v—————,—— Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Leseprei Bei Ruckgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: M P 1 M. 50 Pf. 2 M. Pf 2 3 Auswäptige Abonhenten! haben für Hin⸗ und Zurückſendung ver Vurher auſ ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. Schadenersatz. 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Die Zürgerin Zoſephine Vonaparte. Gine freudige Bewegung herrſchte am 8. November 1797 auf den Straßen und Plätzen der deutſchen Feſtung Raſtatt; die ganze niedere Bevölkerung der Stadt wogte auf den Straßen umher, während die vornehmen Leute in reichſter Toilette ſich an den geöffneten Fenſtern ihrer Häuſer zeigten, des Schauſpiels gewärtig, das ihrer harrte, und dem die ganze Stadt nicht allein, ſondern auch die fremden Geſandten, die jetzt in ſo großer Menge in Raſtatt verſammelt waren, mit leb hafter Ungeduld entgegenſchauten. Und allerdings, es war auch ein ſeltenes Schauſpiel, das ſich ihnen darbieten ſollte; es war die Ankunft des Generals Bonaparte und ſeiner Gemahlin Joſephine, welche man erwartete. Aber nicht gemeinſchaftlich wollten ſie kommen, ſondern hier in Raſtatt erſt ſollten ſich ihre getrennten Wege wieder vereinigen. Joſephine, deren Ankunft man zuerſt erwartete, kam von Mailand her auf dem nächſten und kürzeſten Wege, Bonaparte hatte von Campo Formio aus eine weitere Reiſe durch Italien und die Schweiz unternommen. Man wußte ſchon, daß er überall mit Enthuſiasmus war begrüßt worden, daß alle Völ⸗ kerſtimme ihm entgegengejauchzt hatten als dem Meſſias der Freiheit. Keine Stadt war geweſen, welche ihn nicht mit glänzenden Feſtlichkeiten empfangen hätte, überall hatte man ihm gehuldigt wie einem Trium— phator, einem erhabenen Fürſten, vor dem Alles ſich in den Staub bengt. Selbſt die freie Schweiz hatte davon keine Ausnahme gemacht. In Genf hatten die Töchter der erſten und größten Familien, in die 186 franzöſiſchen Nationalfarben gekleidet, ihm im Namen der Stadt einen Lorbeerkranz überreicht, in Bern war er durch zwei Reihen glänzeuder Equipagen dahin gefahren, in denen ſchöne, reichgeſchmückte Frauen ſaßen, die ihn begrüßten mit dem lauten Jubelruf: Es lebe der Friedensſtifter!*) Auch ſeiner Gemahlin Joſephine waren auf ihrer Reiſe die höchſten Ehren widerfahren, auch ihr hatte man überall gehuldigt wie einer ſou⸗ Die Kunde davon war ſchon nach Raſtatt gekommen, verainen Fürſtin. man auch hier jetzt nicht zurückbleiben und es war daher natärlich, daß durfte, daß man auch hier ſich beeilen mußte, dem Sieger von Italien ſeine Huldigung darzubringen. Man hatte daher vor dem Thor, das der General Bonaparte zu paſſiren hatte, einen ſtolzen Triumphbogen errichtet, und unter dem⸗ die Väter der Stadt in feierlicher Amtstracht den ihn beſtimmten Wohnung zu dem großen Marktplatz ſelben erwarteten ſieggekrönten Helden, um ihn zu der für geleiten. Vor dieſem Hauſe, welches ſich auf befand, hatte ſich eine Schaar weißgekleideter Jungfrauen aufgeſtellt, mit Blumen und Früchten in den Händen, um dieſe der ſchönen Körbe An dem Thor, durch Joſephine als Huldigung zu Füßen zu legen. welche dieſe kommen mußte, hatte eine glänzende Cavalcade von Ca⸗ valieren ſich aufgeſtellt, die Gemahlin des franzöſiſchen Generals zu bewillkommnen und ihr als Ehrenwache das Geleit zu geben. Unter dieſen Cavalieren befanden ſich die meiſten der Geſandten, welche aus allen Gegenden Deutſchlands jetzt zu dem großen Friedenswerk hier in Raſtatt verſammelt waren. Jeder ſouveraine Fürſt von Deutſch⸗ land, jeder Churfürſt und regierende Graf hatte hierher ſeine Abge ordneten geſendet, um mit den franzöſiſchen Bevollmächtigten über das fernere Schickſal Deutſchlands zu unterhandeln. Selbſt Schweden patte einen Vertreter geſchickt, der indeß nicht ſo ſehr für ſeinen Antheil an Deutſchland, für ſchwediſch Pommern, Beſchwichtigers zu ſpielen wünſchte. geſandt war, als er die Rolle eines Vermittlers und Alle dieſe Geſandten hatte man ſtill und unbemerkt in Raſtatt Bourienne Mémoires II. 14. einziehe Stadt zſiſche Geſand ſie auc Voſall als ga bringe V die de der G treter ſeiner hielte Heſer Graf fngir ſchine licher mens treten unter man Grafe ſo vi den 187 einziehen laſſen, keinem dieſer deutſchen Herren hatte die deutſche Stadt irgend eine öffentliche Aufmerkſamkeit erwieſen, aber dem fran⸗ zöſiſchen General beeilte Jedermann ſich zu huldigen, und ſelbſt die Geſandten mochten nicht wagen, ſich zurückzuziehen. Nur verſuchten ſie auch hier zu diplomatiſiren, und ſtatt gewiſſermaßen als demüthige Vaſallen den ſiegreichen Feldherrn zu empfangen, zogen ſie es vor, als galante Cavaliere ſeiner ſchönen Gemahlin ihre Huldigung darzu⸗ bringen und dieſe zu empfangen. Vor dem Thor alſo, welches Joſephine zu paſſiren hatte, harrten die deutſchen Geſandten auf ihren köſtlichen, courbettirenden Pferden der Generalin Bonaparte Selbſt der alte Graf Metternich, der Ver⸗ treter des Kaiſers von Oeſterreich als deutſches Reichsoberhaupt, hatte, ſeiner ſteifen Glieder unerachtet, ſich zu Roß geſchwungen; neben ihm hielten die beiden andern Vertreter Oeſterreichs, Graf Lehrbach, der Oeſterreich als Mitglied der Reichsfriedensdeputation repräſentirte, und, Graf Ludwig Cobenzl, der für Böhmen und Ungarn als Abgeſandter fungirte. Hinter dem alten Grafen Metternich ſah man auf einem ſchönen, kaum zu bändigenden Roß einen jungen Cavalier von herr⸗ licher Geſtalt und ſeltener Schönheit, das war der junge Graf Cle⸗ mens Metternich, welcher das weſtphäliſche Grafen⸗Collegium zu ver⸗ treten hatte und yie in Raſtatt ſeine officielle diplomatiſche Carriére unter den Angen ſeines Vaters beginnen ſollte. Neben ihm erblickte man die ernſten ſtattlichen Figuren der preußiſchen Geſandtſchaft, den Grafen Görtz, der einſt beim bairiſchen Erbfolgekrieg eine für Preußen ſo wichtige und für Oeſterreich ſo feindliche Rolle geſpielt hatte, und den Herrn von Dohm, einen eben ſo gewandten Cavalier als Schrift⸗ ſteller. Ihnen zur Seite hielten die Vertreter von Baiern, von Sachſen, Württemberg und der ganzen Schaar deutſcher Reichsunmittelbaren, denen ſich die Literaten und Publiciſten anſchloſſen, welche nach Raſtatt geſtrömt waren in der Hoffnung, hier eine glückliche Ausbeute für ihre heißhungrige Feder zu finden. Aber nicht die deutſchen Diplomaten allein und die jungen Herrn, welche zu den Bewohnern Raſtatt's ge⸗ hörten, harrten hier der Ankunft der Generalin Bonaparte, da war noch dieſe ganze Schaar franzöſiſcher Sänger, Schauſpieler und 0⁵ i 188 Glücksritter, welche ſich mit dem Congreß zugleich über Raſtatt nieder gelaſſen, und den Herren Diplomaten die Langeweile der deutſchen Kleinſtadt durch ihre Vaudevilles und Dramen und ihr luſtiges Opern geträller verſüßen wollten. Da waren endlich noch die ſranzöſiſchen Schauſpielerinnen, Sängerinnen und Tänzerinnen, welche den Herren Diplomaten gegenüber an der Seite des Weges in einer langen Reihe köſtlicher Equipagen, ſie ſelber in glänzender Toilette, ſich aufgeſtellt hatten. Viele dieſer Equipagen trugen an ihren Schlägen große Wappenſchilder und ein guter Heraldiker hätte daraus erſehen können, daß dieſe Wappen einige der Herrn Diplomaten da drüben als die Eigenthümer der Equipagen verriethen. In der That, es herrſchte ein ſehr gutes und freundliches Einvernehmen zwiſchen den Diplomaten und den Damen des franzöſiſchen Theaters. Das verriethen nicht blos die Equipagen, welche die deutſchen Diplomaten den franzöſiſchen Damen zu dem heutigen Feſttag geliehen, das ſah man auch an den feurigen zärtlichen und verheißungsvollen Blicken, die herüber und hinüber flogen, an dem Lächeln voll Einverſtändniß und Schelmerei, an dem verſtohlenen Winken mit dem Haupt oder mit dem Fächer. Plötzlich indeſſen ward dieſes mimiſche Liebesſpiel durch das Heran ſprengen eines Couriers unterbrochen. Das war das Zeichen, welches die Annäherung der Generalin Bonaparte verkündete. Wirklich erblickte man ſchon in der Ferne die Köpfe von vier Pferden, ſie kamen näher und näher, und jetzt konnte deutlich die Kutſche, welche dieſe Pferde zogen, und darin eine Frauengeſtalt erkennen. Es war ein wundervoller, warmer Novembertag, die Generalin hatte daher ihre Kutſche zurückſchlagen laſſen, und den Neugierigen war es verſtattet, nicht blos ihr Antlitz, ſondern auch ihre ganze Geſtalt, ja ſogar ihre Toilette mit Muße zu betrachten. Der Wagen war im vollen Galopp herangekommen, jetzt aber, den Menſchengruppen ſich an nähernd, fuhr er im Schritt, und Jedermann hatte Zeit und Muße, dieſe Dame zu betrachten, welche in dem Wagen thronte. Sie war nicht mehr in der Blüthe der erſten Jugend; mehr als dreißig Jahre waren ſchon über ihrem Haupte hingezogen, ſie hatten ihrem Teint ſeine natürliche Friſche genommen und ihre ſchöne, edle Stirn mit den erſten, dunklen Jugend, ſpielte ei einem A wat in gehüllt, gleichfal dieſem„ edle Ou M hende, ihrem von die ſchaft e Di lautes« ive la Jo enthuſig plomate ſie emp einer K ein Lich benerkt ſchmeich ir da ſutlich ſine nicht d daher ſücht ralin 189 erſten, leiſen Schriftzügen des Alters gezeichnet. Aber ihre großen, dunklen Augen ſtrahlten noch in dem unvergänglichen Feuer innerer Jugend, und um ihren edel geformten, leicht aufgeworfenen Mund ſpielte ein holdes, anmuthiges Lächeln, das ihr gänzes Antlitz wie mit einem Abendſonnenſtrahl verklärte. Ihre zierliche, anmuthige Geſtalt war in ein enganſchließendes Sammetgewand von dunkelgrüner Farbe gehüllt, das reich mit koſtbarem Pelzwerk verbrämt war, ein kleiner, gleichfalls mit Pelz eingefaßter Hut bedeckte ihr Haupt, und unter dieſem Hut floſſen reiche, dunkle Locken nieder und faßten das ſchöne, edle Oval ihres Angeſichts wie mit einem dunklen Rahmen ein. Immer noch war die Generalin Joſephine Bonaparte eine anzie⸗ hende, reizende und liebenswürdige Erſcheinung, und man begriff bei ihrem Anſchauen ſehr wohl, daß Bonaparte, obwohl jünger an Jahren, von dieſer liebreizenden Frau gefeſſelt und für ſie in höchſter Leiden⸗ ſchaft erglüht war. Die franzöſiſchen Schauſpieler machten jetzt ihrem Entzücken durch lautes Jubelgeſchrei Luft, ihre Hüte hoch emporſchwenkend, riefen ſie: vive la citoyenne Bonaparte! Vive l'auguste Epouse de l'Italique! Joſephine nickte lebhaft und mit liebenswürdiger Herablaſſung den enthuſiaſtiſchen Schreiern zu und fuhr langſam weiter. Jetzt, den Di⸗ plomaten ſich nähernd, nahm ſie eine ernſtere, aufrechtere Haltung an; ſie empfing die tiefen, ehrfurchtsvollen Verbeugungen der Cavaliere mit dem vornehmen, zugleich nachläſſigen und verbindlichen Anſtand einer Königin, ſie ſchien für jeden Einzelnen einen Blick des Dankes, ein Lächeln der Huld zu haben. Jeder war überzengt, von ihr beſonders bemerkt und ausgezeichnet worden zu ſein, und Jeder war daher ge⸗ ſchmeichelt und erfreut. Von den Diplomaten wandte ſie einen Moment ihr Haupt auf die andere Seite, den Damen zu, welche da in den ſtattlichen Equipagen ſaßen. Aber ihr ſcharfer Blick, ihr zarter Frauen⸗ Inſtinct lehrte ſie, daß dieſe Damen, trotz des Glanzes, der ſie umgab, nicht die Vertreterinnen der vornehmen Welt ſeien; ſie begrüßte ſie daher mit einem raſchen Kopfneigen, einem gütevollen Lächeln, einem flüchtigen Gruß ihrer Hand und wandte das Haupt wieder ab. Nun fuhr ihr Wagen durch das Thor, die Cavaliere umgaben ihn 190 von beiden Seiten und trennten ſo die Generalin von ihrem Gefolge, das in vier hochbepackten Wagen hinter ihr herkam. Dieſen ſchloſſen ſich alsdann die Equipagen der Schauſpielerinnen an, neben denen die Bühnenhelden pirouettirten und galoppirten und den lachenden Schönen mit den hochgeſchminkten Wangen ihre Reiterkünſte zeigten. Es war ein langer, glänzender Zug, mit welchem die Generalin Bonaparte ihren Einzug in Raſtatt hielt, und der letzte der Wager hatte noch nicht das Thor paſſirt, als Joſephinens Equipage ſchon bis zu dem Marktplatz gelangt war und vor dem Hauſe anhielt, das ſie mit ihrem Gemahl bewohnen ſollte. Noch ehe die Bedienten Zeit ge habt, ſich von dem Bock zu ſchwingen, hatte Joſephine mit eigener Hand ſchon den Kutſchenſchlag geöffnet, in zarter und ſchmeichelhafter Zuvorkommenheit für dieſe jungen Damen, welche ſie da vor der Thür ihres Hauſes erwarteten. Mit freundlicher Haſt ſchwang ſie ſich aus dem Wagen und trat mitten unter ſie, den nächſtſtehenden ihre Hände darreichend und ihnen anmuthige Dankesworte für die ſchönen Blumen und Früchte ſagend, den ferner Stehenden dankend mit lebhaftem Kopf nicken und freundlichen Blicken. Zugleich hoheitsvoll und einfach ſtellte ſie ſich dar, ariſtokratiſch und fürſtlich vornehm in jeder Bewegung, jedem Kopfneigen, jedem Winken mit der Hand, und doch wieder einfach, zuvorkommend und vertraulich, ſich Jedermann gleich ſtellend, wie es der Bürgerin der großen Republik geziemt, welche die liberté, egalits, fraternité zu ihrer Deviſe gemacht. Beladen mit Blumen, fröhlich lachend wie ein junges Mädchen, trat Joſephine endlich in das Haus ein; dort auf dem Flur erwarteten ſie die Damen der franzöſiſchen Geſandten, die Frauen und Töchter von Bonnier, Roberjot und Jean Debry. Joſephine, welche eben im Kreiſe der jungen Mädchen ganz Heiterkeit, Anmuth und Vertraulichkeit geweſen, war jetzt wieder die vornehme Frau, die Gemahlin des Ge nerals Bonaparte, und empfing die Begrüßung der Damen mit freund⸗ licher Zurückhaltung. Doch reichte ſie jeder der Damen eines der ſchönen Bouquets dar und wußte jeder von ihnen eine Verbindlichkeit zu ſagen. An der Thür der für ſie beſtimmten Gemächer angelangt, ſutließ ſie die Damen und winkte nur ihrer Kammerfrau, ihr zu folgen. * Jet geſchloſſ Ich kem kommt i ſein, ab Mittagt höchſte An und Jo zu dem ſimmte fenden L nich ſ Kunſt Ul ſofort er ſoll ihn ju E und g überw ſelber und g um m Tnp 4 ſi, ſi Stunt wir g Jhier endlie um 191 Jetzt, Amelie, ſagte ſie haſtig, als die Thüren ſich hinter ihnen geſchloſſen, jetzt laß uns vor allen Dingen an meine Toilette denken. Ich kenne Bonaparte, er iſt immer ſtürmiſch, immer ungeduldig, er kommt immer früher, als er geſagt hat. Er wollte um zwei Uhr hier ſein, aber er wird um ein Uhr kommen und jetzt iſt es faſt ſchon die Mittagsſtunde. Laß ſchnell die Koffer heraufbringen, denn es iſt die höchſte Zeit zur Toilette. Amelie eilte von dannen, die Befehle ihrer Herrin auszuführen, und Joſephine war jetzt ganz allein. Mit haſtigen Schritten eilte ſie zu dem großen Spiegel hin, der in dem zu ihrem Schlafzimmer be— ſtimmten Gemache aufgeſtellt war, und betrachtete aufmerkſamen; prü— fenden Blickes ihr Angeſicht. Oh, oh, ich werde alt, murmelte ſie dann leiſe, Bonaparte muß mich ſehr lieben, wenn er das nicht ſieht, oder ich muß ſehr viel Kunſt anwenden, um es nicht ſehen zu laſſen. Eh bien, nons verrons! Und ſie lächelte ſich ſelber ſo ſiegreich und reizend zu, daß ſich ſofort ihr Geſicht um ein Jahrzehent verjüngte und verſchönte. Oh, er ſoll mich ſchön finden und lieben müſſen, flüſterte ſie, denn ich liebe ihn ja ſo ſehr. Eben trat Amelie wieder ein, beladen mit Kiſten und Cartons und gefolgt von den Dienern mit den großen Reiſekoffern. Joſephine überwachte ſelber das Niederſetzen der Koffer und Kaſten, ſie hatte ſelber Acht, daß keiner dieſer Cartons gedrückt und geſtoßen ward, und als alle dieſe Dinge endlich geordnet waren, ſchaute ſie ſich rings um mit einem triumphirenden Blicke, wie ein Feldherr, der ſeine Truppen muſtert und ſeinen Schlachtplan entwirft. Jetzt ſchließ die Thüren, Amelie, und laß Niemand ein, ſagte ſie, ſich mit raſcher Hand das ſammetne Reiſekleid öffnend. In einer Stunde muß meine Toilette vollendet ſein! Aber halt! Zuerſt müſſen wir an Zephyr denken, er iſt krank und angegriffen. Das liebe kleine Thier kann das Fahren nicht vertragen, er hat mich unterwegs oft ſo ſchmerzvoll und flehend angeſehen, als wollte er mich beſchwören, doch endlich dies fatale Reiſen aufzugeben. Komm her, Zephyr, komm her, zu mir, mein Thierchen. ——— —— — ——— —— 192 Auf ihren Ruf erhob ſich ein kleiner, fetter Mops mit verdrieß⸗ lichem Geſicht und hochgehobener, ſchwarzer Schnauze von dem Koffer, auf welchem er gelegen, und watſchelte langſam und träge zu ſeiner Herrin hin. Ich glaube wahrhaftig, Zephyr ſchmollt mit mir, rief Joſephine laut lachend. Sieh nur, Amelie, ſieh dieſes vornehme Blinzeln der Augen, dieſe ſchnüffelnde Stumpfnaſe, dieſes ſtolz zurückgeworfene Haupt, das zugleich einen Braten zu riechen und ein Schimpfwort auszuſtoßen ſcheint. Er gleicht auf ein Haar meinem Freund Tallien, wenn der den Verliebten bei den Damen ſpielt. Komm her, mein kleiner Tallien, ich will Dir Zuckerbrod geben, ſei dafür auch artig und freundlich gegen Bonaparte, belle nicht wieder ſo wüthend, wenn er eintritt, fahre ihm nicht zwiſchen die Füße, wenn er mir einen Kuß giebt, knurre nicht, wenn er Dich aus Verſehen tritt. Sei recht ſanft, recht wohlwollend und liebenswürdig, mein ſchöner Zephyr, damit Du Bonaparte nicht zornig machſt, denn Du weißt wohl, er liebt die Hunde nicht und möchte Dich lieber zum Fenſter hinauswerfen, als zu meinen Füßen dulden. Sie hatte den Mops mit ſanftem Streicheln auf einen Lehnſeſſel gehoben und breitete jetzt Bisquit und Zuckerwerk vor ihm aus, das Zephyr mit vornehmem Schnüffeln ſeiner Prüfung unterwarf. Jetzt, Amelie, zur Toilette, ſagte Joſephine dann, als Sie geſehen, daß Zephyr endlich von den Bisquits zu eſſen geruhte. Amelie hatte alle Koffer geöffnet und den Toilettentiſch mit einer Unmenge kleiner Büchſen und Flacons verſehen. Joſephinens Schönheit bedurfte ſchon einiger Nachhülfe und die liebenswürdige Frau war ſehr bereitwillig, ihr dieſelbe zu gewähren. Die republika niſche Sitte verachtete zwar die Schminke, denn dieſe war unter der „Zeit der Tyrannei,“ unter dem Königthum, Mode geweſen und Marie Antoinette hatte dieſe Mode begünſtigt und viel Roth aufgelegt; aber Joſephine fand doch, daß die Schminke ein nothwendiges Surrogat der⸗Schönheit ſei, und da man ſie des republikaniſchen Anſtands halber verleugnen mußte, machte ſie aus ihrem Gebrauch ein Geheimniß; aber ſie gebrauchte ſie.— Amelie allein ſah und wußte es, Amelie allein war gnſ denen Joſet zu Hülfe ke Nachhülfe * „ vollen For war ſie wir waren ſo ſ und das ſe ſtalt und li Jtzt Anelie, 2 ſbſt ausſ Sie alle ihre ſie m Paris hint Koſtbares herrlich ſont agt enthält ein verehrt un ſiner Uri und Brill Shhutz anſt hier A bedeutet de g Vh 1 2 5 allein war Zeugin all dieſer kleinen Geheimniſſe und Kunſtgriffe, mit denen Joſephine, die Frau von drei und dreißig Jahren, ihrer Schönheit zu Hülfe kommen mußte. Aber nur der Kopf bedurfte ein wenig der Nachhülfe, die Geſtalt war noch jugendlich, anmuthig und von ſchönen, vollen Formen, und als Joſephine ihre Toilette jetzt vollendet hatte, war ſie wirklich von bezaubernder Schönheit und Anmuth. Ihre Augen waren ſo ſtrahlend und feurig, ihr Lächeln ſo lieblich und ſiegesgewiß; und das ſchwere, weiße Seidengewand unfloß eng nnd feſt ihre Ge⸗ ſtalt und ließ deren ſchöne Formen und Contouren erkennen. Jetzt noch ein wenig Schmuck, ſagte Joſephine, gieb mir Brillanten, Amelie, Bonaparte liebt das Funkelnde, Glänzende. Komm, ich will ſelbſt ausſuchen! Sie nahm aus Amelie's Händen die große Caſſette, in welcher alle ihre Schmuckkäſten ſich befanden, und überflog ſie mit lächelndem Blick. Wie reich Italien iſt an Koſtbarkeiten und Goldgeſchmeide, ſagte ſie mit leiſem Kopfſchütteln. Als ich vor einigen Monaten von Paris hinkam, hatte ich nur drei Schmuckkäſten und es war nicht viel Koſtbares darin, jetzt zähle ich hier vier und zwanzig Etuis und welche herrliche Dinge ſind darin enthalten.*) Siehe dieſe koſtbaren Perlen, die mir der Marquis Lambertin als Andenken gegeben. Er iſt ein alter Mann und ich durfte ſeine Bitte nicht abſchlagen. Dieſes Etui enthält ein Bracelet, das mir Mancini, der letzte Doge von Venedig, verehrt und von dem er behauptet, daß Benvenuto Cellini es für eine ſeiner Urältermütter gearbeitet hat. Dieſen Schmuck von Corallen und Brillanten gab mir neulich die Stadt Genua, als ſie mich um Schutz anflehte und mich bat, für ſie bei Bonaparte zu ſprechen. Und hier— Aber mein Gott, hörſt Du das Schreien und Rufen? Was bedeutet das? Sollte Bonaparte— *) Joſephine hatte nicht allein in Italien ſehr viele Schmuckſachen gekauft, ſondern ſie hatte auch ſehr viele und die koſtbarſten und auserleſenſten Dinge zum Geſchenk erhalten. Jede italieniſche Stadt, in welcher ſie erſchien, beeiferte ſich, ihr Geſchenke und Huldigungen darzubringen, die Joſephine, nicht aus Eigennutz, aber um die Geber nicht zu betrüben, freundlich annahm. Siehe: Denkwürdiger Rheiniſcher Antiquarius II. 2. S. 575. Mühlbach, Napoleon. 1. Bd 194 ſondern eilte an's Fenſter. Der jetzt dicht hatten Sie vollendete ihren Satz nicht, Marktplatz, den ſie von hier aus überſchauen konnte, war gedrängt voll Menſchen, aber nicht um Joſephine zu ſehen, alle dieſe Leute ſich da verſammelt. Aller Blicke waren nach jener Straße hingewandt, von welcher man immer neue, jubelnde Menſchen maſſen heranſtrömen ſah und aus der man immer näher und näher heranſchwellend lautes Vivatſchreien und Jubeln vernahm. Jetzt be merkte man inmitten dieſer ſchwarzen, wogenden Menſchenmaſſe einen Er kam näher und ward deutlicher, es waren weißen Punkt. die Köpfe weißer Pferde. flog das Jubelgeſchrei durch die Langſam nur rückten ſie vorwärts, aber raſcher Luft daher und fand ſeinen Widerhall in tauſend und tauſend Kehlen. Und unter dieſem Jubelgeſchrei kam der Zug näher, jetzt bog er Straße nach dem Marktplatz ein. Joſephine riß mit einem aus der winkte hinunter, denn Er war freudigen Aufſchrei das Fenſter auf und es, Bonaparte, den das jubelnde Volk begrüßte. Er ſaß ganz allein in einem zurückgeſchlagenen Wagen, Roſſe, mit ſilbernem Geſchirr aufgezäumt, zogen.“ den ſechs prächtige, milchweiße Nachläſſig und erſchöpft zurückgelehnt in die Kiſſen, ſchien er das Jubelgeſchrei, das ihn umrauſchte, kaum ſeiner Beachtung werth zu halten. Sein Antlitz war bleich und angegriffen, eine Wolke ſtand auf breiten, ehernen Stirn, und wenn er ſich von Zeit zu Zeit einer ſo geſchah das mit einem „ ankend nach beiden Seiten hin verneigte, müden, trüben Lächeln. Aber gerade dieſe kalte Ruhe, dieſe beſcheidene Unſcheinbarkeit, dieſes bleiche, düſtere Angeſicht ſchien den Zuſchauern leich ein Gefühl grauenvollen Entzückens, bleiche, kalte, düſtere, — zu imponiren und ihnen zug bewundernden Schauders einzuflößen. Dieſes impoſante Antlitz hatte kaum etwas von einem irdiſchen, ſterblich ge borenen Weſen. Es war, als ob das Geſpenſt einer der alten römi⸗ ſchen Cäſaren, als ob das Geſpenſt Julius Cäſars ſich in dieſen *) Dieſe ſechs Pferde mit ihrem Geſchirr waren ein Geſchenk des Kaiſers von Oeſterreich an Bonaparte, bei Gelegenheit des Friedens von Campo Formiv. Das einzige Geſchenk, das Bonaparte hatte annehmen wollen. Siehe: Bou rienne Vol. I. S. 389. Wogen 9 ließ in aus Elſt un ſich; bild ſei. Jetz von ſeine empor Fenſter ſ ſeiner Al auf ſeine Er ſchließen es wied keiner 1 Ebe Bo welche i neigens an ſie d und ha ihn mit wite S fand ſie einem idene auerm ckens, üſtere, ch ge röm⸗ dieſen 195 Wagen geſetzt hatte und ſich von den ſchneeweißen Roſſen daherziehen ließ in die Wirklichkeit, in das fluthende Leben. Man jubelte halb aus Erſtaunen, halb aus Furcht, man rief: es lebe Bonaparte! halb um ſich zu verſichern, daß er wirklich lebe und nicht ein antikes Kaiſer⸗ bild ſei. Jetzt hielt der Wagen vor dem Hauſe an; ehe Bonaparte ſich von ſeinem Sitz aufrichtete, hob er einen raſchen Blick zu den Fenſtern empor: Wie er Joſephinen gewahrte, die da oben am gesöffneten Fenſter ſtand, belebten ſich ſeine Züge und ein langer, feuriger Blitz ſeiner Augen traf ihr Geſicht. Aber er grüßte ſie nicht und die Wolke auf ſeiner Stirn ward düſterer. Er iſt verſtimmt und zornig, flüſterte Joſephine, das Fenſter ſchließend, und ich fürchte, ſein Zorn gilt mir. Mein Gott, was kann es wieder ſein, was kann ſeinen Zorn veranlaßt haben? Ich bin mir keiner Unvorſichtigkeit bewußt, ich— Eben ward die Thür haſtig geöffnet und Bonaparte trat ein. II. Vonaparte und Zoſephine. Bonaparte hatte die franzöſiſchen Geſandten mit ihren Frauen, welche ihn an der Treppe begrüßten, kaum eines Blickes, eines Kopf⸗ neigens gewürdigt. Alle ſeine Gedanken waren zu Joſephinen gewandt, an ſie denkend war er mit ſtürmiſcher Eile die Treppe hinauf geſtürzt, und hatte die Thür aufgeriſſen, überzeugt, daß ſie da ſtehen und ihn mit offenen Armen empfangen würde. Als er ſie nicht ſah, ſtürzte erweiter, bleich, mit finſterm Angeſicht, wie ein zürnender Löwe. So ſtürmte er jetzt in das Gemach, in welchem Joſephine ſich fand, und ohne ſie zu begrüßen, nur ſeine düſter flammenden Blicke ſie gerichtet, fragte er mit gepreßter, zorniger Stimme: Madame, 13* 196 Sie halten es nicht einmal der Mühe werth, mich zu begrüßen? Sie kommen mir nicht entgegen? Aber, Bonaparte, Du haſt mir nicht die Zeit dazu gelaſſen, ſagte Joſephine mit einem reizenden Lächeln. Während ich Dich noch im Begriff glaube, aus dem Wagen zu ſteigen, leuchteſt Du ſchon wie ein Blitz vom Himmel in dies Gemach herein. Oh, und das hat Ihnen ſo ſehr die Augen verblendet, daß Sie mich nicht einmal begrüßen können? fragte er zornig. Und Du, Bonaparte? rief ſie zärtlich. Du öffneſt mir nicht Deine Arme? Du heißeſt mich nicht willkommen? Statt mich an Dein Herz zu drücken, zürnſt Du mir? Oh, komm, mein Freund, laß uns dieſe erſte Stunde des Wiederſehens nicht verdüſtert hinbringen. Wir haben uns faſt zwei Monate lang nicht geſehen und— Ah, Madame, Sie wiſſen das alſo mindeſtens, rief Bonaparte, es iſt Ihnen alſo doch nicht ganz aus dem Gedächtniß geſchwunden, daß Sie vor zwei Monaten von mir Abſchied nahmen und mir damals ewige Liebe, ewige Treue ſchwuren und mir heilig zuſicherten, täglich an mich zu ſchreiben? Sie haben Axe Schwüre und Verſicherungen ſchlecht gehalten, Madame. Aber, mein Freund, ich habe geſchrieben, ſo oft man mir ſagte, daß ein Courier an Dich abginge. Du hätteſt täglich einen eigenen Courier abſchicken ſollen, um mir Deine Briefe zu ſenden, rief Bonaparte, wild mit dem Fuße ſtampfend, daß die Gläſer auf dem Tiſch klirrten und Zephyr, von ſeinem Lehn ſeſſel ſpringend, zu knurren begann. Joſephine ſchaute ängſtlich nach ihm hin und ſchien ihn mit dem leiſen Winken ihrer Hand beruhigen zu wollen. Bonaparte fuhr fort: Briefe! Aber dieſ tel, welche ich von eit zu Zeit erhielt, waren nicht einmal Bri Officielle Bülletins eines Befindens, weiter nichts, kalt wie Eis! Madame, wie konnten ie mir ſolche Briefe ſchreiben, und noch dazu nur alle vier Tage? Wenn Sie mich liebten, würden Sie alle Tage geſchrieben haben. Aber Sie lieben mich nicht mehr, ich,weiß es! Sie haben mich nur aus Laune geliebt, Sie fühlen jetzt, wie lächerlich es ſein würde, wenn Zet e efe! 00 8 20 ie eine S der Ihne Aber ich ich mein Bon ich den Gleichgül h, rilich, itten, kaniſch! mit den S dem, de nicht ei würde i ju finde richt we ihn zu p Uhe Vo Madam nicht be mein C Erobern haben, ſeltſt j traulich Charlez or ein wollte agte im wie Sie eine Herz dieſe aben parte, nden, mals glich gen ſohte, mir fend, ehn nach igen von letins nnten age aben h nut wenn 197 Sie einen armen Menſchen lieben wollten, der nichts iſt als Soldat, der Ihnen kichts zu bieten hat, als ein bischen Ruhm und ſeine Liebe. Aber ich werde dieſe Liebe aus meinem Herzen verbannen, und müßte ich mein Herz mit meinen eigenen Zähnen zerreißen.*) Bonaparte, rief Joſephine halb zärtlich, halb entſetzt, was that ich denn, daß Du mir zürnſt? Weshalb beſchuldigſt Du mich der Gleichgültigkeit, da Du doch weißt, daß ich Dich liebe? Ah, es iſt wenigſtens eine ſehr kalte Liebe, ſagte er höhniſch. Freilich, ich bin nur der Ehemann, und es paßt nicht zu den adlichen Sitten, ſeinen Ehemann zu lieben, das iſt gemein, bürgerlich, republi kaniſch! Ich bin aber ein Republikaner, und ich will nicht eine Frau mit den Sitter des ancien régime. Ich bin der Ehemann, wehe dem, der ſichen arſtellt mit dem Titel eines Liebhabers. Ich würde nicht einmal meines Schwertes nöthig haben, um ihn zu tödten, ich würde ihn mit meinen Blicken zerſchmettern!“*) Und ich werde ihn zu finden wiſſen, und flöhe er bis an's Ende der Welt. Mein Arm reicht weit, und ich werde ihn über die ganze Welt ausſtrecken, um ihn zu packen. Aber von wem willſt Du ſprechen? fragte Joſephine entſetzt. Von wem? rief er mit donnernder Stimme. Ah, Sie glauben, Madame, ich weiß nicht, was geſchehen iſt? Sie glauben, wenn ich nicht bei Ihnen bin, ſehe und erfahre ich nichts? Ich mache Ihnen mein Compliment, Madame! Der ſchöne Adjutant Leclerc's iſt eine Eroberung, um welche die Frauen von Mailand Sie gewiß beneidet haben, und Botot, der Spion, den Barras mir nachgeſandt, gilt ſelbſt in Paris für einen Adonis! Madame, was bedeuten die Ver⸗ traulichkeiten mit dieſen beiden Männern? Sie haben den Adjutanten Charles Morgens um eilf Uhr empfangen, während Sie doch niemals vor ein Uhr aus Ihrem Bett aufſtehen. Oh, der junge, ſchöne Charles wollte Ihnen von ſeinem Heimweh nach Paris erzählen, von ſeiner *) Bonaparte's eigene Worte. Siehe: Lettres à Josephine. Mémoires d'une contemporaine. I. 353. **) Bonaparte's eigene Worte. Siehe ebendaſelbſt. 198 Mama und ſeiner Schweſter, nicht wahr? Deshalb mußte man die bequemſte Stunde wählen? Deshalb kam er um eilf Uhr, als Sie noch im Bett lagen? Die Hitze war ſo groß, und um ein Uhr wäre ſeine Seele verbrannt vor Ungeduld!*) Er wollte um zwölf Uhr ſchon abreiſen nach Paris, deshalb empfing ich ihn ſo früh, mein Freund! ſagte Joſephine ſanft. Oh, Du leugneſt alſo nicht, daß Du ihn empfangen haſt, ſchrie Bonaparte, und ſein Antlitz war jetzt bleich wie Marmor. Mit flam⸗ menſprühenden Augen, mit hochgehobener Rechten ſchritt er dicht zu Joſephinen hin. Madame, rief er mit donnernder Stimme, Sie wagen es alſo, einzugeſtehen, daß Charles Ihr Liebhaber iſt? Ehe indeß Joſephine noch Zeit hatte zu einer Erwiderung, ſtürzte Zephyr, der ſeine Herrin bedroht ſah, in raſender Wuth auf Bona⸗ parte los, mit wüthendem Geheul und Gebell, mit fletſchenden Zähnen, ganz bereit, den Feind ſeiner Herrin zu zerfleiſchen. Ah, dies verwünſchte Thier iſt auch noch da, mich zu martern, rief Bonaparte, und den Fuß erhebend, trat er mit zerſchmetternder Kraft auf den Leib des kleinen Hundes; ein einziger gellender Schrei ward gehört, dann ſtürzte das Blut ihm aus dem Maul, und zuckend lag das arme Thier am Boden.**) Bonaparte, Du haſt das Thier getödtet! rief Joſephine ſchmerz⸗ voll, ſich zu dem ſterbenden Hunde niederbeugend. Ja, ſagte er mit einem Ausdruck wilder Freude, ich habe ihn getödtet, und alſo, wie ihn, will ich jedes lebende Weſen zerſtören, das ſich zwiſchen mich und Sie zu drängen wagt! Joſephine hatte ſeine Worte nicht beachtet. Sie war neben dem Hunde niedergekniet und ſtreichelte zärtlich ſeinen Kopf und ſeine zucken⸗ den Glieder, bis ſie ſtarr und regungslos lagen. Er iſt todt, ſagte ſie, ſich wieder erhebend. Armes, kleines Thier, er iſt geſtorben, weil er mich liebte! Verzeihen Sie mir, Herr Ge⸗ *) Bonaparte's eigene Worte. Siehe: Mémoires d'une contemporaine. 9 P II. 380. **) Rheiniſcher Antiquar. I. 2. S. 574. neral, d theures Er war Von J, und kur Lozarus ausſchlu und Ru wollte Auftrig Banapo Comie A zu?„ ß e belauſc S — G m die Sie wäre fing ſchtie flam⸗ ht zu vagen hmetz⸗ be ihn n, das ndem ucken⸗ Thier, 1 Ge⸗ oraine 199 neral, daß ich um ihn weine. Allein er war mir ein liebes und theures Andenken an einen Freund, der auch erſt kürzlich geſtorben iſt. Er war ein Geſchenk vom General Hoche. Von Hoche? fragte Bonaparte faſt verlegen. Ja, von Lazarus Hoche, der vor einigen Wochen geſtorben iſt, und kurz vor ſeinem Tode mir das Thier nach Mailand ſandte, von Lazarus Hoche, der mich, Sie wiſſen es, geliebt, und deſſen Hand ich ausſchlug, weil ich Sie liebte, ſagte Joſephine mit einer edlen Würde und Ruhe, die indeß bitterer trafen, als alle lauten Vorwürfe es ver⸗ mocht hätten. Und jetzt, General, fuhr ſie fort, jetzt will ich Ihnen auch auf Ihre Vorwürfe antworten. Ich ſage nicht mich rechtfertigen, denn das hieße, Ihre Anklage annehmen, aber ich will antworten! Ich habe Ihnen geſagt, weshalb ich Charles zu ſo früher Stunde annahm. Er wollte nach Paris, und ich hatte ihm wichtige und geheime Briefe und Aufträge zu geben. Warum ſandten Sie nicht einen eigenen Courier damit ab? fragte Bonaparte, aber mit viel ſanfterer Stimme, als zuvor. Weil es gefährlich geweſen wäre, meine Briefe an Botot einem Courier anzuvertrauen, ſagte Joſephine ruhig. An Botot? Sie geſtehen alſo auch Ihre Vertraulichkeit mit Botot zu? Man hatte mich alſo nicht hintergangen, als man mir ſagte, daß Sie dieſen Spion, welchen mir Barras nachgeſandt, um mich zu belauſchen, daß Sie Botot jeden Morgen in Ihrem Cabinet empfingen, daß Sie Ihre Kammerfrau ſtets entfernten, wenn er kam, daß Sie ſtundenlange Unterredungen mit ihm hatten? Dies Alles iſt wahr, ich leugne es nicht, ſagte Joſephine ſtolz. Bonaparte ſtieß eine Verwünſchung aus und wollte auf ſie zu⸗ ſtürzen. Sie aber trat einen Schritt zurück, und mit einer raſchen Bewegung auf das getödtete Thier hindeutend, ſagte ſie: Sehen Sie Sich vor, General, es giebt hier kein zweites Thier mehr zu tödten, und ich bin nur ein ſchwaches, wehrloſes Weib, das zu zerbrechen dem Sieger von Arcole ſchlecht anſtehen würde. 200 Bonaparte ließ ſeinen Arm ſinken und that faſt beſchämt einige Schritte rückwärts. Sie leugnen alſo Ihren vertraulichen Verkehr mit Botot und mit Charles nicht? Ich leugne nicht, daß Beide mich lieben, daß ich es wußte und daß ich ihre Liebe benutzt habe. Hören Sie mich wohl, General, ich habe ſie benutzt. Das iſt niedrig, iſt verdammungswürdig, das heißt ein unwürdiges Spiel mit den edelſten Gefühlen Anderer treiben, ich weiß es, aber ich that es für Sie, General, ich that es in Ihrem Intereſſe! In meinem Intereſſe? fragte Bonaparte erſtaunt. Ja, in dem Ihren, ſagte ſie. Jetzt kann ich Ihnen Alles ſagen, Alles geſtehen. Aber ſo lange Charles und Botot da waren, durfte ich das nicht, denn wenn Sie aufgehört hätten, eiferſüchtig zu ſein, wenn Sie, von mir ins Vertrauen gezogen, dieſe beiden Männer gütig und freundlich behandelt hätten, ſtatt ihnen aus Eiferſucht finſter und abſtoßend zu begegnen, ſo würden ſie vielleicht Verdacht geſchöpft, wür den meine Intrigue durchſchaut haben, und ich hätte ſie nicht mehr benutzen können. Aber wozu, um's Himmel willen, benutzten Sie ſie denn? Oh, mein Herr, man ſieht wohl, daß Sie Sich beſſer auf das Schwert, als auf Intriguen verſtehen, rief Joſephine mit einem rei zenden Lächeln. Ich benutzte alſo meine beiden Liebhaber, um ihnen ihre Geheimniſſe zu entlocken. Und ſie hatten deren, General, denn Sie wiffen es, Botot iſt der vertrauteſte und einflußreichſte Freund von Barras, und der ſchöne Charles wird von Madame Tallien an⸗ gebetet. Sie hat kein Geheimniß vor ihm, und was er will, das thut ſie, und wiederum, was ſie will, das thut ihr Gemahl, der edle Tallien, der gleich Barras einer von den fünf Directoren unſerer Re⸗ publik iſt.* Oh Weiber, Weiber, murmelte Bonaparte vor ſich hin. Joſephine fuhr fort: Auf dieſe Weiſe, General, erfuhr ich alle Pläne, alle Gedanken des Directoriums, auf dieſe Weiſe, durch meine mir ergebenen Freunde Botot und Charles, iſt es mir gelungen, manches und ſind und Ihr reich, di Wrembo tumvirat ihr Ben Hauptmi richten i ſogar J verdicht Bonapa erzählte Vode, ſtndes ieger Herzoge Ah St ju Erd verkünd G Turin, ſei, au geſetz, ſin wi den De gifen Eieger Gefm D Bonap —— * inige mit das rei⸗ ihnen denn eund an⸗ thut ed le Re⸗ 201 manches Unheil von Ihrem Haupte abzuwehren. Denn Sie waren und ſind bedroht, General, und was Sie bedroht, das iſt Ihr Ruhm und Ihre Größe, das iſt die Eiferſucht der fünf Könige von Frank⸗ reich, die jetzt unter dem Namen von Directoren herrſchen, dort im Lurembourg herrſchen. Nur mit Schrecken und Zorn ſah das Quin⸗ tumvirat Ihre wachſende Macht und Ihren ſteigenden Ruhm, und all ihr Bemühen war dahin gerichtet, dieſem entgegenzuarbeiten. Ein Hauptmittel, Ihnen zu ſchaden, ſahen ſie darin, daß ſie falſche Nach⸗ richten über Sie verbreiteten. Durch Botot erfuhr ich, daß Barras ſogar Journaliſten beſoldete, um gegen Sie zu ſchreiben und Sie zu verdächtigen. Bald verkündeten dieſe unter der Rubrik Verpna, daß Bonaparte im Begriff ſei, ſich zum Dictator ernennen zu laſſen, bald erzählte man in einem Artikel von der Grenze oder aus irgend einem Lande, daß die ganze Lombardei ſchon wieder am Vorabend eines Auf⸗ ſtandes ſei, daß die Italiener die Tyrannei verabſcheuten, welche der Sieger ihnen auferlegte, und daß ſie im Begriff ſeien, ihre alten Herzoge zurückzurufen. Ah, die Miſerablen, rief Bonaparte zähneknirſchend, ich— Still, General, hören Sie meine Antwort auf Ihre Vorwürfe bis zu Ende, ſagte Joſephine mit gebieteriſcher Ruhe. Ein anderes Mal verkündeten dieſe gedungenen Zeitungsſchreiber in einem Brief aus Turin, daß eine weitverzweigte Verſchwörung in Paris auf dem Punkt ſei, auszubrechen, daß das Directorium durch dieſe Verſchwörung ab⸗ geſetzt, und durch eine militairiſche Dictatur, deren Chef Bonaparte ſein würde, erſetzt werden ſollte. Hierauf fußend verbreitete man in den Departements die Nachricht, daß die Anſtifter des Complots er⸗ griffen und vor die Militair⸗Commiſſionen geführt wären, daß aber der Sieger von Italien für rathſam gefunden, ſich durch die Flucht ſeiner Gefangennehmung zu entziehen.*) Das iſt ja ein wahres Höllengewebe von Lüge und Bosheit, rief Bonaparte empört. Aber ich werde mich zu rechtfertigen wiſſen, ich *) Le Normand Mémoires. Vol. I. S. 237. ———— 202 werde nach Paris gehen und dieſem elenden Directorium ſeine Ver⸗ leumdungen und Bosheiten in's Geſicht werfen. General, Sie haben nicht nöthig, in die Arena hinab zu ſteigen, um 3 zu vertheidigen, ſagte Joſephine lächelnd. Ihre Thaten ſprechen für Sie, der er Ihrer Freunde wacht über Ihnen. Jedes Mal, wenn ein ſolcher Zeitungsartikel erſchien, hat mir Botot ihn geſandt; wenn das Directorium eine neue Mine angelegt, hat Botot mich be nachrichtigt. Und dann rief ich meinen Freund Charles zu Hülfe, und dieſer mußte durch einen Journaliſten, den ich beſoldete, dieſe Artikel he Eif r widerlegen und den Minen eine Contremine legen. Oh, Joſephine, wie viel Dank bin ich Dir ſchuldig, rief Bona parte glühend. Wie ſehr⸗ Ich bin noch nicht zu Ende, General, unterbrach ſie ihn kalt. Die Widerlegungen und die wahre Darſtellung Ihrer ruhmwürdi igen Thaten fanden in ganz Frankreich einen begeiſterten Wiederhall, und Jeder⸗ mann ſehnte ſich, Sie zu ſehen im Glanz Ihres Ruhms und Ihnen Paris zu huldigen. Aber das eiferſüchtige Directorium berechnete im Voraus, wie ſehr der Glanz Ihres Ruhms den Staatsmännern der Republik gefährlich ſei und wie ſehr Ihre Heimkehr die fünf Könige verdunkeln würde. Deshalb beſchloß man, Sie aus dem Wege zu räumen und zu beſeitigen, deshalb allein ernannte man Sie zum erſten Bevollmächtigten des zu eröffnenden Congreſſes in Raſtatt und über⸗ trug Ihnen das Geſchäft, hier an der Sicherung und Feſtſtellung des Glückes der Völker zu arbeiten. Man wollte den Löwen an die Kette legen und ihn fühlen laſſen, daß er einen Herrn hat, dem er ge⸗ horchen muß. Aber der Löwe wird die Kette zerreißen und wird nicht gehorchen, rief Bonaparte zornig. Noch heute verlaſſe ich Raſtatt und eile nach Paris. Warten Sie noch einige Tage, General, ſagte Joſephine lächelnd. Sie werden nicht nöthig haben, einen Gewaltſtreich zu machen, meine Freunde Botot und Charles haben mit mir für Sie gearbeitet. Da Botot allein nicht mächtig genug war, denn er konnte nur Barras be⸗ arbeiten, ſandte ich ihm Charles zu Hülfe, damit der Madame Tallien inſpirire Brief, d Sie kem Ih Nu ſagte J und es Er das Pe melte e S 0 J ſtürmiſ 3 v ntereſ an Zi ſtelung ſtrken lehn. Amſ echalte Brief, ſonder V denn betete N kehren, den h 99% Ih Liebe dem in de gen, chen Oie haten eder⸗ hnen nete nern önige e zu erſten übet⸗ 9 des Kette r ge⸗ rchen, eile helnd⸗ meine Da s be⸗ allien 203 inſpirire. Und die Kriegsliſt iſt geglückt. Nehmen Sie hier dieſen Brief, den ich geſtern durch einen eigenen Courier von Botot erhielt. Sie kennen doch Botot's Handſchrift? Ich kenne ſie! Nun, ſo überzeugen Sie ſich, daß er das wirklich geſchrieben hat, ſagte Joſephine, aus ihrer Brieftaſche ein Blatt Papier hervorziehend und es Bonaparte darreichend. Er ſchaute darauf hin mit einem flüchtigen Blick, aber ohne das Papier zu berühren. Ja, es iſt Botot's Handſchrift, mur⸗ melte er. So leſen Sie doch, General, ſagte Joſephine. Ich kann nicht, mag nicht, ich glaube Dir Alles, Alles, rief er ſtürmiſch. Ich werde Ihnen vorleſen, ſagte ſie, denn der Inhalt wird Sie intereſſiren. Hören Sie:„Angebetete Bürgerin Joſephine. Wir ſind am Ziel und haben geſiegt. Das Directorium hat endlich weiſen Vor⸗ ſtellungen Gehör gegeben, es hat erkannt, daß es eines mächtigen und ſtarken Arms bedarf, der es aufrichte, einer Säule, an die es ſich lehne. Es wird Bonaparte zurückrufen, damit er ihm Säule und Arm ſei. In einigen Tagen wird Bonaparte in Raſtatt einen Courier erhalten, der ihn nach Paris ruft. Botot.“— Das iſt der ganze Brief, General, Sie ſehen, es ſteht darin nichts geſchrieben von Liebe, ſondern nur von Ihnen. Ich ſehe, daß ich der glücklichſte Menſch bin, rief Bonaparte freuvig, denn ich werde nach Paris zurückkehren, und meine ſchöne, edle, ange⸗ betete Joſephine wird mich begleiten! Nein, General, ſagte ſie feierlich. Ich werde nach Italien zurück⸗ kehren, ich werde in irgend einem Kloſter mich verbergen, um da über den kurzen Traum meines Glückes zu weinen und für Sie zu beten. Ich habe Ihnen jetzt Alles geſagt, was ich Ihnen zu ſagen hatte. Ich habe auf Ihre Vorwürfe geantwortet. Sie ſehen, daß ich die Liebe dieſer beiden armen Männer ſchmachvoll benutzt, daß ich mich an dem heiligſten Gefühl verſündigt habe, um Ihnen zu nützen. Ich handelte in der Stille und im Geheimen, denn ich ſagte Ihnen ſchon, General, —— F— 204 Ihre tapfere Hand weiß beſſer das Schwert zu führen, als Intriguen zu leiten. Ein ſtarker Griff dieſer Hand hätte leicht das ganze künſt⸗ liche Gewebe meiner Pläne zerſtören können, darum ſchwieg ich! Aber ich rechnete auf Ihr Vertrauen, auf Ihre Achtung! Jetzt aber habe ich erkennen müſſen, daß ich dieſe nicht beſitze, und das trennt uns für ewig. Das rückhaltloſe Vertrauen iſt nicht blos die Nahrung, von welcher die Freundſchaft lebt, ſondern auch die Liebe ſtirbt und ver⸗ hungert ohne dies Vertrauen.*) Leben Sie alſo wohl, General, ich vergebe Ihnen Ihr Mißtrauen, aber ich kann mich dem Zorn deſſelben nicht länger ausſetzen. Leben Sie wohl! Sie verneigte ſich vor Bonaparte und wandte ſich der Thür zu. Aber Bonaparte ſtürzte ihr nach, und mit ſeinen beiden Händen ſie zurückhaltend, ſagte er mit vor Bewegung zitternder Stimme: Wo willſt Du hin, Joſephine? Ich ſagte Ihnen ſchon, ſeufzte ſie ſchmerzvoll, ich will in ein Kloſter gehen, um zu weinen und für Sie zu beten! Das heißt, Du willſt mich tödten, rief er mit flammenden Augen. enn Du weißt es, ich kann nicht ohne Dich leben. Wenn ich Dich, eine Liebe, Deine reizende Perſon verlieren müßte, würde ich Alles verlieren, was das Leben angenehm und wünſchenswerth macht. Jo ſephine, Du biſt für mich eine Welt, die ich mir nicht erklären kann, und mit jedem Tage liebe ich Dich mehr. Selbſt, wenn ich Dich nicht ſehe, wächſt meine Liebe, denn die Abweſenheit heilt nur die kleinen Leidenſchaften, die großen ſteigert ſie.**) Mein Herz hat niemals Mittelmäßiges empfunden. Es hatte ſich gegen die Liebe gewehrt, Du aber haſt ihm eine Leidenſchaft ohne Grenzen eingeflößt, eine Trunken heit, welche es entwürdigt. Der Gedanke an Dich lebte in meiner Seele vor allen andern, Deine Laune war mir ein heiliges Geſet. Dich ſehen iſt mein höchſtes Glück, Du biſt ſchön und anmuthig, Deine ſanfte und himmliſche Seele malt ſich in Deinen Zügen. Oh, *) Joſephinen's eigene Worte. Siehe: Le Normand. I. 248. **) Bonaparte's eigene Worte. Mémoires d'une contemporaine. Vol. I. — 2128 S. 363. ich bete geliebt gefült, i weil er Portrait bin, vet Küſſen b drücte, die Liebe da für meine 4 ſort an und vo ſo lieb laſen! Je Ahtung diger V kann ni S nun u mich, ſollte, nich a ſo jm Menſch liebe T N — S S uhre — hu 42 205 ich bete Alles in Dir an, wie Du biſt; jünger würde ich Dich weniger geliebt haben. Alles, was Du thuſt, iſt für mich Tugend, was Dir gefüllt, iſt für mich Ehre. Der Ruhm hat für mich nur noch Werth, weil er Dir angenehm iſt und Deiner Eigenliebe ſchmeichelt. Dein Portrait ruht immer auf meinem Herzen, und wenn ich von Dir fern bin, vergeht keine Stunde, ohne daß ich es anſchaue, und es mit Küſſen bedeckte.*) Neulich, wie ich es allzuheftig an meinen Buſen drückte, zerbrach das Glas. Meine Verzweiflung war grenzenlos, denn die Liebe iſt abergläubiſch und Alles iſt ihr bedeutungsvoll. Ich hielt das für eine Ankündigung Deines Todes, und kein Schlaf kam in meine Augen, keine Ruhe in mein Herz, bis der Courier, den ich ſo⸗ fort an Dich abſchickte, mir die Nachricht gebracht, daß Du geſund und von keinem Unheil betroffen ſeieſt!“) Siehſt Du, Weib, Weib, ſo liebe ich Dich, willſt Du nun noch ſagen, daß Du mich ver⸗ laſſen willſt? Ich muß es, General, ſagte ſie feſt. Die Liebe kann ohne die Achtung nicht dauernd ſein, und Sie achten mich nicht. Ihr unwür⸗ diger Verdacht hat mich entehrt, und eine Entehrte und Beſchimpfte kann nicht mehr Ihre Gemahlin ſein. Leben Sie wohl! Sie wollte ſich von ſeinen Händen los machen, aber er hielt ſie nun um ſo feſter. Joſephine, ſagte er mit dumpfer Stimme, höre mich, treibe mich nicht in Verzweiflung, denn wenn ich Dich verlieren ſollte, würde ich aufhören zu leben. Keine Pflicht, kein Titel würde mich an die Erde feſſeln. Die Menſchen ſind ſo verächtlich, das Leben ſo jammervoll, Du allein löſcheſt in meinen Augen die Schmach der Menſchennatur aus.***) Ohne Dich giebt es kein Leben, kein Glück, ich liebe Dich grenzenlos. Nein, General, Sie verachten mich, Sie lieben mich nicht! Sie, Sie, rief er, wild mit dem Fuße ſtampfend, Du ſelber Sie! Fahre nur ſo fort, und ich werde todt zu Deinen Füßen niederfallen. *) Bonaparte's eigene Worte. Siehe: Corréspondance inédite avee Josephine. Lettre. V. **) Mémoires sur Napoleon, par Constant. Vol. I. 309. ***) Bonaparte's eigene Worte. Corréspondance ete. 375. — — 206 — Martere mich nicht ſo fürchterlich! Erinnere Dich, was ich Dir ſ oft geſagt habe: Die Natur hat mir eine ſtarke, entſchiedene Seele gegeben, Dich hat ſie aus Gaze und Spitzen gebaut. Ich liebe Dich u fern nicht, ſagſt Du. Höre es zum letzten Mal. Ich habe, ſeit D von mir biſt, nicht einen Tag verlebt, ohne Dich zu lieben, nicht eine Nacht, ohne Dich im Geiſt an mein Herz zu drücken, ich habe nicht Herz eine Taſſe Thee getrunken, ohne den Ruhm und den Ehrgeiz zu ver⸗ wünſchen, die mich fern hielten von der Seele meines Lebens.*) In⸗ mitten der Geſchäfte, an der Spitze der Truppen, auf dem Marſch und im Felde, immer iſt meine himmliſche Joſephine in meinem Herzen geweſen, hat meinen Geiſt beſchäftigt, meine Gedanken abſorbirt. Wenn ich mich von Dir entfernte mit der Unaufhaltſamkeit des Sturzes der Rhone, ſo geſchah es, um bald wieder bei Dir zu ſein. Wenn ich mich in der Mitte der Nacht erhob, um noch zu arbeiten, ſo that ich Bi es, um den Zeitpunkt unſerer Wiedervereinigung zu beſchleunigen. ie ſchönſten Frauen haben mich umdrängt, haben mir gelächelt, haben mich ihre Gunſt hoffen laſſen, ſuchten mir zu gefallen, aber keine glich Dir, keine hatte die ſanften und melodiſchen Züge, die ſich ſo tief in mein Herz eingeprägt haben. Ich ſah nur Dich, dachte nur an Dich, das machte mir alle unerträglich, ich verließ die ſchönſten Frauen, um mich auf mein einſames Lager zu legen, und zu ſeufzen: wann wird §) Und wenn ich meine angebetete kleine Frau wieder bei mir ſein?“ jetzt zornig und aufbrauſend war, ſo geſchah das doch auch nur, weil ich Dich ſo grenzenlos liebe, daß ich eiferſüchtig bin auf jeden Blick, Verzeihe mir alſo, Joſephine, verzeihe meiner grenzen⸗ ir! Sage, daß Du wieder gut ſein willſt, daß Alles jedes Lächeln. V loſen Liebe zu D vergeſſen und vergeben ſein ſoll. Er ſah ſie mit flehenden Blicken, mit angſtvollen Mienen an, aber Joſephine erwiderte ſeinen Blick nicht, ſie wandte ihre Augen zur Seite und blieb ſtumm. Joſephine, rief er außer ſich, laß es jetzt genug ſein. Fühle meine *) Bonaparte's eigene Worte. 552. **) Bonaparte's eigene Worte. Corréspondance. 349. Stirn, ſ es nie i erſchöpft Nu vorſtürze Bo Unztſtüt Jet er dann meine t Io ſagte ſ 3 V bei jer es un Ach, m nun an voller? . ſchine, Perlen A Deine ſchönſ durh — * *5 Marſch Herzen ſorbirt. öturzes enn ich hat ich 207 Stirn, ſie iſt mit kaltem Schweiß bedeckt, und mein Herz zittert, wie es nie in einer Schlacht gezittert hat. Laß es genug ſein, ich bin erſchöpft, außer mir, Joſephine, öffne mir endlich Deine Arme! Nun, ſo komm, Du böſer, Du geliebter Mann, rief ſie mit her⸗ vorſtürzenden Thränen, ihm die Arme entgegenbreitend. Bonaparte ſtieß einen Freudenſchrei aus und preßte ſie mit wildem Ungeſtüm an ſein Herz und bedeckte ſie mit ſeinen Küſſen. Jetzt, nicht wahr, jetzt iſt Alles wieder gut, Alles vergeſſen? ſagte er dann, ſie noch immer in ſeinen Armen haltend. Du verzeihſt mir meine tolle Leidenſchaft, meine häßliche Eiferſucht? Ich verzeihe Dir, Bonaparte, wenn Du Beſſerung verſprichſt, ſagte ſie mit einem ſchönen Lächeln. Ich verſpreche Dir, niemals mehr eiferſüchtig zu werden, ſondern bei jedem Rendezvous, das Du einem Andern giebſt, zu denken, daß es nur um meinetwillen geſchieht, und um für mich zu conſpiriren. Ach, mein braves Weib, Du haſt tapfer für mich gearbeitet, und von nun an weiß ich, daß ich Dir meine Ehre und meinen Ruhm mit voller Zuverſicht anvertrauen kann. Ja, ſelbſt die Zügel eines Staats würde ich Dir ohne Furcht anvertrauen. Bete alſo, Joſephine, bete, daß Dein Gemahl zu dem höchſten Range emporſteige, denn alsdann würde ich Dir eine berathende Stimme in meinem Conſeil zugeſtehen und Dich zur Herrin über Alles ſetzen, eins nur ausgenommen.*) Nun, und das Eine wäre? fragte Joſephine lebhaft. Das Eine, was ich Dir nicht anvertrauen würde, Joſephine, ſagte er lachend, das wären die Schlüſſel meiner Schatzkammer; dieſe, meine ſchöne, verſchwenderiſche Frau von Gaze und Spitzen, Brillanten und Perlen, dieſe würdeſt Du niemals bekommen*) Ach, Du würdeſt mir alſo das Recht entziehen, Wohlthaten in Deinem Namen auszutheilen? fragte ſie traurig. Iſt das nicht die ſchönſte und köſtlichſte Pflicht der Frau eines großen Mannes, ihm durch Wohlthaten den Himmel zu erobern, während er ſich durch *) Bonaparte's eigene Worte. Le Normand. 241. **) Le Normand. I. S. 242. 208 Thaten die Erde erobert? Und dazu wollteſt Du mir die Mittel ent⸗ ziehen, Bonaparte? Du biſt eine wilde, leidenſchaftliche Natur, und oft werde ich die Wunden heilen müſſen, die Du in Deinem Zorn geſchlagen haſt. Wohl mir, wenn ſie ſich immer heilen laſſen, wenn Dein Zorn nicht auch den Menſchen gleich ſo tödtlich iſt, wie meinem armen, kleinen Hündchen, das nichts weiter verbrochen hatte, als daß es mich vertheidigen wollte gegen Deinen Zorn. Armes, kleines Thier, ſagte Bonaparte, einen beſchämten Blick zu Zephyr hinüberwerfend. Es thut mir wahrhaft leid, ihn getödtet zu haben, noch dazu, weil er ein Andenken an Hoche war. Aber da all mein Klagen ihn nicht wieder lebendig machen wird, Joſephine, ſo will ich ihn wenigſtens unſterblich machen! Er ſoll nicht, wie ſo mancher Held, ein unbekanntes Grab haben, nein, wir wollen dem tapfern und unerſchrockenen Vertheidiger dieſer ſchönen Feſtung Joſephine ein Denkmal errichten, welches der ſpäteſten Nachwelt erzählen ſoll von ſeinen Thaten. Laß Zephyr in einen Kaſten packen, es gehen noch heute Couriere und Transporte nach Mailand ab. Sie ſollen die Leiche mitnehmen, und ich werde Ordre geben, daß man Deinem Zephyr in dem Garten unſerer Villa ein kleines Denkmal errichte.