Leihbibliothek ——— deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur ) von „ Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. * eih und 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr vffen. ) E Lesepreis. ei R h eines geliehenen Buches wird von 2 ichen Tag 5 Pf bezahlt. Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende umme hinterlegen, welche bei deſſen Zurdeigſhe von mir zurückerſtattet 5 wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: * für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher . auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mt.— Pf.. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung Bucher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr lelbſt zu ſorgen. 3. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und zefe Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird ² beſonders varauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——— 5—,——— tapoleon in Deutſchland. L. Mühlbach. Erſte Abtheilung: Raſtatt und Jenn. Dritter Band. Zweite Auflage. Berlin, 1859. Druck und Verlag von Otto Janke. ——————— ———— —;— —— taſtatt und Jenn. Von cL. Mühlbach. Dritter Band. Zweite Auflage Berlin, 1859. Druck und Verlag von Otto Janke. — — — — —— — S — — = — — — — — 1— ₰ untet Deyeſc em G noparte ſchimte ſo ſiche Feinde den Ge ku G Niederl Feldhet tis zu Heren leeren S v* . Sohannes Müller. Der Miniſter, Baron von Thugut, ging mit heftigen Schritten in ſeinem Cabinet auf und ab. Sein Antlitz, ſonſt immer von einer un⸗ duhhpringlichen Kälte und Ruhe, zeigte ſich heute heftig bewegt, ſeine ten, weißen Augenbrauen waren dicht zuſammen gezogen, und ſen hervor warfen ſeine Augen zuweilen zornige Blitze auf dieſe Depeſche, welche auf ſeinem Schreibtiſch lag und die eben ein Courier vom General Melas aus der Lombardei gebracht hatte. Wieder eine Schlacht verloren, murmelte er, wieder dieſem Bo⸗ naparte einen neuen Lorbeerkranz auf ſein trotziges Haupt geſetzt! Dieſer Menſch wird mich noch wahnſinnig machen mit ſeinem unver⸗ ſchämten Glück! Zu denken, daß er bei Marengo ſchon beſiegt war, ſo ſicher beſiegt, daß General Melas Befehl gab zur Verfolgung des Feindes und nach Alleſſandria ritt, um da behaglich zur Nacht zu eſſen. Dieſer Melas iſt ein Eſel, der nur ſeinen Braten witterte, nicht aber den General Deſſaix, der mit ſeinen Truppen kam, uns den ſchon gewon⸗ nenen Sieg wieder zu entreißen und uns ſtatt des Sieges eine furchtbare Niederlage bei Marengo zu bereiten.*) Kurzſichtige Narren alle, unſere Feldherren und Generäle, vom lächerlich gefeierten Erzherzog Carl an bis zum General Schwarzenberg, und wie ſie alle heißen mögen, dieſe Herren mit den goldenen Epaulettes und der decorirten Bruſt und den leeren Köpfen. Ich traue Keinem von ihnen! In der Stunde der Ge⸗ 66 Die Schlacht bei Marengo fand am 14. Juni 1800 ſtatt ſtatt. . ————— fahr ſowohl als des Glückes verlieren ſie Alle die Beſonnenheit, ver⸗ ſcherzen dadurch die Siege und machen die Nie vei nur um ſo größer. Rede mir Keiner mehr von den Erzherzögen als Heerführern. Habe den Erzherzog Carl glücklich beſeitigt und hoffe, daß der Erz⸗ herzog Johann uns bald auch eine ſo tüchtige Niederlage bereiten werde, daß wir ihn ſo gut wie ſeinen Bruder bei Seite ſchieben können. Es iſt niemals gut,— nun,— unterbrach er ſich in ſeinem Selbſtgeſpräch, indem er einen zornigen Blick auf den eintretenden Geheim Secretair Hudvlitz ward,— nun, was kommen Sie, ungerufener Weiſe mich zu ſtören? Excellenz verzeihen, ſagte Hudlitz demüthig, aber Excellenz hatten mir Befehl gegeben, Sie ſogleich zu benachrichtigen, wenn der Herr Cuſtos von der Hof⸗Bibliothek, den Excellenz herbeſchieden, anlan gen würde. Und jetzt iſt er da? fragte Thugut. Ja, Excellenz, der Herr Hofrath Müller wartet im Vorzimmer. So laß ihn eintreten, ſagte Thugut, nach der Thür winkend. Hudlitz hinkte hinaus und wenige Minuten ſpäter erſchien der An gekündigte auf der Schwelle der Thür. Es war eine kleine ſchmächtige Geſtalt mit krummem Rücken, den indeß nicht die Laſt der Jahre, ſondern die Laſt der Gelehrſamkeit, der durchwachten Nächte, des ruhe loſen Studirens ſo gebeugt hatte. Sein Haupt, nach der Mode da— maliger Zeit mit einer Perrücke geſchmückt, die ſich hinten in einem zierlich gewundenen Zopf endigte, war ein wenig vornüber geneigt. Seine hohe Stirn verrieth den Denker, ſeine großen Augen ſtrahlten von Gemüth und Seele, ſeine nicht ſchönen aber anmuthsvollen Züge waren übergoſſen von einem faſt rührenden Ausdruck unendlicher Milde und Sanftmuth, und ſeine ſchmalen Lippen umſpielte ſtets ein wohl— wollendes Lächeln. Dieſes Lächeln verſchwand indeß jetzt, als er die kleinen ſtechenden Augen des Miniſters auf ſich ruhen fühlte. Schweigend, den Hut in der Hand, blieb er an der Thür ſtehen, nur hob er ſein Haupt etwas höher empor und ſeine Blicke richteten ſich mit einem ruhigen, ſtolzen Blick auf den Miniſter hin. ie ſin kleinen Pau Jo, ic umſpielte je dieſe wohltl nennen Si Weil mich benach ſtandener G Perſünlichke gllemal ni Kleinheit 1 vot Hochn geiſtigen Thug das Antli er 6 Nicht ich wollte Eulenz zu Ew.( ich wolle Geſchichts Angeſicht Sie ſind der Hofrath Johannes Müller? fragte Thugut nach einer Pauſe mit etwas barſchem Tone. Ja, ich bin Johannes Müller, ſagte dieſer, und das Lächeln umſpielte jetzt ſchon wieder ſeine Lippen. Ich danke Ew. Excellenz für dieſe wohlthätige und heilſame Frage. Was meinen Sie damit? fragte Thugut verwundert. Warum nennen Sie meine Frage wohlthätig und heilſam? Weil ſie eine gute Lehre in ſich ſchließt, Excellenz, und weil ſie mich benachrichtigt, daß Diejenigen Unrecht haben, welche aus mißver— ſtandener Gutherzigkeit mir einreden möchten, daß ich eine bekannte Perſönlichkeit ſei, und daß Jedermann in Wien mich kenne. Es iſt allemal nützlich, wenn ein Schriftſteller von Zeit zu Zeit an ſeine Kleinheit und Unbedeutendheit erinnert wird, denn das bewahrt ihn vor Hochmuth, und der Hochmuth iſt allemal das erſte Symptom geiſtigen Rückſchritts. Thugut heftete ſeine Augen mit einem grollenden Ausdruck auf das Antlitz des Gelehrten. Wollen Sie mir eine Lehre geben? fragte er heftig. Nicht im Geringſten, Excellenz, ſagte Johannes Müller ruhig, ich wollte nur meinen Dank motiviren. Und jetzt erlauben mir Ew. Excellenz wohl die Frage: Welchem Umſtand verdanke ich die Ehre, zu Ew. Excellenz gerufen zu ſein? Nun, ich wollte Sie kennen lernen, Herr Hofrath, ſagte Thugut, ich wollte nicht länger der einzige Wiener ſein, welcher den berühmten Geſchichtsſchreiber der Schweiz und des„Fürſtenbundes“ yicht von Angeſicht geſehen hat. Sie ſehen, mein Herr, ich kenne wenigſtens Ihre Werke, wenn ich auch Ihre Perſon nicht kannte. Und an letzterer hatten Excellenz gar nichts zu gewinnen, es iſt nicht eine Bekanntſchaft, die ſich der Mühe verlohnt, ſagte Müller ſanft. Wir Leute aus der Studirſtube wiſſen weniger mit der Zunge als mit der Feder zu ſprechen, und unſer Schreibtiſch allein iſt unſere Rednerbühne. Und da ſind Sie ein gar großer und mächtiger Redner, mein ———— — Herr Hofrath, rief Thugut mit dem Tone einer offenen und herzlichen Anerkennung. Ueber das ſanfte Antlitz Müller's flog ein freudiger, überraſchter Ausdruck, und er richtete ſeine Augen mit einem innigen, dankbaren Blick auf den Miniſter. Thugut fing dieſen Blick auf. Sie wundern ſich, daß ich Sie ſo wahr zu ſchätzen weiß, fragte er, und doch Jahre hingehen ließ, ohne Sie zu mir zu bitten? Ich bin ein armer, viel beſchäftigter, viel geplagter Mann, und die unſelige Politik läßt mir keine Ruhe, um mich mit der Literatur zu beſchäftigen. Wenigſtens nicht mit der deutſchen Literatur, ſagte Müller raſch, aber Jedermann weiß, daß Ew. Excellenz ein tiefer Kenner der orien⸗ taliſchen Sprachen iſt und dieſe, trotz ſeiner ungeheuren Geſchäfte, dennoch treulich pflegt. Jetzt lächelte Thugut und ſeine harten Züge nahmen einen mil⸗ deren Ausdruck an. Johannes Müller hatte, vielleicht ohne es zu wollen, die Saite berührt, welche Thugut's Ohr am lieblichſten tönte, er hatte ihm mit ſeinen gelehrten, orientaliſchen Studien geſchmeichelt. Nun, ſagte er, Sie ſehen, daß ich auch für die deutſche Literatur lebhaftes Intereſſe habe, denn ich ließ Sie zu mir bitten, und Sie ſind ein deutſcher Schriftſteller und zwar der berühmteſten Einer! Nun, mein Herr, laſſen Sie uns offen und ohne Umſchweife zu einander reden, wie es zweien Männern der Wiſſenſchaft geziemt. Vergeſſen uns eine wir gegenſeitig unſere Würden und Titel, und laſſen Si vertrauliche Unterredung mit einand Herr, ſetzen wir uns auf dieſe beiden Lehnſtühle, und reden wir zu e S; r haben. Kommen Sie, mein — einander wie deutſche Männer, das heißt, offen und frei! Niemand iſt hier, der uns hört, und ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß Nie mand ein Wort von dem erfahren ſoll, was wir Beide hier reden! Völlige Unverantwortlichkeit und Strafloſigkeit für Alles, was in dieſer Stunde hier geſprochen wird. Sind Sie damit zufrieden und ver⸗ ſprechen Sie mir, ganz aufrichtig zu ſein? Ich verſpreche es, Excellenz, ich werde alle Ihre Fragen der Wahrhe bekannt Un achſelzu je nach mein mit ein die Ho einhein der M Sie ſi Püpſt Gerecht von F ſagen ſind E irte, w auch n und ü Reiſen wohl i und de obwohl Parteie Schwi lobenst durfolg gſchuf — O derächt Leben ollen ſchmeie Mühlb 385 Wahrheit gemäß beantworten. Das heißt, ſo viel als die Wahrheit bekannt iſt. Und ſo viel als es überhaupt eine Wahrheit giebt, rief Thugut achſelzuckend. Jedes Ding hat ſeine zwei Seiten, und beide ſind wahr, je nach dem Standpunkt, von welchem man ſie anſchaut. Sie ſelber, mein Herr, haben zwei Seiten, und gar wunderlich contraſtiren dieſe mit einander. Sie ſind ein Schweizer und ſchildern in Ihren Werken die Habsburgiſchen Fürſten mit einer Begeiſterung, wie keiner unſerer einheimiſchen Schriftſteller. Sie ſind ein Republikaner und dienen doch der Monarchie, deren Formen Ihnen recht wohl zu gefallen ſcheinen, Sie ſind ein orthodoxer Reformirter, und haben doch die Reiſen der Päpſte und die Briefe zweier Domherren geſchrieben, Sie ſind ein Gerechter und haben doch ſogar an dem tyranniſchen König Ludwig KI. von Frankreich gute und lobenswerthe Eigenſchaften entdeckt. Nun ſagen Sie mir, mein Herr, welches iſt Ihre wahre Seite und was ſind Sie eigentlich? Ich bin ein Menſch, ſagte Johannes Müller ſanft, ich fehle und irre, wie Menſchen pflegen, und mein Herz ſchwankt hin und her, wenn auch nicht mein Kopf. Mit meinem Kopf ſtehe ich über allen Parteien und über allen individuellen Geſinnungen, und darum kann ich die Reiſen der Päpſte und die Geſpräche zweier Domherren ſchreiben, ob⸗ wohl ich, wie⸗Ew. Excellenz ſagen, ein orthodoxer Reformirter bin, und darum kann ich, die Habsburger loben und der Monarchie dienen, obwohl ich ein Republikaner bin. Aber mein Herz ſteht nicht über den Parteien, mein Herz liebt die Menſchheit und erbarmt ſich ihrer Schwächen, und darum kann es an Ludwig XI. von Frankreich noch lobenswerthe Eigenſchaften entdecken, denn in dem ſchlechten König verfolgt es immer noch die Spur des Menſchen, den die Natur gut geſchaffen. Das ſind die Anſichten Jean Jacques Rouſſeau's, rief Thugut verächtlich, aber dieſe Anſichten paſſen nicht für die Welt und das Leben; wer den Menſchen Vortheile abgewinnen will, der muß vor allen Dingen auf ihre ſchlechten Eigenſchaften ſpeculiren und dieſen ſchmeicheln. Mit rein tugendhaften Menſchen zu verkehren, iſt lang⸗ Mühlbach, Napoleon. I. Bd. 25 .—————— — . ——— weilig und fruchtlos, aber zum Glück giebt es deren auch ſehr Wenige. Ich könnte ſolche Tugenderemplare gar nicht gebrauchen, und ſtatt ſie zu bewundern, würde ich ſie zu vernichten ſuchen. Wer mir ein will⸗ kommenes Werkzeng ſein ſoll, der muß entweder einen Flecken auf ſich haben, an dem ich bei dem geringſten Ungehorſam den Mann, wie den Maikäfer am Faden, packen und zu mir zurückziehen kann, oder er muß ſo beſchränkt ſein, daß er mich nur nothdürftig verſteht, und auf keinen Fall mich errathen und durchſchauen kann. Dann muß ich hoffen, Ew. Excellenz niemals ein willkommenes Wertzeug zu ſein, ſagte Müller ernſt. Sind Sie Ihrer Tugend ſo ſicher? Sind Sie Sich keines Fleckens bewußt? fragte Thugut. Wenn Geſinnung Tugend iſt, ja dann bin ich meiner Tugend ſicher, ſagte Müller ruhig. Ich werde meiner Geſinnung niemals untreu werden und hoffentlich niemals einen Flecken auf meinem Ge⸗ wiſſen haben! Wer kann's wiſſen, rief Thugut lachend, es iſt Mancher ſchon zum Mörder geworden, der ſich ſcheute, einen Wurm zu zertreten, und Mancher zum Meineidigen, der heilig ſchwur, niemals eine Un⸗ wahrheit auszuſprechen. Aber wozu die Sentenzen und das Philo⸗ ſophiren! Ich liebe es, gerade auf mein Ziel loszugehen und meine Gedanken klar und beſtimmt auszuſprechen. Hören Sie alſo, was ich von Ihnen will! Sie ſind ein feiner Kopf, ein großer Geſchicht⸗ ſchreiber, ein tiefer Gelehrter, und Sie verkümmern zwiſchen den Bücherſchränken Ihrer Hofbibliothek. Der größte Geſchichtſchreiber des Jahrhunderts iſt nichts weiter als der Cuſtos einer Bibliothek und hat einen Chef über ſich, dem er gehorchen muß, obwohl er ihn vielleicht überſieht. Das iſt eine Stellung, welche Ihrer nicht angemeſſen iſt, oder ſagen Sie ſelbſt, fühlen Sie Sich befriedigt in derſelben? Johannes Müller lächelte traurig. Wer kann denn ſagen, daß er ſich befriedigt fühlte? fragte er. Ich bin vielleicht ein ſchlechter Cuſtos, *) Thugut's eigene Worte. Siehe: Hormayr Lebensbilder aus dem Be⸗ freiungskriege. I. 322. und es mir nich kränken. Mann es fehlt Si 5 v* ſchafte Vl lunge u fordert denſelbe ſchichte wirken der Si Port d Handlu glänzen Sie ſa wohl! ſchichtſe Zeit. loben u den Ze machen, En gut Ihre E S Wenige ſtat ſi in will auf ſich n, wie u, oder h, und ommenes Fleckens Tugend niemals nen Ge⸗ er ſcho zertreten, eine Un 3 Philo⸗ id meine was ich Geſchicht⸗ chen den iber des und hat vielleicht neſſen iſ, n7 daß er Cuſtcs, 387 und es iſt deshalb, daß der Hofbibliotheks⸗Präfect Herr von Jeniſch mir nicht wohl will und jede Gelegenheit ergreifen muß, um mich zu kränken. Ein deutſcher Gelehrter iſt niemals noch ein unabhängiger Mann geweſen, denn es fehlt ihm gewöhnlich dazu das Nothwendigſte, es fehlt ihm der Reichthum! Sie ſind alſo nicht reich? fragte Thugut mit blitzenden Augen. Ich bedarf meines Gehaltes, um exiſtiren zu können! Die Wiſſen⸗ ſchaften ſchmücken wohl, aber ſie ernähren nicht! Ich will Sie erlöſen aus Ihrer untergeordneten Stellung, ſagte Thugut raſch, Sie ſollen unabhängig, frei und reich werden. Sie ſind ein Thor, daß Sie mit Ihrem Ruhm und Ihrer Feder ſich ſo lange unter Bücherſtaub vergraben haben. Das Leben, die Geſchichte fordert Sie und hält Ihnen ihre ehernen Tafeln hin, damit Sie auf denſelben ſchreiben ſollen! Schreiben Sie alſo, ſchreiben Sie die Ge⸗ ſchichte der Gegenwart, machen Sie Sich zu einem Organ der Zeit, wirken Sie durch Ihre Schriften für die Erhaltung der Regierung, der Sitten und Ordnung. Vertheidigen Sie mit Ihrem weitklingenden Wort dieſem ſuperklugen, ſchreienden, erbärmlichen Volk gegenüber die Handlungen der Regierung, und Sie ſollen eine vollkommen genügende, glänzende Stellung und ein Gehalt von viertauſend Gulden haben. Sie ſchweigen? Sie haben Recht, überlegen Sie meinen Vorſchlag wohl! Ich biete Ihnen ein glänzendes Lvos! Ich will Sie zum Ge⸗ ſchichtſchreiber der Gegenwart machen, zum Geſchichtſchreiber unſerer Zeit. Sie loben und anerkennen ja überall ſo gern, nun, mein Herr, loben und anerkennen Sie, was wir thun. Helfen Sie mir wenigſtens den Zeitgenoſſen und der Nachwelt ein wenig blauen Dunſt vorzu⸗ machen, und ich will Ihnen dafür eine glänzende Wirklichkeit ſchaffen. Ein guter Titel, ein glänzendes Gehalt, und außerdem bezahlen wir Ihre Schulden! Ah, Ew. Excellenz wiſſen, daß ich Schulden habe, und Sie glau⸗ ben, das ſei der Faden, mit dem Sie mich wie den Maikäfer nach Sich ziehen können? fragte Müller lächelnd. Der Geſchichtſchreiber der Gegenwart zu werden iſt mir ein willkommener und ehrender Auftrag und ich geſtehe Ew. Excellenz, daß ich dazu ſchon manches Capitel in 25* —————————— meinem Kopf ausgearbeitet, auch mit der Specialgeſchichte Oeſterreichs mich ſchon vielfach in meinen Gedanken beſchäftigt habe. Es wäre mir lieb, wenn Ew. Excellenz mir erlauben wollten, Ihnen davon einige Stellen aus meiner Geſchichte Oeſterreichs aus dem Kopf zu recitiren. Ew. Excellenz könnten ſich dadurch am Beſten überzeugen, ob ich auch in der That fähig und berufen bin, eine ſo glänzende Stellung einzunehmen, wie Excellenz ſie mir bieten, und ob ich ein ſo hohes Gehalt verdiene. Nun denn, halten Sie mir einen kleinen Vortrag aus Ihrer Ge⸗ ſchichte Oeſterreichs. Ich bin ſehr begierig etwas zu hören! Und Ew. Excellenz ſind Ihres Wortes eingedenk, daß für Alles, was hier in dieſer Stunde unter uns geſprochen wird, Strafloſigkeit und Unverantwortlichkeit herrſchen ſoll? Ich bin meines Wortes eingedenk, und ich ſchwöre Ihnen, daß Ihre Worte ungehört von Andern in dieſem Zimmer verhallen ſollen, daß ich ſelber mich ihrer nur dann erinnern will, wenn ich Sie dafür belohnen muß! Ich ſchwöre Ihnen außerdem, daß ich Sie ruhig und gelaſſen anhören will bis zu Ende! Ich danke Ew. Excellenz, ſagte Johannes Müller, ſich leicht verneigend. Ich möchte Ew. Excellenz jetzt ein Capitel recitiren, das ich über die Literatur Oeſterreich's zu ſchreiben wünſchte! Da wende ich meine Blicke rückwärts und ſchaue hin auf die Tage Maria Thereſia's und Joſeph's des Zweiten. Sie Beide liebten die Literatur, die Wiſſenſchaft und die Künſte und pflegten ſie und huldigten ihnen. Joſeph verjagte die Finſterniß aus ſeinen Staaten und ſprach das große Wort: Der Geiſt ſoll frei ſein! Und der Geiſt ward frei! Es regte ſich mächtig in allen Künſten, die Dichter erhuben ihre Stimme, die Ge⸗ lehrten ſandten ihre Studien in die Welt und arbeiteten mit mächtiger Hand an der Aufklärung und der Bildung des Volkes. Der Geiſt riß die Grenzen nieder, welche die beſchränkte Furcht zwiſchen Oeſterreich und dem übrigen Deutſchland aufgerichtet hatte, und die großen neu⸗ erſtandenen Dichter Deutſchlands waren jetzt auch die Dichter und das Eigenthum Oeſterreichs. Oeſterreich nannte Leſſing und Klopſtock ſeine Dichter, es ſchwärmte gleich dem übrigen Deutſchland für Schiller's Räuber lands P Schrifte eine ſchö reich au Literatu Un Hochmu Poſeph und was wieder e hat ſich Mauer trennt. gefühl frende einer E Volk nie danke an einen N geſproch verbann ihnen G gehorche lieben, haben, Kaiſer 1 Enyin Si ſagte 1 Seite ungeher wüſſen ſterreichs Es wäre n davon Kopf zu etzeugen, glänzende ich ein ſo hrer Ge⸗ ür Alles, afloſigkeit uen, daß en ſollen, Sie dafür ruhig und weigend⸗ übet die ine Blicke Jſeph chuft und rjagte die Der ugte ſich die Ge⸗ müchtiger Geiſt riß dterric oßen nel⸗ und das ſoc ſein⸗ Schilers 60 Räuber und weinte über Werthers Leiden, es entzückte ſich an Wie⸗ lands Poeſien, lernte Herder's klaren Geiſt lieben, und Jean Paul's Schriften forderten es zum Lernen und zum Nachdenken auf. Es war eine ſchöne Zeit, Excellenz, denn es war ein junges Volk in Oeſter⸗ reich auferſtanden, und das nährte ſich an den Brüſten einer jungen Literatur! Und ſog an dieſen Brüſten den revolutionairen Geiſt und den Hochmuth des Selbſtdenkens ein, unterbrach ihn Thugut rauh. Johannes Müller ſchien ihn nicht gehört zu haben und fuhr fort: Joſeph der Zweite ſtarb; kaum ein Jahrzehnt iſt ſeitdem vergangen, und was hat dieſes Jahrzehnt aus Oeſterreich gemacht? Der Geiſt iſt wieder eingezwängt in die alten Feſſeln, der Cenſor mit ſeiner Scheere hat ſich wieder aufgeſtellt neben dem Grenzpfahl Oeſterreichs, die Mauer iſt wieder aufgerichtet, welche Oeſterreich von Deutſchland trennt. Alles iſt jetzt wieder verdächtig geworden, ſogar das National⸗ gefühl des Oeſterreichers, ſogar ſein Haß gegen fremdes Joch und fremde Bedrückung! In dieſem Haß ſelbſt ſieht man die Möglichkeit einer Empörung, einen oppoſitionellen Geiſt, denn man ſieht, daß das Volk nicht mehr ſchläft, ſondern daß es wacht und denkt, und der Ge⸗ danke an ſich iſt ſchon eine Oppoſition. ZJede Begeiſterung für irgend einen Mann, der von der Freiheit und Unabhängigkeit Deutſchlands geſprochen, gilt für eine gefährliche Kundgebung, und man ächtet und verbannt die edelſten Männer, blos weil das Volk ſie liebt und von ihnen Großes hofft und erwartet! Das Volk ſoll immer nur ſchlafen, gehorchen und ſchweigen, es ſoll ſich für nichts begeiſtern, nichts lieben, nichts wünſchen und nichts denken. Es ſoll keine Helden haben, denen es anhängt, denn der Glanz der Helden möchte den Kaiſer verdunkeln, und der Ruf der Liebe klingt wie der Ruf zur Empörung! Sie wollen da von den Erzherzogen Carl und Johann ſprechen, ſagte Thugut ruhig. Es iſt wahr, ich habe den Erzherzog Carl bei Seite geſchoben, denn ſeine Popularität beim Heer und beim Volk iſt ungeheuer, und mußte dereinſt dem Kaiſer gefährlich werden. Wir müſſen ſiegen mit Werkzeugen, nicht mit Helden; dieſe ſind ſehr unbe⸗ ——— ——————— — —— 6.E quem, denn ſie empfangen nicht dankbar ihren Lohn, als eine Gnade, ſondern ſie nehmen und fordern ihn trotzig, als ihr Recht. Der Kaiſer⸗ thron muß umgeben ſein von Helden, aber dieſe Helden müſſen niemals den Kaiſerthron überragen wollen. Verzeihen Sie dieſe Anmerkung zu Ihrem Capitel, und ſprechen Sie weiter. Man ſchiebt die Helden des Schwertes bei Seite, fuhr Johannes Müller fort, aber man ſchont auch nicht den Helden des Gedankens, welcher die Literatur heißt! Man will die Literatur beſchimpfen und ſchänden, da man ſie nicht ganz und gar morden kann, man ſchleppt ſie umher in den Höhlen unwürdiger Cenſoren, und verſtümmelt ſie um ihre ſchönſten Glieder und den prangendſten Schmuck ihrer Ge⸗ danken. Man fürchtet ſich vor dem Geiſte und darum möchte man ihn abtödten. Es kann aber eine Regierung wohl manchmal Fehler begehen, nur muß ſie niemals zeigen, daß ſie ſich fürchtet, denn die Furcht macht zugleich lächerlich. Undglächerlich wär's, wenn's nicht zum Weinen wäre, was die Furcht der Regierung für Verfolgungen gegen die Literatur erſonnen hat. Von den herrlichſten Werken des Geiſtes, von Gibbon, Robertſon, Hume und andern großen Geſchicht⸗ ſchreibern ſind ganze Bände verboten, und nicht Einer unſerer deutſchen Dichter, weder Göthe, noch Schiller, noch Herder, Wieland, Leſſing und Jean Paul, die nicht verpönt, geächtet wären im deutſchen Oeſterreich. Ueberall wittert die Furcht und das ſchlechte Gewiſſen Anſpielungen, Beziehungen und Hindeutungen. Die Geſchichte iſt daher von der Bühne verbannt, denn die Geſchichte der Vergangenheit zeigt immer mit drohendem Finger auf die wunden Stellen der Gegenwart hin! Shakſpeare's König Lear iſt verboten, damit das Publikum nicht glauben lerne, es verlören die Fürſten im Unglück den Kopf; Hamlet, Richard der Dritte und Macbeth dürfen nicht gegeben werden, damit die Menſchen ſich nicht etwa an die Abſetzung und Ermordung von Kaiſern und Königen gewöhnen möchten. Schillers Maria Stuart gilt für eine Anſpielung auf Maria Antvinette, Wallenſtein und Tell ſind verboten, weil ſie Revolutionen und militairiſche Meutereien provociren. Der Kaufmann von Venedig darf nicht dargeſtellt werden, weil er zu einem Indentumult Veranlaſſung geben könnte, und in Kabale und Liebe v lichen 2 dem Be trüger t ſein, w Fürſten gierung zieht, von den lieben u emiedri Gefühl kaufen nit ge Ende, Ihnen und ich haben ſügedas anzuel S Veracht einet le ich hiell % Vdeale Gegen Sie ſe Gnade, Kaiſer⸗ niemals kung zu ohannes dankens, pfen und ſchleppt melt ſie rer Ge⸗ chte man Fehler denn die wos nicht folgungen rken des eſchicht⸗ deutſchen „Leſſing devtſchen Gewiſen it daher heit zigt egenwart um nicht Hamlet, n, damit ung von nan gil Tell ſnd rovocire weil er zu bule und 391¹ Liebe von Schiller hat man den Präſidenten von Kalb in einen bürger⸗ lichen Vicedomus umgewandelt, damit die Achtung vor dem Adel und dem Beamtenthum ungeſchwächt erhalten bleibe. Schurken und Be⸗ trüger darzuſtellen iſt wohl erlaubt, aber ſie dürfen niemals von Adel ſein, und wenn man Ideale darzuſtellen ſucht, ſo müſſen ſie entweder Fürſten, Grafen oder Polizeidirectoren ſein.*) Denn heiliger noch als das Fürſtenthum iſt die heilige Polizei, die große Behüterin der Re⸗ gierung, die große Denunciantin des Volks, welchem man Alles ent⸗ zieht, jeden geiſtigen Genuß, jeden freien Aufſchwung verbittert, und von dem man dennoch verlangt, daß es glücklich ſein, ſeine Regierung lieben und ihr anhängen ſoll in Treue! Wenn man das Volk zu Sclaven erniedrigt, ſo muß man auch gewärtig ſein, daß dieſe Sclaven alles Gefühl für Ehre und Recht verlieren, ſich willig von Dem er⸗ kaufen laſſen, der ihnen den meiſten Flitter bietet, und es am beſten mit goldenen Verſprechungen zu verführen verſteht!— Ich bin zu Ende, Excellenz, ſagte Johannes Müller hochaufathmend, ich habe Ihnen mein ganzes Capitel über die Literatur Oeſterreichs vorgetragen, und ich danke Ihnen, daß Sie mich bis zu Ende gehört haben. Jetzt haben Ew. Excellenz allein zu entſcheiden, ob Sie mich für die mir zugedachte ehrenvolle Stellung würdig halten. Ich bin gern bereit ſie anzunehmen, die Geſchichte der Gegenwart in dieſem Sinne weiter zu ſchreiben, und werde es dankbar erkennen, wenn Ew. Excellenz mir dafür Ihren Schutz und ein Jahrgeld von viertauſend Gulden geben wollen! Thugut ſchaute ihm mit einem langen Blick voll Hochmuth und Verachtung tief in das erglühte Angeſicht. Mein Lieber, ſagte er nach einer langen Pauſe, mein Lieber, ich habe mich in Ihnen geirrt, denn ich hielt Sie für einen ſcharfen Kopf und einen ſtarken Geiſt, und jetzt ſehe ich, daß Sie nur ein gemüthlicher Schwachkopf ſind, der von Idealen träumt, und dem eines Tages ſeine Ideale in das grade Gegentheil umſchlagen, und zu Geſpenſtern werden müſſen, vor denen Sie ſcheu zurückbeben werden! Sie werden nicht immer der Freiheits⸗ *) Hormayr: Lebensbilder. I. S. 337. ———————— ———— 392 ſchwärmer bleiben, der Sie jetzt ſind, und der ſtolze Republikaner wird eines Tages ſich vielleicht in einen gehorſamen Tyrannen⸗Diener um⸗ wandeln. Sie haben mich vorher gar ſtolz verſichert, daß Sie keinen Flecken auf Ihrem Gewiſſen haben; nun denn, Sie haben einen Flecken auf Ihrem Character, und bei dem hätte ich Sie faſſen müſſen, Sie ſind eitel! Ich hätte nicht verſuchen ſollen, Sie mit Geld zu beſtechen, ſondern mit Schmeicheleien, und ich würde reuſſirt haben. Ich hatte aber eine zu gute Meinung von Ihnen! Ich glaubte, Sie beſäßen einen ſtarken Geiſt, der das Nächſte, Nothwendigſte erfaſſen, und das Zweckmäßige und Nützliche dem Idealen vorzuziehen vermöge. Sie ſind aber, obwohl von Geburt ein Schweizer, ein rechter deutſcher Träumer, und ich haſſe die Träumer! Gehen Sie, mein Herr, bleiben Sie Cuſtos der Hofbibliothek, führen Sie Ihre Cataloge, aber bilden Sie Sich niemals ein, daß Sie mit Ihrer ſchwachen Hand in das Rad der Geſchichte und der Begebenheiten eingreifen können; das Rad würde Ihnen bloß Ihre Hand und Ihr bischen Ruhm zermalmen, und Sie wie eine ausgepreßte Citrone zur Seite ſchleudern. Leben Sie wohl! Er wandte Johannes Müller den Rücken und ſtellte ſich an's Fenſter, bis das leiſe Zuſchlagen der Thür ihn überzeugte, daß der Gelehrte ihn verlaſſen habe. Narr, ſagte er dann, ſich wieder dem Zimmer zuwendend, ein echter deutſcher gelehrter Narr! Will mir Moral predigen! Mir! Und ganz erheitert von dieſem Gedanken lachte Thugut laut auf. Dann ſchellte er heftig und befahl dem eintretenden Kammerdiener ſogleich den Wagen vorfahren zu laſſen. Eine Viertelſtunde ſpäter verließ der Miniſter die Staatskanzlei, um, wie er es jeden Abend zu thun pflegte, ſich nach ſeiner Garten⸗ wohnung in der Währingergaſſe zurückzuziehen. Die Straßen, durch welche er kommen mußte, waren mit Menſchen angefüllt, welche mit verbiſſenem Grimm ſich erzählten von der neuen Niederlage der Oeſter⸗ reicher bei und mit lauter Stimme einander zuſchrieen, daß der Miniſter Thugut allein das Unglück L Oeſterreichs verſchulde, daß Er allein es ſei, welcher den Frieden verhindere. Und mit immer gräßere Miniſt Krieg! T Wogen 6. ni Schm imme hatte dinge er wird et um⸗ e keinen Flecken m, Sie eſtechen, ch hatte beſäßen und das e. Sie eutſcher bleiben t bilden malmen, Leben ch an's daß der in echter aut auf⸗ erdiener glanzlei, Garten⸗ durch che mit che I Oeſe een, daß— größerer Erbitterung umringte das Volk den wohlbekannten Wagen des Miniſters, und immer lauter und grollender ſchrie es: Wir wollen keinen Krieg! Wir fordern Frieden! Frieden! Thugut lag behaglich zurückgelehnt in die Sammetkiſſen ſeines Wagens. Er ſchien das Geſchrei des Volkes gar nicht zu hören, es gar nicht ſeiner Beachtung werth zu halten, nur als das Toben immer ärger ward, als das Volk in ſeiner Erbitterung mit Steinen und Schmutz nach ſeinem Wagen warf, da richtete ſich Thugut einen Mo⸗ ment empor, um mit verächtlichen Blicken hinaus zu ſchauen. Dann lehnte er ſich wieder in ſeinen Wagen. zurück, und murmelte mit einem Ausdruck unbeſchreiblicher Geringſchätzung: Canaille!*) II. Der 5turz. Immer neue Schreckensbotſchaften waren in Wien eingetroffen, immer neue Unglücksfälle hatten das Heer getroffen, und dem großen Sieg von Marengo war jetzt zu Ende des Jahres der Sieg von Hohenlinden gefolgt.**) Er hatte den Oeſterreichern mehr als zwölf⸗ tauſend Verwundete und Todte und funfzig Geſchütze gekoſtet, er hatte ihnen außerdem den letzten Reſt von Muth und Hoffnung geraubt. Niemand glaubte jetzt mehr an die Möglichkeit eines Erfolges, Niemand hatte mehr den Muth, das Schwert heben zu wollen, um gegen den vor⸗ dringenden Feind das Vaterland zu vertheidigen. Selbſt Thugut, der Unerſchütterliche und Standhafte, fühlte ſich *) Hormayr: Lebensbild. I. S. 320. **) Die Schlacht von Hohenlinden, in der Moreau den Erzherzog Johann beſiegte, fand am 2. Dezember 1800 ſtatt. beunruhigt von ſo viel Schlägen des Schickſals, und ein düſteres, rachſüchtiges Grollen war in ihm. Er fühlte, daß es da eine Macht gäbe, die ſtärker noch ſei als ſein Wille, und dies Gefühl machte ihn raſend vor Zorn. Mit finſterm Antlitz, mit feſt auf einander gepreßten Lippen ſaß er an ſeinem Schreibtiſch, die düſteren Blicke auf die vor ihm liegenden Papiere geheftet, welche der eben angekommene Courier ans dem Lager gebracht hatte. Es waren ſchlimme Nachrichten; ſie erzählten von Oeſterreichs ungeheuren Verluſten, von dem Uebermuth des Siegers, welcher die öſterreichiſche Forderung um Waffenſtillſtand nur unter der Bedingung bewilligt habe, daß man ihm die Feſtungen Ulm, Ingolſtadt und Philippsburg über⸗ liefern ſolle, und man hatte ſich in die traurige Nothwendigkeit gefügt, um Zeit zu gewinnen und ein neues Heer zu ſammeln. Denn immer noch war Thuguts Trotz nicht gebrochen, immer noch wollte er nicht in dieſen Frieden willigen, den ganz Oeſterreich, den auch der Kaiſer ſo dringend begehrte. Nein, nein, keinen Frieden, murmelte er, als er jetzt die Papiere geleſen hatte, wir wollen weiter kämpfen und ſollten wir uns unter den Trümmern Oeſterreichs begraben müſſen! Ich haſſe dieſes dema⸗ gogiſche Frankreich, und ich werde mich niemals herbeilaſſen, ihm in Frieden die Hand zu bieten. Wir werden weiter kämpfen, und Niemand ſoll es wagen, mir von Frieden zu ſprechen! Ein leiſes Klopfen an der Thür, die in den Salon führte, unter⸗ brach ihn in ſeinem Selbſtgeſpräch, und auf ſein barſches Herein erſchien ſein Kammerdiener in der geöffneten Thür. Excellenz, ſagte er ſchüchtern, die Herren Grafen Colloredo, Saurau und Lehrbach ſind ſo eben vorgefahren und bitten um Audienz. Nicht ein Zug in ſeinem Angeſicht verrieth Thugut's Ueberraſchung, und mit vollkommen ruhiger Stimme befahl er dem Diener, die Herren ſofort einzuführen. Dann ſchritt er ſelbſt haſtig der Thür zu, um ihnen entgegen zu gehen. Eben erſchienen ſie in der Thür, voran der Graf Colloredo, der kaiſerliche Miniſter des Hauſes, hinter ihm Graf Saurau, der Polizeiminiſter, und Graf Lehrbach, der Miniſter ohne Portefeuille. Thugut umfaßte dieſe drei Geſtalten mit einem einzigen prifen furchtſ wie di Saura ſich m Lact, nacht ſind! war haben t be Wie Wlen haben ſagte iſte Ung Das mit üſteres, ſei als inſterm ibtiſch, welche eheuren ichiſche t habe, über⸗ gefügt, immer nicht Kaiſer Papiere unter dema⸗ ihm in jemand unter⸗ rſchien aurau ſchung, Herren u, um ran det n Graf er ohne einzigen prüfenden Blick, er ſah, daß der gutmüthige Graf Colloredo eine ängſtliche, furchtſame Miene hatte, daß Graf Lehrbach's wilde Augen glänzten wie die eines Tigers, der eben ſein Opfer zerfleiſchen will, daß Graf Saurau, der ſonſt ſo undurchdringliche Diplomat, ſeinen Lippen erlaubte, ſich mit einem triumphirenden Lächeln zu ſchmücken. Mit dem ſichern Tact, der Thugut niemals verließ, erkannte er an dem verſchiedenen Ausdruck dieſer drei Phiſiognomien die Veranlaſſung zu dieſem unerwar⸗ teten Beſuch und ſofort war ſein Entſchluß gefaßt. Er empfing die drei Herren mit einer freundlichen Begrüßung und reichte dem Grafen Colloredo ſeine Hand dar, um ihn zu einem Fauteuil zu führen. Die Hand Colloredo's war kalt und zitterte, und Thugut ſagte zu ſich ſelber: Er iſt beauftragt, mir eine ſehr ſchlimme Botſchaft zu bringen, und er ängſtigt ſich. Ew. Excellenz wundern ſich ohne Zweifel, daß wir zu ſo unerwarteter Stunde Sie beläſtigen, ſagte Graf Colloredo mit bebender Stimme, nachdem alle vier Herren Platz genommen. Nein, ich wundere mich gar nicht, ſagte Thugut gelaſſen, vielmehr ſind die Herren Miniſter meinen Wünſchen nur zuvorgekommen. Ich war eben im Begriff, Sie zu einer Berathung zu mir einzuladen, denn es ſind ſehr ſchlimme Nachrichten von unſerer Armee eingetroffen. Wir haben bei Hohenlinden eine Schlacht verloren, der Erzherzog Johann iſt beſiegt worden! Und Moreau hat den Inn bereits überſchritten und rückt jetzt gen Wien vor, ſagte Graf Lehrbach mit einem höhniſchen Grinſen. Sie haben ſich ein wenig verrechnet in Ihren Siegeshoffnungen, Herr Miniſter. Ja, wirklich, Sie haben ſich verrechnet, mein lieber kleiner Baron, ſagte Graf Saurau, die letzten Worte ſtark betonend. Thugut heftete auf ihn einen vollen lachenden Blick. Ei, ei, ſagte er, wie zärtlich wir heute ſind und wie uns der Schnabel gewachſen iſt, mein lieber kleiner Graf. Sie ſcheinen wenig gerührt von dem Unglück des Vaterlandes, denn Ihr Geſicht glänzt wie das eines jungen Hahns, der eben einen Rivalen von ſeinem Strohhaufen fortgebiſſen hat. Das muß aber ein recht dummer alter Hahn geweſen ſein, der ſich mit Ihnen in einen Kampf eingelaſſen!— Nun, mein lieber und verehrter ———z———— Graf Colloredo, laſſen Sie uns von Geſchäften ſprechen! Wir ſind bei Hohenlinden unterlegen und Moreau rückt vorwärts gen Wien. Das ſind zwei Thatſachen die ſich nicht beſtreiten laſſen! Aber wir werden uns von dieſen Schlägen erholen, wir werden Moreau eine neue Armee entgegenſtellen, und ſie wird Revanche nehmen! Indeß, Excellenz, das iſt nur eine Hoffnung, und ſie kann uns abermals täuſchen, rief Colloredo ängſtlich. Der Kaiſer, mein gnädiger Herr, hat keinen rechten Glauben mehr an unſere Siege, wenn wir nicht einen tüchtigen, bewährten Feldherrn an der Spitze unſers Heeres haben, einen Feldherrn, dem das Heer und das Volk gleichmäßig vertraut. Geben wir dem Heer alſo einen ſolchen Feldherrn, ſagte Thugut gelaſſen, rufen wit ſofort den Erzherzog Carl als Oberfeldherrn an die Spitze der Armee und geben ihm den Oberbefehl! Ah, es freut mich, daß Sie einverſtanden ſind, rief Graf Colloredo freudig, denn der Kaiſer hat mich ſo eben beauftragt, zu ſeinem erlauchten Bruder zn gehen und ihn im Namen des Kaiſers zu bitten, die Ober⸗ befehlshaberſtelle wieder anzunehmen. Nun, er wird ſich erbitten laſſen, ſagte Thugut lächelnd, denn das Commandiren und Herrſchen iſt immer eine gar angenehme Beſchäfti— gung, und Mancher wäre gern bereit, ſeinen Wohlthäter und Freund zu verrathen, wenn ihm das zu Macht und Anſehen verhelfen könnte. Sind Sie nicht auch der Meinung, mein lieber, kleiner Graf Saurau? Ach, Sie wiſſen gar nicht, wie ich Sie liebe! Sie ſind die Puppe, die ich mir groß gezogen und gepflegt, und die ich mir zu einem Manne nach meinem Herzen erziehen wollte! Es iſt meine Schuld nicht, daß Sie kein Mann geworden, ſondern immer nur eine Maſchine geblieben ſind, die von fremder Hand gelenkt werden muß. Hüten Sie ſich nur, mein Lieber, daß Sie niemals in ungeſchickte oder ſchlechte Hände fallen, ſonſt ſind Sie verloren, trotz Ihrer Geſchmeidigkeit und Füg⸗ ſamkeit. Aber Sie haben da einen würdigen Freund neben ſich, den edlen, herrlichen Grafen Lehrbach. Wiſſen Sie wohl, mein lieber Graf Lehrbach, daß es böswillige Menſchen giebt, welche es oft verſuchen wollten, Sie bei mir zu verdächtigen, welche mir einflüſtern wollten, Sie ſeien mein Nebenbuhler und ſtrebten ganz offenkundig danach, mich voranz 4 ovranſt nit ei I öhl Le kann! Collot nuns diger in wir eeres traut. hugut in an loredo uchten 9 ßor V er n das häfti reund önnte. urau? Buppe, Nanne daß lieben nur, dände Füg⸗ h, den Graf rſuchen volltel nich 7 zu verdrängen, und ſtatt meiner Miniſter zu werden? Wahrhaftig, dieſe ängſtlichen Menſchen gingen ſo weit mich alles Ernſtes vor Ihnen zu warnen! Und haben Ew. Excellenz ihnen darauf keine Antwort gegeben? fragte Graf Lehrbach lachend. Parbleu, ob ich es nicht gethan habe? ſagte Thugut. Ich habe den Warnern allzeit erwidert: Dem Grafen Lehrbach brauche ich nicht den Hals zu brechen, er thut es ſchon ſelber. Ich liebe es, Jemanden voranzuſtellen, den ich alle Zeit hängen laſſen kann.*) Aber Sie haben nicht berechnet, daß dieſer Jemand, den Sie ſich voranſtellen, vielleicht rückwärts langen könnte, um Ihnen das Ver⸗ gnügen zu bereiten, welches Sie ihm vorbehalten wollten, rief Lehrbach mit einem ſchmetternden Lachen. Wahrhaftig, es iſt wahr, ſagte Thugut naiv, ich hätte mich doch vor Ihnen fürchten und es bemerken ſollen, daß Sie einen Nagel in Ihrem Kopf tragen, an dem man ganz bequem aufgehängt werden kann! Aber meine Freunde, wir halten mit unſern Scherzen den Grafen Colloredo auf, und Sie wiſſen, daß er zum Erzherzog eilen muß, um uns einen Oberfeldherrn zu erbitten, der den Frieden mit Frankreich unterſchreibt. Denn ich denke, wir werden jedenfalls Frieden machen. Wir werden Frieden machen, vorausgeſetzt, daß wir die Bedin⸗ gungen erfüllen, welche Bonaparte uns hat ſtellen laſſen! ſagte Colloredo ſchüchtern. Ah, er hat Bedingungen gemacht, und dieſe ſind, ſtatt an mich, an den Kaiſer gegangen? fragte Thugut. Die Depeſchen waren an mich, als den erſten Kabinetsminiſter, adreſſirt, ſagte Graf Colloredo beſcheiden. Die erſte dieſer Bedingungen iſt, daß Oeſterreich und Frankreich Frieden machen, ohne England zu den Verhandlungen zuzuziehen. Und die zweite Bedingung glänzt mir von der Stirn des Grafen Lehrbach entgegen, ſagte Thugut gelaſſen. Herr Bonaparte verlangt, 4 *) Thuguts eigene Worte. Hormayr Lebensbilder. I. 332. — „—————— —— 398 daß ich aus dem Miniſterium ausſcheide, weil mein Ausſcheiden ihm eine Gewähr der aufrichtigen Friedensliebe ſein wird.*) Iſt es nicht ſo? Es iſt ſo, nur will der Kaiſer in dankbarer Anerkennung der wichtigen und langjährigen Dienſte, welche Ew. Excellenz dem Staat gewidmet, dieſe Bedingung nicht erfüllen, und nicht den Anſchein der Undankbarkeit auf ſich laden. Oeſterreich und mein Kaiſer fordern ein Opfer von mir, ſagte Thugut feierlich, ich bin bereit es zu bringen. Ich werde ſogleich an Se. Majeſtät den Kaiſer ſchreiben und ihn um meine Entlaſſung aus dem Staatsdienſt erſuchen. Graf Colloredo ſeufzte ſchmerzlich, Graf Saurau lächelte, und Graf Lehrbach ſchaute Thugut mit dem Lachen einer Hyäne in's Geſicht. Und wiſſen Sie, wer Ihr Nachfolger ſein wird? fragte der Letztere. Mein Lieber, ich werde keinen Nachfolger haben, ſondern nur einen Nachtreter, und das werden Sie ſein, ſagte Thugut ſtolz. Aber ich gebe Ihnen mein Wort, daß Sie mit dieſer Arbeit nicht lange beläſtigt werden ſollen. Ich werde jetzt ſofort mein Geſuch an den Kaiſer auf⸗ ſetzen, und ich bitte dieſe Herren, die Güte zu haben, es dem Kaiſer zu übergeben! Er ging, ohne ein Wort zu ſagen, zu ſeinem Schreibtiſch, und warf haſtig einige Zeilen auf das Papier, das er dann ſiegelte und couvertirte. Haben Sie die Güte, Herr Graf Colloredo, dies dem Kaiſer zu übergeben, ſagte er. Graf Colloredo nahm es mit der einen Hand und zog mit der andern ein verſiegeltes Papier aus ſeinem Buſen hervor. Und hier, Excellenz, ſagte er, hier habe ich die Ehre, Ihnen das Antwortsſchreiben Sr. Majeſtät zu überreichen. Der Kaiſer, Ihren edlen hingebenden Patriotismus kennend, war im Voraus überzeugt, daß Sie bereit ſein würden, ſich auf dem Altar des Vaterlandes zu opfern, und er war, obwohl betrübten Herzens, entſchloſſen, das Opfer anzunehmen. Der Kaiſer bewilligt Ihnen die Entlaſſung aus dem Staatsdienſt, welche Sie begehren, und der Graf Ludwig Cobenzl, welcher heute noch nach *) Häuſſer: Deutſche Geſchichte II. 324. Aunevill mit Joſe die Nai Lehrbach Schreib miniſtet Er erbrach lh leidig. bewillig Wiener Entlaſſt zurück, ehrfur des N V ſetzt wi kleinen U Lachen meine gebrach ziehen en ihm cht ſo7 eſicht. etztere. n wr Aber liſtigt et auf⸗ Kalſer dwarf ertirte. iſer zu nit der d hier, reiben benden it ſein r war, Der welche ch nach 399 Luneville abgehen ſoll, um dort mit dem Bruder des erſten Conſuls, mit Joſeph Bonaparte, die Friedensconferenzen zu eröffnen, wird zugleich die Nachricht von dieſem Miniſterwechſel mitnehmen. Herr Graf Lehrbach, ich habe die Ehre, Ihnen im Namen des Kaiſers dieſes Schreiben zu überreichen, in welchem Se. Majeſtät Sie zum Staats⸗ miniſter der innern Angelegenheiten ernennt. Er reichte dem Grafen Lehrbach ein Schreiben, das dieſer haſtig erbrach und mit gierigen Blicken durchflog. Und Sie, mein lieber kleiner Graf Saurau? fragte Thugut mit⸗ leidig. Hat man Ihnen gar keinen Antheil an der Beute des Löwen bewilligt? Oh doch, man hat mir den ehrenvollen Auftrag ertheilt, den guten Wienern die Freudenbotſchaft mitzutheilen, daß Baron Thugut ſeine Entlaſſung erhalten hat, ſagte Graf Saurau, und ich ziehe mich jetzt zurück, dieſen Auftrag zu erfüllen. Er grüßte Thugut mit einem raſchen Kopfnicken, verneigte ſich ehrfurchtsvoll vor dem Grafen Colloredo und verließ dann das Cabinet des Miniſters. Ich bin gerächt, murmelte er, indem er den Vorſaal durchſchritt, jetzt wird dieſer Schiffszimmermannsſohn mich nicht mehr„ſeinen lieben, kleinen Baron“ nennen! Und auch ich ziehe mich zurück, ſagte Lehrbach mit einem gellenden Lachen, ich ziehe mich zurück um meine Vorkehrungen zu treffen, damit meine Meubles und Pferde ſchon morgen hierher in die Staatskanzlei gebracht werden können. Denn nicht wahr, Herr von Thugut, Sie ziehen noch heute hier aus? Ja, ich ziehe aus, und Sie ziehen ſich zurück, ſagte Thugut, den Grafen mit einem ſtolzen Wink ſeiner Hand entlaſſend. Graf Lehrbach eilte lachend hinaus, und Graf Colloredo blieb allein mit Thugut. Und Sie? fragte Thugut, haben Sie mir gar keine Bosheit zum Abſchied zu ſagen? Ich habe Ihnen Vieles zu ſagen, aber keine Bosheiten, ſagte Colloredo ſanft. Ich habe Sie vor allen Dingen zu bitten, daß Sie —— —— ——————— ————— ——— 400 mir Ihre Freundſchaft und Ihren Rath nicht entziehen, vielmehr mir nach wie vor beiſtehen wollen. Ich bedarf Ihres Rathes und Ihrer Hülfe mehr als jemals, und ich werde nichts thun ohne Ihren Willen. Der Kaiſer wird das nicht erlauben, ſagte Thugut düſter. Er wird verlangen, daß Sie jeden Verkehr mit mir abbrechen. Im Gegentheil, flüſterte Colloredo, der Kaiſer wünſcht, daß Sie ihm und mir ſtets rathend zur Seite ſtehen, der Kaiſer wünſcht, daß Sie die Güte haben, mich täglich mit Ihrem Beſuch zu erfreuen, um mit mir die Geſchäfte zu beſprechen, und Sie werden da, durch Zufall natürlich, auch Sr. Majeſtät begegnen, der den Rath Ihrer Erfahren⸗ heit und Weisheit vernehmen will. Sie werden Miniſter bleiben, aber Incognitv. Ein Blitz der Freude ſchoß in Thugut's Augen auf, aber er unterdrückte ihn ſchnell wieder. Und werde ich da in Ihrem Hauſe auch zuweilen Ihrer Gemahlin begegnen, der ſchönen Gräfin Victoria? fragte er. Victoria beſchwört Sie durch meinen Mund, ihr zu vertrauen, und niemals an ihrer Freundſchaft zu zweifeln. Daſſelbe ſage ich Ihnen von mir. Sie haben uns Beide ſo glücklich gemacht, mein lieber Baron, Sie ſind der Vermittler einer Ehe geweſen, in der wir Beide, Victoria und ich, das höchſte Glück der Erde gefunden haben, und nie werden wir aufhören, Ihnen dafür dankbar zu ſein, nie werden wir außerdem Ihres Rathes entbehren können und wollen. Sie ſind unſer Kopf, wir ſind Ihre Arme, und da der Kopf den Armen gebietet, ſo werden wir Ihnen allzeit gehorchen. Victoria be⸗ ſchwört Sie, ihr irgend Etwas zu ſagen, was Sie wünſchen, damit Sie Ihnen ſofort einen Beweis ihrer Dienſtbereitſchaft geben kann. Sie hat mir aufgetragen, dies zu fordern als einen Beweis Ihrer Freundſchaft. Nun denn, ſagte Thugut lachend, ich nehme Ihr Erbieten und das der ſchönen Victoria an. Graf Lehrbach iſt Miniſter und will morgen ſchon mit ſeinen Meubles in die Staatskanzlei einziehen. Laſſen wir ihn morgen früh einziehen, aber im Laufe des Tages wird der Kaiſer gut thun, ihm ſeine Entlaſſung zu ſenden, denn Graf Lehr⸗ ehr mir Ihrer r. Er aß Sie ht, daß len, um Zufall fahren⸗ n, aber rtrauen, ſage ich mein der wir haben, in, nie wollen. opf den ria be damit nkann⸗ Ihrer ten und nd vil inziehe es win raf ehr 401 bach iſt nicht würdig, Staatsminiſter zu ſein. Seine Hand iſt befleckt mit dem Blut, das in Raſtatt vergoſſen worden, und die Hand eines Miniſters muß rein ſein. Aber wen ſollen wir alsdann ſtatt Lehrbach's zum Miniſter ernennen? Den Grafen Ludwig Cobenzl, denn er bietet Frankreich die beſte Bürgſchaft des Friedens. Aber Graf Cobenzl ſoll ja nach Luneville gehen zur Friedens⸗ Conferenz? Laſſen Sie ihn immerhin dahin gehen, und bis er zurückkehrt, mag der Graf Trautmannsdorf ſein Miniſterium interimiſtiſch ver⸗ walten. Ah, das iſt wahr, das iſt ein vortrefflicher Gedanke, rief Colloredo freudig. Sie ſind ein gar weiſer und beſonnener Staatsmann, und ich werde eilen, Ihre Rathſchläge dem Kaiſer mitzutheilen. Seien Sie überzeugt, daß Alles ſo geſchehen ſoll, wie Sie es wünſchen. Lehrbach bleibt bis morgen Mittag Miniſter, alsdann erhält er ſeine Entlaſſung, Graf Ludwig Cobenzl wird ſein Nachfolger, und Graf Trautmannsdorf verwaltet interimiſtiſch das Miniſterium, bis Cobenzl von Luneville zurückkehrt. Nicht wahr, ſo ſoll es ſein? Ja, ſo ſoll es ſein, ſagte Thugut faſt ſtreng. Aber damit iſt noch nicht Victoria's Bitte erfüllt, ſagte der Graf ängſtlich, dieſe Dinge kann ich beſorgen, aber auch Victoria wünſcht Ihnen einen Beweis Ihrer Freundſchaft zu geben. Nun, ich bitte ſie, mir und Ihnen Beiden einen kleinen Scherz zu bereiten, rief Thugut. Graf Lehrbach will morgen früh mit allen ſeinen Meubles in die Staatskanzlei einziehen. Ich bitte Victoria, dahin zu wirken, daß er ſchon morgen Abend mit allen ſeinen Meubles wieder ausziehen muß, wie der ertappte Marder vom Taubenſchlag.