Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und geſebedingungen 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur En pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgen 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen 2. Lesepreis. i Rückgabe eines geliehenen Buches wird jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summ hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt n für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk Pf 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk Pf „ 2 3 4 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen 6. Schadenersatz. 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Er hatte es jetzt nicht blos mehr mit Einem Feind zu thun, nicht mehr allein mit Oeſterreich, ſondern auch mit Rußland, deſſen Kaiſer ſich jetzt in Olmütz beim Kaiſer von Oeſterreich befand, um mit ihm den Plan zum Angriff und zur Beſiegung Napoleons zu entwerfen. Das ruſſiſche Heer hatte ſich bereits mit dem öſterreichiſchen vereinigt, und ſelbſt die ruſſiſchen Garden hatten Rußland verlaſſen müſſen, um den Kaiſer zur großen Völker⸗ und Entſcheidungs⸗Schlacht zu begleiten. Aber auch Napoleon hatte ſeine Garden mitgebracht, und in un⸗ geduldiger Begier glühten dieſe, mit den Oeſterreichern und den„ruſſi⸗ ſchen Barbarenhorden“ endlich den entſcheidenden Kampf auszufechten. Napoleon indeß zögerte noch immer; ſeine Pläne ſchienen noch immer nicht zur Reife gelangt, er ſchien noch immer unentſchloſſen, ob er noch weiter vorſchreiten, oder ob er zufrieden ſein wolle mit den ſchon erfochtenen Siegen. Zu dem letzteren riethen und drängten ſeine Generäle, welche ver⸗ meinten, der Sieg bei Ulm ſei eine ſo glänzende Trophäe, daß man auf derſelben ausruhen könne, ſtatt auf's Neue ſich mit dem Schwert zu umgürten. Napoleon indeß wiegte bei dieſen Rathſchlägen ſeiner Generäle ſinnend ſein Haupt. Wenn es nur die Oeſterreicher allein wären, ſagte Mühlach, Napolevn. I. Bd. 35 546 er, dann könnten wir zufrieden ſein, aber die Ruſſen ſind da, und ihnen müſſen wir erſt den Paß in ihre Heimath ausfertigen. Ganz erheitert von dieſer Idee befahl der Kaiſer ſein Pferd vor zuführen. Wir wollen uns ein wenig die Gegend muſtern, ſagte er zu ſeinen Generälen, begleiten Sie mich, meine Herren! Und im Gefolge ſeines glänzenden, aus lauter berühmten und ſieggekrönten Namen zuſammengeſetzten Generalſtabes, ritt der Kaiſer hinaus auf die weite, von Bergen und Hügeln rings umkränzte Ebene zwiſchen Brünn und Vichau. Weit hin nach allen Seiten wandte ſich ſein kühner, forſchender Blick, keine Anhöhe, kein Baum, kein Abhang entging ſeiner Aufmerkſamkeit, Alles prüfte er, Alles ſchien er aufzu nehmen in ſeine Seele. Die Nacht dämmerte ſchon herauf, als er mit ſeinen Generälen von dieſem langen Spazierritt heimkehrte in ſein Hauptquartier. Er war den ganzen Tag ſchweigend und in ſich ge kehrt geweſen, keiner ſeiner Generäle hatte an ſeinen Plänen und Be⸗ obachtungen Antheil nehmen dürfen. Nur zuweilen hatte er ſie mit einem kurzen Wort, einem Wink ſeiner Hand, auf irgend eine Eigen⸗ thümlichkeit des Terrains aufmerkſam gemacht, und die Generäle hatten dieſe Worte und dieſe Winke wie einen geheimnißvollen Orakelſpruch mit aufmerkender Ehrfurcht aufgenommen, um ſich in ihren Gedanken damit zu beſchäftigen, und ſie ſich unauslöſchlich einzuprägen. Jetzt vor der Thür ſeines Quartiers angelangt, wandte der Kaiſer ſein bleiches, ernſtes Angeſicht noch einmal nach der Gegend hin, welche ſie eben verlaſſen hatten. Meine Herren, ſagte er mit lauter Stimme, ſtudiren Sie jenes Terrain genau, Sie werden in einigen Tagen auf demſelben eine Rolle zu ſpielen haben. General Suchet, auf der linken Seite Ihrer Divi iſolirter Hügel, der die ganze Front derſelben be ſion befindet ſich ei Sie dort noch in dieſer Nacht vierzehn Kanonen auf . herrſcht. Laſſen Si ſtellen.*)— Er grüßte die Herren mit einem Neigen ſeines Hauptes und zog ſich zurück in ſein Cabinet. *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Mémoires du Duc de Rovigo IH. 169. —— ———— auf ein Ma Wi Vol Wa die zu1 enth ſam Hef lung geſic dat vetk gu Fra — 547 Lange ging er in demſelben auf und ab, die Arme auf dem Rücken gefaltet mit düſtern Mienen, mit zuſammengepreßten Lippen. Ich bedarf noch einiger Tage Zeit, murmelte er leiſe vor ſich hin. Wenn ſie mich jetzt raſch und entſchieden angreifen, muß ich unterliegen; wenn ich noch drei Tage Zeit gewinne, werde ich ſie ſchlagen. Wie er eben ſinnend vor ſeinem Schreibtiſch ſtand, blieb ſein Auge auf den Papieren haften, welche dort lagen. Ah, ſagte er, haſtig nach dem großen verſiegelten Schreiben faſſend, ein Courier, der in meiner Abweſenheit Depeſchen gebracht hat. Vom Marineminiſter! Nachrichten von der Flotte! Er erbrach haſtig das Siegel und ſchlug das Papier auseinander. Während des Leſens verfinſterte ſich ſein Antlitz mehr und mehr, eine Wolke des Zorns ſtieg auf ſeiner breiten Stirn empor, und ſeine Wangen, welche vorher nur bleich geweſen, wurden jetzt erdfarben. Der Blick, den er jetzt zum Himmel emporhob, erinnerte an die Titanen, die ihre Feuerbrände ſelbſt gegen die thronende Gottheit zu richten wagten; die Worte, die ſeine bebenden Lippen murmelten, enthielten eine zornige Verwünſchung. Mit dieſer Verwünſchung ballte er das Papier in ſeiner Hand zu⸗ ſammen, und trat darauf; dann, gleichſam beſchämt über ſeine eigene Heftigkeit, ſank er auf einen Stuhl nieder, und legte ſeine beiden Hände langſam und mit einem tiefen Seufzer über ſein zuckendes, bleiches An⸗ geſicht.— Zum erſten Male hatte der neue Titane jetzt erfahren, daß da droben noch eine Gottheit throne, welche mächtiger ſei, als er ſelber, zum erſten Male hatte eine unſichtbare Hand ihn aufgehalten in ſeinem Siegeslauf. Das Papier, welches er eben unter ſeinen Füßen zertreten hatte, verkündete ihm eine erſte große Niederlage, ein erſtes Scheitern ſeiner großen Pläne. Die franzöſiſche Flotte war bei Trafalgar von England völlig ge⸗ ſchlagen und vernichtet worden.*) England, der einzige Feind, welcher Frankreich immer drohend und furchtlos gegenüber geſtanden, das verhaßte *) Den 21. October 1805. England feierte einen ungeheuren Triumph. Es hatte die ganze Ser⸗ macht Frankreichs vernichtet, es hatte einen glänzenden Sieg gewonnen, einen Sieg, der Frankreich demüthigte und mit Schmach belaſtete. Freilich hatte England dieſen Sieg theuer erkaufen müſſen, denn ſein größter Seeheld Nelſon war in dieſer Schlacht von Trafalgar gefallen, aber er hatte ſich mit ſeinem Tode die Unſterblichkeit errungen und ſich unvergänglichen Ruhm erworben! Der franzöſiſche Admiral Villeneuve, der Beſiegte von Trafalgar, hatte nicht einmal das gute Glück und den Verſtand gehabt, ſeine Schmach mit ſeinem Tode zu fühnen, er war nur in engliſche Gefangenſchaft gerathen, er diente dem Triumphator Englands nur als Siegestrophäe.*) Das waren die unheilsvollen Nachrichten, welche Napoleon ſo eben erhalten hatte, das war der erſte Blitz, welchen der Gott des Himmels auf den mächtigen Titanen hernieder ſchleuderte. Aber der Titane fühlte ſich davon nicht zerſchmettert, der Blitz hatte das Feuer in ſeiner eigenen Bruſt nur zu höheren Flammen angefacht. Er erhöb ſich von ſeinem Seſſel, und ſeine Angen flammten vor Zorn. Ich kann nicht überall ſein, ſagte er laut, daß ich aber hier bin, das ſollen meine Feinde bald erfahren, und ich werde die Schmach von Trafalgar mit einem glänzenden Siege zu rächen wiſſen.*) Hinter ihm öffnete ſich eben die Thür, und der Chef des kaiſer⸗ lichen Cabinets, Herr von Bourienne, trat ein. Sire, ſagte er, die beiden öſterreichiſchen Abgeſandten, die Grafen von Giulay und von Stadion ſind wieder da, und bitten Ew. Majeſtät um eine Andienz. So ſpät am Abend? rief der Kaiſer finſter. Warum kommen ſie nicht bei Tage? Sie behaupten, von den ſchlechten Wegen aufgehalten, aber im *) Admiral Villeneuve erhielt von England ſeine Freiheit wieder. Napo⸗ leon verbannte ihn nach Rennes, wo er ſich am 26. April 1806 den Tod gab, indem er ſich mit einer Stecknadel das Herz durchbohrte. **) Napoleons eigene Worte. . —— Kaiſ mr poleo ſpre ſagte nung an, ſich verb ſiche 549 Stande zu ſein, Ew. Majeſtät eine Nachricht von äußerſter Wichtigkeit zu bringen, welche ganz geeignet wäre, den von Oeſterreich ſo ſehr ge⸗ wünſchten Frieden zu vermitteln. Laß die Herren eintreten, ſagte der Kaiſer nach kurzem Beſinnen, und er ſetzte wieder den Fuß auf das zerknitterte Papier, als wolle er das Geheimniß ſeines Inhalts erſticken, damit es ſich den Oeſter⸗ reichern nicht verrathe. Bourienne war hinaus gegangen, und jetzt erſchienen auf der Schwelle die beiden öſterreichiſchen Abgeſandten, die Grafen Stadion und Giüulay. Sie kommen zum zweiten Mal zu mir? rief ihnen der Kaiſer haſtig entgegen. Man hat alſo meine Bedingungen erfüllt? Ich ſagte Ihnen, daß ich nicht einſeitig nur mit Oeſterreich unterhandeln wolle, ſondern daß ich begehre, daß auch Rußland an den Unterhandlungen Theil nehme und mit eingeſchloſſen ſei in den Friedenstractat, zu dem wir uns vielleicht einigen könnten. Sie kommen alſo jetzt im Namen der Kaiſer von Oeſterreich und Rußland? Verzeihung, Sire, ſagte Graf Stadion ehrfurchtsvoll, wir kommen nur im Namen Oeſterreichs. Der Kaiſer, unſer hoher Herr, begann Graf Giulay— aber Na⸗ poleon unterbrach ihn raſch. Ich werde Sie nur anhören, wenn Sie im Namen beider Kaiſer ſprechen können, ſagte er. Das war es, was ich Ihnen ſchon geſtern ſagte, und ich ſehe nicht ein, wodurch ich heute zu einer andern Mei⸗ nung bewogen werden ſollte. Die Umſtände haben ſich nicht geändert. Verzeihung, Sire, ſie haben ſich geändert, ſagte Graf Giulay feſt. Der Kaiſer ſah ihn mit ſeinem durchbohrenden Adlerblick ſo ſcharf an, als wolle er in dem Innerſten ſeines Herzens leſen. Und worin haben ſie ſich verändert? fragte er, indem ſein Auge ſich langſam auf ſeinen Fuß niederſenkte, der das unheilsvolle Papier verbarg. Ew. Majeſtät geruhten geſtern zu ſagen, daß, wenn Oeſterreich ſich auch der thätigen Bundesgenoſſenſchaft Rußlands verrühme, es doch niemals auf eine Allianz Preußens zählen könne, und daß das neutrale — Preußen für Frankreich eben ſo viel Werth habe, als das active Ruß⸗ land für Oeſterreich. Weshalb wiederholen Sie meine Worte von geſtern? fragte der Kaiſer ungeſtüm. Sire, weil Preußen heut nicht mehr neutral iſt, ſagte Graf Stadion feierlich. Weil Preußen im Begriff iſt, gleich Rußland und England Oeſter⸗ reichs thätiger Bundesgenoſſe zu werden, fügte Graf Giulay hinzu. Napoleon ließ ſeine düſterflammenden Blicke von dem Antlitz des Einen zu dem des Andern hinüber ſchweifen. Woher haben Sie dieſe Nachricht? fragte er endlich. Sire, von Sr. Majeſtät dem Kaiſer Alexander von Rußland. Er hat mit dem König in Potsdam einen Vertrag abgeſchloſſen, nach welchem dieſer ſich zur Theilnahme an dem Feldzug und zur Beihülfe Oeſter⸗ reichs erklärt, wenn Ew. Majeſtät nicht geruhten die Bedingungen ein⸗ zugehen, welche der König von Preußen als Vermittler zwiſchen der Coalition und Frankreich Ew. Majeſtät machen ſoll. Ah, der König von Preußen will mir Bedingungen machen! rief Napoleon achſelzuckend. Kennen Sie dieſe Bedingungen? Der König von Preußen wird Ew. Majeſtät den Vorſchlag machen, die Krone von Italien aufzugeben, die italieniſchen Fürſten in ihrer Freiheit und Unabhängigkeit zu belaſſen, ebenſo die Unabhängigkeit des Deutſchen Reichs, Hollands und der Schweiz anzuerkennen, die— Es iſt genug, rief Napoleon ungeduldig. Der Kaiſer Alerander hat ſich erlaubt, Ihnen ein Mährchen aufzubürden, und Ihre Leicht⸗ gläubigkeit wird ihn ſehr ergötzt haben. Wie können Sie im Ernſt glauben, daß der König von Preußen in ſeiner Verblendung ſo weit gehen könnte, zu hoffen, daß ich dergleichen lächerliche Vorſchläge an⸗ nehmen könnte? Wahrlich, ſelbſt wenn ich der Beſiegte und Gedemü⸗ thigte wäre, ſo würde ich mich lieber in mein eigenes Schwert ſtürzen, als ſolche Schmach annehmen. Es ſcheint, ich habe meinen Namen noch nicht tief genug in die ehernen Tafeln der Geſchichte eingegraben, und ich werde dieſen übermüthigen Fürſten, welche vermeinen, ihre Le⸗ gitimität ſei das Meduſenſchild, das ſie mir nur entgegen zu halten brauch ich bit es un Der Maje ſein, ihm; Mähr aber dann dieſen geſan zuwel einan Kaiſe Nade Am dem ſchäf nied empf — Rt Befre ———————— Befreiungstriege. I. und Häuſſer's Deutſche Geſchichte. II. 680. 551 brauchten, um mich zu zerſchmettern, ich werde ihnen beweiſen, wer ich bin, und wem die Zukunft gehört, ihnen oder mir! Uebrigens iſt es unnöthig, ſo viel über Dinge zu reden, welche nicht exiſtiren. Sire, der Vertrag von Potsdam exiſtirt, ſagte Graf Stadion. Der Geſandte, welchen der König von Preußen abgeſchickt, um Ew. Majeſtät dieſe Nachrichten zu überbringen, müßte ſchon bei Ew. Majeſtät ſein, wenn er ſo raſch gereiſt wäre, wie der Kaiſer Alexander, der mit ihm zu gleicher Zeit Potsdam verlaſſen hat. Nun, er möge ankommen, dann werde ich ſehen, ob Sie mir kein Mährchen erzählt haben, rief Napoleon. Wenn der König von Preußen dies gewagt hat, bei Gott, ſo ſoll er mir's vergelten.*) Das ändert aber nichts an meinen Beſchlüſſen und Plänen. Ich werde mich nur dann in Unterhandlungen mit Oeſterreich einlaſſen, wenn auch Rußland dieſen Unterhandlungen beitritt. Sagen Sie das Denen, welche Sie geſandt haben, und damit leben Sie wohl! Er nickte leicht mit dem Kopf und den beiden Herren den Rücken zuwendend, trat er an's Fenſter. Erſt als er an dem leiſen Knarren der Thür hörte, daß ſie ſich zurückgezogen, wandte der Kaiſer ſich um und begann wieder, die Hände auf dem Rücken gefaltet, langſam auf und ab zu gehen. Dann blieb er vor dem großen Tiſch in der Mitte des Zimmers ſtehen, und rollte eine der auf demſelben befindlichen Landkarten aus⸗ einander. Es war eine Karte von Süddeutſchland, und nachdem der Kaiſer ſie auf dem Tiſch ausgebreitet hatte, begann er dieſelbe mit Nadeln zu bezeichnen, deren verſchiedenfarbige Köpfe die verſchiedenen Armeen der Ruſſen, Oeſterreicher und Franzoſen bezeichneten. Die ganze Nacht war der Kaiſer unabläſſig mit dieſer Arbeit, mit dem Studium der Karte, mit ſeinen Meſſungen und Berechnungen be⸗ ſchäftigt; die hohen Wachskerzen auf den ſilbernen Leuchtern brannten nieder, er bemerkte es nicht, das Feuer im Kamin war erloſchen, er empfand es nicht; von Zeit zu Zeit ward die Thür ſeines Cabinets *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Hormayr's Lebensbilder aus dem —2 552 leiſe geöffnet, und das bleiche überwachte Antlitz ſeines Kammerdieners Conſtant erſchien in demſelben, der Kaiſer achtete nicht darauf. Seine Seele war nur mit dem Einen Gedanken, dem Einen Ziel beſchäftigt: ruhmvoll weiter zu gehen auf der Bahn ſeiner Siege, Deutſchland zu demüthigen, wie er Italien gedemüthigt hatte, und in einem großen, glänzenden Siege die Niederlage von Trafalgar vergeſſen zu machen. Der Morgen dämmerte ſchon empor, als Napoleon ſich endlich von ſeinen Karten erhob und wieder ſein langſames Auf⸗ und Abwan⸗ deln begann. Zeit, Zeit! ſagte er. Ich brauche nur drei Tage, damit ich das Armeecorps, das ſchon von Böhmen her unterwegs iſt, heranziehen kann. Zeit! Und doch muß ich einen großen, einen glänzenden Sieg erfechten, noch bevor ſich Preußen zu offener Feindſchaft gegen mich mit Oeſterreich und Rußland vereinigt. Gelingt mir dies nicht, ſo wird ſich das Heer meiner Feinde um hundert und funfzigtauſend Mann vermehren.— Daraus folgt, ſagte er nach einer Pauſe ganz heiter und muthvoll, daraus folgt, daß es mir gelingen muß. Er trat wieder zu der Karte hin und deutete raſch mit dem Finger auf dieſelbe. Hier drüben bei Olmütz ſtehen die Oeſterreicher, ſagte er raſch. Hier die ruſſiſchen Garden, dort die vereinigten Corps von Kutoſow und Burhövden, weiterhin die Avantgarde unter dem Fürſten Ba⸗ grativn. Wenn ſie jetzt raſch und entſchloſſen vorwärts gehen, gerade auf meine Fronte los, ſo iſt die Uebermacht zu groß; wenn ſie zaudern oder ich ſie zum Zaudern bewegen kann, damit mein böhmiſches Armee⸗ corps angelangt ſei, ſo werde ich ſie beſiegen. Verſuchen wir's alſv. Stellen wir uns unthätig und ſchüchtern, damit ſie nicht thätig werden. Eines Feldherrn beſter Verbündeter iſt die Liſt! Verſuchen wir es damit! Er trat raſch zu ſeinem Schreibtiſch und ein goldgerändertes Papier vor ſich hinlegend, begann er eiligſt zu ſchreiben. Eine Viertelſtunde ſpäter berief eine Ordonnanz den General Savary in das Cabinet des Kaiſers. Napoleon empfing den General mit einem freundlichen Lächeln, aber er ſchwieg und blickte faſt unſchlüſſig auf den Brief hin, den er —,— ———— lic noe —,—— * 553 in der Hand hielt. Plötzlich indeß ſchien er ſich zu einem feſten Ent⸗ ſchluß aufzuraffen, und Savary das Schreiben darreichend, ſagte er: Gehen Sie damit nach Olmütz; geben Sie dies Schreiben an den Kaiſer von Rußland und ſagen Sie ihm, daß, da ich erfahren, daß er bei ſeiner Armee angelangt ſei, ich Sie abgeſchickt habe, um ihn in meinem Namen zu begrüßen. Wenn er mit Ihnen ſpricht, und Sie fragt, ſo wiſſen Sie, was man unter ſolchen Umſtänden antworten muß. Gehen Sie!*) Nun, und jetzt, ſagte der Kaiſer, als Savary ihn verlaſſen hatte, jetzt wollen wir ein wenig ſchlafen. Conſtant! Die Thür öffnete ſich ſofort, und der Kammerdiener trat ein. Ah, ich fürchte, Du haſt eine ſchlechte Nacht gehabt, ſagte der Kaiſer gütig. Sire, Ew. Majeſtät haben wieder die ganze Nacht durchwacht, und— Und folglich, unterbrach ihn Napoleon, folglich haſt Du auch ge⸗ wacht. Nun, tröſte Dich nur, wir werden bald ruhigere Nächte haben, tröſte Dich und verklage mich nicht etwa bei der Kaiſerin Joſephine, wenn wir heim kommen. Die gute Joſephine haßt nichts ſo ſehr als die durchwachten Nächte. Sire, die Kaiſerin hat wohl Recht, ſie zu haſſen, ſagte Conſtant ehrfurchtsvoll. Ew. Majeſtät, welche ſich den ganzen Tag nicht ſchonen, bedürfen wenigſtens Nachts der Ruhe! Ew. Majeſtät ſchlafen zu wenig. Dadurch habe ich wenigſtens den Vortheil vor den Langſchläfern, daß ich mein Leben nicht blos nach Tagen, ſondern auch nach Nächten zählen kann, rief Napoleon heiter. Ich werde achtzig Jahre gelebt haben im Zeitraum von vierzig Jahren. Aber ſei nur ruhig, Conſtant, ich will Dir jetzt den Willen thun, ich will ſchlafen! Conſtant eilte, die nach dem Schlafzimmer führende Thür zu öffnen. Nicht doch, rief der Kaiſer, wenn ich ſchlafen will, ſo iſt da⸗ mit nicht geſagt, daß ich zu Bett gehen will. Die Betten ſind eigent⸗ lich nur für die alten Weiber und die gichtbrüchigen Greiſe. Als ich noch Unterlieutenant war, habe ich einmal den Verſuch gemacht, ein *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Mémoires du Duc de Rovigo. II. 171. halbes Jahr lang gar nicht zu Bett zu gehen, ſondern auf der Erde oder auf einem Stuhl zu ſchlafen, und ich befand mich ganz gut dabei. Gieb mir mein Kopftuch und meinen Rock, Conſtant. Conſtant eilte ſeufzend in das Schlafzimmer, um die befohlenen Dinge zu holen, und während er dann dem Kaiſer das ſeidene Kopf⸗ tuch umlegte, und ihm behülflich war, die Uniform mit dem grauen, leicht wattirten und bequemen Tuchrock zu vertauſchen, pfiff und ſummte der Kaiſer leiſe ein Lied vor ſich hin. Dann ſtreckte er ſich behaglich in ſeinem Lehnſtuhl aus, und Con⸗ ſtant freundlich zunickend, ſagte er: ſobald der General Savary zurück⸗ kehrt, ſoll er zu mir eintreten. Conſtant ſchlich leiſe auf den Zehen hinaus in das Vorzimmer. Dort begegnete er einigen ſeiner Bekannten. Eine Neuigkeit, meine Herren, ſagte er. Wir werden in zwei bis drei Tagen eine Schlacht liefern. Hat der Kaiſer es Ihnen geſagt? Nein, es iſt nicht ſeine Gewohnheit, dergleichen zu ſagen. Aber während der Nachttvilette hat er die Arie Marlborough's gepfiffen, und das thut er nur, wenn es zur Schlacht gehen ſoll.*) II. Por der Schlacht. Fünf Stunden ſpäter trat General Savary wieder in das Cabinet des Kaiſers, er lag noch auf ſeinem Lehnſtuhl und ſchlief, aber wie der General leiſe ihn anredete, ſchlug Napoleon die Augen auf, und fragte lebhaft: Nun, haben Sie den Czar geſehen? Ja, Sire, ich habe ihn geſehen und auch geſprochen. *) Mémoires de Constant. IW. 109. — Ah, rief Napoleon lebhaft, erzählen Sie recht umſtändlich und genau! Wie ſah er aus, als er meinen Brief las? Sire, als ich ihm Ihren Brief gegeben, ging der Kaiſer mit dem⸗ ſelben in ein anſtoßendes Zimmer, aus welchem er erſt eine halbe Stunde ſpäter mit dem Antwortſchreiben in der Hand zurückkehrte. Geben Sie mir das Schreiben, Savary! Sire, hier iſt es! Napoleon nahm es haſtig; wie er aber ſeine Augen auf die Adreſſe heftete, verfinſterte ſich ſeine Stirn. Ah, dieſer Herr Kaiſer von Gottes Gnaden glaubt, mir den Titel verſagen zu können, den mir das franzöſiſche Volk verliehen hat, ſagte er haſtig. Er ſchreibt nicht an den Kaiſer von Frankreich, ſon⸗ dern„an den Chef des franzöſiſchen Gouvernements.“*) Haben Sie das geleſen, Savary? Der Kaiſer Alexander machte mich ſelber darauf aufmerkſam, Sire. Ich habe mir genau ſeine Worte gemerkt. Sie lauteten alſo: Die Adreſſe trägt nicht den Titel, welchen Ihr Chef ſeitdem angenommen hat. Ich lege keine Wichtigkeit auf ſolche Kleinigkeiten; aber es iſt eine Regel der Etiquette, und ich werde ſie mit vielem Vergnügen ändern, ſobald er mir die Gelegenheit dazu gegeben hat.**) Und was antworteten Sie? Sire, ich erwiderte: Ew. Majeſtät hat Recht. Dies kann nur eine Regel der Etiquette ſein, und der Kaiſer wird es auch nicht anders beurtheilen. Als Général en chef der italieniſchen Armee hat er ſchon mehr als Einem König Befehle ertheilt und Geſetze vorge⸗ ſchrieben; mit der Huldigung der Franzoſen zufrieden und glücklich, findet er nur für ſie eine Genugthuung darin, anerkannt zu werden.***) Sie haben gut und zweckmäßig geantwortet, ſagte Napoleon mit einem leichten Neigen des Hauptes, indem er den Brief des Kaiſers öffnete und ihn raſch mit den Augen überflog. Redensarten, Phraſen, *) Hiſtoriſch. Siehe: Mémoires du Duc de Rovigo. II. 187. **) Kaiſer Alerander's eigene Worte. Siehe: Mémoires du Duc de Ro- vigo. II. 187. ***) Mémoires du Duc de Rovigo. II. 187. —,— —,————— — — 556 rief er dann, den Brief verächtlich auf den Tiſch ſchleudernd. Tal⸗ leyrand hat wohl Recht, zu ſagen, die Sprache ſei dazu da, damit man durch ſie ſeine Gedanken verberge. Dieſe Leute benutzen ſie dazu. Sire, in ſeinem Geſpräch verbarg der Kaiſer ſeine Gedanken gar nicht, erwiderte der General. Ich habe lange und ausführlich mit dem Kaiſer geſprochen und ich darf ſagen, daß er ſeine Gedanken ſehr freimüthig ausgeſprochen hat. Der Kaiſer Alexander ſagte:„Von einem Frieden könne nur dann die Rede ſein, wenn Ew. Majeſtät vernünftige Bedingungen machten, die Niemand verwundeten, und die nicht darauf berechnet wären, die Macht und das Anſehen der übrigen Fürſten zu ſchwächen und die Frankreichs zu erhöhen. Frankreich ſei an ſich ſchon groß und ſtark, es bedürfe keiner Vergrößerung und die übrigen Mächte könnten eine ſolche nicht dulden.“ Ah, ich werde ſie lehren, ſie dennoch zu dulden, rief Napoleon, ich werde ihnen Allen beweiſen, daß Frankreich an der Spitze aller Monarchieen ſteht, und ich werde ſie zwingen, den Kaiſer von Frank⸗ reich mit gebeugtem Haupte anzuerkennen! Er ging haſtig auf und ab, mit zornglühenden Augen, mit hoch⸗ athmender Bruſt. Allmälig ward ſein Schritt ruhiger und die Falten auf ſeiner Stirn glätteten ſich. Ich brauche noch zwei Tage, murmelte er leiſe vor ſich hin, zwei Tage, und ich muß ſie haben! Savary, ſagte er dann laut, ſich an den General wendend, haben Sie ſonſt keine Beobachtungen gemacht? Haben Sie nicht bemerkt, wie die Stimmung im ruſſiſchen Lager war? Sire, die ganze ruſſiſche Jugend vom höchſten Adel war da in der Umgebung des Kaiſers, und mit Vielen habe ich mich unterhalten, Vieles habe ich gehört und beobachtet. Nun, und wie denkt man über uns? Savary lächelte. Sire, ſagte er, dieſe jungen Leute athmeten nichts als Kampf und Sieg, und ſie ſchienen zu glauben, daß Ew. Majeſtät den Krieg zu vermeiden wünſchten, ſeit die Ruſſen ſich mit den Oeſterreichern vereinigt hätten. Ah, das ſchienen ſie zu glauben? rief Napoleon freudig. Nun, wir wollen ſie in dieſem Glauben beſtärken. General, nehmen Sie einen Alerm ſamm Felde, lich,! miſſe. ich ha der d übetm meide Glau Batte Aengſ laut gung recog ihnen Gene währe zu ſe Lger haſtig Alexander zurück. Sagen Sie ihm, daß ich ihm auf morgen eine Zu⸗ ſammenkunft vorſchlagen laſſe, zwiſchen beiden Heeren, auf offenem Felde, Zeit und Stunde nach ſeinem Belieben, und daß, wohlverſtänd⸗ lich, während dieſer Zeit ein Waffenſtillſtand von 24 Stunden eintreten müſſe. Gehen Sie!. Ich glaube, ſagte der Kaiſer, als er wieder allein war, ich glaube, ich habe auch meinen zweiten Tag gewonnen, nun fehlt mir nur noch der dritte, um endlich alle meine Feinde beſiegen zu können! Dieſe übermüthigen Herren Ruſſen glauben alſo, daß ich eine Schlacht ver⸗ meiden und ruhig hier ſtehen bleiben will? Ich will ſie in dieſem Glauben beſtärken, es ſollen Schanzen angelegt und Arbeiter an den Batteriebettungen aufgeſtellt werden! Alles muß den Anſchein der Aengſtlichkeit und Verzagtheit haben! Und Napoleon berief ſeine Generäle um ſich und ertheilte ihnen laut dieſe neuen Befehle, leiſe beorderte er ſie, die retrograde Bewe⸗ gung beginnen zu laſſen, und die Truppen auf dem großen, geſtern recognoscirten Terrain die Stellungen einnehmen zu laſſen, welche er ihnen beſtimmte. Und die Nacht verging und die Hälfte des zweiten Tages, bevor General Savary von ſeiner Sendung heimkehrte. Napoleon hatte während dieſer Zeit ſein Quartier verändert. Er hatte ſich ins Lager zu ſeiner Armee begeben, und ein Bund Stroh diente ihm jetzt zur Lagerſtätte.— Er hatte Savary mit Ungeduld erwartet, und ging ihm haſtigen Schrittes entgegen. Weshalb ſo ſpät? fragte er. Sire, es war faſt unmöglich, zum Kaiſer zu gelangen. Er hatte Olmütz verlaſſen, und ſich, gleich Ew. Majeſtät, in das Lager zur Armee begeben. Die ganze Nacht hindurch geleitete man mich von Bivouac zu Bivouac, um den Fürſten Bagration zu ſuchen, der allein mich zum Kaiſer führen konnte. Und Sie haben den Kaiſer geſprochen? fragte Napoleon ungeduldig. Ja, Sire, nach vielen Hinderniſſen und Schwierigkeiten iſt es mir gelungen, bis zum Kaiſer zu gelangen. Ich trug ihm den Vor⸗ einen Trompeter und kehren Sie ins ruſſiſche Lager zum Kaiſer ſchlag Ew. Majeſtät vor. Der Kaiſer meinte, es würde ihm außer⸗ ordentliche Freude gewähren, Ew. Majeſtät zu ſehen und kennen zu lernen, aber die Zeit ſei jetzt zu kurz dazu. Auch miſſe er vor einer ſolchen Unterredung erſt ſich mit dem Kaiſer von Oeſterreich beſprechen, und außerdem erſt die Geſinnungen Ew. Majeſtät näher kennen, um danach beurtheilen zu können, ob eine Unterredung förderlich ſei. Des⸗ halb wolle er mich von einem ſeiner Vertrauten begleiten laſſen, und ihm eine Miſſion an Ew. Majeſtät geben. Die Antwort, die er von Eurer Majeſtät brächte, ſolle alsdann entſcheiden. Ah, und der dritte Tag wird auf dieſe Weiſe hingehen! rief Na⸗ poleon freudig. Haben Sie den Abgeordneten des Kaiſers mitgebracht? Ja, Sire! Es iſt der Fürſt Dolgorucki, der erſte Adjutant des Kaiſers. Wo iſt er? Sire, ich ließ ihn bei der Hauptwache, dort erwartet er die Be⸗ fehle Ew. Majeſtät. Napoleon ſprang haſtig von dem Strohbündel empor, auf welchem er mit ineinandergeſchlagenen Armen geſeſſen hatte. Mein Pferd! rief er laut, und wie Rouſtan ſeinen Schimmel herbeiführte, ſchwang er ſich in den Sattel und ſprengte ſo raſch vor⸗ wärts, daß ſein Gefolge ihn kaum einzuholen vermochte. Nahe bei der Hauptwache angelangt, hielt er ſein Pferd an und ſtieg ab, und während er Savary abſandte, den Fürſten Dolgorucki zu ihm zu führen, murmelte er leiſe: Jetzt nur noch einen Tag! Mit der Ruhe und Gelaſſenheit eines ſieggewohnten Feldherrn, eines ſtolzen Imperators, empfing er den Fürſten. Ein Wink ſeiner Hand hieß ſein Gefolge zurücktreten, und als ſie ſich weit genug ent⸗ fernt hatten, begann er ſeine Unterredung mit dem Fürſten Dolgorucki, auf der großen Landſtraße mit ihm auf und abwandelnd. Auf einmal näherte ſich der Kaiſer raſch den Herren ſeines Ge⸗ folges, und ſie hörten, wie er mit lauter, zürnender Stimme ſagte: Wenn Sie mir weiter nichts zu ſagen haben, ſo eilen Sie, Ihrem Kaiſer den Beſcheid zu bringen, daß ich gar nicht an dergleichen Be⸗ dingungen gedacht hätte, als ich eine Unterredung mit ihm wünſchte, ich n anbet wohl Hant gehef herm von wolle mich hatte mich Gott ſie fi ſtand gelan unbe ſeine — ich würde ihm nur meine Armee gezeigt, und was die Bedingungen anbetrifft, mich auf ſeine Redlichkeit verlaſſen haben. Er will es, nun wohl, ſo ſchlagen wir uns! Ich waſche meine Händ in Unſchuld!*) Er wandte dem Fürſten Dolgorucki mit einem leiſen Winken ſeiner Hand den Rücken, und den flammenden Adlerblick auf ſeine Generäle geheftet, ſagte er achſelzuckend: Die ruſſiſche Friedensbedingung iſt, daß Frankreich Belgien wieder herausgebe, und vor allen Dingen die Krone von Italien an den König von Sardinien abtrete. Oh, jene Leute müſſen verrückt ſein! Sie wollen, daß ich Italien räume, und ſie werden bald erfahren, daß ſie mich nicht einmal aus Wien fortbringen können. Was für Projecte hatten ſie denn, und was würden ſie aus Frankreich machen, wenn ſie mich geſchlagen hätten? Nun, meiner Treu, es mag kommen, wie's Gott gefällt, aber noch ehe achtundvierzig Stunden vergehen, will ich ſie für ihren Uebermuth gut bezahlen!**) Und ſtatt ſein Pferd wieder zu beſteigen, ging er zu Fuß weiter auf der Landſtraße dahin, leiſe vor ſich hinmurmelnd und mit ſeiner Reitpeitſche die kleinen Grashalme abſchlagend, die auf dem Wege ſtanden. Jetzt war er bis zu dem erſten Infanteriepoſten ſeiner Armee gelangt. Ein alter Soldat ſtand als Schildwache da, ſorglos und unbekümmert ſtopfte er ſich ſeine Pfeife, während er das Gewehr zwiſchen ſeine Füße genommen hatte. Das düſtere Auge des Kaiſers wandte ſich zu ihm hin, und hinüber deutend nach der Gegend, wo die Feinde ſtanden, ſagte er grollend: Die übermüthigen Kerls da glauben, uns nur ſo ohne Weiteres ver⸗ ſchlingen zu können! Der alte Soldat ſah den Kaiſer mit ſeinen klugen Augen lächelnd an, und ſtopfte mit dem kleinen Finger ſeiner Rechten ruhig an ſeiner Pfeife weiter. Oh, oh, ſagte er, das geht nicht ſo raſch, das Verſchlingen! Wir legen uns in die Quere, Majeſtät!— *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Mémoires du Duc de Rovigo. II. 196. **) Ebendaſelbſt S. 198. —— —,—— Der Kaiſer lachte laut auf, und ſein Antlitz erheiterte ſich. Ja, ſagte er, Du haſt Recht, wir wollen uns in die Quere legen, damit ſie an uns erſticken! Er nickte dem Soldaten zu, und ſich auf ſein Pferd ſchwingend, kehrte er in's Hauptquartier zurück. Der Abend dunkelte bereits, und zu dem mondhellen Himmel emporblickend, murmelte der Kaiſer: Nun nur noch Einen Tag! Dann ſchlage ich ſie!— Und das Schickſal gab ihm dieſen Einen Tag. Wohl näherte ſich ihm die vereinte öſterreichiſch-ruſſiſche Armee, aber ſie griff noch nicht an. Sie ſtellte ſich nur wie zur Herausforderung in langer Linie gerade dem franzöſiſchen Lager gegenüber auf, ſo nahe, daß man deutlich ihre Bewegungen ſehen, ihre Regimenter unterſcheiden konnte. Napoleon war den ganzen Tag zu Pferde, er beſichtigte ſeine ganze Armee, Regiment nach Regiment. Sein Antlitz ſtrahlte vor Entzücken, ſeine Augen blitzten vor Begeiſterung, und ein wunderbares Lächeln umſpielte ſeine Lippen. Das erwartete Armeecorps aus Böhmen war angelangt, die drei Tage des Zögerns hatten ihre Früchte getragen, er fühlte ſich jetzt ſtark genug, die Feinde zu beſiegen. Mit heiterm Ton ſprach er hier und dort zu den Soldaten, und ſie antworteten ihm mit begeiſterten Zurufen.— Mit prüfendem Auge beſichtigte er die Kanonenparks und die leichten Batterien, und gab dann den Officieren und Kanonieren ihre Inſtructionen. Erſt nachdem er Alles ſelbſt in Augenſchein genommen, die Ambulancen und die Transportmittel für die Verwundeten beſichtigt hatte, kehrte er in ſein Bivouac zurück, um ſein einfaches Mahl einzunehmen. Dann vekſam⸗ melte er alle Marſchälle und Generäle um ſich, und ſprach mit ihnen von Allem, was ſie am nächſten Tage zu thun hätten, und was mög⸗ licher Weiſe der Feind thun könnne. Jedem ertheilte er ſeine Inſtruc⸗ tionen, wies er ſeine Stellung an, und ſchon am Abend dieſes Tages erließ er an ſein Heer einen Aufruf zur Tapferkeit und Freudigkeit für den morgenden Tag. „Soldaten“, ſprach er zu ihnen in dieſem Aufruf,„die ruſſiſche Armee ſteht vor Euch, um die öſterreichiſche wegen Ulm zu rächen. —— und Fuck Auft dure ſlam einn tauſ reich 561 Unſere Poſitionen ſind furchtbar, und während ſie marſchiren werden, um meine Rechte zu umgehen, werden ſie mir die Flanke bloßgeben. Soldaten! Ich werde alle Eure Bataillone ſelbſt leiten, ich werde weit vom Feuer bleiben, wenn Ihr mit Eurer gewohnten Tapferkeit die feindlichen Glieder in Unordnung bringt. Sollte aber der Sieg nur einen Augenblick zweifelhaft ſein, ſo würdet Ihr Euren Kaiſer ſich den erſten Streichen ausſetzen ſehen. Der Sieg kann unmöglich wanken in einem Treffen, wo es auf die Ehre der franzöſiſchen Infanterie ankommt. Jeder ſei durchdrungen von dem großen Gedanken, daß die Söldlinge Englands, die uns ſo tief haſſen, überwunden werden müſſen! Dieſer Sieg wird unſerm Feldzug ein Ende machen, wir werden in die Winterquartiere ziehen, und der Friede, den ich ſchließen werde, wird meines Volkes, Eurer und Meiner würdig ſein.“ Die Soldaten empfingen dieſen Aufruf mit lautem Jubel, und als beim Einbruch der Nacht Napoleon noch einmal durch das Lager ritt, grüßten ſie ihn mit begeiſterten Zurufen. Der Kaiſer iſt da, wir wollen den Kaiſer ſehen! riefen ſie jauchzend, und die Strohbündel, welche ihnen zur Lagerſtätte dienen ſollten, als Fackel benutzend, zündeten ſie dieſelben an, und ſchwenkten ſie in die Luft mit dem Ruf: Es lebe der Kaiſer! Es lebe Napoleon der Große! Mit Blitzesſchnelle breitete ſich der Ruf und das Feuerzeichen durch die ganze Armee aus; tauſende und tauſende von Strohfackeln flammten empor, wie ein großes, ſprühendes Feuermeer leuchtete auf einmal das ganze Lager auf, und die Jubelrufe, von mehr als hundert⸗ tauſend Kehlen ausgeſtoßen, tönten hinüber zu den ſtaunenden Oeſter⸗ reichern und Ruſſen. Der Kaiſer, ſein Angeſicht ſtrahlend vor Heiterkeit und Glück, kehrte zu der Baracke zurück, welche ihm die Soldaten hergerichtet, und in welcher ein Bündel Stroh ihm als Lager dienen ſollte. Mit einem Gefühl unendlichen Behagens warf er ſich auf das Stroh nieder, und ſeine Kammerdiener Rouſtan und Conſtant, die ihn beſchworen, ſich von ihnen mit wärmeren Kleidern umhüllen zu laſſen, lächelnd zurückweiſend, ſagte er: Macht mir ein gutes Feuer an, und Mühlbach, Napoleon. I. Bd 36 —— —— ——— — — —— 562 laßt mich ſchlafen, wie es einem Soldaten geziemt, der morgen einen heißen Tag vor ſich hat. Er drückte ſein Haupt in das Stroh und ſchlief ein, und er ſchlief noch, als die Marſchälle und Generäle beim Anbruch des Tages, wie der Kaiſer es befohlen, zu ſeiner Baracke kamen. In ehrfurchtsvollem Schweigen umſtanden ſie die offene Baracke, und ſchauten hin auf den Feldherrn, der heute eine große Schlacht liefern ſollte, und der da auf dem Stroh lag, mit ruhig heiterm Angeſicht, mit dem ſanften Schlaf eines Kindes. Aber man durfte ihn nicht länger ſchlafen laſſen, denn der Kaiſer, welcher alle Bewegungen dieſes Tages auf Stunde und Minute an⸗ geordnet hatte, würde ſchwer gezürnt haben bei irgend einer Verzögerung. General Savary näherte ſich daher dem ſchlafenden Kaiſer, ſich dicht über ihn neigend, und dann hörte man weit durch die Morgenſtille ſeine laute, ernſte Stimme ſagen: Sire, die feſtgeſetzte Stunde iſt gekommen. Napoleon öffnete die Augen und ſprang empor. Der Schlaf war ſchnell und auf einmal wie ein leichter Schleier von ihm abgefallen, die Augen öffnend, war er ſchon wieder der Kaiſer und der Feldherr. Einen langen prüfenden Blick warf er zu dem grauen, feuchten und winterkalten Horizont empor, und der dicke Nebel, der alle Gegenſtände auf zehn Schritte ſchon in dichte Schatten einhüllte, machte ſeine Augen höher aufblitzen vor Freude. Dieſer Nebel iſt uns ein guter Bundesgenoſſe, denn er wird den Feinden unſere Bewegungen verhüllen, ſagte er als Morgengruß zu ſeinen Marſchällen. Ertheilen Sie Ihre Befehle, meine Herren, die ganze Armee ſoll in aller Stille die Waffen nehmen. Dann beſtieg der Kaiſer ſein Pferd und ritt durch das Lager hin, und ſah zu, wie die Infanterie und Cavallerie ſich in Colonnen formirte. Es war jetzt ſieben Uhr Morgens. Der Nebel begann empor zu ſteigen, die erſten falben Streifen der wärmeloſen Decemberſonne durchleuchteten ihn, und begannen allgemach die ferneren Gegenſtände zu erhellen. Der Kaiſer hielt auf einer kleinen Anhöhe, von welcher er die Gege und durch tende ſtelz moo auf ſtün Luft heu dah einen ſchlief 8, wie aracke, chlacht eitern Kaiſer, tte an⸗ Rerung. t, ſich enſtille mmen. af war fallen, ldherr. ird den ruß zu en, die er hin, rmirte. por zu erſonne nſtände et die * 563 6 Gegend rings umſchauen konnte; alle ſeine Marſchälle umgaben ihn und harrten mit ungeduldiger Spannung des Befehls zum Angriff. Noch herrſchte eine tiefe Stille überall, auf einmal ward dieſelbe durch fernes Kanonen⸗ und Pelotonfeuer unterbrochen. Wie ein leuch⸗ tender Blitz fuhr es durch das Antlitz des Kaiſers hin, und das Haupt ſtolz emporrichtend, zog er die Zügel ſeines Pferdes ſtraffer an. Auf Ihre Poſten, meine Herren, ſagte er mit gebieteriſcher Stimme, die Schlacht beginnt!*) IiI. Gott erhalte Franz den Taiſer. Seit drei Tagen war Wien in Unruhe und Bewegung. Niemand mochte daheim bleiben, einſam in ſeinem Hauſe. Jeder eilte hinaus auf die Straße, als hoffe er von den großen Neuigkeiten, die man ſtündlich erwartete, früher eingeholt zu werden, als werde die friſche Luft, welche vor drei Tagen den Donner der Kanonen herübergetragen, heute auch die Siegesbotſchaft von den Kaiſern Franz und Alexander daherwehen. Aber dieſe Siegesbotſchaft kam immer noch nicht, der Donner der Kanonen hatte eine raſchere Zunge, als der Courier, der die Sieges⸗ nachricht bringen ſollte. Er kam noch immer nicht, und doch harrten die guten Wiener auf ihn mit Ungeduld, und zugleich mit ſtolzer freu⸗ digen Zuverſicht. Niemand freilich wußte mit Beſtimmtheit zu ſagen, wo die Schlacht eigentlich ſtattgefunden, aber man konnte doch ungefähr die Gegend berechnen, denn man wußte ja, daß die Verbündeten bei Olmütz geſtanden hatten, dann weiter vorgerückt waren nach der Gegend *) Die Schlacht von Auſterlitz, oder die Drei⸗Kaiſerſchlacht, ſand am 2. De cember 1805 ſtatt, und war einer der glänzendſten Siege Napoleons. — — — von Brünn und Auſterlitz, wo das franzöſiſche Heer ſeine Stellung genommen. Man berechnete nun, wie viel Zeit der Courier bedürfe um vom Schlachtfeld aus nach Wien zu kommen, man brachte die möglichen Hinderniſſe und Störungen in Anſchlag, die ſein raſcheres Weiterkommen hatten aufhalten können. Aber Niemand fand ſein langes Ausbleiben beängſtigend, Niemand zweifelte an dem Siege. Die beiden Heere der Verbündeten waren ja dem franzöſiſchen Heer weit überlegen, und Napoleon hatte dies Mal ſelber an keinen Sieg geglaubt, er hatte ſich mit ſeiner Armee zurückgezogen, weil er den Kampf mit der Uebermacht vermeiden wollte; er war in ſeiner Verzagtheit ſogar ſoweit gegangen, an den Kaiſer von Rußland zu ſchreiben, und ihn um Frieden zu bitten. Wie konnte man alſo annnehmen, daß Napoleon in dieſer Schlacht, deren Donner vor drei Tagen die Wiener mit Entzücken erfüllt hatte, der Sieger geweſen! Nein, dem Eroberer war endlich vom Schickſal ein Halt zugerufen, und auf dem öſterreichiſchen Boden ſollten ſeine Adler zu Boden ſinken, ſeine Lorbeern verwelken. Niemand zweifelte daran, muthige Siegesfreudigkeit belebte alle Gemüther, ſtrahlte von allen Geſichtern. Mit welcher Sehnſucht man der Ankunft des Couriers entgegen harrte, wie man ſich freute, endlich einen Triumph feiern zu dürfen über dieſe hochmüthigen Franzoſen, welche in letzter Zeit die armen Wiener ſo vielfach gedemüthigt und geärgert hatten.— Noch freilich hatte die franzöſiſche Geſandtſchaft Wien nicht ver⸗ laſſen. Das war aber nur ein Zeichen, daß auch ſie noch keinen Courier vom Schlachtfeld erhalten, denn ſonſt würde ſie Wien in aller Eile ſchon geflohen haben. Aber man wollte dieſe übermüthigen Herren Franzoſen nicht ſo ruhig und ſtill abziehen laſſen, man wollte ſie wenigſtens begleiten mit lautem Hohngelächter, mit Spott und Verwünſchungen. Tauſende umlagerten daher das Hötel der franzöſiſchen Geſandt⸗ ſchaft, in welchem Talleyrand, der Miniſter des Kaiſers Napoleon, ſeit einigen Tagen verweilte, und nicht mehr wie ſonſt verſchluckte man ——— ſeine nan Fäuſ ande ather endli zuwe bunt Zwe viell geſch Her gert zur geho Woe ſie wel gege tauſ ein in t ——. —ů, 565 ſeinen Ingrimm und ſeinen Haß, ſondern man ſprach ihn laut aus, man drohte nicht nur mit ſeinen Blicken, ſondern auch mit ſeinen Fäuſten zu den Fenſtern des franzöſiſchen Miniſters hinauf. Und während Tauſende das Geſandtſchaftshötel umlagerten, zogen andere Tauſende hinaus auf die Landſtraße von Möhringen und ſtarrten athemlos den Weg hinunter, hoffend auf den erſehnten Boten, der endlich ihnen den Sieg verkünden werde. Auf einmal begann es da hinten auf der Landſtraße ſich zu regen, zuweilen leuchtete es auf, wie blinkende Sterne, dann ſah man ein buntes Gemiſch von Farben, es kam näher und näher! Ja, kein Zweifel mehr, es waren Soldaten, es waren heranziehende Regimenter, vielleicht ſchon die heimkehrenden Helden, welche das franzöſiſche Heer geſchlagen hatten. Wie das ſiegesſtolze, ſanguiniſche Volk von Wien es jetzt in ſeinem Herzen beklagte, daß keine franzöſiſchen Regimenter mehr in Wien la⸗ gerten, daß ſie alle ſchon vor acht Tagen Wien verlaſſen hatten, und zur Armee abgegangen waren!— Jetzt hätte man eine Gelegenheit gehabt, ſich zu rächen für die Gaſtfreundſchaft, die man ſeit einigen Wochen den Franzoſen hatte zu Theil werden laſſen! Jetzt hätte man ſie mit Schimpf und Schande über dieſe Straßen dahin jagen wollen, welche ſie ſeit Wochen mit ſtolzem Siegerſchritt durchmeſſen hatten! Die Soldaten kamen näher und näher, das Volk wogte ihnen ent⸗ gegen, wie eine einzige, ungeheure Rieſenſchlange, mit tauſend und tauſend beweglichen Gliedern, mit tauſend und tauſend blitzenden Augen. Aber auf einmal wurden dieſe Augen ſtarr, entſetzensvoll; auf einmal verſtummte dies freudige Summen, das ſonſt wie ein Schwarm in der Sonne ſpielender Mücken die Luft erfüllt hatte. Das waren nicht öſterreichiſche Uniformen, nicht ruſſiſche! Das waren die verhaßten Farben Frankreichs! Es waren franzöſiſche Re⸗ gimenter, welche da einher kamen. Und jetzt auch flogen Couriere herbei, die erſehnten Couriere! Aber es waren keine öſterreichiſchen Couriere, die tricolore Schärpe flatterte um ihre Hüften, ſie grüßten das Volk nicht mit deutſchen Lauten ———— ——— S E. —— und deutſchem Brudergruß! Sie ſprengten vorüber und riefen laut: Viectoire! Victoire! Vive l'Empereur Napoléon! Das Volk ſtand ſchweigend, bleich vor Entſetzen; es ſtarrte den Regimentern entgegen, welche jetzt mit klingendem Spiel einhergezogen kamen und den Wienern die Töne der Marſeillaiſe und des Va t'en guerrier zu hören gaben; es ſtarrte dieſe zerlumpten, mürriſchen Ge⸗ ſtalten an, welche da in der Mitte der Soldaten gingen, wie die rö⸗ miſchen Sclaven vor dem Wagen des Triumphators. Dieſe armen, bleichen Jammergeſtalten trugen keine franzöſiſche Uniform und die Tricolore⸗Schärpe umgab nicht ihre Taillen, ſie trugen auch keine Wehr und Waffen, ihre Hände waren leer, ihre Blicke niedergeſchlagen. Das waren Gefangene, Gefangene der Franzoſen, und ſie trugen ruſſiſche Uniformen. Das Volk ſah es mit Entſetzen, mit ſtummem Hinſtarren. Aus ihrer ſtolzen Siegesüberzeugung waren die guten Wiener plötzlich in einen Abgrund des Unglücks hinuntergeſtürzt und ſie fühlten ſich davon betäubt, der Sprache, der Gedanken beraubt. Sie ſtanden da, bleich, athemlos und ließen das Schauſpiel des heimkehrenden Siegers mit troſtloſer Niedergeſchlagenheit an ſich vorüberziehen. Auf einmal machte die blitzende Colonne, die in der Mitte des ſchweigenden Volkes die Straße hinaufzog, Halt und die Muſik ver⸗ ſtummte. Ein Officier ſprengte herbei und ſprach einige Worte mit dem commandirenden Obriſten. Dann traten auf einen Wink und einen raſch geſprochenen Befehl des Obriſten vier Soldaten aus der Reihe, und ſich Bahn machend durch die gaffende Menge, ſchritten ſie gerade auf das kleine Haus zu, das einſam und ſtill inmitten ſeines Gärtchens an der Straße lag. Jeder Wiener kannte dieſes Häuschen und den Mann, der darin wohnte, denn es war das Haus Joſeph Haydn's. Wie jetzt die vier Soldaten zu der Thür des allbeliebten, allbe⸗ kannten Meiſters hinſchritten, ſchien das Volk zu erwachen aus ſeiner Betäubung, ein einziger Schrei der Wuth und des Entſetzens ertönte und tauſend und tauſend Stimmen riefen und kreiſchten: Vater Haydn! Sie wollen uns Vater Haydn gefangen nehmen! auch Poſe aus 567 Aber nein! Die vier Soldaten blieben vor der Thür ſtehen, ſie ſchulter⸗ ten das Gewehr und ſtellten ſich als Ehrenſchildwachen vor dem Hauſe auf.*) Und die Muſik des eben neu anmarſchirenden Regiments machte auch Halt auf der Straße und mit ſchmetternden Trompetentönen, mit Poſaunen und Fanfaren begannen die franzöſiſchen Muſiker eine Me⸗ lodie zu ſpielen, die Jedermann kannte, die Melodie der großen Arie aus der Schöpfung:„Nun beut die Flur das friſche Grün.“**) Wie triumphirender Hohn des Siegers klang es den armen Wie⸗ nern, dieſe Melodie des deutſchen Meiſters von den franzöſiſchen Siegestrompeten blaſen zu hören, und Thränen der ſchmerzlichen Schaam, der heimlichen Wuth füllten manches Auge, das niemals ge⸗ weint, und ein Gefühl bittern Schmerzes durchdrang jede Bruſt. Die franzöſiſchen Muſiker hatten noch nicht zu Ende geſpielt, da flog in dem obern Stockwerk des Hauſes das Fenſter auf und in dem⸗ ſelben erſchien das ehrwürdige, von weißen Locken umwallte Haupt Joſeph Haydn's. Seine Wangen waren bleich, ſeine Lippen zitterten, denn ſein heimkehrender Bedienter hatte ihm ſoeben die Nachricht ge⸗ bracht, daß die Franzoſen abermals geſiegt, daß Napoleon die beiden Kaiſer bei Auſterlitz geſchlagen hätte. Der Greis Joſeph Haydn zitterte deshalb und war bleich, aber der Genius Joſeph Haydn war muthvoll, freudig und trotzig und er erglühte in edlem Zorn darüber, daß die Trompeter des franzöſiſchen Siegers ſeine deutſche Muſik zu ſpielen wagten. Dieſer Zorn des ewig jungen, ewig kühnen Genius flammte aus Haydn's Augen und gab jetzt ſeinem ganzen Weſen die Kraft und Elaſticität der Jugend wieder. Sich weit herauslehnend aus dem Fenſter, winkte er mit beiden Armen dem Volk zu, daß es zu ihm emporblickte und die Hüte ſchwenkte, ihn zu begrüßen. Singt doch, Ihr Wiener! ſchrie er hinunter, ſingt doch unſer Lieblingslied! *) Hiſtoriſch. Siehe: Geſchichte Napoleons von... r. II. 84. und „Zeitgenoſſen.