——— ———— Leihbibliothet᷑ deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Edugard Ottmann in Gieſen. Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. SLeih- und geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem erthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus ſbezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 4 Bücher: 6 Bücher: 1 Mt. 50 Pf 2 Mt. Pf 5 4 auf 1 Monat: 1 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung 1 der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der ₰ Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt 1 der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. Diof g* 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird 3 beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ 2 ſelben von mir geliehen, auch vafür zu ſtehen haben Napoleon in Deutſchland. Von . Mühlbach. Erſte Abtheilung: Raſtatt und ZJenn. Erſter Band. Zweite Auflage. Berlin, 1859. Druck und Verlag von Otto Janke. Raſtatt und Jenn. * Von . Mühlbach. —— „ Erſter Band. Zweite Auflage. Berlin, 1859. Druck und Verlag von Otto Janke. — Inhalt. Erſtes S Der Trieden von Campo Formio. . II. M W. v. vI. v. vI. Zweites Buch. Der junge Rönig Friedrich Wilhelm III. I. II. MW. v. VI. VM. vII. 8 5 Schreckensbotſchaften. Miniſter von Thugut Miniſter und die Leute aus dem Volt Conferenz der Staatsminiſter. Das Haus in der Gumpendorfer Vorſtadt. Joſeph Haydn Der General Bonaparte Der Frieden von Campo Formio. 2 * a je Könisaar Die Feier der Erinnerungen. Der junge König Friedrich Gentz Die Audienz beim Finanzminiſter Das Sendſchreiben an Friedrich Wilhelm III. Die Hochzeit. Mariane Meier. Liebe und Politik Seite. 83 98 107 115 125 135 146 157 169 vI II. Bonaparte und Joſephine. IV. Frankreich und Oeſterreich. V. Die Fahne des Ruhms VI. Miniſter Thugut. VII. Das Feſt der Freiwilligen VIII. Die Revolte I. Victoria von Poutet II. In Raſtatt. III. Die Rechtfertigung IW. Der Mord. V. Jean Debry VI. Die Coalition. VII. Der friedliebende König VIII. Die legitime Gemahlin IX. Der achtzehnte Brumaire. I. Johannes Müller IH. Der Sturz. III. Fanny von Arnſtein. IV. Die Rivalen V. Das Vermächtniß VI. Der erſte Conſul. VII. Zwei deutſche Gelehrte Kaiſer Napoleon. Die Conferenz. Drittes Bnch. Trankreich und Prutſchland. I. Die Bürgerin Joſephine Bonaparte III. Die Begrüßung der Geſandten. Viertes Buch. Die letzten Tage des achtzehnten 3 Fünftes Buch. Der Trieden von Tuneville. Buch. Die dritte Coalition. und die deutſchen Fürſten III. Die Clavierſtunde der Königin Luiſe V. Der Schwur am Grabe Friedrichs des Großen Seite 187 197 do — — S 2 d 1 d d S— 5 S S ——— S 0 do 8 85 S5 2p* 368 381 393 403 418 436 449 466 485 501 510 514 Siebent I. II. 2 III.( VIII. Ahtes 1. II. III. F VII. VIII. K. Siebentes Buch. Bas Ende des deutſchen Reichs. I. Hiobs⸗Botſchaften II. Vor der Schlacht III. Gott erhalte Franz den Kaiſer IV. Der Patriotismus * V. Jüdith. VI. Der preußiſche Geſandte bei Napol eon VII. Judith und Holofernes VIII. Das Ende des deutſchen Reichs Achtes Buch. Die Schlacht bei Zena. I. Der deutſche Buchhändler als Märtyrer II. Die Verhaftung. III. Die Liebe einer Frau. IV. Die Weiber von Braunau V. Die Todesſtunde. 3 VI. Die Kriegserklärung Preußens 6 VII. Ein böſes Omen VIII. Vor der Schlacht bei Jena. IX. Der deutſche Philoſoph 643 654 660 670 681 688 702 711 7¹9 Erſtes Buch. X Der Frieden von Campo Formiv. — Mühlbach, Napoleon 1. Abth. I. —— Die Schreckensbotſchaften. Garz 2 Wien war wie von Entſetzen gelähmt, eine tiefe Trauer lag auf allen Gemüthern, und die Kraft der Tapferſten ſchien gebrochen. Couriere waren heute aus dem Lager der öſterreichiſchen Armee ange⸗ kommen und hatten die Schreckenskunde von einer Niederlage des Heeres gebracht. Bonaparte, der junge General der franzöſiſchen Republik, der in dem Einen Jahre 1790 ſo viele Schlachten und ſo vielen Ruhm gewonnen, wie mancher große und berühmte Feldherr nur im Laufe eines ganzen thatenreichen Lebens, Bonaparte war mit ſeinen Heerescolonnen über die italiſchen Alpen herniedergeſtiegen, und vor ihm her flohen die Generäle und Feldherren der Oeſterreicher. Der Sieger von Lodi und Arcole hatte neue Siege erfochten, und dieſe Siege brachten ihn immer drohender und gefahrvoller der Haupt⸗ ſtadt Oeſterreichs näher. Der Erzherzog Carl war von Maſſena geſchlagen und nach Villach zurückgedrängt worden, Bernadotte war bis Laibach vorgedrungen, die Kaſtelle von Görtz, Trieſt und Laibach hatten ſich ergeben, Klagenfurt hatte nach hartnäckigem Kampfe den Siegern ſeine Thore öffnen müſſen, Loudon war mit ſeinen tapfern Schaaren in Tyrol auseinandergeſprengt, Botzen hatte dem General Joubert ſeine Thore geöffnet, der es nach kurzem Verweilen verließ, um ſich mit Bonaparte zu vereinigen, mit Bonaparte, der in unaufhaltſamem Siegeslauf vorrückte nach Wien. Das waren die Nachrichten, welche die Couriere gebracht, und welche wohl geeignet waren, einen paniſchen Schrecken in der öſter⸗ 1* — reichiſchen Hauptſtadt zu verbreiten. Während die Großen ihren Gram und ihre Sorgen im Inngrn ihrer Paläſte verbargen, ſtürzten die Ar⸗ men und die Kleinen hinaus auf die Straße, angſtvoll forſchend nach neuen Nachrichten, bange hoffend, daß vielleicht Gott vom Himmel irgend einen Lichtſtrahl ſende, der das Dunkel dieſer Verzweiflung und dieſer Angſt durchleuchten möge. es lag ein trüber Himmel über Wien, und trübe waren alle Geſichter, denen man begegnete. Auf zuckte es wie eine Bewegung neuen Schreckens durch die Menge, welche ſich auf dem Kohlmarkt zuſammendrängte. Als ob der Sturm die Wogen dieſes ſchwarzen Meeres aufbauſchte, erhob ſich ein Hin⸗ und Wiederwogen und Murmeln, lauter und immer lauter ſchwoll es empor, bis es endlich in unendlicher Jammerklage aufheulte und ſchrie:„der Kaiſer hat uns verlaſſen! Der Kaiſer iſt mit ſeiner Gemahlin aus Wien entflohen!“ Während das Volk einander mit entſetzten Mienen dieſe neue Schreckenskunde zurief, während es ſich in Gruppen vertheilte, um dieſe letzte und furchtbarſte Neuigkeit des Tages in lauter Rede zu beſprechen, kamen plötzlich ungariſche Huſaren daher geſprengt, mit gebieteriſchem Machtwort den Leuten befehlend, Platz zu machen, Platz für die Wagen, welche ſo eben um die Straßenecke auf den Markt einbogen. Das Volk, von den blanken Degen und dem ſtolzen Soldatenwort eingeſchüchtert, drängte ſich angſtvoll zur Seite und ſtarrte in neu⸗ gierigem Entſetzen auf den ſeltſamen Aufzug hin, der jetzt ſichtbar ward. Es waren zwölf Wagen, welche daher kamen, nicht Wagen, wie es ſchien, um lebende Menſchen aufzunehmen, ſondern Wagen für die Todten. Statt des Kutſchenraums ſah man hier nur über dieſen breiten, eiſernen Rädern ſich große eiſerne Kaſten erheben, die wohl geeignet dazu waren, in ihrem Innern einen Sarg und eine Leiche zu bergen, und dieſe Kaſten waren bedeckt mit ſchweren, fran⸗ zenbeſetzten Tuchdecken, in deren vier Ecken die öſterreichiſche Kaiſer⸗ krone geſtickt war. Jeder dieſer ſel tſamen Wagen war beſpannt mit ſechs Pferden, auf deren jedem ein Jokey in der kaiſerlichen Livree —,— ſaß. Zu beiden Seiten aber ritten in dicht geſchloſſenen Reihen die Huſaren aus der ungariſchen Leibgarde des Kaiſers. Langſam und ſchwer zogen die Pferde die ſeltſam geheimnißvollen Wagen dahin, mit dumpfem Donnern rollten die eiſernen Räder über das holprichte Pflaſter, und dieſer Donner dröhnte in den Ohren und Herzen der entſetzten, bleichen Zuſchauer wieder wie die Schreckenslaute eines neuen Ungewitters. Was war in dieſen geheimnißvollen Wagen verborgen? Was konnte es ſein, das man ſo ſorgſam bewacht dahin fuhr? Das fragte ſich Jeder, aber nur leiſe in ſeinem Herzen, denn Keiner mochte es wagen, mit einem lauten Wort, einer neugierigen Frage dieſes dumpfe, ängſtliche Schweigen zu unterbrechen. Jeder ſchien gebannt von den finſtern Blicken der Huſaren, betäubt von dem Raſſeln der Räder. Aber als endlich dieſer lange Wagenzug drüben in jener Straße verſchwunden war, als der Letzte des Huſaren⸗Detachements, das ihm folgte, den Platz verlaſſen und dem gaffenden Volk den Rücken gekehrt hatte, da wandten ſich die Blicke der Menge wieder den Rednern zu, welche vorher zu ihm geſprochen und ihm erzählt hatten von dem Un⸗ glück Oeſterreichs und dem Siegerglück des jungen franzöſiſchen Ge⸗ nerals Bonaparte. Was iſt in dieſen Wagen? ſchrie die Menge. Wir wollen's wiſſen und wir müſſen's wiſſen! Wenn Ihr's wiſſen müßt, warum habt Ihr da nicht vorher die Soldaten ſelber gefragt? rief eine höhniſche Stimme aus dem Haufen. Ja wohl, lachte eine andere, warum ſeid Ihr nicht an die Wagen herangetreten und habt angeklopft? Vielleicht wäre der Teufel dann herausgefahren und hätt' Euch ſein ſchmuckes Antlitz gezeigt. Das Volk achtete nicht auf dieſe höhniſchen Bemerkungen der Ein⸗ zelnen. Es fuhr fort, ſich zu beunruhigen und zu ängſtigen, es er⸗ ſchöpfte ſich fort und fort in Vermuthungen über den Inhalt dieſer Wagen. Am Ende ſind es die Särge der kaiſerlichen Ahnen, welche man aus der Kapuzinergruft genommen, um ſie zu retten vor den Fran⸗ zoſen/ ſagte ein wohlehrſamer Schneider zu ſeinem Nachbar, und dieſer romantiſche Gedanke rollte ſchnell wie eine Lawine durch die Volkshaufen dahin. Es ſind die Leichen der Kaiſer, welche man aus Wien rettet! jammerte die Menge. Selbſt die Grüfte ſind nicht mehr ſicher. Die kaiſerlichen Leichen rettet man, aber uns, die Lebendigen, läßt man umkommen! Wer nicht Geld genug hat, um zu entfliehen, der iſt verloren. Die Franzoſen werden kommen und uns Alle erwürgen. Wir wollen es nicht dulden, daß man uns das anthut! ſchrie eine Zeterſtimme. Wir wollen die Leichen von Maria Thereſia und vom großen Kaiſer Joſeph hier behalten, ſie haben das Volk geliebt im Leben, ſie werden es beſchützen im Tode! Kommt, Brüder, kommt, laßt uns den Wagen nachlaufen, laßt uns ſie anhalten und die Leichen zurückführen nach der Kapuzinergruft. Ja, laßt uns den Wagen nachlaufen und ſie anhalten! brüllte die Menge, welche jetzt, da ſie die Waffen der Soldaten nicht mehr blitzen und drohen ſah, ſich außerordentlich tapfer fühlte. Aber plötzlich ward dieſes Gebrüll und dieſes Wuthgeſchrei von einer weitſchallenden Stimme unterbrochen, welche dem Volk Halt zu rief, und man gewahrte eine hohe Männergeſtalt, welche mit Katzen behendigkeit den eiſernen Laternenpfahl hinaufkletterte, der ſich in der Mitte des Platzes befand. Halt! Halt! brüllte dieſer Mann, indem er ſeine beiden Arme weit über die Menge ausſtreckte, als wolle er, wie Moſes, das Meer beſchwichtigen und es ſtille ſtehen heißen. Die Menge ließ ſich in der That von dieſer ſchallenden Stimme aufhalten, und alle dieſe trotzigen, neugierigen und geängſteten Geſichter wandten ſich jetzt dem Redner zu, der hoch über ihnen am Laternen⸗ pfahl ſchwebte. Seid keine Narren und Aberwitzige, rief er, wollt Euch nicht Eure Knochen zerſchlagen laſſen von den Ungarn, die froh ſein würden, ihren Heiduckengrimm einmal wieder in deutſchem Blute baden zu können. Habt Ihr Waffen, um mit Gewalt von ihnen fordern zu können, daß ſie Euch die Wagen ſehen laſſen? Und wenn Ihr ſie hättet, würden die Soldaten Euch doch überlegen ſein, denn die Meiſten von Euch würden doch davonlaufen, wenn's zum Kampf kommt, und die andern würde man in's Hundeloch ſperren. Ich will Euch aber den Gefallen thun und Euch ſagen, was in den Wagen ſteckt, denn ich weiß es. Wollt Ihr's auch wiſſen? Ja, ja! Wir wollen's wiſſen! ſchrie und jauchzte die Menge. Still doch, Ihr da! Schreit nicht ſo laut! Laßt uns hören, was in den Wagen ſteckt! Still! Still! Eine Todtenſtille trat ein, Jeder hielt den Athem an, um zu hören. Nun hört! Nicht die Leichen Eurer Kaiſer ſind in dieſen Wagen, ſondern die Juwelen und das Gold unſers Kaiſers! Der Staatsſchatz iſt es, den man aus Wien flüchtet, den man nach Preßburg bringt, weil man ihn hier nicht mehr für ſicher hält.*) Seht, ſeht, dahin iſt es gekommen, daß unſere Kaiſerfamilie, daß ſelbſt der Staatsſchatz aus Wien ſich retten muß! Und wer iſt Schuld an dieſem ganzen Unheil und dieſer Noth? Wer iſt es, der uns die Franzoſen auf den Leib gehetzt hat, und der ganz Oeſterreich mit Krieg und Unheil über⸗ ſchwemmt? Soll ich's Euch ſagen, wer das thut? Ja, ſagt es uns! Sagt es uns! rief man von allen Seiten. Rache dem, der Oeſterreich in Krieg und Unheil ſtürzt und macht, daß der Kaiſer und der Staatsſchatz fliehen muß! Der Redner wartete, bis die Wogen des brauſenden Volkszorns ſich wieder beruhigt hatten, dann ſagte er mit ſeiner klaren, weittönen⸗ den Stimme: der Premierminiſter Baron von Thugut iſt daran Schuld! Er will nicht, daß wir Frieden haben mit Frankreich! Er läßt uns lieber Alle verderben, ehe er Frieden ſchließt mit der franzöſiſchen Republik! Aber wir wollen nicht verderben, brüllte die Menge. Wir wollen nicht wie Hammel uns zur Schlachtbank führen laſſen! Nein, nein, *) Allgemeine Geſchichte der neueſten Zeit vom Tode Friedrichs des Großen bis zum zweiten Pariſer Frieden. Von Joſeph Freiherrn von Hormayer. Bd. I. S. 350.— 8 wir wollen Frieden, Frieden mit Frankreich! Der Miniſter Thugut ſoll uns Frieden geben mit Frankreich! Geht doch und ſagt das dem ſtolzen Herrn Miniſter! rief der Redner mit höhniſchem Lachen. Zwingt ihn doch zu thun, was der Kaiſer und was ſelbſt unſer tapferer Erzherzog Carl wünſcht, zwingt den allmächtigen Mann, daß er Frieden macht! Wir wollen hingehen und ihn bitten, daß er uns Frieden gebe! riefen einzelne Stimmen aus der Menge. Ja, ja, das wollen wir thun! riefen Andere. Kommt, kommt, laßt uns Alle zum Miniſter Thugut gehen und von ihm fordern, daß er uns den Kaiſer und den Staatsſchatz wieder gebe, und daß er Friede mache mit Bonaparte! Jetzt kletterte der Mann eiligſt den Laternenpfahl herunter. Seine hohe, herculiſche Geſtalt ragte aber, noch als er ſchon mit den Füßen den Boden berührte, hoch über die Menge empor. Kommt, ſagte er laut und entſchieden zu den Umſtehenden, kommt, ich führe Euch zum Miniſter von Thugut, denn ich weiß, wo er wohnt, und wir wollen ſo lange ſchreien und lärmen, bis der ſtolze Herr uns den Willen thun muß! Er ſchritt raſch vorwärts, und die ſtets unmündige und willenloſe Menge folgte jauchzend und ſchreiend ihrem improviſirten Anführer. Nur Ein Gedanke, Ein Wunſch lebte in dieſen Allen: Frieden wollten ſie haben mit Frankreich, damit Bonaparte nicht nach Wien komme, um es in Schutt und Aſche zu verwandeln, wie er es mit ſo vielen italieniſchen Städten gethan. Ihr Anführer ging mit ſtolzen Schritten vor ihnen her, und wie die Menge hinter ihm immerfort brüllte und ſchrie: Frieden mit Frank reich, flüſterte er leiſe in ſich hinein: Ich denke, ich habe meine Sache gut gemacht, der Erzherzog wird mit mir zufrieden ſein, und wir werden den Herrn Miniſter am Ende doch noch zwingen, Frieden zu machen! D Arbeite Finan ſind be länglic Juhren ſuchwi D guten ebenſo hier in Es iſt dkte Gelg wagen Vien wo w ſtreit lichen — Sie he ſun al Liſho zuriiß II. Der Miniſter von Thugut. Der Premierminiſter Baron von Thugut befand ſich in ſeinem Arbeits⸗Cabinet in eifriger Unterhaltung mit dem neuen Polizei⸗ und Finanzminiſter von Saurau, welcher ihm Bericht erſtattet hatte über die glückliche Abführung des kaiſerlichen Staatsſchatzes, der gleich dem Kaiſer und der Kaiſerin den Weg nach Ungarn eingeſchlagen. Das iſt gut, ſagte Thugut mit einem rauhen Lachen. In Ungarn ſind beide wohl geborgen, denn ich mein', ich habe den Ungarn hin— länglichen Schrecken eingejagt, daß ſie ſich ruhig und demäthig zeigen. Ew. Excellenz meinen die Verſchwörung, die wir da vor zwei Jahren entdeckt haben, ſagte Graf Saurau lächelnd, und welche die fluchwürdigen Verräther mit dem Tode von Henkershand gebüßt haben! De mortuis nil nisi bene! rief Thugut. Wir ſind dieſen guten Hochverräthern viel Dank ſchuldig, denn ſie haben uns Ungarn ebenſo zahm gemacht, wie die Hochverräther von vor zwei Jahren, die hier in Wien ihren Sitz hatten, uns die Wiener zahm gemacht haben. Es iſt immerhin ein ſehr nützliches und brauchbares Ding, eine ent⸗ deckte Verſchwörung, denn eine ſolche giebt immer die allerbequemſte Gelegenheit, ein warnendes Exempel zu ſtatuiren und mit den blutigen Köpfen der Empörer dem Volk zuzurufen:„ſo geſchehe Allen, die es wagen, wider die Regierung und ihre Herren zu murren!“— Die Wiener ſind gar willfährig und gehorſam geworden ſeit den Tagen, wo wir ihnen das Schauſpiel gewährten, den Platzhauptmann Heben ſtreit am Galgen hängen und den Baron Riedel, den Lehrer der kaiſer⸗ lichen Kinder, am Pranger ſtehen zu ſehen*). Und die Ungarn haben *) Die Hebenſtreit'ſche Verſchwörung ward im Jahre 1794 in Wien entdeckt. Sie hatte, wie man ſagte, zum Zweck, dem Kaiſer eine demokratiſche Conſtitu⸗ tion abzutrotzen. Die ungariſche Verſchwörung, deren Leiter und Anſtifter der Biſchof Joſeph Ignaz Martinowitz war, bezweckte, Ungarn von Oeſterreich los zureißen und wieder zu einem ſelbſtſtändigen Reich zu erheben, zu deſſen König — 10 auch wieder gelernt, ihr Haupt zu beugen, ſeit ſie auf der Generals⸗ wieſe vor der Feſtung Ofen die Häupter der fünf vornehmen Ver ſchwörer fallen ſahen. Glauben Sie mir, Graf, dieſer Tag hat uns für die Unterwerfung Ungarn's mehr genützt, als alle Wohlthaten, alle Gnade und Bevorzugung der Kaiſer uns nützen konnten. Die Völker ſind einmal leichtſinnige und übermüthige Kinder; wenn man ſie mit Liebe erziehen will, verdirbt man ſie, aber wenn man ſie fürchten und zittern lehrt, erzieht man ſie zu ſtillen, gehorſamen Menſchen. Und darum ſage ich noch einmal, ſchelten Sie mir die Hochverräther, jetzt da ſie todt ſind, nicht fluchwürdig, denn ſie haben uns viel genützt, ſie ſind das Werkzeug geweſen, mit dem wir das ganze übermüthige Volk 6 von Oeſterreich und Ungarn gezüchtigt haben, und es waren ſegens reiche Tage, als wir Schnitterarbeit übten an den hochgebornen Oeſter reichern und Ungarn. Unſere Senſe der Gerechtigkeit hatte da gar vornehme und gute Arbeit, denn ſie traf einen Gelehrten und einen Dichter, einen Grafen und einen hohen Pfaffen. Schade, ewig ſchade iſt es, daß nicht auch noch ein Fürſt dabei war!*) Nun, der Fürſt hätte ſich vielleicht auch noch gefunden, ſagte Graf Saurau und wer weiß, ob er ſich nicht noch einmal bei einer andern Gelegenheit findet. Ew. Excellenz ſind ein geſchickter Jäger und haben eine gar feine Naſe. lnd ich habe an Ihnen einen gar geſchickten Spürhund, der gleich eine außerordentliche Witterung hat von ſolchen Dingen, rief Thugut mit einem lauten Lachen. Graf Saurau ſtimmte in dieſes Lachen ein und ließ Se. Excellenz nicht ahnen, wie ſehr deſſen Scherz ſeinen ariſtocratiſchen Stolz ver letzte. Man war dergleichen Verletzungen von dem mächtigen und und Herrn man den Erzherzog Palatin Alexander Leopold auserſehen hatte. Der Plan ward von einem Mitverſchworenen verrathen und Martinowitz nebſt den andern Häuptern der Verſchworenen wurden hingerichtet. Ob der Erzherzog ſelber um die Verſchwörung wußte, iſt niemals klar geworden. Er kam bald darauf in einem Brande um's Leben. *) Thugut's eigene Worte. Siehe: Hormayr, Kaiſer Franz und Metternich. Ein Fragment. — ———— ſtolzen Thugt gern müthit kleine ſchwö aber täuſc cratet Lerki wär' welch Mun rate ſuyf Abe weit weit wen am und men mit ſtolzen Premierminiſter nur zu ſehr gewohnt, und man wußte, daß Thugut, der Sohn des armen Schiffbauers, inmitten ſeiner Größe ſich gern ſeiner niedrigen Abkunft erinnerte und es liebte, den Adel zu de müthigen in der Hand des Schiffbauerſohns. Erlauben mir Ew. Excellenz, daß ich gleich dem Lob, welches Sie mir eben ertheilten, Ehre mache, ſagte der Polizeiminiſter nach einer kleinen Pauſe. Ich denke, wir haben hier wieder ſo ein Stückchen Ver⸗ ſchwörung ausgewittert. Es iſt freilich nur noch ein Embryo im Ei, aber es kann etwas werden, wenn man ihm Zeit läßt! Was iſt's, Saurau? rief Thugut freudig, ſagen Sie ſchnell, was iſts? Eine Verſchwörung, eine gute, gewichtige? Eine boshafte, gewichtige, ja! Eine Verſchwörung, welche auf das Leben Eurer Excellenz gerichtet iſt! Ah bah, weiter nichts, ſagte Thugut gleichgültig und ſichtlich ent— täuſcht, ich hoffte, Sie würden mir da vielleicht einige ſchöne Ariſto⸗ craten überliefern, denen ſich's nachweiſen ließ, daß ſie im heimlichen Verkehr geſtanden mit der fluchwürdigen franzöſiſchen Republik. Es wär' ein gutes Exempel geweſen für all' dieſe hirnloſen Schreier, welche jetzt die drei Stichworte der republikaniſchen Königsmörder im Munde führen und vor Entzücken verhimmeln über die liberté, égalité, fraternité. Hätte gern ein paar ſolchen Schreiern das Maul ge— ſtopft, um den republikaniſchen Begeiſterungen ein Ende zu machen. Aber ſtatt deſſen erzählen Sie mir von einer Verſchwörung, die nichts weiter bezweckt, als mich zu ermorden! Nichts weiter! rief Graf Saurau mit edler Entrüſtung. Nichts weiter! Als ob es nicht das fürchterlichſte Unglück für Oeſterreich wäre, wenn Ew. Excellenz ihm entriſſen würden! Sie wiſſen es, wir ſtehen am Rande eines Abgrundes, noch gähren im Innern die freiſinnigen und aufrühreriſchen Gelüſte, welche Kaiſer Joſeph's unſinnige Refor⸗ men angeſchürt haben, noch beugt ſich das Volk nur widerſtrebend und mit böſen Rachegedanken den Reformen, welche Ew. Exrcellenz zum Heil Oeſterreich's als nothwendig eingeführt. Von Außen aber lockt die blutige franzöſiſche Republik die Unzufriedenen zu blu⸗ tiger Nachahmung, und ſie möchten ſich unter die flatternden Sieges⸗ 12 fahnen des Generals Bonaparte retten, damit er ihnen helfe, auch Oeſterreich in eine Republik umzuwandeln. Es iſt wahr, murmelte Thugut, es drohen dem Kaiſerthum Oeſter reich von innen und von außen Gefahren; die Zügel müſſen ſtraff an gezogen werden, um das Staatsſchiff ſicher durch die Klippen zu leiten, und ich glaube wohl, daß ich der Mann dazu bin, dies zu thun. Sie ſehen, Graf, ich unterſchätze nicht die Bedeutung meiner Perſon, ich weiß ſehr wohl, daß ich Oeſterreich nothwendig bin. Aber dennoch machen mich die Mordverſuche und Verſchwörungen, die blos gegen meine Perſon gerichtet ſind, lachen. Denn ich will Ihnen etwas ſagen, mein lieber kleiner Graf, ich bilde mir alles Ernſtes ein, daß meine Perſon weder von Dolchen, noch Piſtolen, noch Gifttränken etwas zu fürchten hat. Glauben Sie an eine Vorſehung, Graf? Ah, Sie ſehen mich erſtaunt an, und es wundert Sie, daß ſolche Frage von ſo ungläubigen Lippen kommt! Ja, ja, ich bin ein Ungläubiger, und ich geſtehe Ihnen ganz ehrlich, daß mir der Himmel Mahomed's, wo man auf Wolkenpolſtern ſitzend ſeinen Tſchibuk raucht, während ſchönheits ſtrahlende Houris uns mit roſenfarbenem Finger die Fußſohlen kitzeln, daß mir dieſer Himmel Mahomed's viel wünſchenswerther erſcheint, als der Himmel der chriſtlichen Welt, wo man in ewiger, müßiger Lob ſingerei vor dem Throne des Höchſten ſtehen und anbeten ſoll. Ach, ich habe in den glücklichen Tagen meines Aufenthalts in Conſtantinopel ein wenig Vorgeſchmack gehabt von dem Himmel Mahomed's, und in den langweiligen Tagen Maria Thereſia's auch eine Ahnung erhalten von dem Himmel der chriſtlichen Welt. Und von welcher Vorſehung ſprachen nun Euere Excellenz? fragte Saurau. An welche Vorſehung glauben Sie? Ich bitte Ew. Excel lenz, mir dies zu ſagen, damit ich meinen Glauben nach dem Ihren modele! Ich glaube an eine Vorſehung, welche niemals etwas umſonſt thut, und niemals große Männer ſchafft, um ſie von erbärmlichen Affen wie Fliegen zertreten zu laſſen. Sehen Sie, deshalb fürchte ich auch keine Anſchläge, die gegen meine Perſon gerichtet ſind. Die Vorſehung hat mich geſchaffen, daß ich Oeſterreich nütze und ihm ein Bollwerk ſei gegen Sieges Vorſeh darf. wollte ſein,: gegen breche „ rechne Herr daß tiren, ſchwin fingn d ara h 0 gegen die heranfluthenden Wogen der Revolution und gegen die Siegesfanfaren des Generals Bonaparte. Ich bin ein Werkzeug der Vorſehung und alſo wird ſie mich beſchützen, ſo lange ſie meiner be⸗ darf. Wenn ſie aber eines Tages nicht mehr meiner bedürfte, und ſie wollte mich fallen laſſen, ſo würde doch alle meine Vorſicht umſonſt ſein, und alle Ihre Spitzerls, mein lieber Graf, würden mich doch nicht gegen die Mörderhand ſchützen können. Demnach wollen Sie, daß nichts gethan werde gegen dieſe Ver⸗ brecher, die wider das Leben Eurer Exeellenz conſpiriren? Oh, nicht doch, das hieße den Fatalismus zu weit treiben! Ich rechne gar ſehr auf Ihre Klugheit und die Wachſamkeit Ihrer Diener, Herr Graf! Laſſen Sie das dumme Volk gut bewachen, ſorgen Sie, daß überall faux fréres ſich in die Verſammlungen meiner Feinde ein⸗ ſchleichen, und wenn dieſe Ihnen einige Complotte gegen mich rappor⸗ tiren, nun, ſo läßt man die kleinen Uebelthäter ganz geräuſchlos ver⸗ ſchwinden. Wir haben ja Gott ſei Dank Feſtungen und Staatsge⸗ fängniſſe, deren Wände ſo dick ſind, daß kein Schreien und Stöhnen daraus gehört wird, und daß man ſie nicht durchbrechen kann! Nur kein Aufſehen, kein lautes Geſchrei, kein Zetermordio! Die öffentliche Beſtrafung eines Mörders, der mich verfehlt hat, reizt nur zehn andere Hände zu verſuchen, ob ſie ſicherer treffen können. Aber das geräuſch⸗ loſe Verſchwinden eines Uebelthäters, das erfüllt die feigen Gemüther mit Grauen und Entſetzen, und zehn ſchrecken zurück vor einer That, die vielleicht auch ſie beabſichtigten, bloß weil ſie nicht wiſſen, auf welche Weiſe der Elfte ſie gebüßt hat. Das Verſchwinden und die Oublietten, daß iſt es, was ich mir lobe! Man muß ſeine Feinde und Widerſacher geräuſchlos beſeitigen, es muß ſcheinen, als habe irgend ein verborgener Abgrund ſie verſchlungen, dann denkt Jeder, dieſer Abgrund könne auch eines Tages ſich zu ſeinen Füßen öffnen, und er wird vorſichtig, ängſtlich und ſcheu. Einzig und allein durch dieſe Staatsweisheit der heimlichen Beſtrafungen und des heimlichen Ge⸗ richts hat ſich der Staat Venedig ſo viele Jahrhunderte erhalten. Weil man die Sbirren der Dreimänner überall gegenwärtig glaubte und die beiden Löwenrachen auf der Piazzetta fürchtete, gehorchte das Volk 14 dieſen unſichtbaren Herrſchern, die es nicht kannte, und deren rächende Hand ewig über ihm ſchwebte. Jetzt indeß ſcheint es, als ob eine ſichtbare Hand, eine Fauſt von Eiſen, dieſe unſichtbaren Hände der Dreimänner fortſchleudern möchte, ſagte Graf Saurau haſtig. Bonaparte ſcheint Luſt zu haben, auch Venedig in ſeine italieniſchen Republiken hinein zu zwängen. Es wimmelt dort von franzöſiſchen Emiſſairen, welche alle ihre Beredt⸗ ſamkeit aufbieten, die Venetianer zum Aufſtand gegen ihre Herrſcher zu verleiten, damit— aber horch, unterbrach ſich Graf Saurau auf einmal, was iſt denn das? Tönt nicht Geſchrei von der Straße herauf? Er ſchwieg und wandte gleich dem Miniſter Auge und Ohr dem Fenſter zu. Wirklich vernahm man von da unten jetzt verworrenes Geräuſch, laute kreiſchende Stimmen in einem wilden Durcheinander. Die beiden Miniſter erhoben ſich, ohne ein Wort zu ſagen, von ihren Lehnſeſſeln und traten eiligen Schrittes an eines der Fenſter. Dieſes bot gerade die Ausſicht in die breite, langhingeſtreckte Straße, welche von dem Kohlmarkt hierher zu dem Palais des Miniſters führte. Ein ungeheures Gewühl von Köpfen, breiten Schultern, emporgeſtreckten Armen ward hier ſichtbar, und immer näher rollte das Sturmgeheul der Volkswuth heran. Es ſcheint wahrhaftig, als ob dieſe edlen Volksvertreter die ehren⸗ volle Abſicht hätten, mir einen Beſuch abzuſtatten, ſagte Graf Thugut vollkommen ruhig. Hören Sie nur, die Kerle brüllen meinen Namen, als ob er der Refrain eines ſchäumenden Bierliedes ſei! Das iſt ja offene Empörung! rief der Polizeiminiſter zornglühend. Erlauben Ew. Excellenz, daß ich mich entferne! Er wandte ſich haſtig vom Fenſter ab und griff nach ſeinem Hut, aber Thugut's nervige Hand hielt ihn feſt. Wo wollen Sie hin, Graf? fragte er lächelnd. Zum Commandanten von Wien, ſagte Saurau, ich will ihn fra⸗ gen, wie er einen ſolchen Unfug dulden kann, und ihm befehlen, mit den ſtrengſten Mitteln vorzugehen. Bleiben Sie, ich bitte Sie, ſagte Thugut gelaſſen. Der Kom⸗ —— manda gut w det T einma miniſt ihnen that gwße weish der de R — 15 ſer und einſichtsvoller Mann, der ſehr mandant von Wien iſt ein wei Es wäre doch in wie man mit dem Volk umgehen muß. Tyrannei, wenn man dem armen Volk nicht einmal geſtatten wollte, ſeine Meinung zu ſagen und dem Premier miniſter des Kaiſers ſeinen guten Rath zu ertheilen. Erlauben wir ihnen doch das, dann werden ſie ſich einbilden, eine ungeheure Helden⸗ that ausgeübt zu haben, und es wird ihnen ſcheinen, als ob ſie ſich großer Freiheit zu rühmen hätten. Das iſt aber die wahre Staats⸗ weisheit, mein guter kleiner Graf, daß man den Völkern den Schein und mit dieſem ihre Augen ſo ſehr blendet, daß der Freiheit läßt, ſie gar nicht ſehen, daß von der Freiheit ſelber dabei gar keine gut weiß, der That eine unerhörte Rede iſt. Da unten auf der Straße war ärger geworden, in dichten Haufen wälzte ſich das Volk zu des Miniſterhötel's heran, deſſen Pforten indeß bereits von dem vor— ſichtigen Portier geſchloſſen worden. Kräftige Fäuſte ſchlugen an dieſe Pforten, daß ſie dumpf erdröhnten, und unter dieſen Taktſchlägen ihrer Anführer brüllte und heulte das Volk ſein wüthendes Lied: Wir wollen den Miniſter ſprechen. das Geſchrei und Geheul immer dem Portal Er ſoll uns Frieden geben! Frieden! Frieden! Ah, ich weiß, was vor Zorn. Dieſe Kerle ſind von Ihren Feinden angeſtiftet. chte, welche um Alles in der das bedeutet, rief Graf Saurau zähneknirſchend Die Partei, welche Sie und mich ſtürzen mö Welt Frieden mit Frankreich machen und um jeden Preis Belgien bei Oeſterreich behalten möchte, dieſe Partei hat dieſe Kerls zum Aufruhr Excellenz, entweder abzudanken, gedungen. Man will Sie zwingen, zöſiſchen oder dem Volk ſeinen Willen zu thun und Frieden mit der fran Republik zu machen! Thugut lachte laut auf. Mich zwingen, ſagte er lakoniſch. Eben brüllte das Volk wieder laut auf, und wie Sturmesgeheul pfiff es an die Fenſter: Frieden! Wir wollen Frieden haben! Zugleich verdoppelten ſich die wüthenden Schläge gegen die Thore des Hötels. 4 Dies über ſich. Ich darf, ich kann nicht ſinitn müßig bleiben. Nein, ſagte Thugut gelaſſen, wir wollen auch nicht länger müßig bleiben! Es iſt meine Frühſtücksſtunde, und ich lade Sie daher ein, mein Gaſt zu ſein. Kommen Sie, laſſen Sie uns in den Speiſe⸗ ſaal gehen! Er reichte dem Grafen ſeinen Arm und ging mit ihm in den an— ſtoßenden Salon. In der Mitte deſſelben ſah man einen gedeckten mit allerlei Speiſen und Weinen geſchmückt und wie jederzeit mit acht Couverts belegt; denn Baron Thugut hielt täglich, wenn er nicht eingeladene Gäſte bei ſich ſah, offene Tafel für ſieben ungeladene Gäſte, und ſeine vertrauteren Bekannten oder die mit ſeiner Gunſt Begna⸗ digten verſäumten es niemals, ſich allwöchentlich einmal zu den be⸗ kannten und unveränderlichen Frühſtücks⸗ und Mittagsſtunden des Mi⸗ niſters einzufinden. Heute indeß begegnete Thugut's raſcher und ſuchender Blick nicht einem einzigen Gaſt. Niemand befand ſich in dem Zimmer, außer den acht Lakaien, die hinter den Stühlen ſtanden. Sie hatten, den ſtrengen und unerſchütterlichen Sinn ihres Herrn kennend, ihre ge— wohnten Plätze eingenommen, aber ihre Geſichter waren farblos und ihre Blicke richteten ſich mit dem Ausdruck höchſter Seelenangſt den Fenſtern zu, welche eben wieder von dem Donner der gegen die Hötel⸗ thüren gerichteten Fauſtſchläge erzitterten. Memmen, murmelte Thugut leiſe, indem er ſich zu ſeinem Sitz am obern Ende der Tafel wandte und den Grafen Saurau bedeutete, 1 . neben ihm Platz zu nehmen. In dieſem Augenblick indeß ward die Thür, welche in die Anti— chambre führte, heftig aufgeriſſen, und der Haushofmeiſter ſtürzte mit angſtbleichem Geſicht herein. ſchreitet alles Maaß, rief der der Polizeiminiſter außer III. Der Miniſter und die Lute aus dem Volkr. Halten zu Gunden, Excellenz, daß ich ſtöre, ſtammelte der Haus⸗ hofmeiſter athemlos. Aber diesmal iſt es Ernſt. Das Volk ſtürmt das Thor, es beginnt ſchon in ſeinen Angeln zu krachen. In ſpäte⸗ ſtens einer Viertelſtunde werden die Aufrührer es genommen haben! Das kommt davon, daß Ihr es ohne Noth habt ſchließen laſſen, rief der Miniſter. Wer gab Euch den Auftrag dazu? Wer befahl Euch, uns wie in einer Feſtung zu verbarricadiren, als hätten wir ein böſes Gewiſſen und fürchteten daher den Beſuch des Volkes? Der Haushofmeiſter blickte mit ſtarrem Entſetzen in das Antlitz ſeines Herrn und fand kein Wort der Erwiderung. Geht ſogleich hinunter, fuhr der Miniſter fort, laßt den Portier das Thor öffnen und Jedermann eintreten. Zeigt den Leuten den Weg hier herauf, und Ihr Schlingel, die Ihr da ſteht mit blaſſen Geſichtern und zitternden Knieen, öffnet die beiden Flügelthüren, da mit die Leute, ohne ſich zu ſtoßen, hier herein können. Nun thut Alle, wie ich Euch geheißen habe! Der Haushofmeiſter verbeugte ſich mit einem Seufzer, welcher einem Todesächzen glich, und verließ eiligſt den Salon. Die Diener aber eilten, mit zitternden Händen die Flügelthüren zu öffnen, ſowohl die, welche in den Vorſaal, als auch diejenigen, welche von dort auf den Corridor führten. Man hatte nun von den Plätzen am Tiſche aus einen freien Ueberblick nach der großen Treppe hin, welche auf den Corridor unmittelbar vor dem Vorſaal ausmündete. Und jetzt, Germain, wandte ſich Thugut zu dem hinter ſeinem Stuhl ſtehenden Kammerdiener, jetzt laßt uns unſer Frühſtück haben. Seien Sie weiſe, lieber Graf, und folgen Sie meinem Beiſpiel, neh⸗ men Sie etwas von dieſem Sorbet. Er kühlt das Blut und iſt doch fenrig zu gleicher Zeit. Trinken Sie, lieber Graf, trinken Sie! Ach, ſehen Sie nur, mein Koch hat uns heuts ein vollkommen türkiſches Mühlbach, Napolevn. 1. Abth. I. 2 18 Mahl bereitet, denn da ſehe ich den en Hahn mit Reis und Paprika. Ich habe zu dieſem Gericht von dem Mundkoch des Groß⸗ veziers ſelber das Recept erhalten, und ich darf ſagen, daß Speiſe in ganz Wien nicht ſo bekommen, wie bei mir. Von der Treppe her vernahm man jetzt ein dumpfes Geräuſch, ein wirres Durcheinander von Stimmen. Sie kommen, ſie wagen es wahrhaftig, hier einzudringen, ſagte Graf Saurau, bebend vor Grimm. Erxcellenz, verzeihen Sie mir, ich bewundere Ihren herviſchen Gleichmuth, aber ich kann es Ihnen nicht nachthun. Es iſt ganz unmöglich, ganz unthunlich, daß ich, der Polizeiminiſter, ganz ruhig und unthätig gegenwärtig bin, wenn eine verbrecheriſche Rotte es wagt, bei Ihnen einzudringen. Verzeihen Sie, dieſe Leute ſind nicht eingedrungen, ſondern ich habe ihnen freiwillig die Thüren öffnen laſſen, ſagte Baron Thugut gelaſſen. Und was Ihre Charge als Polizeiminiſter viet mein lieber Graf, ſo beſchwöre ich Sie, di be eine halbe Stunde zu ver⸗ aß ich die Ehre habe, Sie als ſel Sie dieſe Sie dieſe geſſen und ſich nur zu erinnern, d tenen Gaſt an meiner Tafel zu Ich bitte Sie noch einmal ernſtlich, nehmen Sie von dieſem Geflügel, es iſt wirklich em pfehlenswerth! Graf Saurau nahm mit einem tiefen Seufzer etwas von der peiſe, welche Germain ihm darreichte, und legte es auf den ſilbernen elier, der vor ihm ſtand. Aber wie er eben den erſten Biſſen zum Munde führen wollte, ſtockte ſeine Hand und ſeine Blicke richteten ſich ſtarr nach der Thür hin. Er hatte über dem Treppengeländer einige Köpfe mit buſchigem Haar, mit funkelnden Augen auftauchen ſehen; jetzt folgten mehrere, jetzt hoben die Geſtalten ſich höher, jetzt ſ O ah man zwanzig bis dreißig trotzig blickende, wilde Männergeſtalten, welche von der Treppe auf den Corridor traten, hinter ihnen auf der Treppe ward eine neue Reihe von Köpfen ſichtbar und neue Ge ſtalten hoben ſich auf der Treppe empor. Aber das laute Geſchrei, das wüthende Fluchen und Kreiſchen war ſchon verſtummt, der Reſpect vor der ariſtocratiſchen Umgebung hatte die Leute ſchweigen gemacht, und ſelbſt der beherzte und kühne Redne waliſch zögetn zurm Inyri 7 haglic jauch Min und am 5 waren Ihl ware Behe Vor iftauchen jobt er, e 3lis geſtalle⸗ nen all Ge reiſchen ngebung d kühne 19 Redner, welcher vorher auf dem Kohlmarkt das Volk zu dieſem Ge⸗ waltſchritt verführt und es hierher geleitet hatte, ſelbſt der ſtand jetzt zögernd und unentſchloſſen vor der Thür des Speiſeſaals und blickte nur mit düſtern Wuthblicken hinüber. Thugut ſchien von dem Allen gar nichts zu ſehen, er war ganz und gar nur mit ſeinem Frühſtück beſchäftigt und widmete dem kleinen Knochen ſeines Hühnerflügels ſeine ungetheilte Aufmerkſamkeit. Graf Saurau gab ſich wenigſtens den Anſchein zu eſſen und hielt ſeine Augen unverwandt auf den Teller gerichtet, um nicht ſeinen Ingrimm und ſeine Wuth in ſeinen Blicken leſen zu laſſen. Aber auch den Leuten aus dem Volk ſchien nicht wohl und be⸗ haglich bei dieſer eigenthümlichen und unerwarteten Scene, welche plötzlich wie ein kaltes Sturzbad ihren Eifer und ihren Heroismus abzukühlen begann. Als triumphirende Sieger, unter lautem Freude⸗ jauchzen, waren ſie in das Hötel eingedrungen, ganz überzeugt, den Miniſter zitternd und um Gnade flehend vor ihnen erſcheinen zu ſehen, und jetzt erblickten ihre erſtaunten Augen ihn in behaglichſter Ruhe am Frühſtückstiſch. Dieſe Situation hatte für die armen Leute etwas außerordentlich Befremdendes, es ward ihnen bange und unheimlich zu Sinn, und Viele von denen, welche erſt ſo ſiegestrunken die Treppe heraufgeſtürmt waren, fanden es jetzt gerathener, ſich leiſe wieder zurückzuziehen. Die Zahl der Geſtalten, welche dort über dem Treppengeländer erſchienen waren, verminderte ſich mehr und mehr, und nur gegen zwanzig der Beherzteſten und Verwegenſten hielten noch Stand vor der Thür des Vorſaals. An ihrer Spitze ſtand noch immer der Redner vom Kohlmarkt. Er hatte jetzt, eingedenk ſeiner Verſprechungen und des verheißenen Lohns, ſeine augenblickliche Schüchternheit überwunden und trat nun mit trotzigem Schritt in den Vorſaal ein, hinter ihm drängten ſich die Männer, von ſeinem Beiſpiel ermuthigt, vorwärts. Jetzt hob Baron Thugut ſeine Augen mit einem gleichgültigen Blick von ſeiner Speiſe empor, und richtete ſie hinüber auf die Män⸗ 2*½ 20 ner, die mit geräuſchvollen Schritten durch den Vorſaal kamen. Dann wandte er ſich ruhig an den hinter ihm ſtehenden Kammerdiener. Germain, ſagte er mit lauter Stimme, gehe hin und frage dieſe Herren, ob ſie mich zu ſprechen wünſchen, und wen Du die Ehre haben ſollſt, mir anzumelden. Keins dieſer Worte war den Männern entgangen, und mit blöder Verlegenheit ſahen ſie jetzt den zierlichen, geputzten Kammerdiener zu ihnen heranſchlüpfen, vernahmen ſie die Botſchaft, welche dieſer ihnen mit ſüßlichem Lächeln verkündete. Aber es war jetzt nicht Zeit mehr, zurückzutreten, ſie mußten ſich alſo mit Lrotz und Entſchloſſenheit waffnen, um ihre Rolle mit An ſtand weiter führen zu können. Ja, ſagte daher der Redner des Kohlmarkts laut und entſchloſſen, wir wünſchen den Herrn Miniſter zu ſprechen, und was unſere Namen anbetrifft, ſo heiße ich Meiſter Wenzel von der Schneider-Innung, dies iſt der Schneider Kahlbaum, und Ihr Andern ſagt ſelbſt Eure Namen, damit dieſer höfliche Herr ſie dem Herrn Miniſter hinterbrin gen kann. Aber keiner von den andern Männern folgte dieſer Aufforderung, vielmehr blickten ſie Alle ſcheu und verlegen bei Seite, und es däm merte in ihnen eine Ahnung auf, daß dies laute Verkünden ihrer Na men doch auch ſeine gefährlichen Seiten haben möchte. Germain wartete ihre endliche Entſchließung nicht ab, ſondern kehrte eilig zu ſeinem Herrn zurück, um ſeine Beſtellung auszurichten. Der Herr Wenzel von der Schneider⸗Innung, der Herr Schnei⸗ der Kahlbaum nebſt den übrigen Herren ſollen willkommen ſein, ſagte Baron Thugut laut, ohne ſich aber in ſeinem Eſſen en laſſen. Die Männer rückten indeß vorwärts bis an die Thür des Speiſe ſaals. Hier aber ließ ein ſtolzer gebieteriſcher Blick des Miiſers ſie Halt machen. Sie haben ohne Zweifel ſchon gefrühſtückt, nicht wahr? fragte Thugut mit ſcharfer Betonung. Ja, wir haben gefrühſtückt, murrte Meiſter Wenzel. Nun, ich bin nicht ſo glücklich, wie Sie, und bitte ich Sie, mich er begaun ſchiftige Ei die Mä hatte, bemäch auf ſie ſtigt ve Miniſte kommen egenüb heit ihr 6 und Pe uns ein wenn n goldene drüben Eb Miniſte S T vorwär von de ſül zu Ne ſchloſen ezutre kamen. diener. ondern richten⸗ Schnei⸗ t, ſaß 21 mich erſt mein Frühſtück verzehren zu laſſen, ſagte Thugut, und er begann ſich wieder mit dem Hühnerflügel auf dem Teller zu be⸗ ſchäftigen. Eine lange Pauſe trat ein. In peinlichſter Verlegenheit ſtanden die Männer an' der Thür, wo der Blick des Miniſters ſie gebannt hatte, und eine unheimliche Furcht vor dem Ausgang dieſer Scene bemächtigte ſich ihrer Gemüther. Mehr als es blanke Schwerter und auf ſie gerichtete Flintenläufe vermocht hätten, fühlten ſie ſich geäng⸗ ſtigt von dem Anblick der ruhigen, ſtolzen und ernſten Geſtalt des Miniſters, und ſeine unbekümmerte Sorgloſigkeit, das Gefühl voll⸗ kommener Sicherheit, mit welchem er einem drohenden Volkshaufen gegenüber ſein Frückſtück verzehrte, machte die Aufrührer um die Sicher⸗ heit ihrer eigenen Perſon ängſtlich. Gewiß hat er hier in ſeinem Hötel immer eine Menge Soldaten und Poliziſten verſteckt, dachte Meiſter Wenzel, und darum hat er uns eintreten laſſen und darum iſt er auch ſo ruhig und unbeſorgt, und wenn wir hier in den Saal getreten ſind, werden die Kerls mit den goldenen Treſſen hinter uns die Thür zuſchnappen und aus der Thür da drüben werden dann die Soldaten hervorſtürzen, um uns feſtzunehmen. Eben, wie er dies dachte, traf ihn ein ernſter, kalter Blick des Miniſters und machte ihn vom Wirbel bis zur Zehe erbeben. Jetzt, wenn es den Herren gefällig iſt, treten Sie ein, mein Frühſtück iſt beendet, ſagte Baron Thugut gelaſſen. Ich bin ganz bereit und geſpannt, zu hören, was Sie mir ſagen können! Treten Sie alſo ein. Die Männer, welche hinter Meiſter Wenzel ſtanden, ſchoben ſich vorwärts, aber die lange, herculiſche Geſtalt des ehrwürdigen Meiſters von der Schneider⸗Innung leiſtete ihnen Widerſtand und nöthigte ſie, ſtill zu ſtehen. Nein, halten zu Gnaden, Ercellenz, ſagte Herr Wenzel, feſt ent⸗ ſchloſſen, die Schwelle des Saals nicht zu überſchreiten, es würde ſich für uns arme Leute wenig ſchicken, in den hochfreiherrlichen Speiſeſaal einzutreten. Unſer Platz iſt im Vorzimmer und da wollen wir warten, bis Ew. Gnaden ſich herablaſſen wollen, uns einen Augenblick anzuhören. Dieſe demüthige Sprache, dieſe zitternde Stimme war in ſo ſchreiendem Contraſt mit dem löwenmuthigen, zungenkühnen Anführer, der Herr Wenzel auf der Straße geweſen, daß die Männer, welche ihm gefolgt waren, ſich von dieſem Contraſt in tiefſter Seele erſchüt⸗ tert fühlten und wie von Entſetzen erſtarrt daſtanden. Der Miniſter ſtand auf, ſeine breite, robuſte Geſtalt richtete ſich ſtolz empor, auf ſeinen ſcharfen, markirten Zügen zeigte ſich der Schim⸗ mer eines ſpöttiſchen Lächelns, ſeine buſchigen weißen Augenbrauen, vorher dicht zuſammengezogen, das einzige äußere Zeichen ſeines Zornes, welches ſich Thugut jemals erlaubte, waren jetzt wieder ruhig und heiter, und mit langſamen, gelaſſenen Schritten näherte er ſich den Männern. Nun ſprecht, was iſt's, was kommt Ihr von mir zu erbitten? fragte Thugut in dem vollkommenen Bewußtſein ſeines Uebergewichts. Wir wollten Ew. Gnaden bitten, uns armen Leuten endlich den Frieden zu ſchenken, ſagte Meiſter Wenzel. Den Frieden mit wem? fragte Thugut gelaſſen. Frieden mit Frankreich, Excellenz, Frieden mit dieſem General Bonaparte, der, wie die Leute ſagen, ein Zauberer iſt, der alle Men⸗ ſchen behert und alle Länder mit einem Blick und einer Handbewegung erobern kann, wenn er nur will. Wenn wir nicht Frieden machen, wird er Oeſterreich auch erobern und wird nach Wien kommen, um ſich ſelbſt zum Kaiſer zu machen, und wird unſere weiſen, guten Mi⸗ niſter abſetzen, um uns franzöſiſche Herren zu geben. Wir möchten aber ſo gern unſere Kaiſer und unſere guten Miniſter, die ſo väterlich für uns ſorgen, behalten, und deshalb allein ſind wir hierher gekom⸗ men, um Ew. Excellenz zu bitten, Sie möchten ſich des armen Volks erbarmen und Frieden machen, damit der Kaiſer nach Wien zurück⸗ kehrt, und ſeinen Staatsſchatz wieder mitbringt. Nicht wahr, Ihr Männer, das war Alles? Wir wollten Se. Excellenz nur bitten um Frieden! Ja, Excellenz, riefen