*) — Aber jetzt, meine Joſephine, genug des Plauderns, das Leben ruft mich mit ſeinem Ernſt und ſeiner Strenge. Ich muß gehen, die Herrn Geſandten zu empfangen! *) Bonaparte hielt Wort. Das kleine Opfer ſeiner Eiferſucht, der Hund Zephyr, ward in den Gärten von Mondeza, nahe bei Mailand, begraben und ihm dort ein Denkmal von Marmor errichtet. Siehe: Le Normand. I. 498. Ein gewänder Gemahlir dieſe hoh der frun Gnade u Aber die ſo ſchwe und Ro reichs er ſuſ n eftiget! wollte de Lund pi wolle 1 Gl der frn viel Ge ju finder nit enſ iht zu ine gli —— *) 5. hinunter nichich und Rtr ſümt ſi Erſudt Siehe: mhn IIM. Die Vegrüßung der Geſandten. Ein buntes Gewuhl von Uniformen und goldgeſtickten Staats⸗ gewändern war ſeit der Ankunft des Generals Bonaparte und ſeiner Gemahlin in den Vorzimmern der franzöſiſchen Geſandtſchaft. Alle dieſe hohen Vertreter deutſcher Fürſten und Länder eilten herbei, um der franzöſiſchen Dame ihre Huldigungen darzubringen und ſich der Gnade und Huld des ſiegreichen Generals der Republik zu empfehlen. Aber die Thüren des Generals und ſeiner Gemahlin öffneten ſich eben ſo ſchwer, wie die der franzöſiſchen Geſandten Bonnier, Jean Debry und Roberjot. Der General Bonaparte hatte die Geſandten Oeſter⸗ reichs empfangen und ihnen ſeinen Gegenbeſuch gemacht. Aber Niemand ſonſt war von ihm an dem erſten Tage empfangen worden. Um ſo eifriger drängten ſich heute an dem zweiten Tage nach ſeiner Ankunft die Geſandten in die Vorzimmer der franzöſiſchen Herren, denn Jeder wollte der Erſte ſein, der für ſeinen Fürſten und für ſein deutſches Land die Gunſt des franzöſiſchen Siegers gewinnen könnte. Jeder wollte Vortheile erringen, Uebel abwenden und Gnaden erbitten. Glücklich ſchon diejenigen, welche überhaupt bis in die Vorzimmer der franzöſiſchen Geſandtſchaft gelangt waren, denn man mußte ſehr viel Geld gegeben haben, um nur bis dahin die Thüren für ſich offen zu finden. Vor dieſen Thüren ſtanden die Kammerdiener der Geſandten, mit ernſten, ſtrengen Geſichtern Jedem den Eintritt verweigernd, der nicht zuvor ihnen ſchon empfohlen war, oder ſich ihnen nicht jetzt auf eine glänzende Weiſe zu empfehlen wußte.*) Und wenn man endlich, *) Das franzöſiſche Geſandtſchaftsperſonal, von dem erſten Secretair bis hinunter zum Lakaien und Koch, empfing von allen deutſchen Geſandten be⸗ trächtliche Geſchenke, denn Jedermann wollte die franzöſiſchen Herren gewinnen, und getreu dem alten, diplomatiſchen Kunſtgriff, wollte man durch die Diener⸗ ſchaft ſich die Gunſt der Herrſchaft erobern. Das Dienſtperſonal der franzöſiſchen Geſandtſchaft machte daher ein ſehr gutes Geſchäft mit den deutſchen Geſandten. Siehe: Deutſche Geſchichte von Ludwig Hänſſer. II. S. 163. Mühlbach, Navoleon. I. Bd 14 210 Dank dieſen Ueberredungskünſten, die Schwelle des Vorzimmers über⸗ ſchritten hatte, ſo waren da wieder die Secretaire, die Schreiber der franzöſiſchen Herren, und dieſe wieder belagerten die Thür des Ca⸗ binets, in welchem die Geſandten zu finden waren. Und die Secretaire und die Schreiber mußten wiederum gewonnen werden mit Bitten, mit Schmeicheleien und mit klingendem Metall, nur daß man ſtatt des Silbers ſich hier des Goldes bedienen mußte. Und wenn ſie dann endlich alle dieſe Hinderniſſe beſiegt hatten, wenn dieſe Geſandten deutſcher Mächte endlich bis zu den franzöſiſchen Diplomaten gelangt waren, ſo fanden ſie da ſtatt der gehofften Freundſchaft ſtolzes Abwehren, ſtatt der Anerkennung ihrer Zuvorkommenheit höh⸗ nenden Spott. Vergebens, daß Deutſchland ſich ſo demüthigte und in den Staub warf, Frankreich war ſeiner Siege und ſeiner Ueber⸗ legenheit ſich zu ſehr bewußt, und die Servilität der deutſchen Herren erregte nur Verachtung und Spott, den die franzöſiſchen Herren ſich nicht ſcheuten, den demüthigen Bittſtellern in's Geſicht zu werfen. Je mehr jene krochen, deſto ſtolzer richteten ſich dieſe auf, und immer feſter und unerſchütterlicher ward bei dieſen wie bei jenen die Ueber⸗ zeugung, daß in den Händen Frankreichs allein das Glück und die Ruhe Deutſchlands liege, daß Frankreich allein die Macht habe, den deutſchen Fürſten ihre Länder zu erhalten, zu vergrößern, oder zu ent⸗ reißen, je nachdem es ihm beliebe. Aber heute waren alle dieſe vornehmen Herren, die deutſchen Reichsgrafen, Reichsfreiherrn, Biſchöfe und Prälaten nicht gekommen, um das Dreigeſtirn der franzöſiſchen Geſandtſchaft zu erobern, heute war ein neues, ein ſtrahlenderes Geſtirn aufgegangen und das wollten ſie anſtarren, Bonaparte und Joſephine wollten ſie bewundern. Aber Bonaparte achtete wenig auf dieſe im Vorzimmer verſam⸗ melten Herren. Die Hände auf dem Rücken gefaltet ging er in ſeinem Zimmer auf und ab und hörte mit geſpannter Aufmerkſamkeit den Berichten zu, weche die drei franzöſiſchen Geſandten ihm über ihre bisherige Wirkſamkeit abſtatteten. Wir haben Alles gethan, um den republikaniſchen Geiſt auch hier auszubreiten, ſagte Jean Debry am Schluß ſeiner langen Rede. Wir haben übe welche da und über und groß Vir händler u und wir das unter Berathun ſich zu ei gehen im ſie ſich wir erfa Plänen vir liſe hoffen 1 immer g der geiſtl deutſchen vergräße wir the kleinen So ſier Throne De rief Bo des Rhe ſichen Nrdirht verſchwi Sune S Prpa der hn ers über reiber der ecretaire t Bitten, mon ſtatt gt hatten, möſiſchen eundſchaft heit höh thigte und ner Ueber⸗ en Heren enn ſih rfen Je d immer ije Ueber kund die habe, den der zu ent⸗ deutſchen verſam in ſeinem mleit den über ihre t auch he Rede 211 haben überall in dieſe kleinen deutſchen Staaten unſere Agenten geſendet, welche das Volk aufklären ſollen über ſeine Würde und ſeine Rechte und über die Schmach, ſich elenden Fürſten zu unterwerfen, ſtatt frei und groß in republikaniſcher Freiheit dazuſtehen. Wir haben außerdem auch hier am Orte unſere gewandten Unter⸗ händler und Kundſchafter unter den Herren Geſandten, ſagte Roberjot, und wir haben durch ſie geſchickt das Feuer der Zwietracht genährt, das unter dieſen Herren fortglimmt. Sie halten freilich täglich geheime Berathungen, in denen ſie über die Zwecke, die ſie verfolgen wollen, ſich zu einigen ſuchen, aber die Zwietracht, der Neid und die Habſucht gehen immer mit ihnen in die Berathungszimmer und daher einigen ſie ſich nie. Außerdem ſind dieſe deutſchen Herren ſehr ſchwatzhaft, wir erfahren daher alle ihre Geheimniſſe und es wird uns leicht, ihren Plänen entgegen zu arbeiten. Jeder von ihnen will ſich vergrößern, wir laſſen daher Jeden eine Vergrößerung auf Koſten ſeines Nachbars hoffen und machen damit die Uneinigkeit und die Verwirrung noch immer größer. Wir erfüllen die Geſandten der kleinen, und beſonders der geiſtlichen Fürſten, mit Mißtrauen gegen die mächtigen und großen deutſchen Fürſten, und vertrauen ihnen, daß dieſe ſich an ihnen zu vergrößern bezwecken und dazu Frankreichs Zuſtimmung verlangt haben; wir theilen den großen deutſchen Geſandten das Gelüſte, welches die kleinen nach einer Gebietsvergrößerung hegen, mit und warnen ſie. So ſäen wir Zwietracht unter die Fürſtendiener und ſuchen die deutſchen Throne wankend zu machen. Deutſchland muß alle ſeine Fürſten wie reife Geſchwüre abſtoßen, rief Bonnier mit wildem Hohnlachen. Dieſe vielen Throne jenſeits des Rheins ſind unſerer erhabenen, einigen und untheilbaren franzö⸗ ſiſchen Republik gefährlich und verderblich, denn das böſe Beiſpiel verdirbt die guten Sitten. Alle Throne müſſen von dem Erdboden verſchwinden und die Freiheit und Gleichheit der Republik muß einer Sonne gleich die ganze Welt umleuchten. Sie haben Recht, ſagte Bonaparte ernſt, es iſt unſere Pflicht, Propaganda zu machen bei dieſen deutſchen Völkern, welche noch in der Knechtſchaft leben, und den armen Sclaven zur Freiheit zu verhelfen. 14* — —— 212 Deutſchland muß eine Conföderativ⸗Republik werden und die Zwietracht iſt das beſte Schwert, mit dem man dieſe Fürſtendiener angreift. Aber was will denn der ſchwediſche Geſandte, deſſen Namen ich auf der Liſte der Angemeldeten ſah, unter den deutſchen Herren? Er hat die Prätenſion, hier als Gerant des Weſtphäliſchen Vertrags auftreten zu wollen, rief Jean Debry achſelzuckend. Seine Vertretung des Herzogthums Pommern iſt nur ein Vorwand, ſagte Bonnier düſter. Dieſer Herr Ferſen iſt ein Royaliſt, man kennt ja die politiſche Rolle, die dieſer Unterhändler am Hofe Ludwig Capet's geſpielt und nachher noch fortgeſetzt hat. Er drängt ſich an uns mit freund⸗ licher Zuvorkommenheit, er möchte durch uns der Republik Follſtricke legen. Ah, wir werden dem Herrn beweiſen, daß die Republik ein offenes Auge und eine feſte Hand hat und daß ſie alle Schlingen und Fallſtricke ſieht und zerreißt, rief Bonaparte heftig. Genug der Ge⸗ ſchäfte für heut, ich will gehen, dieſe Herren Geſandten, die ſchon lange in meinem Vorzimmer warten, zu empfangen. Er begrüßte die Herren mit einem raſchen Kopfnicken und begab ſich dann in den Empfangsſaal, deſſen Thüren endlich geöffnet wurden, um die deutſchen Geſandten eintreten zu laſſen. Es war eine glänzende Schaar, welche in feierlichem Zug durch die weitgeöffneten Flügelthüren eintrat. Die Geſandten aller Fürſten Deutſchlands waren hier zugegen; nur die von Oeſterreich und von Preußen fehlten, denn dieſe hatte Bonaparte ſchon in beſonderer Audienz empfangen. In ſtattlicher Zahl zog die große deutſche Freiheitsdeputation in den Saal ein, um dem franzöſiſchen General zu huldigen; da waren zuerſt die Geſandten von Baiern und Sachſen, von Baden und Würtemberg, von Hannover und Mecklenburg, dann folgte die Schaar der kleinen Fürſten und freien Standesherren, denen zur Seite die geiſtlichen Herren, die Vertreter der mächtigen Churfürſten und Bisthümer, einherſtolzirten.*) *) Die große deutſche Friedensdeputation beſtand aus 79 Perſonen, und alle dieſe 79 hochmögenden, vornehmen Herren, die Abgeſandten von Kaiſern, Königen und Fürſten, bewarben ſich um die Gunſt der Geſandten Frankreichs, und dieſe drei Herren ſchienen mächtiger und ſtärker, als alle Vertreter des ganzen Deutſchlands. Bon und ſein ſih u wählte G und an d eines Je Se. feierlich, Herzegs als Bor So heißt de G Untlitz auf ihm Ich Ach Herno ihn Bo von de waren die fta Schwe je ewi des Ho ſcheint, Beolh deren müſſen. D huſig * wietracht t. Aber auf der Borwand, nan kennt Capet's it freund⸗ icke legen ublik ein ngen und der Ge⸗ on lange ug durch rFürſten und von eſonderel on in den zuerſt rel nßürſten 213 Bonaparte ſtand ſtolz gehobenen Hauptes in der Mitte des Saals und ſein düſterer Blick flog umher an den Reihen dieſer Herren, die ſich zu beiden Seiten des Saals aufzuſtellen begannen. Der er⸗ wählte Ceremonienmeiſter des Congreſſes ſchritt jetzt feierlich einher, und an den Herren vorüber ſchreitend, verkündete er mit lauter Stimme eines Jeden Namen, Rang und Stand. Se. Excellenz, der Herr Graf Ferſen, rief er eben laut und feierlich, Geſandter Sr. Majeſtät des Königs von Schweden und Herzogs von Pommern. Graf Ferſen hatte noch nicht ſeine ceremonielle Verbeugung beendet, als Bonaparte mit haſtigem Schritt ſich ihm näherte. Sagen Sie doch, mein Herr, rief er mit brusquem Tone, wie heißt der Geſandte, den Schweden jetzt in Frankreich hat? Graf Ferſen blickte ſichtbar überraſcht und verwirrt in das bleiche Antlitz des Generals, deſſen flammende Augen mit zornigem Ausdrucke auf ihm ruhten. Ich weiß nicht, ſtammelte er verlegen, ich bin ungewiß— Ach, mein Herr, Sie wiſſen es nur zu gut, daß Schweden dem Herrn von Staöl noch immer keinen Nachfolger gegeben hat, unterbrach ihn Bonaparte heftig, und daß der Einzige, den es ſenden wollte, von dem Directorium zurückgewieſen werden mußte. Dieſer Einzige waren Sie, mein Herr! Innige Bande haben von langen Zeiten her die franzöſiſche und die ſchwediſche Nation vereinigt und ich glaube, Schweden ſollte gerade jetzt die große Wichtigkeit derſelben mehr als je erwägen und erkennen. Wie ſoll man ſich daher dieſes Benehmen des Hofes von Stockholm erklären, der es ſich zur Aufgabe zu machen ſcheint, überall, ſei's nach Paris oder ſonſt, wo die franzöſiſchen Bevollmächtigten ſich befinden, Miniſter und Geſandte zu ſchicken, deren Perſonen jedem franzöſiſchen Bürger weſentlich zuwider ſein müſſen. Dies iſt gewiß nicht die Abſicht meines Hofes, rief Graf Ferſen haſtig. Mag ſein, ſagte Bonaparte ſtolz. Aber ich möchte doch wiſſen, ob es der König von Schweden mit Gleichgültigkeit anſehen würde, „—— wenn ein franzöſiſcher Geſandter verſuchen wollte, das Volk von Stock⸗ holm gegen ihn aufzuregen. Eben ſo wenig kann die franzöſiſche Re⸗ publik es dulden, daß Männer, die durch ihre Verbindung mit dem alten Hofe von Frankreich nur zu bekannt ſind, kommen, um die repu⸗ blikaniſchen Geſandten zu ärgern und zu reizen, die Geſandten des erſten Volkes der Erde, das, bevor es noch ſeine Politik um Rath fragt, das Gefühl ſeiner Würde aufrecht zu erhalten weiß. Ich werde ſogleich nach Stockholm abreiſen, um meinem Hofe dieſe Anſicht des Siegers von Italien mitzutheilen, ſagte Graf Ferſen bleich vor Aerger und Scham. Thun Sie das, reiſen Sie ſogleich ab, rief Bonaparte ungeſtüm, und ſagen Sie Ihrem Herrn, daß, wenn er dieſes alte Gerölle einer verbrauchten Politik nicht ändert, ich ihm eines Tages einen guten diplomatiſchen Gascogner ſchicken werde, der es verſteht, die Maſchine zu vereinfachen und ſie im Schritt gehen zu machen. Der König Guſtav wird es vielleicht auch zu ſpät und auf ſeine Koſten einſehen lernen, däß man die Zügel der Regierung mit feſter Hand halten, und ſich mit der andern nützlicherweiſe des Schwertes bedienen muß, ſo lange es noch Zeit iſt. Gehen Sie, mein Herr, das Ihrem König zu ſagen. Graf Ferſen erwiderte nichts, er machte nur eine ſtumme, haſtige Verbeugung, und ſeinem hinter ihm ſtehenden Geſandtſchaftsperſonal einen Wink gebend, verließ er mit ſeinem Gefolge den Saal.*) Bonaparte verfolgte ihn bis zum Ausgange mit ſeinen glühenden, finſteren Blicken, dann wandte er ſich wieder den Geſandten zu. Ich durfte einen Verräther und Feind nicht in unſerer Verſamm⸗ lung dulden, ſagte er mit lauter, feſter Stimme. Wir ſind hier, um Frieden zu machen, er aber trug Unfrieden im Herzen und wollte die böſe Saat der Zwietracht unter uns ausſäen. Friede zu machen, meine Herren, das ſei unſer Aller eifrigſtes Bemühen. Zwingen Sie *) Dieſe ganze Scene iſt hiſtoriſch und enthält nur Bonaparte's und Ferſen's eigene Worte. Siehe: Mémoires d'un homme d'état. Vol. V. S. 64.— Le Normand: Mémoires I. S. 263. mich nic Kampf ki eſt ſeine ſtreitig m welche ic Bedingu Vernitte einer fa ſchwache ſpreche Stolze welche Ihren Fügſan Nachba wingen dann denen, Er Heren aber K Worte mit de lands l Lächeln dann in ſein on Stoc⸗ ſiſche Re⸗ mit dem die repu⸗ ndten des um Rath inem Hofe raf Ferſen ungeſtüm, rölle einer inen gllen Maſchine er König neinſehen id halten, nen muß, rem König ne, haſtige ftsperſonal 1.*) glühenden, zu. Lerſamm⸗ hier, um wollte die u machen⸗ Sie ingen nd erſers 1 6 mich nicht, auch gegen Sie in die Schranken zu treten, denn der Kampf könnte nicht gleichmäßig ſein zwiſchen einem Volk, das ſo eben erſt ſeine Freiheit erobert hat, und zwiſchen Herren, die ſie ihm wieder ſtreitig machen wollen. Wenn Sie heute die Mittel zur Verſöhnung, welche ich Ihnen biete, verwerfen, ſo werde ich Ihnen morgen andere Bedingungen machen; aber wehe demjenigen unter Ihnen, der meine Vermittelung verweigern wollte, denn ich würde dann das ganze Gerüſt einer falſchen Politik umſtürzen, und der Thron, der ſich auf eine ſchwache, thönerne Unterlage ſtützte, würde bald zuſammenbrechen. Ich ſpreche zu Ihnen mit dem Freimuth eines Soldaten und dem edlen Stolze eines Siegers, ich warne Sie, weil mir das Wohl der Völker, welche der Segnungen des Friedens bedürfen, am Herzen liegt. In Ihren Händen ruht jetzt der Krieg oder der Frieden, und von Ihrer Fügſamkeit allein wird es abhängen, ob Frankreich mit ſeinen deutſchen Nachbarn einen ehrenvollen Frieden machen kann, oder ob Sie uns zwingen wollen, abermals die Waffen zu ergreifen. Wehe aber als⸗ dann Ihnen, denn wir würden eine blutige Satisfaction nehmen an denen, welche uns entgegen zu treten wagen. 8) Er ſchwieg und ließ ſeine Augen mit einem raſchen Blick an den Herren vorübergleiten. Sie ſtanden da mit ernſten, düſtern Geſichtern, aber Keiner von Ihnen hatte den Muth, den ſtolzen, demüthigenden Worten des franzöſiſchen Generals einen würdigen Beſcheid zu geben; mit dem Schweigen der Unterwürfigkeit nahmen die Geſandten Deutſch⸗ lands die ſtolze Strafpredigt des Abgeordneten Frankreichs entgegen. Ueber Bonaparte's bleiches Antlitz flog ein leiſes, höhniſches Lächeln. Er grüßte die Herren mit einem raſchen Kopfnicken, und ſich dann militairiſch ſteif kurz umwendend, verließ er den Saal und kehrte in ſein Gemach zurück. *) Bonaparte's eigene Worte. Siehe: Le Normand I. S. 264. IV. Trankreich und Peſterreich. Bonaparte war kaum wieder in ſein Gemach zurückgekehrt und hatte die Thür deſſelben hinter ſich zugedrückt, als die entgegengeſetzte Thür geöffnet ward und der eintretende Diener„Se. Excellenz den Grafen Ludwig von Cobenzl“ meldete. Bonaparte winkte raſch mit der Hand und ging dem Grafen bis in den Vorſaal entgegen, um ihn mit der äußerſten Höflichkeit und Freundlichkeit willkommen zu heißen. Hand in Hand traten die beiden Herren in das Gemach ein, Jeder mit einem Lächeln auf den Lippen, Jeder dem Andern freund⸗ liche Worte ſagend, Jeder mit dem geheimen Wunſch und Vorſatz, die Gedanken des Andern zu erforſchen und zu errathen, ſeine eigenen aber in tieſſter Bruſt verborgen zu halten. Mit zuvorkommender Freundlichkeit bot der General dem Grafen den Ehrenplatz auf dem Divan und ſetzte ſich ihm gegenüber auf den Fauteuil. Ein kleiner, runder Tiſch mit Schreibzeug und Papieren ſtand zwiſchen ihnen und bildete ſo gewiſſermaßen die Grenze zwiſchen Oeſterreich und Frankreich. Die heißen Wünſche Oeſterreichs ſind alſo jetzt erfüllt, ſagte Graf Cobenzl mit einem ſüßen Lächeln. Frankreich wird uns fortan nicht mehr feindlich gegenüberſtehen, es wird uns ein Freund und Bundes⸗ genoſſe ſein. Frankreich wird dieſen Freund und Bundesgenoſſen willkommen heißen, rief Bonaparte lebhaft, vorausgeſetzt, daß er es ehrlich meint. Ah, mein Herr Graf, keine Proteſtationen! In der Politik beweiſen keine Worte, ſondern allein die Thaten. Oeſterreich beweiſe uns alſo durch ſeine Thaten, daß es das gute Einvernehmen mit Frankreich aufrichtig wünſcht und ſeine feindliche Haltung gegen die Republik ehrlich und für immer aufgegeben hat. Aber hat Oeſterreich das nicht ſchon bewieſen? fragte der Graf erſtaunt. Hat Se. Majeſtät der Kaiſer nicht ſich bereit erklärt, die diplomatiſt dadurch fi erkennen. Mein keiner Ane denn ſie 1 und wer ſ ſie in die reich hat Sonne ſe verleugner liche Ben Vir weich iſt! Welt nit zenden Be hat Ihner Vien die Sih Ihnen i Sie alle darzubiet genomme Sag litt als den Sch Fniden, Seite zu Abe N nit ienion und Fu —— 217 diplomatiſchen Beziehungen zu Frankreich wieder aufzunehmen und vadurch förmlich und vor aller Welt die franzöſiſche Republik anzu⸗ erkennen. Mein Herr, rief Bonaparte ſtolz, die franzöſiſche Republik bedarf keiner Anerkennung. Sie weiß ſich dieſe Anerkennung zu erzwingen, denn ſie wirft wie die Sonne ihr Licht über den ganzen Erdball hin, und wer ſich den Anſchein geben wollte, ſie nicht zu ſehen, dem würde ſie in die Augen ſtechen, daß er auf ewig davon erblindete!*) Oeſter⸗ reich hat bei Lodi, bei Rivoli, Arcole und Mantua dieſe ſtrahlende Sonne ſcheinen ſehen, wo ſollte es alſo den Muth hernehmen, ſie verleugnen zu wollen? Aber ſtatt der Worte geben Sie uns thatſäch⸗ liche Beweiſe Ihrer Anerkennung. Wir ſind auch dazu bereit, ſagte Graf Cobenzl verbindlich. Oeſter⸗ reich iſt bereit, dem großen General, deſſen Ruhm jetzt ſchon die ganze Welt mit Staunen und Bewunderung erfüllt, einen öffentlichen, glän⸗ zenden Beweis ſeiner Bewunderung zu geben. Se. Majeſtät der Kaiſer hat Ihnen ſchon in dem Schreiben, deſſen Ueberbringer zu ſein ich in Wien die Ehre hatte, mit beredten Worten geſagt, wie ſehr er den Sieger Italiens bewundere, wie glücklich Seine Majeſtät ſein würde, Ihnen irgend etwas Angenehmes erzeigen zu können. Damals lehnten Sie alle Anerbietungen ab, General, und nichts, was wir Ihnen darzubieten wünſchten, hatte für Sie genug Werth, daß Sie es an genommen hätten. Sagen Sie vielmehr, Graf, Alles hatte zu viel Werth, um nicht leicht als eine Beſtechung angeſehen zu werden, rief Bonaparte. Mit dem Schwert in der Hand unterhandelte ich mit Ihnen um Krieg oder Frieden, es würde mir ſchlecht angeſtanden haben, das Schwert bei Seite zu legen, um meine Hände mit Ihren Geſchenken zu füllen! Aber jetzt, General, jetzt, da wir das Schwert bei Seite gelegt, da wir Friede gemacht haben, da wir geſtern ſchon die Friedens⸗Ra⸗ tificationen ausgewechſelt haben, jetzt, wo Sie Oeſterreich in Frieden und Freundſchaft Ihre Hand darreichen, jetzt könnten Sie vielleicht *) Bonaparte's eigene Worte. Siehe: Gonstant. I. 284. 1 218 Sr. Majeſtät dem Kaiſer Franz von Oeſterreich geſtatten, Etwas in Ihre Freundeshand niederzulegen, das Ihnen beweiſen könnte, wie aufrichtig der Kaiſer Sie liebt und verehrt. Und was wäre dies, was der Kaiſer wünſcht, in meine Hand niederzulegen? fragte Bonaparte ruhig und lächelnd. Graf Cobenzl zögerte ein wenig, bevor er antwortete. General, ſagte er dann, wenn ich Sie ſo anſchaue in Ihrer ehernen Schönheit, ſo muß ich unwillkürlich der Heroen Roms und Griechenlands gedenken, dieſer Herven, welche den Ruhm ihrer Länder unſterblich gemacht haben, die aber die Nachwelt mit ihrer Bewunderung für die Undankbarkeit ihrer Mitwelt entſchädigen mußte⸗ General, die Republiken ſind nie⸗ mals dankbar geweſen gegen ihre großen Männer, und nur zu oft haben ſie ihnen ihre glorwürdigen Thaten ſogar zum Verbrechen an⸗ gerechnet, denn in der Größe ihrer Helden ſahen die Republiken eine Ueberhebung, und wer ſich auszeichnete, hob damit die Gleichheit und Brüderlichkeit auf. Perikles ward aus Athen verbannt, und Julius Cäſar ward ermordet!— General, werden die modernen Republiken dankbarer ſein, als die antiken? Ich meinestheils wage es zu be⸗ zweifeln, und da die Franzoſen Nachkommen der Römer ſind, ſo fürchte ich, ſie werden auch nicht dankbarer ſein, als es die Römer waren. Der Kaiſer, mein erhabener Herr, theilt meine Furcht, und da er Sie liebt und verehrt, möchte er Sie gern ſo hoch erheben, daß die Hände der politiſchen Parteien nicht bis zu Ihnen emporzureichen vermögen. Se. Majeſtät erbietet ſich daher, Ihnen in Deutſchland ein Fürſten⸗ thum zu errichten und Sie zum ſouverainen Herrn über zweimalhun⸗ derttauſend Seelen zu machen, auch Sie zum Reichsfürſten zu ernennen, der im deutſchen Reich Sitz und Stimme hat.*) General, nehmen Sie das Erbieten des Kaiſers an? Ein Vaſall des Kaiſers zu werden? fragte Bonaparte mit einem leiſen Lächeln. Ein kleiner deutſcher Reichsfürſt, der bei feſtlichen Ge⸗ legenheiten vielleicht der Ehre theilhaftig werden könnte, dem Kaiſer das Waſchbecken reichen, oder die Schleppe ſeines Mantels tragen zu *) Hiſtoriſch. Siehe: Mémoires d'un homme d'état Vol. V. 67. dürfen, u müßte danke dem Schicſal! nehmen, d und ich n mir bewill Sie ſchmerzlich Wen Siege mi vor, die derr Gr ſo hätte zu meine Fißen z Grld de Schn u ſchen alſ gung ſal früheren als friet Oh ſich bald die Rept auf den Ein Grfen Her ſid cbe ſiht w 4 Etat. Ftwas in nte, wie ne Hand General, gedenken, cht haben, ankbarkeit o fürchte er waren da er Ste cnpe die Hände nürſten malhun veimall etnennen, del nngen z 6 219 dürfen, und der jedem König und Churfürſten den Vortritt laſſen müßte? Nein, Herr Graf, ich nehme das Erbieten nicht an. Ich danke dem Kaiſer aufrichtig für das Intereſſe, das er an meinem Schickſal nimmt, aber ich darf keine Geſchenke und keine Gunſt an⸗ nehmen, die mir nicht unmittelbar von der franzöſiſchen Nation kommen, und ich werde ſtets zufrieden ſein mit dem Einkommen, welches dieſe mir bewilligt.*) Sie lehnen das Erbieten des Kaiſers ab? fragte Graf Cobenzl ſchmerzlich. Sie verſchmähen es, eine Krone zu tragen? Wenn die Krone mir die wenigen Lorbeerblätter, mit denen meine Siege mich geſchmückt haben, zerdrücken würde, ja, dann ziehe ich es vor, die Krone auszuſchlagen zu Gunſten meiner Lorbeern. Und, mein Herr Graf, wenn es mir ſo ſehr um eine Krone zu thun geweſen, ſo hätte ich ja nur eine dieſer Kronen aufheben können, die in Italien zu meinen Füßen niederfielen. Aber ich zog es vor, ſie unter meinen Füßen zu zertreten, wie St. Georg den Lindwurm zertritt, und das Gold der zertretenen Kronen legte ich als dankbarer und gehorſamer Sohn auf dem Altar der großen franzöſiſchen Republik nieder. Sie ſehen alſo, es gelüſtet mich nicht nach Kronen, dürfte ich meiner Nei⸗ gung folgen, ſo kehrte ich in das Schweigen und die Dunkelheit meines früheren Lebens zurück und legte das Schwert aus der Hand, um nur als friedlicher Bürger zu leben. Oh, General, wenn Sie das thäten, rief Cobenzl, dann würden ſich bald Männer finden, die es aufhöben, um mit dieſem Schwert die Republik zu bekämpfen und die Bourbonen wieder zurückzurufen auf den Thron der Lilien! Ein ſchneller Blitz aus Bonaparte's Augen traf das Antlitz des Grafen und begegnete ſeinen ſcharfen, forſchenden Blicken. Herr Graf, ſagte er ruhig und gelaſſen, die Lilien von Frankreich ſind abgefallen und im Blut der Guillotine ertränkt, ſie werden ſich nicht wieder zum Blühen aufrichten. Das wäre ein ſchlechter und *) Wörtlich Bonaparte's eigene Antwort. Siehe: Mémoires d'un homme d'état. V. 67. —— 220 unkluger Gärtner, der es verſuchen wollte, aus todtem, keimloſem Samen Blüthen zu ziehen! Und glauben Sie mir, wir ſind in Frank⸗ reich keine ſchlechten und unklugen Gärtner! Sie ſprachen vorhin von dem Undank der Republiken und fürchteten, daß auch ich davon Er⸗ fahrungen machen möchte. Ich verſichere Ihnen aber, daß ſelbſt der Undank meines Vaterlandes mir lieber ſein würde, als der Dank eines Fremden, und daß die Dornenkrone, welche Frankreich mir auf's Haupt drücken mag, mir doch ehrenvoller erſcheinen würde, als die Fürſten⸗ krone, mit welcher der Feind Frankreichs meine Stirn ſchmücken könnte. Und jetzt, Herr Graf, ſprechen wir nicht mehr von dieſer Bagatelle! Sprechen wir von unſern Geſchäften. Wir haben die Friedens⸗Rati⸗ fikationen, welche dem Congreß vorgelegt werden ſollen, unterzeichnet; es bleibt uns nur noch übrig, auch die geheimen Artikel, die nur Frankreich und Oeſterreich erfahren ſollen, zu unterzeichnen. Die Hauptſache iſt, daß Ihre Truppen ſofort Mainz räumen, damit die franzöſiſchen Truppen die Feſtung beſetzen können. Ich fürchte, General, dies gerade wird ein Stein des Anſtoßes ſein, über welchen alle Mitglieder des Congreſſes ſtolpern und Wehe ſchreien werden. Laſſen Sie die Herren da ſchreien, ſagte Bonaparte verächtlich, wir haben ſie ja hier zuſammengerufen, um zu plaudern, und während ſie plaudern, handeln wir! Man wird ſagen, Oeſterreich opfere ſeinen Privat⸗Intereſſen das Wohl und die Größe Deutſchlands auf, rief Graf Cobenzl angſtvoll. Thoren ſind diejenigen, welche ſich an das kehren, was die Leute ſagen! rief Bonaparte achſelzuckend. Der kluge Mann geht ſeinen Weg, grad auf ſein Ziel hin, und das Geſumme der Schwätzer ſtört ihn nicht. Hören Sie mein letztes Wort: wenn die öſterreichiſchen Truppen nicht in acht Tagen Mainz verlaſſen und an die franzöſiſchen Truppen übergeben haben, ſo bleiben die franzöſiſchen Truppen in Venedig, und ich würde es lieber in den Grund des Meeres bohren, als daß Oeſterreich auch nur einen Stein davon bekomme. Mainz muß unſer ſein, oder ich zerreiße den Vertrag, und der Krieg ſoll ſofort wieder beginnen! Und liegenden) Cobenzl au Gener Vas will einen nicht mit 2 Kunſiſtückch meinen Ve Ihr nir e und die G Purpurme Chre nic und forde erfillen, unſer ſein nir das, Mu. N und verſt mit min Alſo hr und den Muinz i Nun Vinſchen und den Pn wenn ich Aſo Gut ſagte o Ihre Tr der hie eimloſem nFrank⸗ hin von lbſt der 221 Und Bonaparte ergriff mit wüthender Geberde die auf dem Tiſche liegenden Papiere und war im Begriff, ſie zu zerreißen, als Graf Cobenzl aufſprang und ihm raſch beide Hände feſthielt. General, ſagte er flehend, was wollen Sie thun? Was ich thun willſ? rief Bonaparte mit mächtiger Stimme. Ich will einen Friedenstraktat zerreißen, den Ihr nur mit der Feder, aber nicht mit Thaten unterzeichnen wollt! Oh, das war alſo das ſaubere Kunſtſtückchen Eurer Diplomatie. Mit Eurer Fürſtenkrone wolltet Ihr meinen Verſtand umnebeln, mit den zweihunderttauſend Seelen, die Ihr mir anbietet, möchtet Ihr meine Seele beſtechen, daß ſie die Ehre und die Größe Frankreichs verſchachere für einen elenden und kleinen Purpurmantel! Nein, mein Herr, um ſo geringen Preis iſt mir meine Ehre nicht feil. Ich ſtehe hier im Namen der franzöſiſchen Republik und fordere von Ihnen, dem Bevollmächtigten Oeſterreichs, daß Sie erfüllen, was wir in Campo Formio verabredet haben. Mainz muß unſer ſein, bevor unſere Truppen Venedig verlaſſen, verweigern Sie mir das, ſo iſt unſer Vertrag gebrochen, und der Krieg beginnt auf's Neue. Nun, mein Herr, entſcheiden Sie Sich, ich bin nur ein Soldat und verſtehe mich ſchlecht auf das diplomatiſche Handwerk, ich gehe mit meinem Schwert und meinem Wort immer grad auf ein Ziel los. Alſo kurz und gut, Herr Graf, wollen Sie Ihre Truppen aus Mainz und den übrigen Rheinfeſtungen herausziehen und unſern Truppen Mainz übergeben? Ja, oder nein! Nun denn, rief Graf Cobenzl ſeufzend, ja, wir wollen Ihren Wünſchen genügen, wir wollen unſere Truppen aus Mainz zurückziehen und den Franzoſen die Feſtung übergeben! Wann wird die Uebergabe ſtattfinden? So ſchnell als möglich, wenn ich bitten darf! Alſo am neunten December, General. Gut denn, am neunten December. Wir ſind einig! Aber machen wir aus der Uebergabe keine feierliche Handlung, ſagte Cobenzl bittend, laſſen wir unſere Truppen in der Stille abziehen, Ihre Truppen in der Stille Beſitz nehmen, damit, wenn der Reichstag, der hier tagt, und dem der Kaiſer von Deutſchland die volle und unantaſtbare Integrität des Reichs verſprochen hat, von der Sache erfährt, dieſelbe ſei ſchon ein fait accompli, das nicht mehr zu ändern iſt! Es ſei, wie Oeſterreich es wünſcht, ſagte Bonaparte lächelnd. Und nun zu den andern geheimen Punkten. Die öſterreichiſchen Truppen ziehen ſich aus dem deutſchen Reich bis hinter den Inn und Lech zurück bis auf unmittelbares öſterreichiſches Gebiet. Ja, General, dafür aber verlaſſen die franzöſiſchen Truppen am dreißigſten December die Feſtungen und das Territorium von Venedig, das der Friede von Campo Formio Oeſterreich zugeſichert hat, und ziehen ſich hinter die Demarcations⸗Linie zurück. Zugeſtanden! Zu gleicher Zeit bemächtigen ſich die Truppen der Republik des Brückenkopfes bei Mannheim, ſei es, indem ſie die auf ihre Kraft beſchränkte Beſatzung einſchüchtern, ſei es, daß ſie ſich derſelben durch einen Handſtreich bemächtigen;*) und ſo lange die Unterhandlungen hier dauern, verlaſſen die franzöſiſchen Truppen das linke Rheinufer und beſetzen das rechte Ufer von Baſel bis Mainz. Zugeſtanden, ſeufzte Graf Cobenzl, Oeſterreich geſteht Frankreich die Rheigrenze zu, das heißt, es überliefert ihm durch den gleichzei⸗ tigen Rückzug ſeiner eigenen Truppen die wichtigſten Punkte des deutſchen Reichs, Ehrenbreitſtein mit eingerechnet. Der Congreß der deutſchen Reichsfürſten wird alſo hier tagen unter dem unmittelbaren Eindruͤck, den die Nähe einer franzöſiſchen Armee auf die Ge⸗ müther macht. Der Congreß kann ja alsdanm wenn ihm die franzöſiſchen Sol daten nicht gefallen, ſeine Augen nach der andern Seite wenden, wo die öſterreichiſche Armee an der Donau und am Lech ſteht, rief Bona⸗ parte. Die Deputation des deutſchen Reichs wird alſo von zwei Armeen umſchloſſen ſein! Das wird dieſe guten Herren vielleicht *) Mémoires d'un homime d'état.— Der Brückenkopf bei Mannheim ward, da die Beſatzung ſich nicht gutwillig fügen wollte, von den Franzoſen am 25. Januar 1798 mit Sturm genommen. Mainz ergab ſich ohne Kampf und in der Nacht des 28. Dechr. 1797 zogen die Franzoſen in Mainz ein, das jetzt der franzöſiſchen Republik einverleibt ward. ein wenig i daß ſie ih wetden. Freilio kleinern der Kaiſer das ſcheint nich bewiligt. Perpflichtu von Frant verſprecher Ja mit einem auf dem dem Kün Daſi von Preuß haſig. Ja, Bonapart noch Spl noch wei alsdann rechten 9 Tncttz Vir Bongpar nir dam uns heut — 223 ein wenig in der Redefreiheit geniren, aber es wird das Gute haben, daß ſie ihre Arbeiten etwas beſchleunigen und früher fertig ſein werden. Freilich, im Angeſicht dieſer beiden Armeen werden wenigſtens die kleinern deutſchen Fürſten nicht zu opponiren wagen, wenn der deutſche Kaiſer das linke Rheinufer ganz an Frankreich abtritt. Aber es er⸗ ſcheint nicht mehr als billig, daß man vei lben eine Entſchädigung bewilligt. Wir ſollten daher in einem hnſerer geheimen Artikel die Verpflichtung anerkennen, den Fürſten unb G Churfürſten, je nachdem ſie von Frankreich oder Oeſterreich beſchützt werden, Entſchädigungen zu verſprechen. Ja wohl, verſprechen wir ihnen Suhwigunger⸗ ſagte Bonaparte mit einem leiſen Ausdruck des Spottes. A Was die Beſitzungen Preußens auf dem linken Rheinufer anbelangt, ſa ſeatee Pereit, dem Könige von Preußen dieſelben zuritckzuge ben. Dafür aber verbürgen ſich die beden Mächte⸗ König— von Preußen keine neuen Beſitzungen een⸗ lle, rief Gra haſtig. Ja, ſo lautet unſer Uebereinkommén von Cam Frmi ſagte Bonaparte. Oeſterreich aber erhält⸗als Ent igung außer noch Salzburg und ein Stü noch weitere Eroberungen 7 alsdann auch Frankreich noch rechten Rhein Ufer machen dürfen. Es war dies der letzte Artiksl unſeres Heheimen Tractats von Campo Formio, ſagte Wir ſind alſo nur unſerm Uebere treu geblirben, rief Bonaparte, wir haben in keinem Punkt das Programm ve werh das wir damals verabredet und ſchriftlich aufgegommen haben!“ Es bleibt uns heute alſo nur noch übrig, daſſelbe zu *) Hiſtoriſch. Siehe: Schloſſer's Geſchichte des Achtzehnten Jahrhunderts. Th V. S. 43. ——— 224 Er nahm die Feder und ſchrieb mit raſchen Zügen ſeinen Namen unter die beiden auf dem Tiſche ausgebreiteten Actenſtücke. Graf Cobenzl unterzeichnete gleich ihm, nur zitterte ſeine Hand ein wenig, als er ſchrieb, und ſein Antlitz war trübe und ſorgenvoll. Vielleicht überkam ihn einen Moment das Gefühl, daß Oeſterreich in dieſer Stunde das Unglück und die Schande Deutſchlands unterzeichne, um ſich dafür einige Provinzen zu erkaufen, daß Oeſterreich ſich ver⸗ größere auf Koſten und 3 Unheil des Reichs, deſſen Kaiſer Franz der Zweite ſich nannte! Die Geſchäfte w zurück. Bonaparte A jqt beendet, und Graf Cobenzl zog ſich Gemach zurück. Lächeln umſpielte jetzt ſeine bleichen, igen war ein faſt unheimliches Leuchten rat er zu dem Tiſch und heftete ſeine ſaals und kehrte Ein ſtolzes „Aber das rechte? Haupt, und die Arme auf dem Rücken hal⸗ in tiefe Gedanken verloren, auf und ab. neiner ehernen Ruhe, es war wieder das llius Cäſtr's, das da auf⸗ und abging mit unhör⸗ Phritt, unh die alten Gedanken Julius Cäſar's, dieſe Fderenwiller 4 den Tod hatte erleiden müſſen, ſchienen Bonaparte/Aufgelebt zu ſein, denn einmal murmelte er Fürſtenkrone fir mich! Eine Fürſtenkrone in Deutſchland! klein für ji 1 Wenn ich meine Hand nach einer Krone asPapier niederdrüch Er ſchüttelte leiſe cke, ſo muß es— Er ſchwieg und it ſtarr vor ſich hin, als ſchaue er hinein in Zukunft, die mit ſg wunderſamen Bildern ihn umgaukelte.— Dann nach einer langefPauſe zuckte er zuſammen und ſchien wie aus einem Traume zu erwſchen. Ich will doch diſſen Brief)eden ich geſtern durch die Poſt be⸗ kam, noch einmal ljen, ſagte leffe vor ſich hin. Es iſt ein wunderbar kommt! Erze und ſchlu überlas er Togeslicht ſchürfet he leiſen, lar ſeinen beit As Mal ſchie Rhalt a inmitten bleichen heimliches „Sie daß, ſo müſen ül wählen m der Schy Schaffot Mannes ſich Bon fei, ah, zu wähle Und mein ſen, ein ſoßen) Erſ Eie hab Fuit zweite ſſ und da! ein zwf Mihlbac Namen te Hand genvoll. reich in rzeichne, ſich ver⸗ r Franz zog ſich es Vor⸗ bleichen, Leuchten ete ſeine ſchienen ſte er rmelle ſchland! b 2 wunderbares Schreiben, und ich möchte wohl wiſſen, von wem es mir kommt! Er zog aus ſeinem Buſen ein zuſammengefaltetes Papier hervor und ſchlug es auseinander. In die Niſche eines Fenſters tretend, überlas er das Schreiben mit langſamen, prüfenden Blicken. Das helle Tageslicht beleuchtete ſein Profil und hob deſſen antike Schönheit noch ſchärfer hervor. Tiefe Stille umgab ihn, man hörte nichts als ſeine leiſen, langen Athemzüge und das Kniſtern des Papiers, das er mit ſeinen beiden Händen vor ſich hinhielt. Als er es zu Ende geleſen, begann er es noch einmal, aber dies Mal ſchien er es nicht blos mit ſeinen Augen leſen, ſondern ſeinen Inhalt auch hören zu wollen, doch nur leiſe und gedämpft las er, und inmitten der Stille, die ihn umgab, tönten die Worte, die von den bleichen Lippen des wieder auferſtandenen Julius Cäſar fielen, wie un⸗ heimliches Geiſtergeflüſter. „Sie befinden ſich jetzt, las er, in einer ſo großen Alternative, daß, ſo kühn auch Ihr Character ſein mag, Sie doch ungewiß ſein müſſen über die Partei, welche Sie zu nehmen haben, wenn Sie wählen müſſen zwiſchen der Achtung und dem Haß, dem Ruhm oder der Schande, einer großen Macht oder einer Nullität, die Sie auf das Schaffot führen wird, endlich zwiſchen der Unſterblichkeit eines großen Mannes oder der eines beſtraften Parteigängers.“— Ah, unterbrach ſich Bonaparte in ſeiner Lectüre, und jetzt war ſeine Stimme laut und feſt, ah, ich werde niemals ſchwankend ſein, unter ſolchen Alternativen zu wählen. Schande, NAullität, Machtloſigkeit ſollte ich ertragen? Und meine Hand ſollte nicht verdorrt, und ſie ſollte noch im Stande ſein, ein Schwert zu faſſen, um es ſich ſelber durch die Bruſt zu ſtoßen? Er ſenkte ſeinen Blick wieder auf das Papier und las weiter: „Sie haben zu wählen zwiſchen drei Rollen: die erſte iſt, ruhig nach Frankreich zurückzukehren und da als einfacher Bürger zu leben; die zweite iſt, nach Frankreich zurückzukehren an der Spitze einer Armee und da der Chef einer Partei zu werden; die dritte iſt, aus Italien ein großes Reich zu bilden und Sich ſelber zum König deſſelben zu Mihlbach, Napoleon. I. Bd. 15 ——— —* —— 226 proclamiren. Ich rathe Ihnen dies zu thun und mit feſter Hand nach der Krone zu greifen. . ²*) Thor, unterbrach ſich Bonaparte, Thor, der da vermeint, man könneſich zum König von Italien machen und ſich halten, wenn man nicht zuvor ſich der ſouverainen Gewalt Frankreichs bemächtigt hat.**) Doch ſtill von ſolchen Gedanken! Ich will zu Joſephinen gehen! Er ballte das Papier haſtig zuſammen und verbarg es wieder in ſeinem Buſen. Dann trat er zum Spiegel und ſchaute hinein, als wolle er ſein Antlitz prüfen, ob es auch ſeine Gedanken nicht verriethe, und als er es ehern und bleich wie immer gefunden, wandte er ſich um und verließ haſtig das Gemach. V. Die Tahne des Ruhms. Vier Tage waren ſeit Bonaparte's Ankunft in Raſtatt vergangen, und der Congreß hatte dieſelben benutzt, um dem franzöſiſchen General und ſeiner ſchönen, anmuthigen Gemahlin zu Ehren die glänzendſten Feſte zu geben. Alle dieſe Geſandten, dieſe Reichsgrafen, Barone, Biſchöfe und Rathsherren ſchienen ſich nur deshalb hier in Raſtatt verſammelt zu haben, um Gaſtmähler zu geben, Feſte zu arrangiren und Bälle zu veranſtalten, von Geſchäften war gar keine Rede, aller Ernſt ſchien untergegangen in den Blumengewinden der Tanzſäle, dem Gläſerklingen der herrlichen Diners, auf denen man mit ſchwungvollen Toaſten den ſiegreichen Geueral Frankreichs feierte und gar eifrig be⸗ müht ſchien, das arme, ſieche, geduldig wartende Deutſchland ganz und gar zu vergeſſen. *) Dieſes anonyme Schreiben, das Bonaparte um jene Zeit erhielt, war von Sabatier de Caſtres, der damals in Hamburg wohnte. **) Mémoires d'un homme d'état. V. S. 69. Joſe hin. Sie beeifert, i ihr ein h mithig ge nittelung, allein jet ſchienen. Aber während ihr Fürr düſter, die mar Blice ſ und der wach wo Sie hat funden, ſchniben hält mi Un an, un betroge S von Pa dung a ſagt ndlich nehmen ſundten W wartet zurück Gul rgangen⸗ General inzendſten Barone, n Raſtat mangiren cde, aler ſäle, den unplen eifrig be⸗ gn und echielt 227 Joſephine gab ſich mit lebensvoller Heiterkeit dieſen Feſtlichkeiten hin. Sie war die Königin derſelben, Alles huldigte ihr, Jeder war beeifert, ihr zu ſchmeicheln, Jeder drängte ſich in ihre Nähe, um von ihr ein huldvolles Wort, einen freundlichen Blick zu erhaſchen, um, muthig gemacht durch ihre ſtets bereite Freundlichkeit, ſie um ihre Ver⸗ mittelung, ihr Fürwort bei dem General zu bitten, in deſſen Händen allein jetzt die Geſchicke der deutſchen Fürſten und ihrer Lande zu liegen ſchienen. Aber während Joſephinens ſtrahlendes Lächeln Jedermann entzückte, während ſie mit huldvollem Munde Jedermann ihre Verwendung und ihr Fürwort verſprach, blieb das Antlitz ihres Gemahls ernſt und düſter, und nur mißmuthig und gezwungen wohnte er den Feſten bei, die man ihm zu Ehren veranſtaltet hatte. Oft richteten ſich ſeine Blicke ſchon mit einem drohenden Ausdruck auf ſeine Gemahlin hin, und der unheimliche Zweifel, der immer in ſeiner eiferſüchtigen Bruſt wach war, flüſterte ihm zu: Joſephine hat Dich abermals betrogen! Sie hat, um Dich zu beſchwichtigen, eine gar ſchöne Geſchichte er⸗ funden, von der indeß kein Wort wahr iſt, denn das Abberufungs⸗ ſchreiben, das ſie mir verheißen hat, kommt nicht, und das Directorium hält mich hier gefeſſelt. Und wenn er das dachte, nahmen ſeine Züge etwas Unheimliches an, und ſeine Lippen murmelten leiſe: wehe Joſephinen, wenn ſie mich betrogen hat! So war der vierte Tag gekommen, und heute wollte der Geſandte von Baiern ein glänzendes Feſt geben. Bonaparte hatte die Einla⸗ dung angenommen, aber mit drohenden Blicken hatte er zu Joſephinen geſagt, er werde nur hingehen, wenn der erwartete Courier aus Paris endlich angekommen ſei und er auf dem Feſt alſo zugleich Abſchied nehmen könne von all dieſen ſchmeichleriſchen und„hundewedelnden“ Ge⸗ ſandten des deutſchen Reichs. Aber der Morgen war vergangen, und immer noch war der er⸗ wartete Courier nicht gekommen. Bonaparte hatte ſich in ſein Zimmer zurückgezogen, und wie ein Löwe in ſeinem Käfig ging er mit finſterm Grollen in dem Gemach auf und ab. Auf einmal indeſſen ward die 155 228 Thür haſtig aufgeriſſen, und Joſephine trat ein, ſtrahlenden An⸗ geſichts, in ihrer Rechten ein großes verſiegeltes Schreiben hoch empor haltend. Bonaparte, rief ſie mit jubelnder Stimme, kannſt Du errathen, was ich Dir da bringe? Er ſtürzte zu ihr hin und wollte haſtig das Schreiben erfaſſen. Aber Joſephine entzog es ihm und barg es hinter ihrem Rücken. Halt, mein Herr, ſagte ſie. Erſt Abbitte gethan für die böſen Gedanken, die ich in dieſen letzten Tagen auf Ihrer Stirn geleſen habe. Oh, mein Herr General, Sie ſind ein armer Sünder, und ich weiß wahrlich nicht, ob ich Ihnen überhaupt die Abſolution ertheilen, und Ihnen die Pforten des Paradieſes öffnen darf. Aber was that ich denn, Joſephine? fragte er. War ich nicht ge⸗ duldig wie ein Lamm? Ließ ich mich nicht wie ein Tanzbär an der Kette von einem Feſt zum andern führen, ſchaute ich nicht mit Engels⸗ geduld zu, wie alle Welt Dir den Hof machte und Du nach allen Seiten hin Deine Blicke und Dein Lächeln verſchwendeteſt? Was Du thateſt, Bonaparte? rief ſie ernſt. Du verleumdeteſt Deine Joſephine, Du klagteſt ſie an in Deinem Herzen, und Nacht und Tag ſtand mit Flammenſchrift auf Deiner Stirn geſchrieben: „Joſephine iſt eine Verrätherin, Joſephine hat mich betrogen.“ Nun, wollen Sie gar zu leugnen verſuchen, mein Herr? Nein, ſagte ſchöner Herzenskündiger. Ich bekenne meine Sünden und flehe um Vergebung. Aber nun, Joſephine, ſei auch gut, laß mich nicht länger warten, gieb mir das Schreiben! Still, mein Herr, dieſes Schreiben iſt nicht an Sie, ſondern an mich gerichtet, ſagte Joſephine lächelnd. Bonaparte ſtampfte haſtig mit dem Fuß auf den Boden. Nicht an mich, rief er zornig. Alſo wieder nicht vom Directorium, wieder nicht meine Abberufung! Joſephine lächelnd, mußt Du ewig auf⸗ Still, Bonaparte, ſagte brauſen, wie das ſturmbewegte Meer, das Deine Wiege umrauſcht Bonaparte, ich will nichts leugnen, mein lieblicher, hat, Du Vilſſt Du J, Dich, lies Jrſep Hand mit huſtig ein Zuer Hören Si beifelgend ſenden.„ und wir ſenden. bens des bilig, de reichen. Gaten, iſ mein Dich D neugieng Und dar. A rill ich e ſo wid Freidenb teglien Joſt brach huſ Nn lngud Joſ Genetul zu ſehen n An⸗ empor mein ahrlich ieblicher, um ohe lehr t länger dern äl wieder vig auf⸗ mrauſchl hat, Du großes Kind? Sei ganz ſtill jetzt, und höre mich vorleſen. Willſt Du? Ja, ich will, ſagte Bonaparte haſtig. Lies nur, ich beſchwöre Dich, lies! Joſephine machte eine tiefe, ceremonielle Verbeugung und die Hand mit den Papieren hinter ihrem Rücken hervorziehend, ſchlug ſie haſtig ein Blatt auseinander. Zuerſt ein Schreiben von meinem Freund Botot, ſagte Joſephine. Hören Sie:„Bürgerin Generalin. Das Directorium wollte heute mit beifolgendem Schreiben einen Courier an den General Bonaparte ab⸗ ſenden. Ich aber bewirkte, daß man mir dieſes Schreiben anvertrgute, und mir geſtattete, an Sie und nicht an den General den Courier zu ſenden. Ihnen zunächſt hat der General den Inhalt dieſes Schrei⸗ bens des Directoriums zu verdanken. Es iſt daher nicht mehr als billig, daß Sie, Bürgerin, die Freude haben, ihm daſſelbe zu über⸗ reichen. Thun Sie das, Bürgerin, und bitten Sie zugleich Ihren Gatten, Ihre und ſeine Freunde nicht zu verkennen. Botot.“— Das iſt mein Brief, Bonaparte, und hier, mein Freund, iſt die Einlage an Dich! Du ſiehſt, ich habe nicht den Fehler der Frauen, ich bin nicht neugierig, denn, prüfe es nur, das Siegel iſt unverletzt! Und mit einem köſtlichen Lächeln reichte ſie Bonaparte das Schreiben dar. Aber er nahm es nicht an. Brich das Siegel, meine Joſephine, ſagte er weich. Von Dir will ich erfahren, was in dem Brief ſteht. Iſt es eine üble Nachricht, ſo wird ſie minder herbe klingen von Deinen Lippen, iſt es eine Freudenbotſchaft, ſo wird Deine Stimme ſie mit der ſchönſten Muſik begleiten! Joſephine nickte ihm zu mit einem zärtlichen, dankbaren Blick, und brach haſtig das Siegel. Nun, ich beſchwöre Dich, raſch, raſch! rief Bonaparte, bebend vor Ungeduld. Joſephine las:„Das ausübende Direetorium vermuthet, Bürger General, daß Sie in Raſtatt angelangt ſind. Es iſt ungeduldig Sie zu ſehen, und mit Ihnen die größten und vielfachſten Intereſſen des — —— — 230 Vaterlandes zu beſprechen. Es wünſcht daher, daß Sie ſelber die ausgewechſelten Ratifikationen nach Paris bringen, und uns benach⸗ richtigen, welche Dispoſitionen Sie für den Einmarſch unſerer Truppen in Mainz getroffen, damit derſelbe auf der Stelle, und ohne Verzug ſtatt haben kann. Es wäre indeß möglich, daß Sie dieſe Nachrichten durch einen Courier oder einen Adjutanten an uns abgeſchickt hätten: in dieſem Fall wird man ſie geheim halten bis zu Ihrer Ankunft. Die augenblickliche Reiſe, die Sie nach Paris machen, wird zuerſt das Ver⸗ langen des Directoriums erfüllen, Ihnen öffentlich ſeine äußerſte Zu⸗ friedenheit zu bezeugen, und Ihnen gegenüber der erſte Dollmetſcher der nationalen Dankbarkeit zu ſein. Es iſt überdies nothwendig, daß Sie die Abſichten der Regierung genau erfahren, und mit ihr die äußerſten Folgen der großen Operationen, zu denen man Sie beſtimmt hat, überlegen; alſo, Bürger General, Sie werden erwartet. Das ausübende Directorium wünſcht auch, daß Sie ihm mit dem rück⸗ kehrenden Courier, der Ihnen dieſe Depeſche überbringt, ungefähr den Tag Ihrer Ankunft beſtimmen mögen. Barras. Im Namen des Directoriums.“ Wir werden ſogleich abreiſen, rief Bonap Um zugleich mit dem Courier anzukommen? fragte Joſephine lachend. Um ſo aller Triumphe verluſtig zu gehen, die Dir das dank⸗ bare Vaterland bereitet? Nein, mein ungeduldiger Freund, Du wirſt heute noch ruhig an der Seite Deiner Joſephine verweilen, und morgen erſt werden wir abreiſen. Verſprichſt Du mir das? Wohl, es ſei, rief er glühend vor Aufregung, wir werden morgen abreiſen, um nach Paris zurückzukehren. Mein Tagewerk in Italien iſt vollbracht, jetzt wird es, ſo Gott will, in Paris neue Arbeit für mich geben! Deine Feinde werden bald Mittel finden, Dich wieder von dort Du nicht vorſichtig biſt, und wenn ſie fürchten, elbſt gefährlich wird. Es iſt nichts gefähr⸗ zu ſein, kleinen Seelen gegenüber. Sei arte freudeſtrahlend. zu vertreiben, wenn daß Deine Arbeit ihnen ſ licher, als ein großer Mann deſſen eingedenk, mein Freund! Bonaparte faßte lebhaft ihre Hand. Glaube mir, flüſterte er leiſe, ſo wie i Nicht zw Gebärde Und wenn Di wirſt Di J, begeiſten Und diſſer T ein him von Fr der den aus dei B Ic was er riich de pane i U fragte oder de über d ſtaunte müſſen. wollten genach Vilen als eir er die enach⸗ uppen Berzug richten hätten: t. Die 6 Ver⸗ ſte Zu⸗ netſcher g, daß ihr die eſtimmt Das m rick⸗ ihr den en des oſephine as dan⸗ Du wirſt d morgel 1 morgen 1Ralien von dort Sei ber. . leiſe⸗ 231 ſo wie ich in Paris bin, werde ich wiſſen, was ich zu thun habe. Nicht zwei Jahre ſollen vergehen, ohne daß dieſes ganze lächerliche Gebäude der Republik zuſammenſtürzt.*) Und dann, rief Joſephine freudig, wenn Du dies erreicht haſt, wenn Du daſtehſt als Sieger auf den Trümmern der Republik, dann wirſt Du auf denſelben den Thron wieder aufrichten? Ja, ich werde den Thron wieder aufrichten,**) ſagte Bonaparte begeiſterungsvoll. Und auf dieſen Thron wird Dein Arm Denjenigen ſetzen, dem dieſer Thron gebührt. Oh, mein großmüthiger edler Freund, welch' ein himmliſcher Tag wird es ſein, wenn an Deiner Seite der König von Frankreich ſeinen Einzug in Paris hält, denn Du wirſt es ſein, der den rechtmäßigen König Ludwig den Achtzehnten wieder zurückruft aus dem Exil. Bonaparte ſtarrte ſie mit verwunderten Blicken an. Du glaubſt das? fragte er mit einem eigenthümlichen Lächeln. Ich zweifle nicht daran, ſagte ſie harmlos. Bonaparte kann Alles, was er will. Er hat in Italien Throne umgeſtürzt, er kann in Frank⸗ reich den Thron wieder aufrichten! Ich ſage es noch einmal, Bona⸗ parte kann Alles, was er will! Und weißt Du denn, Du kleine Thörin, weißt Du, was ich will? fragte er. Ich will der große Regulator der Schickſale Europa's ſein oder der erſte Bürger des Erdballs. Ich fühle die Kraft in mir, Alles über den Haufen zu ſtürzen und eine neue Welt zu begründen; das er⸗ ſtaunte Weltall ſoll ſich mir beugen und meine Geſetze annehmen müſſen. Dann will ich die Elenden erbeben machen, die mich zwingen wollten, meinem Vaterlande fern zu bleiben.***) Der Anfang iſt gemacht, und dieſes elende Gouvernement muß mich ſchon wider ſeinen Willen nach Paris zurückrufen. Es ſoll bald nichts weiter mehr ſein, als ein Werkzeug in meinen Händen, und wenn ich dies Werkzeug nicht *) Mémoires d'un homme d'état. Vol. V. 60. **) Bonaparte's eigene Worte. Mémoires d'un homme d'état. Vol. 70. ***) Bonaparte's eigene Worte. Le Normand: Mémoires. I. S. 247. ———— — 232 mehr bedarf, ſo werde ich es zerbrechen! Dieſes Gouvernement von die Stadt! Advocaten hat Frankreich lange genug bedrückt, es iſt Zeit, daß man ſie nir de 1 es fortjagt.*) bit Still, Bonaparte, um Gotteswillen, ſtill, rief Joſephine ängſtlich. nich dieſen 1 Laß Niemand hier Deine Pläne ahnen, denn wir ſind hier in dieſem gewihrt ha 3 Hauſe umgeben von ſtrengen und wüthenden Republikanern, welche Oeffe Dich, wenn ſie Deine Worte gehört, als Verbrecher beim Directorium keicht wie verklagen würden! Vertraue Deine Pläne Niemanden außer mir, nie diſe, Bonaparte, bleibe aller Welt gegenüber der begeiſterte Republikaner, Er ſchwieg und erſt, wenn die rechte Stunde gekommen iſt, wirf Deine Tunika ab Wos mei und laß Deine königliche Uniform ſehen! vorbehalte Bonaparte legte lächelnd ſeinen Arm um ihren Nacken. Ja, Du für ein 3 haſt Recht, ſagte er, man muß verſchwiegen ſein. Seine geheimſten meine hol Gedanken muß man tief in ſeine Seele vergraben und ſie Niemand, kann die ſelbſt ſeiner Geliebten nicht, verrathen! Aber komm, meine Joſephine, Er ich bin Dir noch meinen Dank ſchuldig für die frohe Botſchaft, die wagte es Du mir gebracht haſt. Du mußt mir ſchon erlauben, Dir zum Lohn Augen au einige kleine Geſchenke darzubringen. zu ertjffe Schenke mir Dein Vertrauen und Deinen Glauben, und ich bin litz überreicht belohnt, rief Joſephine zärtlich. ſüne viſt Von jetzt an vertraue ich Dir für alle Ewigkeit, ſagte er innig. weißt da Wir gehören zu einander, und keine Macht der Erde und des Himmels den Lor kann uns von einander trennen! Du biſt Mein und ich bin Dein, benorben und da alſo, was Mein, auch Dein iſt, ſo mußt Du mir erlauben, Du Dir einen Schmuck zu geben, den mir heute die Stadt Mailand phin, au zugeſandt hat. Du Einen Schmuck? rief Joſephine mit leuchtenden Augen. Laß mich dultn ihn ſehen, iſt er prächtig? ſind ze Bonaparte lächelte. Prächtig in den Augen Derer, welchen der gunt Ruhm koſtbarer erſcheint, als Brillanten und Perlen, ſagte er, indem d. er zum Tiſch trat und ein kleines ledernes Etui von demſelben nahm⸗ h di Sieh, ſagte er, daſſelbe öffnend, es iſt eine goldene Medaille, welche i zählen *) Bonaparte's eigene Worte. Mémoires d'un homme d'état. V. pag. 70. V n man Dein, 233 die Stadt Mailand zu meiner Ehre hat prägen laſſen, und auf welcher ſie mir den Titel„der Italier“ decretirt. Gieb ſie mir, rief Joſephine freudig, gieb, mein Italier! Laß mich dieſen köſtlichen Schmuck tragen, den Dir die öffentliche Gunſt gewährt hat! Oeffentliche Gunſt, ſagte er ſinnend, öffentliche Gunſt, ſie iſt ſo leicht wie der Zephyr, ſo unbeſtändig wie die Jahreszeiten, ſie vergeht wie dieſe, und wenn der Nordwind ſie bewegt, wird ſie verſchwinden!