=— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen. 3, Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher — auf 1 Monat: 3— S 1 Mr. 50 Pf. 2 Mt. Pf 4 5. Auswärtige haben für Hin⸗ und Zurückſendung ver ucer auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. ₰ Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und„ deftets Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern c.) muß der H Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — — Napoleon in Dentſchland. Von c. Mühlbach. Zweite Abtheilung:. Uapoleon und Rönigin Loniſt. Erſter Band. Zweite Auflage. Berlin, 1859. Druck und Verlag von Otto Janke. „ 3 Von . Rühlbuch Erſter Band. Zweite Auflage. Berlin, 1859. Druck und Verlag von Otto Janke. Erſtes Buch. I. M III. W. W. VI. VII. Zweites Buch. L. II. m. W. vI. VII. vII. Ferdinand von Schill Das deutſche Lied Der Schwur der Rache In Berlin. Die erſte Bürgerpflicht iſt Ruhe. gerpf Die treuen Stettiner Die Flucht der Königin Napoleon in Potsdam. Sü Sasſonci Napoleons Einzug in Berlin. Napoleon und Talleyrand. Die Fürſtin Hatzfeld Die fürſtlichen Bittſteller Triumph und Niederlage. Inhalt. Kach der Schlacht bei Zena. Uapoleon in Potsdam und Berlin. Die Victoria des Brandenburger Thors Seite 91 99 — c c— 05— do O0 — S — Drittes Bnch. Die Unglückstage Preußens. I. Der Charlottenburger Vertrag II. Die Geheimeraths⸗Sitzung III. Der Freiherr von Stein IV. Die Königin in der Bauernhütte V. Graf Prickler. VI. Der Tod des Patrioten vVII. Friedens⸗Verſuche VIII. Die Verleumdungen IX. Die Rechtfertigung R. Die Gräfin Marie Walewotn XI. Die Chocolade von Danzig Viertes Buch. Der Frieden von Cilſit. I. Napoleon und Alexander. II. Die Königin Louiſe. III. Schlimme Nachrichten. 6 IV. Die Königin Loniſe und Napoleon. Fünftes Buch. Pas trauernde Königspaar und ſeine Getreuen. I. Herr von Stein. II. Der Patriot III. Johannes von Müller IW. Die Berufung V. Die Contributions⸗Gelder VI. Der Prinz Wilhelm VII. Der Genius Preußens. vIII. Ein Diner en famille. Sechstes Buch. Uapoleon und Alerander in Erfurt. I. Das franzöſiſche Erfurt II. Die Verſchwörer I. Die Feſtlichkeiten in Erfurt und Weimar. IV. Napoleon und Göthe v. Die Haſenjagd und die Mörder. VII. VII. Ahte VII Siebentes Buch. Der Wiener Frieden. F III. IV. V. N VII. X. Achtes Buch. II. III. IV. W Der Krieg mit Oeſterreich, Joſephinens Lebewohl. Ferdinand von Schill. Der Ausmarſch Schills Ende. Die Parade in Schönbrunn. Napoleon in Schönbrunn. Friedrich Staps. Tod, du ſüßer, für das Vaterland Königin Louiſe. Die Heimkehr 36. Kaiſer Franz und Metternich. Die Erzherzogin Marie Louiſe Der Geburtstag der Königin. In die Heimath. Die Vermählung Kapoleons und der Lod der Seite 581 590 607 623 633 646 653 664 676 691 701 709 721 739 Erſtes Buch. Uuch der Schlacht bei Jena. Mühlbach, Napoleon. II. Bd. . Ferdinund von Schill. Tiefe Stille herrſchte jetzt auf den weiten Thalgründen von Jena und Auerſtädt. Die Schlachten waren beendet, die ſiegreichen Franzoſen waren nach Jena gezogen zu kurzer Raſt, die beſiegten Preußen hatten ſich nach Weimar geflüchtet, oder ſchweiften angſtvoll umher auf den Feldern und Bergen, nach irgend einem Verſteck, einer Zufluchtsſtätte ſuchend, um ſich vor dem verfolgenden Feinde zu bergen. Ein paniſcher Schrecken hatte die ganze Armee ergriffen; alle Be⸗ ſinnung, alles Ehrgefühl ſchien verloren. Jeder war nur bepacht, ſein Leben zu erretten und ſich zu flüchten vor dem mächtigen Arm der un⸗ überwindlichen Franzoſen. Hier und da gelang es freilich den Bitten und Vorſtellungen der Ofſiciere, die flüchtenden Soldaten aufzuhalten und ſie zu kleineren Corps zu vereinigen, mit denen die Officiere ſich auf den Weg machten, um ſich zur geſchlagenen und retirirenden Hauptarmee zu begeben. Aber wo war dieſe Hauptarmee? Wohin hatte ſich der Fürſt Hohenlohe mit ſeinem beſiegten Heer gewandt? Was war aus dem Herzog von Vraunſchweig mit ſeinen Schaaren geworden? Weder die Officiere, noch die Soldaten wußten es, ſie zogen planlos auf den Landſtraßen umher, nicht wiſſend, wohin ſie ihre Schritte zu lenken hätten. Aber ſobald ihre umherirrenden Augen nur in der Ferne franzöſiſche Soldaten zu erblicken glaubten, ſtürzten die preußiſchen Soldaten in regelloſer Flucht von dannen, warfen ihre Ge⸗ wehre bei Seite, um deſto ſchneller laufen zu können, oder, wenn keine Flucht mehr möglich war, ſich auf Gnade und Ungnade den Franzoſen 1* 4 zu ergeben. Es kam vor, daß ein Trupp von hundert Preußen ſich vier daher ſprengenden franzöſiſchen Dragonern ergaben, und von dieſen als Gefangene fortgeführt wurden, daß ein anderer Trupp einige in der Ferne vorüber reitende Grenadiere, die vielleicht auf ihrem Streifzuge von dem Herannahen der in ſo überlegener Zahl heran⸗ marſchirenden Preußen erſchreckt, retiriren wollten, mit lauter Stimme herbei rief, und ihnen durch Zeichen und das Niederlegen ihrer Ge⸗ wehre zu erkennen gab, daß man nichts weiter wolle, als ſich ergeben und dem Feinde die Waffen überantworten.*) WMit der ſtolzen Gewißheit des Sieges waren die Preußen nach Jena und Auerſtädt gekommen, jetzt hatten ſie das Schlachtfeld ver⸗ laſſen, einer Schaar unheilkrächzender Raben gleich, die blutige Todes⸗ botſchaft weiter zu tragen durch das erzitternde Deutſchland hin. Das Schlachtfeld, auf dem einige Stunden zuvor der Tod ſeinen blutigen Triumphzug gehalten und Tauſende und aber Tauſende zu Boden geſchleudert hatte, das Schlachtfeld war jetzt öde und verein⸗ ſamt. Die Nacht mit ihren Schleiern deckte die Schreckniſſe dieſer Schädelſtätte des preußiſchen Ruhmes zu. Der heulende Herbſtwind allein ſingt denen das Todtenlied, welche da mit offenen Wunden, mit ſchmerzverzerrten Zügen in endloſen Reihen am Boden liegen. Enplich iſt die Nacht des Grauens vorüber, der Sturm legt ſich, die ſchwarzen Schleier der Dunkelheit zerreißen und traurig und blaß ſteigt die Sonne eines neuen Tages empor; traurig und blaß beleuchtet ſie das von dem Blute ſo vieler Tauſende dampfende Schlachtfeld. Welch ein Anblick iſt dies! Wie viel verſtümmelte Leichen liegen da hingeſtreckt, die weitgeöffneten Augen zum Himmel emporſtarrend, und zwiſchen ihnen, den Beglückten und Beneidenswerthen, wie viel lebende, ächzende, blutende Menſchencreaturen, wimmernd vor Schmerz, unfähig, ihre verſtümmelten Körper empor zu heben und ſich aufzu⸗ richten von dem blutigen Lager des Todes und der Schmerzen. Die Sonne enthüllt das furchtbare Bild, das die Nacht verborgen gehalten, die Sonne beleuchtet das Antlitz der im Tode Erſtarrten, *) Höpfner: Der Krieg von 1806 u. 1807. Th. II. aber di wect ſ wußtſe U die Er Ertſetz B klaffent flagen Wunde mehr! D und di vom der V 2 Antwo hei de Lerzte zurück 2 richtet wunde in we verſen linder det b nicht ſchwe zücke unter Amn lungj Str 8 aber die Lebenden und Leidenden, die Verwundeten und Blutenden, die weckt ſie aus dem Schlummer der Erſtarrung und ruft ſie zum Be⸗ wußtſein, zur ſchreckensvollen Erkenntniß ihres Daſeins wach. Und das Bewußtſein kommt mit Seufzern und Wehklagen, und die Erkenntniß öffnet die Lippen zum Schrei des She und des Entſetzens. Beneidenswerth und ſelig die Todten, welche da ingen kut ihren klaffenden Wunden, die nicht mehr bluten und ſchmerzen, elend und be⸗ klagenswerth die Lebendigen, welche da liegen mit ihren klaffenven Wunden, die der heulende Nachtwind allein getrocknet hat, die nicht mehr bluten, aber deſto heftiger ſchmerzen. 7 Die Sonne hat ſie geweckt, die armen, verlaſſenen Verwündeten, und durch das Thal und über die Hügel hin tönt die Luft jetzt wieder vom Jammergeſchrei, von Flüchen und Gebeten, von Verwünſchungen der Verzweiflung, von flehentlichen Bitten der Hülfebegehrenden. Aber keine Hülfe naht ihnen, keine Stimme des Erbarmens giebt Antwort auf ihren Hülferuf! Hunderte und Tauſende wohl hat man bei der eiligen Flucht auf die Wagen geladen, und mik ihnen ſind die Aerzte und Chirurgen davon gefahren, Hunderte und Tauſende ſind zurück geblieben, und Keiner kommt, ſich ihrer zu erbarmen! Aus dem Gewirr und Gemengſel der Todten und Verwundeten richtete ſich auf dem Schlachtfeld von Auerſtädt jetzt Einer der Ver⸗ wundeten empor. Die Sonne hatte ihn geweckt aus dem Halbſchlummer, in welchen der Blutverluſt und der Hunger mit ſeiner Erſchöpfung ihn verſenkt hatte, die Sonne erwärmte jetzt ſeine erſtarrten Glieder, und linderte ein wenig den Schmerz ſeines verwundeten rechten Armes und der blutigen Wunde an ſeiner Stirn. Er verſuchte, ſich empor zu richten unter dem Leichnam ſeines Pferdes, das mit ſeiner Wucht ſchwer auf ihm ruhte, und er fühlte mit einem unausſprechlichen Ent⸗ zücken, daß es ihm gelang, ſeinen Fuß aus dem Steigbügel und unter dem Pferde hervorzuziehen. Jetzt, mit dem linken geſunden Arm ſich an den Sattel des Pferdes anklammernd, richtete er ſich langſam empor; die Bewegung machte, daß das Blut aus ſeiner Stirnwunde in großen Tropfen hervorrieſelte, aber er achtete nicht darauf, er fühlte nur, daß er ſich von dem Bette des Todes wieder aufgerichtet, vaß er noch athme und lebe. Einen Moment lehnte er ſich wieder erſchöpft an das Pferd, das ihm jetzt als Ruheſeſſel diente; er fühlte einen brennenden Durſt, einen verzehrenden Hunger, und ſeine dunkeln glühenden Augen ſchweiften umher, als ſuchten ſie nach einem Labetrunk für ſeinen verſchmachtenden Gaumen, nach einem Stückchen Brot, ſeinen Hunger zu ſtillen. Aber überall begegnete ſein Ange nur hingeſtreckten Leichen, nur dem Elend und Jammer eines verödeten Schlachtfeldes. Und er wußte, daß, wenn er auch in den Taſchen und Torniſtern der Todten wühlen wolle, er da doch keine Nahrung finden würde. Denn ſeit zwei Tagen hatte der Hunger in der preußiſchen Armee gewüthet, ſeit zwei Tagen hatte der Soldat kein Brot und keinen Trunk mehr in ſeinem Torniſter gehabt; der Hunger war der vorarbeitende Gehülfe des franzöſiſchen Kaiſers geweſen, er hatte die Preußen entkräftet und ihren Muth gebrochen. Ich muß hier fort, murmelte der Verwundete, ich muß mich retten, ſo lange ich noch Kraft und Bewußtſein habe, ſonſt ſterbe ich am Hungertode! Oh, mein Gott, gieb mir Kraft, einem ſo fürchter⸗ lichen Tode zu entfliehen. Stärke meine Füße auf dieſer grauenvollen Wanderung! Einen einzigen brennenden Blick hob er zum Himmel empor, einen Blick, in welchem ſeine ganze Seele lag, dann trat er die Wanderung an. Langſam ſchwankend ſchritt er vorwärts, mitten hindurch durch die Reihen der Leichen, vorüber an den noch zuckenden und ächzenden Sterbenden, an den in Qualen ringenden Verwundeten. Er konnte ihnen keine Linderung ſchaffen für ihre Schmerzen, keine Hülfe für ihren grenzenloſen Jammer. Es blieb ihm nur übrig, neben ihnen niederzuſinken, um mit ihnen zu ſterben, oder ſein Auge von ihnen ab⸗ zuwenden, ſein Ohr ihren Klagen zu verſchließen und dieſer Atmoſphäre des Blutes und der Verweſung mit eilendem Fuß zu entfliehen, um für ſich ſelber das Leben dem Tode wieder abzuringen! Er floh alſo, aber ſeine von Thränen umdüſterten Blicke grüßten die armen Leidenden, an denen er vorüberſchritt, ſeine ſchmachtenden, zitternden Lippen flüſterten leiſe ein Gebet für ſie. Erdl Panderm der Todte ſchritt, w und da ſ Trimmer trungsſti Beu allen die weſen, n und mich Er! ſein Aug ſeinen F der raſc wunde h Nu rigſens in ihre witd de Und Ofſiciet wiſtung blutige Rworfer Oh langſan S nur ſei elang beſiegen M ſügele 7 Endlich war der erſte, der grauenvollſte Theil ſeiner fürchterlichen Wanderung zurückgelegt, endlich hatte er ſich gerettet aus dem Gewühl der Todten und Verwundeten; das Feld, über welches er jetzt dahin ſchritt, war weniger blutgetränkt, die Leichen lagen vereinzelter. Hier und da ſah man eine in Schlamm und Blut feſtgefahrene Kanone, Trümmer zerbrochener Wagen und Gewehre, leere Torniſter und Mon⸗ tirungsſtücke, Alles im wirren und wüſten Durcheinander. Beute für die Marodeurs, flüſterte der verwundete Officier, an allen dieſen Dingen vorüberſchreitend. Sie ſind noch nicht hier ge⸗ weſen, wie es ſcheint. Gott ſei mir gnädig, wenn ſie jetzt kommen, und mich auch als Beute betrachten! i337 Er warf einen angſtvollen, ſcheuen Blick umher, und dabei fiel ſein Auge auf einen entblößten, mit Blut beſpritzten Säbel, der zu ſeinen Füßen lag. Er hob ihn mühſam auf, nicht achtend, daß bei der raſchen Bewegung das Blut wieder mächtiger aus ſeiner Stirn⸗ wunde hervorquoll. Nun, ſagte er laut und drohend, ich werde ihnen mein Leben we⸗ nigſtens theuer verkaufen, nicht lebend ſollen mich die verhaßten Feinde in ihre Hände bekommen. Vorwärts denn, vorwärts mit Gott! Er wird den treuen Soldaten nicht verlaſſen! Und ſich auf ſein Schwert, wie auf einen Stab ſtützend, ging der Officier weiter. Ueberall begegnete er denſelben Zeichen der Ver⸗ wüſtung und des Krieges, überall lagen Trümmer, verſtreute Leichname, blutige Kanonenkugeln oder Gewehre, welche die Flüchtenden von ſich geworfen. Oh, nur einen Tropfen Waſſer! ſeufzte der Officier, indem er langſam über das Feld weiter ſchritt. Meine Lippen verſchmachten! Schwankend und taumelnd ſtützte er ſich auf ſein Schwert, und nur ſeinem feſten und energiſchen Wollen und der Kraft ſeiner Seele gelang es, noch einmal die wachſende Schwäche ſeines Körpers zu beſiegen. Mit raſchern Schritten eilte er wieder vorwärts, und jetzt be⸗ flügelte die Hoffnung ſeine Schritte, denn dort hinten neben dem kleinen Gebüſch ſah er ein Haus, dort alſo waren Menſchen, dort war Hülfe! „ Endlich nach unſůglichen Anſtrengungen, nach qualvollem Ringen mit ſeinen Schmerzen und ſeiner Erſchöpfung, endlich hatte er ſein Ziel erreicht! Er ſtand vor dem Bauernhaus und rief mit lauter Stimme, ſehnſuchtsvoll nach den Fenſtern hinſchauend: oh, gebt mir einen Trunk Waſſer! Erbarmt Euch des Verſchmachtenden! Aber keine Stimme antwortete ihm, kein Menſchenantlitz zeigte ſich hinter den grünen kleinen Fenſterſcheiben, Alles blieb öde und ſtill! Der Officier ſeufzte tief auf, und ein Ausdruck bittern Schmerzes malte ſich in ſeinen Zügen. WMeine Füße tragen mich nicht mehr weiter, murmelte er. Vielleicht war meine Stimme zu ſchwach und ſie haben mich nicht gehört. Ich will näher gehen! Mühſam, geſtützt auf ſein Schwert, wie ein Trunkener ſchwankend, ging er dem Hauſe zu. Die Thür war nur angelehnt, der Officier öffnete ſie und trat ein. Alles war ſtill hier innen wie da außen, kein menſchliches Weſen zeigte ſich, keine Stimme gab Antwort auf ſein lautes Rufen. Das Innere der Hütte ſelbſt bot einen traurigen Anblick dar. Alle Thüren ſtanden offen, der lehmgeſchlagene Fußboden war hier und da mit Blut getränkt, die kleinen niedrigen Zimmer waren leer und ausge⸗ räumt, nur einzelne Stücke zerſchlagener Meubles, einige zerbrochene Töpfe und Geräthſchaften lagen umher. Entweder waren die Be⸗ wohner vor dem Feinde geflohen, oder ſie waren von demſelben ver⸗ trieben worden. Keine Hülfe, keine Rettung, ſeufzte der Officier, mit einem troſt⸗ loſen Blick dieſe Scene der Verlaſſenheit überſchauend. Oh, warum war es mir nicht vergönnt, auf dem Schlachtfeld zu ſterben, warum hat nicht eine mitleidige Kanonenkugel ſich meiner erbarmt, daß ich ge⸗ fallen wäre auf dem Bette der Ehre. Dann wäre ich doch geſtorben als ein tapferer Krieger und man würde meinen Namen mit Ehren genannt haben, während ich jetzt dazu verdammt bin, nur unter den Verſchollenen genannt zu werden. Oh, es iſt traurig und bitter, ſo verlaſſe eine 2 Oh, Lu um De haben ſtirbt, gebe D Se es ſchu Alles v vor ſein D ſank er unterb kleinen ihren K Schwei übet d zietig die am und ra ſchwan D det Hi hin, u des O A unterb rief: D wort jett x 8 verlaſſen und einſam zu ſterben, unbeklagt von ſeinen Freunden, ohne eine Thräne des Mitleids aus den ſchönen Augen meiner Königin! Oh, Luiſe, Luiſe, Deine Augen werden viel weinen um Deine Krone, um Dein Land und Dein Volk, aber ſie werden nicht Eine Thräne haben für den armen Lieutenant Deiner Dragoner, der hier einſam ſtirbt, und Dich ſegnet, indem er ſtirbt! Lebe wohl, Königin, Gott gebe Dir Kraft, und— Seine Lippen verſtummten, eine tödtliche Bläſſe überzog ſein Antlitz, es ſchwindelte vor ſeinen Blicken, in wirbelnden Kreiſen drehte ſich Alles vor ſeinen Augen umher, wie Sturmwind heulte und brauſte es vor ſeinen Ohren. Der Tod! Der Tod! murmelte er leiſe, und mit einem ſank er bewußtlos zuſammen. Wieder ward nun Alles ſtill in der Hütte; kein menſchlicher Laut unterbrach das Schweigen des Todes, welches jetzt in dem verödeten kleinen Gemach herrſchte. Nur das Summen einiger Fliegen, die mit ihren Köpfen gegen die trüben Fenſterſcheiben ſtießen, unterbrach dieſes Schweigen; einmal auch raſchelte es in der Ecke und eine Maus ſchlüpfte über den Boden dahin; ihre klugen glänzenden Augen ſchauten neu⸗ gierig umher, und der Anblick dieſer blutigen, bewegungsloſen Geſtalt, die am Boden lag, ſchien ſie zu erſchrecken, denn ſie wandte ſich um, und raſcher noch, als ſie gekommen, ſchlüpfte ſie wieder fort und ver⸗ ſchwand in der Ecke. Die Sonne ſtieg höher empor und ſchien auf die trüben Fenſter der Hütte; ſie zeichnete die gelben Umriſſe derſelben auf den Fußboden hin, und machte die goldenen Schnüre erglänzen, welche die Uniform des Officiers ſchmückten, der noch immer bewegungslos dalag. Auf einmal ward die Stille durch das Herannahen eiliger Schritte unterbrochen, auf einmal hörte man draußen eine laute Stimme, welche rief: Niemand in der Hütte? Dann ward Alles ſtill; offenbar harrte der Frager auf eine Ant⸗ wort; dann nach einer Pauſe näherten ſich die Schritte noch mehr, jetzt waren ſie ſchon außen auf dem Gange, jetzt erſchien auf der 10 Schwelle die ſchlanke Geſtalt eines preußiſchen Officiers mit verbun⸗ denem Haupt und Arm. Wie er die vegungslofe Geſtalt da am Boden gewahrte, drückte ſein bleiches Geſicht Staunen und Mitleid aus. Eein Officier von den Königin⸗Dragonern! rief er überraſcht, und mit einem Sprung war er neben ihm, kniete an ſeiner Seite nieder und legte forſchend ſeine Hand auf das Herz und die Stirn des Hin⸗ geſunkenen br iſt noch warm, murmelte er, und wie mir ſcheint, ſchlägt ſein Herz noch! Vielleicht iſt er nur ohnmächtig vom Blutverluſt, wie ich es war, ehe man mir den Verband angelegt. Wir wollen doch einmal ſehen! Mit haſtiger Eilfertigkeit zog er eine Feldflaſche aus ſeiner Bruſt hervor, und von dem Inhalt derſelben ein wenig in ſeine Hand gießend, wuſch er damit die Stirn und Schläfen des Bewußtloſen. Betzt flog es wie ein leiſes Zucken durch alle ſeine Glieder, jetzt öffnete er die Augen und ſchaute mit halb noch bewußtloſen, träume⸗ riſchen Blicken in das Antlitz des Fremden, der ſich mit dem Ausdruck innigſter Theilnahme über ihn geneigt hatte. Wo bin ich? fragte er mit leiſer zitternder Stimme. Bei einem Kameraden, ſagte der Andere freundlich, bei einem Unglücksgefährten, der verwundet und flüchtig iſt, wie Sie. Ich bin ein Officier vom Regiment Hohenlohe und habe bei Jena gefochten. Seit geſtern Abend irre ich umher, immer in Gefahr, in die Hände des Feindes zu fallen. Mein Name iſt Prickler, ein guter Preußen⸗ name. Sie ſehen alſo, es iſt ein Freund, der dem armen verwun⸗ deten Kameraden zur Seite ſteht, und Sie haben nichts zu fürchten. Nun ſagen Sie, was kann ich für Sie thun! Waſſer! Waſſer! ächzte der Verwundete. Ich verſchmachte. Nehmen Sie lieber einen Schluck von meinem Wein hier, ſagte der Officier, der ſtillt den Durſt und giebt Ihnen zugleich Kraft. Er hielt dem Kameraden die Flaſche an die Lippen und ließ ihn langſam einige Züge thun. Jetzt iſt es genug, ſagte er dann, ihm die Flaſche entziehend; nun Sie getn chen Brol und wie Erl die Hülft Biſſen al ſchob. und danr Nun dann kan ſprechen haben, e ſchenlebe Dankesn Augen 9 neres ſa ſſt ein E ich eim Vaſer f Er aus und ſügel Krg P den, abe in dem Mam auf den lippen. Sle beiden 7 Emuttu Kan 11 Sie getrunken haben, Kamerad, was meinen Sie jetzt zu einem Stück chen Brod und einem Biſſen Fleiſch? Ach, Sie lächeln, Sie wundern ſich, daß ich Ihre Wünſche errathe und Ihre Leiden richtig erkannt habe? Das kommt daher, Kamerad, daß ich dieſelben Qualen erduldet und wie Sie gelitten habe. Vor allen Dingen alſp eſſen Sie. Er hatte, während er ſprach, aus ſeinem Torniſter ein Brod und die Hälfte eines gebratenen Huhns hervorgeholt und von Beiden einige Biſſen abgeſchnitten, die er jetzt ſorgſam dem Andern in den Mund ſchob. Dann ſchaute er mit lächelnder Freude, wie er erſt langſam und dann immer raſcher und eifriger ſeine Kinnladen rührte Nun wieder einen Schluck Wein, Herr Kamerad, ſagte er, und dann kann ich es wagen, Ihnen etwas mehr Eſſen zu geben Still, ſprechen Sie kein Wort, es iſt eine heilige Arbeit, welche Sie da vor⸗ haben, eine Arbeit, durch welche Sie eben im Begriff ſind, ein Men⸗ ſchenleben zu erretten. Sie vürfen dieſelbe alſo durch keine überflüſſigen Dankesworte unterbrechen. Ihre Worte ſtehen überdies in Ihren Augen geſchrieben und Sie können mir nicht mehr und nichts Schö⸗ neres ſagen, als was ich darin leſe. Trinken Sie! So! Und hier iſt ein Stück Brod und ein Hühnerflügel! Während Sie eſſen, will ich einmal in Hof und Garten umher ſchauen, ob ich da nicht etwas Waſſer finde, Ihre Wunden auszuwaſchen. Er eilte, ohne dem Andern Zeit zu einer Antwort zu laſſen, hin⸗ aus und ließ den Wiedererwachten allein mit dem Brod, dem Hühner⸗ flügel und der Weinflaſche. Als er nach einer Viertelſtunde mit einem Krug Waſſer wiederkehrte, war das Brod und das Fleiſch verſchwun⸗ den, aber ſtatt des bleichen, erſtarrten leichenähnlichen Weſens, das er in dem Gemach gefunden, ſaß da jetzt halb aufgerichtet ein junger Mann mit blitzenden Augen, mit einem leiſen Schimmer von Röthe auf den Wangen, mit einem ſanften Lächeln um die wieder gerötheten Lippen. Sie haben mich gerettet, ſagte er, dem Wiedereintretenden ſeine beiden Hände entgegenſtreckend, ich wäre geſtorben vor Hunger und Ermattung, wenn Sie ſich meiner nicht erbarmt hätten. Kamerad, ſagte der Officier lächelnd, Sie wiederholen da die „ 12 Worte, welche ich vor zwei Stunden einem andern Kameraden ſagte, dem ich auf der Flucht begegnete, oder vielmehr, der mich im Graben liegend fand. Er, der Glückliche, hatte ein Pferd, er bot mir an, mich hinter ihm ſitzen zu läſſen, aber ich ſah, daß das Thier zu er⸗ ſchöpft war, um uns Beide zu tragen, ich nahm daher ſeinen Vorſchlag nicht un, ber ich nahm die Erfriſchungen, die er mir bot und mit denen er jetzt nicht blos mir, ſondern auch Ihnen das Leben gerettet hat Sie ſehen alſo, daß Sie nicht mir, ſondern unſerm gemeinſamen Retter zu Dank verpflichtet ſind. ch ſehe, daß Sie ebenſo gut als großmüthig ſind, ſagte der Andere ſanft, während ſeine Hand unwillkürlich nach ſeiner Stirn empor fuhr. und ich ſehe, daß Sie Schmerzen haben, rief der Officier, und daß Ihre Kopfwunde Sie brennt. Die meinige iſt, wie Sie ſehen, ſchon verbunden, auch mein zerſchoſſener Arm liegt ſchon in der Binde, denn ich erhielt beide Wunden ſchon geſtern während der Schlacht, und der Chirurg verband mich, während die Kugeln um uns ſauſten. Ich erhielt meine Wunden erſt ganz zuletzt, als Alles ſchon ver⸗ loren war, ſeufzte der Andere. Einer von der verruchten Kaiſergarde hieb mich zuſammen. Ich hoffe, Sie haben ihm eine vollſtändige Quittung über den Empfang Ihrer Wunden ausgeſtellt? fragte der Officier, indem er ſorglich damit beſchäftigt war, die Wunde mit dem Waſſer, das er in einem halb zerbrochenen Topf hereingebracht hatte, auszuwaſchen. Der Gefragte ſchaute mit blitzenden Augen zu ihm empor. Ich habe ihm eine Quittung ausgeſtellt, die er jetzt da oben dem lieben Herrgott vorgezeigt haben wird, ſagte er, wenn anders es einen Herr⸗ gott für dieſe verwünſchten Franzoſen giebt. Mein Schwert blieb in ſeinem Schädel haften, aber ich fiel mit ihm zuſammen nieder. Ihre Wunde hier an der Stirn iſt unbedeutend, ſagte der Officier, der Hieb iſt nur ſchräg durch die Stirnhaut gegangen. Legen wir dies angefeuchtete Tuch um daſſelbe. Oh, wie das wohlthut, ſeufzte der Andere. Jetzt erſt, da die Wunde n meine Ad Und Ein gehabt, di zu werde ein weni Kamerad, aufzuſtehe Hier empor, d wenn es Nein genug, d Dank, d wir auch hinnehme inſet Ha Ah, hum ecleben m Sie goner ſta Jo, gen, es d Rnden 2 aufgeſtell Pfend un aber die und hitt den ſe n ſch gerich daten it — gte, ben an, lag mit ttet nen b in cier, pir die 13 Wunde nicht ſo brennt, fühle ich, wie das geurn wieder alle meine Adern ſtrömt. Und wie iſt es mit Ihrem Arm?, ſehr? 9 Ein Lancier hat ihn durchſtochen, ich hoffe, er hat die Gefülligkeit gehabt, den Knochen zu verſchonen und der Arm braucht nicht amputirt zu werden! Er ſchmerzt freilich ſehr, aber Sie ſehen, ich kann ihn ein wenig heben, ein Zeichen, daß er nicht zerſchmettert iſt. Run, Kamerad, erzeigen Sie mir noch einen Liebesdienſt. Sie mir aufzuſtehen. Hier lehnen Sie ſich feſt auf meinen Arm! So1 86 B 5 empor, da ſtehen Sie. Stützen Sie ſich noch ein wenig auf 8 wenn es Ihnen ſchwindelt., Nein, mir ſchwindelt nicht, ich fühle mich wieder wohl und ſurt genug, die Laſt des Lebens auf meine Schultern zu nehmen. Gott ſei Dank, daß ich wieder ſtehe! Denn wie zerſchmettert und zerſchlagen wir auch ſein mögen, ſo wollen wir doch aufrecht ſtehend unſer Schickſal hinnehmen, es ſoll dem Welteroberer und Tyrannen nicht gelingen, unſer Haupt zu beugen, wenn er auch unſere Herzen gebeugt hat! Ach, Kamerad, was war das für ein entſetzlicher Tag, den wir geſtern erleben mußten, ein Tag, an dem ganz Preußen in Trümmer ſank. Sie waren ſtark in der Affaire? Das Regiment Königin⸗Dra⸗ goner ſtand bei Auerſtädt, nicht wahr? Ja, es ſtand bei Auerſtädt und es machte es, wie all die Uebri⸗ gen, es deſertirte. Nur einige wenige Schwadronen folgten dem drin⸗ genden Mahnruf des Königs, der uns gegen die bei Haſſenhauſen aufgeſtellten Quarrés des Feindes führte. Ihm ſelber ward das Pferd unter dem Leibe fortgeſchoſſen, wir Officiere hielten wohl Stand, aber die Dragoner liefen von dannen!*) Ach, ich weinte vor Wuth, und hätten ſich meine Thränen in Kugeln verwandeln können, ſo wür⸗ den ſie nicht gegen den Feind, ſondern gegen unſere feigen Dragoner ſich gerichtet haben. Die Schlacht war gewonnen, wenn unſere Sol⸗ daten nicht wie feige Memmen davongelaufen wären. Vergebens war Hiſtoriſch. 14 alles Rufen und Schreien, vie Soldaten liefen, obwohl gar kein Feind hinter ihnen war, der Schrecken hatte ſie wahnſinnig gemacht. Und glauben Sie wirklich, Kamerad, daß nur die Feigheit und Muthlyſigfeit der Soldaten die Schuld trägt an der verlorenen Schlacht? fragte der Ofſicier Haben unſere Feldherren gar nichts verſchuldet? Sie ſehen püſter vor ſich hin? Sie ſind alſo meiner Meinung! Aber von allen dieſen Dingen laſſen Sie uns nachher ſprechen, jetzt zuerſt von uns! Ja, zuerſt von uns! rief der Andere, aus düſterm Sinnen empor⸗ ſchreckend. Herr Graf Prickler, Sie haben mir mit zuvorkommender Glte Ihren Namen geſagt, als Sie des Namenloſen und Unbekannten ſich erbarmten und ihm das Leben retteten. Jetzt erlauben Sie, daß ich Ihnen auch meinen Namen ſage, damit Sie wenigſtens in der Zu⸗ kunft wiſſen, wer ſtets mit Liebe und Dankbarkeit Ihrer gedenken wird. Ich bin der Seconde⸗Lieutenant Ferdinand von Schill. Sie ſehen, ein Name von gar keiner Bedeutung, und doch hatte ich mir feierlich ge⸗ lobt, ihm in dieſen Tagen unſerer Schlachten einen guten Klang zu geben! Und ich ſehe auf Ihrer Stirn, Kamerad, daß Sie ſpäter das nachholen werden, woran das Schickſal Sie jetzt verhindert hat, ſagte Graf Prickler freundlich, dem Lieutenant von Schill die Hand dar⸗ reichend. Jetzt aber laſſen Sie uns nicht der Zukunft, ſondern der Gegenwart gedenken. Wir ſind Beide verwundet, Beide hülflos, wenn uns das Wundfieber packt, und es wird gewiß heut Abend kommen. Wir müſſen alſo vorher uns nach einem Zufluchtsort umgeſehen haben, denn wenn wir hier bleiben, ohne Pflege, ohne Hülfe, ohne Nahrung, ſind wir verloren! Sie haben Recht, wir müſſen hier fort, ſagte Schill, wir müſſen ſuchen, eine Stadt, ein Dorf zu erreichen. Kommen Sie und laſſen Sie uns gehen. Sie haben Waffen und auch ich habe meinen Degen. Laſſen Sie uns gehen, aber zuvor ſchwören wir einander, daß wir nicht in franzöſiſche Gefangenſchaft gerathen, ſondern daß wir lieber ſterben und uns ſelber den Tod geben wollen! Sie haben ein Meſſer, und wi war. . entrinn ll B durchſte treffen A Buſen Gefan abhän haben ſind K den m denn e können ſtützn linken es wi mann Rder K unſer Ding der 5 or der nen daß Zu vird. ein he⸗ lang der enn nen. ben, ung, üſſen aſſen egen⸗ wit jeber eſſer, 15 und wie Sie vorhin das Brod damit ſchuitten, fah ich, 5 es war. Wollen Sie es mir geben? Wozu? S Um es mir ins Herz zu ſtoßen, wenn 3. 5* entrinnen kann. Und ich? Was ſoll aus mir werden? Bevor ich mich ſelber tödte, werde ich Sie mit ninen durchſtoßen. Sind Sie es zufrieden? Ich bin es zufrieden. Nur geben Sie wohl Acht, mein oen zu treffen und mich nicht blos zu verwunden, ſondern auch zu tödten. Ach, ich ſehe, daß wir Beide uns verſtehen und— daſſelbe Herz im Buſen tragen, rief Schill freudig. Lieber ſterben, als in franzöſiſche Gefangenſchaft gerathen und von der Gnade des corſiſchen Thrannen abhängig ſein! Jetzt, Kamerad, laſſen Sie uns gehen! Dein Sie haben wohl Recht, mit dem Abend kommt das Wundfieber un wir ſind verloren, wenn wir dann keine Pflege haben. 5 Kommen Sie, ſagte Prickler, legen Sie Ihren geſunden Arm in den meinen. Sie ſehen, das Schickſal hat uns für einander beſtimmt, denn es hat Ihnen den rechten, mir nur den linken Arm ruinirt, ſo können wir wenigſtens neben einander gehen und uns gegenſeitig unter⸗ ſtützen. Ich werde Ihre rechte Hand ſein, Sie werden mir Ihren linken Arm leihen, wenn ich Jemand zu umarmen habe. Aber freilich, es wird ſich Niemand mehr nach unſerer Umarmung drängen, Jeder⸗ mann wird uns verſpotten und verhöhnen, mit blutigen Zügen wird Jeder auf unſerer Stirn zu leſen ſuchen: er iſt auch einer von den Beſiegten! Kamerad, ſagten Sie nicht vorher, wir wollten zuerſt uns mit unſern eigenen Angelegenheiten beſchäftigen, bevor wir von den andern Dingen ſprechen? Es iſt wahr, laſſen Sie uns gehen! Und Einer auf den andern geſtützt traten die beiden Officiere aus der Hütte. von dieſe M. Ihren, w eutſche Tied. Min s war ein arer ſonniger Herbſtmorgen; in langen Zügen ath⸗ erette meten pie beiden verwundeten Officiere die erquickliche Luft ein und duß ui ießen ihre Angen hinſchweifen über den klaren blauen Himmel und entfliehen. vas herrliche Hügelland. gline, He ud zu venken, daß meine Augen dies Alles niemals wieder ge⸗ 1% i ſehen hätten, wenn Sie ſich meiner nicht erbarmten! ſagte Schill mit irn einen dankbaren Blick auf ſeinen Gefährten. ſnit n Vh mein Freund, ſeufzte Graf Prickler traurig, wir werden nicht laben imnieb blos den Himmel und die ſchöne ſtille Welt erſchauen, und Feſts be eicht kann es kommen, daß wir heute noch ſo viel Unheil und Jammer ſcen ettticen, daß Sie Ihre Augen verwünſchen, weil ſie das ſehen müſſen! Aber doch haben Sie Recht, es iſt immer noch beſſer, ſelbſt in Noth Uuli und Kummer zu leben, als in Noth und Kummer zu ſterben, denn wer 4 6 lebt, hat noch eine Zukunft vor ſich und kann in ihr Rache und Erſatz für die Vergangenheit erſtreben. Unſere nächſte Zukunft aber wollen geiln wir uns jetzt oben von jenem Hügel aus erſchauen und von dort aus unſere Richtung beſtimmen. nein Her Sie ſchritten weiter dem nahen Hügel zu. Oft mußten ſie inne halten auf ihrem Wege, oft ſanken ſie keuchend und bis auf den Tod§5 erſchöpft zuſammen, aber ihr Wille und ihre Jugend überwand ihre ſ Schwäche und endlich hatten ſie ihr Ziel erreicht, endlich ſtanden ſie 4 ju auf dem Gipfel und ließen ihre Augen weit umherſchweifen über die e Da drüben, wo die fürchterlichen Dämpfe aufſteigen, da liegt eneſun Auerſtädt, ſagte Schill nach einer langen Pauſe, in der ſie Beide ihre Unſ erſchöpften Lungen hatten ausathmen laſſen. nch No Ja, und jenſeits jener Hügel liegt Jena, ſagte Prickler traurig. bm Das ſind zwei melancholiſche Namen für ein preußiſches Ohr und ich uim ittags möchte, wie Ulyſſes, meine Ohren verſtopfen, damit ſie nichts mehr it von dieſer Sirenenſtimme des Todes hören ehn. denn ich fage⸗ Ihnen, wenn ich die beiden Namen höre, vie ih vor Ver⸗ zweiflung in den Abgrund ſtürzen. 3 3 Mein Freund, mir ſcheint, wir ſind ſchr in n Aimiht unſer erſtes und heiligſtes Beſtreben muß ſein, uns aus deuſelben zu erretten, ſagte Schill achſelzuckend. Der erſte Schritt voichörts it. daß wir uns durchzuſchmuggeln verſuchen, um der Gefagnſchaft jr entfliehen. Wohin alſo wenden wir uns zunächſt. S Pläne, Herr Graf? ni 1 Da ich nun einmal durch meine Wunden zur unthitiglit nzi bin, ſo will ich nach Schleſien auf mein Gut gehen und da blähen, bis ich geneſen bin. Und Sie, Herr Kamerad? Wollen Sie dir er lauben, Ihnen einen Vorſchlag zu machen? Wenn Sie näch nichte Feſtes beſtimmt haben, So ſollten Sie mich begleiten und bei uhr! bleiben, bis Ihre Wunden geheilt ſind. Ich habe auf meinem Gute ſchöne Waldungen und Fiſchereien, und wenn Sie die Jagd und das Angeln lieben, ſo bin ich ſicher, Ihnen Zerſtreuungen anbieten zu können. Aber Sie vergeſſen, daß mein rechter Arm verwundet iſt, Graf, ſagte Schill mit einem trüben Lächeln, ich werde alſo ein ſchlechter Gefährte für Sie ſein und darf daher Ihr freundliches Anerbieten nicht annehmen. Auch geſtehe ich Ihnen, daß meine Seele zu unruhig und mein Herz zu traurig iſt, um den Frieden des Landlebens ertragen zu können. Ich muß in der Welt und im Getümmel bleiben und zu⸗ ſchauen, wie Preußens Schickſal ſich geſtaltet. Ich gedenke nach Kol⸗ berg zu gehen, die Feſtung iſt ſtark und unbeſiegbar, ſie wird ein un⸗ einnehmbares Bollwerk gegen den Feind ſein, und ich habe in der Feſtung gute Freunde. Bei ihnen will ich bleiben bis zu meiner Geneſung. Unſere Wege werden ſich alſo bald wieder trennen, Sie gehen nach Norden, ich nach Oſten. Aber einige Tage bleiben wir doch noch zuſammen, das Wundfieber wird ſchon dafür ſorgen, daß wir nur langſam vorwärts kommen. Unſere nächſte Sorge muß ſein, uns ein Mittagsmahl und ein ſicheres Nachtlager zu verſchaffen. Und mir ſcheint, ich ſehe da hinten am Sorizont ſchon Beides Mühlbach, Napoleon. IMl. Bd 2 18 eipor dämmern, ſagte Schill, mit ſeiner Linken nach einem kleinen zu laſſen Punkt am Ende ves Horizonts hindeutend. Sehen Sie jene Kirch⸗ bei Jena thurmſpitze? Da iſt ein Dorf, da ſind alſo Menſchen, und da es kine Hil nordöſtlich liegt, ſo paßt es ganz genau für uns Beide. bewirkte, Sie haben Recht, dahin wollen wir unſere Schritte lenken, rief ntten, e ver Graf. Möge das Schickſal uns gnädig ſein und die Franzoſen mehr D von unſerm Wege fern halten. daten zu Sie ſtiegen den Hügel auf der andern Seite hinab und begannen Und nun, Arm in Arm über das weite Stoppelfeld dahin zu wandern, das Der ſich vor ihnen ausdehnte.. ſene Vh 3 Nichts regte ſich um ſie her, kein Laut, ſelbſt nicht das Zwitſchern immer! eines Vogels oder das Summen eines Käfers unterbrach die tiefe Pfetde! Stille, nirgends ſah man ein Haus oder irgend ein Zeichen menſch⸗ Schichſal lichen Daſeins. digen, 3 Welch eine Grabesſtille es hier iſt, flüſterte Graf Prickler. Schule 3 Der Tod iſt vermuthlich über dies Feld dahin geſchritten, als er ras P . nach Jena und Auerſtädt wanderte, ſagte Schill, und deshalb ſcheint Un die ganze Natur den Athem anzuhalten, aus Furcht, er möchte wie⸗ neral er derkehren. Ah Er kehrt aber ſobald nicht wieder, denn ich meine, der Tod ſelbſt Ein g müßte erſchöpft ſein von der furchtbaren Arbeit, die er auf dem eindrino Schlachtfeld gehabt hat. Jetzt, Kamerad, da wir unſer Ziel kennen noch und unſere eigenen Angelegenheiten geordnet haben, jetzt können wir Auerſti 8 u uns wohl ein wenig von unſern Erlebniſſen des geſtrigen Tages er⸗ uch B zählen. Sie waren bei Auerſtädt. Wiſſen Sie wohl, daß wir bei g. Jena gar nichts ahnten von der Schlacht bei Auerſtädt, und erſt gegen Lunn Abend, als bei uns ſchon Alles verloren war, davon Nachricht erhielten? Keinen einzigen Ihrer Schüſſe haben wir gehört! l Uns ging es ebenſo. Wir ahnten bei Auerſtädt nichts von der v l Schlacht bei Jena, vor dem Donner unſerer eigenen Kanonen hörten ſiiner wir nichts von den Ihrigen.*) Erſt als der König Stafetten abſandte, 6 um vom Prinzen Hohenlohe und General Rüchel unſern Rückzug decken* S vielmeh *) Hiſtoriſch. Siehe: Häuſſer IM. ſeldern leinen e Kirch⸗ d da es en, tief Frarzoſen begannen dern, das witſchern die tiefe menſch n, als er chte wie Tod ſelbſt auf dem iel kennen znnen wir Tages er⸗ wit bi erſt gegen echielten“ ts von der nen bſandie, hörten 1 ug decken zu laſſen, erfuhren wir von dem heimkehrenden Jäger, daß man auch bei Jena eine Schlacht geliefert und daß von Hohenlohe und Rüchel keine Hülfe zu erwarten ſei. Welch einen Schrecken und Entſetzen dies bewirkte, iſt unbeſchreiblich. Jeder dachte nur daran, ſich ſelber zu retten, es gab keine Subordination, kein Ehrgefühl, keine Tapferkeit mehr. Die Generäle waren zu verwirrt, um zu befehlen und die Sol⸗ daten zu ſehr von Furcht gejagt, um noch Befehle hören zu können⸗ Und der König? Der König ſuchte offenbar den Tod, ſein Antlitz war todesbleich, ſeine Lippen bebten, wo die Kugeln am dichteſten fielen, da ritt er hin, immer war er im ärgſten Kugelregen, im hitzigſten Gefecht. Zwei Pferde wurden unter ihm erſchoſſen, er ſelbſt blieb unverſehrt. Das Schickſal ſcheint den König von Preußen nicht zum Tode haben begna⸗ digen, ſondern ihn erhalten zu wollen, damit er durch die ſchwere Schule des Leidens und der Erfahrungen zur Erkenntniß deſſen komme, was Preußen Noth thut. Und der Herzog von Braunſchweig? Der commandirende Ge⸗ neral en chef? Ah, Sie wiſſen alſo nicht, welches Geſchick ihn betroffen hat? Eine Kugel iſt ihm mitten durch den Kopf gefahren, in die rechte Seite eindringend und auf der linken Seite wieder hinausgehend. Es war noch am Anfang der Schlacht, der Herzog ward ohnmächtig nach Auerſtädt zurückgebracht, dort verbunden und dann auf einer Bahre nach Blankenburg gebracht. Der Herzog iſt alſo noch nicht todt, trotz dieſer fürchterlichen Verwundung? Nein, ſagte Schill feierlich, Gott hat nicht gewollt, daß er ſterben ſollte, ohne die Frucht deſſen zu ernten, was er geſäet hatte. Für die Blindheit ſeines Geiſtes hat Gott ihn geſtraft mit der Erblindung ſeiner Augen. Die Kugel hat ihm beide Augen zerſchoſſen. Entſetzlich! flüſterte Graf Prickler leiſe. Sie haben Mitleid mit ihm? fragte Schill hart. Haben Sie vielmehr Mitleid mit den Tauſenden, welche auf den blutigen Schlacht⸗ feldern von Jena und Auerſtädt liegen und die den Herzog anklagen 2* als ihren Mörder, haben Sie vielmehr Mitleid mit Preußens Schmaᷓ 5 ußfil und Unglück, das der Herzog verſchuldet hat! Denn ich ſage Ihnen, vie Unſchlüſſigkeit, das Schwanken, Zaudern und Zurückweichen des Herzogs iſt an Allem Schuld. Wir fühlten und wußten das Alle. Keiner ber jüngeren Offſiciere und Generäle täuſchte ſich darüber, Jeder wußte, daß dieſe alten Herren, welche ſich überlebt haben und immer noch in den Kriegstagen Friedrichs des Großen zu ſein glaubten, dieſer neuen Zeit und dieſen neuen Kriegen nicht gewachſen wären. Weil „ wir das wußten und klar erkannt hatten, wagten wir das Aeußerſte. Eine Deputation von Officieren ward aus unſerer Mitte erwählt und begab ſich zum General Kalkreuth, um ihm unſere Bitten und Klagen übetzeugt wir unter gller Erke Unerfahre Erfahrun derben ge Jo, das iſt m WViſſ füt uns mitzutheilen und um ihn zu beſchwören, daß er den König veranlaſſe, Nachtſchn dem Herzog das Commando abzunehmen und es in jüngere, entſchloſſe⸗ Ac, nere Hände zu legen. Die Deputation beſtand aus lauter kenntniß⸗ Ich reichen, angeſehenen und redlichen Officieren, und ſie ſprach mit hotte vr muthigen und kühnen Worten ihre Ueberzeugung aus, daß der König Befehl 2 ſ viſion a in Gefahr ſei, ſeine Krone und ſein Land zu verlieren, wenn der Herzog das Ober⸗Commando behalten ſolle.*) an ſein Und was antwortete ihnen der General von Kalkreuth? tier, um Der General forderte mit ſtrengem Ton eine weitere Erläuterung zu beſch ihrer Worte, und die Officiere gaben ſie ihm. Sie tadelten des Her⸗ der alte . zogs Idee, bei Weimar ein Lager aufzuſchlagen und ſprachen ſich über abwarte die Gründe, welche den Herzog dazu bewogen haben könnten, mit Ver⸗ Erſt u achtung aus. Sie bewieſen aus dem ganzen Thun und Handeln des Diviſion Herzogs, daß er weder wiſſe, was er thue, noch was er thun wolle, mlangt weder wo er ſei, noch wo er hingehen werde, und von einem Ende inen der Armee bis zum andern ſeien deshalb auch ſchon die außerordent⸗ alten G lichſten und ſchreckenvollſten Gerüchte im Umlauf.**) Aber all ihr und Bitten, ihre Vorſtellungen, ihr Zürnen und Prophezeihen war umſonſt. der Ju Graf Kalkreuth wollte ſich nicht entſchließen, dem König die Gefahr 6 ſſt und ) Siehe: Friedrich von Gentz geſammelte Schriften, herausgegeben von erttage Guſtav Schleſier. Th. M. S. 314. **) Ebendaſelbſt II. 315. Schmach Ihnen, hen des Klagen ranlaſſe iſchloſſe tennniß rach mit er König äuterung des Hel ſich übet wolle, em Ende erordent⸗ r all ihr r unſouft ie Gefahr egebe von 2 vorzuſtellen, obwohl er ſelbſt ebenſogut von der Wirklichkeit derſelben überzeugt war, wie jeder jüngere Officier in der Armee. Und ſo ſind wir untergegangen und zu Grunde gerichtet trotz aller Warnungen, aller Erkenntniß und aller Prophezeihungen. Diesmal iſt es nicht die Unerfahrenheit und der Ungeſtüm der Jugend, ſondern die überlebten Erfahrungen und die Langſamkeit des Alters geweſen, die uns 1 derben Sft haben. Ja, Sie haben Recht, ſeufzte Graf Prickler, unſere n Generile das iſt unſer Unheil! Wiſſen Sie zum Beiſpiel, fragte Schill heftig, weshalb wir den für uns ſo wichtigen Paß von Köſen verloren haben? Wegen des Nachtſchweißes des Generals von Schmettau! Ach, Sie ſind noch aufgelegt zu Scherzen! ſagte Prickler b Ich ſcherze nicht, ſondern rede in vollem Ernſt! Der General hatte vom Herzog von Braunſchweig am Tage vor der Schlacht den Befehl erhalten, in der Frühe des nächſten Morgens mit ſeiner Di⸗ viſion aufzubrechen und den Paß von Köſen zu beſetzen. Vergebens kam ſein Adjutant Lieutenant von Pfuel mehrmals zu ihm ins Quar⸗ tier, um ihn an die Dringlichkeit des Aufbruchs zu mahnen und ihn zu beſchwören, endlich aufzuſtehen.„Aber, mein Herr, antwortete ihm der alte General, ſo laſſen Sie mich doch meinen Nachtſchweiß erſt abwarten! Ich höre, es ſoll ein recht kalter Herbſtmorgen ſein!“*) Erſt um neun Uhr erhob ſich der alte General und brach mit ſeiner Diviſion um zehn Uhr gen Köſen auf. Als ſie endlich bei dem Paß anlangten, hatte General Davouſt ihn kaum eine Stunde zuvor von einem Infanterie⸗Regiment beſetzen laſſen. Dieſer Nachtſchweiß des alten Generals iſt vielen tapfern Preußen zum Todesſchweiß geworden und über dem weißen Haar der alten Generäle wird jetzt das Haar der Jugend vor Gram und Scham erbleichen und ergrauen. Es iſt eine furchtbare Schmach, welche über uns hereingebrochen iſt, und kaum weiß ich, wie wir Alle ſie mit Mannesmuth und Würde ertragen ſollen! ſeufzte Graf Prickler. In dieſen traurigen und ver⸗ *) Förſter. Neuere und neueſte preußiſche Geſchichte. I. 757. 22 zweiflungsvollen Stunden wird man ſich erſt ſeiner Liebe, ſeiner Hin⸗ gabe zum Vaterlande ganz und voll bewußt, erkennt man erſt, mit welchen ſtarken und unzerreißbaren Banden unſer Herz an daſſelbe ge⸗ heftet iſt. Ich möchte mein Blut hinſtrömen in Jammer und Thränen um dieſes zertretene, geſchmähete und doch ſo geliebte Vaterland, und ich fühle und weiß es, wenn wir uns nicht bald und glorreich erheben aus unſerer Erniedrigung, ſo werde ich ſterben vor Gram oder vor Verzweiflung. Sie werden nicht ſterben, ſagte Schill ernſt, denn wir Alle, die wir Preußen lieben und an ſeiner Ehre hangen, wir haben jetzt nicht Zeit zu ſterben, denn wir Alle müſſen Hand anlegen, damit Preußen ſich wieder aus dem Staube erhebe, damit es ſich kühn wieder dem Tyrannen entgegenſtelle und ſeine Rache fordere für ſich und für Deutſchland! Denn Preußen iſt jetzt Deutſchland, weil Preußen noch die einzige Macht iſt, welche in Deutſchland dem corſiſchen Welteroberer widerſtanden und ihm getrotzt hat. Gott hat aber dieſes Preußen erſt aus ſeinem Uebermuth und ſeiner Eitelkeit zur Erkenntniß ſeiner Schwäche und Abgelebtheit erwecken wollen, damit es in edler Ver⸗ jüngung und mit verdoppelter Kraft ſich wieder erhebe. Aus dem Tode erwächſt das Leben und Preußen mußte ſo tief fallen, damit es ſich ſeine alten morſchen Glieder, die noch mit dem Ruhm des ſiebenjäh⸗ rigen Krieges zuſammengeleimt waren, zerſchlage, und aus der alten Hülle des vorigen Jahrhunderts der junge neugeſchaffene Soldat des neuen Jahrhunderts ſich aufrichte und das Schwert nehme zur Ver⸗ theidigung ſeines unterjochten Vaterlandes, zur Rache ſeiner geſchmäh⸗ ten Ehre! Sie hoffen alſo noch auf eine Wandlung unſeres Schickſals? fragte Graf Prickler traurig. Ich hoffe auf Preußens guten Stern, rief Schill begeiſtert, ich hoffe auf die Zukunft, auf den Zorn und Schmerz, der jetzt in allen preußiſchen Herzen erwachen und die Schlafenden wecken, die Lauen befeuern, die Schwankenden feſtigen wird. Ich hoffe auf Königin Louiſens Thränen, welche Hülfe vom Himmel und Rächer auf Erden erwecken werden. Und wir, mein Kamerad, wir mit unſern Wunden und mit welche üt nit unſer verwande überlaſſe ſeinem in alle Feind m wir hab wir arb miſſen St hin und S kbeinen ſchlank Pfad d er zun tönnen, tiget L 6 murme L ſagte ſunden — L mm Manſ beme Bück vielle aber und ſſen noch teroberet ußen erſt tes ſich iebenjüh der alten ldat des Ver zur* eſchmäh hicſols? ich en iſtert, tin al pi Lauen görigin uf Eiden gunden Wunbe 23 und mit unſerer Schmach, wir müſſen jetzt ſein wie die Rachegeiſter, welche über die Haide im Sturmgeheul des Unglücks dahin fahren und mit unſerm Geſchrei die dürren Halme wecken, daß ſie ſich in Schwerter verwandeln und die Schläfer wach rufen, die ſich friedlichen Träumen überlaſſen möchten! Preußen darf jetzt keinen Frieden machen mit ſeinem Unglück, es muß den Krieg hineinbohren in alle Gemüther und in alle Herzen, damit ſie ſich erheben in ſchmerzlicher Wuth und den Feind aus ihrem Herzen und aus ihrem Vaterlande verjagen. Freund, wir haben jetzt den Fall Preußens geſehen, aber von nun an müſſen wir arbeiten, daß wir auch ſeine Wiedergeburt erleben! Wir ſelber müſſen die Geburtshelfer dieſer neuen Zeit ſein, wir— Still, unterbrach ihn Prickler leiſe und haſtig. Sehen Sie dort hin und nehmen Sie Ihren Degen! Sie ſtanden jetzt unfern von einem Feldweg, der ſich bis zu einem kleinen Gehölz hinzog. Aus dieſem Gehölz war ſoeben eine männliche ſchlanke Geſtalt hervorgetreten und kam jetzt mit raſchen Schritten den Pfad daher, gerade den beiden Officieren entgegen. Noch indeß war er zu weit entfernt, um ſein Antlitz, oder ſeine Kleidung erkennen zu können, um zu ſehen, ob er ein bewaffneter Soldat, oder ein friedfer⸗ tiger Wanderer ſei. Gewiß ein Franzoſe und ſeine Kameraden lauern im Hinterhalt, murmelte Graf Prickler, indem er die Hand an ſeinen Degen legte. Wenn er uns attakiren will, ſo mag er ſein Todesgebet ſprechen, ſagte Schill ruhig. Wir ſind Zwei und jeder von uns hat einen ge⸗ ſunden Arm. Die Geſtalt war jetzt näher gekommen und deutlich konnte man nun erkennen, daß ſie keine Uniform trug. Es iſt ein blutjunger Menſch, flüſterte Prickler, und einer vom Civil. Er hat uns noch nicht bemerkt, wie es ſcheint, jener Dornſtrauch verbirgt uns ſeinen Blicken. Bücken wir uns ein wenig tiefer, und da der Pfad jenſeits iſt, geht er vielleicht vorüber, ohne uns zu bemerken. Sie ließen ſich hinter dem Dorngebüſch Beide auf ein Knie nieder, aber indem ſie es thaten, nahmen ſie zugleich das Schwert in die Hand und machten ſich zum Angriff bereit. 24 Nun hielten ſie den Athem an und horchten. Eine tiefe Stille herrſchte ringsum, man hörte nichts, als die raſchen Schritte des Wandernden, welche näher und näher herankamen. Plötzlich ward dieſe Stille durch eine friſche jugendliche Stimme unterbrochen, welche gleichſam wie zur Introduction die Melodie eines beliebten Liedes ſang. Ach, er ſingt, murmelte Schill, wer heute ſingen kann, der iſt harmlos und ungefährlich, und es verlohnt ſich nicht der Mühe, ihn zu tödten. Still, ſtill, hören wir, was er ſingt, flüſterte Prickler. Er legt jetzt ſeiner Melodie auch Worte unter! Hören Sie nur! Die Stimme kam den beiden Lauſchenden näher und näher, und deutlich konnte man jetzt die Worte verſtehen, welche ſie ſang. Dieſe Worte lauteten: Keine Thräne, Hermann, für Dein Volk? Keine Thräne, und die Schande brennet, Und der Feind gebietet, wo die Freien Siegten und fielen? Keine Stimme laut, wo Luther ſprach? Alle Donner, die der Himmel ſendet Sollten rufen: Volk erwache! feiges, Greife zum Schwerte. Rache! Rache! Heißen blut'gen Tod Sklavenfürſten und dem Knecht, der fliehet! Männerwort gefürchtet und geprieſen Männliche Tugend! Ach wohin? wo Winkelried erlag, Wilhelm ſchlug, und Ruyter tapfer ſiegte; Auf den höchſten Alpen, in den tiefſten Sümpfen iſt Knechtſchaft. Auch Du, Hermann's, auch Du, kühnes Volk? Auf! Erwache! Schüttle Deine Ketten, Daß die Schmach die Welt vernehme, bald auch Blutige Rache! Eber ktzten V dem Dor bleiche, und mit deten ) „In die Stille ward S ſang der iſt Eben, wie der Jüngling mit ſchallender, frohlockender Stimme den letzten Vers beendigt hatte, war er auf ſeinem Wege gerade bis zu dem Dorngebüſch gekommen und jetzt erhoben ſich über demſelben zwei „mit weißen, blutbefleckten Tüchern umwundene Männerköpfe, und mit begeiſterter Stimme ſangen ſie den letzten Vers des eben be⸗ endeten Liedes: *) Lieder für Deutſche. Von E. M. Arndt. Dies Lied trägt die Ueberſchrift: „An die Deutſchen.“ 1806.. 8 5 Lieder helfen hier int Mer icht.§ Mäler? Tief im Herzen ſei das enkmal, An dem Thurm der ſelbſtgebornen Hebe Dich, Jüngling! 3 Und voran geworfen kühn die Bruſt, Und empor das Auge zu dem Himmel, Hoch die Fahne! Hoch zum Himmel! Flammende Herzen. Tod, Du ſüßer, für das Vaterland, Süßer als der Brautgruß, als das Lallen Auf dem Mutterſchooß des erſten Kindes, Sei mir willkommen! Was das Lied nicht löſet, löſt das Schwert, Blinkend Heil, umgürte meine Hüften! Von der Schande kannſt Du Tapfre retten, Zierde der Tapfern!*) Was das Lied nicht löſet, löſt das Schwert, Blinkend Heil, umgürte meine Hüften! Von der Schande kanſt Du Tapfre retten, Zierde der Tapfern! 26 IM. Der Schwur der Ruche. Sprachlos vor Erſtaunen und Ueberraſchung hatte der Jüngling dem Geſang zugehört und ſeine großen Augen unverwandt auf die beiden Officiere geheftet, deren Uniform und Wunden ihm ihr trauriges Schickſal der nächſten Vergangenheit enthüllten. Jetzt, als die Beiden ſchwiegen, näherte er ſich ihnen mit einem Ausdruck ehrfurchtsvollſter Hochachtung. Tapfere Officiere von Auer⸗ ſtädt oder Jena, ſagte er mit vor Rührung zitternder Stimme, erlaubt einem armen jungen Wanderburſchen, daß er Euch ſeine Ehrfurcht be⸗ zeuge, und Euch im Namen des deutſchen Vaterlandes danke für die Wunden auf Eurer Stirn; ſolche Wunden ſind auch eine„Zierde der Tapfern.