführen willſt! Nein, Anna, ich ſchwöre Dir bei unſerer Liebe, ich bin frei, das Loos hat mich nicht getroffen. Aber ich muß in dieſer Nacht noch bis nach Leipzig wandern. Mein Geſchäft hier iſt beendet und ich muß wieder die nüchterne proſaiſche Arbeit der Alltäglichkeit beginnen. Der Präſident der patriotiſchen Brüder muß ſich wieder herabſtimmen und ein armer, ſchachernder Kaufmann werden. Aber ich weiß es, und ich ſage es Dir zuvor, meine Anna, es wird doch ein Tag kommen, an 542 welchem Deutſchland Mich erwählen wird, um es von ſeinem Tyrannen zu befreien. Mein ahnend Herz ſagt mir, daß dieſe Beiden, welche heute das Lvos getroffen, ihr Werk nicht vollführen werden. Ihre Hände zitterten, als ſie die Kugeln emporhoben, und ich ſah ſie zu⸗ ſammenzucken, als ſie erkannten, daß ſie die ſchwarzen Kugeln erwählt. Nein, nein, ſie werden das Werk nicht vollführen, aber ich, ich werde es! Mir iſt es aufbehalten, und eines Tages wird ein Jubellied durch ganz Deutſchland rauſchen und es wird heißen: Wir ſind befreit von dem Tyrannen, der uns knechtete. Deutſchland iſt frei, und der uns befreite, der Mörder des Tyrannen, er heißt Friedrich Staps. II. Bie Peſtlichkeiten in Erfurt und Weimar. Feſte reihten ſich an Feſte, eine Luſtbarkeit verdrängte die andere, und wie in einem glänzenden Strom von Vergnügen, Liebe und Freund⸗ ſchaft ſchienen die Tage in Erfurt dahin zu fließen. Der Kaiſer Na⸗ poleon war der Wirth, der ſeinen Gäſten alle dieſe Luſtbarkeiten be⸗ reitete, Er war es, der den Kaiſer von Rußland, die Könige, die Herzöge und Fürſten mit ihrem ganzen Schwarm von Hofleuten, Ca⸗ valieren und Dienern gaſtlich in ſeiner Stadt Erfurt empfangen hatte, und mit wahrhaft kaiſerlicher Freigebigkeit für alle dieſe verſchiedenen kleinen Hofhaltungen ſorgen ließ. Aber ihm galten dafür auch alle Huldigungen, alle Zuvorkommen⸗ heiten, alle Etiquette und alles Ceremoniell. Zu ihm, dem Kaiſer, ka⸗ men an jedem Morgen die Könige und Fürſten, um dem kaiſerlichen Lever beizuwohnen. Er veranſtaltete die Feſtlicht iten und beſtimmte Diejenigen, welche an denſelben Theil nehmen ollren. Er vertheilte die Gunſtbezeugungen, und alle Andern mußten ſie von ihm empfangen. Er war der Herr, dem Alles huldigte, vor dem Alles ſich beugte, auch der Kaiſer Alexander. Das inn beiden Kaiſer der Freundſch Jünglinge, d ſind auf jede müſſen. Bei immer erſchie ſellſchaft; an Kaiſer Alero bar hinter d aufgeſtellt, a hinter dieſen Ahnſeſel, w Weſthalen e ſaßen die Her Heer der Gar dem Theater die Logen d ihren reichen Brillanten. Napoler terre von Kö das diſtre, wandt uf j Kaiſers, der leicht vat e iber ſch ſel et für die energiſcherer gefunden, a zeiſerung n iiſt gegeſt ſonders den und e nd Kidenſe n Tyrannen iden, welche erden. Ihre ſah ſe ⸗ geln erwählt. ch, ich wede lli dbefteit von und der uns Staps. ed durch ſe die andere, eund Freund⸗ r Kaiſer Na⸗ ſbarkeiten be⸗ Hönige, die fleuten, C⸗ pfangen hatte, verſchiedenen Zuvorlonmen m Kaiſer, ka⸗ em kaiſerlichen und beſtinmte Er m empfangel te, auch vertheilte belg h beug 543 Das innigſte Einverſtändniß herrſchte fort und fort zwiſchen den beiden Kaiſern. Immer ſah man ſie Arm in Arm, immer in lächeln⸗ der Freundſchaft neben einander, unzertrennlich wie zwei ſchwärmeriſche Jünglinge, deren Herzen ſich eben erſt gefunden und die eiferſüchtig ſind auf jede Minute Zeit, welche ſie fern von einander verſchwenden müſſen. Bei der Tafel, im Theater, bei den Bällen und Concerten, immer erſchienen die beiden Kaiſer zu gleicher Zeit im Kreiſe der Ge⸗ ſellſchaft; an der Tafel ließ Napoleon, als zuvorkommender Wirth, den Kaiſer Alexander zu ſeiner Rechten ſitzen; im Theater waren, unmittel⸗ bar hinter dem Orcheſter, auf einer Eſtrade zwei vergoldete Fauteuils aufgeſtellt, auf dieſen thronten dicht neben einander die beiden Kaiſer; hinter dieſen Fauteuils, aber auf ebener Erde, ſtanden vier kleinere Lehnſeſſel, welche die Könige von Baiern, Württemberg, Sachſen und Weſtphalen einnahmen, und hinter dieſen, auf gewöhnlichen Stühlen, ſaßen die Herzöge, Fürſten, Reichsgrafen und Geſandten und das ganze Heer der Cavaliere und Hofbeamten. In den Prosceniumslogen neben dem Theater hatten die Königinnen und Fürſtinnen ihre Plätze, und die Logen des erſten Ranges füllten die Damen der haute volée in ihren reichen Toiletten, in ihrem funkelnden Schmuck der Juwelen und Brillanten. Napoleon hatte Talma Wort gehalten; er ſpielte vor einem Par— terre von Königen, und vielleicht war es dieſes Parterre, oder vielleicht das düſtere, bleiche Antlitz Napoleons, deſſen flammende Blicke unver⸗ wandt auf ihm ruhten, oder auch der Anblick dieſes jungen, ſchönen Kaiſers, der nicht müde ward in enthuſiaſtiſchen Lobſpendungen, viel⸗ leicht war es dies Alles zuſammen, was den Künſtler begeiſterte und über ſich ſelber erhob. Niemals hatte Talma ſchöner geſpielt, nie hatte er für die Majeſtät eine erhabenere Würde, für den Schmerz einen energiſcheren Ausdruck, für die Liebe eine hinreißendere Leidenſchaft gefunden, als in dieſen Glanztagen von Erfurt. Eine flammende Be⸗ geiſterung war über die ganze Erſcheinung des Künſtlers ergoſſen, und dieſe Begeiſterung theilte ſich ſympathiſch auch den Zuſchauern und be— ſonders dem Kaiſer Alexander mit. Hingeriſſen von Talma's Gluth und Leivenſchaft, ſelber ganz Begeiſterung und Gluth, wohnte Alexander ——— 544 an der Seite Napoleons der erſten Darſtellung des Oedipus bei. Vornüber geneigt, ganz Auge und Ohr, horchte er in athemloſem Schweigen den Worten des Oedip, die wie ein goldener Strom der Melodie und Schönheit von Talma's Lippen floſſen. Jetzt aber, wie Talma auf der Bühne mit gehobener Stimme rief:„Die Freundſchaft eines großen Mannes iſt eine Wohlthat der Götter!“ da neigte Alexander, hingeriſſen von der Gluth ſeines Her⸗ zens, ſich dicht zu Napoleon hin, und mit ſeinen beiden Händen die Hand des Kaiſers erfaſſend, drückte er dieſe Hand mit einem Ausdruck unausſprechlicher Zärtlichkeit an ſeine Bruſt, und hielt ſie dort lange feſt, wie einen köſtlichen Schatz, den wieder frei zu geben ihm ſchwer werde. Ein Gemurmel des Erſtaunens und des Beifalls rauſchte durch den ganzen Saal, das Parterre der Könige ſchien leiſe zu erbeben vor Staunen über dieſe feierliche, öffentliche Demonſtration, ſelbſt der Oedipus auf der Bühne ſchien davon erſchüttert, und als er weiter ſprach, zitterte ſeine Stimme in tiefer Bewegung. Nur der Kaiſer Napoleon blieb ernſt und ruhig wie immer; kein Zug ſeines ehernen Autlitzes veränderte ſich, oder verrieth die ſtolze Genugthuung, welche ſein Herz in dieſem Moment empfinden mußte; nur mit einem flammenden, zärtlichen Blick dankte er Alexander, dann aber ſchien ſeine ganze Aufmerkſamkeit ſich wieder der Bühne zuzuwenden. Am Abend dieſes Tages fand Napoleon auf ſeinem Nachttiſch, wie jeden Abend, einen Brief ſeines Miniſters Champagny.„Der alte Romanzoff beſteht darauf, daß die Verſprechungen von Tilſit erfüllt werden, ſchrieb der Miniſter, Conſtantinopel, und nur Conſtantinopel ſcheint dem heißblütigen, ſtarrköpfigen Ruſſen ein würdiges Gegenſtück für Spanien. Ich glaube, nur der ſpecielle Befehl ſeines Kaiſers Alexan⸗ der wird im Stande ſein, den Starrſinn ſeines Miniſters zu brechen.“ Ah, murmelte Napoleon, das Papier in ſeiner Hand zerknitternd, dies muß ein Ende nehmen. Wir müſſen endlich zu einem Reſultat gelangen. Ich werde morgen das entſcheidende Wort ſprechen! Am andern Morgen erſchienen die Könige und Fürſten vergeblich in der Antichambre des Kaiſers Napoleon, um ſeinem Lever beizu⸗ wohnen. Napoleon war ungewöhnlich früh aufgeſtanden, und angelockt von den ſtra den Kaiſet A Alerande in Negligs, zu ihm eintra Ah, rief und ihn imig Sire, die gn neben wir m ſo lange ich da waren, ſch von außen d di Sonne w auf das Herr Npoleo war von ſein Ich habe reiche Stim als läge ich Nlle köſtliche entten, ſah aus einem ſe Zirtichteit g Zirtichtit,. G0 ele ſchnol ſitigen gehob Geſtalt des Rellenden S betwandelt, ihn entgege Augen voll Zihnen mir wühlte Oh der aging edipus bei. ahemloſen r Strom der ener Stimme Wohlthat der ſeines Her⸗ Händen die nem Ausdruck dort lange fſt, ſchwer werde. rauſchte durch u erbeben vor ſelbſt der als er weiter eimwer; kein ieth die ſcohe finden mußte lerander, danl ne zuwenden. ſuchttiſch, wie Nach Der alte 0 y. Tiſſit erfüllt Conſtuntinpe aes Gegenſic Kaiſers Uen⸗ rö zu hrechen. nd zerknitternd, einem Reſultat ſorechen! * vergeblih rſten eizu⸗ n Level beiz (loct und angelo 545 von dem ſtrahlenden, ſonnigen Herbſtmorgen, hatte er ſeinen Freund, den Kaiſer Alexander, mit einem Beſuch überraſcht. Alerander hatte ſich kaum von ſeinem Lager erhoben und war noch im Negligé, als Napoleon unangemeldet, mit heiter lächelndem Geſicht zu ihm eintrat. Ah, rief Alexander, mit einem lauten Jubelruf ihm entgegeneilend und ihn innig umarmend, Sie machen meine Träume zur Wahrheit. Sire, die ganze Nacht habe ich von Ihnen geträumt, Sie waren hier neben mir und durchleuchteten wie eine ſtrahlende Sonne dies Gemach, ſo lange ich ſchlief, und als ich dann die Augen öffnete und Sie nicht da waren, ſchien mir das Zimmer düſter und traurig, obwohl die Sonne von außen doch hell und luſtig herein ſchien. Aber jetzt, jetzt ſtrahlt die Sonne wieder, wenn Sie da ſind, und meine Träume haben ſich auf das Herrlichſte verwirklicht! Napoleons Antlitz war plötzlich düſter geworden und das Lächeln war von ſeinen Lippen verſchwunden. Ich habe auch einen Traum gehabt, ſagte er düſter und mit falten⸗ reicher Stirn. Ich lag auf meinem Bett und ſchlief. Es war mir, als läge ich auf einem Bett von Blumen und über mir leuchteten zwei helle köſtliche Sterne, aber wie ſie ſich tiefer und tiefer zu mir nieder⸗ ſenkten, ſah ich, daß es keine Sterne waren, ſondern zwei Augen, die aus einem ſchönen Männerantlitz ſtrahlten und mich mit unendlicher Zärtlichkeit anzublicken ſchienen. Ich ward wie bezaubert von dieſer Zärtlichkeit, mein ganzes Herz flog dieſem Antlitz entgegen, meine ganze Seele ſchmolz hin in Liebe zu dieſen Götteraugen. Wie von Engels⸗ fittigen gehoben richtete ich mich auf und breitete der nahenden geliebten Geſtalt des Freundes die Arme entgegen. Auf einmal ſtieß ich einen gellenden Schrei aus, der Freund hatte ſich plötzlich in einen Wolf verwandelt, der auf mich zuſtürzte, der meine Arme, die ſich liebend ihm entgegengeſtreckt, mit ſeinen Tatzen packte, und ſeine glühenden Augen voll Haß und Bosheit feſt in die meinen bohrend, mit ſeinen Zähnen mir die Bruſt zerfleiſchte, mit ſeiner Zunge mein Herz durch⸗ wühlte. Oh, es war ein gräßlicher Schmerz, nicht blos ein Schmerz der Imagination, ſondern ein wirklicher Schmerz, denn ich ſchrie ſo ühlbach, Napoleon. II. Bd 35 546 laut und ſo lange, daß mein Kammerdiener Conſtant aus dem Neben⸗ zimmer herbeiſtürzte und mich weckte.