[. Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Otlmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und geſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek pfangnahme und Rückgabe jeden Tag 7 Uhr bis Abends 8 Uhr ſteht von zur Em Morgens 1e ver Bücher offen. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eine dem welche bei eines Buches, hinterlegen, wird. Abonnement. beträgt: für wöchentlich erthe deſſelben entſprechende Summe veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 6 Bücher 2 Mt. Pf 4 4 4 Bücher. 5 N 50 Vf. din“ und 2 Bücher —— 1 Mt. Pf. 2 8 Zurückſendung Wonnenten yaben für Gefahr ſelbſt zu ſorgen it nen Koſten und So nersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verkorene und r Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern c.) muß der Ladenpre erſetzt werden Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver lorene r defecte Buch ein Theil eines größeren Wertes, ſo iſt der Leſ zum Erſatz gwe Ganzen verpflichtet. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und beſonders darauf zufineler n gemacht, daß das der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. wird Weiterverleihen welche die 5 ſ —— — 8 — Napolcon in Dentſchlund. N Von cL. Mühlbach. Zweite Abtheilung: Uapoleon und Königin Louiſe. Zweiter Band. Zweite Auflage. Berlin, 1859. Druck und Verlag von Otto Janke. Napoleon und Königin Loniſe. 3 Von cL. Mühlbach. Zweiter Band. Zweite Auflage. Druck und Verlag von Otto Janke. Berlin, 1859. Drittes Buch. Die Unglückstage Preußens. Knign 9 ſie an ße als erwart Straſe, d ſeit eirigen großen Fl „ dende Nov 1 3 in wirben §— O +. . je der Straf Gemach z 3 Aber v 8 Ahen au 0 ₰ *„ — Wenn „ er zu ſpit werden es densgeliſt 64 nit ns ſche Aft „ Fuſt, u . Der Charlottenburger Pertrag. Königin Louiſe ging in lebhafter Unruhe auf und ab. Zuweilen blieb ſie aimn Fenſter ſtehen und ſchaute ſpähend hinaus auf die Straße, als erwarte ſie, von dorther Jemand kommen zu ſehen. Aber dieſe Straße, die Hauptſtraße der Stadt Oſterode, welche das Königspaar ſeit einigen Tagen bewohnte, blieb öde und ſtill. Der Schnee fiel in großen Flocken von dem grauen glanzloſen Himmel nieder, der ſchnei⸗ dende Novemberſturm fegte die weißen Flocken hier und dort auf der Straße zu glitzernden Schneehügeln zuſammen und jagte ſie dann wieder in wirbelnden weißen Staubwolken auseinander. Die Königin ſah nichts als dies traurige öde Bild da unten auf der Straße, ſie wandte ſich alſo ſeufzend wieder ihrem öden ſtillen Gemach zu, um wieder raſch und lebhaft auf und ab zu gehen. Aber immer wieder trieb es ſie zu dem Fenſter hin, immer wieder ſchaute ſie hinunter auf die öde Straße und horchte mit angehaltenem Athem auf jedes Geräuſch. Wenn er nicht kommt, flüſterte ſie leiſe und angſtvoll, oder wenn er zu ſpät kommt, iſt Alles verloren, und die Feiglinge und Schwätzer werden es wieder verſtehen, meinen Gemahl zu bereden, ihren Frie⸗ densgelüſten nachzugeben. Oh mein Gott, mein Gott, habe Erbarmen mit uns Allen, Erbarmen mit unſerm unglücklichen Land und mit uns ſelber! Auf einmal zuckte die Königin zuſammen und lehnte ſich dicht an's Fenſter, um beſſer ſehen zu können. Ja, ſie hatte ſich nicht getäuſcht! 198 Da hinten auf der Straße ſah ſie einen Wagen daher kommen, der Sturm ließ ſie das Rollen ſeiner Räder nicht hören, aber ſie ſah ihn, er kam näher und näher, und jetzt hielt er vor dem Hauſe an. Die Königin trat von dem Fenſter zurück, tief aufathmend hob ſie ihre Augen zum Himmel empor. Ich danke Dir, mein Gott, Du haſt Mitleid gehabt mit meiner Angſt, flüſterte ſie mit einem ſanften Lächeln. Dann ging ſie langſam und matt durch das Zimmer nach dem Divan hin und ließ ſich in denſelben niedergleiten. Ach, flüſterte ſie leiſe, dieſe ewigen Aufregungen und Beängſti⸗ gungen zehren an meinem Leben, an meiner Kraft. Meine Füße zittern, mein Herz ſteht zuweilen ganz ſtill und klopft dann wieder ſo laut und ſtürmiſch, als wollte es mir die Bruſt zerſprengen. Gleichviel, ich bin ja gern bereit zu ſterben, wenn ich nur vorher mein Land und mein Haus gerettet ſehe! Sie lehnte ihr Haupt in die Kiſſen zurück und ſchaute mit großen weitgeöffneten Augen zum Himmel empor. Als ſie jetzt aber ein leiſes Klopfen an der Thür vernahm, richtete ſie ſich langſam auf und rief mit ihrer hellen, klangvollen Stimme: Herein! Sofort öffnete ſich die Thür und Frau von Berg trat ein. Nun, Caroline, nicht wahr, er iſt angekommen? fragte die Königin. Nein, Majeſtät, ſagte Frau von Berg lächelnd, ſie ſind ange kommen. Die beiden Miniſter, Herr von Stein und Herr von Har denberg, bitten Ew. Majeſtät um eine Audienz. Hardenberg! rief die Königin freudig, und es flog wie ein Son⸗ nenſtrahl durch ihr ſchönes bleiches Angeſicht. Oh laſſen Sie eintreten, gleich, gleich! Die Königin erhob ſich raſch von dem Divan und ſchritt der Thür zu. Aber Frau von Berg beeilte ſich, ihr zuvor zu kommen und die Thür zu öffnen. Treten Sie ein, meine Herren, ſagte ſie, die Königin erwartet Sie! Ja, die Königin erwartet Sie, rief Louiſe, indem ſie den Eintre— tenden entgegen ging und ihnen mit einem lieblichen Lächeln ihre beiden Hände darreichte. — Di Frau v Porſaal Lhür h Si die Kö zauderte Graf, es, wi ſcheidu Dienſt Ihnen In die wechſel der w fallen A haben Wrrig Groß Auße blicken hin. Ihnen und u gen 1 Botſe burg Es unſer gewei Die beiden Miniſter neigten ſich vor ihr und küßten ihre Hand. Frau von Berg hatte während deß die Thür, welche nach dem kleinen Vorſaal führte, geſchloſſen und ging leiſe wieder durch die andere Thür hinaus. Sie haben alſo die Botſchaft des Königs richtig erhalten? fragte die Königin, ſich an den Freiherrn von Stein wendend. Und Sie zauderten nicht einen Moment, hierher zu kommen? Und Sie, Herr Graf, fuhr die Königin fort, ſich an Hardenberg wendend, Sie machten es, wie dieſer Getrene? Da Sie hörten, daß der Moment der Ent⸗ ſcheidung gekommen ſei, wollten Sie nicht ſäumen, Ihrem König Ihre Dienſte anzubieten. Oh, ich danke Ihnen, meine Herren, ich danke Ihnen im Namen meines Mannes, meiner Kinder und unſeres Landes. In dieſen Tagen der Gefahr und Noth, wo Alles wankt und Alles wechſelt, thut es dem Herzen ſo wohl, der niemals wankenden Treue, der wechſelloſen Ergebenheit zu begegnen. Ach, ſo Viele ſind abge⸗ fallen und haben uns verlaſſen! Aber auch ſo Viele ſind treu geblieben, ſagte Hardenberg, ſo Viele haben ſich bewährt! Die Königin ſah ihn mit einem langen ſchmerzvollen Blick an. Wenige, ſagte ſie leiſe, ach ſehr Wenige! Sie ſagen das nur in der Großmuth Ihres Herzens, weil Sie Ihre eigene Treue nicht als etwas Außerordentliches erſcheinen laſſen wollen. Aber ſchauen Sie um ſich, blicken Sie umher in Preußen, ſchauen Sie auf alle unſere Feſtungen hin. Ueberall Verrath und Feigheit, überall Treuloſigkeit! Ich will Ihnen nicht von Stettin, von Küſtrin, von Spandau, von Anclam und von Erfurt ſprechen! Sie wiſſen es ſchon, daß wir dieſe Feſtun⸗ gen verloren haben. Aber wiſſen Sie auch die neue fürchterliche Botſchaft, welche wir geſtern erhalten haben? Wiſſen Sie, daß Magde⸗ burg gefallen iſt? Magdeburg! riefen Stein und Hardenberg zu gleicher Zeit. Die Königin nickte leiſe und ihre Augen füllten ſich mit Thränen. Es war unſer letzter Stützpunkt, ſagte ſie leiſe, er iſt auch unter unſerm Arm zuſammengebrochen und hat uns verlaſſen. Ich habe viel geweint ſeit geſtern. Jetzt will ich ruhig und gefaßt ſein und den „ Kummer in mein Herz zurückdrängen. Aber wie Englands Königin Marie bei der Einnahme von Calais, ſo ſage ich von Magdeburg wenn man mein Herz öffnete, ſo würde man darin mit blutigen Zügen den Namen Magdeburg finden.*) Es iſt wahr, ſagte Hardenberg düſter, dies iſt eine ſchlimme Nach richt. Eine ſo wohl verproviantirte Feſtung mit einer Beſatzung von mehr als zehntauſend Mann! Und wie, wenn Ew. Majeſtät mir dieſe Frage erlauben wollen, ſagte Herr von Stein, wie hat der König dieſe Nachricht aufgenommen? Mit ſtolzer Reſignation und mit dem ſtillen Muth, der ihn in dieſen Tagen der Trübſal nie verläßt, ſagte Louiſe raſch. Aber ſeine ſogenannten Freunde und Rathgeber, die Herren von Haugwitz, Köckeritz, Voß und Kalkreuth haben dieſe traurige und herzzerreißende Nachricht mit innerer Genugthuung vernommen. Ich habe das, trotz der tiefen Betrübniß, die ſie zur Schau trugen, dennoch in ihren Mienen ge leſen. Für ſie erſcheint der Fall Magdeburgs als ein beredter Bun desgenoſſe für ihre Abſichten und Pläne. Sie wollen Frieden mit Frankreich, Frieden um jeden Preis, und ſie hoffen, daß der König jetzt ihren Anſichten beitritt. Deshalb zittere ich, deshalb, Herr Mi niſter von Stein, mußte Frau von Berg dem Courier geſtern ein Schreiben mitgeben, in welchem ich Sie bitten ließ, dem Befehl des Königs unbedingt zu folgen und hierher zu kommen. Deshalb, Herr von Hardenberg, bin ich zufrieden und froh, daß auch Sie gekommen ſind. Oh, ich weiß wohl, was es Ihrem edlen und ſtolzen Herzen gekoſtet hat, zu kommen, ohne daß der König ausdrücklich Ihrer begehrt hat, aber Sie thaten es für das Vaterland, für unſer zertretenes, zu Boden geſchleudertes Deutſchland, ich weiß es wohl, nicht für Preußen, nicht für uns, ſondern für Deutſchland, auf deſſen Nacken der Tyram ſeinen Fuß geſetzt hat, und das er erwürgen wird, wenn die Guten und die Starken ſich nicht mit aller ihrer Kraft zuſammenfaſſen und ſeinen Fuß zurückſtoßen. Ich kam hierher, ſagte Hardenberg, weil ich eingedenk war jener *) Der Königin eigene Worte. Siehe: Königin Louiſe. S. 316. — Stunde, i Schwur m jener Stun nehmen zu Alles, wat einmal bet Künig jem Ich1 dent gewe Dritte in Gellbde ſ der Ehre. niederſchaü die nichtig unſete Bru Aber welch den virz nicht zu er riunphe nich ſelber hanze Wel wider ihn weilen in beingſtigen Entſcheidu beſimmen mkomnen, angelangt. Herr von ur noch d und Paſall aus del uſen tis 201 Stunde, in welcher Ew. Majeſtät mir erlaubten, in Ihre Hand den Schwur meiner unvergänglichen Treue und Anhänglichkeit niederzulegen, jener Stunde, in welcher Ew. Majeſtät geruhten, meine Hand anzu⸗ nehmen zum Bunde gegen Frankreich, wo Ew. Majeſtät gelobten, Alles, was in Ihren Kräften ſtände, zu thun, um Preußen auf der einmal betretenen Bahn zu erhalten und nicht zu dulden, daß ſein König jemals die perfide Freundſchaft Frankreichs annehme. Ich habe jene Stunde nie vergeſſen, ich bin ihrer immer einge denk geweſen, ſagte die Königin ernſt. Derjenige, der damals der Dritte in unſerm Bunde war, der Prinz Louis Ferdinand, hat das Gelübde ſeiner Treue mit dem Tode beſiegelt, er ruht auf dem Felde der Ehre. Aber ich bin überzeugt, daß er vom Himmel auf uns niederſchaut und daß, wenn es den ſeligen Geiſtern gegeben iſt, auf die nichtigen Dinge der Erde Einfluß zu üben, er ſeinen Geiſt in unſere Bruſt ergießen und uns helfen wird zu den richtigen Zielen. Aber welches ſind die richtigen Ziele? Welches iſt der richtige Weg, den wir zu wandeln haben? Mein kurzſichtiges Auge vermag ihn nicht zu erkennen. Wenn ich die ungeheuren Erfolge, die nie endenden Triumphe des franzöſiſchen Eroberers anſehe, werde ich irre und frage mich ſelber: ob Gott nicht ſichtbar mit ihm iſt? Ob er nicht ihm die ganze Welt zu Eigen geben will, ob es daher nicht vergeblich iſt, wider ihn zu ſtreiten und ihn zu bekämpfen? Oh, meine Seele iſt zu⸗ weilen in einem traurigen Zwieſpalt mit ſich ſelber und finſtere Zweifel beängſtigen mein Gemüth. Aber jetzt fühle ich, daß wir vor der letzten Entſcheidung ſtehen, daß der heutige Tag über unſere ganze Zukunft beſtimmen wird. Der Groß⸗Marſchall Duroc wird noch heute hier ankommen, der Obriſt von Rauch iſt ihm vorausgeeilt und ſchon hier angelangt. Er hat dem König den Friedensvertrag überbracht, welchen Herr von Zaſtrow und Lucheſini in Charlottenburg mit Talleyrand abgeſchloſſen haben. Napoleon hat ihn ſchon unterzeichnet. Es fehlt nur noch die Unterſchrift des Königs, und wir ſind die Bundesgenoſſen und Vaſallen des Kaiſers von Frankreich, und wir müſſen das Schwert aus der Hand legen, oder wir müſſen, wenn Er es will, es gegen unſern bisherigen Bundesgenoſſen, gegen Rußland kehren. Ein Feder⸗ 202 ſtrich wird jetzt entſcheiden über Preußens Zukunft und über das Schickſal meiner Kinder! Nun helfen Sie mir und uns Allen, nun rathen Sie, was zu thun iſt! Sagen Sie mir frei und wahr, wie vor Gott, Ihre reinſte und wahrſte Herzens⸗Meinung. Herr von Hardenberg, Sie zuerſt! Glauben Sie, daß es zum Wohl Preußens, zum Wohl meiner Kinder und vor allen Dingen meines Gemahls nothwendig iſt, daß der König den Friedensvertrag annehme? Ew. Majeſtät wiſſen wohl, daß ich niemals zu einem Bündniß mit Frankreich gerathen habe, ſagte Hardenberg, daß ich meiner hei⸗ ligſten Ueberzeugung nach niemals dazu rathen werde. Aber um über den Friedensvertrag von Charlottenburg urtheilen zu können, müßte ich ihn genau kennen, und Ew. Majeſtät iſt es bekannt, daß der König mich in letzter Zeit niemals an den Geſchäften und Verhandlungen hat Theil nehmen laſſen. Ich kenne den Vertrag nicht. Auch ich kenne ihn nicht, ſagte Herr von Stein, als die Ktnigin ihre fragenden Blicke auf ihn hinwandte. Aber ich kenne diejenigen, welche ihn gemacht haben, ich weiß, daß Herr von Luccheſini und Herr von Zaſtrow kein Opfer, keine Demüthigung zu groß erachten, wenn ſie dafür Frieden mit Frankreich machen können, ich weiß, daß Talleyrand ſchlau genug iſt, ihre Schwächen, ihre Feigheit, ihren Mangel an wah⸗ rem Ehrgefühl zu benutzen, und endlich weiß ich, daß, wenn Napoleon jetzt einen Friedensvertrag mit Preußen ſchon vor dem König unter⸗ zeichnet, dieſer Friedensvertrag für ihn nur vortheilhaft und annehm⸗ bar, für Preußen nur demüthigend und entwürdigend ſein kann! Ich will Ihnen ſagen, was dieſer Friedensvertrag enthält, ſagte eine ernſte Stimme hinter ihnen. Der König! rief Louiſe, ſich raſch erhebend und zu ihrem Gemahl hineilend. Der König begrüßte ſie herzlich und reichte ihr ſeine Hand. Wollt' Dich in Deinem Cabinet aufſuchen, ſagte er lächelnd, hört' da ganz zufällig die letzten Worte der Geheimrathsſitzung hier. Louiſe erröthete leicht, der König ſah es und ſchüttelte leiſe ſein Haupt. Ich bin damit ganz einverſtanden, ſagte er, halb den beiden Miniſtern zugewandt, ganz einverſtanden, daß ſich die Königin über den Stand richte und Ergebenhei kennen, un Entſchliſſe lingemach billig, we und Pläne Sh, Königs a und Gilte, ſtillen, beſ ſtutten wil und ein fü Der beden Mi Thir zri Ich h er, damit den Friede iſt mir lie an Harden die Männe wen ſie ſchiten, d weichen un ſind. Vei Sie reich reicher vie betn, I und ich Ew ihnen ſei! lun mi d Cſal Sie emer der ſein eien 203 den Stand unſerer Angelegenheiten und der Politik überhaupt unter⸗ richte und den Rath ſolcher Männer beanſpruche, an deren Treue und Ergebenheit ſie glaubt. Man muß ſein Schickſal genau und vollſtändig kennen, um ihm beherzt in's Auge ſchauen zu können und beſtimmte Entſchlüſſe zu faſſen. Zudem hat die Königin alle Gefahren und alles Ungemach his hierher redlich mit uns getheilt, es iſt daher auch wohl billig, wenn ſie auch Theil nehmen möchte an unſeren Berathungen und Plänen. Oh, mein Herr und Gemahl, rief die Königin, die Hand des Königs an ihre Bruſt drückend, ich danke Dir für Deine Großmuth und Güte, ich danke Dir, daß Du mich nicht zurückweiſen willſt in den ſtillen, beſchränkten Kreis der Frauen, ich danke Dir, daß Du mir ge⸗ ſtatten willſt, hinaus zu ſchauen über die Schwelle meiner Gemächer und ein fühlend Herz zu haben für die Noth unſeres Landes. Der König nickte ihr freundlich zu und wandte ſich dann an die beiden Miniſter, die ſich ehrerbietig und ſchweigend bis nahe an die Thür zurückgezogen hatten. Ich habe Sie hierher beſchieden, Herr Miniſter von Stein, ſagte er, damit Sie Theil nehmen ſollten an einer Sitzung, in welcher über den Friedensvertrag von Charlottenburg entſchieden werden ſoll. Es iſt mir lieb, daß Sie gekommen ſind. Und, fuhr der König fort, ſich an Hardenberg wendend, es iſt mir auch lieb, daß Sie da ſind. Liebe die Männer, welche, ihres Werthes ſich bewußt, nicht empfindlich ſind, wenn ſie ſelbſt anſcheinend zurückgeſetzt werden! Weiß es wohl zu ſchätzen, daß Sie in dieſen Zeiten der Bedrängniß nicht von uns weichen und nicht nur auf Ihre eigene Ruhe und Behaglichkeit bedacht ſind. Weiß wohl, daß Sie nicht aus Eigennutz ſo handeln und daß Sie reich genug ſind, um jede Beamtenſtellung entbehren zu können, reicher vielleicht, als Ihr König!— Die Königin hat Sie alſo ge⸗ beten, Ihre Meinung zu ſagen über den Charlottenburger Vertrag, und ich kam und ſtörte Sie. Ew. Majeſtät hörten, daß die beiden Herren mich verſicherten, ihnen ſei dieſer Vertrag unbekannt, ſagte die Königin, ihre leuchtenden Augen mit einem zärtlichen Ausdruck auf das ſtille, ernſte Antlitz ihres ———————— — —— ——— —„ 204 Gemahls richtend. Ew. Majeſtät hatten die Güte, indem Sie ein traten, zu ſagen, Sie wollten uns die Bedingungen des Friedens Vertrages mittheilen. Ich will es thun, um dieſe Herren au fait zu ſetzen, ſagte der König. Aber ich will es thun, nicht als der König, ſondern als ein Freund, den Du, Louiſe, berechtigen willſt, an dieſer Geheimraths ſitzung Theil zu nehmen. Deshalb auch, ich bitte, keine Etiquette, keine Förmlichkeit. Wollte der Sitzung nicht präſidiren, wollte ihr beiwoh nen und Ihnen nur ſagen, was Sie nicht wiſſen. Nehmen Sie daher Alle Ihre Plätze wieder ein. Und Sie, mein Gemahl? fragte wieder auf den Divan ſetzte. Werden die Königin, indem ſie ſich Sie die Güte haben, ſich zu mir zu ſetzen? Der König nickte und ließ ſich neben ihr nieder, die beiden Mi niſter nahmen ihnen gegenüber auf zwei Rohrſtühlen Platz. Hören Sie alſo die Friedensbedingungen, ſagte der König. Der Kaiſer Na⸗ poleon fordert das ganze auf dem linken Ufer der Weichſel liegende Land, von dem Eintritt dieſes Fluſſes in die preußiſchen Staaten an bis zu ſeinem Ausfluß in's Meer. Er begehrt ferner die Uebergabe von den Feſtungen Colberg, Hameln, Nienburg, Glogau und Breslau, von der ganzen Provinz Schleſien, die auf dem rechten Ufer der Oder liegt, nebſt einem guten Theil des Landes auf dem linken Ufer dieſes Stromes. Außerdem fordert er noch die Stadt und Feſtung Grau denz, befiehlt, daß alle preußiſchen Truppen ſich nach Königsberg und die umliegende Gegend zurückziehen ſollen, daß ſogleich die ruſſiſchen Truppen das preußiſche Gebiet räumen, und endlich, wenn alles dies mit pünktlicher Treue erfüllt iſt, ſoll es von beiden Theilen abhängen, die Feindſeligkeiten nach einer zehntägigen Aufkündigung wieder zu beginnen.*) Die Königin, nicht mehr im Stande, ihre Aufregung, ihre Em⸗6 *) Siehe: Preußen im Jahre 1806 und 1807. Ein Tagebuch von H. v. Schladen. S. 57 — pörung zu etglühenden Und w nit will er ßeſtungen u Dafür, giebt er un Rußland m tractat iſt ſeines Kaiſ dieſer Note neuernden Holland, ih und genöthi Mal zu ki techtigten, für ihre Ve über welche lieben zu ſ letzen von denſelben den, denn ſchen Kaiſe und Walac Lindem vo ett uuſſiſch leyrands, techtstrift uiſer nich Adurch das 7 uch erbe Fm von 205 pörung zu überwinden, ſtieß einen Schrei aus und wandte ſich mit erglühenden Wangen, mit blitzenden Augen zu ihrem Gemahl hin. Und was bietet er uns für all' dieſen Schimpf? fragte ſie. Wo⸗ mit will er uns dafür belohnen, daß wir ihm unſere Provinzen, unſere Feſtungen und unſere Ehre verkaufen? Dafür, ſagte der König langſam, jedes Wort betonend, dafür giebt er uns die Ausſicht, daß wir bald als ſein Bundesgenoſſe gegen Rußland marſchiren und die Pforte unterſtützen können. Dem Friedens⸗ tractat iſt eine zweite Note hinzugefügt, die Talleyrand im Namen ſeines Kaiſers abgefaßt und unſerem Geſandten mitgetheilt hat. In dieſer Note wird geſagt, daß, da Frankreich durch die immer ſich er⸗ neuernden Kriege gleich ſeinen beiden Bundesgenoſſen, Spanien und Holland, ihré blühendſten Colonieen in Oſt- und Weſt⸗Indien verloren, und genöthigt wären, zu ihrer eigenen Vertheidigung jetzt zum vierten Mal zu kämpfen, die Gerechtigkeit und die Vernunft den Kaiſer be⸗ rechtigten, für ſich und ſeine Bundesgenoſſen dieſſeits der Meere Erſatz für ihre Verluſte zu ſuchen, und dies zwar in denjenigen Staaten, über welche er, kraft ſeiner Siege, die Macht habe, nach ſeinem Be⸗ lieben zu ſchalten. Das größte Uebel, welches Preußen durch den letzten von ihm veranlaßten Krieg verſchuldet habe, ſei dies, daß durch denſelben die Ottomanniſche Pforte ihrer Unabhängigkeit beraubt wor⸗ den, denn die beleidigenden und drohenden Anforderungen des ruſſi⸗ ſchen Kaiſers hätten an die Spitze des Gouvernements der Moldau und Walachei zwei Fürſten zurückgebracht, welche mit Recht aus dieſen Ländern vom Sultan verbannt geweſen, ſo daß dieſe beiden Staatgg jetzt ruſſiſche Provinzen ſeien. Demgemäß, ſo ſchließt die Note, Tal⸗ leyrands, ſo lange der Sultaf nicht in dieſen Provinzen die ihm rechtskräftig zuſtehende Souverainetät wieder erlangt habe, würde der Kaiſer nicht einwilligen, irgend ein Land wieder herauszugeben, das „durch das Schickſal des Krieges in ſeine Macht gegeben, oder von ihm noch erobert werden könne.*) Das heißt, rief die Königin leidenſchaftlich, das heißt, Napoleon *) Memoires d'un homme d'état. Vol. IX. S. 341. 206 erklärt Rußland den Krieg und wenn wir Frieden mit ihm ſchließen, werden wir gegen Rußland die Waffen ergreifen müſſen. Das wird unvermeidlich ſein, ſagte der König gelaſſen. Außer dieſer Note hat Talleyrand unſern Geſandten noch eine wichtige Nach richt mitgetheilt. Er hat ihnen geſagt, daß Napoleon noch vor ſeiner Abreiſe von Berlin ein Decret erlaſſen werde, das allen Handel und allen brieflichen Verkehr mit Großbritannien verbieten, alle Waaren, die aus brittiſchen Manufacturen oder Colonieen kommen, der Confiscation unterwerfen, allen Schiffen, die in einen franzöſiſchen, oder Frankreich unterworfenen Hafen einlaufen wollten, die unmittelbare Berührung mit den Küſten der drei Königreiche und ihrer Colonieen unterſagen und befehlen ſoll, jeden Engländer als Kriegsgefangenen zu ergreifen.*) — Jetzt, ſagte der König leiſe, ſein Haupt neigend, jetzt bin ich zu Ende mit meiner Mittheilung. Sie kennen jetzt den Friedenstractat mit allem, was dazu gehört. Sie werden jetzt ſich eine beſtimmte An⸗ ſicht über denſelben bilden können; Sie werden demgemäß im Stande ſein, den Wunſch der Königin zu erfüllen und ihr Ihre Anſicht über denſelben zu ſagen und ob ſie dem König rathen würden, ihn zu unter⸗ zeichnen. Sprechen Sie alſo jetzt und ſeien Sie wohl eingedenk, daß ich hier in dieſem Zimmer nicht der König bin, ſondern nur der ganz zufällig Ihrer Berathung beiwohnende Freund der Königin. Es ziemt mir alſo zu ſchweigen und zu hören. Die Geheimrathsſihung. Der König lehnte ſich in den Divan zurück und ſein Haupt an den aufgeſtützten Arm lehnend, überſchattete er mit der Hand ſein An⸗ *) Thiers: Histoire du Consulst et de PKmpire V. VII. S. 380. zeſcht gle ſeinet Züge Die& Herren zu. ſprechen S ſelben mir wem ich z Ihnen Be Dam neigend. Stein. A Nun, dieſem Fri Ich Hochmuth berg. Um die Verga von dem König, ur wünſcht, ſeines Vo vemeiden Rheinbum utin de handelte! ticht uf, ſchen un ing n ſeine gete Senn ſolgend, wider ihn ſch un Sieger ih ſchließen, n. Außer tige Nach vor ſeiner andel und onfiscation Frankreich Berührung unterſagen greifen.* bin ich zu nõtractat mmte An⸗ n Stande ſicht über zu unter denk, daß det ganz Es ziemt Haupt an ſein An geſicht, gleichſam wie mit einem Vorhang, der Jedermann den Ausdruck ſeiner Züge verbergen ſolle. Die Königin neigte ſich mit einem anmuthigen Lächeln den beiden Herren zu. Da mein Gemahl es erlaubt hat, ſagte ſie, ſo bitte ich, ſprechen Sie. Laſſen Sie mich Ihre Meinungen wiſſen. Und da die⸗ ſelben mir von Ihnen Beiden gleich wichtig ſind, ſo weiß ich nicht, wem ich zuerſt das Wort geben ſoll. Es möge alſo der älteſte von Ihnen Beiden zuerſt ſprechen. Dann, Majeſtät, muß ich ſprechen, ſagte Hardenberg ſich tief ver— neigend. Ich weiß, daß ich um ſieben Jahr älter bin, als Herr von Stein. Was ich an Jahren, zählt er an Weisheit mehr! Nun, ſprechen Sie, ſagte die Königin. Was halten Sie von dieſem Friedensvertrag 7 Ich halte ihn für einen neuen Beweis von dem rückſichtsloſen Hochmuth und der tyranniſchen Willkür Bonaparte's, ſagte Harden⸗ berg. Um ihn recht würdigen zu können, muß man zurückblicken in die Vergangenheit, muß eingedenk ſein, wie dieſer Krieg entſtanden iſt, von dem der Kaiſer behauptet, Preußen habe ihn veranlaßt. Der König, unſer allergnädigſter Herr, hat aber niemals den Krieg ge⸗ wünſcht, er hat lange den Wünſchen ſeiner Miniſter, ſeines Hofes, ſeines Volkes und ſeiner Armee widerſtanden. Er würde den Krieg zu vermeiden gewußt haben, wenn Napoleon ihm geſtattet hätte, dem Rheinbund gegenüber eine nicht feindliche, aber conſervative Conföde⸗ ration des Nordens zu bilden. Getäuſcht, bedroht, beleidigt, unter⸗ handelte der König dennoch bis auf den letzten Moment und hörte nicht auf, immer noch zu hoffen, Frankreich werde ſein Unrecht ein⸗ ſehen und Preußens Vorſtellungen und Wünſchen nachgeben. Der König rüſtete, aber nur um durch ſolche militairiſche Demonſtration ſeine gerechten und durchaus friedlichen Forderungen zu unterſtützen. Gezwungen von Napoleon mußte er endlich, dem Gebot der Ehre folgend, ſein Schwert erheben. Das Schickſal des Königs entſchied wider ihn, er ward beſiegt! Aber er negociirte abermals, er unterwarf ſich zum Wohl ſeines Volkes den härteſten Bedingungen, welche der Sieger ihm auferlegte; doch Napoleon, ſtatt dies anzuerkennen, ward 208 2 5 441 erlauben,; immer ungeſtümer und unerſättlicher in ſeinen Forderungen. Des Königs Willfährigkeit ward zurückgewieſen; die Bedingungen, welche man ihm auferlegt hatte, wurden von demſelben Kaiſer, der ſie dietirt hatte, verleugnet und für ungültig erklärt. Jeder neue Triumph, jede neue Feſtungs⸗Capitulation ließ den Kaiſer in ſeinen Forderungen weiter gehen und endlich wagt er jetzt, dem König einen Frieden an zubieten, der das Königreich Preußen auf eine einzige Provinz reducirt, empört ſich Friedens⸗ ein Vertra ſein würd * Luccheſini ſchlagen, der des Königs Lage nur noch verſchlimmern und ein Uebermaß von die Fider Demüthigung ſein würde, ohne zugleich ein Mittel zum Heil und zur ſo wide Rettung zu werden. Wenn Preußen dieſen durchaus illuſoriſchen zu unter Friedensvertrag annähme, würde es ſich dadurch ganz und gar einem handelt he unerſättlichen Feind überliefern, deſſen ehrgeizige Pläne ihm bekannt in ihrer E ſind, würde das preußiſche Cabinet ſich der einzigen Stütze berauben, ſie alsdan die ihm noch geblieben. Es würde Rußland verrathen, und es würde nur der bi durch dieſen Verrath nicht ſich ſelbſt erretten, ſondern nur noch ſeinen der, ſobal 6 eigenen völligen Untergang beſchleunigen. Niemand kann es wagen, Kaum wür 3 dem König dieſen Rath zu geben, ich, welcher immer gegen irgend ein König ihm Bündniß mit Frankreich geweſen, ſelbſt da ſchon, als es anſcheinend und mge 3 Preußen Vortheile gewährte, ich am allerwenigſten!“) Ew. Majeſtät Friden au 1 haben befohlen, ich habe nach beſter Ueberzeugung meine Meinung ge hite, ihn 3 ſagt. Ich bin zu Ende! lezten und Die Königin dankte ihm mit einer leichten Verbeugung und Napolen wandte ſich dann dem Freiherrn von Stein zu. Und Sie? fragte lezen Rn — ſie. Wollen Sie mir jetzt Ihre Anſicht über den Friedensvertrag, fihung d den unſere Geſandten in Charlottenburg ſchon unterzeichnet haben, welche Au mittheilen? Vuuen m Ew. Majeſtät, ſagte Herr von Stein raſch und ungeſtüm, es e di u . fehlt mir die weiſe Gelaſſenheit, die lächelnde Unnahbarkeit des Herrn gegend, von Hardenberg. Es iſt mir nicht gegeben, mit beſonnener Ruhe und 7 i Or großherziger Unparteilichkeit die Intereſſen und Handlungsweiſen von niten 6 Freund und Feind abzuwägen. Ich bin kein feiner Hofmann, ſondern ſiüſnd nur ein ſchlichter, deutſcher Mann und ſo müſſen mir Ew Majeſtöt it S luſſiſchen *) M6moires d'un homme d'état. Vol 1X. 345. X. Auta, 209 erlauben, zu Ihnen zu ſprechen. Mein ſchlichtes, deutſches Herz aber empört ſich in meiner Bruſt über das, was der Herr Napoleon einen Friedens⸗Vertrag zu nennen beliebt, und was, wie mir ſcheint, nur ein Vertrag mit der Entwürdigung, der Ehrloſigkeit und der Schmach ſein würde. Wäre ich an der Stelle der Herren von Zaſtrow und Luccheſini geweſen, ſo würde ich mir eher die rechte Hand haben ab ſchlagen, als mich durch irgend welche Gründe haben bewegen laſſen, die Feder zu nehmen, um ſolchen Schimpfvertrag zu unterz zeichnen, ſo würde ich lieber geſtorben ſein, als ſo mich auf Gnade und Ungnade zu unterwerfen. Ich weiß wohl, daß dieſe beiden Herren nur ſo ge⸗ handelt haben, weil ſie dadurch den König und ſein Land wenigſtens in ihrer Exiſtenz erretten und erhalten wollten. Aber wie wenig kennen ſie alsdann die Abſichten und Pläne unſers mächtigen Gegners, den nur der beharrlichſte Widerſtand zur Mäßigung beſtimmen kann und der, ſobald er nichts mehr fürchten muß, auch nichts mehr ſchont. Kaum würde, den Beſtimmungen jenes Friedensvertrags gemäß, der König ihm ſeine Feſtungen und ſeine ſchleſiſchen Provinzen übergeben und ausgeliefert haben, ſo würde Napoleon nach zehn Tagen den Frieden aufkündigen, und, da der König alsdann nicht mehr die Macht hätte, ihm Widerſtand entgegenzuſetzen, ſo wäre der Verluſt ſeines letzten und einzigen Beſitzthums die ganz natürliche Conſequenz. Und Napoleon würde es ſogar ſo einrichten können, daß er ſelber bei dieſem letzten Raub ganz unbetheiligt erſcheinen könnte, er würde die Aus⸗ führung dieſes Raubes andern Händen übertragen. Man weiß ja, welche Ausſicht er der Polendeputation in Berlin eröffnet, mit welchen Worten und Verſprechungen er ſie aufgeſtachelt hat. Jetzt verlangt er die Entfernung der Truppen aus Graudenz und deſſen ganzer Um⸗ gegend, alſo aus dem ganzen preußiſchen Polen. Das heißt, er will die Organiſation des Aufſtandes in Polen begünſtigen und ihr allen möglichen Vorſchub leiſten, ſo daß dieſe Provinzen mitten im ſtillſtand verloren gehen würden. Außerdem aber iſt Se. Majeſtät nicht im Stande, ax eine Verbindlichkeit für das Zuricgehen der ruſſiſchen Truppen zu übernehmen und die letzten Feſtungen würden alſp umſonſt geopfert werden. Ebenſo wenig aber liegt es in der Mühlbach, Napoleon. II. Bd. 14 Macht des Königs, den Kaiſer von Rußland zu bewegen, ſeinen ge⸗ rechten Anforderungen an die Pforte zu entſagen, oder den Fürſten der Moldau und Walachei den ihnen angelobten Schutz zu entziehen. Der ruſſiſche Kaiſer hat bereits ſeine Truppen in die Moldau ein⸗ rücken laſſen, der Krieg mik der Pforte hat begonnen, und ſeine Ehre geſtattet es ihm nicht mehr, jetzt noch zurückzutreten. Er iſt aber bis zu dieſer Stunde ſeinem preußiſchen Bundesgenoſſen in Wort und That unveränderlich tren geblieben. Ein zahlreiches ruſſiſches Hülfs heer nähert ſich bereits unſern Grenzen, und wie man ſagt, wird der Kaiſer ſelber es begleiten, um an der Spitze ſeiner Truppen im Verein mit Preußen Napoleon entgegen zu gehen. Der König von Preußen würde aber durch die Unterzeichnung dieſes Friedenstractates die dar gebotene Hülfe nicht allein zurückweiſen müſſen, ſondern er würde ſich gezwungen ſehen, mit dem Schwert Denjenigen in ſeinem Lande zu bekämpfen, der in, großmüthiger Freundſchaft doch nur gekommen iſt, um mit ihm für die Erhaltung dieſes ſeines Landes zu kämpfen.— Dieſer ſogenannte Friedens⸗Vertrag würde Preußen zwei neue Feinde erwerben, ohne ihm den alten Feind, Frankreich, zu einem ſichern und zuverläſſigen Freunde zu gewinnen. Der Erſte dieſer Feinde wäre Rußland, von dem ſich Preußen in wortbrüchiger Perfidie abgewandt hätte; der zweite dieſer Feinde wäre England, welches mit dem preu ßiſchen Bundesgenoſſen Frankreichs ebenſowohl, wie mit Frankreich ſelber, die alte Urfehde des Haſſes fortſetzen würde. Frankreich wirft durch das Decret gegen engliſche Waare, engliſches Eigenthum und engliſche Unterthanen England einen neuen Fehdehandſchuh hin, denu dies Decret iſt der Anfang der Continentalſperre, und Englands und König Georgs großer und heldenmüthiger Miniſter William Pitt iſt nicht der Mann, der dieſen Fehdehandſchuh liegen läßt. Er wird ihn aufheben und wird das Feuer ſeines Haſſes und ſeiner Rache neu an ihm entzünden und Englands ganze Macht aufbieten zum Kampf wider Frankreich. Talleyrand aber hat laut Allen, die ihn hören wollten, er⸗ klärt: Napoleon werde Preußen nur dann noch als Staat beſtehen laſſen, wenn England und Rußland unter annehmlichen Bedingungen Frieden mit Frankreich ſchlöſſen. Nimmermehr aber ſchließen dieſe dieſen Ver hieße Pre nicht die 2 Hohngelic Gott unt — Ew. 7 rückhaltlos fohlen, fr nung zu ſ wenn meir Hald v Huld vo ſorſchende Ntzt bit veh en Fürſten entziehen. oldau ein⸗ 1 L ande zu ommen iſ, nthum und hin, denn glands und mn Pit it r wird ihn che neu an ampf wide wollten, er at heſtehel edingungen iehen diet 211 Beiden Frieden mit Frankreich, und ſo iſt Preußen durch dieſen Friedens⸗Abſchluß mit Frankreich rettungslos verloren, denn es wird drei Feinde ſtatt des Einen und keinen einzigen Bundesgenoſſen haben. — Nicht alſo blos die Ehre, ſondern auch die Klugheit gebieten es, dieſen Vertrag abzulehnen, und den Geboten dieſer Zwei nicht folgen, hieße Preußen in den Abgrund des Elends ſchleudern, in welchem es nicht die Theilnahme irgend eines Bundesgenoſſen, ſondern nur das Hohngelächter der ganzen Welt als ſeine Todtenklage hören würde. Gott und der König mögen alſo Preußen vor dem Unheil dieſes Friedens⸗Vertrages bewahren, und uns gnädigſt geſtatten, inmitten un⸗ ſers Unglücks und unſerer Sorgen wenigſtens einherſchreiten; zu können mit reinem Gewi iſſen und aufrechtem Haupte, wie es Männern geziemt, die lieber ſterben, als ihrer Ehre und ihrer Freiheit entſagen wollen! — Ew. Majeſtät mögen mir verzeihen, wenn ich mich zu frei und zu rückhaltlos ausgeſprochen habe. Aber Ew. Majeſtät hatten mir be⸗ fohlen, frei und wie vor Gott Ihnen meines Herzens inuerſte Mei⸗ nung zu ſagen. Das habe ich gethan, und ich bitte um Verzeihung, wenn meine Worte nicht immer gewählt und ſchonungsvoll geweſen ſind! Ich habe Ihnen nichts zu verzeihen, ſondern ich habe Ihnen nur zu danken, ſagte die Königin, Ihnen ſowohl, wie Herrn von Harden⸗ berg. Sie haben mich Beide auf den Grund Ihrer Herzen ſchauen laſſen. Sie haben der Wahrheit Ihrer Ueberzeugung gemäß geſprochen, ich danke Ihnen! Und indem Louiſe ihre leuchtenden Augen dem König zuwandte, fuhr ſie tiefbewegt fort: Ew. Majeſtät, wir haben Magdeburg ver⸗ loren! Aber ſind ſolche Männer, wie dieſe hier, nicht mehr werth, als eine Feſtung? Feſtungen können fallen, aber ſo lange wir ſolche Männer neben uns haben, iſt Preußen nicht verloren! Der König, welcher noch immer, die Hand an die Stirn gelegt, das Antlitz beſchattet, dageſeſſen hatte, der König ließ langſam ſeine Hand von ſeinem Antlitz niedergleiten und ſchaute mit einem langen, forſchenden Blick zu der Königin hin. Jetzt iſt es an Dir, Deine Meinung zu bekennen, ſagte er ruhig. Biſt wohl Deinen Rathgebern ſchuldig, auch zu ſagen, was Du denkſt. 14* — —— Denen, welche aufrichtig und wahr zu uns geſprochen, dankt man am Beſten dadurch, daß man eben ſo antwortet. Ich. die Königin alſo, jetzt ihrerſeits zu ſprechen und zu ſagen, was ſie über den Frie⸗ dens⸗Vertrag denkt! Ich denke darüber, mein König und Gemahl, daß ich lieber von der erſten Kugel, welche wir gegen Frankreich abfeuern, zerſchmettert werden wollte, als dieſen ſchimpflichen Vertrag gutheißen, rief die Kö⸗ nigin mit glühenden Wangen und in der vollen Gewalt ihrer leiden⸗ ſchaftlichen Erregung. Ich denke darüber, daß, wenn Sie ihn unter⸗ zeichneten, ich niemals wieder wagen würde, meinen Fuß in das Schloß von Charlottenburg zu ſetzen, weil es mir ſcheinen würde, als dürfte ich dort die Angen weder zu den Menſchen, noch zu Gott empor⸗ ſchlagen, denn von den Treubrüchigen und Ehrvergeſſenen wenden die Herzen der Menſchen ſich ab, und Gott ſelbſt hat kein Erbarmen mit ihnen. Ich würde denken, daß die Wände dieſes Schloſſes über uns zuſammenſtürzen müßten, um unſere Scham zu verhüllen, und vor jedem Tiſche würde ich ſchaudernd weil auf ihm vielleicht dieſe Acte unterzeichnet worden iſt, die uns abtrünnig machen will von Ehre und Pflicht, die uns unſer gutes Gewiſſen und unſere Ehre ſtehlen will. Nein, mein Herr und Gemahl, laſſen Sie uns mit rei— nem Gewiſſen und mit reiner Ehre lieber ünterliegen und zu Grunde gehen, als die Freundſchaft und das Bündniß des Corſen annehmen und unſern Principien ungetreu werden! Der König wiegte ſinnend ſein Haupt. Ach, ſagte er leiſe vor ſich hin, wenn Worte ſich in Schwerter verwandeln ließen, dann wüdden Sie mir heute Schlachten gewinnen. Aber es braucht zum Unglüdk dazu Soldaten, eine Armee, und die habe ich nicht. Und ſo ſind X Ihre Worte vielleicht die Drachenſaat, aus der Krieger hervorgehen mögen, aber dieſe können ſich gegen uns ſelber wenden und uns ver⸗ nichten! Er ſchwieg und blickte ſtill und tiefernſt vor ſich nieder. Die Königin wagte es nicht, ihn in ſeinem Sinnen zu ſtören und ſchaute ſchweigend und mit dem Ausdruck zärtlicher Theilnahme zu ihm hin. Die beiden Miniſter ſaßen ernſt und ——= mit niedergeſchlagenen Augen da, erwartend, reden mög Aufe ſeinen Bli Es iſt pflegte ſic vier Uhr d ſammeln liebe es, es iſt Zei Die Künigin re ſie mit ein mit der Ha das Gema Leber reichend. noch König her, m e Hab' ſtatt lichen hab und Rützli Er w ſeſt un ſe ds uhige Oh, So wollen gung und Derh er Uhr. 5 ſfter Ge Loiſe dinen lei Du eite uſe nkt man am die Kürigin pp er den Frie⸗ ind ſchaute n ihm hin Augen da 213 erwartend, daß der König dieſes Schweigen unterbrechen und zu ihnen reden möge. Auf einmal richtete der König ſein Haupt raſch empor und ließ ſeinen Blick hinüber ſchweifen nach der Pendule. Es iſt vier Uhr, ſagte er, indem er raſcher, als er ſonſt zu thun pflegte, ſich erhob. Ich habe dem Miniſter Haugwitz geſagt, daß um vier Uhr die Conferenz der Miniſter und Generäle ſich bei ihm ver— ſammeln ſolle, und daß ich mich bei derſelben einfinden werde. Ich liebe es, pünktlich zu ſein. Laſſen Sie uns alſo gehen, meine Herren, es iſt Zeit zur Conferenz. Die beiden Miniſter erhoben ſich, um ſich zu verabſchieden. Die Königin reichte Jedem von ihnen die Hand zum Kuß dar und entließ ſie mit einem Blick des Dankes. Der König winkte ihnen freundlich mit der Hand einen Abſchiedsgruß zu und wandte dann, als die Herren das Gemach verlaſſen hatten, ſich der Königin zu. Lebe wohl, liebe Louiſe, ſagte er, ſeiner Gemahlin die Hand dar⸗ reichend. Mich rufen die Pflichten meines Amtes, und ſo lange ich noch König bin, kann ich dieſelben nicht vernachläſſigen. Ich kam hier⸗ her, um ein wenig Erholung von meinen Sorgen bei Dir zu finden. Hab' ſtatt deſſen einer Geheimrathsſitzung beigewohnt. Die Unglück⸗ lichen haben keine Zeit zur Erholung, und das mag auch ſein Gutes und Nützliches haben. Lebe alſo wohl, ich muß zu Haugwitz gehen. Er wollte ſich der Thür nähern, aber die Königin hielt ſeine Hand feſt und ſchaute ihm mit einem flehenden Blick tief und forſchend in das ruhige und undurchdringliche Angeſicht. Oh, mein Gemahl, ſagte ſie mit vor Bewegung zitternder Stimme. So wollen Sie mich verlaſſen? Nicht ein einziges Wort der Beruhi⸗ gung und des Troſtes ſagen Sie mir? Der König küßte ſie leicht auf die Stirn und deutete hinüber nach der Uhr. Es iſt die höchſte Zeit zur Conferenz, ſagte er, und mit ſanfter Gewalt ſeine Hand frei machend, eilte er der Thür zu. Louiſe blickte ihm nach, bis er verſchwunden war, dann hob ſie Hände und Blicke zum Himmel auf. Oh mein Gott, flüſterte ſie leiſe, leite Du ſeine Entſchlüſſe und laſſe ihn das Rechte wählen! Mir aber 214 gieb Kraft, auszuharren in Geduld, und auch dann nicht zu verzagen und nicht zu murren, wenn der König anders entſcheidet, als mein Herz es wünſcht und mein Verſtand es einſieht! Ihre Blicke ſenkten ſich und trafen ganz zufällig auf das geöffnete Clavier, das da drüben an der Wand ſtand. Die Königin ſchritt haſtig zu demſelben hin, ihre ſchlanken weißen Hände legten ſich auf die Taſten und begannen mit vollen Accorden die Melodie eines Cho⸗ rals zu ſpielen. Dann öffneten ſich ihre Lippen und mit edler, begei⸗ ſterter Sne die Augen in Thränen ſchwimmend, begann die Kö⸗ nigin zu„Wer nur den lieben Gott läßt walten und hoffet auf ihn alle Zeit.“— Eine Stunde war kaum vergangen; die Königin ſaß noch am Clavier und König hereintrat. ſang, als ſich hinter ihr die Thür leiſe öffnete und der Louiſe hörte ihn nicht, der Fußteppich machte ſeine Schritte un hörbar, die lauten vollen Töne des Claviers überdeckten das leiſe Knarren der Thür. Der König ſchritt raſch zu ſeiner Gemahlin hin und legte ſeine Hand auf ihre Schulter. Louiſe ſchreckte leiſe zuſammen und ihre Hände ſanken von den Taſten nieder. Mit einem fragenden, angſtvollen Blick ſchaute ſie zu ihrem Gemahl auf und richtete ſich langſam von dem Seſſel empor. Louiſe, ſagte der feierlich ernſt, Louiſe, ich komme ſo eben von Haugr witz aus der Miniſter⸗Conferenz. Es waren dort außer dem Prinzen Heinrich und mir zehn Miniſter, Generäle und Kabinetsräthe Sieben von ihnen haben für die Annahme des Charlotten⸗ burger Friedens⸗Vertrages geſprochen, vier von ihnen dagegen. Die Majorität alſo war für die Annahme. anweſend. Die Königin erbleichte und ein ſchmerzliches Zucken um ihre Lippen verrieth ihre innere Es waren Bewegung. außer Ihnen eilf Herren anweſend, ſagte die Königin athemlos. Sieben haben für die Annahme, viere dagegen geſtimmt. Aber was ſagte der König, dem allein die Entſcheidung zuſteht? Ent⸗ ſchied ſich mein theurer, vielgeliebter Gemahl für die Majorität? ſich für di Luiſ weigte ſi Geliebter, nommen? Gott, mei ſagte der Aber mac zenden H aufnehm wir in d Beſſ auf ihm uf der( Fleck nich Vir ſin, als — 1 Vu gefn Die den Arm Unendlich drausge das Här werde es zu berzagen t, als mein das Riffnete tigin ſchritt geſtmmt. 3172 215 Der Kö önig, ſagte Friedrich Wilhelm langſam, der König entſchied ſich für die Minorität. Louiſe ſtieß einen Schrei aus, und des Königs Hand ergreifend, neigte ſie ſich und drückte einen glühenden Kuß auf dieſelbe. Oh, mein Geliebter, Du haſt den Charlottenburger Schimpfvertrag nicht ange⸗ nommen? fragte ſie freudig. Du haſt der Majorität nicht nachgegeben? Gott, mein Gott, ich danke Dir, denn Du haſt die glühendſten Wünſche meines Herzens erhört! Oh, mein einzigſter, theuerſter Freund, wenn es möglich wäre, daß es in meinem Herzen noch eine Stelle gegeben, wohin die Liebe zu Dir nicht gedrungen, ſo würde ſie in dieſer Stunde ausgefüllt ſein. Mein ganzes Herz iſt von Stolz, Entzücken und Hoch⸗ achtung für Dich erfüllt. Wir werden alſo ee Frieden machen mit em Tyrannen, nicht die heuchleriſche Freundſchaft unſers erbitterten Feindes annehmen, wir werden uns ſelbſt, unſerer Ehre und unſerem * Bundesgenoſſen treu bleiben! Ja, wir werden den Charlottenburger Friedens⸗Vertrag verwerfen, ſagte der König. Wir werden verſuchen, den Kampf fortzuſetzen. Aber machen wir uns keine Illuſionen, ſuchen wir uns nicht mit glän⸗ zenden Hoffnungen zu täuſchen! Indem wir jetzt das Schwert wieder aufnehmen, kämpfen wir um unſere Exiſtenz, und es iſt möglich, daß wir in dieſem Kampfe unterliegen. Beſſer, unter den Trümmern des Thrones begraben werden, als auf ihm daſtehen mit dem Brandmal des Treubruchs und der Schmach auf der Stirn, rief die Königin. Selbſt die Krone deckt einen ſolch Fleck nicht zu! 6 Wir können unſer Land und unſere Krone verkiexen und gezwungen ein, als namenloſe Bettler über die ruſſiſche Grenze zu flüchten. Biſt Du gefaßt darauf? Die Königin warf mit einer leidenſchaftlichen Bewegung ihre bei⸗ den Arme um ihres Gemahls Hals und ſah ihm mit einem Ausdruck unendlicher Zärtlichkeit tief in die Augen. Ich bin auf Alles gefaßt, vorausgeſetzt, daß ich bei Dir bleiben darf, ſagte ſie innig. Möge — das Härteſte kommen, es ſoll mich muthig und ruhig finden, denn ich werde es mit Dir theilen. Wo Du hingehſt, da gehe ich hin. Und 216 wenn wir vor unſerm unüberwindlichen Feind flüchten müßten bis in dus Uuge die Eisfelder Sibiriens, ſo würde ich doch froh ſein in meinem Herzen, leſen, welch denn die Ehre geht mit uns und die Liebe tröſtet uns! Es ji * Der König legte ſeine Hand wie ſegnend auf ihr Haupt und zog Rath erthe ſie feſter an ſeine Bruſt. Du biſt ein großes und heldenherziges Weib, am Beſten fagte er, und aus der Fülle meines Herzens danke ich Gott, daß er nützen, un Dich mir gegeben, denn in Dir hat er einen Engel an meine Seite König beſit geſtellt. Bete für mich, Louiſe, bete für uns Alle! Ich will jetzt nehmen zu gehen, den Geſandten Napoleons, Herrn Duroc, zu empfangen, und Dun ihm zu ſagen, daß ich den Charlottenburger Friedens Vertrag nicht Louiſ annehme. Der Er drückte einen langen innigen Kuß auf die klare Stirn der meine Wah Königin und durchſchritt dann Arm in Arm mit derſelben das Zimmer ich mir zu . Aber eben im Begriff hinauszugehen, blieb er ſtehen und ſah ſeine Freiherr vr Gemahlin mit einem leiſen Lächeln an. Er lie Ach, Louiſe, ſagte er, ich vergaß, Dir noch eine Nachricht mitzu rnſch hinau 3 theilen! Nachdem ich in der Conferenz erklärt hatte, daß ich den Die ſ Vertrag nicht annehmen, ſondern den Kampf fortſetzen wolle, beauf ſlüſtere ſe tragte ich Haugwitz, ein Manifeſt aufzuſetzen, durch welches ich mein Volk von meinem gefaßten Beſchluſſe in Kenntniß ſetzen wolle. Graf ſein eigen Haugwitz aber erklärte ſich unfähig, ein ſolches Manifeſt zu entwerfen Munn ger und forderte wegen ſeiner ſchwankenden Geſundheit und ſeiner kranken Augen ſeine Entlaſſung. Die Königin erröthete und ein Strahl der Freude zuckte über u Antlitz hin. umg Du haſt ſeine Entlaſſung angenommen? fragte ſie athemlos. wirdet, der ₰ Ich habe ſie angenommen! Graf Haugwitz wird noch heute ab reiſen, um ſich auf ſeine Güter zurückzuziehen. Ich aber muß mir noch heute für ihn einen Stellvertreter wählen, denn in dieſen ſchwie . gigen Zeiten kann ich einen Miniſter des Auswärtigen nicht wohl ent— „behren. Weißt Du irgend Jemand mir zu nennen, den Du für dieſe „ Stelle beſonders geeignet und förderlich achteſt? Die Königin blickte ihren Gemahl l überraſcht an und ſenkte dann Noch g roc eine u burget vuch ſene virigen* heute ab muß mir ſchwie⸗ ent nkte dann 217 das Auge nieder, als fürchte ſie, er möge in ihren Blicken Gedanken leſen, welche ihren Worten widerſprächen. Es ziemt mir nicht, meinem weiſen und einſichtsvollen König einen Rath ertheilen zu wollen, ſagte ſie. Seine richtige Einſicht wird allezeit am Beſten den Maun zu wählen wiſſen, der geeignet iſt, Preußen zu nützen, und der ſo viel Patriotismus und ſo viel Hingabe für ſeinen König beſitzt, um den ſchwierigen und gefahrvollen Miniſterpoſten über⸗ nehmen zu wollen. Du weißt mir alſo Niemand zu empfehlen? fragte der König. Louiſe Fa zur Erde nieder und ſchüttelte ſchweigend ihr Haupt. Der Kömg lächelte. Nun, ſagte er, dann muß ich freilich allein meine Wahl treffen, und ich habe ſie ſchon getroffen. Derjenige, den ich mir zu meinem Miniſter des Auswärtigen ernennen will, iſt der Freiherr von Stein. Er ließ ſeiner Gemahlin nicht Zeit zu einer Antwort, ſondern ging raſch hinaus und drückte die Thür hinter ſich zu. Die Königin ſchaute ihm mit freudeſtrahlenden Augen nach. Oh, flüſterte ſie leiſe, welch ein großes, edles Herz! Wer ſich ſelbſt über⸗ windet, der iſt in Wahrheit ein Held. Und der König iſt es. Er hat ſein eigenes Widerſtreben überwunden und wider ſeine Neigung den Mann gewählt, den ſein Kopf anerkennt, aber ſein Herz nicht liebt! n III. Der Freiherr von Stein. Noch an demſelben Tage, nachdem der König dem Groß⸗Marſchall Duroc eine Audienz ertheilt und ihm erklärt hatte, daß er den Char⸗ lottenburger Vertrag verwerfe, hatte der König dem Miniſter von Stein durch ſeine Vertrauten Köckeritz und Beyme das Miniſterium des Aus⸗ wärtigen anbieten laſſen. — —— ———— 218 Aber Herr von Stein hatte es abgelehnt, mit der Erklärung, er— fühle ſich nicht befähigt, eine ſo ſchwierige Stelle einzunehmen, es fehle ihm die nöthige Kenntniß der Sachen und Formen und die Fertigkeit in ihrer Anwendung, um der Verwaltung einer ſolchen Stelle würdig vorſtehen zu können. Der König indeß nahm dieſe Weigerung des Herrn von Stein nicht an. Er ließ ihm abermals Vorſchläge machen, er forderte Herrn von Stein auf, wenigſtens interimiſtiſch das Miniſterium zu über⸗ nehmen, er ließ ihm ein glänzendes Gehalt und außerdem noch für jedes Jahr achttauſend Thaler Tafelgelder bieten.*) 3 Aber Stein ließ ſich weder vom Glanz der Stellung noch des Geldes verlocken. Er blieb ſeinem einmal gefaßten Beſchluß treu und lehnte zum zweiten Male ab, indem er dem König vorſchlagen ließ, ſtatt ſeiner den Herrn von Hardenberg, den vielgewandten und erfah⸗ renen Staatsmann, zu ſeinem Miniſter des Auswärtigen zu wählen. Der König ſchüttelte unwillig ſein Haupt und biß die Lippen feſt auf einandern, wie er zu thun pflegte, wenn er gereizt war. Den Herrn von Stein hieher holen, befahl er dem General von Köckeritz. Will ſelber mit ihm ſprechen! Herr von Köckeritz eilte von dannen, und eine Stunde ſpäter trat Herr von Stein in das Kabinet des Königs ein. Friedrich Wilhelm ging langſam, die Hände auf dem Rücken ge⸗ faltet, in dem Gemach auf und ab. ſeiner Stirn, die Lippen waren noch immer feſt auf einander gepreßt. Die Wolke lag noch immer auf Er ſchien den Eintretenden gar nicht zu gewahren, und ging mehrmals auf⸗ und abwandelnd an Herrn von Stein vorüber, ohne ihn zu be grüßen oder ihn nur auzuſehen. D 2„ er Miniſter, welcher anfangs ſchweigend und ehrfurchtsvoll un⸗ fern der Thür da geſtanden und die Anrede des Königs erwartet hatte, wandte ſich jetzt, dieſes langen Schweigens überdrüſſig, nach den Bildern hin, welche an der Wand hingen, und indem er, dieſelben betrachtend, von dem Einen zum Andern ging, ſtieß er dabei gleich⸗ X Sjpho⸗ Pork pr S Winiſ Siee: Pertz, Das Leben des Miniſ rs Freiherrn von Stein. I. 363. ſam aus V bewegte. Dieſes blieb vor Ausdruck i Ich he bieten laſſe füßlto orn ſühlte, ern ausfüllen Por 6 Yer K fühne Män ſchitung, man gber abgelehnt zu verlange mit wohl von ihnen Ich beſchl Maje nun, um meiner wa Grjutdheit meſſen kün ſeen? ngen nicht 2 2 Zuerſ denic bi klarung, er⸗ 219 ſam aus Verſehen an einen Stuhl, daß er mit einem raſchen Ruck ſich bewegte. Dieſes Geräuſch erweckte den König aus ſeinem Sinnen. Er blieb vor Herrn von Stein ſtehen und ſah mit einem ernſten, ſtrengen Ausdruck in das männlich kühne Angeſicht. Ich habe Ihnen das Miniſterium des Auswärtigen zwei Mal an⸗ bieten laſſen, ſagte er in ſeiner raſchen kurzen Weiſe. Warum haben Sie nicht angenommen? Ew. Majeſtät, weil ich mich dieſer hohen Stelle nicht gewachſen fühlte, erwiderte Stein ruhig, weil es Würdigere giebt, die ſie beſſer ausfüllen können als ich. Der König ſchüttelte ſein Haupt. Ausflüchte, ſagte er. Feſte und kühne Männer wie' Sie haben keine Beſcheidenheit, ſondern klare Selbſt⸗ ſchätzung, wiſſen, was ſie werth ſind! In dieſen ernſten Tagen muß man aber allzeit die Wahrheit ſagen. Ich will es wiſſen, weshalb Sie abgelehnt haben. Ich habe ein Recht, Gründe für Ihre Weigerung zu Noch bin ich der König, und meine Staatsdiener ſind mir wohl Rechenſchaft ſchuldig, wenn ſie eine Arbeit ablehnen, die ich von ihnen fordere. Sprechen Sie alſo, 3 Sie mir Ihre Gründe. Ich befehle es Ihnen! Majeſtät, ſagte Stein mit ſeiner kalten, ſtolzen Ruhe, wenn ich nun, um Ihrem Befehl zu genügen, irgend einen Vorwand ſtatt meiner wahren Gründe anführte, wenn ich, wie Herr von Haugwitz, Geſundheitsrückſichten vor ſchützte? Wie wollten Ew. Maj jeſtät er⸗ meſſen können, ob das nicht in der That meine wirklichen Gründe ſeien? In das Innerſte der Seelen zu ſchauen, iſt ſelbſt den Kö⸗ nicht gegeben und kein Befehl kann ſie ihnen öffnen, wenn die Seelen ſich vor ihnen verſchließen wollen. Ich aber will Ew. Ma⸗ jeſtät meine Seele und meine Gedanken nicht verſchließen, ich will, da Ew. Majeſtät es wünſchen, Ihnen meine Gründe frei und offen darlegen. Nur muß ich Ew. Majeſtät zuvor um Zweierlei bitten! Nun, was iſt's, ſprechen Sie? ſagte der König raſch. Zuerſt muß ich um die Erlaubniß bitten, mich ſetzen zu dürfen, denn ich bin krank geweſen und meine Füße verſagen mir faſt den Dienſt. 220 Der König ließ ſich auf den Divan nieder und deutete raſch auf den unfern von dem Divan befindlichen Lehnſeſſel hin. Setzen Sie ſich und ſagen Sie die zweite Bitte! Zum Zweiten muß ich bitten, daß Ew. Mafäſtät mir gnädigſt meine Freimüthigkeit verzeihen wollen, wenn das, was ich ſagen muß, nicht den Beifall Ew. Majeſtät hat, oder Ihnen zu keck oder voreilig erſcheint. Hab' die Wahrheit hören wollen, muß alſo auch den Muth dazu haben, ſagte der König. Sprechen Sie! Warum haben Sie ab⸗ gelehnt? Majeſtät, mein erſter Grund, obwohl Ew. Majeſtät ihn bezweifelt haben, iſt und bleibt dennoch, daß ich einen Würdigern für dieſe Stelle kenne, daß ich Herrn von Hardenberg viel eher und beſſer als mich ſelber egeeignet halte, die Stelle eines Kabinetsminiſters auszufüllen, weil er das A zertrauen derjenigen Höfe beſitzt, mit denen Ew. Majeſtät jetzt im engſten und genaueſten Einvernehmen verbleiben wollen. Aber Herr von Hardenberg beſitzt auch außerdem das Vertrauen Ihres Volkes, das ſich, wo es nur und kann, laut für ihn erklärt und mit lebendiger Regnng in dieſer heilbringenden Ernennung Troſt und Hoffnung für die Zukunft Es ſcheint mir unſtatthaft, daß ich eine Stelle annehmen ſollte mit Zurückſetzung eines durch treue Dienſte in dieſem Fache ausgezeichneten und vielleicht ſchon durch ſeinen Namen in den jetzigen Verhältniſſen für Ew. Majeſtät wichtigen Miniſters.