“ Und ſolche Worte ſind eine Zierde edlen Herzens! rief Schill, dem Jüngling ſeine Hand darreichend. Er nahm ſie mit einer freudigen Bewegung, und ſich raſch auf ein Knie niederlaſſend, drückte er einen glühenden Kuß auf die fieber⸗ heiße Hand des Verwundeten. Mein Gott, rief Schill überraſcht, was thun Sie? Wie kann ein Mann dem andern die Hand küſſen, und vor ihm auf den Knieen liegen? Stehen Sie auf! Ich bin kein Mann, ſagte der Jüngling tief bewegt; ich bin nur ein armer Knabe, der noch nichts für ſein Vaterland gethan hat, und vielleicht niemals Etwas für daſſelbe wird thun können, der aber eine andächtige Verehrung empfindet für Diejenigen, welche glücklicher waren als er. Ich küſſe alſo Ihre Hand, wie die Katholiken die Hände ihrer Heiligen und Märtyrer küſſen. Denn ſind Sie nicht zu dieſer Stunde ein Märtyrer der deutſchen Freiheit? Deshalb geben auch Sie mir Ihre Hand, Herr, laſſen auch Sie mich meine armen armen Lippen auf dieſelben preſſen, ich habe ja nicht Anderes, um Ihnen meine Ehr⸗ furcht zu bezeugen. Nein, küſſen, ſon hetz, jun welche Si Herz ſage Der ſpringend Ich! rief Schil fördert, leihen? Er dern, un waren es etglänzt Da ſo ſindn Ihr Ihr voll nennen? daß wir Ich nicht de werigſte die Pu wiltom Entjit Sie bl J gehürt Sene ſihen, ſ uns ein üngling auf die rauriges it einem Auer⸗ erlaubt urcht be e für die Zierde der chill, dem aſch auf ie fieber kann ein en liegen? hebin nur hat, und aber eine chet waren inde ihre ſet Sunde 3 Gie mir nen Lppen meine Chr — M Nein, ſagte Graf Prickler tief bewegt, nicht meine Hand ſollen Sie küſſen, ſondern meine Wange und meine Lippen. Kommen Sie an mein Herz, junger Mann, laſſen Sie Sich umarmen für die Wohlthat, welche Sie uns Beiden erzeigt haben durch Ihre Worte. An mein Herz, ſage ich! Der junge Mann ſtieß einen Freudenſchrei aus, und raſeh empor ſpringend warf er ſich mit jugendlichem Ungeſtüm in des Grafen Arme. Ich will und muß auch meinen Theil haben an der Umarmung, rief Schill lächelnd, haben Sie mich nicht vorher ausdrücklich aufge⸗ fordert, Kamerad, Ihnen zu jeder Umarmung meinen linken Arm leihen?. Nun alſo, da iſt er! Er ſchlang ſeinen linken Arm raſch um die Nacken der zet An⸗ dern, und drückte ſie feſt an ſich. Als ſie dann ſich wieder losließen, waren es nicht allein die Augen des Jünglings, welche von Thränen erglänzten. Das Unglück und der Schmerz verbrüdert raſch, ſagte Schill, und ſo ſind wix Drei denn von heute an Brüder. Ihr wollt meine Brüder ſein? rief der junge Mann freudig. Ihr wollt dem armen Knaben erlauben, zwei Kriegshelden Brüder zu nennen? Kriegshelden! ſeufzte Prickler. Sie wiſſen alſo nicht, mein Freund, daß wir geſtern ſchmachvoll beſiegt und in den Staub getreten ſind. Ich weiß das, aber ich weiß auch, daß das Glück der Schlachten nicht den Maßſtab abgiebt für die Tapferkeit der Krieger. Sie Beide wenigſtens ſind nicht geſtorben und wie echte Kriegshelden tragen Sie die Wunden auf Ihrer Stirn. Ihre Mütter werden Sie alſo freudig willkommen heißen, Ihre Bräute oder Frauen werden mit Thränen des Entzückens Sie umſchlingen, und Ihre Freunde werden mit Stolz auf Sie blicken. Iſt es nicht, als habe er unſere traurigen und verzagten Worte gehört und wolle uns tröſten? fragte Schill, dem Grafen zugewandt. Seine blauen Augen ſcheinen nicht blos unſere äußern Wunden zu ſehen, ſondern auch die, welche unſer Herz bluten machen, und er will uns einen Balſam auflegen mit ſeinen ſüßen Schmeichelworten. 28 Er will die armen Beſiegten tröſten und mit ihrem Schickſal ver⸗ ſöhnen, ſagte Prickler, dem Jüngling freundlich zunickend. Ihr denkt beſſer und hochherziger von mir, als ich bin, ſagte er traurig ſein Haupt neigend, ſo daß die langen blonden Locken, welche von demſelben niederfielen, ſich ſchüttelten und bewegten. Ich habe nur ganz einfach geſagt, was ich denke, und was Jeder denken wird und muß, der Sie Beide anſchaut. Wollte Gott, Sie redeten die Wahrheit, junger Mann, ſagte Prickler traurig. Aber glauben Sie mir, nur Wenige denken wie Sie, die Mehrzahl wird ihr Vergnügen daran haben, uns ſo gedemüthigt und zerſchlagen zu ſehen. Statt uns zu beklagen, werden ſie uns verhöhnen, rief Schill; ſtatt mit uns zu weinen, werden ſie uns ſchelten! Wer wird das wagen? rief der Jüngling, in edlem Zorn erglühend. Vergeßt Ihr denn, daß Ihr in Deutſchland ſeid, und daß Ihr Euer Blut für Euer Vaterland vergoſſen habt? Eure deutſchen Brüder werden Euch nicht verhöhnen, Sie werden nicht Vergnügen haben an Euren Leiden, Sie werden mit Euch hoffen auf einen beſſern und glücklichern Tag, wo dieſer übermüthige und verhaßte Feind uns Re⸗ vanche geben muß für die Schlachten von Jena und Auerſtädt. Beten Sie, mein junger Freund, daß das bald geſchieht, ſagte Graf Prickler ſeufzend. Beten? rief der junge Mann ungeſtüm. In ſolcher Zeit wie die unſrige iſt, genügt es nicht zu beten und auf Gott zu hoffen; man muß vielmehr handeln und wirken, und ſtatt die Hände zu falten, muß man ſie bewaffnen, ſei's mit dem Schwert oder dem Dolch. Mit dem Dolch? fragte Schill. Der Dolch geziemt ſich nur für Meuchelmörder. War Möros ein Meuchelmörder, weil er den Tyrannen Dionyſos erdolchen wollte? fragte der Jüngling zurück. War er nicht vielmehr ein edler und hochherziger Mann, den unſer großer Schiller ſeines Liedes werth gehalten gehalten? Wenn das Vaterland in Gefahr, iſt jede Waffe geheiligt, und jeder Weg iſt erlaubt, den ein kühnes Herz wandeln will zur Befreiung des Vaterlandes.& Nun, und der G Sie uns damit wir zu gehen? Ichk Mann, bi was ich m einen Mor Wunſche: und ſef und deſſe etſtaunt. Der Thrinen Ich ſromner nennt es Voffen ders vert hat in f ſie fürch und wöc genen§ angefleh nicht zu Mitter ich mich reichte n hal ver⸗ ſugte er „Velche habe nur Ard und i, ſagte wie Sie, emüthigt Schill; glühend. hr Euet Brider ben an rn und wie die n man n, muß nul für dionhſos vielnehr r ſeines fahr, iſt 8 Herz eb 29 Nun, ich ſehe ſchon, Ihr Herz wird die rechten Wege wandeln und der Gefahren nicht ſcheuen, ſagte Prickler freundlich. Aber ſagen Sie uns jetzt zunächſt, welche Wege Ihre Füße wandeln wollen, damit wir es ermeſſen können, ob es uns vergönnt iſt, mit Ihnen zu gehen? 23 Ich komme von Erfurt, wo meine Eltern wohnen, ſagte der junge Mann, bin die letzte Nacht in Weimar geweſen, und will jetzt thun, was ich meinem Vater feierlich in ſeine rechte Hand geſchworen habe, zu thun. Ich will nach Leipzig gehen. Und darf man fragen, was Sie in Leipzig wollen? Der junge Mann ſchwieg, und eine brennende Röthe überflog einen Moment ſein zartes, unſchuldvolles Angeſicht. Ich ſoll dort, dem Wunſche meines Vaters gemäß, die Handlung erlernen, ſagte er leiſe und tief beſchämt. Wie? Sie, welcher eine ſo edle Begeiſterung für das Vaterland und deſſen Krieger hegen, Sie wollen Kaufmann werden? fragte Schill erſtaunt.„ Der Jüngling hob ſeine blauen Augen zu ihm empor, und große Thränen hingen an ſeinen Wimpern. Ich ſoll Kaufmann werden, ſagte er leiſe. Mein Vater iſt ein frommer Prediger, und er haßt und verabſcheut das Kriegshandwerk; er nennt es eine Sünde, daß Menſchen auf ihre menſchlichen Brüder ihre Waffen richten, wie auf wilde Thiere, gegen welche man ſich nicht an⸗ ders vertheidigen kann, als indem man ſie erſchlägt. Meine Mutter hat in früheren Tagen auch alle Gräuel des Krieges kennen gelernt, ſie fürchtet daher die Schreckniſſe deſſelben für ihren einzigen Sohn, und möchte mich gegen dieſelben ſchützen. Mit Thränen, mit gerun— genen Händen, ja faſt auf ihren Knieen vor mir liegend, hat ſie mich angefleht, abzulaſſen von meinem Vorhaben, Soldat zu werden, und nicht zu machen, daß ihr Herz vor Kummer und Angſt bräche. Meine Mutter bat und weinte, mein Vater ſchalt und drohte, und ſo mußte ich mich wohl fügen, und ein gehorſamer Sohn ſein! Vor drei Tagen reichte mir mein Vater das Abendmahl, und vor dem Altar habe ich 30 dann in ſeine Hand geſchworen, treu dem Beruf zu bleiben, den er mir erwählt, und niemals Soldat zu werden! Er ſchwieg, und die Thränen, welche ſo lange in ſeinen Augen geſtanden, rollten jetzt wie durchſichtige Perlen über ſeine Wangen nieder. Armer Freund, murmelte Prickler leiſe. Beklagenswerther Bruder, ſagte Schill unwillig. Verdammt zu ſein, die Elle ſtatt des Schwertes zu führen! Wie kann ein Vater ſo grauſam ſein, das in unſerer Zeit von ſeinem Sohn zu verlangen. Mein Vater iſt nicht grauſam, ſagte der Jüngling ſanft, er will nur mein Beſtes, aber er will es in ſeiner Weiſe, nicht in der meinen! Dem Sohn ziemt es, nachzugeben und zu gehorchen. Ich werde alſo nicht Soldat werden, aber Gott weiß, ob es zu meinem Beſten iſt. Schon Manchen hat die Verzweiflung über einen verfehlten Beruf zu einem Verbrechen geführt! Aber reden wir nicht von mir, fuhr er fort, ſein Haupt unwillig ſchüttelnd, als wolle er die Thränen aus ſeinen Augen verjagen, reden wir nicht mehr von meinem kleinen erbärmlichen Kummer, ſondern von Ihrem großen Kummer, den ganz Deutſchland mit Ihnen theilt. Sie wiſſen jetzt Alles, was mich betrifft, und nur mein Name bleibt mir noch zu ſagen übrig. Ich heiße Staps; Friedrich Staps wird dereinſt die Firma meiner Handlung ſein, wenn ich die Zeit erlebe! Sie heißen Friedrich, wie Preußens großer König, ſagte Schill tröſtend, und wer kann wiſſen, ob Sie nicht auch noch, wie er, ein großer Soldat werden. Ich ſagte Ihnen ja, daß ich meinem Vater vor dem Altar ge⸗ ſchworen, niemals Soldat zu werden, ſeufzte Friedrich Staps. Ich werde den Schwur nicht brechen, den ich meinem Vater gethan, aber auch den nicht, den ich mir ſelber gethan! Den Schwur, ein redlicher und braver Mann zu werden, nicht wahr? fragte Prickler. Das braucht man nicht zu ſchwören, das verſteht ſich von ſelber, ſagte Friedrich Staps raſch. Mein Schwur lautet anders, aber Nie⸗ mand außer Gott darf ihn kennen. Wenn die Zeit gekommen iſt, ſolen Si und wenn und der Lbensziel Und unſere N Und ſtidt und für die n Friedrich und zu d Vaters g bei ihm wenn w ſondern d, Geſegnt lünden, öſſchen Ich ich gelei Un gezem, Mihe U ſondern und Ge des An nahm höh z S Nacht es in 2 er mir Augen angen mt zu ater ſo gen. er will reinen! e alſo en iſt. vuf zu et fort, ſeinen nlichen chland d nur iedrich ch die Schill , ein t ge⸗ 5 aber nicht ſelber, niſt 31 ſollen Sie von mir erfahren! Vergeſſen Sie meinen Namen nicht, und wenn Sie einſt von mir hören, ſo gedenken Sie dieſer Stunde und der Thränen, die Sie mich weinen ſahen um ein verfehltes Lebensziel. Und damit Sie auch unſerer gedenken können, müſſen Sie auch unſere Namen wiſſen, rief Graf Prickler, indem er ſich nannte. Und ich heiße Schill, ſagte dieſer. Wir haben gefochten bei Auer⸗ ſtädt und Jena, und irren jetzt umher, nach einem Lager und Quartier für die nächſte Nacht ſuchend. Das finden Sie dort in dem Dorf hinter dem Buſch, ſagte Friedrich Staps. Kommen Sie, ich führe Sie in das Dorf zurück und zu dem Prediger, dem ich eben im Vorbeigehen die Grüße meines Vaters gebracht habe. Er iſt ein braver und guter Mann, Sie werden bei ihm und ſeiner Frau freundliche Aufnahme und Pflege finden, und wenn wirklich Franzoſen kommen ſollten, wird er Sie nicht verrathen, ſondern Sie verbergen! O, welche köſtliche Worte Sie da ſprechen, rief Schill freudig. Geſegnet ſeien Ihre Lippen, die uns das Heil und die Rettung ver⸗ künden, denn ich ſage Ihnen nur dies: wir würden den Tod der fran⸗ zöſiſchen Gefangenſchaft vorziehen! Ich begreife das, ſagte Friedrich Staps einfach. Kommen Sie, ich geleite Sie dorthin. Und wir nehmen Ihr Erbieten an, wie es Freunden vom Freunde geziemt, ſagte Graf Prickler. Wir ſagen nicht:„wir machen Ihnen Mühe und Zeitverluſt, laſſen Sie uns alſo unſern Weg allein ſuchen,“ ſondern wir ſagen:„in dieſen ſchlimmen Tagen ſind wir alle Brüder und Gefährten im Unglück, und ſind Einer angewieſen auf die Hülfe des Andern! Kommen Sie alſo, Bruder, und führen Sie uns!“ Er legte ſeinen geſunden Arm auf Friedrichs Schulter, Schill nahm ſeinen andern Arm, und ſo gingen ſie langſam dem kleinen Ge⸗ hölz zu, aus welchem ſie Staps vorher hatte kommen ſehen. Sie ſagten vorher, Sie kämen aus Weimar und hätten dort die Nacht zugebracht, ſagte Graf Prickler im Vorwärtsſchreiten. Wie ſieht es in Weimar aus? Was ſagen die Leute, und wer iſt in Weimar? „ 32 Es ſieht aus wie in einer Hölle, erwiederte Staps. Man hört nichts als Wüthen und Schreien, man ſieht nichts als ſchreckensbleiche Geſichter, als Fliehende und Verfolgende. Die Straßen ſind vollge⸗ pfropft von Menſchen, Wagen und Reitern. Die Einwohner mit ihren Wagen wollen Weimar verlaſſen und ſich flüchten, ſie wiſſen ſelber nicht wohin, und an den Thoren werden ſie zurückgedrängt von den feindlichen Soldaten, welche ihren Einzug halten, oder von den Wagen, auf denen man die Verwundeten in die Stadt fährt. Und wie ſieht es auf dem Schloß aus? Die Herzogin iſt vor dem Zorn des Eroberers geflohen, nicht wahr? Nein, die Herzogin iſt geblieben, um für ihr Land und ihren Gemahl bei Napoleon um Schonung zu bitten. Iſt denn Napoleon ſchon in Weimar? Ja, er iſt heute Morgen von Jena herübergekommen. Die Her⸗ zogin hat ihn an der Treppe ſtehend empfangen, und vor ſeinen finſtern und hochfahrenden Blicken hat ſie die Augen nicht niedergeſchlagen, ſondern ihn angeſchaut mit der ſtolzen Ruhe einer edlen deutſchen Frau. „Sie ſind alſo nicht geflohen?“ fragte Napoleon barſch.„Sie fürchten alſo nicht meinen Zorn über das unkluge und feindliche Benehmen Ihres Gemahls?“ Die Herzogin ſah ihn ruhig an.„Sie ſehen es wohl, Sire, ſagte ſie, ich bin geblieben, weil ich Ihrer Großmuth vertraute und für meinen Gemahl und mein Volk bitten wollte!“ Na⸗ poleon ſah ſie lange ſchweigend an, ihre Würde und Ruhe ſchien ihm zu imponiren.„Das iſt ſehr ſchön von Ihnen, ſagte er nach einer langen Pauſe,„und um Ihretwillen, und weil Sie Vertrauen zu mir gehabt haben, will ich Ihrem Gemahl verzeihen.“*) Was weiter geſchah, weiß ich nicht, denn ich verließ das Schloß eben, als Na⸗ poleon ſich in die für ihn beſtimmten Zimmer zurückgezogen hatte. Meine Baſe, welche Kammerfrau der Herzogin iſt, erzählte mir, was ich Ihnen eben mittheilte. * *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Mémoires de Constant. Vol. IW. und: Geſchichte Napoleons von**Xr. II. S. 105. Und gehört? Sie nach Ma Ayl gön ſein neu ſchrieben, und ſchö Es Es ich Wein Exempla Leſe Schatten fühle m zuſamm Gle daß mei unverſch ich noch mhen. wollen Si welche d lich duf f ſein riedergl zogenen Kopfliſ O Eiche, den u ben lan uns he Mihu nhört hleiche ollge⸗ rmit wiſſen t von n den ſt vor ihren Her⸗ nſtern ageh⸗ Frau. chten men nes muth Na⸗ ihm iner mir eiter Na⸗ atte wab 33 Und von unſerem König und ſeiner Gemahlin haben Sie nichts gehört? Sie ſind Beide auf der Flucht, und wie man ſagt, werden ſie ſich nach Magdeburg begeben, wenn die ſie verfolgenden Feinde ihnen das Aſyl gönnen. Napoleons Haß und Zorn iſt noch nicht befriedigt, und ſein neueſtes Bulletin iſt wieder in der rohen Wachtſtubenmanier ge⸗ ſchrieben, wie alle ſeine letzten Bulletins, in denen er es wagt, die edle und ſchöne Königin zu beſchimpfen. Es iſt ſchon wieder ein Bulletin erſchienen? Es ward eben unter den einmarſchirenden Truppen vertheilt, als ich Weimar verließ. Ein Soldat, den ich darum bat, gab mir ſein Exemplar. Wollt Ihr es leſen? Leſen Sie es uns, ſagte Graf Prickler. Laſſen Sie uns hier im Schatten dieſer Bäume ein wenig ausruhen, denn ich geſtehe es, ich fühle mich bis in den Tod erſchöpft und meine Füße drohen unter mir zuſammenzubrechen. Und wie iſt es mit Ihnen, Kamerad? Glauben Sie, fragte Schill mit matter Stimme, glauben Sie, daß meine Wuth ſich nicht in Worten Luft gemacht hätte über dieſen unverſchämten Corſen, der unſere edle Königin zu ſchmähen wagt, wenn ich noch Kraft hätte zu ſprechen? Laſſen Sie uns niederſitzen und ruhen. Sehen Sie, da iſt eine ſchöne Eiche, unter ihrem Schatten wollen wir ruhen! ⸗ Sie wanderten langſam zu der großen dichtbelaubten Eiche hin welche da am Eingange des Gehölzes ſtand, und um deren Fuß herr⸗ lich duftendes grünes Moos gewachſen war. Mit Staps Hülfe und auf ſeinen Arm gelehnt, ließen ſich die beiden Officiere auf das Moos niedergleiten, und die hoch hervorquellenden, von grünem Raſen über⸗ zogenen Wurzeln der Eiche dienten ihren verwundeten Häuptern als Kopfkiſſen. Oh, wie ſchön ruht es ſich auf deutſcher Erde unter der deutſchen Eiche, ſeufzte Schill hochaufathmend. Hier möcht' ich liegen und zu den rauſchenden Blättern emporſchauen und träumen mein ganzes Le⸗ ben lang. Mein Gott, wie ſollte man, inmitten dieſes Friedens, der uns heute umgiebt, wohl glauben, welche furchtbaren Stunden des 3 Mühlbach, Napoleon. II. Bd. 3 34 wilden Mordens und Blutvergießens wir geſtern durchlebt haben! Iſt dies Alles denn Wahrheit und Wirklichkeit, oder haben wir nur einen böſen Fiebertraum gehabt? Faſſen Sie an Ihre Stirn, verſuchen Sie Ihren rechten Arm zu heben und Sie werden ſehen, welches die Wirklichkeit iſt, ſagte Prickler mit einem bittern Lachen, und wenn Sie dann noch Zweifel haben, ſo mag uns unſer junger Freund das neueſte Bulletin unſers Triumphators vorleſen. Aber verſprechen Sie, ihn nicht zu unterbrechen und ſich nicht zu ereifern über das, was wir hören werden? Ich verſpreche Ihnen, ganz ruhig zu ſein, denn meine Schwäche zwingt mich dazu. Leſen Sie, Freund Staps. Aber ich bitte Sie, leſen Sie gleich die deutſche Ueberſetzung, denn es hieße die Stille des Waldes und die Keuſchheit der deutſchen Eiche verletzen, wenn wir es wagen wollten, hier die Sprache unſerer Feinde hören zu laſſen. Leſen Sie! Friedrich Staps ſetzte ſich den Officieren gegenüber auf den Stumpf eines abgehauenen Baumes nieder, und ein Papier aus ſeinem Buſen hervorziehend, entfaltete er es und las: „Die Schlacht von Jena hat die Schande von Roßbach abge⸗ waſchen und in ſieben Tagen einen Feldzug entſchieden. Seit dem neunten Oktober ſind wir von Siegen zu Siegen geſchritten, und die Schlachten von Jena und Auerſtädt haben allen anderen Siegen die Krone aufgeſetzt. Die preußiſche Armee iſt auseinandergeſprengt und vernichtet. Der König irrt obdachlos umher, und die Königin wird jetzt mit bitteren Thränen es bereuen müſſen, daß ſie es war, welche ihren Gemahl zu dieſem unvernünftigen und ungerechten Kriege auf⸗ gehetzt hat. Bewunderungswürdig und herrlich war die Haltung und die glühende Kampfesluſt unſerer ganzen Armee, herzerhebend der Enthuſiasmus der tapferen Soldaten für ihren Feldherrn und Kaiſer. Wenn irgend eine augenblickliche Schwierigkeit entſtand, ſo hob ſie der Ruf: es lebe der Kaiſer! welcher alle Seelen belebte und alle Seelen mit ſich fortriß. Im größten Handgemenge ſah der Kaiſer, daß die Flügel von der Kavallerie bedroht waren, er ritt im Galopp hin, um neue Manoeuvres und die Veränderung der Fronte in ein Quarré ℳ auzuordnel Kaiſer! be gerünkt, Schon hör wendete ſi unbärtiger ich zu thu mandirt h ertheilen!“ tinſtimmi ſelben beg endlich ih beſteht in dreißig F Generile groß, Unſer 2 dreitauſe Ein leſen. T gelehnt, empor, Un Pauſe, det Hin Schmac Mithid Bullei ganz und E in die — tumpf Buſen t und wird welche eauf⸗ 9 und 1 der Kniſer. ſie der Seelen aß die n, um Marr 35 anzuordnen; bei jedem Schritt wurde er durch den Ruf: es lebe der Kaiſer! begrüßt und aufgehalten. Die kaiſerliche Garde fühlte ſich gekränkt, daß Alles handgemein und nur ſie außer Thätigkeit war. Schon hörte man verſchiedene Stimmen„Vorwärts!“ rufen; der Kaiſer wendete ſich um und fragte:„Was giebt es? Das muß gewiß ein unbärtiger junger Mann ſein, der mir vorgreifen und rathen will, was ich zu thun habe; er warte, bis er in dreißig Schlachten wird com⸗ mandirt haben, dann kann er darauf Anſprüche machen, mir Rath zu ertheilen!“ Die ganze Garde antwortete auf dieſe Anrede mit dem einſtimmigen, donnernden Ruf: es lebe der Kaiſer! und mit dieſem ſelben begeiſterten Ruf ſtürzte ſie dem Feinde entgegen, als der Kaiſer endlich ihr das Zeichen zum Angriff gab.— Der Erfolg dieſer Schlacht beſteht in dreißig bis vierzigtauſend Gefangenen, dreihundert Kanonen, dreißig Fahnen. Unter den Gefangenen befinden ſich mehr als zwanzig Generäle. Die Zahl der Todten bei der preußiſchen Armee iſt ſehr groß, man rechnet über zwanzigtauſend Todte und Verwundete.— Unſer Verluſt wird auf eintauſend bis zwölfhundert Mann Todte und dreitauſend Verwundete geſchätzt.“*) Eine tiefe Stille trat ein, als Staps das Bulletin zu Ende ge⸗ leſen. Die beiden Officiere lagen noch immer, den Kopf an die Eiche gelehnt, mit weitgeöffneten Augen da und ſtarrten zu dem Blätterdach empor, das ſich über ihnen wölbte. Und das muß man anhören, ſagte endlich Schill nach einer langen Pauſe, und das Herz bricht Einem nicht vor Wuth und Schmerz, und der Himmel verfinſtert ſich nicht, und die Erde thut ſich nicht auf, die Schmachbeladenen, Gedemüthigten zu verſchlingen aus Erbarmen, aus Mitleid, um ſie zu erretten vor dem Gefühl der Schande! Solche Bulletins gehen in die Welt hinaus und ganz Europa wird ſie leſen, ganz Europa wird erfahren, daß dieſer Freche es wagen darf, mit Hohn und Spott von unſerer Königin, der edelſten der Frauen, zu ſprechen. Er iſt der Herr der Welt und er wird noch viele ſolche Bulletins in die Welt himgus ſchicken, und noch viele Fürſten und Fürſtinnen *) Fünftes Bulletin von der großen Armee. 36 verhöhnen, fagte Graf Prickler. Er hat die Macht dazu, er braucht nur die Hand auszuſtrecken und die Reiche ſtürzen zuſammen, und die Völker fallen zu ſeinen Füßen nieder und flehen:„Laß uns Deine Sclaven ſein, und lege Deine Hand auf uns als unſer Gebieter und unſer Herr.“ Es iſt umſonſt, ſich gegen ihn aufzulehnen, unterwerfen wir uns alſo! Nein, rief Schill, ſich raſch aus ſeiner ruhenden Stellung auf⸗ richtend, nein, unterwerfen wir uns nicht, ſondern erheben wir uns! Wenn ein ganzes Volk ſich erhebt und ſeine Löwenmähnen ſchüttelt, ſo giebt es keine Fauſt, und wäre ſie ſelbſt von Eiſen, welche es bändi⸗ gen und halten kann. Aber unſer Volk erhebt ſich nicht wieder, es iſt zerſchmettert, ſeufzte Prickler traurig. Es ſchläft den Todesſchlaf! Nein, es iſt nicht zerſchmettert, nein, es wird nicht ſterben, rief Schill in ſchmerzvoller Wuth. Es kommt nur darauf an, ihm die rechte Lebenskraft einzuflößen und es aus ſeiner Lethargie zu erwecken mit begeiſterndem Zuruf, wie uns vorher in unſerer Trübſal unſer junger Freund hier begeiſtert und gekräftigt hat mit ſeinem deutſchen Lied. Oh, ſingen Sie noch einmal, Freund Staps, reinigen Sie die Luft, welche noch verpeſtet iſt von den Lauten des kaiſerlichen Bulletins, reinigen Sie ſie mit einem friſchen, deutſchen Lied, und laſſen Sie die deutſche Eiche, welche unſere Schmach gehört hat, nun auch ein deut⸗ ſches Manneswort vernehmen. Singen Sie und möge Ihr Lied hin⸗ überſchallen zu unſern Kriegern, welche auf dem Schlachtfeld ihr Leben aushauchen, und möge es ihnen den Troſt ins Ohr flüſtern: Ihr ſterbt für Deutſchland, aber Deutſchland ſtirbt nicht. Es wird leben und auferſtehn! Ja, ich will ſingen, rief Friedrich Staps begeiſtert, aber ich wollte, daß jeder Ton, der mir aus der Bruſt hervorquillt, ſich in ein Schwert verwandelte, das mit des Sturmwindes Zorn um mich ſauſete! Dann würden wir Alle, und Sie ſelber zuerſt ja erſchlagen wer⸗ den, ſagte Prickler mit einem traurigen Lächeln. Was liegt an dem Leben Einzelner, wenn es für das Vaterland dahingegeb wire in S Roſt zu le zu ſingen, zun Nutzer weinen, al Scävola w Tyrannen Und; ſtrahlenden braucht nd die Deine rund werfen g auf⸗ uns! elt, ſo bändi⸗ eufzte rief m die wecken unſet tſchen etins, ie die deut⸗ hin⸗ Leben Ihr leben vollte, hwert wel⸗ rland 37 dahingegeben wird, rief Staps glühend. Oh, glaubt mir nur, ich wäre im Stande, wie Mutius Scävola meine Hand auf den glühenden Roſt zu legen und nicht zu zucken vor Schmerz, ſondern Jubellieder zu ſingen, wenn ich denken könnte, daß meine Qualen dem Vaterlande zum Nutzen gereichten. Jetzt kann ich nur ſingen, nur beten, nur weinen, aber wer weiß, ob ich nicht eines Tages ein zweiter Mutius Scävola werde, oder ein zweiter Möros, der hingeht, die Welt vom Tyrannen zu befreien! Und plötzlich ſeine Stimme höher erhebend, mit vor Begeiſterung ſtrahlendem Angeſicht, begann er zu ſingen: Friſch auf! es ruft das Vaterland Die Männer in die Schlacht. Friſch auf! Zu dämpfen Trug und Schand', Heran mit Macht, mit Macht! Heran und braucht den Männerleib, Wozu ihn Gott gebaut: „Zum Schirm der Jungfrau und dem Weib, Dem Säugling und der Braut! Denn ein Tyrann mit Lügenwort Und Strick und Henkerſchwert Uebt in dem Vaterlande Mord Und ſchändet Thron und Heerd, Und will, ſo weit die Sonne ſcheint Der einz'ge König ſein; Ein Menſchenfeind, ein Freiheitsfeind Spricht er: die Welt iſt mein! Verhüt' es Gott und Hermann's Blut! Nie werde ſolches wahr! Erwache, alter deutſcher Muth, Der Recht und Licht gebar! Erwache! ſonder Raſt und Ruh, Schlag' Jeden, der Dir droht, Und ruf' ihm deutſche Looſung zu: Sieg gelt' es, oder Tod! 38 Sieg gelt' es oder Tod! riefen die beiden Officiere, ihre Hände und Blicke gen Himmel erhebend. Wann werden die Deutſchen ſo ſingen und handeln? ſagte Graf Prickler dann ſchmerzlich. Wann wir ſie geweckt haben! rief Schill freudig. Denn das iſt unſerer Aller Aufgabe jetzt: die Deutſchen zu wecken und ſie zu mahnen an ihre Pflicht und ihre Ehre, und dazu muß Jeder ſeine Stimme erheben, und darnach muß Jeder leben und handeln! Die Zeit iſt vorüber, wo das Volk etwas Anderes war als die Armee, und wo der Civiliſt den Soldaten haſſen konnte. All dieſen Haß und dieſe Son⸗ derintereſſen haben wir geſtern auf den Schlachtfeldern von Jena und Auerſtädt begraben. Gott hat gewollt, daß unſere Armee geſchlagen werde, damit wir erkennen möchten, daß ſie taub war in ihrem innerſten Kern und keine Lebenskraft mehr in ſich trug. Aber dieſer Bonaparte, der meint, er handle nur ſo aus eigner Kraft und eignem Ermeſſen, er iſt doch weiter nichts, als die Geißel, deren ſich Gott bedient, um uns zu züchtigen! Und wenn Gott uns genug gezüchtigt hat, ſo wird er die Geißel aus ſeiner Hand werfen, und ſie wird daliegen und wird verachtet und zertreten werden, während wir uns erheben und wieder ein Volk werden, das Gott lieb hat. Aber damit es dahin komme, muß Preußens Volk erweckt und erhoben werden. Jeder Einzelne muß fühlen und erkennen, daß er Soldat iſt der großen Armee, die wir dereinſt der ſogenannten großen Armee Napoleons gegenüber ſtellen wollen, und wenn der Ruf:„Zu den Fahnen“ an ihn erſchallt, muß er ſich ſtellen und das Schwert nehmen, und es ſtolz empfinden, daß die heilige Rache des Vaterlandes in ſeinen Händen liegt. Aber wenn Niemand da iſt, der den Ruf: zu den Fahnen! erſchallen läßt, wie ſoll denn da das Volk kommen? Wir ſind da und wir werden es rufen! ſagte Schill energiſch. Jetzt dürfen wir nicht warten, bis die Generäle uns rufen, jetzt müſſen wir ſelber Generäle ſein und Armeen bilden, Jeder in ſeiner Weiſe, Jeder nach ſeiner Kraft. Das ganze Land müſſen wir durchziehen, überall müſſen wir Rekruten werben. Da wir keine ſtehende Armee haben, müſſen wir einzelne Streifcorps bilden und damit den Feind necken ſtechen der gr ſeinen erſtehe Alle; zoms geiſte ſonde der ſ rief Fliſ zum 5 ved zu ein ſch ſch Hände eGraf dos iſt nahnen Stimme Zeit iſt wo der Son⸗ na und chlagen merſten taparte, meſſen, nt, um o wird d wird wieder komme, ne muß die wir ſtellen „muß n, daß ſchallen egiſch müſſen Weiſe, iehen⸗ Armee eind 80 necken und beläſtigen. Der ſtärkſte Löwe fällt, wenn viele Bienen ihn ſtechen. Jeder Preuße muß ein Verſchworener werden und muß zu der großen Verſchwörung ſeinen Nachbar heranziehen und dieſer wieder ſeinen Nachbar. Geheime Geſellſchaften und Bündniſſe müſſen überall erſtehen und wirken und ſchaffen mit Wort und Rath, bis daß wir Alle zuſammenſtehen wie ein Mann und mit der Macht unſers Gottes⸗ zorns den Tyrannen verjagen, der uns geknechtet hat! Ja, Sie haben Recht, ſo ſoll, ſo muß es ſein! rief Prickler be⸗ geiſtert. Sie haben Recht, wir dürfen nicht kleinmüthig verzagen, ſondern Alles hoffen und Alles wagen. Jeder muß ein Feldherr ſein, der ſeine Truppen wirbt und mit ihnen kämpft, wo und wie er kann!. Auch ich werde meine Truppen werben und mit ihnen kämpfen, rief Staps ſtrahlenden Auges. Aber meine Truppen werden nicht von Fleiſch und Blut ſein. Meine Truppen ſind die Lieder, die ich ſinge, und eines Tages werde ich mit ihnen ausziehen und den Tyrannen zum Kampf fordern auf Leben oder Tod! Ihr habt's geſagt, es muß Jeder kämpfen auf ſeine Weiſe und mit ſeiner Kraft, laßt mich auch kämpfen auf meine Weiſe! Gehe hin und kämpfe, und der Segen aller Tapfern ſei mir Dir! rief Schill, ſich erhebend und ſeine Hand auf des Jünglings Haupt legend. Laßt uns hier unter der deutſchen Eiche einen feierlichen Schwur leiſten, unſer Leben, Gut und Blut dem Vaterlande zu weihen. Ja, riefen Prickler und Staps, wir ſchwören dies! Laſſet uns ſchwören, kein anderes Ziel zu haben, als Deutſchlands Befreiung von der Hand des Tyrannen. Wir ſchwören, kein anderes Ziel zu verfolgen, als Deutſchland zu befreien von der Hand des Tyrannen! riefen Prickler und Staps. Wir ſchwören, uns von dieſer Stunde an als Soldaten der großen lche noch ruht in dem Herzen des Volks, aber Armee zu betrachten, we Mir Wir eines Tages aus demſelben hervortreten wird, fuhr Schill fort. ſchwören, daß wir kein Mittel unverſucht laſſen wollen, unſerer großen Armee neue Truppen anzuwerben und neue Arme zu gewinnen. Wir ſchwören, daß unſer Leben nichts ſein ſoll, als ein unerbittlicher, nie⸗ mals ermattender Kampf gegen den Tyrannen! Wir ſchwören, daß 40 wir lieber ſterben und die Hand an uns ſelber legen wollen, als dieſem Kampf zu entſagen und dem Tyrannen uns zu unterwerfen! Wir ſchwören Rache dem Tyhrannen und Befreiung dem Vaterlande! Wir ſchwören, daß wir lieber ſterben und Hand an uns ſelber legen wollen, als dieſem Kampf zu entſagen und dem Tyrannen uns zu unterwerfen! riefen die beiden Andern. Wir ſchwören Rache dem Tyrannen und Befreiung dem Vaterlande! Die deutſche Eiche hat unſere Worte gehört und Gott hat unſern Schwur empfangen, ſagte Schill feierlich. Und jetzt, meine Freunde, laſſet uns ſtill von dannen gehen, einem neuen Leben, einer neuen Zukunft entgegen! Der Geiſt hat ſeine Fittige geſchwungen, jetzt laßt uns ſorgen für den Leib, damit er die Kraft habe, das Wollen des Geiſtes auszuführen! Kommt, laßt uns weiter gehen! Sie gingen weiter, und bald war das kleine Dorf erreicht und das Pfarrhaus, zu welchem Staps ſie geleitete. Der Pfarrer war frendig bereit, die Verwundeten aufzunehmen, und die Pfarrerin öffnete den willkommenen Gäſten ihre beſten Zimmer und ſchwur gleich ihrem Gatten, mit ihrem Leib und Leben die Thür der Verwundeten zu ſchützen und zu vertheidigen, wenn feindliche Sol— daten bis hierher dringen ſollten, um nach verſteckten Verwundeten zu ſuchen. Jetzt ſeid Ihr geborgen, jetzt kann ich gehen! ſagte Friedrich Staps, als er wieder allein war mit den Freunden, während der Pfarrer und ſeine Gattin hinausgegangen waren, alles zur Bequem⸗ lichkeit ihrer Gäſte Erforderliche herbeizuholen. Ich darf nicht länger verweilen, denn ich habe meinem Vater angelobt, ungeſäumt nach Leipzig zu eilen, und ich muß ihm Wort halten, wie ich Euch Wort halten werde! Lebt wohl, meine Freunde, und möge Gott Euch ſchützen, und mögen Eure Thaten die Welt mit Eurem Ruhm erfüllen, damit auch der arme Kaufmannsburſche in Leipzig von Euch höre! Der arme Kaufmannsburſche in Leipzig iſt ja auch ein Soldat unſerer großen Armee der Zukunft, ſagte Schill, wir haben ihn an⸗ geworben und er wird hingehen und ſeine Pflicht thun für unſer Vaterland. Ja und h Gott, at Auf mit eine St einmal ſahen ſie Di zu deck brachte Zu ſagte er lange b in geei mich al — S zu einer die Wu zum Gl I fugte In wollen, ſchonen jett ſo nen W heute 1 dürfen. D dſſicier glihend ahnend ieſem Vir ſelber uns dem nſern unde, neuen laßt des und men, mer hür Sol⸗ eten drich der em⸗ iger ach Lort tzen, amit dat an⸗ ſer 41 Ja, glaubt das ſicherlich, er wird ſeine Pflicht thun, rief Staps, und Ihr werdet eines Tages von ihm hören. Lebt wohl, und will's Gott, auf Wiederſehen! Auf Wiederſehen! riefen die beiden Officiere, von dem Jüngling mit einem herzlichen Händedruck Abſchied nehmend. Staps verließ eiligſt das Gemach; als er ſich an der Thür noch einmal umwandte und die Freunde mit einem raſchen Kopfnicken grüßte, ſahen ſie, daß in ſeinen Augen Thränen hingen. Die Frau Pfarrerin trat jetzt ein, um den Officieren den Tiſch zu decken zu dem von ihr ſelbſt bereiteten Mahl, und der Pfarrer brachte dazu aus ſeinem Keller eine Flaſche alten Rheinweins. Zuerſt aber muß ich Ihren Arm ſehen und verbinden, mein Herr, ſagte er, ich verſtehe mich ganz gut auf das Verbandanlegen und bin lange bei einem Chirurgen in die Lehre gegangen, um meinen Dörflern in geeigneten Fällen die Koſten für denſelben zu erſparen. Laſſen Sie mich alſo bei Ihnen auch den Wundarzt vorſtellen! Schill war freudig bereit dazu, und nachdem die Pfarrerin alles zu einem Verband Nöthige herbeigeſchafft hatte, unterſuchte der Pfarrer die Wunde und reinigte ſie von dem erſtarrten Blute. Es iſt eine ſehr tiefe Fleiſchwunde, ſagte er, aber der Knochen iſt zum Glück nicht verletzt. Ich werde alſo bald wieder meinen Arm gebrauchen können? fragte Schill freudig. In den erſten Wochen nicht, wenn Sie nicht Gefahr laufen wollen, daß die eiternde Wunde brandig wird. Sie müſſen ſich ſehr ſchonen und in vollkommener Ruhe leben. Ihre Hände brennen ſchon ietzt fieberhaft, das Wundfieber wird ſehr heftig ſein. Ich habe mei⸗ nen Wein leider umſonſt gebracht. Die beiden Herren werden ihn heute und wahrſcheinlich auch morgen und übermorgen noch nicht trinken dürfen. Die erſten drei Tage wird das Wundfieber ſehr ſtark ſein.— Der Pfarrer hatte richtig prophezeiht, drei Tage lang konnten die Officiere ſich nicht von ihren Lagern erheben, drei Tage lagen ſie fieber⸗ glühend, mit weitgeöffneten Augen in wilden Phantaſieen da, nichts ahnend von der Gefahr, die ſie bedrohte. Es war ein franzöſiſches 42 Regiment in das Dorf gekommen, um dort Nachtquartier zu nehmen, und vier Officiere waren in's Pfarrhaus zur Einquartirung gelegt. Aber ſchon als man die Franzoſen auf das Dorf heranrücken ſah, hatte der Pfarrer mit ſeiner Gattin und ſeinen Dienſtleuten die Ver⸗ wundeten fortgeſchafft, und ihnen fern von dem Hauſe auf dem Heu⸗ boden einen ſicheren Verſteck bereitet. Der Pfarrer ſelbſt war bei ihnen geblieben, und während die Frau Pfarrerin die franzöſiſchen Officiere empfing und ihnen berichtete, daß ihr Mann verreiſt ſei, ſaß der gute Pfarrer auf dem Heuboden neben den Verwundeten, ſie mit der Sorgſamkeit eines Vaters und eines Arztes zugleich pflegend. Die Thür zu dieſem Aſyl hatte er verſchloſſen, und das geladene Gewehr und der bloße Degen lagen bereit, um, wenn die Franzoſen auch hier eindringen wollten, ſie mit Gewalt zurückzutreiben. Aber die Gefahr ging vorüber und auch das Wundfieber ward milder. Nach vier Tagen waren die beiden Verwundeten kräftig und ſtark genug, um weiter zu gehen. Der Pfarrer ſelbſt führte ſie in ſeinem kleinen Wagen bis zum nahen Städtchen, dort kauften ſie ſich Jeder ein Pferd und ſetzten ihre Reiſe fort. Aber nicht gemeinſchaft⸗ lich, ſondern auf getrennten Wegen. Graf Prickler ſchlug den Weg nach Breslau ein, Ferdinand von Schill wandte ſich nach Kolberg. Bever ſie ſich aber trennten, reichten ſie ſich noch einmal herzlich die Hand. Gedenken wir des Schwurs unter der deutſchen Eiche, ſagte Schill. Ja, wir werden deſſen gedenken, erwiederte Prickler. Wir werden das Vaterland nicht aufgeben und verlaſſen, ſondern ihm dienen und nützen mit aller unſerer Kraft, und wenn unſere Kraft zu Ende iſt, werden wir zu ſterben wiſſen! g E mung Berlin endlich Franz zehnte noch Schla ſig Berl den ſimm wöhn ſich 7 unter Nach ender Octo weßl man den Ede Viſ des die hegt ehmen, legt. en ſah, ie Ver⸗ n Heu⸗ ar bei öſiſchen ſei, ſaß ſie mit d. Die Gewehr uch hier er ward ftig und e ſie in ſie ſich inſchaft⸗ en Weg verg. herzlich werden nen und Ende iſt, IV. In Berlin. Eine dumpfe Schwüle lagerte über Berlin, eine ängſtliche Span⸗ nung herrſchte in allen Gemüthern. Einzelne Gerüchte waren nach Berlin gelangt; man erzählte ſich, daß es am vierzehnten October endlich zu einer Schlacht zwiſchen der preußiſchen Armee und den Franzoſen gekommen ſei, und heute war ſchon der Morgen des acht⸗ zehnten October und noch immer hatte man keine Nachrichten erhalten, noch immer wußte man nichts Beſtimmtes über den Ausgang der Schlacht. Aber man ſagte ſich, daß, wenn derſelbe für Preußen gün⸗ ſtig geweſen, die Couriere, von der Freude beflügelt, längſt ſchon in Berlin eingetroffen ſein würden, und dieſes lange Schweigen däuchte den Berlinern ängſtlicher und entſetzlicher noch als irgend eine be⸗ ſtimmte, wenn vuch unglückliche Nachricht. Niemand mochte mehr arbeiten, Niemand mochte mehr den ge⸗ wöhnlichen Beſchäftigungen des Tages nachgehen; Jedermann fühlte ſich wie von einem geheimen Schrecken gelähmt, Jedermann eilte hin⸗ unter auf die Straßen, als erwarte er, daß irgend eine entſcheidende Nachricht durch die Luft daher fliegen und dieſe entſetzliche Spannung enden würde. Ganz Berlin ſchien daher heute, am Morgen des achtzehnten Octobers, ſich auf den Straßen ein Rendezvous zu geben, in uner⸗ meßlichen Wogen drängte ſich das Volk nach dem Hauſe des Com⸗ mandanten von Berlin; aber heute beſtand das Volk nicht blos aus den unteren Klaſſen der Geſellſchaft, heute hatten ſich mit ihnen die Edelſten und Beſten, die Männer des Geiſtes und der Bildung, der Wiſſenſchaft und Künſte geeint. Heute gab es auch keinen Unterſchied des Ranges und Standes, Jeder fühlte ſich dem Andern zugehörig in gleicher Sorge, Angſt und Liebe, Jeder wußte, daß alle die Tauſende, die ihn umgaben, mit ihm dieſelben Wünſche, dieſelben Befürchtungen hegten, und in dieſer Gleichheit der Geſinnung verſchwanden heute 44 alle Unterſchiede der Stände. Vornehme und Reiche, Arme und Ge⸗ ringe, Alle fühlten ſie ſich heute nur als Preußen, als Deutſche, Alle waren ſie nur von dem Einen Wunſch beſeelt, endlich zu erfahren, welches der Erfolg der Schlacht geweſen, und ob die Preußen, getreu ihrem alten Kriegsruhm, den Feind beſiegt hätten, oder ob auch ſie, gleich allen Andern, Napoleon unterlegen wären. Tauſende eilten daher nach der Wohnung des Grafen von der Schulenburg, des Gouverneurs von Berlin, Tauſende riefen mit lauter Stimme nach ihm, und als der Graf dann auf den Balcon ſeines Hauſes trat und nach dem Begehr der Verſammelten fragte, ſchrieen Hunderte von Stimmen in donnerndem Chor ihm entgegen: Wir wol⸗ len Nachrichten von unſerer Armee haben! Wir wollen wiſſen, ob die Armee eine Schlacht geſchlagen und ob ſie beſiegt worden iſt? Graf Schulenburg zuckte die Achſeln, und inmitten der Todes⸗ ſtille, die jetzt plötzlich eingetreten war, hörte man weithin über den Platz ſeine ſchallende Stimme, welche ſagte: Ich habe noch immer keine beſtimmten Nachrichten erhalten, aber ſobald ich deren habe, werde ich es für meine erſte Pflicht erachten, ſie den guten Einwohnern Ber⸗ lins mitzutheilen. Und der Gouverneur trat ſchwankenden und unſichern Schrittes wieder vom Balcon in das Haus zurück. Einen Moment noch ſtand das Volk ſchweigend da und ſchien noch immer den Worten zu lau⸗ ſchen, die es eben vernommen hatte; auf einmal aber rief eine laute mächtige Stimme aus der Menge: Wenn der Gouverneur von Berlin nichts weiß, ſo weiß vielleicht der Profeſſor Lange etwas. Er hat ja eigens ein Journal gegründet, um uns darin die neueſten Nachrichten vom Schlachtfeld mitzutheilen; gehen wir zu ihm und fragen wir ihn, was der Telegraph ſagt.*) Ja, ja, gehen wir zu ihm hin und fragen wir, was der Telegraph *) Der Telegraph war ein Journal, welches ein Profeſſor Lange zur Zeit des Ausmarſches der Truppen aus Berlin gründete, und in welchem er mit enthuſiaſtiſchen Lobeserhebungen des„unüberwindlichen Heeres Friedrichs des Großen“ verſprach, immer die neueſten Nachrichten vom Kriegsſchauplatz mit⸗ theilen zu wollen. ſagt, Wer ka I zwor g ſtraße A legraph den O dahin 7 — Vir w uns Ne D und ein Ihr vr Ihr v A ob es 6 Seit d Eine, quartie und ſie müßte Ge⸗ Alle hren, Rtreu h ſie, der auter ſeines rieen wol⸗ die odes⸗ den nmer verde Ber⸗ ittes tand lau⸗ aute rlin t ja hen ihn, raph mit des mit 45 ſagt, rief und ſchrie die Menge. Wo wohnt der Profeſſor Lange? Wer kann uns zu ihm führen? Ich kann Euch zu ihm führen, ſagte dieſelbe Stimme, welche ſchon zuvor geſprochen hatte. Der Profeſſor Lange wohnt in der Leipziger⸗ ſtraße Numero Zwanzig. Auf, auf, zum Profeſſor Lange! Wir wollen hören, was der Te⸗ legraph ſagt, rief die Menge, und mit Sturmesſchritten ging es über den Opernplatz, über den Gensd'armenmarkt und die Charlottenſtraße dahin nach der Leipzigerſtraße zu der Wohnung des Journaliſten. Der Telegraph! der Telegraph! ſchrie und brüllte die Menge. Wir wollen wiſſen, was der Telegraph ſagt. Profeſſor Lange, gebt uns Nachrichten vom Kriegsſchauplatz! Da oben in der erſten Etage öffnete ſich jetzt haſtig ein Fenſter und ein bleiches, entſetztes Männerangeſicht ſchaute hervor. Was wollt Ihr von mir? fragte eine zitternde, bewegte Stimme. Was verlangt Ihr vom Telegraphen? Wir verlangen Nachrichten von der Armee! Wir wollen wiſſen, ob es wahr iſt, daß wir eine Schlacht verloren haben? Gott verhüte, daß es ſo ſei, ſagte der Mann da oben am Fenſter. Seit drei Tagen bin ich ſelber ohne alle Nachricht; ich weiß nur das Eine, daß der Geheime Kabinetsrath Lombard, welcher im Haupt⸗ quartier in Weimar geweſen, ſeit geſtern Abend wieder in Berlin iſt und ſich in ſeiner Wohnung befindet. Herr Geheime Rath Lombard müßte daher die beſte Auskunft geben können. Lombard! Lombard! ſchrie die Menge, indem ſie dieſen Namen mit einer Verwünſchung begleitete; wie er jetzt einem Lauffeuer gleich durch das Publikum dahin lief, verfinſterten ſich alle Geſichter und jede Stimme nahm einen drohenden, finſteren Ausdruck an. Lombard iſt an Allem Schuld! murrten Einige hier und dort, und „Lombard iſt an Allem Schuld!“ tönte es lauter und lauter, wie wenn der Sturm, über das Meer dahinrauſchend, deſſen Wellen zu immer höheren Wogen aufpeitſcht und es aufſchäumen und aufbrüllen macht vor Zorn und Wuth. 46 Lombard iſt an Allem Schuld! brüllte, ſchrie und drohete jetzt dies wogende ſchwarze Meer des Volks. Lombard hält es mit den Fran⸗ zoſen, er hat Frankreich immer heimlich Nachricht gegeben von unſerer Armee, und wenn die Preußen jetzt beſiegt ſind, ſo wird er ſich deſſen freuen. Wir wollen zu Lombard gehen und er ſoll uns ſagen, was er weiß. Wehe ihm aber, wenn es ſchlimme Nachrichten ſind! Und die wilden zürnenden Volkswogen rollten jetzt mit wildem Geheul die Straße hinunter, wieder nach den Linden und nach der Wohnung des Geheimen Raths Lombard hin. Alle Fenſter ſeines Hauſes waren verhangen, wie ſie es ſeit vier⸗ zehn Tagen geweſen, ſeit der Geheime Rath Lombard, der Günſtling des Miniſters von Haugwitz, ſich in das Hauptquartier nach Weimar begeben hatte. Aber der Profeſſor Lange hatte, vielleicht nur in der Abſicht, um die allgemeine Aufmerkſamkeit von ſich ab und auf den verhaßten Mann hinzulenken, geſagt, Lombard ſei wieder heimgekehrt, und die Menge glaubte ihm. Lombard! Lombard! riefen hundert und aber hundert Stimmen, und die Augen, welche vorher nur trübe und angſtvoll geblickt, waren jetzt düſter und drohend, und manche Fauſt hob ſich gegen die ver⸗ hangenen Fenſter empor, und manche Verwünſchung und Anklage ward laut. Wenn die Sachen ſchlimm gehen, ſo iſt Lombard daran Schuld, rief Einer. Wenn er daran Schuld iſt, ſo ſoll und muß er büßen! rief ein Anderer. Er hat kein Herz für Preußens Ehre und Ruhm, ſchrie ein Dritter. Er iſt ein Deutſch⸗Franzoſe, und ihm wär's Recht, wenn ganz Preußen eine franzöſiſche Provinz würde. Wenn er's zu machen wüßte, ſo thät' er es, und müßte er ſelbſt den König und die Königin darüber in Ge⸗ fangenſchaft und Elend bringen! Er hat uns ſchon in's Elend gebracht, rief ein Anderer. Die ruſ⸗ ſiſche Armee, welche die unfrige unterſtützen ſollte, müßte längſt ſchon hier ſein, aber er hat die Depeſchen aufgehalten, in denen der König nerte es die Wit waffnete die Ma begann des Ha A uns R ſich nis eine ( wilde Meng und A daher durchp ſich hi Reben gen h ihn g richte Köni aufbi . t dies Fran⸗ nſerer deſſen as er vildem ch der t vier⸗ nſtling eimar in der f den ekehrt, mmen, waren e ver⸗ nlage Nitter. reußen thit in Ge⸗ ie mſ⸗ ſchon gönig 47 dem Kaiſer das Ausrücken ſeiner Armee anzeigte. Er iſt Schuld, daß die Ruſſen noch nicht hier ſind.*) Er iſt Schuld daran, daß die Ruſſen noch nicht hier ſind! don⸗ nerte es im wilden zürnenden Chor, und ſchon begannen hier und da die Wüthenden mit Gewalt gegen das Haus vorzudringen, ſchon be⸗ waffneten ſich manche Hände mit Steinen und ſchleuderten ſie gegen die Mauern und gegen die Fenſter, daß ſie klirrend zerbrachen, ſchon begannen Andere mit nervigten Fäuſten gegen die verſchloſſene Thür des Hauſes zu ſchlagen und rüttelten an dem Schloß derſelben. Aufgemacht! Aufgemacht! Wir wollen Lombard ſehen! Er ſoll uns Rechenſchaft geben! ſchrieen die Wüthenden. Wehe ihm, wenn er ſich nicht rechtfertigen kann! Wehe ihm, wenn es wahr iſt, daß wir eine Schlacht verloren haben! Wehe ihm, wenn— Still! Still! übertönte jetzt eine laute gebieteriſche Stimme das wilde Geſchrei. Seht nur, da kommt ein Courier. Ein Courier! Ein Courier! rief das laute, ſchallende Echo der Menge, und Alles ſtürzte von dem Hauſe zurück auf die Straße hin, und Aller Augen wandten ſich dem Reiter zu, der im vollen Galopp daher geſprengt kam. Wie auf Commando öffnete ſich vor ihm die Menge und ließ ihn durchpaſſiren, aber mit jedem Schritt, den er vorwärts that, ſchloſſen ſich hinter ihm wieder die lebendigen Wogen, und von ihnen rings um⸗ geben und eingeſchloſſen, kam er nur langſam vorwärts. Aber der Courier mit dem düſteren Antlitz und den bleichen Wan⸗ gen hatte ganz das Ausſehen eines Boten des Unglücks, und wie man ihn anſchaute, murmelte es hier und dort: Er bringt ſchlimme Nach⸗ richten! Es ſteht ein Unglück auf ſeiner Stirn geſchrieben! Laßt mich hindurch, rief er mit flehender Stimme; im Namen des Königs, laßt mich vorwärts. Und er ſetzte ſeinem Pferd die Sporen in die Seiten, daß es hoch aufbäumte und die Umſtehenden ſcheu zurückweichen ließ. *) Dies war damals in Berlin und überall die Meinung, und deshalb ward Lombard in Berlin wie in Stettin von dem erzürnten Volk bedroht. S = 48 Im Namen des Königs, der König lebt alſo noch? rief es jetzt aus der Menge. Ja, der König lebt! antwortete der Courier traurig. Ich bringe Depeſchen von ihm an den Gouverneur von Berlin und an den Ge⸗ heimen Rath Lombard. Und was enthalten dieſe Depeſchen? ſchrieen tauſend Stimmen. Das weiß ich nicht, und wenn ich es wüßte, dürfte ich es doch nicht ſagen. Der Herr Commandant wird den Einwohnern Berlins die Nachrichten mittheilen. Er bringt ſchlimme Nachrichten, ſonſt würde er ſie uns ſagen, murmelte die Menge. Aber wir wollen und wir müſſen Alles wiſſen! Sagt uns die Nachrichten. Ich darf nicht, ich weiß nichts! rief der Courier, der eben bis zum Hauſe Lombard's vorgedrungen war, und um deſſen Pferd ſich jetzt die Maſſen ſo dicht herandrängten, daß es nur mühſam die Füße zu heben vermochte. Laßt mich, Ihr guten Leute, ich beſchwöre Euch, laßt mich hier abſteigen, flehte der Courier. Ich muß meine Depeſchen an den Herrn Geheimen Rath Lombard abgeben. Laßt ihn doch die Depeſchen abgeben, rief eine Stimme. Wir wollen nachher Herrn Lombard wohl nöthigen, uns den Inhalt der Depeſchen mitzutheilen. Ja, es iſt wahr, er ſoll ſeine Depeſchen abgeben, riefen Alle, und Lombard ſoll uns nachher ſagen, was darin ſteht. Die Menge wich zu beiden Seiten der Thür zurück und geſchäftige Hände waren bereit, dem Courier beim Abſteigen behülflich zu ſein. Aber bevor noch der Courier Zeit gehabt, vom Pferd zu ſteigen, rief Einer fernher aus der Menge: Fragt ihn erſt, wo die Königin iſt? Ja, ja, wo iſt die Königin? ſchrieen tauſend und tauſend Stim⸗ men. Wo iſt die Königin? Die Königin? rief der Courier. Ich traf ſie eben eine Viertel⸗ ſtunde vor der Stadt, und habe auch ihr Depeſchen gegeben.*) Die *) Der Courier, welcher der Königin die Nachricht von den verlorenen Schlachten brachte, traf ſie kurz vor Berlin. Köniin den Br geogen, Di Tauſen riers ge jett, vo dem her vergeſe des Ha St flüſtert den G geiffne Coure — L Sin bohrte ) liebes ſchwen ſih zu I Ferßte liebte Uugen doch Seiten 4 Frend Mih es jetz bringe n Ge⸗ mmen. 8 doch Berlins ſagen, wiſſen! en bis id ſich eFüße h hiet Herrn Wir t der , und äftige ein. eigen, in iſt? Stim⸗ ertel⸗ Die orenen 49 Königin? Seht dorthin! Und mit dem erhobenen Arm deutete er nach dem Brandenburger Thore hin. Wirklich ſah man dort ſo eben einen Wagen, von ſechs Pferden gezogen, in raſchem Lauf daher kommen. Die Königin, das iſt die Königin! rief und jubelte Alles, und die Tauſende, welche eben noch ſo begierig auf die Nachrichten des Cou⸗ riers geweſen und Lombard zur Verantwortung ziehen wollten, ſtürzten jetzt, von Einem Impuls, von Einem Gedanken getrieben, von dannen, dem heranbrauſenden Wagen entgegen. Währenddeß ſchwang ſich der Courier, deſſen Daſein man ganz vergeſſen zu haben ſchien, vom Pferde und klopfte leiſe an die Thür des Hauſes. Sofort ward dieſe Thür vorſichtig geöffnet und eine Stimme flüſterte: Bringt Euer Pferd mit herein. Ihr könnt nachher durch den Garten und die Hinterpforte zum Commandanten reiten. Der Courier faßte das Pferd am Zügel; die Thür ward raſch geöffnet und ſchloß ſich ebenſo raſch wieder hinter dem eingetretenen Courier und ſeinem Pferde. Die Menge achtete gar nicht darauf, Jeder hatte nur Auge und Sinn und Gedanken für den Wagen mit den ſechs Pferden. Jeder bohrte ſeine Augen durch die emporgezogenen Fenſterſcheiben. Die Königin! Es iſt die Königin! jubelte es jetzt mit lautem Liebesgruß in der Menge auf und alle Hüte wurden in die Luft ge⸗ ſchwenkt, und alle Arme hoben ſich empor, und alle Lippen öffneten ſich zum lauten jauchzenden Willkommen: Es lebe die Königin! Jetzt hob ſich im Innern des Wagens eine Hand und ſchob das Fenſter nieder, und an dem offenen Schlage erſchien das ſchöne, ge⸗ liebte Antlitz der Königin. Sie ſah bleich und leidend aus, ihre ſchönen, ſonſt ſo ſtrahlenden Augen ſchienen trübe und umdüſtert von Thränen, aber ſie verſuchte doch zu lächeln und neigte ſich mit freundlichem Gruß nach allen Seiten hin. Die Menge ſtürzte vorwärts zu dem Wagen hin, und in der Freude, dem Entzücken ihrer Liebe, der Form und der Etiquette ver⸗ Mühlbach, Napoleon II. Bd. 4 — 50 geſſend, warf man ſich den Pferden in die Zügel, daß ſie ſtanden 69. umdrängte man den Wagen, daß jeder Schritt vorwärts nur über Si die Leiber der ſich ihnen entgegen ſchiebenden Menge möglich ge⸗ weſen wäre. icjei Wir wollen unſere Königin ſehen! Es lebe unſere Königin Louiſe 1 i riefen tauſend und tauſend enthuſiaſtiſche Stimmen, und diejenigen, ichet welche dem Wagen zunächſt ſtänden und das Antlitz der Königin er⸗ Su ſchauten, ſanken in dem Enthuſiasmus ihrer Liebe und ihres Ent⸗ d zückens auf ihre Kniee nieder und neigten ihr Haupt, und Augen, nichtt welche niemals geweint hatten, füllten ſich mit Thränen, denn ſchön und ſ und bleich und traurig, wie der Engel des Unglücks und der Schmerzen, war heute die Königin anzuſchauen, die Königin, welche ſich erhoben Fru hatte und weit aus dem Schlag herausgelehnt, das Antlitz überſtrömt Shn von Thränen, die Arme wie ſegnend über ihr Volk ausbreitend, die Liebesgrüße ihrer Getreuen erwiederte. uns Es lebe die Königin! Es lebe unſere Louiſe! jubelte die Menge, berge und diejenigen, welche die Pferde angehalten, um den Wagen zum bald Stehen zu bringen, ließen ſie jetzt los, um zu dem Schlag hinzuſtürzen nure und die Hüte empor zu ſchwenken, und einzuſtimmen in den Jubelruf: derſel Es lebe unſere Königin Louiſe! ihnen Der Kutſcher benutzte dieſen Moment und hob die Zügel und einer trieb die Pferde vorwärts. Das Publikum, deſſen Sehnſucht jetzt geſtillt war und das ſeine trate Königin geſehen hatte, das Publikum ſetzte ſich nicht mehr zur Wehre, ſondern ließ es ruhig geſchehen, daß der Wagen raſch von dannen rollte. imer Die Königin zog die Fenſter wieder empor, und in die Kiſſen zu⸗ Ubre rückſinkend, rief ſie mit einem ſchmerzlichen Weheruf: O, mein Gott! die mein Gott! es iſt vielleicht das letzte Mal, daß ſie mich ihre Königin nennen! Ich werde vielleicht bald keine Königin mehr ſein! hab Sie ſchlug ihre Hände vor ihr Angeſicht und weinte und ſchluchzte laut. gn Weinen Sie nicht, Königin, flüſterte Frau von Berg, Louiſens ſt mag es wollen, daß die Krone einen Moment von Ihrem Haupte fällt, e6 vertraute Freundin, welche neben ihr ſaß, weinen Sie nicht. Gott ſtanden r über ich ge⸗ Louiſe enigen, gin er⸗ s Ent⸗ Augen, 1 ſchön nerzen, choben ſtrömt nd, die Menge, en zum ſtürzen belruf: el ud ſeine Vehre, nrollte. ſſen zu⸗ Gotil gönigin 51 aber er wird ſie auch wieder auf demſelben befeſtigen und Sie werden einſt wieder eine glückliche Königin ſein! Oh, es iſt nicht um meine Majeſtät und das bischen irdiſche Herr⸗ lichkeit, daß ich weine und klage, ſagte die Königin, ihre Hände wieder von ihrem Antlitz ziehend. Gott weiß, daß ich frendig in die Dun⸗ kelheit und in den Tod gehen wollte, wenn nur mein Mann und meine Kinder vom Unglück und der Demüthigung verſchont blieben, und wenn nur dieſes gute Volk, welches mich liebt und an ſeinem König hängt, nicht gezwungen würde, einen Fremden als ſeinen Herrn anzunehmen und ſich vor ihm zu beugen. Wenn das Volk auch jetzt unterdrückt und gedemüthigt wird, ſagte Frau von Berg feierlich, eines Tages wird es ſich erheben und ſeine Schmach und Demüthigung rächen! Mögen Sie eine gute Prophetin ſein! rief Louiſe. Möge das Volk uns treu bleiben im Unglück und der Liebe zu ſeinem König niemals vergeſſen! Ja, ich will hoffen auf dieſe Zeit und will beten, daß ſie bald kommt, und ich will auch jetzt nicht mehr weinen, ſondern mich nur erinnern, daß ich Mutter bin und daß ich meine Kinder jetzt wie⸗ derſehen ſoll, um mich nicht wieder von ihnen zu trennen, ſondern mit ihnen zu meinem Gemahl zu eilen, der mich in Cüſtrin erwartet. In einer Stunde müſſen wir wieder weiterreiſen. Eben fuhr der Wagen an der großen Wache vorüber, die Soldaten traten in's Gewehr, die Trommeln wirbelten. Ueber das Antlitz der Königin fuhr ein ſchmerzliches Lächeln. Er⸗ innern Sie ſich noch, was Prinz Louis Ferdin and am Tage vor ſeiner Abreiſe zur Armee zu ſeiner Mutter ſagte? flüſterte ſie leiſe, während die Trommeln noch immerfort wirbelten. Nein, Majeſtät, ich erinnere mich deſſen nicht mehr, oder vielleicht habe ich es gar nicht gewußt. Die Prinzeſſin Ferdinand hielt eine Niederlage unſerer Armee für ganz undenkbar, ſagte die Königin leiſe, ſie meinte, Preußen ſei ein ſo ſtarkes Bollwerk, daß die ſtolzen Wogen des Kaiſerreichs an ihm zer⸗ ſchellen würden.