*) Er ſchwieg und blickte ſtarr vor ſich hin, dann fuhr er gelaſſener fort: Was meine Thaten anbetrifft, ſo iſt es dem Griffel der Geſchichte vorbehalten, ſie für unſere Enkel aufzuzeichnen. Ich werde entweder für ein Jahrhundert gelebt haben, oder ich werde vielleicht für all meine hohen Thaten nichts ernten als Schweigen und Vergeſſen! Wer kann die Launen und die Gunſt der Geſchichte berechnen?**) Er ſchwieg wieder und verſank tiefer in ſich ſelbſt. Joſephine wagte es nicht, ihn aus ſeinem Hinbrüten zu wecken, ſie heftete ihre Augen auf die große goldene Medaille und war bemüht, die Inſchriften zu entziffern. Plötzlich hob Bonaparte ſein Haupt wieder empor und wandte ſeine düſtern Blicke zu Joſephinen hin. Nicht wahr, ſagte er, Du weißt, daß ich unter allen Mailändern dem Herzog von Litalba immer den Vorzug gegeben, daß ich mich gewiſſermaßen um ſeine Freundſchaft beworben habe? Du haſt ihm ſtets das ſeltenſte Wohlwollen gezeigt, ſagte Joſe⸗ phine, auch iſt er Dir dafür Dir mit treneſter Dankbarkeit ergeben! Dankbarkeit! rief Bonaparte ironiſch. Es giebt auf Erden keine Dankbarkeit, und der Herzog von Litalba iſt undankbar, wie ſie Alle ſind. Ich nannte ihn meinen Freund! Weißt Du, wie er mich dafür genannt, wie er von mir geſprochen hat? Oh, man hat Dir alſo wieder Verleumdungen hinterbracht, man hat Dich wieder geärgert, indem man Dir ſagte, was müßige Zungen erzählen und verbreiten! *) Bonaparte's eigene Worte. Le Normand. I. 261. Pe Nonmand. I. 262. v. ————— —— ———— 234 Man ſoll mir Alles ſagen, ich will Alles wiſſen! rief Bonaparte heftig. Ich muß meine Freunde und meine Feinde kennen! Und ich hielt Litalba für meinen Freund; ich glaubte ihm, als er mir mit Thränen in den Augen ſagte, wie tief ihn meine Abreiſe ſchmerze, ind wie innig er mich liebe! Ich glaubte ihm, und denſelben Tag ſagte er in einem öffentlichen Caſino:„Jetzt endlich wird ſich aus unſern Mauern dies Meteor entfernen, das ganz allein fähig iſt, ganz Europa in Brand zu ſtecken und die Funken ſeines revolutionairen Feuers bis an die äußerſten Enden der Welt hinzuſprühen.“*)— Mich hat er gewagt, ein Meteor zu nennen, ein leuchtendes Nichts, das, indem es aufleuchtet, zerplatzt und ſich in Dunſt auflöſt! Ich werde ihm und aller Welt beweiſen, daß ich mehr bin, als das, und wenn ich ein Feuer über Europa aufleuchten laſſe, ſo ſoll es groß genug ſein, um alle meine Feinde zu verbrennen. Dein Ruhm iſt das Feuer, das Deine Feinde verzehren wird, rief Joſephine lebhaft. Auf ihre Verleumdungen wirſt Du nicht ant⸗ worten, ſondern Deine Thaten werden es für Dich thun. Achte nicht auf die Stimme der Verleumdung, mein Italier, ſondern horche nur auf die Stimme Deines Ruhms. Er wird vor Dir herziehen nach Frankreich als ein Herold, er wird alle Gemüther mit Enthuſiasmus erfüllen, und alle Herzen werden Dir zujauchzen, Dir, dem Schlachten⸗ ſieger, dem Eroberer von Italien! Ich will Dir den Herold zeigen, den ich heute mir vorausſenden will nach Frankreich, und den General Joubert in meinem Namen dem Directorium übergeben ſoll, rief Bonaparte. Es iſt ein Herold, deſſen ſtumme Sprache doch beredter iſt, als alle Siegeshymnen, mit denen ſie mich empfangen können! Warte hier, ich kehre ſogleich zu Dir zurück! Er winkte ihk mit der Hand und ging eilend hinaus. Joſephine ſchaute ihm nach mit einem Ausdruck zärtlicher Bewunderung. Welch ein kühner Geiſt, welch ein flammendes Herz! flüſterte ſie leiſe. Wer *) Le Normand. I. 262. wird den gebieten? Die enigen D des Zimm hinauszuge entrollte e ſeinem He A, Jrſephine voranſchr in Dein Glorie 2 Sie Geſchlech Monme nur Wah ſeinem E wollen, ſgen, Stande Jo Fahne. einem Guldſti beider( ſogen ſ inmitten afgezei Lie choben der Ge nich b 35 wird den Flug dieſes Geiſtes hemmen und dieſen Flammen Stillſtand gebieten? Wer— Die Thür öffnete ſich und Bonaparte kehrte zurück, gefolgt von einigen Dienern, welche eine aufgerollte Fahne trugen. In der Mitte des Zimmers angelangt, nahm er ihnen dieſelbe ab und winkte ihnen, hinauszugehen. Dann, als die Thür ſich hinter ihnen geſchloſſen, entrollte er mit raſcher, feſter Hand die Fahne, daß ſie rauſchend über ſeinem Haupte empor flatterte. Ah, das iſt der ſtolze Sieger von der Brücke von Arcole, rief Joſephine entzückt. So mußt Du ausgeſehen haben, als Du ihnen voranſchritteſt in den Kugelregen, die Fahne hoch empor ſchwingend in Deiner Rechten. Oh, Bonaparte, wie ſchön Du biſt unter der Glorie Deiner Siegesfahne! Sieh nicht auf mich, ſagte er, ſieh auf die Fahne! Kommenden Geſchlechtern mag ſie dereinſt als ein Mährchen erſcheinen, als ein Monument aus der alten Fabelzeit, und doch enthält dies Monument nur Wahrheit und Wirklichkeit! Das Directorium ſoll dieſe Fahne in ſeinem Sitzungsſaal aufhängen, und wenn ſie meine Thaten ableugnen wollen, ſo werde ich hindeuten auf dieſe Fahne, und ſie wird ihnen ſagen, was die franzöſiſche Armee und ihr General in Italien zu Stande gebracht. Joſephine betrachtete mit ſchweigender Bewunderung die köſtliche Fahne. Sie war von ſchwerſtem weißem Seidenzeug, eingefaßt mit einem breiten Rande von blau und rother Farbe. Große Adler in Goldſtickerei, mit Edelſteinen verziert, befanden ſich in allen Ecken beider Seiten, kriegeriſche Embleme, in kunſtvoller Malerei ausgeführt, zogen ſich arabeskenartig innerhalb des farbigen Randes hin, und inmitten derſelben waren Inſchriften mit großen, goldenen Lettern aufgezeichnet. Lies dieſe Inſchriften, Joſephine, ſagte Bonaparte gebieteriſch, mit erhobenem Arm darauf hindeutend. Es iſt ein einfacher, kurzer Abriß der Geſchichte unſers italieniſchen Feldzugs. Lies laut, Joſephine, laß mich von Deinen Lippen das Triumphlied meiner Armee vernehmen! Joſephine faßte mit beiden Händen die goldene Schnur, welche —— *——— 236 von dem flatternden Ende der Fahne niederhing, und hielt ſie damit feſt und geſpannt. An den goldenen Stiel der Fahne, die er mit beiden Händen umklammerte, ſtolz angelehnt, hörte Bonaparte lächelnd und mit blitzenden Augen Joſephinen zu, als ſie jetzt las: „150,000 Gefangene;— 170 eroberte Fahnen;— 550 Kanonen⸗ ſtücke; 600 Feldſtücke;— 5 Brücken⸗Equipagen;— 9 Schiffe von 64 Kanonen;— 12 Fregatten von 32 Kanonen;— 12 Corvetten;— 18 Galeeren;— Waffenſtillſtand mit dem König von Sardinien;— Convention mit Genua;— Waffenſtillſtand mit dem Herzog von Parma; — Waffenſtillſtand mit dem König von Neapel;— Waffenſtillſtand mit dem Pabſt;— Präliminarien von Loeben;— Convention von Montebello mit der Republik von Genua;— Friedens⸗Vertrag mit dem Kaiſer in Campo Formio.“ „Die Freiheit gegeben den Völkern von Bologna, Ferrara, Modena, Maſſa Carrara, der Romagna, der Lombardei, von Brescia, Bergamo, Mantua, Cremona, Chiavenna, Bormio und dem Vateline; den Völkern von Genua; den kaiſerlichen Vaſallen, den Völkern des Departements von Corcyra, des Aegeiſchen Meeres und Ithaka's.“ „Nach Paris geſchickt alle Kunſtwerke von Michel Angelo, Guercino, Titian, Paul Veroneſe, Correggio, Albano, den beiden Carracci, Ra⸗ phael und Leonardo da Vinci.“*) Ah, mein Freund, rief Joſephine begeiſtert, das iſt ein Blatt aus der Weltgeſchichte, das der Sturmwind von Jahrhunderten nicht verwehen wird! Bonaparte neigte langſam die Fahne niederwärts, das ihre Spitze faſt die Erde berührte, und ſtarr vor ſich hinblickend, murmelte er leiſe:„gleich den Blättern im Winde, ſo ſind die Geſchlechter der Menſchen; Blätter wehet zur Erde der Wind, und**)— doch ſtill, *) Dieſe wunderbare Fahne ward im Sitzungsſaal des Directoriums auf gehangen, ſo lange daffelbe im Luxembourg tagte. Später begleitete ſie die drei Conſuln in die Tuilerien und ſchmückte dort den großen Empfangsſaal. Jetzt befindet ſie ſich im Invalidendom in der Kapelle, in welcher der Sarg Napo⸗ leons ſteht. **) Homer. unterbrach jeden Berg befeſigen, wllt die Die trugen die wieder ſein Ich ve eſt die M Mamont er aus Lor Duh voll. Au ſind nicht Dos di et dur heiligen V kun. Ich manten und ich bin ſſt es ju erſtrebt h für ſeine Die Koſtb die Statu für Dich, Ern iffnete es noirires Und *)8 amit mit end fand dend, aus nicht 237 unterbrach er ſich ſelber, ich werde meinen Namen auf jeden Fels und jeden Berg von Europa ſchreiben, und ihn mit ſo ehernen Klammern befeſtigen, daß kein Wind ihn vertreiben ſoll! Heda, Ihr da draußen, rollt die Fahne wieder auf, und legt ſie in ihr Futteral! Die Diener eilten auf den mächtigen Feldherrnruf herbei und trugen die Fahne wieder hinaus. Bonaparte wandte ſich lächelnd wieder ſeiner Gemahlin zu. Ich verſprach Dir einige Geſchenke, ſagte er, und ich habe Dir erſt die Medaille gegeben. Das Beſte habe ich noch zurückbehalten. Marmont hat mir die Statue der heiligen Madonna geſandt, welche er aus Loretto entführt hat. Du haſt alſo mein Flehen doch nicht erhört, rief Joſephine ſchmerz⸗ voll. Auch die Güter der Kirche und des heiligen Vaters zu Rom ſind nicht ſicher geweſen vor den Händen der Sieger! Das iſt das Recht des Krieges, ſagte Bonaparte, wehe den Orten, die er durchſchreitet. Aber beruhige Dich, Joſephine, ich habe dem heiligen Vater nur das Ueberflüſſige genommen, das er leicht entbehren kann. Ich habe ihm nur ſein Silberzeug, ſeine Kleinodien und Dia⸗ manten entführt, ihn auf die Einfachheit der Apoſtel zurückführend, und ich bin gewiß, der gute Mann wird es mir Dank wiſſen. Ueberdies iſt es ja nur das Heil ſeiner Seele, das ich mit allem dieſem erſtrebt habe, und eines Tages wird ihn der römiſche Martyrologe für ſeine edle Uneigennützigkeit in die Zahl der Heiligen aufnehmen.*) Die Koſtbarkeiten und das Gold habe ich nach Paris geſandt, ebenſo die Statue der Madonna von Loretto, aber einige Reliquien habe ich für Dich, Joſephine, zurück behalten. Sieh hier die koſtbarſte von allen. Er reichte ihr ein kleines zuſammengefaltetes Papier dar; Joſephine öffnete es haſtig, und fragte dann verwundert: ein Stück ſchwarzes moirirtes Wollenzeug? Und das iſt eine Reliquie? Und noch dazu eine ſehr koſtbare! Der größte Schatz von Loretto! Es iſt ein Stück von dem Kleide der Jungfrau Maria, mit welchem *) Bonaparte's eigene Worte. Le Normand. I. 243. —— ſie um den Heiland getrauert hat.*) Bewahre Dir dieſe Reliquie wohl auf, meine Joſephine, und möge ſie Dich behüten vor jedem Unheil und jeder Gefahr! Joſephine faltete das Stückchen Zeug zuſammen, und ein großes Medaillon öffnend, das an ſchwerer goldener Kette um ihren Hals hing, legte ſie die Reliquie hinein, und ſchloß die Kapſel wieder. Das ſei das Sanctuarium meiner Reliquie, ſagte ſie, ich werde ſie bewahren bis zu meinem Tode! Was ſprichſt Du vom Tode? rief er faſt unwillig. Was haben wir zu ſchaffen mit dem Tode, wir, denen das Leben noch ſo Vieles zu erfüllen und zu bieten hat! Wir kehren nach Paris zurück und ſo Gott will, erwartet uns dort eine große Zukunft! So Gott will, eine glückliche, ſagte Joſephine innig. Oh, Bona⸗ parte, wie freue ich mich, wieder einzuziehen lin unſer liebes kleines Hötel in der Rue Chantereine, wo wir die erſten glücklichen Tage unſerer Liebe verlebt haben! Nein, Joſephine, rief er lebhaft, dieſes kleine Haus ziemt ſich nicht mehr für den Sieger von Italien. Ich bin nicht mehr der arme General, der nichts beſaß als ſeinen Degen, ich kehre zurück reich an Ruhm und auch nicht arm an Geld. Es hätte in meiner Macht geſtanden, mir die Beute vieler Millionen zuzueignen, aber ich ver⸗ ſchmähete das Geld der Beute und der Beſtechungen, und das Wenige, was ich beſitze, iſt auf ehrlichem und ritterlichem Wege gewonnen.**) Aber dieſes Wenige iſt genug, um uns eine glänzende Exiſtenz zu *) Le Normand. I. 245. **) Bonaparte hat auf Helena zu Las Caſes geſagt, daß er aus Italien nicht mehr als 300,000 Franes für ſich mitgebracht habe. Bourrienne hingegen verſichert, es ganz gewiß zu wiſſen, daß Bonaparte drei Millionen Franes heimgebracht habe, aber er fügt hinzu, daß er dieſe Summe nicht durch Unter⸗ ſchleife oder Beſtechungen gewonnen, denn Bonaparte ſei ein durchaus unbeſtech⸗ licher Adminiſtrator geweſen.„Aber man hatte die Minen von Ydria entdeckt, man lieferte das Fleiſch für die Truppen. Er wollte unabhängig ſein, und er wußte beſſer als irgend ein Anderer, daß man das nicht ohne Geld iſt. Er ſagte in Bezug darauf oft zu mir:„ich bin kein Capuciner, ich!“ Mémoires de Bourrienne. II. 47. ſichem. 2 Haus bem bedarf ein nit den it Zoſephine, hezeichnen, gemacht he deren Sch Komm, J Der Habinet. ſein Kah ginnen. riedergel der Nach daneben noch zu Papiere Zetunge gann. 1 noch ſtr ſeiner E ungbl jur En „ liquie lnheil roßes Hals werde haben ieles nd ſo Bona kleines Tage t ſich ame ich an Macht h ver⸗ enige, en.**) enz zu talien ngegen Franes Unter beſtech nidedt, in, und i. 65 zmoiros 239 ſichern. Ich werde nicht eher zufrieden ſein, als bis ich mit Dir ein Haus bewohne, das dem Eclat meines Namens entſprechend iſt. Ich bedarf eines Palais, und ich werde mir daſſelbe ausſchmücken laſſen mit den in Italien von mir eroberten Fahnen. Dir allein, meine Joſephine, Dir allein übertrage ich die Sorge, mir einen Palaſt zu bezeichnen, der es würdig iſt, mir von der Nation, die ich unſterblich gemacht habe, angeboten zu werden, und würdig zugleich einer Gattin, deren Schönheit und Anmuth ihn nur noch verſchönern können.*) Komm, Joſephine, komm nach Paris, uns dieſen Palaſt auszuſuchen. M. Miniſter Thugut. Der Premierminiſter Baron von Thugut befand ſich in ſeinem Kabinet. Es war noch früh am Morgen und der Miniſter hatte daher ſein Kabinet eben erſt betreten, um ſein politiſches Tagewerk zu be⸗ ginnen. Auf dem großen grünen Tiſch, vor welchem Thugut ſich eben niedergelaſſen, lagen die Depeſchen und Briefe, welche die während der Nacht und des frühen Morgens angekommenen Couriere abgegeben, daneben aufgeſchlagene Actenſtücke und Verfügungen, die Thugut nur noch zu unterzeichnen hatte. Aber der Miniſter würdigte alle dieſe Papiere gar nicht ſeiner Aufmerkſamkeit, ſondern griff zuerſt nach den Zeitungen und Journalen, die er mit großer Spannung zu leſen be⸗ gann. Während des Leſens nahmen ſeine ernſten, ſtrengen Züge einen noch ſtrengern Ausdruck an und eine düſtere Wolke lagerte ſich auf ſeiner Stirn. Plötzlich ſtieß er einen wilden Fluch aus, und das Zei⸗ tungsblatt, in welchem er eben geleſen, mit einer heftigen Shegu zur Erde ſchleudernd, ſprang er von ſeinem Sitz empor. *) Bonaparte's eigene Worte. Le Normand. I. 265. 1 3 240 Zu viel der Frechheit! Zu viel des Hohns! rief er zornig. Es iſt die höchſte Zeit, dieſen Zeitungsſchreibern wieder einmal ein war⸗ nendes Beiſpiel zu geben, und bei Gott, ſie ſollen es haben! Ich— Eben ward die Thür des Vorſaals geöffnet und der eintretende Kammerdiener meldete den Polizeiminiſter, Grafen Saurau. Baron Thugut befahl, ihn ſofort einzulaſſen, und ging dann dem Eintretenden lebhaft entgegen. Sie kommen meinen Wünſchen zuvor, lieber Graf, ſagte er, ich war eben im Begriff, Sie rufen zu laſſen. Ew. Excellenz wiſſen, daß ich allzeit bereit bin, Ihrem Ruf zu folgen, ſagte Graf Saurau mit geſchmeidiger Höflichkeit. Ich erkenne Sie an als meinen Herrn und Meiſter, und obwohl unſere Stellung im Leben und Staatsdienſt faſt eine gleiche iſt, ordne ich mich Ihnen willig unter und fühle mich als Ihren Untergebenen und Ihren Schüler. Und ich glaube, das iſt das Klügſte, was Sie thun konnten, mein lieber, kleiner Graf, rief Thugut mit einem rauhen Lachen. Sie ſind gut dabei gefahren, denke ich, eben ſo gut wie das ganze Staatsſchiff Oeſterreich, das ſich meiner Führung anvertraut hat. Ja, ja, der Sohn des Schiffsbaumeiſters Thunichtgut hat Euch adlig Gebornen und ariſtokratiſchen Herrchen ein Beiſpiel gegeben, daß Geiſt und Talent nicht ausſchließliche Vorrechte Eures Standes ſind, und daß man aus gemeinem Schiffsbauholz gar wohl einen Premierminiſter ſchnitzen und aus einem bürgerlichen Thunichtgut einen hochadligen Freiherrn von Thugut machen kann. Die große Kaiſerin Maria Thereſia hat an mir ſchon dieſes Wunder und dieſe Taufe bewirkt, und ich denke wohl, Oeſterreich hat es nicht zu bereuen gehabt. Der Schiffsbauerſohn hat das Staatsſchiff bisher ganz gut durch alle Klippen geführt und wird es auch ferner führen, allen Grafen und Ariſtokraten zum Trotz! Sie ſehen, ich mache kein Geheimniß aus meiner Abkunft, ich rühme mich derſelben vielmehr, und Ihr habt alſo nicht nöthig, mich an das zu mahnen, was ich nie vergeſſen will! Ich ſehe, daß wieder etwas geſchehen iſt, das Ew. Excellenz in gerechten Zorn verſetzt hat, rief Graf Saurau. Und Ub ſagte Thu Graf etrathe— Sie fragte Th Angrif, d nich, ja Ich wollen, ſ Nun vom Bot will:„ öſterweich unſer vi und den denen ge den Gefe ſchut n und ein ſeelt N Vohl u ſiel, war un das Wo ſondern ein hart Volles begehrt Kiſers vorfelgt azu h kühnen ſchen N hlbe 241 Und das Sie ohne Zweifel wiſſen, da Sie Polizeiminiſter ſind, ſagte Thugut ironiſch. Graf Saurxau zuckte Odie Achſeln. Ich bekenne, daß ich nicht errathe— Sie haben alſo heute Morgen noch nicht die Zeitungen geleſen? fragte Thugut höhniſch. Sie ahnen nichts von dieſem nichtswürdigen Angriff, den ein hochariſtokratiſcher Zeitungsſchreiber Jewagt hat, gegen mich, ja ſogar gegen den Kaiſer zu richten? X Ich bekenne, daß ich nicht ahne, wovon Ew. Exckllenz ſprechen wollen, ſagte Graf Saurau verlegen. Nun denn, hören Sie! rief Thugut, das Zeitungsblatt wieder vom Boden aufraffend. Hören Sie wohl zu, was ich Ihnen vorleſen will:„Zu einer Zeit, wo die Sehnſucht nach Frieden das ganze öſterreichiſche Volk belebt, wo unſere erhabene Kaiſerin Thereſia und unſer vielgeliebter Erzherzog Carl dieſe Gefühle des Volkes theilen und denſelben Ausdruck verleihen vor den Stufen des Thrones und denen gegenüber, welche das geliebte Oeſterreich mit dem Unheil und den Gefahren des Krieges überfluthen möchten, zu einer ſolchen Zeit ſchaut man gern zurück in die große Geſchichte unſers Vaterlandes und erinnert ſich, was große und geniale, vom rechten Volksgeiſt be⸗ ſeelte Mitglieder unſers Kaiſerhauſes in frühern Zeiten ſchon für das Wohl und die Ruhe Oeſterreichs gethan haben, erinnert ſich zum Bei⸗ ſpiel, wie im Jahre 1619 Oeſterreich wie jetzt von Feinden bedroht war und am Vorabend eines Krieges ſtand. Nicht weil die Ehre und das Wohlergehen Oeſterreichs einen ſolchen Krieg nothwendig machten, ſondern weil der ehrgeizige und hochfahrende Miniſter, Cardinal Cleſel, ein hartnäckiger Friedensfeind und tanb daher gegen die Wünſche des Volkes war. Er war es, der allmächtige Miniſter, welcher den Krieg begehrte, er belagerte mit ſeinen Forderungen das Ohr des ſchwachen Kaiſers Matthias, und als Dieſer vor Angſt und Sorge erkrankte, verfolgte er ihn ſogar mit ſeinem Kriegsgeſchrei bis zu ſeinem Kranken⸗ lager hin. Da aber faßten die Erzherzöge, des Kaiſers Brüder, einen tühnen Entſchluß. Vor dem Bett des Kaiſers ergriffen ſie den tücki⸗ ſchen Miniſter, nahmen ihn gefangen und führten ihn auf das tyroliſche Mühlbach, Napoleon. I. Bd 16 „— 242 Schloß Ambraß, wo er lange Jahre ſaß zur gerechten Strafe ſeines Hochmuths und ſeines volksfeindlichen Kriegsgelüſtes!— Faſt funfzig Jahre ſpäter geſchah Aehnliches. Wiedew war es ein Miniſter, der dem ganzen öſterreichiſchen Volk zum Trotz den Krieg begehrte. Es war im Jahre 1673. Der Miniſter, der damals das Ohr des Kaiſers Leopold beherrſchte, war der Fürſt Lobkowitz. Aber die Kaiſerin Claudia erbarmte ſich des Volks, das ſchwer ſeufzte unter der Hand des tyran niſchen Miniſters. Sie allein brachte es durch die Gewalt ihrer Rede und ihrer Schönheit dahin, daß der allmächtige Fürſt Lobkowitz plötzlich aller Ehren und Würden entſetzt und auf einem Strohwagen, vom jauchzenden Wiener Pöbel mit Koth beworfen, nach der Feſtung Raudnitz abgeführt ward, mit dem Verbot, bei Todesſtrafe niemals nach der Urſache ſeiner Beſtrafung zu fragen.“*) Nun? fragte Thugut, als er zu Ende geleſen. Was ſagen Sie dazu? Ich finde, daß das höchſt müßige, hiſtoriſche Rückerinnerungen ſind, ſagte Graf Saurau achſelzuckend, daß dieſe aber in gar keinem Zuſammenhang mit der Gegenwart ſtehen! Das heißt, Sie wollen dieſen Zuſammenhang nicht zugeſtehen, mein kleiner Graf, Sie wollen Sich den Anſchein geben, als wüßten Sie nicht, daß dieſer ganze Artikel gegen mich gerichtet iſt, daß man das Volk gegen mich aufhetzen und meinen Feinden Muth machen will, mit mir zu verfahren, wie man mit Cleſel und Lobkowitz verfahren iſt. Man ſpricht von den Erzherzögen, welche den hartnäckigen Friedens feind und Miniſter geſtürzt haben, von der Kaiſerin Claudia, welche ihre Gewalt über den Kaiſer benutzt habe, um einen allmächtigen Mi niſter, ihren Feind, zu ſtürzen. Und Sie wollen nicht einſehen, daß man damit den Erzherzog Carl und die Kaiſerin Thereſia ermuthigen will, auch ſo zu handeln, wie Jene gehandelt haben? Sie Beide ſtehen an der Spitze der Friedenspartei, ſie Beide wollen Frieden mit Frankreich, und in ihrer Dummheit und Einfalt ſchwärmen ſie für dieſen franzöſiſchen General Bonaparte, den ſie„den Italier“ nennen *) Hormayr: Lebensbilder aus dem Befreiungskriege. J. 321. nicht be nennen Erobem man der ich das Creellen leriſcher hezog Un Ver w ſchritt heißt ziehen ſie ſin fihren und 9 Peliti käuend haben davon Steu todiſc denn würn mit ſeines funfjig r, der Kaiſers s ſagen erungen eſtehen, wüßten aß man en vill, nicht bedenkend, daß er vielleicht eines Tages ſich auch„den Auſtrier“ nennen wird, wenn wir ihm nicht energiſch entgegentreten und ſeiner Eroberungsſucht eine Grenze ſetzen. Man möchte mich beſeitigen, wie man den Miniſter, Cardinal Cleſel, beſeitigt hat. Aber noch halte ich das Ruder, und ich bin nicht gewillt, es fallen zu laſſen! Es wäre auch ein mßloſes Unglück für Oeſterreich, wenn Ew. Excellenz das thäten, ſagte Graf Saurau mit ſeiner ſanften, ſchmeich leriſchen Stimme. Auch werden die Kaiſerin Thereſia und der Erz⸗ herzog Carl nichts unternehmen wollen gegen Ew. Excellenz. Und wenn ſie es wollen, ſo werde ich es nicht dulden, rief Thugut. Wer wider mich iſt, der möge ſich wohl hüten, daß mein Elephanten⸗ ſchritt ihn nicht in die Erde ſtampft, er ſei, wer er ſei. Ich haſſe dieſes prahleriſche, wühleriſche Frankreich, und Frieden mit ihm halten heißt die Ideen der Revolution und des Umſturzes zu uns herüber⸗ ziehen!— Die kurzſichtigen Menſchen wollen das nicht einſehen und ſie ſind meine Feinde, weil ich der wahre Freund Oeſterreichs bin! Aber weil ich das bin, muß ich auch alle Diejenigen bekämpfen, welche es wagen wollen, ſich mir in den Weg zu ſtellen und mich zu hindern, denn ſie hindern und bekämpfen in mir Oeſterreich!— Vor allen Dingen und zuerſt gilt es, dieſe Zeitungsſchreiber und Literatoren aus dem Wege zu räumen; es ſind aufgeblaſene anmaßende Geſchöpfe, die ſich einbilden, Alles verſtehen, Alles beurtheilen zu können, und ſich berufen fühlen, über Alles mitzuſprechen, weil ſie eine Gänſefeder zu führen verſtehen. Das Beſte wäre, die Zeitungen und Journale ganz und gar zu unterdrücken und aufhören zu laſſen! Wir, die wir die Politik machen, bedürfen der Zeitungen nicht, die doch nur die wieder⸗ käuenden Ochſen deſſen ſind, was wir gegeſſen und ſchon verdaut haben; das Volk aber verſteht nichts davon und braucht auch nichts davon zu verſtehen. Das Volk iſt da, um zu arbeiten, zu gehorchen, Steuern zu zahlen, und wenn es ſein muß, ſich für ſeinen Fürſten todtſchlagen zu laſſen; eine andere Politik braucht es nicht zu kennen, denn ſie ſchadet ſeinem Gehorſam. Fort alſo mit dieſem ſchädlichen Ge⸗ würm von Literatoren und Zeitungsſchreibern, welche ſich herausnehmen, mit ihrem politiſchen Gewäſche das Volk klug zu machen. Ach, ich 16* 244 will dieſen Grafen Erlach lehren, ein Zeitungsſchreiber zu werden und den Leuten Entremets von hiſtoriſchen Erinnerungen aufzutiſchen! Er ſoll ſie mir in ſeinen eigenen Hals hinein verſchlucken müſſen, daß ihm für immer dabei der Athem vergeht. Dieſer Artikel, den Ew. Excellenz laſen, iſt vom Grafen Erlach? fragte Graf Saurau erſchrocken. Da, ſein Name ſteht mit großen Buchſtaben darunter, rief Thugut verächtlich, er ſhat ſich nicht einmal die Mühe gegeben, ihn zu ver⸗ bergen. Wir werden ihm unſern Dank ſagen müſſen für ſeine Auf⸗ richtigkeit, und ich hoffe, Sie übernehmen es, ihm denſelben aus⸗ zudrücken. Was wollen Ew. Excellenz, daß ich thun ſoll? fragte der Polizei⸗ miniſter ängſtlich. Ich glaube, es wäre nicht wohlgethan, es zu einem offenen Eclat zu bringen. Wer ſpricht von einem offenen Eclat, rief Thugut lachend. Liebe ich das Eclatmachen, das den Leuten nur Stoff zu müßigem Geſchwätz giebt? Beſinnen Sie Sich doch ein wenig, mein lieber kleiner Graf! Was thaten wir zum Beiſpiel mit dem neapolitaniſchen Grafen Mon⸗ talban, der uns unbequem ward und Einfluß auf den Kaiſer zu ge⸗ winnen trachtete? Klagten wir ihn des Hochverraths an? Beſchul⸗ digten wir ihn? Wir ließen ihn verſchwinden, Niemand wußte, wo der intereſſante, ſchöne Graf geblieben war! Man ſprach drei Tage davon, und dann vergaß man es.*) Mein Lieber, es geht nichts über die Oublietten und das Verſchwinden! Ich habe Ihnen das ſchon oft gepredigt, und Sie vergeſſen es immer wieder! Gewalt! Wer wird ſolch ein Thor ſein, durch offene Gewaltſtreiche ſeine kleinen Ge⸗ heimniſſe zu verrathen. Wir ſtehen ja auf der Bühne des Lebens, und da giebt es, wie auf jeder andern Bühne, Verſenkungen, durch welche diejenigen verſchwinden, welche nicht mehr zu ſpielen haben! Bedienen wir uns alſo einer ſolchen Verſenkung für den politiſirenden Grafen Erlach! Ich beſchwöre Ew. Excellenz, üben Sie dies Mal Schonung, *) Lebensbilder I. 321. rief Gr Freund ihm wol Um mich au ihren hi ein wide durch ſe geres u nirgend halten E J gefürch beben Fabrie phante vill, Erlach 245 rief Graf Saurau dringend. Der Graf Erlach iſt ein perfönlicher Freund des Erzherzogs Carl, und auch die Kaiſerin Thereſe will ihm wohl! Um ſo mehr iſt es nothwendig, ihn verſchwinden zu laſſen, und mich auf dieſe Weiſe zu bedanken für die Ohrfeigen, die ſie mir mit ihren hiſtoriſchen Notizen geben wollten. Dieſer Erlach iſt überhaupt ein widerlicher Menſch, der gern den unbeſtechlichen Römer ſpielen und vurch ſeine Tugend glänzen möchte! Es giebt aber nichts Langweili⸗ geres und Unausſtehlicheres als einen tugendhaften Menſchen, den man nirgends faſſen kann! Dieſer hat hier eine Blöße gegeben, faſſen und halten wir ihn! Er hat weitverzweigte Verbindungen, mächtige Gönner, Excellenz. Wenn er verſchwindet, werden ſie Zeter ſchreien, und ſich ein Geſchäft daraus machen, ihn zu ſuchen, und wenn ſie ihn nicht finden, werden ſie ſagen, daß wir ihn vernichtet haben, weil Ew. Excellenz ihn fürchteten! Ich ihn fürchten! rief Thugut lachend. Als ob ich mich jemals gefürchtet hätte, als ob ich jemals erſchrocken wäre! Selbſt ein Erd⸗ beben würde nicht im Stande ſein, mir Schräken einzuflößen, und wie Fabricius würde ich mich nur ganz langſam nach dem verdeckten Ele— phanten des Pyrrhus umſehen. Nein, ich kenne keine Furcht, aber ich will, daß Andere Furcht empfinden, und deshalb muß dieſer Graf Erlach bei Seite geſchafft werden. Nun wohl denn, ſchaffen wir ihn bei Seite, rief Graf Saurau, aber auf einfache Weiſe, und vor Aller Augen! Glauben Sie mir dies Mal, Excellenz, ich kenne das Terrain, auf dem wir ſtehen, ich weiß, daß es unterminirt und bereit iſt, zu explodiren, um uns in die Luft zu ſprengen. Graf Erlach's Verſchwinden wäre die brennende Lunte, welche leicht die Exploſion bewirken könnte. Hüten wir uns alſo! Schaffen wir ihn über die Grenze, drohen wir ihm mit dem Tode, wenn er jemals wieder wagen ſollte, Oeſterreich zu betreten, aber laſſen wir ihn frei und unbeſchädigt ziehen! Nun denn, es ſei, ich will Ihnen den Willen thun, mein lieber ängſtlicher Freund! Laſſen Sie Erlach heute noch greifen und durch 246 zwei Polizei⸗Commiſſare über die Grenze bringen, und drohen Sie ihm mit dem Tode, oder mit mir, was für ihn gleichdeutend ſein wird— wenn er zurückkehrt. Sorgen Sie auch durch unſere Freunde dafür, daß die Scribler und Zeitungsſchreiber erfahren, weshalb der Graf Erlach fortgejagt iſt. Die Klugen und Vorſichtigen werden ſich da⸗ durch warnen laſſen und ſchweigen, die Dummen und Tollkühnen werden Zeter ſchreien, und wir werden dadurch Gelegenheit finden, auch ihrer habhaft zu werden. Es iſt alſo abgemacht, transportiren wir den ariſtocratiſchen Zeitungsſchreiber, und damit ſei die Sache beendet.*) Aber ich werde weitere Genugthuung nehmen für dieſe Artikel der Zeitung. Oh, die neue Kaiſerin Claudia und der Erzherzog ſollen es erfahren, daß ich kein Cleſel oder Lobkowitz bin, den man durch eine Intrigue beſeitigen kann. Ich werde noch heute mir von dem Kaiſer einen Befehl erwirken, der den Erzherzog des Oberbefehls bei der Armee entbindet und ihn in Ruheſtand verſetzt. Er will ja durchaus Frieden und Ruhe, nun, ſo möge er ſchlafen und träumen, während wir wachen und handeln. Ich brauche einen kriegesmuthigen, ent⸗ ſchloſſenen General an der Spitze der Armee, einen Franzoſenfreſſer, nicht einen Franzoſenfreund! Was aber die Kaiſerin anbetrifft, ſo— Excellenz, unterbrach ihn Graf Saurau mit geheimnißvoller Miene, ich kam hierher, um mit Ihnen von der Kaiſerin zu ſprechen und Sie zu warnen. Oh, mich zu warnen! rief Thugut mit ſtolzer Verachtung. Was giebt es denn Neues? Sie wiſſen ohne Zweifel, daß die Kaiſerin Thereſia von ihrem Wochenbett völlig wieder hergeſtellt iſt, und bereits ſeit acht Tagen Audienzen ertheilt. Als ob ich nicht der Erſte geweſen wäre, der zur Audienz und zum gnädigen Handkuß zugelaſſen werden! rief Thugut achſelzuckend. *) Der Graf Erlach ward wirklich wegen ſeines Zeitungsartikels durch zwei Polizei⸗Commiſſare über die öſterreichiſche Grenze deportirt. Erſt nach Thugut's Rücktritt, 1801, durfte er nach Oeſterreich und Wien zurückkehren. Lebens⸗ bilder I. 321. ſſiciel dotte ſeligteit mache Relaſſe 247 Auch die Herren Geſandten hat die Kaiſerin bereits empfangen, fuhr Saurau fort. Den Geſandten der franzöſiſchen Republik, General Bernadotte, ſogar zwei Mal. Thugut ward aufmerkſam und heftete ſeine ſtechenden kleinen Augen mit einem geſpannten Ausdruck auf den Polizeiminiſter. Zwei Mal? fragte er. Und wiſſen Sie, was in dieſen beiden Audienzen geſprochen worden? Excellenz, ich müßte ein ſehr ſchlechter Polizeiminiſter und ſehr un⸗ genügend von meinen geheimen Agenten bedient ſein, wenn ich es nicht wüßte! Nun denn, laſſen Sie hören, mein lieber Graf. Wovon unterhielt ſich die Kaiſerin mit Bernadotte? In der erſten Audienz hielt der General Bernadotte zuerſt ſeinen officiellen Vortrag, und die Kaiſerin hörte ihm mit düſterer Miene zu. Alsdann ging man zu ungezwungenerer Unterhaltung über, und Berna⸗ dotte verſicherte die Kaiſerin, daß Frankreich durchaus keine Feind⸗ ſeligkeiten gegen ihr Geburtsland Neapel beabſichtige. Er ſei ſogar, dies waren ſeine eigenen Worte, vom Directorium der Republik beauf⸗ tragt, Ihre Majeſtät officiell zu verſichern, daß dieſelbe ſich in Hinſicht auf Neapel durchaus beruhigen könne, denn Frankreich hege nur freund⸗ liche Abſichten in Bezug auf daſſelbe.— Das Antlitz der Kaiſerin klärte ſich ſofort auf, und ſie antwortete dem General in ſehr gnädigen Ausdrücken, erlaubte ihm auch auf ſeine Bitte, ſeine Beſuche bei Ihrer Majeſtät erneuern zu dürfen, ſo oft er ihr irgend eine Mittheilung zu machen habe. Dieſe erſte Audienz kannte ich bis auf den Schlußſatz, ſagte Thugut gelaſſen. Aber gerade dieſer Schlußſatz, Excellenz, iſt von höchſter Bedeu⸗ tung, denn die Kaiſerin gewährt damit dem franzöſiſchen Geſandten beinahe vollkommen freie Entrée in die Gemächer. Er darf kommen, ſo oft er ihr eine Mittheilung zu machen habe. Es ſcheint, der Herr Geſandte hat viele Mittheilungen zu machen, denn zwei Tage nach der erſten Audienz, alſo geſtern, war der General Bernadotte —— ——— 248 ſchon wieder in der Hofburg, um eine Audienz von der Kaiſerin zu erbitten.*) Und die Kaiſerin nahm ihn an? fragte Thugut raſch. Sie nahm ihn an, Excellenz! Dies Mal begnügte ſich der Herr Geſandte nicht mehr mit allgemeinen Phraſen und Redensarten, ſon⸗ dern er ward ſehr offenherzig. Er geſtand der Kaiſerin, daß Frank⸗ reich nichts ſehnlicher wünſche, als den Frieden, ſowohl mit Neapel, als auch mit Oeſterreich aufrecht erhalten zu können, daß dazu aber auch ein Entgegenkommen, namentlich Oeſterreichs, dringend nothwendig ſei. Dies laſſe indeß Oeſterreich dringend vermiſſen und hege durchaus feindſelige Abſichten gegen Frankreich. Als die Kaiſerin aber eine nähere Erklärung dieſer Worte begehrte, hatte Bernadotte die Kühnheit, ihr ein Memoire zu überreichen, das gegen die Politik Eurer Excellenz gerichtet war, und in welchem, wie der Geſandte ſagte, er im Auftrag des Directoriums ſich bemüht habe, nachzuweiſen, daß die Politik des Miniſters von Thugut durchaus unvereinbar ſei mit einem Syſtem guter Intelligenz und Harmonie zwiſchen Oeſterreich und Frankreich, und daß ohne dies Syſtem das Schickſal Neapels immer nur ungewiß bleiben könne. Was antwortete die Kaiſerin? fragte Thugut, deſſen Mienen auch nicht eine Spur von Aufregung oder Zorn verriethen. Ihre Majeſtät antwortete, ſie würde das Memoire mit der größten Aufmerkſamkeit leſen und den Beſitz deſſelben vor Jedermann geheim halten. Sie fügte hinzu, ſie fürchte indeß, daß ſelbſt, wenn das Memoire ſie auch von der Unzweckmäßigkeit der Politik des Miniſters von Thugut überzengen möchte, es doch ſchwer, wenn nicht unmöglich ſein möchte, den Kaiſer zu ähnlicher Anſicht der Dinge zu bewegen, da derſelbe unbedingtes Vertrauen in ſeinen Premierminiſter ſetze und voll⸗ kommen von der Treue, Redlichkeit und Unbeſtechlichkeit Eurer Excellenz überzeugt ſei.— Nach dieſer Antwort näherte ſich Bernadotte der Kaiſerin um einige Schritte und ſchaute ſich vorſichtig und ſpähend im *) Mémoires d'un homme d'état. V. 485. — Zimmer der Kai Nu M welche d Ge laſſen Al ſich faſt ihr: da welche Beweie hingig wärtig mit gegen dieſe dieſelb Ardie nachſu E 0 melde franzi ſoglei Emyf ein der — * 249 Zimmer um, gleichſam, um ſich zu überzeugen, daß Niemand außer der Kaiſerin ſeine Worte hören könne. Alsdann— Nun, was zögern Sie? fragte Thugut haſtig. Meine Zunge ſträubt ſich, die Verleumdungen zu wiederholen, welche der franzöſiſche Geſandte auszuſprechen ſich erkühnte. Gebieten Sie Ihrer Zunge, daß ſie ſich nicht länger ſträube, und laſſen Sie mich hören, rief Thugut ironiſch. Alſo, mit Ihrer Erlaubniß, Excellenz. Jetzt neigte Bernadotte ſich faſt bis an das Ohr der Kaiſerin und halb flüſternd ſagte er zu ihr: das Directorium von Frankreich ſei im Beſitz von Papieren, welche den Miniſter Thugut compromittiren und den unwiderleglichen Beweis führen würden, daß Miniſter Thugut durchaus nicht unab⸗ hängig und redlich in ſeiner Geſinnung ſei, ſondern im Solde aus⸗ wärtiger Mächte, namentlich Englands und Rußlands, ſtehe, die ihn mit Millionen dafür bezahlten, daß er die Feindſchaft Oeſterreichs gegen Frankreich immer neu anfache!— Bernadotte fügte hinzu, daß dieſe Papiere ſchon unterwegs ſeien und mit dem nächſten Courier hier in Wien eintreffen würden. Er erlaubte ſich die Anfrage, ob die Kaiſerin ihm geſtatten wolle, daß er ihr dieſe Papiere übergebe, um dieſelben durch ſie in die Hände des Kaiſers gelangen zu laſſen. Und die Kaiſerin? Die Kaiſerin verſprach es und ſicherte dem Geſandten eine dritte Audienz zu, ſobald er im Beſitz jener Papiere ſei und um die Andienz nachſuche.*)„ Sind Sie zu Ende? fragte Thugut mit der größten Gelaſſenheit. Noch nicht ganz, Excellenz! Es bleibt mir noch übrig, Ihnen zu melden, daß der von Bernadotte erwartete Courier in dieſer Nacht im franzöſiſchen Geſandtſchaftshötel eingetroffen iſt, und daß der Geſandte ſogleich von ſeinem Lager aufgeſtanden iſt, um ſelber die Depeſchen in Empfang zu nehmen. Heute Morgen in aller Frühe herrſchte ſchon eine außerordentliche Thätigkeit im Geſandtſchaftshötel, und ſowohl der erſte Attaché, wie auch der Secretair der Geſandtſchaft, verließen 6) Mémoires d'un homme d'état. V. 290. — — 250 frühzeitig das Hötel. Der erſtere begab ſich mit einem Brief Berna⸗ dotte's nach Laxenburg, wo die Kaiſerin, wie Ew. Excellenz wiſſen, ſeit einigen Tagen mit ihrem Hof reſidirt. Nach einer Stunde kehrte er zurück und überbrachte dem General die mündliche Antwort der Kaiſerin, daß dieſelbe in drei Tagen, nach dem Feſt der Freiwilligen, nach Wien zurückkehre und alsdann ſofort bereit ſei, dem Geſandten eine Audienz zu ertheilen. Und wohin begab ſich der Secretair der franzöſiſchen Geſandtſchaft? Zuerſt zu einem unſerer renommirteſten Militairſchneider und dann in ein Manufacturwaarengeſchäft. Bei dem Schneider beſtellte er eine Fahne, welche heute Abend noch fertig ſein ſoll, und bei dem Seidenwaarenhändler kaufte er die Stoffe zu dieſer Fahne, blau, weiß und roth.— Jetzt, Excellenz, bin ich zu Ende mit meiner Relation! Ich geſtehe Ihnen, Herr Graf, daß ich Ihnen mit der innigſten Genugthuung zugehört habe und nicht umhin kann, Ihnen meine lebhaft. Bewunderung auszuſprechen über die Wachſamkeit und Energie Ihrer Polizei, welche nicht blos die Vergangenheit und Gegenwart, po ern auch ſogar ſchon die Zukunft ergründet. Alſo in drei Tagen wird der Geſandte Frankreichs eine Audienz bei der e Freude und Kaiſerin haben? Ja, Excellenz, und er wird ihr in derſelben die bewußten Papiere vorlegen! Wenn er dergleichen in ſeinem Beſitz hat, mein Freund! Papiere, welche mich compromittiren ſollen! Als ob es ſolche Papiere gäbe! Als ob ich jemals ein ſolcher Dummkopf geweſen, einem Fetzen Papier Geheimniſſe anzuvertrauen und ihm zu verrathen, was nicht Jedermann wiſſen darf. Wer Geheimniſſe ſicher bewahren will, und ich verſtehe mich darauf! der wird ſie dem Papier ebenſo wenig verrathen, als dem Menſchenohr. Meine eigenen Haare würde ich verbrennen, wenn ich glaubte, daß die Gedanken meines Kopfes in ſie transpirirten! Ich wäre in der That ſehr begierig, dieſe Papiere zu ſehen, welche Ber⸗ nadotte— Das heftige Eintreten des Kammerdieners unterbrach den Mi⸗ niſter. blik, G dringen T Führen ich ſog N Glaube promit er, au ſchücht Wünſ ſich g die P vorwi Stelle müchi nſt hind 251 niſter. Excellenz, ſagte er, der Herr Geſandte der franzöſiſchen Repu⸗ blik, General Bernadotte, wünſcht Se. Excellenz in einer wichtigen und dringenden Angelegenheit ſogleich zu ſprechen. Thugut wechſelte mit dem Grafen einen raſchen, lächelnden Blick. Führen Sie den Herrn Geſandten in den Salon und ſagen Sie, daß ich ſogleich kommen werde! Nun? fragte er, als der Kammerdiener ſich entfernt hatte. Glauben Sie nun noch, daß Bernadotte Papiere hat, die mich com⸗ promittiren? Würde er ſonſt hierher kommen? Ohne Zweifel denkt er, auch mir ſein albernes Mährchen zu erzählen, oder mich einzu⸗ ſchüchtern mit den Audienzen der Kaiſerin, damit ich auf Frankreichs Wünſche eingehen und mich fügſamer zeigen ſoll! Aber man wird ſich geirrt haben! Ich fürchte weder die Audienzen der Kaiſerin, noch die Papiere Bernadotte's, und ich gehe unerſchütterlich meinen Weg vorwärts! So Gott will, wird mich dieſer Weg bald zu einer Stelle führen, wo man bequem eine Schlacht gegen dieſe über⸗ müthigen Franzoſen beginnen kann! Kommen Sie, lieber Grafl Begleiten Sie mich bis in das nächſte Zimmer! Ich werde die von demſelben in den Salon führende Thür ein wenig offen laſſen, denn ich wünſche, daß Sie ein ungeſehener Zeuge meiner Unterredung mit dem Geſandten ſein können! Kommen Sie! VII. Das Teſt der Treiwilligen. Er nahm gelaſſen den Arm des Grafen und ging mit ihm in das anſtoßende Zimmer. Mit einem Wink ſeiner Hand auf einen Seſſel hindeutend, der da unfern der andern Thür ſtand, ſchritt er dann raſch vorwärts und trat allein in den Salon ein. ——— — . — 252 Der junge General Bernadotte näherte ſich ihm in ſteifer, würde⸗ voller Haltung, und auf ſeinem jugendlich ſchönen Antlitz lag ein Aus⸗ druck kühnen Trotzes, offener Feindſeligkeit. Thugut hingegen hatte ein Lächeln auf ſeine Lippen gerufen und ſeine Blicke waren voll außerordentlicher Milde und Freundlichteit. Wie glücklich bin ich, den Herrn Geſandten zu ſo unerwarteter Stunde bei mir zu ſehen, ſagte er freundlich. Wahrlich, das iſt eine Auszeichnung, um welche mich alle unſere ſchönen Damen beneiden werden, und ich fürchte, General, Sie werden das ſchöne Geſchlecht, welches mir niemals ſeine Gunſt ſchenken mochte, noch mehr gegen mich erbittern, denn ſicherlich trage ich jetzt die Schuld, wenn einige unſerer ſchönſten Damen Sie vergeblich zum Rendezvous erwarten. Ich pflege bei allen meinen Rendezvous pünktlich zu ſein, Excel⸗ lenz, ſowohl bei denen mit den Waffen in der Hand, als auch bei denen, welche Ew. Excellenz erwähnen und alſo vorzugsweiſe zu lieben ſcheinen, ſagte Bernadotte ernſt. Indeſſen komme ich auch zu Ew. Excellenz im Auftrag einer Dame, im Auftrag der franzöſiſchen Republik! Und das iſt in der That eine ſehr erhabene, ſehr große Dame, vor welcher alle Welt ſich ehrfurchtsvoll neigt, ſagte Thugut lächelnd. Ich wollte mir alſo im Namen der franzöſiſchen Republik und des Directoriums erlauben, Ew. Excellenz zu fragen, ob es gegründet iſt, daß man hier in Wien morgen ein Volksfeſt begehen will? Ein Volksfeſt? Ei, mein Herr General, ich hätte nicht geglaubt, daß die franzöſiſche Republik ein ſo lebhaftes Intereſſe an den Volks⸗ feſten der Deutſchen nehmen würde! Aber ich muß mir erlauben, General, Ihnen zu ſagen, daß Sie Sich mit dieſer Frage gütigſt an den Herrn Grafen Saurau wenden müſſen. Denn der Herr Polizei⸗ miniſter hat die Pflicht, ſich für dieſe unſchuldigen Beluſtigungen und harmloſen Feſte des Volkes zu intereſſiren! Das Feſt, von welchem ich rede, iſt weder eine unſchuldige Be⸗ luſtigung, noch ein harmloſes Feſt, rief Bernadotte haſtig, das iſt vielmehr eine politiſche Demonſtration! Republi Sie nic Er zehnt — e — über A norger — 3 . zehnte als ſi edlem unter vilige Rd. das iſt 253 Eine politiſche Demonſtration? wiederholte Thugut erſtaunt. Von wem? Und gegen wen gerichtet? Eine politiſche Demonſtration Oeſterreichs gegen die franzöſiſche Republik, ſagte der General ernſt. Ew. Excellenz ſagen zwar, daß Sie nichts wiſſen von dieſem Feſt des dreizehnten April, indeß— Erlauben Sie, unterbrach ihn Thugut, iſt morgen der drei⸗ zehnte April? Ja wohl, Excellenz! Dann allerdings weiß ich von dieſem Feſt, und kann Ihnen dar⸗ über Auskunft igeben. Ja, mein Herr General, es findet allerdings morgen ein Volksfeſt ſtatt! Darf ich fragen, zu welchem Zweck? Ah, mein Gott, das iſt ganz einfach! Es iſt morgen am drei⸗ zehnten April gerade ein Jahr her, daß die ganze Jugend von Wien, als ſie das Vaterland in Gefahr und vom Feinde bedroht glaubte, in edlem Patriotismus ſich freiwillig zur-Vertheidigung des Vaterlandes unter die Fahnen ſtellte und ſich enroliren ließ.*) Dieſe jungen Frei⸗ willigen wünſchen den wiederkehrenden Tag ihrer Einſchreibung feierlich zu begehen, und der Kaiſer hat ihnen, wie ich glaube, die Erlaubniß dazu ertheilt. Ich muß aber Ew. Excellenz bitten, daß Se. Majeſtät der Kaiſer dieſe Erlaubniß zurücknimmt! Eine ſonderbare Bitte, und weshalb? Weil dieſes Feſt eine Demonſtration gegen Frankreich iſt; denn jene vorjährigen Rüſtungen waren ja gegen Frankreich gerichtet, mit welchem Oeſterreich jetzt Frieden geſchloſſen. Es iſt daher ſehr begreif⸗ lich, daß Frankreich dieſes Feſt der Freiwilligen nicht gern ſieht! Mein Herr General, ſagte Thugut mit einem ſpöttiſchen Lächeln, glaubt denn Frankreich, daß Oeſterreich etwa alle jene Feſte gern ge⸗ ſehen, welche die einige und untheilbare Republik ſeit einem Jahrzehent gefeiert hat? Die Feſte der republikaniſchen Hochzeiten, zum Beiſpiel, oder die Feſte der Göttin der Vernunft, oder die Jahrestage blutiger *) Mémoires d'un homme d'état. V. 493. * . ———— —— — Hinrichtungen? Oder in neuerer Zeit die Feſte der gewonnenen Schlachten, davon einige ſogar Oeſterreich Land und Leute gekoſtet haben? Ich geſtehe Ihnen, daß Oeſterreich ſehr gern manche dieſer Feſte unterdrückt geſehen hätte, aber Frankreich hatte uns nicht um ſeinen Rath gefragt, und es wäre anmaßend und lächerlich geweſen, hätten wir denſelben ungefragt ertheilen und uns in die innern Ange⸗ legenheiten Ihres Landes miſchen wollen. Wir haben alſo Ihre Feſte ſchweigend geduldet und erbitten uns Ihrerſeits gleiche Duldung! Die franzöſiſche Republik wird und darf nichts dulden, was ihren Intereſſen zuwider läuft, rief Bernadotte heftig. Dieſes Feſt beleidigt uns, und ich muß Ew. Excellenz daher bitten, daß daſſelbe nicht ſtattfindet. Ueber das kalte, harte Antlitz Thugut's flog eine leiſe Röthe, aber er unterdrückte ſeinen Unmuth ſchnell wieder und ſchien ganz ſorg— los und unbefangen. Sie bitten da etwas, Herr General, was nicht mehr in unſerer Macht ſteht, zu gewähren, ſagte er ruhig. Der Kaiſer hat die Er⸗ laubniß ertheilt, und wie könnten wir den Jünglingen der Hauptſtadt eine Genugthuung verweigern, welche ſie ſo dringend begehren, und die außerdem geeignet iſt, die Liebe des Volks zu ſeinem Souverain und ſeinem Vaterlande zu nähren und nen anzufachen? Erlauben Sie uns, gleich Ihnen unſre patriotiſchen Feſte zu feiern! Ich muß meine Forderung wiederholen, daß dieſes Feſt nicht ge⸗ feiert werde, rief Bernadotte heftig. Ihre Forderung? fragte Thugut mit ſchneidender Kälte. Ich glaube nicht, daß irgend Jemand außer dem Kaiſer und ſeiner Regie⸗ rung das Recht hat, in Oeſterreich Forderungen zu ſtellen, und Ihre Bitte bedaure ich, nicht erfüllen zu können! Ew. Excellenz wollen alſo in der That morgen dieſes Feſt der Freiwilligen feiern laſſen? Ganz gewiß! Se. Majeſtät hat die Erlaubniß dazu ertheilt! Nun, dann zeige ich Ihnen an, daß, wenn das Feſt morgen ſtatt⸗ findet, ich meinerſeits morgen auch ein Feſt geben werde. Es ſteht hier in Oeſterreich Jedermann frei, Feſte zu geben, vor ausgeſe der öff N dotte gl Ni beleidig Gegent curiren S wohl ie Y nicht e mir, zihlen ein ſe 9 V zöſiſche dem G grftie ſtlz i wohnt colore itigſ Unten auöwi und ragen Beiſ — 255 ausgeſetzt, daß ſie nicht der Wohlanſtändigkeit, der Schicklichkeit und der öffentlichen Moral und Sicherheit widerſtreben! Mein Herr Miniſter, jetzt werden Sie beleidigend, rief Berna dotte glühend. Nicht doch, ſagte Thugut gelaſſen, es wäre doch nur in dem Fall beleidigend, wenn ich Ihr Feſt verhindern wollte! Ich ſage aber im Gegentheil, geben Sie es, laſſen Sie Ihr Feſt mit dem unſrigen con⸗ curriren! Wir werden ja ſehen, wer bei dieſer Concurrenz Sieger wird. Sie wollen alſo in der That dieſes Freiwilligenfeſt begehen, ob— wohl ich Ihnen ſage, daß Frankreich daſſelbe mißbilligt? Mißbilligt? Frankreich möchte auch in den Ländern, welche es nicht erobert hat, als Herr und Gebieter ſprechen? Erlauben Sie mir, Ihnen zu ſagen, daß Oeſterreich ſich nicht zu dieſen Ländern zählen wird! Das Freiwilligenfeſt findet morgen ſtatt! Und demgemäß auch das von mir veranſtaltete Feſt! Sie haben alſo ohne Zweifel, gleich uns, gegründete Veranlaſſung, ein Feſt zu feiern? Ja wohl habe ich die! Ich werde morgen die Fahne der fran— zöſiſchen Republik, die Tricolore Frankreichs, zum erſten Male von dem Geſandtſchaftshötel wehen laſſen, und das verdient wohl, feſtlich gefeiert zu werden. Sie wollen dieſe Fahne öffentlich aushängen laſſen? Ja wohl, mein Herr, ſie wird ſich über dem Balcon erheben und ſtolz in die Lüfte wehen, wie es die Tricolore Frankreichs überall ge— wohnt iſt. Ich weiß indeß nicht, ob die Lüfte in Oeſterreich ſich an die Tri— colore Frankreichs gewöhnen werden, und ich bitte den Herrn Geſandten, gütigſt zu bedenken, daß es ein ganz unerhörtes und außerordentliches Unternehmen iſt, das er da beabſichtigt. Kein Geſandter irgend einer auswärtigen Macht hat hier an ſeinem Hauſe irgend eine Auszeichnung, und nie bis jetzt hat ein franzöſiſcher Geſandter ſein Hötel mit hervor⸗ ragenden äußern Zeichen affichirt. Dieſe Fahne wäre daher ganz ohne Beiſpiel in der Geſchichte der diplomatiſchen Repräſentation! 1 Auch das Feſt, welches Sie unter den Augen der franzöſiſchen Geſandtſchaft und ihr zum Trotz geben wollen, iſt ohne Beiſpiel! Möge die franzöſiſche Geſandtſchaft ihre Augen ſchließen, wenn ſie unſere öſterreichiſchen Feſte nicht ſehen will! Wie oft haben wir in Frankreich es ebenſo machen und uns den Anſchein geben müſſen, das nicht zu ſehen, was uns beleidigte. Alſo zum letzten Mal, Sie feiern morgen das Feſt der Freiwilligen, trotz der Einſprache Frankreichs? Ich denke nicht, daß Frankreich Einſprache thun möchte in Dingen, die daſſelbe nichts angehen. Sie haben gebeten, ich habe ihre Bitte nicht erfüllen können, das iſt Alles! Gut denn, mein Herr Miniſter, feiern Sie Ihr Feſt der Frei⸗ willigen, ich feiere meine Fahnenweihe! Und damit habe ich die Ehre, mich Ew. Excellenz zu empfehlen! Möge Ihre Fahnenweihe eine glückliche ſein, Herr General. Ich erlaube mir noch einmal, Ihnen zu bemerken, daß Ihre Fahne großes Aufſehen machen wird. Die Wiener ſind eigenſinnig, und ich kann nicht verbürgen, ob ſie ſich gewöhnen werden, daß hier in Wien eine andere Fahne weht, als die mit den öſterreichiſchen Farben geſchmückt iſt. Leben Sie wohl! Er begleitete den General bis zur Thür und erwiderte deſſen cere⸗ monielle Verbeugung mit einem ſtolzen, nach läſſigen Kopfnicken. Dann durcheilte er raſch den Salon und trat wieder in das Ge⸗ mach ein, in welchem der Polizeiminiſter ihn erwartete. Haben Sie gehört? fragte Thugut, deſſen Mienen jetzt den ganzen Zorn und die Wuth ausdrückten, welche er ſo lange verborgen hatte. Ich habe gehört, Excellenz, ſagte Graf Saurau ſeufzend. Die Unverſchämtheit Frankreichs iſt ohne Grenzen! Wir werden ihr aber eine Grenze ſetzen, rief Thugut mit unge⸗ wohnter Heftigkeit. Wir wollen dieſer unverſchämten Republik ſchon beweiſen, daß wir ſie weder fürchten noch lieben! Das Feſt ſoll alſo morgen wirklich ſtattfinden? Sie zweifeln? Es würde ſich wenig vertragen mit der Würde Oeſterreichs, wenn wir jetzt nachgeben wollten. Die Iungend Wiens ſoll ihr wenig t Sie die rückhalt rigt ſi ſicht i um nie aufſicht eines 7 257 ſoll ihr patriotiſches Feſt haben, und— laſſen wir morgen die Polizei etwas nachſichtiger ſein, als ſonſt. Die Jugend bedarf zuweilen ein wenig des Austobens! Gönnen wir ihr morgen dieſe Freiheit, laſſen Sie die Jugend gewähren! Keine Beaufſichtigung morgen, keine Zu⸗ ückhaltung. Laſſen Sie das junge Volk ſeine patriotiſchen Lieder ſingen! Wer ſie nicht hören will, mag ſich die Ohren verſtopfen! Wir wollen den guten Wienern morgen einmal einen Tag der Freiheit bewilligen, ich bitte Sie darum! Aber wenn es zu Händeln und Raufereien kommt? Mein Lieber, Sie wiſſen wohl, wenn unſere Polizei ſich nicht darein miſcht, kommt es nicht zu Raufereien, das Volk liebt und ver— trägt ſich untereinander, wenn es ſich ſelbſt überlaſſen und ohne Auf⸗ ſicht iſt. Man wird morgen zu ſehr erfüllt ſein von Patriotismus, um nicht freudig und einig zu ſein. Deshalb noch einmal: keine Be⸗ aufſichtigung und Ueberwachung! Mag die Polizei ſich morgen im Volk auflöſen und Eins mit ihm werden, mögen alle ihre Beamten und Agenten ihre Civilkleidung anlegen und ſich unter das Volk miſchen, nicht, um es zu bewachen, ſondern um ſeinen Patriotismus zu theilen und zu lenken! Ah, um ihn zu lenken! rief Graf Saurau mit dem Ausdruck eines Menſchen, der eben ein Räthſel zu löſen beginnt. Wenn dieſer Patriotismus auf ſeinem Triumphmarſch aber unglücklicher Weiſe einen Stein oder eine Fahne des Anſtoßes fände? So laſſen Sie ihn ruhig ſeine Bahnen ziehen; der echte Patrio⸗ tismus iſt ſtark und heldenkühn, und er wird jedes Hinderniß bewäl⸗ tigen, das ſich ihm in den Weg zu ſtellen wagt. Es kommt nur dar⸗ auf an, ihm Muth einzuflößen und ſeine Begeiſterung immer zu ſchüren! Das iſt morgen die einzige Aufgabe der Polizei! Und ſie wird ſich derſelben mit der größten Freudigkeit hingeben. Ich ſelbſt werde morgen— Sie, unterbrach ihn Thugut, Sie werden, wie es mir ſcheint, morgen leider wenig Theil nehmen können an dem patriotiſchen Feſt. Sie ſehen außerordentlich blaß und angegriffen aus, mein lieber Graf, Mühlbach, Napoleon. 