*) „*) Es geſchah in der That ſo, wie Thugut es gewünſcht hatte. Graf Lehrbach verlor ſchon am andern Tage ſein kaum erlangtes Portefeuille wieder, und mußte die Meubles, die er am Morgen mit roher Eile in die Staatskanzlei geſchafft hatte, ſchon am Abend deſſelben Tages wieder hinausſchaffen. Siehe: Lebensbilder aus dem Befreiungskriege. I. 330. Mühlbach, Napoleon. I. Bd. 26 —— C5—— Ah, das iſt ein köſtlicher Scherz, ſagte Graf Colloredo lachend, und meine theure Victoria wird glücklich ſein, Ihnen dieſe kleine Ge⸗ nugthuung gewähren zu können. Ich ſage es Ihnen im Voraus, Graf Lehrbach wird morgen Abend ausziehen müſſen. Aber jetzt, mein theuerſter Freund, muß ich eilen, zum Erzherzog Carl zu reiſen, der, wie Sie wiſſen, auf einem ſeiner Landgüter ſchmollt. Ich werde ſo⸗ gleich dahin abreiſen, und zwei Tage von Wien abweſend ſein. Nehmen Sie Sich indeſſen meiner Victoria als treuer Freund an. Ich werde mich ihrer annehmen, wenn die Gräfin es mir geſtatten will, ſagte Thugut lächelnd, indem er den Grafen Colloredo bis zur Thür begleitete. Dann ſchaute er ihm lange nach mit einem Ausdruck ſtolzer Ge⸗ ringſchätzung. Die Narren bleiben, ſagte er, und ich muß gehen! Aber nein, ich gehe nicht! Möge die Welt mich immerhin als einen abgeſetzten Miniſter betrachten, ich bleibe dennoch Miniſter, ich werde herrſchen durch meine Creaturen, durch Colloredo und Victoria. Ich bleibe Miniſter, ſo lange bis ich all dieſer Erbärmlichkeiten ſatt und überdrüßig bin und mich zurückziehe, um mir ſelber zu leben.*) *) Thugut trat wirklich für immer vom öffentlichen politiſchen Schauplatz ab, aber in der Stille bewahrte er ſich immer noch ſeine Macht und ſein An⸗ ſehen, und Victoria von Poutet Colloredo, die mächtige Freundin der Kaiſerin Thereſe blieb immer ſeine treue Anhängerin und Vertraute. Uebrigens jubelte ganz Wien über den Rücktritt Thugut's, der ſo lange mit tyranniſcher Willkür den Kaiſerſtaat beherrſcht hatte. Ein Beiſpiel ſeiner Willkür iſt, daß man bei ſeinem Austritt 170 uneröffnete Eſtafetten und über 2000 uneröffnete Briefe fand. Thugut las nur, was ihm der Mühe werth ſchien, alles Andere beachtete er gar nicht. Lebensbilder I. 327. Die gentoilet um einſ Seufzer colade, trinken,! meriſch; zuweilen auf ihre nicht en allein; wort ge N hin, un Kloyfen fragte: Ah und hoe lachend, eine Ge 8, Graf t, mein ſen, der, verde ſo Nehmen geſtatten bis zur lzer Ge⸗ gehen! als einen ich werde rig. Ich ſatt und Schauplat ſein An er Kaiſerin ens jubelte er Villkür ß man bei lete Brief e beachtete „ III. Tanny von Irnſtein. Die junge Baronin Fanny von Arnſtein hatte ſoeben ihre Mor⸗ gentvilette vollendet und trat aus ihrem Ankleidezimmer in ihr Boudoir, um einſam wie immer ihre Chocolade einzunehmen. Mit einem leiſen Seufzer ließ ſie ſich auf den Fauteuil niedergleiten, und ſtatt die Cho⸗ colade, die in ſilbernem Service vor ihr auf dem Tiſch ſtand, zu trinken, lehnte ſie ihr Haupt rückwärts an den Seſſel und blickte träu⸗ meriſch zur Decke empor. Zuweilen hoben tiefe Seufzer ihren Buſen, zuweilen trieben die Gedanken, die ihre Seele und ihr Herz bewegten, auf ihre Wangen eine tiefe Röthe, die aber ſchnell wieder verſchwand und der eine noch tiefere Bläſſe folgte. Plötzlich ward ſie durch ein leiſes, ſchüchternes Klopfen an der Thür, die in das Empfangszimmer führte, aus ihrem Sinnen aufge⸗ ſchreckt. Mein Gott, flüſterte ſie leiſe, er wird es doch nicht wagen, ſo unangemeldet und früh hierher zu kommen? Das Klopfen an der Thür erneuerte ſich. Ich kann, ich will ihn nicht empfangen, murmelte ſie, es iſt beſſer, gar nicht mehr mit ihm allein zu ſein. Ich will den Riegel vorſchieben und gar keine Ant⸗ wort geben. Mit leiſen Tritten ſchwebte ſie durch das Gemach nach der Thür hin, und eben war ſie im Begriff, den Riegel vorzuſchieben, als das Klopfen zum dritten Mal ertönte und eine demuthsvolle weibliche Stimme fragte: Sind die gnädige Frau da und darf ich eintreten? Ah, es iſt nur meine Kammerfrau! flüſterte Frau von Arnſtein, und hoch aufathmend, wie von einer drückenden Laſt befreit, öffnete ſie ſelbſt die Thür. Nun, Fanchon, fragte ſie mit ihrer ſanften, lieblichen Stimme, was führt Sie her? Gnädige Frau verzeihen, ſagte die Kammerfrau, einen neugierigen Blick durch das Zimmer gleiten laſſend, der gnädige Herr ließ mich 26* —— —— 404 ſoeben rufen, er fragte mich, ob Ew. Gnaden ſchon aufgeſtanden und in Ihr Cabinet eingetreten ſeien, und als ich es bejahete, gab mir der gnädige Herr eine Beſtellung an Ew. Gnaden, aber mit dem aus⸗ drücklichen Befehl, dieſelbe erſt auszurichten, wenn die gnädige Frau Ihre Chocolade getrunken und dejeunirt hätten; aber jetzt ſehe ich, daß ich meine Beſtellung noch nicht ſagen darf, denn das Dejeuner ſteht noch unberührt da. Nehmen Sie es fort, ich mag nichts eſſen, ſagte Frau von Arn⸗ ſtein raſch. Und nun, Fanchon, ſagen Sie mir Ihren Auftrag. Fanchon näherte ſich dem Tiſch, und indem ſie das ſilberne Plateau empor hob, warf ſie einen Blick voll zärtlicher Beſorgniß auf ihre bleiche, ſchöne Herrin. Ew. Gnaden eſſen gar nicht, ſagte ſie ſchüchtern, ſeit acht Tagen nehme ich das Frühſtück jeden Morgen unberührt wieder fort, und der Kammerdiener klagt, daß Sie auch beim Diner kaum die Speiſen be⸗ rühren, Ew. Gnaden werden ſich krank machen und— Laſſen Sie gut ſein, meine liebe Fanchon, unterbrach ſie ihre Herrin mit einem ſanften Lächeln, ich habe wenig Appetit, es iſt wahr, aber ich fühle mich doch nicht krank, und ich will auch nicht krank werden! Sprechen wir nicht mehr davon, und richten Sie mir den Auftrag aus, den Ihnen der Baron gegeben. Der Herr Baron laſſen die gnädige Frau fragen, ob Sie ihm erlauben, daß er Ew. Gnaden ſogleich ſeinen Beſuch machen darf, und ob Ew. Gnaden den Herrn Baron hier in Ihrem Cabinet empfan⸗ gen wollen? Frau von Arnſtein bebte zuſammen und ein Ausdruck des Er⸗ ſtaunens flog über ihr Antlitz hin. Sagen Sie dem Herrn Barxon, daß er willkommen iſt und ich ihn erwarte, ſagte ſie dann ruhig; als aber Fanchon hinausgegangen war, flüſterte ſie: Mein Gott, was bedeutet dies? Wozu dieſer ungewohnte Beſuch? Oh, meine Kniee zittern und mein Herz pocht ſo heftig, als ob es zerſpringen wollte. Warum denn, was habe ich denn gethan? Was habe ich denn zu fürchten? Bin ich eine Verbrecherin, welche ſich ſcheut, vor ihrem Richter zu erſcheinen? Sie Hünde v langen] Verbrech darf mei Ich ha ſch w ſich ſelb einem A trat ein Gemüth fteundli ihm ſch N noch b kommen und ich Neglige A) hatten Hochei 3 In heute de 1 als — 0 tranig er fort ſein un da S Sie den und mir der m aus e Frau ich, daß ner ſteht on Arn⸗ . ſilberne niß auf Tagen ſie ihre ſt wahr, ht krank mir den Sie ihm en darf, empfan es Er Baron, ig; als 5 was ſe Knie wollte⸗ denn 3l r ihren 405 Sie ſank wieder in ihren Lehnſeſſel nieder und ſchlug ihre beiden Hände vor ihr erröthendes Angeſicht. Nein, ſagte ſie dann nach einer langen Pauſe, indem ſie ihr Haupt wieder erhob, nein, ich bin keine Verbrecherin, und mein Gewiſſen iſt von keiner Schuld belaſtet. Ich darf mein Auge frei zu meinem Gemahl und zu meinem Gott erheben. Ich habe bis hierher redlich gekämpft gegen mein eigenes Herz und ich werde auch ferner kämpfen. Ich— ah, er kommt, unterbrach ſie ſich ſelber, als ſie im anſtoßenden Salon Schritte vernahm, und mit einem Ausdruck ängſtlicher Spannung richteten ſich ihre Blicke nach der Thür hin. Dieſe öffnete ſich jetzt und ihr Gemahl, der Baron von Arnſtein, trat ein. Sein Antlitz war bleich und zeigte den Ausdruck innerer Gemüthsbewegung, aber er begrüßte ſeine Gemahlin doch mit einem freundlichen Lächeln, und neigte ſich, um die Hand zu küſſen, die ſie ihm ſchweigend dargereicht hatte. Nicht wahr, Sie haben mich erwartet? fragte er. Sie wußten, noch bevor ich Fanchon zu Ihnen ſchickte, daß ich um dieſe Stunde kommen würde? Fanny ſah ihn erſtaunt und fragend an. Ich geſtehe, ſagte ſie verlegen, daß ich, bis Fanchon kam, nichts von Ihrem Beſuch ahnte, und ich ſage das nur, um mich zu entſchuldigen, daß Sie mich im Negligée treffen. Ah, Sie erwarteten mich nicht! rief der Baron ſchmerzlich. Sie hatten alſo Alles vergeſſen? Sie dachten nicht daran, daß heute unſer Hochzeitstag iſt und daß fünf Jahre ſeitdem vergangen ſind? In der That, flüſterte Fanny verlegen, ich wußte nicht, daß gerade heute der Tag iſt. Sie fühlten die Laſt deſſelben alle Tage, und es war Ihnen daher, als ob ſich dieſer unſelige Tag für Sie täglich erneuere! rief der Baron traurig. Verzeihen Sie mir meinen Ungeſtüm und mein Klagen, fuhr er fort, als er ſie erbleichen und ſich abwenden ſah. Ich will ſanft ſein und Sie ſollen ſich nicht mehr über mich zu beklagen haben. Aber da Sie die Verabredung vergeſſen haben, welche wir vor fünf Jahren 406 getroffen haben, ſo erlauben Sie mir, ſie Ihnen in's Gedächtniß zurück⸗ zurufen! Er nahm einen Stuhl und ſetzte ſich ihr gegenüber, und ſchaute ſie an mit einem langen, traurigen Blick. Als ich Sie heute vor ünf Jahren zum Altar führte, ſagte er weich, da waren Sie vielleicht weniger ſchön wie heut, weniger glänzend, weniger majeſtätiſch, aber Sie waren heiterer, jugendmuthiger, obwohl Sie im Begriff waren, ſich einem Manne, der Ihnen vollkommen gleichgültig war, zu ver⸗ mählen. Oh, ich habe nicht geſagt, daß Sie mir gleichgültig waren, ſagte Fanny leiſe, nur kannte ich Sie nicht, und liebte Sie daher auch nicht! Sie ſehen, daß die Unbekanntſchaft nicht allein der Grund war, ſagte er ſchmerzlich lächelnd, denn jetzt, glaube ich, kennen Sie mich, und Sie lieben mich dennoch nicht! Aber ſprechen wir von dem, was mich hergeführt, von der Vergangenheit! Sie wiſſen, daß Sie vor unſerer Vermählung mir das Glück einer langen und vertraulichen Unterredung ſchenkten, daß Sie mir vergönnten, bis auf den Grund Ihrer reinen und ſchönen Seele zu ſehen, daß Sie Ihr edles und un⸗ ſchuldiges Herz, welches noch keine Narben und keine Wunden, nicht einmal ein Bild oder eine Erinnerung aufzuweiſen hatte, vor mir ent⸗ ſchleierten und mir erlaubten, Ihr Bruder und Ihr Freund zu ſein, da Sie mich zu Ihrem Geliebten und Ihrem Gemahl nicht annehmen wollten. Ich ward indeß vor der Welt Ihr Gemahl, und ich führte Sie hierher nach Wien in mein Haus, deſſen Herrin und Königin Sie ſein ſollten! Das ganze Haus war feſtlich geſchmückt, Sie zu em⸗ pfangen, alle Geſellſchaftszimmer waren geöffnet, denn Ihre Ankunft ſollte mit einem Ball gefeiert werden. Nur eine Thür war verſchloſſen — es war die Thür dieſes Cabinets. Ich führte Sie hier herein und ſagte zu Ihnen:„Das iſt Ihr Sanctuarium, und Niemand ſoll daſſelbe ohne Ihre Erlaubniß betreten dürfen. In dieſem Boudvir ſind Sie nicht die Baronin von Arnſtein, nicht meine Gemahlin, ſon⸗ dern hier ſind Sie Fanny Itzig, das freie, ungebundene junge Mädchen, das Herr iſt ihres Willens und ihrer Neigung. Ich ſelber werde nie wagen, treten, u als ein G Dane ſe nicht abe ju frage in demſe verantw geſagt Ich Ih dereinſt gehabt, von fün und zu etträgli forderte unſerm Ihnen weine T Sie ſic Ne V Ihnen, ich ſie Sie wi es bedr vor für 8 — ch bitt wie he g Bitte weiſer Verga zurück chaute ute or ch, aber f waren, zu ver⸗ em, was Sie vor raulichen nicht mir ent zu ſein, nnehmen führte Sie em Ankunſt ſchloſſen rein und and ſol Bordoit hlin, ſen Midchen⸗ werde U wagen, ohne daß Sie es ausdrücklich begehren, dies Gemach zu be⸗ treten, und wenn ich es alsdann thue, ſo werde ich doch nur kommen als ein Cavalier, der die Ehre hat, einer ihm fernſtehenden ſchönen Dame ſeinen Beſuch zu machen. Vor der Welt bin ich Ihr Gemahl, nicht aber in dieſem Zimmer. Nie werde ich mir daher auch erlauben, zu fragen und zu forſchen, was Sie in dieſem Zimmer thun, wen Sie in demſelben empfangen, denn Sie ſind nur Gott und ſich Selber hier verantwortlich!“ Entſinnen Sie ſich jetzt, daß ich Ihnen das damals geſagt habe? Ich entſinne mich deſſen! Ich ſagte Ihnen ferner, daß ich Sie bäte, hier in dieſem Zimmer dereinſt die vertrauliche Unterredung, welche wir vor unſerer Trauung gehabt, mit mir fortſetzen zu wollen. Ich bat Sie, dazu eine Friſt von fünf Jahren anzunehmen und in dieſer Zeit Ihr Herz zu prüfen und zu ſehen, ob Ihnen das Leben an meiner Seite wenigſtens eine erträgliche Laſt, oder ob Sie dieſelbe abzuſchütteln begehrten. Ich forderte von Ihnen das Verſprechen, daß ich nach fünf Jahren, an unſerm Hochzeitstag, dies Cabinet wieder betreten dürfe, um dann mit Ihnen unſere weitere Zukunft zu verabreden. Sie waren gütig genug, meine Bitte zu erfüllen und mir das Verſprechen zu leiſten. Entſinnen Sie ſich deſſen? Ich entſinne mich deſſen, ſagte Fanny erröthend, nur geſtehe ich Ihnen, daß ich jene Worte nicht ſo ernſt und wichtig genommen, daß ich ſie nicht als eine förmliche Verpflichtung für Sie betrachtet habe. Sie wären jeden Tag hier in dieſem Cabinet willkommen geweſen und es bedurfte in der That dazu nicht eines beſonderen Tages und einer vor fünf Jahren getroffenen Verabredung. Sie weichen mir aus, Frau Baronin, ſagte der Baron ſchmerzvoll, ich bitte Sie aber, laſſen Sie uns in dieſer Stunde offen und ehrlich, wie heute vor fünf Jahren, zu einander reden! Wollen Sie mir dieſe Bitte erfüllen? Ich will es, rief Fanny lebhaft, und ich will Ihnen gleich be⸗ weiſen, daß es mir Ernſt damit iſt. Sie erwähnten vorhin unſerer Vergangenheit, und Sie fragten mich verwunderungsvoll, ob ich unſer — 408 damaliges Geſpräch vergeſſen hätte. Ich erinnere mich deſſen aber ſo gut, daß ich Sie darauf aufmerkſam machen muß, daß Sie ſelber den Hauptinhalt unſers damaligen Geſprächs vergeſſen haben, oder vielmehr, daß Sie in Ihrem edelmüthigen Zartſinn und mit der groß⸗ müthigen Herzenshöflichkeit, die nur Sie beſitzen, einen Theil des⸗ ſelben abſichtlich verſchwiegen haben. Sie haben ſich wohl erinnert, daß ich Ihnen geſagt, ich liebte Sie nicht, aber Sie haben vergeſſen, daß Sie mich darauf fragten, ob ich einen Andern liebte. Ich erwiderte Ihnen, daß ich Niemand liebe, und niemals werde ich vergeſſen, mit welchem Schmerzensausruf Sie darauf ſagten:„Es iſt viel leichter mit einem kalten Herzen in die Ehe zu treten, als mit einem gebrochenen, denn das kalte Herz kann ſich erwärmen, das gebrochene nicht.“ Oh, entſchuldigen Sie ſich nicht, fuhr ſie lebhafter fort, denken Sie nicht, ich ſei ein ſo kleinliches und eitles Geſchöpf, daß ich darin eine Beleidigung für mich hätte ſehen können! Es war höchſtens ein Schmerz, den ich empfand. Ein Schmerz? fragte der Baron überraſcht, und ſeine dunklen Augen hefteten ſich mit einem wunderbar leidenſchaftlichen Ausdruck auf das Antlitz ſeiner Gemahlin. Ja, ein Schmerz war es, den ich empfand, rief ſie lebhaft, denn ich fühlte bei Ihren Worten, die ſo tief aus der Seele quollen, bei Ihrem wahren und leidenſchaftlichen Schmerz, bei Ihrer muthvollen Entſagung, daß Ihr Herz eine Wunde empfangen, welche ſich niemals wieder ſchließen würde, daß Sie niemals von Ihrer erſten Liebe zi einer zweiten ſich treulos abwenden würden. Oh, mein Gott, murmelte der Baron leiſe, und er wandte ſein Geſicht ab, um die Röthe nicht ſehen zu laſſen, die plötzlich darüber hinfuhr. Fauny achtete nicht darauf und fuhr fort: Aber dieſe todte Liebe Ihres Herzens legte ſich wie eine kalte Leichenhand auf mein Herz und verdammte es zu ewiger Kälte. Mit dem Bewußtſein, daß Sie mich niemals lieben würden, mußte ich auch das Streben danach auf⸗ geben, der Hoffnung entſagen, durch Sie vielleicht einſt mein Herz er— wachen, und uns Beiden in der Ehe die Wunderblüthe einer Liebe enfalten Aeltern, geftngt, ſignation immer e weiner dürfe, Andem erheben Wendun Welt d 5 Zimmer 0 ½1* hlg ſe welche verſtan 9 rwiderte n, mit hollen niemals ebe zu 409 entfalten zu ſehen, deren allmäliges Knospen uns die Willkür unſerer Aeltern, die nicht nach unſern Herzen, ſondern nach unſern Capitalien gefragt, verſagt hatte. Ich ward Ihre Gemahlin mit der vollen Re⸗ ſignation, ein kaltes, liebeleeres, ödes Leben führen zu müſſen, für Sie immer eine Laſt, eine Feſſel, ein Hinderniß ſein zu ſollen! Mein Stolz, der ſich dagegen empörte, ſagte mir aber, daß ich dieſes Leben meiner würdig tragen, daß ich niemals auch nur den Verſuch machen dürfe, dieſe Scheidewand zu durchbrechen, welche Ihre Liebe zu einer Andern zwiſchen uns aufgerichtet, und die Sie ſo hoch wie möglich zu erheben trachteten! Ich? rief der Baron ſchmerzlich. Ja, Sie, ſagte ſie ernſt. Oder meinten Sie etwa, ich hätte Ihre ſtrenge Zurückhaltung gegen mich nicht verſtanden? Ich hätte nicht begriffen, daß Sie Ihrem Widerwillen gegen mich nur eine ſchonende Umhüllung gegeben? Sie führten mich in dies Cabinet und ſagten mir, daß niemals Ihr Fuß daſſelbe betreten, daß Sie nur auf meine ausdrückliche Einladung hierher kommen würden. Nun, mein Herr, Sie wußten ſehr geſchickt Ihre Abſicht, niemals mit mir allein zu ſein, ein durchaus getrenntes Leben von mir zu führen, unter dieſer Wendung zu cachiren, denn Sie wußten ſehr wohl, daß mein Stolz mir niemals erlauben würde, Sie wider Ihren Willen hierher ein⸗ zuladen! Oh, war es möglich, mich ſo zu mißverſtehen! ſeufzte der Baron, aber ſo leiſe, daß Fanny ihn nicht verſtand. Sie ſagten mir ferner, fuhr ſie glühend fort, daß ich nur vor der Welt den Titel Ihrer Gemahlin zu führen habe, daß ich hier in meinem Zimmer aber dieſen Namen nicht führen, daß ich hier immer nur Fanny Itzig ſein ſolle! Sie waren gütig genug, dieſer moraliſchen Scheidung welche Sie ausſprachen, den Character zu geben, als wären Sie der Entſagende, und aus Schonung für mich handelten Sie ſo! Ich aber verſtand ſehr wohl, und als Sie nach jener Unterredung dies Cabinet verließen, mein Herr, ſank ich nieder auf meine Kniee und flehte zu Gott, daß Er bei mir bleiben möge in dieſer Einſamkeit, zu welcher Sie mich verurtheilten, und flehte zu meinem Stolz, daß er mich auf⸗ —————— ——————— 3 —— ——— 410 richten und halten möge, und ſchwur es meiner Mädchenehre, daß ich ſie rein und heilig bewahren wolle bis an mein Ende! Oh, mein Gott! Mein Gott! ſeufzte der Baron, indem er, wie von einem Schwindel erfaßt, rückwärts ſchwankte. Fanny in ihrer eigenen glühenden Erregung ſah es nicht. Und ſo begann ich mein neues Leben, ſagte ſie, ein Leben des Glanzes und des Schimmers, es war herrlich nach außen, aber öde nach innen, und inmitten unſerer glänzendſten Geſellſchaften war ich doch immer einſam; umgeben von Hunderten, die ſich Alle die Freunde unſres Hauſes nannten, war ich doch immer allein, ich, die Gemahlin Ihres Salons, die Verſtoßene meines Boudoirs! Oh, es iſt wahr, ich habe viele Triumphe erlebt, ich habe dieſe ſtolze Welt, welche nur widerſtrebend ſich mir öffnete, ſich endlich vor mir beugen ſehen, die Jüdin iſt der Mittelpunkt der Geſellſchaft geworden, und Niemand glaubt mehr, wenn er unſere Salons betritt, uns eine Gunſt zu erweiſen, ſondern eine von uns zu empfangen. Es gehört jetzt zum guten Ton, unſere Salons zu beſuchen, man überhäuft uns mit Einladungen, mit Schmeicheleien, mit Huldigungen! Aber ſagen Sie ſelbſt, mein Herr, iſt dies Alles Erſatz für das Glück, welches uns fehlt und das wir niemals erreichen können? Oh, iſt es nicht traurig, zu denken, daß wir Beide, ſo jung noch, ſo glückesfähig, doch ſchon verdammt ſind zu ewigem Entſagen, zu ewiger Einſamkeit? Iſt es nicht ſchauerlich, uns Beide zu ſehen, und müßte es nicht Gott ſelber erbarmen, wenn er von dem Glanz ſeines Sternenhimmels ſeinen Blick einen Moment hinab ſenkte in unſere düſtere Bruſt? Ich trage darin ein kaltes, er⸗ ſtarrtes Herz, und Sie einen Sarg! Oh, mein Herr, verhöhnen Sie mich nicht, weil Sie in meinen Augen Thränen ſehen, es iſt ja nur Fanny Itzig, welche weint, die Frau Baronin von Arnſtein wird heute Abend in Ihren Salons mit lächelndem Angeſicht die Honneurs machen, und Niemand wird es ihren Augen glauben, daß ſie auch zu weinen verſtehen! Aber hier, hier in meinem Wittwenſitz und meiner Nonnenzelle darf ich wohl weinen über Sie und über mich, die wir aneinander geſchmiedet ſind mit unzerreißbaren Feſſeln, deren Laſt und Druck wir Beide gleich bitter und zürnend empfinden. Möge Gott es unſeren dem Alt ewig de welche d volleres welches ſeiner war n daß ich Sie de Blice eine R Mitlei nicht ſtolzer ſucht daß ke Lben, viellei mir e meiner könne llagte mich Broſa Herr, . n, und einſam; Hauſes mehl, a nut hete nneurs auch zu meiner die wir nſt und Gott e unſeren Aeltern verzeihen, daß ſie unſere Herzen geopfert haben auf dem Altar ihres Gottes, welches der Mammon iſt, ich werde ihnen ewig deshalb zürnen, ich werde es ihnen nie verzeihen, denn ſie, welche das Leben kannten, mußten es wiſſen, daß es nichts Schmach⸗ volleres, Beklagenswertheres und Fürchterlicheres giebt, als ein Weib, welches ihren Gatten nicht liebt und nicht von ihm geliebt wird! Nicht von ihm geliebt wird! wiederholte der Baron, indem er ſich ſeiner Gemahlin, welche wie zerbrochen auf einen Stuhl niedergeſunken war, näherte und ihre ſchlaff niedergeſunkene Hand ergriff. Sie ſagen, daß ich Sie nicht liebe, Fanny? Kennen Sie denn mein Herz? Haben Sie denn ein einziges Mal es der Mühe werth gehalten, Ihre ſtolzen Blicke auf mein armes Herz fallen zu laſſen? Haben Sie mir jemals eine Regung von Theilnahme, wenn ich traurig war, ein Gefühl von Mitleid gezeigt, wenn Sie mich leidend ſahen? Aber nein, Sie haben nicht einmal geſehen, daß ich litt, und daß ich traurig war. Ihr ſtolzer, kalter Blick glitt immer an mir vorbei, er ſah mich ſelten, er ſuchte mich niemals! Was können Sie alſo wiſſen von meinem Herzen, und was würde es Sie kümmern, wenn ich Ihnen jetzt ſagte, daß kein Sarg mehr darin wohnt, daß es aufgewacht iſt zu neuem Leben, und— Herr Baron, rief Fanny, ſich raſch und ſtolz erhebend, wollen Sie vielleicht Ihren Edelmuth und Ihr Zartgefühl ſo weit treiben, daß Sie mir eine Liebeserklärung machen wollen? Habe ich mich vielleicht in meiner unbeſonnenen Heftigkeit ſo falſch ausgedrückt, daß Sie denken können, ich wünſchte jetzt noch mir Ihre Liebe zu erwerben, und ich klagte darüber, daß dieſe mir nicht zu Theil geworden? Halten Sie mich für eine demüthige Bettlerin, der Sie in Ihrer Großmuth den Broſamen einer Liebeserklärung hinwerfen wollen? Ich danke, mein Herr, ich hin nicht hungrig und ich begehre dieſe Speiſe nicht. Laſſen Sie uns wenigſtens wahr und aufrichtig mit einander ſein, und die Wahrheit iſt: wir lieben uns Beide nicht und werden uns niemals lieben. Verſuchen wir niemals zu heucheln, was wir niemals empfinden werden! Und wenn Sie mir jetzt Ihre Liebe anböten, ſo würde ich ſie zurück⸗ weiſen müſſen, denn ich bin an die Kälte gewöhnt, und es würde mir 412 gehen wie dem Bewohner Sibiriens, ich würde ſterben, wenn ich in Fan einer heißeren Zone wohnen ſollte! Wir Beide leben nun einmal in Ich wied Sibirien, nun wohlan, da wir nicht verlangen können, daß uns die in Sthrr Roſen blühen, ſo wollen wir wenigſtens verſuchen, uns Zobel zu fangen! Das iſt zudem ein Artikel, den die Welt zu ſchätzen weiß. Man wird uns beneiden um unſere Zobelpelze, denn man weiß, daß ſie koſtbar ſind, man würde uns verlachen, wenn wir unſer Haupt mit Roſen ſchmückten, denn die Roſen ſind gar nicht koſtbar, und deshalb ſind nir zu, ſie gemein, und jedes Bauermädchen kann ſich damit ſchmücken! denn, la Sie ſcherzen, ſagte der Baron traurig, und doch glänzen Thränen reden! in Ihren Augen! Indeß Ihr Wille ſoll mir heilig ſein! Ich werde es niemals wagen Ihnen wieder von meinem Herzen zu reden! Aber von Ihnen wollen wir reden und von Ihrer Zukunft. Die fünf Jahre, welche Sie mir verſprochen hatten, ſind verfloſſen, und jetzt bin ich da, mit Ihnen über Ihre Zukunft zu ſprechen! Sagen Sie es ehrlich und offen, Fanny! Wünſchen Sie von mir geſchieden zu werden? und Ih Sie zuckte zuſammen und heftete einen langen forſchenden Blick nach L auf Ihren Gemahl. Ihr Vater iſt ſeit einem Jahr geſtorben, ſagte ſie gedankenvoll, Sie ſind jetzt Chef der Handlung, Niemand hat Ihnen der edelſ gebieten, und Sie können jetzt Derjenigen, welche Sie lieben, da m 3h Sie frei ſind, Ihre Hand anbieten, nicht wahr? Der Baron ſtieß einen Schrei aus und Todtenbläſſe bedeckte ſein Geſicht. Habe ich es denn verdient, daß Sie mich ſo ſehr verachten? rief er ſchmerzvoll. Ste ch Fannh reichte ihm raſch ihre Hand dar. Verzeihen Sie mir, ſagte nLn ſie herzlich, ich habe Ihnen weh gethan und wollte es nicht, die Pein ſo ug eſer Stunde hatte mich grauſam gemacht. Nein, ich glaube es nicht, dnfun daß Sie nur um Ihretwillen dieſe Frage an mich richteten, ich weiß vielmehr, daß Sie für mich die Theilnahme eines Bruders, eines Freundes haben, und ich bin davon überzeugt, daß Ihre Frage eben⸗ ſowohl mein Glück als das Ihre bezweckt. Nun denn, ſagte er mit dem Anſchein vollkommener Ruhe, ſo laſſen Sie mich meine Frage wiederholen: Wünſchen Sie von mir geſchieden zu ſein? ſich ent laſſen chieden 413 Fanny ſchüttelte langſam ihr Haupt. Wozu? fragte Sie traurig. Ich wiederhole Ihnen, was ich ſchon vorher ſagte: Wir leben nun einmal in Sibirien, laſſen Sie uns darin bleiben! Wir ſind an die Kälte gewöhnt, vielleicht würden wir ſterben in einer heißeren Zone! Oder vielleicht würde Ihr Herz aufjubeln in Freude und Wonne, ſagte der Baron, und jetzt hefteten ſich ſeine Blicke forſchend auf ihr Geſicht, Sie nannten mich vorher Ihren Freund, Sie geſtanden es mir zu, daß ich für Sie die Theilnahme eines Bruders hege, nun denn, laſſen Sie mich als Ihr Bruder und als Ihr Freund zu Ihnen reden! Weiſen Sie das Erbieten einer Scheidung nicht ſo raſch von ſich ab, Fanny, denn ich ſage es Ihnen zuvor, ich werde es Ihnen niemals wieder erneuern, und wenn Sie heute ſich nicht von mir losſagen, ſo ſind Sie für immer an mich gefeſſelt, denn ich werde mich nie wieder aufraffen zu ſolchem grauſamen Muth gegen mich ſelber. Ueberlegen Sie alſo! Bedenken Sie Ihre Jugend, Ihre Schönheit und Ihre innere Einſamkeit. Bedenken Sie, daß Ihr Herz ſich ſehnt nach Liebe, daß es ſeine Oede und Verlaſſenheit tief und ſchmerzlich empfindet. Und nun ſchauen Sie um ſich, Fanny, ſehen Sie wie viele der edelſten, der vornehmſten Cavaliere Sie umgeben, an Ihren Blicken, an Ihrem Lächeln hangen! Mein Gott, ſehen Sie, von wie Vielen Sie geliebt, angebetet werden, und fragen Sie Sich, ob unter dieſen Allen Keiner es im Stande ſein würde, Ihr Herz zu erobern, wenn es frei wäre? Denn ich kenne Ihre keuſche Tugend, ich weiß, daß Sie, obwohl an einen ungeliebten Gemahl gefeſſelt, doch niemals ihm die Treue brechen würden, niemals einem Andern Liebe bekennen würden, ſo lange Sie nicht frei ſind. Denken Sie alſo, Sie wären frei, und dann fragen Sie Ihr Herz, ob es nicht für Einen Ihrer vielen Anbeter ſich entſcheiden will? Nein, nein, ſagte Sie abwehrend, ich kann nicht einen Zuſtand denken, der nicht iſt; da ich nicht frei bin, darf ich nicht die Gedanken einer Freien haben! Ihr Gemahl näherte ſich ihr, und ihre Hand faſſend, ſchaute er ſie an mit rührend flehenden Blicken. — — — Sie haben alſo vergeſſen, daß Sie an unſerm Hochzeitstag vor fünf Jahren mir verſprochen haben, mir immer zu vertrauen? fragte er. Sie haben vergeſſen, daß Sie mir geſchworen, es mir zu ſagen, wenn Ihr Herz einen Andern gewählt? Fanny hielt ſeinen Blick nicht aus und ſenkte ihre Augen nieder. Es hat aber nicht gewählt, und ich habe Ihnen alſo nichts zu vertrauen, ſagte ſie leiſe. Der Baron hielt noch immer ihre Hand in der ſeinigen, und heftete noch immer ſeine Augen auf ihr Angeſicht. Laſſen Sie uns einmal gemeinſam überlegen, ſagte er. Erlauben Sie mir Ihre Cavaliere und Anbeter zu prüfen, und mit Ihnen zu forſchen, ob Sie Keinen Ihrer Liebe würdig finden! Wie, rief Fanny, ſich in ihrer Verlegenheit zu einem heitern Lachen rettend, Sie wollen mich zur Porzia machen, und mit mir eine Scene aus dem Kaufmann von Venedig aufführen! Ja, Sie ſind Porzia, und ich übernehme die Rolle Ihrer Vertrauten, ſagte Herr von Arnſtein lächelnd. Nun alſo, überlegen wir! Da iſt zuerſt der Graf von Palfy, ein Herr von älteſtem Adel, von den untadel⸗ hafteſten Manieren, jung, reich, voll glühender Liebe zu— Zu Ihren Diners und den ſeltenen Schüſſeln, die ihm nichts koſten, unterbrach ihn Fanny. Er iſt ein Gourmand, welcher lieber von Anderer Leute Tafeln ſchwelgt, weil er ein Geizhals iſt, der die indianiſchen Vogelneſter, welche er anbetet, nicht ſelbſt bezahlen mag. Er betet mich immer erſt nach Tiſche an, denn wenn ſein Magen ruht, erwacht ſein Herz und ſchreit nach Nahrung, und auch ſein Herz iſt Gourmand, es hält die Liebe auch für eine Speiſe: voila tout! Da iſt ferner der ſchöne Marcheſe Pallafredo, ſagte ihr Gemahl lächelnd. Er liebt mich, weil man ihm geſagt hat, daß ich ſehr gutes und reines Deutſch ſpreche, und weil er von mir gut Deutſch ſprechen lernen will. Er hält mich für eine Grammatik, durch welche er deutſch lernen kann, ohne daß er es merkt. Da iſt aber der Graf Eſterhazy, einer unſerer ſchönſten Cavaliere, ihm dürfen Sie es nicht nachſagen, daß er geizig ſei, denn er iſt vielmehr ein Verſe dürfen S er berühr den ſein allein ſin ihn vor Schweſt eine ſch jurück n durchrie anzugebe Und obn haltung das Ge ſih zu wie Sie et liebt Un Daron und ich lieben, wir al Carl vp von Al rauen, t, und je uns valiere Keinen Lachen Seene der die n mag nruht, etz iſt emahl es und 1 lernen lernen avaliere⸗ vielnehl 415 ein Verſchwender, der das Geld mit vollen Händen ausſtreut; ihn dürfen Sie auch nicht beſchuldigen, daß er ein Gourmand ſei, denn er berührt kaum die Speiſen, und er weiß gar nicht, was er genießt, denn ſeine Blicke ſind immer nur auf Sie gerichtet, und mit Ihnen allein ſind ſeine Gedanken beſchäftigt. Es iſt wahr, er betet mich an, ſagte Fanny ruhig, aber ich habe ihn vor einigen Monaten in derſelben begeiſterten Anbetung meiner Schweſter Eskeles gegenüber geſehen, und ehe er die liebte, hatte er eine ſchwärmeriſche Leidenſchaft für die Gräfin Victoria Colloredo! Er liebt jede Frau, die eben gerade in der Geſellſchaft Mode iſt, und ſein Herz wechſelt ſo raſch wie die Moden. Da iſt außerdem der Domherr, Freiherr von Weichs, ſagte der Baron, ein geiſtreicher Mann, ein Gelehrter und ein Cavalier zu gleicher Zeit, ein— Oh, ich bitte, reden Sie nicht von ihm, rief Fanny mit dem Aus⸗ druck des Abſcheues. Seine Liebe empört mich und erfüllt mich mit Entſetzen und Scham. Wenn er ſich mir naht, ſchreckt mein Herz zurück wie vor einer giftigen Schlange, und ein Gefühl des Mißbehagens durchrieſelt mein ganzes Weſen, ohne daß ich mir einen Grund dafür anzugeben weiß. Es iſt etwas in ſeinen Blicken, das mich beleidigt, und obwohl er nie gewagt hat, anders als mit Ehrfurcht und Zurück⸗ haltung zu mir zu ſprechen, ſo habe ich doch bei ſeiner Unterhaltung immer das Gefühl, als ſtände ich unter einer Gewitterwolke, die jeden Moment ſich zu einem Blitz zertheilen könnte, um mich zu zerſchmettern. Er iſt, wie Sie ſagen, ein geiſtreicher Mann, aber er iſt ein ſchlechter Menſch, er liebt die Frauen, aber er achtet ſie nicht! Und er iſt es gar nicht werth, daß wir ihn nennen, ſagte der Baron lächelnd, denn ſelbſt wenn Sie ſchon frei wären, könnte der Domherr niemals des Glückes theilhaftig werden, Ihr Gemahl zu ſein, und ich weiß, daß Ihr Herz viel zu keuſch iſt um einen Mann zu lieben, der nicht im Stande wäre, Ihnen ſeine Hand zu bieten. Suchen wir alſo unter den anderen Cavalieren. Da iſt zum Beiſpiel der Fürſt Carl von Liechtenſtein, der ſchönſte, geiſtvollſte, liebenswürdigſte Cavalier von Allen, ein junger Fürſt, der weder hochmüthig, noch ſtolz, noch F „ ——— 1 5 416 auch verſchwenderiſch oder geizig iſt, der weder allen Damen huldigt, wenn ſie Mode ſind, wie Graf Eſterhazy, noch von Ihnen deutſch lernen will, wie der Marcheſe Pallafredo, ein Jüngling ſchön wie Apoll, tapfer wie Mars, beſcheiden trotz alles Wiſſens, freundlich und unbefangen trotz ſeiner hohen Geburt. Nun, Fanny, Sie unterbrechen mich nicht? Ihre ſcharfe Zunge, die alle zu verdammen wußte, hat keinen verurtheilenden Richterſpruch für den Fürſten von Liechtenſtein? Sie dulden es, daß ich ihn lobpreiſe? Sie ſtimmen mir alſo bei? Ich kann Ihnen weder widerſprechen, noch Ihnen beiſtimmen, ſagte Fanny mit erzwungenem Lächeln. Ich kenne den Fürſten nicht genug, um ihn beurtheilen zu können. Er iſt erſt ſeit einigen Monaten in Wien— Aber er war ſeit dieſer Zeit täglich in unſeren Geſellſchaften, unter⸗ brach ſie ihr Gemahl, man ſah ihn beſtändig an Ihrer Seite. Ganz Wien weiß, daß der Fürſt Sie ſchwärmeriſch liebt, und er ſelbſt macht gar kein Hehl daraus, ſelbſt mir gegenüber nicht. Vor einigen Tagen als er das Unglück hatte, Sie zu verfehlen, weil Sie einer Sitzung Ihres Wohlthätigkeitsvereins präſidirten, traf er mich allein im Salon. Plötzlich mitten in einem begonnenen, gleichgültigen Geſpräch brach er ab, fiel mir mit einer leidenſchaftlichen Bewegung um den Hals und rief:„Seien Sie nicht ſo gütig, ſo freundlich und milde zu mir, denn ich haſſe Sie, ich verabſcheue Sie, weil ich Alles haſſe, was mich von ihr zurückhält, weil ich Alles verabſcheue, was ſich hemmend zwiſchen mich und ſie ſtellen will! Vergeben Sie mir meine Liebe und meinen Haß, Beides iſt wider meinen Willen! Wären Sie nicht ihr Gemahl, ſo würde ich Sie lieben wie einen Freund, aber dieſes verhaßte Wort macht Sie zu meinem tödtlichſten Feind! Und dennoch beuge ich mich vor Ihnen in Demuth, dennoch beſchwöre ich Sie, ſeien Sie groß⸗ müthig, verbannen Sie mich nicht aus Ihrem Hauſe, nicht aus ihrer Nähe, denn ich würde ſterben, wenn ich ſie nicht täglich ſehen dürfte!“ Fanny hatte ihm mit hocherröthenden Wangen, in athemloſer Spannung zugehört. Ihre ganze Seele ſprach aus den Blicken, mit welchen ſie ihren Gemahl anſchaute, und jedes Wort wie einen ſüßen Nektar von ſeinen Lippen zu trinken ſchien. in unſere kommen Anbetung ben w Plö üͤberraſch in jihem und ihre erſchien Ah ſchrit m welcher Blicken Tre wuin„ mmen ſchiſ uldigt, deutſch ön wie ch und brechen e, hat ſtein? bei? immen, nnicht onaten unter Ganz t macht Tagen Sitzung rach el (6 und t, denn ſich von wiſchen meinen emahl, Wort ch mich e groß ihrer dürfte!“ emloſer mit en, jen n ſüßt 417 Und was antworteten Sie ihm? fragte ſie tonlos, als der Baron jetzt ſchwieg. Ich antwortete ihm, daß Sie allein zu entſcheiden hätten, wer in unſeren Geſellſchaften erſcheinen dürfe, und daß Jeder mir will⸗ kommen ſei, den Sie eingeladen. Ich ſagte ihm ferner, daß ich ſeine Anbetung für Sie ganz natürlich fände, und daß ich es ihm gern ver⸗ geben wolle, wenn er mich haſſe, denn— Plötzlich verſtummte der Baron und ſchaute ſeine Gemahlin mit überraſchten, fragenden Blicken an. Sie war zuſammen gezuckt, wie in jähem Schreck, eine Purpurröthe brannte plötzlich auf ihren Wangen und ihre Augen, welche einen ſchwärmeriſchen, begeiſterten Ausdruck angenommen hatten, wandten ſich der Thür zu. Der Baron folgte mit ſeinen Augen ihren Blicken, und jetzt hörte er ein leiſes Geräuſch an der Thür. Ich glaube, es hat Jemand da geklopft, ſagte er, ſeine durchboh⸗ renden Blicke auf ſeine Gemahlin heftend; ſie wandte leiſe ihr Haupt zur Seite und flüſterte: Ja, ich glaube. Und es iſt ſchon das zweite Mal, ſagte der Baron ruhig. Wollen Sie alſo nicht Erlaubniß ertheilen, einzutreten? Ich weiß nicht, ſagte ſie verlegen, ich— Plötzlich ward die Thür ungeſtüm aufgeriſſen und ein junger Mann erſchien auf der Schwelle. Ah, der Herr Fürſt von Liechtenſtein, ſagte der Baron und er ſchritt mit vollkommener Ruhe und Freundlichkeit dem Fürſten entgegen, welcher überraſcht in der Thür ſtehen geblieben war und mit finſteren Blicken auf die ſeltſame und unerwartete Gruppe hinſtarrte. Treten Sie ein, gnädiger Herr, ſagte der Baron ruhig, die Ba⸗ ronin wird Ihnen ſehr dankbar ſein, daß Sie gerade jetzt hierher kommen und unſer Geſpräch unterbrachen, denn es betraf trockene Ge⸗ ſchäftsſachen. Ich legte der Baronin einige alte fünfjährige Rechnungen vor, und ſie gab mir Quittung darüber, weiter nichts. Uebrigens waren wir mit unſerm Geſpräch zu Ende, und Sie dürfen daher nicht fürchten, uns geſtört zu haben. Erlauben Sie mir daher auch, mich Mühlbach, Napoleon. I. Bd 27 ———————˖ 418 zurückzuziehen, denn Sie wiſſen wohl, in den Vormittagsſtunden bin ich nur Banquier, nur Geſchäftsmann, und muß meine Zeit verwerthen. Er grüßte den Fürſten und ſeine Gemahlin zu gleicher Zeit mit einer Verbeugung und einem Winken ſeiner Hand und ging hinaus, lächelnd, ruhig und gelaſſen wie immer. Nur als er die Thür hinter ſich geſchloſſen, als er mit einem ſchnellen Blick durch den Salon ſich überzeugt hatte, daß Niemand dort ſei, verſchwand das Lächeln von ſeinen Lippen, und eine tiefe, ſchwermuthsvolle Trauer ſprach aus ſeinen Mienen. Sie liebt ihn, murmelte er leiſe vor ſich hin, ja, ſie liebt ihn! Ihre Hand zitterte in der meinen, als ich ſeinen Namen nannte, oh, und wie ihr Antlitz ſtrahlte, als ſie ihn kommen hörte! Ja, ſie liebt ihn, und ich?— Ich werde auf mein Comptoir gehen! ſagte er mit einem Lächeln, das die Thränen in ſeinen Augen verſchleiern ſollte. IV. Die Rivalen. Der Baron hatte indeß kaum die Thür des Cabinets hinter ſich geſchloſſen, als der junge Fürſt von Liechtenſtein zu Fanny hineilte, und ihre Hand ungeſtüm ergreifend, ſie mit leidenſchaftlichen zürnenden Blicken anſchaute. Sie thaten Das, um mir weh zu thun, nicht wahr? fragte er mit bebender Lippe. Sie wollten mir beweiſen, daß ich mich gar keines Vorzugs, keiner beſondern Gunſt zu erfreuen habe. Ehegeſtern noch waren Sie ſo gütig, mir zu verſichern, daß noch niemals der Fuß eines Mannes dies Gemach betreten habe, daß ich der Erſte ſei, dem es ſich heute öffnen ſolle. Und ich eitler Thor glaube Ihren be⸗ ſeligenden Worten, ſtürze, ſo früh es der Anſtand und Reſpect nur irgend erlaubt, hierher und finde Sie dennoch nicht mehr allein! Es entſchuld Es Verſcche öffnet h kommen etfleht, mir öff ſelige 2 es flatte Augen! hierher Rechene J fanden Poeſie Sie i die Ge ten, m Sie h täuſch für m aufbän 0 v konnte aber ie deſſen widr dß vorn Dari betrae heln von rach aus ebt ihn! ſie liebt hegeſtern mals der Erſte ſe Ihren be eſpect nul 419 Es war mein Gemahl, welcher hier war, ſagte Fanny beinahe entſchuldigend. Es war ein Mann! rief er heftig, und Sie hatten mir die heilige Verſicherung gegeben, daß noch nie einem Manne ſich dieſe Thür ge⸗ öffnet habe. Oh, mein Gott, ich hatte mir dieſe Gnade, heute hierher kommen zu dürfen, auf meinen Knieen und mit Thränen von Ihnen erfleht, es war mir, als ob ſich heute die Pforten des Paradieſes vor mir öffnen ſollten, kein Schlaf kam dieſe Nacht in meine Augen, das ſelige Bewußtſein dieſes zu mir heranſchwebenden Glücks hielt mich wach, es flatterte über mir wie ein lächelnder Cherub und ich träumte mit offnen Augen! Und nun die träge, ſchleppende Zeit endlich abgelaufen iſt, und ich hierher ſtürze, finde ich in meinem Paradieſe neben meinem Cherub ein Rechenexempel, welches mein Paradies entweiht mit Zahlen und— Ich bitte Sie, nicht weiter, unterbrach ihn Fanny ſtreng. Sie fanden hier meinen Gemahl, und damit löſt ſich freilich die ganze Poeſie Ihrer Worte in einfache Proſa auf, denn Diejenige, welche Sie in Ihrer hochpoetiſchen Weiſe Ihren Cherub nannten, iſt einfach die Gemahlin dieſes edlen und braven Mannes, den Sie Sich erlaub⸗ ten, mit einem Rechenexempel zu vergleichen. Oh, mein Gott, Sie zürnen mir, rief der junge Fürſt ſchmerzlich. Sie haben keine Nachſicht mit meinem Schmerz, mit meiner Ent⸗ täuſchung, ja, meiner Beſchämung! Sie haben mich ſo hart geſtraft für meinen Uebermuth, und wollen nicht einmal, daß ſich mein Herz aufbäume in Schmerz, daß es ſeinem Zorn Worte verleihe? Ich weiß nicht, worin Ihr Uebermuth beſtanden hat und alſo konnte ich auch nicht daran denken, Sie ſtrafen zu wollen, ſagte Fanny, aber ich weiß, daß Sie nicht berechtigt ſind, Denjenigen zu inſultiren, deſſen Namen ich trage. Sie wollen mich alſo zur Verzweiflung bringen! rief der Fürſt, wild mit dem Fuße auf den Boden ſtampfend. Es iſt alſo nicht genug, daß Sie mich Ihren Gemahl hier finden laſſen, Sie müſſen ihn auch vor mir lobpreiſen! Ich will Ihnen ſagen, worin ich übermürhig war! Darin, daß ich es als eine mir vor allen Andern zugeſtandene Gunſt betrachtete, hier eintreten zu dürfen, und Sie haben mich für dieſen 27* ————— 420 Uebermuth geſtraft, indem Sie mir beweiſen, daß dieſe Thür ſich auch Andern öffnet, obwohl Sie mir geſtern das Gegentheil verſicherten. Sie zweifeln alſo an meinen Worten? fragte Fanny. Oh, ſagte er ungeſtüm, was man mit eigenen Augen ſieht, läßt ſich nicht mehr bezweifeln. Und da Sie Sich alſo jetzt von meiner Wortbrüchigkeit mit eignen Augen überzeugt, da Sie geſehen haben, daß Jedermann hier eintreten kann, da alſo der Aufenthalt hier für Sie gar kein Intereſſe mehr haben kann, ſo würde ich Ihnen rathen, dieſes Gemach ſogleich wieder zu verlaſſen, ſagte Fanny ernſt. Sie weiſen mir die Thür? Sie werfen mich hinaus? rief der Fürſt ſchmerzvoll. Oh, haben Sie Erbarmen mit mir! Nein, wenden Sie Sich nicht von mir! Schauen Sie mich an, leſen Sie in meinem Antlitz die Verzweiflung, welche meine Seele erfüllt. Wie, immer noch abgewandt? Ich beſchwöre Sie, gönnen Sie mir nur Einen Blick, ſagen Sie mir nur mit dem Schimmer eines Lächelns, daß Sie mir vergeben wollen, und ich will Ihren Befehlen gehorchen, ich will gehen, und wäre es auch nur, um nicht hier unter Ihren Augen, ſon— dern da draußen auf der Schwelle Ihrer Thür zu ſterben! Ach, als ob das Sterben eine ſo leichte Sache wäre! rief Fanny, indem ſie ihr Antlitz dem Fürſten zuwandte. Sie ſchauen mich an, Sie haben mir alſo wieder verziehen! rief der junge Mann, und mit einer leidenſchaftlichen Bewegung vor ihr niederſtürzend, faßte er ihre Hände und drückte ſie an ſeine Lippen. Stehen Sie auf, oh, ich bitte, ſtehen Sie auf, ſagte die Baronin, bedenken Sie, es könnte Jemand kommen! Sie wiſſen ja jetzt, daß Jedermann hier eintreten darf! Nein, nein, ich weiß, daß Niemand hier eintreten darf, rief er glühend, ich weiß, daß dies hier ein Sanctuarium iſt, das kein Un⸗ geweihter noch betreten hat, ich weiß, daß dies die heilige Zelle iſt, in der Ihr jungfräuliches Herz ſeine Gebete und ſeine Klagen, welche nur Gott kennt, ausſeufzte, ich weiß, daß niemals eines Mannes Fuß dieſe Schwelle überſchritten hat, und ich bleibe auf meinen Knieen, wie man es von der J und wä Und d auch di heute! Auch nit m vor jü meiner Gemah — auch läßt eignen nreten emehr wieder ef der enden leinem immer Einen aß Sie ch will 42¹ man es vor einer Heiligen thut, der man ſeine Sünden bekennt, und von der man Abſolution erfleht. Wollen Sie mir vergeben? Ich will es, ſagte ſie, ſich lächelnd zu ihm neigend, ich will es, und wär's auch nur, um Sie von Ihren Knieen ſich erheben zu ſehen. Und da Sie jetzt Ihr Unrecht einſehen und bereuen, will ich Ihnen auch die Wahrheit ſagen. Es war ein Zufall, daß der Baron grade heute hierher kam, und es war das erſte Mal ſeit meiner Verheirathung. Auch kam er nicht, wie er in zartſinniger Selbſtverſpottung ſagte, um mit mir zu rechnen, ſondern ein Verſprechen zu erfüllen, das er mir vor fünf Jahren gegeben hat, und deſſen ich— ich bekenne es zu meiner Beſchämung, nicht eingedenk geweſen, ſo daß ich, ſtatt meinen Gemahl zu erwarten, Ihnen erlaubte, hierher zu kommen. Ich danke Ihnen für Ihre gütigen Worte, die wie ein milder Balſam alle Wunden meines Herzens heilen, rief der Fürſt. Oh, jetzt fühle ich mich wieder geſund, wieder ſtark, Sie der ganzen Welt abzutrotzen. Und wiſſen Sie denn auch, ob Sie mich mir ſelber abtrotzen können? fragte Fanny lächelnd. Ja, rief er, ich weiß das, denn in der wahren Liebe liegt eine Kraft, der Alles weichen, Alles ſich unterordnen muß. Und ich liebe Sie wahrhaft, Sie wiſſen es, Sie ſind davon überzeugt, wie man von dem Daſein Gottes überzeugt iſt, obwohl man ihn nicht ſieht. Sie wiſſen, daß ich Sie liebe, jeder Athemzug, jeder Blick, jedes Beben meiner Stimme ſagt es Ihnen, aber Sie? Lieben Sie mich? Oh, ich beſchwöre Sie, haben Sie endlich Mitleid mit mir! Sprechen Sie endlich ein Wort des Erbarmens, der Theilnahme, laſſen Sie es mich wenigſtens in Ihren Augen leſen, wenn Ihre Lippen zu ſtreng ſind, es ausſprechen zu wollen. Ich bin heute gekommen mit dem feſten Entſchluſſe, von Ihnen mein Entzücken, oder meine Verdammniß zu empfangen. Die Marter dieſer Ungewißheit tödtet mich, und ich will endlich Gewißheit, endlich Entſcheidung haben! Fanny, ſagen Sie es mir, lieben Sie mich? Fanny antwortete nicht ſogleich, ſie ſtand geneigten Hauptes, in ſich verſunken da, aber ſie fühlte die glühenden Blicke, welche auf ihr 422 ruhten, und ihr Herz erbebte davon in ſüßem Schauder. Sie faßte ſich aber gewaltſam zuſammen, und ihr Haupt emporhebend, wandte ſie ihre Augen mit ſchmerzvoll ſanften Blicken auf den jungen Mann hin, der athemlos und bleich vor Aufregung ihre Antwort erwartete. Sie fragen, ob ich Sie liebe, ſagte ſie mit leiſer, aber feſter Stimme, Sie fragen das und ſtehen an derſelben Stelle, an welcher vor einer Viertelſtunde mein Gemahl ſtand, um auch eine Frage an mich zu richten. Ihre Frage darf ich nicht beantworten, denn ich bin verheirathet, und ich habe vor dem Altar meinem Gemahl Treue ge⸗ ſchworen, und dieſe wenigſtens muß ich ihm bewahren, da mein Herz ihm keine Liebe zu geben hat. Aber ich will Ihnen doch einen Beweis geben, wie ſehr ich Ihnen vertraue, ich will Ihnen ſagen, weshalb mein Gemahl heut hierher kam und was das für eine Frage war, welche er an mich richtete. Still, unterbrechen Sie mich nicht, ſagen Sie nicht, daß mein Geſpräch mit dem Baren gar kein Intereſſe für Sie hat! Hören Sie mich an! Der Baron kam hierher, um, da die fünf Jahre Bedenkzeit, welche wir Beide uns beſtimmt hatten, heute abgelaufen waren, mich zu fragen, ob ich den Namen ſeiner Gemahlin weiter führen, oder ob ich mich von ihm ſcheiden laſſen wolle? Und was antworteten Sie ihm? fragte der Fürſt athemlos. Ich antwortete ihm, wie ich Ihnen vorher antwortete:„ich habe vor dem Altar meinem Gemahl Treue geſchworen, und dieſe wenigſtens muß ich ihm bewahren, da mein Herz ihm keine Liebe zu geben hat!