„Sie irren ſich, rief Prinz Louis lebhaft, Sie meinen, es kann nichts ſich ändern und es wird immer getrommelt werden, wenn Sie aus dem Thor fahren? Ich ſage Ihnen aber, Mama, Sie werden eines Tages aus dem Thor fahren und es wird nicht getrom⸗ melt werden!“*) So wird es auch uns gehen, meine Liebe, wir wer⸗ den noch oft aus dem Thor fahren und es wird nicht getrommelt werden! Aber hier ſind wir an unſerm Hauſe, fort mit den Thränen! Ich will meinen Kindern ein heiteres Angeſicht zeigen! Zum erſten Mal hielt die Equipage der Königin auf dem Perron ihres Palais an, ohne daß ſie da die Herren und Damen ihres Hofes, die hohen Würdenträger und Beamten zur Begrüßung fand. Sie war unerwartet und unangemeldet gekommen, aber an dieſem Tage des Schreckens und Entſetzens würde auch das Anmelden ihrer Ankunft nichts gefruchtet haben, denn Jeder dachte jetzt nur an ſich ſelber und war mit ſeiner eigenen Sicherung und Flucht beſchäftigt. Nur wenige treue Diener empfingen daher die Königin an ihrem Wagen und hießen ſie mit thränenden Augen willkommen. Wo ſind meine Kinder? rief die Königin angſtvoll. Warum kom⸗ men ſie nicht, ihre Mutter zu empfangen? Majeſtät, ſagte der Haushofmeiſter leiſe, wir erhielten ſchon in letzter Nacht einen Courier des Königs, welcher leider Ew. Majeſtät verfehlt hatte. Die königlichen Prinzen und Prinzeſſinnen ſind ſchon vor zwei Stunden ganz in der Stille von hier abgereiſt, um ſich über Stettin nach Graudenz zu begeben. Seine Majeſtät hat es ſo befohlen. Die Königin unterdrückte den Schmerzensſchrei, der auf ihre Lippen trat, aber eine tödtliche Bläſſe bedeckte ihre Wangen und ihre Augen umdüſterten ſich. In einer halben Stunde werde ich abreiſen, ſagte ſie matt. Man ſoll nur das Nothwendigſte für mich einpacken, in einer halben Stunde muß ich den Wagen beſteigen können. Vielleicht treffe ich meine Kinder noch in Stettin. Und die Königin eilte raſch die Stiegen hinauf, um ſich in ihrem Cabinet einzuſchließen und in der Einſamkeit die Thränen zu vergießen, welche ſie keinen Menſchen ſehen laſſen wollte. *) Des Prinzen eigene Worte. Siehe: Rahel und ihre Freunde, Th. II. D anſchw den Li Raths ſicht n peſchen Einet gewal 2 Tuct peſche was d beſiegt hange deren hatte, unter ( komm zu u Rede und; prüfte ta, Sie getrom⸗ ir wer⸗ ommelt hränen! Perron Hofes, ie war ge des lnkunft er und nihrem m kom⸗ chon in kajeſtät d ſchon ch übet efohlen Lippen Augen „ſagte n einer t treffe ihren Th. I. V. Die erſte Bürgerpflicht iſt Ruhe. Das Volk und das Publikum indeſſen, welches in immer höher anſchwellenden, immer gewaltigeren Maſſen die breite Straße unter den Linden anfüllte, hatte ſich jetzt wieder dem Hauſe des Geheimen Raths Lombard zugewendet und ſah mit tiefem Groll, daß der Courier nicht mehr dort ſei. Jetzt wollen wir wiſſen, was für Nachrichten der Courier gebracht hat, denn Ihr ſeht wohl, der Geheime Rath Lombard hat ſeine De⸗ peſchen jetzt erhalten, und er ſoll uns ſagen, was ſie enthalten, rief Einer der dem Hauſe zunächſt Stehenden, und ſofort begann er mit gewaltigen Fäuſten an der verſchloſſenen Hausthür zu hämmern. Andere Fäuſte geſellten ſich bereitwillig den ſeinen, und zu dem Tact dieſer drohenden Muſik ſchrie und brüllte die Menge: die De⸗ peſchen! die Depeſchen! Lombard ſoll kommen! Er ſoll uns ſagen, was die Depeſchen enthalten. Wir wollen wiſſen, ob unſere Armee beſiegt worden oder ob ſie die Schlacht gewonnen hat! Als keine Stimme Antwort gab, als die Fenſter immer noch ver⸗ hangen, die Thüren immer noch verſchloſſen blieben, griff die Menge, deren Zorn und Wuth ſich mit jeder Minute des Wartens geſteigert hatte, wieder zu ihren alten Waffen, zu den Steinen, und feuerte ſie unter wildem Geſchrei gegen die Fenſter und gegen die Hausthür. Er ſoll uns nicht entgehen! Wir werden hier bleiben, bis er kommt und uns Antwort giebt! ſchrie das Volk. Und wenn er nicht zu uns kommt, ſo werden wir zu ihm kommen und ihn zwingen, uns Rede zu ſtehen! Ihr werdet ihn aber zum Glück nicht finden, flüſterte der Geheime Rath Lombard, welcher an der inneren Seite der Thür gehorcht hatte und jetzt mit aufmerkſamem Blick die Riegel und das Schloß der Thür prüfte. Es ſitzt noch Alles in ſeinen Fugen und Angeln, fuhr er leiſe fort. Das gute enragirte Volk wird noch eine gute Zeit zu hämmern haben, ehe es dieſe Schlöſſer und Riegel ſprengt. Dann werde ich ſchon weit von hier entfernt und längſt auf dem Wege nach Stettin ſein. Mit einem ſpöttiſchen Lächeln ſchlich der Geheime Rath Lombard wieder von der Thür fort und eilte nach der Hinterpforte ſeines Hauſes. Dort ſtand ſeine Gemahlin, in Thränen zerfließend, die Hände ringend, laut weinend und wehklagend vor Angſt und Schmerz. Herr Lombard, welcher vorher nur gelächelt hatte, lachte jetzt laut auf. Wahrhaftig, ſagte er, es verlohnt ſich auch der Mühe, eine tragiſche Scene aufzuführen, aus Furcht vor dieſem Volk. Meine Liebe, ich dächte, unſere Familie wäre es doch gewohnt, mit dem Volk umzugehen. Dein Vater hat den dummen Teufeln manchen Bart an⸗ geſchmiert, der meine hat ihnen manchen Zopf gedreht,*) und als gute Kinder unſerer Eltern wollen wir heute das gute Volk auch wieder an⸗ ſchmieren und ihm einen tüchtigen Zopf drehen. Oh, Lombard, höre nur, wimmerte die Frau, ſie ſchlagen wie mit Kolben gegen die Thür, wenn ſie zerſpringt und ſie hineindringen, ſind wir verloren! Sie werden Dich ermorden, denn Du haſt gehört, welche Verwünſchungen und Drohungen ſie gegen Dich ausſtießen. Ma Chere, ſagte Lombard gelaſſen, ich habe es nicht erſt heute erfahren, daß dieſe Leute, dies ſogenannte Volk, mich haßt und ver⸗ folgt. Ich weiß das ſchon ſeit lange. Dieſe dummen Menſchen wollen es mir niemals vergeben, daß ich ein Franzoſe bin und daher eine ganz natürliche Vorliebe für Frankreich und für ſeinen Heldenkaiſer habe. Und nicht blos das Volk, ſondern auch die ſogenannten Gebil⸗ deten und Vornehmen haſſen mich. Durch ganz Europa hat man mich als einen von Napoleon beſoldeten Verräther ausgeſchrieen. Von allen Seiten haben ſie conſpirirt, meine Entlaſſung und Beſtrafung zu er⸗ langen; alle Prinzen des königlichen Hauſes, ja ſelbſt die Königin *) Der Vater Lombard's war ein Perrückenmacher, der Vater ſeiner Frau ein Barbier, und dieſe Abkunft gab dem Geheimen Rath Lombard beſtändig Stoff zu Witzeleien, die er am liebſten dann äußerte, wenn er an der Tafel irgend eines Fürſten oder Miniſters ſaß. Seinen Vater nannte er nie anders als„ten mon pöère de poudreuse mémoire.“ waren ihnen d den he Thürk ſonder ſie ebe hinger nicht! über herbei ( bereit nicht vor auch Gefl drauſ nire, ſtaß Her der zu iſt! ch ſchon ſein. ombard Hauſes. ingend, etzt laut e, eine Meine m Volk art an⸗ Us gute der an⸗ gen wie dringen, gehört ßen. ſt heute und vet⸗ n wollen her eine denkaiſer an nich on allen g zu e⸗ hünigin iner Fral befündig der Taſel ie ander 55 waren gegen mich im Bunde.*) Du ſiehſt aber, mein Schatz, es iſt ihnen doch nicht gelungen, mich zu ſtürzen, und ebenſo wenig wird es dem heulenden Pöbel da gelingen. Diable, wie die Kerle gegen die Thür knallen, das ganze Haus dröhnt davon wieder. Es wird ihnen doch noch gelingen, die Thür zu ſprengen, jammerte ſeine Gemahlin, und dann werden ſie uns Alle ermorden! Sie werden uns nicht ermorden, denn ſie ſind nicht blutgierig, ſondern nur neugierig, ſagte Lombard. Und dann, meine Liebe, kennen ſie eben ſo gut, wie wir, das deutſche Sprüchwort:„die Nürnberger hängen Keinen, ſie hätten ihn denn zuvor.“— Mich aber werden ſie nicht haben, denn ſieh nur, da kommt mein getreuer Jean ſchon daher über den Hof. Nun, Jean, iſt Alles in Ordnung? fragte er den herbeieilenden Kammerdiener. Es iſt Alles in Ordnung, lautete die Antwort. Der Wagen ſteht bereit, mit vier tüchtigen Poſtpferden beſpannt. Ich habe ihn aber nicht an der Gartenpforte halten laſſen, ſondern etwas weiter herunter vor einem Hauſe. Das haſt Du brav gemacht, mein kluger Jean. Haſt Du aber auch nicht vergeſſen, mir einige Flaſchen Tokayer und etwas gebratenes Geflügel in den Wagen zu packen? Der unhöfliche Herr Pöbel da draußen will es ja nicht leiden, daß ich heute in meinem Hauſe dejeu⸗ nire, und ich werde mich daher wohl entſchließen müſſen, auf der Land⸗ ſtraße zu frühſtücken. Ich habe weder den Wein, noch den gebratenen Faſan vergeſſen, Herr Geheimer Rath. Diable, Du haſt einen Faſan eingepackt, rief Lombard. Wenn das die Leute da draußen wüßten, ſie wären im Stande, zu behaupten, der Kaiſer Napoleon habe mir dieſen Faſan geſchickt, um mich damit zu beſtechen. Nun, Jean, komm, wir wollen abreiſen. Die Straße iſt doch ruhig? Vollkommen ruhig. Alles, was Beine hat, rennt hier nach der Vorderſeite des Hauſes her. W*) Lombard's eigene Worte. Siehe: Gentz„Tagebuch“, in den Kleinen Schriften von Friedrich von Gentz. Geſammelt von Guſtav Schleſier Th. W 56 Und Alles, was Fäuſte hat, hämmert gegen die Thür, jammerte die Geheime Räthin unaufhörlich. Eile, Lombard, eile, ehe es zu ſpät iſt. Du haſt Recht, ich muß fort, ſagte Lombard ruhig. Nun höre aber, was ich Dir ſagen will. Sobald Du meinen Wagen haſt fort⸗ fahren hören, haſt Du die Güte, Dich auf den Balcon in der erſten Etage zu verfügen und das Volk anzureden. Sie werden ſchon vor Erſtaunen, Dich zu ſehen, einen Moment ſtill ſein. Ach, mein Gott, was ſoll ich ihnen aber ſagen? fragte die Frau entſetzt. Du ſollſt ihnen ſagen:„Mein Mann, der Geheime Rath Lom⸗ bard, iſt nicht zu Hauſe. Er hat ſich zum Gouverneur Herrn Grafen von Schulenburg⸗Kehnert begeben, und der Courier mit den Depeſchen hat ihn dahin begleitet.“ Du ſollſt ſehen, Deine Worte werden wie ein Piſtolenſchuß unter einem Schwarm Spatzen wirken, ſie werden alle von dannen fliegen. Du ſiehſt, meine Liebe, ich bereite Dir eine außerordentlich wirkſame dramatiſche Scene, und mein Vater puder⸗ haften Angedenkens, und Dein Vater ſeifenſchaumichten Angedenkens würden ſich noch im Grabe freuen, wenn ſie Dich da vom hohen Balcon herunter das Volk könnten haranguiren ſehen. Lebe wohl, mein Schatz, und mache Deine Sachen gut. Er umarmte ſeine Gemahlin flüchtig, und wollte, geſtützt auf den Arm ſeines Dieners, ſeine gichtlahmen Füße vorwärts ſchieben, aber ſeine Gemahlin hielt ihn zurück. Ich kann nicht in den Salon gehen, wehklagte ſie, ſich in krampf⸗ hafter Angſt an Lombard anklammernd. Bedenke nur, ſie ſchmeißen ja fortwährend mit Steinen gegen unſer Haus; wenn nun ein Stein durch die Fenſter und mir gegen den Kopf fährt? Meine Liebe, ſagte Lombard lachend, ich glaube nicht, daß der erſte beſte Stein gleich gefährlich werden könnte, denn Du haſt einen ſehr harten Kopf, wie ich oft erfahren habe. Lebe wohl, und thue, wie ich Dir geſagt habe, wenn Du nicht willſt, daß der Pöbel zu Dir eindringt. Adieu. Er machte ſich ziemlich unſanft von ihren Händen los, die ſeinen Am ſteifen nuch d 6 — liche 2 riefen wollen die F konnt kaum linge alge ſch 1 es a vor ſie n zerre zh vorn ſchle weif enth tuſ hin, ammerte e es zu un höre aſt fort⸗ r erſten hon vor ie Frau h Lom⸗ Grafen epeſchen den wie werden Dir eine puder⸗ denkens hohen e wohl, auf den n, aber frampſ⸗ hmeißen n Stein daß der ſt einen nd thue, 1 4 zu Dn eſeinen 57 Arm umklammerten, und eilte, ſo raſch es ſeine ſchmerzenden und ſteifen Füße erlaubten, mit ſeinem Diener über den Hof dahin, um nach der den Garten begrenzenden Straße zu gelangen. Seine Gattin wartete, bis das Rollen des Wagens ihr die glück⸗ liche Abfahrt ihres Gemahls gemeldet hatte. In demſelben Augenblick riefen draußen die Stimmen mit verdoppelter Kraft: Lombard! Wir wollen Lombard ſprechen! Und mit erneuerter Wuth ſauſeten die Schläge gegen die Thür. Die Geheime Räthin ſeufzte, und ihre Seele und ihren Leib dem Schutz Gottes empfehlend, folgte ſie den Anordnungen ihres Gemahls und begab ſich auf den Balcon. Lombard hatte richtig prophezeit; eine tiefe Stille entſtand, als die Frau Geheime Räthin auf dem Balcon erſchien; ihre Worte konnten daher von Jedermann vernommen werden, und ſie waren kaum verhallt, als die Menge wirklich, wie ein Schwarm von Sper⸗ lingen, unter die ein Schuß gefallen, auseinander ſprengte. Zum Gouverneur! Laßt uns zum Gouverneur gehen! lautete der allgemeine Ruf, und in ungeheuren Wogen wälzte das lebendige Meer ſich vorwärts, die Linden hinauf. Aber mitten in ſeinem Lauf ward es auf einmal wieder aufgehalten von einem daher rollenden Wagen, vor dem ſechs muthige Pferde im raſcheſten Galopp daher flogen. Es war wieder die Königin, welche in dem Wagen ſaß. Nur ſah ſie noch bleicher und trauriger aus, als zuvor, und mit einem herz⸗ zerreißenden Schmerzenslächeln grüßte ſie nach beiden Seiten hin. Aber die Menge hatte jetzt nicht einmal Zeit, die Königin zu grüßen oder über ihre ſchnelle Abreiſe erſtaunt zu ſein. Sie ſtürzte vorwärts, dem Hauſe des Gouverneurs Grafen Schulenburg zu. Auch hier waren die Fenſter verhangen, das große Hofthor ver⸗ ſchloſſen. Aber an der Seitenmauer des Hauſes war ein großes weißes Plakat atzgeſchlagen, das in rieſengroßer Schrift einige Zeilen enthielt. Dieſem Plakat wandte ſich jetzt die Aufmerkſamkeit des Volkes zu; tauſend und abertauſend glühende Blicke richteten ſich nach dem Papier hin, und tauſend und abertauſend Stimmen riefen den Glücklichen, welche ſich dem Hauſe und dem Plakat zunächſt befanden, gebieteriſch zu: Leſen! Laut leſen! Ich will leſen! rief eine laute, mächtige Stimme zurück. Seid ſtill, damit Ihr mich hören könnt! Sofort trat eine tiefe Stille ein und deutlich vernahm Jeder die Worte, welche von dem Plakat abgeleſen wurden, und welche alſo lauteten: „Der König hat eine Bataille verloren; die erſte Bürgerpflicht iſt Ruhe. Ich fordere hierzu alle Einwohner Berlins auf. Der König und ſeine Brü⸗ der leben.“*) Ein allgemeiner, vieltauſendſtimmiger Ruf des Schmerzes und Entſetzens ertönte; dann ward Alles ſtill. Jeder ſtand da, traurig ſeinen Nachbar anſtarrend, wie gelähmt vor Entſetzen. Auf einmal öffnete ſich das Seitenthor des gräflichen Hauſes, und eine Equipage, gefolgt von einem großen Packwagen, rollte heraus. Die Menge war anfangs ſcheu zurückgewichen, und hatte nur neugierig und verwundert nach dem Reiſewagen hingeſchaut. Als man jetzt aber in demſelben den Gouverneur von Berlin, Herrn Grafen Schulenburg⸗Kehnert, erkannte, als man ſah, daß ſein Wagen hochbe⸗ packt mit Koffern war, daß noch ein anderer Packwagen demſelben folgte, als man alſo nicht zweifeln konnte, daß in dieſer Stunde der Angſt und des Entſetzens der Gouverneur von Berlin die Stadt ver⸗ laſſen wollte, brach die Menge in lautes Murren aus, und verſuchte, ſich der Abreiſe des Grafen zu widerſetzen. Man legte Hand an ſeine Pferde und machte Miene, ſie von dem Wagen abſpannen zu wollen. Man rief mit drohendem Unwillen: es gezieme ſich für den Gouverneur nicht, die Stadt in der Gefahr zu verlaſſen und die Einwohner ohne Schutz und ohne Rath und Beiſtand zurückzulaſſen. Graf Schulenburg erhob ſich in ſeinem Wagen, und die Arme gebieteriſch ausſtreckend, rief er mit lauter Stimme: Ruhe! Dann, als Alles ſchwieg, fuhr er mit einſchmeichelnder Stimme fort: Meine *) Siehe: Häuſſer, Deutſche Geſchichte. III. S. 39. Freund Aes Liebe! feld, tegſte Sorge Meng nicht die G der G deru hier droh Gou wich ſie i ſüch Va ieteriſch Seid der die he alſo eerſte ualle Brü⸗ es und trautig Hauſes, heraus. nte nur s man Grafen hochbe⸗ emſelben unde der adt ver⸗ erſuchte, n ſeine wollen⸗ werneur ner ohne ie Ame Dann, Meine 59 Freunde! Eine höhere Pflicht ruft mich von Euch fort, denn über Alles geht der Dienſt des Königs. Aber Ihr ſollt nicht ſagen, daß ich nicht auch Sorge für die Stadt Berlin trage, und ihr alle meine Liebe weihe. Ich habe meinen Schwiegerſohn, den Fürſten von Hatz⸗ feld, zum Civil⸗Gouverneur von Berlin ernannt, und er wird mit regſtem Eifer für die Sicherheit und das Wohlergehen der Berliner Sorge tragen. Vorwärts, Kutſcher, und in Galopp! Der Kutſcher wollte die Pferde antreiben, aber Einige aus der Menge wagten es noch, ſich zu widerſetzen, und wollten die Zügel nicht fahren laſſen. Der Gouverneur muß hier bleiben, ſchrieen ſie, es iſt ſeine Pflicht, die Einwohner Berlins nicht zu verlaſſen, ſondern ihnen beizuſtehen in der Gefahr. In der Gefahr? fragte der Graf mit dem Ausdruck der Verwun⸗ derung. Ich laſſe ja meine ganze Familie, meine Kinder und Enkel hier zurück. Würde ich das wohl thun, wenn Berlin von Gefahr be⸗ droht wäre?*) Niemand wußte dies Argument zu bekämpfen und die Frage des Gouverneurs zu beantworten. Man ließ die Zügel der Pferde los und wich ſcheu vor denſelben zurück, als der Kutſcher auf ſie einhieb, daß ſie im wüthenden Galopp von dannen jagten. Die Menge blickte ſtaunend und mit innerlichem Erbeben dem flüchtenden Gouverneur nach, dann ſchaute man ſich einander traurig an, dann begann man ängſtlich zu fragen: was werden wir jetzt thun? Was wollen wir beginnen, wenn der Feind hierher kommt? Wenn der Feind hierher kommt, wollen wir ihm bewaffnet ent⸗ gegen ziehen und ihn zurückſchlagen, rief ein junger Mann mit edlem Angeſicht und flammenden Augen. Ja, das wollen wir, jauchzte ein Anderer. Wir haben keine Sol⸗ daten, die uns vertheidigen könnten, alſo müſſen wir ſelber uns verthei⸗ digen! Wir wollen Freiſchaaren bilden, und die Thore beſetzen, und Patrouillen durch alle Straßen gehen laſſen. *) Des Gouverneurs eigene Werte⸗ Da unſere Armee geſchlagen iſt, muß natürlich eine neue gebildet werden, rief ein anderer junger Mann. Wir müſſen dieſe Armee bilden, wir müſſen uns melden zum Eintritt in die Armee. Jeder, der denkt, wie ich, der folge mir und gehe mit mir zu dem neuen Gou⸗ verneur. Wir wollen ihm ſagen, daß er uns erlauben ſoll, Freiſchaaren zu bilden und daß wir Soldaten werden wollen. Kommt!*) Hier und dort drängten mit haſtigem Ungeſtüm Jünglinge und Männer ſich durch das Gewühl vorwärts. Wie in Bewunderung und Ehrfurcht wichen die Andern zurück und bildeten eine Gaſſe, durch welche dann eine ſchnell geſammelte Schaar von mehr als dreihundert jungen Männern dahin ſchritt, um ſich nach der Wohnung des neuen Civil⸗Gouverneurs Fürſten von Hatzfeld zu begeben. Aber der Fürſt Hatzfeld nahm die Deputation der jungen, kampfes⸗ durſtigen Männer nicht an; er ließ ihnen durch ſeinen Adjutanten melden, ſie würden ſpäter ſeine beſtimmte Antwort auf ihre Forderung erhalten, jetzt aber möchten ſie ſich nach Hauſe begeben und vor allen Dingen jeden Straßen⸗Crawall und jede Unruhe vermeiden. Die Antwort, welche der Fürſt Hatzfeld der Deputation verſprochen, ward einige Stunden ſpäter an allen Ecken von Berlin in einem ge⸗ druckten Plakat angeſchlagen. Dieſe Antwort lautete:„Es würde unzeitige Schonung ſein, den Einwohnern von Berlin zu verhehlen, daß die Möglichkeit eintreten kann, daß franzöſiſche Truppen binnen Kurzem Berlin beſetzen. Schmerzlich iſt das Gefühl, welches dieſe unerwartete Begebenheit unter allen Klaſſen der Einwohner verbreiten wird; nur feſtes An⸗ ſchließen an Diejenigen, welche das mühſelige Geſchäft übernehmen, die von einer ſolchen Begebenheit unvermeidlichen Folgen zu mildern, ſo wie die nun mehr als je nothwendig gewordene Ordnung zu hand⸗ haben, kann die ſchrecklichen Folgen abwenden, welche der mindeſte Widerſtand, oder irgend ein unruhiges Benehmen der Einwohner über die Hauptſtadt verbreiten würde, und das noch neuerliche Andenken des Betragens, welches die Einwohner Wiens in einer ähnlichen trau⸗ *) Häuſſer: Deutſche Geſchichte III. S. 40. rigen daß de eht Straße laufend Yos, in unſe mit we gebildet Armee der, der n Gou⸗ ſchaaren ige und ung und „ durch ihundert neuen ampfes⸗ melden, erhalten, Dingen prochen, em gre⸗ ein, den eintreten beſetzen. ebenheit es An⸗ nehmen, mildern, hand⸗ nindeſe ner über nten des ntrau⸗ 61 rigen Lage beobachtet haben, muß die Einwohner Berlins belehren, daß der Ueberwinder nur ruhige, männliche Hingebung im Unglück ehrt. Ich verbiete deshalb alles Zuſammenlaufen, Schreien auf den Straßen, alles öffentliche Theilnehmen an den ſo verſchiedentlich ein⸗ laufenden Kriegsgerüchten. Denn ruhige Faſſung iſt dermalen unſer Loos, unſere Ausſichten müſſen ſich nicht über dasjenige entfernen, was in unſern Mauern vorgeht; dieſes iſt unſer einziges höheres Intereſſe, mit welchem wir uns beſchäftigen müſſen.“ V. Die treuen Btettiner. Die Hoffnung der Königin hatte ſich nicht erfüllt. Ihre Kinder hatten ſchon ſeit einer Stunde Stettin wieder verlaſſen, als Louiſe da⸗ ſelbſt anlangte. Ich werde alſo gleich weiter fahren, ſagte die Königin entſchloſſen. Ew. Majeſtät, ich beſchwöre Sie, bleiben Sie hier, bat Frau von Berg. Sie haben ſeit drei Nächten kaum geſchlafen, haben die letzte Nacht den Wagen gar nicht verlaſſen, kaum etwas Nahrung zu ſich genommen. Oh, Majeſtät, denken Sie an Ihren Gemahl, an Ihre Kinder und ſchonen Sie ſich, gönnen Sie ſich Ruhe! Ruhe! wiederholte die Königin mit einem ſchmerzlichen Lächeln. Für mich giebt es vielleicht auf Erden keine Ruhe wieder! Der Gram wohnt in meinem Herzen und er wacht immer, wie ſollte ich da ſchlafen! Aber Sie haben mich an meinen Mann, an meine Kinder erinnert, und Sie haben Recht, dieſen muß ich mich erhalten. Ich will daher eine Stunde hier bleiben und ich will auch etwas genießen. Der Körper muß jetzt ſtark bleiben, damit er nicht zuſammenbricht unter der Laſt, welche die Seele bedrückt. Kommen Sie, wir wollen ausſteigen und ins Haus treten. 62 Frau von Berg gab dem Kammerlakaien einen Wink, den Schlag zu öffnen und folgte der Königin in das königliche„Landhaus“ und die Zimmer, welche das königliche Paar zu bewohnen pflegte, wenn es Stettin beſuchte. Als ich das letzte Mal in dieſem Zimmer mich befand, flüſterte die Königin, war der König und der Kronprinz bei mir. In meinem Herzen war nichts als Freude und Glück, ich war eine glückliche Frau, eine glückliche Mutter und eine glückliche Königin! Und heute? Was bin ich heute? Sie ſeufzte ſchwer auf und in den Divan niederſinkend, drückte ſie ihr Antlitz in die Seitenkiſſen. Wie tief, wie tief herabgeſtürzt von allen meinen Himmeln bin ich jetzt! murmelte ſie leiſe. Einſt eine glückliche Königin, jetzt ein armes flüchtendes Weib, das nur noch Mitleid und Jammer erregen kann. Oh meine Mutter, meine Mutter, ich danke Gott, daß Du mein Unglück nicht ſiehſt, oder wenigſtens es nur von dem Lande der Glücklichen anſchauſt!*) Sie faltete die Hände und ihre zitternden Lippen flüſterten leiſe Gebete zu Gott und zu ihrer Mutter empor, ihre großen blauen Augen hoben ſich mit einem Ausdruck unendlichen Flehens aufwärts, und lang⸗ ſam rollten zwei große Thränen Perlen gleich über ihre Wangen nieder So ſaß ſie eine lange Zeit, in ſich verſunken, ihr Unglück erwä⸗ gend und vor der Zukunft erſchauernd. Frau von Berg wagte es endlich, ſie aus ihrem Hinbrüten zu wecken und ſich ihr zu nähern. Majeſtät, ſagte ſie mit flehender Stimme, Sie haben mir ver⸗ ſprochen, ſich zu ſchonen, und um des Königs und Ihrer Kinder willen ſich zur Ruhe zu zwingen. Bedenken Sie, welche Laſten und Sorgen das Herz des Königs bedrücken und daß es ſeinen Kummer verdoppeln wird, wenn er ſieht, daß Ew. Majeſtät Augen vom Weinen geröthet und daß Ew. Majeſtät ganz hoffnungslos ſind. Der König ſoll das nicht ſehen, ſagte Louiſe, ihm gegenüber werde *) Der Königin eigene Worte. Siehe: Louife, Königin von Preußen. Dem deutſchen Volke gewidmet. Berlin, 1849. S. 108. ich m ich no gwße Troſt ſch zu Sind ( ſichz melde raſch ſichz und Eite unſe leber leber und auf glüc ſein hat nich men ihn ihr die ihr das nu Schlag us“ und wenn ner mich rinz bei ich war önigin! drückte meln bin jetzt ein etregen duß Du lande der rten leiſe nAugen nd lang⸗ n nieder üic erwi⸗ brüten zu mir ver⸗ er willen Sorgen ewoppeln gerhe her werde hen Den 63 ich meine Thränen hinunterpreſſen in mein Herz, ihm gegenüber werde ich noch zu hoffen ſcheinen. Laſſen Sie mich alſo jetzt wenigſtens mein großes Leid ausſtrömen in Thränen, denn der Unglücklichen einziger Troſt ſind ja die Thränen. Wenn ich bei meinem Gemahl bin, werde ich zu lächeln verſuchen und meine Thränen nur nach inwendig weinen. Sind Sie nun mit mir zufrieden, meine treue Freundin? Ew. Majeſtät hatten mir gnädigſt verſprochen, etwas Nahrung zu ſich zu nehmen, aber der Kammerdiener hat lange ſchon vergeblich ge⸗ meldet, daß ſervirt worden iſt. Kommen Sie, Karoline, wir wollen eſſen, ſagte die Königin, ſich raſch erhebend und ihre Hand auf die Schulter der Freundin legend. Die Königin hielt Wort. Sie aß wirklich ein wenig und ſuchte ſich zu erheitern, indem ſie mit ihrer Freundin ſich von ihren Kindern und von dem Wiederſehen mit ihrem Gemahl unterhielt. Glauben Sie mir, Caroline, ſagte ſie dann ernſt, es iſt nicht Eitelkeit und Freude an äußerm Glanz, welche mich weinen macht über unſer jetziges Unglück. Ich meinestheils würde freudig in das Privat⸗ leben zurücktreten und in Einſamkeit und Stille doch glücklich und froh leben können, wenn ich nur meinen Gemahl und meine Kinder glücklich und froh neben mir ſähe. Aber der König darf ja nicht glücklich ſein auf gewöhnliche menſchliche Weiſe, es darf ihm ja nicht genügen, ein glücklicher Gatte und Familienvater zu ſein, er muß vor allen Dingen ſein Land und ſein Volk, ſeine Pflichten als König bedenken. Gott hat ihn dazu berufen, ein König zu ſein, er darf alſo ſeine Krone nicht niederlegen, ebenſowenig, wie man ſich freiwillig das Leben neh⸗ men darf, das man von Gott empfangen hat„Mit ihm oder auf ihm“, ſagten die griechiſchen Heldenmütter zu ihren Söhnen, wenn ſie ihnen den Schild gaben, um in den Krieg zu gehen. Und ſo rufen die Ahnen des Königs, welche ihm die Krone hinterlaſſen, ihm aus ihren Gräbern entgegen:„mit ihr oder unter ihr begraben.“ Es iſt das Erbe ſeiner Väter, welches der König ſeinen Söhnen hinterlaſſen muß, er darf es nicht freiwillig aufgeben und veräußern, er muß kämpfen für daſſelbe und entweder ſiegen oder mit ihm untergehen. Und darum weine ich, und darum ſehe ich nur Jahre der Thränen, 64 des Unglücks und des Blutes vor mir. Preußen darf nicht Frieden machen mit dem Tyrannen, es darf nicht in heuchleriſcher Freundſchaft Dem die Hand reichen, welcher ſein bitterſter Feind iſt. Es muß treu bleiben dem Bündniß, das der König beſchworen hat auf dem Sarge Friedrichs des Großen, und dieſe Treue wird ihm von Frankreich als ein Verbrechen angerechnet werden, und um dieſer Treue willen wird das Blut vieler Tauſende vergoſſen werden. Aber wir dürfen dennoch nicht zurückweichen, wir müſſen vorwärts ſchreiten auf unſerer Bahn, wenn wir nicht auch unſere Ehre und unſer gutes Gewiſſen verlieren wollen, wenn der Name des Königs nicht mit Schmach beladen in der Geſchichte genannt werden ſoll! Deutſchland hofft auf Preußen, ganz Europa ſchaut auf uns und erwartet, daß wir unſere Pflicht gegen das Vaterland erfüllen und dieſe Pflicht iſt: zu kämpfen gegen den Tyrannen, der Deutſchland unterjochen und zu einer franzöſiſchen Pro⸗ vinz machen will, zu kämpfen, ſo lange wir noch einen Fuß breit Landes beſitzen, ſo lange noch ein Tropfen Blut in unſern Adern fließt! Sehen Sie, meine Freundin, dieſe Gedanken ſind es, die mein Herz bewegen und die mich weinen machen. Ich ſehe klar über das große Unglück, das uns zerſchmettern wird, wenn wir weiter gehen auf dem betretenen Wege, aber ich darf nicht wünſchen, daß wir um— tehren, denn man darf wohl unglücklich, aber niemals ehrlos ſein! Und ich weiß, der König denkt wie ich, er— Horch, was iſt das, unterbrach ſie ſich ſelber, klang das nicht, wie verworrenes Geräuſch von Menſchen? Mein Gott, es kommt näher und näher. Wenn es feindliche Truppen ſind, bin ich verloren. Und die Königin ſtürzte zum Fenſter hin und ſchaute entſetzt hin⸗ unter auf die Straße. Dort unten wälzte ſich in der That ein ungeheurer Menſchenſtrom heran, heulend und ſchreiend, mit wüthenden Geſichtern, mit drohend geſchwungenen Fäuſten. Alle dieſe zornigen Geſichter, dieſe blitzenden Augen waren auf Einen Punkt gerichtet, auf einen bleichen zitternden Mann, der dem Zuge voran ging, in der Mitte zweier Anderen, welche mit kräftigen Fäuſten ihn gepackt hielten und mit drohenden Blicken jede ſeiner Bewegungen überwachten. Dieſer bleiche zitternde Mann der au zu ſti worder erregt, ſeinem A ergrif es nie der V und ſi zu gel nicht wiede rief k dichte das l war Stin nert mein hatte dort ſo ſ aßt mit das lege 1 Frieden dſchaft ß treu Sarge ich als n wird ennoch Bahn, erlieren in der „ganz gegen en den en Pro ß breit Adern ie mein er das gehen ir um⸗ ſein! iſt das, jeräuſch zenn es tt hin⸗ enſtron drohend ibenden ternden nderen, herden iternde 65 Mann aber war Niemand anderes, als der Geheime Rath Lombard, der auf ſeiner Flucht von Berlin glücklich bis nach Stettin gelangt war. Eben im Begriff, wieder von dort abzureiſen und in den Wagen zu ſteigen, war er von einigen Umſtehenden erkannt und feſtgehalten worden. Bald hatte das Volk, welches, von der Ankunft der Königin erregt, die Straßen erfüllte, ſich um ihn geſammelt und neugierig ſeinem Ringen und Streiten mit ſeinen Verfolgern zugeſchaut. Aher plötzlich wandte ſich einer von den Männern, welche Lombard ergriffen hatten, an die Menge und rief mit lauter Stimme; Leidet es nicht, daß dieſer Menſch abreiſt. Es iſt Lombard, der Franzoſe, der Verräther, und ſicherlich iſt er hier, um die Königin aufzuhalten und ſie an ihrer Weiterreiſe zu verhindern, oder dem Feind Nachrichten zu geben, wohin ſie ſich wendet. Haltet ihn feſt, damit er die Königin nicht verrathen kann! Ja, ja, wir wollen ihn feſthalten, und wir wollen ihn nicht eher wieder frei geben, als bis die Königin abgereiſt und lange fort iſt, rief die Menge. Drohende Volksmaſſen ſchoben ſich dichter und immer dichter heran und mit immer wüthenderen Blicken ſchaute das Volk in das bleiche entſetzte Antlitz des Verräthers. Laßt mich, Ihr guten Leute, laßt mich, bat Lombard, und jetzt war aller Uebermuth und aller Hohn aus ſeinem Herzen und ſeiner Stimme verſchwunden. Ihr irrt Euch in mir, ich bin ein treuer Die⸗ ner des Königs und der Königin, und ich bin hier, um der Königin meine Aufwartung zu machen und ihr meine Dienſte anzubieten. Er lügt! Er lügt! ſagten Diejenigen, welche ihn angehalten hatten. Laßt uns mit ihm zum Landhauſe gehen, die Königin iſt noch dort. Wenn ſie ihn ſprechen will, wird ſie es befehlen, wenn nicht, ſo ſoll er zuſchauen, wie die Königin abreiſt. Ja, er ſoll zuſchauen, wie die Königin abreiſt, jauchzte die Menge, laßt uns zum Landhaus gehen! Getragen, gedrängt, geſtoßen von allen Seiten, gelangte Lombard mit einem Gefolge von Tauſenden bis zu dem königlichen Landhauſe, das am untern Ende der breiten Straße nahe dem Exercierplatz be⸗ legen war. Mühlbach, Napolevn. II Bd 5 Vor dem Hauſe ſtand der Wagen der Königin, die Pferde waren ſchon vorgelegt, Alles war ſchon zur Abreiſe bereit. Aber die Königin ſtand immer noch am Fenſter und ſchaute, hinter den Vorhängen verborgen, hinunter auf das Menſchengewühl, das eben unter ihren Fenſtern anhielt und die ganze Straße mit ſeinen ſchwarzen Maſſen erfüllte. Plötzlich ſtieß ſie einen leiſen Schrei aus und ihre Hand heftig auf die Schulter ihrer Freundin legend, deutete ſie hinunter auf die Straße. Sehen Sie dorthin, flüſterte ſie bebend, ſehen Sie, das iſt der böſe Dämon, welcher mit die Schuld an dem Unglück Preußens trägt; es iſt Lombard, mein gefährlichſter, und ich darf ſagen, mein einziger Feind! Er haßt mich, weil er weiß, daß ich ihn verabſcheue, er hat mir Rache geſchworen, weil er weiß, daß ich ihm mißtraue und daß ich den König gebeten habe, ihn zu entlaſſen. Er hat treulos und verrätheriſch an uns und an Preußen gehandelt, das fühle ich, das weiß ich und davon war ich ſeit langer Zeit ſchon überzeugt. Mein Gott, wenn dieſer Menſch hier iſt, ſo bin ich von einem Unglück be⸗ droht, denn er ſinnt auf mein Verderben! Was kann er nur hier wollen? Laßt mich! rief eben Lombard mit ſchallend lauter Stimme. Laßt mich, ich will und muß zur Königin! Zu mir? rief die Königin erſchrocken und in ſich erſchauernd. Nein, ich will ihn nicht annehmen, ich habe nichts zu ſchaffen mit ihm. In ihrer Erregung und voll Verlangen, zu ſehen, was da unten auf der Straße ſich weiter begeben werde, trat die Königin hinter dem Vorhang hervor und erſchien offen und frei an dem Fenſter. Das Publikum begrüßte ſie mit einem lauten donnernden Jubelruf und wandte dann wieder ſeine Blicke auf Lombard hin. Auch er hatte die Königin erblickt und hob flehend ſeine Hände zu ihr empor und rief: Oh ich beſchwöre Ew. Majeſtät, rufen Sie mich zu ſich. Ich bin gekommen, um Ew. Majeſtät meine Dienſte anzubieten und Ihnen wichtige Nachrichten mitzutheilen. Oh Königin, gewähren Sie mir eine Andienz! A gehött ſanft b D Stimn Er iſt V Verrit danit L ihn zu von E v ihn Gru das 2 breche Man gehol manr dieſe zu ſ ſge richt man Jah Bon rei Er auf varen inter das einen eftig f die ſt der rägt; ziger hat d daß s und „das Mein ck be⸗ hiet Laßt nernd. t ihm unten r dem beluf Hände n Sie ienſte nigin, 67 Aber die Königin rührte ſich nicht, ſie ſchien ſeine Worte gar nicht gehört zu haben, und ihre Augen, welche ſonſt immer ſo milde und ſanft blickten, hatten jetzt einen düſteren Flammenblitz. Die Königin ruft ihn nicht! riefen hundert und aber hundert Stimmen da unten. Die Königin will nichts mit ihm zu thun haben! Er iſt ein Verräther! Was habe ich denn gethan, Ihr guten Leute, daß Ihr mich einen Verräther ſcheltet? fragte Lombard. Nennt mir doch meine Verbrechen, damit ich mich rechtfertigen kann! Wir wollen ſie Euch nennen! ſagten die beiden Männer, welche ihn zuerſt ergriffen hatten und welche zwei angeſehene reiche Kaufherren von Stettin waren. Ja, ja, Herr Grunert und Herr Pufahl, rief die Menge, nennt ihm ſeine Verbrechen, beweiſt ihm, daß er ein Verräther iſt! Wir wollen es ihm beweiſen, ſeid ſtill und hört! rief Herr Grunert. Mein Gott, murmelte die Königin, es iſt ein Gottesgericht, welches das Volk hier abhält, es wird den Schuldigen ſtrafen und ſeine Ver⸗ brechen an das Licht bringen! Unten auf der Straße herrſchte jetzt ein athemloſes Schweigen Man hatte aus einem der nächſtgelegenen Häuſer einen Stuhl herbei⸗ geholt und Lombard gezwungen, denſelben zu beſteigen, damit Jeder⸗ mann ihn ſehen und erkennen möchte. Ein wunderbares Bild war es, dieſe ſchwankende, hinfällige Geſtalt mit dem bleichen, entſetzten Antlitz zu ſehen, weit emporragend über der Menge, deren Köpfe alle ihm zugewandt, deren flammende Augen wie Dolchſpitzen auf ihn ge⸗ richtet waren. Er iſt ein Verräther und ich will es ihm beweiſen, ſagte der Kauf⸗ mann Grunert, dicht zu Lombard herantretend. Er hat ſich ſchon im Jahre 1803, als der König ihn nach Brüſſel ſandte, um dort mit Bonaparte über einen würdigen Frieden zwiſchen Preußen und Frank⸗ reich zu verhandeln, von dem jetzigen Kaiſer Napoleon beſtechen laſſen. Er hat einen für Preußen demüthigenden und nachtheiligen Einfluß auf die Abſchließung einer Allianz mit Frankreich ausgeübt, aber Bo⸗ 5* 68 naparte hat ihn dafür mit einer Summe von ſechstauſend Napoleonsd'or beſtochen.*) Leugnet es, wenn Ihr könnt! Ich leugne es, ſagte Lombard. Es iſt wahr, ich ließ mich einen Augenblick von dieſem Ungeheuer, das jetzt die Erde verwüſtet, dupiren. Als ich ihn im Jahre 1803 in Brüſſel ſah, wußte Bonaparte mir Glauben einzuflößen an den Adel ſeiner Seele und die Größe ſeines Characters. Allein die Täuſchung währte nicht lange und bald er⸗ kannte ich, daß dieſer eingefleiſchte Teufel auf ſeiner entſetzlichen Bahn nicht eher Halt machen werde, bis er alles Beſtehende zerſtürt und ver⸗ nichtet habe.**) Aber ich leugne es, jemals Geld von ihm empfangen und Geſchenke angenommen zu haben, und der beſte Beweis dafür iſt, daß ich gar kein Vermögen habe und ſo arm bin, wie eine Kirchen⸗ maus. Meine Frau hat kaum ein Zimmer, in welchem ſie ihre Freunde empfangen kann; was mich anbetrifft, ſo waren ein einfacher Lehnſtuhl und eine Tabackspfeife immer das Ziel meiner Wünſche.) Ihr ſeid arm, weil Ihr im Spiel vergendet und in Euren ge⸗ heimen Orgien verſchwendet, was Ihr durch Intriguen zuſammen⸗ gebracht habt, ſagte Grunert ſtrenge. Eure Armuth ſpricht Euch nicht frei, denn ſie iſt eine Folge Eures wüſten Lebens. Ihr ſeid ein Ver⸗ räther. Euren Ränken im Intereſſe Napoleons iſt es zuzuſchreiben, daß unſer Heer im vorigen Jahre, wo es ſich mit Rußland und Oeſter⸗ reich gegen Frankreich ſchlagen ſollte, ſo ſpät in's Feld rückte und ohne das Schwert aus der Scheide zu ziehen, heimkehrte. Euer iſt die Schuld und die Schmach des Wiener Tractats, denn Graf Haugwitz iſt nur ein Werkzeug und ein Diener in Euren Händen, Ihr beherrſcht ihn. Ihr aber habt gelacht und gefrohlockt über den Wiener Tractat, denn Ihr ſeid ein Sohn und ein Glückskind der franzöſiſchen Colonie und Ihr habt kein Herz für deutſche und für preußiſche National⸗Ehre. †) Er iſt ein Verräther! brüllte das Volk, und er ſoll nicht von der *) Siehe: Merkel, meine Lebensbeſchreibung. **) Lombard's eigene Worte. Siehe: Gentz kleinere Schriften, heraus⸗ gegeben von Guſtav Schleſier. Th. II. S. 194. **) Lombard's eigene Worte. Siehe ebenda. 4) Louiſe, Königin von Preußen. S. 246. — Stelle nicht v N heran unter ſchütze Pufah terlichſ er alle und a und l unten in d ieut Peter ſei, Kaiſe Hülf mit Herr Buſ Mon zu ü ſchif zim Der war onöd'or einen upiren. te mir ſeines Bahn d ver fangen für iſt, ürchen⸗ Freunde ehnſtuhl en ge⸗ ammen⸗ ch nicht in Ver⸗ hreiben, Oeſter⸗ nd ohne Schuld iſt nur cht ihn. t, denn nie und Ehre) von der herals⸗ „ 69 Stelle. Wir wollen ihn packen und feſthalten, er ſoll die Königin nicht verrathen! Mit drohenden Fäuſten, in wilder Wuth drängte die Menge näher heran zu Lombard und war im Begriff, ihn von ſeinem Stuhl her⸗ unter zu reißen. Aber Grunert und Pufahl wehrten ſie zurück und ſchützten ihn mit ihren breiten, coloſſalen Geſtalten. Ihr wißt noch nicht Alles, was er gethan hat, rief der Kaufmann Pufahl mit machtvoller Stimme. Ich will Euch ſeine letzte und fürch⸗ terlichſte Verrätherei erzählen. Er iſt an dem Unglück von Jena Schuld, er allein! Mein Gott, was werde ich hören müſſen! flüſterte die Königin, und außer ſich, athemlos neigte ſie ihr Haupt dichter an das Fenſter und lauſchte mit geſpannter Erwartung auf jedes Wort, welches da unten geſprochen ward. Nun hört, was Lombard gethan hat, rief Herr Pufahl. Schon in der Mitte des vorigen Monats ſandte unſer König den Obriſt⸗ Lieutenant von Kruſemark mit einem eigenhändigen Schreiben nach Petersburg, in welchem er dem Kaiſer vermeldete, daß er geſonnen ſei, den Krieg mit Frankreich zu beginnen, und in welchem er den Kaiſer daher aufforderte, ihm, wie er verſprochen, ſeine Armee zur Hülfe zu ſenden. Herr von Kruſemark nahm nur einen Kammerdiener mit auf die Reiſe, den er auf beſondere Empfehlung dazu engagirte. Herr von Kruſemark trug die Depeſchen während der Reiſe auf der Bruſt; erſt als er in Petersburg angelangt war, legte er ſie einen Moment ab, um ſich umzukleiden und die Depeſchen ſofort dem Kaiſer zu übergeben. Sein Diener war mit dem Ordnen ſeiner Kleider be⸗ ſchäftigt; Herr von Kruſemark ging einen Augenblick in das Neben⸗ zimmer, und als er von dort zurückkehrte, war der Diener ſammt den Depeſchen verſchwunden. Alles Bemühen Kruſemark's und der Polizei war vergeblich, man fand weder die Depeſchen noch den Diener wieder, Herr von Kruſemark mußte alſo einen Courier nach Berlin ſenden und um neue Inſtructionen bitten. Das gab einen Aufenthalt von einigen Wochen und die ruſſiſche Armee hat deshalb nicht zur rechten Zeit hier ſein können, um mit unſerer Armee vereint die Franzoſen anzugreifen. 70 Wir hätten die Schlacht von Jena nicht verloren, wenn die Depeſchen des Königs früher in die Hände des Kaiſers gelangten und wenn er ſeine Armee rechtzeitig marſchiren ließ. Wir hätten die Schlacht von Jena nicht verloren, wenn der Diener des Herrn von Kruſemark nicht die Depeſchen geſtohlen hätte. Nun hört, was ich Euch ſage: Dieſer Diener war dem Herrn von Kruſemark durch Lombard empfohlen worden, und er war ein naher Verwandter Lombard's.*) Er iſt ein Verräther! ſchrie und heulte das Volk. Er iſt an dem Unglück von Jena Schuld, er allein! Aber er ſoll es büßen! Wehe dem Verräther! Oh, mein Gott, Majeſtät! rief Frau von Berg angſtvoll und entſetzt. Sehen Sie nur, die Wüthenden reißen ihn von ſeinem Stuhl herunter, ſie werden ihn ermorden! Erbarmen Sie ſich ſeiner, ſchützen Sie ihn. Ja, ſagte die Königin, vom Fenſter zurücktretend, ja, ich will ihn ſchützen, aber ich will auch mich ſelber ſchützen! Und mit raſchen Schritten das Gemach durcheilend, öffnete ſie die Thür des Vorzimmers, in welchem der Platzmajor von Stettin und einige höhere Officiere verſammelt waren. Herr Platzmajor, ſagte die Königin mit gebieteriſcher Stimme, eilen Sie hinunter und verhaften Sie den Geheimen Rath Lombard. Führen Sie ihn auf die Hauptwache und laſſen Sie ihn dort ein⸗ ſchließen und bewachen, bis der König weiter über ihn beſtimmt hat. Ich ſelbſt werde Sr. Majeſtät berichten, was Sie auf meinen Befehl haben thun müſſen! Es war die höchſte Zeit, daß Rettung für Lombard kam. Die wüthende Menge hatte ihn ſchon zu Boden geriſſen, und des Bittens und Flehens der beiden Kaufherren, welche ihn zu ſchützen ſuchten, nicht achtend, fielen ſie eben mit Fauſtſchlägen über ihn her, als der Platz⸗ major mit einigen Soldaten und Polizeibeamten erſchien. *) Siehe: Louiſe, Königin von Preußen, S. 247, und Merkel, Lebens⸗ beſchreibung. ihn der den ſpot jett verh eins den He Pr ger unt peſchen enn er ht von k nicht ieſer nbard ndter n dem Vehe und Stuhl ſchützen will ihn ſie die tin und Stimme, ombard. ort ein⸗ int hat. Befehl m. Die Bittens en nit er Plat⸗ Lebens⸗ F Ruhe, Ihr Leute, Ruhe! rief er mit donnernder Stimme. Ruhe im Namen der Königin! Sofort verſtummte das Geſchrei und die Wüthenden, welche Lom⸗ bard ſchon gepackt hatten, ließen ihn los und traten ehrfurchtsvoll zurück, um dem Major Platz zu machen. Im Namen der Königin, ſagte dieſer, ſeine Hand auf Lombard's Schulter legend und ihm beim Aufſtehen behülflich ſeiend, im Namen der Königin verhafte ich Sie, Herr Geheime Rath Lombard. Folgen Sie mir zur Hauptwache. Aber Lombard, nicht im Stande ſich aufrecht zu halten, war mit ſchlotternden Knieen, halb todt vor Angſt und Entſetzen, auf den Stuhl niedergeſunken. Sie ſehen wohl, mein Herr, daß ich Ihnen nicht folgen kann, ächzte er matt, meine Füße tragen mich nicht. So werden die Arme meiner Soldaten Sie tragen, ſagte der Platzmajor, und den Soldaten einen Wink gebend, fuhr er fort: Nehmt ihn auf und tragt den Herrn Geheimen Rath nach der Hauptwache. Unter dem lauten Beifallsgeſchrei und Jubeln der Menge ward der Befehl vollführt. Die Soldaten hoben Lombard empor und ſchlugen den Weg nach der Hauptwache ein. Die Menge folgte ihnen mit Lachen und Schreien, Lombard ver⸗ ſpottend und verhöhnend und ſich Glück wünſchend, daß die Königin jetzt ungehindert ihre Reiſe werde fortſetzen können, da der Verräther verhaftet ſei. Auf der Hauptwache angelangt, brachte man Herrn Lombard in eins der für die Gefangenen beſtimmten Gemächer, aber man wollte den Herrn Geheimen Rath, den einflußreichen, mächtigen Freund des Herrn Miniſters Haugwitz, doch nicht dazu verurtheilen, auf der Pritſche der Verbrecher zu liegen und die gewöhnliche Koſt der Gefan⸗ genen zu eſſen. Der Platzmajor ließ alſo nach dem erſten Gaſthof Stettins ſenden und den Wirth auffordern, den Herrn Geheimen Rath Lombard mit Betten und Speiſe zu verſehen und Beides ſofort zu ſchicken. Aber die Soldaten kehrten zurück, ohne weder das Eine noch das Andere erhalten zu haben. Nun, wird der Wirth die Sachen ſenden? S der Platzmajor. Nein, Herr Major, lautete die Antwort, der Wirth hat es abge⸗ lehnt, er ſagt: er wolle keinen Verräther bedienen und wenn man es ihm noch ſo hoch bezahlen wolle. Der Major verſuchte vergeblich, ein zorniges Geſicht zu machen; die Antwort gefiel ihm ebenſowohl, als ihm vorher die Züchtigung gefallen hatte, welche das Volk dem Geheimen Rath Lombard ange⸗ deihen ließ. So geht zu einem andern Gaſtwirth, ſagte er indeſſen zu den Soldaten, macht ihm dieſelbe Beſtellung, und wenn er ſich auch wei⸗ gert, ſo geht wieder zu einem andern, genug, geht und ſucht einen Gaſtwirth, der Betten und Speiſe für den Herrn Geheimen Rath Lombard ſenden will. Das Volk, welches ſich vor der Hauptwache auſgeßlt hatte, ver⸗ nahm die Worte der Soldaten ſowohl, wie den erneuerten Befehl des Majors, und es begleitete in langem Zuge die Soldaten, welche aus⸗ zogen, um einen Gaſtwirth zu ſuchen, der den Verräther bedienen möchte. Erſt nach einer Stunde kehrten die Soldaten zurück, immer noch begleitet von der Menge, deren Zahl ſich jetzt um das Doppelte ver⸗ mehrt hatte. Der Herr Platzmajor befand ſich in dem Zimmer bei Lombard und er hatte Ordre gegeben, daß die Soldaten ihn dort aufſuchen möchten. Vielleicht vermuthete er die Antwort, welche die Soldaten ihm bringen würden, und er wünſchte, daß Lombard ſie hören möchte. Der Herr Geheime Rath Lombard, der vertraute Freund des Miniſters, der bisher immer nur an reichbeſetzten Tafeln geſeſſen und in ſeidenen Betten geſchlafen, der üppige, ſchwelgeriſche Lombard lag, als die Soldaten in ſein Gemach eintraten, auf der hölzernen Pritſche, ächzend und jammernd vor Schmerz und Entſetzen; der Platzmajor ſtand am Fenſter und trommelte an den Scheiben. Nun, rief er den Soldaten zu, kommt Ihr endlich und bringt Ihr endlich für den Herrn Geheimen Rath Betten und Speiſen? Warum ſeid denn ni geneine Vi Soldate haben zufgefo zu verſi Ale ge von mi H meinem ſterben N verſche einen die nö N zurück ſucht! . bald harter laſſen, ſhrift Zwe Sold mit ſich d lungte Kron ch das major. abge⸗ an es achen tigung ange⸗ u den wei einen Rath e, ver⸗ hl des aus nöchte. t noch te ver⸗ ter bei ndort he die ud ſie d des en und td lag, ritſche, zmajor gt Ihr Parum 73 ſeid Ihr aber ſo lange geblieben, Ihr faulen Burſchen? Wußtet Ihr denn nicht, daß der Geheime Rath, bis Ihr wiederkehrtet, wie ein ganz gemeiner Verbrecher hier auf der Pritſche liegen mußte? Wir konnten nicht früher kommen, Herr Major, erwiederten die Soldaten, wir ſind von einem Gaſthof zum andern gegangen, wir haben allen Gaſtwirthen Stettins Euren Befehl überbracht und ſie aufgefordert, den Geheimen Rath Lombard mit Betten und Speiſen zu verſehen. Aber ſie haben Alle dieſelbe Antwort gegeben, ſie haben Alle geantwortet: Sagt dem Herrn Platzmajor, daß ſein Befehl nicht von mir ausgeführt werden wird.„Ich will keinen Verräther bedienen!“ Oh, mein Gott, wimmerte Lombard, man will mich alſo mit meinem ſiechen, zerſchlagenen Körper hier auf den harten Brettern ſterben laſſen! Nein, rief der Platzmajor, ich werde Ihnen ein anderes Lager verſchaffen. Ich werde ſogleich zum Gouverneur gehen und von ihm einen Befehl erwirken, der die Gaſtwirthe wohl zwingen ſoll, Ihnen die nöthigen Sachen zu liefern. Ich eile ſogleich zu ihm. Nach einer halben Stunde kehrte der Platzmajor zu Lombard zurück, der indeß vergeblich auf dem harten Lager zu ſchlummern ver⸗ ſucht hatte. Jetzt, mein Herr, ſagte der Major, jetzt werden Ihre Wünſche bald erfüllt werden. Der Herr Gouverneur hat unter Androhung harter Strafe dem Gaſtwirth des Hötels zum Kronprinzen befehlen laſſen, Sie mit allem Nöthigen zu verſehen, und ich habe mit dieſem ſchriftlichen Befehl meine Soldaten zu ihm geſchickt. Sie werden ohne Zweifel bald zurückkommen. Nach einigen Minuten öffnete ſich in der That die Thür und die Soldaten trugen ein Bett in das Gemach, zwei andere folgten ihnen mit gefüllten, dampfenden Schüſſeln. Nun? rief der Platzmajor den Soldaten entgegen. Jetzt alſo hat ſich der Wirth des Kronprinzen nicht mehr geweigert, Euch das Ver⸗ langte zu geben? Der Befehl des Gouverneurs hat geholfen. Ja, Herr Major, er hat geholfen. Aber der Gaſtwirth zum Kronprinzen läßt dem Herrn Platzmajor vermelden: da der Herr 74 Gouverneur einen ſo ſtrengen Befehl gegeben, ſo bliebe ihm nichts an⸗ ders übrig, als zu gehorchen, aber nachher, wenn die erzwungene Auf⸗ wartung zu Ende ſei, werde er das Geſchirr zerſchlagen, aus dem Herr Lombard gegeſſen und die Betten verbrennen, auf denen er ge⸗ ſchlafen*). Herr Lombard ſchien dieſe kränkenden Worte gar nicht gehört zu haben, er erhob ſich, von ſeinem herbeigeholten Diener unterſtützt, haſtig von der Pritſche und nahm vor dem Tiſch Platz, auf welchem man ihm die Speiſen ſervirt hatte. Am Abend dieſes Tages begab ſich der Platzmajor mit einigen Officieren in den Gaſthof zum Kronprinzen und verlangte den Beſitzer deſſelben zu ſprechen. Als der Gaſtwirth, ein wenig verwirrt, und überzeugt, daß der Platzmajor ihm einen Verweis bringe, hereintrat, ging ihm der Major entgegen und reichte ihm mit einem freundlichen Lächeln die Hand dar. Mein Herr, ſagte er, dieſe Herren Officiere und ich, wir haben es übernommen, Ihnen im Namen aller unſerer Kameraden unſere Freude auszuſprechen über die tapfere und mannhafte Antwort, welche Sie heute gegeben, als man ſie gezwungen, den Verräther Lombard zu bedienen. Das ganze Officiercorps hat beſchloſſen, von jetzt an bei Ihnen ſeinen Mittagstiſch zu nehmen, und wir werden alſo von heute an bei Ihnen ſpeiſen, denn es dünkt uns Allen eine Ehre, im Hauſe eines ſo patriotiſchen Mannes zu verweilen. *) Hiſtoriſch, ebenſowohl wie die ganze Schilderung dieſer durch Lombard veranlaßten Bewegung in Stettin. Siehe: Loniſe, Königin von Preußen. S. 248. 