*) Weiter, weiter, unterbrach ihn der König raſch. Nichts mehr von Hardenberg. Sagen Sie Ihre andern Gründe. Majeſtät, mein zweiter Grund iſt, daß meine Annahme dieſer Stelle nach meiner Ueberzeugung ganz fruchtlos ſein würde. Ew. Majeſtät, ſo lange zwiſchen Ihnen und Ihren Miniſtern nicht ein freier und un⸗ mittelbarer Verkehr herrſcht, ſo lange zwiſchen Ew. Majeſtät und Ihren erſten Staatsdienern eine Kabinetsregierung ſteht, die den König von *) Steins eigene Worte. Siehe: Leben des Freiherrn von Stein. 366 ſeinen Min reſſortirten Miniſter ni Maßregeln deihen des haben das Abgeſchloſſ jeden Min Schein beſt ſchlau errer jeſtät zu be ſich alles 1 Hoffnung folgt, und din ſie m leten und verſinken 1 wenn ſie fönnten in benutzen kö Gewalt, o eingreifend Bläne der ihre) Rathſ dieſes unhe Stelle dieſel 221 ſeinen Miniſtern trennt, und wiederum die Stellung dieſer zu ihren reſſortirten Beamten verfälſcht und verändert, ſo lange können Ihre Miniſter nicht hoffen, das Wohl des Staats zu fördern und diejenigen Maßregeln und Geſetze durchzuführen, die ſie zum Wohl und Ge⸗ deihen des Staats für unerläßlich achten. Majeſtät, Ihre Miniſter haben das Drückende dieſer Kabinetsregierung, die in eiferſüchtiger Abgeſchloſſenheit vor dem Kabinet Eurer Majeſtät Wache hält und jeden Miniſter von des Königs Thür und von dem unmittelbaren Verkehr mit dem König fern hält, längſt erkannt und empfunden. Sie haben geſchwiegen, ſo lange Preußen noch äußerlich prosperirte und die innern Keime ſeiner Entartung und ſeines Verfalls noch mit Schein beſtritten werden konnten. Zetzt aber iſt jede gutmüthige und ſchlau erregte Illuſion geſchwunden, jetzt iſt es an der Zeit, Ew. Ma⸗ jeſtät zu beſchwören, eine Form zu vernichten, während deren Beſtand ſich alles Unheil verbreitet und befeſtigt hat. Ohne den Troſt und die Hoffnung beſſerer Erfolge ſind ſchrecklichen Ereigniſſen ſchrecklichere ge⸗ folgt, und die preußiſche Monarchie iſt in ein Unglück gerathen, aus dem ſie nur durch das Zuſammenfaſſen aller ihrer Kraft ſich noch retten und zu höherer Würde ſich wieder erheben kann, oder in dem ſie verſinken muß! Aber wenn Ihre Miniſter das auch erkannt haben, wenn ſie ſelbſt die Mittel, welche zum Heil und zur Rettung führen könnten, in Händen hielten, ſo ſind ſie niemals ſicher, daß ſie dieſelben benutzen können, denn zwiſchen ihnen und dem König ſehen ſie eine Gewalt, ohne angewieſenen Beruf, ohne Verantwortlichkeit, in Alles eingreifend und nichts leitend; dieſe Gewalt, welche zu jeder Zeit die Pläne der Miniſter unwirkſam machen, ihre Anordnungen umſtoßen, ihre Rathſchläge negiren kann, dieſe Gewalt iſt die Kabinetsregierung, dieſes unheilsvolle Mittelglied zwiſchen dem König und ſeinen Miniſtern.*) Ich weiß es wohl, ſagte der König gereizt, Sie ſind, gleich Harden⸗ berg, in ſtetem Zwieſpalt mit Köckeritz, Boyen und Lombard, den Mit⸗ gliedern meines Kahinets. *) Steins eigene Worte. Siehe: Leben des Freiherrn von Stein S 366 Majeſtät, ich ſpreche nicht gegen Perſonen, ſondern gegen Privi legien, ſagte Stein ernſt. Wenn Ew. Majeſtät heute dieſe Herren fortſchicken und andere Kabinetsmitglieder wählen, ſo wird dadurch nichts gebeſſert werden. Wenn Ew. Majeſtät nicht die Miniſter zum unmittelbaren Vortrag bei Ihnen verſammeln und den Staatsrath wieder herſtellen, die Kabinetsregierung verbannen wollen, ſo iſt und bleibt der Beruf des Miniſters der auswärtigen Angelegenheiten ganz hoffnungslos und ein leerer Schatten. Wenn aber Ew. Majeſtät Ihre Miniſter um ſich in einem Conſeil verſammelten, und wenn Ew. Ma jeſtät deren Pläne und Rathſchläge mit der väterlichen Liebe für Ihre Unterthanen leiteten, welche Ew. Majeſtät immer Ihrem Volke bewieſen haben, ſo würde dadurch das Vertrauen der Bundesgenoſſen befeſtigt, der Muth unterdrückter Nationen geſtärkt, die abgeriſſenen Provinzen zum Entſchluß gefahrvoller Anſtrengungen aufgerichtet und in den noch zugehörigen Provinzen dem Geiſte trüber Hoffnungs loſigkeit, welcher allem guten Willen und aller edlen Anſtrengung feindlich iſt, gewehrt werden.— Dies, Majeſtät, fuhr Herr von Stein hochaufathmend fort, dies iſt meine freimüthige Anſicht und Meinung. Ich habe ſie Ew. Majeſtät vorgetragen mit der Aufrichtigkeit und dem Ernſt, zu dem die drohende Lage der Umſtände berechtigt und ver⸗ pflichtet. Mein Entſchluß, mit der Monarchie und dem Hauſe Eurer Majeſtät jedem Schickſal entgegen zu gehen, iſt Ew. Majeſtät be⸗ kannt. Aber wenn Sie ein Syſtem, aus dem nach meiner Ueber zeugung viel Unglück ſchon entſtanden iſt, und noch ferner entſtehen wird, nicht aufgeben wollen, wenn die Kabinetsregierung bleibt und der Staatsrath, der mir die erſte Bedingung der Rettung ſcheint, nicht wiederhergeſtellt wird, ſo muß ich allerunterthänigſt bitten, daß Ew. Ma⸗ jeſtät geruhen wollen, mir meine Entlaſſung zu ertheilen! Sie wollen mir drohen! rief der König. Sie ſind wohl gar der Meinung, daß Preußen nur allein durch Sie gerettet werden kann? Nein, Majeſtät, ſagte Stein mit kühnem Blick dem König grade in's Antlitz ſchauend, nein, ich bin nur der Meinung, daß es durch die Kabinetsregierung zu Grunde gerichtet werden muß! Der König blickte eine Zeitlang ſinnend und ſchweigend vor ſich hin. Pe nach einer et haben? Den 2 König zu ſ ſchrift und zu publicire lich zu ſein beim Köni faſſen, bei will, zu R Krieges un und in der Reiſen Sei Das h dunkler Zo allein regie Urt Schrei zu dürfen. Nein, Stimne h wollen, ohr Und! Miriſer ti König nit angetragen werden? Majeſ Nafſtüt n Euv Majeſ di Herren ſimlih u entſtehel bleibt und int m ſcheint, M i Ew. Ma 223 hin. Wie denken Sie ſich denn Ihren neuen Staatsrath? fragte er nach einer Pauſe. Wer ſoll zu ihm gehören? Welchen Zweck ſoll er haben? Den Zweck, die vermittelnde Stimme zwiſchen dem Volk und dem König zu ſein; dem König die Geſetze und Verordnungen zur Unter ſchrift und Berathung vorzulegen, die unterzeichneten Geſetze dem Volk zu publiciren und demſelben gegenüber für die Regierung verantwort⸗ lich zu ſein. Deshalb müßten aber die Miniſter zu jeder Zeit Zutritt beim König haben, ſie müßten bei allen Beſchlüſſen, welche der König faſſen, bei allen Veränderungen, die er in der Regierung eintreten laſſen will, zu Rathe gezogen werden. Die Miniſter des Auswärtigen, des Krieges und der Finanzen müßten zunächſt dieſen Staatsrath bilden, und in der Regel auch immer in der Umgebung des Königs ſein, auf Reiſen Seiner Majeſtät wenigſtens Einer.*) Das heißt, Sie wollen den König abſetzen, ſagte der König mit dunkler Zornesröthe auf den Wangen. Die Herren Miniſter wollen allein regieren und der König ſoll nur das Recht haben, als eine Art Schreibmaſchine die Decrete der Herren Miniſter unterzeichnen zu dürfen. Nein, Majeſtät, der König ſoll in allen Dingen die entſcheidende Stimme haben; aber er muß die Gnade haben, Nichts entſcheiden zu wollen, ohne die Meinung ſeiner Miniſter angehört zu haben. Und wenn ich auf Ihren Vorſchlag einginge, wenn ich meine Miniſter täglich zu einem Conſeil bei mir zuſammenriefe, ſagte der König mit anſcheinender Ruhe, dann wären Sie geneigt, die Ihnen angetragene Stelle anzunehmen und Miniſter des Auswärtigen zu werden? Majeſtät, ſagte Stein ernſt und feſt, es iſt nicht genug, daß Ew. Majeſtät neue Miniſter ernennen und ſie zu täglichen Berathungen um Ew. Majeſtät verſammeln, ſondern Sie müſſen auch die Gnade haben, die Herren, welche bis hieher das Ohr des Königs für ſich gehabt, förmlich und auf immer zu entlaſſen. Ehe nicht der Graf Haugwitz und *) Siehe: Pertz: Leben des Freiherrn von Stein. I. S. 379. Lombard aus dem Staatsdienſt ausgeſchieden ſind, ehe nicht Beyme, der dem ruſſiſchen Hof verdächtig und unangenehm und bei einem ſehr großen Theil des Publikums verhaßt iſt, förmlich entlaſſen worden, können die Miniſter kein Vertrauen zu ihrer Stellung haben und ſelbſt der Staatsrath wird ihnen keine Garantie gewähren gegen die fortbe⸗ ſtehende geheime Kabinetsregierung der Herren von Haugwitz, Lombard und Beyme. Jetzt iſt's genug, rief der König ſich haſtig erhebend und mit großen Schritten auf und ab gehend. Ich habe Sie bis zu Ende an⸗ gehört, weil ich ſehen wollte, wie weit Ihre Vermeſſenheit gehen könnte und weil ich mir endlich ein klares Bild über Ihr ganzes Weſen machen wollte. Ich hatte ſchon früher Vorurtheile gegen Sie. Ich wußte wohl, daß Sie ein denkender, talentvoller und großer Concep⸗ tionen fähiger Mann ſind; aber ich hielt Sie auch zugleich für excen triſch und genialiſch, das heißt mit einem Wort: für einen Mann, der, weil er immer nur ſeine Meinung für die richtige hält, ſich nicht zum Geſchäftsmann an einem Orte paßt, wo es immerfort Berührungs⸗ punkte giebt, die ihn bald verdroſſen machen würden. Ich überwand dieſe Vorurtheile, weil ich mich von jeher beſtrebt habe, nicht nach per⸗ ſönlichen Launen die Diener des Staats zu wählen, ſondern nach ver⸗ nünftigen Gründen. Man rieth mir, Sie zu meinem Miniſter des Auswärtigen zu machen, und, merken Sie wohl auf, Diejenigen, welche mir dies riethen, die Ihre kräftigſten Fürſprecher waren, es ſind gerade Die, die jetzt von Ihnen angefeindet werden, und die Sie ſtürzen wollen. Ich gab nach! Ich bot Ihnen das Portefeuille der auswär⸗ tigen Angelegenheiten. Sie verweigerten die Annahme, indem Sie Geſchäftsunkenntniß vorſchützten. Ihre Weigerung ſetzte mich in große Verlegenheit, ich war noch immer der Meinung, daß Sie dem Staat und mir erhalten werden müßten. Ich überſah Ihre trotzige und un⸗ gebührkiche Ablehnung, ich ließ Sie ſelbſt zu mir kommen, um frei und offen mit Ihnen zu ſprechen. Jetzt habe ich mit Ihnen geſprochen, jetzt kenne ich Sie! Der König, immerfort auf und ab gehend, hatte in ſteigender Er⸗ regung immer lauter und raſcher geſprochen, ohne indeß Stein, welcher ſich von ſein unbeweglich würdigen. J Augen feſt g fuhr er fort: mich leider o nicht unbeg hartnäckger ſein Genie Beſte des( leitet wird handelt De Berfahungs ſammenſetzur Majeſti Stilh u ſchweigen S nich in die nit Ihnen wahrheitslie meine Mein Ihr reſpech ſind, der e machen kann Majeſti bor innerm Sie nich fül diener halter ent ſernt dav Lapr; Cayrien gel ung hindelt 225 ſich von ſeinem Seſſel erhoben hatte, und aufgerichtet, kerzengrad und unbeweglich den Worten des Königs zugehört hatte, eines Blickes zu würdigen. Jetzt blieb er vor ihm ſtehen, und ſeine glühenden, zornblitzenden Augen feſt auf das ruhige und kalte Antlitz des Herrn von Stein heftend, fuhr er fort: Ich habe jetzt zu meinem Leidweſen erkennen müſſen, daß ich mich leider anfänglich nicht in Ihnen geirrt habe, daß meine Vorutheile nicht unbegründet waren, daß Sie vielmehr als ein widerſpenſtiger, hartnäckiger und ungehorſamer Staatsdiener anzuſehen ſind, der auf ſein Genie und ſeine Talente pochend, weit entfernt davon iſt, das Beſte des Staats im Auge zu haben, ſondern nur durch Capricen ge⸗ leitet wird und aus Leidenſchaft, aus perſönlichem Haß und Erbitterung handelt. Dergleichen Staatsbeamte ſind aber gerade Diejenigen, deren Verfahrungsart am allernachtheiligſten und gefährlichſten für die Zu⸗ ſammenſetzung des Ganzen wirkt.*) Majeſtät, rief Stein ungeſtüm, Majeſtät, ich— Still, unterbrach ihn der König mit lauter, gebieteriſcher Stimme, ſchweigen Sie, wenn ich rede! Es thut mir wahrlich leid, daß Sie mich in die Nothwendigkeit gebracht haben, ſo klar und unumwunden mit Ihnen reden zu müſſen. Aber da Sie immer vorgaben, ein wahrheitsliebender Mann zu ſein, ſo habe ich Ihnen auf gut Deutſch meine Meinung geſagt und füge jetzt noch hinzu, daß, wenn Sie nicht Ihr reſpectwidriges und unanſtändiges Benehmen zu ändern willens ſind, der Staat keine große Rechnung auf Ihre ferneren Dienſte machen kann.**) Majeſtät, mein Benehmen kann ich nicht ändern, rief Stein, bleich vor innerm Zorn, und nicht im Stande, denſelben zu verbergen. Da Sie mich für einen widerſpenſtigen, trotzigen und ungehorſamen Staats⸗ diener halten, der auf ſeine Talente und ſein Genie pocht, und weit entfernt davon iſt, das Beſte des Staats im Auge zu haben, nur durch Capricen geleitet, aus Leidenſchaft und perſönlichem Haß und Erbitte⸗ rung handelt, ſo— *) Des Königs eigene Worte. Siehe: Pertz I. S. 394, **) Des Königs eigene Worte. Siehe: Ebendaſelbſt. Mühlbach, Napolevn. I. Bd. 15 ———— „ ———————— 226 Ach, unterbrach ihn der König mit einem zornigen Lachen, Sie haben ein gutes Gedächtniß, denn ich glaube gar, Sie wiedecholen meine eigenen Worte! Ew. Majeſtät mögen daran ſehen, daß mein Benehmen nicht immer reſpectwidrig iſt, ſondern daß ich ſo hohen Werth auf Ihre königlichen Worte lege, daß ſich dieſelben meinem Gedächtniß ſofort imprimiren, ſagte Herr von Stein lächelnd. Da ich aber auch der Meinung Eurer Majeſtät bin, daß ſolche Staatsbeamte, wie Ew. Majeſtät mich geſchildert, am allernachtheiligſten und gefährlichſten für die Zuſammenhaltung des Ganzen wirken, ſo muß ich Ew. Majeſtät um meine Dienſtentlaſſung bitten, und ſehe derſelben ſofort entgegen.*) Sie haben ſich eben ſelbſt Ihr Urtheil gefällt, ich weiß nichts hin zuzufügen! rief der König heftig. Herr von Stein verneigte ſich. Ich danke Ew. Majeſtät unter⸗ thänigſt für die Bewilligung meines Geſuchs, ſagte er, ich muß nun mehr darauf antragen, daß mir meine Entlaſſung in der gewöhnlichen Form expedirt werde. Ich habe die Ehre mich Ew. Majeſtät unter thänigſt zu empfehlen! Ohne eine Antwort des Königs abzuwarten, verneigte ſich Herr von Stein zum zweiten Mal und verließ mit ruhigen, gemeſſenen Schritten das Gemach. Haſtig ſchritt er durch den Vorſaal dahin und trat jetzt in die erſte Antichambre. Ein königlicher Kammerdiener eilte ihm ſofort entgegen. Excellenz, ſagte er, Ihro Majeſtät die Königin läßt bitten, daß Sie die Güte haben, ſogleich zu Ihrer Majeſtät zu kommen. Ich habe hier warten müſſen, bis Ew. Excellenz von Sr. Majeſtät zurück⸗ kehrten, und habe Auftrag, Ew. Excellenz ſofort bei Ihrer Majeſtät anzumelden. Melden Sie mich alſo! ſagte Herr von Stein, indem er dem — 3 voraneilenden Diener mit ernſtem und traurigem Blick folgte. *) Steins eigene Worte. Siehe: Leben des Freiherrn von Stein. S. 395. Die Kö Stein eintra Nit eit Hand dar ſein wollte, wünſchte— feuille des aus voller Gegenwart daß uſes un mi haben, Allen Glich guie Hen von S winſche nicht hat nir vieln geſtunden. Die i Sie ha genommen? auch in Ihn zualiſg Di hi waukte den Divm den durchleuct tet Nein, K mir geirn 3 udz un uchi d wer tEij in L ih ſige es n fährlichſten für Ew. Majeſtüt u entgegem*) Najeſtät unte gewöhnlichen Rajeſtät unter eigte ſich Hert n, genneſſenen eſtät zuric Majeſtät t* Steil Die Königin war in ihrem Cabinet und erhob ſich, als Herr von Stein eintrat, von dem Divan, um ihm entgegen zu gehen. Mit einem bezaubernden Lächeln reichte ſie dem Miniſter ihre Hand dar. Ich ließ Sie zu mir bitten, ſagte ſie, weil ich die Erſte ſein wollte, die Ihnen, nein uns, zu Ihrer neuen Stellung Glück wünſchte. Der König hatte mir mitgetheilt, daß er Ihnen das Porte⸗ feuille des Herrn von Haugwitz übertragen wolle, und ich ſage Ihnen aus voller Seele, daß dies für mich ein Sonnenblick in der dunklen Gegenwart iſt. Ich weiß, daß Sie ein wahrer und treuer Patriot ſind, daß Ihnen das Wohl Preußens, Deutſchlands, und unſeres Hauſes am Herzen liegt, daß Sie den edelſten Willen und die ſchönſte Kraft haben, uns Allen zu helfen, und darum wünſche ich eben uns Allen Glück, daß—— Verzeihen Ew. Majeſtät, daß ich Sie zu unterbrechen wage, ſagte Herr von Stein traurig und leiſe, aber ich darf Ew. Majeſtät Glück⸗ wünſche nicht annehmen. Ich bin nicht Miniſter, ſondern der König hat mir vielmehr ſo eben meine Entlaſſung aus dem Staatsdienſt zu⸗ geſtanden. Die Königin ſchrak zuſammen und ihre Wangen erbleichten. Sie haben die Stellung, welche der König Ihnen bot, nicht an⸗ genommen? fragte ſie leiſe und athemlos. Oh, ich habe mich alſo auch in Ihnen geirrt. Es giebt alſo auf Erden keine Treue und keine Zuverläſſigkeit mehr! Die Königin drückte ihre Hand an ihre ſchmerzende Stirn und wankte einige Schritte rückwärts, um matt und gebrochen wieder in den Divan zu ſinken. Herr von Stein trat dicht vor ſie hin und ſein Antlitz war wie durchleuchtet von Energie und Kraft. Nein, Königin, ſagte er laut und feſt, nein, Sie haben ſich nicht in mir geirrt, und wenn Ew. Majeſtät mich bis hierher für einen treuen und zuverläſſigen Mann hielten, ſo glaube ich, haben Sie mir nur Gerechtigkeit widerfahren laſſen. Die Treue aber wechſelt nicht, und wer Einmal zuverläſſig befunden iſt, der iſt es für immer! Nein, ich ſage es noch einmal, Ew. Majeſtät haben ſich nicht in mir geirrt, 15 ½ obwohl ich die Stellung zurückgewieſen, die der König mir angetragen! Ich habe Sr. Majeſtät freimüthig und wahr die Bedingungen geſagt, unter denen allein ich ſie annehmen durfte. Der König wollte auf dieſe Bedingungen nicht eingehen, er fühlte ſich durch dieſelben verletzt und machte mir Vorwürfe, auf die ich nicht anders antworten durfte, als indem ich voll Ehrfurcht um meine Entlaſſung bat, die mir der König ſofort gewährte. Ich bin aber zurückgetreten nicht aus Ver zagtheit oder Trotz, ſondern weil ich vor allen Dingen mir ſelber ge⸗ treu bleiben, weil ich meinen Ueberzeugungen folgen mußte. Aber meine Liebe, meine Treue, meine Seele gehört Preußen und dem preußiſchen Königshauſe! Ich trete zurück in das Dunkel und warte auf die Stimme Preußens und meines Königs! Wenn er mich ruft, wenn er mich gebrauchen und verwenden kann, ſo wie ich bin, wenn er mir geſtatten will, treu mir ſelber und meinen Grundſätzen alle meine Thatkraft, mein Sein und Denken zum Wohle Preußens zu verwenden, ſo werde ich freudig bereit ſein, mein Leben und meine Seele dieſem Dienſt hinzugeben, ſo werde ich kommen und wäre ich in weiteſte Ferne hin verſchlagen, und drohten auf dem Wege hierher mir Gefahr und Tod bei jedem Schritt. Ein rechter Mann ſcheut die Gefahr nicht und ſchlägt vor dem Tode das Auge nicht nieder, aber er ſcheut das Heucheln und das Lügen, ſei's mit ſich ſelber, ſei's mit Andern, er ſcheut das Diplomatiſiren, das lächelnde Schönthun mit den Dingen, die man entweder aus dem Wege räumen, oder denen man ausweichen muß, mit denen man aber nie ein Abkommen und ein Bündniß ſchließen darf! Jetzt verſtehe ich Sie, ſagte die Königin ſanft und traurig. Si wollten kein Bündniß ſchließen mit den heimlichen Franzoſen in unſerer Umgebung. Man wollte Ihnen Haugwitz, Beyme und Lombard nicht opfern, und deshalb treten Sie zurück. Sie haben Recht gethan, es ſchmerzt mein Herz, dies eingeſtehen zu müſſen, aber es iſt ſo! So lange dieſe Drei hier ſind, wird ein ewiges Schwanken und Zaudern ſein, und was Sie heute gut gemacht, werden dieſe Drei morgen wieder verderben. Oh, der König iſt ſo edel, ſo treu und ſo be⸗ ſcheiden! Er glaubt an die Uneigennützigkeit des Miniſters Haugwitz, 1 * 7 an ſeine Red fulen und hi mehr Miniſt mehr im Kop ihm Behmes aus beſcheid hat er Reſpe Sie wiſſen, ihn in Stet Ich ließ de Moment be ich ahnte, d wie ich desa zu annullirer abgeſandt, u ſiheter Esko Lombard ſog A das gege dautt.*) dern mr, d diſer Min brechen. N uid komne Preußen 3h Ihrn feſten Veſprehen wollen. Per nit, wenn 1 folgen tönne c ver umtn, und Weiner bedn — 4 — S Olehe an ſeine Redlichkeit und Geſchäftseinſicht, und darum läßt er ihn nicht fallen und hört auch jetzt noch auf ſeinen Rath, obwohl Haugwitz nicht mehr Miniſter iſt. Weil der König ſelber karg an Worten iſt und mehr im Kopf und Herzen bewahrt, als auf den Lippen trägt, imponirt ihm Beyme's Redefertigkeit und ſchneller Geiſt, und weil er ſo über⸗ aus beſcheiden iſt und ſtets Andere einſichtsvoller als ſich ſelber hält, hat er Reſpect vor Lombard's Geiſt und möchte ihn dem Staat erhalten. Sie wiſſen, wie ich über Lombard denke und wie mein Zorn gegen ihn in Stettin ſogar mich weiter fortriß, als die Klugheit es erlaubte. Ich ließ den Mann verhaften, von dem ich wußte, daß er in jedem Moment bereit ſei, mich und ganz Preußen zu verrathen, von dem ich ahnte, daß er in franzöſiſchem Solde ſtehe. Aber Sie wiſſen auch, wie ich desavouirt wadd, wie man ſich beeilte, meinen Befehl ſogleich zu annulliren. Ein eigener Courier ward von Küſtrin nach Stettin abgeſandt, um die Verhaftung Lombard's aufzuheben und ihn unter ſicherer Eskorte nach Küſtrin zu bringen, und dieſer Courier brachte Lombard ſogar ein eigenhändiges Schreiben des Königs, in welchem er das gegen ihn eingeleitete Verfahren als ein Mißverſtändniß be dauerte.*)— Ich ſage Ihnen das nicht, um mich zu beklagen, ſon⸗ dern nur, damit Sie einſehen, wie tief und vielgewichtig der Einfluß dieſer Männer, und wie es der Zeit bedarf, um dieſen Einfluß zu brechen. Aber dieſe Zeit wird kommen, glauben Sie es mir. Sie wird kommen und dann wird auch der Moment gekommen ſein, wo Preußen Ihnen die Hand entgegenſtreckt und Ihren ſtarken Arm und Ihren feſten Willen bedarf, um ſich an Ihnen zu halten und zu ſtützen. Verſprechen Sie mir, daß Sie dieſe Zeit erwarten und nicht verzagen wollen. Verſprechen Sie mir, daß Sie ſich frei erhalten wollen, da⸗ mit, wenn Preußen Sie ruft, Sie ſeine Stimme hören und dem Rufe folgen können. Ich verſpreche es Ew. Majeſtät, ſagte Stein feierlich. Ich werde warten, und geſegnet ſei für mich die Stunde, in welcher Preußen meiner bedarf und ich ihm wieder dienen kann. N *) Siehe: Königin Louiſe von Preußen. S. 250. 230 Geſegnet ſei ſie! rief die Königin, und ihre Augen fromm und ernſt zum Himmel emporhebend, flüſterte ſie leiſe: möge Gott geben, daß ſie bald komme, denn alsdann wäre doch ein Wechſel unſerer Zu⸗ ſtände eingetreten und wir wären aus der ſchwankenden Ungewißheit zu einem feſten und beſtimmten Wollen übergegangen. Oh, wie viel Unheil und Noth, wie viel Enttäuſchungen und Kränkungen werden wir noch erfahren müſſen, bis es dahin kommt! Gott gebe uns Kraft, ſie zu tragen, und Muth, ſie zu überwinden! IN. Die Königin in der Bauernhütte. Es war eine dunkle, ſtürmiſche Nacht. Der Wind heulte durch den Tannenwald und jagte den Schnee in dichten Wolken von der Landſtraße empor, die ſich mitten durch den Wald dahin zog. Eine fürchterliche Oede und Stille herrſchte ringsum, nur der Sturm mit ſeinem donnernden Heulen, und das Aechzen und Knarren der Bäume, die er mit ſeinem Wirbelhauch hin und her beugte, unterbrachen dies todesähnliche Schweigen. Der kleine Feuerſchein, der dort drüben mitten aus dem Dickicht des Waldes hervorglänzte, war der einzige Stern, der dieſe tiefdunkle Nacht durchleuchtete. Dieſer Feuerſchein kam aus dem kleinen Hauſe, das nahe an der Landſtraße hier einſam im Walde ſich erhob, und in welchem der Wald⸗ hüter mit ſeinem Weibe ſeit zwanzig Jahren ſein ſtilles beſchauliches Leben führte. In der Hütte brannte ein luſtiges Feuer auf dem Heerd, und Katrin, die alte Waldhütersfrau, war eifrig damit beſchäftigt, es höher anzuſchüren, während die junge Magd neben dem Heerd auf dem niedrigen Binſenſtuhl ſaß, und die Hände im Schooß gefaltet, einge⸗ ſchlafen war. Marthe ſchlüfſt ſcho Das L ſoll ich nich ehrliche Ch auch auf m Nein, ſein in der man jede käm durch Stück Bre Fleiſc der Franzo denn Ihr ger und Gehu giigend. Schinten zum Vert Und Marthe h inmer ſo Ich ſag' ich werd nicht meh Wirſ ſind noch hungen, Atte, w die Blef dab de Hund hi Marthe, rief die alte Frau mit ärgerlicher Stimme, Marthe, ſchläfſt ſchon wieder? Das Mädchen ſchlug die Augen müde auf und gähnte. Warum ſoll ich nicht ſchlafen? fragte ſie. Es iſt Nachtſchlafenszeit, und jeder ehrliche Chriſtenmenſch iſt ſchon längſt zu Bett gegangen. Laßt mich auch auf meine Kammer gehen und ſchlafen, Frau! Rein, Du bleibſt, ſagte Frau Katrin haſtig. Mag nicht allein ſein in der finſtern, ſtürmiſchen Nacht. Es heult im Schornſtein, daß man jede Minut' meinen ſollt', der Gottſeibeiuns, oder der Franzos käm' durch den Schlott gefahren, um unſere Seelen oder unſer letztes Stück Brod und Fleiſch zu holen! Fleiſch! rief die Magd mit höhniſchem Lachen. Der Teufel und der Franzos ſelber würden ja kein Fleiſch in Eurem Haus finden, denn Ihr habt nichts. Wollt' nur, ich könnt' irgendwo meinen Lohn finden, den Ihr mir ſeit einem halben Jahr ſchuldig geblieben, thät' dann gleich dies abſcheuliche Haus verlaſſen, in dem man ſo viel hun⸗ gern und ſich langweilen muß. Gehungert haſt' noch niemals, Marthe, ſagte die alte Frau be⸗ gütigend. Es iſt wahr, wir haben kein Fleiſch mehr, der letzte Schinken iſt aufgezehrt, die letzten Hühner ſind in die Stadt getragen zum Verkauf— Und heut hat der Mann auch die einzige Kuh fortgeſchleppt, ſchrie Marthe halb zornig, halb ſchmerzvoll, will das gute Vieh, das uns immer ſo gute Milch und ſo ſchöne Butter gegeben, auch verkaufen. Ich ſag', es iſt eine Sünd' und eine Schand', daß er das thut, und ich werd' nimmermehr in den Stall gehen, wo meine liebe Bleß mir nicht mehr entgegenbrüllt. Wirſt doch in den Stall gehen, Marthe, denn die zwei Ziegen ſind noch da, und Du mußt ihnen Futter geben, damit ſie nicht ver⸗ hungern, ſondern uns Milch geben. Die zwei Ziegen ſind ja das Letzte, was wir haben! Meinſt wohl, es wär' mir leicht geworden, die Bleß zu miſſen, die ſchöne Kuh, die ich mir ſelber auferzogen? Hab' die ganze vorige Nacht geheult vor Schmerz, hätt' lieber meine Hand hingegeben, als die ſchöne Kuh. Aber für meine alte Hand 232 hätt' Keiner mir Geld gegeben, für die Kuh ja Geld haben, um Dir Deinen Lohn zu zahlen, und das Geſchrei und Lamentiren nicht länger anhören zu müſſen. iſt mein alter guter Mann mit der Kuh in die Stadt gegangen. Es hat ihm das Herz abgekränkt, daß Du immer gebelfert haſt um die paar Thaler, wollt' lieber die Kuh verkaufen, als Dir ſchuldig bleiben. Die Magd ſchlug die Augen nieder und erröthete. Es war ja nimmer ſo bös gemeint, Frau Katrin, ſagte ſie verlegen, ſo eine Rederei, hofft' immer, der Herr ſollt' nehmen, ſollt' auch ſo belfern bei „ Lohn zahlen ſollt. gaben ſie was. Mußten Siehſt Du, darum 's war nur ſich ein Beiſpiel an mir dem Grafen, daß er ihm ſeinen Die großen Herren aber leben in Herrlichkeit und Freude, und ihnen iſt's gleich, ob ihre armen Unſer Graf, Martl Frau Katrin ſeufzend. Diener hungern. e, let nicht in Herrlichkeit und Freuden, ſ Die Franzoſen haben ihm ſein Schloß und,— doch ſtill, hörſt' nichts da draußen? rufen hören. Die beiden Frauen ſchwiegen und horchten. ſich vernehmen, nur agte zerſtört Ich mein', ich hätt' was Aber kein Ruf lie der Sturm heulte und pfiff, daß die kleinen Fen ſterſcheiben klirrten und das Feuer auf dem Heerd bald höher auf⸗ loderte, bald zitternd in ſich zuſammenkroch. Zuweilen auch fuhr es wie mit einer eiſernen Hand tönend über die Fenſterſcheiben hin; es war der Schnee, den der Wind praſſelnd gegen das Haus ſchlug, als wolle er die Bewohner damit wecken aus ihrer nächtlichen Ruhe. Eine fürchterliche Nacht, murmelte Frau Katrin, in ſich erſchauernd, hoff' zu Gott, daß mein guter Alter heut nicht mehr kommt, ſondern daß er irgendwo auf dem nächſten Dorf bei guten Freunden Nacht lager gefunden. Gott bewahre jede Menſchenſeel', daß ſie in dem Sturm und der kalten Winternacht auf der Landſtraße ſein muß, und daß— Ein heftiges Klopfen und Klirren an den brach ſie, gemacht! Die beiden Frauen ſchrieen angſtvoll mit ihren beiden Händer Fenſterſcheiben unter⸗ und draußen rief eine Stimme laut und gebieteriſch: Auf⸗ laut auf und Marthe klammerte ſich an Frau Katrins Arm. Ich bit nicht auf. ein wil. Ach wa dern der ko Franzos, de und uuft un ja! Ich ko Katrin Aut Heerde hat Frau Händen ſre Ver J Thür haſtg Mit du jagte wirbel Heerd, daß Jtzt a giſult eing Haupt verl ſchleier bef Fiauengeſt ſickrei. Ihr e Nacht hier lingender Frau Prichtges Zauberin ir Ait Unſ mf Ein ſber ſie v ſhe Da ſFe r auſ⸗ uch fuhr es Ich bitt' Euch, Frau, murmelte ſie mit bebenden Lippen, macht nicht auf. Es iſt gewiß der Teufel oder der Franzos, der her⸗ ein will. Ach was, der Teufel läßt ſich nicht die Hausthür aufmachen, ſon⸗ dern der kommt durch den Rauchfang, ſagte Frau Katrin, und der Franzos, der parlez vous, ſpricht nicht deutſch. Hör' nur, das ſchreit und ruft und bittet immerfort durcheinander: Aufgemacht! Na ja, na ja! Ich komme ſchon! Es ſoll nicht geſagt werden, daß die alte Katrin Leute im Walde verfrieren läßt, wenn ſie ein Feuer auf dem Heerde hat. Frau Katrin machte ſich mit einem raſchen Griff von Marthe's Händen frei und eilte nach der Thür hin. Wer Ihr auch ſein mögt, Ihr ſollt willkommen ſein, ſagte ſie, die Thür haſtig öffnend. Mit dumpfem Donnern ſtürzte der Sturm ſich in die Thür und jagte wirbelnde Schneemaſſen herein, und peitſchte das Feuer auf dem Heerd, daß es hoch aufloderte. Jetzt aber erſchien auf der Schwelle der Thür eine hohe Frauen⸗ geſtalt, eingehüllt in einen dunkeln pelzverbrämten Sammetmantel, das Haupt verhüllt von einer ſeidenen Kaputze, an der ein weißer Spitzen⸗ ſchleier befeſtigt war. Hinter ihr ſah man eine zweite reichgekleidete Frauengeſtalt und zwei Männer in blauen Röcken mit reicher Silber⸗ ſtickerei. Ihr erlaubt alſo, gute Frau, daß wir hier eintreten und die Nacht hier bleiben? fragte die verſchleierte Dame mit ſanfter, wohl⸗ klingender Stimme. Frau Katrin ſtand und ſtarrte ſie an. Sie hatte nie ſo etwas Prächtiges geſehen, und es war ihr ſo unheimlich, als ob irgend eine Zauberin in ihre Hütte träte. Laßt mich erſt Euer Antlitz ſehen, ſagte ſie trotzig vor innerer Angſt, muß ſehen, mit wem ich es zu thun habe! Ein unwilliges Gemurmel entſtand in dem Gefolge der Dame, aber ſie wandte ſich um und gebot mit gebieteriſcher Handbewegung Ruhe. Dann neigte ſie ſich wieder der alten Katrin zu. Nun, gute Frau, ſeht mich an, ſagte ſie, indem ſie den Schleier zurückzog. Ein bleiches, wunderſchönes Frauen⸗Antlitz ward jetzt ſichtbar, und zwei blaue Augen, ſo groß und ſo glänzend, wie die alte Frau ſie niemals geſehen, blickten milde und gütevoll auf ſie hin. Kennt Ihr mich jetzt? fragte die Dame mit einem Lächeln, das voll rührender Schwermuth war. Nein, ſagte Frau Katrin, ich kenne Euch nicht, aber Ihr ſeid ſo ſchön, wie die Engel, die mir zuweilen im Traum erſcheinen, oder wie die Feen, von denen mir die Mutter erzählte, als ich noch ein Kind war. Tretet ein, Ihr und die Andern. Es iſt Raum am Heerd für Alle, die frieren. Die fremde Dame lächelte und ſchritt in die Hütte vor, aber in . dem ſie es that, wandte ſie ſich um. von Schladen, ſagte ſie franzöſiſch, ich bitte, geben Sie ſtrenge Ordre, daß Niemand mein Incognito verrathe. Ich bin die Gräfin von Sichen ſchärfen Sie das der Dienerſchaft ein. Der Herr, welcher eben hinter der Dame auf der Schwelle der Thür erſchienen war, verneigte ſich und trat zurück. Die Dame mit ihrer Begleiterin näherte ſich dem Feuer, die beiden reich gallonirten Diener hatten ſich ſchweigend neben der immer noch offenen Hausthür aufgeſtellt. Die Dame zog mit einer haſtigen Bewegung die pelzverbrämten Handſchuhe ab und näherte ihre kleinen weißen Hände dem Feuer. Der Ring mit den großen Brillanten funkelte und blitzte an ihrem Vorfinger wie ein vom, gefallener Stern. Frau Katrin hatte nie etwas Aehnliches geſehen, ſie ſtand und ſtarrte die ſchöne Frau an und träumte wieder von den ihrer Kinderjahre, auch Marthe ſaß wie verſteinert noch immer auf ihrem Binſenſtuhl, ſo ſtill und un beweglich, als fürchte ſie, das leiſeſte Geräuſch möchte die ſchöne Traumerſcheinung verjagen. 3 ₰ wie wohl das thut, ſagte die Dame hochaufathmend, meine waren ganz erſtarrt. Mein Gott, Gräfin Truchſeß, kommen Hän . her und folgen Sie meinem Beiſpiel! Die niherte ſ leinen Nich jieriz ge gunzen Pohltha Element in die v irren je wird de ſichige ſolche waren ſie ſch Sternſ die mit die En G Unbm verirt vor de weit b weit L Freu ſtraße nmen Die junge Dame, welche ehrfurchtsvoll und ſchweigend dageſtanden, näherte ſich dem Feuer und ſtreckte ihm auch verlangend ihre zitternden kleinen Hände hin. Nicht wahr? fragte Diejenige, welche ſich ſelbſt die Gräfin Hohen⸗ zieritz genannt, nicht wahr, das thut wohl? Oh, wenn man einen ganzen Tag lang Kälte und Froſt ertragen hat, ſo weiß man erſt die Wohlthat des Feuers zu ſchätzen, das man ſonſt als ein gefährlich Element zu fürchten pflegt.— Und indem ſie gedankenvoll ihre Augen in die warmen Gluthen ſenkte, murmelte ſie leiſe vor ſich hin: Wir irren jetzt umher in Froſt und Kälte, und unſere Herzen erſtarren; wird denn kein Feuerſtrahl ſich unſerer erbarmen und unſere Herzen wieder erwärmen? Sie neigte ſich weiter vorwärts und ſtarrte in die Gluthen, ſchwei⸗ gend, ohne Klage, ohne Seufzer. Frau Katrin ſtand, ganz verloren in den ſchönen Anblick, und ſchaute auf die Hände mit den funkelnden Sternen, und ſchaute dann auf das Antlitz, das ſo ſchön war, wie die „Engel ihrer Träume“. Auf einmal ſah ſie es leuchten auf dieſem Antlitz, und zwei funkelnde Brillanten rollten langſam über die durch⸗ ſichtigen, bleichen Wangen des„Engels“ nieder. Es waren aber nicht ſolche Brillanten, wie ſie funkelten an den Händen der ſchönen Frau, es waren zwei Thränen, die langſam aus ihren Augen niederrollten. Aber ſie ſchüttelte ſie mit einer haſtigen Kopfbewegung fort, daß ſie wie Sternſchnuppen neben ihr niederfielen, und wandte ſich an Frau Katrin, die mit gefaltenen Händen daſtand und ſich verwundert fragte, ob auch die Engel weinen könnten? Gute Frau, ſagte die Gräfin, wollt Ihr uns erlauben, bis zum Anbruch des Tages hier zu bleiben? Wir haben uns im Schneeſturm verirrt und ſind von unſerm Wege abgekommen. Wir gedachten noch vor der Nacht in Königsberg zu ſein, aber nicht wahr, es iſt noch weit bis dahin? Zehn Stunden wenigſtens, ſagte Frau Katrin ſchüchtern. Seid weit vom Wege abgekommen, habt Euch wahrſcheinlich am großen Kreuzweg, zwei Meilen von hier, verirrt, und ſtatt in die große Land⸗ ſtraße einzubiegen, ſeid Ihr die Nebenſtraß' gefahren. Kann dem 236 beſten Kutſcher paſſiren in dem Schneeſturm, wo er die Wege nicht ſehen kann. Ich glaube wohl, daß es geſchehen kann, und ich mache Niemand Vorwürfe, ſagte die Gräfin ſanft. Sagt nur, habt Ihr Raum und Betten für uns Alle? Für die beiden Damen hier kann ich ſchon mein Bett hergeben, wenn Sie zwei in Einem Bett ſchlafen können, weitere Betten habe ich nicht, ſagte Frau Katrin. Ich bedarf gar keiner Betten, rief die jüngere Dame raſch, ich bin zufrieden, hier am Feuer zu ſitzen. Und ich, ſagte Herr von Schladen, welcher eben eingetreten war, ich bitte um Erlaubniß, in dem Reiſewagen übernachten zu dürfen. Sie werden in dem Wagen frieren, Herr, ſagte Frau Katrin, und es könnt' ſein, daß, wenn Sie einſchlafen, Sie nimmer wieder auf wachten. Aber auf dem Heuboden iſt es warm und weich, da könnt Ihr und die andern Herren ſchlafen, wenn's Euch beliebt. Die Gräfin Hohenzieritz lächelte. Nun, ſagte ſie, ein Ober kammerherr nicht wahr? auf dem Heuboden, das iſt ein trauriges Abenteuer, Nein, gnädige Frau, es klingt ganz luſtig, ſagte der Oberkammer⸗ herr, und wenn nur Ew.— wenn nur die gnädige Frau gut gebettet wären, ſo gäbe es für mich gar keinen Grund, traurig zu ſein. Es giebt in unſern Tagen viel Tauſende, die auf harter Erde ſchlafen und kein Bündel Heu zum Kopfkiſſen haben! Unſere Todten von Jena und Anerſtädt zum Beiſpiel, ſagte die Gräfin ſeufzend. Ihnen iſt wohl, die Todten ſchlafen ſanft! Zuweilen habe ich ein Gefühl, als möchte ich ſie beneiden, denn ſie ſchlafen ſanfter wie die Lebenden. Doch ſtill davon. Wir wollen nicht murren, ſondern froh ſein, ein Unterkommen für die Nacht gefunden zu haben. Wir alſo bleiben hier in dieſem Zimmer, der Herr Oberkammerherr ſchläft auf dem Heuboden. Aber wo bleiben unſere Diener, und end⸗ lich, was wird aus unſern Pferden? Wie viel ſind's Pferde? fragte Frau Katrin. Sechs Pferde und ein Vorreiter, ſagte Herr von Schladen. Wo dieſen th muß, w hat, und til hr — G wird gen ſie ihn aus Uel ten und ju komm Nu ſagte Fr Kutſcher Bett hie Un welche d mebte ſi nicht zu feinen Ei Die fe Hrlzſal Was? rief Frau Katrin entſetzt. Sechs Pferde vor einem ein⸗ zigen Wagen? Iſt das eine Verſchwendung und ein Uebermuth in dieſen theuren und ſchlimmen Zeiten, wo der König ſelbſt froh ſein muß, wenn er noch zwei Pferde vor ſeinem Wagen zu ſpannen hat, und— Still! unterbrach ſie der Oberkammerherr entſetzt. Ihr habt Recht, gute Frau, ſagte die Grafin lächelnd. Der König wird gewiß froh ſein, wenn er immer noch zwei Pferde hat und wenn ſie ihn immer auf den rechten Weg fahren. Wir haben aber nicht aus Uebermuth ſo viele Pferde genommen, ſondern wegen der ſchlech⸗ ten und grundloſen Wege, und um ſo raſch als möglich vorwärts zu kommen. Nun, die Pferde können im Kuhſtall und im Holzverſchlag ſtehen, ſagte Frau Katrin. Geh, Marthe, ſtecke die Laterne an und zeig' dem Kutſcher den Stall, und dem Herrn da den Heuboden. Ich will das Bett hier für die Damen zurecht machen. Und indem die Frau Katrin die blaukarirten leinenen Vorhänge, welche das große ehrwürdige Familienbett umhüllten, zurückſchlug, mur⸗ melte ſie leiſe vor ſich hin: Ein rechtes Glück iſt's, daß mein Alter nicht zu Hauſe gekommen iſt, wüßt' ſonſt wahrhaftig nicht, wo ich die feinen Frauenzimmer unterbringen ſollt'! Eine halbe Stunde ſpäter herrſchte wieder tiefe Ruhe in der Hütte. Die Pferde, die Diener und der Oberkammerherr waren im Kuh⸗ und Holzſtall und auf dem Heuboden untergebracht, Frau Katrin hatte ſich mit ihrer Magd auf deren kleine Kammer zurückgezogen, und in dem unteren Raum, der Küche, Zimmer und Flur in ſich vereinigte, hatte man für die beiden Damen das Nachtlager bereitet. Aber die junge Gräfin Truchſeß hatte durchaus nicht darein willigen wollen, die Hälfte des Bettes anzunehmen. Sie hatte ſich den Binſenſtuhl vor das hohe Bett hingerückt, und auf demſelben, wie auf einem Tabouret zu den Füßen eines Thrones ſitzend, lehnte ſie ihr Haupt an die ſchwellenden Kiſſen des Bettes, über das man die purpurrothe, pelzverbrämte Atlas⸗ decke, welche den Damen im Wagen als wärmende Hülle für die Füße gedient, ausgebreitet hatte. Auf dieſer Purpurdecke ruhte die Gräfin 238 Hohenzieritz; ihre edle und hohe Geſtalt war noch umhüllt von dem Reiſepelz, der weit und faltig bis auf ihre Füße niederreichte; ihr Haupt hatte ſie zurückgelehnt in die Kiſſen, und die Purpurfarbe der Decke contraſtirte gar wunderſam zu den bleichen Wangen und dem blonden Haar der Gräfin; die ſchmalen, kleinen Hände hatte ſie im Schooß gefaltet, die großen, weitgeöffneten Augen ſchauten mit in⸗ brünſtiger Andacht nach oben, die Lippen bewegten ſich zu leiſe ge flüſterten Worten, welche Niemand hörte und verſtand, als Der, an den ſie gerichtet waren, Niemand, als Gott allein. Das Feuer auf dem Heerd, dem man durch große Holzklötze neue Nahrung gegeben, brannte kniſternd weiter; zuweilen, wenn der Sturm gar gewaltig durch den Schornſtein fuhr, ſchlugen die Flammen hoch empor, und wie in einer Glorie leuchtete dann in dem elenden kleinen Gemach die ſchöne ruhende Geſtalt auf dem Purpurbett auf; ſo bleich, ſo ſtill und ſchmerzlos, wie das Antlitz einer verklärten Todten, war ihr Geſicht, und doch leuchtete aus ihren großen weitgeöffneten Augen ein glühendes, ſchönes Leben. Auf dem ärmlichen Lager in der Bauern hütte träumte ſie von vergangenem Glück und vergangener Herrlichkeit, träumte mit offenen Augen von den glänzenden Tagen, welche geweſen und von denen ſie meinte, daß ſie jetzt nimmer wiederkehren würden. Aber ſie klagte und jammerte nicht um den verlorenen Glanz, und kein Bedauern um die bedrohte Erdengröße war in ihr. Erhalte mir, oh gütiger Gott, erhalte mir die Liebe meines Man nes, flüſterte ſie leiſe, laß meine Kinder wachſen und gedeihen und groß werden innerlich und äußerlich. Oh, könnte ich meinen Kindern das Glück erkaufen, indem ich mein Leben für ſie hingäbe, ſo wollt' ich freudig tropfenweiſe mein Herzblut dahinfließen ſehen; könnt' ich mei nem Gemahl ſeine Macht und ſeine Größe wiedergeben durch meinen Tod, wie freudig wollte ich ſterben. Oh Gott, guter Gott, erhalte und ſchütze Preußen, und wenn Du es nicht willſt, ſo lehre uns mit ihm in Ehren untergehen und ſterben. Bewahre uns vor der Schande und dem Kleinmuth, lehre uns das große Unglück groß ertragen und gieb, daß wir nie in kleinmüthiger Verzagtheit gemeinem Unglück uns unterwerfen! —.— Sie Stum Vald un große V duß esz und faſt Stu Gott, ſb Oh, F uvs Al M ſich ihre Friedene und ſie genen 2 De Ohren erguickli anzizii geſchüt Hütte vor da tern ar e von S Rſtübe vorbre neue Sie ſchwieg und ſchaute ſtrahlenden Auges empor; eben heulte der Sturm mit furchtbarem Gebrauſe da außen durch den rauſchenden Wald und machte die Hütte erbeben und die Fenſter klirren, und trieb große Wolken von Schnee durch den Schornſtein auf das Feuer nieder, daß es ziſchte und unter dem ſchmelzenden Schnee tiefer zuſammenſank und faſt erſtarb. Sturm da außen, Friede hier innen, ſo laß es immer ſein, mein Gott, flüſterte ſie leiſe, indem ſie ihre Hand ſanft auf ihr Herz preßte. Oh, Friede, ſüßer Friede, wann ſteigſt Du wieder vom Himmel zu uns Allen hernieder! Friede! Friede! Allgemach erſtarben die Worte auf ihren Lippen, allgemach ſenkten ſich ihre Augenlider niederwärts. Gott ſandte ihr den Bruder des Friedens, er ſandte ihr den Schlaf, daß er ihre müden Augen erquicke und ſie ſtärke nach den Anſtrengungen und Bedrängniſſen des vergan⸗ genen Tages. Der Sturm heulte fort und fort die ganze Nacht, aber vor den Ohren der Schlafenden klang es nur gleich Wiegenliedern, die ſie zu erquicklicher Ruhe einlullten. Erſt mit dem Grauen des Tages ward es wieder lebendig in der Hütte. Frau Katrin kam, das erloſchene Feuer auf dem Heerd wieder anzuzünden, und die beiden Damen erhoben ſich erſchauernd und froſt⸗ geſchüttelt, um ſich zur Weiterreiſe anzuſchicken. Auch draußen vor der Hütte ward es lebendig, der Reiſewagen mit den ſechs Pferden rollte vor das Haus und der Oberkammerherr von Schladen klopfte ſchüch⸗ tern an die Thür und bat um Erxlaubniß, eintreten zu dürfen. Die Gräfin hieß ihn kommen und erwiederte ſeine Erkundigungen nach ihrer Nachtruhe mit einem ſanften Lächeln. Ich habe geſchlafen, ſagte ſie, und fühle mich jetzt genug gekräftigt und geſtärkt, um ſogleich die Reiſe fortſetzen zu können. In vier Stunden werden wir in Königsberg ſein, ſagte Herr von Schladen. Es iſt ein herrlicher, klarer Wintermorgen, das Schnee geſtöber hat aufgehört, die Sonne wird bald hinter den Wolken her⸗ vorbrechen. Die Sonne wird bald hinter den Wolken hervorbrechen, wieder⸗ R—— 240 holte die Gräfin ſinnend. Das ſind ſchöne und troſtreiche Worte, möchten ſie ſich für uns Alle erfüllen! Eilen wir, nach Königsberg zu kommen, denn dort giebt es für mich wenigſtens einen Sonnenblick, ich werde da meine Kinder wiederſehen, und auch mein Mann wird bald wieder von dem ruſſiſchen Lager dorthin kommen. Herr von Schladen trat einige Schritte näher, und leiſe und haſtig ſagte er: der König iſt ſchon in Königsberg. Ich ſprach ſo eben einen Bauer, den Beſitzer dieſer Hütte, der unmittelbar von Königsberg kommt. Er iſt die ganze Nacht gewandert und hat Königsberg geſtern Abend verlaſſen, gerade als der König mit ſeinem Gefolge aus dem ruſſiſchen Lager zurückkehrte. Und hat der Mann noch andere Nachrichten gebracht? fragte die Dame haſtig. In Königsberg war das Gerücht verbreitet, die Franzoſen rückten in Eilmärſchen von Poſen her vorwärts, und da auch die Ruſſen ihre Colonnen jetzt in Bewegung geſetzt, ſo vermuthet man, daß es bald zu einer Schlacht kommen wird. Dame näherte ſich haſtig der Thür. Laſſen Sie uns eilen, . Die fortzukommen, ſagte ſie, aber auf einmal erbleichte ſie und lehnte ſich ſchwankend an die Wand. Oh, flüſterte ſie leiſe, welche ſchwache, jammervolle Weſen ſind wir Menſchen doch. Die Seele hat Kraft genug, das Schwerſte zu ertragen, aber der Körper iſt ſo ſchwach, daß er ſchon von einem zwölf ſtündigen Entbehren beſiegt wird. Eben trat Frau Katrin in die Thür, und als ſie die Dame ſo bleich und matt an der Wand lehnen ſah, eilte ſie zu ihr und fragte theilnehmend nach der Urſache ihrer Bläſſe und ihrer Ermattung. Ich will es Euch ſagen, gute Frau, flüſterte die Dame mit einem traurigen Lächeln, mich hungert! Oh, mein Gott, ſeufte Herr von Schladen, und wir haben nichts bei uns zur Stärkung und Erquickung Aber ich habe etwas zur Erquickung für die ſchöne Frau, ſagte Katrin ſtolz. Dacht' mir's wohl, daß auch die vornehmen Leut' zu⸗ weilen eſſen müſſen und nicht blos von ihren glänzenden Kleidern und einem nichts ſagte „ſa9 ut zl⸗ n und 241 all' der Pracht, die ſie umgiebt, ſatt werden, ſondern wie wir andern gemeinen Leut' auch was in den Magen bringen müſſen. Und ſchaut nur, da kommt die Marthe ſchon mit dem Frühſtück daher. Wirklich trat Marthe eben in die Thür, in der Hand einen Topf, angefüllt mit ſchöner, dampfender Milch. Frau Katrin nahm von dem Geſims des Heerdes eine irdene Taſſe und füllte ſie bis zum Rand mit der Milch. Nun trinkt, ſagte ſie, die Taſſe der Gräfin darreichend, das wird Euch kräftigen, es iſt wundervolle Ziegenmilch, ſo ſchön, wie die Stadt⸗ leut' ſie nimmer bekommen, und von einer Wärme, wie Ihr ſie auch nicht kennt, denn nicht das Feuer, ſondern der liebe Gott hat dieſe Milch gewärmt, der liebe Gott, welcher meiner guten Ziege das Leben und die Wärme gegeben. Trinkt alſo im Namen des lieben Gottes! So ſchön und herzig iſt mir noch nimmer kredenzt worden, ſagte die Gräfin, der alten Bäuerin freundlich zuwinkend. Ich werd' Euren Trinkſpruch in gutem Gedächtniß behalten, und im Namen des lieben Gottes will ich trinken. Aber nur dann, wenn auch Sie, Gräfin Truchſeß, und auch Sie, Herr von Schladen, eine Taſſe von dieſer ſchönen Milch bekommen können. Wir werden bekommen, ſagte Gräfin Truchſeß, geruhen Ew.— geruhen die gnädige Frau nur immer zu trinken. Die Gräfin ſetzte die Taſſe auf das Fenſterbrett, ohne ſie mit ihren Lippen berührt zu haben. Sie ſehen, ich warte, ſagte ſie, eilen Sie ſich! Jetzt flog die Gräfin ſelber zu dem Geſims des Heerdes hin, nahm von demſelben zwei kleine irdene Töpfe und reichte ſie Frau Katrin dar, daß ſie ſie fülle. Und haht Ihr nichts zum Imbiß für die Dame, gute Frau? fragte Herr von Schladen leiſe. Nur ein Stück altes Schwarzbrod hab' ich, ſagte Frau Katrin, aber es wird wohl zu hart ſein für die feinen Zähne der Gräfin. Gebt es mir immer, ſagte die Gräfin, meine Zähne werden es ſchon bezwingen. Frau Katrin nahm aus dem Wandſchrank ein großes Laib Brod, Mühlbach, Napylevn. II. Bd. 16 242 ſie ſchnitt ein dickes Stück davon ab und präſentirte es auf dem blanken zinnernen Teller, dem Prachtſtück ihres Hauſes, der Dame. Sie brach ſich ein Stück davon ab, und an das Fenſter gelehnt, begann ſie ihr frugales Mahl, die Ziegenmilch und das Schwarzbrod zu eſſen. Tiefe Stille herrſchte in dem kleinen Raum; die Gräfin Truchſeß und der Oberkammerherr hatten ſich an den Heerd zurückgezogen und beeilten ſich, dort das ſeltſame und ungewohnte Frühſtück zu verzehren. Frau Katrin und Marthe ſtanden neben der Thür und ſtarrten voll Bewunderung hinüber nach der hohen ſchönen Frau, die dort am Fen⸗ ſter ſtand und eben das ſchwarze harte Brod zum Munde führte.— Sie bemerkte gar nicht das Anſchauen der Andern; gedankenvoll blickte ſie hinüber nach dem großen Himmelbett, auf welchem ſie heute Nacht in Thränen und in Gebeten geruht hatte, dann wandte ihr Blick ſich dem Stück Brod zu, das ſie in der Hand hielt, und von dem ſie ſich vergeblich bemüht hatte, ein Stück abzubeißen. Und dieſes Brod und dies Bett erinnerten ſie an eine längſt vergangene Stunde aus den Tagen ihres Glückes, an eine Stunde, in welcher ihr inneres Auge die Zukunft erſchaute, wo die Worte eines ſchönen und traurigen Liedes ſie mit ahnungsvollem Schrecken erfüllten und ihr eine Prophezeihung ihres eigenen Schickſals dünkten. Wie ſie jetzt jener goldenen Tage der Vergangenheit gedachte, füllten ſich ihre Augen mit Thränen. Sie rollten über ihre Wange hin und tropften nieder auf das Brod, das ſie in der Hand hielt. Oh, flüſterte ſie leiſe, jetzt werde ich das Brod eſſen können, ich habe es mit meinen Thränen erweicht! Und ſie aß es jetzt wirklich, aber Thräne auf Thräne rollte über ihre Wangen nieder; ſie wandte ſich ab, um ſie zu verbergen, und blickte durch das kleine Fenſter hinaus in den Wald, deſſen Bäume der Schnee wie mit ſilbernen Kronen geſchmückt hatte. Allgemach verſiegten ihre Thränen, ſie zog den großen Brillant ring von ihrem Finger, und ſich des ſcharfen Steins wie einer Feder bedienend, begann ſie auf der Fenſterſcheibe mit raſcher, fliegender Hand zu ſchreiben Frau feinen Sc mit Stau Frau, die Erde doc hieher in fomel in mehr übe Die wandte Sie ihre Hant ihrer Hüt Dan hin, an n Ich wollen nehme. Auge he machen Die nehme Zeit kom eit und und die Ver gut wir abe Nnnen E. Sie ur Jörſe d üis der wieder Fr lanken elehnt, rzbrod ruchſeß en und zehren. ten voll n Fen⸗ hrie blickte Nocht lick ſich ſie ſich od und us den nge die n Vedes ezeihung Frau Katrin und Marthe ſtarrten wie entſetzt zu ihr hin, und die feinen Schriftzüge, die ſich jetzt auf dem Glaſe zeigten, erfüllten ſie mit Staunen und unheimlichen Fröſteln, und ſie meinten, die ſchöne Frau, die mit Steinen wie mit Federn zu ſchreiben verſtand, ſei am Ende doch eine Fee, die von irgend einem böſen Zauberer verfolgt, hieher in den Tannenwald geflüchtet ſei, und jetzt eine Verſchwörungs⸗ formel in das Fenſter ſchrieb, damit der böſe Zauberer keine Gewalt mehr über ſie habe. Die Dame ſteckte jetzt den Ring wieder an ihren Finger, und wandte ſich der Gräfin und dem Oberkammerherrn zu. Jetzt bin ich bereit, ſagte ſie, laſſen Sie uns abreiſen! Sie ſchritt nach der Thür zu, und Frau Katrin freundlich lächelnd ihre Hand darreichend, dankte ſie ihr für die gaſtliche Aufnahme in ihrer Hütte. Dann trat ſie aus der niedern Hausthür und ging zum Wagen hin, an welchem der Oberkammerherr ſie erwartete. Ich bitte die gnädige Gräfin um die Gunſt, ſagte er, mir erlauben zu wollen, daß ich dies Mal ſelbſt die Functionen des Vorreiters über⸗ nehme. Der Weg iſt holpricht und voller Löcher, und da ich ein gutes Auge habe, werde ich ſie zu rechter Zeit ſehen, und darauf aufmerkſam machen können. Die hohe Frau dankte ihm mit einem tiefen innigen Blick. Ich nehme Ihren Dienſt an, ſagte ſie bewegt, Gott gebe, daß einſt eine Zeit kommt, wo ich meinen Getreuen danken kann für die Anhänglich⸗ keit und Hingabe, die ſie mir in den Zeiten der Trübſal bewieſen haben, und die mit diamantener Schrift in meinem Herzen eingegraben iſt! Der guten Frau hier, die uns für dieſe Nacht beherbergt hat, wollen wir aber ſchon jetzt danken, und ich bitte Sie, ihr dies in meinem Namen zu geben. Sie reichte dem Oberkammerherrn ihre mit Goldſtücken gefüllte Börſe dar, und ſtieg in den Wagen. Herr von Schladen blieb ſtehen, bis der Wagen davon rollte. Dann, ehe er ſein Pferd beſtieg, eilte er wieder hinein in das Haus. Frau Katrin und Marthe ſtanden im Zimmer vor der Fenſter⸗ 138 244 ſcheibe, und ſchauten noch immer ſtaunend die feinen Schriftzüge an, deren Sinn ſie nicht zu enträthſeln vermochten. Oh Herr, rief Katrin, als der Oberkammerherr zu ihr eintrat, oh Herr, ſagt uns doch, was das hier bedeutet, und was die ſchöne Frau hier auf das Fenſter geſchrieben hat? Herr von Schladen trat zu dem Fenſter hin, und wie er die Zeilen geleſen, umdüſterten ſich ſeine Augen, und eine tiefe Rührung ſprach aus ſeinen Zügen. Beneidenswerth ſeid Ihr, ſagte er, denn von dieſer Stunde an iſt Eure Hütte zu einem köſtlichen Denkmal geworden, und wenn beſſere Zeiten kommen, werden die Deutſchen zu dieſer Hütte hier wallfahrten, um mit andächtigem Herzen dies hiſtoriſche Denkmal aus den Tagen des Unglücks zu ſchauen. Bewahrt Euch dies Fenſter wohl, denn ich ſag' Euch, es iſt mehr werth als Gold und Brillanten. Iſt es denn wirklich ein Zauberſpruch, den die ſchöne Fee da ge⸗ ſchrieben hat? fragte Frau Katrin ängſtlich. Ja wohl, ein Zauberſpruch, ſagte Herr von Schladen, und der Zauberſpruch lautet: „Wer nie ſein Brod mit Thränen aß, „Wer nie die kummervollen Nächte Auf ſeinem Bette weinend ſaß, Der kennt Euch nicht, Ihr himmliſchen Mächte.“ „ „ Ach Gott, ſie hat heute ihr Brod mit Thränen gegeſſen, ich hab's geſehen, murmelte Frau Katrin. Aber wer iſt ſie und wie heißt ſie denn? Sagt es uns, damit wir für ſie beten können, Herr. Sie heißt Louiſe, ſagte Herr von Schladen mit erſtickter Stimme. Jetzt iſt ſie eine arme, tiefgebeugte Frau, die von Stadt zu Stadt flüchtet vor ihrem Feind und ihr Brod mit Thränen ißt und ihre Nächte durchweint. Aber ſie iſt doch auch immer noch die Königin von Preußen, und ſie wird es bleiben, wenn noch Gerechtigkeit im Himmel iſt. Die Königin von Preußen! ſchrie Frau Katrin entſetzt. Sie war hier, und ſie hat das geſchrieben? Jo, Eure Mi Tiſch hin Die der üben Pferd, u r deutend des Si eigen mit 1 Mann gröfte Vderſ füſt fr ſiſch theilter nüthi 2 auch Euerʒ welche dung um C dieſe tzüge an, eintrat, ie ſchöne ie Zeilen g ſprach de an iſt in beſſete lfahrten, n Tagen denn ich e da ge⸗ und der ſch hab's heiſt ſie Stimme. n Stadt zu St und ihre igit im Sie war 245 Ja, ſie hat das geſchrieben und ſendet Euch dies zum Dank für Eure Mühe, ſagte Herr von Schladen, den Inhalt der Börſe auf den Tiſch hinſchüttend. Die Börſe aber ſteckte er in ſeinen Buſen, und ohne den Dank der überraſchten Frau abzuwarten, eilte er hinaus und ſprang auf das Pferd, um in vollem Jagen der Königin nachzueilen. N. Graf Prickler. Treubruch und Verrath überall! Magdeburg, Küſtrin, die be⸗ deutendſten Feſtungen Preußens waren gefallen; nicht blos die Hand des Siegers und Eroberers hatte ihren Fall herbeigeführt, ſondern die eigene Zaghaftigkeit, der eigene Schrecken. Magdeburg, obwohl reich mit Munition verſehen, und mit einer Beſatzung von zehntauſend Mann, hatte ſich dem Feinde überliefert, Küſtrin, Hameln und die größte Zahl der preußiſchen Feſtungen hatten ſich, ohne nur einen Widerſtand verſuchen zu wollen, dem Feinde bei der erſten Aufforderung faſt freiwillig ergeben, die erſten Städte Preußens waren jetzt franzö⸗ ſiſch geworden, überall waren es Franzoſen, welche ihre Geſetze er⸗ theilten und dem höhnenden Uebermuthe des Siegers mußten die gede⸗ müthigten Preußen ſich beugen. Aber es gab in dieſer Zeit der Demüthigung und Schmach doch auch glänzende Beiſpiele von Muth und Entſchloſſenheit, von kühner Energie und edler, unwandelbarer Treue, es gab auch noch Feſtungen, welche dem Sieger nicht freiwillig ihre Thore geöffnet hatten, welche, Hunger und Entbehrung nicht ſcheuend, muthvoll kämpften und rangen um Ehre und Sieg. Noch war Colberg nicht gefallen, noch ward dieſe Feſtung muthvoll vertheidigt von dem triegskundigen Obriſten 246 Scharnhorſt, dem kühnen Ferdinand von Schill, dem edlen Bürger Nettelbeck, welche durch Beiſpiel, Wort und That Soldaten und Bürger anfeuerten zu muthigem Ausharren und entſchloſſener Gegenwehr.