“ Ach, Sie ſagten ihm, daß Sie ihn nicht lieben, rief der Fürſt freudig aufathmend. Und nach dieſem Bekenntniß fühlte er, daß er Ihrer Scheidung keinen Widerſtand mehr entgegenſetzen dürfe, denn ſein Herz iſt großmüthig und zartſinnig, und er wird alſo eine Frau nicht gewaltſam an ſich feſſeln wollen, welche ihm ſagt, daß Sie in fünf Jahren des Beiſammenlebens ihn nicht lieben gelernt hat! Oh Fanny, welch ein unbeſchreibliches Glück eröffnen Sie mir da! Sie werden alſo frei ſein, Sie werden an Ihrer Hand keine Feſſel mehr tragen! Ich habe Ihnen noch nicht erzählt, welche Antwort ich meinem Gemahl gab, als er mir dann abermals es frei ſtellte, mich von ihm zu ſcheide ihm, daf ihm und da wir ßeſſeln„ bis an 1 ich vor und m betende mand Sie, d mahlin Ih vergeſſe trennt, kannn — doch ni dng, I vldih 9 1 VM Gr welcher age an ich bin 1e ge⸗ — 423 zu ſcheiden, ſagte Fanny mit einem traurigen Lächeln. Ich antwortete ihm, daß Alles bleiben ſolle, wie es bisher geweſen, daß ich nicht ihm und mir die Schmach einer Scheidung auferlegen wolle, daß wir, da wir uns einmal doch ohne Liebe aneinander gefeſſelt hätten, dieſe Feſſeln nun auch würdig, treu und ehrlich tragen wollten und müßten bis an unſern Tod. Das iſt nicht möglich! rief der Fürſt. Sie konnten, Sie durften nicht ſo grauſam ſein gegen ſich ſelbſt, gegen den Baron und auch gegen mich! Und wenn Sie in der Exaltation des Moments dieſes Wort der Verdammniß auch geſprochen, ſo werden Sie es, wenn Sie ruhig und beſonnen überlegen, wieder zurücknehmen. Oh, ſagen Sie, daß Sie das wollen, ſagen Sie, daß Sie frei ſein werden, frei, damit ich vor Ihnen niederknieen und Sie anflehen darf, mir dieſe Hand zu geben, welche keine Feſſeln mehr binden, meine Gemahlin zu werden, und mir zu geſtatten, es zu verſuchen, ob es meiner grenzenloſen, an⸗ betenden Liebe gelingen kann, Ihnen das Glück zu geben, deſſen Nie⸗ mand ſo würdig iſt, wie Sie. Sprechen Sie es aus, Fanny, ſagen Sie, daß Sie frei ſein, daß Sie dann einwilligen wollen, meine Ge⸗ mahlin zu werden! Ihre Gemahlin! ſagte Fanny mit einem traurigen Lächeln. Sie vergeſſen alſo, daß es nicht blos mein Gemahl iſt, der mich von Ihnen trennt, ſondern daß auch meine Religion uns ſcheidet. Die Jüdin kann niemals die Gemahlin des Fürſten von Liechtenſtein werden! Sie werden den Schein einer Religion von ſich werfen, welche doch nicht mehr die Ihrige iſt! rief der Fürſt. Sie ſind Ihrer Bil⸗ dung, Ihren Gewohnheiten, Ihrer ganzen Lebensanſchauung nach keine Jüdin mehr! Verlaſſen Sie alſo die Hallen des Tempels, in welchem Ihr Gott nicht mehr wohnt, treten Sie ein in die große Kirche, welche die Menſchheit erlöſt hat, und welche jetzt auch Sie erlöſen ſoll! Be⸗ kennen Sie ſich zu der chriſtlichen Religion, welche die Religion der Liebe iſt! Niemals, rief die Baronin feſt und entſchieden, niemals werde ich meine Religion verlaſſen, meinen Glauben abſchwören, welchem meine Familie und mein Geſchlecht in Treue angehangen hat, ſeit Jahr⸗ 424 tauſenden. Der Fluch meiner Aeltern und meiner Urältern würde die abgefallene Tochter unſeres Stammes verfolgen und würde ſich wie ein unheilkrächzender Uhu auf das Dach des Hauſes ſetzen, in welches die treuloſe Tochter Juda's, die neugeſchaffene Chriſtin, einziehen würde, um ſich ein neues Glück zu begründen.— Niemals— aber was iſt das, unterbrach ſie ſich auf einmal ſelber, was bedeuten dieſe Stimmen? Wirklich wurden in dieſem Moment in dem anſtoßenden Salon mehrere Stimmen laut, die heftig, drohend, abwehrend und bittend ſich untereinander miſchten. Ich ſage Ihnen, die Frau Baronin iſt zu Hauſe und ſie empfängt Beſuche, rief die heftige, drohende Stimme. Und ich verſichere Ew. Gnaden, daß die Frau Baronin nicht zu Hauſe ſind, und alſo keine Beſuche empfangen, erwiderte die abwehrende und bittende Stimme. Es iſt der Freiherr von Weichs, der ſtolze Domherr, welcher hier wie überall den Herrn ſpielen will, ſagte der Fürſt verächtlich. Und mein Haushofmeiſter weiſt ihn zurück, weil ich Befehl gegeben habe, heute Niemand mehr anzunehmen, flüſterte Fanny. Ueber des jungen Fürſten Antlitz flog ein Strahl ſeligen Ent⸗ zückens. Er ergriff Fanny's beide Hände und ſie mit Ungeſtüm an ſeine Lippen preſſend, flüſterte er: ich danke Ihnen, Fanny, ich danke Ihnen! Die Stimme in dem Salon ward indeß immer lauter, immer drohender. Ich weiß, daß die Frau Baronin zu Hauſe iſt, rief ſie, und ich verlange von Ihnen, daß Sie mich anmelden. Aber Ew. Gnaden wiſſen doch, ſagte die ſanfte Stimme des Haus⸗ hofmeiſters, daß, wenn die Frau Baronin zu Hauſe ſind, ſie immer um dieſe Stunde hier im Salon ſind, und ohne förmliche Anmeldung ihre Beſuche empfangen. Das beweiſt nur, daß die Frau Baronin heute in irgend einem andern Zimmer ihre Beſuche empfängt, rief die Stimme des Freiherrn von Weichs. Ich weiß mit Beſtimmtheit, daß die Frau Baronin ſogar eben Beſuch bei ſich hat. Gehen Sie alſo, und melden Sie mich. Es ſteht alsd wiſſen, da ſſt allein Ach, Fürſt mit Die richt auf Streit n ihn ſchon Und ſchreien A dieſen i werde a ſunfmi Freiherr Oder der Er hat ſund ve Rücſch WPagt J nicht z hier im urde die ich wie welches inziehen — aber en dieſe 1Salon end ſich npfängt ucht zu hrende cher hier tüm an ch danke immer rief ſie, immer neldung d einen reihem in ſohar ich Eo 425 ſteht alsdann der Baronin frei, mich abzuweiſen, und ich werde dann wiſſen, daß die Baronin es vorzieht, mit dem Herrn, welcher bei ihr iſt, allein zu bleiben. Ach, dieſer Domherr wird unverſchämt, wie es ſcheint, rief der Fürſt mit blitzenden Augen, nach der Thür hinſchreitend. Die Baronin faßte ſeine Hand und hielt ihn zurück. Achten Sie nicht auf ihn, ſagte ſie bittend, laſſen wir meinen Haushofmeiſter dieſen Streit mit dem Uebermüthigen ausmachen! Hören Sie nur, er bittet ihn ſchon ganz höflich und beſtimmt, den Salon zu verlaſſen. Und dieſer Menſch hat die Hardieſſe, es zus verweigern, ſagte der Fürſt, oh, hören Sie nur, mit welchem Lachen! Dieſes Lachen iſt eine Beleidigung, für welche er Züchtigung verdient! Und gleichſam als ſolle den Worten des Fürſten auch ſogleich die That folgen, hörte man jetzt in dem Salon eine dritte Stimme, welche mit ſtolzem, zürnendem Ton fragte: was geht hier vor? Und wer erlaubt ſich, in dem Salon der Baronin ſo ungebührlich zu ſchreien? 6 Ah, es iſt mein Gemahl, flüſterte Fanny aufathmend. Er wird dieſen übermüthigen Herrn von Weichs hinaus complimentiren, und ich werde auf immer von ihm befreit ſein. Er hat es alſo ſchon gewagt, Ihnen läſtig zu fallen? fragte der Fürſt, ſeine drohenden Blicke nach der Thür hinwendend. Oh, ich werde Sie von dieſem Tollen befreien, denn ich ſage Ihnen, die ſanftmüthigen Worte Ihres Gemahls werden das nicht vermögen. Der Freiherr von Weichs iſt kein Mann, welcher vernünftigen Vorſtellungen oder den Anforderungen der Convenienz und Schicklichkeit Gehör giebt. Er hat die hohe Schule der Libertinage durchgemacht, und jeder Wider⸗ ſtand reizt ihn zu leidenſchaftlichem Kampf, bei dem es für ihn keine Rückſichten und keine Bedenken giebt. Nun, habe ich nicht Recht? Wagt er es nicht, ſelbſt Ihrem Gemahl zu trotzen? Hören Sie nur! Ich bedaure, Ihrer Aufforderung, dieſes Zimmer zu verlaſſen, nicht Folge leiſten zu können, rief jetzt die Stimme des Domherrn von Weichs. Sie ſagten es eben ſelbſt, Herr Baron, wir befinden uns hier im Salon der Frau Baronin, und folglich ſind auch ſelbſt Sie „ —————— 426 hier nicht der Herr und Gebieter, ſondern nur ein Beſuch gleich jedem andern. Demzufolge haben Sie alſo auch keine Berechtigung, Andere hinaus zu weiſen, um ſo mehr, da Sie ſelber nicht einmal wiſſen, ob Sie zu den Begünſtigten gehören, und ob die Frau Baronin Sie em⸗ pfangen wird. Ich übergehe das Unziemliche und Beleidigende in Ihren Worten mit Stillſchweigen, Herr Baron, ſagte die ruhige Stimme des Baron von Arnſtein, es kommt mir in dieſem Augenblick nur darauf an, meine Gemahlin vor jeder Unbill und Beleidigung zu ſchützen. Es iſt aber beleidigend, wenn ein Cavalier, nachdem man ihm geſagt, daß die Dame, welche er mit ſeinem Beſuche beehren will, nicht zu Hauſe iſt, oder keine Beſuche empfängt, dennoch nicht weichen will, und ver⸗ langt, empfangen zu werden. Ich hoffe, der Domherr, Freiherr von Weichs, wird nach dieſer Erklärung die Güte haben, den Salon zu verlaſſen. Ich bedauere, dieſe Hoffnung nicht verwirklichen zu können, ſagte die höhnende Stimme des Domherrn. Ich bin jetzt hier mit dem vollen Bewußtſein, daß ich dieſen Salon nie wieder betreten kann, und deshalb bin ich auch zu dem Aeußerſten entſchloſſen, deshalb will ich an dieſer ſchnöden Abfertigung mir nicht genügen laſſen. Ich weiß, daß die Baronin zu Hauſe iſt, und ich kam hierher, um mich zu über⸗ zeugen, ob es wirklich wahr iſt, was das Gerücht ſagt, daß die Frau Baronin, welche mir immer mit ſo tugendhafter Strenge und ab⸗ wehrender Kälte begegnet, gegen Andere milder und gütiger iſt, und ob ich wirklich einen begünſtigten Nebenbuhler habe! Ich hoffe, daß ich dieſer begünſtigte Nebenbuhler bin, ſagte Herr von Arnſtein ſanft. Nicht doch, rief der Domherr mit einem rauhen Lachen, ein Ehe⸗ mann iſt niemals ein Nebenbuhler für die Anbeter ſeiner Frau. Wären Sie bei Ihrer Gemahlin und ließen mich abweiſen, ſo würde mich das gar nicht beunruhigen, und ich würde mich auf ein ander Mal vertröſten. Aber der Umſtand iſt eben, daß ein Anderer bei ihr iſt, daß ſie ſich verleugnen läßt, und daß Sie, gutmüthiger als ich, es zu glauben ſcheinen, daß die Baronin nicht zu Hauſe iſt. empört. Freilic Verachtung Die chriſtl zu demüthi gewohnt, ſchöne Eie und den Ton ſchon Er ſo will— ab des Don Fürſt vo haſſen un Stunde h Rgenüber und ich hat Da Gemahli wnin ihr berchtigt Und werden? und mic getäuſcht dann ein dieſem e ich jeden „Andere iſſen, ob Sie em⸗ Worten s Baron an, meine iſt aber daß die u Hauſe und ver⸗ herr von Solon zu en, ſagte mit dem in, und will ich ch weiß, zu über⸗ die Frau und ab iſt, und gte Herr ein Ehe r Fral. eiſen, ſo auf ein Anderet tnithiger huſe it 427 Aber dieſe Unverſchämtheit überſteigt alles Maaß, rief der Fürſt empört. Freilich, ſagte Fanny düſter, der chriſtliche Domherr giebt ſeiner Verachtung gegen den jüdiſchen Baron vollen und genügenden Ausdruck. Die chriſtliche Liebe findet allzeit ein ſeliges Genüge daran, den Juden zu demüthigen und in den Staub zu treten. Und der Jude iſt es ſo gewohnt, getreten zu werden. Auch mein Gemahl verleugnet dieſe ſchöne Eigenſchaft unſeres Stammes nicht! Hören Sie nur, wie ruhig und demüthig ſeine Stimme bleibt, während die andere ihn mit jedem Ton ſchon beleidigt! Er ſoll ihn nicht mehr beleidigen, ſagte der Fürſt glühend, ich will— aber was iſt das? Ward da nicht mein Name genannt? Und er neigte ſich näher zu der Thür hin, um in athemloſer Spannung zu horchen. Und ich wiederhole es Ihnen, mein Herr Baron, ſagte die Stimme des Domherrn ſchneidend, Ihre Gemahlin iſt zu Hauſe, und der junge Fürſt von Liechtenſtein iſt eben bei ihr! Ich ſah ihn ſein Hötel ver⸗ laſſen und ich bin ihm nachgegangen, ich ſah ihn vor einer halben Stunde hier in Ihr Hötel eintreten, und ich begab mich in das Ihnen gegenüber liegende Caffeehaus, um meine Beobachtungen zu machen, und ich weiß daher, daß der Fürſt Ihr Höétel nicht wieder verlaſſen hat. Da er aber nicht bei Ihnen iſt, ſo befindet er ſich alſo bei Ihrer Gemahlin, und da dies die gewöhnliche Stunde iſt, in welcher die Ba⸗ ronin ihre Morgenbeſuche empfängt, ſo bin ich ſo gut wie jeder Andere berechtigt zu erwarten, daß ich angenommen werde. Und wenn ich Ihnen ſage, daß Sie heute nicht angenommen werden? So werde ich annehmen, daß die Baronin ſich in ihrem Boudoir mit dem Fürſten Liechtenſtein befindet, und nicht geſtört ſein will, rief die Stimme des Domherrn. Ja, mein Herr, ich werde alsdann Sie und mich gleich ſehr zu beklagen haben, denn wir Beide ſind alsdann getäuſcht, und um ſüße Hoffnungen betrogen. Wir Beide werden als⸗ dann einen begünſtigten Nebenbuhler haben an dieſem kleinen Fürſten, dieſem eitlen, jungen Gecken, der ſich ohne dies ſchon einbildet, ein —— 428 Adonis zu ſein, der die lächerliche Prätenſion ſo weit treibt, mit ſeinem kleinen Fürſtentitel und ſeinem Knabengeſicht Männern von Geiſt und Verdienſt den Vorrang abzugewinnen, der— Mein Gott, wozu iſt es denn nöthig, dieſes Alles ſo laut auszu⸗ rufen? fragte die äügſtliche Stimme des Barons. Ah, Sie glauben alſo, daß er mich hören kann? fragte die Stimme des Domherrn mit triumphirendem Hohn. Er iſt alſo ganz in der Nähe? Nun, ich ſage es alſo noch lauter, dieſer kleine Fürſt Carl von Liechtenſtein iſt ein eitler Knabe, den man züchtigen muß, wie es Knaben verdienen! Der Fürſt ſprang zu der Thür hin, bleich, mit bebenden Lippen, mit funkelnden Augen. Aber die Baronin legte ihre beiden Hände um ſeinen Arm und hielt ihn zurück. Sie werden nicht gehen, flüſterte ſie, Sie werden mich nicht ſo beſchimpfen, ihm durch Ihr Erſcheinen zu beweiſen, daß er Recht hatte und daß Sie bei mir waren, während ich mich verleugnen ließ. Aber hören Sie denn nicht, daß er mich beſchimpft? fragte der junge Fürſt, bemüht, ſich von ihren umklammernden Händen frei zu machen. Warum hören Sie auf andere Stimmen, wenn Sie bei mir ſind? rief ſie vorwurfsvoll. Was kümmert Sie die Meinung jenes Menſchen, den ich aus tiefſter Seele verabſcheue, und den man allgemein nur in ſeinem Salon duldet, weil man ſeinen Jähzorn und ſeine böſe Zunge fürchtet! Oh, hören Sie nicht auf ihn, mein Freund! Sie ſind hier bei mir und ich habe Ihnen noch ſo Vieles zu ſagen. Aber Sie achten nicht auf mich! Ihre Blicke ſind immer nach der Thür hingewandt! Oh, mein Gott, ſehen Sie mich doch an, hören Sie, was ich Ihnen zu ſagen habe! Ich bin Ihnen noch eine Antwort ſchuldig, nicht wahr? Nun denn, ich will Ihnen jetzt antworten auf die Frage, welche Sie mir ſchon ſo oft gethan, und die ich noch nie anders als mit Schweigen beantwortet habe! Oh, nicht jetzt, nicht jetzt, murmelte der Fürſt. Doch, ich will Ihnen jetzt ſagen, was ſchon ſeit lange als ſüßes Geheimniß in meiner Seele brennt, flüſterte Fanny, immer bemüht, ihn von det Sie liebe, ſriubten au iche Si j nach der St Herz aufja Grtt, Sie Haupt ab? Ihnen bele daß Sie m Er lnie Ih liebe S nich der J Ich wetde S Wenn die Stimm hiren lan Norren und daß manil Der ſpung z wollte, mit Nein, von Liechte Gengthuu Ah, r Luchen an der Fürſt Vurſte Feind hi e Ih N Sie hielte Wrr Am huten ſich uz ſind? ſchen, un in zunge hiet chten andt! Ihnen vahr? eSie weigen 429 ihn von der Thür fortzuziehen. Sie haben mich oft gefragt, ob ich Sie liebe, und mein Herz gab die Antwort, die meine Lippen ſich ſträubten auszuſprechen. Aber jetzt will ich es Ihnen bekennen, ja, ich liebe Sie, ja, meine ganze Seele gehört Ihnen! Ich habe mich heimlich nach der Stunde geſehnt, wo ich Ihnen dies endlich bekennen, wo mein Herz aufjauchzen würde zu dem ſüßen Wort: ich liebe Sie! Mein Gott, Sie hören es und Sie bleiben ſtumm und Sie wenden Ihr Haupt ab? Verachten Sie mich jetzt, weil ich, die verheirathete Frau, Ihnen bekenne, daß ich Sie liebe? Soll Ihr Schweigen mir ſagen, daß Sie mich nicht mehr lieben? Er kniete vor ihr nieder und küßte ihr Gewand und ihre Hände. Ich liebe Sie grenzenlos, ſagte er mit fliegendem Athem, Sie ſind für mich der Inbegriff alles Glückes, aller Tugend und aller Schönheit. Ich werde Sie lieben und anbeten bis zu dem letzten Hauch meines Lebens! Wenn der Fürſt Carl von Liechtenſtein hier in der Nähe iſt, rief die Stimme des Domherrn dicht vor der Thür, wenn er meine Worte hören kann, ſo ſoll er hören, daß ich ihn für einen Feigling, einen Narren und einen Betrüger erkläre, für einen Feigling, weil er hört, daß man ihn beleidigt, beſchimpft und dazu ſchweigt,— Der Fürſt, keiner Ueberlegung, keiner Beſonnenheit mehr fähig, ſprang zur Thür hin, und die Baronin, welche ihm in den Weg treten wollte, mit wildem Ungeſtüm zur Seite drängend, riß er die Thür auf. Nein, rief er mit drohender Zornesſtimme, nein, der Fürſt Carl von Liechtenſtein läßt ſich nicht ungeſtraft beſchimpfen und er fordert Genugthuung für jede ihm angethaene Beleidigung. Ah, rief der Domherr, ſich mit einem wilden, triumphirenden Lachen an Herrn von Arnſtein wendend, ſagte ich Ihnen nicht, daß der Fürſt ſich in Ihrem Hötel verſteckt halte? Verſteckt halte! rief der Fürſt, mit wuthblitzenden Augen zu ſeinem Feind hinſchreitend. Wiederholen Sie das Wort noch einmal! Ich wiederhole es, ſagte der Domherr mit herausfordernder Kälte, Sie hielten ſich in dieſem Hötel verſteckt, denn Niemand wußte von Ihrer Anweſenheit, weder der Haushofmeiſter noch der Baron. Sie hatten ſich hier eingeſchlichen wie ein Dieb, der koſtbare Schätze ſtehlen ——— 430 will, und freilich war es auch Ihre Abſicht, dies zu thun, nur daß Sie nicht die Brillanten der ſchönen Baronin ſtehlen wollten, ſondern— Ich verbiete Ihnen, den Namen der Baronin zu nennen, rief der Fürſt ſtolz. Und ich beſchwöre Sie, die Baronin nicht zu compromittiren, indem Sie ſie in Ihren Streit miſchen, flüſterte Herr von Arnſtein raſch dem Fürſten in's Ohr, dann wandte er ſich zu dem Domherrn, deſſen Blicke mit einem trotzigen, herausfordernden Ausdruck auf dem Fürſten ruhten. Sie irren ſich, mein Herr, ſagte er, der Herr Fürſt Carl von Liechtenſtein war nicht heimlich hierher gekommen. Er wünſchte, der Baronin ſeinen Beſuch zu machen, und da dieſelbe, wie Sie wiſſen, nicht zu Hauſe iſt, erzeigte mir der Fürſt die Ehre, ſich mit mir in jenem Zimmer dort zu unterhalten, als wir in unſerm Geſpräch auf einmal durch den Lärmen unterbrochen wurden, den es Ihnen beliebte, hier im Salon zu machen. Und demgemäß, da Sie in jenem Zimmer waren, beliebte es Ihnen, durch dieſe Thür hier in den Salon einzutreten, höhnte der Domherr, auf die beiden gegenüber liegenden Thüren hindeutend. Aber warum kam denn der Fürſt nicht mit Ihnen? Mein Gott es wäre doch ſo natürlich geweſen, daß der eine Hausfreund der ſchönen Baronin den andern begrüßt. Ich kam nicht, weil ich hörte, daß Sie da wären, ſagte der Fürſt verächtlich, und weil ich Ihre Nähe zu vermeiden pflege. Ah, Sie ſind alſo eiferſüchtig auf mich, fragte der Domherr. Was gefällt Ihnen denn nicht an mir, weshalb Sie meine Nähe fliehen? Ich fliehe vor Niemand, ſelbſt nicht vor giftigen Ottern und vor Ihnen, ſagte der Fürſt ſtolz, ich vermied Sie aber, weil mir Ihre Naſe nicht gefällt. Hören Sie wohl, mein kleiner, impertinenter Domherr, Ihre Naſe gefällt mir nicht, und ich verlange von Ihnen, daß Sie mich dieſelbe niemals wieder ſehen laſſen! Ah, ich verſtehe, rief der Domherr lachend, Sie wollen aus zarter Schonung für die ſchöne Baronin,— verzeihen Sie, daß ich trotz Ihres Verbotes dieſe liebenswürdige Dame immer wieder nennen muß — unſerm Streit eine andere Richtung geben, und meine unſchuldige Naſe ſoll d nicht einge Baron von den wir u forſſetzen, meiner No Die ſagte der Streits 9 ſelben miſ eine ſo un zu Hülfe k gegen den da derſelb Sie zur Und ich mir Spite ſeiner Fi Jetzt ſummten Jo, Fürſt la Aber ſchrie der Nit der Ott, Sie uns zu Lerahr W aufgriſ Ein und ihr don Ar 431 Naſe ſoll die béte de souffrance ſein! Aber ich werde auf dieſe Liſt nicht eingehen, mein Fürſt, und ſagen Sie ſelbſt, mein lieber Herr Baron von Arnſtein, könnten Sie ſelber es dulden, daß wir den Streit, den wir um Ihre Frau Gemahlin begonnen haben, um meine Naſe fortſetzen, und ſo gewiſſermaßen die ſchöne Baronin von Arnſtein hinter meiner Naſe verbergen? Die Baronin von Arnſtein hat gar keinen Grund, ſich zu verbergen, ſagte der Baron kalt und ſtolz; da ſie nicht die Veranlaſſung dieſes Streits geweſen iſt, ſo weiß ich nicht, wie man ihren Namen in den⸗ ſelben miſchen wollte. Sie ſind hierher gekommen und haben ſich auf eine ſo ungebührliche Weiſe benommen, daß ich meinem Haushofmeiſter zu Hülfe kommen mußte. Es hat Ihnen alsdann beliebt, Beſchimpfungen gegen den nicht anweſenden Fürſten von Liechtenſtein auszuſtoßen, und da derſelbe in der Nähe war und Ihre Beleidigungen hörte, kam er, Sie zur Rechenſchaft zu ziehen. Und Ihnen zu ſagen, daß Ihre Naſe mir nicht gefällt, und daß ich mir erlauben muß, Ihnen mit meinem Degen dieſe impertinente Spitze Ihrer Naſe abzuoperiren, rief der Fürſt, indem er die Spitzen ſeiner Finger gegen die Naſe des Domherrn ſchnellte. Jetzt war es der Domherr, der erbleichte und deſſen Augen auf⸗ flammten vor Zorn. Sie wagen es mich zu beleidigen? fragte er drohend. Ja, ich geſtehe, daß das recht ſehr meine Abſicht iſt, rief der Fürſt lachend. Aber Sie werden mir für dieſe Beleidigung Genugthuung geben! ſchrie der Domherr. Mit dem größten Vergnügen, ſagte der Fürſt. Nur iſt hier nicht der Ort, dieſes Geſpräch fortzuſetzen. Kommen Sie, mein Herr, laſſen Sie uns gemeinſchaftlich dies Haus verlaſſen, um Zeit und Stunde zu verabreden und— In dieſem Augenblick wurden die Flügelthüren des Vorſaals weit aufgeriſſen und die Stimme des Haushofmeiſters rief: Die Frau Baronin! Ein Ausruf des Schreckens tönte von den Lippen der drei Herren, und ihre Blicke richteten ſich nach der Thür hin, deren Schwelle Fanny von Arnſtein eben überſchritt. Sie ſchien ſo eben heimzukehren, denn ihre hohe Geſtalt war noch umhüllt von dem langen goldgeſtickten türkiſchen Shawl, ein reizendes, mit Blumen und Federn geziertes Hütchen bedeckte ihren Kopf, und in ihrer Hand hielt ſie einen jener koſtbaren, mit Edelſteinen ausgelegten, großen Fächer, deren man ſich damals ſtatt der Sonnenſchirme bediente. Sie begrüßte die Herren mit einem reizenden Lächeln, nicht der kheinſte Zug von Sorge oder Unruhe war in ihrem heiteren Angeſicht, nicht der kleinſte Schimmer einer Thräne verdunkelte den Glanz ihrer großen, dunkeln Augen. Ich habe die Herren um Entſchuldigung zu bitten, daß ich Sie warten ließ, obwohl es die Stunde iſt, in der ich ſonſt immer Beſuche zu empfangen pflege, ſagte die Baronin vollkommen unbefangen. Allein ich hoffe, mein Gemahl wird mich vertreten und Ihnen geſagt haben, daß ich in einer Sitzung unſers jüdiſchen Armenvereins zu präſidiren hatte, und Sie werden mir zugeſtehen, daß das eine Pflicht iſt, der ich mich nicht entziehen durfte. Ah, Sie lächeln, Herr von Weichs. Sie ſollen mir erklären, was dieſes Lächeln zu bedeuten hat, und ob Sie vielleicht damit ſagen wollen, daß es für uns Frauen gar keine ernſthaften Pflichten giebt! Kommen Sie, meine Herren, ſetzen wir uns, und hören wir, wie Herr von Weichs ſein Lächeln zu vertheidigen wiſſen wird! Setzen Sie ſich hier zu meiner Rechten, mein Fürſt, Sie hier zu meiner Linken, Herr von Weichs, und mein Gemahl möge als erſter Kampfrichter uns gegenüber Platz nehmen! Ich bedaure, Ihrer liebenswürdigen Einladung nicht mehr Folge leiſten zu können, ſagte der Domherr finſter, Sie haben mich zu lange warten laſſen, Frau Baronin, jetzt iſt meine Zeit abgelaufen und ich ziehe mich zurück. Sie begleiten mich wohl, Fürſt Liechtenſtein? Ja, ich begleite Sie, ſagte der Fürſt, denn auch meine Zeit iſt leider abgelaufen und ich muß fort. Nicht doch, rief die Baronin lächelnd, Sie werden noch hier bleiben, Fürſt. Ich wage es nicht, den Domherrn ſeinen wichtigen Geſchäften entziehen zu wollen, aber Sie, mein Fürſt, haben keinen ſolchen Vorwand, um mich zu verlaſſen, ich befehle Ihnen alſo zu bleiben und mir zu erzählen, wie das geſtrige Hofconcert ausgefallen iſt. Ich bin ſo unglücklich, Ihren Befehlen nicht gehorchen zu können, ſagte der davon, gni nun, es iſt alſo nicht zum Abſch Sie ſeinen zue Hand, u einem letz Und wank Hermn vor Komn indem er vor der S Fan Blicken. ihre Hant Ausdrc Sie I9 ie ſank ſi In weit v einander Zwe gſticten di jri, waten de von We Die Azihler und der Mihltac — ſticten ziertes jener n ſich Herren e oder himmet en. ch Sie eſuche Allein haben, ſidiren ſt, der Peichs. und ob keine en wir eidigen ge als Folge lange nd ich eit iſt leiben, ſchäften rwand, mir u könnel⸗ 433 ſagte der Fürſt traurig. Allein ich muß fort. Sie ſprachen ſoeben davon, gnädige Frau, daß eine ernſte Pflicht Sie von hier fern gehalten, nun, es iſt eine ernſte Pflicht, welche mich von hier forttreibt, ich darf alſo nicht bleiben. Leben Sie wohl und erlauben Sie mir, Ihnen zum Abſchied die Hand zu küſſen. Sie reichte ihm ihre Hand dar, die kalt war wie Eis und in der ſeinen zuckte und bebte. Er preßte ſeine glühenden Lippen auf dieſe Hand, und ſchaute zu ihr empor. Ihre Augen begegneten ſich mit einem letzten, zärtlichen Liebesblick, dann richtete der Fürſt ſich empor und wandte ſich an den Domherrn, der leiſe und angelegentlich mit Herrn von Arnſtein geſprochen hatte. Kommen Sie, mein Herr, laſſen Sie uns gehen, ſagte er ungeſtüm, indem er haſtig der Thür zuſchritt. Ja, laſſen Sie uns gehen, wiederholte der Domherr, und ſich tief vor der Baronin verneigend, wandte er ſich ab und folgte dem Fürſten. Fanny ſchaute ihnen nach in athemloſer Angſt, mit entſetzten Blicken. Dann, als die Thür ſich hinter ihnen ſchloß, legte ſie raſch ihre Hand auf die Schulter ihres Gemahls und ſchaute ihn an mit dem Ausdruck innerer Todesangſt. Sie werden ſich ſchlagen? fragte ſie. Ich fürchte es, ſagte der Baron düſter. Die Baronin ſtieß einen Schrei aus, und rückwärts taumelnd, ſank ſie ohnmächtig zuſammen.— In der Frühe des nächſten Morgens ſtanden im Waldesdickicht, umweit von Wien, vier Männer mit ernſten Mienen und düſtern Blicken einander gegenüber. Zwei von ihnen waren eben im Begriff, ſich ihrer ſchweren gold⸗ geſtickten Röcke zu entledigen, um ſich einander gegenüber zu treten, die freie, bloße Bruſt nur geſchützt von dem feinen Batiſthemd. Das waren der Fürſt Carl von Liechtenſtein und der Domherr Freiherr von Weichs. Die beiden Andern waren mit dem Laden der Piſtolen und dem Abzählen der Schritte beſchäftigt, das waren der Baron von Arnſtein und der Graf Palfy, die Secundanten der beiden Feinde. Als ſie Mühlbach, Napoleon. I. Bd. 28 — — —.——,—————— — 434 dieſe traurige Arbeit vollendet hatten, näherten ſie ſich den beiden Herren, um einen letzten Verſuch zur Ausſöhnung zu machen. Ich beſchwöre Sie in meinem Namen, flüſterte der Baron von Arnſtein dem Fürſten in's Ohr, ich beſchwöre Sie im Namen meiner Gemahlin, wenn eine Vermittelung möglich iſt, nehmen Sie ſie an, laſſen Sie es nicht zu einem ſo traurigen Eclat kommen. Bedenken Sie, daß die Ehre einer Frau ſo leicht und unwiederbringlich compro⸗ mittirt iſt, und daß die Baronin es ſich niemals verzeihen würde, wenn ſie vielleicht die unſchuldige Veranlaſſung Ihres Todes ſein könnte. Niemand wird wiſſen, vaß wir uns um ihretwillen ſchlagen, ſagte der Fürſt, meine Ehre erfordert es, dieſem Unverſchämten eine Lection zu geben, und bei Gott, er ſoll ſie haben. Eben näherte ſich ihnen der Graf Palfy, der Secundant des Dom⸗ herrn. Wenn Ew. Durchlaucht ſich bereit erklören, den Freiherrn van Weichs um Entſchuldigung zu bitten wegen Ihres geſtrigen Benehmens, ſo iſt der Freiherr bereit von dem Duell abzuſtehen und Ihre Ent⸗ ſchuldigung anzunehmen. Ich habe keine Entſchuldigung zu machen, rief der Fürſt laut, und ich bin nicht Willens von dem Duell abzuſtehen. Ich habe dem Dom⸗ herrn geſagt, daß mir ſeine Naſe mißfällt, und daß ich ſie von ihrer impertinenten Spitze operiren will, nun wohl, ich bin gekommen, um dieſe Operation vorzunehmen, und wenn es Ihnen gefällig iſt, ſchreiten wir an's Werk. Ja, ſchreiten wir an's Werk, rief der Domherr. Geben Sie die Piſtolen her, meine Herren, und dann das Zeichen. Beim dritten Händeklatſchen alſo ſchießen wir zu gleicher Zeit! Beten Sie für Ihre arme Seele, Fürſt Liechtenſtein, denn ich bin ein Schütze, welcher auf hundert Schritte niemals ſein Ziel verfehlt, und wir ſtehen uns auf zwanzig Schritte gegenüber! Der Fürſt antwortete nicht, ſondern nahm die Piſtole, welche ſein Secundant ihm darreichte. Wenn ich falle, flüſterte er leiſe, ſo bringen Sie Ihrer Gemahlin meine letzten Grüße, und ſagen Sie ihr, daß ich geſtorben bin mit ihrem Namen auf den Lippen! Wenn ich fallen ſollte, ſagte der Domherr halblaut zu ſeinem Secundan Freunden, wei er m daß ich m ſchönen F Eine Herren; verabred Bei nit der und ziele Nun Zwe Der herausfa De röthete der Ba einen le letzten 8 i Todes E hertn z zu dem haben! Dunte zur nä E hin zu ſie ihn u das 1 werde beiden von neiner ſie an, denken mpro wenn n, um hreiten ie die dritthn Ihie er auf is auf he ſein bringel r, daß ſeinem 435 Secundanten, ſo erzählen Sie der lieben Stadt Wien und meinen Freunden, daß ich mich mit dem Fürſten Liechtenſtein geſchlagen habe, weil er mein Rival war bei der ſchönen Baronin von Arnſtein, und daß ich mit der Ueberzeugung geſtorben bin, daß er der Liebhaber der ſchönen Frau geweſen! Eine Pauſe trat jetzt ein. Die Secundanten führten die beiden Herren zu ihren beſtimmten Plätzen und traten dann zurück, um das verabredete Zeichen zu geben. Bei dem erſten Händeklatſchen hoben die beiden Gegner die Hand mit der Piſtole empor, die drohenden Blicke voll Haß und Zorn feſt und zielend aufeinander gerichtet. Nun kam das zweite, das dritte Zeichen. Zwei Schüſſe knallten zu gleicher Zeit. Der Domherr ſtand ruhig und feſt auf ſeinem Platz mit demſelben herausfordernden Lächeln, demſelben trotzigen Blick. Der Fürſt Carl von Liechtenſtein lag am Boden und die Erde röthete ſich von dem Blut, das aus ſeiner Bruſt hervorquoll. Als der Baron Arnſtein ſich über ihn neigte, richtete er ſeine Augen mit einem letzten gebrochenen Blick auf ihn hin. Bringen Sie ihr meinen letzten Liebesgruß, hauchte er leiſe. Sagen Sie ihr, daß ich— Die Stimme ſtockte und das letzte, fürchterliche Röcheln des Todes trieb einen Strom von Blut über ſeine erkaltenden Lippen⸗ Eilen Sie, ſich zu retten, rief der Graf von Palfy dem Dom⸗ herrn zu, der aus einiger Entfernung mit kalten, neugierigen Blicken zu dem Sterbenden hinüber geſchaut hatte. Fliehen Sie, denn Sie haben den Fürſten getödtet, er athmet ſchon nicht mehr. Fliehen Sie! Drunten im Gebüſch ſteht mein Wagen bereit, er wird Sie im Fluge zur nächſten Poſtſtation bringen. Er iſt todt und ich lebe! ſagte der Domherr gelaſſen. Es hätte ſich auch wahrhaftig nicht der Mühe verlohnt, für eine Frau zu ſterben, weil ſie einen andern Liebhaber hat. Es iſt viel weiſer, ihn todt zu ſchießen, und ſo das Hinderniß bei Seite zu räumen, das uns von der Frau trennt. Aber fliehen werde ich nicht, vielmehr werde ich ſelbſt zum Kaiſer gehen und ihm anzeigen, was hier geſchehen 28½ 436 iſt. Wir leben jetzt einmal in einer Zeit des Krieges und der Men⸗ ſchenſchlächterei, und auf eine Seele mehr oder weniger kann es dabei gar nicht ankommen. Wenn der Kaiſer hunderttauſend ſeiner unſchul⸗ digen und harmloſen Unterthanen ausſchickt zum Duell gegen Feinde, von denen ſie nicht einmal wiſſen, weshalb ſie ihre Feinde ſind, ſo wird er es ſehr natürlich finden, daß zwei ſeiner Unterthanen, welche ſehr genau wiſſen, weshalb ſie Feinde ſind, auch ein Duell miteinander haben können, und Se. Majeſtät wird mir daher verzeihen. Die tapfern und beherzten Männer ſchickt man nicht auf die Feſtung. Ich fliehe nicht. V. Das Vermächtniß. Drei Tage waren ſeit jenem unglücklichen Ereigniß vergangen. In der Frühe des heutigen dritten Tages hatte man die Leiche des Fürſten nach ſeiner Familiengruft abgeführt, ein zahlreiches und glän⸗ zendes Gefolge hatte ſie zur Stadt hinaus begleitet, ſelbſt die Equi⸗ pagen des Kaiſers, der Erzherzoge und der hohen Würdenträger des Staats hatten in dem Zuge nicht gefehlt und die Wiener, welche ſeit drei Tagen von nichts geſprochen, als von dem tragiſchen Ende des jungen, ſchönen Fürſten Carl von Liechtenſtein, fanden eine Art Ge⸗ nugthuung darin, in ihrer Theilnahme auch mit der Kaiſerfamilie zu ſympathiſiren; ſie hatten ſich daher zu Tauſenden dem Zuge ange⸗ ſchloſſen und der Leiche das Geleit gegeben. Aber dieſer Beweis von Theilnahme hatte dem guten und heiß⸗ blütigen Volke nicht genügt; ſie wollten dem Verſtorbenen nicht blos eine Ehrenbezeugung ihrer Liebe, ſondern auch ihres Haſſes geben, und von dem Trauerzuge heimkehrend, ſtürzte ſich die Maſſe des Volks daher nach dem Kohlmarkt hin, um ſich mit lautem Geſchrei und wilden — Drohunge ufjuſtelle Man des Fürſte da es da Damhern ihn zu ſt zu geben neuen erh von den geſchiftig Haus un der Fenſ Steine Rnügte des Uebe Miſethn ſchloſene auf die Thor 0 weithinſ teten ſi Uugrift entgegen Pli gemacht d bun der ſich ni Langju vorwär Blice Jder rMen⸗ s dabei nſchul⸗ Feinde, nd, ſo welche nander . Die g Ich angen. e des glin Egui⸗ er des he ſeit de des rt Ge⸗ ilie zu ange⸗ heiß⸗ t blos 1, und Volks wilden Drohungen vor dem Hauſe des Freiherrn und Domherrn von Weichs aufzuſtellen. Man hatte erfahren, daß der Domherr, den das Volk den Mörder des Fürſten Liechtenſtein nannte, noch immer in Wien verweile, und da es daher den Anſchein hatte, als ob der Kaiſer die Uebelthat des Domherrn nicht zu ſtrafen gedenke, wollte das Volk es übernehmen, ihn zu ſtrafen, und ihm wenigſtens einen Beweis des öffentlichen Haſſes zu geben. Werft dem Mörder die Fenſter ein, rief das Volk, das in immer neuen erhitzten Schaaren auf dem Kohlmarkt ſich zuſammenfand. Und von den Drohungen zur That übergehend, riſſen hundert und hundert geſchäftige Hände das Steinpflaſter auf, um die Steine gegen das Haus und die Fenſter des Domherrn zu ſchleudern. Und das Klirren der Fenſter, das Krachen der an der Mauer des Hauſes abprallenden Steine erhitzte und ſteigerte die Wuth des Volks immer mehr. Bald genügte es ihnen nicht mehr, das Haus anzugreifen, ſondern ſie wollten des Uebelthäters ſelber habhaft werden und ihn beſtrafen für ſeine Miſſethat. Mit wildem Geſchrei ſtürzte die Menge zu dem hohen ver⸗ ſchloſſenen Thor des freiherrlichen Hauſes hin, Einer kletterte behend auf die Schulter des Andern, um mit Fauſtſchlägen das über dem Thor angebrachte Wappen des Domherrn abzureißen, und lauter, weithinſchallender Jubel begrüßte die vollbrachte That. Alsdann rich⸗ teten ſich die Fauſtſchläge gegen das Thor ſelber, das indeß allen Angriffen und Schlägen einen feſten und unerſchütterlichen Widerſtand entgegenſetzte. Plötzlich rief eine ernſte gebieteriſche Stimme: Halt da! Platz gemacht! FPlatz! Das Volk wandte ſich erſchrocken um und gewahrte jetzt erſt, daß von der Seitengaſſe, nach welcher das Hötel ausmündete, eine Kutſche ſich näherte, umgeben und gefolgt von zwanzig berittenen Poliziſten. Langſam nur konnte dieſe Kutſche mit ihrem unheimlichen Gefolge ſich vorwärts bewegen durch das drängende Volk, das neugierig ſeine Blicke durch die herabgelaſſenen Fenſter in die Kutſche hinein bohrte. Jedermann hatte Muße, die drei Herren zu erkennen, welche in der 438 Kutſche ſaßen, und welche Niemand anders waren, als der Domherr Freiherr von Weichs, und zwei der bekannteſten und gefürchtetſten Ober⸗Beamten der Polizei. Das Antlitz des Freiherrn war bleich und düſter, aber um ſeine ſchmalen Lippen ſpielte immer noch das trotzige, herausfordernde Lächeln. Mit einem Blick unendlicher Verachtung ſchaute er das Volk an, das ſeinen Wagen umwogte, und ihn mit gierigen Augen anſtarrte, als wolle es in ſeinen bleichen Mienen die Größe der Strafe leſen, zu welcher er verurtheilt war. Wie neugierig dieſes Volk iſt, ſagte der Domherr wegwerfend. Es möchte um Alles gern wiſſen, ob man mich zum Richtplatz führt, und das wäre ihm ein gar willkommenes Schauſpiel. Sie ſollten doch mitleidig ſein, meine Herren, und dieſem liebenswürdigen Pöbel die Unglücksbotſchaft bringen, daß ich leider nicht zum Galgen und Rad, ſondern nur zu zehn Jahren Feſtungsarreſt verurtheilt bin, und daß ich dieſe Zeit auf der ſchönen Feſtung Komorn zubringen werde. Die beiden Beamten antworteten nur mit einem ſtummen Neigen des Kopfes und der Wagen fuhr weiter. Aber irgend ein mitleidiger und geſprächiger Polizeibeamter hatte dem Volke doch die Mittheilung gemacht, daß der Domherr von Weichs vom Kaiſer zu zehn Jahren Feſtungsarreſt verurtheilt und daß man eben im Begriff ſei, ihn nach Komorn abzuführen. Das Volk empfing dieſe Nachricht mit lautem Jubel und zerſtreute ſich in den Straßen, um Freunden und Bekannten die willkommene Botſchaft zu bringen, und dann heimzukehren, ganz befriedigt von dem Amuſement und den Zerſtreuungen des heutigen Tages. Und die Woge des Lebens brauſte über das unglückliche Ereigniß hin, und riß ſie hinunter in den Abgrund des Vergeſſens; wenige Tage noch und eine andere Begebenheit machte die Geſpräche über das Duell des Fürſten Liechtenſtein und deſſen Veranlaſſung verſtummen, und ein neuer Stoff der Unterhaltung verdrängte den alten. Nur Ein Herz tröſtete ſich nicht ſo raſch, nur Eine Seele nngte um ihn in troſtloſen Tagen, in ruheloſen Nächten, und brachte ihm den Zoll der Thränen und der Seufzer dar. Seit jenem letzten Be⸗ gegnen mit dem Fürſten hatte Fanny von Arnſtein ihr Cabinet noch nicht wi ſchloſſen hatte ſie Ver zu beſch z vehm in der iht leiſ würde Liebe Himmel trennt Arnſtei grenzt verhül ſchritt — D Worte 6 nomm verſch Fleher vor E 9 Juger ſie ni bitte die weld omherr chtetſten ich und trotzige, achtung ihn wit enen die werfend. tz führt, en doch öbel die d Rad, und daß de. Neigen itleidiger theilung Jahren hn nach lautem zekannten n, ganz heutigen Ereigniß ge Tage 6 Duell und ein ele Hagte achte ihn tten Be⸗ nicht wieder verlaſſen, die Thüren deſſelben waren Jedermann ver⸗ ſchloſſen geweſen, und ohne Nahrung und Speiſe zu ſich zu nehmen, hatte ſie dieſe drei Tage dort durchſeufzt und durchweint. Vergebens war ihr Gemahl oft an ihr Zimmer gekommen, um ſie zu beſchwören, endlich die Thür zu öffnen, endlich Nahrung zu ſich zu nehmen. Fanny hatte ihm niemals geantwortet, und wenn er nicht, in der Stille der Nacht immer wieder zu dieſer⸗Thür hinſchleichend, ihr leiſes Schluchzen und ihre halblauten Klagen vernommen hätte, würde er geglaubt haben, der Gram habe ſie getödtet, und die Liebe habe ſie mit Dem, welchem ihr Herz gehörte, droben im Himmel vereinigen wollen, da ſie auf Erden doch von einander ge⸗ trennt geweſen. Heut, nach dem Begräbniß des Fürſten, trat der Baron von Arnſtein wieder in den Salon, der das Cabinet ſeiner Gemahlin be⸗ grenzte, aber diesmal kam er nicht allein. Eine Dame, das Antlitz verhüllt von einem dichten ſchwarzen Schleier, ging neben ihm und ſchritt an ſeiner Seite zu der immer noch verſchloſſenen Thür hin. Der Baron klopfte an dieſe Thür und bat ſeine Gemahlin mit Worten innigſter Theilnahme, ihm zu öffnen. Keine Antwort erfolgte, kein Wort der Erwiderung ward ver⸗ nommen. Sehen Sie wohl, Durchlaucht, flüſterte der Baron, ſich an die verſchleierte Dame wendend, es iſt, wie ich Ihnen ſagte. Alles Flehen iſt umſonſt, ſie verläßt dieſes Zimmer nicht, ſie wird ſterben vor Gram. Nein, ſie wird nicht ſterben, ſagte die Dame, ſie iſt jung, und die Jugend überdauert allen Schmerz. Laſſen Sie mich verſuchen, ob ich ſie nicht erweichen kann. Und ſie klopfte mit beherztem Finger an die Thür und rief: Ich bitte Dich, Fanny, öffne mir und laß mich zu Dir ein, ich bin es, die Prinzeſſin Eibenberg, ich bin es, Deine Freundin Mariane Meier, welche ihre liebe Fanny Itzig beſuchen will. Alles blieb ſtill, nichts regte ſich hinter dieſer verſchloſſenen Thür. ————— 440 Mariane ſchlug ihren Schleier zurück, und ließ den Baron ihr ſtolzes, bleiches Antlitz ſehen. Herr Baron, ſagte ſie ernſt, in dieſer Stunde verzeihe ich Ihnen die Beleidigung und Verachtung, welche Sie vor fünf Jahren an Ihrem Hochzeitstage gegen mich ſchleuderten; das Schickſal hat mich gerächt und Sie bitter geſtraft, denn ich ſebe, daß Sie in dieſen drei Tagen ſehr viel gelitten haben. Mein Herz hat keinen Groll mehr, und ich will verſuchen, Ihnen Ihre ſchöne und beklagenswerthe Ge⸗ mahlin wiederzugeben und ſie zu tröſten. Aber ich muß Sie bitten, dieſes Zimmer zu verlaſſen. Ich weiß eine Beſchwörungsformel, mit welcher ich Fanny aus jenem Zimmer hervorlocken werde, aber dazu muß ich allein ſein und Niemand außer ihr muß mich hören können. Es iſt gut, ich gehe, ſagte der Baron traurig. Aber erlauben Sie mir, vorher eine Bitte an Sie zu richten, die Ihnen beweiſen möge, wie ſehr ich Ihnen vertraue. Wollen Sie Fanny nichts davon ſagen, daß Sie mich bewegt und traurig geſehen haben? Wollen Sie gütigſt nichts ahnen laſſen von meinen Sorgen und meinem Kummer um ſie? Sie wird es in Ihren bleichen Mienen und Ihren eingefallenen Wangen ſehen, armer Baron! rief Mariane. Nein, ſie hat nicht die Gewohnheit, mich aufmerkſam zu betrachten, ſie wird das überſehen, ſagte der Baron traurig, und ich möchte nicht, daß es den Anſchein gewinnen könnte, als litte ich durch ihren Kum⸗ mer, den ich ganz gerecht und natürlich finde. Ich bitte Sie alſo, ſchweigen Sie von mir. Ich werde Ihren Wunſch erfüllen, ſagte Mariane, vielleicht wird Ihnen Fanny einmal ſpäter für das Zartgefühl danken, mit welchem Sie jetzt Ihrer ſchonen. Gehen Sie jetzt, damit ich Fanny rufen kann. Der Baron ging hinaus, und jetzt ſchritt Mariane abermals zu der Thür hin. Fanny, ſagte ſie, komm zu mir, oder öffne Deine Thür und laß mich eintreten. Ich habe Dir einen Brief und eine Botſchaft zu bringen von dem Fürſten Carl von Liechtenſtein. Jetzt hörte man innerhalb des Cabinets einen leiſen Schrei, der Riegel ward zurückgeſchoben, die Thür flog auf, und die Baronin von Amſ von Vei Hanr ſie Nacken n die Schö — Vu Thränen Ja tigend. fallen w er bei m ein groß Wege;d Jugendj träge f kleinen die ihn Grab; ſind ver verloren biſe ur Vechil der Fi bittet Perlenſ Mutter damit ihn zu lud h wilche 8 liher ihre N tolzes, Ihnen en an t mich ndrei mehr, e Ge⸗ bitten, llener chten, nicht, Kum⸗ alſo, wird chem kann. Deine eine von Arnſtein erſchien in derſelben. Ihr Antlitz war marmorbleich, ihre vom Weinen gerötheten Augen lagen tief in ihren Höhlen, ihr ſchwarzes Haar fiel lang aufgelöſt wie ein ſchwarzer Trauerſchleier über ihren Nacken nieder. Sie war noch immer ſchön und lieblich, aber es war die Schönheit einer Magdalena. Du bringſt mir Nachrichten von ihm? fragte ſie mit leiſer, in Thränen zitternder Stimme. Ja, Fanny, ſagte Mariane, mühſam ihre eigene Rührung bewäl⸗ tigend. Ich bringe Dir ſeine letzten Liebesgrüße. Er ahnte, daß er fallen würde, und am Morgen, bevor er ſich zum Duell begab, war er bei mir. Wir waren lange bekannt und vertraut, wir hatten Beide ein großes, gemeinſchaftliches Ziel vor Augen und verfolgten dieſelben Wege; das hatte uns miteinader befreundet. Er wußte auch, daß ich Deine Jugendfreundin bin, und deshalb vertraute er mir ſeine letzten Auf⸗ träge für Dich an. Hier, Fanny, dieſes Käſtchen enthält alle die kleinen Andenken und Liebeszeichen, die er von Dir empfangen, und die ihm viel zu koſtbar däuchten, um ſie zu zerſtören, oder mit ins Grab zu nehmen, und die er Dich daher bittet, aufzubewahren. Es ſind vertrocknete Blumen, die Du ihm gegeben, eine Schleife, die Du verloren, einige Briefchen, die Du ihm geſchrieben und aus denen die böſe und verleumderiſche Welt die Harmloſigkeit und Unſchuld Eures Verhältniſſes erſehen könnte, es iſt endlich Dein Miniaturportrait, das der Fürſt ſelber hach der Erinnerung gemalt hat. Hier dieſes Etui bittet der Fürſt Dich als ſein Vermächtniß anzunehmen. Es iſt ein Perlenſchmuck, ein Erbſtück in ſeiner Familie, das einſt ſeine ſterbende Mutter ihm übergeben hat, damit er am Hochzeitstage ſeine Braut damit ſchmücken ſolle. Der Fürſt ſendet ihn Dir und beſchwört Dich, ihn zu ſeinem Angedenken, und als die Braut ſeines Herzens zu tragen. Und hier endlich, Fanny, hier iſt ein Brief von ihm, die letzten Zeilen, welche er geſchrieben hat, und ſie ſind an Dich gerichtet. Die Baronin ſtieß einen Freudenſchrei aus; mit leidenſchaft⸗ licher Heftigkeit das dargereichte Papier ergreifend, preßte ſie es an ihre Lippen und ſank mit demſelben auf ihre Kniee nieder. Ich danke Dir, mein Gott, ich danke Dir, flüſterte ſie leiſe, Du 442 biſt es, der mir dieſen Troſt geſandt hat, Du willſt nicht, daß ich ſterben ſoll in Verzweiflung! Und jetzt entfaltete ſie langſam, immer noch auf ihren Knieen liegend, das Papier und las dieſes letzte, glühende Lebewohl, dieſe letzte, zärtliche Liebesbetheuerung, mit welcher der Fürſt von ihr Abſchied nahm. Mariane, die Arme in einander geſchlagen, ſtand drüben in einer Fenſterniſche, und ſchaute mit ernſten, beobachtenden Blicken zu ihrer Freundin hinüber, und ſah die auf ihren Wangen wechſelnde Bläſſe und Purpurröthe, das hohe Wogen ihres Buſens, das Beben ihrer ganzen Geſtalt, und die Thränen, die Bächen gleich aus Fanny's Augen auf das Papier niederſtrömten, mit einem Gefühl zugleich der Rührung und Befremdung an. Es muß ſchön ſein, ſo lieben zu können, dachte ſie, ſchön auch, ſo leiden zu können. Beneidenswerth die Frauen, welche mit ihrem Herzen leben, und von ihm allein ihr Glück und ihr Unglück empfan⸗ gen.