2 getrage fortgeſ geeilt V Lomba liche( ( treu! Publ laſſen gelieb weiter und des ſtraß Nute chts an⸗ ne Auf⸗ us dem er ge⸗ chört zu t haſtig em man einigen Beſitzer daß der rMojor and dar. ir haben unſere welche Lombard tan bei on heute m Hauſe Lombard S 24 — MI. Die Tlucht der Bönigin. Die Königin hatte gewartet, bis Lombard von den Soldaten fort⸗ getragen und unter dem Geleit der Volksmenge nach der Hauptwache fortgeſchafft ward, dann war ſie in Begleitung ihrer Freundin hinunter⸗ geeilt zu dem Wagen, um ihre Reiſe fortzuſetzen. Viele Leute waren auf der Straße verſammelt und hatten, ſtatt Lombard zu folgen, es vorgezogen, die Königin noch einmal zu ſehen. Sie empfingen Louiſe mit lautem Freudengeſchrei und riefen ihr herz⸗ liche Glückwünſche für den Verfolg ihrer Reiſe entgegen. Grüßen Sie unſern König und ſagen Sie ihm, daß wir ihm treu bleiben wollen, ſo lange wir leben! rief eine Stimme aus dem Publikum. Wir danken der Frau Königin, daß ſie den Verräther hat verhaften laſſen, rief ein Anderer. Nun brauchen wir uns doch nicht um unſere geliebte Königin zu ängſtigen und ſind ſicher, daß ſie ohne Gefahr weiter reiſen kann. Die Königin grüßte lächelnd und freundlich nach allen Seiten hin und ließ die Fenſter ihres Wagens nieder, um noch lange die Grüße des Volks erwiedern zu können und von ihm geſehen zu werden. Ja, ſagte ſie, als der Wagen aus dem Thor dahin auf die Land⸗ ſtraße hinaus rollte, ja, ich hoffe, daß die Prophezeihung dieſer guten Leute ſich erfüllen wird und daß ich das Ziel meiner Reiſe glücklich erreichen werde. Jetzt, da Lombard verhaftet iſt, glaube ich es, denn er war mir gefolgt, um dem Feinde von mir Nachricht zu geben, davon bin ich überzeugt. Aber das Gericht Gottes hat ihn ereilt und die Strafe hat ihn getroffen. Oh wie fürchterlich muß es ſein, mit böſem Gewiſſen und mit ſolchem bleichen Verbrechergeſicht dem Volk gegen⸗ überzuſtehen und von ihm angeklagt zu werden! Das Schwerſte läßt ſich noch ertragen, wenn nur die Seele nicht belaſtet iſt von Schuld und Sünde! Und ſo will ich auch muthig und ſtandhaft der Zukunft —= 76 entgegen gehen und hoffen, daß Gott alle Dinge zum Beſten füge! Für mich giebt es nur Eine Pflicht: meinen Kindern eine treue Mutter zu ſein und meinem Gemahl ein Troſt in ſeinen Kümmerniſſen. Oh Caroline, mein Herz, welches in dieſen Tagen wie erſtarrt und todt in meiner Bruſt gelegen, es erwacht jetzt wieder und lebt und klopft vor Freuden, denn ich werde meinen Mann und meine Kinder wieder⸗ ſehen! Und wenn Alles uns verläßt und ſich von uns wendet, die Liebe wird bei uns bleiben und wer in der Liebe bleibet, der bleibet bei Gott! Sie lehnte ſich in die Kiſſen zurück, und ganz ſich ihrem Sinnen überlaſſend, ſchloß ſie die Augen. Ein unendlicher Friede lag auf ihrem ſchönen Angeſicht, ihre Stirn war heiter und klar, ein ſanftes Lächeln umſpielte ihre Lippen. Noch hatte der Gram ſeine Linien nicht über dies edle und jugendliche Antlitz gezogen und ſeine Schrift war noch nicht auf ihrer hohen, reinen Stirn zu leſen. Oh, flüſterte ihre Freundin in ſich hinein, mit Blicken unendlicher Liebe das ſchöne und rührende Bild der ſchlummernden Königin be⸗ trachtend, oh möchte der Schmerz nur wie eine dunkle Gewitterwolke an ihr vorübergehen, möchte kein Blitz herniederfahren und dies edle geliebte Haupt zerſchmettern! Aber ich fürchte, das Gewitter wird über ſie hereinbrechen mit allen ſeinen Donnern und Stürmen und es wird alle Blüthen ihres Herzens zerſchmettern. Gieb ihr alsdann Kraft, mein Gott, ſtärke ſie in ihren Leiden, wie Du ſie geſegnet haſt in ihrem Glück! Sie ſchläft, laß ihren Schlaf ſanft und er⸗ quicklich ſein, mein Gott, möge er ihre Augen kräftigen und ihre Seele ſtärken! Leiſe und vorſichtig, um die Königin nicht zu ſtören, lehnte ſich Frau von Berg in die andere Ecke des Wagens, der in raſchem Lauf auf der Landſtraße dahin rollte. Ohne zu raſten ging es weiter von Station zu Station, an jedem Ort, in jedem Dorf beeilte man ſich, ſobald man die Königin erkannt hatte, ihr neue Pferde an den Wagen zu legen, überall liefen die Menſchen zuſammen, um der Königin ihre Grüße entgegen zu jauchzen, um ihr laute Segenswünſche nachzurufen, wenn ſie weiter fuhr. vor der Der 5 Namen T Ich w den S zuhalt 6 zu der 9 dem( erſten komm ſie m entge nehm Woge zetriſ an, Kopf getro inden Köni en füge! Mutter n. Oh ind todt d klopft wieder det, die bleibet Sinnen uf ihrem Lächeln cht über var noch endlicher igin be tewolle ies edle er wird nen und alsdann geſehnet und er ud ihre hnte ſich en Luf ion, an gönigin l liefen egen z ter fuhr 77 Schon hatte ſie Frankfurt paſſirt und hielt in dem Dorfe Reitwein vor dem Hauſe des Amtmanns an, um die ermüdeten Pferde zu wechſeln. Der Kammerdiener der Königin trat in das Haus und forderte im Namen der Königin neue Vorſpannpferde. Der Amtmann ſchaute ihn mit unſichern, düſtern Blicken an. Ich werde die Pferde ſogleich beſorgen, ſagte er, ich ſelbſt werde in den Stall gehen, ſie anzuſchirren, um die Reiſe der Königin nicht auf zuhalten. Er ging eilends hinaus und der königliche Kammerdiener kehrte zu dem Wagen der Königin zurück. Louiſe hatte ſich aufgerichtet und ſchaute mit traurigen Blicken aus dem Schlag des Wagens auf die öde und ſtille Umgebung. Zum erſten Mal geſchah es ihr, daß man ſie bei ihrer Ankunft nicht will kommen hieß, daß ihr Wagen nicht umringt war von Menſchen, die ſie mit freudigen Geſichtern anſchauten, die ihr den Gruß der Liebe entgegen riefen. Niemand ſchien hier zu ahnen oder Notiz davon zu nehmen, daß es die Königin, die Landesmutter, ſei, welche da in dem Wagen ſaß. Nur einige Bauerkinder mit weißen Haaren, in ſchmutzigen zerriſſenen Kleidern kamen herbei gelaufen und ſtarrten die Königin an, ohne ſie zu grüßen und ohne ihr zu danken für ihr freundliches Kopfnicken. „Wir werden noch oft aus dem Thor fahren und es wird nicht getrommelt werden,“ murmelte die Königin mit einem matten Lächeln, indem ſie in die Kiſſen des Wagens zurückſank. Die Zeit verging und noch immer kamen die Pferde nicht. Die Königin ſchaute unruhig nach ihrer Uhr. Wir ſind faſt eine Stunde hier, ſagte ſie, mich ängſtigt dieſe lange Zögerung. Sie richtete ſich wieder auf und ſchaute von Neuem aus dem Wagenfenſter. Dieſelbe Stille und Oede, wie zuvor, herrſchte rings um. Die flachshaarigen Kinder ſtanden noch immer und ſtarrten, mit den Fingern im Munde, zu ihrem Wagen hin. Drüben auf dem hohen Düngerhaufen vor der Bauernhütte ſtand ein majeſtätiſcher, buntbefiederter Hahn und rief mit lautem Krähen eine Schaar Hühner herbei; aus der Ferne vernahm man das dumpfe Brüllen der Kühe in 78 ihren Ställen und das Bellen zweier Hunde, die in ihrer Sprache eine Converſation mit einander führten. Kein menſchliches Weſenließ ſich ſehen, ſelbſt der Amtmann zeigte ſich nicht, obwohl er wußte, daß es die Königin ſei, welche da vor der Thür hielt. Nur ein Knecht in einem langen blauen Kittel, mit ſchweren Holzſchuhen an den Füßen, kam eben aus der Thür des Amthauſes und ſtellte ſich mit ineinander⸗ geſchlagenen Armen neben derſelben auf, mit ſeinen kleinen waſſerblauen Augen zu der königlichen Equipage hinſtarrend. Ich weiß nicht, flüſterte die Königin beklommen, dieſe Stille ängſtigt mich und erregt mir ein Gefühl von Angſt und Grauen, das ich mir ſelber nicht zu erklären weiß. Es iſt mir, als athme Alles um mich her Verrath und Unheil, als ſei das Verderben bereit, über mich hereinzubrechen. Wir wollen fort, wir müſſen fort von hier. Warum kommen die Pferde nicht? Erlauben Ew. Majeſtät, daß ich den Kammerdiener rufe und ihn zur Eile ermahne, ſagte Frau von Berg, ſich aus dem Wagen lehnend. Sagen Sie dem Amtmann, daß er ſich beeilen ſoll, befahl ſie dem herbeieilenden Kammerdiener. Ihre Mazeſtät wünſcht ſogleich abzureiſen. Die Pferde ſind noch immer nicht hier, rief der Kammerdiener angſtvoll, der Amtmann verſprach, ſie ſelber zu holen und anzuſchirren und jetzt läßt er ſich gar nicht blicken. Ein lautes, ſpöttiſches Lachen ertönte und erreichte ſelbſt das Ohr der Königin. Sie neigte ſich vorwärts und blickte angſtvoll zu dem Knecht hin, der noch immer mit ineinander geſchlagenen Armen an der Thür ſtand. Er war es geweſen, der ſo laut gelacht hatte, und als der Kammerdiener ſich jetzt zu ihm hinwandte und ihn fragte, weshalb die Pferde immer noch nicht kämen, brach er zum zweiten Mal in daſſelbe ſpöttiſche Lachen aus. Weshalb lacht Ihr? fragte der Kammerdiener unwillig. Der Knecht ſah ihn mit liſtigem Augenblinzeln an. Nun, ſagte er, ich lache, weil Ihr Pferde erwartet und darum ſchon ſeit einer Stunde hier haltet. Die Pferde werden aber nimmermehr kommen, denn zwei davon hat der Amtmann durch den hintern Thorweg auf's Feld g weiß, w Di ihrem Ahem den Rn Ne Küſtrin nehmen eine c 0 Amr mann richtig wenn N finden einen ſpreche in Be Em. J, Stun ſih ſ Sprache ſendließ ſte, daß necht in Füßen, nander⸗ rblauen Stille en, das e Alles it, über on hier. und ihn lehnend. fahl ſie ſogleich erdiener uſchimen dus Ohr zu den an der und als weshalb Nal in n, ſagte ſit einer kommel⸗ 63 veg außs 79 Feld gejagt und auf dem dritten iſt er ſelber davon geritten, Gott weiß, wohin!*) Die Königin ſtieß einen leiſen Schrei aus und faßte zuckend nach ihrem Herzen. Sie empfand da einen ſtechenden Schmerz, der ihr den Athem verſetzte und ihre Wangen erbleichen machte. Es ſind alſo gar keine Pferde mehr da? fragte Frau von Berg den Knecht. Nein, im ganzen Dorf keine, die Bauern haben ſie alle nach Küſtrin geflüchtet, weil ſie fürchten, daß die Franzoſen ſie ihnen fort⸗ nehmen. Sind denn die Franzoſen ſchon ſo nahe? Der Amtmann ſagte heute morgen, er habe ſie ſchon in Bärwalde, eine Stunde von hier, getroffen. Fort, wir müſſen auf der Stelle fort, ſagte die Königin, ihren Arm mit heftigem Druck auf den Arm der Freundin legend. Der Amt⸗ mann iſt ein Verräther, und er iſt hingeeilt, unſere Feinde zu benach⸗ richtigen, daß ich hier bin. Oh, Caroline, wir müſſen hier fort, und wenn man mir keine Pferde ſchafft, ſo werde ich zu Fuß weiter gehen. Nein, Majeſtät, es muß, es wird ſich noch ein Auskunftsmittel finden, ſagte Caroline entſchloſſen, erlauben Ew. Majeſtät, daß ich einen Moment aus dem Wagen ſteige, um ſelbſt mit dem Poſtillon zu ſprechen, der uns bis hierher gefahren hat. Ich ſteige mit Ihnen aus, rief die Königin, ſich aufrichtend und im Begriff die Wagenthür zu öffnen. Frau von Berg ſuchte ſie zurückzuhalten. Wie? rief ſie entſetzt, Ew. Majeſtät wollen doch nicht ſelbſt— Selbſt mit dem Poſtillon ſprechen? unterbrach ſie die Königin. Ja, das will ich. Er iſt ein Menſch, wie wir Alle, und in dieſer Stunde glücklicher und beneidenswerther als ich. Vielleicht erbarmt er ſich ſeiner Königin! Sie verließ haſtig den Wagen und befahl dem Kammerdiener, den Poſtillon, welcher während dieſer Stunde des Wartens ſeine Pferde 6) Siehe: Louiſe, Königin von Preußen. S. 257. 3 80 getränkt und gefüttert hatte und eben im Begriff war, mit ihnen zur Station zurückzureiten, zu ihr zu führen. Der Poſtillon beeilte ſich, dem Befehl zu gehorchen und näherte ſich mit ſchwankenden, unſicheren Schritten der Königin, welche unweit des Wagens neben Frau von Berg ſtand. Sprechen Sie zuerſt mit ihm, ſagte die Königin zu ihrer Freundin. Sie haben gehört, daß wir keine Pferde mehr bekommen können, ſagte Frau von Berg. Die Königin wünſcht daher, daß Sie ſogleich Ihre Pferde wieder vorlegen und weiter fahren. Das iſt unmöglich, Madame, ſagte der Poſtillon, meine Pferde ſind erſchöpft, ich ſelber bin ſo ſteif, daß ich mich kaum auf den Beinen halten kann, denn ſeit drei Tagen bin ich gar nicht vom Pferde her⸗ untergekommen und die Pferde ſind gar nicht im Stall geweſen. Wir haben immerfort Flüchtende nach Küſtrin transportiren müſſen. Wenn Ihr uns raſch und gleich auch dahin fahrt, ſollt Ihr eine große Belohnung haben, verlaßt Euch darauf, ſagte Frau von Berg. Was helfen mir alle Belohnungen der Welt, wenn ich und die Pferde nicht weiter können, erwiederte der Poſtillon achſelzuckend. Ich möchte die Herrſchaft gern fahren, aber ich kann nicht. Sie können nicht? fragte die Königin mit ihrer vollen, ſonoren Stimme. Haben Sie Kinder? Ja, gnädigſte Madame, Kinder habe ich. Zwei Buben und ein Mädchen. Nun, wenn Sie hier eben erführen, daß Ihre Kinder in Küſtrin wären, daß ſie dort von großer Gefahr bedroht würden und angſtvoll nach ihrem Vater ſchrieen. Was würden Sie alsdann thun? Ich würde mit meinen Pferden nach Küſtrin jagen wie der Sturm⸗ wind, und ich würde gar nichts darnach fragen, ob ich meine Pferde zu Tode jagte und mir ſelber eine Krankheit holte. Wenn ich nur bei meinen Kindern ſein könnte. Nun, ſagte die Königin mit einem milden Lächeln, da Sie Vater ſind und Ihre Kinder ſo ſehr lieben, wollen Sie doch ſo grauſam ſein, einer Mutter nicht hülfreich zu ſein, welche zu ihren Kindern eilen will? ſchon i Sie in Madar nicht u geben. Kinder ſeine ſie ihr ſi lei Krnſt, und d gemac Sie 1 hinder über d ilte ſ weite es p es ni und 56 Ben Mü hnen zut näherte e unweit Freundin. n können, e ſogleich ie Pferde nBeinen erde her⸗ ſen. Wir n. Ihr eine on Berg. hund die end. Ich ſonoten nund en Kſtrin angſtwoll in er Sturm⸗ ine Ffde ch nur bei Sie Vater uſan ſein dern eilen 81 will? Ich bitte Sie, bringen Sie mich zu meinen Kindern, die gewiß ſchon in Thränen nach ihrer Mutter ausſchauen. Und wie die Königin ſo ſprach, füllten ſich ihre Augen mit Thrä⸗ nen und ihre Lippen zitterten. Der Poſtillon ſchwieg und blickte mit dem Ausdruck unverhehlten Erſtaunens in das rührend ſchöne Angeſicht Louiſens. Madame, ſagte er nach einer Pauſe, ich bitte Sie, ſteigen Sie in den Wagen. Ich werde meine Pferde vorlegen, in einer Stunde ſollen Sie in Küſtrin und bei Ihren Kindern ſein! Aber das ſage ich Ihnen, Madame, fuhr er fort, ſich an Frau von Berg wendend, ich thu's nicht um Ihre verſprochene Belohnung, und Sie ſollen mir kein Geld geben. Ich thu's, weil es ſchändlich wär', eine Mutter, die nach ihren Kindern weint, nicht zu ihnen zu bringen. Nun machen Sie raſch! Er drehte ſich, ohne eine Antwort abzuwarten, ſchnell um und eilte, ſeine Pferde wieder vor den Wagen zu legen. Die Königin ſchaute ihm mit ſtrahlenden Blicken nach, dann hob ſie ihre Augen zum Himmel empor. Ich danke Dir, mein Gott, flüſterte ſie leiſe, Du haſt mich einen Menſchen finden laſſen! Gieb mir die Kraft, daß ich auch ferner immer noch an das Menſchenherz glaube und daß ſolche Erfahrungen, wie ich ſie heute hier an dem Amtmann gemacht, mein Herz nicht verhärten!— Kommen Sie, Caroline, laſſen Sie uns den Wagen beſteigen, in einer Stunde werden wir bei meinen Kindern ſein, oh, in einer Stunde werde ich den König wiederſehen! Ein Ausdruck des Entzückens flog wie ſtrahlender Sonnenſchein über das Antlitz der Königin hin und mit leichten, ſchwebenden Schritten eilte ſie zu dem Wagen fort. Der Poſtillon hieb auf die Pferde ein und der Wagen rollte weiter. Bald lag das Dorf hinter ihnen und in ſchnellem Lauf ging es vorwärts. Wie ſchnell dieſer gute Mann fährt, ſagte die Königin, er thut es nicht um der Königin willen, ſondern weil er an ſeine Kinder denkt und Mitleid hat mit einem Mutterherzen. Wie gütig doch Gott iſt. Ich geſtehe Ihnen, mein Herz war ſchmerzlich getroffen von dieſer Verrätherei des Amtmanns, und da ſendet mir Gott dieſen braven Mühlbach, Napoleon. II. Bd. 6 82 Menſchen, damit ſeine Gutthat ſich gleich wie Balſam auf die friſche Wunde meines Herzens lege. Oh, ich werde es dieſem Manne ge⸗ denken, und will's Gott, kann ich es ihm lohnen an ſeinen Kindern, was er mir Gutes gethan. Aber Ew. Majeſtät werden auch hoffentlich des Verräthers ge denken und ihn ſtrafen laſſen, ſagte Frau von Berg heftig. Er hat ſich verſündigt an ſeiner Königin und an ſeinem Vaterlande, er darf nicht ſtraflos bleiben. Wenn er es verdient hat, möge Gott ihn ſtrafen, ſagte die Königin ſanft, ich werde ihn zu vergeſſen ſuchen, und ich bitte Sie, dem König nichts davon zu ſagen. Meine Liebe, ich fürchte, wir würden viel zu thun haben, wenn wir Alle diejenigen ſtrafen wollten, die uns ver⸗ rathen werden. Der Amtmann war nur der erſte Treuloſe, aber er wird nicht der letzte ſein! Vergeſſen wir ihn. Aber was iſt das? Warum fahren wir auf einmal ſo übermäßig raſch? Es iſt, als ob der Wagen Flügel hätte! Was bedeutet dies? In der That, der Wagen ſchoß jetzt wie ein vom Bogen ge⸗ ſchnellter Pfeil vorwärts, und als genüge dies dennoch nicht, hörte man die laute angſtvolle Stimme des Kammerdieners, welcher rief: Vorwärts, Kutſcher! Vorwärts! So raſch die Pferde laufen können! Es geht etwas vor und ich muß wiſſen, was es iſt, rief die Kö⸗ nigin, und ſich von ihrem Sitz erhebend, ließ ſie die vorderen Fenſter des Wagens nieder. Sagen Sie mir ehrlich und ohne Umſchweife die Wahrheit, befahl ſie dem Kammerdiener. Was bedeutet dies übermäßig raſche Fahren? Wenn Ew. Majeſtät befehlen, muß ich die Wahrheit ſagen, rief der Kammerdiener. Wir werden von franzöſiſchen Chaſſeurs verfolgt. Sie kommen auf der Landſtraße hinter uns hergejagt. Man erkennt ſchon deutlich ihre Uniformen und die Köpfe ihrer Pferde. Und werden wir im Stande ſein, ihnen zu entfliehen? fragte die Königin mit dem Anſchein vollkommener Ruhe. Wir hoffen es, Majeſtät. Wenn die Pferde noch eine Viertel⸗ ſtunde ſo aushalten, ſind wir gerettet, denn in einer Viertelſtunde werden wir in Küſtrin ſein. in Kiſt die Kü iſſen Brſt Schme und g heobad Eile k immer Schon Geſich blitzen Schr bedec ernſte als G will ſchmi Wohl Sage nüßt det dieſe uns ie friſche mne ge⸗ Kindern, hers ge Er hat er darf eKörigin em Fönig n viel zu uns ver⸗ „aber er iſt das? t, als ob ogen ge⸗ ht, hörte her rief: lönnen! die Kö⸗ en Fenſter weife die ibermßig gen, rieſ verfolgt. an erkennt u Vierte⸗ ertelſtund 83 Sagen Sie dem Poſtillon, daß, wenn wir in einer Viertelſtunde in Küſtrin ſind, ich für die Erziehung ſeiner Kinder ſorgen werde, ſagte die Königin. Dann ſank ſie einen Moment wie zerbrochen auf die Kiſſen zurück. Ein einziger herzzerreißender Schrei drang aus ihrer Bruſt hervor, und einen Moment rang ſie in verzweiflungsvollem Schmerz die Hände zu Gott empor. Dann ward ſie wieder ganz ſtill und gefaßt und lehnte ſich aus dem Fenſter, um die Gefahr ſehen und beobachten zu können. Der Wagen rollte in raſender Eile vorwärts, aber in noch größerer Eile kamen die Chaſſeurs daher geſprengt, immer näher und näher, immer kleiner ward die Entfernung zwiſchen ihnen und dem Wagen. Schon konnte das ſcharfe, weitſehende Auge der Königin die einzelnen Geſichter unterſcheiden, jetzt ſchon die Züge erkennen und die flammenden, blitzenden Augen. Und jetzt hörte man ſchon das laute Rufen und Schreien, mit dem ſie ihre Pferde zum raſcheren Jagen antrieben. Louiſe bog ſich wieder zurück in den Wagen, eine tödtliche Bläſſe bedeckte ihre Wangen, aber ſie war vollkommen ruhig und gefaßt. Hören Sie, was ich Ihnen ſagen muß, Caroline, rief ſie mit ernſter, feierlicher Stimme. Ich werde die Schmach nicht überleben, als Gefangene den franzöſiſchen Soldaten in die Hände zu fallen. Ich will nicht als eine zweite Cleopatra den Triumphzug des neuen Auguſtus ſchmücken. Mit Ehren leben, aber auch mit Ehren ſterben, das iſt mein Wahlſpruch. Der ſchmachvollen Gefangenſchaft ziehe ich den Tod vor! Sagen Sie das meinem Gemahl und meinen Kindern, wenn ich ſterben müßte. Und nun, wie Gott will! In demſelben Angenblick, wo einer der feindlichen Soldaten die Hand nach mir ausſtreckt, befreit mich dieſer Freund! Sie zog einen kleinen Dolch aus ihrem Buſen hervor und hielt ihn feſt und bereit. Königin! rief Caroline entſetzt. Was wollen Sie thun? Still, ſagte die Königin ernſt, mein Entſchluß iſt unabänderlich. Lieber ſterben, als die Schmach der Lächerlichkeit ertragen. Laſſen Sie uns ſehen, was geſchieht. Sie lehnte ſich wieder aus dem Wagen, der noch immer mit un⸗ 84 geheurer Schnelligkeit vorwärts rollte. Die Chaſſeurs waren wieder näher gekommen, ſchon hörte man das Keuchen und Schnauben der ſchäumenden Pferde, ſchon ſah man deutlich die blitzenden und trium⸗ phirenden Augen der Soldaten. Kaum zwei Pferdeslängen nur noch waren die Chaſſeurs entfernt, und jede Secunde brachte ſie näher, immer näher! Louiſe zog ihren Kopf aus dem Fenſter zurück und lehnte ſich in die Kiſſen. Feſt in ihrer Rechten hielt ſie den kleinen blitzenden Dolch. In athemloſer Ermattung, bleich wie eine Sterbende, erwartete ſie ihr Schickſal. Auf einmal fuhr der Wagen mit donnerndem Geräuſch über ein Straßenpflaſter hin. Jetzt hielt er an, und wie eine Engelsſtimme tönte es Louiſen, als ſie die Worte hörte: Da iſt Küſtrin! Wir ſind gerettet! Die Königin fuhr empor und ſchaute wieder aus dem Fenſter. Ja, ſie war gerettet, dort hinten auf der Landſtraße jagten die feind⸗ lichen Chaſſeurs wieder von dannen, und hier dicht vor ihnen lag das erſte Thor der Feſtung Küſtrin. Die Königin hatte immer nur hinter ſich geſehen nach dem ver⸗ folgenden Feind, nicht vor ſich nach dem Ziel der Rettung, und daß ſie jetzt gerettet war, erſchien ihr wie ein Wunder, für welches ſie Gott aus der Fülle ihrer Seele dankte. Jetzt rollte der Wagen in das Thor ein, aber nur langſam, nur im Schritt konnten ſie vorwärts gelangen. Ein unermeßliches Gewühl von Wagen, mit Betten, mit Meubles, mit Kiſten und Kaſten, mit Säcken beladen, beengte die Paſſage; Schreien und Rufen, Klagen und Schelten ertönte im wirren Durcheinander. Aus den Vorſtädten, aus den nahebelegenen Dörfern flüchtete Alles mit ſeinem Hab und Gut hierher, um hinter den Mauern der Feſtung Schutz und Rettung zu ſuchen.*) Die Königin hatte ihren Dolch wieder in den Buſen geſteckt und ſchaute mit Blicken voll unendlicher Dankbarkeit zum Himmel empor. *) Louiſe, Königin von Preußen. S. 256. vorwär Fi gen vo Ki 2 iſt hier D Das l A Mein ſchün Bewe mert den un und d ſtig Mutte einen tunz, hereit die nit i feſt den Rehör n wieder uben der d trium⸗ nur noch ie näher, te ſich in en Dolch. übet ein elsſtimme Vir ſind n Fenſter. die feind⸗ nlag das dem ver⸗ und daß ſie Gott gſam, nur Genihl ſten, mit 1, Klagen tete Ales er Feſtunh eſtect und empor⸗ el emp 85 Ich bin gerettet! flüſterte ſie. Ich werde meinen Mann und meine Kinder wiederſehen! Das Leben iſt wieder mein! Jetzt erweiterte ſich die Paſſage und der Wagen konnte raſcher vorwärts kommen, denn jetzt bog er auf den Marktplatz ein. Ein General in Uniform kam eben daher und wollte an dem Wa⸗ gen vorübergehen. Köckeritz! rief die Königin freudig. Wo iſt der König? Oh Gott ſei Dank, Ew. Majeſtät, daß Sie da ſind. Der König iſt hier. Dort vor jenem Hauſe zwiſchen den Generälen ſteht er. Der Wagen hielt vor dem Hauſe. Der Schlag ward aufgeriſſen. Das bleiche traurige Antlitz des Königs ſchaute herein. Louiſe ſtreckte ihm beide Arme entgegen. Friedrich! Mein Geliebter! Mein lieber, lieber Mann! rief ſie, und beide Arme um ſeinen Hals ſchlingend, drückte ſie einen glühenden Kuß auf ſeine Lippen. Der König ſagte kein Wort, aber er hob mit einer ungeſtümen Bewegung die Königin in ſeine Arme empor und trug ſie, unbeküm⸗ mert um die Etiquette und die Form, mitten durch die ſich verbeugen⸗ den und zur Seite weichenden Generäle aus dem Wagen in das Haus und die Stiege hinauf, durch zwei, drei Zimmer dahin. Die Königin hielt ihn feſt umſchlungen und lehnte lächelnd und ſelig ihr Haupt an ſeine Schulter. Langſam und vorſichtig, wie eine Mutter, ließ der König jetzt die geliebte Laſt aus ſeinen Armen in einen Lehnſeſſel niedergleiten, dann durchſchritt er raſch das Zimmer und öffnete die Thür des nächſten Gemachs. Kommt, kommt, Eure Mutter iſt da, ſagte der König raſch und kurz, und ſofort ſtürzten zwei Knaben mit einem lauten Freudenſchrei herein.— Meine Söhne, meine geliebten Söhne! rief die Königin, ihnen die Arme entgegenſtreckend. Sie ſtürzten ſich an ihr Herz, ſie umſchlangen die geliebte Mutter mit ihren Armen und küßten ihre Lippen, und die Königin drückte ſie feſt an ſich und weinte über ihren Häuptern Thränen, die nur halb dem Schmerz, halb der Freude und dem Glück des Wiederſehens an⸗ gehörten. 86 Kein Wort ward geſprochen, nur Seufzen und Schluchzen, nur einzelne zärtliche Ausrufungen unterbrachen die Stille. Der König ſtand in der Fenſterniſche und ſchaute hinüber zu ſeiner Gemahlin und ſeinen beiden älteſten Söhnen, und etwas wie eine Thräne verdunkelte ſeine Augen. Ich wollte freudig ſterben, wenn ſie nur wieder glücklich ſein könn⸗ ten, murmelte er leiſe vor ſich hin. Aber wir ſtehen erſt am Anfang unſeres Unglücks, und es wird noch viel ſchlimmer werden.— Der König hatte Recht, es ward noch viel ſchlimmer. Die nächſten Tage ſchon brachten immer neue und fürchterlichere Schreckens⸗ botſchaften. Die erſte Hiobspoſt war, daß Erfurt gleich am Tage nach der Schlacht von Jena kapitulirt habe, daß es von den Franzoſen in Beſitz genommen und daß die Beſatzung von viertauſend Mann kriegsge⸗ fangen ſei. Dann kam die Botſchaft, daß die Franzoſen unaufgehalten, Alles in wilder Flucht vor ſich herjagend, über die Elbe gegangen ſeien und in Eilmärſchen ſich Potsdam und Berlin näherten. Zugleich erfuhr das königliche Paar jetzt, daß Graf Schulenburg ohne Erlaubniß und auf ſeine eigene Verantwortung mit den Truppen Berlin verlaſſen und in ſeiner Eile und Angſt gar nicht daran gedacht habe, wenigſtens das Zeughaus auszuleeren und den reichen Vorrath von Waffen und Ka⸗ nonen mit ſich zu nehmen. Und wieder ein Tag kam und brachte noch entſetzlichere Schreckenskunde. Die Franzoſen, hieß es, näherten ſich in Eilmärſchen der Feſtung Küſtrin. Ein paniſcher Schrecken verbreitete ſich in der Feſtung, die Be⸗ ſatzung, die Officiere, die ganze Umgebung des Königs ward davon ergriffen und Alles rief und flehte: Friede! Friede! Nur Friede mit Frankreich kann uns retten! Jeder Widerſtand iſt verderblich und ver⸗ größert nur unſer Unglück. Nur Unterwerfung unter den Willen des Siegers kann retten, was noch zu retten iſt. So ſprach der Miniſter Haugwitz und die Generäle von Köckeritz und von Zaſtrow, ſo dachte der Commandant von Küſtrin, nur wagte er es nicht zu ſagen. emſte er mi geſicht Muth haben richt Gran ihm gehe in d wit ord ſein bis noc war vor An en, nur zu ſeiner wie eine ein könn⸗ Anfang Schreckens⸗ nach der nin Beſitz kriegsge⸗ ſten, Alles ſeien und ch erfuhr briß und laſſen und gſtens das n und Ka⸗ rachte noch herten ſich die Be⸗ od dabon Friede nit und ver⸗ pos VPillen des n Köcerit mr wagle 87 Der König hörte all dieſes Flehen und Rathen und Meinen mit ernſter, finſterer Ruhe an. Er ſagte kein Wort, nur zuweilen blickte ct mit einem ſeltſamen fragenden Ausdruck in das bleiche, ſchöne An⸗ geſicht der Königin, und ſie verſtand ſeine Blicke und flüſterte lächelnd: Muth, mein Geliebter! Muth! Und der König nickte ihr zu und ſagte leiſe: Ich werde Muth haben bis an's Ende! Wir können hier nicht bleiben, denn die Nach⸗ richt beſtätigte ſich, die Franzoſen rücken hierher. Wir wollen nach Graudenz gehen! Die Königin legte ihre Hand auf des Königs Schulter und ſchaute ihm mit innigem Liebesblick tief in die Augen. Wo Du hingehſt, da gehe ich hin, ſagte ſie, und müßten wir flüchten über das Meer oder in die Eisſteppen Sibiriens, wir bleiben beiſammen, und ſo lange ich mit Dir bin, kann das Unglück mich nicht beugen. Der König küßte ſie und ging dann, um Alles zur Abreiſe anzu⸗ ordnen, dem Commandanten von Küſtrin, Herrn von Ingelheim, ſeine letzten Weiſungen zu geben und ihm zu befehlen:„die Feſtung bis auf's Aeußerſte zu vertheidigen und unter keinen Umſtänden zu capituliren.“ Die Königin war ruhig und gefaßt erſchienen, ſo lange der König noch neben ihr war. Als er aber jetzt hinausgegangen, als ſie allein war, da brachen die Thränen in hellen Bächen aus ihren Augen her⸗ vor, und auf einen Stuhl niederſinkend, ſchlug ſie ihre Hände vor ihr Antlitz und weinte laut. Du weinſt? flüſterte plötzlich eine ſanfte, weiche Stimme an ihr Ohr. Oh meine liebe Mutter, weine nicht, ſagte eine zweite Stimme, und vier Arme umfaßten ſie, und zwei Häupter lehnten ſich an ihre Schultern. Die Häupter ihrer beiden älteſten Söhne. Louiſe ließ ihre Hände von ihrem Antlitz gleiten und ſchüttelte die Thränen aus ihren Augen fort. Sie küßte ihre Söhne, und ſie dann beide vor ſich hinſtellend, ſchaute ſie ſie lange mit Blicken voll weh⸗ müthiger Zärtlichkeit an. Ja, ſagte ſie, und während ſie nun ſprach, ward ihre Stimme immer feſter und ernſter, ihr Antlitz immer leuchtender und heller,— — — — — 88 ja, ich weine und ich ſchäme mich meiner Thränen nicht, denn ich be⸗ weine den Untergang meines Hauſes und den Verluſt des Ruhms, mit dem Eure Ahnen und ihre Generäle den Stamm Hohenzollern gekrönt haben und deſſen Glanz ſich über ganz Preußen und ganz Deutſchland ausbreitete. Jetzt iſt dieſer Glanz auf immer verdunkelt. Das Schickſal zerſtörte in einem Tag ein Gebäude, an deſſen Erhöhung große Män⸗ ner zwei Jahrhunderte hindurch gearbeitet hatten. Es giebt keinen preußiſchen Staat, keine preußiſche Armee, keinen preußiſchen National⸗ Ruhm mehr! Ach, meine Söhne, Ihr ſeid ſchon in dem Alter, daß Euer Verſtand die Ereigniſſe, welche uns jetzt heimſuchen, faſſen und fühlen kann; ruft künftig, wenn Eure Mutter und Königin nicht mehr lebt, dieſe unglückliche Stunde in Euer Gedächtniß zurück; weint mei⸗ nem Andenken Thränen, wie ich ſie jetzt in dieſem ſchrecklichen Augen⸗ blick dem Umſturz unſeres Vaterlandes weine! Aber hört, fuhr die Königin fort, und ihre Apgen flammten auf in kühner Begeiſterung, und ſich aus ihrem Seſſel erhebend, ſtand ſie groß und kühn wie eine ſtrahlende Minerva da, begnügt Euch nicht mit Thränen allein. Han⸗ delt, entwickelt Eure Kräfte; vielleicht läßt Preußens Schutzgeiſt ſich auf Euch nieder; befreit dann Euer Volk von der Schande, dem Vor⸗ wurf, der Erniedrigung, worin es ſchmachtet; ſuchet den jetzt verdun⸗ kelten Ruhm Eurer Vorfahren von Frankreich zurück zu erobern, wie Euer Urgroßvater, der große Kurfürſt, einſt bei Fehrbellin die Schmach und Niederlage ſeines Vaters an den Schweden rächte. Laſſet Euch, meine Söhne, nicht von der Entartung dieſes Zeitalters mit fort⸗ reißen; werdet Männer und geizt nach dem Ruhm großer Feldherrn und Helden. Wenn Euch dieſer Ehrgeiz fehlte, ſo würdet Ihr des Namens der Prinzen und Enkel Friedrichs des Großen unwürdig ſein. Wenn Ihr aber dennoch mit aller Anſtrengung den niedergebeugten Staat nicht wieder aufrichten könnt, ſo ſucht den Tod, wie ihn Louis Ferdinand geſucht hat!*) *) Der Königin eigene Worte. Siehe: Louiſe, Königin von Preußen. Seite 243. in ich be hms, mit ngekrönt utſchland Schickſal ße Män⸗ bt keinen National⸗ lter, daß aſſen und icht mehr eint mei⸗ n Augen⸗ fuhr die eiſtemng, wie eine in. Han geiſt ſich dem Vor⸗ t verdun⸗ bern, wie Schmach ſel Eich, nit fort⸗ Feldherrn Ihr des rdig ſein gebeugten ihn Louis Zweites Buch. Napoleon in Potsdam und Berlin. . Napoleon in Potsdam. Das Unerhörte, nie Geahnte war geſchehen! Der Sohn des corſiſchen Advokaten, der General der Revolution, er war jetzt der Beſieger von Preußen, er hatte Preußens Armee geſchlagen, die Königsfamilie zur Flucht getrieben, und zog jetzt als ſtolzer triumphirender Sieger in ihre Reſidenzen ein. Am Nachmittag des 24. October war er in Potsdam angelangt; das königliche Schloß hatte ihm ſeine Pforten aufthun, die könig⸗ lichen Diener hatten ihn ehrfurchtsvoll, wie ihren Souverain, em⸗ pfangen müſſen! Napoleon war jetzt der Herr über Preußen, wie über ganz Deutſchland. Aber ſein ehernes Geſicht blieb ebenſo kalt und ruhig in dieſen Tagen des ſtolzen Glückes, wie es in den Tagen des Unglücks geweſen. Das Glück ſchien ihn ebenſo wenig zu überraſchen, wie ihn das Unglück früher gebeugt hatte. Als er die breite mit Teppichen belegte Treppe des königlichen Schloſſes von Potsdam hinaufſchritt, wandte er ſich zu Duroc, ſeinem Groß⸗Marſchall, um und winkte ihn neben ſich. Sehen Sie, Großmarſchall, ſagte er mit ſo lauter Stimme, daß ſie hallend in dem Königsſchloß wiedertönte, ſehen Sie, wie ſeltſam der Zufall ſpielt. Wenn ich mich recht beſinne, iſt gerade heute vor einem Jahr der ſchöne Kaiſer Alexander von Rußland auch hier in Potsdam angelangt und hat der Königin ſeinen Beſuch gemacht. 92 Fragen Sie doch den Haushofmeiſter, der uns da unten an der Treppe empfing, ob es nicht ſo iſt. Duroc eilte von dannen und kehrte bald mit der Antwort zurück, Se. Majeſtät habe ſich nicht geirrt, es ſei allerdings heute gerade vor einem Jahr der Kaiſer von Rußland nach Potsdam gekommen. Der Schimmer eines Lächelns flog über Napoleons Antlitz hin. Ich will in denſelben Zimmern wohnen, welche damals Alexander be⸗ wohnt hat, ſagte er vorwärts ſchreitend. Duroc eilte wieder zurück, um dem Haushofmeiſter die nöthigen Befehle zu ertheilen. Napoleon ging mit dröhnendem, ſoldatiſchem Schritt den Corridor hinunter, gefolgt von ſeinen Marſchällen und Generälen, und trat jetzt in den großen Saal ein, an deſſen Wänden die Portraits der preußiſchen Herrſcherfamilie mit ernſten Blicken zu ihm niederſchauten. In der Mitte des Saals blieb der Kaiſer ſtehen und ließ einen langen, düſtern Blick an all dieſen Gemälden vorüberſchweifen. Sie haben ſich alle groß gedünkt, ſagte er mit grollender Stimme, ſie ſind ſtolz geweſen auf ihre hohe Geburt und ihre Königskrone, und der Tod hat ſie doch in den Staub getreten. Jetzt will ich die Arbeit des Todes übernehmen, ich will dieſes Preußen, welches es gewagt hat, ſich wider mich aufzulehnen, in den Staub treten und vernichten und wer weiß, ob der Ahnenſaal der Könige von Preußen nicht mit Friedrich Wilhelm dem Dritten abſchließen wird. Nichts iſt dauernd und ewig auf Erden und in unſern Tagen fallen die Dynaſtieen von den Thronen, wie die überreifen Aepfel von den Bäumen. Auf den Schlachtfeldern von Jena und Auerſtädt iſt die Krone Preußens nieder⸗ gefallen! Die Bilder der preußiſchen Ahnen ſchauten noch immer ſchweigend und ernſt auf den triumphirenden Sieger hin, und weder ſeine höh⸗ niſche Stimme, noch die flammenden, ſtolzen Blicke, mit denen er ſie betrachtete, ſtörten ihre Ruhe. Keine Stimme gab Antwort auf Napoleons übermüthige herriſche Worte, ſeine Marſchälle und Generäle ſtanden ſchweigend und ehr⸗ furchtsvoll da und ſchienen noch immer auf die Stimme des Orakels zu horch gung ihr Abe leuchtet! hlicten t ſchritt e man ein Biumen lſern g Gegend wicder; nur als blict D und ſic 6 I da dri rothe Gunz1 Rzogen mit ber Frau S hirt he jeſtüt ſ Viſe 6 Mon Preuf han Bilde Vihe der Treppe ort zurüch erade vor len. ntlitz hin. ronder be⸗ e nöthigen oldatiſchem ällen und n Wänden den zu ihn ließ einen fen. rStimme, krone, und die Arbeit es gewagt vetnichten nnicht mit ſſt dauernd aſtieen von Auf den ens nieder⸗ ſchweigend ſein hih⸗ enen er ſie herriſche und ehr⸗ es duib 93 zu horchen, welche den Ahnenbildern der Hohenzollern eben den Unter⸗ gang ihres Stammes verkündet hatte. Aber Napoleons Stirn, welche vorher von ſtolzen Gedanken ge⸗ leuchtet hatte, war jetzt wieder düſter und beſchattet und ſeine Augen blickten trübe und finſter. Die Hände auf dem Rücken faltend, durch⸗ ſchritt er den Saal und trat an das große Mittelfenſter, von welchem man eine weite und ſchöne Ausſicht über den Schloßplatz mit ſeinen Bäumen und Statuen und weiterhin über die Havel mit ihren hügeligten Ufern genoß. Napoleon ließ ſeine düſtern Blicke langſam über die Gegend hinſchweifen, dann wandte er das Haupt zurück und ſchaute wieder zu den Bildern hin, aber nur einen kurzen Moment, gleichſam nur als wolle er ihnen noch einmal drohen, ſie noch einmal den Zornes⸗ blick Deſſen fühlen laſſen, der gekommen, ihren Stamm zu entthronen und ſich ihre Krone anzueignen. Jetzt ruhte ſein Auge auf dem ſchönen, liebreizenden Frauenbild⸗ da drüben, deſſen große, blaue Augen ihn anzublicken, deſſen purpur⸗ rothe Lippen mit ihrem reizenden Lächeln ihn zu begrüßen ſchienen. Ganz unwillkürlich, wie von dem Zauber dieſer holden Schönheit an⸗ gezogen, näherte ſich Napoleon dieſem Bilde und betrachtete es lange mit bewundernden Blicken. Wahrhaftig, ſagte er lebhaft, das iſt ein reizendes Weſen. Dieſe Frau muß wunderſchön und dabei voll Adel und Anmuth geweſen ſein. Sire, ſagte Duroc, welcher ihm gefolgt war und ſeine Worte ge⸗ hört hatte, Sire, ſie iſt noch wunderſchön, und wirklich, wie Ew. Ma⸗ jeſtät ſagen, voll Adel und Anmuth. Dies iſt das Portrait der Königin Louiſe von Preußen! Eine düſtere Wolke flog über das Antlitz Napoleons, und einen Moment traf ein zorniger Blitz ſeines Auges das Antlitz Duroc's. Man weiß ja, Sie ſind von jeher vernarrt in die Königin von Preußen geweſen, ſagte Napoleon, und wenn man Sie hörte, ſollte man meinen, keine Frau in der Welt ſei ſo ſchön wie ſie. Er wandte dem Portrait den Rücken und ging zu dem nächſten Bilde hin. Und dies iſt dann ohne Zweifel das Portrait Friedrich Wilhelms des Dritten? fragte Napoleon. 94 Ja, Sire, es iſt das Portrait des regierenden Königs. Des regierenden Königs? wiederholte der Kaiſer und ein höh⸗ niſches Lächeln glitt über ſein ehernes Antlitz hin, als er ſich dem Bilde wieder zuwandte. Er hat ein ſehr gutmüthiges Geſicht, ſagte er, das lebensgroße Portrait betrachtend, und wenn ich mir jetzt dieſes weiche und ſcheue Angeſicht vorſtelle, begreife ich es, daß er ſich lenken läßt von Rathgebern, und anderem Willen, als dem ſeinen folgt. Aber er iſt größer, als ich ihn mir gedacht habe, der kleine König von Preußen! Sire, er iſt ungefähr ſo groß, wie der Großherzog von Berg, ſagte Duroc. Wie Murat? fragte Napoleon. Der iſt mir niemals ſo groß er ſchienen. Iſt Murat nicht von meiner Figur? Nein, Sire, er iſt größer wie Sie! Sie wollen ſagen, er iſt länger wie ich, ſagte Napoleon achſel zuckend. Die Größe beruht nicht in der Länge. Friedrich der Zweite war viel kleiner als Friedrich Wilhelm der Dritte und doch war er der größte Herrſcher Preußens. Wir wollen ihm nachher unſern Beſuch in Sansſouci machen. Bis dahin, adieu, meine Herren. Kommen Sie, Duroc, führen Sie mich in Kaiſer Alexanders Zimmer! Er grüßte die Marſchälle mit einem raſchen Kopfnicken und folgte dann Duroc in die lange Reihe der Säle und glänzenden Gemächer, welche erſt im vergangenen Jahre zum Empfang Kaiſer Aleranders neu decorirt und mit königlicher Pracht ausgeſtattet waren. Sie wohnen ſehr gut, dieſe Herren Könige und Fürſten von Gottes Gnaden, ſagte Napoleon halb laut vor ſich hin, ſie verſtehen es beſſer, ſich ihre Königsſchlöſſer einzurichten und zu bauen, als ſie ſich zu erhalten und vor der Baufälligkeit zu bewahren. Nun, ich bin ein guter Baumeiſter und ich bin gekommen, das preußiſche Königsſchloß neu aufzubauen und zu reſtauriren. Glaubſt Du, daß dieſe Undank⸗ baren es mir danken werden, Duroc? Dieſelben werden ſehen, daß der Löwe ſeinen Antheil haben muß, ſagte Duroc, und ſie werden ohne Zweifel dankbar ſein, wenn für ſie noch etwas übrig bleibt! Sire, hier ſind wir in dem Schlafzimmer des hhiſ noch ſo var. N 3) werde in Kaiſers Bett Lu Er wegung ragte B auf und Di wandte hingen. A immer aufeino A waren, eines§ Freund D Napol Kanon tutzen Rgeni in ihr die ſi zuſeh ſitzer! Uſurp Werde ſoll k ein höh⸗ ſich dem cht, ſagte jetzt dieſes ſich lenken lgt. Aber König von von Berg, groß er eon achſel det Zweite ch war er em Beſuch Kommen r! und folgte Gemücher, Aleranders ürſten von ie verſtehen en, als ſe un, ich bin örigsſcloß eſ lnn⸗ haben muß⸗ venn für ſi blafzimn 95 des Kaiſers, und der Haushofmeiſter ſagte mir, daß Alles in demſelben noch ſo eingerichtet ſei, wie in den Tagen, als der ruſſiſche Kaiſer hier war. Niemand hat ſeitdem wieder in dem? Bett dort geſchlafen. Ich werde darin ſchlafen, ſagte Napoleon raſch, und ich denke, ich werde in dem preußiſchen Königsſchloß und in dem Bett des ruſſiſchen Kaiſers ebenſo bequem ſchlafen, als ich es in den Tuilerien und im Bett Ludwigs des Sechszehnten gethan! Er warf ſeinen kleinen dreieckigen Hut mit einer verächtlichen Be⸗ wegung auf das von einem ſammetnen, goldgeſtickten Baldachin über⸗ ragte Bett und ging dann, die Arme auf dem Rücken gefaltet, langſam auf und ab. Duroc wagte es nicht, das Schweigen zu unterbrechen und wandte ſich den Bildern und Kupferſtichen zu, welche an den Wänden hingen. Lange ging der Kaiſer ernſt und gedankenvoll auf und ab, und immer düſterer ward ſeine Stirn, immer feſter preßte er ſeine Lippen aufeinander. Auf einmal blieb er vor Duroe ſtehen und jetzt, da ſie allein waren, ſprach er nicht mehr zu ihm mit der Stimme und dem Ton eines Kaiſers, ſondern mit der Zutraulichkeit und Einfachheit eines Freundes. Die Legitimität iſt doch eine fürchterliche Macht, Duroc, ſagte Napoleon haſtig. Sie iſt ſe ein Schwert, das ich mit allen meinen Kanonen und Adlern nicht beſiegen kann. Sie wiſſen das wohl und trotzen darauf. Meinen ſiegreichen Adlern ſtellen ſie ihre Ahnenbilder gegenüber und wenn ich kraft meines Rechtes als Sieger und Herr in ihre Schlöſſer einziehe und Beſitz davon ergreife, ſo finde ich da die ſtolze Geſellſchaft ihrer Ahnenbilder, die höhnend auf mich nieder⸗ zuſehen und mir zu ſagen ſcheinen: Du biſt doch nur der Eindring⸗ ling und Parvenu, wir ſind und bleiben hier die Herren und Be⸗ ſitzer! Wir ſind hier die legitimen Fürſten und Du biſt nur der Uſurpator. Ich bin dieſer Uſurpator⸗Rolle ſatt und überdrüßig. Ich werde alle Throne umſtürzen, alle legitimen Herrſcher verjagen und es ſoll kein anderer Thron mehr ſein, als der meine! Dann werde ich 96 wenigſtens der erſte legitime Herrſcher der neuen Weltordnung ſein und der Vater einer neuen Dynaſtie!*) Und in irgend einer Ecke Ihres Weltenreichs werden dann die verjagten Herren Könige und Fürſten ſitzen, ſagte Duroc lachend, und ſie werden den Leuten das Lied von der Legitimität ſingen, und die Leute werden es anhören wie das Mährchen ihrer Kinderjahre, an das ſie nicht mehr glauben! Sie ſollen aber an Legitimität glauben, an meine Legitimität, rief Napoleon lebhaft. Ich will einer neuen legitimen Dynaſtie Begründer ſein, der Ahnherr des Napoleoniſchen Herrſcherſtammes! Doch plötzlich umdüſterte ſich ſein Auge und die Wolke ſenkte ſich wieder auf ſeine Stirn. Aber freilich, murmelte er leiſe, um eine Dynaſtie zu begründen fehlt mir der Sohn, und um ein Ahnherr zu werden, muß ich Kinder haben, legitime Kinder! Ach! warum kann mir Joſephine keinen Sohn geben! Es wird nicht meine Schuld ſein, wenn die Verhältniſſe mich zwingen, mich von ihr zu trennen, denn ich will nicht wie ein Alexander von Macedonien nur für meine Feld⸗ herren gearbeitet und geſiegt haben, ich will einen Erben meines Reiches haben! Sire, Sie haben ihn ja ſchon in dem Sohn der Kaiſerin, in dem edlen König Eugene. Nein, rief der Kaiſer düſter, der Sohn des Vicomte von Beau⸗ harnais iſt kein legitimer Erbe meines Thrones, mein Blut und das Blut meiner Väter fließt nicht in ſeinen Adern! Oh, warum mußte der kleine Napoleon ſterben, ihn hatte ich zu meinem Erben erwählt, und er durfte mein Nachfolger ſein, denn er war Blut von meinem Blut, und ein Reis von meinem Stamme.**) Arme Joſephine, hätten ihre Thränen und ihre Gebete dem kleinen Napoleon das Leben er⸗ halten können, ſo würde ich nie daran gedacht haben, eine andere Ge⸗ mahlin zu ſuchen! *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Bourienne Mémoires Vol. III. **) Der älteſte Sohn des Königs von Holland, des Bruders von Napoleon, und Hortenſen's, der Tochter Joſephinens, war von Napoleon zu ſeinem Nachfolger und Adoptivſohn erklärt. Er ſtarb 1805 in ſeinem ſiebenten Jahre an der Bräune. z verſte Ich ſeufzend, und hoch liebt, w trennen der Sti überlebe Si ungeſtih Gemah 0 Ne nommen Thräne Krone, Ac rif Na ſo Unei O ſo gut den Ke Frau( bwähr Sie die Juter G V Mihr g ſein und dann die hend, und „und die e, an das imität, rief Begründer ſenkte ſich um eine lhuher zu arum kann chuld ſein, nnen, denn neine Feld⸗ en meines in, in dem von Beau⸗ ut und das um mußte en etwählt, on meinem ine, hätten Leben e⸗ andere Ge⸗ vol III. Napoleon n Brim⸗ Wie, rief Duroc entſetzt, Ew. Majeſtät denken daran, die Kaiſerin zu verſtoßen? Ich werde ſie nie aus meinem Herzen verſtoßen, ſagte Napoleon ſeufzend, ich werde ſie ewig lieben, denn ſie verdient es. Sie iſt edel und hochherzig, gut und anmuthig, ich habe nie eine andere Frau ge⸗ liebt, wie ich ſie liebe, und ich werde keine ſo lieben! Urtheile alſo, was es meinem eigenen Herzen koſten wird, wenn ich mich von ihr trennen muß. Wenn Sie es thun, Sire, ſagte Duroc mit vor Rührung zittern⸗ der Stimme, wenn Sie die Kaiſerin verſtoßen, ſo ſprechen Sie damit ihr Todesurtheil. Joſephine wird die Trennung von Ihnen nicht überleben! Sie wird ſie überleben müſſen, ſo gut wie ich! rief Napoleon ungeſtüm. Ich werde nicht weniger leiden, oder vielleicht werde ich mehr leiden, als ſie, denn ſie hat mich nie ſo geliebt, wie ich ſie liebe. Ihre Thränen werden mehr der verlorenen Kaiſerherrlichkeit, als dem Gemahl gelten; ich aber werde das geliebte Weib betrauern! Nein, Sire, ſagte Duroc faſt unwillig, jetzt ſind Sie ungerecht, die Kaiſerin liebt Sie, nur Sie allein. Sie hat die Krone, welche Sie auf ihr Haupt geſetzt, nur widerſtrebend und mit Thränen ange⸗ nommen, und ſie wird nicht weinen, wenn ſie dieſe verliert. Ihre Thränen werden nur dem Gemahl gelten, den ſie anbetet, nicht der Krone, die ihr Haupt nicht blos ſchmückt, ſondern auch bedrückt. Ach, welch einen warmen Fürſprecher die Kaiſerin an Dir hat, rief Napoleon lächelnd. Glaubſt Du wirklich, daß die Kaiſerin mich ſo uneigennützig und nur um meiner ſelbſt willen liebt? Sire, ich bin davon überzeugt, und Ew. Majeſtät ſind es eben ſo gut wie ich. Die Kaiſerin liebt ihren Bonaparte in Ihnen, nicht den Kaiſer Napoleon. Die Kaiſerin liebt Sie beſſer, als jede andere Frau Sie lieben könnte. Sire, vergönnen Sie einem langjährigen bewährten Freund und Diener, daß er Sie warnen darf. Sire, ſtoßen Sie die Kaiſerin Joſephine nicht von Ihrem Herzen, denn ſie iſt Ihr guter Engel, ſie beſchützt Ihr Glück! Der Kaiſer antwortete nicht ſogleich, ſondern blickte ernſt und ſog 1 Mühlbach, Napoleon. M. Bd. 7 98 Es iſt wahr, ſagte er nach einer langen Pauſe, bis dahin war Alles düſter um ben mir auf, und ſie ſtieg mit düſter vor ſich hin. Joſephine hat mir Glück gebracht, mich her, ſie ging wie die Sonne ne mir empor. Sire, und Alles wird wieder dunkel werden, wenn Sie Ihre Sonne untergehen laſſen, rief Duroc. Ah bah, dies Alles ſind Phantaſtereien, ſagte Napolevn nach kurzem Schweigen. Ich bin der Baumeiſter meines Glückes, ich allein. Joſephine hat mir nicht bauen helfen, ſie hat meinen Bau nur ge⸗ ſchmückt mit ihrem Lächeln und ihrer Grazie. Ich werde thun, was das Schickſal und meine Völker von mir erwarten dürfen, aber ich ſage nicht, daß es gleich geſchehen muß. Noch habe ich Zeit zu warten, denn noch ſtehe ich nicht auf der Höhe, welche ich erſtrebe. Meine Pläne ſind noch nicht erfüllt und vollendet. Gebe nur Gott, daß ich nicht ſo jung ſterbe, wie mein Vater. Ich bedarf noch zehn Jahre, um das auszuführen, was ich thun will. Ein Herrſcher darf ſeine Wünſche nie beengen, und die meinen ſind ohne Grenzen. Wie der Beſieger des Darius will ich das Weltall beherrſchen, und ich hoffe, daß meine Wünſche ſich eines Tages erfüllen. Ja, ich bin überzeugt, daß ich und meine Familie in der Zukunft alle Throne Europas be⸗ herrſchen werden.*) Dann iſt es Zeit, daß ich eine Gemahlin neben mir habe, welche meinem Lande einen Erben, meinem Herzen einen Sohn giebt. Bis dahin, Freund, bewahre mir Deine Verſchwiegen⸗ heit und verrathe Niemand, was ich Dir geſagt. Die alten Königs⸗ bilder mit ihren ſtörriſchen Geſichtern haben mein Gemüth afficirt, und ihnen zum Trotz ſage ich Dir: ich will eines Tages eine legitime Ge⸗ mahlin an meiner Seite haben, und eine Tochter der Cäſaren ſoll ſich glücklich ſchätzen, dem neuen Cäſar einen Erben zu gebären! Jetzt Aber wenn die Zeit gekommen, werde ich Dich und im Namen des Vertrauens, das ich ffordern, meine arme der ſie und mich be— nichts mehr davon! an dieſe Stunde erinnern, Dir heute bewieſen, werde ich Dich alsdann au geliebte Joſephine vorzubereiten auf den Schlag, *) Napoleons eigene Worte. Siebe: Le Normand, Mémoires. II. 88. droht, allen d S Ah S langen wir un S diſſe d Gleich Nun it Villen Friedt zu er ſowie veral Verb Ruf Cunſt wo zu en Pauſe, düſter um ſtieg nit Sie Ihre leon nach ich alein. au nur ge⸗ thun, was aber ich zu warten, e. Meine tt, daß ich ehn Jahre . Wie der überzeug utopas be⸗ ahlin neben etzen einin zerſchwiegen⸗ n Königs⸗ irt, und lte affic kegtim Ge⸗ gren ſoll ſich biren! ebt ade ic Dich „„ das ich me und nich b 99 droht, und den ich dann nicht mehr abwenden darf. Jetzt genug von allen dieſen Dingen! Wir wollen hinaus nach Sansſouci. Komm! Sire, bevor Ew. Majeſtät noch dinirt haben? Ah, Du biſt alſo hungrig? Du möchteſt eſſen? Sire, ich glaube, daß alle die Herren Ihres Gefylges dies Ver⸗ langen mit mir theilen. Wir haben Alle ſeit den acht Stunden, daß wir unterwegs ſind, nichts genoſſen. Seit acht Stunden, und da hungert Ihr ſchon! Wahrhaftig, dieſe deutſche Luft wirkt verderblich auf meine tapfern Marſchälle! Gleich den Deutſchen wollt Ihr immer eſſen und den Magen füllen! Nun immerhin, da wir einmal in Deutſchland ſind, will ich Euch den Willen thun! Wir wollen alſo erſt diniren, und dann das Luſtſchloß Friedrichs des Zweiten beſuchen. Haben Sie die Güte, Ihre Befehle zu ertheilen, Herr Groß⸗Marſchall. Die Pferde ſollen bereit ſtehen, ſowie wir dinirt haben, brechen wir auf. Rouſtan ſoll kommen! Jetzt war Napoleon wieder der gebietende Kaiſer, und als ſolcher verabſchiedete er den Groß⸗Marſchall, der mit einer ehrfurchtsvollen Verbeugung das Zimmer verließ. Rouſtan, der in dem Vorzimmer des Schlafgemaches ſchon den tuf des Kaiſers vernommen hatte, ſchlüpfte an ihm vorbei, um nebſt Conſtant ſeinem Gebieter bei der Toilette behülflich zu ſein. II. In Sansſouci. Duroc eilte wieder durch die Säle dahin und auf den Corridor, wo der Haushofmeiſter des Königs ihm entgegen trat. Das Diner iſt ſervirt, Herr Großmarſchall und Herzog, ſagte er. Und haben Sie die Güte gehabt, im Nebenſaal eine zweite Tafel zu errichten? ( — 100 Ihre Befehle ſind pünktlich ausgeführt, Herr Großmarſchall. Die Speiſen im Nebenſaal ſind ſchon aufgetragen. Haben Sie alſo die Güte, mich in den großen Speiſeſaal zu führen. Der Haushofmeiſter verneigte ſich ſchweigend und ſchritt ihm voran. Alle Marſchälle und Generäle waren bereits in dem großen Speiſe ſaal verſammelt, als Duroe zu ihnen eintrat. Meine Herren, ſagte er lächelnd, Se. Majeſtät iſt jetzt mit ſeiner Toilette beſchäftigt, und Rouſtan hat mich verſichert, daß dieſelbe eine halbe Stunde dauern wird. Wir haben alſo eine halbe Stunde, um zu diniren. Kommen Sie. Er begab ſich, gefolgt von den übrigen Herren, in den Nebenſaal. Dort ſtand die Tafel bereit und eine Fülle köſtlicher Speiſen duftete ihnen entgegen. Jetzt, mein Herr Haushofmeiſter, haben Sie die Güte, uns recht raſch bedienen zu laſſen, ſagte Duroc, wir haben nur zwanzig Mi⸗ nuten für uns. Während dieſer zwanzig Minuten herrſchte eine tiefe, ſe nur elte von einem Wort, einer kurzen Converſation unterbrochene Si ille in dem Speiſeſaal. Die Herren Marſchälle begnügten ſich, die Speiſen von den Schüſſeln verſchwinden zu machen und die mit köſtlichen Wei nen gefüllten Flaſchen zu leeren. Alsdann aber erhob ſich Duroc, welcher zuweilen einen ängſtlichen Blick nach der großen Pendule hinübergeworfen, eilig von ſeinem Sitze. Meine Herren Marſchälle, ſagte er, unſere Friſt iſt um, wir Majeſtät, um ihn in den Speiſeſaal abzuholen. Hoffentlich ſind Alle hinlänglich geſättigt, um des n Diners, zu dem wir uns jetzt begeben werden, nicht zu ſehr z bedürfen. Der Kaiſer hat die Gnade gehabt, uns Alle zur Tafel zu Haben Sie die Güte, müſſen uns zum Diner bereit halten. Ich begebe mich jetzt zu Sr. Sie in den Speiſeſaal zu gehen Als Napoleon einige Minuten ſpäter, unter Vortritt ſeines Groß⸗ Marſchalls, in den Speiſeſaal trat, fand er alle Marſchälle dort ver⸗ ſammelt. Das Diner begann, und wie es ſchien, war der Kaiſer nicht in der äuf ſeinem nickte de gfült eſſen. tragen, das G Gabel hall. Die ſeſaal zu m voran. n Speiſe⸗ mit ſeiner eſelbe eine unde, um Nebenſaal. en duſtete uns recht uzig Mi⸗ eSpeiſen ichen Wei⸗ ſind Sie n wir un ſer hat die die Güte, ganzer Seele zugethan, hat in ſeinen Memoiren eine detaillirte Schilderung 101 nicht minder hungrig als ſeine Generäle, denn er aß nicht blos mit der äußerſten Geſchwindigkeit ſeine Suppe, ſondern als er dicht vor ſeinem Sitz eine ſeiner Lieblingsſpeiſen aufgeſtellt ſah, lächelte er und nickte dem Groß⸗Marſchall, der an ſeiner rechten Seite ſtand und ihm einen Pokal mit Wein garreichte, freundlich zu. Sehen Sie, wie aufmerkſam dieſe guten Deutſchen ſind, ſagte er. Wenn ich nicht irre, iſt das hier meine Lieblingsſpeiſe, Fricaſſee à la Marengo. Ja, Sire, ich ſandte geſtern Abend ſchon mit dem Courier, der Ew. Majeſtät Ankunft meldete, den Speiſezettel zu dem heutigen Diner hierher, und man hat ihn pünktlich ausgeführt. Und dieſe deutſchen Köche verſtehen es alſo ſchon, ein Fricaſſée à la Marengo zu bereiten? Wer hat ſie denn das gelehrt? Ew. Majeſtät hat ſie darin unterrichtet, Ew. Majeſtät iſt jetzt für ganz Deutſchland Koch und Kellner, und alle Welt hat daher Ihre Gerichte kennen gelernt. Der Kaiſer lächelte; ein Stück Brod auf eine Gabel ſteckend, tauchte er daſſelbe tief in die Fricaſſéeſchüſſel ein und ſchob es dann in ſeinen Mund. Einige Male wiederholte er dies Manveuvre, und als der Großmarſchall jetzt den ſilbernen Teller mit demſelben Fricaſſée gefüllt vor ihn hinſtellte, begann der Kaiſer mit der größten Haſt zu eſſen. Die Gewohnheiten des Kaiſers kennend, hatte man Sorge ge⸗ tragen, daß die einzelnen Fleiſchſtücke hinlänglich klein geſchnitten und das Gericht nicht zu heiß ſei. Der Kaiſer begann das Fleiſch mit der Gabel und die Sauce mit dem Löffel zu eſſen, dann aber ſchien er Beides zu umſtändlich und zu zeitraubend zufinden, denn er warf die Gabel und den Löffel bei Seite, und es machend wie die Türken, be⸗ diente er ſich ſeiner ſchönen weißen, mit Brillantringen geſchmückten Hände, um Fleiſch und Sauce auf einmal in ſeinen Mund zu ſchieben.*) ——————— *) Conſtant, der langjährige Kammerdiener des Kaiſers und ihm mit der Lebensgewohnheiten des Kaiſers gegeben und berichtet darin über Napoleons Art zu eſſen, wie folgt:„Die ungeheure Schnelligkeit, mit welcher der Kaiſer aß, war ſeiner Geſundheit oft ſehr nachtheilig. Eine der erſten Wirkungen „ 102 Kaum zwölf Minuten waren vergangen, als der Kaiſer ſich von der Tafel erhob, der Groß⸗Marſchall ihm das goldene Waſchbecken vorhielt und ihm die Serviette darreichte, um ſich zu waſchen. Das Diner war beendet, und die Tiſchgenoſſen Napoleons hatten ſehr wohl gethan, vorher ihr Diner einzunehmen, denn da man ſie nicht ſo raſch bediente, wie den Kaiſer, und da ſie außerdem nicht ſo raſch zu eſſen vermochten, wie er, ſo würden ſie unfehlbar hungrig von der Tafel aufgeſtanden ſein, wenn ſie ſich nicht geſättigt an der⸗ ſelben niedergeſetzt hätten.