*)— Noch jetzt, wenn ich an dieſen Traum denke, bebt mein Herz und eine tiefe Traurigkeit be⸗ ſchleicht mein Gemüth. Er neigte ſein Haupt auf ſeine Bruſt, und die Hände auf dem Rücken gefaltet, ging er langſam und in finſtere Gedanken verloren auf und ab. Alexander ſchaute ihm lächelnd eine Zeitlang zu, dann näherte er ſich ihm, und zärtlich ſeinen Arm um Napoleons Nacken legend, ſagte er: Sire, weshalb dieſe Traurigkeit? Wahrlich, wenn man Sie an⸗ ſchaut, ſollte man glauben, mein erhabener Freund glaube an Träume! Ich glaube auch daran, rief Napoleon, lebhaft ſein Haupt empor⸗ richtend. Träume ſind die Offenbarungen unſeres Genius! Hätte Julius Cäſar ſeinen Träumen und den Prophezeihungen der Stern⸗ deuter geglaubt, ſo würde er nicht im Capitol unter den Dolchen der Mörder gefallen ſein! Aber wie wollten Ew. Majeſtät ſich denn dieſen entſetzlichen Traum, der Sie heute Nacht gequält hat, zu deuten verſuchen? fragte Alexander harmlos und lächelnd. Napoleon ſchaute mit einem ſeltſamen, forſchenden Blick auf ſein heiteres, unbefangenes Antlitz hin. Alexander, ſagte er dann leiſe und traurig, könnten Sie wohl eines Tages ſich in den Wolf verwandeln, der meine Bruſt zerfleiſcht? Ich, Napoleon, ich? rief Alexander, entſetzt zurückweichend. Eure Majeſtät glauben alſo nicht an meine Liebe, an die tiefe, ehrfurchts⸗ volle, bewundernde Zärtlichkeit, welche mein ganzes Herz für Sie er⸗ füllt? Alles, was ich gethan und geſagt, iſt alſo vergeblich geweſen! Statt nun Ihr großes, angebetetes Herz gewonnen zu haben, mißtrauen mir Ew. Majeſtät und trauen mehr einem Traumgebilde Ihrer Phan⸗ taſie, als den heiligſten Verſicherungen meiner Liebe! Nein, nein, ſagte Napoleon innig und faſt gerührt von dem tiefen Schmerz, der aus den Mienen des Kaiſers ſprach, ich glaube Eurer *) Constant, Mémoires. Vol. IV. P. 78. Majeſtüt, daf hege gla Und ich rief Alerande geſchlagen, m daß ich eine reich ſehnlich Ihnen unterg erloſchen, un wungen Fran ſo thre ich d zu befriedige zuſchue. Jt gethan haben ihre lufihigle dient, und ie wie ich, das ſolcher Sorg Ew. Majeſti und votzigli durch bedeut Ruſſen feſel in Oecdent Freund, und Fiinde zu de Krieg nit C in offener 5 Veiſe mir G Stille vorn ich zn Sc en Najiſt DOh, ich Dnd Alergr breunſchſft dem Neben⸗ wenn ich an raurigkeit be⸗ ände auf dem nken verloren un näherte er legend, ſagte man Sie an⸗ e an Träme! Haupt empor⸗ Hitte n der Stern⸗ D olchen der hlichen Traun, agte Alerander Blic auf ſein dann leiſe und lf verwandeln, eichend. Eure fe, ehrfucht⸗ für Sie er⸗ eblich geneſen! ben, mißtrauen e Ihret Phan⸗ von dem tiefen gube Eurer 9 547 Majeſtät, daß Sie ein wenig die Gefühle erwiedern, die ich für Sie hege. Ich glaube an Ihr edles, ſchönes Herz, allen Träumen zum Trotz⸗ Und ich ſchwöre Ew. Majeſtät, daß Sie an mich glauben können, rief Alexander. Meine ganze Politik, der ganz neue Weg, den ich ein⸗ geſchlagen, möge es Ihnen beweiſen, Sire, beſſer als meine Worte, daß ich eine feſte, dauernde Verbindung zwiſchen Rußland und Frank⸗ reich ſehnlich wünſche. Oh, glauben Sie es mir, Sire, ich habe mich Ihnen untergeordnet in Liebe, alle Eiferſucht iſt in meinem Herzen erloſchen, und wenn ich, gegenüber den ungeheuren Gebietsvergröße⸗ rungen Frankreichs, auch für Rußland eine Gebietserweiterung wünſche, ſo thue ich das nicht um meinetwillen, ſondern nur, um meine Nation zu befriedigen, damit ſie gelaſſener Ihren Operationen in Spanien zuſchaue. Ich meinestheils, ich billige Alles, was Sie in Spanien gethan haben. Der König Carl und ſein Sohn Ferdinand haben durch ihre Unfähigkeit und Schlechtigkeit hinlänglich ihr jetziges Schickſal ver⸗ dient, und ich beklage ſie nicht. Aber man muß ſo genau und feſt, wie ich, das Syſtem des großen Napoleon begriffen haben, um mit ſolcher Sorgloſigkeit über die großen Kataſtrophen, zu deren Zeugen Ew. Majeſtät die Welt gemacht, hinweggehen zu können; meine Nation und vorzüglich mein Adel iſt noch nicht ſo weit, und deshalb muß man durch bedeutende Veränderungen im Orient die Aufmerkſamkeit der Ruſſen feſſeln, damit ſie gleichgültiger Dem zuſchauen, was Napoleon im Occident unternimmt. Ich für meine Perſon bin Ihr treueſter Freund, und ich habe Ew. Majeſtät das bewieſen, denn ich habe Ihre Feinde zu den meinen gemacht. Ihren Wünſchen folgend, habe ich den Krieg mit England begonnen, und bald werde ich auch mit Oeſterreich in offener Fehde ſein, denn ich werde auf energiſche und rückhaltloſe Weiſe mir Erklärung der Rüſtungen fordern, welche Oeſterreich in der Stille vornimmt, und wenn mir dieſe Erklärung nicht genügt, werde ich zum Schwert greifen! Dann, nicht wahr, dann wenigſtens werden Ew. Majeſtät an meine Freundſchaft glauben? Oh, ich glaube ſchon jetzt daran, rief Napoleon, die dargereichte Hand Alexanders zärtlich in der ſeinen drückend. Ich glaube an Ihre Freundſchaft, Sire, denn dieſe Freundſchaft iſt meine Hoffnung. Beide 35 4 548 vereint, werden wir die großen und leuchtenden Pläne, die wir in Tilſit entworfen, zur Ausführung bringen. Hand in Hand über die Welt dahin ſchreitend, werden wir die ganze Welt zu unſeren Füßen nieder⸗ werfen, und es wird einſt nur noch zwei Throne und zwei Reiche geben, das Reich des Weſtens und das Reich des Oſtens. Aber vorſichtig und beſonnen müſſen wir zu Anfang vorwärts ſchreiten! Gott hat ſieben Tage bedurft, um ſeine Welt zu ſchaffen, und der Schöpfungs⸗ tag eines Gottes mag wohl ſo lang geweſen ſein, wie ein irdiſches Jahr. In ſieben ſolcher Schöpfungsjahre werden wir unſere Welt ſchaffen, und dann werden wir wie Gott ſie anſchauen und ſagen kön⸗ nen; daß ſie gut iſt! Aber Beſonnenheit thut Noth! Unſere beiden Reiche ſind jetzt belaſtet mit mannigfachen Verlegenheiten. Sie haben den Krieg in Finnland, ich den in Spanien. Die Klugheit räth uns, dieſe Verlegenheiten nicht zu vermehren, indem wir in dieſem Moment für Rußland eine Gebietsvergrößerung ſuchten, welche die ganze Welt mit Staunen und Entſetzen erfüllen und wie ein Kriegsruf durch ganz Europa wiederhallen würde. Die Türkei aufzulöſen, ſie dem ruſſi⸗ ſchen Reich einzuverleiben, das ſei der Schlußſtein unſerer Schöpfung, das letzte Juwel des ſiebenten Schöpfungstages. Bauen wir das neue Reich auf ſoliden und feſten Grundlagen, damit alle Stürme der Welt es nicht zu erſchüttern vermögen! Wenn ich Conſtantinopel Mein nenne, fürchte ich die Stürme der ganzen Welt nicht! rief Alerander glühend. Conſtantinopel gehört dem ſiebenten Schöpfungstage, ſagte Na⸗ poleon, aber wir ſind erſt am zweiten Tage. Tilſit war der erſte, Erfurt iſt der zweite Schöpfungstag! Und am zweiten Tage wollen Sie mir wieder entreißen, was Sie mir am erſten Tage zugeſichert haben? fragte Alexander, deſſen heitere Stirn ſich zu umwölken begann. Nein, ich will es Ihnen nur ſichern, ſagte Napoleon, ich will dem ſtolzen Gebäude unſerer Zukunft ein feſtes Fundament geben. Wenn Ew. Majeſtät heute die Türkei in Beſitz nähmen, würde morgen halb Europa ſich bewaffnen, um es Ihnen wieder zu entreißen, und Ruß⸗ land iſt in dieſem Moment nicht im Stande, ſo vielen Feinden die Spitze zu biet Anerbietunger Verzweiflung ſeinen Weltha dohten Eige ſelbſt mit den ſind die Heer Oeſterreich m ein Heer an aber nicht, 7 Ihre Haupta übrig, um a es verſteht ſic würde Front leißt gegen 3 echeben. Ich weinen Feind mal zu unte zu verft Moment noc Ach, ſe heben, daß liches Ziel p au u me „Was haſt d müſſen Letgrißeunz ich beſchint 9% Nein, u dann werden 6 Schauet h und Außen ande neue ( in es gethan it wir in Tiſſt über die Welt Füßen nieder⸗ iReiche geben, ber vorſichtig e! Gott hat Schöpfungs⸗ e ein irdiſches und ſagen kön⸗ Unſere beiden Sie haben heit räth uns, ſem Moment che die ganze sruf durch ſie dem ruſſi⸗ ter Schöpfung, wir das neue le der Velt die Stürme der dle— „ſagte M⸗ war det erſte⸗ eißen, was Sle deſſen heitere ich will dem Wenn 5 norgen halb und Ruß⸗ Feinden de 549 Spitze zu bieten. Oeſterreich würde ſich wider Sie erheben, denn, welche Anerbietungen Sie ihm auch machen könnten, es würde den Kampf der Verzweiflung einer Theilung der Türkei vorziehen. England würde ſeinen Welthandel gefährdet ſehen und mit dem Fanatismus ſeines be⸗ drohten Eigennutzes in den Kampf gehen, den außerdem die Türkei ſelbſt mit dem Fanatismus bedrohter Nationalität beginnen würde. Wo ſind die Heere, welche Ew. Majeſtät der vereinten Macht von England, Oeſterreich und der Türkei entgegenſtellen könnten? Sie haben freilich ein Heer an der Donau, genügend, um der Türkei die Stirn zu bieten, aber nicht, wenn ſie aufſteht in einer allgemeinen Nationalerhebung; Ihre Hauptarmee ſteht in Finnland, und Sie haben keine Truppen übrig, um auch Oeſterreich noch zu bekämpfen. Ich allein alſo, denn es verſteht ſich von ſelbſt, daß ich Ihr treuer Bundesgenoſſe bleibe, ich würde Front machen gegen Oeſterreich, England, Spanien, und viel⸗ leicht gegen ganz Deutſchland, wenn es dieſem einfallen ſollte, ſich zu erheben. Ich könnte es freilich, denn ich beſitze Macht genug, um allen meinen Feinden zu trotzen. Aber wäre es weiſe, ſo Großes auf ein⸗ mal zu unternehmen? Und überdies— wozu? Um ein chimäriſches Ziel zu verfolgen, das, wie groß und herrlich es auch iſt, doch für den Moment noch unerreichbar iſt! Ach, ſeufzte Alexander, ich ſehe ein, daß Ew. Majeſtät Recht haben, daß ſich Berge von Schwierigkeiten um mein hehres und köſt⸗ liches Ziel aufthürmen! Ich werde mit leeren Händen einſt heimkehren müſſen zu meinen Ahnen, und wenn Peter der Große mich einſt fragt: „Was haſt Du gethan, um mein Teſtament zu erfüllen? Wo ſind die Vergrößerungen, die Du meinem Reiche hinzugefügt?“ Dann werde ich beſchämt mein Haupt ſenken und ſagen, daß— Nein, unterbrach ihn Napoleon mit lauter, feierlicher Stimme, dann werden Ew. Majeſtät ſtolz Ihr Haupt erheben und ſagen: „Schauet hin auf Rußland! Ich habe es groß gemacht nach Innen und Außen! Ich habe meinem Volk die Kultur und Bildung, meinem Lande neue Provinzen gegeben, Provinzen, welche ſeine Macht und Größe mehr und herrlicher gefördert haben, als ſelbſt Conſtantinopel es gethan hätte! Conſtantinopel iſt der goldene Traum der Phantaſie, 550 ich habe meinem Lande goldene Provinzen der Wirklichkeit hinzugefügt!