“ **) Hiſtoriſch. Eben war die Muſik verſtummt und jetzt mit lauter, weitſchallender Stimme begann Joſeph Haydn zu ſingen: Gott erhalte Franz den Kaiſer, unſern guten Kaiſer Franz! Und auf einmal ſchmetterte und brüllte es aus tauſend und tauſend Kehlen: Gott erhalte Franz den Kaiſer, unſern guten Kaiſer Franz! Oben am Fenſter ſtand Joſeph Haydn und hob den Arm links und rechts, als ſtehe er da vor ſeinem Orcheſter und dirigire ſeinen Chor. Immer lauter, immer jubelnder ſang das Volk ſein Lieblingslied, und unter dieſem Gebet eines ganzen Volkes, unter dieſer Jubelhymne, mit welcher die Wiener ihren unglücklichen, beſiegten Kaiſer im Angeſicht des Siegers feierten, zogen die Franzoſen die Straße hinauf, dem Innern der Stadt Wien zu. Joſeph Haydn ſtand noch immer am Fenſter, er taktirte nicht mehr, er ſang nicht mehr. Er hatte die Hände gefaltet und lauſchte den hei⸗ ligen Orgeltönen des Volksgeſanges, er hatte die Hände gefaltet und ſchaute zum Himmel empor, und wie Diamanten blinkten die Thränen, die in ſeinen Augen ſtanden. Das Volk aber ſang und jubelte immer noch, den Franzoſen zum Trotz: Gott erhalte Franz den Kaiſer, unſern guten Kaiſer Franz! Und die ſiegreichen Franzoſen zogen ſtill durch die geöffnete Reihe des Volks dahin. IV. Der Patriotismus. Die Prinzeſſin Mariane Eybenberg kehrte ſo eben von einem Feſte zurück, das der engliſche Geſandte Lord Paget ihr zu Ehren gegeben hatte, und das zugleich eine Vorfeier des Sieges ſein ſollte, den die beiden Kaiſer, die Verbündeten Englands, vorgeſtern ohne Zweifel über den Urſurpator errungen hatten. nit B anzuſch immer auserle wie de Die fannte ſich ſo vergeſſ innerte Trium vor Ze geduld führur 2 Geſell Virre ſinnte zweifel 2 hatte! denn Schlöſ und de jetzt d Geſan zeſſin Abſch lebhaf Borde weilen an der — 569 Mariane Eybenberg war daher in ſtrahlender Toilette, geſchmückt mit Brillanten und Goldgeſchmeide, ſchön und ſtolz wie eine Königin anzuſchauen. Sie ſtand jetzt auf der Höhe ihres Glückes, ſie war noch immer ſchön, und ſie war außerdem gewiſſermaſſen die Patroneß der auserleſenſten Geſellſchaft Wiens, der Mittelpunkt der geiſtigen ſowohl, wie der ariſtocratiſchen Kreiſe geworden. Sie hatte ihr Ziel erreicht. Die Jüdin Mariane Meier war jetzt eine von der ganzen Welt aner⸗ kannte Standesperſon, und die Prinzeſſin Mariane Eybenberg fühlte ſich ſo ganz ſicher und heimiſch in ihrer Stellung, daß ſie ſelber faſt vergeſſen hatte, wer und was ſie früher geweſen. Nur zuweilen er⸗ innerte ſie ſich deſſen, nur dann, wenn dies Erinnern ihr zuweilen einen Triumph bereitete, und wenn ſie ſolchen Perſonen begegnete, welche ſie vor Zeiten mit ſtolzer Geringſchätzung in der guten Geſellſchaft höchſtens geduldet hatten, und welche es jetzt nicht verſchmäheten, um die Ein— führung in ihren Salon als um eine Gunſt ſich zu bewerben. Dieſer Salon war jetzt in Wien die einzige Zuflucht der guten Geſellſchaft, der einzige Ort, wo man ſicher war, inmitten dieſer Wirren und dieſer Zerriſſenheit immer den Geiſtreichſten und Beſtge⸗ ſinnten zu begegnen, wo man niemals zu fürchten hatte, Leute von zweifelhafter Geſinnung oder gar Franzoſen zu treffen. Aber freilich, ſeit die kaiſerliche Familie aus Wien entflohen war, hatte der Salon der Prinzeſſin Eybenberg ſich nach und nach verödet, denn der hohe Adel hatte ſich zurückgezogen auf ſeine Güter und Schlöſſer und die Miniſter und höheren Beamten waren dem Kaiſer und dem Hof nach Olmütz gefolgt. Auch die Geſandten wollten ſich jetzt dorthin begeben, und deshalb war das Feſt, welches der engliſche Geſandte, Lord Paget, heute der von ihm angebeteten Freundin Prin⸗ zeſſin Eybenberg gegeben, nicht bloß ein Freuden⸗ ſondern auch ein Abſchiedsfeſt. Von dieſem Feſt, wie geſagt, war Mariane eben heimgekehrt. Mit lebhaften Schritten, verloren in tiefe Gedanken, ging ſie in ihrem Boudoir auf und ab, zuweilen leiſe Worte vor ſich hinmurmelnd, zu⸗ weilen tief aufſeufzend, wie in unendlicher Pein. Wie ſie eben wieder an dem großen venetianiſchen Spiegel vorüberkam, blieb ſie ſtehen und — — ——— betrachtete in demſelben die glänzende und hoheitsvolle Erſcheinung, welche er ihr wiederſtrahlte. Es iſt wahr, ſagte ſie traurig, die Prinzeſſin Eybenberg iſt eine ſchöne und ſtattliche Perſon, ſie hat ſehr ſchöne Brillanten, einen ſehr ſchönen Titel, ſie macht ein glänzendes Haus, ſie hat ſehr viele An⸗ beter, ſie wird verehrt und geliebt als eine begeiſterte Patriotin, ſie hat Alles was das Leben ſchmücken und verſchönen kann, und doch ſehe ich da eine Wolke auf dieſer Stirn, von welcher die Künſtler ſagen, daß ſie eine Wiederholung der Ludoviſiſchen Juno ſei, die Diplomaten, daß ſie der Pallas Athene angehöre. Was bedeutet dieſe Wolke? Gieb eine Antwort Du da drin in dem Spiegel, Antwort, Du ſtolzes Weib mit dem Brillantdiadem, wie kommt es, daß Du ein trauriges Geſicht machſt, obwohl die Welt ſagt, das Du glücklich und hoch⸗ geehrt ſeieſt? Sie ſchwieg und blickte faſt erwartungsvoll in den Spiegel zu ihrem eigenen Bilde hin. Auf einmal begann die Pendule mit lautem, ſchnurrendem Schlag die Stunde anzugeben. Mitternacht, flüſterte Mariane leiſe vor ſich hin, Mitternacht, die Stunde der Geiſter. Ich will auch einen Geiſt citiren, fuhr ſie nach kurzem Schweigen fort, ich will ihn anrufen und ihn zwingen, mir Antwort zu geben! Und den Arm gegen das funkelnde, glänzende Spiegelbild erhebend, ſagte ſie mit lauter, feierlicher Stimme: Mariane Meier, ſtehe auf aus Deinem Grabe, und komm hierher, mir Antwort zu geben auf meine Fragen! Mariane Meier, ſtehe auf und wandle, die Prinzeſſin Eybenberg iſt es, die Dich ruft! Ach, ich ſehe Dich, Du biſt es, Mariane, Du ſchauſt mich an mit den traurigen Augen jener Tage, als Du viel Schmach und Demüthigung zu ertragen hatteſt, und als Du ſaßeſt traurig an den Waſſerflüſſen Babylons und weinteſt. Ja, ich erkenne Dich, Du trägſt noch immer die Züge Deiner Urväter Levy; die Menſchen wollen ſie nicht mehr bemerken, ich aber ſehe ſie. Mariane Meier, nun höre mich, und ſprich zu mir: Sag mir, was fehlt der Prinzeſſin Eybenberg, däß ſie nicht glücklich iſt? Schau Dich um in Ihrem Hauſe, Mariane Meier, Du wirſt d in den Toypic und in Kleidet ſtickrei Wiißt kindiſch geſehn gejamn glücki warum als D ir d tragen Geſell Glück Meiier viel w hatteſt hatteſt Ziel, Das mehr den ic Grab und n haßte wirdl ſſt es berg den h inhalt lichel ner 571 wirſt da Ueberfluß und Pracht ſehen, wie Du es nimmer gekannt haſt in den Tagen Deiner Kindheit. Sieh ihre vergoldeten Meubles, ihre Teppiche und Luſtres, ſieh die ſchönen Gemälde an den Wänden, und in den Schränken das reiche maſſive Silbergeſchirr. Sieh ihre Kleider von Sammet und Seide, geſchmückt mit Gold- und Silber⸗ ſtickerei, ſieh ihre Brillanten und Juwelen und ihr Goldgeſchmeide. Weißt Du noch, Mariane Meier, wie oft Du in den Tagen Deiner kindiſchen Jugend Dich mit heißen Thränen nach allen dieſen Dingen geſehnt haſt? Weißt Du noch, wie oft Du mit gerungenen Händen gejammert haſt: oh wär ich doch reich! Denn wer reich iſt, der iſt glücklich!— Die Prinzeſſin Eybenberg iſt reich, Mariane Meier, warum iſt ſie denn alſo nicht glücklich?— Wenn man Dir damals, als Du nur weinteſt nach Reichthum, Mariane Meier, wenn man Dir damals prophezeiht hätte, Du würdeſt dereinſt einen Fürſtentitel tragen, und Dein geſchmähtes Judenhaupt ſtolz erheben in der höchſten Geſellſchaft, würdeſt Du nicht gedacht haben, dies ſei der Gipfel des Glücks und nichts bliebe dann mehr zu wünſchen? Ach, Mariane Meier, ich ſtehe auf dieſem Gipfel, und doch ſcheint es mir, daß ich viel weiter entfernt bin vom Glück, wie Du es damals warſt! Du hatteſt damals etwas, wonach Du ringen und ſtreben konnteſt, Du hatteſt ein großes Ziel! Was aber habe ich? Ich ſtehe bei meinem Ziel, und es giebt nichts mehr für mich zu erlangen und zu erkämpfen! Das iſt das Geheimniß meines Trübſinns: es bleibt für mich nichts mehr zu erkämpfen! Ich ſtehe auf meiner Höhe, und jeder Schritt, den ich thue, iſt ein Schritt bergab, dem Grabe zu, und wenn das Grab ſich über mir ſchließt, wird nichts mehr von mir zurückbleiben, und mein Name wird ruhmlos verhallen, während der Name des ver⸗ haßten lſurpators wie eine goldene Harfe durch alle Welt klingen wird! Oh, ein wenig Ruhm, ein wenig irdiſche Unſterblichkeit, das iſt es, Mariane Meier, was das ehrgeizige Herz der Prinzeſſin Eyben⸗ berg ſich erſehnt, das iſt es, wofür ſie Jahre ihres Lebens mit Freu⸗ den hingeben würde. Das Leben iſt ſo grenzenlos langweilig und inhaltslos, es iſt nichts als eine glänzende Phraſe, nichts als ein lächelndes, aufgeputztes Einerlei mehr!— Aber horch, was iſt das? ——— ——— unterbrach ſie ſich auf einmal ſelber. War's mir nicht, als hört' ich Schritte im kleinen Corridor? Ja, ich täuſche mich nicht! Jetzt kommt's an die Thür. Oh er iſt es alſo, es iſt Gentz. Sie flog nach der Thür hin, und ſie haſtig öffnend, rief ſie: Biſt Du es, mein geliebter Freund? Wenn Du mit dieſem Epitheton mich meinſt, Mariane, ja ich bin es, ſagte Gentz, in das Cabinet eintretend. Und wen anders ſollte ich meinen, Friedrich? fragte ſie vorwurfs⸗ voll. Wer anders als Du beſitzt einen Schlüſſel zu meinem Hötel und zu dieſer Thür? Wer anders als Du kann zu jeder Zeit des Tages und der Nacht in mein Haus und meine Zimmer eintreten? Vielleicht Lord Paget, mein mächtiger, ſchöner Rival, ſagte Gentz nachläſſig und ganz ohne Vorwurf, indem er ſich müde und erſchöpft in den Divan niedergleiten ließ. Biſt Du eiferſüchtig auf Lord Paget? fragte ſie, ſich zu ihm ſetzend, und ihre von Brillantringen funkelnde Hand auf ſeine Schulter legend. Bedenke, mein Freund, daß ich auf Deinen Wunſch allein die Huldigungen des guten Lords angenommen und dieſe politiſche Liaiſon entrirt habe. Ich weiß, ich weiß, ſagte Gentz abwehrend, auch bin ich nicht ge⸗ kommen über ſolche Kleinigkeiten mit Dir zu hadern und zu rechten. Ich bin nicht gekommen als ein eiferſüchtiger Liebhaber, der mit ſeiner Geliebten ſchmollen will, ſondern als ein armer, troſtloſer Mann, der ſich zu ſeiner Freundin flüchtet, um in ihren Buſen ſeine Klagen und ſeine Verzweiflung auszuſtrömen, um von ihr ein wenig Sympathie für ſeine Wuth und ſeine Troſtloſigkeit zu fordern. Mein Freund, was iſt geſchehen? fragte Mariane entſetzt. Wo biſt Du geweſen ſeit dieſen acht Tagen, daß ich Dich nicht geſehen? Du nahnmſt in einem flüchtigen Billet Abſchied zu einer wichtigen Reiſe, ohne mir zu ſagen, wohin Du gingſt. Wo warſt Du denn, Friedrich? Ich war in Olmütz beim Kaiſer und den Miniſtern, ſeufzte Gentz. Ich hoffte, den Triumph der guten Sache und Deutſchlands dort zu fördern, ich hoffte, einen ſtrahlenden Sieg mit zu erleben, und jetzt— Und jetzt? fragte Mariane athemlos, als Gentz ſtockte. Je N in Zor Er und ſc geſunke ſchlager ſind nu jurückg um in Uh mals ſtolzen krümme ſei, D blick g tanen, geſcheh Nation J Gott! eigene ſonder trägt 1 Mullti frühere Europe die ga glaubt fung Ihr G — ha nnes Jetzt war ich Zeuge einer ſchmachvollen Niederlage, ſeufzte Gentz. Mariane ſtieß einen Schrei aus, und ihre Augen flammten auf in Zorn. Er hat abermals geſiegt? fragte ſie tonlos. Er hat geſiegt, und wir ſind abermals geſchlagen, rief Gentz laut und ſchmerzvoll. Die letzte Hoffnung Deutſchlands, ja Europas iſt geſunken, die Ruſſen ſind mit uns in einer ſchrecklichen Schlacht ge⸗ ſchlagen. Das Unglück iſt ohne Grenzen, und alle preußiſchen Armeen ſind nun zu ſchwach, um es zu heben.*) Schon haben ſich die Ruſſen zurückgezogen, und in dieſer Nacht iſt der Kaiſer Alexander abgereiſt, um in ſeine Staaten zurückzukehren. Und Er, murmelte Mariane leiſe vor ſich hin, Er feiert aber⸗ mals einen Triumph über uns! Er zieht ſtrahlend weiter auf ſeiner ſtolzen Sonnenbahn, während wir zerſchmettert und gedemüthigt uns krümmen ifn Staub der Erniedrigung. Iſt es Dein Wille, daß es ſo ſei, Du Gott da droben? fragte ſie, ihre Augen mit einem Zornes⸗ blick gen Himmel richtend. Haſt Du keinen Blitzſtrahl für dieſen Ti⸗ tanen, der ſich gegen die Weltordnung auflehnt? Läßt Du es ruhig geſchehen, daß dieſer Emporkömmling alle Völker unglücklich und alle Nationen zu Sclaven macht? Ja, Gott läßt es geſchehen, rief Gentz mit einem bittern Lachen. Gott hat ihn zur Zuchtruthe erwählt, um uns zu ſtrafen für unſere n 3 ———————— ch eigene Jämmerlichkeit. Wir unterliegen ja nicht durch ſeine Größe, er ſondern durch unſere Schwäche. Das öſterreichiſche Cabinet, das er trägt die Schuld an unſerm Unglück! Ich habe die Unfähigkeit, die nd Nullität, ja, die Infamie dieſes Cabinets lange erkannt, ich habe in ie früheren Zeiten unſer öſterreichiſches Cabinet den andern Cabinetten Europas als die eigentliche Quelle des Verderbens bezeichnet und ihnen bo. die ganze ſchreckensvolle Wahrheit gezeigt. Oh, hätte man mir ge⸗ n7 glaubt, als ich mit wahrer Verzweiflung noch im Juni, noch im An⸗ ſe, fang Auguſt dahin und dorthin ſchrieb:„Seht Euch vor, mit wem 7 Ihr Euch einlaſſet! Trauet nicht einem trügeriſchen Schein von Beſſe⸗ t. zu *) Friedrich Gentz's eigene Worte. Siehe: Gentz's Briefwechſel mit Jo hannes von Müller. S. 150. rung. Sie ſind die Alten! Mit dieſen kann und wird kein großes Geſchäft im Cabinet oder im Felde gedeihen; ihre Zurückweiſung iſt die conditio sine qua non der Rettung Europas.“ Alles war umſonſt! Ich blieb zuletzt allein mit meinen Caſſandra'ſchen Wehklagen, Alle verließen mich!*) Ich verließ Dich nicht, Friedrich, ſagte Mariane vorwurfsvoll, und ich zwang auch Lord Paget, ſich zu Deiner Anſicht zu bekennen. Dank unſern vereinigten Bemühungen iſt wenigſtens doch der unfähige Graf Colloredo aus dem Cabinet verdrängt. Das iſt ein Troſt, aber keine Hoffnung, ſagte Gentz. So lange die andern Miniſter bleiben, iſt Alles vergeblich. Es iſt Alles ſo faul. und verweſt, daß, wenn nicht das Ganze weggeworfen wird, keine vernünftige Hoffnung mehr bleibt! Ich hoffte, der Kaiſer von Ruß⸗ land würde mit einem geſegneten Donnerwetter in dieſen Sumpf und Abgrund der verächtlichſten Untauglichkeit ſchlagen, aber Er iſt dazu zu milde, und er hat keinen Mann von niederſchmetternder Seelenkraft bei ſich. Er hat unſer Elend geſehen, beſeufzt und bejammert, aber er wollte ſich in die Perſonalverhältniſſe nicht miſchen, und darüber ging Alles verloren, und Er ſelber erlitt eine ſchmachvolle Niederlage. Und wir haben uns jetzt alſo vollſtändig unterworfen? fragte Ma⸗ riane. Wir haben Frieden gemacht mit dem Uſurpator? Wir haben ihn um Frieden gebeten, willſt Du ſagen, und Er wird den Frieden machen, wie es ihm beliebt. Oh, Mariane, wenn ich die Ereigniſſe dieſer letzten Tage bedenke, ſo übermannt mich Wuth und Schmerz, und ich weiß kaum, wie ich nach dieſem noch weiter leben ſoll. Höre nur, wie wir um Frieden gebeten haben! Geſtern, zwei Tage nach der Schlacht, ſandte der Kaiſer Franz den Fürſten Johann Liechtenſtein zu Napoleon, der im Schloſſe Auſterlitz ſein Quartier genommen, und ließ ihn um eine Zuſammenkunft bitten. Napoleon bewilligte ſie ihm, und der Kaiſer von Deutſchland ging alſo zu ſeinem Beſieger, um den Frieden zu erbitten. Er ging von keinem andern als Lamberti begleitet, in ſeiner gewöhnlichen, mitleidswürdigen, *) Gentzs eigene Worte. Siehe: Briefwechſel ꝛc. 144. jett n offener ſeinen ganzer S mit h das S Wer darf Staul um um e worde Zuſa beide auch offene Freu Am ſagte aus jetzt mehr als je verfallenen Geſtalt, zu dem Rendezvous, das auf ſt offenen Felde ſtattfinden ſollte. Bonaparte empfing ihn, von allen ſeinen Generälen und Kammerherren und Ceremonienmeiſtern und dem le ganzen Pomp der Majeſtät umgeben.*) Oh, welche furchtbare Schmach und Demüthigung, rief Mariane l, mit hervorſtürzenden Thränen, und mit einer wilden Bewegung riß ſie n. das Brillantdiadem aus ihrem Haar und ſchleuderte es zur Erde nieder. ge Wer darf ſich ſchmücken, wenn ſolche Schmach geſchehen, rief ſie, wer darf ſein Haupt noch aufrecht tragen, wenn Deutſchland ſo in den ge Staub getreten iſt! Der Kaiſer von Deutſchland hat den Eroberer ul um Frieden gebeten, er hat demüthig darum gefleht, wie der Bettler ne um ein Almoſen fleht! Und iſt ihm dieſer Frieden in Gnaden bewilligt worden? Oh, erzähle mir Alles, Friedrich! Was geſchah bei jener nd Zuſammenkunft? Was ſprachen ſie zu einander? u Es läßt ſich wenig davon erzählen, ſagte Gentz achſelzuckend, die uft beiden Kaiſer unterhielten ſich mit einander ohne Zeugen. Bonaparte ber ließ ſein Gefolge bei einem Wachtfener zurückbleiben, und dahin ging ber auch Lamberti. Dann näherten ſich die beiden Kaiſer einander mit ge offenen Armen und fielen einander um den Hals, wie zwei zärtliche Ra⸗ Freunde, die ſich lange nicht geſehen.**) Und Kaiſer Franz hatte nicht die Kraft, den Feind mit ſeinen Er Armen zu erwürgen? rief Mariane bebend vor ſchmerzlichem Zorn. en Er hatte nicht die Kraft und auch nicht den Willen, glaube ich, uth ſagte Gentz achſelzuckend. Als Napolevn den unglücklichen Kaiſer Franz iter aus ſeinen Armen entließ, deutete er mit einem ſtolzen Blick gen Himmel enn, und ſagte: Sire, ich muß Sie unter dem einzigen Baldachin empfangen, ſen der mich ſeit zwei Monaten bedeckt. Kaiſer Franz erwiderte lächelnd: ſen„Sie haben ſich aber unter demſelben ſo gut eingerichtet, daß Ihnen tur.. nichts zu wünſchen übrig bleibt!“ 85„Nur Eins bleibt mir zu wün⸗ ah ſchen, rief Napoleon haſtig, nur dies: daß Ew. Majeſtät mich nicht inem*) Dieſe ganze Schilderung iſt genau und Wort für Wort einem Brief gen, Friedrich Gentz's an Johannes von Müller entnommen. Siehe: Brief⸗ wechſel ꝛc. 154. **) Hiſtoriſch. fernerhin bekriegen möge.“—„Das verſpreche ich von ganzem Herzen!“ ſagte Franz laut und ohne zu zögern. Dann ward ihre Unterhaltung leiſer, und weder Lamberti noch die franzöſiſchen Marſchälle konnten ein Wort weiter verſtehen.*) Erſt nach zwei Stunden trennten ſie ſich und nahmen wieder mit einer zärtlichen Umarmung von einander Abſchied. Kaiſer Franz kehrte ſchweigend und in ſich gekehrt nach Olmütz zurück. Er hatte bis dahin kein Wort geſprochen, aber als er den Fürſten Liechtenſtein ſah, winkte er ihn zu ſich und ſagte mit verbiſſenem Grimm leiſe zu ihm:„Jetzt, ſeit ich ihn geſehen, kann ich ihn erſt gar nicht mehr leiden.“**) Das war der einzige Ausdruck ſeines Zorns, übrigens ſchien er recht zufrieden mit den Bedingungen, die er erlangt hatte. Und waren die Bedingungen ehrenvoll? fragte Mariane. Ehrenvoll! ſagte Gentz achſelzuckend. Napoleon verlangte vor allen Dingen ſchleunige Entfernung der Ruſſen, und der Kaiſer ver⸗ ſprach ſie ihm. Deshalb iſt Kaiſer Alexander abgereiſt, deshalb zieht ſich die ruſſiſche Armee zurück und ein Theil derſelben geht nach Preußen, der andere kehrt nach Polen zurück. Das Wiener Cabinet iſt alſo frei, das heißt, es iſt ſeiner eigenthümlichen Infamie ohne Schranken überlaſſen, und ſo wird der Friede bald genug zu Stande kommen. Den Kothſeelen iſt Alles gleich, wenn er nur Wien heraus⸗ giebt. In Olmütz ſagte geſtern der Finanzminiſter Zichy zu mir: „Mit Tyrol, Venedig und einem Stück von Ober⸗Oeſterreich iſt der Friede wohlfeil erkauft, und wir können zufrieden ſein.“ Ach, wenn dieſe nur untergingen, welche Wolluſt wäre dann der Sturz der Monarchie! Aber die Provinzen, die Ehre, Deutſchland, Europa verlieren, und die Zichy, die Ungarte, die Cobenzl, die Collenbach, die Lamberti, die Dietrichſtein behalten zu müſſen, keine Genugthuung, keine Rache, nicht Einer der Hunde gehängt oder geviertheilt,— das iſt unmöglich zu verdauen!***) *) Mémoires du Duc de Rovigo. II. 215. *) Hiſtoriſch. Siehe: Häuſſer deutſche Geſchichte II. S. 690. **½) Dieſe ganze Rede enthält nur Gentz's eigene Worte. Siehe: Brief⸗ wechſel 155. —— Omi habe Unſer miſſar ſragt —————— Es iſt wahr, ſagte Mariane gedankenvoll und leiſe vor ſich hin, dieſe Schmach iſt ohne Grenzen, und wenn die Männer ſie ertragen und ihr Haupt beugen wollen, ſo iſt es Zeit, daß die Weiber das ihre erheben, und ſich in Löwinnen verwandeln, die den Feind zerreißen, der ſich ihnen entgegenſtellt!— Und was gedenkſt Du jetzt zu thun, mein Freund? fragte ſie dann laut, ſich aus ihrem Sinnen gewaltſam emporraffend. Welche Ausſichten haſt Du? Welchen Schlachtplan wirſt Du uns entwerfen? Ich habe gar keine Ausſichten, und ich gebe es auf, Schlachtpläne zu entwerfen, ſagte Gentz ſeufzend. Nachdem ich fünf Tage lang in Olmütz meine letzten Kräfte aufgeboten habe, bin ich am Ende und habe mich erſchöpft und, bis zum Ekel geſättigt, von dort zurückgezogen. Unſere Miniſter ſind nach Preßburg gegangen, um dort mit den Com⸗ miſſarien Bonaparte's um den Frieden zu handeln. Und wo iſt Er ſelber während der Zeit, Er, der ſtolze Triumphator? fragte Mariane haſtig. Er hat dieſe Nacht Auſterlitz verlaſſen, und wird wieder in Schön⸗ brunn reſidiren, bis der Friede geſchloſſen iſt. Ah, in Schönbrunn, ſagte Mariane, das heißt, hier in Wien. Und Du, Friedrich, wirſt Du auch hier bleiben? Wenn der Friede geſchloſſen iſt, werden ſie mich natürlich aus Wien exiliren, denn Bonaparte kennt meinen Haß gegen ihn, und er weiß, daß derſelbe unverſöhnlich iſt. Ich gehe alſo lieber freiwillig in's Exil, und reiſe nach Breslau, wo ich Freunde und Bekannte genug finde. Da will ich leben, mich zerſtreuen, ein Menſch ſein, wie ſie Alle, das heißt, meinem Egoismus leben, und mich nach ſ Aergerniſſen und Kämpfen ausruhen. Das iſt nicht wahr, das iſt nicht möglich! rief Mariane glühend. Ein Patriot und ein Mann wie Du ruht nicht, und genießt nicht, wenn das Vaterland im Unglück und in der Schmach iſt. Ich rufe Dir zu, was Arnauld zu ſeinem Freunde Nicole ſagte, als dieſer, des Kampfes um den Janſenismus müde, ihm erklärte, daß er ſich zurück⸗ ziehen und ausruhen wolle. Vous reposer! Bh! n'avez vous pas pour vous reposer l'éternité toute entière?— Wenn jene Männer ſo für Mühlbach, Napoleon. I. Bd 37 o vielen ———— —— — — ———— —4 einen abgeſchmackten Formularſtreit entbrennen konnten, wie ſollteſt Du wohl ruhen, da die Ewigkeit ſelbſt, ſie ſei nun Ruhe oder Bewegung, nichts Größeres aufzuweiſen hat, als einen Kampf um die Freiheit und Würde der Welt! Gott ſegne Dich für dieſes Wort, Mariane, rief Gentz begeiſtert, indem er die Freundin feſt umſchlang und einen glühenden Kuß auf ihre Stirn preßte. Oh, Mariane, ich wollte Dich nur prüfen, ich wollte ſehen, ob mit der Begeiſterung Deiner Liebe zu mir, auch die Begeiſterung der heiligen Sache, welche ich vertrete, von Dir gewichen ſei, ich wollte nur wiſſen, ob jetzt, da Du mich nicht mehr liebſt— Und wie kannſt Du ſagen, daß ich Dich nicht mehr liebe? unter⸗ brach ſie ihn. Wodurch habe ich dieſen Vorwurf verdient? Es iſt kein Vorwurf, Mariane, ſagte Gentz trübe, Du haſt dem wankenden, ſchwankenden und wechſelnden Organismus, aus welchem Alles Geſchaffene beſteht, Deinen Tribut dargebracht, vielleicht ich ebenſo. Vergänglich ſind wir Alle geſchaffen, und ſo müſſen auch unſere Gefühle vergänglich ſein. Die Liebe zumal iſt eine gar köſtliche, duftende und bezaubernde Purpurroſe; aber ihr Leben dauert nur Einen Tag, dann verwelkt ſie. Wohl alſo Denen, welche dieſen Einen Tag benutzt und an ihrer Gluth ſich erfreut, ihren Duft mit begeiſterten Sinnen ein⸗ geathmet haben. Wir Beide thaten es, Mariane, und wenn wir jetzt zurückblicken auf unſern Tag des Liebesglückes, ſo können wir Beide ſagen:„er war köſtlich und berauſchend, und er wird mit ſeiner Erin⸗ nerung einen goldenen Sonnenglanz über unſer ganzes Leben ausſtrahlen.“ Schmähen wir ihn alſo nicht, daß er vergangen iſt, und zürnen wir uns ſelber nicht, daß wir ihn nicht verlängern konnten. Die Roſe iſt verblüht, aber der Stamm, aus dem ſie entſproſſen, der muß uns bleiben, das iſt unſer unvergänglich Theil. Dieſer Stamm, das iſt die Eintracht der Geſinnung, das iſt die Uebereinſtimmung unſerer Gedanken, das iſt, um es kurz zu ſagen, der in der verwelkten Liebesblume gereifte Saamen der Freundſchaft. Ich bin alſo nicht zu Dir gekommen, Mariane, um die Geliebte zu ſuchen, ſondern um die Freundin zu welche meine Anſichten, finden, die Freundin, welche mich verſteht, meine Verzweiflung, meine Schmerzen und meine Wuth theilt und welche auf Einem Wege! Dieſes Ziel iſt: die Befreiung Deutſchlands von den Ketten der Sclaverei. Die Vernichtung des Tyrannen vor allen Dingen, der uns zu Sclaven erniedrigen will! rief Mariane mit flammenden Augen. Sage mir den Weg, der zu dieſem Ziele führt und ich will ihn wandeln und führte er auch über Dornen und zuckende Schwerter dahin! Das Ziel liegt klar und hell vor uns, ſagte Gentz traurig, aber der Weg zu ihm hin iſt noch verſchüttet und ſo ſchmal und niedrig, daß wir jetzt noch auf unſern Knieen und gar langſam vorwärts rutſchen müſſen! Aber jeder von uns muß den Spaten nehmen und arbeiten, auf daß der Weg breiter werde und höher und auf daß wir eines Tages vorwärts ſchreiten können, nicht gebeugten, ſondern erhobenen Hauptes, den Feuerblick in den Augen, das Schwert in der Hand.— Laß uns dieſen Tag vorbereiten, laß uns arbeiten in dem dunklen Schacht und andere Arbeiter werden ſich zu uns geſellen und gleich uns den Spaten nehmen und graben, und in der Stille der Nacht, mit Verwünſchungen auf den Lippen und Gebeten im Herzen, wollen wir graben an dieſem dunklen Weg, graben wie die Maulwürfe, bis wir uns endlich hingraben zu unſerm Ziel und heraustreten an das Licht des Tages, welcher Deutſchland die Freiheit wieder giebt! Jetzt befinden wir uns in einer Zeit, wo die geheimen Geſellſchaften von der größten Nützlichkeit ſein können. Ich haßte und verachtete von jeher Alles, was dieſen Namen führt, aber die Noth lehrt beten, jetzt muß ich ſie als eine ſelige Zukunft begrüßen.*) Innig und feſt, wie die erſte Kirche, müßte die geheime Geſellſchaft zu einander halten und ihr Zweck wäre: Zerſtörung der bonapartiſtiſchen Tyrannei, Her⸗ ſtellung der Staaten und Regenten, Gründung eines beſſern Syſtems und endlich ewiger Kampf gegen die Grundſätze, welche unſere Gleich⸗ gültigkeit, Erſchlaffung und Nichtswürdigkeit hervorgebracht haben. Mariane, und jetzt komme ich und frage Dich als die Würdigſte, als *) Gentz's eigene Worte. Siehe: Briefwechſel ꝛc. 163. bereit iſt, mit mir nach Einem Ziel zu ſtreben und es mit mir zu ſuchen ———— — 580 den tapferſten und edelſten Mann, den ich kenne und verehre, Mariane, willſt Du Mitglied dieſer geheimen Geſellſchaft ſein? Er reichte ihr mit einem vollen Seelenblick die Hand dar und ſie ſchaute ihn an mit offenen großen Augen und legte langſam ihre beiden Hände in die ſeine. Ich will es, ſo wahr mir Gott helfe, ſagte ſie feierlich, ich will Mitglied Deiner geheimen Geſellſchaft ſein, und ich will ausziehen in alle Welt und Propaganda machen für unſern Bund und ich will Catacomben ſuchen, wo wir beten und uns ermahnen und ermuntern können zu raſtloſem Weiterſtreben, ich will uns Brüder und Anhänger werben für unſern Bund in allen Kreiſen, in den höchſten ſowohl als in den niedrigſten, und der Bauer, wie der Fürſt, die Gräfin, wie die Bürgerin ſollen Brüder und Schweſtern werden unſers heiligen Bundes, deſſen Ziel die Befreiung Deutſchlands von dem Joch des Tyrannen iſt. Meine Thätigkeit und mein Eifer, das Werk zu fördern, das Du begonnen, dies möge Dir alsdann beweiſen, Freund, ob ich Dich noch liebe und ob mein Geiſt Dich verſtanden hat! Ich rechnete auf Deinen Geiſt, Mariane, als ich aufgehört hatte auf Dein Herz zu hoffen, rief Gentz, und ich habe mich nicht verrechnet. Dein Geiſt hat mich verſtanden und er iſt eins mit dem meinen. So laß uns denn muthig an's Werk gehen und unſere erſten Schritte vorwärts thun! Die Zeit, wo man noch hoffen konnte, dies Werk mit dem Schwert zu fördern, iſt jetzt vorüber und das Schwert liegt zerbrochen zu unſern Füßen. Jetzt haben wir noch zwei andere Waffen, aber ſie ſind eben ſo ſcharf, eben ſo ſchneidend und tödtlich wie das Schwert.“ Dieſe Waffen ſind die Zunge und die Feder? rief Mariane lächelnd. Ja, Du haſt mich verſtanden, ſagte Gentz freudeſtrahlend, dies ſind unſere Waffen. Du, meine ſchöne Kampfgenoſſin, gebrauchſt die erſte dieſer Waffen, Deine Zunge, ich die zweite, meine Feder! Und ſchon habe ich dieſe in Bewegung geſetzt und in den ſchlafloſen Nächten dieſer letzten Tage eine Schrift verfaßt, von der ich wünſchte, daß ſie wie eine flatternde Taube über ganz Deutſchland hineilte und überall geſehen, erkannt und verſtanden werde. Dieſe Schrift heißt:„Deutſch⸗ land in ſeiner tiefen Erniedrigung;“ es iſt ein Schrei meines Schmerzes, Emie ſchat Hinn wird auf. um Mein Winte ſamn 581 mit dem ich das deutſche Volk wecken will, daß es endlich aufwache aus ſeiner dumpfen Erſtarrung, daß es das Schwert nehme und auf⸗ ſtehe in der Urfülle ſeiner Kraft, um den Tyrannen zu verjagen. Ach, aber wo werde ich einen Drucker finden, der den Muth hat, dies zu drucken, einen Cenſor, der es mir unbeſchnitten durchläßt und endlich Buchhändler, die es wagen, ihrem Publikum eine ſolche Schrift anzubieten! Gieb mir Deine Schrift, rief Mariane freudig, ich werde ſorgen, daß ſie gedruckt werde, und wenn es keine Buchhändler geben ſollte, welche ſie vertreiben, ſo werde ich als Dein Commiſſionair durch ganz Deutſchland reiſen und werde Deine Schrift Nachts heimlich ausſtreuen auf den Gaſſen aller deutſchen Städte, damit ihre Einwohner ſie am Morgen finden als das vom Himmel niedergewehete Manna, das ſie ſtärken und ernähren ſoll. Gieb mir Deine Schrift, Friedrich Gentz, als das erſte Zeichen unſeres geheimen Bundes! Sieh nur, daß ich Dich ganz verſtanden und ganz auf Dich gezählt habe, Mariane, ſagte Gentz, indem er ein kleines Paket aus ſeiner Buſentaſche zog und es in ihre Hände legte. Hier iſt meine Schrift, ſuche für ſie einen Drucker, der ſie druckt, und einen Buchhändler, der ſie in die Welt ſendet, gieb ihr den Segen Deines Schutzes und fördere ſie, wo und wie es in Deinen Kräften ſteht! Das werde und will ich, rief Mariane, ihre Hand wie zum Schwur auf die Papiere legend. Noch ehe vier Wochen vergangen ſind, ſoll das deutſche Volk dieſe Schrift leſen:„Deutſchland in ſeiner tiefen Erniedrigung.“ Sie ſoll der erſte Komet ſein, den die geheime Geſell⸗ ſchaft, deren Mitglieder wir Beide allein bis jetzt ſind, am düſtern Himmel der Politik aufblitzen läßt. Rechne auf mich, Deine Schrift wird gedruckt werden! Gentz neigte ſich über ihre Hand und küßte ſie, dann ſtand er auf. Mein Geſchäft iſt vollendet, ſagte er, ich kam nach Wien, nur um Dich zu ſehen und meinen geheimen Bund mit Dir zu ſchließen. Mein Ziel iſt erreicht, in dieſer Stunde noch reiſe ich ab. Und warum in ſolcher Eile, Freund! Warum in dieſer ſtürmiſchen Winternacht? fragte Mariane. Gönne mir noch einen Tag des Zu⸗ ſammenſeins. — —— Es iſt unmöglich, Mariane, ſagte Gentz abwehrend. Freunde wie wir dürfen kein Geheimniß vor einander haben, und ſie dürfen ſich ungeſcheut Alles ſagen. Die Gräfin Lankoronska erwartet mich, und mit ihr reiſe ich nach Breslau. Ah, rief Mariane vorwurfsv aber ich verlaſſe Dich nicht, um mit ihm zu reiſen, ich bleibe! Du biſt die Sonne, welche die Planeten umkreiſen, rief Gentz lächelnd, ich aber bin nur ein Planet, und ich umkreiſe meine Sonne! Du liebſt ſie alſo die Gräfin Lankoronska? Sie iſt für mich der Inbegriff aller weiblichen und vieler männ⸗ lichen Vollkommenheiten*), rief Gentz begeiſtert. Und wird ſie auch ein Mitglied unſerer geheimen Geſellſchaft ſein? Nein, ſagte Gentz haſtig, nein, ſie iſt meine Geliebte, aber nicht meine Freundin. Mein Herz betet ſie an, aber mein Verſtand wird nie vergeſſen, daß ſie eine Ruſſin iſt. Nach Kälte, Tod und den Fran⸗ zoſen haſſe ich nichts ſo herzlich, als die Ruſſen.**) Und doch lebſt Du ſeit vier Wochen mit einer Ruſſin, welche Du liebſt? Und gerade in dieſen vier Wochen hat ſich mein Haß in einem merkwürdigen Grade geſteigert. Ich verachte die Oeſterreicher, ich ent⸗ rüſte mich gegen ſie, aber ich bemitleide ſie doch auch; und wenn ich ſie, wie eben jetzt, von den ruſſiſchen Barbaren mit Füßen getreten ſehe, ſo kehren ſich meine deutſchen Eingeweide um, und ich fühle, daß die Oeſterreicher meine Brüder ſind. Ich war in dieſen Tagen oft mit dem Großfürſten Conſtantin und den übrigen vornehmen Ruſſen zuſammen, und der blinde, dumme und unverſchämte Nationalſtolz, mit welchem ſie über Oeſterreich und überhaupt über Deutſchland herfielen, oll, Lord Paget verläßt auch Wien, *)„Ich habe hier ein koſtbares Fragment, ſchreibt Gentz an Johannes von Müller, den Edelſtein einer unvergleichlichen Geſellſchaft von Wien, die Gräfin Lankoronska, einen Inbegriff aller weiblichen und männlichen Vollkommenheiten. Bei dieſer, da ſie unermeßlich reich iſt, ſo ſorgt ſie für Alles, lebe ich, reiſe und treibe Alles mit ihr, das Schlafen ausgenommen.“ Siehe: Briefwechſel Seite 167. **) Gentz's eigene Worte. ich ten le, gen ſſen mit elen, on rifin eiten. reiſe echſel als über einen verächtlichen Theil der Erde, wo nichts als Verräther und Memmen zu finden wären, hat mich in tiefſter Seele empört. Ich weiß wohl, daß wir jetzt unſere Würde als Deutſche kaum geltend machen dürfen, dafür haben unſere Regenten geſorgt; aber wenn man ſich denn doch ſagt, was die Ruſſen gegen uns ſind, wenn man ſeit zwei Monaten betrübter Zeuge davon war, wie ſie, trotz der Tapferkeit ihrer Truppen, doch nichts gegen die Franzoſen vermögen, wie ſie unſere Sache eher verſchlimmert als verbeſſert haben, wenn man ſich von denen beſchimpft und verſchmäht ſieht, die auch nicht einmal das Ver⸗ dienſt hatten, uns zu retten, dann fühlt man recht, wie elend man ge⸗ worden iſt!*) Gott ſei Dank, daß Du ſo denkſt, rief Mariane, dann darf ich wenigſtens hoffen, daß es der Gräfin Lankoronska, ſelbſt wenn hier Alles fehl ſchlägt, doch nicht gelingen wird, Dich nach Rußland zu ent⸗ führen. Nicht wahr, Gentz, Du gehſt nicht mit ihr nach dem kalten, fernen Norden? Der Himmel bewahre mich davor, rief Gentz ſchaudernd. Wenn Alles zu Grunde geht, laſſe ich mich doch irgendwo in den ſüdlichen, öſterreichiſchen Provinzen, in Kärnthen oder Tyrol nieder, wo man noch Deutſch ſprechen hört, und lebe da mit Pflanzen, Sternen, die ich kenne und liebe, und mit Gott in irgend einem warmen Winkel, mag dann auch über mir herrſchen, welcher Tyrann oder Prokonſul da will!*) Und nun, Mariane, laß uns ſcheiden. Ich ſage nicht auf frohes Wiederſehen, denn ich rechne kaum mehr auf einen frohen Tag, aber ich ſage; auf Wiederſehen zur guten Stunde! Und die gute Stunde wird für uns doch nur die ſein, wo wir das Ziel unſers geheimen Bundes erreicht, wo wir das deutſche Volk erweckt haben, und wo dies deutſche Volk ſich erhebt als ein muthiger Rieſe, dem nichts wiederſteht, und der den Eroberer mit ſeinen Schaaren aus Deutſchland verjagt! Alſo auf Wiederſehen zur guten Stunde! Auf Wiederſehen zur guten, wie zur ſchlimmen Stunde! ſagte *) Gentz's eigene Worte. Siehe: Briefwechſel ꝛc. 159 u. 167. **) Gentz's eigene Worte. 167. 5 ———— — 584 Mariane herzlich. Zu jeder Zeit iſt mir der Freund willkommen, und niemals wird ihm bei mir ein herzlicher Willkommensgruß fehlen! Daran halte feſt, mein Freund, ich ſage nicht mehr mein Geliebter, denn die Gräfin Lankoronska könnte eiferſüchtig werden! Und ſie könnte es dem Lord Paget erzählen, ſagte Gentz lächelnd, indem er Marianen die Hand küßte, und dann nach ſeinem Hut und Mantel griff. Lebe wohl, Mariane, vergiß nicht unſern Bund und mein Manuſcript! Ich vergeſſe nichts, denn ich vergeſſe Dich nicht! rief ſie, ihm die Hand darreichend. So, Hand in Hand, gingen ſie nach der Thür hin, dann nickten ſie ſich noch einen letzten ſtummen Gruß zu, und die Thür ſchloß ſich hinter dem Enteilenden. Mariane horchte auf ſeine Schritte, bis dieſe verhallt waren, dann athmete ſie hoch auf, und begann wieder langſam auf und ab zu wandeln. Die Kerzen auf den ſilbernen Armleuchtern waren tief herabge⸗ brannt, und tropften langſam und träge ihr flüſſiges Wachs auf die Marmorplatte des Tiſches nieder. Wenn Mariane in ihrem raſchen Auf⸗ und Abwandeln an ihnen vorüber kam, fachte der Luftzug ſie höher an; ſie beleuchteten dann mit grellem Schein die hohe königliche Geſtalt in dem goldgeſtickten Gewande, und ſanken wieder trübe in ſich zuſammen, wenn Mariane wieder in das Dunkel des tiefen Zimmers zurücktrat. Auf einmal rief Mariane mit freudiger Stimme: Ja, das iſt das Rechte! Das iſt der Weg, der zum Ziel führt, und den ich wandeln muß!— Mit haſtigen Schritten eilte ſie jetzt wieder zu dem Spiegel hin. Mariane Meier, rief ſie laut, Mariane Meier, höre, was ich Dir ſagen will! Die Prinzeſſin Eybenberg hat jetzt ein Mittel ge⸗ funden, die Langeweile und die troſtloſe Ruhe von ſich zu verſcheuchen, ein Mittel, um ihrem Namen einen unſterblichen Klang zu geben! Gute Nacht, Mariane Meier, jetzt kannſt Du ſchlafen, denn die Prin⸗ zeſſin Eybenberg ſorgt für ſich ſelber! leiſen Haſti vor il lag, i nicht nicht, zuſchi befah gebra Er v wenig Uhr, Cmi ordne zum aus Dur ſch Blit Zudith. Mariane erwachte nach einem kurzen und ruhigen Schlaf von dem leiſen Geräuſch ſchleichender Schritte, die ſich ihrem Lager naheten. Haſtig ſchlug ſie die Augen auf und ſah ihre Geſellſchaftsdame, welche vor ihrem Bett ſtand, einen geldenen Teller, auf welchem ein Brief lag, in der Hand haltend. Wie, Camilla, fragte ſie erſchrocken, Sie haben den Brief noch nicht beſorgt, welchen ich Ihnen dieſe Nacht übergab? Befahl ich Ihnen nicht, den Kammerdiener heute am frühen Morgen ſogleich damit fort⸗ zuſchicken? Ja, Durchlaucht, und ich habe Ihren Befehl getreulich ausgerichtet. Nun, und dieſes Papier? Iſt das Antwortſchreiben des Herrn Majors. Ew. Durchlaucht befahlen mir, Sie zu wecken, ſobald der Kammerdiener die Antwort gebracht! Mariane griff haſtig nach dem Brief und erbrach das Siegel. Er wird kommen, ſagte ſie dann laut und freudig, nachdem ſie die wenigen Zeilen, welche der Brief enthielt, geleſen hatte. Was iſt die Uhr, Camilla? Durchlaucht, es iſt eben zehn uhr! 3 Und ſchon um elf Uhr erwaxte ich Beſuch. Schnell, Madame Camilla, ſagen Sie der Kammerfrau, daß ſie alles im Toilettenzimmer ordne, ſorgen Sie ſelber, daß ich ein elegantes, reiches und— nicht zu matronenhaftes Morgencoſtüm finde. Befehlen Ew. Durchlaucht das anzulegen, was Lord Paget nenlich ₰ aus London hat verſchreiben laſſen? fragte Madame Camilla. Ew. Durchlaucht haben es noch nicht einmal getragen, und der Lord würde ſich gewiß freuen, Ew. Durchlaucht in dieſem reizenden Coſtüm zu ſehen. Ich erwarte den Lord nicht, ſagte Mariane mit einem ſtrengen Blick, überdies dürfen ſich Ihre Rathſchläge nur auf die Angelegen⸗ — ——— heiten meiner Toilette beziehen. Vergeſſen Sie das nicht wieder! Jetzt bringen Sie mir meine Chocolade, ich will ſie im Bett trinken. Laſſen Sie mir während der Zeit ein ſtärkendes, wohlriechendes Bad bereiten, und ſagen Sie dem Koch, daß ich in einer Stunde ein auserleſenes und pikantes Dejeuner für zwei Perſonen im kleinen Speiſeſaal ſervirt ſehen will. Gehen Sie! Madame Camilla entfernte ſich, um die verſchiedenen Befehle ihrer Herrin auszuführen, aber ſie that das nicht freudig und dienſtwillig, wie ſonſt, ſondern mit ernſtem Geſicht und ſorgenvoller Miene. Es geht etwas vor, flüſterte ſie, wie ſie langſam den Corridor hinunter ſchlich. Ja, es geht etwas vor, und endlich wird es doch etwas zu berichten und auszuſpioniren geben. Nun, ich werde ja von zwei Seiten dafür bezahlt, von dem franzöſiſchen Commandanten von Wien, und von Lord Paget. Gott gebe, daß ich heute alle Beide be⸗ dienen kann! Für Lord Paget habe ich ſchon eine Nachricht, denn dieſe Nacht war der Herr von Gentz hier, und blieb zwei Stunden bei meiner Herrin; dann ſchrieb ſie einen Brief an den Major von Brandt, den ich heute ſogleich beſorgen mußte. Und dies iſt grade der Punkt, von dem ich nicht weiß, ob er für meinen franzöſiſchen, oder für meinen engliſchen Kunden iſt. Nun, ich werd's mir noch überlegen! Ich werde jeden ihrer Schritte bewachen, denn das iſt gewiß, es geht hier etwas Ungewöhnliches vor, und ich will wiſſen, was es iſt. Und nachdem Madame Camilla dieſen Entſchluß gefaßt hatte, ging ſie raſcher vorwärts, um dem Koch die Befehle der Prinzeſſin zu bringen.— Eine Stunde ſpäter hatten die Kammerfrauen die Toilette der Prinzeſſin vollendet, und ſie trat vor die große Pſyché, um derſelben noch einen letzten, prüfenden Blick zu weihen. Ein köſtliches Lächeln der Befriedigung flog über ihr ſchönes An⸗ geſicht, als ſie ihr reizendes Spiegelbild gewahrte, und mit einem un⸗ vergleichlichen, triumphirenden Ausdruck ſagte ſie: Ja, es iſt wahr, dieſes Weib iſt ſo ſchön, daß ſie es ſelbſt wagen darf, um die Gunſt eines Kaiſers zu werben. Finden Sie das nicht auch, Madama Camilla? Herr Herr ſogn Gol verk iſtl mac 9, or ch on on tte, der lben An⸗ ohr, unſt la? — ——— 587 Madame Camilla hatte mit ſehr aufmerkſamem und ernſtem Geſicht jedes Wort ihrer Herrin belauſcht, jetzt aber beeilte ſie ſich zu lächeln. Ew. Durchlaucht, ſagte ſie, wenn wir noch zur Zeit der alten Götter lebten, ſo würde ich keinem Schmetterling und keinem Vogel, ja ſogar keinem Goldſtück trauen, denn hinter jedem Ding würde ich Herrn Jupiter vermuthen, der ſich verkleidet hätte, um meine ſchöne Herrin zu überfallen. Mariane lachte. Ach, wie gelehrt Sie ſind, ſagte ſie, Sie haben ſogar Reminiscenzen vom verkleideten Stier der Europa, und vom Goldregen der Danae. Aber fürchten Sie nichts, bei mir wird kein verkleideter Gott ſich einſchleichen, denn die Zeit der Götter und Herven iſt leider vorüber! Dieſe übermüthigen Franzoſen möchten freilich die Welt glauben machen, der Herr Bonaparte bringe uns dieſe Zeit wieder, ſagte Ma⸗ dame Camilla mit dem Ausdruck der Verachtung, ſie wollen uns ein⸗ reden, der Advocatenſohn von Corſika ſei ein verſpäteter und letzter Sohn Jupiters! Oh, rief Mariane triumphirend, die Welt ſoll bald inne werden, daß er nur ein elender Erdenſohn iſt, und daß ſeine Unſterblichkeit auch Platz findet zwiſchen acht ſchwarzen Brettern. Ich weiß, Camilla, Sie haſſen den Uſurpator ebenſo heiß, ſo glühend und ſo rachedurſtig, wie ich ihn haſſe, und dieſer Haß iſt das ſympathiſche Band, welches mich mit Ihnen vereint. Nun denn, ich ſage Ihnen, Ihr Haß ſoll bald ſein Genüge finden, und Ihr Rachedurſt ſoll gekühlt werde. Beten Sie, Camilla, daß Gott die Hand ſegne, welche ſich gegen den Ty⸗ rannen erhebt, beten Sie, daß Gott den Dolch ſchärfe, der ſich vielleicht bald gegen ſein Herz zückt. Die Welt hat genug gelitten, es iſt Zeit, daß ihr ein Rächer erſtehe! Der Herr Major von Brandt! meldete der eintretende Lakai. Führen Sie den Herrn in den Salon, ſagte Mariane raſch. Ich komme ſogleich. Sie warf noch einen letzten triumphirenden Blick in den Spiegel und verließ dann raſch das Toilettenzimmer. Madame Camilla ſchaute ihr mit finſterm Grollen nach. Jetzt — ———— S————— 588 weiß ich, wen ich benachrichtigen muß, murmelte ſie. Es geht den franzöſiſchen Commandanten an, ich muß nur genau aufmerken, daß ich noch mehr erlauſche, und dem Herrn Franzoſen recht viele und bedeutende Nachrichten bringen kann. Je beſſer die Nachrichteu, deſto beſſer das Geld. Mariane war indeſſen in den Salon gegangen. Ein hochgewach⸗ ſener ältlicher Herr in öſterreichiſcher Uniform, mit den Majors⸗Epau⸗ letten auf der Schulter, trat ihr entgegen, und neigte ſich, um die Hand, die ſie ihm darreichte, ehrfurchtsvoll an ſeine Lippen zu drücken. Mariane begrüßte ihn mit einem bezaubernden Lächeln. Sie haben mich alſo ganz vergeſſen, Herr Major? fragte ſie. Es bedurfte meiner Bitte, um Sie zu veranlaſſen, mein Hötel einmal wieder zu betreten? Ich wußte nicht, gnädigſte Prinzeſſin, daß ich es noch wagen dürfe, vor Ihnen zu erſcheinen, ſagte der Major ehrfurchtsvoll. Als ich das letzte Mal die Ehre hatte, Ihnen meine Aufwartung zu machen, traf ich Ew. Durchlaucht im Kreiſe Ihrer angeſehenen Freunde, die ich früher auch die meinen nennen durfte. Aber Niemand hatte für mich ein Wort der Begrüßung, ein freundliches Lächeln, und Ew. Durch⸗ laucht ſelber ſchienen mich den ganzen Abend gar nicht zu bemerken. Jedesmal, wenn ich es wagen wollte, Ihnen zu nahen, wandten Sie Sich ab, und begannen mit irgend einem Naheſtehenden ein ſo eifriges Geſpräch, daß ich mich nicht unterfangen durfte, daſſelbe zu unterbrechen. Ich zog mich alſo zurück, Schmerz und Verzweiflung im Herzen, denn ich glaubte die Gewißheit zu haben, daß Ew. Durchlaucht mich für immer aus Ihrem Salon verbannen wollten. Und Sie tröſteten ſich über dieſe Verbannung in dem Salon des franzöſiſchen Commandanten, den der große Kaiſer Napoleon der guten Stadt Wien gegeben, nicht wahr, ſo iſt es? fragte die Prinzeſſin mit einem ſchalkhaften Lächeln. Und Sie wären niemals wieder zu mir gekommen, wenn ich nicht den kühnen Entſchluß gefaßt hätte, Sie zu mir einzuladen? Sie haben mich durch dieſe Einladung zu dem glücklichſten der Sterblichen gemacht, gnädigſte Prinzeſſin, rief der Major emphatiſch. Sie haben mir die Thore des Paradieſes wieder geöffnet, während ich in ſchloſſer 6 angtleh und C vielfac ſinnun J Brand ich es Manne dahin beſtimn Derer, gegen als ein welches dennn Glic uns di ſchloſe und u 589 ich in meiner Verzweiflung glaubte, daß dieſelben mir für immer ge⸗ ſchloſſen ſeien! Geſtehen Sie nur, Herr Major, lachte Mariane, daß Sie auch nicht den geringſten Verſuch machten, zu ſehen, ob dieſe Pforten nur angelehnt, oder ob ſie wirklich verſchloſſen ſeien! Wie die Dinge jetzt ſtehen, dürfen wir ganz ehrlich und offen mit einander reden. Sie hielten mich für eine enragirte Patriotin, für eine jener wüthenden Franzoſenfeindinnen, denen Napoleon nicht der Held und der Genius, ſondern der Tyrann und der Urſurpator iſt. Sie glaubten, weil ich mit Lord Paget und Herrn von Gentz, mit den Fürſtinneg Carolath und Clary, mit der Gräfin Colloredo und dem Grafen Cbenzl in vielfacher und freundlicher Verbindung ſtand, ſo müßte auch eine Ge⸗ ſinnung genau mit der ihrigen übereinſtimmen? Ja, Durchlaucht, in der That, das glaubte ich, ſagte. von Brandt, und da Sie die Wahrheit verlangen, nun denn, deshalb wagte ich es nicht, wieder in Ihrem Salon zu erſcheinen. Ich habe es niemals verleugnet, daß ich zu den enthuſiaſtiſchen Bewunderern dieſes großen Mannes gehöre, der jetzt mit hallendem Siegerſchritt über die Welt dahin ſchreitet, und ſie ſich unterthänig macht, weil Gott ihn dazu beſtimmt hat, ihr Herr zu ſein. Ich habe daher ach die Vermeſſenheit Derer, welche unſern erlauchten und edlen Kaiſer Franz zum Krieg gegen den Regreichen Helden aufreizten, niemals begriffen, und ich ſegne, als ein echter und aufrichtiger Patriot, jetzt die Fügungen des Schickſals welches uns zwingt, mit dem großen Napoleon Frieden zu machen, denn nur im Frieden und in der Eintracht mit Frankreich wird das Glück Oeſterreichs wieder erſtehen. Der Krieg gegen Frankreich hat uns die Barbarenhorden Rußlands nach Deutſchland gehetzt; nach ge⸗ ſchloſſenem Frieden wird Frankreich uns behülflich ſein, dieſe unſaubern und unwillkommenen Gäſte wieder aus Deutſchland zu verjagen. Mariane hatte ihm lächelnd zugehört, und mit dem Ausdruck voll⸗ kommenſter Zufriedenheit. Nur einmal war ein flüchtiges Roth, wie vom Aufwallen innern Zorns, über ihr Antlitz hingeflattert, nur einen kurzen Moment legte ſich ihre Stirn in düſtere Falten, aber ſie unter⸗ drückte dieſe Regung ſchnell, und erſchien heiter und lächelnd wie züvor. —— ————. 