— Noch auch hatte Graudenz ſich nicht den Belagerern übergeben, und Herr von Courbières, der Commandant dieſer Feſtung, hatte weder den Drohungen, noch den Schmeichelworten des Feindes ſich ergeben. „Wenn es, wie Sie ſagen, keinen König von Preußen mehr giebt, ſo bin ich König von Graudenz, und ich ergebe mich nicht“, antwortete er dem franzöſiſchen Parlamentair, der ihn im Namen des Herzogs von Rovigo zur Uebergabe aufforderte. Noch auch war Schleſien tren geblieben, treu, trotz des Special miniſters Grafen Hoym, der in einem öffentlichen Erlaß die Schleſier aufforderte, im Fall einer Invaſion des Feindes, demſelben mit freund licher Bereitwilligkeit und Gefälligkeit entgegen zu kommen, und ſo viel als möglich alle Forderungen der feindlichen Truppen zu be friedigen.* Die Schleſier, muthvoller und tapferer als ihr Miniſter, Graf Hoym, wollten ſich dem Feind nicht bereitwillig und gefällig zeigen, ſie wollten nicht freiwillig ſich dem Joch beugen, ſie wollten kämpfen um ihre Ehre und ihre deutſche Exiſtenz! Freilich war die Feſtung Glogau ſchon gefallen,**) aber Breslau und Schweidnitz hielten ſich noch; zwei Mal ſchon hatte Breslau den Belagerer Jerome Bonaparte mit ſeinen Truppen zurückgeſchlagen, zwei Mal hatte in der Feſtung der Wille der Muthigen und Kühnen über die Angſt der Verzagten und der heimlichen Franzoſenfreunde geſiegt und die Feſtung hatte ſich nicht ergeben! An der Spitze dieſer Muthvollen und Kühnen ſtand ein Mann, deſſen Beiſpiel in den Stunden der Gefahr die Feurigen befeuert, die Kühnen kühner gemacht, die Verzagten aufgerichtet, die Leidenden ge⸗ tröſtet hatte. Dieſer Mann war der Graf Ernſt von Prickler! *) Häuſſer: Deutſche Geſchichte. III. S. 94. **) Den 3. De Den 3. Dezember 1806. Er Wunder land, w Raſt z König ein Re konnte konnte theidi wie d geme dem in w erſte väg gun ſollt Gre — Bürger . Graf gen, ſie pfen um Glogau ich noch; arte mit ung der ten und ich nicht Mann, ert, die den ge⸗ 247 Er hatte ſich nicht die Zeit vergönnt, ſeine bei Jena erhaltenen Wunden heilen zu laſſen! Treu ſeinem Schwur hatte er dem Vater⸗ land, welches ſeine Söhne bedurfte, ſeine Dienſte geweiht. Nach kurzer Raſt zur Pflege ſeiner Wunden hatte er ſich nach Ortelsburg zum König Friedrich Wilhelm begeben.— Freilich konnte er ihm mht ein Regiment zuführen, ihm keine wirkſame Hülfe bringen, aber er konnte ihm doch nützen mit ſeinem Kopf und ſeinen Gedanken, er konnte ihm das Mittel zu wirkſamer Hülfe zeigen. Dieſes Mittel lag nach der Anſicht des Grafen Ernſt von Prickler in der Wehrkraft der Provinz Schleſien. Mit feurigen und beredten Worten ſchilderte er dem König, welche große Mittel der Ver⸗ theidigung dieſe reiche und ſchöne Provinz ſich noch aufbewahrt habe, wie die Bewohner derſelben ausharrten in Treue und Ergebenheit, und freudig bereit ſeien ihr Blut und Leben für ihren König zu wagen. Unumwunden und freimüthig ſagte er dem König, daß die alte bürger⸗ liche und militairiſche Bureaukratie allein die Schuld trage, daß die Provinz Schleſien nicht ſchon längſt zum kräftigſten Widerſtand orga⸗ niſirt ſei, daß dieſe Bureaukratie gelähmt hätte, ſtatt zu fördern, ja, daß ſie allein durch ihre ſinnloſen und verworrenen Anordnungen die Wehrbarmachung der Provinz auf alle erdenkliche Weiſe gehindert habe.*) Aber er war nicht blos gekommen, um zu tadeln und anzu⸗ klagen, ſondern er hatte, krank und verwundet, den weiten Weg hierher gemacht, um die Mittel zur Abhülfe und zur Rettung zu zeigen. Er hatte dem König ſeinen Plan mitgetheilt, mitten aus der Bevölkerung heraus in wenigen Tagen ſich neue Streitkräfte zu ſchaffen, neue Regimenter erſtehen zu laſſen. Alle Ausgediente ſollten einberufen, die Förſter und Jäger militairiſch organiſirt, und aus dieſen Elementen zur Vertheidi⸗ gung des Landes die Landwehr geſchaffen werden, der es obliegen ſollte, jetzt die Feſtungen zu vertheidigen. Der König hatte den feurigen und begeiſterungsvollen Worten des Grafen mit wachſender Theilnahme zugehört, und endlich hatte die *) Manſo: Geſchichte des preußiſchen Staats. II. S. 271. S—— — — 248 freudige Zuverſicht, der hoffnunsſtarke Muth Pricklers auch ihn mit Inen ſ Troſt und Hoffnung erfüllt. ſinn K Sie glauben, daß wir aus dieſen Einberufungen wirklich neue und S tapfere Truppen zur Vertheidigung der Feſtungen erwerben könnten? ſich dan pagte der König. 36 Ich bin davon überzeugt, ſagte Graf Prickler freudig. Eine be ſcze mei geiſterte Liebe zu ihrem Vaterland und ihrem König durchglüht die Bruſt Breslau der Schleſier, und ſie werden freudig bereit ſein, dem Ruf zur Ver⸗ ich bin! Kopf al wenn it theidigung der Feſtungen zu folgen. Aber bis jetzt hat Niemand daran gedacht, die wehrhaften Männer zu rufen. Graf Hoym hat ſich an die äußerſten Grenzen Schleſiens zurückgezogen, und irrt flüchtend vor den geſttte Franzoſen von Stadt zu Stadt, General Lindener, der militairiſche Jeil z Gouverneur von Schleſien, hat alle ſchleſiſchen Feſtungen beſucht und und ich den Commandanten geſagt:„es ſei Alles verloren und vorbei, man halten 7 müſſe nur ſuchen, ſich gegen einen coup de main zu ſichern, um eine Nu gute Capitulation zu erhalten.“*) freundli 1 Der König fuhr empor und eine zornige Röthe ſchoß einen Mo ich ſchr ment über ſein bleiches Antlitz hin. Wenn er das geſagt hat, iſt er D ein Ehrloſer, dem man den Kopf vor die Füße legen müßte, rief Hod 4 er heftig. er läch Graf Prickler lächelte traurig. Ach, ſagte er, Ew. Majeſtät würden ich we zu viel Todesurtheile zu unterſchreiben haben, wenn Sie in dieſen werden Tagen des Entſetzens diejenigen Alle als Ehrloſe richten wollten, die Le ſchwanken und ſtraucheln, weil ſie den Glauben und die Hoffnung ver Sie la 1 loren haben. Vielleicht bedarf es nur eines ermahnenden und auf 6 munternden Wortes, um die Verzagten zu ſtärken und die Wankenden guſ aufzurichten. Sprechen Ew. Majeſtät dieſes Wort! Senden Sie mich ſürmn mit demſelben zurück nach Schleſien. Gebieten Sie den Commandanten Euch z meine Vorſchläge, die ich die Ehre hatte, Ew. Majeſtät mitzutheilen, und k 3 und die ich hier auf dieſem Papier auch ſchriftlich niedergelegt habe, es wo 5 anzunehmen, und demgemäß die Feſtungen mit Streitern zu bevölkern! ſelcer Oh, Majeſtät, ganz Schleſien weint nach ſeinem König und ſtreckt Ky *) Höpfner, der Krieg von 1806 und 1807. Th. IV. S. 10. n mit e und uten? 249 Ihnen ſehnſuchtsvoll ſeine Hände entgegen, erlauben Sie es ihm, für ſeinen König zu kämpfen! Sie glauben alſo, daß Schweidnitz, daß vor allen Dingen Breslau ſich dann halten könnte? fragte der König. Ich glaube es nicht, ich bin davon überzeugt, rief der Graf. Ich ſetze mein Leben zum Pfande, daß es ſo iſt, ich ſage, daß wenn Breslau ſich vertheidigen will und darf, es unüberwindlich ſein wird, ich bin davon ſo feſt durchglüht, daß ich Ew. Majeſtät ſchwöre, meinen Kopf als Hochverräther zu Ihren Füßen niederzulegen und zu ſterben, wenn ich mich geirrt haben Senden Ew. Majeſtät mich nach Breslau, geſtatten Sie mir gnädigſt an der Organiſation des neuen Militairs Theil zu nehmen und die Behörden anzufeuern zum thatvollen Dienſt, und ich ſchwöre Ew. Majeſtät, die ſchleſiſchen Feſtungen werden er⸗ halten werden! Nun wohl, ich nehme Sie beim Wort, ſagte der König, dem Grafen freundlich zunickend. Ich will Sie nach Breslau ſenden. Warten Sie, ich ſchreibe Ihnen ſogleich die nöthige Ordre! Der König ging zu ſeinem Schreibtiſch hin und ſchrieb mit haſtiger Hand einige Zeilen.— Graf Prickler ſtand unfern von ihm, und indem er lächelnd zu dem König hinüberblickte, ſagte er leiſe zu ſich ſelber: ich werde Breslau vertheidigen, wie Schill Colberg vertheidigt! Wir werden alſo Beide unſern Schwur erfüllen! Leſen Sie, ſagte der König, ihm das Papier darreichend. Leſen Sie laut! Graf Prickler las:„Der in der Anlage enthaltene Vorſchlag des Grafen Prickler, die Garniſonen der ſchleſiſchen Feſtungen zu ver⸗ ſtärken, verdient die ernſtlichſte und ſchleunigſte Rückſicht, weshalb ich Euch befehle, denſelben ohne allen Verzug in Ausführung zu bringen und kein Geld dabei zu ſparen. Die Feſtungen müſſen, es koſte, was es wolle, bis auf den letzten Mann vertheidigt werden, und ich werde ſolchem Commandanten, der ſeine Schuldigkeit nicht beobachtet, den Kopf vor die Füße legen laſſen. Friedrich Wilhelm.*) *) Höpfner, der Krieg von 1806 und 1807. Th. IV. S. 13. ———————— Sind Sie zufrieden? fragt: den König, als der Graf geendet hatte. Ich danke Ew. Majeſtät im Namen Schleſiens, ſagte der Graf feierlich. Breslau wird jetzt dem Feinde nicht in die Hände fallen. Ich hafte mit meinem Kopf dafür. Jetzt bitte ich Ew. Majeſtät, mich beurlauben zu wollen. Wann wollen Sie abreiſen? In dieſer Stunde noch. Aber Sie haben mir ja geſagt, daß Sie erſt vor einer Stunde angekommen ſind. Sie ſollten ſich Ruhe gönnen bis morgen. Majeſtät, jeder Tag des Verzugs bringt Ihrem Schleſien größere Gefahr! Erlauben Sie, daß ich ſogleich abreiſe. Nun, ſo reiſen Sie, und möge Gott mit Ihnen ſein! Der König ſchaute dem enteilenden Grafen mit einem langen, ſinnenden Blick nach. Oh, ſeufzte er ſchmerzvoll, wäre Er Commandant von Magdeburg geweſen, ſo würde es noch Mein ſein! Mit dieſer ſchriftlichen Ordre des Königs war Graf Prickler nach Schleſien zurückgeeilt, mit ihr in der Hand hatte er alle Feſtungen be ſucht und mit allen Commandanten ſich beſprochen. Der König, um der Sendung des Grafen noch mehr Gewicht zu geben, hatte den Provinzialbehörden und den Landräthen noch in einem beſondern Reſcript anbefohlen, den Plänen des Grafen Prickler gemäß, ſofort die Mannſchaften einzuberufen, er hatte an alle Kommandanturen den Befehl ertheilt, ſich mit dem Grafen Prickler perſönlich zu verſtändigen, auf welche Art durch die Einziehung und Vertheilung der gedachten Soldaten und Jäger, ein Vertheidigungsmittel für die Feſtungen zu erzielen ſei.*) Graf Prickler hatte alſo ſein Ziel erreicht, er konnte ſeinem Vater⸗ lande nützen, er konnte Revanche nehmen für die Unglückstage von Jena. Ein ſtolzer ſeliger Muth befeuerte ſein ganzes Weſen, ſein Auge leuchtete von Freude und Zuverſicht, ſein Antlitz ſtrahlte von Helden kühnheit und Energie. Wer ihn ſah, der fühlte ſich belebt von ſeinem Muth, wer ihn hörte, der fühlte ſich hingeriſſen von ſeiner Begeiſte *) Höpfner IV. S. 15. rung unt Paterlan nam in ihn und lich, wo der Sol ihnen g in die! Wort ſonder voll er den B Ul ihn ge Grafen zu ſore daten, reichlic Dont Ader erlitte geben an de geiſter behru t hatte. Graf fallen. t, mich Stunde gräßere angen, andant r nach en be g, um tte den ſondern ſofort en den ndigen, dachten gen zu Vater⸗ ge von t, ſein elden⸗ ſeinem geiſte⸗ 251. . rung und ſchwur freudig, lieber en, als der heiligen Sache des Vaterlandes ungetreu zu werden, u den Kampf aufzugeben.— Jeder⸗ mann in Breslau kannte den Gra en Prickler, Jedermann hoffte auf ihn und vertraute ihm. Immer thätig, immer freudig und unermüd⸗ lich, war er überall da, wo die Gefahr war, er befeuerte den Muth der Soldaten, indem er neben ihnen auf den Werken war, und mit ihnen arbeitete, mit ihnen dem Sauſen der Kugeln, welche der Feind in die Stadt ſchlenderte, ſich muthvoll ausſetzte; er begeiſterte durch Wort und Zuſpruch die Bürger, daß ſie nicht kleinmüthig verzagten, ſondern ausharrten in Tiene und Geduld, und der Soldaten ſich liebe⸗ voll erbarmten, die für ſie in Sturm und Kälte, im Kugelregen auf den Baſtionen ſtanden und kämpften. Und die Soldaten waren freudiger und unverzagter, ſobald ſie ihn geſehen, die Bürger beeiferten ſich, dem edlen Vertrauen des Grafen zu entſprechen und für die tapfern Vertheidiger auf den Wällen zu ſorgen. Ein edler Wetteifer entſtand unter den Bürgern und Sol⸗ daten, dieſe gaben Alles her, um die Truppen zu pflegen, um ſie reichlich mit Speiſe und Trank zu verſehen, Jene ſchwuren in ihrer Dankbarkeit zu kämpfen, ſo lange noch ein Tropfen Blut in ihren Adern fließe, und es nicht zu dulden, daß die die Einwohner für ihre erlittenen Drangſale und ihre Opfer der Herrſchaft des Feindes über⸗ geben würden.*)—— Aber dieſer ſchöne Enthuſiasmus erkaltete bald an dem Eisfelſen, an welchem ſchon ſo viel Enthuſiasmus und Be⸗ geiſterung zerſchellt iſt, an dem Eisfelſen der Zeit— Tage der Ent⸗ behrungen und Leiden hätte Jeder muthvoll und freudig ertragen, aber dieſe langen Wochen der Noth und Qual erkalteten den Enthuſiasmus und lähmten die Begeiſterung. Es geht Alles gut, ſagte Graf Prickler am Morgen des dreißigſten Dezember, als er zu dem Gouverneur, General Thile, kam. Wir werden uns halten, bis der neue vom König ernannte General⸗Gouverneur von Schleſien, der Fürſt von Pleß, mit ſeinen Truppen zum Entſatz von Breslau heranrückt. *) Höpfner IV. S. 88. ————— 252 Der Gouverneur zuckte Nnſen. Der Entſatz wird nicht kommen, und Alles wird ſchlimm gehen, ſagte er. Aber die Soldaten ſind treu, und die Bürger unverzagt. Der Gouverneur blickte den Grafen faſt mitleidig an. Sie ſehen nur die Treuen und Sie hören nur die Unverzagten, ſagte er. Ich will Ihnen den Revers Ihrer glänzenden Medaille zeigen. Er nahm ein Papier von ſeinem Schreibtiſch und winkte den Grafen näher zu ſich heran. Sehen Sie da, der Rapport vom heu⸗ tigen Morgen! Wollen Sie wiſſen, wie vi Soldaten heute Nacht deſertirt ſind? Ueber hundert Mann, und man hat drei Mal, um weitern Deſertionen zu ſteuern, das Feldgeſchrei ändern müſſen. Das ſind die treuloſen, verrätheriſchen Polen, welche deſertiren, rief Prickler ingrimmig. Ja, die Polen haben den Anfang gemacht, und leider beſteht faſt die Hälfte der Beſatzung aus Polen. Es ſind die entlaſſenen und ausgedienten Soldaten, die auf Ihren Vorſchlag wieder einberufen ſind, mein Herr Graf. Sie verlangen nach Hauſe und ſehnen ſich, ſtatt der hieſigen magern Koſt nach den Fleiſchtöpfen, die der Kaiſer Napoleon dem glücklichen Polenland verheißen hat. Aber ſie hungern hier nicht, es wird reichlich für ſie geſorgt, rief Prickler. Noch geſtern habe ich eine Kollekte geſehen, welche in der Bürgerſchaft umherging, und mit welcher man Geld ſammelte, um die jedesmalige Beſatzung der Wälle mit Fleiſch, Branntwein und Warm bier zu verſehen. Wie viel Unterſchriften hatte jene Kollekte? Mehr denn hundert Unterſchriften, Herr General. Nun, ich will Ihnen eine andere Kollekte zeigen, ſagte der Gou⸗ verneur, ein anderes Papier von ſeinem Schreibtiſch nehmend. Geſtern Abend war eine Deputation der Bürgerſchaft hier und überreichte mir dies Papier. Es iſt die ſchriftliche Bitte der Bürgerſchaft, ihnen bei ſo vielen Drangſalen den Troſt und die Hoffnung eines baldigen Ent ſatzes zu geben, damit ſie nicht verzagten und kleinmüthig würden. Auf dieſem Papier ſind aber zweihundert Unterſchriften.— Ich konnte —,,———— den arme ſi alſo Abe Er! In trat here Der comman Feuetn Dirgot D Bund dem Lie Di vom Pl Er Der Fe den Tr ſchon t Feſtun D Fürſt t D den bo 8 — ſugte e zu folg um die ſo thi d nicht e ſehen Ich te den n heu⸗ Nacht , um rtiren, ht faſt n und ſind, tt der poleon ſ, rief in der m die ßarm⸗ Gou⸗ zeſtern te nit en bei Ent⸗ ürden. konnte 253 den armen Bürgern nicht die Hoffnung auf Entſatz geven, ich mußte ſie alſo ohne Troſt entlaſſen. Aber dieſer Entſatz wird kommen, rief Prickler lebhaft. Er wird nicht kommen, ſagte der Gouverneur achſelzuckend. In dieſem Moment öffnete ſich die Thür und eine Ordonnanz trat herein. Der Herr Lieutnant Schorlemmer, der am Schweidnitzer Thor commandirt, ſendet mich, ſagte er, ich ſoll melden, daß man das Feuern aus großem und kleinem Geſchütz höre, und daß das Dorf Dürgoy brenne. Der Feind manoeuvrirt, uad er wird das Dorf aus Verſehen in Brand geſteckt haben, gab der General zur Antwort. Sagen Sie das dem Lieutnant Schorlemmer als meine Antwort. Die Ordonnanz war kaum hinaus gegangen, als der Ingenieur vom Platz eintrat. Excellenz, rief er haſtig, ich komme ſoeben vom Ohlauer Thor. Der Feind eilt mit ſeinen leichten Kanonen und vielen Truppen aus den Tranchéen nach! der Schweidnitzer Straße, und das Feuern, das ſchon vor einer Stunde begonnen, nähert ſich mehr und mehr der Feſtung. Die Entſatztruppen rücken heran, rief Graf Prickler freudig. Der Fürſt von Pleß mit ſeinen Regimentern hat den Feind angegriffen. Der Gouverneur ſchleuderte einen düſtern und zornigen Blick auf den voreiligen Sprecher hin. Sie wiſſen freilich Alles beſſer, als wir alte gediente Soldaten, ſagte er, aber Sie werden mir doch erlauben, meiner eigenen Anſicht zu folgen. Meine Anſicht aber iſt, daß der Feind nur manveuvrirt, um die Beſatzung aus der Stadt zu locken. Wir werden aber nicht ſo thöricht ſein, ihrer Verlockung zu folgen! Indeß will ich mich ſelbſt überzeugen, was es giebt. Kommen Sie, Herr Ingenieur, und be⸗ gleiten Sie mich nach dem Ohlauer Thor, und Sie, Herr Graf, gehen Sie zum General Lindener, um deſſen Meinung einzuholen. Er hat gute Augen und ſcharfe Ohren, und wenn er die Dinge anſieht, wie ich ſie anſehe, ſo bin ich überzeugt, daß wir Recht haben. —— Graf Prickler ſtürzte fort, und während der Gouverneur mit dem Ingenieur vom Platz ganz gelaſſen nach dem Ohlauer Thor ging, rannte Prickler in das Hötel des Generals Lindener, feſt entſchloſſen, Alles aufzubieten, um den General zu einem Ausfall zu bereden. Aber General Lindener hatte ſein Palais bereits verlaſſen und ſich auf die Taſchen⸗Baſtion begeben, um von dort aus ſeine Beobachtungen zu machen. Graf Prickler eilte ihm dahin nach, aber nur langſam konnte er vorwärts kommen, denn überall auf den Straßen war ein dichtes Ge⸗ wühl von Menſchen. Alles ſtürzte durcheinander, Jeder fragte, Jeder wollte Auskunft haben, was es bedeute, daß der Feind plötzlich ſein Feuern eingeſtellt habe, daß keine Kugeln mehr in die Stadt flögen. Graf Prickler ſtürzte nur vorwärts, der Taſchen⸗Baſtion zu, die Woge des Volks, immer höher anſchwellend, ſtürzte ihm nach. Auf dem Kavalier des Taſchenberges ſtand General Lindener im Kreiſe der Officiere. Mit aufmerkſamem Blick ſchaute er in die Weite. Mit geſpannter Erwartung blickten die Officiere bald ihn an, bald hinüber auf das offene Feld. Graf Prickler trat dicht zu ihm heran, das Volk, das jetzt mit Gewalt ſich den Aufgang auf die Baſtion er zwungen hatte, trat bis dicht an den Rand derſelben und ſpähete hin aus nach dem Feind. Aber dies Volk beſtand heute nicht aus den Müßigen und Um⸗ hertreibern, ſondern es waren die ehrſamen Bürger, die Kaufleute und Handwerker, welche auf die Taſchen⸗Baſtion kamen, um ſich dort den Troſt und die Hoffnung zu holen, die ihnen der Gouverneur geſtern verweigert hatte. Den Troſt und die Hoffnung auf Entſatz. Und allgemach klärten ſich die beſorgten Geſichter auf, allmälig ward ihr Blick lichter und heller. Sie ſahen da ganz deutlich, daß der Feind die Tranchéen verlaſſen hatte, hier und da ſogar bemerkten ſie noch einzelne franzöſiſche Infanteriſten, welche aus den Tranchéen liefen, der Richtung des Gefechtes nach. Denn ein Gefecht fand ſtatt, man hörte ja den Donner der Kanonen, das Knattern des Gewehr feuers, man ſah die Granaten, welche die einander gegenüberſtehenden Truppen wechſelten und die in der Luft platzten. Scharfe Augen meinten ſ Vorſtadt echob ſich Der Pleß lom Und erwartete Befehl Ab volltom Es uns aut uns abe Erc möglich, ein Gef ihn bem h jeſtät d thätig Sie je Ne ſſt, rie und An tit ſind, o nehmen vir zu J Meinu Fürſt A ſiefen Feind nit dem r ging, chloſſen, en. und ſich tungen e, Jeder lich ſein flögen. zu, die ener im Weite. n, bald heren, ſtion er⸗ ete hin⸗ d Um⸗ ute und ort den geſtern allmälig ch, daß emerkten ranchéen nd ſtatt, Gewehr⸗ tehenden Angen 255 meinten ſogar in der Nähe des Indenkirchhofs unfern der Schweidnitzer Vorſtadt preußiſche Cavalleriſten zu bemerken, und bei dieſem Anblick erhob ſich ein lautſchallender Jubel unter den Bürgern. Der Entſatz iſt da! riefen und jubelten ſie unter einander. Fürſt Pleß kommt, uns zu befreien! Und jetzt wandten ſich Aller Blicke dem General zu, Jedermann erwartete von ihm das Wort der Entſcheidung, Jedermann hoffte, ihn den Befehl zu einem Ausfall der Truppen aus der Feſtung geben zu hören. Aber dieſer Befehl kam nicht. General Lindener wandte ſich mit vollkommenſter Gelaſſenheit ſeinen Officieren zu. Es iſt unzweifelhaft, ſagte er, der Feind manveuvrirt nur, um uns aus der Feſtung zu locken. Es iſt ein Hinterhalt, von dem wir uns aber nicht bethören laſſen werden. Excellenz, rief Prickler entſetzt, außer ſich, Excellenz, es iſt un⸗ möglich, daß Sie im Ernſt reden. Das iſt kein Manveuvre, das iſt ein Gefecht. Der lang gehoffte Entſatz iſt endlich da und wir müſſen ihn benutzen! Ah, ſagte der General achſelzuckend, Sie meinen, weil Se. Ma⸗ jeſtät der König Ihnen geſtattet hat, bei der Armirung der Feſtung thätig zu ſein und mit der Commandantur ſich zu berathen, müßten Sie jetzt überall Rath ertheilen und die Entſcheidung geben! Nein, ich meine nur, daß die Zeit des Handelns endlich gekommen iſt, rief Graf Prickler. Es handelt ſich hier ja nicht um Meinungen und Anſichten, ſondern um das, was man ſieht, was unleugbar iſt. Ich bitte die Herren Officiere, zu ſagen, ob ſie nicht meiner Meinung ſind, ob das nicht eine Kanonade iſt, die wir da in der Ferne ver⸗ nehmen, ob es nicht ein Gefecht zwiſchen feindlichen Truppen iſt, dem wir zuſchauen? Ja, ſagte einer der Officiere laut und entſchieden, ja, ich bin der Meinung des Grafen Prickler, es findet dort ein Gefecht ſtatt, der Fürſt Pleß rückt zum Entſatz für Breslau heran. Auch ich, auch ich, auch ich bin der Meinung des Grafen Prickler, riefen die Officiere einer nach dem Andern, der Entſatz iſt da, der Feind hat die Tranchéen verlaſſen, um ihn zu bekämpfen! 256 Und da es alſo iſt, rief Graf Prickler freudig, da es alſo iſt, ſo müſſen wir einen Ausfall machen, die Klugheit rechtfertigt das nicht allein, ſondern ſie gebeut es! Ja, wir müſſen einen Ausfall machen, riefen die Officiere freudig, und die in der Ferne ſtehenden Bürger vernahmen den Ruf und ſtimm⸗ ten jubelnd ein: Einen Ausfall, einen Ausfall! Der Entſatz iſt da! Breslau iſt gerettet! General Lindener ließ ſeine zornigen Blicke im Kreiſe der Officiere umherſchweifen. Wer wagt es, dem commandirenden General Rath ertheilen zu wollen, wenn er denſelben nicht begehrt hat? fragte er zornig. Niemand von Ihnen hat ſich um dieſe Dinge zu kümmern, ſie gehen Niemand an, als mich allein, und ich beſitze genügendes Ur⸗ theilsvermögen, um keines andern Rathes zu begehren, ſondern ganz allein zu entſcheiden!*) Mit einem letzten zornigen Blick auf den Grafen Prickler wandte er ſich ab und verließ die Baſtion, um in ſein Palais zurückzukehren. Dort erwartete ihn der Gouverneur Thile, und die beiden Herren be⸗ gaben ſich jetzt auf den Boden des Palais, um von dort aus die Ge gend zu überſchauen. Der Nebel, welcher vorher die ganze Gegend mit dichten Schleiern eingehüllt, hatte ſich jetzt ein wenig gehoben, und ſelbſt die blöden Augen des Generals und des Gouverneurs konnten jetzt die Wahrheit nicht mehr verleugnen. Es fand wirklich ein Gefecht ſtatt, dort drüben ſah man aufſteigenden Rauch und das Aufblitzen des Pulvers aus grobem Geſchütz. Der Entſatz war wirklich da, und er näherte ſich der Stadt. Arm in Arm, ſchweigend und in ſich gekehrt, verließen die beiden Generale den Boden und ſchritten wieder hinunter in das untere Stock⸗ werk, wo ein Dejeuner à la fourcherte ſie erwartete. Eine Stunde ſpäter ließen die beiden Herren die Garniſon ver ſammeln, um,„für den Fall, daß der Feind geſchlagen würde,“ einen Ausfall zu machen. *) Höpfner IV. 87. ßeuern d ſau ei geln in d kehrten i auf den Staut Ouub Haupt noch nio dann m loch ble inen z oldate einen A Go ſtimm⸗ iſt da! Iſiciere al Rath rn ganz wandte ukehren. ren be⸗ die Ge⸗ öchleiern e blöden ahrheit drüben erte ſich e beiden e Stock⸗ ſon ber⸗ 257 Aber es ſchien, als ob der Feind nicht geſchlagen worden, das Feuern da außen verlor ſich nach und nach in der Ferne,— der Aus⸗ fall unterblieb, und am Abend begann der Feind wieder glühende Ku geln in die Stadt zu ſchleudern. Wir ſind verrathen, murmelten die Bürger, als ſie troſtlos heim⸗ W kehrten in ihre Wohnungen. Wir ſind verrathen, jammerte das Volk auf den Gaſſen. Sie haben uns dem Feind verkauft, ſie wollten keinen Ausfall machen! Sie wollten Breslau nicht retten! Sie wollten keinen Ausfall machen, ſie wollten Breslau nicht retten, ächzte Graf Prickler, als er auf ſeinem Zimmer allein war. Es iſt Alles verloren, Alles vergeblich! An dem Willen der Klein⸗ müthigen und Verzagten zerſchellt unſere Ehre und unſer Leben! Oh, mein unglückliches Vaterland, mein geliebtes Preußen, Du biſt ret⸗ tungslos verloren, denn Deine eignen Söhne verrathen Dich! Deine Ehre, Deine Selbſtſtändigkeit, Dein hundertjähriger Ruhm iſt dahin; gefeſſelt und in Ketten gelegt, wirſt Du zu den Füßen des S Dich niederſtrecken müſſen, und er wird mit höhnendem Uebermuth ſeinen Fuß auf Deinen Nacken ſetzen und Deine Königskrone in den Staub treten! Ich werde dieſe Schmach nicht erleben, ich werde mein Haupt nicht beugen! Ich werde meinen Schwur erfüllen, und da ich mein Vaterland nicht retten konnte, werde ich mit ihm ſterben! Aber noch nicht! Erſt wenn die ketzte Hoffnung geſchwunden, dann ſoll es, dann muß es geſchehen. Noch will ich ausharren in Geduld, denn noch bleibt mir ein Schimmer von Hoffnung! Fürſt Pleß kann noch einen zweiten Entſatzverſuch wagen, und die muthigen Bürger und Soldaten mögen durch ihre Energie den General Lindener zwingen, einen Ausfall zu wagen, und ſich nicht zu ergeben! Das iſt meine letzte Hoffnung! Mühlbach, Napoleon. 1I. Bd 15 M. Der Tod des Patrioten. Eine große Bewegung und Unruhe herrſchte am andern Tage auf den Straßen von Breslau. In dichten Gruppen ſtand das Volk um her, und in jeder dieſer Gruppen erhoben einzelne Redner ihre Stimme und erzählten den lauſchenden Zuhörern von den Leiden und Entbeh rungen, welche man ſchon erduldet, von den Todesſchmerzen und Qualen, welche man noch zu erdulden habe, wenn man hartnäckig im Wider ſtand beharre. Wer will es wagen, dem Kaiſer Napoleon und ſeinen Kriegern zu widerſtehen, 1 ief einer dieſer Redner. Wir haben es tollkühn ver ſucht, ſeht, was aus uns geworden iſt! Unſere Häuſer ſind demolirt, unſer Hab und Gut iſt aufgezehrt, unſere Söhne, Brüder und Väter einmal ſeine Hand ausgeſtreckt hat über ein Land, und ſagt:„ich will es haben,“ ſo iſt es ganz unnütz, Widerſtand zu leiſten, denn der ſind entweder zu Krüppeln geſchoſſen oder getödtet. Wenn Napoleon franzöſiſche Kaiſer erreicht immer, was er will, Gott oder der Teufel haben ihm die Macht dazu gegeben. Wozu noch länger uns martern und quälen, ſchrie ein Redner einer andern Gruppe, wir werden ja doch unterliegen müſſen. Der in Himmel ſelbſt iſt wider uns. Fühlt nur, wie kalt es iſt, ſeht nur, wie der Froſt ſchon eine Eiskruſte über die Oder gelegt hat. Dieſe Kälte und di Froſt, das ſind neue Bund esgenoſſen der Franzoſen. Wenn die Oder und die Gräben zugefroren ſind, werden die Fran zoſen hinüber laufen und die Stadt im Sturm nehmen. Freilich wird man wieder von uns verlangen, daß wir unſere Haut zu Markt tragen und unter dem feindlichen Kugelregen hingehen und die Oder und die Gräben aufeiſen. Es fragt ſich nur, ob Ihr das thun, ob Ihr Euer Leben daran wagen wollt? Nein, nein! ſchrie die Menge. Wir wollen das nicht thun! Wir haben genug geduldet und gelitten, wir wollen weder die Oder auf⸗ eiſen, Unſern denken! N Ihr m 6 gebiete auf de hinſch 1 jett e Mim gerfr nung bleib und und uns terun Fein Kuge werd ſeid liebt Euc wür hab ⁵ ſſt eiſen, noch die vielen Brände löſchen. Es ſind ſchon genug von den Unſern gefallen, es iſt Zeit, daß wir an die Erhaltung unſeres Lebens denken!— Nein, rief eine volle, mächtige Stimme, nein, es iſt Zeit, daß Ihr an die Erhaltung Eurer Ehre denkt! Graf Prickler! murmelten und flüſterten die Leute, zu der hohen, gebieteriſchen Geſtalt hinblickend, die ſich da an der Ecke des Marktes auf den Prellſtein geſchwungen und die glühenden Blicke über die Menge hinſchweifen ließ. Wollt Ihr mich hören? fragte der Graf faſt bittend. Ja, ja, riefen hundert Stimmen, ja, wir wollen Euch hören! Und alle die vereinzelten Gruppen drängten ſich heran und bildeten jetzt einen ungeheuren, dicht geſchloſſenen Kreis um den Grafen. 1 Nun, ſprecht, Herr Graf, ſagte einer der ihm zunächſt ſtehenden 9 Männer. Wir wiſſen, daß Ihr ein guter Patriot und ein edler Bür⸗ gerfreund ſeid. Sagt uns, ob Ihr meint, daß uns noch eine Hoff⸗ 4 nung bleibt? Es bleibt Euch mehr als Eine Hoffnung, rief Graf Prickler. Es bleibt Euch die Hoffnung auf Entſatz. Ah, ah, Entſatz wird nicht kommen, ſchrie und höhnte das Volk, und wenn er kommt, ſo thun die Herren Generäle, als ſähen ſie nichts, und halten die Thore geſchloſſen, und machen keinen Ausfall. Sprecht uns von andern Hoffnungen, Herr Graf! Nun, dann habt Ihr auch noch die Hoffnung, daß gelinde Wit⸗ terung eintritt, daß die Oder und die Gräben nicht zufrieren, und der Feind alſo nicht herüber kann. Mit ſeinem Bombardement und ſeinen Kugeln aber wird er Breslau nicht erobern. Unſere Feſtungswerke werden ſeinen Geſchützen noch lange widerſtehen, und wenn Ihr tapfer ſeid und nicht ermattet, ſo könnt Ihr dadurch Eurem König ſeine ge⸗ 1 liebteſte Provinz und eine ſeiner beſten Feſtungen erhalten! Denkt Euch, welch eine Ehre und ein unſterblicher Ruhm es für Euch ſein würde, wenn die ganze Welt ſagen müßte: die Bürger von Breslau haben durch ihre Tapferkeit und ihren Muth ihrem König ſeine ſchle⸗ ſiſche Hauptſtadt erhalten. Freudigen Muthes ſind ſie in den Tagen 7 260 der Noth und Gefahr hinausgeeilt auf die Wälle, um die Soldaten nicht blos zu unterſtützen mit Speiſe und Trank, ſondern um an ihrer Seite ſich in Soldaten zu verwandeln, um die Kanonen zu verſorgen und die Kugeln hinüber zu ſchleudern zu dem Feind. Ja, ja, das wollen wir! Das iſt ſchön! riefen die Männer, und ihre Augen blitzten und ihre Arme hoben ſich, als wollten ſie ſchon nach dem Schwert greifen. Ja, wir wollen hinausgehen auf die Wälle, wir wollen tapfere Soldaten werden und kämpfen für unſere Stadt und unſern König! Und Ihr werdet Eure Arme und Beine verlieren, rief eine laute, höhniſche Stimme aus der Menge, Ihr werdet zu Krüppeln geſchoſſen, Ihr werdet Hungers ſterben, Euch und Eure Kinder ruiniren, und es wird doch Alles umſonſt ſein! Ihr werdet Breslau doch nicht mehr erretten können, die Uebermacht des Feindes iſt zu groß und wir ſind ſchon zu ſehr geſchwächt. Er hat Recht! Ach leider hat er Recht! jammerte und klagte die Menge, und die Männer, welche eben ſchon im Begriff geweſen, fort zuſtürzen auf die Wälle und Baſtionen, ſie ſtanden jetzt zaudernd ſtill und der Glanz ihrer Augen erloſch wieder. Nein, rief Graf Prickler glühend, nein, er hat nicht Recht! Es iſt nicht wahr, aber wenn es ſelbſt wahr wäre, daß wir zu ſchwach ſind, um Breslau noch lange zu halten, wäre es denn da nicht ſchöner, ehrenvoller und herrlicher, unter den Trümmern der Stadt begraben zu werden, als zu leben in der Schmach und ſich zu demüthigen vor 6 einem neuen Herrn? Bedenkt, wie ſich Magdeburg geſchändet hat, wie durch ganz Preußen ein einziger Schrei der Wuth und der Em pörung ertönt iſt über den Verrath und die Feigheit Magdeburgs. Bürger von Breslau, wollt Ihr, daß man von Euch ſpreche, wie von Magdeburg? Wollt Ihr, daß Eure Kinder dereinſt vor ihren Vätern erröthen müſſen, wollt Ihr, daß Eure Frauen und Bräute Euch ver höhnen und Euch Feiglinge nennen? Nein, nein, wir wollen das nicht! riefen Alle durcheinander. Wir wollen kämpfen, kämpfen für unſere Ehre und unſern König! Platz da, Platz, riefen in dieſem Angenblick laute, gebieteriſche Stimme mehr al mit lan in ſeine Di Prickler ſcheinu Jederm der S than, in un haus damit dann zeichn Goud terhä ſagt, n ihrer rſorgen e laute, ch 0 ſſen, und es t Ee m ſchwach et hat, r Em⸗ ie von Vitern ch ver⸗ trriſcht 261 Stimmen, und die Ohlauerſtraße heraufgezogen kam ein Zug von mehr als hundert Bürgern, an ihrer Spitze ſchritt ein Greis daher mit langem, ſilberweißem Haar, ein großes, zuſammengefaltetes Papier in ſeinen Händen haltend. Die Menge, welche bis jetzt nur Aug' und Ohr für den Grafen Prickler gehabt, wandte nun die forſchenden Blicke dieſer neuen Er⸗ ſcheinung zu und ſchaute fragend und verwundert den Greis an, den Jedermann als einen der ehrwürdigſten und hochgeachtetſten Bürger der Stadt kannte. Wohin geht Ihr, Meiſter Ehrhardt? fragten hundert Stimmen wirr durcheinander. Was bedeutet Euer Zug und was ſoll's mit dem Papier in Eurer Hand. Meiſter Ehrhardt hob das Papier hoch empor. Dies Papier, ſagte er, iſt eine Bittſchrift, welche die Bürger, die mir folgen, auf⸗ geſetzt haben. In dieſer Bittſchrift ſchildern wir unſere bisherigen Leiden und Unglücksfälle, und bitten um die endliche Beendigung der⸗ ſelben. Es geht nicht länger ſo, die Noth und der Jammer iſt zu groß, wir haben gelitten und geduldet, was in unſeren Kräften ſteht. Jetzt muß es genug ſein, jetzt müſſen wir um unſerer Weiber und unſerer Kinder willen an uns ſelber denken. Der Ehre iſt genug ge⸗ than, die Selbſterhaltung iſt auch eine Pflicht! Das Alles haben wir in unſerer Bittſchrift geſagt, und jetzt wollen wir ſie auf das Rath⸗ haus tragen, um ſie mit Bewilligung des Magiſtrats dort auszulegen, damit Jeder, wer will, unterſchreibe. Heute Nachmittag wird ſie als⸗ dann dem Gouverneur übergeben werden. Eilt Euch alſo, zu unter⸗ zeichnen; je mehr Unterſchriften, deſto beſſer, denn wenn der Herr Gouverneur ſieht, daß die ganze Bürgerſchaft einig iſt, wird er uns wohl nachgeben und capituliren müſſen. Es iſt heut Morgen ein Un⸗ terhändler vom Feinde in die Stadt geſchickt worden, der hat, wie man ſagt, gar harte Bedingungen gemacht. Wenn wir uns nicht heute noch ergeben, ſoll von morgen an die Stadt ſo lange mit glühenden Kugeln bombardirt werden, bis Alles in Flammen ſteht. Kommt, meine Freunde, laßt uns auf das Rathhaus gehen und die Bittſchrift auslegen! Die Guten und Vernünftigen mögen hingehen und unter⸗ ſchreiben!— Der Zug ſetzte ſich wieder in Bewegung. Ein tiefes Schweigen trat ein. Graf Prickler ſtand noch immer auf ſeiner Erhöhung und ſchaute in athemloſer Spannung auf die Volksmaſſe hin, die noch kurz zuvor in ſo dichten Schaaren ihn umdrängt hatte. Er ſah, wie ſie ſich jetzt lichtete, wie hier und dort die Männer ſich aus der Menge Bahn machten und dem vorwärtsſchreitenden Zuge der Bürger ſich anſchloſſen. Bürger Breslaus! rief er in Todesangſt, bleich vor Kummer und Entſetzen, Bürger Breslaus, denkt an Eure Ehre, an Euren König und an Eure Königin! Denkt, wie viel Thränen Eurer edlen Königin Augen ſchon vergoſſen haben um Magdeburg, denkt, daß Euer König auf Euch und Eure Liebe hofft, daß er Euch nie vergeſſen wird, wenn Ihr jetzt treu bleibt, treu bis in den Tod. König, der um Euch gekämpft hat ſieben Jahre lang, und deſſen Ruhm wie eine goldene Glorie ganz Schleſien überſtrahlt. Geht nicht über es To od. Denkt an den großen zu den Feigherzigen und Verzagten. Haltet feſt an Eurer Ehre und Eurem König!— Bleibt bei mir! Laßt uns vereint auf das Rath⸗ haus gehen, laßt uns die Bittſchrift fordern, um ſie zu zerreißen, dann laßt uns zum Gouverneur gehen, und ihm ſagen, daß wir nicht wollen, daß er capitulire, daß wir ausharren wollen, bis— Bis wir verhungern, unterbrach ihn eine rauhe höhniſche Stimme, und ein hochgewachſener breitſchultriger Mann machte ſich Bahn durch die Menge und ſchritt dicht zu dem Grafen hin. Graf Prickler, ſagte er drohend, wenn Ihr noch länger hier von Widerſtand und dergleichen Unſinn redet, ſeid Ihr ein Volksverführer und der Mörder derjenigen, welche Euren hochtönenden Worten glau⸗ ben. Hört mich, Ihr Bürger von Breslau, hört, was ich Euch zu ſagen habe. Ich bin Schreiber beim Proviant⸗Amt, und wißt Ihr, wohin mich eben das Proviant⸗Amt ſendet? Auf das Rathhaus zum Magiſtrat. Ich bringe ihm ein Verzeichniß der Vorräthe, die noch vor⸗ handen ſind. Es befinden ſich aber in Breslau nur noch zwanzig⸗ tauſend Pfund Fleiſch, und die Bäcker und Brauer haben kein Holz nehr. morgen den Hi ſchieße Rathha W W unter⸗ hweigen ng und och kurz wie ſie Menge ger ſich mer und n Köni Königir — n wird, großen Ruhm ht über hre und s Rath⸗ erreißen, vir nicht timme, ndurch ier von erführer n glal⸗ Euch zu ißt Ihr, aus zum noch vor⸗ ʒwanjg⸗ ein Ho mehr.*) Wenn wir dem Feind morgen der Hungertod erwarten. will, der eile auf's Rathhaus und dort ausliegt. In dieſem Augenblick ließ ſich hoch oben in Ziſchen und Pfeifen vernehmen, ein glühender, glänzender Punkt ſauſte dort drüben gerade durch das Dach eines Hauſes, unſere Thore nicht öffnen, wird uns Wer alſo nicht Hungers ſterben unterzeichne die Bittſchrift, welche der Luft ein ſeltſames vorüber und ſchoß aus welchem ſofort helle Flammen emporſchlugen. Eine zweite, eine dritte Kugel ſauſte daher, und den Häuſern des Marktplatzes ziſchten die Flammen empor. Das Bombardement fängt wieder an, heulte die Menge. Sie ſchießen ſchon wieder mit glühenden Kugeln. Kommt, kommt auf's Rathhaus! Wir wollen die Bittſchrift unterzeichnen. Wie gehetztes Wild ſtürzten ſie vorwärts, die Angſt beflügelte ihre Schritte, die Furcht machte die Schwachen ſtark, die Lahmen gehend. heure, vom Sturm gepeitſchte Woge wälzte die Menge hier und dort aus Wie eine unge ſich dahin, dem Rathhaus zu. Graf Prickler ſtand allein und verlaſſen da. Einen Moment lehnte er ſich bleich und kraftlos an die der Schweiß ſtand in großen Tropfen auf ſeiner Stirn, Mauer des Hauſes an; Todesbläſſe bedeckte ſeine Wangen, ſeine bläulichen Lippen zitterten, und mit weit geöffneten ſtarren Augen ſchaute er hinüber nach dem Rathhaus, deſſen Stufen ſich die Volkswoge hinaufwälzte. mein Todesurtheil zu unterzeichnen, murmelte er Er ſtieg von dem Stein herunter und ging grad Die Kugeln um⸗ Sie gehen hin, leiſe vor ſich hin. aufgerichtet, langſam und ſtier die Straße herunter. ſauſten ihn und fielen neben ihm nieder. Er achtete nicht darauf und ſchritt ruhig weiter. Jetzt hatte er das Haus erreicht, in welchem er wohnte. Langſam, ſteif, mit ſtarrenden Augen, wie ein Nachtwandler, ging er die Stiege hinauf. Die erſte Treppe hatte er jetzt überſchritten, und ſchon wandte er ſich der zweiten zu. Da auf einmal hielt es ihn feſt, wie mit unſichtbaren Banden, da zuckte es auf ſeinem Antlitz, da *) Höpfner IV. 110. —— — ſich ſeine Augen und wandten ſich mit einem Ausdruck unaus Kummers der Thür zu, an welcher er eben hatte vorüber ſprechlic ſchreiten wollen. Ich muß ſie noch einmal ſehen, murmelte er leiſe, vielleicht folgt ſie mir! Er zog heftig an der Klingel, ein Diener öffnete die Thür. Iſt meine Braut zu Hauſe? fragte er. Ja, Herr Graf, die Comteſſe ſind auf ihrem Zimmer, der Herr Graf und die Frau Gräfin im Salon. Soll ich den Herrn Grafen anmelden? Nein, ich will zur Comteſſe, meiner Braut, gehen, unangemeldet. Er ſchritt an dem Diener vorüber und eilte haſtigen, leiſen Schrittes den Corridor hinunter. An der letzten Thür da unten klopfte er an, dann, ohne Antwort abzuwarten, öffnete er die Thür und trat ein. Ein Freudenſchrei ertönte; ein junges Mädchen, ſchön und lieblich wie eine Roſe anzuſchauen, flog vom Divan empor und eilte ihm ent⸗ gegen mit ausgebreiteten Armen. Biſt Du endlich da, mein Geliebter! Habe ich Dich endlich wie der! Oh, wie habe ich mich nach Dir geſehnt dieſen ganzen Morgen, wie hat ſich mein Herz nach Dir gebangt! Mit welcher Todesangſt hat mich jede vorüberbrauſende Kugel erfüllt, denn jede konnte Dich treffen! Aber nun habe ich Dich und halte Dich und laſſe Dich nicht ſollſt Du ſein; ich wollt', ich bergen könnte. wieder fort! Wie ein gefangenes Vöglein mein Herz wäre der Käfig, in welchem ich Sie hatte lächelnd, erröthend, das Haupt an ſeine Bruſt gelehnt, zu ihm geſprochen, und in der Gluth ihrer eigenen freudigen Erregung hatte ſie gar nicht bemerkt, wie bleich, wie ſtarr und traurig er war. Als ſie jetzt die ſtrahlenden Augen zu ihm erhob, ſah ſie es, und das Lächeln erſtarb auf ihrem lieblichen Angeſicht. Was fehlt Dir, mein Geliebter? fragte ſie angſtvoll. Was für ein Unglück iſt es, das auf Deinem Antlitz ſteht? Er nahm ihr Haupt zwiſchen ſeine beiden Hände und ſah ihr lange und ſtarr in das ſchöne Angeſicht. wir we und da war da habe ic ihm un Ne mußten mit, u Rlebt, ſchleun gieb m ſie beſ Bund die Th hinaus Geſchr wit in wollen Außen den Ki ſge n Und Z k unaus⸗ vorüber⸗ cht folgt r. er Herr Grafen gemeldet. Schrittes er an, ein. lieblich hm ent⸗ ich wie⸗ Morgen, desangſt ich S nte ich nicht wollt, gelehnt, hr lange 265 Camilla, ſagte er mit leiſer, gepreßter Stimme, Camilla, willſt Du mit mir ſterben? Sterben? fragte ſie entſetzt, indem ſie ihr Haupt von ſeinen Hän— den frei machte. Warum ſterben, Ernſt? Weil ich nicht leben mag, nicht leben kann und will ohne Ehre! rief er mit ausbrechender Heftigkeit. Weil unſer Unglück und unſere Schande ſo furchtbar iſt, daß man vor ihr fliehen muß in das Grab! Es iſt Alles vorbei, Alles verloren! Breslau wird fallen, und auch wir werden dem Eroberer als Beute zu Füßen ſtürzen. Ich aber will und darf die Schmach Preußens nicht überleben. Sieg oder Tod! das war das Loſungswort, das ich einſt mit Schill gewechſelt. Geſchworen habe ich ihm, mit dem Vaterland zu leben oder zu ſterben! Geſchworen habe ich dem König, wenn Breslau fällt, mein Haupt zu ſeinen Füßen niederzulegen und zu ſterben. Das Vaterland geht unter, ich will mit ihm untergehen! Breslau fällt, ich muß alſo ſterben! Nein, nein, rief Camilla, ſich feſt an ihn anklammernd, nein, Du mußt nicht ſterben, Du darfſt es nicht! Du biſt mein, Du gehörſt mir, und ich liebe Dich! Du haſt bis hierher Deiner Mannesehre gelebt, jetzt lebe Deinem Herzen, Deiner Liebe! Höre mich, Ernſt! Wie oft haſt Du mich angefleht, den Tag unſerer Vermählung zu be⸗ ſchleunigen, ich habe mich immer geweigert. Nun, heute bitte ich Dich, gieb mir Deine Hand! Laß uns vereint zu meinen Eltern gehen und ſie beſchwören, daß ſie den Prieſter rufen, damit er noch heute den Bund unſerer Herzen ſegne. Und dann, mein Geliebter, dann, wenn die Thore Breslau's ſich dem Feinde geöffnet haben, dann fliehen wir hinaus auf Dein ſchönes, einſames Gut. Dahin wird uns das wüſte Geſchrei des Krieges und der Lärm der Waffen nicht folgen, da wollen wir inmitten des Friedens der Natur ein neues Leben beginnen, da wollen wir, Herz an Herz geſchmiegt, uns ſelber angehören und, die Außenwelt vergeſſend, nur leben unſerer Liebe, unſeren Freunden und den Künſten und Wiſſenſchaften. Oh, mein Freund, mein Geliebter, ſage mir doch, iſt denn das nicht ein Glück, welches Dich zu ſich ladet und Dir tauſend herrliche und unvergängliche Freuden verheißt? Sie hatte ihre vollen ſchönen Arme, von denen die weiten Spitzen⸗ 266 ärmel zurückgefallen waren, auf ſeine beiden Schultern gelehnt, und ihr glühendes, ſchönes Antlitz ſo dicht dem ſeinen genähert, daß ihr Athem ſeine Wange anhauchte, ihre purpurnen Lippen die ſeinen faſt berührten Ihre glänzenden ſchwarzen Augen ruhten auf ihm mit einem Ausdruck unausſprechlicher Zärtlichkeit, ihre volle üppige Geſtalt lehnte ſich warm und weich an ihn an. Aber er wehrte ſie faſt unſanft zurück. Dies Glück, was Du da ſchilderſt, iſt nur für die Unſchuldigen, die Wünſcheloſen und Reinen, ſagte er rauh, es iſt das Glück der ſanften Tauben, nicht der Männer. Und ich bin ein Mann! Als ein Mann von Ehre habe ich gelebt, als ein Mann von Ehre will ich ſterben! Mein Leben paßt nicht mehr zu der Harmonie Deines Weſens. Ich bin wie ein zerbrochenes Glas, das keinen reinen Ton mehr angiebt; man ſoll mich aber nicht flicken und zuſammenkitten, ſondern ich will mich ſelber bei Seite werfen, daß die Glashülle in tauſend Scherben zerbricht und die erlöſte Seele emporflattern kann in das Land der Ehre und der Freiheit da oben Willſt Du mit mir gehen, Camilla? Ekelt Dich dieſe Welt des Ver raths, der Feigheit und Erbärmlichkeit nicht an, wie ſie mich anekelt, ſchaudert Deine Seele nicht zurück vor all' dieſem Jammer, dieſer Niedrigkeit und Treuloſigkeit, der wir jetzt überall begegnen? Oh, ich weiß es, Dein Herz iſt edel und rein und es verachtet die Gemeinheit und die Schlechtigkeit. Aber die Gemeinheit und die Schlechtigkeit iſt jetzt Herr der Welt. Laß uns ihr alſo entfliehen! Komm, meine Ge— liebte, komm, ich habe da oben in meinen Zimmern zwei Piſtolen. Sie treffen ſicher und ſind ſcharf geladen. Ein Druck meines Fingers und wir ſind frei, und unſere erlöſten Seelen ſpotten der erbärmlichen Welt und der ehrvergeſſenen feigen Menſchheit. Sag' Ein Wort, und ick gehe, unſere Freunde, die Piſtolen zu ſuchen, ſag', meine Camilla, daß Du mit mir ſterben willſt! Ich ſage, daß ich mit Dir leben will! rief ſie angſtvoll Du willſt alſo nicht ſterben? fragte er rauh. Nein, Ernſt! weshalb ſollte ich ſterben wollen? ſo jung und liebe das Leben, es hat mir nur Freude und Glück ge⸗ es hat mir Dich gegeben, Dich, welchen ich liebe, für den ich Ich bin noch geben, leben, den Preußens, dem Fein hin Du g Wiib Achſelzuck Fry E ſich dann beiden H Du? wa Ich die Ehre und nach Ein ſie woll ſie ihn G hatte ſie Ich ſlog dur hüt, un den Sal ſußen u Co hre El weiter hinaus Ke ihre E C und ihr hr Athem erührten. Ausduck ich warm 62 Du da Reinen, Minner. elebt, als icht mehr es Glas, ht flicken anekelt, „ dieſer Oh, ich jemeinheit tigkeit ſſt eine Ge⸗ len. Sie bin no Glick ge⸗ ir den i 267 leben, den ich glücklich machen will! Was kümmert mich das Unglück Preußens, da ich glücklich bin, was frage ich darnach, ob Breslau ſich dem Feinde ergiebt, da ich doch frei bin, frei, um Dir zu folgen, wo⸗ hin Du gehſt, frei, um ganz meiner Liebe, meinem Glück zu leben! Weiberherz, Weiberliebe! ſagte Prickler mit einem verächtlichen Achſelzucken. Ich wollt', ich wäre wie Du, dann könnten wir wie zwei Tauben recht glücklich ſein im duftenden Myrthengebüſch. Mein Herz aber hat etwas von der Adlernatur, es ſehnt ſich nach der Sonne, und da ſie hier auf Erden untergegangen iſt, ſo fliege ich ihr nach. Lebe wohl, Camilla! Lebe wohl! Gedenke mein und ſei glücklich! Er drückte einen raſchen glühenden Kuß auf ihre Lippen und wandte ſich dann haſtig der Thür zu. Camilla ſtürzte ihm nach, und mit ihren beiden Händen ſich an ihn anklammernd, rief ſie: Ernſt, wohin gehſt Du? was willſt Du thun? Ich gehe in das Land der Freiheit und ich will thun, was mir die Ehre gebietet! ſagte er, ihre Hände von ſeinem Arm fortſchleudernd und nach der Thür hinſtürzend, die er haſtig öffnete und hinauseilte. Ernſt, Ernſt! rief Camilla entſetzt, und ſie wollte ihm nacheilen, ſie wollte ihn zurückhalten, indem ſie ſich an ihn anklamwerte, indem ſie ihn zurückzog an ihr Herz. Sie ſtürzte nach der Thür hin,— unmöglich, ſie zu öffnen, er hatte ſie mit dem außen ſteckenden Schlüſſel verſchloſſen. Ich muß ihm nach, ich muß ihn retten! ſchrie Camilla, und ſie flog durch das Zimmer hin und öffnete da drüben die kleine Tapeten⸗ thür, und kaum mit den Füßen den Boden berührend, ſtürzte ſie durch den Salon, ihre Eltern gar nicht gewahrend, welche da auf dem Divan ſaßen und erſtaunt ſie nach dem Grund ihrer Eilfertigkeit fragten. Camilla achtete nicht auf ſie und eilte weiter, ſie ſah nicht, daß ihre Eltern ihr folgten, ſie hörte nicht ihre rufenden Stimmen. Weiter, weiter ging es durch die Säle dahin, jetzt hinaus auf den Corridor, hinaus auf den Flur, die Stiege hinauf. Keuchend, athemlos, bleich vor Angſt und Entſetzen folgten ihr ihre Eltern. Camilla ſah es nicht, ſie ſtürzte hin zu der Thür da oben, ſie ſchellte heftig, und wie die Thür ſich öffnete, wie der Bediente des Grafen Prickler erſtaunt und verwundert die junge Gräfin anſtarrte, flog ſie an ihm vorüber, den Corridor entlang nach der Thür, die zu ihres Geliebten Wohnzimmer führte. Aber dieſe Thür war verſchloſſen. Mit einem lauten Schrei des Entſetzens ſank ſie vor der Thür e auf ihre Knie nieder, athemlos, wie betäubt lehnte ſie ihre glühend heiße Stirn an das Holz an. Den Corridor herauf geſchritten kam jetzt der alte Graf mit ſeiner Gemahlin, ihnen folgte der Diener des Grafen Prickler. Mein Kind, mein Kind, murmelte die alte Gräfin, ſich zu ihrer Tochter niederbeugend. Was iſt geſchehen, weshalb biſt Du ſo bleich, weshalb weinſt Du? Camilla ſchaute zu ihr empor mit ſtrömenden Augen. Mutter, rief ſie mit lautem Schmerzenston, Mutter, er will ſich den Tod geben! Wer? fragte ihr Vater entſetzt. Mein Geliebter, mein Verlobter, hauchte ſie matt. Edler und ehrliebender wie wir, will er die Schmach des Vaterlandes nicht über⸗ leben. Da Breslau fällt, will er ſterben! Da ich nicht mit ihm ſterben wollte, hat er mich im Zorn von ſich geſtoßen, und iſt hinauf⸗ gegangen in ſein Sim um allein zu ſterben! Oh, Mutter, Vater, erbarmt Euch meiner Angſt! Helft mir, ihn erretten! der Graf wirklich hier? fragte Camillens Vater den Bedienten. Iſt er in jenem Zimmer? Ja, gnädiger Herr Graf. Vor einigen Minuten iſt mein Herr zu Hauſe gekommen. Ohne ein Wort zu ſagen, iſt er in ſein Zimmer gegangen und hat es hinter ſich verſchloſſen. Das iſt Alles, was ich weiß. Der alte Graf trat zu der Thür hin, und die Klinke erfaſſend, rüttelte er heftig an derſelben. Graf Prickler, öffnen Sie, rief er un geſtüm. Ihr Schwiegervater und die Mutter Ihrer Braut ſtehen vor Ihrer Thür und bitten um Einlaß. Oeffnen Sie alſo! Ernſt! Ernſt! flehte Camilla, ich liege vor der Schwelle Deiner Thür auf meinen Knieen und flehe Dich an um Erbarmen, um Nilleid. laß mich; Sie wegung de Aber wellen, ſt der alte« Schloſſer hiecher Anzeige Det In dem Mei Aultz i als mein ſ— Deine T kan, ſo nit ein das aus aber „ 10 nit ihm ſt binauf 269 Mitleid. Oh, verſchließe mir nicht Dein Herz und Deine Thür, oh Di ir ein, mein Geliebter! laß mich z1 e ſchwieg und horchte, ſie hoffte auf irgend ein Wort, eine Be⸗ da drinnen in dem Zimmer. Aber Alles blieb ſtill Wenn Sie unſern Bitten, unſern Wünſchen kein Gehör geben wellen, ſo werden wir uns mit Gewalt den Eingang erzwingen, rief der alte Graf heftig. Fräfin, wenn Sie auf uns nicht hören Mein Sohn, jammerte die( wollen, ſo haben Sie doch Erbarmen mit meiner Tochter, ſie wird ſterben vor Gram, wenn Sie ſich von ihr abwenden. Mein Ernſt, ich liebe Dich über Alles, ſtoße mich nicht von Dir, jammerte Camilla. Alles blieb ſtill, keine Stimme gab Antwort. Jetzt muß ich Gewalt brauchen, rief der alte Graf, ſeine Todes⸗ angſt unter dem Anſchein des Zorns verbergend. Eilen Sie zum Schloſſer, fuhr er fort, ſich an den Diener wendend, er ſoll ſofort hierher kommen und ſeine Werkzeuge mitbringen. Machen Sie auch Anzeige auf dem nächſten Polizeibureau. Der Diener ſtürzte fort mit lauten, geräuſchvollen Schritten.— In dem Zimmer da drinnen blieb Alles ſtill Mein Geliebter, rief Camilla, außer ſich, die Hände ringend, das Antlitz überſtrömt von Thränen, mein ich liebe Dich mehr als mein Leben! Was Du willſt, das ſoll geſcheben! Oeffne mir alſo Deine Thür, laß mich zu Dir ein! Wenn ich nicht mit Dir leben kann, ſo will ich mit Dir ſterben! Oh, bleibe nicht ſo ſtumm, gieb mir ein Zeichen Deines Lebens, ſage mir wenigſtens, daß Du mir verzeihſt, daß Du— Sie verſtummte, denn da drinnen in dem Zimmer erhob ſich auf einmal eine laute, volle Stimme, welche mit begeiſtertem Jubelton einen Geſang anſtimmte. Nicht ein Lied der Wehmuth und der Schmerzen, ſondern ein Lied des Zorns und des kühnen Männermuthes war es, das aus dem verſchloſſenen Zimmer ertönte. Die Worte dieſes Liedes aber lauteten: 2 70 Tod Du ſüßer, für das Vaterland! Süßer als der Brautgruß, als das Lallen Auf dem Mutterſchoß des erſten Kindes, Sei mir willkommen! Was das Lied nicht löſet, löſt das Schwert, Blinkend Heil, umgürte meine Hüften, Von der Schande kannſt Du Tapfre retten, Zierde der Tapfern! Der Geſang verhallte. Mit gefaltenen Händen lag Camilla auf ihren Knieen, in andachtsvollem Schweigen ſtanden ihre Aeltern hinter ihr.— Tiefe Stillen herrſchte jetzt. Auf einmal näherten ſich polternde Schritte; am Eingang des Corridors erſchien der Diener mit dem Schloſſer, der mit ſeinen Werk zeugen kam, die Thür zu öffnen. Der alte Graf winkte ihnen, in der Ferne ſtehen zu bleiben. Er hatte da drinnen in dem Zimmer Schritte gehört, er hoffte, Camillens Verlobter würde jetzt ihnen freiwillig die Thür öffnen. Eine Pauſe trat ein,— dann ertönte aus dem Innern des Zim⸗ mers ein lauter fürchterlicher Knall. Camilla ſtieß einen lauten Jammerſchrei aus, und ſank ohnmächtig zuſammen.— Eine Stunde ſpäter war es gelungen, die von innen verriegelte Thür zu öffnen. Vor ſeinem Schreibtiſch auf dem Lehnſtuhl ſaß Graf Prickler, un⸗ beweglich, das leichenfarbene edle Antlitz ruhig, unentſtellt; die Piſtole hielt er noch in der Hand. Er hatte gut getroffen. Die Kugel war ihm gerade durch das Herz gegangen.