“ Das werden Sie Ihrem großen Ahnherrn antworten, Sire, voraus⸗ geſetzt, daß Sie zu ihm gehen, bevor Sie Ihren ſiebenten Schöpfungs⸗ tag erreicht haben. Alexander ſchaute wie bezaubert, ſprachlos, betäubt vor Staunen und Verwunderung, in das von Energie und Trotz leuchtende Antlitz Napoleons. Von welchen Provinzen reden Ew. Majeſtät? fragte er träumeriſch. Wo ſind die Länder, die ich meinem Reich hinzugefügt? Sie liegen zu den Füßen Rußlands und ſcheinen nur zu warten, daß Ew. Majeſtät ſie aufheben. Die Moldau und die Walachei, das ſind die Provinzen, die Ew. Majeſtät Ihrem Reiche als neues Kron⸗ juwel ſchenken werden. Die Moldau und die Walachei, das iſt eine ſolide Wirklichkeit ſtatt chimäriſcher Träume, ein Beſitz, der für jetzt von größerer Wichtigkeit für⸗Rußland iſt, als Conſtantinopel ſelber! Das iſt wahr, rief Alexander freudig. Ich ſelbſt habe das lange ſchon gedacht, aber nicht gewagt, es mir zu geſtehen, weil ich nicht hoffte, für dieſen Plan die Zuſtimmung Ew. Majeſtät gewinnen zu können. Frankreich kennt keinen Neid, ſagte der Kaiſer, und Napoleon liebt ſeinen Freund Alexander, er gönnt ihm, was es wünſcht und was für ihn erreichbar iſt! Nehmen Sie die Moldau und Walachei, Sire! Sie bewilligen Sie mir, rief Alexander freudig, und diesmal iſt es kein leeres Verſprechen, ſondern ein ſicheres, feſtes, unabänderliches Uebereinkommen? Ich ſage, nehmen Sie, Sire, nehmen Sie ſogleich, und wehe Denen, welche es wagen wollten, Ihr neues Eigenthum anzurühren! Alexander und Napoleon wachen über demſelben! Alexander ſchlang mit einer leidenſchaftlichen Innigkeit ſeine bei⸗ den Arme um Napoleons Hals und drückte ihn zärtlich an ſein Herz⸗ Ich danke Ihnen, Sire, ſagte er. Sie haben mir heute einen wahren Beweis Ihrer Freundſchaft gegeben, und der alte Romanzoff wird jetzt erkennen müſſen, daß er Unrecht hat, wenn er meint, wir müßten mit leeren Händen abziehen und nur mit Verſprechungen und Träu⸗ men wolle man uns ſättigen. Ah, mein alter Romanzoff iſt ein harter Kopf, und ſchere Su * Geriß ſtöhlich in Er wir ner noch lo Wort glaul Erden es z ghubt mei Vir! garantiren, Oh, 1 nigt das 2 und Cham Ih w ſagte Nape auch den ſt Ew. Maje der Ueber einen forr von den 2 pfüchten, kennen, ſt nüthigen, hundlunge Vuffuſil Balkan, n Conſtanti Im Fall kinpfen. demſelben hig, i Sgund thinzugefigt!“ Eir, voraus⸗ en Schipfungt⸗ t vor Staunen uchtende Antltz er träumeriſch. nur zu warten, e Walachei, das als neues Kron⸗ ei, das iſt eine der für jetzt von el ſelber! habe das lange lich nicht hoffte, nen zu können. d Napoleon liebt ſcht und was für alachei, Sire! und diesmal iſt unabänderliches leich, und wehe „on! hum anzutühren migkeit ſeine be⸗ ich m ſein Herz te einen wahren f wird nüßten Triu⸗ eu Remanzo neint wil en und ung voff iſt ein hart 16 551 Kopf, und ich denke, er macht Ihrem Miniſter Champagny manche ſchwere Stunde. . Gewiß, das thut er, rief Napoleon lachend, und Alexander ſtimmte fröhlich in dies Lachen ein. Er wird auch jetzt noch Garantieen fordern, ſagte Alexander, im⸗ mer noch lachend. Er iſt ſo hartköpfig, daß er keinem geſprochenen Wort glaubt, und wenn ſelbſt Gott im Himmel oder Napoleon auf Erden es zu ihm ſpräche. Nur was er Schwarz auf Weiß hat, das glaubt mein alter Romanzoff. Wir wollen ihm die Moldau und Walachei Schwarz auf Weiß garantiren, ſagte Napoleon. Oh, nicht um meinetwillen, rief Alexander leichthin, für mich ge⸗ nügt das Wort Ew. Majeſtät vollkommen; mögen ſich doch Romanzoff und Champagny um die Formalitäten zanken! Ich will dem armen Champagny ein wenig zu Hülfe kommen, ſagte Napoleon, wenn Ew. Majeſtät die Güte haben wollen, dafür auch den ſtarren Romanzoff ein wenig milder und traitabler zu machen. Ew. Majeſtät haben die Moldau und Walachei ja ſchon jetzt beſetzt, der Uebergang zum Beſitz iſt alſo nicht ſchwer. Frankreich wird durch einen formellen Tractat einwilligen, daß Rußland definitiven Beſitz von den Donau⸗Provinzen nimmt; Frankreich wird ſich außerdem ver⸗ pflichten, nicht allein für ſich ſelber dieſe ruſſiſche Erwerbung anzuer⸗ kennen, ſondern auch die Türkei, Oeſterreich und England ſelbſt zu nöthigen, daß ſie dieſelbe anerkennen müſſen, wenn Rußland die Ver⸗ handlungen darüber beginnt. Ew. Majeſtät werden alſo jetzt den Waffenſtillſtand mit der Türkei brechen, Ihre Armee bis zum Fuß des Balkan, weiter noch bis Adrianopel, und wenn es ſein muß, ſelbſt bis Conſtantinopel vorſchieben, um der Pforte dies Opfer zu entreißen. Im Fall Oeſterreich interveniren wollte, würden wir es gemeinſam be⸗ tämpfen. Was England anbetrifft, ſo ſind wir ja ſchon im Krieg mit demſelben und haben alſo keine neuen Wege einzuſchlagen; ich habe nur nöthig, ihm einige blutige Niederlagen in Spanien zu bereiten, um England ganz unempfindlich für alles Andere zu machen, was wir auf 552 dem Continent unternehmen wollen.*)— Dies Alles wollen wir nicht blos mündlich, ſondern ſchriftlich feſtſetzen. Werden Ew. Majeſtät vgn zufriedengeſtellt ſein? Ich? Mein Gott, ich bin zufriedengeſtellt mit dem Wort Ew. Ma⸗ jeſtät, rief Alexander. Nun denn, ſagte Napoleon mit einem feinen Lächeln, die Frage heißt alſo: wird auch Ihr Miniſter Romanzoff damit zufriedengeſtellt ſein? Ganz gewiß wird er das, und ich werde ihm überdies befehlen, es zu ſein! Champagny und Romanzoff mögen den Tractat redigiren, wir haben dann nur nöthig, ihn zu unterzeichnen, und Alles wird ge⸗ than ſein. Unſere Freundſchaft iſt dann mit neuen Banden nur inniger und feſter verknüpft, und nichts auf der Welt ſoll dieſe beglückenden Bande löſen können. Und was unſere übrigen Pläne anbetrifft, ſagte Napoleon, ſo wer⸗ den wir ſie nie aus den Augen verlieren, ſondern uns ihnen beſonnen und vorſichtig jeden Tag einen Schritt weiter annähern, bis wir zur Ausführung ſchreiten können. Es bleibt uns noch eine unendliche Zu⸗ kunft, um unſere Pläne in Bezug auf den Orient auszuführen und die Hand an denſelben zu legen. Romanzoff iſt alt und daher unge⸗ duldig, das zu genießen, was er wünſcht. Aber Sie ſind jung, Sie können warten! Romanzoff iſt ein Ruſſe der vergangenen Zeit, ſagte Alexander lächelnd. Er hat Leidenſchaften und Neigungen, die ich nicht hahe. Ich lege mehr Werth darauf, mein Reich zu civiliſiren, als es zu ver⸗ größern. Ich wünſche daher die Donau⸗Provinzen mehr für Romanzoff und meine Nation, als für mich. Ich werde alſo auch geduldig warten können, bis unſere anderen Pläne ſich ausführen laſſen. Aber Sie, mein edler Freund, auch Sie ſollten jetzt in Ruhe und Behagen ſich dem Genuß der großen Dinge, die Sie vollendet haben, hingeben und Ihr koſtbares Haupt nicht mehr den Kugeln ausſetzen. Haben Sie nicht genug des Ruhms, genug der Macht? Alexander und Cäſar hatten nicht mehr Lorbeeren, als Sie! Genießen Sie, ſeien Sie *) Thiers, Histoire du Consulat. Vol. IX. p. 250. gliclih un Pwjct.*) Jo, da Ruhe. Ich keinen Reiz des Ruhns Braven, die werden. N Tage des Er rei widerſtehen ſchaftlichem Oh, ſe endlich verſt hitten irgen Gewihrung Ew Maje mein Bund Genahlin, Ihrer Zuſti geſthe es( Majeſit fi lage zu ve Erleich düſterter S ſi nicht pi Sire, ebeugt, 3 keinert, nic vollen wir nicht Maeſtit Wn * Wort Eu. Ma⸗ die Frage heift geſtellt ſein erdies befehlen, actat redigiren, Alles wird ge⸗ den nur imiger eſe beglückenden poleon, ſo wer⸗ ihnen beſonnen 1, bis wir zur unendliche Zu szuführen und nd daher unge⸗ ſind jung, Sie „ ſagte Alerander ſcht hahe. 3ch es zu ver⸗ für Romanpf eduldig warten Aber Sie, d Behagen ſich hingeben ud n. Haben Sie der und Ciſr Sie ie, ſeien 553 *glücklich und überlaſſen wir der Zukunft die Ausführung unſerer Projecte.*) Ja, das wollen wir, rief Napoleon. Auch ich ſehne mich nach Ruhe. Ich bin des Krieges ſatt, die Eroberungen haben für mich keinen Reiz mehr, und die Schlachten ſcheinen mir nicht mehr ein Feld des Ruhms, ſondern nur ein beklagenswerther Todtenacker ſo vieler Braven, die ihrem Vaterland und ihrer Familie vor der Zeit entriſſen werden. Nein, keinen Krieg mehr! Frieden mit der Welt, und dieſe Tage des Friedens verklärt durch die Freundſchaft Alexanders! Er reichte mit jenem zauberhaften Lächeln, welchem Niemand zu widerſtehen vermochte, Alexander ſeine Hand dar, die dieſer mit leiden⸗ ſchaftlichem Entzücken nahm und an ſeine Bruſt drückte. Oh, ſagte Napoleon, ich bin heute ſo glücklich darüber, daß wir uns endlich verſtändigt und feſt verbündet haben, daß ich möchte, Ew. Majeſtät hätten irgend einen Wunſch, den ich Ihnen gewähren könnte, und deſſen Gewährung mir ſchwer würde. Giebt es denn nichts, gar nichts, was der große, geliebte Alexander von ſeinem zärtlichen Freund Napoleon als Freundſchaftspfand fordern könnte? Doch, Sire, es giebt ſo Etwas, rief Alexander, und ich habe Ew. Majeſtät noch einen Wunſch und eine Bitte vorzutragen. Sire, mein Bundesgenoſſe, der arme König von Preußen, mit ſeiner edlen Gemahlin, lebt noch immer im Exil in Königsberg. Ich ſah ſie mit Ihrer Zuſtimmung bei meiner Durchreiſe durch Königsberg, und, ich geſtehe es Ew. Majeſtät, ich habe ihnen verſprochen, mich bei Eurer Majeſtät für ſie zu verwenden und ihnen Erleichterung ihrer drückenden Lage zu verſchaffen! Erleichterung ihrer drückenden Lage! rief Napoleon mit ſchnell um⸗ düſterter Stirn. Haben ſie dieſe nicht ſelbſt verſchuldet? Warum zahlen ſie nicht pünktlich die ihnen auferlegte Contribution? Sire, weil ſie es nicht vermögen! Weil Preußen jetzt, darnieder⸗ gebeugt, geſchwächt und faſt um die Hälfte ſeines Territoriums ver⸗ kleinert, nicht im Stande iſt, im Laufe von zwei Jahren eine Kriegs⸗ *) Alexanders eigene Worte. Siehe: Thiers, IX. S. 266. 554 Contribution von einmalhundert und vierzig Millionen Thaler zu zahlen/ und außerdem noch eine franzöſiſche Armee von vierzigtauſend Mann zu ernähren. Ew. Majeſtät ſollten großmüthig ſein, und meinem armen Bundesgenoſſen wenigſtens den Schein der Selbſtſtändigkeit verleihen, indem Sie die franzöſiſche Oecupation aufheben. Wenn ich es thäte, würde Preußen gar nicht mehr daran denken, überhaupt ſeine ihm auferlegten Verpflichtungen erfüllen zu wollen, rief Napoleon heftig. Statt die Kriegs⸗Contribution zu zahlen, würde es in ſeiner Verblendung wieder verſuchen wollen, in offener Empörung ſich mir entgegen zu ſtellen. Die Königin Louiſe haßt mich, ſie wird niemals aufhören, gegen mich zu intriguiren und ihren Gemahl wider mich aufzuhetzen. Sie umgiebt ſich und ihren Gemahl mit Menſchen, welche ihre Geſinnung theilen und heimliche Verſchwörungen machen, um ganz Preußen, ja ganz Deutſchland zu revolutioniren. Da iſt zum Beiſpiel ein gewiſſer Herr von Stein, den der König auf Begehren der Königin zu ſeinem Miniſter gemacht hat, und der nur ein Werk⸗ zeug in den Händen der intriguanten Königin iſt, das ſie benutzt, um Verſchwörungen wider mich anzuzetteln. Dieſer Stein iſt ein ſchlimmes und gefährliches Subject, das Haupt geheimer Geſellſchaften, und ich werde Sorge tragen, ihn ſofort unſchädlich zu machen! Er und die Königin allein tragen die Schuld, daß Preußen mir fortgeſetzt opponirt, daß es ſich weigert, die ſtipulirte Kriegs⸗Contribution zu zahlen. Sire, ſagte Alexander faſt bittend, ich wiederhole Ew. Majeſtät, Preußen iſt nicht im Stande, dieſe enormen Summen, deren Höhe ſich nach dem Tilſiter Friedenstractat noch geſteigert hat, aufzubringen, und noch dazu im Lauf von zwei Jahren. Oh, Ew. Majeſtät, das Schickſal des preußiſchen Königspaares iſt beklagenswerth und laſtet wie ein Vorwurf