die Männer, erbarmen Sie ſich unſer, goben Sie uns Frieden! Nun, Ihr ſeid für Friedensengel auf eine gar ſtürmiſche Weiſe holen Vera Ich! 56 dazl würd Vch habe in ſo führer, welche erſchüt⸗ tete ſich Schim⸗ brauen, ſeines rruhig r ſich rbitten? ewichts. lich den e Men wegung machen, en, um möchten viterlic r gelom er Lul n ric hr, Ihr iten um goben el, hier eingedrungen, ſagte der Miniſter ſtreng. Ihr wolltet Frieden holen und brachtet den Aufruhr. Es war bloß die Angſt, die uns ſo haſtig und ſtürmiſch gemacht hatte, ſagte Meiſter Wenzel verlegen. Wir bitten Ew. Excellenz um Vergebung, wenn wir Sie erſchreckt haben! Erſchreckt! wiederholte Thugut mit einem Ton unausſprechlicher Verachtung. Als ob es der Mühe lohnte, vor Euch zu erſchrecken! Ich wußte, daß Ihr kommen würdet, und ich wußte auch, wer Euch dazu erkauft hatte. Ja, ja, ich weiß, man hat Euch gut dafür be⸗ zahlt, Meiſter Wenzel, daß Ihr den Aufruhr anſtiften ſolltet, man hat Euch blanke Ducaten gegeben, damit Ihr hier in mein Hötel ein⸗ dringen ſolltet. Aber werden die Ducaten auch im Stande ſein, Euch hier wieder herauszuhelfen? Meiſter Wenzel ſtieß einen Schrei aus und wankte bleich vor Ent⸗ ſetzen einige Schritte zurück. Ew. Excellenz wußten,— Ja, ich wußte, unterbrach ihn Thugut ſtreng, daß Leute, denen wenig gelegen iſt an der Ehre und Würde ihres Vaterlandes, Leute, die einfältig genug ſind, zu glauben, es wäre beſſer, ſich der fluch⸗ würdigen, franzöſiſchen Republik freiwillig zu unterwerfen, ſtatt mit Wehr und Waffen gegen ſie aufzutreten, daß dieſe Leute Euch bezahlt haben, damit Ihr Euer Maul aufreißen und ſchreien ſollt von Dingen, die Ihr nicht verſteht und die Euch gar nicht kümmern, denn— In dieſem Augenblick vernahm man von außen her angſtvolles Schreien und Flehen, dazwiſchen heftige, drohende Stimmen und mi⸗ litairiſche Commandoworte. Die Männer ſchauten angſtvoll ſich um und mit Entſetzen gewahrten ſie, daß die Treppe, auf welcher ſie ſich vorher Kopf an Kopf gedrängt hatten, jetzt ganz leer war. Aber in dieſem Moment erſchienen zwei Geſtalten auf derſelben, wenig geeignet, die Angſt der Männer zu ſänftigen, denn man er⸗ blickte an ihnen die Uniformen der gefürchteten und ſtrengen Polizei, welche unter dem Miniſterium Thugut eine ſo bedeutende und ſchreckens⸗ reiche Rolle ſpielte. Dieſe beiden Geſtalten näherten ſich der Thür der Antichambre, 24 an welcher ihnen der Kammerdiener Germain entgegentrat und ſich luf leiſe mit ihnen beſprach. Alsdann eilte Germain zu der Thür des Anticham Salons, und die ſcheu zurückweichenden Empörer kaum eines verächt Rapporti lichen Blickes würdigend, trat er ein. daß diſ Nun, was giebt's, Germain? fragte Thugut. da, de Excellenz, der Herr Polizeidirector läßt Ew. Excellenz vermelden, hierher daß er alle Thüren des Hötels beſetzt hat, ſo daß Niemand heraus De kann, daß ferner die Straßen geſäubert und die Empörer auseinander legenen gejagt ſind. Der Herr Polizeidirector, welcher unten auf dem Vor an den platz ſich befindet und damit beſchäftigt iſt, die Namen der im Hötel Ich befindlichen Empörer aufzuzeichnen, läßt ſich die ferneren Befehle Eurer Hern 2 Excellenz ausbitten. gethan Ah, er ahnt nicht, daß ſein erſter Chef, der Herr Polizeiminiſter, De ſich ſelber hier befindet, ſagte Thugut, ſich lächelnd zu dem Grafen Nieman wendend, welcher, da er einmal dazu verdammt war, ein müßiger aufgeſch und unthätiger Zuſchauer dieſer Scene zu ſein, ſich in eine Fenſter pi niſche zurückgezogen und von dort aus dem Geſpräch zugehört hatte. noſſen d Erlauben Sie, Herr Graf, daß der Polizeidirector hier herauf das iſt komme und Ihnen ſelber rapportire? fragte Thugut. und iht Ich bitte Sie darum, Excellenz, ſagte der Graf, indem er zu Lollve de Miniſtor ²* dem Miniſter trat. 3 gefuge Germain flog wieder in das Vorzimmer zu den harrenden Poliziſten. g J Und wir? fragte Meiſter Wenzel kleinlaut. Leche Ihr werdet warten! ſagte Thugut. Drückt Euch dort in jene Ecke, vielleicht ſieht Euch dann der Polizeidirector nicht! . Sie zogen ſich bebend in die Ecke der Antichambre zurück und wagten nicht einmal, zuſammen zu flüſtern, nur die Blicke, die ſie miteinander wechſelten, verriethen ihren Schrecken. Die beiden Miniſter waren indeß in die Antichambre getreten und, den Polizeidirector erwartend, unterhielten ſie ſich leiſe mit einander. Jetzt zeigte ſich auf dem Corridor die breite, ſtolze Figur des Polizeidirectors in ſeiner ganz Wien bekannten Amtstracht, welche die Geſichter der armen Aufrührer nur noch bleicher machte und ihr Herz mit den ſchlimmſten Beängſtigungen erfüllte. und ie ſie — Auf einen Wink des Grafen Saurau trat der Director in die Antichambre, in ſeiner Rechten ein beſchriebenes Blatt Papier haltend. Rapportiren Sie, ſagte Graf Saurau ſtreng. Wie war es möglich, daß dieſer Auflauf überhaupt ſtattfinden konnte? War denn Niemand da, der das aufrühreriſche Volk auseinandertrieb, noch ehe es wagte, Bbe zu ſtürmen? Der Polizeidirector ſchwieg und warf nur einen ängſtlichen, ver⸗ legenen Blick auf den Miniſter Thugut. Dieſer wandte ſich lächelnd an den Polizeiminiſter. Ich bitte Sie, lieber Graf, ſagte er, zürnen Sie dem würdigen Herrn Director nicht, ich bin überzeugt, daß er ſeine Schuldigkeit gethan hat. Das ganze Hötel iſt umzingelt, beeilte ſich der Director zu ſagen, Niemand kann hinaus, und ich habe die Namen aller der Uebelthäter aufgeſchrieben. Bis auf dieſe hier, ſagte Thugut, auf Meiſter Wenzel und Ge⸗ noſſen deutend, die ſcheu zuſammengedrückt zu ihnen hinſtarrten. Aber das iſt auch nicht nöthig, denn ſie haben uns ſchon ihre Namen geſagt, und ihre Bitten vorgetragen. Und ſo wäre alſo die ganze ehrenwerthe Volksverſammlung hier in meinem Hötel wie in einer Maufefalle ein⸗ gefangen? Ja, wir haben ſie Alle, ſagte der Director, und ich erwarte die Befehle des Herrn Polizeiminiſters, was weiter mit ihnen geſchehen ſoll. Ich bitte Sie, lieber Graf, wandte ſich Thugut an Graf Sauran, erzeigen Sie mir einen Freundſchaftsdienſt und laſſen Sie mich Gaſt⸗ freundſchaft üben an dieſen Männern hier. Ich habe ihnen die Pfor⸗ ten meines Hötels öffnen und ſie hier eintreten laſſen, und es wäre daher nicht großmüthig, ſie nicht frei wieder hinauszulaſſen. Leſen Sie das Verzeichniß, das der Herr Director da in der Hand hält, gar nicht, ſondern erlauben Sie, daß er es mir giebt, und, en Sie ihm, daß er ſeine Poliziſten ſich entfernen und die Gefangene frei und mit voller Waffenehre abziehen laſſe. Es ſei, ſo wie Sie wünſchen, Ercellenz, ſagte der Graf, ſich tief verneigend. Geben Sie dem Herrn Miniſter Ihre Liſte, Herr Director, und gehen Sie hinunter, Herrn Premierminiſters gemäß zu ertheilen. Der Director that, wie ihm befohlen. Er überreichte Thugut die Liſte der gefangenen Aufſtändiſchen und zog ſich dann, rückwärts gehend, auf den Corridor zurück. Und wir? Können wir auch gehen, Excellenz? fragte Meiſter Wenzel ſchüchtern. Ja, Ihr könnt gehen, ſagte Thugut. Aber unter einer Bedingung! Ihr müßt mir erſt das Lied ſagen, welches das ehrenwerthe Volk brüllte, als Ihr hierher kamt, Meiſter Wenzel. Ach, Excellenz, ich weiß nur einen einzigen Vers davon aus⸗ wendig. Nun alſo, den Einen Vers! Sprecht ihn raſch, denn ich ſage Euch, Ihr werdet jene Thür dort nicht überſchreiten, bevor Ihr mir den Vers declamirt habt. Sei es aber, was es ſei, Ihr dürft Euch nicht ängſtigen, denn ich verſpreche Euch, daß Ihr ſtraflos blei⸗ ben ſollt. Nun denn, ſagte Meiſter Wenzel ganz verzweiflungsvoll, ich glaube, der Vers lautete ſo: riumph, Triumph! Es ſiegt die gute Sache! ie Fürſtenknechte flieh'n! Laut tönt der Donner der gerechten Sache Nach Wien und nach Berlin.*) T D Wirklich ein recht hübſches Lied das, ſagte Thugut, und könnt Ihr mir ſagen, wer Euch dies Lied gelehrt hat? Nein, Excellenz, das weiß Keiner, es war auf den Straßen, in den Häuſern als Flugblatt ausgeſtreut in viel tauſend Exemplaren, *) Die Anfangsſtrophe eines Gedichtes, das damals(1797) überall in Deutſchland geſungen ward und ein Ausfluß war der voreiligen und kurzſich⸗ tigen Freude, mit welcher die Deutſchen das Siegen und Fortſchreiten der fran⸗ zöſiſchen Republik feierten. Und nicht bloß das Volk ſang dieſes Lied, ſondern ſogar in excluſiven ariſtocratiſchen Kreiſen war es beliebt. Die Gräfin Pachta, Rahel's Freundin, citirt es ſogar in einem Fre an Rahel. Siehe: Gallerie von Bildniſſen aus Rahel's Umgang. Theil I. Seite 179. Ihre Befehle den Wünſchen des und da Lagewe Un ſein, m J Meiſte Ander lU U lied, ſ gewöhr man d Ihr7 ſich binet mant Ihr 1 V en, in larel 27 und da fanden die Arbeiter es, als ſie Morgens auszogen an ihr Tagewerk. Und ſolltet Ihr nicht beim Ausſtreuen ein wenig behülflich geweſen ſein, mein lieber Meiſter Wenzel? Ich? Gott und die heilige Jungfrau mögen mich behüten, rief Meiſter Wenzel entſetzt. Ich hab' das Lied geſungen, ſo gut wie die Andern, und hab's geſungen nach der Melodie, welche ich die Anderen ſingen hörte. Und das war brav von Euch, denn es iſt wirklich ein hübſches Lied, ſagte Thugut, leicht mit dem Kopf nickend. Lieder haben ja das gewöhnlich an ſich, daß kein Wort in ihnen wahr iſt, und das nennt man darum Poeſie. Geht alſo jetzt, mein poetiſcher Herr Wenzel und Ihr Andern, die Ihr vom ſogenannten Volk als Friedensboten an mich abgeſandt worden. Sagt Euren Auftraggebern, ich bewilligte ihnen diesmal in Gnaden noch ihre Bitte und gäbe ihnen Frieden, das heißt, ich ließe ſie laufen und ſperrte ſie nicht in's Loch, wie ſie's ver⸗ dienten, ſondern ich ließe Euch Alle noch einmal in Frieden ziehen. Wenn's Euch aber noch einmal gelüſten ſollte, einen Straßenſcandal zu machen und das ſchöne Lied zu ſingen, ſo ließe ich Euch Alle ein⸗ ſperren und wollte Euch Gaſſenlaufen lehren, daß es eine Luſt ſei. Fort mit Euch! Er wandte den zitternden Männern den Rücken und achtete gar nicht auf die ehrerbietigen Kratzfüße und Bücklinge, mit denen ſie ſich verabſchiedeten, um dann mit leiſen aber haſtigen Schritten von dannen zu eilen, wie erſchreckte Mäuſe aus der Höhle eines Löwen. Und jetzt, mein lieber Graf, da unſer Frühſtück beendet iſt, wandte ſich Thugut an den Grafen, jetzt bitte ich Sie, mit mir in mein Ca⸗ binet zurückkehren zu wollen, denn ich denke, wir haben einander noch mancherlei zu ſagen! IV. Die Conferenz der Staatsminiſter. Baron Thugut reichte dem Grafen ſeinen Arm und führte ihn wieder zurück in ſein Cabinet. Ich ſehe eine Frage auf Ihrer Stirn, ſagte Thugut lächelnd. Wollen Sie mir dieſelbe nicht mit— theilen? Nun ja denn, Excellenz, rief Graf Saurau, darf ich Sie alſo fragen, was dies Alles bedeutet? Weshalb Sie den Polizeidirector, der offenbar ſeine Pflicht verſäumte und nicht wachſam geweſen, dennoch entſchuldigten und weshalb Sie dieſe Kerle laufen ließen, ſtatt ſie zu Tode prügeln zu laſſen? Sie waren verreiſt, mein lieber Graf? Sie waren ſeit drei Ta⸗ gen von Wien abweſend, weil Sie die Majeſtäten auf ihrer Reiſe nach Preßburg geleiteten und ſind erſt vor einer Stunde von dort zurück gekehrt. Iſt es nicht ſo? Es iſt ſo, Excellenz. Sie konnten alſo nicht wiſſen, was während der Zeit hier in Wien geſchah, und der Director konnte Ihnen keine Meldung davon machen. Er kam alſo zu mir und meldete mir, daß ein gegen die beiden Kaiſer— Sie wiſſen doch, daß das Volk uns di Ehre anthut, uns die beiden Kaiſer von Wien zu nennen?— alſo ein Aufſtand gegen uns Beide beabſichtigt ſei und daß unſere Gegenpartei einen Verſuch machen wolle, uns zu ſtürzen. Es war Geld unter das Volk vertheilt, der Fürſt Carl Schwarzenberg ſelber hatte ſich einige unvorſichtige Aeußerungen entſchlüpfen laſſen, genug, jene Partei, welche mich haßt, weil ich das aufrühreriſche Belgien nicht für einen unverlierbaren Edelſtein in der Krone Oeſterreichs halte und dem Kaiſer nicht rathe, es um jeden Preis zu behalten, jehe Partei, welche uns Beide verwünſcht, weil wir nicht einſtimmen in die be⸗ geiſterten Lobhymnen auf die franzöſiſche Republik und den Republikaner genetal Bonaparte, jene Partei hat den nichtsnutzigen Pöbel gedungen, f d dies en Aufrüh nach 1 machen Enpir diſen Rechte leider wandte tielleic ſicht. ſch die igen al)o 29 damit er das Volk repräſentire, mir die Fenſter einſchlage und mir ſo viel Furcht und Schrecken einflöße, daß ich der Gewalt weichen und nachgeben müſſe. Der Polizeidirector kam geſtern zu mir und meldete mir die ganze Sache und erklärte ſich bereit, mein Hötel zu ſchützen und den Aufruhr im Keim zu erſticken. Ich bat ihn, das nicht zu thun, ſondern die Sache ruhig gewähren zu laſſen, nur ein auf⸗ merkſames Auge zu haben, und auch erſt hierher zu kommen, wenn das Volk ſchon in meinem Hötel ſich befinde. Ich wünſchte ſehr, einmal eine Probe zu haben von der Stärke, dem Muth und der Be⸗ deutung unſerer Gegenpartei. Es iſt immer gut, ſeine Feinde kenner zu lernen und genau zu erfahren, weſſen ſie fähig ſind. Auch war dies eine wundervolle Gelegenheit für die Polizei, die Schreier und Aufrührer kennen zu lernen und ſich ihre Namen zu merken, um ſie nach und nach abzuſtrafen, da wir leider nicht hier in Europa es machen können, wie jene glückliche Königin von Aegypten, die tauſend Empörer zugleich bei ihren Zöpfen faßte und, ſie mit der Linken an dieſen Zöpfen feſthaltend, ihnen mit einem einzigen Schwerthieb der Rechten alle tauſend Aufrührerköpfe auf einmal abraſirte. Wir müſſen leider langſamer und votſichtiger zu Werke gehen. Und weshalb ließen Ew. Excellenz diesmal alle Aufrührer laufen? ſagte Graf Saurau verdrießlich. Aber wir halten ſie nichts deſto weniger doch alle bei den Zöpfen, lachte Thugut, denn haben wir nicht hier das Verzeichniß der Namen? Ach, mein lieber kleiner Graf, Sie meinten am Ende gar, ich ſei in meiner Großmuth ſo weit gegangen, dies Regiſter zu zerreißen und es in alle Winde zu ſtrenen und mein Haupt abzuwenden, wie jener fromme Biſchof es that, der einen Mörder unter ſeinem Bett fand, ihm, da er ihn entdeckte, erlaubte, zu entfliehen, ſein Haupt ab— wandte, um des Fliehenden Antlitz nicht zu ſehen und eines Tages vielleicht wiederzuerkennen? Ich liebe es, meine Feinde von Ange⸗ ſicht zu kennen und ihre Namen zu wiſſen, und ſeien Sie gewiß, daß ich die Namen, die hier auf dem Papier ſtehen, mir tief genug ein⸗ prägen werde, um ſie nimmer zu vergeſſen. Vorläufig aber, da dieſe Elenden diesmal ſtraflos davon ge⸗ kommen, gehen ſie triumphirend nach Hauſe und werden bei nächſter Gelegenheit ihren Streich wiederholen! Ach, mein Lieber, wie wenig kennen Sie das Volk! Glauben Sie mir, nichts ängſtigt dieſes feige Geſindel mehr, als daß wir ſie laufen ließen. Sie ſind ſich ihrer Schuld gar wohl bewußt, es ängſtigt ſie daher fürchterlich, daß ſie keine Strafe erhalten haben und ſie zittern in jedem Moment, daß die Strafe ſie ereilen könne. Sie haben Gewiſſensbiſſe und Furcht, und das ſind die beſten Handhaben, mit denen man ein Volk regieren kann. Mein Gott, was ſollte man wohl mit einem Volk anfangen, das aus lauter tugendhaften, reinen Menſchen beſtände! Es würde unangreifbar ſein, während ſeine Laſter und Schwächen gerade es ſind, durch welche wir es in unſere Hand bekommen. Tadeln Sie mir alſo das Volk nicht um ſeiner Laſter willen, ich liebe es weger derſelben, denn durch dieſe unterwerfe ich es meinem Willen. Man muß überhaupt niemals daran denken, auf die Menſchen durch ihre Tugend wirken zu wollen, man kann es nur durch ihre Fehler und Verbrechen, und durch dieſe ſind alle dieſe Leute, welche wir heute ungeſtraft nach Hauſe geſchickt, unſer Eigenthum. Der freigelaſſene und unge ſtrafte Verbrecher iſt ein Sbirre, dem die Polizei nur nöthig hat, den Dolch in die Hand zu geben und ihm zu ſagen: dahin triff; und er wird treffen! Denzufolge alſo ſind Ew. Excellenz der Meinung, daß Alle, auch die Rädelsführer der Empörer, ungeſtraft bleiben ſollen? Nicht doch, einige Beiſpiele müſſen wir allerdings ſtatuiren, um das Schreckniß noch größer zu machen und die Gemüther der Schul digen noch mehr zu unterjochen. Aber um Gotteswillen kein öffent liches Gericht, keine öffentliche Strafe! Unſichtbar möge unſere Hand Meiſter Wenzel faſſen und ihn richttn. Möge er verſchwinden, er und die andern Rädelsführer, die den kecken Muth hatten, hier herauf zu kommen. Stecken wir ſie vorläufig in ein gut verwahrtes und dickge mauertes Gefängniß, und während die andern kleinen Aufrührer ſich die harten Köpfe zerbrechen, um zu errathen, was aus ihren Anführern geworden, machen wir dieſe durch allerlei Qualen und Todesvorſpiege⸗ lungen ſo weich und zahm, daß ſie endlich, wenn wir ſie zuletzt frei laſſen, ſich als zelge in rief Gre Man w waren, lich ver auf kei Mals n Frunzo Eul d derhtit ſelber würde gericht Heſter Rath ertheile Verhal erè etes Rolu führern ſpiege ſich als unſere dankbaren Schuldner betrachten und willenloſe Werk zeuge in unſern Händen ſind, die wir nach Belieben verwenden können. Wahrlich, Sie ſind ein großer Staatsmann, ein weiſer Herrſcher, rief Graf Sanrau mit allem Enthuſiasmus aufrichtiger Bewunderung. Man wird weiſe, indem man Ihnen zuhört, und glücklich und mächtig, indem man Ihnen gehorcht! Ich fühle mich ganz und gar in Liebe und Anbetung Ihnen ergeben und bin nichts und will nichts ſein, als Ihr aufmerkſamer Schüler. Seien Sie mein Freund, ſagte Thugut, gehen wir unſern Weg Hand in Hand, behalten wir unſer gemeinſames Ziel vor Augen und ſcheuen wir kein Mittel, um es zu erreichen! Sagen Sie, was ich thun ſoll, ich folge Ihnen willig, wie der Blinde ſeinem Führer! Nun, wenn Sie es wünſchen, mein Freund, S 6 o laſſ uns ein wenig überlegen, wie wir in nächſter Zeit das Staatsſchiff durch die Klippen hindurch lenken wollen, die es von allen Seiten bedrohen Es haben ſich in den wenigen Tagen, welche Sie von hier Sife waren, allerlei Ereigniſſe zugetragen, die den Stand der D weſent lich verändert haben. Als Sie abreiſten, gab ich dem Kaiſer den Rath, auf keinen Fall Frieden zu machen mit Frankreich. Wir rechneten da mals noch auf die Grenadier⸗Regimenter, die wir auf's Neue den Franzoſen entgegengeſchickt und die unter Anführung des Erzher zogs Carl die Engpäſſe bei Neumarkt gegen die vordringenden Franz zoſen vertheidigen ſollten. Wir wußten außerdem, daß das franzöſiſche Heer ſelber ermattet, erſchöpft und friedensbedürftig ſei, denn ohne dies würde der General Bonaparte nicht jenen Brief an den Erzherzog gerichtet haben, in welchem er denſelben auffordert, den Kaiſer von Oeſterreich zum Frieden mit Frankreich zu veranlaſſen. Auf unſern Rath mußte der Erzherzog an Bonaparte eine ausweichende Antwort ertheilen und ihm ſagen, daß er ſich zu ferneren Unterhandlungen Verhaltungsbefehle aus Wien erbitten müſſe.*) *) Mémoires tirés des papiers d'un homme d'état sur les causes se- erètes qui ont determiné la politique des Cabinets dans les guerres de a Révolution. Vol. IV. S. 582. Aber Ew. Excellenz waren feſt entſchloſſen, keinen Frieden mit Frankreich zu machen! Ich war entſchloſſen, ja! Ich bin es in meinem Innern noch, aber man muß nach Außen oft anders erſcheinen, als man iſt, und es ſind Umſtände eingetreten, welche uns für den Augenblick den Frieden wünſchenswerth erſcheinen laſſen! Schrecken Sie nicht zuſammen, mein lieber Graf, ich ſage ja nur für den Augenblick! Innerlich mache ich nie Frieden mit Frankreich und mein Ziel bleibt unverrückt: eines Tages Oeſterreich zu rächen für die Demüthigungen, welche es uns jetzt auf erlegt. Vergeſſen Sie das nie, mein Freund, und nun hören Sie! Es ſind neue Depeſchen angelangt. Maſſena iſt nach einem blutigen Scharmützel mit den Unſrigen ſiegreich in Frieſach eingezogen, und am andern Tage iſt er weiter vorgegangen, um in den engen Schluchten von Neumarkt unſere friſchen Grenadier⸗Regimenter anzugreifen. Der Erzherzog Karl ſelbſt hatte ſich an die Spitze dieſer Regimenter geſtellt und gab unſern Soldaten das Beiſpiel kühnen Muthes. Aber die vereinten, aus Italien und aus Deutſchland zuſammengezogenen fran zöſiſchen Truppen kämpften gegen ihn, und am Abend dieſes unglück lichen Tages mußte der Erzherzog mit ſeinen Grenadieren Neumarkt räumen, in welches die Franzoſen als Sieger eingezogen. Jetzt bat der Erzherzog den franzöſiſchen General um einen vierundzwanzig it zu gewinnen, denn er hoffte, in s von Kerpen an ſich zu ziehen und ſtündigen Waffeäſtillſtand, um Z dieſer Friſt das Corps des Genera alsdann den Feind wieder zurückzutreiben. Allein es ſcheint, daß dieſer kleine General Bonaparte einen ſcharfen Blick und eine große Divi⸗ nationsgabe beſitzt, denn er ſchlug den Waffenſtillſtand ab und ſandte Streifparthien gegen das Kerpen'ſche Corps aus, ſo daß dies immer ſelbſt aber drang mit ſeinem e weiter zurückgedrängt ward. Bonaparte ſel Heer bis Judenburg und Leoben vor. Jetzt blieb dem Erzherzog, um Wien zu retten, kein anderes Mittel übrig, als Friedensvorſchläge zu machen. Und er hat das gethan? fragte Graf Saurau athemlos. Er hat das gethan! Er hat zwei unſerer Vertrauten, den Grafen Meerve ſandt,1 ( — fragte PM N ich wo und ic und ſo Seite machen haben und wo des R imte wieder lands N metuf nen ſe ur ei jñ en mit Grafen 33 Meerveldt und den Marquis de Gallo nach Leoben zu Bonaparte ge⸗ ſandt, um mit ihm zu verhandeln. Hatte denn der Erzherzog dazu die Einwilligung Eurer Excellenz? fragte der Graf. Nein, die hatte er nicht, und ich könnte ihn jetzt desavouiren, wenn ich wollte, aber ich will nicht, denn es liegt nicht in unſerm Vortheil, und kenne nur Eine Politik, das iſt die Politik des Vortheils. Man muß allemal das thun, wobei man die Ausſicht hat, zu gewinnen, und das unterlaſſen, wobei man zu verlieren fürchten muß. Die Gewalt iſt das einzig Unfehlbare, Ewige und Göttliche, und dieſe Gewalt hat jetzt ſich zu Gunſten Frankreichs entſchieden. Wir müſſen alſo nachgeben und ſo lange friedlich erſcheinen, bis die Gewalt wieder auf unſere Seite tritt und uns erlaubt, feindlich vorzugehen! Wir müſſen Frieden machen! Aber unſer Beſtreben muß nun darauf gerichtet ſein, von dieſem Frieden möglichſt viel Vortheil zu zichen und ihn zu Oeſterreichs Gunſten auszubeuten. Auf Koſten Frankreichs? Ah bah, auf Koſten Deutſchlands, mein lieber kleiner Graf! Wozu * 5 führt denn der Kaiſer von Oeſterreich den Titel zugleich eines Kaiſers von Deutſchland, wenn er von dieſer Laſt nicht wenigſtens den Vortheil haben ſollte, mit Deutſchland nach ſeinem Belieben zu handthieren, und wozu nennt er ſich als Kaiſer von Deutſchland„allzeit Mehrer des Reichs“, wenn er nicht auch Verringerer des Reichs ſein könnte? Nun S wir müſſen den Frieden mit Frankreich ſo aus⸗ zubeuten ſuchen, daß ſich Oeſterreich auf Koſten Deutſchlands arrondirt und vergrößert. Ah, das wird wieder ein Zetergeſchrei geben über Verletzung des heiligen deutſchen Reichs, rief Saurau lächelnd. Da wird Preußen wieder eine willkommene Gelegenheit haben, ſich als Vertheidiger Deutſch⸗ lands zu geriren. Mein Lieber, laſſen Sie Preußen immerhin hochtönende Phraſen ausrufen, wir wollen ſchon dafür ſorgen, daß es zu weiter nichts kom⸗ men ſoll! Preußen hat keinen Friedrich den Großen mehr, ſondern nur einen Fr iedrich Wilhelm den Dicken— Mühlbach, Napoleon. 1. Abth. I. 3 34 Der indeſſen, unterbrach ihn Graf Saurau, der indeſſen, wie ich mit Beſtimmtheit weiß, nur noch ſein Leben nach Tagen oder höchſtens nach Wochen zu zählen hat, denn die Bruſtwaſſerſucht hat ſelbſt vor einem König keinen Reſpect. wenn ſie Friedrich Wilhelm den Dicken hinweggerafft hat, wird Preußen einen Friedrich Wilhelm weiter zählen, und einen iungen Mann von ſiebenundzwanzig Jahren zum König haben, voila tout Er iſt juſt ſo alt, wie der General Bonaparte, in demſelben Jahr geboren, wie dieſer General, der jetzt die ganze Welt mit ſeinem Ruhm erfüllt, aber von dem jungen T Thronerben Preußens hat die Welt noch weiter nichts vernommen, als daß er eine ſchöne hat! Der iſt uns alſo nicht gefährlich, und ich denke und hoffe, daß Oeſterreich immer die Macht behalten wird, dieſes Preußen, dieſes re evolutionaire Element im deutſchen Reich, zu demüthigen und bei Seite zu drängen. Aber die Gefahr, die uns bedroht, kommt nicht von Preußen, ſondern von Frankreich und vor allen Dingen von dieſem General Bonaparte, der mit ſeinem Ruhm nnd ſeinen Schlachten Propaganda macht für die Revolution und die Republik, und dieſe dummen ſtupiden Völker ſo ent zückt, daß ſie ihm entgegen jauchzen als einem Meſſias der Freiheit! Verhaßtes Wort, das wie der Tarantelbiß die Menſchen raſend macht und ſie in wilden Tänzen umherſpringen läßt, bis ſie todt zur Erde fallen. Dieſes Wort iſt die Zauberformel, mit der Bonaparte ganz Italien beſiegt und die italieniſchen Völker zu Aufrührern und Empörern gegen ihre Fürſten gemacht hat! ſeufzte Graf Saurau. Noch nicht ganz Italien, Freund! Ein Theil davon ſteht noch feſt! Der Löwe von St. Marco iſt noch nicht gefallen! Aber er wird fallen, Excellenz, ſeine Füße ſchwanken Nun ſo müſſen wir Sorge tragen, daß er auf eine Weiſe fällt, welche auch uns berechtigt, an ihm Beute zu machen! Und m mein lieber kleiner Graf, ſind wir zu dem Punkt gelangt, der uns jetzt zu⸗ nächſt beſchäftigt. Die Friedenspräliminarien zu Leoben ſind abgeſchloſſen, wir müſſen die n eit bis zum Abſchluß des wirklichen Friedens ſo zu benutzen ſuchen, daß der Friede uns Vortheil bringt, und daß Oeſter⸗ werden wider wir ih macher A ihm a Aufgal Oeſter müſſen kans A N ſo mi mag die m ſpielt diesn Vir Heſe v wort! ſange 35 reich ſich dabei arrondirt und kräftigt. Wir müſſen immer den Bhck auf Baiern geheftet halten, denn Baiern iſt unſer und muß unſer werden bei der nächſten günſtigen Gelegenheit. Schreit Frankreich d wider und will uns dieſe Beute nicht gutwillig laſſen, nun ſo werfen wir ihm den alten verhaßten Zankapfel Belgien in den Rachen und machen es dadurch zahm und kirre. Aber was thun wir, wenn Preußen auch ſchreit? Werfen wir ihm auch ein Stück von Deutſchland hin, um es zu beruhigen? Im Gegentheil, wir ſuchen ihm ſo viel als möglich zu nehmen, wir ſuchen es zu demüthigen und zu iſoliren, damit es keine Macht hat, uns zu ſchaden. Wir bemühen uns, dieſen Frieden, den wir jetzt mit Frankreich abſchließen, ſo einzurichten, daß er uns Vortheil, Preußen möglichſt Schaden bringe! Nach dem Norden hin arrondiren wir uns durch Baiern,— nach dem Süden hin durch 2 Venedig! Durch Venedig? rief Graf Saurau erſtaunt. Aber Sie ſagten es ja vorher ſelbſt, Venedig ſteht noch feſt! Wir müſſen machen, daß es fällt, mein Lieber, das eben iſt unſere Aufgabe, denn Venedig iſt das Stückchen Entſchädigung, das ich für Oeſterreich an ſeinen Südgrenzen erſehen habe! Etwas Sicheres müſſen wir doch dafür haben, wenn wir Belgien an Frankreich abtreten; kann's nicht Baiern ſein, ſo muß es Venedig ſein. Aber ich begreife noch immer nicht— Mein Lieber, wenn das Begreifen meiner Pläne ſo leicht wäre, ſo müßten ſie nicht ſonderlich tief ſein. Das Spiel, das ich ſpiele, mag Jedermann kennen, aber die Karten, die ich in der Hand halte, die müſſen doch Jedermann ein Geheimniß bleiben, bis ich ſie ausge ſpielt habe, ſonſt liefe ich ja Gefahr, zu verlieren! Aber Sie ſollen diesmal in meine Karte ſchauen, und Sie ſollen mir helfen zu gewinnen! Wir ſpielen um Venedig, lieber Graf, und wir Pollen es gewinnen für Oeſterreich! Wie fangen wir es an? Ich geſtehe, Excellenz, daß mein Bischen Verſtand mir die Ant wort verſagt, und daß ich durchaus nicht begreife, wie man es anzu fangen hat, einen ſelbſtſtändigen, für ſich beſtehenden Staat, auf den 65, 36 man weder Erbſchafts⸗ noch andere Anſprüche zu machen hat, ſich als Beute zu erobern, ohne einen offenen Gewaltſtreich zu führen! Man ſtellt dem Staat eine Maufefalle auf und fängt ihn darin ein, wie eine Maus, mein kleiner Graf. Hören Sie! Wir müſſen machen, daß ſich Venedig zu einem Widerſtandskrieg gegen Frankreich erhebt und den Muth gewinnt, dem Sieger von Lodi die Spitze bieten zu wollen. Ach, Ercellenz, ich fürchte, die verzagte Signoria wird dieſen Muth nicht gewinnen, wenn ſie vo nunſern neuen Niederlagen und von Frank⸗ reichs neuen Siegen erfährt. Die Hauptſache alſo iſt, daß die Signoria davon nichts erfährt, ſondern daß ſie gerade die entgegengeſetzten Nachrichten erhält, und dies, mein Freund, iſt Ihre Aufgabe. Senden Sie, ich bitte, ſogleich einige Vertraute nach Venedig und in's Venetianiſche Gebiet. Laſſen Sie der Signoria in Venedig vermelden, die Franz oſen ſeien in Tyrol und Steyermark beſiegt und befänden ſich, ſo zu ſagen, unter dem cau— diniſchen Joch. Vermelden Sie durch andere vertraute Abgeordnete dem Grafen Adam Neipperg, der mit einigen unſerer Regimenter im füdlichen Tyrol an den Venetianiſchen Grenzen ſteht, daß Venedig im Begriff ſei, ſich zu erheben und ſeines Beiſtandes bedürfe, veranlaſſen Sie ihn, auf dieſe Kunde hin vorzudringen bis Verona. Das wird den Venetianern eine Beſtätigung ſein der andern Siegesnachrichten; als gute Mäuſe werden ſie nur den gebratenen Speck riechen und vor Freuden darüber die Falle nicht ſehen, die wir ihnen aufg 5 Sie werden hinein rennen, und wir werden ſie einfangen! Denn ein Auf⸗ ſtand in Venedig heißt jetzt ſchon eine Empörung gegen Frankreich, Frankreich wird ſich beeilen, ein ſolches Verbrechen zu ſtrafen. Die Republik Venedig wird von der Republik Frankreich zerſtört werden und alsdann werden wir uns als Entſchädigung für Belgien von Frankreich unſer kleines Nachbarland Venedig erbitten.*) Bei Gott, ein großer, ein genialer Plan, rief Graf Saurau, ein Plan, würdig in dem Haupt eines ſo großen Staatsmanns entſprungen *) Hormayr: Lebensbilder aus dem Befreiungskriege. IIMI. S. 144. zu ſein. daß wir De wird ke helden uns he guter daß E händler zu verl jehnten die, we J haben, unterw Muth 1 Frank⸗ nkreich, ſtrnfen werden 37 zu ſein. Sie werden auf dieſe Weiſe eine neue Provinz erobern, ohne daß wir eine Kanone abfeuern, oder einen Tropfen Blut vergießen! Doch, einiges Blut wird fließen, ſagte Thugut ruhig, aber es wird kein öſterreichiſches Blut, ſondern das der Venetianiſchen Freiheits⸗ helden ſein, die wir zum Aufſtand anreizen. Dieſes Blut wird ſie an uns heften, denn nichts kittet ſo feſt als Blut! Und jetzt, mein lieber WMer Graf, d Sie meinen Plan kennen und billigen, jetzt bitte ich, daß Sie ſich eilen wollen, ihn in's Werk zu ſetzen und Ihre Unter⸗ händler nach Venedig und Tyrol abzuſenden! Wir haben keine Zeit zu verlieren, denn die Friedenspräliminarien reichen nur bis zum acht⸗ zehnten April und bis dahin muß Venedig wie eine reife Frucht ſein, die, weil keine Hand da war, ſie zu pflücken, von ſelber abfällt. In einer Stunde, Excellenz, werde ich alle Ihre Befehle erfüllt haben, und die geſchickteſten meiner Kundſchafter und Unterhändler werden unterwegs ſein nach Venedig und Tyrol. Wen ſenden Sie nach Venedig an die Signoria? Den gewandteſten aller meiner Leute, den Anton Schulmeiſter. Oh, ich kenne ihn, er hat mir ſchon oft gedient und iſt in Wahr⸗ heit ein brauchbares Subject. Nur zahlen Sie ihm gut, damit er treu bleibt, denn er hat zum Glück einen Fehler, bei dem man ihn faſſen kann. Er iſt geldgierig und hat ein ſchönes Weib, welches viel Geld braucht. Zahlen Sie ihm alſo gut, und er wird uns nützen. Und jetzt leben Sie wohl, mein lieber Graf, ich denke, wir haben uns Beide vollkommen verſtanden und wiſſen, was wir zu thun haben. Ich habe auf's Neue erkannt, daß das öſterreichiſche Staatsſchiff in den Händen eines Mannes iſt, der es, wie kein Anderer, zu lenken und zu führen verſteht, ſagte Graf Saurau, indem er ſich von dem Miniſter verabſchiedete. Es iſt vielleicht ein Familientalent, mein lieber Graf, ſagte Thugut lachend, und ich habe das Schiffslenken von meinem Vater, dem Schiffs⸗ baumeiſter, gelernt. Addio, caro amico mio! Sie drückten ſich zärtlich zum Abſchied die Hände und mit einem von Liebe und Freundſchaft ſtrahlenden Geſicht verließ Graf Saurau das Cabinet des Premierminiſters. Dieſes Lächeln ſtand noch auf ſeinen 38 Lippen, als er in der Antichambre ſich von dem Kammerdiener den Mantel überwerfen ließ, und er ſodann mit leichten Schritten die ſtolze Marmortreppe ſich hinunterbewegte, welche vor einer Stunde von den breiten, tölpiſchen Füßen der Leute aus dem Volk entweiht worden. Aber als die Thür ſeines Wagens ſich hinter ihm ſchloß und der edle Graf in ſeiner dahin rollenden Kutſche ſich ſicher fühlte vor jedem Spä⸗ herauge und vor jedem lauſchenden Ohr, da ſchwand das Lächeln von ſeinen Lippen, die ſich jetzt öffneten zu einem Ausbruch der Verwünſchung. Unerträglicher Uebermuth! Empörende Anmaßung! murmelte er dann mit finſtern Blicken vor ſich hin. Wie ein Despot meint er ſchalten und walten zu können und uns Alle, mich ſogar betrachtet er nur als ergebenen, gehorſamen Diener! Erlaubt ſich, mich ſeinen kleinen Grafen zu nennen! Ich, ich werde dem Sohn des Schiffs baumeiſters doch eines Tages beweiſen, daß der liebe kleine Graf Saurau doch größer iſt, als er! Geduld, Geduld, mein Tag wird kommen und an dieſem Tage werde ich den lieben kleinen Thugut ſtürzen. V. Das Haus in der Gumpendorfer Vorſtadt. Wien zitterte in der That vor dem Anmarſch des franzöſiſchen Heeres, und die Angſt vor der Gefahr hatte das ſonſt ſo friedliche und gehor⸗ 6 ſame Wiener Volk zu einem Aufſtand verleitet, der indeß nichts be⸗ . zwecken ſollte, als den allmächtigen Miniſter Thugut zum Frieden mit . Frankreich zu zwingen. Der Erzherzog Karl war geſchlagen, der Kaiſer war aus Wien geflüchtet. Keine von allen dieſen Nachrichten hatte die Bewohner des kleinen Hauſes beunruhigt, das am Ende der Gumpendorfer Vor⸗ ſtadt von Wien nahe an der Mariahilfer Linie lag. Ein rechtes Bild des Fr eines 6 jungen ſich mi hinter Vorhä N vollen, den S zu ſeh Geſich dar. ſcheide kleine Graf wird ugut 6 39 des Friedens und der Ruhe bot dieſes kleine Haus dar. Inmitten eines Gärtchens, das auf ſeinen zierlich geordneten Beeten die erſten jungen Frühlingsblüthen zeigte, war es gelegen, hohes Geſträuch lehnte ſich mit ſeinem ſproſſenden Grün an die weißen Mauern des Hauſes, hinter deſſen blanken, durchſichtigen Fenſterſcheiben man blendend weiße Vorhänge gewahrte, und zwiſchen denſelben ſchöne blühende Topfgewächſe. Nichts Auffallendes ſonſt bot dieſes kleine, nur ein Stockwerk hohe Haus dar, und doch ging Niemand vorüber, ohne mit einem ehrfurchts⸗ vollen, forſchenden Blick zu den Fenſtern hinzuſchauen, und wer hinter den Scheiben auch nur den flüchtigen Schatten eines menſchlichen Weſens zu ſehen vermeinte, beeilte ſich, tief und reſpectvoll zu grüßen, und ſein Geſicht verklärte ſich dabei zu einem ſtolzen und glücklichen Lächeln. Und doch, wie geſagt, bot das Haus gar nichts Auffallendes dar. Einfach und beſcheiden war es von außen, einfach und be⸗ ſcheiden war auch ſein Inneres. Eine tiefe Stille herrſchte auf dem kleinen, mit weißem Sand zierlich beſtreuten Hausflur. Eine große, gefleckte Katze, ein wahres Prachtexemplar von Schönheit lag unfern der Hausthür auf einem weichen, weißen Kiſſen und ſpielte anmuthig und zierlich mit dem weißen Garnknäuel, das eben von dem Schooß der Frau gefallen war, die an dem Fenſter ſaß und ſich emſig mit dem Strickſtrumpf, den ſie in Händen hielt, beſchäftigte. Dieſe Frau in der einfachen, ſchmuckloſen und beſcheidenen Kleidung ſchien eine Dienerin des Hauſes zu ſein, aber jedenfalls eine Dienerin, der man unbedingt vertraute, denn ein großes Schlüſſelbund, wie es die Haus⸗ frauen oder die treuen Haushälterinnen tragen, hing an ihrer Seite. Eine tiefe, lächelnde Ruhe, wie ſie zu der Phyſiognomie des Hauſes paßte, lag auf ihren ehrwürdigen Zügen, ein anmuthiges Lächeln um⸗ ſpielte ihre ſchmalen, farbloſen Lippen, als ſie jetzt das Strickzeug in ihren Schvoß gleiten ließ und vornübergeneigt dem muntern Spiel der Katze zuſchaute. Plötzlich ward die Stille durch einen lauten, ſchril⸗ lenden Ton unterbrochen und eine ſeltſam ſchnarrende Stimme rief einige einzelne, abgebrochene Worte in engliſcher Sprache. Bei dem erſten Laut derſelben öffnete ſich haſtig eine Thür und in derſelben erſchien eine zweite Frau, ebenſo alt, ebenſo freundlich, 10 mit ebenſo ſtillen, friedlichen Zügen, wie die Andere. Nur verrieth der feiner gewählte Anzug, die feingefältete Spitzenhaube auf dem hohen gepuderten Toupet und die ſchwere goldene Kette, die ihren Hals um gab, daß man es jetzt nicht mit einer Dienerin, ſondern mit der Herrin zu thun habe. Aber zwiſchen dieſer Herrin und dieſer Dienerin ſchien ein eigen thümliches freundſchaftliches Verhältniß zu herrſchen, denn die letztere ließ ſich durch das Erſcheinen ihrer Herrin in dem muntern Spiel mit der Katze gar nicht ſtören und die Dame ſchien das gar nicht auffal lend und reſpectwidrig zu finden, ſondern ſchritt mit leiſen trippelnden Schritten zu ihrer Dienerin hin. Kathrinel, ſagte ſie, hör' nur einmal, wie das Viech, der Paperl, heut wieder ſchreit. Es wird den Herrn ſtören, denn er iſt ſchon oben gegangen zur Arbeit. Es iſt ein unausſtehlich Viech, der Paperl, ſeufzte Kathrinel. Weiß nit und kann nit begreifen, was der Herr Kapellmeiſter, Doctor wollt' ich ſagen, an dem Thier find't, und warum er's über's Meer mit hierher geſchleppt hat! Wenn er halt noch ſingen thät, der Kerl, ſo wär's noch zu begreifen, daß der Herr Ka— Doctor ihn mitge nommen, aber das Viech ſchreit immer bloß ſein Kauderwelſch, was kein ordentliches Gottesmenſch Wer Engliſch kann, der verſteht's wohl, Kathrinel, ſagte die Dame, denn der Papagei ſpricht engliſch, und darin iſt er geſcheidte als wir Beide, Kathrinel. Aber dafür kann er nit Deutſch und auch nit Wieneriſch ſprechen, eiferte Kathrinel, und ich mein', unſere Sprach' iſt halt viel ſchöner, als das engliſche Kauderwelſch. Weiß nit, was der Herr Doctor daran finden thut, und wie er's leiden kann, daß das Viech mit ſeinem Geſchrei ſeine Ruhe ſtört! Ich weiß's wohl, Kathrinel, ſagte die Frau Doctorin mit einem ſanften Lächeln. Der erinnert den Herrn an die ſchöne und glanzvolle Zeit, die er in England verlebt, und an all den Ruhm, den er da geerntet hat. Nun ich mein', wegen deß hatte unſer Herr grad nit nöthig, erſt — ———— ———— —.—— — nach Eug gekommer nir mehr ihnen ſe gewußt, Abe Engländ than. Al und die bei ihnen die Köni ſollte m ſinge nu ſagen zu geſagt ho le — den zwei ſchon of Frelde ihre Frn ihres He lafin ud ein ihr gute mein M iu Rün 8 eig n 41 nach England zu reiſen, rief Katharina. Er iſt nit berühmter wieder⸗ gekommen, als er gegangen iſt. Die Engländer haben ihm grad' gar nir mehr zu ſeinem Ruhm beitragen können, denn er war halt ſchon der berühmteſte Mann in der Welt, als er hinging, und wenn das nit geweſen wär', würden ſie ihn gar nit hingerufen haben, daß er ihnen ſeine ſchöne Muſik vorſpiele, denn ſonſt hätten ſie halt gar nit gewußt, daß er ſchöne Muſik macht! Aber ſie haben doch eine große Freud' gehabt an ihm, die guten Engländer, Kathrinel, und haben gar ſchön und prächtig mit ihm ge— than. Alle Tage haben ſie ihm Feſte veranſtaltet, und ſelbſt der König und die Königin haben ihm gar ſchöne Worte gegeben, daß er ſollt' bei ihnen bleiben. Eine ſchöne Wohnung in Schloß Windſor hat ihm die Königin verſprochen, und ein groß Jahrgeld dazu, und nichts ſollte mein Mann dafür thun, als alle Tage ein biſſel mit der Königin ſingen und muſiciren. Aber er hat doch den Muth gehabt, Nein zu ſagen zum König und der Königin, und weißt Du, warum er Nein geſagt hat? Die Kathrinel wußte es ſehr wohl, ſie hatte dieſe Geſchichte ſeit den zwei Jahren, daß der Herr Doctor aus England heimgekehrt war, ſchon oft von ihrer Herrin vernommen, aber ſie wußte, daß es ihr Freude machte, ſie immer wieder zu erzählen, und ſie ſelber hatte auch ihre Frende daran, ſich immer wieder von dem Glanz und dem Ruhm ihres Herrn, dem ſie ſeit zwanzig Jahren ſchon diente, erzählen zu laſſen. Nein, wahrhaftig, das weiß ich halt nit, ſagte ſie daher lächelnd, begreif es auch nit, wie der Herr Doctor hat Nein ſagen können zu dem König und der Königin. Um meinetwillen hat er's gethan, Kathrinel, rief die Frau, und ein Ausdruck ſtolzer Freude verklärte und verſchönte einen Moment ihr gutes altes Geſicht. Ja wahrhaftig, um meinetwillen allein iſt mein Mann wieder heim gekommen.„Bleiben Sie, bleiben Sie“, hat der König zu ihm geſagt.„Es ſoll Alles ſo ſein, wie die Königin wünſcht. In Windſor ſollen Sie wohnen und Sie dürfen auch alle Tage mit der Königin ſingen. Auf Sie eifere ich nicht, denn Sie 42 ſind ein guter, ehrlicher, deutſcher Mann.“— Und wie der König das geſagt hat, da hat ſich mein Mann tief verneigt und hat geantwortet: „dieſen Ruf zu behaupten, Sire, iſt mein größter Stolz. Aber weil ich ein ehrlicher, deutſcher Mann bin, muß ich auch ehrlich ſagen, daß ich nit hier bleiben kann, und daß ich mich halt nicht auf immer von meinem Vaterland und von meiner Frau trennen kann.“—„Oh, was das anbelangt, hat der König gerufen, die Frau wollen wir nachkom⸗ men laſſen! Sie ſoll mit Ihnen in Windſor wohnen!“— Da hat aber mein Mann gelacht und hat geſagt:„ach Majeſtät, das thut die Frau nimmer! ie fährt nicht über die Donau, viel weniger über das Meer! Und deshalb muß ich denn nur wieder über's Meer zu meinem Weibel zurückkehren.“— Und das hat er gethan, und er hat den König und die Königin und alle die großen Herren und Damen verlaſſen und iſt halt wieder nach Wien gekommen zu ſeinem Weibel. Sag', Kathrinel, war das nicht ſchön und prächtig von meinem Mann? — 2 Gewiß war's das, ſagte Kathrinel, aber es macht eben, weil der Herr Doctor ſeine Frau mehr geliebt hat, als die Königin und den König und alle die vornehmen Leut', die ihm da hofirt haben in England. Und er hat auch gewußt, daß alle Welt ihm hier ebenſo hofirt wie dort, und daß, wenn er nur wollt' und möcht', er alle Tage beim Kaiſer und bei Fürſten und hohen Herren ſein könnt'. Aber er will's ja nicht. Er iſt viel zu beſcheiden, unſer Herr, geht immer ſo einfach und ſtill einher, daß halt Niemand, der's nit weiß, denken ſollt', was für ein grauſam berühmter Mann er iſt, zieht ſich auch immer ſo einfach und ſchlicht an, und könnt' ſich doch ordentlich auf donnern mit all' den Brillantringen und Nadeln und Schnallen, mit allen den koſtbaren Uhren und Doſen und Ketten, die ihm die hohen Herren geſchenkt haben. Aber er läßt Alles in ſeinen Futteralen liegen, trägt immer noch den großen ſilbernen Suppenzeiger von Uhr, die er ſtets getragen. Das war mein Brautgeſchenk, Kathrinel, ſagte die Herrin ſtolz, und darum trägt ſie mein Mann noch immer, obwohl er viel ſchönere Uhren hat. Damals, vor vierzig Jahren, als ich ihm die Uhr ge⸗ ſchenkt, da waren wir halt alle Beid' noch arm. Er war ein armer Clavierle Vyter in immer n Und Du immer ſ war's a ſondern der Uh prächtig ihn die Nichts! nit ſilb deshall ſchicht = 8* — 0 8 denken auch h auf n, nit hohen liegen⸗ ſtolz, önere Clavierlehrer, ich eines Friſeurs Tochter. Er wohnt' bei meinem Vater in ſeinem kleinen Hauſe zur Miethe und weil er den Miethzins immer nit zahlen konnt', gab er dafür mir alle Tag' eine Clavierſtund'. Und Du weißt doch, Kathrinel, was die klugen Leut' in Wien halt immer ſagen:„ein Lehrmeiſter iſt ein Mehrleiſter“ ſagen's. Und ſo war's auch hier. In den Clavierſtunden lernte ich nit blos die Noten, ſondern auch die Lieb' kennen und ſo ward ich ſeine Braut und ſchenkt' ihm zum Hochzeitsangebind' den großen ſilbernen Suppenzeiger von Uhr und darum hat ſie mein Mann auch immer getragen, obwohl er viel ſchönere und beſſere hat! Was ihm die Frau gegeben, iſt ihm lieber, als was ihm Kaiſer und Könige gegeben. Aber er könnt' doch halt wenigſtens eine ſchöne goldene Kett' an der Uhr tragen, ſagte Katharinel. Hat doch ein ganzes Dutzend prächtiger Ketten! Aber nimmer trägt er eine, ſelbſt neulich nit, als ihn die Fürſtin Eſterhazy abholte, um mit ihm zum Kaiſer zu fahren. Nichts hatte der Doctor um, als ein einfaches blaues Band, worauf mit ſilbernen Buchſtaben ſein eigener Name eingewirkt war. Es hat aber auch ſeine eigene Bewandtniß mit dem Band, ſagte die Herrin ſinnend. Mein Mann hat das Band auch von London mitgebracht und er hat's da bekommen an einem ſeiner ſchönſten Ehren⸗ tage. Ich hab' die Geſchicht auch halt nit gewußt, denn Du weißt wohl, der Herr iſt immer ſo beſcheiden und red't nimmer von ſeinen großen Triumphen in London, und nichts hätt' ich erfahren von dem Band, wenn er's nit neulich umgebunden hätte, als er mit der Frau Fürſtin zum Kaiſer fuhr. Es iſt eine gar ſchöne und bewegliche Ge⸗ ſchicht', Kathrinel! Diesmal kannte Kathrinel die Geſchichte wirklich nicht und ſie bat deshalb mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit ihre Herrin, ihr doch die Ge⸗ ſchichte von dem Band zu erzählen. Die Frau Doctorin ließ ſich nicht lange bitten. Sie nahm auf dem Binſenſtuhl neben Kathrinel Platz und lächelte freundlich der Katze zu, die jetzt herbei geſchlichen war und ſich behaglich ſchnurrend auf den Saum ihres Kleides niederließ. Ja, es iſt eine gar bewegliche Geſchicht' mit dem Band, ſagte 44 ſie ſinnend, und ich weiß wirklich nit, Kathrinel, ob ich werd' halt Dir die Geſchicht' erzählen können, ohne daß mir die Stimme ein biſſel dabei zittert. Es war in London, mein Mann war eben heim⸗ gekommen von Orford, wo er ſehr feierlich im großen Dom zum Doctor war gemacht worden. Ja, ja, ich weiß, murrte Kathrinel, deswegen müſſen wir ihn auch halt jetzt immer Herr Doctor nennen, was lang nit ſo groß und vornehm klingt, als Herr Kapellmeiſter, wie wir vor der Reiſe nach England unſern Herrn nannten. Es iſt aber eine gar große Ehre, ein engliſcher Doctor der Muſik zu ſein, Kathrinel. Der große Händel iſt dreißig Jahre in England geweſen und iſt's nicht geworden, und mein Mann war erſt ein paar Monat in England, da machten ſie ihn ſchon zum Doctor. Und alſo, wie er heim kam aus Oxford, da war er den andern Tag bei einem gar reichen und gar vornehmen Herrn eingeladen, und eine große Geſellſchaft war da, und als mein Mann in den Saal trat, ſtanden ſie Alle auf, ihn zu begrüßen und verneigten ſich ſo tief, als ob er ein König wär', und wie nun mein Mann ringsum ſein Compliment macht', da ward er gewahr, daß alle die Damen um ihren Kopf ein blauſeidenes Band geſchlungen hatten und auf jedem Band war mei⸗ nes Mannes Name mit ſilbernen Buchſtaben eingewirkt. Der Haus⸗ herr aber hatte den ſelbigen Namen an beiden Enden ſeines Rock⸗ kragens mit feinen Stahlperlen eingeſtickt, daß es ausſah, als ſei er meines Mannes Diener und trage ſeine Livrée. Es war ein präch⸗ tiges Feſt, das ihm der Herr Shaw, ſo hieß der Hausherr, gab, und zuletzt bat Herr Shaw meinen Alten, ihm ein Andenken zu geben, und er gab ihm eine kleine Tabacksdoſe, die er ſich juſt den Tag für ein paar Gulden gekauft hatte, und dann bat er ſich auch ein An⸗ denken von der Hausherrin aus, von der mein Mann ſagt, daß ſie die ſchönſte Frau auf Erden iſt. Da nahm die Madame Shaw das Band aus ihrem Haar und gab's dem Mann und er hat's an ſeine Lippen gedrückt und hat geſchworen, nur an ſeinen größten Ehrentagen wolle er das Band tragen. Und ſiehſt Du, Kathrinel, er hat Wort gehalten, denn er hat das Band getragen, als er zum Kaiſer ging. Aler m paar Te beſuchen hat. Er war ein niſche ihm di Kathrin Ju ſchöne Her D gern, ſeiner? brumn jit kr . 