2 —— — 6 Ich ftimme Ihrer Meinung vollkommen bei, lieber Major, ſagte ſie mit einem anmuthigen Neigen ihres Hauptes. Ew. Durchlaucht ſtimmen mir bei? rief der Major freudig erſtaunt. Zweifeln Sie noch daran? fragte ſie. Habe ich es denn gemacht, wie alle meine Freunde, wie ſelbſt Lord Paget und Gentz es gemacht haben? Bin ich entflohen, weil der Kaiſer Napoleon mit ſeiner Armee ſeinen Siegerſchritt hierher nach Wien gelenkt hat? Nein, ich bin ge⸗ blieben, ihnen allen zum Entſetzen, ich bin geblieben, obwohl dieſes Bleiben mich um zwei meiner theuerſten Freunde gebracht, und mich auf immer mit Lord Paget und Herrn von Gentz entzweit hat. Ich bin geblieben, weil ich endlich der glühenden Sehnſucht meines Herzens nicht widerſtehen konnte, weil ich endlich den Helden von Angeſicht zu Angeſicht ſehen wollte, den Helden vor dem die ganze Welt ſich beugt! — Aber ſehen Sie nur, da kommt mein Kammerdiener, um mir zu melden, daß mein Frühſtück ſervirt iſt. Sie müſſen es ſich heute ſchon gefallen laſſen, mein Gaſt zu ſein, und mit mir zu dejeuniren. Sie nahm den Arm des Majors und ließ ſich von ihm in den Speiſeſaal führen. In der Mitte deſſelben war eine Tafel ſervirt, und herrliche Paſteten, glühende Südfrüchte und würzige Salamis dufteten von derſelben dem angenehm überraſchten Major entgegen, wäh⸗ rend aus den weißen Caraffen ihm goldener Rheinwein und der tiefdunkle Tokayer zu winken ſchien. Auf elaſtiſchen, weichen Lehnſtühlen nahmen ſie an der Tafel Platz, und eine Zeitlang ſtockte die Unterhaltung, denn die Paſteten und die übrigen würzigen Speiſen forderten ihr Recht und ihre Zeit. Der Major war ein leidenſchaftlicher Verehrer der Tafelfreuden, und er genoß dieſelben mit dem tiefſinnigen Nachdenken und der unerſchütter⸗ lichen Ruhe eines Weiſen.— Die Prinzeſſin würzte ihm außerdem den Genuß durch ihre von Geiſt und Laune ſprühende Unterhaltung; ſie war unerſchöpflich an pikanten Anecdoten, an heiterm Witz, ſie wußte mit ſeltener Meiſterhand von ihren Freunden und Bekannten Portraits zu entwerfen, von denen man nicht wußte, ob man mehr die frappante Aehnlichkeit, oder die boshafte und ſanglante Characteriſtik bewundern ſollte. 2 Lkaie Shra des mir a deuten ſie, d von zu ſt Aber ich m anzu es le ſich. Bant den irt, nis äh⸗ nlle 591 Als man zum Deſert gelangt war, winkte die Prinzeſſin den Lakaien den Saal zu verlaſſen, und ſie blieb jetzt allein mit dem Major. Mit eigener hoher Hand ſchenkte ſie ihm ſelbſt von dem duftenden Syrakuſerwein ein, und bat ihn das Glas zu leeren auf das Wohl des großen Napoleon. Und Ew. Durchlaucht wollen mir nicht die Ehre erzeigen, mit mir anzuſtoßen? fragte der Major, auf das leere Glas der Prinzeſſin deutend. Sie ſchüttelte lächelnd ihr Haupt. Ich trinke niemals Wein, ſagte ſie, der Wein iſt für mich wie ein Zauberer, der plötzlich die Maske von meinem Antlitz fortreißt, und meine Lippen zwingt, die Wahrheit zu ſprechen, welche ſie ſonſt vielleicht immer verſchweigen würden. Aber dies Mal will ich doch eine Ausnahme machen, dies Mal will ich mein Glas füllen, denn es gilt auf das Wohl des großen Kaiſers anzuſtoßen. Schenken Sie mir ein, und jetzt ſtoßen wir an und rufen: es lebe Napoleon der Große! Sie trank von dem glühenden Südwein, und ihr Wort erfüllte ſich. Der Wein nahm die Maske von ihrem Angeſicht, und löſte das Band ihrer Zunge. Ihre Augen glänzten jetzt im Feuer der Begeiſterung, und wie ein Strom der glühendſten Poeſie floß das entzückte Lob Napoleons von ihren purpurnen Lippen. Sie war wunderſchön in ihrer ſchwärmeriſchen Gluth, mit der flammenden Röthe auf den Wangen, mit den feuerblitzenden Augen und den zuckenden Lippen, deren ſüßes Lächeln zwei Reihen perlen⸗ weißer Zähne ſichtbar werden ließ. Oh, rief der Major, ganz bezaubert von ihrem Anblick, warum iſt der große Kaiſer nicht hier, warum hört er nicht Ihre bezaubernden Worte, warum iſt es ihm nicht vergönnt, Sie in Ihrer ſtrahlenden Schönheit bewundern zu können! Warum iſt es mir nicht vergönnt, zu ihm zu eilen, um zu ſeinen Füßen niederzuſinken, und ihn anzubeten! rief Mariane begeiſtert. Warum darf ich nicht eine ſelige Stunde des Glücks vor ihm auf meinen Knieen liegen, um mit meinen glühenden Thränen den Haß, —— der früher meine Seele gegen ihn erfüllte, abzubitten, und ihm zu bekennen, daß mein Haß ſich in grenzenloſe Liebe, in glühende Anbetung verwandelt hat! Mein Gott, mein Gott, wo finde ich den Freund, der ſich meiner Sehnſucht erbarmt, der mir die Wege bahnt, welche zu ihm geleiten. Ich würde einem ſolchen Freund jede Minute meines Glückes, jede Minute, die ich in der Nähe des großen Kaiſers zubringen dürfte, mit einem Goldſtück lohnen. Sprechen Sie im Ernſt, Durchlaucht? fragte der Major ernſt, faſt feierlich. Im vollen, heiligen Ernſt, betheuerte Mariane. Ein Goldſtück für jede Minute eines Rendezvous mit dem Kaiſer Napoleon. Nun denn, ſagte der Major freudig, ich werde Ihnen dieſes Rendezvous verſchaffen, Durchlaucht, und Ihre Schönheit und bezau⸗ bernde Anmuth wird machen, daß der Kaiſer nicht die Minuten, nicht die Stunden zählt, ſondern daß nur ich der Glückliche bin, welcher die Stunden nach Minuten zu berechnen hat. Nicht nach Minuten, ſondern nach Goldſtücken, rief Mariane, deren Antlitz ſtrahlte von Glück und Luſt. Oh, Sie ſehen mich zwei⸗ felnd an. Sie glauben, ich ſpreche nur im Scherz, und ich werde im Ernſt nicht halten, was ich verſprochen habe? Gnädigſte Prinzeſſin, ich glaube, daß der Enthuſiasmus Sie hin⸗ geriſſen hat zu einem Verſprechen, welches anzunehmen ein Mißbrauch Ihrer Großmuth wäre. Wenn der Kaiſer, gefeſſelt von Ihrem Geiſt, Ihrer Schönheit, Ihrer hinreißenden Unterhaltung, zum Beiſpiel nun vier Stunden in Ihrer Geſellſchaft verweilte, ſo wäre das ſchon eine hübſche Anzahl von Goldſtücken für mich. Mariane nahm ſtatt aller Antwort die ſilberne Klingel und ſchellte. Dinte, ein brennendes Licht und Siegellack, befahl Papier, Feder, In wenigen Minuten war Alles ſie dem eintretenden Kammerdiener. herbeigeſchafft, und Mariane ſchrieb haſtig einige Zeilen. Dann zog ſie den Siegelring von ihrem Finger und drückte ihr Siegel unter das Papier, welches ſie alsdann dem Major darreichte. Leſen Sie laut! ſagte ſie. — von Nope dauel Eil kehr Ue ——————— ————— 593 Der Major las: Ich Endesunterzeichnete verſpreche dem Major von Brandt, daß, wenn derſelbe mir eine Audienz bei dem Kaiſer Napoleon verſchafft, ich ihm für jede Minute, welche dieſe Audienz dauern wird, einen Louisd'or als Zeichen meiner Dankbarkeit zahlen werde. Mariane, Prinzeſſin von Eybenberg. Sind Sie zufrieden und überzeugt? fragte die Prinzeſſin. Ich bin es, Durchlaucht! Und Sie wollen und können mir dieſe Audienz verſchaffen? Ich will und kann es! Wann werden Sie mich alſo nach Schönbrunn geleiten? Der Major beſann ſich eine Zeit lang und ſchien zu überlegen und zu berechnen. Ich hoffe, daß ich Ew. Durchlaucht ſchon morgen Abend eine Zuſammenkunft mit dem Kaiſer verſchaffen kann, ſagte er. Ich bin ziemlich befreundet mit dem Palaſtpräſidenten Herrn von Bauſſet, und kenne auch den Kammerdiener Conſtant ziemlich genau. Das ſind die beiden Canäle, durch welche der Wunſch Eurer Durchlaucht ſehr leicht bis zu dem Kaiſer gelangen wird, und da Se. Majeſtät ein großer Bewunderer weiblicher Schönheit iſt, ſo wird er ſicherlich freudig bereit ſein, die erbetene Audienz Ew. Durchlaucht zu bewilligen. Werden Sie mir heute noch beſtimmte Nachricht bringen? fragte Mariane. Ja, Prinzeſſin, heute noch! Ich werde ſogleich nach Schönbrunn fahren. Der Kaiſer iſt ſeit geſtern Abend dort. So eilen Sie, ſagte Mariane, ſich von ihrem Sitz erhebend. Eilen Sie nach Schönbrunn und bedenken Sie, daß ich Ihre Wieder⸗ kehr mit zitternder Ungeduld und Sehnſucht erwarte! Sie reichte dem Major ihre Hand dar. Mein Gott, Durchlaucht, rief er erſchrocken, Ihre Hand iſt kalt wie Marmor. All mein Blut iſt da! ſagte ſie, auf ihr Herz deutend. Eilen Sie nach Schönbrunn! Er drückte einen Kuß auf ihre Hand und verabſchiedete ſich. Mariane ſah ihm lächelnd nach, bis die Thür ſich hinter ihm ſchloß. Dann veränderten ſich ihre Züge und ein Ansdruck des Ab⸗ ſcheus und der Verachtung ſprach aus ihnen. Mühlbach, Napolevn. I. Bd. 38 Oh, dieſe elende Menſchenrace, dieſe käuflichen Seelen, murmelte ſie. Sie bemeſſen Alles nach ihrem Maßſtab, und verſtehen nicht, was eine große Seele will und wünſcht. Fluch allen Denen, welche ihr Vaterland verrathen und zu ſeinen Feinden ſich bekehren können. Der Zorn Gottes und die Verachtung der Menſchen möge ſie ſtrafen! Mir aber ſollen die Verräther als Werkzeug dienen, damit ich durch ſie das heilige Werk vollende, welches das Unglück Deutſchlands mir auferlegt hat. Ich will mein Haus beſtellen, damit ich bereit bin, wenn die Stunde gekommen iſt!— Madame Camilla hatte wohl Recht: es ging in der That etwas vor und ſie hatte wichtige Nachrichten für den franzöſiſchen Comman⸗ danten einzuſammeln. Die Prinzeſſin Eybenberg war ſeit ihrer Unterredung mit dem Major in einer fieberhaften Erregung und Ungeduld, welche ſie ruhelos durch alle Zimmer trieb. Endlich gegen Abend kam der Major wieder, und die Nachrichten, die er gebracht hatte, mußten ſehr erfreulicher Art geweſen ſein, denn das Antlitz der Prinzeſſin war ſeitdem freude⸗ ſtrahlend und ein wunderſames Lächeln umſpielte ihre Lippen. Die ganze folgende Nacht war ſie mit Schreiben beſchäftigt und Madame Camilla, ſo wie die Kammerfrau harrten vergeblich auf den Ruf ihrer Herrin; die Prinzeſſin verließ gar nicht ihr Cabinet und ging gar nicht zu Bett. In der Frühe des nächſtens Morgens fuhr ſie aus, und Madame Camilla, welche die Prinzeſſin ſonſt immer auf ihren Fahrten begleiten mußte, erhielt die Weiſung, zu bleiben. Als Mariane nach einigen Stunden wiederkehrte, war ſie bleich und erſchöpft und man ſah es ihren Augen an, daß ſie geweint hatten. Alsdann kamen Beamte des Gerichts, welche die Prinzeffin zu ſprechen begehrten, indem ſie ſagten, daß ſie von derſelben befohlen ſeien. Die Prinzeſſin ſchloß ſich mit ihnen in ihrem Cabinet ein, und erſt nach einigen Stunden zogen ſich die Gerichtsbeamten wieder zurück.— Bei dem Diner, zu dem die Prinzeſſin gar keine Gäſte hatte zulaſſen wollen, berührte ſie kaum die Speiſen und ſchien in tiefe Gedanken verſenkt. Bald nach der Tafel begab ſie ſich in ihr Toilettenzimmer, und nie war ſie in der Wahl ihres Anzugs ſo zweifelhaft und ſorgſam . Lra Sch wei und voll (7)— — —— 595 geweſen, als eben heute, nie hatte ſie ihre Toilette mit ſolcher Auf⸗ merkſamkeit und Genauigkeit überwacht. Endlich war das Werk vollendet und ſtrahlend ſchön war die Prinzeſſin anzuſchauen, in dieſem purpurrothen Sammetgewande, das in einer langen Schleppe hinter ihr her rauſchte und das unter dem vollen, nur halb mit golddurchwirkten Spitzen verhüllten Buſen von einem breiten, goldenen Gürtel zuſam⸗ mengehalten ward. Ihr Haar, das in einigen leichten, ſchwarzen Ringellocken à 1a Josephine ihre breite, griechiſche Stirn umrahmte, war in einem griechiſchen Knoten zuſammengefaßt, aus dem lange Trauben von Perlen und Brillanten hervorquollen. Ein ähnlicher Schmuck umgab ihren ſtolzen Hals und die herrlich geformten ſchnee weißen Arme. Ihre Wangen waren heute von durchſichtiger Bläſſe, und in ihren großen ſchwarzen Augen glühte ein düſteres, unheil— volles Feuer. Schön war ſie anzuſchauen, ſtolz und unheilsvoll wie Indith, welche ſich geſchmückt hat, um in das Zelt des Holofernes zu gehen. Und daran dachte Madame Camilla, als ſie jetzt die Prinzeſſin in vieſer ſtolzen Schönheit, mit dieſem ſtrengen feierlichen Ausdruck ihres Angeſichts durch das Zimmer dahin ſchreiten ſah. Daran dachte Madame Camilla, als ſie ſah, wie die Prinzeſſin jetzt aus einem Käſtchen, den ihre Geſellſchaftsdame ſonſt nie bei ihr geſehen, einen länglichten blitzenden Gegenſtand hervorholte und ihn haſtig in ihrem Buſen verbarg. War das vielleicht ein Dolch und wollte die Prinzeſſin, eine zweite Judith, hingehen, einen zweiten Holofernes in ihren liebreizenden Armen zu tödten? Jetzt meldete der Kammerdiener, daß der Major von Brandt die Prinzeſſin im Salon erwarte und daß der Wagen vorgefahren ſei. Ein leiſes Zittern durchflog die ganze Geſtalt der Prinzeſſin und ihre Wangen wurden noch bleicher als zuvor, Sie befahl dem Kammer⸗ diener hinauszugehen und bedeutete dann mit einem ſchweigenden Wink ihrer Hand Madame Camilla, ihr Mantel und Hut darzureichen. Stumm gehorchte dieſe. Als die Prinzeſſin jetzt fertig und zur Abfahrt 38* bereit war, wandte ſie ſich an Camilla, und einen koſtbaren Brillant⸗ ring von ihrem Finger ziehend, reichte ſie ihr denſelben dar. Nehmen Sie dieſen Ring als Andenken von mir, ſagte ſie. Ich weiß, Sie ſind eine gute und begeiſterte Oeſterreicherin, Sie haſſen gleich mir den Tyrannen, der uns unterjochen will, Sie werden die Hand ſegnen, welche ihm Stillſtand gebietet und ihn aufhält in ſeinem Siegeslauf.*) Leben Sie wohl! Sie nickte ihr noch einmal zu und verließ das Gemach, um ſich in den Salon zu begeben, wo Herr von Brandt ſie erwartete. Kommen Sie, ſagte ſie haſtig, es iſt die höchſte Zeit. Sie haben doch eine Uhr bei ſich, um die Zeit berechnen zu können? Ja, Durchlaucht, ſagte Herr von Brandt lächelnd, ich habe meine Uhr bei mir und ich werde die Ehre haben, ſie Ihnen zu zeigen, bevor Sie in das kaiſerliche Cabinet eintreten. Mariane erwiderte nichts, ſondern durchſchritt haſtig das Gemach, um ſich hinunter zu begeben zu dem bereitſtehenden Wagen; Herr von Brandt eilte ihr nach und bot ihr den Arm. Madame Camilla, welcher kein Wort ihres kurzen Geſprächs mit Herrn von Brandt entgangen war, folgte der Prinzeſſin die Treppe hinunter und blieb demüthig vor derſelben ſtehen, bis die Prinzeſſin mit ihrem Begleiter eingeſtiegen und der Wagenſchlag geſchloſſen war. Kaum aber war die glänzende Equipage der Prinzeſſin aus dem Hof ihres Hötels dahin gerollt, als Madame Camilla auf die Straße eilte, einen Fiacre beſtieg und ihm befahl, ſo ſchnell die Pferde zu laufen vermöchten, nach der franzöſiſchen Commandantur zu fahren. *) Mémoires du Duc de Rovigo. II. 238. —= * —,———— eini groß den Arm zu und ſcho jede den hole zwe ſich dro we ſein Pri Ho här ² Gr ab la ge üb ab Der preußiſche Geſandte bei Uapoleon. Napoleon hatte das Schloß Auſterlitz verlaſſen und weilte ſeit einigen Tagen wieder in Schönbrunn bei Wien. Das Luſtſchloß der großen Kaiſerin Maria Thereſia war jetzt die Reſidenz Deſſen, welcher den Enkel Maria Thereſia's aus ſeiner Hauptſtadt vertrieben, ſeine Armee geſchlagen hatte, und eben im Begriff war, ihm einen Frieden zu dictiren, deſſen Bedingungen für eine neue Niederlage Oeſterreichs, und einen neuen Sieg Frankreichs gelten konnten. In Preßburg waren die Abgeordneten Oeſterreichs und Frankreichs ſchon verſammelt, um dieſen Frieden zu Stande zu bringen, und in jeder Stunde kamen Couriere nach Schönbrunn, welche dem Kaiſer den Verlauf der Unterhandlungen meldeten und ſeine Befehle einzu⸗ holen hatten. Aber während Oeſterreich jetzt, nach der unglücklichen Schlacht vom zweiten December, mit Napoleon um den Frieden verhandelte, befand ſich der preußiſche Abgeſandte, Graf Haugwitz, welcher Napoleon die drohende Erklärung Preußens überbringen ſollte, noch immer unter⸗ wegs, oder hatte wenigſtens noch immer nicht dazu kommen können, ſeine Depeſche an den Kaiſer abzugeben. In dieſer Depeſche forderte Preußen, im Einverſtändniß mit Rußland, daß Napoleon Italien und Holland herausgebe, und beide Länder gleich Deutſchland in ſeiner Unab⸗ hängigkeit anerkenne. Preußen verſtattete Frankreich eine vierwöchentliche Friſt, um dieſen Vorſchlag zu überlegen, und wenn dieſelbe alsdann abgelehnt würde, erklärte Preußen dem Kaiſer Napoleon den Krieg. Dieſe vierwöchentliche Friſt war am funfzehnten December abge⸗ laufen, und Graf Haugwitz, wie geſagt, hatte noch immer nicht dazu gelangen können, die betreffende Depeſche dem Kaiſer Napoleon zu überreichen. Er war freilich ſchon am ſechſten November von Berlin abgereiſt, aber der Herr Graf liebte es, bequem zu reiſen, und ſich oft auszu⸗ — 598 ruhen von den Strapatzen der Reiſe. Er hatte alſo immer ſehr kleine Tagereiſen gemacht, und ſich in jeder größern Stadt, durch welche ihn ſein Weg führte, mehrere Tage erholt. Vergebens war es geweſen, daß ihm Miniſter Hardenberg, daß ihm die ruſſiſchen und öſterreichiſchen Geſandten in Berlin Couriere über Couriere nachſandten, um ihn zur Beſchleunigung ſeiner Reiſe anzufeuern. Graf Haugwitz erklärte, daß er nicht ſchneller reiſen könne, weil er ſich ſcheute zu ſagen, daß er nicht ſchneller reiſen wolle. Er wollte aber nicht ſchneller reiſen, weil die Botſchaft, deren Ueberbringer er war, wie eine Centnerlaſt ihn bedrückte, und weil er von dem thatkräftigen Genie Napoleons überzeugt war, daß er durch irgend eine ſchnelle und große Siegesthat alle Verträge umſtoßen, alle Standpunkte verändern, und ihn alſo der Mühe überheben werde, ihm eine Depeſche von ſo herbem und feindlichem Inhalt zu überbringen. Dank ſeinem Zögerungsſyſtem war alſo Graf Haugwitz erſt am Tage vor der Schlacht von Auſterlitz zu einer erſten Audienz bei Na⸗ poleon gelangt. Aber ſtatt dem Kaiſer ſeine inhaltsvollen Documente zu überreichen, hatte er ſich begnügt, mit echter Höflingsgewandtheit dem großen Feldherrn Weihrauch zu ſtreuen, und hatte ſich von ihm mit allen Geſchäften bis auf die Tage nach der Schlacht vertröſten laſſen. Nach dem Tage der großen Schlacht hatte der Kaiſer in Schön⸗ brunn den Abgeſandten des Königs von Preußen empfangen, und ihm die erſehnte Audienz gewährt. Mit zorniger Stimme hatte Napoleon ihn begrüßt, und ihm heftige Vorwürfe gemacht, daß er den Vertrag von Potsdam mit unterzeichnet habe. Aber Haugwitz hatte es ver⸗ ſtanden, durch eine höfliche Wendung den Zorn des Imperators zu beſchwichtigen, und ſich ſeine Geneigtheit wieder zu gewinnen. Seitdem war Graf Haugwitz täglich nach Schönbrunn gekommen, und Napoleon hatte ihn ſtets mit beſonderer Güte und Huld aufgenommen. Denn der Kaiſer, welcher ſehr wohl wußte, daß Oeſterreich noch immer auf eine bewaffnete Dazwiſchenkunft Preußens hoffte, wollte die Entſchei⸗ dung über das Schickſal Preußens wenigſtens ſo lange verzögern, bis der Frieden mit Oeſterreich abgeſchloſſen worden. Dann erſt, wenn Oeſterreich in den Stanb getreten, wollte er daran denken, Preußen zu — 509 ſtrafen für den Uebermuth ſeiner letzten Tage, und es zu demüthigen, wie er bisher alle ſeine Feinde gedemüthigt hatte. Deshalb hatte er den Grafen Haugwitz täglich empfangen, und ihn allmälig und unver⸗ merkt für ſeine Pläne zu gewinnen gewußt. Auch heute am dreizehnten December hatte ſich Graf Haugwitz nach Schönbrunn begeben, zur Audienz bei Napoleon. Er war in glänzendſter Hofgala, geſchmückt mit dem großen Bande der Ehrenlegion, das er vor einem Jahr er⸗ halten, und das der preußiſche Miniſter beſonders gern zu tragen ſchien. Napoleon empfing den Grafen in dem frühern Wohnzimmer Maria Thereſia's, das jetzt das Arbeitszimmer Napoleons geworden war. Auf einem großen runden Tiſch in der Mitte des Zimmers lagen Landkarten ausgebreitet, mit verſchiedenen farbigen Nadeln beſteckt; die grünen be⸗ zeichneten die Etappenſtraße, welche Napoleon für den Rückzug des ruſſiſchen Heeres feſtgeſetzt hatte, die dunkelgelben umgaben die äußerſten Grenzen Oeſterreichs, und je nach den Nachrichten, die Napoleon aus Preßburg erhielt, und die ihm immer neue Zugeſtändniſſe und neue Länderabtretungen Oeſterreichs brachten, veränderte er den Standpunkt dieſer Nadeln, welche täglich einen engern Raum unfaßten, während die blauen Nadeln, welche Baierns Grenze bezeichneten, immer weiter vorſchritten, und die rothen Nadeln, die Frankreichs Armee repräſen⸗ tirten in ungeheurer Zahl ſich auf die Karte zu vervielfältigen ſchienen. Napoleon beſchäftigte ſich indeſſen eben nicht mit den Karten, ſon⸗ dern er ſaß, als Graf Haugwitz zu ihm eintrat, vor dem dicht neben den Karten aufgeſtellten Schreibtiſch, und war, wie es ſchien, eifrig mit Schreiben beſchäftigt. Auf dem erhöhten hintern Rande dieſes Schreib⸗ tiſches waren die Büſten Friedrichs des Großen und Maria Thereſia's aufgeſtellt. Zu ihnen hob Napoleon zuweilen, wenn er inne hielt im Schreiben, den düſtern Blick empor, und dann war es, als ob dieſe drei Häupter, die zwei marmornen Büſten und das eherne Cäſarenhaupt Napoleons, ſich drohend zu einander neigten, und als ob die Blitze, die in Napoleons Augen leuchteten, auch in den Marmoraugen der Kaiſerin und des großen Königs das Feuer des Lebens und des Zorns ent⸗ zündeten; ihre düſtern Stirnen ſchienen ihn dann zu fragen, mit welchem Recht der Sohn des corſiſchen Advokaten einen Sitz zwiſchen ihren 600 beiden gekrönten Häuptern genommen, mit welchem Recht er den legi⸗ timen Kaiſer von Oeſterreich aus dem Hauſe ſeiner Väter verdrängt habe? Als Graf Haugwitz eintrat, warf Napoleon die Feder ungeſtüm fort und ſtand auf. Mit einem leichten Kopfnicken begrüßte er den Grafen, der ſich tief und ehrfurchtsvoll vor ihm verneigte. Sie ſind da, ſagte der Kaiſer freundlich, das nenne ich Glück haben; ich erwartete Sie mit Ungeduld! Glück? fragte Graf Haugwitz mit ſeinem gelungenſten Höflings⸗ lächeln. Glück, Sire? Es ſcheint mir, daß es weder Glück noch Un glück in der Welt giebt, ja ich bin davon jetzt mehr als jemals über⸗ zeugt! Habe ich nicht mehr als hundert Mal ſagen hören: Er iſt glücklich! Er hat Glück! Seitdem ich den großen Mann kennen ge⸗ lernt habe, der Alles durch ſich ſelbſt iſt, habe ich mich überzengt, daß das Glück nicht mitzählt und entſcheidet. Napoleon lächelte. Sie ſind ein feiner und gewandter Cavalier und Hofmann, ſagte er, aber es iſt für die Fürſten eine Regel der Weisheit, daß ſie den Worten der Höflinge und Schmeichler nicht trauen dürfen, ſondern immer ſie in das Gegentheil überſetzen müſſen. So überſetze ich denn auch Ihre Schmeichelei in ihr Gegentheil, und dann lautet ſie: es ſcheint leider, daß das Glück uns Andere, und be⸗ ſonders die dritte Coalition für immer verlaſſen hat, und immer noch bei Frankreich bleiben will. Oh, Sire, rief Graf Haugwitz mit dem Ton ſchmerzlichen Vor⸗ wurfs, können Ew. Majeſtät wirklich meine Ergebenheit und Bewun⸗ derung bezweifeln wollen? War ich denn nicht der Erſte, welcher Ew. Majeſtät, dem unüberwindlichen Sieger, zu den friſchen Lorbeeren Glück wünſchte, die er ſelbſt in rauher Winterzeit ſich um die Heldenſtirn geflochten? Es iſt wahr, ſagte Napolen, Sie thaten das, aber Ihr Compli⸗ ment war für Andere beſtimmt, das Schickſal hatte nur die Adreſſe deſſelben verändert.*) Von Ihrer Aufrichtigkeit habe ich bis jetzt gar 8) Napoleons eigene Worte, wie denn überhaupt dieſes ganze Geſpräch nur die eigenen Worte des Kaiſers und des Grafen Haugwitz enthält. Siehe darüber: Fragments des Mémoires inédits du Gomte de Haugwitz. Jena 1837. — keille 2 fuls h J Halgn umm Hoheit als vo große V ſehen! durch den; der K Mona eine ſ unvoll ( Vink Lächel Schle mit d ju P davon Finge bezeit die„ Schl kette verlä — ———————————————— 601 keine Beweiſe, aber von Ihrer Zweideutigkeit deſto mehr, denn jeden⸗ falls haben Sie doch den Vertrag von Potsdam mit unterzeichnet? Ich habe es gethan und ich rühme mich deſſen, ſagte Graf Haugwitz raſch. Ein Blick in das Herz Napoleons war hinreichend, um mich zu überzeugen, daß er, welcher an der Spitze menſchlicher Hoheit ſteht, ſeine edle Seele von keinem andern Ruhm bewegt fühlte, als von dieſem: der Menſchheit den Frieden zu geben und ſo das große Werk zu vollenden, welches die Vorſehung ihm anvertraut hat. Worte! Worte! ſagte Napolevn. Laſſen Sie mich endlich Thaten ſehen! Die Vollmachten, welche Sie zu mir geführt haben, ſind durch die Thatſachen vernichtet worden, darüber ſind wir einverſtan⸗ den; indeſſen, Sie ſind Miniſter des preußiſchen Cabinets. Indem der König Sie zu mir ſandte, hat er Ihnen allein das Wohl ſeiner Monarchie anvertraut, wir werden alſo ſehen, ob Sie es verſtehen, eine ſeltene, vielleicht nie wiederkehrende Gelegenheit zu ergreifen und das Werk zu krönen, welches Friedrich der Zweite, trotz ſeiner Siege, unvollendet gelaſſen. Kommen Sie hierher und ſehen Sie! Er trat raſch zu dem Tiſch mit den Karten hin, und auf einen Wink ſeiner Hand flatterte Graf Haugwitz mit ſeinem unverwüſtlichen Lächeln auch zu ihm hin. Sehen Sie da, rief Napoleon auf die Karte deutend, das hief iſt Schleſien, Ihr ſpecielles Vaterland. Der König theilt es jetzt noch mit dem Kaiſer von Oeſterreich, aber dieſe ſchöne Provinz muß ganz zu Preußen gehören. Wir wollen ſehen und überlegen, was Ihnen davon genehm ſein könnte. Sehen Sie nur, folgen Sie meinem Finger! Er wird Ihnen die neue Grenze des preußiſchen Schleſiens bezeichnen!*) Und Napoleons Zeigefinger fuhr blitzend wie eine Dolchſpitze über die Karten hin und umzirkelte den ganzen öſterreichiſchen Antheil an Schleſien von Teſchen bis zur ſächſiſchen Grenze, und von der Berg— kette von Jablunka bis dahin, wo das Rieſengebirge ſich in der Lauſi verläuft, als die künftige Grenze des preußiſchen Schleſiens.**) 1 6 *) Napoleons eigene Worte. Fragments inédits. S. 17. **) Mémoires inédits. S. 18. 602 Nun, fragte er dann haſtig, wäre das nicht eine willkommene Ab⸗ rundung Ihrer ſchleſiſchen Provinz? Graf Haugwitz antwortete nicht ſogkeich, ſondern blickte immer noch auf die Karte hin. Napoleons Adlerblick ruhte einen Moment auf ihm und flackerte dann hinüber zu den Büſten Maria Thereſia's und Friedrichs des Großen. Oh, rief er mit einem Lächeln des Triumphes, auf die Büſte Friedrichs deutend, der große Mann hätte meinen Vorſchlag ange— nommen, ohne zu zaudern! Sire, ſagte Graf Haugwitz zögernd, aber die große Frau, die Maria Thereſia, würde es nicht ohne Weiteres zugelaſſen haben! Aber jetzt, rief Napoleon, jetzt iſt keine Maria Thereſia da, um den König von Preußen zu hindern, jetzt bin ich da, und ich bewillige Ihrem König ganz Schleſien, wenn er ſich im engen Bündniß mir anſchließt. Bedenken Sie es wohl, können Sie für den Ruhm, der Sie erwartet, unempfindlich ſein? Und wieder bohrten ſich ſeine Augen wie zwei Dolchſpitzen in das verlegene Angeſicht des Grafen. Sire, ſagte dieſer leiſe, Ihr Vorſchlag iſt lockend und wundervoll, ſo viel ich Se. Majeſtät den König kenne, muß ich— Oh, unterbrach ihn Napoleon ungeduldig, es iſt hier nicht die Rede von dem König und ſeiner Perſon. Sie ſind Miniſter, Ihnen liegt es ob, die Pflichten zu erfüllen, welche Ihre Stellung Ihnen auf⸗ erlegt und den Moment zu ergreifen, welcher nie wiederkehren wird! Man muß mächtig ſein, man kann es niemals genug ſein, glauben Sie es mir und überlegen Sie darnach Ihre Antwort. Aber vielleicht, Sire, möchte es für uns beſſer ſein, unſere Macht⸗ vergrößerung auf einer andern Seite zu ſuchen, ſagte Haugwitz. Auf der Seite Polens, oder Frankreichs, nicht wahr? fragte Napoleon barſch. Ihr möchtet mir gern Mainz und Cleve und das linke Rheinufer wieder entreißen, und Ihr thut ſchön mit Rußland und Oeſterreich, weil Ihr hofft, daß die Euch vielleicht doch noch eines Tages dazu verhelfen könnten? Aber Ihr wollt es auch mit mir nicht verderben, weil es doch möglich iſt, daß Eure Hoffnungen ſcheitern, und aber mich e ich ſa falſche dreißi bindu offene wo ic eine dene Lerg Preu unte durc die hnen auf⸗ wird! uben Racht⸗ ftagte d das d und eines r nicht 603 weil Ihr dann meine Feindſchaft fürchtet? Ihr Preußen wollt aber aller Welt Bundesgenoſſe ſein; das iſt unmöglich, man muß ſich für mich oder für die Andern entſcheiden. Ich verlange Aufrichtigkeit, oder ich ſage mich von Euch los, denn mir ſind offene Feinde lieber, als falſche Freunde. Ihr König duldet in Hannover ein Corps von dreißigtauſend Mann, welches durch ſeine Staaten hindurch die Ver⸗ bindung mit der großen, ruſſiſchen Armee unterhält; das iſt ein Act offener Feindſeligkeit. Ich aber, ich gehe meinen Feinden zu Leibe, wo ich ſie finde. Wenn ich wollte, könnte ich für dieſe Unredlichkeit eine furchtbare Rache nehmen! Ich könnte in Schleſien einfallen, Polen zum Aufſtand aufrufen und Preußen Schläge beibringen, von denen es ſich nie wieder erholen würde. Aber ich ziehe es vor, das Vergangene zu vergeſſen und mich großmüthig zu zeigen! Ich will Preußen alſo eine vorübergehende Uebereilung verzeihen, aber nur unter einer Bedingung, und die iſt: daß ſich Preußen mit Frankreich durch unauflösliche Bande vereinige, und als Pfand dieſes Bundes verlange ich, daß es Hannover in Beſitz nehme.*) Sire, rief Haugwitz freudig, dies war die wünſchenswerthe Länder⸗ vergrößerung, auf welche ich vorher hinzudeuten mir erlaubte, und wie ich glaube, die einzige, welche das Gewiſſen des Königs ihm anzunehmen erlauben würde. Gut, nehmen Sie alſo Hannover, ſagte Napoleon, ich übertrage meine Rechte auf daſſelbe an Preußen; dafür tritt Preußen aber an Frankreich das Fürſtenthum Neufchatel und die Feſtung Weſel, an Baiern das Fürſtenthum Anſpach ab. Aber Sire, rief Haugwitz erſchrocken, Anſpach gehört durch Familien⸗ verträge, die nicht angefochten werden können, zu Preußen, und Neuf⸗ chatel— Keine Einwendungen, unterbrach ihn Napoleon rauh, es bleibt, wie ich geſagt. Entweder Krieg oder Frieden. Krieg, das heißt, ich zerſchmettere Preußen und werde für immer ſein unverſöhnlicher Feind; Frieden, das heißt, ich gebe Euch Hannover und empfange dafür *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Fragments inédits. S. 20. Neufchatel, Weſel und Anſpach. Nun, entſcheiden Sie ſich raſch, ich bin des langen Zögerns und Hinhaltens müde, ich will endlich Ent ſcheidung und Sie werden dies Zimmer nicht eher verlaſſen, als bis ich dieſelbe habe! Sie haben Zeit genug gehabt, zu bedenken und zu überlegen, entſcheiden Sie ſich. Sagen Sie alſo kurz und ſchnell, was wollen Sie: Krieg oder Frieden? Sire, ſagte Haugwitz flehend, was kann denn Preußen anders wollen, als Frieden mit Frankreich? Wahrhaftig, und es iſt ein ſchönes Geſchäft, was Ihr da macht, rief Napoleon. Neufchatel iſt für Preußen ein verlorner Poſten, über den es überdies nur oberflächliche Hoheitsrechte hat. Ihr empfangt alſo dafür, für Weſel und für Anſpach mit ſeinen viermalhunderttauſend Einwohnern das Euch ſo bequeme Königreich Hannover mit mehr als einer Million Einwohnern! Ich glaube, Preußen kann mit ſeinem neuen Arrondiſſement zufrieden ſein! Sire, ſagte Haugwitz, es wird beſonders zufrieden ſein, wenn es ſich die treue und mächtige Freundſchaft Frankreichs erwerben, und auf immer bewahren kann. Auf mein Wort können Sie rechnen, rief der Kaiſer, ich bleibe meinen Feinden, wie meinen Freunden treu. Jene zerſchmettere ich, dieſe fördere ich, wo ſich mir die Gelegenheit bietet. Wir wollen uns übrigens gegenſeitig beweiſen, daß es Ernſt iſt mit dieſem neuen Bündniß, und wir wollen die Bedingungen deſſelben ſchon heute ſchriftlich feſtſetzen. Der Großmarſchall Duroc hat meine Weiſungen bereits erhalten, und er wird Ihnen die einzelnen Punkte des Angriffs⸗ und Vertheidigungsbündniſſes zwiſchen Frankreich und Preußen vor legen. Ich bitte Sie, ſich zu ihm zu begeben, und mit ihm das Nöthige zu beſprechen, damit wir dann das Actenſtück unterzeichnen. Gehen Sie, mein lieber Graf, und nehmen Sie zuerſt meinen Glückwunſch, Sie haben in dieſer Stunde Preußen einen wichtigen Dienſt geleiſtet, Sie haben es vom Verderben gerettet. Ich würde es wie ein Spiel zeug in meiner Hand zerbrochen haben, wenn Sie meine Freundſchaft zurückgewieſen hätten. Gehen Sie, der Großmarſchall erwartet Sie! Er nickte dem betäubten, verwirrten Grafen einen Abſchiedsgruß zu, ur den 6 dend. langſa Karten dem 6 und d Preßb Bedin ana Dan Dazr überg dinge Bedi von Br vror reich 605 zu, und wandte ſich wieder nach ſeinen Karten hin, auf dieſe Weiſe dem Grafen Haugwitz jede Möglichkeit weiterer Erörterungen abſchnei⸗ dend. Dieſer ſeufzte tief auf, und rückwärts gehend, wandte er ſich langſam der Thür zu. Napoleon beachtete ihn gar nicht weiter, er ſchien ganz in ſeine Karten und Pläne vertieft zu ſein, nur als die Thür ſich langſam hinter dem Grafen ſchloß, ſagte er leiſe: er wird das Bündniß unterzeichnen, und damit iſt Oeſterreichs letzte Hoffnung gefallen! Jetzt werde ich in Preßburg entſchiedener auftreten, und Oeſterreich wird mir alle meine Bedingungen erfüllen, es wird mir die Niederlande, Venedig und Tos⸗ kana abtreten müſſen, denn jetzt kann es nicht mehr auf eine bewaffnete Dazwiſchenkunft Preußens rechnen.*) VII. Zudith und Bolofernes. Napoleon war noch immer mit ſeinen Karten beſchäftigt, und ver⸗ änderte bald hier, bald dort den Stand der Nadeln. Zuweilen ward *) Das Angriffs⸗ und Vertheidigungsbündniß zwiſchen dem Kaiſer von Frankreich und dem König von Preußen kam ganz ſo zu Stande, wie Napoleon es gewollt hatte. Graf Haugwitz, ohne weitere Inſtruktionen von ſeinem Chef einzuholen, unterzeichnete es am 15. December, an demſelben Tage, an welchem er, dem Vertrag von Potsdam gemäß, Napoleon die Kriegserklärung Preußens übergeben ſollte. Durch den Abſchluß dieſes Bündniſſes kam Oeſterreich aller⸗ dings in die äußerſte Bedrängniß, und ſah ſich gezwungen, die demüthigenden Bedingungen Napoleons anzunehmen, und am 26. December 1805 den„Frieden von Preßburg“ zu unterzeichnen. Dieſer beraubte Oeſterreich ſeiner ſchönſten Provinzen, mit denen Frankreich, Baiern, Würtemberg und Baden ſich be⸗ reicherten.— Preußen erhielt freilich durch den Vertrag mit Frankreich das Königreich Hannover, aber dies war doch nur ein illuſoriſches Beſitzthum, das ſich Preußen jedenfalls erſt mit dem Schwert in der Hand von England er⸗ kämpfen mußte. er in ſeinen Studien unterbrochen von Courieren, die neue Depeſchen aus Preßburg oder Frankreich brachten, aber er kehrte immer wieder w zu ſeinen Karten zurück, und ſein Finger, der über dieſelben hinfuhr, guj löſchte, wie der Finger Gottes, Königreiche und Grenzen aus, um neue 9 Länder und neue Staatenhäupter mit ſeinem Winken erſtehen zu laſſen. Der Abend dunkelte bereits herauf, und der Kaiſer weilte noch immer in ſeinem Cabinet. Mehrmals ſchon hatte ſich die Thür leiſe geöffnet, und der Kammerdiener Conſtant hatte mit ſpähenden Augen 3 herein geſchaut. Aber immer wieder, wenn er den Kaiſer ſo eifrig be⸗ ſchäftigt geſehen, hatte er ſich vorſichtig und unhörbar wieder zurück gezogen. Endlich indeß ſchien er des langen Wartens und Zauderns õ müde; ſtatt diesmal wieder ſich zurückzuziehen, trat er ein und ließ die wml Thür geräuſchvoll in's Schloß fallen. Dieſes Geräuſch machte, daß der Kaiſer heftig emporſchaute. Ir Nun, Conſtant, was giebts? fragte er. ſca Sire, flüſterte Conſtant leiſe, als fürchte er, die Wände könnten 3 Ma ihn belauſchen, Sire, die fremde Dame iſt ſchon ſeit einer Stunde hier, und wartet auf die verſprochene Audienz. Ah, die Gräfin oder Prinzeſſin, rief Napoleon leicht hin, die vel närriſche Perſon, welche behauptet, mich früher gehaßt zu haben, mich Du jetzt zu lieben? Sire, ſie ſpricht mit ſchwärmeriſcher Begeiſterung von Ew. Majeſtät! an Ah bah, die Frauen lieben es, ſich für irgend Jemand zu be⸗ geiſtern, und ihr Herz in irgend einer Schwärmerei aufzubauſchen! ebe Würden ſonſt wohl ſo viele Weiber in's Kloſter gehen, und den Herrn Ert Chriſtum ihren Bräutigam nennen? Aber wie heißt denn die Dame kon eigentlich, der es gefallen hat, ſich für mich zu begeiſtern? Sire, ich glaube, ſie hat die einzige Bedingung gemacht, daß Ew. Majeſtät nicht nach ihrem Namen fragten! of Der Kaiſer runzelte die Stirn. Und man will mich bereden, die Namenloſe zu empfangen? Wer weiß, welch' eine Abenteuerin und Intriguantin ſich da bei mir einſchleichen möchte, und in was für Zwecken ſie kommt? m Sire, einer der treueſten Anhänger und Bewunderer Ew. Majeſtät, chen mten hiet, die mich ſtüt! be⸗ hen! en me eſtät, 607 der Herr von Brandt, öſterreichiſcher Major außer Dienſt, bürgt für ſie, und— In dieſem Angenblick ward die Thür heftig geöffnet, und der Großmarſchall Duroe trat ein. Ah, Ew. Majeſtät ſind noch hier? rief er freudig. Ew. Majeſtät haben alſo dieſe fremde Dame noch nicht empfangen? Nun, und was kümmert Dich das? fragte Napoleon lächelnd. Biſt Du etwa eiferſüchtig? Dieſe Dame ſoll ſehr ſchön ſein! Sire, ſagte Duroe feierlich, und wenn ſie ſo ſchön wäre, wie Cleo⸗ patro, ſo dürften Ew. Majeſtät ſie doch nicht empfangen! Ich dürfte nicht? fragte Napoleon in ſtrenger Betonung. Wer wollte es mir verbieten? Sire, die heilige Pflicht, welche Sie haben, ſich Ihren Völkern, Ihrem Reiche zu erhalten. Dieſe Dame, welche ſich mit ſo leiden⸗ ſchaftlicher Heftigkeit in die Nähe Eurer Majeſtät drängt, iſt eine ge⸗ fährliche Intriguantin, eine enragirte Feindin Frankreichs und Eurer Majeſtät. Napoleon warf einen triumphirenden Blick auf Conſtant hin, welcher bleich und bebend an der Wand lehnte. Nun, fragte er, willſt Du ſie noch vertheidigen? Dann, ohne Conſtant's Antwort abzuwarten, wandte er ſich wieder an den Großmarſchall. Und woher haben Sie dieſe Nachrichten? Sire, der Commandant von Wien, Herr von Vincennes, iſt ſo eben in gröſtter Eile hier angekommen. Sein Pferd fiel halbtodt zur Erde, als er in den Hof ſprengte. Er fürchtete, ſchon zu ſpät zu kommen. Wie denn, zu ſpät? Zu ſpät, um Ew. Majeſtät vor dieſer Dame zu warnen, welche offenbar gekommen iſt, um ein frevelhaftes Unternehmen auszuführen. Ah bah, wollte ſie mich etwa ermorden? Sire, Herr von Vincennes behauptet das! Ah, rief Napoleon, ſich wieder zu Conſtant umwendend, haſt Du mir nicht geſagt, daß ſie mich ſchwärmeriſch liebt? Iſt der Comman⸗ dant noch da? 608 Ja, Sire, er fragt an, ob er die Dame nicht ſogleich verhaften und ſie einem ſtrengen Gehör unterwerfen ſoll? Napoleon ſchwieg einen Moment, und ſchien ſich zu bedenken. Conſtant, ſagte er dann, rufen Sie Herrn von Vincennes hierher, ich will ihn ſelber ſprechen. Conſtant ſtürzte fort in den Vorfaal, und kehrte nach einer Minute zurück, um den Commandanten von Wien, Herrn von Vincennes, ein⸗ zuführen. Napoleon ging ihm haſtig entgegen. Sie ſind gekommen, um mich zu warnen? fragte er raſch. Was haben Sie für Gründe zu dieſer Warnung? Sire, die allerdringendſten Verdachtgründe. Dieſe Dame wird, ſeit ich in Wien bin, von meinen Agenten beobachtet und bewacht, weil ſie der geiſtige Mittelpunkt aller gefährlichen und feindlichen Elemente Wiens iſt. Alle Feinde Eurer Majeſtät, alle ſogenannten deutſchen Patrioten verſammeln ſich in ihrem Hauſe, und wenn wir ſie alſo genau überwachten, wußten wir ſo ziemlich Alles, was unſere Feinde unternahmen und thaten. Es war daher nothwendig, in ihrem Hauſe ſelbſt einen Agenten für uns zu finden, der mir täglich Bericht ab⸗ ſtattete, und ich war ſo glücklich, die Geſellſchafterin der Dame für unſere Intereſſe zu gewinnen. Womit beſtachen Sie ſie? fragte Napoleon. Mit Liebe oder mit Geld? Sire, Gott ſei Dank, bedurfte es nur des Geldes. Der Kaiſer lächelte. Die Perſon iſt alſo alt und häßlich? Sehr häßlich, Sire. Und ſie haßt ihre Herrin, weil ſie ſchön iſt? Denn nicht wahr, ſie iſt ſehr ſchön? 5 Außerordentlich ſchön, Sire, ein bezauberndes Weib, und alſo um deſto gefährlicher. Napoleon zuckte die Achſeln. Fahren Sie fort in Ihrem Bericht. Sie hatten alſo die Geſellſchafterin für Geld gewonnen? Ja, Sire, ſie führte ein genaues Journal über jeden Tag und jede Stunde, und überbrachte mir jeden Abend daſſelbe. Seit einigen Tager beoba ihr, ſ jden darau erriet zwei und Bran ihrer Maj kam den lich ſchre bei Gol habe ften ken. ich nute ein⸗ vird, weil tente ſchen alſo einde auſe ab⸗ für 609 Tagen ſchien ihr das Benehmen ihrer Herrin beſonders auffallend, ſie beobachtete ſie deshalb genauer, und meine ührigen Agenten folgten ihr, ſobald ſie ihr Hötel verließ, in mancherlei Verkleidungen und auf ledem Schritt. Alle Anzeichen waren verdächtig genug und ließen darauf ſchließen, daß ſie irgend ein Attentat beabſichtige. Aber ich errieth noch nicht, auf wen ſich daſſelbe richten werde. Da kommt vor zwei Stunden die Geſellſchafterin, um mir ihr Journal zu bringen und mir zu berichten, daß ihre Herrin ſoeben mit dem Major von Brandt ihr Hötel verlaſſen habe, und daß ſie nach den letzten Reden ihrer Dame vermuthen müſſe, ſie habe ſich nach Schönbrunn zu Ew. Majeſtät begeben. Eben, wie ich noch überlegte, was zu thun ſei, kam ein anderer meiner Agenten, welcher den ſpeciellen Auftrag hatte, den Herrn von Brandt zu beobachten, denn obwohl dieſer außerordent⸗ lich ergeben erſcheint, traue ich ihm doch nicht. Und daran thun Sie ſehr wohl, ſagte Napoleon ſtrenge, Ver⸗ räthern darf man niemals trauen, und dieſer Herr von Brandt iſt ein Verräther, da er uns, den Feinden ſeines Vaterlandes, anhängt. Was für Nachrichten brachte Ihr Agent? Sire, mein Agent ließ durch einen ſeiner Leute, der ein ſehr ge⸗ ſchickter Taſchendieb iſt, dem Major ſeine Brieftaſche ſtehlen, als er eben in das Hötel der Dame gehen wollte. Wahrhaftig, ſagte Napoleon heiter, Ihre Agenten machen ihre Sache gut. Was fanden Sie in dem Taſchenbuch? Liebesbriefe, un⸗ bezahlte Rechnungen, nicht wahr? Nein, Sire, ich fand darin ein wichtiges Document, eine Ver⸗ ſchreibung, der gemäß die Dame dem Major, wenn er ihr eine Audienz bei Ew. Majeſtät verſchafft, für jede Minute der Dauer derſelben ein Goldſtück zahlt. Napoleon lachte. Die Dame iſt alſo reich wie Cröſus? fragte er. Ja, Sire, man ſagt, daß die Prinzeſſin— Prinzeſſin, was für eine Prinzeſſin? Sire, die Dame, welcher Ew. Majeſtät eine Audienz bewilligt haben, iſt ja die Prinzeſſin von Eybenberg. Prinzeſſin von Eybenberg, wiederholte Napoleon ſinnend. Habe Mühlbach, Napoleon. I. Bd. 39 — ₰—— 8 — 610 ich denn dieſen Namen nicht ſchon einmal gehört? Ja, jetzt entſinne ich mich, ſagte er nach kurzer Pauſe leiſe, wie zu ſich ſelber, die Agentin des Grafen von Provence, welche mir damals den Brief brachte, und die ich aus Paris entfernte. Haben Sie das Tagebuch der Geſellſchafterin und die übrigen Papiere bei ſich? fragte er dann den Commandanten. Zu Befehl, Sire, hier ſind ſie Alle, erwiderte Herr von Vincennes, einige Papiere aus ſeinem Buſen hervorziehend. Hier iſt auch die ſeltſame Verſchreibung der Prinzeſſin. Geben Sie her, ſagte Napoleon, und die Papiere nehmend, blät⸗ terte er in ihnen, und las hier und da einige Zeilen. Wahrhaftig, ſagte er dann, dieſe Geſchichte iſt pikant, und ſie fängt an, mich zu reizen. Conſtant, wo iſt die Dame? Sire, Herr von Bauſſet hat ſie in das kleine Empfangszimmer Eurer Majeſtät gebracht und dort wartet ſie. Gut, ſagte Napoleon, ſie hat lange genug gewartet, und ſie möchte ungeduldig werden. Ich will alſo zu ihr gehen. Aber, Sire, doch nicht allein? fragte Duroc ängſtlich. Ew. Ma⸗ jeſtät werden mir doch erlauben, Sie zu begleiten? Ah, Du biſt neugierig, die geprieſene Schönheit zu ſehen? fragte Napoleon lachend. Ein anderes Mal, Herr Großmarſchall, diesmal gehe ich allein. Bedenken Sie nur, daß die ſchöne Prinzeſſin mich leidenſchaftlich liebt, und daß es ſie alſo tödtlich beleidigen müßte, wenn ich zu einem Rendezvous mit ihr nicht allein käme. Er that einige Schritte vorwärts nach der Thür hin. Aber jetzt ſtürzte Conſtant zu ihm hin, und vor ihm niederknieend, rief er mit vor Angſt zitternder Stimme: Sire, haben Ew. Majeſtät Erbarmen mit mir! Setzen Sie Ihr ſo koſtbares Leben nicht in Gefahr! Geben Sie mein armes Herz, welches Ew. Majeſtät anbetet, nicht ewiger Verzweiflung Preis! Ich war es, der es zuerſt wagte, Ew. Majeſtét zu bitten, dieſe Dame zu empfangen. Jetzt, Sire, beſchwöre ich Ew. Majeſtät auf meinen Knieen, empfangen Sie dieſe Dame nicht! Ich wage es, Sire, meine Bitten mit denen Conſtant's zu ver⸗ einigen, ſagte Duroe lebhaft. Sire, empfangen Sieè dieſe Dame nicht. rief zum ſollt bran dav Hut faßt das Uek ein unt Het teh umer Ma⸗ ragte Smol mich üßte, jetzt rmit umen Heben wiger jeſtet Ew. nicht. 