auf meiner Seele! Thun Ew. Majeſtät um meinet⸗ willen, was Sie nicht für Preußen thun wollen. Laſſen Sie mich nicht mit leeren Händen und ohne Troſt zu dem trauernden, verein⸗ ſamten und verlaſſenen Königspaar zurückkehren. Gönnen Sie mir den Triumph, ihnen beweiſen zu können, daß mein Wort und meine Für⸗ ſprache das von Ew. Majeſtät erlangen konnte, was weder der Brief der Königin, noch alle Bitten und Vorſtellungen des Prinzen Wilhelm und der p ſchen woh lännen, de Napo Alerander er dem Sire zu widerſt itgend E zu dirfet Nun, En wahrhaft Sire J laſen un Jahren fi glle mein Sind En Freundſe Es Edelſin Aerunde glückich dieſe frol meine ar haben, m diſem W dort in Cw. M Na heiteres, ſcheiden, Frihern haler zu zahlen⸗ auſend Mann meinem armen igkeit verleihen, daran denken, zu wollen, rief hlen, würde es ener Empörung mich, ſie wird Gemahl wider mit Menſchen, rungen machen, niren. Da iſt g auf Begehren nur ein Werk⸗ ſie benutzt, um iſt ein ſchlimmes ſchaften, und ich n! Et und die tgeſett opponit, n zahlen. Ew. Majeſtü, deren Hühe ſih aufzu ubringen, NMajeſtt, dos werth und laſtet tät um neinet⸗ Luſen S Sie nich mernden, ber rin⸗ men Sie nir den und neine ʒir⸗ weder der Brif zen Vilh lheln und der preußiſchen Diplomatie erlangen konnten! Oh, Ew. Majeſtät ſehen wohl, ich bin eitel, und ich möchte Jedermann Zeugniß geben können, daß mich der große Napoleon ein wenig liebt! Napoleons Antlitz war milder und weicher geworden, während Alexander lebhaft und mit ſchmeichelnder Stimme ſprach. Jetzt reichte er dem Kaiſer mit einem langen zärtlichen Blick die Hand dar. Sire, ſagte er, wer vermöchte es, Ihrer Grazie und Großmuth zu widerſtehen? Ich wünſchte ja vorher, Ihnen irgend eine Forderung, irgend Etwas, das zu gewähren mir ſchwer werden möchte, bewilligen zu dürfen, um Ihnen einen Beweis meiner Liebe geben zu können. Nun, Ew. Majeſtät haben in der That etwas gefordert, das mir ſchwer, wahrhaft ſchwer fällt! Aber ich will es bewilligen! Um Ihretwillen, Sire! Ich will Preußen zwanzig Millionen von der Contribution er⸗ laſſen und ſtatt der zweijährigen Friſt eine Zahlungsfriſt von drei Jahren feſtſetzen, und Befehl ertheilen, daß innerhalb ſechs Monaten alle meine Truppen und Beamten aus Preußen zurückgezogen werden.*) Sind Ew. Majeſtät damit zufrieden, und iſt es ein Beweis meiner Freundſchaft für Sie? Es iſt ein Beweis Ihrer Freundſchaft, Ihrer Großmuth, Ihres Edelſinns, und ich danke Ew. Majeſtät von ganzem Herzen dafür, rief Alexander, indem er Napoleon zärtlich umarmte. Oh, wie ſtolz und glücklich werde ich ſein, wenn ich dem Königspaar bei meiner Rückkehr dieſe frohen Nachrichten bringen kann. Ach, ſie haben viel gelitten, meine armen Bundesgenoſſen, und wenn Ew. Majeſtät nichts dawider haben, möchte ich den König Friedrich Wilhelm und ſeine Gemahlin in dieſem Winter auf einige Wochen nach Petersburg einladen, um ihnen dort einige Zerſtreuung und Aufheiterung bereiten zu können. Billigen Ew. Majeſtät dieſen Plan? Napoleon warf einen raſchen, forſchenden Blick auf Alexanders heiteres, ſorgloſes Angeſicht. Ich maße mir nicht an, darüber zu ent⸗ ſcheiden, wem Ew. Majeſtät Ihre Gaſtfreundſchaft beweiſen wollen, *) Thiers, Histoire du Consulat. Vol. IX. p. 264.— Pertz, Leben des Freiherrn von Stein. Th. II. S. 261. 556 ſagte er, und ich vertraue der Freundſchaft des Kaiſers Alexander, der von nun an mein Bundesgenoſſe iſt! Möge er den König von Preußen auch in dieſen Bund hineinziehen, wie dieſer ihn einſt in den Bund wider mich hineinzog; das würde in der That ſehr zum Heil Friedrich Wilhelms gereichen und den Intriguen ſeiner Königin endlich ein Ziel ſetzen. Aber jetzt, Sire, genug der Politik und der Geſchäfte! Wir Beide ſind einig! Einig für Frieden und Krieg! Unſere Geſchäfte ſind alſo abgewickelt, und die Tage, die wir jetzt noch hier zu verleben haben, gehören der Freude des Beieinanderſeins und dem Vergnügen allein an! Der Herzog von Weimar möchte uns gern einige Tage in ſeiner Reſidenz bewirthen und uns da eine Jagd und einen Ball geben. Wir wollen heute Nachmittag hinziehen, nicht wahr, und zwei Tage in Weimar bleiben, wenn es Ew. Majeſtät recht iſt? Ich folge Ew. Majeſtät überall hin, und wär's ſelbſt in den Orkus, rief Alexander lebhaft. Gehen wir alſo nach Weimar! Und wenn es Ihnen gefällig iſt, Sire, auch nach Jena. Ich möchte Ew. Majeſtät gern das Schlachtfeld zeigen. Und ich möchte gern dort von Ew. Majeſtät lernen, wie man ſei⸗ nen Feinden glänzende Lorbeeren abgewinnt. Ich folge Ihnen nach Jena als Ihr lernbegieriger Schüler! IV. Uapoleon und Göthe. Als Napoleon von ſeinem Morgenbeſuch bei dem Kaiſer von Ruß⸗ land zurückkehrte, begab er ſich in ſein Cabinet und ließ ſofort den Miniſter Champagny rufen. Napoleon ſchritt ihm mit ungewohnter Lebhaftigkeit entgegen, und jetzt, da es ſeinem Stolz nicht mehr noth⸗ wendig erſchien, eine Maske vor ſein Antlitz zu legen, ſtrahlte daſſelbe in triumphirender Freude. Cham mir zu ſch nomnen, 1 Rauch hin der Länderc zuftiedenge zwingen. werden ihn müſſen. J Sie möge den Tracte weiteren ₰ Und! geben für der Miniſt forderunge endlich aus von Ew. Freundſche Ich d ken rief Oeſtrreich mich durch Aber ich u offenem P Frieden v Oeſteric oder weni ſu fir ſ Monarchi tützt habe Lerdankt e Rtt wiede den Beſie llerander, det von Preußen in den Bund Heil Friedrich dlich ein Ziel ſchäfte! Wir ere Geſchäfte rzu verleben m Vergnügen inige Tage in en Ball geben. nd zwei Tage in den Orkus, Ich möchte wie man ſei⸗ e Ihnen nach ſer vn Ruß⸗ iß ſefot de t mngenehnter ht mehr noth⸗ rahlte dſelbe 57 Champagny, ſagte er, Sie werden jetzt nicht mehr nöthig haben, mir zu ſchreiben. Der Kaiſer Alexander hat meine Vorſchläge ange⸗ nommen, und der alte Romanzoff wird ſich ſeine Katzenzunge in den Rauch hängen müſſen, wenn ſie ihm nicht verderben ſoll. Für jetzt iſt der Länderappetit des ruſſiſchen Kaiſers mit den Donaufürſtenthümern zufriedengeſtellt, und er wird auch ſeinen Miniſter zur Nachgiebigkeit zwingen. Der alte Starrkopf wird ſich erweichen müſſen, aber wir werden ihm freilich unſere Verſprechungen Schwarz auf Weiß geben müſſen. Ich reiſe heute mit dem Kaiſer auf einige Tage nach Weimar, Sie mögen indeſſen hier mit Romanzoff die Geſchäfte fortführen und den Tractat redigiren. Ich werde Ihnen heute von Weimar aus meine weiteren Inſtructionen ſenden. Und wollen mir Ew. Majeſtät nicht gnädigſt auch Inſtructionen geben für den öſterreichiſchen Geſandten, den Grafen Vincent? fragte der Miniſter. Dieſer Herr beſtürmt mich täglich mit Fragen und An⸗ forderungen. Er wünſcht ſehnlichſt eine Audienz bei Ew. Majeſtät, um endlich aus Ihrem Munde zu erfahren, Sire, daß Oeſterreich nichts von Ew. Majeſtät zu befürchten habe, und daß Ew. Majeſtät der Freundſchaft und Ergebenheit Oeſterreichs Glauben ſchenken. Ich der Freundſchaft und Ergebenheit Oeſterreichs Glauben ſchen⸗ ken! rief Napolevn mit gerunzelter Stirn. Ich kenne die Perfidie Oeſterreichs und ich weiß, daß es im Stillen rüſtet, um, ſobald es mich durch Spanien in Verlegenheit glaubt, ſofort mich anzugreifen. Aber ich werde dieſen Heuchlern zuvorkommen! Ich werde ihnen mit offenem Viſir entgegentreten und ihnen den Krieg bringen, da ſie den Frieden verſchmähen! Jetzt, da ich Rußlands ſicher bin, fürchte ich Oeſterreich nicht mehr, denn mit mir vereint wird Rußland es bekriegen, oder wenigſtens doch mich nicht hindern, es zu bekämpfen und zu ſtra⸗ fen für ſeinen Uebermuth. Es lag in meiner Macht, die öſterreichiſche Monarchie zu ſtürzen, wie ich die von Neapel und von Spanien ge⸗ ſtürzt habe. Ich habe es nicht gewollt, und daß Oeſterreich noch exiſtirt, verdankt es mir! Zetzt aber werde ich unerbittlich ſein, und wenn ich jetzt wieder in Wien einziehe, ſo iſt es als Dictator und als Herr, der den Beſiegten Geſetze giebt. Oeſterreich rüſtet, auch Frankreich wird 558 rüſten, und es wird Oeſterreich ein zweites Auſterlitz bereiten. Sagen Sie dies in meinem Namen dem Herrn von Vincent. Ich ſelbſt werde an ſeinen Kaiſer ſchreiben und dieſen Brief dem Geſandten mitgeben. Sagen Sie das Herrn von Vincent! Er entließ den Miniſter mit einem raſchen Kopfneigen und begab ſich in den Speiſeſaal, um zu dejeuniren. Das Dejeuner ſtand bereit und war an einem runden Tiſch in der Mitte des Zimmers aufgetragen. Talleyrand, Berthier, Savary und Daru empfingen den eintretenden Kaiſer und begleiteten ihn zu dem Frühſtückstiſch, nicht um an dem Dejeuner Theil zu nehmen, ſon⸗ dern um, wie Napoleon das liebte, während er aß, ihn zu unterhalten und die Fragen zu beantworten, die der Kaiſer bald an Dieſen, bald an Jenen richtete. Nun, Daru, fragte der Kaiſer, indem er ſich ſetzte, Sie kommen aus Berlin? Wie ſteht es mit den Contributionsgeldern? Ach, Sire, ſehr ſchlecht, ſagte Daru achſelzuckend. Es wird wahr⸗ ſcheinlich härterer Maßregeln bedürfen, um die Widerſpenſtigen zu zwingen, und ſie— Eben öffnete ſich die Thür, der Kammerdiener Conſtant trat ein und flüſterte dem Marſchall Berthier einige Worte zu. Dieſer näherte ſich dem Kaiſer, der eben damit beſchäftigt war, einen Hühnerflügel mit den Händen zu zerreißen und zum Munde zu führen. Sire, ſagte Berthier, Ew. Majeſtät haben den Herrn von Göthe um dieſe Stunde zur Audienz befohlen. Er iſt im Vorzimmer und er⸗ wartet die Befehle Ew. Majeſtät! Ah, Herr von Göthe, der große deutſche Dichter, der Verfaſſer des Werther! rief Napoleon lebhaft. Laſſen Sie ihn ſogleich eintreten! Conſtant eilte hinaus, und eine Minute ſpäter öffnete er die Thür und annoncirte: Herr von Göthe! Napoleon ſaß noch an ſeinem Frühſtückstiſch, ihm zur Rechten ſtand Talleyrand, zur Linken Daru, Savary und Berthier. Aller Augen wandten ſich jetzt der Thür zu, in welcher eine Männergeſtalt von im⸗ ponirender Würde und wunderbarer Hoheit erſchien. Schlank, markig und fiſt wi tem und kro heit und Er bergeblich v Schönheit d noch die edl der Jugend Gluth eines ſlammte no die mit ein Napol kommen, ut Göthe ſtozer Gelo Nopoleon ſanmenden Feuechlic, Staunens hindeutend, Ein u veteigte e —— ²) Dieſ Prrehrern 6 hünſt We ſeinem Pate werde niem dies Port dem Göthe Göthe 3 gaub es wortete t nich enpfn i ein recht Ane zuf Nivelit de und qu Gi iten. Sagen ſelbſt werde ten mitgeben. en und begah nden Tiſch in hier, Savarh iteten ihn zu nehmen, ſon⸗ zu unterhalten Dieſen, bald Sie kommen 7 Ss wird wahr⸗ rſpenſtigen zu nſtant trat ein eſchäftigt war, m Munde ern von Göthe immer und er⸗ der Verfaſſer gleich eintreten et er die Tir n zur Rechten Aler Augen rgeſult von im Schlonk, markig — v 559 und feſt, wie eine deutſche Eiche, war die Geſtalt; über breiten Schul⸗ tern und kraftvoll gewölbter Bruſt thronte ein Haupt voll edler Schön⸗ heit und Erhabenheit, das Haupt eines Jupiters. Das Alter hatte es vergeblich verſucht, durch ſeine Linien und Furchen die unvergängliche Schönheit dieſes Geſichtes zu vernichten, es hatte weder den Liebreiz, noch die edle Würde ſeiner Züge zu zerſtören vermocht. Alle Grazien der Jugend ſpielten noch um ſeine feingeſchnittenen rothen Lippen, alle Gluth eines jungen leidenſchaftlichen Herzens, eines feurigen Geiſtes flammte noch aus ſeinen Augen, aus dieſen großen ſchwarzen Augen, die mit einer ſtolzen, edlen Ruhe zu dem Kaiſer hinſchauten. Napoleon winkte Göthe mit nachläſſiger Handbewegung, näher zu kommen, und aß an ſeinem Hühnerflügel weiter. Göthe folgte dem Wink und ſchritt hochaufgerichteten Hauptes mit ſtolzer Gelaſſenheit näher. Jetzt ſtand er ganz nahe vor dem Tiſch, Napoleon gerade gegenüber. Der Kaiſer hob den Blick empor, die flammenden Augen der beiden Herven begegneten ſich in einem langen Feuerblick, dann wandte Napoleon ſich mit einem Ausdruck freudigen Staunens an Talleyrand, und mit der erhobenen Rechten auf Göthe hindeutend, rief er:„Ah, das iſt ein Mann!