1. Bd — 258 und wenn ich mir erlauben darf, Ihnen einen freundſchaftlichen Rath zu geben, ſo gehen Sie zu Bett und laſſen Sie den Arzt rufen! Sie haben Recht, Excellenz, rief Graf Saurau lächelnd, ich fühle mich wirklich krank und angegriffen. Es wird daher für mich in der That das Beſte ſein, einige Tage das Bett zu hüten, und mein be ſorgter Arzt wird gewiß ſtrenge Ordre ertheilen, daß man Niemand zu mir läßt und Niemand erlaubt, mit mir von Geſchäften zu reden! Sobald Ihr Arzt dieſe Ordre ertheilt hat, ſagte Thugut, melden Sie es mir und bitten mich, während der Dauer Ihrer Krankheit die Geſchäfte Ihres Miniſteriums zeitweiſe zu übernehmen. In einer halben Stunde werden Sie dieſen Brief empfangen! Ich gehe, meinen Arzt rufen zu laſſen. Noch Eins, mein lieber Graf! Was iſt aus dieſem Volksauf rührer vom vorigen Jahr, dem Schneidermeiſter Wenzel, geworden? Ich empfahl ihn damals Ihrer beſondern Fürſorge. Und ich habe ihm dieſelbe zu Theil werden laſſen, Excellenz. Ich glaube, die aufrühreriſchen Gedanken ſind ihm gänzlich vergangen und die Politik iſt ihm vollkommen gleichgültig. Ei, das ſollte mir leid thun, ſagte Thugut lächelnd. Sie haben ihn doch hier in Wien? Ja wohl, und zwar in einem allerliebſten halbdunkeln Gefängniß unſeres Zuchthauſes. Er ſpinnt Wolle? Nein, er hat oft darum gebeten, wie ich höre, gebeten als um eine Gunſt. Ich hatte aber ſtrenge Ordre gegeben, ihn unbeſchäftigt und allein zu laſſen. Das iſt die beſte Art, wie man ſolche politiſche Verbrecher und Schreier zum Schweigen und zur Raiſon bringt. Ich möchte dieſen Meiſter Wenzel ſprechen, vielleicht ſchenken wir ihm ſeine Freiheit wieder, ſagte Thugut. Wollen Sie Befehl ertheilen, mir dieſen Mann unbemerkt und ohne Aufſehen hierher zu ſchaffen? Ich werde Ihnen denſelben ſenden, und dieſes ſoll mein — — — Amtsgeſchäft ſein vor meiner Krankheit. So ſei es, zrnf(i 6 iſ es, lieber Graf! Eilen Sie zu Bett, es iſt die höchſte Zeit. („ — 6 1 — Do M dy Rath Sie reichten ſich lächelnd die Hand und ſahen einander lange und bedeutungsvoll an. Es wird morgen ein ſehr hübſches patriotiſches Feſt werden, ſagte Thugut. Ein ſehr patriotiſches Feſt, und beſonders eine ſchöne Fahnenweihe, rief Graf Saurau. Wie ſchade, daß meine Krankheit mich verhindert, dabei zu ſein! Er grüßte den Premierminiſter noch einmal zum Abſchied und eilte dann hinaus. Als die Thür ſich hinter ihm geſchloſſen, verſchwand das Lächeln aus Thugut's Zügen und eine ſchwere Welke lagerte ſich auf ſeiner Stirn. Die Hände auf dem Rücken gefaltet, ging er lang ſam, in tiefe Gedanken verſenkt, auf und ab. Die Audienz bei der Kaiſerin muß auf jeden Fall verhütet werden, murmelte er nach einer langen Pauſe, und müßten deshalb alle diplo matiſchen Verbindungen mit Frankreich abgebrochen werden. Auch muß ich dieſe Papiere haben, welche er der Kaiſerin übergeben wollte; meine Ruhe, meine Sicherheit hängt davon ab. Oh, ich weiß ſehr wohl, was für Papiere das ſind, mit denen man mir droht! Es ſind die Chiffrebriefe, welche ich an den engliſchen Emiſſair Burton gerichtet, an dieſen Burton, den das franzöſiſche Directorium vor einem Monat als Spion und Aufwiegler in Paris hat verhaften und ſeiner Papiere berauben laſſen. Freilich, dieſe Briefe compromittiren mich, denn es iſt auch eine Quittung von mir über empfangene hunderttauſend Guineen dabei. Welch ein Thor ich war, dieſe Quittung auszuſtellen! Ich muß ſie wieder haben und ich will es! Einige Stunden ſpäter ward ein hagerer, bleicher Mann in das Arbeits⸗Cabinet des Premierminiſters Baron von Thugut geführt. Der Miniſter empfing ihn mit freundlichem Kopfnicken und betrachtete mit lächelndem Wohlbehagen dieſen kranken, vüſtern, verfallenen Mann, den er vor kaum einem Jahr ſo trotzig und keck vor ſich geſehen. Ihr habt Euch recht verändert, Meiſter Wenzel, ſagte er freund lich. Es ſcheint, die Gefängnißluft behagt Euch nicht? Meiſter Wenzel antwortete nicht, ſondern ließ ſein Haupt mit einem tiefen Seufzer auf ſeine Bruſt ſinken. 17⁵ ——————— 260 Ei, ei, Meiſter, ſagte Thugut lächelnd, es ſcheint, Ihr habt Eure ſchöne Beredtſamkeit auch gänzlich eingebüßt? Ich habe einſt zu viel geredet, darum bin ich jetzt ſchweigſam, murmelte der bleiche Mann vor ſich hin. Alles hat ſeine Zeit, das Reden wie das Schweigen, ſagte Thugut. Euch freilich hat das Reden unglücklich und zu einem Hochverräther gemacht. Wißt Ihr, auf wie viele Jahre Ihr verurtheilt ſeid? Ich glaube, auf funfzehn Jahre, ſagte Meiſter Wenzel, in ſich erſchauernd. Funfzehn Jahr, das iſt ein halbes Menſchenleben! Aber Euch Aufrührer und Politiker ändert es doch nicht! Wenn Ihr einmal wieder frei ſeid, fangt Ihr die Wühlereien doch wieder an, und Eure wohlverdiente Strafe legt Ihr Euch dann als Märtyrerglorie um die Stirn. Die Hochverräther ſind einmal unverbeſſerlich, und wenn man ſie nicht auf Lebenszeit knebelt, ſchreien ſie immer auf's Neue und ſtiften Unruhe und Empörung! Meiſter Wenzel wandte ſeine matten ſtieren Augen mit einem trüben Ausdruck auf den Miniſter hin. Ich werde niemals mehr Unruhe ſtiften und niemals mehr ſchreien, ſagte er dumpf. Ich bin curirt davon für immer, aber es iſt eine gar traurige Cur geweſen! Und ſie wird noch recht lange dauern, Meiſter Wenzel! Ja, ſie wird noch fürchterlich lange dauern, ſeufzte der Unglückliche. Seid Ihr verheirathet? Habt Ihr Kinder? Ja, ich habe eine Frau und zwei kleine Mädchen, zwei kleine Engel! Ach, wenn ich die nur noch einmal in meinem Leben wieder⸗ ſehen könnte! Wartet noch vierzehn Jahre, dann kann's geſchehen, wenn ſie dann noch leben und Euch noch wieder haben wollen! In vierzehn Jahren lebe ich nicht mehr, murmelte der bleiche, ge⸗ beugte Mann leiſe. Nun, hört mich an, Meiſter! Was würdet Ihr thun, wenn ich Euch die Freiheit ſchenkte? — U und kre Ja WVollt 36 wieder darf, ri einen re De 90 bi Frieden L ſucher; Meiſe Crawo ſie du wollt in das wirklich auf di Sclav wur la C ſeine und freil in ſich Aber Euch einmal d Eure ie um die wenn man 261 Die Freiheit? fragte der Mann erſchrocken. Die Freiheit? jubelte und kreiſchte er dann laut. Ja, Mann, die Freiheit! Aber Ihr müßt ſie Euch verdienen! Wollt Ihr das? Ich will Alles thun, Alles, was man mir befiehlt, wenn ich wieder frei ſein, wenn ich mein Weib und meine Mädels wiederſehen darf, rief Meiſter Wenzel, bebend vor Wonne. Und wenn ich Euch beföhle, wieder Volksredner zu werden und einen recht hübſchen, kleinen Volksaufruhr anzuſtiften? Das Feuer in den Augen des Mannes erloſch wieder und er ſchaute den Miniſter faſt vorwurfsvoll an. Sie wollen mich verſpotten, ſagte er traurig. Nein, Mann, ich rede im Ernſt! Ihr ſollt morgen wieder Volks⸗ redner werden und Volksanführer. Getraut Ihr's Euch? Nein, ich habe nichts mehr zu ſchaffen mit dergleichen Dingen! Ich bin ein guter, gehorſamer Unterthan und verlange nichts, als in Frieden und Ruhe zu leben! Thugut lachte laut auf. Ah, Ihr haltet mich für den Ver⸗ ſucher und wollt mich abwehren, ſagte er. Es iſt aber mein Ernſt, Meiſter Wenzel, wenn Ihr mir morgen einen recht guten und tüchtigen Crawall macht, ſchenke ich Euch die Freiheit, das heißt, ſo lange Ihr ſie durch Gehorſam und guten Lebenswandel verdient. Sagt alſo, wollt Ihr frei ſein und mir dienen? Meiſter Wenzel ſchaute fragend und mit geſpannter Aufmerkſamkeit in das Antlitz des Miniſters, dann, als er ſich überzeugt, daß dieſer wirklich im Ernſt geſprochen, ſtürzte er vorwärts, und vor Thugut auf die Kniee niederſinkend, rief er: Ich will Ihnen dienen wie ein Sclave, wie ein Hund! Nur geben Sie mir meine Freiheit wieder, nur laſſen Sie mich meine Kinder wiederſehen und mein— Ein Strom von Thränen ſtürzte aus ſeinen Augen und erſtickte ſeine Worte. Es iſt gut, ich glaube Euch, ſagte Thugut ernſt. Steht jetzt auf und hört, was ich Euch zu ſagen habe! Ihr werdet heute Abend noch frei! Ihr beſucht Eure guten Freunde von ehemals und erzählt ihnen, — — 262 daß Ihr eine Reiſe gemacht, daß Ihr unterwegs von Franzoſen auf⸗ gegriffen und gefangen gehalten worden, bis Ihr auf Verwendung Oeſterreichs wieder frei gelaſſen worden. Wenn Ihr Euch unterſteht, ein Wort von Eurer hieſigen Gefangenſchaft zu verrathen, ſeid Ihr verloren, denn ich höre und weiß Alles, und habe überall meine Kund⸗ ſchafter, die Euch beobachten ſollen! Ich werde gewiß nichts verrathen, rief Meiſter Wenzel zitternd. Ihr werdet Euch zu Euren Freunden beklagen über die harte und grauſame Behandlung der Franzoſen. Ihr werdet ſprechen, wie ein guter Patriot ſprechen muß! Ja, ich werde ſprechen wie ein guter Patriot, rief Wenzel glühend. Morgen werdet Ihr mit allen Euren Freunden auf der Straße ſein, um dem Feſt der Freiwilligen beizuwohnen und den Zug zu ſeheu. Wißt Ihr, wo das franzöſiſche Geſandtſchaftshötel liegt? Ja, am Kohlmarkt! Dahin richtet Ihr das Volk. Der Geſandte von Frankreich wird morgen von ſeinem Balcon die franzöſiſche Fahne wehen laſſen. Kann das Volk von Wien das dulden? Nein, das kann das Volk von Wien nicht dulden! ſchrie Meiſter Wenzel. Ihr werdet den Leuten das ſagen, Ihr werdet ſie aufwiegeln gegen die Fahne und gegen den Geſandten, Ihr werdet Alle laut und ſtür⸗ miſch verlangen, daß der Geſandte ſeine Fahne fortnimmt. Und wenn er's nicht thut? So werdet Ihr mit Gewalt in das Haus dringen und ſie fort⸗ nehmen! Aber wenn ſie die Thüren verſchließen? Dann werdet Ihr ſie ſprengen, wie Ihr's bei mir gethan habt. Und giebt es denn nicht außerdem Fenſter, und ſind nicht Steine da, welche auf eine allerliebſte Weiſe die Fenſter öffnen? Ihr erlaubt uns, das zu thun? Ich befehle es Euch! Nun hört Euren beſondern Auftrag. Einige meiner Beamten werden ſich zu Euch halten; einmal im Hauſe drin, werdet Ihr vor allen Dingen das Arbeitscabinet des Geſandten aufſuche Vort ſondern ſſt ſtar um Al Ich w Hun Das hafti fönnt Auftrag⸗ huuſe Feſandten aufſuchen. Alle Papiere, die Ihr dort findet, rafft Ihr zuſammen und bringt ſie mir. Sobald ich Euch mit dieſen Papieren bei mir eintreten ſehe, ſeid Ihr frei und erlöſt für immer! Ich bringe Ihnen die Papiere, rief Meiſter Wenzel mit ſtrahlen⸗ dem Angeſicht. Aber hört! Verrathet irgend einer menſchlichen Seele nur ein Wort von dem, was wir hier geredet haben, und nicht bloß Ihr, ſondern auch Euer Weib und Eure Kinder ſind verloren! Mein Arm iſt ſtark genug, um Euch Alle zu faſſen, und mein Ohr iſt groß genug, um Alles zu hören! Ich werde ſtumm ſein wie das Grab, betheuerte Meiſter Wenzel. Ich werde nur meine Stimme erheben, um zu dem Volk zu ſprechen von unſerm vielgeliebten, weiſen Miniſter Thugut und von den erbärm⸗ lichen, anmaßenden Franzoſen, die ſich unterſtehen wollen, hier in unſerer Kaiſerſtadt, in unſerem prächtigen Wien, die Fahne der blutigen Republik öffentlich auszuhängen! So iſt's recht, Mann! Nun geht und denkt nach über Alles, was ich Euch geſagt habe, und morgen früh kommt noch einmal zu mir, da will ich Euch noch weitere Inſtructionen geben! Nun fort, geht zu Eurer Frau und haltet reinen Mund! Hurrah, es lebe der Herr Miniſter! jauchzte Meiſter Wenzel. Hurrah, ich bin frei!— Und wie ein Trunkener taumelte er von dannen. Thugut ſchaute ihm nach mit einem Lächeln voll tiefer Verachtung. Das iſt die Art, wie man das Volk erziehen muß, ſagte er. Wahr⸗ haftig, wenn wir jeden Oeſterreicher nur ein Jahr ins Zuchthaus ſtecken könnten, ſo würden wir lauter gute und gehorſame Unterthanen haben! v 4 IV. Bie Revoltr. Ein unermeßliches Gewoge von Menſchen fand am andern Tage auf den Straßen Wiens ſtatt. Alle Häuſer waren geſchmückt mit jungem Laubwerk und Blumenguirlanden, alle Arbeit ruhte, und in ſeinen ſchönſten Feſttagskleidern eilte das Volk durch die Straßen, jauchzend, patriotiſche Lieder ſingend, und in freudiger Ungeduld des Moments harrend, wo der Zug der Freiwilligen vom Stadthauſe daher kommen würde, um ſich nach der Burg zu begeben, dort dem Kaiſer ein Lebehoch auszubringen, dann einen Umzug durch die Stadt zu halten, und zuletzt in einem feſtlich geſchmückten öffentlichen Lokal mit Eſſen, Spielen und Tanzen ſich zu beluſtigen. Aber nicht das Volk allein, ſondern auch das gebildete und vor— nehme Wien wollte Antheil nehmen an dieſem Feſt. An den geöffneten Fenſtern aller Häuſer ſah man geſchmückte Damen, mit Blumen⸗ ſträußen in den Händen, welche ſie als Lebesgruß für die vorüber— ziehenden Freiwilligen beſtimmt hatten, eine unabſehbare Reihe der glänzendſten Equipagen bewegte ſich im langſamen Schritt, umwogt von dem Volk, durch die Straßen, und in dieſen Equipagen ſah man die Damen und Herren der hohen Ariſtocratie und Finanzwelt, welche mit lächelndem Wohlbehagen dem Enthuſiasmus des Volkes zuſchauten. Nur die Equipagen der Miniſter ſuchte man vergeblich in dieſem Zug, Keiner von ihnen war dabei erſchienen, und die Menge erzählte ſich, daß zwei der Herren, der erſte Staatsminiſter Baron Thugut und der Polizeiminiſter Graf Saurau plötzlich erkrankt ſeien und das Bett hüten müßten, daß die andern Miniſter aber beim Kaiſer in Laxenburg ſich befänden. Baron Thugut hatte alſo ganz richtig prophezeiht, der Polizei⸗ miniſter war wirklich am geſtrigen Tage ſo heftig erkrankt, daß er das Bett hüten mußte und den Baron Thugut ſchriftlich gebeten hatte, die Repräſentation ſeines Miniſteriums auf einige Tage zu übernehmen. gleich! fahren, Cabine jeden 1 Herr durcha — Thugu der E Tag dieſes geſchr Scha und regte, klopfe und dann vorſie abwo chle echt Wenz meine 7 6G 8 265 Aber der Premierminiſter ſelber war plötzlich unwohl geworden und konnte ſein Zimmer nicht verlaſſen. Er war deshalb auch nicht gleich den andern Miniſtern zur kaiſerlichen Tafel nach Laxenburg ge— fahren, und hatte ſogar, ein unerhörter Fall, ganz allein in ſeinem Cabinet geſpeiſt. Sein Kammerdiener hatte ſtrenge Ordre erhalten, jeden Beſuch abzuweiſen, und auf jede Beſtellung zu antworten, der Herr Miniſter liege im fürchterlichſten Fieber im Bett, und müſſe durchaus alle Geſchäfte bis morgen verſchieben. So ſchlimm indeſſen war es nicht mit dem Zuſtand des Miniſters Thugut. Er war allerdings im Fieber, aber es war nur das Fieber der Erwartung, der Ungeduld, der langen Spannung. Der ganze Tag war vergangen, ohne daß irgend ein Mißklang die reine Freude dieſes Tages geſtört, irgend eine heftige Scene das patriotiſche Jubel⸗ geſchrei unterbrochen hätte. Das Volk ſtrömte in immer dichteren Schaaren auf den Straßen und Plätzen, aber überall herrſchte Friede und Heiterkeit, überall ſang und lachte man. Das war es, was das Blut des Herrn Miniſters fieberhaft auf regte, was ihm keine Ruhe ließ und ſein ſo kaltes Herz lebhafter klopfen machte. Mit großen Schritten ging er in ſeinem Cabinet auf und ab, zuweilen einzelne abgebrochene Worte vor ſich hinmurmelnd, dann unruhig an's Fenſter tretend, um, von dem Vorhang verhüllt, vorſichtig hinunter zu ſchauen auf die Straße und das dort auf- und abwogende Volk. Eben begann die große Uhr auf dem Marmorkamin mit lautem Schlag die Stunde anzuſchlagen; Thugut wandte ſich haſtig zu ihr hin. Sechs Uhr, und immer noch nichts! murrte er. Ich laſſe dieſen Meiſter Wenzel lebenslang in einen unterirdiſchen Keller ſtecken und jage alle meine Agenten fort, wenn nichts— Er ſchwieg und horchte. Es war ihm geweſen, als habe er an der unſichtbaren Thür, welche zu der geheimen Treppe führte, ein leiſes Klopfen gehört. Richtig, es wiederholte ſich, und zwar ſtärker, dringender. Endlich! rief Thugut aufathmend, und mit eiligen Schritten näherte er ſich dem großen Bilde, welches, die ganze Wand bedeckend, 266 bis zur Erde nieder reichte. Mit raſcher Hand drückte er an einer der Roſetten des goldenen Rahmens, das Bild drehte ſich, und hinter derſelben ward in der Wand eine Thür ſichtbar. Ganz deutlich und zum dritten Mal vernahm man jetzt das Klopfen. Thugut ſchob den Riegel zurück und öffnete. Sofort ſtürzte ſein vertrauter Geheimſecretair Hübſchle mit glühendem Geſicht in athemloſer Haſt herein. Excellenz, keuchte er, Excellenz, es geht los! Sie haben angebiſſen und ſtürzen jetzt wie eine wilde Meute über den Hirſch her. Oh, oh, ſie werden ihn tüchtig hetzen, denke ich! Thugut warf einen Blick finſtern Unwillens auf den kleinen, be⸗ weglichen Mann mit dem gedunſenen Angeſicht. Sie haben ſchon wieder getrunken, Hübſchle, ſagte er, und ich hatte Ihnen befohlen, heute einmal nüchtern zu bleiben. Excellenz, ich bin auch nüchtern, betheuerte Hübſchle, habe wahr⸗ haftig nicht mehr getrunken, als gerade der Durſt erforderte. Freilich, Ihr Durſt erfordert immer große Quantitäten, rief Thugut lachend. Aber ſprechen Sie jetzt raſch, kurz und beſtimmt. Keine Umſchweife, keine Tiraden, einfach und wahr! Was geht los? Die Fahnenweihe, Excellenz. Alſo Bernadotte hat die Fahne doch noch ausgehangen? Er hat's gethan! Wir kamen eben mit ein paar tauſend luſtiger Kerls die Straße daher, der Meiſter Wenzel, ein prächtiger Geſelle, hatte eben mit ungeheurer Gewalt ſein:„Gott erhalte Franz den Kaiſer“ angeſtimmt, und alle die tauſend und tauſend Stimmen brüllten das Lied jetzt im Chor, als brächten ſie damit dem franzöſiſchen Ge⸗ ſandten ein Ständchen, da öffnete ſich plötzlich die große Balconthür da oben, der General Bernadotte erſchien in voller Uniform, begleitet von ſeinem ganzen Geſandtſchaftsperſonal, einige Diener trugen eine ungeheure Fahne und befeſtigten ſie an dem Balcon. Wir waren mitten in unſerm ſchönen Liede verſtummt und mit neugierigen Blicken ſchaute das Volk zu dem Balcon empor, von welchem die Herren jetzt wieder verſchwunden waren. Aber die Fahne war geblieben! Plötzlich kam ein gefälliger Windſtoß daher, und bauſchte die Fahne, welche 267 bisher ſchlaff niedergehangen, auf. Nun ſah man ſtolz über unſern deutſchen Häuptern die Tricolore wehen, und in ihrer Mitte ſtand mit großen goldenen Lettern zu leſen: Fraternité! Liberté! Egalité.*) Welche Frechheit! murmelte Thugut. Richtig, das war das Wort, rief Hübſchle. Welche Frechheit! brüllte Meiſter Wenzel, und gleich ſchrie der ganze Haufe ihm nach: welche Frechheit! Herunter mit der verdammten Fahne! Wir ſind nicht ſo dumm wie die Leute in Mailand, Venedig und Rom, wir jauchzen nicht vor Wonne über die franzöſiſche Fahne, wir ärgern uns über dieſe Fahne! Fort mit ihr! Es iſt eine Beleidigung für den Kaiſer, daß hier eine fremde Fahne mit ſolcher abſcheulichen Inſchrift wehen ſoll. Fort mit der Fahne! Sehr gut! ſagte Thugut lächelnd, dieſer Wenzel iſt wirklich ein brauchbares Subject. Was geſchah weiter? Immer neue Haufen Volks ſtrömten herbei, immer drohender, immer gewaltiger ward das Geſchrei: fort mit der Fahne! Da kam aus der nächſten Straße ein kleines Detachement Soldaten herbei. Der Offizier bat das Volk mit freundlichen Worten, auseinander zu gehen. Aber es war vergeblich, der Tumult ſteigerte ſich immer mehr, man fing an, das Straßenpflaſter aufzureißen und mit Steinen nach den Fenſtern, nach der Fahne zu werfen. Und die Soldaten? Die gingen ſtill bei Seite. Aber— es klopft da drüben an der Thür. Soll ich öffnen, Excellenz? Noch einen Augenblick! Ich will erſt das Bild in Ordnung bringen. So! Nun öffnen Sie, Hübſchle! Der Geheimſecretair eilte mit etwas unſichern Schritten nach der Thür hin, und ſchloß ſie auf. Der zweite Geheimſecretair Thugut's trat mit einem verſiegelten Schreiben in der Hand ein. Nun, Heinle, was giebt's, fragte Thugut gelaſſen. Ercellenz, der franzöſiſche Geſandte General Bernadotte hat dieſes Schreiben an Ew. Excellenz geſchickt. *) Mémoires d'un homme d'état. V. 404. 268 Und was haben Sie dem Boten geantwortet? Daß Ew. Excellenz im fürchterlichſten Fieber liegen, daß der Arzt befohlen, Sie auf keinen Fall zu ſtören, daß ich aber, ſobald der Herr Miniſter ſich etwas erholt hätten, denſelben das Schreiben über⸗ geben wollte. Recht ſo! Nun gehen Sie wieder auf Ihren Poſten, und be⸗ wachen Sie mir die Thür gut, damit Niemand unbefugt zu mir ein⸗ dringt! Und Sie, Hübſchle, eilen Sie raſch wieder hinunter auf die Straße, und ſehen Sie zu, wie's da unten ſteht, und was beim Ge⸗ ſandtſchaftshötel geſchieht. Aber nicht mehr getrunken! Ich gebe Ihnen nachher drei Tage Urlaub, um ſich ſatt zu trinken. Fort, und bringen Sie mir bald wieder Nachricht! Und jetzt, ſagte Thugut, als er allein war, jetzt will ich doch ſehen, was der Herr Geſandte mir ſchreibt. Er öffnete das Papier, und als ob ihm das bloße Anſchauen und Leſen mit den Augen nicht genüge, las er mit halblauter Stimme: „Der Geſandte der franzöſiſchen Republik benachrichtigt Herrn von Thugut, daß im Augenblick, wo er ihm ſchreibt, eine fanatiſche Volks⸗ maſſe es wagt einen Auflauf vor der Thür ſeiner Wohnung zu bilden. Die Motive, welche die Zuſammenrottungen veranlaßt, können nicht im Geringſten zweifelhaft ſein, da ſchon mehrere Steine nach den Fenſtern des Hauſes geſchleudert wurden, in welchem der Geſandte wohnt. Tief verletzt von ſo viel Unverſchämtheit bittet er Herrn von Thugut, ſofort die nöthigen Unterſuchungen zu befehlen, damit die Anſtifter des Tu⸗ mult's entdeckt und beſtraft werden, auf daß ihre Beſtrafung Andern zum Beiſpiele diene. Der Geſandte der franzöſiſchen Republik zweifelt nicht, daß ſeine Reclamationen mit all dem Eifer, die ſie einflößen müſſen, aufgenommen werden, und daß außerdem die Polizei wachſam genug ſein wird, um ähnliche Scenen zu verhüten, die ſich nicht er⸗ neuern könnten, ohne die ernſteſten Folgen nach ſich zu ziehen, da der Geſandte feſt entſchloſſen iſt, mit Energie die kleinſte Beleidigung und um ſo mehr ſolche ſcandalöſen Angriffe zurückzuſtoßen.— Herr von Thugut wird außerdem benachrichtigt, daß man ſich ſehr über die Agenten der Polizei zu beklagen hat. Mehrere derſelben wurden re⸗ porend M laube ſchon zuſ A — 269 quirirt, um den Auflauf zu zerſtreuen, aber ſtatt die Befehle des Ge⸗ ſandten zu erfüllen, blieben ſie kalte und müßige Zuſchauer der em⸗ pörenden Unordnungen.“*) Welch' eine übermüthige und ſtolze Sprache dieſer Menſch zu führen wagt, rief Thugut, als er zu Ende geleſen. Sollte man nicht glauben, er ſei hier der Herr und Gebieter, und— ha da klopft es ſchon wieder. Sollte Hübſchle ſchon wieder— Er drückte raſch wieder an dem Bilde und die Thür ſprang auf. Es war wirklich Hübſchle, welcher eintrat. Excellenz, ich komme nur raſch wie eine Katze noch einmal herauf⸗ geſprungen, keuchte er. Habe hier unten vor der Thür von Einem von unſern Leuten die friſcheſten Nachrichten bekommen, und bin nur hier, um ſie Ihnen raſch zu ſagen! Schwätzer, machen Sie keine Vorreden, ſondern ſprechen Sie. Excellenz, es geht mächtig vorwärts. Die Emeute wächſt mit jeder Minute und wird immer drohender. Graf Dietrichſtein und der Polizeidirector Graf Ferſen haben ſich zum General Bernadotte be⸗ geben, und haben ihn beſchworen, die Fahne wegnehmen zu laſſen! Die weichherzigen Narren! murrte Thugut. Aber ihre Bitten waren vergeblich. Sie wiederholten ſie mehr⸗ mals, und immer erhielten ſie abſchlägige Antwort. Sie gingen ſo weit, dem Geſandten die Verſicherung zu ertheilen, daß, wenn er ihren Bitten nachgebe, damit man nur Zeit gewinne, das Volk zu beruhigen und zu vertreiben, das öſterreichiſche Gouvernement es ſich zur Pflicht machen würde, ihm die Satisfaction, die er fordere, zu geben. Aber Herr Bernadotte beharrte bei ſeiner Weigerung und erwiderte gebieteriſch: „Nein, die Fahne bleibt!“ Weiter! Weiter! rief Thugut ungeduldig. Weiter weiß ich nichts, aber ich fliege, um neue Nachrichten ein⸗ zuſammeln, und ſie Excellenz zu bringen! Hübſchle verſchwand durch die geheime Thür und Thugut ſchob das Bild wieder vor. Die Fahne bleibt! rief er mit höhniſchem Lachen. *) Mémoires d'un homme d'état. V. 495. ———— 3 Wir wollen doch ſehen, wie lange ſie bleibt! Ach, da klopft Heinle ſchon wieder an der andern Thür. Was giebt's, Heinle? Eine zweite Depeſche des franzöſiſchen Geſandten, ſagte Heinle, blos den Arm mit dem Papier durch die Thür ſteckend. Und Sie haben dieſelbe Antwort ertheilt? Dieſelbe Antwort! Gut! Auf Ihren Poſten! Der Arm verſchwand wieder. Thugut öffnete die zweite Depeſche und las, wie vorher, mit halblauter Stimme:„Der Geſandte der franzöſiſchen Republik benachrichtigt Herrn von Thugut, daß die Wuth des Pöbels immer im Steigen iſt; bereits ſind alle Fenſterſcheiben des Hötels zerſchmettert durch die Steine, welche die Aufrührer ohne Un terlaß gegen dieſelben ſchleudern; er macht Ihnen die Anzeige, daß der Auflauf auf drei bis viertauſend Köpfe angewachſen iſt, und daß die herbeigerufenen Soldaten, weit entfernt, das Haus der franzöſi⸗ ſchen Geſandtſchaft zu ſchützen, ganz wohlwollende Zuſchauer der Laune und der Wuth des Volkes bleiben; ihre Unthätigkeit ermuthigt das Volk, ſtatt es zu erſchrecken. Der Geſandte kann nicht umhin, zu glauben, daß dieſe ſcandalöſe Scene von den Autoritäten nicht blos geduldet, ſondern ſogar genährt wird, denn nichts geſchieht, um ſie zu enden. Er ſieht mit ebenſo viel Bedauern als Kummer, daß die Würde des franzöſiſchen Volks verletzt wird durch dieſe Beſchimpfung des Geſandten, der vergeblich die Menge beſchworen hat, ſich zu zer⸗ ſtreuen und friedlich in ihre Wohnungen zurückzukehren. In dem Au genblick, da der Geſandte ſchreibt, hat ſich die Wuth ſo ſehr geſteigert, daß die Pforten des Hötels mit Steinwürfen eingeſchlagen ſind und dies in Gegenwart der Soldaten, die müßig bleiben. Die dreifarbige Fahne iſt mittelſt Haken und Stangen von dem raſenden Pöbel her⸗ untergeriſſen. Der Geſandte, der nicht länger in einem Lande bleiben kann, wo die heiligſten Geſetze mißachtet, die beſchworenen Verträge mit Füßen getreten werden, fordert daher von Herrn von Thugut einen Paß, um ſich mit dem ganzen Geſandtſchaftsperſonal nach Frankreich zu begeben, wenn Herr von Thugut nicht ſofort verkündigen läßt, daß das öſterreichiſche Gouvernement durchaus keinen Antheil genommen hat an zöſiſche und b erempl allein, franzö auf d laſſen, daß d halb Frage Herr müth es w begie den f klopft Sche von ſchie gen Aus Re 271 hat an den Beleidigungen und Kränkungen, die man gegen die fran⸗ zöſiſche Republik ausgeübt, daß es dieſelben vielmehr förmlich desavouirt, und befiehlt, daß die Urheber und Mitſchuldigen aufgeſucht und auf exemplariſche Art beſtraft werden ſollen. Unter dieſer Bedingung allein, und wenn die öſterreichiſche Regierung ſich verpflichtet, die franzöſiſche Fahne zu erſetzen und ſie durch einen Stabsofficier wieder auf dem Balcon des franzöſiſchen Geſandtſchaftshotels befeſtigen zu laſſen, kann der Geſandte bleiben. Herr von Thugut möge bedenken, daß die Zeit drängt, daß die Momente koſtbar ſind und daß er des halb dem Geſandten eine raſche, kategoriſche Antwort auf alle ſeine Fragen ſchuldig iſt.“*) Nun, ich denke, die guten Wiener werden es für mich übernehmen, Herrn Bernadotte eine kategoriſche Antwort zu geben und den über müthigen Schwätzer zum Schweigen zu bringen, ſei's auf welche Art es wolle, rief Thugut mit einem harten Lachen. Ich bin wahrhaftig begierig, wie die Affaire enden wird, und wie meine braven Anfwiegler den Herrn Geſandten für Uebermuth züchtigen werden. Was, es klopft ſchon wieder? Nun, Sie ſind ja ein wahrer Poſtillon d'amou Schon wieder ein Schreiben? Eine dritte Depeſche vom Herrn General Bernadotte, rief Heinle von außen her, wieder nur den Arm mit der Depeſche durch die Thür Thugut nahm ſie und entfaltete ſie raſch. Die Sache wird drin gender, wie es ſcheint, ſagte er lächelnd. Leſen wir!— Und mit dem Ausdruck innigſten Behagens las er:„Der Geſandte der franzöſiſchen Republik benachrichtigt Herrn von Thugut, daß der Tumult und die Exceſſe jeder Art ſchon ſeit fünf Stunden dauern, daß ſich kein ö licher Beamter der Sicherheit bei ihm gezeigt hat, daß der wüthend Pöbel ſich in Beſitz eines Theils des Hötels geſetzt hat und dort? Ae zerſchmettert und zerſchlägt!“ Aha, mein Freund Wenzel ſucht die Papiere in den Zimmern der Geſandtſchaft, rief Thugut triumphirend. Dann las er weiter:„Der *) Mémoires d'un homme d'état. V. 501. ———— 272 Geſandte, die Geſandtſchaftsſecretaire, die franzöſiſchen Bürger und Officiere, die ſich bei ihm befinden, ſind genöthigt geweſen, ſich in ein Zimmer zurückzuziehen, wo ſie mit dem tapfern Muth, welcher die Republikaner characteriſirt, die weitern Begebenheiten erwarten.— Der Geſandte wiederholt ſeine Forderung, die nöthigen Päſſe zu ſchicken für ihn und alle Franzoſen, die ihn begleiten wollen. Die Zu⸗ ſendung dieſer Päſſe iſt um ſo dringender, da die Menge, im Begriff, ſich in das Zimmer zu ſtürzen, wo die Franzoſen ſie erwarteten, erſt dann zurückſchreckte, als einige Diener der franzöſiſchen Legation ſich genöthigt ſahen, von den Feuerwaffen Gebrauch zu machen, die ſie in Händen hielten.“ Ah, es iſt alſo zu einer öffentlichen Schlacht gekommen, jubelte Thugut, eine Feſtungsbelagerung im großen Styl! Mich wundert, daß Hübſchle noch nicht wieder da iſt! Doch halt, da höre ich ihn ſchon. Er klopft! Nun, nun, nur gelaſſen! Ich öffne ſchon! Und Thugut beeilte ſich, an dem Bilde zu drücken und die Thür zu öffnen. Es war allerdings der Geheimſecretair Hübſchle, aber er kam nicht allein. Meiſter Wenzel, mit Blut beſpritzt, den Anzug zerriſſen und in wildeſter Unordnung, trat, auf Hübſchle's Arm gelehnt, mit ihm ein. Ah, Ihr bringt mir da einen angeſchoſſenen Eber, rief Thugut verdrießlich. Einen Eber, der die Meute gut gehetzt und Tüchtiges geleiſtet hat, ſagte Hübſchle begeiſtert. Er hat eine Schußwunde im rechten Arm und ward ohnmächtig. Ich trug ihn mit einigen Freunden unter einen Brunnen, und wir begoſſen ihn, bis er aufwachte und wieder Theil nehmen konnte an dem allgemeinen Jubel. Es war alſo ein recht hübſcher Jubel? He, Meiſter Wenzel, redet doch! Es war recht hübſch, ſagte Wenzel keuchend. Wir waren ins Hötel eingedrungen und arbeiteten tüchtig in den prächtigen Sälen. Die Meubles, die Spiegel, die Kronleuchter, die Wagen im Hof, Alles we der Kaiſ Marſeille unſerer? welchem barricad er ſeine 2h J ſolgen. tnattert zuſamm Je Thugut J tugen Un perſong Ich wi nicht de J. Ve 273 Alles ward zerſchlagen, und dabei ſangen und jubelten wir: Es lebe der Kaiſer! Gott erhalte Franz den Kaiſer! Was der liebe, ſanftmüthige Haydn uns da für eine prächtige Marſeillaiſe componirt hat, ſagte Thugut leiſe, ſich vergnügt die Hände reibend. Und die Fahne? Was iſt aus der Fahne geworden? Die Fahne hatten wir ſchon vorher in Stücke zerriſſen, dann waren wir mit den Fetzen auf den Schottenplatz gegangen und hatten ſie unter dem Jubelgeſchrei des Volks öffentlich verbrannt. Sehr gut, und was geſchah weiter im Geſandtſchaftshötel? Wir ſtürmten weiter von Zimmer zu Zimmer. Nichts widerſtand unſerer Wuth, und endlich jetzt befanden wir uns vor dem Zimmer, in welchem der Geſandte ſich mit ſeinen Leuten wie in einer Feſtung ver⸗ barricadirt hatte. Es war das Arbeitskabinet des Herrn Geſandten, ſagte Wenzel bedeutungsvoll und langſam, das Cabinet, in welchem er ſeine Papiere aufbewahrt. Thugut nickte leiſe mit dem Kopf und ſagte nichts als: Weiter! Ich ſtürzte auf die Thür los und ermuthigte die Andern, mir zu folgen. Es gelang uns, die Thür zu ſprengen. Im ſelben Augenblick knatterten die Schüſſe der Belagerten. Drei von uns fielen verwundet zuſammen, die Andern liefen davon. Ja, das elende Volk läuft immer, wenn es Pulver riecht, ſagte Thugut unwillig. Und Ihr, Meiſter Wenzel? Ich war verwundet und ohnmächtig geworden. Die Kameraden trugen mich hinaus. Und die Papiere? fragte Thugut. Ihr ließt ſie im Stich? Excellenz, der General Bernadotte und das ganze Geſandtſchafts⸗ perſonal war ja in dem Zimmer, wo der Geſandte ſeine Papiere hatte. Ich wäre mit meinen Freunden eingedrungen, wenn der Schuß mir nicht den Arm zerſchmettert und ich die Beſinnung verloren hätte. Ja wahrhaftig, die Beſinnung habt Ihr ganz und gar verloren gehabt, ſagte Thugut ſtreng, denn Ihr habt ſogar vergeſſen, daß ich Euch die Freiheit nur unter der Bedingung verſprochen habe, daß Ihr mir die Papiere des franzöſiſchen Geſandten brächtet. Excellenz, rief Wenzel entſetzt, ich— Mühlbach, Napolcon. 1. Bd 18 274 Schweigt! gebot Thugut. Wer hat Euch erlaubt, zu reden, ohne daß man Euch fragt? Eben ward wieder heftig an die Thür geklopft und Heinle's Arm erſchien wieder in der Thürſpalte. Schon wieder eine Depeſche vom franzöſiſchen General? fragte Thugut. Nein, Excellenz, eine Depeſche von Sr. Majeſtät dem Kaiſer. Thugut griff haſtig nach dem kleinen verſiegelten Briefchen und öffnete es. Daſſelbe enthielt nichts als die Worte:„Der Herr Ge⸗ ſandte hat eine gründliche Lehre empfangen und ſeine Fahne iſt zerſtört. Laſſen wir es jetzt genng ſein und vermeiden wir das Aeußerſte. Es müſſen Regimenter aufgeboten werden, um die Ruhe wieder herzuſtellen.“ Der Miniſter faltete das Papier langſam zuſammen und ſchob es in ſeinen Buſen. Dann klingelte er heftig und laut, daß Heinle und die Kammerdiener eiligſt hereinſtürzten. Alle Thüren aufgemacht, alle Diener in Bewegung, cymmandirte Thugut. Jedermann eingelaſſen, der mich zu ſprechen wünſcht. Zwei Boten zu Pferde ſollen bereit ſein, Depeſchen zu befördern! Jeder⸗ mann darf erfahren, daß ich, trotz meiner Krankheit mich von meinem Lager erhoben habe, um die Ruhe wieder herzuſtellen. Er trat an ſeinen Schreibtiſch und ſchrieb raſch einige Worte auf, dann reichte er das Papier ſeinem Kammerdiener. Hier, Germain, eile mit dem Papier zum Polizei⸗Director, Grafen Ferſen, und nehmt mir gleich den Kerl dort mit. Zwei Diener können Dich begleiten. Ihr übergebt den Menſchen dem Polizei⸗Director und ſagt ihm, daß es einer der Aufrührer iſt, den ich von meinen Agenten habe verhaften laſſen. Der Herr Polizei⸗Director ſoll ihn in ein ſicheres Gefängniß ſetzen und Niemand zu ihm laſſen außer den Unterſuchungsbeamten. Es iſt ein ſehr gefährlicher Verbrecher; das iſt das zweite Mal, daß er als Aufrührer verhaftet wird. Nun, was fällt dem Kerl ein? Er taumelt ja wie betrunken? Hat ſich wohl mit Branntwein begeiſtert zu ſeinen Heldenthaten? Verzeihen Excellenz, ſagte Hübſchle, der Menſch iſt ohnmächtig geworden. 0 G Director Blic ſch Mann; Wi Vorte Couvert Eit Dieſelb D Kaiſers nichts hergeſt Kaiſer. efchen und Herr Ge⸗ iſt zerſtört. tzuſtellen.“ id ſchob es Heinle und mmandirte ſcht Zwei n! Jeder⸗ on meinem Porte uuf, Gemnin und nehn n. beglet t ihm, daß e verhaften Fefingniß asbeamten⸗ l ein Er in begeſſen ohnmüchti 275 So tragt ihn fort und bringt ihn in einem Wagen zum Polizei⸗ Director, ſagte Thugut gleichgültig, und mit kaltem, theilnahmloſem Blick ſchaute er zu, wie die Bedienten haſtig den bleichen, ohnmächtigen Mann packten und ihn von dannen ſchleppten. Wieder trat er dann an den Schreibtiſch und ſchrieb haſtig einige Worte auf ein großes, goldgerändertes Papier, das er dann in ein Couvert ſchob, ſiegelte und adreſſirte, Eine Depeſche an den Kaiſer! ſagte er dann, ſie Heinle darreichend. Dieſelbe ſoll ſogleich durch einen reitenden Boten beſorgt werden. Dieſe Depeſche enthielt die Antwort auf den lakoniſchen Brief des Kaiſers, und ſie war faſt noch lakoniſcher als jener, denn ſie enthielt nichts als die Worte:„Sire, in einer Stunde ſoll die Ruhe wieder hergeſtellt ſein.“ Jetzt, Hübſchle, ſetzen Sie Sich, ſagte Thugut, nachdem auf ſeinen Befehl alle Uebrigen das Zimmer verlaſſen hatten. Nehmen Sie Ihre fünf Sinne zuſammen und ſchreiben Sie, was ich Ihnen dictiren will. Hübſchle ſaß ſchon vor dem Schreibtiſch und wartete mit der Feder in der Hand. Thugut, die Hände auf dem Rücken gefaltet, ging langſam auf und ab und dictirte: „Mit unendlichem Bedauern hat der Miniſter der auswärtigen Angelegenheiten von den Unordnungen erfahren, die den Inhalt der Noten bilden, welche der Bürger Geſandter der franzöſiſchen Republik dieſen Abend an ihn gerichtet hat. Der Miniſter wird Sr. Kaiſerlichen Majeſtät genauen Bericht darüber abſtatten, und zweifelt nicht, daß Derſelbe ein großes Mißbehagen darüber empfinden wird. Der Bürger Geſandter kann überzeugt ſein, daß kein Mittel verabſäumt werden ſoll, um die Begebenheiten dieſes Abends ſtreng zu prüfen, und ſie zu ſtrafen mit aller Strenge, welche die Geſetze vorſchreiben, und mit dem aufrichtigen Intereſſe, welches das öſterreichiſche Gouvernement immer gehegt hat, die ſo glücklich zwiſchen den beiden Mächten aufge⸗ richtete Freundſchaft zu cultiviren.“*“) *) Mémoires d'un homme d'état. V. 501. 18* 276 Nun, was unterſteht Ihr Euch denn zu lachen, Hübſchle? fragte Thugut, als er die Feder nahm, um die Depeſche zu unterzeichnen. Excellenz, ich lache über die vielen ſchönen und höflichen Worte, mit denen dieſe Depeſche ſagt: Bürger Geſandter, fordern Sie Ihre Päſſe, Sie können reiſen! Thugut lächelte. Wenn Ihr betrunken ſeid, Hübſchle, ſeid Ihr ungeheuer ſchlau, ſagte er, und darum verzeihe ich Eure Unmäßigkeit. Eure weinduftende Naſe hat doch wieder eine richtige Witterung ge⸗ habt. Der Geſandte hat ſchon ſeine Päſſe gefordert! Aber fort jetzt! Tragt die Depeſche hinaus, der zweite Courier ſoll ſie ſogleich in das franzöſiſche Geſandtſchaftshötel bringen. Ihr aber ſollt zum Stadt⸗ Commandanten von Wien eilen und ihm dies Papier hier bringen. Mündlich ſagt Ihr ihm: Die Thore ſollen geſchloſſen werden, um den Pöbel aus den Vorſtädten abzuſperren. Das Regiment Preiß ſoll das Haus des Geſandten und die umliegenden Straßen beſetzen und auf Jeden ſchießen, der fich widerſetzt oder die Ruhe ſtören will. In einer Stunde muß ganz Wien ruhig ſein! Fort! Hübſchle ſtürzte von dannen, und Thugut blieb allein. Langſam und bedächtig nahm er in ſeinem Lehnſeſſel Platz und überdachte mit lächelnder Ruhe die Begebenheiten dieſer Nacht. Ich habe zwar nicht ganz meinen Zweck erreicht, ſagte er leiſe zu ſich ſelber, aber Herr Bernadotte wird mir doch nicht mehr zu ſchaden verſuchen. Morgen gleich werde ich ihm ſeine Päſſe ſchicken.*) *) Der franzöſiſche Geſandte verließ wirklich die Kaiſerſtadt in Folge dieſer Emeute. Vergeblich ließ der Kaiſer einige Beſchwichtigungsverſuche machen. Bernadotte blieb bei ſeinen Forderungen: das öſterreichiſche Gouvernement ſolle die Fahne erſetzen und durch einen Stabsofficier auf dem Balcon des Geſandt⸗ ſchaftshötels befeſtigen. Als Antwort auf dieſe erneuerte Forderung ſandte ihm Thugut ſeine Päſſe, und die Legation verließ Wien. Siehe: Häuſſer, Deutſche Geſchichte II. 180. und Mémoires d'un homme d'état. V. ed frngte ichnen. n WVorte, Sie Ihre ſeid Ihr nßigkeit. rung ge⸗ fort jetzt! h in das Stadt⸗ bringen. den, um reiß ſol etzen und rill. In Langſam uchte mit leiſe ju ſchaden le dieſer muchen. nent ſoll Geſandt⸗ ndte ihm Deutſche Viertes Buch. Dir letzten Tage des iytehntei Jahrhunderts. 5 1 Ein ſandte 3 von reich gegen mächti Gema ſogar Zeit Fern ſpenſ ede Anda . Pictoria von Poutet. Ein Jahr war faſt vergangen ſeit der Abreiſe des franzöſiſchen Ge⸗ ſandten aus Wien, aber dennoch war es nicht zu dem vom Miniſter von Thugut ſo ſehnlich gewünſchten Abbruch des Friedens mit Frank⸗ reich gekommen. Eine ſtarke Partei hatte ſich im Cabinet des Kaiſers gegen Thugut erklärt und diesmal einen Sieg über den ſonſt ſo all⸗. mächtigen Miniſter errungen. An der Spitze dieſer Partei ſtanden die Gemahlin des Kaiſers und der Erzherzog Carl. Thugut mußte daher ſogar ſeinen Zorn unterdrücken und ſeine Revanche auf eine andere Zeit verſchieben. Aber wenn die politiſchen Gewitterwolken ſomit auch wieder in die Ferne gerückt waren, ſo drohten ſie doch immer noch als düſteres Ge⸗ ſpenſt am Horizont und warfen einen Schatten auf jeden Tag und jede Stunde. Die heitern Wiener waren ernſt geworden von der unaufhörlichen Andaner dieſes dunklen Schattens und nannten laut und leiſe mit finſterm Groll den Miniſter von Thugut den Urheber und Anſtifter alles Unheils und aller Sorge, welche Oeſterreich bedrohe. In der That, Baron von Thugut war noch immer der allmächtige Miniſter, und da der Kaiſer ihn liebte und fürchtete, beugte ſich der ganze Hof, die ganze Stadt, der ganze Kaiſerſtaat vor ihm. Aber indem man ſich beugte, haßte man ihn, indem man ihm gehorchte, verwünſchte man ihn. 280 Thugut wußte es und lachte darüber. Was kümmerte ihn das Lieben und Haſſen der Menſchen? Mochten ſie ihn verwünſchen, wenn ſie ihm nur gehorchten! Und ſie gehorchten ihm! Die Staatsmaſchine drehte ſich willig nach dem Druck ſeiner Hand, und mit kräftigem Arm führte er das Ruder.— Von ſeinem Cabinet aus lenkte er das Schickſal Oeſter— reichs, ſpann er geſchickt und kunſtvoll die Netze, mit denen er Freund oder Feind, je nachdem es ſeinen Zwecken entſprach, umgarnen wollte. Auch heut hatte er in ſeinem Cabinet gearbeitet bis zum Abend, und eben erſt waren die beiden Geheimſecretaire Heinle und Hübſchle von ihm entlaſſen worden. Dies war die Stunde, in welcher Thugut entweder zum Kaiſer, oder nach ſeinem Garten in der Währingergaſſe zu fahren pflegte. Der Kammerdiener erwartete ihn daher ſchon in dem Toilettenzimmer, und drunten im Hof ſtand die Equipage ſchon bereit. Der Miniſter indeß ſchien heute von ſeiner Gewohnheit ab⸗ weichen zu wollen, und ſtatt zur Toilette zu gehen, klingelte er heftig. Germain, ſagte er dem eintretenden Kammerdiener, keine Uniform heute, kein Staatscoſtüm, ſondern meine türkiſchen Gewänder! Das türkiſche Cabinet erleuchtet, Ambradüfte in den Ampeln, Blumen in den Vaſen. In einer Stunde das Souper für zwei Perſonen im tür⸗ kiſchen Cabinet. Sorge, daß nichts fehlt. Germain verneigte ſich ſtumm und eilte hinaus, um bald wieder mit dem befohlenen türkiſchen Coſtüm zurückzukehren. Schweigend ließ ſich Thugut von ihm mit dem koſtbaren türkiſchen Schlafrock, den gold— geſtickten Pantoffeln bekleiden, den wundervollen Caſchmirſhawl um ſeinen Leib ſchlingen und das Haupt mit dem türkiſchen Fez zieren. Dann trug Germain eine türkiſche Pfeife mit kunſtvoll geſchnitzter Bernſteinſpitze herbei und reichte ſie dem Miniſter dar. Nun öffne die Thür, ſagte Thugut lakoniſch. Germain ließ die Maſchinerie in dem Bilde ſpielen und durch die kleine Thür trat Thugut hinaus auf den Corridor. Mit haſtigen Schritten eilte er denſelden hinunter und ſtand jetzt am Ende deſſelben vor der ſchmalen Wand, an welcher ein von einer ewigen Lampe beleuchtetes Muttergottesbild hing. Wieder drückte Thugut hier an einer in dem Rahmen ange⸗ hracht hinter Goldſt peten, boden die vo dieſe unher an d Ding ſandt Cabi er be Regie übeiſe abſtof Liche golde derho er ſe Ece Blice fj war unge den! ſelh Anb Rau ſah ihn das n, wenn gergaſſe ſchon in ge ſchon heit ab⸗ Uniform Das umen in m tür brachten Roſette und das Bild ſprang zurück und eine Thür ward hinter demſelben ſichtbar. Der Miniſter ſtieß dieſe Thür auf, und über die Schwelle ſchrei⸗ tend, drückte er ſorgfältig die Thür wieder hinter ſich zu. Er befand ſich jetzt in ſeinem türkiſchen Cabinet; alle dieſe ſchönen Goldſtoffe auf den niedrigen Canapees, dieſe herrlichen gewirkten Ta⸗ peten, welche die Wände bekleideten, dieſe koſtbaren Teppiche des Fuß⸗ bodens und der Tiſche, dieſe ſilbernen Ampeln von ſeltſamer Form, die von der Decke herniederhingen und mit Ambra gefüllt waren, alle dieſe zierlichen, reich vergoldeten Geräthſchaften, welche an den Wänden umherſtanden, waren ſchöne Erinnerungen für Thugut, Erinnerungen an die glücklichſte Zeit ſeines Lebens, denn er hatte ſich alle dieſe Dinge aus— mitgebracht, wo er zehn Jahre als Ge⸗ ſandter Oeſterreichs gelebt hatte. Thugut betrat daher nie dieſes Cabinet, ohne daß ein mildes Lächeln ſeine harten Züge verklärte, und er betrat es nur dann, wenn er inmitten ſeiner Staatsgeſchäfte und Regierungsſorgen ſich eine Stunde des Glücks erlauben wollte. Auch jetzt war daher, ſobald er die Schwelle dieſes Zimmers überſchritten, ſein Antlitz milde und weich geworden, und der harte, abſtoßende Ausdruck war aus ſeinen Zügen verſchwunden. Mit einem Lächeln durchſchritt er das Cabinet und zog mit raſcher Hand an dem goldenen Knopf da drüben in der Wand. Nach einigen Minuten wie⸗ derholte er dieſelbe Bewegung vier Mal hintereinander. Dann erhob er ſein Auge zu der kleinen en Klingel, die oben in der äußerſten Ecke der Wand angebracht war, und betrachtete ſie mit unverwandten Blicken. Während er ſo da ſtand, hatte ſich eine kleine Seitenthür geöffnet, und Germain, in der reichen Tracht eines Haremdieners, war eingetreten. Thugut hatte ſich nicht ein einziges Mal nach ihm umgeſchaut, er hatte nicht einen Blick für dieſe ſilbernen Vaſen mit den herrlichſten Blumen, die Germain auf den Marmortiſchen aufge ſtellh ſeine Naſe ſchien ganz unempfindlich dagegen, daß Germain den Ambra in den ſilbernen Ampeln angezündet hatte und die bläulichen Rauchwolken einen ſüßen Wohlgeruch in denſelben verbreiteten. Er ſah nur die kleine Klingel und ſchien in athemloſer Spannung ein „ ——— Zeichen von ihr zu erwarten. Aber Germain hatte längſt den Ausputz des Zimmers vollendet und war wieder hinaus gegangen; die Klingel ſchwieg noch immer. Eine Wolke zog über Thugut's Stirn und das Lächeln verſchwand von ſeinen Lippen. Vielleicht iſt ſie nicht da geweſen und hat mein Zeichen nicht ge⸗ hört, murmelte er leiſe, ich will noch einmal läuten. Er ſtreckte ſchon die Hand nach dem goldenen Knopf in der Wand aus, als ſich plötzlich ein heller ſilberner Klang vernehmen ließ. Es war die kleine Glocke, welche angeſchlagen hatte. Thugut's Antlitz verklärte ſich wie mit einem Sonnenſchein des Glücks, in ſtummer Erwartung blickte er wieder zu der Glocke empor. Einige Minuten hing ſie wieder regungslos da, alsdann erklang ſie abermals und zwar dreimal raſch hintereinander. In dreimal zehn Minuten wird ſie hier ſein, flüſterte Thugut mit einem glücklichen Lächeln. Erwarten wir ſie alſo! Er näherte ſich dem kleinen Tiſch, auf welchem er ſeine Pfeife hingelegt und neben welche Germain eine kleine ſilberne Schaale mit brennendem Ambra hingeſtellt hatte. Mit dem Anſtand und der Ge⸗ laſſenheit eines echten Türken entzündete er ſeine Pfeife und ließ ſich dann auf den niedrigen viereckigen Divan niedergleiten. Die Beine unterſchlagend, in halbliegender Stellung, den rechten Ellenbogen auf goldbrokatene Kiſſen aufgeſtützt, überließ ſich Thugut jetzt ſeinen Träu⸗ men und dem ſüßen Genuß des Rauchens. Bald ſaß er da, umhüllt von einer blauen Rauchwolke, aus welcher indeß funkelnd ſeine ſchwar⸗ zen Augen hervorleuchteten, die zu der großen Pendule auf der Con⸗ ſole hinblitzten. Jetzt, als er ſah, daß die dreimal zehn Minuten abgelaufen waren, ſprang Thugut mit jugendlicher Lebendigkeit empor und ſtellte ſeine Pfeife bei Seite. Dann näherte er ſich dem großen ſeltſam ge⸗ formten Fauteuil, der dicht unter der ſilbernen Klingel ſtand. Als er mit kräftigem Arm den Fauteuil zurückgeſchoben, ward hinter demſelben eine kleine Thür ſichtbar. Thugut öffnete dieſelbe und ſtellte ſich dann horchend neben derſelben auf. Plötzlich war es ihm, als wenn er in der Ferne leiſes Geräuſch einem ſchwa Ihre gluth große römi rin und ſun ſan die lac Ausputz Klingel nd das ein des empor. lung ſie nal zehn ücklichen unhüll ſchwar⸗ er Con⸗ gelaufen d ſtellte tſam ge⸗ Als er emſülben ſich dann geriuſc 283 vernahm. Es kam näher und näher, und jetzt erſchien in der Oeff⸗ nung der Thür eine Frauengeſtalt von wunderbarem Reiz und über⸗ raſchender Schönheit. Man konnte nichts Lieblicheres ſehen, als dieſen Kopf, von langen blonden Locken unfloſſen, die das Antlitz wie mit einem Heiligenſchein umgaben kund ſo ſeltſam contraſtirten zu den großen ſchwarzen Augen, die im Feuer der Jugend und Leidenſchaft funkelten. Ihre ſanft aufgeworfenen Lippen waren von der dunkelſten Purpur⸗ gluth, ein zartes Roth wie das ſanfte Incarnat in dem Innern der großen Schneckenmuſchel färbte ihre Wangen. Ihre Naſe, vom edelſten römiſchen Styl, war fein gebogen, ihre breite, hohe Stirn gab dem reizenden jugendlichen Angeſicht etwas Bedeutſames, Ernſtes. Man ſah in dieſen Augen Gluth und Leidenſchaft, auf dieſer Stirn Ge⸗ danken und energiſche Entſchlüſſe, auf dieſem ſchwellenden Munde Jugendluſt, Uebermuth und Scherz. Und in ſchönſter Harmonie zu dieſem reizenden Haupt ſtand die Geſtalt dieſer lieblichen Erſcheinung; ſie war klein, zart und ätheriſch wie die Geſtalt einer Sylphe, und doch von den reizendſten, üppigſten Formen; etwas größer, hätte man ſie der Juno vergleichen mögen, etwas voller, der Venus; ſo wie ſie war, machte ſie den Eindruck einer Roſenknospe, die ſich zu entfalten begonnen, einer jungen Sylphide, die nur noch der Zeit bedarf, um zu einer Venus aufzublühen. Sie blieb unter der Thür ſtehen und ließ ihre flammenden Blicke rings in dem Zimmer umherſchweifen, dann heftete ſie ſie auf Thugut und brach in ein lautes, fröhliches Lachen aus. Ach, ach, das iſt das Lied meiner Bülbül, der ſchmetternde Ge⸗ ſang meiner orientaliſchen Nachtigall, rief Thugut, indem er mit ſanfter Gewalt die Lachende vorwärts zog und den Stuhl wieder vor die geſchloſſene Thür ſchob. Nun ſag' mir, meine Bülbül, warum lachſt Du? Muß ich nicht lachen, Freund? rief ſie mit ihrer hellen, klang⸗ vollen Stimme. Iſt dies nicht eine Ueberraſchung wie aus Tauſend und Einer Nacht? Sie ſagen mir vor einem halhen Jahr, daß Sie einen Weg einrichten laſſen, auf welchem man voßt meinen Gemächern in der Burg ungeſehen in Ihre Gemächer in der Staatskanzlei ge —— 284 langen könne. Nun, ich zweifelte nicht daran, denn zum Glück liegt ja Woll die Staatskanzlei neben der Burg, und es giebt hier und dort der ge⸗ lihtet heimen Treppen und Thüren genug. Ich war alſo auch gar nicht er⸗ ſtaunt, als ich eines Tages in der Stille der Nacht leiſes Pochen an frgte der Wand meines Schlafzimmers vernahm und ſich plötzlich ein Loch 3 in der Wand zeigte, das in wenigen Stunden zu einer Thür mit eben Schin ſolchem Fauteuil wie der da ſich umgeſtaltet hatte; dann erſchien in dunle der nächſten Nacht ein Schloſſer und befeſtigte in meinem Zimmer eine nit I kleine ſilberne Glocke, die hinter einer Ampel verborgen ward, und ſehe, geſtern flüſtern Sie mir zu:„Erwarten Sie morgen das Zeichen! Ich blice, habe Wichtiges mit Ihnen zu ſprechen.