611 Geſtatten Ew. Majeſtät mir vielmehr, ſie ſogleich zu verhaften, rief Herr von Vincennes. Napoleon ließ ſeine flammenden Blicke lächelnd von einem Geſicht zum andern wandern. Wahrhaftig, ſagte er, wenn man Euch hört, ſollte man vermeinen, dieſe Schöne ſei eine Pulvermine und man brauche ſie nur zu berühren, um in die Luft zu fliegen und zerſchmettert zu werden! Beruhigt Euch, wir werden wohl noch mit dem Leben davon kommen. Ihr habt mich gewarnt, und ich werde auf meiner Huth ſein. Kein Wort, keine Bitten weiter! Mein Entſchluß iſt ge⸗ faßt, ich will dieſe Schöne ſehen, und zwar allein! Sire, rief Conſtant ängſtlich, wenn nun dieſe Wahnſinnige, indem Ew. Majeſtät zu ihr eintreten, ein Piſtol auf Ihr Haupt abdrückte? So würden die Kugeln wirkungslos vor mir niederfallen, oder das Piſtol würde verſagen, rief Napoleon mit dem vollſten Ton der Ueberzeugung. Das Schickſal hat mich nicht hierher geſtellt, um von eines Meuchelmörders Händen zu fallen! Gehen Sie, meine Herren, und nehmen Sie meinen Dank für Ihren Eifer und Ihre Theilnahme. Herr von Vincennes, kehren Sie nach Wien zurück, Ihre Papiere behalte ich hier. Iſt Graf Haugwitz noch bei Ihnen, Duroc? Ja, Sire, wir waren mit Abfaſſung des Vertrages und deſſen einzelnen Paragraphen beſchäftigt, als Herr von Vincennes mich rufen ließ. Kehren Sie zu dem Grafen zurück, und Du, Conſtant, gehe zu dem Herrn von Brandt, und zähle mit ihm die Minuten, welche ſeine Dame in meiner Geſellſchaft zubringt. Es iſt möglich, daß er ſehr viel Goldſtücke verdient, denn ich denke die intereſſante Schöne nicht ſogleich wieder zu entlaſſen. Er nickte leicht mit dem Kopf, und raſch das Cabinet durchſchrei⸗ tend, trat er durch die Thür, welche Conſtant ihm öffnete. Haſtigen Schrittes, und ohne weiter zu überlegen und zu ſinnen, durchſchritt er die beiden großen Empfangsſäle, und öffnete dann die Thür zu dem kleinen Salon, in welchem, wie Conſtant geſagt, die Dame ihn erwartete. Einen Moment blieb er auf der Schwelle ſtehen, und ſeine bren⸗ 39 ——— — — S — —— ——— nenden Blicke wandten ſich auf Mariane hin, welche bei ſeinem Ein⸗ treten ſich von dem Lehnſtuhl erhoben hatte, auf welchem ſie geſeſſen. Es iſt wahr, murmelte Napoleon leiſe vor ſich hin, ſie iſt wirk⸗ lich ſchön! Er that einige Schritte vorwärts, dann, als erinnere er ſich jetzt erſt, daß er die Thür hinter ſich weit offen gelaſſen, kehrte er um, und ſchloß die Thür. Sie wollen mich doch ohne Zeugen ſprechen, nicht wahr? fragte er, ſich Mariane nähernd. Sire, das Wort der Liebe und der Anbetung verſtummt gar leicht vor fremden Ohren, flüſterte Mariane, ihn mit einem flammenden Blick anſehend. Napoleon lächelte. Nun, warum haben Sie denn verſäumt, mir vorher das Wort der Liebe und der Anbetung zwiſchen die Schultern zu ſchreiben? fragte er. Ich kehrte Ihnen ja abſichtlich den Rücken zu, ich wollte Ihnen Gelegenheit geben, Ihre herviſche That auszuführen. Wie? rief Mariane mit dem Ausdruck des Entſetzens, Ew. Ma⸗ jeſtät zweifeln an mir? Nein, ſagte Napoleon lachend, ich zweifle gar nicht an Ihnen, ich bin vielmehr meiner Sache ganz gewiß! Ich weiß, daß Sie hierher gekommen ſind, um die Bibel, deren Wahrheit man oft bezweifelt hat, in die Wirklichkeit zu überſetzen. Sie beabſichtigten, das Capitel von der Judith und dem Holofernes zu einer Tragödie unſerer Zeit zu machen. Aber, wenn Sie auch ſchön und verführeriſch ſind, wie die Judith es war, ſo bin ich doch kein Holofernes, welcher ſich von ſeiner Leidenſchaft beherrſchen läßt, und in den Armen eines Weibes der nöthigen Klugheit vergißt. Ich bin niemals Sclave meiner Leiden⸗ ſchaften geweſen, Madame, und es iſt nicht genug, daß ein Weib ſchön ſei, um mein Herz gewinnen zu können, ich muß ſie auch achten können, und ich würde niemals ein Weib hochachten können, welches den Ueberwinder lihres Vaterlandes liebte. Sie ſehen alſo, daß ich kein Holofernes bin, und daß ich Ihnen meine Arme nicht geöffnet hätte, wenn ich Sie für eine verlorene Tochter Ihres Vaterlandes halten müßte. Aber ich weiß, daß Sie eine Patriotin ſind, und das ändert die Sache, ich weiß, daß ich Sie hochachten darf, und ich ſage daher ſind habe mir gebe müſſ weni ſeele nicht ſich mit Ein⸗ en. wirk⸗ jetzt un, hen, eicht nden mir ltern ücken hren. Ma⸗ ich echer hat, l von it zu ie die ſeiner der iden⸗ Weib achten elches ich öffnet andes d das ſage 6¹3 daher nicht, daß ich Sie nicht auch lieben kann, denn es iſt wahr, Sie ſind bezaubernd ſchön. Sire, ſagte Mariane glühend, wenn Sie mich nur empfangen haben, um mich zu beleidigen und zu verhöhnen, ſo bitte ich, daß Sie mir erlauben, zu gehen! Nein, ich habe Sie empfangen, weil ich Ihnen einen guten Rath geben wollte, ſagte Napoleon ernſt, ich bitte Sie alſo zu bleiben. Sie müſſen Ihre Dienerſchaft beſſer wählen, Madame, Sie müſſen ihr weniger vertrauen, und argwöhniſcher gegen ſie ſein, denn Sclaven⸗ ſeelen ſind leicht zu verführen, und das Geld iſt ein Magnet, dem ſie nicht widerſtehen. Ihre Geſellſchafterin iſt eine Verrätherin, hüten Sie ſich vor ihr! Sie hat mich alſo verläumdet und verdächtigt? fragte Mariane mit bebenden Lippen. Nein, ſie hat Sie nur verrathen, ſagte Napoleon lächelnd. Selbſt der Brillantring, den Sie ihr beim Abſchied überreichten, hat ihr Herz nicht gerührt. Wiſſen Sie noch, was Sie zu ihr ſagten, indem Sie ihn ihr gaben? Sire, wie ſoll ich das noch wiſſen? fragte Mariane. Nun, ich will es Ihnen ſagen, rief Napoleon, indem er die Papiere, welche Herr von Vincennes ihm gegeben, und die er noch immer, zu einer kleinen Rolle zuſammengefügt, in der Hand gehalten, auseinander ſchlug. Hier ſteht es. Sie ſagten:„Ich weiß, Sie ſind eine gute und begeiſterte Oeſterreicherin, Sie haſſen gleich mir den Tyrannen, der uns unterjochen will, Sie werden die Hand ſegnen, welche ihm Stillſtand gebietet, und ihn aufhält in ſeinem Siegeslauf.“ Nun, war's nicht ſo, Madame? Mariane antwortete nicht, ihre Wangen waren bleich, ihre Augen ſtarrten entſetzt zu dem Kaiſer hin, der ſie lächelnd betrachtete. Einen Moment vorher hatten Sie einen glänzenden Gegenſtand in Ihrem Buſen verborgen, fuhr Napoleon fort. Dieſer Gegenſtand, den Ihre Geſellſchafterin nicht genau erkannte, war ein Dolch, den Sie heute Vormittag gekauft hatten. Wollen Sie wiſſen, wo?— Er blickte wieder in die Papiere und ſagte dann: Sie kauften dieſen Dolch in — —— — — 614 einer Waffenhandlung am Kohlmarkt und zahlten vier Ducaten dafür. Sie tragen dieſen Dolch jetzt bei ſich, wahrhaftig, er nimmt eine be⸗ neidenswerthe Stelle ein, und ich könnte auf ihn eiferſüchtig ſein. Warum ziehen Sie ihn nicht hervor, und geben ihm die Stelle, welche Sie ihm beſtimmt haben? Glauben Sie etwa, was ſo viele Thoren von mir geſagt haben, daß ich ein Panzerhemd trage? Ich gebe Ihnen mein kaiſerliches Wort, meine Bruſt iſt unbewehrt, und eine Dolchſpitze wird keinen Widerſtand finden, wenn ſie überhaupt meiner Bruſt ſich nähern kann. Verſuchen Sie es doch! Mariane, welche, während der Kaiſer ſprach, wie vernichtet auf einen Seſſel niedergeſunken war, erhob ſich jetzt raſch. Sire, ſagte ſie ſtolz, es iſt genug. Ihre Beamten erwarten mich ohne Zweifel ſchon in dem nächſten Gemach, um mich als eine Verbrecherin zu verhaften! Erlauben Sie, daß ich hingehe, mich Ihnen zu übergeben! Sie wollte ſich der Thür zuwenden, aber Napoleon faßte ihre Hand und hielt ſie zurück. Nicht doch, ſagte er, unſere Zuſammenkunft iſt noch nicht beendet, ſie dauert ja kaum funfzehn Minuten, bedenken Sie alſo, daß Herr von Brandt dann nur funfzehn Goldſtücke bekäme. Ah, Sie ſehen mich erſtaunt an. Sie wundern ſich, daß ich auch das weiß? Ich bin indeß kein Zauberer, und die Sache geht ganz natürlich zu. Sehen Sie da die Verſchreibung, die Sie dem Herrn von Brandt gegeben haben! Er reichte Marianen das Papier da, ſie nahm es nicht, ſondern betrachtete es nur mit einem flüchtigen Blick. Ew. Majeſtät ſehen daraus, wie glühend mein Wunſch war, Ihnen nahen zu dürfen, ſagte ſie. Hätte Herr von Brandt mein halbes Vermögen für dieſe Audienz bei Ew. Majeſtät verlangt, ich würde es ihm mit Freuden gewährt haben, denn eine Stunde des Zuſammenſeins mit Ew. Majeſtät iſt mehr werth, als alle Schätze der Welt. Und doch wollten Sie mich jetzt eben ſchon verlaſſen? rief Na⸗ poleon vorwurfsvoll. Wie ungroßmüthig das gegen Ihren Freund geweſen wäre, der mit Conſtant im Vorzimmer ſteht und mit der Uhr in der Hand ſeine Goldſtücke berechnet. zir wollen großmüthig ſein, wollen ihm drei Stunden bewilligen. Drei Stunden, das iſt eine hübſche werden und ic Y überſlo Ihre Sie m von hi 2 Sie! Napol ohne ſprach wird Stun laſſen hat. die ei Ihre ſchwi leben dieſe lichel leben ſteht ſage Ihr — — uns Vet 615 hübſche Zeit für ein Rendezvous; wenn Sie mich alsdann verlaſſen, werden Sie Herrn von Brandt einhundert und achtzig Louisd'or zahlen und ich werde die Gratulationen meiner Vertrauten annehmen. Marianen's Augen flammten auf in Zorn und eine Purpurgluth überflog jetzt ihre Wangen. Sire, rief ſie faſt drohend, rufen Sie Ihre Beamten, laſſen Sie mich als eine Verbrecherin verhaften, laſſen Sie mich tödten, wenn ich es verdient habe, nur laſſen Sie mich fort von hier. Ah, der Tod wäre Ihnen alſo lieber, als daß man glauben könnte, Sie hätten mir ein dreiſtündiges Liebesrendezvous bewilligt? fragte Napoleon. Freilich, dies Rendezvous, wenn es friedlich ausläuft und ohne den Eeclat, den Sie in Ihrer Rolle als Judith ſich davon ver⸗ ſprachen, bringt Sie in Mißcredit bei Ihren Freunden! Ihre Partei wird Ihnen mißtrauen, wenn ſie erfährt, daß Sie, nachdem Sie drei Stunden bei mir geweſen ſind, mitten in der Nacht Schönbrunn ver⸗ laſſen haben, ohne daß man mich erdolcht auf meinem Lager gefunden hat. Ich kann Ihnen dieſe Demüthigung nicht erſparen, aber ſie ſoll die einzige Strafe ſein, die ich Ihnen auferlege. Sie bleiben hier! Sire, laſſen Sie mich fortgehen, rief Mariane, und ich ſchwöre Ihnen, daß ich niemals wieder wagen will, Ihnen zu nahen, ich ſchwöre, daß ich in irgend einem ſtillen Winkel in Zurückgezogenheit leben will, fern von dem Getreibe und der Bewegung der Welt. Oh, die Welt würde es mir nie verzeihen können, wenn ich ſie auf dieſe Weiſe ihrer ſchönſten Zierde beraubt hätte, ſagte der Kaiſer lächelnd. Sie ſind zu ſchön, um im Dunkeln und in der Verborgenheit leben zu können. Sie werden mir jetzt drei Stunden ſchenken, und es ſteht Ihnen frei, die ganze übrige Zeit Ihres Lebens aller Welt zu ſagen, daß Sie mich haſſen, vorausgeſetzt, daß man dann auch an Ihren Haß glauben mag! Sie wollen mir alſo nicht geſtatten, mich zu entfernen? fragte Mariane mit bebenden Lippen. Sie wollen, daß ich hier bleibe? Nur drei Stunden, Madame, dann mögen Sie gehen! Laſſen Sie uns dieſe Zeit benutzen und ehrlich und offen zu einander ſprechen. Vergeſſen Sie, wo wir ſind, denken Sie, wir wären zwei Partei⸗ 616 häupter, die ſich auf neutralem Boden begegneten und mit achtungs⸗ voller Offenheit einander die Wahrheit ſagten, um dadurch vielleicht den Frieden zu vermitteln. Nun alſo, ſagen Sie ehrlich: Haſſen Sie mich wirklich ſo ſehr, daß Sie hierher kommen wollten, mich zu ermorden? Sie fordern Wahrheit von mir, rief Mariane mit zornblitzenden Augen, nun denn, Sie ſollen ſie von mir vernehmen! Ja, ich haſſe Sie, ich habe Ihnen damals in Paris, als Sie mich wie eine Ver brecherin transportiren ließen, glühenden und unverſöhnlichen Haß ge ſchworen, und treu meinem Schwur kam ich hierher, um ein Werk zu vollbringen, welches für Deutſchland, ja für die ganze Welt eine Wohl⸗ that ſein würde. Ja, ich wollte Sie ermorden, ich wollte die Welt von dem Tyrannen befreien, der ſie in Ketten legen will. Ja, ich hatte einen Dolch in meinem Buſen verborgen, um gleich der Judith Sie zu tödten. Wäre mein Werk gelungen, ſo würde die Welt mich geſegnet und meinen Namen unter die Sterne erhoben haben, jetzt, da es miß⸗ lungen iſt, wird man mich verhöhnen und verſpotten.— Jetzt habe ich Ihnen die Wahrheit geſagt und damit Sie nicht daran zweifeln, ſehen Sie hier den Dolch, der für Ihre Bruſt beſtimmt war und den ich jetzt zu Ihren Füßen niederſchlendere als die Drachenſaat, aus der einſt für unſere Sache bewaffnete Krieger hervorwachſen werden, um gegen Sie zu kämpfen. Sie zog den Dolch aus ihrem Buſen hervor und warf ihn mit einer wilden Bewegung zu Napoleons Füßen nieder. Sire, fragte ſie dann mit flehender Stimme, werden Sie mich noch nicht ver⸗ haften laſſen? Weshalb? fragte Napoleon. Worte, von ſchönen Frauenlippen und die Gedanken, welche noch nicht Ihre Hände ſind rein von jeder cher ſich hier befindet, iſt dieſer at nicht mehr die geſprochen, beleidigen niemals, Thaten geworden, ſtrafe ich nicht! Schuld und der einzige Verbrecher, wel Dolch. Ich trete ihn unter meine Füße und er h Kraft, ſich wider mich zu erheben! Er ſetzte ſeinen Fuß auf die blinkende Mordwaffe und ſchaute die Prinzeſſin mit durchbohrenden Blicken an. Madame, ſagte er, als Sie das erſt Sie ſan der nir Ne rief Me Vertrau Si ſinnend. Euch A W lommen öſiſche und un alle G Schwin weiter. welche Wann Pe det Re Sie di ihnen D unter war ie ſimige nicht denen ſich au 617 das erſte Mal zu mir kamen, war es der Graf von Provence, welcher Sie ſandte. Damals ſchickte er mir durch Sie einen Brief. War er es, der mir heute durch Sie einen Dolch ſandte? Nein, beim ewigen Gott, ſchwöre ich Ihnen, er weiß nichts davon, rief Mariane. Niemand wußte um mein Unternehmen, ich hatte keine Vertrauten und keine Mitſchuldigen. Sie hatten nur Ihren eigenen Haß, Madame, ſagte Napoleon ſinnend. Weshalb haſſen Sie mich denn eigentlich? Was habe ich Euch Allen gethan, daß Ihr Euch von mir wendet? Weshalb ich Sie haſſe? fragte Mariane glühend. Weil Sie ge⸗ kommen ſind, Deutſchland in den Staub zu treten, es zu einer fran⸗ zöſiſchen Provinz zu erniedrigen und uns um unſere Ehre, unſer Recht und unſere Selbſtſtändigkeit zu betrügen! Was Sie gethan haben, daß alle Gutgeſinnten ſich von Ihnen wenden? Sie haben Ihre heiligſten Schwüre verrathen, Sie ſind ein Meineidiger geworden. Oh, das geht zu weit, rief Napoleon auffahrend. Was hindert mich denn— Mich verhaften zu laſſen? unterbrach ihn Mariane mit trotzigem Stolz, thun Sie es doch! Nein, ich werde Ihnen dieſen Gefallen nicht thun! Reden Sie weiter. Sie ſtehen mir gegenüber, als wären Sie die Germania ſelber, welche gekommen, mich anzuklagen! Nun wohl, klagen Sie mich an! Wann habe ich meine Schwüre verrathen? Von dem Augenblick an, als Sie die Fahne erhoben im Namen der Republik, welche Sie ſtürzen wollten, von dem Augenblick an, als Sie die Völker zu ſich riefen im Namen der Freiheit, um ſich über ihnen zu erheben als ihr Tyrann und ihr Unterdrücker! Denen, welche uns die Despotie der Freiheit erhalten wollten, unter welcher Frankreich ſo lange geblutet und geſeufzt hatte, denen war ich ein Tyrann, ſagte Napoleon gelaſſen, denen, welche den un⸗ ſinnigen Gedanken hegten, die Bourbonen, unter welchen Frankreich nicht minder lange geblutet und geſeufzt hatte, wieder zurückführen, denen war ich ein Unterdrücker! Das Geſchlecht der Bourbonen hat ſich ausgelebt, es iſt wie eine ausgedrückte Citrone, deren welke Schaale —— 618 man verächtlich bei Seite wirft, weil ſie keinen Inhalt und keinen Saft mehr hat. Glaubte man wirklich, ich hätte ein ſolcher Thor ſein ſollen, dieſe leere Schaale, welche Frankreich bei Seite geworfen, wieder auf⸗ zuleſen und ſie mit einem Purpurmantel und einer Krone zu bekleiden? Glaubte man, ich hätte, wie dieſe Bourbonen und wie alle legitimen Fürſten, nichts gelernt aus der Geſchichte und mich nicht belehren laſſen von den Beiſpielen, die ſie allen Denen entgegen hält, welche Augen haben zu ſehen? Ich habe aus der Geſchichte gelernt, daß die Fürſten⸗ ſtämme vertrocknen, gleich den Baumſtämmen, und daß es beſſer iſt, den hohlen ausgetrockneten Stamm mit der Wurzel auszureißen, ſtatt ihn noch langſam hinſiechend, dem Boden, auf welchem er ſteht, ſeine letzten Kräfte ausſaugen zu laſſen. en nicht bloß den ausgetrockneten Stamm aus, ſon⸗ Sire, Sie reiß Tyrannen beraubten Sie dieſen Stamm auch dern mit der Art des ſeiner friſchen, grünen Zweige, rief Mariane. Ach, Sie meinen den Herzog von Enghien, ſagte Napoleon ge⸗ laſſen. Es war ein Act der Politik, welchen ich nicht bereue. Die Bourbonen mußten endlich erkennen, daß ſie von mir nichts zu hoffen hatten, daß Frankreich ſie aufgegeben und ſich ſelber eine neue Zeit Ich ſtand an der Spitze dieſer neuen Zeit, und ich würdig einnehmen, auf welche die Vorſehung mich mußte die Stelle geſtellt hat. Sie hat mich erwählt zum Gründer einer neuen Dynaſtie, Throne der und ein Tag wird kommen, wo meine Familie die erſten T ſchaffen wollte. Welt einnimmt.*) Das heißt, Sie erklären allen Fürſten den Krieg, rief Mariane. Den Fürſten, ja, ſagte Napoleon, denn ſie ſind lauter überreife Früchte, welche nur auf die Hand warten, die ſie abſchütteln ſoll. Ich und ſie werden vor mir zu Boden fallen, und werde dieſe Hand ſein, Sie nennen mich ich werde über ihnen immer höher emporſteigen. einen Eroberer, aber wie könnte ich denn jetzt inne halten, mitten in meinem Werk? Wenn ich jetzt in meinen Eroberungen ſtille ſtände, und mein Schwert in die Scheide ſteckte, was würde ich dann für viele *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Le Normand II. 29. feſten die Gel Mann, leiſtet, keinet A kömmli poleon gründe eine n Ein ſolltet Euren niedrig Deuiſe runger ſtehen Ich ſe deutſch die S Vemie erſten eriſtir davon Tuge des 9 oft ih — * eine ſtie, e der tiane. erreife Ihh und nmich ten in ſtände, viele 619 Arbeit anders gewonnen haben, als ein bischen Ruhm, ohne mich dem Ziel meines Strebens genähert zu haben? Was nützt es mir, die Kriegsfackel über ganz Europa geſchleudert zu haben, wenn ich mich nur damit begnügen wollte, Reiche umgeſtürzt zu haben, und nicht auf feſten Grundlagen mein Reich aufzubauen mich beeilte? Es iſt nicht die Geburt, welche Anſprüche auf die Unſterblichkeit verleiht! Der Mann, welcher Muth beſitzt, welcher ſeinem Vaterlande gute Dienſte leiſtet, und ſich durch große Thaten verherrlicht, der Mann bedarf keiner Ahnen, denn er iſt Alles durch ſich ſelbſt.*) Aber in den Augen der Legitimen bleibt er immer ein Empor⸗ kömmling, ein Parvenue, ſagte Mariane achſelzuckend. Dann muß er alle Legitimen ſtürzen und vernichten, ſagte Na⸗ poleon raſch, damit eine neue legitime Dynaſtie ſich erhebe, deren Be⸗ gründer er iſt. Ich bin der Mann des Schickſals, und ich werde mir eine neue Dynaſtie begründen, und eines Tages wird ganz Europa nur Ein Reich, Mein Reich ſein! Ihr Alle, ſtatt mich zu verwünſchen, ſolltet mich mit Freuden begrüßen, und mich willkommen heißen, als Euren gottgeſandten Befreier, der Euch erheben will aus Eurer Er⸗ niedrigung und Eurer Schmach. Schaut doch nur um Euch, Ihr Deutſchen, und ſeht, was Ihr an Euren Fürſten, und Euren Regie⸗ rungen habt! Werdet Ihr regiert durch edle, hochſinnige Fürſten, ſtehen bedeutende und große Männer an der Spitze Eurer Regierungen? Ich ſehe nur Unfähigkeit, Verworfenheit und Käuflichkeit überall in den deutſchen Cabinetten! Das Syſtem der Protection herrſcht da überall, die Stellen ſind die Geſchenke der Gunſt, und nicht die Belohnung des Verdienſtes; Intriguen und Bittgeſuche führen Unbefähigte zu den erſten Würden des Staats, und die großen Geiſter, wenn deren eriſtiren, werden in den Schatten zurückgeſchoben. Die natürliche Folge davon iſt, daß die Männer aufhören ihren Geiſt zu bilden, daß die Tugenden und die Talente, welche nicht mit einem gerechten Tribut des Ruhms belohnt werden, ihre Stärke und Begeiſterung, ja ſogar oft ihre Exiſtenz verlieren. Wenn eine Nation nur unfähige Protegirte *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Le Normand: Mémoires II. 49. — ———— ———— — 620 und käufliche Intriguanten an der Spitze ihrer Adminiſtrationen und ihrer Armeen ſieht, wie ſoll ſie da in Freudigkeit gedeihen, ihren Wohl⸗ ſtand vermehren und ſich Siege erkämpfen! Wehe dem Volk, das ſich von ſolchen Miniſtern beherrſchen, und von ſolchen Generälen verthei⸗ digen läßt, wie ich ſie in Deutſchland überall gefunden. Als der Mann des Schickſals bin ich gekommen, ihm meine Hand, meinen Mund und mein Herz zu weihen, um es von ſo laſterhaften Inſtitu⸗ tionen zu befreien und zu erlöſen von ſeiner ſchmachvollen Kette!*) Und ihm noch ſchmachvollere umzuſchmieden, rief Mariane mit zornblitzenden Augen, denn auf der Welt giebt es nicht Schmachvolleres, als wenn die Völker ſich einem fremden Barbaren unterwerfen, und ihrem Ueberwinder demüthig die Füße küſſen, ſtatt ihn zu verjagen mit der Mäjeſtät ihres Zorns. Wenn Sie, ein zweiter Attila, weiter ſchreiten mit Ihrem würgenden Schwert, ſo iſt es um Europa ge⸗ ſchehen, und alle Würde der Völker, alle Mittelpunkte wiſſenſchaftlicher Bildung, alle Hoffnungen der Humanität ſind verloren! Denn die Völker können nur Großes leiſten und Großes ſchaffen, wenn ſie ſelbſt⸗ ſtändig ſind, und die Freiheit ſelbſt kann ihnen nichts nützen, wenn ſie ſie als Gnadengeſchenk ihres Eroberers hinnehmen ſollten! Die Erde muß nur Einen Herrſcher haben, wie der Himmel nur Einen Gott hat, ſagte Napoleon feierlich. Ich habe mein Werk erſt begonnen, es iſt noch nicht vollendet! Bis jetzt iſt erſt Frankreich, Italien, die Schweiz und Holland meinem Scepter unterworfen, aber mein Ziel geht weiter. Und wer will es mir wehren, wenn ich mich Weſtphalens, der hanſeatiſchen Städte und Roms bemächtige, wenn ich ferner die illyriſchen Provinzen, Hetrurien und Portugal mit Frankreich vereinige? Ich weiß noch nicht, wo ich die Grenzen meines Reiches feſtſetzen ſoll. Vielleicht wird es einſt keine anderen Grenzen als den weiten Raum der beiden Welttheile haben, vielleicht werde ich, gleich dem Americus Vespucius und dem Columbus, mir den Ruhm er⸗ N werben, mir noch einen dritten Welttheil eutdeckt und erobert zu haben!**) *) Napoleons eigene Worte. Le Normand. II. 39. ) Napoleons eigene Worte. Le Normand: Mémoires. II. 69. . lin wird es der beid Ihnen und nic Ih dern ic länpfen ein aus geſchick Menſch Großes Ah glänzen Artiller Thron meine G gemacht Alterth erobert Orient wußte, Arſſtete der ich wenn ic ihn un kein Fi Die P Großes 621 ⸗ Und wenn Sie eine dritte neue Welt entdecken, rief Mariane, ſo wird es Gott vielleicht fügen, daß aus dieſer neuen Welt der Rächer der beiden alten erſtehe, und daß er mit der Donnerſtimme Jehovah's Ihnen zurufe: Hier ſind die Grenzen Deines Reiches! Bis hierher und nicht weiter! Ich würde aber nicht zurückweichen, ſagte Napoleon lächelnd, ſon⸗ dern ich würde vorwärts ſchreiten, um mit dem Gottgeſandten zu kämpfen um mein gutes Recht, denn auch ich bin ein Gottgeſandter, ein auserleſener Sohn des Himmels, und wenn es für mich ein Miß⸗ geſchick giebt, ſo iſt es nur dies, daß ich zu ſpät gekommen bin. Die Menſchen ſind zu aufgeklärt, oder zu nüchtern, es läßt ſich daher nichts Großes mehr ausführen! Ah, das ſagen Sie, rief Mariane, Sie, deſſen Schickſal ein ſo glänzendes und erhabenes iſt? Sie, der Sie einſt ein einfacher Artillerie⸗Officier waren, und jetzt als Kaiſer auf einem mächtigen Thron daſtehen? Ja, ſagte Napoleon leiſe, wie zu ſich ſelber, ich geſtehe es zu, meine Carriére iſt glänzend genug geweſen, ich habe einen ſchönen Weg gemacht! Aber welcher Unterſchied zwiſchen mir und den Herven des Alterthums! Wie viel glücklicher war Alexander! Nachdem er Aſien erobert hatte, erklärte er ſich für den Sohn Jupiters, und der ganze Orient glaubte es ihm, mit Ausnahme des Olhmpias, der wohl wußte, woran er ſich zu halten hatte, mit Ausnahme ferner des Ariſtoteles und einiger anderer athenienſiſcher Pedanten! Wenn ich aber, der ich mehr Eroberungen und Siege aufzuweiſen habe, als Alexander, wenn ich mich heute für den Sohn des ewigen Vaters erklären, und ihm unter dieſem Titel mein Dankopfer darbringen wollte, ſo würde es kein Fiſchweib geben, das nicht auf meinem Wege hinter mir herlachte. Die Völker ſind zu aufgeklärt und zu nüchtern, es läßt ſich nichts Großes mehr ausführen.*) Es wird ein Tag kommen, Sire, wo die Völker aufſtehen, und *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Mémoires du Maréchal Duc de Raguse. II. 243, Ihnen beweiſen werden, daß ſie Großes ausführen und vollbringen können! Und an dieſem Tage werden ſie mich in den Staub treten, nicht wahr? fragte Napoleon mit einem faſt mitleidsvollen Lächeln. Hoffen Sie nicht zu viel auf dieſen Tag, denn Ihre Hoffnung könnte Sie täuſchen. Ich habe mich ſo frei und offen zu Ihnen ausgeſprochen, fuhr er fort, indem er aufſtand, weil ich wußte, daß, indem ich zu Ihnen rede, ich durch Sie zu den Auserwählteſten, Edelſten und Beſten Ihrer Nation redete, und weil ich wünſchte, von dieſen verſtanden und begriffen zu werden. Gehen Sie alſo hin und wiederholen Sie ihnen meine Worte, wiederholen Sie ſie auch denen, welche vermeinen, daß ihnen der Thron gebühre, den ich mir aufgerichtet, und daß die Tricolore wieder eines Tages durch die Lilien verdrängt werden müßte. Gehen Sie hin, Madame, und ſagen Sie dieſen legitimiſtiſchen Schwär⸗ mern, die Lilien ſeien ſo beſchmutzt von dem Elend und dem Blut Frankreichs, daß Niemand ſie dort wieder erkennen wolle, und daß Jeder von ihrem Leichenduft und ihrer Verweſung zurückſchandere! Die Reiche und die Dynaſtien haben, wie die Blumen, Einen Tag der Blüthe; der Tag der Bourbonen iſt vorüber, ſie ſind verwelkt und ab⸗ gefallen! Sagen Sie das denen, welche Sie einſt gewiß und heute vielleicht zu mir geſandt haben. Wenn Sie ihnen dann ferner die Scene des heutigen Tages erzählen, ſo mögen ſie freilich beklagen, daß das Schickſal Ihnen nicht geſtattete, eine Judith zu ſein, aber ſie werden wenigſtens zugeſtehen müſſen, daß ich kein Holofernes bin! Denn obwohl das ſchönſte Weib meiner Feinde in mein Lager kam, mich zu beſuchen, hat ſie mich doch nicht getödtet, und ihr Dolch liegt zu meinen Füßen! Ich werde ihn als Andenken bewahren, und der Groß⸗Marſchall Duroc, und der Herr von Brandt, und mein Kammer⸗ diener Conſtant, welche Sie im Vorzimmer erwarten, werden glauben, daß dieſer Dolch ein Erinnerungspfand Ihrer Liebe und einer ſchönen Stunde meines Lebens iſt. Wir wollen ſie nicht enttäuſchen! Leben Sie wohl, Madame! Er ließ Marianen nicht Zeit zu einer Antwort, ſondern nahm die ſibeme ganz erſ Cor wird na trifft, ſo zu ſein, ſeins zu Sit St weinen zuweiler Er und ent M ein Ge als ſei nachſche M er nähe M einem 2 würdige Führer Durc drohend dije V Dolchſ Brandt ausgez zeſſin A Stolzes gen cht fſen Sie hen, zu eſten und hnen daß ß die üßte. wär⸗ Blut daß dere! g der d ab⸗ heute er die daß er ſie bin! kam, liegt nd der mmer⸗ lauben, ſchönen Leben hm die ſilberne Handklingel und ſchellte ſo heftig und ſo laut, daß Conſtant ganz erſchrocken und ängſtlich in der Thür erſchien. Conſtant, ſagte der Kaiſer, führe Madame zu ihrem Wagen, ſie wird nach Wien zurückkehren, und was den Herrn von Brandt anbe— trifft, ſo ſage ihm, die Prinzeſſin habe mir erlaubt, ihr Säckelmeiſter zu ſein, und ſtatt ihrer ihm die glücklichen Minuten unſers Zuſammen⸗ ſeins zu bezahlen. Sire, rief Mariane entſetzt, Sie wollen— Still, unterbrach ſie der Kaiſer ſtolz, ich will der Frau Fortuna meinen Tribut abzahlen! Leben Sie wohl, Madame, und mögen Sie zuweilen dieſer Stunde gedenken. Er winkte ihr lächelnd mit der Hand einen Abſchiedsgruß zu, und entfernte ſich dann durch die Thür, welche in ſein Schlafzimmer führte. Mariane ſtarrte ihm nach mit einem Entſetzen, als habe ſie eben ein Geſpenſt vor ihren ſtaunenden Augen dahin wandeln ſehen, und als ſei ihr ganzes Leben gebannt in dieſen Blick, mit welchem ſie ihm nachſchauete. Madame, ſagte Conſtant leiſe, wenn es Ihnen gefällig iſt! Und er näherte ſich der großen Ausgangsthür, welche er öffnete. Mariane ſchrak bei ſeinen Worten zuſammen, als erwache ſie aus einem Traum; ſchweigend und ohne Conſtant nur eines Blickes zu würdigen, ſchritt ſie aus dem Gemach, und folgte ihrem lächelnden Führer durch die Säle. Im erſten Vorſaal ſtand der Groß⸗Marſchall Duroc und einige Generäle, welche die daher ſchreitende Prinzeſſin mit drohenden und zugleich ſpöttiſchen Blicken betrachteten. Mariane fühlte dieſe Blicke wie Dolchſpitzen, die ihre Seele verwundeten, und wie Dolchſpitzen traf es ihr Ohr, als ſie Conſtant zu dem Major von Brandt ſagen hörte:„Sie werden hier bleiben, mein Herr, denn der Kaiſer hat befohlen, daß Ihnen hier die Goldſtücke für die Stunden ausgezahlt werden, welche Se. Majeſtät in der Geſellſchaft der Prin⸗ zeſſin zugebracht hat.“ Aber Mariane raffte ſich zuſammen mit der ganzen Energie ihres Stolzes, und hochaufgerichteten Hauptes, mit kaltem, unbeweglichem Angeſicht ſchritt ſie weiter durch die Vorſäle dahin, die große Treppe hinunter, zu ihrem Wagen. Nur als der Wagen durch die Nacht dahin rollte auf der Straße nach Wien zu, glaubte der Kutſcher trotz des Rollens der Räder lautes Weinen und Klagen zu vernehmen, das aus dem Innern der Kutſche zu ertönen ſchien. Aber ſicherlich hatte er ſich geirrt, denn als die Equipage in dem innern Hof ihres Hötels anhielt, und die Lakaien herbeieilten den Schlag zu öffnen, ſtieg die Prinzeſſin ſtolz und ruhig, ſchön und ſtrahlend wie immer, aus dem Wagen, und ſchritt gleich⸗ gültig und langſam die Treppe hinauf. Oben an der Treppe ſtand Madame Camilla, mit zitternden Lippen und bleichen Wangen einige Worte des Willkommens murmelnd. Mariane ſchien ſie gar nicht zu ſehen, und ſchritt kalt und ſtolz den Corridor hinunter, der zu ihren Gemächern führte. Die Dienerinnen, welche ſie in ihrem Toilettenzimmer empfin⸗ gen, hieß ſie mit einem gebieteriſchen Wink ihrer Hand ſich ent⸗ fernen, und als ſie das Zimmer verlaſſen hatten, ſchloß ſie hinter ihnen die Thür ab. Dann ging ſie raſchen Schrittes in das neben dem Toilettenzimmer befindliche Bondoir, und hier, wo ſie ſicher war, von Niemand geſehen, von Niemand belauſcht zu werden, hier ließ ſie die ſtolze Maske von ihrem Antlitz gleiten, und es all ihre Verzweif⸗ lung verrathen. Mit einem lauten Schrei der Qual ſank ſie auf ihre Kniee nieder, und ihre Hände zum Himmel emporringend, rief ſie mit den Jammertönen des Schmerzes; oh, mein Gott, mein Gott, gieb, daß ich dieſer Schmach erliege! Habe Erbarmen mit mir, und laß mich ſterben!— Aber nach langen Stunden des Kämpfens und Ver⸗ zweifelns, des Klagens und der Verwünſchungen, erhob ſich Mariane wieder von ihren Knieen mit trotzigem Stolz, mit ruhiger Energie. Nein, murmelte ſie leiſe vor ſich hin, ich darf und ich will nicht ſterben! Das Leben hat noch Rechte an mich, und die geheime Ge⸗ ſellſchaft, der ich mich als erſtes Mitglied angelobt habe, legt mir die Pflicht auf zu leben und zu arbeiten in ihrem Dienſt. Ich habe den„ Tyrannen nicht mit meinem Dolch treffen können, nun wohl, ſo müſſen wir verſuchen, ihn mit Nadelſtichen nach und nach zu tödten. Ein ich für fördete. Lettern Lettern! In Prinzeſſi abzureiſe Oidnen war All die Tre Camilla M in dieſe andersn Ihnen alſo zu Mein Gue a Hötel ve Si whig u nit don 8 X ſeiner ſ De Mihlba eppe traße utes tſche die kaien thig, leich⸗ ſtand inige ht zu ihren npfin⸗ ent⸗ hinter neben war, ſi weiſ⸗ f ihre ie mit gieb, d laß ariane gi. nicht te Ge⸗ nir die be den müſſen Ein ſolcher Nadelſtich iſt die Schrift, welche Gentz mir übergeben hat, daß ich für ihre Veröffentlichung ſorge, und ſie an das Licht der Welt fördere. Irgendwo wird ſich doch eine Druckerei finden, welche ihre Lettern für dies Manuſcript hergiebt; ich werde ſie ſuchen und ihr die Lettern mit Gold aufwiegen! In der Frühe des nächſten Morgens ſtand der Reiſewagen der Prinzeſſin bereit, und Mariane im vollen Reiſecoſtüm ſchickte ſich an, abzureiſen. Sie hatte die ganze Nacht mit Vorbereitungen, mit dem Ordnen ihrer Angelegenheiten und ihrer Häuslichkeit hingebracht. Jetzt war Alles fertig, Alles geordnet und bereit, und nunmehr im Begriff, die Treppe hinunter zu gehen, wandte ſich die Prinzeſſin zu Madame Camilla um, welche demüthig ihr folgte. Madame, ſagte ſie kalt und ruhig, Sie werden die Güte haben, in dieſer Stunde noch mein Haus zu verlaſſen, um Ihr Tagebuch anderswo zu ſchreiben. Der franzöſiſche Commandant von Wien wird Ihnen vielleicht bei ſeinen Mouchards eine Stelle anweiſen, gehen Sie alſo zu ihm, und wagen Sie es nie wieder, mein Haus zu betreten. Mein Haushofmeiſter hat meine Befehle erhalten, er wird Ihnen Ihre Gage auszahlen, und dafür ſorgen, daß Sie in einer Stunde das Hötel verlaſſen haben. Adieu! Sie ſchritt, ohne Madame Camilla eines Blickes zu würdigen, ruhig und ſtolz die Treppe hinunter und ſtieg in ihren Wagen, der mit donnerndem Geräuſch aus dem hohen Portal des Hötels dahin rollte. MII. Das Ende des deutſchen Reichs. Der Frieden von Preßburg war geſchloſſen und hatte Oeſterreich ſeiner ſchönſten Provinzen beraubt. Das Schutz⸗ und Trutzbündniß zwiſchen Preußen und Frankreich Mühlbach, Napoleon. I. Bd. 40 626 war unterzeichnet und hatte Preußen des Fürſtenthums Cleve und Berg und des Fürſtenthums Neufchatel beraubt. Deutſchland hätte alſo im Beginn des Jahres 1806 wohl Grund gehabt zur Trauer und zur Wehllage, denn ſeine Fürſten waren gede⸗ müthigt und in den Staub getreten, ſeine Völker trugen mit ihren Fürſten die Schmach der Erniedrigung und der Abhängigkeit! Aber Deutſchland ſchien doch freudenvoll und glücklich und überall feierte man Feſte,— Feſte zu Ehren des Kaiſers Napoleon und ſeiner Familie, Feſte der Liebe und des Glückes! Nach dem Siege, den Napoleon bei Auſterlitz über die beiden Kaiſer errungen, nach dem Frieden von Preßburg und dem Bündniß mit Preußen, ſchien jetzt alle Gelegenheit eines Krieges mit Deutſch land beendet und Napoleon legte ſein Schwert aus der Hand, um im Schooße ſeiner Familie auszuruhen auf ſeinen Lorbeeren, und ſtatt der Staaten Ehen zu ſtiften, Ehen, welche das Band der Liebe und Freund ſchaft zwiſchen Frankreich und Deutſchland immer feſter knüpfen und ganz Deutſchland zum ergebenen Schwiegerſohn und Vaſallen vom Kaiſer von Frankreich machen ſollten! In München erklangen ſie zuerſt, die Hochzeitsglocken, welche Na poleon zum Schwiegervater eines deutſchen Fürſtenhauſes machten. In München vermählte ſich zu Anfang des Jahres 1806 Eugène Beau⸗ harnais, Napoleons Adoptiv⸗Sohn, der ſchönen, und edlen Prinzeſſin Amalie von Baiern, der Tochter des Churfürſten Maximilian, der ſich jett durch die Gnade Napoleons zum König von Baiern erhoben ſah, wie Eugene ſich durch die Gnade Napoleons Vicekönig von Italien nennen durfte. Ganz Baiern jubelte v Band, welches das deutſche La fühlte ſich geehrt und glücklich ſeiner Gemahlin Joſephine ſelber or Entzücken über dieſes neue, beglückende nd mit Frankreich vereinte, ganz Baiern dadurch, daß der Kaiſer Napoleon mit nach München kam, um den Hoch⸗ zeitsfeierlichkeiten beizuwohnen. Feſte folgten ſich in München auf an ſah da nur glückliche Geſichter, man hörte Jubeln und Feſte, m Napoleon nur durch die Lachen und fröhliche Scherze, und wenn Straßen daher kam, oder ſich auf dem Balcon des Schloſſes zeigte, ſo en jauch Blut gekoſt gann jun6 Joſet ſeine der j echol Carl Deu Grer zum gloc Jac Ber müſſ Hil für hinz Gro 4 oba Gro ſie N Jer Cht zun By von berall ſeiner 627 ſo empfing ihn unermeßlicher Jubel des Volks, und es ſchwenkte jauchzend ſeine Hüte empor zu dem Kaiſer, nicht eingedenk, wie viel Blut und wie viel Thränen er jetzt eben wieder einem deutſchen Lande gekoſtet habe. Die Hochzeitsglocken waren kaum in München verſtummt, ſo be⸗ gannen ſie in Carlsruhe zu läuten, denn wieder wollte ſich Napoleon zum Schwiegervater eines deutſchen Fürſtenhauſes machen und die Nichte Joſephinens, Stephanie von Beauharnais, welche auch der Kaiſer zu ſeiner Adoptivtochter erhob, vermählte ſich dem Churfürſten von Baden, der jetzt durch die Gnade Napoleons zum Großherzog von Baden ſich erhoben ſah. Und in dieſes doppelte Hochzeitsgeläute, das in München und Carlsruhe ertönte, miſchten ſich bald die Feier- und Feſtglocken, welche Deutſchland das Entſtehen eines neuen Fürſtenhauſes in Deutſchlands Grenzen verkündeten und den Schwager des Kaiſers von Frankreich zum Herrn und Herrſcher eines deutſchen Landes erhoben. Dieſe Feier⸗ glocken ertönten in Cleve und Berg und huldigten dem neuen Herrſcher Ivachim Murat, der durch die Gnade Napoleons zum Großherzog von Berg erhoben worden. Preußen und Baiern hatten das Zeug liefern müſſen zu dieſem neuen Fürſtenmantel, Preußen hatte die größere Hälfte, das Herzogthum Cleve, gegeben, und Baiern hatte, dankbar für ſo viel empfangene Huld, demſelben noch das Fürſtenthum Berg hinzugefügt, ſo daß aus dieſen zwei deutſchen Landen ſich wohl ein Großherzogthum für den Sohn des franzöſiſchen Gaſtwirths, für Ivachim Murat, den Schwager des franzöſiſchen Kaiſers aufrichten ließ. Und als die Freudenklänge in München, Carlsruhe und dem neuen Großherzogthum Berg im Verklingen waren, da rauſchten und jubelten ſie ſchon wieder in Stuttgart auf, denn dort feierte man die Verlobung Jerome's, des jüngſten Bruders Napoleons, mit einer Tochter des Churfürſten von Würtemberg, der jetzt durch die Gnade Napoleons zum König von Würtemberg erhoben war. Freilich trug Jerome, der Bruder des Kaiſers, noch keine Krone, freilich war dieſer jüngſte Sohn des Advocaten von Corſika bis jetzt weiter nichts als„kaiſerlicher Prinz von Frankreich,“ aber ſein königlicher Schwiegervater von Würtemberg 40* ——— hegte dennoch zu ſeinem Bruder Napoleon die frohe Zuverſicht, daß er dem Mann ſeiner Tochter eine ſtandesgemäße Mitgift geben und ihm irgend eine vacante oder neugeſchaffene Krone auf das Haupt ſetzen werde. Hatte doch Napoleon ſpeben erſt ſeinen ältern Bruder Joſeph mit einer ſolchen ausgeſtattet und ihn zum König von Neapel erhoben, lich vor ganz Europa in einem Manifeſt erklärt hatte: nachdem er feier habe aufgehört zu regieren und das ſchönſte „Die Dynaſtie von Neapel Land der Erde ſolle endlich befreit werden von dem Joch der treuloſeſten — Und treu ſeinem Wort hatte Napoleon die Dynaſtie Menſchen.“ d die Königin Caroline 1 von Neapel geſtürzt, den König Ferdinand un vertrieben und ſeinen Bruder Joſeph auf den Thron von9 Der König von Würtemberg zagte alſo nicht, er war gewiß, daß Jerome irgendwo eine paſſende älteſten deutſchen Fürſten⸗ deapel erhoben.*) Napoleon auch für ſeinen Bruder Königskrone entdecken und der Tochter des hauſes eine der Ehre ihres Hauſes würdige Stellung geben würde. Aber nicht blos in Deutſchland erklangen die Feſtesglocken der Freude, ſie tönten auch herüber von den Grenzen Hollands, das jetzt durch die Gnade N erum durch die Gnade Napoleons ein König geſchenkt worden des Kaiſers von Frank⸗ apoleons zu einem Königreich erhoben worden, und dem wied in der Perſon Ludwig's, eines zweiten Bruders reich; ſie tönten auch herüber von Italien, wo i 1806 an einem Tage, am 30. März 1806, plötz⸗ dem Erdboden hervorwuchſen und den ölf Herzogskronen auf das Haupt ſetzten. in dieſem kronenreichen und glücklichen Jahr lich zwölf Herzogthümer aus Freunden und Kriegsgefährten zw Das Jahr 1806 war alſo ein geſegnetes und glückliches Jahr; überall Freude und Glück, und Napoleon der Schöpfer aller dieſer Herrlichkeit. *) Napoleon belohnte außerdem auch ſeine Kriegsgefährten und Miniſter mit Herzogthümern, die er für ſie in Italien ſchuf, und deren reiche Einkünfte ihnen zu So ward Marmont Herzog von Iſtrien, Savary Herzog von Rovigo, „Talleyrand Herzog von Benevenk, fielen. Raguſa, Mortier Herzog von Treviſo, Beſſieres Herzog von Lannes Herzog von Montebello, Bernadotte Herzog von Pontecorvo Fouché Herzog von Otranto, Maret Herzog von Baſſano, Soult Herzog von Dalmatien, Berthier Herzog von Neufchatel, Duroc Herzog von Friaul. ꝛc. aller ſehen genei wie ſi Z Reich kanzlet daß deutſe ſich z ſaales ſie ri werde keit, von und Firſt 629 Und dennoch gab es im deutſchen Reich eine Stadt, die, trotz aller dieſer neuen Herrlichkeit und Feſte, ein ernſtes und düſteres An⸗ ſehen ſich bewahrte, die gar nicht Theil zu nehmen ſchien an der all⸗ gemeinen Freude, ſondern in trüber aſchgrauer Stille ſo weiter lebte, wie ſie 2 ſeit Jahrhunderten gelebt hatte. Dieſe Stadt war das uralte Regensburg, der Sitz des deutſchen Reichstages, und jetzt das Eigenthum und die Reſidenz des Reichserz⸗ kanzlers von Deutſchland, Freiherrn von Dalberg. Seit Jahrhunderten hatte Regensburg die ſtolze Ehre genoſſen, daß in ſeinem großen alterthümlichen Rathhauſe die Geſandten aller deutſchen Staaten ſich verſammelten, um über das Wohl Deutſchlands ſich zu berathen. Aus den hohen Bogenfenſtern des großen Sitzungs⸗ ſaales flatterten die nengeſchaffenen Geſetze durch ganz Deutſchland hin, und was die Herren zu Regensburg geſchaffen, das mußte g ganz Deutſchland willig hinnehmen, und dem mußten die Fürſten und Völker ſich beugen. Und wie vor hundert und aberhundert Jahren, tagten ſie auch jetzt noch immer zu Regensburg, die Geſandten vom Kaiſer und den Königen, von den Herzögen, Churfürſten, freien Städten und den Reichsgräflichen und Freiherrlichen Standesherren Deutſchlands. Im alten Rathhausſaal ſaßen ſie täglich beiſammen, die Länder Oeſterreich, Preußen, Baiern, Hannover, Würtemberg, Baden, Heſſen, Darmſtadt, Mecklenburg, Braunſchweig, und wie ſie ſonſt noch alle heißen mochten die einzelnen Glieder des großen deutſchen Reichs. Sie ſaßen beiſammen,— aber ſie beriethen nicht mehr, ſondern ſie riethen,— ſie riethen, welches wohl das Loos T Deutſchlands ſein werde, wie lange ſie wohl noch hier ſitzen würden in trüber Unthätig⸗ keit, und wann es dem neuen Beſchützer Deutſchlands, dem Kaiſer von Frankreich, wohl endlich gefallen werde, ſich ihrer zu erinnern, und ihnen zuzurufen:„Geht nach Hauſe, Ihr Herren, denn Eure Zeit iſt um. Der deutſche Reichstag hat aufgehört zu exiſtiren, und ich will Deutſchland befreien von dieſer Laſt.“ Aber ſowohl der Kaiſer von Frankreich, als auch die deutſchen Fürſten ſchienen gar nicht mehr eingedenk zu ſein des deutſchen Reichs⸗ —— ——— —— ——————— 630 ten Rathhaus tagte, und der ſonſt tages, der zu Regensburg im ural Gebietsabtretungen und Ver⸗ alle Verträge, alle Friedensſchlüſſe, alle änderungen durch ſeine Zuſtimmung hatte ſanctioniren müſſen, damit ſie Anerkennung fänden und zu Recht beſtänden im deutſchen Reich. Deutſchland es nicht einmal für nöthig Jetzt hatte der Kaiſer von erachtet, dem deutſchen Reichstag zu Regensburg den mit Napoleon abgeſchloſſenen Preßburger Frieden zur Sanction vorzulegen, ſondern er hatte ſich begnügt, dem Reichstag anzuzeigen, daß dieſer Frieden geſchloſſen ſei. Ebenſo hatten deſſelben Tages die Geſandten von Baiern und Würtemberg ſich von ihren Lehnſeſſeln erhoben, um dem Reichstag anzuzeigen, daß ſie jetzt nicht mehr die Vertreter von Chur fürſten, ſondern von Königen ſeien, denn Baiern und Würtemberg hätten mit Zuſtimmung des Kaiſers von Frankreich den Königstitel angenommen; und als dieſe Beiden ſchwiegen, erhob ſich der Geſandte daß auch er nicht mehr ein des Churfürſten von Baden, um zu erklären, Churfürſtenthum, ſondern ein Großherzogthum vertrete, denn der Churfürſt von Baden habe mit Zuſtimmung des Kaiſers von Frankreich den Titel eines Großherzogs angenommen⸗ Der tagende Reichstag hatte dieſe Benachrichtigungen ohne Wider⸗ ſpruch ſchweigend entgegen genommen; er hatte auch geſchwiegen, als einige Tage ſpäter der franzöſiſche Geſandte Bacher im Rathhausſaal erſchien und die Anzeige machte, daß Murat als Herzog von Cleve den deutſchen Reichsverband eintrete. Nur ganz leiſe es denn komme, daß Rechten Gebrauch und Berg in und in der Stille hatte Jeder ſich gefragt, wie das neue Reichsmitglied nicht ſich beeile, von ſeinen am Reichstag zu Regensburg Sitz und Stimme ein⸗ „ zu machen, und zunehmen? Der Reichstag, wie geſagt, ſchwieg zu allen dieſen Dingen, und warum hätte er ſprechen ſollen? Was half es ihm, wer achtete noch auf ſeine Stimme, wer beugte ſich noch vor ſeinem Namen? nur um leiſe mit einander ſich zu berathen über ihr eigenes Mißgeſchick, über ihre Ohnmacht und Schwäche, kamen die Geſandten der deutſchen Fürſten und Städte noch zuſammen, und ſtatt, wie ſonſt, Deutſchland Geſetze zu geben, theilten ſie einander ihre Ver⸗ Nur zum Schein, muthun Reichst A )—) D enn und 2 Ernſte da O eins d da es rühme einzun N ich ha Nhol wieder würde löſaal Cleve keiſe daß wauch e ein⸗ 1, und te noch niüber nen die d ſtatt, te Ver⸗ muthungen mit, über das Loos, welches Deutſchland und dem deutſchen Reichstag zu Regensburg aufbehalten ſein möchte. Auch heute wieder waren die Herren im großen Rathsſaal ver⸗ ſammelt, und all die deutſchen Länder, welche da draußen ſich einander befehdeten und zankten, welche neidiſch ſich bewachten und beobachteten, alle die deutſchen Länder ſaßen hier friedlich beiſammen um den großen grünen Tiſch, und plauderten mit einander über das, was da draußen geſchehen ſei im deutſchen Reich, und was ferner noch geſchehen werde. Haben Sie ſchon die neuen Flugſchriften geleſen, welche jetzt ſo viel Aufſehen machen? fragte Preußen das neben ihm ſitzende Sachſen. Nein, ich leſe niemals Flugſchriften, erwiderte Sachſen. Dieſe aber ſind der Mühe werth zu leſen, ſagte Preußen lächelnd. enn es iſt darin eine abgeſchmackte Idee mit großer Beredtſamkeit und Begeiſterung behandelt. Denken Sie nur, es wird darin alles Ernſtes der Vorſchlag gemacht, es möge ſich das deutſche Reich jetzt, da Oeſterreichs Macht gebrochen ſei, unter den Schutz Baierns be⸗ geben und den neugebackenen Baiernkönig zum Oberhaupt Deutſch⸗ lands annehmen. Der Einfall iſt ſo übel nicht, ſagte Sachſen lächelnd, Baiern iſt eins der älteſten Fürſtenhäuſer Deutſchlands, und jetzt doppelt mächtig, da es der Freundſchaft und Gunſt des Kaiſers von Frankreich ſich rühmen kann. Der Kaiſer Napoleon möchte am Ende nichts dagegen einzuwenden haben, wenn Baiern zum deutſchen Kaiſer ausgerufen würde. Nicht doch, flüſterte Braunſchweig, Sachſens Nachbar zur Linken, ich habe geſtern neue authentiſche Nachrichten erhalten. Der Kaiſer Napoleon will das römiſch deutſche Kaiſerthum des Mittelalters völlig wiederherſtellen, und er ſelber will für Deutſchland die deutſche Kaiſer⸗ würde annehmen.*) Wie? rief Heſſen, welches die halblauten Worte gehört hatte. Der Kaiſer Napoleon will ſich zum Kaiſer von Deutſchland machen? Und in ſeiner Ueberraſchung hatte Heſſen ſo laut geſprochen, daß der ganze Reichstag ſeine Worte vernommen hatte, und jetzt wiederholte D T *) Häuſſer, Deutſche Geſchichte II. 721. 632 man hier und dort ſtaunend, verwundert diefe Frage, und alle Geſichter wurden ernſt und feierlich. Sie können glauben, es iſt ſo, ſagte Baiern ziemlich vernehmlich, es ſtehen uns wichtige Veränderungen bevor, und ich weiß aus beſter Quelle, daß der Miniſter Talleyrand neulich ganz laut und beſtimmt geſagt hat: bis gegen Ende dieſes Monats werde das Schickſal des deutſchen Reichs beſtimmt entſchieden ſein.*) Und wir ſchreiben heute ſchon den drei und zwanzigſten Mai, ſagte Oldenburg ſinnend, wir können alſo der Entſcheidung ſtündlich entgegen ſehen. Ja, das können wir, rief Würzburg, ich weiß gewiß, daß man in Paris ſchon mit der Ausarbeitung einer neuen Verfaſſung für Deutſchland beſchäftigt iſt. Vielleicht wäre es gut, ſagte ſein Nachbar, wenn auch wir uns damit beſchäftigten, eine neue Verfaſſung für Deutſchland auszuarbeiten und ſie dann dem Miniſter Talleyrand zuſenden, da wir jedenfalls doch die Gewohnheiten und Bedürfniſſe des deutſchen Reichs beſſer kennen, als die franzöſiſchen Staatsmänner. Wir ſollten uns hierüber mit dem Erzkanzler von Dalberg berathen. Aber wo iſt Se. Churfürſtliche Gnaden? Wo iſt Dalberg? Ja, es iſt wahr, der Reichserzkanzler iſt noch nicht erſchienen, rief Oldenburg verwundert. Wo mag er ſein? Wo iſt Dalberg? Und leiſe flüſternd rauſchte jetzt die Frage von Mund zu Mund: wo iſt Dalberg? Einſt in den ſchönen und großen Zeiten des Deutſchen Reiches war es der Deutſche Kaiſer geweſen, welcher allemal beim Beginn des Reichstages mit lauter Stimme gefragt hatte:„iſt kein Dalberg da?“ Und auf ſeine Frage waren die Dalberg's hervorgetreten und hatten ſich um den Thron des Kaiſers geſtellt, immer bereit Großes zu unter nehmen, Kühnes auszuführen. Jetzt war es nicht der Kaiſer, welcher ſeinen Dalberg rief, ſondern der Reichstag, welcher ſeinen Namen flüſterte. *) Häuſſer: Deutſche Geſchichte. II. 723. 