— Mir iſt ein ſolches Loos nicht beſchieden, und ich fürchte faſt, ich liebe nichts als mich ſelber. Mein Leben ruht in meinem Kopf, und von ihm aus erſt ſtrömt das Blut zu meinem Herzen hin. Wer iſt mehr zu beklagen, Fanny mit dem Gram ihrer Liebe, oder ich, welche niemals einen ſolchen Gram kennenslernen wird?— Aber ſie hat jetzt genug geweint, und am Ende wären ihre Thränen noch im Stande, auch mich weinen zu machen, und mein H z zu wecken. Das darf aber nicht ſein. Wer ſo große Pläne zu verfölgen hat, wie ich, muß ſich einen kalten Kopf und ein kaltes Herz bewahren. Und ſie näherte ſich mit raſchen Schritten der Baronin, welche noch immer auf ihren Knieen lag, und wieder und immer wieder den Abſchiedsbrief des Fürſten las. Erhebe Dich von Deinen Knieen, Fanny, ſagte ſie faſt gebieteriſch. Du haſt dem hingegangenen Freunde den Tribut Deiner Thränen dargebracht, Du haſt um ihn geweint drei Tage lang, jetzt begrabe die Vergangenheit in Deinem Herzen und denke an Deine Zukunft, meine arme Freundin. Meine Zukunft, ſagte Fanny, indem ſie, dem Willen der Freundin nachgebend, ſich von ihren Armen ſanft emporziehen ließ; meine Zu⸗ kunft iſt meinem warm wohin ſ M gonze Du B und D Unglie tritt d ſicht. Eruſte Du bi Dein man gewor nit 5 zu lac Ich, n ttrag andie ich m Schn ſtlze hafte mein werb Eibe Fm Ruh Wo übe um klei aß ich Knieen letzte, nahm. einer ihret Bliſſe ihrer annh's ch der auch, ihrem mpfan⸗ te faſ, Kopf, Ver er ich, ber ſie och im Das ie ich, welche er den eriſch. hränen egrabe ulunft, reundin ne Zl⸗ kunft iſt für immer gebrochen und umdüſtert, es liegt eine Wolke auf meinem Namen, die niemals wieder von dannen ziehen wird. Oh, warum giebt es für die Jüdin kein Kloſter und keine einſame Zelle, wohin ſie ſich flüchten könnte mit ihrem Unglück und mit ihrer Schmach. Mache es, wie ich es gemacht habe, ſagte Mariane, laß die ganze Welt Dein Kloſter ſein, und Deinen Salon die Zelle, in welcher Du Buße thuſt, indem Du die Menſchen zwingſt, vor Dir zu knieen und Dich anzubeten, ſtatt daß Du knieeſt und Dich kaſteieſt! Lege Dein Unglück und Deine Schmach als eine Glorie um Dein Haupt und tritt der Welt kühn gegenüber mit offenen Augen und ſtolzem Ange⸗ ſicht. Wenn Du arm wärſt und namenlos, dann würde ich Dir alles Ernſtes rathen, werde katholiſch und flüchte Dich in ein Kloſter. Aber Du biſt reich, Du haſt einen wohlklingenden, ariſtokratiſchen Namen, Dein Gemahl iſt im Stande, koſtbare Diners zu geben, folglich wird man Dir verzeihen, daß Du die Heldin eines unglücklichen Romans geworden, und man wird ſich wohl hüten, Dir den Rücken zu kehren, mit Fingern auf Dich zu zeigen, und wenn Du vorübergehſt, ſpöttiſch zu lachen und mit' vernehmlicher Stimme Deine Geſchichte zu erzählen. Ich, mein Kind, habe einſt alle ſolche Schmach und ſolche Demüthigungen ertragen müſſen, und dämals ſchwur ich mir, daß ich mich rächen wolle an dieſer Welt, welche glaubte, das Recht zu haben, mich zu verachten, daß ich mich rächen wollegindem ich ihresgleichen würde. Und ich habe meinen Schwur erfüllt, ich bin jetzt eine Prinzeſſin und eine Durchlaucht. Die ſtolze Welt, welche mich einſt verhöhnte, beugt ſich vor mir, die tugend⸗ hafteſten und edelſten Frauen halten es nicht unter ihrer Würde, in meinem Salon zu erſcheinen, die edelſten Fürſten und Cavaliere be⸗ werben ſich um die Freundſchaft und die Gunſt der Prinzeſſin von Eibenberg, geborene Mariane Meier. Folge alſo meinem Beiſpiele, Fanny, biete der Welt Trotz, erſcheine in Deinem Salon mit heiterer Ruhe und Unbefangenheit, gieb noch üppigere Diners, und die kleine Wolke, welche jetzt Deinen Namen verdunkelt, wird unbemerkt vor⸗ überrauſchen. Zuerſt werden die Menſchen kommen aus Neugierde, um zu ſehen, wie Du Dich benimmſt und mit welcher Stirn Du den kleinen Scandal trägſt, dann werden ſie kommen, weil Eure Diners 444 gar zu prächtig ſind, und weil doch die und die Fürſtin oder Gräfin, der oder der Fürſt, Miniſter oder General es auch nicht verſchmäht, in Deinem Salon zu erſcheinen, und ſo wird die ganze Affaire nach und nach vergeſſen werden! Aber mein Herz wird ſie nicht vergeſſen, ſagte die Baronin traurig, mein Herz wird nie aufhören, ihn zu beweinen und zu beklagen, und wenn mein Herz weint, ſollen meine Augen nicht lachen! Du haſt den Muth gehabt, Deine Thränen unter einem Lächeln zu verbergen, und von der Schmach und Unbill, welche man Dir angethan, Dein Haupt nicht beugen zu laſſen; ich werde den Muth haben, meine Thräuen nicht zu verbergen, und gebeugten Hauptes einherzugehen unter dem Unglück und der Schmach, welche mich getroffen hat, ohne daß ich es verdiene. Wäre ich ſchuldiger, würde ich vielleicht im Stande ſein, der Welt zu trotzen, aber da ich keine Schuld, ſondern nur ein Unglück zu beweinen habe, ſo weine ich! Möge die Welt mich deshalb verdammen, ich werde ihr Verdammungsurtheil nicht hören, denn ich werde mich in die Ein⸗ ſamkeit zurückziehen! Thörin, rief Mariane glühend, Thörin, welche am Anfang des Lebens ſchon glaubt, mit dem Leben abgeſchloſſen zu haben. Mein Kind, das menſchliche Herz iſt viel zu ſchwach, um einen Gram viele Jahre lang tragen zu können. Es ermattet allgemach und läßt ſeinen Gram fallen, und ſieht dann plötzlich, daß es ganz leer iſt und inhalts⸗ los, und dann ſchleicht die Langeweile herbei mit ihren langen Spinne⸗ beinen, und zieht ihre Fäden um Dich und hüllt Dich ein in ihre ſtaubigen Netze, die Niemand zerveißt, weil Niemand da iſt, Dir dieſen Liebesdienſt zu erweiſen, da Du die Menſchen verſcheucht und Dich einſam gemacht haſt. Hüte Dich vor der Einſamkeit, oder vielmehr lerne einſam ſein in der Mitte der Menſchen, aber nicht in der Stille Deines öden Gemachs. Du haſt hier in Wien eine ſchöne und große Miſſion zu erfüllen. Du haſt das Judenthum zu emancipiren und zwar in anderer Weiſe, wie ich es gethan! Ich habe der thörichten Welt bewieſen, daß eine Jüdin ſehr gut eine Prinzeſſin ſein und re⸗ präſentiren kann, trotz ihres orientaliſchen Bluts und ihrer krummen Naſe, aber ich habe, um ihr dieſen Beweis liefern zu können, meine — ————————— Religion die Miſſ Judenthr zu geben fihigen der Ariſ Geldes, thum. Zwang Miſſſon Di geiſterun 9 große, 1 des Abe auch g ich die und G thaten ſoll der will. ſondem Einſan inmitte ſlucht delſtens thaten Hinden Vohlh ſiht,. ſie ein than, gelten ſeltene Religion verlaſſen und meinem Volk untreu werden müſſen. Du haſt die Miſſion, das Werk zu vollenden, das ich angefangen, und das Judenthum hinein zu lanciren in die Geſellſchaft, ihm eine Stellung zu geben mitten in der Welt und das Judenthum zu einer geſellſchafts⸗ fähigen Creatur zu erheben. Du ſollſt die Vermittlerin ſein zwiſchen der Ariſtokratie des Blutes und Stammbaums und der Ariſtokratie des Geldes, die Vermittlerin zwiſchen dem Chriſtenthum und dem Juden⸗ thum. Du ſollſt den Juden hier in Wien eine freie, geachtete, dem Zwang der Vorurtheile enthobene Stellung geben. Das iſt Deine Miſſſon, gehe hin und erfülle ſie. Du haſt Recht, Mariane, rief Fanny mit ſchwärmeriſcher Be⸗ geiſterung, ich will die Miſſion erfüllen, denn ſie iſt eine heilige und große, und ſie wird mein Herz aufrichten und tröſten. Mit dem Glück des Lebens habe ich abgeſchloſſen für immerdar, aber man kann vielleicht auch glücklich ſein ohne Glück, und das will ich jetzt verſuchen, indem ich die Unglücklichen tröſte, den Leidenden helfe und den Verſtoßenen und Geächteten eine Zuflucht gewähre. Thränen zu trocknen, Wohl⸗ thaten zu üben und Glück und Freude um mich her zu verbreiten, das ſoll der Balſam ſein, mit dem ich die Wunden meines Herzens heilen will. Du haſt Recht, ich will mich nicht zurückziehen von der Welt, ſondern ich will ſie zwingen, mich zu achten, ich will mich nicht in die Einſamkeit flüchten mit meinem Gram, ſondern ich will mit ihm daſtehen inmitten der Geſellſchaft, ein Troſt allen Denen, die leiden, eine Zu⸗ flucht allen Denen, welche des Beiſtandes bedürfen!*) 8) Fanny von Arnſtein hielt Wort; ihr Haus ward der Mittelpunkt des edelſtens Riſteslebens, ihre Hände waren ſtets geöffnet, und bereit, Wohl⸗ thaten auszuſtreuen und Segen zu verbreiten. Sie gab aber nicht blos mit ihren Händen, ſondern auch mit ihrem Herzen, und dadurch ward ſie erſt eine wahre Wohlthäterin, denn zu ihren Gaben geſellte ſich das Mitleid und die kluge Ein⸗ ſicht, welche die rechte Art der Hülfe zu ermeſſen weiß. Vielen Menſchen hat ſie ein dauerndes Lebensglück bereitet, Vielen den Weg des Reichthums aufge⸗ than, Manchen ſolche Summen geſchenkt, die für ein ſelbſtſtändiges Vermögen gelten konnten. Ihrer Wohlthätigkeit kam ihre Gaftfreiheit gleich, die ſie in ſeltener Liebenswürdigkeit und Ausgedehntheit übte. Täglich ſtand ihr Haus in der Stadt, ſo wie ihr Landhaus zur Aufnahme zahlreicher Gäſte offen, welche * —— 446 So iſt es recht, ſo höre ich Dich gern, rief Mariane, die Freun⸗ din umſchlingend und ſie feſt an ihren Buſen drückend. Jetzt bange ich nicht mehr um Dich, und kann Dir mit uhigem und getröſtetem Herzen Lebewohl ſagen. Mein Reiſewagen ſteht bereit und noch in dieſer Stunde reiſe ich ab! Und wohin gehſt Du? fragte Fanny theilnahmsvoll. Es iſt ein Geheimniß, ein tiefes, politiſches Geheimniß, ſagte Mariane lächelnd, aber Dir will ich es anvertrauen als einen Beweis meiner Liebe! Ich gehe nach Paris, um dem erſten Conſul einen Brief von dem armen Grafen von Provence zu bringen, den die Royaliſten, und folglich auch ich, den König Ludwig den Achtzehnten nennen. Das, Fanny, iſt mein Vermächtniß von dem Fürſten Liechtenſtein. Durch ihn ward ich bekannt mit einigen dieſer edlen Emigrirten, die es vor⸗ gezogen haben, ihr Vaterland und ihre Beſitzthümer aufzug eben und heimathlos in der Fremde umherzuirren, ſtatt ihrem König untreu zu werden und dieſer despotiſchen Republik und dem Tyrannen zu ge⸗ horchen, der jetzt ſeine eiſerne Hand auf Frankreich legt. Der Fürſt Liechtenſtein war es, der mir vor vierzehn Tagen den Herzog von Enghien zuführte und mich einweihte in die großen Pläne und Hoff⸗ nungen der unglücklichen Bourbonen. Der Herzog von Enghien war hier in Wien? fragte Fanny erſtaunt. Ja, er war hier, er hielt ſich verborgen im Hötel Deines Freundes Liechtenſtein, und nur Vertraute und Eingeweihte wußten um ſeine Nähe. Der Fürſt gehörte zu ſeinen Vertrauten und zu ſeinen wärmſten Anhängern. Oh, welche Pläne waren es, welche die beiden feurigen jungen Männer in der Stille verſchwiegener Abende in meinem Salon entwarfen, welche große Dinge erwarteten ſie nicht von der Zukunft für die Bourbonen und für Frankreich! In ſolchen Stunden, Fanny, hätteſt Du den Fürſten Carl von Liechtenſtein ſehen müſſen, um ihn bei ihr die wechſelvollſte, edelſte und anregendſte Geſelligkeit genoſſen. Siehe: Fanny von Arnſtein. Eine biographiſche Scizze von Varnhagen von Enſe. Vermiſchte Schriften. Th. I. S. 415. ganz ver glihten Flanmen ſeinen L den erſte ſchaftlich deviſche Liechten Hilien i Fannh, Du ha einen R verlorer haber wenig Söhne 1 Hoffnu laſen, D die Pr Mein ſo lan er hat würdi letzes Pline Funn Npe ſtin ſo ſ Woh Dein ſagte Beweis Brief iſten, Voö, Durch or⸗ nund reu zu zu ge Fürſt g von Hoff Fanny rnſten urigen Salon kunft ſannh, m ihn Siehe Enſe ganz verſtehen und ihn grenzenlos lieben zu müſſen. Seine Wangen glühten alsdann von edler Kampfesungeduld, ſeine Augen ſprühten Flammen und edle Worte hinreißender Begeiſterung ſtrömten von ſeinen Lippen. Nie hat man einen Feind glühender gehaßt, als wie er den erſten Conſul Bonaparte haßte, nie hat man einer Sache leiden⸗ ſchaftlicher angehangen, als wie er der Sache ſeines unglücklichen deutſchen Vaterlandes und der Sache der vertriebenen Bourbonen. Hätte der Graf von Provence hundert ſolcher Ritter, wie der Fürſt Liechtenſtein Einer war, ſo würde er in acht Tagen den Thron der Lilien in wieder aufgerichtet haben. Trockne Deine Thränen, Fanny, denn Du biſt es nicht, welche am meiſten zu beklagen iſt. Du haſt nur einen Liebhaber verloren, aber die Bourbonen haben einen Ritter und Deutſchland hat einen treuen und kampfbereiten Sohn verloren, dieſe beide ſind mehr zu beklagen! Du wirſt hundert Lieb⸗ haber wiederfinden, wenn Du willſt, aber die Bourbonen haben nur wenig Ritter, und Deutſchland wird täglich ärmer an treuen und edlen Söhnen! Und er hat mir nichts geſagt von ſeinen Plänen und ſeinen Hoffnungen, rief Fanny ſchmerzlich, er hat mich niemals ahnen laſſen, daß— Daß er nicht blos ein Herz habe für die Liebe, ſondern auch für die Politik und für das Vaterland? unterbrach ſie Mariane lächelnd. Mein Kind, er hat Dich eben geliebt mit ſeinem Herzen, und deshalb, ſo lange er bei Dir war, ſchwiegen alle Entwürfe ſeines Kopfes. Aber er hat doch gewußt, daß die Geliebte ſeines Herzens es auch fähig und würdig ſei, die Freundin ſeines Kopfes zu ſein, und als er mir ſein letztes Lebewohl ſagte, trug er mir auf, Dich einzuweihen in alle ſeine Pläne, und Dich Theil nehmen zu laſſen an ſeinen Hoffnungen. Fanny, Dein Freund grüßt Dich durch meinen Mund, er will ſein Lieben und ſein Haſſen von ſeinem verklärten Geiſt auf Dich aus⸗ ſtrömen. Wie er ein treuer Sohn war ſeines deutſchen Vaterlandes, ſo ſollſt Du eine treue Tochter ſein, und ſollſt Deines Vaterlandes Wohl hüten und bewachen, und ſollſt einſtehen für ſein Heil mit aller Deiner Kraft. Wie er ein unwandelbarer Feind dieſes neuen blutge⸗ ——— 448 3 tränkten Frankreichs und ſeines Dictators war, ſo ſollſt auch Du ab⸗ gleich ihr ſchwören alle Verbindung mit dieſem Lande, das ſeine Ströme von bringen, Blut und Feuer bald über unſer unglückſeliges Vaterland ergießen Je, wird. Alles ſollſt Du thun und ergreifen, was dem Vaterlande nützen guter Pe und dienen kann, Alles ſollſt Du verabſcheuen, verfolgen und befeinden, haſt, ich was Deutſchland bedroht und es in Knechtſchaft ſchlagen will. Dein Am Haus ſoll offen ſtehen allen deutſchen Patrioten, es ſoll verſchloſſen gche, d ſein allen Feinden Deutſchlands, mögen ſie nun Deutſche oder Fran⸗ ſien zoſen ſein, oder welcher Nation ſonſt immer angehören. Das, Fanny, ibe iſt das Vermächtniß, welches Carl von Liechtenſtein, der edle deutſche i Patriot, Dir neben ſeiner Liebe hinterläßt, und welches Dich tröſten fürchte: und aufrichten ſoll in Deinem Schmerz. Erſe. Ich nehme dieſes Vermächtniß an, rief Fanny, ſtrahlend vor Be⸗ geiſterung. Ja, ich nehme dieſes Vermächtniß an und getreulich will ſehnten ich es erfüllen! Auf Deutſchland will ich die Liebe übertragen, die ich ſ 2 einſt ihm geweiht, ihn will ich lieben und ehren in jedem unſerer dit 3 deutſchen Brüder, gleich ihm will ich die Feinde Deutſchlands haſſen, 3 1 und niemals ſoll ihnen mein Haus geöffnet ſein, niemals ſollen ſie die Schwelle deſſelben als willkommene Gäſte überſchreiten dürfen. Da ich kein glückliches Weib mehr ſein kann, will ich verſuchen, eine treue Tochter meines Vaterlandes zu ſein, treu ſeine Freunde zu lieben, treu ſeine Feinde zu haſſen! Nun iſt es gut, rief Mariane freudig, nun haſt Du Deinen ſchönſten Troſt empfangen, und Deine Trauer der Liebe wird ſich nun verklären zu Thaten der Liebe! Der Segen Deines verklärten Freundes wird bei Dir ſein und die Liebe Deines Vaterlandes wird Dir lohnen, was Du dem Vaterlande thuſt. Auch darin ſollſt Du unſer ge⸗ 4 ſchmähetes Judenthum vertreten, daß Du denen, welche uns verhöhnen und als Fremdlinge verachten, beweiſeſt, daß wir uns fühlen als Ein⸗ geborne und als Kinder des Landes, in dem wir geboren ſind, und daß wir unſer Jeruſalem nicht im fernen Orient ſuchen, ſondern in dem Vaterland, das wir mit allen andern Deutſchen theilen. Beweiſen wir dieſen Chriſten, daß wir auch gute Patrioten ſind, und daß wir er habe ubertra mächtniſ —————— 8 Ich glühend —— auch m lären — ———— du ab⸗ ne von gießen nützen einden, Dein chloſſen Fran⸗ Fanny, eutſche tröſten r Be⸗ h will die ich unſerer haſſen, ſie die Da treue t treu Deinen ch nun eundes ohnen, ſer ge⸗ öhnen Ein⸗ „und ern in weiſen eß nir 449 gleich ihnen unſer Vaterland lieben und bereit ſind, ihm alle Opfer zu bringen, die es von uns fordern mag. Ja, ich will beweiſen, daß ich eine gute Patriotin bin, wie er ein guter Patriot war, rief Fanny begeiſtert. Ich will haſſen, was er ge⸗ haßt, ich will lieben, was er geliebt hat! Amen! rief Mariane feierlich. Und nun lebe wohl, Fanny, ich gehe, das Vermächtniß zu erfüllen, welches Fürſt Liechtenſtein mir hinterlaſſen hat. Er hatte es übernommen, dieſen Brief an Bonaparte zu überbringen, zu ſehen, was die Bourbonen von ihm zu hoffen haben, und ob der Conſul Bonaparte ein Monk oder ein Cromwell iſt. Ich fürchte das Letzte, die Bourbonen und auch Liechtenſtein hofften das Erſte. Sie glauben, er werde der Monk der Wiederſtellung ſein, und er habe ſich dem Thron nur ſo nahe geſtellt, um Ludwig den Acht⸗ zehnten auf demſelben reſtauriren zu können, wie Monk es mit Carl dem Zweiten gethan. Nun, wir werden ja ſehen! Ich gehe jetzt hin, den Brief zu überbringen, deſſen Beſorgung Fürſt Liechtenſtein mir übertragen hat. Lebe wohl, Fanny, und ſei eingedenk Deines Ver⸗ mächtniſſes! Ich werde deſſen eingedenk ſein, ſo lang ich lebe, ſagte Fanny glühend. Und ſo wie ich nie meiner Liebe vergeſſen werde, ſo werde ich anch meines Vaterlandes nie vergeſſen! Beide ſollen ſich zu Eins ver⸗ klären in meinem Herzen!*) V. Der erſte Conſul. Sie haben ihn alſo geſehen und geſprochen, unſern armen unglück⸗ lichen König? fragte Madame Bonaparte die ſchöne reichgekleidete Dame, *) Die Geſchichte der Frau von Arnſtein und das tragiſche Ende des Fürſten Carl von Liechtenſtein gehören nicht dem Roman, ſondern der Wirklichkeit an, Mühlbach, Napoleon. 1. Bd. 29 — 450 welche neben ihr auf dem Canapée ſaß, und welche Niemand anders war, als die Prinzeſſin Mariane Eibenberg. Ja, Madame, ich habe oft und viel das Glück gehabt, ihn zu ſprechen, ſagte die Prinzeſſin mit einem Seufzer. Ich verlebte einige Wochen in ſeiner Nähe, und gerührt von ſeiner Reſignation, von ſeiner Dulderkraft und ſeiner ſtillen Größe bot ich ihm meine Vermittelung an, wollte ich der Bote ſein, welchen der arme Schiffbrüchige hinaus⸗ ſchickte, um zu ſehen, ob für ihn die Küſten ſeines Vaterlandes niemals wieder auftauchen ſollen, ob dieſer große und kühne Steuermann, welcher jetzt das Schiff Frankreich mit ſicherer Hand lenkt, für den armen Schiffbrüchigen keinen Platz mehr übrig hat. Der Graf von Provence nahm meine Dienſte an, er gab mir ein Schreiben, das ich ſelbſt dem erſten Conſul übergeben ſollte, und mit vielen und reichlichen Empfeh⸗ lungen verſehen reiſte ich hierher. Aber alle dieſe Empfehlungen waren nutzlos, ſelbſt die Fürſprache des Miniſters Talleyrand war vergeblich, der erſte Conſul weigerte ſich, mir eine Audienz zu gewähren. Vielleicht hatte man ihm geſagt, welch eine ſchöne und bezaubernde Abgeſandtin der Graf von Provence dies Mal an ihn geſchickt, ſagte und haben ihrer Zeit viel von ſich reden gemacht. Jedermann in Wien wußte, daß die Liebe zu Frau von Arnſtein die Veranlaſſung zu dem Duell und zu dem Tode des Fürſten von Liechtenſtein geweſen, aber Jedermann wußte auch, daß Fanny von Arnſtein keine moraliſche Schuld an dieſem Ereigniß trage, und die Theilnahme und das Mitgefühl für die unglückliche, ſo ſchwer getroffene Frau war daher allgemein. Von allen Seiten beeilte man ſich ſie zu tröſten, der kaiſerliche Hof und die Stadt beeiferten ſich ihr zu huldigen, und ihr Achtung und Aufmerkſamkeit zu beweiſen. Aber Frau von Arnſtein ließ ſich von ſolchen Beweiſen öffentlicher Theilnahme nicht tröſten über den großen Schlag, der ihr Herz getroffen. Ihre Trauer war leidenſchaftlich und tief, und ſie verbarg ſie nicht. Das Cabinet, in welchem er zuletzt bei ihr geweſen, ließ ſie ſchwarz decoriren wie ein Sterbezimmer, in demſelben hatte ſie alle Andenken, Alles, was auf ihn Bezug hatte, aufgeſtellt. Den Jahrestag ſeines Todes brachte ſie ſtets, in ſtille Trauer verſenkt, in dieſem Gemach zu, und auch ſonſt zog ſie dorthin ſich manche Stunden zu ſtiller Andacht und Sammlung zurück. Aber Niemand außer ihr durfte jemals dieſes Cabinet betreten, das ſie der Religion ihrer Erinnerungen als Altar geweiht hatte. Varnhagen Vermiſchte Schriften I. 412. poſehine Denn Bo ſchüchtem Kraft hat ihnen lieb Oh, den Lch ich Ihn ganze W neben Jo der hat d Sie aber, da Tilerien beſcheide bald der Gl Glauben auf den ſind? großel Ihrem eiſten G ibergeb dence ſe Sie nit Sie ih die glü harnat lichen oft wi ſie, ol Hand te iinige n ſeiner ſttelung hinaus⸗ niemals „welcher armen zrovence bſt dem Empfeh n waren ergeblich aubernde t, ſagte en wußte, U und zu ußte auch, trage, und getroffene on ſolchen g, der ibr erbar ſe ſe ſchwar ken, Alles, bruchte ſie nſt zo9 Joſephine lächelnd, und er fürchtete ſich daher vor Ihnen, Madame. Denn Bonaparte, der unerſchrockenſte Held in der Schlacht, iſt doch ſchüchtern und zaghaft ſchönen Frauen gegenüber, und da er nicht die Kraft hat ihrem Lächeln und ihren Bitten zu widerſtehen, weicht er ihnen lieber aus und vermeidet es, ihnen zu begegnen. Oh, Madame, rief die Prinzeſſin raſch, wenn der erſte Conſul dem Lächeln der ſchönſten Frau nicht widerſtehen kann, dann prophezeihe ich Ihnen eine noch glanzvollere Zukunft, denn alsdann wird er die ganze Welt zu Ihren Füßen niederlegen, um Ihnen zu huldigen. Wer neben Joſephinen noch ein Held und ein willenskräftiger Mann geblieben, der hat die Schönheit keiner andern Frau mehr zu fürchten! Sie verſtehen zu ſchmeicheln, rief Joſephine lächelnd. Sie vergeſſen aber, daß wir uns hier in einer Republik befinden und daß in den Tuilerien nicht ein Hof und Höflinge wohnen, ſondern daß da nur der beſcheidene Haushalt eines Bürgers und Generals iſt, der hoffentlich bald dem Glanz des Königthums weichen wird. Glauben Sie das Madame? fragte die Prinzeſſin dringend. Glauben Sie, daß die Hoffnungen, welche der Graf von Provence auf den edlen großen Sinn Bonaparte's gebaut hat, nicht vergeblich ſind? Oh laſſen Sie uns offen und frei zu einander reden, denn ich weiß, Sie haben ein Herz für die Leiden der Königsfamilie, und das große Unglück der erhabenen Vertriebenen findet einen Wiederhall in Ihrem Herzen. Deshalb, als es mir nicht gelingen wollte, zu dem erſten Conſul ſelber zu gelangen und ihm meinen Brief perſönlich zu übergeben, deshalb wandte ich mich an Sie, und der Graf von Pro⸗ vence ſelber hat mir dazu die Erlaubniß gegeben. Wenn Bonaparte Sie nicht hören will, ſagte er, ſo gehen Sie zu Joſephinen. Bringen Sie ihr die Grüße des Grafen von Provence, erinnern Sie ſie an die glücklichen Tage von Verſailles, wo ſie als Vicomteſſe von Beau⸗ harnais eine ſtets willkommene Erſcheigng am Hofe meines unglück⸗ lichen Bruders war. Fragen Sie ſie, ob ſie ſich noch erinnert, wie oft wir damals mit einander gelacht und geſcherzt haben? Fragen Sie fie, ob mein jetziges Unglück ewig dauern ſoll, oder ob ſie, in deren Hand es liegt, mich das Lachen und die Freude wieder kennen lehren will? 26 — — — Oh, rief Joſephine, in Thränen ausbrechend, wenn es in meiner Hand läge, würde er nicht mehr lange zu warten haben auf ſeinen Thron und auf das Glück. Ich würde die Erſte ſein, welche ihn jubelnd in Frankreich willkommen hieße, die Erſte, welche jubelnd dieſe Tuilerien verließe, dieſes Königsſchloß, deſſen Erhabenheit mir bange macht, in deſſen Mauern ich mir immer wie eine Verbrecherin erſcheine, welche ſich ſchmückt mit geraubtem Gut, und ihre frevelnden Hände nach dem Allerheiligſten ausgeſtreckt hat. Und doch bin ich unſchuldig an dieſem Frevel, und doch iſt mein Gewiſſen rein von jeder Schuld und ich darf ſagen, daß der König Ludwig der Achtzehnte keine ergebenere, keine treuere und dienſtbereitere Unterthanin hat, als die Gemahlin des erſten Conſuls von Frankreich es iſt. Der König weiß es, und er hofft auf Sie! ſagte die Prinzeſſin. In Ihren Händen liegt das Herz Bonaparte's, Sie allein vermögen es zu rühren! Aber weiß ich denn, ob er überhaupt noch ein Herz hat? rief Joſephine leidenſchaftlich. Weiß ich denn, ob er noch etwas Anderes liebt, als ſeinen Ruhm? Der Menſch kann nicht zweien Göttern dienen und ſein Gott iſt der Ruhm. Mit dem Blick eines Adlers ſchwingt er ſich empor, und der Glanz der Sonne blendet ihn nicht! Wo wird er endlich ruhen und ſeinen Horſt bauen? Ich weiß es nicht! Noch iſt ihm kein Felſen hoch genug, kein Gipfel erhaben, und der Sonne nahe genug geweſen. Ich folge ſeinem Flug mit angſtvollen Blicken, aber ich vermag ihn nicht aufzuhalten. Ich kann nur beten für ihn, für mich und für den unglücklichen König, nur beten, daß der kühne Adler nicht den verlaſſenen Thron endlich für einen ſeiner würdigen Horſt erkennen und in ihm ſich niederlaſſen möge. Sie glauben aber, daß er Das thun wird? fragte die Prin⸗ zeſſin raſch.. Oh, meine Liebe, rief Joſephine mit einem traurigen Lächeln, Nie⸗ mand kann bis jetzt noch wiſſen oder auch nur glauben, was Bona⸗ parte thun wird, Niemand, ſelbſt ich nicht. Sein Geiſt iſt nach Innen gekehrt, und er ſpricht nur von Dem, was er gethan hat, nicht von Dem, was er thun will. Seine Pläne ruhen undurchdringlich und ſchweigend ſie kennt. hin, und Seit das wählt hat wage, un zu nenn empfange diejenige ſind ſcho geben, A keit ſchuld mals in horchen, dern er muß die undankbe Denen,: Grafen 1 Frantrii dieſer h daß ich vence zu ſeine pi Eifulg i wieder e ich Sie obwohl an den ſehen, n meiner f ſeinen jubelnd uilerien macht, , welche ach dem n dieſem ich darf re, keine es erſten inzeſſin⸗ ermögen at rief Anderes Göttern Adlers n nicht! es nicht! und der Blicken, für ihn, et kihne windigen e Prin⸗ n, Nie⸗ s Bona⸗ Innen rict vn lic und 453 ſchweigend in ſeiner Bruſt und Niemand kann ſich verrühmen, daß er ſie kennt. Er weiß, daß ich in meinem Herzen eine treue Royaliſtin bin, und oft verſpottet er mich, noch öfter aber zürnt er mir deshalb. Seit das franzöſiſche Volk ihn zum erſten Conſul auf Lebenszeit er⸗ wählt hat, ſehe ich ihn erbeben und die Stirn runzeln, ſo oft ich es wage, unſers verbannten Königs zu erwähnen und ihn unſern Herrn zu nennen. Mit Strenge hat er mir befohlen, keinen Fremden zu empfangen, wenn Er mir nicht dazu die Erlaubniß gegeben, und alle diejenigen meiner Freundinnen, welche er als treue Roygliſtinnen kennt, ſind ſchon von ihm verbannt worden. Ich muß mir den Anſchein geben, Alles zu vergeſſen, was ich der Freundſchaft und der Dankbar⸗ keit ſchuldig bin, und dennoch werden dieſe theuren Erinnerungen nie⸗ mals in meinem Herzen erlöſchen. Aber ich muß meinem Herrn ge— horchen, denn Bonaparte iſt jetzt nicht blos mehr mein Gemahl, ſon⸗ dern er iſt auch mein Herr! So in allen ihren Neigungen gehemmt, muß die Frau des erſten Conſuls ihren Gram hinunterwürgen und undankbar erſcheinen, obwohl ſie es nicht iſt.*) Sagen Sie Das Denen, welche glauben, mich beneiden zu können, ſagen Sie Das dem Grafen von Provence, welcher mich für mächtiger hält, als ich es bin. Er iſt und bleibt für mich immerdar der rechtmäßige König von Frankreich, und Gott iſt mein Zeuge, daß es mich nicht gelüſtet nach dieſer Krone, die ſein rechtmäßiges Eigenthum iſt. Gott iſt mein Zeuge, daß ich niemals die Gelegenheit verſäumt habe, dem Grafen von Pro⸗ vence zu nützen, daß ich immer bemüht geweſen bin, Bonaparte an ſeine Pflicht gegen ſeinen rechtmäßigen König zu mahnen. Aber mein Erfolg iſt gering, und heute zum erſten Mal ſeit langer Zeit wage ich wieder einen Schimmer von Hoffnung zu hegen. Bonaparte weiß, daß ich Sie heute empfangen wollte, und er hat es mir nicht verweigert, obwohl man ihn ſchon benachrichtigt hatte, daß die Prinzeſſin Eibenberg an dem Hofe in Coblenz als eine eifrige Freundin geehrt werde, daß ſie eigens nach Mitau gereiſt ſei, um den Grafen von Provence zu ſehen, daß ſie von dieſem mit Briefen und Aufträgen nach Paris *) Joſephinen's eigene Worte. Siehe: Le Normand. II. 37. — —————— geſandt worden, und daß der Herzog von Enghien, der ſich heimlich vor einiger Zeit in Wien aufgehalten, täglich in Ihrem Hauſe geweſen. Wie? Der erſte Conſul weiß das Alles? fragte Mariane ver⸗ wundert. Seine Spione bedienen ihn gut, ſagte Joſephine ſeufzend, und Bonaparte hat deren überall, auch hier in den Tuilerieen, hier in meinen Zimmern, und es ſollte mich gar nicht wundern, wenn er das, was wir hier jetzt geſprochen haben, in einer Viertelſtunde ſchon wie⸗ dererfahren hätte, obwohl es den Anſchein hat, als ob wir hier allein ſind. Aber wenn der erſte Conſul weiß, daß der Graf von Provence ſich Meiner bedienen möchte, um hier für ihn zu wirken, und wenn er dennoch Ihnen erlaubt hat, mich anzunehmen, ſo ſcheint mir das ein günſtiges Zeichen, ſagte Mariane Eibenberg ſinnend. Einen Zweck hat er gewiß dabei, rief Joſephine ſeufzend, aber wer kann wiſſen, welchen? Ich gebe es auf, ihn ergründen zu wollen, ich begnüge mich, ihn zu lieben, zu bewundern, und mit leiſer Hand zu verſuchen, ob ich ihn nicht zurückführen kann auf die Bahn der Pflicht. Aber ſtill, unterbrach ſie ſich auf einmal ſelber, ich höre Schritte im kleinen Corridor. Das iſt Bonaparte! Er kommt hierher! Mein Gott, er wird ſehen, daß ich geweint habe und er wird mir zürnen!— Und mit ängſtlicher Haſt in ihr Taſchentuch hauchend, drückte Joſephine das Tuch an die Augen und flüſterte bebend: Sieht man, daß ich geweint habe? Mariane war eben im Begriff, eine Antwort zu geben, als man in dem anſtoßenden Gemach raſche Schritte vernahm. Er kommt, flüſterte Joſephine, und ſie erhob ſich von dem Canapée, um ihrem Gemahl entgegen zu gehen. Eben ſtieß er mit einem raſchen Druck ſeiner Hand die Thür auf und erſchien auf der Schwelle. Seine Augen fuhren mit einem ſchnellen Blitz durch das Gemach hin und ſchienen jeden Winkel deſſelben zu beleuchten; auf ſeiner breiten, ehernen Stirn ſchwebte eine leiſe Wolke, ſeine ſch nicht den Ah, ſich leich tiefen u großen, heftet k M die Pri worden iſt zwar viele d A reichs, zeigte Antlit dame, komme Cooal fallen und 1 Rekom Mode das meine heimlich geweſen. iane ver⸗ end, und hier in n et das, ſchon wie⸗ wir hier Provence und wenn t mir das end, aber zu wollen, eiſer Hand Bahn der ich höre tt hiecher! wird nir id, drückte Sieht man, als mun Fr kommt, um ihrem Thir uf m ſchnellen deſilben j leie Voll⸗ 455 ſeine ſchmalen Lippen waren wie immer feſt geſchloſſen, und zeigten nicht den leiſeſten Schimmer eines Lächelns. Ah, ich wußte nicht, daß Du Beſuch haſt, Joſephine? ſagte er, ſich leicht vor Marianen verneigend, welche ſeinen Gruß mit einer tiefen und ehrfurchtsvollen Verbeugung erwiederte und dann ihre großen, dunklen Augen mit einem bewundernden Ausdruck auf ihn ge⸗ heftet hielt. Mein Freund, ſagte Joſephine mit einem bezaubernden Lächeln, die Prinzeſſin Eibenberg iſt mir von ehrfurchtgebietender Seite empfohlen worden, und ich geſtehe, daß ich Denen ſehr dankbar bin, welche mir dieſe ſchöne und angenehme Bekanntſchaft verſchafften. Die Prinzeſſin iſt zwar, wie ich erfahre, der Geburt nach eine Deutſche, aber ſie hat das Herz einer Franzöſin, und ſie ſpricht unſere Sprache beſſer wie viele der Damen, welche ich hier in den Tuilerien höre. Ah, dann redet ſie ohne Zweifel die Sprache des alten Frank⸗ reichs, welche Dir immer ſo wohlgefällt, rief Bonaparte, und jetzt zeigte ſich auf ſeinen feingeſchnittenen Lippen ein Lächeln, das ſein Antlitz erhellte und verſchönte, wie Sonnenglanz. Nicht wahr, Ma⸗ dame, wandte er ſich plötzlich zu Marianen hin, Sie ſind hierher ge⸗ kommen, um meiner guten Joſephine Grüße zu bringen von einem Cavalier jenes alten Frankreichs, das für immer in Trümmern zer⸗ fallen iſt? Nein, General, ſagte Mariane, deren ſtrahlende Blicke furchtlos und unverwandt auf Bonaparte ruhten, nein, General, ich bin hierher gekommen, um das neue Frankreich zu bewundern, und ich werde Madame Bonaparte niemals dankbar genug ſein können für das Glück, das ſie mir in dieſem Moment verſchafft. Es iſt das erſte Mal in meinem Leben, daß ich einen großen Mann, einen Helden ſehe! Und Sie waren doch in London und in Mitau, und haben da die Grafen von Artois und Provence geſehen, rief Bonaparte, indem er ſich auf einem Fauteuil neben Marianen niederließ und mit einem Wink ſeiner Hand den Damen zu befehlen ſchien, ihre Plätze auf dem Divan wieder einzunehmen. Und in London, wie in Mitau, in Coblenz und überall bewundert ——— —————— 45⁵ 6 man den Helden, der wie eine neue Sonne mit dem jungen Jahrhun⸗ dert aufgeſtiegen iſt! ſagte Mariane mit hinreißender Anmuth. Sie ſprachen alſo von mir, dieſe Herren des alten Frankreichs? fragte Bonaparte. Sie ſehen, Madame, ich mache wenig Umſchweife. Ich bin nichts als ein guter Soldat, und ich gehe gerade auf mein Ziel los. Man hat mir geſagt, daß Sie hierher gekommen ſind als eine Emiſſairin der Bourbonen, und ich geſtehe Ihnen, daß ich heute zum erſten Male mich dieſen Herren dankbar fühle, denn ſie haben eine ſehr ſchöne Wahl getroffen. Die Emiſſaire, die man bis jetzt hierher geſchickt, waren weniger ſchön und weniger liebenswürdig. Dieſe Bourbonen verſtehen ſich beſſer als irgend Jemand auf die Schwächen des Männerherzens, und ſie wollen mich bezaubern, um mich nachher deſto ſicherer zu verführen. Verzeihung, General, man war nicht ſo vermeſſen, ſagte die Prin⸗ zeſſin lächelnd. Auch beſitze ich weder die Zauberkraft der Armide, noch Sie die Liebesſchwäche des Rinald. Sie halten mich nicht würdig, dem Rinald verglichen zu werden? fragte Bonaparte mit einem ſo glühenden Blick auf die ſchöne Emiſ— ſairin, daß Joſephine es faſt bereuete, dieſe verführeriſche Schönheit in ihres Gemahls Nähe gebracht zu haben. Ich halte Rinald nicht würdig, mit Bonaparte verglichen zu wer⸗ den, ſagte die Prinzeſſin anmuthig lächelnd. Rinald hat keine Länder erobert, er iſt nicht über die Brücke von Arcole gegangen mit der flatternden Fahne in der Hand, er hat nicht die Pyramiden von Aegypten geſehen, und nicht bei Marengo geſiegt! Ah, es ſcheint, Madame, Sie haben ein gutes Gedächtniß, rief Bonaparte heiter, und Sie kennen nicht blos das alte Frankreich, ſon⸗ dern auch die neueſte Geſchichte Frankreichs ſehr genau. General, Sie haben dafür geſorgt, daß die Geſchichte Frankreichs die Geſchichte der ganzen Welt iſt, und daß die Siege Frankreichs die Niederlage des ganzen übrigen Europas bedeuten. Aber Sie haben noch ein größeres Wunder bewirkt, denn Diejenigen, welche Sie beſiegt haben, haſſen Sie nicht dafür, ſondern ſie bewundern Sie, und indem ſie ihr Unglück verwünſchen, ſtaunen ſie über Ihren Heldenmuth und Ihre ße wunderu heiden P und es t Ah, lichelnd. auf den gernde von Ar Ne Dir vi welcher wiederhe dhnen N emigrir kann, Madan dane 2 zücken e d vorww N hören, Modar ſprechu G Bewun riane von d ſich j Artoj könnt ahrhun⸗ reichs? hweife. f mein ind als h heute ben eine hierhet leje S wächen nachher Prin⸗ Amide, verden? Emiſ önheit Länder mit der egyplen ß, rief h, ſon⸗ kreichs chö die haben beſiegt indem th und 457 Ihre Feldherrngröße. Niemand iſt, der nicht dieſes Gefühl der Be⸗ wunderung theilt, und Niemand empfindet daſſelbe lebhafter, als die beiden Männer, die ſich über Frankreich am meiſten zu beklagen haben, und es doch am wenigſten thun! Ah, Sie lenken geſchickt wieder auf Ihr Ziel hin, rief Bonaparte lächelnd. Sie ſind eine gute Strategin, Sie machen eine ſchiefe Linie auf dem Terrain der Schmeichelei, und rollen um ſo raſcher auf die gerade Straße hin, auf welcher Sie den Grafen von Provence und von Artois begegnen wollen, um ſie vor mir zu lobpreiſen. Nein, Bonaparte, ſagte Joſephine raſch, die Prinzeſſin möchte Dir vielmehr ſagen, wie ſehr dieſe Herren Dich lobpreiſen und mit welcher Bewunderung ſie von Dir ſprechen. Oh, ich bitte, Madame, wiederholen Sie Bonaparte doch, was der Graf von Artois jüngſt zu Ihnen geſagt, und welche Ehren und Würden er Dir verleihen möchte. Nun, ich bin doch neugierig, welche Ehren und Würden der kleine emigrirte Herr von Bourbon dem erſten Conſul von Frankreich ertheilen kann, ſagte Bonaparte mit einem feinen Lächeln. Laſſen Sie hören, Madame, was ſagte der Graf von Artvis, und was haben Sie Ma⸗ dame Bonaparte erzählt, das ihr ehrgeiziges Herz mit ſolchem Ent⸗ zücken erfüllt hat? Oh, Du willſt mich verſpotten, mein Freund, ſagte Joſephine vorwurfsvoll. Nicht doch, ich rede in vollem Ernſt, und ich bin neugierig zu hören, was die Prätendenten geſagt haben. Laſſen Sie uns alſo, Madame, mit Ihrer verführeriſchen Stimme die verführeriſchen Ver⸗ ſprechungen vernehmen. General, es war nicht von den Verſprechungen, ſondern von der Bewunderung des Grafen von Artois für Sie die Rede, ſagte Ma⸗ riane faſt ſchüchtern und mit niedergeſchlagenen Augen. Wir ſprachen von den allgemeinen Angelegenheiten, und Frau von Guiche erlaubte ſich in ihrer bezaubernden Naivetät die Frage an den Grafen von Artois zu richten, wie man den Conſul von Frankreich wohl belohnen könnte, wenn er die Bourbonen wieder retabliren wollte? Ah, man unterhielt ſich von dieſem Lieblingsthema der Vertriebenen, —— — 458 von der Rehabilitation! ſagte Bonaparte achſelzuckend. Und was ant⸗ wortete der Prinz? Der Graf von Artois erwiderte:„Zuerſt würden wir den erſten Conſul zum Connetable von Frankreich machen, wenn ihm das ange⸗ nehm wäre. Aber wir würden nicht glauben, daß das ein genügender Lohn wäre; wir würden auf dem Carouſſelplatz eine hohe und prächtige Säule errichten, auf welcher ſich die Statue Bonaparte's, die Bour⸗ bonen krönend, erheben ſollte.“*) Iſt das nicht ein ſchöner und erhabener Gedanke? rief Joſephine freudig, während die Prinzeſſin ihre Augen mit einem forſchenden Blick auf Bonaparte's Angeſicht heftete. Ja, ſagte er ruhig, es iſt ein ſehr erhabener Gedanke; aber was haſt Du, als man ihn Dir mittheilte, geantwortet, Joſephine? Was ich geantwortet habe? fragte Joſephine befremdet. Mein Gott, was hätte ich antworten können? Nun, ſagte Bonaparte, deſſen Geſicht jetzt einen ernſten, ſtrengen Ausdruck annahm, Du hätteſt zum Beiſpiel antworten können, daß dieſe ſchöne Säule als Piedeſtal den Leichnam des erſten Conſuls haben müßte.**) Oh, Bonaparte, welch ein fürchterliches Bild das iſt, rief Jo⸗ ſephine entſetzt. Fürchterlich und unwahr zu gleicher Zeit, denn hat nicht der Graf von Artvis geſagt, die Bourbonen würden Dich zum Connetable von Frankreich machen? Ja, wie Carl der Zweite von England den Monk zum Herzog machte! Ich bin kein Monk, eben ſo wenig wie ich ein Cromwell bin. Ich habe kein Haar auf dem Haupt der Bourbonen verletzt, und meine Hand trägt keine Spur von dem Blut des unglücklichen Königs, der als Sühnopfer gefallen iſt für die Sünden ſeiner Vorgänger. Dieſe hatten Frankreich ins Verderben geſtürzt, ich habe es aus demſelben errettet, und das Beiſpiel Monk's lehrt mich vorſichtig zu ſein, denn er gab dem armen engliſchen Volk, welches ihm vertraut hatte, einen *) Las Cases. Mémorial de Saint-Helene. Vol. II. P. 337. **) Bonaparte's eigene Worte. Las Cases II. 337. Künig, und en einer n U verglei Mann an d Bona hofft nichts wenie ſch ich Wa denn thun unte ich i hitt das Ret Kön Vo ſind das ni 459 as ant⸗ König, der es zwanzig Jahre hindurch unglücklich machte und knechtete, und endlich eine neue Revolution vetanlaßte. Ich will Frankreich vor en einer neuen Revolution bewahren, und deshalb will ich kein Monk ſein. Und wer auch ſollte es wagen, Sie mit Monk oder mit Cromwell igender vergleichen zu wollen, General? rief Mariane. Wenn es irgend einen richige Mann giebt, welcher es werth iſt, dem erſten Conſul von Frankreich Bour⸗ an die Seite geſtellt zu werden, ſo iſt das nur allein der große Waſhington, der Befreier Amerika's. oſephine Ah, Sie meinen, weil wir Beide einer Republik präſidiren, rief en Blit Bonaparte mit einem feinen Lächeln. Da ich kein Monk ſein will, hofft man, daß ich ein Waſhington ſein werde. Die Worte koſten er was nichts, und diejenigen, welche ſie ſo leicht ausſprechen, überlegen dabei wenig, ob die Umſtände der Menſchen, die Zeit und die Gelegenheit Mein ſich eben ſo gut zuſammenſtellen laſſen, wie ein paar Namen. Wenn ich in Amerika wäre, würde es mein höchſter Ruhm ſein, auch ein ſtrengen Waſhington zu ſein, und es wäre im Grunde wenig Verdienſt dabei, en, daß denn ich ſehe nicht ein, wie man dort vernünftigerweiſe etwas Anderes thun könnte. Aber wenn Waſhington ſich in Frankreich befunden hätte, Conſuls unter der Zerrüttung nach Innen, der Invaſion von Außen, ſo hätte ief Jo⸗ ich ihm nicht rathen mögen, er ſelber zu ſein; oder wenn er es doch enn hat hätte bleiben wollen, ſo würde er ein Blödſinniger geweſen ſein, der das Unglück Frankreichs nur fortgeſetzt, nicht beendet hätte.*) Du geſtehſt alſo zu, daß Frankreich nicht dazu gemacht iſt, eine Republik zu bleiben? rief Joſephine freudig. Du willſt ihm einen König wieder geben? Mich zum Herzo vell bin. Erwarte die Dinge, welche kommen werden, ſagte Bonaparte ernſt. 3 ber Vor der Zeit Dinge von mir fordern, die nicht der Zeit angemeſſen die ſind, wäre thöricht; wenn ich ſie ankündigte oder verſpräche, würde ſelben das ausſehen wie Charlatanismus und Ruhmrederei, und Beides iſt dem er nicht mein Genre.