“— Ich warte mit aller Un— uf di geduld der Neugierde, endlich tönt die Glocke ſechs Mal, ich antworte um ke und eile durch die kleinen Corridore und über nie geahnte kleine dimo Treppen hierher, ganz überzeugt, zu einer Staats⸗Conferenz zu gehen. Schn Und was finde ich? Ein kleines türkiſches Paradies, und darin einen Mim Paſcha— werder Der nichts erſehnte, als ſeine reizende Houri, um ganz im Para Jingl dieſe zu ſein, unterbrach ſie Thugut. Alles hat ſeine Zeit, meine ßauet Victoria, die Staatsgeſchäfte ſowohl, wie das Glück. Bezu Nur fragt es ſich, mein kaltherziger Freund, was bei Ihnen vor⸗ ſchine angeht, die Staatsgeſchäfte oder das Glück? fragte ſie, ihm lächelnd mit dem Finger drohend. Nim Das Glück, wenn Sie es bringen, Victoria! rief er, die ſchöne nitn Frau mit ungeſtümer Heftigkeit an ſeinen Buſen drückend. ich D Sie lehnte ihr Haupt an ſeine Schulter und blickte mit einem Ander 3 Ausdruck ſchelmiſcher Schwärmerei zu ihm empor. Sind Sie jetzt Reſen 5 glücklich? fragte ſie leiſe. Suele Er antwortete nur mit glühenden Küſſen und flüſterte Worte voll ghir Leidenſchaft in ihr Ohr. Sie wehrte ihm nicht, ſie lauſchte mit m lächelndem Wohlbehagen auf ſeine Zuflüſterungen, und ein glühenderes ſtbe Incarnat färbte hre Wangen. Ach, ich liebe es, Sie ſo ſprechen zu hören, ſagte ſie, als Thugut de ſchwieg, es entzückt mich, den Honig morgenländiſcher Poeſie von den Lippen meines wilden Bären zu ſchlürfen. Selbſt der Belvederiſche ja der ge⸗ icht er⸗ chen an in Loch it eben hien in ter eine d, und n Ich ler Un⸗ ntworte kleine gehen. n einen Para meine en vor⸗ ächelnd ſchöne einem je jetzt te vol te mit 1* nderes Thugut den on eriſche 285 Apoll iſt nicht ſo ſchön, als Sie in Ihrer genialen, wunderbaren Häß⸗ lichkeit, wenn Sie von Liebe ſprechen! Thugut lachte. Sie finden mich alſo ſehr häßlich, Victoria? fragte er. Ja, ſo häßlich, daß Ihre Häßlichkeit für mich zur räthſelhafteſten Schönheit wird, ſagte ſie, ihm mit ihren roſigen Fingern über das dunkle gebräunte Antlitz fahrend. Zuweilen, Freund, wenn ich Sie mit Ihrem ſeltſamen Lächeln, Ihrer ernſten Ruhe in den Kaiſerſälen ſehe, meine ich, es iſt der Gott der Finſterniß ſelber, den ich da er⸗ blicke, und der ſich zur Erde niedergelaſſen, um einige Menſchenſeelen, auf die es ihm ankommt, perſönlich einzufangen. Ach, ich möchte Sie um keinen Zug hübſcher, um kein Jahr jünger haben. Ich liebe Ihre dämoniſche Häßlichkeit, und Ihre Höllengluth, die ſich unter dem Schnee Ihres Haars verbirgt, entzückt mich wahrhaft. Von jungen Männern mit dem flatternden Strohfeuer der Leidenſchaft geliebt zu werden, iſt etwas ſo Gewöhnliches, aber wenn ein Greis wie ein Jüngling liebt, wenn er die Geliebte immer mit der Glorie eines Feuers verklärt, das er ſich aus der Hölle geholt hat, ſo iſt das etwas Bezauberndes, Göttliches! Lieben Sie mich alſo auf Ihre Art, mein ſchöner, häßlicher Fürſt der Finſterniß. Ich liebe Dich auf meine Art, mein reizender Engel, von dem Niemand weiß, daß er ein Dämon iſt, ſagte Thugut lachend. Es geht mir wie Dir, meine Victoria, ich liebe Dich doppelt ſo glühend, weil ich Dich erkannt habe in Deiner wahren Geſtalt, weil ich, wenn Du Andere anlächelſt, allein die Schlange ſehe, wo die Andern nur die Roſen gewahren, weil ich allein weiß, daß dieſe Engelsgeſtalt die Seele eines Dämons birgt. So lieben wir uns, weil wir zu einander gehören, meine Victoria, Du nennſt mich den Fürſten der Finſterniß, und Du biſt alle Frage die Kronprinzeſſin der Hölle. Wenn ich 5 terbe, nimmſt Du meinen Thron ein. Es iſt alſo in der Hölle wie in Oeſterreich? fragte Victoria. Auch die Frauen werden zur Thronfolge zugelaſſen? Nun, zuweilen will es mich wahrhaftig bedünken, als wenn es in 1 Oeſterreich wie in der Hölle iſt, ſagte Thugut, und als wenn die kleinen Teufel der Dummheit, der Thorheit und des Unverſtandes ſich Oeſterreich zu ihrem Spielplatz auserſehen hätten. So verjagen wir ſie, mein Freund, rief Victoria, ich denke doch, wir Beide haben die Macht dazu! Willſt Du mir helfen, ſie zu verjagen? fragte Thugut raſch. Sie fragen noch? ſagte ſie vorwurfsvoll. Sie haben alſo Alles vergeſſen? Unſere ganze Vergangenheit iſt unter dem Staub Ihrer miniſteriellen Acten vergraben? Nein, ich habe nichts vergeſſen, rief Thugut faſt ſchwärmeriſch, ich weiß noch Alles. Oh, wie oft, Victoria, ſehe ich Dich in meinen Trälen, ſo wie ich Dich zuerſt ſah. Weißt Du noch, wo das war? Im Lager vor Gyurgewo war's. Jo Lager vor Gyurgewo, als die Türken unſere Trancheen überfielen,*) als alle Militairs den Kopf verloren, als der comman⸗ dirende Prinz Coburg in feiger Flucht davongeritten, als Graf Thun zuſammengehauen und General Aufſeß ſchwer verwundet war! Oh, es war ein fürchterlicher Tag, Schrecken und Entſetzen verbreitete ſich durch das ganze Lager, in paniſcher Flucht ſtürzten die Soldaten aus⸗ einander, Jeder ſchrie, Jeder heulte und zitterte für ſeine eigene elende Eriſtenz. Ich befaud mich gerade im Hauptquartier, und ich darf ſagen, ich allein zitterte nicht, denn die Natur hat mir die Eigenſchaft der Furcht verſagt. Ich ſah mit Entſetzen die um ſich greifende Ver⸗ wirrung, da auf einmal ſah ich ein Weib, einen Engel, welcher mit flatternden Locken, mit zornſprühenden Augen daher kam, welcher zu den Soldaten ſprach und mit glühenden Worten ſie an ihre Pflicht mahnte. Nein, das waren keine Worte, welche ſie ſprach, es war ein Strom der Begeiſterung, der wie himmliſche Flammen von ihren Lippen zuckte. Und die Soldaten hörten ihr ſtaunend zu, die Fliehenden ſtanden, die Feigen ſchämten ſich, die Zitternden faßten wieder Muth, als ſie die ſchmetternden, kühnen Worte der ſchönen Frau vernahmen. Die Beſonnenheit kehrte ihnen zurück, ſie konuten wieder hören und *) Im Jahr 1790. — überle verwa Rickz luſtig verlor jenem brüchl Wier Emp von von Cho Sch unw S riſch, ich meinen a war Trancheen comman⸗ raf Thun aten aus⸗ ene elende ich darf igenſcaft ende Ver⸗ elcher mit velcher zu re Pflicht war ein bon ihren Fliehenden et Muth, eahmen höten un 287 überlegen, was wir Beide ihnen ſagten, und die ſchimpfliche Flucht verwandelte ſich, Dank Dir und mir, in einen wohlgeordneten, ruhigen Rückzug. Wir Beide retteten, was noch zu retten war. Ah, es iſt luſtig zu denken, daß in dem großen Lager alle Soldaten den Kopf verloren, und nur ein Civiliſt und eine Frau ihn behielten.*) An jenem Tage ſchwur ich in meiner Begeiſterung Dir eine ewige, unver⸗ brüchliche Freundſchaft. Wir ſchwuren es Beide, rief Victoria. Und haben Beide den Schwur gehalten! Ich empfahl Dich nach Wien an meinen Freund, den Grafen Colloredo, und er ehrte meine Empfehlung. Er ſtellte Dich bei Hofe vor, er erzählte dem Kaiſer von Deinem Heroismus, und der ganze Hof feierte die kühne Heldin von Gyurgewo. Als Dein kühner Mann, der ſchöne Huſarenrittmeiſter Charles von Poutet, in Belgien bei der Erſtürmung der Aldenhover Schanzen fiel, da kam ich zu Dir und erneuerte Dir meinen Schwur unwandelbarer Treue und Freundſchaft. Habe ich Wort gehalten? Sie haben Wort gehalten! Dank Ihnen und Colloredo bin ich die Freundin der Kaiſerin, die Aja ihrer erſtgebornen Tochtey, der Erz⸗ herzogin Maria Auiſe, geworden. Aber als ich das ward, erneuerte auch ich Ihnen meinen Schwur ewiger Freundſchaft, ewiger Treue. Habe ich auch Wort gehalten? Sie haben Wort gehalten! Dank Ihnen und Colloredo bin ich der erſte Staatsminiſter, der Lenker Oeſterreichs Und jetzt, mein Freund, eine Frage! Haben Sie dieſes türkiſche Cabinet, die geheimen Treppen und Corridore und die Z ichenſprache der ſilbernen Klingeln nur erfunden, um mir hier Gefühle unſerer Vergangenheit zw erzählen? Nein, Victoria, um hier das Gebäude unſerer Zukunft zu bauen! Hier in dieſem verſchwiegenen Cabinet wollen wir den Grundſtein dazu legen und die Zeichnung entwerfen! Victoria, ich bedarf Deiner Hülfe, wirſt Du ſie mir verſagen? Strecken Sie die Hand mit dem Scepter aus, mein Gott der *) Kaiſer Franz und Metternich. Ein Fragment. S. 33. 268 Finſterniß, gebieten Sie mir, und ich gehorche, rief Victoria lächelnd, indem ſie auf den Divan niederglitt und, die Arme über der Bruſt kreuzend, mit ſchmachtenden Liebesaugen zu Thugut emporſchaute. Er ſetzte ſich neben ſie und legte ſeine Hand über ihre Augen. Sieh mich nicht ſo bezaubernd an, daß mein Blut wie Feuer durch meine Adern ſtürzt, ſagte er. Laß uns zuerſt von Geſchäften ſprechen, und dann, dann wollen wir beim flammenden Sorbet Alles vergeſſen! Höre mich an, Victoria, ſei jetzt etwas weniger der bezaubernde Engel und etwas mehr der boshafte Dämon. Gilt es einen Miniſter zu ſtürzen, einen Mächtigen in den Staub zu treten? fragte Victoria, und ihre ſchwarzen Augen blitzten wie Dolchſpitzen. Haben wir einen Feind, den wir über die Ponte dei sospiri in ein ewiges Gefängniß führen wollen? Sprich ſchnell, mein Freund, ich warte auf die Muſik Deiner Worte. Es giebt zwei Feinde auszuforſchen, ſagte Thugut langſam. Auszuforſchen! Weiter nichts? Ein bischen Spioniren, das iſt Alles? Aber es könnte ſein, daß bei dieſem Spioniren Blut flöſſe. Ich liebe das Blut, es hat eine ſo ſchöne purpurrothe Farbe, rief Victoria lachend. Wer ſind die beiden Feinde, die ich aus⸗ forſchen ſoll? Frankreich und Preußen! Oh, das iſt ein luſtiger Scherz. Das iſt ein tiefer Ernſt. Frankreich und Preußen ſind die beiden Feinde, deren innerſte Gedanken Du ausforſchen ſollſt. Aber Frankreich und Preußen ſind nicht hier in Wien! Nein, nicht hier in Wien, aber ſie ſind in der Feſtung Raſtatt. Ich verſtehe Sie nicht, mein Freund. Höre mir zu, und Du wirſt mich verſtehen! Du weißt, daß ich Frankreich haſſe, daß dieſer erzwungene Friede mir ein Gräuel iſt. Frankreich iſt die Hydra, der man entweder den Kopf abſchlagen, oder von der man ſich verſchlingen laſſen muß. Ich bin für's Kopf⸗ abſchlagen! Ich auch! rief Victoria lachend. Haſt Du ein Schwert, welches ſchaf g ich haue unterſchr Kaiſer 1 Frankrei Fro Vot et hatte piet zu fuhrs Papiere Ah lächelnd, er Brſt ute. eAugen. et durch ſprechen, ergeſſen! de Engel n Staub tten wie onte dei ell, mein ie beiden aſtatt. daß ich iuel iſt welches 289 ſcharf genug iſt, den Kopf der Hydra abzuſchlagen, ſo gieb es mir und ich haue zu. Die Hydra meint ein Schwert zu haben, mit welchem ſie mich tödten könnte. Höre! Ich war einmal in meinem Leben ein Thor und unterſchrieb ein Papier, das mich anklagen könnte, wenn man es dem Kaiſer vor die Augen brächte. Dieſes Papier iſt in den Händen Frankreichs. Frankreich hat eine große Hand. Welcher Finger hält es? Vor einem Jahr war das Papier in Bernadotte's Händen, und er hatte ſchon bei der Kaiſerin eine Audienz erwirkt, um ihr das Pa⸗ pier zu geben, das ſie verſprochen, dem Kaiſer zu überreichen. Ich er⸗ fuhr's zu rechter Zeit und ſandte einige gute Freunde aus, um die Papiere aus den Gemächern zu holen! Ah, ich verſtehe! Es war am Tage des Feſtes der Freiwilligen und der Nationalfahne? Es war an jenem Tage! Der Coup gelang nicht ganz; wir gaben Bernadotte eine gute Lehre, wir zwangen ihn, Wien zu verlaſſen, aber— er nahm jene Papiere mit! Und wo iſt Bernadotte? In Raſtatt, wo er als Militair⸗Bevollmächtigter Frankreichs dem Congreß beiwohnt. Ich werde als Ihr Bevollmächtigter auch dahin gehen, mein Freund, rief Victoria lächelnd. Aber dies Mal werden wir, um die Papiere zu erlangen, nicht einen Sturm auf ſein Haus unternehmen; wir werden nur ſein Herz beſtürmen, und daß ich da eine Breſche mache, groß genug, um die gefährlichen Papiere hindurchzulaſſen, das hoffe ich, glauben Sie meiner Gewandtheit und— Und Deiner Schönheit, ja! unterbrach ſie Thugut. Aber ich glaube, meine ſchöne Victoria wird nicht bei Bernadotte, ſondern anderswo Breſche ſchlagen müſſen. Bernadotte hat ſich warnen laſſen von jener Scene in ſeinem Hötel, er hat ſehr wohl begriffen, daß der Beſitz jener Papiere gefährlich iſt, und er hat daher die Gefahr von ſich auf andere Schultern gewälzt. Er hat die Papiere einem Andern an⸗ vertraut. Miühlbach, Napoleon. 1. Bd 19 ———— 5— 290 Wem? Wenn es ein Mann von Fleiſch und Blut iſt, ſo nenn' ihn mir, und ich wage den Kampf gegen ihn, rief Victoria. Es iſt jedenfalls einer von den drei officiellen Geſandten der franzöſiſchen Republik, und ich habe Grund, zu glauben, daß es der übermüthige und freche Bonnier iſt. Mindeſtens iſt er es geweſen, der zum Grafen Cobenzl von gewiſſen Papieren geſprochen hat, die mir gefährlich werden könnten, und verſtohlen angefragt hat, ob Cobenzl geneigt ſein möchte, dieſelben dem Kaiſer zu übergeben. Laſſen Sie mich abreiſen, Freund, ich muß dieſe Papiere haben, ſagte Victoria aufſpringend. Ach, wie ſchön Du biſt in Deinem Ungeſtüm, rief Thugut lächelnd, wir ſind aber noch lange nicht am Ende mit unſerer Con— ferenz, meine Victoria. Allein um dieſer elenden Papiere willen würde ich meinen Engel nicht anflehen, ſeine Dämonsflügel zu entfalten und mir beizuſtehen. Handelte es ſich nur um meine Intereſſen, ſo würde ich das Schickſal walten laſſen, und Alles ſeiner Entſcheidung anheim ſtellen! Aber es handelt ſich zu gleicher Zeit um die Intereſſen Oeſterreichs, und dies ſage ich nicht in dem Sinn, in welchem mein legte:„Wer mich großer Vorgänger, der Fürſt Kaunitz, zu ſagen pf angreift, der greift Oeſterreich an, denn Oeſterreich kann nicht beſtehen ohne mich! Es würde zuſammen fallen, wenn meine ſtarke Hand es nicht hielte.“— Nein, ich weiß ſehr wohl, daß kein Menſch unentbehrlich iſt, daß wir Alle nur Maſchinen ſind in der Hand des Fatums, und daß, wenn eine der Maſchinen abgenutzt und entbehrlich iſt, das Fatum dieſelbe bei Seite ſchiebt, um eine neue an ſeine Stelle zu ſetzen. Aber der Staat iſt ein höherer und wichtigerer Begriff als ein Individuum; den zu vertheidigen muß man alle ſeine Macht, alle ſeine Energie zu⸗ ſammen raffen, und es kann gar nicht darauf ankommen, ob dabei einige Menſchenleben gefährdet, und einiges Blut vergoſſen wird. An Menſchenleben iſt Ueberfluß in der Welt, und das vergoſſene Blut er⸗ ſetzt ſich in einigen Stunden. Victoria, nicht mir allein ſollſt Du bei⸗ ſtehen und helfen, ſondern den Staat ſollſt Du unterſtützen, für ihn ſollſt Du ein kleines Wagniß unternehmen. Lächel L weiter entlock 0 5 „ was doch e Schör wager ſeine q Fran Bun ſcht vich werb Stil hat, Bun aber an zwiſe Rün mit liſch ich s geweſen, nhat, die ob Cobenzl iere haben, ef Thugut illen würde ttfalten und n ſo würde ung anhein Intereſſen Wer nich icht beſtehen rke Hand es mentbehrich n, und daß das Fatum ſetzen. Aber ndividuum r 31 Energie 3 ob dabel 6„ Al n wirld⸗ ene Blut 3 291 Nur der Wagende gewinnt! rief Victoria mit einem bezaubernden Lächeln. Sag' mir, was ich thun ſoll, mein Freund! Bezaubernd ſein, von der Gewalt Deiner Reize Gebrauch machen, weiter nichts! Einen Bären zähmen, um ihm ſeine Geheimniſſe zu entlocken. In welchem Walde finde ich dieſen Bären? In Raſtatt, und ſein Name iſt Roberjot oder Bonnier oder Debry, was weiß ich es! Verſuch's mit allen Dreien. Einer von ihnen wird doch ein Herz haben, um der Liebe fähig zu ſein, und Augen, um die Schönheit zu erkennen. Dieſen Einen feſſele an Deinen Triumph— wagen, forſche ihn aus, mache Dich zu ſeiner Vertrauten, ergründe ſeine Geheimniſſe. Zu einem beſtimmten Zweck, oder nur im Allgemeinen? Zu einem beſtimmten Zweck! Ich habe Grund zu glauben, daß Frankreich mit uns ein doppeltes Spiel ſpielt, daß es, indem es unſere Bundesgenoſſenſchaft ſucht und täglich Betheuerungen ſeiner Freund⸗ ſchaft macht, doch ganz im Stillen gegen uns conſpirirt. Conſpirirt, mit wem? Mit Preußen, mit dem Todfeind Oeſterreichs! Uns hat Frank⸗ reich die Verſprechungen geleiſtet, daß es Preußen keine weitern Er⸗ werbungen zugeſtehen wolle; ich bin überzeugt, daß es ganz in der Stille ähnliche Zuſicherungen an Preußen in Bezug auf uns gegeben hat, und daß es ebenſo eifrig und mit ebenſo viel Verſprechungen die Bundesgenoſſenſchaft Preußens, wie die Oeſterreichs, ſucht. Es iſt aber für uns von der äußerſten Wichtigkeit, zu wiſſen, was Frankreich an Preußen verſprochen haben mag und wie weit die Unterhandlungen zwiſchen den beiden Mächten überhaupt gediehen ſind. Dies zu er⸗ gründen, ſei's mit Güte oder mit Gewalt, mit Liſt oder mit Zwang, mit Beſtechung oder mit Drohung, dies iſt Deine Aufgabe, mein himm⸗ liſcher Dämon. Es iſt eine ſchöne Aufgabe, weil es eine ſchwierige iſt, ſagte Victoria ſtolz. Es iſt ein geiſtiger Zweikampf auf Leben und Tod, den ich da mit einem dieſer franzöſiſchen Bären führen will. ſſen tüchti ſoll meiner ſchönen Victoria nicht an Secundanten 10 4 292 fehlen, welche ihr die Waffen ſchleifen und Alles thun ſollen, was ſie u begehrt. Frun Wer ſind meine Secundanten? Graf Lehrbach und der Oberſt Barbaczy. en Ah, Barbaczy, den wir vor Gyurgewo kennen lernten? Urut Derſelbe! Ein kühner, unerſchrockener Mann, dem es vor Gott und dem Teufel nicht graut! neit Lehrbach und Barbaczy, Deine beiden Bluthunde, ſagte Victoria nir ſ ſinnend. Wenn die dabei und meine Secundanten ſind, ſo fürchte ich, ün es wird nicht blos beim geiſtigen Zweikampf und bei Herzenswunden S. bleiben, ſondern es wird auch wirkliches Blut und fleiſchliche Wun⸗ den geben.. Ich muß die Papiere haben, rief Thugut, ſei's mit Liſt oder mit offener Gewalt, verſtehſt Du mich? Und was die Wunden und das Blut anbetrifft, ſo wünſchte ich von ganzem Herzen, dieſen unver⸗ 8 ſchämten republikaniſchen Geſellen, welche ſich in Raſtatt geberden, als wären ſie die Herren von Deutſchland, eine derbe und blutige Lection zu geben, und damit Frankreich unſere Geſinnung durch die That zu beweiſen! Gut, mein Gott Satanas, ich werde Dir helfen, dieſes Höllen⸗ ſtückchen auszuführen. Nun bleiben mir nur noch zwei wichtige Fragen. Die erſte iſt: unter welchem Vorwand bekomme ich hier Urlaub von meiner kaiſerlichen Herrin? Haſt Du nicht eine Schweſter, welche an einen reichen Grundbeſitzer im Großherzogthum Baden verheirathet iſt und von der Du geſtern Nachricht erhielteſt, daß ſie plötzlich gefährlich erkrankt ſei? Ich, eine Schweſter? rief Victoria lachend. Ich, welche niemals gewußt hat, was ein Vaterhaus, eine Familie iſt, ich, welche wie eine reife Pfirſichblüthe zur Erde gefallen und da zertreten wäre, wenn nicht zufällig mein ſchöner, großmüthiger Charles von Poutet gerade vorübergekommen wäre, als der Wind mich daher trieb, und wenn er mich nicht ritterlich aufgehoben und an ſeinen Buſen geſteckt hätte! Ich habe niemals eine Familie gekannt. Als Waiſe bin ich auferzoaen. was ſi or Gott Victoria cchte ich, wunden odet mit und das n unver⸗ eberden, blutige urch die Höllen⸗ Fragen⸗ laub von ndbeſitzer geſtern niemals wie eine e, wem gerode wenn er t hätte ferzaen und daher hat mich auch das Leben ſo weiſe gemacht. Nein, mein Freund, ich habe keine Schweſter. Beſinnen Sie Sich doch, Victoria, es iſt ja Ihre Schweſter, welche Sie ſterbend zu ſich ruft, und der zu Gefallen Ihnen die Kaiſerin Urlaub geben wird! Ah, vraiment, jetzt beſinne ich mich! Ja wohl, ich muß zu meiner Schweſter! Das gute, treue Schweſterherz, wie es ſich nach mir ſehnt, wie es des Wiederſehns bedarf, um geneſen zu können. Oh, ich muß zu meiner Schweſter, nichts kann mich zurückhalten, nichts mich hin⸗ dern. Die gütige Kaiſerin kann mir den Urlaub nicht verweigern, denn es gilt, eine geheiligte Pflicht zu erfüllen. Heiliger als alle andern Bande ſind die Bande der Familie. Ah, Sie ſind in der That eine zärtliche Schweſter; die Kaiſerin wird einer ſolchen gern Urhaub ertheilen, und morgen Abend werden Sie abreiſen. Ich werde dafür ſorgen, daß auf jeder Station vier Poſtpferde für Sie bereit ſtehen, einen bequemen Reiſewagen ſende ich Ihnen morgen ſrüh. Somit wäre Ihre erſte Frage beantwortet. Jetzt zur zweiten. Ja, mein Freund, alſo kurz und gut, meine zweite Frage: Wenn ich meinen Auftrag ausgerichtet, mein Duell ritterlich aus⸗ gekämpft und die Papiere erobert habe, was bekomme ich dann für einen Lohn? Den einzigen, welchen ich wagen darf, einer ſchönen, jungen Wittwe anzubieten, ſagte Thugut mit einem diaboliſchen Lächeln. Einen Gemahl, der Ihnen einen glänzerden Namen giebt, Ihre Stellung bei Hofe conſcüdirt, und Ihnen dereinſt ein fürſtliches Erbtheil hinterläßt. Wie? rief Victoria freudig, Sie wollen Sich mit mir vermählen, mein Freund? Ich? frage Thugut faſt erſchrocken. Wer ſprach von mir? Bin ich ein Mann, der Ihnen Reichthum und einen glänzenden Namen zu hat? Mein Vermögen wär' zu gering, um Ihnen nur als adelgeld zu dienen, und der Sohn des Schiffbauers hat ſich wohl ſuen tüchtigen Namen zuſammenzimmern können, aber es fehlt ihm der —3————— 294 Aſchenſtaub von zehn vermoderten Ahnen. Ich bin mein eigener Ahn, und mein Geſchlecht wird nur nach Einem Manne zählen, nach mir ſelber. Nein, Victoria, ich habe etwas Beſſeres erſonnen. Ich mache Dich zur Gemahlin des Miniſters Grafen Colloredo. Er iſt von alt⸗ adligem Geſchlecht, und ſeine Gemahlin hat vor allen Gemahlinnen der Miniſter und des niedern Adels den Vortritt bei Hofe. Er iſt außerdem reich und der Liebling des Kaiſers. Ich werde ihm begreif⸗ lich machen, daß er Dich glühend liebt, daß er ſterben wird vor un⸗ befriedigtem Sehnen, wenn Du ihn ausſchlägſt. Der gute Graf hört nicht gern vom Sterben, er wird es als eine Rettung betrachten, wenn Du ſeine Werbung annimmſt und ihm erlaubſt, ſich in Deinen Armen zu verjüngen. Ihn dahin zu bringen und ihn richtig zu leiten, dies Alles iſt meine Sorge. An dem Tage, wo Du mir die Papiere bringſt, die Papiere, wenn ſie auch ein bischen mit Blut beſpritzt ſind, an dem Tage habe ich die Ehre, Dich zum Traualtar zu führen und in Dir die Gräfin Colloredo zu begrüßen. Der Plan iſt gut und ausführbar, ſagte Victoria ſinnend, und doch gefällt er mir nicht ganz. Frei und offen, Freund, wenn Sie doch meinen, daß ich mich wieder vermählen ſoll, warum heirathen Sie mich alsdann nicht? Was ſoll ich mit dem kindiſchen, eitlen, ahnenſtolzen, ſiebenzigjährigen Colloredo, da ich meinen Gott der Finſterniß haben kann? Thugut, ich frage Sie, warum wollen Sie mich nicht heirathen? Thugut erwiderte den flammenden Blick der reizenden Frau mit einem lauten Lachen. Ich Dich heirathen, mein himmliſcher Dämon? Ah, das würde ſehr unklug ſein, denn alsdann müßte ich von Dir verlangen, daß Du ein frommes und keuſches Leben führteſt und mei⸗ nen Namen unbefleckt erhielteſt. Ah, Sie ſind grob, rief Victoria glühend. Sie wollen mir ſagen, daß ich es nicht werth bin, Ihre Gemahlin zu ſein! Du biſt viel mehr werth, Theuerſte, denn Du biſt ein Dämon der Liebe; meine Gemahlin aber dürfte nur eine Matrone der Keuh⸗ „„ S heit ſein. J Oh, wie langweilig! ſeufzte Victoria. — Ni himnliſ der nich dürften dieſes t Wllt in dann r aller L wenn für mi ich be loben, Gem bleibe fluß Pan Collo iſe deru uns zeit ener Ahn, nach mir Ich mache tvon alt⸗ mahlinnen Er iſt n begreif⸗ d vor un⸗ Graf hört ten, wenn en Armen iten, dies ie Papiete pritz ſind, ühren und end, und wenn Sie heirathen n, eitlen, Gott der vollen „ b 8 S e 7 ran nit ämon von Vir und mei⸗ mir ſagen, n Dämon er Kel 295 Nicht wahr, wie langweilig? fragte Thugut. Und unſer eigenes himmliſches Verhältniß, der letzte Blüthentraum meines Lebens, würde ſſ Du meine Gemahlin wärſt? Wozu be⸗ der nicht auch zerriſſen, wenn dürften wir dann des Geheimniſſes, der verborgenen Treppen und Thüren, Augen aller dieſes türkiſchen Cabinets, da ich berechtigt wäre, vor den Welt in Dein Zimmer zu treten? Auch würdeſt Du mir und ich Dir dann nicht mehr nützen können! Meine Gemahlin müßte natürlich aller Orten meine Partie ergreifen und mich vertheidigen, während, wenn Du die Gemahlin eines Andern biſt, Du die volle Freiheit haſt, für mich zu handeln und mich zu begünſtigen. Meine Gemahlin dürfte ich bei Hofe nicht weiter pouſſiren, ſie nicht der Kaiſerin gegenüber loben, ſie nicht zu neuen Ehrenſtellen und Würden empfehlen. Meine Gemahlin würde daher die Aja der kleinen Erzherzogin Marie Luiſe bleiben, die Gräfin Victoria Coloredo aber kann ich durch meinen Ein⸗ fluß zur Oberhofmeiſterin der Erzherzogin befördern. Zur Oberhofmeiſterin! rief Victoria freudig und mit glühenden Wangen. Sie haben Recht, Freund, es iſt beſſer, daß ich den Grafen Colloredo heirathe. Colloredo beherrſcht den Kaiſer, ich beherrſche die Kaiſerin und werde auch Colloredo beherrſchen. Aber ich werde wie⸗ derum beherrſcht von Dir, und ſo wirſt Du es allein ſein, Du, der uns Alle und der Oeſterreich beherrſcht, denn ich werde und will all⸗ zeit Deine getreue Dienerin und Freundin bleiben! Frauenſchwüre rauſchen vorüber wie der Wind, ſind beweglich wie die Wolke! ſagte Thugut achſelzuckend. Aber Dir glaube ich, Victoria, denn Du biſt kein Weib, wie andere Weiber ſind. Aber müßte ich Dich doch eines Tages ſo erkennen, bei Gott und allen Teufeln, ich würde eine fürchterliche Rache nehmen! Was für eine Rache, mein Freund und zärtlich an ihn ſchmiegend. Für mich giebt es nur Eine Art, ſtrafen kann, ſagte Thugut, und wenn ich meinen Freund, den guten Sultan Muſtapha, um etwas beneide, ſo iſt es darum, daß er dieſe Strafe ſo öffentlich verfügen kann. Ein treuloſes Weib läßt man ſäcken, das iſt Alles! Man ſteckt ſie in einen Sack, geknebelt natür⸗ 7 fragte Victoria, ſich lächelnd wie man ein treuloſes Weib 296 lich, daß ſie nicht ſchreien kann, und in der Stille der Nacht fährt man mit ihr hinaus ins Meer, das ſeine Wogen ſchweigend öffnet, um das ſchweigende Opfer zu empfangen. Ich habe in Conſtantinopel dreimal dieſem romantiſchen Schauſpiel beigewohnt und jedesmal hat es mich entzückt! Es iſt ſo geräuſchlos, ſo einfach und doch ſo viel⸗ ſagend! Nun, wir haben hier zwar nicht das Meer, aber wir haben die Donau, und es iſt Raum in ihr für viele treuloſe Weiber. Hüte Dich alſo, Victoria! Aber nun genug von Geſchäften und von Politik! Jetzt, mein Dämon, entfalte Deine Engelsflügel und laß mich eine Stunde bei Dir im Paradieſe ſein! Willſt Du mir die Ehre erzeigen, Gräfin Coloredo der Zukunft, mit mir hier zu ſoupiren? Hier? fragte Victoria, verwundert um ſich ſchauend. Iſt die Tafel gedeckt? Sie iſt gedeckt! Merk auf! Thugut bückte ſich und drückte mit kräftiger Hand an dem goldenen Knopf, der auf dem Parquet dicht neben dem Divan angebracht war. Sofort vernahm man ein ſeltſames Knarren und Klirren, der Fuß⸗ boden ſchob ſich von einander und gab einer weiten Oeffnung Raum. Aus dieſer Oeffnung ſtieg nach wenigen Minuten langſam und majeſtä⸗ tiſch eine reich ſervirte, von Silber und Kryſtall ſtrahlende, mit den duftigſten Speiſen, den funkelndſten Weinen beſetzte Tafel empor. Herrlich! rief Victoria, wie eine Fee die zauberiſche Tafel um⸗ tanzend. Herrlich! Der Fürſt der Finſterniß befiehlt, die Hölle thut ſich auf, und an dem Feuer, an welchem man da unten die Menſchen⸗ ſeelen röſtet, hat man für Gott Satanas die würzigſten Speiſen be⸗ reitet! Aber ſchwöre mir erſt, Freund, daß dieſer Faſan nicht, ſtatt mit Trüffeln, mit Menſchenſeelen geſpickt iſt! Meine Victoria, rief Thugut lachend, den Menſchenſeelen geht es nur zu oft wie den Trüffeln, ſie werden von Schweinen entdeckt und aufgefunden! Komm, dieſe Schaale Sorbet trinke ich auf das Wohl der künftigen Gräfin Colloredo! 3 ſtiitten Grenz Lordes ligen! C von land rief: dern Schw ſterben J Uuflij erſten der) das ſterbe daß warer die F der t awo dodu Zan ſich ſich tion Nacht führt end öffnet, ſtantinopel esmal hat h ſo viel⸗ wir haben et. Hüte n Politik! mich eine etzeigen, Iſt die goldenen acht war. der Fuß⸗ 9Raum. majeſtä⸗ mit den npor. afel um⸗ ölle thut Nenſcen⸗ eiſen be⸗ cht, ſtatt geht e deckt und Pohl 8 Wohl a Il. In Raſtatt. Zwei Jahre faſt tagte der Congreß jetzt in Raſtatt, zwei Jahre ſtritten ſich die deutſchen Geſandten mit Frankreich um die uralten Grenzen des Reichs, ſtritten einer mit dem andern um einige Streifen Landes, einige Privilegien, welche Dieſer begehrte, Jener nicht bewil⸗ ligen wollte! Es war ein trauriger, unheilsvoller Anblick, den dieſer Congreß von Raſtatt gewährte, und mit trüben Blicken ſchaute ganz Deutſch⸗ land ihm zu, mit höhniſchem Lachen zeigte Frankreich darauf hin und rief: nicht wir ſind es, welche Deutſchland zerſtören und auflöſen, ſon⸗ dern Deutſchland tödtet ſich ſelber. Es löſt ſich auf an ſeiner eigenen Schwäche, und an der Uneinigkeit ſeiner Fürſten und Herrn wird es ſterben! Ja, in der That, Deutſchland trug den Keim des Todes und der Auflöſung in ſeiner kranken, zerfetzten Bruſt, und ſchon zeigten ſich die erſten Symptome der Verweſung. Dieſe erſten Symptome, das war der Neid, der Hader und Haß der deutſchen Stände untereinander, das war die boshafte Freude, mit welcher Einer den Andern dahin ſterben ſah, ohne Mitleid mit ſeinen Qualen, nur daran gedenkend, daß er den Sterbenden beerben wolle. Das erſte Glied Deutſchlands, welches dem Tode verfiel, das waren die Bisthümer und die geiſtlichen Staaten. Sie zuerſt zeigten die Fäulniß und Verweſung der deutſchen Zuſtände. Diejenigen alſo der deutſchen Länder, welche Vortheil von der Auflöſung derſelben erwarten konnten, ſtimmten für die Säculariſation, diejenigen, welche dadurch mit Verluſten bedroht wurden, ſtimmten dagegen. Ein neuer Zankapfel war in des deutſche Reich geworfen, in zwei Parteien, die ſich drohend gegenüberſtanden, löſte der letzte Funke deutſcher Einigkeit ſich auf. Oeſtekreich erhob laut ſeine Stimme gegen die Säculariſa⸗ tion der geiſtlichen Güter, weil es darin keinen Vortheil für ſich, ſon⸗ ———————— — —— —.—— 298 dern nur für ſeine Rivalen ſah, Preußen erklärte ſich für die Säcula⸗ riſation, weil es für ſich Vortheil und Vergrößerung davon erhoffte, und dringender noch als Preußen begehrten die mittleren und kleinen Fürſten die Aufhebung der geiſtlichen Stifte, die zum Theil auch ihnen als Erbe anheimfallen mußten. Die Habgier ließ die deutſchen Fürſten und Stände alle andern Intereſſen überſehen, und alle Principien verleugnen; aus Habgier rüttelten ſie zuerſt an dem alten, morſchen, tauſendjährigen deutſchen Reich; aus Habgier zerſtörten ſie die alte Ordnung der Dinge, und das Gebäude deutſcher Reichsverfaſſung erhielt ſeinen erſten Riß von deutſchen Händen. Die deutſchen Geſandten zu Raſtatt vergaßen daher des eigent⸗ lichen Zweckes ihrer Sendung; ſie waren gekommen, um das Fortbe⸗ ſtehen des deutſchen Reichs zu ſichern und Deutſchland zu wahren gegen Frankreichs Uebergriffe, und jetzt waren ſie ſelber es, welche unterein⸗ ander das deutſche Reich bedrohten. Sie waren gekommen, um die Grenzen Deutſchlands feſtzuſtellen, und jetzt waren ſie es ſelber, welche die Grenzen der einzelnen Länder und Staaten des Reichs angriffen. Kein Wunder, daß Frankreich Vortheil zu ziehen trachtete von dieſem Hader der Deutſchen untereinander, kein Wunder, daß es ver⸗ meinte, ſich auch ein Stück Deutſchland aneignen zu dürfen, da es ſah, wie die deutſchen Stämme untereinander daran rüttelten und zerrten. Frankreich ſchob daher ſeine Truppen auf dem rechten Rhein⸗ ufer weiter vor und beanſpruchte die Feſtungen Kehl, Ehrenbreitſtein und Caſſel als Eigenthum Frankreichs. Einen Moment verſtummten vor dieſem neuen, unerhörten Be⸗ gehren die Zwiſtigkeiten der Deutſchen untereinander, und alle Stimmen vereinigten ſich, um ſich laut und feierlich zu verwahren gegen dieſe neue Forderung der franzöſiſchen Republik. Aber die feierlichen Proteſte der deutſchen Geſandten zu Raſtatt erwiderten die Franzoſen mit kaltem Hohngelächter, mit ungeſtümen Drohungen. Da man ihnen Ehrenbreitſtein nicht gutwillig überliefern wollte, blokirten ſie es, ſchrieben auf dem rechten Rheinufer Kriegs⸗ contributionen aus, und erklärten die Güter der Ritterſchaft zu Na⸗ tionaldoma ſolch unbil Frarzoſen: tungen übe gnüge ſich Man aber aus die unheils netträglis barer der und Rache viel empfi mn Einigk offenem für ſeine Frlede einſchüchte Haaren zu ufs en lleine Ei So chmach hmpton ſlte. G G ſterben en ſeiner Kr äcula⸗ hoffte, kleinen ihnen ndern abgier ttſchen , und iß von eigent⸗ Fortbe⸗ gegen terein⸗ um die welche iffen. te von es ver⸗ da es n und Rhein⸗ reitſtein en Be⸗ immen n dieſe Ruſtatt eſtümen rlieſern Kriegs⸗ zu M⸗ 299 tionaldomainen der Republik.*) Als die deutſchen Geſandten über ſolch unbilliges Verfahren in Raſtatt Klage erhoben, erklärten die Franzoſen:„die Großmuth der franzöſiſchen Nation habe alle Erwar⸗ tungen übertroffen. Sie wärè in der Lage, Alles zu nehmen und be⸗ gnüge ſich mit Wenigem.“ Man war nach Raſtatt gekommen, um den Frieden zu vermitteln, aber aus dieſem Frieden, den man gewollt, wuchs immer deutlicher die unheilsvolle Knospe des Krieges und des Unfriedens empor. Immer unerträglicher ward der Uebermuth und Hohn Frankreichs, immer ſicht⸗ barer der Wunſch Oeſterreichs, endlich dieſen Uebermuth zu ſtrafen und Rache zu nehmen an Frankreich für ſo viel erduldete Schmach, ſo viel empfindliche Beleidigungen. Aber wieder fehlte es in Deutſchland an Einigkeit. Preußen zauderte, ſich Oeſterreich anzuſchließen und in offenem Krieg ſich gegen Frankreich zu erklären; es hielt einen Krieg für ſeine Sonderintereſſen verderblich und wünſchte ſich ſelber den Frieden zu bewahren; die kleineren deutſchen Staaten aber ließen ſich einſchüchtern von den Drohungen Frankreichs, ſie alle mit Haut und Haaren zu verſchlingen, und waren ganz geneigt, Deutſchland immer auf's Neue demüthigen zu laſſen, vorausgeſetzt, daß nur ihre eigene kleine Exiſtenz nicht gefährdet werde. So ging das Friedenswerk nicht vorwärts, ſondern ward nur zur Schmach Deutſchlands, und der Congreß zu Raſtatt war nur ein Symptom der Krankheit, an welcher Deutſchland bald dahin ſterben ſollte. Einem alten, erſchöpften Greiſe gleich ſchien Deutſchland ſterben zu müſſen an ſeiner eigenen Schwäche und der Erſchöpfung ſeiner Kraft. Dieſe Schwäche wuchs mit jedem Tage. Im Januar 1799 war Ehrenbreitſtein gefallen und die Franzoſen hatten es in Beſitz ge⸗ nommen. Und die Friedens⸗Commiſſion in Raſtatt tagte weiter und unter⸗ handelte ungeſtört weiter mit Frankreich, welches jetzt eben erſt treulos *) Deutſche Geſchichte von Ludwig Häuſſer. Theil II. S. 201. — —— L— 2 1 1 300 wieder die Friedens⸗Verträge gebrochen und deutſches Eigenthum und Land ſich angeeignet hatte. Wenn die deutſchen Geſandten vielleicht kein Gefühl ihrer Schmach und Entwürdigung hatten, ſo war das bei den franzöſiſchen Geſandten deſto lebhafter und ſchneidender. Mit verachtungsvollem Hohn begeg⸗ neten ſie den Geſandten Deutſchlands, mit ſtolzem Uebermuth wagten ſie es, ſich einzumiſchen in die inneren Angelegenheiten des deutſchen Reichs, mit gebieteriſchem Ton in ihrer gewohnten, hochfahrenden Weiſe traten ſie immer mit neuen Forderungen hervor, und die Ver⸗ treter des deutſchen Reichs wagten kaum noch in ſchüchternem Ton eine Weigerung ſich zu erlauben. Nur einer von den drei franzöſiſchen Geſandten war ſeit einigen Wochen weniger hochfahrend geweſen, er hatte überhaupt weit weniger als ſonſt an den Angelegenheiten des deutſchen Congreſſes Theil ge⸗ nommen, und während Roberjot und Jean Debry in jeder Congreß⸗ Sitzung ihre hochfahrende und ſtolze Stimme vernehmen ließen, hielt ſich Bonnier ganz abgeſchloſſen und fern von denſelben. Er verkehrte auch nicht mehr mit ſeinen eigenen Landsleuten, und nicht mehr wie ſonſt ſah man jeden Abend ſeine hohe, impoſante Geſtalt mit dem düſtern, ſtolzen Angeſicht in den Salons der franzöſiſchen Damen Roberjot oder Debry. Er floh die Geſellſchaft, wie er den Congreß floh, und die franzöſiſchen Damen lächelten dazu und erzählten ſich leiſe untereinander, daß dem ſtarren Republikaner, dem wilden Frauen⸗ verächter etwas Unerhörtes, Seltſames widerfahren, daß er verliebt ſei, verliebt in jene wunderbar ſchöne Fremde, welche ſich ſeit einigen Wochen in Raſtatt aufhielt, aber in ſolcher Zurückgezogenheit lebte, daß man nur flüchtig und von fern zuweilen ihrer anſichtig geworden. Niemand wußte, wer dieſe Fremde ſei und was ſie hier wolle; nirgends hatte ſie Beſuche gemacht, oder ihre Karten abgeben laſſen; nur in Begleitung eines Dieners und einer Kammerfrau war ſie gekommen; aber es war ſchon im Voraus für ſie eine glänzende Wohnung und eine Loge im Theater gemiethet worden; in dieſer Loge ſah man all⸗ abendlich in dichte Schleier eingehüllt die ſchöne, ſchlanke Geſtalt der räthſelhaften Fremden, und neben ihr hatte man alsdann mehr als einmal das Antlitz Bon Bictori der ftarzöſi Schönheit v ſcheinung ſe war es, wel ie w Thrinen in von Thugut Gelüſten de hatte er ihr Haß verkeh und Schan G war es gel Bonnier,! beanſpruche unter den c Vi ſi um die ſch Wangen i Augen blt Denn auch Rache ihre Unſchu glück auzug und für d ſichigen. Nitel int Mit ihren Un 1 9 ihten etzi in Vollen ſ thum und Schmach eſandten n begeg⸗ h wagten deutſchen fahrenden it einigen it weniget Theil ge⸗ Congreß⸗ en, hielt verkehrte mehr wie Congreß ihlten ſich Frauen⸗ erliebt er b it einigen eit lebte, geworden⸗ nirgends mnr in etommen nung un man al eſtolt det 6 nehr als einmal das düſtere bleiche, von langem ſchwarzem Haar umwallte Antlitz Bonnier's erblickt.— Victoria von Poutet hatte alſo ihren Zweck erreicht, ſie hatte einen der franzöſiſchen Bären gezähmt, und ihn in die Zaubernetze ihrer Schönheit verſtrickt. Sie war dieſe räthſelhafte Fremde, deren Er⸗ ſcheinung ſeit einigen Wochen die Salons in Raſtatt beſchäftigte, ſie war es, welcher Bonnier wie ihr Schatten folgte. Sie war zu ihm gekommen als eine Flüchtige, Verfolgte, mit Thränen in den Augen. Sie hatte ihm eine tragiſche Geſchichte erzählt von Thugut's Tyrannei und böſer Luſt. Weil ſie den Wünſchen und Gelüſten des öſterreichiſchen Miniſters ſich nicht hatte fügen wollen, hatte er ihr Verderben geſchworen, hatte ſeine Liebe ſich in wüthenden Haß verkehrt. Mit der Einziehung ihrer Güter, mit Gefängniß, Tod und Schande hatte er ſie bedroht, und nur ihrem Muth und ihrer Liſt war es gelungen, ſich zu erretten und zu entfliehen. Jetzt kam ſie zu Bonnier, um von der Großmuth Frankreichs Schutz und Hülfe zu beanſpruchen, um ſich von der rohen Gewalt eines deutſchen Miniſters unter den chevaleresken Schutz der franzöſiſchen Republik zu retten. Wie ſchön ſie war in ihren Thränen, mit dem traurigen Lächeln um die ſchwellenden Lippen. Aber wie viel ſchöner noch, wenn ihre Wangen in dunklem Incarnat erglühten, wenn ihre großen dunkeln Augen blitzten in der Gluth der Rache und des Zorns. Denn Victoria von Poutet wollte nicht blos Schutz, ſie wollte auch Rache. Rache an dieſem tyranniſchen Thugut, der es gewagt, ihre Unſchuld und ihre Tugend zu bedrohen und ihre Ehre, ihr Lebens⸗ glück anzugreifen. Sie war nicht blos verfolgt, ſie war auch beleidigt, und für die Beleidigung wollte ſie den öſterreichiſchen Gewalthaber züchtigen. Dazu ſollte Bonnier ihr behülflich ſein. Er ſollte ihr die Mittel in die Hand geben, Thügut zu ſtürzen. Mit welcher begeiſterten Beredtſamkeit ſprach ſie zu Bonnier von ihrem Unglück, ihrem Zorn und ihrem Rachedurſt. Welche Wahrheit in ihrem Ausdruck, welche dämoniſche Gluth in ihrem Blick, welche Energie in ihrem ganzen Weſen, das von kühnen Entſchlüſſen, hohem Wollen flammte und glühte. —————— 302 Bonnier ſchaute ſie an mit ſtaunendem Entzücken, mit ſcheuer Ehrfurcht. Er, welcher die Weiber gehaßt hatte, weil ſie ſo elend, ſchwach und kleinlich waren, er ſah jetzt vor ſich ein Weib mit der Energie eines Haſſes, wie er ihn felber kaum gekannt hatte, mit der Begeiſterung eines Rachegefühls, das keine Gefahr und kein Hinderniß ſcheute. Unter dieſer zarten, ätheriſchen Frauenhülle barg ſich der Geiſt, das feſte Wollen eines Mannes, kühne Gedanken ſtanden auf ihrer hohen Stirn, bezauberndes Lächeln ſpielte um ihre vollen Lippen. Während Bonnier den Dithyramben ihres Haſſes und ihrer Rache zuhörte, ſchlich ſich die Liebe in ſein eigenes Herz ein; ſie hatte ihn bezaubert mit ihren Rachegeſängen, wie Andere mit ihren Liebesliedern bezaubern. Victoria war ſich ihres Sieges bewußt, ſie hatte mit ihrem Adler⸗ blick jede Bewegung, jeden Schritt dieſes unſchuldigen Lammes, das ſie erwürgen wollte, verfolgt, ſie hatte ihn hineinſchreiten ſehen in die ſternenfunkelnden Netze, die ſie ihm ausgeſpannt, ſie wußte, daß er darin gefangen war, ohne es ſelbſt zu ahnen und zu wiſſen. Nun nahm ihr Weſen eine neue Nuance an, nun war ſie nicht mehr blos das racheglühende Weib, ſondern auch das ſchwärmeriſche, liebeſehnende, nun haßte ſie nicht mehr blos, ſondern ſie ſchien auch empfänglich für mildere Gefühle, vor Bonniers glühenden Blicken ſchlug ſie ihre Augen nieder und erröthete, ſeinen ſchüchternen, ſtotternden Liebesbekenntniſſen antwortete ſie mit verſtohlenen Seufzern, mit einem träumeriſchen Lächeln, und als Bonnier endlich mit kühneren Bekennt⸗ niſſen und heißerer Liebe ſich ihr zu nahen wagte, als er ganz Gluth und Begeiſterung vor ihr auf den Knieen lag und um ihre Gegenliebe flehte, da neigte Victoria ſich mit einem ſüßen Lächeln zu ihm nieder und flüſterte: geben Sie mir die Papiere, welche Thugut verderben ſollen, überliefern Sie ihn meiner Rache und ich bin die Ihre mit meinem Leben und meiner Liebe! Bonnier blickte zu ihr empor mit einem triumphirenden Lächeln. So ſind Sie Mein, Victoria, ſagte er, denn Sie ſollen dieſe Papiere haben! Ich überliefere den böſen, verrätheriſchen Mann Ihrer Rache! Sie ſtreckte mit einem Ausruf ſeligen Entzückens ihm ihre beiden Hände ent mir und i Bonn ſo diſteres Morg haben, we Himmel 5 Vertrauen dieſe Pap meiner Li mir, ſond Beweis Stunden Sie flüſterte die Reil Abeits Hie Zauberk Aſen( Er ſort; V derbare S Sin Stmm Renüge muß it ſcheuer ſo elend, mit der mit der inderniß ſich der nden auf n Lippen. er Rache hatte ihn eliedern em Adler⸗ mes, das en in die „daß er ſie nicht meriſche, hien auch en ſchlug totternden nit einem Belennt⸗ n Gluth egenliebe m nieder verderben Ihre mit Lücheln ſe Popiert er Rache! re beiden 303 Hände entgegen. Geben Sie mir die Papiere, rief ſie, geben Sie ſie mir und ich will Ihnen danken, wie nur die Liebe danken kann! Bonnier ſchaute ſie an mit einem langen Blick, und ſein ſonſt ſo düſteres Antlitz war jetzt wie verklärt von einem glücklichen Lächeln. Morgen, meine holde Fee, ſagte er, morgen ſollen Sie die Papiere haben, welche Ihrem Feind die Hölle, Ihrem entzückten Freund den Himmel öffnen ſollen. Aber Sie müſſen mir auch einen Beweis Ihres Vertrauens und Ihrer Liebe geben, Sie müſſen zu mir kommen, ſich dieſe Papiere von mir abzuholen. Ich gebe Ihnen den höchſten Beweis meiner Liebe, indem ich Ihnen Documente überliefern will, die nicht mir, ſondern der Republik gehören. Geben auch Sie mir den höchſten Beweis Ihrer Lebe. Kommen Sie zu mir! Schenken Sie mir einige Stunden ſtillen verſchwiegenen Glücks! Sie ſah ihn an mit einem langen, glühenden Blick. Ich komme! flüſterte ſie leiſe.— Und Victoria hielt Wort. In der Frühe des nächſten Morgens ſah man eine tiefverſchleierte Dame in das Raſtatter Schloß, welches jetzt die drei franzöſiſchen Geſandten bewohnten, hinein ſchlüpfen. Bonnier ſelbſt empfing ſie am Fuß der großen Treppe und reichte ihr den Arm, um ſie hinauf zu führen in die von ihm bewohnten Gemächer. Sie ſprachen Beide kein“ Wort, ſondern durchſchritten ſchweigend die Reihe dieſer glänzenden Gemächer und traten endlich in Bonnier's Arbeitszimmer ein. Hier ſind wir am Ziel, hier heiße ich Sie willkommen, meine Zauberkönigin! rief Bonnier. Nun fort mit dieſen neidiſchen Schleiern! Laſſen Sie mich endlich Ihr ſchönes Antlitz ſehen. Er riß mit einer heftigen Bewegung ihren ſchwarzen Schleier fort; Victoria duldete es lächelnd und ſchaute ihn an mit einem wun derbaren Ausdruck von Freude und Glück. Sind Sie nun zufrieden? fragte ſie mit ihrer köſtlichen, ſonoren Stimme. Hat der ſtolze Herr der Schöpfung ſich nun einen neuen, genügenden Triumph bereitet? Die arme Sclavin, welche er liebt, muß zu ihm kommen, um ihn um Liebe und Glück zu bitten. 304 Sie hatte die Hände über der Bruſt gekreuzt, und halb vor Bonnier niederknieend ſchaute ſie mit einem bezaubernden Gemiſch von Schel⸗ merei und Leidenſchaft zu ihm auf. Bonnier zog ſie empor in ſeine Arme nnd wollte einen Kuß auf ihre Lippen drücken, aber ſie wehrte ihn heftig zurück. Nein, ſagte ſie, laſſen Sie uns vernünftig ſein, ſo lange wir es vermögen! Erſt müſſen die Geſchäfte beendet ſein, dann mag das Glück und die Liebe den opiumduftenden Schleier über uns ausbreiten. Geſchäfte! rief Bonnier. Was haben wir zu thun mit Geſchäften! Laß ſie den Diplomaten und Schriftgelehrten! Was ſoll dies böſe und kalte Wort auf ſo ſchönen Lippen. Wenn ich Geſchäfte ſage, ſo meine ich Rache! ſagte Victoria glühend. Geben Sie mir die Papiere, Bonnier, die Papiere, welche Thugut in's Verderben führen ſollen! Bonnier nahm ihren Kopf zwiſchen ſeine beiden Hände und ſchaute ſie an mit einem düſter flammenden Blick. Sie haſſen ihn alſo immer noch, Sie wollen immer noch Rache an ihm nehmen? fragte er. Ja, ich haſſe ihn, rief ſie, und der ſchönſte Tag meines Lebens wird der ſein, wo ich ihn von ſeiner Höhe geſtürzt, elend, verachtet und einſam von dannen gehen ſehe. Beim ewigen Gott, man ſollte glauben, daß es ihr Ernſt iſt, und daß nur die Wahrheit ſolche Töne hat, murmelte Bonnier, immer noch ihr Haupt zwiſchen ſeinen Händen haltend und ſie anſtarrend. Schwöre mir, Victoria, ſchwöre mir bei Allem, was Dir heilig iſt, daß Du Thugut haſſeſt, daß Du ſein Verderben wünſcheſt? Ich ſchwöre es bei dem, was mir am heiligſten iſt, ſagte ſie feierlich, ich ſchwöre es bei Ihrer Liebe! Das iſt der beſte und unzweideutigſte Schwur, und an den glaube ich! rief Bonnier lachend. Und Sie werden mir alſo jetzt dieſe Papiere geben? fragte ſie. Ja, ſagte er rauh, ich will ſie Dir geben! Komm, mein Engel, Du haſt Recht, laß uns zuerſt von Geſchäften ſprechen! Da, ſetze Dich hierher vor meinen Arbeitstiſch! Oh, von nun an wird mir der Platz geheiligt ſein, denn Deine himmliſche Nähe hat ihn geweiht! Mich laß! pflichteftig In diſer Mappe enth und von Et gegen Fran riſtung we Ich habe d werdet, ver Bonn hervot. 2 ſein Antlit Ach, e zu inen. nicht die P Das haben nich falſchen P wichigen meiner Ra zuf Ihrr nich hinter Ah,9 wichtiger ſ achſelzucken darum geb nnte. S Vicm derſchun wandte ſi Pohi lächelnd, Vihlinc, Bonnier Schel⸗ Kuß auf wir es ag das breiten. ſchäften! öſe und glühend. Thugut ſchaute immer Lebens erachtet eierlich, glaube Engel ſetze 7 305 Mich laß hier neben Dir ſitzen, und ſo wollen wir wie zwei gute und pflichteifrige Diplomaten uns unſere Depeſchen vorlegen. Sieh da! In dieſer Mappe liegt Ihre Rache und Ihre Genugthuung. Dieſe Mappe enthält die Papiere, welche beweiſen, daß Thugut von Rußland und von England Gelder empfangen, um den Kaiſer von Oeſterreich gegen Frankreich aufzuhetzen, und daß ſeine angebliche patriotiſche Ent⸗ rüſtung weiter nichts iſt, als die bezahlte Rolle eines Schauſpielers Ich habe dieſe Mappe aus dem allgemeinen Geſandtſchaftsarchive ent— wendet, verſtehen Sie, Victoria, ich habe ſie für Sie geſtohlen. Laſſen Sie uns dieſe Papiere anſehen, rief Victoria, bebend vor Ungeduld. Bonnier öffnete die Mappe und zog ein Papier aus derſelben hervor. Dann, als er es angeſchaut, flog eine düſtere Wolke über ſein Antlitz hin, und er ſchüttelte unwillig ſein Haupt. Ach, elender Thor, der ich bin, rief er heftig. Mich ſo fürchterlich zu irren. Ich habe eine falſche Mappe genommen. D enthält nicht die Papiere, welche Sie begehrten. Das heißt, ſagte Victoria mit ſchneidender Kälte, das heißt, Sie haben mich abſichtlich getäuſcht. Sie haben mich hierhergelockt mit falſchen Vorſpiegelungen, Sie haben mir ein Mährchen erzählt von wichtigen Papieren, die Sie beſitzen, und die Sie mir zum Zweck meiner Rache anvertrauen wollten. Und jetzt, da ich in edlem Vertrauen auf Ihr ritterliches Wort zu Ihnen komme, jetzt zeigt es ſich, daß Sie mich hintergangen haben, daß dieſe wichtigen Papiere gar nicht exiſtiren. Ah, glauben Sie mir, es exiſtiren hier Papiere, die vielleicht noch wichtiger ſind, als jene Documente, die Sie begehren, ſagte Bonnier achſelzuckend, glauben Sie mir, Herr Thugut würde viele Tauſende darum geben, wenn er die Papiere, die in dieſer Mappe ſind, erhalten könnte. Sie ſind vielleicht noch wichtiger, als jene andern Documente. Victoria's Augen flammten höher auf, und der zornige Ausdruck verſchwand ſchnell aus ihren Zügen. Mit einem lieblichen Lächeln wandte ſie ſich an Bonnier. Was ſind das für Papiere? fragte ſie. Papiere, die Dich nicht intereſſiren, meine holde Fee, ſagte er lächelnd, denn was hat die Liebe und die Rache mit den Verhandlungen Mühlbach, Napoleon. I. Bd. 20 ———— 306 der Diplomatie zu ſchaffen? Dieſe Mappe enthält nur diplomatiſche Actenſtücke, nur die geheime Correſpondenz zwiſchen uns und dem preu⸗ ßiſchen Gouvernement und die Unterhandlungen eines Bündniſſes zwiſchen Frankreich und Preußen, weiter nichts. Dich, meine ſchöne Victoria, intereſſirt das nicht, aber Thugut würde dieſe Papiere gern erkaufen mit denen, welche Du begehrſt. Victoria's Blicke ruhten mit einem glühenden Ausdruck auf der Mappe, und unwillkürlich zuckte ihre Hand nach derſelben hin. Bonnier ſah es und ein ſeltſames Lächeln flog einen Moment über ſein düſteres Antlitz. Ein Glück, ſagte er, daß ich meinen Irrthum noch bemerkte, bevor ich Dir die Mappe gab. Der Verluſt dieſer Papiere würde mich unrettbar compromittirt haben! Aber Du ſchweigſt, Victoria, Du ſagſt kein Wort? Du glaubſt noch immer nicht an die Wahrheit meiner Worte? Ich ſchwöre Dir, meine Zauberin, es war nur ein Verſehen, ich habe nur die falſche Mappe gegriffen. Schwören Sie nicht, ſondern überzeugen Sie mich, ſagte Viectoria. Gehen Sie und holen Sie die andere Mappe! Und ich ſollte Dich hier ſo lange allein laſſen? fragte er zärtlich. Sollte ein ſolcher Verſchwender ſein, dieſe koſtbaren Minuten zu ver ſchleudern, die ich an D Victoria ſprang auf und ſah ihn mit flammenden, gebieteriſchen Blicken an. Holen Sie die Papiere, rief ſie, oder ich verlaſſe Sie in dieſem Moment und Sie ſehen mich niemals wieder. ſ einer Seite ſein darf? Das iſt ein Wort, mit welchem Sie mich ſelbſt in die Hölle treiben würden! ſagte Bonnier glühend. Erwarten Sie mich hier, Victoria, ich hole Ihnen die Papiere. Er grüßte ſie mit einem raſchen Neigen des Kopfes, und die Mappe unter den Arm nehmend, ſchritt er haſtig der Thür zu. Hier wandte er ſich noch einmal nach ihr um, ſeine Augen begegneten ihren Blicken, die feſt auf ihm ruhten. Er drückte ſeine Fingerſpitzen an ſeine Lippen und warf ihr Küſſe hin; während er das that, glitt die Mappe leiſe unter ſeinem Arm nieder und fiel zu Boden. Bonnier achtete nicht darauf, er hatte nur Sinn und Aufmer Augen blitt Kehren und Bonnie ſich hintet Schritte. Victori einem lung bohrte ſie i etwas; tiefe Nune vorwärts. allein die Jetzt ſich mit 1 Bir lag. warun kor lag uuhig nch ihr h Noch umher, do Beute ſt Nun tiunphir und zoge ige eng anzuſchau ud bat ſchneren ſe wieder Ne veß Entzice ihre Au omatiſche em preu⸗ zwiſchen bieteriſchen ſſe Sie in le treiben Wrelorlé⸗ und die Hier zu 307 und Aufmerkſamkeit für die ſchöne Victoria. Aber ſie ſah es, und ihre Augen blitzten vor Freude. Kehren Sie bald zurück! ſagte ſie mit einem bezaubernden Lächeln, und Bonnier ging. Sie ſchaute ihm erwartungsvoll nach, bis die Thür ſich hinter ihm geſchloſſen, dann horchte ſie auf das Geräuſch ſeiner Schritte. Jetzt verhallten ſie, jetzt war Alles ſtill um ſie her. Victoria bewegte ſich nicht, ſie ließ nur ihre großen Augen mit einem langen, prüfenden Blick durch das ganze Zimmer gleiten, ſie bohrte ſie in jeden Vorhang, jedes Meuble. Aber nirgends regte ſich etwas; tiefes, lautloſes Schweigen umgab ſie. Nun erhob ſie ſich langſam von ihrem Sitz und that einige Schritte vorwärts. Das Rauſchen ihres ſchweren Seidenkleides unterbrach allein die Stille Jetzt ſtand ſie wieder ſtill und horchte, und ihre Augen richteten ſich mit verlangender Gluth auf die Mappe die dort neben der Thür lag. Warum hatten ihre Blicke nicht die Kraft eines Magneten, warum konnten ſie dieſe Mappe nicht zu ſich ziehen!— Die Mappe lag ruhig und unbeweglich da, Victoria ſtreckte vergeblich die Hände nach ihr hin, ſie vermochte ſie nicht zu erreichen. Noch einmal warf ſie einen flammenden, fragenden Blick im Zimmer umher, dann ſprang ſie vorwärts wie eine Löwin, die ſich auf ihre Beute ſtürzt. Nun hatte ſie die Mappe erfaßt, nun hob ſie ſie empor mit einem triumphirenden Lächeln. Raſch ſenkten ſich ihre kleinen Hände hinein und zogen die Papiere hervor. Es waren nur wenige Briefe, dann einige eng beſchriebene Blätter. Victoria ließ ſich nicht die Muße ſie anzuſchauen, ſie ſenkte die Papiere raſch in die Taſche ihres Kleides und bauſchte die Falten wieder auf, daß nichts zu ſehen war von ihrem ſchweren Inhalte. Dann ſchlug ſie die M wieder zu und legte ſie wieder auf den Fußboden, genau auf dieſelbe Stelle, wo ſie vorher gelegen. Jetzt war das Werk vollbracht. Wie ihr Antlitz leuchtete vor Entzücken, welch ein dunkles Incarnat auf ihren Wangen brannte, wie ihre Augen blitzten vor diaboliſcher Luſt, vor triumphirender Freude. 