8 lin denn di der Re I ſih ſei geſchnt Augen zugewa J eine M leichter — ſe ausgez Uun — Ohein Und es ſchien, als habe der Gerufene dieſes Geflüſter vernommen, denn die hohen Pforten des alten Rathhausſaales öffneten ſich, und nlich, der Reichserzkanzler Freiherr von Dalberg trat ein. beſter Im vollen Ornat ſeiner Würde ſchritt er in den Saal und näherte immt ſich ſeinem Sitz am grünen Tiſch. Aber ſtatt ſich auf dem hochlehnigen, des geſchnitzten Lehnſtuhl niederzulaſſen, blieb er ſtehen, und ließ ſeine Augen begrüßend an all dieſen ernſten, trüben Geſichtern, welche ihm zugewandt waren, vorüber gleiten. dlich Ich bitte den erhabenen Reichstag, mir zu erlauben, daß ich ihm eine Mittheilung machen darf, ſagte der Reichserzkanzler mit einer leichten Verneigung gegen die Verſammlung. Die ernſten Geſichter des Reichstags nickten Gewährung, und Dalberg fuhr mit erhöheter Stimme fort: Ich habe dem Reichstag zu eröffnen, daß, da ich mein Alter herannahen und meine Kräfte ſchwinden fühle, ich es zum Wohl Deutſchlands und meiner Perſon unerläßlich erachtet habe, mir ſchon jetzt bei meinen Lebzeiten einen Nachfolger und meinem nahenden Alter einen Mitregenten zu erwählen. Nachdem ich lange unter den Edlen und Würdigen, welche in ſo reicher Zahl mich umgeben, mich umgeſchaut, habe ich endlich meine Wahl getroffen, und meine durch die Zeitumſtände gerechtfertigte Entſchließung gefaßt. Der Nachfolger, den ich mir erwähle, iſt ein edler und wür⸗ diger Mann, deſſen Geſchlechtsvorfahren ſich ſchon zeitig im funfzehnten und ſechszehnten Jahrhundert in öffentlichen Dienſten Deutſcher Lande „ ausgezeichnet haben.*) Es iſt der Erzbiſchof und Cardinal Feſch, der eiches Oheim des Kaiſers von Frankreich. nne Eine lange peinliche Stille trat ein; wie erſtarrt vor Schreck und da“ Ueberraſchung blickten die Reichstagsmitglieder hin auf dieſen Mann, tuten der, ſelber ein deutſcher Fürſt, es wagte, dem deutſchen Reichstag zu i erklären, er habe einen Fremden, einen Ausländer gerufen, um mit ihm die hohe Würde eines erſten deutſchen Churfürſten zu theilen und nach ſeinem Tode ſie zu erben. Vielleicht las Dalberg in den düſtern Mienen der Herren die Ge⸗ *) Des Reichserzkanzlers von Dalberg eigene Worte. Häuſſer. II. 725. 634 danken, die ſie nicht auszuſprechen wagten, denn er beeilte ſich, dem Reichstag ſeine Rechtfertigungsgründe über die getroffene Wahl mitzu⸗ theilen. Er ſagte ihnen, er habe ſo gehandelt, nicht in ſeinem eigenen Intereſſe, ſondern um die bedrohete Reichsverfaſſung zu erhalten und ſie unter Napoleons mächtigen Schutz zu ſtellen. Er theilte ihnen als⸗ dann freudevoll mit, daß der Kaiſer der Franzoſen bereits die Wahl ſeines Oheims, des Cardinals Feſch, gebilligt habe, und daß der Kaiſer ihm außerdem verſprochen habe, er werde ſich mit der Neugeſtaltung und Reorganiſation des Deutſchen Reichs ſelber beſchäftigen, und dem ſelben allzeit ſeinen Schutz gewähren. Die Reichstagsmitglieder hatten ihm ſchweigend zugehört, ihre waren immer düſterer, immer mißvergnügter geworden, und s der Churfürſt ſchwieg, ward auch nicht Eine Stimme gehört, welche ihm den Dank votirt hätte, den Dalberg zum Schluß ſeiner Rede von ſeinen Mitſtänden für ſeine Wahl beantragte, ſondern nur ein tiefes⸗ unheilvolles Schweigen folgte ſeiner Rede Dieſes Schweigen war indeß die einzige officielle Demonſtration, welche der deutſche Reichstag gegen die Wahl des Cardinals Feſch zum dereinſtigen Reichserzkanzler von Deutſchland zu unternehmen wagte, und dieſes Schweigen hinderte das unerhörte Ereigniß nicht! Ein Fremder, der nicht einmal der deutſchen Sprache mächtig war, ward alſo jetzt Coadjutor des Reichserzkanzlers von Deutſchland, ein Aus länder ward Decan des deutſchen Churfürſtenrathes, ein Ausländer ſollte die Siegel des Reiches in Händen haben, die Geſetze des Reiches bewahren, die Kaiſerwahlen und vie Reichstage leiten! Und dieſer Ausländer war der Oheim des Kaiſers der Franzoſen, des Welt⸗ eroberers! Aber der deutſche Reichstag ſchwieg und duldete weiter. Inmmer drohendere Wolken ſtiegen am Horizont Deutſchlands empor, — der Reichstag tagte ruhig, ſtill und unhörbar weiter im Rathhaus⸗ ſaal zu Regensburg. Immer lauter ertönte das Wort: der Kaiſer von Frankreich will dem Deutſchen Reich eine neue Geſtaltung geben, und der Kaiſer von Deutſchland hat in dem Frieden von Preßburg ſich verpflichtet, dieſer Neugeſtaltung keinen Widerſtand entgegen zu ſetzen. Der ſchwieg n Ert ſandte in Vorzimm Bitſſtelle und ſeine Linder v ſollte ihn es heiml ſich gege nehmen, den!“— ie And Nachbar für ſich thenern, denüthi ſci. Es ſeines 1 ſchacher an Me N des ſn tiſrung erlanger wurden Börſen franzöſi geheure daß La Darmſt Meckten ation, zum vagte, Ein ward Aus länder keiches dieſer Welt⸗ weitet. empot, hhaus⸗ er von — dieſer 635 Der Reichstag achtete nicht auf dieſes Wort,— er tagte und ſchwieg ruhig weiter. Er tagte weiter, indeß die kleineren deutſchen Fürſten, deren Ge⸗ ſandte in Regensburg ſaßen, in Perſon nach Paris eilten, um dort im Vorzimmer des Kaiſers und des Miniſters Talleyrand als demüthige Bittſteller zu erſcheinen, und um die Gunſt des franzöſiſchen Kaiſers und ſeines Miniſters zu buhlen. Dieſe Gunſt ſollte ihnen Kronen und Länder verleihen, dieſe Gunſt ſollte ſie mächtig machen und ſtark, ſie ſollte ihnen eine glänzende Stellung bereiten. Denn Talleyrand hatte es heimlich Jedem von ihnen in's Ohr geflüſtert:„Diejenigen, welche ſich gegen die Pläne des Kaiſers auflehnen und ſeine Gunſt nicht an nehmen, ſeine Pläne nicht unterſtützen wollen, ſollen mediatiſirt wer den!“— Jeder von dieſen kleinen deutſchen Fürſten h S daher, daß die Andern mediatiſirt werden würden, und daß Er das Land ſeines Nachbars als Beute davon tragen würde. Jeder war alſo beeifert, für ſich ſelber ſeine Ergebenheit in den Willen des Kaiſers zu be theuern, und für ſich ſelber durch Schmeicheleien, Beſtechungen und demüthiges Flehen ſo viel Vortheile zu erlangen, als irgend möglich ſei. Es ſchien, als ob zu Paris in den Vorzimmern des Kaiſers und ſeines Miniſters Talleyrand eine Marktbude eröffnet ſei, in der man um deutſches Land und deutſche Kronen Würfel ſpielte, oder ſie ver— ſchacherte in einer Auction, wo derjenige am Meiſten erhielt, welcher am Meiſten bot!*) *) Die Beſtechungen, welche man anwandte, um ſich die hohen Beamten des franzöſiſchen Kaiſerreichs geneigt zu machen, um durch ſie vor der Media tiſirung bewahrt zu werden, und möglichſt viel Zuſatz an Macht und Land zu erlangen, waren ungeheuer. Die Trinkgelder und diplomatiſchen Geſchenke wurden nicht einmal im Geheimen ausgetheilt, ſondern ganz öffentlich, wie Börſengeſchäfte, betrieb man dieſe Sachen. Jedermann wußte, daß einer der franzöſiſchen Miniſter ſich von dem Fürſten von Salm-Kyrburg um einen un⸗ geheuren Preis zweimalhunderttauſend Flaſchen Champagner hatte abkaufen laſſen, daß Labesnardiéère, der erſte Beamte in Talleyrand's Miniſterium, von Heſſen⸗ Darmſtadt eine halbe Million Franken erhalten habe, und daß der Herzog von Mecklenburg ihm einhundert und zwanzigtauſend Friedrichsd'or zugeſichert habe, ——— Der Reichstag hörte wie aus weiter unermeßlicher Ferne von allen dieſen Dingen, und er tagte ruhig weiter. Er tagte, und wartete. Und endlich am erſten Auguſt 1806 öffneten ſich die hohen Pforten des Rathshausſaales, in welchem die Abgeſandten des deutſchen Reichs verſammelt waren, und der Abgeſandte des franzöſiſchen Kaiſers er⸗ ſchien in ihrer Mitte, und trat mit feierlichem Ernſt heran zu dem grünen Tiſch, auf welchem bis dahin nur Deutſchland ein Recht ge⸗ habt, ſeine Noten und Erklärungen niederzulegen, und an welchem bis jetzt nur der deutſche Reichstag für Deutſchland Geſetze ge⸗ ſchrieben hatte. 3 Der franzöſiſche Abgeſandte Bacher aber kam, dem deutſchen Reichstag ein neues Geſetz aufzudringen. Das Geſetz des franzö⸗ ſiſchen Kaiſers. Mit feierlicher Stimme ſprach der Bote des franzöſiſchen Kaiſers zum deutſchen Reichstag, und die weiten Hallen des Rathhausſaales zu Regensburg tönten wieder von dieſer lauten gebieteriſchen Stimme des Fremden, der die Geiſter begrabener Jahrhunderte zu wecken ſchien, daß ſie ſich aus ihrem Grabe erhöben, und wie eine graue Nebelwolke ſich ſchützend ausbreiteten über dem bedroheten Reichstag. „Die deutſche Verfaſſung, ſagte der Abgeſandte Frankreichs, die deutſche Verfaſſung iſt nur noch ein Schatten; der Reichstag hat auf⸗ gehört einen eigenen Willen zu haben, Se Majeſtät der Kaiſer von Frankreich und König von Italien iſt daher genöthigt, die Exiſtenz dieſer deutſchen Verfaſſung nicht mehr anzuerkennen; es wird unter ſeinem Schutz ein neuer Bund deutſcher Fürſten ſich bilden, und Se. Majeſtät wird den Titel als Protector des Rheinbundes annehmen. Um den Frieden zu erhalten, hat er früher erklärt, daß er niemals die Grenzen Frankreichs bis über den Rhein hinausſchieben wollte, und er hat getreulich Wort gehalten.“*) wenn ihm ſeine Selbſtſtändigkeit erhalten bliebe. Siehe: Montgaillard Histoire de France. Vol. X. 115. *) Mémoires d'un homme d'état. IX. 160. Und des Reich vier Chu ezkanzler Nanen ſe ſichten un „Die deutſche) deutſche 7 Zuſamme zichten, 1 dem das Herzen 1 Kaiſer de ſein, der wir Firſ Reich m Beſchützet Ja, Reichstag mit Eine alle Zeit In glieder i den Fürſ ——— „2 der Erzka Nnſſau⸗1 Sam, E von der Reichs ers er⸗ dem cht ge⸗ velchem tze ge⸗ eutſchen Stimme ſchien, elwolke at auf⸗ ſer von Eriſtenz unter md St⸗ nehmen. nals die und er Histoire 637 Und nachdem Bacher alſo geſprochen, erhoben ſich in den Reihen des Reichstags ſechszehn Herren von ihren Sitzen, zwölf Fürſten und vier Churfürſten. Der erſte der deutſchen Churfürſten, der Reichs⸗ erzkanzler Carl Theodor von Dalberg, war ihr Sprecher, und im Namen ſeiner funfzehn Genoſſen erklärte er dem Reichstag ihre Ab— ſichten und Meinungen. „Die letzten drei Kriege haben es bewieſen, rief er, daß der deutſche Reichsverband verfault und vernichtet iſt, deshalb wollen wir deutſche Fürſten des Südens und Weſtens von Deutſchland auf die Zuſammengehörigkeit mit einer Verfaſſung, die aufgehört zu ſein, ver⸗ zichten, und uns der Protection des Kaiſers der Franzoſen verſichern, dem das Wohl und das Gedeihen des deutſchen Reichs innig am Herzen liegt. Wir haben unter uns einen Bund gebildet, und der Kaiſer der Franzoſen wird das Haupt und der Beſchützer dieſes Bundes ſein, der ſich der Rheinbund nennt. Feierlich und für alle Zeiten ſagen wir Fürſten des deutſchen Rheinbundes uns los von dem deutſchen Reich und dem deutſchen Reichstag, Niemand mehr als Herrn und Beſchützer anerkennend als den Kaiſer der Franzoſen.“ Ja, wir ſagen uns los vom deutſchen Reich und vom deutſchen Reichstag, riefen die ſechszehn Fürſten wie mit Einem Athem und mit Einem Munde. Wir ſagen uns los von ihm für ewig und für alle Zeiten! Und mit lautem Geräuſch ſchoben ſie die hochlehnigen Armſtühle bei Seite, auf denen die Vertreter ihrer Lande ſeit Jahrhunderten ge⸗ ſeſſen, und ſchritten in feierlichem Zug, unter Vortritt des Reichserz⸗ kanzlers, hinaus aus dem Rathhausſaal.*) In tiefem Schweigen ſchauten die zurückbleibenden Reichstagsmit⸗ glieder ihnen nach, und wie die Thür hinter den Enteilenden, hinter den Fürſt des Rheinbundes, ſich dröhnend ſchloß, da war es, als ginge *) Die Mitglieder des Rheinbundes waren: Baiern, Würtemberg, Baden, der Erzkanzler mit ſeinem Gebiet, Berg, Heſſen⸗Darmſtadt, Naſſau⸗Weilburg, Naſſau⸗Uſingen, Hohenzollern⸗Hechingen, Hohenzollern⸗Sigmaringen, Salm⸗ Salm, Salm⸗Kyrburg, Iſenburg, Aremberg, Liechtenſtein und die Graſſchaft von der Leyen. ein Rauſchen und Flüſtern durch den alten Sitzungsſaal, und als ver⸗ nähme man von den Wänden her, wo die alten Kaiſerbilder hingen, leiſes Seufzen und Wehklagen. Den zurückgebliebenen Reichstagsmitgliedern ward es unheimlich zu Muthe, es graute ihnen vor den ſechszehn leeren Stühlen, ſie er⸗ hoben ſich ſtill von ihren Sitzen, und verließen mit eiligen Schritten den Saal. Aber am andern Tage hielt der deutſche Reichstag doch wieder Sitzung. Man wollte jetzt überlegen und berathſchlagen, was zu thun ſei, und wie der deutſche Reichstag ſich zu benehmen habe bei der Der⸗ ſertion von ſechszehn ſeiner Mitglieder! Und ſie überlegten und berathſchlagten ſechs Tage lang, ohne zu einem Entſchluß zu gelangen. Aber am ſechſten Tage ward ihren Be⸗ rathſchlagungen ein Ende gemacht. Am ſechſten Auguſt erſchien im alten Rathhausſaal zu Regensburg wo eben wieder der Reichsrath Sitzung hielt, ein beſonderer Abge⸗ ſandter des Kaiſers von Deutſchland. Er trat zu dem grünen Tiſch und grüßte die kleine verwaiſete Reichstags⸗Verſammlung, und ein großes, mit dem kaiſerlichen Hand⸗ ſiegel verſehenes Schreiben hervorziehend, ſagte er laut und feierlich: Im Namen des Kaiſers! Und die Reichstagsmitglieder erhoben ſich von ihren Sitzen, um ehrerbietig die Botſchaft des Kaiſers zu empfangen, die Botſchaft, die er in einem eigenhändigen Schreiben dem deutſchen Reichstag kund thun wollte. Mit der Vorleſung dieſes Schreibens hatte er ſeinen Geſandten beauftragt, und mit erhobener Stimme las dieſer jetzt: „Da Wir Uns von der Unmöglichkeit überzeugt haben, länger Unſere kaiſerlichen Rechte auszuüben, erachten Wir es für Unſere Pflicht, einer Krone zu entſagen, die für Uns nur ſo lange Werth hatte, als Wir des Vertrauens der Churfürſten, Fürſten und der andern Standes⸗ herren und Staaten des deutſchen Reichs Uns erfreuten, und als Wir die Pflichten, welche ſie Uns auferlegten, erfüllen konnten. Deshalb müſſen Wir jetzt durch dieſe Acte feierlich erklären, daß Wir, da Wir die Bande, welche Uns an das deutſche Reich feſſelten, durch den Rheinb hiemit Churfü Tribun als dem Vir u der Zr lande E welcher getrag 2 Sitzen ſtrahl flatter als di ſtorbe alten ſchen 4 wagen ſiß, leutſel dem Abge Kaiſe öſten als ver⸗ hingen, heimlich ſie er⸗ Schritten wieder zu thun der Der⸗ ohne zu hren Be⸗ gensburg er Abge⸗ erwaiſete nHand⸗ feierlich: iten, um haft, di tag kund er ſeinen jetzt: n, länger hute, als Standes⸗ als Wir Deshalb „da Wit durch den 639 Rheinbund als zerriſſen betrachten müſſen, die deutſche Kaiſerkrone hiermit abdanken; zu gleicher Zeit entbinden Wir durch Dieſes die Churfürſten, Fürſten und Staaten, ſo wie die Mitglieder des oberſten Tribunals und anderer Magiſtrate der Pflichten, welche ſie mit Uns als dem geſetzlichen Haupt des Reichs vereinigten. Solches unterzeichnen Wir unter Hinzufügung Unſerer eigenhändigen Unterſchrift. Franz der Zweite, Kaiſer von Oeſterreich, und der öſterreichiſchen Erb⸗ lande Herr.“*) Ein langes, fürchterliches Schweigen folgte dieſer Vorleſung, mit welcher das alte tauſendjährige Reich Karls des Großen zu Grabe getragen ward, mit welcher das deutſche Reich aufhörte zu exiſtiren. Dann erhoben ſich die deutſchen Reichstagsmitglieder von ihren Sitzen, ſtumm und ſcheu, wie Nachteulen, die ein unvermutheter Licht⸗ ſtrahl aus ihren dunkeln Verſtecken aufgeſchreckt hat. Stumm und ſcheu flatterten ſie hinaus aus dem alten Rathhausſaal zu Regensburg, und als die Thür hinter ihnen in's Schloß fiel, war das deutſche Reich be⸗ graben, und der Sargdeckel darüber hingefallen! Stumm und ſcheu eilten die letzten Nachteulen des deutſchen ge⸗ ſtorbenen Reichs dort aus dem Rathhausſaale zu Regensburg, wo die alten Kaiſerbilder hinfort Wache hielten über dem Grabe des deut⸗ ſchen Reichs. Wie ſie hinaustraten auf den Marktplatz, fuhr eben ein Reiſe⸗ wagen an dem Rathhaus vorüber, und der Herr, welcher in demſelben ſaß, lehnte ſich lächelnd aus dem Schlag und grüßte freundlich und leutſelig dieſe bleichen, ernſten und traurigen Geſtalten, welche da aus dem Rathhauſe einherſchwankten. Dieſer Herr war der Graf Clemens Metternich, welcher ſich als Abgeſandter des Kaiſers von Oeſterreich nach Paris begab, um dem Kaiſer von Frankreich zu ſeinem Geburtstag die Glückwünſche des öſterreichiſchen Kaiſers darzubringen.*) Am ſechſten Auguſt war das deutſche Reich geſtorben und begraben! *) Hiſtoriſch. Siehe: Mémoires d'un homme d'état. IX. 160. **) Hiſtoriſch. Mémoires d'un homme d'état. IX. 162. 640 Am funfzehnten Auguſt feierte der Kaiſer der Franzoſen ſein Ge⸗ burtstagsfeſt, und die Fürſten des deutſchen Rheinbundes und der Kaiſer von Oeſterreich und der König von Preußen und alle die Fürſten des entſchlafenen deutſchen Reichs feierten ihn mit Napoleon hatte einen neuen Sieg errungen, einen Sieg, welcher ganz Deutſchland zu ſeinen Füßen niederlegte. Er hatte das deutſche Reich begraben, aber er ſtand über der er⸗ habenen Leiche als ihr Gebieter und ihr Herr. Mihſt Ge⸗ der ürſten elcher er er⸗ Achtes Buch. Die Fchlacht bei Zena. Mühlbach, Napoleon. I. Bd. De Gaſſen verſtun Nur in duskirc eben m blickte n Knieen Weiner ſie dar E ſchmett ſchlage kein E wächte hinunt E ſeinem Knieer l. Der deutſche Vuchhändler als Märtyrer. Di Nacht war längſt ſchon hereingebrochen; in den engen düſtern Gaſſen der alten freien Reichsſtadt Nürnberg war längſt alles Geräuſch verſtummt, und alle Fenſter der hohen Giebelhäuſer waren dunkel. Nur in dem untern Stockwerk jenes großen Hauſes hinter der Sebal⸗ duskirche brannte noch ein einſames Licht, und der Nachtwächter, der eben mit ſeinem langen Horn und ſeiner eiſernen Pike vorüberſchritt, blickte neugierig durch die nur angelehnte Lade in das Fenſter hinein. Hm, ſagte er leiſe vor ſich hin, die arme Frau liegt auf ihren Knieen und betet und weint gewiß um ihren Mann. Hat über allem Weinen wohl gar nicht bemerkt, daß es ſchon Mitternacht iſt. Will ſie daran mahnen, damit ſie hübſch ſchlafen geht. Er ſtellte ſich dem Hauſe gegenüber auf die Straße und ſtieß ſchmetternd in ſein Horn, und ſang dann mit ſchallender Stimme: „Hört, Ihr Herren, und laßt Euch ſagen, die Glock' hat Zwölf ge⸗ ſchlagen, ein Jeder bewahr' ſein Feuer und Licht, daß dieſer Stadt kein Schad' geſchicht.“— So, jetzt weiß ſie's, murmelte der Nacht⸗ wächter dann leiſe vor ſich hin, jetzt wird ſie gewiß zu Bette gehen. Und er ging ſchlendernden Schrittes die lange gewundene Straße hinunter, um an der nächſten Ecke ſeinen Geſang zu wiederholen.— Er hatte indeß ſeinen Zweck erreicht; die junge Frau war bei ſeinem Lied aus ihrem Gebet aufgeſchreckt und hatte ſich von ihren Knieen erhoben. 41* 644 Schon Mitternacht! murmelte ſie leiſe. Wieder iſt ein Tag der Angſt beendet, und ein neuer beginnt. Oh, ich wollt', ich könnte ſchlafen, immerfort ſchlafen, damit ich wenigſtens nicht das Bewußtſein der Gefahren hätte, welche ihn bedrohen! Oh, mein Gott, mein Gott, beſchütze meinen armen, geliebten Mann, erhalte ſeinen Kindern den Vater!— Und jetzt will ich ſchlafen gehen, fuhr ſie nach einer Pauſe fort. Vielleicht iſt Gott mir gnädig und gönnt mir einige Stunden der Ruhe! Sie nahm den meſſingnen Leuchter, auf dem eine Wachskerze brannte, und ging langſam, gebeugten Hauptes in das Nebengemach⸗ Aber wie ſie daſſelbe betrat, ward ihr Antlitz ruhiger und heiterer, und ein ſanftes Lächeln erhellte ihre lieblichen Züge, als ſie jetzt an das Bettchen trat, in welchem ihre beiden kleinen Mädchen, Arm in Arm, mit roſigen Wangen und halbgeöffneten Purpurlippen im ruhigen Schlummer lagen. Gott erhalte Euch Euren Frieden und Eure Unſchuld, flüſterte die junge Mutter mit einem langen, zärtlichen Liebesblick auf die Kinder. Gott führe dieſe Wolke an Euch und an uns vorüber, ohne daß ihr den Donner rollen hört und vom Blitz zerſchmettert werdet! Gute Nacht, meine Kinder! Sie nickte den Schlummernden lächelnd zu und ſchlich dann leiſe zu ihrem Lager hin. Langſam und ſeufzend begann ſie ſich zu ent⸗ kleiden, aber wie ſie eben im Begriff war, die ſilberne Schnalle ihres leidergürtels zu öffnen, hielt ſie inne und blickte lauſchend nach dem Fenſter hin. Es war ihr geweſen, als habe ſie an dieſem Fenſter, das nach dem hinter ihrem Hauſe belegenen Garten führte, leiſes Klopfen gehört, und als habe eine Stimme leiſe ihren Namen gerufen. Richtig, das Geräuſch erneuerte ſich, und jetzt hörte ſie die Stimme ganz deutlich ſagen: Oeffne das Fenſter, Anna! Sie ſtürzte zu dem Fenſter hin und riß es auf, bleich, athemlos, kaum ihrer Sinne mächtig. Biſt Du es, Palm? flüſterte ſie hinaus. Ich bin es, ſagte eine leiſe männliche Stimme, und jetzt ward ein Am raſch ei und lie Gr mir ſch unſerm Ne junge F an ſein Glaube er ſein Tagen unange ohne 6 imner De ſagte d nir! 4 den Pf Hausth würden Sl uicht zu Recht nur ein zu ver d'arme ſich, WVelch Kinder E Tag der h könnte wußtſein t, mein Kinder ich einer einige achökerze ngemach. rer, und t an das in Am, ruhigen flüſterte e Kinder. daß ihr Gute ann leiſe h zu ent⸗ lle ihres nach dem nach dem Stimme gthemlos, et nunt ein Arm ſichtbar, welcher ſich um das Fenſterkreuz legte, jetzt hob ſich raſch eine männliche Geſtalt empor, ſchwang ſich auf das Fenſterkreuz und ließ ſich dann vorſichtig in das Zimmer niedergleiten. Gott ſei Dank, daß ich wieder da bin, ſagte er hochaufathmend, mir ſcheint, alle Gefahr ſei überſtanden, wenn ich wieder hier in unſerm ſtillen Hauſe bei Dir und den Kindern bin. Nein, mein Geliebter, gerade hier droht Dir Gefahr, ſeufzte die iunge Frau, in die geöffneten Arme des Gatten ſinkend, und ihr Haupt an ſeine Bruſt lehnend. Mein Gott, warum kehrteſt Du zurück? Weil ich mich fern von Dir ängſtigte, während ich hier bei Dir Muth fühle, der ganzen Welt zu trotzen, ſagte ihr Gatte faſt heiter, einen glühenden Kuß auf die Stirn ſeines jungen Weibes drückend. Glaube mir, Anna, einem Manne fehlt überall der rechte Muth, wenn er ſein Weib und ſeine Kinder in Gefahr glaubt. Ich bin ſeit ſechs Tagen von Euch getrennt; nun, in dieſen ſechs Tagen, die ich ganz unangefochten und ſicher in Erlangen lebte, habe ich nicht eine Minute ohne Herzklopfen hingebracht, nicht eine Minute geſchlafen. Ich dachte immer an Euch und zitterte für Euch! Doch ſind nicht wir bedroht, ſondern Du allein, mein Geliebter, ſagte die junge Frau ſeufzend. Unſer Haus wird bewacht, glaube es mir! Ich habe franzöſiſche Gensd'armen geſehen, welche drüben hinter den Pfeilern der Kirche verſteckt ſtanden und ſtundenlang zu unſerer Hausthür herüber ſtarrten. Oh, wenn ſie wüßten, daß Du hier biſt, würden ſie Dich noch in dieſer Nacht verhaften. Sie würden es nicht wagen! rief Palm laut. Noch gehören wir nicht zu Frankreich, obwohl dieſer Herr Kaiſer von Frankreich ſich das Recht angemaßt hat, die alte freie Reichsſtadt Nürnberg, als wäre ſie nur ein aus unſern Fabriken hervorgegangenes Spielzeug, an Baiern zu verſchenken. Noch ſind wir Deutſche, und kein franzöſiſcher Gens⸗ d'arme hat das Recht, in unſere deutſchen Häuſer einzudringen. Aber ſieh, die Kinder regen ſich, die kleine Sophie ſchlägt die Augen auf. Welch ein Barbar ich bin, ſo laut zu ſprechen und den Schlaf der Kinder nicht einmal zu ſchonen. Er eilte zu dem Bettchen hin und ſich über daſſelbe neigend, nickte 646 er lächelnd dem kleinen Mädchen, das ihn halb im Schlaf anſtarrte, einen Gruß zu. Das Kind flüſterte leiſe: mein geliebter Vater, und ſchloß die Augen und ſchlief ruhig weiter. Komm, Anna, flüſterte Palm, laß uns in damit wir die Kinder nicht ſtören. Aber damit vielleicht die Späheraugen unſerer Feinde Dich ſehen können, ſagte ſein Weib angſtvoll. Nein, laß uns hier bleiben, ſelbſt wenn wir die kleinen Mädchen wecken ſollen. Sie werden nicht weinen, ſondern glücklich ſein, ihren geliebten Vater wieder ſehen zu können, und was wir ſprechen, das verſtehen ſie nicht. Komm, ſetzen wir uns hier auf den kleinen Divan und erlaube, daß ich den Bettſchirm davor ſtelle, dann bin ich ſicher, daß Dich Niemand ſehen kann. Sie führte Palm zu dem kleinen Divan, der am äußerſten Ende des Zimmers ſtand, und ſchob mit leiſen, geſchäftigen Händen den Bettſchirm davor. So, ſagte ſie, ſich an ihn ſchmiegend, jetzt ſind wir hier, wie in einer kleinen Zelle, wo nur das Auge Gottes uns finden kann. So lange wir in dieſer Zelle ſind, fürchte ich mich nicht. Ich glaube, Du haſt auch ſonſt nicht Urſache, Dich zu fürchten, ſagte Palm lächelnd. Wir gehen zu weit in unſeren Befürchtungen, glaube mir das, und weil wir ſehen, wie der Herr Bonaparte ganze Länder in die Taſche ſteckt, ſo denken wir, es wird ihm auch ganz leicht ſein, einen ehrſamen Nürnberger Bürger und Buchhändler ein⸗ zuſtecken. Aber das iſt, unter uns geſagt, ein ſehr hochmüthiger Ge⸗ danke und der Herr Bonaparte hat ganz andere Dinge zu thun, als ſich um einen Buchhändler und ſeine Ballen zu kümmern. Denke doch nur, Kind, daß er eben erſt den Rheinbund der deutſchen Fürſten ge⸗ backen hat, und daß er jetzt, wie man ſagt, im Begriff iſt, einen Krieg mit Preußen anzufangen. Wie ſollte er da Zeit haben, ſich mit einem armen Buchhändler zu ſchaffen zu machen? Denkſt Du, wenn der Löwe ſeinem Feind entgegen zieht, um mit D ein Zimmer gehen, ihm zurkämpfen, ſo wird er die Wespe, die er auf ſeinem Wege findet, und die ihn ins Ohr geſtochen, ungeſtraft laſſen, weil er Größeres zu thun hat? 6 uns e Verlau daß ié unſelig parte alſo n naten ſachen Ungen einer und f hieſig Fran Entſe dem Verbr ſollen, 2 daß dunge bemih verdic in ſei wen! ( Verza paſſiv land, haftes aufra nſtarrte, ler, und r gehen, ſch ſehen n, ſelbſt weinen, können, wir uns m daor ten Ende nden den r, wie in nn. S0 fürchten, chtungen, rte ganze uch ganz dler ein⸗ hun, als enke doch ürſten ge⸗ ſſt, einen ſich mit t, um mit ege findet, ößeres zu 647 Ich habe ihn aber gar nicht geſtochen, ſagte Palm lachend. Laß uns einmal ruhig überlegen, theuerſte Anna, laß uns den ganzen Verlauf dieſer Sache noch einmal überſchauen und Du wirſt ſehen, daß ich in Wirklichkeit nichts zu fürchten habe, daß vielmehr nur die unſelige Furcht, welche ganz Deutſchland jetzt vor dem Herrn Bona⸗ parte in den Gliedern ſteckt, dies ganze Schreckniß bereitet hat. Höre alſo nur zu und überlege ein wenig. Ich bekomme vor einigen Mo⸗ naten durch die Poſt und von unbekannter Hand einen Ballen Druck⸗ ſachen zugeſandt, denen ein Brief beigefügt iſt, welcher von einem Ungenannten die Bitte enthielt, die in dem Ballen befindlichen Exemplare einer Broſchüre ſogleich an alle deutſchen Buchhandlungen zu verſenden und für eine recht weite Verbreitung der Schrift zu ſorgen. In dem Brief befand ſich ein Wechſel auf tauſend Gulden beigefügt, auf ein hieſiges großes Banquierhaus, ausgeſtellt von dem Banquier Baron Franke in Wien. Dieſe tauſend Gulden, ſagte der Brief, ſollten eine Entſchädigung ſein für meine Bemühungen und für den Eifer, mit dem ich, wie man von meiner Redlichkeit überzeugt ſei, die weitere Verbreitung dieſer Schrift beſorgen werde. Aber gerade dies Geheimnißvolle hätte Dich argwöhniſch machen ſollen, mein Geliebter. Weshalb? Sind wir Deutſche nicht in der unglücklichen Lage, daß wir jetzt unſere beſten Gedanken und unſere heiligſten Empfin⸗ dungen geheim halten müſſen? Und ſoll daher nicht Jeder von uns bemüht ſein, dieſes Geheimhalten zu ehren und zu ſchützen, ſtatt es zu verdächtigen? Aber ſchon der Titel dieſer Broſchüre war gefährlich.„Deutſchland in ſeiner tiefſten Erniedrigung.“ Du hätteſt wohl ahnen können, gegen wen dieſe Anklage ſich richtete. Gegen Deutſchland, glaubte ich, gegen unſere Erbärmlichkeit und Verzagtheit, gegen die Treuloſigkeit unſerer Fürſten, gegen die ſtumpfe paſſive Gleichgültigkeit unſeres Volkes. Es iſt wohl Zeit, daß Deutſch⸗ land, welches wie ein Nachtwandler umherſchwankt, durch ein mann⸗ haftes Wort aus ſeinem Schlaf aufgeſchreckt werde, damit es ſich aufraffe und das Schwert nehme. Ich ſah es an dem Titel, daß dieſe ———— ——— 648 Broſchüre ein ſolches Wort enthielt und ich durfte ſie daher nicht zu⸗ rückhalten. Es wäre ein Raub an Deutſchland, ein Diebſtahl an dem geweſen, der mir das Geld geſandt, und dem ich es nicht zurückſenden konnte, weil ich ſeinen Namen nicht kannte Du hätteſt an Dein Weib, an Deine Kinder denken ſollen, ſeufzte Anna leiſe. Ich dachte an Euch, ſagte er weich, und deshalb las ich die Broſchüre nicht, um mich nicht irre machen zu laſſen in dem, was meine Pflicht war. Zuerſt mußte ich meine Fflicht als Bürger und als Ehrenmann erfüllen, dann erſt durfte ich an Euch und meine perſönliche Sicherheit denken. Ich ſandte alſo zuerſt einen Theil der Broſchüre an die Stage'ſche Buchhandlung und bat ſie für ſchnelle Verbreitung in ihren Geſchäftskreiſen zu ſorgen. Und Gott weiß, daß ſie das gethan hat, ſeufzte Anna, und gleich Dir an dem Titel keinen Anſtand genommen hat. Sie that gleich mir ihre Pflicht und verſandte die Broſchüre an Bücherliebhaber zum Verkauf. Auf dieſe Weiſe kam ſie an einen Land⸗ pfarrer, und das Unglück wollte, daß zwei franzöſiſche Officiere bei ihm in Quartier lagen, welche Deutſch verſtanden, die Broſchüre alſo laſen, und bei ihrem Obriſten davon Anzeige machten. Dieſer ſuchte den Pfarrer auf und erfuhr von ihm, daß ihm die Stage'ſche Buch⸗ handlung in Augsburg die Broſchüre zugeſendet habe. Man begab ſich alſo nach Augsburg zu Stage. Und dieſer Mann war feig und treulos genug, Deinen Namen zu nennen, und Dich anzugeben als den, welcher ihm die Broſchüre ge⸗ ſandt, rief Anna mit zornglühenden Blicken. Dein Freund, Dein Ge⸗ ſchäftsgenoſſe verrieth Dich! Ich hatte ihn nicht gebeten, meinen Namen geheim zu halten, ſagte Palm ernſt, er war in ſeinem Recht, wenn er mich nannte, und ich mache es ihm nicht zum Vorwurf, daß er's that. Man zeigte mir an, daß der franzöſiſche Geſandte in München mit bitterer Beſchwerde meine Beſtrafung verlangt habe, und da wir jetzt bairiſche Unterthanen ſind, eilte ich felbſt nach München, um mich zu vertheidigen. Und während Du dort warſt, kamen vier Fremde hierher, unter⸗ hruch ih Gegenv ſuchten daß kei De ich, da des St Gebiet, etreiche ich ſchä Vechör ſo beſt nem der ge fürchte 1 Thran A rief Pe für un N das he Nicht Her i N welches weder derſell Inhal Stage Broſc Aber den V den ie cht zu n dem ſenden Neil der ſchnelle gleich üre an nLand⸗ ere bei re alſo ſuchte Buch men zu ein Ge⸗ halten, te, und gte mir ſchwerde rthanen untel⸗ 649 brach ihn Anna. Sie fragten nach der Broſchüre, drangen trotz meiner Gegenvorſtellungen mit frechem Ungeſtüm in Deine Bücherhalle, durch ſuchten Alles und entfernten ſich erſt, als ſie ſich überzeugt hatten, daß kein Exemplar der unglücklichen Broſchüre mehr vorhanden ſei. Das ſchriebſt Du mir nach München und zu gleicher Zeit erfuhr ich, daß Stage in Augsburg verhaftet ſei. In einem erſten Gefühl des Schreckens entfloh ich und eilte nach Erlangen, in das preußiſche Gebiet, wo mich die bairiſche und die franzöſiſche Polizei nicht mehr erreichen kann. In Erlangen aber überlegte ich, und ich geſtehe Dir, ich ſchämte mich, daß ich geflohen war, ſtatt mich offen und frei dem Verhör zu ſtellen. Meine Sehnſucht und Sorge zog mich zu Dir, und ſo beſtellte ich mir geſtern Abend einen Wagen und fuhr heim zu mei⸗ nem geliebten Weibe und zu meinen Kindern. Siehſt Du, das iſt der ganze einfache Hergang, und nun ſage ſelbſt, was kann ich zu fürchten haben? Alles, rief Anna ſchmerzlich, Alles, denn unſere franzöſiſchen Tyrannen wagen Alles! Aber wir leben zum Glück noch nicht unter franzöſiſchem Scepter, rief Palm lebhaft, wir ſind Deutſche und nur deutſche Geſetze haben für uns Gültigkeit. Nein, ſagte Anna traurig, wir ſind nicht Deutſche, ſondern Baiern, das heißt, die Bundesgenoſſen, die demüthigen Vaſallen Frankreichs. Nicht der König von Baiern, ſondern der Kaiſer von Frankreich iſt Herr über uns. Nun, und wenn es ſo wäre, ſo weiß ich doch immer noch nicht, welches Verbrechens man mich anklagen wollte. Ich habe dieſe Schrift weder verfaßt, noch verlegt, ich bin ganz einfach nur der Colporteur derſelben und kann daher nicht verantwortlich gemacht werden für ihren Inhalt. Es iſt möglich, daß man mich verhaftet, wie man es mit Stage gethan, daß man mich dadurch zwingen will, den, der mir die Broſchüre geſandt, anzugeben, ſo wie Stage mich angegeben hat. Aber ich kann zum Glück beweiſen, daß ich weder den Verfaſſer noch den Verleger kenne, denn ich habe das beſte Zeugniß dafür: den Brief, den ich mit dem Ballen zugleich erhielt. Dieſen Brief werde ich dem ———— 650 Gericht vorlegen und daran werden ſie meine Unſchuld erkennen. Was wird ihnen alſo weiter übrig bleiben, als mich zu verwarnen, künftig nicht Druckſachen, die mir anonym zugeſandt werden, zu verbreiten und dann mich wieder frei zu laſſen? Aber wenn ſie Dich nun nicht wieder frei laſſen, mein Geliebter? rief ſeine Gattin, ſich angſtvoll an ihn ſchmiegend, wenn ſie nun in ihrer Wuth, den eigentlichen Verbrecher nicht erlangen zu können, Dich als den erſten Verbreiter der Schrift feſthalten und Dich ſtrafen, als wärſt Du der Verfaſſer derſelben? Oh, Du gehſt zu weit, rief Palm lachend, Deine Phantaſie malt Dir Schreckbilder vor, die in das Reich der Mährchen gehören. Noch leben wir in einem geordneten Staat, und wie groß auch der Einfluß Frankreichs immerhin ſein mag, ſo gelten bei uns noch die deutſchen Geſetze, und da wir im vollen Frieden leben, kann ich nur nach dieſen gerichtet werden. Sei alſo ohne Sorgen, mein geliebtes Weib. Das Schlimmſte, was mich treffen kann, iſt doch nur eine Trennung auf einige Tage, höchſtens einige Wochen, wenn unſere Behörden wirklich in ihrer hundewedelnden Demuth gegen Bonaparte einen deutſchen Bürger deshalb zur Rechenſchaft ziehen ſollten, weil er als Buchhändler eine Schrift verbreitet hat, wohl zu merken, eine deutſche, nur für Deutſchland beſtimmte Schrift, die vielleicht dem Herrn Kaiſer der Franzoſen nicht ganz ſo ſchmeichelt, als wie unſere deutſchen Fürſten und unſere deutſchen Regierungen es thun. Oh, mein Gott, mein Gott, jammerte Anna leiſe, dieſe Schrift iſt alſo geradezu gegen Napoleon ſelber gerichtet? Ja, gegen ihn, der ſeinen Fuß auf Deutſchlands Nacken geſetzt und es in den Staub getreten hat, rief Palm, gegen ihn allein kann dieſe Schrift, welche„Deutſchland in ſeiner tiefſten Erniedrigung“ heißt, gerichtet ſein. Oh, jetzt in dieſen Tagen. meiner Einſamkeit in Erlangen habe ich dieſe Broſchüre geleſen, und was auch geſchehen möge, ich freue mich, daß ich es war, welcher ſie verbreitet hat; denn es iſt ein edler deutſcher Geiſt, der aus derſelben ſpricht, und die Wahrheit iſt es, welche in derſelben die Geißel erhebt, um die Schul⸗ digen zu treffen. Es iſt eine mit glühenden und derben Farben auf⸗ getrage welchen Eine 6 heit en E ſchlu = Anna Dich; haben. mich! und b Zeugt vor Kinde S die w ſchuld ſchon tung Vile mußt ſpricht gugl Rede Freun „Sei damn hat. gerat jenen haltu beizu Ober . Was künftig rbreiten liebter? nun in n, Dich en, als . oc Einfluß chen ch dieſen D a5 ung a uf nur für iſer der Fürſten ngeſett ein kann rigung“ meit in eſchehen denn und die Schul⸗ en auf⸗ getragene Schilderung aller deutſchen Lande und des Zuſtandes, in welchen Bonaparte's Willkürherrſchaft ſie verſetzt hat. Höre nur dieſe Eine Stelle hier, und dann ermiß danach, ob dieſe Schrift Wahr⸗ heit enthält. Er zog aus ſeiner Buſentaſche einige gedruckte Blätter hervor und ſchlug ſie auf. Du haſt ein Exemplar dieſer unſeligen Schrift bei Dir? fragte Anna entſetzt. Oh, welche Unvorſichtigkeit. Wenn ſie jetzt kämen, Dich zu verhaften, ſo würden ſie einen neuen Beweis Deiner Schuld haben. Ich beſchwöre Dich, mein Freund, mein Geliebter, wenn Du mich liebſt, wenn Deine Kinder Dir am Herzen liegen, ſo ſei vorſichtig und beſonnen! Verbrenne dieſe fürchterlichen Blätter, damit ſie nicht Zeugniß wider Dich ablegen. Bedenke, daß auch ich ſterben würde vor Gram, wenn Dein Leben bedroht wäre, bedenke, daß unſere armen Kinder dann hülfloſe Waiſen wären. Oh, mein armes ſchüchternes Reh, ſagte Palm gerührt, indem er die weinende junge Frau in ſeine Arme ſchloß. Wie Dein treues un⸗ ſchuldiges Herz ſchlägt und hämmert, als hätte der grauſame Jäger ſchon das Mordgewehr auf uns angelegt, und wir müßten ohne Ret⸗ tung fallen. Beruhige Dich, Du Liebe, ich verſpreche Dir auch Deinen Willen zu thun. Wir wollen die Schrift verbrennen. Vorher aber mußt Du wenigſtens erfahren, welcher Geiſt und Sinn aus der Schrift ſpricht, für welche Dein armer Mann vielleicht einige Tage Gefängniß⸗ qual zu dulden haben wird. Höre nur! Hier iſt von Baiern die Rede, und von den Bedrückungen, die es zu erdulden hat, ſeit wir in Freundſchaft mit Frankreich leben, und wie es in der Broſchüre heißt: „Seit ſich Baiern zu einem Winter- und Kantonirungsquartier ver⸗ dammt ſieht, davon man ſeit dem dreißigjährigen Krieg kein Beiſpiel hat. Damals lebte der Oeſterreicher unter Tilly und Wallenſtein gerade ſo, wie jetzt der Franzoſe, und wenn ſein Kaiſer ſich aus jenem Kriege nichts anmerkt, ſo hat er doch die damals übliche Unter⸗ haltungsart eines Heeres genau copirt. Männer, denen aller Glaube beizumeſſen, haben als reine Wahrheit verſichert, daß Frankreichs Oberhaupt, als ihm in München über die unerhörten Drangſale, — 652 worunter der bairiſche Einwohner ſeufzte, die nachdrücklichſten Vor⸗ ſtellungen geſchahen, mit kaltem Blut ſagte:„Das haben meine Leute nicht gethan. Es iſt Krieg, man laſſe mich in Ruhe und ſtöre mich nicht in meinem Plan.“ Schon im December des vorigen Jahres, wird der Friede in Preßburg unterzeichnet, und von dem Augenblick an hat Oeſterreich Hoffnung, ſeine Feinde los zu werden. Hätte Baiern nicht ein gegründetes Recht, der Vortheile dieſes Friedens zu ge⸗ nießen? Dieſe konnten keine andern ſein, als daß das franzöſiſche Heer abgeführt, und das Land ferneren Bedrückungen enthoben würde. Gerade das Gegentheil erfolgte. Die Franzoſen ziehen ſich aus den Staaten des deutſchen Kaiſers, um ſich in Baiern feſtzuſetzen, und hier bei Freſſen und Saufen, ein durch lange Monate fortgeſetztes Siegesfeſt mit dem Untergang aller Einwohner zu feiern. Wenn hier vom Untergange die Rede iſt, ſo nehme man das Wort in ſtrengſter Bedeutung, und nicht als einen Ausdruck, der nur die Größe der Leiden, welche die Franzoſen über den bairiſchen Staat herbeigeführt, angeben ſoll. Noch ſind es nicht fünf Jahre, da ein feindliches Heer der nämlichen Nation in dieſem Lande den Meiſter ſpielte. Und da zweifelt wohl Niemand, daß die damals den Einwohnern geſchlagenen Wunden binnen dieſer kurzen Friſt bei den wenigſten vernarben konnten. Der Landmann, des benöthigten Zugviehes entblößt, hatte kaum ange⸗ fangen, ſich wieder mit Pferden und Rindern zu verſehen, als der, einem Einfall in allen Stücken gleiche Durchzug der Franzoſen dem⸗ ſelben dieſen wichtigen Theil ſeiner Habe wieder entzog. Betrug, Liſt, Gewalt boten einander hierin die Hände. Thränen und fußfälliges Bitten um Verſchonung wurden mit Hohngelächter oder mit Schlägen abgewieſen. Der Franzoſe gab ſich den Namen eines Retters von Baiern. Wahrlich eine Rettung, jener ähnlich, da der Kranke, welchen dieſer Arzt früher in's Grab geſchickt hätte, unter der Hand des an⸗ dern bloß eines langſamern Todes ſtirbt. Wenn irgend mit der Freundſchaft ein Spott getrieben wurde, konnte er wohl bitterer ſein, als dieſer? Doch, es liegt ja in Napoleons Plan, Deutſchland ſo zu entkräften, daß ihm für jetzt und die entfernteſte Zukunft von dieſer Seite nichts zu befürchten ſteht. Er wählte dazu verſchiedene ſehr ſc grauſt Könige die eng Herrſch Verwn berg di ſeine Königr 7—) wenn ſchrift verlor dieſe 2 ich we ich we deutſch A Franze hinaus ſinnen us den uſetzen, eſettes nn hier engſter ße der führ, 6 Heer d da agenen onnten. ange⸗ lö der, ndem⸗ g Liſt, ülliges chlägen rs von welchen des an⸗ ſehr ſchickliche Wege. Fürſtliche Häuſer, deren Hoheit ſich aus dem graueſten Alterthum herleitet, aus deren einem längſt ſchon Kaiſer und Könige hervorgingen, wurden mit der Familie Bonaparte's durch die engſten Bande des Blutes verknüpft, und ſchon ſteht Frankreichs Herrſcher mit Baden, Baiern, Schweden und Rußland in naher Verwandtſchaft. Damit nicht zufrieden, bot er Baiern und Würtem⸗ berg die Krone an, wozu der deutſche Kaiſer in dem letzten Frieden ſeine Einwilligung geben mußte. So hat nun Deutſchland zwei Königreiche und“—*) Oh, ich beſchwöre Dich, hör' auf, hör' auf, unterbrach Anna die Vorleſung ihres Gatten. Es ängſtigt mich, Dich dieſe drohenden und zürnenden Worte nur ſprechen zu hören, ſie fallen auf mein Herz wie eine fürchterliche Anklage gegen Dich! Glaube es mir, mein Geliebter, wenn dieſer ſtolze und ehrgeizige Kaiſer Napoleon von dieſer Schmäh⸗ ſchrift hört, wenn man ihm den Inhalt derſelben mittheilt, ſo biſt Du verloren, und da er Niemand Anders hat, den er ſtrafen könnte für dieſe Schrift, ſo wird er an Dir ſich rächen! Aber mich wird er auch nicht haben, ſagte Palm lächelnd, denn ich werde mich wohl hüten, mich auf franzöſiſches Gebiet zu begeben, ich werde Nürnberg nicht verlaſſen, und das iſt, Gott ſei Dank, deutſches Gebiet. Aber die Grenzen Frankreichs liegen nahe bei uns, denn wo die Franzoſen ſtehen, da iſt Frankreich. Napoleons Arm reicht weit hinaus über ſeine Grenzen, und wenn er Dich ergreifen will, ſo wird er es thun, trotz aller Grenzpfähle und aller deutſchen Geſetze und Bürgerrechte. Es liegt wahrhaftig etwas ſo Ueberzeugendes in Deiner Furcht, daß ich mich faſt mit davon angeſteckt fühlen könnte, ſagte Palm ſinnend. Vielleicht wäre es doch beſſer geweſen, nicht hierher zu kommen, ſondern im preußiſchen Erlangen zu bleiben! *) Siehe: Deutſchland in ſeiner tiefſten Erniedrigung 1806. Abgedruckt in: Der Volkswitz der Deutſchen über den geſtürzten Bonaparte. Stutt gart 1849. Bd. IV. S. 1— 105. ———— —L——— 654 Kehre dahin zurück, rief Anna flehend, ich beſchwöre Dich bei unſerer Liebe, bei unſern Kindern, und bei unſerm Glück, kehre um, gehe wieder nach Erlangen! Morgen, meine geliebte Anna! ſagte Palm lächelnd, fein junges Weib in ſeine Arme ſchließend. Morgen iſt es immer noch Zeit genug, an eine neue Trennung zu denken. Jetzt gönne mir einige Stunden der Ruhe, und laß mich in vollen Zügen das Glück ge⸗ nießen, wieder daheim zu ſein! Daheim bei meinem Weib und meinen Kindern! II. Die Verhaſtung. Am nächſten Morgen verbreitete ſich in Nürnberg das Gerücht, der e Palm ſei zurückgekehrt und halte ſich in ſeinem Hauſe verborgen. Die Köchin hatte es im größten Vertrauen einigen Freun⸗ dinnen erzählt, als ſie auf den Markt gekommen war, um einige Ge müſe für ihre Herrſchaft einzuk aufen. Die Freundinnen hatten die Nachricht natürlich auch wieder im größten Vertrauen Andern mitge⸗ theilt, und ſo war bald die ganze Stadt Mitwiſſerin des Geheimniſſes geworden. Die nähern Freunde des Hauſes beeilten ſich nun zur Frau Palm zu gehen, um von ihr ſelber zu erfahren, ob die Nachricht begründet ſei. Anna leugnete ſie indeß, ſie behauptete erſt heute Morgen einen Brief von ihrem Gatten aus Erl angen zu haben; aber als einer der zudringlichern Freunde ſie bat, ihm dieſen Brief doch mitzutheilen, oder ihn denſelben wenigſtens ſehen zu ward ſie verlegen, und gab eine ausweichende Antwort. Er iſt da! flüſterte die Freunde und Gevattern einander zu, als ſie Frau Anna Er iſt da, aber er verſteckt ſich, damit ihn die fran nicht wit verrathet Abe Zungen wahrt, 1 Pal in dem Garten einzige Commit und An und las ſtigt ha er fühlt die wie Au aus ſein Divan I hürte er Pun i („ vielleic J wird n ich nic junges ch Zeit einige ück ge⸗ und Ferücht, Hauſe Freun⸗ ige Ge tten die nmitge⸗ imniſſes au Palm egründet en einen 655 die franzöſiſchen Spürnaſen, die hier ſeit einigen Tagen herumſchnüffeln, nicht wittern ſollen. Er thut wohl daran, und wir wollen ihn nicht verrathen, ſondern getreulich ſein Geheimniß bewahren! Aber ein Geheimniß, das eine ganze Stadt kennt, und das den Zungen aller Frau Muhmen und Baſen Stoff giebt, iſt ſchlecht be⸗ wahrt, und kann nicht mehr gehütet werden vor Verrath. Palm ahnte nichts davon. Er glaubte ſich ungefährdet und ſicher in dem friedlichen und ſtillen Gemach ſeiner Gattin, deſſen nach dem Garten belegene Fenſter keinem Späherauge zugänglich waren, deſſen einzige Ausgangsthür in die große Halle führte, wo ſeine beiden Commis in ihrem Geſchäft thätig waren, und die Bücherbeſtellungen und Anfragen des Publikums entgegen nahmen. Während Anna eben das Zimmer verlaſſen hatte, um in wirthlichem Eifer die Angelegenheiten des Hausweſens und der Küche mit ihren Mägden zu berathen, lag Palm in behaglicher Ruhe auf dem Divan und las. Die trüben Sorgen, welche ihn in den letzten Tagen beäng⸗ ſtigt hatten, waren jetzt, da er wieder daheim war, von ihm gewichen, er fühlte ſich vollkommen ruhig, und lächelte über ſeine eigene Furcht, die wie eine trübe Wolke an ihm vorüber geflattert war. Auf einmal ward er durch lautes Geſpräch in der Geſchäftshalle aus ſeinem behaglichen Sinnen aufgeſtört, und er richtete ſich von dem Divan auf, um zu hören, was es gebe. Ich ſage Ihnen, ich bin nicht im Stande, Sie zu unterſtützen, hörte er ſeinen Buchhalter ſagen. Ich ſelbſt bin unbemittelt und Herr Palm iſt nicht hier. Herr Palm iſt hier, und ich beſchwöre Sie, führen Sie mich zu ihm, ſagte eine fremde flehende Stimme. Er hat ein großmüthiges Herz, und wenn ich ihm meine Noth klage, wird er Erbarmen mit mir haben und mir helfen. So kommen Sie in einigen Tagen wieder, rief der Buchhalter, vielleicht iſt Herr Palm dann von ſeiner Reiſe zurückgekehrt. In einigen Tagen! rief die fremde Stimme. In einigen Tagen wird mein Weib und mein Kind Hungers geſtorben ſein, denn wenn ich nicht in dieſer Stunde noch Hülfe ſchaffen kann, werde ich von 656 meinem hartherzigen Gläubiger in den Schuldthurm gebracht, und bin dann außer Stande, meinem kranken Weibe und ihrem kleinen Kinde beizuſtehen. Oh, ſeien Si alſo barmherzig, haben Sie Mitleid mit meiner Noth. Führen Sie mich zu Herrn Palm, damit ich ihn um Hülfe und Unterſtützung anflehen kann. Herr Palm iſt nicht hier, ſage ich Ihnen, rief der Buchhalter mit zorniger. Stimme. Wie ſoll ich Sie alſo zu ihm führen? Kehren Sie in einigen Tagen wieder, das iſt der einzige Rath, den ich Ihnen geben kann. Gehen Sie jetzt und ſtören Sie mich nicht länger in meiner Arbeit! Gehen Sie! Nein, es ſoll nicht geſagt werden, daß ich einen Verzweifelnden von meiner Thür gewieſen, murmelte Palm, indem er raſch das Zim⸗ mer durchſchritt und die Thür der Halle öffnete. Bleiben Sie, armer Mann, rief er dem Bettler zu, der ſich ſchon umgewandt hatte, und im Begriff war, die Halle zu verlaſſen. Bleiben Sie! Der Bettler kehrte um, und Palm erblickend, der auf der Schwelle der Thür ſtand, ſtieß er einen Freudenſchrei aus. Sehen Sie wohl, rief er triumphirend dem Buchhalter zu, ſehen Sie wohl, daß ich Recht hatte, Herr Palm iſt da, und er wird mir helfen! Ich werde Ihnen helfen, wenn ich es vermag, ſagte Palm gütevoll. Wie hoch beläuft ſich Ihre Schuld? Ach, Herr Palm, ich ſchulde meinem Hauswirth die Miethe für ein ganzes Vierteljahr, und das ſind zwanzig Gulden. Aber wenn Sie in Ihrer Großmuth mir die Hälfte dieſer Summe