“*) Ein unmerkliches Lächeln flog über Göthe's Antlitz hin, ſchweigend verneigte er ſich. *) Dieſes Wort Napoleons machte damals viel Aufſehen und gefiel den Verehrern Göthe's, und dem Dichter ſelbſt außerordentlich, als die höchſte und ſchönſte Anerkennung des Dichters, wie ja auch Hamlet als höchſtes Lob von ſeinem Vater nur ſagt:„Er war ein Mann, nimm Alles nur in Allem, ich werde niemals ſeines Gleichen ſehn.“— So auch empfand man und deutete dies Wort Napoleons:„Voila un homme!“— Der Graf Reinhardt, mit dem Göthe um jene Zeit in lebhaftem Briefwechſel ſtand, ſchrieb darüber an Göthe:„Von Ihnen ſoll der Kaiſer geſagt haben:„Voilà un homme!“ Ich glaub' es, denn er iſt fähig, dies zu fühlen und zu ſagen.“ Und Göthe ant⸗ wortete ihm darauf:„Alſo iſt das wunderbare Wort des Kaiſers, womit er mich empfangen hat, auch bis zu Ihnen gedrungen. Sie erſehen daraus, daß ich ein recht ausgemachter Heide bin, indem das ecce homo im umgekehrten Sinne auf mich angewendet worden; übrigens habe ich alle Urſache, mit dieſer Naivetät des Herrn der Welt zufrieden zu ſein.“ Siehe: Riemer, Briefe von und an Göthe. S. 325. ——————— 560 Wie alt ſind Sie, Herr von Göthe? fragte Napoleon, ſich wieder dem Dichter zuwendend. Sire, ich ſtehe im ſechszigſten Jahr, ſagte Göthe ruhig. Im ſechszigſten Jahr, und haben noch das Antlitz eines Jünglings, rief Napoleon. Ah, man ſieht es, der ſtete Umgang mit den Muſen hat Ihnen die ewige Ingend verliehen! 5 Sire, das iſt wahr, rief Daru, die Muſe Göthe's iſt voll ewiger Jugend, Schönheit und Grazie. Deutſchland nennt ihn mit Recht ſei⸗ nen größten Dichter und huldigt in gerechter Begeiſterung dem Dichter des Fauſt, des Werther und ſo vieler anderer herrlicher Meiſterwerke. Sie haben auch Tragödien geſchrieben, nicht wahr? fragte Napoleon. Sire, ich habe verſucht, Tragödien zu ſchreiben, ſagte Göthe lächelnd. Aber der Beifall meiner Landsleute kann mich nicht verblenden über den eigentlichen Werth meiner Dramen. Eigentliche, in ſich abgerundete Tragödien zu ſchreiben, die den höheren Kunſtanſprüchen der Poeſie und zugleich den Forderungen der Bühne entſprechen, liegt, glaube ich, nicht in der Befähigung eines deutſchen Dichters. Ich muß wenigſtens von meinen Tragödien ſagen, daß ſie nicht bühnengerecht ſind. Sire, ſagte Daru, Herr von Göthe hat auch den Mahomed Vol⸗ taire's überſetzt. Das iſt kein gutes Stück, rief Napoleon lebhaft. Voltaire hat darin gegen die Geſchichte und gegen das menſchliche Herz geſündigt. Er hat den großen Character Mahomeds durch die niedrigſten Intri⸗ guen, die er ihn anzetteln läßt, proſtituirt. Er läßt einen großen Mann, der die ganze Welt umgeſtaltet hat, handeln wie den elendeſten Böſewicht, der den Galgen verdient!— Sprechen wir lieber von Ihrem eigenen Werk! Von Ihren„Leiden des jungen Werther!“ Ich habe dies Werk ſieben Mal geleſen, und jedes Mal mit einem großen Ge⸗ ſ, es hat mich nach Egypten und auf meinen italieniſchen Feldzügen nuß, es begleitet, und es iſt daher wohl billig, daß ich dem Dichter meinen Dank ſage für die vielen genußvollen Stunden, die ich ihm ſchulde. Sire, Ew. Majeſtät haben mich in dieſem Moment reichlich dafür belohnt, ſagte Göthe, ſich leicht verneigend. Ihr Werther iſt in der That ein Werk voll herrlicher Poeſie, fuhr Napoleon und in 6 Glut und ſtunden, v lichere An haben. haben Si lichen Li blos an gekränkte ſctung, d offene P er beſtind ſchaftlich nerkſam u R ds pi dies mr . dies n ſich wieder hig. es Jinglings, it den Muſen ſt voll ewiger mit Recht ſei⸗ g dem Dichter Meiſterwerke. agte Napoleon. Gtthe lächelnd. über den h abgerundete en der Poeſie t, glaube ich, uß werigſens t ſind. Mahomed Vol⸗ Voltaire hat herz geſündigt. vigſen Intri⸗ inen grofen den elendeſten eber von Ihren er!“ 3h hebe ngrofen G en ſchen Feldzigen Dichter weinen ihm ſchulde⸗ reichlich dafür Poeſie, fuhr 561 Napoleon fort, es iſt eine große Lebensanſchauung und derjenige Lebens⸗ überdruß darin, den alle edel begabte und hochangelegte Naturen em⸗ pfinden müſſen, wenn ſie aus der reinen Sphäre ihres Weſens heraus und in Contact mit der Welt treten. Sie haben mit hinreißender Glut und Beredtſamkeit die Leiden Ihres Helden zu ſchildern ver⸗ ſtanden, und niemals iſt wohl eine zugleich kunſtvollere und leidenſchaft⸗ lichere Analhſe der Liebe gegeben worden, als Sie es im Werther gethan haben. Nur ſind Sie ſich nicht ganz getreu geblieben und zuweilen haben Sie die Motive des gekränkten Ehrgeizes und der leidenſchaft⸗ lichen Liebe mit einander vermiſcht. Sie laſſen Ihren Helden nicht blos an der Verzweiflung ſeiner Liebe ſterben, ſondern auch an ſeinem gekränkten Ehrgeiz, und Sie ſagen es ausdrücklich, daß die Zurück⸗ ſetzung, die er in ſeinen amtlichen Verhältniſſen erfahren, für ihn eine offene Wunde war, die immer blutete, die niemals heilte, und an der er beſtändig litt, ſelbſt noch in Gegenwart der Frau, die er ſo leiden⸗ ſchaftlich liebte.*) Das iſt nicht naturgemäß und ſchwächt bei dem *) Daß dies der Tadel war, den Napoleon über„Werthers Leiden“ aus⸗ ſprach, iſt erſt neuerdings durch fleißige Forſchungen und Vergleichungen zu Tage gefördert, namentlich iſt es in dem kleinen geiſtvollen Werk:„Entrevue de Napoléon I. et de Goethe, suivi de Notes et Commentaires par S. Sklower' bis zur Evidenz bewieſen, und wird auch durch den Kanzler Friedrich von Müller in ſeinen„Erinnerungen aus den Kriegsjahren von 1806 bis 1813“ beſtätigt. Göthe ſelbſt beobachtete anfangs über die ganze Unter⸗ redung ein tiefes Schweigen; erſt nach zwanzig Jahren konnte er durch die dringenden Bitten des Kanzlers von Müller bewogen werden, Etwas über ſeine Unterredung mit Napoleon niederzuſchreiben. Dieſe Aufzeichnung Göthe's findet ſich im 20. Bande ſeiner nachgelaſſenen Werke und iſt noch immer ungenügend genug. Göthe ſagt darin nur ganz im Allgemeinen:„Nach mehreren ſehr tref⸗ fenden Bemerkungen machte er mich auf ein Mißverhältniß in dem Buch auf merkſam und fragte raſch, warum haben Sie das gethan? Es iſt unnatürlich.“— Was dies„Mißverhältniß“ betraf, darüber äußerte ſich Göthe niemals genau, nur gegen den Kanzler von Müller äußerte er einmal mit Beſtimmtheit, daß dies Mißverhältniß, welches Napoleon getadelt, darin beſtanden, daß er nicht an der Liebe allein, ſondern auch am gekränkten Ehrgeiz ihn vergehen laſſen. „Göthe fand aber, ſagte Herr von Müller, die weitere Begründung dieſes kai⸗ ſerlichen Tadels ſo richtig und ſcharfſinnig, daß er ihn ſpäterhin oftmals gegen Mühlbach, Napoleon. II. Bd. 36 562 Leſer die Vorſtellung von dem übermächtigen Einfluß, den die Liebe auf Werther gehabt. Warum haben Sie das gethan? Göthe blickte den Kaiſer einen Moment faſt betroffen an; dieſer ungewohnte Tadel und die raſche entſcheidende Frage hatten ihn gleich ſehr überraſcht und den deutſchen Dichterheros für einen Augenblick in ſeiner ſtolzen Sicherheit geſtört. Sire, ſagte er nach einer kleinen Pauſe, Ew. Majeſtät haben mir da einen Vorwurf gemacht, den mir noch Niemand bis jetzt gemacht hat, und ich geſtehe, daß er mich überraſcht. Aber ich geſtehe auch, daß er gerechtfertigt iſt und daß ich ihn verdient habe. Indeß darf es einem Dichter zu verzeihen ſein, wenn er ſich mitunter eines nicht leicht zu entdeckenden Kunſtgriffs bedient, um eine gewiſſe Wirkung hervorzubringen, die er auf einfachem, natürlichem Wege nicht glaubt hervorbringen zu können. Napoleon nickte leiſe mit dem Haupt. Ihr Werther iſt eine Tra⸗ gödie des Herzens, wie es keine zweite giebt, ſagte er. Und nachdem ich ihn geleſen, bin ich überzeugt, daß Sie dazu berufen ſind, Tragödien zu ſchreiben, denn die Tragödie bleibt doch immer die größte Aufgabe des größten Dichters. Die hohe Tragödie war daher auch zu allen Zeiten die Schule der großen Männer. Die Pflicht der Fürſten iſt es, ſie zu pflegen, zu belohnen und zu verbreiten. Es iſt, um ſie richtig beurtheilen zu können, nicht nöthig, daß man ſelbſt Dichter ſei, ſondern es bedarf dazu nur der Kenntniß der Menſchen, der Dinge und der höheren Bildung. Die Tragödie durchglüht die Seele, erhebt das mich mit dem Gutachten eines kunſtverſtändigen Kleidermachers verglich, der an einem angeblich ohne Naht gearbeiteten Aermel ſogleich die fein verſteckte Naht entdeckt.“(Siehe: Erinnerungen aus den Kriegsjahren, S. 226.) Zu anderen ſeiner Vertrauten und ſeiner Bewunderer äußerte ſich indeß Göthe niemals mit Beſtimmtheit über die von Napoleon ſpeciell getadelte Stelle, und auch Müller erfuhr ja nur im Allgemeinen darüber. Eckermann gab ſich vergeblich Mühe, ein Geſtändniß von dem Dichterheros zu erlangen. Nachdem er ſich eines Tages lange mit Göthe über jene berühmte Unterredung mit Napoleon unterhalten, fragte er ihn endlich: welches eigentlich die von Napoleon getadelte Stelle ſei?— Göthe erwiederte mit einem feinen Lächeln:„Rathen Sie.“— Eckermann rieth aber vergeblich und Göthe ſchwieg beharrlich. Herz und zeugt, da Corilles Fürſten ge Cw. twne, ſag denn er w neuen Cu liebten S Todes od oganiſcher zu entrin Luſſe haft ſiel dem Schi auch ſe Hichſt,„ den Tod( ihn erha ſchönſte 2 vie Ciſa wäre wer zufihten. Sire lieber dae nigſens Sei und in e beiden H Sie Na Qumng *) n die Liebe nan; dieſer n ihn gleich lugenblick in t haben mir etzt gemacht geſtehe auch, Indeß darf r eines nicht iſſe Wirkung nicht glaubt ſt eine Tra⸗ lnd nachdem , Tragödien ßte Aufgabe uch zu allen r Fürſten iſt un ſie richtig ſei, ſondern nge und der echebt dus erglich, der an verſteckte Naht Zu anderen he niemals mit id auch Miller rgeblich Mihhe, ſich eines Tages on unterhalten⸗ „Etele ſei?— n rieth Ste * pderman 563 Herz und kann, oder vielmehr muß Helden ſchaffen. Ich bin über⸗ zeugt, daß Frankreich zum guten Theil ſeine Helden den Werken Corneille's dankt. Hätte er zu meiner Zeit gelebt, würde ich ihn zum Fürſten gemacht haben.