3 Zeitgen Reihe Muſik and alſo, einem große nden 45 Aber meine Geſchicht' iſt noch nit ganz aus, hör' nur weiter. Ein paar Tage ſpäter ging der Herr wieder hin, den Herrn Shaw zu beſuchen, da zeigt ihm der die Dos, die mein Mann ihm geſchenkt hat. Er hatte ein Futteral von Silber darüber machen laſſen, darauf war eine Leier gar ſchön eingegraben und ringsum ſtand eine latei— niſche Inſchrift, welche beſagt, daß mein großer, berühmter Mann ihm die Doſe geſchenkt habe.*) Iſt meine Geſchichte nit ſchön, Kathrinel? Ja, ſie iſt ſchön, ſagte die alte Kathrinel ſinnend, nur die ſchöne Madame Shaw will mir nit ganz gefallen. Ich wett', der Herr Doctor hat auch den Papagei von ihr, und mag darum das Vieh ſo gern, obwohl es ſo ſchauderhaft ſchreit und den Herrn gewiß oft in ſeiner Arbeit ſtört. Ja, er hat den Vogel von der ſchönen Madame Shaw, ſagte die Herrin lächelnd. Sie hat das Paperl gelehrt, drei Melodien aus des Herrn ſchönſten Quartetten zu pfeifen, ſie ſelbſt hat den Vogel Wochen lang darin unterrichtet, hat ihm alle Tag' viel Stunden lang die Melodien vorgeſungen und vorgepfiffen, und als er ſie dann auch hat pfeifen können, da hat ſie den Vogel zum Abſchied an meinen Mann gegeben. Aber das Thier pfeift und ſingt ja doch nimmer die Melodien; erſt ein einzig Mal, gleich wie er kommen war, hat er ſie geſungen, nachher nimmer mehr. Das macht gewiß, er hört hier alle Tag' ſo viel Muſik und ſo viel neue Melodien, die der Herr auf ſeinem Claveſimbulum trommelt, daß das dem armen Viecherl den Kopf verwirrt und er ſeine eigenen Melodien vergeſſen hat. Aber ſein engliſch Kauderwelſch hat er doch nimmer verlernt, brummte Kathrinel. Was bedeuten denn die Worte wohl, die er all⸗ zeit kreiſcht? *) Ex dono celeberrimi Josephi Haydn“ lautete die Inſchrift. Siehe: Zeitgenoſſen. Ein biographiſches Magazin für die Geſchichte unſerer Zeit. Dritte Reihe. Vierter Band S. 2. 46 Es iſt auch ein Sprüchel, das ihm die ſchöne Madam Shaw gelehrt, Kathrinel. Weiß nit ganz mehr, wie es heißt, aber es fängt an: Vergiß mein nicht, vergiß mein nicht, und— Hilf Gott, da fängt das Thier wieder an zu ſchreien und zu kreiſchen. Gewiß hat er heute noch keinen Zucker bekommen. Wo iſt denn der Conrad, daß er den Vogel beſorgt? Er iſt in die Stadt gegangen, der Herr Doctor hat ihm Com⸗ miſſionen gegeben! Jeſus Maria, das Geſchrei wird immer fürchterlicher! Geh doch, Kathrinel, gieb dem armen Paperl ſein Stück Zucker! Ich wag's nit, Frau Doctorin, er ſchnappt immer nach mir mit ſeinem abſcheulichen Schnabel und, wenn ihn die Kett' nit hindern thät', würd' er mir die Augen aushacken! Er macht's mit mir juſt ebenſo, ſagte die Frau lich, aber wir können doch deshalb das Viecherl nit ſo ſchreien laſſen. Hör' ihn nur, er brüllt ja förmlich, als wenn er gebraten werden D octorin ängſt⸗ ſollt! Er wird meinen Mann ſtören und Du weißt, er ſchreibt jetzt eine neue Muſik. Kathrinel, komm, wir müſſen das Thier beruhigen. Ich werd' ihm Zucker geben! Und ich werd' meine Strickſcheide mitnehmen und wenn er beißen will, werd' ich ihm tüchtig auf den dicken Schnabel hauen. Kommen's alſo jetzt, Frau Doctorin! Und die beiden Frauen ſchritten muthig durch das Vorzimmer nach der Thür zu dem kleinen Salon hin, um den Feldzug gegen den Pa— pagei zu beginnen. Hinter den beiden ſchritt die Katze ernſt und gra⸗ vitätiſch einher, mit einem Geſicht, als habe ſie innigen Antheil ge⸗ nommen an der Unterhaltung der Frauen und fühle ſich als würdiger Mitkämpfer gegen den ſchreienden Vogel. gllarm tieſſte kleinen ſchien: wagen, Fenſte Salon heilige Er w weiße Stirn man Siebe e ſie ſo ſa ſtrahl zeln lebte Auge mit er ei Kraft O) vln 9 9 deſe laſſen. erden 4 r nach VI. ſe§ n. 10 S Während der Papagei mit ſeinem Geſchrei das untere Stockwerk allarmirte, herrſchte in den oberen Räumen des kleinen Hauſes die tiefſte Stille und Ruhe. Kein Laut unterbrach das Schweigen dieſes kleinen, zierlich ausgeſchmückten Salons da oben, ſelbſt die Sonne ſchien nur mit einigen verſtohlenen Strahlen ſich durch die Fenſter zu wagen, und der Wind ſchien ſeinen Athem anzuhalten, um nicht die Fenſter des kleinen Gemachs klirren zu machen, das ſich neben dem Salon befand, und welches von allen Bewohnern des Hauſes als der heilige Tempel der Kunſt verehrt ward. In dieſem kleinen Gemach, in dieſem Tempel ſaß neben einem geöffneten Clavier an einem kleinen, mit Papieren und Notenheften bedeckten Tiſch ein Mann, eifrig, wie es ſchien, mit Leſen be eſc äftigt. Er war nicht mehr jung, vielmehr, wenn man nur ſein dünnes, weißes Haar, das in einzelnen Streifen über ſeine hohe, gerunzelte Stirn niederhing, wenn man ſeine gebeugte Geſtalt betrachtete, mußte man ſagen, daß er ein Greis ſei, ein Greis nahe am Rande der Siebenziger. Aber wenn er ſeine Augen von dem Papier erhob, wenn er ſie mit einem Ausdruck ſeliger Begeiſterung zum Himmel aufſchlug, ſo flammte aus dieſen Augen das Feuer der ewigen Jugend und der ſtrahlenden Freudigkeit, und was auch das weiße Haar und die Run⸗ zeln auf Stirn und Wangen und der gebeugte Rücken von den durch⸗ lebten Jahren und vom Greiſenalter erzählen mochten, aus dieſen Augen ſprühte Jünglingskraft und Jugendmuth, und dieſer Mann mit dem weißen Haar war nur von außen ein Greis, innerlich war er ein Jüngling geblieben, ein Jüngling von feuriger Phantaſie, mit der Kraft des Schaffens und Schauens begabt, wie nur irgend Einer. Dieſer Greis mit der Seele, dem Herzen und den Augen eines Jünglings, dieſer Greis war Joſeph Haydn, der große Muſiker, deſſen Ruhm damals ſchon die ganze Welt efte obwohl er noch 48 nicht ſeine größten Meiſterwerke, obwohl er noch nicht die„Schöpfung“ und die„Jahreszeiten“ geſchrieben hatte. Aber mit der Compoſition der Schöpfung war er doch heut ſchon beſchäftigt;“) das Gedicht, das man ihm aus Englgz geſandt, und das ſein würdiger Freund van Swieten in's Deutſche überſetzt hatte, lag vor ihm, er hatte es wieder und immer wieder geleſen, und all— mälig ſchienen ſich ihm die Worte zu Tönen tzu verklären, allmälig vernahm er flüſternd und leiſe, dann immer voller, immer gewaltiger die Jubelſtimmen des Himmels und der Erde, die er in ſeiner Schöpfung erklingen laſſen wollte. Noch hatte er kein Wort niedergeſchrieben, nur geleſen, und im Leſen componirt, und ſich innerlich umrauſcht gefühlt von den Melodien, denen er nur noch Form und Maaß geben mußte, um ein neues Kunſt werk zu ſchaffen. Und wie er ſo las und componirte, verwandelte ſich der Greis immer mehr in einen Jüngling, flammte die Begeiſterung immer freudiger in ſeinen Augen auf und verklärte ſeine Stirn und machte ſeine Wangen erglühen im Purpur der Freude. Ja, ja, es geht, es wird mir gelingen, rief er auf einmal mit lauter, voller Stimme. Gott wird mir die Kraft geben, dies Werk zu vollenden, aber mit Gott muß es begonnen werden! Von ihm kommt die Begeiſterung und die Kraft. Und ganz unwillkürlich, ohne ſich vielleicht deſſen bewußt zu ſein, glitt Joſeph Haydn von ſeinem Seſſel auf ſeine Kniee nieder, und die gefalteten Hände und die ſtrahlenden Augen zum Himmel erhebend, rief er:„oh, mein Herr und mein Gott, gieb mir Deinen Segen und Deine Kraft, daß ich dies Werk, welches Dich und Deine Schöpfung preiſt, glücklich und würdig ausführe! Hauche den Worten, die ich Dich ſprechen laſſe, den Athem Deines Mundes ein, ſprich durch mich zu den Menſchen, und laß meine Muſik Deine Sprache ſein!“ Er ſchwieg, aber er blieb noch auf ſeinen Knieen und ſchaute mit andachtsvollen Blicken und gefalteten Händen noch immer zum Himmel *) Haydn begann die Compoſition der Schöpfung im Jahr 1797 und ſchon Ende April 1798 hatte er ſie beendet. Er glit ſich auf hörte 1 drinner eigenen zu wehr ſie auf machte von ſei wirkte Mode J ſige f in ner ſchnüc E Miht dien, Kunſt te ſich terung n und ſein, nd die ebend, n und pfung die ich F, h mich 49 empor. Dann erhob er ſich langſam von ſeinen Knieen, und wie ein Verklärter oder ein Nachtwandler mit weit geöffneten Augen, die nichts ſahen, ſchritt er, ohne zu wiſſen, was er that, zu ſeinem Clavier hin. Er glitt niedeg auf den Seſſel und wußte es nicht, ſeine Hände ſenkten ſich auf die Päſten und ſchlugen volle Accorde, er hörte es nicht. Er hörte nur die tauſend und tauſend jauchzenden Engelsſtimmen, die drinnen in ſeiner Bruſt ertönten, er hörte nur den Flügelſchlag ſeiner eigenen Seele, die begeiſterungvoll ſich aufwärts ſchwang zum Reich der ewigen Harmonieen. Immer voller und kräftiger tönte die Muſik, die er den Taſten entlockte, bald ſchwoll ſie auf zu mächtigem Jubel, bald ſenkte ſie ſich zu wehmuthsvollen Klagen und leiſem Geflüſter, dann wieder rauſchte ſie auf zu freudiger Luſt. Jetzt mit einem lauten volltönenden Accord machte Haydn den Schluß und ſprang mit jugendlicher Lebendigkeit von ſeinem Sitz empor. Das war die Vorrede, ſagte er laut, jetzt geht's an's Werk! Mit einer haſtigen Bewegung warf er den weiten, bequemen Haus⸗ rock von ſeinen Schultern und ſchritt raſch zu dem Spiegel hin, der über der Commode hing. Alles lag zu ſeiner Toilette bereit, der Diener hatte ſorgſam Alles geordnet. Mit eiligen Händen ſchlang Haydn das ſpitzenbeſetzte Halstuch um, und knüpfte vor dem Spiegel kunſtgerecht die große Schleife, dann legte er die ſilberverbrämte, lange Sammetweſte an und zog darüber den braunen Rock mit den langen Schößen und den großen Perlmutterknöpfen. Dann griff er nach der Uhr, dem„ſilbernen Suppenzeiger“, und wollte ihn eben in ſeine große Weſtentaſche gleiten laſſen, da fiel ſein Auge auf das blaue, ſilberge⸗ wirkte Band, das noch vom neulichen Kaiſerbeſuch her auf der Com⸗ mode lag. Ich will's anlegen und mich damit ſchmücken am heutigen Feſttag, ſagte Haydn lebhaft, denn ich mein' doch, der Tag, an welchem man ein neues Werk beginnt, iſt ein Feſttag, und man darf ſich dazu wohl ſchmücken mit dem Beſten, was man hat. Er befeſtigte mit raſchen Fingern das blaue Band an ſeiner Uhr, Mühlbach, Napoleon. I. Abth 1 4 hing es um ſeinen Nacken und ließ jetzt den„Suppenzeiger“ in ſeine Weſtentaſche gleiten. Wenn ſie mich jetzt ſehen würde, die ſchöne Miſtreß Shaw, mur⸗ melte er leiſe vor ſich hin, wie würden da— n Augen leuchten und welch ein himmliſches Lächeln würde ihr ſchönes Engels angeſicht verklären. Ja, ja, ihr Lächeln will ich in Muſik ſetzen, und es ſoll in hellen Tönen aus meiner Schöpfung wiederklingen. An's Werk! An's Werk! Er ging mit raſchen Schritten auf ſeinen Schreibtiſch zu, dann aber plötzlich blieb er ſtehen. Halt! ſ ſagte er, bald hätte ich die Haupt⸗ ſach' vergeſſen, meinen Ring! Wahrhaftig, über dem prachtvollen Uhr band meiner ſchönen Engländerin hätte ich beinahe den Ring meines großen Königs vergeſſen und es iſt doch der Talisman, ohne den ich gar nicht arbeiten kann! Er ging wieder zu der Commode und öffnete ein Käſtchen, um daraus einen Ring zu nehmen, den er an ſeinen Finger ſteckte. Mit einem freudigen Ausdruck betrachtete er die großen funkelnden Diamanten des Ringes. Ja, rief er, ja, Du biſt mein Talisman, und 1 wenn ich Dich anſchaue, meine ich, die Augen des großen Königs Friedrich leuchteten mir entgegen und blitzten mir Muth und Freudigkeit zur Arbeit in's Herz. D'rum kann ich auch nicht arbeiten, wenn ich Dich nicht an meinem Finger hab'.*) So, jetzt aber bin ich fertig und ge⸗ ſchmückt, wie ein Bräutigam, zu ſeiner Braut gehen will. Ja, ja, es iſt auch ſo, zu meiner Braut will ich gehen, zur heiligen Cäcilia! Wie er jetzt wieder zu ſeinem Schreibtiſch ging, nahmen ſeine Züge einen ernſten feierlichen Ausdruck an. Er wandte ſich erſt noch einmal dem Clavier zu und ließ die heilige Weiſe eines Chorals ertönen, dann ſetzte er ſich raſch nieder, nahm das Notenblatt und begann zu ſchreiben. Wie mit Windeseile flog ſeine Feder über das Papier hin *) Haydn hatte Friedrich dem Großen ſechs Quartette gewidmet und als Gegengeſchenk von dieſem einen koſtbaren Brillantring erhalten. Dieſen Ring trug Joſeph Haydn ſeitdem immer, wenn er arbeitete, und es ſchien ihm, als ob ſein Genius erſt dann frei ſich entfalten könne, wenn er den Ring am Finger trug. Siehe: Zeitgenoſſen. Dritte Reihe. Band IV. S. 17. ein him Aber an mochte mit der ſenkte n Dann a Hil nit zitt indem ſeine Un vetſchw im Feu ſuhr fe 5 herrſcht A Grräu mernde kamen vor ſe „) ſilber, arbeitet dem R di Jd daß er Zeigen und Seite nach Seite bedeckte ſich mit dieſen wunderlichen kleinen Puncten, Strichen und Zeichen, die wir Noten nennen. Und Haydn's Augen flammten und ſeine Wangen glühten, und ein himmliſches Lächeln umſpielte ſeine Lippen, während er ſchrieb. Aber auf einmal ſtockte ſeine Feder und eine leichte Wolke flatterte über ſeine Stirn hin. Irgend eine Modulation, eine Ausbiegung mochte ihm in dem eben Geſchriebenen mißfallen, denn er überflog raſch mit den Blicken die letzten Zeilen und ſchüttelte leiſe den Kopf. Er ſenkte traurig ſein Haupt und ließ die Feder aus ſeiner Hand gleiten. Dann auf einmal ſprang er auf. Hilf mir, mein Herr und Gott, hilf mir, rief er ganz laut, und mit zitternder Haſt nahm er den Roſenkranz, der immer neben ihm auf dem Schreibtiſch liegen mußte. Hilf mir, murmelte er noch einmal, indem er unruhigen Schrittes auf- und abging, den Roſenkranz durch ſeine Finger gleiten ließ und leiſe ein Ave Maria vor ſich hin flüſterte.*) Und dieſes Gebet ſchien ſeine Wirkung zu thun, denn die Wolke verſchwand von ſeiner Stirn und ſeine Augen flammten wieder auf im Feuer der Begeiſterung. Er ſetzte ſich wieder zu ſeiner Arbeit und fuhr fort eifrig zu ſchreiben. Heiliger Friede ſtrahlte jetzt aus ſeinen Zügen und heiliger Friede herrſchte rings um ihn in dieſem ſtillen, kleinen Gemach. Auf einmal ward dieſer Friede und dieſe Stille durch ein lautes Geräuſch, das von unten herauf erönte, unterbrochen. Klagende, jam mernde und angſtvolle Stimmen ließen ſich vernehmen, polternde Schritte kamen die Treppe herauf. Haydn hörte noch immer nichts, er war im Flug der Begeiſterung, vor ſeinen Ohren rauſchten noch immer die göttlichen Harmonieen. *) Haydn war immer ein ſehr frommer, gläubiger Chriſt,„aber, ſagte er ſelber, ich war nie ſo fromm, als während der Zeit, da ich an der Schöpfung arbeitete. Wollte es mit dem Componiren nicht ſo recht fort, ſo ging ich mit dem Roſenkranz im Zimmer auf und ab, betete einige Ave, und dann kamen die Ideen mir wieder. Täglich fiel ich auf meine Kniee nieder und bat Gott, daß er mir Kraft zur glücklichen Ausführung dieſes Werks verleihen möchte.“ Zeitgenoſſen ꝛc. S. 26. 4* 52 Aber jetzt ward die Thür des kleinen Salons heftig aufgeriſſen und mit bleichem, angſtvollem Geſicht eilte die Frau Doctorin herein, hinter ihr ſah man die alte Kathrinel und den alten Diener Conrad, neben der Frau Doctorin ſchlüpfte die Katze eilig in's Gemach herein, und von unten herauf vernahm man das laute, durchdringende Gekreiſch des Papageis. Haydn fuhr erſchreckt aus ſeiner Begeiſterung empor und ſtarrte ſeine Frau an, ohne im Stande zu ſein, nur ein Wort, eine Frage auszuſprechen. Es war etwas ſo Unerhörtes, nie Dageweſenes, von der Frau in ſeiner Arbeitszeit geſtört zu werden, daß in der That' etwas Unerhörtes, Fürchterliches geſchehen ſein mußte. Und daß es ſo war, das las er auf dem Antlitz ſeiner Frau, auf den bleichen Ge⸗ ſichtern ſeiner Diener. Oh, Mann, armer, lieber Mann, jammerte jetzt die Frau Doctorin, pack Deine Sachen zuſammen, denn es iſt jetzt nicht Zeit zum Arbeiten und Componiren. Schreckliche Nachrichten hat der Sepperl mit heim⸗ gebracht aus der Stadt. Wir ſind Alle verloren, ganz Wien iſt ver⸗ loren! Oh, oh, es iſt fürchterlich, und ich ſag' Dir, ich hab' eine grauſame Angſt! Und die alte Dame ſank ganz zerbrochen und zitternd auf einen Seſſel nieder. Was iſt's denn? rief Haydn. Was hat Euch denn Alle wieder ſo außer Euch gebracht? Sprich Du, Conrad, was hat's denn für Nachrichten gegeben? Oh, Herr, jammerte Conrad, indem er mit gefaltenen Händen und ſchlotternden Knieen ſich ſeinem Herrn näherte, es iſt Alles aus und vorbei. Oeſterreich iſt verloren. Wien iſt verloren, und alſo ſind wir auch verloren! Nachrichten ſind gekommen von der Armee! Ach, was ſag' ich, wir haben gar keine Armee mehr, Alles iſt auseinander ge ſprengt, der Erzherzog Carl hat wieder eine Schlacht verloren, der Wurmſer iſt verjagt worden, und der General Bonaparte rückt mit ſeiner Armee auf Wien zu! Schlimme und traurige Nachrichten freilich, ſagte Haydn achſelzuckend, aber das herzog e De und frif Vi unſer G keiten v dieſe Fr ans W Ru glit übe rigkeiten tommen Hert K Mes fr kammer Na und ha damit in der und ſin eigentli daß er De Ve ſünn eriſſen erein, nrad, erein, kreiſch ſturrte Frage „ von That᷑ 55 aber das iſt immer noch kein Grund zum Verzweifeln. Hat der Erz⸗ herzog eine Schlacht verloren, ſo iſt das ſchon jedem Feldherrn paſſirt. Dem Bonaparte nimmer, ſeufzte Conrad, der gewinnt jede Schlacht und frißt jedes Land auf, das er haben will. Wir müſſen einpacken, Joſeph, ſagte die Frau Doctorin, müſſen unſer Geld, unſer Silberzeug und vor allen Dingen Deine Koſtbar⸗ keiten vergraben und verſcharren, daß dieſe Räuber und Menſchenfreſſer, dieſe Franzoſen, ſie nicht finden! Komm, komm, Mann, laß uns raſch an's Werk gehen, ehe ſie kommen und uns Alles rauben! Ruhig, Frau, ruhig, ſagte Haydn milde, und ein ſanftes Lächeln glitt über ſeine Züge hin. Aengſtige Dich nicht um unſere paar Klei⸗ nigkeiten, und denk nicht, daß die Franzoſen juſt deshalb nach Wien kommen wollen, um meine paar goldenen Doſen und Ringe zu holen. Wenn's ihnen um Brillanten und Gold zu thun wär', da brauchten ſie ja nur, da ſie doch einmal als Feinde kommen, ſich die kaiſerliche Schatzkammer zu öffnen und zu nehmen, was ihr Herz reizt! Sie würden halt nix finden, rief Conrad. Das iſt's ja eben, Herr Kapellmeiſter, das iſt's ja, daß der Staatsſchatz leer iſt. Es iſt Alles fort, keine einzige Kron' und keine Diamanten mehr in der Schatz⸗ kammer. Na, und wo iſt's denn geblieben, Du Narr? fragte Haydn lächelnd. Fort gebracht nach Preßburg, Herr! Ich ſelbſt hab' die Wagen geſehen, Soldaten ritten vorauf, Soldaten hinterher. Alle Straßen, alle Plätze waren voll Menſchen, und einen Aufruhr hat's gegeben und ein Zetern und Heulen, und endlich iſt alles Volk desperat worden und hat geſchrieen und gebrüllt, daß ſollt' Frieden gemacht werden, damit die Franzoſen nit kommen und Wien in'n Klump ſchießen, und in der Deſperation ſind die Leut ganz couragös und tapfer worden und ſind zu Tauſenden hingezogen zum Miniſter Thugut, den ſie den eigentlichen Kaiſer von Wien nennen, und haben ihn zwingen wollen, daß er ſollt Frieden machen! Das ſind freilich ſchlimme Nachrichten, ſeufzte Haydn, ſein Haupt ſchüttelnd, ſchlimmer, als ich dachte! Das Volk in Aufruhr und Em⸗ pörung, die Armee geſchlagen und der Feind im Anmarſch auf Wien! Aber verzagt doch nicht, ſeid muthig und ſtandhaft, Kinder, und laßt uns auf Gott vertrauen und auf unſern braven Kaiſer. Die Beiden werden uns nimmer verlaſſen, die werden Wien behüten und beſchirmen, und werden's nimmer dulden, daß auch nur ein Stein von ſeinen Mauern genommen werde. Ach, rechne nimmer auf den Kaiſer, Mann! klagte die Frau Doctorin. Das iſt ja eben die ſchlimmſte Nachricht, und daraus eben kann man ja ſehen, daß Alles verloren iſt, denn der Kaiſer hat uns verlaſſen! Wie? rief Haydn, und ein Ausdruck edlen Zorns flammte in ſei⸗ nen Zügen auf. Wie, man wagt es, unſern Kaiſer ſo ſchmählich zu verleumden? Man wagt es, zu ſagen, daß der Kaiſer ſeine Wiener verlaſſen ſollt', wenn ſie in Gefahr ſind? Nein, nein, der Kaiſer iſt ein braver Mann und ein treuer Fürſt, er wird Glück und Unglück mit ſeinem Volk theilen! Ein guter Hirt verläßt nicht ſeine Heerde, und ein guter Fürſt nicht ſein Volk! Aber der Kaiſer hat uns verlaſſen, ſagte Conrad, es iſt wahr, Herr! Ganz Wien weiß es, und ganz Wien heult und jammert dar— über! Der Kaiſer iſt fort, und die Kaiſerin auch, und die Kaiſerkinder auch! Alles fort und davon nach Preßburg. Fort! Der Kaiſer fort! murmelte Haydn ſchmerzvoll, und eine tiefe Bläſſe bedeckte auf einmal ſeine Wangen. Oh, armes Oeſterreich, armes Volk, Dein Kaiſer hat Dich verlaſſen und iſt von Dir geflohen! Er ſenkte traurig ſein Haupt und ſchwere Seufzer hoben ſeine Bruſt. 6 jetzt ein, Mann, daß ich Recht habe? fragte ſeine Frau. Iſt's Phraſe, daß es die höchſte Zeit iſt, an unſer Hab und Gut zu denken, und unſere Sachen zu verpacken und zu vergraben? Nein, rief Haydn, raſch ſein Haupt wieder erhebend, nein, es iſt jetzt nicht Zeit, an uns zu denken und für unſer elend Hab und Gut zu ſorgen. Der Kaiſer iſt auf der Flucht, das heißt, der Kaiſer iſt in Gefahr, und ſo müſſen wir als treue Unterthanen für ihn beten, und auf unſern Herrn und Kaiſer all unſere Gedanken und Wünſche richten. In den Stunden der Gefahr muß man nicht kleinmüthig ſein Haupt zur Erde ſenken, ſondern ſein Auge zu Gott empor hebeß und ————.———„—— ——————— zu ſei d laßt Beiden irmen, ſeinen Frau eben at uns Unglück Heerde, eine erreich, glahen! flohen! Bruſt Frau. Gut zu 00 auf ihn hoffen und vertrauen. Was wollen die Wiener verzweifeln und ſchreien! Singen und beten ſollen ſie, damit der Herrgott da oben ihre Stimme vernehme, ſingen und beten ſollen ſie für ihren Herrn und ihren Kaiſer, und ich will ſie's lehren! Mit hochgehobenem Haupt und ſtolzem Schritt ging Haydn zu ſeinem Clavier hin, und ſeine Hände legten ſich auf die Taſten, und begannen leiſe eine einfache choralartige Melodie zu ſpielen, dann aber trat die Melodie ſtärker und kräftiger hervor, dann leuchtete es höher auf in Haydn's Angeſicht, und ſeine Lippen öffneten ſich wie von ſelbſt, und mit begeiſtertem, ſchallendem Ton ſang er Worte, die er nicht kannte und nicht wußte, Worte, die ihm mit der Melodie aus der Seele quollen. Halb Gebet, halb Siegeslied war die Melodie, und unſchuldiges, ſchlichtes Kindergebet waren die Worte, die von ſeinen Lippen ſtrömten, und die alſo lauteten: Gott erhalte Franz den Kaiſer; Unſern guten Kaiſer Franz, Lange lebe Franz der Kaiſer In des Glückes hellem Glanz! Ihm erblühen Lorberreiſer, Wo er geht, zum Ehrenkranz! Gott erhalte Franz den Kaiſer, Unſern guten Kaiſer Franz! Tiefe Stille war eingetreten, während Haydn ſang, und als er jetzt mit einem feſten, mannhaften Accord ſchloß und ſich umſchaute, da ſah er, wie ſein Weib, überwältigt von Rührung und Andacht, auf ihre Kniee geſunken war mit gefaltenen Händen, die Augen gen Himmel gewandt, und hinter ihr kniete die alte Kathrinel und der Conrad, und zwiſchen beiden ſtand die große Katze und lauſchte auch, und auch der Papagei da unten ſchien zu lauſchen auf das neue Lied, denn auch er war ſtill geworden. Ein köſtliches Lächeln flog über Haydn's Antlitz hin und machte es wieder jung und ſchön. Jetzt ſingt mit mir, Ihr Alle Drei, ſagte ſingt laut und feſt, damit Gott uns hört. Ich fang' von vorne an und Ihr ſollt mitſingen. 56 Er ſchlug kräftig auf die Taſten, daß die Saiten klirrten und tönten, und begann auf's Neue zu ſingen:„Gott erhalte Franz den Kaiſer!“ und hingeriſſen von der einfachen, ſchönen Weiſe ſtimmten die beiden Frauen und der alte Diener mit ein in das Lied und in die ſchlichten, kunſtloſen Worte. Und jetzt, rief Haydn eifrig, als das Lied zu Ende war, jetzt will ich die Melodie gleich aufſchreiben und die Worte drunter ſetzen, und dann läufſt Du damit zum Hofrath van Swieten hin. Er ſoll noch ein paar Verſe dazu machen! Und dann wollen wir's abſchreiben laſſen, ſo oft wir können, und in allen Straßen wollen wir's aus⸗ ſtreuen und auf allen Plätzen wollen wir's ſingen laſſen, und wenn die Franzoſen wirklich nach Wien kommen, ſo ſoll ganz Wien ſie em pfangen mit dem Jubellied:„Gott erhalte Franz den Kaiſer!“ Und Gott wird unſer Lied hören und wird gerührt werden von unſerer Liebe, und Wird ihn uns zurückführen, den guten Kaiſer Franz! Er ſetzte ſich an ſeinen Schreibtiſch und ſchrieb mit jugendlicher Haſt die nene Melodie auf. So, ſagte er dann, nimm das, Conrad, und trag's zum Hofrath van Swieten, bring ihm mein Kaiſerlied. Oh, ich mein' immer, es muß dem Kaiſer Glück bringen, und darum ſchwör' ich, daß ich's ſpielen will alle Tag', ſo lang ich lebe, dem Kaiſer ſoll allzeit mein erſtes Gebet gelten!*) Und jetzt lauf, Conrad, und laß den Herrn Hofrath das Lied dichten, und Ihr Weiber geht hinaus. Ich fühl' jetzt, wie die Gedanken in meinem Kopf brennen, *) Haydn hielt Wort und ſpielte ſeitdem täglich ſein Kaiſerlied, ja es war das letzte, was er ſpielte kurz vor ſeinem Tode; am 26. Mai des Jahres 1809 ſpielte er drei Mal hintereinander ſein Lied, vom Clavier mußte man ihn in's Bett tragen, das er nicht wieder verließ; am 31. Mai ſtarb er. Als Iffland ihn im Jahr 1807 beſuchte, ſpielte Haydn ihm zum Abſchied auch ſein Kaiſer lied:„Gott erhalte Franz den Kaiſer!“ vor. Dann blieb er noch einige Augen blice vor dem Inſtrument ſtehen, legte beide Hände darauf und ſagte mit dem Ton eines ehrwürdigen Patriarchen:„Ich ſpiele dieſes Lied an jedem Morgen und oft habe ich Troſt und Erhebung daraus genommen in den Tagen der Unruhe. Ich kann auch nicht anders, ich muß es alle Tage einmal ſpielen. Mir iſt herzlich wohl, wenn ich es ſpiele, und noch eine Weile nachher.“— Siehe: Theater⸗Almanach. Herausgegeben von Iffland. Jahrgang 1811. S. 181. wie die hat mi ich mit verzagt mein K Euch 1 Euch und ei e e und de Lom A ſuden 9 dreien Repu ſchlieſ dünkte 2 alſo a hin ge entſche Friede 6 — wie die Melodien aus meinem Herzen hervorſtrömen wollen! Das Lied hat mir erſt die rechte Begeiſterung und Weihe gegeben, und jetzt will ich mit Gott und meinem Kaiſer meine Schöpfung beginnen! Ihr aber verzagt und verzweifelt nit, und wenn Euch gar ſo bang wird, ſo ſingt mein Kaiſerlied und es wird Euch Muth und Troſt in's Herz rufen, Euch und allen Oeſterreichern, die es ſingen werden! Denn nicht für Euch allein, ſondern für Oeſterreich habe ich mein Kaiſerlied geſungen, und ein Lied ſoll es ſein für das ganze öſterreichiſche Volk! VII. Der General Bonaparte. Der Friede ſollte endlich zum Abſchluß kommen. In Udine verweilten ſeit einigen Wochen ſchon die öſterreichiſchen Abgeſandten, der Graf von Meerveldt, der Graf Ludwig von Cobenzl und der Marquis de Gallo, welcher den beiden Herren als Rathgeber vom Wiener Hofe zugegeben, obwohl er ſelber kein Beamter des Kaiſers, ſondern Geſandter Neapels am Kaiſerhofe zu Wien war. In Paſſeriano verweilte der General Bonaparte; er allein, den dreien Bevollmächtigten Oeſterreichs gegenüber, war von der großen Republik Frankreich bevollmächtigt, den Frieden mit Oeſterreich zu ſchließen, oder den Krieg zu erneuern, je nachdem es ihm gut dünkte. Die Augen Frankreichs, Deutſchlands, ja ganz Europa's waren alſo auf dieſen kleinen Punkt an der Grenze Deutſchlands und Italiens hin gerichtet, denn dort ſollte ſich jetzt die nächſte Zukunft Europa's entſcheiden, Lort ſollten die Würfel fallen, welche der Welt Krieg oder Frieden bringen ſollten. Oeſterfeich wollte den Frieden, es mußte ihn wollen, weil es ſich 58 nicht ſtark genug fühlte zum Krieg, weil es die Gefahren und Verluſte fortgeſetzter Niederlagen fürchtete. Aber es wollte den Frieden nicht um jeden Preis, ſondern es wollte aus dem Frieden Vortheil ziehen, es wollte ſich vergrößern auf Koſten Italiens, auf Koſten Preußens; wenn es ſein mußte, auch auf Koſten Deutſchlands! Was aber wollte Frankreich? Oder vielmehr, was wollte der General Bonaparte? Niemand außer ihm ſelber wußte das. Niemand vermochte aus dieſem ehernen Angeſicht ſeine Gedanken zu errathen, aus ſeinen lako⸗ niſchen Worten die Thaten ſeiner Zukunft zu entziffern. Niemanden war es gegeben, zu ſagen, was Bonaparte beabſichtigte, welch ein Ziel er ſeinem Ehrgeiz geſteckt. Seit Monaten ſchwebten die Friedens⸗Unterhandlungen mit Oeſter⸗ reich, ſeit Wochen traten die öſterreichiſchen Bevollmächtigten mit dem General Bonaparte täglich zu vielſtündigen Conferenzen zuſammen, die abwechſelnd in Paſſeriano und in Udine ſtatt fanden, aber immer noch war das Friedenswerk nicht abgeſchloſſen. Oeſterreich verlangte zu viel und Frankreich wollte zu wenig zugeſtehen. Oft war es in dieſen Con⸗ ferenzen ſchon zu den heftigſten Erörterungen gekommen, oft hatte man bei venſelben Bonaparte's Stimme ſich zu lauten Donnertönen erheben hören, und Blitze ves Zorns waren in ſeinen Augen aufgeflammt. Aber die öſterreichiſchen Diplomaten waren nicht davon zerſchmettert worden; an ihrem unverwüſtlichen Lächeln waren die Blitze der Feld⸗ herrnaugen machtlos abgeglitten, vor den Donnern ſeiner Stimme hatten ſie ihr Haupt gebeugt, um es doch wieder langſam zu erheben, wenn er ſchwieg. Heute, am dreizehnten Oktober, ſollte wieder eine dieſer Confe⸗ renzen in Udine beim Grafen Cobenzl ſtattfinden, und vielleicht war es deshalb, daß der General Bonaparte ſich ſchon in ungewohnt früher Morg — enſtunde erhoben hatte. eine Toilette war eben vollendet; die vier Kammerdiener, die ihm bei derſelbe behülflich geweſen, hatten eben ihr Werk beendet. Bonaparte hatte ſich, wie immer, willenlos ihren Händen überg eben und ſich N — wie ein hieß er und ri E wachſe parte ſch v nahm 5 ging die ben, rals Muße Zug, auf d und von nehm Lien und Pro freu zu h Kam juw m te aus lalv⸗ nwar te man eheben timme cheben, wie ein Kind von ihnen ankleiden, waſchen und friſiren laſſen.*) Jetzt hieß er mit einem ſtummen Wink ſeiner Hand die Diener hinausgehen, und rief mit lauter Simme: Bourrienne! Sofort öffnete ſich die Thür da drüben und ein junger, hochge⸗ wachſener Mann in der Civiltracht damaliger Mode trat ein. Bona⸗ parte deutete mit der Rechten auf den Schreibtiſch hin, indem er ſeinen jungen Secretair mit einem raſchen Neigen ſeines Hauptes begrüßte. Bourrienne ging mit geräuſchloſen Schritten nach dem Tiſch, ſich vor demſelben niederſetzend, legte er ein leeres Papier zurecht und nahm die Feder, das Dictat Bonaparte's erwartend. Aber Bonaparte ſchwieg. Die Hände auf dem Rücken gefaltet, ging er mit raſchen Schritten in dem Gemach auf und ab. Bourrienne, die Feder in der Hand haltend und in jedem Moment bereit, zu ſchrei⸗ ben, genoß dieſes Schweigen, dieſes gedankenvolle Sinnen des Gene⸗ rals mit wahrem Entzücken, denn dieſes Schweigen gönnte ihm die Muße, Bonaparte anzuſehen, ſich zu vertiefen in ſein Weſen, jeden Zug, jede Bewegung des Siegers von Italien ſich tief einzuprägen. Bourrienne war Bonaparte's Jugendfreund, ſie waren zuſammen auf der Kriegsſchule geweſen, ſie hatten ſich wieder gefunden in Paris, und der junge mittelloſe Lieutenant Bonaparte yatte ſich oft gefreut, von ſeinem reicheren Schulfreund Bourrienne ein Mittagseſſen anzu⸗ nehmen. Seitdem waren einige Jahre erſt vergangen, und jetzt war der Lieutenant Bonaparte ſchon ein lorbeerbekränzter General geworden, und Bourrienne, den die Männer der Schreckenszeit auf die Liſte der Proſeribirten geſetzt, war froh, den Schutz ſeines einſtigen Jugend⸗ freundes zu genießen und bei ihm eine Stelle als Secretair gefunden zu haben. *) Schon als General hatte Bonaparte in Italien immer vier Kammer diener um ſich, und er ließ ſich von ihnen ankleiden wie ein Kind, erzählt ſein Kammerdiener Conſtant.„Er war dazu geboren, von Kammerdienern bedient zu werden,“ ſagt er. Mémoires de Constant, premier valet de chambre de Empereur Napoléon. Vol. II. S. 180. 60 Seit zwei Tagen war Bourrienne in dieſer Eigenſchaft bei Bona⸗ parte, ſeit zwei Tagen hatte er ihn ſtündlich geſehen, und doch be⸗ trachtete er immer mit neuem Erſtaunen dieſes wunderbare Angeſicht, auf welchem er vergeblich die Züge ſeines Jugendfreundes wieder zu finden ſuchte. Freilich waren es noch dieſelben Contouren und Linea⸗ mente, aber doch war dies Antlitz jetzt ein ganz anderes. Nichts von der Sorgloſigkeit, der harmloſen Fröhlichkeit früherer Tage ſprach mehr aus dieſen Zügen. Sein Geſicht war von einer faſt kränklichen Bläſſe, ſeine Geſtalt, die nicht über die Mittelgröße ſich erhob, war mager und knöchern. Bei dem erſten Anſchauen glaubte man, einen jun⸗ gen, kraftloſen Mann zu'ſehen, der unrettbar zum frühen Tode hin⸗ ſiechte. Aber je länger man ihn betrachtete, deſto mehr ſchienen ſich dieſe Züge zu beleben und zu durchgeiſtigen, deſto mehr fühlte man ſich durchdrungen von der Erkenntniß, daß man es mit einer ſeltenen, ungewohnten Erſcheinung, einem Ausnahmeweſen zu thun habe. Ein⸗ mal erſt an dieſe anſcheinend bleiche, kränkliche Häßlichkeit gewöhnt, verklärte ſie ſich dem Anſchauenden bald zu einer feſſelnden Schönheit, wie man ſie auf den alten römiſchen Cameen und Imperator⸗Münzen bewundert. Wie nach den antiken Münzen geformt war ſein ſchönes, regelrechtes Profil, hoch und ehern war ſeine Stirn, an deren beiden Seiten das feine, dünne, kaſtanienbraune Haar in ſchlichten Streifen ſich anlegte. Seine Augen waren von einem ſchönen Blau, aber von dem wunderbarſten Ausdruck und Feuer, ein treuer Spiegel ſeiner Feuerſeele, bald außerordentlich ſanft und milde, bald ernſt und ſelbſt hart. Sein Mund war von klaſſiſcher Schönheit, die edelgeformten Lippen ſchmal und ein wenig zuſammengepreßt, beſonders im Unmuth; wenn er lachte, zeigten ſich zwei Reihen nicht eben ſchön geformter, aber perlenweißer Zähne. Jeder Zug, jeder einzelne Theil ſeines Geſichtes war von antiker, claſſiſcher Schönheit, und doch hatte das Enſemble etwas Häßliches, Abſchreckendes, Erkältendes, und man mußte ſich erſt an dieſe außergewöhnliche Erſcheinung gewöhnt haben, um ſie bewundern zu können. Nur ſeine Füße und ſeine kleinen, weißen Hände waren von einer ſeltenen, gleich in die Augen fallenden Schön⸗ heit, und vielleicht kam es daher, daß der General Bonaparte, der ſonſt a liebte, hatte.“ B — freund emem ihn, e ſeinem durchd warte dieſer ſtehen geſter Gener h mehr Bläſſe, maget njun⸗ e hin⸗ ſich e man ltenen, Ein⸗ ſeiner ſelbſt ormten nmuth; ormtel, ſeines tte dað 61 ſonſt an ſeiner Toilette und an ſeiner Perſon die größte Einfachheit liebte, ſeine Hände mit einigen koſtbaren Brillantringen geſchmückt hatte.*) Bourrienne war noch immer in das Anſchauen ſeines Jugend⸗ freundes vertieft, als dieſer plötzlich vor ihm ſtehen blieb und ihn mit einem freundlichen Blick anlächelte. Was betrachteſt Du mich ſo unverwandt, Bourrienne? fragte er in ſeiner kurzen, haſtigen Weiſe. General, ich betrachte mir nur die Lorbeeren, mit denen die Siege Ihre Stirn geſchmückt haben, ſeit ich Sie zum letzten Mal ſah, ſagte Bourrienne. Ah, und Du findeſt, daß ich mich ein wenig verändert habe, ſeit Du mich zum letzten Male ſahſt, rief Bonaparte raſch. Es iſt wahr, dieſe Jahre unſerer Trennung haben Manches verändert, und es hat mich gefreut, daß Du das mit feinem Tact anerkannt und bei unſerm Wiederſehen eine hübſche, zarte Zurückhaltung beobachtet haſt. Ich bin Dir dafür dankbar, und Du biſt von heute an der Chef meines Ca⸗ binets, mein erſter Geheim⸗Secretair.**) Bourrienne erhob ſich, um dem jungen General mit einer tiefen Verbeugung zu danken. Aber Bonaparte achtete gar nicht mehr auf ihn, er ging wieder haſtig auf und ab, das Lächeln war ſchon von ſeinem Antlitz gewichen, und daſſelbe hatte wieder ſeinen ehernen, un⸗ durchdringlichen Ausdruck angenommen. Bourrienne ließ ſich wieder leiſe auf ſeinen Stuhl niedergleiten und wartete, aher er wagte es jetzt nicht mehr, Bonaparte anzuſchauen, da dieſer ſein Anblicken bemerkt hatte. Nach einer langen Pauſe blieb Bonaparte neben dem Schreibtiſch ſtehen. Haſt Du die Depeſchen geleſen, die mir das Directorium geſtern durch ſeinen Spion, den Herrn Botot, geſandt hat? fragte der General haſtig. *) Die Beſchreibung der Perſönlichkeit Bonaparte's iſt nach: Mémoires de Constant. Vol. II. S. 52. **) Mémoires de Monsieur de Bourrienne. Vol. I. S. 33. Zu Befehl, General! Es ſind unvernünftige Narren, rief Bonaparte zürnend, von ihren Polſterſitzen im Luxembourg wollen ſie unſern Krieg in Italien lenken, und meinen, der Commandoſtab ſtehe ihren dintenbekleckſten Händen ebenſo gut an, als die Feder. Von Paris aus wollen ſie uns einen neuen Krieg dictiren, ſie, die nicht wiſſen, ob wir im Stande ſind, einen neuen Krieg zu ertragen. Verlangen, daß Oeſterreich Frieden mache, ohne Venedig zur Entſchädigung für Belgien zu erhalten! Ja, Talleyrand geht in ſeiner Unvernunft ſo weit, von mir zu fordern, daß ich ganz Italien auf's Neue revolutionire, damit die Italiener ihre Fürſten abwerfen und die Sonne republikaniſcher Freiheit ganz Italien durchſtrahle. Um ihnen die Freiheit zu geben, wollen ſie ihnen erſt den Krieg und die Revolution bringen! Sie wiſſen nicht, dieſe un⸗ vernünftigen Pariſer Mundhelden, daß Italien uns erſt in Wahrheit nach wiederhergeſtelltem Frieden gehören wird, und daß ſchon bei dem Schimmer des Friedens das D Directorium von den Bergen der Schweiz an, die Schweiz mit inbegriffen, bis zu den äußerſten Spitzen von Calabrien Herr ſein wird. Dann erſt und dann allein kann das Di⸗ rectorium nach ſeinem Gefallen die verſchiedenen Gouvernements von Italien abändern, deshalb müſſen wir Oeſterreich durch einen Friedens⸗ tractat an uns feſſeln. Wenn es den gezeichnet hat, wird es nicht mehr wagen, ſich zu rühren, erſtens, weil es unſer Alliirter iſt, und vor allen Dingen, weil es fürchten wird, daß wir ihm wieder nehmen werden, was wir ihm großmüthig gegeben, um es an unſer Syſtem zu feſſeln. Die Kriegspartei in Wien wird ſich indeß nicht reſigniren, ohne ſich die Hoffnung auf eine Contre⸗Revolution zu bewahren, welche immer noch der Traum der Emigrirten und der Diplomatie von Pilnitz iſt.*) Und dieſe unvernünftigen Herren vom Directorium wollen den Krieg, die Revolution, und ſie wagen mich zu verdäch⸗ tigen! Ach, ich ſehne mich nach Ruhe, nach Zurückgezogenheit, ich fühle mich erſchöpft, degoutirt, und ich werde zum dritten Mal *) Bonaparte's eigene Worte. Siehe: Mémoires d'un homme d'état. Vol. W. S. 578. den Ab weig ert ſeiner gegen rienne obwohl Je Neuem es heft Gegen buntge winter und de iſchem ſuhle Schh Schn mache ( Schre rienne 2 — nihren lenken, Hünden einen Fritden . n Vo, ordern, ter ihre Italien ieſe un ents von e nicht iſt, und nehmen Syſtem ſigniren⸗ ewahren, nntie von rectorium ver däch⸗ beit, ich „déta den Abſchied fordern, den mir das Directorium ſchon zwei Mal ver⸗ weigert hat! Er hatte das Alles mit halblauter, haſtiger Stimme geſagt, nicht als ob er zu Jemand Anders ſpräche, ſondern nur zu ſich ſelber, zu dem einzigen Mann, der es würdig ſei, die geheimſten Gedanken ſeiner Seele zu erfahren, und doch wieder mit der ſtolzen Mißachtung gegen den, der ihn hören konnte. Er fühlte ſich allein, obwohl Bour⸗ rienne zugegen war, und er ſprach und berieth nur mit ſich ſelber, obwohl Jener ihn hörte. Jetzt trat wieder eine lange Pauſe ein, und Bonaparte ging von Neuem mit haſtigen Schritten auf und ab. Heftige, leidenſchaftliche Gefühle ſchienen ſeine Bruſt zu durchſtürmen, denn ſeine Augen leuch⸗ teten immer höher auf, ſeine Wangen färbten ſich mit einem leiſen Roth, der Athem ging ſchwer aus ſeiner Bruſt hervor; als fühle er ſich beängſtigt und der Luft bedürftig, trat er zum Fenſter und ſtieß es heftig auf. Ein Ausruf der Verwunderung entfuhr ſeinen Lippen, denn die Gegend, welche ſich geſtern noch im vollen Schmuck einer ſchönen, buntgefärbten Herbſtlandſchaft gezeigt, bot heute einen vollkommen winterlichen Anblick dar. Starker, glitzernder Reif bedeckte die Bäume und das Grün der Wieſen, und die Noriſchen Alpen, die in majeſtä⸗ tiſchem Kranz den Horizont begrenzten, hatten in dieſer Nacht ſich mit ſtrahlenden Schneegewändern und blitzenden Eiskronen geſchmückt. Lange und gedankenvoll blickte Bonaparte auf dies unerwartete Schauſpiel hin. Welch ein Land, ſagte er dann leiſe vor ſich hin, Schnee und Eis vor Mitte Oktober! Wohlan! Man muß Frieden machen!*) Er ſchlug das Fenſter wieder zu und trat dann haſtig zu dem Schreibtiſch. Gieb mir die Liſten über die Armee, ſagte er zu Bour⸗ rienne, indem er ſich neben ihm niederſetzte. Bourrienne legte die Papiere und Bücher eins nach dem andern *) Bonaparte's eigene Worte. Siehe: Bourrienne. Vol. I. Seite 313. 64 vor ſich hin, und Bonaparte las und prüfte ſie mit ernſten, aufmerk⸗ ſamen Blicken. Ja, ſagte er dann nach einer langen Pauſe, es iſt wahr, ich habe da effectiv nahe an achtzigtauſend Mann; ich ernähre und bezahle ſie, aber am Tage einer Schlacht würde ich doch nur auf ſechszigtauſend „**„—„ zählen können; ich würde die Schlacht gewinnen, aber an Todten, 3 Verwundeten und Gefangenen würde ich wieder zwanzigtauſend Mann weniger haben: wie ſollte ich alsdann den vereinten öſterreichiſchen Streitkräften, die zur Hülfe Wiens heran marſchiren würden, Wider⸗ 5 ſtand leiſten können? Es bedarf mehr als eines Monats, ehe die Armeen vom Rhein mich unterſtützen können, und in vierzehn Tagen ¹ wird der Schnee alle Straßen und Paſſagen unwegſam gemacht haben! Es iſt beſchloſſen, ich mache Frieden. Venedig muß die Kriegskoſten und die Rheingrenze bezahlen. Das Directorium und die gelehrten Advocaten mögen ſagen, was ſie wollen.*) Schreibe, Bourrienne, ich will Dir meine Antwort an das Directorium dictiren. Bourrienne tauchte die Feder ein, Bonaparte erhob ſich von ſeinem Sitz, und, die Hände auf den Rücken legend, begann er wieder auf und ab zu gehen, indem er langſam und klar, daß jedes Wort wie eine Perle von ſeinen Lippen fiel, dictirte, bis allmälig der Lauf ſeiner Rede ſich mehr beflügelte und in einem einzigen, glänzenden, feurigen Strom dahin rollte. 