— Vor ihm auf dem Tiſch lag ein Blatt Papier, das folgende Worte enthielt: Letzter Gruß an meinen Eidgenoſſen Ferdinand von Schill! Treu dem Vaterland zu leben und zu ſterben haben wir gelobt. Das Vater land ſinkt ſchmachvoll nieder in den Staub, ich mag und will die Schande nicht überleben, ich ſterbe alſo! Lebt wohl, Ihr meine Eid⸗ das C ſr jed jett w gonz T Siege 271 genoſſen, lebt wohl, Schill und Staps, mögt Ihr glücklicher ſein als ich! Ich bin der Erſte von uns Dreien, welcher ſtirbt, weil er ver⸗ zweifelt an dem Vaterland. Werdet Ihr mich lange überleben? Ich bitte Gott, daß er Euch die Kraft dazu verleihe! Auf Wiederſehen! Ernſt von Prickler. Am andern Tage begann der Gouverneur von Breslau mit dem Feind zu unterhandeln. Am ſiebenten Januar 1807 öffnete Breslau den franzöſiſchen Truppen die Thore, die preußiſche Beſatzung ſtreckte das Gewehr. Auch Schleſien war jetzt die Beute des Siegers geworden; was Friedrich der Große für Preußen erobert, hatte Napoleon Preußen jetzt wieder entriſſen, und gedemüthigt, zerſtückelt und verblutend, wie ganz Deutſchland, lag Preußen zu den Füßen des großen triumphirenden Siegers. VII. Friedensverſuche. Der General von Zaſtrow, für den Augenblick jetzt der nominelle preußiſche Miniſter des Auswärtigen, ging mit haſtigen, unruhigen Schritten in ſeinem Gemach auf und ab. Sein ganzes Weſen drückte Sorge, Ungeduld und Unruhe aus. So oft er in ſeinem Auf- und Abgehen vor der Thür, die in das Vorzimmer führte, vorüber kam, blieb er ſtehen, und horchte, und ging dann wieder ſeufzend, und un⸗ willige Worte vor ſich hinmurmelnd, weiter. Aber endlich ſchien ſeine Erwartung ſich erfüllen zu ſollen, end⸗ lich vernahm er Schritte, welche ſich annäherten, die Thür ward geöffnet, und der Kammerdiener meldete den Herrn General von Köckeritz. Herr von Zaſtrow ging dem Gemeldeten lebhaft entgegen und dar. Ich danke Ihnen von ganzer reichte ihm ſeine beiden Hände Seele, Excellenz, daß Sie meinem dringenden Flehen nachgegeben haben, ſagte er innig, und ich flehe zugleich um Verzeihung, daß ich kühn war, Sie um Ihren Beſuch zu bitten. Aber da Ew. Excellenz mit den Majeſtäten in Einem Hauſe wohnen und der König Sie ſo oft und unerwartet beſucht, ſo glaube können wir uns hier ſchöner und ungeſtörter unterhalten. Sie haben Recht, mein lieber General, Conferenzen hier bei Ihnen zu halten. ſagte Herr von Köckeritz, es iſt beſſer, unſere Mein Zimmer hat überdies ſo dünne Wände, daß man außerhalb jedes Wort hören kann, was drinnen geſprochen wird. Ach, es iſt überhaupt eine elende Baracke, in welchem das Königspaar ſammt meiner armen Perſon hier zu Memel reſidiren müſſen! Niedrige, düſtere Zimmer, keine Eleganz, kein Comfort, Alles ſo eng, ſo düſter, ſo räucherig wie möglich, und dabei dieſe entſetzliche Kälte! Geſtern bei dem großen Schneegeſtöber lag der Schnee einen Finger dick auf dem Fenſterbrett im Gemach der Königin, und er ſchmolz nicht, ich verſichere Sie, er ſchmolz nicht! Und dabei iſt Ihre Majeſtät ganz ruhig und gefaßt, klagt niemals, äußert niemals Unzufriedenheit, ſondern ſucht immer dem König zu beweiſen, daß es ihr hier in Memel ſehr wohl gefällt, und daß Memel eine eben ſo ſchöne Reſidenz iſt, als Berlin. Ach, mein verehrteſter Freund, ſeufzte Herr von Zaſtrow, dieſe Ruhe der Königin, das iſt eben unſer Unglück! klagte ſie mehr, zeigte ſie mehr Ver⸗ * 6 Zufriedenheit und Wäre die Königin trauriger, zweiflung, ſo würden wir nicht verdammt ſein, hier an den äußerſten Grenzen Preußens zu ſitzen, ſondern könnten hoffen, vielleicht ſchon in vierzehn Tagen im Triumph in Berlin einzuziehen. In Berlin? fragte Herr von Köckeritz ganz erſtaunt. Aber Sie erzählen mir da ein Wunder, das ich nicht zu begreifen vermag. Oh, Ew. Excellenz werden es bald begreifen, lächelte Herr von Zaſtrow, wenn Sie nur die Güte haben wollen, mich ein wenig an⸗ zuhören. Ich verſichere Sie, mein Freund, ich bin ganz Ohr! Ich brenne vor Beg Tagen zurüc hat unſ ja beino unſere bequem in eine Baſcht verwün Ja dieſes K wir in den Go ſchen; hat un hörte wollte. welche uns„ N Mul G 273 vor Begierde zu wiſſen, wie wir es möglich machen ſollten, in vierzehn Tagen aus dieſem verwünſchten kalten Memel fort und nach Berlin zurück zu kommen. Nun, woran liegt die Schuld, daß wir überhaupt hier ſind? fragte Herr von Zaſtrow. Wer hat uns bis hierher vertrieben? Wer hat unſern edlen Herrn, den König, um ſein Land, um ſein Glück, ja beinahe ſchon um ſeine Krone gebracht? Wer trägt die Schuld, daß unſere ſchöne und liebenswürdige Königin mit Entbehrungen und Un⸗ bequemlichkeiten zu kämpfen hat, und ſtatt in ihrem Palaſt zu Berlin, in einem elenden feuchten Hauſe in Memel reſidiren muß, wo ſie den Baſchkiren näher iſt, als den gebildeten Menſchen? Der Krieg, der verwünſchte Krieg iſt an Allem Schuld! Ja, wäre man meinem Rath gefolgt, ſo würden wir das Unglück dieſes Krieges nicht erlebt haben, ſeufzte Herr von Köckeritz, ſo würden wir in Frieden und Einigkeit mit dieſem großen Mann geblieben ſein, den Gott geſandt hat, daß er die Welt unterjoche, und dem wider⸗ ſtehen zu wollen beinahe ſchon wie eine Gottesläſterung ausſieht. Er hat uns großmüthig oft genug ſeine Freundſchaft angeboten, aber man hörte damals mehr auf die Prahlereien der Garde⸗Lieutenants, und die Fanfaronaden des Prinzen Louis Ferdinand hatten leider einen Wiederhall gefunden in dem Ohr der Königin. Der Rath alter be⸗ ſonnener Officiere ward übertönt, und wider ſeinen Willen riß man den König fort zu dieſem Krieg, den wir mit den Niederlagen von Jena und Auerſtedt, mit dem Verluſt ſo vieler Feſtungen und Pro⸗ vinzen haben büßen müſſen. Und wer weiß, was noch ferner geſchehen mag, wer weiß, welches Unheil noch die Krone und das Leben Fried⸗ rich Wilhelms bedrohen mag. Nun, ſagte Herr von Zaſtrow mit einem ſpöttiſchen Lächeln, es hat ja den Anſchein, als ob das Glück ſich jetzt den Ruſſen zuwenden wollte. Denken Sie doch, verehrter Freund, an die großen Siege, welche der ruſſiſche General Bennigſen bereits gewonnen hat. Haben uns nicht am Neujahrstage vierundzwanzig blaſende Poſtillone in Kö⸗ nigsberg den ruſſiſchen Sieg von Pultusk verkündet? Ja, aber dieſe vierundzwanzig Poſtillone und dieſe emphatiſche Mühlbach, Napoleon. II. Bd. 18 —————— 274 Verkündigung war auch das Glänzendſte an dem ganzen Sieg, ſagte Köckeritz achſelzuckend. Bennigſen iſt damals von Napoleon nicht be⸗ ſiegt worden, ſondern er hat das Schlachtfeld wenigſtens mit Ehren behauptet, darauf reducirt ſich der ganze Sieg.*) Ja, aber jetzt feiern wir zum zweiten Mal einen großen, einen mächtigen Sieg. Jetzt am ſiebenten und achten Februar haben der ruſſiſche General Bennigſen und unſer General Leſtocq ja abermals über Napoleon und ſeine Marſchälle geſiegt. Sie wiſſen doch, daß Bennigſen hier angekommen iſt, um dem König und der Königin ſelbſt die Siegesnachricht von der Schlacht bei Eylau zu überbringen? Ja, ich weiß, ſagte Köckeritz achſelzuckend. Aber ich weiß auch, was wir von dieſen neuen Siegesnachrichten zu halten haben. Die Ruſſen, mein verehrter Freund, ſind ſehr freigebig mit ihren Sieges⸗ bülletins, und wenn ſie in der Schlacht nicht alleſammt maſſacrirt worden ſind, ſo ſchreien die letzten Zehn, welche übrig bleiben, immer: „Sieg! Sieg! Wir haben die Schlacht gewonnen!“ Dieſer Sieg bei Eylau iſt aber noch problematiſcher, als der bei Pultusk. Ich bitte, mir zu ſagen: wer hat denn bei Eylau zuletzt das Schlachtfeld be⸗ hauptet? Napoleon uun Franzoſen natürlich! Und wer hat ſich von Eylau gen Königsberg zurückgezogen? General Bennigſenmit ſeinen Ruſſen! Und dieſe Ruſſen haben dennoch die Vermeſſenheit, von einem Siege zu ſprechen! rief General Köckeritz achſelzuckend. Für dieſe Leute erſcheint es ſchon als ein Sieg, wenn Napoleon, ſtatt ſie auf ihrem Rückzug zu verfolgen, ruhig ſtehen bleibt ugd ihnen Zeit gönnt zu entkommen. Sie jubeln und triumphiren deshalb, weil ſie an dieſer Lauheit Napoleons, an ſeinem ungewohnten Stehenbleiben erkennen, daß auch er der Ruhe und der Erholung bedarf, ſagte Herr von Zaſtrow. Der rauhe Winter, die ſchlechten Quartiere, Hunger und Durſt haben die Kräfte der großen Armee ſehr erſchöpft, und der Löwe möchte ein *) Siehe: Häuſſer. III. S. 81. werig um de will d dem i . dig er einer eben führ fönn Stun umi ehrtet rathſ unſer liche noch 1, einen ben der h, daß gin ſelbſt 275 wenig ausruhen. Deshalb,— jetzt bin ich zu dem Punkt gelangt, um deſſentwillen ich Ew. Excellenz um Ihren Beſuch bat,— deshalb will der große Napoleon Friede machen. Der Sieger von Jena bietet dem überwundenen König von Preußen Frieden an. Wie? Sie glauben das, General? fragte Herr von Köckeritz freu⸗ dig erſtaunt. Ich glaube das nicht, ich weiß es, ſagte Herr von Zaſtrow. Vor einer Stunde iſt General Bertrand hier in Memel eingetroffen, und eben hat er ſich mir vorgeſtellt mit der Bitte, ihn beim König einzu⸗ führen, damit er ihm das eigenhändige Schreiben Napoleons übergeben tönne. Ich habe dem General geſagt, daß ich ihm in einer halben Stunde meinen Gegenbeſuch machen und ihn ſodann abholen würde, um ihn zu Sr. Majeſtät zu führen. Dieſe halbe Stunde aber, ver⸗ ehrter Freund, wollte ich dazu benutzen, um mit Ihnen zu be⸗ rathſchlagen. Und General Bertrand brachte Ihnen die Nachricht, daß Napolebn unſerm König auf's Neue Friedens⸗Anträge macht? Ja, Ercellenz. General Bertrand hat mir den Inhalt des kaiſer⸗ lichen Schreibens mitgetheilt. Der Löwe von Jena bietet großmüthig noch einmal ſeine Hand zum Frieden dar. Wir müſſen Alles thun, damit der König den Frieden annimmt, rief General von Köckeritz haſtig. Sie, Excellenz, ſind der einzige Mann, der die Macht haben könnte, den König zu dieſem Entſchluß zu bringen, ſagte Herr von Zaſtrow. Sie müſſen die Güte haben, dem König begreiflich zu machen, daß den Krieg mit Frankreich fortſetzen, eben ſo viel heißt, als den Untergang Preußens mit Gewalt herbeiführen. Wenn der König auch jetzt nicht den Frieden annimmt, den Napoleon ihm bietet, ſo iſt er verloren, denn der Kaiſer wird es ihm nicht verzeihen, daß er ſo hart⸗ näckig iſt in ſeiner Feindſchaft, und da Preußen nicht in Frieden mit ihm leben will, wird Napoleon Preußen vernichten, um endlich Ruhe zu haben. Ich werde dem König nicht drohen mit der Stärke ſeines Feindes, ſagte Köckeritz achſelzuckend, denn das hieße den Stolz Sr. Majeſtät 18 ——— 276 anrufen und ſein Ehrgefühl zum Widerſtand reizen. Aber ich werde ihn aufmerkſam machen auf die Schwäche ſeines Freundes, auf die Schwäche und Unzuverläſſigkeit Rußlands. Ich werde ihm ſchildern, wie unſere Freunde, die Ruſſen, in den Gegenden, welche ſie jetzt in Preußen beſetzt haben, wüthen, rauben und plündern, ſo daß die Ein⸗ wohner auf ihren Knieen zu Gott emporflehen, er möge den Franzoſen den Sieg verleihen, damit dieſe kommen, ſie von den Ruſſen zu be⸗ freien.*) Ich werde ihm ſagen, daß die Noth und die Plage, die der preußiſche Landmann unter dem Drucke des Kantſchus erleidet, unaus⸗ ſprechlich iſt, daß die Leute in den Dörfern ſo rein ausgeplündert ſind, daß ſie ſich das Wenige, wovon ſie leben, von den Koſacken, die ihnen ihr Hab und Gut geraubt haben, erbetteln müſſen. Daß viele aber vor Hunger ſterben und daß man in mehreren Dörfern, wo jetzt unſere Truppen eingerückt ſind, in den Häuſern unbegrabene Leichen gefunden hat.**) Und vor allen Dingen werde ich Se. Majeſtät beſchwören, kein Vertrauen zu ſetzen in die ruſſiſche Freundſchaft! Was auch der ruſſiſche Kaiſer ſagen mag von ſeiner Freundſchaft und ſeiner Treue, und wie ernſt es ihm auch mit ſeinen Zuſicherungen ſein mag, er hat doch nicht die Macht, ſeinen Willen durchzuſetzen und an dem Wider⸗ ſtand ſeiner Generäle und ſeines Bruders werden alle ſeine Entſchlüſſe ſcheitern. Der Großfürſt Conſtantin und der größte und mächtigſte Theil des ruſſiſchen Adels begehrt den Frieden mit Frankreich, und er wird, da auch ſein Bennigſen ſeine Geſinnung theilt, keine Intriguen, keine Ränke unverſucht laſſen, um den Kaiſer für ſich zu gewinnen und ihn in Verlegenheiten zu ſtürzen, aus denen er ſich zuletzt nur durch einen Frieden mit Frankreich retten kann. Und dieſer Frieden wird dann auf Koſten Preußens abgeſchloſſen werden; über der Leiche Preußens werden Rußland und Frankreich ſich verſöhnt die Hände reichen! Man ſieht es ja ſchon jetzt, was wir von dieſer ruſſiſchen Hülfe zu erwarten haben! Sie thun nichts, um Preußen wirklich bei⸗ *) Höpfner. III. S. 127. **) Häuſſer. III. S. 113. ——— zuſtehe eigenen um die zu näl Ruſſen ſie zur abet ſ ſich ſe ( Grun ſie w nicht Benni nochz um ih gemad eiſt er ein g Entſe euti Fried Verth Sie: ed nu nomn Geſet Ville Benn bekon Lrd D Ver „ hat Wibel⸗ . tſchlüſte nächtigſte 277 zuſtehen, ſondern Alles, was ſie thun, geſchieht doch nur zu ihrer eigenen Sicherung. Anfangs wohl ſind ſie vorgegangen, aber nur, um die Franzoſen zu verhindern, ſich noch weiter den ruſſiſchen Grenzen zu nähern. Seitdem aber, trotz der Schlacht von Pultusk, ſind die Ruſſen immer zurückgegangen, obwohl kein Feind ſie drängte. Indem ſie zurückgingen, verfolgten ſie ihre eigenen Pläne und Zwecke, dieſe aber ſind: die Provinz Preußen zu verwüſten und durch dieſe Wüſte ſich ſelbſt gegen Frankreich zu decken. Es iſt wahr, ſagte Herr von Zaſtrow, die Ruſſen richten uns zu Grunde, indem ſie ſich den Anſchein geben, uns zu unterſtützen. Wenn ſie wirklich ehrliche und treue Bundesgenoſſen wären, müßten ſie da nicht Alles thun, um uns Danzig zu erhalten? Wohl hat General Bennigſen das Verſprechen gegeben, den Platz, wenn er ſich nur noch zwei Monate halten kann, zu entſetzen. Aber was thut er jetzt, um ihn zu entſetzen? Nichts, gar nichts! Wir haben ihm Vorwürfe gemacht, er hat ſeine Unthätigkeit damit entſchuldigt, die Armee müſſe erſt ergänzt und gekräftigt ſein. Er giebt zu, daß der Fall von Danzig ein großes Unglück ſein würde, aber er weigert ſich, irgend etwas Entſcheidendes zum Entſatz von Danzig zu thun. Wenn wir die zwei⸗ deutige ruſſiſche Freundſchaft alſo nicht aufgeben, wenn wir nicht jetzt Frieden machen mit Frankreich, ſo wird Danzig verloren gehen, ſo müſſen auch Colberg und Graudenz fallen, trotz ihrer heldenmüthigen Vertheidiger Schill und Colomb. Oh, mein verehrter Freund, ich bitte Sie um des Himmels willen, machen Sie alſo, daß der Friede, wenn er nur unter irgend erträglichen Bedingungen geboten wird, ange⸗ nommen werde. Wir werden durch dieſe Ruſſen doch nicht befreit! Geſetzt ſelbſt, daß ein anderer Feldherr, als der jetzige, mit beſſerem Willen nach ſeinen ſogenannten Siegen ebenſo vorwärts marſchirt, als Bennigſen rückwärts, ſo würden wir doch kein Land durch ihn wieder bekommen, ſondern eine Wüſte. Möge der König uns doch glauben, daß dieſe Ruſſen durchaus nichts für uns thun, daß ſie nur unſer Land verwüſten und ausſaugen wollen, um ſich dadurch zu decken. Der edle Kaiſer Alexander mag befehlen, was er will, es wird doch 278 nichts geſchehen! Wir hier mögen uns zu Tode ſchreiben und ſchreien, es wird nichts helfen!*) Aber wenn wir den König auch vielleicht überzeugen könnten, ſagte Herr von Köckeritz, wie ſollen wir es anfangen, die Königin umzu⸗ ſtimmen? Ihr ſonſt ſo edles Herz iſt mit glühendem Haß erfüllt gegen den Kaiſer Napoleon, und ſie glaubt und vertraut der Freundſchaft des ruſſiſchen Kaiſers. Wollen Sie es übernehmen, Excellenz, den König umzuſtimmen und ihn für den Frieden mit Frankreich zu gewinnen? Ich glaube das übernehmen zu können, ſagte Köckeritz nach einigem Nachdenken. Nun, ich übernehme es dagegen, die Königin dahin zu bringen, daß ſie wenigſtens zu der neuen Ordnung der Dinge ſchweigt und nicht mehr ſo glühend für die Allianz mit Rußland ſich verwendet. Ich möchte wiſſen, durch welche Zaubermittel ſie dies Wunder zu vollbringen gedenken! Durch ein ſehr einfaches Mittel, Excellenz. Ich werde meine Nichte, die Comteſſe Truchſeß, welche nicht blos die Hofdame, ſondern auch die Vorleſerin der Königin iſt, veranlaſſen, Ihrer Majeſtät die neueſten Nummern des Berliner Telegraphen vorzuleſen, die ich ſo eben erhalten habe.— Das klingt wie ein Räthſel, aber es iſt keins. Dieſes Journal enthält Dinge und Anſchuldigungen gegen die Königin, welche, wie es mir ſcheint, es ihr unmöglich machen, noch länger ſich ſo laut und öffentlich für die Allianz mit dem ruſſiſchen Kaiſer zu er⸗ klären. Ihre Majeſtät muß daher dieſe Artikel kennen, ſie muß wiſſen, welche Deutung die öffentliche Meinung, oder wenn Sie wollen, die böſe Welt, ihrem lebhaften und glühenden Enthuſiasmus für die ruſſiſche Allianz giebt. Die Königin muß das in dieſer Stunde er⸗ fahren, damit ſie in dieſer Kriſis nicht hemmend eingreift in das Rad der Ereigniſſe. Wir müſſen ihr die Hände binden, damit ſie nicht das Werk zerſtöre, das wir ſo mühſam aufrichten. Während Sie jetzt zum König gehen, Excellenz, um ſein Ohr und ſein Herz zu beſtürmen mit *) Siehe: Häuſſer. III. S. 113, und Schladens Tagebuch. S. 172. Ihren den G Vorſchl Nichte, ükel a noch ſ ſollte, nicht die V die 7 ſogu leund Vohl ihren etſter Zaſt ſie e Sor und Mun Beiſt uns den und Gri ſſt e ſein unſe mge 279 Ihren edlen und überzeugenden Worten, während ich alsdann ſpäter den General Bertrand zu Sr. Majeſtät führe, um ihm die Friedens⸗ Vorſchläge und den Brief Napoleons zu überbringen, wird meine Nichte, die Gräfin Truchſeß, der Königin dieſe verhängnißvollen Ar⸗ tikel aus dem Telegraphen vorleſen, und wenn dann wirklich der König noch ſchwanken und die Anſicht ſeiner Gemahlin zu hören wünſchen ſollte, ſo wird die Königin ſicherlich in ihrer gerechten Indignation nicht für Denjenigen das Wort ergreifen wollen, um deſſentwillen ſie die Verleumdungen der Welt zu ertragen hat. Sie wird bereit ſein, die Allianz mit Rußland aufzugeben. Gebe Gott, daß Sie ein richtiger Prophet ſ General, ſagte Herr von Köckeritz. Die Königin iſt indeſſen ſo großſinnig, daß ſie ſogar im Stande ſein könnte, ſich über perſönliche Unbill und Ver— leumdungen hinweg zu ſetzen, wenn ſie glaubt, daß es ſich um das Wohl des Vaterlandes handelt. Ich glaube, daß die Ehre Preußens ihr noch höher ſteht, als ihre eigene Ehre, und daß, wenn ſie die erſtere gefährdet hält, ſie im Stande wäre, ſich ſelbſt zu opfern. Ich glaube, Exrcellenz, daß Sie darin irren, ſagte Herr von Zaſtrow lächelnd. Die Gemahlin Friedrich Wilhelms iſt, außer daß ſie eine hochſinnige Königin iſt, doch eine Frau, welche mit ängſtlicher Sorgfalt ihren Ruf, ihre Tugend bewacht, und um ihres Mannes und ihrer Kinder willen keinen Schatten auf ihrer Ehre dulden wird. Nun, wir werden ja ſehen, wer von uns Beiden Recht hat, Excellenz. Es iſt die höchſte Zeit, daß wir an's Werk gehen. Da Sie mir Ihren Beiſtand zugeſagt haben, bin ich guten Muthes, und hoffe, daß es uns gelingen wird, dem armen, gemarterten Preußen endlich den Frie⸗ den zu geben! Gehen Sie alſo, Ercellenz, ſuchen Sie durch die Kraft und Kunſt Ihrer Beredtſamkeit den König zu überzeugen, ich werde zur Gräfin Truchſeß gehen, um ihr das Journal zu bringen, und dann iſt es die höchſte Zeit, den General Bertrand mit ſeinem Brief und ſeinen Friedens⸗Vorſchlägen zum König zu führen! Nun, möge Gott unſerm Beginnen ſeinen Segen geben, und Preußen endlich Frieden machen mit dem corſiſchen Löwen! MII. Die Verleumdungen. Königin Louiſe war in ihrem Cabinet, und damit beſchäftigt, die Briefe und Zeitungen zu leſen, welche der eben angekommene Courier ihr aus Berlin mitgebracht hatte. Mit haſtigen Blicken überflog ſie eine nach der andern dieſer Zeitungen, und wandte ſich dann wieder den Briefen zu, die noch uneröffnet vor ihr lagen. Ihr gegenüber, an der andern Seite des kleinen Tiſches, der vor dem Divan ſtand, ſaß die junge Comteſſe Truchſeß, welche ſo eben die Zeitungen und Briefe der Königin gebracht hatte, und jetzt ſich damit beſchäftigte, die Blätter auseinander zu ſuchen und zu ordnen. Die Königin las dabei ihre Briefe, während des Leſens erhellten ſich ihre Züge immer mehr und ihre bleichen Wangen überhauchte ein ſanftes Roth. Die Königin hatte ſich eben erſt erholt von einer ſchweren und gefährlichen Krankheit, die ſie bald nach ihrer Ankunft in Königsberg überfallen. Die Leiden und Sorgen, welche ihre muthige Seele mit ſo viel Standhaftigkeit und Heldenmuth ertrug, hatten aber ihren Körper darniedergebeugt; ſchwächer wie ihre Seele, war er unter der Laſt ihres Kummers erlegen. Ein Nervenfieber hatte die Königin Wochen lang an ihr Laher gefeſſelt; es hatte ihr wenigſtens den Troſt gewährt, daß es ihr das Bewußtſein ihres Unglücks nahm und ſie in beglückenden Phantaſieen die entſchwundenen Tage des Glücks noch einmal durchleben ließ. Während ſie träumte und in ihren Fieberphantaſieen ſich glücklich wähnte, war das Unglück in immer drohenderen und ſchwärzeren Ge⸗ witterwolken herangezogen; Louiſe hatte es nicht bemerkt; ſie hatte es nicht erfahren, daß die Franzoſen immer näher gen Königsberg heran⸗ drängten, und daß es dort keine Sicherheit mehr gab für die unglück⸗ liche Königsfamilie. Sie hatte es nicht bemerkt, daß man ſie, die Fieberglühende, von ihrem Lager emporgehoben, um ſie in den Reiſe⸗ wagen z ihren W hatte ma Wangen Wogen nizin li ihrem Ab Geneſu Nochric ihrer G nur ſch noch bl zu ſein A zurücke heter 2 wieder laſſen erzählt Feſtun Schaa gelung Colber den G dez der F ſie er und a troſte ieſill hoch 2 281 wagen zu tragen, der ſie nach Memel bringen ſollte. Man hatte ihren Wagen zu einem Krankenbett umgewandelt, und in demſelben hatte man die Königin gebettet. Sie lag in den Kiſſen mit glühenden Wangen, mit weitgeöffneten, glänzenden Augen, und während der Wagen raſch dahin rollte auf der Straße gen Memel, ſang die Kö⸗ nigin liebliche Wiegenlieder, oder ſprach mit hochathmender Bruſt von ihrem Glück und ihrer Seligkeit.*) Aber endlich war die Krankheit von ihr gewichen, und mit der Geneſung war ihr auch das Bewußtſein zurückgekehrt. Alle die trüben Nachrichten, welche ihre Krankheit ihr verheimlicht hatte, waren mit ihrer Geneſung auf ſie eingedrungen, und deshalb hatte ſie ſich auch nur ſchwer und langſam erholt, deshalb waren ihre Wangen auch jetzt noch bleich, deshalb war ihr Auge minder klar und hell, wie es ſonſt zu ſein pflegte. Aber in dieſer Stunde, wie geſagt, war das Roth auf ihre Wangen zurückgekehrt und ihre Augen glänzten wieder in dem milden Feuer frü⸗ herer Tage. Die Nachrichten, welche die Briefe enthielten, hatten doch wieder einen Schimmer von Hoffnung in ihrer Seele aufdämmern laſſen und ihrem wunden Herzen einigen Balſam gewährt. Dieſe Briefe erzählten ihr von den tapferen Vertheidigern der noch nicht gefallenen Feſtungen, von dem tollkühnen Ferdinand von Schill, der mit ſeinen Schaaren den Feind ſo vielfach beunruhigte, und dem es erſt kürzlich gelungen, auf einem ſeiner Streifzüge, die er in der Umgegend von Colberg gemacht, einen der commandirenden Generäle der Belagerer, den General Victor, gefangen zu nehmen. Sie erzählten ihr von Grau⸗ denz, deſſen Commandant geſchworen, ſich lieber unter den Trümmern der Feſtung begraben zu laſſen, als ihre Thore dem Feinde zu öffnen; ſie erzählten ihr auch von Danzig, das ſich noch immer muthvoll hielt und auf den verheißenen ruſſiſchen Entſatz hoffte. Und noch andere troſtvolle Nachrichten enthielten dieſe Briefe; die Königin erfuhr durch dieſelben, daß auch in den unteriochten Städten und Provinzen doch noch immer das Gefühl der Liebe und Treue für den König und die 8) Königin Louiſe. S. 293. 282 Königin lebendig geblieben, daß namentlich Berlin, von dem man der Königin geſagt, es habe ſich mit freudigem Enthuſiasmus Napoleon zu Füßen gelegt, daß Berlin ſich nur widerſtrebend und mit finſterem Schweigen dem Willen des Machthabers füge und ſehnlich der Stunde der Erlöſung harre. Oh, ich wußte es wohl, ſagte die Königin hochathmend, indem ſie den letzten ihrer Briefe bei Seite legte, ich wußte es wohl, daß die Liebe und die Treue der Berliner uns gehörte. Ich habe niemals an ihnen gezweifelt, und wie ſollte ich auch! Diejenigen, welchen man ein Herz voll Liebe entgegenträgt, werden dadurch gewiſſermaßen gezwungen, dieſe Liebe zu erwiedern. Der König und ich haben Berlin immer ge⸗ liebt und immer auf ſeine Treue gehofft. Wie freut es mich alſo, jetzt zu hören, daß unſere Hoffnungen ſich eines Tages erfüllen werden. Jetzt freilich iſt es noch Nacht, finſtere, ſtürmiſche Nacht, aber der Tag wird kommen und die wiederaufgehende Sonne wird alle Stürme ver⸗ jagen und alle Finſterniß durchleuchten. Sie ſchütteln das Haupt, Gräfin Truchſeß? Sie glauben nicht an meine glücklichen Prophe⸗ zeihungen? Ich glaube nicht an die Treue der Berliner, Majeſtät, ſeufzte die Comteſſe. Es iſt ein leichtſinniges, wetterwendiſches Volk, das heute Diejenigen verläſtert und ſchmäht, die es geſtern mit ſo vielem Fug und Recht angebetet und verehrt hat. Die Königin erbleichte. Mein Gott, ſagte ſie matt, indem ſie in den Divan zurückſank, ich fühle es an dem ängſtlichen Klopfen meines Herzens, daß Sie mir irgend eine ſchlimme Nachricht mitzutheilen haben. Sprechen Sie! Was iſt es? Nein, gnädigſte Königin, befehlen Sie mir vielmehr zu ſchweigen, ſagte die Hofdame bittend. Ew. Majeſtät ſind ſo bleich geworden, daß ich fürchte, irgend eine Aufregung könnte Ihren zarten Nerven ſchaden, Sie bedürfen der Ruhe, der Schonung, Majeſtät, und dann— was kümmern Ew. Majeſtät die Verleumdungen und Schmähungen der bos⸗ haften Menge? Solche Pfeile prallen an der reinen, erhabenen Götter⸗ ſtirn Ew. Majeſtät ganz wirkungslos ab. Oh, ſagte die Königin mit einem matten Lächeln, Sie machen es nit mir, nach dem geheinniß Verleund Nur Perleumd meinem und die Es wit ath man Ih Spreche Gn geſehen, Wo die Red Noch ei M da hieg Vorleſt A druckte entziehe wil ſie U entſchl G Muth werden Iinne . icht Dig t finſteren er Stunde indem ſie 283 mit mir, wie der Jäger Robert mit dem Grafen in Schillers Gang nach dem Eiſenhammer. Sie reizen meine Neugier durch Ihre dunklen, geheimnißvollen Worte und Andeutungen, und ſprechen von boshaften Verleumdungen, die Sie mir doch nicht nennen. Nur mit dem Unterſchied, Majeſtät, daß der Jäger Robert ein Verleumder war und ſelbſterfundene Lügen erzählte, während ich zu meinem großen Glück nur von den boshaften Lügen Anderer ſprach und die Verleumdungen in tiefſtem Herzen verachte. Es iſt doch alſo von Verleumdungen die Rede, rief die Königin mit athemloſer, gepreßter Stimme. Sprechen Sie, Comteſſe. Was hat man Ihnen geſchrieben? Welche Verleumdungen hat man ausgeſtreut? Sprechen Sie, ich will es! Gnädige Königin, man hat mir nichts geſchrieben; ich habe nur geſehen, was leider ſchon Tauſende geſehen haben. Was haben Sie geſehen? rief die Königin zürnend. Wovon iſt die Rede? Sprechen Sie weniger räthſelhaft, wenn ich bitten darf. Noch einmal, was haben Sie geſehen? Majeſtät, ich habe die Broſchüren und Journale geſehen, welche da liegen, und ich bitte Ew. Majeſtät, mich heute gnädigſt von der Vorleſung dieſer unwürdigen Blätter dispenſiren zu wollen. Ach, das iſt es alſo! rief Louiſe, ihre beiden Hände auf die ge⸗ druckten Blätter legend, welche die Comteſſe ſich den Anſchein gab, ihr entziehen zu wollen. Dieſe Papiere enthalten die Verleumdungen. Ich will ſie kennen, ich muß ſie kennen. Leſen Sie, Comteſſe! Und die Königin ſchlug die Arme ineinander und lehnte ſich mit entſchloſſenem Ausdruck in den Divan zurück. Gnade, Majeſtät! Ich fürchte, meine Lippen werden nicht den Muth haben, dieſe unwürdigen Zeilen zu leſen, und Ew. Majeſtät werden mir zürnen, wenn ich Ihren Befehlen folge und die Luft dieſes Zimmers mit dem Klang dieſer elenden Verleumdungen erfülle. Nein, nein, rief die Königin ungeduldig, ich zürne Ihnen gar nicht! Sie thaten ja nur Ihre Schuldigkeit, indem Sie mich auf dieſe Dinge aufmerkſam machten, und da Sie einmal die Pflicht übernommen 284 haben, meine Vorleſerin zu ſein, ſo erfüllen Sie jetzt Ihre Pflicht, leſen Sie! Was ſind es für Druckſchriften, welche man uns geſandt hat? Majeſtät, ſagte die Gräfin beklommen, da iſt zuerſt eine Broſchüre. Sie führt den Titel:„Die wahrhafte Erzählung der Zuſammen⸗ kunft des Kaiſers Alexander mit dem König von Preußen beim Grabe Friedrichs des Großen.“*) Leſen Sie, wiederholte die Königin kurz. Es iſt immer gut, die wahrhafte Erzählung deſſen zu hören, was man ſelbſt erlebt hat. Und ohne einen Laut, ohne nur mit den Wimpern zu zucken, hörte die Königin jetzt der Vorleſung dieſer Broſchüre zu, welche in hämi⸗ ſcher und unwürdiger Weiſe jene Scene am Grabe Friedrichs beſprach und den Ernſt derſelben in gemeinen Scherz zu verwandeln ſtrebte. Nun, ſagte die Königin aufathmend, als die Lectüre beendet war, wenn das das Schlimmſte war, bin ich beruhigt. Daß man uns ſchmäht und höhnt, müſſen wir uns gefallen laſſen, und ich verzeihe Denen, welche mich als kriegsluſtige Jeanne d'Arc dem Hohn der Welt preisgeben wollen, von ganzer Seele. Das Schickſal hat mir nicht verſtattet, ſtill und unbemerkt im Schatten meines häuslichen Glückes leben zu können. Eine Königin ſteht da einſam und allein auf der Höhe, ſie wird von Jedermann geſehen, von Jedermann beobachtet, und es iſt daher ganz natürlich, daß ſie auch mehr angefeindet und gehaßt wird, als andere Frauen, beſonders, wenn ſie unglücklich iſt. Denn den Königen verzeiht man es niemals, wenn ſie auch menſch⸗ lichem Fehlen und Irren unterworfen ſind, und ihr Unglück rechnet man ihnen immer als Schuld an. Mögen die Boshaften uns alſo immerhin verſpotten, die Guten werden uns um deſto mehr lieben und deſto mehr Theilnahme für uns hegen. Leſen Sie weiter, Comteſſe. Was für Druckſachen haben wir noch ſonſt erhalten? Nichts weiter, Majeſtät, als einige Nummern des Telegraphen. Ach, leſen Sie, rief die Königin lebhaft, von dieſem Journal fürchte ich keine Verleumdungen. Der Redacteur deſſelben, Herr Pro⸗ feſſor Lang, iſt ein guter Patriot, und ich hatte ihm deshalb auch ver⸗ *) Schladens Tagebuch, S. 29. ſprochen, zu leihen ſchers ge von Ber Uber vie und ich gehalten Un ſtrafen die Cor D welche! geweſen Sie min En Ja Di Sümm Gema von R bündni — wie ei O ſein. V haben, es Ih U ſchmac die An ſchzft fücht, leſen eſandt hat? Broſchüre. Zuſammen⸗ eim Grabe e in hämi⸗ s beſprach feindet und lücklich iſt. 285 ſprochen, ihm das Portrait des Königs, das ich im Medaillon trage, zu leihen, damit er ſeinen Leſern ein gutes Bild ihres geliebten Herr⸗ ſchers gebe.*) Die unglücklichen Ereigniſſe und meine Entfernung von Berlin haben mich verhindert, mein Verſprechen zu erfüllen. Aber vielleicht wird auch für uns wieder eine beſſere Zeit kommen, und ich werde dann allen Denen lohnen können, welche treu an uns gehalten haben. Und Ew. Majeſtät werden dann auch hoffentlich alle Diejenigen ſtrafen können, welche ſich treulos und verrätheriſch gezeigt haben, rief die Comteſſe heftig. Die Königin ſchüttelte leiſe ihr Haupt. Nein, ſagte ſie, Denen, welche Uebles gethan, will ich verzeihen, und Diejenigen, welche treulos geweſen, will ich ihrem Bewußtſein überlaſſen. Nun, Comteſſe, leſen Sie mir etwas aus dem Telegraphen! Ew. Majeſtät befehlen es? Ja, ich befehle es! Die Gräfin nahm das erſte dieſer Blätter und mit bebénder Stimme las ſie:„Freimüthige Darlegung, weshalb die Königin ihren Gemahl wider ſeinen Willen gezwungen, eine Allianz mit dem Kaiſer von Rußland einzugehen und mit dem ſchönen Alexander ein Liebes⸗ bündniß zu ſchließen.“ Die Königin zuckte zuſammen und eine tödtliche Bläſſe legte ſich wie ein Schleier über ihr Angeſicht hin. Oh, meine Königin, rief die Gräfin flehend, laſſen Sie es genug ſein. Ich habe nicht den Muth, weiter zu leſen. Wenn ich den Muth habe, zu hören, müſſen Sie auch den Muth haben, zu leſen, ſagte die Königin faſt rauh. Leſen Sie, ich befehle es Ihnen! Und die Gräfin las. Leiſe und mit zitternder Stimme las ſie die ſchmachvolle und fürchterliche Anklage, welche jene Blätter enthielten, die Anklage, welche die edle und reine Königin einer glühenden Leiden⸗ ſchaft für den Kaiſer Alexander beſchuldigte.**)„Die Königin Louiſe, *) Eylert, II. S. 38. **) Schladens Tagebuch, S. 47. 286 hieß es an einer Stelle, die Königin Louiſe war es, welche das Bünd⸗ niß mit Rußland wollte, weil ihr Herz einen Bund mit dem ſchönen Kaiſer geſchloſſen, und am Grabe Friedrichs des Großen gab ſie ſich im Beiſein ihres Gemahls mit dem ſchönen Freund ihres Herzens ein letztes Rendezvous, dort erhielt das Herzensbündniß ſein Siegel auf⸗ gedrückt durch den glühenden Kuß, den Alexander auf Louiſens bren⸗ nende Lippen preßte.“ Die Königin ſtieß einen Schrei aus und flog wie eine gereizte Löwin von ihrem Sitz empor. Das iſt nicht wahr, das ſteht nicht da! rief ſie, glühend vor Erregung. Die Hofdame reichte ihr ſchweigend das Blatt dar. Loniſe ergriff es haſtig, aber ihre Hände zitterten ſo ſehr, daß das Papier, welches ſie hielten, flatterte und kniſterte und die Buchſtaben wild durchein⸗ ander tanzten. Aber ſie zwang ihre Hände ruhig zu ſein und ihre Blicke zu leſen. Während ſie dann aber las, quoll es wie ſchmerzhaftes Todesgeſtöhn aus ihrer Bruſt hervor und ein ſeltſames Zucken und Beben flog durch ihre Züge. Es iſt wahr, ich bin geſchmäht, in den Staub geſchleudert, ſchrie ſie mit herzzerreißendem Jammerton, das Papier weit von ſich ſchleu⸗ dernd. Man will mir das letzte nehmen, was noch mein iſt, meine Ehre und meinen guten Namen, man will mich der Verachtung und dem Hohn der Welt preisgeben. Oh, dieſe Schmach iſt trauriger und fürchterlicher, als alles Unglück und alle Leiden! An dieſer Schmach ſterbe ich! Sie ſchlug ihre beiden Hände vor ihr Antlitz und weinte bitterlich. Die Thränen quollen in hellen Tropfen zwiſchen ihren Fingern hervor und fielen nieder auf ihr ſchwarzes Gewand, als wollten ſie daſſelbe ſchmücken mit funkelnden Brillanten. Die Comteſſe Truchſeß hatte Mitleid mit dem Schmerz der Kö⸗ nigin, ſie raffte leiſe die noch übrigen Blätter zuſammen und wollte ſich entfernen. Aber das Geräuſch ihrer Schritte weckte die Königin aus der ihren A Bl Und als ſelber z ſagte Le kannten Lſen 6 D welche mit an nigin e geneigt ſeine G ſchaftli Alexan bidz ſein; hielt klamn blickte und g beweg zuglei dem ſchönen gab ſie ſich egel auf⸗ ſens bren⸗ gereizte end vor welches d durchein⸗ zu leſen. desgeſtöhn 287 aus der Betäubung ihres Schmerzes. Sie ließ raſch die Hände von ihrem Antlitz gleiten und trocknete ihre Thränen. Bleiben Sie, ſagte ſie, leſen Sie weiter, ich will Alles hören!— Und als die Hofdame ſich ſträubte, als ſie die Königin beſchwor, ſich ſelber zu ſchonen und ihr Ohr den Verleumdungen zu verſchließen, da ſagte Louiſe ernſt und gebieteriſch: Ich will Alles wiſſen! Die unbe⸗ kannten Schreckniſſe ſind noch ſchlimmer als die, welche man kennt. Leſen Sie! Die Comteſſe mußte alſo leſen. Es war immer dieſelbe Anklage, welche in dieſen Blättern enthalten war. Immer wieder, wenn auch mit andern Worten und Wendungen, war darin geſagt, daß die Kö⸗ nigin allein das Bündniß mit Rußland begehre, daß der König ſehr geneigt ſein würde, eine Allianz mit Frankreich zu ſchließen, daß aber ſeine Gemahlin dies nimmer erlauben würde, weil ſie den Kaiſer leiden⸗ ſchaftlich liebe, weil ſie in einem zärtlichen Verhältniß zu dem ſchönen Alexander ſtehe. Die Königin hörte der Vorleſung bleich und kalt wie ein Marmor⸗ bild zu; alles Leben in ihr ſchien wie in einem Krampf erſtarrt zu ſein; die rechte Hand hatte ſie feſt auf ihr Herz gedrückt, mit der linken hielt ſie die Lehne des Sophas, auf welchem ſie ſaß, krampfhaft um⸗ klammert, als wolle ſie ſich vor dem Umſinken behüten. Ihre Augen blickten ſtarr und feſt in das Leere, als ſchauten ſie da wunderbare und grauenvolle Geſichte. So ſaß ſie lange noch da, als die Comteſſe ſchon ſchwieg, un⸗ beweglich, marmorbleich, eine Statue des Schmerzes und Entſetzens zugleich. Die Hofdame wagte es nicht, ſie zu ſtören; mit gefaltenen Hän⸗ den, leiſe weinend, ſchaute ſie hinüber zu der Königin, die jetzt in ihrer bleichen, ſchmerzhaften Schönheit ihr wie eine Märtyrerin erſchien. Tiefe Stille herrſchte in dem Gemach, man vernahm nichts als den gleichmäßigen Tact der Pendeluhr und zuweilen ein leiſes Flöten des Kanarienvogels, der in ſeinem vergoldeten Bauer am Fenſter ſtand. Aber jetzt auf einmal ſchien die Königin aus ihrer Erſtarrung zu erwachen, ein haſtiges Zittern flog durch ihre ganze Geſtalt, der Blitz 288 des Lebens und Bewußtſeins kehrte wieder in ihre Augen zurück und ihre Lippen öffneten ſich zur ſchmerzbewegten Klage. Das iſt ſein Werk, murmelte ſie leiſe vor ſich hin, von ihm, von meinem glühenden Feind kommt dieſer Angriff. Napoleon iſt es, der dieſen vergifteten Pfeil auf mein Herz gerichtet, weil er wußte, daß nichts mich und meinen Gemahl tödtlicher treffen könne, als gerade dieſe fürchterliche Verleumdung. Und mit einem Aufſchrei des Schmerzes rief ſie laut und mit gerungenen Händen: Oh, mein Gott, mein Gott, was that ich denn, um ſo viel Schmach zu verdienen, was that mein Gemahl, daß Du ihn ganz der Bosheit ſeines Feindes dahin giebſt. War es denn nicht genug des Elends und der Erniedrigung? Konnte es denn dieſem boshaften Menſchen, der ſich Kaiſer der Franzoſen nennt, nicht genug ſein, daß er uns in den Staub ſchlenderte, daß er meinem Gemahl ſeine Staaten raubte? Soll auch durch ihn jetzt noch die Ehre ſeiner Gemahlin geopfert werden, indem er niedrig genug denkt, über mich die ſchändlichſten Lügen zu verbreiten?*) Ein Strom von Thränen ſtürzte aus ihren Augen, und ihre Arme zum Hinmel emporhebend, rief ſie mit aller Gewalt des Schmerzes und der Verzweiflung: Mein Gott, mein Gott, warum haſt Du mich verlaſſen!**) Erbarme Dich mein und ſende mir den Tod, damit er mein geſchmähetes Haupt unter dem Sargdeckel verberge! Mich, mich beſchuldigt man einer ſchmachvollen, ſündigen Liebe, mich, welche auf Erden nichts liebt, als ihren Mann und ihre Kinder? Und eine deutſche Feder ließ ſich kanfen, um das zu ſchreiben, und deutſche Augen ſträubten ſich nicht, das zu leſen, und deutſche Männer und Frauen ließen es zu, daß wieder und immer wieder in dieſem Journal dieſe fürchterliche Anklage wiederholt ward. Sie fühlten es nicht, daß in mir ſie Alle geſchmäht und geſchändet waren, daß es ganz Deutſchland war, welches man in mir beleidigte und verhöhnte. Denn in meinen Schmerzen und in meiner Liebe bin ich jetzt die Repräſentantin Deutſchlands, und *) Der Königin eigene Worte. Siehe: Schladens Tagebuch, S. 47.— Louiſe, ein Denkmal. S. 268— 273. **) Eylert, II. S. 191. mich an ſchen M Du das an mein werde i meiner! Un ſie ihre Vehe daß D hatteſt Stunde und für ſchaft v und wie den Kr men un biſt, m Jamm Eide! werder Wi ei hoben ſrahle A Blic ſ verwar ihres J lug, 1 Mil zurüc und nihm, von mein Gott, Konnte Franzoſen te, daß er jetzt noch 289 mich angreifen und verläſtern, heißt alle deutſchen Frauen, alle deut⸗ ſchen Mütter beſchimpfen und verläſtern. Wehe Dir, Napoleon, daß Du das wagen durfteſt; ich verzeihe es Dir, daß Du Deine Hand an meine Krone legteſt, aber ſo lange noch ein Athemzug in mir iſt, werde ich es Dir nicht verzeihen, daß Du Deine Hand auch nach meiner Ehre ausſtreckteſt! Und indem die Königin ſich langſam und ſtolz emporrichtete, hob ſie ihre Arme und ihre Blicke wie beſchwörend zum Himmel empor. Wehe Dir, Napoleon, rief ſie mit lauter, tönender Stimme, wehe Dir, daß Du der Unſchuld des Weibes nicht ſchonteſt und kein Erbarmen hatteſt mit der Ehre einer Mutter! Die Thränen, die ich in dieſer Stunde weine, ſollen einſt wie glühende Kohlen auf Dein Herz fallen, und für die Qualen, die ich jetzt empfinde, will ich da oben Rechen⸗ ſchaft von Dir fordern. Du dünkſt Dich jetzt den Herrn der Erde und wie das lebendige Schickſal walteſt Du über den Reichen und über den Kronen, aber eines Tages wird das Schickſal auch Dich zermal⸗ men und wird Dir beweiſen, daß auch Du nur ein ſchwacher Menſch biſt, nur Staub, wie wir Alle. Dann wirſt Du hinſinken in Deinem Jammer und die Erde ſchlagen mit Deinen Händen, Du Staub der Erde! Laß mich dieſen Tag erleben, mein Gott, denn an dieſem Tage werden meine Thränen gerächt ſein! Sie ſchwieg, die ſtrahlenden Blicke noch immer zum Himmel er⸗ hoben, ihr ganzes Weſen durchleuchtet von Gluth und Begeiſterung. Wie eine Prophetin war ſie anzuſchauen mit dem aufwärts gerichteten, ſtrahlenden Angeſicht, mit den hocherhobenen Armen. Aber allgemach ſanken ihre Arme herab, der gen Himmel gewandte Blick ſenkte ſich niederwärts und die begeiſterte Prophetin des Unglücks verwandelte ſich wieder in das ſchmerzensreiche Weib, welches der Laſt ihres Jammers faſt zu erliegen vermeinte. Ihre Thränen floſſen auf's Neue, aber ſie hatte kein Mitleid mit ſich ſelber, ſie wiederholte ſich wieder und wieder dieſe fürchterliche An⸗ klage, obwohl jedes Wort derſelben ihr Herz wie ein Dolchſtoß traf. Doch allmählig richtete das geſchmähete, in ihrer Frauenehre ver⸗ Mühlbach, Napoleon. II. Bd. 19 290 letzte Weib ſich wieder empor, ſtolz und rein, ihrer Unſchuld ſich be⸗ wußt, eine unnahbare, unverletzbare Königin. Mit ruhiger Würde ſtreckte ſie ihre Hand der Gräfin entgegen, welche zu ihr hinſtürzte und ihre Lippen auf die königliche Hand preßte und laut weinend um Vergebung bat. Ich habe Ihnen nichts zu vergeben, ſagte Louiſe mit einem matten Lächeln, Sie meinten es gut mit mir, das weiß ich. Oh, glauben Sie mir nur, in den Stunden großer Schmerzen ſieht die Seele klar und begreift und ſchaut Vieles, was dem irdiſchen Sinn ſonſt verborgen geweſen. So begriff auch ich jetzt inmitten meiner Thränen, weshalb dies Alles geſchehen, weshalb ich dies Alles leiden muß. Napoleon drückte den giftigen Pfeil auf mich ab, und er wäre dennoch vielleicht machtlos zu meinen Füßen niedergefallen, wenn Ihr Oheim Sie nicht gelehrt, den Pfeil aufzuheben und ihn mich fühlen zu laſſen. Still! Sagen Sie kein Wort der Entſchuldigung. Ihr Oheim, der Herr von Zaſtrow, iſt ein guter Patriot in ſeinem Sinne, und er wollte mich durch Sie belehren, eine Patriotin zu werden in ſeinem Sinne, das heißt, Rußland zu haſſen und dieſer Allianz mich abzuwenden, um deretwillen man mich verleumdet und ſchmäht. Der Kaiſer Napoleon hat dieſe Verleumdungen gegen mich erſonnen aus Politik, Ihr Oheim hat ſie mir durch Sie mitgetheilt aus Politik. Das iſt doch ein Troſt für mich, denn ſo leide ich doch nur um meines Volkes und meines Landes willen, ſo habt Ihr mich zur Märtyrerin der deutſchen Sache gemacht. Aber ich will mein Märthrerthum ertragen ohne Klage, und wie ſehr es mich auch ſchmerzt, ſo will ich doch nicht, daß es ende, wenn dadurch das Wohl und Glück Preußens auch nur um Einer Stunde Dauer verzögert würde. Ich werde es daher nicht ſein, welche den König bittet, dem Bündniß mit Rußland zu entſagen. Weil man die Frau in mir beleidigt und verleumdet hat, wird die Königin Louiſe ihre Anſicht und Geſinnung nicht ändern, und wenn ſie geſtern ein Bündniß mit Rußland zum Heil und zur Ehre Preußens für noth⸗ wendig und heilbringend erachtete, ſo wird ſie heute nicht anderes Sinnes ſein, weil man die Frau Louiſe beſchuldigte, für den Kaiſer Rußlands eine ſündige Liebe zu empfinden. Die Frau kann an dieſer Verleumd ſagen:„ Preußen Ihrem O und auch Schicſal, allein ka Sie mir De Schrib trat.( Weſen, und ein Lippen. De mit ein ihre rec und ma 6 De wahl er ( Sache n hlage, und s ende, ſein, welche Weil man in Loiſe eſtem ein 291 Verleumdung ſterben, aber ſterbend wird ſie noch die Königin ſein und ſagen:„Ich ſterbe für mein Land und mein Volk! Möge mein Tod Preußen Segen bringen.“— Gehen Sie, Gräfin, und ſagen Sie das Ihrem Oheim! Und jetzt geben Sie mir die Blätter des Journals und auch die Broſchüre. Ich will ſie dem König bringen. Mein Schickſal, wie das Schickſal Preußens ruht in ſeinen Händen. Er allein kann mich abſolviren von der Anklage, die auf mir ruht. Geben Sie mir die Papiere. IN. Die Rechtfertigung.. Der König ſaß vor ſeinem Schreibtiſch und war eifrig mit Schreiben beſchäftigt, als die Thür ſich öffnete und die Königin herein⸗ trat. Ein ungewöhnlicher, feierlicher Ernſt ſprach aus ihrem ganzen Weſen, ihr Haupt war ſtolz emporgehoben, ihre Wangen waren bleich und ein wunderbares, wehmüthiges Lächeln umſpielte ihre zitternden Lippen. In ihrer Linken hielt ſie eine Rolle Papiere. Der König hatte ſich haſtig erhoben und ging ſeiner Gemahlin mit einem freundlichen Willkommengruß entgegen. Louiſe reichte ihm ihre rechte Hand dar und lehnte ihr Haupt einen Moment ſchweigend und matt an ſeine Schulter. Dann ſchaute ſie mit vollem, ſchönem Ausdrucke zu ihrem Ge⸗ mahl empor. Liebſt Du mich, Friedrich? fragte ſie ſo leiſe und weich, daß er es kaum vernahm. Der König lächelte und drückte ſtatt aller Antwort einen Kuß auf die klare Stirn ſeiner Gemahlin. Glaubſt Du an mich? fragte Louiſe weiter. Oh, mein Herr und mein König, ich beſchwöre Dich bei Allem, was Dir heilig, beim An⸗ denken an unſere Kinder, ſage mir frei und wahr, wie vor Gott: glaubſt 292 Du an mich? Glaubſt Du an meine Liebe, meine Treue und auch an meine Tugend? Louiſe, rief der König faſt entſetzt und unwillig, dieſe Frage iſt zu ernſt, um ein Scherz zu ſein, und zu ſcherzhaft, um Ernſt ſein zu können. Und doch iſt es ein ſchneidender, fürchterlicher Ernſt, rief die Kö⸗ nigin in ausbrechender, nicht mehr zu bewältigender Erregung. Sieh, mein Friedrich, ſieh dieſe Papiere. Sie enthalten eine furchtbare An⸗ klage gegen Dein Weib, gegen die Mutter Deiner Kinder, gegen die Königin Deines Volkes. Sie beſchuldigen die Frau einer ſchmachvollen Liebe, die Königin eines ehrvergeſſenen Egoismus. Friedrich, ſie ſagen, daß ich den Kaiſer Alexander liebe, und daß ich um dieſer Leidenſchaft willen Dich zu dem Bündniß mit Rußland bewogen habe!— Nun weißt Du es, nun kennſt Du die Schmach, die auf mir laſtet, die Schmach, welche jetzt ganz Deutſchland kennt und an welche die Bos⸗ haften und Uebelwollenden gewiß glauben, wenn vielleicht auch die Guten und Mitleidigen ſie bezweifeln werden. Lies dieſe Papiere, mein Gemahl, lies ſie jetzt in meiner Gegenwart, und wenn dann nur der Schatten eines Zweifels in Deinen Mienen zu leſen iſt, wenn Dein Blick auch nur einen Moment mit trübem, zweifelndem Ausdruck auf mir ruht, ſo laß mich hingehen, um zu ſterben, um mein ge— ſchmähetes Haupt im Grabe zu verbergen. Sie reichte dem König die gedruckten Blätter dar, aber Friedrich Wilhelm warf nur einen flüchtigen Blick auf dieſelben, und ſie auf den Tiſch legend, nahm er aus einer Chatoulle deſſelben einige andere ge⸗ druckte Blätter und hielt ſie der Königin entgegen. Sieh, Louiſe, ſagte er in ſeiner einfachen, kurzen Weiſe, es ſind dieſelben Nummern aus dem Telegraphen; ich beſitze ſie ſchon ſeit acht Tagen und habe ſie geleſen. Die Königin nahm die Papiere und ſchlug ſie auseinander. Es iſt wahr, ſagte ſie dann ſchaudernd, es ſind dieſelben Blätter, da ſteht es wieder, dieſes fürchterliche Wort:„Die Königin Louiſe beſteht nur auf dem Bündniß mit Rußland, weil ihr Herz ein Bündniß mit dem ſchönen Kaiſer Alexander geſchloſſen, weil ſie in glühender Leidenſchaft für ihn Brandme da ſchen die Waht einem A und gem hat, daß kann. Vohrhe ich, we gangen Deiner Dich an Genugtl Deiner ſteht, ſ verräthe D ſeiner langen S mußten ſchweig wenn ie von de liſchen nit un Utlit nicht, rerin iner 5 iun Dua Ae und auch ieſe Frnge Ernſt ſein für ihn athmet.“ Oh, mein Gemahl, dieſes Wort hat ſich wie ein Brandmal auf meine Stirn gepreßt, und wenn Deine Augen es auch da ſehen, ſo laß es mich mit meinem Leben auslöſchen! Sag mir die Wahrheit, Friedrich! Habe ich das verdient, habe ich jemals mit einem Wort, einem Blick mich vergangen? Ich habe oft ſelbſt geſagt und gemeint, daß jedes Gerücht irgend einen Schimmer der Wahrheit hat, daß Vieles an demſelben übertrieben, aber nicht Alles erlogen ſein kann. Hat alſo auch dieſe Verleumdung irgend einen Grund der Wahrheit? Ueberlege es, mein Gemahl, und wenn Du findeſt, daß ich, wenn auch nur mit einer Bewegung, einem Lächeln, mich ver⸗ gangen habe, ſo ſtoße mich von Dir, ſo nenne mich des Namens Deiner Gemahlin unwürdig, ſo zerreiße das Freundſchaftsband, das Dich an den Kaiſer Alexander heftet, und ſtelle Dich ihm als drohender, Genugthuung begehrender Feind gegenüber. Kein Flecken darf auf Deiner Mannesehre ſein, und wenn Du glaubſt, was da geſchrieben ſteht, ſo zeige der Welt, wie Du das treuloſe Weib ſtrafſt und den verrätheriſchen Freund von Dir weiſeſt! Der König legte ſeine beiden Hände an die erglühten Wangen ſeiner Gemahlin, und ihr Haupt emporhebend, ſchaute er ſie mit einem langen innigen Blick an. Sie haben alſo kein Mitleiden mit Dir gehabt? fragte er. Sie mußten Dir ſchonungslos hinterbringen, was ich Dir ſo gern ver⸗ ſchweigen wollte! Hätt' mir gern die linke Hand abſchlagen laſſen, wenn ich mit dem herausfließenden Blut das, was da gedruckt ſteht, von dem Papier und aus dem Gedächtniß der Menſchen hätte ver⸗ löſchen können. Aber die Menſchen haben jetzt ebenſo wenig Mitleid mit uns, als das Schickſal. Das Unglück umgab bisher Dein ſchönes Antlitz wie mit einer Märtyrerglorie; das ſelbſt gönnte Dir das Schickſal nicht, und es lehrte die böſen Menſchen zu verſuchen, ob ſie die Mär⸗ tyrerin nicht in den Augen der Welt zu einer bereuenden Sünderin, zu einer Magdalena umwandeln könnten. Friedrich, mein Geliebter, rief die Königin, Du umgehſt meine Frage, Du antworteſt mir nicht! Sage mir die Wahrheit: glaubſt Du an mich? Oder hältſt Du mich für ſchuldig? 