*) Ew. Majeſtät zieren ſo eben ſein Gedächtniß mit einer Fürſten⸗ krone, ſagte Göthe lächelnd. Gewiß auch hätte Corneille dieſe verdient, denn er war ein Dichter im edelſten Styl, und zwar ein Dichter der neuen Cultur. Niemals läßt er ſeine Helden an dem einſt ſo be⸗ liebten Schickſal ſterben, ſondern allemal tragen ſie den Keim ihres Todes oder ihres Verderbens in ſich ſelber; es iſt ein naturgemäßer, oganiſcher Tod, kein künſtliches Machwerk, kein Schickſalstod, dem nicht zu entrinnen iſt. Laſſen wir die Schickſalstragödien der Alten, rief Napoleon leb⸗ haft, ſie haben einer dunkleren Zeit angehört. Was will man jetzt mit dem Schickſal? Die Politik iſt das Schickſal, das Trauerſpiel muß auch die Lehrſchule der Staatsmänner und Politiker ſein. Das iſt das Höchſte, was der Dichter erreichen kann. Sie zum Beiſpiel, Sie ſollten den Tod Cäſars ſchreiben; Sie ſcheinen mir dazu berufen, und würden ihn erhabener, großartiger als Voltaire auffaſſen. Das könnte die ſchönſte Aufgabe Ihres Lebens werden! Man müßte der Welt zeigen, wie Cäſar ſie beglückt haben würde, wie Alles ganz anders geworden wäre, wenn man ihm Zeit gelaſſen hätte, ſeine hochſinnigen Pläne aus⸗ zuführen.**) Was meinen Sie dazu, Herr von Göthe? Sire, ſagte Göthe mit einem feinen verbindlichen Lächeln, ich möchte lieber das Leben und den Ruhmeslauf Cäſars ſchreiben, und dazu we⸗ nigſtens würde es mir an einem begeiſternden Vorbild nicht fehlen! Seine großen leuchtenden Augen trafen ſich mit denen des Kaiſers, und in einem langen, tiefen Blick begegneten und verſtanden ſich die beiden Heroen. Beide lächelten ſie. Sie ſollten nach Paris kommen, rief Napoleon lebhaft. Ich fordere *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Las Cases, Mémorial de St. Helène. Quartausgabe. S. 73. **) Napoleos eigene Worte. Siehe: F. v. Müller, Erinnerungen ꝛc. S. 240. 36* 564 es durchaus von Ihnen! Dort giebt es eine größere Weltanſchauung! Dort werden Sie überreichen Stoff für Ihre Muſe finden. Ew. Majeſtät ſorgen dafür, daß die Dichter jetzt, wo ſie auch ſein mögen, überreichen Stoff für ihre Muſe finden, ſagte Göthe, nicht mit der Ehrerbietung eines höfiſchen Schmeichlers, ſondern mit der lächelnden Ruhe eines Fürſten, der Andern eine Gunſt und Auszeichnung gewährt. Ich bleibe dabei, Sie müſſen nach Paris kommen, wiederholte Na⸗ polevn. Wir wollen uns dort wiederſehen! Göthe, der feine Hofmann, verſtand dieſen leiſen Wink und trat einige Schritte zurück. Napoleon wandte ſich an den eben eintretenden Marſchall Soult mit einer lebhaften Frage. Göthe zog ſich ohne weitere Ceremonie nach der Thür zurück. Die glühenden Augen des Kaiſers folgten der hohen, ſtolzen Geſtalt, und als Göthe jetzt die Thür öffnete und hinausſchritt, wandte ſich Napo⸗ leon an Berthier und wiederholte noch einmal ſeinen bewundernden Ausruf: Voila un homme!*) V.. Die Haſenjagd und die Mörder. Unter dem Geläute aller Glocken, unter dem jauchzenden Zuruf der Bevölkerung waren die beiden Kaiſer Napoleon und Alexander in die feſtlich geſchmückte Stadt Weimar eingezogen. Wieder, wie vor zwei Jahren, hatte die Herzogin von Weimar den Kaiſer Napoleon oben an der Treppe des Schloſſes empfangen, aber diesmal war ſie nicht allein, ſondern ihr Gemahl, der nals von Napoleon geſchmähete und gehaßte Herzog Carl Auguſt, ſtähd ihr zur Seite, und Napoleon begrüßte das herzogliche Paar mit ſeinem herzgewinnendſten Lächeln. *) Erinnerungen aus den Kriegsjahren 2c., von F. v. Müller. S. 241. Me vewiſcht; zwei Jahr kommener, und jene Lorbeeren Ein mar, Rei Durcheine beiden Ke zu heißen Blumeng Aber dieſ zu Hauſe hinaus, u jog von 2 ſtaltet hat vorher ve worden, Bühne d Rnſenpla Süulen In Kiſer de Könge, Nach wardten vihl de Nac kiche gel Das tnte ihre Blit, di anſchauung! n. ſie auch ſein he, nicht mit er lichelnden ung gewührt. derholte Na⸗ int und trat rſchall Soult zurück. Die eſtalt, und ſich Napo⸗ wundernden enden Zuf Aleandet n der, wie vor ſer Napoleon smal war ſie geſhnihet nd Nupoleon n Licheln. S. Al- 5r. — 565 Alle Erinnerungen au jene böſen Tage der Vergangenheit waren verwiſcht; zwei Jahre hatten genügt, um ſie vergeſſen zu machen. Jetzt, zwei Jahre nach dem Schlachttage von Jena, war Napoleon ein will⸗ kommener, hochgeehrter Gaſt in dem herzoglichen Schloß zu Weimar, und jene Tage der Trübſal ſchienen nur noch die Erinnerung an die Lorbeeren und den Ruhm Napoleons übrig gelaſſen zu haben. Ein ungeheures Menſchengewühl war auf den Straßen von Wei⸗ mar, Reiter, Equipagen, Fußgänger drängten ſich überall im wirren Durcheinander. Das ganze Land hatte ſeine Vertreter geſandt, um die beiden Kaiſer zu begrüßen, um mit jubelnder Stimme ſie willkommen zu heißen. Fahnen flatterten von allen Häuſern, mit Teppichen und Blumenguirlanden, Büſten und Inſchriften waren alle Fenſter geziert. Aber dieſe Häuſer und dieſe Fenſter waren leer. Niemand mochte heute zu Hauſe bleiben. Alles ſtrömte zu Wagen, zu Roß oder zu Fuß hinaus, um der großen glänzenden Jagd beizuwohnen, welche der Her⸗ zog von Weimar für die beiden Kaiſer im Ettersburger Walde veran⸗ ſtaltet hatte. Mehrere Hundert Rehe und Hirſche waren in der Nacht vorher von einer Unzahl von Treibern zuſammengetrieben und umzäunt worden, dicht neben einem großen freien Raſenplatz, der die eigentliche Bühne des heutigen Feſtes ſein ſollte. Denn in der Mitte dieſes Raſenplatzes erhob ſich ein ungeheurer Jagdpavillon, deſſen Dach auf Säulen ruhte, die mit Blumen und Zweigen umhüllt waren. In der mittelſten Abtheilung dieſes Pavillons ſollten die beiden Kaiſer der Jagd beiwohnen, in den Abtheilungen zu beiden Seiten die Könige, Herzöge und Fürſten. Nach dieſem Pavillon waren daher Aller Augen gerichtet, zu ihm wandten ſich die Gedanken aller der Tauſende, die in ungeheurem Ge⸗ wühl die Grenze des Platzes umlagerten. Nach dieſem Pavillon ſchauten mit ſtarren, düſteren Blicken auch dieſe beide jungen Männer, die da, in ihre Mäntel gehüllt, an einer Eiche gelehnt, dicht neben den Treibern und dem Hetzwild ſtanden. Das Lachen und Singen der Treiber, das Halali der Jäger über⸗ tönte ihre Worte, Niemand achtete auf ſie, Niemand ſah die düſteren Blicke, die ſie auf den Pavillon richteten, Niemanden fiel es auf, daß 66 ſie Jeder mit einer Jagdflinte bewaffnet waren. Sie mochten zu den Jägern oder zu den Wildtreibern gehören, wer konnte das wiſſen. Niemand achtete auf ſie und hörte ihre Worte. Ich glaube, ſagte der Eine von ihnen leiſe und flüſternd, ich glaube, es wird vergeblich ſein. Mein Gewehr trägt nicht ſo weit, um ihn von hier aus ſicher zu treffen, und man will uns nicht näher heran laſſen! Es iſt unmöglich, von hier aus ſicher zu zielen, flüſterte der An⸗ dere. Mein Auge trägt nicht ſo weit, ich könnte nur blindlings in den Pavillon hinein ſchießen. Der Befehl lautet aber, nur Ihn allein zu treffen, kein anderes Leben zu bedrohen, ſagte der Erſte. Treffen wir ihn, hat der Prä⸗ ſident geſagt, ſo iſt es Gerechtigkeit, treffen wir aber einen Andern, ſo iſt es Mord! Oh, über die ſophiſtiſche Beſchwichtigung des Gewiſſens, murmelte der Zweite, ich— Ungeheurer, donnernder Jubel unterbrach ihn, das ſchmetternde Jauchzen der Jagdhörner, Trommeln und Pfeifen miſchte ſich in das allgemeine Getöſe und machte die Hirſche und Rehe in der Koppel er⸗ beben, daß ſie angſtvoll und ſcheu ſich dicht ineinander drängten. Die beiden Kaiſer mit ihrem Gefolge von Königen und Fürſten waren ſo eben angelangt und erſchienen jetzt in dem großen, offenen Pavillon. Sieh ihn nur an, mein Bruder, flüſterte der junge Mann wieder ſeinem Nachbar zu, ſieh, wie ſein olivenfarbenes Antlitz ſo wunderbar und geſpenſterhaft contraſtirt zu all' den frohen, lachenden, freundſeligen Geſichtern um ihn her. Wie eine wandelnde Schickſalstragödie ſteht er da im Kreiſe der lachenden Thoren. Ja, er lacht, er iſt heiter, Bruder Alfred, ſagte der Andere. Das Todesgeſtöhn Germania's wird übertönt von den Schmeichelworten der deutſchen Fürſten, die ihn umwedeln und umneigen, und die ihn ſo ſicher behüten und bewahren, daß die Hand eines deutſchen Mannes ihn nicht erreichen kann. Aber das Schwert des Damokles hängt doch über ihm, Bruder Conrad, ſagte Alfred, und wenn es heute nicht auf ihn herabfällt, ſo wird es morgen ſein, laß uns warten und auf die Gelegenheit ſpähen⸗ wos geſch Die das arme wie ein H ihre Gew von den a brach, ja den Tuſe Geſchickli Wir wer Schlächte Jo, eine ande Program Jo, fuhrt zun und Bal Der nend. W andeuten, wil er a An der mein Br Ich was der N An der Duß w nehmen dem Th ſußen nſchu chten zu den s wiſſen. d ich gaube, um ihn von heran laſſen! terte der An⸗ lings in den kein anderes hat der Pri⸗ einen Andern, ns, murmelte ſchmetternde e ſich in das er Koppel et⸗ rängten. Fürſten waren enen Pavillon. Mann wieder ſo wunderbar freundſeligen tragidie ſteht Andere. Das chelworten der nd die ihn ſo ſchen Mannes ihm, Bnde erabfüllt, ſo enhöt ſpihen⸗ 567 Ja, Alfred, laß uns auf die Gelegenheit ſpähen und ſchauen, was geſchieht. Die Jagd begann. Mit ungeheurem Geſchrei trieben die Jäger das arme Wild aus dem Gehege und hetzten es dem Pavillon zu. So wie ein Hirſch am Pavillon nahe vorüber kam, hoben die beiden Kaiſer ihre Gewehre und gaben Feuer, und wenn das edle Thier, getroffen von den auf zehn Schritt Entfernung abgefeuerten Schüſſen, zuſammen⸗ brach, jauchzten die Zuſchauer, ſchmetterten die Hörner einen jubeln⸗ den Tuſch, und die beiden Kaiſer lachten vor Vergnügen über ihre Geſchicklichkeit. Es iſt vergeblich, hier länger zu ſtehen, ſagte Conrad ungeduldig. Wir werden Ihn doch nicht erreichen, und es widert mich an, dieſer Schlächterei beizuwohnen. Ja, laß uns gehen, mein Bruder, flüſterte Alfred. Wir müſſen eine andere Gelegenheit erſpähen. Laß uns überlegen. Kennſt Du das Programm des heutigen Tages? Ja, ich kenne es! Nach der Jagd iſt große Tafel, alsdann Auf⸗ fahrt zum Theater, wo der Tod Cäſars gegeben wird. Dann Souper und Ball im Schloß. Den Tod Cäſars alſo geben ſie im Theater? fragte Conrad ſin⸗ nend. Will das Schickſal uns damit ein Zeichen geben? Will es uns andeuten, wo wir ihn finden und treffen ſollen? Den Tod Cäſars will er aufführen laſſen! Nun wohl denn, wir wollen ihn aufführen! An der Pforte des Theaters ſoll es geſchehen! Biſt Du bereit, mein Bruder? Ich bin bereit, ſeufzte Alfred. Wir haben gelobt, Alles zu thun, was der Bund uns befiehlt, wir müſſen gehorchen! Ja, wir müſſen gehorchen, ſeufzte Conrad, gehorchen oder ſterben. An der Pforte des Theaters wollen wir den Tod Cäſars aufführen. Daß wir Ihn ſicher treffen, aber Ihn allein, wie uns befohlen iſt, nehmen wir heute Abend unſere Dolche. Damit ſtellen wir uns vor dem Theater auf, Du zur Rechten, ich zur Linken. Beide zugleich ſtoßen wir zu, wenn er aus dem Wagen ſteigt. Während Alle ihn anſchauen, ſchlüpfen wir durch's Gedränge unbemerkt heran. Wenn —.