3„Wir werden, dictirte er mit ſeiner Feldherrnſtimme, wir werden heute den Frieden unterzeichnen oder die Negociationen abbrechen. Der Friede wird uns Vortheil bringen, der Krieg mit Oeſterreich Schaden. Der Krieg mit England hingegen eröffnet uns das Feld einer weiten, 13 weſentlichen und ſchönen Thätigkeit!“ 1 Und nun begann er mit logiſcher Schärfe und Genauigkeit dem Directorium die Vortheile und Convenienzen des Friedens mit Oeſter⸗ reich, des Krieges mit England abzuwägen. Schneidend und ſcharf ———— * *) Bonaparte's eigene Worte. Siehe: Mémoires d'un homme d'état. Vol. IV. S. 558. wie Sc eines C ( — zu ſam zu laſſe Sprech Stimm nen Be meine geſehen, meine 2 übrig, wieder iele Re ſchlauen chlipfe ichiſchen Wider⸗ gelehrten wie Schwertſchlag waren ſeine Worte, kurz, ehern und kalt wie die eines Catv. Dann ſchwieg er einen Moment, nicht um ſeine Gedanken neu zu ſammeln, ſondern nur, um Bourrienne einen Moment ausruhen zu laſſen vom raſchen Schreiben, und ſelber aufzuathmen vom raſchen Sprechen. Weiter jetzt, ſagte er dann nach kurzer Pauſe, und mit begeiſterter Stimme, mit flammenden Augen dictirte er:„Wenn ich mich in mei⸗ nen Berechnungen getäuſcht habe, ſo iſt doch mein Herz rein und meine Abſicht lauter: ich habe die Intereſſen meines Ruhms, meiner Eitelkeit und meines Ehrgeizes ſchweigen laſſen; ich habe auf nichts geſehen, als auf das Vaterland und das Gouvernement. Wenn dies meine Thaten und meine Anſichten nicht billigt, ſo bleibt mir nichts übrig, als in die Menge zurückzutreten, den Holzſchuh des Cincinnatus wieder anzuziehen und ein Beiſpiel zu geben von der Achtung vor der Obrigkeit und der Abneigung vor dem militairiſchen Regime, das ſo viele Republiken zerſtört und ſo viele Staaten vernichtet hat.“ 35 Fertig? fragte Bonaparte alsdann, hochaufathmend. Ja, General, ich bin fertig! So nimm ein anderes Blatt, Freund. Wir wollen jetzt an dieſen ſchlauen Fuchs ſchreiben, der ſonſt jedes Loch wittert, wo er hinein ſchlüpfen kann, und der einen ſo ſcharfen Geruch hat, daß er jede Gefahr und jeden Vortheil von Weitem riecht. Diesmal hat ſelbſt er die Witterung verloren und iſt auf einer falſchen Fährte. Ich will ihm wieder auf den rechten Weg helfen. An Talleyrand den Herrn Miniſter des Auswärtigen alſo! Ueberſchrift gemacht? Ja, General! So ſchreib! Ind ohne auch nur einmal inne zu halten oder zu ſtocken, dictirte Bonaparte folgenden Brief: „In drei oder vier Stunden, Bürger Miniſter, wird Alles ent⸗ *) Bonaparte's eigene Worte. Siehe: Mémoires d'un homme d'tat. S.. 588. Mühlbach, Napolevn. 1. Abth. I 66 ſchieden ſein, Krieg oder Frieden. Ich geſtehe Ihnen, daß ich Alles für den Frieden thun werde, wegen der vorgerückten Jahreszeit und der geringen Hoffnung auf bedeutende Erfolge.“ „Sie kennen ſehr wenig dieſe Völker hier; ſie verdienen es nicht, daß man um ihretwillen vierzigtauſend Franzoſen tödten läßt. Ich erſehe aus Ihrem Brief, daß Sie immer von einer falſchen Hypotheſe ausgehen; Sie bilden ſich ein, daß die Freiheit auf ein träges, aber gläubiſches, feigherziges und heruntergekommenes Volk großen Eindruck machen wird.“ „Was Sie von mir fordern, ſind nicht zu thun!— Ich habe, ſeit ich nach Italien gekommen, nicht die Liebe der Völker für die Freiheit und Gleichheit als Bundesgenoſſen gehabt, oder zum Mindeſten war dies ein ſehr ſchwacher Bundesge noſſe. Alles, was nur dazu gut iſt, um in Proclamationen und ge⸗ vruckten Reden geſagt zu werden, iſt nicht mehr werth, als ein Roman.“ „Da ich hoffe, daß die Negociationen gut gehen werden, gehe ich nicht auf weitere Details ein, um Sie über viele Dinge aufzuklären, die man mir falſch aufgefaßt zu haben ſcheint. Nur mit Klugheit, Weisheit und großer Entſchiedenheit kann man zu großen Zielen ge⸗ langen und alle Hinderniſſe überwinden, ſonſt aber erreicht man nichts. Vom Triumph bis zum Fall iſt oft nur Ein Schritt! Ich habe in den größten Umſtänden immer ein Nichts über die größten Begeben heiten entſcheiden ſehen!“ „Es iſt ein Characterzug unſerer Nation, daß ſie zu raſch und feurig im Glück iſt. Wenn man als Baſis unſerer Operationen die wahre Politit nimmt, die nichts Anderes iſt, als das Reſultat der Berechnung der Combinationen und Wechſelfälle, ſo werden wir lange Zeit die größte Nation und der Gipfelpunkt Europa's ſein, ja, ich ſage mehr, wir werden die Wage halten, wir werden ſie ſich neigen laſſen, wohin wir wollen, und ſelbſt wenn es der Wille der Vorſehung iſt, wäre es keine Unmöglichkeit, daß man in einigen Jahren zu dieſen großen Reſultaten gelangte, welche die erglühte und enthuſiaſtiſche Einbildungskraft vielleicht vorherſieht, und welche nur ein äußerſt Wunder, und die vermag ich kalter, wenn“ tiefes verſchli aus w Bourr wenn eben ſ glaube einmal 2 ſein ein§ Ohrl Lichel und d zijage und ſ nich Du d Aem gütth mein ſchön Dan unmi in ei Alles it und kalter, beſtändiger und beſonnener Mann allein erreichen kann, wenn“—*) Plötzlich ſchwieg Bonaparte, wie Einer, der im Begriff iſt, ein tiefes Geheimniß zu verrathen, und es ſchnell wieder in ſich ſelbſt verſchließt. Es iſt genug, ſagte er dann, radire das letzte Wort wieder aus und mache den Schluß. Was ſiehſt Du mich ſo ſeltſam an, Bourrienne? Verzeihung, General, ich hatte eine Viſion. Es ſchien mir, als ob es wie eine Oriflamme auf Ihrem Haupte leuchtete, und ich meine, wenn alle Völker und alle Menſchen Sie ſo ſehen könnten, wie ich Sie eben ſehe, ſo würden ſie wieder an die Mythen der alten Götterwelt glauben und würden überzengt ſein, daß Zeus der Donnerer die Welt einmal gewürdigt habe, in Menſchengeſtalt zu ihr herabzuſteigen. Bonaparte lächelte, und dieſes Lächeln erhellte wie Sonnenſchein ſein vorher ſo ernſtes ſtrenges Angeſicht. Du biſt ein Schmeichler und ein Hofmann, ſagte er, indem er ſcherzend Bourrienne ſo derb in das Ohr kniff, daß dieſer Mühe hatte, einen Schmerzensausruf unter einem Lächeln zu verbergen. Ja, wahrhaftig, ein rechter Hofmann biſt Du, und die Republik hat daher ſehr wohl gethan, Dich zu ächten und fort⸗ zujagen, denn die Schmeichelei iſt durchaus eine ariſtocratiſche Manier und ſchadet unſerer republikaniſchen, ſteifen Würde. Und welche Idee, mich dem auf die Erde niedergeſtiegenen Zeus zu vergleichen! Weißt Du denn nicht, Du gelehrter Schulfuchs und Schmeichler, daß Zeus allemal, wenn er auf die Erde niederſtieg, ein ſehr irdiſches und un⸗ göttliches Abenteuer zu verfolgen hatte? Es fehlte nur noch, daß Du meiner Joſephine mittheilteſt, ich ſei im Begriff, mich um irgend einer ſchönen Europa willen in einen Ochſen zu verwandeln oder einer Danae zu Liebe als goldener Regen niederzurieſeln. General, das Erſte würde die kluge und geiſtvolle Joſephine für unmöglich halten, denn wenn Ihnen alle Mirakel der Welt gelängen, in einen Ochſen würden Sie Sich doch nie umſchaffen können! Was, Du haſt mich eben erſt dem Zeus verglichen, und jetzt be⸗ *) Mémoires d'un homme d'état. Vol. IV. S. 581. 68 zweifelſt Du ſchon, daß ich thun könnte, was doch Zeus gethan hat? rief Bonaparte lachend. Siehſt Du, Schmeichler, da habe ich Dich gefangen in Deinen eigenen Schlingen. Aber würde etwa meine Jo— ſephine glauben können, daß ich mich für eine Danae in einen Gold⸗ regen verwandeln könnte, Du loſer Vogel? Ja, General, aber ſie würde allemal dafür ſorgen, daß ſie ſelber und ganz allein die Danae ſei! Wahrhaftig, da haſt Du Recht, rief Bonaparte laut lachend. Sie liebt den goldenen Regen, meine Joſephine, ein ganzer Wolkenbruch würde ihr nicht zu viel werden, denn wenn ſie zuerſt darin verſenkt wäre bis an den Hals, in einigen Stunden würde ſie doch wieder auf dem Trocknen ſitzen. Die Generalin iſt freigebig und großmüthig wie eine Fürſtin, und daher kommt es, daß ſie viel gebraucht. Sie ſtreut ihre Wohlthaten mit vollen Händen aus. Ja, ſie hat ein edles und großes Herz, meine Joſephine, rief Napoleon, und jetzt hatten ſeine großen blauen Augen einen milden, ſchwärmeriſchen Ausdruck. Sie iſt ein Weib, wie ich ſie liebe, ſo ſanft und gut, ſo kindiſch und ſpieleriſch, ſo mildherzig und großſinnig, ſo leidenſchaftlich und närriſch. Und dabei von ſo edlem Anſtand, ſo feinen Manieren. Ach, Du hätteſt ſie ſehen ſollen in Mailand, wenn ſie die Fürſten und Nobili in ihrem Salon empfing! Wahrhaftig, Freund, die Frau des kleinen Generals Bonaparte hatte dann ganz das Aus⸗ ſehen und das Weſen einer Königin, welche Audienzen ertheilt, und man huldigte ihr auch als einer ſolchen! Ach, Du hätteſt das ſehen ſollen. Ich habe es geſehen, General. Ich war ja in Mailand, bevor ich hierher kam. Ach, das iſt wahr, ich vergaß das! Du Glücklicher haſt meine Frau ſpäter geſehen, als ich. Nicht wahr, ſie iſt ſchön, meine Joſephine? Kein junges Mädchen hat mehr Friſche, mehr Anmuth, Unſchuld und Grazie, als ſie! Wenn ich bei ihr bin, fühle ich mich ſo befriedigt, glücklich und ſtill, wie man ſich fühlt, wenn man an einem heißen Tage unter dem Schatten eines köſtlichen Myrtenbaumes ausruht, und wenn ich fern von ihr bin, ſo— P ſog ül zwanzi Gener 6 willig. 161 Hauſe ſephine Friede ſuen, Fillen warten die warte 69 Plötzlich ſchwieg Bonaparte, und der Schimmer eines Erröthens flog über ſein Antlitz hin. Der junge verliebte Mann von achtund⸗ zwanzig Jahren hatte einen Moment über den ernſten, berechnenden General den Sieg davon getragen, und der General ſchämte ſich deſſen. Es iſt jetzt nicht Zeit, an dergleichen zu denken, ſagte er faſt un⸗ willig. Du, ſiegle die Briefe und expedire einen Courier nach Paris. Ach Paris, ich wollte, ich wäre erſt wieder dort in meinem kleinen Hauſe in der Rue Chantereme, allein und glücklich mit meiner Jo⸗ ſephine! Aber um dahin zu gelangen, muß ich hier erſt Frieden machen, Frieden mit Oeſterreich, mit dem Kaiſer von Deutſchland. Ach, ich fürchte, dieſes Deutſchland wird nicht ſehr erbaut ſein können von dieſem Frieden, den ſein Kaiſer machen wird, und der ihm einige ſeiner ſchönſten Rheinfeſtungen koſten kann! Und die Republik Venedig, General? Es wird bald keine Republik Venedig mehr geben, rief Bonaparte, die Stirn in finſtere Falten legend. Venedig hat ſich des Namens einer Republik unwürdig gemacht, es wird verſchwinden. General, die Abgeſandten der Republik warteten geſtern den ganzen ag in Ihrem Vorzimmer vergeblich auf Gehör. Sie werden auch heute warten, bis ich zurückkehre von der Con— ferenz, die entweder den Krieg oder den Frieden bringt. In beiden Fällen Wehe den Venetianern! Sag' ihnen, Bourrienne, ſie ſollen warten, bis ich wieder komme! Und jetzt meinen Wagen vor, ich darf die öſterreichiſchen Herren Diplomaten nicht länger auf mein Ultimatum warten laſſen! T — 3 VIII. Der Frieden von Campo Formiv. In der großen Alberga zu Udine erwarteten die öſterreichiſchen Abgeordneten den General Bonaparte zur Conferenz. Alles war zu ſeinem Empfang geordnet, die Tafel war ſervirt und die Köche harrten nur der Ankunft des franzöſiſchen Generals, um das ausgeſuchte und prächtige Dejeuner zu ſerviren, mit welchem die heutige Conferenz be⸗ ginnen ſollte. Graf Ludwig Cobenzl und der Marquis de Gallo erwarteten den General im Speiſeſaal, und ſchauten, neben einander im Fenſter ſte⸗ hend, hinaus in die Landſchaft. Es iſt kalt heute, ſagte Graf Cobenzl nach einer Pauſe des Ge⸗ ſprächs. Ich meinestheils liebe die Kälte, denn ſie erinnert mich an meine ſchönſten Jahre, an meinen Aufenthalt am Hof der ruſſiſchen Semiramis. Aber Sie, Herr Marquis, werden durch dieſe Kälte wahr⸗ ſcheinlich noch empfindlicher an Ihr Heimweh nach dem ſchönen Neapel und der glühenden Sonne des Südens gemahnt. Ich kenne gar kein Heimweh, Graf, ſagte der Marquis, ich bin überall da zu Hauſe, wo ich meinem König und meinem Vaterlande nützen kann. Aber heute, theurer Marquis, iſt es Ihre Aufgabe, einem fremden Fürſten zu nützen. Oeſterreich iſt das Heimathsland meiner edlen Königin Karoline, ſagte der Marquis ernſt, und die Kaiſerin iſt die Tochter meines Kö⸗ nigs. Was ich vermag und bin, ſteht daher dem öſterreichiſchen Kai⸗ ſerhauſe zu Gebot. Ich fürchte, wir werden heute einen ſchweren Stand haben, Marquis, ſeufzte Graf Cobenzl. Dieſer franzöſiſche General iſt vraiment ein Sansculotte von der ſchlimmſten Sorte. Es fehlt ihm alle Nobleſſe, aller bon ton und alle Feinheit! Ach, Herr Graf, ich halte dieſen Bonaparte hingegen für einen jeſtät Mom enpfi hiſchen var zu arrten e und ich an ſiſchen wahr⸗ Neapel ch bin rlande remden aroline, neb Ko⸗ en Kal Kopf von großer Feinheit, und ich denke, wir müſſen ſehr auf unſerer Huth ſein, um ihm einige Vortheile abringen zu können. Sie glauben, Marquis? fragte der Graf mit einem ungläubigen Lächeln. Sie haben alſo nicht geſehen, wie ſein bronzenes Geſicht ſich verklärte, als ich ihm vor einigen Tagen das Handſchreiben Sr. Ma⸗ jeſtät des Kaiſers gab? Sie haben nicht geſehen, wie er erröthete vor Vergnügen, als er es las? Oh, ich habe es geſehen, und in jenem Moment ſagte ich mir ſelber: dieſer republikaniſche Bär iſt nicht un⸗ empfindlich gegen die Gunſt und Huld der Großen, Schmeicheleien ſind eine Speiſe, die er gern ißt, wir werden ihn alſo damit füttern und er wird unſer ſein und uns den Willen thun, ohne daß er es merkt. Die große Kaiſerin Katharina pflegte immer zu ſagen: Die Bären zähmt man am Beſten durch Zuckerbrod und die Republikaner durch Ordensbänder und Titel. Nun denn, wir werden dieſem Bären Zucker⸗ brod geben. Sehen Sie nur, Marquis, wie ich ihn ehre! Ich laſſe ihn heute ſeine Chocolade aus meinem herrlichſten Kleinod trinken, aus dieſer Taſſe hier, welche mir die große Kaiſerin geſchenkt hat und auf welcher, wie Sie ſehen, der Czaarina Bild gemalt iſt. Ach es war bei dem letzten Feſt in der Eremitage, als ſie mir die Taſſe mit Cho⸗ colade darreichte, und um ihr erſt den wahren Werth zu geben, be⸗ rührte ſie den Rand der Taſſe mit ihren erhabenen Lippen, ſchlürfte von der Chocolade und erlaubte mir alsdann, auf derſelben Stelle zu trinken, wo ſie getrunken hatte. Dieſe Taſſe iſt daher eine meiner ſü⸗ ßeſten Erinnerungen an Petersburg, und der kleine General Bonaparte darf ſehr ſtolz darauf ſein, aus Katharina's Taſſe trinken zu dürfen. Ja, ja, wir wollen dem Bären Zuckerbrod geben, aber er ſoll alsdann auch nach unſerm Willen tanzen. Wir wollen nicht nachgeben, ſondern er ſoll uns nachgeben! Wir müſſen unſere Forderungen ſo hoch ſpannen als möglich. Wenn man eine Saite allzuhoch ſpannt, pflegt ſie gewöhnlich zu reißen, ſagte der Italiener bedächtig. Der General Bonaparte, fürchte ich, wird nicht einwilligen, irgend etwas zu thun, was der Ehre und Würde Frankreichs entgegen iſt. Außerdem hat er noch eine ſchlimme Eigenſchaft,— er iſt unbeſtechlich, und ſelbſt die Ordensbän⸗ der und Titel der Kaiſerin Katharina würden dieſen Republikaner nicht gezähmt haben. Laſſen Sie uns klug und beſonnen ſein, Herr Graf, fordern wir viel, aber geben wir zu rechter Zeit nach und ſeien wir mit etwas Wenigerem zufrieden, damit wir nicht Alles verlieren. Oeſterreich kann nur einen Frieden eingehen, der ſeine Grenzen erweitert und ſein Gebiet vergrößert, rief Cobenzl haſtig. Gewiß haben Sie Recht, ſagte der Marquis de Gallo bedächtig, aber Oeſterreich kann ſich doch nicht auf Koſten Frankreichs vergrößern wollen. Wozu iſt denn dieſes ſogenannte Deutſchland da? Nehme ſich doch Oeſterreich, was es haben will, ein Stück von Baiern, ein Stück von Preußen, meinetwegen gebe es Frankreich auch ein Stück von Deutſchland, die liebe Rheingrenze zum Beiſpiel! Mein Gott, dieſes ſogenannte deutſche Reich iſt doch wohl morſch genug, daß man ohne Mühe einige Stückchen davon abbröckeln kann? Sie ſind ſehr hart gegen das arme deutſche Reich, ſagte Graf Cobenzl lächelnd, das macht, Sie ſind eben kein Deutſcher, und des⸗ halb, Marquis, ſind Sie auch beſſer dazu geeignet, wie es ſcheint, in dieſer Angelegenheit als Oeſterreichs Bevollmächtigter zu wirken. Aber ſeltſam und komiſch bleibt es immer doch, daß in dieſen Ver⸗ handlungen, bei denen es ſich zumeiſt um das Wohl und Weh Deutſch⸗ lands handelt, der Kaiſer von Deutſchland durch einen Italiener, und die Republik Frankreich durch einen Corſen vertreten wird Sie vergeſſen Sich ſelbſt, theuerſter Graf, ſagte der Marquis verbindlich. Sieſind der eigentliche Vertreter des deutſchen Kaiſers, und ich ſehe, daß der Kaiſer die Intereſſen Deutſchlands in keine beſ⸗ ſeren Hände hätte niederlegen können. Aber da Sie mir erlaubt haben, Ihnen als Rathgeber zur Seite zu ſtehen, ſo möchte ich Sie bitten, zu bedenken, daß das Wohl Oeſterreichs dem Wohl Deutſchlands vorangehen muß! Und— aber hören Sie nur, da rollt ein Wagen 6 6 s iſt der General Bonaparte, ſagte Graſ Cobenzl, an das Fenſter S Sehen Sie nur, in welcher prächtigen Carroſſe er daher kommt. Sechs Pferde ziehen ſeinen Wagen, vier Bediente ſitzen auf dem Bock und eine ganze Schwadron Lanciers escortirt ihn. Und Sie ſagen, auch S Ich weinſche derliches hat. S vrſteht diſen G Divan beiden nehmen J naparte Di in wigen antre Belzien r nicht , Graf, ächtig, rößern Nehme n, ein irkon mmt. Bock, — 70 dieſer Republikaner ſei nicht empfänglich für Schmeicheleien? Ach, ach, wir wollen dem Bären Zuckerbrod geben! Kommen Sie, ihn zu em pfangen! Er nahm den Arm des Marquis und eilte mit ihm dem General entgegen, deſſen Wagen eben vor dem Hauſe anhielt. Auf der Mitte der Treppe trafen die öſterreichiſchen Diplomaten mit Bonaparte zuſammen und geleiteten ihn hinauf in den Salon, in welchem das Dejeneur ihrer harrte. Aber Bonaparte lehnte das Dejeuner ab, trotz der dringenden und wiederholten Aufforderungen des Grafen Cobenzl. So nehmen Sie mindeſtens, um ſich zu erwärmen, eine Taſſe Cho— colade, bat der Graf. Trinken Sie aus dieſer Taſſe, General, und ſei's auch nur, um mir den Werth derſelben zu erhöhen. Die Kaiſerin Katharina hat mir dieſelbe verehrt und hat daraus getrunken, und wenn auch Sie dieſe Taſſe jetzt benutzen, ſo könnte ich mich rühmen, eine Taſſe zu beſitzen, aus welcher der größte Mann und die größte Frau dieſes Jahrhunderts getrunken haben! Ich trinke nicht, Graf, ſagte Bonaparte barſch, ich mag keine Ge⸗ meinſchaft haben mit dieſer kaiſerlichen Meſſaline, welche durch ihr lie⸗ derliches Leben die Würde der Krone und der Frau gleich ſehr entehrt hat. Sie ſehen, ich bin ein ſtarrköpfiger Republikaner, welcher es nur verſteht, von Geſchäften zu ſprechen! Laſſen Sie uns daher von dieſen reden! Er ſetzte ſich, ohne eine weitere Einladung abzuwarten, auf der Divan, der unfern von dem Frühſtückstiſch ſtand, und bedeutete der beiden Herren mit einer raſchen Handbewegung, neben ihm Platz zu nehmen. 1 1 Ich habe Ihnen vorgeſtern mein Ultimatum gegöben, ſagte Bo⸗ naparte trotzig, haben Sie es überlegt und wollen Sie es annehmen? Dieſe barſche und haſtige Frage, welche ſo grade auf das Ziel losging, verwirrte die beiden Diplomaten. Wir wollen mit Ihnen er⸗ wägen und berathen, was ſich thun läßt, ſagte Graf Cobenzl ſchüchtern. Frankreich verlangt zu viel und bietet zu wenig. Oeſterreich iſt bereit, Belgien an Frankreich abzutxeten und die Lombardei gufzugeben, aber 74 es verlangt dafür das ganze Gebiet von Venedig, Mantua mit einge⸗ ſchloſſen. Mantua muß bei der neuen cisalpiniſchen Republik verbleiben, rief Bonaparte heftig. Es iſt das eine Bedingung meines Ultimatums, und Sie ſcheinen das vergeſſen zu haben, Herr Graf. Und Sie ſagen nichts von den Rheingrenzen, nichts von der Feſtung Mainz, welche beide ich für Frankreich beanſpruche? Aber, General, der Rhein gehört nicht zu Oeſterreich und in Mainz liegen deutſche Truppen. Wir können nicht weggeben, was uns nicht gehört! Gebe ich Ihnen nicht Venedig? rief Bonaparte. Venedig, das noch bis zu dieſer Stunde ein ſelbſtſtändiger Staat iſt, und deſſen De⸗ putirte in meinem Quartier ſitzen und auf meinen Beſcheid warten! Der Kaiſer von Deutſchland hat wohl das Recht, eine deutſche Reichs⸗ feſtung fortzugeben, wenn's ihm beliebt. Auch iſt ja Oeſterreich gar nicht abgeneigt, die Rheingrenze an Frankreich abzutreten, bemerkte der Marquis de Gallo. Ueberhaupt iſt Oeſterreich gern geneigt, ſich enger an Frankreich anzuſchließen, um den ehrgeizigen Plänen Preußens Widerſtand zu leiſten⸗ Oeſterreich muß ſicher ſein, daß, wenn es für ſich ſelber im Ein⸗ verſtändniſſe mit Frankreich neue Erwerbungen macht, man nicht auch Preußen das Recht zu neuen Erwerbungen einräumen will, ſagte Graf Cobenzl haſtig,*) Frankreich und Oeſterreich könnten ſich in einem geheimen Traktat verpflichten, Preußen keine weitern Erwerbungen machen zu laſſen, ſon⸗ dern ihm einfach ſeine früheren Beſitzungen am Rhein wiederzugeben, ſagte de Gallo. Reden wir zuerſt von der Hauptſache, rief Bonaparte ungeduldig. Von meinem Ultimatum! Ich habe Ihnen im Namen Frankreichs den Frieden geboten unter der Bedingung, daß Frankreich die Gebiete links vom Rhein nach den vertragsmäßigen Grenzeu mit Einſchluß *) Die eigenen Worte des Grafen Cobenzl. Siehe: Deutſche Geſchichte vom Tode Friedrichs des Großen bis zur Gründung des deutſchen Bundes. Von Ludwig Häuſſer. Th. II. S. 129. von Me zu derſe laſſen w niſchen Grenze J ſeinem eingeher dafür 7 Grenze A Bonap Diplor A Grafen Geners üthig zureiſe der T L Uyen flücht Krieg Geſc derte ſol Mon — Vol. — enze an um den im Ein⸗ cht auch te Graf Traktat ſen, ſon⸗ tzugeben gbig 75 von Mainz erhalte, daß in Italien die Etſch zwiſchen Oeſterreich und der cisalpiniſchen Republik die Grenze bilde, ſo daß alſo auch Mantua zu derſelben gehöre. Sie treten Belgien an Frankreich ab, dafür über⸗ laſſen wir Ihnen das Venetianiſche Feſtland, nur die Inſeln im Jo— niſchen Meer und Corfu fallen an Frankreich, und die Etſch bildet die Grenze des Venetianiſchen Oeſterreichs. Ich ſagte Ihnen ſchon zuvor, General, ſagte Graf Cobenzl mit ſeinem freundlichſten Lächeln, wir können dieſe letztere Bedingung nicht eingehen! Mantua muß uns auch noch zufallen, wir geben Ihnen dafür Mainz, und nicht die Etſch, ſondern die Adda muß unſere Grenze ſein! Ah, Sie machen neue Schwierigkeiten, neue Ausflüchte, rief Bonaparte, und ein flammender Zornesblick ſeiner Augen traf den Diplomaten. Aber dieſer Zornesblick prallte ab an dem freundlichen Lächeln des Grafen. Ich erlaubte mir, Ihnen auch unſer Ultimatum zu ſagen, General, ſagte er ſanft, und ich ſehe mich leider zu der Erklärung ge⸗ nöthigt, daß, wenn Sie nicht annehmen, ich mich gezwungen ſehe, ab⸗ zureiſen. Aber ich mache Sie alsdann verantwortlich für das Blut der Tauſende, das dann wieder vergoſſen werden wird! Bonaparte ſprang auf mit flammenden Blicken, mit wuthzitternden Lippen. Sie wagen es, mir zu drohen? rief er zornig. Sie machen Aus⸗ flüchte und immer wieder Ausflüchte! Sie wollen alſo durchaus den Krieg? Nun gut, Sie ſollen ihn haben! Haſtig ſtreckte er den Arm aus und ergriff die koſtbare Taſſe, das Geſchenk der Kaiſerin Katharina an den Grafen Cobenzl, und ſchleu⸗ derte ſie mit einer ungeſtümen Bewegung zur Erde nieder, daß ſie klirrend in Scherben zerſprang. Sehen Sie, rief er mit donnernder Stimmte, ſo wie dieſe Taſ ſoll Ihre öſterreichiſche Monarchie zerſchmettert ſein, noch bevor Monate vergangen ſind. Das verſpreche ich Ihnen!*) *) Bonaparte's eigene Worte. Siehe: Mémoires d'un homme d'état. Vol. IV. S. 589. 76 Ohne die beiden Herren noch eines weitern Blicks zu würdigen, eilte er mit heftigen Schritten der Thür zu und ging hinaus. Bleich vor Entſetzen und vor Zorn ſtarrte Graf Cobenzl auf die Scherben der koſtharen Taſſe nieder, die ſo lange ſein Stolz und ſeine Freude geweſen. Er geht, murmelte Marquis de Gallv. Wollen wir ihn denn gehen laſſen, Graf? Womit könnten wir dieſen Bären halten! ſeufzte der Graf achſel⸗ zuckend. In dieſem Moment hörte man draußen im Vorzimmer Bona— parte's mächtige Stimme, welche rief: Heda, einen Ordonnanz⸗Offizier, ſogleich! Er ruft zum Fenſter hinaus, flüſterte der Marquis, hören wir doch, was er ſagt! Die beiden Diplomaten ſchlüpften auf den Zehen nach dem Fenſter hin, vorſichtig hinter den Draperieen deſſelben hervorlugend. Sie ſahen, wie drunten ein franzöſiſcher Lancier heranſprengte und, unter dem Fenſter des Nebenſaales anhaltend, ſalutirte. Wieder vernahmen ſie alsdann Bonaparte's donnernde Stimme. Sie reiten in's Hauptquartier des Erzherzogs Carl, rief Bonaparte. Verkünden Sie ihm in meinem Namen, der Waffenſtillſtand ſei aufge⸗ hoben, und der Krieg beginne von Stund' an. Weiter nichts! Vorwärts! Jetzt hörte man ihn klirrend das Fenſter zuſchlagen und mit hallen⸗ dem Schritt den Vorſaal durchſchreiten. Die beiden Diplomaten fahen ſich mit ſtarrem Entſetzen an. Graf, flüſterte der Marquis, hören Sie, er geht, und er hat Oeſter⸗ reich den Untergang gedroht. Er iſt der Mann dazu, ſeine Drohungen wahr zu machen! Mein Gott, dürfen wir ihn denn im Zorn abreiſen laſſen? Haben Sie die Vollmacht dazu? Wollen Sie's verſuchen, dem Sturmwind Stillſtand zu gebieten? fragte Graf Cobenzl. Ja, ich will's verſuchen, denn wir dürfen nicht mit ihm brechen und nicht den Krieg wieder beginnen! Wir müſſen den Fürchterlichen verſöhnen! Er den Vor Bon ſich ſcho die Peit zu geber In muthsve zu ſehen Himmel Ger nicht ab. Me friedfert Sie hal Ftieden Sie no fortzuſ N zurückt Vagen iten ihnen Sie, tino irdigen, auf die d ſeine len wir chſel⸗ Stimme. laparte. 77 Er ſtürzte zur Thür hin und eilte mit beflügelten Schritten über den Vorſaal und die Treppe hinunter zur Hausthür. Bonaparte hatte ſchon ſeine Caroſſe beſtiegen, ſeine Eskorte hatte ſich ſchon geordnet, der Kutſcher faßte ſchon die Zügel und hob die Peitſche, um den ſtampfenden Roſſen das Zeichen zur Abfahrt zu geben. In dieſem Moment zeigte ſich am Wagenſchlag das bleiche, de⸗ muthsvolle Antlitz des Marquis de Gallo. Bonaparte ſchien ihn nicht zu ſehen, in die Polſter zurückgelehnt, ſchaute er düſtern Auges zum Himmel empor. General, ſagte der Marquis flehend, ich beſchwöre Sie, reiſen Sie nicht ab. Marquis, erwieder Bonaparte achſelzuckend, es ziemt mir nicht, friedfertig bei meinen Feinden zu bleiben. Der Krieg iſt erklärt, denn Sie haben mein Ultimatum nicht angenommen! Doch, General, ich erlaube mir, Ihnen zu melden, daß die Bevollmächtigten Oeſterreichs entſchloſſen ſind, Ihr Ultimatum anzu⸗ nehmen! Bonaparte's ehernes Angeſicht zeigte nicht die leiſeſte Bewegung der Ueberraſchung und der Freude, nur heftete er ſeine großen Augen mit einem durchbohrenden Blick auf den Marquis. Anzunehmen ohne Winkelzüge und Vorbehalte? fragte er langſam. Ja, General, ganz ſo, wie Sie es wollen! Wir ſind bereit, den Frieden zu unterzeichnen und das Ultimatum anzunehmen. Haben Sie nur die Güte, wieder auszuſteigen und mit uns die Conferenz fortzuſetzen. Nicht doch, ſagte Bonaparte, man muß nie wieder einen Schritt zurückthun, den man vorwärts gethan. Da ich einmal ſchon in meinem Wagen ſitze, will ich nicht umkehren. Auch erwarten mich die Depu⸗ tirten der Venetianiſchen Republik in Paſſeriano, und es iſt wohl Zeit, ihnen auch mein Ultimatum zu geben. In drei Stunden, bitte ich Sie, Herr Marquis, und den Grafen Cobenzl, ſich zu mir nach Paſſe⸗ riano verfügen zu wollen. Dann wollen wir gemeinſchaftlich die 78 Friedens⸗Artikel berathen, und die öffentlichen, ſo wie die geheimen Artikel deſſelben feſtſetzen. Aber Sie vergeſſen, General, daß Ihr Ordonnanz⸗Offizier ſchon in's öſterreichiſche Hauptquartier eilt, um den Waffenſtillſtand aufzu⸗ kündigen. Das iſt wahr, ſagte Bonaparte gelaſſen. Heda, zwei Ordon⸗ O nanzen. Eilen Sie der erſten Ordonnanz nach, und bringen Sie dem Offizier meinen Befehl, umzukehren! Sie ſehen, Herr Marquis, daß ich an die Aufrichtigkeit Ihrer Geſinnungen glaube. In drei Stun⸗ den alſo erwarte ich Sie in Paſſeriano zur Feſtſetzung der Friedens⸗ Artikel. Unterzeichnen aber wollen wir den Frieden auf neutralem Boden. Sehen Sie dort drüben am Horizont das hohe graue Ge⸗ bände? Ja, General, das iſt das alte, verfallene Schloß von Campo Formio! Nun, in dem verfallenen Schloß wollen wir den Frieden unter⸗ zeichnen! In drei Stunden alſo! Bis dahin leben Sie wohl! Er grüßte von ſeinem Sitz herunter mit einem leichten Kopf⸗ neigen den Marquis, der demüthig, wie ein Vaſall zu den Füßen des Thrones, an dem Wagen ſtand, den Federhut in der Hand, ſich fortwährend tief verneigend und ſeinen Hut zum Abſchied ſchwen— kend.*) Vorwärts! rief Bonaparte, und dahin brauſte der Wagen, gefolgt von ſeiner glänzenden Suite. Bonaparte aber lehnte nachläſſig in der Ecke, und mit einem heimlichen Lächeln ſagte er leiſe zu ſich ſelber:„Es war ein Theater⸗ coup, und wie es ſcheint, iſt er mir ziemlich gut gelungen! Sie haben *) Napoleon erinnerte ſich noch auf St. Helena mit großem Ergötzen dieſer Scene und erzählte ſie dem General Gourgaud.„Monsieur de Gallo, ſagt er m'accompagna jusqu'à mon carrosse, essayant de me retenir, me tirant forcecoups de chapeau, et dans une attitude si pitieuse, qu'en dépit de ma colère ostensible, je ne pouvais m'empécher d'en rire intérieurement beau- coup.“— Mémoires de Napoleon, dietées par lui-méme au général Gour- gaud. Vol. J. den Fri ſie geah ahnen 1 von Mi achtzeh den!* Geſchic den, die Wir w aber w Formie Frankr die Fei 6 — 2 geheim Frnkt ſiung vor d ſollt im A dern Nach Blut eheimen r ſchon aufzu⸗ utralem e Ge⸗ Ut Campo 1Kopf⸗ ſen des ſchwen⸗ gefolgt t einem tbeau- D 1 Gour den Frieden von mir als eine Gnade annehmen müſſen. Ach, wenn ſie geahnt hätten, wie ſehr ich ſeiner bedurfte! Aber dieſe Menſchen ahnen nichts und ſehen nichts! Sie haben kein Ziel, ſie leben nur von Minute zu Minute, und wenn ſie auf ihrem Wege einen Abgrund finden, ſo ſtürzen ſie hinein und ſind rettungslos verloren! Mein Gott, wie ſelten ſind doch die wirklichen Männer! In Italien allein ſind achtzehn Millionen, und ich habe kaum zwei Männer darunter gefun⸗ den!*) Dieſe zwei Männer will ich retten, die Andern aber mögen ihr Geſchick erfüllen. Die Republik Venedig ſoll vom Erdboden verſchwin⸗ den, dieſe grauſame und blutdürſtige Regierung ſoll vernichtet werden! Wir werfen ſie dem heißhungrigen Oeſterreich als eine Beute vor, aber wenn es ſie verſchlungen hat und in träger Verdauungsruhe ſich dehnt, dann wird es Zeit ſein, Oeſterreich aufzuſtören aus dieſer Ruhe! Bis dahin— Frieden mit Oeſterreich! Frieden!“— Drei Tage ſpäter ward in dem verfallenen Schloß von Campo Formio der Frieden zwiſchen Oeſterreich und Frankreich unterzeichnet. Frankreich gewann in dieſem Frieden Belgien, das linke Rheinufer und die Feſtung Mainz. Oeſterreich gewann das Venetianiſche Gebiet! Aber dieſen Erwerbungen, welche man veröffentlichte, waren noch geheime Artikel hinzugefügt. In dieſen geheimen Artikeln verſprach Frankreich, daß, wenn Preußen verlange, gleich Oeſterreich neue Be ſitzungen zu erwerben, Frankreich dies nicht gut heißen werde. Dagegen verpflichtete ſich der Kaiſer von Oeſterreich, daß er noch vor dem Schluß des Reichsfriedens, der in Raſtatt geſchloſſen werden ſollte, ſeine Truppen aus Mainz, Ehrenbreitſtein, Mannheim, Ulm, und im Allgemeinen aus dem deutſchen Reich herausziehen wollte, mit an⸗ dern Worten, daß er das deutſche Reich wehrlos ſeinem franzöſiſchen Nachbar überlaſſen wolle.**) Oeſterreich hatte ſich vergrößert, aber Deutſchland ſollte mit ſeinem Blut und Leben dafür zahlen. 133 *) Bonaparte's eigene Worte. Siehe: Bourrienne. Vol. I. **) Schloſſer: Geſchichte des achtzehnten Jahrh. ꝛc. Vol. V. G G 80 Oeſterreich hatte zu Campo Formio ſeinen Frieden mit Frankreich gemacht, und es war darin feſtgeſetzt, daß auch das deutſche Reich ſeinen Frieden mit Frankreich zu machen habe. Ein Congreß ſollte zu dieſem Zweck in Raſtatt zuſammentreten, alle deutſchen Fürſten ſollten dahin ihre Geſandten ſchicken, um mit drei Vertretern der franzöſiſchen Republik das Schickſal des deutſchen Reichs zu beſtimmen. nkreich Reich ttreten, m mit mtſchen Zweites Buch. Der junge König Friedrich Wilhelm IIl. Mühlbach, Napoleon. Abth. 1 —,— —— — Ze Frat in Porſar mit lange ſchtzen ſchwaten den ſe un lungſan a ſo wirde ihrr Ung Und in de Rfuten dus Cun Aher meiſterin jett, hier Jtzt durfte wi ſipnar uun Tu Pun mit — . . Das junge Rönigspaar. Di Frau Oberhofmeiſterin von Voß ging mit unruhigen Schritten im Vorſaal der Königin Luiſe auf und ab. Sie war in großer Gala, mit langem ſchwarzem Schleppkleid, die große Schnebbenhaube von ſchwarzem Krepp auf dem Haupt. In ihren weißen, mit halben ſchwarzen Filethandſchuhen bedeckten Händen hielt ſie den großen Fächer, den ſie ungeduldig bald öffnete und ſchloß, bald wie einen Taktirſtock langſam auf und ab bewegte. Wäre irgend Jemand da geweſen, der ſie hätte beobachten können, ſo würde die Gräfin Oberhofmeiſterin ſich dieſe ausbrechenden Zeichen ihrer Ungeduld nicht erlaubt haben, doch ſie war zum Glück allein und in der Einſamkeit durfte ſelbſt eine Oberhofmeiſterin ſich wohl geſtatten, einmal die Etikette zu verletzen, die Etikette, welche ſonſt das Evangelium der Frau Gräfin war. Aber gerade die Etikette war es ja, um derentwillen die Oberhof⸗ meiſterin in ſo großer Bewegung war, und der Etikette wollte ſie eben jetzt, hier im Vorzimmer der Königin, einen Sieg erringen. Jetzt oder nie muß es geſchehen, murmelte ſie. Was ich leiden durfte während des Kronprinzenthums, darf ich jetzt dem jungen Kö⸗ nigspaar nicht mehr geſtatten, und darum muß ich gleich heute, am erſten Tage der Regierung des Königs,*) ein ernſtes und aufrichtiges Wort mit ihm reden, wie es meine Stellung und meine Pflicht erfordern. *) 16. November 1797. 1 5 Eben öffnete ſich die große Flügelthür und eine hohe, ſchlanke Männergeſtalt in glänzender Uniform trat herein. Es war der junge König Friedrich Wilhelm der Dritte, welcher ſo eben auf dem innern Hof des Schloſſes die Generalität dem neuen Monarchen den Fahneneid hatte ſchwören laſſen. Das edle, jugendliche Antlitz des jungen ſiebenundzwanzigjährigen Königs war ernſt und ſtreng, aber aus ſeinen großen blauen Augen ſprach eine tiefinnerliche Milde und Freundlichkeit, und ein wunderbarer Frieden leuchtete aus ſeinem ſchönen und guten Angeſicht. Mit haſtigem, leiſem Schritt ging er durch das Gemach und ſich leicht und freundlich vor der Oberhofmeiſterin verneigend, näherte er ſich der gegenüberliegenden Thür. Aber die Oberhofmeiſterin vertrat ihm den Weg und ſich gerade vor dieſe Thür hinſtellend, ſagte ſie ernſt: Majeſtät, es iſt unmöglich! Ich darf es nicht zugeben, daß ſo aller Etikette und Form Hohn geſprochen wird, und ich muß Ew. Majeſtät bitten, mir gnädigſt zu ſagen, was Sie beabſichtigen. Nun, ſagte der König mit einem ſanften Lächeln, ich beabſichtige, heute zu thun, was ich jeden Morgen um dieſe Stunde thue, ich be⸗ abſichtige, meiner Frau einen Beſuch zu machen. Ihrer Frau! rief die Oberhofmeiſterin entſetzt. Aber, Majeſtät, ein König hat keine Frau! Ach, dann wäre ein König ja wahrlich zu beklagen, ſagte der König lächelnd, und ich meinestheils würde lieber meiner Krone, als meiner Frau entſagen! Mein Gott, Majeſtät, mögen Sie immerhin eine Frau haben, ſchwören, Ihre Majeſtät nicht vor andern Men⸗ aber ich muß Sie be Es iſt gegen die Etikette und ſchen mit dieſem Namen zu nennen⸗ ſchadet der Ehrfurcht. Meine liebe Gräfin, ſagte der junge König ernſt, ich glaube viel— daß es die Ehrfurcht erhöhen kann, wenn Ihro Majeſtät zugleich im edelſten und ſchönſten Sinn eine Frau bleibt, und das iſt meine Frau, verzeihen Sie, ich wollte ſagen, die Königin. Und jetzt, meinz liebe Gräfin, erlauben Sie, daß ich zu meiner Frau gehe! mehr Nein, etſt die G ich hier di geſtatten, mein Am N jett an di die Macht denheit zu Und wollten E Sir Fönigsha ſelber alle Ach, lebe Obe beliebt, a Nun alſo, Sire lichen t it ſche! halt e men u die gewe Hätte d riederge habt hal Ach letine, ri ſchwer v ſehen wü nil ich. e rjun uhge nnern lahrigen Augen derbarer ſagte der one, al haben, Men⸗ ikette und ube viel t zugleich iſt meiue meint bi, n Nein, rief die Oberhofmeiſterin entſchloſſen, Eh Majeſtät müſſen erſt die Gnade haben, mich anzuhören. Seit einer un⸗ erwartete ich hier die Ankunft Eurer Majeſtät und Sie müſſen mir jetzt gnädigſt geſtatten, zu Ihnen offen und frei zu reden, wie es meine Pflicht und mein Amt befiehlt. Nun, ſo reden Sie, liebe Gräfin, ſagte der König mit einem leiſen Seufzer. Majeſtät, ſagte die Oberhofmeiſterin, ich halte es für Pflicht, jetzt an dieſem wichtigen Tage Ew. Majeſtät zu beſchwören, daß mir die Macht gegeben werde, mein Amt mit mehr Strenge und Entſchie denheit zu verwalten. Und Mich ſelber unter Ihr Scepter zu beugen. Nicht wahr, das wollten Sie ſagen, Frau Oberhofmeiſterin? fragte der König lächelnd. Sire, es iſt wenigſtens unmöglich, die Würde und Hoheit eines Königshauſes aufrecht zu erhalten, wenn der König und die Königin ſelber allen Geſetzen der Etikette Hohn ſprechen! Ach, rief der König raſch, kein Wort gegen die Königin, meine liebe Oberhofmeiſterin. Klagen Sie mich ſelber an, ſo viel Ihnen beliebt, aber keine Vorwürfe gegen meine Luiſe, wenn ich bitten darf! Nun alſo, was iſt es, worin habe ich ſchon wieder gefehlt? Sire, ſagte die Oberhofmeiſterin würdevoll, ſehr wohl das leiſe Lächeln bemerkend, welches die Lippen des Königs umſpielte, Sire, ich ſehe daß Ew. Majeſtät mich innerlich verſpotten, aber ich halte es dennoch meine Pflicht, meine mahnende Stimme verneh men zu uſen Die Etikette iſt eine große und heilige Sache, ſie iſt die geweihte Schutzmauer, welche den Fürſten von ſeinem Volk trennt. Hätte die unglückliche Königin Marie Antoinette nicht dieſe Mauer niedergeriſſen, ſo würde ſie vielleicht ein minder trauriges Ende ge— habt haben. Ach, Gräfin, Sie gehen zu weit, Sie drohen ſogar mit der Guil— lotine, rief der König gutmüthig. Da muß ich mich wohl in der That ſchwer vergangen haben! Sagen Sie alſo, was Sie abgeändert zu ſehen wünſchten, und ich gebe Ihnen mein Wort, wenn ich es vermag, will ich es thun! 86 Sire, bat die Oberhofmeiſterin leiſe und eindringlich, haben Sie nur die Gnade, in Ihrem Hauſe weniger Hausvater und mehr König zu ſein, wenigſtens im Beiſein Anderer! Es kommt aber vor, daß Ew. Majeſtät im Beiſein Anderer die Königin ohne alle Form bloß mit Du anreden, ja, Ew. Majeſtät haben ſogar oft fremden und untergeordneten Perſönlichkeiten, ſelbſt Dienern die Ehre erzeigt, daß, wenn Sie von Ihrer Majeſtät ſprachen, Sie dieſelbe kurzweg„meine Frau“ nannten. Sire, das mochte in dem beſcheidenen Familienkreiſe und Hauſe eines Kronprinzen zu entſchuldigen ſein, aber es iſt un⸗ möglich in dem Palaſt eines Königs. Alſo, fragte der König lächelnd, dieſes Haus hier hat ſich ſeit geſtern in einen Palaſt verwandelt? Ew. Majeſtät beabſichtigen doch gewiß nicht, auch als König in dieſem beſcheidenen Hauſe zu bleiben, fragte die Oberhofmeiſterin entſetzt. Ihre aufrichtige Meinung als Oberhofmeiſterin, liebe Gräfin: können wir nicht in dieſem Hauſe bleiben? Aufrichtig, Majeſtät, das iſt ganz unmöglich! Wie ſollte man in dieſem kleinen Hauſe mit Anſtand und Würde den Hof eines Königs und einer Königin führen können. Die Hofhaltung der Königin muß ja um das Doppelte erhöht werden, wir müſſen vier Hofdamen, vier Kammerfrauen und in dieſem Verhältniß abwärts alle Dienerſchaft verdoppelt haben. Ebenſo müſſen ja den Regeln der Etikette gemäß auch Ew. Majeſtät Ihr Haus vergrößern. Ein König muß zwei Ge⸗ neral⸗Adjutanten haben, ferner vier Kammerherren, vier Kammer⸗ diener und— Halt, unterbrach ſie der König lächelnd, mein Haus gehört glück⸗ licherweiſe nicht in das Departement einer Oberhofmeiſterin, und wir können alſo darüber ſchweigen. Im Uebrigen werde ich mir Ihre Vor⸗ ſchläge und Wünſche überlegen, denn ich hoffe, Sie ſind jetzt am Ende mit denſelben. Majeſtät, ich habe noch ſehr viel zu ſagen, und es muß heute geſagt werden, meine Pflicht erfordert es, ſagte die Oberhofmeiſterin gravitätiſch. Der König warf einen ſehnſuchtsvollen Blick nach der Thür und ſeufzte ti ſagte er. Ich in meine ſtrengen mit Ern ein, der Hofdame ſi gehör mit Ihre welche d deutſcher weilen! geworde Porgen mand er herabla ſich mi an me Sprach ſprecher beſte S Repull — ben Sie r König r, daß mn bloß den und meine lienkreiſe iſt un⸗ = Gräfin: llte man s Königs gin muß en, vier nerſchaft egemäß wei Ge⸗ Kammel⸗ ſeufzte tief auf. Nun denn, reden Sie, da es Ihre Pflicht erfordert, ſagte er. Ich muß alſo Ew. Majeſtät beſchwören, daß Sie mir beiſtehen in meinem ſchweren Amt. Nur, wenn das Königspaar ſelber ſich den ſtrengen und gerechten Anforderungen der Etikette unterwirft, kann ich mit Ernſt und Strenge das auch von dem ganzen Hof beanſpruchen. Es reißt aber jetzt ein Geiſt der Neuerungsſucht und Formloſigkeit ein, der mich tief betrübt und den ich nicht billigen kann. Auch die Hofdamen und Kammerherren werden ſchon davon ergriffen, und da ſie gehört haben, wie Ew. Majeſtät aller Etikette zuwider im Geſpräch mit Ihro Majeſtät der Königin Sich ſtatt der franzöſiſchen Sprache, welche doch überall in Deutſchland die Hofſprache iſt, oft der vulgären deutſchen Sprache bedienen, ſo meinen ſie auch berechtigt zu ſein, zu⸗ weilen deutſch zu ſprechen. Ja, es iſt unter ihnen förmlich Mode geworden, daß ſie ſich beim Dejeuner mit einem deutſchen„guten Morgen“ begrüßen.*) Das iſt eine Neuerung, die ſich eigentlich Nie⸗ mand erlauben dürfte, ohne dafür die Billigung der Oberhofmeiſterin der Königin und des Oberhofmeiſters Ew. Majeſtät eingeholt zu haben. Verzeihen Sie, ſagte der König ernſt, in dieſem Punkt kann ich Ihre Meinung nicht theilen. Keine Etikette darf es einem deutſchen Mann oder einer deutſchen Frau verbieten, in ihrer Mutterſprache zu einander zu reden, vielmehr iſt es Unnatur und Ziererei, wenn dies nicht geſchieht. Damit die Deutſchen ſich als Deutſche fühlen, müſſen ſie vor allen Dingen ihre eigene Sprache lieben und ſich nicht mehr herablaſſen, die Sprache eines Landes zu der ihren zu machen, das ſich mit dem Blut ſeines Königspaars befleckt hat, und deſſen unſeliges Beiſpiel jetzt alle Throne zittern macht. Ich wünſchte ſehr, daß es an meinem Hofe immer mehr Sitte werden möchte, der deutſchen Sprache ſich zu bedienen, denn deutſch zu fühlen, zu denken und zu ſprechen, das ſteht den Deutſchen wohl an, und das wird auch die beſte Schutzmauer ſein, die man den blutigen Wogen der franzöſiſchen Republik entgegenſtellen kann, wenn ſie auch nach Deutſchland ſich *) Ludwig Häuſſer: Deutſche Geſchichte?7c. Th. I. ————— 88 herein wälzen möchten. Sie wiſſen jetzt meine Anſicht, Frau Ober⸗ hofmeiſterin, und ich bitte Sie, wenn in Ihrem Ceremonienbuch vor⸗ geſchrieben ſteht, daß die Hofbeamten ſich der franzöſiſchen Sprache in der Converſation zu bedienen haben, dieſer Artikel ausgeſtrichen und ſtatt deſſen geſchrieben werde:„da Preußen ein deutſches Land iſt, ſo iſt natürlich Jedermann erlaubt, deutſch zu ſprechen; es wird dies auch bei Hofe geſchehen, vorausgeſetzt, daß ſich Niemand in der Geſellſchaft befindet, welcher der deutſchen Sprache nicht mächtig iſt.“ Ich bitte, vergeſſen Sie das nicht, und jetzt, Frau Oberhofmeiſterin, da Sie doch eine ſo ſtrenge Hüterin jener Thür und der Etikette ſind, jetzt erſuche ich Sie, mich Ihro Majeſtät meiner Gemahlin anzumelden und anzufragen, ob ich die Ehre haben kann, Ihro Majeſtät zu ſpre⸗ chen; ich möchte ihr gern mein Compliment machen und hoffe, ſie wird es gnädigſt geſtatten.