**) inn Aber Du läßt wenigſtens hoffen, daß Du es eines Tages, wenn *) Bonaparte's eigene Worte. Las Cases II. 468. **) Bonaparte's eigene Worte. Las Cases II. 469. die Zeit gekommen iſt, thun willſt, nicht wahr, mein Freund? rief Joſephine zärtlich. Du wirſt dieſe ſchöne Dame nicht ohne eine gütige und freundliche Antwort von hier weggehen laſſen? Sie wird die Tuilerien, das Haus der Könige, nicht betreten haben, um Denen, welchen es nach Geſetz und Recht gehört, bei ihrer Rückkehr ſagen zu müſſen, daß unter dem Dach, welches ihre Väter gebaut, kein Platz mehr für ſie iſt. Nicht wahr, Bonaparte, Du wirſt dem rechtmäßigen König von Frankreich hier aus ſeinem Zimmer nicht eine ſolche Ant⸗ wort ſenden? Sie hatte ſich glühend vor Aufregung von ihrem Sitz erhoben; dicht zu Bonaparte herantretend, legte ſie ihre beiden ſchönen Arme um ſeinen Hals und lehnte ihr liebliches Köpfchen auf ſeine Schulter. Oh, Joſephine, was machſt Du? rief Bopaparte unwirſch. Wird nicht die Prinzeſſin dem Grafen von Provence erzählen, daß hier in den Tuilerien ein rechter Bourgevis und Pantoffelheld wohnt, der mit ſeiner Frau ſelbſt vor andern Leuten zärtlich iſt, und dafür in allen Dingen ihren Willen thun muß? Und wird man nicht über uns lachen und uns verſpotten, mein Kind? Ich möchte den Titanen ſehen, der es wagen wollte, über den erſten Conſul zu lachen! rief Mariane lebhaft. Sie würden es machen wie Zeus, Sie würden mit einem Blitz Ihrer Angen den Frevler in den Abgrund niederſchleudern! Bonaparte heftete auf die Prinzeſſin einen ſo langen, glühenden Blick, daß Mariane erröthete und Joſephinens eiferſüchtiges Herz zu ſchmerzen begann. Sage, Bonaparte, welche Antwort Du dem Grafen von Provence ſenden willſt? ſagte ſie, bemüht, ſeine Aufmerkſamkeit von dem Be⸗ trachten dieſer verführeriſchen Schönheit abzulenken. Antwort? fragte Bonaparte, worauf ſoll ich denn antworten? General, auf dieſen Brief, den mir der Graf von Provence über⸗ geben hat, und den ich geſchworen, nur in ihre eigenen Hände nieder⸗ zulegen! rief Mariane, indem ſie Bonaparte mit einem flehenden Blick ein verſiegeltes Papier darreichte. Bonaparte nahm es nicht ſogleich, ſondern ſchaute die beiden Da⸗ men, n nit ein Blick at vllge Gewal Du de dem 1 harte 6 — den Br von mi Payier echobe Zimm Auge beläſt v Verda haben angene mand inet eigene meine die zöger faſt, d rief gütige rd die Denen, gen zu Platz äßigen e Ant⸗ hulter. Wird hier in er mit n allen lachen rden nachen ler in henden erz zu ovence n Be⸗ 461 men, welche ihm gegenüber ſtanden, ihre ſchönen bewegten Geſichter mit einem Ausdruck des Flehens ihm zugewandt, mit einem ſtrengen Blick an. Es iſt alſo ein vollſtändiges Complott, meine Damen? Eine völlige Ueberrumpelung der Feſtung? fragte er. Sie wollen mich mit Gewalt zwingen, Ihnen die Thore meiner Augen zu öffnen? Weißt Du denn nicht, Joſephine, daß ich geſchworen habe, keine Briefe von dem Prätendenten anzunehmen, um nicht gezwungen zu ſein, ihm eine harte Antwort geben zu müſſen? So halte Deinen Schwur, ſagte Joſephine lächelnd, nimm Du den Brief nicht an, aber erlaube mir, daß ich es thue, und laß Dir von mir ſeinen Inhalt vorleſen. Ach die Frauen, die Frauen! rief Bonaparte lachend. Es ſind geborne Sophiſten, und ich glaube, ſelbſt den Teufel wären ſie noch im Stande zu überliſten! Nun, Du ſollſt Deinen Willen haben, nimm den Brief und lies ihn mir vor. Joſephine ſtieß einen Freudenſchrei aus, und nahm den Brief aus Marianens Händen Während ſie das Siegel brach und das Papier auseinanderſchlug, hatte ſich Bonaparte von ſeinem Lehnſeſſel erhoben und begann langſam, die Hände auf dem Rücken gefaltet, im Zimmer auf und ab zu gehen. Vielleicht wußte er, daß Marianens Augen mit forſchendem Ausdruck auf ihm ruhten, und dieſes Forſchen beläſtigte ihn. Joſephine las:„Männer wie Sie, mein Herr, flößen niemals Verdacht und Unruhe ein, wie auch ihr Benehmen ſein möge. Sie haben die erhabene Stellung, welche das franzöſiſche Volk Ihnen anbot, angenommen, und ich weiß es Ihnen Dank. Beſſer wie irgend Je⸗ mand wiſſen Sie, wie viel Kraft und Macht es bedarf, um das Glück einer großen Nation zu begründen. Retten Sie Frankreich vor ſeinem eigenen Wüthen, dann werden Sie den erſten und größten Wunſch meines Herzens erfüllt haben; geben Sie ihm ſeinen König wieder und die künftigen Geſchlechter werden Ihr Andenken ſegnen. Aber Sie zögern ſehr lange, mir meinen Thron wieder zu geben, und ich fürchte faſt, Sie könnten den rechten Moment vorübergehen laſſen! Beeilen 462 Sie ſich alſo und beſtimmen Sie ſelbſt die Stellen, welche Sie für ſich und Ihre Freunde wünſchen! Sie werden dem Staat immer zu nothwendig ſein, als daß ich jemals glauben könnte, durch einflußreiche Stellen die Schulden meiner Ahnen und meine eigene tilgen zu können. Freigebig von Charakter, werde ich es auch aus Vernunft ſein; wir können das Glück Frankreichs ſichern; ich ſage wir, denn Sie können das Glück Frankreichs nicht ohne mich machen, und ich kann nichts für Frankreich ohne Sie thun. General, Europa beobachtet Sie, und der unſterbliche Ruhm erwartet Sie.“*) Immer daſſelbe Lied, murmelte Bonaparte leiſe vor ſich hin, immer die Geſchichte von der Säule, auf welcher die Statue des erſten Conſuls die Bourbonen krönt, während ſein blutender Körper der Säule als Stützpunkt dient! Er überlegt! flüſterte Joſephine der Prinzeſſin zu. Das beweiſt, daß er wenigſtens noch nicht entſchloſſen, Nein zu ſagen! In dieſem Moment wandte ſich Bonaparte zu den beiden Damen um, und ſchritt raſch zu ihnen hin. Sind Sie beauftragt, die Antwort von mir in Empfang zu neh⸗ men? fragte er, ſeine dürſtern Blicke auf die Prinzeſſin richtend. Ich werde glücklich und geehrt ſein durch jeden Auftrag, den Sie mir anvertrauen wollen! ſagte Mariane. Bonaparte nickte leicht mit dem Haupt. Willſt Du mir erlauben, hier in Deinem Zimmer und zwar ſogleich zu ſchreiben, Joſephine? fragte er. Die Generalin eilte ſtatt aller Antwort zu ihrem Schreibtiſch hin, um das Papier zurecht zu legen, einen Stuhl herbeizurücken und Bo⸗ naparte mit einem bezaubernden Lächeln die Feder darzureichen. Dann, als er ſchrieb, ſtützte ſie ſich in athemloſer Erwartung an die Lehne ſeines Fauteuils und ſchaute dem Conſul über die Schultern, während die Prinzeſſin Eibenberg, unfern von ihnen ſtehend, mit glühenden Blicken Beide betrachtete. *) Dieſer Brief iſt hiſtoriſch. Siehe: Mémoires d'un homme d'état VII. 393.— Las Cases II. 335. Bor dann wW reichte e Da Deines welche J Seufze Königli lebrige erleicht N hatte. Mada Haben G eine a ſtreng ( Vind. veturſ duldet ging den L dies, keine ie für ner zu reiche önnen. wvir können nichts e, und h hin, erſten r der eWeiſt, rlauben, eyhine ſch hin, nd Br⸗ Dann, e Lehne vähtend ühenden du W 463 Bonaparte ſchrieb mit haſtiger, fliegender Hand einige Zeilen, dann warf er die Feder hin, und ſich nach Joſephinen umwendend, reichte er ihr das Blatt dar. Da lies, ſagte er, und lies laut, damit die ſchöne Emiſſairin Deines Herrn von Bourbon auch meine Antwort kennt, und weiß, welche Nachrichten ſie überbringt! Joſephine nahm das Papier, und mit zitternder, oft von ihren Seufzern unterbrochener Stimme las ſie:„Ich habe den Brief Eurer Königlichen Hoheit empfangen; ich habe immer ein lebhaftes Mitgefühl für Sie und für das Unglück Ihrer Familie gehegt. Ew. Hoheit dürfen aber nicht daran denken, nach Frankreich kommen zu wollen; Sie würden nur über hunderttauſend Leichen dahin gelangen können. Uebrigens werde ich ſtets beeifert ſein, Alles zu thun, was Ihr Schickſal erleichtern und Sie Ihr Mißgeſchick vergeſſen laſſen kann.“*) Nun, Joſephine, Du ſchweigſt? rief Bonaparte, als ſie geendet hatte. Du biſt nicht zufrieden mit meinem Brief? Und auch Sie, Madame, laſſen einen dunklen Schatten über Ihr ſchönes Geſicht fliegen. Haben Sie denn eine andere Antwort von mir erwarten können?, General, ich glaube, die königlichen Prinzen haben in der That eine andere Antwort gehofft, ſagte Mariane ſeufzend. Und was berechtigte Sie zu dieſer Hoffnung? fragte Bonaparte ſtreng. Wodurch habe ich Ihnen zu ſolchen Chimairen Anlaß gegeben? General, die günſtigen Antworten, welche Sie Preußen gaben— Ach, unterbrach ſie Bonaparte achſelzuckend, daher alſo weht der Wind. Preußen ließ bei mir anfragen, ob es uns irgend Unruhe verurſachen würde, wenn es die franzöſiſchen Prinzen in ſeinen Landen duldete. Ich antwortete verneinend, und als man dann noch weiter ging und fragte, ob wir nicht beleidigt ſein würden, wenn Preußen den Bourbonen eine jährliche Unterſtützung zuwendete, erlaubte ich auch dies, unter der Bedingung, daß die Prinzen ſich ruhig verhielten und teine Intriguen anzettelten. Man hat alſo geglaubt, weil ich es *) Dieſer Brief iſt hiſtoriſch. Siehe: Mémoires d'un homme d'état VII. 394.— Las Cases II. 335.— Bourienne Mémoires Vol. II. 187. 464 duldete, daß man Nothleidende unterſtützt, und Obdachloſen ein Aſyl gewährt, würde ich auch bereit ſein, die Bettler wieder zu Herren zu machen und den Umherirrenden Frankreich wieder zu Füßen zu legen!*) Bonaparte, Deine Worte ſind ſehr hart und ſehr ungerecht, rief Joſephine ſchmerzlich. Sie mögen hart ſein, aber ſie ſind wahr, ſagte er ſtreng. Ich will nicht, daß man ſich länger über mich täuſche, und darum habe ich ſo ausführlich rückhaltlos geſprochen. Es wäre hart und grauſam, den Bourbonen Hoffnungen zu erwecken, die ich niemals erfüllen werde. Frankreich iſt für ſie verloren und ſie werden es nicht wieder bekommen! Sagen Sie das den Prinzen, welche Sie geſandt haben, Madame. Mögen die Bourbonen auf ihrer Huth ſein, denn Frankreich wacht und ſeine Augen und Ohren ſind geöffnet. Ich verzeihe es dieſem kleinen Herzog von Enghien gern, daß er mich nicht für einen großen Feld⸗ herrn halten und meine Thaten bekritteln will, aber ich würde es weder ihm, noch einem ſeiner Oheime verzeihen, wenn ſie mit ihren unſinnigen Projecten Frankreich beunruhigen wollten. Ich weiß, daß die Bour⸗ bonen ſeit langer Zeit Mittel und Wege ſuchen, ſich den Seepter des heiligen Ludwig wieder zu erobern. So lange ihre Pläne wie Spinne⸗ gewebe in der Luft flattern, verzeihe ich ſie ihnen, aber wenn ſie Thaten daraus geſtalten wollen, ſo mögen ſie die Folgen bedenken. Wer Frank⸗ reich bedroht, der iſt ein Verräther, er möge einen Namen tragen, welchen er wolle, und den Verräther trifft die Schwere des Geſetzes. Sagen Sie das den Bourbonen, Madame, ſagen Sie das vor Allem dem Herzog von Enghien. Und nun haben Sie die Gewogenheit, dem Grafen von Provence mein Antwortsſchreiben zu überbringen. Wann gedenken Sie abzureiſen? In einigen Tagen, General! Nicht doch, dieſer arme Graf von Provence wird ungeduldig ſein, eine Antwort zu erhalten, rief Bonaparte, und es wäre ſehr grauſam, ihm dieſelbe nicht ſo raſch wie möglich zu überbringen. Sie vor *) Las Cases. II. 337. in — allen daher, ne theilen, d Aufentha geben, w alſo, M hereit ſt an mit in ihren zuckte un ihre ſanf Me rief Mo mich w ich eine Ve wöhniſch entdeckt finden. flehen wortlich Sie ſin daß da unglick zu ände de kai einer e N Alles Ihrem Mihl ein Aſyl Herren üßen zu cht, rief ng. Ich habe ich ſam, den n werde. kommen! Nadame. acht und n kleinen en Feld⸗ es weder ſinnigen Bour⸗ — pter des Spinne⸗ eThaten er Fran⸗ welchen Sagen llem dem eit, dem Vann 465 allen Dingen werden ihn nicht warten laſſen wollen und ich rathe Ihnen daher, noch heute, in einer Stunde, abzureiſen! Ich werde Ordre er⸗ theilen, daß überall Pferde für Sie bereit ſtehen, und damit Sie nirgends Aufenthalt haben, werde ich Ihnen zwei Ordonnanz⸗Officiere mit⸗ geben, welche Sie bis an die Grenze escortiren ſollen. Eilen Sie ſich alſo, Madame, lin einer halben Stunde wird Alles zu Ihrer Abreiſe bereit ſtehen. Er nickte leicht mit dem Kopf und verließ das Gemach. Die beiden Frauen waren wieder allein und ſie ſchauten einander an mit tieftraurigen Blicken. Marianens Antlitz war bleich und farblos, in ihren Augen brannte ein düſteres Feuer und ein verächtliches Lächeln zuckte um ihre Lippen. Joſephine ſchien verlegen und befangen, und ihre ſanften Augen waren von Thränen umdüſtert. Man will mich über die Grenze transportiren, wie eine Verbrecherin! rief Mariane endlich mit vor Zorn zitternder Stimme. Man behandelt mich wie eine gefährliche Intriguantin, und ich that doch nichts, als daß ich einen Brief des Königs überbrachte. Verzeihen Sie ihm, ſagte Joſephine bittend. Man hat ihn arg⸗ wöhniſch gemacht, die vielen Complotte und Verſchwörungen, die ſchon entdeckt worden ſind, laſſen ihn ſtrenge Vorſichtsmaßregeln nothwendig finden. Vor allen Dingen aber zürnen Sie nicht mir, und ich bitte, flehen Sie zu dem Grafen von Provence, daß er nicht mich verant⸗ wortlich machen ſoll für die ſchlimme Botſchaft, deren Ueberbringerin Sie ſind. Ich habe Sie in mein Herz ſchauen laſſen, und Sie wiſſen, daß darin die treueſte Ergebenheit, die ehrfurchtsvollſte Liebe für den unglücklichen Prinzen lebt, aber ich bin nicht ſtark genug, ſein Schickſal zu ändern, ich— Eben öffnete ſich die Thür, und Herr von Bourienne, der Chef des kaiſerlichen Cabinets trat ein und näherte ſich der Prinzeſſin mit einer ehrfurchtsvollen Verbeugung. Madame, ſagte er, der erſte Conſul läßt Sie benachrichtigen, daß Alles zu Ihrer Akreiſe bereit ſei, und er hat mich beauftragt, Sie zu Ihrem Wagen zu Zeleiten. Joſephine ächzte ſchmerzlich und auf einen Stuhl niederſinkend, Mühlbach, Napolevn. I. Bd 30 4 466 verhüllte ſie mit ihrem Taſchentuch ihr Antlitz, um ihre Thränen zu verbergen. Mariane hatte jetzt ihre ſtolze, ruhige Haltung wiedergefunden, und ein trotziges kühnes Lächeln umſpielte wieder ihre Lippen. Mit leiſen, ruhigen Schritten näherte ſie ſich Joſephinen. Leben Sie wohl, Generalin, ſagte ſie. Ich werde dem Grafen von Provence getreulich Alles berichten, was ich hier geſehen und ge⸗ hört habe, und er wird Sie verehren und beklagen, wie ich es thue. Möge der erſte Conſul nie bereuen, was er jetzt thut, und möge er nicht eines Tages Frankreich ſo verlaſſen müſſen, wie er mich zwingt, es zu thun! Kommen Sie, mein Herr, begleiten Sie mich, da es ſo ſein muß! Und mit hoch gehobenem Haupte, ſtolz wie eine Königin, ſchritt Mariane von Eibenberg der Thür zu. Joſephine ſchaute ihr weinend nach, dann hob ſie die thränenge⸗ füllten Augen zum Himmel empor. Oh, mein Gott, mein Gott, flüſterte ſie, gieb in Deiner Gnade, daß meine ſchlimmen Befürch⸗ tungen nicht zur Wahrheit werden. Lenke Du das Herz Bonaparte's, gieb, daß er nicht weiter gehe in ſeinem Ehrgeiz, daß er nicht die Hand ausſtrecke nach der Krone der Bourbonen, nicht ſeinen Ruhm beflecke mit dem Blut— Oh, Du kennſt meine Befürchtungen, Du weißt, was ich denke, und was meine Lippen nicht auszuſprechen wagen. Schütze Bonaparte und lenke ſein Herz! MI. Zwei deutſche Gelehrte. Vor dem Hötel„der deutſche Kaiſer“, dem erſten und renommir⸗ teſten Gaſthof in Frankfurt am Main, fuhr ſo eben eine mit vier Poſtpferden beſpannte Equipage vor. Der Portier läutete mit der Hausklinge ſehrlichen mit der g geyutte V dem Spei Eltrapoſt Es jovialem Seine g ſeine bre Licheln, Find vor allen Kellnet 1 den Wa M deutſche gut ift! Der ſind gar gules E noch me ſchöne Ro — fragte d in den In Treppen gant z erſen — bemer Herzog eintrej ränen zu den, und it leiſen, n Grafen n und ge⸗ h es thue. möge er ich zwingt, da es ſo in, ſchritt thränenge⸗ mein Gott, n Befürch⸗ vnapartes, t die Hand hm beflece Du weißt, hen wagen⸗ d renomm“ ne nit vlel it der tete mit 467 Hausklingel ſo laut und ſtürmiſch, wie das nur bei vornehmen und an⸗ ſehnlichen Gäſten zu geſchehen pflegte. Die Kellner ſtürzten daher auch mit der größten Eilfertigkeit herbei, und ſogar der ſtattliche und wohl⸗ geputzte Wirth des Hötels hielt es nicht unter ſeiner Würde, ſelbſt aus dem Speiſeſaal herauszukommen, um den Fremden in der vierſpännigen Extrapoſt zu begrüßen. Es befand ſich in dieſer Equipage ein Herr von wohlgenährtem, jovialem Aeußern, von friſchem, noch ziemlich jugendlichem Angeſicht. Seine großen, blauen Augen blickten heiter und lebensmuthig umher, ſeine breiten, ſinnlich aufgeworfenen Lippen umſpielte ein wohlwollendes Lächeln, ſeine Stimme war wohltönend, kräftig und geſund. Finde ich hier bei Ihnen ein gutes und bequemes Quartier und vor allen Dingen ein gutes Abendeſſen? fragte er den Wirth, der, ſeine Kellner und den Bedienten des Fremden bei Seite drängend, ſelber an den Wagen trat, um den Schlag zu öffnen. Mein Herr, erwiderte der Wirth mit ſtolzem Selbſtgefühl, der deutſche Kaiſer iſt bekannt dafür, daß man bei ihm gut ſchläft und gut ißt! Der Fremde lachte laut auf. Wahrhaftig, ſagte er fröhlich, das ſind gar herrliche Ausſichten für Deutſchland. Wenn der deutſche Kaiſer gutes Eſſen und gute Betten liefert, ſo weiß ich nicht, was Deutſchland noch mehr verlangen kann! Alſo, mein Herr Wirth, geben Sie mir ſchöne Zimmer und ein Souper! Befehlen Ew. Gnaden im erſten oder im zweiten Stock zu logiren? fragte der Wirth, ehrfurchtsvoll hinter dem Fremden hergehend, der eben in den Hausflur trat. Im erſten Stock natürlich, der Himmel bewahre mich, zwei Treppen zu ſteigen, rief der Fremde. Ich liebe es, bequem und ele⸗ gant zu wohnen. Geben Sie mir alſo drei ſchöne Zimmer im erſten Stock! Drei Zimmer! ſagte der Wirth bedenklich. Ich muß Ew. Gnaden bemerken, daß eigentlich alle Zimmer des erſten Stocks für den Herzog von Baden reſervirt ſind, der morgen oder übermorgen hier eintreffen und gleich allen fürſtlichen Perſonen im deutſchen Kaiſer * 20* 30* — ———————— logiren wird. Ich weiß nicht, ob ich noch drei Zimmer erübri⸗ gen kann. Gewiß können Sie das, da der Herzog erſt morgen oder über⸗ morgen kommt, und ich heute ſchon da bin, rief der Fremde. Geben Sie mir die Zimmer, welche Sie beſonders für den Herzog beſtimmt hatten, dann bin ich gewiß, gut logirt zu ſein, ich nehme ſie zu dem⸗ ſelben Preis, für welchen Sie dieſelben dem Herzog berechnen. Der Wirth verneigte ſich ehrfurchtsvoll und riß dem Oberkellner den ſilbernen Armleuchter aus der Hand, um ſelber die Ehre zu haben, dem Fremden die Treppe hinauf zu leuchten und ihn in ſeine Zimmer zu führen. Die Kellner, welche in ehrerbietigem Schweigen zu beiden Seiten des Flurs geſtanden hatten, ſtürzten jetzt geſchäftig nach dem Wagen hin, um dem Bedienten des Fremden beim Abladen der Koffer und Reiſeeffekten behülflich zu ſein. Was das Souper anbetrifft, ſo bitte ich, daß Sie ſich einbilden, ich ſei der erwartete Kurfürſt von Baden, und danach ihre Vorkeh⸗ rungen treffen, ſagte der Fremde, indem er die Treppe hinaufſchritt. Ich liebe vor allen Dingen ein gutes Abendeſſen; wenn Sie mir Fa⸗ ſanen vorzuſetzen haben, ſo bin ich damit zufrieden, nur ſorgen Sie dafür, daß ſie gut mit Trüffeln geſpickt ſind. Und ſeine Stimme verhallte in dem großen Corridor, den er eben, unter Vortritt des Wirths, hinunterſchritt, um die Staatszimmer des Hötels in Beſitz zu nehmen. Die Kellner waren immer noch mit dem Abpacken der Koffer be⸗ ſchäftigt und benutzten dieſe Zeit, um den reich gallonirten Bedienten des Fremden über Rang, Namen und Stand ſeines Herrn aus⸗ zufragen. Sie erfuhren von ihm, daß der Herr eben aus London komme, wo er ſich faſt ein Jahr lang zu ſeinem Vergnügen aufgehalten, daß er jetzt auf der Reiſe nach Wien begriffen ſei, und ſchon am nächſten Tage Frankfurt wieder verlaſſen werde. Aber was dieſer kleine Koffer da ſchwer iſt, ſagte einer der Kellner, indem er vergeblich verſuchte, einen mit gelben Nägeln und Meſſingleiſten beſchlagenen Koffer aus dem Wagen zu heben. * Ich Dieſer K Es ſind ebenſo v Hert vo auf wel fand, 1 Komme an dieſ Zimmer 5 hielt ab es nur Mieths D elende die Hi dern, werfen. A Anßer daß de Mann Enſte ſein h Ke klarer, G wünſch 0 v Nur Ales, (C indem r erübri⸗ der über⸗ Geben beſtimmt zu dem⸗ n. berkellner zu haben, e Zimmer zu beiden nach dem er Koffer einbilden, re Vorkeh⸗ naufſchrit mir Fu⸗ rgen Sie ner eben, immer des goffer be⸗ Bedienten errn aus⸗ omme, wo n, daß er n rithn erK ellner, — 469 Ich glaube wohl, daß er ſchwer iſt, ſagte der Bediente ſtolz. Dieſer Koffer enthält das baare Geld und die Pretioſen meines Herrn. Es ſind wohl ein Dutzend goldene mit Brillanten beſetzte Uhren, und ebenſo viele Doſen darin. Noch am Tage unſerer Abreiſe bekam mein Herr von der Königin von England eine prachtvolle Doſe zugeſandt, auf welcher ſich das Portrait der Königin, in Brillanten eingefaßt, be⸗ fand, und die Doſe war noch dazu ganz mit Goldſtücken angefüllt! Kommen Sie, faſſen Sie den Koffer an jener Seite an, ich will ihn an dieſer Seite faſſen, und wir wollen ihn gleich hinauftragen in das Zimmer meines Herrn. Wie ſie eben mit ihrer koſtbaren Laſt in den Hausflur traten, hielt abermals ein Wagen vor dem Hötel an. Aber dies Mal war es nur ein häßlicher, rumplicher Korbwagen, beſpannt mit zwei elenden Miethsgäulen, mit hängenden Köpfen und keuchenden Bäuchen. Der Portier hielt es daher auch nicht der Mühe werth, für dies elende Fuhrwerk die Glocke zu ziehen, ſondern begnügte ſich, langſam die Hände in den Hoſentaſchen verbergend, zu dem Wagen zu ſchlen⸗ dern, und einen geringſchätzenden Blick in das Innere deſſelben zu werfen. Auch in dieſem Wagen ſaß nur ein einzelner Herr, aber ſein Aeußeres war weniger herzerquickend und Trinkgelder verkündend, als daß des erſten Fremden. Es war ein bleicher, ſchwächlicher, kleiner Mann, der ſich in dem Wagen befand. Sein Antlitz hatte etwas Ernſtes, Sorgenvolles, ſeine dunklen Augen waren düſter und ſtreng, ſeine hohe Stirn gedankenvoll und beſchattet. Kann man in Ihrem Hötel ein Nachtquartier haben? fragte er mit klarer, voller Stimme. Gewiß, mein Herr, ſo ſchön und prächtig, als Sie es nur immer wünſchen können, ſagte der Portier mit vornehmer Nachläſſigkeit. Ich verlange es weder ſchön, noch prächtig, erwiderte der Fremde. Nur ein ganz kleines Stübchen mit einem bequemen Bett. Das iſt Alles, was ich begehre. Es ſteht zu Ihrer Verfügung, mein Herr, ſagte der Portier, und indem er den jüngſten der Kellner herbeiwinkte, damit er dem Fremden 470 beim Ausſteigen behülflich ſei, ſetzte er hinzu: geben Sie dem Herrn eins der kleinern Zimmer im erſten Stock. Nicht doch, ſagte der Fremde, ich verlange nicht im erſten Stock zu wohnen, ich begnüge mich mit einem Zimmer im zweiten Stock. Haben Sie die Gefälligkeit, für mich den Lohnkutſcher zu zahlen. Er bekommt zehn Gulden, und Sie ſchreiben es mir auf die Rechnung. Und bekomme ich gar kein Trinkgeld? fragte der Lohnkutſcher un⸗ wirſch. Der Herr wird doch unmöglich nach einer Reiſe von drei Tagen mir ein Trinkgeld verweigern. Mein Freund, ein ſolches war eigentlich nicht in unſerm Contract bedungen, ſagte der Fremde. Indeß will ich es Ihnen gern gewähren, denn Sie haben mich gut gefahren. Er reichte dem Kutſcher einen halben Gulden, und ging mit ge⸗ meſſenen Schritten in das Hötel. Befehlen Sie zu ſoupiren? fragte der Kellner, ihm die Treppe hinauf vorleuchtend. Ja, ich bitte, ſagte der Fremde. Aber kein glänzendes Souper, ſondern nur eine Taſſe Thee, etwas Brod und Fleiſch. Ein armer Schlucker, murmelte der Portier, mit verächtlichem Achſelzucken dem Fremden nachſchauend. Ein recht armer Schlucker, nur ein Zimmer im zweiten Stock, Thee und kalte Küche! Es iſt ſicherlich ein Gelehrter, ein Profeſſor, oder ſonſt dergleichen Zeugs!— Der Bediente und der Kellner hatten indeß den ſchweren Koffer mit dem Gold und den Koſtbarkeiten in den erſten Stock, in die von dem erſten Fremden bewohnten Zimmer getragen. Dieſe Zimmer waren in der That auf das Glänzendſte ausgeſtattet, und ganz würdig, von fürſtlichen Gäſten bewohnt zu werden. Schwere ſeidene, golddurch⸗ wirkte Tapeten bedeckten die Wände, koſtbare Sammetvorhänge, mit goldenen Franzen eingefaßt, verhüllten die hohen Bogenfenſter, den Fußboden zierten koſtbare, türkiſche Teppiche, vergoldete Meubles von herrlicher Schnitzarbeit und mit ſammetnen Polſtern ſchmückten den Raum. Auf einem dieſer prachtvollen Divans lag der Fremde, als man ſeinen Pretioſenkoffer zu ihm herein trug. Er befahl dem Bedienten mit eine Marmor wieder k Kat dienten zu ſich Uhriett N und do Regent wird e ſehen, ſchwend ſind, v und ſe land! ( mit 6 „— werfen Sthi Ausſi zärtli bethei mir d bergu um d ( der G wort kläre dem Hern erſten Stock iten Stoc. zahlen. Er Rechnung. tutſcher un⸗ ſſe von drei rn Contract ngewähren, ing mit ge⸗ die Treype des Souper, erichtlichen r Schlucter, ce! Es it n Zeugö!— weren Koffer in die von mmer waren würdig, von gelddurch⸗ rhänge, nit fenſter, den Meubles von mückten den s man de, als! Bedienten em Bed 471 mit einem ſtummen Wink ſeiner Hand, die Kaſſette vor ihm auf den Marmortiſch von florentiniſcher Arbeit niederzuſetzen, und ſtreckte dann wieder behaglich ſeine Füße auf dem ſammetnen Divan aus. Kaum aber hatte ſich die Thür hinter dem hinausgehenden Be⸗ dienten und Kellner geſchloſſen, als er haſtig ſich erhob, und die Kaſſette zu ſich heranziehend, ſie mit dem kleinen Schlüſſel öffnete, der an ſeiner Uhrkette befeſtigt war. Jetzt will ich endlich einmal meine Reichthümer zuſammenrechnen und das Facit ziehen, ſagte er vor ſich hin. Die Zeit des goldenen Regens iſt jetzt wohl für einige Zeit vorüber, denn in Deutſchland wird ein Schriftſteller und Gelehrter niemals für eine Danae ange⸗ ſehen, und keiner will der Zeus ſein, der einen Goldregen an ſie ver⸗ ſchwendet. Die praktiſchen Engländer, welche in allen Dingen klüger ſind, wiſſen daher auch einen Schriftſteller von Talent beſſer zu ſchätzen und ſeine Feder beſſer zu bezahlen. Gott ſei Dank, daß ich in Eng⸗ land war! Zetzt ſehen wir einmal, was wir haben! Er faßte mit beiden Händen in die Kaſſette, und zog ſie gefüllt mit Goldſtücken wieder hervor. Wie herrlich das klingt, ſagte er, die Goldſtücke auf den Tiſch werfend, und immer neue hinzufügend. Es giebt keine Muſik der Sphären, welche ſich mit dieſem Ton vergleichen ließe, und keine Ausſicht iſt ſchöner, als der Anblick dieſes Goldhaufens! Wie viel zärtliche Liebesblicke, wie viel köſtliche Diners, wie viel Freundſchafts⸗ betheuerungen und Liebesſchwüre, wie viel Feſte und Freuden blitzen mir da nicht aus den Ritzen der Goldſtücke wie aus einem Zauber⸗ bergwerk hervor. Ich will als guter Feldherr meine Truppen zählen, um danach meinen Schlachtplan entwerfen zu können! Eine lange Pauſe trat jetzt ein. Man hörte nichts als das Klirren der Goldſtücke, welche der Reiſende in langen Reihen über den Mar⸗ mortiſch hinzählte, und die Zahlen, welche er mit immer mehr ſich ver⸗ klärendem Angeſicht leiſe vor ſich hin murmelte. Fünfhundert Guineen, rief er dann freudig, das macht nach preußiſchem Gelde runde dreitauſend dreihundert und drei und dreißig Thaler, dazu kommen zwei Banknoten von tauſend Pfund, die ich in 472 meiner Brieftaſche habe, und welche zuſammen über dreizehntauſend Thaler betragen, das macht alſo mit meinen Guineen zuſammen über ſechszehntauſend Thaler baares Vermögen. Oh, ich bin alſo jetzt ein reicher Mann, ich habe nicht mehr nöthig, mir irgend einen Wunſch, einen Genuß zu verſagen, kann das Leben genießen, und beim ewigen Himmel, ich will es! Wie ein Strom des Genuſſes und Entzückens ſollen meine Tage dahin rauſchen, und zu dem Genuß ſoll ſich der Ruhm geſellen, und weithin durch ganz Deutſchland ſoll meine Stimme erſchallen, in allen Kabinetten ſoll ſie wiedertönen, und den Geſchicken der Völker ſoll ſie ihren Weg und ihre Richtung andeuten. Zu großen Dingen bin ich berufen, und Großes will ich vollführen. Aber des Arbeiters ſei der Lohn würdig! Ich will mich nicht von dieſen Herr⸗ göttle's der Erde verbrauchen laſſen als einen Handlanger und Ge⸗ ſellen, dem die Herren Meiſter Arbeit geben und ihn dafür dürftig be⸗ zahlen. Ebenbürtig und gleichberechtigt will ich ihnen zur Seite ſtehen, und ſie ſollen es als eine Gunſt erkennen, die ſie nicht ſchwer genug mit Gold aufwiegen können, wenn ich für ſie und ihre Intereſſen das Wort nehme und mit meiner Feder für ſie Schlachten erobere! Als es jetzt leiſe an die Thür klopfte, warf er raſch ſein ſeidenes Taſchentuch über die Goldſtücke und Papiere und ſchloß den Deckel ſeiner Caſſette, bevor er einzutreten erlaubte. Es waren nur einige Kellner, welche den ſervirten Tiſch herein⸗ trugen, in deſſen Mitte ein köſtlicher Faſan ſeine bräunlich glänzenden Glieder hinſtreckte und das ganze Zimmer mit dem Duft der Trüffeln, die ſein Inneres verbargen, ausfüllte. Daneben glänzte in eryſtallenen Flaſchen der köſtlichſte Rheinwein, wie flüſſiges Gold anzuſchauen, und eine verſchwiegene, noch unenthüllte Paſtete ließ den pikanteſten Ge⸗ nuß ahnen. Der Reiſende ſchlürfte die verſchiedenen Düfte mit lächelndem Wohlbehagen ein und nahm an dem Tiſch ſeinen Platz mit der voll⸗ kommenen Zuverſicht, die nächſte Viertelſtunde ſeines Lebens mit Nutzen und Genuß ausfüllen zu können. Dieſe Zuverſicht täuſchte ihn nicht, und als er ſich endlich von der Tafel erhob, auf welcher von dem Faſan nichts als die Knochen, und von de vor inn D der Obe zu bitt E zu ſcht und le hinden fragte N angela C Sie, Herrn ſtchen Ihna die 2 ſein dioſe indeß ſeine Tnge werd anla Geh Glä ume ehntauſend zuſammen alſo jetzt nWunſch, im ewigen Entzückens ll ſich der ne Stimme Geſchicken Zu großen Aber des dürftig be⸗ eite ſtehen, wer genug ereſſen das re! in ſeidenes den Deckel ſſch herein⸗ glänzenden r Triffeln, ulenen hauen, und nteſten Ge⸗ lächelnden it der voll⸗ nit Auben lich von del nochen, Un 473 von der Paſtete nichts als der leere Rand geblieben, glänzte ſein Antlitz vor innerer Befriedigung und Vergnüglichkeit. Die Kellner beeilten ſich, den Tiſch wieder hinauszuſchaffen, und der Oberkellner erſchien mit dem großen Fremdenbuch, um den Reiſenden zu bitten, ſeinen Namen in daſſelbe einzuzeichnen. Er war bereit dazu und nahm ſchon die Feder, um ſeinen Namen zu ſchreiben, als er plötzlich einen Schrei der Ueberraſchung ausſtieß, und lebhaft mit dem Finger auf die letzte beſchriebene Zeile des Buchs hindeutete. Iſt dieſer Herr noch in Ihrem Hötel, oder iſt er ſchon abgereiſt? fragte er haſtig. Nein, Ew. Gnaden, dieſer Herr iſt erſt vor einer Stunde hier angelangt, und wird die Nacht hierbleiben, ſagte der Oberkellner. Oh, welche Ueberraſchung, rief der Reiſende aufſpringend. Kommen Sie, Herr Oberkellner, führen Sie mich gefälligſt ſogleich zu dieſem Herrn hin! Und er eilte mit ungeduldiger Haſt nach der Thür, welche der Oberkellner ihm öffnete. Aber auf der Schwelle blieb er plötzlich ſtehen und ſchien zu überlegen. Ich bitte Sie, warten Sie hier im Corridor auf mich, ich werde Ihnen gleich nachfolgen, ſagte er, indem er in ſein Zimmer zurücktrat, die Thür deſſelben hinter ſich ſchloß und zu dem Tiſch hineilte, um ſein Gold und ſeine Papiere erſt wieder in die Caſſette zu legen und dieſe zu verſchließen. Der Reiſende in dem kleinen Zimmer des zweiten Stocks hatte indeß auch ſein frugales Mahl vollendet und war jetzt damit beſchäftigt, ſeine Reiſekaſſe zu überzählen, und die kleinen Ausgaben der letzten Tage in ſein Notizbuch einzutragen. Es iſt doch eine ſehr theure Reiſe, ſagte er leiſe vor ſich hin, ich werde kaum noch einige Hundert Gulden beſitzen, wenn ich in Berlin anlange. Freilich bekomme ich da ſogleich das erſte Quartal meines Gehalts ausgezahlt, aber ich habe ja die Hälfte davon ſchon meinen Gläubigern verſchrieben, und die andere Hälfte wird kaum hinreichen, um einige Zimmer anſtändigermaßen meubliren und einrichten zu können! — ————————————————— 474 Oh, mein Gott, wie beneidenswerth ſind doch Diejenigen, welchen die Freiheit und Heiterkeit des Geiſtes nicht durchmaterielle Sorgen getrübtwird. Ein lautes Klopfen an ſeiner Thür unterbrach ihn in ſeinem Selbſt⸗ geſpräch; er eilte, ſeine Baarſchaft wieder in ſeine Börſe zurückzuſchieben, als die Thür haſtig geöffnet wurde und der Fremde des erſten Stock⸗ werkes mit lachenden Zügen in derſelben erſchien. Friedrich Gentz! rief der Beſitzer des Zimmers überraſcht und freudig. Johannes Müller! rief der Andere lachend, indem er mit aus⸗ gebreiteten Armen zu ihm hineilte und den kleinen Mann, den großen Geſchichtſchreiber, zärtlich in ſeine Arme ſchloß. Welch ein Glücksſtern, mein Freund, daß ich in dieſem Hotel abſteigen müßte, wo ich die Freude haben ſollte, Sie wiederzuſehen. Im Fremdenbuch fand ich durch Zufall Ihren Namen und ſogleich ſtürzte ich fort, Sie zu begrüßen. Und indem Sie zu mir kommen, bereiten Sie meinem Herzen eine wahre Freude, ſagte Johannes Müller innig, denn nichts gewährt eine höhere Freude, als das unerwartete Begegnen mit einem geliebten und verehrten Freunde, und Sie wiſſen, daß Sie Beides mir ſind! Ich weiß nur, daß Sie Beides mir ſind, rief Gentz, ich weiß nur, daß ich auf meiner jetzigen Reiſe Ihnen die köſtlichſten Stunden, die erhabenſten Geiſtesgenüſſe verdanke. Ich hatte mir Ihre Darſtellung des Fürſtenbundes als Reiſelectüre mitgenommen. Ich wollte ſehen, wie dieſes Buch, welches bei ſeinem Erſcheinen mich ſo gewaltig hin⸗ geriſſen hatte, jetzt nach beinahe zwanzig Jahren auf mich wirken würde⸗ Die Welt hat ſich ſeitdem umgearbeitet und verändert, ich ſelbſt nicht weniger, und ich fühlte wohl, daß in vielen Hauptanſichten meine Anſchauungen ſehr weit von den Ihrigen abweichen würden. Freilich was das auch ſo, und dennoch war die ganze Lectüre für mich ein fortgeſetzter Strom von Vergnügen und Bewunderung. Ich las vier Wochen lang in meinen Mußeſtunden nichts anderes als dieſes Buch und ich fühlte mein Gemüth zu allem Großen und Guten und Schönen auf's Neue geweiht, geſtärkt und geſtählt.*) *) Gentz's eigene Worte. Siehe: Briefwechſel mit Johannes von Müller. Brief 8. W 9 arbei vortom vergebl aber a Frücht Ernie Lond Schr Anerk ſugt pp denn weni hoffe Min viert velchen die trübtwird. m Selbſ⸗ zuſchieben, ten Stoc⸗ nd freudig. rmit aus⸗ den großen Flücksſtem, wo ich die fand ich begrüßen. Herzen eine ewährt eine liebten und ind! s, ich weiß Stunden, Darſtellung ollte ſchen, waltig hin⸗ irken witde ſelbſt nicht ichten meine en Friit ür mich ein las vier Buch die ſes 6 d Schön nen un 475 Wenu Sie Das ſagen, rief Müller, dann habe ich nicht umſonſt gearbeitet, obwohl es einem deutſchen Schriftſteller jetzt beinahe ſo vorkommen möchte, als ob ſein Arbeiten, Schreiben und Denken vergebliche Mühe und nichts weiter als ausgeſtreuter Samen ſei, der aber auf ein dürres und unfruchtbares Feld geworfen, und daher keine Früchte tragen wird. Oh, Freund, welche unglückſelige Tage der Erniedrigung und Schmach werden Deutſchland noch bevorſtehen. Aber nicht davon wollen wir jetzt reden, ſondern von Ihnen! Kommen Sie, laſſen Sie uns hier neben einander auf dem Divan Platz nehmen und nun erzählen Sie mir von Ihren Erfolgen und Ihrem Ruhm. Die Kunde davon iſt ſchon zu mir gedrungen, und ich habe mit neid⸗ loſem Entzücken vernommen, mit welchem Enthuſiasmus die ganze gelehrte und politiſche Welt von England Sie aufgenommen, und wie der Hof, die Miniſter und die Ariſtokratié in London den großen deutſchen Schriftſteller und Politiker gefeiert haben! Es iſt wahr, ich habe viel Wohlwollen und viel Anerkennung in London gefunden, ſagte Gentz lächelnd. Sie wiſſen ja, ein deutſcher Schriftſteller muß immer in's Ausland gehen, wenn er ein wenig Anerkennung und Lohn beanſpruchen will, denn wie das Sprichwort ſagt: die Propheten gelten nichts in ihrem Vaterlande. So mußte ich denn nach England gehen, um meiner Stimme, welche man bis dahin wenig beachten mochte, auch für Deutſchland einigen Nachdruck zu geben. Und da Ihnen Dies ſo glänzend gelungen iſt, kehren Sie jetzt hoffentlich für immer nach Deutſchland zurück? Es hat faſt den Anſchein. Ich folge einem Rufe des öſterreichiſchen Miniſters von Cobenzl, und bin in Wien als kaiſerlicher Hofrath mit viertauſend Gulden Gehalt angeſtellt. Und in welchem Miniſterium werden Sie arbeiten? In gar keinem beſtimmten! Ich bin nur zu außerordentlichen Dienſten da, und habe keine andere Verpflichtung, als, wie mir Herr von Cobenzl ausvrücklich ſchreibt:„durch meine Schriften für die Er⸗ haltung der Regierung, Sitten und Ordnung zu wirken.“ Ein Lächeln flog über die feinen Züge Müller's hin. Genau 476 dieſelben Worte, welche Herr von Thugut mir vor zwei Jahren ſagte, rief er. Und Sie haben den Muth gehabt dieſe Stelle anzunehmen? Ja, ich habe es gethan, denn ich hoffe damit dem Vaterland einen Dienſt erzeigen, und ihm nützlich ſein zu können. Ich habe mein Preußen⸗ thum für immer von mir abgethan, und werde von nun an mit Leib und Seele ein Oeſterreicher werden! Wie wunderbar doch die Fügungen des Schickſals ſind, rief Johannes Müller, denn ich muß Ihnen darauf erwidern: ich habe mein Oeſterreicherthum für immer von mir abgethan, und werde von nun an mit Leib und Seele ein Preuße werden! Wie? Sie gehen nach Preußen? Sie verlaſſen den öſterreichiſchen Staatsdienſt? Ja, für immer! Ich folge einem Rufe nach Berlin. Oh, rief Gentz, ich habe nicht den Muth mich zu beklagen, daß ich Sie in Wien entbehren muß, denn das Schickſal in ſeiner Weisheit hat über uns Beide entſchieden, und es will uns nutzbar machen für die große, erhabene Sache Deutſchlands. Beide an einem Orte vereinigt, würde unſer Wirken nicht ſo weitgreifend, ſo mächtig ſein können, und deshalb ſtellt das Schickſal Sie im Norden, mich im Süden Deutſch⸗ lands auf, damit unſere Stimmen herüber- und hinübertönen können durch Deutſchland, und alle Geiſter wecken, und alle Thatkraft entflammen ſollen zu dem Einen großen Ziel, zur Errettung und zur Ehre Deuſchlands! Sie glauben alſo noch an die mögliche Errettung und an die Ehre Deutſchlands? fragte Müller ſeufzend. Ja, ich glaube noch daran, rief Gentz begeiſtert, aber Vieles muß dazu geſchehen, Vieles erſtrebt und umgeſchaffen werden! Zwei Dinge vor Allem ſind dazu nöthig. Zuerſt muß die alte Feindſchaft zwiſchen Oeſterreich und Preußen ſchwinden, und Beide müſſen ſich feſt untereinander und dann zuſammen wieder mit England verbinden, gegen Frankreich. Dies iſt es, was ich in Wien, Sie in Berlin niemals aus den Augen verlieren, wonach wir mit aller Kraft unſers Geiſtes und unſerer Be⸗ redtſamkeit ſtreben müſſen, denn es iſt eins der letzten noch übrigen Mittel zur Aufrechterhaltung der Unabhängigkeit von Europa, und zur Abwendung einer Sündfluth von Uebeln, die mit jedem Tage furcht⸗ barer au auf Eine es nirger Widerrer mit Ueb von der wäre fi ändert! der allg franzöſiſ Sie Oeſterre allein iſ anlehne Reſſom N land! nachdem etbitter ſchlage land 1 bünden ganze tion. mentlic geſchla Lerſtün Rweſe Han bon 4 ren ſagte, unehmen? land einen Prußen⸗ mit Leib habe mein e von mn reichiſchen lagen, daß rWeisheit machen für e vereinigt, nnen, und nDeutſch nen können entflammen enſchlands! an die Ehre muß Vieles Zwei Dinge t zwiſchen ereinander Frantrich den Augen unſerer Be⸗ och übrigen va, und z furcht⸗ 477 barer ausbricht. Von dem Angenblick an, da Oeſterreich und Preußen auf Einer Linie ſtehen, und ſich nach Einer Richtung bewegen, giebt es nirgends in Deutſchland ein abgeſondertes Intereſſe mehr. Unter die Flügel dieſes mächtigen Bundes würden ſich ſogleich und ohne Widerrede alle großen und kleinen Fürſten begeben, die Gutgeſinnten mit Ueberzeugung und Liebe, die Unpatriotiſchen aus Furcht. Was von der Verfaſſung noch aus dem letzten Schiffbruch geborgen ward, wäre für die Dauer dieſer Verbindung firirt, und was ferner ge⸗ ändert werden müßte, würde nach Grundſätzen der Gerechtigkeit und der allgemeinen Wohlfahrt, nicht nach den ſchimpflichen Vorſchriften franzöſiſcher oder ruſſiſcher Unterhändler und Ländermäkler geändert.*) Sie haben Recht, rief Johannes Müller, eine feſte Vereinigung Oeſterreichs und Preußens iſt nöthig, und nur durch ſie und durch ſie allein iſt die Erhaltung des europäiſchen Gleichgewichts möglich, aber anlehnen muß man ſich jetzt an die ruſſiſche Macht und Englands Reſſourcen! Nein, nein, ſchrie Gentz ungeſtüm, keine Gemeinſchaft mit Ruß⸗ land! Rußland iſt ein Freund, dem niemals zu trauen iſt, denn je nachdem es ſein Vortheil, iſt er zu jeder Stunde bereit, ſeines Freundes erbittertſter Feind zu werden. Wir haben davon ja erſt jetzt ein ſchlagendes und fürchterliches Beiſpiel gehabt, als Kaiſer Paul Deutſch⸗ land und England plötzlich verließ, um ſich mit Frankreich zu ver⸗ bünden. Die Vereinigung von Frankreich und Rußland iſt für das ganze übrige Europa aber die drohendſte und fürchterlichſte Combina⸗ tion. Von allen Wunden, die dem alten politiſchen Syſtem und na⸗ mentlich der Selbſtſtändigkeit Deutſchlands in den letzten zehn Jahren geſchlagen wurden, ſind die, welche Frankreichs vorübergehendes Ein⸗ verſtändniß mit Rußland uns beibrachte, die tiefſten und unheilbarſten geweſen. Erhebt ſich dieſer Komet zum zweiten Mal über unſerm Haupt, ſo geht die Welt in Flammen auf. Was ſoll, wenn nicht das vereinte Gewicht und die vereinte Maſſe von Deutſchland ſich zwiſchen *) Gentz's eigene Worte. Siehe: Briefwechſel zwiſchen Gentz und Johannes von Müller. Herausgegeben von Guſtav Schleſier. Seite 27. cc 478 ihre Umarmung wirft, der gemeinſchaftlichen Macht dieſer beiden Co⸗ loſſe widerſtehen? Der weſtliche hatte längſt alle ſeine alten Schranken durchbrochen, alle Vormauern ſind in ſeiner Gewalt, alle Feſtungen, die nicht ſein, ſind geſchleift, alle militairiſchen Vertheidigungspunkte überflügelt. Von der Schweiz und Italien her, von den Gipfeln der ihm unterthänigen Alpen, kann er ſich unaufhaltſam auf das Centrum der öſterreichiſchen Monarchie ſtürzen, auf ebenem Felde in die allent⸗ halben offenen Provinzen der unbedeckten preußiſchen Monarchie ein⸗ ziehen. Und nun laſſen Sie es der Vorſehung gefallen, einen ehr⸗ geizigen, eroberungsſüchtigen Fürſten auf den ruſſiſchen Thron zu er⸗ heben, und die Unterjochung von Deutſchland, die Auflöſung aller noch beſtehenden Reiche, eine doppelte Univerſal⸗Monarchie wäre unter den jetzigen Umſtänden die nächſte Folge, und dies wird, wenn das jetzige Syſtem oder vielmehr die jetzige, troſtloſe Erſchlaffung noch einige Jahre fortdauern ſollte, über kurz oder lang Europa's unvermeidliches Schickſal ſein.*) Es giebt jetzt für Deutſchland nur einen Feind, ſagte Jo⸗ hannes Müller heftig, dieſer eine Feind iſt Frankreich, iſt Bona⸗ parte! Eine neue Kriſis rückt heran, davon bin ich überzeugt. Bona⸗ parte wird ſich nicht genügen laſſen an dem Titel und Weſen eines erſten Conſuls auf Lebenslang, er wird ſich eine Krone auf ſein Haupt ſetzen, und mit ſeinem Scepter wird er allen Monarchien drohend ſich gegenüberſtellen, ſie werden entweder ſich vor ihm beugen, oder ſich gegen ihn vereinigen müſſen. Keines andern, keines möglichen, künf⸗ tigen Feindes gedenke man daher, ſondern nur des allgemeinen, und ſeiner mit der allgemeinen Ruhe unvereinbarlichen Regierung. Auf den, allein auf den, errege, ergieße man allen Haß durch die volle Ueberzeugung, daß dem Frieden der Welt Niemand, als ſeine Exiſtenz allein zuwider iſt3) Noch etwas Anderes giebt es, was ich für Deutſchland erflehen und erwünſchen möchte, ſagte Gentz ſinnend. Ich will Ihnen jetzt *) Gentz's eigene Worte, Siehe: Briefwechſel. S. 32. „) Johannes von Müller's eigene Worte. Siehe: Briefwechſel. S. 3 meine in zeugt, es trafen, u für Deut und uns denn mit welchem und den Jammer Reſulta theilhaft Sie mie habe tar lands f individ trachtet eirzig dividuer ihr An wenn keine offenbe wahren litit, denke 1 ſo tief teten ſinin herge allein traur iden Co⸗ Schranken eſtungen, ngöpunkte ipfeln der Centrun die allent⸗ chie ein⸗ einen ehr⸗ ron zu er⸗ och eirige rmeidliches ſagte Io⸗ ſt. Bona eſen ein ſein Hant rohend ſich es ichen, knſ⸗ neinen, und 6 mung. Af olle die vol ch die 479 meine innerſten Gedanken offenbaren, mein Freund, denn ich bin über⸗ zeugt, es war eine Fügung des Schickſals, daß wir hier zuſammen trafen, und die Vorſehung hat gewollt, daß wir, die geiſtigen Streiter für Deutſchland, hier uns beſprechen ſollten über unſern Feldzugsplan, und uns einigen ſollten zu gemeinſamem Handeln. So ſollen Sie denn mit mir hinabſteigen in die Tiefe meines Herzens, und ſehen, zu welchem Reſultat mich das langjährige Nachdenken über die Urſachen und den Gang der großen Zerrüttungen unſerer Tage, und mein tiefer Jammer über Deutſchlands politiſchen Verfall geführt haben. Das Reſultat iſt, daß ich meine, es wäre für Deutſchland unendlich vor⸗ theilhaft, wenn es in Einen Staatskörper vereinigt würde. Oh, ſehen Sie mich nicht ſo erſtaunt und böſe an! Ich weiß ſehr wohl, und habe tauſend Mal darüber nachgedacht, was die Zerſtückelung Deutſch lands für einen wohlthätigen Einfluß auf die freie Entwickelung der invividuellen Kräfte gehabt hat; ich ſehe ein, daß wir als Einzelne be⸗ trachtet, in einer großen und geſchloſſenen Monarchie, höchſt wahr⸗ ſcheinlich das nicht geworden wären, was wir jetzt ſo ruhmvoll und ſo einzig ſind; und inſofern als eine Nation doch am Ende nur aus In dividuen beſteht, ſehe ich freilich nicht recht ab, wie die unſrige ohne ihre Anarchie zu der Höhe gelangt wäre, die ſie behaupten— würde, wenn ſie eine Nation wäre! Aber ſo oft ich mir denke, ß ſie keine iſt, ſo oft ich mir denke, wie Frankreich und mit offenbar geringern Mitteln und tief untergeordneten Anlagen, zu dieſer wahren Totalität des menſchlichen Lebens, zu dieſer wahren Nationa⸗ lität, die nichts mehr zerſtören kann, herangewachſen ſind, ſo oft ich denke und fühle, wie Ausländer, die wir aus unſerm hohen Standpunkt ſo tief unter uns erblicken, doch im politiſchen Sinn auf unſern Nacken treten und uns wie ihre Bedienten behandeln dürfen, ſo oft ver⸗ ſchwinden mir alle von unſerer großen und herrlichen Individualität hergenommenen Troſtgründe und laſſen mich mit meinen Schmerzen allein.*) Ich geſtehe es Ihnen frei, daß ich auf dem Wege dieſer traurigen Betrachtungen ſchon ſo weit fortgegangen bin, daß es mir *) Gentz's eigene Worte. Siehe: Briefwechſel. S. 20. 480 endlich zweifelhaft geworden iſt, ob man die ganze Geſchichte von Deutſchland auch je noch aus einem richtigen Geſichtspunkt behandelt hat. Ich weiß es leider wohl, daß die Regenten des öſterreichiſchen Hauſes es ſelten oder nie verdienten, Beherrſcher von Deutſchland zu ſein, aber ich glaube nicht, daß man Urſache hat, über das Miß⸗ lingen ihrer Pläne zu frohlocken; es iſt mir übrigens ſehr gleichgültig, ob es einem Habsburger oder Baiern, oder Hohenzollern oder Hohen⸗ ſtaufen gelungen wäre, das Reich unter Einen Hut zu bringen; ich ſtelle mich nur auf einen öſterreichiſchen Standpunkt, weil dies Haus die meiſte Wahrſcheinlichkeit für ſich und auch die höchſte Verbindlichkeit auf ſich hatte, dieſe Einheit Deutſchlands zu vollbringen!