294 In dieſem Augenblick ward leiſe an die Thür geklopft. Der König horchte und wandte ſich dann ruhig lächelnd ſeiner Gemahlin zu. Es iſt der Miniſter von Zaſtrow, welcher mit dem General Bertrand kommt, ſagte er. Ich habe dem Franzoſen um dieſe Zeit eine Audienz bewilligt, um von ihm den Brief und die Friedensvor⸗ ſchläge Napoleons zu empfangen. Er bietet mir ein Bündniß an mit Frankreich, und er und ſeine hieſigen Anhänger rechnen wohl darauf, daß ich ſchon jene Blätter geleſen und erfahren habe, welche Deutung die böſe Welt unſerm Bündniß mit Rußland geben möchte. Die Ant⸗ wort, welche ich Napoleons Abgeſandten ertheile, wird auch eine Ant⸗ wort auf Deine Frage ſein, deshalb mußt und ſollſt Du ſie hören, Louiſe. Tritt alſo dort in mein Cabinet ein, die Portiére verbirgt Dich jedem fremden Blick, Du aber kannſt dort Alles hören, was hier ge⸗ ſprochen wird. Er nahm den Arm der Königin und führte ſie raſch in das an⸗ ſtoßende Gemach. Mit haſtiger Hand rollte er einen Lehnſeſſel neben die Thür und bat die Königin mit einem Wink ſeiner Hand, in dem⸗ ſelben ſich niederzulaſſen. Dann ließ er die ſchwere Sammet⸗Portiere niedergleiten und mit einem lächeluden, ſtummen Gruß von ſeiner Ge⸗ mahlin Abſchied nehmend, trat er in ſein Gemach zurück. Louiſe ſchaute ihm nach mit einem vollen ſtrahlenden Blick. Oh, flüſterte ſie leiſe, ihn ſollte ich ſo hintergangen und verrathen haben, ihn, welchen ich liebe als den Stern, der meine Seele durchleuchtet mit Glück und Wonne und mein ganzes Leben geheiligt und verklärt hat. Oh mein Gemahl, und oh meine geliebten Kinder, mein Ge⸗ wiſſen iſt rein und verklagt mich keiner Schuld. Wirſt Du mir das glauben, mein Friedrich? Werden dieſe böſen Verleumdungen kein Mißtrauen in Deiner Seele zurückgelaſſen haben? Aber ſtill, ſtill, der Geſandte iſt ſchon da! Ich will hören, was der König ihm erwiedern wird. Sie neigte ihr Haupt dichter an die Portiére und ihre großen blauen Augen ſchienen mit ihren glühenden, forſchenden Blicken den ſchweren Sammet durchbohren zu wollen, um nicht blos zu hören, ſon⸗ dern auch zu ſehen, was in jenem Zimmer geſchah. Auf den Ruf des Königs hatte ſich die Thür des Vorzimmers geiffuet unt und Genero Der K echietigen V und heftete die Geſtalt Cw. Stimme,( poleon, iſt um Ew. überreiche Freut ſagte Frie und nicht! Sie als ſe Gener wenn ich b täiglches es in der 9 Hert, der ſchläge z delſten 1 wie das btingen. Kaiſers it Er den kaiſ furchtsvol Nich beugt un Gen ſoch imn nommen. Ger 295 geöffnet und der General Bertrand war in Begleitung des Miniſters und Generals von Zaſtrow eingetreten. Der König, mitten im Zimmer ſtehend, erwiederte die tiefen, ehr⸗ erbietigen Verneigungen der beiden Herren mit einem leichten Kopfnicken und heftete ſeine großen, ruhigen Augen fragend und forſchend auf die Geſtalt des franzöſiſchen Generals. Ew. Majeſtät, ſagte Herr von Zaſtrow mit lauter, erhobener Stimme, General Bertrand, Adjutant Sr. Majeſtät des Kaiſers Na⸗ poleon, iſt mit Ew. Majeſtät gnädiger Einwilligung hier erſchienen, um Ew. Majeſtät ein Handſchreiben ſeines kaiſerlichen Herrn zu überreichen. Freut mich den General Bertrand zu ſehen und kennen zu lernen, ſagte Friedrich Wilhelm gelaſſen, ich liebe die Tapfern und Braven, und nicht blos die franzöſiſche Armee, ſondern die ganze Welt kennt Sie als ſolchen! General Bertrand erröthete vor Vergnügen. Ach Sire, ſagte er, wenn ich bis heute dieſes Lob noch nicht verdient habe, ſo wird Ihr königliches huldvolles Wort in mir den nie erlöſchenden Eifer erregen, es in der Zukunft zu verdienen. Ich ſchätze mich glücklich, daß mein Herr, der Kaiſer, mich dazu auserſehen hat, ſeinen Brief und ſeine Vor⸗ ſchläge zu überbringen, denn dadurch wird mir die Gelegenheit, dem edelſten und beſten der Könige, dem erhabenen Herrn, der das Glück wie das Unglück mit gleicher Würde trägt, meine Huldigung darzu⸗ bringen. Erlauben mir Ew. Majeſtät, daß ich das Schreiben meines Kaiſers in Ihre hohen Hände niederlegen darf. Er näherte ſich dem König, und indem er ihm den großen, mit dem kaiſerlichen Siegel verſehenen Brief darreichte, beugte er ehr⸗ furchtsvoll ein Knie. Nicht doch, ſagte Friedrich Wilhelm haſtig, ein tapferer Soldat beugt und demüthigt ſich nicht, erheben Sie ſich, General. General Bertrand richtete ſich empor, das kaiſerliche Schreiben noch immer in ſeinen Händen, der König hatte es noch nicht ange⸗ nommen. General Bertrand ſah ihn erſtaunt und fragend an. Sire, ſagte 296 er, darf ich Ew. Majeſtät erſuchen, das Schreiben meines Kaiſers ent⸗ gegen zu nehmen? Ach, ich vergaß, rief der König nachläſſig, Sie ſind der Ueber⸗ bringer eines Schreibens vom Kaiſer Napoleon. Ich will Ihnen meine Ungeſchicklichkeit geſtehen, ich vermag die Handſchrift Ihres Kaiſers nicht gut zu leſen und das langſame Entziffern derſelben hat ſein Läſtiges. Zudem wird, was der Kaiſer mir zu ſagen hat, ſich ohne Zweifel beſſer auf Ihren Lippen ausnehmen, als in den ſchwarzen Worten da auf dem Papier. Ich bitte Sie daher, mir das Schreiben Ihres Kaiſers vorzuleſen! Sire, rief General Bertrand faſt erſchrocken, ich werde es nicht wagen können, das Siegel eines Briefes zu erbrechen, der nicht an mich, ſondern an Ew. Majeſtät gerichtet iſt! Thun Sie es immerhin, ſagte der König gelaſſen, ich gebe Ihnen die Erlaubniß, dies Siegel zu erbrechen. Was der Kaiſer Napoleon und ich uns zu ſchreiben haben, bedarf keiner Siegel. Jedermann kann es wiſſen. Und ich denke, die Briefe des Kaiſers an mich werden doch nur eine Art Fortſetzung der Bulletins ſein, die er von Potsdam und Berlin erlaſſen. Solche Bulletins und ſolche Briefe gehören der Welt und der Geſchichte an, und dieſe wird ſie richten! Oh, murmelte die Königin, welche hinter der Portière ſaß und jedes Wort vernommen hatte, oh warum kann ich ihn nicht ſehen in ſeiner ſtolzen Ruhe und Würde, um ihm zu danken für ſeine edlen Worte! Sie näherte ihre zarten, durchſichtigen Finger der Portiere und ſchob leiſe die Spalte des Vorhangs ein klein wenig auseinander, ſo daß ſie durch die entſtandene Lücke in das andere Zimmer hinein⸗ ſchauen konnte. Vielleicht hatte der König das leiſe Beben der Portière bemerkt, denn ein raſcher Blick ſeines Auges flog zu dem Vorhang hinüber; ſofort öffnete ſich dieſer und zwiſchen dem dunkeln Sammet erſchien das edle und ſchöne Angeſicht der Königin; ſie nickte ihrem Gemahl mit ſtrahlenden Augen einen lächelnden Gruß und warf mit der Spitze ihrer Finger ihm einen Kuß zu; dann verſchwand ihr Haupt wieder in der Heff ſammen. General ſie ſtnden! Reſpect verh einen Mome lleber d glanz ſein 2 Nun? dend, Sie! es, denn S zu kennen! Sire, d einen raſche den Brief. Jetzt la und behagl niedergleiten Herten. Erlaul Mein Her ſtzend liſt Freilic ſie ihm die uſſer gele is Ihnen Net K Genetal vo ſondern daf uſttt übe e einen S Aſen ause durch mein S S 8 297 in der Oeffnung und die Falten der Portiére ſchlugen wieder zu⸗ ſammen. General Bertrand und Herr von Zaſtrow hatten nichts geſehen, ſie ſtanden Beide mit dem Rücken der Portiere zugewandt und der Reſpect verhinderte ſie, ſich umzuſchauen nach dem leiſen Geräuſch, das einen Moment ihr Ohr erreichte. Ueber das Antlitz des Königs flog ein Lächeln, das wie Sonnen⸗ glanz ſein Antlitz erhellte. Nun? fragte er faſt ſcherzend, ſich an den General Bertrand wen⸗ dend, Sie haben noch immer nicht das Siegel gebrochen? Thun Sie es, denn Sie begreifen, daß ich begierig bin, den Inhalt dieſes Briefes zu kennen! Sire, da Sie es befehlen, ſo gehorche ich, ſagte Bertrand und mit einem raſchen Druck ſeiner Hand zerbrach er das Siegel und öffnete den Brief. Jetzt laſſen Sie hören, ſagte der König, indem er ſich langſam und behaglich in den Fauteuil, der neben dem Schreibtiſch ſtand, niedergleiten ließ. Da ſind zwei Stühle, ſetzen auch Sie ſich, meine Herren. Erlauben mir Ew. Majeſtät, daß ich ſtehe, ſagte Bertrand. Mein Herr, der Kaiſer, iſt es nicht gewohnt, daß man ſeine Briefe ſitzend lieſt! Freilich, von ſeinen Unterthanen kann er es wohl verlangen, daß ſie ihm die Ehrfurcht bezeigen, zu ſtehen, wenn ein Brief von dem Kaiſer geleſen wird, ſagte der König ruhig. Stehen Sie alſo, wenn es Ihnen beliebt. General von Zaſtrow, ſetzen Sie ſich! Der König ſagte das in ſo ſtrengem, gebieteriſchem Ton, daß General von Zaſtrow wohl fühlte, es ſei kein Widerſtand möglich, ſondern daß der König Gehorſam verlange. Schweigend und innerlich entſetzt über dieſen reſpectwidrigen Verſtoß gegen die Etiquette nahm er einen Stuhl und ſetzte ſich. Leſen Sie, ſagte der König kurz. General Bertrand ſchlug den Brief auseinander und las:„Eure Majeſtät werden dies Schreiben durch meinen Adjutanten, den General Bertrand, erhalten, der mein 298 ganzes Vertrauen beſitzt. Ich erſuche Sie, allem dem, was er Ihnen ſagen wird, Ihr volles Vertrauen zu ſchenken und ſchmeichle mir, daß ſeine Sendung Ihnen angenehm ſein werde. Bertrand wird Ew. Ma⸗ jeſtät meine Anſichten über den jetzigen Stand Ihrer Angelegenheiten mittheilen. Ich wünſche dem Unglück Ihrer Familie Grenzen zu ſetzen und ſo raſch als möglich die preußiſche Monarchie, deren vermittelnde Macht für die Ruhe Europa's nothwendig iſt, zu organiſiren. Bertrand wird Ihnen auch mittheilen, auf welchem Wege dies am ſchnellſten und leichteſten geſchehen kann, und ich hoffe, Ew. Majeſtät werden mich durch ihn wiſſen laſſen, daß Sie dazu das einfachſte und ſchnellſte Mittel, welches zugleich dasjenige iſt, welches dem Wohl Ihrer Völker am meiſten entſpricht, ergriffen haben: daß Sie den Frieden, welchen ich Ihnen anbiete, annehmen. Auf alle Fälle bitte ich Ew. Majeſtät, überzeugt zu ſein, daß ich aufrichtig geneigt bin, unſere alten Be⸗ ziehungen wieder anzuknüpfen und daß ich auch ein Uebereinkommen mit Rußland und England zu treffen wünſche, wenn dieſe es in der That begehren. Ich würde mich ſelber verabſcheuen, wenn ich die Urſache ſo vielen vergoſſenen Bluts ſein ſollte. Aber was kann ich dazu thun? Der Frieden liegt in der Hand Eurer Majeſtät, und es wird der glücklichſte Tag meines Lebens ſein, wenn Sie, was ich Ihnen darbiete, annehmen.“ Napoleon.*) Sie haben dieſem Brief Ihres Kaiſers noch weitere mündliche Vorſtellungen hinzuzufügen? fragte der König, als General Bertrand ſchwieg. Ja, Sire, mein Herr, der Kaiſer, hat mich mit ſeinen mündlichen Aufträgen beehrt, ſagte Bertrand. Zuerſt aber erſuche ich Ew. Majeſtät, dies kaiſerliche Schreiben, welches ich auf Ihren Befehl geleſen, in Ew. Majeſtät Hände niederlegen zu dürfen. Er näherte ſich dem König und hielt ihm mit einer tiefen Verbeu⸗ gung das Papier dar. Der König nahm es nicht an, ſondern winkte hinüber nach dem *) Memoires d'un homme d'état. Vol. IX. 395.— v. Schladens Tage⸗ buch. S. 121. Schreibtiſc gülig. D zuhalt Ker mein Herr Aufträge d Sire, jeſtät zu Freundſch er mit I ſehnlicher zu können Als Lächeln. Nin, Alo Ja, hüngig, n Preußens heiſtchen Villen ſich gezn der Kaiſ Polen, 1 Etitenz Prorinze Untewer Preußen wieder e Miren gen und der Fiic ſſce 6 — hdem 299 Schreibtiſch. Legen Sie es dorthin, ſagte Friedrich Wilhelm gleich⸗ gültig. Der Zweck dieſes Briefes iſt erfüllt, ich habe von ſeinem Inhalt Kenntniß genommen, was braucht es denn weiter? Und jetzt, mein Herr General, theilen Sie mir raſch und kurz die mündlichen Aufträge des Kaiſers mit. Sire, Seine Majeſtät der Kaiſer hat mich ermächtigt, Ew. Ma⸗ jeſtät zu wiederholen, daß es ſein lebhafter Wunſch iſt, die alten Freundſchaftsbeziehungen mit Preußen wieder aufzunehmen, und daß er mit Freuden die Hand dazu bietet. Der Kaiſer wünſcht nichts ſehnlicher, als Ew. Majeſtät wieder in Ihre Staaten zurückführen zu können! Als ſein Vaſall? fragte der König mit einem leiſen ironiſchen Lächeln. Nein, Sire, als einen freien, unabhängigen König! Alſo nicht als Napoleons Bundesgenoſſen? Ja, Sire, als des Kaiſers Bundesgenoſſen, aber frei und unab⸗ hängig, wie er ſelber. Freilich hofft und wünſcht der Kaiſer alsdann Preußens Freundſchaft und rechnet darauf, daß Ew. Majeſtät ihm beiſtehen werden in ſeinem Kampf mit Rußland, das dem vereinten Willen Frankreichs und Preußens ſich alsdann gar bald beugen und ſich gezwungen ſehen wird, den Frieden anzunehmen. Dafür opfert der Kaiſer den gerechten Wünſchen Ew. Majeſtät das aufrühreriſche Polen, das, wie der Kaiſer ſich überzeugt hat, eine unabhängige Exiſtenz nicht ertragen kann. Die aufrühreriſchen polniſch-preußiſchen Provinzen ſollen raſch zum unbedingten Gehorſam und zur demüthigen Unterwerfung unter den preußiſchen Scepter zurückgeführt werden, und Preußen ſoll den ihm gebührenden Rang unter den europäiſchen Mächten wieder einnehmen. Es hat nicht nöthig, dafür den Freunden und Alliirten Frankreichs irgend welche Opfer zu bringen, alle ſeine Feſtun⸗ gen und Provinzen ſollen Preußen ungeſchmälert verbleiben, und ſobald der Frieden definitiv abgeſchloſſen iſt, werden die Franzoſen das preu⸗ ßiſche Gebiet räumen.*) *) Häuſſer, Deutſche Geſchichte. III. 91. 300 Das Antlitz des Miniſters von Zaſtrow hatte, während General Bertrand ſprach, ſich immer mehr und mehr erhellt, und ſtrahlte jetzt in heller Freude. Er hatte ſich langſam, und gleichſam von den freu⸗ digen und glückverheißenden Worten des Franzoſen emporgetragen, von ſeinem Sitz erhoben und ſchaute jetzt mit gefaltenen Händen und flehen⸗ den Blicken hinüber zu dem König. Das Antlitz Friedrich Wilhelms aber blieb vollkommen undurch⸗ dringlich und kalt, nicht der leiſeſte Ausdruck von Freude oder Genug⸗ thuung war darin zu leſen. Sind Sie zu Ende, mein Herr General? fragte der König nach einer Pauſe. Ja, Sire, ich bin zu Ende und ich erwarte die Antwort Eurer Majeſtät. Dieſe Antwort iſt leicht und kurz zu geben, rief Friedrich Wilhelm laut, indem er ſich langſam und in echt königlicher Würde erhob. Ich werde dieſes Bündniß und dieſen Frieden nicht annehmen! Ew. Majeſtät, rief Herr von Zaſtrow entſetzt, in ſeinem Schrecken aller Etiquette und alles Ceremoniels vergeſſend, Ew. Majeſtät, dies iſt unmöglich, dies kann nicht Ew. Majeſtät Ernſt ſein. Ich beſchwöre Ew. Majeſtät, erſt die Meinung Ihrer Miniſter anzuhören und in einem Cabinetsrath— Schweigen Sie, unterbrach ihn der König unwillig, die Stimmen, die ich allein in der Sache vernehmen darf, gehören nicht meinen Mi⸗ niſtern, ſondern meinem Gewiſſen und meiner Ehre an. Dem König allein ziemt es, über Krieg und Frieden zu entſcheiden. Ich wieder⸗ hole es daher, ich werde dieſen Frieden nicht annehmen und dieſes ſo gebotene Bündniß nicht eingehen. Ich könnte mich mit dieſer Erklä⸗ rung begnügen, aber ich will Ihnen die Gründe meiner Weigerung ſagen, damit Sie ſie Ihrem Kaiſer wiederholen. Ich kann dieſen Frieden nicht annehmen, denn er wäre für mich eine Schmach und eine Niederlage, die entehrender wäre, als jede verlorene Schlacht. Wie, mein Herr, ich ſollte von der Gnade und dem bon plaisir Ihres Kaiſers eine Skellung geſchenkt erhalten, die mir durch den Willen Gottes und durch meine Geburt zukommt? Der Kaiſer Napoleon will nich wieder mich etſt n nähme, ſo Krieg, den glüctſeligen ſimige Ave gen. Wenr wieder ein ich alsdan Gnaden, ſcher über halter eine nechteten und ſeine G um meiner um der fla zu ſetzen, und den J ſſt mir bi Sieg ver darf erh neuer St nit dem erobert we Volkes ſſt worden, poleoniſche waſchen u Sire dlen Bee Rerührt. eworfen daran ſet zu vemni mich wieder in mein Land und meine Provinzen einſetzen, nachdem er mich erſt mit Gewalt daraus vertrieben hatte? Wenn ich dies an⸗ nähme, ſo würde ich damit mich ſelber verurtheilen, ſo wäre dieſer Krieg, den ich ſo widerſtrebend und zögernd begann, weil ich die un⸗ glückſeligen Folgen deſſelben voraus ſah, nichts weiter als eine leicht— ſinnige Aventure, die ich jetzt freiwillig aufgebe, weil ſie mir mißlun⸗ gen. Wenn ich dieſen Frieden annähme und mich vom Kaiſer Napoleon wieder einſetzen ließe in meine Staaten und meine Rechte, was wäre ich alsdann anders, als ſein Vaſall? Nicht ein König von Gottes Gnaden, ſondern ein König von Napoleons Gnaden, nicht ein Herr⸗ ſcher über ein freies, ſelbſtſtändiges deutſches Volk, ſondern der Statt halter einer franzöſiſchen Provinz, der verachtete Zwingherr eines ge⸗ knechteten Volkes, dem man ſeine Selbſtſtändigkeit, ſeine Nationalität und ſeine Ehre unterjocht hätte. Ich habe aber dieſen Krieg begonnen, um meiner und meines Volkes Ehre willen, ich habe ihn begonnen, um der franzöſiſchen Willkür und der franzöſiſchen Länderſucht ein Ziel zu ſetzen, um Deutſchland deutſch und Preußen preußiſch zu erhalten und den Rheinbund über die Rheingrenzen zurückzutreiben. Das Glück iſt mir bisher nicht günſtig geweſen, es hat Frankreichs Adlern den Sieg verliehen. Aber noch iſt der preußiſche Adler nicht getödtet, noch darf er hoffen, ſich wieder emporzuſchwingen und mit neuer Kraft und neuer Stärke ausgerüſtet ſich wieder zu erobern, was ſein iſt! Was mit dem Schwert genommen iſt, kann nur mit dem Schwert wieder erobert werden! Meine Ehre und die Ehre meiner Armee und meines Volkes iſt auf den Schlachtfeldern von Jena und Auerſtedt verwundet worden, ſie ſoll und kann nicht geheilt werden mit dem Balſam Na poleoniſcher Gnade und Großmuth, ſie kann nur mit Blut rein ge— waſchen werden und an einem Sieg ſich aufrichten! Sire, ich beſchwöre Sie, laſſen Sie ſich nicht hinreißen von der edlen Begeiſterung Ihres Heldenmuthes, rief General Bertrand faſt gerührt. Bedenken Sie wohl, daß, nachdem Einmal dieſer Frieden verworfen, der Kaiſer Napoleon Ihr erbitterter Feind ſein und Alles daran ſetzen wird, um Preußen, das ihm widerſtrebt, ganz und gar zu vernichten! Wollen Ew. Majeſtät gnädigſt in Betracht nehmen, 302 daß es Ihnen vor allen Dingen an einer Armee fehlt, daß Ihre Re⸗ gimenter auseinander gejagt, Ihre Feſtungen gefallen ſind! Noch ſtehen Colberg und Graudenz, rief der König, noch iſt auch Danzig nicht eingenommen. Sire, wenn Ew. Majeſtät dieſen angebotenen Frieden ausſchlagen, wird das erſte Unternehmen des Kaiſers ſein, daß er Danzig mit Sturm nehmen läßt, ſagte General Bertrand. Majeſtät, Gnade und Erbarmen für Danzig, flehte Herr von Zaſtrow, Erbarmen für Ihre blokirten Feſtungen, für Ihre armen, ſchwer heimgeſuchten Unterthanen! Der Kaiſer Napoleon will, ſobald Ew. Majeſtät den Frieden annehmen, alle franzöſiſchen Truppen aus dem preußiſchen Gebiet zurückziehen! Oh, wollen Ew. Majeſtät gnä⸗ digſt bedenken, wie furchtbar Ihr armes Volk von den ſchweren Con— tributionen, den langen Einquartierungen gelitten hat, daß es heimge⸗ ſucht iſt von Elend und Noth und in ſeinem Jammer auf ſeinen Knieen liegt und zu Gott und ſeinem König emporſchreit um Frieden und Ruhe! Oh mein Gott, mein Gott, murmelte die Königin, flöße Du ſeinem Herzen die richtigen Entſchließungen ein und erfülle ihn mit Deinem Geiſt, daß er das Rechte wähle und erkenne! Sie ſank hinter dem Vorhang auf ihre Kniee nieder, als dürfe ſie nur knieend die Worte des Königs, die für ſie jetzt die Worte Gottes waren, vernehmen. Der König ſchien die Beſchwörung ſeines Miniſters gar nicht gehört zu haben, ſein Ange glitt nur mit einem kalten verächtlichen Ausdruck langſam an ihm vorüber und heftete ſich dann ernſt und feſt auf das Antlitz des franzöſiſchen Generals. Ich bin noch nicht ganz fertig mit meinem Beſcheid auf Ihre Vorſchläge, ſagte der König. Ich habe Ihnen geſagt, warum ich den Frieden nicht annehmen kann, jetzt bleibt mir noch zu erörtern, warum ich, ſelbſt wenn der gebotene Friede dem Aeußern nach ehrenhaft wäre, doch ein Bündniß mit Frankreich nicht eingehen könnte und dürfte. Durch dieſes Bündniß ſollte ich mich verpflichten, die Feindſchaften Frankreichs anzunehmen und Rußland gegenüber zu treten, das bisher mein treuer Bundesgenoſſe war. Ich ſoll mich trennen von der letzten Allanz, die Hinden Frar nir bisher tr licher Freund das Bündnif bin dazu gel der weiner 2 Kiſer von? Stunde der Amee iſt! Venn ich j dieſen Fried Deſertion ſe Kiſers Aler zurückweiſen. ſchwornen V Treue iſt no ſoll werigſt ſt, der ſ ie wiſſen Sagen Si eben ſo w Frundſcha terlich und dngen me Generl! Er wi iu und nah intgegen, Kaum in der Po ſeigen die auf der S engifuft, G 303 Allianz, die mir noch geblieben; um ein willenloſes Nichts in den Händen Frankreichs zu werden, ſoll ich den Freund verrathen, der mir bisher treu geblieben? Der Kaiſer von Rußland iſt mein perſön⸗ licher Freund; an dem Grabe Friedrichs des Großen habe ich mit ihm das Bündniß unſerer Herzen und unſerer Politik beſchworen, und ich bin dazu geleitet und getrieben worden von keiner andern Stimme, als der meiner Neigung, meiner Politik und meiner eignen Einſicht. Der Kaiſer von Rußland hat treu unſerm gegenſeitigen Schwur mir in der Stunde der Gefahr ſeine Freundſchaftsanträge erneuert, und ſeine Armee iſt bereit mit mir zu kämpfen für die gemeinſchaftliche Sache. Wenn ich jetzt, da mir Frankreich auf Koſten Rußlands Frieden bietet, dieſen Frieden annehmen wollte, ſo würde das von mir eine treuloſe Deſertion ſein, und als preußiſcher Soldat, wie als Freund des Kaiſers Alexander muß ich jeden Gedanken ſolcher Deſertion entſchieden zurückweiſen. Ein deutſcher Mann hält ſeinen Schwur, und an be⸗ ſchwornen Verträgen kann er nicht rütteln und deuteln. Die deutſche Treue iſt noch nicht ganz ein leerer Schall geworden, und Frankreich ſoll wenigſtens eingeſtehen müſſen, daß es mit einem Gegner zu thun hat, der ſeine Ehre nicht verkauft für Provinzen und für Geld!— Sie wiſſen jetzt Alles, was ich Ihnen zu ſagen hatte, ich bin zu Ende! Sagen Sie dem Kaiſer Napoleon, daß Intriguen und Verleumdungen eben ſo wenig als Schmeicheleien und Verlockungen mich von meiner Freundſchaft mit Rußlands Kaiſer trennen können, ſie ſteht unerſchüt⸗ terlich und wird ſich bewähren, als ein Fels, an dem alle Verleum⸗ dungen machtlos abprallen! Und ſomit Gott befohlen, mein Herr General! Er winkte Bertrand mit der Hand einen flüchtigen Abſchiedsgruß zu und nahm alsdann mit ſtolzer Ruhe die ehrerbietigen Verbeugungen entgegen, mit denen derſelbe ſich nach der Thür zurückzog. Kaum hatte dieſe Thür ſich hinter ihm geſchloſſen, als die Königin in der Portière erſchien. Mit Thränen in den Augen, mit einem ſeligen Lächeln, die Arme ihrem Gemahl entgegenſtreckend, ſo ſtand ſie auf der Schwelle, von dem Rande der Thür wie von einem Rahmen eingefaßt, ein Bild der Schönheit, der Anmuth und Liebe. 304 Der König eilte zu ihr hin und drückte ſie feſt an ſein Herz. Biſt Du mit meiner Antwort zufrieden, Louiſe? fragte er. Weißt Du nun, was ich von dieſen elenden Verleumdungen denke? Die Königin neigte ſich auf ſeine Hand nieder und küßte ſie. Ich danke Dir, mein Geliebter, flüſterte ſie leiſe und innig. Weiſe und gütig, wie Du immer biſt, haſt Du es verſtanden, mein Herz zu be⸗ ruhigen und zu erheben, und mit Deinen ſtolzen und heldenmüthigen Worten meine ganze Seele mit Entzücken und Begeiſterung zu erfüllen. Du haſt mir meine Ehre wiedergegeben, mein Gemahl und mein Herr, möge die Welt mich nun verleumden und verläſtern, ich werde an dieſe heilige und große Stunde denken, und die Verleumdungen nicht achten, denn mein König glaubt an mich, mein Mann liebt ſeine Louiſe noch, er weiß, daß die Mutter ſeiner Kinder unſchuldig iſt und ihr Auge frei zu Gott erheben kann! Ich weiß mehr, ſagte der König, indem er ſeine Hand wie ſeg⸗ nend auf das Haupt ſeiner Gemahlin legte, ich weiß, wie Du in dieſen ſchweren und traurigen Zeiten der einzige Stern biſt, der mir geblieben, ich weiß, daß ich mir Muth und Troſt aus Deinem Antlitz ſchöpfe, und daß ich inmitten meines Unglücks mich dennoch beneidens⸗ werth und glücklich preiſe, weil ich Dich an meiner Seite habe, Dich, den Engel meines Lebens! Ach, Friedrich, rief die Königin, das Antlitz überfluthet von Thränen ſeliger Freude, Friedrich, wie reich und glücklich machſt Du mich! Bin ich nicht ein beneidenswerthes, ſeliges Weib im Beſitz eines ſolchen Mannes und ſolcher Liebe? Sie ſchlang mit leidenſchaftlicher Gluth ihre beiden Arme um ſeinen Nacken und ruhte lange an ihm in inniger Umarmung. Ein leiſes, öfter wiederholtes Klopfen an der Thür weckte ſie aus ihrem ſeligen Selbſtvergeſſen. Beſchämt faſt und erröthend hob Louiſe ihr Antlitz von der Bruſt ihres Gemahls empor und ließ ihre Arme herabſinken. Der König hieß eintreten. Es war Herr von Zaſtrow, welcher bleich und mit trüben Blicken in der geöffneten Thür erſchien. Friedrich zu treten. eie ſid gluben der ausgeſchlager zu niſſen! Sie wi hetanrücken, nird, un ſe Mäge Treue ind! edle und he und Freude Unterthan m und als Mi Müge Rußlo es nicht dere loſe Deſert nennen beb allen Ding Kraft hat, der groß u Sie gl Majeſt vielen Geld Und S Mjſt ondern au Geld. Die und verwel Rdwerthen algmeiner Ach, r „ Uühlbach, 305 Friedrich Wilhelm winkte ihm lächelnd mit der Hand, näher zu treten. Sie ſind nicht mit mir zufrieden, Zaſtrow, ſagte er gütevoll. Sie glauben, der Friede wäre vortheilhafter geweſen? Majeſtät, ich fürchte, Sie haben jetzt einen vortheilhaften Frieden ausgeſchlagen, um vielleicht bald einen gezwungenen Frieden annehmen zu müſſen! Sie wiſſen alſo nicht, daß die Ruſſen in immer größeren Schaaren heranrücken, und daß Kaiſer Alexander wahrſcheinlich ſelbſt kommen wird, um ſeine Truppen gegen den Feind zu führen? Möge Ew. Majeſtät mir vergeben, aber ich glaube nicht an die Treue und die Freundſchaft Rußlands. Ew. Majeſtät haben heute ſo edle und heldenkühne Worte geſprochen, daß mir vor Bewunderung und Freude Thränen in die Augen traten und ich als Menſch und Unterthan mich ſtolz und glücklich fühlte, wenn ich auch als General und als Miniſter mein Herz von Wehmuth und Trauer erfüllt ſah. Möge Rußland Ihre Treue und Ihre Freundſchaft verdienen, möge es nicht dereinſt Eurer Majeſtät Hoffnungen täuſchen, und dieſe treu⸗ loſe Deſertion, wie Ew. Majeſtät ein Bündniß mit Frankreich zu nennen beliebten, auf Koſten Preußens ausüben! Möge aber vor allen Dingen Ew. Majeſtät eine Armee beſitzen, welche Muth und Kraft hat, allen Ihren Feinden die Stirn zu bieten und Preußen wie⸗ der groß und herrlich zu machen! Sie glauben nicht an dieſe Armee? fragte der König düſter. Majeſtät, um eine Armee zu ſchaffen, bedarf es des Geldes, ſehr vielen Geldes ſogar. Und Sie wollen ſagen, wir haben kein Geld? Majeſtät, nicht blos Ihre Privatchatoulle iſt gänzlich erſchöpft, ſondern auch in allen königlichen und Regierungskaſſen fehlt es an Geld. Die Thaler und das Silbergeld ſcheinen völlig verſchwunden und verweht zu ſein, eine ungeheure Geldnoth herrſcht überall; die geldwerthen Papiere verlieren dadurch täglich mehr an Werth und ein allgemeiner Staatsbankerott wird vielleicht unvermeidlich ſein! Ach, rief der König unwillig, ſprechen Sie nicht ein ſolches Wort Mühlbach, Napoleon. II. Bd. —— 306 aus. Niemals werde ich zu dieſem Aeußerſten ſchreiten und meinen armen Unterthanen ſo ſchweres Unheil bereiten! Er ging mit haſtigen Schritten im Gemach auf und ab; plötzlich aber blieb er vor der Königin ſtehen, welche ſich leiſe in eine Fenſter⸗ niſche zurückgezogen hatte und jeder Bewegung ihres Gemahls mit aufmerkſamen Blicken gefolgt war. Louiſe, ſagte er, wird Dir Dein Mahl eben ſo gut von porzella⸗ nenem Teller, wie von Gold⸗ und Silbergeſchirr ſchmecken? Die Königin lächelte. Die kleine Prinzeſſin von Mecklenburg iſt es immer gewohnt geweſen, von Porzellan zu ſpeiſen, ſagte ſie, und ich geſtehe ehrlich, daß die Königin von Preußen ſie zuweilen um ihre einfachen Teller von Fayence beneidet hat. Der König nickte ihr zu und wandte ſich wieder ſeinem Miniſter zu. Wir ſind noch nicht ſo arm, als Sie glauben, ſagte er. Unſer großes, goldenes Tafelgeſchirr, das Erbſtück unſerer reichen und glück⸗ lichen Ahnen, hat wohlerhalten aus Berlin gerettet werden können und befindet ſich hier in Memel. Es ſind Stücke von hohem Werth, für die viele Millionen verausgabt worden ſind. Mögen meine Ahnen es mir verzeihen, wenn ich, was ſie geſammelt, jetzt dahin geben will! Es geſchieht wahrlich nicht aus Leichtſinn und Verſchwendungsluſt, ſondern ich thue es mit tiefer Wehmuth und mein Herz iſt voll Trauer. Aber es muß dennoch alſo ſein! Herr von Zaſtrow, ich werde die nöthigen Anordnungen treffen, daß mein großes, goldenes Tafelgeſchirr verkauft oder verſetzt werde. Wir müſſen wenigſtens eine Million Thaler dafür erhalten. Und dieſe Million thut der Privatchatoulle Ew. Majeſtät wahrlich ſehr Noth, ſeufzte Herr von Zaſtrow. Der König zuckte leicht die Schultern. Es wird davon nichts in meine Privatchatoulle kommen, ſagte er. Das Geld ſoll an die Re⸗ gierungskaſſen vertheilt werden, damit die Geldnoth vorläufig aufhöre und meine armen gedrückten Unterthanen nicht vor einem Staatsbanke⸗ rott zu zittern haben.*) *) Der König ließ in der That das goldene Tafelgeſchirr verſetzen und in Silber⸗Courant verwandeln, nicht aber zu ſeinem Privatgebrauch und Vortheil, ⸗ Aber we ren, rief He ſein, ſelbſt in Det Kö Gemahlin hi Wenn e delt, ſagte ſ Vort zu wel frau gelten und Verſchn wenn mein rungen bitt Ich we Känig freun Zuerſt unſere beſch Gaſtmahle welden. A und dn g verkaufen. genügt für mir mein( Vorau uſt, ſag zu machen Ich n ſchen, in Kren, d werden. C ſung genü — ſon bden un zü keiſen. 307 Aber wenn Ew. Majeſtät dieſen großmüthigen Entſchluß ausfüh⸗ ren, rief Herr von Zaſtrow erſchrocken, werden Sie bald in Gefahr ſein, ſelbſt in Noth und Geldverlegenheit zu gerathen! Der König ſchaute mit einem langen, fragenden Blick zu ſeiner Gemahlin hinüber. Louiſe lächelte und nickte ihm freundlich zu. Wenn es ſich um die Oekonomie und das eigene Hausweſen han⸗ delt, ſagte ſie, dann darf es einer Frau auch wohl erlaubt ſein, das Wort zu nehmen im Rathe der Männer und ihre Stimme als Haus⸗ frau geltend zu machen. Ich finde, daß wir ſehr viel Ueberflüſſiges und Verſchwenderiſches in unſerm Privathaushalt um uns dulden, und wenn mein Gemahl nichts dagegen hat, möchte ich um einige Aende⸗ rungen bitten. Ich werde es niemals wagen, Dir zu widerſprechen, ſagte der König freundlich. Laß mich alſo wiſſen, was Du geändert ſehen willſt. Zuerſt finde ich, daß wir für unſere jetzigen Verhältniſſe und für unſere beſchränkte Wohnung zu viel Dienerſchaft haben. Da wir keine Gaſtmahle und keine Feſte geben, iſt das Heer der Küche zu verringern und die Herren Köche, ſo wie die Schaar der Lakayen können entlaſſen werden. Auch wäre es wohl nöthig, die Equipagen zu vermindern und den größten Theil der Pferde, die nutzlos im Marſtall ſtehen, zu verkaufen. Ein einfacher Wagen, mit zwei tüchtigen Pferden beſpannt, mir mein Gemahl wohl ſeinen gelben Kaleſchwagen. Vorausgeſetzt, daß Du mir einen Platz an Deiner Seite er⸗ laubſt, ſagte der König lächelnd. Haſt Du noch andere Forderungen zu machen? Ich wünſche ferner noch, daß die Diener, welche wir um uns ſehen, in einfacher, dunkler Tracht erſcheinen, und daß die koſtbaren Lvreen, die von Gold⸗ und Silbertreſſen ſtarrenden Röcke beſeitigt werden. Ein einfacher Rock von ſchwarzem Tuch mit weißer Einfaſ⸗ ſung genügt. Es ſoll das aber nicht Trauer bedeuten, ſondern nur ſondern um Zahlungen für das Land und die ſchwer gedrückten Unterthanen zu leiſten. Siehe: Eylert. II. S. 222. 308 unſere Landesfarben repräſentiren, und wenn ich ſie anſchaue, werde ich mich immer ſtolz und glücklich fühlen, während ich jetzt, wenn ich die goldſtrotzenden Livreen anſchaue, immer ein Gefühl von Beſchä⸗ mung habe, indem ich an die Noth unſerer Unterthanen, und das Un⸗ glück unſeres Landes denke, und damit den Pomp unſerer Diener vergleiche! Beginnen wir alſo ein einfaches, prunkloſes Daſein, mein Gemahl, gehen wir unſerm Volk voran in Einfachheit und Schmuck⸗ loſigkeit, und zeigen wir ihm, daß man auch glücklich und zufrieden ſein kann in beſcheidener Exiſtenz und prunkloſer Erſcheinung. Der König nahm ihre Hand und drückte ſie an ſeine Lippen. Ich genehmige alle Deine Wünſche, Louiſe, ſagte er, wir wollen dem Haus⸗ hofmeiſter noch heute die nöthigen Befehle ertheilen. Sie ſehen alſo, Herr von Zaſtrow, es wird auch unſerer Privatchatoulle nicht an Geld fehlen, denn wir werden eine hübſche Summe durch den Verkauf un⸗ ſerer Pferde und Equipagen und für die Gold- und Silbertreſſen der Livreen einehmen. Auch wird der Krieg ja nicht ewig dauern, oder wenigſtens eine baldige definitive Entſcheidung bringen. Majeſtät, der Krieg wird alſo ganz und gar unvermeidlich ſein? Sie fragen das noch, mein Herr? Ja, der Krieg wird fortgeſetzt, ich will nichts mehr von einem Frieden hören. In dieſem Fall, ſagte Herr von Zaſtrow bleich und zitternd, in dieſem Fall muß ich Ew. Majeſtät ganz unterthänigſt erſuchen, mir meine Entlaſſung zu geben; die Fortſetzung dieſes Krieges, die Ableh⸗ nung des dargebotenen Friedens iſt ſo ſehr meiner innerſten Ueberzeu⸗ gung entgegen, daß es mein Gewiſſen mir nicht geſtattet, zu der Aus⸗ führung der königlichen Beſchlüſſe meine Hand zu bieten. Die erſte Pflicht jedes treuen Dieners iſt es, den Befehlen ſeines Herrn zu genügen, ſagte der König ſtreng. Ich kann Ihnen die nach⸗ geſuchte Eutlaſſung nicht bewilligen, denn ich weiß, daß Sie ſonſt ein redlicher und treuer Diener und Arbeiter ſind, und daß nur eine augenblickliche Mißſtimmung Sie verleitet hat. Ich gebe Ihnen alſo Zeit, ſich zu ſammeln und aufzurichten, dazu iſt Arbeit und Thätigkeit das beſte Mittel, und vielleicht können auch bald für uns günſtige Umſtände eintreten, die Ihnen beweiſen, daß Sie Unrecht hatten, und eine Aenderu auf Weiteres und Berathe als Miniſter bildenden M Herr vi noch bleicher Es ble Erörterunge rath beiwoh neigte er ſic ihren Genal ſe Er haß ſeiner Seite Er hat es giſchah verruchten nitgetheil. Die( Die uuthung. Nee der ß uchen ſoll Zirne Ich ke einen der Nodel in ſhnetzt, ſo Ur es ab leden Schn Hin (9) 309 eine Aenderung Ihres Sinnes bewerkſtelligen. Sie bleiben alſo bis auf Weiteres mein Kriegsminiſter, aber ich werde Ihnen einen Helfer und Berather an die Seite ſtellen. Ich werde Hardenberg noch heute als Miniſter ohne Portefeuille berufen, und der ſoll in einem neu zu bildenden Miniſterrath Sitz und Stimme haben.*) Herr von Zaſtrow zuckte leiſe zuſammen und ſein Geſicht ward noch bleicher als zuvor. Majeſtät, ſtammelte er leiſe, ich— Es bleibt dabei, unterbrach ihn der König ruhig. Keine weiteren Erörterungen, Herr General. Wir wollen ſchon morgen einem Miniſter⸗ rath beiwohnen, und Hardenberg ſoll dabei zugegen ſein. Adien! Herr von Zaſtrow wagte es nicht zu widerſprechen, ſtumm ver⸗ neigte er ſich vor dem Königspaar und ſchwankte nach der Thür hin. Die Königin wandte ſich, als er hinausgegangen war, lächelnd an ihren Gemahl. Du haſt ihn getroffen an ſeiner wundeſten Stelle, rief ſie. Er haßt Hardenberg, und es wird ihm eine Marter ſein, ihn an ſeiner Seite dulden zu müſſen. Er hatte wohl eine Strafe verdient, ſagte der König ernſt. Denn es geſchah gewiß durch ſeine Einwirkung, daß man Dich mit jenen verruchten Verleumdungen bekannt machte. Wer hat Dir die Blätter mitgetheilt. Die Gräfin Truchſeß, meine Vorleſerin! Die Nichte Zaſtrow's! Ich hatte alſo Recht mit meiner Ver⸗ muthung. Es war eine klug angelegte Intrigue, die uns in die Netze der Friedenspartei treiben und dem ruſſiſchen Bündniß abwendig machen ſollte. Zürne ihnen nicht, bat die Königin, ſie haben es gut gemeint. Ich kenne dieſes Gutmeinen, rief der König heftig. Dieſes Gut⸗ meinen der ſogenannten guten Freunde! Sie ſtoßen uns langſam eine Nadel in die Bruſt, und wenn ſie dann ſehen, daß es blutet und ſchmerzt, ſo entſchuldigen ſie ſich damit, daß ſie es gut gemeint haben. Wer es aber wahrhaft gut und treu meint, der ſucht dem Freunde jeden Schmerz zu erſparen, und den Nadeln bricht er die Spitze ab, *) Häuſſer III. S. 119. ———— ——— 310 damit ſie nicht verwunden! Ich habe es auch gut gemeint, indem ich Hardenberg an Zaſtrow's Seite ſtellte. Ich liebe nicht die heftigen Umwälzungen, die plötzlichen Veränderungen; aber wenn Zaſtrow ſich nach einigen Wochen noch nicht an Hardenbergs Nähe gewöhnt hat, ſo wird Er es ſein, der ſich entfernt, und Hardenberg wird bleiben.*) X. Die Gräfin Marie Walewska. Eine große, folgenreiche Nachricht war vor einigen Tagen auf Schloß Finkenſtein, welches Napoleon ſeit der Schlacht von Eylau be⸗ wohnte, eingetroffen. Danzig war gefallen, es hatte mit allen ſeinen Kriegsvorräthen, ſeinen Truppen und ſeinen ungeheuren Mundvorräthen ſich den Franzoſen überliefern müſſen. Vergeblich war die heldenmü⸗ thige Vertheidigung der Beſatzung, die Energie des kommandirenden Generals von Kalkreuth, vergeblich der Feuereifer der Truppen, die treue, aufopferungsvolle Hingabe der Bürger, vergeblich alles vergoſſene lut, alle zerſchoſſenen Glieder, alle zerſchmetterten Häuſer. Der fran⸗ zöſiſche General Lefevbre ſchloß die Stadt in immer engerem Kreiſe ein, und ihm ſtrömten täglich neue friſche Truppen zu, während die *) So geſchah es in der That. Es gelang diesmal den vereinten Be⸗ mühungen der Friedenspartei, an deren Spitze der General von Zaſtrow und der Cabinetsrath Beyme ſtanden, nicht, Hardenberg zu entfernen. Der König wandte ihm fortgeſetzt ſein Vertrauen und ſeine Gunſt zu, und als einige Wochen ſpäter der Kaiſer Alexander nach Memel zum Beſuch des königlichen Paares kam, zeichnete er Hardenberg ſo ſichtlich vor allen Andern aus und ignorirte Herrn von Zaſtrow ſo vollſtändig, daß dieſer ſich dadurch tief verletzt fühlte, und mehr noch dadurch, daß nicht Er, ſondern Hardenberg den König in das vereinte ruſſiſche und preußiſche Lager begleiten mußte. Herr von Zaſtrow for⸗ derte zum zweiten Mal ſeinen Abſchied und erhielt ihn. Hardenberg ward ſtatt ſeiner Miniſter des Auswärtigen. Lruppen de menſchmolzi Nur e dieſer Ent ſolchen En verbündet Kriegsſcha ſollte es 1 um Mun brücke zu mußte ſie Nur die Ruſſe ſich dahe wurden ſi ftarzöſiſch Die Hühe m Stadt e von Kal men, w Ge engliſche ſagte er den da Da beginner rend in tödteten ſemn. Donner Klingen — 311 Truppen der Belagerten täglich mehr ermatteten, täglich mehr zuſam⸗ menſchmolzen. 6 Nur ein ſtarker Entſatz hätte Danzig noch retten können, aber dieſer Entſatz kam nicht. General von Kalkreuth hatte lange auf ſolchen Entſatz gehofft. England, das jetzt mit Rußland und Preußen verbündet war, hatte ſeine Hülfe für Danzig zugeſagt, es hatte eine Kriegsſchaluppe von zweiundzwanzig Kanonen ausgerüſtet, und dieſe ſollte es verſuchen, trotz der Belage das Fahrwaſſer zu forciren, um Munition in die Stadt zu bringen und die franzöſiſche Schiffs⸗ brücke zu zerſtören. Aber die Schaluppe gerieth auf den Strand und mußte ſich ergeben. Nur ein ſtarker Entſatz hätte Danzig noch retten können, und auch die Ruſſen hatten ihre Hülfe zugeſagt. Siebentauſend Ruſſen ſchifften ſich daher in Pillau ein und landeten in Weichſelmünde. Aber dort 3 wurden ſie von Oudinot angegriffen, der faſt die Hälfte von ihnen zu 5 franzöſiſchen Gefangenen machte und die Andern in die Flucht jagte. Die letzten Hoffnungen Danzigs waren alſo zerſtört, es gab keine Hülfe mehr. Lefevbre ließ ein furchtbares Bombardement auf die Stadt eröffnen und ſandte dann einen Parlamentair an den General von Kalkreuth mit der Erklärung, er werde Danzig mit Sturm neh⸗ men, wenn es ſich nicht jetzt ergäbe. 9o General Kalkreuth ſchaute traurig hinüber nach der geſtrandeten engliſchen Kriegsſchaluppe, und mit der Hand nach ihr hindeutend, ſagte er zu ſeinen Officieren, die in düſterem Schweigen ihn umſtan⸗ den: das iſt der Grabſtein Danzigs!*) Dann ließ er den Parlamentair kommen und die Unterhandlungen beginnen. Währenddeß flogen glühende Kugeln und Bomben fortwäh⸗ Der Kir rend in die Stadt und zerſtörten ganze Häuſer und Straßen, und ochen tödteten die Soldaten auf den Wällen und die Bürger in ihren Häu⸗ ſern. Jammern und Wehllagen erfüllte die ganze Stadt, und in das Donnern und Brüllen der Kanonen, das ununterbrochene Tönen und Klingen der Allarmglocken, die alle Einwohner Danzigs zur Hülfe auf * Hiſtoriſch. 312 riefen, miſchte ſich das Wehklagen der Verwundeten, das Aechzen der Sterbenden, das Krachen der zuſammenſtürzenden Häuſer. General Kalkreuth hatte Mitleid mit der Stadt, er wollten ihren ſchon erlittenen Drangſalen nicht noch die Gräuel und Schreckniſſe eines gewaltſamen Erſtürmens durch den Feind hinzufügen. Er unterzeichnete daher die Capitulation, aber er machte ſeine Bedingungen. Nur mit den Waffen in der Hand, nicht als Kriegs⸗ gefangene, ſondern als freie Männer ſollte die Beſatzung die Feſtung verlaſſen dürfen. General Lefevbre bewilligte dieſe Bedingungen, aber unter der Hinzufügung, daß die preußiſchen Soldaten ſich verpflichten ſollten, ein Jahr lang nicht gegen franzöſiſche Truppen zu kämpfen. General Kalkreuth nahm dieſe Klauſel an, und am vierundzwan⸗ zigſten Mai 1807 öffneten ſich die Thore Danzigs dem einrückenden franzöſiſchen Sieger. Napoleon hatte dieſe Siegeskunde, wie geſagt, auf Schloß Finken⸗ ſtein, unweit von Tilſit, erhalten. Eine ſtolze Freude leuchtete bei dieſer Nachricht in ſeinem Antlitz auf, und er ſandte ſofort einen Courier an den General Lefevbre, den Sieger von Danzig, um ihn zu einem Be⸗ ſuch nach Schloß Finkenſtein einzuladen. Aber der Glanz auf dem Antlitz des Kaiſers war bald wieder er⸗ loſchen und ſeine Stirn war wieder umwölkt und trübe, wie ſie ſeit Wochen und Monaten immer geweſen. Vergeblich verſuchten ſeine Generäle und ſeine nächſten Freunde und Diener ihn zu erheitern, vergeblich wandten ſie alle Künſte der Beredtſamkeit, der Schmeichelei und des Humors auf, um die Wolke von der Stirn ihres Kaiſers zu vertreiben. Talleyrand verſuchte es, ihn zu zerſtreuen, indem er ihm mit bezaubernder Mediſance und fei⸗ nem Humor Scenen aus den Memoiren ſeiner Erinnerung vortrug, und mit attiſchem Witz die tragiſche Geſchichte ſeiner erſten Liebe er⸗ zählte, welche ihm durch einen Sturz ein ewiges Erinnerungszeichen, einen hinkenden Fuß, hinterlaſſen hatte. Lannes trug mit ſeinem echt ſoldatiſchen Humor Scenen aus den Feldzügen und dem Lagerleben vor. Duroe erinnerte den Kaiſer leiſe und lächelnd an manche Aven⸗ ture, die ſie guuen Röc wandert wa erforſchen, 1 es gewagt, Der K Luchen war zertheilt; d heit herrſch Heute ſtreuungom Kartenſpiel Napole zwei Courie gamn eine Sonſt gut aufgel ſchmäht, b ſehr giſchi ſeine zuri derliche 3 etnſthaft 1 Unwi ſunmen Schtitten Er h bmnmntet ustronpet derlchkei vn Rußle Ich „c 313 ture, die ſie Beide zu Paris beſtanden, wenn ſie Abends in einfachen grauen Röcken, den Hut tief in die Stirn gedrückt, durch Paris ge⸗ wandert waren, um die Stimmung der Bevölkerung für den Kaiſer zu erforſchen, und dabei manche derbe Zurechtweiſung erfuhren, ſobald ſie es gewagt, auf den Kaiſer zu ſchelten. Der Kaiſer lachte wohl bei allen ſolchen Erzählungen, aber dieſes Lachen war doch nur wie der Blitz, welcher einen Moment die Wolken zertheilt; die Wolken ſchlugen doch wieder zuſammen und dieſelbe Düſter⸗ heit herrſchte wieder. Heute hatten die Generäle und Marſchälle zu einem andern Zer⸗ ſtreuungsmittel ihre Zuflucht genommen. Sie hatten dem Kaiſer ein Kartenſpiel vorgeſchlagen. Napoleon, welcher den ganzen Tag mit Schreiben zugebracht und zwei Couriere abgeſchickt hatte, nahm den Vorſchlag an, und man be⸗ gann eine Partie Vingt et un. Sonſt war der Kaiſer bei ſolchem Kartenſpiel immer heiter und gut aufgelegt geweſen, ſonſt hatte es Se. Majeſtät ſogar nicht ver⸗ ſchmäht, beim Vingt et un ein wenig zu betrügen, und er hatte oft ſehr geſchickt ſich einige Karten verſteckt, um beim nachherigen Geben ſeine zurückbehaltenen Karten zweckmäßig zu verwenden und die erfor⸗ derliche Zahl herauszubringen.*) Aber heute ſpielte der Kaiſer ganz ernſthaft und ganz ehrlich, und die Folge davon war, daß er verlor. Unwillig warf der Kaiſer die Karten auf den Tiſch, dann mit einem ſtummen Kopfnicken die Marſchälle begrüßend, ging er mit haſtigen Schritten durch den Salon und kehrte in ſein Cabinet zurück. Die Herren ſchauten ihm traurig und mit beſorgten Mienen nach. Er hat die Affaire von Eylau noch immer nicht verſchmerzt, brummte der Marſchall Lannes. Wir haben's wohl als einen Sieg austrompetet und Tedeum ſingen laſſen, aber er weiß doch, was die Herrlichkeit zu bedeuten hatte, und es wurmt ihn, daß auch der Kaiſer von Rußland wegen Eylau hat Tedeum ſingen laſſen. Ich glaube nicht, Herr Marſchall, daß dies der Kummer des *) Constant: Mémoires, III. 282. ——— 1 314 Kaiſers iſt, ſagte Talleyrand achſelzuckend. Es iſt nicht die Art des Kaiſers, das Geſchehene zu beklagen, ſondern ein Fehlſchlag feuert ihn gerade nur an zu neuem Wagen, und begeiſtert ſein Genie zu neuen kühnen Thaten. Wenn der Löwe Einmal auch die Beute ſich hat entſchlüpfen ſehen, ſo macht ihn das doch nicht muthlos und verſtimmt; er ſchüttelt nur ſeine Mähnen, und legt aus zu neuem ge⸗ waltigem Sprung, bei dem er ſicher iſt, ſeine Beute zu erwürgen. Sie glauben alſo, Herr Miniſter, daß der Kaiſer einen neuen Schlachtplan im Kopf trägt? fragte Lannes freudig. Ich bin davon überzeugt, aber ich glaube nicht, daß dies die Urſache der Verſtimmung des Kaiſers iſt. Die Falten auf ſeiner Stirn ſind vielmehr der Trauerflor, den er um den kleinen Napoleon trägt. Sie wiſſen ja, der Courier, welcher geſtern ankam, hat die Nachricht von dem Tode ſeines kleinen Neffen, des Enkels der Kaiſerin, gebracht! Ah bah, rief Lannes, es verlohnte ſich für einen großen Feldherrn wohl der Mühe, ſo zu trauern um ein achtjähriges Kind. Er trauert auch nicht um das Kind, ſondern um den Nachfolger, ſagte Talleyrand. Sie wiſſen, der Sohn ſeines Bruders Louis und ſeiner Stieftochter Hortenſe ſollte ſein Erbe, der künftige Kaiſer von Frankreich ſein. Mein Gott, man ſieht, wie wenig man vorher be⸗ ſtimmen kann, welches der Erbe eines Thrones ſein wird! Irgend ein Zufall, ein herabfallender Dachſtein, eine elende Maſernkrankheit, ein jammervoller Huſten kann ganze Dynaſticen ſtürzen und neue hervor⸗ rufen! Die Hoffnungen Joſephinens ſind mit dem kleinen Napoleon Louis zu Grabe getragen! Arme Kaiſerin, jetzt wird ihr Sturz unver⸗ meidlich ſein, denn der Kaiſer muß nun wohl daran denken, ſich einen Erben zu geben, und eine legitime Verbindung zu ſchließen. Ach, wie viel Thränen und Jammer wird das aber dem Herzen Jo⸗ ſephinens koſten! Ah wahrhaftig, mein Herr Fürſt von Benevent, rief Lannes ſtürmiſch, wenn Sie die Kaiſerin beklagen, ſo ſind Sie wahrſcheinlich im Begriff, ihr recht großes Herzeleid anzuthun. Man kennt ja die feine Diplomatie des Herrn Miniſters, welcher ſagt, daß man die Sprache nu Her Fürſ, den zu gle lagen, ſo ſchon eine Sagen Si gedacht, d Fug Herm G Hand au Armen u filligſt, d redung ge licher Tra Kaiſers i Es iſt al erſchüttert wet von bello, od vielleicht kann ſi Löwen nach mi Un Cabinet leichten Na hs Hu ſchat, onz w auch ſe 315 Sprache nur hat, um damit ſeine Gedanken zu verhüllen. Ich, mein Herr Fürſt, habe mich daher auch gewöhnt, grade das Gegentheil von dem zu glauben, was Sie ſagen. Wenn Sie alſo die Kaiſerin be⸗ klagen, ſo heißt das: Sie ſind ſicher, ſie zu ſtürzen, und Sie haben ſchon eine Nachfolgerin für die arme gute Joſephine ausgewählt. Sagen Sie ſchnell, wer wird's ſein? Wem haben Sie die Ehre zu⸗ gedacht, dem Kaiſer einen legitimen Erben zu geben? Fragen wir Beide das lieber unſern ſchweigenden Freund, den Herrn Groß„Marſchall Duroc, ſagte Talleyrand, indem er leiſe ſeine Hand auf die Schulter Durves legte, der mit ineinandergeſchlagenen Armen und gedankenvollem Hinſtarren dageſtanden. Bemerken Sie ge⸗ fälligſt, daß der Groß⸗Marſchall ſich mit keinem Wort in unſere Unter⸗ redung gemiſcht hat, daß er es ruhig mit anhört, wie wir in ſchmerz⸗ licher Trauer überlegen, welches die Urſache von dem Trübſinn des Kaiſers iſt, und daß er nicht mit uns räth und forſcht und grübelt. Es iſt alſo klar, er kennt die Urſache dieſes Trübſinns, und ihn allein erſchüttert derſelbe daher nicht. Sagen Sie doch, Herr Groß⸗Marſchall, wer von uns Beiden iſt auf richtiger Fährte, der Herzog von Monte⸗ bello, oder ich? Vielleicht, Herr Fürſt, irren Sie alle Beide, ſagte Duroc lächelnd, vielleicht auch haben Sie alle Beide Recht. Wer kann's wiſſen, wer kann ſich erkühnen, die Gedanken und Geheimniſſe des ſinnenden Löwen ergründen zu wollen! Ich— aber ich glaube, der Kaiſer rief nach mir! Und Duroc näherte ſich horchend der Thür des kaiſerlichen Cabinets. Duroc! rief es von drinnen zum zweiten Mal, Duroe, Duroc! Der Groß⸗Marſchall nahm von den beiden Herren mit einer leichten Verbeugung Abſchied, und eilte in das kaiſerliche Cabinet.— Napoleon ſaß auf ſeinem Lehnſtuhl am offenen Fenſter und ſtarrte, das Haupt auf die Hand geſtützt, hinaus auf die weite, grüne Land⸗ ſchaft, die ſich da vor ihm aufthat. Er hatte, wie es ſchien, ſchon ganz wieder vergeſſen, daß er den Groß⸗Marſchall zu ſich gerufen und auch ſein Eintreten hatte er nicht bemerkt. Ein Ausdruck ſchmerzlicher 316 Trauer ſprach aus ſeinen Zügen und in ſeinen aufwärts gerichteten Blicken loderte ein düſteres Feuer. Ew. Majeſtät haben gerufen, ſagte Duroc, einige Schritte näher tretend. Napoleon ſchrak leiſe zuſammen und wandte ſein Haupt langſam zu dem Groß⸗Marſchall hin. Es iſt wahr, ſagte er, ich hatte Dich gerufen, Duroc. Ich bin unfreundlich geweſen und habe Euch ohne Abſchied verlaſſen. Es thut mir leid. Du kannſt das den andern Beiden ſagen! Er reichte Duroe ſeine kleine weiße Hand hin, welche dieſer mit einem Ausdruck unendlicher Zärtlichkeit an ſeine Bruſt drückte. Ich danke Ew. Majeſtät für dieſen neuen Beweis Ihrer Großmuth und Huld, ſagte er, und ich werde mich heeilen, ihn den beiden Fürſten mitzutheilen. Er wollte ſich entfernen, aber der Kaiſer hielt ihn zurück. Erzähle mir erſt, Duroc, ob ſie ſehr erzürnt über mich waren? Brummte mein alter Lannes? Jroniſirte Talleyrand? Oh Sire! rief Duroc vorwurfsvoll. Wir waren alle Drei nur voll Schmerz und Trauer und überlegten, welches wohl die Urſache von der Schwermuth Eurer Majeſtät ſein möchte. Nun, und worauf riethet Ihr? Was vermuthete Lannes? Er war der Anſicht, daß Ew. Majeſtät der Schlacht von Eylau eine glänzende Siegeskrone aufzuſetzen ſtrebten und daß Sie in Ihrem Geiſt den Plan zu einer neuen Schlacht entwürfen. Er hat Recht, rief Napoleon energiſch. Wir ſtehen nicht am Ende unſers Kampfes und die Tapfern, welche unter dem Schnee und Eis von Eylau begraben ſind, ſollen bald gerächt werden. Die Sonne von Auſterlitz und Jena will ich bald hier in den langweiligen Ebenen Preußens aufleuchten laſſen und ſie ſoll dieſem Kaiſer von Rußland die Augen ſo verblenden, daß er in ſeine Kniee niederſinkt und pater peccavi ruft. Ich will ihm beweiſen, was es heißt, Mir zu drohen und Mir zu opponiren; und wenn ich dereinſt meine Siegesfahne auf dem Kreml von Moskau aufrichte, ſo wird Alexander mir die Schleppe meines Purpurmantels tragen. Die Welt gehört mir! Wehe dem, der ſich mir in Elephant de Pline! Abe Ps ſagte Spürnaſe u Talleh welchet Ihr den kleinen Ah, w ſeufzend, n Liebling u trachten! ſeinen A ¹9 ſchien. Ich weiter, Dun frei heraus, Sire, lagte die Prinzen N Ereigriß: linger en und der zu geben. Und Er, welch ſich mit m beweiſen, nie daran Jſephiner ih an ihr Eine ſdes Thr hite E. Rwonnen 317 ſich mir in den Weg ſtellt, ich werde ihn zu Boden treten, wie der Elephant den Wurm zertritt! Lannes hat Recht, ich mache meine Pläne! Aber dieſe ſind es freilich nicht, welche meine Stirn umdüſtern! Was ſagte Talleyrand, der Fürſt von Benevent, mit der ſchlauen Spürnaſe und dem undurchdringlichen Lächeln? Talleyrand ſagte, es ſei nicht der Gedanke an künftige Schlachten, welcher Ihr Antlitz umdüſterte, ſondern es trüge den Trauerflor um den kleinen Sohn des Königs von Holland. Ah, wahrhaftig, Talleyand hat nicht ganz Unrecht, rief Napoleon ſeufzend, mein Herz trauert um den kleinen Napoleon. Er war mein Liebling und ich hatte mich gewöhnt, ihn als meinen Erben zu be⸗ trachten! Er war Blut von meinem Blut und es leuchtete etwas in ſeinen Augen, das mir ein Strahl meines eigenen Geiſtes zu ſein ſchien. Ich habe den Knaben geliebt und jetzt— Was ſagte Talleyrand weiter, Duroc, unterbrach Napoleon ſich ſelber. Du ſchweigſt? Sprich frei heraus, ich will Alles wiſſen! Sire, ſagte Duroe faſt ſchüchtern, der Fürſt von Benevent be⸗ klagte die Kaiſerin Joſephine, denn er meinte, der Tod des kleinen Prinzen Napoleon Louis ſei für ſie ein trauriges und folgenreiches Ereigniß und Ew. Majeſtät würden ſich nun der Nothwendigkeit nicht länger entziehen dürfen, Ihrem Reich einen legitimen Thronerben und der edlen und angebeteten Kaiſerin Joſephine eine Nachfolgerin zu geben. Und er hatte die Frechheit, Joſephine zu beklagen, rief Napoleon, Er, welcher ſeit Jahren ſchon bemüht iſt, ſie zu ſtürzen, Er, welcher ſich mit meiner Familie ſtets vereinigt, um mir die Nothwendigkeit zi beweiſen, Joſephine zu verſtoßen! Ach, arme gute Joſephine, ich würde nie daran gedacht haben, ihnen den Willen zu thun, ich war bisher Joſephinens treueſter Vertheidiger, denn ich liebe ſie und ich weiß, daß ich an ihr eine treue und aufrichtige Freundin beſitze! Eine Kaiſerin, Sire, ſagte Duroc, eine Kaiſerin, welche die Zierde jedes Thrones iſt und deren Anmuth, Liebenswürdigkeit und Herzens⸗ güte Ew. Majeſtät eben ſo viel Unterthanen gewonnen hat, als Ihre gewonnenen Schlachten. Sire, ganz Frankreich liebt und verehrt die 318 Kaiſerin Joſephine, ganz Frankreich würde mit der Kaiſerin weinen, wenn es ihren Feinden gelänge, ſie von ihrem Thron und von der Seite ihres angebeteten Gemahls zu verdrängen und die Thränen und das Schluchzen, die Verwünſchungen und Zornesrufe eines ganzen Volkes würden das Feſtgeläute ſein, mit welchem Frankreich eine neue Kaiſerin empfinge. Du malſt in ſehr grellen Farben, rief Napoleon düſter, aber man weiß ja, Du gehörſt zu den leidenſchaftlichen Verehrern Joſephinens. Sie iſt in der That eine gute Frau, und ich habe mich niemals über ſie zu beklagen gehabt. Wäre ſie im Stande, mir einen Sohn zu geben, ſo würde ich nie daran denken, mich von ihr zu trennen; aber das Schickſal iſt wider ſie und ich fürchte, es wird mich zwingen — Ah bah, wagen wir nicht muthwillig den Schleier zu lüften, welcher die Zukunft bedeckt. Bleiben wir lieber bei der Gegenwart! Du haſt mir geſagt, was Lannes und Talleyrand geurtheilt und vermuthet, aber Du haſt mir Deine Meinung noch nicht mitgetheilt. Was ſagteſt Du? Er ſchaute Duroc mit ſeinen flammenden durchbohrenden Abler⸗ blicken an und wiederholte noch einmal: was ſagteſt Du? Sire, antwortete Duroc leiſe, Sire, ich ſagte gar nichts! Du ſagteſt gar nichts, weil Du wußteſt, was mir fehlt, rief Na⸗ poleon mit aufflammender Heftigkeit, weil Du die Qual, den Zorn und Schmerz ermeſſen kannſt, der meine Bruſt durchtobt! Er ſprang heftig von ſeinem Lehnſeſſel empor und ging mit großen Schritten, die Hände auf dem Rücken gefaltet, im Gemach auf und ab. Sein Antlitz war bleich und düſter, ſein Stirne in tiefe Falten gelegt, ſeine ſchmalen, ſcharfgeſchnittenen Lippen feſt aufein⸗ andergepreßt. Duroc, ſagte er nach einer langen Pauſe, vor dem Groß⸗Marſchall ſtehen bleibend und mit dumpfer, zitternder Stimme, Duroc, iſt es nicht eine Schmach und ein Hohn, daß mir dies geſchieht? Die ganze Welt beugt ſich vor mir und erkennt mich an als ihren Herrn, und ein Weib wagt es, mir zu widerſtehen, ein kleines, blondes, zartes Nichts, das ich in meinen Händen zerdrücken kann, wenn ich will, das ein zor⸗ niget Hauch Stum die 9 widerſtehen, tilte, ſtrtiſ Site, ſ nhet und- ie iſt lieben kann Hagr, ein( delt haben! Abern ſchaftlich li Er ſoll drohend, er G rühren, die welken Geſt Herzen eine anmuthsvol Warſchau eine Glori Himmel le Schimmer war, mac geſchmückt auf den e ſchwur min u geben d Nein, ubetet, ſe ein tugend ſiht bech kinyſt ein det Uiebe, keweh S G 319 niger Hauch meines Mundes tnicken und entblättern würde, wie der Sturm die Lilie enthlättert! Duroc, ſie wagt es, meinem Willen zu widerſtehen, und meinen Bitten, ja ſelbſt meinem Flehen ſetzt ſie ein kaltes, ſtörriſches Schweigen entgegen. Sire, ſie iſt verheirathet, wagte Duroc zu ſagen, ſie iſt verhei⸗ rathet und— Sie iſt verheirathet an einen Mann, den ſie nicht liebt, nicht lieben kann, rief Napoleon ungeſtüm. Er iſt ein Greis mit weißem Haar, ein Greis von ſechszig Jahren, an den ihre Eltern ſie verhan⸗ delt haben! Aber wie man ſagt, ſoll ihr Gemahl ſeine ſchöne Frau leiden⸗ ſchaftlich lieben! Er ſoll es wagen, ſie mit ſeiner Liebe zu beläſtigen, rief Napoleon drohend, er ſoll nur mit der Spitze ſeines Fingers dieſe Blume be⸗ rühren, die ich mir erobern will! Sie hat es nicht verdient, neben der welken Geſtalt eines Greiſes zu verdorren, ſie iſt es werth, an dem Herzen eines Kaiſers zu blühen. Oh wie ſchön iſt ſie, wie lieblich und anmuthsvoll. Gleich zum erſten Mal, als ich ſie auf dem Ball in Warſchau ſah, liebte ich ſie und fühlte, daß ich ſie beſitzen müſſe. Wie eine Glorie umleuchtete ihr blondes Haar ihr edles Haupt, wie ein Himmel leuchtete es aus ihren großen blauen Augen und dieſer ſanfte Schimmer von Melancholie, der über ihr ganzes Weſen ausgegoſſen war, machte ſie nur noch reizender und verführeriſcher. Sie war ein geſchmücktes, unſchuldiges Opfer fremden Eigennutzes, das erkannte ich auf den erſten Blick, und mit dieſem erſten Blick liebte ich ſie und ſchwur mir, ſie ihrem Unglück zu entreißen und ihr das Glück wieder zu geben durch meine Liebe! Duroc, und ſie verſchmäht mich! Nein, Sire, ſie verſchmäht den erhabenen Liebhaber nicht, den ſie anbetet, ſagte Duroc, aber ſie iſt keine leichtfertige Coquette, ſondern ein tugendhaftes Weib. Sie will ihrem Gemahl die geſchworene Treue nicht brechen, ſie will nicht meineidig werden an ihren Pflichten. Sie kämpft einen harten und großen Kampf, den Kampf der Pflicht und der Lebe, denn, Ew. Majeſtät wiſſen es wohl, daß Frau von Wa⸗ lewska Sie liebt! 