*) Zu Pferde! Zu Pferde, meine Herren! rief Napoleon, wir wollen nach Sansſouci reiten und den Manen des Königs, der zugleich Phi⸗ loſoph und Feldherr war, unſere Huldigung darbringen. Eine tiefe feierliche Stille herrſchte in den Straßen Potsdams, durch welche der Kaiſer mit ſeinem glänzenden Gefolge jetzt dahin ritt, um ſich hinaus zu begeben nach Sansſouci. Alle Fenſter waren ge⸗ ſchloſſen, nirgends zeigten ſich die Bürger auf den Straßen, nur ein dieſer Gewohnheit war, daß der Kaiſer nicht ſehr ſauber aß. Er bediente ſich ſehr gern ſeiner Finger ſtatt der Gabel, oder ſogar ſtatt des Löffels; man ſorgte dafür, daß er vor ſeinem Platze immer eine Schüſſel aufgeſtellt fand, welche er Er nahm davon auf die oben beſchriebene Weiſe, tauchte ſein Brod gern aß. daß die Schüſſel nachher cireulirte, in die Sauce, was Alles nicht verhinderte, konnte, und es gab wenig Tiſchgenoſſen, welche es die ſich das Anſehen gaben, als Muthes als eine Art, dem Kaiſer es mochte davon eſſen, wer nicht konnten. Ich habe ſelbſt deren geſehen, betrachteten ſie dieſen ſeltſamen Beweis ihres Des Kaiſers Lieblingsſpeiſe war eine Art von Hühner⸗ Huhn den Hof zu machen. Vorliebe des Siegers von Italien den Namen:„H Fricaſſée, welchem dieſe à 1a Marengo“ verſchafft hatte. *) Die Gewohnheit, vorher zu eſſen, wenn man das Glück hatte, zur Der Kaiſer bemerkte daß ſeine Tiſchge⸗ der Tafel erhob Siehe: Constant, Mémoires. II. p. 56. kaiſerlichen Tafel befohlen zu ſein, war damals allgemein. in der Eilfertigkeit, mit welcher er ſelber aß, es gar nicht, hatten. Nur einmal, als er ſich von noſſen gar keine Zeit dazu ch ihm aufſtand, wandte ſich Napoleon zu und ſein Stiefſohn Eugeène gleich na ihm um und ſagte: Aber D Sie, erwiederte der Prinz, ich habe ſchon zum Voraus dinirt! Und die übrigen Tiſchgenoſſen fanden, daß dies keine unnöthige Vorſichtsmaaßregel ſei. Con- stant, II. 55. u haſt nicht die Zeit gehabt, zu eſſen?— Verzeihen. Haufe daten d halb de es ſelb ſchämt ihnen e Siege N Bevöll beredte langſa Hauy ſeine Liſt ppr mich verlei er W ein Haa vor auf Ih rſich von aſchbecken ns hatten a man ſie m nicht ſo ar hungrig igt an der⸗ wir wollen gleich Phi⸗ Potsdams, dahin ritt, rwaren ge⸗ en, nur ein bediente ſich man ſorgte nd, welche er nd, Prod ite ſein Brod her cireulirte, es welche n gaben, als t, dem Kaiſer vn Hihhner Hlhl amen:„Huh II. P 56. ück hatte, zur niſer bemerlte ſeine rhob er Tafel e poleon z Lerzeiben die übrigen ſei Col- 103 Haufe müßiger Buben folgte dem glänzenden Kaiſerzuge. Die Sol⸗ daten der großen franzöſiſchen Armee allein begrüßten den Kaiſer außer⸗ halb der Stadt, wo ſie gelagert waren, mit freudigen Vivats. Potsdam ſelber ſchwieg; es gedachte vielleicht ſeines Königs, dem es ſelber ſeine Unſterblichkeit verdankte, und es war traurig und be⸗ ſchämt darüber, daß diejenigen, welche Friedrich bei Roßbach beſiegt und ihnen eine ſo ſchmähliche Niederlage bereitet hatte, jetzt als triumphirende Sieger in die Reſidenz des großen Königs einziehen durften. Napoleons Stirn war düſter und umwölkt; dieſes Schweigen der Bevölkerung war ihm unbequem und bedrückend; es dünkte ihn eine beredte Sprache des oppoſitionellen preußiſchen Geiſtes, und wie er langſam, mit bleichem Angeſicht, mit ein wenig vorwärts geneigtem Haupt die Allee nach Sansſouci dahin ritt, murmelte er leiſe zwiſchen ſeinen zuſammengepreßten Lippen hervor: Dies iſt eine nichtswürdige Liſt und Bosheit! Dieſer hochmüthige Adel will mir noch immer opponiren, aber ich werde ihn zermalmen. Es ſoll ihnen nicht gelingen, mich zu ärgern, aber ich werde Diejenigen ſtrafen, welche die Bürger verleitet haben, in ihren Häuſern zu bleiben und mich nicht zu begrüßen. Und mit düſtern Mienen, gedankenvoll vor ſich hinſchauend, ritt er weiter, dem Luſtſchloß Friedrichs des Großen zu. Niemand war da, ihn zu empfangen, nur der Caſtellan des Schloſſes, ein Greis mit gebengtem Rücken, und einige alte Diener mit weißen Haaren und verſchoſſenen Livreen empfingen den allmächtigen Kaiſer vor den offenen Flügelthüren des runden Saales, von welchem man auf die Terraſſe gelangt. Napoleon betrachtete ſie mit einem ſchnellen, prüfenden Blick. Ihr ſeid noch Ruinen aus der Zeit Friedrichs des Zweiten? fragte er haſtig. Ja, Sire, wir hatten noch das Glück, dem großen König zu die⸗ nen, ſagte der Caſtellan im reinſten, geläufigſten Franzöſiſch. Deshalb iſt uns auch die Ehre zu Theil geworden, den heiligen Ruheſitz des großen Königs zu bewachen und ihn vor jeder Unbill zu ſchützen. Der Name des großen Königs iſt dieſem Hauſe Schutz genug, ſagte Napoleon haſtig. Meine Soldaten haben Ehrfurcht vor der ——— 104 wahren Größe, ſie werden es nicht wagen, dies Heiligthum zu ent weihen. Führen Sie mich, mein Freund. Laſſen Sie mich das Wohn⸗ zimmer Ihres Königs ſehen! Sire, des jetzigen Königs? fragte der Caſtellan. Napoleon lächelte. Ich denke wohl, hier auf Sansſouci giebt es nur Einen König, ſagte er, und das iſt Friedrich der Zweite. In ſein Wohnzimmer alſo! Er ſchritt haſtig durch den halbrunden Marmorſaal dahin nach der Seitenthür, welche der Caſtellan eben geöffnet hatte. Sire, ſagte er feierlich, dies iſt das Wohnzimmer des Königs, es ſteht noch jedes Meuble ſo, wie es damals geſtanden. Nichts iſt in dieſem Zimmer verändert worden. Napoleon trat ein, hinter ihm folgten die Marſchälle. Keiner ſprach ein Wort, Jeder ſchien unwillkührlich leiſe aufzutreten, als fürchte er das feierliche Schweigen zu ſtören, welches an dieſem durch die Erinnerung geheiligten Orte herrſchte. Napoleon ging raſch vorwärts bis in die Mitte des Zimmers, dort blieb er mit verſchränkten Armen ſtehen und ließ ſeine großen düſtern Blicke langſam von einem Gegenſtand zum andern gleiten. Die Marſchälle gingen leiſe umher, und indem ſie dieſe altmodi⸗ ſchen Meubles betrachteten, dieſe verblichenen zerfetzten Seidenbezüge an denſelben, dieſen einfachen Tiſch mit dem Schreibgeräth, der da am Fenſter ſtand, dieſen großen Lehnſtuhl mit der zerfetzten purpurnen Decke darüber, lächelten ſie geringſchätzend und flüſterten einander zu, daß dies ein Zimmer ſei, ganz und gar nicht geeignet für den Auf⸗ enthalt eines Königs, und daß man dieſe Meubles bei jedem Trödler in Paris beſſer und geſchmackvoller haben könne.*) Napoleon hatte ihre Worte vielleicht verſtanden, oder wenigſtens doch ihr Geflüſter gehört, denn ein zorniger Blick ſeiner Augen ſchoß zu ihnen herüber. Meine Herren, ſagte er, dies iſt ein Ort, der un⸗ ſere Ehrfurcht verdient. Hier hat ein König gewohnt, welcher als Feldherr größer war als der große Turenne, und von deſſen großen *) Mémoires du Duc de Rovigo. Vol. II. S. 300. Feldzug ſilbſt w e — höher er Nopoleo Heldenki Na zufe einem) diſem lnterſi J Pompa des Köl ſich bi wußte Augen gegang Ac nicht m iſt es auch g S dieſen em( worde N ſeinem — ²) Reene n zu ent⸗ 6 Wohr⸗ giebt es In ſein ahin vach tönigs, es chts iſt in Keiner eten, als ſem durch Zinmers, e großen eiten. almodi⸗ denbezüge e m urpumen ander zu, Auf⸗ Trödler venigſtens gen ſchoß der Un⸗ elcher ils zwßen Helène. 105 Feldzugsplänen wir Alle hätten lernen können. Alexander der Große ſelbſt würde Friedrichs Schlacht von Leuthen bewundert haben.*) Der greiſe Caſtellan, welcher an der Thür ſtand, hob ſein Haupt höher empor, und ein erſter freundlicher Blick ſeiner Augen ſchien Napoleon zu danken für die Anerkennung, die er den Manen des Heldenkönigs zollte. Napoleons Augen weilten jetzt auf der großen Uhr, die dort drüben auf einem vergoldeten Piedeſtal ſtand. Es war ein Meiſterwerk aus der Zeit Ludwigs des Funfzehnten im glänzendſten Rococoſtyl. Das große Zifferblatt mit den großen Zahlen von bunter Emaille ruhte in einem Rahmen und Gehäuſe von ſchön ciſelirtem Golde, und über dieſem Rahmen erhob ſich das Bildniß des Kaiſers Titus mit der Unterſchrift: Diem perdidi. Iſt das die Uhr, welche der König aus dem Nachlaſſe der Marquiſe Pompadour hat ankaufen laſſen? fragte Napoleon haſtig. Ja, Sire, ſie iſt es. Sie hat ſeitdem immer in dem Wohnzimmer des Königs geſtanden. Friedrich der Große liebte ſie ſehr, und pflegte ſich bis zu ſeinem Tode immer nur nach ihr zu richten. Und ſie wußte es wohl, daß der König ſie liebte, denn als Friedrich ſeine Augen ſchloß, da ſtand die Uhr ſtill und ſie iſt ſeitdem nicht wieder gegangen. Ach, rief Napoleon raſch, ſeitdem ſcheint man wirklich in Preußen nicht mehr gewußt zu haben, was die Glocke geſchlagen hat. Und was iſt es mit jenem alten, zerfetzten Lehnſtuhl dort? Hat den der König auch gebraucht? Sire, ſagte der Caſtellan feierlich, jedes Wort betonend, Sire, auf dieſem Lehnſtuhl iſt der große König geſtorben, auf dem Kiſſen, welches auf dem Sitz liegt, hat ſein Haupt geruht, mit dieſer Decke iſt er zugedeckt worden! Napoleon näherte ſich raſch dem Lehnſtuhl, die Marſchälle folgten ſeinem Beiſpiel, und traten leiſe auf den Fußſpitzen näher. *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Las Cases, Mémorial de Sainte V N 106 Gerade dem Lehnſtuhl gegenüber ſtand Napoleon mit ineinander geſchlagenen Armen, die Lippen feſt auf einander gepreßt, die düſtern, flammenden Blicke auf den Lehnſtuhl geheftet. Hinter ihm ſtanden die Marſchälle, deren gleichgültige Geſichter und neugierige Blicke ſeltſam contraſtirten zu dem ehernen, bleichen Antlitz des Kaiſers. Unfern von ihnen, näher der Thür, ſtand der greiſe Caſtellan, der alte Diener Friedrichs des Großen, mit gefaltenen Händen, das Haupt traurig auf ſeine Bruſt geſenkt. Tiefes Schweigen herrſchte einen Moment. das Zimmer wie mit hellerem Licht; die Sonne, Wolken verhüllt geweſen, war jetzt wieder hervorgetreten, und ſchien leuchtend in das Gemach hinein; ihr goldener Strahl traf gerade den Lehnſtuhl Friedrichs des Großen, und umgab denſelben wie mit einer Plötzlich erfüllte ſich welche vorher von Glorie. Das alſo iſt das Sterbelager des großen Königs, ſagte Napoleon ſinnend. Die Götter hatten es ihm nicht vergönnt, als ſiegreicher Held auf dem Schlachtfeld zu fallen. Die Krankheit und das Alter hat den Helden des ſiebenjährigen Krieges beſiegt und nicht unter den Siegesfanfaren ſeiner Krieger, ſondern einſam auf dem Krankenſtuhl iſt er geſtorben! Das Schickſal möge uns gnädig vor einem ſolchen Tode behüten!— Und indem er ſich raſch zu dem Caſtellan hinwandte, fragte er: waren Sie zugegen als der König ſtarb? Ja, Sire, ich war dabei, denn ich war ſein Kammerdiener. Welches waren die letzten Worte, welche der ſterbende König ſprach? Sire, er ſprach öfter, aber ſo leiſe und raſch, daß wir ihn nicht Die letzten Worte, die wir verſtehen konnten, waren dieſe: Ich bin verſtanden. „Gebt mir meine Soldaten des ſiebenjährigen Krieges wieder! es müde, über Sclaven zu herrſchen!“ Ha, ſeltſam, murmelte Napoleon, er w zu herrſchen! Als ob es ſich über freie Männer herrſchen ließe! Ach, ich möchte dieſen König wohl gekannt haben, dieſen König, der ein ſo abſoluter Herrſcher war, und doch die Selaven verachtete, der das Schwert ſo ſicher führte als die Feder, dem der Donner der Kanonen eben ſo melodiſch klang, wie die ſüßen Töne ſeiner Flöte, der mit ar es müde über Sclaven Loltair wann. gleichen H 6 et mit Hetren ich hit würden S — W täum G le und Krieg undl ich ſo den auch, ſein den fort ineinander die düſtern, ſtanden die icke ſeltſan ſtellan, der das Haupt erfüllt ſich vorher von und ſchien gerade den ie mit einer e Nopoleon greicher Held 6 Alter hat t untel den Krankenſtuhl inen ſolchen hinwandte diener⸗ lönig ſprach? wir ihn nicht waren dieſe: der! ch bin r Sclaben n ließel Ach, der ein übe ig ſe u, der das der gunonen lüte, der mit 107 Voltaire Verſe machte, und mit Schwerin und Ziethen Schlachten ge⸗ wann. Er war ein Univerſalgenie, und wir haben ſeitdem nicht ſeines⸗ gleichen geſehen. Oh, Sire, murmelten die Marſchälle, Ew. Majeſtät vergeſſen— Still, meine Herren, rief Napoleon mit zorniger Stimme, indem er mit ausgeſtrecktem Arm auf den Lehnſtuhl hindeutete, ſtill, meine Herren, keine Schmeicheleien für mich an dieſer Stelle. Ich wollte, ich hätte dieſen großen Friedrich gekannt, denn ich glaube, wir Beide würden uns verſtanden haben! Sire, ſagte der Caſtellan, Se. Majeſtät, der große König, hat Sie wohl nicht gekannt, aber er hat doch von Ew. Majeſtät geträumt! Napoleon wandte ſich haſtig nach ihm um. Wie? fragte er. Ge⸗ träumt? Erzählen Sie mir das! Treten Sie näher. Der Caſtellan, Napoleons gebieteriſchem Wink folgend, trat leiſe und ſchwankend einige Schritte näher. Sire, ſagte er, es war einige Jahre nach dem ſiebenjährigen Kriege. Ich war eben als Kammerdiener bei dem König eingetreten und hatte in jener Nacht gerade den Dienſt beim König, das heißt, ich ſchlief im Vorzimmer des Königs, und hatte den ſtrengen Befehl, den König am Morgen um die feſtgeſetzte Stunde zu wecken, Nachts auch, ſobald er mich rufen oder ich Geräuſch vernehmen würde, in ſein Schlafzimmer einzutreten. In dieſer Nacht nun hörte ich plötzlich den König laut aufſchreien und Feuer! Feuer! rufen. Ich ſtürzte ſo⸗ fort in das Schlafzimmer, aber— es brannte nirgends; der König lag auf ſeinem Lager, ächzend und laut athmend, und offenbar von ſchlimmen Träumen beängſtigt. Ich nahm mir alſo die Freiheit, den König zu wecken, und ihn ſo lange zu rufen, bis er erwachte und die Augen aufſchlug. Ach, ſagte der König hochaufathmend, es iſt gut, daß Du mich geweckt haſt, ich hatte einen ſchrecklichen und ſeltſamen Traum, und zur Belohnung dafür, daß Du mich geweckt haſt, will ich ihn Dir erzählen. Mir träumte, ich ſtand auf der Terraſſe zu Sansſouci, und um mich her ſah ich mein Land und alle meine Schlöſſer, ganz dicht Alles bei einander, und dahinter war mir's, als ſchaute ich die ganze Welt mit allen Städten und Ländern, das Alles 108 lag da wie ein wunderſchönes Bild, und ich ſchaute es an, und freute mich. Auf einmal verfinſterte ſich der Himmel, ſchwarze Wolken zogen darüber hin, tiefe Nacht bedeckte die ſchöne Welt, und ein unheimliches Kreiſchen und Aechzen ging durch die Luft. Doch plötzlich leuchtete dort droben mitten in den ſchwarzen Wolken ein glänzend heller Stern auf. Einen Moment blieb er am Himmel ſtehen, dann fiel er blitz⸗ ſchnell nieder auf die Erde, und ſo wie der Stern niederfiel, flammte die ganze Welt auf in Feuer und Brand, und die Dunkelheit verwan⸗ delte ſich in blendende Tageshelle, denn das Feuer fraß immer weiter um ſich, und alle meine Schlöſſer ſtürzten mit donnerndem Gekrach zu⸗ ſammen; der gefallene Stern hatte ſie alle verbrannt, und er verſengte und verbrannte mein ganzes Land und verwandelte die Flüſſe in blut⸗ rothe Ströme, und die Kornfelder in Todtenäcker. Und weiterhin ſah ich die andern Länder der Welt, und ich ſah, wie der gefallene Stern, einer Rakete gleich, auch durch ſie hinfuhr und überall Feuer und Brandfackeln entzündete, bis daß alle Reiche zuſammenſtürzten, und alle Städte in Aſche zerfielen. Und wie ich das ſah, da ſchrie ich in meiner Angſt: Feuer! Feuer! und Du kamſt zum Glück und weckteſt mich!— Das, Sire, ſagte der Caſtellan hoch aufathmend, das war der Traum, welchen der König gehabt hatte, und genau mit den Worten erzählte er ihn mir, und als er zu Ende war, ſagte er weiter: Der Traum hat gewiß etwas zu bedeuten, und gewiß geſchieht etwas Merk⸗ würdiges in dieſer Nacht. Schreib Dir genau auf, was ich Dir ge⸗ ſagt habe, und merk' Dir das Datum und das Jahr!— Und ich that, wie Se. Majeſtät befohlen, ich ſchrieb mir das Datum auf und die Jahreszahl, und auch die Stunde, in welcher der König den Traum gehabt.*) Erfuhr der König das Ende der Geſchichte? fragte der Kaiſer haſtig. Hatte der Traum nun wirklich eine Bedeutung gehabt? War in jener Nacht etwas Merkwürdiges geſchehen? Ja, Sire, es war in jener Nacht etwas ſehr Merkwürdiges ge⸗ ſchehen, aber der König erfuhr es nicht mehr, er ſtarb zu früh dazu. Friedrich der Große. II. *) Preuß, 6 Blcke f ſummen Ein lich: Si Auguſt Ah, Am = drei Uhr n — hin, ind nach ku ein ſe alle Li und freute ken zogen heimliches leuchtete ller Stern er blit⸗ l, flammte it verwan⸗ mer weiter Fekrach zu⸗ verſengte ſe in blut⸗ iterhin ſah lene Stern, Feuer und irzten, und chrie ich in nd weckteſt das war den Worten 8 er mns Mr⸗ ſc Dir ge⸗ Und ich eiter: und m auf uld den Traum der Kaiſer abt! iniges ge frih dazt 109 Wann hatte der König denn jenen Traum? fragte Napoleon, die Blicke feſt auf den Greis gerichtet, der ihn wieder anſchaute, und die flammenden Augen des Kaiſers mit ruhiger Haltung ertrug. Eine Pauſe trat ein, dann ſagte der Caſtellan langſam und feier⸗ lich: Sire, der große Friedrich hatte dieſen Traum am funfzehnten Auguſt 1769. Ah, an meinem Geburtstag! rief Napoleon. Am funfzehnten Auguſt 1769, wiederholte der Greis, Nachts um drei Uhr. In der Stunde meiner Geburt, murmelte Napoleon leiſe vor ſich hin, indem er die Blicke auf den Lehnſtuhl niedergleiten ließ. Dann, nach kurzem Schweigen wandte er ſich wieder dem Caſtellan zu, und ein ſeltſames höhniſches Lächeln umſpielte ſeine Lippen. Der Stern fiel vom Himmel und verbrannte alle Schlöſſer und alle Länder? fragte er. Der Caſtellan nickte leiſe. Und Ihr meint, daß der Traum mir gilt und daß ich der gefallene Stern bin? fragte Rapoleon. Sire, ich erzählte nur, was der König geträumt hat, ur welcher Nacht und Stunde er den merkwürdigen Traum hatte, der Caſtellan. Se. Majeſtät hat ihn damals öfter erzählt, und ale ſeine Freunde wußten darum. Aber Niemand konnte ihn ſich deuten, und der König iſt geſtorben, ohne die Auflöſung des Räthſels zu erhalten. Ihr aber habt ſie erhalten, ſagte Napoleon mit einem ſpöttiſchen Lächeln. Ich bin der gefallene Stern, und ich bin gekommen, den Traum Eures Königs zu erfüllen, meint Ihr?„ Sire, ich— Ich werde Eure Schlöſſer in Schutt und Aſche legen, und En Land verſengen! fuhr Napolevn mit rauhem Ton fort. Warum hä Ihr mich gereizt? Nicht ich habe den Krieg angefangen; da Ihr il in wolltet, habe ich ihn Euch gegeben. Aber ſagt Euren Freunden und den guten Bürgern Potsdams, daß der Traum ihres Königs ſich doch nicht ganz erfüllen wird. Es iſt möglich, daß Euer König mich zwingt, 110 ihm ſeine Schlöſſer zu zerſtören, aber das Haus des Bürgers und die Hütte des Landmanns wird meinen Unwillen nicht zu empfinden haben, und der Freuerbrand meines Zornes wird Eure Felder nicht verwüſten. Sagt das den guten Bürgern dieſer Stadt, ſagt ihnen, ſie ſollen ſich nicht vor mir fürchten, denn niemals werde ich ihre Privilegien und Rechte angreifen und ihren Intereſſen feindlich entgegen treten. Und jetzt kommt, meine Herren, laßt uns weiter gehen. Er durchſchritt raſch das Zimmer und trat in das nächſte Ge⸗ mach ein. Sire, das iſt das Empfangszimmer Friedrichs des Großen, ſagte der Caſtellan, der dem Kaiſer mit den Marſchällen gefolgt war. Dort auf jenem Tiſch liegt der vollſtändige Anzug, in welchem Se. Majeſtät die letzten Audienzen ertheilte. Seine Uniform, ſein ſchwarzer Adler⸗ Orden, und Hut und Degen. Napoleon eilte mit lebhaften Schritten zu dem Tiſch hin und hob den Degen von demſelben auf. Ah, der Degen Friedrichs des Zweiten, rief er mit leuchtenden Augen. Er hat ihn oft geſchwungen in ſieg⸗ reicher Hand, und jener Hut hat ein Haupt bedeckt, das mit dem Lorbeerkranz des Dichters und des Feldherrn geſchmückt war⸗ Dies i Trophäen, welche ich allen Schätzen des Königs von Preußen . Ich will ſie an meine alten Soldaten von den Feldzügen von Hannover ſenden. Der Gouverneur der Invaliden ſoll ſie er⸗ halten; er ſoll ſie aufbewahren als ein Zeichen der Siege unſerer großen Armee und der Rache, welche wir in Jena für die unglückliche Schlacht bei Roßbach genommen haben.*) Und da mein lieber Bruder, der König von Preußen, mich auch zum Ritter ſeines ſchwarzen Adler⸗ Ordens erhoben hat, ſo wird er mir wohl erlauben, dieſen Ordens⸗ ſtern mitzunehmen, als ein Andenken an den größten König des Hohen⸗ zollernſchen Herrſcherſtammes. Was bedeutet denn dieſe Klingel, welche da neben dem Hut liegt? Sire, ſagte der Caſtellan traurig und zögernd, es iſt die Klingel, deren ſich der König während der ganzen Dauer ſeiner Regierung be⸗ *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Mémoires du Général Rapp. S. 73. geweſen die St mich ſo Führen nahm er der rich„ gieru ſellſch Zimm piet l Randl 0 ſamke in we ſeine ers und die inden haben, verwüſten. ie ſollen ſich wilegien und treten. Und nächſte Ge⸗ Hroßen, ſagte twar Dort Se. Majeſtüt varzer Adler⸗ hin und hob des Zweiten, ungen in ſig⸗ das mit dem von Preußen den Feldzigen n ſoll ſie er⸗ Siege mſeret ngliciche die un Adler⸗ wae rdens⸗ ieſen O ig des Hohen⸗ elche Klingel, 5 ſů di Mgel egierung up 6 2 . 111 diente, um die aufwartenden Herren aus dem Vorzimmer und Nachts die Bedienten zu rufen. Dieſe Klingel ſoll fortan in meinem Cabinet und auf meinem Schreibtiſch ſtehen, ſagte Napoleon. Herr Groß⸗Marſchall, ertheilen Sie Ordre, daß alle dieſe Dinge eingepackt und ſofort nach Paris geſandt werden, und fügen Sie zu dieſen Dingen hier noch die Uhr aus jenem Zimmer hinzü, die Uhr, welche dem großen König ſo treu geweſen, daß ſie bei ſeinem Tode ſtill geſtanden und für keinen Andern die Stunde hat angeben wollen. Ich werde ſie aufziehen, und für mich ſoll die Uhr Friedrichs des Großen wieder ihre Stunden ſchlagen. Führen Sie uns weiter, Herr Caſtellan. Der alte Mann warf einen langen ſchwermuthsvollen Blick auf die verehrten Heiligthümer, welche man ihm entreißen wollte, und nahm mit einem ſchweren Seufzer von ihnen Abſchied. Dann geleitete er den Kaiſer weiter. Er zeigte ihm die Bibliothek, in welcher Fried⸗ rich während ſeiner letzten Lebensjahre alle Stunden, die ihm die Re⸗ gierungsgeſchäfte übrig gelaſſen, zugebracht hatte, keiner andern Ge⸗ ſellſchaft begehrend, als ſeiner Bücher; er führte ihn alsdann in die Zimmer, welche Voltaire bewohnt hatte, und ließ den Kaiſer ein Pa⸗ pier leſen, auf welchem der König Verſe geſchrieben, die Voltgi wit Randbemerkungen und Correcturen verſehen hatte. Napoleon betrachtete Alles mit großer Theilnahme und Aufmerk⸗ ſamkeit, und ließ ſich dann in den langen und ſchönen Gang führen, in welchem Friedrich, begleitet von ſeinen Hunden, bei ſchlechtem Wetter ſeine Promenade zu machen pflegte. Die Wände dieſes Ganges waren geſchmückt mit allerlei Gemälden und Kupferſtichen, die indeß nicht alle der Lebenszeit des großen Kö⸗ nigs anzugehören ſchienen, denn man ſah da Bilder und Kupferſtiche, welche des Königs Sterbeſtunde und ſein einſames nächtliches Leichen⸗ begängniß darſtellten, und wieder Andere, welche die Scene behan⸗ delten, wie der junge König Friedrich Wilhelm der Zweite, an der Leiche ſeines großen Oheims ſtehend, mit Thränen in den Angen, die Hand auf das Haupt Friedrichs gelegt, ſchwört, ſeinem Volke ein guter und gerechter Herrſcher zu ſein. 112 Und was bedeutet dieſes Bild hier? fragte Napoleon, auf einen Kupferſtich daneben deutend. Sire, ſagte der Caſtellan verwirrt, das iſt ein Kupferſtich, welcher das Grabgewölbe des Königs darſtellt. Es gehört nicht hierher und iſt nur von mir hier vorläufig aufgeſtellt. Der Künſtler, welcher es gemacht hatte, ſandte dies Exemplar hierheg mit der Bitte, ihm in Sansſouci irgendwo eine Stelle zu gönnen, und ich hing es hier auf, bis der König anders darüber beſtimmen wird. Aber was bedeutet denn dieſes Bild? fragte Napoleon, deſſen flammende Augen unverwandt auf einem andern Bilde ruhten. Da iſt der Sarg Friedrichs, daneben ſtehen zwei Männer in Uniform und eine ſchöne Frau, und alle Drei haben ſie in gar ſeltſamer und thea⸗ traliſcher Weiſe die Hand zum Schwur gehoben. Ach, ach, jetzt be⸗ greife ich, das iſt die Scene vom vorigen Jahr, die Scene, wie der Kaiſer Alexander am Grabe Friedrichs Abſchied nimmt von dem König und der Königin, mit ihnen den Bund ewiger Freundſchaft ſchließt und den Bund ewiger Feindſchaft gegen Frankreich beſchwört. Nicht wahr, das ſoll dies Bild darſtellen? za, Sire, es iſt ſo, ſagte der Caſtellan ſchüchtern. 4 poleon rief mit einem Blitz ſeiner Augen ſeine Marſchälle zu ſich heran. Sehen Sie da, meine Herren, eine jener theatraliſchen Scenen, mit welchen man hier in Preußen gegen mich declamirte, während ich ſchwieg, aber gegen ſie rüſtete, ſagte Napoleon mit einem höhniſchen Lächeln. Wenn der König von Preußen die Schwüre, die er ſeinem Volke geleiſtet, nicht beſſer erfüllt, wie dieſen hier, ſo be⸗ klage ich ſein Volk; er aber iſt der Rache der Götter verfallen, welche darauf halten, daß die Menſchen ihre Schwüre erfüllen, oder von ihren Schwüren zerſchmettert werden! Kommen Sie, meine Herren, wir haben hier genug geſehen, wo Friedrich der Zweite lebte, jetzt wollen wir noch ihm einen letzten Beſuch in ſeiner Gruft machen. Wo ſteht der Sarg? In Potsdam, Sire, in der Kirche dicht neben dem Schloß. Es iſt gut! Kommen Sie, meine Herren! Und Sie, Herr Ca⸗ ſtellan, vergeſſen Sie nicht, daß der Traum des Königs ſich nicht ganz erfüllt h welche i Völkern, Er der Hall die Pfer Der nach. E hin, ich an ihm wagen, denken ſehen, o Uin durch d Je Adler⸗C alte Cn Sein ar geſtande Abe und H der unte Marſcha ju pack Beute, Die alt und ſch ihrer h Eb in den uf das Dis v Uuh auf einen tich, welcher hierher und welcher es te, ihm in es hier auf, leon, deſſen uhten. Da lniform und r und thea⸗ ch, jetzt be⸗ ne, wie der dem König ſchließt und Nicht wahr, arſchälle zu heatraliſchen declamirte, nnit einem chwüre, die hier, ſo be⸗ len, welhe oder von 6. Herren⸗ lebte, jebt Wo nachen⸗ herr Cu⸗ nicht gu 113 erfüllt hat. Der gefallene Stern iſt nur den übermüthigen Königen, welche ihm trotzen wollten, ein verzehrendes Feuer, nicht aber den Völkern, welche ſich ihm in Gehorſam unterwerfen. Er nickte dem Caſtellan einen flüchtigen Gruß zu und trat aus der Halle in den Vorſaal und von da in die äußere Säulenhalle, wo die Pferde für den Kaiſer und ſeine Suite bereit ſtanden. Der Caſtellan ſchaute der glänzenden Cavalcade mit trüben Blicken nach. Er ſieht aus, wie ein Marmorbild, murmelte er leiſe vor ſich hin, ich glaub' auch, er hat kein Herz in ſeiner Bruſt. Es iſt Alles an ihm von Marmor. Wenn er ein Herz hätte, würde er's nicht wagen, hierher zu kommen und mit räuberiſcher Hand die heiligen An⸗ denken an unſern großen König an ſich zu reißen. Ich muß doch ſehen, ob es wirklich geſchehen iſt. Und der Greis verließ die Halle und eilte mit jugendlicher Haſt durch die Zimmer dahin nach dem Audienzzimmer zurück. Ja, es war geſchehen! Der Hut und der Degen, der ſchwarze Adler⸗Orden und die Klingel waren von dem Tiſch verſchwunden. Der alte Caſtellan ächzte tief auf und eilte weiter in das Wohnzimmer. Sein angſtvoller Blick flog hinüber nach dem Ort, wo ſonſt die Uhr geſtanden. Auch ſie fehlte von dem Piedeſtal. Aber von dem Vorzimmer her vernahm er ein lautes Sprechen und Lachen, und wie der Caſtellan dahin eilte, ſah er da einige von der untern Begleitung des Kaiſers, welche, den Befehlen des Groß⸗ Marſchalls zufolge, damit beſchäftigt waren, die Sachen in einen Korb zu packen und ſich dabei beluſtigten, über die ſeltſame und geringe Beute, welche ihr Kaiſer hier gemacht habe, zu ſpötteln und zu lachen. Die alten ergrauten Diener Friedrichs des Großen ſtanden daneben und ſchauten mit Thränen in den Augen zu, wie man ihnen die Schätze ihrer heiligſten Erinnerungen entführte. Eben war man damit beſchäftigt, die Uhr über den andern Dingen in den Korb zu legen. Der Caſtellan eilte zu ihr hin, und ſeine Hand auf das Zifferblatt legend, ſagte er leiſe: Lebe wohl! Des großen Friedrichs Augen haben oft zu Dir hingeſchaut und oft Dich betrachtet. Das waren auch Sterne, ſeine Augen, aber keine gefallenen Sterne, Mühlbach, Napoleon. II. Bd. 8 —— 114 und ſie verbrannten und verſengten nicht, ſondern ſie beglückten. Lebe wohl, Du treue Uhr, die in meines Königs Sterbeſtunde verſtummte vor Schmerz. Wenn ſeine Sterbeſtunde kommt, ſo ſchlage ſie laut und freudig an, fange ſie wieder an zu gehen, denn dann iſt die ſchlimme Zeit überwunden und der gefallene Stern iſt ausgebrannt. Lebe wohl und ſchlage bald dieſe Stunde.*) Mit noch finſterern Blicken, als er gekommen, ritt der Kaiſer mit ſeinem Gefolge wieder durch die öden, ſtillen Straßen Potsdams dahin. Langſam und feierlich, wie ein Trauerzug, bewegte ſich die glänzende Cavalcade nach der Kirche hin, in deren unterm Gewölbe der Sarg mit des Königs Leiche ſtand. Der Küſter und ſein Begleiter eilten mit dem großen Schlüſſel⸗ bund und der brennenden Fackel dem Kaiſer voraus durch die halb⸗ dunklen, ſchweigenden Gänge und öffneten die ſchweren, raſſelnden Eiſenthüren, die zu dem Gewölbe führten. Napoleon trat ein. Einen Moment blieb er auf der Schwelle *) Die Uhr blieb im Beſitz Napoleons und begleitete ihn bis nach Helena. Sie ſtand dort in ſeinem kleinen Salon über dem Kamin und Napoleon ge dachte ihrer in ſeinem Teſtament. Er vermachte ſie ſeinem Sohn, dem Herzog von Reichſtadt, mit den Worten:„Mein Morgenwecker; es iſt derjenige Friedrichs des Zweiten, den ich mir in Potsdam aneignete.“ Siehe: Mémo- rial de St. Helene X. S. 104. Auch die Klingel vermachte Napoleon ſeinem Sohn zum Andenken. Ueber den Degen, den Napoleon mitgenommen, iſt viel geſtritten. Jedenfalls war es nicht der Degen, den Friedrich bis zu ſeinem Lebensende getragen. Dieſer ſteckte in einer ledernen Scheide, die an mehreren defecten Stellen mit Siegellack zuſammengeflickt war, weil Friedrich das we niger koſtſpielig fand, als ſie von dem Sattler ausflicken zu laſſen. Dieſen Degen, den eigentlichen Gebrauchsdegen Friedrichs, hatte der König mitge nommen, als er ſich im September 1806 mit der Königin in das Hauptquar tier begab, er nahm ihn mit auf ſeiner Flucht, brachte ihn auch von dort wieder heim. Er befand ſich ſpäter auf der Kunſtkammer von Berlin. Der Degen, welchen Napoleon entführte und der zum Staatsanzug des großen Königs gehörte, war ein Geſchenk Kaiſer Pauls von Rußland, bekanntlich einem glühenden Bewunderer Friedrichs. Blücher brachte dieſen Degen 1814 wieder aus Paris mit zurück. Siehe: Preuß, Friedrich der Große. IV. Seite 273. ſtehen Wände hölzem Raume — unver heller bleic mein raſſe um d ( Jung in ſe läche ückten. Lbe verſtummte lage ſie laut dann iſt die usgebrannt. er Kaiſer mit Sdams dahin. die glänzende be der Sarg en Schlüſſel— nch die halb⸗ n, raſſelnden der Schwelle s nach Helena. tapoleon ge dem Herzog iſt derjerige lapoleon ſinen ommen, iſt viel bis zu ſeinem ie an mehreren iedrich das ve laſſen. Dieſen r Förig m uptqun dort nitge das Ha 9 on nauch von Berlin⸗ n des große belanntlich d, IV. 115 ſtehen und betrachtete ſtaunend dieſes ſchlichte düſtere Gewölbe, deſſen Wände keine Trophäen, keine Decorirungen trugen, und dieſen ſchlichten hölzernen Sarg, der einfach, kahl und einſam inmitten des düſtern Raumes ſtand. Hinter ihm ſah man die Geſichter ſeiner Marſchälle, die mit neugieriger Verwunderung herein ſchauten. Ach, ſagte Napoleon, mit einer leiſen Hauptbewegung ſich zu ihnen wendend und mit der Rechten nach dem Sarg hindeutend, man muß ſich durch ſehr viele Großthaten ausgezeichnet und ſehr viel un⸗ ſterblichen Ruhm erworben haben, um ſo alles Prunkes und aller Erdenherrlichkeit entbehren zu können. Er ſchritt wieder in das Gewölbe vor und trat dicht an den Sarg hin. Die Arme ineinanderſchlagend, die Stirn in düſtere Falten ge⸗ legt, die Lippen feſt aufeinander gepreßt, ſchaute der Kaiſer lange und unverwandt auf den Sarg hin. Das Licht der Fackel beleuchtete mit hellem Schein das düſtere Angeſicht Napoleons, und wie ſich ſein bleicher Kopf allein und frei aus der Dunkelheit hervorhob, hätte man meinen mögen, eines der marmornen Cäſarenbilder, die auf der Ter⸗ raſſe von Sansſouci ſtanden, ſei von ſeinem Piedeſtal herabgeſtiegen, um dem todten König in ſeinem Sarge ſeinen Beſuch zu machen. Endlich, nach einer langen Pauſe, kam wieder Leben und Bewe⸗ gung in die Marmorgeſtalt, und das Auge Napoleons blitzte wieder in ſeinem gewohnten kühnen Feuer. Er deutete mit einem ſeltſamen Lächeln auf den Staub hin, welcher auf dem Sargdeckel lag. Staub da außen und Staub da innen, und doch war der Staub da innen ein großer König und ein großer Held, und doch iſt dieſer Staub hier außen dauerhafter, als es die Schwüre geweſen ſind, die vor kaum einem Jahr hier Kaiſer Alexander mit dem König und der ſchönen Königin gewechſelt hat. Auch der Kuß, den Alexander damals auf Friedrichs Sarg gedrückt, iſt nicht mehr ſichtbar, der Staub iſt darüber hingeweht, der Staub hat Alles gleich gemacht. Und wie er ſo ſprach, zog er mit ſeiner Hand leiſe Linien über den Staub hin und ohne es zu wiſſen vielleicht, ganz mechaniſch, ſchrieb ſein Finger ein großes N in den Staub des königlichen Sarges. 8* 116 Dann wandte er ſich um und verließ haſtig die dunkle Halle, um in das Königsſchloß zurückzukehren.*) Die Hände auf dem Rücken gefaltet, ging der Kaiſer lange in ſeinem Cabinet auf und ab, dann klingelte er haſtig und befahl den Chef ſeines Cabinets, Herrn von Menneval, zu rufen. Setzen Sie ſich, rief Napoleon dem Eintretenden entgegen, nehmen Sie eine Feder, ich will Ihnen mein achtzehntes Bulletin dictiren. Herr von Menneval nahm vor dem Schreibtiſch Platz, Napoleon ging langſam auf und ab, und mit lauter, ſtrenger Stimme dictirte er, wie folgt: Der Kaiſer iſt am 25. October in Potsdam angekom⸗ men und in dem königlichen Schloß abgeſtiegen. Er beſichtigte dort gleich am erſten Tage Sansſouci und die Umgebungen von Potsdam. Er hielt ſich einige Zeit in den Zimmern Friedrichs des Zweiten auf, wo ſich Alles noch in dem nämlichen Zuſtande wie bei deſſen Tode befindet.— Man hat in dem Zeughaus von Berlin fünfhundert Ka⸗ nonen, mehrere hunderttauſend Pfund Pulver und mehrere Tauſend Gewehre gefunden.— Als einen auffallenden Umſtand bemerkt man, daß der Kaiſer am nämlichen Tage und zur nämlichen Stunde in Potsdam angekommen und in den nämlichen Zimmern abgeſtiegen iſt, wie der Kaiſer von Rußland auf ſeiner vorjährigen Reiſe, die für Preußen ſo verderblich geworden iſt. Von dieſem Augenblick an vergaß die Königin die Sorge für ihre häuslichen Angelegenheiten und die wich⸗ tigſten Geſchäfte der Toilette, um ſich mit Staatsangelegenheiten zu befaſſen, auf den König Einfluß zu gewinnen und überall das Feuer anzufachen, von dem ſie beſeſſen war. Das Reſultat jenes berühmten Schwurs, welcher am 4. November 1805 abgelegt wurde, iſt die Schlacht von Auſterlitz und die Räumung Deutſchlands von Seiten der ruſſiſchen Armee in den vorgeſchriebenen Etappen geweſen. Man *) Eins der ſchönſten Gemälde Horace Vernet's hat dieſen Beſuch Napo leons am Grabe Friedrichs des Großen zum Gegenſtand. **) Napoleon faßte und diectirte alle ſeine Bulletins ſelbſt, ohne irgend Jemand dabei zu Rathe zu ziehen. Erſt nachher, wenn er es dictirt hatte, wurden die Bulletins dem Urtheil Talleyrand's unterworfen, der ſich aber wohl hütete, irgend etwas daran ändern oder mildern zu wollen. veranſtalt Sarge 5 iden fin zuf den ſ der ander richs des geführ, n legt die zu blicken elende S Schatten Scene bl der fran ſugte, d nonenſch kommen Die Aſ mit eine Draperi denthate den De ſo wie fihrte, einem d nit heil Bulletin le Halle, um ſer lange in d befahl den gen, nehmen dictiren. t, Napoleon imme dictirte am angekon⸗ ſichtigte dort on Potsdam. Zweiten auf, deſſen Tode fhundert Ka⸗ rere Tauſend bemerkt man, Stunde in geſtigen iſt, iſe, die für ic un vergß und die wich⸗ egenheiten zu 1 das Feuer es berihmten ude, iſt die von Seiten Man weſen. Beſuch Naho⸗ ohne irgend e dictirt hott⸗ r ſch abe ſ. 117 veranſtaltete achtundvierzig Stunden nachher von jenem Schwur am Sarge Friedrichs des Großen einen Kupferſtich, den man in allen Läden findet und der ſelbſt die Bauern lachen macht. Man ſieht dar⸗ auf den ſchönen Kaiſer von Rußland, neben ihm die Königin und auf der andern Seite den König, der die Hand über dem Sarge Fried⸗ richs des Großen erhebt; die Königin, mit einem Shawl drapirt, un⸗ gefähr, wie man auf den Londoner Kupferſtichen Lady Hamilton ſieht, legt die Hand auf ihr Herz und ſcheint nach dem Kaiſer von Rußland zu blicken. Man begreift nicht, wie die Polizei von Berlin eine ſo elende Satyre hat können verbreiten laſſen. Auf jeden Fall hat der Schatten des großen Friedrich nur mit Unwillen auf dieſe ärgerliche Scene blicken können. Sein Geiſt, ſein Genie, ſeine Wünſche gehören der franzöſiſchen Nation an, die er ſo ſehr hochachtete und von der er ſagte, daß, wenn er ihr König wäre, ohne ſeine Erlaubniß kein Ka⸗ nonenſchuß in Europa abgefeuert werden dürfte.— Aus Sansſouci kommend, hat der Kaiſer auch die Gruft Friedrichs des Großen beſucht. Die Aſche dieſes großen Mannes ruht in einem hölzernen Sarge, der mit einem kupfernen überdeckt iſt, und in einem Gewölbe ohne alle Draperieen, ohne Trophäen, ohne irgend Etwas, das an ſeine Hel⸗ denthaten erinnert, ſteht. Der Kaiſer hat dem Invalidenhötel zu Paris den Degen Friedrichs, ſeine Decoration des ſchwarzen Adlerordens, ſo wie die Fahnen, welche des Königs Garde im ſiebenjährigen Kriege führte, zum Geſchenk gemacht. Die Veteranen werden Alles, was einem der größten Feldherrn, den die Geſchichte kennt, angehört hat, mit heiliger Ehrfurcht empfangen.*) *) Goujou: Collection des Bulletins de Napoleon ete. Vol. 174. Bulletins KVII. flohen, d 1 m. klärten ſi 4 zu keiſten 8 2 Was 1 Uapoleons Einzug in Berlin. 8 unterwer Seit langer Zeit hatte Berlin keinen ſo feſtlichen und bewegten ſchweigen 6 Anblick dargeboten, als heute, am Morgen des ſiebenundzwanzigſten laſen u October. Eine ungeheure Menſchenmenge wogte über den Schloßplatz und ſein daher und rollte ſich der Breiten Straße und den Linden zu. Wie ein Aufgabe ſchwarzer brauſender Strom ergoß ſich dieſe Maſſe die Straße entlang emahne bis zu dem Brandenburger Thor und bildete dann an beiden Seiten oder au 4 der Straße Spalier. Tauſende von Knaben und jungen Burſchen empfind aber erkletterten die Linden, die in zwei Reihen in der Mitte dieſer was de Straße ſtehen, und machten die Bäume hin und her ſchwanken von D der Laſt, und ſchauten mit neugierdeflammenden Blicken von ihren gend luftigen Thronen hinunter auf die Straße und auf das Gewühl der und de Menſchen. Durch dieſe Menſchenmaſſe aber ſchlüpften Hunderte ge⸗ anzuſch ſchäftiger Geſtalten dahin, hier und dort ſtehen bleibend und leiſe und A eindringlich den Leuten zuſprechend; hier und da begnügten ſie ſich aber ſehen, nicht mit Worten allein, ſondern ſie drückten den Leuten ein Geldſtück dring in die Hand und flüſterten: Trinkt dafür ein Glas auf die Geſundheit e des Kaiſers, damit Euch die Kehlen recht glatt werden, und Ihr, wenn Jeder der Kaiſer ſeinen Einzug hält, recht laut und vernehmlich ſchreien nan h könnt: Vive l'Empereur! Feind Dieſe freigebigen Anhänger des Kaiſers, das waren die Diener ſeiner der franzöſiſchen Polizei, die ſich ſchon in aller ihrer Herrlichkeit und 5 Macht in Berlin organiſirt hatte, die Söldlinge des Generals Clarke, z der jetzt Gouverneur von Berlin war, und die unterjochte Stadt mit hehe allem Stolz und Hohn eines triumphirenden Siegers behandelte. Inj Viel Thränen waren in dieſen Tagen ſchon in Berlin vergoſſen, uf! viel Verwünſchungen waren geſprochen worden, aber nur heimlich und nan leiſe, denn man durfte es nicht wagen, den Zorn des Siegers zu zn reizen, man mußte dulden und ertragen! Die Uebermacht war zu groß, die Armee war geſchlagen, der König mit ſeinem Hof war ge⸗ nd bewegten dzwanzigſten Schloßplatz Wie pi Wie ein entlang eiden Seiten en Burſchen Mitte dieſer hwanken von n von ihren Gewühl der Hunderte ge⸗ nd Jeiſe und ſie ſich aber ein Gehoſtück ie Geſundheit d Ihr, wenn nlich ſchreien die Diener rlichteit und erals Clarke, te Stadt mit andelte⸗ lin vergſen⸗ heinlic und Eiegers zu at war zu Hof war ge⸗ 119 flohen, die höheren Beamten hatten ſich entweder verſteckt, oder ſie er⸗ klärten ſich laut bereit, dem Kaiſer der Franzoſen den Eid der Treue zu leiſten und ihm zu dienen als ihrem Herrn. Was blieb alſo den armen Berlinern anders übrig, als ſich zu unterwerfen, und da ſie keine andere Hülfe hatten, ſich zu helfen mit ſchweigendem Gehorſam und unterwürfiger Ruhe? Alles hatte ſie ver⸗ laſſen und aufgegeben, ſelbſt der Gouverneur der Stadt war geflohen, und ſein Stellvertreter, der Fürſt Hatzfeld, ſchien gar keine andere Aufgabe zu kennen, als die Berliner zur Ruhe und zum Gehorſam zu ermahnen, und ſie zu beſchwören, nichts zu unternehmen, zu ſprechen, oder auch nur zu denken, was dem neuen franzöſiſchen Gouvernement empfindlich ſein könne, ſondern ſich freudig und willig in Alles zu fügen, was der Sieger von ihnen fordern möchte. Die Berliner Bürger hatten ſich alſo gefügt, ſie hatten ſich ſchwei⸗ gend und gehorſam unterworfen, und ſie eilten jetzt nach den Linden und dem Brandenburger Thor hin, um den Einzug des Kaiſers mit anzuſchauen. Aber nicht blös die Bürger und das Volk wollten dieſen Einzug ſehen, auch die Leute aus den höheren Ständen, auch die Damen drängten ſich dieſem Schauſpiel zu. Jeder war es ſich bewußt, daß es ein großer welthiſtoriſcher Moment ſei, den man jetzt erleben ſollte, Jeder glühte vor Verlangen, den merkwürdigen Mann zu ſehen, den man haßte, indem man ihn zugleich bewunderte, den man als ſeinen Feind verwünſchte, und doch anſtaunte wegen ſeiner Großthaten und ſeiner Siege. Nicht blos die Straßen und die Bäume waren daher mit Neu⸗ gierigen angefüllt, ſondern auch zu beiden Seiten der Straße in den hohen und glänzenden Häuſern ſah man Tauſende von Zuſchauern. An jedem Fenſter drängte ſich Kopf an Kopf, hoch bis zum Dach hin⸗ auf war kein Fenſter, keine Dachluke unbeſetzt, ſelbſt die Dächer hatte man hier und da abgedeckt, um ſich zwiſchen dem Geſparr einen Platz zum Schauen zu erobern. Die Linden boten daher einen impoſanten, feſtlichen Anblick dar, aber es war doch nur, als ob man ein Trauerfeſt begehen wolle, als 120 ob man gekommen, um einem großen Leichenzug beizuwohnen. Nirgends ſah man freudige Geſichter, nirgends hörte man fröhliches Lachen oder dieſe heiteren, neckenden Witzworte, mit denen das Berliner Volk ſich ſonſt jedes Feſt zu würzen pflegt; überall waren die Geſichter ernſt und düſter, und die Damen, welche da an den geöffneten Fenſtern ſtanden, waren nicht geſchmückt wie zum Feſt, ſondern ſie trugen ſchwarze Kleider und ſchwarze Schleier wehten von ihren Häuptern nieder. Auf einmal begannen die Glocken von allen Thürmen zu läuten, und der Donner der Kanonen verkündete den Zuſchauern, welche von Morgens eilf Uhr bis Nachmittags vier Uhr dieſem Moment geduldig entgegen geharrt, daß der Kaiſer von Charlottenburg her ſich dem Brandenburger Thor nähere. In athemloſer Stille, bewegungslos ſtanden die Tauſende und aber Tauſende von Zuſchauern; ſelbſt die Bäume regten ſich nicht mehr, denn auch die unruhige Jugend da oben ſchien wie erſtarrt vor Stau⸗ nen und Bewunderung über den außerordentlichen und unerhörten An⸗ blick, der ſich jetzt ihren Augen darbot. Dieſe Menſchen, die jetzt in das Thor einzogen, das waren nicht Soldaten, wie man ſie ſonſt hier in Berlin zu ſehen gewohnt war, das waren nicht geputzte ſchlanke Leute mit hübſchen Uniformen und glänzendem Bandelier, mit ſteifem Halskragen und wohlgepudertem Zopf, es waren Soldaten von wun⸗ derbarer, mährchenhafter Erſcheinung. Ihre Geſichter waren dunkelbraun, und in dieſen Geſichtern flamm⸗ ten Augen wie Dolchſpitzen ſo ſcharf. Statt der Perrücke und des Zopfes trugen ſie bunte Turbane auf ihren Häuptern, ſtatt der eng⸗ anſchließenden knappen Uniform weite rothe Pluderhoſen und dazu dunkle Jacken mit reicher Goldſtickerei; runde Säbel hingen an ihrer Seite nieder, und ihre kleinen kraftvollen und ſchmiegſamen Geſtalten paßten gar wunderſam zu den kleinen ſchlanken arabiſchen Roſſen mit den wallenden Mähnen und den blitzenden Augen, auf welchen dieſe Söhne der Wüſte, die Mamelucken des Kaiſers, daher ritten. Hinter ihnen zeigte ſich jetzt eine andere Schaar, groß und ge⸗ waltig anzuſchauen wie die Cyelopen, mit bärtigen, gebräunten Geſich⸗ tern, das Haupt bedeckt mit hohen Bärenmützen, die Bruſt verhüllt von dem Schulter in der S berühmte Jüger vo luſigen Major w hoch in d weite, pr Niemand welche F hatte, ſich die und von bannt g daß er oder vie ſidenz de das Vol Thronhi ſalbte de Ab Melodie nen an waren die neue anſtiere gekannt unterſch ghend, n. Nirgends ochen oder ner Volt ſich eſichter ernſt ten Fenſtern gen ſchwarze nieder. n zu läuten, „welche von nent geduldig her ſich dem auſende und h nicht mehr, tt vor Stau⸗ terhörten An⸗ die jeßt in ſie ſonſt hier tzte ſchlanke mit ſteifen n vn wun⸗ ter flamm⸗ ſcke und des att der eng⸗ nund dazl gen an ihrer en Geſtalten Roſſen mit welchen dieſe ten. roß und unten Geſich⸗ niſt verhült 121 von dem großen Schurzfell, das bis zu den Knieen herabfiel, über die Schulter geſchwungen das ungeheure Beil, das wie funkelndes Silber in der Sonne blitzte. Und hinter ihnen, den Sappeurs, kamen die berühmten Grenadiere der Garde zu Fuß und zu Pferde, dann die Jäger von Vincennes in ihren grünen Uniformen, und endlich jetzt mit luſtigem Spiel zogen die Muſikbanden in das Thor. Der Tambour⸗ Major warf ſeinen gewaltigen Rohrſtock mit dem ſilbernen Rieſenknopf hoch in die Luft, und mit ſchmetterndem Jubelklang tönte ſie durch die weite, prächtige Berliner Straße dahin, die Muſik der Marſeillaiſe.— Niemand hatte es bis jetzt wagen dürfen, dieſe verpönte Melodie, welche Frankreich einſt mit ſo viel Blut zu ſeiner Volkshymne getauft hatte, in Berlin hören zu laſſen, nur leiſe und verſtohlen hatte man ſich die Melodie einander in's Ohr geſummt, aber aus den Concerten und von den Straßen war ſie durch ſtrenges polizeiliches Verbot ver⸗ bannt geweſen. Vielleicht wußte das der Kaiſer, und es war deshalb, daß er befohlen hatte, die Marſeillaiſe bei ſeinem Einzug zu ſpielen, oder vielleicht wollte der Sohn der Revolution, indem er in die Re⸗ ſidenz des legitimen Königs einzog, durch dieſes Lied der Schreckenszeit das Volk daran erinnern, daß man nicht nöthig habe, unter einem Thronhimmel geboren zu ſein, um eine Krone zu tragen und der Ge⸗ ſalbte des Herrn zu ſein. Aber Niemand hörte jetzt eben auf dieſe geächtete und gefürchtete Melodie; alle die Tauſende, die da auf den Gaſſen, auf den Bäu⸗ men, an den Fenſtern und auf den Dächern waren, alle die Tauſende waren wie gelähmt vor Ueberraſchung und ſchauten ſtaunend hin in die neue Welt, welche da vor ihnen aufging. Sie, welche bis jetzt nur ſtolze Ofſiciere hoch zu Roß, mit übermüthigen Blicken jeden Bürger anſtierend, um jeder Kleinigkeit willen ihre Untergebenen züchtigend, gekannt und geſehen, ſie, denen man es eingeprägt, daß die Officiere gar ſtolze und erhabene Weſen ſeien, vor denen man ſich beugen müſſe, Weſen, welche nie zu Fuß gehen, nie irgend eine Laſt tragen dürfen, ſie ſahen jetzt da vor ſich die Officiere der kaiſerlichen Garde, wenig unterſchieden faſt von dem gemeinen Mann, und nicht allein zu Fuß gehend, wie dieſer, ſondern ſogar den ſchweren, vollgepackten Torniſter 122 auf dem Rücken tragend, und was noch wunderbarer, ſogar im feier⸗ lichen Parade-Marſch ſich hier und da freundlich mit den Soldaten unterhaltend. Aber auf einmal jetzt entſtand ein ungeheures Gewoge zwiſchen den Säulen des Brandenburger Thors, und wie eine goldene, ſternen⸗ funkelnde Lawine rollte die Schaar der Marſchälle und Generäle durch das Thor herein. Man ſah nichts als goldene Epaulettes, als in Brillanten funkelnde Ordensſterne, als goldgeſtickte Uniformen, und lange weiße Straußfedern, die von den Marſchallshüten hernieder⸗ wehten. Doch nicht auf dieſe hin waren Aller Blicke gerichtet, nicht ſie, die Marſchälle und Generäle in ihren glänzenden Uniformen, ſchaute man an, ſondern nur Ihn ſah man, dieſen ernſten, bleichen Mann, der allein und abgeſondert ihnen Allen voran ritt. Er trug keine Ordens⸗ ſterne und keine Gold⸗Epaulettes, keine Straußfedern auf dem gold⸗ geränderten Hut. Einfach und ſchlicht war ſeine grüne Uniform mit den weißen Aufſchlägen, einfach und ſchmucklos der kleine dreieckige Hut, der ſein Haupt bedeckte. Nachläſſig und ſtolz zugleich ſaß er auf ſeinem wundervollen Schimmel, der mit ſeinem Bäumen und Schnauben die Menge ſtatt ſeines Herrn zu grüßen ſchien. Er, der Herr, ſaß kalt und nachläſſig da, eine eherne Ruhe ſprach aus ſeinen Zügen, nur zuweilen ſchoſſen ſeine Augen mit einem glühenden Blitz über die Menge hin, dann wieder ſtarrten ſie ernſt und gleichgültig gerade aus, und der lebende Kaiſer verwandelte ſich wieder in einen der marmornen Triumphatoren aus der alten Römerzeit. Wie ein Bild von Stein und Erz ſaß er auf ſeinem nickenden, bäumenden Roſſe da, gleichgültig nur dänkend für das immer wieder neu, immer wieder mächtig wie gewaltiges Meeresrauſchen aufbrauſende: Vive'Empereur! mit dem ihn die Jugend auf den Bäumen, und die b zahlten Leute auf der Gaſſe, und die verkleideten Poliziſten bei jedem Schritt, den er vor⸗ wärts that, begrüßten. Ihm ſchien das nur die gewohnte unentbehr⸗ liche Muſikbegleitung zu dem Schritt ſeines Pferdes; er hörte und be⸗ achtete dieſe Muſik nicht, wenn ſie ihn accompagnirte, er vermißte ſie nur, wenn ſie fehlte. Gle deſto neu die Mar Seiten h Mengez ſchönen 1 nen Fra triunphi die Frau rigen M nen lieb Thräner ſie der — als die ſich ve des Do uuhten, und der die Gle reichen vor ihn die ehr ihem e Beamte waren nit ſe beider des den G — 2 . ar im feier⸗ en Soldaten oge zwiſchen ene, ſternen⸗ eneräle durch tes, als in formen, und en hetnieder⸗ tet, nicht ſie, men, ſchaute n Mann, der ne Ordens⸗ uf den gold⸗ Uniforn nit eine dreickige ſaß er auf d Schnauben er Herr, ſaß n Zügen, nu ber die Menge ade aus, und rmamornen von Stein a, gleichglig r mächtig wie eur! mit dem der Leute auf den er bol⸗ 6 unentbehr⸗ hörte und k t vetmißte ſie 123 Gleichgültig, ruhig und kalt ritt der Imperator vorwärts, aber deſto neugieriger, lebendiger und flammender waren die Blicke, welche die Marſchälle und das glänzende Gefolge des Kaiſers nach allen Seiten hin richteten, deſto mehr ließen ſie es ſich angelegen ſein, die Menge zu beobachten und zu den Fenſtern hinauf zu grüßen, um den ſchönen und liebreizenden Frauen, welche da wie eine Blumenguirlande die Häuſer ſchmückten, ihre Huldigung darzubringen. Aber dieſe ſchö⸗ nen Frauen erwiederten ihre Grüße nicht, und die ſieggewohnten, triumphirenden Generäle ſahen, was ſie ſelten geſehen, ſie ſahen, daß die Frauen ihre Huldigung nicht annahmen, daß ſie mit ernſten, trau⸗ rigen Mienen zu ihnen niederſchauten, ja, daß die meiſten dieſer ſchö⸗ nen liebreizenden Geſichter von Thränen überfluthet waren, nicht von Thränen, wie ſie die Freude erglänzen macht, ſondern von ſolchen, wie ſie der Schmerz und Zorn dem düſteren Auge erpreßt.*) Der Imperator hatte ebenſowenig das Jubelgeſchrei der Menge, als die Thränen der Damen an den Fenſtern beachtet, ernſt und in ſich verſunken ritt er weiter dem königlichen Schloſſe zu. Die Glocken des Doms, in deſſen untern Gewölben die Leichen der Königsfamilie ruhten, in deſſen oberen Hallen die feierlichen Trauungen der Könige und der Prinzen und Prinzeſſinnen des königlichen Hauſes ſtattfanden, die Glocken des Doms begrüßten jetzt mit freudigem Hallen den ſieg⸗ reichen Feind des Königs und die Pforten ſeines Schloſſes thaten ſich vor ihm auf, und in den glänzenden Galaſälen, in welchen ſonſt nur die ehrfurchtsvollen gehorſamen Vaſallen und Beamten des Königs ihrem Souverain gehuldigt hatten, waren jetzt dieſelben Vaſallen und Beamten, und die Hofleute und Cavaliere verſammelt, um dem fran⸗ zöſiſchen Imperator zu huldigen als ihrem Herrn und Souverain. Da waren ſieben Miniſter des Königs, da war der Magiſtrat von Berlin mit ſeinen beiden Bürgermeiſtern, da waren die hohe Geiſtlichteit beider Confeſſionen und die Juſtiz⸗Collegien, da waren die Beamten des königlichen Hauſes mit dem Ober⸗Ceremonienmeiſter des Königs, dem Grafen von Neale, an der Spitze. Und alle dieſe Herren waren *) Mémoires du Duc de Rovigo. Vol. I. p. 30. —— S ———— 124 gekommen, dem Kaiſer zu huldigen, der ihre Armee geſchlagen, ihren König und ihre Königin vertrieben und Berlin in eine franzöſiſche Präfectur verwandelt hatte. Jetzt öffneten ſich die breiten Flügelthüren und der Groß⸗Marſchall ſchritt durch die Säle dahin, mit lauter Stimme verkündend: Seine Majeſtät der Kaiſer! Eine tiefe feierliche Stille trat ein. Aller Augen waren nach der Thür hingewandt, durch welche der Kaiſer eintreten mußte. Und jetzt erſchien er auf der Schwelle, ernſt, gleichgültig und kalt, wie immer. Die feierliche Stille dauerte fort, das Vive PEmpereur, welches Napoleon auf der Straße begrüßt hatte, es war doch noch nicht hinaufgedrungen bis in die Räume des weißen Saales, wo die marmornen Statuen der Hohenzollern ſtanden, und es ſchauen ſollten, wie jetzt der Feind ihres Hauſes von den Dienern des Königs als ihr Herr begrüßt werden ſollte. Aber dieſe ſtumme Begrüßung, welche den Ahnen des Königs ſchon zu viel ſcheinen mochte, ſie war der Seele des ſtolzen Kaiſers doch zu wenig, und eine düſtere Wolke lagerte ſich auf ſeiner Stirn. Dieſe Wolke war noch nicht verſchwunden, als der Groß⸗Marſchall ſich dem Kaiſer nahte, um ihm den Ober⸗Ceremonienmeiſter Grafen Neale vorzuſtellen, und zu fragen, ob es dieſem vergönnt ſein dürfe, dem Kaiſer die einzelnen Behörden und Chargen vorzuführen und namentlich zu bezeichnen. Ah, rief Napoleon, Sie ſind der Graf Neale, deſſen Tochter eine ſo kriegsdurſtige Amazone iſt.