— Nun tennen Sie meine innerſten Gedanken, nun belehren und berichtigen Sie dieſelben, mein Freund! Nicht belehren und berichtigen will ich, ſagte Müller, indem er Gentz mit einem zärtlichen Blick die Hand darreichte, nur meine Mei⸗ nung will ich austauſchen mit der Ihrigen. Ich ſtelle mir jetzt alſo vor, wir Beide wanderten, wie vor einem Jahr, wie vor Ihrer Reiſe nach England, in dem ſchönen Saal der kaiſerlichen Bibliothek auf und ab, wo die Kaiſer von Habsburg in ſechszehn großen Bildſäulen an ihre Periode erinnern. Vor welchem derſelben wollen wir uns hin⸗ ſtellen und ſagen: Schade, daß Du weiſer, edler Fürſt nicht allein und ſelbſt über Germanien herrſcheſt, wie würdig warſt Du, daß das moraliſche politiſche Wohl der ganzen Nation der Beſtimmung Deines Willens, daß Deiner Kraft Alles überlaſſen würde! Es iſt wahr, murmelte Gentz traurig, wir haben in der Geſchichte Deutſchlands keinen Kaiſer, König oder Fürſten, zu dem man ſo ſprechen möchte und könnte! Und auch nicht daher kommt unſer Unglück, rief Müller, nicht von dem Mangel Eines Herrn, nicht das iſt ſo übel, daß wir nicht einen einigen Nacken haben und nicht von einem Streich fallen können; in uns, nicht in den Formen liegt's! Hätten wir Einen großen Mann, er dürfte nicht Kaiſer, nicht König ſein, wär' er ein ſächſiſcher Moritz, ein Statthalter von Holland, er würde die Nation in der Noth an⸗ ziehen, ſie würde um ihn, er über ihr ſein! Daß wir den Mann nicht 481 hichte von haben, iſt eine Folge der verrätheriſchen Erziehungsmethode und der ſchiefen Richtung, welche unſere Denkungsart genommen hat. Alles iſt behandelt neiſiſche bei uns zu Schlaf gegangen, recht bürgerlich in der Stille. Die alte entſchland Poeſie vom Vaterland, von Ehre und Heldenthum ſcheint bei uns er⸗ ſtorben, wir ſchlafen und träumen doch nicht einmal! Um wieder zu uns zu kommen, iſt uns bei Gott ein eitler Tyrann, der uns in's Ge⸗ ſicht höhnt, indeß er unſere Taſchen ausraubt, durchaus nöthig. Vielleicht hat die Vorſehung Bonaparte dazu auserſehen, dieſer Tyrann zu ſein, der Deutſchland durch Mißhandlungen aus ſeinem Schlaf er⸗ wecke, vielleicht ſoll er durch ſeinen Despotismus in den Deutſchen das Gefühl für Ehre, Freiheit und Vaterland auferwecken, vielleicht ſoll er die Zuchtruthe ſein, welche uns martert, damit das faule Fleiſch von uns abfalle und der Geiſt wieder lebendig in uns werde! Das iſt es, was ich von dem Tyrannen erhoffe, daß er Deutſchland befreie! Gott weiß es, dienen möchte ich ihm deshalb nicht, mein Blut aber gäbe ich, geſchweige meine Ideen und Gefühle, den Befreiern der Erde!*) Laſſen Sie uns alſo hoffen, erwarten und vorbereiten! Beſchäftigen eichgülig, der Hohen⸗ ringen; ich berichtigen inden er mein Mei⸗ ir jett alſe Wrer ſiſ wir uns nicht mit dem Deutſchland, wie es vielleicht in ſeiner Einheit e uf un ſein könnte, ſondern mit dem Deutſchland, wie es in ſeiner Vielge⸗ tſülen un ſtaltung ſein kann. Der Deutſche iſt nicht dazu gemacht, wie der — Engländer oder der Franzoſe, in einem einigen großen Staat zu leben. iht allein Klima, Organiſation, das elende Bier, die wenige Theilnahme am u, dß Welthandel hindert es; der etwas phlegmatiſche Staatskörper muß in 1g Deine jedem ſeiner Theile ſelbſtſtändiges Leben haben; von Einem Haupte würde die Verbreitung zu unmerklich ſein. Wir müſſen uns des Ruhms rGeſchichte begnügen, welchen Joſeph, Friedrich, welchen die Meinung von der ſo ſprechen Geſammtheit gab und wenn es im nächſten Kampf gelingt, glänzend genug geben wird.**) Wir miüſſen kämpfen, ſtreiten und ringen, die nicht von Individuen für die Geſammtheit, als Individuen uns einigen zu einem nicht einen großen Ganzen. Sie erkennen, gleich mir, die Eintracht zwiſchen Oeſterreich und Preußen für jetzt als das einzige Heilmittel für können; in en Mun te Moritz, r Woih an⸗ Mann i *) Johannes von Müller's eigene Worte. Siehe: Briefwechſel. S. 39, 40. **) Müller's eigene Worte. S. 45. Mithlbach, Napoleon. I. Bd. 31 482 Deutſchland an, erſtreben wir alſo dieſe, richten wir alle unſere Kräfte auf dieſen einen Punkt, nach dieſem einen Ziel. Ja, thun wir das! rief Gentz begeiſtert. Wir Beide ſind beſtimmt und fähig die Vorkämpfer Deutſchlands zu ſein, thun wir, was unſers Amtes iſt! Wie viel erhabener, größer und herrlicher Sie auch über mir ſtehen, ſo habe ich doch auch wieder Stolz genug zu glauben, daß Manches in und an mir iſt, was uns Beide verbinden muß. Sie können und dürfen mich alſo nicht verſtoßen und vernachläſſigen, Sie müſſen die Hand annehmen, die ich Ihnen biete zum großen heiligen Bunde für Deutſchlands Wohl! Wir müſſen eine lebhafte und fort⸗ laufende Correſpondenz mit einander unterhalten, und frei und rückhaltlos müſſen wir uns ausſprechen über die großen Fragen des Tages. Es ſcheint mir weiſe, nothwendig und echt patriotiſch, daß Männer wie wir, bei Zeiten mit einander darüber zu Rathe gehen, was eigentlich gethan, und wie und wo und von wem es am beſten gethan werden muß. Es läßt ſich nicht berechnen, was wir, der Eine vom Schickſal in Berlin, der andere in Wien poſtirt, durch treue Gemeinthätigkeit Gutes ſtiften können. Nun reden Sie, Freund, wollen Sie dieſen Bund mit mir eingehen? Wollen wir uns vereinen in der thätigen Liebe für Deutſch⸗ land, in dem thätigen Haß gegen Frankreich? Ja, das wollen wir, rief Johannes Müller feierlich. Ich verehre und liebe Sie wahrhaft, ich will mit Ihnen kämpfen und ringen zum gemeinſamen, edlen Ziel! Empfangen Sie hier den Handſchlag des brüderlichen Bundes. Vielleicht kennen Sie mich nicht ganz, aber glauben müſſen wir aneinander! Alle unſere Studien, alle Geiſteskraft in uns, unſere Verbindungen, unſere Freundſchaften, alles ſei dem einigen Zweck geweiht, um deſſentwillen allein, ſo lang er noch erreichbar ſein mag, das Leben der Mühe werth iſt.*) Ja, ſo ſei es, rief Gentz freudig. Der Bund iſt geſchloſſen und möge Gott ihn ſegnen zum Wohl Deutſchlands! — n *) Johannes von Müller's eigene Worte. S. 40. ſere Kriſte d beſtimmt vas unſers auch über auben, daß muß. Sie ſſgen, S en heiligen e und fort⸗ rückhaltlos er wie wir, tlich gethan, verden muß. a in Berlin, Futes ſiften und mit nir für Deutſch⸗ Ich verehre ringen un udſchlag des ber glauben kraft in uns, den eirigen reichbar ſein ſchloſſen und Die dritte Coalition. Eme Mai Goc zu e ſich Nicht hatte iſch dern aber wah Bör Ben Unt part Bo hof des He ſich Raiſer Napoleon. Eine neue Aera war angebrochen für Frankreich! Am achtzehnten Mai des Jahres 1804 hatte es ſeine Titel verändert, und eine neue Epoche ſeines Daſeins begonnen. Am achtzehnten Mai 1804 hatte die Republik Frankreich aufgehört zu exiſtiren, denn an dieſem Tage hatte Bonaparte, der erſte Conſul, ſich in Napoleon, den erſten Kaiſer von Frankreich, verwandelt. Nichts mehr jetzt von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, Frankreich hatte jetzt wieder einen Herrn angenommen, einen Herrn, welcher feſt „gtſchloſſen war, die ſtolzen Republikaner in gehorſame Unterthanen zu derwandeln, die Ordnung und Geſetzlichkeit wieder herzuſtellen, ſelbſt m es ſein müßte, durch die Mittel der Tyrannei. Wehe Denen, abeche in dem neuen Frankreich noch des alten republikaniſchen Frank⸗ wachs gedenken wollten; wehe Denen, welche Napoleon Bonaparte den Beörder der Republik nannten, und ihn ſtrafen wollten für ſo frevelndes Benehmen. George Cadoudal und Pichegru büßten ſolch frevelhaftes Unterfangen mit dem Tode, und Moreau, der große Nebenbuhler Bona⸗ parte's, ward aus ſeinem Vaterlande verbannt. Wehe Denen auch, welche das alte Königthum der Lilien und der Bourbonen wieder an die Stelle der ſterbenden Republik zu ſetzen hofften; die Royaliſten wurden gleich den Republikanern als Verräther des Vaterlandes beſtraft, und in dem Walle von Vincennes fiel der Herzog von Enghien, von Kugeln durchbohrt, weil er es gewagt hatte, ſich den Grenzen ſeines Vaterlandes zu nähern. Man hatte ihn zum 486 Tode verdammt ohne Verhör, ohne Urtheilsſpruch und Recht, und ſelbſt Joſephinens Thränen und Flehen hatten das Herz Bonaparte's nicht zur Gnade bewegen können. Der Sohn der Bourbonen mußte den Tod des Verräthers ſterben, damit der Sohn des corſiſchen Advocaten Bonaparte ſich zum Kaiſer von Frankreich erheben könne. Europa hatte nicht mehr die Kraft, dieſe blutige That zu ſtrafen, es hatte nicht einmal mehr den Muth, ſie zu rügen, und den Conſul Bonaparte zu fragen, mit welchem Recht er mitten im Frieden ſeine Soldaten in deutſches Land habe eindringen laſſen, um dort auf den Gaſt eines deutſchen Fürſten wie auf einen Verbrecher zu fahnden und ihn mit dem Tode zu beſtrafen für ein Verbrechen, deſſen Thatbeſtand niemals erwieſen worden.— Das Gefühl von Ehre und Recht ſchien in Deutſchland völlig erloſchen, und Fürſten und Völker von Deutſchland kannten nur noch die Eine Furcht: das mächtige Frankreich in Feind⸗ ſchaft ſich gegenüber treten zu ſehen. Keine Stimme erhob ſich daher in Deutſchland für den Herzog von Enghien, für eine Verletzung deutſchen Gebietes, die allem Völker⸗ recht und allem Brauch zuwider. Der deutſche Reichstag, dem die Pflicht oblag, die Ehre und die Rechte des geſammten Deutſchland“ zu wahren, nahm die Nachricht von dieſer Blutthat ſchweigend hin, u war es wohl zufrieden, daß keines der Reichsmitglieder ſich erhob, gegen Frankreich eine Anklage zu ſchleudern. Man hielt es Gerathenſten, zu ſchweigen und als fait accompli hinzunehmen, doch nicht mehr zu ändern war. Aber aus dieſer faulen Ruhe wurden ſie auf einmal aufgeſchrt durch die Stimmen Rußlands und Schwedens, welche Beide als Ga⸗ ranten der deutſchen Reichsverfaſſung beim Bundestag ihre Stimmen erhoben, und laut und nachdrücklich darauf hinwieſen,„welche Gefahr für jeden Einzelnen daraus entſtehen würde, wenn das geſammte Deutſchlaud Dinge geſchehen laſſe, welche ſeine Ruhe und Sicherheit bedrohten, und wenn Gewaltſtreiche für zuläſſig gelten oder ſtattfinden könnten, ohne gerügt oder gehindert zu werden.“*) *) Deutſche Geſchichte von Ludwig Häuſſer. II. 518. Ein dieſe m Schweige und Ent es mit il von De vertheidi Ab Frankre als ein deutſche drängen Tagesf Kaiſers „gonz der Fi aber n war g tännen N Thron Haupt Thr geſchr hann und und ſelbſt te's nicht mußte den Advocaten zu ſtrafen, den Conſul rieden ſeine rt auf den hnden und hatbeſtand echt ſchien eutſchland in Feind⸗ den Hetzog lem Völker⸗ dem die eutſchland“ id hin, u echob, ielt es hmen, Stimmen * Grfuhr geſannt Eiechet r ſutifnden 487 Ein paniſcher Schrecken ergriff jetzt den deutſchen Reichstag, denn dieſe ruſſiſchen und ſchwediſchen Stimmen machten jedes weitere Schweigen unmöglich. Man mußte ſprechen, ſich beſchweren, Abhülfe und Entſchuldigung fordern, denn Rußland und Schweden verlangten es mit ihrer mächtigen Garantenſtimme, die fremden Mächte verlangten von Deutſchland zu ſeinem Entſetzen, daß es ſeine Ehre wahre und vertheidige. Aber der deutſche Reichstag wagte nicht, auf ſie zu hören, denn Frankreich forderte, daß man ſchweige, es drohte, jedes Wort der Rüge als eine Kriegs⸗Erklärung betrachten zu wollen. Die Geſandten der deutſchen Fürſten, in der äußerſten Noth zwiſchen zwei ſo mächtig drängenden Parteien, wußten indeß einen Ausweg zu finden, um Niemand zu verletzen und ihr Schweigen und ihre Parteiloſigkeit zu bewahren. Sie deſertirten! Das heißt, der deutſche Reichstag ſetzte plötzlich und vor der gewohnten Zeit Ferien an, lange Ferien, und als dieſe endlich beendet waren, ſchob man die unangenehme Angelegenheit bei Seite, und ging zu einer wichtigeren Tagesfrage über.*) Dieſe wichtigere Tagesfrage aber war: Frankreich zu beglückwünſchen zur Wahl eines Kaiſers, der, wie der öſterreichiſche Miniſter auf dem Reichstage ſagte, „ganz Europa ſo koſtbar ſei, und durch deſſen Eintritt in die Reihe der Fürſten ſeine Herren Collegen ſich nur geehrt fühlen könnten.“ Man hatte geſchwiegen zu der Ermordung des Herzogs von Enghien, aber man ſprach und gratulirte zu der Kaiſerkrönung Bonaparte's, man war glücklich, in ihm den Gründer einer neuen Dynaſtie begrüßen zu können. Napoleon Bonaparte hatte alſo jetzt ſein Ziel erreicht, er hatte den Thron in Frankreich wieder aufgerichtet, er hatte eine Krone auf ſein Haupt geſetzt. Glücklicher wie Cäſar, hatte er an den Stufen ſeines Thrones keinen Brutus gefunden, ſondern war ihn unbehindert hinauf⸗ geſchritten unter den Zurufen Frankreichs, welches ihn ſeinen Kaiſer nannte, unter den Zurufen Italiens, welches ihn ſeinen König nannte, und ſeinen Titel einer cisalpiniſchen Republik gern abgeſtreift hatte, *) Häuſſer. Deutſche Geſchichte. II. S. 525. 488 um ſich zu einem Königreiche der Lombardei zu erheben, und Napoleon zu Mailand zu ſchmücken mit der eiſernen Krone der alten Lombarden⸗ fürſten. Von dieſer Krönung zu Mailand war Napoleon jetzt wieder heim⸗ gekehrt nach Frankreich und hatte ſich in das große Lager bei Boulogne begeben, wo eine Armee von hundert und funfzigtauſend Mann Infanterie und neunzigtauſend Mann Cavallerie jauchzend vor Kampfesluſt das Wort Napoleon's erwartete, das ſie aufrufen ſollte zu neuen Kämpfen und zu neuen Siegen. Weithin in die Ebene und an den Ufern des Meeres erſtreckten ſich die ungeheuren Zeltlager der Soldaten, und in der Mitte aller dieſer Zelte und Hütten auf der Stelle, wo man jüngſt die Spuren eines Lagers von Julius Cäſar entdeckt hatte, erhob ſich das Zelt des Kaiſers, weit hinausſchauend auf das Meer, auf deſſen dieſſeitiger Küſte die Schiffe und Kanonenbvote Frankreichs ruhten, während man auf der jenſeitigen den ungeheuren Wald von Wimpeln und Maſten der engliſchen Flotte gewahrte. Aber dieſer Wald engliſcher Maſten erſchreckte die franzöſiſche Armee nicht; die Soldaten zu Waſſer und zu Lande glühten vor Kampfesluſt, und wäünſchten mit feuriger Ungeduld den Moment herbei, wo der Kaiſer endlich ſeine Stimme erheben und das längſt erſehnte Wort ſprechen würde:„Auf zum Kampf gegen England! Laßt uns England bezwingen, wie wir ganz Europa bezwungen haben!“ Niemand zweifelte, daß der Kaiſer dieſes Wort ſprechen wolle, und daß dies Lager von Boulogne, dieſe mit Soldaten und Kanonen bemannte Flotte einzig und allein gegen England, den Erbfeind Frank⸗ reichs, gerichtet ſei. Der Kaiſer indeß zögerte noch immer, dies entſcheidende Wort auszuſprechen. Er vertheilte unter die Armee die erſten Kreuze der Ehrenlegion, er ließ die Truppen manveuvriren und exerciren, er nahm die Feſtlichkeiten und Bälle an, welche die Stadt Boulogne ihm zu Ehren veranſtaltete, er ſtand Stunden lang am Ufer des Meeres oder auf dem Thurm ſeiner Baracke und ſchaute mit ſeinem Fernglas hinaus auf das Meer, und hinüber zu den engliſchen Schiffen, aber ſeine Lippen öj Kampfes ſeine ged deſſen L5 geduld e ein kühl ermatten den letz kleinen, am Hor gebreitete Dei gehinder menade ihn auf Vo Stabso welche n anerkanr treten a heute n Licheln durch e dieſer 3 das, we mit laut in Sn — Araber, und wi bei Na blitzend L S. Napoleon ombarden⸗ der heim⸗ Boulogne Infanterie fesluſt das n Kämpfen erſtreckten Nitte allet ie Spuren dieſeitiget hrend man nd Maſten frunöſiſche lihten vor Moment das lingſt lund! Laſt haben!“ chen wolle, d Kanonen eind ʒrun⸗ er nihn ne ihm zu Neeres hinaus oder las ine aber ſein 489 Lippen öffneten ſich immer noch nicht, um das entſcheidende Wort des Kampfes zu ſprechen; die Pläne, welche ſein Inneres erfüllten, und die ſeine gedankenvolle Stirn beſchatteten, waren Jedermann ein Geheimniß, deſſen Löſung ſeine Generäle wie ſeine Soldaten mit gleich großer Un⸗ geduld erwarteten.— Es war heute ein wundervoller Morgen, vom Meer her wehte ein kühlender Wind durch die Lagerhütten hin, und brachte nach langer, ermattender Hitze Erfriſchung und Stärkung. Die Sonne, welche in den letzten Tagen verſengend gebrannt, war heut ſanft beſchleiert von kleinen, weißlichen Wolken, die ſich wie flatternde Schwäne drüben am Horizont vom Meer zum Himmel zu erheben ſchien, und mit aus⸗ gebreiteten Flügeln der Sonne zueilten. Der Kaiſer, den die Hitze der letzten Tage an ſeinen Spazierritten gehindert hatte, befahl ſein Pferd vorzuführen. Er wollte eine Pro⸗ menade nach den nächſtgelegenen Dörfern machen, aber Niemand ſollte ihn auf derſelben begleiten, als Rouſtan, ſein ſchwarzer Kammerdiener. Vor der Baracke des Kaiſers ſtanden indeß alle Generäle und Stabsoffiziere, alle die alten Waffen⸗ und Ruhmesgefährten Napoleon's, welche mit Freuden den großen Feldherrn als ihren Kaiſer und Gebieter anerkannt hatten, und ihm heute wie jeden Morgen bei ſeinem Hervor⸗ treten aus der Baracke huldigen wollten. Napoleon indeß begrüßte ſie heute nur mit einem ſtummen Wink ſeiner Hand und einem gütigen Lächeln. Er ſchien zerſtreut und gedankenvoll, und Niemand wagte es, durch einen Laut, ein Wort ihn zu ſtören. Unter der feierlichen Stille dieſer glänzenden Verſammlung ſchritt der Kaiſer zu ſeinem Pferd hin, das, weniger ängſtlich und reſpectvoll als die Menſchen, ſeinen Herrn mit lautem Wiehern und Nicken des Kopfes begrüßte, und vor Ungeduld im Sande ſcharrte.*) *) Das Lieblingspferd Napoleon's, das er mehrere Jahre ritt, war ein Araber, der ſeinen Herrn ſo ſehr liebte, daß er ihn ſtets mit Wiehern empfing, und während er bis dahin mit hängendem Kopf und ſchlaffen Gliedern dageſtanden, bei Napoleon's Nahen den Kopf ſtolz erhob, und mit fliegenden Nüſtern und blitzenden Augen mit den zierlichen Vorderfüßen im Sande ſcharrte. Constant IM. S. 81. 490 Der Kaiſer nahm die Zügel, welche Rouſtan ihm darreichte, und ſchwang ſich in den Sattel. Darauf hob ſich ſein blitzendes Auge zum Himmel empor und ſenkte ſich dann auf das Meer mit ſeinen ſchau⸗ kelnden Schiffen. Ich will heute die Schiffs⸗Armee die Revue paſſiren laſſen, ſagte der Kaiſer, ſich mit einer halben Kopfbewegung ſeinem General⸗Adju⸗ tanten zuwendend. Man ſoll Ordre ertheilen, daß die Schiffe, welche die Grenzlinie bilden, ihre Stellung verändern, denn ich will die Revue im offenen Meer halten. In zwei Stunden kehre ich zurück, ſorgen Sie, daß dann Alles bereit ſei. Er gab ſeinem Pferde die Sporen und ſprengte, gefolgt von Rouſtan, von dannen.— Seine Generäle zerſtreuten ſich, um in ihre Baracken zurückzukehren, der General⸗Adjutant aber eilte, ſich zum Admiral Bruix zu begeben und ihm den Befehl des Kaiſers zu über⸗ bringen. Der Admiral hatte ihm ſchweigend und aufmerkſam zugehört, dann aber hob er den Blick zum Himmel empor und ſchaute lange und prüfend umher. Es iſt unmöglich, ſagte er dann achſelzuckend, der Befehl des Kaiſers kann heute nicht ausgeführt werden, die Revue kann nicht Statt haben. Wir werden heute noch einen Sturm erleben, der das Aus⸗ laufen der Schiffe unmöglich macht. Herr Admiral, ſagte der Adjutant reſpectvoll, ich habe Ihnen den Befehl des Kaiſers überbracht, ich habe Ihnen gemeldet, daß der Kaiſer wünſcht, es möge in zwei Stunden bei ſeiner Rückkehr Alles zur Revue bereit ſein. Sie wiſſen aber wohl, daß der Wunſch des Kaiſers allemal ein Befehl iſt, und Sie werden danach Ihre Vorkeh⸗ rungen treffen. Ich werde in zwei Stunden die Ehre haben, Sr. Majeſtät ſelber die Gründe anzugeben, weshalb ich ſeinen Befehlen nicht nachkom⸗ men konnte, ſagte Admiral Bruix mit ſeiner gewohnten Kaltblütigkeit und Ruhe. Genau nach zwei Stunden kehrte der Kaiſer von ſeinem Spazier⸗ ritt heim. Wieder ſtanden die Generäle und Stabsofficiere, die ganze glänzende renden zu Napt ſchien ihn wichen, von Rötl lichen B Mi freundlie Nu jutanten. Gen der Hert brachte, weil ein De ſeinen 2 der Adm Schiffe 4 — tufe mi und ſof von dar Eit ſchagen von we Barac Ferne Nicht ſchwic rreichte, und es Auge zum ſeinen ſchau⸗ laſſen, ſagte eneralAdju⸗ chiffe, welche vill die Revue rück, ſorgen gefolgt von um in ihre ie, ſich zum ſers zu über⸗ am zugehör, ute lange und rBefehl des n nicht Statt det das Lu⸗ be Ihnen den det, daf de Rückehr Alles Wunſch d Rorkeh⸗ ghre Vorkeh Nojeſtt ſil nicht nachkom⸗ galbliii 49¹ glänzende Suite des Kaiſers, vor ſeiner Baracke, um den Heimkeh⸗ renden zu empfangen. Napoleon begrüßte ſie mit einem heitern Lächeln, der Spazierritt ſchien ihm wohlgethan zu haben, die Wolke war von ſeiner Stirn ge⸗ wichen, ſeine ſonſt ſo bleichen Wangen hatten einen leiſen Schimmer von Röthe, ſeine flammenden Augen hatten für Jeden einen freund⸗ lichen Blick. Mit anmuthiger Leichtigkeit ſchwang er ſich vom Pferde und trat freundlich grüßend in den Kreis der Generäle. Nun, Leclerc, iſt Alles zur Revue bereit? fragte er ſeinen Ad⸗ jutanten. General Leclerc näherte ſich ihm ehrfurchtsvoll. Sire, ſagte er, der Herr Admiral Bruix, dem ich den Befehl Eurer Majeſtät über⸗ brachte, erwiderte mir, daß die Revue heute nicht Statt haben könne, weil ein Sturm im Anzuge ſei. Der Kaiſer runzelte die Stirn, und ein Blitz des Zorns fiel aus ſeinen Augen auf das Antlitz des Adjutanten. Ich habe ſicherlich nicht richtig gehört, ſagte er. Was erwiderte der Admiral, als Sie ihm meinen Befehl überbrachten? Sire, er ſagte, es ſei unmöglich, denſelben auszuführen, denn ein Sturm ſei im Anzuge, und er dürfe daher nicht daran denken, die Schiffe auslaufen zu laſſen. Der Kaiſer ſtampfte heftig mit dem Fuß auf den Boden. Man rufe mir ſogleich den Admiral Bruir hierher, rief er mit Donnerſtimme, und ſofort verließen zwei Ordonnanz-Officiere den Kreis und eilten von dannen. Einige Minuten vergingen; Napoleon, die Arme in einander ge⸗ ſchlagen, den drohenden Blick unverwandt nach jener Seite hingewandt, von welcher der Admiral kommen mußte, ſtand noch immer vor ſeiner Baracke, inmitten ſeiner Suite. Jetzt entdeckte ſein Adlerblick in der Ferne den Admiral, der eben das Boot verließ und an's Land trat. Nicht länger im Stande, ſeine Ungeduld und ſeinen Zorn zu be⸗ ſchwichtigen, eilte Napoleon vorwärts, dem Admiral entgegen, die —— 492 Herren ſeines Generalſtabes folgten ihm und ordneten ſich ſchweigend in einem langen, glänzenden Zuge hinter ihm. Jetzt ſtanden der Kaiſer und der Admiral ſich gegenüber. Die Augen Napoleons ſchoſſen Blitze. Herr Admiral, rief der Kaiſer mit zorniger Stimme, warum haben Sie meine Befehle nicht ausgeführt? Der Admiral begegnete den flammenden Zornesblicken Napoleons mit ruhiger, aber ehrfurchtsvoller Haltung. Sire, ſagte er, ein furcht⸗ barer Sturm iſt im Anzuge. Ew. Majeſtät kann es ſo gut ſehen, wie ich. Wollen Sie denn das Leben ſo vieler tapfern Leute unnöthig in Gefahr bringen? Und gleichſam, als wolle die Natur die Worte des Admirals be⸗ ſtätigen, vernahm man jetzt in der Ferne das dumpfe Rollen des Don⸗ ners, und die Atmoſphäre verfinſterte ſich. Napoleon indeß ſchien es nicht zu ſehen, oder vielleicht reizte die ruhige Stimme des Admirals und der grollende Donner ſeinen Stolz noch zu heftigerem Widerſtand. Herr Admiral, rief er ſtrenge, ich habe meine Befehle ertheilt. Ich frage Sie noch einmal, warum haben Sie dieſelben nicht ausge⸗ führt? Die Folgen gehen mich allein an. Gehorchen Sie alſo! Admiral Bruir richtete ſein Haupt höher empor, und ſeine Blicke richteten ſich kühn und unerſchrocken auf den Kaiſer. Sire, ſagte er feierlich, ich gehorche nicht! Mein Herr, Sie ſind ein Unverſchämter! rief Napoleon, und einen Schritt näher zu dem Admiral herantretend, hob er drohend die Hand empor, in welcher er noch ſeine Reitgerte hielt. Admiral Bruir trat einen Schritt zurück und legte die Hand an ſein Schwert. Sire, rief er mit blitzenden Angen, Sire, nehmen Sie ſich in Acht! Eine fürchterliche Pauſe trat ein. Der Kaiſer ſtand noch immer da, die Hand mit der Reitpeitſche erhoben, die blitzenden Zornesblicke auf den Admiral geheftet, der ſeine drohende, mannhafte Stellung bewahrte, und die Hand an das Schwert gelegt, den Angriff des Kaiſets e ſtarr und Auf zog Adm abnehmen fürchterli ſeiner E die ich b die Blic vierundz zurückieh Bwix ſ auch er Officier zum letz und erw don den beleuchte ſchen bo In vollführ legen, wegung legende Hafens. raſcher Brille Rulend ſeiner; verſinke ich ſchweigend enüber. Die warum haben en Napoleons et, ein furcht⸗ ut ſehen wie e unnüthiß in Admirals be⸗ len des Don⸗ eicht reizte die ſeinen Stolz ehle ertheilt. nicht ausge⸗ die Hand an ie ſich in Acht d noch immer n zomesblitt Kaiſers erwartete. ſtarr und bleich vor Entſetzen. Auf einmal ließ der Kaiſer die Reitgerte zur Erde fallen; ſofort zog Admiral Bruix die Hand von dem Degengriff fort, und den Hut abnehmend, erwartete er in tiefem Schweigen den Ausgang dieſer fürchterlichen Scene. Herr Contre⸗Admiral Magon, ſagte der Kaiſer, einen der Herren ſeiner Suite herbeirufend, laſſen Sie im Augenblick die Bewegung, die ich befohlen hatte, ausführen! 493 Rings umher ſtanden die Generäle und Officiere, 9 Was Sie anbetrifft, fuhr er fort, die Blicke langſam wieder dem Admiral zuwendend, Sie werden in vierundzwanzig Stunden Boulogne verlaſſen und ſich nach Holland Gehen Sie! Er wandte ſich haſtig um und ſchritt ſeiner Baracke zu. Admiral zurückziehen. Bruix ſchaute ihm nach mit einem ſchmerzlichen Blick, dann wandte auch er ſich, um zu gehen. Wie er durch die Reihe der Generäle und Officiere ſchritt, reichte er hier und dort den Freunden und Bekannten zum letzten Abſchiedsgruß die Hand dar; aber nur Wenige ſahen es, und erwiderten ſeinen Gruß, die Meiſten hatten ihre Blicke abgewandt von dem Admiral, den die Sonne der kaiſerlichen Gunſt nicht mehr beleuchtete, der daher ſo im Dunkeln ſtand, daß man ihn nicht mehr ſehen konnte. Indeß hatte der Contre⸗Admiral Magon die Befehle des Kaiſers vollführt. Die Schiffe, welche bis dahin am Ende des Hafens ge⸗ legen, und dieſen gewiſſermaßen geſchloſſen hielten, hatten eine Be⸗ wegung gemacht, weiter hinaus in das Meer, die übrigen im Hafen liegenden Schiffe theilten ſich und näherten ſich dem Ausgange des Hafens. Aber ſchon begann die Prophezeihung des Admirals Bruir ſich zu erfüllen; der Himmel war mit ſchwarzen Wolken bedeckt, aus denen in raſcher Folge Blitze 8 „ 5 uckten. Der Donner des Himmels übertönte das Brüllen des Meeres, das wie ein ſchwarzes Ungeheuer ziſchend und heulend ſich aufbäumte, und wirbelnd und ſchaumbedeckt wieder von ſeiner Höhe niederfiel und Abgründe öffnete, in denen die Schiffe zu verſinken ſchienen, um dann von der nächſten Welle wieder empor ge⸗ 494 ſchleudert zu werden. Der Sturm mit ſeinem unheimlichen Pfeifen wirbelte in den Maſten und zerbrach ſie wie Strohhalme und peitſchte die Schiffe, welche ſich ſchon außerhalb des Hafens befanden, hinaus in das Meer zu ſicherm Verderben, zu ſicherm Tode. Der Kaiſer hatte ſeine Baracke wieder verlaſſen und war haſtigen Schritts hinunter geeilt an das Ufer des Meers. Die Arme ineinander geſchlagen, geſenkten Hauptes, gedankenvoll, ſinnend ging er auf und ab. Plötzlich ward er aus ſeinen Gedanken durch ein lautes Schreien, durch Ausrufe des Entſetzens und der Angſt empor geſchreckt. Zwanzig Kanonenböte, welche ſchon auf Befehl des Contre⸗Ad⸗ mirals mit Matroſen und Soldaten bemannt worden, waren von dem Sturm an die Küſte gepeitſcht, und die Wogen, welche mit donnerndem Gebrüll über ſie hinflutheten, bedrohten die Bemannung mit ſicherm Tod. Ihr Hülferuf, ihr Schreien und Flehen tönte herüber und fand ein Echo in dem Klagen und Jammern der Menſchenmenge, die an das Ufer geeilt war, um den Sturm und das Unglück zu ſchauen. Der Kaiſer blickte umher im Kreiſe ſeiner Generäle und Officiere, die ſtumm vor Entſetzen ihn umſtanden, er ſah, daß Niemand den Muth hatte, oder es für möglich hielt, den Unglücklichen, nach Hülfe Schreienden, beiſtehen zu wollen. Auf einmal verſchwand der düſtere Zug auf ſeinem Antlitz, es leuchtete auf in ſtrahlender Begeiſterung; der Kaiſer verwandelte ſich wieder in den Helden, der Alles wagt, der vor keiner Gefahr zurückſchreckt. Mit einem einzigen Sprung war er in einem der Hülfsbote, und die Arme Derer, welche ihn zurückhalten wollten, von ſich ſtoßend, rief er mit faſt jubelnder Stimme: Laſſen Sie mich, laſſen Sie mich! Man muß den Unglücklichen zu Hülfe eilen! Aber ſchon war ſeine Barke mit Waſſer angefüllt, die Wogen ſtürzten mit wildem Geheul darüber hin, und überflutheten mit ihrem ſpritzenden Schaum die ganze Geſtalt des Kaiſers. Noch hielt er mühſam ſich aufrecht, aber jetzt fluthete eine noch ſtärkere Woge heran, und fuhr brüllend über die L arke dahin, daß der Kaiſer taumelnd, das Gleichgewicht verlierend, im Begriff war, über⸗Bord zu fallen, und faſt mit Gewalt von ſeinen Generälen aus der Barke an das ufer zuictgef eben das Uffer ſches Donnen Haupte des K ittigen hoch die Wogen t ſchäumend hi Aber da die vorher n und erkannte der Rettung d und nch Hi troſen und B ins Meer, 1 Tode Kämpf Aber de auszugeben. hatte verſuch beweiſen und Nur We wüthete den Vlllen, zu ſich die ſchw Trnerſchlei Am an Lichen, wel hee Menſe kopjenden F nach dem G und Kugn Kaiſers. u en un Rgangen, Pſeifen Ufer zurückgeführt ward. Er folgte ihnen willenlos, betäubt; wie er eben das Ufer wieder betrat, zuckte ein Blitz hernieder, ein majeſtäti⸗ ſches Donnerrollen folgte ihm, der heulende Sturm wirbelte von dem Haupte des Kaiſers ſeinen Hut fort, und trug ihn wie auf unſichtbaren Fittigen hoch in die Luft empor, weit hinaus in das Meer, wo ihn die Wogen mit brüllendem Jubel zu empfangen ſchienen, und ihn ſchäumend hinabzogen in ihre Kreiſe. Aber das muthige Beiſpiel des Kaiſers hatte electriſch gewirkt auf die vorher wie von Schrecken erſtarrte Menſchenmenge. Jeder fühlte und erkannte jetzt, daß die nächſte und heiligſte Pflicht ſei, ſich mit der Rettung der Unglücklichen, die noch immer mit den Wogen kämpften, und nach Hülfe ſchrieen, zu beſchäftigen. Officiere, Soldaten, Ma⸗ troſen und Bürger, Alles ſtürzte in die Rettungsboote, oder warf ſich ins Meer, um zu den Unglücklichen hinzuſchwimmen und die mit dem Tode Kämpfenden zu erretten. Aber das Meer war nicht gewillt, viele ſeiner Opfer wieder her— auszugeben. Vielleicht wollte es der kaiſerlichen Majeſtät, welche es hatte verſuchen wollen, ihr zu trotzen, ſeine überlegene göttliche Majeſtät beweiſen und ſeinen Uebermuth ſtrafen. Nur Wenige gelang es zu retten, denn der Sturm heulte und wüthete den ganzen Tag, und peitſchte das Meer zu häuſerhohen Wellen, zu tiefen Abgründen hinauf und hinab. Und endlich ſenkte ſich die ſchwarze Nacht über das grollende Meer und bedeckte mit ihren Trauerſchleiern die Scene des Entſetzens und des Schreckniſſes. Am andern Morgen war das Ufer bedeckt mit Hunderten von Leichen, welche das Meer an den Strand geſpült hatte. Eine unge⸗ heure Menſchenmenge drängte ſich heran, Jeder kam, um mit angſt⸗ klopfendem Herzen und lautem Weinen unter den ſtillen, bleichen Leichen nach dem Gatten, dem Freund oder Bruder zu forſchen; Jammern und Klagen erfüllte die Luft und drang hinüber zu der Baracke des Kaiſers. Er hatte die ganze Nacht nicht geſchlafen; ruhelos, mit finſtern Mienen und bleichen Wangen war er in ſeinen Zimmern auf und ab gegangen, jetzt in der Frühe des Morgens eilte er wieder hinab an 496 das Meer. Aber ſchon waren ihm Tauſende von Menſchen zuvorge⸗ kommen. Wie ſie den Kaiſer kommen ſahen, traten ſie ſcheu zur Seite; nicht wie ſonſt empfingen ſie ihn mit lautem Jubel und freudigen Zu⸗ rufen; mit finſtern Blicken ſchauten ſie ihn an, und wandten dann in ſtummer Beredtſamkeit ihre Augen auf die Leichen hin, die da im Sande lagen. Der Kaiſer vermochte dieſes Schweigen der Menge und den An⸗ blick dieſer Leichen nicht zu ertragen; bleich und ſchaudernd wandte er ſich ab, und kehrte langſam, geſenkten Hauptes in ſeine Baracke zurück. Aber hinter ſich her vernahm er das Murren der Menge, die nur geſchwiegen hatte, ſo lange ſie ſein Antlitz geſehen, die jetzt, da er den Rücken wandte, ihren Klagen und ihrem Unwillen freien Lauf ließ. Der Kaiſer ging ſeufzend in ſeine Baracke zurück und ließ ſofort Nouſtan rufen, um ihm geheime Aufträge zu ertheilen. Dank dieſen Aufträgen durcheilten den ganzen Tag Agenten Rouſtans die Stadt Boulogne und das Lager, um überall, wo man klagte und weinte, oder finſter blickte und murrte, im Namen des Kaiſers Geld auszu⸗ theilen, und das Murren und die Trauer zu beſchwichtigen mit dem blinkenden Zaubermetall, das alle Wunden heilt und alle Thränen trocknet. Aber der Kaiſer beſaß noch ein wirkſameres Zaubermittel, um die Gemüther zu verſöhnen, mindeſtens den Jubel ſeiner Soldaten wieder anzufachen. Telegraphiſche Depeſchen voll inhaltſchwerer Bedeutung waren im Lager angelangt, Couriere auf Couriere waren ihnen gefolgt. Der Kaiſer ließ alle ſeine Generäle zum großen Kriegsrath in dem Raths⸗ ſaal ſeiner Baracke zuſammen berufen, und als ſie nach ſtundenlangen Berathungen das Zelt des Kaiſers wieder verließen, verbreitete ſich im Lager das Gerücht, der Kaiſer werde jetzt endlich das langerſehnte Wort ſprechen, er werde ſeine Armee aufrufen zu neuen Kämpfen, zu neuen Siegen. Als eine Freudenbotſchaft flog dieſe Nachricht durch das Lager dahin, Jeder begrüßte ſich mit lachendem Angeſicht, mit heitern Blicken, Jeder ſah ſich am Vorabend neuer Ehren, neuer Beute, und fragte und frrſchte m werde? Ob ſinen VPald Frundſchaft n Der Kaiſ derde Wort g zu ſich berufe zubereiten, al und zu zahlen oder zu theuer An Toge meldet zu dem Barce befan vor ihm ausg Npoleon die Karten mi den ſeine Am Nun, D Rechnungen be Sire, ſie muß ich es w Sie iſt Kaiſer haſtig, Sire, ſu tuit ſich ſe Suni, welch außem Ausſc Mun, m Sire, er ſicht hefen — S — Nein 6 Herrn E oldi Und er 3 Mihltac, N * n zuvorge⸗ zur Seite; digen Zu⸗ ndann in die da im d den Un⸗ wandte er racke zurück. e, die nur etzt, da er Lauf ließ. ließ ſofort Dat dieſen die Stadt und weinte, Feld auszl⸗ „ mit dem e Thränen ttel, um die aten wieder g ween im folgt. Der dem Raths⸗ ndenlangen ſich im 497 und forſchte nur, wohin diesmal der Siegeslauf des Kaiſers ſich lenken werde? Ob nach England, das immer noch zu drohen ſchien mit ſeinem Wald von Maſten, ob nach Oeſterreich, deſſen feindſeliger Freundſchaft man nicht mehr trauen mochte? Der Kaiſer hatte noch zu Niemand ſeiner Umgebung das entſchei⸗ dende Wort geſprochen, aber er hatte den Groß⸗Marſchall des Palaſtes zu ſich berufen, und ertheilte ihm Befehl, Alles zu ſeiner Abreiſe vor⸗ zubereiten, alle Ausgaben und Rechnungen des Kaiſers zu reguliren und zu zahlen und dabei wohl Acht zu haben, daß nirgends zu viel oder zu theuer gezahlt werde. Am Tage nach dieſem Befehl trat der Groß⸗Marſchall unange⸗ meldet zu dem Kaiſer ein, welcher ſich eben in dem Rathsſaal ſeiner Baracke befand und in den Karten ſtudirte, die auf dem großen Tiſch vor ihm ausgebreitet lagen. Napoleon ſchaute nur flüchtig von denſelben empor und fuhr fort, die Karten mit Nadeln zu beſtecken und damit den Weg zu bezeichnen, den ſeine Armee nehmen ſollte. Nun, Duroc, fragte er, iſt Alles zur Abreiſe bereit? Sind alle Rechnungen bezahlt? Sire, ſie ſind alle bezahlt, bis auf Eine, und wegen dieſer Einen muß ich es wagen, Ew. Majeſtät zu ſtören. Sie iſt alſo wohl ſehr hoch und ſehr betrügeriſch? fragte der Kaiſer haſtig, indem er aufſtand und ſich dem Groß⸗Marſchall näherte. Sire, ſagte dieſer, ich weiß nicht, ob ſie betrügeriſch iſt, aber ſie beläuft ſich ſehr hoch. Es iſt die Rechnung des Militair⸗Intendanten Sordi, welcher dieſe Baracke gebaut hat und mit der innern und äußern Ausſchmückung derſelben beauftragt war. Nun, und wie viel fordert er dafür? fragte Napoleon. Sire, er verlangt fünfzigtauſend Francs. Fünfzigtauſend Francs! rief Napoleon faſt erſchrocken. Ich will nicht hoffen, daß Sie dem Unverſchämten dieſe Rechnung bezahlt haben? Nein, Sire, ich habe es nicht gethan, vielmehr verlangte ich von Herrn Sordi, daß er die Summe ermäßige. Und er hat es natürlich gethan! rief Napoleon düſter. So ſind Mühlbach, Napoleon. I. Bd. 32 en 63 — 498 dieſe Menſchen! Sie verlangen, daß man ihnen trauen ſoll und ver⸗ ſuchen doch bei jeder Gelegenheit, uns zu betrügen. Wie viel hat er heruntergelaſſen? Sire, gar nichts! Herr Sordi behauptet, er habe keinen einzigen Artikel zu hoch angeſchrieben, es ſei ihm daher ganz unmöglich, die kleinſte Reduction eintreten zu laſſen. Und Sie haben demgemäß gezahlt? Nein, Sire, ich habe geſagt, daß ich die Rechnung nicht eher bezahlen könne, bevor ich nicht dazu den ausdrücklichen Befehl Eurer Majeſtät erhalten hätte. Sie haben wohl gethan, ſagte der Kaiſer, leiſe mit dem Kopfe nickend. Laſſen Sie den Militair-Intendanten ſogleich zu mir rufen, ich will ſelbſt mit ihm reden. Der Groß⸗Marſchall entfernte ſich und Napoleon wandte ſich wieder ſeinen Karten zu. Er fuhr fort, dieſelben in langen Reihen mit Nadeln zu zeichnen und ſeine Kreiſe und Linien zu ziehen. Wenn die Oeſterreicher es wagen, mir entgegen zu ziehen, ſagte er leiſe vor ſich hin, ſo werde ich ſie im offenen Felde ſchlagen, wenn ſie ſtehen bleiben und meinen Angriff abwarten, werde ich ihnen bei Ulm eine glänzende Niederlage bereiten. Es iſt Zeit, dieſe übermüthigen Deutſchen das ganze Gewicht meines Zorns fühlen zu laſſen und da ſie meine Freundſchaft nicht wollen, ſie mit meiner Feindſchaft zu zer⸗ ſchmettern! Dieſer kleine Kaiſer von Oeſterreich wagt es, mich bedrohen zu wollen, ich werde ihm beweiſen, daß mir drohen heißt: ſich ſelber den Untergang zu bereiten! Hier in dieſer Ebene ſtelle ich meine Armee auf, und hier Sire, der Militair⸗Intendant Herr von Sordi, den Ew. Majeſtät befohlen haben, ſagte der Adjutant des Kaiſers, indem er die Thür des Saals öffnete. Soll eintreten, rief⸗Napoleon, ohne indeſſen den Blick von der Karte abzuwenden. Der Adjutant trat zurück und jetzt erſchien in der Thür die hohe ſchmächtige Geſtalt des Intendanten Sordi. Sein Antlitz war bleich, aber ruhig, ein kühner, energiſcher Ausdruck ſprach aus allen ſeinen Zügen; er war ſich der Bedeutung dieſes Moments vollkon ſcheide D ſund daß di dabei, ihn a Sie l ausge denken bezahli lächel Plaft dieſe jeſtt gekoſt fngt die J Flig breit Mit und vollkommen bewußt, und fühlte, daß er über ſeine ganze Zukunft ent⸗ ſcheiden werde. Der Kaiſer fuhr fort, in ſeinen Karten zu ſtudiren. Herr Sordi ugen ſtand neben der Thür, die Anrede des Kaiſers erwartend; als er ſah, die daß dieſe ſehr lange zögerte, trat er einen Schritt vorwärts und ſtieß dabei, wie aus Verſehen, an den Stuhl, der neben ihm ſtand. Das Geräuſch weckte Napoleon aus ſeinem Nachſinnen und erinnerte t ehet ihn an den Gerufenen. Eurer Haſtig wandte er ſich daher zu ihm um. Mein Herr, ſagte er, Sie haben viel zu viel Geld zur Ausſchmückung dieſer elenden Baracke ihie ausgegeben, ja wahrhaftig, viel zu viel. Fünfzigtauſend Francs, was rufen, denken Sie, mein Herr, das iſt zum Erſchrecken! Ich werde Sie nicht bezahlen laſſen! ſich Herr von Sordi begegnete dem flammenden Blick des Kaiſers mit Reihen lächelnder Ruhe. Sire, ſagte er, die Hand erhebend und auf den Plafond hindeutend, die goldſtoffenen Wolken, welche den Plafond ſagte dieſes Zimmers ſchmücken und die den ſchützenden Stern Eurer Ma⸗ „wenn jeſtät umgeben, haben in Wahrheit allein fünfundzwanzigtauſend Francs gekoſtet. Aber wenn ich die Herzen Ihrer Unterthanen um Rath ge⸗ higen fragt hätte, ſo würde der kaiſerliche Adler, welcher jetzt auf's Neue und da die Feinde Frankreichs und Ihres Throns zerſchmettern wird, ſeine zu zer⸗ Flügel in der Mitte der herrlichſten und ſchönſten Brillanten ausge⸗ edrohen breitet haben.*) h ſelber Napolevn lächelte. Sehr gut, ſagte er, Sie halten die Herzen Amee meiner Unterthanen für ſehr verſchwenderiſch, wie es ſcheint. Ich bin es weniger und ich wiederhole Ihnen, ich werde Sie jetzt nicht be⸗ Majeſtit zahlen! Da Sie mir aber ſagen, daß dieſer Adler, der ſo viel Geld e Thür koſtet, die Oeſterreicher niederſchmettern ſoll, ſo warten Sie gefälligſt, 3 bis er es gethan hat, und alsdann will ich Ihnen Ihre Rechnung von der in 1*) Der Plafond des Saals war geſchmückt mit goldenen Wölken, in deren Sein Mitte man auf blauem Grunde einen Adler gewahrte, den Donnerkeil haltend c ſprach und mit ihm hindeutend auf einen Stern, den Glücksſtern des Kaiſers. Con- stant I. 246. Noments 500 bezahlen mit den Reichsthalern des Kaiſers von Deutſchland und den Friedrichsd'or des Königs von Preußen.*) Er verabſchiedete ihn lächelnd mit einem Wink ſeiner Hand und wandte ſich wieder ſeinen Karten zu. Einige Stunden ſpäter begab ſich der Kaiſer, gefolgt von allen ſeinen Generälen und Adjutanten, hinaus in das Lager. Eine kleine, eigens dazu hergerichtete Erhöhung beſteigend, ſchaute er mit leuchten⸗ dem Auge weit auf dieſes wogende, bunte, blitzende Meer von Sol⸗ daten, das nach allen Seiten hin ihn umgab und das bei ſeinem An⸗ blick aufjubelte und aufbrüllte vor Entzücken. Ein Wink ſeiner Hand gebot Schweigen, und wie von einem Zauber gebannt, verſtummten jetzt die tobenden Maſſen und eine athem⸗ loſe Stille trat ein. Inmitten dieſer Stille erhob ſich Napoleons klare, metallene Stimme und rauſchte über das Soldatenmeer hin wie der Flügelſchlag des Adlers. Brave Soldaten des Lagers von Bou⸗ logne, ſagte er, Ihr geht nicht nach England. Das Gold der Eng⸗ länder hatte den Kaiſer von Oeſterreich verführt, daß er Frankreich auf's Neue den Krieg erklärt hat. Seine Armee hat die ihr bezeichnete Grenzlinie überſchritten und Baiern überſchwemmt. Soldaten, neue Lorbeeren erwarten Euch jenſeits des Rheins; eilen wir, auf's Neue Feinde zu beſiegen, die wir ſchon beſiegt haben! Auf nach Deutſchland!*) Auf nach Deutſchland! jubelten und brüllten die Soldaten. Auf nach Deutſchland! hallte es weiter von Mund zu Mund, und ſelbſt das Meer ſchien höher aufzurauſchen vor Luſt, und ſeine an das Ufer ſchlagenden Wellen ſchienen zu murmeln: auf nach Deutſchland! 284. Constant 282. *) Napoleons eigene Worte. **) Napoleons eigene Worte. G G iehe: Constant I. iehe aber Kaiſ Tu zu lo thün erkl laſe er a Oye nicht Mtn und Cw daß und Ma befi allen leine, chten⸗ Sol⸗ Sbl⸗ An⸗ einem hem⸗ n wie Bor⸗ Eng⸗ kreich hnete neue II. Uapoleon und die drutſchen Türſten. Der Kaiſer von Frankreich hatte mit ſeinem Heere die Grenzen Deutſchlands überſchritten. Er war gekommen, um ſeinem Bundes⸗ genoſſen, dem Churfürſten von Baiern, zu Hülfe zu eilen gegen Oeſterreich, welches mit ſeinen Truppen in Baiern eingerückt war, nicht aber, um Baiern zu bedrohen, ſondern, wie ein perſönlicher Brief des Kaiſers Franz an den Churfürſten ausdrücklich meldete, nur um ſeine Truppen eine ausgedehntere und wirkſamere Stellung einnehmen zu laſſen. Der Churfürſt Mar Joſeph von Baiern hatte ſich in einem unter⸗ thänigen Antwortsſchreiben an den öſterreichiſchen Kaiſer freudig bereit erklärt, die öſterreichiſchen Regimenter in ſeinen Landen cantonniren zu laſſen.„Ich verpfände Ew. Majeſtät mein fürſtliches Wort,“ hatte er an den Kaiſer von Deutſchland geſchrieben,„daß ich in nichts den Operationen Ihrer Armee hinderlich ſein will, und wenn, was indeſſen nicht wahrſcheinlich iſt, Ew. Majeſtät genöthigt wären, ſich mit Ihrer Armee zurückzuziehen, ſo verſpreche und ſchwöre ich, ruhig zu bleiben und in allen Dingen Ihre Zwecke zu fördern. Aber ich beſchwöre Ew. Majeſtät auf meinen Knieen, mir gnädigſt geſtatten zu wollen, daß ich in der ſtrengſten Neutralität verharre. Es iſt ein von Angſt und Sorgen zur Verzweiflung getriebener Vater, welcher bei Ew. Majeſtät um Gnade fleht zu Gunſten ſeines Kindes! Mein Sohn befindet ſich, auf einer Reiſe begriffen, jetzt eben im ſüdlichen Frank⸗ reich. Wenn ich genöthigt würde, meine Truppen gegen Frankreich marſchiren zu laſſen, ſo wäre mein Sohn verloren, und das Schickſal des Herzogs von Enghien würde auch das ſeine werden; wenn ich im Gegentheil ruhig und friedlich in meinen Staaten verbleibe, gewinne ich Zeit, meinen Sohn zurückkommen zu laſſen.“*) *) Mémoires sur linterieur du Palais de Napoléon, par De Bausset. I. 59. Aber an demſelben Tage und mit derſelben Feder, welche noch naß war von der Tinte, mit welcher er an den deutſchen Kaiſer ge⸗ ſchrieben, hatte der Churfürſt auch an den Kaiſer von Frankreich geſchrieben, und ihm gemeldet,„daß er bereit ſei, ſich unter ſeinen Schutz zu ſtellen, daß er ſtolz darauf ſein werde, der Bundesgenoſſe Frankreichs zu werden, und ſich und ſeine Armee von dieſer Stunde an zu den Füßen des großen und erhabenen Kaiſers von Frankreich niederlege.“ Und der Courier, welcher den Brief mit den heiligen Eidſchwüren der Neutralität dem Kaiſer von Deutſchland bringen ſollte, war noch nicht in Wien angelangt, als der Churfürſt von Baiern ſchon heimlich aus München nach Würzburg entflohen war, wo ſeine Armee von fünf und zwanzig tauſend Mann ihn erwartete. Er ſandte ſeine Armee unter Anführung des Generals Deroy dem Kaiſer der Franzoſen entgegen, nicht, um in ihm den Feind Deutſch⸗ lands zu bekämpfen, ſondern um ihn zu begrüßen als Bundesgenoſſen, und ſeine deutſchen Krieger unter das Ober-Commando des franzö⸗ ſiſchen Heerführers zu ſtellen. Alsdann erließ er eine Proclamation an ſein Volk.„Wir haben uns abgewandt von Oeſterreich“, ſagte er, „von Oeſterreich, das mit ſeinen treuloſen Plänen uns umgarnen und vernichten, das uns zwingen wollte, mit ihm für fremdes Intereſſe zu ſtreiten, von Oeſterreich, das der Erbfeind unſeres Hauſes und unſerer Selbſtſtändigkeit iſt, und jetzt wieder den Verſuch machen wollte, Baiern zu verſchlingen und es zu einer öſterreichiſchen Provinz zu erniedrigen⸗ Aber der Kaiſer der Franzoſen, Baierns natürlicher Bundesgenoſſe, eilte mit ſeinen tapfern Kriegern herbei, um Euch zu rächen, bald werden Eure Söhne an der Seite ſieggewohnter Völker kämpfen, bald, bald naht der Tag der Rettung.