geben, ſo iſt das genug, denn der Wirth hat mir verſprochen, ſich noch das nächſte Vierteljahr gedulden zu wollen, wenn ich ihm jetzt zehn Gulden abzahle. Sie ſollen dieſe zehn Gulden haben, ſagte Palm. Herr Bertram, zahlen Sie aus der Hauptkaſſe zehn Gulden an dieſen Mann aus. Oh, Herr Palm, wie gütig Sie ſind, rief der Bettler freudig.! Wie ſoll ich Ihnen jemals danken, was Sie heute Großes an mir gethan Danken Sie es mir, indem Sie fleißig ſind und rechtzeitig für Weib und Kind ſorgen, damit Sie nicht wieder in ſo arge Verlegenheit — lommen dann w N eilte de Palmſe aus ſei Ausdru Sebald ſehen, zm Kind v Der B Palm Verſteck ſchrite N Männe die ihn ſi ihre Mihlba und bin en ginde itleid mit ihn um alter mit hren Sie Ihnen inger in veifelnden ſich ſchon verlaſſen. Schwelle zu, ſehen er wird gitevoll iethe für ber wenn en, ſo ſt as nichſe nabzahle. Bertram, m aus. r freudig. nir gethon itig für e. legenhet er 657 kommen, ſagte Palm, indem er dem Fremden freundlich zunickte, und dann wieder in das anſtoßende Gemach zurücktrat. Mit den zehn Gulden, welche der Buchhalter ihm ausgezahlt, eilte der Bettler auf die Straße. Kaum hatte er die Schwelle des Palm'ſchen Hauſes hinter ſich, als der Zug von Trauer und Angſt aus ſeinem Antlitz verſchwand, das jetzt einen höhniſchen und boshaften Ausdruck annahm. Mit haſtigen Schritten eilte er hinüber nach der Sebalduskirche, zu jenem Pfeiler, hinter welchem zwei in Mäntel ge⸗ hüllte Männer ſtanden. Herr Palm iſt in ſeinem Hauſe, ſagte der Bettler grinſend. Ihr geht in die Geſchäftshalle, durchſchreitet ſie und tretet durch die gegen⸗ überliegende Thür in das Wohnzimmer; da drin iſt er. Ich hab's Euch richtig ausgekundſchaftet, und jetzt gebt mir meinen Lohn. Erſt müſſen wir wiſſen, ob Ihr die Wahrheit geſprochen, ſagte einer der Männer. Was bürgt uns dafür, daß Ihr uns nicht betrügt? Aber ich ſage Euch, ich habe ihn mit meinen eigenen Augen ge⸗ ſehen, rief der Bettler. Ich ſtand in der Halle und heulte und flennte ganz jämmerlich, und ſchwur hoch und theuer, daß mir Weib und Kind verhungern müßten, wenn Herr Palm mir nicht helfen wollte. Der Buchhalter ſchlug's mir ab, da heult' ich blos lauter, damit Herr Palm mich hören ſollte. Und er hörte mich auch und kam aus ſeinem Verſteck hervor, und gab mir richtig die zehn Gulden, um die ich ihn bat. Hier ſind ſie! Nun, wenn Ihr zehn Guloen bekommen habt, ſo ſeid Ihr für Euren Verrath hinlänglich bezahlt, ſagten die beiden Männer. Es iſt Judasgeld. Seinen Wohlthäter, der Euch eben ein großmüthiges Geſchenk gemacht, zu verrathen,— wahrhaftig, das kann auch nur ein Deutſcher! Sie wandten ſich mit verächtlichen Blicken von dem Bettler ab, und ſchritten dahin über die Straße, dem Palm'ſchen Hauſe zu. Niemand war auf dem Hausflur und ungehindert traten die beiden Männer in die Halle ein. Ohne dem Buchhalter und dem Commis, die ihnen mit geſchäftiger Eile entgegentraten, zu antworten, warfen ſie ihre Mäntel ab. Mühlbach, Napoleon. I. Bd. 42 —— —————————— 658 Franzöſiſche Gensd'armen, murmelte der Buchhalter erbleichend, nd er that einige Schritte vorwärts nach der Thür des Wohnzimmers rhin. Einer der Gensd'armen hielt ihn zurück. Sie bleiben Beide hier, ſagte er gebieteriſch, wir wollen da hineingehen. Vei dem geringſten Laut oder Warnungsruf verhaften wir Sie Beide. Schweigen Sie alſo und laſſen Sie uns unſere Pflicht thun. Die beiden Commis wagten nicht, ſich zu regen und ſahen mit ſtummem Entſetzen zu, wie jetzt die Gensd'armen der Thür des Wohn⸗ zimmers zuſchritten und dieſe öffneten. Dann hörten ſie einige heftige gebieteriſche Worte, denen ein durch dringender Weheſchrei folgte. Oh, die arme Frau, murmelte der Buchhalter mit zitternden Lippen, aber ohne ſich von der Stelle zu bewegen. Die Thür des Wohnzimmers, welche die Gensd'armen hinter ſich zugedrückt hatten, that ſich jetzt wieder auf und die beiden Polizeimänner traten wieder in die Halle, in ihrer Mitte Palm führend, den Jeder von ihnen an einem Arm gefaßt hatte. Palm ſah bleich aus und ſeine Stirn war umdüſtert, aber er ſchritt doch vorwärts wie ein Mann, der ſeinen Entſchluß gefaßt hat und ſich von dem Mißgeſchick nicht zerſchmettern laſſen, ſondern es tragen will mit aufgerichtetem Haupt. In der Mitte der Halle, bei dem Tiſch angelangt, neben welchem ſeine beiden Diener ſtanden, blieb er ſtehen. Sie geben mir alſo nicht eine halbe Stunde Zeit, um meine Ge ſchäfte mit meinem Buchhalter zu beſprechen und ihm meine Befehle zu ertheilen? fragte er die Polizeimänner, welche ihn vorwärts ziehen wollten. Nein, nicht eine Minute, ſagten ſie. Wir haben ſtrengen Befehl, Sie ſogleich zum General zu führen, und wenn Sie ſich ſträuben ſollten, gutwillig zu gehen, Sie gebunden und in Feſſeln hinzuſchaffen. Sie ſehen wohl, ich ſträube mich nicht, ſagte Palm verächtlich. Laſſen Sie uns gehen. Bertram, ſehen Sie doch nach meiner Frau, ſie iſt meine E Di Weinen Beide i zuſtchen nicke L blonden eintrate Schlan durchſie immer Zorns ſie ohn ſiſchen hefahle E jurüczu Dieneri halters, und ſu ſich übe geſucht Ume A Verzwe und ſte ſie, na bleichend, huzimmers wollen da verhaften ns unſere ſahen mit es Wohn⸗ ein durch⸗ en Lippen, hinter ſich zeimänner den Ilder aber er efaßt hat ondern es nvelchem neine Ge e Befehle rts ziehen en Befeh, en ſollten, fen. erichtlich net Frar, ſie iſt ohnmächtig geworden! Bringen Sie ihr und meinen Kindern meine Grüße, Adien! Die beiden jungen Männer antworteten ihm nicht: ſie konnten vor Weinen nicht ſprechen. Aber als Palm verſchwunden war, ſtürzten ſie Beide in das Wohnzimmer, um der unglücklichen, jungen Frau bei⸗ zuſtehen. Sie lag an der Erde, bleich und ſtarr, wie eine vom Sturm ge⸗ knickte Lilie. Ihre Angen waren halb geöffnet und glanzlos, ihre langen blonden Haarflechten, mit deren Ordnen ſie eben, als die Gensd'armen eintraten, beſchäftigt geweſen, hingen halb aufgelöſt wie ringelnde Schlangen über ihr Antlitz und ihre Schultern, von denen das kleine durchſichtige Flortuch ſich verſchoben hatte. Ihre Züge, welche ſonſt immer voll Liebreiz und Anmuth waren, hatten jetzt den Ausdruck des Zorns und des Entſetzens, ſie waren in dieſem Ausdruck erſtarrt, als ſie ohnmächtig geworden war, weil ſie hören mußte, wie die franzð⸗ ſiſchen Poliziſten ihren Gatten zu ihrem Gefangenen erklärten und ihm befahlen, ihnen zu folgen. Erſt nach langem Bemühen gelang es, ſie wieder zum Bewußtſein zurückzurufen. Es waren aber nicht die flüchtigen Salze, die ihre Dienerin ihr auf die Stirn rieb, nicht die flehenden Worte des Buch⸗ halters, welche ſie zum Leben erweckten, ſondern es waren die glühenden Thränen ihrer beiden kleinen Mädchen, welche ihr erſtarrtes Blut wieder ſchmolzen und erwärmten. Mit einem tiefen Seufzer richtete ſie ſich auf und ihre wilden, geängſteten Blicke flackerten im Zimmer umher, hefteten ſich forſchend und ſuchend auf jede der ſie umgebenden Geſtalten. Dann, als ſie ſich überzeugt, daß Er nicht unter ihnen ſei, Er, den allein ihre Blicke geſucht hatten, ſchlug ſie mit einem Schrei des Entſetzens ihre beiden Arme um ihre Kinder, und ſie feſt an ſich ziehend, weinte ſie laut. Aber nicht lange mehr überließ ſie ſich ihrem Schmerz und ihrer Verzweiflung. Mit einer haſtigen Bewegung trocknete ſie ihre Thränen und ſtand auf. Es iſt jetzt nicht Zeit zu weinen und zu klagen, ſagte ſie, nach Athem ringend, ich werde ſpäter Zeit genug dazu haben, jetzt 42* 660 muß ich handeln, muß ſehen, daß ich ihm Hülfe ſchaffen kann. Wißt Ihr, wo man ihn hingeführt hat? Zu dem franzöſiſchen General Colomb, der jetzt hier cantonirt, ſagte der Buchhalter. Ich werde zu dem General gehen und er wird mir wenigſtens ob ich meinen Gatten in ſeinem Gefängniß ſehen kann, Schnell, Kathi, hilf mir mich ankleiden, ordne meine Hände zittern ſo ſehr, ſie ſagen müſſen, ſagte ſie entſchloſſen. mein Haar, denn Du ſiehſt wohl, ſind ſchwächer als mein Herz. Sie ſtand auf, um ſich nach ih Aber die Füße verſagten ihr den Dienſt, Blicken und von einer neuen Ohnmacht überwältigt, ſ rem Ankleidezimmer zu begeben. es ſchwindelte vor ihren ank ſie wieder zuſammen. Erſt nach Stunden des Kämpfens und Ringens konnte die arme junge Frau ſich von dieſer phyſiſchen Schwäche, welche der jähe Schreck ihr auferlegt, wieder aufraffen und ſich zu feſtem Wollen und Handeln zuſammenfaſſen. Jetzt hatte ſie ihre ganze Energie und Beherztheit wieder gefunden, kühn und muthig, entſchloſſen mit der ganzen Welt zu k man ihr entriſſen hatte. wie eine gereizte Löwin, war ſie ämpfen um den Geliebten, den II. Die Tiebe einer Frau. Anna begab ſich zuerſt zu dem General Colomb und bat ihn um eine Unterredung. Vier Stunden ungefähr Palm's, als der General ſie empfing. Madame, ſagte er, ich weiß, weshalb Sie kommen, waren vergangen ſeit der Verhaftung Sie ſuchen Ihren Gatten, allein er iſt nicht mehr hier. Nic geſchlepp Da ſtenge. den Uhe Paln in wäre er unangeft er weige Er Palm i von ein Pe De der Get man we Ne freien k Machtſp Privileg Reichsſt gegen u 9 . achſelzue werden, E nach un ſchuhig und der hat den nicht th kein Be geben. Wege Ic ——— 1— 661 5 Nicht mehr hier? rief ſie entſetzt. Ihr habt ihn nach Frankreich ntonir, geſchleppt? Ihr wollt ihn alſo tödten? Das Geſetz wird über ihn richten, Madame, ſagte der General nigſtens ſtrenge. Ich ſelber habe ihn vernommen und ihn aufgefordert, uns hin, den Urheber und Verfaſſer dieſer fluchwürdigen Schrift, welche Herr Palm ins Publikum gebracht hat, zu nennen. Hätte er es gethan, ſo hr, ſi wäre er aller weiteren Verantwortlichkeit überhoben geweſen und hätte unangefochten in ſein Haus und zu Ihnen zurückkehren können. Aber en er weigerte ſich entſchieden, den Verfaſſer und den Drucker anzugeben Er kennt beide nicht, rief Anna, oh, glauben Sie mir, mein Herr, Palm iſt unſchuldig. Man hat ihm dieſe Broſchüre geſandt, begleitet von einem anonymen Schreiben. Dann hätte er ſich wohl hüten müſſen, dieſelbe zu publiciren, rief der General. Es iſt gegen alles Geſetz, eine Druckſchrift, von der man weder Verfaſſer noch Drucker kennt, zu publiciren. Nein, Herr General, es iſt nicht gegen das in Nürnberg, in der freien deutſchen Reichsſtadt geltende Geſetz. Wir ſind durch einen Machtſpruch des Kaiſers von Frankreich an Baiern geſchenkt, aber die Privilegien und Rechtſame unſerer freiern Verfaſſung ſind der alten Reichsſtadt verbürgt worden, und Palm hat alſo nichts gethan, was gegen unſer deutſches Geſetz verſtieße. Wir urtheilen und richten nach unſerm Geſetz, ſagte der General achſelzuckend, wo wir ſind, da iſt Frankreich, und wo wir beleidigt werden, da ziehen wir den Beleidiger zur Rechenſchaft und ſtrafen ihn nach unſern Geſetzen. Ihr Mann hat ſich eines ſchweren Verbrechens ſchuldig gemacht; er hat eine Schrift verbreitet, in welcher Frankreich und der Kaiſer der Franzoſen auf das Gröblichſte inſultirt wird. Er hat den Urheber dieſer Schrift nicht nennen wollen; ſo lange er das t ihn un nicht thut, gilt er uns dafür und muß die Strafe tragen. Da er mir kein Bekenntniß ablegen wollte, habe ich ihn der höhern Behörde über⸗ erhaſtung geben. Herr Palm befindet ſich ſeit zwei Stunden ſchon auf dem Wege nach Anspach, wo der General Bernadotte über ihn richten wird. ie ſuchen Ich werde alſo nach Anspach gehen, zum General Bernadotte, o ihren e wieder die arme eSchreck Handeln cheztheit war ſie en, den —————————— 662 ſagte Anna, und ohne den General weiter eines Blickes zu würdigen, wandte ſie ſich um und verließ das Gemach. Sie wollte gleich jetzt, gleich in dieſer Stunde ſchon abreiſen, aber ihr Bemühen war vergeblich, ſie konnte keinen Wagen finden, der ſie befördert hätte. Bei der Poſt waren alle Pferde requirirt für das Gefolge und die Transportwagen des Marſchalls Berthier, der ſich nach München begeben ſollte, und die Beſitzer von Miethswagen wei⸗ gerten ſich bei der herannahenden Dunkelheit und der Unſicherheit der Landſtraßen, die Reiſe zu unternehmen. Anna mußte alſo warten, bis der Morgen kam, und ſie benutzte die langen Stunden der Nacht, um eine Bittſchrift aufzuſetzen, welche ſie, wenn der Marſchall Bernadotte ihr eine Unterredung verweigerte, ihm überſenden wollte. In der Frühe des nächſten Morgens endlich trat ſie ihre Reiſe an, aber die Wege waren ſandig und ſchlecht, die Miethsgäule träge und kraftlos, erſt am ſpäten Abend kam ſie am Ziel ihrer Reiſe, in Anspach an. Wieder mußte ſie eine lange troſtloſe Nacht warten. Keiner konnte oder wollte ihr Antwort geben auf ihre angſtvollen Fragen, ob Palm wirklich hier ſei, ob man ihn nicht abermals weiter transportirt habe. Innerlich bebend vor Angſt und Entſetzen, aber feſt entſchloſſen, Alles zu wagen, nichts unverſucht zu laſſen, was zu Palm's Rettung dienen könnte, begab ſich Anna am andern Morgen in die Wohnung des Marſchalls Bernadotte. Der Adjutant des Marſchalls empfing ſie und fragte ſie nach ihrem Begehr. Ich muß den Herrn Marſchall ſelbſt ſprechen, denn in ſeinen Mienen werde ich leſen, ob er meinen Gatten begnadigen vder ver⸗ nichten will, ſagte Anna. Ich beſchwöre Sie, mein Herr, haben Sie Erbarmen mit dem Schmerz einer Frau, welche für den Vater ihrer Kinder bangt und zittert. Verſchaffen Sie mir eine Audienz bei dem Herrn Marſchall. 2 Ich werde ſehen, was ſich thun läßt, ſagte der Adjutant, gerührt von dem tiefen Seelenſchmerz, der aus dem bleichen Antlitz der jungen Ftau ſt war, ke N fann n nichts: derſelbe geſtern, nicht a jett di L ie h Ihnen G für Il haftun komme zu me ſch He Nacht P Sie w N das O A ſigt ſ will ei in ſein ſonder Man A gehört noch eingen —— r 663 rdigen, Frau ſprach. Aber ſchon einige Minuten, nachdem er hinausgegangen war, kehrte er zurück. n, aber Madame, ſagte er achſelzuckend, es thut mir leid, aber Ihr Wunſch der ſie kann nicht erfüllt werden. Ders Herr Marſchall will ganz und gar ür das nichts mit dieſer Sache zu thun haben und lehnt jede Betheiligung an der ſich derſelben ab. Aus dieſem Grunde hat er auch Heryn Palm, der en wei⸗ geſtern, gleich Ihnen, eine Audienz bei dem Herrn Marſchall begehrte, heit der nicht angenommen, und ich mußte ihn ſtatt ſeiner empfangen, wie ich jetzt die Ehre habe, Sie zu empfangen. benutzte Oh, Sie haben meinen Gatten geſehen? fragte Anna faſt frendig. „welche Sie haben mit ihm geſprochen? weigerte, Ich habe ihm daſſelbe im Namen des Marſchalls geſagt, was ich Ihnen jetzt ſage, Madame. Der Herr Marſchall iſt außer Stande, re Jeiſe für Ihren Gatten irgend etwas zu thun. Der Befehl zu ſeiner Ver⸗ lle ttäge haftung iſt unmittelbar von Paris aus dem Cabinet des Kaiſers ge⸗ ſeſſe, in kommen, und es iſt alſo nicht in des Marſchalls Macht, ihn rückgängig zu machen, oder den Lauf des Geſetzes zu hemmen. Auch befindet ſich Herrn Palm nicht mehr hier. Schon geſtern beim Einbruch der Nacht iſt er weiter transportirt. Wohin? Oh, mein Herr, Sie werden Mitleid mit mir haben, Sie werden mir ſagen, wohin mein unglücklicher Gatte gebracht worden. Madame, ſagte der Adjutant, ſich ſcheu umſehend, als fürchte er er konnte ob Palm üirt habe. ſchloſſen, Rettung 2 das Ohr eines Horchers, er iſt nach Braunau gebracht worden. Wohnung 6 Anna ſtieß einen Schrei des Entſetzens aus. Nach Braunau, ſ nich ſagte ſie athemlos. Nach Braunau, das heißt, außer Landes. Man ſte will einen Bürger und Unterthan Baierns für ein Vergehen, das er in ſeinem Vaterlande begangen haben ſoll, nicht nach bairiſchem Geſetz⸗ ſondern nach dem Geſetz eines fremden, uns feindlichen Staates richten. Man hat meinen Mann nach Oeſterreich geſchleppt. Verzeihen Sie, ſagte der Adjutant lächelnd, die Stadt Braunau gehört noch nicht wieder zu Oſterreich, ſie iſt bis zu dieſer Stunde noch franzöſiſches Gebiet, denn wir hatten ſie während des Krieges eingenommen und beſetzt, und wir haben ſie noch nicht wieder an in ſeinen der vel⸗ aben Sie atet ihrer hei dem gerihrt er jungen — ——— ——————— 664 Oeſterreich ausgeliefert. Herr Palm wird olſo in Braunau nach den Geſetzen Frankreichs gerichtet werden. Oh, dann iſt er verloren, rief Anna ſchmerzvoll, dann giebt es für ihn keine Rettung mehr. Wenn er ſchuldig iſt, Madame, ſo hat er Strafe verdient, wenn er unſchuldig iſt, wird er ungefährdet bleiben, denn die Geſetze Frank⸗ reichs ſind unparteiiſch und gerecht. Oh, mein Herr, ſagte Anna faſt ſtolz, es giebt Dinge, welche nach den Geſetzen Ihres Landes ſtrafwürdig, ſogar verbrecheriſch erſcheinen können, welche aber nach dem Geſetze eines deutſchen Landes teine Strafe, vielmehr Lob und Anerkennung verdienten. Wenn das, was Herr Palm gethan, von dieſer Art iſt, dann be⸗ daure ich ihn, ſagte der Adjutant achſelzuckend. Aber, fügte er leiſer hinzu, ich will Ihnen einen Rath geben. Eilen Sie nach München, wenden Sie ſich an den dortigen franzöſiſchen Geſandten. Wenn er Ihnen eine Audienz verweigert, ſo ſenden Sie ihm eine Bittſchrift, in welcher Sie die Angelegenheit Ihres Gatten genau und der Wahrheit gemäß auseinanderſetzen und um ſeine Vermittlung bitten. Und wenn er meine Bittſchrift unbeantwortet läßt? Wenn er ſich weigert, ſich für mich zu verwenden? Dann bleibt Ihnen noch ein letztes Mittel. ſich an den Marſchall Berthier, der jetzt auch in München iſt, er ver⸗ er allein iſt dann im Stande, Ihnen zu Dann wenden Sie mag viel bei dem Kaiſer, helfen. Aber verlieren Sie keine Zeit. Ich werde in dieſer Stunde noch abreiſen, mein Herr, und ich danke Ihnen für Ihren Rath und Ihre Theilnahme. Ich ſehe wohl, daß Sie nichts für mich thun können, aber Sie haben mir Ihr Mit⸗ leid gegeben, und ich danke Ihnen dafür. Eine Stunde ſpäter befand ſich Anna auf dem Nach einer ermüdenden Fahrt von vier Tagen, es noch nicht, wie heute, chauſſirte Wege oder gar Eiſenbahnen,— hatte ſie München erreicht unden Sie war hier ganz fremd, ſie keine Empfehlungen, und es war daher natürlich, daß Leben Sie wohl, mein Herr! Wege nach München. denn damals gab hatte keine Freunde, keine Beſchützer, ſie alle Pforten ahm dort in einem Gaſthof ihr Quartier.— verſchlo nit die hören, und ge hielt,! dazu ho Ar deutſche welche ihrer 2 des Ki daß m öffnen A zöſiſche als ih ſchrift ſetzen des fr flehend ihre B A auf ih Anglle A mit de breche zu ver zu thu 6 Anna „wenn Frank⸗ welche cheriſch Honpos wüdes ann be⸗ er keiſer Wenn er hrift, in Bahrheit er ſich hnen zu und ich he wohl, Ihr Mit⸗ ein Her! München⸗ nals gab hnen, Quartier. geſchütet, Pforten 665 verſchloſſen, alle Ohren taub fand. Niemand mochte Mitleid haben mit dieſer armen, geängſteten Frau, Niemand mochte ihre Klagen an⸗ hören, denn ihre Klagen waren zugleich Anklagen gegen den mächtigen und gewaltigen Mann, der jetzt ſeine Hand über Baiern ausgeſtreckt hielt, und es in derſelben zerdrücken konnte, wenn er den Willen dazu hatte. Anna fand alſo keine Unterſtützung, nicht einmal Gehör bei den deutſchen Behörden. Sie ging zu allen Miniſtern, zu allen Denen, welche durch ihr Amt und ihr Anſehen verpflichtet geweſen wären, ſich ihrer Angelegenheit anzunehmen. Sie wagte ſich ſogar in das Schloß des Königs und ſtand ſtundenlang in der Vorhalle, immer hoffend, daß man ihr Flehen berückſichtigen, daß ſich irgend eine Thür für ſie öffnen werde. Aber alle Thüren waren für ſie verſchloſſen, auch die des fran⸗ zöſiſchen Geſandten. Sie hatte ihn vergebens um eine Audienz gebeten, als ihr dieſe verweigert ward, hatte ſie ſeinem Attaché eine Bitt⸗ ſchrift übergeben, welche ſie ſich von einem Rechtsgelehrten hatte auf⸗ ſetzen laſſen, und in der alle Anklage- und Vertheidigungs-Punkte genau erörtert und erwogen wurden. Acht Tage lang wartete ſie auf eine Antwort, acht Tage lang ging ſie jeden Morgen in das Hötel des franzöſiſchen Botſchafters und fragte mit derſelben ſanften und flehenden Stimme, ob kein Beſcheid für ſie da, ob keine Antwort auf ihre Bitte erfolgt ſei. Am achten Tage erhielt ſie den Beſcheid, daß es keine Antwort auf ihre Bittſchrift gäbe, daß der franzöſiſche Geſandte nichts in dieſer Angelegenheit zu thun vermöge. Anna weinte nicht und klagte nicht, ſie empfing dieſe Nachricht mit der ſanften Ruhe einer Märtyrerin, und ſtatt in Klagen auszu⸗ brechen, betete ſie. Sie betete, daß Gott ihr Kraft geben möge, nicht zu verzweifeln, nicht zuſammen zu ſinken, ſie betete, daß Gott ihrem Körper Stärke verleihen möge, damit er ſie nicht hindere, ihre Pflicht zu thun, und für ihren Geliebten weitere Hülfe zu ſuchen. Gekräftigt und innerlich erhoben von dieſem Gebet, begab ſich Anna jetzt in das Hötel des Marſchalls Berthier,— nur war ihr —— 666 Schritt langſamer, nur glühten ihre Wangen, welche bis jetzt farblos geweſen, in flammender Röthe, und ihre bis jetzt wie erſtarrten Hände waren brennend heiß. Sie verlangte nicht, bei dem Marſchall Berthier eine Andienz zu haben, denn ſie hatte ſich ſchon reſignirt, ſie wußte ſchon, daß ihr dieſelbe verweigert werden würde, ſie brachte nur ein zweites Exemplar der Bittſchrift, welche ſie dem franzöſiſchen Geſandten übergeben, und ſie flehete nur, daß man ihr mindeſtens bald eine Antwort möge zu Theil werden laſſen. Dies Mal ſollte ihr Flehen nicht unerhört bleiben, und ſchon am dritten Tage erhielt ſie einen Beſcheid. Aber dieſer Beſcheid war troſtloſer noch, als alles Schweigen. Der Marſchall Berthier ließ ihr durch ſeinen Adjutanten melden, daß B für jede Vermittlung und jede Bitte zu ſpät ſei, denn das Kriegsgericht allein könne jetzt noch entſcheiden. Ein einziger durchdringender Schmerzensſchrei rang ſich aus Anna's Bruſt, als ſie dieſe Nachricht erhielt. Dann ward ſie wieder ganz ſtill, Palm in Braunau vor ein Kriegsgericht geſtellt ſei, und daß es daher ganz gefaßt und ruhig. Ohne irgend eine weitere Klage, eine Bitte, verließ ſie das Hötel des Marſchalls und kehrte in den Gaſthof zurück. Mit vollkommener Ruhe und Gelaſſenheit beauftragte ſie den Kellner, ihr die Rechnung zu bringen, und ihr einen Wagen zur ſo— fortigen Abreiſe zu beſorgen. Eine Viertelſtunde ſpäter erſchien die Wirthin des Hötels ſelber, um der Frau Palm die verlangte Rechnung zu bringen. Sie fand Anna ruhig am Fenſter ſitzen, die Hände im Schooß gefalten, das Haupt zurückgelehnt an die hohe Lehne des Stuhls, und mit weitge⸗ öffneten Augen zum Himmel empor ſtarrend. Ihr kleiner Reiſekoffer ſtand fertig und geſchloſſen mitten im Zimmer. Schweigend reichte ihr die Wirthin das Papier dar, und wandte ſich dann zur Seite, um die Thränen nicht ſehen zu laſſen, die beim Anblick dieſer bleichen, ſanften jungen Frau in ihre Augen traten. Anna ſtand auf und zählte ruhig das Geld auf den Tiſch hin. Ich danke Ihnen, Madame, für alle Aufmerkſamkeit und Freundlichkeit, die ich Sie m zu not langen P Sie m daß S Wenn ich: g Frau Sie: eine? für G ſeit v daß die ic bin a! liebtet einen lichen dieſer ſehr ſchlaf wüthe ſchon farblos Hände ienz zu daß iht emplar n, und öge zu hon am hweigen. en, daß daher ögericht Annas anz ſtill, e Bitte, zuric ſie den zur ſo⸗ s ſelber, ie fand en, das t weitge⸗ eiſekoffet d wandte die bein aten. iſch hn ndlichkei, die ich in Ihrem Hauſe gefunden habe, ſagte ſie. Nur finde ich, daß Sie meine Rechnung zu niedrig angeſetzt haben. Sie müſſen vielerlei zu notiren vergeſſen haben, denn es iſt nicht möglich, daß ich in dieſer langen Zeit meines Hierſeins nicht mehr gebraucht haben ſollte. Madame, ſagte die Wirthin bewegt, ich würde glücklich ſein, wenn Sie mir erlaubten, gar nichts von Ihnen anzunehmen, aber ich weiß, daß Sie das verletzen würde, und deshalb brachte ich meine Rechnung. Wenn Sie mir geſtatten wollten, meinem Herzen zu folgen, ſo ſagte ich: gönnen Sie mir die Ehre, einer ſo edlen, tapfern und getreuen Frau Gaſtfreundſchaft in meinem Hauſe gewährt zu haben, und wenn Sie mir das zuſagten, dann würde ich auch den Muth finden, Ihnen eine Bitte auszuſprechen, dieich jetzt nicht wagen darf, weil Sie ſie für Egoismus halten würden. Sprechen Sie ſie nur immerhin aus, ſagte Anna milde, ich habe ſeit vierzehn Tagen ſo viel gebeten, und bin ſo oft abgewieſen worden, daß es mich wahrhaftig erheben würde, von Andern eine Bitte zu hören, die ich erfüllen könnte. Nun denn, Madame, ſagte die Wirthin, Anna's Hand nehmend, und ſie ehrfurchtsvoll an ihre Lippen drückend, dann bitte ich Sie, bleiben Sie hier, reiſen Sie nicht ab. Gönnen Sie mir das Glück, Sie hier in meinem Hauſe zu haben, ein wenig für Sie zu ſorgen, und Sie zu pflegen, wie eine Mutter ihre Tochter pflegen würde. Ich bin alt genug, um Ihre Mutter ſein zu können, und Sie, mein ge⸗ liebtes, armes Kind, Sie bedürfen der Pflege, denn Sie ſind krank. Ich fühle keine Schmerzen, ich bin nicht krank, ſagte Anna mit einem Lächeln, welches ergreifender war, als laute Klagen. Sie ſind krank, rief die Wirthin, Ihre Hände brennen in Fieber⸗ hitze, und die Roſen, die auf Ihren Wangen blühen, ſind keine natür⸗ lichen, ſondern nur die Zeichen Ihres innern Leidens. Sie haben in dieſer ganzen Zeit kaum die Speiſen berührt, die man Ihnen vorſetzte, ſehr oft ſind Sie Nachts gar nicht im Bett geweſen, und ſtatt zu ſchlafen, ſind Sie ſtundenlang im Zimmer auf⸗ und abgegangen. Jetzt wüthet das Fieber in Ihrem zarten Körper, und wenn Sie ſich nicht ſchouen, und keine Arzeneien gebrauchen, wird Ihr Körper erliegen. Nein, er wird nicht erliegen, ſagte Anna, mein Herz wird ihn aufrecht halten. Aber auch Ihr Herz wird brechen, wenn Sie ſich nicht ſchonen, rief die Wirthin gerührt. Bleiben Sie hier, ich beſchwöre Sie, reiſen Sie nicht ab! Bleiben Sie als mein Gaſt in meinem Hauſe. Anna legte ihre brennende Hand auf die Schulter der Frau, und ſah ſie mit einem langen, innigen Blick an. Sie waren verheirathet? fragte ſie. Sie liebten Ihren Mann? Ja, ſagte die Wirthin mit hervorbrechenden Thränen, ich war ver⸗ heirathet, und Gott weiß es, daß ich meinen Mann liebte. Wir haben zwanzig Jahre in Frieden und Glück miteinander gelebt, und als er im vorigen Jahre ſtarb, da ſtarb auch mein ganzes Lebensglück. Er war krank, nicht wahr, und Sie haben ihn gepflegt? Er war vier Wochen lang krank, und ich bin Nacht und Tag nicht von ſeinem Lager gewichen. Nun alſo, was würden Sie dem geantwortet haben, der dem Sterbelager Ihres Mannes hätte zurückhalten, der Sie hätte be⸗ reden wollen, Ihren Mann in ſeinen Todesſchmerzen zu verlaſſen, weil das Ihre Geſundheit angreifen könnte? Würden Sie ſich haben zurück⸗ Sie von halten laſſen? Nein, ich würde den für meinen Feind gehalten haben, der mir einen ſolchen Vorſchlag gemacht hätte, und ich würde ihm geantwortet haben: es iſt mein heiliges Recht, an dem Sterbelager meines Mannes zu ſtehen, ſeinen letzten Seufzer von ſeinen Lippen fortzuküſſen, ihm die Augen zuzudrücken, und kein Menſch auf der Welt ſoll mich daran hindern! Nun, denn, meine liebe Mutter, ich ſage, wie Sie geſagt haben: es iſt mein heiliges Recht, an dem Sterbelager meines Mannes zu ſtehen, und ihm die Augen zuzudrücken. In Braunau iſt das Sterbe⸗ lager meines Mannes, ich bin nicht ſo glücklich, wie Sie es geweſen, ich kann ihn nicht pflegen, nicht in ſeinen Schmerzen bei ihm ſein und ihn tröſten, aber ich kann in ſeiner Sterbeſtunde bei ihm ſein. Meine Mutter, wollen Sie Ihrer Tochter nun noch ſagen, daß ſie hier bleiben, daß ſie dem S Ne Gönner Mann Liebe, 1 Sie al ſtürkend damit G Anna, auch d neine dann t Wagen itertet und gel bedürfe erbarm Je ſterben dohin1 lh an; es dihn daß ſie ſich pflegen und ſchonen ſoll, ſtatt nach Braunau zu reiſen zu dem Sterbelager ihres Gatten? Nein, meine Tochter, rief die Frau, nein, ich ſage: reiſen Sie! All Gönnen Sie ſich keine Minute Erholung, bevor Sie nicht bei Ihrem uiſn Mann ſind. Gott wird Sie geleiten und Sie ſchützen, denn er iſt die Liebe, und er erbarmt ſich Derer, welche in der Liebe wandeln! Reiſen und Sie alſo mit Gott, aber um Ihres Mannes willen, nehmen Sie ſtärkende Nahrung zu ſich, verſuchen Sie zu eſſen und zu ſchlafen, un? damit Sie neue Kräfte gewinnen, denn Sie werden ſie gebrauchen! Geben Sie mir etwas Stärkendes, ich will eſſen, Mutter, rief hoben Anna, ihre Arme zärtlich um den Nacken der Wirthin legend, ich will als er auch dieſe Nacht zu ſchlafen verſuchen, denn Sie haben Recht: ich werde weine Kräfte gebrauchen! Aber wenn ich gegeſſen habe, nicht wahr, dann darf ich ſofort abreiſen? g nicht Ja, mein armes, theures Kind, dann dürfen Sie abreiſen. Jetzt kommen Sie in mein Zimmer, Ihr Mahl ſteht ſchon bereit! ie von Eine halbe Stunde ſpäter hob die Wirthin ſelber Anna in den itte be⸗ Wagen, und mit einer Stimme, welche von verhaltenen Thränen weil zittertete, rief ſie: Leben Sie wohl, meine Tochter. Gott ſegne Sie zurück⸗ und gebe Ihnen Kraft. Wenn Sie einſt allein ſtehen und einer Mutter bedürfen, dann kommen Sie zu mir! Möge der Herr ſich Ihrer der mir erbarmen! ntwortet Ja, möge der Herr ſich meiner erbarmen, und mich mit Ihm Nannes ſterben laſſen, flüſterte Anna, als der Wagen mit ihr auf der Straße n, ihm dahin rollte. daran Um die Mittagsſtunde des nächſten Tages langte ſie in Braunau an; es war der Mittag des ſechs und zwanzigſten Auguſt 1806. thaben nnes zu Sterbe⸗ geweſen, ſein und Meine bleiben, — — * — ————————— IV. Die Weiber von Braunau. Indeſſen hatte Palm dieſe ganze Zeit über in Braunau in fran⸗ zöſiſcher Gefangenſchaft geſeſſen. Zwei Mal nur in den ſechszehn Tagen, die er im Kerker ſaß, hatte man ihn aus demſelben geholt, um ihn zum Verhör zu führen, zum Verhör vor ein Kriegsgericht, das vom General St. Hilaire eigens für dieſen Fall war zuſammengerufen worden. k Dieſes außerordentliche Kriegsgericht beſtand aus franzöſiſchen Generälen und Stabsofficieren; es trat mitten im Frieden in einer deutſchen Stadt zuſammen und erklärte ſich zum competenten Richtey über einen deutſchen Bürger, der kein anderes Verbrechen begangen, als daß er eine Schrift verbreitet hatte, in welcher das Unglück Deutſch⸗ lands und die Bedrückungen deutſcher Lande durch Napoleon und ſeine Armeen beſprochen ward. Die ganze Angelegenheit war mit einer ſolchen Eile und Ver⸗ ſchwiegenheit betrieben worden, daß die deutſchen Behörden in Braunau kaum etwas davon vernommen hatten, während das franzöſiſche Kriegs⸗ gericht ſchon bereit war, das Urtheil zu fällen. Uebrigens wollte man ſich doch den Schein der Unparteilichkeit und Geſetzlichkeit bewahren, und bevor das Kriegsgericht daher Palm vor ſeine Schranken gerufen, hatte man ihm davon Anzeige gemacht und ihm die Wahl gelaſſen, ſich gegen die Anklage ſelbſt zu vertheidigen, oder ſich einen Vertheidiger zu wählen. Palm, der franzöſiſchen Sprache nicht kundig, hatte das Letztere und zu ſeiner Vertheidigung einen in Braunau anſäßigen mit dem er perſönlich bekannt, ja faſt befreundet der franzöſiſchen Sprache voll⸗ vorgezogen, Juriſten gewählt, war, und von dem er wußte, daß er kommen mächtig ſei. Allein dieſer Freund Er entſchuldigte ſich mit einem Bett feſſele und ihm alles Sprechen unmöglich mache. lehnte es ab, ein Freund in der Noth zu ſein. ſtarken Unwohlſein, das ihn an ſein P trat, i daher! Worte zu laſe ln jenigen Unſchul E Erlöſu erkannt Mihſa M ſechsun Soldat demſell weine; mein h fröhlich gehen, l welcher ſtand (5 A mir of dern v Ihr he nfran⸗ chszehn olt, um ſt, das gerufen zöſiſchen in einer Richte gen, als Deutſch⸗ ind ſeine nd Ver⸗ Braunau Kriegs⸗ chkeit und ßalm vor lacht und theidigen, 3 tztere — mßigen befreundet rache voll th zu ſein. n an ſein Palm erhielt dieſe Entſchuldigung erſt, als er in den Sitzungsſaal trat, in welchem das Kriegsgericht verſammelt war, er mußte ſich daher wohl entſchließen, ſeine Vertheidigung ſelbſt zu führen und ſeine Worte den Herren des Kriegsgerichts durch einen Dolmetſcher überſetzer zu laſſen. Und er war überzeugt, ſeine Vertheidigung gut geführt, und die⸗ jenigen, welche ſich zu ſeinen Richtern aufgeworfen hatten, von ſeiner Unſchuld überführt zu haben. Er zweifelte daher auch nicht einen Moment an ſeiner baldigen Erlöſung, er erwartete jeden Tag die Nachricht, daß man ſeine Unſchuld erkannt habe und ihn daher der Freiheit und ſeiner Familie zurückgebe. Dieſe Zuverſicht ließ ihn die einſame Kerkerhaft mit frohem Muth er⸗ tragen, und in dieſen Tagen voll Entbehrung und Pein mit heiterem Auge hinſchauend auf die goldigen Tage der Zukunft, wo er wieder in ſeinem Hauſe ſanft behütet von dem liebenden Auge ſeines jungen Weibes, das Herz erfreut von dem Anblick ſeiner beiden holden Kinder, in den Armen der Liebe ruhen würde nach den Tagen voll Arbeit und Mühſal. Aus ſolchen freudigen Zukunftsträumen weckte ihn am Morgen des ſechsundzwanzigſten Auguſt das Eintreten des Schließers und einiger Soldaten, welche kamen, ihn vor das Kriegsgericht zu berufen, um von demſelben ſein Urtheil zu empfangen. Gott ſei Dank, rief Palm frohmüthig, mein Urtheil, das heißt meine Freilaſſung. Kommt, laßt uns gehen, denn Ihr ſeht wohl, mein Kerker iſt heiß und dumpfig und ich ſehne mich nach der friſchen fröhlichen Gottesluft, die ich ſo lange entbehrt habe. Laßt uns alſo gehen, damit ich meinen heiß erſehnten Urtheilsſpruch empfange. Und mit einem freundlichen Lächeln reichte er dem Schließer, welcher mit finſterm Geſicht und mürriſchen Mienen an der Thür ſtand, die Hand dar. Schaut nicht ſo finſter drein, Balthaſar, ſagte er. Waret ja doch ſonſt immer ein gar munterer Geſelle und habt mir oft die langen, einſamen Stunden durch Euer gemüthliches Plau⸗ dern verkürzt. Nehmt meinen Dank für Eure Freundlichkeit und Milde. Ihr hättet mich viel quälen und martern können und Ihr habt es nicht 672 ſondern ſeid immer gefällig und mitleidsvoll geweſen. Ich gethan, Balthaſar, und ich bitt' Euch, nehmt dies von mir dank Euch dafür, zum Andenken. Er zog eine goldene, reich mit ſeinem Halstuch und reichte ſie dem Schließer dar. Aber dieſer ſtreckte die Hand nicht darnach aus, ſondern wandte ſein Haupt mürriſch zur Seite. Ich darf nichts annehmen von E Nun, dann werde ich Euch beſuchen, ſobald ich frei bin und von hr wohl ein kleines Andenken annehmen, Steinen beſetzte Buſennadel aus efangenen, brummte er verdrießlich. dem freien Mann werdet J nicht wahr? fragte Palm freundlich. Der Schließer antwortete nicht auf ſeine Frage, ch: macht, daß Ihr fort kommt, es iſt die höchſte Zeit! dem Schließer einen Abſchiedsgruß zunickend, der Soldaten das Gefängniß. Armer Mann, er ahnt nichts, brummte der Schließer vor ſich hin, und ſeine Züge waren jetzt milde und weich, und ſeine Augen feucht von Thränen. Armer Mann, glaubt, daß ſie ihm die Freiheit Ja wohl, die Freiheit, aber nicht die, welche er meint ſondern rief mürriſ Palm lachte und verließ er in der Mitte geben wollen! und hofft. Palm folgte ſeinen Fü welchem die Herren des Kriegsgerichts Lehnſtühlen ſitzend, die in einem Halbkreis aufgeſtellt, die Breit Saals einnahmen, das Kommen des Gefangenen erwarteten⸗ Er grüßte ſie mit ruhiger Stirn und freiem, offenem Weſen, keine genheit oder Furcht war in ſeinem gauzen Weſen, ſein auf die Lippen des Generals ſeinem hrern mit heiterm Muth in den Saal, in verſammelt waren und auf hohen e des Spur von Befan Auge heftete ſich mit einem hellen Glanz r dem Gericht präſidirte und ſich jetzt von er beiſitzende Secretair des Gerichts näherte ſich als⸗ St. Hilaire, de D ihm ein Papier in Form eines Seſſel erhob. dann dem General und überreichte Actenſtückes. Der General nahm es und auf Palm, ſagte er: das Kriegsgericht hat heute müthig Ihr Urtheil geſprochen. Vernehmen Sie es durch meinen Mund! einen ſtrengen Blick hinüber werfend einſtimmig und ein⸗ wo eine Chefs i tracht, d Meuchel auch die und not welche e man ge ihrer R. Ordnun tracht all word überführt Erniedrie ihn einſt Strafe Kiedrick Mittag er erſchr enpfang Lan — )] Mi hlbac Ich on mir del aus rießlich. nd von nehmen, e Angen Freiheit er meint Sanl, in uf hohen reite des ſen, keine ſen, ſein Generals nſeinem un eines perfend und ein⸗ en Mund! Die üt P Die übrigen Officiere erhoben ſich von ihren Plätzen, um ſtehend der Vorleſung zuzuhören. Ihre Geſichter waren feierlich ernſt, und zum erſten Mal fühlte Palm ſich ergriffen von einem ahnungsvollen Schrecken, und er fragte ſich, ob man ſo viel Feierlichkeit und ſo viel Ernſt anwenden würde, wenn man ihm bloß verkündigen wolle, daß er unſchuldig und daher frei ſei. Eine kleine Pauſe trat ein, dann erhob der General ſeine Stimme, und mit lauter vernehmlicher Stimme las er:„In Anbetracht, daß überall, wo eine Armee ſich befindet, es die erſte und nöthigſte Pflicht ihres Chefs iſt, über ihre Sicherheit und Erhaltung zu wachen; in Anbe⸗ tracht, daß die Verbreitung von Schriften, welche den Aufruhr und den Meuchelmord provociren, nicht bloß die Sicherheit der Armee, ſondern auch die der Nationen bedrohe; in Anbetracht, daß nichts dringender und nothwendiger iſt, als das Umſichgreifen ſolcher Lehren zu hemmen, welche ein Attentat auf die Menſchenrechte ſind, auf die Achtung, die man gekrönten Häuptern ſchuldig iſt und eine Beleidigung für die ihrer Regierung unterthänigen Völker, welche mit einem Wort alle Ordnung der Dinge und alle Subordination untergraben; in Anbe⸗ tracht alles deſſen hat die Commiſſion einſtimmig erklärt, und erklärt, daß alle Verfaſſer, Drucker, Colporteure und Verbreiter von Libellen, die den oben angegebenen Character an ſich tragen, ſollen angeſehen werden, als beſchuldigt und überführt des Verbrechens des Hochver⸗ raths. Demgemäß wird der hier gegenwärtige Johann Friedrich Palm überführt der Verbreitung des Löells„Deutſchland in ſeiner tiefſten Frniedrigung,“ als Hochverräther angeklagt und hat die Commiſſion ihn einſtimmig und einhellig dieſes Verbrechens ſchuldig erklärt. Die Strafe des Hochverräthers iſt der Tod. Der Hochverräther Johann Friedrich Palm iſt daher zum Tode verurtheilt; dieſes Urtheil ſoll heute Mittag um zwei Uhr an ihm vollzogen werden. Um zwei Uhr wird er erſchoſſen werden. Johann Friedrich Palm, Sie haben Ihr Urtheil empfangen. Bereiten Sie ſich zum Tode.“*) Langſam und ſchwer, jedes Wort betonend, wiederholte der Dol⸗ *) Mémoires d'un homme d'état. IX. 247. Mühlbach, Napoleon. I. Bd. —— —————— — 674 5 lücklichen Palm die Sentenz des Kriegsgerichts, und langſam und ſchwer wie kalte Thränen fiel jedes dieſer Worte auf Palm's Herz, und machte es erſtarren. Aber nicht bloß erſtarren in Schreck und Entſetzen, ſondern auch in Entſchloſſenheit und Ruhe. Dieſen fremden Männern mit den kalten, gleichgültigen Geſichtern llte er keine Schwäche verrathen. Seinen Mördern wollte metſcher dem ung gegenüber wo er nicht die Freude bereiten, ihn zittern zu ſehen. Sein Weſen zeigte daher nur feſte Entſchloſſenheit, ernſte Ruhe. Einen einzigen flammenden Blick voll ſtolzer Verachtung ſchleuderte er auf ſeine Richter hin. Nun wohl, ſagte er laut und feſt, ich werde ſterben, ich werde zu Gott gehen, um vor ſeinem Thren Euch zu verklagen, Euch, die Ihr allem Völkerrecht und allem Geſetz Hohn ſprechend, mich nicht ſondern gemordet habt. Mein Blut komme auf Eure Häupter! Gefangener, ſagte der General St. Hilaire ruhig, haben Sie vor Ihrem Tode noch einen Wunſch, ſo ſagen Sie ihn. Wenn ſeine Er⸗ füllung möglich iſt, wird er Ihnen nicht verweigert werden! Ich habe nur Einen Wunſch! ſagte Palm, und jetzt zitterte ſeine Stimme ein wenig, und ein Schatten flog über ſeine Stirn hin. Ich daß man meiner Frau geſtatte, dieſe letzten Stunden bei mir zu ſein, und von mir Abſchied zu nehmen! Ihrer Frau? fragte der General. Iſt Ihre Frau denn hier? Und wenn ſie hier iſt, wer hat es gewagt, es Ihnen zu ſagen? Niemand hat es mir geſagt, erwiederte Palm, auch weiß ich nicht, ob ſie hier iſt, aber ich ahne es. Es iſt ja ſo natürlich, daß ſie mir hierher gefolgt iſt. Man erlaube mir alſo, ſie zu ſehen, wenn ſie kommt! Ihre Bitte ſei Ihnen gewährt! Man wird Ihnen einen Geiſtlichen ſ Soldaten, führt den Gefangenen fort! Bewegung des Hauptes, gerichtet, wünſche nur, Kehren Sie in Ihren Kerker zurück. enden, um Sie zum Tode vorzubereiten. Palm grüßte die Herren mit einer ſtolzen und hob langſam und feierlich die Hand zum Himmel empor. S fordere Euch vor den Richterſtuhl Gottes! ſagte er mit lauter, tönender Stimm oben w Er vor der finden. wie Fr Erfrec E zurück, ausge einer Malve Straß Geriu Genüſ F den Fe täuſch wie ale Aft er welche orte auf tarren in tuhe. eſichtern rn wollte welde zu , die Ihr gerichtet, ter! nSie vor ſeine Er⸗ terte ſeine hin. Ich denn hier? gen ich nicht, 7 daß ſie hen, wenn hren Kerler ezum Tode es Haupies, mhor. J0 el, tönender Stimme. Ihr habt Euch hier zu meinen Richtern aufgeworfen, dort oben wird Gott Euch richten! Er wandte ſich um und ſchritt den Soldaten voran aus dem Saal. Jetzt bleibt uns nur noch übrig, die Magiſtratsbeamten dieſer Stadt von dem, was geſchehen muß, zu benachrichtigen, ſagte der General nach einer kurzen Pauſe. Sie müſſen der Execution beiwohnen, denn nicht unter dem Schleier des Geheimniſſes, ſondern öffentlich, vor dem Auge Gottes und der Menſchen, muß die Hinrichtung ſtatt⸗ finden. Mögen alle Behörden, möge die ganze Stadt Zeuge ſein, wie Frankreich diejenigen beſtraft und richtet, welche in hochverrätheriſchem Erfrechen ſich gegen Frankreichs Ehre und Glorie verſündigt haben! Er hob die Sitzung auf und kehrte in das Innere ſeiner Gemächer zurück, um nach ſo anſtrengender Sitzung auszuruhen, und bei einem ausgeſuchten Mahl ſich vorzubereiten zu dem unangenehmen Geſchäft, einer Hinrichtung beiwohnen zu müſſen.—— Eben ſchlürfte der General mit unendlichem Behagen ein Glas Malvaſier und aß dazu von der würzigen Gänſeleberpaſtete, die aus Straßburg verſchrieben worden, als ein ſeltſames und anhaltendes Geräuſch von der Straße her ihn mitten in ſeinen gaſtronomiſchen Genüſſen ſtörte. Er ſetzte verdrießlich ſein Glas hin und wandte Auge und Ohr den Fenſtern zu, welche hinausführten auf den Marktplatz. Das Ge⸗ räuſch dauerte immer noch fort, es klang ſeltſam und ungewöhnlich, wie als ob ungeheure Schwärme von Bienen mit ihrem Summen die Luft erfüllten. Der General ſtand auf und eilte ans Fenſter. In der That, ein ſeltſamer und ungewöhnlicher Anblick bot ſich ihm dar. Wie ein einziges ſchwarzes Meer wogte der ganze Markt⸗ platz von Menſchen, nicht von drohenden, wildbewegten Menſchen, die mit erhobenen Fäuſten und funkelnden Augen daher ſtürmten in Auf⸗ ruhr und Empörung, ſondern von ſolchen, deren Augen mit Thränen angefüllt waren, deren Arme ſich flehend erhoben. Es waren Weiber und Kinder allein, welche den Platz anfüllten, welche in feierlichem Zuge durch die nächſtgelegenen Straßen daher 43* 676 kamen. Wie ein Lauffeuer hatte ſich durch ganz Braunau die Nachricht verbreitet, daß das Kriegsgericht das Urtheil gefällt, daß Palm kraft deſſelben heute Mittag um zwei Uhr im Feſtungsgraben ſollte erſchoſſen werden. Die Bürger hatten dieſe Nachricht mit dumpfer Wuth, mit ſtum mem Entſetzen aufgenommen; die Behörden und die Beamten des Magiſtrats hatten den Befehl erhalten, ſich um die feſtgeſetzte Stunde in ihrer Amtstracht auf dem Richtplatz einzufinden, um Zeuge der Execution zu ſein. Zu ſchwach zum Widerſtand, und wohl wiſſend, daß ſie von ihren eigenen höheren deutſchen Behörden keinen Beiſtand zu erwarten hätten, blieb ihnen keine Wahl. Dem Geſetz der Nothwendigkeit ſich fügend, erklärten ſie ſich alſo bereit, den Befehlen des franzöſiſchen Generals zu folgen und auf dem Richtplatz zu erſcheinen. Aber wo alle Männer zagten, wo ſie alle ſcheu und feig ihren Schmerz und ihre Demüthigung hinunter würgten, da erhoben ſich die Frauen in der echten kühnen Begeiſterung ihres Schmerzgefühls. Sie konnten nicht drohen, nicht ihre Hand bewaffnen mit dem Schwert, wie die Männer, aber ſie konnten flehen und bitten, und ſtatt der Waffen in ihren Händen hatten ſie die Thränen in ihren Augen. Wenn Du nicht gehen willſt, um für einen deutſchen Bürger Recht und Gerechtigkeit zu fordern, ſo werde ich es thun, hatte die Frau des Bürgermeiſters von Braunau zu ihrem Gatten geſagt. Du haſt zu ſorgen für das Wohlergehen der Stadt, ich aber will für ihre Ehre ſorgen. Ich will nicht, daß dieſer Tag für uns eine ewige Schmach ſei, und daß die Geſchichte einſt zu berichten habe von der ſclaviſchen Furcht, mit welcher wir uns demuthsvoll dem Willen des franzöſiſchen Tyrannen gefügt hätten. Ihr Männer wollt nicht bei dem General für Palm ſprechen, nun wohl, ſo werden wir Frauen es thun, und Gott wenigſtens wird unſere Worte hören und die Geſchichte wird ſie aufbewahren! Sie wandte ihrem Gatten den Rücken und ging, um ihre Freun⸗ enachrichtigen und ihre Boten durch die Stadt zu ſenden. dinnen zu b von Haus zu Haus tönte der Ruf: Und von Straße zu Straße, legt Tra Lßt u deutſche Kel herz ha Hütten Greiſin an den ſchwank die lan — 3 ſtaunen und ſei Ko entgegen llang zu damals jenes T Ziterge Aber je wachſen Ge kommen 5 J — Stadt ll G deutſch zu gän zu wen Nochricht m kraft erſchoſſen onhäfton nhatten, h fügend, Generals feig ihren raer Recht die Frau haſt ihre Ehre Schmach claviſchen öſiſchen Genetal hun, und e wird ſie re Freun⸗ nſenden⸗ der Ruf: legt Trauerkleider an, Ihr Frauen, und kommt hinaus auf die Straße. Laßt uns zum General St. Hilaire gehen und für das Leben eines deutſchen Mannes bitten! Kein Ohr hatte ſich dieſem heiligen Ruf verſchloſſen, kein Frauen⸗ herz hatte ſich ihm abgewandt. Aus allen Häuſern und aus allen Hütten kamen ſie daher, die Gräfin ſowohl wie die Bettlerin, die Greiſin ſowohl wie das junge Mädchen; die Mütter führten ihre Kinder an den Händen, und die Bräute liehen ihren Großmüttern ihre Schulter, um ſich darauf zu lehnen. Vor dem Hauſe der Bürgermeiſterin ordnete ſich der Zug, dann ſchritten ſie paarweiſe und langſam, wie die ſchwachen Füße der ſchwankenden Greiſinnen und der zarten Kinder es erforderten, durch die lange Straße dahin, dem Marktplatz zu. Der General St. Hilaire ſtand noch immer am Fenſter und blickte ſtannend hinunter auf das ſeltſame Gewühl, als die Thür ſich öffnete und ſein Adjutant eintrat. Kommen Sie hierher und ſehen Sie, rief ihm der General lachend entgegen. Die Tage der großen Revolution ſcheinen hier einen Nach⸗ klang zu finden, und die Weiber ſcheinen ſich zu empören, wie ſie es damals thaten. Oh, mein Gott, ich entſinne mich noch ſehr wohl jenes Tages, als die Weiber nach Verſailles zogen, um mit ihrem Zetergeſchrei die Königin zu erſchrecken und vom König Brot zu erflehen. Aber ich bin doch keine Marie Antoinette, und in meinen Händen wachſen keine Kornfelder. Was mögen ſie alſo von mir wollen? General, eine Deputation der Frauen iſt eben in das Hötel ge⸗ kommen und bittet um eine Andienz bei Ew. Excellenz. Iſt die Deputation hübſch? fragte der General lachend. Die Frau des Bürgermeiſters und die erſten Bürgerinnen der Stadt gehören zu der Deputation, ſagte der Adjutant ernſt. Und was wollen ſie von mir? General, ſie wollen Ew. Excellenz anflehen, die Hinrichtung des deutſchen Buchhändlers noch zu verſchieben und ihm eine Gnadenfriſt zu gönnen, damit ſie Zeit gewinnen, ſich um Gnade an den Kaiſer zu wenden. 