320 Nein, nein, ſie liebt mich nicht, rief Napoleon heftig. Wenn ſie mich wirklich liebte, würde ſie keine anderen Pflichten kennen, als die der Liebe, würde ſie auf keine andere Stimme hören, als auf die meine! Ich habe zu ihr gefleht mit aller Kraft meiner Liebe mit allem Zorn eines Verſchmäheten, mit aller Demuth eines Liebenden, aber weder mein Zürnen noch mein Flehen hat ſie gerührt. Und dennoch behauptet ſie, daß ſie mich liebt, dennoch wagt ſie zu ſagen, daß ſie meine Gefühle erwidert. Oh, ſie iſt eine grauſame, kaltherzige Coquette, es macht ihr Freude, mich leiden zu ſehen und mit meinem Herzen zu ſpielen. Jetzt, Sire, werden Sie ungerecht, rief Duroec faſt heftig. Frau von Walewska iſt ein Engel an Tugend und Reinheit, ſie würde freudig ihr Leben und ihr Herzblut darum geben, Ew. Majeſtät einen Seufzer, eine Thräne zu erſparen. Aber ſie kann mir dieſe Chimaire der Tugend nicht opfern, rief Napoleon, der Tugend, die ſie doch ſchon gebrochen hat, indem ſie mich liebt. Sie hat nicht den Muth, den Schein zu opfern, da ſie doch die Wahrheit ſchon geopfert hat. Sie iſt, wie alle Weiber, feig und furchtſam, keines großen Entſchluſſes, keiner großen Liebe fähig. Wie viel Briefe habe ich ihr nicht geſchrieben, ſeit ich ſie zum letzten Mal geſehen! Wie ein elender Abenteurer, ein fahrender Glücksritter bin ich nach der Schlacht von Eylau verkleidet, heimlich nach jenem Dorf gegangen, in welchem ſie mir endlich bei ihrem Bruder ein Ren⸗ dezvous verſprochen! Welch ein Rendezvous! Nichts weiter, als ein Abſchied! In ein Kloſter will ſie gehen, Gott will ſie ihr Herz geben, da ſie es mir nicht geben darf! Ich aber bin nicht dazu geſchaffen, ein Abälard zu ſein, und bei Gott, ich will nicht, daß ſie eine Helviſe werde! Wenn ſie in ein Kloſter geht, ſo werde ich die Mauern dieſes Kloſters zerſchmettern laſſen, und den Orden aufheben, dem ſie ſich angelobt hat. Aber ſie wird nicht in ein Kloſter gehen, Sire, die Liebe wird endlich den Sieg über ihre Tugend davontragen, ſie wird ſich endlich doch für überwunden erklären. Sie hat Ew. Majeſtät gelobt, noch ein Jahr zu warten, bis ſie ihren Entſchluß ausgeführt, und ſie wird nicht die Kre Verbungen Briefe, weld ricweiſt, ſir herzens geſc Bei Ge weiſ. Seit wöchentlich ſie, den A deten geht. auf meine Marmor, u dem es Frer Sire, nen? ſagte Der Ka Geralt ſein der jetzt ſei Thir des lichen Page haltend. 2 ſchen, daß ueten war, haben mußt Bleich Thir und die Pfirſche Das 9 ender Glut und die Sc Frichte am und pog ihn Conſ Mihleat Wem ſe als auf die Liebe mit indem ſie da ſie er, feig e fühig. endlich noch d ſie vird 32¹ nicht die Kraft haben, ein Jahr lang ihr Herz den leidenſchaftlichen Werbungen eines Liebhabers zu verſchließen, den ſie anbetet. Die Briefe, welche Ew. Majeſtät ihr ſchreiben, und die ſie nicht mehr zu⸗ rückweiſt, ſind wie glühende Bomben, welche in die Feſtung ihres Herzens geſchleudert werden und da ein großes Unheil anrichten. Bei Gott, ein ſchöner Troſt, daß ſie meine Briefe nicht zurück⸗ weiſt. Seit zwei Monaten ſchreibe ich ihr faſt täglich,*) ſende all⸗ wöchentlich einen Courier an ſie ab, der ihr meine Briefe bringt, wenn ſie, den Argusaugen ihres Gemahls entſchlüpft, in die Kathedrale beten geht. Aber immer erhalte ich nur kurze einſylbige Antworten auf meine glühenden Liebesepiſteln. Dieſes Weib iſt entweder von Marmor, und ſie iſt nicht fähig zu empfinden, oder ſie iſt ein Dämon, dem es Freude macht, mich zu martern. Sire, iſt es Ew. Majeſtät gefällig, von dieſen Früchten zu neh⸗ men? ſagte eine ſanfte Stimme hinter ihm. Der Kaiſer ſtieß einen Schrei aus und wandte ſich um. In der Gewalt ſeiner Leidenſchaft, ganz erfüllt von dem einzigen Gedanken, der jetzt ſeine Seele bewegte, hatte er gar nicht gehört, daß ſich die Thür des Cabinets leiſe geöffnet hatte, und daß einer von den kaiſer⸗ lichen Pagen eingetreten war, eine goldene Fruchtſchale in der Hand haltend. Auch Duroc hatte nicht darauf geachtet; er hatte nicht ge⸗ ſehen, daß der Page ſchon, während der Kaiſer noch ſprach, einge⸗ treten war, daß er daher die letzten Worte des Kaiſers wohl gehört haben mußte. Bleich und erſchöpft lehnte der Page ſich an die Wand neben der Thür, und die goldene Schale zitterte ſo heftig in ſeinen Händen, daß die Pfirſiche darin hin und her rollten und aneinanderſchlugen. Das glühende Auge des Kaiſers hatte einen Moment mit ſtrah⸗ lender Gluth ſich auf den Pagen geheftet, jetzt ſtürzte er zu ihm hin, und die Schale ihm entreißend und ſie zu Boden ſchleudernd, daß die Früchte am Boden umherrollten, packte er den Pagen an beiden Armen und zog ihn näher zum Fenſter hin. *) Conſtant. III. 269. Mühlbach, Napoleon. II. Bd dS — 322 Wer biſt Du? fragte er jetzt athemlos, kaum im Stande, ſeine Aufregung zu beherrſchen, ſein ganzes Weſen Gluth und flammende Energie. Wer biſt Du? Sprich, daß ich noch einmal Deine Stimme höre! Der Page ſchaute in ſein vor Zorn und Leidenſchaft leuchtendes Jupitersangeſicht, und ſeine großen blauen Augen füllten ſich mit Thränen. Ich bin ein Dämon, dem es Freude macht, zu martern, ſagte er leiſe. Napoleon ſagte kein Wort; er riß nur mit einer heftigen Bewe⸗ gung das ſammetne Barett von dem Haupte des Pagen, und wie unter demſelben das lange blonde Haar hervorquoll und in ſchweren Locken ſich über ſeine Schultern niederrollte, flog ein Lächeln unausſprechlichen Glückes über Napoleons Antlitz hin und verlieh den ehernen Zügen des Cäſaren einen Glanz wunderbarer Schönheit. Er faßte die blon⸗ den Locken mit ſeinen beiden Händen und küßte ſie, und legte ſie dann auf ſein eigenes Haupt, daß dies ſchöne blonde Haar wie ein goldner Schleier über ſein Antlitz niederfiel. Dann mit einem frohen, glück⸗ lichen Lächeln ſchüttelte er den magiſchen Schleier fort und preßte den Pagen ſo heftig in ſeine Arme, daß er aufſchrie. Marie, Marie, rief er glühend, ich halte Dich endlich, Du biſt alſo endlich da, und Du biſt mein! Duroc, ſchaue doch den wunder⸗ vollen Pagen an. Komm doch hierher, Duroc, und ſieh den Engel, den ich verleumdete! Aber Duroc kam nicht. Er hatte es vorgezogen, ſich leiſe hin⸗ auszuſchleichen und die Thür feſt hinter ſich zu ſchließen. Napoleon war alſo allein mit ſeiner Geliebten, und in ſeinem Herzen dankte er es Duroc, daß er gegangen war. Er zog das junge Weib, das ſchamvoll und weinend ihr Antlitz in ihren Händen barg, wieder in ſeine Arme, und verſuchte es mit ſanfter Gewalt, ihre Hände von ihrem Angeſicht fortzuziehen. Marie, ſagte er mit weichem, bittenden Liebeston, Marie, Du weinſt, und doch ſagſt Du, das Du mich liebſt? Ja, ich liebe Dich, rief ſie glühend, indem ſie mit einer ſtürmi⸗ ſchen Beweg habe doch C wil ich, mei bin! Napol Vaterland, gegeben für weiner Seli Er zor auf ihre zu der Ritterſ Leben, er meine Geli wenn die) ſie auch dal neben Joſet Oh, o Kiſerin, di zut Verhres meine Sch Dir undt Nein Klage nich und laß ſete Dich Dein Her dung ſche: Er z0 ſiſt mil ſhaute nit Vie e bingen. zing ihn Umweben und Dein 323 ſchen Bewegung vor ihm niederſank, ich liebe Dich grenzenlos! Ach, habe doch Erbarmen mit mir, mein Geliebter! Verachte mich nicht, weil ich, meinem Gewiſſen, meiner Ehre zum Trotz, hierher gekommen bin! Napoleon, ich habe jetzt auf Erden nichts mehr, als Dich, kein Vaterland, keine Familie, keinen Namen mehr! Ich habe Alles hin⸗ gegeben für Dich, ich bin Dein mit meinem Leben, meiner Ehre und meiner Seligkeit! Gedenke deſſen, und verachte mich nicht! Er zog ſie ſanft von ihren Knieen empor und drückte einen Kuß auf ihre zuckenden Lippen. Marie, ſagte er, dieſer Kuß ſei Dir wie der Ritterſchlag dem Krieger, er gebe Dir ein höheres, geweihtes Leben, er gebe Dir ſtrahlende Ehre. Von dieſer Stunde an biſt Du meine Geliebte, und Du ſollſt unſterblich ſein, wie ich ſelber, und wenn die Nachwelt den Namen des Kaiſers Napoleon nennt, ſo ſoll ſie auch dabei ſeiner edlen und ſchönen Geliebten gedenken, ſo ſoll ſie neben Joſephinen auch Marie Walewska nennen! Oh, oh, murmelte Marie in ſich erſchauernd, Du nennſt die Kaiſerin, die edle Joſephine, die ich anbete, und an der ich doch jetzt zur Verbrecherin werde! Möchte mir das Schickſal verſtatten, dereinſt meine Schuld zu ſühnen, indem ich mein Leben für Dich hingebe und Dir und der Welt beweiſe, daß ich Dich wahr und treu geliebt. Nein, Du ſollſt leben, für mich leben, ſagte Napoleon glühend. Klage nicht mehr, meine Marie, trockne Deine ſchönen blauen Augen, und laß mich meinen Himmel klar und hell ſehen. Komm hierher, ſetze Dich zu mir, und nun erzähle mir, wie es kam, daß Du endlich Dein Herz überwandeſt, und weshalb ich Dich in dieſer Verklei⸗ dung ſehe? Er zog ſie neben ſich nieder auf den Divan und legte ſeinen Am feſt um ihre Geſtalt. Sie lehnte ihr Haupt an ſeine Schulter und ſchaute mit träumeriſchen Blicken zu ihm empor. Wie es kam? fragte ſie. Das läßt ſich nicht ſagen und in Worte bringen. Mein Herz kämpfte einen langen fürchterlichen Kampf, es ging ihm wie der Penelope; jede Nacht verſuchte ich mein Herz zu umweben und zu panzern mit einem Netz der Fflicht und Tugend, und Deine Briefe waren die Freier, welche jeden Tag wieder das 21½ ———— —— ——— ——— —— 324 Netz zerſtörten, das ich die Nacht gewebt. Deine Klagen zerriſſen meine Seele, Deine Vorwürfe marterten mein Herz; ich fühlte endlich, daß es für mich keine Rettung mehr gab, daß ich Dich grenzenlos liebte, und daß ich es Dir beweiſen wollte. Aber mein Gemahl be⸗ wachte mich mit Argusaugen, er war immer an meiner Seite; bald drohte er mir im wilden Zorn ſeiner Eiferſucht, mich zu ermorden, wenn ich ihn verließe, bald beſchwor er mich mit Thränen, ſeiner Ehre zu ſchonen und Mitleid zu haben mit ſeiner Liebe. Ich fühlte, daß ich entweder ſterben oder den Muth haben müſſe, meine ganze Vergangen⸗ heit hinter mich zu ſchleudern und ein neues Daſein zu beginnen, ein Daſein der Liebe und Seligkeit, wenn Du mich liebſt, der Qual und Selbſtvorwürfe, wenn Du mich verachteſt! Ich liebe Dich, ſagte Napoleon mit einem ſtolzen zuverſichtlichen Ausdruck. Erzähle weiter! Ich bin zu Ende, ſagte ſie. Meine vertraute Kammerfrau be⸗ reitete alles Nöthige zu meiner Flucht vor, und vor vier Tagen, wäh⸗ rend mich mein Gemahl in der Meſſe glaubte, beſtieg ich mit meiner Kammerfrau den Reiſewagen und bin raſtlos Tag und Nacht gefahren bis hierher. Und dieſe Verkleidung? fragte Napoleon, auf den Pagen⸗Anzug deutend. Marie erröthete und lächelte. Ich ließ ihn mir von einem Schnei⸗ der in Warſchau anfertigen, der dort die Garderobe der kaiſerlichen Pagen zu jenem Ballfeſt angefertigt. Ich hatte nicht den Muth, als Frau in dieſes Schloß einzutreten, in dem nur Männer wohnen; un⸗ bemerkt und ungekränkt wollte ich zu Dir eintreten. Ich ließ meinen Wagen im nächſten Dorf halten und wanderte zu Fuß hierher. Am Schloßthor fragte ich nach Deinem Kammerdiener Conſtant und bat, ihn zu rufen. Er kam und ihm vertraute ich mich an, er führte mich hierher. Und ſo, mein Kaiſer, mein Herr und mein Geliebter, ſo bin ich hier, ſo liege ich zu Deinen Füßen und flehe Dich an: wenn Du mich nicht mehr liebſt, gieb mir den Tod, denn ich kann nicht mehr leben ohne Deine Liebe! Sie war von dem Divan zur Erde und auf ihre Kniee niederge⸗ glitten, und Ausduck zu Napolel Ame empor gebe Dir m Am an Spur mehr uhigt hatte des Glückes nen großen großen Ho ſollten, un Kaiſer ſell Ein Unpereu ſtolz aufger treppe her Soldaten b Närrif Morſchall hiren, als inter ihnen Nin, und ſein bunen Iu ſieh § aben ( — führte mich wenn lann nicht niederge⸗ glitten, und ihre Hände in einanderfaltend, ſchaute ſie mit flehendem Ausdruck zu dem Kaiſer empor. Napoleon neigte ſich zu ihr nieder und zog ſie lächelnd in ſeine Arme empor. Du ſollſt leben, ſagte er, denn ich liebe Dich, und ich gebe Dir mein kaiſerliches Wort, daß ich Dich nie verlaſſen werde! XI. Die Chocolade von Danzig. Am andern Tage zeigte ſich auf dem Antlitz des Kaiſers keine Spur mehr von den Wolken, welche ſeine Marſchälle ſo ſehr beun⸗ ruhigt hatten, vielmehr ſtrahlte ſein Angeſicht wie in einer Verklärung des Glückes und ein wunderbares Leuchten und Flammen war in ſei⸗ nen großen, dunkelblauen Augen. Er befahl, daß auf dem innern großen Hof des Schloſſes ſeine Garden ſich zu einer Parade aufſtellen ſollten, und zum Entzücken und zur Freude ſeiner Soldaten wollte der Kaiſer ſelber dieſe Parade commandiren. Ein unermeßlicher Jubel, ein immer wieder ſich erneuerndes Vive l'Empereur! empfing ihn, als er, umgeben von ſeinen Marſchällen, ſtolz aufgerichtet, mit ſtrahlendem Antlitz, die Stufen der breiten Schloß⸗ treppe herunterſchritt. Napoleon dankte mit einem Lächeln, das ſeine Soldaten bezauberte und neue Jubelausbrüche veranlaßte. Närriſche Kinder, dieſe Soldaten, ſagte Napoleon, ſich an den Marſchall Lannes wendend. Was jubeln ſie denn heute ſo ohne Auf⸗ hören, als hätten ſie mich lange nicht geſehen? Bin ich nicht alle Tage unter ihnen geweſen? Nein, Sire, ſagte der Marſchall, der heute ſeine alte Heiterkeit und ſein vergnügtes Geſicht wieder gefunden hatte, nein, Sire, die braven Jungens haben Ew. Majeſtät wirklich lange nicht geſehen, und ſie haben wohl Recht zu jubeln. Der große Napoleon, deſſen Antlitz 326 in ſo vielen Schlachten und ſo vielen Ländern unſere Sonne geweſen, und deſſen Lächeln uns oft genug, wenn wir hungerten und dürſteten, erquickt und geſättigt hat, der große Napoleon war wahrhaftig nicht hier, ſondern an ſeiner Stelle hatten wir hier in den letzten Wochen einen ernſten, vornehmen, ſchweigſamen Kaiſer, deſſen Antlitz immer wie Donner und Blitz ausſah, weshalb Jedermann unwillkürlich Furcht hatte vor dem Einſchlagen. Napoleon lachte. Haſt Du Dich etwa auch vor dem Einſchlagen gefürchtet, mein alter Kamerad? fragte er. Das juſt nicht, ſagte Lannes fröhlich, aber es iſt mir doch heut, als wenn eine Laſt von meinem Herzen genommen wäre und als wenn ich freier athmen könnte, da ich endlich meinen prächtigen, großen Na⸗ poleon ſtatt des Duckmäuſers von Kaiſer wieder habe, und da die Sonne wieder für uns Alle aufgegangen iſt. War ich denn wirklich ſo ſehr verſtimmt, und ſo ſehr, wie Du ſagſt, Duckmäuſer? fragte Napoleon, den die ungenirte und treuherzige Weiſe ſeines alten Kameraden ſtets zu ergötzen pflegte, und der Lannes allein dieſe Sprache der Vertraulichkeit und Offenherzigkeit erlaubte, welche er keinem Andern ſeiner frühern Waffengefährten verziehen hätte. Der Marſchall neigte ſich dichter an der Kaiſers Ohr. Sire, ſagte Ew. Majeſtät waren, mit Reſpect zu melden, ein Duckmäuſer von der allerſchlimmſten Sorte, denn es war nicht blos ängſtlich, ſondern langweilig in Ihrer Nähe. Aber jetzt iſt's vorüber, und wenn ich Sie anſchaue, hüpft mein Herz wie das Herz eines Liebhabers, der endlich ſeine Geliebte wieder ſt 6 ich möcht' doch wahrhaftig wiſſen, welches Wunder ſeit geſe geſchehen und welcher Zauberer hier an⸗ gelangt iſt, der all' di e Wotte das Ungewitter vertrieben hat. Ich würde Ew. Wojeſit iefi unendlich dankbar ſein, wenn Sie mir den Zauberer zeigen wollten. Seht einmal den Neugierigen an, ſagte er Kaiſer, indem ganz d unwillkührlich ſein Feuerblick zu den Fenſtern des Schloſſes emporflog. Und jetzt ſtrahlte ſein Auge in Glanz und ein un Lächeln verklärte ſeine Züge. Er nickte leiſe mit dem Kopfe und legte einen Moment ſeine Hand auf ſein Herz. n ung hervor, vo der großen purlippen Mort Nin, Varum ſe Lanne erſcheinung ſchon wied Sire, bin ſelber ſ Wyrlen Vol ſeufz te L vethiten, ſchene— Stil Alles du Und ſchall ſo 3 Dar 3 ch Abo Abeid nd dürſteten, ahrhaftig nicht etzten Wochen Die Augen des Marſchalls waren den Blicken ſeines Kaiſers ge⸗ folgt, und dort oben an einem der Fenſter des kaiſerlichen Wohnzim⸗ mers zeigte ſich ihm jetzt ein ſeltſames, überraſchendes Bild. Er ſah da den Vorhang ſich leiſe zur Seite ſchieben, und wie eine himmliſche Erſcheinung tauchte hinter demſelben ein lichter, ſchöner Weiberkopf hervor, von langen blonden Locken umwallt, grüßend mit dem Glanz der großen blauen Augen und dem Lächeln der ſchwellenden Pur⸗ purlippen. Mort de ma vie! rief Lannes laut und ſtürmiſch. Nun, was giebt's? fragte Napoleon, ſich haſtig zu ihm wendend. Warum ſchreieſt Du denn ſo ſehr? Lannes ſtarrte noch immer zu dem Fenſter empor, aber die Eicht⸗ erſcheinung da oben war längſt entſchwunden, die Vorhänge waren ſchon wieder geſchloſſen. Sire, ſagte Lannes verlegen und ſtotternd, Sire, ich glaube, ich bin ſelber verzaubert, und ich hab' eben eine Erſcheinung gehabt. Iſt Dir Deine gute Frau, die Marſchallin, erſchienen? fragte Napoleon lachend. Wollte Gott, daß die ein ſo himmliſcher, blonder Engel wäre! ſeufzte Lannes. Aber alsdann, Sire, würde ich es mir ſehr ernſthaft verbiten, daß ſie hinter den Fenſtern des kaiſerlichen Zimmers er⸗ ſchiene— Still, alter Schwätzer, ſagte Napoleon lachend, muß man denn Alles ausplaudern, was man geträumt hat? Ui er zupfte, wie er das im Scherz zu thun liebte, den Mar⸗ ſchall ſheftig am Ohr, daß dieſer anwilltührlich zuſammenzuckte. Dann wandte der Kaiſer mit vollkommen ernſthaftem Geſicht ſich wieder ſeinen Soldaten zu und die Parade begann. Nach Beendigung derſelben kehrte der Kaiſer in das Schloß zurück, um in ſeinem Cabinet mit ſeinem General⸗Adjutanten zu arbeiten. Aber bevor er das that, wandte er ſich noch einmal an den Marſchall Lannes. Ich erwarte Dich heute bei mir zum Diner, ſagte er, und heute Abels will ich mit Dir, Talleyrand und Duroe eine Partie Vingt et un pielen, ich bin Euch noch von geſtern Revanche ſchuldig! Alſo vergiß es nicht, Marſchall, wir ſpeiſen heute Mittag zuſammen. Sire, ſagte Lannes freudig, und wenn Sie mir gekochte Ruſſen⸗ ohren vorſetzten, ich würde ſie mit Appetit verſpeiſen, wenn Sie mich dabei ſo freundlich anſähen, wie eben jetzt! Napoleon lachte und ſchritt die Schloßtreppe hinauf. Eine Stunde ſpäter fuhr eine beſtäubte Caleſche in den Hof des Schloſſes Finkenſtein. Es war der Marſchall Lefevbre, der Eroberer von Danzig, welcher, der Einladung des Kaiſers gemäß, ſich hierher begeben hatte. Der Marſchall fühlte ſich ein wenig verlegen und beklommen. Dieſer Befehl des Kaiſers, unverzüglich und gleich nach Eintreffen der Depeſche aufzubrechen und nach Finkenſtein zum Kaiſer zu kommen, hatte den Sieger von Danzig etwas ängſtlich und befangen gemacht, und er fürchtete, daß der Kaiſer ihn zu ſich gerufen habe, um ihm Vorwürfe zu machen, daß er der preußiſchen Beſatzung von Danzig ſo ehrenvolle Bedingungen bewilligt habe, und ſtatt die Truppen zu Kriegsgefangenen zu machen, ihnen freien Abzug mit den Waffen in der Hand gewährt habe. Mit etwas bleichem Geſicht und düſteren Blicken trat daher der Marſchall Lefevbre in das Vorzimmer des Kaiſers und bat den Or⸗ donnanz⸗Officier, ihn Seiner Majeſtät zu melden. Seine Majeſtät arbeiten in ihrem Cabinet, ſagte der Officier. Niemand darf alsdann dort eintreten, es müßte denn ſein, daß Cou⸗ riere mit wichtigen Depeſchen einliefen. Der Kaiſer hat mir befohlen, hierher zu kommen und ih ſofort nach meiner Ankunft bei ihm zu melden. Melden Sie mich alſo! Der Ordonnanz-Officier mußte gehorchen und begab ſich zagend in das Cabinet des Kaiſers. Napoleon ſaß vor ſeinem mit Karten und Papieren bedeckten Ar⸗ beitstiſch, und auf eine auf dem Tiſch ausgebreitete Karte hindeutend, wandte er ſich eben lebhaft zu ſeinem General⸗Adjutanten, dem Mar⸗ ſchall Berthier hin. Sehen Sie, dies ißz Stelle, wo wir die Ruſſen hintreiben nüſſen, rie günende Ordonnanz Sire, un Audien Rufen. Er ha nicht auf hätte ihn Sire Danzig, ſ Der den Ofſici icht fihig dann lächel Einladung. Der Mn eintreten? Hen ein, mit Biertelſtu Lefer er die An nur mit und ob er daher, die doch bebte Gen den Sal luyfte ſo legen get Der dig! Alſo le Ruſſen 1 Sie mich r Eroberer ß, ſich hierher bellommen. nich ſofort 329 müſſen, rief er, und hier an den Ufern der Elbe ſollen ſie uns eine glänzende Revanche geben für Eylau.— Nun, wandte er ſich an den Ordonnanz⸗Officier, was giebt's? Sire, ſagte der Officier ſchüchtern, der Marſchall Lefeobre bittet um Audienz. Er ſagt, Ew. Majeſtät habe ihn von Danzig hierher Berufen. Er hat Recht, ſagte Napoleon, und es freut mich, daß der Herzog nicht auf ſich warten läßt. Sagen Sie dem Herzog von Danzig, ich hätte ihn hierher berufen, damit er mit mir diniren ſolle. Sire, wagte der Officier zu ſagen, es iſt nicht ein Herzog von Danzig, ſondern der Marſchall Lefevbre, der um Audienz bittet. Der Kaiſer ſchleuderte einen ſeiner flammenden Zornesblicke auf den Officier. Es ſcheint, mein Herr, ſagte er ernſt, daß Sie mich nicht fähig halten, einen Herzog zu ſchaffen!— Gehen Sie, fügte er dann lächelnd hinzu, gehen Sie und bringen Sie dem Herzog meine Einladung. In einer Viertelſtunde werden wir zur Tafel gehen. Der Ordonnanz⸗Officier kehrte wieder in den Vorſaal zurück. Nun? fragte Lefevbre raſch. Erwartet der Kaiſer mich? darf ich eintreten? Herr Herzog, ſagte der Officier feierlich, der Kaiſer ladet Sie ein, mit Seiner Majeſtät zu diniren, und bittet Sie, nur noch eine Viertelſtunde zu warten. Lefevbre blickte düſter vor ſich hin. In ſeiner Verwirrung hatte er die Anrede des Officiers gar nicht gehört, ſeine ganze Seele war nur mit dem Einen Gedanken beſchäftigt: ob der Kaiſer ihm zürne, und ob er ihm ſehr ſtrenge Vorwürfe machen werde.— Er wünſchte daher, dieſe Viertelſtunde der Erwartung möchte erſt vorüber ſein, und doch bebte ſein Herz bei dem Gedanken daran. Genau eine Viertelſtunde ſpäter trat der Groß⸗Marſchall Duroe in den Saal, um den Marſchall Lefevbre in den Speiſeſaal abzuholen. Dieſer folgte ihm ſtumm, und das Herz des tapferen Soldaten klopfte ſo laut, wie es niemals in der Schlacht und mitten im Kugel⸗ regen gethan hatte. Der Kaiſer hatte ſchon ſeinen Platz an der Tafel eingenommen, 330 als Duroc und Lefevbre in den Speiſeſaal traten. Unweit von ihm hinter ihren Stühlen ſtanden der Marſchall Lannes, der Fürſt von Benevent und der Marſchall Berthier. Napoleon begrüßte Lefevbre mit einem freundlichen Wink ſeiner Hand. Guten Tag, Herr Herzog, rief er, ſetzen Sie ſich hier an meine Seite! Lefevbre eilte zitternden Herzens vorwärts und nahm den bezeich⸗ neten Platz ein. Auch die übrigen Herren ſetzten ſich; das Diner be⸗ gann, der Kaiſer aß ſchweigſam, wie er immer bei Tiſche zu ſein pflegte, ſeine Suppe. Dann richtete er ſeine Blicke mit einem lächelnden Aus⸗ druck auf die große Paſtete, welche dicht vor ihm ſtand und die Form einer Feſtung hatte. Erkennen Sie dieſe Feſtung, Herr Herzog von Danzig? fragte er. Dies Mal hörte Lefevbre den Herzogstitel und er ſchaute den Kaiſer, deſſen Zornesausbruch er noch immer fürchtete, ganz verblüfft an. Meinen Ew. Majeſtät mich? fragte er ſchüchtern. Gewiß meine ich Sie, wenn ich Sie anrede, Herr Herzog von Danzig, ſagte Napoleon lachend. Nun, ſagen Sie doch, kennen Sie die Feſtung, welche dieſe Paſtete vorſtellt, Herr Herzog? Ich glaube, ſagte der neue Herzog, ich glaube, dieſe Paſtete ſtellt die Feſtung Danzig vor! Sehen Sie nur, meine Herren, wie gut der Herr Herzog ſein liebes Danzig im Kopf hat, rief Napoleon lächelnd. Es hat ihm frei⸗ lich auch genug Kopfbrechens gemacht. Jetzt wollen wir das kleine Danzig hier verzehren, wie Lefevbre das große verzehrt hat. Der Haushofmeiſter nahm die Paſtete und präſentirte ſie dem Kaiſer. Nicht doch, ſagte Napoleon mit einem gütigen Lächeln, Herr Herzog von Danzig, Ihnen kommt es zu, dieſe Paſtete anzuſchneiden, denn das iſt Ihre Eroberung.*) Lefevbre's Antlitz leuchtete auf in ſtolzer Freude, und mit einem vollen, innigen Blick dankte er dem Kaiſer. Sire, ſagte er faſt feier⸗ *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Mémoires de la Duchesse d'Abrantès. Vol. IX. S. 302. lich, indem Mafeſtit mi mn dieſe St Ach, wollen wir Darzig die Er ſe Rhalt der Haſtil auf einmg Eſſen Lefebb ſun Fih Ich w Nun, geben, ſug iſt es wohl hole wir F Rou Kaiſers eckigen, l Nap dies Pfu Geſchenke jeſtit ten ſicht, da ſterhe ich h chenſo 0 ſe gem veit von ihn der Fürſt do u Wink ſeinet eſich hier an den bezeich⸗ das Diner be⸗ nd die Form dem Kaiſer. Herr Herzog nit einen faſt feier⸗ 331 lich, indem er ſein Meſſer in die Paſtete ſenkte, Sire, möchten Euer Majeſtät mich bald wieder vor eine Feſtung ſtellen. Ich werde dann an dieſe Stunde denken und die Feſtung erſtürmen oder ſterben! Ach, zum Sterben hat es noch lange Zeit rief Napoleon, jetzt wollen wir erſt dieſe Feſtung hier erſtürmen⸗ Do der Herzog“ von Danzig die erſte Breſche geſchlagen, wollen wir beherzt folgen. Er ſenkte ſein Meſſer in die Paſtete und füllte ewas von dem Inhalt derſelben auf ſeinen Teller. Haſtig, wie immer, aß der Kaiſer die Paſtete, dann wandte er ſich auf einmal wieder zu Lefevbre hin. Eſſen Sie gern Choevlade, Herr Herzog? fragte er. Lefebbre ſah ihn äberraſcht und ganz verblüfft über dieſe ſelt⸗ ſame Frage an⸗ Ich weiß nicht, ſtammelte er, ich glaube, ich eſſe gern Chocolade. Nun, dann will ich Ihnen ein Pfund Chocolade aus Danzig geben, ſagte der Kaiſer lächelnd, denn da Sie Danzig erobert haben, iſt es wohl billig, daß Sie ein kleines Andenken daran erhalten. Rouſtan, hole mir das kleine Paket, das auf meinem Schreibtiſch liegt. Rouſtan, der während der Tafel immer hinter dem Stuhl des Kaiſers ſtand, flog von dannen und kehrte bald mit einem kleinen eckigen, länglichen Paket zurück. Napoleon nahm es und reichte es Lefevbre dar. Nehmen Sie dies Pfund Chocolade von Danzig, Herr Herzog, ſagte er. Kleine Geſchenke erhalten die Freundſchaft. Lefevbre nahm das Paket, und dem Kaiſer innig dankend, ſteckte er die Chocolade in die Taſche. Wenige Minuten ſpäter erhob ſich der Kaiſer, das Diner war beendet. Sire, ſagte Marſchall Lannes, ſich dem Kaiſer nähernd, Ew. Ma⸗ jeſtät kennen vielleicht noch nicht alle meine Fehler. Sie wiſſen noch nicht, daß ich ſehr neugierig und nebenbei ſehr naſchhaft bin. Nun ſterbe ich aber vor Neugierde, zu wiſſen, ob die Chocolade von Danzig ebenſo gut iſt, als die von Paris, und da ich naſchhaft bin, möchte ich ſie gern koſten! Wollen Ew. Majeſtät daher nicht die Gnade haben, 332 dem Herzog von Danzig zu befehlen, daß er ſein Päckchen Chocolade hier öffne und uns Andern ein wenig davon zu koſten gebe? Napoleon lachte. Ich kann ihm doch nicht befehlen, fortzugeben, was ich ihm eben geſchenkt habe, ſagte er. Aber vielleicht könnt Ihr ſchon am Aeußern ſehen, ob die Chocolade von Danzig gut iſt. Wenn der Herzog alſo ſein Paket öffnen und Ihnen die Chocolade zeigen will, ſo bin ich damit einverſtanden. Der Herzog zog mit größter Eilfertigkeit das Paket aus ſeiner Taſche, er war ſelbſt neugierig, deſſen Inhalt zu kennen; Lannes, Durvc, Talleyrand und Berthier umringten ihn. Der Kaiſer ſtand unfern von ihnen in der Mitte des Zimmers und ſchaute lächelnd zu der Gruppe hinüber. Jetzt hatte Lefevbre die Schnur zerriſſen, welche das Paket zu⸗ ſammenhielt, und er ſchlug das Papier auseinander. Es enthielt nichts weiter, als eine Menge kleiner bedruckter Papiere. Aber dieſe Papiere waren von ſehr koſtbarem Inhalt. Es waren Bankbillets im Betrage von hunderttauſend Thalern.*). Lefevbre, ſprachlos vor Erſtaunen und hoch erfreut zugleich, blickte mit leuchtenden Augen und einem bedeutungsvollen Lächeln hinüher zu dem Kaiſer; Duroc und Talleyrand lächelten, Lannes aber rief laut: Wahrhaftig, ich wünſche mir auch ein Pfund ſolcher Chocolade von Danzig!**) Sire, giebt es nicht noch irgendwo eine preußiſche Feſtung, welche ſolche gute Chocolade fabricirt? Schickt mich da⸗ hin, und ich ſchwär's, ich nehme die Feſtung und hole mir meine Chocolade! Napoleon zuckte die Achſeln. Nein, ſagte er, es giebt jetzt eigent⸗ lich keine preußiſchen Feſtungen mehr, die wir zu nehmen hätten, ſie *) Mémoires de Constant. Vol. III. S. 289. **) Die ganze Unterredung, wie die ganze Schilderung dieſer Scene iſt hiſtoriſch. Die Art, wie der Kaiſer den Marſchall Lefevbre für die Einnahme von Danzig belohnt, ward bald in der ganzen Armee bekannt, und beim Heer ward es jetzt eine ſtehende Redensart, daß man, wenn man von einem Kame raden etwas Geld borgen wollte, ihn fragte: haſt Du nicht ein wenig Chocolade von Danzig? Siehe: Mémoires de Constant. Vol. III. S. 289. ind alle ſcho ſich noch, abe nicht aus der [Ihnen u dem Schlacht Ah, rief Schlacht? vi eine Schlac neuen Sieg wi wollen Gebiet ſein Vielleicht ni wie man ſa Bällen im„ zückt haben t zuweilen, als Pnentocht Marſchall 1 ſondern au und lieben ſehen, ob zu Angeſick Sieges! Rend ndez zvvus Lundes ihr ſich ſchon Uſupator Herren, ich denen Mo 4 mour ſe ſchöne n hö Ru Kanonen den Chochlade ebe? † zugeben, t könnt Ihr iſt. Wenn de zeigen chielt nichts gron E waren ſind alle ſchon in unſern Händen, nur Colberg und Graudenz halten ſich noch, aber wer weiß, wie lange. Sie werden ſich Ihre Chocolade nicht aus den preußiſchen Feſtungen holen können, Lannes, aber ich will Ihnen und allen meinen Marſchällen Gelegenheit geben, ſich auf dem Schlachtfelde etwas Chocolade zu erbeuten. Ah, riefen die Herren in freudigem Chor, es giebt alſo bald eine Schlacht? Ja, ſagte Napoleon ernſt und feierlich, ja, es giebt bald wieder eine Schlacht. Der Fall von Danzig ſei für uns das Signal zu neuen Siegen! Die Zeit der Unthätigkeit iſt für uns vorüber, und wir wollen den Kaiſer von Rußland jetzt zu einem Waffentanz auf dem Gebiet ſeines Bundesgenoſſen, des Königs von Preußen, einladen. Vielleicht nimmt auch die ſchöne Königin Theil an dem Tanz, denn wie man ſagt, ſoll ſie eine ſehr große Tänzerin ſein, und auf den Bällen im Königsſchloß zu Berlin alle jungen Garde-Officiere ent⸗ zückt haben durch ihre Tanzkunſt. Auch iſt ſie ja eine Heroine, welche zuweilen, als ihr König noch eine Armee beſaß, den Truppen in Ama⸗ zonentracht die Parade abnahm. Wahrhaftig, mir geht es wie dem Marſchall Lannes, ich bin auch neugierig; freilich nicht auf Chocolade, ſondern auf eine Königin, von welcher man ſagt, daß ſie die ſchönſte und liebenswürdigſte Frau von ganz Deutſchland ſei. Ich will doch ſehen, ob das Gerücht wahr iſt, und will die Königin von Angeſicht zu Angeſicht ſchauen. Dazu bedarf es aber einer Schlacht und eines Sieges! Nach der Siegesſchlacht werde ich die Königin zu einem Rendezvous einladen, und ich denke wohl, ſie wird vor dem Beſieger ihres Landes ihren Stolz beugen und die Einladung annehmen. Sie ſoll ſich ſchon daran gewöhnen, mich, den es ihr beliebt immer nur den Uſurpator zu nennen, als den ebenbürtigen Kaiſer anzuerkennen! Meine Herren, ich rechne auf Ihre Hülfe und Ihren Beiſtand. Sie, meine Herren Marſchälle, Sie und meine tapfere Armee ſollen die postillons d'amour ſein, welche ich ausſchicke, um mir ein Rendezvous mit der ſchönen Königin zu erobern. Sie und meine tapfere Armee ſollen die Herren Ruſſen aus dem Winterſchlaf wecken und ihnen mit donnernden Kanonen unſern Morgengruß bringen. Die Zeit der Ruhe iſt vorüber, alle Vorbereitungen ſind beendet. Der Rheinbund, Italien, Spanien und Frankreich haben uns neue Truppen geliefert, und unſere Armee beſteht jetzt aus zweimalhunderttauſend kampfesluſtigen, ſiegesfreudigen Soldaten, während Rußland und Preußen vereint kaum die Hälfte dieſer Truppen beſitzen, und außerdem ſind ihre Soldaten erſchöpft, muth⸗ los und verzagt. Auf alſo zum Kampf gegen Rußland und Preußen, und wenn ich ſage, zum Kampf, ſo heißt das: zum Sieg! , Spanien ſere Amee die Hälſte Viertes Buch. Der Friede von Cilſit. Ein einjige Lager der und der Frei Eine ne derſelben Sie Deshall jubelten und An 14 bündeten H gekommen, eine neue L Niderlage Die R in ihrem 3 diſſen Krieg guſer Uex „ Mige, daß Frieden iunzſenfr Bihen! in jett ⁰ Suger von bunch ihl, l. Kapoleon und Alerander. Ein einziger Schrei der Wuth und des Entſetzens hallte durch das Lager der Preußen und Ruſſen, ein einziger Schrei des Triumphes und der Freude durch das Lager der Franzoſen. Eine neue Schlacht war geſchlagen worden, und Napoleon war in derſelben Sieger geweſen! Deshalb jammerten und klagten die Preußen und Ruſſen, deshalb jubelten und ſangen die Franzoſen! Am 14. Juni 1807 war es zwiſchen den Franzoſen und dem ver⸗ bündeten Heere der Ruſſen und Preußen zu einer entſcheidenden Schlacht gekommen, am 14. Juni hatte die Schlacht bei Friedland Napoleon eine neue Lorbeerkrone, dem unglücklichen Preußen eine neue entſcheidende Niederlage gebracht. Die Ruſſen, empört, außer ſich über die verlorene Schlacht, ſchrieen in ihrem Zorn Wehe über Preußen, um deswillen Rußland allein in dieſen Krieg mit Frankreich verwickelt worden, ſie forderten laut vom Kaiſer Alexander, daß er dieſen aufopfernde und verderblichen Krieg endige, daß er Frieden mache mit Frankreich!— „ Frieden mit Frankreich! Das forderten laut und ungeſtüm auch die Franzoſenfreunde im Lager und der Umgebung des Königs Friedrich Wilhelm! Nur eine völlige Demüthigung, eine völlige Unterwerfung könne jetzt noch retten, was zu retten ſei, der König müſſe ſich dem Sieger von Friedland unbedingt zu Füßen werfen, und von ſeiner Großmuth die Wiederherſtellung ſeiner Krone erbitten! Das waren die Mühlbach, Napoleon. II. Bd. 22 338 Rathſchlüſſe der Muthloſen und Verzagten, die Rathſchlüſſe derjenigen, welche ſtets den Krieg gegen Frankreich als einen Fehler betrachtet, und die jetzt inmitten des allgemeinen Entſetzens triumphirten, daß ihre Vor⸗ herſagungen ſich erfüllt hatten. Frieden! Frieden mit Frankreich! umtönte es das Ohr des Kaiſers Alexander und des Königs Friedrich Wilhelm. Alexander vernahm es mit einem ſanften, gewährungverheißenden Lächeln; Friedrich Wilhelm mit ſtummem, düſterem Schweigen; die Königin, getrennt von ihrem Gemahl, und in Memel zurückgeblieben, verhüllte ihr Haupt und weinte. Napoleon aber, der Sieger von Friedland, wandte ſein Triumphator⸗ antlitz ſeinen Kriegern zu, und mit ſeinen freudeſtrahlenden Blicken, mit ſeinem bezaubernden Lächeln dankte er ſeiner Armee für den neuen und entſcheidenden Sieg. „Soldaten, ſprach er zu ihnen, Soldaten, unſer iſt der Sieg! Am fünften Juni ſind wir in unſern Cantonnements von der ruſſiſchen Armee angegriffen worden. Der Feind hatte ſich über die Urſache un⸗ ſerer Unthätigkeit getäuſcht. Zu ſpät ſollte er gewahren, daß unſere Ruhe nur die des Löwen war. Jetzt bereut er, ſie geſtört zu haben!“ „In den Tagen von Guttſtadt und Heilsberg, und an dem ewig denkwürdigen Tage von Friedland, in zehn Campagnetagen haben wir hundert und zwanzig Kanonen, ſieben Fahnen genommen, neunzig tauſend Ruſſen verwundet oder getödtet, der feindlichen Armee alle ihre Magazine, ihre Hoſpitäler, ihre Ambulancen entführt, die Stadt Königs⸗ berg erobert ſammt dreihundert Fahrzeugen, die im Hafen lagen und welche mit jeder Art von Munition und mit einhundert und ſechszig⸗ tauſend Gewehren beladen waren, die England geſandt, um unſere Feinde zu bewaffnen.“ „Von den Ufern der Weichſel ſind wir mit der Schnelligkeit des Adlers zu denen des Niemen gekommen. In Auſterlitz feiertet Ihr den Jahrestag der Krönung, jetzt habt Ihr auf eine würdige Weiſe den Jahrestag der Schlacht von Marengo gefeiert, welche dem Krieg mit der zweiten Coalition ein Ende machte.“ „Franzoſen, Ihr ſeid Eurer und Meiner würdig geweſen! Ihr werdet nach wit einen gl Dauer in ſic und vor den thaten werd Libe beweiſ Frieder dankte für heißen, den Bedingung Das deshalb m mußten ſie entgegen th Friedri Thrinen ſe hielten ihn und Zured marſchals Rettung n Alero Er ſandte Sieger vo Zuſammer ein und Rendezvon Um diſſes Re getrinkt u beden Ka ſiſſchen Kriedens is den e einen, ſi 339 werdet nach Frankreich zurückkehren, bedeckt mit Lorbeeren, und nachdem wir einen glorwürdigen Frieden erwirkt haben, der die Garantie der Dauer in ſich trägt. Es iſt Zeit, daß unſer Vaterland in Frieden lebe, und vor dem boshaften Einfluß Englands geſichert ſei. Meine Wohl⸗ thaten werden Euch meine Dankbarkeit und den ganzen Umfang der Liebe beweiſen, die ich für Euch hege.“ Frieden alſo verhieß auch Napoleon ſeiner Armee, indem er ihr dankte für den neuen Sieg! Und er hatte wohl ein Recht, ihn zu ver⸗ heißen, denn in Napoleons Hand lag jetzt der Frieden— aber auch die Bedingungen des Friedens! Das fühlten und erkannten Alexander und Friedrich Wilhelm, und deshalb mußten ſie eine Annäherung an den Sieger verſuchen, deshalb mußten ſie ihren Stolz beugen, und die erſten Schritte dem Sieger entgegen thun. Friedrich Wilhelm zauderte und überlegte noch. Das Flehen und die Thränen ſeiner Gemahlin, die Bitten und Vorſtellungen Hardenbergs hielten ihn noch zurück, er mochte noch nicht hören auf das Jammern und Zureden der Herren von Köckeritz und Zaſtrow, und des Feld⸗ marſchalls von Kalkreuth, welcher jetzt, da Danzig gefallen, keine andere Rettung mehr ſah, als Unterwerfung. Alexander entſchloß ſich zuerſt, einen entſcheidenden Schritt zu thun. Er ſandte am vierundzwanzigſten Juni den Fürſten Labanow zu dem Sieger von Friedland und ließ ihm den Wunſch nach einer perſönlichen Zuſammenkunft ausdrücken.— Napoleon ging freudig auf dieſen Wunſch ein und ſandte Duroc zu dem Kaiſer Alexander, um ihn zu einem Rendezvous auf den andern Tag einzuladen. Um die Mittagsſtunde des fünfundzwanzigſten Juni alſo ſollte dieſes Rendezvous ſtattfinden. Aber nicht auf der Erde, welche noch getränkt und geröthet war von dem Blut ihrer Soldaten, wollten die beiden Kaiſer ſich begegnen, nicht auf einem Gebiet, welches dem fran⸗ zöſiſchen Kaiſer feindlich war, wollten ſie ihre erſten Verhandlungen des Friedens beginnen. Das Waſſer, das keinen andern Herrn anerkennt, als den Sturm, das ſtets nur ſich ſelbſt gehört und mit ſeinen immer reinen, ſich erneuernden Wogen alle Erinnerungen und alle Vergangen⸗ 22* — —— 340 heit fortrollt und in unſichtbaren Tiefen begräbt, das Waſſer ſollte der neutrale Boden ſein, auf welchem die beiden Kaiſer ſich begegneten, und der Himmel da droben ſollte ihr Baldachin ſein. Es war ein wundervoller, klarer Sommertag, die Erde ſtrahlte im friſcheſten Grün, kein einziges Wölkchen trübte den tiefblauen Him⸗ mel und warf einem Schatten über die ſtrahlende Sonne, kein einziger Windhauch bewegte die Luft und machte das glänzende Waſſer des Niemen aufwogen. Ruhig, klar und in feierlichem Schweigen lag der Strom da, als ſei er ſeiner hohen Bedeutung ſich bewußt, als fühle er, daß heute auf ſeiner glänzenden Fläche ein großes, welthiſtoriſches Ereigniß ſich begeben ſolle. Auf dem Niemen, in der Mitte des Stroms, ſollte die Zuſammen⸗ tunft der beiden Kaiſer ſtattfinden. Zwei große Fahrzeuge waren an einander gefügt worden und in der Mitte derſelben hatte man einen Pavillon errichtet, zu deſſen Ausſchmückung man Alles verwandt hatte, was die Stadt Tilſit an koſtbaren Stoffen, an Teppichen und Gold⸗ verzierungen hatte auftreiben können. Wie ein Mährchen aus der Feenwelt leuchtete und blitzte dieſes ſeltſame glänzende Haus, das unter ſeinem Dach zwei Kaiſer erwartete, auf der Mitte des Waſſers, und wie ein Mährchen ſtarrten die Tauſende von glänzenden, über⸗ raſchten, freudeſtrahlenden Augen es an. Drüben und hüben, an beiden Ufern des Stroms, waren die Armeen der beiden Kaiſer aufgeſtellt, ihre Waffen, ihre Uniformen blitzten und leuchteten in der Sonne und umgürteten das Waſſer wie mit einer buntſchillernden Rieſenſchlange. Hier an dieſem Ufer ſtanden die Garden des Kaiſers Alexander mit ihren bärtigen Geſichtern, mit ihren wilden Phyſiognomieen, dort am jenſeitigen Ufer die Garden des Kaiſers Napoleon mit ihren ſtolzen, kühnen Geſichtern, mit den Nar⸗ ben, welche von Schlachten und Siegen erzählten, auf ihren Stirnen und Wangen. Hinter den Soldaten wogte es von Tauſend und aber Tauſenden von Zuſchauern, die herbeigeſtrömt waren, dieſem wunder⸗ baren Schauſpiel zuzuſehen und Zeuge zu ſein der Zuſammenkunft der Kaiſer. Geſchrei und Rufen, Lachen und Singen ſchallte herüber und hinüber, die wie als ob Stroms nied in wunderb Freudenſtim in einer Sp wuden wie Auf ei Rufen und Gewrhr, di an beiden ſpielen, hiet Unter der Hundert Seiten des Hier d dieſer Mam Brilanteine Arabers fi breiten, v durchdring düſteren A Duroc, Be ſprengen h Dort reich aufgeſ ſigen Geſta lerden Ang blauen Au Rufland. Unauf, d 3 den zu gl 341 hinüber, die ganze Luft war erfüllt von einem donnerähnlichen Brauſen; wie als ob ein Schwarm emſiger Bienen ſich zu beiden Ufern des Stroms niedergelaſſen, ſo murmelte und ſummte es hüben und drüben im wunderbaren Duett durcheinander. Zuweilen hoben ſich einzelne Freudenſtimmen und riefen ihre Grüße hinüber nach dem andern Ufer in einer Sprache, die man nicht verſtand, und die alsdann erwiedert wurden wiederum in einer Sprache, die man nicht verſtand. Auf einmal aber verſtummte all' dies Geräuſch, dies Schreien, Rufen und Summen, die Garden auf beiden Seiten traten unter's Gewehr, die Trommeln wirbelten und mit ſchmetternden Tönen begannen an beiden Seiten des Fluſſes die Muſikchöre die Nationalhymnen zu ſpielen, hier die ruſſiſche Hymne, dort die franzöſiſche. Unter den Jubeltönen dieſer Muſik, dem athemloſen Schweigen der Hunderttauſende, welche die Ufer bedeckten, näherten ſich von beiden Seiten des Fluſſes die Kaiſer mit ihrem glänzenden Gefolge. Hier dieſer Mann auf dem ſchnaubenden, tänzelnden Schimmel, dieſer Mann mit der kurzen, gedrungenen Geſtalt, deſſen kleine, von Brillantringen funkelnde zarte Hand ſo feſt und ſicher die Zügel ſeines Arabers führt, dieſer Mann mit dem ehernen, farbloſen Angeſicht, der breiten, von weichem, dunkelblondem Haar umfaßten Stirn, den un⸗ durchdringlichen Zügen, dem kalten, geſchloſſenen Mund, den großen düſteren Augen, dieſer Mann iſt Napoleon, der Kaiſer der Franzoſen. Duroc, Berthier, Beſſieres und Coulaincourt bilden ſein Gefolge und ſprengen hinter ihm her zum Ufer des Fluſſes. Dort drüben dieſer ſchöne ſchlanke Jüngling auf dem ſtolzen, reich aufgeſchirrten Rappen, dieſer Jüngling mit der hohen, faſt ſchmäch⸗ tigen Geſtalt, dem ſchönen, von Jugend, Geſundheit und Friſche ſtrah⸗ lenden Angeſicht, den weichen, leicht beweglichen Zügen, den großen blauen Augen, aus denen ſo viel Schwärmerei und Poeſie leuchten, den lächelnden purpurrothen Lippen, das iſt Alexander, der Kaiſer von Rußland. Der Großfürſt Conſtantin, die Generäle Benningſen und Uwaroff, der Fürſt Labanow und der Graf Lieven bilden ſein Gefolge. Zu gleicher Zeit ſchwangen die beiden Kaiſer ſich von ihren Pfer⸗ den, zu gleicher Zeit betraten ſie mit ihrem Gefolge die reichgeſchmückten 342 Gondeln, die ſie zum Pavillon hinführen ſollen. In gleichmäßigem Tact ſchlagen die Ruderer in das Waſſer, immer näher und näher zu⸗ ſammen kommen die Gondeln, zu gleicher Zeit erreichen ſie die beiden Treppen, die neben einander von der Höhe der Fahrzeuge bis zum Waſſer herunter gehen. Zu gleicher Zeit betritt ihr Fuß den Boden. Alexander und Napoleon ſtanden einander gegenüber. Einen Augen⸗ blick ſchauen ſie einander an mit prüfenden, fragenden Blicken, dann lächeln ſie Beide, dann heben ſie Beide die Arme empor und begegnen ſich in einer langen, herzlichen Umarmung. Unermeßliches Jubelgeſchrei tönt herüber von den Ufern, dieſſeits und jenſeits ſtrecken die Soldaten ihre Arme den neugewonnenen Freunden des andern Ufers entgegen. Friede! Friede! ruft es und donnert und jauchzt es von tauſend und tauſend Lippen. Seid gegrüßt, Ihr Freunde, Ihr Brüder da drüben, unſere Feindſchaft iſt zu Ende, unſere Kaiſer haben ſich um⸗ armt in Liebe, und wie die Kaiſer, werden auch ihre Völker ſich um⸗ armen und begegnen in Liebe und Friede! Unſer Blut ſoll nicht mehr vergoſſen werden, es hüpft freudig und lebensvoll durch unſere Adern! Friede! Friede! Und ſchmetternd und jauchzend ſtimmt die Muſik ein in den Freudentuſch der Nationen, und unter dieſem Tuſch der Menſchen und der Inſtrumente treten die beiden Kaiſer zu gleicher Zeit durch die beiden, dicht neben einander befindlichen Thüren von goldgerändertem Sammet, welche in das Innere des Pavillons führen. Jetzt waren ſie allein, Keiner war da, ſie zu beobachten, ihre Mienen, ihre Worte zu belauſchen. Nur das Auge Gottes konnte ſie ſchauen, nur der blaue Himmel, welcher groß und in leuchtendem Blau ſich über ihnen wölbte, blickte durch den nach oben geöffneten Raum hernieder auf die beiden Kaiſer. Dumpf und wie fernes Donnern drang das Jauchzen und die Muſik durch die dick gepolſterten, von außen und von innen mit ſchweren Stoffen und Teppichen verzierten Wände des Pavillons. Einen Moment ſtanden ſich die beiden Kaiſer ſchweigend, un⸗ ſchlüſſig, wer zuerſt beginnen ſolle, gegegenüber. Jeder ſchien in dem Antlit des dieſe glihe Grund des Napole Schweigen Waru lichen Läch Es iſ aus einem Wenn es den Bunt genoſſenſc Sie, und gegen dieſe In di Alles ordr zwiſchen u nen eigen tteueſten Ich heftig, ic nern, vor nem eige ſprechung Vehl, n allein un Gubrit gleich. 5 ein uſſiſ Garantie lihe ur gleichmäfigem lfern, dieſſeits gewonnenen ntauſend Ihr Briüder da en ſich um⸗ ſich um⸗ nicht mehr ſil ein in den Nenſchen und Leit durch die gerändertem vbachten, ihre gettes konte ſi eedem Blau eten Raum „Donnem ſterten, von ten weigend, un⸗ ſbien in den 343 Antlitz des Andern die innerſten Gedanken leſen zu wollen und durch dieſe glühenden, tiefen Augen hinunter ſchauen zu wollen auf den Grund des Herzens und der Seele. Napoleons ſonore, tönende Stimme war es, welche zuerſt das Schweigen brach. Warum bekriegen wir uns? fragte er mit einem unnachahm⸗ lichen Lächeln, indem er Alerander ſeine Hand darreichte. Es iſt wahr, rief Alexander erſtaunt, verwundert, als ob er eben aus einem Traum erwache, es iſt wahr, warum bekriegen wir uns? Wenn es wegen England geſchieht und wenn Ew. Majeſtät in mir nur den Bundesgenoſſen Englands haſſen, ſo werde ich dieſe Bundes⸗ genoſſenſchaft von mir werfen. Ich haſſe die Engländer ſo ſehr, wie Sie, und werde Sie freudig unterſtützen in Allem, was Ew. Majeſtät gegen dieſe thun wollen.*) In dieſem Fall, ſagte Napoleon raſch, in dieſem Fall kann ſich Alles ordnen und der Friede iſt geſchloſſen. England allein ſtand zwiſchen uns, dieſes tückiſche, egviſtiſche England, das immer nur ſei⸗ nen eigenen Vortheil berechnet, und demſelben zu jeder Zeit ſeine treueſten und edelſten Bundesgenoſſen aufzuopfern bereit iſt. Ich habe mich lange von England täuſchen laſſen, rief Alexander heftig, ich habe dieſe Nation von Krämern für eine Nation von Män⸗ nern, von Helden und Staatskünſtlern gehalten. Aber ich bin zu mei⸗ nem eigenen Schaden bitter enttäuſcht worden! Mit falſchen Ver⸗ ſprechungen haben dieſe Krämerſeelen mich hingehalten, nicht um mein Wohl, nicht um das Wohl Europa's war es ihnen zu, ſondern allein um ihren Handel und ihre Colonieen! Und dem Egoismus Großbritanniens kommt allein ſein engherziger und kurzſichtiger Geiz gleich. Ich forderte von dem engliſchen Miniſterium die Garantie für ein ruſſiſches Anlehen, und dieſe Leute hatten die Frechheit, mir dieſe Garantie zu verſagen, obwohl ſie ſehr gut wußten, daß ich dieſe An⸗ leihe nur machen wollte, um eine Armee auszurüſten, die ich mehr im *) Alexanders eigene Worte. Siehe: Mémoires de Lefevpre, III. 102. ——— —————— 344 Intereſſe meiner Bundesgenoſſen England und Preußen, als im Intereſſe Rußlands in's Feld ſtellen wollte. Treu meinem Wort und den ge⸗ ſchloſſenen Verträgen, obwohl innerlich widerſtrebend und voll finſterer Ahnungen, rüſtete ich dennoch mein Heer und zog aus, mich mit mei⸗ nen Bundesgenoſſen zu vereinen. Aber wo waren meine Bundes⸗ genoſſen? Preußen konnte mir nicht eine Armee, ſondern nur einige demoraliſirte, vom Unglück entkräftete und moraliſch zerſchlagene Corps zuführen, die verſprochene Hülfe von England aber kam ſo ſpät, daß ſie nutzlos ward und Danzig nicht mehr retten konnte. Die Herren Engländer hatten ſich Zeit gelaſſen, vor Danzig zu erſcheinen, ſie hatten andere Dinge in der Oſtſee zu thun, ſie hatten das einträgliche Kaper⸗ geſchäft zu treiben, und in ihrer Brutalität und Habſucht nahmen die Herren Engländer keinen Anſtand, ihr Fauſtrecht zur See auch gegen ruſſiſche Schiffe zu üben.*) Während aber die Engländer kaperten und rechneten, und die Preußen klagten und ihre Wunden verbanden, zog ich allein in's Feld und mußte das Blut meiner armen Soldaten ruhmlos vergießen laſſen für eine Sache, die eigentlich kaum die Meine war. Ach, Sire, ich werde es England nie verzeihen, daß es mich in den Tagen der Gefahr allein gelaſſen, daß es mich getäuſcht und hin⸗ tergangen hat! Napoleon hatte, während Alexander ſprach, ſeine großen blitzenden Augen feſt auf ihn gerichtet, er hatte durch das leicht bewegliche und zuckende Antlitz des jugendlichen Kaiſers hinuntergeſchaut bis auf den Grund ſeines Herzens, und während Alerander, ganz erfüllt von ſei⸗ nem Gegenſtand, erröthend und erbleichend vor Unwillen und Schmerz, haſtig und mit fliegendem Athem ſeine Klagen und Vorwürfe gegen England ausſprach, ſagte Napoleon leiſe zu ſich ſelber: zwei Empfin⸗ dungen ſind es, denen man ſchmeicheln muß und die ihn vollſtändig beherrſchen. Erſtens erfüllt ihn eine tiefe Verſtimmung gegen ſeine Allirten, gegen Preußen, das ihn belaſtet, und England, deſſen Egois⸗ mus ihn anwidert; zweitens beſitzt Alerander einen ſehr empfindlichen *) Häuſſer: Deutſche Geſchichte, III. 135. und ſehr ge bentzen.“) Als Al Ihre Allir Site! Sie auch der E dem jungen eine Fanfa drücken. Seite zu Schlacht! welche Lor leuchten, d Majeſtät zuſammen brauchten; Wechslern wirft, unt und ſein Triumvir waren de durch Ih dungen u derbte Gwfmut Preußen Jrhun, ſnd, unte nie die( tiel echa 3 1 1½ N — 9 n Intereſſe t und den ge⸗ voll finſterer ich mit mei⸗ ine Bundes⸗ mr einige hlagene Corps ie Herren nen, ſie hatten liche Kaper⸗ t nahmen die der kaperten den verbanden, Soldaten die Meine 8 wüch jn ſcht und hin⸗ ßen blitzenden wegliche und bis auf den lit von ſei⸗ und Schmerz, orwürfe gegen wei Enpfin⸗ dn volſtünig ⁰ egen ſeine deſſen Egvis⸗ nyfindlichen 345 und ſehr gedemüthigten Stolz. Dieſe beiden Empfindungen muß man benutzen.*) Als Alerander jetzt ſchwieg, ſagte Napoleon mit trauriger Stimme: Ihre Alliirten haben Ihre Großmuth und Ihren Edelmuth benutzt, Sire! Sie haben wohl gewußt, daß der Erbe Peters des Großen auch der Erbe ſeines Feuergeiſtes ſei, und daß man nur nöthig habe, dem jungen, kampfglühenden Helden ein Schlachtfeld zu zeigen und ihn eine Fanfare hören zu laſſen, um ihm das Schwert in die Hand zu drücken. Ach, Sire, warum war es mir nicht vergönnt, an Ihrer Seite zu ſein, warum konnten wir nicht vereint hinausziehen in die Schlacht! Welche Heldenthaten würden Sie nicht ſchon geleiſtet haben, welche Lorbeeren würden nicht jetzt ſchon dieſes ſchöne Haupt um⸗ leuchten, das von der Gottheit dazu geſchaffen iſt, ſie zu tragen! Eure Majeſtät hatten bisher nur das Eine Mißgeſchick, daß Sie mit Alliirten zuſammen waren, welche Sie benutzten und Ihre Großmuth miß⸗ brauchten zu ihren eigenen egoiſtiſchen Zwecken. Ihre Alliirten waren ein König ohne Land und ohne Soldaten, ein Volk von Krämern und Wechslern, die ſorgſam rechnen, ob ihnen der Ruhm auch Agio ab⸗ wirft, und ob die Papiere nicht fallen, wenn man ſich ehrenhaft beträgt und ſeine Verträge erfüllt! Ew. Majeſtät allein haben in dieſem Triumvirat Edelſinn, Energie und Muth bewieſen! Aber Ihre Alliirten waren deſſen nicht würdig! Ew. Mafkſtät verfielen in einen Irrthum durch Ihre bis auf's Aeußerſte geſteigerten großmüthigen Empfin⸗ dungen und durch Mißverſtändniſſe, welche durch ungeſchickte und ver⸗ derbte Miniſter hervorgerufen waren. Es iſt ein Irrthum Ihrer Großmuth geweſen, wenn Ew. Majeſtät vermeinten, dieſer Bund mit Preußen und England ſei Rußlands Intereſſen förderlich. Es iſt ein Irrthum, undankbare und eiferſüchtige Nachbarn, wie die Deutſchen es ſind, unterſtützen zu wollen, oder den Intereſſen habgieriger Kaufleute, wie die Engländer es ſind, zu dienen.**) Ew. Majeſtät haben eine viel erhabenere Aufgabe von Gott und der Geſchichte erhalten, und *) PThiers: Histoire du Consulat et de Empire, IX. 502. **) Napoleons eigene Worte. Siehe: Thiers, Histoire etc. Vol. IX. 502. 346 dazu hat Ihnen das Schickſal eine ſo große tapfere und wohlgeſchulte Armee verliehen. Ich und meine Marſchälle, wir ſind von Bewun⸗ derung erfüllt über die Bravour Ihrer Soldaten, von denen jeder Ein⸗ zelne gekämpft hat wie ein Held und ein Löwe! Ach, rief Alexander hochathmend und mit einem freudigen Lächeln, dies Lob aus Ihrem Munde, Sire, iſt ein Balſam für meine Wunden! Napoleon legte leiſe ſeine Hand auf des jungen Kaiſers Schulter und ſah ihm groß und voll in das Antlitz. Sire, ſagte er lebhaft, wenn wir dieſe beiden Armeen, die bei Auſterlitz, Eylau und Friedland gegen einander gekämpft haben, und die beide in dieſen großen Tagen wie wahre Rieſen mit einer Binde über den Augen ſich ſchlugen, wenn wir dieſe beiden Armeen vereinigten, und wenn wir Beide Hand in Hand an ihrer Spitze auszögen, ſo würden wir die Welt beherrſchen, ſie beherſchen zu ihrem Wohl und zu ihrer Ruhe. Was nützt es Eurer Majeſtät, gegen Frankreich zu kämpfen? Es iſt ein Kampf ohne Ent⸗ ſchädigung, in welchem Rußland ſeine Kräfte vergeudet, ohne dafür Dank und Ruhm zu ernten. Wenn wir Beide uns vereinigten, Sire, ſo würden Sie auf Ihrem Pfade das Glück und den Ruhm finden, den Sie vergebens bei Denen ſuchten, die Ihnen nur Niederlagen und Enttäuſchungen gebracht haben. Gott hat vielleicht gewollt, daß Sie erſt eine kleine Schule der Leiden durchmachen ſollten, um Ihre falſchen Freunde kennen zu lernen, und dann mit ganzer Kraft Ihres Helden⸗ ſinns ſich neuen Lebenspfaden und neuer Freundſchaft zuzuwenden. Sire, ich biete Ihnen meine Hand, und wenn Sie wollen, ſo führe ich Sie auf eine Bahn, welche leuchtend iſt, wie das Firmament, und duftend, wie die Lorbeeren des Südens, auf eine Bahn, in der Sie die Welt zu Ihren Füßen ſehen ſollen, eine Welt, von denen die Hälfte Ihnen gehört. Sire, wollen Sie dieſe Bahn mit mir wandeln? Seine Flammenblicke hefteten ſich mit einem magiſchen Leuchten auf Alexander, ſein Cäſarenantlitz ſtrahlte wie in einem überirdiſchen Feuer. Alexander, geblendet, bezaubert von ſeinem Anblick, hingeriſſen von der Gewalt ſeiner Sprache, geſchmeichelt auch dadurch, von Napoleon in Bezug auf ſeine Alliirten Aeußerungen zu hören, die Alexanders eigene geheimſte Gedanken ausſprachen, Alexander ſtreckte Napoleon ſeine beiden Ziigen Sie Napole den ſeinen d der Aleran Haſtig villons zu große Rol i — ſie auf de Sire welche ich gewiſerma an Rußla ſeinen So Handel, d und einer ſevfſ.