“*) Dank dem Haß des deutſchen Volkes gegen ſeine deutſchen Brüder, Dank dem Haß des Baiern gegen den Oeſterreicher, ward dieſe Pro⸗ clamation mit lautem Freudengeſchrei im ganzen Lande aufgenommen, und Baiern fühlte ſich ſtolz und glücklich, mit dem Kaiſer der Franzoſen, *) Häuſſer, Deutſche Geſchichte. II. 611. ſeinen Haiſe in Pa Bund die e desh heiß fran Sol in Gen ſchrit ſeine Spi das dem keit ch naß ge⸗ nkreich ſeinen genoſſe Stunde mkreich hwüren r noch eimlich n fünf oh dem Nutſch⸗ enoſſen, frarzü⸗ ion an gte er, en und reſſe zu unſerer Baiem drigen⸗ ſe, eilte werden , bald Brüder, ſe Pr⸗ ommen, anzoſen, 503 ſeinem„natürlichen Bundesgenoſſen“, kämpfen zu ſollen gegen den Kaiſer von Deutſchland. In der Ebene unweit von Nördlingen war das franzöſiſche Heer in Parade⸗Ordnung aufgeſtellt zum feierlichen Empfang ſeiner deutſchen Bundesgenoſſen, die ſich hier mit ihm vereinigen ſollten. Es waren die erſten deutſchen Hülfstruppen, welche Napoleon ſich gewonnen, und deshalb wollte er ſie auch feierlich und mit vollen Ehren willkommen heißen. Unter den ſchmetternden Jubelklängen aller Muſikchöre der franzöſiſchen Armee, unter den jubelnden Zurufen der franzöſiſchen Soldaten zogen die Baiern in das franzöſiſche Lager ein. Der Kaiſer in Galla⸗Uniform, umgeben vpn allen ſeinen Generälen, begrüßte den General Deroy und die baieriſchen Officiere; von ihnen begleitet ſchritt er den baieriſchen Truppen entgegen, und ſie mit dem Winken ſeines Säbels begrüßend, ſprach er zu ihnen:„Ich habe mich an die Spitze meines Heers geſtellt, um Euer Vaterland zu befreien, denn das Haus Oeſterreich will Eure Unabhängigkeit vernichten. Ihr werdet dem Beiſpiel Eurer Vorfahren folgen, die ſich ſtets die Unabhängig⸗ keit und die politiſche Exiſtenz bewahrten, welche die erſten Güter der Nationen ſind. Ich kenne Eure Tapferkeit und ſchmeichle mir, nach der erſten Schlacht Eurem Fürſten und meinem Volke ſagen zu können, daß Ihr würdig ſeid, in den Reihen der großen Armee zu kämpfen.“ Die baieriſchen Krieger empfingen dieſe ſtolze Anſprache mit eben dem Jubel, mit welchem das baieriſche Volk die Proclamation des Churfürſten aufgenommen hatte, und niemals hatten die franzöſiſchen Krieger ihrem Feldherrn und Kaiſer glühender zugejauchzt, als es jetzt die deutſchen Krieger, die erſten deutſchen Bundesgenoſſen des Kaiſers, thaten. Napoleon nahm ihren Jubelruf mit einem gnädigen Lächeln hin. Duroc, ſagte er, ſich an ſeinen Freund und Waffengefährten wendend, der an ſeiner Seite ritt, Duroc, merke wohl auf, was ich Dir ſagen will. Die Deutſchen ſind keine guten Patrioten, und ſind im Stande, den Ueberwinder ihres Vaterlandes eben ſo ſehr zu lieben, als ihren legitimen Herrſcher. Schon zu Julius Cäſar's Zeiten waren die * 504 Deutſchen nicht einig unter einander, und während Armin ihn bekämpfte, erklärte ſchon Segeſt ſich für ihn. Wenn ich jetzt, ein zweiter Julius Cäſar, mir Deutſchland erobern wollte, ſo würde ich da, glaube ich, keinen Armin, wohl aber viele Segeſte finden. Vielleicht aber einige Thusnelden, Sire, ſagte Duroe lachend, und Eure Majeſtät wiſſen ja, es war eigentlich doch nur Thusnelda, welche aus ihrem Mann den berühmten Römerhaſſer machte. Und Thusnelda's Sohn kam doch in römiſche Gefangenſchaft, rief Napoleon, er ward doch ein elender Sclave der Römer, und zog ein gedemüthigtes und geſchändetes Leben einem ehrenhaften Tode vor. Die Deutſchen führen gar große Reden im Munde, ſie ſind allzeit bereit, mit ihrer Zunge zu kämpfen für die Ehre, doch ſie ſterben nicht gern für ſie! Aber was ſind das für Thusnelden, mit denen Du mir drohſt? Meinſt Du die Königin Caroline von Neapel, die Tochter Maria Thereſia's? Oh, nicht doch, Sire, die iſt keine Deutſche mehr, ſondern eine italieniſche Intriguantin, eine— Sie iſt, wie ich es ihrem eigenen Geſandten in Mailand geſagt habe, eine moderne Athalia, eine Tochter Jetzabel's, unterbrach ihn Napoleon heftig. Aber Geduld, Geduld, ich werde ſie ſtrafen für ihren glühenden Haß und ihre Intriguen! Sire, es lag nur an Ihnen, von der Königin Caroline glühende Liebe zu empfangen, ſtatt ihres Haſſes, der vielleicht auch nur cachirte Liebe iſt. Ew. Majeſtät wiſſen doch, was die Königin noch vor einigen Jahren zu dem franzöſiſchen Geſandten geſagt hat? Nein, ich weiß es nicht, oder vielleicht habe ich es nur vergeſſen, ſagte Napoleon leichthin. Hat ſie ihn zum Poſtillon d'amour machen wollen? Beinahe, Sire! Sie hat geſagt, ſie würde gern vierhundert Meilen reiſen, um den General Bonaparte zu ſehen. Sie hat hinzu⸗ gefügt, daß Sie jetzt der einzige große Mann in der Welt wären, und daß auf ſämmtlichen Thronen Europa's jetzt nur Blödſinnige ſäßen.*) *) Der Königin Caroline eigene Worte. el G Kaiſer von Den ihres M dekt. 6 Nelſon herrſchſi ſephine, Ah bemhige deutſche habe ne heißen G ſagt ei V drohend gutmüt ſtürzen ſchaft Freund ihren G unerbit wanken weißt 2 J Wirte aufgen des g beugen impfte, qn Julius be ich, d, und welche ft, rief zog ein e or. allzeit nnicht u mir Tochter n eine geſagt ch eihn ihren lühende cachirte einigen rgeſſen, machel hundert hinzu⸗ wären, 505 Sehr ſchmeichelhaft für ihren Mann und für ihren Neffen, den Kaiſer von Oeſterreich, ſagte Napoleon lachend. Sie hat indeß nur von Denen geſprochen, die auf dem Thron ſitzen, aber neben dem Thron ihres Mannes hat die zärtliche Königin doch noch einige Männer ent⸗ deckt. Es hat mich niemals gelüſtet, der Nebenbuhler von Acton oder Nelſon zu ſein. Ich liebe überhaupt nicht die leidenſchaftlichen und herrſchſüchtigen Weiber. Sie müſſen ſanft ſein und reizend, wie Jo⸗ ſephine, wenn ſie mir gefallen ſollen. Ah, Sire, ich wünſchte, die Kaiſerin wäre hier, und könnte Ihre Worte hören, rief Duroc. Zweifelt ſie ſchon wieder? fragte Napoleon raſch. Haben meine Brüder ſie ſchon wieder geängſtigt mit einer Scheidung? Sie ſoll ſich beruhigen, ich denke nicht daran, mich von ihr zu trennen, und alle deutſchen Thusnelden können mir nicht gefährlich werden. Aber ich habe noch immer nicht den Namen Deiner Thusnelda erfahren. Wie heißen ſie denn? Sire, da iſt zuerſt die ſchöne Königin von Preußen! Wie man ſagt, eine glühende Feindin Frankreichs. Ja, meine glühende Feindin, rief Napoleon mit düſtern und drohenden Blicken, ein kurzſichtiges Weib, welches nicht ſieht, daß ſie ihren gutmüthigen, ſchwachen und unentſchloſſenen Mann in's Verderben ſtürzen wird, wenn ſie ihn mit fortreißt auf dieſem Wege der Feind⸗ ſchaft und des Haſſes. Eines Tages wird ſie es bereuen, meine Freundſchaft verſchmäht zu haben, denn wenn es ihr gelingt, wenn ſie ihren Gemahl zu einem Bündniß mit Rußland gewinnt, ſo werde ich unerbittlich ſein, ſo werde ich mit einem Elephantentritt das ganze wankende und wankelmüthige Preußen in den Staub treten! Und weißt Du noch eine zweite Thusnelda? Ja, Sire, das iſt die Gemahlin des Churfürſten Friedrich von Würtemberg, welche, wie man ſagt, auch ihren Gemahl zu glühendem Haß gegen Frankreich und zu glühendem Patriotismus für Deutſchland aufgewirbelt hat. Das Churfürſtliche Paar ſoll laut und im Beiſein des ganzen Hofes geſchworen haben, niemals ſich vor Frankreich zu beugen, nie den deutſchen Intereſſen ungetreu zu werden. — — 506 Ich werde ſie zwingen, die deutſchen Intereſſen darin zu erkennen, daß ſie ſich vor Frankreich beugen und unſere Bundesgenoſſen werden, rief Napoleon ſtolz. Die Churfürſtin von Würtemberg iſt eine Tochter Georg's des Dritten von England, eine Tochter meines Todfeindes, ſie ſoll ſich daher vor mir beugen, oder meine Macht und meinen Zorn fühlen. Die Zeit des Zauderns und des Hinhaltens iſt jetzt vorüber! Ich will meine Freunde an meiner Seite, meine Feinde mir gegenüber haben, mögen die deutſchen Fürſten wählen, ob ſie mit Frankreich gegen Oeſterreich, ihren allgemeinen Deſpoten, gehen wollen, oder ob ſie, gleich Oeſterreich, von Frankreich beſiegt werden wollen! Wir werden ja ſehen, was Würtemberg wählen wird, denn ſchon iſt Ney mit ſeinem Armeecorps auf dem Wege nach Stuttgart und in einigen Tagen werde ich ſelbſt dem Churfürſtlichen Paar meinen Beſuch machen. Und einige Tage ſpäter hielt Napoleon wirklich Wort, er machte dem Churfürſtlichen Paare ſeinen Beſuch in Ludwigsburg, nachdem Ney ſich mit Gewalt den Durchmarſch durch Stuttgart erzwungen hatte. Der Churfürſt empfing den Kaiſer am Fuße der Schloßtreppe. Noch eine Stunde vorher hatte er ſeinen Vertrauten verſichert, er werde den Emporkömmling Napoleon nicht als ſeines Gleichen em⸗ pfangen, er werde ſich nicht herablaſſen, ihm die Hand darzureichen; aber als Napoleon ihn jetzt mit einem freundlichen Neigen ſeines Hauptes begrüßte, als er ihm die Hand darreichte, verneigte der Chur⸗ fürſt ſich ſo tief und ehrfurchtsvoll, daß es faſt ausſah, als wolle er die kleine weiße kaiſerliche Hand küſſen, die er ſo freudig und ehrfuchts⸗ voll ergriffen hatte.*) In dem großen glänzenden Thronſaal des Schloſſes aber empfing die Churfürſtin den Kaiſer, welcher an der Seite ihres Gemahls zu ihr eintrat. Ihr Antlitz war bleich und düſter, als ſie mit einer tiefen ceremoniöſen Verbengung den Erbfeind ihres Hauſes bewillkommte, und nicht der Schimmer eines Lächelns umſpielte ihre Lippen, als ſie die Anrede des Kaiſers erwiederte. Napoleons Antlitz dagegen war heute von einer ſeltenen Milde *) Memoiren des Generals von Wolzogen. S? 24. und Weic das Antl hat, nich und Liebe gitige B ſonfte L Sonnenſ ſtehen ki Au kommenh glühende den Engl ein hetzb als eine Achtung der eng ſprechen ftanzöſiſ mied ſie wer mit unmögli J hupt g Strben geſandt ich iht erobern Es iſt edle in per der der erkennen, en werden, ne Tochter odfeindes, einen Zorn t vorüber! gegenüber Frankreich llen, oder len! Wir on iſt Neh in einigen uch machen. er machte , nachden ungen hatte. chloßtreppe. rſichert, er eichen em⸗ urzureichen; igen ſeines e der Chur⸗ s wolle er d ehrfuchts⸗ ber empfing emahls zu einer tiefen willtommte, en, als ſi Milde enen und Weichheit, und doch ſtrahlend von Hoheit und Würde. Es war das Antlitz eines Triumphators, der indeß Die, welche er unterjocht hat, nicht durch Strenge und Uebermuth, ſondern durch Sanftmuth und Liebe gewinnen will.— Seine Augen hatten daher nur milde, gütige Blicke, und um ſeine feingeſchnittenen Lippen ſpielte jenes ſanfte Lächeln, von dem die Kaiſerin Joſephine ſagte, daß es der Sonnenſtrahl ſeines Angeſichts ſei und daß keine Frau demſelben wider⸗ ſtehen könne. Auch widerſtand die Churfürſtin dieſem Lächeln und dieſer Zuvor⸗ kommenheit Napoleons nicht. Sie hatte erwartet, in dem Kaiſer einen glühenden Feind ihres engliſchen Vaterlandes zu finden, und er ſpendete den Engländern, ihrem Lande, ihren Einrichtungen und ihrem Charakter ein herzliches Lob und beredte Anerkennung, man hatte ihr Napoleon als einen Barbaren geſchildert, welcher nur für Krieg und Kriegsgetöſe Achtung habe, und jetzt fand ſie in ihm einen Freund und Bewunderer der engliſchen Poeſie, jetzt hörte ſie ihn mit Begeiſterung über Oſſian ſprechen, von dem er ihr ſogar einige der herrlichſten Strophen in franzöſiſcher Ueberſetzung recitirte. Und allmälig begannen die ſtrengen Züge der Churfürſtin ſich zu erhellen, allmälig kehrte das Lächeln in ihr Antlitz zurück, und ihr ſtolzes Haupt neigte ſich gütiger dem„Emporkömmling Bonaparte“ zu. Oh, Sire, rief ſie raſch und freudig, und zum erſten Mal ver⸗ mied ſie es nicht, ihm die geziemende Anrede zu gewähren, oh, Sire, wer mit ſo edler Begeiſterung die engliſchen Dichter verſteht, der kann unmöglich ein Feind Englands ſein! Ich bin es auch nicht, ſagte Napoleon lächelnd, ich kenne über⸗ haupt gar keine Feindſchaft, der Friede iſt das einzige Ziel all meines Strebens, und ich denke, das Schickſal hat mich der Menſchheit geſandt, damit ich ihr den ewigen Frieden bringe! Freilich muß ich ihr dieſen durch Kampf und Unruhe erobern, aber ich werde ihn erobern, und dazu, Fürſtin, ſollen Sie und Ihr Gemahl mir helfen! Es iſt eine edle Aufgabe, welche ich da in Ihre Hände lege, aber die edle und ſtolze Tochter Englands iſt der höchſten Aufgabe würdig, und der deutſche Churfürſt wird dem edelſten Streben ſeiner Gemahlin nicht ——— 508 nachſtehen wollen, beſonders wenn es ſich dabei um die Ehre und das Wohl Deutſchlands handelt! Ich bin mit Freuden bereit, Alles was in meinen Kräften ſteht, und was Ew. Majeſtät mir befehlen wollen, für Deutſchland zu thun, rief der Churfürſt. Wollen Ew. Majeſtät mir nun andeuten, was ich zu thun habe? Sie müſſen ſich mit Frankreich verbünden, um Deutſchland zu retten, ſagte der Kaiſer faſt ſtrenge. Sire, ich habe nicht die Macht, allein nach meinem eigenen Ermeſſen ein ſolches Bündniß zu ſchließen, ich kann es nicht, ſeufzte der Churfürſt. Was Sie nicht können, kann Ihr Land, ſagte Napoleon raſch. Aber meine Stände werden nicht einwilligen! Gegen dieſe Stände werde ich Sie ſchützen! Sie werden überdies Ihren Ständen ſagen, daß Sie Würtemberg gerettet haben, indem Sie mein Bundesgenoſſe geworden. Denn wer nicht für mich iſt, der iſt wider mich, und diejenigen, welche wider mich ſind, werde ich vernichten, und Ihre Reiche ſollen in Trümmer fallen. Diejenigen aber, welche für mich ſind, werde ich erheben, und mir däucht, ich ſehe ſchon eine Königskrone auf der edlen Stirn der Frau Churfürſtin glänzen. Nicht wahr, fragte Napoleon, indem er ſich mit einem Lächeln wieder der Churfürſtin zuwandte, Ew. königliche Hoheit würden nicht unzufrieden ſein, wenn Sie zur Königin Ihres Volkes erhoben würden, es würde Ihnen angenehm ſein, Majeſtät genannt zu werden, und ſei's auch nur, weil Ihnen das eine liebe Rückerinnerung an Ihre königlichen Eltern wäre, welche man mit demſelben Titel nennt! Oh, Sire, rief die Churfürſtin mit ſtrahlehden Augen, und nicht im Stande ihre Freude zu unterdrücken, oh, Sire, Sie haben Recht, es wäre eine ſüße Rückerinnerung an mein Vaterhaus und an England! Aber würde eine Königskrone mein allzukleines Land nicht erdrücken?“ fragte der Churfürſt ſeufzend. Nun, ſo vergrößert man es, damit es im Stande und würdig iſt, eine Königskrone zu tragen, rief Napoleon raſch. Ich werde wohl die Gelegenheit und Macht haben, meinem Bundesgenoſſen Würtemberg für die Hülfstruppen, die er mir ſtellen wird, in Deutſchland einiges bezwingen ſein Eigen ſeine Die uf eine einzuniſt ſein müſſ in Gefah können. Bene ſei ſagte gluben( Oeſterrei meinem 2 Wollen( von dem Sire dienen, ri land zu deutſcher nehme a ſtche zu nerals vo Der Chur te und das iften ſcht, d zu thun, n, was i ſchland zu Ermeſſen Churfürſt. nraſch. vetnichten, ber, welche ſchon eine en. Nicht wieder der unzuftieden es würde ſeis auch öriglichen und nicht aben Recht, nEngland! land einge 509 Land zur Eiſchädigung und Belohnung darzubringen. Ueberdies gilt es für Sie einen großen Zweck. Sie ſollen mir helfen, Oeſterreich zu bezwingen, dis übermüthige Oeſterreich, das ganz Deutſchland als ſein Eigenthu andeln möchte, und alle deutſchen Fürſten nur als ſeine Diener Vaſallen betrachtet. rief der Churfürſt heftig, Oeſterreich verſucht ſtets ad herriſche Weiſe ſich in meine Machtvollkommenheit * öchte uns zu Vaſallen erniedrigen, die ſtets bereit ſein müſſen, ihrem Kaiſer zu gehorchen, die aber nie, wenn ſie ſelber in Gefahr ſind, auf die Hülfe und den Beiſtand ihres Kaiſers zählen können. Benehmen wir alſo Oeſterreich den Wahn, als ob es Ihr Herr ſei, ſagte Napoleon lächelnd. Werden Sie mein Bundesgenoſſe, und glauben Sie mir, wir werden wohl die Macht haben, dem Kaiſer von Oeſterreich Reſpect einzuflößen vor dem König von Würtemberg, meinem Bundesgenoſſen! Wollen Sie dazu mein Bundesgenoſſe ſein? Wollen Sie, als deutſcher Fürſt mir helfen, Deutſchland zu befreien von dem Joche, das Oeſterreich um ſeinen Nacken gelegt? Sire, ich bin bereit, mit meinem Blut und Leben Deutſchland zu dienen, rief der Churfürſt, und da Ew. Majeſtät gekommen ſind, Deutſch⸗ land zu befreien von Oeſterreich, ſo wäre es ein Verbrechen, wenn ein deutſcher Fürſt nicht dazu bereitwillig ſeine Hülfe bieten wollte. Ich nehme alſo Ihre Bundesgenoſſenſchaft an! Hier meine Hand! Ich ſtehe zu Ihnen mit meinen Truppen und mit meiner Ehre!*) *) Dieſe ganze Unterredung iſt ſtreng hiſtoriſch. Siehe: Memoiren des Ge⸗ nerals von Wolzogen und Häuſſer: deutſche Geſchichte Bd. II., S. 613.— Der Churfürſt von Würtemberg ward der dritte deutſche Bundesgenoſſe Na⸗ poleons, und folgte dem Vorgang der Churfürſten von Baden und Baiern. Er ſtellte dem franzöſiſchen Kaiſer ein Contingent von zehntauſend deutſchen Truppen. 510 III. Die Clavierſtunde der Königin Tuiſt euen Lieder und Com⸗ Die Königin ſaß am Clavier und ſtudirte ein Reichardt's ein, welche ihr Geſanglehrer, der Cor poniſt Himmel, ihr ſo eben gebracht hatte. Die ar in der glänzendſten Feſttoilette, die indeß weniger für kat net und den Muſiklehrer, als für einen großen Courtäg un e bornehme Verſammlung geeignet ſchien. Ein weißes, mit goldenen Blumen durch⸗ wirktes Atlasgewand, nach der damaligen Mode eng anſchließend, verhüllte ihre Geſtalt und ließ deren edle und ſchöne Formen errathen. Ihre herrlichen, weißen Arme waren unverhüllt, und nur am Handgelenk geſchmückt mit zwei Armbändern von Gold und Edelſteinen. Ihr Hals und ihre Schultern, welche die edlen Linien und Formen der Venus von Melos zeigten, waren gleich den Armen unbedeckt, und nur mit Goldgeſchmeide verziert. Ihr dunkelblondes Haar, in welligem Scheitel ihre Stirn von claſſiſcher Schönheit umgebend, war hinten im Nacken in einem griechiſchen Knoten zuſammengefaßt, in dem ſich die Endpunkte des goldenen, mit Brillanten geſchmückten Diadems berührten, welches ſich über dem Haupte der Königin erhob.*) Ihre Wangen waren ſanft geröthet, und um ihre purpurnen Lippen zitterte eben ein Lächeln voll Wehmuth und Rührung zu gleicher Zeit. Sie hatte die Hände auf die Taſten gelegt, und ihre Augen ruhten auf den Noten, welche auf dem Pult ſtanden; mitten im Singen war ſie aber auf einmal verſtummt, und in einem langen Seufzer war ihre Stimme verklungen. Herr Concertmeiſter Himmel ſtand hinter ihr, er war ein Mann von mehr als vierzig Jahren, mit breitem, behäbigem, von Geſundheit ſtrotzendem Geſicht, mit einer hohen, ſchlanken Figur, die ſich beſſer zu dem Kopf eines Apoll's gepaßt hätte, als zu dieſem Kopf, welcher mehr an einen Büffel als an einen Gott erinnerte. *) Ein Gemälde, welches die Königin genau in dieſem Coſtüm darſtellt, befindet ſich im Königlichen Schloſſe zu Berlin. welche vol fragte et ſingen? Reichardt ich würd tionen Reichard miffüllt De Himmel Reichardt Sie Aufſchla waren v — G S 1 nach ein ſingen. Dieſes ein friſc He unverſti günigin Vie des Co die Com dinkt,( Un halblau Lieder nd Com⸗ in der et und mehme men durch⸗ d, vechülle en hre Hondgelenk Ihr Hals der Venus nd mur nit em Scheitel im Nacken Endpunkte en, welches waren ſanft Licheln voll Hünde auf welche auf verſtummt, . ein Mann Geſundheit ich beſſer jl welcher mehr ſün duftll, 511 Als die Königin ſchwieg, überflog ein freudiges Lächeln ſeine Züge, welche vorher mißmüthig und düſter geweſen. Ew. Majeſtät verſtummen? fragte er haſtig. Ew. Majeſtät mögen alſo dies Lied nicht zu Ende ſingen? Nun, ich wünſche Ew. Majeſtät Glück dazu! Dieſer Herr Reichardt in Halle iſt ein gar ſüßlicher und arroganter Componiſt, und ich würd' nimmer gewagt haben, Ew. Majeſtät dieſe neuen Compoſi⸗ tionen ½ brin en, wenn Sie nicht befohlen hätten, Alles, was der Reichardt g ieben, zu ſehen. Nun haben wir's geſehen, und es mißfällt Ew. ajeſtät, was mich von Herzen freut, denn— Denn, unterbrach ihn die Königin ſanft, denn der große Componiſt Himmel iſt ſchon wieder eiferſüchtig auf den großen Componiſten Reichardt. Iſt's nicht ſo? Sie hob bei dieſer Frage ihre dunkelblauen Augen mit langſamem Aufſchlag zu Himmel empor, und er ſah, daß dieſe Augen feucht waren von Thränen. Wie? fragte er entſetzt. Ew. Majeſtät haben geweint? Sie nickte bejahend und mit einem ſanften Lächeln. Ja, ſagte ſie nach einer Pauſe, ich habe geweint, und deshalb konnte ich nicht weiter ſingen. Schelten und zürnen Sie nicht, mein geſtrenger Herr Lehrer. Dieſes Lied rührte mich, es iſt ſo einfach und tief empfunden, und wie ein friſcher Born des Gefühls aus dem Herzen hervorgequollen. Herr Himmel antwortete nur mit einem tiefen Seufzer und einem unverſtändlichen Gemurmel, das indeſſen von dem zarten Sinn der Königin verſtanden ward. Vielleicht, ſagte ſie, im ſanften Bemühen die Eiferſuchtsſchmerzen des Componiſten zu lindern, vielleicht ſind es mehr die Worte, als die Compoſition, welche mich rührten; dieſe Worte ſind ſo ſchön, daß mich dünkt, Göthe habe niemals etwas Schöneres geſchrieben. Und ſich vorwärts neigend, näher zu den Noten hin, las ſie mit halblauter Stimme: Wer nie ſein Brod mit Thränen aß, Wer nie die kummervollen Nächte Auf ſeinem Bette einſam ſaß Der kennt Euch nicht, Ihr himmliſchen Mächte! —— w 512 Sagen Sie ſelbſt, Herr Himmel, iſt das nicht ſchön und rührend? fragte ſie, wieder zu ihrem Lehrer emporſchauend. Schön und rührend für Diejenigen, welche viel geweint, und viel gehungert haben, ſagte Himmel rauh, aber ich begreife nicht, wie das Ew. Majeſtät rühren kann, Ew. Majeſtät, deren ganzes Leben bis jetzt wie ein einziger ſonnenheller Frühlingsmorgen die Welt durchleuchtet hat. Bis jetzt, wiederholte die Königin ſinnend, ja, bis jetzt war mein Leben in der That ein ſonnenheller Frühlingsmorgen, aber wer kann ermeſſen, was für Wolken ſich ſchon am Horizont aufthürmen, und wie trübe und bewölkt der Abend ſein mag. Dieſes Lied klingt wie eine ſchwermuthsvolle Ahnung in meiner Seele wieder, und heftet ſich an ihre Schwingen, als wollte es ihren Flug lähmen.„Wer nie ſein Brod mit Thränen aß“, ach wie traurig das klingt, und welche lange Geſchichte der Leiden in dieſen wenigen Worten liegt! Die Königin ſchwieg und über ihre Wangen floſſen langſam zwei Thränen nieder, die herrlicher und ſchöner erglänzten, als die Brillanten in ihrem goldenen Diadem. Herr Concertmeiſter Himmel hatte vielleicht nicht den Muth, das Schweigen der Königin zu unterbrechen, oder vielleicht hatte er ihre Worte gar nicht recht gehört, und ſeine Gedanken waren mit ganz andern Dingen beſchäftigt, denn ſeine Mienen waren zerſtreut und düſter, ſeine Blicke ſchweiften im Zimmer umher, und kehrten doch immer wieder zu der Geſtalt der Königin zurück. Auf einmal ſchien Luiſe ſich gewaltſam aus ihrem trüben Sinnen aufzuraffen, und indem ſie mit einer haſtigen Bewegung die Thränen aus ihren Augen fortſchüttelte, zwang ſie ſich zu einem Lächeln. Es iſt nicht gut, ſich ſchwermüthigen Ahnungen hinzugeben, ſagte ſie, zumal in Gegenwart eines geſtrengen Herrn Lehrers. Wir müſſen unſere Zeit nützlicher verwenden, denn die Zeit iſt ein gar koſtbares Gut, und wenn ich ſie nicht heute zu Rathe gehalten hätte, ſo würde ich keine Stunde für meinen Herrn Lehrer übrig behalten haben, denn heute Abend iſt große Cour, und vorher habe ich noch einige Beſuche f Ich habe alſo meine Abendtoilette ſchon am Nachmittag zu empfangen. gemacht, und dadurch Zeit gefunden zu meiner lieben Geſangſtunde. Augen N lachen die E Engel Sie d ſeiner hin, ſetze nigin rüihrendd „und viel wie das n bis jetzt euchtet hat. war mein wer kann n, und wie ſ wie eine tet ſich an r nie ſein che lange ngſam zwei Brillanten e er ihre wit ganz und diſter, doch immer den Sinnen je Thränen heln. eben, ſagte ir müſſen koſtbares , ſo winde haben, denn ige Beſuch Nachmittag eſangſtunde ſ Nun aber laſſen Sie uns auch ſtudiren, damit Sie an mir eine Schü⸗ lerin erziehen, welche Ihnen Ehre macht! Oh Majeſtät, rief Himmel heftig, meine Ehre und mein Glück— Still, ſtill, unterbrach ihn Luiſe mit einem bezaubernden Lächeln, keine Schmeicheleien, keine Hofmannswendungen! Ich bin hier nicht die Königin, und Sie ſind nicht mein devoter Unterthan; ich bin eine lernbegierige Schülerin und Sie ſind mein geſtrenger Meiſter, welcher das Recht hat, zu brummen und zu ächzen, wenn ich falſch ſinge, und welcher von dieſem Recht ſehr häufig Gebrauch macht. Entſchul⸗ digen Sie ſich deshalb nicht, ſondern fahren Sie ſo fort, deſto mehr werde ich lernen! Ew. Majeſtät ſingen wie ein Engel, murmelte Himmel, deſſen Augen unverwandt auf den ſchönen Schultern der Königin ruhten. Nun freilich, Sie ſind darin ein competenter Richter, rief Luiſe lachend, denn da Sie der Himmel ſind, müſſen Sie auch wiſſen, wie die Engel ſingen, und gegen Ihr Urtheil läßt ſich nicht ſtreiten. Die Engel ſingen alſo falſch, gleich Ihrer ergebenen Schülerin? Laſſen Sie die Engel das thun, aber Ihre Schülerin nicht. Kommen Sie, Herr Himmel, ſetzen Sie ſich. Es ziemt dem Maeſtro nicht, neben ſeiner Schülerin zu ſtehen. Setzen Sie ſich! Sie deutete mit einer anmuthigen Handbewegung auf den Seſſel hin, der neben ihr ſtand, und Herr Hinmel folgte ihrem Befehl, er ſetzte ſich. Unwillkürlich richteten ſeine Blicke ſich wieder auf die Kö⸗ nigin, deren Schönheit ſeinen kurzſichtigen Augen erſt jetzt recht leuch⸗ tend eutgegen trat, und die er vermeinte, niemals ſo holdſelig, ſo zauberhaft und anmuthig geſehen zu haben. Wie das Antlitz einer Fee erſchien ihm ihr ſchönes Geſicht, wie eine vom Phidias aus leben⸗ dem Marmor geformte Götterbüſte däuchten ihm ihre wundervollen Schultern und dieſer ſtolze, leuchtende Nacken, den er niemals unver⸗ hüllt und ſo nahe geſehen. Nun, fangen wir an, ſagte die Königin unbefangen. Ich bitte, ſpielen Sie mir da oben im Discant die Melodie und laſſen Sie mich einigemal dazu das Accompagnement ſpielen, dann wird das Singen beſſer gehen! Mühlbach, Napoleon. I. Bd 33 514 Sie begann eifrig und mit höher ſich röthenden Wangen die Eingangstacte zu ſpielen. Jetzt mußte Himmel einfallen mit der Me⸗ lodie, aber ſeine Blicke waren nicht auf die Noten, ſondern auf die Schultern der Königin gerichtet, und er verfehlte daher den Takt. Nun? fragte die Königin mit lieblicher Verwunderung ihn anſchauend, Sie kommen aus dem Takt? Ja, Majeſtät, ich komme aus dem Takt, rief Himmel grollend und finſter, ich komme ganz und gar aus dem Takt, und das kommt daher, daß ich doch auch nur ein Menſch bin und nicht in die Sonne ſehen kann, ohne den Sonnenſtich zu bekommen. Majeſtät, ich habe den Sonnenſtich und Sie ſehen, ich habe davon den Verſtand verloren! Indem er ſo ſprach, neigte er ſich dichter zu der Königin und vrückte einen glühenden Kuß auf ihre Schultern, dann ſprang er auf, griff haſtig nach ſeinem Hut und ſtürzte aus dem Zimmer.*) Die Königin ſchaute ihm nach mit dem Ausdruck des Erſtaunens und der Verwirrung, dann auf einmal brach ſie in ein helles, liebliches Lachen aus. Ach, ſagte ſie, wenn die Frau Oberhofmeiſterin Etiquette das geſehen hätte, ſie wäre entweder geſtorben vor Entſetzen, oder ſie hätte den Frevler zerſchmettert mit ihrem Zorn. Ich muß ihr doch dies Verbrechen bekennen. Frau Oberhofmeiſterin! Frau Oberhof⸗ meiſterin! rief ſie laut. Sofort öffnete ſich die Thür des Nebenzimmers und die Gräfin Voß erſchien in derſelben. Majeſtät haben gerufen, ſagte ſie und ſich im Zimmer umſchauend, warf ſie einen erſtaunten Blick auf die Pendule. Ach, meine liebe Gräfin, Sie wundern ſich, daß der Geſanglehrer Himmel ſchon fort iſt, obwohl die Stunde erſt zur Hälfte verfloſſen iſt? fragte die Königin heiter. Majeſtät, ſagte die Gräfin ſeufzend, ich ſollte mich eigentlich über nichts mehr wundern und niemals mehr erſtaunt ſein, wenn die Eti⸗ quette verletzt wird, denn das geſchieht ja leider täglich und ſtündlich! Ew. Majeſtät wiſſen überdies, daß dieſer ganze Herr Himmel mir ein Stein des Anſtoßes und ein Gräuel iſt! *) Hiſtoriſch. Un N regieren nehr l N Ihret irgend nigin guette meine muß, Würd Von Conce mert hofme zu fri wagt gewa Yhnet wollte von taun ugen die der Me⸗ auf die Lakt. ſchauend, grollend as kommt ie Sonne ich habe verloren! tigin und g er auf, Frſtaunens liebliches Etiguette oder ſie ihr doch Oberhof⸗ erzimners nſchauend, eſanglehrer everfloſſen ntlich übet n die Et⸗ ſtünlih! —— nel mir ein 515 Und weshalb, meine liebe Gräfin? fragte die Königin heiter. Majeſtät, deshalb, weil es gegen alle Etiquette iſt, daß eine regierende Königin noch Unterricht nehme und einen Lehrer hat. Wie, rief Luiſe, eine Königin darf alſo, der Etiquette gemäß, nichts mehr lernen? Nein, Majeſtät, denn es iſt vollkommen unziemlich, daß einer Ihrer Unterthanen der Lehrer ſeiner Königin werde, daß überhaupt irgend ein Menſch es wagen darf, die Königin zu tadeln. Nun, thun Sie das nicht recht oft, liebe Gräfin? fragte die Kö⸗ nigin gutmüthig. Ich wage es nicht, die Königin zu tadeln, ſondern nur die Eti⸗ quette zu vertheidigen und aufrecht zu halten, wie es mein Amt und meine Pflicht erfordert. Aber eine Königin, welche Unterricht nimmt, — muß, ſo lange der Lehrer da iſt, von ihrem Thron herabſteigen, der Würde ihres Ranges entſagen und ſtatt zu gebieten nur gehorchen. Von Etiquette kann alſo gar nicht mehr die Rede ſein. Sie haben gewiß recht, ſagte Luiſe heiter, wenigſtens iſt Herr Concertmeiſter Himmel ganz Ihrer Meinung, und die Etiquette küm⸗ mert ihn ganz und gar nicht. Soll ich Ihnen geſtehen, Frau Ober⸗ hofmeiſterin, weshalb der Herr Himmel heute um eine halbe Stunde zu früh fortgelaufen iſt? Fortgelaufen? fragte die Oberhofmeiſterin entſetzt. Er hat es ge⸗ wagt, fortzulaufen in Gegenwart Ihrer Majeſtät? Ja, er hat es gewagt, aber vorher hat er noch viel Schlimmeres gewagt. Er hat,— doch, liebe Gräfin, ſetzen Sie ſich erſt, es möchte Ihnen ſchwindlich werden. Nicht doch, Majeſtät, erlauben Sie mir zu ſtehen. Ew. Majeſtät wollten mir gnädigſt mittheilen, was der Herr Himmel— nicht einmal von Adel iſt dieſer Lehrer einer Königin!— was er gewagt hat. Nun hören Sie, ſagte die Königin lächelnd und ſich dicht an das Ohr der Gräfin neigend, hören Sie: Er hat mich auf die Schulter geküßt! Die Oberhofmeiſterin ſtieß einen durchdringenden Schrei aus und taumelte entſetzt zurück. 33 ½ 516 Geküßt? ſtammelte ſie. Ja, geküßt, ſeufzte die Königin, ich glaube wahrhaftig, es muß noch zu ſehen ſein! Sie ging mit leichten, ſchwebenden Schritten zu dem großen Spiegel hin und betrachtete in demſelben ihre Schulter mit einem reizenden, kindlichen Lächeln. Ja, dieſer kleine, rothe Fleck da, das iſt das Verbrechen des Herrn Himmel! ſagte ſie. Sagen Sie, Gräfin, welche Strafe hat er verwirkt? Darüber können die Gerichte allein entſcheiden, rief die Oberhof⸗ meiſterin feierlich. Denn es verſteht ſich von ſelbſt, daß wir ſogleich davon Anzeige machen. Das iſt Hochverrath, den dieſer Ver⸗ brecher begangen hat, man muß ſogleich dafür ſorgen, daß er ver⸗ haftet werde und unerhört wie ſein Verbrechen muß auch ſeine Strafe ſein! Erlauben Ew. Majeſtät, daß ich mich ſogleich zum König be⸗ gebe, um Nein, meine liebe Oberhofmeiſterin, ſagte die Königin, welche noch immer vor dem Spiegel ſtand und ihre eigene Geſtalt betrachtete, nicht mit den zufriedenen Blicken einer eitlen Frau, ſondern mit den ruhigen, ſtrengen Augen eines Kritikers, der ein Kunſtwerk prüft, nein, meine liebe Oberhofmeiſterin, wir werden uns wohl hüten, dieſe Sache zum Eclat zu bringen. Und am Ende iſt der Herr Himmel auch gar nicht ſo ſtrafwürdig, als es den Anſchein hat. Wie? Ew. Majeſtät wollen ihn noch vertheidigen? Nicht vertheidigen, aber entſchuldigen, Gräfin! Er war neben mir als mein guter, alter Lehrer, ich war ihm nicht die Königin, ſondern die Schülerin, und zwar, geſtehen wir es uns nur hier in der Stille, wo nur Gott, der die ganze Sache verſchuldet hat, uns hört— eine Schülerin mit ſehr ſchönen Schultern. Meine liebe Gräfin, ich bin eigentlich ſchuldiger als der arme Himmel, denn wenn die Königin Schülerin wird, muß ſie ſich erinnern, daß ihr Lehrer ein Mann iſt, und ſie muß ihn nicht blos als einen Automaten behandeln, welcher unterrichtet. Der einzige Richter, der in dieſer Sache zu ent⸗ ſcheiden hat, iſt mein Gemahl, der König. Er ſoll den Urtheilsſpruch fällen, ich we Erröthi tern le zu Ni nitthe . Gräfi des H verzei „ ohne; ſigin, und t Gott ja ſo Menſ alſo g mit e Und meiſte Gege von freu emp die Sie es mß großen rit einem echen des afe hat er Oberhof⸗ ir ſogleich ſer Ver⸗ er ver⸗ ine Sttafe König be⸗ in, welche betrachtete, n mit den rüft, nein, ieſe Sache l auch gar war neben e Königin, un hier in hat, uns eine liebe denn wenn Lehret ei⸗ behandeln, che zu ent⸗ heilsſpruch fällen, und wenn er erlaubt, daß Herr Himmel wieder kommt, ſinge ich weiter. Nur, ſetzte die Königin lächelnd und mit einem zarten Erröthen hinzu, nur werde ich künftig einen Shawl um meine Schul⸗ tern legen. Und jetzt, meine liebe Gräfin, bitte ich Sie, ſprechen wir zu Niemand von der kleinen Affaire. Ich ſelbſt werde ſie dem König mittheilen und ſeine Entſcheidung fordern. Ich werde ſchweigen, weil Ew. Majeſtät es befehlen, ſeufzte die Gräfin. Aber es iſt unerhört und höchſt entſetzlich. Das Verbrechen des Hochverraths iſt begangen und die verletzte königliche Majeſtät will verzeihen, ohne zu ſtrafen! Oh ja, das will ich, rief die Königin freudig. Zu verzeihen, ohne zu ſtrafen, iſt das nicht die heiligſte und edeſſte Macht der Kö⸗ nigin, nicht der leuchtendſte Edelſtein in unſerer Krone? Welche arme und beklagenswerthe Menſchen wären doch die Könige, wenn ihnen Gott nicht das Recht der Gnade gegeben hätte! Wir ſelber bedürfen ja ſo vieler Gnade und Verzeihung, denn wir irren und fehlen wie Menſchen und ſollen doch richten und ſtrafen wie Götter! Seien wir alſo gnädig, damit auch wir einſt gnädig gerichtet werden! Eben öffnete ſich die Thür des Vorſaals und der dienſtthuende Kammerherr trat herein. Majeſtät, ſagte er, der Prinz Louis Ferdinand und der Miniſter von Hardenberg bitten um eine Audienz bei Ihrer Majeſtät. Ich erwartete die Herren um dieſe Stunde, ſagte die Königin mit einem flüchtigen Blick auf die Pendule, laſſen Sie ſie alſo eintreten. Und Sie, meine liebe Gräfin, leben Sie wohl! Majeſtät befehlen, daß ich mich zurückziehe? fragte die Oberhof⸗ meiſterin zögernd. Die Etiquette erfordert, daß die Königin nur in Gegenwart ihrer Oberhofmeiſterin oder Hofdame Andienz ertheile. Meine liebe Gräfin, ſagte die Königin mit einem leiſen Anflug von Ungeduld, ich will aber eben keine Audienz ertheilen, ſondern den freundſchaftlichen Beſuch meines königlichen Couſins und ſeines Freundes empfangen, und da ſie, wie ich weiß, mir Dinge anvertrauen wollen, die Niemand außer mir hören ſoll, ſo empfange ich ſie allein Haben Sie alſo die Güte, ſich zurückzuziehen! 518 Se. königliche Hoheit der Prinz Louis Ferdinand und Se. Excel⸗ lenz der Staatsminiſter von Hardenberg, rief der Kammerlakai, die beiden Flügelthüren weit öffnend. Die Königin nickte der Oberhofmeiſterin einen Abſchiedsgruß zu und that einige Schritte vorwärts, den Eintretenden entgegen, während die Gräfin mit ſchmerzlichem Seufzen durch die Seitenthür verſchwand. IV. Die Conferenz. Der Prinz Louis Ferdinand, der Neffe Friedrichs des Großen, und der Miniſter von Hardenberg, waren in dieſem Augenblick die populärſten Männer in Preußen, weil man von Beiden wußte, daß ſie die Häupter derjenigen Partei waren, welche am Berliner Hof ein Anſchließen Preußens an die Coalition von England, Rußland und Oeſterreich als die einzige Rettung des Vaterlandes betrachteten, wäh⸗ rend der Miniſter von Haugwitz, der Geheime Cabinetsrath Lombard und der General von Köckeritz den König immer wieder zu einem Bündniß mit Frankreich hinzudrängen verſuchten. Der Prinz Louis Ferdinand, ein ſchöner, junger Mann von kaum dreißig Jahren, in ſeiner glänzenden Uniform, die eng und zierlich ſeine hohe, edle Geſtalt umfloß, in der That wie ein Kriegsheld an⸗ zuſchauen, war daher auch ganz beſonders noch der Liebling der Sol⸗ daten, welche ſich die unglaublichſten und erſtaunlichſten Wunderdinge von ſeiner Tolltühnheit und ſeiner Wagehalſigkeit zu erzählen wußten. Er war außerdem der Liebling der Frauen, die ihn den liebenswür⸗ digſten und ſchönſten Mann der ganzen Monarchie nannten, und ſeine vielen Treuloſigkeiten und Aventuren, ſein wildes, üppiges Leben, ſeine Verſchwendungsluſt und ſeine vielen Schulden voll liebenswürdiger Nachſicht mit der großen Genialität des Prinzen zu entſchuldigen wußten. Und einer die S Fluch, 1 oder Käm franz ſelten nicht Se. Ercel⸗ lakai, die ögruß zu „während erſchwand. es Großen, genblic die vußte, daß er Hof ein land und teten, wäh⸗ th Wmbard zu einem n von kaum und zierlich egsheld an⸗ ig der Sol⸗ gundetdinge len wußten. liebenswit⸗ n, und ſeine Leben, ſeine enswitdiger igen mußten 519 Und in der That, er war ein ungewöhnlicher und ſeltener Menſch, einer von Denen, welchen die Gottheit den Stempel des Genies auf die Stirn gedrückt, nicht aber zu ihrem Segen, ſondern zu ihrem Fluch, und welche entweder an ihrer Genialität ſich ſelber verbluten, oder Andern damit beſtändig empfindliche Wunden ſchlagen. Der Miniſter von Hardenberg, welchem es jetzt nach langen Kämpfen gelungen war, den Miniſter von Haugwitz und damit die franzöſiſche Partei in den Hintergrund zu drängen, gehörte zu jenen ſeltenen und auserleſenen Staatsmännern, welche ſich die Diplomatie nicht zu einem Geſchäft, ſondern zu einer Lebensaufgabe gemacht, und „chr alle Kräfte, alle Gedanken und alle Empfindungen ihrer Seele geweiht haben.— Hannoveraner von Geburt und in ſeinem Vaterlande früh Carriere machend, war er dennoch bald in die Dienſte des Her⸗ zogs von Braunſchweig übergetreten, und wurde nach dem Tode Friedrichs des Großen von dem Herzog damit beauftragt, das Teſta⸗ ment des Königs, welches derſelbe in dem herzoglichen Archiv in Braunſchweig deponirt hatte, nach Berlin zu bringen.*) Der König Friedrich Wilhelm der Zweite, mit richtigem Blick in dem jungen Ge⸗ ſandten den künftigen Staatsmann erkennend, hatte ihn für ſeinen Dienſt gewonnen, und der Baron von Hardenberg war von ihm mit der ſchwierigen Miſſion betraut worden, den Anſchluß Baireuths an Preußen zu vermitteln, den Markgrafen mit ſeinen Anſprüchen abzu⸗ finden, die ungeheuren Schulden, von denen Baireuth faſt erdrückt ward, möglichſt raſch zu tilgen, und dem Lande, welches ſo viel ge⸗ litten, ſeinen Wohlſtand und ſeine Zufriedenheit wieder zu geben. Alsdann war er zum Staats⸗ und Kriegsminiſter in Preußen ernannt worden, und ſeitdem hatte man ihn immer thätig und eifrig geſehen, Preußen nach ſeiner beſten Ueberzeugung zu dienen, aber in Preußen auch das Intereſſe des geſammten großen Vaterlandes, die Intereſſen Deutſchlands, zu vertreten. Dieſe Intereſſen ſchienen ihm vor allen Dingen durch den Einfluß Frankreichs gefährdet, und er hatte es daher als eine Hauptaufgabe betrachtet, Preußen wenigſtens vor dieſem *) Memoires d'un homme d'état. Vol. I. 302 1 . — 520 ſchädlichen Einfluß zu bewahren, und es lieber hinüberzudrängen auf die andere Seite, auf die Seite der Coalition, ſtatt es gleich dem armen Vöglein von dem Baſilisken Frankreich verſchlingen zu laſſen. Dieſes Bemühen, das ihn in fortwährendem Conflict mit den eigent⸗ lichen Lieblingen und Vertrauten des Königs, mit Haugwitz und Köckeritz, erhielt, hatte ihm indeß die allgemeine Liebe und Hochachtung der preußiſchen Patrioten erworben, und ihm eine außerordentliche Popu⸗ larität verſchafft. Dieſe beiden Lieblinge der preußiſchen Patrioten alſo waren es, welche eben in das Cabinet der Königin eintraten. Luiſe erwiederte die vertrauliche und mehr freundſchaftliche als reſpectvolle Begrüßung des Prinzen mit einem Lächeln und einem Kopfneigen, und nahm die ehrfurchtsvolle Verbeugung des Miniſters mit der ruhigen, ſtolzen Würde einer Königin an. Nun, mein luſtiger und übermüthiger Couſin, ſagte ſie dann, ſich an den Prinzen wendend, giebt es wieder einige Sünden zu beichten, einige Disciplinarfehler zu verſöhnen, einige Thränen zu trocknen, und die Gnade des Königs für unſere Genialität zu erflehen? Und iſt es deshalb, daß Sie Sich da einen ſo beredten Anwalt und Fürſprecher mitgebracht haben? Nein, Majeſtät, ſagte der Prinz ſeufzend, es iſt leider dies Mal keine Rede von luſtigen Streichen und angenehmen Sünden, und ich fürchte, ich bin im Begriff, ein höchſt ernſthafter Menſch zu werden, und allen tollen Streichen Valet zu ſagen. Der Herr Miniſter iſt daher dies Mal auch nicht hier, um mich zu vertheidigen, und die gnädige Vermittlung meiner königlichen Couſine für mich zu erflehen, ſondern wir Beide ſind gekommen, um den Nothſchrei und den Angſtruf Preußens vor den Ohren Eurer Majeſtät wiederklingen zu laſſen, und Sie zu beſchwören, uns beizuſtehen, daß wir Preußen erretten vor dem Abgrund, an deſſen Rande wir uns befinden! Die Königin ſah bald den Prinzen, bald den Miniſter mit ernſten, verwunderten Blicken an. Es iſt alſo eine politiſche Conferenz, welche Sie von mir begehren? fragte ſie, und als Beide ſchwiegen, fuhr ſie lebhafter und mit leicht erregter Stimme fort: Dann, meine Herren, muß die Pe Intrig aber k in ſein an me zu laf zu helſ Un hitten, m Nat Ihrer zufleher I Sie, re Kinder? hören handel E Eriſten ſich da von Al Hohng Julien oder e Chre auswe Viſir und Stell ingen uf leich dem zu laſſen. n eigent⸗ Kückrit, ſtung der e Popr⸗ waren es, liche als d einem Miniſters dann ſich beichten, nen, und nd iſt es ürſprecher dies Mal „und ich u werden, iniſter iſt „und die erflehen, nAngſtuf ſſen, und retten vor it ernſten, nz welhhe fuhr ſie ne Herren, muß ich S bitten, mich zu verlaſſen, denn ich verſtehe mich nicht auf die Politik und ich habe durchaus nicht den Ehrgeiz, eine politiſche Zntriguann zu werden. Ich bin die Frau des regierenden Königs, aber keinetegierende Königin; mein einziges Beſtreben iſt, den König in— zu einem glücklichen Manne zu machen und ihn an meineß Seite die Politik und die Sorgen der Regierung vergeſſen zu laſſen. Ich fürchte, Majeſtät, ſagte Herr von Hardenberg feierlich, ich fürchte, jie Zeit für ſolche Idylle auf dem Thron iſt jetzt vorüber, und ſtatt den König die Sorgen der Regierung vergeſſen zu machen, wird es die größere Aufgabe Ew. Majeſtät ſein, ihm dieſelben tragen zu helfen! Und wir ſind gekommen, meine edle und hochherzige Couſine zu bitten, daß ſie das thut, rief der Prinz feurig. Wir ſind gekommen un Namen Preußens, im Namen aller deutſchen Patrioten, im Namen Ihrer Kinder, Sie um Ihren Beiſtand und Ihre Mitwirkung an⸗ zuflehen. Im Namen meiner Kinder? rief die Königin erbleichend. Reden Sie, reden Sie, was iſt geſchehen, was für ein Unglück bedroht meine Kinder?— Ich wollte Sie nicht hören als Königin, jetzt will ich Sie hören als Mutter, welche für das Glück ihrer Kinder bangt. Um was handelt es ſich, von welchem Unheil iſt die Rede? Es handelt ſich um die Unabhängigkeit und vielleicht um die ganze Exiſtenz Preußens, ſagte Miniſter von Hardenberg feierlich, es handelt ſich darum, ob Preußen entweder ein iſolirter, von Allen gemiedener, von Allen verachteter Staat ſein ſoll, den Frankreich dann unter dem Hohngelächter der ganzen Welt ungeſtraft verſchlingen darf, wie es Italien, wie es Holland und das rechte Rheinufer verſchlungen hat, oder ob Preußen ſich ſeine Macht, ſeine Selbſtſtändigkeit und ſeine Ehre bewahren will, indem es endlich der Entſcheidung nicht mehr ausweicht, ſondern ſeinen Freunden, wie ſeinen Feinden mit offenem Viſir entgegentritt, und ſtatt der ewig hinhaltenden, ewig vermittelnden und balancirenden Stellung endlich eine active, entſcheidungsvolle Stellung wählt! ————— Es handelt ſich darum, dieſem Herrn Kaiſer von Fukreich end⸗ lich einmal kräftig gegenüber zu treten, rief der Prinz eneriſch. Wenn wir ihm nicht endlich widerſtreben, wird er bald auch unſe Herr ſein, wie er der Herr aller Derer iſt, welche ſich ſeine Budesgenoſſen nennen, und doch weiter nichts ſind als ſeine Sclaven. Mein Herz bäumt ſich auf in Wuth, wenn ich ſehe, wie ganz Deutſchlad jetzt er⸗ zittert vor dieſem Corſiſchen Advocatenſohn, vor dieſem Tynnnen, der den edlen und unſchuldigen Herzog von Enghien ermordet hat, und ſich nicht begnügt, Frankreich in Ketten gelegt zu haben, ſoidern die ganze Welt unter ſeinem Kaiſermantel auffangen möchte, um deſſen goldene Bienen ſich daran mäſten zu laſſen. Und es wird ihm gelingen, wenn wir nicht Widerſtand leiſten, denn ſein Wort iſt jetzt ſchon Geſetz und Befehl für die halbe Welt, und was dieſer Kaiſer will, das thut er. Wahrhaftig, wenn es ihn eines Tages gelüſtete, ein Gericht von Prinzenohren zu eſſen, ich würde weder meine eigenen Ohren, noch die Ihrer jungen Prinzen mehr für ſicher halten.