*) Die Berliner Frauenzimmer, mit Ihrer Königin an der Spitze, haben ja den Krieg durchaus gewollt; ſehen Sie nun das Reſultat. Sie ſollten Ihre Familie beſſer in Schranken halten, mein Herr, Sie ſollten ſie nicht ſo unvernünftige *) Die franzöſiſche Polizei, welche auch die Poſten überwachte, hatte kurz vor dem Ausbruche des Krieges einen Brief der Comteſſe Neale an eine Freun⸗ din in Darmſtadt aufgefangen, in welchem die Comteſſe ſich mit Leidenſchaft für den Krieg mit Frankreich erklärte, und unter Anderm ſagte:„Napoleon will keinen Krieg, man muß ihn dazu treiben.“ Dieſen Brief hatte man dem Kaiſer mitgetheilt. Siehe: Le Normand, II. 99. Kriegstir nicht etwe ſeiner V mur für i von Berl ſelben in ſich wide er ſein B Gra Vorte u Inperat und unv ſagte er Ihre P D und de nachden niſter p = e2 ler Befo de G a zing, m in der Si geſchmü J duck f tion, n wollte. iber d Gonſou agen, ihren frarzöſiſche oß⸗Marſchall dend: Seine wen nach der te. Ud jetz wie immer. reur, welches ch noch nicht les, wo die hauen ſollten, önigs als ihr Königs ſchen niſers doch zu of⸗Morſchal eiſter Grafen nt ſein dürfe zuführen und Tochter eine nimmer, mit aus genollt ilie beſer in uneminfge chte, hatte turz n eine Freln⸗ n geidenſchet Npolen n dem hatte ma ℳ 125 Kriegstiraden ausſprechen laſſen. Gewiß, ich will den Krieg nicht; nicht etwa, weil ich meiner Stärke mißtraue, ſondern weil das Blut meiner Völker mir koſtbar und weil es meine erſte Pflicht iſt, daſſelbe nur für ihre Ehre und ihre Sicherheit zu vergießen. Das gute Volk von Berlin iſt nun ein Opfer des Krieges, während die Anſtifter deſ⸗ ſelben in Sicherheit ſind. Aber ich will dieſen Hofadel, der es wagt, ſich wider mich aufzulehnen, ich will ihn ſo arm und klein machen, daß er ſein Brod wird betteln müſſen.*) Graf Neale ſtammelte bleich und zitternd einige unverſtändliche Worte und wollte ſich zerbrochen und zerſchmettert von dem Zorne des Imperators zurückziehen. Aber Napoleons flammendes Auge ruhte feſt und unverwandt auf ihm, und als errathe er ſeine innerſten Gedanken, ſagte er mit kalter, wegwerfender Ruhe: Bleiben Sie und thun Sie Ihre Pflicht! Der Graf Neale mußte alſo bleiben, er mußte ſeine Pflicht thun und dem Kaiſer die einzelnen Behörden und Körperſchaften vorſtellen, nachdem der Kanzler des Königs ihm zuvor die ſieben preußiſchen Mi⸗ niſter präſentirt hatte. Zu beiden Seiten des weißen Saales ſtanden alle die zur Audienz Befohlenen aufgereiht, und der Kaiſer ſchritt langſam in der Mitte des Saales dahin, während Graf Neale, der unmittelbar hinter ihm ging, mit lauter Stimme die Chargen und Würden der Herren, welche in der erſten Reihe ſtanden, verkündete. Sire, begann er jetzt, auf die beiden mit reichen goldenen Ketten geſchmückten Herren hindeutend, welche da im Vorgrund ſtanden, Sire, die beiden Bürgermeiſter mit der Munizipalität von Berlin. Ich kenne dieſe Herren, ſagte der Kaiſer, und ein milderer Aus⸗ druck flog über ſein Antlitz hin. Sie gehörten Beide zu der Deputa⸗ tion, welche mir ſchon in Potsdam die Schlüſſel von Berlin übergeben wollte. Sie verſicherten mich damals, daß die Gerüchte, welche man über dieſe Stadt verbreitet hätte, falſch wären, daß die Bürger und *) Le Normand, II. 98.— Mémoires d'un homme d'état, IX.— Goujou Collection des Bulletins, Nro. XXI. 126 die Maſſe des Volks den Krieg ungern geſehen und daß nicht Ein ver⸗ nünftiger Mann geweſen, der nicht eingeſehen, was man zu fürchten hätte. Ich habe jetzt bei meinem Einzug geſehen, daß Sie Recht hatten; die guten Berliner ſind nicht Schuld an dieſem Kriege, und nur eine Hand voll alter Weiber und junger Officiere hat dieſen Lärm gemacht und dies Unheil herbeigeführt. Die Reiſe des Kaiſers Alexander iſt an Allem Schuld, dann die Veränderung, welche dieſe Reiſe in dem Gemüth der Königin bewirkt, die aus einer ſchüchternen, beſcheidenen Hausfrau auf einmal eine unruhige, kriegeriſche Amazone ward. Die Königin wollte auf einmal ein Regiment haben und dem Staatsrath beiwohnen; ſie hat die Monarchie ſo gut geleitet, daß ſie dieſelbe in wenigen Tagen an den Rand des Abgrundes geführt hat.*) Ich werde wohl zu unterſcheiden wiſſen zwiſchen Denen, welche hier den Krieg anſtifteten, und Denen, welche ihn zu vermeiden ſuchten. Ich werde die Erſteren ſtrafen und die Letzteren belohnen. Wäre Ihr König nicht ſo ſchwach geweſen, hätte er ſich nicht von einer Partei leiten laſſen, die, das wahre Wohl des Staats und des Königs verkennend, ihn zur Feindſchaft wider mich aufſtachelte, ſo würde er jetzt nicht da ſein, wo er iſt. Aber man hat ihn einzuſchüchtern geſucht, man hat ihn mit allerlei Demonſtrationen zu erſchrecken gewußt. Sie, meine Herren von der Munizipalität, hätten dafür ſorgen müſſen, daß der König beſſer von der guten und friedliebenden Stimmung der Berliner über⸗ zeugt würde. Sie werden auch jetzt dafür ſorgen, daß hier keine Un⸗ ordnungen geſchehen. Sire, wagte der erſte Bürgermeiſter mit ſchüchterner und demü⸗ thiger Stimme zu ſagen, Sire, Ew. Majeſtät werden heute an dem Enthuſiasmus der Bürger und Einwohner dieſer Stadt geſehen haben, welcher Geiſt ſie beſeelt. Der Kaiſer warf auf ihn einen raſchen flammenden Blick und ſchien ſeine Worte gar nicht gehört zu haben. Es verſteht ſich von ſelbſt, ſagte der Kaiſer mit lauter, grollender Stimme, es verſteht ſich *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Goujou Colleetion des Bul- letins XX. von ſelbſt, haben dafi Mein Bru König zu als diſet Ohne ſertigung ihm jett von ſeiner druck an, Alle, die wurden. Der preußiſche ſezungen In ſinnend. nicht will ſem Geſe Auftühre triehen 1 machen diſe Be elende S neues O elenden ſinns ge hat. S thaten Si Wort z ju verb — 3 Ein ver⸗ fürchten ie Recht iege, und 1 — eſen Lärm Alexander ſe in dem ſcheidenen dieſelbe in Ich werde den Krieg Ich werde körig nicht iten loſſen, id, ihn zur ſein, wo at ihn mit Herren der hänig liner über⸗ keine Un⸗ und demi⸗ te an dem hen haben, Blick und t ſich von erſle h ſich ges Bul- 127 von ſelbſt, daß Niemandem die Fenſter eingeſchlagen werden! Sie haben dafür zu ſorgen, daß ſolche Brutalitäten nicht wieder geſchehen. Mein Bruder, der König von Preußen, hat an dem Tage aufgehört König zu ſein, wo er den Prinzen Louis Ferdinand nicht hängen ließ, als dieſer es wagen durfte, die Fenſter ſeiner Miniſter einzuſchlagen.*) Ohne dem Bürgermeiſter Zeit zu einer Antwort oder einer Recht⸗ fertigung zu laſſen, ging Napoleon weiter, und als der Graf Neale ihm jetzt die Juſtiz⸗Collegien vorſtellte, verſchwand ſofort die Wolke von ſeiner Stirn und ſeine Mienen nahmen jenen ſanften, milden Aus⸗ druck an, welcher ſtets einen ſo unwiderſtehlichen Einfluß übte auf Alle, die von dem Sonnenglanz dieſer kaiſerlichen Milde beſtrahlt wurden. Der Kaiſer ſprach mit dieſen Herren von der Art und Weiſe der preußiſchen Rechtspflege und hörte ihre Antworten und Auseinander⸗ ſetzungen mit freundlicher Aufmerkſamkeit an. In Ihrer Rechtspflege ſcheint viel Gutes zu ſein, ſagte der Kaiſer ſinnend. Sie hat eine treffliche Grundlage der Gleichheit und läßt ſich nicht willkürlich beugen und deuteln. Mich wundert, daß Sie mit die⸗ ſem Geſetzbuch Friedrichs des Zweiten in der Hand nicht alle die Aufrührer und Revolutionärs, welche hier in Berlin zuletzt ihr Weſen trieben und Preußen jetzt ſo unglücklich gemacht haben, unſchädlich machen und für immer zum Schweigen bringen konnten. Aber ſtatt dieſe Bewegungen rechtzeitig zu unterdrücken, haben Sie zugeſehen, wie elende Scribenten und von den Frauen fanatiſirte Journaliſten immer neues Oel in's Feuer goſſen. Man hat mir da erzählt von einem elenden Journal, das hier in Berlin mit dem Fanatismus des Wahn⸗ ſinns gegen Frankreich gewüthet und in die Kriegstrompete geblaſen hat. Sie hätten dieſen Berſerker zum Schweigen bringen ſollen. Warum thaten Sie es nicht? Sire, die Geſetze unſeres Landes geſtatten uns nicht, das freie Wort zu unterdrücken und die Discuſſion der öffentlichen Verhältniſſe zu verbieten. So lange in den Journalen, Zeitungen und ſonſtigen *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Mémoires d'un homme d'état, IX. 128 Schriften nichts gegen die beſtehenden Geſetze geſagt, nicht zu Aufruhr, Hochverrath oder Empörung angeregt wird, dürfen wir ſie nicht inhi⸗ biren. Ein jeder Staatsbürger hat das Recht, öffentlich und frank und frei ſeine Meinung zu ſagen, vorausgeſetzt, daß dies in anſtän⸗ diger und den Geſetzen genügender Form geſchieht. Das heißt alſo, Sie haben eine freie Preſſe, rief Napoleon, und Sie geſtatten jedem Unbefugten das Recht, über Dinge zu ſprechen, von denen er nichts verſteht. Mit einer freien Preſſe läßt ſich keine Monarchie aufrecht halten und regieren, und beſonders nicht in Zeiten der Bewegungen und Gefahren. Sie ſehen, wohin Ihre ſogenannte freie Discuſſion der öffentlichen Zuſtände Sie gebracht hat! Ihre Journaliſten haben Krieg und immer Krieg geſchrieen, haben die Bürger und das Volk aufgehetzt und dem König vorgeſpiegelt, daß ſie das Organ der öffentlichen Meinung ſeien, während ſie doch ganz ein⸗ fach nur das Echo der Garde⸗Officiere und der kriegeriſchen Frauen⸗ zimmer waren! Ihre Königin hat den Journalismus als eine Waffe benutzt, um damit ihren Gemahl aufzuregen. Ach, dieſe kriegführenden und politiſirenden Frauen ſind das Unglück der Völker. Die Königin Louiſe von Preußen iſt gleich der Königin Marie Antoinette von Frank⸗ reich und Marie Caroline von Neapel das Unheil ihres Landes ge⸗ worden. Die Türken haben ganz Recht, daß ſie ihre Weiber einſperren. Es iſt das Beſte, was man thun kann.*) Er nickte leicht mit dem Kopf, und weiter gehend, ließ er ſich von dem Grafen Neale die Geiſtlichkeit vorſtellen. Die Herren von der Kirche haben, wie ich glaube, Grund, mit mir zufrieden zu ſein, ſagte Napoleon mit einem Lächeln, das ſein Antlitz wie mit einem Sonnenſchein der Grazie und Schönheit ver⸗ klärte. Ich war es, der die Kirche in Frankreich wieder hergeſtellt hat, ich brauche daher Ihnen nicht zu ſagen, wie wichtig und unentbehrlich ich die Religion und die Kirche für das Wohl der Völker erachte. Es liegen große Aufgaben und große Pflichten in den Händen der Geiſt⸗ lichkeit. Suchen Sie dieſelben treulichſt zu erfüllen, meine Herren. *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Häuſſer, Deutſche Geſchichte. III. A. Beſonders mern Sie die heilige Kaiſers iſt. Er wo der Geiſtli en( ie v denken, wütdig G* b Franzoſe, terlande tr dieſer Sta wirken kön mit Fran ſäumt, S ſchrie und die Gutge Dingen ni hindem. Fanatism daß die„ Antoinette uch die verantwor wuth der geworden glück Pr Sei Augen ſi um ihn Uufuhr, icht inhi⸗ nd frank anſtän⸗ eon, und ſprechen, ſich keine in Zeiten genannte t! Ihre aben die „daß ſie ganz ein⸗ Frauen⸗ ne Vaffe führenden ſönigin nFrank⸗ mdes ge⸗ inſperren. ſich von und, nit das ſein heit ver⸗ ſtellt hat, ntbehrlich ichte 65 Herren II. A 129 Beſonders vermeiden Sie es, ſich in die Politik zu miſchen. Beküm⸗ mern Sie ſich nur um Ihre Privat⸗Angelenheiten, und thun Sie, wie die heilige Schrift es Ihnen gebietet, geben Sie dem Kaiſer, was des Kaiſers iſt.*) Er wandte ſich an den Ober⸗Conſiſtorialrath Ermann, den Senior der Geiſtlichkeit von der franzöſiſchen Gemeinde, und ſchaute den ehr⸗ würdigen Greis mit ſeinen flammenden Blicken durchbohrend an. Sie vor allen Dingen, mein Herr, ſollten dieſen Spruch wohl bedenken, ſagte Napoleon mit lauter Stimme. Denn Sie ſind ein Franzoſe, und es iſt daher Ihre Pflicht, wo Sie auch ſeien, dem Va⸗ terlande treue und ergebene Unterthanen zu erziehen. Sie hätten in dieſer Stadt durch Ihren Geiſt und Ihr belehrendes Wort viel Gutes wirken können. Sie hätten der Bevölkerung die Augen öffnen müſſen über ihre wahren Intereſſen und über das Unheil, welches ein Krieg mit Frankreich nothwendig herbeiführen müſſe. Sie haben das ver⸗ ſäumt, Sie haben geſchwiegen, während die fanatiſche Kriegspartei laut ſchrie und brüllte und das wilde zuchtloſe Treiben der Garde⸗Officiere die Gutgeſinnten einſchüchterte. Ich weiß wohl, daß Sie an dieſen Dingen nicht Schuld ſind, aber Sie hätten ſuchen ſollen, ſie zu ver⸗ hindern. Ich kenne ſehr wohl diejenige Partei, welche hier mit ihrem Fanatismus gegen Frankreich ſo viel Unheil geſtiftet hat. Ich weiß, daß die Königin an der Spitze dieſer Partei ſtand. Wie einſt Marie Antoinette die Garden bei jenem berühmten Bankett fanatiſirte, ſo hat auch die Königin Louiſe ihre Garde⸗Officiere fanatiſirt. Sie iſt daher verantwortlich für das wüſte Kriegsgeſchrei und für den tollen Ueber⸗ muth der Officiere. Dieſe Frau, welche ihrem Volk ſo verderblich geworden iſt, wie Helena den Trojanern, dieſe Frau iſt an allem Un⸗ glück Prehißens Schuld!**) Seine Stimme rollte wie Donner durch den Saal dahin, ſeine Augen ſchoſſen Blitze, und wie von Entſetzen ergriffen, ſah man Alle umt ihn her erblaſſen und⸗ die Augen zu Boden ſchlagen. *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Goujou Collection ete. Bulletin XXI. *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Häuſſer III. 32 Mühlbach, Napolevn ll. Bd 130 Nur der alte Conſiſtorialrath Ermann ſchlug die Augen nicht nieder, und ſein Antlitz zeigte nichts von Furcht und Schrecken. Mit ernſtem, faſt zürnendem Ausdruck blickte er auf den Kaiſer hin, und inmitten der Stille, welche den Worten des Kaiſers gefolgt war, ver nahm man plötzlich ſeine ernſte Stimme, welche das angſtvolle Schwei gen unterbrach. Sire, ſagte er, laut genug, um von Jedermann verſtanden zu werden, Sire, Ew. Majeſtät ſagen, die Königin von Preußen ſei an allem Unglück Preußens Schuld? Sie habe den Krieg veranlaßt und die böſen Leidenſchaften aufgeregt? Sire, das iſt nicht wahr! Die Königin iſt eben ſo edel als tugendhaft.*) Wie von einem elektriſchen Schlag getroffen fühlte ſich die ganze Verſammlnng, alle Blicke richteten ſich ſcheu und angſtvoll auf Napo leon hin, Jeder hielt den Athem an, um die Antwort des Kaiſers zu vernehmen, Jeder fühlte ſchon im Voraus inniges Mitleid mit dem unglücklichen Greiſe, den der Zorn Napoleons jetzt zerſchmettern werde. Aber der Kaiſer ſchwieg. Einen Moment nur flammte es in ſeinen Augen auf, einen Moment zuckten ſeine Blicke wie zwei blin⸗ tende Dolchſpitzen auf das Antlitz des Greiſes hin, aber er ſagte nichts, er ſchien die Worte Ermanns gar nicht gehört zu haben, ſon⸗ dern wandte ſich mit vollkommener Gelaſſenheit an die katholiſche Geiſtlichkeit, um mit ihnen über die Intereſſen ihrer Kirche ſich zu unterhalten. Aber der Kaiſer ſchien jetzt erſchöpft und ermüdet, er ging raſcher 1 an ſie, und eilte ſichtlich, ſeinen Umgang durch den Saal zu vollenden. Dann grüßte er die Verſammlung mit einem raſchen Kopfnicken und verließ den Saal wieder, gefolgt von dem Groß⸗Marſchall und ſeinen an den Vorgeſtellten vorüber, er richtete nur einige kurze höfliche Worte t beiden Ober⸗Kammerherren. Einen Moment ſtanden noch Alle ſchweigend und unbeweglich da, Jeder hatte ein Gefühl, als ſei eben ein glänzendes Meteor an ihm vorüber gerauſcht und als ſeien ihm die Augen noch ſo ſehr davon *) Ermanns eigene Worte. Siehe: Königin Louiſe. S. 406. verblendet lichelnd d ſonſt ſeine ſich ihm Donn wo Geiſtlichet jett ange entſtand ſammenſe ſich lötz ſchob, a ehrwürdi ſich an ſie, An Fliehen mit Bli Dank in dies aug Emanr ſinen eine la die ihn C lung, 3 ſchon 9 derhere igen nicht ſtanden zu en ſei an mlaßt und ahr! Die die ganze auf Napo Kaiſers zu d mit dem gben, ſon⸗ atholiſche 1„ ſich 11 che ſich zu taſcher liche Worte e el. U fnicken und und ſeinen weglich da, n ihm eor ſehr davon verblendet, daß ſie nichts Anderes zu ſehen vermöchten. richteten ſich wieder Aller B lächelnd da, Dann aber Blicke auf Ermann hin, er ſtand ruhig und und faſt mitleidig ſchaute er auf Diejenigen, welche ſich ſonſt ſeine Freunde genannt, welche aber jetzt nicht den Muth hatten, ſich ihm zu Dann wandte Geiſtlichen, der Thür zu. ſeinen Blicken zu begegnen. gefolgt von den andern nähern, und es vermieden, ſich ruhig um und ſchritt, Aber auch die Herren vor ihm hatten ſich jetzt angeſchickt, den Saal zu verlaſſen, und an den Thüren deſſelben * 5 entſtand jetzt ſammenſchob ſich plötzlich ſchob, aber ehrwürdigen ein Wogen und Drängen, das Alle in einen Knäuel zu und am ruhigen Hinausgehen hinderte.— Ermann ſah langſam der Thür zu⸗ den hohen, inmitten des Gedränges, das ſich es ſchien nicht zufällig, daß gerade um ihn Greis, ſich die Maſſen zuſammen drängten. Indem dieſe ſich an ihm vorüberſchoben, nahmen ſie haſtig ſeine Hand und drückten ſie, Andere neigten ſich wie zufällig dichter zu ihm hin und flüſterten: Fliehen Sie! Verbergen Sie ſich! Wieder Andere ſchauten ihn an mit Blicken voll Zärtlichkeit und Rührung und murmelten: Haben Sie Dank im Namen aller Getreuen! Aber immer wieder wiederholte man dies angſtvolle leiſe Fliehen Sie! Verbergen Sie ſich! Aber der Greis ſchaute mit einem ruhigen, ſtolzen Lächeln auf alle jenigen, —; Die B welche ſich zu ihm drängten, und ſagte laut uud ruhig: Ich fliehe nicht! Ich verberge mich nicht! 9 Auf einmal, gerade in dem Augenblick, als der Conſiſtorialrath Ermann die Schwelle s Saals überſchreiten wollte, umdrängt von de ſeinen ängſtlichen Freunden und heimlichen Bewunderern, hörte jman eine laute Stimme rufen: Herr Ober⸗Conſiſtorialrath Ermann! Hier bin ich, ſagte der Greis ſich umwendend, gleich allen Denen, die ihn umgaben. Ein leiſ es Gemurmel des Entſetzens ging jetzt durch die Verſamm⸗ lung, die Geſichter erblaßten, die Stirnen verfinſterten ſich. Der Moment, welchen man ſo ſehr gefürchtet hatte, ſchien jetzt ſchon gekommen. Ermann konnte nicht mehr entfliehen, ſich nicht mehr verbergen, denn Derjenige, welcher ſeinen Namen gerufen hatte, war 98 132 Niemand Anders als Duroc, der Groß⸗Marſchall des Kaiſers, und er kam offenbar im Auftrage ſeines Herrn. Dieſe bewegte Menge, welche ſich ſo haſtig vorwärts geſchoben, 3 ſo eifrig den kühnen Greis umdrängt hatte, blieb jetzt auf einmal 1 wieder wie angefeſſelt ſtehen, und durch die zurückweichenden, ſchwei genden Reihen ſchritt jetzt der Groß⸗Marſchall grade zu Ermann hin. In dem Saal herrſchte ein tiefes lautloſes Schweigen, jeder ſchien ſeinen Athem anzuhalten, um zu horchen, jeder ſchien ſogar das Klopfen ſeines Herzens zu unterdrücken, um den Verhaftsbefehl des Kaiſers zu 1 vernehmen. Jetzt ſtand der Groß⸗Marſchall vor Ermann, der ihn ruhig hatte kommen ſehen und ihm nicht einen Schritt entgegen gegangen war. Duroc verneigte ſich vor ihm, und mit lauter Stimme ſagte er: Se. Majeſtät der Kaiſer hat mich beauftragt, den Herrn Ober⸗Conſi⸗ ſtorialrath Ermann auf morgen Mittag zur kaiſerlichen Tafel einzu⸗ laden. Se. Majeſtät wünſchen, wie er mir befohlen hat Ihnen zu ſagen, die nähere Bekanntſchaft eines Mannes, der ein ſo treuer und muthvoller Diener der königlichen Familie iſt, und Edelmuth und ſi Kühnheit genug beſitzt, um die Abweſenden und Angeſchuldigten zu 6 vertheidigen. Se. Majeſtät laſſen Sie wiſſen, daß ſie, weit entfernt, 3 Ihr vorheriges Betragen zu mißbilligen, daſſelbe hochachten und be⸗ wundern, denn der Kaiſer beſitzt einen feinen Sinn für Alles, was hochherzig und edel iſt. 1V. napoleon und Talleyrand. Napoleon ging mit großen mächtigen Schritten in ſeinem Cabinet auf und ab. Sein Antlitz war bleich und finſter und ſeine Lippen waren feſt aufeinander gepreßt, wie ſie im Zorn zu ſein pflegten, und in ſeinen wei Pay Augen au ſchmückte itt er — und — menten n gar keine dem mit auf den zupfend, Seine kle des Kaiſ ein leiſe ſeinen Spottes dann n dringlich nur noch Die Talleyre Republi um jetzt zu bekit wirt un Ta vor der zuſamn Ich w zu tro nen lel ſenheit ſhon ſeinem „ und er eſchoben, f einmal ſchwei⸗ ann hin. det ſchien Hlopfen aiſers zu hig hatte war. ſagte et: et⸗Conſi⸗ fel einzu⸗ Ihnen zu reuer und uth und igten zu entfemt, und be⸗ les, was n Cabinet ne Lppen gten⸗ ud 133 in ſeinen Augen wetterleuchtete die Wuth. Er hielt in ſeiner Hand zwei Papiere, ein gedrucktes und ein geſchriebenes, und ſo oft ſeine Augen auf dieſe hinblitzten, ballte ſeine kleine mit Brillantringen ge⸗ ſchmückte Hand ſich feſter zuſammen und machte das Papier aufächzen und erzittern. Der Zorn des Kaiſers, welcher Jeden, der ihm in ſolchen Mo⸗ menten nahen mußte, mit Zittern und Entſetzen erfüllte, machte indeß gar keine Wirkung auf den Mann, der da inmitten des Zimmers an dem mit Karten und Papieren bedeckten Tiſch ſtand, die eine Hand auf den Tiſch aufgeſtützt, mit der andern ruhig an dem Spitzenjabot zupfend, das zwiſchen der goldgeſtickten Sammetweſte hervorquoll. Seine kleinen blitzenden Angen folgten ruhig und kalt jeder Bewegung des Kaiſers; wenn der Zorn in ihm höher aufzuwallen ſchien, zuckte ein leiſes verächtliches Lächeln um die Lippen dieſes Mannes, und in ſeinen Augen zeigte ſich dann ein ſchneller Blitz des Haſſes und des Spottes zugleich. Aber dies dauerte immer nur einen kurzen Moment, dann nahm ſein bleiches kränkliches Angeſicht wieder ſeinen undurch⸗ dringlichen Ausdruck an, und um ſeine ſchmalen Lippen ſchwebte dann nur noch ein verbindliches Höflingslächeln. Dieſer Mann war Talleyrand, der erſte Miniſter des Kaiſers, Talleyrand, der einſt als Prieſter der Kirche, dann als Miniſter der Republik gedient hatte, und der beide verrathen und verlaſſen hatte, um jetzt der Miniſter des Kaiſerreichs zu ſein und alle die Principien zu bekämpfen und zu verleugnen, die er früher als die ſeinigen procla⸗ mirt und für das Wohl Frankreichs nothwendig erklärt hatte. Talleyrand, rief Napoleon jetzt mit zorniger Stimme, indem er vor dem Miniſter ſtehen blieb und die Papiere in ſeiner Hand feſter zuſammenballte, Talleyrand, ich will ein ſtrenges Exempel ſtatuiren. Ich will dieſen hochmüthigen preußiſchen Adel, der mir noch immer zu trotzen wagt, ich will ihn in den Staub treten, ich will ihn erken⸗ nen lehren, was es bedeutet, mir zu opponiren! Welch eine Vermeſ⸗ ſenheit von dieſem Fürſten Hatzfeld, während ich mit meiner Armee ſchon im Anmarſch, während ich ſchon Herr von Preußen bin, noch ſeinem fliehenden König und deſſen Miniſtern Nachrichten zu ertheilen 134 und Spionage zu treiben. Ah, ich werde dieſem Herrn Hatzfeld be⸗ Venn ihr weiſen, daß ſein Fürſtentitel ihn nicht ſchützt vor der verdienten Strafe, Stabes, m daß ich den Verräther und Spion von dem Kriegsgericht verurtheilen gehorſamer laſſe, gleichviel, ob er ein gemeiner Mann, oder ein hochgeborner Herr ſo derwand iſt. Wir Beide haben Zeiten geſehen, wo die Köpfe der Hochgebornen ſchaftlichkei wie Mohnköpfe von den Stielen abgebrochen wurden, und wir wollen der ſie all dieſen Adel, der hier auf ſeine alten Privilegien trotzt, ein wenig Und e daran erinnern, daß dieſe Zeit auch für Preußen kommen kann, wenn frugte Na der Adel nicht ſein hochmüthiges Gebahren aufgiebt und ſich in De 9 6 muth und Gehorſam mir unterwirft. Laſſen Sie dieſen Fürſten Hatz ſünftigen, feld ſogleich verhaften, geben Sie Ordre, daß das Kriegsgericht in hui vierundzwanzig Stunden zuſammentritt und über den Verräther und ſelbe ſi Spion zu Gericht ſitze. Dieſer Brief hier wird dem Kriegsgericht als Anklage dienen, es bedarf weiter nichts, um ihn zum Tode zu verurtheilen. Und wollen Ew. Majeſtät dann wirklich das Urtheil vollſtrecken laſſen? fragte Talleyrand mit ſeiner ſanften einſchmeichelnden Stimme und ſeinem feinen Lächeln. Napoleon ſchleuderte auf ihn einen ſeiner flammenden Blitze. Wes halb fragen Sie das? ſagte er rauh— Deshalb, Sire, weil ich glaube, daß dieſe allzugroße Strenge Fürſen 3 Sulſlen S vielleicht nicht zu dem gewünſchten Ziel führen möchte, weil ſie, ſtatt vieund 31 den Adel zu demüthigen und willenlos in den Staub zu treten, grade 1 tint ſ richte das Gegentheil bewirken und den Adel zum Aufruhr und zur Empö 4 rung aufſtacheln möchte. Zuweilen bewirkt die Milde mehr, als die Port Strenge, und jedenfalls muß man bei der Anwendung Beider den ſun awmen e Charakter der Völker, die man unterwerfen will, in Betracht ziehen. Die Italiener ſind beſſer durch die Strenge zu regieren, denn ſie ſind — ſchrieben im Grunde feig und entnervt, und wenn das Strohfeuer ihrer erſten w 4 3 Leidenſchaftlichkeit verflogen iſt, ſo fühlen ſie nachher eine enthuſiaſtiſche 8 3 Bewunderung für den, der ihnen den Fuß auf den Nacken geſetzt hat und ſie zermalmt. Die Deutſchen aber ſind ein zäheres und phlegma⸗ . tiſcheres Volk. Sie ſind wie die weißen Stiere, die ich in Italien ſi 6 Ni geſehen. Sie verrichten mit ſtolzer Gelaſſenheit die Arbeit jedes Tages⸗ eman Strafe, irtheilen ter Herr ebornen wollen venig llſttecken Stimme rer erſten uſinſtiſce eſett hat phlegma⸗ nItalien aeb 6 Tage Wenn ihr Herr ſie nur ein wenig mit der eiſernen Stachel des Stabes, mit der er ſie leitet, ſticht, ſo arbeiten ſie um ſo eifriger und gehorſamer, wenn er ſie aber mit dem Stachel allzutief verwundet, ſo verwandelt ſich ihr Phlegma auf einmal in die ungeheuerſte Leiden⸗ ſchaftlichkeit, und ſie erheben ſich in wilder Wuth gegen den Herrn, der ſie allzuſehr gereizt und gepeinigt hat. Und Sie meinen, daß der weiße deutſche Stier ſchon gereizt iſt? fragte Napoleon mit grollender Stimme. Ja, Sire! Es iſt Zeit, ihn durch Milde und Gnadenacte zu be ſänftigen, wenn er nicht ſtößig und wüthend werden ſoll. Die Hin richtung Palm's hat viel böſes Blut gemacht, und es wäre gut, daſ⸗ ſelbe ein wenig zu kühlen. Mögen Ew. Majeſtät den übermüthigen und ſtolzen Adel des Königs von Preußen bedrohen und erſchrecken, aber wenn er zittert und bangt, dann üben Sie Milde und Gnade, es iſt das beſte Mittel, um die Widerſpenſtigen zur Unterwerfung zu zwingen. Der Kaiſer erwiderte nichts, ſondern ging finſter und ſchweigend einige Male auf und ab. Dann blieb er wieder dicht vor Talleyrand ſtehen und ſah ihm ſtarr und feſt in die Augen. Es bleibt bei meiner Entſcheidung, ſagte er kalt. Ich will den Fürſten Hatzfeld ſogleich verhaften laſſen, und das Kriegsgericht ſoll in vierundzwanzig Stunden zuſammentreten, um den Verräther und Spion zu richten. Der Kaiſer trat raſch an ſeinen Schreibtiſch und warf haſtig einige Worte auf ein Papier hin. Dann faltete er ſelbſt das Papier zu⸗ ſammen, ſchloß es mit einer Oblate, und nachdem er die Adreſſe ge⸗ ſchrieben, klingelte er haſtig. Hier nehmen Sie, ſagte er, dem eintretenden Ordonnanz⸗Officier den Brief darreichend. Senden Sie ſogleich eine onnanz mit dieſem Briefe an den Gouverneur Clarke. In fünf Minuten muß er den Brief haben.— Als der Ordonnanz⸗Officier hinausgegangen, wandte ſich Napoleon wieder an Talleyrand. Niemand wage es, mir von Gnade zu ſprechen, denn ich werde ſie Nigmanden bewilligen, weder Ihnen, noch der Gemahlin des Fürſten, 36 von deren Schönheit mir Duroe ſchon früher erzählt hat. Mögen die Deutſchen immerhin wie die italieniſchen Stiere ſein, ich werde dieſem Stier die Hörner abbrechen, und die Zähne ausreißen, dann wird er machtlos ſein! Nichts alſo von Gnade, weder für den Adel, noch auch für die Journaliſten und Zeitungsſchreiber. Man muß dieſe elenden Scribenten zittern machen, damit ſie verſtummen, oder nicht mehr wagen die Feder zu führen. Welche Sprache der elende Journaliſt hier in dieſem Blatte gegen mich zu führen gewagt, welche Sarcasmen und welchen Hohn er gegen mich zu ſchleudern ſich vermeſſen hat. Und der König von Preußen hat ihn nicht verhaften laſſen, und dieſes ſchwachköpfige Gouvernement hat den Libelliſten ruhig ſein Handwerk weiter treiben laſſen! Sire, der Redacteur dieſes Journals, der Telegraph genannt, hat, wie man mir ſagt, zu den Freunden und Inſpirirten des Prinzen Louis Ferdinand gehört. Und folglich auch zu den Freunden der Königin! unterhrach ihn Napoleon raſch. Dieſe Frau hat kein Mittel verſchmäht, um mich zu bekämpfen, ſie hat mich leidenſchaftlich gehaßt, und mit mehr Enetgie, als ihr ſchwacher Gemahl. Ich werde ihr dieſen Haß vergelten, und ſie ſoll empfinden, was es heißt, meinen Zorn zu reizen. Ja, ich werde ihr vergelten, ich werde ſie demüthigen. Schon jetzt mag ſie mit Thränen bereuen, was ſie gethan hat, ſchon jetzt irrt ſie flüchtig umher; ich will ſie hintreiben bis zu den äußerſten Grenzen ihres Landes, ich will dieſe ſtolze Königin zwingen, ſich vor mir in den Staub zu beugen und mich auf ihren Knieen um Gnade anzuflehen. Aber ich werde ſie nicht begnadigen, ich werde unerbittlich ſein! Mein Zorn wird ſie und ihr Haus zerſchmettern, wie er noch alle die zerſchmettert hat, welche ſich gegen mich auflehnten. Wehe Denen, welche die willigen Werk⸗ zeuge der Königin geweſen, ſie ſollen es büßen, der Königin in ihrem Haß wider mich gedient zu haben! Kennt man den Menſchen, welcher dies Blatt redigirt, und dieſe elenden Artikel geſchrieben hat? Sire, der Redacteur iſt ein Profeſſor Lange, einer der eifrigſten Royaliſten, und beſonders ein glühender Verehrer der Königin. Er iſt alſo mit ihr geflohen, nicht wahr, und ſie wird ihn unßr⸗ wegs zu elenden P Nein, borgen; u Ew. Maj Er ſt dienen, we voeiren u ein für Henkerbeil haben nic ihnen noe geſtorben Eyw. einen R ſie ſich den ar Ein ir heute erſ ihreſt S Pige ſchleuder Kiyigin Thrinen Uh, Verſihm hat Sie elenden Si geſtuft zu eine und Se ſußte kögen die de dieſem wird er noch auch e elenden cht mehr ournaliſt acasmen hat. Und nd dieſes Handwerk mnt, hat, gen Louis brach ihn nmich zu ten, und ich weide g ſie mit ig unher mdes, ich u beugen werde ſi d ſie und t, welche en Pert⸗ in ihrem n, welcher 7 eifrigſten n. bn unte 137 wegs zu neuen Schmähartikeln inſpiriren, die er, kraft der hieſigen elenden Preßlicenz, gegen mich ausſpeien wird? Nein, Sire, er iſt nicht geflohen, ſondern er hielt ſich hier ver— borgen; unſere Polizei hat ihn indeß heute aufgeſpürt und verhaftet. Ew. Majeſtät mögen beſtimmen, was mit ihm geſchehen ſoll. Er ſoll den deutſchen Herren Scribenten als warnendes Beiſpiel dienen, welchen Lohn ſich diejenigen verdienen, welche wider mich pro— vociren und große Worte ſchleudern wollen. Ich will dieſe Schreier ein für allemal zum Schweigen bringen und mit der Cenſur des Henkerbeils ihre jammervolle freie Preſſe zu Tode bringen. Sie haben nicht genug an der Strafe des Herrn Palm gehabt, ſo möge ihnen noch der Herr Lange als Beiſpiel dienen. Er ſterbe, wie Palm geſtorben iſt. Ew. Majeſtät wollen alſo den empfindſamen Deutſchen abermals einen Märtyrer machen, zu dem ſie beten, und an deſſen Märtyrerthum ſie ſich begeiſtern können? Sire, es iſt mit den Märtyrern wie mit den Ein Narr macht viele, und ſo könnte man auch ſagen, Ein Märtyrer macht viele Märtyrer!— Laſſen Sie dieſen Herrn Lange heute erſchießen, weil er ein treuer Anhänger der Königin iſt, und in ihrei Sinn geſchrieben hat, ſo werden morgen die Pamphletiſten wie Pilze aus der Erde ſchießen und ihre Libelle gegen Ew. Majeſtät ſchleudern, blos aus der eitlen Begierde, Märtyrer für ihre ſchöne Königin zu werden, und aus der Hoffnung, die Königin werde um ſie Thränen vergießen, wie ſie es um den Märtyrer Lange gethan. Ah, rief Napoleon höhniſch, Sie ſind heute ſehr zur Gnade und Verſöhnung geneigt, wie es ſcheint; ein krankhaftes Fieber der Milde hat Sie überfallen. Sie ſind alſo der Meinung, ich ſollte dieſen elenden Pamphletiſten der Königin begnadigen, ſtatt ihn zu ſtrafen? Sire, ich bin der Meinung, daß dieſer elende Menſch viel beſſer geſtraft wird, wenn man ihn nicht zum Märtyrer macht, ſondern nur zu einem Werkzeuge, das man benutzt, ſo lange es bequem iſt. Da dieſer Profeſſor Lange ſo ſehr gut verſteht, Pamphlete zu ſchreiben und Schmähartikel in die Welt zu ſchicken, ſo möge er ſein Handwerk fortſetzen, nur daß man ihm aufträgt, ſeine Waffen, ſtatt gegen Ew. 138 Majeſtät, gegen die Königin zu richten und ſie zu ſchmähen mit eben der Wuth, mit welcher er Ew. Majeſtät geſchmäht hat. Und Sie glauben, daß dieſer Menſch ſich dazu verſtehen wird, ſo ſeine eigenen Worte zu widerrufen und ſich ſelbſt der Lüge zu zeihen? Er hat, wie man mir geſagt hat, bis jetzt mit einem wahren Enthu⸗ ſiasmus ſeine Königin verherrlicht und mich geſchmäht. Sire, wir werden ihm mit dem Tode drohen, wir werden ihm Geld bieten, und er wird der Angſt und der Habgier erliegen! Ich kenne die Herren Journaliſten. Sie ſind feig und immer in Geld verlegenheit. Drohen wir dem Herrn Lange, geben wir ihm ein Capital, und er wird beſiegt ſein, er wird ſeine vergiftete Waffe gegen die Königin wenden, und aus dem Bewunderer wird ein An⸗ kläger werden! Napoleon blickte ſ Elende Race, dieſe Menſchen, murmelte er, man muß ſie verſchlingen, un nicht von ihnen verſchlungen zu werden!— Nun wohl, ſagte er innend und mit gerunzelter Stirn vor ſich nieder. dann laut, verſuchen Sie es! Wenden wir die Waffen, welche die fanatiſche Königin gegen uns geſchärft hat, wider ſie ſelber. Machen wir aus dem Bewunderer der Königin ihren Ankläger. Aber es müſſen gute und begründete Anklagen ſein! Man muß dieſem khö⸗ richten Volk die Augen öffnen, man muß ihm zeigen, daß dieſe Königin, welche es als eine heilige Lueretia, eine ſchöne Heilige anbetet, nichts weiter iſt, als eine niedliche Frau von artiger Figur mit wenig Geiſt, aber vieler Coquetterie, und die fern davon eine Heilige zu ſein, ein ſehr menſchliches Herz hat und manche Aventure beſtanden hat.*) Wenn der Herr Lange in dieſem Sinne ſchreiben will, möge er begna⸗ digt werden.**) Man müß zuweilen die Tragödie in eine Faree Napolens eiene Worte Siehe Go Collection des Bulletins **) Talleyrand hatte ganz richtig ſpeculirt. Die Furcht vor dem ange n einer glänzenden Belohnung mächte aus droheten Tode und, das Verſpreche dem Redacteur des Telegraphen einen eben ſo begeiſterten Bewunderer Napo leons, als er früher ein Bewunderer der Königin Louiſe geweſen, und während er ſonſt Lobgedichte auf die Königin geſchrieben, entblödete er ſich jetzt nicht, die ſchamloſeſten Schmähungen und Verleumdungen gegen ſie in ſeinem Jonal verwandeln worüber ſi Preußen w Wir wollen Hat der pr Majeſtät rkommt Unſere Hu wenn noch dingungen Suchen E nüthig, d Nachrichte Cben zudrc Friedrich ſchien und leon d König ij udeß alle die Hülfte undunge dafr. NM Vaffe ein An ich nieder. ſchlingen, ſagte er welche die Machen Aber es eſem chi⸗ erigin, nichts Geiſt, nih ſein, en eine Fare 5 Bulletins den ag verwandeln, damit die dummen Menſchenkinder über das lachen, worüber ſie zuerſt Luſt hatten, zu weinen. Ah, dieſe Königin von Preußen wollte durchaus gegen mich kämpfen. Sie mag es haben. Wir wollen kämpfen, und es wird ein Kampf auf Leben und Tod ſein. Hat der preußiſche Geſandte unſere Bedingungen angenommen? Sire, geſtern ſchwankte er noch, heute wird er nicht mehr ſchwanken! Weshalb nicht? Sire, es iſt ſoeben ein Courier angelangt, und ich kam Ew. Majeſtät die mündlichen Nachrichten mitzutheilen, welche er bringt. Er kommt von Stettin und meldet, daß dieſe Feſtung capitulirt hat. Unſer e D Hufaren haben Beſitz von der Feſtung genommen. er Kaiſer lächelte. Nun, ſagte er, wenn die Huſaren ſchon Feſtungen einnehmen, dann wird man eine neue Art der Kriegführung erfinden müſſen, und man kann die Manern der Feſtungen abtragen. Aber Sie haben Recht, der Fall Stettins iſt für Preußen ſehr wichtig, und das Gouvernement wird ſich ſchon entſchließen müſſen, unſere Bedingungen anzunehmen. Wir ſollten uns aber mit dem Abſchluß der Friedens⸗Unterhandlungen nicht allzuſehr beeilen. Die Bedin⸗ gungen, welche wir Preußen geſtellt haben, ſind ziemlich günſtig; wenn noch mehrere ſolcher Couriere eintreffen, ſo werden wir die Be— dingungen verſchärfen und den Frieden ein wenig härter machen! Suchen Sie den preußiſchen Geſandten hinzuhalten, es iſt noch nicht nöthig, daß wir den Frieden ſo raſch unterzeichnen. Warten wir die Nachrichten ab. Eben öffnete ſich die Thür, und der Kammerlakai erſchien mit der abzudrucken. Er begann damit, daß er eine Viſion publicirte, in welcher Friedrich der Große ſeinem Groß⸗Neffen, Friedrich Wilhelm dem Dritten, er ſchien und ihm Vorwürfe machte, daß er es gewagt habe, dem großen Napo⸗ leon den Rrieg zu erklären, und worin er, im Intereſſe ſeines Volkes, dem König befahl, ſofort Frieden zu machen. Dieſe elende Spiegelfechterei empörte indeß alle Gutgeſinnten, und in Einem Tage verlor der Telegraph mehr als die Hälfte ſeiner Abonnenten. Aber er fuhr fort in ſeinen ſchamloſen Ver leumdungen der Königin, denn das franzöſiſche Gouvernement bezahlte ihn dafür. Mémoires d'un homme d'état. Vol. XI. 314. 140 Meldung, daß ſveben ein Courier angelangt ſei, der dem Kaiſer De⸗ peſchen vom Großherzog von Berg zu übergeben habe. Auf einen Wink Napoleons öffnete ſich die Thür und der Courier trat in ſeinen beſtäubten und beſchmutzten Kleidern in das Gemach des Kaiſers ein. Wo ſteht der Großherzog? fragte der Kaiſer raſch. Sire, in Prenzlau. Ah, in Prenzlau! rief Napoleon. Die Thore haben ſich ihm alſo geöffnet. Geben Sie mir Ihre Depeſchen, und dann gehen Sie, ſich auszuruhen und zu erquicken. Ich ſehe, daß Sie deſſen bedürfen! Sire, ich war ſeit zehn Stunden zu Pferde, und bin ſoeben ab⸗ geſtiegen. Man ſoll Ihnen ein Frühſtück ſerviren. Sagen Sie es dem Kammerlakaien im Vorzimmer! Gehen Sie! Der Courier hatte noch nicht die Thür des Cabinets hinter ſich geſchloſſen, als Napoleon ſchon die Depeſchen geöffnet und mit einem ſchnellen Blick den Inhalt überflogen hatte. Mit einem ſtolzen triumphirenden Lächeln wandte er ſich ſodann zu Talleyrand hin. Ich hatte wohl Recht, zu ſagen, daß wir zögern wollten mit dem Abſchluß des Friedens, ſagte er, jetzt werden wir Preußen einige härtere Bedingungen ſtellen können, und es wird ſie doch eingehen müſſen. Der Großherzog von Berg ſendet mir da ſehr gute Nachrichten. Das Armeecorps des Fürſten Hohenlohe hat bei Prenzlau capitulirt.*) Die preußiſche Armee erxiſtirt nicht mehr. Zehntauſend Mann mit dreihundert und fünf und zwanzig Officieren, gegen zweitauſend Pferden und vier und ſechszig Kanonen haben ſich ergeben und ſind unſere Kriegsgefangenen geworden. Zehntauſend Mann! Beim Himmel, wenn ich einmal die Schmach erleben könnte, daß eins meiner Armeecorps ſolche Kriegsgefangenſchaft annähme, ich würde Frieden mit meinem Feinde machen, blos um meine Kriegs⸗ gefangenen wieder zu haben, und die elenden Officiere, welche eine *) Am 28. Oktober 1806. ſolche Cap erſchießen Pahrlich, und die ſe reuen müſſ Sire, von Haß zut Strafe einen Schr Haß der Bewunder wohl, der Gefahr de Ach, Verwandl aus mein Frau das anböte, ſo meine Per tränkt, der mahl gege beſimmt rich ſo Prußen wäre es— einten Ar zu unſen wollt; ir Vernunſt hochmüth der nicht Roſſen Kaiſer De⸗ er Couriet zemach des ſich ihm ann gehen Sie deſſen ſoeben ab⸗ je es den nit einen ſich ſcdann wir züger werden wir es wird ſie nir da ſehr he hat be nicht mehr⸗ Officieren⸗ haben ſih ʒehnuſend eben limt⸗ mähme i eine ſih welche eine 141 ſolche Capitulation eingegangen, zum Exempel für die ganze Armee erſchießen zu laſſen. Zehntauſend Mann und dreihundert Officiere! Wahrlich, mein Bruder, der König von Preußen, hat kein Glück und die ſchöne Königin wird ihren Haß gegen mich gar bitter be⸗ reuen müſſen. Sire, ſagte Talleyrand mit einem boshaften Lächeln, man ſagt, vom Haß zur Liebe ſei nur ein Schritt. Wer weiß, ob die Götter, zur Strafe für die Vermeſſenheit der ſchönen Königin, ſie nicht dieſen einen Schritt thun laſſen. Wer weiß, ob nicht ſchon jetzt der glühende Haß der Königin nur die Maske iſt, unter der ſich ihre Liebe und Bewunderung für Ew. Majeſtät verbirgt. Hüten ſich alſo Ew. Majeſtät wohl, der ſchönen Helena zu nahen, damit nicht auch Ihr Haß die Gefahr der Verwandlung laufe! Ach, ſagte Napoleon ingrimmig, wenn mein Herz einer ſolchen Verwandlung fähig wäre, ſo würde ich es mit meinen eigenen Händen aus meiner Bruſt reißen, um ſeine Wünſche zu ertödten. Wenn dieſe Frau das ſchönſte Weib der Welt wäre und wenn ſie mir ihre Liebe anböte, ſo würde ich mich von ihr abwenden und ihr meinen Haß und meine Verachtung in's Antlitz ſchleudern. Sie hat mich zu tief ge⸗ kränkt, denn ſie iſt es, welche alle meine Pläne zerſtört und ihren Ge⸗ mahl gegen mich aufgehetzt hat. Frankreich und Preußen ſind dazu beſtimmt Freunde zu ſein und ein Krieg mit Preußen iſt für Frank⸗ reich ſo viel, als ob man ſich die rechte Hand feſſelt.“*) Wäre Preußen im vorigen Jahre mein treuer Bundesgenoſſe geblieben und wäre es nicht der dritten Coalition beigetreten, ſo hätten unſere ver⸗ einten Armeen damals nicht blos Deutſchland, ſondern ganz Europa zu unſern Füßen niedergelegt. Aber dieſe Königin hat es nicht ge⸗ wollt; kindiſch und leidenſchaftlich, wie alle Frauen, hat ſie nicht ihre Vernunft, ſondern nur ihre Gefühle zu Rathe gezogen, und da ihr hochmüthiges Herz den Gedanken nicht ertragen konnte, einen Kaiſer, der nicht unter dem Thronhimmel geboren, als Freund und Bundes⸗ genoſſen anzunehmen, ſo zog ſie es vor, ihren Gemahl gegen mich *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Las Cases Mémorial etc. Bd. IV. 142 aufzuwiegeln und Preußen in Unglück, Elend und Schande zu ſtürzen. Denn dieſe Capitulation von Prenzlau iſt eine Schande, und wenn ſie mich als Feind erfreut, weil ſie mir Vortheil bringt, ſo beſch ämt„ mich als Soldat, weil ſie den ganzen Militairſtand entehrt. Ach, iſt aber doch Gerechtigkeit im Himmel, und ein höheres Weſen da oben lenkt dieſe Dinge hier unten. Ach, Ew. Majeſtät glauben an dergleichen? fragte Talleyrand mit einem ſpöttiſchen Ausdruck. Sie glauben, daß es einen Gott giebt, welcher ſich ein Geſchäft daraus macht, die Welt und die Men ſchen zu lenken und den Fürſten und Diplomaten in's Handwerk zu Da ich nicht, wie Sie, die Prieſterweihe erhalten habe und nicht ein Diener der Kirche geweſen bin, ſo iſt es mir wohl erlaubt, noch einigen Glauben zu haben, ſagte Napoleon lächelnd. Ja, ich glaube an ein höheres Weſen und ich glaube, daß dieſes höhere Weſen es jetzt ſo gefügt hat, daß dieſe übermüthigen Garde⸗Officiere, welche vermeinten, ſie brauchten ſich nur zu zeigen, um die Franzoſen zu verjagen, und welche in ihrem Wahnſinn ſo weit gingen, ihre Schwerter auf den Treppenſtufen vor dem Hauſe unſers Geſandten zu wetzen, daß dieſe Garde⸗Officiexe jetzt ihre Demüthigung und n von Potsdam und Berlin ſind Strafe erhalten. Denn die Garde unter den Kriegsgefangenen des Hohenloh e'ſchen Armeecorps und wir werden ſie bald hier in Berlin einziehen ſehen Auch ein königlicher Prinz, der Bruder des Prinzen Louis Ferdinand, befindet ſich unter den Gefangenen. Ew. Majeſtät haben wohl Recht, ſagte Talleyrand, wir können Preußen jetzt ſtrengere Bedingungen machen. Wenn Ew. Majeſtät erlauben, werde ich darüber gleich Unterhandlungen mit dem Marquis Luccheſini beginnen. Er erwartet mich ohnedies zu einer Conferenz. Theilen Sie ihm dieſe neueſten Nachrichten mit, das wird ihn ge⸗ fügig machen. Sie kennen meinen Willen und wiſſen, was ich noch fernerhin verlange. Der König wollte mir Bairenth anbieten, ſtatt der hundert Millionen Franks Contribution. Jetzt kann keine geforderten will Baireuth und die Contribution. Rede mehr davon ſein. Ich Auß erder Preußen mit allen Rußland Ach, Hetz bre Friedrich neuen N Ew ſchiedene ſchon ſei wurf ei gezeichn Vir ha damit ſ aziere — „ — In der Grofn letzten T — — — zu ſtürzen. d wenn ſie ſchämt ſie Talle yrand einen Grtt d die Men andwerk zu und nicht aubt, noch ich glaube Weſen es re, welche Frarzoſen ihre ngel, Geſandten pö und wir po kön glichet t ſich umel Majeſtit em Marſuis Conferen ihn ge⸗ ich nſutt ſn keint Contr ribution⸗ 143 Außerdem fügen wir jetzt noch dieſe andern Bedingungen hinzu: Preußen wird, im Fall die Ruſſen Krieg mit der Türkei beginnen, ſich mit allen Kräften an Frankreich anſchließen und gegen den Kaiſer von Rußland marſchiren laſſen.*) Ach, Sire, Sie wollen alſo durchaus der ſchönen Königin das Herz brechen? fragte Talleyrand mit einem cyniſchen Lachen. Es iſt meine Antwort auf ihren Schwur mit Alexander am Grabe Friedrichs des Zweiten! Gehen Sie und bringen Sie Luccheſini die neuen Nachrichten und meine Bedingungen. Ew. Majäſtät wollten die Gnade haben, heute Vormittag die ver⸗ ſchiedenen Geſandten der kleinen deutſchen Fürſten zu empfangen, die ſchon ſeit geſtern Morgen um eine Audienz flehen. Es ſchadet dieſen kleinen Herren gar nichts, daß ſie ſich ein wenig in der Geduld des Wartens üben, ſagte Napoleon rauh. Ich werde ſie morgen annehmen, um endlich von ihren Jeremiaden erlöſt zu werden. Erinnern Sie ſich noch, daß ich Sie ſchon vor einigen Mo⸗ naten beauftragte, mir die Statiſtik eines norddeutſchen Staats zwiſchen. dem Rhein und der Elbe zu entwerfen? Sire, ich Ihren Befehl damals ſofort ausgeführt und den Entwurf dieſes neuen norddeutſchen Staats in Ihre Hände niedergelegt. Ja, er iſt in meinen Händen, und jetzt iſt es Zeit, aus dem Ent⸗ wurf eine Wirklichkeit zu machen. Sie haben ihn mit der Feder auf⸗ gezeichnet, ich habe ihn mit dem Schwert ausgeführt und illuſtrirt. Wir haben alſo Beide unſere Schuldigkeit gethan. Morgen will ich dieſe kleinen deutſchen Fürſten mit unſerm Entwurf bekannt machen, damit ſie uns ihr Land räumen! Gehen Sie zu Luccheſini! Ich will ſpazieren reiten und meine Garden in Charlottenburg beſuchen. Talleyrand verneigte ſich und verli ieß das Kabinet des Kaiſers. In dem großen Saal, welcher ſich vor demſelben befand, ſah er den Großmarſchall Duroc, welcher am äußerſten Ende deſſelben in der letzten Fenſterniſche ſtand. Talleyrand eilte zu ihm hin, ſo raſch ſein bahmer hinkender Fuß *) Häuſſer: Deutſche Geſchichte. Th. IM. 144 ihm geſtattete, und und zog den Großmarſchall, der ihm entgegen ging, wieder in die Fenſterniſche zurück. Herr Großmarſchall, flüſterte er leiſe, ich bin im Begriff, ein Hochverräther zu werden und Ihnen ein Geheimniß des Kaiſers zu verrathen. Mein Leben liegt in Ihrer Hand, denn wenn Sie mich bei Sr. Majeſtät denunciren, bin ich verloren. Werden Sie es thun? Duroc lächelte. Excellenz, ſagte er, ich bin ein guter Patriot und da ich weiß, wie ſehr nothwendig Ihr Leben für das Wohl und das Glück Frankreichs iſt, ſo werde ich mich wohl hüten, irgend Etwas gegen Sie zu unternehmen, vielmehr würde ich es ſtets als meine heiligſte Pflicht erachten, das Leben Ew. Excellenz zu ſchützen und für Ihr Wohl bedacht zu ſein, wenn ſich nur die Gelegenheit dazu darböte. Sie dürfen mir alſo immerhin Ihr Geheimniß verrathen. Ich würde lieber ſterben, als Sie denunciren! Ich danke Ihnen, ſagte Talleyrand, ſich verneigend. Nun hören Sie alſo mein Geheimniß: Der Kaiſer hat Befehl gegeben, den Fürſten Hatzfeld zu verhaften und vor ein Kriegsgericht zu ſtellen. Unmöglich! rief Duroc erbleichend. Fürſt Hatzfeld iſt von jeher ein eifriger und warmer Anhänger Frankreichs geweſen, und gerade um dieſer Geſinnung- willen iſt er jetzt bei der Hofpartei in höchſte Ungnade gefallen; auch die Berliner machen ihm Vorwürfe, daß er ſie gehindert habe, ſich zu vertheidigen, und daß er es abſichtlich verſäumt habe, die Waffen aus dem Zeughaus fortzuführen. Was kann alſo der Fürſt Hatzfeld gethan haben, um vor ein franzöſiſches Kriegsgericht geſtellt zu werden? Ein unmerkliches Lächeln flog über Talleyrand's feine Züge hin. Er hat einen Brief an den König geſchrieben, ſagte er, den man allenfalls, wenn man will, für eine Spionage und einen Verrath ausgeben kann, vorzüglich wenn man eine Gelegenheit wünſcht, ein Erxempel zu ſtatuiren und den ſtolzen Adel einzuſchüchtern, weil er es vermeidet, hierherzukommen und dem neuen Gebieter zu huldigen. Wenn das die Abſicht des Kaiſers iſt, ſeufzte Duroc, ſo iſt Fürſt Hatzfeld verloren. Der Kaiſer wird unerbittlich ſein! Muß man denn gleich Jemand hinrichten laſſen, um die Andern zu ſchreck etnſten V Grade üb Morg wird das leidenſchaf jetzt ſoll ſi Zum Er weigte tränkliche er leiſe, 6 Ich? l. Maje ird danr liegen, U Für ſten. bei Napo Aber Ich rückwies um Gu ajugehe mit dieſe Nur Nun Mhlta egen ging, griff, ein es thun? atriot und lund das nd Etwas als meine n und für darböte. Ich würde Nun hören nen ſüſun von jeher nd gerade ich verſiunt Slunn alſo iggerich Zige hin man „den nen gerh in vinſcht, n . 