78 Unmöglich, rief St. Hilaire verdrießlich, es iſt Zeit, daß dieſe unangenehme Geſchichte endlich begraben und vergeſſen ſei! Keinen Aufſchub, keine Friſt! Sagen Sie das dieſen Weibern. Ich will endlich Ruhe haben. Was liegt denn an diefem Menſchen! Sind nicht Tauſende der Edelſten und Beſten auf unſern Schlachtfeldern begraben, und die Welt iſt ruhig weiter gegangen? Sie wird alſo auch weiter gehen, wenn der Herr Palm nicht mehr da iſt. Wahrhaftig, es iſt ein Lamento um dieſen deutſchen Buchhändler, als wenn er das einzige derartige Exemplar in dem druck- und ſchreibſeligen Deutſchland wäre! Gehen Sie und ſchicken Sie die Frauen fort, ich will nichts von Ihnen hören- Wenn aber die jüngſte und ſchönſte zu mir heraufkommen will, um mir einen Kuß zu geben, ſo mag ſie's thun. Dey Adjutant entfernte ſich und der General trat wieder an das Fenſter, um hinunter zu ſchauen auf das wogende Frauenmeer. Er ſah, wie ſein Adjutant jetzt aus dem Hauſe trat und zu der Gruppe von Frauen hinſchritt, die etwas abgeſondert von den andern ſtand, und ihn zu erwarten ſchien. Er ſah, wie ſein Adjutant mit ihnen ſprach, und wie die Frauen dann ſich umwandten und den übrigen ein Zeichen gaben. Sofort ſanken alle die Frauen auf ihre Kniee nieder, und die ge falteten Hände emporhebend, begannen ſie in lauten und feierlichen Accorden ein frommes, heiliges Lied zu ſingen, ein Lied um Erbarmen an Gott und die heilige Jungfrau. Der General bekreuzigte ſich unwillkürlich, und vielleicht ohne es wiſſen, faltete er ſeine Hände zum ſtillen Gebet. Abermals öffnete ſich die Thür und ſein Adjutant trat wieder ein. Sagen Sie, was bedeutet dies? rief der General. Ich beorderte Sie, die Frauen nach Hauſe zu ſchicken, und ſtatt deſſen richten ſie ſich häuslich ein auf dem Platz und ſingen und plärren ihre Wehklagen. General, die Frauen beharren bei ihrer Bitte. Sie begehren durchaus Ew. Excellenz ſelber zu ſprechen, um aus Ihrem eigenen Munde zu hören, ob wirklich kein Aufſchub, keine Gnade möglich iſt. Sie erklären, ſie würden den Platz nicht verlaſſen, bevor ſie Ew. Ex⸗ cellenz threrim will de ſie hein E Schritt der Fr —)c—) ein be Mark Eine auf d entfalt achtet ihre 5 679 cellenz nicht geſprochen hätten, und wenn man mit Kartätſchen unter ſie feuerte. Ah bah, man wird ihnen nicht die Freude bereiten, ſie zu Mär⸗ tyrerinnen zu machen, rief St. Hilaire mürriſch. Kommen Sie, ich egraben, will der Sache ein Ende machen. Ich will ſelbſt hinunter gehen und h weiter ſie heim ſchicken. Er winkte ſeinem Adjutanten, ihm zu folgen, und ging eiligen Schritts hinunter auf den Marktplatz, gerade hinein in den Kreis der Frauen. Das heilige Lied verſtummte, aber die Frauen erhoben ſich nicht von ihren Knieen, nur ſenkten ſich ihre Blicke, welche bis jetzt zum Himmel empor gewandt geweſen, auf den General hin, und ihm ſtreckten ſie jetzt ihre gefalteten Hände entgegen. In dieſem Moment kam mitten durch das dichte Menſchengewühl ein beſtäubter Reiſewagen die Straße heraufgefahren und bog auf den Marktplatz ein, um vor dem großen dort belegenen Gaſthof anzuhalten. Eine bleiche junge Frau lehnte aus dem Wagen und blickte ſtaunend auf das wunderbare Schauſpiel hin, das ſich da vor ihren Blicken aß dieſe Keinen Ich will ind nicht S einzige wäre! on Ihnen men will, S r an da neer. Er rGruppe rn ſtand, mit ihnen brigen ein entfaltete. Die knieenden Frauen, welche den ganzen Marktplatz erfüllten, achteten nicht auf den Wagen, es kam ihnen gar nicht in den Sinn, ihre Reihen zu öffnen, um ihn durchzulaſſen, er mußte alſo anhalten und warten. Die junge bleiche Frau, als fühle ſie, daß das, was alle Frauen hier auf ihre Kniee niederwarf, auch ſie angehen müſſe, verließ haſtig den Wagen und näherte ſich den knieenden Frauen. ieder em Auf einmal hörte ſie eine laute gebieteriſche Stimme, welche fragte: bedert was begehren dieſe Damen von mir? Sie haben verlangt mich zu richten ſi ſprechen, hier bin ich! Was verlangen Sie von mir? ehllagen Gnade! riefen hundert und aberhundert Stimmen. Aufſchub der begehren Hinrichtung! Gnade für Palm! m iigenen Ein lauter fürchterlicher Schrei tönte von den Lippen der bleichen niglich ir jungen Reiſenden, wie beflügelt eilte ſie vorwärts, gerade zu dem 6w. e General hin. —— —————— 680 Ein Gemurmel der Verwunderung erhob ſich in den Reihen der Frauen; ihr Inſtinct ſagte ihnen, daß hier etwas Außerordentliches ſich begebe, ihre Herzen begriffen, daß dieſe todesbleiche junge Frau, die jetzt mit keuchender Bruſt, mit flammenden Augen dem General gegenüber ſtand, in irgend einer nähern Beziehung zu dem armen Ver⸗ urtheilten ſtehen müſſe. Jede hielt den Athem an, um ihre Stimme zu hören, ihre Worte zu verſtehen. Sie flehen um Gnade für Palm? fragte die bleiche junge Frau mit einer Stimme, in welcher ihre ganze Seele zitterte. Sie ſprechen von Hinrichtung? Ihr wollt ihn alſo ermorden? Ihr habt ihn alſo ſchmählich und ſchändlich verurtheilt? Und während ſie ſo fragte, bohrten ſich ihre Angen wie zwei Dolchſpitzen in das Antlitz des Generals. Wägen Sie Ihre Worte beſſer ab, ich bitte, ſagte der General rauh, das Kriegsgericht hat den Hochverräther verurtheilt; er wird alſo nicht gemordet, ſondern geſtraft für ein begangenes Verbrechen. Und aus dieſem Grunde, fuhr er, den Frauen zugewandt mit lauterer Stimme fort, aus dieſem Grunde kann ich auch Ihre Bitte nicht erfüllen. Das Kriegsgericht hat das Urtheil ausgeſprochen, ich habe nicht die Macht, den Spruch rückgängig zu machen. Der Kaiſer Na⸗ poleon allein könnte das, wenn er hier wäre. Aber da er in Paris, alſo unerreichbar iſt, ſo muß das Geſetz ſeinen Lauf haben. Heute Mittag um zwei Uhr wird Palm erſchoſſen! Erſchoſſen! ſchrie die junge Frau, und einen Moment taumelte ſie, als wolle ſie zuſammen brechen, aber dann raffte ſie ſich muthig wieder zuſammen, und ihre Arme weit ausſtreckend nach den Frauen hin, rief ſie: bittet mit mir, meine Schweſtern, daß ich Palm ſehen, daß ich ihm Lebewohl ſagen kann! Ich bin ſein Weib, und ich bin gekommen, um mit ihm zu ſterben! Und wie eine gebrochene Lilie ſank ſie zu des Generals Füßen hin. Im Kreiſe der Frauen wogte es auf, wie wen? ein plötzlicher Windſtoß die Wellen bewegt, ein Murmeln und Seufzen, ein Weinen und Aechzen erfüllte die Luft, und war die einzige Sprache, das einzige Flehen, deſſen die bewegten Frauen mächtig waren. — 4 dame, Folgen Palm nicht J ch h eihen det dentliches ge Frau, Genetul nen Ver⸗ Stimme ige Frau ſprechen ihn alſo General wird alſo lauterer itte nicht ich habe in Paris, 1 Heute hmuthig Frauen m ſehen, d ich bin —— 681 Der General neigte ſich zu Anna nieder und hob ſie auf. Ma⸗ dame, ſagte er laut genug, um auch von den andern Frauen gehört zu werden, Madame, Ihre Bitte iſt Ihnen gewährt. Die einzige Gnade, welche der Verurtheilte ſich erbeten hat, iſt dieſe, daß er Sie vor ſeinem Tode noch ſehen könnte, und wir haben ſie ihm gewährt. Folgen Sie alſo meinem Adjutanten, er wird Sie zu ihm führen. Palm erwartet Sie! Ah, ich wußte es wohl, daß er mich erwartet, und daß Gott mich zur rechten Zeit zu ihm führen würde! rief Anna, ihre freudeſtrahlenden Blicke zum Himmel empor gewandt. P Die Codesſtunde. Palm war in ſeinen Kerker zurückgekehrt, ohne eine Klage auszu ſtoßen, einen Vorwurf zu äußern. Nichts in ſeinem Weſen verrieth ſeinen tiefen Seelenſchmerz, ſeine tiefe Empörung. Er wußte wohl, daß weder ſeine Klagen, noch ſeine Vorwürfe ſein Schickſal zu än⸗ dern vermöchten, und er wollte es daher tragen und hinnehmen wie ein Mann. Mit einem rührenden Lächeln grüßte er Balthaſar, der ihn an der Thür ſeines Kerkers empfing, und der nicht mehr nöthig hatte, die Thränen zu verbergen, die in ſeinen Augen ſtanden. Armer Freund, ſagte Palm freundlich, Du wußteſt alſo ſchon, was mir bevorſtand, und es erbarmte Dich, mich ſo heiter zu ſehen. Nun, jetzt wirſt Du mein Geſchenk wohl annehmen können, denn nun werde ich doch frei, ſo frei, daß keine Bande und Feſſeln mich jemals nehr halten können. Und Du haſt mir verſprochen, mein Geſchenk nicht zurückzuweiſen, wenn man mir die Freiheit wiedergegeben hätte. Ich habe ſie erhalten, Freund, nimm alſo! 682 Er nahm die Nadel von dem Tiſch und reichte ſie dem Schließer dar. Dieſer empfing ſie mit einem kaum unterdrückten Seufzer, und als er ſich niederbeugte, um die Hand zu küſſen, welche ſie ihm dar⸗ gereicht, fiel eine glühende Thräne aus ſeinen Augen auf Palm's Hand nieder. Oh, ſagte Palm gerührt, ich gab Dir nur ein kleines Goldge⸗ ſchmeide, und Du giebſt mir dafür einen Diamanten! Ich danke Dir, mein Freund, und ich weiß, Du wirſt in meiner Todesſtunde für mich beten! Jetzt gönne mir eine Stunde des Alleinſeins, denn ich muß mich ſammeln und mit Gott berathen über das, was mir bevorſteht. Darfſt Du mir Feder und Papier geben? Ich habe es ſchon in die Chatoulle Ihres Tiſches gelegt, ſagte Balthaſar leiſe, alle Verurtheilten haben das Recht, ihren letzten Willen für ihre Familie niederzuſchreiben, und ich ſchwöre Ihnen beim ewigen Gott, daß ich das, was Sie ſchreiben, an ſeine Adreſſe befördern will. Ich danke Dir, Freund, laß mich alſo allein, daß ich ſchreiben kann. Aber höre! Entferne Dich nicht zu weit, bleib in dem Corridor, damit, wenn ſie kommt, Du gleich da biſt, aufzuſchließen. Sie? fragte der Schließer. Was für eine ſie? Palm ſtockte, er konnte das Wort nicht gleich ausſprechen, denn die Thränen ſtiegen aus ſeinem Herzen empor und legten ſich ſchwer auf ſeine Zunge. Meine Frau! ſagte er endlich mühſam. Geh und erwarte ſie, denn ſie kommt gewiß! Er winkte Balthaſar hinauszugehen und ſetzte ſich dann matt und erſchöpft auf ſeinen Binſenſeſſel nieder. Einen Moment kam der ganze Jammer und die ganze Erdenqual über ihn und wälzte ſich wie eine Lawine auf ſein Herz hin. Er neigte ſein Haupt auf ſeine Bruſt, die Arme hingen ſchwer und ſchlaff an ſeinem Körper nieder, und einzelne Thränen, groß wie Kinderthränen, brennend wie Feuer, rollten über ſeine Wangen nieder. Aber dies dauerte nicht lange, denn gerade dieſe heißen Thränen weckten ihn wieder und rüttelten ihn auf aus der Betäubung ſeines Schmerzes. Er richtete ſein Haupt wieder empor und trocknete die Thränen von ſeinen Wangen fort. Ich habe keine Zeit zu weinen, ſagte er leiſe Anna ſorgli ſchreil Kerker ſich ſ nach . der G mit küſſer Dich nicht Schl die i mit i zu lo ſtece ſeine Hau Ich ihr Bal Ich die ch muß vorſteht. t, ſagte nVillen ewigen ern vill. ſchreiben Corridor, en, denn ch ſchwer Geh und ganze wie eine Bruſt die d einzelne Thrünen ſagte et leiſe vor ſich hin, meine Stunden ſind gezählt und ich muß an meine Anna ſchreiben. Mein Vermächtniß für ſie und meine Kinder! Er nahm aus der Chatoulle das Schreibgeräth, das Balthaſar ſorglich für ihn bereit gelegt, und ſetzte ſich an den Tiſch, um zu ſchreiben. Nur wählte er ſeinen Platz ſo, daß er die Thür ſeines Kerkers immer vor Augen hatte, und oft, während er ſchrieb, hoben ſich ſeine Blicke von dem Papier empor und richteten ſich lauſchend nach der Thür hin. Jetzt hörte er in der That Schritte, welche ſich näherten, jetzt ward der Schlüſſel in das Schloß geſteckt. Palm legte die Feder hin und ſtand auf. Die Thür öffnete ſich, Anna trat ein. Sie ſchwebte ihm entgegen mit einem ſeligen Lächeln; er ſchloß ſie in ſeine Arme, und ihr Haupt küſſend, welches an ſeiner Bruſt ruhte, flüſterte er leiſe: Gott ſegne Dich, daß Du gekommen biſt! Ich wußte es wohl, daß ich Dich nicht vergeblich erwarten durfte! Der Schließer ſtand an der geöffneten Thür und weinte. Sein Schluchzen erinnerte Palm an ihn. Balthaſar, ſagte er bittend und mit der Hand auf Anna hindeutend, die immer noch ſchweigend an ihm ruhte, Balthaſar, Du wirſt mich mit ihr allein laſſen, nicht wahr, mein Freund? Es iſt ſtrenger Befehl, die Verurtheilten niemals allein mit Andern zu laſſen, murmelte Balthaſar. Sie könnten ihnen leicht Waffen zu⸗ ſtecken, oder Gift, ſagen die klugen Herren. Palm legte ſeine Hand wie zum heiligen Schwur auf das Haupt ſeiner Frau. Balthaſar, ſagte er, bei dieſem heiligen und geliebten Haupt ſchwöre ich Dir, daß ich mein Leben nicht freiwillig enden will. Ich ſchenke es meinen Mördern. Willſt Du mich jetzt allein mit ihr laſſen? Ich will es, denn es wäre grauſam, es nicht zu thun, ſagte Balthaſar. Was Sie einander zu ſagen haben, darf nur Gott hören! Ich gebe Ihnen eine halbe Stunde, dann werden die Beamten und die Prieſter kommen, und es ſteht alsdann nicht mehr in meiner Macht, ———— 684 dieſe Thür verſchloſſen zu halten. Aber bis dahin ſoll auch Niemand Sie ſtören. Er verließ den Kerker und ſchloß die Thür hinter ſich zu. Die beiden Gatten waren jetzt allein mit einander, ſie hatten eine halbe Stunde zum letzten Zwiegeſpräch, zum letzten Lebewohl. Es giebt heilige Momente, welche, wie der Flügel des Schmetter⸗ lings, von der leiſeſten Berührung einer Menſchenhand verletzt werden, und denen man ſich daher nicht nahen darf, es giebt Worte, die kein menſchliches Ohr belauſchen ſoll, und Thränen, die nur Gott zählen darf. Nach einer halben Stunde öffnete der Schließer wieder die Thür und trat ein. Palm und ſeine Gattin ſtanden mitten in dem Raum, und ſich mit dem einen Arm umſchlungen haltend, ſchauten ſie einander an, ruhig, klar und lächelnd, wie zwei von der Erde entrückte Geiſter. Das Papier, auf welchem Palm geſchrieben, lag nicht mehr auf dem Tiſch, ſondern ruhte jetzt auf Anna's Herzen; der goldene Trau⸗ ring, den Palm an ſeinem Finger getragen, war von demſelben verſchwunden und glänzte jetzt neben ihrem eigenen Trauring an Anna's Hand. Der Geiſtliche iſt da, ſagte der Schließer, und auch die Soldaten ſtehen ſchon im Corridor. Es iſt die höchſte Zeit. So gehe denn, Anna, ſagte Palm, ſeinen Arm, der ihren Nacken umſchlungen hielt, zurückziehend. Aber ſie warf ſich mit einem einzigen langen Schmerzensſchrei an ſeine Bruſt. Du verurtheilſt mich alſo zum Leben? rief ſie ſchmerzvoll. Du willſt unſere Wege trennen? Oh, ſei barmherzig, mein Geliebter, denke daran, daß wir uns gegenſeitig vor dem Altar geſchworen haben, Leben und Tod mit einander zu theilen! Laß mich alſo mit Dir ſterben! Nein, ſagte er innig und feſt, nein, Anna, Du ſollſt mit mir leben! Meine Kinder ſind mein Leben und mein Herz, das mit Dir fortlebt! Jeden Morgen werde ich Dich grüßen aus den Augen unſerer Kinder, und wenn ſie Dich umarmen, ſo denke, daß es meine Arme ſind, welche Dich umſchließen. Lebe für unſere Kinder, Anna, lehre ſie ihren Vater lieben, der zwar nicht mehr bei ihnen iſt, deſſen Seele hören ( ſie ſa ihn es th aber ja A hat wiede auf Laſſen iemand en eine metter⸗ verden, ie kein n darf. e Thür Raum, inander Geiſtet ehr auf eTrau⸗ mſelben ing an 17 Nacken chrei an nerzvoll. liebter, nhaben, mit nir nit Dir unſerer ne Arme lehre 685 aber Dich und ſie umſchwebt! Schwöre mir, daß Du leben und das Leben muthig und feſt ertragen willſt! Ich ſchwöre es, ſagte ſie leiſe. Und jetzt, meine Anna, verlaß mich! Meine letzten Momente ge hören Gott! Er küßte ihre Lippen, welche kalt waren wie Marmor, und geleitete ſie ſanft der Thür zu. Nun hob Anna ihr Haupt empor, mit einem langen, letzten Blick ihn anzuſchauen. Du willſt, daß ich leben ſoll, ſagte ſie, ich werde es thun, ſo lange es Gott gefällt. Ich nehme alſo Abſchied von Dir, aber nicht auf ewig und auf nicht gar lange Zeit. Wir Menſchen ſind ja Alle nur arme Wanderer, welche der Wille Gottes hinausgeſchickt hat auf die Erde zur Wanderſchaft. Aber zuletzt öffnet er uns doch wieder die Pforten der Heimath und ruft uns wieder heim! Ich hoffe auf meine Heimkehr, mein Geliebter. Auf Wiederſehen alſo! Auf Wiederſehen! Sie reichten ſich noch einmal die Hand und ſchauten ſich an mit einem Lächeln, das wie der letzte Strahl d Antlitz verklärte. Dann ſchritt Anna, rückwärts gehend, um ihn immer noch zu ſehen, um ſein Bild tief in ihr Herz zu prägen, über die Schwelle. Der Schließer drückte haſtig die Thür hinter ihr zu. Draußen hörte Palm einen herzzerreißenden Schrei, dann ward Alles ſtill. Einige Minuten ſpäter öffnete ſich wieder die liſcher Geiſtlicher trat ein. er untergehenden Sonne ihr Thür, und ein katho⸗ Meine Frau iſt ohnmächtig geworden, nicht wahr? fragte Palm. Nein, ſie ſchien nur, als die Thür ſich ſchloß, von einem plötz⸗ lichen Schwindel ergriffen, dann aber raffte ſie ſich wieder empor und eilte fort. Der Herr Gott möge ihr gnädig ſein! Er wird es ſein, ſagte Palm zuverſichtlich. Er möge auch Ihrer ſich erbarmen, mein Sohn, ſagte der Prieſter. Laſſen Sie uns beten, öffnen Sie mir Ihre Seele und Ihr Herz! Meine Seele und mein Herz liegen frei vor Gott da, er wird ———— —————— —— ———— 686 Ich gehöre nicht zu Ihrer ſie ſchauen und ſie richten, ſagte Palm. Aber wenn Sie mit mir Kirche, mein Vater, ich bin Proteſtant. beten wollen, ſo thun Sie es, und wenn Sie mir Ihren Segen er⸗ theilen wollen, ſo werde ich ihn dankbar annehmen, denn einem Ster⸗ benden thut es immer wohl, eine ſegnende Hand auf ſeiner Stirn zu fühlen! Die Glocke ſchlug zwei Uhr und jetzt wirbelten die Trommeln, und vom Kirchthurm begann das Armeſünderglöcklein zu läuten. In ganz Braunau herrſchte eine tödtliche, ſchauerliche Stille. Alle Häuſer waren geſchloſſen, alle Fenſter verhangen. Niemand wollte dem fürchterlichen Schauſpiel zuſehen, das der Despotismus des fremden Gewalthabers ihnen bereitete. Die Frauen ſer zurückgekehrt und in ihren verhüllten und Kinder waren in ihre Häu Männer hielten Stuben lagen ſie auf ihren Knieen und beteten. e 2 ſich verborgen, um ihre Schaam und ihre Wuth nicht ſehen zu laſſen. Niemand war daher auf der Straße, als die fürchterliche Pro⸗ In der Mitte von Soldaten und Gensd'armen Di ceſſion ſich nahete. kam ein elender Karren daher gerumpelt. Rückwärts auf dieſem Karren, die Hände auf dem Rücken zuſammen gebunden, ſaß Palm; ihm gegenüber der Geiſtliche, mit dem Crucifix in der Hand, Gebete murmelnd. Die deutſchen Thüren zu verſchließen und ihre die Schmach und das Elend Deutſchlands, welche da durch die Straßen Bewohner Braunau's hatten wohlgethan, ihre Fenſter zu verhängen, denn es war raſſelten! Aber nicht alle waren ſie ſo glücklich geweſen, daheim bleiben zu Der Wille des fremden Gewalthabers hatte über ſie anders dürfen. Behörden hatten ſich in beſtimmt und die Magiſtratsbeamten und die ihrer Amtstracht hinaus begeben auf den Richtplatz. Da ſtanden ſie, ſtumm vor Schaam, Erſtaunen und Entſetzen, die Augen niedergeſchlagen, den Sclaven gleich, welche durch das Joch hindurch gehen! Hinter ihnen ſtanden denen die Hinrichtungen nur ein hundert Zuſchauer, aber nicht ſolche Leute, pikantes Schauſpiel, eine ſeltene Zer⸗ ſtreuu welche wo ein eine h begeiſt ſeines richtet ſeine möge vielm er waren das der eFrauen erhüllten er hielten zu laſſen. Gebete han, ihre nes war Straßen 687 ſtreuung ſind, ſondern Männer mit düſtern, zornigen Blicken, Männer, welche gekommen waren, um heimlich in ihren Herzen an dieſer Stelle, wo ein letztes Stück deutſcher Ehre ſich verbluten ſollte, dem Frevler eine heilige Rache zu ſchwören. Das Blut des Märtyrers ſollte ſie begeiſtern zu der endlichen, heiligen That der Sühne! Palm war von dem Karren herniedergeſtiegen, und mit raſchem, entſchloſſenem Schritt ging er zu der Stelle hin, die man ihm bezeich⸗ nete und neben welcher ein friſch aufgeworfenes Grab ſich befand. Die Hand des Profoſes zurückwehrend, entledigte er ſich ſelber ſeines Oberkleides und warf es hinter ſich in das offene Grab. Dann richtete er ſeine Blicke hinüber nach der Seite, wo der Magiſtrat, wo ſeine deutſchen Brüder ſich befanden. Freunde, rief er laut, möge mein Tod Euch Segen bringen, möge mein Blut Euch nicht vergebens vergoſſen ſein, ſondern Euch vielmehr— Lautes Trommelwirbeln übertönte ſeine Worte. Der General winkte, ſechs Schüſſe krachten. Palm ſank zur Erde, aber er richtete ſich wieder empor. Nur eine einzige Kugel hatte ihn getroffen, das Blut ſtrömte aus ſeiner Bruſt, aber er lebte noch. Eine zweite Rotte trat vor, auf's Neue krachten ſechs Schüſſe! Aber die Soldaten, welche gewohnt waren, in der Schlacht ihr Ziel ſicher in's Auge zu faſſen, hatten hier, wo ſie Henkerdienſte thun ſollten, ihr Auge abgewandt, und ihre Hände, welche niemals in der Schlacht gezittert hatten, zitterten jetzt. Zum zweiten Mal erhob ſich Palm von der Erde, ein keuchendes, blutendes Opfer, das mit ſeinen emporgehobenen blutigen Händen den Himmel anzuflehen ſchien um Rache und Vergeltung. Eine dritte Gewehrſalve krachte. Dies Mal richtete Palm ſich nicht wieder auf. Er war todt! Gott hatte ſeine Seele empfangen. Sein blutiger Körper lag auf der deutſchen Erde, als wolle er ſie düngen zum Werk der Vergeltung. ——— Die Vriegserklärung Preußens. Friedrich Wilhelm der Dritte hatte heute noch nicht ſein König dem früheſten Morgen hatte er ſich in daſſelbe Kabinet verlaſſen. Seit zu arbeiten. Landkarten, Schlachtpläne und aufge⸗ zurückgezogen, um und in ihrer Mitte ſchlagene Bücher lagen auf den Tiſchen um ihn her, ſaß der König, ſinnenden Blicks und ſorgenvoller Miene. Ein leiſes Klopfen an der Thür ſtörte ihn in ſeinen Gedanken Der König hob ſein Haupt empor und horchte. Das Klopfen wieder⸗ lte ſich. as kann nur holte ſie ſein, ſagte er vor ſich hin, und ein leiſes Er eilte nach der Thür hin und ſi D Lächeln flog durch ſeine Züge. öffnete ſie. Seine Ahnung hatte ihn nicht getäuſcht. Es war die Königin, welche da vor der Thür ſtand. Lächelnd, anmuthsvoll und heiter wie immer, trat ſie in das Kabinet ein, und reichte ihrem Gemahl ihre Hand dar. Zürnſt Du mir, mein theurer Freund, daß ich Aber mir ſchien, Du habeſt heute lange genug für und da konnteſt Du Deiner Luiſe auch wohl Dich geſtört habe? fragte ſie zärtlich. den Staat gearbeitet, eine Viertelſtunde weihen. Du weißt wohl, wenn ich Dich nicht am Morgen geſehen habe, ſo fehlt meinem Tag und er iſt grau und düſter. Deshalb, da Du heute noch nicht zu mir Dir. Guten Morgen, mein Herr und e der rechte Sonnenſchein, gekommen biſt, komme ich zu Gemahl. Guten Morgen, meine Königin, ſagte die durchſichtig weiße Stirn der Königin drückend. Füge hinzu, guten Tag, meine theure Auiſe, denn ein Glückwunſch aus ſo ſchönem und edlem Munde wird hoffentlich alle böſen Geiſter ſchrecken, und machen, Ich erwarte gar Vieles von ihm! der König, einen Kuß auf daß dieſer Tag wirklich gut wird. Die Stirn des Königs, welche ſich bei dem Erſcheinen der Königin ein we vor ſic 8 des Kö leuchter wandte R Würdi damit wir un L man ih Weiſ Welſe beachtet G mit — Schult Mann Deiner vertro mran nicht Michlb zum! von h Königin 689 ein wenig aufgeklärt hatte, bewölkte ſich wieder, und er blickte düſter vor ſich hin. Die Königin ſah es und legte ſanft ihre Hand auf ſeine Schulter. Du biſt nicht heiter, mein Freund, ſagte ſie zärtlich. Soll ich nicht meinen Antheil haben an Deinem Kummer? Gebührt er Deinem Weibe nicht? Oder willſt Du mir grauſam entziehen, worauf ich ein Recht habe? Sprich zu mir, mein Gemahl, gieb mir meinen Antheil an Deinen Schmerzen. Vertraue mir, was dieſe Wolken auf Deiner edlen Stirn zu bedeuten haben, und was Deine Seele ſo ſehr beſchäf⸗ tigt, daß Du darüber ſogar mich und die Kinder vergißt, und uns Deines freundlichen Morgengrußes beraubſt? Aber ſelbſt dieſe innigen Worte der Königin vermochten die Stirn des Königs nicht wieder zu erhellen, er vermied es, ihren ſchönen und leuchtenden Augen, die forſchend auf ihm ruhten, zu begegnen, und wandte den Blick zur Seite. Regierungsgeſchäfte, ſagte er kurz. Nichts Intereſſantes und Würdiges, um meiner Königin präſentirt zu werden. Wollen nicht damit die glücklichen Minuten Deiner Gegenwart verbittern! Setzen wir uns. Die Königin kannte ihren Gemahl ſehr genau, ſie wußte, daß man ihm nicht widerſprechen durfte, wenn er in dieſer kurzen rauhen Weiſe ſprach, und daß es dann das Beſte ſei, ſeine Verſtimmung un⸗ beachtet zu laſſen, oder wo möglich ſie zu zerſtreuen. Sie folgte ihm daher ſchweigend zu dem Divan, und ſetzte ſich, mit einem holden Lächeln ihn einladend, neben ihr Platz zu nehmen. Der König that es, und Luiſe lehnte zärtlich ihr Haupt an ſeine Schulter. Wie ſüß iſt es, ſein ſchwaches Haupt an eines ſtarken Mannes Bruſt zu lehnen, ſagte ſie. Mir ſcheint, ſo lange ich in Deiner Nähe bin, kann mir kein Unglück nahen, und ich ſchmiege mich vertrauensvoll und ſelig an Dich, wie der Epheu, der die ſtarke Eiche umrankt. Der Vergleich iſt nicht richtig, ſagte der König, der Epheu blüht nicht und duftet nicht. Du aber biſt die ſchönſte Purpurroſe, die Königin der Blumen! Mühlbach, Napoleon. I. Bd. 44 —— — — ——— —— ℳ ——————— — —— — —————— 690 Wi ßt ſich herab, mir Artigkeiten zu ſagen? rief die Königin mit einem friſchen und fröhlichen Lachen, indem ſie ihr Haupt von des Königs Schulter erhob, und ihn ſchalkhaft anſchauete. Aber, mein König, Dein Vergleich iſt auch nicht richtig. Die Purpur⸗ aben Dornen und Stacheln, und verwunden Jeden, der ſie be⸗ um alle Herrlichkeiten der Welt Dir nicht ſo würde ich alle Mein Herr lä roſen h rührt. Ich aber möchte wehe thun und Dich verletzen! Wäre ich eine Roſe, meine duftenden Blätter abſchütteln, um Dir ein Kiſſen daraus zu be⸗ dem Dein edles Haupt ausruhen möchte von der Mühſal reiten, auf und der Pein des Tages, und auf dem Du ſchöne Träume von einer glücklichen Zukunft finden ſollteſt. Nur Träume von einer Wilhelm ſinnend. Du magſt wohl Recht haben, eine glückliche Zukunft in der That nur ein Traum iſt! Nein, rief die Königin, die ſtrahlenden Augen zum Himmel er hebend, ich glaube feſt an das Glück der Zukunft, ich glaube und weiß, daß Gott Dich, den edelſten und ſ chuldloſeſten der Fürſten, dazu aus⸗ den Uebermuth dieſes verwegenen Tyrannen zu brechen, tiſches Joch ſchmieden möchte, und ändergier die Hände erhebt nach allen Fürſten kronen! Deine Krone ſoll er nicht berühren! Die iſt der Fels, an dem ſeine Macht ſcheitert, und zu deſſen Füßen ſich ſeine ſtolzen Wogen brechen werden. Preußen wird die Schmadh Deutſchlands ſühnen, deſſen bin ich gewiß, und darum bin ich auch ſo glücklich und vertrauensvoll, ſeit Du, mein Herr und König, die Larve dieſer fal ſchen Freundſchaft zu dem Tyrannen weggeworfen und ihm Dein offenes, zürnendes Feindes⸗Antlitz gezeigt haſt. Es lag auf meinem Herzen, wie eine ſchwere Wolke, ſo lange wir noch diplomatiſirten und vermittelten, und um Frieden buhlten, und Vortheile erhofften von und ohne Glauben, ohne Ehyrlichkeit und Wahrheitsliebe. Jetzt, ſeit Du ihm feindlich gegenüber getreten, ſeit Du Deine Armee in Kriegsbereitſchaft geſetzt haſt, jetzt iſt die Wolke verſchwunden, und Alles in mir iſt wieder licht und freudenhell! Und dennoch, wer weiß, ob ich Recht gethan habe, ſeufzte der glücklichen Zukunft! ſagte Friedrich daß die Hoffnung auf erwählt hat, der die ganze Welt unter ſein despo in ſeiner ehrgeizigen 2 dieſem Mann ohne Treu — günig. deſen A und ja unſelig mobiliſ Hetzen den Hr heben, ſlamm ſagte e die no ſchließ ſich m Dies Rückte meine ich an und T Napol ich ka mich! licheh zu be meine Zaube gen? rief nſie ihr nſchauete. Pmpur⸗ er ſie be⸗ Dir nicht e ich alle us zu be⸗ rMihſal von einer Friedrich ffnung auf und weiß, dazu gus⸗ zu brechen, töchte, und 1 t Fels, an eine ſtolzen . eutſchlar ds Fürſten licklich und dieſer fal ihm Dein auf meinen niſirten und hofften von rlichkeit und tretn, ſeit Wolke W ſt die W König. Der Friede iſt ein gar köſtliches Ding, und das Volk bedarf deſſen ſo ſehr zu ſeinem Wohlergehen! Aber Dein Volk will keinen Frieden, rief die Königin. Es ſchreit und jauchzt nach Krieg und wünſcht nichts ſehnlicher, als endlich dieſem unſeligen Zwitterzuſtand ein Ende gemacht zu ſehen. Du haſt jetzt mobiliſiren laſſen, und ſchon haben ſich alle Geſichter erhellt und alle Herzen aufgerichtet, verkünde Deinem Volk, daß Du dem Uſurpator den Krieg erklären willſt, und ganz Preußen wird ſich jauchzend er⸗ heben, und wie zu einem Siegestanz auf das Schlachtfeld eilen. Du ſprichſt von der Armee und nicht vom Volk, ſagte der König. Die Armee freilich iſt kampfesdurſtig und iſt auch überzeugt, daß ſie ſiegen wird. Indeß, wer weiß, ob ſie ſich nicht irrt. Es iſt lange her, daß wir uns geſchlagen haben, während Napoleons Heere kriegs⸗ gewohnt, kriegsgeſchult ſind, und täglich im Felde ſtehen. Das Heer Friedrichs des Großen, das Heer meines Königs hat nichts zu fürchten von den Horden des Barbaren! rief die Königin mit flammenden Augen. Der König zuckte leicht die Achſeln. Ich bedarf der Verbündeten, ſagte er, allein vermag ich dieſen Kampf nicht auszukämpfen. Wenn die norddeutſchen Höfe meiner Einladung folgen, wenn ſie ſich mir an ſchließen, wenn endlich Oeſterreich auf meinen Vorſchlag eingeht, und ſich mit mir vereinen will, dann hoffe ich auf glücklichen Erfolg.— Dies Alles wird ſich noch heute entſcheiden, denn ich erwarte heute die Rückkehr zweier wichtiger Abgeſandten, die Rückkehr Hardenbergs, der meine Vorſchläge nach Wien gebracht, und die Rückkehr Lombards, den ich an die kleineren deutſchen Höfe abgeſchickt, um ihnen ein Schutz⸗ und Trutzbündniß anzubieten, im Gegenſatz zum deutſchen Rheinbund Napoleons. Ich geſtehe Dir, Luiſe, ich zittere vor ihren Antworten, ich kann heute keinen andern Gedanken faſſen, keinem andern Gefühl mich hingeben, als nur dieſem Einen! Und nun weißt Du, fuhr er lächelnd fort, weshalb ich heute Morgen ſogar vergeſſen konnte, Dich zu begrüßen. So geht es! Ich wollte die Unruhe als Geheimniß in meiner Bruſt bewahren, aber wo giebt es ein Mittel einer ſolchen Zauberin zu widerſtehen. Du weißt nun Alles! 44* Und weißt Du auch ſchon die neue Unthat, die der Tyrann verübt nachen, hat? fragte die Königin. Weißt Du, daß er auf deutſchem Boden ommen i herrſcht und befiehlt, als wäre Deutſchland nur noch ſeine Provinz und Und . ¹ alle Fürſten ſeine Vaſallen? Mitten im Frieden hat er einen deutſchen da iſtor Bürger aus ſeinem Hauſe wegſchleppen, auf deutſchem Boden hat er die Krink 1 ein franzöſiſches Kriegsgericht zuſammentreten laſſen, und dies Kriegs⸗ Depoten gericht hat es gewagt, einen deutſchen Bürger zum Tode zu verur⸗ ſgution theilen, blos weil er, ein deutſcher Buchhändler, eine Schrift verbreitet ſßen. hat, welche Deutſchlands Erniedrigung beklagt. Weißt Du, daß Palm ß er 2 erſchoſſen worden? 86. es beſetz Ich weiß es ſchon ſeit drei Tagen, ſagte der König düſter. Ich England . verſchwieg es Dir, um Dich nicht zu betrüben! ſhligt, Aber die öffentliche Meinung verſchweigt heute nichts, rief Luiſe e ſich 1 glühend, und die öffentliche Meinung von ganz Deutſchland ſchreit gs gegen den Tyrannen, der ſo deutſches Recht und deutſche Ehre mordet⸗ köhaft x In allen Städten werden Sammlungen eröffnet für Palms Familie, für ſein junges Weib und ſeine Kinder. Die Armen und die Reichen A beeilen ſich je nach ihren Kräften, den Hinterlaſſenen des Märtyrers ſüner ſchmerzl Gaben der Liebe darzubringen, und glaube mir nur, dieſes Geld, das n Deutſchland jetzt für Palms Wittwe ſammelt, wird eine Drachenſaat 3 ſein; es werden einſt geharniſchte Krieger aus ihm hervorgehen, und⸗ aus dem unſchuldig vergoſſenen Blut wird Deutſchlands Rache auf⸗ blühen! Vergönne mir, mein Freund, auch meinen Antheil zu haben an dieſer Saat der Liebe und der Rache. Man brachte mir heute K S Morgen eine Liſte, auf welcher ſich die erſten und edelſten Familien mit namhaften Summen für Palms Wittwe unterzeichnet hatten, und man Go fragte bei mir an, ob es geſtattet ſei, daß auch meine Damen und uf i mein Hofſtaat unterzeichnen dürften. Ich möchte es ihnen gewähren, 3 aber ich möchte mehr thun, ich möchte ſelber unterzeichnen, und mein weilch meldete Scherflein beiſteuern. Willſt Du es mir geſtatten? eir 3 Man wird das wieder für eine Demonſtration halten, ſagte der net König unruhig, man wird ſagen, daß wir Streit und Unfrieden ſuchen ilfe .. ſ ſpi'g i und die Gemüther aufregen möchten zum Mißvergnügen! Ich glaube, 3 4 — —————— es wäre klüger, nicht vor der Zeit eine öffentliche Demonſtration zu 693 nn verübt machen, ſondern zu warten und ſtill zu ſein, bis die rechte Zeit ge⸗ kommen iſt. Und wann wird dieſe rechte Zeit kommen, wenn ſie jetzt noch nicht da iſt? rief die Königin ſchmerzvoll. Gedenke, mein Geliebter, an all' die Kränkungen und Demüthigungen, die wir in letzter Zeit von dieſem Despoten erduldet haben, und welche Du, in edler, großmüthiger Re⸗ ſignation, um Deinem Volk den Frieden zu erhalten, unbeachtet ge⸗ laſſen. Bedenke, daß er allein Dich beſtimmte Hannover zu vecupiren, daf Paln daß er Dir den Beſitz deſſelben garantirte, und jetzt, da Deine Truppen es beſetzt haben, heimlich und ohne Dir ein Wort zu ſagen, ſich an m Boden ovinz und deutſchen en hat er zu verur⸗ verbreitet iſer Ic England wendet, ihm den Frieden anbietet, und als Friedenspfand vor⸗ ſchlägt, Hannover wieder mit England zu vereinen, und ſich erbietet, tirf Luiſe es wieder zurückzugeben.*) and ſchreit Es war eine ſchwere Beleidigung, rief der Kör nig ungewöhnlich hre mordet⸗ lebhaft, ich habe darauf geantwortes, indem ich die Mobiliſirung meiner ns Funilie, Armee befahl. Aber unſere Armeen ſtehen gerüſtet ſtill und warten, rief die Königin ſchmerzlich, und in Paris verhandelt General Knobelsdorf mit Bona⸗ parte um den Frieden! Drachenſagt Er ſoll verhandeln und diplomatiſiren, bis ich bereit bin und ge⸗ gehen, und⸗ rüſtet, rief Friedrich Wilhelm, bis ich weiß, wer von den deutſchen he auf⸗ Fürſten ſich für und wider mich erklärt. Man muß vor allen Dingen haben ſeine Streitkräfte kennen, um ſeine Pläne machen zu können. Ich muß nir heute daher wiſſen, wer mit mir Gott iſt mit Dir und auf Einen treuen Freund kann iſt d De tſchlands Ehre, rief die Königin, und D eu ſt Du mit Sicherheit zählen. Damen und Du meinſt den Kaiſer von Rußland? fragte der König. Ich habe n gwihren freilich geſtern einen Brief von dem Kaiſer erhalten, in welchem er und mein meldete,„daß er mit einem Heer von ſiebenzigtauſend Mann, unter ſeiner perſönlichen Anführung, als treuer Freund und Nachbar mir zur n, ſagte der Hülfe ziehen, und rechtzeitig auf dem Schlachtfeld erſcheinen werde, 3 ſuchen ſei's am Rhein oder jenſeits deſſelben!“ glaube,— Ich 9 ſtration 30*) Hiſtoriſch. Siehe: Häuſſer, Deutſche Geſchichte. V. 754. — ——— —— — ———— — ———— —— 694 Oh, der edle und treue Freund! rief die Königin freudenvoll. Ja, ſagte der König bedächtig, er verſpricht viel, aber ruſſiſche Verſprechungen marſchiren ſchneller, als ruſſiſche Heere.*) Ich fürchte, die Begebenheiten werden uns ſo fortreißen, daß wir nicht warten können, bis der Kaiſer mit ſeiner Armee da iſt. Sobald Napoleon ahnt, daß meine Rüſtungen ihm gelten, wird Er es ſein, der mir den Krieg erklärt. Er iſt immer ſchlagfertig, ſeine Armee iſt immer auf dem Kriegsfuß. Mag er ſein, was er will, er iſt jedenfalls ein tapferer und großer Feldherr, und ich weiß nicht, ſetzte der König leiſe hinzu, ich weiß nicht, ob wir einen Feldherrn von gleichem Talent ihm ent⸗ gegen zu ſtellen haben. Oh, Luiſe, ich beneide Dich um Deine Sicher⸗ heit, um Dein kühnes Vertrauen! Hegſt Du denn gar keine Zweifel, keine Unruhe? Unruhe? rief die Königin mit einem ſtolzen Lächeln. Ich glaube daß es jetzt nur Eins giebt, was man thun muß. man muß es niederſchmettern, Ich glaube außer⸗ und bin überzeugt, Man muß das Ungeheuer bekämpfen, und dann erſt darf man von Unruhe ſprechen!**) dem an die göttliche Vorſehung, ich glaube an Dich, meinen edlen, hochſinnigen und tapfern König und Gemahl, und ich glaube an Deine große und herrliche Armee, welche vor Kampfbegierde brennt! Ich glaube an den guten Stern Preußens! Oh, mir ſcheint, daß er jetzt ſehr von Wolken bedeckt iſt, ſagte der König traurig. Der Schlachtendonner wird ſie zerſtreuen, rief Luiſe begeiſtert. Der Pulverdampf reinigt ja die Luft, und nimmt ihr die ſchäd⸗ lichen Dünſte! Eben öffnete ſich leiſe die Thür und der Kammerdiener des Königs erſchien in derſelben. Majeſtät, ſagte er, berg bittet um eine Audienz. Se. Ercellenz der Miniſter Baron von Harden⸗ *) Des Königs eigene Worte. **) Der Königin eigene Worte. Siehe Schriften von Friedrich von Gentz. Th. IV. S. 169. Duſ nahlin zu Der die Hünde wagte es ſeiner Be Theilnahr Plöt hoch auf. zu Muth von Sick ein Schr Oh, tapfern( Wort un empor u mehr wa für Pan gl Frau pfidet, nich nich zeichnen. Fol der Köni Dar Hond da die gini Ai um hin nahmen Jc haſtig. eichnen oll. uſſiſche fürchte, warten n ahnt, nKrieg uf dem tapferer ehinzu, hm ent⸗ Sicher⸗ Zweifil, h glaube un muß. hmettern, e außer⸗ n edlen, n Deine ni Ih ſt, ſagte begeiſtert ie ſchid es Königs nHarder⸗ von Gent⸗ 695 Du ſiehſt, die Entſcheidung naht, ſagte der König, ſeiner Ge⸗ mahlin zugewandt. Ich werde den Miniſter ſogleich bitten, einzutreten. Der Kammerdiener entfernte ſich. Der König ging ſchweigend, die Hände auf dem Rücken gefaltet, einige Male auf und ab. Luiſe wagte es nicht, ihn zu ſtören, nur ihre leuchtenden Augen folgten jeder ſeiner Bewegungen mit einem Ausdruck inniger Sorge, zärtlicher Theilnahme. Plötzlich, mitten im Zimmer, blieb der König ſtehen und athmete hoch auf. Ich weiß nicht, ſagte er, mir iſt faſt frendig und glücklich zu Muthe, daß ich endlich vor der letzten Eutſcheidung ſtehe. Franz von Sickingen hat wohl Recht:„Beſſer ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende!“ Oh, rief die Königin freudig, daran erkenne ich meinen edlen und tapfern Gemahl. Wenn er das Schreckniß nicht mehr durch mildes Wort und ſanfte Klugheit bannen kann, ſo hebt er ſeinen Ritterarm empor und zerſchmettert es! Aber wir dürfen Deinen Miniſter nicht mehr warten laſſen, ich gehe alſo. Nur Eins noch! Erlaubſt Du mir für Palms Wittwe zu unterzeichnen? Nicht als Königin, ſondern nur als Frau, welche das Elend einer ihrer deutſchen Schweſtern mit em⸗ pfindet, und aus innerm Herzensdrang ihr helfen möchte. Ich werde mich nicht nennen, die gute Oberhofmeiſterin mag ſtatt meiner unter⸗ zeichnen. Erlaubſt Du es, mein Freund? Folge Deinem edlen und großmüthigen Herzen, meine Auiſe, ſagte der König, gieb Deinen Antheil für die arme Frau! Dank, mein Freund, tauſend Dank, rief Luiſe, ihrem Gemahl die Hand darreichend. Er drückte ſie zärtlich an ſeine Lippen, und geleitete die Königin dann bis an die Thür. Luiſe wollte ihm hier ihre Hand entziehen, und die Thür öffnen, um hinauszugehen, aber ihr Gemahl hielt ſie feſt und ſeine Züge nahmen einen verlegenen und befangenen Ausdruck an. Ich möchte Dich auch noch um etwas bitten, ſagte er kurz und haſtig. Wenn Du die Oberhofmeiſterin in Deinem Namen haſt unter⸗ zeichnen laſſen, ſo befiehl doch Deinem Hofmarſchall, daß er für ſich 696 auch dieſelbe Summe zeichnet. Ich werd e ſie ihm aus meiner Cha⸗ toulle erſetzen.*) Die Königin erwiderte nichts; ſie ſchlang ihre ſchönen, weißen Arme um den Nacken des Königs und drückte einen glühenden Kuß auf ſeine Lippen, dann wandte ſie ſich raſch um und verließ das Gemach, vielleicht um ihren Gemahl die Thränen nicht ſehen zu laſſen, die in ihren Augen ſtanden.— Der König ſchaute ihr nach mit einem langen innigen Blick. Oh, ſagte er leiſe vor ſich hin, ſie iſt der Sonnenglanz meines Lebens. Wie öde und kalt wäre es ohne ſie!— Und jetzt zu den Geſchäften! Er eilte haſtig nach der entgegengeſetzten Thür und öffnete ſie. Ich laſſe den Miniſter von Hardenberg bitten, zu mir zu kommen, be⸗ fahl er dem Kammerdiener, der in der Antichambre wartete. Wenige Minuten ſpäter trat Hardenberg ein. Der König ging ihm einige Schritte entgegen und ſah ihn forſchend an. Gute Nachrichten? fragte er. Majeſtät,„gut“ iſt ein ſehr relativer Begriff, erwiderte Harden⸗ berg achſelzuckend. Ich nenne es ſchon gut, wenn man eine offene und entſcheidende Antwort erhält. Die alſo bringen Sie, ſagte der König raſch, berichten Sie mir nerſt das Reſultat. Die weiteren Auseinanderſetzungen nachher! Ew. Majeſtät zu Befehl! Das Reſultat iſt, daß Oeſterreich neutral bleiben und jetzt keine Schlacht mehr wagen Seine Fi⸗ nanzen ſind erſchöpft, ſein Heer iſt durch die vielen Niederlag raliſirt und muthlos geworden. Napoleon hat O nicht blos materiell, ſondern auch moraliſch beſiegt. Ein paniſcher Schrecken vor dem Franzoſenkaiſer und ſeinen ſieggewohnten Heeren hat ſich der Ge⸗ müther der öſterreichiſchen Soldaten bemächtigt; der Kaiſer iſt muthlos demo⸗ *) In Berlin, Le eipzig und in allen größeren Städten Deutſchlands nicht allein ward für Palm's Wittwe geſammelt, ſondern auch in England und Ruß land fanden ähnliche Sammlungen ſtatt. In Petersburg waren der Kaiſer und die Kaiſerin die Erſten, welche ihren Namen auf die Subſcriptionsliſte ſetzten und eine bedeutende Summe zeichneten. Siehe: Biographie des Johann Philipp Palm. München 1842. und verza dauernden nerüle füh eines Fre wir jetzt zwingen aber ich geweſen, zu bewa mich ihn Im müſſen u Das kein Hof Ma nicht ſch heit ſage wollte ic echalten. Erſt m Prelßen land die bald ein Frieden Truppe Cha⸗ weißen uß auf emach, die il ſterreich eine F⸗ demo⸗ und verzagt, und ſeine Miniſter wünſchen nichts ſehnlicher, als einen dauernden Frieden mit Frankreich. Seine Feldherren aber und Ge⸗ neräle fühlen eine ſo glühende Bewunderung für Napoleons Feldherrn talent, daß ſelbſt der Erzherzog Carl geſagt hat:„er würde es für einen Frevel halten, noch länger gegen Napoleon zu kämpfen, ſtatt um ſeine Bundesgenoſſenſchaft zu werben.“*) Er möchte Recht haben, ſagte der König, nur hätte er es ſtatt eines Frevels eine Unbeſonnenheit nennen ſollen. Ich weiß wohl, daß wir jetzt nicht mehr zurück können, daß die Gewalt der Umſtände uns zwingen wird, des Schwert aufzuheben und den Kampf zu wagen, aber ich verhehle mir nicht alle die großen Mißſtände und Gefahren, die es für Preußen hat, wenn es allein, ohne wirkſame und thätige Bundesgenoſſen, den Kampf unternimmt. Ich bin jahrelang bemüht geweſen, Preußen vor den Schreckniſſen und Uebelſtänden des Krieges zu bewahren, aber die Umſtände ſind ſtärker als ich und ich werde mich ihnen fügen müſſen! Im Gegentheil, die Umſtände werden ſich Eurer Majeſtät fügen müſſen und das Schickſal— Das Schickſal, unterbrach ihn der König haſtig, das Schickſal iſt kein Hof⸗Cavalier und es hat mir niemals ſonderlich geſchmeichelt. Majeſtät, ich wollte es machen wie das Schickſal, ich wollte auch nicht ſchmeicheln, ſagte Hardenberg lächelnd, ich wollte nur die Wahr⸗ heit ſagen. Das Schickſal ſcheint ſich uns geneigter zu erklären, das wollte ich ſagen. Ich habe Briefe von dem engliſchen Miniſter Fox erhalten. Der König Georg der Dritte, da er jetzt ſieht, daß Preußen Ernſt macht und ſich zum Kriege rüſtet, iſt jetzt einer Allianz mit Preußen geneigter. Das erſte günſtige Zeichen davon iſt, daß Eng⸗ land die Blokade der norddeutſchen Flüſſe aufgehoben hat; wir werden bald einen Abgeſandten Englands hier anlangen ſehen, um mit Preußen Frieden zu ſchließen und über eine Allianz zu verhandeln, die uns Truppen und Geld zuführt. *) Lebensbilder aus dem Befreiungskriege. 698 Möchte dieſer Geſandte bald kommen, ſeufzte der König, denn wir bedürfen Beides, der Hülfstruppen und des Geldes.*) Als nach einer langen Conferenz der Miniſter Hardenberg das Cabinet des Königs verließ, leuchtete ſein Antlitz vor innerer Befrie⸗ digung und mit raſchen Schritten eilte er hinunter zu ſeinem Wagen. Zum Prinzen Louis Ferdinand, befahl er dem Kutſcher. So ſchnell die Pferde laufen! Prinz Louis Ferdinand befand ſich eben inmitten ſeiner Freunde in ſeinem Muſikſaal, als der Miniſter Hardenberg eintrat. Er ſaß vor dem Flügel und phantaſirte. Seine Gedanken mußten heute einen erhabenen Schwung genommen haben, denn es war in der Muſik, die er den Taſten entlockte, ein Strom von Begeiſterung, Kraft und Gluth, und das edle Antlitz des Prinzen leuchtete wie in einer Ver⸗ zückung. Dicht neben ihm, das Haupt leiſe an ſeine Schulter gelehnt, ſaß Pauline Wieſel, des Prinzen ſchöne und geiſtvolle Freundin, und horchte mit lächelnden Purpurlippen und feuchten Blicken auf die ſchönen und ſchwungvollen Melodieen. In der Mitte des Saals befand ſich eine mit edlen Weinen und duftenden Südfrüchten beſetzte Tafel, und um dieſelbe ſaßen zwölf Herren, die meiſten von ihnen in der Uniform höherer Officiere, die andern in Civil. Es waren des Prinzen mili⸗ tairiſche und gelehrte Freunde, ſeine täglichen Geſellſchafter, die gleich Hardenberg immer das Recht hatten, unangemeldet bei ihm einzutreten. Der Miniſter winkte den Herren, welche ſich von ihren Sitzen erheben wollten, um ihn zu begrüßen, haſtig zu, ſitzen zu bleiben und eilte raſch und leiſe durch den Saal nach dem Prinzen hin, der ihm den Rücken zugewandt hatte und ſein Kommen nicht gewahrte. *) Der Geſandte Englands, Lord Morpeth, kam leider doch zu ſpät; erſt am 12. October langte er in Weimar, im Hauptquartier des Königs an. Aber die franzöſiſche Partei, Miniſter Haugwitz, Lombard und Luccheſini, wußten es zu verhindern, daß der Lord überhaupt nur eine Audienz bei dem König er⸗ Beſcheid ab: Die Unterhandlung hänge von langte und fertigten ihn mit dem dem Ausgang der Schlacht ab, die man eben ſchlage. Häuſſer: Deutſche Ge⸗ ſchichte II. 766. Mei jetzt iſt e Krie umarmer Wort ge Kri und ſtie Kri an des werde G Ne leuchten Schwäc iſt geko unſere echeben deutſche J Held ſe D gebe u und m Für de ule, und mi der K 1 zu jieh Napole werden und z von u mit fl denn das efrie⸗ agen. c einen ft und gelehnt, n, und ſchönen und ſich el, und niform n wili⸗ e gleich zutreten. Sitzen en und der ihm üt; erſt Vbet vußten es König er⸗ ünge von utſche Ge⸗ Mein Prinz, ſagte er, ihm leiſe die Hand auf die Schulter legend, jetzt iſt es entſchieden, wir werden Krieg haben! Krieg! jubelte der Prinz und er ſprang auf, um den Miniſter zu umarmen und einen Kuß auf die Lippen zu drücken, die ein ſo köſtliches Wort geſprochen. Krieg! riefen die Herren an der Tafel und ſie erhoben ihre Gläſer und ſtießen jubelnd an. Krieg? ſeufzte die ſchöne Pauline Wieſel, und indem ſie ſich leiſe an des Prinzen Schulter ſchmiegte, flüſterte ſie: Krieg, das heißt, ich werde Sie verlieren! Nein, das heißt, ich werde Alles gewinnen! rief der Prinz mit leuchtenden Augen. Ich beſchwöre Sie, Pauline, jetzt keine weibliche Schwäche, keine Empfindſamkeit, keine Thränen! Der große Moment iſt gekommen! Faſſen wir ihn groß auf! Endlich, endlich ſollen wir unſere Schmach ſühnen, endlich unſere gedemüthigten Häupter wieder erheben können und uns nicht ſchämen müſſen zu ſagen: ich bin ein deutſcher Mann! Jetzt wird Ew. Königliche Hoheit ſagen können: ich bin ein deutſcher Held! ſagte Hardenberg freundlich. Der Himmel gebe mir, daß Sie recht haben, rief der Prinz. Er gebe mir Gelegenheit, mir einen kleinen Lorbeerzweig zu verdienen, und müßte ich ihn auch ſühnen mit meinem Blut und meinem Leben. Für das Vaterland ſterben, iſt ein erhabener Tod, und wenn ich ſo falle, Pauline, ſo ſollſt Du nicht weinen, ſondern Jubelhymnen ſingen und mich ſelig preiſen! Wann, ſagen Sie doch, Freund, wann wird der Krieg beginnen? So ſchnell als es möglich iſt, die einzelnen Armeecorps zuſammen zu ziehen, erwiderte Hardenberg. Wir wiſſen mit Beſtimmtheit, daß Napoleon rüſtet, um uns anzugreifen und den Krieg zu erklären. Wir werden uns beeilen, ihm zuvor zu kommen. Preußen iſt zu vielfach und zu ſchwer beleidigt worden, die Herausforderung muß daher von von uns ausgehen. Und der Herr Bonaparte ſoll uns Revanche geben, rief der Prinz mit flammenden Augen. Es ſoll ein amerikaniſches Duell werden, nur — —— —— 700 mit dem Tode des Einen darf es enden! Freunde, nehmt Eure Gläſer und füllt ſie bis an den Rand! Auch Sie, Hardenberg, hier, dieſes Glas!. Pauline ſoll es Ihnen kredenzen! Nun laßt uns trinken auf Preußens Ehre, nun ruft mit mir: Es lebe der Krieg! Es lebe der Heldenſieg! Es lebe der Heldentod! Es lebe der Krieg! Es lebe der Heldenſieg! Es lebe der Heldentod! riefen die Freunde. Die Gläſer klirrten, die Augen der Männer leuchteten, aber Paulinens Augen waren feucht von Thränen.