20* ——— ———— —— 308 Mit leichten, unhörbaren Schritten ſchwebte ſie jetzt wieder durch das Gemach hin und nahm ihren Platz vor dem Schreibtiſch wieder ein. Und ein Glück war's, daß ſie das gethan, denn ſchon näherten ſich von außen Schritte; die Thür ward geöffnet, und Bonnier trat ein. III. Die Rechtfertigung. Einen Moment blieb Bonnier auf der Schwelle ſtehen und ſeine Augen hefteten ſich auf Victoria, die ihn mit einem ſüßen, zauberhaften Lächeln begrüßte. Aber das Lächeln verblich auf ihren Lippen, als ſie den drohenden, zornflammenden Blick ſah, mit welchem er ſie anſtarrte, und den Ausdruck finſtern Grolls auf ſeinem düſtern, ſtolzen Angeſicht. Indeß ſie täuſchte ſich vielleicht, und es war nur die Angſt ihres Gewiſſens, welche ſie fürchten machte. Und Sie bringen mir die Papiere, mein geliebter Freund? fragte ſie mit einem Ausdruck bezaubernder Freundlichkeit. Ja, ſagte er, immer noch auf der Schwelle ſtehend, ich bringe Ihnen die Papiere, aber ſehen Sie nur, welch einen Thoren die Liebe aus mir gemacht hat! Um Ihretwillen habe ich da die Mappe mit dieſen andern Papieren vergeſſen und zu Boden fallen laſſen. Erkennen Sie nun Ihre Allgewalt über mich? Denn ich ſagte Ihnen doch, daß der Verluſt dieſer Papiere mich unrettbar compromittiren würde? Ja, Sie ſagten mir das, ſagte Victoria lächelnd. Und dennoch vergaß ich ſie hier! rief Bonnier, indem er ſich nieder⸗ bückte, um die Mappe aufzuheben. Aber ſofort ſprang Victoria auf und eilte zu ihm hin. Zur Strafe Ihrer Unachtſamkeit ſollen Sie jetzt die Mappe am Boden liegen laſſen, ſagte ſie lächelnd, und ſollen gar nicht mehr an ſie denken Ihnen das Sie n ihren brenn Bonni Mag ſie de ſpielt. Unt ſprechen? Jo, d Nicht ohne Zeug meine Zeu Er w Trete der Schwe Vebrh. L achtungsvo ſchriten gr ihnen de Bieto ihr roſige Vell fragte ſie ie gfiligſt matiſchens Sch zu b Go dor* gering hinanseng. mözuf unterhtech Yonnier Er Hahn 9 er, ſich der durch ſch wieder näherten trat ein. und ſeine uberhaften n, als ſie anſtarrte, Angeſicht. gſt ihres d? fingie ppe mit Erkennen nen doch, n würde ich nieder⸗ ctorin aul pe am hr an Nap tme 309 ſie denken dürfen, ſo lange als ich bei Ihnen bin. Sagen Sie, wird Ihnen das ſo ſchwer werden? Sie neigte ihr ſchönes Antlitz dicht zu ihm hin und ſah ihm mit ihren brennenden Blicken tief in die Augen. Bonnier ließ die Mappe wieder zur Erde niedergleiten und lächelte. Mag ſie denn da liegen bleiben, ſagte er, ſie hat ihre Rolle ausge⸗ ſpielt. Und jetzt, nicht wahr, jetzt wollen wir wieder von Geſchäften ſprechen? Ja, das wollen wir, rief Victoria. Geben Sie mir die Papiere. Nicht doch, man giebt ſo wichtige Dokumente nicht aus der Hand, ohne Zeugen zu haben, ſagte Bonnier. Erlauben Sie daher, daß ich meine Zeugen rufe. Er wandte ſich raſch der Thür zu und ſtieß ſie auf. Treten Sie ein, meine Herren! rief er, und ſofort erſchienen auf der Schwelle die beiden andern franzöſiſchen Geſandten, Roberjot und Debry. Ohne Gruß und Verbeugung, Victoria nur mit kalten, ver⸗ achtungsvollen Blicken anſchauend, traten die beiden Herren ein und ſchritten grade zu dem Arbeitstiſch hin. Bonnier aber verſchloß hinter ihnen die Thür und ſteckte den Schlüſſel in ſeine Taſche. Victoria ſah das und eine leichte Bläſſe flog einen Moment über ihr roſiges Antlitz hin. Wollen Sie mir ſagen, mein Herr, was dies Alles bedeutet? fragte ſie mit drohender Stimme. Sie werden es ſogleich erfahren, ſagte Bonnier. Nehmen Sie gefälligſt Ihren Lehnſtuhl wieder ein, denn wir wollen unſere diplo⸗ matiſchen Verhandlungen wieder aufnehmen. Sie, meine Herren, ſetzen Sich zu beiden Seiten der Dame, ich ſetze mich ihr gegenüber und bei der geringſten Bewegung, die ſie macht, entweder um dort zum Fenſter hinauszufahren, oder auch nur mit einem Wort, einem Ausruf uns zu unterbrechen, ſchieße ich ihr eine Kugel durch den Kopf! So wahr ich Bonnier heiße! Er zog aus ſeinem Buſen ein Terzerol hervor und ſpannte den Hahn. Ich befehle Ihnen, zu ſchweigen und ſich ſtill zu verhalten, ſagte er, ſich an Victoria wendend. Das Terzerol iſt geladen, und beim 310 ewigen Gott, wenn Sie meine Befehle nicht reſpectiren, vollziehe ich an Ihnen die Strafe, die Sie verwirkt haben, ich nehme Ihnen das Leben, wie man es jedem Spion thut, der ſich in ein feindliches Lager eingeſchlichen! Er ließ ſeine Rechte, welche das Terzerol hielt, auf den Tiſch niedergleiten und wandte ſich dann an die beiden Herren, die mit düſterm Schweigen ihm zugehört hatten. Jetzt, meine Freunde, ſagte er, ſein Haupt rückwärts biegend, um ſeine langen, ſchwarzen Haare, die Mähnen gleich ſein Geſicht umwogten, fort zu ſchütteln, jetzt, meine Freunde, bitte ich Euch, meine Rechtfer⸗ tigung anzuhören. Ihr habt mich in letzter Zeit für einen Thoren, für einen verlornen Sohn der Republik gehalten, welcher um elenden Liebesſpiels mit einer Coquette willen die heiligſten Intereſſen ſeines Vater⸗ landes vernachläſſigte. Ihr ſollt jetzt erkennen und eingeſtehen, daß, indem ich verloren ſchien, ich doch nur thätig war zum Wohl und Ruhm der einigen und großen Republik, und daß dieſes Weib mit ihrer ſchönen Larve mich keinen Moment die Pflichten gegen mein Vaterland hat vergeſſen laſſen! Meine Rechtfertigung liegt in dieſen Papieren! In dieſen Papieren, Madame, mit welchen Sie Sich zu rächen hofften! Verzeihen Sie, meine Zauberkönigin, ich habe mich abermals vergriffen und eine falſche Mappe gebracht, es ſind immer noch nicht die Documente, welche Sie haben wollen. Vielleicht ſind ſie doch in der Mappe, welche da am Boden liegt! Er ſah Victoria mit einem ſpöttiſchen Lächeln an; ſie hielt ihre großen Augen feſt und unverwandt auf ihn gerichtet; keine Muskel ihres Geſichts zuckte, nicht die leiſeſte Unruhe oder Furcht ſprach aus ihren Mienen. Bonnier öffnete die Mappe und zog die Papiere hervor. Ich werde Euch nur kurz den Inhalt jener Papiere andeuten, ſagte er hr könnt ſie nachher mit Ruhe durchleſen, meine Freunde. Dieſes erſte Papier iſt ein Brief, den ich mit einem Courier aus Wien erhielt, ohne daß ich weiß, wer ihn mir geſandt. Der Brief enthält nichts als die Worte: „Seien Sie auf Ihrer Huth. Man wird einen ſehr gefährlichen Spion a eines hor Sie Nier aber unt Ruf um Dame, und wer daß ſon ling G Odalis D ſie mit gerichtet dieſe au ²6 wa Inhal ein! bern ollziehe ich Ihnen das liches Lager den Tiſch die mit iegend, um umwogten, Rechtfer⸗ en Thoren, um elenden eines Vater⸗ tehen, daß, Wohl und Weib nit gegen mein t in ie Sich 3l habe m ich ſind immer eicht ſind iell 1„p ie hielt ihre Muskel ihres aus ihren ervor⸗ I agte e I Dieſes erhiel, ohne 49 a5 die ichts als gefihrlichen 311 Spion an Sie abſenden, eine Frau, welche die genaueſte Freundin eines hochgeſtellten Mannes iſt. Empfangen Sie ſie gut und laſſen Sie Niemand dieſe Zeilen ſehen. Es iſt zum Wohl Frankreichs.“— Ihr werdet es natürlich finden, daß ich ſchwieg, ſelbſt gegen Euch, meine Freunde, ſchwieg und wartete. Zwei in ſpäter erhielt ich dieſes zweite Papier. Es kam von einer Dame, wel che ſchrieb, daß ſie eben in Raſtatt angelangt ſei und mich dringend zu ſprechen begehre, aber unter den Schleiern des tiefſten Geheimniſſes.— Ich folgte dem Ruf und begab mich in das bezeichnete Haus. Dort fand ich dieſe Dame, die ſich mir ſelber darſtellte als die Frau Victoria von Poutet, und wenn Ihr ſie jetzt anſeht, meine Freunde, werdet Ihr begreifen, daß ſowohl der raffinirte Halbtürke Thugut, als auch der tolle Wüſt⸗ ling Graf Lehrbach ſie lieben, denn ſie iſt ſchöner wie die ſchönſte Odaliske und die ſchönſte Phryne! Die drei Männer richteten ihre Augen auf Victoria und ſchauten ſie mit prüfenden, unverſchämten Blicken an. Victoria ſaß gradauf⸗ gerichtet, unbeweglich da, nicht einmal ihre Wimpern zuckten, ſie ſchien dieſe auf ſie gerichteten Blicke gar nicht zu ſehen, denn ihr Auge ſtarrte in die Weite, ſie ſchien auch die Worte Bonniers gar nicht gehört zu haben, denn ihr Antlitz blieb ruhig, faſt lächelnd. Bonnier fuhr fort: Die Dame erzählte mir ein allerliebſtes Mährchen, deſſen nähere Details ich Euch erſpare. Genug, ſie war von Thugut an ihrer Unſchuld und Ehre,— merkt wohl auf, an ihrer Unſchuld und Ehre!— gekränkt und wollte Rache nehmen. Dazu ſollte ich ihr behülflich ſein. Ich gab mir den Anſchein, ihr Alles zu glauben, und verſprach ihr den Schutz, den ſie von mir begehrte.— Dieſes dritte Papier hier fand ich auf meinem Schre eibtiſch, als ich von der Dame heimkehrte. Ein Unbekannter hatte es abgeg es war von derſelben Handſchrift, wie der erſte Brief. Hört ſeinen Inhalt:„Man will einen Roman mit Ihnen ſpielen, gehen Sie darauf ein! Man kennt die Zauberkraft der Schönheit und will Sie verzau⸗ S bern, um Ihnen Geheimniſſe und Papiere zu entlocken. Geben Sie ———— —— 1 ——.—— ——— Sich den Anſchein verzaubert zu ſein und Sie werden die Intrigue durchſchauen.“— Der Rath war gut und ich befolgte ihn. Ich gab mir den An⸗ ſchein, verzaubert zu ſein. Ich ſpielte den ſchwärmeriſchen Liebhaber dieſer Dame gegenüber, und obwohl ich ohne Zweifel mich dabei ſehr ungeſchickt geberdet habe, war ſie doch ſo gütig mir zu glauben, denn ſie weiß ja, daß Niemand der Macht ihrer Schönheit widerſtehen kann. Aber um meine Rolle wahrheitsgetren durchzuführen, mußte nicht blos Frau von Poutet, ſondern auch ganz Raſtatt von meiner Verzauberung überzeugt ſein, denn Victoria iſt ſehr verſchmitzt und ſchlau, Thugut hat ſich an ihr eine würdige Schülerin gebildet. Ich mußte alſo die Maske meiner Verliebtheit überall tragen, ſelbſt vor Euch, meinen Freunden! Ich mußte es mir gefallen laſſen, ſo lange für einen Narren zu gelten, bis ich Euch beweiſen konnte, daß ich ein verſtändiger Menſch ſei, ich mußte meine Larve ſo lange tragen, bis ich dieſem Weibe da ihre Larve fortreißen konnte! Oh, meine Freunde, ich verſichere Euch, es iſt kein leichtes Spiel der Liebhaber dieſer Dame zu ſein! Sie verlangt ſehr viel Anbetung, ſehr viel Gluth, ſehr viel Leidenſchaft, ſie hat ſelbſt ſehr heißes Blut, und irre ich nicht iſt ſie eine Urenkelin der ſchönen Römerin Meſſaline. Jetzt zum erſten Male ging ein leiſes Zucken durch Vietoria's Ge⸗ ſtalt, und eine dunkle Purpurgluth ſchoß über ihre Aber das dauerte nur einen Moment, dann ſaß ſie wieder ganz teilnehns und unbeweglich da. Sier haben, trotz der Schwierigkeit Ihrer Aufgabe, Ihre Rolle meiſterhaft geſpielt, ſagte Jean Debry mit rauher, ſtrenger Stimme, wir Alle glaubten an Ihre Verliebtheit, und ſicher hat auch dieſe neue Meſſaline nicht gezweifelt. Nein, ſie hat nicht gezweifelt, ſagte Bonnier mit einem verächt⸗ lichen Lächeln. Sie umgab mich mit Spionen, die mich beobachteten, aber zum Glück kannte ich dieſe und verrieth mich nicht. Woher kannten Sie dieſe? fragte Roberjot. Mein unbekannter Briefſchreiber lehrte ſie mich kennen. Er hatte ſein Incognito aufgehoben und kam zu mir, indem er ſich durch einige Zeilen, di 2 beiden erſt lung ſeine ihm fünfta wandteſten um von m verſprocher wohl verdi larben.*) über Alles alle dieſe ſicht davo Frau Vict dennoch m gutem Eir betlaſen, daß mein hintergan Victoria Paris ab Popiere Dnge ſch wad er! treueſte un tzihlte ſpi Geld Seh vord Franzuſen Geſa andtn Intrigue den An⸗ jebhaber bei ſehr en, denn derſtehen mußte meiner titzt und et. Ich elbſt vor ſo lange ſt ich ein Stimme, eſe neue vericht⸗ achteten⸗ Er hatte h einge Zeilen, die er in meiner Gegenwart ſchrieb, als den Schreiber jener beiden erſten Briefe ausgewieſen. Er bot mir gegen glänzende Bezah⸗ lung ſeine Hülfe an, um die Intrigue zu entwirren und ich verſprach ihm fünftauſend Franes. Es war einer unſerer ſchlaueſten und ge⸗ wandteſten Spione, und er wollte mit dieſer Affaire ſein Meiſterſtück liefern, um von mir eine Empfehlung an den General Bonaparte zu erhalten, der eben aus Aegypten heimgekehrt iſt. Ich werde ihm heute ſeinen verſprochenen Lohn, und die Empfehlung geben, denn er hat Beides wohl verdient, und hat mir treulich beigeſtanden, dieſes Weib zu ent⸗ larven.*) Von ihm erhielt ich jeden Morgen einen ſchriftlichen Rapport über Alles, was Frau von Poutet am vorhergehenden Tage gethan; alle dieſe Papiere befinden ſich in dieſer Mappe, und Ihr werdet Ein⸗ ſicht davon nehmen, meine Freunde! Ihr werdet daraus erſehen, daß Frau Victoria, welche zu mir gekommen, um ſich an Thugut zu rächen, dennoch mit ſeinem genaueſten Freunde, dem Grafen Lehrbach, in recht gutem Einverſtändniß geſtanden, denn jeden Abend, wenn ich Victoria verlaſſen, begab ſich der edle Graf in ihr Haus und weilte dort mehrere Stunden lang an ihrer Seite, obwohl Victoria mir geſagt, daß Graf Lehrbach nichts von ihrem Hierſein ahne.— Indeſſen war es möglich, daß mein Spion auch mich hinterging, ſo gut, wie er die Dame Poutet hintergangen. Um das zu prüfen, theilte ich eines Abends meiner Victoria mit, daß am andern Morgen ein franzöſiſcher Courier nach Paris abgehen werde, welcher dem Directorium außerordentlich wichtige Papiere über eine Allianz mit Rußland überbringen ſolle. Am andern Tage ſchickten wir einen Conrier ab, und ſchon unweit von Raſtatt ward er von öſterreichiſchen Huſaren angehalten, ſeiner Papiere beraubt, *) Dieſer Spion hieß Schulmeiſter und war ſpäter der gewandteſt treueſte und unerſchrockenſte Spion, deſſen ſich Bonaparte bediente. Er r erzählte ſpäter von der Rolle, die er in Raſtatt geſpielt, und wobei er doppeltes Geld verdient. Einmal vom Grafen Lehrbach, dem er mitgetheilt, daß bei den Franzoſen ſich ſehr wichtige Papiere befänden, und dann von den franzöſiſchen Geſandten, die er vor Lehrbach gewarnt, und denen er gerathen, ihre Papiere zu verbrennen und auf ihrer Huth zu ſein.„Lebensbilder aus dem Be freiungskrieg.“ II. . 314 und gefangen nach Gernsbach in das Lager des öſterreichiſchen Obriſten von Barbaczy gebracht, obwohl unſer Courier mit franzöſiſchem Paß und Schild verſehen war, und ſich vollkommen legitimiren konnte.*) Es war dies eine unerhörte Verletzung des Völkerrechts, um deret⸗ willen wir vergeblich Genugthuung gefordert haben, ſagte Jean Debry düſter. Dieſe deutſchen Memmen haben aber nicht einmal den Muth, ſich zu ihren Thaten zu bekennen. Sie leugnen es, unſern Courier beraubt zu haben, aber ſie können es nicht leugnen, daß ſie ihn wider⸗ rechtlich gefangen gehalten. Wie Victoria jetzt nicht mehr leugnen kann, daß ſie es geweſen, die Lehrbach und Barbaczy von dem Abgang des Couriers benachrichtigt hatte, ſagte Bonnier, denn noch eine Viertelſtunde vorher wußte der Courier ſelber nichts davon, und die Depeſchen waren natürlich ſehr unſchuldiger Art. Aber mein ſchöner Vogel da war in die auf⸗ geſtellte Falle geſchlüpft, und ich hielt ihn darin feſt, ohne daß er es merkte. Sie war ganz arglos, und Dank meinem Schauſpielertalent und meiner Liebe erfuhr ich endlich den Zweck ihres Kommens. Geſtern verſprach ich ihr, daß ich ihr heute Papiere übergeben wollte, welche Thugut gefährdeten, und ihn als einen käuflichen Söldling Englands enthüllten; am Abend ſandte Graf Lehrbach einen Courier ab. Wir gebrauchten Repreſſalien, ließen den Courier anhalten, und nahmen ihm ſeine Papiere ab. Er hatte indeſſen nur ein einziges kleines Briefchen an den Miniſter Thugut bei ſich. Hier iſt es! Es enthält nichts als die Worte:„morgen werde ich die Papiere erhalten. Victoria!“ Aber dieſe Worte waren von der ſchönen Hand derſelben Frau geſchrieben, die mir in der letzten Zeit ſo manches zärtliche Liebesbriefchen gewidmet! — Ich hatte ihr dieſe Papiere verſprochen, wenn ſie dieſelben heute von mir abholen wollte, und Ihr ſeht, meine Freunde, daß ſie gekommen iſt! Aber ich wünſchte zu wiſſen, ob dies wirklich der einzige Zweck war, um deſſenwillen Herr von Thugut uns ſeine ſchönſte und klügſte *) Hiſtoriſch. Agentin Ich beſ M noch au Anſchei mich u geblent Am händch mich Papie getrer Poute Gunſ ihrem auszu n Obriſten ſchen Paß onnte.*) um deret⸗ ean Debrh s geweſen, nachrichtigt wußte det türlich ſeht daß er es pielertalent 6 enthält ictori! geſchrieben ngewidnet ſlben heute e daß ſ inzige 50 und lligſe Agentin geſandt, oder ob es nicht noch einige Nebenzwecke dabei gäbe. Ich beſchloß alſo dies heute zu prüfen. Mein kluger Spion hatte mir geſagt, daß Frau von Poutet auch noch auf gewiſſe andere Papiere fahnde. Ich gab mir alſo heute den Anſchein, mich in den Papieren vergriffen und eine Mappe gebracht zu haben, welche unſere Correſpondenz mit dem preußiſchen Miniſter und Documente über eine Allianz zwiſchen Frankreich und Preußen enthalte. Ich ſagte meiner ſchönen Freundin, daß der Verluſt dieſer Papiere mich unrettbar compromittiren würde, und war doch ein ſo von Liebe geblendeter Thor, daß ich die Mappe mit den Papieren unter meinem Arm niedergleiten ließ, als ich meiner Dulcinea ein zärtliches Kuß⸗ händchen hinwarf. Seht Ihr, meine Herren, die Mappe liegt noch dort am Boden, aber freilich, die Papiere ſind nicht mehr darin! Die befinden ſich wohl geborgen in der Kleidertaſche meiner Victoria. Oh, es war eine allerliebſte Scene, als ſie dieſelben ſtahl! Ich beobachtete ſie durch ein kleines Loch, das ich mir heute Morgen durch die Thür gebohrt habe, und durch welches ich meine ſchöne Victoria und jede ihrer Bewegungen ſehr deutlich ſehen konnte. Ja meine Victoria ſtahl die Papiere, obwohl ſie wußte, daß mich dieſer Verluſt unglücklich machen würde! Uebrigens, meine Freunde, wird die Republik nicht nöthig haben, mich zu ſtrafen für dieſen Diebſtahl der Frau von Poutet, denn die Papiere, welche ſie in der Taſche trägt, ſind nichts weiter, als das getreue Journal meines täglichen Zuſammenſeins mit Victoria von Poutet. Ich habe darin jedes meiner Geſpräche mit ihr, jede empfangene Gunſtbezeugung genau notirt, und Victoria mag dies Journal immerhin ihrem Miniſter geben. Wenn er nicht eiferſüchtig iſt, wird er nichts auszuſetzen haben. Und jetzt, meine Freunde, bin ich zu Ende mit meiner Rechtfertigung, und ich frage Euch: habe ich gehandelt als ein guter und treuer Sohn der Republik? Habe ich meine Schuldigkeit gethan? Wird das Vaterland mit mir zufrieden ſein? Ja, ſagte Roberjot feierlich, Sie haben gehandelt als ein gute' — — — — —— —— 316 und treuer Sohn der Republik. Sie ſind dem Feinde, der ſich Ihnen auf Schleichwegen nahte, mit beherztem Muthe in ſeine Schlupfwinkel gefolgt und haben den böſen Ränken, die er gegen Frankreich ſchmiedete, nachgeſpürt. Sie haben Ihre Schuldigkeit gethan! Ja, die Republik wird Ihnen Dank wiſſen für Ihren Eifer, rief Jean Debry. Sie haben ſich in große Gefahr begeben um ihretwillen. Denn gefährlicher noch als eine giftige Schlange iſt ein ſchönes, wol— lüſtiges und ränkeſüchtiges Weib. Wie der heilige Antonius haben Sie der Verſucherin widerſtanden, indem Sie zu unſerer Aller Mutter, zu der großen und einigen Republik beteten! Ja, das Vaterland wird mit Ihnen zufrieden ſein! Ich danke Euch, meine Freunde, ſagte Bonnier mit einem glück⸗ lichen Lächeln, jetzt ſtehe ich wieder vor Euch mit reinem Gewiſſen und ohne Schamröthe auf den Wangen! Ihr habt meine Sühne angenommen! Was dieſes Weib anbetrifft, ſo wollen wir keine weitere Strafe über ſie verhängen. Sie war nur ein Werkzeug in Thugut's Händen, e Stunde hat ſie geſtraft genug, und unſere tiefſte weiter nichts. Dieſ Verachtung allein ſei die Strafe, die ſie mit ſich nimmt. Ja, unſere tiefe Verachtung ſei die Strafe, die ſie mit ſich nimmt! riefen Roherjot und Jean Debry zu gleicher Zeit. Nichts Schmachvolleres unter der Sonne, als ein Weib, das aus ihren Reizen eine käufliche Waare macht, und damit handelt und feilſcht, ſagte Roberjot. Nichts Fürchterlicheres und Ehrloſeres als eine coquette Buhlerin ohne Herz, rief Jean Debry mit dem Ausdruck glühender Verachtung. Victoria von Poutet, ſagte Bonnier, indem er das Terzerol von ſich warf, zwiſchen uns war Alles Komödie, auch dies Terzerol, deſſen vermeintliche Kugel Ihnen Schrecken einjagte und Sie ſchweigen ließ. Es war nicht geladen. Jetzt iſt die Komödie zu Ende, und Ihnen bleibt nichts weiter übrig als zu Ihrem Theaterdirector zu gehen und ihm zu ſagen, daß Sie mit Ihrer Komödie durchgefallen ſind. Sie können jetzt gehen, nichts hält Sie mehr hier zurück! Doch, ſagte Victoria mit vollkommen ruhiger, klangvoller Stimme, Sie habe geſteckt he G ie hin, und und mhig Bonnier Liſch zur Wie nit puryr verüchtlic kalt wie henden( mußte! auß die d Ich Antwort Ich wen ſür diſe nit eine belidigt abwaſchi Bonnier werde R mit Eu eelen G0 — Sie lungſan ſagte 2 Ihnen pfwinkel miedete, n glück⸗ ſſen und 6 gus das als feiſſcht, achtung. vol voh deſſen . en ließ Ihnen 05 — — — U Sie haben vergeſſen, daß Sie den Schlüſſel zu der Thür in Ihre Taſche geſteckt haben, gehen Sie alſo hin und ſchließen Sie auf. Sie deutete mit einer gebieteriſchen Handbewegung nach der Thür hin, und Bonnier ging, ſie aufzuſchließen. Victoria, immer noch ſtolz und ruhig auf ihrem Lehnſtuhl ſitzend, ſchaute ihm nach, und erſt als Bonnier die beiden Thüren weit geöffnet hatte, und wieder zu dem Tiſch zurückgekehrt war, erhob ſie ſich leiſe von ihrem Sitz. Wie ſie jetzt daſtand, hochaufgerichtet, mit flammendem Angeſicht, mit purpurrothen Wangen, die halbgeöffneten Lippen umſpielt von einem verächtlichen Lächeln, die hohe, weiße Stirn in finſtere Falten gelegt, kalt wie Marmor und doch unter dieſer Marmorhülle ein Strom glü⸗ henden Erzes, der, wenn er hervorſtürzte, Tod und Verderben bringen mußte! Es war eine diaboliſche Schönheit, und wie ſie jetzt ihre Augen auf die drei Republikaner hinwandte, leuchteten ſie wie glühende Dolchſpitzen. Ich habe Ihnen auf Herrn Bonniers lange Rede nur eine kurze Antwort zu geben, ſagte ſie ſtolz und ruhig. Dies iſt meine Antwort: Ich werde jene Papiere doch erhalten, und ich werde Rache nehmen für dieſe Stunde! Ihre letzten herrlichen Sentenzen beantworte ich mit einer andern Sentenz: Nichts Gefährlicheres, als ein gereiztes und beleidigtes Weib, denn ſie wird ſich rächen, und wird die Beleidigung abwaſchen mit dem Blut derer, die ſie beleidigt haben. Roberjot, Bonnier und Debry, Ihr habt mich beleidigt, und ich ſage Euch, ich werde Rache nehmen. Ehe drei Mal drei Tage vergangen ſind, habt Ihr mit Eurem Blut für dieſe Stunde gebüßt! Gott ſei Euren armen Seelen gnädig! Sie grüßte ſie Alle mit einem ſtolzen Neigen des Kopfes und ſich langſam umwendend, ſchritt ſie hochaufgerichtet durch das Gemach. Die drei Männer ſchauten ihr nach mit düſtern bleichen Geſichtern und ein leiſes Fröſteln beſchlich einen Moment die Herzen der ſonſt ſo kühnen Republikaner. Sie hatte das Ausſehen eines böſen Dämons, der uns die Zukunft prophezeihte! murmelte Roberjot leiſe vor ſich hin. Sie wird ihr Wort erfüllen, ſie wird uns zu ermorden trachten, ſagte Bonnier. Habt Ihr geſehen, ihre Augen waren naß, aber es — ——— — 318 waren nicht Thränen, welche darin glänzten, ſondern nur das Gift, das ſie auf uns ausſtrömen will. Hüten wir uns! D Ja, hüten wir uns vor dem Gift der Schlange, rief Jean Debry mit ſeiner düſtern Energie. Hüten wir uns und ſeien wir vor allen Dingen Männer, die ſich nicht einfchüchtern laſſen von den wüthenden Drohungen eines Weibes.—— Aber Jean Debry kannte weder die Energie noch die Macht dieſes Weibes, deren Drohungen er verachtete. Er wußte nicht, daß ſie, einmal zum Zorn gereizt, nicht eher ruhte, bis ſie ihre Rache genommen. Spät am Abend dieſes Tages, als ganz Raſtatt ſchlief, empfing Victoria in ihrem Hauſe ihre beiden mächtigen Genoſſen, den Grafen Lehrbach und den Huſarenobriſt Barbaczy, den ſie durch einen reitenden Boten von Gernsbach zu ſich eingeladen hatte. Es war eine lange und inhaltsſchwere Unterredung, welche dieſe Drei mit einander hatten, und in der ſie die Mittel überlegten, die franzöſiſchen Geſandten zu ſtrafen und ihnen die Papiere zu entwenden, welche Thugut begehrte. Wir wollen und müſſen die Papiere haben, es koſte, was es wollez rief Victoria mit aufflammenden Augen. Was wird es weiter koſten, als ein bischen Blut! rief Graf Lehrbach mit kreiſchender Stimme und rauhem Lachen. Dieſe übermüthigen franzöſiſchen Geſellen haben uns hier zwei Jahre lang unter ihre Füße getreten und uns mit Nadelſtichen gepeinigt! Wir wollen ſie jetzt wieder dafür treten und ſtechen, und wenn unſere Nadeln größer ſind, als die ihrigen, was ſchadet das! Thugut will die Papiere haben und er hat es im Voraus verziehen, wenn ſie auch ein wenig mit Blut beſpritzt ſind, ſagte Victoria, indem ſie lächelnd zu dem alten Obriſt Barbaczy hinblickte, der die Hände auf dem Rücken gefaltet, die großen buſchigten Augenbraunen finſter zuſammen gezogen im Gemach auf⸗ und abging⸗ Barbaczy, Barbaczy, murmelte er leiſe vor ſich hin, was wird Welt zu Deinem alten Kopf ſagen.*) 6) Barbaczy's eigene Worte. Siehe: Literariſcher Zodiacus. Schriften in bunter Reihe. Herausgegeben von Theodor Mundt. Jahrgang 1835. Drittes Heft. S. 208. — — Die ſie einen! Wundarzt fült die 2 wenn Ihr ein bisch Mord, Si ſeis gutw Ich legen, ſa Thor lag wwiſchen Reihen; Lhrbach Martet, n Rit, ſch nicht mi Wiſſen als ich Türken nir ein Je Barbac Nu ommen. ictoria ehrbach Lehrbach nüthigen e Füße oppr wiede erziehen, inden e Händ n finſte 319 Die Welt wird es dieſen heißblütigen Franzmännern gönnen, wenn ſie einen kleinen Aderlaß bekommen, und ſie wird Sie als einen guten Wundarzt preiſen, mein lieber Barbaczy, rief Lehrbach lachend. Uebrigens fällt die Verantwortung ja nicht auf Sie! Was können Sie dafür, wenn Ihre hitzigen Sczekler Huſaren über die Schnur hauen und len Ihnen ja keinen Mord, Sie befehlen Ihnen nur, den Geſandten ihre Papiere abzunehmen, ſei's gutwillig oder mit Gewalt. Ich werde worgen früh fünfzig Sczekler Huſaren in die Stadt legen, ſagte Barbaczy gedankenvoll. Sie ſollen vor dem Ettlinger Thor lagern, daß Niemand, wer es auch ſei, die Communikationsbrücken d ein bischen Straßenraub üben. Sie befeh zwiſchen der Stadt und der Vorſtadt paſſiren kann, ohne durch ihre Reihen zu kommen. Victoria trat zu ihm und ihre beiden Hände auf ſeine Schulter legend, ſchaute ſie mit einem reizenden Lächeln zu ihm empor. Und Sie werden einige der beherzteſten Huſaren zu mir und zu Lehrbach ſchicken, damit wir den Tapfern ſagen, welch ein Lohn ihrer wartet, wenn ſie ihre Sachen gut machen? Nein, mein ſchöner Kriegs⸗ gott, ſchütteln Sie nicht ſo wild Ihre Silberlocken, drohen Sie mir nicht mit Ihrer zürnenden Stirn. Denken Sie an Gyurgewo, Freund? Wiſſen Sie noch, was Sie mir damals in den Tranchéen geſchworen, als ich Ihnen mit eigener Hand eine Wunde verband, die Ihnen ein Türkenſäbel geſchlagen? Wiſſen Sie, daß Sie mir damals geſchworen, mir einen Gegendienſt zu leiſten, ſobald es in Ihrer Macht ſtände? Ich weiß das, und bin bereit meinen Schwur zu erfüllen, ſagte Barbaczy ſeufzend. Nun, mein Freund, ich fordere weiter nichts, als dies: ſchicken Sie morgen ſechs der tapferſten und wildeſten Ihrer Huſaren hierher, und befehlen Sie ihnen, das getreulich zu thun, was Graf Lehrbach und ich ihnen auftragen werden! Morgen früh um neun Uhr ſollen die Huſaren vor Ihrer Thür ſtehen, ſagte Barbaczy entſchloſſen. Und ich werde ſie einlaſſen, rief Victoria lächelnd. Sie werden bei mir ſein, nicht wahr, Graf Lehrbach? 320 Ich werde bei Ihnen ſein, um den weiſen Lehren zuzuhören, welche die Göttin Victoria den Söhnen des Mars ertheilt, rief Lehr⸗ bach, ſeine kleinen ſchielenden Augen mit lüſternem Ausdruck auf Victoria's ſchönes Antlitz heftend. Bei Gott, es wird keines andern Mittels bedürfen, als Ihres Lächelns und Ihrer Schönheit, um die tapfern Soldaten zu den kühnſten Heldenthaten anzuſpornen. Wer wäre nicht gern und freudig bereit, ein bischen Franzoſenblut zu ver⸗ gießen, wenn ihm dafür ein Lohn von Ihren Lippen verheißen Und was für einen Lohn wollen Sie den Soldaten verheißer fragte Barbaczy, ſich an Frau von Poutet wendend. Was für That wollen Sie von Ihnen fordern? weiter, als den Geſandten alle ihre Papiere abzunehmen, ——,.—— ſagte Viectoria. Und ſogar auf ihren Leibern genaue Nachſuchung zu halten, ob vielleicht dort Papiere verborgen haben, lachte Graf Lehrbach. Und ihr Lohn ſoll ſein, daß die Huſaren außer den Papieren auch noch ein bischen nach anderer Beute ſehen dürfen, ſagte Victoria. Alſo ein Raubmord, ſeufzte Barbaczy, und verübt von Soldatzz — i — meines Regiments! Ein Raubmord! Pfui, welch ein häßlicher Ausdruck und wer denkt denn an einen Mord! rief Victoria. Sind wir Deutſche denn geſtorben an den Fuß⸗ tritten und Kolbenſchlägen, die uns die Franzoſen ſeit einigen Jahren ſo reichlich ausgetheilt haben? Wir wollen ihnen die nur wiedergeben, und die Herren Franzoſen werden doch auch gerade nicht eine ſo feine Haut haben, daß ſie gleich daran ſterben. Thun Sie, was Ihnen gut ſcheint, ſeufzte Barbaczy. Graf Lehr⸗ bach hat das Recht, mir und meinen Truppen Befehle zu ertheilen, und Ihnen bin ich es ſchuldig, meinen Schwur zu erfüllen. Morgen beſetzen meine Huſaren die Stadt und ich ertheile den franzöſiſchen Geſandten die Ordre, ſofort ahz zuiſe Was bei Ihrer Abreiſe weiter geſchehen ſoll, das mögen Sie Beide mit den Huſaren, die ich Ihnen ſende, verabreden. Ich kümmere mich nicht weiter darum. Und daran thun Sie ſehr wohl, Obriſt, rief Lehrbach.„Allz' viel Wiſſen macht Kopfweh!“ pflegt ja unſer gnädiger Kaiſer zu ſa n we ie uns Obriſt, w Nein, S nit aufgel Luf: Herren! 3 Un d uh über ulagert ſtanden, dieſer U inmer n inndeg Unkeiſe und die 2 Eiſt Hane kaſſelihe aller St latn ſi uzuhören, um die n. Wer zu ver⸗ en wird? rheißen? Thaten unehmen, alten, ob hach. eren auch oria. Soldatz an einen den Fuß⸗ n Johren edergeben eſo feine ruf lehr⸗ ertheilen, Morgen mzöſiſchen eiſe weiter ich Ihnen U Kaiſer 32¹ agen, wenn er die Depeſchen ungeleſen an Thugut zurückgiebt. Senden 9 3 Sie uns alſo morgen Ihre Huſaren, und was auch geſchehen ma 6— Obriſt, wir verrathen einander nicht. Nein, wir verrathen einander nicht! riefen Victoria und Barbaczt 39 mit aufgehobener Rechten. Auf morgen alſo! ſagte Victoria dann. Jetzt gute Nacht, meine Herren! IV. Der Word. In der Frühe des nächſten Morgens verbreitete ſich eine ſeltſame up überraſchende Kunde durch Raſtatt. Oeſterreichiſche Regimenter unlagerten ganz Raſtatt, und von Sczekler Huſaren waren alle Thore beſetzt.— Das war die Kunde, welche diejenigen, die nicht in die Politik eingeweiht waren und den diplomatiſchen Verhältniſſen ferne ſtanden, mit Staunen und einem leiſen Schauer erfüllte. Denn mit dieſer Umlagerung der Stadt, in welcher die franzöſiſchen Geſandten immer noch verweilten, und welcher, ſo lange der Congreß nicht aus⸗ einandergegangen, ſich ſowohl deutſche, als franzöſiſche Truppen im Umkreiſe von drei Meilen nicht nähern ſollten, war der Friede gebrochen und die Verträge aufgelöſt. Erſt jetzt erfuhr man auch, was die noch in Raſtatt verweilenden Herren Geſandten bis dahin ſorgſam verſchwiegen hatten, daß der kaiſerliche Geſandte Graf Metternich bereits vor einigen Tagen in aller Stille Raſtatt verlaſſen, und daß geſtern die Reichsfriedensdepu⸗ tation ſich für ſuspendirt erklärt habe. Der Congreß war alſo aufgelöſt, die Friedens⸗Deputirten von Deutſchland und Frankreich hatten zwei Jahre getagt, ohne ihr Werk Mühlbach, Napoleon. I. Bd. 21 ——— — 3 * 322 zu vollenden, und es ſollte jetzt Alles wieder auseinandergehen in Un⸗ frieden und Krieg. Denn der Krieg war es, welcher ſchon wieder ſein drohendes Gorgonenhaupt emporrichtete, und nicht nach ruhiger Uebereinkunft, ſon⸗ dern in eiliger Verwirrung löſte der Congreß ſich auf. Jedermann beſchloß abzureiſen, alle Koffer wurden gepackt, alle Wagen aus ihren Schuppen hervorgeholt. Die franzöſiſchen Schauſpieler und Tänzer hatten ſchon vor einigen Wochen, beim erſten rauhen Windſtoß des nahenden Sturmes, Raſtatt verlaſſen, den Ratten gleich, welche von dem untergehenden Schiffe ſich flüchten. Die Klänge des Jubels und der Freude waren verſtummt, und überall hörte man nur ernſte, düſtere Worte, begegnete man nur trüben Geſichtern. Jedermann, wie geſagt, rüſtete ſich zur Abreiſe, auch die fran⸗ zöſiſchen Geſandten wollten heut am achtundzwanzigſten April Raſtatt verlaſſen. Ihre Wagen ſtanden ſchon in der Frühe des Morgens ge⸗ rüſtet im Hof des Schloſſes, als auf einmal einige Diener der Ge⸗ ſandtſchaft mit bleichen, erſchrockenen Geſichtern hereinſtürzten und berichteten, daß die Thore von öſterreichiſchen Huſaren beſetzt ſejen, und daß dieſe Niemand mehr aus⸗ und einlaſſen wollten. Selbſt dem badiſchen Commandanten von Raſtatt hatten dieſe Huſaren nicht erlaubt, aus dem Thor hinauszureiten, und er hatte umkehren müſſen.*) Wir aber werden nicht umkehren, ſagte Roberjot entſchloſſen. Man wird es nicht wagen, den Geſandten der franzöſiſchen Republik den ungehinderten Abzug zu wehren. Die Republik würde ein ſolches Wagniß blutig rächen, und dieſe Deutſchen fürchten den Zorn der Republik! rief Jean Debry hochfahrend. Bonnier ſchüttelte heftig ſeine ſchwarzen Mähnen, und eine finſtere Wolke lagerte auf ſeiner Stirn. Es ſind Barbaczy's Huſaren, welche Wenn ich, Kind gefihr In di überreichte Geſandten Roberj rantie, wel lichelnd. E Eie haben Brbaczy g Verſicherun kein Hinde werden. 2 bis die ſch Wollen wi Vir! ſcen Pürd und Kinder ſorgen hat, unnütz iſt. Vos Ich Bomier f Robe nichts von inn ſchl von Wund immer eint vor den Thoren lagern und Victoria von Poutet hatte dieſe Nacht w „„„ 6 8. 3 Rohe wieder eine Zuſammenkunft mit Lehrbach und Barbaczy, ſagte er⸗ S 9 adig! n Ich *) Hiſtoriſch. Siehe: Geheime Geſchichte der Raſtatter Friedensverhand⸗ etzuunge lungen in Verbindung mit den Staatshändeln dieſer Zeit. Von einem Schweizer. men 5 W Theil VI. Kommn hen in Un⸗ drohendes funft, ſon⸗ 2 Jedermann aus ihren nd Tünzer indſtoß des welche von Jubels und nſte, diſtere ch die fran⸗ pril Raſtat Norgens R ner der Ge⸗ lirzten und beſetzt ſeien, Selbſt den nicht erlaubt, ſſen.*) loſſen⸗ Man Riepublik den n, und dieſe pochfuhrend· eine ſinſtere welche ſaren, ſeſe Nacht dieſe No ſagte el⸗ h, zcweizer⸗ Schw Wenn ich, wie Ihr Beide, mit mir zugleich das Leben von Weib und Kind gefährdete, würde ich nicht ohne Garantien abzureiſen wagen. In dieſem Moment ward die Thür geöffnet, und ein Diener überreichte Roberjot ein Schreiben, das ſo eben von dem preußiſchen Geſandten Grafen Görtz geſandt worden. Roberjot erbrach das Schreiben und überlas es raſch. Die Ga⸗ rantie, welche Sie fordern, Bonnier, wird bald hier ſein, ſagte er lächelnd. Es ſcheint, die deutſchen Geſandten theilen Ihre Beſorgniſſe. Sie haben ſich in einer gemeinſchaftlichen Eingabe an den Obriſten Barbaczy gewandt, und von ihm verlangt, daß er ihnen die ſchriftliche Verſicherung ertheile, es ſtände der Abreiſe der franzöſiſchen Geſandten kein Hinderniß entgegen, und dieſelben würden durch nichts gefährdet werden. Der Graf Görtz bittet uns alſo, nicht eher abzureiſen, als bis die ſchriftliche Antwort auf die Anfrage der Geſandten eingetroffen. Wollen wir unſere Abreiſe bis dahin verſchieben? Wir wollen es, ſagte Bonnier. Ihr vergebt Eurer republikani⸗ ſchen Würde nichts dadurch, wenn Ihr für die Sicherheit Eurer Weiber und Kinder ſorgt. Ich darf das ſagen, ich, welcher für nichts zu ſorgen hat, als für ſich ſelber, und welcher weiß, daß da alle Sorge unnütz iſt. Was wollt Ihr damit ſagen, Freund? fragte Jean Debry. Ich will damit ſagen, daß ich noch heute ſterben werde, ſagte Bonnier feierlich. Roberjot erbleichte. Still, flüſterte er, ſagen wir den Frauen nichts von allen dieſen Dingen. Mein Weib hat ohnehin dieſe Nacht einen ſchlimmen Traum gehabt, ſie hat mich im Blute ſchwimmend, von Wunden zerfetzt geſehen, und ſie behauptet, daß ihre Träume immer eintreffen. Roberjot, Bonnier und Debry, Gott ſei Euren armen Seelen gnädig! murmelte Bonnier leiſe. Ich glaube nicht an Träume! rief Jean Debry mit einem lauten, erzwungenen Lachen, und außerdem hat mein Weib gar keinen ſchlim⸗ men Traum gehabt, und keine Warnung vom Schickſal erhalten. Kommen Sie, laſſen Sie uns zu unſern Damen gehen, die bereits in —,— 324 Reiſekleidern ſind und auf die Abfahrt hoffen. Sagen wir ihnen, daß wir vielleicht noch einige Stunden warten müſſen. Aber Stunde nach Stunde verging, und die von den Geſandten abgeſchickte Ordonnanz kehrte nicht zurück. Die deutſchen Geſandten kamen Einer nach dem Andern zu den Franzoſen, um ihnen ihr eignes Befremden, ihre tiefe Indignation über ſo rückſichtsloſes Zögern aus⸗ zudrücken und ſie zu beſchwören, nicht abzureiſen, ehe nicht endlich dieſe Botſchaft gekommen. Die franzöſiſchen Geſandten ſelber waren unſchlüſſig und ver⸗ düſtert, die Frauen gingen mit trüben, verweinten Augen umher. Alles war voll Unentſchloſſenheit, Verwirrung und unbeſtimmtem Schrecken. So verging der Tag und der Abend dämmerte herauf, als endlich die erwartete Ordonnanz, welche die Geſandten an Barbaczy abgeſchickt, zurückkehrte. Aber ſie brachte nicht die erwartete ſchriftliche Antwort des Obriſten. Statt ihrer erſchien ein öſterreichiſcher Huſaren⸗-Officier, der ſich zum preußiſchen Grafen Görtz begab, bei welchem die Geſandten verſammelt waren, und demſelben die mündliche Antwort des Obriſten Barbaczy überbrachte. Der Obriſt ließ ſich entſchuldigen, daß er wegen vielfacher Geſchäfte nicht ſchriftlich zu antworten vermöge, und zugleich ließ er dem Grafen und den Geſandten verſichern, daß die franzöſiſchen Miniſter mit Sicherheit reiſen könnten, und daß ihnen dazu ein Termin von vierundzwanzig Stunden beſtimmt ſei.*) Für die franzöſiſchen Geſandten indeß hatte der Officier ein eigen⸗ händiges Schreiben Barbaczy's erhalten, und er begab ſich in das Schloß, um ihnen daſſelbe zu überreichen. Dieſes Schreiben Barbaczy's lautete: „Miniſter! Sie werden von ſelbſt einſehen, daß innerhalb der von k. k. Truppen beſetzten Poſitionen keine franzöſiſchen Bürger geduldet werden können.— Sie werden es mir daher nicht mißdeuten, wenn ich mich genöthigt ſehe, Ihnen, Mi⸗ *) v. Dohm nach ſeinem Wollen und Handeln. Ein biographiſcher Verſuch von Gronau. S. 600. ni den Nun, ſie verlaſſen Vir n Jo, w ihren beide nach Mord Amet Ahnungen ſich drück und ſchön nich, ſond und unſere laft diiet Nuch der Tod. allin, D Gran, w leren! 2 auch mir Sie weich, du und wir n Bonit, daß wi Vamn wir b, ʒ Rhen hn ta 5 M ſchriſt ihnen, daf Geſandten Geſandten ihr eignes ögern aus⸗ icht endlich und er⸗ gen unher. beſtimntem als endlich abgeſchict che Antwort enOffiier Geſandten Obriſten aß er wegen und zugleic frnßſiſchen ein Tennn iet ein eigen⸗ ſic in das merhalb der gher es nird M⸗ Ihnen, ice L hiſche niſter, anzudeuten, Raſtatt binnen vierundzwanzig Stunden zu verlaſſen.“ Gernsbach, den 28. April 1799. Barbaczy, Obriſt.*) Nun, und was wollen wir thun? fragte Roberjot, als der Officier ſie verlaſſen hatte. Wir wollen abreiſen, ſagte Jean Debry heftig. Ja, wir wollen abreiſen, rief ſein junges, ſchönes Weib, ihn mit ihren beiden Armen umſchlingend. Die Luft hier, ſcheint mir, riecht nach Mord und Blut, jede Minute Zögerung verdoppelt die Gefahr. Armes Weib, haben ſie Dich auch ſchon angeſteckt mit ihren böſen Ahnungen und Träumen, ſagte Jean Debry, ſein Weib zärtlich an ſich drückend. Gott verhüte, daß auch nur ein Haar Deines lieben und ſchönen Hauptes ſollte gefährdet werden. Ich bange nicht um mich, ſondern um Dich und unſere beiden kleinen Töchter. Für Euch und unſere Freunde hier möchte ich das Beſte wiſſen und wählen. Laßt uns abreiſen, rief Madame Roberjot, der furchtbare Traum dieſer Nacht hat uns warnen ſollen. Wenn wir bleiben, droht uns der Tod. Oh, mein Gemahl, ich liebe nichts auf der Welt als Dich allein, Du biſt meine Liebe und mein Glück! Ich würde ſterben vor Gram, wenn ich Dich verlieren müßte! Aber nein, nein, nicht ver⸗ lieren! Wir leben und wir ſterben zuſammen. Wer Dich tödtet, muß auch mir den Tod geben! e ſollen uns Beide nicht tödten, meine Geliebte, ſagte Roberjot weich, das Leben hat uns hoffentlich noch viele Freuden aufgeſpart, und wir wollen heimkehren in unſer Vaterland, um ſie dort zu ſuchen. Bonnier, Sie allein ſchweigen? Sind Sie nicht auch der Meinung, daß wir abreiſen müſſen und zwar dieſen Abend noch? Bonnier fuhr wie erſchreckt aus finſterm Sinnen empor. Reiſen wir ab, ſagte er, man muß dem Schreckniß, welchem man nicht ent⸗ gehen kann, beherzt die Stirn bieten. Reiſen wir ab. Si *) Dieſes Schreiben theilt Dohm nach einer von ihm ſelber gemachten Ab ſchrift mit. 326 So iſt es! riefen— ot und Jean Debry. Die Republik möge ihre treuen Söhne ſchüt Und Gott möge ſeine egübe über uns walten laſſen und uns behüten, rief Madame Roberjot, auf ihre Kniee niederſtürzend. Und neben ihr ſank Jean Debry's Gattin auf ihre Kniee, ihre kleinen Mädchen mit ſich nieder ziehend. Laßt uns beten, beten, meine Kinder, für Euren Vater, für uns und unſere Freunde, ſagte ſie, den Kleinen die Hände faltend. Während die Frauen beteten, machten die Männer ihre letzten Anordnungen, ertheilten ſie die letzten Befehle an die Dienerſchaft und die Poſtillone. Endlich war Alles bereit, und wenn man wirklich abreiſen wollte, mußte es jetzt geſchehen. Leiſe und mit bewegten Mienen näherten ſich Roberjot und Jean Debry ihren Frauen, die noch immer auf ihren Knieen lagen und beteten, leiſe hoben ſie ſie empor. Jetzt ſeid ſtark und muthig, ſeid die würdigen Frauen Eurer Männer, flüſterten ſie. Trocknet Eure Thränen und kommt! Die Wagen ſtehen bereit. Kommt, kommt, Frankreich erwartet uns! Oder das Grab! murmelte Bonnier, der den Andern in den Hof und zu den bereit ſtehenden Equipagen folgte.— Endlich hatten die Geſandten mit ihren Frauen und ihrem Gefolge beim Schein von Lichtern und Laternen ihre Plätze in den Wagen ein⸗ genommen. In dem erſten Wagen ſaß Roberjot mit ſeiner Gemahlin, in dem zweiten Bonnier, in dem dritten Jean Debry mit ſeiner Ge⸗ mahlin und ſeinen Töchtern, in dem vierten, fünften und ſechsten endlich folgten die Geſandtſchaftsſecretaire, die Schreiber und das übrige Gefolge der Geſandten. Die letzte Wagenthür ward geſchloſſen, auf das laute, wirre Durcheinander der Stimmen, des Rufens und Schreiens folgte jetzt eine tiefe, augenblickliche Stille. Dann fragte die laute, tönende Stimme Roberjot's aus dem erſten Wagen: iſt Alles bereit? Es iſt Alles bereit! war die Antwort aus allen Wagen. So! page ſich Es Volken b ziger Ste Bricke ül den Wog het, daß langen 3 Dann w ihn hinſ Er einer,„ her. J gut i den W D Halt! aus ſei zu ihm Er ſtre damit V erſten D ihn n her ſp brauſt ublik müge n und uns nd. niee, ihre r, für uns end. ihre letten erſchuft und eiſen wollte, t und Jean lagen und auen Eurer mmt! Die uns! in den Hof ren Gefulge Vagen ein⸗ r Gemahlin, t ſeiner Ge⸗ und ſechsten er und das wirre aute, jetzt folgte! tänende p ute, it? en So laßt uns abfahren, rief Roberjot, und ſofort ſetzte ſeine Equi⸗ page ſich in Bewegung. Langſam folgten ihr die fünf andern. Es war eine kühle, finſtere Nacht. Der Himmel war mit ſchweren Wolken behangen, nicht der leiſeſte Schimmer des Mondes, kein ein⸗ ziger Stern war zu ſehen. Um den Weg nicht zu verfehlen, und die Brücke über den Rhein zu ſehen, mußte ein Menſch mit einer Fackel den Wagen vorausgehen. Aber der Wind wehte die Flamme hin und her, daß ſie bald zu verlöſchen ſchien, bald hoch aufflackerte, und den langen Zug der Wagen mit einem blitzenden Streiflicht beleuchtete. Dann ward Alles trübe und dunkel und grauſig ſtill. Der Fackelträger, welcher dem erſten Wagen voranging, ſchritt rüſtig auf der Landſtraße dahin. Auf einmal war es ihm, als tauchten zu beiden Seiten des Weges ſchwarze Geſtalten empor und huſchten leiſe vorwärts. Aber er irrte ſich gewiß, es waren nur die Schatten der Bäume, die zu beiden Seiten die Chauſſée begrenzten. Nein, jetzt ſah er es ganz deutlich, es waren Reiter, die neben ihm hinſprengten.. Er hob ſeine Fackel höher empor und ſchaute zur Seite. Nicht einer, nein, eine ganze Reihe von Reitern ſprengte da neben ihnen her. Jetzt ſetzten ſie über den Chauſſéegraben, jetzt ſtellten ſie ſich quer über die Straße in Front auf, und verſperrten den Wagen den Weg. Der Fackelträger ſtand ſtill und wandte ſich um, den Wagen ein Halt! zuzurufen. Aber nur ein unarticulirter gellender Schrei kam aus ſeiner Kehle hervor, im ſelben Moment ſprengten zwei der Reiter zu ihm heran, und hieben mit ihren blitzenden Schwertern nach ihm. Er ſtreckte ihnen ſeine Fackel, ſeine einzige Waffe, entgegen und parirte damit den einen Hieb, der andere berührte nur leicht ſeine Schulter. Was giebt es da, rief jetzt Roberjot's zürnende Stimme aus dem erſten Wagen. Die Reiter packten den Fackelträger an beiden Seiten und ſchleppten ihn nach dem Wagen. Leuchte, ſchrieen ſie ihm zu und hinter ihnen her ſprengte jetzt eine ganze Schaar luſtiger Reiter. Wie ſie vorüber⸗ brauſten an der Fackel, ſah man aus der Dunkelheit hervor ihre wilden — —.—58— —58 bärtigen Geſichter, ihre glühenden Augen und die Silberſchnüre an ihren Uniformen aufblitzen. Die Fackel verrieth das Geheimniß der Nacht, und ließ die Sczekler Huſaren von Barbaczy's Regiment erkennen. Jetzt umringten ſie mit wüſtem Geſchrei den erſten Wagen, und hieben mit ihren Säbeln die Fenſter ein. Miniſter Roberjot! Seid Ihr Miniſter Roberjot? fragten ein Dutzend wilder, tobender Stimmen. Sofort erſchien in der Fenſteröffnung Roberjot's ernſtes, trotziges Antlitz, das von der Fackel mit hellem Schein beleuchtet ward. Ja, ich bin Roberjot, ſagte er laut, bin der Geſandte Frankreichs, und hier iſt der vom kurmainziſchen Geſandten mir ausgeſtellte Paß. Er reichte das Papier dar, aber die Huſaren achteten nicht darauf, vier kräftige Arme zogen Roberjot aus dem Wagen, und ehe er noch Zeit hatte, die Hand nach ſeiner Waffe auszuſtrecken, ſauſeten die Säbel der Huſaren auf ſeinen Kopf, auf ſeine Schultern nieder. Ein furchtbarer, gellender Schrei ward gehört, aber es war nicht Roberjot, welcher ihn ausſtieß, ſondern ſein Weib, die mit bleichen, ſchmerzentſtellten Zügen in der Thür des Wagens erſchien, um zu ihrem Geliebten hinzueilen, um ihn zu retten, oder mit ihm zu ſterben. Aber zwei ſtarke Arme hielten ſie zurück, die Arme des Kammer⸗ dieners, welcher, da er ſah, daß ſein Herr unrettbar verloren war, doch wenigſtens ſeine Herrin von den ſauſenden Säbeln der Huſaren zurückhalten wollte Laß mich, laß mich, ich will mit ihm ſterben! rief ſie, aber der treue Diener hielt ſie feſt, und nicht zu ihrem Geliebten könnend, mußte ſie es ſehen, wie die Huſaren auf ihn einhieben, bis er in ſeinem Blute ſchwimmend zuſammenbrach. Er iſt todt! ſchrie ſein Weib mit lautem Jammerton, und dieſer Ruf weckte Roberjot noch einmal aus ſeiner Betäubung. Er öffnete ſeine Angen und ſchaute noch einmal nach ſeinem Weibe hin. Sauvez! Sauvez! rief er angſtvoll, vh— Was, noch nicht todt! brüllten die Huſaren, und hieben wieder auf ihn ein. 8 Jetzt ſein letzte ſtar vor beiden Hi hören ſoll G ie Armen. Schulter, Bed Deutſch. 3 Jo, eutſch. 3 D 8 S Nu zweiten triger g Bo Bonnie S dem W ein. B einen L lüſterten die inne in wirklic ihr verſ ihn zu zuholen Hinden hnüre an eSczeller gen, und gten ein „trotziges ad. Jo, ichs, und zaß. ht darauf, e er noch uſeten die eder. war nicht bleichen, „um u zu ſterben Kammer⸗ loren wal, r Huſaren aber der könnend, bis et in 329 Jetzt ſtarb er! Dieſes laute, fürchterliche Todesröcheln, das war ſein letzter Lebenskampf. Der Kammerdiener hielt ſeiner Herrin, die ſtarr vor Entſetzen zu ihrem ſterbenden Gatten hinſchaute, mit ſeinen beiden Händen die Ohren zu, damit ſie dieſen fürchterlichen Ton nicht hören ſolle. Sie hörte ihn nicht mehr, ſie lag ohnmächtig in des Dieners Armen. In dieſem Moment legte ſich eine ſchwere Fauſt auf ſeine Schulter, und das wilde, bärtige Antlitz eines Huſaren ſchaute ihn an. Bedienter? fragte der Huſar in ſeinem gebrochenen ungariſchen Deutſch. Ja, Bedienter! ſagte der Kammerdiener in ebenſo gebrochenem Deutſch. Der Huſar klopfte ihn lächelnd mit der einen Hand auf die Schulter, und zog ihm mit der andern Hand die Uhr aus der Taſche, indem er wohlwollend ſagte: Bedienter bleib! Nit bös!— Dann neigte er ſich vorwärts und riß mit raſchem Griff die Kette und Uhr von dem Halſe der ohnmächtigen Madame Roberjot. Nun war ſein Werk vollbracht, nun ſprengte er weiter zu dem zweiten Wagen, nach welchem die übrigen Huſaren ſpeben den Fackel träger geſchleppt, und den ſie umzingelt hatten. Bonnier, ſteig aus! riefen die Huſaren mit wüthendem Geſchrei, Bonnier ſteig aus! Hier bin ich! ſagte Bonnier, die Wagenthür aufſ Sie ließen ihm nicht Zeit, weiter zu ſprechen. Sie riſſen ihn aus dem Wagen und hieben unter wildem Lachen und Schreien auf ihn ein. Bonnier wehrte ſich nicht, er wich keinem ihrer Hiebe aus; ohne einen Laut, eine Klage ſank er zuſammen. Nur ein einziges Wort flüſterten ſeine ſterbenden Lippen. Dieſes Wort hieß: Victoria! Die ſechs Huſaren, die um ihn ſich drängten, hielten keuchend inne in ihrer wüthenden Mordarbeit. Sie ſahen, daß Bonnier todt, wirklich todt, daß ihre Arbeit gethan ſei. Jetzt begann ihre Beute, ihr verſprochener Lohn. Vier von ihnen ſtürzten zu dem Wagen, um ihn zu durchſuchen, alle Papiere, alle Koſtbarkeiten und Koffer hervor⸗ zuholen, die zwei andern plünderten und entkleideten mit gewandten Händen Bonnier's noch nicht erkaltete Leiche. toßend, hier— — 330 Dann ſtürzten die ſechs Huſaren den andern nach zu dem dritten Wagen, zu Jean Debry. Aber die Andern waren ihnen ſchon zuvor⸗ gekommen, ſie hatten Debry, ſeine Gattin und ſeine Töchter ſchon aus dem Wagen geriſſen, ſie beraubten und plünderten die Frau und die Kinder, ſie hieben mit ihren Säbelhieben auf Jean Debry ein. Er ſank zuſammen, der Athem ſtockte in ſeiner Bruſt, die blu⸗ tende Geſtalt dehnte und ſtreckte ſich und lag dann kalt und unbe⸗ weglich da. Todt! todt! jubelten die Huſaren. Die drei Thaten ſind gethan, jetzt kommt die Beute. Unſer ſind die Wagen, unſer Alles, was drin⸗ nen iſt! Kommt, laß uns den vierten Wagen unterſuchen! Es wird nicht mehr gemordet, es wird nur noch geplündert! Und Alles jubelte und kreiſchte: Geplündert! Geplündert! Unſer iſt die Beute!— Und ſchreiend ſtürzte die wilde Meute vorwärts.— Jean Debry lag regungslos, eine blutende Leiche, zur Seite des Wagens Tiefe Nacht umgab die Scene des Grauſens und Entſetzens, die Fackel war verlöſcht, kein menſchliches Auge ſah die Leichen mit ihren klaffenden Wunden. Die Frauen waren von ihren Dienern in ihre Wagen zurückgebracht, die Huſaren waren mit der Plünderung der letzten drei Wagen beſchäftigt, deren Inhaber indeß bei Zeiten gewarnt von dem Geſchrei und den Schmerzenslauten, die aus den erſten Wagen zu ihnen gedrungen, ihre Wagen verlaſſen, und über ſumpfige Wieſen zu der Mauer des Schloßgartens ſich geflüchtet, dieſe überſprungen hatten, und den Garten durchrennend in die Stadt geeilt waren, um vort überall die Schreckensnachricht von der Ermordung der Geſandten zu verbreiten. Au Raſtatt Hadern und de handel ihnen und Grafe Thor lange drauf entge ( Habe Mor em dritten on zuvot⸗ v. ſchon aus nund i Jean Debry. in.. die blu⸗ Auf die Nachricht von der Mordthat ward es ſofort lebendig in und unbe⸗ Raſtatt und zum erſten Mal nach zwei Jahren des Streitens und Haderns ſah man die Geſandten aller deutſchen Mächte von einem id gethan, und demſelben Gedanken belebt, und in Eintracht und Einmüthigkeit was drin⸗ handeln. In feierlichem Zuge begaben ſie ſich an das Ettlinger Thor, Es wird ihnen voran ſchritt der Graf Görtz und der Herr von Dohm, je zwei und zwei folgten die Uebrigen, nur den öſterreichiſchen Geſandten, den ert! Unſer Grafen Lehrbach, vermißte man in dieſem Zuge. Aber die Wache am 6 Thore verweigerte ihnen den Durchgang, und als ſie endlich nach langen Verhandlungen denſelben erlangt hatten, ſtellte ſich ihnen draußen der öſterreichiſche Rittmeiſter Burkard mit ſeinen Huſaren entgegen. Graf Görtz ſchritt ihm mit unerſchrockenem Muthe entgegen. Haben Sie vernommen, daß unweit von der Stadt eine unerhörte rwärts. Sete de etzens, die mit ihren rn in ihre detung der Mordthat an den franzöſiſchen Geſandten ausgeübt worden? Ich habe es gehört, ſagte der Rittmeiſter achſelzuckend. Und welche Maßregeln haben Sie ergriffen, um die Unglücklichen vielleicht noch zu retten? en gewart ſten Wagen „Vieſen fig 6— c.— F ſe ungen Ich habe einen Officier und zwei Huſaren abgeſchickt, um mir erſpruns 3. berſ m Bericht zu erſtatten. varen 8::„— 10 Das genügt nicht, mein Herr! rief Graf Görtz. Sie müſſen Geſandt mehr thun, Sie müſſen Alles aufbieten, was in Ihren Kräften ſteht, denn dies iſt nicht eine gewöhnliche Mordthat, es handelt ſich hier 3 nicht bloß um vergoſſenes Blut und um einige Menſchenleben, ſondern es handelt ſich um Ihre Ehre, um die Ehre Ihres Monarchen, um die Ehre der deutſchen Nation! Es handelt ſich um die Ehre der deutſchen Nation! riefen die Geſandten einmüthig. Unſerer Aller Ehre iſt befleckt durch dieſen Mord! Aber der Rittmeiſter blieb kalt und gleichgültig. Es iſt ein un⸗ — 332 glückliches Mißverſtändniß, ſagte er, bei der Nacht ſchwärmen freilich die Patrouillen umher, und da kann leicht dergleichen geſchehen! Die franzöſiſchen Miniſter hätten nicht bei Nacht reiſen ſollen! Das Un⸗ glück iſt nun einmal geſchehen, wer kann dafür? Auf Befehl iſt es nicht geſchehen.*) Wer könnte es nur für möglich halten, daß eine ſolche Schand⸗ that auf Befehl irgend einer Behörde geſchehen ſei, rief Graf Görtz entrüſtet. Ach Gott, Schandthat! ſagte Burkard achſelzuckend. Es ſind einige Geſandte getödtet. Auch uns ſind wohl ſchon einige Generale todt geſchoſſen worden!**) Graf Görtz wandte ſich mit dem Ausdruck edler Indignation an ſeine Begleiter. Sie ſehen, meine Herren, ſagte er, wir haben hier wenig auf Hilfe und Beiſtand zu hoffen, laſſen Sie uns ihn ander⸗ wärts ſuchen. Mögen einige von uns ſich ſelbſt nach Gernsbach zum Obriſt Barbaczy verfügen, während wir gemeinſchaftlich uns dorthin begeben wollen, wo die Mordthaten geſchehen ſind. Wenn der Herr Rittmeiſter uns keine Escorte dahin geben will, ſo werden wir uns ohne Escorte auf den Weg machen, und wenn wir dabei unſer Leben verlieren, ſo wird Deutſchland uns zu rächen wiſſen! Ich werde Ihnen eine Escorte geben, ſagte Burkard, ein wenig eingeſchüchtert von dem energiſchen Weſen des Grafen. Während die Geſandten am Ettlinger Thor mit dem Rittmeiſter unterhandelten, waren die Huſaren immer noch mit der Ausplünderung der ſechs Wagen beſchäftigt. Als ſie mit den erſten drei Wagen fertig waren, bedeuteten ſie die Frauen und Diener, dieſelben wieder zu be⸗ ſteigen, und ruhig und ſchweigend abzuwarten, was weiter mit ihnen geſchehen ſolle. Niemand wagte ſich zu widerſetzen, Niemand hatte die Kraft dazu. Das Entſetzen hatte ſie Alle betäubt, ſinnlos gemacht. Madame Debry lag mit offenen Augen, mit thränenloſen, ſtarren Die wörtlich genaue Antwort des Rittmeiſters Burkard. Siehe:„Ge meinſchaftlicher Bericht deutſcher Geſandtſchaften über den an der franzöſiſchen Geſandtſchaft in der Nähe von Raſtatt verübten Meuchelmord.