6 veil er“ we uldigen ſo iſ Firſ die Arder 145 zu ſchrecken? fragte Talleyrand. Iſt es nicht genug, wenn man den ernſten Willen hat? Aber Sie haben Recht! Der Kaiſer will keine Gnade üben! Das Kriegsgericht wird morgen zuſammentreten. Morgen ſchon! ſagte Duroc traurig. Oh, welch ein Jammer wird das in der Familie ſein. Die juuge Fürſtin liebt ihren Gemahl leidenſchaftlich, ſie erwartet in wenigen Monaten ihre Niederkunft und jetzt ſoll ſie ſchon, ehe es geboren, den Vazer ihres Kindes verlieren. Zum zweiten Mal flog ein leiſes Lächeln über Talleyrand's Antlitz. Er neigte ſich dichter zu dem Groß⸗Marſchall hin und legte ſeine kleine kränkliche Hand auf Durve's kräftigen Arm. Mein Freund, flüſterte er leiſe, Sie müſſen verſuchen, den Fürſten zu retten! Ich? fragte Duroc verwundert. Talleyrand nickte. Ja Sie! Sie kennen die Familie ſeit langer Zeit, Sie ſind bei Ihren öftern Geſandtſchaften viel in dem Hauſe geweſen, es iſt alſo ganz natürlich, daß die junge Fürſtin in ihrer Noth und Verzweiflung ſich an Sie um Beiſtand und Unterſtützung wenden wird. Sie müſſen ihr eine Audienz beim Kaiſer verſchaffen und die junge Fürſtin hat ſomit die Gelegenheit, auf ihren Knieen von Sr. Majeſtät das Leben Ihres Mannes zu erflehen. Der ganze Adel wird dann in ihrer Perſon vor dem Kaiſer gedemikthigt auf den Knieen liegen, und der ganze Adel wird begnadigt werden in der Perſon des Fürſten. Mein Lieber, Sie müſſen durchaus der Fürſtin eine Audienz bei Napoleon verſchaffen! Aber ſagten Sie mir nicht, daß der Kaiſer keine Gnade üben will? Daß das Kriegsgericht ſchon morgen zuſammentreten wird? Ich ſagte Ihnen das! Ich hätte noch hinzufügen können, daß der Kaiſer, als ich ihn um Gnade für Hatzfeld bat, mich zornig zu⸗ rückwies, und hinzufügte, er verbiete es auf das Allerſtrengſte, ihn um Gynade zu erſuchen. Auch Duroc ſolle es nicht wagen, ihn darum anzugehen, oder es verſuchen, die junge Fürſtin zu ihm zu führen, da mit dieſe um Gnade für ihren Gemahl flehe! Nun alſo? rief Duroc. Nun alſo, ſagte Talleyrand gelaſſen, gerade aus dieſem ſtrengen Mühlbach, Napoleon D. Bd. 10 146 Verbot glaubte ich ſchließen zu dürfen, daß der Kaiſer mir andeuten wollte, er ſei geneigt, auf dieſem Wege eine Begnadigung zu gewähren. Wie? rief Duroc lächelnd, der Kaiſer befiehlt, daß man es nicht wage, die Fürſtin Hatzfeld zu ihm zu führen, er ſagt, daß er keine Gnade üben will, und daraus folgern Sie, daß er der Fürſtin eine Audienz bewilligen und ihr Gnade gewähren will? Gewiß! ſagte Talleyrand. Wozu hat man denn die Sprache, wenn man mit ihr nicht ſeine Gedanken verſchleiern wollte? Bei klugen und bedeutenden Leuten nehme ich daher immer an, daß ihre Gedanken gerade das Gegentheil ſind von dem, was ihre Worte ſagen. Nur die Einfältigen und Unbedeutenden ſagen, was ſie denken. Ver⸗ ſuchen Sie es alſo immerhin. Verſchaffen Sie der Fürſtin eine Audienz beim Kaiſer, und das Uebrige überlaſſen Sie der Beredſamkeit und der Schönheit der Fürſtin. Aber ich kann doch nicht hingehen, mich der Fürſtin als Vermittler anzubieten. Dadurch würde es den Anſchein gewinnen, als ob der Kaiſer mich zu ihr ſendet, und wenn er dann den Fürſten begnadigte, würde es nur wie ein verabredeter Theatercoup ſein. Sie haben Recht, wir müſſen es durchaus vermeiden, daß die Affaire dieſen Anſchein gewinnt, ſagte Talleyrand lächelnd. Wenn die Fürſtin aber ihren Gemahl wirklich liebt, und wenn ſie ihn wirklich retten will, ſo werden Sie natürlich ihr erſter Gedanke ſein, denn Sie ſind mit ihr und ihrer Familie bekannt, und man weiß, daß Sie des Kaiſers naher und vielvermögender Freund ſind. Es iſt alſo ganz natürlich, daß die Fürſtin Ihre Vermittelung anrufen wird. Wenn ſie es thut, werde ich Alles, was in meinen Kräften ſteht, verſuchen, um ihr nützlich zu ſein, denn ich habe in dem Hauſe des Fürſten viel angenehme Stunden verlebt, und es wäre mir angenehm, der Fürſtin einen Dienſt erzeigen zu können. Aber ich fürchte, Sie täuſchen ſich. Der Kaiſer nimmt nie ſein Wort zurück, und wenn er geſagt hat, daß er keine Gnade üben und die Fürſtin nicht annehmen will, ſo wird es dabei bleiben, und all mein Bemühen wird vergeb⸗ lich ſein. Zum dritten Male flog ein leiſes ſpöttiſches Lächeln über Talley⸗ rands Sie do vie geſc geſchehe D Gemac mer hi war d Schlof wacht ganz P mung uf de blicken ensvo heimlie war i als en der g meine Riem würde das gefolg lach(C A r andeuten gewähren. m es nicht er keine ürſtin eine ie Sprache, ollte? Bei 1, daß ihre borte ſagen. nken. Ver⸗ ine Audienz amkeit und sVermittler als ob der begnadigte, n, daß die nd. Wenn ihn wirllch n, denn Sie aß Sie des t alſo gan räften ſteht, n Hauſe des r angenehn⸗ fürchte, Si und wen er nehmen e ht an! vergeb⸗ wird über* Talley⸗ 147 rands Züge hin. Verſuchen Sie es nur, ſagte er. Vielleicht gelangen Sie doch zum Ziel. Aber Sie haben keine Zeit zu verlieren, denn wie geſagt, ſchon morgen ſoll das Kriegsgericht zuſammentreten. Was geſchehen ſoll, muß alſo noch im Lauf des heutigen Tages geſchehen. V. Die Fürſtin Hatzfeld. Der Groß⸗Marſchall Duroe ging in lebhafter Unruhe in ſeinem Gemach auf und ab. Der Abend begann zu dämmern, und noch im⸗ mer hatte er keine Nachrichten von der Fürſtin Hatzfeld erhalten. Doch war der Fürſt ſchon im Lauf des Vormittags verhaftet und auf das Schloß geführt, wo er in einem Zimmer eingeſchloſſen und ſtreng be⸗ wacht wurde. Die Nachricht ſeiner Verhaftung hatte ſich ſchnell durch ganz Berlin verbreitet, und eine düſtere, trübe und angſtvolle Stim⸗ mung lag wie eine Gewitterwolke über der ganzen Stadt. Ueberall auf den Straßen bildeten ſich einzelne Gruppen von bleichen, ernſt⸗ blickenden Männern, die ſich mit leiſem Geflüſter dieſe neueſte ſchrek⸗ kensvolle Begebenheit erzählten und ihrem Groll und ihrer Wuth in heimlichen Flüchen und Verwünſchungen Luft machten. Jedermann war überzeugt, daß der Fürſt verloren ſei, Jedermann empfand es als eine neue, Jedem perſönlich angethazne Demüthigung, daß einer der angeſehenſten und vornehmſten Männer Preußens jetzt eines ge⸗ meinen Verbrechens ſollte angeklagt und als Spion verurtheilt werden. Niemand zweifelte, daß das Urtheil des Kriegsgerichts auf Tod lauten würde; und daß Napoleon keine Gnade und kein Mitleid haben würde, das las man in dem ſtrengen, düſtern Antlitz des Kaiſers, als er, gefolgt von ſeinem Generalſtab, durch die Straßen dahinritt, um ſich nach Charlottenburg zu begeben. Alle die Vorwürfe, welche man ſonſt gegen den Fürſten Hatzfeld 10* 148 gerichtet, waren jetzt vergeſſen, man vergab ihm ſeine Schwäche, ſeine Feigherzigkeit, ſeine Vorliebe für Frankreich, man erinnerte ſich in dieſer Stunde, wo er von dem allgemeinen Feind und Unterdrücker bedroht ward, nur daran, daß er ein Deutſcher ſei, daß der Zorn des Eroberers ihn zum Märtyrer der deutſchen Sache machen wolle und man flüſterte ſich einander zu, daß Napoleon ſich den Fürſten nur auserſehen habe, um durch ein Beiſpiel der Strenge die Widerſtreben⸗ den einzuſchüchtern und die Royaliſten zu ſchrecken. Er iſt verloren! ſagte man traurig und ſeufzend. Er iſt verloren! Der Kaiſer wird ihn nicht begnadigen, denn er will in ihm uns Alle beſtrafen, die wir unſern König lieben und ihm gern Nachricht geben möchten über den Feind und ſeine Armeen. Der Fürſt Hatzfeld iſt verloren! ſagte auch Duroc, als er jetzt unruhig und traurig in ſeinem Gemach auf⸗ und abging. Ja, er iſt verloren! Diesmal hat ſich Talleyrand mit all ſeiner diplomatiſchen Schlauheit und Feinheit doch verrechnet. Der Kaiſer will den Fürſten nicht begnadigen, denn er hat Davouſt und Clarke und Rapp mit in das Kriegsgericht gewählt, und die begnadigen nicht, wenn der Kaiſer angeklagt hat. Die Fürſtin denkt nicht daran, zu mir zu kommen und meine Vermittelung anzurufen. Und wenn ſie es thäte, ſo würde ich ihr ja doch nicht helfen können. All mein Bitten würde ja doch frucht⸗ los ſein! Der Kaiſer hat des Fürſten Tod aus Princip, nicht aus Zorn beſchloſſen, und alſo wird nichts ihn zu retten vermögen. Eben öffnete ſich die Thür und ſein Kammerdiener trat haſtig ein. Herr Groß⸗Marſchall, ſagte er, draußen ſteht eine tief verſchleierte Dame, welche den Herrn Groß⸗Marſchall durchaus zu ſprechen begehrt. Ich habe ſie vergeblich gebeten, mir ihren Namen zu nennen, ſie will ihn nur Ew. Gnaden ſelbſt ſagen, und Duroc hörte nicht mehr auf ihn. Er war ſelbſt in's Vorzimmer geeilt, und der verſchleierten Dame, welche er dort fand, den Arm bietend, führte er ſie jetzt in ſein Gemach. Geh hinaus, Jean, ſagte er haſtig zu ſeinem Kammerdiener, eile hinunter auf den Platz, und wenn Du den Kaiſer in der Ferne daher kommen ſiehſt, eile hierher und ſage es mir. liß Du ſluthet Fi Uippen, müſſen iſt vech die fra Spiona Kaiſer vernich verdäc zu ver beſchul Spion man h Schme mich z hat m zu ret min Lager Duro kann! Erba Kinde wird, Sie und( iche, ſeine e ſich in terdrücker der Zorn hen wolle irſten nur derſtreben⸗ verloren! uns Alle icht geben l er jett Ja, er iſ omatiſchen en Fürſten py mit in Kiſer 3 un würde ich nicht aus en⸗ haſtig ein⸗ rſchleierte en begehtt. en ſie wil Lorzinmer den Ann er eile diener⸗ hor erne daher 149 Jean ſchlüpfte hinaus, und Duroe ſchloß die Thür hinter ihm ab. Nun, Madame, ſagte er dann, ſprechen Sie! Wir ſind allein! Die Dame riß den Schleier haſtig von ihrem Antlitz fort und ließ Duroe ihr ſchönes bleiches Geſicht ſehen, das von Thränen über⸗ fluthet war. Fürſtin Hatzfeld? rief Duroc mit vollkommen gelungenem Ausdruck des Erſtaunens. Ja, ich bin es, ſagte ſie mit fliegendem Athem und zitternden Lippen, ich komme zu Ihnen, um mir Ihre Hülfe zu erflehen. Sie müſſen mir beiſtehen, Sie dürfen mich nicht verlaſſen! Mein Gemahl iſt verhaftet. Man klagt ihn an, dem König heimlich Nachrichten über die franzöſiſche Armee mitgetheilt zu haben. Man beſchuldigt ihn der Spionage. Oh mein Gott, mein Gott, er wird ſterben, denn der Kaiſer will ſeinen Tod, er will uns Alle zu Boden ſchleudern und vernichten. Begreifen Sie, meinen Gemahl, ihn, den die Andern verdächtigen, weil er in ſeinem edlen Beſtreben, jedes Blutvergießen zu vermeiden, immer zur Geduld und Unterwerfung gemahnt hat, ihn beſchuldigt man jetzt des Verraths gegen den Kaiſer, ihn will man als Spion verurtheilen. Man hat den Fürſten von meiner Seite geriſſen, man hat ihn fortgeführt. Ich brach zuſammen vor Verzweiflung und Schmerz. Oh ich hoffte, ich wünſchte, daß es der Tod ſei, welcher mich zu Boden warf. Aber Gott hat nicht gewollt, daß ich ſterbe, er hat mir das Leben erhalten, damit ich verſuchen kann, meinen Gemahl zu retten! Der Arzt hat gewollt, daß ich auf meinem Lager bliebe, daß ich mich zur Ruhe zwinge. Duroc, wie kann ich ruhen, wenn mein Geliebter bedroht iſt? Ich habe mich aufgerafft von meinem Lager, denn wie ein Blitz durchzuckte mich auf einmal der Gevanke: Duroc wird mir helfen und beiſtehen, daß ich meinen Gemahl erretten kann! Und nun bin ich hier, und nun beſchwöre ich Sie, haben Sie Erbarmen mit der Verzweiflung einer Gattin, Erbarmen mit dem Kinde, das unter meinem Herzen ruht, und dem ich, wenn es geboren wird, doch ſeinen Vater, ſeinen Beſchützer geben muß. Duroc, helfen Sie mir, daß ich meinen Gemahl retten kann! Sie haben ein gütiges und großmüthiges Herz, der Kaiſer liebt Sie! Bitten Sie ihn um 150 Gnade für meinen Mann! Bei Allem, was Sie lieben, beſchwöre ich Sie, bitten Sie für ihn! Und ganz außer ſich, unter ſtrömenden Thränen, todesbleich und zitternd, wollte die junge Fürſtin ſich vor dem Groß⸗Marſchall nieder⸗ werfen, aber er hob ſie raſch empor, und ſich tief vor ihr neigend, küßte er ihre kalten, zitternden Hände. Ich danke Ihnen, Fürſtin, daß Sie an mich gedacht und an mich geglaubt haben, ſagte er. Aber ich fürchte, daß Ihr Glaube vergeb⸗ lich ſein wird. Bitten Sie für meinen Gemahl, ſagte ſie ſchluchzend. Sie ſehen wohl, daß ich ſterben werde, wenn ich ihn verlieren muß. Haben Sie Mitleid mit meiner Jugend, mit meinem Kinde, das noch nicht geboren iſt. Bitten Sie beim Kaiſer um Gnade für den Fürſten. Sie glauben, daß der Kaiſer mich anhören würde? fragte Duroc traurig. Sie kennen den Kaiſer alſo nicht, Sie wiſſen nicht, was es heißt, wenn er zürnt! Ich habe mehr als zwanzig Schlachten mitge⸗ macht, die Kugeln ſind um mich hergeſauſt, der Tod iſt dicht neben mir geweſen, und ich habe nicht gezittert, aber vor dem Zorn des Kaiſers zittere ich, und wenn ich ihn ſehe mit ſeinen blitzſchleudernden Augen, mit ſeinem marmornen Angeſicht, wenn ſeine Stimme wie rollender Donner daher fährt, ſo begreife ich, wie Frauen ohnmächtig werden und Männer fliehen können, und ich empfinde, was ich noch nie empfunden, ich empfinde Furcht. Sie wollen mir alſo nicht helfen! rief die Fürſtin, die Hände ringend. Sie wollen ſich ſeiner nicht erbarmen? Und er iſt doch un⸗ ſchuldig. Nimmermehr hat mein edler Gemahl das Verbrechen begangen, deſſen man ihn anklagt! Er iſt kein Spion, kein Verräther, und er ſoll ſterben! Ich habe keinen Freund, der ſich unſerer annimmt, und auch der Einzige, auf den ich gehofft hatte, verläßt mich, weil er Furcht hatte vor dem Stirnrunzeln ſeines Kaiſers. Nein, ſagte Duroc, ich verlaſſe Sie nicht, ich ſage Ihnen nur, was der Kaiſer in ſeinem Zorn iſt, ich ſage Ihnen nur, daß das ſturmbewegte Meer lieblich, der Donner milde iſt gegen ſeinen gorm*) es Ihner vergebli nich unt Meine F die fürch N Nul Zorn de und zu leid hal Sie mi Gemah Gnade Ihre weinen Mitleid meiden, einttete Etine daß d riſſen alle Et ihm ei 6 S unglü ftagt gekom ienige agte ind, Ar beſchwöre bleich und all nieder⸗ rneigend, d an mich be vergeb⸗ Sie ſehen Haben Sie cht geboren gte Durc ſt, was es ten mitge⸗ Zorn des ſeudernden imme wie ohnmichtig as ich noch tdoch un⸗ begangen, er, und er immt, und l er Furcht Ihnen nur, daß das 6 ſeinen 5 Zorn.*) Indeß ich würde mich freudig dieſem Zorn entgegen ſtellen, wenn es Ihnen und Ihrem Gemahl Nutzen bringen könnte. Aber es iſt eine vergebliche Hoffnung. Der Kaiſer würde mich nicht anhören, er würde mich unterbrechen und mit ſeiner Feldherrnſtimme mir Ruhe gebieten. Meine Fürbitte würde ihn nur noch mehr reizen, und leicht könnte ich die fürchterliche Entſcheidung, ſtatt ſie aufzuhalten, noch beſchleunigen. Nun, rief die Fürſtin händeringend, wenn Sie nicht ſelbſt ſprechen und bitten mögen, ſo laſſen Sie es mich verſuchen. Ich fürchte den Zorn des Kaiſers nicht, und wenn eine Frau ſeine Kniee umklammert und zu ihm fleht, wird er ſie wenigſtens anhören und vielleicht Mit⸗ leid haben! Ich flehe Sie alſo nur um dieſe Eine Gunſt: Führen Sie mich zum Kaiſer! Laſſen Sie mich bei ihm um das Leben meines Gemahls flehen! Sie haben Recht, es iſt das einzige Mittel, um vielleicht noch Gnade erlangen zu können. Der Kaiſer hat ein großmüthiges Herz, Ihre Thränen werden ihn vielleicht rühren, denn der Kaiſer kann keine weinenden Frauen ſehen, und der wirkliche Schmerz bewegt ihn zum Mitleid. Aber gerade, weil er ſeine Schwäche kennt, wird er es ver⸗ meiden, Sie zu ſehen, und ſtrengen Befehl ertheilen, Niemand zu ihm einweten zu laſſen. Sie müſſen alſo diesmal ſich entſchließen, der Etiquette und ihrer Fürſtenwürde zu entſagen. Sie müſſen nicht wollen, daß die Lakayen Sie melden und die Flügelthüren vor Ihnen aufge⸗ riſſen werden, ſondern Sie müſſen es ſich gefallen laſſen, ganz ohne alle Etiquette und ohne alle Form vor den Kaiſer hinzutreten und von ihm eine Audienz zu erzwingen. Sehen Sie denn nicht, daß ich nichts weiter bin, als ein armes unglückliches Weib, eine arme Bettlerin, die um Erbarmen fleht? fragte die Fürſtin mit einem traurigen Lächeln. Würde ich zu Ihnen gekommen ſein, wenn ich noch an die Formen und die Etiquette dächte? *) Sogar der Marſchall Lannes, des Kaiſers nächſter Genoſſe, und der⸗ ienige, der ihm am unerſchrockenſten und freieſten gegenüber zu treten pflegte, ſagte einmal:„Wenn der Kaiſer zornig wird, möchte ich weinen wie ein Kind, und mich verkriechen wie eine Maus.“ Mémoires de la Duchesse d'Abrantès. Vol. IX. 152 Verſchaffen Sie mir eine Gelegenheit, den Kaiſer zu ſprechen, und wäre es auf offener Straße, und ſtänden Tauſende um uns her, ich würde vor ihm auf meine Kniee niederſtürzen und wie eine Bettlerin um das Almoſen ſeiner Gnade flehen, denn das Leben meines Gemahls liegt in ſeiner Hand. Nun, wenn Sie ſo denken, Fürſtin, dann hoffe ich, Ihnen eine Audienz verſchaffen zu können. Wir müſſen es machen, wie man es im Kriege macht, wir müſſen den Feind zu überliſten ſuchen; wir müſſen dem Kaiſer die Gelegenheit abſchneiden, der Audienz zu entgehen. Wenn er heimkehrt von Charlottenburg und erſt ſeine Zimmer betreten hat, iſt Alles vergeblich, er wird Niemand einlaſſen und taub ſein gegen alle meine Bitten. Sie müſſen ihm daher in den Weg treten, wenn er kommt. Sie müſſen— Ein raſches und haſtiges Klopfen an der Thür unterbrach ihn⸗ und Durve eilte hin, ſie zu öffnen. Biſt Du es, Jean? fragte er. Ja, Herr Groß⸗Marſchall, ich bin es, ſagte der Kammerdiener. Ich komme, Ew. Gnaden zu melden, daß der Kaiſer ſo eben mit ſeiner Suite die Linden herauf reitet. In einigen Minuten wird er hier ſein! Es iſt gut! Geh jetzt, Jean! Laſſen Sie auch uns jetzt gehen, ſagte die Fürſtin, ſich raſch der Thür nähernd. Geben Sie mir den Arm, Herr Groß⸗Marſchall, meine Füße zittern ſo ſehr, und ich könnte niederfallen, ehe ich vor dem Kaiſer ſtehe! Kommen Sie, Fürſtin, ſagte Duroc mitleidsvoll, lehnen Sie ſich feſt auf mich. Gott wird Ihnen Kraft geben, denn Sie haben ein edles und furchtloſes Herz. Kommen Sie! Ich führe Sie hinunter an die Treppe, welche der Kaiſer hinaufgehen muß, um zu ſeinen Zim mern zu gelangen. Dort mögen Sie ihn anreden. Gott und die Liebe werden Ihren Worten Kraft verleihen! Mit haſtigen, beflügelten Schritten durcheilten ſie die Reihe der Gemächer und traten jetzt in den ſogenannten Schweizerſaal, dieſe große Halle, in welcher die Ordonnanzen und die zum Dienſt des Tages be⸗ orderten Soldaten von der Garde ſich befanden. Sta Krieger bleich wn die ſo ſch Dur Soldaten habt, D durch der breite We ausmünd nach der nach dem Hi Treppe e Aber de ßeme g die andi bis zu eher ſehe bedeutet dem Gr den inn — Sl Bliten techen, und ns her, ich ſe Bettlerit es Gemahle Ihnen eine wie man es wir müſſen hen. Wenn etreten hat, ſein gegen eten, wenn rbrach ihn ragte er. mmerdiene. o eben nit ten wird er h raſch der „Marſcall, che ich vor en St ſich habin ein ie hinnter ſeinen Zin nd de Liebe Nihe 12 diſt grße e6 he⸗ 153 Staunend und verwunderungsvoll ſchauten die bärtigen, ſtolzen Krieger auf den Groß⸗Marſchall hin, deſſen Geſicht heut ernſt und bleich war, wie ſie es nie in der Schlacht geſehen, und auf dieſe Frau, die ſo ſchön und ſo bleich wie eine Lilie an ſeinem Arm hing. Duroc, der ſonſt immer ein Lächeln, ein freundliches Wort für die Soldaten der Garde, die treuen Gefährten ſo vieler Schlachten, ge⸗ habt, Duroc beachtete ſie heute gar nicht. Er eilte mit der Fürſtin durch den Saal dahin, hinaus auf den Corridor und hinunter die breite Wendeltreppe, die unmittelbar auf den zweiten Hof des Schloſſes ausmündet. Nun führte er ſie über dieſen Hof durch das innere Portal nach der mit koſtbaren Teppichen ausgelegten Haupttreppe, die in der nach dem Schloßplatz hin belegenen Vorhalle ſich befindet. Hier erwarten Sie den Kaiſer, ſagte Duroc hochathmend. Dieſe Treppe geht er hinauf, und hier alſo kann er Ihnen nicht entfliehen! Aber der Kaiſer hat ein ſcharfes Auge, und wenn er Sie aus der Ferne gewahrte, möchte er leicht, Ihre Abſicht errathend, umkehren und die andere Treppe hinauf gehen. Gehen Sie alſo die Stufen hinauf bis zu der Mündung der Treppe. Dort kann der Kaiſer Sie nicht eher ſehen, als bis er die unteren Stufen ſchon betreten hat, und dann wird er nicht zurückweichen wollen. Die Fürſtin flog die Stufen hinauf, welche ſie ſonſt oft mit freu⸗ digem Herzen, in ſtrahlender Toilette hinauf geſchritten war, wenn ſie ſich zu den Feſten des königlichen Hofes begab. Durve folgte ihr und bedeutete der Schildwache, welche oben an der Treppe ſtand und vor dem Groß⸗Marſchall ſalutirte, daß die Dame Befehl habe, hier den Kaiſer zu erwarten, der— Eben wirbelten die Trommeln und draußen auf dem Hof ward die Wache in's Gewehr gerufen. Der Kaiſer! flüſterte die Fürſtin, indem ſie auf ihre Kniee ſank und, die Hände faltend, leiſe betete. Der Kaiſer! ſagte Duroc, indem er die Stufen hinunter und auf den innern Schloßhof eilte. So eben ritt der Kaiſer in dieſen Hof ein, und mit angſtvollen Blicken ſchaute Duroe zu ihm hin. Er ſah, daß das Antlitz des Kai⸗ 154 ſers jetzt noch düſterer war, als vor ſeinem Spazierritt, er ſah die Blitze des Zorns, welche in ſeinen Augen flammten, und ganz bereit waren, den Erſten, derzihnen nahe kam, zu zerſchmettern.— Der Kaiſer hatte heute, indem er die Linden hinauf ritt, wieder einmal die ge⸗ wohnte Muſik des Vive l'Empereur! vermißt, er hatte geſehen, daß die Leute, die hier und dort in dichten Gruppen auf der Straße ſtan⸗ den, ihn, indem er vorüber ritt, mit finſteren, grollenden Geſichtern betrachteten, ohne ihn zu grüßen und ohne ihm entgegen zu jubeln. Dieſer Mangel an Ehrfurcht, dieſer ſichtbare Trotz hatte ſich wie ein dunkler Schatten über das Antlitz des Kaiſers gelegt und ſeine Seele mit finſterem Groll erfüllt. Eben, wie er ſich aus dem Sattel ſchwang und ſeinem Mame⸗ lucken Rouſtan die Zügel hinwarf, trat der Groß⸗Marſchall heran, bleich, mit hochgehendem Athem und in ſichtbarer Erregung. Der Kaiſer ſah es, und der erſte Blitz zuckte aus ſeinen Augen und traf das Antlitz des Groß⸗Marſchalls. Sie wollen mir anzeigen, daß Berlin revoltirt, nicht wahr? fragte er mit ſtrengem, rauhen Ton. Das befremdet mich nicht. Dieſes Berlin ſcheint mir allerdings ſehr zur Revolte geneigt. Aber es ſoll morgen ein fürchterliches Beiſpiel erhalten, wie ich die Empörer ſtrafe, und dies Beiſpiel wird es wohl von der Sucht, ſich zu empören, heilen.*) Und mit der Reitpeitſche gegen ſeine Stiefel ſchlagend, wie er es im Zorn zu thun pflegte, ſchritt Napoleon über den Hof dahin nach der Treppenhalle. Nein, Sire, ſagte Duroc, Berlin revoltirt nicht. Ich wollte nur Ew. Majeſtät edles und großmüthiges Herz um eine Gnade anflehen. Der Kaiſer ſah ihn mit düſtern, erſtaunten Blicken an, und raſcher vorwärts ſchreitend, betrat er eben die erſte Stufe der Treppe, das Auge immer noch dem Groß-⸗Marſchall zugewandt. Nun, was iſt es? fragte er, die zweite Stufe betretend und zu Duroc zurückſchauend, der hinter ihm ging. *) Napoleons eigene Worte. Siehe Mémoires de la Duchesse d'Abrantès. Vol. IX. p. 240. Sire, Ich erfleh Nein, vill ſie ni ſelber, ind der Trepp Sie l entgegenſtt Arsduck Napo zomiger Groß⸗M Sire hat mich Sire, ve Majeſtät großmütl Gemahl Kiegsge ſeinen S h, haben S Nmahl! über ihr ſ 1 7 Ge „ der„ ver, die Ma „— er ſah die ganz bereit Der Kaiſer mal die ge⸗ ſehen, daß traße ſtan⸗ nGeſichtern n zu jubeln. ſich wie ein ſeine Seele nem Mame⸗ chall heran, g. einen Augen vahr? fragte cht Dieſes Aber es ſoll vörer ſtrafe, zu enpären, n, nie er es dahin nach wollte nur ade anfhen. und nſhet Treppe/ das eend und se JAbrante Sire, ich flehe um Gnade für die unglückliche Fürſtin Hatzfeld. Ich erflehe für ſie die Gnade einer Audienz. Nein, nein, rief der Kaiſer, ſagen Sie mir kein Wort davon! Ich will ſie nicht ſehen, ich— Aber was bedeutet dies? unterbrach er ſich ſelber, indem er bei ſeinem haſtigen Vorwärtsſchreiten jetzt den Abſatz der Treppe erreicht hatte und die Fürſtin gewahrte. Sie lag auf ihren Knieen, und ihre gefaltenen Hände dem Kaiſer entgegenſtreckend, heftete ſie ihre großen himmelblauen Augen mit dem Ausdruck rührenden Flehens auf den Kaiſer hin. Napoleons Stirn legte ſich in noch tiefere Falten, und ſich mit zorniger Miene rückwärts wendend, fragte er: Was bedeutet dies, Herr Groß⸗Marſchall? Wer iſt dieſe Frau? Sire, es iſt die Frau Fürſtin Hatzfeld, ſagte Duroc leiſe. Sie hat mich beſchworen, ihr eine Audienz bei Ew. Majeſtät zu verſchaffen. Sire, vergeben Sie es mir, daß ich die Fürſtin hierher führte, Ew. Majeſtät ſelbſt um dieſe Audienz zu bitten. Sire, ich rechnete auf Ihr großmüthiges Herz, welches der Frau verzeihen wird, die für ihren Gemahl zu bitten kommt. Hat man Ihnen nicht geſagt, daß ich verboten habe, mir von dieſer Sache zu ſprechen? rief der Kaiſer mit drohender Stimme. Das Kriegsgericht allein hat den Fürſten zu richten, und ich werde und darf ſeinen Spruch nicht beeinfluſſen. Oh, Sire, flehte die Fürſtin, immer noch auf ihren Knieen liegend, haben Sie Erbarmen mit mir, Erbarmen mit meinem unglücklichen Gemahl! Thränen erſtickten ihre Stimme und ſtürzten in hellen Bächen über ihr bleiches Antlitz nieder. Napoleon ſchien gerührt von dieſem Anblick, ſein Auge ward mil⸗ der, die Falten auf ſeiner Stirn glätteten ſich ein wenig. Madame, ſagte er, ſein Haupt zu ihr neigend, ſtehen Sie auf. Eine Frau in Ihrer Lage darf nur vor Gott knieen; in Rückſicht auf Ihre Lage bewillige ich Ihnen eine Audienz. Herr Groß-Marſchall, folgen Sie mir mit der Fürſtin in mein Cabinet. Er ſchritt raſch die Stufen hinan und ging, ohne ſich umzuſchauen, durch die Säle und Gemächer dahin nach ſeinem Cabinet. Athemlos, 156 kaum mit den Füßen die Erde berührend, gehoben und getragen von ihrer innern Bewegung, ſchritt die Fürſtin an Durocs Seite hinter ihm. Jetzt tritt der Kaiſer in ſein Cabinet ein, flüſterte Duroc. Jetzt ſind Sie am Ziel! Mein Gott, mein Gott, erbarme Dich mein! ſeufzte die Fürſtin, und ihre flehenden Blicke richteten ſich zum Himmel empor. Als ſie ihr Ange wieder niederſenkte, befand ſie ſich ſchon im Cabinet des Kaiſers, und Duroc ließ ihren Arm los, um ſich bis an die Thür zurückzuziehen. Napoleon ſtand in der Mitte des Zimmers; das Feuer, das mit großen Flammen im Kamin flackerte, warf einen hellen Schein über ſeine ganze Geſtalt hin und ließ ſein ernſtes, ſtrenges Antlitz wie in einem goldenen Rahmen aus dem Dämmerungsſchatten des dunkelnden Zimmers hervortreten. Sire, rief die Fürſtin, auf ihre Kniee niederſinkend, Sire, ich flehe um Gnade für meinen Gemahl. Gnade, Sire, Gnade! Gnade! rief Napoleon rauh. Wiſſen Sie auch, weſſen Ihr Ge⸗ mahl angeklagt iſt? Was er verſchuldet hat? Sire, ich weiß nur, daß er Ew. Majeſtät anbetet, und ich glaube daher nicht an ſeine Schuld, rief die Fürſtin. Er hat elende Spionage getrieben, fuhr der Kaiſer mit erhöheter Stimme fort. Er hat, während er mir ſchon den Eid des Gehorſams und der Treue geſchworen, an den König von Preußen einen Brief auf die Poſt gegeben, in welchem er über die Anzahl, die Menge, den Geiſt und die Bewegungen der franzöſiſchen Truppen berichtete. Das iſt die That eines Hochverräthers und eines Spions, und als ſolchen wird das Kriegsgericht ihn morgen verurtheilen. Sire, es iſt nicht möglich! Mein Mann kann das nicht gethan haben. Oh, glauben es mir Ew. Majeſtät nur, er iſt unſchuldig. Man hat ihn verleumdet, um ihn in's Verderben zu ſtürzen, aber er iſt un⸗ ſchuldig, gewiß, er iſt unſchuldig. Er hat einen ſolchen Brief nicht geſchrieben, er kann ihn nicht geſchrieben haben! Der Kaiſer trat raſch zu ſeinem Schreibtiſch und nahm von dem⸗ ſelben ein Papier, das er der Fürſtin hinreichte. Hier Gemahls? Der das Papiet einen Schr daf Duroc fühlte, und Es iſ Papier zu mehr die ſie neigte Wimmern Der doch ſo b ſtrenge g einem ſa beugte ſi in die Hu Mad Ihnen be das Krie Einzige, Die hm emp Der Kaminfe Jet zu dem zuckten gerettet! getragen von te hinter ihm. ure Jtt die Fürſtin, or. Als ſe Cabinet des an die Thir uer, das mit Schein über Antlit wie in es dunkelnden Sire, ich flehe ſſen Ihr Ge⸗ nd ich glaube mit erhöhetet es Gehorſams n einen Brief e Menge, den richtete. Das nd als ſolchen ht geth an Man ſt un⸗ nic chuldig⸗ ber eti * Brif nicht * hn von den⸗ 157 Hier iſt der Brief, ſagte er. Kennen Sie die Handſchrift Ihres Gemahls? Der Fürſtin irre, von Thränen umdüſterte Blicke hefteten ſich auf das Papier, das ſie in ihren zitternden Händen hielt. Dann ſtieß ſie einen Schrei aus, einen ſo durchdringenden, herzzerreißenden Schrei, daß Duroc, der an der Thür ſtand, die Thränen in ſeine Augen treten fühlte, und daß der Kaiſer ſelber leiſe zuſammenſchrak. Es iſt ſeine Handſchrift! murmelte die Fürſtin, indem ſie das Papier zur Erde fallen ließ. Ihre bebenden Lippen hatten jetzt nicht mehr die Kraft und den Muth, die Bitte um Gnade zu wiederholen, ſie neigte das Haupt auf ihre Bruſt, und nur ein leiſes Aechzen und Wimmern kam aus ihrer Bruſt hervor. Der Kaiſer ſchien gerührt von dem Anblick dieſes ſtummen und doch ſo beredten Schmerzes. Seine Mienen, welche vorher düſter und ſtrenge geweſen, wurden jetzt milde und weich, ſeine Augen ruhten mit einem ſanften Ausdruck auf der knieenden, zerbrochenen Geſtalt. Er beugte ſich nieder und hob den Brief von der Erde auf und legte ihn in die Hände der Fürſtin, die ſie matt in ihrem Schooß gefaltet hatte. Madame, ſagte er, hier iſt der Brief. Machen Sie mit ihm, was Ihnen beliebt. Wenn dieſes Actenſtück nicht mehr vorhanden iſt, kann das Kriegsgericht ihn nicht verurtheilen. Denn dieſer Brief iſt das Einzige, was ihn anklagt! Die Fürſtin ſchaute mit einem fragenden, ſtaunenden Blicke zu ihm empor. Der Kaiſer lächelte und deutete ſtumm mit — der Hand auf das Kaminfeuer hin. Jetzt ſprang die Fürſtin von ihren Knieen empor, jetzt ſtürzte ſie zu dem Kamin hin und warf das Papier in das Feuer. Die Flammen zuckten empor und faßten es und zogen es hinein in ſeine Gluthen. Es breng! Es brennt! jauchzte die Fürſtin. Mein Mann iſt gerettet! Mein Mann iſt frei! Mit einem ſchrillen, lauten Schrei taumelte ſie rückwärts und ſank ohnmächtig zu den Füßen des Kaiſers nieder. Duroc ſtürzte zu ihr hin, und ſie emporhebend in ſeine Arme, 158 wollte er ſie hinaustragen. Aber der Kaiſer ſelber rollte einen Lehn⸗ ſeſſel herbei und half Duroc, die Ohnmächtige in denſelben nieder⸗ zulaſſen. Jetzt rufen Sie Rouſtan, ſagte Napoleon, er ſoll Ihnen helfen, die Ohnmächtige fortzubringen. Aber ſchnell, damit ſie nicht noch hier erwacht und mir danken will. Führen Sie die Dame zu ihrem Ge⸗ mahl, der ja hier im Schloß ſich befindet. Sie mag ihm ſelbſt ſeine Freiheit ankündigen und ihm ſagen, daß er dieſelbe nur ihrer Fürbitte verdankt. Eilen Sie! Rouſtan war auf Duroes Ruf ſchnell aus der Antichambre her⸗ beigekommen, und Beide trugen jetzt die ohnmächtige Fürſtin mit dem Lehnſeſſel hinaus. Der Kaiſer ſchaute ihnen ſinnend nach und ein ſpöttiſches Lächeln umſpielte ſeine Lippen. Nun, ſagte er leiſe vor ſich hin, ich glaube wohl, daß dieſe Scene ein würdiges Seitenſtück abgeben kann zu dem Schwur an Friedrichs Grabe. Es wird ſich auch ein ganz artiges Bild daraus machen laſſen, ein Bild, das mir mehr Ehre macht, wie der ſchönen Königin der Schwur. Man wird ſich beeilen, ein ſolches Bild zu machen, und die gute Stadt Berlin wird ſagen, daß ich ein großer Mann bin und daß ich Beleidigungen zu verzeihen weiß.*) Eben erſchien Talleyrand, welcher das Recht hatte, zu jeder Zeit unangemeldet zu dem Kaiſer eintreten zu dürfen, mit ſeinem Portefeuille in der Hand auf der Schwelle des kaiſerlichen Cabinets. Ach, Talleyrand, rief ihm der Kaiſer entgegen, wären Sie etwas früher gekommen, dann würden Sie hier Zeuge einer ſehr rührenden Scene geweſen ſein. Die Fürſtin Hatzfeld war hier. Ich weiß es, Sire! Ich begegnete der armen, ohnmächtigen Dame ſo eben im äußeren Vorſaal, und Duroc erzählte mir mit begeiſterten Worten die Scene, welche hier eben ſtattgefunden. Welch ein Glück war es, daß gerade im Kamin Feuer brannte! Der Kaiſer warf einen raſchen, durchbohrenden Blick auf Talleyrand hin, aber des Miniſters Antlitz war vollkommen ruhig und undurch⸗ *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Le Normand, Vol. II. S. 98 dringlich in demſ Die gewinner nut an Als nar geſchrieb die K Obgleich ſicherer, an Ciſo gegen h Profeſt und dr den fü vie der ſchen I denn ſ 5 er ſein jammt . Hiejen einen Ahn⸗ Aben nieder⸗ hnen helfen, cht noch hiet ihrem Ge⸗ nſelbſt ſeine hrer Fürbitte chambre her⸗ ſtin mit dem ſches Lächeln ich glube kann zu dem ganz artiges re macht wie ein ſolches daß ich ein nweiß.*) zu jcder Zeit n Portefeuille Sie etwas hr rührenden gen Dame chtigen it begeſſett c ein Glit 1f Lullyran uf Tn und undut⸗ 159 vringlich. Nicht der kleinſte Ausdruck von Spott und Hohn zeigte ſich in demſelben. Dieſer Beweis von Großmuth wird Ew. Majeſtät alle Herzen gewinnen, fuhr Talleyrand fort. Man wird Palm vergeſſen, um ſich nur an Hatzfeld zu erinnern und Sie als zweiten Cäſar zu preiſen. Als man Cäſar die Briefe brachte, welche ſeine Feinde an Pompejus geſchrieben hatten, weigerte er ſich, ſie zu leſen und warf ſie in's Feuer, — die Kaminfeuer brennen immer zur rechten Zeit,— indem er ſagte: Obgleich ich ſicher bin, meinen Zorn zu beherrſchen, iſt es doch noch ſicherer, die Urſache deſſelben zu zerſtören. Ew. Majeſtät haben ſich an Cäſar ein würdiges Beiſpiel genommen, und wenn Sie nichts da⸗ gegen haben, Sire, werde ich Sorge tragen, daß das Journal des Profeſſor Lange dieſe ſchöne und erhabene Scene in recht begeiſterter und dramatiſcher Schilderung den guten Berlinern darſtelle. Sie haben ihn alſo ſchon gewonnen? fragte Napoleon. Der feu⸗ rige Ritter der Königin hat ſich bekehren laſſen? Er hat ſich bekehren laſſen, Sire, Dank ſeiner Todesfurcht und den fünftauſend Franes, die ich ihm anbot, und die auf ihn wirkten, wie der Blick des Baſilisken auf den Vogel. Es ſcheint, dieſe deut⸗ ſchen Journaliſten ſind noch elender und geldbedürftiger als die unſrigen, denn ſie ſind billiger! Fünftauſend Franes, ſagte Napoleon ſinnend, und dafür verkauft er ſeine Ehre, ſeine Treue und ſein gutes Gewiſſen. Ach, was für jammervolle Geſchöpfe ſind doch die Menſchen, und wie Recht haben Diejenigen, welche ſie verachten und mit Füßen treten! Sire, iſt es erlaubt, daß ich eintreten und meinen Rapport machen darf? fragte Duroc, durch die Thür hineinſchauend. Treten Sie ein, Herr Groß⸗Marſchall: Und nun ſagen Sie, wie geht es der armen Fürſtin? Hat ſie ſich erholt? Ja, Sire, ſie war noch ohnmächtig, als wir ſie in das Gemach des Fürſten brachten. Der Fürſt ſtürzte mit einem lauten Schrei zu ihr hin und drückte ſie feſt in ſeine Arme. Sie erwachte von ſeinen Küſſen, ſeinen angſtvoll zärtlichen Ausrufungen. Ein Strom von Thrãä⸗ nen ſtürzte aus ihren Augen, und beide Arme um den Hals ihres 160 Gemahls ſchlingend, rief ſie: Du biſt gerettet! Ich habe Dich wieder! Gott und der Kaiſer haben Erbarmen mit mir gehabt. Arme Frau, ſie war wirklich in Verzweiflung, aber ſie benahm ſich ſehr edel und taktvoll, und ich bin ſehr mit ihr zufrieden.*) Ein leiſes Lächeln flog über Talleyrands Züge. Ja, ſagte er leiſe in ſich hinein, der Kaiſer hat wohl Grund, mit ihr zufrieden zu ſein, denn die arme kleine Frau hat das kluge Rührſpiel wirklich für eine Tragödie gehalten, und weder ſie noch auch Duroc haben hinter die Couliſſen geſchaut.**) *) Des Kaiſers eigene Worte. Siehe: Le Normand, II. S. 99. **) Dieſe Scene iſt durchaus hiſtoriſch, aber ſie wird von den deutſchen und franzöſiſchen Hiſtorikern ganz verſchieden aufgefaßt. ie franzöſiſchen be handeln ſie ſämmtlich als einen rührenden Beweis von der Großmuth des Kaiſers. So erzählt es Thiers in ſeiner: Histoire du Consulat et de l'Em- pire, Vol. VII. S. 142, ſo auch die Duchesse d'Abrantès in ihren Mémoires, Vol. IX. S. 240, ſo auch Gonstant in ſeinen Mémoires, III. S. 380.— Aber die deutſchen Autoren behandeln dieſe Scene als eine wohlberechnete Intrigue, um den Adel durch Strenge zu ſchrecken und Großmuth zu verſöhnen. Siehe: d Di Mémoires d'un homme d'état, Vol. IX. 5 316, Schloſſers Geſchichte des 19. Jahrhunderts, Th. VI. S. 282, Häuſſer, Deutſche Geſchichte, Th. MI. S. 42.— Für die Anſicht der deutſchen Hiſt write ſpricht übrigens der Brief des Fürſten Hatzfeld, der allein der Anklage gegen den Fürſten zu Grunde lag und den daher die franzöſiſchen Hiſtoriker ſich wohl hüten mitzutheilen. In dieſem Brief, den Fürſt Hatzfeld an den König gerichtet und auf die Poſt ge geben hatte, berichtet der Fürſt zuerſt von einigen weniger bedeutenden Dingen und fährt dann fort:„Officiell weiß ich von der franzöſiſchen Armee nichts, als daß ich geſtern eine Ausſchreibung, unterzeichnet d'Aultanne, geſehen habe, welche an den Magiſtrat zu Potsdam gerichtet war. Die Franzoſen ſagen, ihr Corps ſei achtzigtauſend Mann ſtark, Andere verſichern, es ſeien nicht funfzig tauſend Mann, auch ſollen die Pferde der Cavallerie äußerſt ermüdet ſein. Ich habe die Ehre ꝛc. Fürſt Hatzfeld.“ Siehe: Häuſſer, Deutſche Geſchichte, Th. M. S. 42. Die außerord ſeit einie hatten, i dieſem G ſchedung Er guf und dem Blo Ne Herren ſchlüſſe beißen dſ wahrlich blaſen ſchmelze mein B Krigr Marbu und Ceo Un belaſen Der K Mhl Mich wieder! ſie benahm en.) Die fürſtlichen ZBittſteller. , ſagte er ufrieden zu Die zu den Audienzen feſtgeſetzte Stunde war gekommen, und die wirklich für außerordentlichen Geſandten der kleinen deutſchen Fürſten, welche ſchon aben hintet ſeit einigen Tagen den Miniſter Talleyrand vergeblich beſchworen hatten, ihnen eine Audienz beim Kaiſer zu erwirken, ſollten endlich zu dieſem Glück gelangen, und aus Napoleons eigenem Munde die Ent⸗ ſcheidung ihres Schickſals empfangih. Er befand ſich in ſeinem Cabinet und ging mit haſtigen Schritten auf und ab, während Talleyrand an dem Schreibtiſch ſtand und mit den deutſchen ſiſchen be⸗ roßmuth des de IZn dem Bleiſtift einige Notizen in ſeine Schreibtafel zeichnete. n Memoires, Nein, ſagte der Kaiſer grollend, ich werde dieſe kleinen deutſchen 380.— Uher Herren nicht begnadigen und ihr elendes Gewinſele ſoll meine Ent⸗ ete Intrigue⸗ ſchlüſſe nicht wankend machen. Friedrich der Zweite, der ſchon die S beißendſten Sarkasmen gegen dieſe kleinen Souveraine ſchleuderte, hätte wahrlich beſſer gethan, dieſe Blattläuſe von dem Fürſtenſtamm fortzu⸗ blaſen und ſich aus ihren Kronen einen neuen Reifen zuſammen⸗ ſchmelzen zu laſſen. Da er es verſäumt hat, werde ich es thun, und mein Bruder Jerome ſoll dieſen Reifen tragen, der ihn zum deutſchen ePoſ ge König macht. en Dig Ew. Majeſtät werden alſo den Plan eines norddeutſchen König⸗ grmee nichts,.: zuh reichs, den ich die Ehre hatte zu entwerfen, adoptiren? fragte Talleyrand. geſehen. en ſugen ihr Ich werde ihn adoptiren, nur werde ich die Grenzen, die Sie ſehr ſen„. tt fuſ eng gezogen, ein wenig erweitern. Was haben Sie zum Beiſpiel von midet ſein. Heſſen in Ihren Plan hineingezogen? ermidet O gezog ce Geſthict⸗ Sire, die ganze nördliche Hälfte von Heſſen, ſo daß die Städte Marburg und Hersfeld die ſüdliche Grenze des neuen Reichs bilden, und Caſſel eine gute Reſidenz für den neuen König geben wird. Und Hanau und Fulda wollen Sie dem treuloſen Kurfürſten belaſſen? fragte Napoleon. Nein, nein, Sie ſind zu großmüthig. Der Kurfürſt von Heſſen und ſein ganzes Haus hat es verdient, Mühlbach, Napolevn. U. Bd. 162 daß man es ausrotte und vernichte, und ich bin nicht gewillt, Gnade zu üben, weder an dem Kurfürſten, noch an den andern kleinen Ty⸗ rannen. Braunſchweig, Naſſau, Caſſel, alle dieſe kleinen Herren ſind engliſch geſinnt, ſie werden nie unſere Freunde ſein, es iſt alſo das Beſte, ſie zu vernichten.*) Der Kurfürſt hat zwei Abgeſandte hergeſchickt, durch welche er die glänzendſten Freundſchaftsbetheuerungen, und die heiligſten Verſiche⸗ rungen ewiger Treue machen läßt, ſagte Talleyrand lächelnd. Ich kenne die Verſprechungen dieſer legitimen Fürſten, rief Napo⸗ leon achſelzuckend. Ich weiß, was davon zu halten iſt. So lange ſie im Glück ſind, iſt ihr Herz voll Ukbermuth und Bosheit, giebt es für ſie keine Menſchen⸗, ſondern nur Fürſtenrechte, keine Unterthanen, ſon⸗ dern nur Sclaven, aber ſo wie ſich ihnen das Unglück naht, werden ſie kleinmüthig und verzagt, und in der Feigheit ihres Herzens er⸗ niedrigen ſie ſich vor ihren Völkern bis zur elendeſten Schmeichelei, und machen ihnen Verſprechungen, die ſie weder halten können, noch auch zu halten Willens ſind. Man hat mir erzählt, daß mich dieſe vielſchwatzenden Deutſchen in ihrem Groll die„Geißel Gottes“ ge⸗ nannt haben. Nun ja, ſie ſollen Recht haben; dieſen kleinen Fürſten, welche die großen Herren ſpielen, und die Rolle des Königthums und des Throns zu einer lächerlichen Farce herabziehen, dieſen kleinen Souverainetätsfratzen will ich eine Geißel Gottes ſein; ich will ſie zu Tode züchtigen. Was für Herren befinden ſich im Audienzſaal? Sire, es ſind da die Herren von Marlsburg und von Lepel, die beiden Abgeſandten des Kurfürſten von Heſſen, dann der Herr von Müller, der Abgeſandte der Herzogin von Weimar, ferner der Herr von Münchhauſen, der Abgeſandte des Herzogs von Braunſchweig, und endlich befindet ſich da eine Deputation der Polen, welche kommen, Ew. Majeſtät ihre Huldigung darzubringen. Dieſe werde ich willkommen heißen, rief Napoleon lebhaft. Ich ſage Ihnen vorher, ich werde dieſen Herren ſehr viel Verſprechungen machen, ich werde ihnen glänzende Hoffnungen erwecken. Eine In *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Bignon: Mémoires. Vol. VI. p. 34. ſurrect ich wi ſuchen, ſogar! und da S ment werfen witd e W den P n eine org efü S „ ie V — eine dieſe polni Por Sie Und ſich gebe folg eine ſie, ſaal 163 Gnade ſurrection in Polen iſt für den Augenblick meinen Plänen förderlich; inen Th⸗ ich will ſie durch alle mir zu Gebote ſtehende Mittel zu bewirken rren ſind ſuchen, und ich werde meinen Zweck erreichen.*) Ich werde deshalb alſo das ſogar mich entſchließen nach Warſchau zu gehen, um den Enthuſiasmus und das Feuer der Polen perſönlich anzuregen. he er die Sire, ſagte Talleyrand, das wird dem öſterreichiſchen Gouverne⸗ Perſiche⸗ ment als ein Fehdehandſchuh erſcheinen, den Ew. Majeſtät ihm hin⸗ werfen, und wenn es ſich ſeine polniſchen Provinzen erhalten will, ief Napo⸗ wird es ihn aufheben müſſen. lange ſie Wir müſſen dafür ſorgen, daß Oeſterreich den Knochen, den ich bt es für den Polen hinwerfe, damit ſie ſich daran verbeißen, eben nicht für men, ſon⸗ einen Fehdehandſchuh halten könne, ſagte Napoleon. Sie werden t, werden Sorge tragen, daß mein Geſandter in Wien allen Vermuthungen und etzens er⸗ Befürchtungen zuvorkommt, indem er ſich zum Kaiſer begiebt, und ihm hmeichelei, die Verſicherung ertheilt, daß ich nicht geſonnen bin, die Verſprechungen, men, noch die ich den Polen mache, auch zu verwirklichen, daß vielmehr, wenn mich dieſe eine Erhebung in Polen ſtattfinden ſollte, ich Sorge tragen würde, daß tes“ ge dieſe ſich nicht bis nach Galizien ausbreiten, ſondern ſich nur auf die nFürſten, polniſchen Provinzen von Rußland und Preußen beſchränken ſolle. 3 huns und Vorausgeſetzt, daß der Kaiſer Franz ſich ruhig verhalte.“*) Fertigen Sie dieſe Inſtruction noch heute an meinen Geſandten in Wien ab. Und jetzt will ich die Geſandten empfangen! Mit welchem von ihnen wollen Ew. Majeſtät den Anfang machen? Bringen Sie mir zuerſt die Heſſiſchen Herren, ſagte Napoleon, ſich in den neben ſeinem Cabinet befindlichen kleinen Empfangsſaal be⸗ gebend. Talleyrand durcheilte dieſes Gemach und trat in den nächſt⸗ folgenden großen Audienzſaal ein, in welchem die Geſandten ſchon ſeit en kleinen wil ſie zu ſaal? bopel di Herr von der Her aunſchweig „hnnn einer Stunde der Audienz entgegen harrten. he om Er winkte die beiden Heſſiſchen Geſandten zu ſich heran, und führte ſie, kraft ſeines Amtes als Miniſter des Auswärtigen, in den Audienz tbeſt N 5 ſ jſe 2 gen ſaal dem Kaiſer zu. ſprechun 9 Eine In *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Le Normand Mémoires. II. 101 34**) Häuſſer III. S. 71. W. 3. 164 Sire, ſagte er, die Herren Abgeſandten des Kurfürſten von Heſſen! Napoleon erwiderte die tiefen Verbeugungen der Abgeſandten kaum mit einem flüchtigen Kopfnicken, und trat ihnen heftig einige Schritte entgegen. Ich bewundere den Kurfürſten von Heſſen, daß er es wagt, mich noch an ihn erinnern zu wollen, ſagte Napoleon ſtrenge. Er hat zu lange gegen mich intriguirt, als daß er hoffen könnte, irgend eine Mil⸗ derung ſeines Schickſals von mir zu erlangen. Ich habe dem Kur fürſten früher freundliche Anerbietungen gemacht, ich ließ ihn auffor⸗ dern, ſich dem Rheinbund anzuſchließen. Damals war es Zeit, mir ſeine Anhänglichkeit und Neigung zu beweiſen, und mir als treuer Bundesgenoſſe zur Seite zu ſtehen. Aber damals hoffte der Kurfürſt noch, daß ich in dieſem Kampf mit Preußen unterliegen werde; die Radomontaden der preußiſchen Garde-Officiere klangen ihm wie die Muſik eines ſchon vollendeten Siegesmarſches in den Ohren, und über tönten ihm die rufende Stimme Frankreichs. Aber ſelbſt mit Preußen mochte er es nicht ehrlich und offen halten, er wollte auch ihm gegen⸗ über neutral bleiben, bis es ſich entſchieden, wohin der Sieg ſich wen⸗ den würde; zweideutig in ſeinen Worten und Thaten, hat er nur an die Sicherung ſeiner Perſon und ſeiner Schätze gedacht, nicht an ſein Land, ſein Volk und ſeine Ehre. Möge er alſo auch jetzt die Strafe ſeiner Zweideutigkeit tragen! Der Sieg hat für mich entſchieden, und ich ſage dem Kurfürſten von Heſſen jetzt ganz offen, und ohne alle Zweideutigkeit: ich nehme ſein Land in Beſitz, ich mache mich zum Herrn ſeiner Krone. Der Kurfürſt von Heſſen hat aufgehört zu regieren. Sire! ſagte Herr von Lepel mit ſchüchterner, flehender Stimme. Der Kurfürſt wagt es, an Ew. Majeſtät Großmuth zu appelliren. Der General Mortier hat mit ſeinen Truppen Caſſel und das heſſiſche Land beſetzt, und es für franzöſiſches Beſitzthum erklärt. Der Kurflkſt und der Kronprinz ſind kaum durch eilige Flucht der Kriegsgefangen⸗ ſchaft entgangen. Sie ſind noch allzuglücklich geweſen, daß man ſie hat entſchlüpfen laſſen, rief Napoleon grollend. Es wäre wohl an der Zeit geweſen, einmal den K ſehr e möchte reiflich ſieht ſſt ber zu unt Uunter macht Juhr tinzu der( laſſen W egt an Sire kaſſe hat trett den — nHeſſen! ten kaum Schritte agt, mich hat zu eine Mil⸗ dem Kur⸗ nauffor⸗ geit, mir ls treuer Kurfürſt p erde; die n wie die tPreußen n gegen⸗ ſich wen⸗ rne i an ſein die Strafe ntſchieden, und ohne ache mich fgehör zu Stimme appellren erſufit Sunhen r nſcliſen t geweſun 165 einmal ein ſtrenges Exempel zu geben, und den Souveraius, welche den Krieg als ein Glücksſpiel betrachten, zu beweiſen, daß das Spiel ſehr ernſthaft werden, und ihnen Krone und Leben koſten kann. Das möchte ſie dahin führen, den Krieg in ihren Geheimrathsſitzungen reiflicher zu überlegen, ehe ſie ihn anfangen.*) Sire, der Kurfürſt, unſer Herr, bereut, was er gethan hat und ſieht ſein Unrecht ein, ſagte Herr von Malsburg demüthig. Se. Hoheit iſt bereit, ſich in Alles zu fügen, ſich allen Bedingungen Eurer Majeſtät zu unterwerfen. Was heißt das? fragte Napoleon. Was verſteht Ihr Kurfürſt unter Bedingungen? Ich entſinne mich nicht, ihm Bedingungen ge— macht zu haben, denn diejenigen, welche ich ihm vor einem halben Jahr anbieten ließ, ſind durch die Thatſachen aufgehoben. Aber der Kurfürſt hofft, daß Ew. Majeſtät in Ihrer Großmuth dennoch derſelben eingedenk ſein, daß Ew. Majeſtät Gnade für Recht ergehen laſſen möchten. Ew. Majeſtät würden durch dieſe edle Groß muth unſern Herrn, den Kurfürſten, und ſein ganzes fürſtliches Haus für immer an ſich gefeſſelt, Sie würden in Deutſchland keinen treuern und ergebeneren Diener haben als den Kurfürſten. Sire, ſagte Talleyrand, näher tretend, ich wage es, eine Fürbitte einzulegen für den Kurfürſten von Heſſen, der ſich ganz demuthsvoll der Gnade Eurer Majeſtät zu Füßen legt. Sire, Gnade für unſern unglücklichen Herrn, der einſam und ver— laſſen in der Fremde umherirrt, rief Herr von Malsburg mit be⸗ wegter zitternder Stimme. Gnade für unſer Land und unſer Volk, das mit Treue und Liebe an ſeinem angeſtammten Herrſcher hängt, ſagte Herr von Lepel. Sire, unſere Soldaten ſind entwaffnet und entlaſſen, unſere Landes⸗ kaſſen mit Beſchlag belegt und ein franzöſiſcher General⸗Gouverneur hät die Verwaltung des Landes im Namen Eurer Majeſtät ange⸗ treten. Entwaffnet, willenlos liegt der Kurfürſt und ſein Land zu den Füßen Eurer Majeſtät und dennoch hofft der Fürſt und das *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Goujou: Bulletin XXVII. n 166 Land auf die Gnade Napoleons, welcher der Große genannt wird, nicht bloß, weil er Länder zu erobern, ſondern weil er auch Groß⸗ muth zu üben verſteht. Sire, die Hand des Eroberers baut ſich nur äußere Throne, welche vergehen können, die Großmuth des Siegers baut in den Herzen der Menſchen ſich Throne, welche unzerſtörbar ſind. Ah, ich möchte nicht zu viel rechnen auf dieſen Thron, den ich mir im Herzen des Kurfürſten von Heſſen aufrichten könnte, ſagte Napo⸗ leon achſelzuckend. Sire, wollen Ew. Majeſtät nicht mindeſtens die Verſprechungen hören, welche dieſe Herren im Namen des Kurfürſten machen ſollen? fragte Talleyrand. Nun, was iſt's? rief Napoleon. Was haben Sie mir von Ihrem Fürſten noch weiter zu ſagen? Sire, der Kurfürſt iſt bereit, ſich ganz der Gnade Eurer Ma⸗ jeſtät zu unterwerfen, ſagte Herr von Lepel. Er wird ſich vor allen Dingen beeilen, dem Rheinbund beizutreten. Er iſt außerdem bereit, eine Contribution zu zahlen, die feſten Plätze ſeines Landes den Franzoſen einzuräumen und zwölftauſend Mann ſeiner Soldaten zu der franzöſiſchen Armee ſtoßen zu laſſen. Er fleht nur, daß Eure D Majeſtät in Anerkennung aller dieſer Opfer ihm die Souverainetät, „ und den Beſitz ſeiner Titel und Würden und ſeines angeſtammten Landes laſſe.*) Nein, rief der Kaiſer heftig, nein, er hat ſeine Souverainetät ver⸗ ſcherzt, er iſt es nicht werth, ein Fürſt zu ſein. Es giebt kein fürſt⸗ liches Haus in Deutſchland, welches ein beharrlicherer Feind Frank⸗ reichs geweſen wäre, als das von Heſſen⸗Kaſſel. Es hat die Hand verſchmäht, die ich ihm bot, jetzt hat das Schwert zwiſchen ihm und mir gerichtet. Das Schickſal hat gewollt, daß ich an dem Kurfürſten die Strafe üben ſollte, die er durch ſeine Thaten verdient hat. Sagen Sie mir nicht, daß das heſſiſche Volk Antheil nimmt an dem Schickſal des Kurfürſten, daß es mit Liebe an ſeinem angeſtammten Herrſcher hänge. Das iſt nicht wahr! Das Volk von Heſſen verwünſcht den *) Siehe: Häuſſer, Deutſche Geſchichte. III. S G Kurf kauft dieſe verda nnt wird, uch Groß⸗ t ſich nur rbar ſind. en ich mir gte Napo⸗ prechungen en ſollen? von Ihrem rMa⸗ h vor allen dem bereit, andes den oldaten zu daß Eure weroinetät, geſtammten ginetit ver⸗ kein fürſ⸗ ind Frank⸗ t die Hand en ihm und 1 gurfürſten at. Soe em Schicſal n Herſchet winſcht den 167 Kurfürſten, und es hat wohl Grund dazu. Seit vielen Jahren ver⸗ kaufte der Kurfürſt das Blut ſeiner Unterthanen an England, damit dieſes uns in beiden Welttheilen bekriege. Dieſem Menſchenhandel verdankt der Fürſt die Schätze, die er ſich geſammelt, und mit denen er jetzt aus ſeinem Lande entflohen iſt. Können Sie das leugnen, meine Herren? Können Sie es ferner leugnen, daß der Kurfürſt eines Tages einem ſeiner Generäle, welcher die an England verkauften Truppen in Amerika kommandirte, bittere Vorwürfe darüber machte, daß die Heſſen dort zu ſehr geſchont und nicht genug in's Feuer ge⸗ führt würden? Weiß das heſſiſche Volk nicht, daß der Kurfürſt ihm nur deshalb dieſe Vorwürfe machte, weil er für jeden Gebliebenen fünf⸗ undzwanzig Dukaten erhielt? Nun, ſprechen Sie doch! Sagen Sie, daß dies nicht wahr iſt, daß das heſſiſche Volk dies nicht weiß, daß die Mütter nicht zu Tauſenden um ihre Söhne weinen, die in Amerika gefallen, und deren Grab ſie niemals ſehen werden, daß die Männer nicht zu Tauſenden als verkaufte Sklaven ihr Land haben verlaſſen müſſen, und daß die Flüche und Verwünſchungen der Abziehenden nicht mit denen der Zurückbleibenden ſich vereinigt haben, um dereinſt vor dem Throne Gottes zu einer Anklage zu werden wider den Kurfürſten, der ſein Land und ſein Volk ruinirt, und ſich an dem Blut und den Thränen ſeinns Volkes bereichert hat. So reden Sie doch! Verthei⸗ digen Sie doch den Kurfürſten, wenn Sie können. Wagen Sie noch einmal zu ſagen, daß das Volk von Heſſen ſeinen Fürſten liebt, und ihn zurück erſehnt. Sprechen Sie, ſprechen Sie doch! Seine Stimme rollte wie Donner, ſeine Augen ſchleuderten feurige Blitze hinüber auf die beiden Männer, welche bleich und beſtürzt da ſtanden und es nicht wagten, ihr Auge zu dem bleichen Marmorange⸗ ſicht des Kaiſers zu erheben. Selbſt Talleyrand hatte ſich in einem unwillkürlichen Inſtinct der Furcht einige Schritte weiter nach der Thür hin zurückgezogen, und ſein ſonſt ſo ruhiges und ſtilles Antlitz verrieth einige Beſorgniß, daß dies furchtbare dämoniſche Gewitter ſich auch auf ihn entladen und einen ſeiner Blitze auf ihn ſchleudern möchte. Die beiden Abgeſandten des Kurfürſten verſuchten es, einige Worte 168 zu ſagen, aber ſie ſprachen ſo leiſe, daß Niemand ſie verſtand. Sie fühlten immer noch die Blicke Napoleons wie Dolchſpitzen auf ihrem Antlitz ſtechen, und das machte ſte verwirrt und zu jeder Antwort unfähig. Ein leiſes Lächeln fuhr durch die Wetterwolken auf des Kai ſers Angeſicht und ſein Blick ward milder. Ich ſehe wenigſtens, daß Sie die Wahrheit nicht verleugnen können, ſagte er. Kehren Sie heim, meine Herren! Sagen Sie dem Kurfürſten, daß ſeine Laufbahn vollendet und abgeſchloſſen iſt, daß er aufgehört hat zu regieren. Dem Volke aber von Heſſen-Kaſſel ſagen Sie, daß ſeine Leiden jetzt ein Ende haben werden, daß es von nun an glücklich ſein ſoll. Befreit von jenen grenzenloſen und grauſamen Frohndienſten, die der Kurfürſt ſeinem Volke auferlegte, wird das Volk ungeſtört dem Bau ſeiner Felder ſich widmen können; ſeine Abgaben ſollen vermindert, es ſoll nach großmüthigeren und liberaleren Grundſätzen regiert werden.*) Sagen Sie das dem Volke von Heſſen⸗Kaſſel! Gehen Sie! Er winkte mit einer gebieteriſchen Bewegung nach der Thür hin und wandte den Herren den Rücken. Geſenkten Hauptes, bleich und zitternd verließen die Abgeſandten des Kurfürſten von Heſſen den Saal. Napoleon war an's Fenſter ge— treten und trommelte mit kräftiger Hand einen Militairmarſch auf den klirrenden Scheiben. Sire, ſagte jetzt hinter ihm die klangloſe ſpitze Stimme Talley⸗ rand's, Sire, der Abgeſandte des Herzogs von Braunſchweig. Des Herzogs? fragte Napoleon ſich raſch umwendend und einen flammenden Blick hinüberſchleudernd auf den Herrn, der neben Tal⸗ leyrand ſtand, und als das Auge des Kaiſers ihn traf, ſich tief ver⸗ neigte Des Herzogs? wiederholte Napoleon noch einmal. Ich kenne keinen Herzog von Braunſchweig. Es iſt möglich, daß ich mich noch auf ihn beſinne. Bis dahin mag der theure Abgeſandte warten. Ich habe wichtigere Dinge zu thun, als um abgeſtandene und verlorene Titel zu ſtreiten. Wer iſt noch ſonſt zur Audienz da? *) Goujou. Bulletin. XXVII. erklär ſchwei Bram S Ew. Herr Kopf lichen mir mein dem nd. Sie uf ihrem Antwort enigſtens, ehren Sie Aufbahn ſetzt ein Befreit Kurfürſt Thür hin ſandten nſter ge⸗ auf den Talleh⸗ nd einen ben Tal⸗ tief ver⸗ ch kenne nich noch ten. 3 verlorene 169 Sire, der Abgeſandte der Herzogin von Weimar, ſagte Talleyrand. Führen Sie ihn her, befahl Napoleon, und während der Zeit erklären Sie mir, mein Herr, wandte er ſich dann an den braun ſchweigiſchen Geſandten, erklären Sie mir, wer der Herzog von Braunſchweig iſt? Sire, er iſt ein bis zum Tode verwundeter blinder Greis, der Ew. Majeſtät um die Gnade bittet, ruhig in ſeiner Hauptſtadt ſterben und in der Gruft ſeiner Väter ruhen zu dürfen, ſagte der Gefandte tief bewegt. Damit er aber ruhig ſterben könne, fleht er Ew. Ma⸗ jeſtät um die Zuſicherung an, daß Sie dem Sohn des Herzogs das Erbe ſeiner Väter nicht entziehen, daß Sie an dem Sohn das Unglück des Vaters nicht rächen wollen. Sire, der ſterbende Herzog von Braunſchweig ſendet mich, Ew. Majeſtät um Gnade für ſein Haus und ſein Land anzuflehen. Der Abgeſandte der Herzogin von Weimar, ſagte Talleyrand, mit Herrn von Müller in den Saal eintretend. Der Kaiſer begrüßte den Geſandten Weimars mit einem flüchtigen Kopfnicken und wandte ſich dann wieder an den Geſandten des unglück⸗ lichen Herzogs von Braunſchweig. Ich kenne keinen Herzog von Braunſchweig, ſagte Napoleon ſtrenge. Sein Name und ſeine Titel ſind auf dem Schlachtfeld von Auerſtädt begraben. Wenn ich die Stadt Braunſchweig zerſtörte und keinen Stein auf dem andern ließe, was würde Ihr Fürſt ſagen? Erlaubt mir das Vergeltungsrecht nicht, an Braunſchweig zu üben, was er meiner Hauptſtadt Paris einſt anthun wollte?