*) Die Oberhofmeiſterin verneigte ſich mit freudeſtrahlendem Geſicht und trat dann raſch durch die Thür in das anſtoßende Gemach. Der König ſchaute ihr einen Moment lächelnd nach. Sie hat ſechs Säle zu durchwandern, bevor ſie zu Luiſens Wohnzimmer gelangt, ſagte er leiſe vor ſich hin. Jene Thür aber führt durch den kleinen Corridor und das kleine Vorzimmer grade zu ihr. Das iſt der kürzeſte Weg, und den gehe ich! Und ohne ſich weiter zu bedenken, öffnete der König raſch die kleine Tapetenthür, ſchlüpfte durch den ſtillen Corridor und das kleine Vorzimmer und klopfte an die hohe, mit ſchweren Portièren verhan⸗ gene Thür. Eine helle Frauenſtimme rief: Herein! und ſofort öffnete der Kö⸗ nig die Tühr. Eine junge Dame in tiefer Trauer kam ihm entgegen und reichte ihm jetzt ihre beiden Hände dar. Oh, mein Herz ſagte mir, daß Du es ſeiſt, mein geliebteſter Freund! rief ſie, und ihre wundervollen blauen Augen hefteten ſich auf ihn mit einem unausſprechlichen Liebesblick. *) Des Königs eigene Worte. Siehe: Characterzüge und hiſtoriſche Frag⸗ mente aus dem Leben des Königs von Preußen, Friedrich Wilhelm IMI. Ge⸗ ſammelt und herausgegeben von R. Fr. Eylert, Biſchof ꝛc. Th. II. S. 91. ——————————————— ſchöner un zwanzig Je pyp Hp gend, der mit den p hau zugleich ſt köiglicher Pillkomme Ich und Gott e die Knigir Sie lehnte ihr uuhten ſie gſtimnt it Pltz duch iine ummmte da drüben ihnen hin Der meine Fr wünſchen, Aber Sie Dane „ Ihren — ( O „ ontaegen entgeh ten ſich Der König ſchaute ſie an mit einem träumeriſchen Lächeln, ganz verloren in ihren Anblick. Und in der That, es war ein lieblicher, ſchöner und herzgewinnender Anblick, den dieſe junge Königin von zwanzig Jahren darbot. Ihr blaues Auge ſtrahlte im Feuer der Ju— gend, der Begeiſterung und des Glückes, ihr fein geſchnittener Mund mit den purpurrothen Lippen war ſtets von einem holden Lächeln um⸗ haucht, zu den beiden Seiten ihrer ſanft gerötheten Wangen floß ihr ſchönes, dunkelblondes Haar in lockigen Wellen nieder, ihre edle, reine Stirn wölbte ſich über einer feingeſchwungenen Naſe, und zu dieſem ſchönen und jugendlichen Angeſicht paßte in vollſter Harmonie die zugleich ſtolze und reizende, üppige und kenſche Geſtalt voll edler, königlicher Würde und lieblicher Frauen⸗Anmuth. Nun? fragte die Königin lächelnd. Du ſagſt mir kein Wort zum Willkommen, Geliebter? Ich ſage Dir nur: Gott ſegne Dich auf Deinem neuen Wege und Gott erhalte Dich mir, ſo lange ich lebe! rief der König tief bewegt, die Königin mit leidenſchaftlicher Zärtlichkeit in ſeine Arme ſchließend. Sie ſchlang ihre beiden ſchönen Arme um ſeinen Nacken und lehnte ihr Haupt mit einem ſeligen Lächeln an ſeine Schulter. So ruhten ſie aneinander, ſchweigend vor unausſprechlichem Glück, feierlich geſtimmt in dem tiefen Bewußtſein ihrer ewigen, unvergänglichen Liebe. Plötzlich wurden ſie aus dieſem ſüßen Schweigen aufgeſchreckt durch einen leiſen Schrei, und wie ſie zuſammenſchreckend ſich raſch umwandten, ſahen ſie die Oberhofmeiſterin, Gräfin von Voß, welche da drüben in der geöffneten Thür ſtand und mit düſtern Blicken zu ihnen hinſchaute. Der König lachte hell auf. Sehen Sie, liebe Voß, ſagte er, meine Frau und ich ſprechen uns unangemeldet, ſo oft wir wollen und wünſchen, und ſo iſt es damit auch in guter, chriſtlicher Ordnung. Aber Sie ſind eine charmante Oberhofmeiſterin und ſollen von nun an Dame d'Etiquette heißen! Will mich auch, ſoviel ich es vermag, nach Ihren Wünſchen richten!*) ) Des Königs eigene Worte.“ Siehe: Eylert ꝛc. II. 93 890 Er nickte ihr gnädig zu, und die Oberhofmeiſterin, welche dieſes Nicken verſtand, zog ſich ſeufzend zurück und ſchloß hinter ſich die Thür. Die Königin ſchaute lächelnd zu ihrem Gemahl empor. War's wieder ein Etiketteſtreit? fragte ſie. Ja, und ein Streit von der ſchlimmſten Sorte, ſagte der König raſch. Die Oberhofmeiſterin verlangt, daß ich mich jedesmal erſt bei Dir anmelden laſſe, Luiſe. Oh, Du biſt immer angemeldet, rief ſie zärtlich, mein Herz ver⸗ kündet mir immer Deine Nähe, und an dieſem Herold ſoll es genug ſein, er gefällt mir beſſer, als das ernſte Angeſicht der guten Frau Oberhofmeiſterin. Er iſt der Engel meines Glückes, ſagte der König innig, leiſe ſeinen Arm um die Schulter ſeiner Gemahlin legend und ſie ſanft an ſich ziehend. Weißt Du, was ich jetzt denke? fragte die Königin nach einer kleinen Pauſe. Ich denke, daß die Oberhofmeiſterin gewiß allerlei neue Einrichtungen machen und neue Geſetze geben, und daß ſie mir ſehr viel Vorleſungen über die Pflichten einer Königin in Hinſicht der Etikette halten wird. Ich glaube, daß Du Recht haſt, ſagte der König lächelnd. Aber ich glaube nicht, daß ſie Recht hat, rief die Königin raſch, und indem ſie ſich zärtlich ihrem Gemahl anſchmiegte, fuhr ſie fort: Sag' mir, mein Herr und König, da Du jetzt zum erſten Male als König zu mir kommſt, habe ich da nicht das Recht, von Dir einige Gnaden zu erbitten und deren Gewährung zu beanſpruchen? Das Recht haſt Du, meine hol dſelige Königin, ſagte der König heiter, und ich gebe Dir mein Wort, daß, was Du auch fordern mögeſt, Deine Wünſche erfüllt werden ſollen! Nun denn, rief die Königin heiter, es ſind vier Wünſche, die ich zu erflehen habe. Komm, ſetze D Dich da neben mich auf den kleinen Divan, lege Deinen Arm um mich, damit ich fühle, daß ich unter Deinem Schutz ruhe, laß mich mein Haupt an Deine Geſtalt lehnen, wie das Veilchen an den Stamm der Eiche, und nun höre meine Wünſche. Zum Erſten wünſche ich, daß es mir erlaubt ſein möge, im Innern Mutter un zu können, ohne allen Von Die ſondern D und ferner tigen Geſ währen m Viſe, flü großmüthi Wunſches nemen m wie ich; Und nun, Ach, Krigin, 9 bangt wie vie möglich Ah, Vortrg Die graphen ſoll mich kite Die nem Ma zu leben, großen, die Thür. Wars der hönig erſt bei Herz ver⸗ es genug ten Frau nach einer ſ allerlei ſ ſie mir inſicht det raſch, Male als Dir eiige 0 ich unter t lehnen⸗ meint re ein nig 91 im Innern meines Hauſes ohne allen Zwang und alle Feſſeln Frau, Mutter und Hausfrau zu ſein und meine heiligſten Pflichten ausüben zu können, wozu jede Frau von Gott und der Natur berechtigt iſt, ohne allen Zwang und ohne alle Etikette. Wird mir das bewilligt? Von Herzen und mit Freuden, allen Oberhofmeiſterinnen zum Trotz. Die Königin nickte leiſe und lächelnd. Zum Zweiten, fuhr ſie fort, bitte ich Dich, mein Geliebter, daß auch Du von der Etikette mir gegenüber Dich nicht einengen und beſchränken läßt, daß Du mich immer, auch den Menſchen gegenüber, nicht Deine Gemahlin nennſt, ſondern Deine Frau, welches mein höchſter und ſchönſter Ehrentitel iſt, und ferner, daß das ſteife und förmliche Sie uns beiden im gegenſei⸗ tigen Geſpräch niemals nahen dürfe. Willſt Du mir auch das ge⸗ währen mein theuerſter Freund? Der König neigte ſich zu ihr nieder und küßte ihr lockiges Haar. Luiſe, flüſterte er, Du verſtehſt es, in meinem Herzen zu leſen, und großmüthig, wie Du immer biſt, kleideſt Du die Erfüllung meines Wunſches in Deine Bitte ein! Ja, wir Beide wollen uns immer be⸗ nennen mit dem höchſten Ehrentitel, mit„Mann“ und„Frau“, und wie ich zu Gott Du ſage, ſo will ich es auch zu meiner Luiſe thun! Und nun, Deinen dritten Wunſch? Ach, um den dritten Wunſch habe ich etwas Furcht, ſeufzte die Königin, mit einem ſüßen Lächeln zu ihrem Gemahl emporſchauend. Ich bange, ob Du ihn mir wirſt erfüllen können, und ob nicht wirklich, wie die Frau Oberhofmeiſterin ſagt, die Etikette Dir dies ganz un⸗ möglich macht! Ah, die Frau Oberhofmeiſterin hat alſo auch Dir ſchon einen Vortrag gehalten? fragte der König lächelnd. Die Königin nickte bejahend. Sie hat mir einige wichtige Para⸗ graphen aus dem Ceremonienbuche mitgetheilt, ſeufzte ſie. Aber das ſoll mich doch nicht abſchrecken, Dir meinen Wunſch vorzutragen. Ich bitte Dich alſo, mein Friedrich, befiehl Du dem König, daß er mei⸗ nem Mann, meinem geliebten Mann erlaube, einfach und beſcheiden zu leben, wie er es gewohnt iſt. Der König möge immerhin in dem großen, königlichen Schloſſe ſeiner Ahnen ſeine Feſte geben, da in den 92 großen, glänzenden Sälen möge er die Huldigung ſeiner Unterthanen, den Beſuch fürſtlicher Gäſte empfangen, und die Königin möge ihm dabei als ſeine Gemahlin zur Seite ſtehen, aber wenn dieſe Pflichten des Königthums beendet ſind, dann ſoll es uns vergönnt ſein, ebenſo wie die Uebrigen, nach Hauſe zu gehen, und inmitten unſerer lieben, traulichen Häuslichkeit auszuruhen von den Herrlichkeiten und dem Glanz der Feſte. Laß uns dieſe ſchöne Häuslichkeit nicht vertauſchen mit dem großen Königsſchloß, wolle nicht, daß ich eine Wohnung ver⸗ laſſe, in welcher ich die ſchönſten und glücklichſten Tage meines Lebens zugebracht habe. Sieh, hier in dieſen meinen lieben Zimmern erinnert Alles mich an Dich, und die ganze geheime Geſchichte unſerer Liebe und unſeres Glückes ſpricht zu mir, wenn ich durch dieſe Gemächer gehe. Hier, mein Freund, in dieſem Zimmer ſahen wir uns zuerſt allein und ohne Zeugen nach meiner Ankunft in Berlin, hier gabſt Du Deiner Frau den erſten Kuß, und er drang mir wie ein Lächeln Gottes tief in die Seele und das Herz, und iſt da geblieben wie ein Engelein, das unſere Liebe behütet. Seit jenem Tag iſt mir auch in der höchſten Fülle meines Glückes doch immer ganz fromm und heilig zu Sinn, und wenn Du mich küſſeſt, betet der Engel in meinem Herzen für Dich, und wenn ich bete, küßt er Dich! Oh, Luiſe, Du biſt mein Engel und mein Glück! rief der König begeiſtert. Die Königin achtete nicht auf dieſe Unterbrechung, ſie war ganz verloren in ihre Erinnerungen. Auf dieſem Sopha hier, fuhr ſie fort, haben wir oft eng aneinander geſchmiegt, wie heute, geſeſſen, und wenn Alles ſtill um uns her war, ſprachen unſere Herzen um ſo lauter zu einander, und oft habe ich hier von Deinen Lippen die ſchönſten und heiligſten Offenbarungen Deiner edlen, reinen und männlich— Seele vernommen. In meinem Cabinet, dicht hier neben, ſtandeſt Dr einſt trübe und ſinnend am Fenſter, eine Wolke lag auf Deiner Sin und ich wußte, daß Du heute im Haushalt Deines Vaters wieder ſchweres Leid vernommen. Aber keine Klage kam über Deine Lippen, denn Du warſt allezeit ein guter und demüthiger Sohn, und ſelbſt zu mir gedachteſt Du niemals zürnend der Schwächen Deines Vaters. Liſe trat mein Hau nur Gott hörteſt ſie mir geſche Du küßteſ mich mit ruſchte m übergoß. U weden efalteten lauten, ſe zu ſegnen unausſpre entſinnſt ne inem die mich Gemach — — timme erthanen, öge ihm Pflichten n, ebenſo el Ubel, und dem tauſchen Jemächer ns zlerſt gabſt Du Lächeln wie ein auch in meinem er König war gn ſie fort, lauter ju nſten und undeſ Du uer Sürn r wieder e ippen, ſelbſt Vaters Aber ich wußte, was Du litteſt, doch ich wußte auch, daß ich in dieſer Stunde die Macht hatte, alle Wolken von Deiner Stirn zu verſcheu⸗ chen und Deine Augen aufleuchten zu machen in Freude und Glück. Leiſe trat ich zu Dir und legte meinen um Deinen Hals und mein Haupt an Deine Bruſt, und dann flüſterte ich drei Worte, die nur Gott und das Ohr meines Mannes hören ſollten! Und Du hörteſt ſie und ſchrieeſt laut auf vor Freude, und ehe ich wußte, wie mir geſchah, ſah ich Dich vor mir auf Deinen Knieen liegen, und Du küßteſt meine Füße und den Saum meines Kleides, und nannteſt mich mit einem Namen, der wie eine köſtliche, heilige Muſik mich um⸗ rauſchte und mein Herz mit Entzücken, meine Wangen mit Schamröthe übergoß. Und wie's geſchah, das weiß ich nicht, aber ich fühlte, daß auf den Knieen lag, und unſere vier eng in einander de zum Himmel emporhebend, dankten wir Gott mit Worten für unſer Glück, und baten ihn, unſer Kind wir zwar noch nicht kannten, das wir aber doch ſchon liebten. Oh, und nun zuletzt noch, mein Geliebter, ich jener andern Stunde in meinem Schlafgemach? Du ſaßeſt an meinem Lager, die Hände gefaltet, betend, und doch, Du beteteſt, nur mich anſchauend, mich, die ich in Schmerzen mich auf meinem Lager wand und doch in meinen Schmerzen ſo ſelig war, denn ich wußte, daß die Natur in dieſer Stunde mich weihen wollte zu dem höchſten und heiligſten Beruf und daß Gott unſere Liebe ſegnen wollte mit einem ſichtbaren Pfand des Glückes. Die ſchwere Stunde war da, es dunkelte vor meinen Augen, wie in einem Nebel verſchwimmend ſah ich nur noch die heilige, von Engeln unflatterte Mutter Gottes, die da in einem herrlichen Gemälde Guido Reni's meinem Bette gegenüber hing. Auf einmal durchdrang es die Nacht, dic mich umgab, wie ein heller Blitzſtrahl, und durch die Stille des Gemachs erklang eine wunderbare, nie gehörte Stimme, es war die Stimme meines Kindes! Und bei dem Ton dieſer Stimme ſah ich die Engel aus dem Bilde herniederſteigen und an mein Lager treten, um mich zu küſſen, und die Mutter Gottes neigte ſich zu mir mit einem himmliſchen Lächeln und rief:„geſegnet iſt das Weib, welches 94 Mutter iſt!“— meine Sinne ſchwanden, ich glaube, ich fiel in Ohn⸗ macht vor unausſprechlichem Glück! Ja, Du warſt ohnmächtig geworden, mein geliebtes Weib, ſagte der König leiſe nickend, aber die Ohnmacht hatte das Lächeln nicht von Deinen Lippen und den Ausdruck ſeliger Freude nicht aus Deinen Zügen verwiſcht. Du lagſt da, wie in Seligkeit verloren, nur gefeſſelt von dem Zauber des Glückes, und ich wußte, daß Du unausſprechlich glücklich warſt und ängſtigte mich daher gar nicht um Dich! Auch erwachte ich bald wieder, ſagte die Königin raſch, ich hatte nicht Zeit zu einer langen Ohnmacht, denn eine Frage bramin meinem Herzen. Ich wandte meine Augen zu Dir hin. Du ſte in der Mitte des Zimmers und hielteſt in Deinen A en das And, das Dir ſo eben in ſeinem Spitzenkleidchen in die Ar Jetzt ſchlug mein Herz wie ein Hammer in meiner» Dich an, aber meine Lippen hatten nicht die Kra Du verſtandeſt mich auch ohne Frage und nahteſt knieteſt neben demſelben nieder, und% Kind in m“ ſagteſt Du mit einer Stimme, die ich nie vergeſſen ſegne Deinen Sohn!“— da war's, als ob das Entoütfen mir die Bruſt zerſprengen wollte, ich mußte laut aufſchreien, ich wär ſonſt ge⸗ ſtorben vor Wonne. Ein Sohn! ſchrie ich, ich habe Dir einen Sohn geboren! Und ich ſchlang meine Arme um Dich und das Kind, und wir weinten vor ſeliger Luſt und— und— Ihre Stimme ſtockte vor Rührung, und helle Thränen ſtürzten wie Perlen aus ihren Augen hervor. Ach, flüſterte ſie leiſe, ich bin eine Thörin, lache über mich! Aber der König lachte nicht, denn auch ſeine Augen waren feucht, nur ſchämte er ſich ſeiner Thränen und hielt ſie in ſeinen Augen zurüc. Eine Pauſe trat ein und die Königin lehnte ihr Haupt an die Schulter ihres Gemahls, der ſeinen Arm um ihre edle Geſtalt geſchlungen hatte. Auf mal richtete ſie ſich empor und mit ihren großen, glückſtrahlen⸗ den Auzen dem König tief in das bewegte Antlitz ſchauend fragte ſie: Mein Geliebter, können wir das Haus verlaſſen, in welchem ich Dir einen Sohn und Kronprinzen geboren habe? Wollen wir unſere hei⸗ ligſen Erinnerun ſchleſes willen? Nein, das u an ſein Herz dri wir verlaſſen es hier ſoll es blühe hier wollen wir der Köriy und t nüſſen, ſo gehen nüge zu thun, ke Oh mein F die Königin, u Ken. Fjulteten Hi lauten ſelien ju ſegnen, dae unausſprechli „innſt Du mit e ſchä vertrauen und ins Beiden und Ih verſpre 4 Mun denn, Hetz ſchon egend un ir wi müſſen, nan wi dus Lund wid Schwin able geben eeifert ſein machen, 4 nir guch im 6 ſchenken 1 onigspar, un b, ſagte von Deinen geftſſelt ſprechlich 95 ligſten Erinnerungen aufgeben um eines großen, prunkhaften Königs ſchloßſes willen? Nein, das wollen wir nicht, ſagte der König, die Gemahlin feſter an ſein Herz drückend. Nein, wir bleiben in dieſem unſerm Hauſe, wir verlaſſen es nicht. Hier iſt unſer Glück gewachſen und gediehen, hier ſoll es blühen und Früchte tragen! Es ſoll ſein, wie Du ſagſt, hier wollen wir leben und wohnen als Mann und Frau, und wenn der König und die Königin Feſte geben und viele Gäſte empfangen müſſen, ſo gehen ſie hinüber in's Schloß, um ihrer Königspflicht Ge⸗ nüge zu thun, kehren aber am Abend wieder heim in ihr ſtilles Aſyl! Oh mein Freund, mein geliebter Freund, wie dank' ich Dir, rief die Königin, i beiden Arme um ſeinen Hals ſchlingend und einen lu neben— ſeine Lippen preſſend. gefalteten Hä ein geliebtes Weib, jetzt Deine vierte Bitte, ſagte lauten, ſeligen tinen Armen feſthaltend, ich hoffe, daß dieſe wirk⸗ zu ſegnen, das ucht blos darauf berechnet iſt, mich glücklich zu unausſprechli h Dich betrifft. wſinnſt Du nerte Bitte geht mich ganz allein an, rief die Königin mit eineh ſchahaften Lächeln. Dir und nur Dir allein kann ich ſie vertrauen und Du mußt mir verſprechen, ſie geheim zu halten unter uns Beiden und kein Wort davon an die Oberhofmeiſterin zu verrathen. Ich verſpreche Dir das, meine liebe Luiſe. Nun denn, ſagte die Königin, die Hand ihres Gemahls auf ihr Herz legend ung ſie leiſe mit ihren roſigen Fingern ſtreichelnd, ich ſehe ſchon, wir wekben dieſen Winter ſehr oft König und Königin ſein müſſen, man wird uns Feſte geben und wir werden ſie erwidern müſſen, das Land wird ſeinem König huldigen und die Ritterſchaft wird ihre Schwüre ablegen wollen. Das wird viel Königspomp, aber wenig Freude geben dieſen Winter. Gut, ich will mich darein fügen und beeifert ſein, meiner erhabenen Stellung an Deiner Seite Ehre zu machen, aber dafür, mein geliebter Herr und Freund, dafür mußt Du mir auch im Sommer, wenn die Roſen blühen, einen Tag gahz für mich ſchenken und an dieſem Tage wollen wir vergeſſen, daß wir ein Königspaar, und uns nur erinnern, daß wir ein glückliches Liebespaar 96 ſind. Verſteht ſich, daß wir den Tag nicht in Berlin, auch nicht in Parez bleiben, ſondern wie die luſtigen Vögel wollen wir aus⸗ flattern, weit, weithin in die Ferne, nach meiner mecklenburgiſchen Heimath, nach dem Paradies meiner Kinderjahre, nach dem Luſt⸗ ſchloß Hohenzieritz. Und Niemand ſoll's wiſſen, unangemeldet wollen wir kommen und in der Stille des Hauſes und des Gartens da wollen wir uns eine köſtliche Idylle aufführen. An dem Tage ge⸗ hörſt Du mir allein und Niemanden ſonſt, an dem Tage bin ich Deine Hausfrau und Deine Geliebte, nichts weiter, und ich ſorge für Dein Amüſement und Deine Nahrung. Ich allein bereite Dir Dein Eſſen und decke Deinen Tiſch und lege Dir vor. Oh, guter, lieber Freund, ſchenke mir einen ſolchen Tag, eine ſolche Idylle des Glücks! Ich ſchenke ihn Dir und mir mit Freuden, ſagte der König lächelnd, und ich geſtehe Dir, Auiſe, ich wollte, der Winter wär' erſt vorüber und die Roſen blühten und der Morgen jenes ſchönen Tages dämmerte herauf. Dank, tauſend Dank, rief die Königin freudvoll, nun mögen immerhin die ſteifen, ceremoniellen Tage kommen und das kriechende Hofgeſinde und der Weihrauch der Schmeicheleien, ich werde durch das Alles hindurch doch immer ſchon den ſanften Duft meiner Roſen der Zukunft einathmen und an den ſteifen Hoftagen werde ich des idylliſchen Tages gedenken, der einſt kommen und mich entſchädigen wird für alle Langeweile und Beſchwerde. Der König legte ſeine Hand wie ſegnend auf ihr Haupt und hob mit der andern ihr Antlitz, das an ſeine Bruſt geneigt war, zu ſich empor. Und glaubſt Du wirklich, Du holder und glücklicher Engel, ich verſtände Dich nicht? fragte er leiſe. Meinſt Du, ich fühlte und wüßte nicht, daß Du mir dieſen Troſt ſpenden und mir die Hoffnung auf einen ſolchen Tag nach den Tagen der Langeweile eröffnen willſt? Oh Du, meine Luiſe, Du bedarfſt eines ſolchen Troſtes nicht, denn Dich hat Gott dazu geſchaffen, eine Königin zu ſein, und auch die Laſten Deines Amtes werden Dich nur wie holde Genien unflattern und ſich in Deiner echten Menſchenliebe Dir zu reinem Liebesdienſt verklären. Dir iſt zu allen Zeiten das rechte Wort und das rechte Thin geg muth und haben mei nicht imn meine Lu müſſen, Wort die ſein will, ſteh mir k von dem Bleil ſo, in de und wie habe auch flügelten lr als⸗ ur giſchen n Luſt⸗ det wollen Gartens Toze ge⸗ ich Deine für Dein ein Eſſen Freund, glächelnd, ſt vorüber dimmerte d für alle und hob t, zu ſih er Engll fühlte und Hoffnung en willſt! denn guch die attern dienſt chte 4 rech umfl Thun gegeben, und die Grazien haben Dir zu Allem die holde An⸗ muth und Sitte verliehen. Ich aber bin ſchwerfällig und ungelenk, ich weiß es wohl, eine ernſte Jugend und mancherlei Kummer und Sorgen haben mein Herz ſteif gemacht und es verſchüchtert. Mir fehlt vielleicht nicht immer der rechte Gedanke, aber ſehr oft das rechte Wort. Du, meine Luiſe, wirſt als Königin für uns Beide die Honneurs machen müſſen, Du mußt mit Deinem holden Lächeln und Deinem geiſtreichen Wort die Herzen der Menſchen gewinnen, während ich ſchon zufrieden ſein will, wenn ich mir ihre Köpfe gewinne. Werde ich ihre Herzen gewinnen? fragte die Königin ſinnend. Oh ſteh mir bei, geliebter Freund, ſage mir, was ich ich thun muß, um von dem Volk geliebt zu werden! Bleibe, wie Du biſt, Luiſe, ſagte der König ernſt, bleibe immer ſo, in der Verklärung der Schönheit, der Unſchuld und Anmuth, wie ich Dich an den beiden wichtigſten Tagen meines Lebens geſehen habe, und wie Du immer vor meinen innern Augen ſtehen wirſt. Oh, ich habe auch meine Erinnerungen, und wenn ich ſie auch nicht mit ſo be— flügelten und ſchönen Worten erzählen kann, wie Du, ſo leben ſie doch ebenſo in mir, und begleiten mich als holde Genien überall hin, nur daß ſie ſtumm ſind vor Andern, wie ich ſelber. Erzähle mir, mein Geliebter, ſagte die Königin ſauft bittend, ihr ſchönes Haupt an ihres Gemahls Schulter gelehnt. Laß uns heute eine ſchöne Stunde der Erinnerungen feiern! Ja, eine ſchöne Stunde der Erinnerungen, rief der König, denn was giebt es für mich Schöneres, als Deiner zu gedenken und jener Stunde, wo ich Dich zum erſten Male ſah! Soll ich Dir das erzählen, Luiſe? Erzähle es mir, mein geliebteſter Freund. Deine Worte werden mich umrauſchen, wie eine köſtliche Muſik, die man, je öfter man ſie hört, deſto lieber gewinnt und beſſer begreift. Erzähle, mein Freund. Mühlbach, Napoleon bei einer HH. drin ſchi Lakni ſich Die Teier der Erinnerungen. Nun denn, ſagte der König, ſo oft ich meinen Blick rückwärts wende in die Vergangenheit, und Nebeln unfloſſen, aber zwei Sterne und aus dieſen Nebeln hervor, die Sterne ſind Lichtpunkte, das ſind die beiden Tage, von denen ich vorher ſprach, gupſel au iſt mir Alles wie von grauen Schleiern wei Lichtpunkte treten 3 Deine Augen, und die nie geſi der Tag, an welchem ich Dich zuerſt ſah, und der Tag, an welchem Stiimen Du als meine Gemahlin in Berlin einzogſt. Oh, Luiſe, nie werde ich Dines jenes erſten Tages vergeſſen! Ich nenne ihn den erſten Tag, denn er ſch 5 iſt auch der erſte Tag meines wirklichen Lebens! Es war in Frankfurt weißen e damaligen Campagne am Rhein. Der König üine le, b am Main in unſerer dem Herzog von Mecklenburg, Deinem machte in meiner Begleitung reizendet zeRdeh erlauchten Vater, ſeinen Gegenbeſuch auf ſeine am Tage zuvor em⸗ g pfangene Viſite. Wir trafen ihn in einem einfachen, kleinen Landhauſe, eU, hinter dem ein ſchöner Garten ſich befand. Die beiden Fürſten ſprachen ſcien 5...... hen, nſt miteinander, und ich hörte ſchweigend ihnen zu— Dies iu alb lange und er elleicht den König, meinen Vater. Schweigen genirte und beläſtigte vi 06 zum „Was meinen Ew. Hoheit, fragte er auf einmal Deinen Vater, wollen Di ſe wir nicht, während wir hier über Kriegsoperationen verhandeln, dem 4 jungen Herrn da erlauben, den Damen ſeine Aufwartung zu machen S Wenn wir alsdann hier fertig und ſich bei ihnen melden zu laſſen? 1 ſind, bitte ich um die gleiche Gunſt.“ 6 Wunſch des Königs zu erfüllen, und rief aus dem Vorzimmer den La⸗ kaien herbei, ihm den Befehl ertheilend, mich zu den Damen zu führen uiſene Der Herzog war bereit, den und zu annonciren. Es ging Alles einfach und ohne Ceremoniell zu, 6 denn wir befanden uns ja im Feldlager.— Ich folgte dem Lakaien, un der mir ſagte, daß die Damen ſich im Garten befänden, und mich„n dahin führte. Wir gingen eine lange Allee hinab und durch mancherlei ſchaſten ir vorausſchreitende Diener ſeine und wir Anlagen hin, vergebens warf der mi Augen links und rechts, die Damen waren nirgends zu ſehen. Endlich ungenp Frant ————Fv,— ———— andhauſe, ſprachen 1 Vatel⸗ wollen dem u machen bei einer Biegung des Weges ſahen wir in der Ferne eine Laube, und darin ſchimmerte etwas Weißes. Ah, das iſt Prinzeß Luiſe, ſagte der Lakai ſich zu mir wendend, und dann eilte er raſcher vorwärts. Ich folgte ihm langſam und theilnahmlos, und wie er wieder kam und mir ſagte, daß die Prinzeſſin Lniſe bereit ſei, mich zu empfangen, war ich noch wohl zwanzig Schritte von der Roſenlaube entfernt. Ich ſah da ein weibliches Weſen ſich von ihrem Sitz erheben und ging raſcher vorwärts. Und auf einmal begann mein Herz zu klopfen, wie ich es nie gefühlt, auf einmal war es, als ob da in meinem Herzen eine Kapſel aufſpränge und es frei machte, als ob tauſend und tauſend Stimmen in mir ſängen und jubelten:„Das iſt ſie! Iſt die Erwählte Deines Herzens.“ Und je näher ich kam, deſto langſamer ging ich und ſah nur Dich, Dich, die da am Eingang der Laube ſtand in dem weißen Gewande, das nur loſe Deine edle, wundervolle Geſtalt um wallte, das unſchuldsvolle, edle Angeſicht angehaucht von einem ſanften, reizenden Lächeln, goldige Locken herniederfließend zu beiden Sei⸗ ten Deiner roſigen Wangen, und das Haupt umkränzt von den vollen, dunklen Roſen, die ſich von der Laube hernieder zu neigen ſchienen, um Dich zu küſſen und zu ſchmücken, die vollen, weißen Arme nur halb verhüllt von leichten Spitzenärmeln, in der Rechten, die Du bis zum Gürtel erhoben hatteſt, eine volle Roſe haltend. Und wie ich Dich ſo vor mir ſah, da glaubte ich mich wie der Erde entrückt und es war wir, als ſähe ich einen Engel der Unſchuld und Schönheit, mit dem der Himmel mich begrüßen wollte.*) Jetzt ſtand ich Dir gegen über und über meinem Anſchauen vergaß ich jede förmliche Begrüßung. Ich ſah nur Dich, ich hörte nur, wie Alles in mir jauchzte:„Das iſt *) Nicht blos der liebende König ſprach ſo von der holden Erſcheinung Luiſens; auch Göthe beurtheilt ſie ſo in ſeiner:„Campagne in Frankreich.“ Er erzählt, daß er im Feldlager bei Mainz die beiden Mecklenburgiſchen Prin zeſſinnen(die nachherige Königin Luiſe und die Königin von Hannover) geſehen. „In mein Zelt eingeheftelt, ſagt er, konnte ich ſie vertraulich mit den Herr ſchaften auf und nieder und nahe vorübergehend auf das Genaueſte beobachten, und wirklich mußte man dieſe beiden jungen Damen für himmliſche Erſchei nungen halten, deren Eindruck auch mir niemals verlöſchen in Frankreich. S. 282. Campagne 100 das Weib, welches Du lieben wirſt, ewig, unvergänglich!“ Es war keine verliebte Sentimentalität, ſondern ein beſtimmtes, klares Bewußtſein, was wie ein Lichtblick meine Augen mit einer Freudenthräne benetzte.*) Oh Luiſe, warum bin ich kein Maler, warum kann ich mir jenen Mo⸗ ment nicht feſthalten in einem ſchönen, duftigen Gemälde! Aber was ich nicht kann, das ſoll mir ein Anderer verſuchen, ein Künſtler ſoll mir jenen Moment verewigen und feſthalten,“*) damit dereinſt, wenn wir nicht mehr ſind, unſer Sohn zu dem Bilde aufſchauen und ſagen kann:„So war meine Mutter, als mein Vater ſie zum erſten Male ſah. Er glaubte einen Engel zu ſehen und er irrte ſich nicht, denn ſie iſt der Engel ſeines ganzen Lebens geweſen.“ Zu viel, zu viel der Güte und des Glücks! rief die Königin, und ſie verſchloß die Lippen ihres Gemahls mit einem glühenden Kuß. Lobe und preiſe mich nicht ſo ſehr, damit ich nicht ſtolz und hoffährtig werde, flüſterte ſie dann. Der König ſchüttelte leiſe ſein Haupt. Stolz und hoffährtig wer⸗ den nur die Einfältigen, die Schuldbeladenen und die Böſen, ſagte er. Wer aber Dich geſehen hat, Luiſe, an dem Tage Deines Einzugs in Berlin, dem wird Dein Bild ewig im Schimmer der Anmuth, Be⸗ ſcheidenheit und Lieblichkeit vor Augen ſtehen. Es war Sonntag, ein wundervoller, heller Wintertag, der Tag vor dem heiligen Chriſtfeſt, der für mich diesmal ein rechter heiliger Abend des Glückes werden ſollte. Tauſende von Menſchen wogten auf dem Platz vor dem Zeug⸗ hauſe und die Linden hinunter auf und ab. Jedermann war begierig, Dich zu ſehen. Am Eingang der Linden, unweit des Opernplatzes, hatte man eine prachtvolle Ehrenpforte errichtet und hier wollte eine er König ließ wirklich dieſen Moment ſeines erſten Begegnens mit der ²) Des Königs eigene Worte⸗ Siehe: Biſchof Eylert. II. Seite 22. Prinzeſſin Auiſe als Gemälde feſthalten. Auf demſelben ſieht man die Prinzeſſin ganz ſo, wie der König ſie oben geſchildert hat, in einer Roſenlaube ſtehen und im Hintergrunde den König, ſie mit entzückten Blicken betrachtend. Das Ge⸗ mälde hängt in dem Königlichen Schloſſe zu Berlin. Die ganze Erzählung des des Königs mit der Prinzeß Luiſe iſt genau nach den eigenen erſten Begegnens Siehe: Eylert. II. Seite 48. Mittheilungen des Königs. dem Schl das nicht. die Auge mich unt Dieners von den kende Am donnerten ſchritten von D gleiteten nicht ahn ſchlug. Myrtenp ihnen, di dar und ich, wie nie eine itemilti Mid chen Grüfn Unerhh zuziehen haben( und alle Dei Velner u ihr 1 nicht me —— ) war keine wußtſein, Deputation der Bürgerſchaft und eine Schaar junger, blühender Mädchen Dich erwarten. Ich ſollte, der Etikette gemäß, Dich auf dem Schloß erwarten, aber meine Ungeduld, Dich zu ſehen, ertrug das nicht. Tiefeingehüllt in meinen Militairmantel, die Mütze tief in die Augen gedrückt, ſo daß mich Niemand erkennen konnte, hatte ich mich unter das Volk gemiſcht und mir mit Hülfe eines vertrauten Dieners einen Platz hinter einer der Säulen der Ehrenpforte erobert. Auf einmal erſcholl unermeßlicher Jubel aus hunderttauſend Kehlen, von den Fenſtern, von den Dächern der Häuſer wehten tauſend win⸗ kende Arme mit weißen Tüchern, die Glocken läuteten, die Kanonen donnerten, denn Du hatteſt ſoeben das Brandenburger Thor über⸗ ſchritten, hatteſt jetzt Deinen Wagen verlaſſen und ſchritteſt, umgeben von Deinem Gefolge, die Linden hinauf. Jubel und Entzücken be⸗ gleiteten Dich bei jedem Schritt, nun trateſt Du unter die Ehrenpforte, nicht ahnend, wie nahe ich Dir war und wie mein Herz Dir entgegen ſchlug. Eine Schaar junger Mädchen in weißen Gewändern, mit Myrtenzweigen in den Händen, trat Dir entgegen und die Erſte von ihnen, die auf geſticktem Kiſſen einen Myrtenkranz trug, reichte ihn Dir dar und ſprach ein einfaches, ſinniges Gedicht dazu. Oh, noch ſehe ich, wie Dein ſchönes Antlitz ſich röthete, wie Dein Auge höher glänzte, wie eine tiefe, heilige Rührung in Deinen Zügen zuckte und wie Du, überwältigt von dieſer Rührung, Dich niederbengteſt zu dem kleinen Mädchen, wie Du ſie in Deine Arme ſchloſſeſt und ihre Augen und ihre Lippen küßteſt. Hinter Dir aber ſtand die Oberhofmeiſterin Gräfin von Voß, bleich vor Entſetzen, bebend vor Schreck über das Unerhörte, nie Erlebte. Mit haſtigen Händen ſuchte ſie Dich zurück⸗ zuziehen und in ihrem Erſtaunen rief ſie faſt laut:„Mein Gott, was haben Ew. Königliche Hoheit gethan! Das iſt ja gegen allen Anſtand und alle Sitte.“ Es war ein hartes, unüberlegtes Wort, Du aber in Deiner glückſeligen Heiterkeit fühlteſt es nicht, blickteſt heiter und ruhig zu ihr um und fragteſt unſchuldig und treuherzig:„Wie? darf ich das nicht mehr thun?“*) Oh, Luiſe, in jenem Augenblick und bei dieſer *) Siehe: Eylert. II. 79. 102 Deiner lieblichen Frage füllten ſich meine Augen wieder mit Thränen, und kaum konnte ich mich zurückhalten, daß ich nicht hervorſtürzte, um Dich an mein entzücktes Herz zu drücken und Deine Augen und Deine Lippen zu küſſen, ſo unſchuldig und keuſch, wie Du es dem kleinen Mädchen gethan! Siehſt Du, ſagte der König aufathmend und einen Moment inne haltend, das ſind meine beiden Erinnerungstage, und da Du mich jetzt fragſt, wie Du es machen ſollſt, um die Liebe Deines Volkes zu ge⸗ winnen, ſo erwiedere ich Dir noch einmal: bleibe, wie Du biſt, bleibe ſo, daß dieſe beiden ſchönen Bilder, die ich von Dir im Herzen trage, Dir immer ähnlich ſind und bleiben, und die Herzen aller Menſchen werden Dir entgegen fliegen. Oh Du meine Luiſe, Du haſt es leicht, Du brauchſt nur Du ſelbſt zu ſein, Dich nur von Deinen treuen Ge⸗ fährten, den Grazien, leiten zu laſſen und biſt dann gewiß, immer das Rechte zu treffen. Ich aber habe ein ſchweres Amt und einen harten Dienſt, und viel werde ich zu kämpfen haben mit dem Uebelwollen, der Bosheit und dem Unverſtand Anderer nicht allein, ſondern auch mit meiner eigenen Unerfahrenheit, meinem Mangel an Kenntniſſen, meiner Unentſchloſſenheit, die aber nur aus der Erkenntniß deſſen, was mir fehlt, hervorgeht Die Königin legte mit einer raſchen Bewegung ihre Hand auf des Königs Schulter. Vertraue Dir ſelber, denn Du kannſt es und darfſt es, ſagte ſie ernſt. Wer hätte Grund, zufrieden zu ſein mit ſich ſelbſt, wenn Du zagen wollteſt, welcher Fürſt könnte den Muth haben, das Scepter zu faſſen, wenn Deine Hände davor zurückſchrecken wollten, Deine Hände, die rein ſind von aller Schuld und ſtark und feſt, wie eine echte Manneshand. Ich verſtehe nichts von der Politik und will auch nichts davon verſtehen und werde mich nie erkühnen, mich in Deine Regierungsgeſchäfte miſchen und Dir einen Rath geben zu wollen, aber das weiß ich und fühle ich, daß Du immer nur das Wohl und Gedeihen Deines Volkes und Deines Landes wirſt vor Augen haben und daß all Dein Thun und Wollen kur auf dieſes ge⸗ richtet ſein wird. Der Geiſt des großen Friedrich ruht auf Dir und wird Dich ſegnen und geleiten. Fyin Erinneru Friedrich Andacht Ver und heiß gegnete. ein Rede des Köni uf der Vind ſpie Krücſe Schwei begann ulett; taſche ufforde aber als juſt dieſ ſanft les Thränen, türzte, um und Deine 11 leinen ment inne mich jetzt es zu ge⸗ iſt, bleibe zen trage, Menſchen es leicht, renen Ge⸗ mmer das en harten vollen, der auch mit meinel was mit ſein mit en Muth ichſchrecken ſtark und erkühnen, th geben 1n Der König ſchaute ſie betroffen an. Erräthſt Du meine Gedanken, Luiſe? fragte er. Weißt Du, daß ich heute Morgen mit meiner gan⸗ zen Seele immerfort bei ihm war und zu ihm ſprach und mir alles wiederholte, was er eines Tages in einer ernſten und großen Stunde zu mir geſprochen hat? Oh es war in der That eine heilige Stunde und nie habe ich zu irgend einem Menſchen darüber geſprochen, denn jedes Wort wäre mir wie Entweihung erſchienen. Aber von Dir, mein dles Weib, können dieſe Worte immer nur die ſchönſte und beſte Weihe erhalten, und da ich denn heute einmal vor Dir von meinen ſchönſten — Erinnerungen ſpreche, ſo will ich Dir auch erzählen, was der große 6 Friedrich einſt zu mir geſprochen hat. Die Königin nickte eihm freundlich zu und richtete ihr Haupt von ſeiner Schulter auf und faltete die Hände in ihrem Schooß, wie zur Andacht und zum Gebet. Der König ſchwieg einen Moment und ſchaute ſinnend vor ſich hin. Es war im Jahre 1785, ſagte er dann, als ich an einem ſchönen und heißen Sommertage im Garten von Sansſouci dem König be⸗ gegnete. Ich, ein junger Menſch von funfzehn Jahren, kam luſtig, ein Liedchen trällernd, durch das Gebüſch daher, als ich auf einmal des Königs anſichtig ward, der unfern von dem Japaniſchen Palais auf der Bank unter der großen Buche ſaß. Er war ganz allein, zwei Windſpiele lagen zu ſeinen Füßen, die beiden Hände hatte er auf den Krückſtock gelehnt, das mit dem Hut bedeckte Haupt ruhte ſanft rück— wärts geneigt an dem Stamm der Buche. Ein letzter Strahl der Abendſonne traf ſein Antlitz und machte ſeine großen wunderbaren Augen noch höher aufleuchten. Ich ſtand vor ihm mit ehrerbietigem Schweigen und er betrachtete mich mit einem gütigen Lächeln. Dann begann er zu examiniren in allerlei Dingen, die ich damals trieb, und zuletzt zog er einen Band Lafontaineſcher Fabeln aus ſeiner Buſen⸗ taſche, ſchlug das Buch auf und deutete darauf hin, indem er mich aufforderte, ihm die aufgeſchlagene Fabel zu überſetzen. Ich that's, aber als er mich nachher dafür loben wollte, ſagte ich ihm, daß ich juſt dieſe Fabel erſt geſtern mit meinem Informator geübt hätte. Ein ſanftes Lächeln erhellte ſogleich ſein Angeſicht, und indem er mir zärt⸗ 104 lich die Wangen ſtreichelte, ſagte er mit ſeiner wundervollen, ſanften Stimme:„So iſt's Recht, lieber Fritz, nur immer ehrlich und auf⸗ richtig! Wolle nie ſcheinen, was Du nicht biſt; ſei ſtets mehr, als Du ſcheinſt!“— Ich habe dieſe Ermahnung nie vergeſſen, und die Lüge und Verſtellung iſt mir ſtets zuwider geweſen. Die Königin legte ſanft ihre Hand auf ſein Herz— Ehrlich iſt Dein Auge, ſagte ſie, ehrlich auch Dein Herz und Dein Sinn! Zu einer Lüge iſt mein Friedrich zu ſtolz und zu muthig! Und was ſprachſt Du weiter mit Deinem großen Ahn? Er ſprach zu mir, ich ſtand und hörte ihm zu. Er ermahnte mich, fleißig zu ſein, niemals zu glauben, daß ich genug gelernt habe, niemals ſtille zu ſtehen, ſondern immer vorwärts zu ſtreben. Dann ſtand er auf und ging langſam und immerfort mit mir ſprechend die Allee hinunter, die zum Ausgang des Gartens führt. Auf einmal blieb er ſtehen, und auf ſeinen Krückſtock gelehnt ſchaute er mich mit ſeinen großen Augen ſo lange und forſchend an, daß mir ſein Blick bis tief in's Herz drang.„Nun, Fritz, ſagte er, werde was Tüchtiges par Xcellence! Es wartet Großes auf Dich. Ich bin am Ende meiner Carriere und mein Tagewerk iſt bald abſolvirt. Ich fürchte, nach meinem Tode wird's Péle-msle gehen. Ueberall liegen Gährungs⸗ ſtoffe, und leider nähren ſie die regierenden Herren, beſonders in Frank⸗ reich, ſtatt zu calmiren und zu erſtirpiren. Die Maſſen fangen ſchon an, von unten auf zu drängen, und wenn dies zum Ausbruch kommt, iſt der Teufel los. Ich fürchte, Du wirſt einſt einen ſchweren, böſen Stand haben. Hobilitire, rüſte Dich! Sei firm! Denke an mich! Wache über unſere Ehre und unſern Ruhm! Begehe keine Ungerech⸗ tigkeit, dulde aber auch keine!“— Er ſchwieg wieder und ging lang⸗ ſam weiter, und ich, tief bewegt und erhoben von der Bedeutung dieſes Momentes, wiederholte mir innerlich jedes Wort, das er geſprochen, um ſeine Rede im Gedächtniß zu behalten, ſo lange ich lebe.— Jetzt waren wir zum Ausgang von Sansſouci gekommen, wo der Obelisk ſteht. Hier reichte mir der König zum Abſchied ſeine linke Hand, und indem er die meinige feſthielt, deutete er mit der erhobenen Rechten nach dem Obelisk hinauf.„Sieh ihn an, ſagte er lant und feierlich. Schlank a und Unge Der Culn Ganze, a ihr liegt, Das tras es ſtets allein ka noch einn A ich m Stim. Kopfnicker Vindſpie Ein auf der Ew. er, ſich Entſche einer A Nu marſcha M für die bitten ich iſt 2 Zl ſprachſt ermahnte unt habe, ann — chend die mal blieb nit ſeinen c bis tif tiges par de meiner te, nach Fährungs⸗ in Frank⸗ gen ſchon c kommt, en, biſen an nich! Ungerech⸗ ging lung⸗ tung diſes gpnten % getz 105 Schlank aufſtrebend und hoch iſt der Obelisk und doch feſt im Sturm und Ungewitter. Er ſpricht zu Dir:„Ma force est ma droiture!“ Der Culminationspunkt, die höchſte Spitze überſchauet und krönet das Ganze, aber trägt nicht, ſondern wird getragen von Allem, was unter ihr liegt, vorzüglich vom unſichtbaren, tief untergebauten Fundament. Das tragende Fundament, das iſt das Volk in ſeiner Einheit. Halte es ſtets mit ihm, daß es Dich liebe und Dir vertraue. Darin nur allein kannſt Du ſtark und glücklich ſein.“ Dann überflog er mich noch einmal mit einem langen, feſten Blick und reichte mir die Hand. Als ich mich neigte, um ſie zu küſſen, drückte er einen Kuß auf meine Stirn.„Vergiß dieſe Stunde nicht,“ ſagte er mit einem freundlichen Kopfnicken, indem er ſich umwandte und langſam, begleitet von ſeinem Windſpiele, die Allee wieder hinaufſchritt.*)— Ich habe dieſe Stunde nie vergeſſen und werde ihrer eingedenk ſein, ſo lange ich lebe! Und der Geiſt des großen Friedrich wird bei Dir ſein und bleiben, ſagte die Königin bewegt. Ach, ich wollte, es lebte etwas in mir von ſeinem Geiſt, ſeufzte der König. Aber ich fühl's, ich bin ſchwach und unerfahren, ich be— darf der weiſen, erfahrenen Rathgeber, ich— Ein leiſes Klopfen an der Thür machte den König verſtummen. Auf ſein Herein öffnete ſich die Thür und der Hofmarſchall erſchien auf der Schwelle. Ew. Majeſtät verzeihen gnädigſt, daß ich zu ſtören wage, ſagte er, ſich ehrfurchtsvoll verneigend, allein ich muß Ew. Majeſtät um Entſcheidung in einer wichtigen häuslichen Angelegenheit anflehen, in einer Angelegenheit, welche keinen Aufſchub leidet. Nun, was iſt's? fragte der König aufſtehend und zu dem Hof⸗ marſchall hingehend. Majeſtät, es handelt ſich um die Feſtſtellung des Küchenzettels für die königliche Tafel, und ich muß Ew. Majeſtät um die Gnade bitten, meinen Entwurf hier leſen und genehmigen zu wollen. Er überreichte mit wichtiger Amtsmiene dem König ein beſchrie⸗ *) Nach des Königs eigener Erzäblung. Siehe: Eylert. IL. S. 455. —— — — 5— 106 benes Papier, das dieſer mit langſamen, aufmerkſamen Blicken überflog. Wie? fragte er auf einmal raſch, zwei Gänge mehr, als ſonſt? Majeſtät, bemerkte der Hofmarſchall demüthig, es iſt auch jetzt die Tafel eines Königs. Und Sie glauben, daß mein Magen größer geworden iſt, ſeit ich König bin? fragte Friedrich Wilhelm. Nicht doch, es ſoll mit dem Eſſen ſo bleiben, wie es bis jetzt geweſen iſt.*) Es müßte denn ſein, wandte ſich der König verbindlich an ſeine Gemahlin, es müßte denn ſein, daß Du es anders wünſcheſt. Die Königin ſchüttelte lebhaft ihr Haupt. Nein, ſagte ſie mit einem reizenden Lächeln, mein Magen iſt auch nicht größer geworden ſeit geſtern. Es bleibt alſo beim Alten, rief der König, den Hofmarſchall ver⸗ abſchiedend. Siehſt Du, fuhr er dann fort, als die Thür ſich hinter dem Hofmarſchall ſchloß, ſiehſt Du, ſo ſind die Menſchen! Wollen uns mit Gewalt heraustreiben aus unſerer Einfachheit und unſerm bischen Menſchenthum, wollen mit Allem unſerer Größe ſchmeicheln, ſogar mit dem Eſſen. Wir aber, mein Geliebter, wollen der Worte Deines großen Oheims eingedenk bleiben, ſagte die Königin, und wenn ſie uns von allen Seiten beſtürmen mit ihren eitlen und lächerlichen Zumuthungen, ſo wollen wir uns„firm halten“ und uns ſelber getreu bleiben. Ja, das wollen wir, meine Luiſe, ſagte der König ernſt, und ſo möge denn das neue Leben uns umrauſchen, wir wollen immer die Alten bleiben! Abermals ward jetzt leiſe an die Thür geklopft und ein königlicher Kammerlakai trat ein. Ew. Majeſtät, der Obriſt⸗Lieutenant von Köckeritz bittet um Audienz. Ah, es iſt wahr, rief der König, nach der Kaminuhr ſehend, ich habe ihn um dieſe Stunde zu mir beſchieden. Lebe wohl, Luiſe, ich will ihn nicht warten laſſen! *) Des Königs eigene Worte. Siehe: Eylert ꝛc. I. S. 18. Er U er zirtlich Der und den die beider —it einmal ſo komment 6 p nit einem Augen mi gend, ſlü darn Kaum in Und tief (0 von fun nen, le ſprach, geiſtreich . da Do — ar. S — en Blicken l ſonſt? tauch jetzt iſt, ſeit ich Al mit dem denn ſein, nüßte denn e ſie mit geworden rſchall ver⸗ ſich hinter n WVollen nd unſerm ſchmeicheln, es großen uns von e nuthungen⸗ kniglicher m Audienz. ſched, i6 107 Er verneigte ſich vor ſeiner Gemahlin, deren dargereichte Hand er zärtlich an ſeine Lippen drückte, und wandte ſich dann der Thür zu. Der Lakai, der kerzengrade bis dahin neben der Thür geſtanden und den Beſcheid des? Königs erwartet hatte, beeilte ſich jetzt, haſtig die beiden Flügel der Thür aufzureißen und weit zu öffnen. Wie? fragte der König lächelnd und abwehrend, bin ich denn auf einmal ſo viel breiter geworden, daß ich nicht mehr durch Eine Thür kommen kann**) Die Königin ſchaute der hohen, ſtolzen Geſtalt ihres Gemahls mit einem glücklichen Lächeln nach, und dann ihre ſchönen, ſtrahlenden Augen mit einem unausſprechlichen Ausdruck zum Himmel emporſchla⸗ gend, flüſterte ſie leiſe: Oh, welch ein Mann! Mein Mann!**) III. Der junge Bönig. Der König durcheilte haſtig die Zimmer und den Verbindungs⸗ gang, welcher die Gemächer der Königin von den ſeinen trennte. Kaum in ſein Cabinet eingetreten, öffnete er die Thür des Vorſaals und rief: Ich bitte, treten Sie ein, lieber Köckeritz! Sofort erſchien auf der Schwelle ein kleiner, wohlbeleibter Herr von funfzig Jahren, mit freundlichem, gutmüthigem Geſicht, mit klei⸗ nen, lebhaften Augen, aus denen wenig Geiſt, aber viel Gemüth ſprach, mit breiten, aufgeworfenen Lippen, die ſich vielleicht nie zu geiſtreichen, aber oft zu heitern und ſcherzenden Worten geöffnet hatten. Der König reichte dem ehrfurchtsvoll ſich Verneigenden ſeine Hand dar. Sie haben meinen Brief erhalten, mein Freund? fragte er. *) Des Königs eigene Worte. Siehe: Eylert. I. S. 19. ) Ehlert. S. 157. Ku 108 Ja, Majeſtät, ich habe ihn geſtern erhalten, und ich habe ihn die ganze Nacht ſtudirt. Und jetzt? Welche Antwort bringen Sie mir? fragte der König raſch. Sind Sie entſchloſſen, die Stelle anzunehmen, die ich Ihnen angewieſen? Wollen Sie mir ein treuer, unparteiiſcher Rathgeber ſein, ein rechter, wahrheitsliebender Freund und Gewiſſensrath? Majeſtät, ſagte der Obriſt⸗Lieutenant ſeufzend, ich fürchte, Ew. Majeſtät haben eine zu gute Meinung von mir. Als ich Ihr erhabe⸗ nes, wundervolles Schreiben las, überlief ein Schauder mein Herz und ich ſagte zu mir ſelber: der König täuſcht ſich über Dich. Zu dem, was ich ihm ſein ſoll, bedarf es eines Mannes voll des höchſten Geiſtes und der tiefſten Weisheit. Der König hat mein Herz mit meinem Kopf verwechſelt. Mein Herz ſitzt auf dem rechten Fleck, iſt tapfer, brav und treu, aber meinem Kopf fehlt es an der Weisheit und an dem Wiſſen; ich bin kein Gelehrter, Majeſtät! Aber Sie haben einen geſunden, practiſchen Verſtand, und der iſt mir lieber, als alle Gelehrſamkeit, rief der König. Ich habe Sie ſeit Jahren beobachtet, und dieſe Jahre haben mich immer mehr in der Idee beſtärkt, in Ihnen einen Mann zu beſitzen, der mir einſt durch ſeinen Biederſinn, ſeine richtige Beurtheilung, ſeinen feſten Charakter und die erprobteſte Rechtlichkeit ganz vorzügliche Dienſte zu leiſten im Stande ſein wird. Ich ſetze mit Recht mein ganzes Ver⸗ trauen in Sie. Ich bin ein junger Menſch, der die ganze Welt noch immer zu wenig kennt, um ſich allein auf ſich ſelbſt verlaſſen zu kön⸗ nen und um nicht befürchten zu müſſen, bei aller Vorſicht doch von unredlichen Menſchen hintergangen zu werden. Ihm muß daher ein jeder gute Rath, ſobald er redlich gemeint iſt, willkommen ſein. Dieſen Rath erwarte ich von Ihnen. Ich bitte Sie, bleiben Sie immer mein Freund, verändern Sie nicht Ihre Art, gegen mich zu ſein und zu denken, ſeien Sie mein Rathgeber.