————— 568 Du mich Eins rufen hörſt, ſchreiſt Du Zwei! Dann ſtürmen wir vor⸗ wärts, zu gleicher Zeit. Es ſei ſo! Um welche Zeit treffen wir zuſammen? Um ſieben Uhr vor dem Theater, und wenn wir lebend und un gefährdet davon kommen, finden wir uns heute Abend in dem Gaſthof draußen vor dem Thor wieder zuſammen. Lebe wohl, Bruder Affred! Lebe wohl, Bruder Conrad!— Am Abend dieſes Tages ſtrahlten das Schloß und die Straßen Weimars im Glanz von tauſend und aber tauſend Lichtern. Der ganze Weg vom Schloß nach dem Theater funkelte und flammte wie ein ein⸗ ziges Feuermeer, und inmitten dieſes Glanzes ſollten die Kaiſer nach dem Theater fahren, um den Tod Cäſars ſich anzuſchauen.— Während die Kaiſer indeß ſich zu kurzer Erholung in ihre Ge⸗ mächer zurückgezogen hatten und die Hofchargen in den Sälen war⸗ teten, näherte ſich der Großmarſchall Durve dem General von Müffling, der, ſeitdem er den preußiſchen Dienſt verlaſſen, in Weimar die Stelle eines Vice⸗Präſidenten bekleidete und von dem Herzog mit dem Arran⸗ gement der Hoffeſte beauftragt war. Sagen Sie doch, mein Herr, ſagte Duroc leiſe und ängſtlich, Sie haben doch hier eine gute Polizei? Eine Polizei allerdings, erwiederte Müffling lächelnd, das heißt eine Polizei, um die Schornſteine fegen, die Straßen reinigen zu laſſen, aber was eine haute police anbetrifft, ſo keben wir noch im Stande der Unſchuld. 2 Demgemäß würde ſich zum Beiſpiel der Kaiſer in's Theater be⸗ geben, ohne daß Ihre Polizei Sicherheitsmaßregeln getroffen? fragte Duroc angſtvoll. Ich glaube, es iſt ſo, Herr Großmarſchall. Aber wenn Sie noch Maßregeln zu treffen wünſchen, ſo bitte ich, es zu thun und bin damit einverſtanden. Ich danke Ihnen, ſagte Duroc, ſich verneigend. Ich habe in der Stille eine Brigade franzöſiſcher Gensd'armen hierher kommen laſſen. Erlauben Sie, daß ſie die Zugänge des Theaters bewachen und die Auffahrt der Kaiſer vom Publikum abſperren? Gan von Müf des Thea erlichen Vorkehrn Die Duroc, i Eine zum The Jedema an der( die Wag Vor galde in nit ſtolze um den heranroll Tromme Mol wi die ſov Cle Uerande Enipag Trſſn, her. Zy jett, al ihr pritt ihnen m So ſch Die tunde G Tir de — en wir vor⸗ nd und un⸗ dem Gaſthof der Affred! ie Straßen Der ganze wie ein ein⸗ Kaiſer nach in ihre Ge⸗ Sälen war⸗ nMü ifflin ing, t die Stelle dem Arran⸗ „das heißt en zu laſſen, im Stande Thenter be⸗ ffen? fragte nn Sie noch d bin damit habe in der nmen laſſen⸗ die ben und di ——,— —— 569 Ganz nach Ihrem Belieben, Herr Großmarſchall, ſagte Herr von Müffling mit einem leiſen, ironiſchen Lächeln. Vor dem Eingang des Theaters wird ja außerdem eine Wache von Grenadieren der kai⸗ ſerlichen Garde aufgeſtellt ſein, und mir ſchien deshalb jede weitere Vorkehrung überflüſſig.*) Die Grenadiere ſind nur da, um die Honneurs zu machen, ſagte Duroc, ich eile, um die Gensd'armen zu beordern.— Eine Viertelſtunde ſpäter war der ganze Weg vom Schloß bis zum Theater von Gensd'armen bewacht, die mit unerbittlicher Strenge Jedermann zurückſtießen, der es verſuchen wollte, den ſchmalen Raum an der Seite der Häuſer zu überſchreiten und die Straße, auf welcher die Wagen vom Schloſſe daherrollten, zu betreten. Vor dem Eingang des Theaters ſtand eine Abtheilung ver Kaiſer⸗ garde in doppelter Reihe aufgeſtellt. Vor der Reihe ging der Officier mit ſtolzen Schritten einher, ſorgſam nach der Straße hinaus ſpähend, um den Trommlern das Zeichen zu geben, wenn die fürſtlichen Wagen heranrollten, damit ſie, je nach dem Range der Ankommenden, ihre Trommeln rühren möchten. Für die Kaiſer ſollten die Trommeln drei Mal wirbeln, zwei Mal nur für die Könige, und ein Mal blos für die ſouverainen Herzöge und Fürſten. Eben hatten die Trommeln drei Mal gewirbelt, denn der Kaiſer Alexander war ſo eben angefahren. Jetzt wieder rollte eine prächtige Equipage heran, der Kutſcher auf dem hohen Bock ſtrotzte von goldenen . ganz in Goldbrokat gekleidete Laufer liefen vor der Kutſche Zwei Mal ſchon hatten die Trommler ihre Wirbel ertönen laſſen; als die Kutſche hielt und der Wagen geöffnet ward, wollten ſie ihr drittes Wirbeln beginnen. Aber der commandirende Officier winkte— ihnen mit heftiger Bewegung und rief mit lauter, zürnender Stimme: So ſchweigt doch! Es iſt ja nur ein König!**) Die Trommler ſchwiegen, aus der Kutſche rollte ſich die kugel⸗ runde Geſtalt des Königs von Württemberg hervor und eilte durch die Thür des Theatergebäudes. *) v. Müffling: Aus meinem Leben. S. 27. **) v. Müller: Erinnerungen ꝛc. S. 231. 570 Abermals rollte ein Wagen heran. Lauter, wie zuvor, begannen die Trommeln zu wirbeln. Einmal, zweimal! Und jetzt rührten ſich die Hände, um den dritten Wirbel zu beginnen. Die Kutſche hielt, die Grenadiere präſentirten das Gewehr, das Publikum, das zur Seite des Eingangs ſtand, drängte ungeſtüm heran; die Trommeln wirbelten zum dritten Mal. Es war der Kaiſer Napoleon, welcher da aus der Kutſche ſtieg. In dieſem Moment ſtürmte ein junger Mann mit unwiderſtehlicher Gewalt durch das Gedränge vorwärts. Eben, wie der Kaiſer den Wagen verließ, war er dicht bis zum Eingang des Theaters gelangt. Nur ein franzöſiſcher Gensd'arm ſtand noch vor ihm. Eins! rief er mit lauter Stimme, indem er mit mächtiger Gewalt den Gensd'armen bei Seite ſchob. Eins! wiederholte er. Keine Stimme gab Antwort. Zurück! Zurück! rief der Gensd'arm, den ſtürmiſch Vordringenden zurückſtoßend. Der Kaiſer ſchritt vorüber. Er hatte den Ruf gehört. Unter dem Portal wandte er ſein bleiches, ſtrenges Antlitz noch einmal rückwärts, ſein flackerndes Auge blitzte einen Moment forſchend und drohend über die Menge hin, dann wandte er langſam ſein Haupt wieder um und ging weiter. Drinnen im Theater gab man ungeſtört den Tod Cäſars. Kein Unfall ſtörte die Darſtellung, und der Tod, welcher draußen vor der Thür des Theaters auf den zweiten Cäſar gelauert, hatte ihn dies Mal noch verfehlt.*) Am ſpäten Abend dieſes Tages trafen die beiden Verſchwornen an dem verabredeten Orte wieder zuſammen. Mit düſteren Blicken ſchauten ſie einander an. Einer ſchien in den Blicken des Andern leſen, die geheimſten Gedanken ſeiner Seele errathen zu wollen. Weshalb haſt Du mir nicht geantwortet, mein Bruder? fragte *) F. v. Müller: Erinnerungen aus den Kriegsjahren. S. 255. Conrad. abredete Ich Alfred d ſchien m unmägli nen Ruſ Mo trautig. lautete: achte T M Vir mü Wi das Pr 5 Ja Kaiſer Jena zu ſcher Bl itonie g anſtaltet — Oh Conrad. damt Veg n hier vo wir un Und ſpr glicher — , begannen cihrten ſich utſche hielt, s zur Seite ln wirbelten ſche ſtieg. iderſtehlicher Kaiſer den ters gelangt. tiger Gealt dringenden Unter dem al rückwärts, drohend übet eder um und iſars. Kein ufſen vor der ſte ihn die Verſchrornen ner ſchien in ſeiner Serle nder? frogt 571 Conrad. Weshalb ſchwiegſt Du, als äch mit lauter Stimme das ver⸗ abredete Zeichen gab? Ich konnte nicht hindurch kommen durch das Gedränge, ſagte Alfred düſter. Die Gensd'armen verſperrten mir den Weg, und es ſchien mir, als ob ſie mich beobachteten und umdrängten. Es war mir unmöglich, bis zu der bezeichneten Stelle vorzudringen. Ich hörte Dei⸗ nen Ruf, aber ich konnte ihn nicht erwiedern. Ich war zu fern. Morgen alſo muß das Werk geſchehen, ſagte Conrad ernſt und traurig. Erinnere Dich, mein Bruder, daß der Befehl des Präſidenten lautete:„In acht Tagen muß die That gethan ſein!“ Morgen iſt der achte Tag! Morgen muß die That gethan werden! Ja, morgen müſſen wir die heilige Schmerzensſache des Vater⸗ landes entweihen durch eine Mörderthat, ſeufzte Alfred. Aber wir haben dem Bunde der Brüder Treue und Gehorſam gelobt bis in den Tod! Wir müſſen gehorchen! Wir müſſen gehorchen oder ſterben! murmelte Conrad. Morgen iſt der achte Tag, morgen muß die That gethan werden! Kennſt Dr das Programm für den morgenden Tag? Ja, mein Bruder! Der Kaiſer Napoleon hat gewünſcht, dem Kaiſer Alexander und den Königen und Fürſten das Schlachtfeld von Jena zu zeigen, und der Herzog von Weimar, der damals als preußi⸗ ſcher Bundesgenoſſe der Schlacht beigewohnt, hat in harmloſer Selbſt⸗ ironie auf dem Schlachtfeld von Jena für morgen eine Haſenjagd ver⸗ anſtaltet. Ein würdiges Erinnerungsfeſt für die Schlacht bei Jena.*) Oh, Germania, Germania, wie Du leideſt und bluteſt! ſeufzte Conrad. Es iſt Zeit, daß wir Dir ein blutiges Opfer darbringen, damit Du wieder geſundeſt! Morgen alſo ſoll es geſchehen. Der Weg nach Jena führt durch das kleine Gehölz, der Webicht, dicht hier vor Weimar. Dort im Gehölz, an der Seite des Weges, ſtellen wir uns auf. Wir nehmen unſere Mousquetons. Eine der prallenden und ſpritzenden Kugeln wird ihn doch treffen. Wir ſchießen Beide zu gleicher Zeit! — 9 *) F. v. Müller: Erinnerungen aus den Kriegsjahren. S. 253. Ja, wir ſchießen Beide zu gleicher Zeit! Morgen alſo im Webicht⸗ Hölzchen!— Am andern Tage begaben ſich die Kaiſer mit allen Königen, Her⸗ zögen und Fürſten nach Jena, um dort auf dem Schlachtfelde die Haſenjagd zu feiern. Auf dem Landgrafenberge, auf welchem Napoleon vor zwei Jahren die Nacht vor der Schlacht bivouaquirt hatte, war jetzt an derſelben Stelle ein prächtiges Zelt aufgeführt, und indem der Herzog von Wei⸗ mar Napoleon in daſſelbe führte, erbat er ſich von ihm die Erlaubniß, den Landgrafenberg zur Erinnerung an jene Nacht hinfort den„Na⸗ poleonsberg“ nennen zu dürfen. Napoleon gewährte ihm die Bitte mit einem lächelnden Kopfneigen, und forderte dann den Kaiſer und die Fürſten auf, mit ihm einen Spaziergang über das Schlachtfeld zu machen, damit er ihnen jenen Schlachttag von Jena darſtelle und erkläre. Dieſe Aufforderung ward natürlich mit allgemeiner Freude und Zuſtimmung aufgenommen, und man ſchritt den Berg hinunter in das Thal. Voran Napoleon, ihm zur Rechten Alexander, zur Linken der Prinz Wilhelm von Preußen, den Napoleon zu dieſem Gang ganz be⸗ ſonders an ſeine Seite gerufen und zu ſeiner Begleitung ausgewählt hatte. Hinter ihnen ſchritten die Könige und Fürſten, die Marſchälle und Generäle einher. In athemloſem Schweigen lauſchten Alle den Worten Napoleons, der mit lauter Stimme, mit lebhafter Bewegung, immer mehr ſich begeiſternd durch das Feuer ſeiner eigenen Worte, ſeinem glänzenden Auditorium den Schlachttag von Jena ſchilderte, und ihnen dabei ſeine eigenen Pläne und Motive, ſowie die falſchen Ma⸗ noeuvres und die verfehlten Dispoſitionen ſeines Gegners ausführ⸗ lich darlegte. Sinnend und tiefernſt hörte Alexander ihm zu; mit athemloſer Spannung, gleich lernbegierigen Schülern, lauſchten die deutſchen Kö⸗ nige und Fürſten auf die Worte und Lehren, die von den Lippen des Helden wie köſtliche Perlen vor ihnen niederfielen. Mit düſteren Blicken und unzufriedenen Mienen hörten die franzöſiſchen Marſchälle dem Vor⸗ trag ihres Herrn zu. Einm der Krieg zufillig d ſeine finſt Ausdruck Abe wiſſen! Nun Alliten werdenl von den ſitiren kö Der