“) Der Wahnſinn, zu dem dieſer alte General das Beiſpiel gab, hat die ſtürmiſche Jugend zu Gleichem berechtigt und den König von Preußen wider ſeine eigene Ueberzeugung mit fortgeriſſen. Sagt dem General Braunſchweig, er werde mit aller der Rückſicht behandelt werden, die man einem preußi⸗ ſchen Officier ſchuldet, aber für einen Souverain kann ich einen *) Im Jahre 1791, als der Herzog von Braunſchweig die Armee des Königs von Preußen als ihr Ober⸗Feldherr gegen die Franzoſen anführte, ſagte er in einer Anſprache an das Heer: Wir wollen dieſes räuberiſche Paris erobern und in Schutt und Aſche legen. 170 preußiſchen General nicht anſehen. Wenn alſo das Haus Braunſchweig das Erbe ſeiner Vorfahren jetzt verliert, ſo hat es das einzig und allein dem Urheber und Anſtifter zweier Kriege zuzuſchreiben, der in dem einen Kriege meine Hauptſtadt Paris zerſtören, in dem andern zweimalhunderttauſend Tapfere durch das Gebot, über den Rhein zu⸗ rückzukehren, entehren wollte*) Nach ſolchen Thatſachen kann der General Braunſchweig nicht erwarten, daß ich an ihm eine lächerliche und unverzeihliche Großmuth üben ſoll. Er hat ſein Schickſal in un⸗ bedachtſamem Uebermuth herausgefordert. Jetzt muß er tragen, was es ihm auferlegt! Sagen Sie das Ihrem Herrn! Entfernen Sie ſich! Seufzend und mit Thränen in den Augen zog ſich der braun⸗ ſchweigiſche Geſandte zurück.**) Des Kaiſers düſterer Blick ruhte auf ihm, bis er verſchwunden war. *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Goujou: Bulletin XXVI. Sobald Herr von Münchhauſen nach Braunſchweig zurückgekehrt, und dem unglücklichen Herzog das gänzliche Mißlingen ſeiner Sendung und die drohende Antwort Napoleons mitgetheilt hatte, verließ der ſchwer verwundete, ſterbende Greis ſeine Hauptſtadt und ſein Land, um nicht noch der Gefahr ausgeſetzt zu ſein, von den Franzoſen als Kriegsgefangener aufgehoben zu werden. Als er auf einer Sänfte, getragen von ſeinen treuen Dienern, ſein Schloß verließ, hörte man ihn leiſe wimmern: Quel honte! Ah quel honte! Und die Thränen rannen aus ſeinen erloſchenen Augen über die eingefallenen Wangen nieder. Ueber Zelle, Hamburg und Altona ließ ſich der Herzog von Braunſchweig nach Ottenſen, auf däniſches Gebiet tragen. Aber von dem Tage an, wo er das Schloß ſeiner Väter und ſein Land als Flüchtling hatte verlaſſen müſſen, nahm der Herzog keine Nahrung mehr zu ſich, er wollte das Leben nicht länger ertragen; der Hungertod ſollte ihn von demſelben erlöſen. Vergeblich beſchworen ihn ſeine Diener und ſein getreuer Leibarzt, dieſem un⸗ heilsvollen Vorſatz zu entſagen, der Herzog blieb ſtandhaft. Einmal nur ge⸗ lang es den dringenden Bitten ſeines Leibarztes, ihn zu bereden, eine Auſter zu eſſen. In ſeinen geſunden Tagen waren Auſtern eine Lieblingsſpeiſe des Herzogs geweſen, und auch jetzt erregten ſie ſeinen Appetit. Er gab alſo den Bitten ſeines Arztes nach und nahm die Auſter. Aber kaum hatte er ſie über ſeine Lippen gebracht, als er ſeine Schwäche bereute und der Entſchluß, Hun⸗ gers zu ſterben, wieder mit all ſeiner Kraft in ihm zurückkehrte. Er ſpie die Anſter von ſich und ſchrie:„Menſch, was thuſt Du? Du giebſt mir ja meine Augen zu eſſen.“ Von nun an fonnte nichts mehr ihn in ſeinem Ent⸗ grüß vorw Ehre milit Mil noch zogt reic hatt Kei wa aus nie H unſchweig einzig und n, det in m andern Rhein zu⸗ kann der lächeliche ſal in un⸗ n, was es Sie ſich! der braun⸗ ruhte auf 3 eehrt, und ng und die verwundete, der Gefahr ſgehoben zu ienern, ſein quel honte! eingefullenen Herzog von r von dem ichtling hate rwollte das lben erlöſen. dieſem Un⸗ mal mur g eine Aufter ngpiſe des gab alſo den te er ſi iber ſchluß, hur⸗ Er ſtie di ſt mir ieb ſinem Ent 171 Und jetzt, Talleyrand, will ich gehen, die Herren Polen zu be⸗ grüßen, ſagte er dann, indem er ſeinen Hut nahm und einige Schritte vorwärts that. Aber in dieſem Moment ſchien ſein Blick, wie zufällig, den Herrn von Müller zu gewahren, der neben Talleyrand ſtand. Ah, ſagte er, ich vergaß den Geſandten der Herzogin von Wei⸗ mar. Nun, vielleicht wäre es ein Glück für Sie geweſen, wenn ich Sie vergeſſen hätte. Denn wenn ich mich Ihrer erinnere, muß ich des Uebermuthes und Trotzes dieſes kleinen Herzogs gedenken, der es gewagt hat, mir zu opponiren und meinem Willen in den Weg zu treten. Sire, ſagte Herr von Müller, der Herzog glaubte, daß ſeine Ehre, ſeine Pflicht und ſein Rang ihm geböten, vor allen Dingen die militairiſche Treue nicht zu verleugnen. Er war durch langjährige Militairverträge mit Preußen verbunden, er hielt ſich daher auch dann noch an dieſe gebunden, als der König von Preußen zu des Her⸗ zogs tiefem, perſönlichem Schmerz in offene Feindſchaft gegen Frank⸗ reich trat. Ah bah, Vetträge! rief Napoleon. Ich ſage Ihnen, Ihr Herzog hatte den Kopf verloren, als er mir zu opponiren wagte. Es iſt jetzt die beſte Zeit, ſeine Staaten im Nu zu verlieren. Sie haben eben geſehen, wie ich es mit dem Herzog von Braunſchweig gemacht habe. Keine Nachſicht mit denen, welche wider mich ſind und mir zu trotzen wagen! Ich will dieſe Wölfe in die Sümpfe Italiens zurückjagen, aus denen ſie hervorgegangen ſind. Und indem er mit einer zornigen Bewegung ſeinen Hut zur Erde niederwarf, fuhr der Kaiſer mit donnernder Stimme fort: Wie dieſen Hut hier will ich ſie zertreten und vernichten, daß ihrer in Deutſchland ſchluß wankend machen. Ohne irgend ein Nahrungsmittel zu ſich zu nehmen, ſtarb der Herzog nach langen qualvollen Leiden am 10. November 1807 zu Ottenſen. Erſt am 10. November 1819 ward ſeine Leiche von ſeinem Neffen und Nachfolger, dem Herzog Friedrich Wilhelm, nach Braunſchweig gebracht und dort in der Familiengruft beigeſetzt. 172 nie mehr gedacht werde. Und große Luſt habe ich, es mit Ihrem Fürſten auch ſo zu machen.*) Sire, Ew. Majeſtät hatten indeß die Gnade, den Bitten der Her zogin von Weimar ein gnädiges Ohr zu leihen, ſagte der Geſandte mit ſchüchterner Stimme. Es iſt wahr, ſagte Napoleon, die Herzogin iſt eine edle Frau, und wenn ich ihrem Gemahl verzeihe, ſo geſchieht es nur um ihret willen, und weil ſie die Schweſter einer mir nahe verwandten Fürſtin iſt. Aber man ſoll nicht zu viel auf meine Nachſicht und meinen guten Willen wagen. Wenn der Herzog noch länger in ſeinem Widerſtand beharrt, wenn es wahr iſt, daß er auch jetzt noch den preußiſchen Dienſt nicht verlaſſen hat, ſo nehme ich mein der Herzogin geleiſtetes Verſprechen zurück und Ihr Herzog möge dann erfahren, was es heißt, mir zu opponiren! Sire, ſagte Herr von Müller, die Herzogin von Weimar ſendet mich, um Ew. Majeſtät anzuzeigen, daß ihr Gemahl den preußiſchen Dienſt verlaſſen hat und nach We eimar zurückkehren wird, um ſich nur mit dem Wohl ſeines eigenen Landes zu beſchäftigen. Die Frau Her⸗ zogin wagt es alſo jetzt, Ew. Majeſtät an Ihr Verſprechen zu erin⸗ nern, dem Herzog verzeihen und ihn im Beſitz ſeines Landes belaſſen zu wollen. Nun wohl, wenn es ſo iſt, werde ich mein Verſprechen erfüllen, ſagte Napolevn mit milderer Stimme. Ich werde dem Herzog die Souverainetät nicht entziehen, aber es verſteht ſich von ſelbſt, daß er einige Opfer wird bringen müſſen. Ich werde meinem Miniſter Tal⸗ leyrand darüber meine Willensmeinung mittheilen, und von ihm werden Sie das Nähere erfahren. Der Herzog ſoll ſeine Souverainetät be halten, aber machen Sie es ihm recht einleuchtend, daß er ſein Land und ſeine politiſche Exiſtenz einzig und allein der Achtung verdankt, die ich für ſeine Gemahlin und deren Schweſter, die Markgräfin von Baden, hege. *) Des Kaiſers eigene Worte. Siehe: Friedrich von Müller, Erinnerun gen aus den Kriegsjahren. S. 41 und 52. Napoleons eigene Worte. Siehe: Erinnerungen a. d. Kriegsjahren. S. 62. wenn enthu mit Er ſich Unb ich Fre He Gr An Gr it Ihrem der He Geſandte e Frau, um ihret⸗ n Fürſtin nen guten iderſtund reußiſchen geleiſtetes es heißt, nar ſendet reußiſchen nſich nur Fran Her⸗ zu erin⸗ belaſſen rfüllen, erzog die t, daß et iſter Tal⸗ m werde inetit be⸗ ſein Land verdankt, ifin von Erinlerun 173 Er nickte dem Geſandten einen kurzen Gruß und ging der Thür zu, welche in den großen Audienzſaal führte. Talleyrand hob raſch den Hut des Kaiſers vom Boden auf, und ihm denſelben nachtragend, ſagte er: Sire, Eure Majeſtät haben Ihren Hut verloren. Napoleon lächelte. Nun, ſagte er, in dieſen Tagen, wo ſo Manche die Krone und ſo Viele den Kopf verlieren, iſt es wohl verzeihlich, wenn män einmal ſeinen Hut verliert. Kommen Sie zu den guten enthuſiaſtiſchen Polen! M. Triumph und Kiederlage. Der Kaiſer hatte kaum die Schwelle des großen Audienzſaales überſchritten, als dieſer wiederhallte von enthuſiaſtiſchen Jubelrufen, von dem jauchzenden, immer wieder ſich erneuernden: Vive'Emperenr! Der Kaiſer dankte den polniſchen Abgeordneten für dieſen Gruß mit einem Lächeln, das wie ein Sonnenſtrahl ſein Antlitz verklärte. Er ſchritt raſch zu den Herren hin, die in ihrer ſchönen, mit Gold— ſtickerei und Brillanten geſchmückten Nationaltracht einen gar prächtigen Anblick darboten. Stellen Sie mir dieſe Herren vor, Talleyrand, ſagte der Kaiſer, ich will die Namen derjenigen, die ich von heute an als meine treuen Freunde betrachte, in meinem Gedächtniß aufbewahren. Und als Talleyrand ihm Einen nach dem Andern der polniſchen Herren präſentirte, empfing Napoleon jeden dieſer hochtönenden alten Grafennamen mit einem freundlichen Kopfneigen und einer Anmuth des Ausdrucks, welcher die Polen entzückte. Sire, ſagte der Graf von Dombrowsky, ein ſiebenzigjähriger Greis mit langwallenden Silberlocken, Sire, indem wir jetzt unſere Kniee vor Ew. Majeſtät beugen, iſt es ganz Polen, welches ſich Ihnen 174 zu Füßen legt, ganz Polen, welches ruft und jauchzt: Heil Napoleon dem Großen! Heil dem Befreier der Völker! Heil Napoleon dem Großen! Heil dem Befreier der Völker! riefen die andern Polen ihm nach, ihre Kniee beugend, ihre Arme und Blicke dem Kaiſer zugewandt. Dem Befreier der Völker! wiederholte Napoleon lächelnd. Niemand kann die Völker befreien, wenn ſie es nicht ſelber thun. Aber die Völker bedürfen, um ſich befreien zu können, eines edlen und hochherzigen Anführers, rief Graf Dombrowsky. Sire, das pol⸗ niſche Volk hofft auf Euch, es liegt auf ſeinen Knieen und betet zu Gott und zu Ew. Majeſtät, daß Ihr ihm der Befreier ſein wollt, den es ſo lange mit Schmerzen und Thränen erwartet hat. Der große Napoleon iſt über Frankreich wie ein leuchtender Stern aufgegangen, er iſt gekommen, er hat geſehen, und er hat das Weltall beſiegt! Oh unüberwinvlicher Cäſar! Indem ich Euch ſehe, ſind alle meine Wünſche und die meiner Landsleute erfüllt. Schon jetzt betrachten wir unſer Vaterland als gerettet, denn in Eurer Perſon verehren wir den wei⸗ ſeſten und gerechteſten Geſetzgeber.*) Ihr werdet uns erlöſen! Ihr werdet es nicht dulden, daß Polen noch länger zerſtückelt, zerriſſen und elend ſei. Oh, Sire, Polen hofft auf den Befreier der Völker, Polen hofft auf Napoleon den Großen, daß er es wieder aufrichte aus ſeiner Erniedrigung. Oh Cäſar, großer Cäſar, Polen hofft auf Euch! riefen die Polen, und in dem Enthuſiasmus ihrer Vaterlandsliebe der Etiquette vergeſ⸗ ſend, drängten ſie ſich zu Napoleon hin, umringten ſie ihn, um, aber⸗ mals auf ihre Kniee niederſinkend, ſeine Hände und ſein Gewand zu küſſen. Napoleon ließ es lächelnd geſchehen, aber dann nahmen ſeine Züge einen ernſtern, ſtrengern Ausdruck an. Jetzt ſtehen Sie auf, meine Herren, ſagte er, ich habe durch Sie die Huldigung der armen, wei nenden Polonia empfangen, aber jetzt will ich auch die tapfern Männer *) Siehe: Le Normand H.. ather ſtren hetrſ ſeine wied abhö Nopoleon Niemand ines edlen das pol⸗ betet zu wollt, den Ner große gegangen, iegt! Oh eWünſche wir unſer den wei⸗ ſen! Ihr iſſen und ket, Polen aus ſeiner die Polen, te verge un, aber⸗ nGewand 2 ſeine Zig⸗ meine uf, m men, we Männer rn Männ 175 dieſer weinenden unglücklichen Königin empfangen, und zu den Män⸗ nern Polens will ich jetzt reden. Stehen Sie alſo auf. Die Polen erhoben ſich und blickten mit flammenden Augen in athemloſer Erwartung zu dem Kaiſer hin, deſſen Antlitz wieder die ſtrenge Schönheit der römiſchen Antiken zeigte. Eine lautloſe Stille herrſchte jetzt in dem Saal, und als der Kaiſer dann ſprach, hallte ſeine Stimme wie rollender Donner in dem weiten Raume wieder. Ich würde mit lebhafter Theilnahme den polniſchen Königsthron wieder hergeſtellt ſehen, ſagte er, denn durch ihn würde auch die Un⸗ abhängigkeit ſeiner Nachbarn, welche durch den ungemeſſenen Ehrgeiz Rußlands bedroht werden, geſichert ſein. Aber Reden und thatenloſe Wünſche ſind nicht genügend. Wenn die Prieſter, der Adel und die Bürger gemeinſchaftliche Sache machen, wenn ſie den feſten Entſchluß faſſen, zu ſiegen und zu ſterben, dann werden ſie triumphiren, und ſie dürfen auf meinen Schutz rechnen!*) Sire, der Adel, die Prieſter und die Bürgerſchaft ſind einig und entſchloſſen, rief der Graf Dombrowsky. Wir harren nur auf das Wort unſers Erlöſers, daß er unſere Unabhängigkeit proclamire. Napoleon wiegte ernſt ſein Haupt. Ich kann Eure Unabhängigkeit nicht eher proclamiren, als bis Ihr entſchloſſen ſein werdet, Eure Rechte als Nation mit den Waffen in der Hand zu vertheidigen. Sire, wir ſind dazu entſchloſſen, riefen die Polen wie aus Einem Munde. Napolevn nahm dieſe Unterbrechung mit einem gütigen Lächeln auf und fuhr fort: Man hat Euch den Vorwurf gemacht, daß Ihr wäh⸗ rend Eurer beſtändigen innern Zwiſtigkeiten Eure wahrhaften Intereſſen und das Wohl Eures Vaterlandes aus den Augen verloren hättet. Belehrt durch Euer Unglück, einiget Euch und beweiſt der Welt, daß die geſammte polniſche Nation nur von Einem Geiſt beſeelt wird. Sire, wir werden es der Welt beweiſen! riefen die Polen, indem ſie wie zum feierlichen Schwur ihre Rechte emporhoben. Des Kaiſers glühende, tiefernſte Augen wandten ſich langſam und *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Goujou, Bulletin KXIX. 176 durchbohrend von Einem zum Andern hin; er ſchien Alle zu prüfen und auf dem Grunde ihres Herzens leſen zu wollen. Dann rief er mit lauter, machtvoller Stimme: Zur Wiederher⸗ ſtellung Polens gehört Blut, und noch einmal Blut, und zum dritten Mal: Blut!*) Sire, wir ſind freudig und jubelnd bereit, unſer Blut zu ver⸗ gießen für die heilige Sache des Vaterlandes, rief Graf Raczinsky begeiſtert. Nur müſſen wir wiſſen, oder doch hoffen können, daß es nicht umſonſt geſchieht. Sire, Polen ſtreckt Euch ſeine Arme entgegen, es winkt Euch mit Blicken voll anbetender Liebe, es ruft Euch ſehn⸗ ſuchtsvoll entgegen: Großer Cäſar! Komme zu mir, damit mir die Sonne wieder ſcheine, damit die lange fürchterliche Nacht meiner Qualen vor Deiner glanzvollen Geſtalt zerreiße, und es wieder hell und licht werde!— Oh, Sire, werdet Ihr das Flehen Polens erhören, werdet Ihr zu ihm kommen und ſeine Ketten löſen? Nein, ſagte der Kaiſer, ich werde nicht kommen zu dem weinenden Polen, welches mit ſeinen Ketten raſſelt und nur jammert und klagt, ſtatt zu handeln, aber ich werde kommen zu den polniſchen Männern und Helden, welche ihre Ketten abgeworfen und ihr Blut vergoſſen haben für ihr Vaterland! Gehet heim und ſagt das Euren Lands⸗ leuten, und fragt ſie, wann ich kommen werde! Sire, ſie werden ſagen, wie wir jetzt ſagen: Heil Cäſar! Wir ſchlagen unſere Schwerter zuſammen und tanzen den heiligen Waffen⸗ tanz, damit er komme und uns ſein Antlitz ſchauen laſſe! Ich werde kommen, ſobald es an der Zeit iſt! ſagte Napoleon bedeutungsvoll. Geht, meine Freunde, und ſagt das Euren Lands⸗ Die Zeit des Weinens und der Thränen iſt vorüber, jetzt iſt Benutzt ſie und ſeid weiſe! Kehrt leuten. die Zeit der Thaten gekommen! heim, ſo ſchnell Ihr könnt, denn ich möchte gern bei Euch ſein, noch ehe dies Jahr zu Ende gegangen! Lebt wohl! Er grüßte die Polen mit einem ſo anmuthigen Lächeln, daß ſie, *) Napoleons eigene Worte, eben ſo wie auch die vorhergehenden. zu prüfen iederher⸗ m dritten t zu ver⸗ Raczinsky n, daß es entgegen, Euch ſehn⸗ it mir die ht meiner wieder hell ts erhören, weinenden und klagt, Männern vergoſſen en Lands⸗ ſr Vi n Vaffen⸗ Napoleon ren lunẽ⸗ er, jetzt iſt iſe! ſein, uh 177 wie bezaubert von ſeiner Huld, wieder in den begeiſterten Ruf aus⸗ brachen: Es lebe Napoleon der Große, der Befreier der Völker! Umrauſcht von dieſer Jubelmelodie der ſanguiniſchen Polen ging Napoleon in den kleinen Audienzſaal zurück, begleitet von Talleyrand, dem er einen Wink gegeben hatte, ihm zu folgen. Nun, fragte der Kaiſer, als ſie wieder allein waren, was meinen Sie? werden die Polen ſich erheben? Ich bin davon überzeugt, Sire! Ihre Worte waren wie Stahl, der auf den Feuerſtein ſchlägt und den Zunder der polniſchen National⸗ begeiſterung entzündet. Es wird brennen, Sire, und zwar ſo hell bren— nen, daß Rußland, Oeſterreich und Preußen ſich an ihren polniſchen Provinzen gar ſehr die Finger verbrennen können.. Oeſterreich ſoll es nicht, ſagte Napoleon raſch, und im Uebrigen werden wir das Feuer ſchon zu dämpfen wiſſen, wenn es zu hell brennt. Laſſen Sie noch heute Ihre Depeſche an unſern Geſandten in Wien abgehen. Er ſoll dem Kaiſer auf das Allerdringendſte verſichern, daß ich durchaus nicht die Abſicht habe, die polniſche Erhebung allzuweit um ſich greifen zu laſſen, und daß ſeine galiziſchen Provinzen jedenfalls ungefährdet ihm verbleiben ſollen. Nun, Duroc? Was bringen Sie mir? rief der Kaiſer, als die Thür ſich eben öffnete und der Groß⸗ Marſchall mit einem Brief in der Hand hereintrat. Sire, ich bringe Ew. Majeſtät zwei Nachrichten auf einmal. Die erſte iſt, daß ein neuer Abgeſandter des Königs von Preußen ſo eben angelangt iſt und Ew. Majeſtät dies Schreiben des Königs, welcher ſich jetzt in Graudenz befindet, überbringt. Ah, rief Napoleon, er befindet ſich in Graudenz, das iſt ſchon wieder etwas näher zu den Grenzen ſeines Landes. Ich will ihn aber zurücktreiben bis in die letzte Stadt an der Gretnze. Die Königin ſoll es erfahren, was es heißt, einen Krieg veranläſſen! Er nahm den Brief, welchen Duroc ihm darreichte, und erbrach ihn heftig. Sire, ſagte Duroc, der Ueberbringer dieſes Briefes, ein Major von Rauch, bittet um die Gnade einer perſönlichen Audienz, um Ew. Majeſtät die Wünſche und Bitten ſeines Königs, welche dieſer ihm mündlich mitgetheilt, vortragen zu dürfen. Mühlbach, Napoleon. II. Bd. 12 178 Napoleon wandte ſich an Talleyrand. Empfangen Sie zuvörderſt dieſen Herrn, ſagte er, nachher berichten Sie mir, und wir wollen dann ſehen, ob ich ihm eine Audienz bewilligen kann. Aber warten Sie noch! Erſt wollen wir ſehen, was der Brief des Königs enthält. Er brach das Siegel und ſchlug das Papier auseinander, dann, eben im Begriff zu leſen, hob er das Auge wieder von dem Brief zu Duroc empor. Ich vergaß, daß Sie mir zwei Nachrichten zu bringen hatten, ſagte Napoleon. Nennen Sie Ihre zweite. Sire, ſo eben iſt der Prinz Auguſt von Preußen, unter Militair⸗ vegleitung, als Kriegsgefangener hier eingetroffen. Der Großherzog von Berg ſendet ihn Ew. Majeſtät als Trophäe Ihrer Siege. Der Obriſt von Gerard begleitet ihn. Der Prinz hat ſich tapfer gehalten? fragte Napoleon. Sire, der Obriſt von Gérard erzählt, daß ſelbſt die Unſrigen ſeinen Heldenmuth bewundert haben. Der Prinz hatte ſich mit einem Grenadierbataillon von dem Hohenlohe'ſchen Armee⸗Corps getrennt und war längs der Uker hingezogen. Unſere Dragoner verfolgten ihn, aber der Prinz ſchlug ſie mit ſeinem Bataillon mehrmals zurück, und es ürde ihm gelungen ſein, ſich und die Seinen durch die Flucht zu retten, wenn nicht das Terrain ihn aufgehalten hätte. Er gerieth auf Moorgrund, der, von vielen Abzugs⸗Canälen durchkreuzt, ſeinen Marſch aufhielt. Die Pferde verſanken in den Moraſt, die Reiter mußten ab ſitzen und ſie zu Fuß weiter führen. Auch der Prinz war gezwungen, zu Fuß durch den Moor zu waten; er führte ſein Pferd an der Hand, und eben, wie er wieder feſteren Grund unter ſich fühlte und ſein Pferd wieder beſteigen wollte, um raſcher fortzukommen, riß das Thier ſich los und ſprang in die Uker, um ſein eigenes Leben zu retten. Nun gelang es unſern Grenadieren, den Prinzen einzuholen und gefangen zu nehmen, und wie die Preußen ihren Führer verhaftet ſahen, ergaben auch ſie ſich.— Der Großherzog läßt Ew. Majeſtät dies ſo ausführ⸗ lich vermelden, weil er weiß, daß Ew. Majeſtät die Tapferkeit des Kriegers auch im Feinde ehrt, und weil dieſe lebendige Siegestrophäe, zuvörderſt ir wollen arten Sie hält. er, dann, Brief zu en hatten, Militair⸗ roßherz 09 r De e Unſrigen mit einem etrennt und nihn, aber c, und es Flcht zu erieth auf Marſch inen mften ab⸗ gezwungen⸗ bon⸗ — 179 die er Ew. Majeſtät ſendet, dadurch gewiß noch in Ihren Augen an Werth gewinnen würde. Wo iſt der Prinz? fragte Napoleon raſch. Sire, er befindet ſich im Vorſaal und erwartet, daß Ew. Majeſtät über ihn, den Kriegsgefangenen, beſtimme. Sire, er bittet um die Gnade, ſich zu ſeinen Eltern begeben zu dürfen, um bei ihnen ſeine Wunden heilen zu laſſen. Ich will den Prinzen ſehen, befahl Napoleon. Führen Sie ihn ſogleich hierher. Sire, wollten Ew. Majeſtät ihm nicht gnädigſt geſtatten, erſt ein wenig Toilette zu machen? fragte Duroc. Der Prinz befindet ſich nicht in einem Aufzuge, um würdig vor Ew. Majeſtät erſcheinen zu können. Nun, ſo mag er unwürdig vor mir erſcheinen, ſagte Napoleon rauh. Führen Sie ihn ſogleich hierher! Er winkte Duroc mit der Hand und wandte dann ſeine Augen wieder dem Brief zu, den er noch immer ungeleſen in der Hand gehalten. Talleyrand, welcher unfern von ihm ſtand, heftete ſeine ſcharfen, liſtigen Augen auf das Antlitz des Kaiſers. Er ſah, wie es aufleuch⸗ tete in ſtolzer Befriedigung, und wie dann allgemach ein kaltes, v⸗ achtungsvolles Lächeln um ſeine Lippen zuckte. Ich werde dem neuen preußiſchen Abgeſandten ſehr harte Bedin⸗ gungen ſtellen können, ſagte Talleyrand zu ſich ſelber, der König ſcheint ſich demuthsvoll zu unterwerfen, denn der Stolz des Triumphators leuchtet von des Kaiſers Stirn. Eben warf Napoleon den Brief mit einer raſchen Handbewegung auf den Tiſch hin. Leſen Sie, Talleyrand, ſagte er nachläſſig. Es iſt immer lehrreich, zu ſehen, wie klein dieſe Menſchen im Unglück, wie hochmüthig ſie im Glück ſind. Und ſolche Leute wollen ſein und Kronen tragen! Talleyrand ſtreckte eben die Hand nach dem Brief aus, als die Thür ſich öffnete und der Groß-Marſchall hereintrat. K Sire, rief er, der Prinz Auguſt von Preußen! 180 Laſſen Sie ihn eintreten, ſagte Napoleon, indem er ſich langſam und nachläſſig auf den vergoldeten, mit purpurrothem Sammet bezo⸗ genen Lehnſeſſel niederſetzte, welcher in der Mitte des Zimmers ſtand, und Talleyrand winkte, zu ihm zu kommen. In demſelben Augenblick, als Talleyrand hinter den Lehnſtuhl des Kaiſers trat, erſchien da drüben auf der Schwelle die hohe ſchlanke Geſtalt des Prinzen Auguſt von Preußen. Duroc hatte wohl Recht, der Prinz war nicht in einem Aufzuge, um würdig vor dem Kaiſer erſcheinen zu können. Seine Uniform war zerriſſen und mit Schmutz beſpritzt, den einen Fuß nur bedeckte ein mit Schlamm und Moraſt wie mit einer Kruſte überzogener Stiefel. Der andere Stiefel war im Moorgrund bei Schönemark ſtecken geblieben, und durch einen ſchweren Holzpantoffel, wie ihn die Bauern tragen, erſetzt worden. Den rechten verwundeten Arm trug der Prinz in einer leinenen Binde, die hier und da mit Blutſpuren beſchmutzt war, ſchräg über die Stirn zog ſich eine mit einem breiten ſchwarzen Pflaſter be⸗ deckte Wunde. So, in dieſem jammervollen Aufzuge erſchien der Neffe Friedrichs des Großen in dem glänzenden Saal des preußiſchen Königsſchloſſes vor dem Beſieger ſeines Vaterlandes und ſeines Hauſes, vor dem Kaiſer Napoleon, der ihn ſitzend empfing und kaum das Haupt bewegte, um die ſteife militairiſche Begrüßung des Prinzen zu erwiedern. Seine Augen ruhten mit einem düſteren ſtrengen Ausdruck auf dem Antlitz des Prinzen, ſeine zuſammengepreßten Lippen verriethen den Zorn, der in der Bruſt des Kaiſers aufwogte. Der Prinz indeß ſchien das gar nicht zu gewahren, und ſich gar nicht bedrückt und gedemüthigt zu fühlen von der ſeltſamen Situation, in welcher er ſich befand. Seine großen feurigen Augen begegneten furchtlos und ruhig den düſteren Blicken des Kaiſers, er trug ſein Haupt nicht demüthig geſenkt, ſondern aufrecht und frei, keine Spur von Furcht oder Sorge ſprach aus ſeinem jugendlichen ſchönen Ange⸗ ſicht, ein leiſes Lächeln ſogar umſpielte ſeine rothen, üppig aufgewor⸗ fenen Rppen, als er ſeine Augen raſch in dem Saal umhergleiten ließ, und ſie dann wieder auf den Kaiſer heftete, der da in ſeinem goldenen Sava Schla hier füden Saba wirkli Sein ſeines Eben derts ſchrif fzuge, nwar in mit neiner ſchräg edrichs Kalſer uation, egneten ſein Spu Ange⸗ ewor nließ ldenen 181 Lehnſtuhl ſaß und hinter dem Talleyrand und Duroc voll Ehrfurcht und Unterthänigkeit ſtanden. Sie ſind ein Bruder des Prinzen Louis Ferdinand, der bei Saal⸗ gefallen iſt? fragte Napoleon mit rauher, haſtiger Stimme. Ja, Sire, ich bin der Sohn des Prinzen Ferdinand von Preußen, ſagte der Prinz ernſt. Ein Neffe Friedrichs des Zweiten! rief Napoleon. Ein Neffe des großen Heldenkönigs, welcher Frankreich ſo ſehr liebte, daß er in ſei⸗ nem Herzen und ſeiner Geſinnung ganz Franzoſe war. Sire, ſagte der Prinz ruhig, die Geſchichte lehrt indeſſen, daß der große König nicht immer der Freund Frankreichs war, und daß ſeine Liebe zu Frankreich ihn doch nicht hinderte, es zu bekämpfen. Seine — ₰ Feindſchaft gegen Frankreich brachte ihm nicht minderen Ruhm, als ſeine Freundſchaft für Frankreichs Dichter und Gelehrte. Ach, Sie wollen von Roßbach reden, ſagte Napoleon achſelzuckend. Wir haben den Namen Roßbach mit den Namen Jena und Auerſtädt ausgelöſcht, und die Siegesſäule, die auf dem Schlachtfeld von Roß⸗ bach ſtand, wandert jetzt nach Frankreich, um eine Trophäe unſerer Siege zu ſein.*) *) Am Tage nach der Schlacht von Jena ſagte der Kaiſer zum General Savary, Herzog von Rovigo, als ſie zwiſchen Merſeburg und Halle über das Schlachtfeld von Roßbach dahin ritten: Galoppiren Sie doch in dieſer Richtung hier links vorwärts; Sie werden ungefähr eine halbe Meile von hier die Säule finden, welche die Preußen zum Andenken an jene Schlacht aufgerichtet haben.— Savary ritt in der von dem Kaiſer angegebenen Richtung vorwärts und fand wirklich bald inmitten eines abgemäheten Kornfeldes die kleine ſteinerne Säule. Sein Taſchentuch hoch empor ſchwenkend, gab General Savary ein Zeichen ſeines glücklichen Fundes und Napoleon ſprengte mit ſeinem Gefolge über die Ebene daher, um die kleine, vom Sturm und Wind eines halben Jahrhun derts verwitterte Säule zu betrachten und die vielen, kaum noch leſerlichen In ſchriften, mit denen ſie bedeckt war, zu entziffern. Da eben in der Nähe die Diviſion des Generals Suchet vorbeizog, ließ der Kaiſer ihm befehlen, er ſolle die Säule ausheben, weil er ſie nach Paris ſenden wolle. General Suchet ließ die Säule von ſeinen Sappeurs aus der Erde heben und ſie ward ſofort auf drei bis vier Wagen gelegt, um nach Paris gebracht zu werden. Siehe: Mémoires du Duc de Rovigo, II. S. 293. 182 Der Prinz neigte leiſe ſein Haupt. Es iſt wahr, ſagte er, das Glück des Krieges iſt ſehr dem Wechſel unterworfen. Dies tröſtet die⸗ jenigen, welche in der Gegenwart unterlegen ſind, mit der Zukunft. Der Kaiſer warf einen zornigen Blick hinüber nach dem Prinzen, welcher dieſen Blick mit keckem, furchtloſem Ausdruck erwiederte; ihre flammenden Augen kreuzten ſich wie zwei Degenſpitzen im Duell. Ich ſehe, Sie ſind nicht blos der Geburt, ſondern auch der Ge⸗ ſinnung nach ein Bruder des Prinzen Louis Ferdinand, ſagte Napoleon zürnend. Gleich ihm haben Sie zu den unruhigen Köpfen gehört, welche den Krieg um jeden Preis wollten. Es hat harter Schickſals⸗ ſchläge bedurft, um Ihr Kriegsfieber ein wenig abzukühlen. Jetzt wer⸗ den Sie hoffentlich davon geneſen ſein. Ihr Bruder hat ſeinen tollen Uebermuth auf dem Schlachtfeld von Saalfeld gebüßt. Sie haben es dahin gebracht, daß Sie in dem elendeſten Aufzuge als Kriegsgefan⸗ gener in die Hauptſtadt Preußens zurückgekehrt ſind, welche Sie vor wenigen Wochen mit ſo tollen Siegeshoffnungen verlaſſen hatten. Sie hätten zur rechten Zeit der Simme der Vernunft Gehör geben und nicht achten ſollen auf die Syrenenſtimme der Königin, welche zu Preußens Unglück alle junge Männer in die Charybdis des Krieges hineingelockt hat, und— Sire, unterbrach ihn der Prinz mit faſt drohender Stimme, Sire, nichts gegen die Königin, wenn ich bitten darf! Es ſteht Ihnen, dem Sieger, frei, die Ueberwundenen zu demüthigen und zu ſchelten, wenn Ew. Majeſtät Gefallen finden an dieſem Triumph, aber die edle und unglückliche Königin darf nicht hineingezogen werden in den Streit der Männer; wir begehren nicht die Entſchuldigung, daß ſie uns aufgereizt habe, und ihre hohe und leuchtende Tugend verdient nicht die Beſchul⸗ digung, daß ſie es gethan habe!* Ach, rief Napoleon mit einem höhniſchen Lächeln, Sie ſcheinen, gleich allen jungen Männern, zu den enthuſiaſtiſchen Anbetern der Königin zu gehören. Sire, das beweiſt, daß die jungen preußiſchen Männer noch Ge⸗ fühl haben für die Tugend, die Keuſchheit und die Sitte. Es iſt wahr, wir Alle beten die Königin wie unſere Heilige an; ſie iſt das leuch⸗ 6= r, das tet die⸗ unft. rinzen, e; ihre wenn n, dle und treit der ufgereiſt Beſchul⸗ ſcheinen, tern der 1ch Ge⸗ ſt wahr, leuch⸗ 183 tende Vorbild unſerer Mütter, unſerer Frauen und unſerer Töchter, ſie iſt das Ideal unſerer Männer und Jünglinge, und vor ihr neigt ſich in Bewunderung und Liebe Jeder, der einmal das Glück genoſſen hat, ſie geſehen und geſprochen zu haben. Hätten Sie ſich Alle weniger vor ihr geneigt, ſo würde Preußen jetzt nicht ſo gebeugt und gedemüthigt im Staube liegen, ſagte der Kaiſer rauh. Preußen und Frankreich ſind von der Natur dazu be⸗ ſtimmt, Freunde zu ſein, und ich, welcher den Krieg niemals geſucht, ſondern ihn nur als eine traurige Nothwendigkeit betrachtete, ich war ſehr geneigt, in Frieden und Freundſchaft Preußen meine Hand zu reichen. Aber Ihre Königin und Ihre Garde⸗Officiere wünſchten und wollten den Krieg, von dem ſie vermeinten, daß er ihnen Lorbeeren Jetzt haben Sie den Krieg mit allen ſeinen Schreck⸗ Sie haben durch ihn einen t in Prenzlau vor dem bringen ſollte. niſſen. Was hat er Ihnen gebracht? Bruder verloren und Sie ſelber haben jetz Sieger Ihre Waffen niederlegen müſſen. Sire, ſagte der Prinz edel und ſtolz, ich bitte Ew. Majeſtät, mich welche die Capitulation von nicht mit Denen verwechſeln zu wollen, ich bin mit Prenzlau abgeſchloſſen haben. Ich habe nicht capitulirt; den Waffen in der Hand gefangen genommen worden, aber ich habe ſie nicht freiwillig niedergelegt. 5) Junger Mann, ſagte Napoleon mit ernſter, kalter Ruhe, hüten Sie ſich, daß Ihr Hochmuth Sie nicht noch tiefer in's Verderben führe. Die preußiſchen Prinzen ſind jetzt nicht in der Lage, hochtönende und ſtolze Worte ſprechen zu dürfen. Ihr König weiß das und hat das eingeſehen; er hat mich, hören Sie wohl, was ich Ihnen ſage, er hat mich in den unterwürfigſten Ausdrücken um Frieden gebeten, er fleht mich an um meine Freundſchaft und nennt ſich glücklich, daß ich ſeine Schlöſſer bewohne. Sire, das iſt unmöglich, rief der Prinz mit aller Unbedachtſamkeit ſeines feurigen Naturells. *) Des Prinzen eigene Worte. 184 Napoleon zuckte die Achſeln und wandte dann ſein Haupt ein wenig zur Seite nach Talleyrand hin. Leſen Sie uns doch den Brief laut vor, Herr Miniſter, ſagte er, ich ſelber habe ihn erſt oberflächlich geleſen. Da Sie, Prinz, vielleicht in diefen Tagen der Unruhe keine directen Nachrichten von dem König erhalten haben, mögen Sie aus dieſem Brief über ſeine Lage und ſeine Geſinnung ſich unterrichten. Leſen Sie, Herr Miniſter! Und Sie, Prinz, ſetzen Sie ſich! Er deutete mit der Hand auf einen der vergoldeten Seſſel hin, die da unfern von der Thür an der Wand ſtanden. Prinz Auguſt in⸗ deſſen nahm dieſe gnädige Einladung nicht an. Er verneigte ſich und ſagte lächelnd: Erlauben Ew. Majeſtät, daß ich ſtehe, denn mein Anzug paßt wenig zu den vergoldeten Seſſeln, und einem armen Vagabunden, wie ich es bin, ziemt es wohl, demüthig an der Thür zu ſtehen. Zu⸗ dem bringt es bei uns in Preußen die Etiquette mit ſich, daß wir ſtehend den Worten unſers Königs und Souverains zuhören. Leſen Sie, Talleyrand, ſagte der Kaiſer, und indem er ſich nach⸗ läſſig und bequem in den Lehnſtuhl zurückwarf, heftete er ſeine Augen feſt auf den Prinzen, um in ſeinem Antlitz den Eindruck zu leſen, den der Brief des Königs auf ihn machen würde. Talleyrand erhob jetzt ſeine Stimme und las: „Mein Herr Bruder! Als ich Ew. Kaiſerliche Majeſtät um Frieden bat, berieth ich mich mit meiner Vernunft, aber ich habe mich jetzt auch mit meinem Herzen berathen. Ungeachtet der fürchterlichen Opfer, welche Sie, Sire, mir ſo eben auferlegen, wünſche ich dennoch auf das Leb⸗ hafteſte, daß der Friede, der bereits durch die Annahme der Grund⸗ bedingungen geſichert iſt, mich recht bald berechtigen möge, mit Ew. Kaiſerlichen Majeſtät wieder in die freundſchaftlichen Beziehungen zu treten, die der Krieg nur auf einen Augenblick unterbrochen hat. Es iſt mir eine angenehme Pflicht, mein Herr Bruder, durch einen Beweis des Vertrauens meinen aufrichtigen Wunſch an den Tag zu legen, un⸗ ſere Freundſchaft zu cultiviren, und ich glaube Ew. Kaiſerlichen Ma⸗ jeſtät dieſen Beweis zu liefern, indem ich, ohne nur die Unterzeichnung pt ein te er, Uleicht König und Anzug welche Leb⸗ rund⸗ 185 des Friedenstractates abzuwarten, den Marſch der ruſſiſchen Truppen aufhalte.“ „Ich hatte den innigſten Wunſch, daß Ew. Majeſtät in meinen Schlöſſern auf eine Ihnen angenehme Weiſe aufgenommen und behan⸗ delt werde, und mit Eifer habe ich zu dieſem Zweck alle Maßregeln ergriffen, welche die Umſtände mir geſtatteten. Möchte es mir gelungen ſein! Als Erwiederung dafür möge Ew. Majeſtät mir erlauben, meine Hauptſtadt und die Mark Brandenburg Höchſtihrer Großmuth zu em⸗ pfehlen. Dies Land, welches von der Natur wenig begünſtigt worden, iſt gewiſſermaßen die Schöpfung meines unſterblichen Ahnherrn. Möch— ten Sie, Sire, daſſelbe als ein Denkmal anſehen, welches er ſich ſelber aufgerichtet hat, und die vielfachen Uebereinſtimmungen, welche zwiſchen Ew. Majeſtät und jenem großen Mann exiſtiren, werden, ich darf es hoffen, für Sie neue Veranlaſſung ſein, eine hochherzige Schonung ſeines Werkes zu befehlen.“ „Außerdem möchte ich noch wagen, Ew. Majeſtät zu bitten, daß Sie in Ihrer Güte von den grauſamen Verluſten, welche Sie mir auf⸗ erlegen, das Halberſtädtiſche und die zum Herzogthum Magdeburg ge⸗ hörigen Lande ausnehmen möchten. Ich würde eine ſolche Anordnung als eine köſtliche Garantie Ihrer perſönlichen Gefühle für mich be⸗ trachten, und, zählen Sie auf mein Wort, Sire, ich würde mich eifer⸗ ſüchtig beweiſen, dieſe Gefühle auf das Vollſtändigſte zu erwiedern. Hiermit bitte ich Gott, daß er Sie in ſeinen gnädigſten Schutz nehme und verbleibe, mein Herr Bruder, Ew. Majeſtät ergebener und wohl⸗ affectionirter Friedrich Wilhelm.“*) Nicht einen Moment hatte Napolevn während der Lectüre ſeine Augen von dem Antlitz des Prinzen gewandt. Er hatte geſehen, wie er anfangs erröthete vor Unwillen, wie ſeine Stirn ſich verfinſterte und wie dann nach und nach ein tiefer Schmerz aus ſeinen Zügen ſprach. Nun, hatte ich nicht Recht? fragte Napoleon, als Talleyrand *) Dieſer Brief, deſſen Original natürlich franzöſiſch iſt, wird mitgetheilt in: Lefebre, Histoire des Cabinets. Vol. TI. S. 221— 223. 186 ſchwieg. Unterwirft Ihr König ſich nicht allen meinen Bedingungen, und heißt mich willkommen in ſeinen Schlöſſern? Sire, ſagte der Prinz traurig, es ziemt mir nicht zu deuteln an den Worten meines Königs. Wenn der König geſprochen hat, gebührt es mir zu ſchweigen. Nur das wage ich zu bemerken, daß Ew. Majeſtät aus dieſem Briefe erſehen können, wie die Königin ſich nicht einmiſcht in die Regierungsgeſchäfte und keinen Theil daran nimmt. Hätte ſie es gethan, ſo würden Ew. Majeſtät ohne Zweifel dieſen Brief des Herrn von Haugwitz nicht empfangen haben. Des Herrn von Haugwitz? fragte Napoleon. Des Königs, wollen Sie ſagen! Sire, der König lieh nur ſeinen Namen und ſeine Handſchrift dazu, Herr von Hauwitz gab die Worte und den Geiſt. Sie ſind alſo der Meinung, daß die Königin nicht der Anſicht ihres Gemahls iſt? fragte der Kaiſer haſtig. Sie glauben, daß, wenn es auf die Königin ankäme, ſie noch immer auf die Fortſetzung des Krieges beſtehen würde? Sire, ich erlaube mir nur zu ſagen, daß ſie ſolchen Brief nicht geſchrieben haben würde. Ich weiß es wohl, rief Napoleon heftig. Ihre Königin haßt mich, ſie würde lieber ſterben, als um meine Freundſchaft bitten, ſie würde lieber unter den Trümmern des Thrones ſich begraben, als dieſen Krieg beenden und mich ihren Bruder nennen. Aber ich will dieſe ſtolze Seele beugen, ich will ihr Herz zerknirſchen, daß es bereuet. Ich will— aber mein Gott, unterbrach ſich der Kaiſer auf einmal, was fehlt Ihnen? Sie erbleichen? Sie ſchwanken, Prinz? Und in der erſten Ueberraſchung erhob ſich der Kaiſer haſtig aus ſeinem Lehnſtuhl und that einige Schritte vorwärts. Aber der Prinz winkte ihm, zurückzutreten. Es iſt nichts, ſagte er matt, nur eine augenblickliche Schwäche der Natur, weiter nichts. Ich habe in meh⸗ reren Tagen und Nächten nicht geruht, und der Blutverluſt hat meine Kräfte erſchöpft. Außerdem,— warum ſollte ein armer Landſtreicher, wie ich es jetzt bin, ſich ſcheuen, es einzugeſtehen,— außerdem hun⸗ -— —— ungen, eln an ebührt ajeſtt miſcht tte ſie ef des wollen ſchrift Anſicht f nicht t mich, würde t meine treicher, m hun⸗ 187 gert mich, Sire, denn ich habe ſeit vierundzwanzig em genoſſen. Armer junger Mann, ſagte Napoleon mitleidsvoll, indem er dicht zu dem Prinzen heran ſchritt, und ſeine dunkelblauen Augen mit einem gütigen theilnahmsvollen Ausdruck auf ihn heftete. Ich beklage Sie um Ihres Mißgeſchicks willen. Sie haben es perſönlich nicht verdient, denn ich weiß, Sie haben tapfer und heldenmüthig gefochten und ſind eines günſtigeren Schickſals werth geblieben. Sie ſind Kriegsgefangener, aber wollen Sie mir Ihr Ehrenwort geben, keine Verſuche zur Flucht zu machen, und nicht mehr in dieſem Kriege die Waffen wider mich zu erheben? Sire, ſagte der Prinz, auf ſeinen verwundeten rechten Arm deutend, Sire, ich muß Ihnen mein Ehrenwort wohl geben! Ich bin Ihr Kriegsgefangener und ich werde keinen Verſuch machen zu entfliehen. So gehen Sie jetzt zu Ihren Eltern. Ich erlaube Ihnen, in dem Hauſe des Prinzen Ferdinand zu bleiben, bis Sie von Ihren Wunden wieder hergeſtellt ſind. Ich will Ihre Mutter nicht länger der Freude berauben, ihren tapferen Sohn umarmen zu können. Gehen Sie alſo zu ihr! Der Prinz verneigte ſich, und war im Begriff, hinaus zu gehen. Nun, Prinz, Sie haben nicht ein Wort des Dankes für mich? fragte Napoleon freundlich. Der Prinz lächelte traurig. Sire, ſagte er, ſich tief verneigend, Sire, ich danke für gnädige Strafe! MII. Die Pictoria des Brandenburger Thors. Ohne noch eine weitere Erlaubniß, ſich entfernen zu dürfen, ab⸗ zuwarten, öffnete der Prinz haſtig die Thür, und ging hinaus. 188 Einen Moment mußte er ſich draußen im Vorzimmer nieder⸗ ſetzen, denn ſeine Füße zitterten ſo ſehr, daß ſie ihn kaum zu tragen vermochten, und eine ſo tödtliche Bläſſe bedeckte ſeine Wangen, daß der Oberſt Geérard, der den Prinzen im Vorzimmer erwartet hatte, entſetzt zu ihm hineilte und ihn fragte, ob er ihm geſtatten wolle, einen Arzt zu holen. Prinz Auguſt ſchüttelte lächelnd das Haupt. Der Arzt, deſſen ich bedarf, wohnt in der Küche meiner Mutter, ſagte er, und Ihr Kaiſer hat erlaubt, daß ich ihn da aufſuche. Eben trat der Groß⸗Marſchall in den Vorſaal und Gérard zu ſich winkend, flüſterte er ihm leiſe einige Worte zu. Ew. Königliche Hoheit ſind der Laſt überhoben, mich zur Beglei⸗ tung zu haben, ſagte der Obriſt dann zu dem Prinzen. Erlauben Sie mir nur noch, Sie bis zum Wagen, der Sie nach dem Palais des Prinzen Ferdinand bringen ſoll, zu geleiten. Drunten im Hof ſtand eine kaiſerliche Equipage bereit, und der Obriſt Gérard ſelber beeilte ſich den Schlag zu öffnen, um dem Prinzen beim Einſteigen behülflich zu ſein. Aber der Prinz winkte abwehrend mit der Hand und trat zurück. Ich bin es nicht werth, die glänzende kaiſerliche Equipage zu beſteigen, ſagte er. Sehen Sie nur, ſelbſt der Kutſcher auf dem Bock in der kaiſerlichen Livrée ſieht elegant aus gegen mich und ganz Berlin würde mich verlachen, wenn es mich in der glänzenden Equipage des Kaiſers daher kommen ſähe. Laſſen Sie mich alſo ganz demüthig und be⸗ ſcheiden von dannen gehen, und den erſten beſten Fiaker, dem ich be— gegne, beſteigen. Leben Sie wohl, Herr Obriſt, und nehmen Sie meinen Dank für alle Aufmerkſamkeit und Güte, die Sie mir bisher bewieſen haben. Er reichte ihm freundlich die Hand dar und ſchritt dann eilig über den Schloßhof nach dem Platz vor demſelben, dem ſogenannten Luſt⸗ garten dahin. Schon hatte der Prinz dieſen und die breite Brücke, welche hier über einen Arm der Spree führt, überſchritten, und noch immer hatte er keinen Fiaker gefunden. Aber die friſche Luft und das Gefühl der Frei gent könn Nier ich! ieder⸗ ragen „daß hatte, einen n ich Kaiſer rinzen wück. igen, nder vürde iſers be⸗ hier m 189 6 Freiheit hatte ihm wohlgethan und ihn gekräftigt, er fühlte ſich ſtark genug, den Weg bis zum Palais ſeines Vaters zu Fuß zurücklegen zu können. Niemand erkennt mich in dieſem elenden Aufzug, ſagte er lächelnd, Niemand wird daher Notiz von mir nehmen, und ganz unbemerkt werde ich nach Hauſe gelangen. Und mit rüſtigem Schritt ging er über den Opernplatz den Linden zu. Eine merkwürdige Oede und Stille herrſchte auf dieſem ſonſt ſo belebten und vielbeſuchten Platze, kein einziger Spaziergänger, keins dieſer vergnügten, ſelbſtbewußten und ſelbſtzufriedenen Geſichter, deren man ſonſt ſo vielfach auf dem Opernplatze und unter den Linden be⸗ gegnete, war heute zu ſehen. Nur hier und da ſchlich irgend ein altes Mütterchen traurig und gebeugt dahin, und wie der Prinz jetzt an der Hauptwache vorüber kamm, ſah er vor derſelben franzöſiſche Sol⸗ daten ſtehen, die trotzig und hohnlächelnd den preußiſchen Officier vorübergehen ſahen, und denen es nicht einfiel, vor demſelben zu ſalutiren. Ach mein Bruder, flüſterte Prinz Auguſt in ſich hinein, Deine Prophezeiung hat ſich ſchnell erfüllt. Es wird nicht mehr getrommelt, wenn wir aus dem Thor fahren und an der Wache vorüber gehen. Meinetwegen! Ich wollte ſolcher Ehren gern entbehren, wenn nur Preußen ſelber noch geehrt würde, wenn nur— Ein ſeltſames Geräuſch, das von dem unteren Ende der Linden daher kam, unterbrach den Prinzen in ſeinem Selbſtgeſpräch. Er ſchritt raſcher vorwärts, zu ſehen, was es dort gäbe. Das Rufen und Schreien kam immer näher, und ein dunkler, verworrener Menſchen⸗ knäuel wälzte ſich von dem Eingang der Linden durch das Branden⸗ burger Thor daher. Allmälig entwirrte ſich dieſer Knäuel mehr und mehr vor den Augen des Prinzen, allmälig konnte er deutlich dieſe Maſſe unterſcheiden, die ſich ihm da entgegenwälzte. Es waren fran⸗ zöſiſche Soldaten, die auf der Straße daher kamen, und auf der Seite der Straße und in der Mitte der Linden begleitete dieſe das⸗ Volk und die Bürger in dem glänzenden Coſtüm der National⸗Gar⸗ diſten, das ſie, mit der Bewilligung der franzöſiſchen Behörden, jetzt 190 angelegt, um, da Berlin jetzt ganz von preußiſchem Militair entblößt war, in Gemeinſchaft mit dem franzöſiſchen Militair die Wachen zu beziehen. Aber nicht ſchweigend und ſtill begleiteten das Volk und die National⸗Gardiſten die franzöſiſchen Soldaten, ſondern deutlich vernahm der Prinz das Hohngelächter, die lauten Spöttereien des Volkes, und der Buben ſogar, die ſich auf die Bäume geſchwungen hatten, und von dort ihr wieherndes Lachen und ihre ſpöttiſchen Zurufungen her⸗ unter krähten. Und jetzt, wie der Zug näher kam, wie die Maſſen des Volks ihn ſelber umſchlangen, jetzt erkannte der Prinz, was dieſes Hohnlachen und dieſer Spott zu bedeuten habe. In der Mitte der geputzten, glänzenden franzöſiſchen Soldaten bewegte ſich ein gar ſeltſamer und trauriger Zug daher.— Es waren die kriegsgefangenen preußiſchen Garde⸗Officiere, die von Prenzlau nach Berlin hatten wandern müſſen, und welche die franzöſiſchen Garde⸗ Grenadiere vor der Stadt empfangen, und außerhalb der Stadt an der Mauer zum Brandenburger Thor geführt hatten, damit ſie, wie es der Kaiſer befohlen, grade durch dieſes Thor ihren Einzug halten ſollten. Vor zwei Monaten waren ſie aus dieſem ſelben Thore dahin ge⸗ zogen im vollen Glanz ihrer ſchönen Uniform, ſtolz und prächtig an zuſchauen, ſtolz und übermüthig von ihren glänzenden Roſſen hernieder⸗ ſchauend auf die Bürger und Civiliſten, deren demüthigen Gruß ſie kaum erwiderten. Vor zwei Monaten noch hatte der General von Rüchel mit Stolz ſagen dürfen:„ein preußiſcher Officier geht nie zu Fuß“,*) vor zwei Monaten noch hatten ſie es der Mühe kaum für werth gehalten, ihre Schwerter zu ziehen gegen die Franzoſen, ſondern gemeint, es genüge, ihnen mit Knüppeln entgegen zu ziehen, um ſie zu verjagen. Aber jetzt, nach zwei Monaten, jetzt hatten die Unglückstage von Jena ſie gelehrt zu Fuß zu gehen, jetzt ſchauten ſie nicht mehr ſtolz *) Siehe: Freiherr von Müffling: Aus meinem Leben. S. 80. —— ßiſ M un nahm und und her⸗ daten waren nzlau zarde⸗ dt an — 19 von ihren Roſſen hernieder auf die verachteten Civiliſten, und der ſtolze 5 Siegermuth war in ihrer Bruſt erloſchen. Traurig und geſenkten Hauptes kamen ſie daher, ſchwer darnieder gebeugt, und doch ge⸗ zwungen, ihren Wuthſchrei und ihren Jammer hinunter zu wür⸗ gen. Ihre Uniform hing in Fetzen um ihre abgemagerten Geſtalten, und unter dem Schmutz und Koth, der ſie ganz und gar bedeckte, waren die Farben des Tuches und die goldgeränderten Aufſchäge verſchunden. Die glänzenden Reiterſtiefel mit den ſilbernen Sporen waren zerriſſen, ihrer Sporen beraubt, ſie fehlten an vielen Füßen ganz und waren, wie beim Prinzen Auguſt, durch Holzpantoffeln er⸗ ſetzt worden. Aber trotz dieſes elenden und herzzerreißenden Aufzugs der preu⸗ ßiſchen Garde-Officiere, hatten das Volk und die Bürger doch kein Mitleid mit ihnen, und begleiteten den traurigen Zug mit Hohnlachen und Geſchrei. Seht ſie nur an, die Herren Garde⸗Officiere, rief ein Bürger⸗ gardiſt, ſich dicht heran drängend an die Soldaten, ſeht nur die Herren Grafen hier. Wißt Ihr noch, wie ſtolz ſie ſonſt waren? Wie ſie uns auf Bällen, in den Weinſtuben und überall ſonſt immer ſo ſtolz über⸗ ſehen haben? Wie wir immer demüthig bei Seite treten mußten, um nicht von den Herren Garde⸗Officieren übergerannt zu werden? Jetzt rennen ſie Niemand mehr über! Nein, hohnlachte und ſchrie die Menge, jetzt rennen ſie Niemand mehr über! Jetzt iſt's vorbei mit ihrer Herrlichkeit! Und die Buben, die auf den Bäumen ſaßen, jubelten und krähten es nach: Jetzt rennen die Garde⸗Officiere Niemand mehr über! Jetzt iſt's vorbei mit ihrer Herrlichkeit! Seht nur den Herrn Baron von Kempen da, rief ein anderer Bürgergardiſt. Seht, wie ihm die aufgeweichte Hutkrämpe über's Geſicht niederſinkt, als wär' er ein verſchämtes Mädchen, das ſich verſchleiern will. Sonſt ſchaute er immer ſo ſtolz und keck darein, und meinte immer, die ganze Welt gehöre ihm, und brauchte nur die Hand darnach auszuſtrecken, ſo bammelten ihm zehn Franzoſen an allen Fingern. 192 Ja, ja, ſie waren lauter Helden als ſie auszogen, ſchrie ein Anderer, Jeder von den Herren Grafen und Baronen hatte ſchon ſeinen Lorbeerkranz in der Taſche, und zog auf's Schlachtfeld, wie auf den Tanzboden, um ſich da ſeinen Kranz aufzuſetzen. Jetzt kommen ſie wieder mit hängenden Hutkrämpen, und die Lorbeern, die ſie mit⸗ gebracht, ſind nicht mal ſo viel werth, daß man ſich Karpfen damit kochen kann! Ein brüllendes Hohngelächter der Menge folgte dieſem draſtiſchen Witz des Bürgergardiſten, und Aller Augen wandten ſich wieder mit ſpottenden, leuchtenden Blicken den armen Garde⸗-Officiers zu, die ſchweigend und traurig in einer ſchamvollen aber edlen Haltung da⸗ hin zogen. Wüthend vor Schmerz, mit Thränen des Zorns und der Scham in den Augen, machte Prinz Auguſt ſich Bahn durch die Menge. Er konnte dieſen Anblick nicht ertragen, er mußte ſein Haupt abwenden, um die gedemüthigten, unglücklichen preußiſchen Officiere nicht zu ſehen, er rannte vorwärts, um das Hohngelächter des grauſamen Volkes nicht mehr zu hören. Endlich, endlich lichteten ſich die Reihen, endlich war dieſer fürchter⸗ liche Zug zu Ende, und die Straße ward wieder frei. Der Prinz ſtürzte vorwärts, nicht achtend ſeines Weges, nicht wiſſend, wohin er ging, nur zerſchmettert, erfüllt von der Schmach, dem Jammer, der über Preußen hereingebrochen! Auf einmal befand er ſich wieder vor einer dichten Menſchen⸗ gruppe. Verwundert und entſetzt ſchaute der Prinz um ſich. Er war, ohne es zu wiſſen, bis zu dem großen Platz am Brandenburger Thor hinunter gegangen, und dieſer ganze große Platz war dicht angefüllt mit Menſchen. Aber dieſe Tauſende, die ſich hier befanden, höhnten und jubelten nicht, ſondern ſie ſtanden unbeweglich, wie erſtarrt da, ihre Augen blitzten nicht in Spott und Schadenfreude, ſondern ſie waren trübe und T traurig, und Alle nach Einem Punkt, nach dem Brandenburger Thor hingewandt. — T Dahin richtete auch der Prinz Auguſt jetzt ſeine Blicke. Er ſah ein h hinau ben ſah d und i nd K ſeiner Franze nit v mehr Wo ſchickt Aus ſ u de Uand tande horche eherne ſenkter ſich ih Vie — l9 bom Victo 193 rie ein ein hohes Gerüſt, das an den ſtolzen griechiſchen Säulen des Thors ſchon hinaufſtieg bis zu der Plattform, bis zu der ehernen Victoria, die da ie auf oben auf ihrem Triumphwagen ſtand, ihre ehernen Roſſe lenkend. Er ommen ſah die Stricke, und Rollen und Ketten, welche die Geſtalt der Victoria e mit⸗ und ihre vier Roſſe einſchnürten, und es war ihm, als ob dieſe Stricke damit und Klammern ihm ſelber die Bruſt zuſchnürten, und die Stimme in ſeiner Kehle erſtickten. ſtſchen Nur mühſam, nur mit gewaltiger Kraftanſtrengung konnte er eh mit das Wort auf ſeine Lippen rufen, und ſich an den ihm zunächſt die Stehenden wendend, leiſe fragen: Was geht hier vor? Was macht v man da droben? Der Mann ſah ihn mit einem trüben, langen Blick an. Die Franzoſen nehmen die Victoria von dem Thor fort, ſagte er leiſe und — mit verhaltenem Ingrimm. Sie meinen, die Victoria paßt nicht win mehr für Berlin, und der Herr Kaiſer will ſie nach Paris ſchicken, ſehen, wo er auch den Degen und die Uhr Friedrichs des Großen hinge⸗ Fiit ſchickt hat. w Der Prinz ſtieß einen Seufzer aus, der wie ein Schmerzensſchrei aus ſeiner Bruſt hervorquoll, und richtete ſeine Blicke wieder hinauf zu der Victoria. Fun Eben erſchallte da oben am Thor ein lautes franzöſiſches Com⸗ iſet mandowort, und gleichſam, als habe die Victoria dies Commando ver⸗ — ſtanden, als wolle auch ſie dem Befehl des franzöſiſchen Kaiſers ge⸗ horchen, ſchien plötzlich ein Zittern und Beben die ganze Geſtalt der ſchen⸗ ehernen Göttin zu bewegen. Sie hob ſich empor, ſie ſchwankte; nun ſenkten ſich die Pferde ihres Triumphwagens niederwärts, nun beugte Phor ſich ihre eigene Geſtalt, wie zum letzten Gruß an Berlin vorn über. gefilt Wie lauter Donner rollte es über den Häuptern der ſchauenden Menge, — langſam und majeſtätiſch rollte auf dem breiten Fahrgeleiſe, das belten vom Straßenpflaſter bis zu dem Plateau des Thors emporſtieg, die Augen Victoria darnieder. be und Der Prinz ſtieß einen Schrei aus, und ſchloß, wie vom Schwindel Thor befallen, die Augen. Als er ſie wieder öffnete, waren die ſchönen Säulen des Branden⸗ r ſah Milhlbach, Napoleon. UM. Bd 13 194 burge Thores ihres herrlichſten Schmuckes beraubt, und die Victoria mit ihrem Viergeſpann ſtand entthront und demüthig unten auf der Prinz Auguſt hob ſeine von Thränen umdüſterten Blicke zum Himmel empor und flüſterte leiſe: Oh, mein Bruder, wie ſehr biſt Du zu beneiden um Deinen Tod, denn Du haſt die Schmach und den Jammer Preußens nicht geſehen! ictoria uf der ezum iſt Du d den Cem rey Corſtrol Chart 0 Sreen Nellow Bed Magenta GSrey 2 GSrey 3 Grey 4 Black