“ *) Wörtliche Antwort. Ebendaſelbſt. Blicken d mochten hndering immer m Nien Wunden zu, die ſich zu 1 ſo ſchwe wieder zenden durſtſtill hben, ſein Ar jett er A er muſ jenem ſeiner man an E er woll A blieb f Nocht wie e en freilich en! Die Das lUn⸗ ehl iſt es Schand⸗ taf Görtz Generale nation an aben hier n ander⸗ bach zum s dorthin der Herr wir uhs ſer Leben ein wenig tittmeiſter lünderung gen fertig e ju be⸗ nit ihnen hatte die gennc ſtartel Blicken da, und weder die Thränen noch die Küſſe ihrer Töchter ver⸗ mochten ſie aus dieſer Erſtarrung zu wecken. Madame Roberjot lag händeringend in ihrem Wagen, und rief unter furchtbarem Schluchzen immer nur: ſie haben ihn vor meinen Augen zerhackt!*) Niemand kümmerte ſich um die Leichen, welche mit ihren klaffenden Wunden da im Graben lagen! Die ſchwarze Nacht allein deckte ſie zu, die ſchwarze Nacht allein ſah, wie Jean Debry auf einmal leiſe ſich zu regen begann, wie er die Augen öffnete und den Kopf empor hob, um zu ſehen, was um ihn her geſchah. Mit dem Muth der Verzweiflung hatte er, ſo lange die Huſaren noch in ſeiner Nähe waren, die Rolle eines bewegungsloſen, ſtarren Todten geſpielt, jetzt, da er kein Geräuſch mehr in ſeiner unmittelbaren Nähe vernahm, jetzt war es Zeit, an ſeine Rettung zu denken. Er ſetzte ſich im Graben aufrecht und horchte. Sein Haupt war ſo ſchwer, daß er nicht die Kraft hatte, es empor zu halten, es ſank wieder auf ſeine Bruſt, das Blut rann aus einer brennenden, ſchmer⸗ zenden Wunde über ſein Antlitz in ſeinen Mund und war der einzige durſtſtillende Trank für ſeine lechzenden Lippen. Er wollte den Arm heben, um dieſe Wunde zu ſchließen, und das Blut aufzuhalten, aber ſein Arm fiel ſchwer und lahm an ſeiner Seite nieder, und er fühlte jetzt erſt, daß er auch dort tief verwundet ſei. Aber obwohl blutend und zerhackt von Wunden, er lebte doch, und er mußte daran denken, ſein Leben zu erhalten. Denn da drüben aus jenem Wagen tönte das Weinen ſeiner Kinder, und der Klageſchrei ſeiner Diener. Nur ſein Weib hörte er nicht! Ob ſie todt war? Ob man auch ſie ermordet hatte? Er durfte jetzt nicht darnach forſchen und fragen. Er mußte und er wollte ſich retten. Langſam, ſeiner Schmerzen nicht achtend, ſtand er auf. Alles blieb ſtill um ihn her. Niemand hatte ſein Aufſtehen geſehen, die Nacht beſchützte ihn mit ihren ſchwarzen Schleiern. Sie beſchützte ihn, wie er jetzt einige Schritte vorwärts that, dem Walde zu, der da zur *) Us Pont haché devant mes veux. Zodiacus. III. 195. 05 85 Seite der Chauſſée hinlief. Der Wald nahm ihn auf, die Schatten Er ſ 3 der Nacht und des Waldes deckten dieſe hohe, ſchwarze Geſtalt, die jetzt Rettung: 5 im Dickicht verſchwand.. jett wied 6 Aber in dieſem Dickicht konnten auch ſeine Feinde auf ihn lauern. Dr Jeder Schritk vorwärts konnte ihm neue Gefahren bringen.— Droſtlos Regen w 3 und erſchöpft lehnte Jean Debry ſeine ſchwankende Geſtslt an einen õ wie es1 6 Baum, den feſten Stamm deſſelben mit ſeinen beiden Armien umrankend. zemuälter . Dieſer Baum war jetzt ſein einziger Schutz, der einzige Freund, an Mtrn 3 den er ſich lehnen konnte! Ihm allein konnte er uhwöllte er ſeit Der 1 Leben anvertrauen. Blut vot . 3 Seines verwundeten Armes, ſeiner Schmerzen nicht achtend, kletterte die da n Jean an dem knorrigen Stamm empor. Nun ſchwang er ſich Alle mit 3 empor in die Zweige, kletterte von Aſt zu Aſt. Einige aus ihrem Schlaf das in aufgeſchreckte Vögel hoben ſich aus dem Blätterwerk und hüſchten von die ſonſ dannen. Jean Debry ſchaute ihnen nach und flüſtertet Sh werdet Je mich nicht verrathen! 6 ſchauder Auf dem höchſten der Aeſte, im dichteſten Laubwerk ſetzte er ſich und ſch nieder, keuchend von der Anſtrengung, wimmernd von den Schmerzen Es 6 ſeiner Wunden. Todesmatt lehnte er ſein Haupt rückwärts an den die Lich . Stamm des Baumes, deſſen dichtes Gezweig ihn ſanft umhüllte, und R ₰ ſeinem Haupt ein Dach, ſeinen Füßen einen Seſſel gab. Schrei Hier bin ich in Sicherheit, hier ſucht mich Niemand, murmelte die Th Jean Debry, und erſchöpft von allen Qualen und Leiden ſchlief er ein. wandte Die Nacht mit ihren ſchwarzen Schleiern deckte ihn zu und fächelte D 1 mit ihren kühlenden Lüften ſeine heiße Stirn, das Laub des Baumes daten e legte ſich weich und friſch um ſeine fiebernden Wangen und liebliche Schide Träume ſtiegen vom Himmel hernieder, dieſe arme geängſtete Wenſ der d ſeele zu erquicken. 6 Nach Stunden erquickenden Schlafs ward Jean Debry gobkat. vn aber nicht von rauhen Menſchenhänden, ſondern der Himmel ſſelber Mi ſ weckte ihn mit Strömen herniederpraſſelnden Regens., ni Oh wie dieſe kalten Tropfen ſeine lechzenden Lippen erquickten, wie gnel dies weiche, linde Waſſer das Blut und den Staub aus ſeinen Wunden fortwuſch, und ſeine armen erſtarrten Glieder badete! Schatten lauerm. Troſtlos m einen wakkend. und, an g er ſich n Schlaf hten von werdet e er ſich chmerzel n den ilte, und murmelte ef er ein d fichelte Baumes d lebliche Meſten⸗ nel ickten, wie 1P ſelbe unde —— 335 Er fühlte ſich geſtärkt und erquickt, und voll Muth ſeine weitere Rettung zu wagen. Langſam glitt er vom Baume hernieder und ſtand jetzt wieder auf der Erde. Der Regen ſtrömte mit immer heftigerer Gewalt hernieder, der Regen wat jetzt beim Anbruch des Tages Jean Debry's Beſchützer, wie es vorher die Nacht geweſen. Wenn die Menſchen den armen zerquälten Menſchen aufgeben und verlaſſen, ſo erbarmt ſich ſeiner die Natur und nimmt ihn in ihre rettenden und ſchützenden Mutterarme. Der Regen beſchützte Jean Debry, er wuſch den Staub und das Blut von ſeinen Kleidern, er machte ihn den andern Menſchen gleich, die da waſſertriefend in großen Haufen zuſammenſtanden! Sie ſchauten Alle mit entſetzten Blicken und bleichen Geſichtern nach einem Etwas, das in ihrer Mitte ſich befand. Was war dieſes Etwas, was machte die ſonſt ſo tobende Menge ſchweigſam und ſtill? Jean Dehry drängte ſich dichter hinein in den Haufen und mit ſchauderndem Entſetzen ſah er jetzt, was alle dieſe Menſchen beſchäftigte und ſchweigen machte. Es waren die blutigen, zerhackten Leichname ſeiner beiden Freunde, die Leichname von Roberjot und Bonnier. Jean Debry preßte ſeine Lippen feſt auf einander, daß ſie den Schrei zurückhielten, der ſich aus ſeiner Bruſt hervordrängte, er preßte die Thränen mit aller Kraft ſeines Willens in ſeine Augen zurück und wandte ſich ab, um weiter zu gehen, weiter nach Raſtatt hin. Der Regen beſchützte Jean Debry. Der Regen hatte die Sol⸗ daten am Thor in die Wachtſtube getrieben und die Schildwacht in ihr Schilderhaus. Niemand achtete auf dieſen von Regen triefenden Menſchen, der da durch das Thor ſchritt. Er ging unaufgehalten weiter, die Straße entlang, grad hin zu dem Hauſe, in welchem Graf Görtz, der preußiſche Geſandte, wohnte. Mit feſtem Schritt trat er in's Haus und eilte in das Vorzimmer, das er, wie er es ſonſt gewöhnt geweſen, durchſchreiten wollte, um unats gemeldet in das Zimmer des Grafen zu gehen. Aber die Diener hielten ihn zurück; ſie wollten dieſen bleichen — — —— — —— — 336 Menſchen mit dem zerfetzten Geſicht und den zerriſſenen Kleidern nicht zu ihrem Herrn eintreten laſſeu. Kennt Ihr mich nicht mehr, Freunde? fragte er traurig. Hat das Entſetzen mich ſo entſtellt, daß Jean Debry Euch unkenntlich geworden? Jetzt erkannten die Diener ihn an ſeiner Stimme und der Kam⸗ merdiener eilte, ihm die Thür zu dem Grafen zu öffnen und mit lauter Stimme zu rufen: Se. Excellenz der franzöſiſche Geſandte Debry! Graf Görtz ſtieß einen freudigen Schrei aus und erhob ſich eilig von dem Divan, auf welchem er, erſchöpft von den Anſtrengungen dieſer fürchterlichen Nacht, ein wenig geſchlummert hatte. Jean Debry trat in's Zimmer. Welch eine bejammernswerthe, herzerſchütternde Erſcheinung, grauſenerregend mit ſeinen klaffenden Wunden, Mitleid erweckend mit ſeiner zitternden Geſtalt, die wie vom Sturmwind bewegt hin und her ſchwankte!* Er heftete ſeine matten, blutunterlaufenen Augen auf den Grafen, und ſah ihn an mit einem Ausdruck unausſprechlicher Seelenangſt. Sind mein Weib und meine Kinder gerettet? fragte er athemlos. Ja, ſie ſind gerettet und in Sicherheit, rief der Graf. Und Jean Debry, der ſtrenge Republikaner, der hohnlachende Atheiſt, Jean Debry ſtürzte nieder auf ſeine Kniee. Die Arme gen Himmel erhebend, rief er mit hervorſtürzenden Thränen:„Göttliche Vorſehung, wenn ich bis jetzt Deine Wohlthaten verkannt habe, oh, ſo verzeihe es mir!“*) Und ſtrafe diejenigen, welche dieſe furchtbare That verübt haben! rief Graf Görtz, auch die Hände faltend und betend. Oh Gott, enthülle dieſes Verbrechen, laß uns diejenigen finden, welche dieſe Frevelthat verübt, damit ſie nicht als ein blutiges Brandmal der Schande auf der Stirn Deutſchlands hafte! Erbarme Dich dieſes armen Deutſchlands, dem jetzt dieſe That auf der Stirn brennt und das Ströme ſeines beſten Blutes wird vergießen müſſen, um dieſes Verbrechen zu ſühnen, und ſeine Ehre wieder rein zu waſchen! Erbarme Dich unſerer Aller, 6)„Divine providence, si j'ai méconnutes bienfaits jusqu'ici, pardonne!“ waren ſeine Worte. Siehe: Zodiacus. III. Seite 195. und gieb Freigniß lands, oh Dieſe Anſtiter obwohl d deutſche 2 und geſet ſuchung ward nie andern Pretioſen ganz lau ihren Of daran ſi wurden gebracht. der öſter und dere Ungeleg man vur indeß w blutigen deutſche ſeine S elere n tt miſch und beſ es woll mehrere rohen laubte dr P Mihlte eidern nicht Hat das geworden? der Kam⸗ mit lauter Debch! b ſich eilig ſtrengungen ernswerthe, klaffenden ie wie vom en Grnfen, enangſt. athemlos⸗ ohnlachende Ame gen Güttliche abe, oh, ſo ribt haben! ott, enthülle Frvelhhat nde auf der eutſchlunds, zme ſeine zu ſühnen⸗ ſerer Aller purdonn 337 und gieb uns Muth, der Stürme zu trotzen, welche dieſes furchtbare Ereigniß über Deutſchland hereinrufen wird! Erbarme Dich Deutſch⸗ lands, oh Gott, ſtrafe nur die Mörder, nicht aber Deutſchland!— Dieſes Gebet des Grafen Görtz erfüllte ſich nicht. Die eigentlichen Anſtifter des Mordes wurden nie entdeckt und zur Beſtrafung gezogen, obwohl der öſterreichiſche Hof in einem öffentlichen Manifeſt an die deutſche Nation eine genaue Unterſuchung dieſer Sache, und eine ſtrenge und geſetzmäßige Beſtrafung der Mörder verſprach. Aber dieſe Unter⸗ ſuchung ward nur oberflächlich getrieben, und das Reſultat derſelben ward niemals bekannt gemacht. Die Sczekler Huſaren verkauften am andern Tage ganz öffentlich die geraubten Uhren, Tabatièren und Pretioſen der franzöſiſchen Geſandten, einige von ihnen bekannten ſogar ganz laut, daß ſie es geweſen, welche die Mordthat verübt, und von ihren Offizieren dazu angetrieben worden ſeien. Allein Niemand dachte daran ſie zu verhaften, oder zur Verantwortung zu ziehen. Freilich wurden einige von den Huſaren anfänglich verhaftet und zum Verhör gebracht. Aber dieſe Verhöre wurden niemals veröffentlicht, obwohl der öſterreichiſche Hof ausdrücklich eine Bekanntmachung aller Verhöre und deren Reſultate verſprochen hatte.— Man bemühte ſich die ganze Angelegenheit möglichſt zu beſchweigen, damit ſie vergeſſen werde. Und man vergaß ſie, und ſie blieb ungeſtraft. In den diplomatiſchen Kreiſen indeß war man gar nicht im Zweifel über die eigentlichen Anſtifter der blutigen That.„Es war, ſagt der Verfaſſer der Memoiren eines deutſchen Staatsmannes(Graf Schlitz), es war ein Mann, der durch ſeine Stellung auch in Raſtatt eine hervorragende Rolle ſpielte. Die edlere nicht, denn wäre ſie es geweſen, ſo wurde ſie durch ihn entweiht; er miſchte allein ſein Gift hinzu. Ihn hatte Rachegefühl entflammt und beſtimmt, ſich die geheimſten Papiere der Geſandten, es koſte, was es wolle, anzueignen. Das eigentliche größere Archiv war indeß ſchon mehrere Tage vorher nach Straßburg hingeſendet worden. In dem rohen Huſarenhaufen hatte er Werkzeuge gefunden. Die Elenden glaubten, was ein im Dienſt hochgeſtellter Mann verlange, ſei auch der Wille ihres Herrn. Ber Unverſtand wird leicht durch Bosheit Mühlbach, Napoleon. I. Bd 22 — =—— ———— £ — 338 mißleitet und ſo wurden Soldaten Räuber und Mörder an Unbewaffneten, die unter dem heiligen Schutz des Völkerrechts ſtanden.“— Die Aufregung und das Entſetzen über dieſe That war in ganz Europa allgemein, und Jedermann erkannte in ihr die blutige Saat zu einer Zeit der Schreckniſſe und Greuel, Jedermann war überzeugt, daß Frankreich blutige Rache nehmen würde für ſolchen Mord. Auch flog das Wort„Rache“, ſobald dieſe That bekannt wurde, als einziger Wuthſchrei durch ganz Frankreich hin. In Mainz langte die Nachricht grade während des Theaters an, der Commandant ließ ſie von der Bühne aus verkünden, und das wüthende Publikum ſchrie; Vengeance! Vengeance! et la mort aux Allemands! In Paris wurde ein feierliches Todtenfeſt für die Ermordeten gehalten. Die Stühle, welche Bonnier und Roberjot früher in der Verſammlung des Corps legislativ eingenommen hatten, waren mit ihren blutigen Kleidern bedeckt; nach dem namentlichen Aufruf Beider erhob ſich der Präſident und erwiderte feierlich:„In Raſtatt ermordet.“ Darauf erwiderten die Secretaire:„Ihr Blut komme über die Urheber 8 ihres Mordes. VI. Die Coalition. Graf Haugwitz, der preußiſche Miniſter des Auswärtigen, war ſoeben erſt von der Reiſe, die er mit dem jungen König nach Weſtphalen gemacht, zurückgekehrt. Noch beſtäubt, in Reiſekleidern und erſchöpft von den Anſtrengungen der Reiſe, hatte er doch, ſobald er in ſein Cabinet eingetreten, eiligſt zwei Briefe geſchrieben, und dieſe ſeinem Kammerdiener mit der Weiſung übergeben, ſie ſofort an ihre Adreſſen, an die Geſandten von Rußland und England, zu ſenden. Dann erſt hatte er ſich auf ſein Ruhebett gelegt, aber die ſtrenge Ordre ertheilt, ihn zu wecken, ſobald eiſer der Geſandten das Hötel beträle. Kaum den Grafen zu gleicher harrten. Der 2 ſeiner Toile einen Blick in welchem Mein haben Sie ich hoffent un Ihren meine S meine Re Aufzug bringe, ſi ſie Ihnen um Ihren Und bedächtig, über ee einem fe Herm( meine He uf die ſit den nit Pre arten al onſſt S S ſign 6 ſreundl Plas 5 *% ewaffneten, ar in ganz utige Saut überzeugt, ord. Auch einziger e Nachricht Ermordeten üher in der fruf Beider n nnſoben Weſthalen „d erſtyft er in ſein dieſe ſinen hre Wreſſen, Dam er wre ertheil rãie· Kaum eine Stunde war daher vergangen, als der Kammerdiener den Grafen mit der Nachricht weckte, daß die beiden Geſandten eben zu gleicher Zeit angelangt wären, und im kleinen Salon des Grafen harrten. Der Miniſter ſprang eilig von ſeinem Lager empor, und ohne ſeiner Toilette und ſeiner etwas in Unordnung gerathenen Perrücke nur einen Blick zu gönnen, durcheilte er ſein Cabinet und trat in den Salon, in welchem Lord Greenville und Graf Panin ihn erwarteten. Meine Herren, ſagte der Graf mit einer haſtigen Verbeugung, haben Sie die Gnade, meinen Anzug zu betrachten, und dann werde ich hoffentlich in Ihren Augen entſchuldigt ſein, daß ich es wagte, Sie um Ihren Beſuch zu bitten, ſtatt zu Ihnen zu kommen, wie es natürlich meine Schuldigkeit geweſen. Allein Sie ſehen, ich habe noch nicht meine Reiſekleider gewechſelt, und ich durfte es nicht wagen, in ſolchem Aufzug zu Ihnen zu kommen; aber die Nachrichten, die ich Ihnen bringe, ſind ſo wichtiger Art, daß ich keine Stunde Zeit verlieren mochte, ſie Ihnen mitzutheilen, und deshalb wagte ich es, die beiden Herren um Ihren Beſuch zu bitten! Und ich meinestheils bin ſehr gern gekommen, ſagte Lord Greenrille bedächtig, denn in bedeutenden Momenten ſetzt man ſich leicht und gern über beengende Formen hinweg. Daß ich nicht minder gern gekommen bin, ſagte Graf Panin mit einem feinen Lächeln, das ſehen Sie daraus, daß ich mit dem engliſchen Herrn Geſandten zu gleicher Zeit hier eingetroffen bin. Jetzt aber, meine Herren, genug der Vorreden und Complimente! Gehen wir gerade auf die Sache los, und ſparen wir uns alle Redensarten. Ich bin ſeit dem halben Jahr, das ich hier in Berlin bin, um über die Coalition mit Preußen zu verhandeln, ſo unausgeſetzt und hartnäckig mit Redens⸗ arten abgeſpeiſt, daß ich dieſe Koſt endlich ſatt habe, und mich nach conſiſtenterer Nahrung ſehne! Sie werden heute Ihre Sehnſucht befriedigt ſehen, Herr Graf, ſagte Graf Haugwitz mit einem ſtolzen Lächeln, indem er mit einem freundlichen Wink ſeiner Hand die Herren bedeutete, auf dem Divan Platz zu nehmen, und ſich ihnen Sneni Nuf einen Fauteuil ſetzte. 22* — —— 340 Ja, Sie werden heute eine gute und kräftigende Koſt finden, und hoffentlich mit dem Koch, der ſie Ihnen bereitet hat, zufrieden ſein. Ich darf es ſagen, dieſer Koch bin Ich, und es iſt keine ganz leichte Aufgabe geweſen Ihnen dieſe Speiſe zu bereiten, glauben Sie mir das, Meſſieurs. Sie haben den König von Preußen bewogen, endlich der Cvalition beizutreten, und ſich mit Rußland, England und Oeſterreich gegen Frankreich zu verbinden? fragte Graf Panin freudig. Sie haben Sr. Majeſtät geſagt, daß England bereit iſt, bedeutende Subſidien zu zahlen, ſobald Preußen ein Heer gegen Frankreich in's Feld ſtellt? fragte Lord Greenville. Meine Herren, ſagte Graf Haugwitz mit einer feinen Ironie, ich fühle mich unendlich geſchmeichelt von Ihren ſtürmiſch auf mich eindrin⸗ genden Fragen, denn ſie beweiſen mir, welchen hohen Werth Sie Beide auf eine Verbindung mit Preußen legen. Indeſſen erlauben Sie mir, Ihnen ruhig und gelaſſen den Verlauf der Unterhandlungen mitzutheilen. Sie wiſſen, daß ich die Ehre hatte, meinen königlichen Herrn in ſeine weſtphäliſchen Provinzen zu begleiten, wo Seine Majeſtät ein Manveuvre mit ſechszigtauſend Mann abhalten wollte. Es wäre beſſer geweſen, dieſe ſechszigtauſend Mann gleich zum wirklichen Krieg ausrücken zu laſſen, ſtatt nur Krieg zu ſpielen, murmelte Panin. Der Miniſter ſchien ſeine Worte gar nicht gehört zu haben, und fuhr fort: In Peterhagen ſchlug Se. Majeſtät ſein Hauptquartier auf, und hier war es, wo wir die Nachrichten erhielten, daß der Erzherzog Carl von Oeſterreich den Rhein gegen Bernadotte und Jourdan behauptete, und daß die kaiſerlichen Waffen in Italien unter Kray auch ſiegreich geweſen, wobei Ihnen freilich das ruſſiſche Hülfsheer unter Feldmarſchall Souwarow gar glücklich zur Seite geſtanden. Dieſe Nachrichten ver⸗ fehlten nicht, einen gar mächtigen Eindruck auf meinen jungen, könig⸗ lichen Herrn zu machen, und, ich geſtehe es Ihnen, auch auf mich! Ich war bis dahin, wie Sie wiſſen, immer einem Krieg gegen Frank⸗ reich abgeneigt geweſen, und es hatte mir für Preußen immer als das Zuträglichſte erſcheinen wollen, den Krieg mit Frankreich zu vermeiden. Aber die die Sie Beveis, auch für ſeiner Fe Ein mit einen Ein verſproch Hör feinen, h ſammelte unſer gr fehlen d Meinn ſinmten welcher und ener beies d Hollud nach Ht ſchloß von Kö faßte e Ferdim ſeine G aufzuze Berlin forſſetzt ſagen, mit I J und de V nden, und ieden ſein. anz leichte Sie mir tCvalition eich gegen bedeutende ntreich in's Ironie, ich ich eindrin⸗ Sie Beide n Sie nir, itzutheilen. n in ſeine Manvevre gleih jm n mmlle haben, und martier uf rErzherzog hehauptete⸗ ch ſegric dnurſchll richten gen lnt, h auf mo egen Fnn⸗ n a d vemiden 341 Aber die glänzenden Waffenthaten Rußlands und Oeſterreichs in Italien, die Siege des Erzherzogs am Rhein ſcheinen endlich ein deutlicher Beweis, daß der Glücksſtern Frankreichs verblichen, und daß es daher auch für Preußen vortheilhaft iſt, ſich mit offenem Viſir in die Reihe ſeiner Feinde zu ſtellen und anzugreifen. Ein ſehr kühner und hochherziger Entſchluß, ſagte Graf Panin mit einem leiſen, ſpöttiſchen Lächeln. Ein Entſchluß, bei welchem die engliſchen Subſidien, die ich Ihnen verſprochen, auch wohl ein wenig in Anſchlag kamen, rief Lord Greenville. Hören Sie weiter, meine Herren, ſagte Graf Haugwitz mit ſeinem feinen, höflichen Lächeln. Der König, ungewiß, was zu thun ſei, ver⸗ ſammelte in Peterhagen einen Kriegsrath, bei welchem vor allen Dingen unſer großer Feldherr, der Herzog Ferdinand von Braunſchweig, nicht fehlen durfte. Se. Majeſtät erſuchten uns, unverhohlen und frei unſere Meinung zu ſagen, ob wir für Frieden oder Krieg mit Frankreich ſtimmten. Der Herzog von Braunſchweig war natürlich der Erſte, welcher Antwort gab; er ſtimmte für den Krieg, er ſetzte in einer feurigen und energiſchen Rede die Gründe für ſeine Meinung auseinander, und bewies dem König, daß in einem Moment, wo England ein Heer in Holland wolle landen laſſen, auch unſererſeits ein raſches Vordringen nach Holland von dem größten Erfolg ſein würde.— Ich meinestheils ſchloß mich unbedingt der Meinung des Herzogs an, und da auch Herr von Köckeritz uns zuſtimmte, ſchwankte der König nicht mehr, ſondern faßte einen großen und kühnen Entſchluß. Er beauftragte den Herzog Ferdinand von Braunſchweig, ihm in einer ausführlichen Denkſchrift ſeine Gründe für den Krieg und zugleich einen detaillirten Feldzugsplan aufzuzeichnen, und nach Berlin zu ſenden, er befahl mir, ſofort nach Berlin abzureiſen, und während der König ſeine Reiſe nach Weſel fortſetzte, hierher zu eilen, um Ihnen, meinen Herren Geſandten, zu ſagen, daß der König entſchloſſen iſt, der Coalition beizutreten, und um mit Ihnen die näheren Details— In dieſem Augenblick ward die Thür des Cabinets haſtig geöffnet, und der erſte Secretair des Miniſters trat ein. Verzeihung, Excellenz, daß ich ſtöre, ſagte er, dem Grafen ein — ——— 3 † 342 verſiegeltes Schreiben darreichend, allein es trifft ſo eben ein Courier von Sr. Majeſtät ein, mit einem eigenhändigen Schreiben des Königs. Die Ordre lautet, daß dieſes Schreiben ſofort in die Hände Ew. Ercellenz gelangen ſolle, weil es Nachrichten von der äußerſten Wich⸗ tigkeit enthalte. Sagen Sie dem Courier, daß der Befehl ausgeführt iſt, ſagte Graf Haugwitz, und Sie, meine Herren Geſandten, Sie erlauben wohl, daß ich dies Schreiben meines Königs in Ihrer Gegenwart öffnen darf. Vielleicht enthält es einige wichtige Details in Bezug auf unſer neues Bündniß. Die beiden Herren verſicherten ihn ihrer vollſten Zuſtimmung, und Graf Haugwitz erbrach das Siegel. Sein Antlitz war, als er zu leſen begann, ſo heiter und zuverſichtlich wie immer, aber allmälig nahmen ſeine Züge einen ernſteren Ausdruck an, und das Lächeln verſchwand von ſeinen Lippen. Die beiden Geſandten, welche verſtohlen das Antlitz des Grafen beobachteten, bemerkten ſehr wohl dieſen raſchen Wechſel in ſeinen Zügen, und auch ihre Angeſichter nahmen jetzt einen düſteren Aus⸗ druck an. Graf Haugwitz ſchien indeß die Lectüre dieſes königlichen Schrei⸗ bens gar nicht beenden zu können, immer auf's Neue begann er es zu leſen, als ſuche er hinter den Worten, die es enthielt, einen ihm ſelber unerklärlichen, räthſelhaften Sinn. So vertieft war er in ſeine Lectüre, daß er die Anweſenheit der beiden Herren ganz vergeſſen zu haben ſchien, bis ein leiſes Hüſteln des engliſchen Geſandten ihn aus ſeinem Nachſinnen aufſchreckte. Verzeihen Sie, meine Herren, ſagte er haſtig und verlegen, dieſer Brief enthält in der That eine Nachricht, welche mich in außerordent⸗ liches Erſtaunen ſetzt. Welche aber hoffentlich keinen Einfluß hat auf das Zuſtandekom⸗ men der Coalition? fragte Panin, ſeine firirenden Blicke auf das Antlitz des Miniſters heftend. Nicht im Mindeſten, ſagte Graf Haugwitz raſch und lächelnd. Die außerordentliche Nachricht war nur dieſe: Se. Majeſtät der König trifft i zu ihm — ² l Veſel ſteiſche geſchah abger laſſen ſo fe mußt gebro lang lunge Ponn auße untet Entſ Pani Geſt Kaiſ ein Courier des Knigs. Hände Ew. rſten Vich⸗ t iſt, ſagte ie erlauben wart öffnen g auf unſer mmung, und s er zu leſen ilig nahmen verſchwand des Grafen el in ſeinen iſteren Aus⸗ ichen Schrei⸗ ann er es zu en ihm ſelber eLectüre, ſeine ſſen 3u haben einem naus ſei rlegeſ dieſer außerorden⸗ zuſundiin uf das Antlit 343 trifft in dieſer Stunde noch in Berlin ein und befiehlt, daß ich ſofort zu ihm ins Schloß komme. Der König kehrt nach Berlin zurück? rief Graf Panin. Und ſagten Sie uns nicht ſoeben, Excellenz, daß der König nach Weſel abgereiſt ſei? fragte Lord Greenville mit ſeiner gewohnten, — en Ruhe. Ich berichtete Ihnen, meine Herren, was vor vierzehn Tagen geſchah, ſagte Graf Haugwitz achſelzuckend. Wie? Vor vierzehn Tagen? Und Ew. Excellenz kommen doch eben erſt in Berlin an, und ſind noch im Reiſecoſtüm? Allerdings, ſo iſt es! Ich bin vor vierzehn Tagen von Minden abgereiſt, aber die ſchlechten Wege haben mich wie eine Schnecke reiſen laſſen. Täglich iſt mein Wagen in dieſem Meer von Koth und Lehm ſo feſt gefahren, daß ich aus den nächſten Dötfern Leute requiriren mußte, um ihn wieder flott zu machen. Zwei Mal iſt mir die Achſe gebrochen, und ich habe in den elendeſten kleinen Landſtädten Tage lang warten müſſen, bis die Wiederherſtellung meiner Equipage ge⸗ lungen war. Der König ſcheint beſſere Wege gefunden zu haben, ſagte Graf Panin mit lauernden Blicken. Die Reiſe nach Weſel iſt wenigſtens außerordentlich raſch gegangen. Der König hat, wie es ſcheint, dieſe Reiſe aufgegeben, und iſt unterwegs umgekehrt, ſagte Graf Haugwitz befangen. Es wäre ſehr traurig, wenn der König auch ſeine andern gefaßten Entſchlüſſe ſo raſch ändern wollte, rief Lord Greenville. Ew. Excellenz fürchten nicht, daß dieſe ſchnelle Heimkehr des Kö⸗ nigs in irgend einem Zuſammenhang ſteht mit unſern Plänen? fragte Panin. Der König hat Ihnen Vollmacht gegeben, mit dem engliſchen Geſandten, Sir Thomas Greenville, und mit mir, dem Vertreter des Kaiſers Paul von Rußland, über das Abſchließen eines Bündniſſes zu verhandeln, deſſen Zweck iſt, dies raubſüchtige, revolutionaire und blutgierige Frankreich hinter ſeine Grenzen zurückzutreiben, und dem bedrohten Europa die Ruhe wieder zu geben? Der König hat mir allerdings vor vierzehn Tagen dieſe Vollmacht ——— ——— „ * ———— 344 ertheilt, ſagte Graf Haugwitz beklommen, und ich zweifle keinen Augen⸗ blick, daß Se. Majeſtät auch noch jetzt dieſer Anſicht ſind. Aber Sie begreifen, meine Herren, daß ich jetzt vor allen Dingen eilen muß, dem heimkehrenden König meine Aufwartung zu machen, um von ihm ſelber ſeine weitern Befehle zu empfangen. Das heißt, Herr Graf, Sie haben uns gebeten, hierher zu kom⸗ men, um uns zu ſagen, daß wir wieder gehen können? fragte Panin mit düſterer Stirn. Ich bin in Verzweiflung, meine Herren, über dieſes unglückliche Zuſammentreffen von Zufälligkeiten, rief Graf Haugwitz ängſtlich, indeß iſt es mir unmöglich, mich jetzt auf weitere Erörterungen einzu⸗ laſſen. Ich muß ſogleich ins Schloß zu Sr. Majeſtät, und ich bitte Sie Beide inſtändigſt um Verzeihung wegen dieſer unerwarteten Unter⸗ brechung unſerer Verhandlungen. Ich nehme Ihre Entſchuldigung ſo aufrichtig an, wie ſie geboten wurde, und habe die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen, ſagte Panin, ſich verneigend und ſich zum Abgehen umwendend. Graf Haugwitz beeilte ſich, ihn zu begleiten. An der Thür ange⸗ langt, und ſchon im Begriff hinauszugehen, wandte Panin ſich noch einmal um. Mein Herr Graf, ſagte er mit barſchem Ton, haben Sie die Güte, den König darauf aufmerkſam zu machen, daß mein Herr und Kaiſer, welcher ſehr die Entſchiedenheit liebt, einen offenen und entſchiedenen Feind ſogar einem neutralen und unentſchloſſenen Freund vorzieht. Wer Niemandes Feind und aller Welt Freund ſein will, wird bald erfahren, daß er gar keinen Freund hat, und daß Niemand es ihm dankt, irgend welche Feindſchaft vermieden zu haben. Es iſt am Ende noch beſſer, einen Nachbar zu haben, mit dem man in offener Fehde lebt, als einen, auf deſſen Hülfe und Beiſtand man niemals rechnen kann, und der, wenn man Streit mit einem Dritten hat, ſich damit begnügt, die Hände in den Schooß zu legen, und Niemanden zu Hülfe zu kommen. Haben Sie die Güte, das Ihrem König zu ſagen. Er verneigte ſich leicht, und ſchritt mit trotzigem Geſicht in das Vorzimmer. Graf Haugwitz wandte ſich um, und begegnete dem kalten, etnſten! ſanen, Me Ehre, E Preußen ſeinen B land gie Amee anderwe einen A Vilheln „Was 1 heſten 1 verſchw Gewiſe Yhnen Un an dem Gr Schwei nahme überlae E auch ſe durch laut: durchau ruth h Enyjn affeche ſchriehe aſſo ) ten Augen⸗ Aber Sie eilen muß, von ihm r zu kom⸗ gte Panin nglückliche ängſtlich, gen einzu⸗ nd ich bitte elen Unter⸗ ſie geboten ge Panin, hür ange⸗ n ſih noch haben Sie mein Hert offenen und nen Freund ſein ill Nenun en Es iſ nin offener an nienals n hat, ſ Niemanden rem Ru ſcht in dui dem kalten⸗ 345 ernſten Antlitz des engliſchen Geſandten, der ſich eben auch mit lang⸗ ſamen, gemeſſenen Schritten der Thür näherte. Mein Herr Graf, ſagte Lord Greenville gelaſſen, ich habe die Ehre, Sie darauf aufmerkſam zu machen, daß, ſobald der König von Preußen nicht jetzt eine beſtimmte und unumwundene Erklärung über ſeinen Beitritt zur Coalition zwiſchen Rußland, Oeſterreich und Eng⸗ land giebt, wir die Subſidiengelder, welche wir Preußen für eine Armee von fünfundzwanzigtauſend Mann zugeſagt hatten, natürlich anderweitig verwenden werden. Uebrigens bitte ich, Se. Majeſtät an einen Ausſpruch ſeines großen Ahnherrn, des Churfürſten Friedrich Wilhelm zu erinnern. Dieſer große und tapfere Herrſcher hat geſagt: „Was neutral ſein heißt, habe ich ſchon erfahren; wenn man auch die beſten Bedingungen hat, wird man doch übel traktirt; ich habe auch verſchworen, mein Leben lang nicht neutral zu ſein, und würde mein Gewiſſen damit beſchweren.“*) Ich habe die Ehre, Herr Graf, mich Ihnen zu empfehlen. Und mit einer ſteifen Verbeugung ſchwenkte Lord Greenville ſich an dem Grafen vorbei und verſchwand in der Thür des Vorzimmers. Graf Haugwitz blickte ihm ſeufzend nach und trocknete ſich den Schweiß ab, der in großen Tropfen auf ſeiner Stirn ſtand. Dann nahm er das Schreiben des Königs wieder aus ſeiner Buſentaſche und überlas es noch einmal. Es iſt des Königs Handſchrift, ſagte er kopfſchüttelnd, und es iſt auch ſeine kurze, wortkarge Manier! Und gleichſam, als wolle er ſich durch das Gehör von dem Inhalt dieſes Briefes überzeugen, las er laut:„Laſſen Sie Sich mit dem ruſſiſchen und engliſchen Geſandten durchaus in keine Unterhandlungen ein. Wir wollen noch einmal Kriegs⸗ rath halten. Ich komme ſelbſt nach Berlin. Eine Stunde nach Empfang dieſer Zeilen erwarte ich Sie in meinem Cabinet. Ihr wohl⸗ affectionirter Friedrich Wilhelm.“— Ja, ja, der König hat das ge⸗ ſchrieben, ſagte Haugwitz, den Brief wieder zuſammenfaltend, ich muß alſo eilen, Toilette zu machen, und mich ins Palais zu begeben. Bin *) Häuſſer. Deutſche Geſchichte. II. S. 281. ———— — — 2— 346 doch neugierig, woher dieſer neue Wind weht, und wer den König wieder ſo umgeſtimmt hat. Sollte mein alter Freund Köckeritz doch heimlich für Frankreich ſein? Dann wäre es doch freundlicher geweſen, mir das im Vertrauen zu ſagen, und wir hätten uns verſtändigt, denn ich ſelber hege ja durchaus keine feindlichen Abſichten gegen Frankreich und bin gern bereit, wenn es irgend möglich iſt, für den Frieden zu ſtimmen. Oder wie, ſollte der junge König diesmal einen eigenen und ſelbſtſtändigen Entſchluß gefaßt haben? Ei, ei, das wäre eine ge⸗ fährliche Neuerung, und dagegen müßten wir denn doch raſche und entſcheidende Maßregeln treffen. Eh bien, nous verrons! Ich will Doilette machen. MI. Der friedliebende Bönig. Der König war mit ſeiner gewohnten Pünktlichkeit genau um die beſtimmte Zeit in Berlin eingetroffen, und als daher Graf Haugwitz ſich in das Palais begab, ward er ſofort zu dem König geführt, der ihn in ſeinem Cabinet erwartete. Graf Haugwitz wechſelte einen raſchen, fragenden Blick mit Herrn von Köckeritz, der in einer Fenſterniſche ſtand, und näherte ſich dann dem König, der mit langſamen Schritten und verdüſterten Mienen, vie Hände auf dem Rücken gefaltet, im Zimmer auf und ab ging. Er grüßte den Miniſter mit einem raſchen Kopfneigen und ſetzte ſchweigend ſeine Wanderung durch das Zimmer noch einige Zeit lang fort. Dann näherte er ſich ſeinem, mit Papieren und Actenſtücken be⸗ ladenen Schreibtiſch, und auf dem einfachen Rohrſtuhl, der vor dem⸗ ſelben ſtand, Platz nehmend, bedeutete er die Herren, ſich ihm zu beiden Seiten niederzulaſſen. — er, ſich N als ich ſandten Coglitie laſſen unmitt ſuartie nüßte durch — Eyripo Solda ju Hu ben, würde Ich h Herr von C tigten Frage unſere von jeſtüt ſat r den Künig Köckritz doch cher geweſen, ändigt, den n Frankreich n Frieden zu eigenen und räre eine ge⸗ hraſche und 6 Ich will genn un d nf Huguit geihn, un li ni hen ent ſih dun nen Mienen⸗ ab ging. 6 und ſttte ige Zi ln chnſiten ⸗ der vor den⸗ ſich ihm 3 347 Der Courier iſt noch zeitig genug bei Ihnen eingetroffen? fragte er, ſich an Graf Haugwitz wendend. Majeſtät, Ihr königliches Schreiben langte gerade bei mir an, als ich mich in einer Conferenz mit dem ruſſiſchen und engliſchen Ge⸗ ſandten befand, und eben denſelben den Entſchluß Eurer Majeſtät, der Coalition beizutreten, anzeigen wollte. Sie hatten es alſo noch nicht gethan? fragte der König haſtig. Es war demnach Ihre erſte Conferenz? Ja Majeſtät, die erſte, und zwar unmittelbar nach meiner Ankzunft. Sie hatten alſo vierzehn Tage zu Ihrer Reiſe von Minden nach Berlin gebraucht? Ja, Majeſtät, volle vierzehn Tage. Und dennoch ſind dieſe Herren der Meinung, daß wir marſchiren laſſen ſollten, rief der König heftig. Ja, wenn meine Soldaten alle unmittelbar an den Grenzen Hollands lagerten und dort ihr Stand⸗ quartier hätten! Aber um ein genügendes Heer nach Holland zu ſchicken, müßte ich ſie aus Schleſien und Preußen herbeiziehen; ſie müßten durch Weſtphalen marſchiren, durch Weſtphalen, wo Sie mit Ihrer Equipage von Minden bis Berlin vierzehn Tage bedurften. Und meine Soldaten haben keine andere Equipage, als ihre Füße. Sie würden zu Hunderten und Tauſenden in dieſem Lehm und Moraſt ſtecken blei⸗ ben, ſie würden vor Elend und Hunger umkommen, und dieſer Marſch würde mich mehr Leute koſten, als eine große entſcheidende Schlacht. Ich hatte, Ihnen mein Wort gegeben, der Coalition beitreten zu wollen, Herr Miniſter, ich hatte Ihnen ſogar aufgetragen, mit den Geſandten von England und Rußland zu unterhandeln, aber auf der beabſich⸗ tigten Reiſe nach Weſel mußte ich wohl meinen Entſchluß ändern. Fragen Sie doch Herrn von Köckeritz, was wir an dem erſten Tage unſerer Reiſe zu dulden hatten, und wie weit wir nach zwölfſtündiger Reiſe gelangt waren. Ja, in der That, es war eine entſetzliche Fahrt, ſagte General 9 von Köckeritz ſeufzend. Trotz des vorſichtigen Fahrens ward Se. Ma⸗ jeſtät innerhalb Eines Tages fünf Mal umgeworfen, und d Wagen ſtak ſo feſt im Koth und Lehm, daß wir Hülfe aus den nahen Ort⸗ ——————— — 348 ſchaften requiriren mußten, um ihn wieder flott zu machen. Wir waren zwölf Stunden unterwegs und hatten doch kaum eine Strecke von drei Meilen zurückgelegt! Und mußten in einem elenden Dorf übernachten, wo wir kaum ein Bett fanden, unſere zerſtoßenen und zerſchlagenen Glieder zu ruhen, ſagte der König unwillig. Und dieſen Strapazen und Mühſeligkeiten ſollte ich meine Armee ausſetzen? Sollte ſie, allem menſchlichen Mit⸗ gefühl abgewandt, nur aus ſtaatskluger Raiſon, den größten Be⸗ ſchwerden und Entbehrungen entgegentreiben, ſie in dieſen Sümpfen und Moräſten umkommen laſſen, die auch die Artillerie und die Pferde der Kavallerie vernichten würden? Und alles dieſes, weshalb? Um Preußen gewaltſam in einen Krieg hineinzuziehen, den man mit Be⸗ ſonnenheit und kluger Zurückhaltung vermeiden könnte, um andern, von Frankreich nicht einmal bedrohten Mächten zu Hülfe zu eilen, und uns dafür ſelber den Zorn und die Feindſchaft Frankreichs zu erobern! Aber auch die Sympathien von ganz Europa, ſagte General Köckeritz lebhaft. Ew. Majeſtät haben einmal die Gnade gehabt, mir zu erlauben, daß ich meine Meinung allzeit offen und ehrlich ſagen darf, und ich muß daher bei meiner Meinung beharren: jetzt oder nie iſt der Zeitpunkt gekommen, wo Preußen aus ſeiner Neutralität heraus⸗ treten, und eine entſchiedene Stellung annehmen muß. Frankreich hat ſich als ein verderblicher Gegner aller geſetzlichen Ordnung, allen durch Jahrhunderte geheiligten Verträgen gegenübergeſtellt, es bedroht alle Monarchien und Dynaſtien, und will bei allen Völkern Propaganda machen für ſeine republikaniſchen Ideen. Und an der Spitze dieſes republikaniſchen Frankreichs ſteht ein junger Feldherr, deſſen Ruhm die ganze Welt erfüllt, der den Sieg an ſeine Fahne heftet, und die berauſcht mit ſeinen republikaniſchen Phraſen von Freiheit und Bräder⸗ lichkeit, ſo daß ſie in trunkener Freude die Throne umſtürzen, ihre Fürſten verjagen, um dann unter dem republikaniſchen Joch Frankreichs aus ihrem Freudentaumel zu erwachen. Ich glaube, Majeſtät, daß es die Pflicht jedes Fürſten iſt, ſein Volk vor dieſen Verirrungen zu be⸗ wahren, und, mit dem Volk vereint, Frankreichs Eroberungsgelüſten einen De heilige 2 Schaaren haben ihr laſen mü Holland geben, un Eüdgren tretene S Ehropa Es eifrig. meinem aufgabe. ich verle winnen, meine) zu habe Ich Friedrie nennen, daß ich nannte Vaters, Zweite welche( Preußen Rmacht, werig z den gi preis in De Guf 6 monarc 349 Wir wren einen Damm entgegenzuſtellen. Oeſterreich und Rußland haben dieſes e von dri heilige Werk ſchon begonnen, ſchon ſind von ihren heldenkühnen Schaaren die übermüthigen Franzoſen überall zurückgedrängt, und ſie ir kaum ein haben ihre Eroberungen in Italien und in der Schweiz wieder fahren zu ruhen, laſſen müſſen. Wenn Ew. Majeſtät ſich mit England vereinigen, in ihſeligkeiten Holland einrücken, dieſes Land ſeinem rechtmäßigen Herrſcher wieder⸗ lichen Mit⸗ geben, und die Nordgrenzen Frankreichs bedrohen, wie Oeſterreich die rößten Be⸗ Südgrenzen, ſo wird der Uebermuth Frankreichs gebändigt, der ausge⸗ n Sümpfen tretene Strom wieder in ſein natürliches Bett zurückgeführt werden, und die Pferde Europa wird endlich wieder Frieden und Ruhe haben! holb Um Es muß ein Jeder zunächſt an ſich ſelber denken, ſagte der König an mit Be⸗ eifrig. Preußen hat bis jetzt ſeine Ruhe und ſeinen Frieden, und meinem Lande dieſe Wohlthat zu erhalten, ſcheint mir meine Haupt⸗ aufgabe. Ich bin kein Herrſcher, welcher nach Ruhm und Ehre dürſtet, ich verlange keine Eroberungen zu machen, und keine Länder zu ge⸗ winnen, ſondern ich will mich begnügen mit dem beſcheidenen Ruhm, te Genernl meine Regentenpflichten nach beſter Einſicht und Ueberzeugung erfüllt cheht, mir zu haben, und der Vater und Freund meines Volkes geweſen zu ſein! ch ſagen Ich habe mich daher nicht erkühnt, meinen Namen der Regentenreihe t odet nie Friedrichs des Einzigen anzureihen, und mich Friedrich der Dritte zu itit herus⸗ nennen, denn ein Name legt Verpflichtungen auf, und ich weiß wohl, nireih hu daß ich kein Held und kein Genius bin, wie Friedrich es war. Ich nannte mich deshalb Friedrich Wilhelm, als der Nachfolger meines um andern, e zu eilen, ankreichs zu len dur — Vaters, des friedliebenden Königs. Freilich hat Friedrich Wilhelm der „ anda Zweite auch einen Krieg geführt, aber grade dieſer hat mich überzeugt, welche Gefahren und welches Unheil ein Krieg mit Frankreich über 5 i 6 Preußen bringen kann. Ich habe den Feldzug in der Champagne mit⸗ gemacht, meine Herren, und ich bekenne es Ihnen ehrlich, ich bin ſehr 6 be⸗ wenig geneigt, einen Krieg wieder aufzunehmen, bei welchem ſelbſt von u Br ihn dem glücklichſten Erfolge für Preußen nur Aufopferung, kein Kampf⸗ 1 üren, i preis in Ausſicht ſteht. 4 Frnn 6 Der Kampfpreis, Ew. Majeſtät, iſt indeſſen vorhanden, ſagte ſü du 5 Graf Haugwitz feierlich, es iſt die Aufrechthaltung der Throne und des ngen monarchiſchen Princips. Wir dürfen es uns nicht verhehlen, die ungöge 1 ———— Throne ſind bedroht, und dieſe Republiken von Amerika, Frankreich und Italien rufen den Völkern gar neue und gefährliche Lehren in's Ohr: die Lehren von der Selbſtregierung und der Volksſouverainetät. Der eroberungsſüchtige General Bonaparte hat dieſe beiden Worte an ſeine Fahne geheftet, und wenn die Fürſten nicht mit vereinter Macht und Kraft ihn bekämpfen, und ihm dieſe Fahne zu entreißen ſuchen, ſo wird er ſie bald zu allen Völkern hintragen, und alle Völker werden ihm entgegenjubeln und dem Beiſpiel Frankreichs folgen wollen! Ich fürchte nichts für mich, ſagte der König ruhig, aber ſelbſt wenn ich ſo unglücklich wäre, an der Liebe und Treue meines Volks zweifeln zu müſſen, dürfte doch der Gedanke an meine perſönliche Sicherheit und das Schickſal meiner Dynaſtie nicht entſcheidend ein⸗ wirken auf meine Entſchlüſſe in Bezug auf das Wohl meines Landes. Ich ſagte Ihnen ſchon, ich will der Vater meines Volkes ſein: ein guter Vater aber denkt immer zuerſt an das Wohl ſeiner Kinder, und ſucht dieſes zu fördern, und dann erſt, wenn ihm dies gelungen, denkt er an ſich! Ein guter Vater muß vor allen Dingen darnach trachten, ſich ſeinen Kindern zu erhalten, rief Graf Haugwitz. Ein verwaiſtes Volk iſt eben ſo unglücklich, wie verwaiſte Kinder! Ihr Volk bedarf Ihrer, Sire, es bedarf einer weiſen und ſanften Hand, welche es führt! Und doch wollt Ihr mir das Schwert in die Hand geben, und zu Blut und Kampf ſoll ich mein Volk führen? rief der König. Damit aus Blut und Kampf der Frieden emporblühe, ſagte Graf Haugwitz ernſt. Das blutige Ungeheuer des Krieges ſchreitet jetzt ein⸗ mal durch die ganze Welt hin, und da man ihm nicht ausweichen kann, thut man beſſer, es anzugreifen, und ihm die Stirn zu bieten. Rußland, Oeſterreich und England ſind dazu bereit, und bieten Ihnen die Hände. Schlagen Sie dieſe aus, ſo werden Sie drei mächtige Feinde gewonnen haben für den zweifelhaften und gefährlichen Freund Frankreich. Und nehme ich ſie an, ſo werde ich mit dem Blut meines Volkes nicht Preußen, ſondern nur Oeſterreich und Rußland genützt haben, rief der König. Wenn Frankreich ſehr geſchwächt oder gar vernichtet würde, Rußlan würden namentli denn es Blut ere an ſich kommen Donkbo allein kö licher U auch die von Tei um das En um ein ſugte G Manife leſen. daß es ſich de zu tret Uh allein, 2 8 S M ankreich und te an ſeine Macht ßen ſuchen, ölker werden ollen! aber ſelbſt nes Volks perſünliche es ſein: ein achten, ſich waiſtes Voll darf Ihrer, führt ben, und zu ig. ſtge Grf t jett tein⸗ une zu bieten⸗ bieten Ihnen ri michtige — d ichen Freln Volles itzt hab bel, mie S teine 351 würde, ſo iſt das eine Gefahr für Preußen, denn Oeſterreich und Rußland würden ſich dann vereinigen, um uns zu bedrohen. Sie würden für ſich ſehr leicht und ſchnell Entſchädigungen ausfinden, und namentlich Oeſterreich würde Vortheil haben von Frankreichs Verluſten, denn es würde ſich die Niederlande, welche Preußen jetzt mit ſeinem Blut erobern ſoll, als Erbgut zurücknehmen, und vielleicht auch Baiern an ſich ziehen. Aber woher ſollte eine Entſchädigung für Preußen kommen? Oder glauben Sie etwa, Oeſterreich würde vielleicht aus Dankbarkeit etwas von ſeinen Erbländern an Preußen abtreten? Nein, nein, kein Krieg mit Frankreich! Mögen Rußland und Oeſterreich allein kämpfen, ſie ſind ſtark genug dazu!— Ich ſage dies nach reif⸗ licher Ueberlegung, und es iſt dies nicht bloß meine Meinung, ſondern auch diejenige krieggeübter, ausgezeichneter Generäle. Auch der General von Tempelhof iſt meiner Anſicht, und hat mir dieſelbe in einem Memvire, um das ich ihn bat, beſtätigt. Ew. Majeſtät haben auch den Herrn Herzog von Braunſchweig um eine. Denkſchrift über dieſe beabſichtigte Kriegscoalition erſucht, ſagte General Köckeritz haſtig. Ich habe bei unſerer Ankunft dies Manifeſt vorgefunden, und wie Ew. Majeſtät befohlen, es durchge— leſen. Der Herzog bleibt unerſchütterlich bei der Meinung ſtehen, daß es für Preußens Ehre, Ruhm und Sicherheit nothwendig ſei, ſich der Cvalition auzuſchließen, und Frankreich gerüſtet gegenüber zu treten! Majeſtät, ich muß es bekennen, ich denke wie der Herzog! Und auch ich denke ſo, rief Graf Haugwitz, und nicht wir Beide allein, ſondern Ihr ganzes Volk hegt dieſe Gedanken, Sire, Ihr ganzes Volk glüht vor Verlangen, dieſes übermüthige Frankreich zu züchtigen, und Deutſchland zu reinigen von dieſen hereinbrechenden Jakobinerſchaaren. Oh, mein Herr und König, verſuchen Sie es nur, erheben Sie Ihre Stimme, und rufen Sie Ihr Volk zu den Fahnen, zum Kriege gegen Frankreich. Sie werden ſehen, wie es jubelnd herbeiſtrömen, wie es Sie ſegnen wird. Und wenn Sie dieſen Kampf beginnen, Sire, ſo werden Sie und Ihr Heer einen furchtbaren, einen unüberwindlichen Bundesgenoſſen haben, dieſer Bundesgenoſſe iſt: Die öffentliche Meinung, Sire! Die öffentliche Meinung begehrt dieſen Krieg, d 62 2 — — k. ——— öffentliche Meinung, welche jetzt nicht mehr ein ſtummes, im Dunkeln dahinſchleichendes Etwas iſt, ſondern welche eine Stimme hat, und ſie weit⸗ ſchallend erhebt in den Zeitungen und Journalen. Eine dieſer Stimmen ließ ſich vor einigen Wochen ſchon in dem politiſchen Journal alſo ver⸗ nehmen:„Kann unſer Monarch das deutſche Reich verlaſſen? Zu⸗ ſehen, daß Frankreich ſich die Wege bahnt, um dereinſt auch Preußen anzugreifen, wenn deſſen Reihe kommen wird? Man darf nur an Italien, an die Schweiz und an Holland denken, um die franzöſiſche Freundſchaft zu würdigen.“*)— Dieſe Stimme hat einen Nachhall gefunden in ganz Preußen, und Jedermann ſchaut hoffend und ahnungs⸗ voll zu dem Thron Ew. Majeſtät, und erwartet, daß auch Sie das Schwert erheben, für deutſche Ehre und für deutſches Recht. Sire, ich bin in dieſem Augenblick nichts als die Stimme Ihres Volks, und deshalb beſchwöre ich Ew. Majeſtät: faſſen Sie einen kühnen, mann⸗ haften Entſchluß! Heben Sie das Schwert auf zu Preußens Ehre, und zu Deutſchlands Sicherheit Und auch ich beſchwöre Ew. Majeſtät, ſo zu thun, rief General Köckeritz, auch ich wage es, zu Ew. Majeſtät im Namen Ihres Volkes zu flehen: Oh, Sire, faſſen Sie einen kühnen mannhaften Entſchluß! Heben Sie das Schwert auf zu Preußens Ehre, und zu Deutſchlands Sicherheit! Der König war aufgeſtanden und ging mit heftigen Schritten auf und ab. Seine ſonſt ſo ruhigen, ſanften Züge waren jetzt bewegt und unruhvoll, eine tiefe Wolke lag auf ſeiner Stirn, ein ſchmerzlicher Ausdruck zuckte um ſeine Lippen. Er ſchien wie in einem tiefen, ver⸗ zweiflungsvollen Kampf mit ſich ſelber, und der Athem ging ſchwer und keuchend aus ſeiner Bruſt hervor. Endlich nach einer langen Pauſe näherte er ſich wieder den beiden Herren, die gleichfalls aufgeſtanden waren, und mit beſorgten Mienen dem König zugeſchaut hatten. Ich kann alle dieſe Gründe nicht widerlegen, ſagte der König ſeufzend, aber eine innere Stimme ſagt mir, daß ich Unrecht thue, mein Wort und den Frieden zu brechen. Indeß, wenn das Wohl des Staats *) Politiſches Journal aus Berlin. Journal. 1798. es verle daß die und dal damit w Graf He nit den von Köe von Br Ihte W Zweifel Er wandte Vetnei eben 0 Folgen undob als di zml nich e zu pro — iſchen Mihl im Dunkeln und ſie weit⸗ ſer Stimmen nal alſo vet⸗ laſſen? Zu⸗ uch Preußen darf nut an ie franzöſiſche nen Nachhall und ahnungs⸗ uch Sie das Recht. Sire, s Volks, und hnen, mann⸗ eußens Ehre, rif General Ihres Volkes n Ertſchluß! Deutſchlunds en Schritten n jitt bewin ſcnerſicher mt ging langen aufgeſtan hatten. n der ſünh it thu, nn Faats hl des St iefen, ver⸗ ſchwer Puiſe den es verlangt, trete ich der Coalition bei, jedoch nur unter der Bedingung, daß die Oeſterreicher Mainz mit allem Nachdruck angreifen, es erobern und dadurch die linke Flanke meiner Operationsbaſis decken.*) Und damit wollen wir für heute unſere Berathung ſchließen! Gehen Sie, Graf Haugwitz, und beginnen Sie Ihre abgebrochenen Unterhandlungen mit den ruſſiſchen und engliſchen Geſandten auf's Neue; Sie, General von Köckeritz haben Sie die Güte, mir erſt das Memoire des Herzogs von Braunſchweig hierher zu bringen, und dann mögen Sie ſich in Ihre Wohnung begeben, um der Ruhe zu pflegen, welcher Sie ohne Zweifel nach ſo vielen Strapatzen ſehr bedürftig ſein werden! Er grüßte die beiden Herren mit einem raſchen Kopfneigen und wandte ihnen den Rücken, gar nicht auf die tiefen und ehrerbietigen Verneigungen achtend, mit welchen der Miniſter und der General ſich nach der Thür zurückzogen. Draußen im Vorzimmer angelangt, überzeugten ſich die beiden Herren mit einem raſchen Blick durch der Salon, daß ſie allein ſeien und Niemand ſie hören und belauſchen könne. Er war ſehr ungehalten, flüſterte General von Köckeritz, er hat nur mit dem äußerſten Widerſtreben nachgegeben, und glauben Sie mir nur, mein Freund, der König wird uns dieſen Sieg, den wir ihm eben abgewonnen, niemals vergeſſen, er kann für uns die ſchlimmſten Folgen haben und unſere ganze Stellung gefährden! Es iſt wahr, ſeufzte Graf Haugwitz, der König entließ uns ſo barſch und kurz wie noch niemals. Wir hätten lieber nachgeben ſollen und dem König ſeinen Willen laſſen! Wer weiß, ob er nicht Recht hat und ob nicht für Preußen eine Allianz mit Frankreich mehr werth wäre, als dieſe Coalition mit Oeſterreich und Rußland. Daß Oeſterreich zumgl gar ſo eifrig Preußens Beitritt zur Cvalition wünſcht, macht mich etwas ſtutzig, denn Oeſterreich möchte wenig geneigt ſein, etwas zu proponiren, bei dem Preußen möglicherweiſe Vortheil haben könnte! *) Des Königs eigene Worte. Siehe Memoiren zur Geſchichte des preu ßiſchen Staats ꝛc. Von dem Obriſten von Maſſenbach. III. S. 88. Mühlbach, Napoleon. I. Bd 23 ,„3 —— — 354 Wer weiß ob die Vortheile für Preußen nicht auf der franzöſiſchen Seite liegen! Aber die öffentliche Meinung würde dies Bündniß verwünſchen, ſagte General von Köckeritz ſeufzend, die öffentliche Meinung— Lieber Freund, unterbrach ihn Graf Haugwitz ärgerlich, die öffentliche Meinung iſt wie der Wind, der heute von dieſer, morgen von jener Seite herbläſt. Die Erfolge allein beſtimmen die öffentliche Meinung, und wenn die Coalition der drei Mächte von Frankreich beſiegt wird, ſo wird dieſelbe öffentliche Meinung, welche uns jetzt zum Beitritt drängt, uns verdammen! Die öffentliche Meinung iſt nicht ſo viel werth, daß wir um ihretwillen unſere Stellung gefährden und unſern Einfluß auf den König auf's Spiel ſetzen ſollten. Und ich ſage Ihnen, ich fürchte für unſere Stellung! Der König war außerordentlich gereizt; er ſchien mit Unwillen zu fühlen, daß er nicht ganz ein freier und unabhängiger Herrſcher iſt, daß er uns etwas Macht über ſeinen Willen einge⸗ räumt hat. Wir ſollten noch jetzt nachgeben, ſagte General von Köckeritz ängſtlich, wir ſollten dem König bekennen, daß ſeine Gründe uns überzeugt, daß wir uns geirrt haben— Damit er doppelt fühlt, nicht ſein eigener Wille, ſondern nur unſere umgeänderte Meinung beſtimme ſein Handeln? fragte der Miniſter. Nein, wir müſſen dem König Gelegenheit geben, einen Machtſpruch zu thun und zu beweiſen, daß er allein der Herrſcher iſt! Sie können ihm dazu die beſte Veranlaſſung geben, denn Sie haben einen Vorwand, gleich wieder zu ihm zu gehen. Hat der König Ihnen nicht aufgetragen, ihm die Denkſchrift des Herzogs von Braunſchweig zu bringen? Mein Gott, es iſt wahr, der König erwartet mich mit der Denk⸗ ſchrift! rief der General erſchrocken. In meiner Beängſtigung vergaß ich ſogar dieſes Befehls. Eilen Sie, mein Freund, ihm jetzt zu genügen, ſagte Graf Haugwitz, und ich meinestheils werde mich mit Ihrer Erlaubniß noch ein wenig in dem Zimmer, das die Gnade des Königs Ihnen hier im Palais eingeräumt hat, ausruhen, im Fall noch Contreordre kommen ſollte!— Einige Minuten ſpäter trät der General von Köckeritz, mit den . Papieren immer oh Ew. hier die be Legen wandelnd. Herr denſelben und Abwe Genetal Blit auf Auch mögen R nachgegeb den Frie und in di Ew. ſiirlich in picht iſt an Ih Ein übet ſein verſtand Zut Miene f ein Bele nit E heriletz welche belehrt n wit in — *) zöſiſchen ünſchen, fentliche on jener Neinung, gt wird, tdrängt, rth, daß ſluß auf h fürchte er ſchien hüngiger n einge⸗ in gſtlich berzeugt, dern nur Miniſter. achtſpruch ie können Vorwand, fgetragen⸗ en? er Denk⸗ g vergoß Hougwit, 1 veniß m olci ſolle!— mit den 355 Papieren in der Hand, wieder in das Cabinet des Königs, der noch immer, ohne den Eintretenden zu bemerken, langſam auf und ab ging. Ew. Majeſtät, ſagte der General ſchüchtern und verlegen, ich bringe hier die befohlene Denkſchrift des Herzogs Ferdinand von Braunſchweig. Legen Sie ſie nur dort auf meinen Tiſch, ſagte der König weiter wandelnd. Herr von Köckeritz ſchritt zu dem Tiſch und legte die Papiere auf demſelben nieder. In dieſem Moment war auch der König im Auf⸗ und Abwandeln bis zu dem Schreibtiſch gelangt und blieb jetzt dem General gegenüber ſtehen. Er heftete einen langen und traurigen Blick auf ihn und ſchüttelte langſam ſein Haupt. Auch Sie verlaſſen mich, ſagte der König ſeufzend. Die Herren mögen Recht haben! Ich habe Ihren tieferen Einſichten einen Augenblick nachgegeben, aber eine innere Stimme ſagt mir, daß ich Unrecht habe, den Frieden zu brechen, weil Frankreich jetzt von allen Seiten bedroht und in dieſem Moment unglücklich iſt.