haftg eir Grott ver halten. indem er jupfte, 1 deutſchen iinſt kon ihnen ni Und wieder a Lie — in Vebicht⸗ nigen, Her⸗ achtfelde die zwei Jahren an derſelben Erlaubniß, rt den Na⸗ Kopfneigen, it ihm einen ihnen jenen Freude und unter in das r Linken der ung ganz be⸗ ausgewählt Nntſhile ten Alle den Bewegung, enen Worte, hilderte, und alſchen Mo⸗ ers ausführ⸗ it gthemloſer deutſchen Kü⸗ ppen des ſteren Blicken ille dem Vor⸗ nLi — Einmal, wie er eben in glühenden Worten über die richtige Art der Kriegführung ſprach, traf das flammende Auge Napoleons ganz zufällig das Antlitz Berthiers, des Fürſten von Neufchatel. Er ſah ſeine finſter zuſammengezogenen Augenbrauen und den unzufriedenen Ausdruck ſeiner Mienen. Als er zum Beginn der Haſenjagd, nach dem Spaziergang über das Schlachtfeld, ſich in ſein Zelt begab, rief Napoleon den Marſchall Berthier zu ſich in das Zelt. Berthier, ſagte er, weshalb machten Sie vorher ein ſo böſes und zorniges Geſicht? Sire, ſtotterte Berthier verlegen, ich weiß nicht, daß ich es that. Aber ich weiß es. Weshalb waren Sie unzufrieden? Ich will es wiſſen! Reden Sie! Ich befehle es Ihnen! Nun, wenn es Ew. Majeſtät befehlen, ſo werde ich reden! rief Berthier ungeſtüm. Ew. Majeſtät ſchienen vorher das vergeſſen zu haben, was Sie uns ſo oft wiederholen, daß man nämlich mit ſeinen Alliirten immer ſo umgehen müſſe, als würden ſie ſpäter unſere Feinde werden! Fürchten Ew. Majeſtät nicht, daß die Souveraine eines Tages von den ſchönen Lehren, die Ew. Majeſtät ihnen heute gegeben, pro— fitiren könnten? Der Kaiſer lächelte. Berthier, ſagte er freundlich, das iſt wahr⸗ haftig ein kühner Vorwurf, und deshalb gefällt er mir. Ich glaube, Gott verzeih mir, daß Sie mich für einen unbeſonnenen Schwätzer halten. Sie glauben alſo, Herr Fürſt von Neufchatel, fuhr er fort, indem er ſich dichter zu Berthier neigte und ihn ſo heftig am Ohr zupfte, daß dieſes hoch aufſchwoll, Sie glauben alſo, daß ich dieſen deutſchen Fürſten heute Ruthen in die Hand gegeben habe, damit ſie einſt kommen und uns peitſchen könnten? Seien Sie ruhig, ich ſage ihnen nicht Alles!*) Und mit einem fröhlichen Lachen ſchlug Napoleon die Zeltthür wieder auf und gab das Zeichen, daß die Jagd beginnen ſolle.—— Tiefe Stille herrſchte in dem kleinen Gehölz des Webicht, das *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Constant, Mémoires. 1V. S. 84. 574 dicht vor einem der Thore von Weimar belegen iſt. Wie erſtorben und leer ſchien heute der Wald, keine Menſchenſtimme ließ, wie ſonſt wohl in dem vielbeſuchten Gehölz, ſich vernehmen, kaum das Zirpen eines Vogels unterbrach zuweilen die öde Stille des Waldes. Auf einmal indeſſen rauſchte es in dem gelben Herbſtlaub, das den Boden bedeckte, auf einmal näherten ſich raſche Schritte dem Fahrweg, der dort mitten durch das dichte Gehölz ſich dahin zieht. Zwei junge Männer, tief in ihre Mäntel, kamen durch das Gebüſch daher und ſtellten ſich ſchweigend hüben und drüben hinter einer der großen Buchen, welche dicht an der Straße ſtanden, auf. Spähend, mit lauſchender Aufmerkſamkeit, blickten ſie die Straße hin⸗ auf, dann, als Alles ſtill blieb, ſchlugen ſie die Mäntel auseinander und hoben die Mousquetons, die ſie unter dem Arm hielten, empor. Prüfend beſchauten ſie den Hahn und ſtießen den L adeſtock tief in den Lauf. Alles in Ordnung, ſagte Conrad feierlich. Alles in Ordnung, wiederholte Alfred. Wenn ich rufe: Eins! ſo ſchießen wir Beide zu gleicher Zeit. Ja, aber es iſt uns befohlen, nur Ihn allein zu treffen, ſagte Alfred zögernd. Wenn er nun nicht allein fährt? Wenn eine der ſtreuenden Kugeln einen Unſchuldigen trifft? Wenn einer ſeiner Marſchälle oder Adjutanten neben ihm ſitzt, ſo iſt das kein Unſchuldiger, denn er hat geholfen, Germania unglücklich zu machen, und viel des deutſchen Blutes iſt durch ihn vergoſſen wor⸗ den! Mag ſein Blut die deutſche Erde tränken! Es darf uns nicht abhalten, die That zu vollführen! Sie iſt uns geboten von dem Bunde, dem wir Treue und Gehorſam gelobt, und heute iſt der achte Tag! Wir müſſen gehorchen, oder ſterben! Still, laß uns jetzt horchen und erwarten, mein Bruder.— Tiefe Stille herrſchte in dem Wald; einmal flog eine Krähe vor⸗ über und ließ ihr unheimliches Gekrächz vernehmen. Dann wieder ward Alles ſtill. Auf einmal indeß ward die Stille durch ein fernes Geräuſch un⸗ terbrochen. Es kam näher und näher, ſchon hörte man deutlich das Rollen eines Wagens. Die hoben di Dat dort hint den Wag Nih daß zwei Er Ein anlegen, Sie De bargen t e S2 e erkennen ehetnen mit dem ihm ſaß St Schieße Fürſ, e auf ihn Ne von Pre De Ganz d Wagen Ei ſonoten Denn, Si ſe en Ne torben und ſonſt wohl irpen eines Ab, das den nFohweg, amen durch üben hinter nden, auf. Straßſe hin⸗ auseinander ten, empor. in den Lauf. 2 er eit. effen, ſagte nn eine der ihm ſitt, ſo unglicklich goſſen wor⸗ uns nicht dem Bunde, achte Tag! — er. Krihe vor⸗ ann wieder zeräuſch un⸗ deutlich das 575 Die beiden Verſchwornen ſchlugen die Mäntel auseinander und hoben die Mousquetons empor. Das Geräuſch kam näher und näher. Jetzt gewahrte man ſchon dort hinten im Walde die Köpfe zweier Pferde,— nun ſah man ſchon den Wagen, den ſie zogen. Näher und näher kam der Wagen. Deutlich konnte man ſehen, daß zwei Perſonen im Wagen hinter dem Kutſcher ſich befanden. Er iſt es, flüſterte Alfred. Aber wer iſt der, der neben ihm ſitzt? Einer ſeiner Adjutanten, ſagte Conrad, gleichviel wer! Laß uns anlegen, Bruder! Sie legten an. Der Wagen rollte immer näher. Die großen Buchenſtämme ver⸗ bargen die Geſtalten der Verſchwornen. Wenn ich commandire, ſchießen wir, flüſterte Conrad. Der Wagen war jetzt ſo nahe, daß man deutlich die darin Sitzenden erkennen konnte. Der zur Rechten Sitzende, der Mann mit dem bleichen, ehernen Antlitz das war Napoleon. Doch wer war dieſer junge Mann mit dem ſchönen, aber traurigen und wehmuthsvollen Geſicht, der neben ihm ſaß? Wer war es? Still, um Gottes willen! Gewehr in Ruh! flüſterte Alfred. Schieße nicht, Bruder! Das iſt kein Franzoſe! Es iſt ein deutſcher Fürſt, es iſt der Bruder des Königs von Preußen! Wir dürfen nicht auf ihn ſchießen! Nein, wir dürfen nicht auf den Bruder des unglücklichen Königs von Preußen ſchießen, murmelte Conrad, indem er das Gewehr ſenkte. Der Wagen rollte eben dicht an den beiden Verſchwornen vorüber. Ganz deutlich konnten ſie die Worte vernehmen, welche da drinnen im Wagen gewechſelt wurden. Ein ſchöner, duftiger Wald, ſagte Napoleon mit ſeiner ernſten, ſonoren Stimme, recht gemacht für die deutſchen Poeten und Träumer. Denn, nicht wahr, Prinz, die Deutſchen träumen gern? Sire, ſagte Prinz Wilhelm traurig, ich glaube, Ew. Majeſtät haben ſie endlich aus ihren Träumen geweckt. Napoleon lachte laut; jubelnd tönte dies Lachen durch den ſtillen 576 Wald und erſchreckte die träumenden Vögel in den Zweigen, und di Ln bleichen Männer, die da hinter den Bäumen ſtanden und düſter dem dahin 6 dahin rollenden Wagen nachſchauten. vu ſein Der Wagen verſchwand in der Ferne.— Heiter plaudernd ſaß gücliche Napoleon neben dem Prinzen Wilhelm, nicht ahnend, daß dieſer, der 5 Bruder des Königs von Preußen, den Napoleon ſo tief und ſo viel Zue gekränkt, ihm eben das Leben gerettet hatte.*) mterſchr Es iſt wieder mißlungen, ſeufzte Alfred, als das Geräuſch der Wagenräder jetzt in der Ferne verhallte. Der achte Tag iſt faſt zu Ende. Was werden wir den Brüdern antworten, wenn ſie uns fragen, wie wir den Befehl erfüllt haben, den Germania uns durch den Mund unſeres Präſidenten geſandt? Was werden wir ihnen erwiedern, wenn poleon u Romanz Fu nehme änderun und ver ſie uns zur Rechenſchaft fordern? Wir werden ihnen ſagen, Gott habe es nicht gewollt, daß die Oeſterr heilige Sache Germania's durch Meuchelmord entweiht werde, rief In Conrad ernſt. Wir werden ihnen ſagen, daß wir, getreu unſerem kehrten Schwur, obwohl mit widerſtrebendem Herzen, die That haben voll⸗ erreicht. führen wollen, aber daß Gott unſern Arm gehalten und unſere Kraft Al gelähmt hat. Du wirſt ihnen das ſagen, mein Bruder, Du allein, machtvo Du wirſt ihnen ſagen, daß ich des Schwurs nicht vergeſſen, den ich und ge am Tage meines Eintritts in den Bund auf die heilige Bibel geleiſtet des We habe, des Schwurs: dem Bunde zu gehorchen, oder zu ſterben! Da ich vollem nicht habe gehspchen können, ſo ſterbe ich! Lebe wohl, mein Bruder! R Ein Schuß knallte. Mit einem lauten Schrei ſprang Alfred über blieben den Weg hin zu ſeinem Bundesbruder. Conrad lag am Boden, die lihe g Kugel war ihm gerade durch die Bruſt gegangen. die Hi Lebe wohl, Germania, unglückliche Germania! hauchten ſeine er⸗ zn B blaſſenden Lippen.— Tiefe Stille herrſchte im Wald. Kein Laut ließ ſich ringsum ver nehmen, kein Vogel flog vorüber, kein Wagen rollte daher. Einſam und ſtill lag die Leiche Conrads auf dem gelben Herbſtlaub, das ge⸗ brochene Auge zum Himmel emporſtarrend. S *) v. Müffling: Aus meinem Leben. S. 27. gen, und di lauderd ſaß ß dieſer, der f und ſo viel Geräuſch der iſt faſt zu ie uns fragen, wiedern, wenn treu unſetem thaben voll d unſere Kraſt „Du allein, n ich geſſen, uchten ſeine er⸗ tingsum Einſam das ge⸗ ahe ſtlaub, ————— 577 Drüben, jenſeits des Waldes, floh ein Menſch über die Haide dahin. Sein Haar flatterte im Winde, bleich war ſeine Wange, ſtarr war ſein Blick; und mit bebenden Lippen flüſterte er: Germania! un⸗ glückliche Germania! Zwei Tage nach ihrer Rückkehr von Weimar, am zehnten October, unterſchrieben die beiden Kaiſer in Erfurt den Tractat, über den Na⸗ poleon und Alexander ſich verſtändigt hatten und mit dem der alte Romanzoff ſich endlich hatte zufrieden geben müſſen. Frankreich willigte in dieſem Tractat ein, daß Rußland Beſitz nehme von der Moldau und Walachei; Rußland genehmigte alle Ver⸗ änderungen, die Napoleon in Spanien getroffen und noch treffen werde, und verpflichtete ſich, Napoleon beizuſtehen, wenn es zwiſchen ihm und Oeſterreich zum Kriege kommen ſollte. Am vierzehnten October verließen die beiden Kaiſer Erfurt und kehrten in ihre Staaten zurück.— Der Zweck ihrer Zuſammenkunft war erreicht; beide Kaiſer hatten einen Vortheil von derſelben gehabt. Alexander hatte die Moldau und Walachei, Napoleon hatte einen machtvollen Freund und Bundesgenoſſen gewonnen, und das erſtaunte und geängſtete Europa vernahm zitternd die Kunde von dem Bündniß des Weſtens und Oſtens, das den Süden und Norden mit gleich macht⸗ vollem Arm bedrohte. Rußland und Frankreich im innigen Bunde! Welche Hoffnungen blieben da noch für Deutſchland übrig? Für das zerſtückelte, unglück⸗ liche Land, über deſſen blutigen Gauen die beiden mächtigen Kaiſer ſich die Hände reichten zum Bündniß gegen Deutſchlands größte Macht, B eſterreich! zum Bündniß gegen Mühlbach, Napoleen Solour S Grey Gortroſ Ghart Syan GSreen ellow Bed Magenta SS GSrey 3 Grey 4 Black