*) Köckeritz, wollen Sie meine Bitte zurückweiſen? *) Des Königs eigene Worte. Siehe: Schreiben des Königs Friedrich Wilhelm III. an den Obriſt⸗Lieutenant von Köckeritz. etgebenen, nir finden ch 1 Diener ſ aufmerkar natürlich. 9 sppy Mdermanr Ma niſter V auch nich — p ſeinem S Vort Heltraute der König ich Ihnen hebel ſein, ürchte, Ey. Ir erhabe n Fleck, ſſt er mehr in r mir einſt einen feſten Ne ſen zu kön⸗ ht doch von ſ daher ein ein. Dieſen immer mein 3 ſein un ju Nein, rief Herr von Köckeritz, wenn es das iſt, was Ew. Majeſtät von mir fordern, das kann ich verſprechen und halten. Einen treuen, ergebenen, aufrichtigen Diener, den ſollen Ew. Majeſtät allzeit an mir finden. Ich verlange mehr, ſagte der König ſanft, nicht bloß einen treuen Diener, ſondern einen S Freund. Einen Freund, der mich aufmerkſam macht auf meine Fehler und Irrthümer. Stehen Sie mir bei mit Ihrer Menſchenkenntniß. Denn Niemand irrt ſich mehr in der Beurth heilung der Menſchen, als ein Fürſt, und das iſt ganz natürlich. Keiner zeigt ſich dem Fürſten in ſeiner wahren Geſtalt, Jedermann bemüht ſich, die Schwächen und Neigungen der Fürſten zu erforſchen, und nimmt dann eine Maske an, die ihm ſeinen Zwecken angemeſſen ſcheint. Von Ihnen alſo erwarte ich, daß Sie ohne Ge⸗ räuſch, und ohne beſondere Abſichten merken zu laſſen, ſich nach braven und einſichtsvollen Männern umſehen und zu prüfen bereit ſind, wie und auf welche Art man ſie beſſer brauchen und verwenden könnte.*) Ich werde mir Mühe geben, Majeſtät, ſolche Männer zu finden, daß Ew. Majeſtät ſchon zum guten Glück viele tüchtige und ausgezeichnete Männer in er Nähe haben und alſo nicht weit zu ſuchen brauchen. König haſtig und mit leicht ſagte Herr von Köckeritz ernſt. Nur ſcheint mir, — Von wem wollen Sie reden? rief der gerunzelter Stirn. Herr von Köckeritz warf einen raſchen Blick auf das Antlitz des Königs und ſchien ſeine Gedanken auf ſeiner düſtern Stirn geleſen zu haben. Majeſtät, ſagte er ernſt und langſam, ich will nicht von dem Mi⸗ niſter Wöllner und ſeinen beiden Räthen Hermes und Hiller reden, auch nicht von dem General⸗Lieutenant von Biſchofswerder. Des Königs Stirn hatte ſich ſchon wieder aufgeklärt. Er trat zu en Schreibtiſch und nahm von demſelben ein Papier, das er ſeinem Vertrauten darreichte. Leſen Sie einmal das und rathen Sie mir, was ich thun ſoll! — *) Des Königs eigene Worte. Siehe: Brief 110 Ah, der Herr General⸗Lieutenant von Biſchofswerder fordert ſeinen Abſchied! rief Herr von Köckeritz, nachdem er geleſen. Man muß geſtehen, daß der Herr General eine feine Naſe beſitzt und ſehr klug gehandelt hat. Sie meinen, daß ich ihm ohnedies ſeinen Abſchied gegeben haben würde? Ja, das meine ich, Majeſtät! Und Sie haben Recht, Köckeritz. Viel Unheil hat dieſer finſtere und bigotte Mann über Preußen gebracht und der gute Genius unſeres Landes hatte ſein Haupt verhüllt und war entflohen vor den Geiſtern, welche Biſchofswerder heraufbeſchworen. Oh, mein Freund, wir haben eine finſtere und unheilsvolle Zeit durchlebt und viel böſe Geiſter haben wir hier geſehen und ſind von ihnen geplagt worden. Indeſſen kein Wort mehr davon! Es ziemt mir nicht, die Vergangenheit zu richten, denn ſie gehört nicht mir! Nur die Zukunft iſt mein, und Gott gebe, daß, wenn dieſe einſt Vergangenheit iſt, ſie nicht mich richtet. Der General⸗Lieutenant von Biſchofswerder war der Freund und Vertraute meines Vaters, des hochſeligen Königs, das muß und will ich in ihm ehren! Ich will ihm ſeinen Abſchied geben, aber mit ausreichender Penſion. Das macht dem großmüthigen Herzen Eurer Majeſtät Ehre, rief Herr von Köckeritz lebhaft. Was den Miniſter Wöllner anbetrifft, fuhr der König mit gerun⸗ zelter Stirn fort, ſo will ich, in ehrfurchtsvoller Erinnerung an mei⸗ nen Vater, ihm auch nicht ſeinen Abſchied aufdrängen, ſondern es ihm überlaſſen, denſelben zu fordern. Möge er zuſehen, ob er im Stande ſein wird, ſich in die neue Zeit zu fügen; denn eine neue Zeit, hoffe ich, ſoll aufgehen über Preußen, eine Zeit der Duldung, der Auf⸗ klärung und der wahren Frömmigkeit, welche nicht im äußern Prunk der Worte, nicht im bloßen äußern Kirchendienſt ihr Genüge ſucht, ſondern in frommen und guten Thaten. Die Religion iſt nicht aus der Kirche hervorgegangen, ſondern umgekehrt die Kirche aus der Reli⸗ gion, und die Kirche ſoll ſich daher der Religion unterordnen, ſie nie bedingen wollen. Aller Glaubenszwang und alle fanatiſche Verfolgung ſoll aufhör den Vorſch welches ke Gache des und bleib donkenloſe und Recht nur allein dieſe ſind neſen.„ Lunde au Glück und fürchte ich tiren kam ſſt, ſeine dann frei hückerit, wahren F Sie mir und die n Das inyſlchen Et durfte Mn an den glaube, Lombard De Meinune ichet M und ein 1 D er fordert ſen. Man t und ſehr eben haben ſer finſtere ius unſeres nGeiſtern, it haben eiſter haben ndeſſen kein zu richten, Gott gebe, chtet. Der d Vertraute ich in ihm usreichender mit gerun⸗ ng an mei⸗ it es ihm Stande ʒit, heft er Auf ſoll aufhören. Ich ſelbſt ehre die Religion, folge gern ihren beglücken⸗ den Vorſchriften, und möchte um Vieles nicht über ein Volk herrſchen, welches keine Religion hätte. Aber ich weiß, daß die Religion nur Sache des Herzens, des Gefühls und der eigenen Ueberzeugung ſein und bleiben muß und nicht durch methodiſchen Zwang zu einem ge— dankenloſen Plapperwerk herabgewürdigt werden darf, wenn ſie Tugend und Rechtſchaffenheit befördern ſoll. Es ſoll fortan in Religionsſachen nur allein nach den lutheriſchen Grundſätzen verfahren werden, denn dieſe ſind ganz dem Geiſt und dem Stifter unſerer Religion ange meſſen. Keine Zwangsgeſetze ſind nöthig, um wahre Religion im Lande aufrecht zu erhalten und ihren wohlthätigen Einfluß auf das Glück und die Moralität aller Volksklaſſen zu verbreiten.*)— Dies, fürchte ich, ſind Grundſätze, welche der Miniſter Wöllner nicht adop⸗ tiren kann, und er wird deshalb, wenn er ein gewiſſenhafter Mann iſt, ſeinen Abſchied nehmen! Thut er das nach einiger Zeit nicht, dann freilich werde ich ihm denſelben geben müſſen!— Sie ſehen, Köckeritz, ich rede offen und ohne Rückhalt mit Ihnen, wie zu einem wahren Freunde, und betrachte Sie ſchon als meinen Rathgeber. Sagen Sie mir jetzt, welches die Männer ſind, von denen Sie reden wollten, und die nach Ihrer Meinung tüchtig und bewährt ſind? Das Antlitz des Herrn von Köckeritz nahm einen verlegenen und ängſtlichen Ausdruck an, aber der König wartete auf ſeine Antwort. Er durfte daher nicht länger ſchweigen. Nun denn, Majeſtät, ſagte er ein wenig beklommen, ich dachte an den Miniſter des Auswärtigen, Herrn von Haugwitz, der, wie ich glaube, ein ebenſo redlicher Mann iſt, wie ſein erſter Rath, der Herr Lombard, ein talentvoller und genialer Geſchäftsmann iſt. Der König nickte lebhaft mit dem Haupt. Ich bin ganz Ihrer Meinung, ſagte er, der Miniſter von Haugwitz iſt nicht bloß ein red licher Mann, ſondern auch ein feiner Kopf, ein gewandter Diplomat und ein gewiegter Staatsmann. Ich bedarf ſeiner Erfahrungen und *) Des Königs eigene Worte. Siehe: Zwanzig Jahre preußiſcher Ge⸗ ſchichte von Meyzel. S. 534. 2 2 11 Kenntniſſe, und da ich ihn außerdem für einen guten Patrioten halte, möge er bleiben, was er iſt, Miniſter des Auswärtigen! Ein Blitz der Freude leuchtete in den Augen des Herrn von Köckeritz auf, aber er ſchlug ſie raſch nieder, um nicht von dem König errathen zu werden. Was den Lombard anbetrifft, fuhr der König fort, ſo haben Sie auch darin Recht, er iſt ein talentvoller und genialer Mann, nur von gar laxen und jacobiniſtiſchen Grundſätzen. Das franzöſiſche Blut regt ſich in ihm mit allerlei demokratiſchen Gelüſten. Ich wünſche, daß er dieſe unterdrücke, und werde ihm dabei behilflich ſein, wenn er ſich bewährt. Seine Stellung iſt zu hoch und zu bedeutend, um es mir nicht wünſchenswerth erſcheinen Ju laſſen, ihn auch äußerlich in den hergebrachten Formen auftreten zu ſehen und ihn jeder Ausnahme⸗ ſtellung zu entheben. Er ſoll darauf antragen, in den Adelsſtand erhoben zu werden, ich werde es ihm gewähren! Sagen Sie ihm das! Herr von Köckeritz verneigte ſich ſchweigend. Haben Sie noch Jemand, den Sie mir empfehlen möchten? fragte der König mit einem forſchenden Blick. Majeſtät, ſagte Köckeritz, ich weiß Niemand weiter! Aber ich bin überzeugt, daß Ew. Majeſtät allemal die rechte Wahl und den rechten Mann treffen werden. Auch bei mir, hoffe ich, haben Ew. Majeſtät das gethan, denn wenn es darauf ankommt, einen treuen und ergebe⸗ nen Diener in Ihrer Nähe zu haben, der auf der Welt nichts ſo hoch ſchätzt, nichts ſo innig liebt, nichts ſo verehrt, als ſeinen jungen König, ſo bin ich der rechte Mann, und tein Anderer darf mit mir rivaliſiren. Und wenn es ferner darauf ankommt, ſtets und zu allen Zeiten vor Ew. Majeſtät die Wahrheit zu ſagen, ſo bin ich abermals der rechte Mann, denn ich haſſe die Lüge, und wie ſollte ich ſie alſo jemals Eurer Majeſtät geben wollen, da ich Ew. Majeſtät liebe! Ich glaube Ihnen, ich glaube Ihnen, rief der König, dem Obriſt⸗ Lieutenant ſeine Hand darreichend. Sie lieben mich und ſind ein recht⸗ licher Mann, von Ihnen alſo werde ich immer die Wahrheit erfahren. Sie ſollen mir aber auch die öffentliche Meinung, die man über mich degierung hegt, erforſchen, die Urtheile, die man darüber 41 1 zno nono 8 und meine neue Alles gel ßen mit gute Gele ſchäfti Rnoſſen g ßen Gey wire die Partien daun Fro ſeine Ra leicht in Rheinfe Ich wah rhaft 118 ten halte, fällt, prüfen, und wenn ſie Ihnen richtig zu ſein ſcheinen, ſo ſprechen eSie darüber mit ſolchen Perſonen, von denen Sie glauben, daß ſie Herrn von unparteiiſch reden werden und die Sachen zu beurtheilen im Stande König ſind. Wenn Sie auf dieſe Weiſe die öffentliche Meinung ausgeforſcht und die Dinge erprobt haben, ſo erwarte ich von Ihnen, daß Sie mir haben Sie Alles gelegentlich vorhalten und mir Ihre Meinung feſt und rückhalt⸗ n, nut von los ſagen. Ich werde gewiß nie die gute Abſicht verkennen, vielmehr ſiſce Blut bemüht ſein, davon Gebrauch zu machen.*) Und jetzt gleich will ich ch wünſche, Sie einmal auf die Probe ſtellen! Was denken Sie von dem Con⸗ wenn et greß, der jetzt ſeit einigen Wochen in Raſtatt zuſammengetreten iſt 4 r und auf welchem das deutſche Reich um den Frieden mit Frankreich li in unterhandeln ſoll. Msnhn⸗ Majeſtät, ich denke, daß ſ Alle gut ſein Wr F Pelsſund wit Frankreich zu haben, rief Herr von Köckeritz lebhaft. Wenn Preu⸗ 1 ßen mit Frankreich ſich entzweite, würde das für Oeſterreich nur eine ije ihm dasl 1e h ub t cn—. 6 gute Gelegenheit ſein, während der Zeit daß Preußen anderweitig be⸗ **„„* ſchäftigt wäre, ſeine alten Gelüſte auf Baiern endlich zur Ausführung zu bringen, und damit Preußen ihm gewiß nicht dabei hinderlich ſein könnte, würde Oeſterreich, das ſchon jetzt einen ſo günſtigen Frieden“ Abet mit Frankreich in Campo Formio abgeſchloſſen hat, ſich zum Bundes⸗ den rechlen genoſſen Frankreichs machen, um ſeiner alten Feindſchaft gegen Preu⸗ ßen Genüge zu thun. Ein Krieg zwiſchen Oeſterreich und Preußen und u⸗ wäre die unausbleibliche Folge davon, ganz Deutſchland würde ſich in s ſo hoh Parteien für und wider uns auflöſen, und dieſer Zuſtand würde als⸗ 3 dann Frankreich Gelegenheit, Zeit und Vorwand geben, auch ſeinerſeits ſeine Raubgelüſte auf Deutſchland auszuüben und, während wir viel⸗ leicht in Schleſien und Baiern mit Oeſterreich kämpfen, unſer linkes Rheinufer zu erbeuten. Ich bin ganz Ihrer Meinung, rief der König, das freut mich wahrhaft, mich in vollkommener Uebereinſtimmung mit Ihnen zu finden. den L riſt⸗ Herr von Köckeritz wußte das freilich ſehr genau, denn Alles, was nd ein: chr er ſo eben geſagt, war nur eine Wiederholung deſſen, was ihm der ei*) Des Königs eigene Worte. Siehe: Schreiben des Königs an den Obriſt⸗ U ——— 114 König als Kronprinz oft in ſeinen vertraulichen Unterredungen geſagt hatte. Aber er hütete ſich wohl, den König daran zu erinnern, und t einem dankbaren Lächeln. ich halte, gleich Ihnen, es für ein Ge⸗ den Frieden mit Frankreich enger anzuſchließen. Nur daß Oeſterreich ſeine Ver⸗ Nur Oeſterreich, nicht aber verneigte ſich nur mi Ja, fuhr der König fort, bot der Klugheit und des Vortheils, uns zu erhalten und uns dieſer Macht immer dadurch allein kö größerungspläne zur Frankreich iſt uns gefährlich; letzteres nnen wir es verhindern, Ausführung bringe. iſt unſer natürlicher Bundesge⸗ es unſer natürlicher Widerſacher. Jeder Schritt, den Oeſter⸗ ut, drängt Preußen um einen Schritt den nach Italien eine Nord⸗ und Der Friede von noſſe, erſter reich in Deutſchland vorwärts th Möge es immerhin ſeine Grenzen gegen Sü aber nie werde ich es zugeben, daß es ſ Weſtgrenzen nach Deutſchland weiter hinein ſchiebe. Campo Formio hat Venedig den Oeſterreichern eingebracht, aber Baiern darf es demſelben nicht verdanken. Darauf zu wirken, daß Frankreich dies nicht gewährt, das iſt die Aufgabe Preußens, und deshalb müſſen wir uns immer enger mit Frankreich befreunden und verbinden. Das, iſt meine Anſicht von der Politik, die wir in Frieden nach außen, Frieden nach keine raſchen Neue⸗ zurück. hin erweitern, mein lieber Köckeritz, nächſter Zeit zu verfolgen haben. Rütteln und Umſtoßen, Aus dem Beſtehenden muß d ſen, dann allein kann man gewiß innen! Kein gewaltſames rungen und Umgeſtaltungen. eigener, ſelbſtſtändiger Kraft aufwac ſein, daß es Wurzel gefaßt hat. ſchöpferiſcher Reformator vorangehen, aber ich werd as Neue in Ich werde der Welt nicht als ein ich werde nicht eine neue eſtets bemüht ſein, die Reformen anzunehmen, die ſich bewährt haben, und allmälig Das zum Guten und Nützlichen umzugeſtalten, was jetzt vielleicht noch ſchlecht und man⸗ gelhaft iſt. Und in allen dieſen Dingen ſollen Sie mir rathend, hel⸗ fend und fördernd zur Seite ſtehen, mein lieber Köckeritz. Verſprechen Sie mir das, daß Sie es wollen? Er ſah dem Obriſt⸗Lieutenant t Ord⸗ D nung der Dinge ſchaffen, ₰ veichte ihm ſeine Hand dar. ————..— .—— jef und ernſt in's Angeſicht und J ſeine Har Gl troffen hi Meinerſ und Er Lauhenß ſelben ſ mit imn D Zimmer waren e bles wu die Sp; ſe Spie ſen ge — Ich verſpreche es Ew. Majeſtät, rief Herr von Köckeritz feierlich, nern, und ſeine Hand in die des Königs legend. Gut denn, ſagte der König, mit dieſem Handſchlag nehme ich Sie rein Ge in Eid und Pflicht, und bin überzeugt, daß ich eine gute Wahl ge⸗ Frantreich troffen habe! Bleiben Sie, was Sie ſind, ein offener, redlicher Mann! ſen. Nur Meinerſeits haben Sie Sich alsdann der vollkommenſten Dankbarkeit ſeine Ver⸗ und Erkenntlichkeit zu verſichern, aber andrerſeits müſſen Sie bedenken, nicht aber daß Sie mich nicht allein perſönlich verbinden, ſondern, daß ich Sie Bundesge⸗ im Namen des Staats auffordere, wirkſam für dieſen en Oeſter⸗ zu ſein. Dereinſt aber Sie die ſüße Ueberzeugung und Be⸗ en Schritt ruhigung gewinnen, daß Sie nicht wenig zum Wohl und Beſten des Rtalien Ganzen mitgewirkt und dadurch den Dank jedes wohldenkenden Pa⸗ n und trioten verdient haben. Für einen Mann von wahrer Ehre und Am Friede vn bition, für einen Mann, wie Sie, kann es wohl keine ſüßere Beloh ber Baiem nung geben!*)* Frantreich pmüſſen di wir in IV. Triedrich Gentz. Es war noch früh am Tage, die Vorhänge aller Fenſter in der Taubenſtraße waren noch feſt verſchloſſen, nur in Einem Hauſe regte ſich ſchon das friſche, frohe Leben des Te ages, und vor der Thür deſ. geſrun ſelben ſtand ſchon ein Reiſew wagen, den der aus⸗ und eingehende Diener M Guten mit immer neuen Koffern, Kiſten und Paketen belud. Auch in den an Zimmern des erſten Stockes ging es lebhaft und bewe gt zu, auch hier 3 waren eifrige Hände beſchäftigt, zu räumen und zu packen; die Meu bles wurden mit Stroh umwickelt und in leinene Bez züge eingenäht, he die Spiegel und Schildereien von den 5 genommen und in Holz⸗ kiſten gelegt, die Vorhänge der Fenſter wurden gelöſt, und Alles ver *) Des Königs eigene Worte Siehe: Schreiben des Königs 2c 8* 116 rieth, daß man hier nicht bloß eine Reiſe, ſondern einen Auszug, ein Aufgeben gewohnter Lebensverhältniſſe beabſichtige. So war es auch, und während es in den Vorzimmern und drau⸗ ßen bei dem Reiſewagen munter und lebhaft zuging, verweilten dieje⸗ nigen, um deren willen all dieſer Lärmen, dieſe Unruhe entſtanden, in trüber, ernſter Abſchiedsſtimmung in ihrem Wohnzimmer. Es war eine junge Fran von kaum vierundzwanzig und ein Mann von ungefähr ſechsunddreißig Jahren. Sie eine liebliche, zarte Ge⸗ ſtalt mit bleichem, traurigem Angeſicht, er eine derbe, kräftige Er⸗ ſcheinung mit vollem, rundem Geſicht, mit großen, lebensvollen Augen, die ſich jetzt nur bemühten, ernſt und trübe zu blicken, und es doch kaum vermochten; ſie im Reiſe-Coſtüm, er im bequemen, eleganten Hausrock. Beide hatten ſie eine Zeitlang geſchwiegen, und am Fenſter ſte⸗ hend— aber Jeder an einem andern Fenſter— hatten ſie ſtumm dem Aufbau des Reiſewagens zugeſehen. Jetzt wandte ſich die junge Frau mit einem tiefen Seufzer von dem Fenſter ab und näherte ſich dem Manne, der gleichfalls von dem Fenſter zurückgetreten war. Ich glaube, man iſt fertig mit den Koffern, und ich kann jetzt reiſen, Friedrich, ſagte ſie mit leiſer, zitternder Stimme. Er nickte leicht mit dem Haupt und reichte ihr ſeine Hand dar. Und Du zürnſt mir nicht, Julie? fragte er. Sie nahm ſeine Hand nicht an, ſondern ſchaute nur mit einem langſamen, traurigen Blick zu ihm empor. Ich zürne nicht, ſagte ſie, ich bitte Gott, daß er Dir vergebe! Und Du, Julie, vergiebſt auch Du mir? Denn ich weiß, ich habe mich ſchwer an Dir vergangen, habe Dich viele Thränen vergießen machen, Dir zwei Jahre Deines Lebens getrübt, zwei Jahre, welche einen grauen Schatten über Deine ganze Zukunft breiten werden. Als Du zuerſt in dieſes Zimmer trateſt, warſt Du ein junges, un⸗ ſchuldiges Mädchen mit roſigen Wangen und leuchtenden Augen, und heute, wo Du es für immer verläſſeſt, biſt Du eine arme, bleiche Frau, deren Herz geknickt, deren Auge trübe iſt. Eine geſchiedene Frau, das ſagt Alles, flüſterte ſie leiſe. Ich Gewißhei ſchmerzur nach wel und bit annehme Ja in Grn unſerer einer w ton war: Ein jungen leſe, den o, ungeſtim Vorſtellu danken, Dich in da ſe enden A iumh N Voter ſt folgung n und e und nal D V verſ Vu hiel hattſ, dahin we de uszug, ein und drau⸗ ilten dieje⸗ entſtanden, ein Mann zarte Ge⸗ iftige Er⸗ len Augen, d es doch „eleganten Fenſter ſt⸗ ſtumm dem unge Frau te ſich den kann jebt Hand dar⸗ mit einen ſagte ſie 1 1*5 kam hierher mit einem Herzen voll Glück, ich gehe mit einem Herzen voll Unglück! Ich kam mit dem freudigen Vorſatz und mit der feſten Gewißheit, Dich glücklich machen zu wollen, und ich gehe mit dem ſchmerzvollen Bewußtſein, auch Dir das Glück nicht gegeben zu haben, nach welchem ich für mich ſo ſchmerzlich ſuchte. Ach, es iſt ſehr traurig und bitter, dies als das einzige Reſultat von zwei langen Jahren annehmen zu müſſen! Ja wohl, es iſt traurig, ſagte er ſeufzend. Aber wir ſind doch im Grunde Beide ganz unſchuldig daran. Es war ein Mißton in unſerer Ehe, ſchon bevor ſie begonnen, und deshalb konnte es nie zu einer wirklichen Harmonie kommen. Dieſer Mißton,— nun ja, in dieſer Stunde darf ich Dir auch dies noch bekennen,— dieſer Miß⸗ ton war:— daß ich Dich nie geliebt habe! Ein ſchmerzliches Zucken zeigte ſich um die bleichen Lippen der jungen Frau. Dann warſt Du alſo ein großer Heuchler, ſagte ſie leiſe, denn Deine Worte, Deine Schwüre ließen mich das nicht ahnen. Ja, ich war ein Heuchler, ein Erbärmlicher, ein Feigling! rief er ungeſtim. Man beſtürmte mich mit Ermahnungen, mit Bitten, mit Vorſtellungen. Man wußte mir ſo klug zu ſchmeicheln mit dem Ge⸗ danken, daß Du, die ſchöne, die reiche und umworbene Julie Gilly, Dich in mich, den armen, unbekannten Friedrich Gentz, den unbe⸗ deutenden Kriegsrath, verliebt hätteſt, man verſtand es, mir den Triumph auszumalen, wenn ich zum Aerger aller Deiner Freier Dich heimführte! Mich berauſchen Schmeicheleien, und ein Erfolg und Triumph über Andere entzückt mich wie eine Opiumsphantaſie. Mein Vater ſprach von meinen Schulden, meine Gläubiger drohten mit Ver⸗ folgungen und Einſteckungen— Und ſo, unterbrach ſie ihn, ſo opferteſt Du mich Deiner Eitelkeit und Deinen Schulden, logſt mir eine Liebe, die Du nicht empfandeſt, und nahmſt meine Hand an. Mein Vater bezahlte Deine Schulden, Du verſprachſt ihm, mir und Dir ſelber, keine neuen zu machen, aber Du hielteſt nicht Wort. Statt, daß Du bisher Hunderte vergeudet hatteſt, vergendeteſt Du jetzt Tauſende, bis mein mütterliches Erbtheil dahin war, bis mein Vater ſich im Zorn von uns wandte und ſchwur, 118 uns niemals wieder zu ſehen. Die Gläubiger, die Schulden, die Ver⸗ legenheiten kamen wieder, und da ich nicht mehr Geld hatte, um zu zahlen, warſt Du mir keine Rückſichten mehr ſchuldig, hatteſt Du Dich nicht mehr zu erinnern, daß ich Deine Frau ſei. Du hatteſt Lieb⸗ ſchaften, ich wußte es und ſchwieg, es kamen Liebesbriefe an Dich, nicht von einer Beſtimmten, welche Du liebteſt, ſondern bald von Dieſer, bald von Jener, ich wußte es und ſchwieg. Aber als Du endlich die ganze Stadt zum Zeugen Deiner Leidenſchaft für eine Schauſpielerin machteſt, als ganz Berlin ſich lachend von dieſer Leidenſchaft erzählte und von den Thorheiten, die ſie Dich begehen ließ, da durfte und konnte ich nicht mehr ſchweigen, da forderte meine beleidigte Frauenehre, daß ich eine Scheidung begehrte. Und Jedermann muß anerkennen, hätte Dir als Freund nicht anders rathen können, ich und kann ich mich nie! Ich bin einmal nicht dazu geſchaffen, ein ſtilles, gemüthliches Familienleben zu führen. Der Geruch einer Häus⸗ lichkeit widert mich an, das Gefühl der Gebundenheit macht mich auf⸗ bäumen, wie ein edles Roß, dem zum erſten Mal Zügel und Zaum Ich kann keine Feſſeln tragen, Julie, ſelbſt nicht daß Du Recht thateſt, ich ſelber denn ändern werde angelegt werden. die eines guten, gefühlvollen Weibes, wie Du es biſt. Du kannſt keine Feſſeln tragen und liegſt doch immer in Feſſeln, in den Feſſeln Deiner Schulden, Deiner Liebſchaften Oh, höre mich, beachte nur dies Eine Mal Sterbenden, denn wir werden uns ſagte ſie bitter, und Deines Leichtſinns. meine Worte, ſie ſind wie die einer niemals wiederſehen! Denke, es ſei eine Mutter, welche zu Dir ſpricht, eine Mutter, welche Dich liebt. Denn ich will es Dir geſte⸗ hen, ich liebe Dich noch immer, Gentz, mein Herz kann ſich immer noch nicht losreißen, und auch jetzt, wo ich Dich aufgeben muß, fühle ich doch noch, daß ich an Dich gefeſſelt bleibe für ewig und immerdar. Oh, die wahre Liebe iſt ſo ſtark im Hoffen, und deshalb blieb ich in Deinem Hauſe, obwohl mein Vater ſchon für mich auf Scheidung an⸗ getragen. Ich hoffte noch immer, daß Dein Herz zu mir zurückkehren würde,— ach, ich ahnte ja nicht, daß Du mich niemals geliebt hatteſt, ſo hoffte ich vergeblich und muß jetzt gehen, denn heute wird un⸗ gnügung eilen ſch große, d gungen und — aß alſo, wei 6 Dein Oh — ihr mch immer Rollen und fuh liſe:i ſere Scheidung proclamirt, und die Ehre verbietet mir, noch länger um zu hier zu bleiben! Aber jetzt, da ich gehe, jetzt höre noch einmal die Dich mahnende Stimme einer Freundin: Friedrich Gentz, kehre um! tLieb⸗ Gehe nicht weiter auf dieſem ſchlüpfrigen Pfade des Le ichtſinns und Dich, der Wolluſt. Rufe Dich ſelber zurück aus dieſem Strudel der Ver⸗ Dieſer, gnügungen und der eitlen Freuden. Gott hat Dir einen edlen— lich die einen ſcharfen Verſtand gegeben, gebrauche Deine Kräfte. Werde de pielerin große, der berühmte Mann, der Du zu ſein berufen biſt! Siehe, 5 erzible glaube an Dich, und obwohl Du nur den Zerſtreuungen, den Vergnü⸗ te und gungen zu leben ſcheinſt, ſo weiß ich doch, daß Du zu Großem berufen biſt und daß Du Großes vollbringen kannſt, wenn Du nur willſt! Wolle alſo, reiße Dich los aus dieſem Strudel der Genußſucht. Verſtopfe Dein Ohr gegen das verlockende Lied der Sirenen und horche auf die großen gewaltigen Stimmen, welche in Deiner Bruſt ertönen und Dich auf die Bahnen des Ruhmes und des Ehrgeizes rufen. Folge ihnen, Friedrich Gentz, werde ein Mann, treibe nicht umher auf ſchutzloſem Kahn, beſteige ein ſtolzes, hoch bewimpeltes Schiff, faſſe nach dem 4 gun Ruder und führe es hinaus auf den Ocean. Du biſt der Mann dazu, ſniht es zu lenken, und der Ocean wird Dir gehorchen, und Du wirſt in den Hafen gelangen, beladen mit Schätzen, mit Ruhm und Ehre! zeſtlu, Wolle nur! Gedenke meiner Worte, und jetzt lebe wohl, Friedrich Gentz, und damit Du glücklich lebeſt, gedenke niemals meiner! ſchaften Sie wandte raſch um und verließ eiligſt das Gemach. Er ſtand wie an den Boden gewurzelt, er ſchaute mit träumeriſchen Blicken den uns 2. gi ihr nach, und ihre Worte tönten wie ein mächtiges Sturmlied noch ju„* immer in ſeinen Ohren nach. Als aber dann von der— her das ir gelle— Rollen eines abfahrenden Wagens herauf tönte, ſchreckte er zuſammen und fuhr ſich mit der Hand über ſein zuckendes Angeſicht und flüſterte 5 leiſe: ich habe Unrecht an ihr gethan, Gott vergebe es mir! Auf einmal richtete er ſich wieder empor, und jetzt flammte ein Ausdruck ſeliger Freude in ſeinem Antlitz auf. Ich bin frei! rief er 9 laut und mit einem Ausdruck unausſprechlichen Glückes. Ja, ich bin frei! Das Leben, die Welt gehört mir wieder! Alle Frauen ſind teſt, wieder mein, alle Amoretten flattern wieder zu mir her, denn ſie haben 120 nicht mehr nöthig, ſich vor dem ängſtlichen Angeſicht eines vielleicht zu ertappenden Ehemannes, vor den ſpähenden Blicken einer eiferſüchtigen Ehefrau zu verkriechen. Das Leben iſt wieder mein und ich will's genießen, bei Gott, ich will's genießen, wie einen duftigen Wein, den man in goldenem, brillantenfunkelnden Becher an ſeine Lippen drückt! — Ah, wie ſie da hämmern und pochen im Vorzimmer, das ſind die Paukenſchläge meines Freiheitsmarſches! Die Meubles des Eheſtandes fort, und die Bilder, die Spiegel, Alles fort, fort! Es ſoll leer werden von der Vergangenheit in allen dieſen Zimmern, ich will neue Meubles haben, Meubles von Gold und Sammet, große Venetianiſche Spiegel, herrliche Gemälde! Oh, es ſoll ſchön und glänzend bei mir werden, wie bei einem Fürſten, und ganz Berlin ſoll ſich erzählen von dem Glanz und dem Lurus des Kriegsraths Friedrich Gentz! Und wem werde ich dies Alles danken? Nicht der Mitgift einer Frau, ſondern mir, mir allein, meinem Talent und meinem Genie! Oh, darin ſoll ſich wenigſtens dieſe arme Julie nicht getäuſcht haben, Ruhm will ich mir erwerben und Ehre und Herrlichkeit, in ganz Europa ſoll man meinen Namen kennen, in allen Cabinetten ſoll er wiedertönen, alle Miniſter ſollen zu mir ihre Zuflucht nehmen und— horch, was iſt das, unterbrach er ſich auf einmal ſelber, ich glaube wahrhaftig, man zankt ſich da im Vorzimmer! In der That hörte man da von außen heftige Stimmen im leb⸗ haften Streit miteinander; plötzlich ward die Thür aufgeriſſen und ein kräftiger, breitſchultriger Mann mit zorngeröthetem Antlitz erſchien auf der Schwelle. Nun, rief er mit einem rauhen Lachen, ſich an den hinter ihm ſtehenden Livréebedienten wendend, habe ich nun nicht Recht gehabt, zu ſagen, daß der Herr Kriegsrath Gentz zu Hauſe ſei? Er wollt' mich nur nicht melden, weil Sein Herr Ihm befohlen, Beſuche meiner Art nicht anzunehmen. Aber ich will angenommen werden, ich will nicht wie ein Narr im Vorzimmer mich abweiſen laſſen, während der Herr Kriegsrath ganz behaglich auf ſeinem Sopha ſitzt und mich auslacht! Sie ſehen wohl, mein guter Herr Werner, ich ſitze weder auf meinem So dem Zürne von mir wi tiſchen Loch Geld will Jahre ſchu traut, habe geliefert un Sie haben es ſoll nicht bin ich hie und zum l. Und. Male ertli Dann Ihr Gehal Uber ſchifen, d zahlt zu ſ⸗ Lie gte Ger S Stimmen gern bere ich es kan Borg icht zu htigen Frau, Oh, Ruhm pa ſoll ertönen, h, was 10 rhat, meinem Sopha, noch lache ich, ſagte Gentz, indem er ſich langſam dem Zürnenden näherte, und ich bitte Sie, mir zu ſagen, was Sie von mir wünſchen? Was ich von Ihnen wünſche! rief der Angeredete mit einem ſpöt tiſchen Lachen. Herr, Sie wiſſen, was ich von Ihnen will! Mein Geld will ich! Meine fünfhundert Thaler, die S4 mir ſeit einem Jahre ſchulden! Ich habe Ihrem ehrlichen Wort, Ihrem Namen ver⸗ traut, habe Ihnen meine beſten Rheinweine, meinen Champagner geliefert und die ausgezeichnetſten Delicateſſen zu Ihren Gaſtmahlen. Sie haben Ihre Freunde bewirthet, das iſt gut und lobenswerth, aber es ſoll nicht auf meine, ſondern auf Ihre Koſten geſchehen. Und darum bin ich hier und Sie müſſen zahlen, und ich fordere zum hundertſten und zum letzten Male mein Geld! Und wenn ich Ihnen leider zum hundertſten, aber nicht zum letzten Male erkläre, daß ich kein Geld habe? Dann gehe ich ins Kriegsminiſterium und laſſe Arreſt legen auf Ihr Gehalt! Ach, mein Lieber, Sie kommen zu ſpät, rief Gentz lachend. Mein edler Hauswirth iſt Ihnen ſchon zuvorgekommen, er hat mein Gehalt auf ein ganzes Jahr mit Beſchlag belegt, und ich glaube, es reicht noch nicht aus für das, was ich ihm ſchulde! Aber zum Teufel, Herr, ſo müſſen Sie auf andere Weiſe Rath ſchaffen, denn ich ſage Ihnen, ich gehe nicht von hier fort, ohne be zahlt zu ſein. Lieber Herr Werner, ich bitte, ſchreien Sie nicht ſo fürchterlich, ſagte Gentz ängſtlich, ich habe ein ſehr empfindliches Ohr und ſolche Stimmen ängſtigen mich, wie ein Gewitter! Mein Gott, ich bin ja gern bereit, Sie zu bezahlen, geben Sie mir nur ein Mittel an, wie ich es kann! Borgen Sie Sich Geld von Andern und bezahlen Sie mich dami Mein Lieber, das iſt ein Mittel, welches ich ſchon längſt erſchzyft habe. Niemand borgt mir mehr, weder auf Zinſen, noch auf Ehrenwort. Aber zum Teufel, Herr, wovon wollen Sie mich denn bezahlen? Das iſt es ja, was ich eben noch nicht weiß, aber eines Tages werde ich es wiſſen und dies wird ſehr bald ſein. Denn ich ſage ieſe Tage der Erniedrigung und der Schulden Ihnen, mein Herr, d werden für mich aufhören, ich werde eine hohe, eine glänzende Stel lung einnehmen, der junge König wird ſie mir geben und ich— ihn Werner, ſpeiſen Sie mich nicht mit Hoff⸗ V Larifari, unterbrach nungen ab, da ich Sie mit Delicateſſen geſpeiſt und Ihnen meinen Champagner zu trinken gegeben. Mein Lieber, nicht ich allein, ſondern alle meine Freunde mit mir haben Ihre Gaben genoſſen, und jetzt wollen Sie, daß ich allein be⸗ zahle. Das iſt gegen alle Naturgeſetze, gegen alle National⸗Oekonomie! Herr Kriegsrath, wollen Sie mich verhöhnen mit Ihrer National⸗ Oekonomie? Was verſtehen Sie von Oekonomie! Doch, ich verſtehe etwas davon, und meine Schrift über die Finanzverwaltung Englands hat mir Ehre und Ruhm eingetragen. Sie hätten Sich lieber um Ihre eigene Finanzverwaltung beküm⸗ mern ſollen, Herr Kriegsrath. In was für einem Zuſtand die aber iſt, das weiß ganz Berlin. Und doch gab es immer noch edle Menſchen, trauen zu mir hegten und mir glaubten, daß ich bezahlen würde, wenn Sie gehören zu dieſen edlen Menſchen, Herr Haben Sie alſo die ein edles Ver⸗ ich von ihnen borgte. Werner, und ich werde Ihnen das nie vergeſſen. nur noch ein klein wenig Geduld und ich werde Sie bezahlen und Ihnen auch noch die Zinſen berechnen! Ich kann keine Geduld mehr haben, Herr Kriegsrath, ich bin ſelber in der äußerſten Noth und Verlegenheit, habe heute noch große Wechſel zu bezahlen, und wenn ich das nicht kann, bin ich verloren, mit Weib und Kind ruinirt, geſchändet vor allen Leuten, denn ich muß alsdann Banquerott machen und es geſchehen laſſen, daß man mich einen Betrüger, einen Schuft nennt, der Schulden macht, ohne zu wiſſen, wovon er ſie bezahlen kann. Herr, dies dulde ich nicht, und deshalb muß ich mein Geld haben, und deshalb werde ich nicht eher fortgehen, als bis Sie mich bezahlt, auf Heller und Pfennig be⸗ zahlt haben! Dann Valn, Herr, ſich hier n ſcherzhafte aber man Bezahlen é Bezahlen« aus haben erſuchen, ſuchen, un verſprechen daß ich J Wos Was Sio ſaato. Ste ſagten Aber Thaler, u dor der Artill Zunge, ir lnd dieſe 9 vd, iniſter ſe Lye Cpeelle ragel ig beküm⸗ die aber ie alſo hlen und guße erloren, denn ich daß nan it, ohne ich nicht, ch nic icht † fennig he⸗ Dann, mein Lieber, fürchte ich, Sie werden hier bleiben und wie Lot's Weib zur Salzſäule erſtarren! e Herr, ſeien Sie ernſthaft, wenn ich bitten darf, denn es handelt ſich hier nur um ernſthafte Sachen. Fünfhundert Thaler ſind keine ſcherzhafte Kleinigkeit, man kann ſie in wenigen Tagen verſchwenden, aber man kann ſich auch eine Kugel darüber durch den Kopf jagen. Bezahlen Sie mich, ich will bezahlt ſein, ich muß mein Geld haben! Herr Gott, ſchreien Sie nicht ſo fürchterlich, ich ſagte Ihnen ſchon, ich kann das Schreien nicht aushalten! Ich ſehe ja ein, daß fünfhundert Thaler eine ernſthafte Sache ſind, und daß Sie ſie durch⸗ aus haben müſſen. Ich will mich atch bemühen, ich as Aeußerſte verſuchen, nur ſeien Sie ruhig. Ich verſpreche Ihnen, Alles zu ver⸗ ſuchen, um Ihnen zu Geld zu verhelfen, dafür abbhy müſſen Sie mir verſprechen, ruhig und friedlich nach Hauſe zu gehen ünd zu erwarten, daß ich Ihnen Ihr Geld bringe. U wollen Sie thun? Wie wollen Sie Sich Geld verſchaffen? Sie ſagten ja, daß Niemand Ihnen mehr borgt! Aber vielleicht ſchenkt mir Jemand die armſeligen fünfhundert Thaler, und das ſcheint mir, iſt eben ſo viel werth. Oh, Sie wollen mich zum Narren, machen! Nicht doch! Seien Sie ſtille und laſſen Sie mich einen Brief ſchreiben, ich werde Sie nachher die Aufſchrift leſen laſſen, damit Sie ſehen, von wem ic Hülfe erwarte! Er trat eilig zum Schreibtiſch, ſchrieb raſch einige Zeilen und ſteckte das Papier in ein großes Couvert, das er alsdann ſiegelte und adreſſirte. Leſen Sie die Adreſſe, ſagte er, Herrn Werner den Brief hinhaltend. An Se. Excellenz, den Herrn Grafen und Finanzminiſter General der Artillerie von las Werner mit ſtockender Zunge, indem er ſeine ſtaunenden, fragenden Blicke auf Gentz richtete. Und dieſen Mann bitten Sie um Geld, Herr Kriegsrath? Ja, d ieſen bitte ich, und Sie müſſen geſtehen, daß ein Finanz⸗ miniſter ſehr geeignet dazu iſt, ihn um Geld zu bitten. Ich habe Sr. Excellenz geſchrieben, daß ich heute in großer Verlegenheit bin um „ 124 fünfhundert Thaler und ihn bitte, mir aus der Noth zu helfen. Ich habe ihn gebeten, mir heute im Laufe des Vormittags eine Stunde zu beſtimmen, in der ich zu ihm kommen und mir das Geld abholen kann. Und Sie glauben wahrhaftig, daß er Ihnen das Geld geben wird, Herr Kriegsrath? Mein Lieber, ich bin davon überzeugt, und damit auch Sie über⸗ zeugt werden, mache ich Ihnen einen Vorſchlag. Begleiten Sie mei⸗ nen Diener zum Hauſe des Miniſters, tragen Sie ſelber meinen Brief hinein und laſſen Sie Sich die Antwort geben, dann ſagen Sie die⸗ ſelbe meinem Bedienten, gehen getröſtet nach Hauſe und warten allda, bis ich Ihnen Ihr Geld bringe! Und wenn Sie nun nicht kommen? fragte Werner kleinlaut. Dann bleibt Ihnen noch immer das letzte Mittel übrig, ſich eine Kugel durch den Kopf zu jagen! Gehen Sie, mein Lieber! Johann! Johann! Der Diener öffnete mit einer Schnelligkeit, welche bewies, daß ſein Ohr vielleicht dem Schlüſſelloch nicht ſehr fern geweſen, die Thür. Johann, ſagte Gentz, begleite den Herrn bis zum Hötel des Miniſters Schulenburg-Kehnert und warte draußen auf den Beſcheid, den er Dir zurückbringen wird. Und jetzt, Herr Werner, leben Sie wohl, Sie ſehen, ich habe gethan, was ich kann, und ich hoffe, Sie werden ſich deſſen in Zukunft erinnern und nicht ſolchen Lärm machen um einiger elenden hundert Thaler willen. Mein Gott, wenn ich Nie⸗ manden mehr ſchuldig wäre, als Ihnen, ſo könnten meine Gläubiger ſich glücklich ſchätzen! Die armen Gläubiger, ſeufzte Herr Werner, indem er Gentz zum Abſchied begrüßte, und mit dem Bedienten, den Brief wie eine Sie⸗ gestrophäe in der Hand haltend, hinaus ging. bin mehr! ſich blähen Untergeord weit emiet zu hundew dern ich„ dieſen ſog Ich bedar llopft es wenn es bige iſt fortgeſchic Weite ſtand dio Lfai, de veineigte. Se. den Herr Gent winkte tintrat. da Mn, Die Audienz beim Tinanzminiſter. Nun, ich bin in der That begierig, ob mir der Miniſter das Geld giebt, ſagte Gentz leiſe vor ſich hin, das wird mir ein Zeichen ſein, ob mein Brief, den ich geſtern Menken für den König gegeben habe, gut aufgenommen iſt, und ob ich endlich auf Beförderung und Ehren hoffen kann! Mein Gott, ich verſchmachte ja auf dieſer untergeord⸗ neten, elenden Stellung! Ich bin zu Höherem und Größerem berufen, bin mehr werth, als alle dieſe Generäle, Miniſter und Geſandte, die ſich blähen und groß dünken und ſich unterſtehen, auf mich als einen Untergeordneten herabſehen zu wollen! Ah, ich werde mich nicht ſo weit erniedrigen, vor dieſem vornehmen Lumpengeſindel zu kriechen und zu hundewedeln, ich will nicht von ihnen emporgehoben werden, ſon⸗ dern ich will ihnen gleich ſein, den Erſten und Größten von allen dieſen ſogenannten Staatslenkern fühle ich mich ebenbürtig, und nicht Ich bedarf ihrer, ſondern ſie bedürfen Meiner! Ah, mein Gott, da klopft es ſchon wieder, und Johann iſt nicht zu Hauſe! Mein Gott, wenn es nun wieder einer dieſer ſchreienden, S Gläu⸗ biger iſt! All dieſe Unruhe verdank' ich Julien! Weil ihre Sachen fortgeſchickt werden, ſind alle Thüren offen, und Jedermann kann ohne Weiteres zu mir gelangen! Ja doch, ja! Ich mache ſchon auf! Er eilte zur Thür und ſchob den Riegel zurück. Draußen indeß ſtand dies Mal nicht einer ſeiner Gläubiger, ſondern ein königlicher Lakai, der ſich tief und ehrfurchtsvoll vor dem Herrn Kriegsrath verne igte St Königliche Hoheit der Prinz Louis Ferdinand, ſagte er, läßt Herrn Kriegsrath morgen Mittag zur Tafel einladen! Gentz nickte gravitätiſch. Ich werde kommen! ſagte er kurz und winkte dann lebhaft ſeinem Diener zu, der eben in das andere Zimmer den eintrat. Nun, Johann, was für Botſchaft bringſt D u mir? 126 Se. Excellenz läßt den Herrn Kriegsrath erſuchen, Sich in einer Stunde zu ihm zu bemühen! Es iſt gut, ſagte Gentz, und ein Ausdruck innerer Befriedigung flog über ſein Antlitz hin. Er ſchloß die Thür und trat wieder in ſein Arbeitszimmer zurück, in welchem er, die Hände auf dem Rücken gefaltet, mit großen Schritten auf⸗ und abzugehen begann. In einer Stunde will er mich empfangen, ſagte er vor ſich hin, das beweiſt mir alſo, daß der König meinen Brief gut aufgenommen hat, und daß ich endlich im Begriff bin, meine Carriére zu machen! Ah, nun iſt mein Kopf leicht und mein Herz frei, nun will ich ar⸗ beiten. Er ſetzte ſich an ſeinen Schreibtiſch und begann eifrig zu ſchreiben. Seine Züge nahmen einen ernſten Ausdruck an, und edle, ſtolze Ge⸗ danken leuchteten von ſeiner hohen Stirn.