*)— Am Abend dieſes Tages begab ſich der König, wie gewöhnlich, zur Königin, um mit ihr den Thee einzunehmen, den ſie ihm ſelbſt ſervirte. Es war dies die Stunde, in welcher, der Frau Oberhof⸗ meiſterin zum Trotz, das königliche Paar alle Etiquette von ſich fern hielt, und in ganz bürgerlicher Herzlichkeit und Zwangloſigkeit mit einander verkehrte. Die Königin war daher ganz allein, als ihr Gemahl zu ihr eintrat. Keine der Hofdamen durfte ihnen den Genuß dieſer traulichen Thee⸗ ſtunde ſtören, nur wenn der König es wünſchte, durften die königlichen Kinder kommen, um mit ihren Eltern zu plaudern, und aus den Händen ihrer ſchönen Mutter ihr Abendeſſen zu empfangen. Die Königin ging ihrem Gemahl mit heiterm Liebesgruß entgegen und reichte ihm beide Hände dar. Nun? fragte ſie zärtlich. Noch immer eine Wolke auf Deiner Stirn? Komm, laß ſie mich fortküſſen. Sie erhob ſich auf ihren Fußſpitzen und lächelte, als ſie dennoch nicht im Stande war, zu der Stirn ihres Gemahls hinaufzureichen. Du mußt Dich zu mir neigen, ſagte ſie, ich bin zu klein für Dich. Nein, Du biſt groß und herrlich, und Du mußt Dich zu mir neigen, wie die Engel zu dem armen Sterblichen, ſagte der König. Ach, meine Luiſe, ich fürchte aber, ſelbſt Dein Kuß wird die Wolken nicht mehr von meiner Stirn verjagen. Haſt Du ſchlimme Nachrichten erhalten? fragte die Königin. Sind Deine Abgeſandten gekommen? *) Prinz Louis Ferdinand mußte ſeine heldenmüthige Begeiſterung mit dem Tode bezahlen. Er fiel in dem Gefecht bei Saalfeld am 10. Oetober 1806. le G Hardenbe bard's N an ſich. ſchließen, Dingen wartet, Rheinbun Herzog neutral den preu zu Ver — Oh hat Meck Ach Freundet zu ander ih jett mein Va e Mann, — entod! änner hnlich, ſelbſt erhof h fern it mit inttat. Ther⸗ glichen p 5 den Noch tküſſen. dennoch chen. Dich. zu mir Kömg. WVolken Sind mit dem 1806. 701¹ Sie ſind gekommen. Keine Hülfe von Oeſterreich! Das iſt Hardenberg's Nachricht. Kein norddeutſcher Bund! Das iſt Lom⸗ bard's Nachricht. Jeder verfolgt ſeine Sonderintereſſen und denkt nur ſich. Kurſachſen möchte gern ſelbſt einen ſächſiſchen Sonderbund ſchließen, Kurheſſen verſpricht uns beizutreten, wenn wir ihm vor allen Dingen eine bedeutende Gebietsvergrößerung zuſichern, Oldenburg wartet, was die Andern thun, Waldeck und Lippe haben Luſt ſich dem Rheinbund anzuſchließen, weil ſie dabei mehr Vortheil ſehen, und der Herzog von Mecklenburg⸗Schwerin hat ganz ſtolz geantwortet, er werde neutral bleiben; wenn er ſich in Gefahr befände, würde er dankbarlichſt den preußiſchen Schutz annehmen, aber jedes Anſuchen einer Leiſtung zur Verpflegung müſſe er entſchieden zurückweiſen.*) Oh, dieſe kleinlichen egoiſtiſchen Menſchen! rief die Königin ent⸗ rüſtet. Sie wagen es, ſich Fürſten zu nennen, und es iſt doch kein erhabener Gedanke und nichts von der Majeſtät des Geiſtes in ihnen. Böſe Saat wird ausgeſtreut durch den kleinlichen Sinn der Fürſten! Wehe Deutſchland und uns Allen, wenn ſie einſt aufgeht in den Herzen der Völker!— Aber von meinem Vater ſagſt Du mir nichts? Was hat Mecklenburg⸗Strelitz geantwortet? Es ſtimmt uns bei! Dein Vater iſt uns treu! Ach, aber er hat uns nur ein treues, großes Herz und tapfern Freundesrath zu geben, ſeufzte die Königin. Sein Land iſt zu klein zu anderen Hülfsleiſtungen. Oh, mein Gemahl, mein Herzblut gäbe ich jetzt darum, wenn ich eines mächtigen Königs Tochter wäre, und mein Vater Dir eine Armee zum heiligen Krieg entgegenführen könnte. Die Armeen der ganzen Welt wären mit auch nur Einem Tropfen Deines Herzblutes zu theuer bezahlt, ſagte der König. Dein Vater hat mir das Höchſte und Herrlichſte gegeben, was dieſe Erde trägt, ein edles, ſchönes Weib, eine hochherzige Königin! Dein Vater war der reichſte Fürſt, als er ſeine Tochter beſaß, ich bin der reichſte Mann, ſeit ich Dich beſitze D *) Häuſſer: gutſche Geſchichte II. 770. — — — ——— — — 702 Er ſchloß die Königin in ſeine Arme, und ſie lehnte ſich an ihn mit einem ſeligen Lächeln. Uebrigens, ſagte der König nach einer Pauſe, es giebt doch Einen deutſchen Fürſten, der treu zu uns hält, und das iſt der Herzog von Weimar. Der Freund Göthe's und Schiller's, rief die Königin. Der Herzog ſtellt uns ſein Jägerbataillon zur Verfügung und wird im Kriege ſein Commando übernehmen. Es kommt alſo jetzt zum Kriege? fragte die Königin freudig. Ja, es kommt zum Kriege, ſagte der König traurig. Du ſagſt das, und Du ſeufzeſt? rief Luiſe. Ja, ich ſeufze, ſagte der König. Ich bin nicht ſo glücklich wie Du und die Kriegsluſtigen, ich glaube nicht an die Unbeſiegbarkeit meines Heeres. Ich fühle, daß es nicht gut gehen kann! Es iſt eine unbeſchreibliche Verwirrung in allen Kriegsangelegenheiten, die Herren wollen das freilich nicht glauben, und behaupten, ich wäre noch zu jung und verſtände das nicht. Ach, ich wünſche von Herzen, daß ich Unrecht habe! Die nächſte Zeit wird es lehren!*) MI. Ein böſes Vmen. Das entſcheidende Wort war alſo geſprochen. Preußen wollte endlich das Schwert aufheben, es wollte endlich Rache nehmen für jahrelange Demüthigungen! Die Armee empfing dieſe Nachricht mit Jubel, und das Publikum benutzte jede Gelegenheit, um ſeine Kriegsbegeiſterung an den Tag zu 2 legen. Es verlangte im Theater die„Jungfrau von Orleans“ zu *) Des Königs eigene Worte. Siehe: Henckel von Donnersmark. ſehen, und nit begeiſ witz die Miniſter Alle Voraus e Armee de Einem h zum Frie bare Nie gefährde Die waren d Generäle ciere, G und Sch können d Und einander Rheinwei ſangen n dem dart von We ſiſchen( zu wetz We — ¹) *) Einen gon wird ich wie barkeit ſt eine Herren och zu daß ich wollte nen für 703 ſehen, und beantwortete jedes kriegeriſche und anfeuernde Wort Schiller's mit begeiſtertem Applaus. Es warf wieder einmal dem Grafen Haug⸗ witz die Fenſter ein, und brachte dem Prinzen Louis Ferdinand, dem Miniſter Hardenberg und den kriegsluſtigen Generälen eine Serenade. Alle Zeitungen glühten vor Siegesſtolz, und waren ſchon im Voraus entzückt über die glänzenden Schlachten, welche die preußiſche Armee dem Feinde abgewinnen würde. Am glücklichſten aber und ſtolzeſten waren die Officiere, welche in trunkener Freude ihr Haupt ſchon umkränzt ſahen von den Lorbeern, die ſie ſich in dem bevorſtehenden Kriege erwerben würden, und deren Stolz die Möglichkeit eines Unterliegens gar nicht ahnen wollte. Die Armee Friedrichs des Großen konnte nicht beſiegt werden, und nur vor Einem hatte man zu zittern, nur davor, daß es dennoch wieder nicht zum Kriege kommen möchte, und daß die unvermeidliche und unabweis⸗ bare Niederlage Bonaparte's noch einmal durch einen faulen Frieden gefährdet werde.*) Die alten Generäle aus den Tagen Friedrichs des Großen, das waren die Helden, an welche die Officiere glaubten.„Wir haben Generäle, die den Krieg verſtehen, ſagten die ſtolzen preußiſchen Offi⸗ ciere, Generäle, die von Jugend auf gedient haben; jene Schneider und Schuſter, die erſt durch die Revolution etwas geworden ſind, können vor ſolchen Generälen nur gleich davonlaufen.**) Und in der Begeiſterung ihrer kommenden Siege gaben die Officiere einander glänzende Abſchiedsfeſte, und tranken in Champagner und Rheinwein ein jubelndes Hoch auf die kommenden Schlachten, und ſangen mit muthigem Gebrüll die neuen Schlachtlieder welche Arndt dem deutſchen Volk gedichtet. Dann begeiſtert von Zukunftsträumen, von Wein und Liedern, gingen ſie Abends vor das Hötel des franzö⸗ ſiſchen Geſandten, um auf den Steinen vor ſeiner Thür ihre Klingen zu wetzen. Wozu aber Degen und Gewehre? riefen die Officiere zu den *) Varnhagens Denkwürdigkeiten I. 389, 390. **) Häuſſer: Deutſche Geſchichte II. 358. — — S Fenſtern des franzöſiſchen Geſandten hinauf, wenn die tapfern Preußen kommen, laufen die Franzoſen von ſelber; Knüppel reichten hin, um die Kerls wieder in ihr Land zurückzujagen.*) Aber es gab auch unter den Militairs und unter den Generälen uge und beſonnene Männer, welche die Befürchtungen des einige kl heilten, und die gleich ihm mit ernſtem und ſorgenvollem Blick Königs tl in die Zukunft ſchauten. Dieſe Beſonnenen kannten den Zuſtand des preußiſchen Heeres, und ſie wußten, daß es nicht mehr das des ſiebenjährigen Krieges war, und daß kein Friedrich der Große da war, um es anzuführen. Wohl gab es in der preußiſchen Armee noch viele Generäle und Officiere aus den Zeiten Friedrichs des Großen her, und dieſe waren natürlich kriegskundig und wohlerfahren. Aber auf ihnen laſtete das Alter und die Zahl der Jahre; das Alter hemmt die Thatenluſt und Und deſſenungeachtet glaubten ſie an ſich ſelber, die Jahre machen bequem. iegern Friedrichs des Großen, und waren überzeugt, daß ihnen, den Kr der Sieg treu bleiben müſſe, und daß für ſie eine Niederlage gar nicht denkbar ſei. Die Beſonnenen ſahen wohl mit Ehrfurcht auf dieſe Ruinen des den der große König aufgerichtet, aber ſie ſahen alten Prachtbaues, Sie ſahen, daß das preu⸗ doch, daß ſie morſch und verfallen waren. ßiſche Heer in vie Nicht blos die Führer waren zu — ober nicht ergraut im Krieg graut im Paradedienſt und in den Cantonirungen. Kriegsdienſt, ſondern nur den Kamaſchendien alt, auch die Soldaten waren ergraut, sdienſt und im Feldlager, ſondern er⸗ Sie verſtanden nicht ſ den heirathet und gingen mürriſch Kinder brodlos machte, weil er ihnen den Ernährer nahm. Außerdem war die preußiſche Armee noch ganz und gar in der und nichts von den Verbeſſerungen, welche die war in ſie aufgenommen. aft und ſchlecht; die t. Sie waren ver⸗ in den Krieg, der ihre Weiber und alten Kriegsverfaſſung, weit vorgeſchrittene Kriegskunſt erfunden, Die Bewaffnung der Infanterie war mangelh G 00 *) Biſchof Eylert: Friedrich Wilhelm III. Th. III. S len Dingen zurückgeblieben und unzulänglich war⸗ Ue nit G ihren 3 ihren I — V ſich jetz an der B D ein wu Augen. ſchönes noch tr — Dich a J und ſie will m M Jo ich ſo Hoffnu Stille ordnet. habe Stimn reußen , um nerälen Gopro eeres, e und waren tete das uſt und Großen, ar nicht ten des ergraul, dern er⸗ er nicht Ueberall in Berlin herrſchte eine frohe, kriegsmuthige Stimmung, mit Guirlanden und Kränzen waren alle Häuſer geſchmückt und in ihren Feſtgewändern wogten die Berliner durch die Straßen, um mit ihren Jubelſtimmen und Glückwünſchen die abziehenden Garden zu grüßen. Der König hatte ihnen ſo eben die Parade abgenommen und begab ſich jetzt zu ſeiner Gemahlin, um von ihr Abſchied zu nehmen und dann an der Spitze ſeiner Garden Berlin zu verlaſſen. Die Königin ging ihm mit einem ſtrahlenden Lächeln entgegen und ein wunderbarer Ausdruck von Freude und Glück leuchtete aus ihren Augen. Der König ſchaute mit einem wehmüthigen Ausdruck in ihr ſchönes erregtes Angeſicht und ihre heitere Freudigkeit machte ihn nur noch trüber. Du empfängſt mich mit einem Lächeln, ſagte er, und mein Herz iſt ſorgenvoll und traurig. Weißt Du denn nicht, weshalb ich zu Dir zu nehmen! Sie legte ihre beiden Hände auf ſeine Schultern und ihr ganzes Antlitz glänzte wie unter Sonnenſtrahlen. = — komme? Ich komme, um Abſchied von Dir Nein, ſagte ſie, Du kommſt, um mich abzuholen! Der König ſah ſie verwirrt und erſchrocken an. Wie denn, um Dich abzuholen? fragte er. Wohin willſt Du denn gehen? Jetzt ſchlang Luiſe ihre beiden Arme um ihres Gemahls Nacken und ſich an ihn ſchmiegend, rief ſie mit lauter, freudiger Stimme: Ich will mit Dir gehen, mein Gemahl! Mit mir? rief der König. Ja, mit Dir, ſagte ſie. Und glaubſt Du denn, mein Freund, daß ich ſo heiter und freudig hätte ſein können, wenn dies nicht meine Hoffnung und mein Troſt geweſen wäre? Ganz heimlich und in der Stille habe ich alle Vorkehrungen getroffen, Alles bereitet und ange⸗ ordnet. Jetzt bin ich reiſefertig, nichts hält mich mehr zurück. Ich habe Alles geordnet,— ich habe ſogar, ſetzte ſie leiſe und mit zitternder Stimme hinzu, ich habe ſogar ſchon Abſchied genommen von den Kin⸗ dern, und ich geſtehe Dir, es hat mich Thränen gekoſtet. Mein halbes Herz bleibt bei ihnen zurück, aber die andere, die größere Hälfte, die geht mit Dir und bleibt bei Dir, mein Freund, mein Geliebter und 45* ———— —— ——— — + —— 708 Herr! Willſt Du ſie zurückſtoßen? Willſt Du mir nicht geſtatten, Dich zu begleiten? Es iſt unmöglich, ſagte der König kopfſchüttelnd. Unmöglich? rief ſie raſch. Wenn Du, wenn der König es will! Der König darf es nicht wollen, Luiſe. Ich werde eine Zeitlang aufhören König zu ſein, und nur ein Soldat im Feldlager ſein. Wo iſt da Raum und Bequemlichkeit für eine! Königin? Wenn Du aufhörſt König zu ſein, ſagte Luiſe lächelnd, dann iſt die natürliche Folge, daß ich auch keine Königin mehr bin. Wenn Du nur noch ein Soldat biſt, nun, ſo bin ich eine einfache Soldatenfrau, und der ziemt es wohl, daß ſie ihren Mann ins Feldlager begleite. Oh, Friedrich, ſage nicht Nein, verſage mir nicht mein höchſtes Glück, mein höchſtes Recht! Haben wir nicht vor dem Altar Gottes geſchworen, Hand in Hand durch das Leben zu gehen, in Glück und Unglück treu und freudig an einander zu alten? Und jetzt willſt Du Deines Schwurs vergeſſen? Willſt unſere Wege trennen? Der Weg des Krieges iſt hart und rauh, ſagte der König trübe.. 8 8 8 8 Drum muß ich bei Dir ſein, um Dir zuweilen einige Blumen auf dieſen Weg zu ſtreuen, rief die Königin freudig. Ich muß da ſein, um nach den Tagen, die Du in Anſtrengung und Sorge durchlebſt, Dir zuweilen doch eine ſtille, friedliche Abendſtunde zu bereiten! Ich muß bei Dir ſein, um mich mit Dir zu freuen, wenn das Glück Dir leuchtet, um Dich zu tröſten, wenn das Unglück Dich heimſucht. Fühlſt Du denn nicht, mein Geliebter, daß wir Zwei ewig unauflöslich zu einander gehören, und daß wir unzertrennlich durch das Leben dahin ſchreiten müſſen, ſei's in Freuden, ſei's in Leiden? Ich darf nicht an mich denken, Luiſe, ſagte der König tiefbewegt, nicht daran, welch ein Genuß es für mich ſein würde, wenn ich in dieſen wildbewegten und ſtürmiſchen Tagen Dich, meinen Engel des Friedens und der Freudigkeit, an meiner Seite ſähe, ich darf nur an Dich denken, an die Königin, an die Mutter meiner Kinder, die ich keiner Gefahr ausſetzen darf, die ich bewahren möchte vor jeder rauhen Luft und vor jeder Sorge. Wenn ich nicht bei Dir bin, wird die Sorge mich verzehren, und der G ſchaftl würde Imme weiß, nicht abzuw die S Im 5 König das) Schm haſt ganze Liebe mehr drückt iebe hat! Nicht liebte erge hinde Han dicht ſchie des woren, ück treu Dnoa Deies gtrübe. men auf ſein, ſchlebſt, n Ich lic Dir Fihlſt Flich zu n dahin fbewegl⸗ der Gram wie ein Sturmwind mich umtoben! rief die Königin leiden⸗ ſchaftlich. Tag und Nacht würde ich keine Ruhe haben, denn immer würde mein Herz ſich zu Dir ſehnen und meine Seele um Dich ſorgen— Immer würde ich Dich vor mir ſehen, einer Perſon nicht wenn es gilt den Sieg zu erfechten, Die Kugeln ſchonen nicht das Haupt der Könige, und ab von ihrer geheiligten Geſtalt. weiß, nicht abzuwehren. die Schwerter gleiten nicht machtlos Im Kriege iſt der König nur noch ein Mann! daß ſie im Kriege auch nur ein Weib ſei, Dein Weib, welches hat, Dich zu pflegen, wenn Du verwundet wirſt, und Deine Königin, das Recht k Du wirſt D achten, Schmerzen und Sorgen mit Dir zu haſt D Sie ſchaute theilen. u den Muth, Dein Weib zu verſtoßen? ihn an mit thränenfeuchten flehenden Blicken, ihre verwundet, t ſchonen, Du wirſt Deines Lebens blutend, denn ich oder die Schmach Geſtatte alſo der Oh, mein Geliebter, ganze ſchöne und große Seele leuchtete in einem Ausdruck unendlicher Liebe aus ihrem Angeſicht. Der König, überwältigt, hingeriſſen von ihrem Anblick, hatte nicht Er zog ſie in ſeine Arme, und mehr die Kraft ihr zu widerſtehen. drückte einen langen glühenden Kuß auf ihre Stirn. Nein, ſagte er tiefbewegt, nein, Liebe zurückzuweiſen. hat! Wir wollen es Hand in Hand muthvoll und entſchloſſen ertragen. Nichts ſoll uns trennen, als der Tod! liebtes Weib, begleite mich, wohin ich auch gehe! , Möge geſchehen, ich habe nicht den Muth, Deine Komm, was Gott über uns verhängt meine Luiſe, mein ge⸗ Die Königin ſtieß einen Freudenſchrei aus, und des Königs Hand neigte ſie ſich über ſie, und drückte, bevor der König es hindern konnte, einen glühenden Kuß auf dieſelbe. Luiſe, was thuſt Du? rief König der faſt beſchämt, Du— Lautes Geſchrei, das von der Straße her ertönte, unterbrach ihn. Hand in Hand eilte das königliche Paar an das Fenſter. Drüben vor dem Haupt-Portal des Zeughauſes hatte ſich eine dichte Menſchenmenge gebildet, ſchreiend und in wilder Neugierde ſchienen ſie alle um einen Gegenſtand ſich zu drängen, der in der Mitte des größten Gewühls ſich befand. 710 Irgend ein Unglück mußte da drüben geſchehen ſein. Vielleicht war ein Menſch, vom Schlag getroffen, todt nieder gefallen, vielleicht war eine Mordthat verübt, denn die Geſichter der Menſchen da drüben waren bleich und entſetzt, ſie ſchlugen verwundert die Hände zuſammen, und ſchüttelten ſorgenvoll ihre Häupter. Der König klingelte haſtig und befahl dem eintretenden Kafner⸗ diener, ſofort hinüber zu gehen zu dem Zeughaus und zu ſehen, was es gäbe. Nach wenigen Minuten ſchon kehrte er athemlos und keuchend zurück. Nun, rief der König ihm entgegen, iſt ein Unglück geſchehen? Ja, Majeſtät, aber es hat keinen Menſchen betroffen! Die Statue der Bellona, welche über dem Portal des Zeughauſes ſtand, iſt plötzlich vom Giebel herunter auf das Steinpflaſter gefallen. Sie iſt zerſchmettert worden? fragte die Königin, deren Wangen erbleicht waren. Nein, Majeſtät, aber ihr rechter Arm iſt gebrochen! „ 2 Der König winkte ihm hinaus zu gehen, und ging ſinnend auf und⸗ ab. Die Königin war wieder an das Fenſter getreten, und ihre gen Himmel gewandten Blicke waren von Thränen umdüſtert. Nach einer langen Pauſe näherte ſich ihr der König wieder. Auiſe, ſagte er leiſe, willſt Du noch mit mir gehen? Es iſt ſonnenhelles Wetter, kein Lüftchen regt ſich, und die Statue der Bellona fällt von dem Giebel unſers Zeughauſes und bricht ſich den Arm. Das iſt ein böſes Omen! Willſt Du Dich nicht davon warnen laſſen? Die Königin reichte ihm ihre Hand dar, und ihre Augen ſtrahlten ſchon wieder in Liebe und Freudigkeit. Wo Du bleibſt, ſagte ſie freudig, da bleibe ich! Dein Leben iſt mein Leben, und Dein Unglück iſt mein unglück. Ich fürchte die böſen Omen nicht!*) *) Noch ein anderes böſes Omen geſchah an dieſem Tage. Der Feldmar ſchall von Möllendorf, der mit den Truppen ausmarſchiren ſollte, fiel, als ſeine Diener ihn auf der linken Seite auf das Streitroß gehoben, auf der rechten wieder herunter. Siehe: F. Förſter, Neuere und neueſte preußiſche Geſchichte. D Berge mit le die Hi 2 angels ſtädt ſich d Herzo Hoher v erreich hei S einen 5 gerten Brodn doch 1 dem e Hung Sieg, vor der Fran eilent treter mer⸗ „was zurück. n Statue ötzlich angen rechten zeſchichte. MI. Vor der Bchlacht bei Zena. Der Abend war angebrochen. Ein kalter düſterer Abend. Die Berge des thüringer Waldes zeigten rings am Horizont ihre Häupter mit leuchtendem Schnee bedeckt, und ein ſchneidender Wind heulte über die Höhen und Thäler hin. Die preußiſche Armee ſchien nun endlich am Ziel ihrer Wanderung angelangt, und hier auf den Höhen und Thälern von Jena und Auer⸗ ſtädt mußte der große Völkerſtreit ſich entſcheiden, denn hier befand ſich die preußiſche Armee der franzöſiſchen endlich gegenüber. In Auerſtädt lagerte die Hauptarmee mit dem Oberfeldherrn, dem Herzog von Braunſchweig, dem König und dem Generalſtab. Bei Jena befand ſich die tleinere Armee mit dem Fürſten von Hohenlohe an der Spitze. Immer noch zweifelte man nicht, daß Preußen ſein großes Ziel erreichen, daß es Napoleon beſiegen werde. Das unglückliche Gefecht bei Saalfeld, und der Tod des Prinzen Louis Ferdinand hatte wohl einen Moment das Vertrauen getrübt, aber nicht erſchüttert. Die Preußen froren zwar, denn ſie hatten keine Mäntel, ſie hun⸗ gerten zwar, denn ſie hatten in den letzten Tagen wegen eingetretenen Brodmangels nur halbe Portionen bekommen, aber ihre Herzen waren doch noch unverzagt, und ſie ſehnten ſich nur nach dem Einen: nach dem entſcheidenden Kampf. Die Entſcheidung mußte jedenfalls ihrem Hunger ein Ende machen, entweder durch den Tod, oder durch den Sieg, der ihnen Magazine und Vorräthe öffnen mußte. Die preußiſchen Truppen, die bei Jena lagerten, ſtanden ruhig vor ihren Zelten und plauderten unter einander von den Hoffnungen der nächſten Tage, und erzählten ſich, daß Bonaparte mit ſeinen Franzoſen, ſobald er gehört, daß die Preußen ſchon bei Jena ſtänden, eilends wieder von Weimar aufgebrochen ſei und den Rückmarſch ange⸗ treten habe nach Gera hin. 712 Dann wird es alſo noch länger dauern, bis wir den Franzoſen packen können, riefen einige Soldaten. Dachten, wir hätten ihn endlich ſicher und er könnt' uns nicht mehr entſchlüpfen, und nun, da er uns wittert, findet er doch noch ein Mauſeloch, wo er hinausſchlüpfen kann. Aber wir wollen ihm dies Mauſeloch auch noch verſtopfen, ſagte eine mächtige Stimme neben ihnen, und wie die Soldaten ſich erſchrocken umwandten, ſahen ſie ihren Feldherrn, den Fürſten von Hohenlohe, der mit ſeinen Adjutanten durch das Lager ſchreitend, eben bis zu ihnen gelangt war. Die Soldaten machten Front und begrüßten ehrfurchtsvoll den Feldherrn, der links und rechts freundlich ſeine Grüße nickte. Ihr wäret es alſo zufrieden, wenn wir den Franzoſen bald gegen⸗ über ſtänden? fragte er die Soldaten, deren Geſpräch er belauſcht hatte. Ja, wir wären's zufrieden, riefen ſie, es ſollt' ein Feſttag für uns ſein! Nun, dazu kann bald Rath werden, ſagte der Fürſt lächelnd, indem er vorwärts ging. Es lebe der Fürſt von Hohenlohe! jubelten die Soldaten ihm nach. Der Fürſt ſchritt weiter, überall Grüße gebend und Grüße empfangend, überall Jubel verbreitend, wenn er verſprach, daß es nun bald zur Schlacht kommen, daß man bald die Franzoſen be⸗ ſiegen werde. Jetzt blieb er vor den Grenadieren ſtehen, die ſich in Reih und Glied vor ihm aufgeſtellt hatten. Kinder, ſagte er laut und freudig, die ſchwerſte Arbeit werde ich für Euch aufſparen. Wenn es Noth thut, müßt Ihr mit dem Ba⸗ jonnet drauf gehen, und ich weiß, Ihr werdet den Feind werfen, wo Ihr ihn trefft. Nicht wahr, Ihr thut das? Ja, wir thun es, brüllten die Grenadiere, ja, wir thun's gewiß! Wenn's nur erſt ſo weit wäre! Es wird bald genug ſo weit kommen, rief der Fürſt, und indem er die Reihen hinunter ſchritt, fragte er einen hochgewachſenen, breit⸗ ſchultrigen Grenadier: Nun, wie viel Franzoſen nimmſt Du denn auf Dich? 2 2 — 5 auf ei 2 Gege nigen an ſ Haup höchſt könne mein dorf tiefe der nit d und Tog daß die jiehe ſchre nzoſen endlich er uns kann. ſagte rocken nlohe, bis zu M den gegen⸗ t hatte. tag für ichelnd, m nach. Grüße daß es ſen be⸗ eih und m Ba⸗ en, wo wiſil gewiß indem breit⸗ u deul Fünf! ſagte der Grenadier. Und Du? fragte der Fürſt einen andern Grenadier. Dreil ſagte dieſer. Ich thu's nicht unter ſieben Franzoſen, ſchrie ein Dritter. Ich nicht unter zehn! jubelte ein Vierter.*) Der Fürſt lachte und ſchritt weiter durch das Lager hin. Dann, als die Nacht hereingebrochen, ritt er mit ſeinem Stabe auf einen Hügel bei Kapellendorf, wo er ſein Hauptquartier hatte. Von dem Hügel aus überſchauete er mit ſpähendem Blick die Gegend, wo der Feind ſtand, deſſen Lager nur hier und dort von we⸗ nigen Lichtern und Feuern bezeichnet waren. Wir werden morgen nichts zu thun haben, ſagte der Fürſt, ſich an ſeine Officiere wendend. Wie es ſcheint, wird die franzöſiſche Hauptarmee ſich nach Leipzig und Naumburg wenden. Wir werden höchſtens morgen kleine Scheingefechte haben, weiter nichts. Wir können alſo ruhig ſchlafen gehen und unſere Soldaten auch. Gute Nacht, meine Herren! Und der Fürſt ritt mit ſeinen Adjutanten hinunter nach Kapellen⸗ dorf zu ſeinem Quartier, um zu Bett zu gehen und zu ſchlafen. Eine Stunde ſpäter herrſchte im preußiſchen Lager bei Jena eine tiefe Stille. Die Soldaten ſchliefen, und auch ihr Feldherr ſchlief. Und tiefe Stille herrſchte auch im preußiſchen Lager zu Auerſtädt; der König hatte noch ſpät am Abend einen Kriegsrath gehalten, und mit dem Herzog von Braunſchweig, dem Feldmarſchall von Möllendorf und den übrigen Generälen berathen, was die Armee am nächſten Tage zu thun habe. Das Reſultat dieſer Berathung war geweſen, daß für den morgenden Tag an eine Schlacht nicht zu denken ſei, daß die Armee alſo ruhig vorwärts rücken, dem Feinde, der ſich zurück zu ziehen ſcheine, nachgehen und ihn verhindern ſolle, über die Saale zu ſchreiten. Damit war der Kriegsrath beendet, und der Herzog von Braun⸗ *) F. Förſter: Neuere und neueſte preußiſche Geſchichte, I. 753. ———————— —— — —— — — 714 — ſchweig eilte in ſein Quartier, um, gleich dem Fürſten von Hohenlohe, ſein Lager zu ſuchen und zu ſchlafen. Eine Stunde ſpäter herrſchte auch im preußiſchen Lager bei Auer⸗ ſtädt eine tiefe Stille. Der Herzog von Braunſchweig ſchlief, und die Soldaten ſchliefen auch. Nur der König wachte. Traurigen Herzens und trüben Angeſichts ging er in ſeinem Zelt auf und ab. Er fühlte ſich grenzenlos einſam und allein, denn ſeine Gemahlin war nicht mehr neben ihm. Sie hatte heute, unter heißen Thränen den Bitten ihres Gemahls nachgebend, das Hauptlager ver⸗ laſſen und ſich nach Naumburg gewendet. Der König hatte ſie gebeten, zu gehen, aber ſein Herz war ſchwer, und als er endlich ſpät in der Nacht ſein Lager ſuchte, kam doch kein Schlaf in ſeine Augen. Um dieſelbe Zeit, während das preußiſche Heer und ſeine Feld⸗ herren ſchliefen, leuchtete unfern von den Schlafenden ein wunderbares Bild auf, und ein ſeltſamer Zug kam daher über die Haide, unfern von Jena. Rings umher Stille, Dunkelheit und Nebel, und plötzlich theilten ſich die Nebel und man ſah zwei Fackelträger mit ernſten Geſichtern, in ihrer Mitte auf einem weißen Roß einen Reiter in grünem Ober⸗ rock mit weißen Aufſchlägen und auf dem Haupt ein kleines dreieckiges Hütchen. Der Fackelſchein beleuchtete ſein bleiches Angeſicht, ſeine Augen flammten wie die eines Adlers, und ſchienen den Nebeln ge⸗ bieten zu wollen, daß ſie fielen, damit er ſchauen könnte, was ſie ihm verborgen. Seitwärts von dieſem Reiter tauchten, wenn die Fackeln höher aufflammten, zwei andere Reitergeſtalten in blitzenden Uniformen empor, aber ihre Augen ſuchten nicht den Nebel, ſondern nur das Antlitz des ſtolzen Reiters neben ihnen zu ergründen, und auf ihm nur ruhten ihre Blicke, nur auf dieſem bleichen Nachtgeſicht, auf welchem dennoch die Sonne von Auſterlitz ſtrahlte. Während die preußiſche Armee mit ihren Feldherren ſchlief, wachte Napoleon und ordnete in ſeinen Gedanken die kommende Schlacht. Der Poſtmei die Me D wo er jüngſt H Auerſti N wo er trag v 2 ſein langt, Seite, hinüb Dorn hin. langſa muthl umz Aber Soba berg ſie w könne flam ihrer berr 715 Poſtmeiſter von Jena und der General Denzel waren ſeine Fackelträger; die Marſchälle Lannes und Soult ſeine Begleiter. Der Kaiſer Napoleon prüfte in der Stille der Nacht das Terrain, wo er morgen den Preußen eine Schlacht abgewinnen wollte, wie er jüngſt den Oeſterreichern eine Schlacht abgewonnen hatte. Oeſterreich hatte ſein Auſterlitz gehabt,— Preußen ſollte ſein Auerſtädt und Jena haben. Napoleon hatte ſeinen Plan gemacht,— morgen war der Tag, wo er Rache nehmen wollte an dem König von Preußen für den Ver⸗ trag von Potsdam und für das Bündniß mit Rußland. Am Fuß des Berges von Jena angelangt, hielt der Kaiſer jetzt ſein Pferd an und ſtieg ab, um zu Fuß hinaufzugehen. Oben ange⸗ langt, ſtand er lange ſchweigend da, die Fackelträger ſtanden ihm zur Seite, die beiden Marſchälle neben dieſen. Des Kaiſers Blick ſchweifte hinüber zu den Bergen und weilte beſonders lange auf den Höhen des Dornbergs, an dem er vorher vorübergeritten war. Der Berg lag dunkel und ſtill da, ein einſamer, ſchlafender Rieſe. Der Kaiſer hob den Arm empor und deutete auf den Dornberg hin. Die Preußen haben die Höhe verlaſſen, ſagte er, ſich mit einer langſamen Kopfbewegung zu dem Marſchall Lannes hinwendend, ver⸗ muthlich ſcheuten ſie die kalte Nachtluft und ſind ins Thal gegangen, um zu ſchlafen. Sie meinen, wir werden ihnen Ruhe dazu gönnen. Aber ſie ſollen ſich ſchauderhaft getäuſcht haben, die alten Perrücken!*) Sobald die Nebel tiefer herabgeſunken ſind, laßt die Höhen des Dorn⸗ bergs von den Scharfſchützen beſetzen, damit ſie den Preußen, wenn ſie wieder hinauf marſchiren wollen, ihren Morgengruß darbringen können!— Er wandte wieder den Blick hinunter in das Thal; plötzlich flammten ſeine Augen höher auf und ſchienen mit ihrer Gluth und ihrem Feuer die Nacht und die Dunkelheit durchbohren zu wollen. Was iſt das dort unten im Thal? fragte er haſtig. *) Napoleons eigene Worte. Ils se tromperont tormidablement ces vieux perruques, waren ſeine Worte. 716 Die Fackelträger ſenkten ihre Fackeln tiefer; der Kaiſer und die Marſchälle ſchauten prüfend hinab auf dieſen langen, dunkeln Streifen, der ſich da unten in der Mitte des Hohlweges hinzog, hier und da beleuchtet von einem gelben, matten Licht, das aus wandelnden Laternen zu leuchten ſchien. Napoleon wandte ſich mit einem zornflammenden Blick zu Lannes hin. Sein Antlitz war bleich, ſeine rechte Schulter zuckte, ein Zeichen ſeines höchſten Zorns. Es iſt die Artillerie Deiner Diviſion, ſagte er. Sie hat ſich im Hohlweg feſtgefahren. Wenn ſie dort ſtecken bleibt, iſt die morgende Schlacht verloren! Komm! Und mit beflügelten Schritten eilte er den Berg hinunter, ſo un⸗ aufhaltſam und eilig, daß die Fackelträger und die Marſchälle ihm kaum zu folgen vermochten. Wie eine Geiſtererſcheinung, mit blitzenden Augen, mit zornigem, bleichem Angeſicht tauchte ſeine Geſtalt plötzlich aus der Dunkelheit vor den Kanonieren auf, welche ſich vergeblich bemühten, die feſtge⸗ fahrenen Stücke, die ſich tief in den Sand gebohrt hatten, wieder in Bewegung zu ſetzen. Hinter ihnen war die ganze Reihe der Kanonen und Munitionswagen ins Stocken gerathen, von den vordern feſtge⸗ fahrenen Kanonen aufgehalten, drängten ſie, das Hinderniß nicht ahnend, vorwärts; eine unbeſchreibliche Verwirrung, ein allgemeines Feſtſitzen mußte eintreten, wenn nicht ſchnelle und energiſche Hülfe kam. Aber die Hülfe kam, denn Napoleon war da. Mit lauter Stimme rief er nach dem General⸗Commandanten der Artillerie; drei Mal wiederholte er den Ruf, jedes Mal war ſeine Stimme drohender und ſein Antlitz bleicher. Aber der Gerufene erſchien nicht. Der Kaiſer ſagte kein Wort, nur ſeine rechte Schulter zuckte und ſeine Augen ſprühten Flammen. Mit lautem Commandowort rief er ſämmtliche Kanoniere zu ſich und befahl ihnen, ihre Werkzeuge zu nehmen und die Stangenlaternen anzuzünden. Die erſte angezündete Stangenlaterne nahm der Kaiſer ſelbſt in der Hand. Jetzt die Hacken und die Schaufeln genommen, befahl er. Wir niſſen ſott w E rann k ging k unverz Hand 3 Schau dieſes Marn einen Hand Kano voll und gende wach ſeine Gitft und die treifen, und da aternen Lannes Zeichen bleibt, ſo un⸗ ille ihm e feſtge⸗ iedet in tanonen feſtge⸗ ahnend, Feſſſitzn nlaternen ſelbſt in er. Wir —— 715 müſſen den Hohlweg breiter ausgraben, damit die Kanonen wieder flott werden. Es war eine ſchwere und anſtrengende Arbeit. Den Kanonieren rann der Schweiß in dicken Tropfen über die Stirn und ihr Athem ging keuchend aus ihrer Bruſt hervor. Aber ſie arbeiteten muthig und unverzagt, denn der Kaiſer ſtand neben ihnen mit der Laterne in der Hand und er leuchtete ihnen zu ihrem ſchwierigem Werk. Zuweilen hielten die Kanoniere inne und lehnten ſich auf ihre Schaufeln, aber nicht um zu ruhen, ſondern mit ſtaunenden Blicken dieſes wunderbare Bild anzuſchauen, dieſen Mann mit dem bleichen Marmorangeſicht und den funkelnden Augen, dieſen Kaiſer, der ſich in einen Artillerie-Officier verwandelt hatte und mit der Laterne in der Hand ſeinen Kanonieren leuchtete.*) Erſt als die Wagen und Kanonen, Dank der rüſtigen Arbeit der Kanoniere, ſich wieder in Bewegung geſetzt hatten, verließ der Kaiſer den Hohlweg und kehrte in ſein Bivouac zurück. Haſtig und gedanken⸗ voll nahm er ſein Abendmahl ein, dann berief er alle ſeine Generäle und ertheilte ihnen klar und ruhig wie immer ſeine Befehle zur mor⸗ genden Schlacht. Und jetzt wollen wir ſchlafen, damit wir morgen um vier Uhr Alle wach ſind! ſagte der Kaiſer, indem er mit einem freundlichen Lächeln ſeine Generäle verabſchiedete. Wenige Minuten ſpäter herrſchte rings umher tiefe Stille; der Kaiſer lag auf ſeinem Strohlager und ſchlief; Rouſtan ſaß in einiger Eutfernung und ſeine dunkeln Augen ruhten auf ſeinem Herrn mit dem Ausdruck eines treuen wachſamen Bernhardinerhundes. Die Flammen des Nachtfeuers hüllten, wenn ſie höher aufflackerten, die ganze Geſtalt des Kaiſers wie in eine Glorie ein und wenn ſie wieder zuſammen⸗ ſanken, fielen die Schatten der Nacht wieder über dieſelbe hin.— Vier Schildwachen gingen in gleichmäßigem ruhigem Tact neben dem Bivouac des Kaiſers auf und ab. *) Mémoires du Duc de Rovigo. II. 278 718 Der Morgen dämmerte herauf; der Morgen des vierzehnten Oktober 1806. Die Preußen lagen noch immer in ihren Lagerzelten und ſchliefen. — Aber die Franzoſen wachten, und an ihrer Spitze der Kaiſer! „—„—„ Um vier Uhr ſtanden, wie Napoleon es be ohlen, die zum erſten 8 „ 5 ie 1 Angriff beſtimmten Diviſionen unter den Waffen. n Der Kaiſer auf ſeinem Schimmel ſprengte heran; ein ungeheurer 3 Jubel empfing ihn. 1 Es lebe unſer kleiner Corporal! Es lebe der Kaiſer! tönte es 6 Meuble 3 jauchzend vieltauſendſtimmig ihm entgegen. 4 Der Kaiſer lüftete ein wenig ſeinen Hut und dankte den Soldaten. ¹ mit einem Lächeln, das wie ein warmer Sonnenſtrahl in alle Herzen i ſchien. Dann winkte er ihnen mit erhobener Rechten zu ſchweigen, 6 6 und durch die Stille des Herbſtmorgens ertönte jetzt ſeine volle mächtige it ¹ Stimme. inen w Soldaten, rief er mit ſeinem kurzen, gebieteriſchen Herrſcherton, h Soldaten, die preußiſche Armee iſt abgeſchnitten, wie die des Generals eber Mack zu Ulm vor einem Jahre. Dieſe Armee kämpft nur noch, um helbrau ſich durchzuſchlagen, und ihre Verbindungen wieder zu gewinnen. käppche Das Corps, welches ſich durchbrechen läßt, entehrt ſich. Fürchtet dieſe mnernd berühmte Cavallerie nicht; ſetzt ihr geſchloſſene Vierecke und das Bajonet Vo entgegen! und au Es lebe der Kaiſer! Es lebe der kleine Corporal! tönte es jubelnd Di wieder von allen Seiten. Der Kaiſer nickte lächelnd und ſprengte Rorg; weiter, um hier und dort ſeine Befehle zu ertheilen und die Soldaten Sei anzureden. Lagu Es war ſechs Uhr Morgens; die Preußen ſchliefen noch immer! die ihm Aber jetzt donnerten die erſten Kanonenſchüſſe; ſie weckten die ſchlafen⸗ nahen( den Preußen. All Karbeit die aus Weltgeſ 3 und hat zehnten chliefen. erl Der deutſche Philoſoph. nerſten Tiefe Stille herrſchte in dem kleinen Stübchen; Bücher lagen und eheurer ſtanden rings umher in den Schränken an der Wand, auf den Tiſchen und an der Erde, und machten faſt den einzigen Schmuck dieſes Zimmers it i aus, in dem ſich nur wenige und ganz auf den Bedarf beſchränkte Meubles befanden. Soldaten Es war das Zimmer eines deutſchen Gelehrten, eines Profeſſors herſ er weitberühmten Univerſität Jena. 3 Er ſaß dem eichenen Tiſch und w nijig Schreiben beſchäftigt. Seine mittelgroße Geſtalt war eingehüllt in einen weiten Schlafrock von grünem Seidenzeug, verbrämt mit ſchwarzem Pelzwerk, das hier und da einige defecte und abgenutzte Stellen zeigte. Ueber ſeiner hohen gedankenreichen Stirn, welche nur von wenigem hellbraunem Haar beſchattet war, ſaß ein kleines grünes Sammet⸗ käppchen, in ſeiner Form an die Mütze des gelehrten Melanchton er— innernd. Vor ihm auf dem Tiſch lagen eine Menge engbeſchriebener Blätter, und auf dieſen ruhte das Auge des Gelehrten, des Philoſophen. Dieſer Gelehrte in dem einſamen Stübchen, dieſer Philoſoph war Georg Friedrich Wilhelm Hegel. Seit zwei Tagen hatte er ſein Zimmer nicht verlaſſen, ſeit zwei Tagen hatte Niemand zu ihm eintreten dürfen, als die alte Aufwärterin, die ihm ſchweigend und leiſe den Tiſch deckte, und ihm das aus der immer! nahen Garküche geholte Mahl hinſetzte. Allem Aeußerlichen und Irdiſchen abgewandt, hatte der Philoſoph gearbeitet und gedacht, und nichts gehört als die Stimmen der Geiſter, die aus ſeinem eigenen Geiſt zu ihm ſprachen. Draußen war die Weltgeſchichte mit ehernem Schritt über das Schlachtfeld gegangen, und hatte ihre Thaten vollbracht, hier drinnen in dem Zimmer des Philoſophen hatte der Weltgeiſt ſeine große Idee enthüllt und vollfi— 720 Am vierzehnten Oktober und in der Nacht vom vierzehnten auf Muſchen den funfzehnten Oktober vollendete Hegel ſeine Phänomenologie des un F Ri Geiſtes, ein Werk, durch das er den kühnen Bau der philoſophiſchen Hegel ußt Idee vorbereiten wollte, in welchem er ſeinen erſten Gang durch dieſ hatte judem S Catacomben des conſtruirenden Geiſtes mit hallenden Prophetenſchritten hinge. zurückgelegt. hier in Pa Für ihn ruhte alle Macht und alle Kraft der Wirklichkeit nur in du Poſtmeiſter! dieſer Idee, die er in dem Schweiß ſeiner hohen Denkerſtirn zu be Pegangen“ gründen ſtrebte,— über der Idee hatte er die Wirklichkeit vergeſſen! Der Poſtmei Jetzt hatte er ſein Werk vollendet, jetzt hatte er das letzte Won ch nicht abgega Feſchrieben; die Feder entſank ſeinen Händen, die ſich auf ſein Me Zetzt wur es nuſcript, wie zum ſtillen Segnen, ausbreiteten. Sie wird nie Sein Haupt, welches bis jetzt geneigt geweſen, richtete ſich empo Es ſt umi und ſeine blauen Augen voll Milde und Tiefe wandten ſich zu Es ſind keine Pf Himmel mit einem ſtummen Gebet um Gedeihen für ſein Werk. S„ 4tiſt grenzinl ſchönes aber geiſtvolles Antlitz leuchtete von Energie und Entſchloſſe 1 Vas ſſt den heit; der Philoſoph war ſich des Kampfes bewußt, den ſein Werk in WVie? Sie dem Reich der Geiſter hervorrufen würde, aber er fühlte ſich gewappn en Profeſor? und bereit, dieſen Kampf zu beſtehen. Nts weiß i Das Werk iſt vollbracht, rief er laut und freudig, möge es jetz Sie hien v hinausgehen in die Welt! öhem Stutinim Er ſchlug haſtig ſein Manuſeript zuſammen und machte ein Packe Ah habe w daraus, das er verſiegelte und adrkſſirte. Rhört, ber iche Dann ſah er nach der Uhr. Pas hat ez 5 Acht Uhr, murmelte er leiſe, wenn ich mich eile, kann die Poſt heute Eine Schu noch mein Manuſcript mitnehmen. g Eine Schle Er warf ſeinen Schlafrock ab und kleidete ſich an. Dann nahmſſt bei wua, die er ſein Manuſcript und ſeinen Hut, und eilte hinunter auf die Straße, ſe nichtz hnt der Poſt zu. Sein nach innen gekehrter Blick ſah weder die unge⸗ſſaben ſie cteit: wöhnliche Bewegung auf der Straße, noch die traurigen Geſichter ſehört. der Vorübergehenden, er dachte nur an ſein Werk, nicht an dih und wer ha Wirklichkeit. Ver W Jetzt trat er in die Poſt ein, alle Thüren waren offen, al ſur Paſtmiſer eſprengt in thl Mühltach Napolen let e nten auf anomenolvaie es philoſo hen kannd die unge traurigen t nicht an du offen, al Geſichter Menſchen ſtanden plaudernd umher, Niemand ſaß hinter dem Bureau um zu arbeiten, und die Briefe in Empfang zu nehmen. Hegel mußte daher zu dem Poſtmeiſter, der ihn gar nicht bemerkt hatte, Jondern ſich laut und angelegentlich mit einigen Herren unterhielt, hingehen. Hier ein Packet für die Poſt nach Bamberg, ſagte der Philoſoph, dem Poſtmeiſter ſein Packet darreichend. Die Poſt iſt doch noch nicht öbgegangen? Der Poſtmeiſter ſtarrte ihn verwundert an. Nein, ſagte er, ſie iſt nicht abgegangen, und ſie wird auch nicht abgehen. Jetzt war es an dem Philoſophen, ſich zu verwundern. Sie wird nicht abgehen? fragte er. Weshalb denn nicht? Es iſt unmöglich in der allgemeinen Verwirrung und Aufregung. Es ſind keine Pferde und keine Menſchen da. Das Entſetzen und die t iſt grenzenlos. 1 Was iſt denn geſchehen? fragte der Philoſoph leiſe. Wie? Sie wiſſen alſo nichts von dieſen ungeheuerlichen Dingen, och err Profeſſor? rief der Poſtmeiſter entſetzt. Nichts weiß ich, ſagte der Philoſoph ſchüchtern, und faſt beſchämt. Sie haben vielleicht auch den Donner der Kanonen gar nicht in Ihrem Studirzimmer gehört? Ich habe wohl zuweilen ein dumpfes und anhaltendes Geräuſch gehört, aber ich geſtehe, daß ich nicht weiter darüber nachgedacht habe. Was hat es denn gegeben? Eine Schlacht hat es gegeben, rief der Poſtmeiſter, und wenn ich ſage, Eine Schlacht, ſo meine ich eigentlich zwei Schlachten; die eine iſt bei Jena, die andere bei Auerſtädt geſchlagen, aber bei Jena haben ſie nichts geahnt von der Schlacht bei Auerſtädt, und dort drüben haben ſie ebenſo wenig, wie der Herr Profeſſor, die Kanonen von Jena gehört. Und wer hat die Schlacht gewonnen? fragte Hegel theilnahmsvoll. Wer anders als der Weltenbezwinger, der Kaiſer Napoleon! rief der Poſtmeiſter. Die Preußen ſind geſchlagen, ruinirt, auseinander geſprengt; in tollſter Flucht rennen ſie auf der Landſtraße umher, und Mühlbach, Napoleon I. Bd 46 ——————————— „ wenn ſie zwei Franzoſen daher ſprengen ſehen, werfen hunderte vo Preußen ihre Waffen fort und flehen um Pardon. Die ganze preu ßiſche Armee iſt auseinandergeplatzt, wie eine Seifenblaſe. war immer mitten im Gefecht, er wollte den Tod ſuchen, da er ſah, daß Alles verloren war; aber der Tod wollte ihn nicht finden. Zwei Pferde ſind ihm unter dem Leib erſchoſſen worden, aber ihn hat keine Kugel und kein Hieb getroffen. Jetzt iſt er auf der Flucht, aber di Ftſe ſind hinter ihm her. Gott gebe, daß er ihnen entgeht! Oberfeldherr, beide Augen ſind ihm ausgeſchoſſen. Der Kövig e Oh, es iſt ein entſetzliches Miß⸗ geſchick! Preußen iſt verloren und Weimar auch, denn der Kaiſer Napoleon wird's unſerm Herzog nimmer vergeben, daß er, ſtatt ſich dem Rheinbund auzuſchließen, ſich zu Preußen gehalten, und gegen Frankreich gekämpft hat. Unſer armes Land wird es entgelten müſſen!„ Hegel hatte dem geſprächigen Mann mit trüben Blicken zugehört, und ſeine Züge waren immer düſterer und ernſter geworden. Er fühlte ſich wie von einem Schwindel erfaßt, es lag wie eine Centnerlaſt auf. ſeiner Bruſt. Er grüßte den Poſtmeiſter Nicken Hauptes und ging wieder hinaus auf die Straße. A lbex ſeine Kniee zitterten unter ihm; die ungeheure Größe der Begebenheiten hatte ſein ganzes Weſen erſchüttert. Langſam wankte er die Straße hinunter. Auf einmal flammte und blitzte es da am untern Ende der Straße auf. Trommeln wirbelten, Hurrah's ertönten. Ein glänzender Reiterzüg mit einem kam daher. Voran auf einem Schimmel mit wallenden Mähnen und fliegenden Nüſtern, ritt der Mann des Jahrhunderts, der Mann mit dem ehernen Imperator⸗Angeſicht, der Julius Cäſar der Neuzeit. Ein kühnes Feuer blitzte aus ſeinen Augen, ein triumph irendis Lächeln umſchwebte ſeine Lippen. Es war der Triumphator, welcha ſeinen Einzug hielt in die eroberte Stadt. Der Gelehrte gedachte der alten Zeiten Rom's, und wie eine lebendig gewordene Antike erſchien ihm das Antlitz des Cäſaren. Das blitzende Auge Napoleons heftete ſich jetzt auf den Philo „ ſeines Der der Herzog von Braunſchweig, iſt tödtlich verwundetzz ſihle ſen, und der 56 Herzens. Von un wilkirlicher 3 vemit ſich t Der Kſſer berühr L Burüber, der glänze zher Der deutſche Phile dihm nach, ſinnen Er ſelber, der Nn 5 n im gelehrten Der Kaiſer, der N ſonnen, und Dautſch n tterte Deutſchla iſtädt ſeinen letzen *) Die Etählun 9 die Jaho 1829 aus dem 2 zſchen, ſchüchten und do ignden Eindä de pich habe, und nann enenn ſines Lehens. j Soj ſr Seite ihres elhe gerade duch aM d n itrem Ge t läch er, der wir ſühl ſtürzt d ſeine Hud hen, und der fühlte den Blick dieſes Auges bis in das Innerſte es Herzens.*) fi Von unwillkürlicher Ehrfurcht ergriffen nahm Hegel ſeinen Hut ß ſeh und verneigte ſich tief. inden. dei Der Kaiſer berührte lächelnd ſeinen Hut und dankte, dann ſprengte fei orüber, der glänzende Zug der Marſchälle und Generäle hinter er die her. Der deutſche Philoſoph ſtand wie an den Boden gefeſſelt, und (5 verwurdet:*„ C ue ihm nach, ſinnend, heiligen Ernſtes voll. M Er ſelber, der Napoleon der Idee, mußte ſeine Schlachten noch u der aſ innen im gelehrten Deutſchland. ſ Der Kaiſer, der Napoleon der That, hatte ſeine Schlachten ſchon „ und geenonnen, und Deutſchland lag ihm zu Füßen. Das überwundene, Rlun miſe ſchmetterte Deutſchland ſchien in den Schlachten von Jena und cen zugehor, erſtädt ſeinen letzten Todeskampf ausgerungen zu haben. en. Erfiſe——— entnerlaſt au ³) Die Erzählung dieſes Begegnens mit Kaiſer Napoleon hat die Verfaſſerin wicen ſeiness Jahre 1829 aus dem Munde des berühmten Philoſophen ſelber gehört. Mit wichen, ſchlichten und doch tiefergreifenden Worten ſchilderte er den tiefen, be⸗ Fröße der tigenden Eindruck, den die Erſcheinung des großen Napoleons auf ihn e Gröhed Facht habe, und nannte dieſes Begegnen mit Napoleon einen der größten am wkte e emente ſeines Lebens. Die Verfaſſerin, damals ein halberwachſenes Mädchen, be an der Seite ihres Vaters in athemloſer Spannung der Erzählung zu, veche gerade durch ihre einfache Darſtellung ſo mächtig wirkte, und hingeriſſen on ihrem Gefühl, ſtürzten die Thränen ihr aus den Augen. Der Philoſoph ege lächelnd ſei Hand auf ihre Stirn.„Die Jugend weint mit dem Herzen, ige er, aber wir Männer weinten damals mit dem Kopf.“ u fliegend Die Verfaſſerin. e der Stra der Niterz dem ehern riunphirend — 1— hator, welde und wie eie Cäſaren⸗ uf den Phi Buchdruckerei von Otto Janke in Berlin. rey Sortroſ Sfnari Sreen Vellow Hed Magenta