§ den drei haben u Auſtralie Kinderkr ſtanden, Aber hie von Far Frankrei warum ſ es, wenn Wemn R Rben, ſ ſchften nur ein der hai d von Bewun⸗ jeder Ein⸗ digen Lächeln, großen Tagen ſchlugen, wenn Beide Hand in eherrſchen, f ohne Ent⸗ ne dafür „Sire, derlagen und t, daß Sie zbre falſchen tzzuwenden⸗ len, ſo führe Firmament, und die Hülft andeln? 6 n Leuchten beriwiſchen hingeriſen Napoleon Aerunders ze Napolen 347 ſeine beiden Hände entgegen. Hier bin ich, rief er, führen Sie mich! Zeigen Sie mir die Bahn, welche ich wandeln muß! Napoleon faßte heftig die dargereichten Hände, und ſie kräftig in den ſeinen drückend, ſagte er leiſe und mit einem Ausdruck von Energie, der Alexanders Herz beben machte: Kommen Sie, die Welt iſt unſer! Haſtig und ſchweigend führte er Alexander in die Mitte des Pa⸗ villons zu dem runden Tiſch, der dort ſtand, und auf welchem einige große Rollen Papier ſich befanden. Die größte dieſer Rollen ſchlug Napoleon auseinander und breitete ſie auf dem Tiſch aus. Sire, ſagte er, ſchauen Sie hierher. Es iſt eine Karte der Welt, welche ich da vor uns ausbreite. Sehen Sie, da iſt Aſien, das Gott gewiſſermaßen wie ein Kiſſen, auf welchem Sie Ihr Haupt ruhen ſollen, an Rußlands Seite gelegt hat, da iſt Perſien mit ſeinem Gold und ſeinen Schätzen, das weite China mit ſeiner Induſtrie und ſeinem Handel, da iſt der Hindoſtan mit ſeinen unermeßlichen Reichthümern und einer Bevölkerung, die nach Erlöſung von dem engliſchen Scepter ſeufzt. Hier unten dehnt ſich Afrika mit ſeinen wüſten Steppen und den drei Raubſtaaten, die jüngſt erſt wieder franzöſiſche Schiffe beraubt haben und denen ich längſt Strafe geſchworen. Von Amerika und Auſtralien ſprechen wir jetzt nicht. Das iſt eine Welt, die erſt die Kinderkrankheit der Republik durchzumachen hat; wenn ſie dieſelbe über⸗ ſtanden, werden wir Beide da ſein, ihr die Monarchie einzuimpfen. Aber hier iſt Europa. Sehen Ew. Majeſtät nur dies bunte Gewimmel von Farben und Ländern, und Thronen und Thrönchen, die zwiſchen Frankreich und Rußland liegen. Wir begrenzen den Weſten und Oſten, warum ſollten wir nicht beherrſchen, was dazwiſchen liegt. Wir können es, wenn wir über all' dieſen Ländern hinweg uns die Hände reichen. Wenn Rußland der Allürte Frankreichs ſein will, ſein ſolider und auf⸗ richtiger Alliirter, ſo werden wir dieſem Europa eine andere Geſtalt geben, ſo werden wir die Bande löſen, welche dieſe Länder und Völker⸗ ſchaften von einander trennen, und es wird im Oſten und im Weſten nur ein Hirt und eine Heerde ſein, und der Kaiſer des Abendlandes und der Kaiſer des Morgenlandes werden der Welt ihre Geſetze geben! —— —— —— 348 Ach, rief Alexander begeiſtert, das Teſtament meines Ahnherrn Peters des Großen wird wieder lebendig im Munde Napoleons des Großen! Napoleon lächelte. Und was Katharina die Große gewollt hat, ſagte er, das wird Alexander der Große vollenden, das Reich des Oſtens! Sire, es iſt heute Morgen ein Courier mit wichtigen Nach⸗ richten bei mir eingetroffen. Mein Alliirter und mein Freund, der Sultan Selim, iſt von ſeinem Thron in die Dolche der Verſchwörer geſtürzt. Meine Verpflichtungen gegen den Bundesgenoſſen ſind mit ſeinem Untergang erloſchen. Auch ich habe heute dieſe Nachricht erhalten, ſagte Alexander lächelnd, der Thron des Sultans iſt vacant, die Türkei erwartet einen neuen Herrſcher. Ja, ſie erwartet einen neuen Herrſcher, rief Napoleon lebhaft, aber es iſt nicht nothwendig, daß dieſer Herrſcher ein Moslem ſei. Der Halbmond auf der Spitze der heiligen Sophienkirche klagt die Chriſtenheit der Feigheit und des Treubruchs an, und es iſt Zeit, das Kreuz auf derſelben wieder aufzurichten. Ich hatte bis jetzt geglaubt, daß ſich noch etwas aus den Türken machen ließe, daß man ihnen einige Energie einflößen, ſie lehren könne, ſich ihres natürlichen Mu⸗ thes zu bedienen, aber es war eine Illuſion! Man muß endigen mit einem Reich, das nicht mehr beſtehen kann, und muß verhindern, daß ſeine Ueberreſte nicht dazu beitragen, die Macht Englands zu erhöhen.*) Ich verlange wenig von der Türkei für mich; ſie liegt mir zu fern, ſie gehört nicht zum Reich des Abendlandes. Aber ich erinnere mich, daß die große Katharina ſie auf der Karte der neuen Welt, welche ſie auf⸗ richten wollte, verzeichnet hatte,**) und ich ſehe in Ew. Majeſtät Augen, daß Sie dieſe Karte nicht vergeſſen haben. Sire, Sie ſehen nicht blos in meine Augen, ſondern Sie ſchauen hinunter in mein Herz, rief Alexander, wie ein Zauberer legen Sie Ihre Hände auf die Geheimniſſe meiner Gedanken, für die es bisher *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Thiers, Vol. IX. S. 513. **) Theodor Mundt:„Der Kampf um das ſchwarze Meer.“ eine Vorte geben ihnen 30 zei bemüht hatt Ew. Majeſt ſehen, und Rtzt, Sire, ſchon mein Siegerluſt Oh, 1 mein Kopf hirn lodert Sire, auf Ihrem Stimne. 2 ſu geben, 1 welches mi bünden wi uch witj Norden fi Schweden ein Bünd wohl, käm Sire Meen, die ter Knig Weil ngen Ih Fulzen ſei den kann aber ej Finlnds Hläſten Sio Ny Sie dem Verſchwörer ſind mit gte Alerander daß man ihnen. irlichen Mu⸗ endigen mit rhindern, daß erhöhen.*) 349 keine Worte gab; Sie lehren ſie Form und Geſtalt annehmen und geben ihnen eine Sprache! Ich zeige Ihnen die Pforte des Ruhms, welche man bisher ſich bemüht hatte, Ihren Blicken zu verhüllen, ſagte Napoleon lächelnd. Ew. Majeſtät ſind begierig, dieſe Pforte vor Ihnen ſich aufthun zu ſehen, und man wollte Sie mit einer elenden Hinterthür täuſchen! Jetzt, Sire, ſoll ſich das Hauptportal vor Ihnen öffnen, und ich ſehe ſchon meinen edlen Kaiſer die Bahn des Ruhms mit hinreißender Siegerluſt erſtürmen. Oh, murmelte Alexander, ſein Haupt mit beiden Händen erfaſſend, mein Kopf ſchwindelt, es iſt mir, als ob eine Flamme in meinem Ge— hirn loderte! Sire, es ſind die Lorbeeren, welche die Schaale durchbrechen und auf Ihrem Haupte aufblühen wollen, rief Napoleon mit mächtiger Stimme. Wir Beide ſind dazu beſtimmt, der Welt den ewigen Frieden zu geben, und wehe Denen, die uns hindern wollen. England iſt es, welches mich, die Türkei iſt es, welche Sie hindern möchte. Sire, ver⸗ bünden wir uns alſo gegen dieſe beiden Feinde, und damit wir uns auch wirkſam verbünden, müſſen wir uns vergrößern. Ich ſehe da im Norden für Sie ein Hinderniß, das Sie beengt, dieſes Hinderniß heißt Schweden, das Ew. Majeſtät mit eiferſüchtigem Auge bewacht und ein Bündniß mit mir als eine Kriegserklärung betrachten wird. Nun wohl, kämpfen Sie mit Schweden! Sire, rief Alexander entſetzt, ganz betäubt von all' dieſen neuen Ideen, die plötzlich wie leuchtende Phantome vor ihm aufblitzten, Sire, der König von Schweden iſt mein Schwager und mein Alliirter! Weil er Ihr Schwager und Ihr Allirter iſt, möge er den Wand⸗ lungen Ihrer Politik ſich anſchließen, ſagte Napoleon, oder er möge die Folgen ſeines Widerſtrebens und ſeines böſen Willens tragen. Schwe⸗ den kann für Sie ein Verwandter, ein Alliirter des Augenblicks ſein, aber es iſt Ihr geographiſcher Feind. Petersburg liegt den Grenzen Finnlands zu nahe. Die ſchönen Ruſſen in Petersburg müſſen in ihren Paläſten nicht mehr die Kanonen der Schweden hören können! Machen Sie dem König von Schweden den Krieg, und als Entſchädigung für 350 dieſen Krieg nehmen Sie ihm Finnland.*) Und da Sie ſtark ſein müſſen im Süden wie im Norden, nehmen Sie ſich auch vorläufig einen Theil der Donauprovinzen. Wenn die Türkei ſich widerſetzen will, ſo machen wir ihr den Krieg. Ich helfe Ihnen dabei, und nach dem Kriege kommt die Theilung. Sehen Sie hier, fuhr Napoleon fort, mit raſchem Finger einen Strich über die Karte ziehend, hier iſt, was die Türkei uns als Erbe läßt. Sie nehmen Beſſarabien, die Moldau und die Walachei und Bulgarien bis zum Balkan. Ich wünſche für mich die Meeresgrenzen, Albanien, Theſſalien, Morea und Candia. Freilich wird Oeſterreich ſich Dem widerſetzen wollen, aber wir werden ihm einige Entſchädigung in Serbien und Bosnien bieten, vas wir ihm als Appanage für einen ſeiner Erzherzöge geben.— Ich habe Ihnen jetzt in ſchnellen Umriſſen unſere neue Welt gezeichnet. Sire, es fragt ſich jetzt, wie gefällt ſie Ihnen, und was halten Sie von ihr?**) Ew. Majeſtät, rief Alexander ſchwärmeriſch, ich bin wie Einer, der in die Sonne geſchaut hat und deſſen Augen noch geblendet ſind. Aber ich werde mich an dieſen Glanz gewöhnen, und dann werde ich im Stande ſein, dies wundervolle Bild zu überſchauen, das Ew. Majeſtät vor meinen Augen aufgerollt haben, und im Schauen zu überlegen und zu bewundern. Aber ich bedarf dazu der Erklärungen und des Bei⸗ ſtands Eurer Majeſtät, und ich bitte daher, daß wir dieſe Unterredung heut nicht die letzte, ſondern nur den Anfang einer langen Reihe ſchöner Stunden für mich ſein laſſen. Wir haben noch gar Vieles mit einander zu beſprechen und zu überlegen, ſagte Napoleon ernſt, es iſt daher mein innigſter Wunſch, daß wir uns ſo oft als möglich ſehen, und deshalb möchte ich an Ew. Majeſtät eine Bitte richten. Ah, Sire, Sie wollen mich alſo mit Güte überſchütten, rief Alexander, Sie wollen mir, dem Ueberwundenen, geſtatten, Ihnen irgend Etwas zu gewähren? *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Thiers, Histoire du Consulat et de l'Empire. S. 516. **) Thiers: IX. S. 517. Ich wo wohnen, zu nachen. Ei Ihr Feind! klären, dan Glicks thei Sire, Alerandet Aber ſagt, gew daf Ew. und wie n geführt. und Sie a Ichn möge ſie d ich, fuhr Sire, wo ſich dieſel Er iſt m Uebereilut geſchwore Am nigin, ſa Trum ei Aber Sire! D die Eutſc Er iij Npo bon ihn. Die Vy denke n Abe det ſind Aber werde ich im cw. Mäjſtit und zu ſter Wunſch, bte ich an „ Ihnen 351 Ich wollte Ew. Majeſtät bitten, die elende Hütte, welche Sie be⸗ wohnen, zu verlaſſen und die kleine Stadt Tilſit zu Ihrer Reſidenz zu machen. Es iſt wahr, ich wohne ſchon dort, und man ſagt, daß ich Ihr Feind bin. Aber wir können ja die Stadt Tilſit für neutral er⸗ klären, damit ſie Ew. Majeſtät bewohnen kann, und damit ich des Glücks theilhaftig werde, Sie täglich ſehen zu können. Sire, ich werde noch heute mein Quartier in Tilſit nehmen, rief Alexander freudig. Aber ich habe Ew. Majeſtät erſt die eine Hälfte meiner Bitte ge⸗ ſagt, gewähren Sie mir auch die zweite Hälfte. Es iſt nicht genug, daß Ew. Majeſtät in Tilſit wohnen, ſondern Sie müſſen da auch leben, und wie man mir geſagt hat, haben Sie Ihren Haushalt nicht mit ſich geführt. Ich bitte Ew. Majeſtät alſo um die Gnade, Ihr Wirth ſein und Sie als Gaſt an meiner Tafel empfangen zu dürfen. Ich nehme Ihre Gaſtfreundſchaft an, ſagte Alexander lächelnd, möge ſie das Vorſpiel wahrer, dauernder Freundſchaft ſein! Aber auch ich, fuhr er verlegen fort, auch ich habe jetzt noch etwas zu bitten. Sire, wenn ich Ihre großmüthige Gaſtfreundſchaft annehme, ſo muß ſich dieſelbe auch auf den unglücklichen König von Preußen ausdehnen. Er iſt mein Alliirter, ich habe ihm einſt, vielleicht in einer Stunde der Uebereilung und Schwärmerei, treue und unverbrüchliche Freundſchaft geſchworen. Am Grabe Friedrichs des Großen, im Beiſein der ſchönen Kö⸗ nigin, ſagte Napoleon mit einem leichten Achſelzucken. Es war der Traum eines großmüthigen Herzens, Sire! Aber ich muß wenigſtens einen Theil dieſes Traums verwirklichen, Sire! Der König iſt bei mir in meinem Hauptquartier, er erwartet die Entſcheidung ſeines Schickſals. Er hat ſein Schickſal heraufbeſchworen, mag er es jetzt tragen, rief Napoleon ſtrenge. Ich erwarte nichts, will nichts, und hoffe nichts von ihm. Er iſt weder im Stande, mir zu nätzen, noch zu ſchaden. Die Woge der Geſchichte rollt über ihn hin und verſchlingt ihn, ich denke nicht daran, ihn retten zu wollen! Aber ich denke daran, rief Alerander, ich muß daran denken, denn 352 meine Ehre iſt dabei betheiligt. Ich darf den König, meinen Alliirten, nicht zu Grunde gehen laſſen, ohne mich ſelbſt zu entehren. Wenn ich ſelbſt jetzt einen andern Weg einſchlagen, ein anderes Syſtem ver⸗ folgen werde, wie der König, ſo muß ich vorher ihn ſichern und ſeine Krone ſchützen. Sein Land gehört mir, ſeine Krone will ich ihm laſſen, ſagte Na⸗ poleon gleichgültig. Möge er in Memel reſidiren und mit ſeinen funfzehntauſend Mann Soldaten Parade ſpielen! Aber ich begreife, daß Ihre Großmuth ſich für ihn verwendet und daß Sie Ihren Alliirten nicht aufgeben wollen. Sagen Ew. Majeſtät mir alſo, was ich für den König von Preußen thun ſoll? Vor allen Dingen, Sire, bitte ich, daß Sie ihn empfangen und den König ſelbſt ſeine Wünſche und Forderungen vortragen laſſen. Nun denn, ſagte Napoleon, ſo erſuche ich Ew. Majeſtät, morgen hier in dieſem Pavillon mit dem König von Preußen zu erſcheinen. Er möge an unſerer Zuſammenkunft Theil nehmen. Auch will ich ihm, der ſo lange mein erbitterter und gehäſſiger Feind geweſen, gern be⸗ willigen, ſo viel als möglich iſt, aber ich thue es nur, um Ew. Ma⸗ jeſtät zu genügen, es iſt ein Opfer, das ich Ihrer Ehre und Ihrer Großmuth darbringe. Haben Sie die Güte, ſich deſſen zu erinnern. Sire, ich könnte Preußen auflöſen, auf immer verſchwinden machen; ich werde es beſtehen laſſen, da Ew. Majeſtät es wünſchen! Aber freilich, ſeine alten Grenzen kann ich ihm nicht bewilligen, es wird Vieles opfern müſſen, um Etwas zu behalten. Es wird mit dieſem Etwas zufrieden ſein, rief Alexander freudig, Ew. Majeſtät werden mit dem König ſelber über die Größe ſeines zukünftigen Landes verhandeln. Sie wünſchen es, und alſo möge der König von Preußen an un⸗ eren Verhandlungen Theil nehmen, ſagte Napoleon, das heißt an den“ ) 9 officiellen; aber nicht an denen, welche wir in der Stille mit einander haben werden. Ich bitte Ew. Majeſtät überhaupt, daß wir die alte Gewohnheit der Herrſcher, durch ihre Diplomaten und Miniſter zu verhandeln, aufgeben. Wir werden uns viel beſſer verſtändigen, wenn wir direct verhandeln, als wenn wir es durch unſere Miniſter thun, die oſt uns Ingelegenhei in nehreren wenn wir gl Nieman zubert von darreichte. des Pavillo Auf m Hauptes. Auf 1 Merander: Beide Die Garden ſchmetternd Alexon ſtantin, und rief er mit Welch en Brider, würde er geführt ha teinander wir die alte iniſter zu digen, wenn die oft uns täuſchen und oft uns mißverſtehen. Wir werden unſere Angelegenheiten in Einer Stunde mehr fördern, als unſere Diplomaten in mehreren Tagen. Niemand muß zwiſchen Ihnen und mir ſtehen, wenn wir glücklich zum Ziele gelangen wollen.*) Niemand ſoll zwiſchen uns ſtehen, ſagte Alexander entzückt, be⸗ zaubert von dieſer feinen Schmeichelei, indem er Napoleon ſeine Hand darreichte. So, Hand in Hand, ſchritten ſie wieder nach den Thüren des Pavillons hin. Auf morgen alſo! ſagte Napoleon mit einem ſanften Neigen des Hauptes. Auf morgen, in Begleitung des Königs von Preußen, ſagte Alexander mit einem glücklichen Lächeln. Beide traten ſie wieder durch die Thüren des Pavillons hervor. Die Garden und das Volk empfingen ſie wieder mit Jubelgeſchrei, und ſchmetternd fielen die Inſtrumente ein mit ihren jauchzenden Fanfaren. Alexander wandte ſich zu ſeinem Bruder, dem Großfürſten Con⸗ ſtantin, und indem er ſeine Hand faßte, um ihn dem Kaiſer vorzuſtellen, rief er mit ſchwärmeriſcher Begeiſterung: Welch ein großer Mann! Welch ein Genie, welch ein Staatsmann und Feldherr! Ach, mein Bruder, warum habe ich ihn nicht früher gekannt! Wie viel Fehler würde er mir erſpart, wie große Dinge würden wir zuſammen aus⸗ geführt haben!**) Il. Die Königin Louiſe. 5 Während der König Friedrich Wilhelm mit dem Kaiſer Alexander ſich zum Heer begeben hatte, war die Königin mit ihren Getreuen in *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Thiers, IX. S. 504. **) Alexanders eigene Worte. Siehe: Thiers, IX. S. 518. Kühlbach, Napoleon. II. Bd. 23 354 Memel zurückgeblieben. Dort hatte ſie die Schreckensnachricht von der Schlacht bei Friedland empfangen, dort weinte ſie jetzt über das Un⸗ glück und die Schmach Preußens. Der König war nicht bei ihr, ſie zu tröſten, er verweilte noch immer in der Mühle von Puktupöhnen, wo er nach der unglücklichen Schlacht mit dem Kaiſer Alerander ſein Quartier aufgeſchlagen. Alerander hatte Puktupöhnen jetzt verlaſſen und reſidirte in Tilſit. Aber der König hatte ihn nicht begleiten wollen, ſondern es vorgezogen, in ſeiner beſcheidenen Wohnung, fern von dem ſtolzen Sieger, zu bleiben. Während Alexander ein ſteter Begleiter Napoleons war, während er täglich von dem franzöſiſchen Kaiſer Gaſtmahle annahm, die er nicht erwiederte, während er in ſtundenlangen vertraulichen Unterhaltungen die phantaſtiſchen Pläne der künftigen Weltherrſchaft weiter mit ihm verfolgte, ging Friedrich Wilhelm ernſt und ſtill ſeinen einſamen Weg dahin, nur bedacht, ſeinem Volke ſo viel als möglich das Unglück zu erleichtern und durch Vorſtellungen und Vernunftgründe ſein Land vor der gänzlichen Zerſtörung zu retten. Aber niemals ließ Friedrich Wil⸗ helm ſich herab, ſeinem Feinde zu ſchmeicheln, nie beugte er ſich vor ihm in unwürdiger Demuth, in heuch leriſcher Ergebenheit. Er mußte ihn anerkennen als ſeinen Beſieger, aber er wollte ſich nicht vor ihm erniedrigen zu kriechender Demuth. Seine erſte Unterredung mit Napoleon war kurz und wenig freund⸗ lich geweſen; Friedrich Wilhelm hatte ſeinem Gegner zu beweiſen ge ſucht, daß dieſer es geweſen, der den Krieg veranlaßt gehabt, indem er in das Anſpach'ſche Gebiet eingebrochen ſei, daß er Preußen alſo zum Kriege gezwungen habe. Napoleon hatte dieſe Anklage mit einem Achſelzucken angehört und nur erwiedert, er habe das Berliner Cabinet mehrmals gewarnt, ſich nicht von den Intriguen Englands täuſchen zu laſſen, aber Preußen habe den Fehler begangen, nicht auf Frankreichs freundlichen Rath zu hören, und dieſem Fehler allein müſſe Preußen ſein jetziges Mißgeſchick zuſchreiben.*) Seitdem hatte Friedrich Wilhelm täglich, gleich dem Kaiſer *) Phiers, Vol. VII. S. 503. Alrander, an genommen, a geſeſen, wen e that, doch und Napoleor Geiſtesfriſche Auch au der König in mur wie der neuen, baiſe und trauige abgewehrt h poleons, ein Und Fri mildern, ode zu verdecken. es, nur Eine bog ſu wad war der Kh und in ſpri er dahin, u zulaſſen, ſor ehrten, nd ſchritte ln ngſam vo der König ſ Marten, unb ml geſchah ut in, ga Nlen üt putſ Fried nit dn ein — ) b tvon der eilte noch unglücklichen Tilſit. Aber gen, in ſich vor Er mßte ht vor ihm 355 Alexander, an der Mittagstafel, die ſtets bei Napoleon ſtattfand, Theil genommen, aber er hatte ſchweigend, in ſich gekehrt und traurig da⸗ geſeſſen, wenig ſich einmiſchend in die Unterhaltung, und wenn er es that, doch in einer kalten, formellen Weiſe, während Alexander und Napoleon ſich begegneten in ſprühendem Humor, in flammender Geiſtesfriſche. Auch auf den langen Spazierritten, Promenaden und Revuen war der König immer an der Seite der beiden Kaiſer geweſen, aber immer nur wie der Schatten, der ſich unheimlich über das ſtrahlende Licht der neuen, kaiſerlichen Freundſchaft warf, immer nur wie der mahnende und traurige Geiſt der Erinnerungen, die Alexander ſo gern von ſich abgewehrt hätte, weil ſie für ihn, den jetzigen begeiſterten Freund Na⸗ poleons, eine Anklage und einen Vorwurf enthielten. Und Friedrich Wilhelm war gar nicht bemüht, dieſen Vorwurf zu mildern, oder ſeine Traurigkeit mit dem Schleier äußerer Courtviſie zu verdecken. Kurz und abſtoßend in ſeinen Formen, verſchmähete er es, nur Einen Moment Napoleon gegenüber den dienſtbefliſſenen Höf⸗ ling zu machen. Wenn er mit den Kaiſern einen Spazierritt machte, war der König keineswegs bereit, auf die Laune der Kaiſer einzugehen und in ſprühendem Galopp dahin zu ſauſen; im raſchen Trab nur ritt er dahin, und die Höflichkeit zwang die beiden Kaiſer, ihn nicht zurück⸗ zulaſſen, ſondern bei ihm zu bleiben; wenn ſie von ihren Spazierritten heimkehrten, ſprangen Napoleon und Alexander raſch von ihren Pferden und ſchritten Hand in Hand der Thür zu, aber Friedrich Wilhelm ſtieg langſam von ſeinem Pferde herab und nöthigte dadurch Napoleon, da der König ſein Gaſt war, auf ihn zu warten; oft ließ der König lange warten, unbekümmert darum, daß es heftig regnete, und mehr als ein⸗ mal geſchah es, daß die beiden Kaiſer, indem ſie auf den König warten mußten, ganz und gar durchnäßt wurden.*) Wenn der König mit Napoleon über die zukünftigen Grenzen ſeines Landes verhandelte, ſo ſprach Friedrich Wilhelm nicht mit dem Ton eines Bittenden, ſondern mit dem eines erzürnten und beleidigten Königs, den man mit Gewalt *) Las Cases: Mémorial de Sainte Helene. Vol. III. —————— ———— 356 ſeines Rechts berauben will und der nur mit Mühe ſeinen Zorn und ſeine Indignation zurückhält. Und Friedrich Wilhelm hatte wohl Urſache, gereizt und traurig zu ſein. Er ſah es, er fühlte es, daß das drohende Unwetter, welches ſchon ſo lange über Preußen ſeine grollenden Donnerſchläge hatte ver⸗ nehmen laſſen, jetzt im Begriff ſei, es ganz und gar zu zerſtören. Napoleon wollte endlich Rache nehmen für die böſen Stunden, welche Preußen ihm in den letzten Jahren bereitet, er wollte in der That, wie er es dem Kaiſer Alexander verheißen, dem König Friedrich Wilhelm ſeine Krone laſſen, aber er wollte ihm ſein Land nicht wieder geben, er brauchte Preußen, um daraus ein neues Königreich Weſtphalen zu ſchaffen und mit einigen übrig gebliebenen Theilen ſeine Freunde und Bundesgenoſſen zu belohnen; für den König ſollte nichts bleiben, als ein kleiner Theil des alten Preußens mit Königsberg, als der Reſidenz des Königs. Friedrich Wilhelm, entſetzt, betäubt von dieſer neuen, fürchterlichen Demüthigung, mit welcher man ihn bedrohte, ſchaute angſtvoll umher nach Hülfe, nach Beiſtand. Er fühlte ſich allein, verrathen und auf⸗ gegeben, ohne Troſt, ohne Hoffnung. Seine ganze Seele wandte ſich in unausſprechlicher Sehnſucht der Königin zu, ſie war die Säule, an welche er ſich lehnen wollte, um nicht zuſammen zu ſinken, ſie war ſeine Energie, ſeine Kraft und ſeine Entſchloſſenheit. Wenn ſie an ſeiner Seite war, fühlte er ſich ſtark, dem Unglück zu trotzen, ſtark, um es zu tragen! Und der Sehnſucht ſeiner Liebe geſellte ſich bald genug die Berechnung der Politik. Beſchwören Sie die Königin, hierher zu kommen, ſagte Alerander zum König, ſie allein vermag jetzt noch für Preußen zu wirken. Ihre Schönheit, ihre Beredtſamkeit, ihre Liebenswürdigkeit und ihr Geiſt werden beſſer als alles Andere im Stande ſein, dem Kaiſer Zugeſtänd⸗ niſſe zu entreißen. Es wird ſeine Großmuth rühren, daß die edle, ſchöne, ſo oft von ihm geſchmähete Königin ſich ſo weit herabläßt, zu ihm zu kommen, um für ihr Land zu bitten, die Hochherzigkeit dieſes Entſchluſſes wird des Kaiſers Großmuth aufrufen und er wird zwanzig Mal mehrk erlangen kon Der Ki ſiner Gewiſ ſchnlich wü mung ſeiner ſchls Kall leitete, verr Beide Die König leicht noch Kaiſer Naz und uns v es nothwen Jetzt ſ und bat ſie ihre heilige ewen letze nicht viel auf Napo Ein hnigin. Als tdllche 2 Schnerzes Hinde vot Frau Kirigin v ir zu we Luiſ in ihen khhen ſ ihrn ſi inen enen Zorn und und traurig zu welches chläge hatte ver⸗ zu zerſtören. tunden, welche der That, wie riedrich Wilhelm wieder geben, er Veſthhalen zu ine Freunde und ts bleiben, als der Reſiden fürchterlichen ſtvoll umher ihen und auf⸗ eele wandte ſich die Säule, an ſie war ſeine an ſeiner genug die gate Alerander ſer ʒugeftünd⸗ naß bie edle, 357 Mal mehr bewilligen, als ich durch mein tägliches, inſtändiges Bitten erlangen konnte. Der König ſchwankte noch; in ſeinem Rechtlichkeitsgefühl und ſeiner Gewiſſenhaftigkeit zauderte er, das zu thun, was ſein Herz ſo ſehnlich wünſchte, und bevor er ſich entſchied, wollte er noch die Mei⸗ nung ſeiner Freunde, des Generals von Köckeritz und des Feldmar⸗ ſchalls Kalkreuth, der die Friedens⸗Unterhandlungen mit Talleyrand leitete, vernehmen. Beide theilten die Anſicht des Kaiſers Alexander, Beide riefen: Die Königin iſt jetzt unſere letzte Hoffnung! Sie allein vermag viel⸗ leicht noch auf den unerbittlichen Sieger einzuwirken, und ihr wird der Kaiſer Napoleon nicht abzuſchlagen vermögen, was er Ew. Majeſtät und uns verweigert. Zum Wohle Preußens und Eurer Majeſtät iſt es nothwendig, daß Ihre Majeſtät hierher komme. Jetzt ſchwankte der König nicht länger. Er ſchrieb an die Königin und bat ſie, zu ihm nach Puktupöhnen zu kommen; er ſagte ihr, es ſei ihre heilige Pflicht, ihr Herz zu überwinden und zur Rettung Preußens einen letzten Verſuch zu machen. Alles ſei verloren, wenn die Königin nicht vielleicht noch im Stande ſei, durch ihre Vorſtellungen und Bitten auf Napoleon einzuwirken. Ein Courier eilte ſofort mit dieſem Schreiben nach Memel zur Königin. Als Louiſe den Brief ihres Gemahls geleſen hatte, überzog eine tödtliche Bläſſe ihr Angeſicht, mit einem Schrei des tiefſten, qualvollen Schmerzes ließ ſie den Brief in ihren Schooß niederfallen, und beide Hände vor ihr Antlitz ſchlagend, weinte ſie laut. Frau von Berg, welche im Nebenzimmer das laute Weinen der Königin vernommen, eilte entſetzt zu ihr, um ſie zu tröſten oder mit ihr zu weinen. Louiſe hörte ſie nicht kommen, ſie war immer noch ganz verſenkt in ihren Schmerz, nur einzelne Worte der Klage tönten von ihren Lippen; ſie hatte ihre Hände noch immer vor ihr Antlitz gelegt; zwiſchen ihren Fingern guollen die Thränen hervor und rollten in einzelnen 358 Tropfen, Perlen gleich, von denſelben nieder auf den Brief, der in ihrem Schvoß lag. Frau von Berg eilte zu ihr, ſie kniete vor ihr nieder, und mit aller Beredtſamkeit der Angſt, der Ergebung und Liebe beſchwor ſie die Königin, ſie Theil nehmen zu laſſen an ihrem Schmerz, ihr zu ſagen, welch ein neues Unglück ſie betroffen. Die Königin ließ langſam ihre Hände von ihrem Antlitz nieder⸗ gleiten und ſchaute mit von Thränen umdüſterten Augen zu der Freundin hin, die noch vor ihr auf den Knieen lag. Du fragſt, welch ein Unglück mich betroffen? ſagte ſie dann. Lies, und urtheile! Sie reichte der Freundin den Brief dar und zog ſie zugleich von ihren Knieen empor. Während Frau von Berg las, war die Königin aufgeſtanden und ging langſam, das Haupt zurückgelehnt, die Blicke aufwärts gerichtet, im Zimmer auf und ab. Nun? fragte ſie, als Frau von Berg den Brief mit einem tiefen Seufzer auf den Tiſch gelegt. Nun, haſt Du geleſen? Und begreifſt Du jetzt meinen Schmerz? Ja, ich begreife ihn, Majeſtät, ſagte Frau von Berg traurig. Caroline, rief die Königin mit einem Aufſchrei des Schmerzes, Caroline, ich ſoll mich beugen vor dieſem Mann, der mich ſo ſchmach⸗ voll beleidigt hat? Ich ſoll wie eine Bettlerin vor Den hintreten, der vor der ganzen Welt meine Ehre verleumdet, mein Herz geſchmäht und meine Seele ſo verwundet hat, daß ſie nimmer und nimmer von dieſer Wunde geneſen kann! Ich ſage Dir, Caroline, er wird Schuld ſein an meinem Tode! An dem Tage, an welchem ich jene fürchterlichen Verleumdungen las, welche Er über mich hatte drucken laſſen, an dem Tage empfand ich da in meinem Herzen einen Schmerz, als ob man einen Dolch tief in meine Bruſt ſtoße. Dieſer Schmerz hat mich ſeit⸗ dem nicht wieder verlaſſen, dieſer Dolch wühlt ewig und immer in meinem Herzen, und ich ſage Dir, ich werde eines Tages daran ſter⸗ ben! Ach, ich wünſchte, ich könnte jetzt in dieſer Stunde ſterben, bevor ich dieſe neue Demüthigung auf mich genommen, ſterben, bevor ich mit dieſen Dolch nich gedemüt vor dem Gro vor ihm, nich ritt, nicht v glüclich gem Königin geſch hat. Caroli gegenkommer viel ſchlafloſ Unter einem meine wunde wenn ſie nich daß Er zuerſ ſoll ihm mein Und ind den Wmz Schmerzes: Rührt Dich nen einzige nir den T Schnach, d nartertes A Lod Vil Sie ſa un Himme daß er einer Uber d Nrf uf Fru L und bette Eine 1 ief, der in 359 dieſem Dolch im Herzen dem Eroberer gegenüber getreten und vor ihm mich gedemüthigt hätte. Ach, meine Seele iſt ja bereit und willig, ſich vor dem Großen, dem Schönen, dem Erhabenen zu beugen, aber nicht vor ihm, nicht vor dieſem Stolzen, der jetzt die Welt unter ſeine Füße tritt, nicht vor dieſem Mann, der den König Friedrich Wilhelm un⸗ glücklich gemacht, ihn ſeines Reiches und ſeiner Majeſtät beraubt, ſeine Königin geſchmäht und verleumdet, ſein Volk erniedrigt und bedrückt hat. Caroline, bedenke, ich ſoll Demjenigen freundlich und artig ent⸗ gegenkommen, der meine Kinder ihres Erbtheils beraubt, der mir ſo viel ſchlafloſe Nächte, ſo viel Thränen und Jammer verurſacht hat. Unter einem Lächeln ſoll ich meine Qual, unter Putz und Flittern meine wunde Bruſt verhüllen. Nicht einmal, wie es jeder Dame, ſelbſt wenn ſie nicht eine Königin iſt, geziemt, nicht einmal erwarten ſoll ich, daß Er zuerſt mich aufſucht, ſondern ich zuerſt ſoll zu ihm gehen, ich ſoll ihm meinen Beſuch aufdrängen, ich ſoll buhlen um ſeine Gunſt! Ach, es iſt zu viel, zu grauſam und zu fürchterlich! Und indem die Königin mit einer ſtürmiſchen Bewegung ihre bei⸗ den Arme zum Himmel empor ſtreckte, rief ſie mit aller Energie ihres Schmerzes: Willſt Du denn kein Erbarmen mit mir haben, mein Gott? Rührt Dich denn nicht meine Qual und mein Jammer? Haſt Du kei⸗ nen einzigen Deiner Blitze, der mein Herz treffen kann? Ach, ſende mir den Tod! Laß mich in ſeine Arme flüchten vor dieſer neuen Schmach, die mich bedroht! Gott, mein Gott, ich bin ein armes ge⸗ martertes Weib! Ich fordere und wünſche nichts von Dir, als den Tod! Willſt Du einer Königin dieſen einzigen Wunſch verſagen? Sie ſank nieder auf ihre Kniee, ihre Arme, ihre Blicke noch immer zum Himmel erhoben, als erwarte ſie, daß Gott ihr Gebet erhören, daß er einen Blitz ſenden würde, ſie zu tödten und ihre Qual zu enden. Aber dieſer Vlitz kam nicht! Louiſe ließ ihre Arme langſam nie⸗ derfallen, und mit einem leiſen, ſchmerzlichen Aechzen ſenkte ſie ihr Haupt auf ihre Bruſt. Frau von Berg, in Thränen aufgelöſt, hatte ihre Hände gefaltet und betete leiſe. Eine lange Pauſe trat ein. Dann erhob ſich die Königin von 360 ihren Knieen; ihr Antlitz war jetzt ruhig und gefaßt, die Thränen in ihren Augen waren erloſchen; nur um ihre Lippen war ein ſchmerz⸗ liches Zucken und einzelne ſchwere Seufzer hoben ihren Buſen. Jetzt iſt's vorüber, ſagte ſie leiſe, der Kampf iſt ausgekämpft! Verzeih mir, Caroline, daß ich ſo ſtürmiſch und leidenſchaftlich geklagt habe. Das arme Menſchenherz bäumt ſich noch zuweilen empor und will ſich den Zügel der Schmerzen nicht anlegen laſſen! Aber es wird ſchon zahm werden und geduldig, und lernen, ohne Murren ſeinem Schmerzenszügel zu gehorchen. Es war etwas ſo unendlich Rührendes in dem Ton und Weſen, mit welchem die Königin ſo ſprach, in dem Blick, mit welchem Louiſe ihrer Freundin die Hand darreichte, daß dieſe nicht im Stande war, ihre Thränen zu verbergen. Sie neigte ſich über die dargereichte Hand, und indem ſie dieſelbe an ihre Lippen drückte, fielen ihre Thrã⸗ nen darauf nieder. Weine nicht, Caroline, ſagte die Königin ruhig und gefaßt. Ich habe der Menſchennatur meinen Tribut gezollt, ich habe geweint und geklagt, jetzt will ich ſtark ſein und meine Pflicht erfüllen. Stehe Du mir bei, Caroline, und tröſte mich mit Deiner Ruhe und Standhaftig⸗ keit. Ich muß in einer Stunde ſchon abreiſen, laß uns bedenken und überlegen, welche Vorbereitungen wir noch zu treffen haben. Sie wollen alſo wirklich abreiſen, Majeſtät? fragte Frau von Berg ſchmerzlich. Majeſtät! rief die Königin faſt unwillig. Willſt Du mich ver⸗ ſpotten mit Deiner Ehrfurcht? Wo iſt meine Majeſtät und meine Herrlichkeit? In Ihren Augen, Louiſe, ſagte Frau von Berg, in Ihrem edlen und großen Herzen, das den Schmerz überwindet und der Pflicht ſich fügt! Sie ſtrahlt hell und glänzend nieder von Ihrem Haupt, das, indem es ſich beugt, doch nimmer gedemüthigt wird. Aber überlegen Sie, Königin, wollen Sie in edler, aufopfernder Hingabe nicht von ſich ſelber ein Opfer verlangen, das vielleicht größer iſt, als der Lohn, ven man davon erwartet? Der Kaiſer Napoleon iſt kein großmüthiger Character, es fehlt ihm an wahrem Edelmuth und wahrer Ritterlichkeit, und es lönnt Frau, welhe riczuweiſen, Oh, meine S vor dieſem P unnahbare K un ſich in d ingſtigt mis gemißbrauch durch Ueber Königs un durch Sie, Kaiſer Aler Gewalt alle Still, nir nicht n gungen kein Nanoch fordert.( winden un nen Pyſſte Napoleon lgſte Pfli wenn es t in Opfer Rwohnt. s die Schne Mutter fi inſt glic und mein ligt den wer wiß )d 361 und es könnte ihm vielleicht ſogar Freude machen, die edle und hohe Frau, welche ſich ſo tief vor ihm demüthigt, mit Hohn und Kälte zu⸗ rückzuweiſen, um ſich dadurch einen noch größeren Triumph zu bereiten. Oh, meine Königin, es iſt da etwas in meiner Bruſt, das mich warnt vor dieſem Plan; meinem Frauenherzen widerſtrebt es, daß meine edle, unnahbare Königin plötzlich von ihrer idealen Höhe herabſteigen ſoll, um ſich in die irdiſchen, kleinlichen Dinge der Politik zu miſchen. Es ängſtigt mich, daß Ihre Schönheit, Ihr Geiſt und Ihre Anmuth dazu gemißbraucht werden ſollen, um Ihren Feind zu beſtechen und ihm durch Ueberredung und Bezauberung das zu entreißen, was Ihres Königs und Ihrer Kinder Eigenthum und Recht iſt, und was nicht durch Sie, ſondern durch den König und ſeinen Bundesgenoſſen, den Kaiſer Alexander, auf dem Wege des Rechts, oder der Eroberung und Gewalt allein dem Eroberer entriſſen werden kann. Still, ſtill, Caroline, ſagte die Königin faſt ängſtlich. Wiederhole mir nicht meine eigenen Gedanken, gieb meinen Zweifeln und Beängſti⸗ gungen keinen Ausdruck! Ich fühle und denke wie Du! Aber ich muß dennoch gehen, ich muß thun, was mein Herr und Gemahl von mir fordert. Er ſchreibt, es ſei meine heilige Pflicht, mein Herz zu über⸗ winden und zu ihm zu kommen, da Alles verloren ſei, wenn es mei⸗ nen Vorſtellungen und Bitten nicht vielleicht noch gelingen möchte, auf Napoleon einzuwirken. Es ſoll nicht geſagt werden, daß ich meine hei⸗ ligſte Pflicht vernachläſſigt, daß ich meinen Stolz nicht gebeugt hätte, wenn es das Wohl meiner Kinder und meines Gemahls galt. Es iſt ein Opfer, das man von mir fordert, und Opfer zu bringen bin ich gewohnt.*) Vielleicht wird Gott dereinſt meine Kinder belohnen für die Schmerzen, die ich jetzt erdulde, vielleicht thauen die Thränen ihrer Mutter für ſie die harte Schale des Unglücks hinweg, und ſie werden einſt glücklich ſein, einſt, wenn ich nicht mehr bin. Oh, meine Kinder und mein Gemahl, mögt Ihr einſt glücklich und zufrieden ſein, was liegt denn daran, ob ich ein wenig geweint und gelitten habe! Und wer weiß, fuhr ſie mit einem ſanften Lächeln fort, wer weiß, ob Gott *) Der Königin eigene Worte. Bnigin Louiſe, S. 307. 362 auch nicht Meiner ſich noch erbarmt und Mitleid mit mir hat, ob ich nicht wirklich durch dies Opfer, das ich jetzt im Begriff bin zu bringen, doch etwas Gutes für meinen König, meine Kinder und unſer geliebtes Volk erwirken kann! Oh, Caroline, ich habe eine freudige Ahnung, daß es ſo iſt! Es wird den ſtolzen Eroberer rühren, wenn eine Frau, eine Gattin und Mutter, die einſt eine gebietende Königin war, und jetzt nichts mehr iſt, als ein trauriges, gebeugtes Weib, wenn die vor ihn hintritt und demuthsvoll bei ihm wirbt für ihre Kinder und ihr Land. Er wird, wenn er nicht Großmuth empfindet, doch Großmuth zeigen wollen, und er wird mir aus Stolz, und um von der Welt bewundert und geprieſen zu werden, gewähren, was er mir ſonſt viel⸗ leicht gern verweigern möchte. In den Händen Gottes ruhen ja die Herzen der Menſchen! Er wird dies Menſchenherz rühren! Ich hoffe auf ihn, und Gott allein iſt meine Zuverſicht! Und mit aufwärts gerichteten Blicken, mit verklärtem Angeſicht, mit ausgebreiteten Armen, kaum mit den Füßen die Erde berührend, ſchwebte Louiſe durch das Gemach hin zu dem geöffneten Clavier. Nun ſenkte ſie langſam ihre Arme nieder und ließ die Finger über die Taſten hingleiten. Sie ſchaute nicht zu ihnen nieder, ihre aufwärts gewandten Blicke ſchienen Gott zu ſuchen, aber ihre Hände kündeten ihre Gedanken und ſchlugen in vollen Tönen kräftige Akkorde an. Dann hob ſich ihre Stimme, und mit freudiger, begeiſterter Stimme begann Louiſe zu ſingen: „Befiehl Du Deine Wege Und was Dein Herze kränkt, Der allertreu'ſten Pflege Deß, der den Himmel lenkt.“ Sie ſaßer Mühle von Pi freundlichem ſondern ein L ſie jett endlich Eins in des 2 Der höni dieſer Stunde ſprechen, das macht und er und ſeine böſe Aber jetz, Du hie, Mi Augen werde einflößen. A gebeugt und glüch zu wide dieſe Kränkun T Lag und N wenn ich an in das trotzig erunders ſ. ſihl, als müſ Schrii der V Wlachen unt ich zwa tiefet iber m but Hy 363 , ob ich 3 Sie ſaßen Hand in Hand in dem kleinen ärmlichen Zimmer der t Mühle von Puktupöhnen, ſie ſchauten ſich an mit zärtlichen Blicken und büt freundlichem Lächeln. Sie waren zu dieſer Stunde kein Königspaar, ſi ſondern ein Liebespaar, und ein Liebespaar, welches Gott dankte, daß der Velt ſie jetzt endlich wieder vereinigt waren, endlich ſich wieder anſchauen und it Eins in des Andern Blicken ihre Liebe, ihre Treue leſen konnten. die Der König, der ſonſt ſo ſchweigſame, wortkarge König, hatte in boffe dieſer Stunde begeiſterte Worte gefunden, um zu ſeiner Louiſe zu ſprechen, das Entzücken ſeines Herzens hatte ſeine Lippen beredt ge⸗ eicht macht, und er hatte Louiſen alle ſeine Schmerzen, ſeine Befürchtungen 63 und ſeine böſen Zweifel geklagt.. un Aber jetzt, ſagte er, ihre Hände an ſeine Lippen drückend⸗ jetzt biſt nſer 1 Du hier, Louiſe, und nun wird Alles beſſer werden. Deine glänzenden Augen werden mich ſtärken, Deine geliebte Stimme wird mir Muth einflößen. Ach, ich bedarf deſſen ſo ſehr, denn meine ganze Seele iſt gebeugt und zerſchmettert. Ich habe keine Kraft mehr, mich dem Un⸗ glück zu widerſetzen, und alle dieſe Demüthigungen, die ich erduldet, dieſe Kränkungen, die ich ertragen, ſie haben an meiner Seele gefreſſen Tag und Nacht und haben mir niemals Ruhe gegönnt. Zuweilen, wenn ich an der Tafel, in der Mitte der beiden Kaiſer ſaß, wenn ich in das trotzige, eherne Antlitz Napoleons, in das ſchöne, heitere Antlitz Alexanders ſah und ihren pikanten Scherzen zuhörte, hatte ich ein Ge⸗ fühl, als müſſe ich ihr heiteres Geplauder unterbrechen mit einem lauten Schrei der Wuth, als müßte ich ihnen entgegen rufen:„ſchämt Euch, zu lachen und zu ſcherzen, da doch das Unglück an Eurer Seite ſitz!“ Aber ich zwang den Schrei in mein Herz zurück und neigte mich dann tiefer über meinen ſilbernen Teller, daß Niemand mein Antlitz ſchauen konnte. Oh, Louiſe, ich war allein, ganz allein mit meiner Qual. Nun biſt Du da, Louiſe, nun bin ich nicht allein. St e 364 Er legte ſeine beiden Arme mit ungeſtümer Gewalt um den Nacken der Königin und zog ſie haſtig an ſich, als fürchte er, auch ſie möchte ihm entriſſen werden. Oh, meine Geliebte, flüſterte er leiſe, Du biſt mein Troſt und meine Hoffnung, verlaſſe mich nicht, gieb mich nicht auf, wo die ganze Welt und auch Gott mich aufzugeben ſcheint! Die Königin ſchlang ihre Arme um ſeinen Hals und preßte einen glühenden Kuß auf Friedrich Wilhelms Lippen. Ich bleibe bei Dir alle Tage, ſagte ſie unter Thränen lächelnd, ſo lange mein Herz ſchlägt, gehört es Dir, ſo lange meine Augen offen ſind, wollen ſie nur Dich ſchauen, Dich, meinen Herrn, meinen Geliebten! Sie hielten ſich feſt umſchlungen, ſie ruhten aneinander im ſeligen Gefühl der Liebe. Ihre Gedanken waren Gebete, und ihre Gebete waren Liebe. Das raſche Vorfahren eines Wagens, deſſen Rollen die Fenſter ihres Zimmers klirren machte, weckte ſie aus ihrem Glück. Sie ließen ihre Arme ſinken und ſchaueten einander an mit einem langen, innigen Blick, als wollten ſie mit demſelben von einander Abſchied nehmen. Es iſt Alexander, der da kommt, Dir ſeinen Beſuch zu machen, ſagte der König, indem er aufſtand. Ich will ihm entgegen gehen. Aber bevor er noch die Thür erreicht hatte, öffnete ſich dieſelbe und Kaiſer Alexander erſchien in derſelben. Ah, es iſt mir gelungen, ich habe Sie Beide überraſcht, ſagte er mit einem glücklichen Lächeln, und indem er ſich tief vor der Königin verneigte, fuhr er fort: vergeben Ew. Majeſtät mir, daß ich unange⸗ meldet und ohne Erlaubniß eintrete, aber mich verlangte es ſo ſehr, den Sonnenglanz auf dem Antlitz meines edlen Freundes Friedrich Wilhelm zu ſehen und ſelber von einem Strahl der Sonne begnadigt zu werden! Gott und ſeine Heiligen ſeien geprieſen, daß uns die Sonne endlich aufgegangen iſt, und daß Ew. Majeſtät endlich da ſind! Ja, Sire, ich bin da, ſagte Louiſe wehmüthig, aber ich bringe die Sonne nicht mit! Es iſt recht trübe und finſtere Nacht um uns her, und mir ſcheint, ich ſehe nicht einen einzigen Stern mehr leuchten! Alexanders Antlitz war ernſt geworden, lange und forſchend ſchaute er in dus bleich ein tiefer Seuf Sire, ſagt lich Fricden mo ud ſchönſten 5 Roſen, hat au geben, daß er Das Sc däſter, es ſa niemals Fried Feldherr und weniger grau gegeben, und Aber wir die Künigin le uftecht tragen untergehen! Pm Augenblic ſch men im Stu uns retten. tragen, er: Hinde fillt, elendeſte Str Und dann k odaten, u Lümmer ur i ſammeln ufztauen. des Schiffr Er reic und Kide l Sie, M 365 er in das bleiche Antlitz der Königin, ſeine Stirn umwölkte ſich und ein tiefer Seufzer hob ſeine Bruſt. Sire, ſagte er, ſich an den König wendend, können wir denn eigent lich Frieden machen mit einem Mann, der auf dem Antlitz der edelſten und ſchönſten Frau in wenigen Wochen weiße, ſtatt der ſonſtigen rothen Roſen, hat aufblühen laſſen? Können wir es ihm denn wirklich ver— geben, daß er unſerer erhabenen Königin Thränen verurſacht hat? Das Schickſal fragt uns nicht, ob wir können, ſagte der König düſter, es ſagt uns, was wir müſſen! Ich werde in meinem Herzen niemals Frieden machen mit dieſem Mann, der, obwohl ein großer Feldherr und Eroberer, doch kein großer Menſch iſt, ſonſt würde er weniger grauſam und boshaft ſein! Aber Gott hat ihm die Gewalt gegeben, und wir Alle müſſen uns ihm beugen! Aber wir haben nicht nöthig, uns vor ihm zu demüthigen, rief die Königin lebhaft. Inmitten des Unglücks müſſen wir unſer Haupt aufrecht tragen, und wenn wir untergehen, ſo müſſen wir mit Ehren untergehen! Warum überhaupt untergehen? rief Alerander. Wir ſind einen Augenblick ſchiffbrüchig geworden, unſer Schiff iſt zerſchellt, wir ſchwim⸗ men im Sturm auf den Wogen umher, aber wir müſſen und wollen uns retten. Jeder muß verſuchen, nach ſeinen Kräften dazu beizu⸗ tragen, er muß ſich halten an dem Erſten, Beſten, was ihm in die Hände fällt, an einem Strohhalm, einem Brett, was es auch ſei. Der elendeſte Strick kann uns retten und uns endlich an den Strand treiben. Und dann bauen wir ein neues Schiff und rüſten es aus mit neuen Soldaten, und ſchiffen wieder fröhlich hinaus auf das Meer, um die Trümmer unſeres verloren gegangenen Schiffes wieder zu erobern und zu ſammeln und daraus wieder ein feſtes, geſchloſſenes, ſtarkes Ganzes aufzubauen. Sind Sie mit mir einverſtanden, meine lieben Gefährten des Schiffbruchs? Er reichte dem König und der Königin ſeine beiden Hände dar, und Beide legten ſie ihre Hände in die ſeinen. Sire, ſagte Louiſe leiſe und ſchmerzlich, Sie ſind großmüthig. 366 Sie nennen ſich einen Gefährten des Schiffbruchs! Und doch ſind wir es allein, welche der Sturm des Schickſals hat Schiffbruch lei⸗ den laſſen! Nicht doch, rief Alexander, auch ich habe Schiffbruch gelitten, ich bin geſcheitert mit allen meinen Hoffnungen, meinen Wünſchen und meinem Ehrgeiz. Ich bin geſcheitert, aber ich will nicht zu Grunde gehen, und ſo ſtreckte ich denn meine Arme aus und ſuchte nach einem Gegenſtand, an dem ich mich halten und aufrichten konnte. Wiſſen Sie, Königin, was ich fand, um mich daran zu halten? Ich fand den Kaiſer Napoleon! Oh, er iſt eine mächtige und ſtolze Säule, um ſich daran aufzurichten, und wer ſie umarmt hält, der iſt ſicher, nicht zu fallen! Ich habe gehört, Sire, welch ein lebhafter Bewunderer des Kai⸗ ſers Napoleon Ew. Majeſtät in der letzten Zeit geworden iſt, ſagte die Königin mit leiſer, zitternder Stimme. Ja, ein glühender Bewunderer, rief Alexander lebhaft; Napoleon iſt ein Genie, ein Halbgott, der große Alexander der alten Welt iſt wieder lebendig, die Mythen der alten Herven ſind Wahrheit geworden durch Napoleon! Ich ſage und wiederhole ihm das täglich, und Gott ſei Dank, er glaubt mir! Die Königin ſah ihn überraſcht und fragend an; Alexander fing ihren Blick auf, und ein eigenthümliches, ſeltſames Lächeln umſpielte ſeine Lippen. Ja, wiederholte er, Gott ſei Dank, Napoleon glaubt mir! Er iſt überzengt von meiner Liebe und Bewunderung, und er hat wohl ein Recht dazu. Ich bewundere ihn von ganzer Seele, ich liebe ihn wie meinen Meiſter und meinen Lehrer, wie das große Urbild, dem ich nachſtreben will! Oh, Sire, ſeufzte die Königin ſchmerzlich, Sie thun mir weh! Sie haſſen ihn alſo? fragte Alexander leiſe und raſch. Nein, ſagte die Königin ſanft, ich haſſe ihn nicht, aber ich kann ihn nicht lieben und verehren. Es kann in der Welt nur gut werden durch die Guten, und Kaiſer Napoleon iſt nicht gut, er meint es nicht redlich mit den Menſchen und der guten Sache. Er und ſein unge⸗ neſſener Ehrg Man mß ihr Nan kun rſc. Er iſt ihn ausgerüſt Nrleon, fü den Ton hin— und ſie erwie vorkommenhe wir eſſen un einander. 6 nich ganz u da um mich nicht einmal, wechſeln, er ſeiner Wiſche Andenken an Neceſſire, de Geſchent en großen Na Erſchr Königspaar Friedri ufnerkſam Blic geſenk Wieder ſets Ageſic niherte ſih an ſeine Lip digſt erlaube geſchenkt ha — Ve 3 n lhie Ehen 367 meſſener Ehrgeiz meint nur ſich ſelbſt und ſein perſönliches Intereſſe. Man muß ihn bewundern, aber man kann ihn nicht lieben.*) Man kann, man muß ihn auch lieben! rief Alexander ſchwärme⸗ riſch. Er iſt ein Werkzeug in der Hand Gottes, und Gott ſelber ſcheint ihn ausgerüſtet zu haben, damit er der Welt gebiete. Oh, ich liebe Napoleon, fügte der Kaiſer mit einem eigenthümlich leiſen und flüſtern⸗ den Ton hinzu, und ich glaube, daß Napoleon an meine Liebe glaubt und ſie erwiedert. Er überhäuft mich mit Aufmerkſamkeiten und Zu⸗ vorkommenheiten, wir haben täglich lange Unterredungen mit einander, wir eſſen und plaudern zuſammen und machen lange Spazierritte mit einander. Geſtern überraſchte uns dabei der Regen und durchnäßte mich ganz und gar. Wie liebenswürdig beſorgt der große Napoleon da um mich war, wie gütevoll er ſich Meiner annahm. Er litt es nicht einmal, daß ich in meine Wohnung ging, um meine Kleider zu wechſeln, er führte mich ſelbſt in ſein Schlafzimmer und lieh mir von ſeiner Wäſche und ſeinen Kleidern.**) Bei dieſer Gelegenheit, zum Andenken an dieſe Stunde, ſchenkte er mir ein ſuperbes, goldenes Neceſſaire, das ich bei ihm ſah und bewunderte.***) Ich werde dies Geſchenk ewig aufbewahren zur Erinnerung an die Freundſchaft des großen Napoleon! Er ſchwieg einen Augenblick und warf einen raſchen Blick auf das Königspaar. Friedrich Wilhelm hatte ſich dem Fenſter zugewandt und ſchien aufmerkſam nach dem Himmel empor zu ſchauen, Louiſe hatte ihren Blick geſenkt und eine tiefe Trauer ſprach aus ihren Zügen. Wieder flog dieſes ſeltſame, eigenthümliche Lächeln über des Kai— ſers Angeſicht, aber weder der König noch die Königin ſahen es. Er näherte ſich der Königin noch mehr, und ihre Hand ergreifend und ſie an ſeine Lippen drückend, fragte er: Wollen Ew. Majeſtät mir gnä— digſt erlauben, Ihnen das ſchöne Neceſſaire zu zeigen, das mir Napoleon geſchenkt hat? *) Der Königin eigene Worte. Siehe: Königin Louiſe, S. 299. **) Thiers, Vol. VII. p. 519. ***) Ebendaſelbſt. —— 368 Die Königin entzog ihm ihre Hand faſt unwillig. Ich danke Ew. Majeſtät, ſagte ſie, ich bin gar nicht neugierig, die Geſchenke Napolevns zu ſehen! Alexander neigte ſich noch näher zu ihr hin. So iſt es recht, ſagte er leiſe und raſch, zürnen Sie mir nur recht ſehr, halten Sie mich für einen Treuloſen, einen Abtrünnigen. Ein Tag wird kommen, der Sie enttäuſchen ſoll. Sire, ſagte die Königin, Sire— Still, unterbrach ſie Alexander leiſe, indem er von der Königin zurücktrat und ſich dem Könige näherte. Ew. Majeſtät wiſſen, wie ſehr mir Ihre Freundſchaft und Ihr Wohl am Herzen liegen, ſagte Alerander ernſt, wie ſehr ich ſtets be⸗ müht bin, den mächtigen und großen Eroberer zu erweichen und ihm in Bezug auf Preußen mildere und freundlichere Geſinnungen einzu⸗ flößen. Ich laſſe keine Unterredung ungenutzt, ich ſuche das Zuſam⸗ menſein mit Napoleon immer zum Wohl Preußens auszumünzen, und ſo iſt es mir zum Beiſpiel noch geſtern gelungen, ihm für Ew. Majeſtät die Feſtung Graudenz abzuſchwatzen.*) Ich danke Ew. Majeſtät, ſagte Friedrich Wilhelm ernſt. So viel mir aber bekannt iſt, hat Napoleon dieſe Feſtung gar nicht beſeſſen und erobert; ſie hat ſich bis zum Waffenſtillſtand tapfer und treu ge⸗ halten, ſie iſt Mein geblieben, und ich ſehe daher nicht wohl ein, wie der Kaiſer Napoleon ſie für ſich beanſpruchen darf. Oh, Majeſtät, rief Alerander leichthin, der Sieger beanſprucht das Recht, Alles zu nehmen und zu fordern, was ihm gut dünkt. Deſſen müſſen wir eingedenk ſein, jetzt und auch ſpäter! Auch ſpäter, wiederholte Alerander mit Nachdruck.— Ich bin daher froh, Ihnen wenigſtens Graudenz noch erhalten zu haben. Aber leider iſt es mir nicht gelungen, Ew. Majeſtät die Grenzen durch meine Beredtſamkeit wieder zu gewinnen, die Napoleon Ihnen durch ſein Schwert genom⸗ men hat. Jetzt muß unſere erhabene Königin die Macht ihrer Be⸗ redtſamkeit und ihrer ganzen Erſcheinung aufwenden, und was uns *) Alexanders eigene Worte. Siehe v. Schladens Tagebuch, S. 262. und unſern dem Zuber nit aber E Dinge es ſi Hülfe ſeine mitgebracht, dictirte und nehm, Sire Man ins Auge alſo die G Und a Louiſe man muß En. Majeſ Sie n ſchten ſich Liſches ſtn Ich v beſchwöre zu wollen, ſog. In ulſo forde ſtrich, wel⸗ die Stndt unch Tiſſt Rußland was auf lund über Gr d le hze de an den re ganz aucd ſei, den über deſt Uihln 369 und unſern Miniſtern nicht gelingen wollte, das wird ohne Zweifel dem Zauber und der Gewalt der edelſten der Frauen gelingen! Da⸗ mit aber Ew. Majeſtät gleich genau inſtruirt ſind, um welche große Dinge es ſich handelt, wie ſehr Preußen gefährdet iſt, wie ſehr es der Hülfe ſeiner Königin bedarf, habe ich Ihnen das Ultimatum Napoleons mitgebracht, das er heute in meiner Gegenwart Talleyrand in die Feder dictirte und von dem ich mir eine Abſchrift erbat. Iſt es Ihnen ge⸗ nehm, Sire, daß ich Ihnen daſſelbe mittheile? Man muß doch immerhin ſein Schickſal kennen und ihm dreiſt in's Auge ſchauen, ſagte der König langſam. Haben Ew. Majeſtät und Iht alſo die Gnade zu leſen. ſtet Und auch Sie geſtatten es mir, Königin? fragte Alexander. d ihm Louiſe neigte ſanft ihr Haupt. Der König hat Recht, ſagte ſie, nzu⸗ man muß ſein Schickſal kennen lernen. Setzen wir uns, wenn es Ew. Majeſtät gefällig iſt. Sie nahm auf dem Divan Platz, der Kaiſer und ihr Gemahl eſtät ſetzten ſich gegenüber auf die Lehnſtühle, die an der andern Seite des Tiſches ſtanden. Ich werde Ihnen alſo das Ultimatum Napoleons mittheilen, doch beſchwöre ich Eure Majeſtäten, es gütigſt ohne Unterbrechung anhören v zu wollen, ſagte Alexander, indem er ein Papier aus ſeinem Buſen vi zog. In daſſelbe hineinblickend, fuhr er fort: Der Kaiſer Napoleon alſo fordert, daß Preußen ihm vor allen Dingen den ganzen Landes⸗ rucht ſtrich, welcher ſich auf dem rechten Ufer des Niemen befindet, nämlich eint die Stadt Memel und einen Theil ihres Gebietes, der ſich bis hierher nach Tilſit erſtreckt, abtreten ſoll, denn er behauptet, daß dies für Rußland die natürliche Grenze ſei. Er verlangt ferner, daß Alles, was auf dem linken Ufer der Elbe liege, von Ew. Majeſtät an Ruß⸗ land überlaſſen werde, denn er betrachtet die Elbe als die natürliche Grenze des preußiſchen Staats. Aber von dem, was Ew. Majeſtät an dem rechten Ufer der Elbe verbleibt, verlangt der Kaiſer Napoleon ganz ausdrücklich, daß das Land Hildesheim nicht darin einbegriffen ſei, denn dies müſſe einen Theil des Königreichs Weſtphalen bilden, über deſſen Errichtung man ſich verſtändigt habe. Aber zur Entſchä⸗ Mühlbach, Napoleon. II. Bd. 24 —— 370 digung für Ew. Majeſtät will der Kaiſer Napoleon Sachſen bewegen, Ihnen für Hildesheim auf dem rechten Ufer der Elbe ein Territorium abzutreten, das dem von Memel gleich ſei. Weſt⸗ Süd⸗ und Neu Oſtpreußen verlangt Napoleon für das neu zu erſtehende Königreich Polen, aber Pomerelien, den Diſtrict von Culm, Elbing und Marien⸗ werder ſollen Ew. Majeſtät behalten. Der Netzdiſtrict, ſowie der Kanal von Bromberg und Thorn werden Preußen genommen; Danzig mit einem Umfang und Gebiet von zwei Meilen ſoll eine freie— ich glaube eine deutſche freie Reichsſtadt unter ſächſiſchem und preußiſchem Schutz werden. Rußland ſoll dem Kaiſer Napoleon die Inſel Corfu abtre ten.*)— Dies iſt das Ultimatum Napoleons für Preußen, ſagte der Kaiſer hochathmend, indem er das Papier, nach welchem er die einzelnen Beſtimmungen vorgetragen, auf den Tiſch legte. Dies, Königin, iſt das Ultimatum, das zu mildern und wo möglich abzuwenden Ew. Majeſtät hierher gekommen ſind!