— So ganz war er vertieft in ſeine Arbeit, daß er die Audienz bei dem Miniſter ganz vergeſſen hatte, und ſein Diener kommen mußte, ihn zu mahnen, daß die feſtge⸗ ſetzte Stunde gekommen ſei. Ah, ſich in ſeiner Arbeit ſtören zu müſſen um ſolcher Lappalie willen! ſeufzte Gentz, indem er unwillig die Feder fortlegte und auf⸗ ſtand. Nun denn, wenn es ſein muß, gieb her den Frack, Johann, ich will zu der Excellenz gehen! Eine Viertelſtunde ſpäter trat der Kriegsrath Friedrich Gentz in das Antichambre des Finanzminiſters von Schulenburg⸗Kehnert. Melden Sie mich Sr. Excellenz, ich werde erwartet! befahl er mit ſtolzem Kopfneigen dem Kammerdiener und folgte dem raſch durch das Vorzimmer Eilenden bis zur Thür des miniſteriellen Kabinets. Erlauben Sie, daß ich Sie Sr. Excellenz melde, ſagte der Kammer⸗ diener, und ſchlüpfte hinter die Portiére. Aber nach einigen Minuten ſchon kehrte er zurück. Se. Excellenz laſſen den Herrn Kriegsrath bitten, ein wenig zu warten! Er hat nur noch einige Depeſchen abzufertigen, wird aber ſehr bald die Ehre haben, den Herrn Kriegsrath in ſein Kabinet zu bitten! Gut, ich werde warten! ſagte Gentz mit einem leiſen Stirn⸗ runzeln, un in einer Re Die herrlic Bibliothek Und achten ſolc ſagte eten diener noch gehört. Nortpi —El K S n Se. Eyeel Se. Crcell nehr ſehr Einband cellen; au werde, da welche hie haben. Man fragte Ge S er ſtichn bommen wagen, und auf⸗ hl er mit dm ch da as runzeln, und er näherte ſich den Büchern, die in prächtigen Einbänden in einer Reihe vergoldeter Schränke an den Wänden aufgeſtellt waren. Die herrlichſten, koſtbarſten Werke der älteſten und neueſten Literatur, die ſeltenſten Ausgaben, die prächtigſten Kupferwerke waren in dieſer Bibliothek vereinigt und Gentz ſah das mit innerm Grimm. Und das Alles können dieſe Menſchen haben, haben ſie achten ſolche Schätze ſo gering, daß ſie ſie im Vorzimmer aufſteller ſagte er mürriſch vor ſich hin, ganz vergeſſend, daß der Kammer⸗ diener noch da war und ihn hören konnte. Auch hatte er ihn wirklich und gehört. Verzeihen Sie, Herr Kriegsrath, ſagte er, ſich Gentz nähernd, Se. Excellenz achten dieſe Schätze nicht gering, ſondern halten ſie viel mehr ſehr hoch und freuen ſich jedes Mal, wenn ein ſo prächtiger Einband vom Buchbinder abgeliefert wird. Deswegen haben Se. Ex cellenz auch befohlen, daß die Bibliothek hier im Vorſaal aufgeſtellt werde, damit auch Andere ſich derſelben freuen, und damit die Herren, welche hier ein wenig warten, doch auch⸗Zerſtreuung und Unterhaltung haben. Man darf alſo dieſe Bücher herausnehmen und darin leſen? fragte Gentz. Der Kammerdiener machte ein verlegenes Geſicht. Das, ſagte er ſchüchtern, das glaube ich, würden Se. Excellenz nicht ſehr gern ſehen, denn wie der Herr ſehen, ſind alle dieſe ſchönen B mit Goldſchnät verſehen, und der Goldſchnitt leidet gar ſehr, wenn die ſe Bücher geleſen werden. Bücher es Aufſchlagen der Bücher ſchon läßt eine Spur zurück. Und der Goldſchnitt auf dieſer Reihe der Bücher hier iſt wie neu und vollkommen unverletzt, ſagte Gentz ernſthaft. Sie ſtehen alle auch noch ſo da, wie ſie vom Buchbinder ge— kommen ſind, rief der Kammerdiener feierlich, Niemand würde es wagen, ſie zu aediren! Auch der Herr Miniſter lieſt nicht darih? Behüte der Himmel! Se. z liebt die Bücher, aber er hat nicht Zeit, viel zu leſen. So oft Excellenz hier durch das Vor⸗ 128 zimmer kommt, bleibt er vor ſeinen Bücherſchränken ſtehen und be⸗ trachtet ſie ſich und wiſcht oft mit eigenen Händen den Staub von dem Goldſchnitt fort. Wahrlich, das macht einem Finanzminiſter viel Ehre, ſagte Gentz emphatiſch, es iſt immer tröſtlich, wenn ein Finanzminiſter den Staub vom Gold abwiſcht! Ich wäre ſehr glücklich, wenn Se. Excellenz das auch für mich recht oft thun wollte! Aber finden Sie nicht, mein Lieber, daß Se. Excellenz recht lange Zeit zu ihren Depeſchen brauchen? Es iſt faſt ſchon eine halbe Stunde verfloſſen, daß ich warte. Se. Excellenz werden gewiß gleich klingeln! Klingeln? fragte Gentz erſchrocken. Nach wem? Nun nach mir, um mich zu beauftragen, daß ich den Herrn Kriegs⸗ rath einführen ſoll! Ah, nach Ihnen! ſagte Gentz aufathmend, indem er ſich wieder den Büchern zuwandte, um wenigſtens mit dem Leſen der Titel die Zeit hinzubringen, da er nicht wagen durfte, eins dieſer prächtigen Bücher aus ſeiner Reihe zu nehmen und aufzuſchlagen. So verſtrich die Zeit, Gentz ging an den Schränken auf und ab, ſtudirte die Büchertitel und wartete; der Kammerdiener hatte ſich in das letzte Fenſter zurückgezogen und wartete auch. Die große Wanduhr begann jetzt langſam und feierlich zu ſchlagen und verkündete damit, daß der Herr Kriegsrath Gentz ſchon eine volle Stunde im Vorzimmer des Finanzminiſters wartete. Un Se. Excellenz ſchellte noch immer nicht. Jetzt wandte ſich Gentz mit finſterm Angeſicht zu dem Kammer⸗ diener hin. Ich bin überzeugt, daß der Herr Miniſter ganz vergeſſen haben, daß ich hier im Vorzimmer ſtehe, ſagte er ingrimmig. Die Depeſchen ſcheinen ſich ſehr in die Länge zu ziehen, ich warte ſchon eine Stunde. Ich muß Sie daher bitten, dem Herrn Miniſter ſagen zu laſſen, daß ich nicht länger warten kann, denn auch ich habe viel⸗ fache Geſchäfte und muß in mein Studirzimmer zurückkehren! Sagen Sie das Sr. Excellenz. Aber ich darf doch Se. Excellenz nicht ſtören, ohne daß es klingelt? fragte der Kammerdiener ängſtlich. ( ie wen er Gentz ene Der antwortu tiere ſch Licheln u Se. linger w daß Sie Hern K 0 ich hie Er Kammer Gen einen B Stein g daher vt hülflich, Jung ſei ifnen. M lautes 1 raſch d ladend einer h ſeine He Fechtha Knpſp Die heftiger von dem ellenz das ein Lieber, hen? Es el die Zeit n Büchet f und ab, te ſich in ſchlagen eine volle Frcellenz Hammel⸗ ergeſſen rte ſchon Sie müſſen ſo gut ſein, ihn zu ſtören und ihm zu ſagen, daß, wenn er mich nicht ſogleich annehmen kann, ich fortgehen muß! rief Gentz energiſch. Gehen Sie! Der Kammerdiener ſeufzte tief auf. Nun denn, auf Ihre Ver⸗ antwortung, Herr Kriegsrath, ſagte er leiſe, indem er hinter die Por⸗ tiere ſchlüpfte. Bald darauf kehrte er zurück und ein ſchadenfrohes Lächeln umſpielte ſeine Lippen. Se. Excellenz laſſen bedauern, daß der Herr Kriegsrath nicht länger warten können, ſagte er, da Excellenz leider ſo beſchäftigt ſind, daß Sie ſich micht unterbrechen können. Excellenz bitten daher den Herrn Kriegsrath, morgen um dieſelbe Stunde wiederkommen zu wollen! Se. Excellenz ſchicken mich fort, ohne mich anzunehmen, nachdem ich hier eine Stunde gewartet habe? fragte Gentz ungläubig. Excellenz ſind überhäuft mit unerwarteten Arbeiten, ſagte der Kammerdiener achſelzuckend. Excellenz laſſen daher auf morgen bitten! Gentz ſchleuderte auf den Kammerdiener einen Blick, der ihn einem Blitzſtrahl gleich hätte zerſchmettern müſſen, wenn er nicht von Stein geweſen wäre. Aber er war von Stein und der Blitz prallte daher von ihm ab. Er war dem Herrn Kriegsrath lächelnd be⸗ hülflich, ſeinen Mantel umzulegen, gab ihm mit einer tiefen Verbeu⸗ gung ſeinen Hut und flog dann vor ihm her, um ihm die Thür zu öffnen. In dieſem Augenblick ließ ſich aus dem Cabinet des Miniſters lautes und heftiges Klingeln vernehmen. Der Kammerdiener öffnete raſch die Thür, die nach dem Corridor führte und deutete ein⸗ ladend darauf hin. Aber Gentz rührte ſich nicht. Er hatte mit einer haſtigen Bewegung ſich den Hut aufgeſetzt, und zog ſich jetzt ſeine Handſchuhe an mit einem Geſicht und einer Wichtigkeit, als ob es Fechthandſchuhe wären, mit denen er ſich bewaffnen wollte, um auf den Kampfplatz hinaus zu treten. Die Klingel des Herrn Miniſters ließ ſich jetzt noch lauter, noch heftiger vernehmen. Verzeihen Sie, Herr Kriegsrath, rief der Kammerdiener eilig, Mühlbach, Napoleon. I. Bd 9 130 Se. Excellenz ruft mich. Sie haben wohl die Güte, die Thür hinter ſich zuzudrücken. Ich muß zum Herrn Miniſter. Er flog raſch durch das Zimmer zurück und eilte in das Kabinet des Miniſters. Gentz war jetzt mit dem Anziehen ſeiner Handſchuhe fertig und näherte ſich der Thür. Noch einen letzten zornflammenden Blick ließ er durch den Vorſaal ſchweifen, und heftete ihn auf die goldblitzenden Bücher in den Schränken. Ein Ausdruck boshafter Schadenfreude flog plötzlich über ſein Antlitz hin, er trat wieder von der Thür zurück, und eilig das Gemach durchſchreitend, näherte er ſich den Büchern. Ohne viel zu wählen und zu ſuchen, nahm er eines von Goldverzierungen und Goldſchnitt funkelnden Bände das Buch unter ſeinem Mantel, eilte dann aus der Reihe, verbarg haſtig wieder zurück, drückte die Thür hinter ſich zu und verließ mit es Finanz⸗ trotzigem Antlitz und hochgehobenem Haupt das Hötel de der größten, miniſters. Haſtig, weder links noch rechts ſchauend, Niemand beachtend, Nie⸗ lte er durch die Straßen nach ſeiner Wohnung hin. lewagen, halb bepackt mit die ſonſt in ſeinen mand grüßend, ei Vor der Thür ſtanden zwei ungeheure Meub den Divans, Lehnſtühlen, Tiſchen und Spiegeln, Gemächern geſtanden, und die jetzt mit ſeiner Frau ſich von ihm ſcheiden wollten. Die Lente waren noch immer nicht mit dem Her⸗ unterſchaffen der Sachen fertig, und auf ſeinem eigenen Flur mußte er ſtehen bleiben, um erſt den großen ſeidenen Divan vorbei zu laſſen, Das vermehrte noch ſeinen der ſonſt in ſeinem Salon geſtanden. Grimm; mit wüthender Geberde ſprang er die Treppe hinauf und trat in ſeine Wohnung. Alle Thüren waren geöffnet, öde und leer waren jetzt die Räume, durch welche er mit hallendem Schritt dahin ging. Jetzt endlich war er bis zu der Thür ſeines Zimmers gelangt, vor welcher ſein Diener Wache hielt. Gentz winkte ihm ſtumm mit der Hand, ſie zu öffnen, und trat ein. Als aber der Diener ihm folgen wollte, wehrte er ihn haſtig, aber ſtumm zurück, und ſchlug ungeduldig die Thür ihm vor der Naſe zu. Jetzt endlich war er allein, jetzt konnte ihn Niemand mehr ſehen, mehr ber ſeine Br nach die thuung Ha V Ich will traitiren und da Un glänzen Händen Ei zorige Frund 5 und au A Weshall ſchöne, V Finan hinbe vorj die el Furch mehr beobachten, jetzt durfte er dieſen Schrei der Wuth ausſtoßen, der hinter ſeine Bruſt erfüllte und ihn zu jedem Wort unfähig gemacht hätte, und wibinet nach dieſem Schrei konnte er ſeinem Grimm noch eine andere Genug thuung bereiten. Er warf Mantel und Hut auf einen Stuhl, faßte dann das prächtige, goldfunkelnde, mit unberührtem Goldſchnitt gezierte Buch aus der Bibliothek des Miniſters mit beiden Händen und warf es zur Erde. Da lieg, Du Spielzeug eines ſtolzen Miniſters, ſagte er wüthend. Ich will Dich behandeln, wie ich ihn behandeln möchte, will Dich mal⸗ traitiren, wie ich ihn maltraitiren möchte. Da! Nimm das und das und das! Und er ſtieß und ſtampfte mit den Hacken ſeiner Stiefel auf das glänzende Buch, und trat und trampelte darauf umher mit geballten Händen, grimmige Scheltworte ausſtoßend.*) Ein lautes, fröhliches Lachen erſchallte hinter ihm und als er mit zornigem Geſicht ſich umwandte, ſah er in der Thür einen ſeiner Freunde, der ihn mit ſtrahlendem Geſicht betrachtete. Herr von Gualtieri, Sie lachen, und ich bin wüthend, rief Gentz, und auf's Neue ſtampfte er mit den Füßen auf dem Buch umher. Aber weshalb ſind Sie wüthend? fragte Herr von Gualtieri, und weshalb, um Gotteswillen, üben Sie ſolchen Vandalismus gegen dies ſchöne, prächtig gebundene Buch? Weshalb? das will ich Ihnen ſagen. Ich war heute beim Finanzminiſter von Schulenburg-Kehnert; er hatte mich um zehn Uhr hinbeſtellt, und als ich demzufolge kam, ließ er mich eine Stunde im Vorzimmer ſtehen, gleich ſeinen Büchern in den goldenen Einbänden, die er, wie mir ſein Kammerdiener erzählte, niemals aufſchlägt, aus Furcht, den Goldſchnitt zu laediren. angt, vbr Und nachdem Sie eine Stunde gewartet hatten, nahm er Sie an? mit der Nein, nachdem ich eine Stunde gewartet hatte, ließ er mir durch duldi) Gallerie von Bildniſſen aus Rahels Umgang. Herausgegeben von »Varnhagen von Enſe. Th. II. S. 168. 132 ſeinen Kammerdiener ſagen, er habe keine Zeit. Ich ſolle morgen wieder kommen. Pah, er wollte es mit mir machen, wie mit ſeinen Büchern, mich nicht aufſchlagen, mich, der mehr Inhalt, mehr Wiſſen, mehr Geiſt hat, als alle ſeine Bücher zuſammen genommen. Mich ließ er eine Stunde im Vorzimmer ſtehen und dann abweiſen! 6 Und Sie ließen Sich abweiſen? Ich ließ mich abweiſen, ja, aber ich nahm eins ſeiner präch⸗ tigen, mit Goldſchnitt gezierten Bücher mit, um es unter meine Füße zu treten, um es zu mißhandeln, wie ich ihn mißhandeln möchte. So! ſo! es mit Füßen zu treten! Es thut mir wohl, es erleichtert mich! In dieſem Moment kann ich gegen den Menſchen ja nur dieſe elende Rache üben!*) Herr von Gualtieri lachte laut auf. Ach, das iſt ein ganz neues jus gentium, rief er, ein ungeheuer luſtiges jus gentium. Freund, laſſen Sie Sich umarmen, Sie ſind himmliſch! Er ſchritt mit geöffneten Armen auf Gentz zu und drückte ihn zärtlich und lachend an ſein Herz⸗ Gentz fand nicht die Kraft, dieſer Zärtlichkeit und dieſem Lachen zu widerſtehen, er ſtimmte mit ſchnell beſänftigtem Zorn in das Lachen des Freundes ein. Sie finden meine Rache gelungen? fragte er. Wundervoll, es iſt die Rache eines echten Corſen, ſagte Gual⸗ tieri ernſt. Eines Corſen? fragte Gentz zuſammenſchreckend. Das iſt ein ſchlechter Vergleich, Herr! Ich mag nichts gemein haben mit dieſem Corſen, dem Herrn Bonaparte. Ich ſage Ihnen, ich vermuthe Schlimmes von dieſem Mann! Und ich bete ihn an, rief Gualtieri. Es iſt der wiedergeborne Alexander von Macedonien, der Welteroberer, der Weltbezwinger. Er allein hat der Revolution in Frankreich Stillſtand geboten, ihm ver⸗ danken es die Franzoſen, daß endlich wieder Ruhe und Ordnung bei ihnen einkehrt. Der dreizehnte Vendemaire iſt eine ebenſo große *) Gentzs eigene Worte. Siehe: Rahels Umgang. I. S. 168. Heldentt Lodi un M überhau ingſtlick fürchter gern vo nicht ve Je immer daſſelbe weichen ſch,! vill ich wollte ſimmt und n fürchte „ burg K Der 9 meinte G Lochen Lachen Heldenthat, eine ebenſo große Siegesſchlacht, als die Schlachten von Lodi und Arcole. Mag ſein, ſagte Gentz verſtimmt, ich bin kein Soldat, und mag überhaupt nichts hören von Krieg und Schlachtendonner. Was geht uns Deutſche übrigens der Corſe an, wir haben genug mit uns ſelber zu thun, dächte ich. Deutſchland iſt aber ſo glücklich und zufrieden, daß es, wie der Phariſäer, auf den Böſewicht Frankreich hinblicken und ſagen kann: Ich danke Dir, Gott, daß ich nicht bin, wie dieſer hier! Sie haben Recht, rief Gualtieri, auch uns thut eine Revolution Noth, auch bei uns muß eine Guillotine aufgeſtellt werden und die Köpfe müſſen fallen, und der Tod muß ſeine blutige Ernte halten! Um Gotteswillen, ſchweigen Sie, Freund! rief Gentz, ſcheu und ängſtlich zurückweichend. Sind Sie nur hiexhergekommen, um von ſo fürchterlichen Dingen zu ſprechen, da Sie doch wiſſen, daß ich nicht gern vom Tode ſprechen höre, und den Gedanken an Mord und Gräuel nicht vertragen kann? Ich wollte Sie nur ein wenig auf die Probe ſtellen, ob Sie noch immer derſelbe liebe, kindliche Feiglingſind, rief Gualtieri lachend, daſſelbe große Kind mit der männlich ſtarken Seele und dem weichen, ſchwachen, leichtbewegten Kinderherzen. Nun ſagen Sie mir raſch, was wollten Sie bei'm Finanzminiſter, und zum Lohn dafür will ich Ihnen anch eine gute Neuigkeit erzählen! Nun alſo, was wollten Sie bei Schulenburg? Ich hatte ihn gebeten, mir fünfhundert Thaler zu leihen und mir eine Stunde zu beſtimmen, wo ich das Geld abholen könnte. Er be⸗ ſtimmte zehn Uhr, und ich ging hin, um nach einer Stunde beſchämt und mit leeren Händen wieder abzuziehen. Es iſt ſchändlich, es iſt fürchterlich! Es iſt— Eben ward die Thür geöffnet und der Diener trat ein. Von Sr. Excellenz, dem Herrn General, Miniſter von Schulen⸗ burg⸗Kehnert, ſagte er, Gentz ein verſiegeltes kleines Paket darreichend. Der Lakai iſt bereits wieder fortgegangen, es ſei keine Antwort nöthig, meinte er. Gentz winkte ſeinem Diener, hinauszugehen, und erbrach dann haſtig zuerſt das Paket. Zwölf Funfzig⸗Thalerſcheine! rief er freudig. Noch hundert Thaler mehr, als ich gefordert habe! Das iſt ſehr noble, ſehr freundſchaftlich! Vielleicht giebt er es Ihnen nicht, ſondern leiht es Ihnen nur, ſagte Gualtieri lächelnd. Mir leihen! rief Gentz verächtlich. Mir leiht man nicht, denn man weiß, daß ich nicht wiedergeben kann! Man belohnt mich, Herr, man bezeigt ſich dankbar gegen mich, aber man iſt nicht ſo gemein, mir Geld zu leihen! Steht das in dem Brief des Herrn Miniſters? fragte Herr von Gualtieri trocken. Ah, es iſt wahr, den Brief habe ich noch nicht geleſen, rief Gentz lachend, indem er das Siegel brach. Während er ihn las, flog eine leichte Röthe über ſein Antlitz hin und ein Ausdruck von Beſchä⸗ mung ſprach aus ſeinen Zügen. Da, leſen Sie einmal, ſagte er leiſe, dem Freund das Papier darreichend. Gualtieri nahm es und las laut:„Mein lieber Herr Kriegsrath! Sie wünſchten mich zu ſprechen, und ich bat Sie, um zehn Uhr zu kommen, obwohl meine Zeit ſehr bedrängt und ich mit Arbeiten über⸗ häuft war. Ich war genau um zehn Uhr bereit, Sie zu empfangen, denn ich bin in Geſchäftsſachen ein ſehr pünktlicher Mann. Nachdem ich Sie indeſſen eine halbe Stunde vergeblich erwartet hatte, nahm ich meine Arbeiten wieder auf. Es waren verwickelte Rechnungen, in denen ich mich nicht unterbrechen konnte, und darum mußte ich Sie bitten, zu warten, und darum, als Sie, nachdem Sie gleich mir eine halbe Stunde gewartet hatten, ungeduldig wurden und nicht länger warten mochten, ließ ich Sie bitten, morgen wieder zu kommen. Jetzt indeß, da ich fertig bin, eile ich vor allen Dingen, Ihre Bitte zu erfüllen. Sie wünſchten fünfhundert Thaler, hier ſind ſie. Da ich aber weiß, wie koſtbar Ihre Zeit iſt, und da Sie durch meine Schuld eine halbe Stunde warten mußten, erlaube ich mir für die ver⸗ lorne Zeit noch hundert Thaler beizufügen. Leben Sie wohl und er⸗ freuen Sie die Welt und mich recht bald wieder mit einer Ihrer trefflichen Arbeiten!“ Rechnen Gualtie einſt eir Vorzim leine jmmer Tuſſend ſien V Geiſt g Das Sendſchreiben an Friedrich Wilhelm Ml. Ich glaube, ſagte Herr von Gualtieri, Gentz das Blatt wieder darreichend, ich glaube, der Herr Miniſter wollte Ihnen eine Lehre geben. Er hat Sie warten laſſen, um Sie zu lehren, daß man pünkt⸗ lich ſein muß! Und ich werde mir dieſe Lehre wohl einzuprägen wiſſen! „ denn Herr, gemein, Sie werden pünktlich ſein? Im Gegentheil! Diesmal bin ich eine halbe Stunde zu ſpät ge— f Gut kommen, er hat mich wieder eine halbe Stunde warten laſſen, und mir ſoh dann dafür hundert Thaler gezahlt. Künftig werde ich eine ganze Beſij⸗ Stunde zu ſpät kommen, er wird mich eine ganze Stunde warten er leiſe, laſſen und mir dafür zweihundert Thaler zahlen. Das iſt ein richtiges Rechnenexempel, denke ich. Sehen Sie mich nicht ſo verächtlich an, Gualtieri, es wird nicht immer ſo bleiben, vielmehr hoffe ich, daß einſt eine Zeit kommt, wo kein Miniſter ſich unterſteht, mich in ſeinem Vorzimmer warten zu laſſen, oder auch mir ſo elende, erbärmliche, kleine Summen zu zahlen. Die Miniſter werden in meinem Vor— zimmer warten, und ſie werden ſich glücklich ſchätzen, wenn ich die „nohn Tauſende annehme, die ſie mir bieten werden. Ich habe einmal den gen, in feſten Vorſatz gefaßt, mir ein glänzendes Sort zu machen und meinen ich Sie Geiſt auszumünzen! ſch mir Und ich bin überzeugt, daß Sie Ihren Vorſatz ausführen, ſagte d nicht Gualtieri. Ja, ich bin überzeugt, es wartet Ihrer eine große Zukunft. kommen Sie ſind ein Genie, wie es in Deutſchland noch keins gegeben, denn re Bitt Sie ſind ein politiſches Genie, und geſtehen Sie nur, daß Deutſch⸗ ije Da land ſehr arm iſt an Politikern, die ihre Feder zu führen wiſſen meine wie ein tapferes, ſcharfes Schwert, mit dem ſie nach allen Seiten die ver⸗ hin tödtlich verwunden und den Sieg erkämpfen! Deutſchland iſt id er⸗ bereits aufmerkſam auf Sie geworden, und ſelbſt in England nennt man mit Anerkennung Ihren Namen, ſeit Ihre vortreffliche Ueber ſetzung von Burke's Schrift über die franzöſiſche Revolution erſchienen iſt. Die politiſchen Flugſchriften, die Sie ſeitdem herausgegeben, dann das vortreffliche politiſche Journal, das Sie begründet, haben den wärmſten Anklang gefunden, und überall hofft und erwartet man das Größte und Schönſte von Ihnen. Fahren Sie ſo fort, mein Freund, gehen Sie muthig weiter auf der betretenen Bahn, und es wird für Sie eine Bahn des Ruhms, der Ehren und der Reich⸗ thümer werden! Gentz ſah ihn faſt zürnend an. Ich hoffe, ſagte er, daß Sie mir nicht eine kleinliche Neigung für Reichthümer und für Aufſammeln von Geld zutrauen. Das Geld hat für mich nur den Werth, daß es ein Mittel iſt, ſich Annehmlichkeiten und Genuß zu verſchaffen, und daß man ohne daſſelbe der Sclave des Elends, der Entbehrungen und der Noth iſt. Geld macht frei, und in unſern Tagen, wo man die Freiheit zu der Religion und dem Cultus aller Völker erheben möchte, ſollte Jeder vor allen Dingen bemüht ſein, ſich recht viel Geld zu verſchaffen, denn nur dadurch allein wird er frei. Die fluchwürdige franzöſiſche Revolution, welche alle Principien, alle Geſetze, alles Her⸗ gebrachte unter die Guillotine geſchleppt, ſie hat doch eine Macht be— ſtehen laſſen müſſen: die Macht des Geldes! Die Ariſtokratie, der Prieſterſtand, ja ſelbſt das Königthum hat unter der Guillotine ver⸗ bluten müſſen, aber das Geld hat niemals ſeine Macht, ſeine Bedeu⸗ tung und ſein Anſehen verloren. Das Geld redet eine univerſale Sprache, und der Sansculotte und der Hottentote verſtehen ſie ſo gut als der König, der Miniſter und das ſchönſte Weib. Das Geld be⸗ darf niemals eines Dolmetſchers, es ſpricht für ſich ſelber! Sehen Sie, mein Freund, deshalb liebe ich das Geld, deshalb ſtrebe ich da⸗ nach, nicht um es aufzuhäufen, ſondern weil ich mir die Welt, die Liebe, den Genuß, die Ehre und das Glück dafür kaufen kann! Da ich aber nicht zu denen gehöre, welche das Geld gleich in ihrer Wiege gefunden, ſo muß ich mich wohl entſchließen, es mir zu erwerben und das Capital auszumünzen, welches mir Gott in mein Gehirn gelegt. Und das will ich und das werde ich, aber ich gebe Ihnen mein Wort darauf, niemals auf eine unwürdige und unrühmliche Weiſe. Ich werde vieleic wede mich n mich nicht de alle Millione ſordert, daß mein Freund ſicher ſein, d ein Ariſtokrat die franzöſiſch Stammbaume habe ich Kämpe ihr g Zunge ſo! vermgg. 0 welche die all Benaparte ſ tühnheit und lands und b Sie be Schlachtylin hern anlegt Welt äusfüh oh ben ich bedente, Tages auch zu wollen. bringen, de Mm ent unſerer der un ſiebenn iſt, als unſ SS Sein„ 5 Sugen und 6 von Jaz C ſchienen werde vielleicht mich mit ſehr hohen Summen bezahlen, aber ich egeben, werde mich niemals erkaufen laſſen; alle Millionen der Welt könnten haben mich nicht dahin bringen, gegen meine Principien zu ſchreiben, aber erwartet alle Millionen der Welt werde ich beanſpruchen, wenn man von mir ſo fort, fordert, daß ich für meine Principien ſchreiben ſoll! Sehen Sie, Bahn, mein Freund, da haben Sie mein Glaubensbekenntniß, und Sie können Reich⸗ ſicher ſein, daß ich nach demſelben leben und handeln werde. Ich bin ein Ariſtokrat meiner innerſten Natur nach, und darum haſſe ich auch 6 die franzöſiſche Revolution, welche jede Ariſtokratie, nicht blos die des anmeln Stammbaumes, ſondern auch die des Geiſtes, ſtürzen wollte, und darum. h, daß habe ich mir geſchworen, als ein unverwüſtlicher und unbeugſamer en, und Kämpe ihr gegenüberzuſtehen und ihr mit meiner Feder und mit meiner gen und Zunge ſo viel Hiebe und Stichwunden beizubringen, als ich nur irgend un vermag. Ich werde daher auch niemals einſtimmen in die Lobhymnen, u 7 nöchte welche die allzeit gefälligen Deutſchen dem kleinen Corſen, dem General nochlt, Bonaparte ſpenden. Was Sie auch ſagen mögen von ſeiner Helden⸗ 1 Geld ürdige kühnheit und ſeinem Genie, ich wittere in ihm einen Feind Deutſch⸗ — lands und bin auf meiner Hut! 6 Sie bewundern alſo nicht ſeine Siege, ſeine unvergleichlichen Schlachtpläne, die er mit der Ruhe eines weiſen, vielerfahrenen Feld⸗ herrn anlegt, mit der Bravour und Kühnheit eines Heros der alten 1 Welt ausführt? 5 Ich bewundere das, aber es macht mich zugleich ſchaudern, wenn. ich bedenke, daß dieſer Mann, der Alles beſiegt und erobert, eines 6 Tages auch auf den Einfall kommen könnte, ſich Deutſchland erobern.. zu wollen. Ich glaube wahrhaftig, er würde auch das zu Stande —— bringen, denn ich fürchte, wir haben unſrerſeits keinen ebenbürtigen Mann entgegenzuſtellen. Ach, mein Freund, warum gleicht nicht einer unſerer deutſchen Fürſten dieſem franzöſiſchen General, dieſem Heros 3 von ſiebenundzwanzig Jahren! Denken Sie nur, daß er nicht älter iſt, als unſer junger König, mit ihm in Einem Jahr geboren! Sein Leben zählt nicht nach Jahren, rief Gualtieri, ſondern nach Tagen und Schlachten. Deshalb auch fliegt ihm die Begeiſterung von ganz Europa entgegen, denn an der Spitze ſeiner Legionen kämpft er für die edelſten Güter der Menſchheit, für die Freiheit, die Ehre und das Recht! Kein Wunder alſo, daß er überall ſiegreich iſt, denn überall hoffen die geknechteten Völker von ihm, daß er ſie erlöſe von ihrem Joch, daß er auch ihnen die Freiheit bringe. Er iſt eine Zuchtruthe, welche Gott den deutſchen Fürſten geſandt hat, damit ſie ſich beſſern ſollen, rief Gentz, damit ſie gedrängt wer⸗ den, auch ihrerſeits ihren Völkern ihren Antheil an der Freiheit und Menſchenwürde zu geben, indem ſie ſich dadurch eine Schutzmauer auf⸗ richten müſſen gegen dieſen Uſurpator, der nicht bloß mit dem Schwert, ſondern auch mit Ideen kämpft. Möchten unfere deutſchen Fürſten das einſehen, möchten alle die, welche eine Zunge haben zu reden, ihnen das zurpfen und ſie wecken aus dieſem Taumel ſtolzer Sicherheit und Selbſtverblendung! Nun, haben Sie nicht auch eine Zunge, um zu reden, und doch ſchweigen Sie? fragte Gualtieri lächelnd. Nein, ich habe nicht geſchwiegen, rief Gentz begeiſtert, ich habe meine Pflicht als Staatsbürger und als Menſch erfüllt, und dem König die Wahrheit geſagt. Das heißt? Das heißt, ich habe an den König geſchrieben, nicht mit hunde⸗ wedelnder Unterthanen⸗Devotion, ſondern wie ein Mann, der viel ge⸗ ſehen, viel gedacht, viel erfahren hat, und der zu einem jüngern Mann ſpricht, welcher berufen iſt, eine bedentende Rolle zu ſpielen, und das Glück von Millionen Menſchen in Händen hält. Es wäre ein Frevel gegen Gott und die Menſchheit, wenn man einem ſolchen Mann nicht die Wahrheit ſagen wollte, wenn man die Wahrheit weiß. Weil ich glaube, ſie zu wiſſen, habe ich ſie dem König geſagt. Nicht in einem Brief, den er heute leſen und morgen in den Papierkorb gedruckten Schreiben, das ich, ſobald werfen kann, ſondern in einem ten, in Tauſenden von ich nur erfahren, daß der König es erhal Eremplaren in der Welt verbreiten werde. Und Sie glauben, daß der König Ihren gedruckten Brief anneh⸗ men werde? Mein F men, ihm de Dann Aber was geſagt? Ich ha Rath! vorzüglich Sie Sich al vor Reugier unterrichtet; Ah, da leſen, denn demſelben d ich habe ſe Glick zu 3 Zuige der Und S nit ſeiner G dann lenke Ich mn mahne f mi ihu, zwiſchen der ſeine Unter heit der G Monopole auch auf d O Oh, j mich ſunge gar! l, ſchi Volk dio ten geſandt rüngt wer⸗ Fürſten das den, ihnen cherheit und n, und doch t ich habe , d dem König D b em jü ngern u ſpielen, Es wäre em ſolchen t. einet ahrheit! weiß Nicht Mein Freund, der geheime! men, ihm denſelben zu übergeben. Dann wird er ihn annehmen, denn er hält viel auf Menken. kabinetsrath Menken hat es übernom⸗ Aber was haben Sie denn dem König in Ihrem gedruckten Briefe * geſagt? Ich habe ihm Rath gegeben, wie er regieren muß! Rath! Mein Freund, die Könige nehmen nicht gern Rath an, vorzüglich nicht, wenn er ihnen unangemeldet ertheilt wird! Haben Sie Sich auf allgemeine Rathſchläge beſchränkt? Sie ſehen, ich glühe vor Neugierde und Verlangen, von Ihrem kühnen Unternehmen genau unterrichtet zu ſein. Leſen Sie mir doch dieſen Brief, Freund! Ah, das wäre eine Rieſenarbeit für Sie zu hören, für mich zu leſen, denn das Sendſchreiben iſt lang und ausführlich. Ich bitte in demſelben den König mit eindringlichen und bewegten Worten,— oh, ich habe ſelbſt dabei geweint, als ich ſie ſchrieb, ſeinen Völkern das Glück zu zmen Ich lenke ſeinen Blick auf alle die verſchiedenen Zweige der Verwaltung, zuerſt auf die Militairanſtalten. Und Sie rathen ihm zum Kriege? fragte Gualtieri raſch. Nein, ich rathe ihm, immer gerüſtet zu ſein, aber ſo lange es mit ſeiner Ehre verträglich iſt, den Frieden aufrecht zu erhalten. Als⸗ dann lenke ich ſeinen Blick auf die Rechtspflege und Finanzverwaltung. Ich warne ihn vor jeder Willkür in der Rechtsverwaltung, ich ver⸗ mahne ihn, darauf zu halten, daß ein gleichmäßiges Verhältniß zwiſchen den Ausgaben und den Einnahmen des Staates ſei, auf daß ſeine Unterthanen nicht mit Abgaben überlaſtet werden, und die Frei⸗ heit der Gewerbe, des Handels und der Induſtrie nicht durch läſtige Monopole zu beſchränken. Dann endlich fordere ich von ihm, daß er auch auf den Geiſt und auf die Preſſe ſein Augenmerk richte. Oh, ich wartete darauf, ſagte Gualtieri lächelnd, und ich würde mich gar nicht wundern, wenn Sie die Kühnheit gehabt, von dem jungen, ſchüchternen und ängſtlichen König zu begehren, daß er ſeinem Volk die Preßfreiheit gebe. Ja, das iſt es, was ich von ihm fordere, rief Gentz glühend. Sie wünſchen, daß ich Ihnen mein ganzes Sendſchreiben vorleſe, ich —— ——— 140 will Ihnen alſo wenigſtens das mittheilen, was ich über die Preß⸗ freiheit geſagt habe. Wollen Sie es hören? Ich bin ganz Ohr, ſagte Gualtieri, indem er ſich auf den Di⸗ van ſetzte. Gentz nahm von ſeinem Schreibtiſch einige beſchriebene Blätter und ſetzte ſich damit ſeinem Freunde gegenüber. Nun hören Sie, rief er, und mit lauter, begeiſterter Stimme be⸗ gann er zu leſen: „Von Allem, was Feſſeln ſcheut, kann nichts ſo wenig ſie ertra⸗ gen, als der Gedanke des Menſchen. Der Druck, der dieſen trifft, iſt nicht bloß ſchädlich, weil er das Gute verhindert, ſondern auch, weil er unmittelbar das Böſe befördert. Von Religionszwang darf hier nicht mehr die Rede ſein. Er gehört zu den veralteten Uebeln, worüber zu einer Zeit, wo weit eher die gänzliche Entkräftung reli⸗ giöſer Ideen, als ein fanatiſcher Mißbrauch derſelben zu beſorgen iſt, nur noch leichte Schwätzer declamiren. Mit der Freiheit der Preſſe verhält es ſich anders. Von einer falſchen, durch die Zeitumſtände wenigſtens zu entſchuldigenden Angſt verleitet, könnten hier ſelbſt wei⸗ ſere Männer ein Syſtem begünſtigen, welches, aus ſeinem wahren Standpunkt betrachtet, dem Intereſſe der Regierung nachtheiliger iſt, als es je, auch in ſeiner ſchlimmſten Ausdehnung, den Rechten des Bürgers werden kann.“ „Was ohne alle Rückſicht auf andere Gründe, jedes Geſetz, welches Preßzwang gebietet, ausſchließend und peremtoriſch verdammt, iſt der weſentliche Umſtand, daß es ſeiner Natur nach nicht aufrecht erhalten werden kann. Wenn neben einem jeden ſolchen Geſetz nicht ein wahres Inquiſitions-Tribunal wacht, ſo iſt es in unſern Tagen unmöglich, ihm Anſehen zu verſchaffen. Die Leichtigkeit, Ideen ins Publikum zu bringen, iſt ſo groß, daß jede Maaßregel, die ſie be⸗ ſchränken will, vor ihr zum Geſpött wird. Wenn aber Geſetze dieſer Art auch nicht wirken, ſo können ſie doch erbittern, und das eben iſt das Verderbliche, daß ſie erbittern, ohne zu ſchrecken. Sie reizen gerade diejenigen, gegen welche ſie gerichtet ſind, zu einem Widerſtand, der nicht immer nur glücklich bleibt, ſondern am Ende ſogar rühmlich wird. Die ar Leben von zw weil eine Art ſcheint. Die gelten und d Vohrheit.“ Wahrheit und von der Finſt wehrten Gemi eine verbotene eitzige Gegen ſeine Kraſt, n Schrnken ſy gut heißt.“ „Nicht al wäre, ob in d mehr oder we Maſſüt zu g lihen Kanpf freiheit das wing Thate zehen, niſſe bloße Mei une emem wohlger geſchadet. T V borangegange weſung hervo Mund fr ) Sendſch einer Chronbeſ Brſſitich( üſſel 1820 von Genßz Stimme be⸗ wang darf ten Uebeln, iftung reli⸗ eſorgen iſt, Geſet, verd ammt, icht gufrecht Geſeß nicht nſern Tugen aen ns Idet wird. Die armſeligſten Producte, denen ihr innerer Gehalt nicht ein Leben von zwei Stunden ſichern würde, drängen ſich in den Umlauf, weil eine Art von Muth mit ihrer Hervorbringung verknüpft zu ſein ſcheint. Die nüchternſten Scribenten fangen an, für„helle Köpfe“ zu gelten und die feilſten erheben ſich auf einmal zu„Märtyrern der Wahrheit.“ Tauſend bösartige Inſecten, die Ein Sonnenſtrahl der Wahrheit und des Geiſtes verſcheucht hätte, ſchleichen jetzt, begünſtigt von der Finſterniß, die man ihnen gefliſſentlich ſchuf, an die unbe⸗ wehrten Gemüther des Volkes und ſetzen ihr Gift— als wäre es eine verbotene Koſtbarkeit— bis auf den letzten Tropfen ab. Das einzige Gegengift, die Producte der beſſeren Schriftſteller, verliert ſeine Kraft, weil der Ununterrichtete nur allzuleicht den, welcher von Schranken ſpricht, mit dem verwechſelt, welcher die ungerechten gut heißt.“ „Nicht alſo, weil der Staat oder die Menſchheit dabei intereſſirt wäre, ob in dieſen von Büchern umflutheten Zeitalter tauſend Schriften mehr oder weniger das Licht der Welt erblicken, ſondern weil Ew. Majeſtät zu groß ſind, um einen fruchtloſen und eben deshalb ſchäd⸗ lichen Kampf mit kleinen Gegnern zu kämpfen:— darum ſei Preß⸗ freiheit das unwandelbare Princip Ihrer Regierung. Für geſetz⸗ widrige Thaten, für Schriften, die den Character ſolcher Thaten an⸗ ziehen, müſſe Jeder verantwortlich, ſtreng verantwortlich ſein: aber die bloße Meinung finde keinen andern Widerſacher, als die entgegenge⸗ ſetzte, und wenn ſie irrig iſt, die Wahrheit. Nie kann dieſes Syſtem einem wohlgeordneten Staate Gefahr bereiten, nie hat es einem ſolchen geſchadet. Wo es verderblich wurde, da war die Zerſtörung ſchon vorangegangen, und der gefräßige Schwarm wuchs nur aus der Ver⸗ weſung hervor!*)“ Nun? fragte Gentz mit glühenden Wangen und blitzenden Augen, *) Sendſchreiben, Sr. Königlichen Majeſtät Friedrich Wilhelm III. bei ſeiner Thronbeſteigung allerunterthänigſt überreicht. Am 16. November 1797. Von Friedrich Gentz. Einzeln abgedruckt in Berlin bei Vieweg 1797, dann in Brüſſel 1820, auch mitgetheilt in dem Werk: Kleinere Schriften von Friedrich on Gentz. Herausgegeben von Guſtav Schleſier, Th. I. 1 142 als er zu leſen aufgehört. Was ſagen Sie zu meiner Auseinander⸗ ſetzung der Preßfreiheit? Iſt ſie nicht klar, überzeugend und unab⸗ weisbar? Wird der König nicht einſehen, daß meine Worte die Wahrheit enthalten, alſo ihnen folgen? Gualtieri ſah den Freund mit einem Ausdrucke mitleidiger Zärt⸗ lichteit an. Welch ein großes Kind ſind Sie doch, ſagte er, glauben noch an eine Verwirklichung utopiſcher Träume, glauben ſo ehrlich, ſo mannhaft! Wollen einem jungen, ſchüchternen König, der um Alles in der Welt Frieden halten und unbemerkt bleiben will, eine Geißel in die Hand drücken und zu ihm ſagen:„treibe damit die Böſen aus und verjage die Lüge, auf daß es Tag werde und die Finſterniß ver⸗ ſchwinde!“ Mein Gott, als ob der Tag nicht gar ſehr auch alle die Schäden aufdecken würde, an denen unſer eigener armer Preußenleib trank iſt, und für die er gar ſehr der Dämmerung und des Schwei⸗ gens bedarf! Wie, Sie glauben, daß der König meine Forderung unbeachtet laſſen wird? fragte Gentz erſtaunt. Ich glaube, ſagte Gualtieri achſelzuckend, ich glaube, daß Sie ein genialer Schwärmer ſind, und daß der König ein ziemlich verſtän⸗ diger, ziemlich nüchterner junger Herr iſt, der, wenn er Schlittſchuhe laufen will, ſich nicht von der glatten, glänzenden Fläche blenden und das Eis unterſuchen läßt, ob es enthuſiasmiren, ſondern erſt vielfach Und damit Lebewohl, mein armer auch ſtark genug iſt, ihn zu tragen⸗ Ich kam hierher, um Ihnen zu gratuliren, daß Sie Ihre Freund. haben und wieder zu dem edlen und allein Freiheit wiedergefunden glückſeligen Stande der Junggeſellen gehören, aber ſtatt Sie darüber jauchzen zu hören, finde ich Sie als pilanthropiſchen Schwärmer, der ſich für die Freiheit der Preſſe enthuſiasmirt. Aber das hindert doch nicht, daß Sie mir Glück wünſchen zu meinem Junggeſellenthum, rief Gentz lachend. Ja, mein Freund, ich bin frei, das Leben iſt wieder mein, und nun mögen die Flammen der Luſt und des Genuſſes wieder über meinem Haupte zuſammenſchlagen, nun möge das Vergnügen und die Freude in glühenden Strömen mich überfluthen, ich werde mich jauchzend in ihre Strudel hineinſtürzen und mich ſe Widergebur ſchumenden vir meiner ihr zu Eh Freund, u einige ander reiten wolle von welcher 0 Ihret Verg e und tief me Gentz er, das ſt iſt zu Erde ein ſolcher emander er, glauben ehrlich, ſo rum Alles Böſen aus ſterniß ver⸗ uch alle die Preußenleib des Schwei⸗ unbea chtet daß Sie lich verſtin Fchlitichuhe blenden und läßt, ob es mein ame Sie Ihre § gllein en und Sie daribe wimer, di nünſchen u Wu„ n Fr Flammen agen, ſchlag 3 nen mich ⸗ zſtürze“ hil und mich ſelig dünken, wie ein Gott! Wir müſſen das Feſt meiner Wiedergeburt auf würdige Weiſe begehen, wir müſſen es feiern in ſchäumendem Champagner, mit Trüffelpaſteten und Auſtern, und wenn wir meiner Frau eine letzte Thräne weihen wollen, nun ſo trinken wir ihr zu Ehren ein Glas Lacrimae Christi! Sein Sie ſo gütig, Freund, und kommen Sie heute Abend zu mir. Ich werde noch einige andere Freunde einladen, und wenn Sie uns einen Genuß be reiten wollen, ſo leſen Sie uns einige von den Lafontaine'ſchen Fabeln vor, die Ni ſo herrlich zu leſen verſteht Ich werde es thun, ſagte Herr von Gualtieri, Gentz zum Abſchied die Hand reichend, ich werde Ihnen eine Lafontaine'ſche Fabel vorleſen, von welcher die beiden Anfangszeilen die ganze tragiſche Geſchichte Ihrer Vergangenheit mit beredten Worten ausdrücken. Und wie heißten dieſe zwei Zeilen? Herr von Gualtieri ſetzte ſeinen Hut auf und ſchon unter der Thür ſtehend, um hinauszugehen, deklamirte er mit ernſtem Pathos und tief melancholiſcher Stimme: Deux coqs vivaient en paix; une poule survint, Et voila la guerre allumée. Er nickte ſeinem Freunde einen letzten Abſchiedsgruß zu und verſchwand hinter der Thür. Gentz ſchaute ihm lachend nach. Wahrhaftig, er hat Recht, rief er, das iſt die Geſchichte aller Ehen! Nun, Gott ſei Dank, die meine iſt zu Ende, und bei allen Göttern ſei's geſchworen, ich werde niemals ein ſolcher Narr ſein, eine zweite Ehe einzugehen. Ich bleibe ein Junggeſelle, ſo lange ich lebe, denn wer keiner Frau gehört, dem gehören alle Frauen! Aber jetzt iſt es die höchſte Zeit, an mein Feſt zu denken.— Um indeß ein Feſt geben zu können, muß ich vor allen Dingen meine Zimmer mit neuen Meubles verſehen haben, und zwar glänzende und ſchöne müſſen es ſein! Aber woher die nehmen? Ach, parbleu, ich vergaß die Sechshundert Thaler, die mir der Mi⸗ niſter geſchickt! Ich werde mir k Meubles kaufen! Nein, es wäre eine Thorheit, mein Geld dafür auszugeben, da ich es anderweitig ſo nothwendig gebrauche! Meubleshändler werden mir ohne 144 Zweifel noch gern und willig Credit geben, denn ich habe noch niemals bei ihnen gekauft. Aber ein Anderes iſt es mit den Lieferanten für mein heutiges Zauberfeſt! Zudem habe ich ja nur hundert Thaler, die mir gehören. Die andern fünfhundert Thaler muß ich ja dieſem Blutſauger, dieſem herzloſen Gläubiger, dem Werner, ſchicken!— Muß ich das wirklich? Ach, wahrhaftig, ich glaube, das wäre eine Thorheit! Dieſer Menſch würde ſich einbilden, mich in Furcht geſetzt zu haben, und würde, ſobald ich ihm wieder etwas ſchuldig bin, meine Thür mit ſeinen Schimpfworten belagern. Nein, ich werde ihm zeigen, daß ich ihn nicht fürchte, und daß ſein unverſchämtes Betragen eine Züchtigung verdient hat! He, Johann, Johann! Sogleich öffnete ſich die Thür und der Gerufene trat ein. Johann, ſagte Gentz gravitätiſch, gehe ſogleich zu Herrn Werner ich erwarte heute Abend einige Freunde zum Beſuch. alſo heute Abend vier und zwanzig Flaſchen Champagner, drei große Trüffelleberpaſteten, zweihundert Auſtern, und außerdem Alles beſorgen, was zu einem Souper erforderlich iſt, und hierher ſenden. Wenn er meine Befehle pünktlich und genau aus⸗ führt, ſoll er mir morgen eine Quittung über zweihundert Thaler ſenden, die ich ihm alsdann zahlen will. Wenn aber auch nur Eine Auſter ſchlecht, eine Flaſche Champagner abgeſtanden iſt, oder er gar ſich weigert, mir das Souper zu liefern, ſo bekommt er nicht einen Groſchen! Lauf und ſag' ihm das! Und komm ſchnell zurück! Ich will indeß einige Einladungen ſchreiben, ſagte Gentz, als Aber ich werde nur lauter unverheirathete Männer den öſterreichiſchen Geſandten Fürſten von wenigſtens, nur Eine Geliebte zu haben, daß die ſchöne Marianne Meier zu⸗ ſo iſt er mir von Herzen zugethan. — Ach, unterbrach er ſich lachend, on Lafontaine's Geſchichte von Nun, ich will die Einladungen hin. Sage ihm, Herr Werner möge mir er allein war. einladen. Alſo zu allererſt: Reuß, der begnügt ſich doch und da er zum Glück nicht ahnt, gleich auch meine Geliebte iſt, Ja freilich, wenn er wüßte, daß das wäre wieder eine Illuſtration v den beiden Hähnen und der Henne! ſchreiben! Er h öffnete un Nun? empfehlen, auch vier Trijfelyaſ herſenden, Güte habe e Wetmer E hundert T gen, oh d il Hen Ah, lachend. Rhe ſeine nith in! machen„ geweſen. zufried en h niemals anten für t Thaler, ja dieſem hicen!— wäre eine ccht geſett bin, meine hm zeigen, agen eine Flaſchen Auſtern, derlich iſt, genau aus⸗ ert Thaler ur Eine der er gor nicht inen c! Gentz, te Männer on als Fürſten u haben, „Meiet zl⸗ eA zugethan⸗ 4 Er hatte eben die letzte Einladung beendet, als die Thür ſich öffnete und Johann athemlos eintrat. Nun? haſt Du Herrn Werner geſprochen? fragte Gentz, das letzte Billet zuſammenfaltend. Ja, Herr! Der Herv Werner läßt ſich dem Herrn Kriegsrath empfehlen, er würde das Souper auf's Pünktlichſte und Beſte herſtellen, auch vier und zwanzig Flaſchen vom beſten Champagner, drei große Drüffelpaſteten, zweihundert Auſtern und alles Uebrige heute Abend herſenden, aber unter einer Bedingung. Was? Dieſer Menſch unterſteht ſich, Bedingungen zu machen? rief Gentz empört. Was fordert er denn? Er fordert, daß, ſobald er alles, was der Herr Kriegsrath be⸗ ſtellt haben, abgeliefert hat, und bevor Sie zu Tiſche gehen, Sie die Güte haben, einen Augenblick in das Vorzimmer zu kommen, wo Herr Werner Sie erwarten will, um dann gegen ſeine Quittung Ihre zwei⸗ hundert Thaler in Empfang zu nehmen. Ich ſoll ihm Beſcheid brin⸗ gen, ob der Herr Kriegsrath dieſe Bedingung eingehen, und alsdann will Herr Werner das Souper beſorgen. Ah, das heißt mir das Meſſer an die Kehle ſetzen, rief Gentz lachend. Nun, eile zu ihm und ſage dieſem ſchlauen Kaufmann, ich gehe ſeine Bedingung ein; er ſolle, ſobald das Souper aufgetragen, mich im Vorzimmer erwarten, und da er natürlich ungeheuren Lärm machen würde, wenn ich ihn vergeblich warten ließe, ſo kann er über zeugt ſein, daß ich komme. Gehe alſo! Und ich, ſagte Gentz, ſeinen Mantel umwerfend, ich will gehen, mir für einige Tauſend er Meubles zu kaufen. Es ſoll glänzend bei mir ſein, wie bei einem Fürſten. Uebrigens bin ich zu großmüthig geweſen. Hätte ich einhundert Thaler geboten, er wäre auch zufrieden geweſen. Mühlbach, Napoleon 1 W. Die Yochzeit. 7* o Im Hauſe des reichen Banquier Sig fand heute ein ſeltenes Feſt ſtatt, ein Feſt, das ſeit einigen Tagen ganz Berlin von ſich reden machte, und von dem das Volk auf der Gaſſe ſowohl, als die vor⸗ nehmen Leute in den Salons ſich erzählten.— Der Banquier Itzig verheirathete heute an einem Tage drei ſeiner ſchönen jungen Töchter, und der reiche, prachtliebende und wohlthätige Mann hatte Alles dazu gethan, dieſen Feſttag ſeines Hauſes würdig und glänzend zu begehen. Er hatte für ſeine Töchter ſeit und Handwerksleuten Berlins arb ſeine Töchter nur die Erzeugniſſe deutſcher Induſtrie und die Arbeiten deutſcher Handwerker tragen ſollten, und daß kein Stück ihrer Aus⸗ ſteuer aus Frankreich entlehnt werden dürfe. Alle die prächtigen Brocate, Sammete und Damaſte zu den Kleidern und Meubles waren daher in Berliner Fabriken gewirkt worden, das herrliche Leinenzeng war aus Schleſien verſchrieben, und eine Schaar von Nätherinnen und Stickerinnen hatte es zu allen nothwendigen Gegenſtänden der Toilette auf das Geſchickteſte und Kunſtvollſte verarbeitet. Auch das Silber⸗ zeug und das koſtbare Goldgeſchmeide war von Berliner Juwelieren angefertigt worden, und das reiche, kunſtvoll gemalte Tafelſervice war aus der Königlichen Porzellanfabrik hervorgegangen. Dieſe glänzen⸗ den drei Ausſteuern waren daher gewiſſermaßen ein Triumph der vaterländiſchen Kunſt und Induſtrie und dadurch gewannen ſie eine allgemeine Bedeutung. Herr Itzig hatte daher auch nach langem Wider⸗ ſtreben den lebhaften Bitten und Vorſtellungen ſeiner Freunde nachge⸗ gegeben und hatte zu den Zimmern und Sälen ſeines Hauſes, in denen die Ausſteuer ſeiner Töchter ausgelegt war, Jedermann freien Zutritt geſtattet, wie dies bei den Ausſteuern der Prinzeſſinnen des Königlichen Hauſes zu geſchehen pflegt. Nur hatte er, um ſich vor der Beſchuldigung hochmüthiger Prahlerei zu wahren, dieſe Ausſtellung zu eiten laſſen, indem er laut erklärte, daß Monaten bei allen Gewerbetreibenden einer geme er eine Te niſſen vat Eintritt f Karten w Jde Itig zu wundem. lommen, Pracht de Brillanten ich, zu ſe behren ur Viel fngen g und die müde leißigen Wugnd Geſinnun Geſandtſ usſtll daß ſg Köriglic in der Entriſt einer A Ganze Itig, gnügen, ſandte 1 und in n er Itig Töchter, les dazu begehen. reibenden irte, daß Arbeiten ret Aus⸗ rächtigen es waren einenzelg nen und Toilett ESilber p e uwelieren wice war glänzen⸗ unph der „ ine n ſie ent em Wider 65 nachge⸗ be uſes, freiel ann einer gemeinnützigen gemacht. Ueber dem Eingang ſeiner Säle hatte er eine Tafel angebracht mit der Inſchrift:„Ausſtellung von Erzeug⸗ niſſen vaterländiſcher Induſtrie“, außerdem mußte Jedermann beim Eintritt für einige Groſchen eine Karte löſen, und der Betrag dieſer Karten war für die Armen beſtimmt. Jedermann beeilte ſich daher, nach dem Hauſe des Banquier Itzig zu gehen, um die„Erzeugniſſe vaterländiſcher Induſtrie“ zu be⸗ wundern. Selbſt die Königin war mit einer ihrer Hofdamen ge⸗ kommen, ſich dieſe Herrlichkeiten anzuſchauen, und indem ſie die Pracht der Sammete und Seidenſtoffe, die kunſtvolle Faſſung der Brillanten bewunderte, hatte ſie freudig ausgerufen:„wie glücklich bin ich, zu ſehen, daß Deutſchland wirklich ganz und gar Frankreichs ent⸗ behren und ſelbſt allen ſeinen Bedürfniſſen genügen kann!