*) Ew. Majeſtät allein iſt hier der Herr und Gebieter, ſagte Köckeritz feierlich. Ihre Ueberzeugung iſt uns Befehl, und wir unterwerfen uns im pflichtſchuldigen Gehorſam Eurer Majeſtät beſſerer Einſicht! Es iſt an Ihnen, uns Ihre Befehle zu ertheilen, an uns zu gehorchen! Ein raſcher Blitz leuchtete in den Augen des Königs auf und über ſeine Wangen flog ein höheres Roth. Der General ſah das und verſtand es gar wohl. Zudem, fuhr er mit niedergeſchlagenen Augen und beſchämter Miene fort, zudem habe ich Eurer Majeſtät ein Bekenntniß zu machen, ein Bekenntniß in meinem und des Grafen Haugwitz Namen! Indem wir Ew. Majeſtät zu unſern Gründen für den Krieg und die Coalition herüberziehen wollten, iſt es uns geſchehen, daß wir von den Gründen, welche Euere Majeſtät gegen den Krieg und die Coalition ausſprachen, bekehrt worden und durch Ew. Majeſtät überzeugt worden ſind, daß wir in einem Irrthum befangen waren. Es iſt vielleicht ſchmählich, *) Des Königs eigene Worte. Siehe: Memoiren von Maſſenbach. III. S. 90. 93* 23* —.— — 356 zu geſtehen, daß unſere Ueberzeugung ſo ſchnell in das Gegentheil umſchlagen konnte, aber die überzeugende Beredtſamkeit Eurer Majeſtät— Nein, nicht meine armſeligen Worte, ſondern die Wahrheit der Sache hat Sie überzeugt, rief der König freudig, und ich danke Ihnen, daß Sie den wahrhaft männlichen und edlen Muth haben, es einzu⸗ geſtehen, daß Sie geirrt und zu anderer Einſicht gekommen ſind. Ich danke es auch dem Miniſter, Grafen Haugwitz, und ich werde Ihnen Beiden dieſes edle Selbſtbekenntniß und dieſe Wahrheitsliebe nie ver⸗ geſſen. Es iſt mir ein neuer Beweis, daß ich an Ihnen treue und zuverläſſige Freunde und Diener habe, welche ſich nicht ſchämen, einen Irrthum einzugeſtehen, und denen es nur um die Sache, nicht um das Durchführen ihres Willens zu thun iſt. Ich nehme mein Wort alſo zurück. Ich werde der Coalition nicht beitreten! Eilen Sie zu Haugwitz, mein Freund! Sagen Sie ihm, er ſolle ſich ſofort zum ruſſiſchen Geſandten verfügen und ihm die Mittheilung machen, daß ich der Cvalition kein Hülfsheer zur Verfügung ſtellen und mich auch ſonſt nicht an einem Kriege gegen Frankreich betheiligen werde. Auch dem engliſchen Geſandten ſoll Haugwitz dieſe Mittheilung machen und ihm anzeigen, daß ich demgemäß auf die ſechs Millionen Thaler Subſidien verzichte, die England mir für mein Hülfsheer leiſten würde. Sechs Millionen Thaler! General Tempelhof hat wohl Recht, die Belage⸗ rung einer Feſtung von nur mittelmäßigem Range koſtet eine Million Thaler, und wir würden deren in Holland mehr als zehn den hart⸗ näckigen und tapferen Franzoſen wegnehmen müſſen. Wir würden alſo über zehn Millionen auszugeben haben, und außerdem noch unſere eigenen Feſtungen im Innern des Landes von Geſchütz, Pulver und aller Munition entblößen!*) Was würden mir alſo dieſe ſechs Millionen Thaler engliſcher Subſidien nützen? Ich würde wenigſtens noch vier Millionen hinzufügen müſſen und das Leben und Blut meiner tapferen und ſchönen Soldaten gefährden, ohne vielleicht für Preußen auch nur den mindeſten Vortheil zu erlangen! Eilen Sie, General, *) Gedanken über die Frage: Soll Preußen der Coalition gegen Snn beitreten?(Vom General von Tempelhof.) S. 28. dem Min Entſchluß an dieſem Ich von Köcke Haugwitz ünigliche Der treuer un ſeltenes S ich habe geführt halten!! ein weni gehen. belohnen, De in Perli Eine ſch und Ma falt und Lager g nern, gentheil jeſtät— heit der Ihnen, einzu⸗ Ich Ihnen ſie ver⸗ ue und einen um das ort alſo augnitz uſſiſchen ich der ch ſonſt ich dem d ihm ubſidien Sechs Belage⸗ Million en hart⸗ den alſe unſere ver und e ſech nigſtens meiner Preußen general, nteih dem Miniſter, Grafen Haugwitz, meinen beſtimmten und unabänderlichen Entſchluß mitzutheilen. Preußen bleibt neutral und nimmt nicht Theil an dieſem Krieg gegen Frankreich! Ich eile, den Befehlen Eurer Majeſtät zu genügen, rief General von Köckeritz, nach der Thür zuſchreitend, und ich weiß, daß Graf Haugwitz mit eben der freudigen Demuth und Unterwürfigkeit dem königlichen Befehl ſich fügen wird, wie ich es thue!— Der König ſchaute ihm mit innigem Ausdruck nach. Er iſt ein treuer und ehrlicher Freund, ſagte er, und das iſt in der That ein ſeltenes Beſitzthum für einen König! Ah, es iſt mir alſo gelungen, ich habe dieſe blutige Gewitterwolke noch einmal an Preußen vorüber⸗ geführt und ich werde meinem Volk die Segnungen des Friedens er⸗ halten! Und jetzt darf ich mir wohl eine Belohnung dafür gönnen und ein wenig ausruhen von den Regierungsſorgen! Ich will zu Luiſen gehen. Ihr Anblick und das Lächeln meiner Kinder ſoll mich dafür belohnen, daß ich als König meine Pflicht gethan! MIM. Die legitime Gemahlin. Der Fürſt von Reuß, Heinrich XIV., der Geſandte Oeſterreichs in Berlin, hatte vor einer Stunde ſeinen letzten Seufzer ausgehaucht. Eine ſchmerzvolle Krankheit hatte ihn ſeit Wochen an ſein Lager geheftet, und Mariane Meier hatte ihn in dieſer Zeit mit der treueſten Sorg⸗ falt und Liebe gepflegt. Sie war Tag und Nacht nicht von ſeinem Lager gewichen, und Niemand außer ihr, dem Arzt und einigen Die⸗ nern, hatte das Krankenzimmer betreten dürfen. Die Brüder und Neffen des Fürſten, welche nach Berlin gekommen waren, ihren ſter⸗ den Verwandten noch einmal zu ſehen, hatten ſich vergeblich um ſeſe Gunſt beworben, denn die Aerzte hatten ihnen erklärt, daß für den leidenden Fürſten jede Aufregung vermieden werden müſſe, und daß eine ſolche bei dem gefährlichen Zuſtand des Fürſten ſeinen augen⸗ blicklichen Tod herbeiführen könne. Außerdem aber hatte der Fürſt ſeinen vertrauten Kammerdiener zu feinem Bruder geſandt, und ihm ſagen laſſen, er würde, ſelbſt wenn er geſund wäre, die Beſuche eines Bruders nicht annehmen, der ihm ſo wenig brüderliche Liebe bewieſen, und ſo viel Aergerniß bereitet habe, indem er ſich feindlich und höhnend ſeiner treuen und vielgeliebten Freundin Mariane Meier gegenüber⸗ geſtellt habe. Die hohen Verwandten des Fürſten hatten ſich daher wohl be⸗ gnügen müſſen, ſein Palais nur aus der Ferne zu beobachten und einige der fürſtlichen Diener zu gewinnen, damit ſie ihnen einen ſtündlichen Rapport über das Befinden des Fürſten abſtatteten. Und jetzt war Fürſt Heinrich XIV. heimgegangen zu ſeinen Ahnen, und ſein Bruder war jetzt ſein Nachfolger und Erbe, denn der Fürſt hatte keine legitimen Erben. Er war niemals verheirathet geweſen, und ſein ungeheures Vermögen, ſeine Güter und Titel fielen daher ſeinem Bruder zu. Freilich war da ſeine Geliebte, die ſchöne Mariane Meier, welche der Fürſt in der Verblendung ſeiner Liebe als eine Ge⸗ mahlin hatte neben ſich geehrt wiſſen wollen! Aber dieſe hatte na⸗ türlich keinen Anſpruch auf irgend eine Erbſchaft; wenn man groß⸗ müthig ſein wollte, ließ man ihr die koſtbaren Geſchenke des Fürſten und gab ihr eine kleine Penſion, weiter nichts! Der Fürſt hatte daher kaum ſeine Augen geſchloſſen, und die Aerzte hatten kaum das Todesverdict über ihn ausgeſprochen, als ſein Bruder, der nunmehrige Fürſt Heinrich XV., begleitet von einigen Rechtsanwalten, bereits das Hötel des Verſtorbenen betrat, um Beſitz zu nehmen von ſeinem Eigenthum, und die nöthigen Verſiegelungen vornehmen zu laſſen. Indeſſen, um ſich wenigſtens den Anſchein brüderlicher Liebe zu geben, und dem Decorum zu genügen, wollte der Fürſt ſich zuerſt in das Sterbezimmer begeben, und dem Heimgegangenen ein letztes Lebewohl ſagen.— Aber in dem Vorzimmer fand er die bei Kammerdiener ſeines Bruders, welche es wagten, ihm den Weg vertreten treten di Und Veg fort Die diener. Gemahls Der beamten, Ich der Für J der Kan von Co Nu einem ſ wit an! Zimmer Herr K A zeihung verſtorl Ende h des Ge verſiege Befehl worden. D Jſi D N Ohne laſen Gnade ſſe, und naugen⸗ er Fürſt ind ihm he eines ewieſen, höhnend genüber⸗ wohl be⸗ nd einige ündlichen nAhnen, der Firſt geweſen, n daher Marione eine Ge⸗ hatte na⸗ an gr⸗ Fürſtn und die l ſein neinigen m Beſit gelungen Liebe zl zuerſ in Veg zu 359 vertreten, und ihm zn ſagen daß Niemand das Sterbezimmer be⸗ treten dürfe. Und wer unterſteht ſich, dies zu befehlen? fragte der Fürſt, ſeinen Weg fortſetzend. Die gnädige Frau hat es ſo befohlen! ſagte der erſte Kammer⸗ diener. Die gnädige Frau wollen allein ſein mit der Leiche ihres Gemahls. Der Fürſt zuckte die Achſeln und ſchritt, gefolgt von den Juſtiz⸗ beamten, der Thür zu, welche er indeß vergeblich zu öffnen verſuchte. Ich glaube, dieſe Perſon hat die Thür von innen verſchloſſen, ſagte der Fürſt mit verhaltenem Zorn. Ja, mein Herr, die gnädige Frau haben ſich eingeſchloſſen, ſagte der Kammerdiener, die gnädige Frau wollen in ihrem Schmerz nicht von Condolenz⸗Viſiten geſtört werden. Nun, ſo überlaſſen wir ſie ihrem Schmerz, rief der Fürſt mit einem ſpöttiſchen Lächeln. Kommen Sie, meine Herren Beamten, gehen wir an unſer Geſchäft! Nehmen wir ein Inventarium in ſämmtlichen Zimmern auf und verſiegeln wir! Führen Sie uns in die Zimmer, Herr Kammerdiener. Aber der Kammerdiener zuckte kopfſchüttelnd die Achſeln. Ver⸗ zeihung, gnädiger Herr, das iſt unmöglich. Se. Durchlaucht, unſer verſtorbener Herr und Fürſt, hat ſchon vor einigen Tagen, als er ſein Ende herannahen fühlte, ſämmtliche Zimmer ſchließen und im Beiſein des Geſandtſchafts⸗Perſonals von dem erſten Attaché der Geſandtſchaft verſiegeln laſſen. Die Schlüſſel ſämmtlicher Zimmer aber ſind auf Befehl des Fürſten der gnädigen Frau, ſeiner Gemahlin, übergeben worden. Der neue Fürſt Heinrich XV. wandte ſich etwas beſtürzt an die Juſtizbeamten. Dürfen wir die Thüren mit Gewalt öffnen? fragte er. Nein, das wäre ungeſetzlich, ſagte einer der Rechtsanwalte leiſe. Ohne Zweifel hat der verſtorbene Fürſt auch darüber ſeine Befehle er⸗ laſſen und den Beamten der Geſandtſchaft dieſelben anvertraut. Ew. Gnaden müßten ſich zuerſt an dieſe Herren wenden. S —— 360 Iſt der erſte Attaché der Geſandtſchaft, Baron von Werdern, im Hötel anweſend? fragte der Fürſt den Kammerdiener. Nein, Ew. Gnaden, er iſt ſo eben mit einigen andern Herren von der Geſandtſchaft hingegangen, um zwei Beamte der Obrigkeit hierher zu bitten, damit in deren Beiſein das Teſtament eröffnet und ge⸗ leſen werde. Mein Bruder hat alſo ein Teſtament gemacht? fragte der Fürſt ein wenig erſchrocken. Ja, Ew. Gnaden, und er hat es im Beiſein des Geſandtſchafts⸗ perſonals, zweier Beamten der hieſigen Obrigkeit und ſeiner ſämmt⸗ lichen Dienerſchaft vor drei Tagen in eine eiſerne Caſſette gelegt, den Schlüſſel derſelben den Magiſtratsperſonen übergeben, in deren Bei⸗ ſein alsdann die Caſſette in dem Bureau der Geſandtſchaft deponirt worden iſt. Und weshalb iſt der Baron von Werdern ſchon jetzt zu den Herren von der Obrigkeit gegangen? Um dieſelben zu bitten, hierher zu kommen, denn laut dem münd⸗ lichen Befehl des verſtorbenen Fürſten ſoll das Teſtament zwei Stunden nach ſeinem Tode ſchon eröffnet werden. Der Herr Baron wollte daher zu gleicher Zeit auch Ew. Gnaden hierher einladen. Nun, ſo warten wir, bis die Herren kommen, ſagte Fürſt Hein⸗ rich XV. achſelzuckend. Indeſſen ſcheint es mir doch etwas ſeltſam, daß ich hier im Vorzimmer, wie ein Supplicant warten muß. Melden Sie mich Ihrer gnädigen Frau! Der Kammerdiener verneigte ſich und eilte hinaus. Der Fürſt winkte die beiden Rechtsanwalte zu ſich. Was halten Sie von dieſer ganzen Sache? fragte er leiſe. Die beiden Männer des Geſetzes zuckten die Achſeln. Durchlaucht, ſagten ſie, es iſt hier Alles geſchehen in der Form Rechtens, wie es ſcheint. Wir müſſen die Rückkehr der Herren und die Eröffnung des Teſtaments abwarten. Eben trat der Kammerdiener wieder ein und näherte ſich dem Fürſten. Die gnädige Frau laſſen ſich dem Herrn Fürſten empfehlen, ſagte er, und bitten um Verzeihung, daß ſie augenblicklich außer Stande ſ eben nit den gnüdi Nenn Schwager dem er hier wart werdend. eine kleir ihr imn wiſſen, u Stil bommt! In fligel, u Liche de beleuchtet des Age vorwärts langem! fülte ſe Ni juiſtſſch Schwell tif ver treten Der s ihn Riffnete De begrüßt Zwei Caſſete ern, im ren von hierher und ge⸗ et Fürſt tſchafts deponirt Herren nmünd⸗ Stunden ſt Hein⸗ ſeltſam, Melden er Fürſt on diſer chlaucht, wie es „96 mung d ſich dem nyfehlen außer 361 Stande ſind, den Beſuch ihres Herrn Schwagers zu empfangen, da ſie eben mit ihrer Toilette beſchäftigt ſind. Sie werden die Ehre haben, den gnädigen Herrn Schwager bei der Ceremonie zu begrüßen. Nennt Ihre ſogenannte gnädige Frau etwa mich ihren Herrn Schwager? fragte der Fürſt mit dem Ausdruck tiefſter Verachtung, in⸗ dem er dem Kammerdiener den Rücken wandte. Wir werden alſo hier warten, meine Herren, fuhr er fort, ſich zu den Rechtsanwälten wendend. Dieſe Perſon gedenkt, wie es ſcheint, in dieſem Moment eine kleine Revanche zu nehmen für die offene Verachtung, die ich ihr immer bewieſen habe. Ich werde ſie indeß dafür zu ſtrafen wiſſen, und— Still, Durchlaucht, flüſterte einer der Juſtizbeamten, ſtill, man kommt! In der That, da drüben öffneten ſich eben die beiden hohen Thür flügel, und man erblickte dort auf einer ſchwarz decorirten Eſtrade die Leiche des heimgegangenen Fürſten, auf einem Ruhelager liegend und beleuchtet von den hohen Wachskerzen, die auf den zu beiden Seiten des Lagers aufgeſtellten Candelabern brannten. Von einer unwillkürlichen Scheu ergriffen ſchritt Fürſt Heinrich vorwärts, und dieſes ernſte Antlitz ſeines Bruders, mit dem er in ſo langem Unfrieden gelebt und den er ſeit Jahren nicht mehr geſehen, er füllte ſein Herz mit einem unheimlichen Grauſen. Mit zögernden leiſen Schritten näherte er, gefolgt von ſeinen juriſtiſchen Beiſtänden, ſich dem Gemach. Jetzt erſchien auf der Schwelle der Thür der erſte Attaché, Baron von Werdern, und ſich tief verneigend vor dem Fürſten, lud er ihn flüſternd ein, näher zu treten. Der Fürſt ſchritt vorwärts, und wie er das Gemach betrat, ſchien es ihm als ob die Leiche ſeines Bruders ſich regte, als ob ſeine halb geöffneten Augen mit drohendem Ausdruck auf ihm ruhten. Der Fürſt wandte ſeine Blicke entſetzt von der Leiche fort und begrüßte die Herren, welche um den ſchwarzbehangenen Tiſch ſtanden. Zwei hohe Armleuchter mit brennenden Wachskerzen, eine eiſerne Caſſette und ein Schreibzeug befanden ſich auf dieſem Tiſch, —— — ——— — . 362 und vor demſelben ſtanden auf der einen Seite zwei ſchwarzdecorirte Lehnſeſſel. Zu einem dieſer Lehnſeſſel führte der Baron den Fürſten hin, und lud ihn ein, auf demſelben Platz zu nehmen. Fürſt Heinrich that es und blickte dann erwartungsvoll nach den Magiſtratsperſonen, die in ihren ſchwarzen Talaren neben dem Tiſch ſtanden, und hinter welchen das ganze Geſandtſchaftsperſonal, die Aerzte und die ſämmtliche Diener⸗ ſchaft des Fürſtengaufgeſtellt waren. Eine lange Pauſe trat ein, dann auf einmal öffneten ſich beide Flügelthüren, und der Haushofmeiſter des Fürſten erſchien auf der Schwelle. Ihro Durchlaucht, die verwitwete Frau Fürſtin von Reuß, ſagte er mit lauter feierlicher Stimme, und jetzt erſchien in der Thür die hohe, impoſante Geſtalt Marianens. Ein ſchwarzes Wollengewand, bis oben zum Halſe hinreichend, und in einer langen Schleppe endigend, umhüllte ſie, ein langer, ſchwarzer Kopfſchleier, über der Stirn von einer Fürſtenkrone zuſammengehalten, umfloß ihre edle, hohe Erſchei⸗ nung wie eine dunkle Wolke, und aus dieſer Wolke hervor glänzte ihre hohe, gedankenvolle Stirn, blitzten ihre großen, feurigen Augen. Die tiefſte, ſtolzeſte Ruhe ſprach aus ihren Zügen, und wie ſie jetzt vor⸗ wärts ſchritt und die Herren mit einem leiſen Neigen ihres Hauptes begrüßte, war eine ſo wahrhaft fürſtliche Würde und Hoheit in ihrem ganzen Weſen, daß ſelbſt Fürſt Heinrich ſich davon imponirt fühlte, und ſich ganz unwillkürlich von ſeinem Lehnſeſſel erhob. Mariane indeſſen achtete nicht auf ihn, ſondern näherte ſich zuerſt der fürſtlichen Leiche. Mit einer unnachahmlichen, ſtolzen Anmuth tnieete ſie auf den Stufen der Eſtrade nieder. Ihr gegenüber auf der andern Seite der Eſtrade knieete der Prieſter, der im vollen Ornat Marianen gefolgt war. Beide murmelten inbrünſtige Gebete fur den Geſtorbenen, dann erhob ſich Mariane von ihren Knieen, und ſich über die Leiche neigend drückte ſie einen langen Kuß auf ihre Stirn. Lebe wohl, mein Gemahl! ſagte ſie mit ihrer vollen, melodiſchen Stimme, und nun wandte ſie ſich um, und ſchritt zu dem Tiſch hin. Ohne de auf dem J ſigte ſie Der dar, die hervor, 1 Erk in dieſer Ihnen C übergebe Jo, ment de Un nach ſei der Ver Da wie er ein wen durchbol De 5 „V ſühle je G em ahl Duka während Krankhe mehr zu mir weil ſie bewahr decorirte Ohne den Fürſten auch nur eines Blickes zu würdigen, ließ ſie ſich auf dem Lehnſeſſel nieder. hin, und Ich bitte die Herren vom Magiſtrat, jetzt die Caſſette zu öffnen, that es ſagte ſie mit faſt gebieteriſcher Stimme. die in Der Magiſtratsbeamte reichte dem Herrn von Werdern den Schlüſſel welchen dar, dieſer öffnete die Caſſette und nahm ein verſiegeltes Schreiben Diener⸗ hervor, das er dem Beamten überreichte. Erkennen Sie das Papier für dasjenige, welches Sie ſelber hier ſch beide in dieſer Caſſette verſchloſſen haben? fragte er. Für daſſelbe, welches auf der Ihnen Se. Durchlaucht der verſtorbene Fürſt von Reuß Heinrich XIV. übergeben hat? ſ, ſagte Ja, es iſt daſſelbe, ſagten die beiden Beamten, es iſt das Teſta⸗ Thir di ment des verſtorbenen Fürſten. ngenund, Und Sie wiſſen, daß Se. Durchlaucht uns befahl, daſſelbe ſofort endigen, nach ſeinem Tode zu öffnen und zu publiciren. Thun Sie alſo, wie tin von der Verſtorbene befohlen hat. Erſche⸗ Der erſte der Magiſtratsbeamten erbrach das Siegel, und jetzt, n iht wie er das Papier auseinander ſchlug, wandte Mariane ihr Haupt 4 Die ein wenig zur Seite und heftete ihre brennenden Blicke mit einem durchbohrenden Ausdruck auf das Antlitz des Fürſten. beh Der Beamte begann ſeine Lectüre. Zuerſt kamen die Formeln und Einleitungen, wie ſolche bei jedem Teſtament üblich ſind, dann las inihn⸗ der Beamte mit erhobener Stimme wie folgt: n ſihte„Indem ich mich bereite, vor dem Thron des Herrn zu erſcheinen, fühle ich mich vor allen Dingen gedrungen, hiermit öffentlich meiner ſchi Gemahlin, der Fürſtin Mariane, gebornen Meier, meinen freudigſten um Dank abzuſtatten für die Treue, Liebe und Hingabe, welche ſie mir af der während der ganzen Dauer unſerer Ehe bewieſen, für die Aufopferung n Dmt und hingebende Geduld, mit welcher ſie mich während meiner jetzigen Krankheit gepflegt hat. Ich fühle mich in meinem Gewiſſen um ſo en, dum mehr zu dieſem Bekenntniß verpflichtet, als meine Gemahlin aus Liebe e neigen zu mir viel unverdiente Verdächtigung und Kränkung erduldet hat, weil ſie, um meinen Wünſchen zu genügen, unſere Ehe als Geheimniß uledijchen bewahrt hat, und daher den Spott Uebelwollender und die Verhöhnung Liſt hn gehäſſiger Feinde zu tragen gehabt hat. Sie iſt aber meine recht mäßige Gemahlin vor Gott und Menſchen, und iſt vollkommen be rechtigt und befugt, ſich die Gemahlin des Fürſten von Reuß zu nennen. Ich gebe ihr hierdurch das Recht, dies zu thun, und indem ich damit das Geheimniß, welches während meines Lebens über unſrer Ehe gewaltet hat, aufhebe, ermächtige ich meine Gemahlin zur Annahme der Titel und Würden, welche ihr gebühren, befehle ich meinem Bru⸗ der, ſo wie deſſen Söhnen und den übrigen Mitgliedern meiner Fa milie, der verwittweten Fürſtin Reuß, gebornen Meier, die Achtung, Unterwürfigkeit und Ehrfurcht zu bezeugen, welche ihr als der Wittwe des verſtorbenen Hauptes der Familie zukommt, und auf welche ſie durch ihre Tugend, ihr untadelhaftes Betragen, ihre Ehrbarkeit, Schön⸗ heit und Liebenswürdigkeit die gegründeteſten Anſprüche hat. Die ver wittwete Fürſtin Reuß iſt befugt, ihre Diener die Farben meines Hauſes tragen zu laſſen, an ihren Equipagen das Fürſtlich Reuß'ſche Wappen zu führen und aller Vorrechte ihres Standes zu genießen. Sollte mein Bruder Heinrich, der Erbe meiner Titel, Zweifel hegen über dieſe Befugniß, ſo hat der Vorleſer meines Teſtamentes ihn zu fragen, ob er noch weiteres Zeugniß der Rechtmäßigkeit meiner Ehe verlange.“ Verlangen Ew. Durchlaucht weiteres Zeugniß? fragte der Ma giſtratsbeamte, ſich in ſeiner Lectüre unterbrechend. Ich verlange es, ſagte der Fürſt, welcher mit bleichem Angeſicht, mit düſtern Mienen der Vorleſung zugehört hatte. Und hier iſt das Zeugniß, ſagte der Prieſter, indem er dem Caplan winkte, der auf der Schwelle der Thür ſtand. Er näherte ſich jetzt dem Prieſter und überreichte ihm ein großes ſchwarzgebun⸗ denes Buch. Es iſt das Kirchenbuch, in welchem ich alle in der Capelle der öſterreichiſchen Geſandtſchaft vorgenommenen Trauungen, Taufen und Leicheneinſegnungen verzeichnet habe, ſagte der Prieſter. Hier auf dieſer Seite finden Sie das Protokoll der vor zwei Jahren erfolgten zermählung des Fürſten Reuß, Heinrich XIV., mit Fräulein Mariane Reier. Ich ſelber habe die Frau Fürſtin durch die heilige Taufe in 6— S den Sche ſie dem Fürſtin di Protokoll Stütte vo Trauungs Ich außer mi weiteres abzulegen Nein ich erklär gerin, del Er ment das dann nac machte Inventn Pferde 1 übriges er ſeinen Mariane Penſion die alten ind zue Vdesug werde W Die ndt einen V Geſa ne recht⸗ men be⸗ Reuß zu r unſrer lnnahme m Bru⸗ Achtung, WVittwe welche ſie Schön⸗ le ver⸗ 0 meines Reuß ſche genießen el hegen s ihn zu iner Ehe der Ma⸗ Angeſiht, er dem niherte nzgebun⸗ welle det ufen und auf Hier erfolgten Matiane nni Lufe 365 den Schooß der heiligen Mutterkirche aufgenommen, ich ſelber habe ſie dem Fürſten angetraut. Ich lege hiermit Zeugniß ab, daß die Frau Fürſtin die legitime Gemahlin des Fürſten iſt, wie ſolches auch das Protokoll in dem Kirchenbuch beſagt. Dieſe Trauung iſt an heiliger Stätte vollzogen, und im Beiſein von Zeugen, welche gleich mir die Trauungsacte unterzeichnet haben. Ich war Zeuge der Trauung, ſagte Baron von Werdern, und außer mir der Kriegsrath Gentz, der, wenn Ew. Durchlaucht noch weiteres Zeugniß begehren, gleich uns bereit ſein wird, daſſelbe abzulegen. Nein, ſagte der Fürſt düſter, ich begehre kein weiteres Zeugniß, ich erkläre mich für überzeugt, und mache hiermit meiner Frau Schwä⸗ gerin, der verwittweten Fürſtin Reuß, gebornen Meier, mein Compliment. Er verneigte ſich mit einem ſpöttiſchen Lächeln, welches einen Mo⸗ ment das Blut in Marianens bleiche Wangen jagte, und lehnte ſich dann nachläſſig in ſeinen Fauteuil zurück. aben Sie jetzt die Güte, in Ihrer Lectüre fortzufahren, ſagte er, ſich an den Magiſtratsbeamten wendend. Dieſer nahm das Teſtament wieder zur Hand und las die ein⸗ zelnen Paragraphen und Beſtimmungen deſſelben. Der Fürſt ver machte in denſelben ſein Palais nebſt dem ganzen darin enthaltenen Inventarium ſeiner Gemahlin Mariane, ebenſo ſeine Kutſchen, ſeine Pferde und die von ſeiner Mutter ererbten Familienbrillanten. Sein übriges bedeutendes Vermögen aber ſo wie alle ſeine Güter hinterließ S er ſeinem Bruder, indem er es dieſem anheimgab, ſich mit der Fürſtin Mariane über eine, ihrem Range und ihren Verhältniſſen angemeſſene Penſion zu einigen. Alsdann folgten einige Legate und Penſionen für die alten Diener ſeines Hauſes, einige Schenkungen an die Armen und zuletzt die Ausſetzung eines Capitals, für welches alljährlich am Todestage des Fürſten eine Meſſe für das Wohl ſeiner Seele geleſen werden ſollte. Die Ceremonie war beendet. Die Magiſtratsbeamten und das Geſandtſchaftsperſonal hatten das Sterbezimmer verlaſſen, und auf einen Wink Marianens war auch die Dienerſchaft hinausgegangen. 366 Der Fürſt hatte ſich leiſe und raſch mit den beiden Rechtsanwälten beſprochen, und alsdann hatten auch dieſe ſich zurückgezogen. Niemand außer dem Bruder und der Gemahlin des Verſtorbenen waren jetzt noch in dieſem düſtern, von den flackernden Wachskerzen erhellten Ge⸗ mach anweſend. Mariane ſchien indeſſen die Gegenwart des Fürſten gar nicht zu bemerken; ſie war wieder zu der Leiche hingeſchritten und ſchaute ſie an mit einem langen, innigen Blick. Ich danke Dir, Heinrich, ſagte ſie laut und feierlich. Ich danke Dir aus tiefſter Seele; Du haſt mir meine Ehre wieder gegeben, Du haſt mich gerächt an Deinen ſtolzen Verwandten und an der höhnen⸗ den Welt! Danken Sie ihm nicht, Frau Schwägerin, denn er hat Sie arm zurückgelaſſen, ſagte der Fürſt, zu ihr tretend und ſie mit einem kalten Lächeln betrachtend. Mein Bruder hat Sie zur Fürſtin gemacht, es iſt wahr, aber er hat Ihnen nicht die Mittel gegeben, um als Fürſtin zu leben. Er hat Ihnen dies Palais mit ſeinen glänzenden Meubles, er hat Ihnen ſeine Equipagen und Brillanten vermacht, aber Meubles ſind keine Landgüter, von deren Renten man leben kann, und um Equipagen zu halten, muß man Menſchen und Pferde ernähren. Sie können freilich das Hötel und die Brillanten verkaufen, und werden dafür einige hunderttauſend Gulden erhalten. Das iſt genug für eine Privatperſon, um davon eine recht hübſche und glänzende Exiſtenz zu führen, aber es iſt ſehr wenig, um davon einen fürſtlichen Hausſtand zu beſtreiten und mit dem Glanz und Eclat, der Whrer Schönheit und Ihrer Stellung gebührt, in der großen Welt auftreten zu können. Mein Bruder hat dies Alles vorgeſehen, und hat uns daher den Weg einer Verſtändigung eröffnen wollen, indem er uns anheimgiebt, uns über eine Penſion zu einigen. Ich frage Sie alſo, wie viel verlangen Sie? Wie hoch muß die Summe ſein, für welche Sie mir Ihre Trauer⸗ ſchleier, Ihr Wittwenthum und Ihre Titel verkaufen wollen? Denn Sie können wohl denken, Madame, daß es nicht in meinem Willen liegt, Sie wirklich öffentlich als meine Frau Schwägerin auftreten zu laſſen, und eine— Mariane Meier unter die Ahnenbilder meines Hauſes aufzunehmen. Sagen Sie mir alſo Ihren Preis, Madame. Ma Wangen. Mariene Sie werd nennt. J man nich ſein, um Gemahl Phrelan fil iſt f uine ſi kleiliche Firſtin Mier. Entweih Gedanke des Tod Sie mit leiſe Leiche u Eine zu De und die J er, nac und dan zu Ihne Er weder lehnte Volk unwälten Niemand ren jetzt ten Ge⸗ Fürſten tten und ſch danke ben, Du höhnen⸗ Sie am em kalten acht, es s Fürſin Meubles, Meubles und um ernähren. d werden für eine riſtenz zu hausſtnd nheit und u könner⸗ den Veg iebt, uns verlangen eTruer Denn em Villen ftreen z. er meine Madame Mariane ſchaute ihn an mit flammenden Augen und zorngerötheten Wangen. Herr Fürſt von Reuß, ſagte ſie ſtolz, Sie werden die Jüdin Mariane Meier unter die Ahnenbilder Ihres Hauſes aufnehmen, und Sie werden es dulden müſſen, daß die Welt mich Ihre Schwägerin nennt. Ich bin es und ich werde Ihnen und der Welt beweiſen, daß man nicht nöthig hat, unter einem fürſtlichen Baldachin geboren zu ſein, um fürſtlich leben, fürſtlich denken und handeln zu können. Mein Gemahl hat mich in dieſer Stunde belohnt für Jahrelanges Leid und Jahrelange Demüthigung. Glauben Sie, daß mir die Belohnung feil iſt für elendes Geld? Und wenn Sie mir Millionen böten, ich würde ſie ausſchlagen, wenn ich dafür eine namenloſe, geſchmähete und kleinliche Exiſtenz führen ſollte. Ich will lieber Hungers ſterben als Fürſtin von Reuß, denn in Reichthümern ſchwelgen als Mariane Meier. Dies iſt mein letztes Wort, und jetzt, mein Herr, gehen Sie! Entweihen Sie dieſes Zimmer nicht durch Ihre kalten, egoiſtiſchen Gedanken und Ihre weltklugen Berechnungen! Ehren Sie die Ruhe des Todten und die Trauer der Lebendigen. Gehen Sie! Sie wandte ſich ſtolz von ihm ab und neigte ſich wieder über die Leiche. Wie ſie ihr Haupt über ſie lehnte, ſank ihr ſchwarzer Schleier mit leiſem Rauſchen über ihrem Antlitz nieder und hüllte ſie und die Leiche wie in dunkle Nebelſchatten ein, ſo daß beide Geſtalten wie in Eine zu verſchweben ſchienen. Der Fürſt fühlte ein unheimliches Fröſteln ſeine Geſtalt durchrieſeln, und die Nähe des Todten genirte ihn. Ich will Sie jetzt in Ihrer Trauer nicht ſtören, Madame, ſagte er, nach der Leichenfeier werden hoffentlich Ihre Thränen verſiegen, und dann werde ich meine Rechtsanwälte zu weiteren Unterhandlungen zu Ihnen ſenden. Er verneigte ſich und eilte dem Ausgang zu. Mariane ſchien weder ſeine Worte gehört, noch ſein Gehen bemerkt zu haben. Sie lehnte immer noch über der Leiche ihres Gemahls, und die ſchwarze Wolke verhüllte ſie und ihn. IN. Der achtzehnte Brumaire. Neuigkeiten aus Frankreich! rief der Kriegsrath Gentz, mit athem⸗ loſer Haſt in das Boudoir Marianen's eintretend. Wiſſen Sie ſchon, was geſchehen iſt? Haben Sie ſchon gehört, Mariane, mit welcher That Frankreich dieſes Jahrhundert abgeſchloſſen hat? Mariane blickte mit einem feinen, ſeltſamen Lächeln in das erregte Antlitz des Freundes. Neuigkeiten ſeltſamer Art müſſen es ſein, ſagte ſie, da ſie ſogar im Stande geweſen, den Träumer Friedrich Gentz aus ſeinem politiſchen Schlaf zu wecken, und ihm wieder Intereſſe an den Welthändeln einzuflößen. Nun, laſſen Sie hören, was giebt es — in Frankreich? r General Bonaparte hat das Directorium verjagt und den Rath der Fünfhundert auseinander geſprengt. Und das neken Sie eine Neuigkeit? fragte Mariane achſelzuckend. Sie erzählen mir da die Geſchichte des neunten und zehnten November, oder wie die republikaniſchen Franzoſen ſagen, des achtzehnten und neunzehnten Brumaire, und Sie glauben, daß ich heute am Ende des December noch nichts davon erfahren habe? Mein Freund, die Thaten Bonaparte's bedürfen nicht eines Monats, um von ſich reden zu machen, ſie ſchwingen ſich empor mit Adlersfittigen, und alle Welt ſieht ſie, weil ſie aller Welt den Horizont verdüſtern. Aber Sie haben ja erſt die Vorrede meiner Neuigkeit gehört, rief Gentz ungeduldig. Ich zweifle nicht, daß Sie die Geſchichte des acht⸗ zehnten Brumaire kennen, und daß Sie wiſſen, wie Frankreich ſich an jenem Tage unter die Herrſchaft dreier Conſuln ſtellte, deren Einer der General Bonaparte war. Sieyes und Ducos, unterbrach ihn Ma⸗ Die andern beiden ſind daß Bonaparte's Bruder riane, ja, ich weiß das und ich weiß auch, Lucian, der Präſident der gefesgeben er die drei ſ pr⸗ Conſuln vereidete, zu ne ſagte:„Das größte Volk der Erde ver⸗ traut Euer) um zu N Gentz, laſſen ihn ni zu we Freu geſchi erſten beinge iinget Rebra Mar 369 traut Euch ſeine Schickſale an; das Wohl von dreißig Millionen Menſchen die Erhaltung der innern Ruhe und die Herſtellung des Friedens iſt Euer Auftrag. Nach drei Monaten erwartet Euch die öffentliche Meinung, um zu vernehmen, wie Ihr ihn erfüllt habt!“*) Nun, Herr Bonaparte hat dieſe Friſt ein wenig abgekürzt, ſagte Gentz, er hat die öffentliche Meinung nicht drei lange Monate warten laſſen wollen, oder vielmehr, er behauptet, daß die öffentliche Meinung ihn nicht habe ſo lange warten laſſen wollen, daß ſie vielmehr es ſei, welche ihn berufen habe zum Herrſcher von Frankreich! Zum Herrſcher von Frankreich? fragte Mariane erſtaunt. Bona⸗ parte hat ſich zum König gemacht? Ja, zum König unter einem andern Namen; er hat ſich zum erſten Conſul auf zehn Jahre wählen laſſen! Ah, er es ſchon verſtehen, 9 dieſe zehn Jahre abzukürzen, wie er die drei Monate abgekürzt hat! Und dieſe Nachricht iſt ſicher? fragte Mariane ſinnend. 8 Sicher und gewiß! Am fünfundzwanzigſten December iſt Bonaparte zum erſten Conſulz erwählt und die neue Verfaſſung in Frankreich* proclamirt worden. Ein ſchönes Weihnachtsgeſchenk, das Frankreich ovenber, da der Welt gemacht hat. Eine Schachtel mit Drachenzähnen, aus tathem⸗ ſchon, t welcher s erregte in, ſagte ich Gentz tereſe an elzuckend⸗ nten und der geharniſchte Kriegerſchaaren hervorgehen werden! Freilich giebt Ende des ſich der erſte Conſul jetzt das Anſehen, Europa den Frieden bringen ie Thaten zu wollen. Er hat an alle Höfe Geſandte mit Verſicherungen ſeiner 6 u mnchir,* Freundſchaft und Friedensliebe geſandt, und dieſe ſchon im Voraus ſieht ſie geſchickt, ſo daß ſie an demſelben Tage, an welchem er in Paris zum erſten Conſul proclamirt iſt, auch ſchon die Nachricht dieſer Ernennung hört t rif bringen können. Auch in Berlin iſt ein ſolcher Friedensbote des Generals des a at eingetroffen, und er hat uns alle dieſe neuen, überraſchenden Nachrichten ch ſich an gebracht. ren Einet Wie heißt dieſer Friedensbote des modernen Kriegsgottes? fragte Mariane. ihn Ma⸗ Er hat ſeinen Adjutanten, den General Duroc, geſandt; geſtern 6 Bruder iſt dieſer in Berlin eingetroffen und heute ſchon, bei der großen Soirée „die drel ver⸗*) Histoire du Consulat et de'Empire. Par A. Thiers. Vol T. pag. 16 bach, Napoleon. I. Bd. 24 370 der Königin, erſchien er als der gefeierte Gaſt des Hofes. Oh, meine Freundin, mein dummes deutſches Herz bäumte ſich auf vor Zorn, wie ich ſah, mit welcher Zuvorkommenheit und freundſeligen Güte man dieſem Franzoſen entgegentrat, während deutſche Männer von Genie, Verdienſt und Talent im Schatten ſtehen müſſen, und weder der König noch die Königin ihre Exiſtenz zu ahnen ſcheinen. Da war der Graf Hardenberg und der edle Obetpräſident Weſtphalens, Herr von Stein; ſie ſtanden unbeachtet in einer Fenſterniſche und blickten traurig auf das Königspaar, das in der Mitte ſeines Hofes dem Franzoſen ſchön that; da war Blücher und Gneiſenau, welche Niemand bemerkte, obwohl ihre preußiſchen Uniformen nicht minder glänzend waren als die des franzöſiſchen Herrn; und da war endlich ich, Friedrich Gentz, ich, der nur auf ausdrücklichen Wunſch und Befehl der Königin bei dieſem Hoffeſt erſchienen war und deſſen Anweſenheit ſie jetzt ganz und gar vergeſſen hatte, obwohl Gualtieri ſie drei Mal daran erinnerte, daß ich da ſei und nur gekommen, weil die Königin es alſo befohlen. Aber was kümmerte es die ſchöne Majeſtät, ob ein deutſcher Schriftſteller vergeblich auf ein Lächeln ihrer Huld, einen gnädigen Wink ihres Hauptes warten müſſe! Der Franzoſe war eine viel wichtigere Erſcheinung als wir Alle! Dem Franzoſen zu Liebe hatte ſelbſt die Dame Etiquette, Frau Ober⸗ hofmeiſterin von Voß, verſtummen müſſen, und man empfing den einfachen Adjutanten des erſten Conſuls, als wäre er ein bevollmächtigter Geſandte, während er doch nur als Unterhändler einer Privat⸗Perſon kam. Man bat ihn, von den Schlachten an den Pyramiden, den Schlachten vom Berge Tabor und von Aboukir zu erzählen, und der ganze Hof lauſchte mit einer Andacht, als ſei es das Evangelium einer neuen Zeit, das der Adjutant Bonaparte's verkündete. Wenn er inne hielt in ſeinen Erzählungen, richtete die Königin mit ihrem bezauberndſten Lächeln immer neue Fragen an ihn und pries die Großthaten des Generals Bonaparte, als ſei er der Meſſias, welcher gekommen, die Welt zu erlöſen von den Uebeln des Krieges! Genug, er hatte einen vollkom⸗ menen Succes, und zuletzt wußte er ſelber dieſem durch eine geſchickte Wendung noch den höchſten Glanz zu verleihen. Die Königin erzählte Herrn Duroe von unſern deutſchen Sitten, und daß heute bei uns der Tag die m ſich g ſagte wenn habe und( Sie dazu ihm welch ſſt eit Conſ gemn und der e hält t ſo la Nom zu b blika Wor welc hielt und Kum wen ſteh und kleit h, meine Zorn, wie züte man n Genie, er König der Graf on Stein; urig auf ſen ſchön te, obwohl ich, der mn Hoffeſt vetgeſſen ich da ſei Aber was es warten wir Alel au Ober⸗ einfachel Geſandte, m. Man hten vom flauſchte Zeit dab in ſeinen n Licheln Generals WVelt 3u volllom⸗ uns der 371 Tag der allgemeinen Geſchenke und der allgemeinen Liebesgaben ſei, die man unter den brennenden Tannenbaum lege, und mit denen man ſich gegenſeitig überraſche. Da wandte ſich Duroc an den König und ſagte mit ſeiner unausſtehlichen franzöſiſchen Liebenswürdigkeit:„Sire, wenn heute der Tag der allgemeinen Geſchenke in Deutſchland iſt, ſo habe ich heute zu allererſt den Muth, im Namen des erſten Conſuls und Generals Bonaparte eine Bitte an Ew. Majeſtät zu richten und Sie um ein Geſchenk zu erſuchen, wenn anders Ew. Majeſtät mir dazu die Erlaubniß ertheilen wollen.“— Der König natürlich ertheilte ihm die Erlaubniß und Durove fuhr fort:„Sire, das Geſchenk, um welches ich Ew. Majeſtät im Namen des erſten Conſuls erſuchen ſoll, iſt eine Büſte des großen Königs Friedrichs des Zweiten! Der erſte Conſul hat jüngſt die Statuen in der Dianen-Galerie der Tuilerien gemuſtert; es ſind da die Statuen von Cäſar und Brutus, von Coriolan und Cicero, von Ludwig dem Vierzehnten und Carl dem Fünften, aber der erſte Conſul vermißte die Statue Friedrichs des Großen, und er hält die Sammlung der Herven alter und neuer Zeit für unvollſtändig, ſo lange ihr Friedrich der Große fehlt! Sire, ich wage es alſo, im Namen Frankreichs um das Geſchenk einer Büſte Friedrichs des Großen zu bitten.“*) Sehr geſchickt, in der That, ſagte Mariane lächelnd, dieſe Repu⸗ blikaner ſcheinen ſehr gute Hofmänner zu ſein. Ja, ſehr geſchickt, rief Gentz, der ganze Hof war ſelig und voll Wonne über dieſe ungeheure Schmeichelei, über dieſe Anerkennung, welche das große Frankreich dem kleinen Preußen zollte; mich aber hielt's nicht länger in dieſen Sälen bei den hundewedelnden Deutſchen und ich ſtürzte fort, um Ihnen meine Wuth, meine Scham und meinen Kummer zu klagen. Oh, meine Freundin, was ſoll aus Deutſchland werden und wie werden alle dieſe Wirren enden! Das Verderben ſteht vor uns, und wir ſehen es nicht, und wir rennen dem Abgrund zu und müſſen eine Beute werden dieſes Frankreichs, dieſes Wolfs im Schaafs⸗ kleide, das uns ſo lange ſtreicheln wird, bis es uns verſchlingen kann! *) Hiſtoriſch. 6. — So höre ich Sie gern, rief Mariane freudig, das iſt wieder der Freund meiner Seele, der da zu mir ſpricht! Hören Sie, Freund, auch ich habe Ihnen Neuigkeiten mitzutheilen, und wundern Sie ſich nicht, daß ich mit meinen kleinen perſönlichen Intereſſen Ihnen auf Ihre großen politiſchen Nachrichten antworte. Aber es iſt doch ein Zuſammenhang darin, und das werden Sie bald erfahren. Hören Sie alſo die Nenigkeiten, die mich betreffen!. Ja, Mariane, ſagte Gentz, vor ihr niederknieend und ſein Haupt an ihre Kniee lehnend, ja, erzähle mir von Dir, meine ſchöne Zauberfee, lulle meine politiſchen Schmerzen ein wenig ein mit dem Wunderlied, das wie ein friſcher Born der Liebe von Deinen purpurrothen Lippen ſprudelt. Oh, meine ſchöne Fürſtin, wenn ich jetzt emporſchaue in Dein ſtrahlend helles Angeſicht, ſo überkommt mich eine glühende Scham, daß ich die ſchönen Momente, die ich neben Dir war, entweihen konnte durch ſolche abgeſchmackte Klagelieder deutſcher Kannegießerei. Was haben wir Beide mit der Politik zu ſchaffen, was kümmert es uns, ob Deutſchland zu Grunde geht? Aprés nous le déluge! Uns gehöre die Seligkeit der Stunde! Mariane ſpielte lächelnd mit ihren von Brillanten funkelnden, ſchlanken Fingern in ſeinem Haar und ſchaute mit einem wunderſamen Ausdruck zu dem Knieenden nieder. Schwärmer, ſagte ſie, bald begeiſtert für die Politik, bald für die Liebe, und zu jeder Stunde bereit, der einen um der andern willen untreu zu werden! Hören Sie meine Neuigkeiten! Mein Streit mit meinem Herrn Schwager, Heinrich XV., iſt beendigt, wir haben uns geeinigt! Und ich hoffe, meine kluge und geiſtvolle Mariane hat diesmal ihr ſtolzes, kühnes Herz bezwungen und hat endlich auch ein wenig ihren Vortheil bedacht, rief Gentz. Wenn man ſo ſchön, ſo ſtrahlend iſt wie Mariane Meier, bedarf man keines Fürſtentitels, denn die Schönheit erhebt Dich zur Fürſtin der Welt, aber man bedarf des Reichthums, um ſeiner Schönheit auch die Macht zu einen, und ſie mit dem gold⸗ funkelnden Purpurmantel zu ſchmücken. Nun, meine Königin, biſt Du wieder Mariane Meier und nebenher eine Millionairin? — kriechen Freund ſpielen ſondern Zaube uns in Freun der T ich du hochfü als ei ich na ich bl Fürſt, ſchäne Name tind Stern ſchaft Eiben dem Fün Fren und des( eſſin und hnen auf doch ein Hören Sie ein Haupt Zauberfe, underlied, en Lippen rſchaue in e Scham, hen konnte uns, ob is gehöre unkelnden, nderſamen bald fir en villen Streit mit aben uns piemal ig ihren n iſt wi Schinheit ichthuns, dem gold⸗ biſt Du 273 315 Thor, rief ſie ſtolz, Thor, zu glauben, ich würde wieder zurück⸗ kriechen in die Judengaſſe und mich zum Geſpötte meiner neidiſchen Freunde machen. Nein, mein Freund, um eine Rolle in der Welt ſpielen zu können, genügt nicht das Geld und die Schönheit allein, ſondern man bedarf auch der Titel und des Ranges, denn dies iſt das Zauberwort, welches uns die Pforten der Königspaläſte aufthut und uns in die Reihen der Bevorrechteten und Unnahbaren ſtellt. Ich, mein Freund, ich wjll meine Rolle ſpielen in der Welt und daher bedarf ich der Titel. Aber freilich, ich bedarf auch des Reichthums, und ſo habe ich durch ein kluges Arrangement mir Beides geſichert. Da meinen hochfürſtlichen Verwandten der kleine Splitter in meinem jüdiſchen Auge als ein gar ſo großer Balken für ihre Wappen erſcheint, nun ſo habe ich nachgegeben und entſage dem Titel einer Fürſtin von Reuß, aber ich bleibe deshalb doch eine Prinzeſſin und eine Durchlaucht. Der Fürſt, mein Herr Schwager, hat mich zur Herrin und Beſitzerin einer ſchönen und anſehnlichen Herrſchaft gemacht, deren Ertrag ſich auf zwanzigtauſend Thaler jährlicher Revenuen beläuft, dafür überlaſſe ich ihm die Familienbrillanten, dies Hötel, die Equipagen mit dem Reuß'ſchen Wappen, die Pferde und Livréen und endlich den Titel und Namen einer verwittweten Fürſtin von Reuß. Und biſt nun, wie alle Feen in den Zaubermährchen, ein Wunder⸗ kind ohne Namen und Stand, das aber goldene Sonnen und blitzende Sterne aus ſeinen ſchneeweißen Händen über die Menſchheit ausſtreut? Nein, ich bin keine Namenloſe, ich nenne mich nach meiner Herr⸗ ſchaft Eibenberg, ich bin von heute an die Prinzeſſin Mariane von Eibenberg, als ſolche anerkannt vom deutſchen Kaiſer ſelber. Da, auf dem Tiſche liegt die vom Kaiſer ſelber unterzeichnete Urkunde. Der Fürſt hat ſie mir heute als Weihnachtsgeſchenk gebracht. Jetzt, mein Freund, ſoll mein Leben erſt beginnen, ich habe Reichthum, Schätze und einen glänzenden Namen. Die arme verachtete Jüdin, die Tochter des Ghetto iſt eingezogen in den Palaſt der Ariſtokratie, iſt eine Prin⸗ zeſſin geworden. Und ich will der Erſte ſein, welcher Dir huldigt als ſeiner Fürſtin und Herrin, rief Gentz, der Erſte, welcher ſich Deinen Vaſallen nennt. Komm, meine Fürſtin, laß mich das ſüße Joch auf meinen Rücken nehmen, laß meine Stirn den Boden berühren, auf dem Du wandelſt, ſetze Deinen Fuß auf meinen Nacken, damit ich die ſüße Laſt Deiner Herrſchaft fühle. Und ſein Haupt niederbeugend, daß ſeine Stirn den Boden be⸗ rührte, ſetzte er ihren kleinen, ſeidenbeſchuhten Fuß auf ſeinen Nacken. Mariane ließ es geſchehen und blickte mit einem ſtolzen triumphirenden Lächeln zu ihm nieder. Zu meinen Füßen ſollſt Du liegen, Friedrich Gentz, ſagte ſie, aber ich will Dich doch zu mir emporziehen an meine Seite, Du ſollſt neben mir ſtehen, gleichberechtigt, berühmt und groß, wie es Deinem Genius ziemt! Genug jetzt der Tändeleien und der Zärtlichkeiten, mein Freund, wir Beide haben große Ziele zu verfolgen, und groß und ernſt muß daher unſer Sinn ſein. Komm, erhebe Dich von Deinen Knieen, mein Vaſall, Du ſollſt der Herr ſein neben mir, und wir Beide zuſammen wollen die Welt regieren. Sie zog ihren Fuß von ſeinem Nacken fort, aber Gentz nahm ihn in ſeine beiden Hände und küßte ihn. Dann erhob er ſich raſch von ſeinen Knieen und ſtand hochaufgerichtet, ernſt und faſt zürnend vor ihr. Du haſt mir oft geſagt, daß Du mich liebſt, ſagte er, aber das iſt eine Lüge geweſen, Du verſtehſt die Liebe nicht, Dein Herz iſt kalt und Deine Sinne ſchweigen, nur Dein Stolz ſpricht. Möglich, daß Du Recht haſt, ſagte ſie, aber dann liebe ich Dich mit meinem Stolz und meinem Geiſt, und das iſt immerhin auch etwas werth! Ich will Dich anerkannt, geehrt und mächtig wiſſen, iſt das nicht auch Liebe? Nein, es iſt Hohn! rief Gentz ſchmerzlich. Es iſt Bosheit, denn Du ſiehſt es, ich bin ein armer verachteter Menſch ohne Geld, ohne Ruhm, ohne Rang, ein kleiner Kriegsrath, vor dem jeder Ge⸗ heimrath den Vortritt hat und den ſeine Gläubiger Tag um Tag verfolgen, wie der Geier die arme Taube, welcher die Flügel be⸗ ſchnitten ſind! Aber die Flügel ſollen Dir wachſen, damit Du den Geiern ent⸗ rinnſt die Er und de der Th ich Di mache Entſc ema Freih noch Köni zugel Unhe lange des hund eines ſein, vern Sei em en Rücken wandelſt, ſt Deiner oden be⸗ n Nocen. phirenden e ſie, aber ollſt neben m Genius in Freund, erſt muß ieen, mein zuſammen ut nahm ſich raſch ſt zümend aber das ez iſt kal eich Dich uch etwa n, iſt das Bosheit, hne Geld, jeder Ge Tag um ligel eiern ent rinnſt, rief Mariane, damit Du als Adler Dich emporſchwingſt über die Erbärmlichkeiten der Welt und ihr gebieteſt. Die Zeit des Träumens und des Wartens iſt vorüber, mein Freund, die Zeit des Handelns und der Thaten muß für alle Geiſter beginnen! Vor zwei Jahren fragte ich Dich, wie heute, ob Du Deine Dienſte Oeſterreich weihen, ob Du Dir dort, wo man Dein Genie ſchätzen und belohnen würde, nicht Deinen Ruhm und Dein Glück ſuchen wolleſt. Weißt Du noch, was Du mir damals antworteteſt? Ja, ich weiß es, rief Gentz mit einem ſpöttiſchen Lachen, ich war ein ſolcher Thor, daß ich Deine Anerbietungen zurückwies, daß ich hier in Berlin bleiben und abwarten wollte, ob mein preußiſches Vaterland nicht meiner Kräfte und meiner Dienſte bedürfe, ob man hier nicht Ge— brauch machen könne von meinen Talenten und meiner Feder. Und ſo habe ich wieder zwei Jahre meines Lebens vergendet und nur meine Schulden ſind gewachſen, nicht aber mein Ruhm! Weil Du ein Schwärmer warſt, der auf Anerkennung in Preußen hoffte und meinte, dieſer gute König, der ſein Volk gern glücklich machen möchte, aber vor nichts mehr Angſt hat, als vor energiſchen Entſchlüſſen, würde es Dir außerordentlich Dank wiſſen, daß Du ihn ermahnt habeſt, ſeinem Volk die Preßfreiheit zu geben und überhaupt Freiheit und Gleichheit in ſeinen Staaten einzuführen! Glaubſt Du noch immer, daß Friedrich Wilhelm der Dritte das thun wird? Nein, er wird es nicht thun, rief Gentz ſchmerzlich, nein, dieſer König verſteht die neue Zeit nicht, und ſtatt ihr einen Schritt voran⸗ zugehen, wird er immer einen Schritt hinter ihr zurückbleiben, und viel Unheil und Verderben wird daraus für Preußen erwachſen. Ich habe lange genug gewartet und gehofft, jetzt iſt die Zeit der Geduld und des Wartens vorüber, und ſo ſage ich mich heute am Ende des Jahr— hunderts los von meinem kleinen Vaterlande, um der Bürger und Sohn eines größern Vaterlandes zu werden! gch höre auf, ein Preuße zu ſein, um ein Deutſcher zu werden, und da Preußen meine Kräfte nicht verwenden konnte, will ich ſehen, ob Deutſchland ſie brauchen kann. Sei Du, meine ſchöne Mariane, die Prieſterin, welche den Schwur empfängt, den ich auf dem Altar meines Vaterlandes niederlege! Ich 376 ſchwöre, Deutſchland alle meine Kräfte und Talente zu weihen, ich ſchwöre es, meinem großen Vaterlande ein treuer und dienſtbereiter Sohn zu ſein! Ich habe Deinen Schwur gehört, Friedrich Gentz, und ich nehme ihn an im Namen Deutſchlands! ſagte Mariane feierlich. Du ſollſt ein Kämpfer ſein für Deutſchlands Ehre und für Deutſchlands Recht, nur daß Du ſtatt des Schwertes mit der Feder kämpfen ſollſt. Aber wo werden ſich mir die Pforten zu meinem Kampf⸗Turnier öffnen? fragte Gentz ſinnend. In Oeſterreich, rief Mariane raſch, der Kaiſer von Deutſchland erwartet Dich, den Sohn Deutſchlands, der Kaiſer von Deutſchland ruft Dich, damit Du Deinem Vaterlande dienen und nützen ſollſt. Ich habe den Auftrag, Dir das zu ſagen. Der neuernannte öſterreichiſche Geſandte, Graf Stadion, hat mir dieſen Auftrag ertheilt, er hat mich ermächtigt Dich für Oeſterreich, das heißt, für i zu gewinnen! Denn glaube mir, Deutſchlands Wohl iſt jetzt tallein in Oeſterreich, nicht in Preußen zu finden! Nein, nicht in Preußen, rief Gentz ſchmerzlich. Hier ſchließt man ſeine Augen, um das Schreckniß nicht zu ſehen, welches unaufhaltſam zu uns herandrängt und bald ſich wie eine Lawine über Deutſchland dahinrollen wird, um uns alle zu verderben, wenn wir nicht mit— Auge die Gefahr berechnet und ihm Dämme entgegen geſtellt haben! Hier bewundert man Bonaparte, und ſieht in ihm nur den während ich in ihm den Tyrannen wittre, der uns knechten will mit ſeiner revolutionairen Freiheit und ſeiner Jacobinermütze, welche auch nur eine Krone iſt, aber von anderer Geſtalt! Ich haſſe dieſen Bona⸗ parte, denn ich haſſe die Revolution, die ſich ſpreizt mit der Phraſe der Freiheit und unter dieſem Deckmantel doch nichts weiter iſt, als ein bluttriefender Despot, der den Menſchen nicht einmal das Recht der freien Meinung gönnt, und den Gedanken, der ihm nicht gefällt, auf das Schaffot jagt! Ich haſſe die Revolution, ich haſſe Bonaparte, und dann haſſe ich jede Tyrannei, und ich werde ſie bekämpfen, ſo lange ich lebe! Und ich werde als Dein treuer Schildknappe an Deiner Seite bleibe wilſt, nach neues ſch m alle P berg, ſchloſſ und n ſſin iſt au mein nicht! Komm unerſo ſchütze zu gel L zartſi in die ſchloſ kein( mich meinſ ſchwö ſchwö und wolle folge D Vas weni hen, ich ſtbereiter h nehme u ſollſt 8 Reht, t. Tumier utſchland utſchland ſ. 30 reichiſche hat nich eninen! P ich, nicht eßt man Fhaltſam utſchland it llugem t haben! n Hert⸗ will mit ſche auch Herbs, en Bon⸗ hraſe der als ein Recht der onaport' ſo lange eite S — bleiben und Dir die Pfeile ſpitzen, welche Du auf den Feind abſchießen willſt, rief Mariane mit glühender Begeiſterung. Wir Beide ziehen nach Wien, zum Dienſte Deutſchlands. In Wien ſoll ſich uns ein neues Jahrhundert und ein neues Vaterland aufthun! Dort werden ſich mir, Dank meinen Titeln, meinem Rang und meinen Connexionen, alle Pforten öffnen, und die Jüdin Mariane Meier, Prinzeſſin Eiben⸗ berg, wird ſelbſt die Gemächer des Kaiſers und der Kaiſerin nicht ver⸗ ſchloſſen finden, ſondern ſie werden ſich ihr aufthun als einem geehrten und willkommenen Gaſt, denn ich bin eine vom Kaiſer erſchaffene Prin⸗ zeſſin und die Freundin der Kaiſerin, Victoria von Poutet Colloredo iſt auch meine Freundin. Und wohin ich gehe, ſollſt auch Du gehen, mein Freund, und die Pforten, die ſich mir öffnen, ſollen auch Dir nicht verſchloſſen bleiben! Mir öffnen ſie mein Rang, Dir Dein Genie! Komm, laß uns einen Bund ſchließen, laß uns ſchwören, feſt und unerſchütterlich zu einander zu ſtehen, einander zu halten und zu ſchützen, und jeden Schritt, den wir vorwärts thun, gemeinſchaftlich zu gehen. Oh, meine edle, großmüthige Freundin, rief Gentz ſchmerzlich, wie zartſinnig Du Deine Protection zu verhüllen trachteſt. Ich habe Dir in dieſem Bunde nichts zu bieten, denn ich würde alle Thüren ver⸗ ſchloſſen finden, wenn Du ſie mir nicht öffneſt. Ich habe keinen Rang, kein Geld und keine Freunde bei Hofe! Nun, ſo protegire ich jetzt Dich, damit in einer ſpätern Zeit Du mich protegirſt, ſagte Mariane. Laß uns ſchwören, unſere Wege ge— meinſchaftlich zu gehen! Ich ſchwöre es bei Allem, was mir heilig iſt, rief Gentz, ich ſchwöre, Dir und Deutſchland treu zu bleiben mein Leben lang, ich ſchwöre Dir zu folgen auf allen Deinen Wegen, Dir zu dienen, wo und wie ich kann, Dich zu lieben bis zu meinem letzten Athemzug! Der Bund iſt geſchloſſen, ſagte Mariane feierlich. Von nun an wollen wir gemeinſchaftlich kämpfen, gemeinſchaftlich unſer Ziel ver⸗ folgen. Es iſt unſere eigene Größe und die Größe Deutſchlands! Das Vaterland iſt in Gefahr, ſehen wir zu, ob wir Beide nicht ein wenig zu ſeiner Rettung beitragen können, ob es nicht unſerer Hände 378 und unſers Kopfes zu ſeiner Hülfe bedarf, und wenn wir dabei auch für uns einige Lorbeeren, Ehrentitel, Ordensbänder und Schätze ge⸗ winnen können, ſo wären wir Thoren, ſie unbenutzt liegen zu laſſen! Ja, Du haſt Recht, rief Gentz lächelnd, wir wären Thoren das zu thun; und Du haſt auch Recht, das Vaterland iſt in-Gefahr, und das neue Jahrhundert wird für Deutſchland anbrechen mit einer blutigen Morgenſonne, und mit furchtbarem Kanonendonner wird dies neue Jahrhundert uns wecken aus unſerm Schlaf! Wir aber wollen nicht warten, bis der Donner uns weckt, wir wollen ſchon jetzt wach ſein und um uns ſchauen, und an dem Blitzableiter arbeiten, den wir dem hereinbrechenden Gewitter entgegen ſetzen wollen, auf daß ſeine Blitze machtlos an ihm herniederfahren, und nicht Deutſchland zerſchmettern! Ein unabläſſiger Kämpfer will ich ſein gegen die Revolution, und nie ſoll meine Feder, welche mein Schwert iſt, raſten in dieſem Kampf. Von dieſer Stunde höre ich auf, der kleine preußiſche Kriegsrath Friedrich Gentz zu ſein, von dieſer Stunde an will ich mich beſtreben, der große politiſche Schriftſteller Deutſchlands zu werden. Möge der Genius Deutſchlands mir dazu ſeinen Segen verleihen! Amen! rief Mariane. Möge der Genius Deutſchlands uns und das neue Jahrhundert ſegnen! Amen! abei auch chätze ge⸗ zu laſſen! oren das fuhr, und n blutigen dies neue ollen nicht wach ſein wir dem ine Blite chmettem! und nie m Kampſ. Kriegsrath heſtreben, Möge der uns und ſour& Grey Control Shart 6 Syan Sreen Nellow Bed Magenta Grey 2 GSrey 3 Srey 4 Black