— Was halten Sie von dieſem Ultimatum, Sire? wandte ſich Alexander an den König. Ich halte davon, daß, wenn wir es nicht abwenden können, wir uns ihm fügen müſſen, ſagte der König dumpf vor ſich hin, daß wir aber, um es abzuwenden, jedes Mittel verſuchen müſſen. Denn wenn ich jenes Ultimatum unterſchreiben muß, ſo unterſchreibe ich damit den Untergang Preußens! Die Königin hatte bleich, in höchſter Spannung, in athemloſer Erwartung dem Vortrag des Kaiſers zugehört, dann hatten ſich ihre Blicke mit einem forſchenden Ausdruck auf ihren Gemahl geheftet. Jetzt, bei ſeinen Worten voll Entmuthigung und Trauer, ſank ſie matt und wie gebrochen in den Divan zurück und ein paar Thränen rannen langſam über ihre Wangen nieder. Ew. Majeſtät ſehen, wie nothwendig es war, daß Sie hierher kamen, ſagte Alerander, ſich an die Königin wendend, Sie haben hier eine große Aufgabe zu verfolgen. Sie allein können das Ultimatum abwenden und Preußen retten! *) Dieſes Ultimatum Napoleons iſt wörtlich mitgetheilt in v. Schladens Tagebuch, S. 248. Vuiſe muth hatte, Biten und Herr und m tngenen Pft zu nildern, Es läſ ſprechen, ſo Hoffen un bin noch n nicht alle Nun, noch Etwas 3u, S Herm von wiſen, we Ich mung geg hat mir ni Hardenber kann, ihm nicht verhe et welde ii üete noch ligen, daß nur noch( Das Pnhnz „ hat, ghir ) Lhiers B ( 371 Louiſe ſchüttelte leiſe ihr Haupt. Sire, ſagte ſie, wer den Ueber muth hatte, ſolch Ultimatum zu ſtellen, der hat auch den Muth, jeden Bitten und Vorſtellungen zu widerſtehen. Ich bin gekommen, weil mein Herr und mein König es befahl, ich werde treu der mir von ihm über— tragenen Pflicht es verſuchen, unſer Loos durch Bitten und Vorſtellungen zu mildern, aber ich verſpreche mir jetzt keinen Erfolg mehr davon. Es läßt ſich in dieſen traurigen Zeiten nichts mit Gewißheit ver— ſprechen, ſondern immer nur hoffen, ſagte Alexander ernſt. Doch im Hoffen und Verſuchen muß man niemals müde werden.— Aber ich bin noch nicht zu Ende mit meinem Ultimatum. Ich habe Ihnen noch nicht alle Forderungen des Kaiſers mitgetheilt. Nun, rief der König mit einem bittern Lachen, es giebt alſo noch Etwas, was der Kaiſer Napoleon mir nehmen könnte! Ja, Sire! Er fordert, daß Ew. Majeſtät Ihren Miniſter, den Herrn von Hardenberg, entlaſſen. Hardenberg! rief die Königin ſchmerzlich. Den treueſten und er gebenſten Diener des Königs. Oh, Ew. Majeſtät kennen ihn, Sie wiſſen, welch ein edler Eifer ihn beſeelt, welch ein hoher Geiſt ihn leitet. Ich weiß es, und ich habe Alles verſucht, Napoleons Mißſtim⸗ mung gegen ihn zu zerſtreuen, ſagte Alexander achſelzuckend. Aber es hat mir nicht gelingen wollen. Napoleon fordert mit ſolchem Ungeſtüm Hardenbergs Eutlaſſung, daß ich Ew. Majeſtät nur dringend rathen kann, ihm dieſelbe unverzüglich zu geben. Ja, ich darf Ew. Majeſtät nicht verhehlen, daß der Kaiſer Napoleon mir ſogar heute erklärt hat, er werde überhaupt keinen Frieden mit Ew. Majeſtät ſchließen, er werde lieber noch vierzig Jahre lang Krieg führen mit Preußen, als einwil⸗ ligen, daß Hardenberg, ſein erbitterter und gehäſſiger Gegner, auch nur noch Einen Tag länger Ihr Miniſter bleibe.*) Das iſt zu viel, rief die Königin empört, außer ſich. Möge er Preußen zerſtückeln und zerreißen, da er die materielle Gewalt dazu hat, aher er darf keine moraliſche Gewalt über uns ausüben, er darf *) Napoleons eigene Worte. Siehe: v. Schladens Tagebuch, S. 243, und PThiers, Histoire etc. VII. S. 521 372* den König nicht zwingen wollen, nach Napoleons Gutdünken ſeine Diener zu wählen oder zu verſtoßen. Er darf es nicht, aber er kann es, ſagte der König düſter, und da Napoleon Alles, was er kann, auch thut, ſo zwingt er mich jetzt zu einer neuen Demüthigung. Ich muß meinem armen blutenden Lande den Frieden geben, ich kann den Krieg nicht fortſetzen. Wenn alſo Napoleon als erſte Bedingung des Friedens die Entlaſſung Harden⸗ bergs fordert, muß ich ſeine Forderung erfüllen. Aber es iſt doch unmöglich, einem ſo treuen, hingebenden Diener des Staats plötzlich eine ſchimpfliche Entlaſſung anzukündigen, rief die Königin ſchmerzvoll. Nein, ſagte Alexander ernſt, man wird das nicht nöthig haben. Miniſter Hardenberg wird ſeine Entlaſſung fordern. Ich habe ſo eben eine lange Conferenz mit ihm gehabt, und in Folge deſſen hat ſich der Miniſter hierher begeben, um von Ew. Majeſtät eine Audienz zu er⸗ bitten. Herr von Hardenberg iſt mit mir zugleich gekommen. Sire, wollen Sie ihm nicht jetzt gleich die gewünſchte Audienz gewähren? Darf ich Hardenberg rufen? Wenn Ew. Majeſtät es wünſchen, werde ich den Miniſter hier in Ihrer und der Königin Gegenwart empfangen, ſagte Friedrich Wilhelm, und indem er der Thür zuſchritt und ſie öffnete, rief er hinaus: Herr von Hardenberg ſoll kommen! Einige Minuten ſpäter trat Herr von Hardenberg in das Zimmer ein. Der heitere, lächelnde Ausdruck, welcher immer aus ſeinen männ⸗ lich ſchönen Zügen ſtrahlte, war auch jetzt nicht von ihnen gewichen; ruhig, ſicher und freundlich, wie immer, nahete er ſich den Majeſtäten und neigte ſich vor ihnen mit Ehrerbietung, aber doch mit dem Stolz eines ſeiner eigenen Würde ſich bewußten Mannes. Er wagte es daher auch, einen Fehler gegen die Etiquette zu begehen und unaufgefordert zuerſt das Wort zu ergreifen. Sire, ſagte er, ſich zuerſt an den Kaiſer Alexander wendend, Sire, ich danke Ew. Majeſtät, daß Sie die Gnade hatten, mir eine Audienz bei Seiner Majeſtät zu verſchaffen, und da ich hoffen darf, daß Ew. Majeſtät meinem Herrn und König die Ur⸗ ſache, weshalb ich um eine Audienz bat, mitgetheilt haben, ſo werde ich nur we daher kurz Er näl er fort: Er Dienſte Pr gedient mit und das V dern die U Weiſe mei noch nütze Portefeuill Eurer Me ſofortigen in Gnaden Der gelegt, ſta über und aus ihren Kaiſe dem Köni dem Min Sire Sire, ich geben zu Friet haſtig un thue. W nich der jl widerſe Ficdensl Aſijed nicht und behn Er G G 373 ich nur wenig zu ſagen haben. Die Zeit iſt koſtbar und ich werde daher kurz ſein. Er näherte ſich dem König, und tief ſich vor ihm verneigend, fuhr er fort: Ew. Majeſtät wiſſen, daß ich mein Leben ganz und gar dem Dienſte Preußens und Eurer Majeſtät geweiht habe. Ich habe ihm gedient mit meinem Geiſt und meiner Thatkraft, ſo lange die Umſtände und das Vertrauen Eurer Majeſtät es mir geſtatteten. Jetzt aber for⸗ dern die Umſtände, daß ich Preußen und Ew. Majeſtät auf eine andere Weiſe meine grenzenloſe Ergebenheit beweiſen ſoll. Ich kann ihm nur noch nützen, indem ich mich aus dem Staatsdienſt zurückziehe und das Portefeuille, welches Ew. Majeſtät mir anvertraut, wieder zu den Füßen Eurer Majeſtät niederlege. Ich bitte alſo Ew. Majeſtät um meinen ſofortigen Abſchied, und ich hoffe, Ew. Majeſtät werden mir denſelben in Gnaden gewähren. Der König antwortete nicht ſogleich; die Stirn in dunkle Falten gelegt, ſtarrte er düſter vor ſich hin. Die Königin blickte zu ihm hin⸗ über und ein Ausdruck angſtvoller Erwartung, zärtlichen Flehens ſprach aus ihren Zügen. Kaiſer Alexander ſtand mit ineinander geſchlagenen Armen neben dem König und ließ ſeine Blicke mit einem ſanften Lächeln bald auf dem Miniſter, bald auf dem Königspaar ruhen. Sire, wiederholte Hardenberg, als der König immer noch ſchwieg, Sire, ich bitte Ew. Majeſtät, mir in Gnaden ſofort meinen Abſchied geben zu wollen! Friedrich Wilhelm zuckte leiſe zuſammen. Wiſſen wohl, ſagte er haſtig und mit faſt rauher Stimme, wiſſen wohl, daß ich es nicht gern thue. Werd' vom Schickſal wenig gefragt, was ich gern thue, muß mich der Nothwendigkeit fügen! Keine Macht, um mich Anmaßungen zu widerſetzen, keine Armee, um den Krieg fortzuführen! Muß alſo die Friedensbedingungen eingehen, muß alſo auch Ihnen den geforderten Abſchied bewilligen. Sie ſind frei, Herr von Hardenberg, ich darf Sie nicht an mich feſſeln wollen! Ich danke Ihnen für Ihre guten Dienſte und bedauere, dieſelben jetzt entbehren zu müſſen. Er reichte dem Miniſter ſeine Hand dar und fuhr fort: Gratulire ——— ———— 374 Ihnen, daß Sie nicht mehr im Amt ſind, werden nun nicht nöthig haben, den Frieden, den Napoleon uns bietet, zu unterzeichnen. Majeſtät, ſagte Hardenberg ſtolz, ich würde dieſen Frieden, wie Napoleon ihn jetzt bietet, nie unterzeichnet haben. Das iſt nicht ein Traktat des Friedens, ſondern der Dienſtbarkeit.*) Aber ich vergeſſe, daß ich nicht mehr das Recht habe, mich in die Politik Preußens und Eurer Majeſtät einzumiſchen. Ich danke Ew. Majeſtät für meine Entlaſſung und bitte um die Erlaubniß, noch heute von hier abreiſen zu dürfen. Hab' Ihnen nichts mehr zu erlauben, ſagte der König, ſind beſſer dran, wie ich, ſind ein freier Mann! Sire, ich habe doch auch nur diejenige Freiheit, welche jeder Ehren⸗ mann ſich auch inmitten des Unglücks und des Mißgeſchicks bewahren muß, ſagte Hardenberg ſanft, die Freiheit: dem Unrecht mich nicht zu fügen, und lieber unterzugehen, als Schmach zu ertragen.— Majeſtät, ich bitte, mich gnädigſt entlaſſen zu wollen. In einer Stunde ſchon will ich abreiſen. Leben Sie wohl, ſagte Friedrich Wilhelm haſtig, und wenn ich ſage, leben Sie wohl, ſo meine ich, auf Wiederſehen! Es werden hoffentlich einſt andere Zeiten kommen. Wenn ſie da ſind und ich Sie alsdann rufe, werden Sie kommen, Hardenberg? Ich werde mein Ohr nie dem Ruf Eurer Majeſtät und Preußens verſchließen, ſagte Hardenberg, ſich tief vor dem König und der Königin verneigend. Dann wandte er ſich an den Kaiſer Alexander, der ihm mit einem freundlichen Gruß die Hand darreichte. Sire, ſagte er, indem ich mich jetzt von Ihnen beurlaube und vielleicht des Glückes zum letzten Mal theilhaftig werde, Ew. Majeſtät zu ſehen, erinnere ich mich zu meinem Troſte des Tages, an welchem ich im Frühling dieſes Jahres zum erſten Mal Ew. Majeſtät geſehen habe. Es war in Kydullen, wo Ew. Majeſtät dem König von Preußen Ihre Garden vorführten, welche mit Ew. Majeſtät von Petersburg *) Hardenbergs eigene Worte. Siehe: Mémoires d'un homme d'état. Vol. VII. S. 435. gekommen nen. Vi zogen, da riefen mit Entweder tänen im ſchlimme mein ein ſind nich daß Pre eingeden den En Preußen Dies iſt Ach bin. Si wiſſen n Worte nehmer wünſch C mit w die au zog ſic G nigin Sie n Erlaut 375 gekommen waren, um an dem Kriege gegen Frankreich Theil zu neh⸗ men. Wie die ſtolzen, geſchmückten Krieger an den Majeſtäten vorüber zogen, da umarmten Ew. Majeſtät den König Friedrich Wilhelm und Nicht wahr, keiner von uns Beiden fällt allein? riefen mit Thränen:„ Entweder Beide zuſammen oder keiner von Beiden!“*) Dieſe Worte d in dieſen letzten tönen immer noch vor meinen Ohren, und ſie ſin ſchlimmen Tagen, wo es ſich um Preußens Ehre und Exiſtenz handelt, mein einziger Troſt und meine einzige Hoffnung geweſen. Ew. Majeſtät ſind nicht gefallen, und alſo werden Sie es auch nicht dulden wollen, daß Preußen falle. Ew. Majeſtät werden eingedenk ſein Ihres Schwurs, eingedenk der Treue, welche Preußen Ihnen bewieſen, und nimmer wer⸗ den Ew. Majeſtät Ihren Ruhm ſo ſehr beflecken wollen, daß Sie Preußen jetzt verlaſſen und es dulden ſollten, daß Preußen allein fällt! Dies iſt meine Hoffnung, und mit ihr gehe ich getröſtet von hinnen. Ach, mein Lieber, ſagte Alexander ſeufzend, wie unglücklich ich doch bin. Sie haben immerfort zu meinem rechten Ohr geſprochen, und Sie ſſ da leider ganz taub bin. Ich habe alſo auch Ihre wiſſen wohl, daß ich Worte nur wenig verſtanden. Aber ich denke, Sie wollten Abſchied nehmen, und alſo ſage ich Ihnen auch von Herzen Lebewohl und wünſche glückliche Reiſe. Er reichte Hardenberg ſeine Hand dar, aber die tiefe Verneigung, mit welcher der Miniſter eben ſein Haupt ſenkte, hinderte ihn vielleicht, die ausgeſtreckte kaiſerliche Hand zu ſehen; er nahm ſie nicht an, ſondern zog ſich ſchweigend und rückwärts gehend nach der Thür zurück. Eben als er im Begriff war, hinauszugehen, erhob ſich die Kö⸗ nigin von dem Divan. Hardenberg, rief ſie heftig, und mir ſagen Sie nicht Lebewohl! Majeſtät, ſagte der Miniſter ehrfurchtsvoll, ich erwartete Ihre Erlaubniß. Die Königin eilte zu ihm hin. Thränen glänzten in ihren Augen, und mit vor Rührung zitternder Stimme ſagte ſie: Sie wiſſen, was ich in dieſer Stunde leide und welche Qual ich empfinde in dieſen 376 Zeiten der Erniedrigung. Sie wiſſen es, denn Sie kennen meine Ge⸗ ſinnungen, die ſich niemals ändern, niemals den hohen Zielen abwenden werden, die wir gemeinſam verfolgten. Es iſt für uns eine Zeit der Trübſal hereingebrochen, die uns zwingt, unſer Haupt zu beugen. Aber ſie ſoll uns nicht zwingen, mit unſerem Haupt auch unſere Blicke zu ſenken. Das Auge wollen wir emporheben zu Gott, zu ihm wollen wir beten um beſſere Zeiten, und er wird uns beiſtehen! Er wird den edlen und wahren Patrioten Muth und Geduld einflößen, er wird ſie lehren, nicht zu verzagen, ſondern auf beſſere Zeiten zu hoffen und ſie vorzubereiten durch treues Zuſammenhalten, durch das ſtete Verfolgen des Einen Ziels. Hardenberg, ich hoffe auf Sie, und Preußen hofft auf Sie. Wirken Sie im Stillen, da Sie öffentlich nicht wirken kön⸗ nen, bereiten Sie die neue Zeit vor, und helfen Sie, daß ſie bald auferſteht! Dies iſt mein Lebewohl, und dies iſt mein Dank für Ihre Treue! Möge Gott Sie ſchützen und behüten, damit Sie dereinſt Preußen wieder nützen können! Wenn ich für Preußen bete, werde ich auch Ihrer gedenken! Leben Sie wohl! Sie reichte ihm ihre Hand dar, und wie Hardenberg ſich neigte, ſie zu küſſen, fielen zwei glühende Thränen aus ſeinen Augen auf ihre Hand nieder. Haſtig, als ſchäme er ſich dieſer Rührung, wandte Hardenberg ſich ab und eilte hinaus. Louiſe aber blickte mit Thränen in den Augen hinüber zu dem König, der mit ineinander geſchlagenen Armen düſter vor ſich hinſtarrte. Oh, mein Gemahl, rief ſie ſchmerzlich, der Kaiſer Napoleon raubt Ihnen nicht blos Ihr Land, ſondern auch Ihre treueſten Freunde und Rathgeber. Gott ſchütze Preußen! Me S2 ) hatte die S Zeit erſchi weißes, g hohe, zug Schleppe Brillanten ten ihre A llebet ihret Brillanten. Tngen win heute warl waren bleie Schleiern Mit eigenes B mer von, von Berg, auch jetzt Carol Früſteln u Gemanen wollten, un gehen, wie ſunnen, d Götzen, de können.( kedenge und kan I. Abe Königin Touiſe und Rapoleon. Die Toilette war beendet. Zum erſten Mal ſeit vielen Monaten hatte die Königin ſich heute geſchmückt, zum erſten Mal nach langer d ſie Zeit erſchien ſie wieder in königlicher Pracht und Herrlichkeit. Ein. und ſi weißes, golddurchwirktes Atlasgewand umgab dicht anſchließend ihre folgen hohe, zugleich ſchöne und üppige Geſtalt und rauſchte in einer langen boft Schleppe hinter ihr nieder. Ein breites Halsband von Perlen und kön⸗ Brillanten zierte ihren wundervollen Hals, ebenſolche Bracelets ſchmück— ten ihre Arme, die einem Phidias als Modell hätten dienen können. re Ueber ihrer edlen, breiten und freien Stirn funkelte ein Diadem von ſt Brillanten. Es war eine wahrhaft königliche Toilette, und in früheren Tagen würde die Königin ſelbſt ſich derſelben gefreut haben. Aber heute war keine Spur der Freude in ihrem Antlitz zu leſen, ihre Wangen waren bleich, ihre Lippen zitterten und ihre Augen waren wie von trüben Schleiern umhüllt. Mit einem langen, forſchenden Blick betrachtete ſie im Spiegel ihr eigenes Bild, mit traurigen, gleichgültigen Zügen, ohne einen Schim— mer von Freude oder Genugthuung. Dann wandte ſie ſich an Frau von Berg, welche ſie hierher nach Puktupöhnen begleitet hatte, und die auch jetzt auf ihrer Fahrt nach Tilſit ihre Gefährtin ſein ſollte. Caroline, ſagte ſie, wenn ich mich anſchaue, überläuft mich ein Fröſteln und mein Herz erſtarrt. Ich bin geſchmückt, wie die alten Germanen ihre Opfer ſchmückten, die ſie in die Feuergluthen werfen wollten, um den Zorn ihrer Götzen zu beſänftigen. Ach, es wird mir gehen, wie jenen armen Opfern. Ich werde ſterben an den Feuer⸗ flammen, die in meinem Herzen brennen, aber ich werde den zürnenden Götzen, den die Welt jetzt anbetet, doch nicht beſänftigen und verſöhnen können. Es wird Alles nutzlos und vergeblich ſein! Mit ſolchem Leidensgefühl und mit ſo gebrochenen Flügeln erreicht man nichts mehr und kann man nicht beredt ſein! Doch ſtill, die Klage und auch die 378 Reue iſt vergeblich. Ich muß vollenden, was ich begonnen habe, ich muß— Hörſt Du da nichts, Caroline? Klingt es nicht wie das Ge⸗ räuſch eines heranrollenden Wagens? Ja, ſagte Frau von Berg, an das Fenſter eilend, ja, es iſt ein Wagen. Es iſt eine glänzende, von acht Pferden beſpannte Staats⸗ caroſſe, umgeben und gefolgt von franzöſiſchen Dragonern. Die Königin drückte raſch ihre beiden Hände auf ihr Herz und ein leiſer Schrei zitterte von ihren Lippen. Oh, oh, flüſterte ſie leiſe, der Dolch bohrt ſchon wieder in meinem Herzen. Wie weh, oh, wie entſetzlich weh das thut! Frau von Berg hatte unter dem donnernden Geräuſch, mit welchem die kaiſerliche Equipage eben vor dem Hauſe anhielt, die Worte der Königin nicht vernommen. Oh, rief ſie freudig, der Kaiſer Napoleon ſcheint wirklich Gutes im Sinn zu haben. Er iſt wenigſtens bemüht, Ew. Majeſtät mit der Ehrfurcht zu empfangen, die einer gebietenden Königin geziemt, und es an keiner Ehrenbezeigung fehlen zu laſſen. Dieſe Staatscaroſſe iſt prachtvoll, die acht Pferde davor ſind mit Purpur und Gold aufge⸗ ſchirrt. Die franzöſiſchen Dragoner ſind in ihrer Galla⸗Uniform und formiren ſich eben in Reih und Glied, um vor Ew. Majeſtät das Ge⸗ wehr zu präſentiren, wenn Sie in den Wagen ſteigen. Ich fange an zu hoffen, daß ich mich in Napoleon getäuſcht habe, er wird Diejenige, welche er eben mit dem Pomp, der mächtige und gekrönte Häupter umgiebt, bei ſich aufnimmt, nicht demüthigen und beleidigen wollen. Louiſe ſchüttelte leiſe ihr Haupt. Er hat gelernt von den alten Cäſaren und Triumphatoren, ſagte ſie. Als Cleopatra den Triumphzug des Auguſtus ſchmücken ſollte, prangte ſie auch in Gold und Purpur⸗ gewändern und ſtand auf einem vergoldeten Wagen, umringt von Die⸗ nern, wie es einer Königin geziemt. Aber um ihre Hände war eine Kette geſchlungen, ſie war doch nur eine Gefangene, und der Contraſt der eiſernen Kette zu dem königlichen Pomp machte den Triumph des Auguſtus und die Demüthigung der Cleopatra nur noch in die Augen fallender.— Gleichviel! Wir müſſen hindurch! Komm, Caroline, gieb mir meinen Mantel! Wir wollen gehen! Sie Frau vor und einer Gemach, zu fahrer Dor war, em Treype wenig; ſie ſtum Händedr die tief kündigte Kal ein Adju ſchon un er ſoglei De ſagte e Lo fragte verlaſſe — T mich di es ſchei ſend backener ſtinen 2 Chrend gliters ſuchl drücic Napul E 379 Sie hüllte ſich in den kleinen Mantel von violettem Sammet, den Frau von Berg um ihre Schultern legte, und ſchritt, tief aufſeufzend und einen letzten, flehenden Blick zum Himmel emporwerfend, aus dem Gemach, um in der Staatscaroſſe des Kaiſers Napoleon nach Tiſſit zu fahren. Dort in dem Gaſthof, welcher das Abſteigequartier des Königs war, empfing Friedrich Wilhelm ſeine Gemahlin und geleitete ſie die Treppe hinauf in das für ſie beſtimmte Gemach. Sie ſprachen Beide wenig; die tiefe und folgenreiche Bedeutſamkeit dieſer Stunde machte ſie ſtumm; ſie ſprachen nur zu einander mit ihren Blicken, ihren Händedrücken und einzelnen leiſe geflüſterten Worten, die einander die tiefe Beklemmung und den gewaltigen Sturm ihrer Herzen an⸗ kündigten. Kaum eine Viertelſtunde nach der Ankunft der Königin erſchien ein Adjutant Napoleons, um der Königin zu melden, daß der Kaiſer ſchon unterwegs ſei, um der Königin ſeinen Beſuch zu machen und daß er ſogleich bei ihr erſcheinen werde. Der König küßte ſeiner Gemahlin die Hand. Lebe wohl, Louiſe, ſagte er, und möge Gott Deinen Worten Kraft verleihen. Louiſe hielt angſtvoll ſeine Hand feſt. Du bleibſt nicht bei mir? fragte ſie athemlos. Du wrillſt mich in dieſem ſchweren Augenblick verlaſſen? Die Etiquette erfordert es, ſagte der König. Du weißt wohl, daß mich dieſe inhaltloſen Formen der Etiquette wenig tyranniſiren, aber es ſcheint, als ob der Herr Napoleon, dem dieſe Formen noch neu und fremd ſind, ſie für nothwendig erachtet für die Majeſtät des neuge⸗ backenen Kaiſerthums. Der Kaiſer macht Dir, der Königin, allein ſeinen Beſuch, und Du allein mußt ihn daher empfangen. Nur Deine Ehrendame darf in dem offenen Nebengemach verweilen, auch der Be⸗ gleiter Napoleons, welches wahrſcheinlich Talleyrand ſein wird, ſoll dort zurückbleiben. Lebe wohl, Louiſe, ich komme nur, wenn der Kaiſer aus⸗ drücklich nach mir fragt. Hörſt Du das Pferdegeſtampfe vor der Thür? Napoleon kommt! Ich gehe! Er nickte ſeiner Gemahlin freundlich zu und verließ das Gemach. 380 Oh, meine Kinder, meine Kinder, murmelte die Königin, für Euch thue ich das, für Euch will ich ſprechen und mein Herz beugen! Jetzt vernahm ſie von der Treppe her das Geräuſch herannahender Schritte und in der Thür des Nebengemachs erſchien Frau von Berg, um zu verkünden, daß Seine Majeſtät der Kaiſer Napoleon ſo eben die Treppe herauf ſchreite. Louiſe nickte leiſe mit dem Haupt, und raſch das Vorzimmer durchſchreitend, ging ſie hinaus auf den Corridor und bis zu dem An⸗ fang der Treppe. Eben ſchritt Napoleon dieſelbe herauf. Sein bleiches Antlitz zeigte heute ein triumphirendes Lächeln, ſein Haupt war ſtolz emporgerichtet, ſeine Augen flammten und glühten in einem düſteren Feuer und waren mit einem ſeltſamen Gemiſch von Neugier und Theilnahme auf die Königin gerichtet. Louiſe ſchaute ihn an mit ruhigen, ſanften Blicken, ein mildes, rührendes Lächeln umſpielte ihre Lippen, ihr ſchönes Antlitz ſtrahlte von Energie und Muth, und ein Ausdruck von Andacht und Feierlich⸗ keit war über ihr ganzes Weſen ergoſſen. Napoleon fühlte ſich unwillkührlich ergriffen von dem Anſchauen dieſer zugleich ſo königlichen und ſo milden Erſcheinung, und er neigte ſich tiefer vor ihr, wie er es jemals vor irgend einer Frau gethan. Sire, ſagte Louiſe, ihn in das Gemach geleitend, wie beklage ich es, daß Ew. Majeſtät eine ſo unbequeme Treppe haben zu mir herauf⸗ ſteigen müſſen. Oh, rief Napoleon lebhaft und faſt lächelnd, wenn der Weg zu Ihnen ſteil war und unbequem, Madame, ſo iſt der Lohn dafür doch ſo ſchön, daß man keine Unbequemlichkeit ſcheut. Für Ew. Majeſtät giebt es überhaupt keine Unbequemlichkeiten, wie es ſcheint, ſagte die Königin milde. Weder die Sonnengluth Egyptens, noch die Eiskälte unſeres Nordens beläſtigt Ew. Majeſtät und wirft ein Hemmniß auf die Siegesbahn des Heros. Und doch meine ich, daß unſer rauhes Klima ein ſchwer zu überwindendes Hin⸗ derniß iſt. Haben Ew. Majeſtät das nicht zuweilen in dieſem Winter empfinden müſſen? Eö i zu nahe a auwehen! Luiſ Preußens Kaiſer ne Der Setz Sie habe wohl ein erlauben Er ſett hatte ihr neige ſchien zu Die bebte, al all ihre nicht un Stimme weshalb Na Ich für Prer zu erbitt ſondern dez un ene Mil Do Kur die dahert nur wo 381 Es iſt wahr, ſagte Napoleon, Ihr Preußen iſt etwas kalt, es liegt zu nahe an Rußland und hat ſich zu ſehr von dem ruſſiſchen Athem anwehen laſſen! Louiſe gab ſich den Anſchein, dieſe Anſpielung auf die Politik Preußens nicht zu verſtehen, und ſich mit einem ſanften Lächeln zu dem Kaiſer neigend, bat ſie ihn, auf dem Divan Platz nehmen zu wollen. Der Kaiſer reichte ihr die Hand und führte ſie zu demſelben hin. Setzen wir uns, ſagte er mit einem leiſen Ausdruck von Hohn. Sie haben mich ſo lange als Ihren Feind gehaßt, daß Sie mir jetzt wohl ein kleines Zeichen Ihrer veränderten Geſinnung geben und mir erlauben müſſen, in Ihrer nächſten Nähe zu ſitzen. Er deutete auf den Divan hin, und nachdem die Königin ſich ge⸗ ſetzt hatte, nahm er dicht neben ihr Platz. Dann, leiſe das Haupt zu ihr neigend, ſchaute er ſie mit feſten, durchbohrenden Blicken an, und ſchien zu erwarten, daß ſie die Converſation auf's Neue beginne. Die Königin fühlte, wie ihre Wangen erbleichten, wie ihr Herz bebte, aber ſie ſtand jetzt vor dem Moment der Entſcheidung, und all ihren Muth, ihre Entſchloſſenheit zuſammenraffend, wollte ſie ihn nicht ungenutzt vorübergehen laſſen. Langſam und mit einem unendlich rührenden Ausdruck hob ſie den Blick zu dem Kaiſer empor. Sire, ſagte ſie mit leiſer, zitternder Stimme, Sire, wollen mir Ew. Majeſtät erlauben, Ihnen zu ſagen, weshalb ich hierher gekommen bin? Napoleon nickte leiſe und ſchaute ſie ſtarr und unverwandt an. Ich bin gekommen, fuhr die Königin fort, um von Ew. Majeſtät für Preußen einen vortheilhafteren Frieden zu erbitten. Sire, ich ſage zu erbitten! Ich will nicht von unſerem Recht, von unſeren Anſprüchen, ſondern nur von unſerem Unglück ſprechen, ich will mich nur an das Herz und die Großmuth Eurer Majeſtät wenden, und nur von dieſer eine Milderung für unſer Unglück und Erbarmen für unſer Volk erbitten. Das Unglück, welches man zu erdulden hat, iſt doch gewöhnlich nur die Folge eigenen Verſchuldens, rief Napoleon rauh, man muß daher tragen, was man ſelber verſchuldet hat! Wie konnten Sie es nur wagen, mit mir Krieg anzufangen? 382 Die Königin richtete ihr Haupt höher empor und ein Blitz flammte in ihren Augen auf. Sire, ſagte ſie raſch und ſtolz, Sire, dem Ruhm Friedrichs war es erlaubt, uns über unſere Kräfte zu täuſchen, wenn wir uns überhaupt getäuſcht haben.*) Sie haben ſich wenigſtens darin getäuſcht, daß Sie hofften, mich beſiegen zu können, rief Napoleon rauh. Dann aber, als beſänne er ſich und wolle ſeine Rauhheit wieder gut machen, verneigte er ſich vor der Königin und fuhr mit einem verbindlichen Ausdruck fort: Ich ſpreche von Preußen und nicht von Ihnen, Königin. Ew. Majeſtät ſind ſicher, Jedermann beſiegen zu können! Man hat mir wohl geſagt, daß ich eine ſchöne Königin ſehen würde, aber ich finde die ſchönſte Frau der Welt!**) Ich bin weder ſo eitel, das zu glauben, noch ſo ehrbegierig, das zu wollen, ſagte die Königin ſanft. Ich bin hierher gekommen in mei⸗ ner Eigenſchaft als die Gemahlin des Königs, als Mutter meiner Kinder, als Vertreterin meines Volkes! Ach, rief Napoleon verbindlich, eine ſo herrliche Volksrepräſentation kann ſich Preußen ſchon gefallen laſſen! Sire, Preußen muß ſich jetzt viel gefallen laſſen, ſeufzte die Kö⸗ nigin, es hat ſeine Söhne und Männer auf den Schlachtfeldern ver⸗ loren, die Ihnen Lorbeern, uns aber nur Niederlagen und Enttäuſchungen gebracht, es hat ſeinen Wohlſtand eingebüßt, ſeine Aecker ſind verwüſtet, ſeine Vorräthe aufgezehrt, troſtlos ſchaut es in die Zukunft; nichts iſt ihm geblieben, als die Hoffnung! Sire, laſſen Sie dieſe Hoffnung nicht umſonſt geweſen ſein; vergeben Sie es uns, daß wir nicht Furcht hatten vor Ihrem Alles bezwingenden Genie, Ihrem machtvollen Sie⸗ gerſchritt. Es iſt für uns ſchon genug des Unglücks, daß wir Sie und uns verkannten, aber wir ſind gedemüthigt dafür. Möge es jetzt genug ſein. Sie haben uns die Hand des Siegers fühlen laſſen, jetzt laſſen Sie uns auch die Großmuth des Genius empfinden und aner⸗ kennen, Sire. Ew. Majeſtät werden nicht Diejenigen in den Staub *) Dieſe Antwort der Königin, ſowie die Frage Napoleons iſt hiſtoriſch. **) Napoleons eigene Worte. Siehe: Le Normand, II. S. 105. treten wol Rache üb Majeſtüt. und Sie welches m Ach, haben kat Abe Yuiſe le jenigen, Unſ verſchuld Nen man uns es eine Bindes ſondern zu verih Sieget für Ih an dieſ Vorthei Preis d Landes vinzen einen T wollten, nir ge Srigs ne 9 wohl, äußerh Vater 383 treten wollen, welche das Schickſal ſchon gebeugt hat, Sie werden nicht Rache üben wollen für unſere Irrthümer und Spott treiben mit unſerer Majeſtät. Denn die Majeſtät, Sire, thront noch auf unſern Häuptern, und Sie werden ſie nicht angreifen wollen! Es iſt das heilige Erbe, welches wir unſern Kindern hinterlaſſen müſſen! Ach, Ew. Majeſtät werden aber begreifen, daß ich wenig Reſpect haben kann vor ſolchem heiligen Erbe, ſagte Napoleon höhniſch. Aber Ew. Majeſtät werden Reſpect haben vor dem Unglück, rief Louiſe lebhaft. Sire, das Unglück iſt auch eine Majeſtät, und Die⸗ jenigen, welche es unſchuldig betrifft, heiligt es! Unſchuldig! ſagte Napoleon heftig. Preußen hat ſein Unglück wohl verſchuldet, meine ich. Nennen Ew. Majeſtät das eine Schuld, daß wir uns wehrten, als man uns angriff? fragte die Königin mit ſtolzem Muth. Nennen Sie es eine Schuld, daß wir, treu den beſchwornen Verträgen, unſern Bundesgenoſſen nicht um eigenen Vortheils willen verlaſſen wollten, ſondern muthig das Schwert ergriffen, um ſeine und unſere Grenzen zu vertheidigen? Gott hat nicht gewollt, daß wir in dieſem Kampf Sieger blieben, er hat aus unſern Niederlagen eine neue Lorbeerkrone für Ihr Haupt gemacht. Aber jetzt werden Sie es genug ſein laſſen an dieſen Triumphen, und nimmer werden Sie von unſerem Unglück Vortheil ziehen wollen. Man hat mir geſagt, daß Ew. Majeſtät als Preis des Friedens von dem König den größten und beſten Theil ſeines Landes forderten, daß Sie ihm ſeine Feſtungen, ſeine Städte und Pro⸗ vinzen nehmen und dem König von Preußen nur eine Krone ohne Land, einen Titel ohne Inhalt, einen elenden Winkel ſeines Reiches laſſen wollten, um da ſein Haupt zu verhüllen und zu weinen. Man hat mir geſagt, daß Ew. Majeſtät die Unterthanen und Provinzen des Königs hierhin und dorthin vertheilen wollten, daß Sie aus ihnen neue Völker und Reiche ſchaffen würden. Aber Ew. Majeſtät wiſſen wohl, daß man nicht ungeſtraft den Völkern ihr edelſtes und unver⸗ äußerbares Gut, ihre Nationalität, rauben kann, und daß man den Nationalitäten keine willkührlichen Grenzen und keine neugeſchaffenen Vaterländer geben kann! Das Vaterland wird mit dem Menſchen 384 geboren, und die Nationalität ruht in den Herzen der Menſchen! Und unſere Preußen haben edle und ſtolze Herzen! Sie lieben ihren König, ihr Vaterland,— Und vor allen Dingen ihre ſchöne und erhabene Königin, unter⸗ brach ſie Napoleon, den die ſtürmiſche Beredtſamkeit der Königin zu geniren begann, und der die ernſte Unterhaltung in leichtere Bahnen zu führen wünſchte. Oh, ich weiß, daß ganz Preußen ſeine ſchöne Königin vergöttert, und von heute an wundert mich das nicht mehr. Glücklich Diejenigen, denen es vergönnt iſt, Ihre Ketten zu tragen.*) Die Königin ſchleuderte auf ihn einen Blick voll ſo ſtolzer Hoheit, ſo impoſanter Verachtung, daß Napoleon unwillkührlich erbebte und ſein Auge ſich vor dem ihren faſt beſchämt zu Boden ſenkte. Sire, ſagte ſie, Niemand iſt glücklich, der Ketten trägt, und Ew. Majeſtät, welche einſt den Italienern entgegenrief:„fürchtet Euch nicht vor mir, denn ich bin gekommen, Eure Ketten zu löſen und Euch von unwürdiger Knechtſchaft zu befreien!“ Ew. Majeſtät werden jetzt nicht ein Volk in Ketten ſchlagen und ihm unwürdige Knechtſchaft be⸗ reiten wollen. Denn ein Volk ſeinem angeſtammten Herrſcherhauſe entreißen und es zwingen, einem andern Fürſten ſich zu unterwerfen, heißt, es in Ketten ſchlagen, einem Volke ſeine Nationalität nehmen und es wie eine Waare vertheilen, heißt, ihm unwürdige Knechtſchaft auferlegen! Sire, ich wage es zu Ew. Majeſtät im Namen meines Volkes zu bitten für ſeine Nationalität und ſeine Ehre! Ich wage es im Namen meiner Kinder zu bikten für ihr Erbtheil und ihr Recht! Ihr Recht? fragte Napoleon. Rechte hat nur Derjenige, der ſie zu ſchaffen und zu behaupten weiß. Was nennen Sie alſo das Recht Ihrer Kinder? Sire, ich nenne es das Recht ihrer Geburt, ihres Namens und ihrer Geſchichte! Gott hat ihnen durch ihre Geburt Rechte auf Preußen verliehen; die Monarchieen ſind wie alte Bäume, deren Wurzeln man ſchonen und pflegen muß, und die, wenn man ſie freventlich nieder⸗ hauet, noch in ihrem Fall das Land um ſie her verwüſten. Die *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Le Normand, II. S. 410. n Mona Oh,! die är ſchmüc einand Phala ſogen Mari Häup Es h Name jetzt ſt die p Gren Und Körig, Monarchie Preußen wurzelt in dem Herzen des preußiſchen Volks! Oh, wollen Ew. Majeſtät ſie nicht entwurzeln! Wollen Sie in uns die Krone ehren, die ſo ſtrahlend und herrlich Ihr eigenes Siegerhaupt ſchmückt! Die Fürſten vor allen Dingen müſſen vor einander Ehrfurcht hegen, damit auch ihre Völker ſie niemals verlieren; die Fürſten müſſen einander aufrichten und ſtärken, damit ſie wie ein geſchloſſener, feſter Phalanx diejenigen bekämpfen können, die jetzt ſich bewaffnen mit den ſogenannten Ideen der Neuzeit, mit dieſen Ideen, welche Ludwigs und Maria Antoinettens Haupt auf das Blutgerüſt ſchleuderten. Sire, die Häupter aller Fürſten ſind ſterblich, und deshalb iſt Einigkeit nöthig. Es heißt aber nicht ſeine eigene Macht erhöhen und ſtärken, wenn man die der Andern ſchwächt, es heißt nicht ſeiner eigenen Krone Glanz verleihen, wenn man eine andere Krone verdunkelt. Oh, Sire, im Namen aller Monarchieen, ja ſogar im Namen Ihrer eigenen, die jetzt ſo glänzend und hell über die ganze Welt hinſtrahlt, bitte ich für die preußiſche Monarchie, für unſere Krone, unſer Volk und unſere Grenzen! Und bei Gott, ſagte Napoleon aufſtehend, die preußiſche Monarchie und das preußiſche Volk hätten keinen ſchöneren und beredteren Anwalt finden können, als Ew. Majeſtät! Mit lebhaften Schritten, die Hände auf dem Rücken gefaltet, ging der Kaiſer einige Male im Zimmer auf und ab. Die Königin hatte ſich, gleich ihm, erhoben; aber ſie blieb unbeweglich ſtehen und blickte nur erwartungsvoll und bang hinüber zu Napoleon, deſſen eherne Stirn jetzt wie von einem milden Sonnenglanz beleuchtet ſchien, und deſſen kaltes Cäſarenangeſicht jetzt wie von einem roſigen Schein menſchlicher Rührung angehaucht war. Plötzlich blieb er vor der Königin ſtehen und ſeine Augen ruhten auf ihr mit einem Ausdruck glühender Bewunderung. Majeſtät, ſagte er, ich glaube, Sie haben mir da Mancherlei ge⸗ ſagt, was noch Niemand mir zu ſagen gewagt hat, Mancherlei, was vielleicht meinen Zorn reizen konnte. Manches bittere Wort iſt von Ihren Lippen ertönt und manche prophetiſche Drohung. Dies beweiſt mir, daß Sie wenigſtens Achtung vor meinem Character haben und Mühlbach, Napoleon. II. Bd. 25 386 daß Sie ſo groß von mir denken, um überzeugt zu ſein, ich werde die Stel⸗ lung, welche mir das Glück verliehen, nicht mißbrauchen. Ich will Ihren Gedanken Ehre machen, Madame. Ich will Alles thun, was in meinen Kräften ſteht, um Ihr Unglück zu mildern und Preußen ſo mächtig zu erhalten, als es ſich mit der Politik und den Verpflichtungen, die ich gegen meine alten und neuen Freunde habe, vereinen läßt. Ich beklage es aus tiefſter Seele, daß Preußen nicht zu meinen Bundesgenoſſen gehören wollte, und daß ich ihm mehr als einmal vergeblich meine Freundſchaft angetragen habe. Es iſt nicht meine Schuld, daß Eure Majeſtät jetzt die Folgen dieſer Weigerung tragen müſſen, aber ich will dieſe Folgen, ſo viel ich kann, zu mildern ſuchen. Ich kann Ihnen Ihre alten Grenzen nicht wieder geben, ich kann Ihr Preußen nicht ganz von den Laſten und Nöthen des Krieges befreien und es nicht freiſprechen von den Tributen, welche der Sieger dem Ueberwundenen auferlegen muß, um ſich für das vergoſſene Blut ſeiner Soldaten be⸗ zahlt zu machen; aber ich will von meinen Vortheilen keine übertriebene Anwendung machen. Ich will immer eingedenk ſein, daß Preußens Königin nicht blos die ſchönſte, ſondern auch die hochherzigſte, muthigſte und edelſte Frau der Welt iſt und daß man ihrer Hochherzigkeit jede mögliche Huldigung darbringen muß. Ich verſpreche Ew. Majeſtät, daß ich gern bereit bin, alle Ihre Wünſche, ſo viel in meinen Kräften ſteht, zu erfüllen. Laſſen Sie mich daher Ihre Wünſche genau kennen, ſeien Sie ganz offen gegen mich. Was ich kann, will ich bewilligen. Wir wollen verſuchen, gute Freunde zu werden, und zum Zeichen dieſer Freundſchaft erlaube ich mir, Ihnen dieſe Blume anzubieten, die Ihnen ſo ſehr gleicht! Er nahm aus der Porzellanvaſe, die auf dem Tiſche ſtand und mit duftenden Blumen angefüllt war, eine volle Purpurroſe und reichte ſie der Königin dar. Wollen Sie dieſes Pfand meiner Freundſchaft von mir annehmen? fragte Napoleon mit jenem Lächeln, das ſein Antlitz mit dem Hauch ewiger Jugend verklärte. Die Königin zögerte. Es widerſtrebte ihrem edlen und ſtolzen Herzen, ein ſolches Geſchenk der Empfindſamkeit aus den Händen Deſi ſchaft zu ih Antlit noch über 387 Deſſen anzunehmen, dem ſie in ihrem Herzen niemals eine wahre Freund⸗ ſchaft gewähren konnte. Sie hob langſam ihre großen blauen Augen zu ihm empor und blickte faſt ſchüchtern in das lächelnde, ſtrahlende Antlitz Napoleons. Sire, ſagte ſie leiſe, fügen Sie dieſem Pfand Ihrer Freundſchaft noch ein anderes hinzu, damit ich dieſe Roſe annehmen kann. Das Lächeln auf ſeinem Antlitz erblaßte und ein Schatten flog über ſeine Stirn. Erinnern Sie ſich, Madame, ſagte er hart, daß ich es bin, welcher gebietet, und daß Sie nur die Wahl haben, abzu⸗ lehnen oder anzunehmen.*) Wollen Sie dieſe Roſe annehmen, Majeſtät? Sire, ſagte die Königin mit bebenden Lippen, mit Thränen in den Augen, Sire, geben Sie ſie mir mit einem andern Unterpfand Ihrer Freundſchaft. Geben Sie mir Magdeburg für meine Kinder! Napoleon warf die Roſe unſanft auf den Tiſch. Ach, Madame, ſagte er heftig, Magdeburg iſt kein Spielzeug für Kinder!**) Er wandte ſich ab und ging heftig wieder im Zimmer auf und ab, während die Königin, kaum noch im Stande, ihre Thränen zurück⸗ zuhalten, geſenkten Hauptes daſtand, demüthig und ſtill, wie eine opfer⸗ bereite Dulderin. Napoleons glühender Blick fiel im Vorübergehen nur wie zufällig auf ihre Geſtalt, und der Anblick dieſer ſchönen, ſchmerzbewegten und in ihrem Schmerz ſo hoheitsvollen und ſanften Königin rührte ihn und erinnerte ihn an Joſephine. Er ſtand vor der Königin ſtill und ſein Blick ſänftigte ſich. Ver⸗ geben Sie es mir, wenn ich heftig war, ſagte er milde. Ich kann Ihnen Magdeburg nicht geben, aber ſeien Sie überzeugt, daß ich, was in meinen Kräften ſteht, thun will, um Ihr Loos zu mildern und Ihre Wünſche zu erfüllen. Der Kaiſer Alexander kennt meine Wünſche für *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Constant, Mémoires III. 293. **) Napoleons eigene Worte. Siehe: Hormayr, Allgemeine Geſchichte der neueſten Zeit. Th. II. 25* 388 ten bemüht bin, dem König von Preußen, er weiß, daß ich nach Kräf hl gern ſelbſt wieder⸗ Preußen zu dienen. Ich würde das Ihrem Gema holen, wenn er hier wäre. Er iſt hier, ſagte die Königin ha lauben, wird der König ſogleich bei uns ſein. Napoleon verneigte ſich ſchweigend, ein Wink der Königin rief die im Nebenzimmer harrende Ehrendame der Königin herbei. Haben Sie die Güte, den König zu bitten, daß er uns ſeine Ge⸗ genwart ſchenke, ſagte die Königin haſtig. Und während wir den König erwarten, ſ aus dem Nebenzimmer herbeirufend, erlauben mir Ew. Majeſtät wohl, Ihnen meinen Begleiter vorzuſtellen. Madame, ich habe die Ehre, Ihnen hier meinen Miniſter des Auswärtigen, den Fürſten von Benevent, Herrn Talleyrand, zu präſentiren. Und ich ſchätze mich glücklich, den größten Staatsmann der Gegen⸗ zu dürfen, ſagte die Königin lebhaft, indem ſtig, und wenn Ew. Majeſtät er⸗ agte Napoleon, Talleyrand wart von Angeſicht ſchauen ſich die kleine Geſtalt Talleyrands tief vor ihr neigte. Oh, Sire, Ew. Majeſtät ſind wahrhaft beneidenswerth. Sie haben nicht blos ſtrahlenden Ruhm und unvergänglichen Glanz ſich erworben, ſondern Gott hat Sie auch geſegnet, indem er Ew. Majeſtät hochſinnige und weiſe Rathgeber und Vollſtrecker Ihres Willens finden ließ. Wäre der König, mein Gemahl, immer ſo glücklich geweſen, ſo würde Manches nicht geſchehen ſein. Nun, einen ſchlimmen Rathgeber hab fernen, rief Napoleon haſtig. Dieſer Herr Hardenberg war das böſe Fatum des Königs, er trägt die Hauptſchuld an Preußens Unglück und darum war es nothwendig, daß er entfernt werde. Aber er war ein erfahrener Geſchäftsmann, ſagte die Königin, deren edlem Sinn es widerſtrebte, Hardenberg anklagen zu hören, ohne wenigſtens etwas zu ſeiner Vertheidigung geſagt zu haben; er war ſehr gewandt und weltkundig und es wird dem König ſchwer werden, einen Erſatz für den Miniſter Hardenberg zu finden. Ah bah, warf Napoleon leichthin, Miniſter finden ſich immer! en wir ihn veranlaßt zu ent⸗ Mag es ſch E Aönigi N Ich w nohlit Freun Wünſ an de mitge ſie an nir d Schn mich mein rif mag burg Ihre den ſchen der die vorth Wa Vol 389 Mag der König doch den Herrn von Stein dazu wählen, das iſt, wie es ſcheint, ein Mann von Geiſt.*) Ein Ausdruck freudigen Staunens ergoß ſich über das Antlitz der Königin und glänzte noch auf ihrem Angeſicht, als der König eintrat. Napoleon ging ihm haſtig entgegen und reichte ihm die Hand dar. Ich wollte Ew. Majeſtät in Gegenwart Ihrer edlen und ſchönen Ge⸗ mahlin meiner guten Geſinnung und, wenn Ew. Majeſtät wollen, meiner Freundſchaft verſichern, ſagte der Kaiſer haſtig. Ich habe allen Ihren Wünſchen, ſo viel es möglich war, nachgegeben. Der Kaiſer Alexander, an dem Sie einen eifrigen und beredten Freund haben, wird Ihnen das beſtätigen können. Ihm habe ich auch meine letzten Anerbietungen mitgetheilt, und ich hoffe, daß Ew. Majeſtät damit zufrieden ſein und ſie annehmen werden. Sire, ſagte der König ernſt und kalt, der Kaiſer Alexander hat mir dieſe Mittheilung gemacht, aber es würde für mich ein großer Schmerz ſein, wenn ich dieſes Ultimatum annehmen müßte. Es würde mich alter angeſtammter Provinzen berauben, die den größten Theil meines Landes bilden. Ich will Ihnen einen Weg andeuten, dieſen Verluſt zu erſetzen, rief Napoleon raſch. Wenden Sie ſich an den Kaiſer Alexander, er mag Ihnen ſeine Verwandten, die Fürſten von Mecklenburg und Olden⸗ burg, opfern, dieſe Staaten würden Ihnen einen ſchönen Erſatz für Ihre Verluſte gewähren; ich habe auch nichts dagegen, wenn er Ihnen den König von Schweden opfert, dem Sie Stralſund und die pommer⸗ ſchen Provinzen, die er ſo ſchlecht verwaltet, fortnehmen können. Möge der Kaiſer Alexander einwilligen, daß Sie dieſe Acquiſitionen machen, die zwar nicht den Territorien, die Sie verlieren, gleichkommen, aber vortheilhafter für Sie gelegen ſind; ich meinestheils werde mich dieſem Arrangement nicht widerſetzen.**) Ew. Majeſtät ſchlagen mir da ein Raubſyſtem vor, dem ich nie⸗ *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Pertz, Leben Steins, I. S. 450. **) Napoleons eigene Worte. Siehe: Thiers, Histoire du Consulat. Vol. VII. S. 527. 390 mals beiſtimmen könnte, ſagte der König ſtolz. Auch beklage ich nicht blos den mir angedrohten Verluſt meiner Provinzen, weil dadurch ſelt meine Grenzen ſich verengen, ſondern weil es die angeſtammten Pro⸗ hune vinzen meines Hauſes ſind, mit meinen Ahnherren ſchon verbunden tu durch unauflösliche Bande der Liebe und Treue. u Sie ſehen, daß dieſe Bande doch nicht unauflöslich ſind, rief uitet Napoleon, denn wir werden ſie löſen, und Sie werden ſich darüber * tröſten, wenn Sie Erſatz dafür erhalten. neit Es mag ſein, daß Andere ſich leichter über dergleichen Verluſte ſſi tröſten können, ſagte der König ſtolz, Andere, denen es nur um den Beſitz an ſich zu thun iſt, und die nicht wiſſen, was es heißt, ange⸗. ine ſtammte Länder zu verlieren, in denen die theuerſten Erinnerungen der Jugend Wurzel gefaßt und die man ſo wenig vergeſſen kann, als eſ ſeine Wiege. Was Wiege! rief Napoleon, ſpöttiſch auflachend. Wenn das Kind ein Mann geworden, hat es keine Zeit mehr, an ſeine Wiege zu denken.*) 1 Doch, doch, ſagte der König, mit einem zürnenden Ausdruck in 3 Blick und Ton. Seine Jugend kann man weder vergeſſen noch ver⸗ leugnen, und ein Mann von Herz erinnert ſich dankbar der Wiege, in 1 der er als Kind gelegen.**) Napoleon erwiederte nichts und blickte ernſt und düſter vor ſich dit hin, während Friedrich Wilhelms Augen feſt und mit trotzigem, heraus⸗ Got forderndem Ausdruck auf ihn gerichtet waren. wal Die Königin fühlte, daß es an ihr ſei, einem noch heftigeren Aus⸗ zd bruch des Unwillens Friedrich Wilhelms zuvorzukommen und Napoleon Gie zu beſänftigen. Dit Die eigentliche Wiege iſt doch das Mutterherz, ſagte ſie ſanft, und daß Ew. Majeſtät dieſe auch nicht vergeſſen, das weiß ganz ſel Europa, denn ganz Europa kennt die ehrfurchtsvolle Liebe des großen Ma 3 Herrſchers von Frankreich zur Madame Lätitia, die ganz Frankreich als die edle Madame Mutter grüßt. ein mit *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Königin Louiſe, S. 310 **) Des Königs eigene Worte. Siehe ebendaſelbſt. Napoleon hob ſeine Augen zu ihr empor und der düſtere Ernſt ſeiner Blicke ſänftigte ſich. Es iſt wahr, ſagte er, Ihre Söhne, Ma⸗ dame, ſind zu beneiden um eine ſolche Mutter. Sie werden Ihnen viel Dank ſchuldig ſein, denn Sie werden es ſein, Madame, welche durch Ihre edle Beredtſamkeit und Ihre impoſante Haltung Preußen gerettet hat.“) Ich wiederhole es Ihnen noch einmal: ich werde thun, was ich vermag, um Ihre Wünſche zu erfüllen! Wir werden noch weiter darüber ſprechen! Für heute habe ich die Ehre, mich Ew. Ma⸗ jeſtät zu empfehlen. Er reichte der Königin ſeine Hand dar, Louiſe legte ſanft und leiſe ihre Hand in die ſeine. Sire, ſagte ſie tief bewegt, ich hoffe, daß, nachdem ich das Glück gehabt, dem Heros des Jahrhunderts und der Geſchichte mich zu nahen, er mir das Recht und die Genugthuung gönnen wird, ſeiner immer mit Dankbarkeit und Bewunderung zu gedenken.**) Napoleon neigte ſchweigend ſein Haupt und berührte mit ſeinen Lippen ihre Hand. Dann nahm er mit einer ſtummen Verbeugung Abſchied von dem König und verließ das Gemach. Oh, rief die Königin, als ſie wieder allein war mit ihrem Ge⸗ mahl, vielleicht bin ich doch nicht umſonſt hier geweſen, vielleicht hat Gott meinen Worten Kraft verliehen und ſie haben das Herz des Ge⸗ waltigen gerührt, daß er unſere gerechten Forderungen anerkennen muß und davor zurückbebt, zum Ränber an unſerem Eigenthum zu werden! Gieb das, mein Gott, und mein ganzes Leben ſoll ein Dank gegen Dich ſein!— Napoleon war indeß ernſt und ſchweigend in ſeine Reſidenz zurück⸗ gekehrt, begleitet von Talleyrand, an den er auch nicht ein einziges Mal während des Weges das Wort gerichtet hatte. Als aber der Miniſter, bei ihrem Eintritt in das Schloß, mit einer ſtummen Verbeugung ſich entfernen wollte, hielt der Kaiſer ihn mit einem gebieteriſchen Wink ſeiner Hand zurück. *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Le Normand, II. S. 106. **) Mémorial de St. Helène. S. 134. 392 Folgen Sie mir in mein Cabinet, ſagte er, indem er raſch vor⸗ wärts ſchritt. Talleyrand hinkte hinter ihm her, und ein halb ſpöt⸗ tiſches, halb boshaftes Lächeln umſpielte ſeine ſchmalen Lippen. Der Heros, der die Welt beherrſchen will, ſagte Talleyrand leiſe zu ſich ſelber, der Heros hat eine ſehr menſchliche Regung, und wir werden jetzt eine empfindſame Scene haben. Mit leiſem Schritt trat er hinter dem Kaiſer in. das Cabinet ein und blieb nahe an der Thür ſtehen, mit ſeinen lauernden, ſtechenden Blicken jede Bewegung des Kaiſers verfolgend. Napoleon warf ſeinen kleinen dreieckigen Hut auf einen Stuhl, Handſchuh und Degen auf einen andern Stuhl und ging haſtig einige Mal auf und ab. Dann blieb er, die Hände auf dem Rücken gefaltet, vor Talleyrand ſtehen und ſah ihn ſcharf an. Haben Sie mein Geſpräch mit der Königin hören können? fragte er haſtig. Ja, Sire, ſagte Talleyrand lakoniſch, ich habe jedes Wort gehört. lſo, um was es ſich handelt und weshalb die Kö⸗ Sie wiſſen a rief Napoleon, indem er wieder auf und nigin hierher gekommen iſt! ab zu gehen begann. Talleyrand, rief er dann nach einer Pauſe, ich habe dieſer Frau Unrecht gethan. Sie iſt ein Engel an Güte, Reinheit und Unſchuld, ſie iſt ein echtes Weib und eine echte Königin. Es war ein Verbrechen, mich an ihr zu vergehen und ſie mit Verleumdungen und Beſchim⸗ pfungen zu verfolgen. Ja, ja, ich geſtehe es, ich habe Unrecht gehabt, dieſe Fürſtin zu beleidigen. Sie iſt ſchön und rein wie die Engel des Himmels. Bei ihrer Anſchauung, bei dem bloßen Laut ihrer Stimme fühlte ich mich beſiegt und war verwirrt wie der zaghafteſte der Män⸗ ner.*) Meine Hand zitterte, als ich ihr die Roſe darreichte, und vor klaren Augen ſchlug ich beſchämt die Augen nieder. Ich habe ihren aber ich will wieder gut machen, beim ſie beleidigt und verläſtert, Himmel, ich will es! *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Le Normand, II. angeh aus ſ inmet der k zu v mach ſie vern bin, das müch pill Freu ſage gen lage verg Tal hatt will das Fri wer 393 Er ging wieder heftig auf und ab, ſein bleiches Antlitz war leiſe angehaucht von einem röthlichen Schimmer, eine tiefe Bewegung ſtrahlte aus ſeinen Zügen. Talleyrand mit ſeinem kalten, unveränderlichen Geſicht ſtand noch immer an der Thür und ſchien mit dem prüfenden Auge eines Arztes, der die Kriſis einer Krankheit belauſcht, jede Bewegung des Kaiſers zu verfolgen. Ja, fuhr Napoleon nach einer Pauſe fort, ich will wieder gut machen. Dieſe ſchöne und edle Frau ſoll nicht mehr um mich weinen, ſie ſoll mich nicht mehr haſſen und mich als einen herzloſen Eroberer verwünſchen. Ich will ihr zeigen, daß ich ein großmüthiger Eroberer bin, ſie ſoll eingeſtehen müſſen, daß ſie ſich in mir geirrt hat. Ich will das zerſchmetterte Preußen wieder emporrichten. Ich will es ſtärker, mächtiger machen, als es geweſen, und ſtatt ſeine Grenzen zu verengen, will ich ſie erweitern. Dann, wenn ihre ſchönen Augen ſtrahlen vor Freude, will ich ihrem Gemahl meine Hand darreichen und zu ihm ſagen:„Sie haben Unrecht gehabt, Sie ſind nicht offen gegen mich geweſen, ich habe Sie dafür geſtraft! Jetzt wollen wir Ihre Nieder⸗ lagen und meine Siege vergeſſen; ich will, ſtatt Sie zu ſchwächen, Sie (N vergrößern, damit Sie auch immer mein Alliirter ſind und bleiben!“— Talleyrand, zerreißen Sie die Friedensbedingungen, die Sie aufgeſetzt hatten, rufen Sie den Grafen Goltz zu einer neuen Beſprechung, be⸗ willigen Sie ihm ſeine Forderungen! Sire, rief Talleyrand mit dem Anſchein des Entſetzens, Sire, ſoll die Nachwelt ſagen, daß Sie einer ſchönen Frau wegen Ihre ſchönſte Eroberung nicht gehörig benutzt hätten?*) Der Kaiſer ſtutzte und eine düſtere Wolke begann ſich auf ſeiner Stirn zuſammenzuziehen. Talleyrand ſah es und fuhr fort: Sire, ſoll das Blut Ihrer tapferen Soldaten, die bei Jena, bei Eylau und Friedland gefallen ſind, nutzlos vergoſſen ſein und hinweggewaſchen werden von den Thränen einer Frau, die jetzt ſich als das unſchul⸗ Q Siehe: Königin Louiſe, S. 309. *) Talleyrands eigene Worte. 394 digſte Opferlamm darſtellt und doch Schuld trägt an dieſem ganzen Kriege? Vergeſſen Ew. Majeſtät nicht, daß die Königin von Preußen die eigentliche Anſtifterin dieſes Krieges iſt, daß ſie ihren Gemahl zu demſelben aufgereizt. Vergeſſen Ew. Majeſtät nicht, daß Sie im Königsſchloß zu Berlin mit einem feierlichen Eide gelobt haben, der Königin zu vergelten und Rache zu üben für ihre Kriegsluſt, Rache für den Schwur am Grabe Friedrichs des Großen! Napoleon zuckte zuſammen und warf einen flammenden Zornesblick auf Talleyrand. Dieſer ließ ſich dadurch nicht irre machen. Ah, rief er mit ſeinem ironiſchen Lächeln, wie würde die Königin mit ihrem Gemahl und dem Kaiſer Alexander über Ihre Weichmüthigkeit trium phiren, wie würde die Welt ſtaunen über die Schwäche des großen Feldherrn, der, ſtatt ſeine Siege zu benutzen, ſich von den Thränen und der anſcheinenden Demuth der Beſiegten dupiren läßt, und— Genug, unterbrach ihn Napoleon mit mächtiger Stimme, genug, ſage ich! Er ging wieder heftig einige Male auf und ab, dann blieb er, die Hände auf dem Rücken gefaltet, wieder vor Talleyrand ſtehen. Rufen Sie ſogleich den Grafen Goltz, ſagte er gebieteriſch, ver künden Sie ihm unſer Ultimatum! Erklären Sie ihm mit dürren und einfachen Worten in meinem Namen, Alles, was ich der Königin ge ſagt habe, ſeien nur höfliche Phraſen geweſen, die mich zu nichts ver pflichteten, und ich ſei und bliebe feſt entſchloſſen, dem König die Elbe als Grenze zu geben. Sagen Sie ihm, fuhr er fort, es ſei nicht mehr die Rede da von, zu unterhandeln, ich hätte bereits Alles mit dem Kaiſer Alexander verabredet, und der König danke ſeine Stellung nur der ritterlichen Anhänglichkeit dieſes Monarchen, da ohne dieſen mein Bruder Hiero nymus König von Preußen geworden wäre und ich die jetzige Dynaſtie verjagt hätte.*) Sie kennen jetzt meine Entſchließungen, handeln Sie darnach, und damit dieſe Plackereien endlich ein Ende haben, beeilen v. Schladens Tagebuch, S. 261. Sie dii ſchon 1 wohl i Einfluß ſſt ihre P die Kö gebrac ſtolzen 2 reich ſeine 395 men Sie die ganze Sache. Ich will und fordere, daß die Friedenstraktate ele ſchon morgen unterzeichnet werden. Ach, die Königin Louiſe ſoll ſich wohl überzeugen müſſen, daß ihre Schönheit und ihre Thränen keinen Einfluß auf mich üben. Wir wollen endlich ein Ende machen, und es iſt ihre Schuld, wenn dies Ende ihr Thränen koſtet.*)— Preußens Schickſal war alſo entſchieden. Das große Opfer, das die Königin mit ſo tiefem Schmerz und ſo vielem innern Widerſtreben gebracht, es war nutzlos geweſen. Sie hatte ſich vergeblich vor dem ſtolzen, triumphirenden Sieger gebeugt. Am neunten Juni 1807 ward in Tilſit der Frieden zwiſchen Frank⸗ reich und Preußen unterzeichnet. Durch dieſen Frieden verlor der König Friedrich Wilhelm alle ſeine Beſitzungen jenſeits der Elbe, die Altmark, Magdeburg, Hildes⸗ heim, Weſtphalen, Oſtfriesland, Erfurt, das Eichsfeld und Baireuth. Außerdem nahm man ihm noch ganz Südpreußen, Neu⸗Oſtpreußen, einen Theil von Weſtpreußen, den Culmer Kreis, die Stadt Thorn mit inbegriffen, die Hälfte des Netzdiſtrictes und die Stadt Danzig, welche mit einem Umkreis von einer deutſchen Meile zur freien Reichs⸗ ſtadt erklärt ward. Ferner erkannte durch dieſen Frieden der König den Rheinbund an, bewilligte den Königen von Holland und Weſtphalen, den Brüdern Napoleons, ſeine Anerkennung, und verpflichtete ſich, ſeine Häfen den Engländern zu verſchließen. Und dieſen Frieden erhielt Preußen, wie es ausdrücklich in der Friedensacte hieß,„nur aus Achtung für den Kaiſer aller Reußen und um den aufrichtigen Wunſch zu bethätigen, beide Nationen durch un⸗ auflösliche Bande des Verttäuens und der Freundſchaft zu verbinden.“ Preußen verlor durch dieſen Frieden die Hälfte ſeines Gebietes, und von den zehn Millionen Unterthanen des Königs verblieben ihm nur noch fünf Millionen. E Rußland, das ſchon einen Tag früher mit Frankreich den Frieden *) PThiers, Histoire ete. Vol. VII. S. 531. 396 unterzeichnete, gewann durch denſelben einen großen Theil von Neu⸗ Oſtpreußen, den bisherigen preußiſchen Grenzdiſtrikt Bialyſtock, und bereicherte ſich ſo auf Koſten ſeines bisherigen Verbündeten.*) Preußen hatte Frieden geſchloſſen mit Frankreich. Aber der Genius Preußens, Königin Louiſe, verhüllte das Haupt und weinte! *) v. Schladen, S. 265. — — Soſour& 6 rey Sortroſ Sfart Cyan GSreen vllow Hed Magenta Srey 2 Srey 3 Srey 4 Black „5