*) Die Königin hatte für dieſen mit zorniger Stimme geſprochenen Scherz des Prinzen kein Lächeln und kein Beifallszeichen, ſie wandte ſich mit ernſten, ſorgenvollen Mienen wieder dem Miniſter zu. Iſt etwas Neues geſchehen? fragte ſie. Hat die Situation ſich verändert? Ja, Majeſtät, ſagte der Miniſter, die Situation hat ſich verändert, der Kaiſer Napoleon hat es gewagt, unſere Neutralität zu verletzen, und wenn Preußen jetzt nicht Genugthuung fordert, ſo iſt es entweder an ſeiner Ehre verletzt, oder es ſtellt ſich vor aller Welt als der Bundesgenoſſe Frankreichs dar und fordert ſomit die offene Feindſchaft Oeſterreichs, Rußlands und Englands heraus. Sie wagen zu ſagen, daß Preußen an ſeiner Ehre verletzt worden, und zweifeln, daß der König den Beleidiger zur Rechenſchaft ziehen werde? rief die Königin glühend und mit flammenden Augen. Der König, welcher die Ehre und Hoheit ſelber iſt, wird nicht dulden, *) Prinz Louis Ferdinand's eigene Worte. Siehe: Rahel und ihre Freunde. Theil I. daß auch! er vird ir will, an d Oh, dann für Schönheit ſpiegeln, Sie mir geſandt h rechten V die Miſſic edlen und Sie Den kräftige barmen Sie der Und rung zitte foltenen Erl beuge, ſe und ver unſern ſitzen di ſeines e vermöge bringen edler un Nieman möchtet Zulun eich end⸗ Wen err ſein, genoſſen Rein Herz d jetzt er⸗ innen, der hat, und ordern die un deſſen ngelingen, cho Geſetz das thut Gericht von n noch die geſprochenen ſie wandte zu. tuation ſich ch verändert, zu verletzen, es entwedet gelt als der eFeindſchaft lett worden, ſchoft jchen lugen Der nicht dulden, ihre Freunde 523 daß auch nur der Schimmer eines Fleckens auf Preußens Ehre falle, er wird in edlem Zorn jede freche Hand zurückſtoßen, die es wagen will, an dem Palladium unſrer Ehre zu rütteln. Oh, wenn Sie ſo denken und ſprechen, rief der Prinz begeiſtert, dann fürchte ich nichts mehr, dann iſt Preußen gerettet! Wie ich Ew. Majeſtät jetzt betrachte, wie Sie daſtehen in Ihrer wunderbaren Schönheit, mit dieſen Augen, welche Ihren inneren Himmel wieder⸗ ſpiegeln, mit dieſem begeiſterungsſtrahlenden Angeſicht, ſo ſcheinen Sie mir der Genins zu ſein, welchen das Schickſal für Preußen aus⸗ geſandt hat, damit er es behüte und beſchütze, und es führe auf die rechten Wege und zu den rechten Zielen! Oh, Königin, erfüllen Sie die Miſſion, welche Ihnen das Schickſal gegeben, folgen Sie Ihrem edlen und heiligen Beruf, ſeien Sie der Genius Preußens, und geben Sie Denen, welche zagen und ſchwanken, feſten Männermuth und that⸗ kräftige Entſchlüſſe! Königin, auf meinen Knien beſchwöre ich Sie, er⸗ barmen Sie Sich Preußens, erbarmen Sie Sich Ihrer Kinder, ſeien Sie der Genius Preußens! Und ganz außer ſich, mit Thränen in den Augen, mit vor Rüh⸗ rung zitternden Lippen kniete der Prinz vor der Königin nieder, die ge⸗ faltenen Hände flehend zu ihr erhebend. Erlauben mir Ew. Majeſtät, daß auch ich mein Knie vor Ihnen beuge, ſagte Miniſter von Hardenberg feierlich, daß auch ich Sie anbete und verehre als den Genius Preußens, von dem wir Alle unſer Heil, unſern Frieden und unſere Ehre erwarten! Oh Königin, Sie allein be⸗ ſitzen die Macht, das Herz des Königs zu rühren und die Zweifel ſeines edlen und ehrenhaften Gemüthes zu löſen, Sie allein werden vermögen, was weder unſere Gründe, noch unſere Bitten zu Stande bringen konnten, Sie allein werai Unſchlüſſigkeit zu der Kraft edler und mannhafter Entſchlüſſe erheben können! Nichts, kein Wort gegen den König! rief die Königin faſt ſtreng. Niemand wage zu behaupten, daß es dem König an mannhaften Ent⸗ ſchlüſſen, an edler Kraft gebricht. Wenn er zaudert, wo Ihr handeln möchtet, ſo geſchieht es, weil er weiſer und beſonnener als Ihr die Zukunft ſchaut, während Ihr nur die Gegenwart ſeht, weil er die ——— — 524 Folgen erwägt und berechnet, während Ihr nur die That des Augen⸗ blicks wollt!— Aber ſtehen Sie auf, meine Herren, laſſen Sie uns nicht eine exaltirte Scene aufführen, wo Alles darauf ankommt, be⸗ ſonnen zu ſein und zu überlegen! Laſſen Sie uns alſo vernünftig und ernſt mit einander ſprechen, erklären Sie mir, was geſchehen iſt und welche Gefahr Preußen, welche Gefahr meine Kinder bedroht. Ich gewähre jetzt Ihren Wunſch, wir wollen eine politiſche Conferenz hal⸗ ten! Setzen wir uns alſo und fangen wir an! Sie nahm auf dem Divan Platz und winkte den Herren, auf den beiden Seſſeln ihr gegenüber ſich niederzulaſſen. Jetzt ſagen Sie mir, was geſchehen iſt und um was es ſich han⸗ delt! Herr Miniſter von Hardenberg, ich bitte Sie, geben Sie mir genaue und faßliche Auskunft über unſere politiſchen Zuſtände, denn ich habe es Ihnen ja ſchon geſtanden, ich habe mich niemals mit der Politik befaßt und verſtehe nichts davon. Mein Gott, ich war zu glücklich und mein Leben war zu ſehr ausgefüllt von meinem Glück, als daß ich nöthig gehabt hätte, ihm durch die Politik einen Inhalt zu geben. Aber ich ſehe wohl, daß die ſchöne Zeit des ſtillen Glückes jetzt vorüber iſt! Reden wir alſo von Politik. Sie ſagten vorhin, Preußen ſei von Frankreich beleidigt worden? Ja, Majeſtät, es iſt beleidigt worden und zwar in ſeinem hei⸗ ligſten und unverbrüchlichſten Recht, in ſeinem Recht der Neutralität, rief Hardenberg. Der König, in dem hochherzigen Bemühen, ſeinem Volk die Segnungen des Friedens zu erhalten, wollte ſich zwiſchen all dieſen Kämpfen und Stürmen, welche die Welt erfüllen, neutral er⸗ halten und, keiner Partei und keiner Macht Freund und Bundesgenoſſe, ſich ſtützen auf ſeine eigene Kraft allein, er wollte abwarten, vermitteln und ſchlichten, aber nicht angreifen, nicht handeln und entſcheiden! Es kann Zeiten geben, wo dieſe Rolle eine edle und gewichtige iſt und wo ſie den Frieden der Welt vermittelt, aber es kommt dabei immer auf Diejenigen an, mit denen man vermitteln, ſchlichten und neutrali⸗ ſiren will. Mit Männern von Ehre, mit Fürſten, welchen ihr Wort heilig iſt, und welche Verträge nicht zu verletzen wagen, kann man neutral bleiben, nicht aber mit Solchen, denen ihr Wort nur ſo lange heilig iſt, als e nige nicht ſtht. Es weder der und dieſer Rußland j Heſterreich machte, d ſchiren laſ erklärung zu machen. wenn nicht Depeſche h hätte, in v Fordetung bloße Dro zu voller gegen di Schrei des hielt von! Frankreich fand ſeine Beweis e wiſſen es, ſchwarzen enpfange gleitet vor et einen S von dem Und des höchſ s Augen⸗ Sie uns mmt, be⸗ ünftig und n iſt und toht. Jch ferenz hal⸗ n auf den ſich han⸗ Sie mir ide, denn ls mit der ch war zu nem Glick, Inhalt zu ſlickes jetzt „Preußen ſeinem hei⸗ Neutraltit, en, ſeinem wiſchen al neutral er⸗ desgenoſe, vermitteln entſcheiden! ige iſt und bei immer d neutral⸗ Vort heilig nan neutral lange heilg — 5 525 iſt, als es ihr eigener Vortheil erheiſcht, und die nur ſo lange die Ver⸗ träge nicht verletzen, als dies ihren ſelbſtſüchtigen Plänen nicht wider⸗ ſteht. Es iſt ein Grundſatz der Neutralität, daß man ſein Gebiet weder der einen noch der andern Macht, welche ſich befehden, öffnet, und dieſer Grundſatz iſt bisher immer heilig gehalten worden. Als Rußland jetzt, da es ſeine Truppen zum zweiten Mal auf den Hülferuf Oeſterreichs nach Deutſchland ſenden will, dem König die Anzeige machte, daß es dieſe Truppen durch Südpreußen und Schleſien mar⸗ ſchiren laſſen werde, erachtete der König dieſe Anzeige einer Kriegs⸗ erklärung gleich und Se. Majeſtät befahl ſofort die ganze Armee mobil zu machen. Wir ſtänden jetzt im offenen Kampf Rußland gegenüber, wenn nicht der Kaiſer Alexander ſchon am Tage, nachdem die erſte Depeſche hier angekommen, eine zweite Depeſche an den König geſandt hätte, in welcher er um Entſchuldigung bat und erklärte, ſich mit ſeiner Forderung übereilt zu haben!*) Aber dieſer Schritt Rußlands, dieſe bloße Drohung einer Neutralitätsverletzung hatte doch genügt, Preußen zu voller Waffenrüſtung zu erheben und zwar zur Waffenrüſtung gegen die Coalition von Oeſterreich, Rußland und England. Ein Schrei des Entſetzens ging durch ganz Deutſchland, als es Kunde er⸗ hielt von dieſem erſten Schritt, mit welchem Preußen ſich öffentlich für Frankreich und gegen die Coalition zu erklären ſchien, und dieſer Schrei fand ſeinen Wiederhall im Ausland, wir davon einen ſchlagenden Beweis erhalten durch den König Guſtav von Schweden! Ew. Majeſtät wiſſen es, wie dieſer König durch ſeinen Geſandten von Bernſtorf den ſchwarzen Adlerorden, welchen er früher von dem hochſeligen König empfangen, Sr. Majeſtät dem König von Preußen zurückſandte, be⸗ gleitet von einem beleidigenden Schreiben, in welchem er ſagte:„daß er einen Orden nicht tragen könne, den Monſieur Bonaparte auch jüngſt von dem König erhalten habe.“ Und an demſelben Tage, an welchem dieſe beleidigende Rückgabe des höchſten preußiſchen Ordens ſtattfand, rief der Prinz Louis Ferdinand — *) Häuſſer, Deutſche Geſchichte. II. 635.— Mémoires d'un homme d'état. VIII. 474. —— 8 — 526 mit rauhem, zornigem Lachen, an demſelben Tage erhielt der König von Preußen vom Kaiſer von Frankreich das Groß⸗Cordon und noch ſieben andere Großkreuze der Ehrenlegion, zur Vertheilung an die Prinzen und Miniſter. Und wir nahmen dieſe ſieben Orden nicht blos an, ſondern wir ſandten zum Dank ſieben ſchwarze Adlerorden nach Paris als Gegengeſchenk.*) Aber Sie vergeſſen zu bemerken, daß der König auch an demſelben Tage dem König von Schweden den Seraphinen-Orden zurückſchickte, und ſeinen Geſandten abberief, ſo daß wir jetzt in offenbarer Feind⸗ ſchaft mit Schweden ſtehen, ſagte die Königin lebhaft. Oh, meine königliche Couſine, Sie verrathen Ihr Geheimniß, rief der Prinz freudig, Sie wollten uns glauben machen, daß Ew. Majeſtät ſich gar nicht um die Politik bekümmerten, und jetzt kennen Sie die kleinſten Details derſelben ganz genau! Ich nehme Theil an Allem, was das Herz meines Mannes kränkt, ſagte die Königin einfach, und jener Vorgang hatte ihn bitter und ſchmerzlich gekränkt. Oh, Majeſtät, er war doch nur ein Vorſpiel von andern Kränkungen und Beleidigungen, die wir erdulden müſſen, wenn der König ſie nicht rächen will, rief Hardenberg energiſch. Man hat von Preußen geſagt, daß es zu Frankreich ſtehe, blos weil es Rußland nicht den Durchmarſch durch ſein neutrales Gebiet gewähren wollte, und weil es ſeine Armee prohend gegen das drohende Rußland aufſtellte, was würde die Welt aber erſt ſagen, wenn es erführe, was jetzt geſchehen iſt! Nun, und was iſt geſchehen? fragte die Königin athemlos. Der Kaiſer von Frankreich hat das ausgeführt, womit Rußland nur drohte. Der Kaiſer von Frankreich hat, ohne anzufragen, einen Theil ſeiner Armee unter Anführung Bernadotte's durch preußiſches Gebiet marſchiren laſſen, er hat gegen alle Verträge und alles Völker⸗ recht, und trotz der lebhafteſten Proteſtation der preußiſchen Behörden ſeine Truppen durch preußiſch Franken, durch Anſpach und Baireuth marſchiren laſſen. *) Hiſtoriſch. Siehe: Häuſſer. Deutſche Geſchichte. II. 576. Die Vangen e Veiß Er w hewahrten ſcheidung Und Maj drohte un es ſteht n thut, wom Wuffen ge ßeder und Porgehene Nein wir mach aber wir und Wide da, und b Eroberet i Zwietrach von Deu Gemüthe bald die Deutſchla als eine ſie nicht damit er Wann es allein in Nopoleo ke iſ abged der Körig und noch an die nicht blos rden nach demſelben rücſchickte, rer Feind⸗ mniß, rief Majeſtät n Sie die * nes kränkt, bitter und rinkungen g ſie nicht en geſagt, urchmaſch eine Amee e die Welt los. it Rußland agen, einen preußiſches n Behörden d Baireuth Die Königin ſtieß einen Schrei der Ueberraſchung aus, und ihre Wangen erbleichten. Weiß es der König bereits? fragte ſie. Er weiß es ſchon ſeit geſtern, ſagte Hardenberg ernſt. Wir bewahrten das Geheimniß, weil wir dieſe Nachricht erſt mit der Ent⸗ ſcheidung des Königs in das Publikum bringen wollten. Und dieſe Entſcheidung, iſt ſie ſchon erfolgt? fragte die Königin. Majeſtät, ſagte Hardenberg feierlich, ſie iſt erfolgt! Als Rußland drohte unſer Gebiet zu verletzen, machten wir unſer Heer mobil, und es ſteht noch gerüſtet und in Waffen! Jetzt, da Frankreich wagt und thut, womit Rußland nur drohte, jetzt wenden wir uns nicht mit unſern Waffen gegen ihn, die Beleidigung zu rächen, ſondern wir nehmen die Feder und ſchreiben, und fordern eine Erklärung dieſes auffallenden Vorgehens von Frankreich. Wir drohen wohl, aber wir ſchlagen nicht.*) Nein, wir ſchlagen nicht, rief der Prinz mit einem bittern Lachen, wir machen mobil gegen unſere natürlichen Freunde und Bundesgenoſſen, aber wir erheben das Schwert nicht gegen unſere natürlichen Feinde und Widerſacher. Das Heer Friedrichs des Großen ſteht kampfgerüſtet da, und bleibt doch müßig und ſieht unthätig zu, wie der beuteluſtige Eroberer immer weiter vordringt in Deutſchland, wie er überall Verrath, Zwietracht und Unheil ſäet, wie er Die deutſchen Fürſten zum Abfall von Deutſchland beredet, ſei's mit Gewalt oder mit Liſt, wie er die Gemüther vergiftet und verderbt, und die Charactere ſo vernichtet, daß bald die Begriffe von Treue, Redlichkeit und Standhaftigkeit aus Deutſchland verſchwunden, und die Deutſchen nichts ſein werden, als eine Horde von Sclaven, die ſelig ſind, wenn ihr Tyrann ſie nicht allzuoft die Peitſche fühlen läßt, und ihm die Füße küſſen, damit er wenigſtens milde und ſanft über ihren Nacken dahin ſchreite! Wenn es jetzt dem Tyrannen gelingt, Oeſterreich zu demüthigen, das allein in Deutſchland den Muth gehabt, ihm entgegen zu treten, wenn Napoleon das öſterreichiſche Herr ſchlägt, dann iſt es vorbei mit Deutſch⸗ *) Dieſe Depeſche, in welcher Preußen Genugthuung von Frankreich fordert, iſt abgedruckt in den Mémoires d'un homme d'état. Vol. VIII, 475. 528 land, dann wird es nur noch eine franzöſiſche Provinz ſein, gleich Italien und Holland; alle deutſchen Fürſten werden ihre Kronen zu den Füßen Napoleons niederlegen, und froh ſein, wenn er ſie wenigſtens als ſeine Statthalter duldet in ihren früheren Landen, oder ihnen wenigſtens ihre hohlen Titel läßt, nachdem er ihnen ihre Länder genommen hat! Nein, nein, rief die Königin, dahin darf es, dahin ſoll es nicht kommen! Preußen iſt da, um die Ehre Deutſchlands zu wahren, Preußen wird ſich erheben, ein ſieggewohnter Held, und es wird den Eroberer von ſeinen Grenzenzzurückſchlagen, es wird ſich den Frieden mit den Waffen erkämpfen, da es ihn nicht mit der Feder erhalten konnte! Sie haben Recht, die Zeit der Neutralität und des Zauderns iſt vorüber, und jetzt muß gehandelt werden. Auch ich will nicht länger Sie haben die Mutter und neutral bleiben, auch ich will handeln. die Gattin aufgerufen, und ihr die Gefahr gezeigt, welche ihre Kinder und ihren Mann bedroht, Sie haben die Tochter Deutſchlands gemahnt an die Schreckniſſe, welche ihr Vaterland, Sie haben die Königin von Preußen gewarnt vor dem Unheil, welches ihr Volk bedroht. Die Mutter, die Gattin und die Königin hat Sie gehört und verſtanden. Die Zeit der Neutralität iſt vorüber, wir müſſen mit unſern Bitten, unſern Vorſtellungen das Herz des edelſten und beſten Königs rühren, daß er ſein Ohr uns zuwende, und nicht mehr höre auf die Zuflüſte⸗ rungen und Schmeicheleien ſeiner Feinde, daß er ſeine Feinde und ſeine Freunde erkenne. Der König zaudert nur, weil er in edler Selbſtauf⸗ ſeines Volks höher ſtellt, als ſein eigenes Glück, und die Befriedigung ſeiner eigenen Wünſche. Im Herzen und ſeiner ganzen Natur nach ein Kriegsheld, zwingt er ſich, ein Friedensfürſt zu das Wohl ſeines Volkes dies erfordert. Volk dieſes edle Opfer nicht annehmen will, daß es freudig bereit iſt, mit ſeinem Blut ſeine verletzte Ehre rein zu waſchen. Möge die öffentliche Meinung ſprechen und uns zu Hülfe kommen! Ich ſage uns, denn von nun an ſtehe ich zu Ihnen, bin ein Glied Ihrer Partei, eine entſchiedene und offene Feindin Frankreichs! Gott ſegne Ew. D opferung das Glück ſein, weil er glaubt, daß Beweiſen wir ihm, daß ſein Majeſtät für dieſes Wort, ſagte Hardenberg tief tenegt Stunde! als Heet eines Fe Und alle Fra werden! Ein Ge Genius für uns kommen, und hin durchgl und die Ernied es mö Franzo laſſen K leuchte iſt nick zu ver z ſei ich Rtulien den Füßen als ſeine wenigſtens mnen hat! oll es vicht u wahren, s wird den en Frieden er erhalten Zauderns icht länger Rutter und ihre Hinder ds gemahnt Königin von roht. Die verſtanden. er Bitten, igs rühren, ie Zuflüſte⸗ de umd ſeine rSellſiu⸗ enes Glüch, nund ſeinet densfürſt zu es erfordett. t annehmen erletzte Ehre und uns zu h zu Ihnen, fene eindin ndenberg ſel vewegt, jetzt hoffe ich noch auf die Rettung Preußens, denn in dieſer Stunde hat es eine Bundesgenoſſin erobert, welche ihm mehr darbringt, als Heere und Waffen, welche die Begeiſterung und das feſte Wollen eines Feldherrn an die Spitze ſtellt! Und mit dieſem Feldherrn an der Spitze werden wir ſiegen über alle Franzoſenheere, rief Prinz Louis begeiſtert, mit dieſem Feldherrn werden wir jubelnd hinausziehen dem Feinde entgegen, und Ein Gedanke, Ein Gefühl wird uns Alle beſeelen: die Königin Luiſe ſchützt als holder Genius das preußiſche Vaterland, die Königin Luiſe wacht und betet für uns! Oh, meine Königin, möge dieſer glückſelige Tag des Kampfes kommen, gebieten Sie der Sonne dieſes Tages, daß ſie emporſteige, und hineinſcheine in alle preußiſchen Herzen, und ſie alle erwärme und durchglühe mit dem Gefühl der Vaterlandsliebe, auf daß ſie den Tod und die Wunden nicht mehr ſcheuen, ſondern nur die Schmach und die Erniedrigung! Oh, mein Blut brennt wie Feuer in meinen Adern, es möchte in einem ungeheuren Feuerſtrom hervorſtürzen, um alle Franzoſen zu erſäufen und zu verbrennen. Königin, haben Sie Erbarmen, laſſen Sie den feierlichen Tag bald anbrechen, an dem ich mein Blut für das Vaterland vergießen darf! Leben Sie, wirken Sie für das Vaterland, ſagte die Königin mit leuchtenden Augen und mit vor Begeiſterung ſtrahlendem Angeſicht. Das iſt nicht das Höchſte und Schwerſte, für eine große Idee den Heldentod zu ſterben, ſondern höher und ſchwieriger iſt es, dieſe große Idee zu hüten und zu ſchützen auch in düſtern und ſchlimmen Tagen, ſie nicht zu verlaſſen und aufzugeben im Unglück, ſondern ihr Hüter und Prieſter zu ſein, ſelbſt wenn das Schickſal ſie zu verwerfen und uns mit ihr zu demüthigen ſcheint. Jetzt, wo ich einen neuen Lebensweg beſchreite, jetzt ſage ich zu Ihnen aus tiefſter Ueberzeugung: wir wollen kämpfen und ringen für die Ehre, Freiheit und Unabhängigkeit Preußens und Deutſchlands, aber wir wollen auch entſchloſſen ſein, nicht blos für dieſe Ideen zu ſterben, ſondern auch für ſie zu dulden, zu leiden und Schmach zu ertragen. Oh, mir iſt, als ſchauete ich in dieſem Augen⸗ blick hinein in die Zukunft und ſähe da für uns viel Jammer und Noth, viel Stürme und Gewitterwolken. Mühlbach, Napoleon. I. Bd 34 =———— 530 Aber hinter den Gewitterwolken ſteht die Sonne, ſagte Hardenberg, und wenn die Donner verhallt ſind, wird ſie wieder leuchten. Und ſie wird dann leuchten auf das Haupt meines Mannes und meiner Kinder! rief die Königin, die ſtrahlenden Augen gen Himmel gewandt. Sie wird vor allen Dingen dem preußiſchen Volke leuchten aus dem Angeſicht ihrer angebeteten Königin Luiſe, ſagte der Prinz. Die Königin lächelte wehmüthig. Sprechen wir nicht von der Sonne, ſondern von den Gewitterwolken, welche ihr vorangehen. Sie drängen rings umher, ſehen wir zu, wie wir ſie zerreißen können. Auf meinen Beiſtand und meine Mithülfe können Sie zählen. Mein Gemahl und meine Kinder ſind bedroht, ich fühle es, und ſehe es: Frankreich heißt der Feind, der ſie bedroht. Von nun an wollen wir dieſem Feind mit offnem Viſir entgegentreten. Ich verſpreche Ihnen Das im Namen Preußens, im Namen meines Gemahls und meiner Kinder! Hier, nehmen Sie Beide meine Hände: Wir wollen zu einander halten und mit einander kämpfen gegen Frankreich zu Preußens Ehre und Ruhm. Sie werden kämpfen mit Ihrem Schwerte und Ihrer Feder, ich mit meinem Wort und meiner Liebe. Möge das Volk uns unterſtützen, möge Gott uns ſegnen! Möge Gott uns ſegnen! wiederholten der Prinz und der Miniſter, indem ſie die Hände der Königin ehrfurchtsvoll küßten. Und jetzt, meine Herren, gehen Sie, ſagte die Königin nach kurzer Pauſe. Laſſen Sie uns dieſen Moment durch kein Wort entweihen. Alles für Preußen! das ſei unſere Loſung, und damit ſage ich Ihnen heut Lebewohl. Alles für Preußen! Alles für Preußen! riefen die beiden Herren, indem ſie ſich von der Königin verabſchiedeten. Luiſe ſchaute ihnen nach mit einem langen, gedankenvollen Blick, dann wandte ſie ſich um, und ging raſchen Schrittes durch das Gemach hin; der ſchnelle Luftzug ihres Vorüberſchreitens wehte das Papier von dem Pult auf dem Clavier zur Erde hin und es fiel gerade zu der Königin Füßen nieder. Sie hob es auf; es war das Lied, welches ſie vorher geſungen. Ein ſchmerzliches Lächeln zuckte um die Lippen der Königin, und die Augen ſchu oh, gieb m guch ich m weinen mu das Ungli neinen Hi Die Meinung gegen Fr des Entſ letung au Berliner wandelt hald wie zur Rech Kri jeßt dur jauchzent hauſes h damit de Ueb überall wir Fr D Blicken Frage Als Fr Hundenberg, en. Sund meiner nel gewandt. leuchten aus Prinz nder Sonne, Sie dringen Auf meinen Gemahl und mkreich heißt m Feind mit im Namen inder! Hier, er halten und e und Ruhnm. eder, ich mit unterſtützen, der Miniſter, in nach kurzer rt entweihen. ge ich Ihnen n ſie ſich von nwollen Blic, das Gemach as Payier von gerade zu der rhet geſungel⸗ nigin, und die Augen ſchwermuthsvoll zum Himmel emporhebend, flüſterte ſie leiſe: oh, gieb mein Gott, daß Dies keine Vorbedeutung iſt, und daß nicht auch ich mein Brod mit Thränen eſſen und in kummervollen Nächten weinen muß! Wenn's aber geſchieht, mein Gott, ſo gieb mir Kraft, das Unglück ſtandhaft zu tragen, und meinem Gemahle ein Troſt, meinen Kindern eine Mutter zu ſein! V. Der Schwur am Grabe Friedrich des Großen. Die Wünſche der Königin hatten ſich ſchnell erfüllt; die öffentliche Meinung hatte ſich in Berlin mit ſeltener Energie und Unumwundenheit gegen Frankreich erklärt, und mit einem einzigen Schrei der Wuth und des Entſetzens hatte das Volk die Nachricht von der Neutralitäts⸗Ver⸗ letzung aufgenommen. Die ſonſt ſo friedliebenden, vergnügungsſüchtigen Berliner ſchienen ſich plötzlich in kampfesdurſtige, ernſte Helden ver⸗ wandelt zu haben, für welche es kein anderes Ziel mehr gab, als ſo bald wie möglich die widerfahrene Beleidigung zu rächen, und Frankreich zur Rechenſchaft zu ziehen für den, Preußen angethaenen Schimpf. Krieg! Krieg! das war das Wort des Jubels und der Bitte, das jetzt durch alle Straßen und durch alle Häuſer tönte, das wie ein einziges jauchzendes Gebet der ganzen Nation ſich zu den Fenſtern des Königs⸗ hauſes hinaufſchwang und da mit leiſem Flügelſchlag anzuklopfen ſchien, damit der König ihm öffne und es einziehen laſſe in ſein Herz. Ueberall ſprach man nur von dieſer Einen großen Angelegenheit, überall fragte man ſich: werden wir zu den Waffen greifen? Werden wir Frankreich den Krieg erklären? Denjenigen, welche dieſe Frage verneinten, kehrte man mit zornigen Blicken und drohendem Murren den Rücken; Denjenigen, welche dieſe Frage bejaheten, reichte man freudig die Hand dar und begrüßte ſie als Freunde und Bundesgenoſſen. Der Miniſter von Haugwitz war bekannt als ein Anhänger der Franzoſen, als ein Gegner des Krieges, das Volk ſtürzte zu ſeinem Hötel hin, und warf ihm die Fenſter ein, indem es laut und zürnend rief: Wir wollen keinen Frieden! Pereat allen Franzoſen und allen Franzoſenfreunden! Den Miniſter von Hardenberg aber begrüßte das Volk mit lautem Jubel, wo er ſich zeigte; von dem Hötel des Miniſters von Haugwitz herkommend, ſtürzte es zu der beſcheidenen Wohnung Hardenberg's, um ihm ein Vivat darzubringen, und laut zu jubeln: Krieg! Krieg! Wir wollen Krieg mit Frankreich! Aber nicht blos das Volk auf den Gaſſen, ſondern auch das gebildete Publikum nahm Theil an dieſer allgemeinen Begeiſterung, und ſcheute es nicht, dieſelbe offen kund zu geben. Selbſt die königlichen Beamten fanden plötzlich die Energie, ſich als deutſche Patrioten zu zeigen, und es war gewiß nicht ohne Abſicht, daß man gerade in dieſen Tagen der allgemeinen Aufregung auf der königlichen Bühne Wallenſtein's Lager zur Aufführung brachte. Jedermann wollte dieſer Aufführung beiwohnen, ganz Berlin ſtürzte nach dem Schauſpielhauſe, und die Glücklichen, denen es gelungen war, Billets zu erhalten, wurden von Tauſenden, die betrübt heimkehren mußten, beneidet. Das Theater war gedrängt voll; wie ein ungeheures Meer wogte das Parterre, Kopf an Kopf gedrängt war die Gallerie anzuſchauen, und in den Logen des erſten und zweiten Ranges ſchien das ganze vornehme, elegante, gebildete und gelehrte Berlin ſich ein Rendezvous gegeben zu haben. Alle Geſichter glühten, alle Lippen lächelten, alle Augen ſprühten Flammen, Jedermann war ſich bewußt, daß man hier eine politiſche Demonſtration mache, und Jedermann war ſtolz und glücklich, derſelben beiwohnen zu können. Auf einmal erſchien in der kleinen königlichen Seitenloge der Prinz Louis Ferdinand; ſofort richteten ſich Aller Blicke zu ihm hin, und wie er ſich aus ſeiner Loge vorwärts neigte und mit ſeinen heitern Blicken und ſeinem herzgewinnenden Lächeln das Publikum zu grüßen ſchien, erhob ſich ein Sturm des Beifalls, als ob eine Primadonna eben eine Bravour⸗Arie vollendet habe und den Dank des Entzückens empfinge. ——— in und geſe Pre Pri wol gej hänger det zu ſeinem und zürnend n ind allen mit lautem on Hagwitz ardenbergs, ieg! Kriegl das gebildete und ſcheute en Beamten zeigen, und ieſen Tagen Wällenſteins Berlin ſtützte elungen war, t heimkehren n ungehemes die Gullerie kunges ſchien n ſich ein alle Lippen ſich bewußt, Jedernnn age der Prinz hin, udr nie citern Bliken njn ſtn ma eben ine g. ens enpfinge⸗ 533 Plötzlich indeſſen verſtummte das laute Applau. Prinz mit der Hand gewinkt hatte, als wolle er daun. e Meer beſchwichtigen, vielleicht weil man ſeine Aufmerkſamkeit von einem neuen Gegenſtand angezogen fühlte. Wirklich wandten ſich alle Blicke des Publikums jetzt von dem königlichen Prinzen ab und nach einer benachbarten Loge hin. In derſelben waren eben vier Herren in glän⸗ zenden Uniformen erſchienen; aber dieſe Uniformen gehörten nicht der preußiſchen Armee an, und die breiten Ordensbänder, welche quer über die Bruſt dieſer Herren hinliefen, waren nicht die Bänder preußiſcher Orden. Es waren die Herren der franzöſiſchen Geſandtſchaft, welche in die Loge getreten waren, der General Lefévre mit ſeinen Attachés und der General Duroc, den Napoleon erſt kürzlich wieder nach Berlin geſandt hatte, um das Freundſchaftsbündniß zwiſchen Frankreich und Preußen enger zu knüpfen. Ganz zufällig war es gewiß, daß der Prinz Louis Ferdinand in dem Moment, als dieſe Herren ihn begrüßen wollten, ſich nach der andern Seite hinwandte und ihren Gruß nicht ſah und nicht erwiederte, ganz zufällig, daß das Publikum, welches eben gejubelt und applaudirt hatte, jetzt auf einmal laut ziſchte, vielleicht nur, um dem Jubel Schweigen zu gebieten. Die Herren von der franzöſiſchen Geſandtſchaft hüteten ſich wohl, dieſes Ziſchen auf ſich zu beziehen, ſie nahmen ruhig ihre Plätze an der Brüſtung der Loge ein, und ſchienen weder das laute Gemurmel, noch die drohenden Blicke des Publikums zu beachten. Jetzt begann das Orcheſter die Ouverture zu ſpielen, es war ein geſchickt arrangirtes Quodlibet aus bekannten Volks⸗ und Kriegsliedern, dazwiſchen ertönte der Deſſauer Marſch und der Marſch von Hohen⸗ friedberg, als wolle er das Publikum erfreuen mit glänzenden Erinnerungen an preußiſche Heldenzeit und an unvergänglichen Kriegsruhm. Auf einmal durchlief ein freudiges Gemurmel das Parterre, die Logen und die Gallerie. Der König! die Königin! flüſterte man, und alle dieſe hundert und aber hundert Geſichter wandten ſich nach der kleinen Seitenloge hin, in welcher das königliche Paar ſpeben erſchienen war. Die Königin, ſtrahlend ſchön, mit roſigen Wangen und glänzenden Angen, grüßte das Publikum mit einem liebreizenden Lächeln; der König, * 534 ach beſchattet und düſter ſchien, warf nur einen hjniſto Der Miniſt⸗ 3 2 d— ſtüchen Blick über das Haus hin und zog ſich dann 6— hinter die dunkelrothe Seidengardine der Loge zurück. Der Vorhang ward aufgezogen, das Stück begann. Mit der glühendſten Theilnahme folgte ihm das Publikum, jedes Wort, das Deutſchlands Freiheit und Unabhängigkeit feierte, mit lautem Applaus begleitend, aufjubelnd bei jeder Anſpielung auf fremde Tyrannei und Deſpotenſtrenge. Jetzt war man bis zum Schluß gekommen, bis zu dem friſchen und fröhlichen Reiterlied, mit dem das Ganze ſchließt. „Wohl auf, Kameraden, auf's Pferd, auf's Pferd“, ſang der Chor auf der Bühne, und das Publikum folgte jeder Zeile, jeder Strophe mit glühender Aufmerkſamkeit. Auf einmal ſchaute man ſich einander verwundert, befremdet an, und lauſchte dann wieder geſpannt nach den ſche das luſtige Reiterlied um einen Vers vermehrt Sängern hin, we Und wie die letzten hatten, den man bis dahin noch nicht vernommen. Worte dieſes Verſes verklangen, ſchrie und brüllte das ganze Publikum da Capo, da Capo! Im Parterre, in den Logen, in der Gallerie erhob itzen, und Aller Blicke richteten ſich wieder auf e franzöſiſche Geſandtſchaft ſaß, und ſo ſtehend, drohenden Mienen, fiel das Publikum ein Es hatte ſich die Worte des eingelegten man ſich von ſeinen S die Loge, in welcher di mit lautem Jubelton und in den Geſang auf der Bühne. Verſes wohl gemerkt, und mit donnernder Stimme ſang es: Wohl auf, Kameraden, zur Schlacht, zum Krieg, In's Feld, in die Freiheit gezogen! Zur blutigen Strafe, zum rächenden Sieg Ueber Den, der uns Freundſchaft gelogen! Und Tod und Verderben dem falſchen Mann, Der treulos den Frieden brechen kann!*) Und noch einmal wiederholte das Publikum den Schlußrefrain: *) Dieſe ganze Scene iſt hiſtoriſch, auch die eingelegte Strophe, wenn auch nicht ganz dem Wortlaut, doch dem Sinne nach hiſtoriſch treu. Siehe: Mé- moires d'un homme d'état. Vol. VIII. 496.— Napoleon, dargeſtellt nach den beſten Quellen von*r. II. S. 73. ʒ König hatte den Thrů wir unen ſich! ob d Ball mein untet Age 9 — = wog inen 535 dann Und Tod und Verderben dem falſchen Mann, der Der treulos den Frieden brechen kann! das Dann wandten ſich Aller Blicke der königlichen Loge zu. Der laus König war immer noch hinter ſeiner Gardine verborgen, die Königin und hatte ſich erhoben, die Hände wie zum Gebet gefaltet, hatte ſie is zu den Blick himmelwärts gewandt, und aus ihren Augen floſſen zwei ließt. Thränen längſam über ihre Wangen nieder. Chor Prinz Louis Ferdinand neigte ſich zu dem Miniſter von Harden⸗ rophe berg, der eben in ſeine Loge getreten war. Sehen Sie die Königin? ander ſagte er leiſe. Iſt ſie nicht in Wahrheit anzuſchauen wie ein Genius, den welcher für Preußen betet? mehrt Ach, und vielleicht um Preußen weint! flüſterte Hardenberg. Aber 5 letzten wir wollen jetzt keine trüben Gedanken hegen! Ich bringe gute und 3 litum unerwartete Nachrichten. Merken Sie auf! In wenigen Minuten wird choh ſich das Königspaar erheben, um die Loge zu verlaſſen, und wer weiß, er auf ob das Publikum da unten noch Geduld und Ruhe haben wird, das. chend, Ballet, das eben beginnt, zu Ende zu ſehen. Ich ſehe ſchon einige m ein meiner Agenten da unten im Parterre erſcheinen, um meine Nachricht degten unter i Leute zu bringen. Ich beſchwöre Sie, Excellenz, ſeien Sie bei mir Ihr eigener Agent, theilen Sie mir ſelber Ihre Nachricht mit. 5 Miniſter Hardenberg neigte ſich dichter an das Ohr des Prinzen. 5 Sie wiſſen doch, daß ich den König wenigſtens zu einer ziemlich krie⸗ geriſchen und drohenden Erklärung an den Kaiſer der Franzoſen be⸗ wogen habe, Dank der Fürſprache der Königin? Aber wird dieſe Erklärung wirklich abgeſchickt? 66 Sie iſt bereits abgeſchickt. Alber ich hatte auch einen andern Boten mit einer Abſchrift dieſer Depeſche an den Kaiſer von Rußland, welcher ſich zur Zeit in Polen n uch an unſern Grenzen befand, abgefertigt, und der Kaiſer hat, wie es he: M ſcheint, meine Sendung verſtanden, denn— Aber ſehen Sie nur, elt n welch ein guter Prophet ich bin, die Königin und der König ſtehen auf und verlaſſen die Loge, und ſchauen Sie, welch eine Völkerwan⸗ 536 derung da im Parquet und im Parterre beginnt. Die ſchönen Tän⸗ zerinnen werden bald vor leeren Bänken tanzen. Aber ſo laſſen Sie mich doch nicht ſterben vor Neugierde, Excellenz. Was giebt es denn Neues? Eine Ueberraſchung, Prinz! Der Kaiſer Alexander wird in einer Stunde in Berlin eintreffen! Das iſt kein Scherz? Sie reden im Ernſt? Im vollſten und heiligſten Ernſt, mein Prinz. Der Kaiſer hat begriffen, daß man die gute Stunde benutzen muß, er kommt, um die Freundſchaft Friedrich Wilhelms zu erobern und ſeine Unſchlüſſigkeit zu beſiegen, damit ſie dann mit vereinter Macht den franzöſiſchen Eroberer beſiegen können. Der Kaiſer Alexander iſt ein ſehr weiſer Mann, und da er ein halber Deutſcher iſt, kennt er wohl das deutſche Sprichwort:„man muß das Eiſen ſchmieden, da es noch heiß iſt.“— Die edle Königin, wir Beide und das gute Volk wollen dem Kaiſer ſchmieden helfen. Sehen Sie, das Volk fängt ſchon an zu ſchmieden. Es ſtürzt hinaus, um den Kaiſer Alexander am Thor zu empfangen und ihn mit Vivatrufen zum Schloß zu begleiten. Folgen wir dem Beiſpiel der guten Berliner! Gehen wir hin, den Kaiſer Alexander, will's Gott unſern Bundesgenoſſen, am Thor zu empfangen!*)— Die Vorherſagungen Hardenberg's ſollten ſich diesmal erfüllen. Dank den mächtigen Bundesgenoſſen, welche mit ihm für ſeine Politik und für Preußen kämpften, raffte der König ſich zuſammen zu einem entſcheidenden Entſchluß. Dieſe Bundesgenoſſen Hardenberg's und Preußens waren jetzt nicht mehr blos die Königin, Prinz Louis Fer⸗ dinand und die öffentliche Meinung, ſondern mit ihnen vereinten ſich der Kaiſer Alexander, der aus Polen kam, und der Erzherzog Anton, den der Kaiſer von Oeſterreich zur ſelben Zeit nach Berlin ſandte, um die Freundſchaft des Königs zu gewinnen. Aber noch ein anderer Bundesgenoſſe trat plötzlich unerwartet für Hardenberg's Politik und *) Der Kaiſer Alexander traf ganz unerwartet am 23. October 1805 in Berlin ein; der Courier, der ſeine Ankunft meldete, kam erſt wenige Stunden vor ihm an. die buli und das Mit ſchrecens Sieg er ſchagen des Fai Kriegsg Um das bla ten, ver ſ ihre We und höl regen 1 wahrt nit ein und O um daf Oeſten daten A Antlitz wie g reicher tapfere gefocht heiten träun compr erklär ſich g herbei * 537 die Cvalition in die Schranken, dieſer Bundesgenoſſe war das Glück und das Genie Napoleons. Mit dem Erzherzog Anton zugleich kam eine fürchterliche und ſchreckensvolle Nachricht in Berlin an. Napoleon hatte abermals einen mer Sieg erfochten, bei Ulm hatte er die Oeſterreicher auf's Haupt ge⸗ ſchlagen*), dreiundzwanzigtauſend Oeſterreicher hatten zu den Füßen des Kaiſers der Franzoſen die Waffen niedergelegt, um dann als ht Kriegsgefangene nach Frankreich zu wandern. die Umgeben von einem glänzenden Generalſtab, vor ſeinem Herr, eit das blank und geputzt Spalier bildete, ließ Napoleon die gedemüthig⸗. hen ten, vernichteten Oeſterreicher an ſich vorbei defiliren. Wie ſie dann iſer ihre Waffen niederlegten, und dieſer blitzende Berg ſich immer höher 5 ſche und höher erhob, leuchtete Napoleons Antlitz, das mitten im Kugel⸗ — regen und in der Gefahr der Schlacht ſeine eherne, antike Ruhe be⸗ ₰ iſet 5 wahrt hatte, wie von einem Sonnenſtrahl getroffen, höher auf, und den mit einem gnädigen Lächeln wandte er ſich den öſterreichiſchen Generälen gen„ und Offizieren zu, die ſich ihm demüthig, gebeugten Hauptes nahten, um dafür zu danken, daß der Kaiſer ihnen erlauben wolle, frei nach der, Oeſterreich zurückzukehren, und ſie nicht verurtheilt hatte, mit den Sol⸗ daten als Kriegsgefangene nach Frankreich zu wandern. llen. Aber dieſes Lächeln erſtarb ſchnell wieder in des Imperators liti Antlitz, das jetzt drohend und zürnend ward. Mit einer Stimme, die nem wie grollender Donner über den Häuptern der gedemüthigten Oeſter⸗ und reicher dahin rollte, ſprach der Kaiſer:„Es iſt ein Unglück, daß ſo Fer⸗ tapfere Männer, als Sie es ſind, deren Namen überall, wo Sie ſih gefochten haben, ehrenvoll genannt werden, jetzt die Opfer der Dumm⸗ heiten eines Cabinets ſein müſſen, das nur von unſinnigen Projecten träumt und nicht erröthet, die Würde des Staats und der Nation zu 2 compromittiren. Es iſt ſchon eine unerhörte Sache, mich ohne Kriegs⸗ 5 erklärung ſo ohne Weiteres bei der Gurgel zu packen; aber es⸗ heißt ſich gegen ſeine Völker verſündigen, wenn man eine fremde Invaſion — herbeiführt; es heißt Europa verrathen, wenn man aſiatiſche Horden *) Am 20. October 1805. —— — — in unſere Kämpfe hineinzieht. Statt mich ohne Grund anzugreifen, hätte ſich das öſterreichiſche Cabinet mit mir vereinigen ſollen, um die ruſſiſche Armee aus Deutſchland zurückzutreiben. Dieſe Allianz Ihres Cabinets iſt eine in der Geſchichte unerhörte Sache; ſie kann nicht das Werk von Staatsmännern Ihrer Nation ſein; es iſt mit einem Wort die Allianz der Hunde und Schäfer mit dem Wolf gegen die Schafe. Wenn Frankreich in dieſem Kampf unterlegen wäre, würdet Ihr bald genug erkannt haben, welchen Fehler Ihr gemacht habt.*) Das war die Nachricht, welche der Erzherzog Anton aus Wien mitgebracht, das war der neue Bundesgenoſſe, den Hardenberg für ſeine Politik und für Preußen gewonnen. Dieſer neue Sieg, dieſe neue Eroberung Napoleons in Deutſch⸗ land, ſtand vor dem König auf wie eine Gefahr, die ihn ſelber be⸗ drohte, und gegen die er ſich mit den Waffen in der Hand erheben müſſe, um ſich zu vertheidigen. Dieſe drohende und trotzige Sprache des franzöſiſchen Kaiſers empörte das Herz des deutſchen Königs, und ſtatt ſich von dieſem neuen großartigen Sieg, von dieſer drohenden Sprache Napoleons einſchüchtern zu laſſen, fühlte er gerade dadurch ſich jetzt zum Widerſtand und zum Kampf aufgereizt, erkannte er auf einmal, daß man nur dieſes mächtigen Mannes Diener und Sclave oder ſein Feind ſein könne, daß er niemals irgend Wen als gleichbe⸗ rechtigt neben ſich anerkennen würde. Was waren ſie, dieſe drei deutſchen Fürſten, welche auf dem Schlachtfelde von Ulm drei Kronen gefunden? Dieſe neuen Könige von Würtemberg und Baiern, dieſer Großherzog von Baden, ſie waren doch nur Vaſallen und Diener des Kaiſers von Frankreich, der ihnen ihre Kronen geſchenkt, und ihnen erlaubt hatte, ſie zu tragen. Der König Friedrich Wilhelm bedurfte keiner ſolchen Krone. Ein Genius ſtand an ſeiner Seite und hauchte mit himmliſchem Lächeln ihm ins Ohr: beſſer zu ſterben im ehrenvollen Freiheitskampf, als zu leben in Glanz und Herrlichkeit, aber mit einem Flecken auf ſeiner Ehre. Und der König hörte auf die Stimme ſeines Genius, er hörte 1 *) Memoires du Duc de Rovigo. II. 153. auf die zum Pe Londes welches des Koi ſchwur, welches Schma — entſchi A der Kö in vele uftret Frank zurück zu laſ Deuti italien vich und und händ Hau müſſ Min 539 auf die Stimme ſeines Miniſters, der ihn beſchwor, zur Ehre und zum Wohl Preußens und Deutſchlands, die Grenzen ſeines eigenen — Landes zu vertheidigen; er hörte auf die ſeines ghre und glühend den Krieg begehrte er hörte auf die Stimme 3 des Kaiſers Alexander, der ihm ewige Liebe und ewige Freundſchaft icht das 3— 3 nPir ſchwur, hörte endlich auf die Stime ſeines ienen Herzens, welches das Herz eines deutſchen Mannes war, und tief die angethaene Der König Friedrich Wilhelm hörte auf alle dieſe Stimmen und Pin entſchied ſich endlich für den Krieg gegen Frankreich. Am dritten November unterzeichneten der Kaiſer Alexander und 4 a ſ der König Friedrich Wilhelm in Potsdam einen geheimen Vertrag, in welchem Preußen als Vermittler zwiſchen Napolevn und den Alliirten Autſch⸗ auftreten ſollte. Kraft dieſes Vertrages ſollte Preußen den Kaiſer von 5 w be⸗ Frankreich auffordern, Alles auf die frühern Verträge und Zuſtände Wn zurückzuführen, das heißt, faſt alle ſeine Eroberungen wieder fahren prche zu laſſen, Sardinien zu entſchädigen, die Unabhängigkeit Neapels, des 6, und Deutſchen Reichs, Hollands und der Schweiz anzuerkennen, und die henden italieniſche Krone von der franzöſiſchen zu trennen. Ging aber Frank⸗ adurch reich auf dieſe Bedingungen nicht ein, ſo wollte Preußen ſich offen et auf und ohne Rückhalt mit der Coalition verbünden, und ſofort einhundert Sclave und achtzig tauſend Mann ins Feld ſtellen. Ein preußiſcher Unter⸗ eichbe⸗ händler ſollte dem Kaiſer Napoleon dieſe Bedingungen mittheilen, e drei und erſt nach vier Wochen ſollte die Friſt der Unterhandlungen abge⸗ ronen laufen ſein.*) dieſer Der König, in ſeiner Gutmüthigkeit darauf bedacht, den Miniſter er des Haugwitz für die Zurückſetzung, welche er in letzter Zeit hatte erfahren ihnen müſſen, und für die eingeſchlagenen Fenſter zu entſchädigen, hatte den Miniſter von Haugwitz damit beauftragt, Napoleon eine Abſchrift des Eiin Vertrages von Potsdam zu überbringen und mit ihm zu unterhandeln. 6. icheln Haugwitz verließ daher Berlin, um den Kaiſer aufzuſuchen. Freilich s ſu wußte er nicht mit Beſtimmtheit, wo er ihn finden würde, aber er Ehre hine*) Häuſſer, Deutſche Geſchichte II. 652. von Preußen, ewige Treue und Liebe, ſchwöre ewige Treue und Liebe 540 Heldenthaten und Siege ihm ſeinen Aufenthalt kund zu thun, und Graf Haugwitz machte ſich daher auf den Weg. Der Vertrag von Potsdam ſollte vorläufig nach dem Wunſche des Königs von Preußen ein geheimer bleiben, nur die zunächſt dabei Betheiligten, nicht aber die Welt ſollte Kunde davon erhalten und Nie⸗ mand ſollte ahnen, daß Preußen endlich ſeine Neutralitäts⸗Politik auf⸗ gegeben habe. Aber dieſes Geheimhalten paßte nicht in den Plan des Kaiſers Alerander, es machte außerdem den Miniſter von Hardenberg beſorgt, ob der König in der letzten Stunde der Entſcheidung ſich nicht wieder von der franzöſiſchen Partei am Hofe zu der früheren beliebten Neu⸗ tralitäts⸗Politik zurückdrängen laſſen werde. Es war daher weiſe, den König ſö weit vorwärts zu drängen, daß er nicht mehr zurück könnte, und ſoviel von dem Geheimniß des geſchloſſenen Bündniſſes zu ver⸗ rathen, als nöthig war, um den König an daſſelbe zu feſſeln. Der Kaiſer bat daher in der Stunde ſeiner Abreiſe nach Oeſter⸗ reich das preußiſche Königspaar, ihn noch zu dem Grabe Friedrichs des Großen zu begleiten.— In der Mitternachtsſtunde des fünften November begaben ſie ſich daher in die Garniſonkirche von Potsdam, in deſſen unterm Gewölbe der Sarg des großen Königs ruht. Ein einziger Fackelträger geleitete die drei fürſtlichen Gäſte, deren Schritte ſchauerlich wiederhallten in den ſchweigenden dunklen Räumen. Am Grabe des Königs angelangt, beugte der Kaiſer ein Knie, ſein Antlitz, grell beleuchtet von dem Schein der Fackel, ſtrahlte von Begeiſterung. An der andern Seite des Sarges ſtanden der König und die Königin, Beide mit gefaltenen Händen, der König mit düſtern, in ſich gekehrten Blicken, die Königin die Augen gen Himmel gewandt, das Antlitz verklärt von heiliger Rührung und Freude. Alerander, immer noch auf ſeinen Knieen liegend, erhob jetzt ſeine beiden gefaltenen Hände zum Himmel empor. Am Grabe des größten Heldenkönigs, ſagte er mit lauter, feierlicher Stimme, am Grabe Friedrichs des Großen ſchwöre ich meinem Bundesgenoſſen, dem König war überzeugt, daß Napoleon ſchon dafür ſorgen würde, durch neue iu helgn S ſol mine Treus E fißte d tern ſch ſin an Ihnei Die König iſt es ihr ſchönes Ant Geiſterkuß auf Schwöre, treu zu ſein d ſchwüre uſerm Der Köri enpor und tre norſarkophag Vorte, welche zitternden Lipp Dann rei ſie lunge da, Auf einn Schlag der T Tages verlin ſpiel des Thu Treu und R Der Kör Züge des K aber, ganz zwßen Frict inmer Treu nir diſen, Geden männlichem und nit ih es Kaiſers icht wieder Oeſter ſch Oeſter Friedrichs 541 zu dem edelſten Ziel vereinigt hat. Nie der heiligen Sache, die uns Das ſchwöre ich! ſoll meine Treue wanken, nie meine Liebe erkalten! Er küßte den Sarg und erhob ſich von ſeinen Knieen, dann rich⸗ teten ſich ſeine in Thränen glänzenden Blicke auf den König hin. Jetzt Ihnen, mein Bruder, den Schwur zu leiſten! ſagte er. iſt es an Der König zögerte und blickte vor ſich hin. Die Königin legte ſanft ihre Hand auf ſeine Schulter und neigte ihr ſchönes Antlitz ſo nahe zu ihm hin, daß er ihren Athem wie einen Geiſterkuß auf ſeiner Wange fühlte. Schwöre, mein Freund, mein Geliebter, flüſterte ſie, ſchwöre, treu zu ſein dem heiligen Bunde wider den franzöſiſchen Tyrannen, ſchwöre unſerm edlen Bundesgenoſſen ewige Treue und Liebe. Der König ſchwankte nicht mehr, er hob ſein Haupt entſchloſſen empor und trat näher zu dem Sarg hin. Die Hand auf den Mar⸗ morſarkophag legend, wiederholte er mit ernſter ruhiger Stimme die Worte, welche die Königin zuvor geſprochen und die ſie jetzt mit leiſe zitternden Lippen flüſterte. Dann reichten alle Drei ſich über dem Sarge die Hand; ſo ſtanden ſie lange da, tiefbewegt, ſchweigend. Auf einmal ward dieſes Schweigen durch den lauten dröhnenden Schlag der Thurmuhr unterbrochen, welche die erſte Stunde des neuen Tages verkündete. Der Ton verhallte, und jetzt begann das Glocken⸗ ſpiel des Thurms lieblich und hell das alte deutſche Lied:„Ueb' immer Treu und Redlichkeit, bis an Dein kühles Grab!“ Der König neigte ſein Haupt wie zu ſtillem Gebet; über die edlen Züge des Kaiſers flog ein leiſes, ſeltſames Lächeln. Die Königin aber, ganz Gluth und Begeiſterung, rief: Gott und der Geiſt des großen Friedrich geben uns den Wahlſpruch unſers Bundes: Ueb' immer Treu und Redlichkeit, bis an Dein kühles Grab. Gedenken wir deſſen, ſo lange wir leben! Gedenken wir deſſen! wiederholten die beiden Fürſten mit feſtem männlichem Händedruck. Dann ſchauten ſich alle Drei auf einmal an und mit ihren Blicken ſagten ſie ſich ein letztes Lebewohl. 542 Stumm wandten ſie ſich dann ab und verließen die königliche Todtengruft. Fünf Minuten ſpäter befand ſich der Kaiſer Alexander von Ruß⸗ land auf dem Wege nach Olmütz zu dem Kaiſer Franz von Oeſterreich, welcher ſeine Reſidenz verlaſſen hatte, aus Furcht vor Napoleon und ſeinem Heer. In Olmütz wollte man den Plan entwerfen zu dem Krieg der dritten Cvalition gegen den Eroberer Napoleon. ₰ eßen die nigliche lerandet von Ruf Grey 2 — Srey 3 Srey 4 Slack