“ Vielleicht hatte die Königin dieſe Worte ganz harmlos und unbe⸗ fangen gemeint, aber das Publikum gab ihnen Tendenz und Colorit, und die Zeitungen, die öffentliche Stimme des Publikums, konnten nicht müde werden, dieſe Königlichen Worte zu preiſen und die Berliner zum fleißigen Beſuch der„vaterländiſchen Ausſtellung“ zu ermahnen. Die Neugierde beeiferte außerdem den Antheil der Frauen, die politiſche Geſinnung ließ die Männer hingehen. Als man aber erfuhr, daß die Geſandtſchaft der franzöſiſchen Republik dieſen Eifer der Berliner, die „Ausſtellung vaterländiſcher Induſtrie“ zu ſehen, gar übel vermerkt, daß ſogar der franzöſiſche Geſandte es gewagt habe, ſich an der Königlichen Tafel laut und bitter über die Worte der Königin, die ſie in der Ausſtellung des Herrn Itzig geſprochen, zu beklagen, da war die Entrüſtung allgemein und machte jetzt den Beſuch der Ausſtellung zu einer Art nationaler Demonſtration gegen die übermüthigen Franzoſen. Ganze Schaaren von Beſchauern eilten jetzt zu dem Hauſe des Herrn Itzig, und übermüthige junge Leute machten ſich alsdann das Ver⸗ gnügen, truppweiſe auf der Straße, in welcher der franzöſiſche Ge⸗ ſandte wohnte, und grade vor deſſen Hötel ſtehen zu bleiben, um laut und in franzöſiſcher Sprache ſich über die Herrlichkeiten der Ausſtellung des Herrn Itzig zu unterhalten und den edlen Patrioten zu preiſen, der 10* 148 es verſchmähe, ſich vom Ausland zu holen, was er im Inland eben ſo ſchön, wenn nicht ſchöner ſich beſchaffen könne. Dieſer Erfolg ſeiner Ausſtellung ging indeß weit über die Wünſche des Banquiers hinaus, und er war froh, als endlich die zur Ausſtellung beſtimmten Tage verfloſſen und er ſeine Säle den neugierigen Be⸗ ſchauern ſchließen konnte. Aber am heutigen Tage ſollten ſie ſich den eingeladenen Gäſten öffnen, denn heute, wie geſagt, wollte der Banquier Itzig drei ſeiner ſchönen Töchter auf Einmal verheirathen, und das ganze Haus war in Be⸗ wegung, um dieſen Freudentag würdig zu begehen. Während die Lakaien und Diener in den Sälen beſchäftigt waren, um ſie mit Hülfe von geſchickten Decorateuren prachtvoll auszuſchmücken, während in Küche und Keller hundert geſchäftige Hände die Speiſen und Paſteten für das ſolenne Mittagsmahl vorbereiteten, während Herr Itzig mit ſeiner Gemahlin die letzten Anordnungen zu dem Feſt verab⸗ redete, ſaßen die drei Bräute in traulicher Unterredung in ihrem ge⸗ meinſchaftlichen Wohnzimmer. Alle drei waren ſie jung; die älteſte von ihnen hatte kaum das zweiundzwanzigſte Jahr erreicht. Alle drei waren ſie ſchön, von dieſer energiſchen, impoſanten Schönheit, wie ſie den Orientalinnen eigen iſt, von dieſer Schönheit mit den flammenden, ſchwarzen Augen, dem glänzend ſchwarzen Haar, dem glühenden, dunklen Colorit, den ſchlanken, üppigen Formen. Alle drei waren ſie in vollſter Parure, an den entblößten, vollen Armen und Buſen funkelnd von Brillanten und Goldgeſchmeide, die kräftigen hohen Geſtalten umhüllt von weißen Atlasgewändern, über welche koſtbare Spitzenroben nieder⸗ floſſen. Wer ſie ſo geſehen in dieſer Fülle von Schönheit, Anmuth und Jugend, in dieſer Pracht der Umgebung, das glänzende Haar ge⸗ ſchmückt mit den blühenden Myrtenkronen, der hätte meinen ſollen, drei von dem Schickſal Begünſtigte zu ſehen, welche noch keine Sorge, keine Schmerzen gekannt, und über deren Haupt das Glück als ewiger Sonnenſchein geſtrahlt. Vielleicht war dem auch ſo, vielleicht waren es nur die hohen, vollen Myrtenkränze, welche einen Schatten über die Angeſichter der waren ſie Erdlich Augen e auf ihre zu gleiche Wos Beide. Ich kann, ſa decken. funkelnde ein weni iter ſteh Andem bin chen inmal d ausſtröm ites N gten ko lette M ennen J wollen Vo Alteſt tigam, Eſ mein Ge ihn ja iende pe Bräute warfen, Wünſche. Sie hatten eine Zeitlang lebhaft mit einander geſprochen, jetzt waren ſie ſtill geworden und blickten alle Drei ſinnend zur Erde nieder. Endlich hob die Eine von ihnen langſam ihre glühenden ſchwarzen Augen empor und heftete ſie mit einem ſcharfen durchdringenden Blick auf ihre Schweſtern. Sie fühlten dieſen Blick und hoben auch Beide zu gleicher Zeit ihre Augen empor. Was ſiehſt Du uns ſo ſcharf und prüfend an, Fanny? fragten Beide. Ich möchte ſehen, ob ich auf Euren Stirnen Wahrheit leſen kann, ſagte Fanny, oder ob die Brillanten und Myrten Alles über⸗ decken. Kinder, was meint Ihr, laßt uns doch einen Moment das funkelnde Lügengewand, mit dem wir uns vor aller Welt ſchmücken, ein wenig abſtreifen, und im Naturzuſtande der Wahrheit uns gegen⸗ über ſtehen. Wir haben einander immerfort belogen, Jede hat zu der Andern geſagt:„Ich bin glücklich! Ich beneide Dich nicht, denn ich bin eben ſo glücklich, wie Du!“ Aber was meint Ihr, wenn wir jetzt einmal den Mund aufthäten und ließen die Wahrheit unſeres Herzens ausſtrömen? Wär's nicht originell und neu? Wär's nicht ein köſt⸗ liches Mittel, um dieſe halbe Stunde hinzubringen, bis unſere Ver⸗ lobten kommen, uns abzuholen zur Trauung? Seht, es iſt heute das letzte Mal, daß wir ſo zuſammen ſind, das letzte Mal, daß wir uns nennen mit dem Namen unſeres Vaters, laßt uns alſo ein einziges und letztes Mal offen zu einander reden. Wollen wir's? Ja, wir wollen's, riefen die beiden Schweſtern. Aber wovon wollen wir denn die Wahrheit ſagen? Von unſeren Herzen, ſagte Fanny ernſt. Du, Eſther, Du biſt die Aelteſte, Du mußt anfangen. Sag' uns alſo, liebſt Du Deinen Bräu tigam, den Herrn Geheimen Commerzienrath Ephraim? Eſther ſah ſie faſt erſtaunt an. Ich ihn lieben? fragte ſie. Ja, mein Gott, wie ſollte ich denn dazu kommen, ihn zu lieben? Ich kenne ihn ja kaum. Der Vater hat ihn mir ausgewählt, es iſt eine glän zende Partie, ich bleibe in Berlin, werde Geheimräthin, gebe glänzende nicht ihre geheimen Gedanken, ihre verſchwiegenen 150 Geſellſchaften und ärgere durch meine Pracht dieſe Damen der ſoge⸗ nannten Haute volée, welche ſich zuweilen erlaubt haben, auf die „Jüdinnen“ naſerümpfend herniederzuſchauen. Ob ich Ephraim lieben kann, das weiß ich nicht, aber wir werden ein gutes, glänzendes Haus machen, und da wir auserleſene Diners geben werden, kann es uns an der vornehmſten und ausgeſuchteſten Geſellſchaft nicht fehlen. Das ſind meine Ausſichten in die Zukunft, und wenn ich auch nicht behaupten will, daß ich damit zufrieden bin, ſo weiß ich doch, daß die Andern mich beneiden werden, und das iſt immerhin ſchon Etwas. Erſtes Bekenntniß! ſagte Fanny lächelnd. Jetzt iſt an Dir die Reihe, Lydia. Nun ſage uns, wie ſteht es mit Dir? Liebſt Du den Herrn Baron von Eskeles, Deinen zukünftigen Gemahl? Lydia blickte traurig und ſchweigend zu ihr hinüber. Frage mich nicht, ſagte ſie, denn Ihr Beide wißt, daß ich ihn nicht liebe. Ich hatte einſt einen ſchönen Traum. Da ſah ich mich als geliebtes Weib an der Seite eines jungen Maunes, den ich liebte und der mich wieder liebte. Er war Künſtler, und wenn er vor ſeiner Staffelei ſaß, fühlte er, daß er reich und glücklich ſei auch ohne Geld, denn er hatte ſein Genie und ſeine Kunſt. Wenn ich ſeine Gemälde anſchaute und ihn ſelber, den ſchönen begeiſterten Künſtler, dann ſchien es mir, es gäbe auf Erden nur Ein Glück und Einen Reichthum: dieſem Manne anzu⸗ gehören, ihn zu lieben, ihm zu dienen und, wenn es ſein müßte, mit ihm zu hungern und zu darben. Es war ein Traum, und unſer Vater weckte mich daraus, indem er ſagte, daß ich Braut ſei des Barons von Eskeles, daß er ſchon mit dem Vater des Bräutigams handels⸗ einig geworden, und daß in vierzehn Tagen meine Hochzeit ſein ſolle. Arme Lydia, murmelten die Schweſtern leiſe vor ſich hin. Eine Pauſe trat ein. Nun? fragte Eſther dann, und Du, Fanny? Du fragſt uns aus, und Du ſelber ſchweigſt? Wie ſteht es mit Dir, mein Kind? Liebſt Du etwa Deinen Verlobten, den Herrn Baron von Arnſtein, den Compagnon Deines Schwagers Eskeles? Wie? Du ſchweigſt? Haſt Du uns nichts zu ſagen? Ich habe Euch zu ſagen, daß wir alle Drei unglücklich und be⸗ klagenswerth ſind, ſagte Fanny leidenſchaftlich. Unglücklich und be⸗ klagenswe glänzende hat dana Jeder ha meine E Prinzeſſi haben ke würdigen gehorcher Eitelkeit, unſets) Ja, ſagen u heucheln fühlen! Ich ich mich mich bie liebſt? ſtunde ſpreche Salon ich fre angen. und G G im lieben es uns an n. Dis behaupten e Andern Dir die Du den mich nicht hatte einſt ib an der ich wieder aß, fühlte hatte ſein te und ihn 5 gäbe nne anzu⸗ üßte, mit Parons e Barons 8— klagenswerth, trotz unſers Reichthums, unſerer Brillanten und unſerer glänzenden Zukunft! Man hat uns verkauft wie eine Waare, Niemand hat danach gefragt, daß dieſe Waare zufällig ein Herz hat, ſondern Jeder hat nur überlegt, wie viel Gewinn er von ihr haben wird! Oh, meine Schweſtern, es geht uns, den reichen Jüdinnen, wie den armen Prinzeſſinnen, man verſchachert uns an den Meiſtbietenden. Und wir haben keinen Willen, zkeine Kraft und Selbſtſtändigkeit, uns dieſem un⸗ würdigen Menſchenhandel zu entziehen! Wir beugen unſer Haupt und gehorchen, und ſtatt mit Liebe und Glück, füllen wir unſer Herz mit Eitelkeit, mit Prunkſucht und Hochmuth, und darben doch in der Fülle unſers Reichthums. Ja, wir darben, ſeufzte Lydia, und wir dürfen es nicht einmal ſagen und klagen! Verdammt zur ewigen Lüge, müſſen wir ein Glück heucheln, das wir nicht empfinden, müſſen Liebe lügen, die wir nicht fühlen! Ich werde das nicht thun, rief Fanny ſtolz. Es iſt genug, wenn ich mich dem Zwang füge und mein Haupt beuge, aber ich werde nicht mich bis zur Lüge demüthigen. Wie, Du wollteſt alſo Deinem Gemahl ſagen, daß Du ihn nicht liebſt? fragten die Schweſtern. Ich werde es nicht meinem Gemahl ſagen, ſondern meinem Bräu⸗ tigam, ſobald er kommt! Aber wenn er keine Frau heirathen will, die ihn nicht liebt? Dann iſt Er es, welcher zurücktritt, nicht Ich, und unſer Vater hat mir keine Vorwürfe zu machen. Hört Ihr nicht Schritte im Cor⸗ ridor? Das iſt mein Bräutigam. Ich habe ihn gebeten, eine Viertel⸗ ſtunde vor der feſtgeſetzten Zeit hierherzukommen, weil ich ihn zu ſprechen wünſchte. Er kommt! Nun bitte ich Euch, geht in den Salon und erwartet mich dort. Vielleicht komme ich allein, dann bin ich frei, vielleicht kommt Arnſtein mit mir, dann hat er die Zukunft angenommen, wie ich ſie ihm biete. Lebt wohl, meine Schweſtern, und Gott ſchütze uns alle! Gott ſchütze Dich! ſagte Lydia, ihre Schweſter zärtlich umarmend. 152 Du biſt eine muthige und ſtarke Seele, und ich wollte, ich köunte Dir gleichen! Was würde es Dir helfen, Lydia? fragte Fanny mit ſcharfer Betonung. Was hilft uns aller Muth und alle Kraft, wir müſſen doch dulden, doch uns unterwerfen! Er kommt! Sie drängte die Schweſtern nach der Thür des Salons hin und ging dann ihrem Verlobten entgegen, der eben in die Thür trat. Herr von Arnſtein, ſagte Fanny, ihm die Hand darreichend, ich danke Ihnen, daß Sie meiner Einladung ſo pünktlich gefolgt ſind. Ein Geſchäftsmann iſt immer pünktlich, ſagte der junge Baron, ſich leicht verneigend. Ah, und Sie betrachten dies auch als ein Geſchäft? fragte Fanny raſch. Ja, aber als ein Geſchäft der ſchönſten und ſeltenſten Art. Eine Conferenz mit einer ſchönen, reizenden Dame, das iſt mehr werth, als eine Conferenz mit dem reichſten Geſchäftsfreund, und wenn man auch hundert Procent dabei verdienen könnte! Ah, ich glaube, daß Sie mir da eine Schmeichelei ſagen wollten? fragte Fanny, mit ihren großen funkelnden Augen die kleine, ſchmächtige Geſtalt, das bleiche Angeſicht des Barons prüfend betrachtend. Er verneigte ſich mit einem ſanften Lächeln, aber er hob nicht das Auge zu ihr empor. Fanny ſah, daß ſeine Stirn von einem trüben Schatten umdüſtert war. Herr Baron, ſagte ſie, ich habe Sie gebeten, hierher zu kommen, weil ich nicht zum Altar gehen will mit einer Lüge im Herzen. Ich will weder Gott, noch Sie betrügen, und darum ſage ich Ihnen jetzt frei und offen: ich liebe Sie nicht, Herr Baron, und nur der Wille meines Vaters giebt Ihnen meine Hand! Kein Zug in dem Antlitz des jungen Barons veränderte ſich, er ſchien weder überraſcht, noch beleidigt zu ſein. Lieben Sie einen Andern? fragte er gelaſſen. Nein, ich liebe Niemand, rief Fanny. Ah, dann ſind Sie beneidenswerth, ſagte er düſter. Es iſt viel leichter, mit einem kalten Herzen in die Ehe zu treten, als mit einem gebrochene nicht. Fannt herr von7 ſo wenig, Er die ſtolze, rief er em oin 1 eine Oh ſagen nich nicht Ich h früher gel Jetzt fragte ſe Vd, 1 nich frage Vil und unſe will es1 würde un Oh, unſere H Lerkaufen der ha on iſes u 8 ſcharfer rmüſſen hin und Eine man auch wollten? hmächtige hob nicht einem kommen, Ich zen. hnen jebi MWil der Wile e ſi, e 17 153 gebrochenen, denn das kalte Herz kann ſich erwärmen, das gebrochene nicht. Fanny's glänzende Augen ruhten unverwandt auf ſeinen Zügen. Herr von Arnſtein, rief ſie jetzt raſch und heftig, Sie lieben mich eben ſo wenig, als ich Sie liebe! Er zwang ſich zu einem Lächeln. Wer könnte Sie ſehen, Sie, die ſtolze, herrliche Erſcheinung, und nicht entzückt von Ihnen ſein! rief er emphatiſch. Keine leeren Schmeicheleien, ich bitte Sie, ſagte Fanny ungeduldig. Oh, ſagen Sie mir die Wahrheit, mein Herr, nicht wahr, Sie lieben mich nicht?„ Ich habe Sie zu ſpät geſehen, ſagte er ſeufzend. Hätte ich Sie früher gekannt, würde ich Sie grenzenlos geliebt haben! Jetzt aber kam ich zu ſpät und Sie liebten bereits eine Andere? fragte ſie haſtig. Ja, ich liebe eine Andere, ſagte er ernſt und feierlich. Da Sie mich fragen, bin ich Ihnen die Wahrheit ſchuldig. Ich liebe eine Andere! Und dennoch, rief Sie zürnend, dennoch wollen Sie mich heirathen? Und Sie? fragte er ſanft. Lieben Sie mich denn? Aber ich ſagte Ihnen ja, mein Herz iſt frei, ich liebe Niemand, während Sie— Warum heirathen Sie nicht diejenige, welche Sie lieben? Weil ich nicht darf und auch nicht kann! Warum dürfen Sie nicht? Weil mein Vater es nicht will! Er iſt der Chef unſeres Hauſes und unſerer Familie. Er hat zu gebieten, und wir zu gehorchen. Er will es nicht, denn das Mädchen, welches ich liebe, iſt arm. Sie würde unſerm Hauſe keine neue Capitalien zuführen. Oh, ewig, ewig dieſer kalte Mammon, dieſer Götze, dem man unſere Herzen als Opfer vorwirft! rief Fanny ſchmerzlich. Um Geld verkaufen wir unſere Jugend, unſer Glück und unſere Liebe. Ich habe meine Liebe nicht verkauft, ich habe ſie geopfert, ſagte Herr von Arnſtein ernſt, ich habe ſie den Intereſſen unſeres Handels⸗ hauſes und unſerer Firma geopfert. Aber indem ich Sie ſo ſchön, ————— — ——— — 154 ſo voll edlen Zorns vor mir ſtehen ſehe, fühle ich ſchon, daß ich nicht mehr zu beklagen bin, denn ich werde das edelſte und ſchönſte Weib in ganz Wien beſitzen. Sie wollen mich alſo heirathen? Sie wollen nicht zurücktreten, obwohl Ihr Herz einer Andern gehört, und obwohl Sie wiſſen, daß ich Sie nicht liebe? Meine ſchöne Braut, täuſchen wir uns doch nicht, ſagte er lächelnd, es iſt nicht eine Ehe, ſondern ein Aſſocié⸗Geſchäft, das wir im Begriff ſind, auf den Wunſch unſerer Väter mit einander abzuſchließen. Man hat dabei nicht an die Herzen, ſondern an die Capitalien gedacht; die Häuſer Itzig, Arnſtein und Eskeles werden herrlicher aufblühen; ob die Menſchen, die zu dieſen Häuſern gehören, dabei verwelken, das gilt gleich. Nehmen wir unſer Geſchick an, meine Liebe, denn entgehen können wir ihm doch nicht! Was hülfe es Ihnen, wenn ich zurückträte? Ihr Vater würde Ihnen einen andern, vielleicht noch reichern Mann auswählen, vielleicht in Polen, in Rußland, was weiß ich's, und Sie könnten mit den Schätzen Ihrer Schönheit und Ihres Geiſtes in irgend einem kleinen Weltwinkel verſchüttet werden, während ich Sie doch nach Wien auf das Theater der Welt, auf eine Bühne führe, wo es Ihnen wenigſtens an Triumphen und Huldigungen nicht fehlen wird. Und ich? Warum ſollte ich ein ſo blöder Thor ſein, Ihnen zu entſagen, Ihnen, welche mir weit mehr bringen wird, als ich verdiene, Ihre Schönheit, Ihren Geiſt und Ihre Güte. Ah, ich werde zu beneiden ſein, denn es wird in ganz Wien keine Frau ſein, die mit Ihnen riva⸗ liſiren könnte. Da ich Diejenige, welche ich liebe, nicht beſitzen kann, ſo habe ich Gott zu danken, daß Sie es ſind, welche mein Vater für mich gewählt. Sie allein ſind dabei zu beklagen, Fanny, denn ich habe Ihnen keinen Erſatz zu bieten für das Opfer, das Sie mir bringen. Ich bin Ihrer nicht werth. Sie ſtehen über mir an Schönheit, an Geiſt, an Bildung. Ich bin ein Geſchäftsmann, weiter nichts! Aber ich habe Ihnen doch etwas zu bieten, Reichthum, Glanz und einen Namen, der ſelbſt am Kaiſerhof einen guten Klang hat. Laſſen Sie alſo mich Ihnen als Freund rathen, nehmen Sie meine Hand an, es iſt die Hand eines Freundes, der durch ſein ganzes Leben bemüht ſein bereit, Ih wir werde Meh mit Anſpr Ihr Herz als was Vertrauen Gemahls fordert, vor der Hauſes, dem unſ und beſ welcher deutſam und ohn Abe krnen n dieſem 2 und ind Ihr rücktreten, iſſen, daß rlächelnd, m Begrif n Man dacht; die en; ob elken, das nentgehen ern Mann und Sie lene, nbeneiden hnen niv⸗ ſitzen kann, Vte fir nn ich hube nir bringen⸗ gönheit, an „ Aber 1 und einen gaſſen Sie zand an, eb ht ſein 155 wird, Sie dafür zu entſchädigen, daß er Ihnen nicht das Glück und die Liebe geben konnte. Er reichte ihr mit einem offenen, herzlichen Ausdruck ſeine Hand dar, und das junge Mädchen legte langſam ihre Hand in die ſeine. Es ſei, ſagte ſie feierlich, ich nehme Ihre Hand an, und ich bin bereit, Ihnen zu folgen. Wir werden kein glückliches Liebespaar, aber wir werden zwei gute und aufrichtige Freunde ſein. Mehr verlange ich nicht, ſagte Arnſtein ſanft. Nie werde ich Sie mit Anſprüchen und Forderungen beläſtigen, die Ihr Zartgefühl und Ihr Herz verletzen könnten, nie werde ich mehr von Ihnen fordern, als was ich mir hoffentlich verdienen kann: Ihre Achtung und Ihr Vertrauen. Ich werde niemals die aufgeblaſenen Prätenſionen eines Gemahls haben, der von ſeiner Gemahlin die Liebe und die Treue fordert, die er doch ſelber ihr zu bieten nicht vermag. Wir werden vor der Welt vermählt ſein, weiter nichts, aber im Innern Ihres Hauſes, da werden Sie die Freiheit, die Unabhängigkeit finden, da werden Sie jede Ihrer Launen, Ihrer Wünſche befriedigen können, da wird Jeder ſich vor Ihnen beugen und Ihnen gehorchen. Ich zuerſt und vor allen Dingen! Sie ſollen der Glanz, der Stolz und die Freude meines Hauſes ſein, und ihm eine glänzende Stellung in der Geſellſchaft verleihen. Wir wollen ein fürſtliches Haus machen, und Sie ſollen als Fürſtin darin herrſchen. Sind Sie damit zufrieden? Nehmen Sie meinen Vorſchlag an? Ich nehme ihn an, rief Fanny mit leuchtenden Augen, und ich ſchwöre Ihnen, es ſoll in ganz Wien kein zweites Haus geben, das dem unſern gleicht. Wir wollen ſes zu einem Mittelpunkt der edelſten und beſten Geſellſchaft machen, und inmitten dieſer Geſellſchaft, in welcher Alles ſich vereinen ſoll, was es an Rang, Schönheit und Be⸗ deutſamkeit giebt, wollen wir vergeſſen, daß wir Beide ohne Glück und ohne Liebe an einander gekettet ſind. Aber ein Tag wird kommen, an welchem Sie die Liebe kennen lernen werden, ſagte Arnſtein. Schwören Sie mir, daß Sie mich an dieſem Tage nicht verwünſchen wollen, weil ich alsdann zwiſchen Ihnen und Ihrer Liebe ſtehe. Schwören Sie mir, daß Sie mich immer als 156 Ihren Freund betrachten, als ſolchem mir vertrauen und es mir ſagen wollen, wenn für Sie dieſe unſelige, ſelige Stunde gekommen, in der Ihr Herz ſpricht! Ich ſchwöre es Ihnen, ſagte Fanny ernſt. Es ſoll immer Wahr⸗ heit zwiſchen uns ſein, dadurch können wir uns wenigſtens vor dem Unglück bewahren, wenn es auch nicht in unſere Macht gegeben iſt, uns das Glück zu erobern! Und jetzt, mein Freund, kommen Sie, geben Sie mir Ihren Arm und laſſen Sie uns in den Salon gehen, wo man uns erwartet. Jetzt beklage und beweine ich den heutigen Tag nicht mehr, denn ich habe ihm einen Bruder, einen Freund zu verdanken! Kommen Sie! Sie legte Ihren Arm in den ſeinen und folgte ihm in den Salon. Ein ſanftes Lächeln umſpielte ihre Lippen, als die Thür deſſelben ſich öffnete und ſie eintraten; mit einem Ausdruck ſtiller Zufriedenheit ſchaute ſie hinüber zu ihren beiden Schweſtern, die an der Seite ihrer Ver⸗ lobten ſtanden und ſie mit zitternder Ungeduld erwartet hatten. Keine Hoffnung mehr, murmelte Lydia leiſe, auch ſie nimmt ihr Schickſal an und unterwirft ſich. Sie macht es wie ich, dachte Eſther, ſie tröſtet ſich mit dem Reich⸗ thum und einer glänzenden Stellung in der Welt. Es giebt auch keinen beſſern und ſchönern Troſt, als dieſen! In dieſem Angenblick öffnete ſich die Thür, und der Rabbiner in ſeinem ſchwarzen Talar, mit dem Käppel auf dem Haupt, erſchien auf der Schwelle, gefolgt von dem Vorſänger und den Tempeldienern. Eine feierliche Stille trat ein und betend neigten ſich alle Häupter, während der Rabbiner durch den Saal ging, die Eltern der Bräute zu begrüßen. Niema Erſcheinum eine ſlze, Haur ihre des Geſicht und verriet der Welt u und ſeine doch, wenn noch jrgend ſich, anzieh Geſtalt un dem Buſen hre Schu blßt, der ſing bſe tüſtühen, Briluntn Locken vor und wr mit brilla vollen un herrlichſte Stol auch ihr 2 hute etma S 4ge mir ſagen n, in der VM. 1o R... Wariane Meier. r dem egeben it, Niemand achtete in dieſem Moment der Andacht auf dieſe zweite Erſcheinung, welche ſich drühen auf der Schwelle zeigte. Es war eine ſtolze, hohe Frauengeſtalt von wunderbarer Schönheit. Ihr ſchwarzes Haar, ihre glühenden Augen, die feingebogene Naſe, der ganze Schnitt Freund zu des Geſichtes gaben ihr eine Aehnlichkeit mit der ſchönen Fanny Itzig und verriethen, daß auch ſie dieſem Volk angehöre, welches, überall in der Welt verſtreut und umhergetrieben, ſich doch überall ſeinen Typus men Sie, lon gehen, heutigen en Salon. ſſelben ſit und ſeine Gewohnheiten in unerſchütterlicher Treue bewahrt hat. Und heit ſchaute doch, wenn man dieſe Fremde näher betrachtete, glich ſie weder Fanny, ihrer Ver⸗ noch irgend einer ihrer Schweſtern. Es war eine Schönheit ganz für en. ſich, anziehend und abſtoßend zu gleicher Zeit. Eine hohe, königliche nimmt ihr Geſtalt, umfloſſen von einem purpurrothen Sammetgewand, das unter dem Buſen von einem breiten goldenen Gürtel zuſammen gehalten war. den Reich⸗ Ihre Schultern von wunderbarer Weiße und edelſter Fülle waren ent— giebt auch blößt, der kurze Hermelinmantel war von ihnen niedergeglitten und hing loſe und leicht über ihren Nacken nieder, feſtgehalten von ihren abbiner in köſtlichen, vollen Armen, an denen die prachtvollſten Bracelets von ſchien uf Brillanten blitzten. Ihr ſchwarzes Haar fiel in langen, ſchweren peltienen Locken von beiden Seiten ihrer durchſichtig bleichen Wangen nieder, e hüpte und war hinterwärts in einen griechiſchen Knoten zuſammengefaßt, der der Briut mit brillantenen Nadeln befeſtigt war. Ueber ihrer hohen gedanken⸗ vollen und edlen Stirn erhob ſich ein Diadem von Brillanten, die im 1 herrlichſten Feuer glänzten und funkelten. Stolz und herrlich wie eine Königin war ſie anzuſchauen, und auch ihr Blick, der jetzt langſam und ſuchend durch den Saal ſchweifte, hatte etwas Hoheitsvolles, Gebietendes und Kaltes. Sagen Sie mir, flüſterte Herr von Arnſtein, ſich zu ſeiner Braut hinneigend, ſagen Sie mir, wer iſt dieſe prachtvolle Dame, welche da in der Thür ſteht? 5 Oh, rief Fanny freudig überraſcht, ſie iſt alſo doch gekommen! den ander Wir wagten kaum, noch auf ſie zu hoffen. Das iſt Mariane Meier. hüuptern Wie, Mariane Meier? fragte Herr von Arnſtein. Die berühmte vie mit e Mariane Meier, welche Göthe geliebt hat, für die der ſchwediſche Ge⸗ lauter auf ſandte in Berlin, Herr von Bernſtorf, jahrelang in glühendſter Leiden⸗ floſſen ein ſchaft geſchwärmt und gelitten hat, und die jetzt die Maitreſſe des gend entf öſterreichiſchen Geſandten, des Fürſten von Reuß, iſt? allein. A Still, um Gotteswillen ſtill, flüſterte Fanny. Sie kommt auf Singen b uns zu! ufend kla Und Fanny ging der ſchönen Dame mit lächelndem Gruß einige ihren ſiße Schritte entgegen. Mariane neigte ſanft ihr Haupt und küßte leicht die Stirn der Braut, mit dem Anſtand und der Haltung einer Fürſtin. Ich bin gekommen, um Dir und Deinen Schweſtern Glück zu wünſchen, ſagte ſie mit ihrer ſonoren, herrlichen Altſtimme, ich wollte auch ſehen, wie ſchön Du ſeiſt, und ob Dein Verlobter es werth iſt, Dich zu beſitzen! von dieſen von ihnen teſten der ordnete ſi Beweyun, ogen ſiet 6 ſrauen, d Fanny wandte ſich um, Herrn von Arnſtein herbei zu winken, gür ſch aber er hatte ſich ſoeben mit dem Rabbiner und den Prieſtern entfernt; ſhnückt l, die Frauen waren jetzt allein, denn die Ceremonie ſollte beginnen. Und beſund,„ es kamen die Klageweiber, welchen die Pflicht obliegt, laut zu jammern hinnels und zu weinen um die Bräute, welche jetzt das elterliche Haus verlaſſen gunzi und ihren Männern folgen ſollten. Sie breiteten köſtliche Teppiche aus ſind zu den Füßen der Bräute, welche eine neben der andern auf den Lehn⸗ ihn e ſeſſeln in der Mitte der Frauen da ſaßen, und dieſe Teppiche mit. Chor. Blumen beſtreuend, murmelten ſie ſchluchzend und weinend althebräiſche Unter hit Leder. Hinter den drei Bräuten ſtand ihre Mutter, mit bleichen Wangen, mit zitternden Lippen, die von Thränen umdüſterten Angen gen Himmel gerichtet.— Jetzt öffnete ſich die Thür, und im wallenden Talar, den ſen* weißen Bart lang herniederfließend auf ſeine Bruſt, erſchien der§ ni Tempeldiener, ein ſammetnes Kiſſen auf ſeinen Händen tragend und auf en demſelben drei weiße Spitzenſchleier. Hinter ihm her ſchritt der Banquier 1 v ei Itzig, der Vater der Bräute. Er nahm von dem Kiſſen einen nach ihr Fann ß einige te leicht — 8 winken, entfemt; en. Und verlaſſen en Lehn⸗ ebräiſche dem andern der Schleier und breitete ſie, Gebete murmelnd, über den Häuptern ſeiner Töchter aus, daß ſie ihr Antlitz und ihre ganze Geſtalt wie mit einem zarten Nebel unfloſſen. Und die Klageweiber weinten lauter auf, und aus den gen Himmel gewandten Blicken der Mutter floſſen ein paar Thränen über ihre bleichen Wangen nieder. Schwei⸗ gend entfernten ſich die beiden Männer und die Frauen waren wieder allein. Aber jetzt vernahm man in der Ferne ein helles Klingen und Singen von weichen, tönenden Knabenſtimmen. Wie bockend und rufend klangen die Töne durch das Frauengemach und ſchienen mit ihren ſüßen Melodien die Bräute zu rufen. Langſam, wie bezaubert von dieſen Tönen, erhoben ſich die verſchleierten Bräute, der älteſten von ihnen nahete ſich die Mutter und bot ihr die Hand, die zwei Ael⸗ teſten der Frauen naheten ſich den zwei andern Bräuten, paarweiſe ordnete ſich hinter ihnen der Zug der Frauen und ſetzte ſich dann in Bewegung, immer den rufenden, tönenden Stimmen entgegen. So zogen ſie durch die Säle dahin, die verſchleierten Bräute, die betenden Frauen, der Geſang kam näher und näher, und jetzt, durch die letzte Thür ſchreitend, traten die Frauen in eine lange, mit Blumen ge⸗ ſchmückte, mit Teppichen belegte Halle, deren Decke aus Glasfenſtern beſtand, durch welche man das durchſichtige, tiefe Blau des Winter⸗ himmels gewahrte. In der Mitte dieſer Halle erhob ſ ich ein purpurner Baldachin mit goldenen Quaſten und Troddeln, und unter demſelben ſtand der Rabbi mit gefalteten, zum Himmel erhobenen H änden, neben ihm die Verlobten der- Bräute. Lauter und jubelnder erſchallte der Chor der hinter Blumen und Drangenbäumen verborgenen Sänger. Unter dieſen Jubelklängen führten die Frauen die Bräute unter den Baldachin, und die Ceremonie begann. Als ſie beendet war, als die Schleier von den Häuptern der Bräute abgenommen, ſo daß ſie als Frauen offen und frei hinein⸗ ſchauten in die Welt, kehrte man zurück in die Säl empfingen die Glückwünſche ihrer Gäſte. In einer Fenſterniſche, abſeits von den Andern, ſtand F neben ihr ſtand Mariane Fanny in ihrem we e und die drei Paare anny, und Meier. Arm in Arm geſchlungen ſtanden ſie ißen Atlasgewande wie eine reine ſtrahlende 160 Lilie anzuſchauen, Mariane in ihrem Purpurgewande der ſtolzeſten Kö⸗ igam m i nigin der Blumen gleich. Du willſt heute noch mit Deinem Gemahl Berlin verlaſſen? fragte ſünlige In einer Stunde ſchon reiſen wir ab, ſagte Fanny ſeufzend. Mariane hatte dieſen Seufzer gehört. Liebſt Du Deinen Mann?. ₰ fragte ſie haſtig. Ich habe ihnerſt zwei Mal geſehen und geſprochen, flüſterte Fanny leiſe. Ein ſpöttiſches Lächeln umſpielte Marianens Lippen. Du biſt alſo. einfach an ihn verkauft, wie eine Sclavin an einen reichen Plantagen⸗ 3 6 beſitzer, ſagte ſie. Es iſt ein Handelsgeſchäft, und dennoch dünkt Ihr 2 zun Euch groß damit und gebt Euren Menſchenhandel für Tugend aus und i meint ſtolz und verächtlich auf diejenigen herabſchauen zu können, welche ſich nicht verkaufen laſſen wollten, wie eine Waare, welche es vorge⸗„ w zogen, ſich lieber freiwillig zu verſchenken, und ſich in Liebe hinzu⸗. Sn geben, als ohne Liebe entweiht zu werden. a wr Ich dünke mich gar nicht groß damit, verheirathet zu ſein ohne deſn Liebe, ſagte Fanny ſanft. Oh, ich würde gern allem Reichthum, allem geobt Glanz entſagen, ich würde gern bereit ſein, in Armuth und Niedrigkeit deſtn zu leben mit einem Manne, welchen ich liebte. kiee g Aber dieſer Mann müßte Dir doch vorher durch den alten Rabbi angetraut ſein, nicht wahr? Sonſt würdeſt Du ihm nicht folgen, trotz Deiner Liebe? fragte Mariane. Ja, Mariane, ſo müßte es ſein, ſagte Fanny ernſt, ihre großen Augen feſt auf die Freundin gerichtet. Ein Weib ſoll ſich nicht in beug Conflikt ſetzen wollen mit den Sitten der Welt, denn ſie wird immet. darunter zu leiden haben. Wenn ich liebte und ich könnte den Mann heit, meiner Wahl nicht beſitzen, nicht als ſeine angetraute Gattin ihm an⸗ Fann betrach Ich würde vielleicht ſterben vor ¹ gehören, ſo würde ich ihm entſagen. daß ich der Tugend Gram, aber ich würde ſterben mit dem Troſt, treu geblieben. Und daß Du die Liebe verrathen hätteſt, rief Mariane höhniſch. Miſſio in Kind, aber mit dieſen Phraſen, nichts als angelernte Phraſen, me Oh ſtill, ſtillu Phraſen ſpreizt ſich dieelt und nennt es Moral. Ich weiß Alles, was Du mir ſagen und wie Du mich ermahnen willſt! Ich habe es wohl gehört, mit welchem verächtlichen Ton Dein Bräu⸗ tigam mich die Maitreſſe des Fürſten von Reuß genannt hat! Ent ſchuldige ihn nicht, und leugne es nicht, ich habe es gehört. Ich könnte darauf erwidern, was jüngſt Frau von Balbi geſagt hat, als man ſie verächtlich die Maitreſſe des königlichen Prinzen von Artvis ſchalt: Le sang des princes ne souille pas! Aber ich will mich nicht ent ſchuldigen, ſondern Ihr Alle ſollt eines Tages Euch bei mir entſchul— digen müſſen! Denn ich ſage Dir, Fanny, ich gehe meinen Weg und ich habe mein Ziel vor Augen! Es iſt ein großes, ein herrliches Ziel! Die ganze Welt will ich vor meinen Füßen ſehen, vor der Jüdin ſollen ſich alle dieſe lächerlichen Vorurtheile der Geburt, des Ranges, der Tugend beugen, und gleich berechtigt ſoll die Jüdin daſtehen inmitten der erſten und vornehmſten Geſellſchaft. Sieh, Fanny, das iſt mein Plan und mein Ziel, es iſt auch das Deine, nur daß wir Beide es D auf verſchiedenen Wegen verfolgen. u an der Seite eines Mannes, deſſen Gemahlin Du biſt, dem Du Treue und Liebe vor Gottes Altar gelobt haſt, ohne ſie zu empfinden; ich an der Seite eines Mannes, — deſſen Freundin ich bin, dem ich zwar nicht vor dem Altar Treue und Liebe geſchworen, dem ich ſie aber halten werde, weil ich ſie empfinde! Gott möge entſcheiden, bei welcher von uns Beiden die wahre Mora lität wohnt. Die Welt giebt Dir Recht und verurtheilt mich; ich aber will ihr eines Tages all ihre Verachtung und ihren Spott in's Ge ſicht ſchleudern und will ſie zwingen, ſich in Demuth vor mir zu beugen! Und wenn man Dich anſieht in Deiner ſtolzen, leuchtenden Schön heit, ſo fühlt man, daß Dir Alles gelingen wird, was Du willſt, ſagte Fanny, mit bewundernden Blicken die ſtrahlende Erſcheinung Marianens betrachtend. Mariane nickte leicht mit dem Haupt. Laß uns unſer Ziel ver folgen, ſagte ſie, denn es iſt daſſelbe. Wir haben Beide eine Miſſion zu erfüllen, Fanny, wir haben die Jüdin zu rächen an dem Hochmuth der Chriſtinnen, wir haben ihnen zu beweiſen, daß wir in jeder Hinſicht ihnen gleich ſtehen, daß wir vielleicht beſſer, bedeutender, Mihlbach, Ngpolern 1. Bd 162 4 talentvoller und ſchöner ſind, als ſie alle, dieſe hochmüthigen Chriſtinnen! Wie oft haben ſie uns in der Geſellſchaft vernachläſſigt und überſehen, .. wie oft haben ſie ſich hervorgedrängt, um uns zu verdunkeln, wie oft 4 mit ſpöttiſchen Blicken, mit wegwerfender Ueberhebung uns geärgert. 4 Wir wollen ihnen das Alles zurückgeben, wir wollen ſie züchtigen mit den Geißeln, womit ſie uns gezüchtigt haben, ſie ſollen ſich vor uns bengen müfſen! ò Sie ſollen wenigſtens uns als Gleichberechtigte betrachten und 6 1 gelten laſſen müſſen, ſagte Fanny ernſt. Ich verlange nicht, mich zu 3 rächen, aber ich will meine Stelle einnehmen in der Geſellſchaft, ich F. will ihnen beweiſen, daß ich eben ſo gut, wie ſie, eine vornehme Dame und eine 2 Arſtotratin bin, daß ich den Adel eben ſo gut vertreten kann, und beſſer, als ſie, denn wir ſind von älterem Adel, als alle dieſe 3 3 chriſtlichen Ariſtokraten, und mehr Ahnen von uns bis in entferntere Geſchlechter können wir zählen, als ſie. Unſere Väter, die ſtolzen Levi, haben als Hoheprieſter geſt⸗ den in dem Tempel Salomons, und das 3 Volk hat ſie ſchon damals“ aln adlige Herren geehrt. Das wollen wir den chriſtlichen Damen bedenken geben, wenn ſie uns von ihren Ahnen, die höchſtens vis in's Mittelalter oder zu Carl dem Großen 1. reichen, erzählen wollen! So iſt es recht, ſo höre ich Dich gern, rief Mariane freudig. Ich ſehe, Du wirſt uns in Wien auf eine edle und ſtolze Weiſe vertreten Sund der Berliner Judenſchaft Ehre machen. Oh, das freut mich, Fanny, und ich werde Dich immer dafür lieben! Vergiß auch Du meiner 1 nicht! Ich werde, ſo Gott will, auch eines Tages nach Wien kommen 3 und werde da meine glänzende Rolle ſpielen. Wir aber wollen doch it niemals Rivalinnen, ſondern immer Freundinnen ſein. Verſprichſt Du mir das? Ich verſpreche es Dir, ſagte Fanny, der Freundin ihre ſchlanke, weiße Hand darreichend. Mariane drückte ſie feſt in der ihrigen. Ich nehme Dein Verſprechen an, und werde Dich einſt daran mahnen, ſagte ſie. Jetzt lebe wohl, Fanny, denn ich ſehe da Deinen 1 1 jungen Gemahl, welcher Dich gern ſprechen möchte und doch nicht wagt, hierher zu kommen, aus Furcht vor der Berührung mit der Muitreſſ die ſich ſ nicht unſ Sie glühende und ſtür welche d Me neugieri die Str beim Ei Ma Augen Geſichte ein Int fürſtlic die ſo nichts Schach R — Weibes chtete lih la nkeln, wie of Ur züchtigen mit ſich vor uns icht, mich zu ſellſchaft, ich nehme Dame ertreten kann, s alle dieſe entferntere ſtolzen Levi, le ſchlanke, einſt dal 163 Maitreſſe des Fürſten von Reuß. Gott ſegne und ſchütze ſeine Tugend, die ſich ſo ſehr vor der Anſteckung zu fürchten hat! Lebe wohl, vergiß nicht unſeres Schwurs und denke mein. Sie ſchloß die Freundin feſt in ihre Arme und drückte einen glühenden Kuß auf ihre Stirn. Dann wandte ſie ſich raſch um und ſchritt durch den Saal dahin. Aller Augen folgten der hohen, ſtolzen Erſcheinung mit bewundernden Blicken, und hier und da flüſterte man: „Wie ſchön ſie iſt! Wie ſtolz! Wie prächtig!“— Sie aber achtete nicht darauf, ſie war der Huldigung dieſes Geflüſters zu ſehr gewohnt, als daß es ſie noch hätte erfreuen können. Ohne Gruß, mit ſtolz ge⸗ hobenem Haupte ſchritt ſie durch den Saal, den Hermelinmantel eng über ihre Schultern gezogen, nichts um ſich her ihrer Beachtung, ihres Anſchauens würdig haltend. Im äußern Vorzimmer erwartete ſie ein Lakai in goldner Livree; er flog vor ihr her die Treppe hinunter, riß die Hausthür weit auf und ſtürzte hinaus, um den Wagen ſeiner Horrin aus dieſer Wagenburg, welche die beiden Seiten der Straße er e. hervorzurufen. Mariane ſtand wartend unter der Har hür, angeſtiert von den neugierigen ſtechenden Blicken der Menge, welche in dichten Haufen die Straße belagerte, um die Hochzeitsgäſte des reichen Banquiers Itzig beim Einſteigen in ihre Wagen zu beſchauen. Mariane achtete gar nicht auf dieſe Leute, ihre großen, ſchwarzen Augen ſchweiften mit kalter, theilnahmloſer Gleichgültigkeit an allen Geſichtern vorüber, keiner von allen dieſen Menſchen hatte irgend ein Intereſſe für ſie und ihr Anſtarren war ihr ganz gleichgültig. Aber die Menge fühlte ſich verletzt von dieſer ſtolzen Ruhe, dieſer fürſtlichen Gleichgültigkeit. Seht, murmelte man hier und dort, ſeht die ſtolze Jüdin! Wie ſie uns anſtarrt, als wären wir nur leere Luft, nichts weiter! Welche köſtlichen Brillanten ſie trägt! Ob ihr das der Schacher ihres Vaters eingetragen hat? Bei dieſer lauten und ſpöttiſchen Frage eines alten, zerlumpten Weibes brachen Alle in ein lautes, höhniſches Lachen aus. Mariane achtete noch immer nicht darauf. Sie dachte nur, daß es außerordent lich lange dauere, bis ihr Wagen vorfahre, und die vermeintliche 2 164 Läfſigkeit ihres Dieners war es allein, welche einen Schatten über ihre hohe Stirn warf. Als das Lachen der Menge verſtummt war, drängte ſich plölich ein Weib, eine Jüdin in ſchmutzigen, zerfetzten Gewändern, aus der Menge hervor und trat dicht zu Marianen heran. Der Schacher ihres Vaters, meint Ihr, habe ihr dieſe Brillanten eingebracht? rief ſie mit kreiſchender Stimme der Menge zu. Nein, ich weiß das beſſer! Ihr Vater war mein guter Freund, und wir haben manches kleine Geſchäftchen mit einander gemacht, als er noch ein kleiner Handelsjude war, der mit dem Päckchen auf dem Rücken durch die Straßen ging. Nachher iſt er durch Handel reich und ich arm geworden, aber die Brillanten hat ſie doch nicht von ihrem Vater. Leute, hört, wer dieſe iſt, die uns ſo ſtolz anſchaut. Das iſt die Jüdin Mariane Meier, die Maitreſſe des alten Fürſten Reuß! Ach, eine Maitreſſe, lachte und jubelte das Volk. Und die ſchaut uns an, als ob ſie eine Königin wäre. Trägt Brillanten im Haar, meint ihre Schande zu verbergen unter Sammet und Seide! Hat— Eben fuhr mit donnerndem Geräuſch der Wagen vor, die gallo⸗ nirten Diener öffneten den Schlag und beeilten ſich, die Leute bei Seite zu ſchieben, damit ihre Herrin auf dem ausgelegten Teppich zu ihrer Kutſche ſchreiten könnte. Wir laſſen uns nicht zurückdrängen, brüllten die Leute, wir wollen uns die ſchöne Maitreſſe in der Nähe beſchauen! Und unter Hohngelächter und Geſchrei ſchoben ſie ſich dicht an Mariane heran. Sie ſchritt langſam, mit hochgehobenem Haupt, vor⸗ wärts und ſchien alle die beleidigenden, höhnenden Worte gar nicht zu vernehmen. Nur ihre Wangen waren noch bleicher geworden und ihre Lippen zuckten leiſe, wie von verhaltenem Zorn. Jetzt hatte ſie ſich bis zu ihrem Wagen durchgedrängt und ſtieg ein. Die Diener ſchlugen den Schlag in die Höhe, aber die Menge umdrängte den Wagen und ſchaute durch die Glasfenſter und hohn⸗ lachte: Seht, ſeht! Die ſchöne Maitreſſe! Hurrah! Es lebe die Maitreſſe! Der Kutſcher hieb auf die Pferde ein und der Wagen ſetzte ſich in Bewegun ſcheben, de ein ſchwar age der V Mnia Blicken die kein Wort, Auch jetzt gewann u beründerte hatte ſie d und der L war wirkli Waren, m deshalh d bitte um Mar und ſchau dumn ſchri Der ſie lngſ fortjngen Me ridor hi Kammer beiden bnge R trat in Kerfrau lich zu ſ Wi l in Bewegung, aber nur langſam und im Schritt konnte er ſich fort⸗ ſchieben, denn das höhnende Volk machte ſich ein Vergnügen daraus, wie lich eine ſchwarze, ungeheure Woge mit fortzurollen und der ſtolzen Equi— det page der Maitreſſe jeden Schritt vorwärts ſtreitig zu machen. cher Mariane ſaß aufrecht in ihrem Wagen, mit flammenden, kalten rie Blicken die Menge anſtarrend. Nicht eine Thräne umdüſterte ihr Auge, ſſer! kein Wort, kein Schrei kam von ihren feſt aufeinandergepreßten Lippen. eine Auch jetzt nicht, als der Wagen, um die Ecke biegend, endlich Raum ude gewann und mit donnerndem Geräuſch dahin flog, auch jetzt nicht veränderte ſich ihre Stellung oder der Ausdruck ihres Geſichtes. Bald hatte ſie das Hötel erreicht, vor dem Veſtibule hielt der Wagen an, und der Lakai öffnete den Schlag. Mariane ſtieg aus und ſchritt langſam, ſtolz und ruhig zu der Treppe hin. Der Lakai eilte ihr nach, und wie ſie eben bis zu dem erſten Abſatz gelangt war, ſtand er hinter ihr und flüſterte: Madame, ich bitte um Vergebung. Ich haut gar, war wirklich ganz unſchuldig. Da Ihre Gnaden zuletzt gekommen 3 waren, mußte der Wagen als der letzte in der Reihe anfahren, und lo deshalb dauerte es ſo lange, bis er vorwärts kommen konnte. Ich bei bitte um Verzeihung, Ihre Gnaden! Mariane wandte nur langſam einen Moment das Haupt zu ihm und ſchaute ihn flüchtig an mit einem müden, verächtlichen Blicke, dann ſchritt ſie, ohne ein Wort zu ſagen, die Treppe höher hinauf. Der Lakai blieb ſtehen und ſchaute der ſtolzen Geſtalt nach, wie w ſie langſam empor ſchwebte, und flüſterte ſeufzend: Sie wird mich . fortjagen laſſen! Sie verzeiht niemals!— Mariane hatte jetzt die obere Etage erreicht und ſchritt den Cor ridor hinunter, langſam, ſtolz wie immer. An der Thür ſtand ihr 6 Kammerdiener, der ſie mit tiefer Verneigung empfing und vor ihr die beiden Flügel der Thür öffnete. Sie durchſchritt ernſt und ſtill die lange Reihe der glänzenden Gemächer, die ſich vor ihr aufthat, und trat in ihr Toilettenzimmer ein. Dort harrten ihrer die beiden Kam⸗ merfrauen, um ihr beim Anlegen einer bequemeren Haustoilette behülf lich zu ſein. Wie ſie ſich ihrer Herrin näherten, machte ſie eine ſtolze, abweh 166 rende Bewegung mit der Hand. Hinaus! ſagte ſie, hinaus! Nichts Sind weiter, aber es klang wie ein Schmerzensſchrei, ein Zornesruf, und wil die Kammerfrauen beeilten ſich daher, zu gehorchen, oder vielmehr zu Liſe, entfliehen. Als die Thür ſich hinter ihnen ſchloß, ſtürzte Mariane ber d hin, ſchob den Riegel vor und ließ die Portiére niederrauſchen. Lut Nun war ſie allein, nun konnte Niemand ſie ſehen, Niemand ſie Glich hören. Mit einem wilden Aufſchrei hob ſie ihre ſchönen Arme empor und riß das Brillantdiadem aus ihrem Haar und ſchlenderte es zur und e Erde. Dann löſte ſie mit zitternden Händen den goldenen Gürtel von ſeßl n ihrer herrlichen Geſtalt und die funkelnden Nadeln aus ihrem Haar nit und warf all dies koſtbare Geſchmeide zu Boden. Und mit ihren ihre( kleinen Füßen, mit den goldgeſtickten Atlasſchuhen trat ſie, ſtampfte ſie auf das Geſchmeide, mit flammenden Blicken, die Lippen vor Zorn gonze empor gehoben, daß man die zwei Reihen köſtlicher Zähne ſah, die ſie feſt auf einander gepreßt hatte. Ihr langes Haar, nicht mehr von raſch den Nadeln und Spangen zurückgehalten, war niedergefallen und um⸗ und floß jetzt, einem ſchwarzen Schleier gleich, ihre Geſtalt und legte ſich dicht an das ſammetne Purpurgewand. Wie die Göttin der Rache ſich war ſie anzuſchauen, ſo ſchön, ſo ſtolz, ſo zermalmend und ſo prächtig, meh die kleinen, geballten Hände zum Himmel empor ſchlendernd, mit den Als Füßen das blitzende Geſchmeide zertretend. und Verhöhnt, verlacht! murmelte ſie. Das gemeinſte Weib der Straße glaubt ein Recht zu haben, mich verachten zu können, mich, die ſtolze, Hin die gefeierte Mariane Meier, mich, zu deren Füßen Grafen und Fürſten umſonſt geſeufzt haben! Und was bin ich denn, daß man es wagen darf, mich zu verachten? A Sie fragte es mit einem trotzigen, flammenden Blicke gen Himmel, beſ aber auf einmal zuckte ſie zuſammen und ließ demüthig und zerbrochen gel ihr Haupt auf ihre Bruſt niederſinken. Ich bin eine Schmachbeladene, flüſterte ſie, Brillanten und Gold⸗ n geſchmeide verhüllen nicht meine Schande. Ich bin die Maitreſſe des Fürſten, weiter nichts! Aber dies ſoll anders werden, rief ſie auf einmal laut und ſtür⸗ miſch. Ich will ein Ende machen, ich muß ein Ende machen. Dieſe — n Nichts uf, und mehr zu Mariane n mand ſie ne empor te es zur irtel von m Haar tit ihren ſtanpfte vor Zorn h, die ſie nehr von und um⸗ legte ſich er Rache prichtig, mit den 167 Starrſinn ge⸗ Stunde hat über mein Schickſal entſchieden und 1 en in meiner brochen! Ich glaubte, der Welt Trotz bieten zu Weiſe, glaubte, ihre Vorurtheile verhöhnen und v aber die Welt iſt ſtärker, als ich, und ſo muß ichen ügen und ihr Trotz bieten in ihrer Weiſe. Und das will ich m s werde ich! Gleich jetzt ſoll's geſchehen! en zu können, Ohne weiter zu überlegen und zu ſinnen, verließ 6 Gemach und eilte wieder durch die glänzenden Säle dahin. Ihr flatterte jetzt wild um ſie her, wie züngelnde Schlangen, ihr Pur wand, nicht mehr von dem goldenen Gürtel zuſammengehalten, flo um ihre Geſtalt nieder. Sie achtete gar nicht auf dieſe Unordnung ihrer Toilette, anze Seele war nur erfüllt von Einem Gedanken, Einem Woller In athemloſer Haſt war ſie vorwärts geeilt und öffnete jetzt u te Thür, durch welche ſie in ein mit allem Lurns 8 raſchem Griff eine letz und Comfort ausgeſtattetes Gemach eintrat. B unvermutheten und plötzlichen Erſcheinen erhob d Zei ihrem ſo und blickte er Herr, der auf dem ſeidenen Divan geruht, als erfreut nach der unerwarteten Störung ſich um. flog ein Lächeln über ſeine Züge ſich mehr erſchreckt, Als er indeſſen Mariane erkannte, und er beeilte ſich, ihr mit freundlichem Gruß entgegen zu gehen. Schon wieder zurück, meine Theuerſte? fragte er, ihr ſeine beiden Hände darreichend. Ja, Durchlaucht, ich bin zurück, ſagte ſie trocken und Ueber die alternden, matten Züge des Herrn flog ein Ausdruck und er heftete ſeine großen, von dicken, weißen Augenbrauen beſchatteten Augen feſt und prüfend auf ſeine Freundin hin. Jetzt erſt gewahrte er ihr zorniges Antlitz, die Unordnung ihrer Toilette. Mein Gott, Mariane, fragte er lebhaft, was bedeutet Ihre Auf regung, Ihre Unfreundlichkeit gegen mich? Was iſt Ihnen geſchehen? Es iſt mir geſchehen, daß ich beſchimpft, inſultirt, bis auf den Tod gekränkt bin, rief ſie mit zitternden Lippen, mit flammender Zor Es iſt mir geſchehen, daß ich eine Viertel das Hohngelächter, die Verachtung, das kalt. ängſtlicher nesröthe auf den Wangen. ſtunde, nein, eine Ewigkeit 168 Geſpött des Pöbels habe ertragen müſſen, daß man mich öffentlich geſchimpft und geſchändet hat. Mein Gott! rief der alte Herr, ängſtlich die iſt denn geſchehen, wer trägt denn die Schuld an dieſer Beleidigung? Wer die Schuld daran trägt? fragte ſie, ihre flammenden Augen mit einem fascinirenden Ausdruck auf ihn richtend. Sie allein, mein Fürſt, Sie ſind die Schuld meiner Schmach und meiner Demüthigung. Um Ihretwillen hat mich der Pöbel verhöhnt und hat mich Ihre Mai⸗ treſſe genannt und hat geſpottet über meine Brillanten, den Kaufpreis meiner Schande! Oh, wie viel Schmach, wie viel Demüthigung habe ich nicht um Ihretwillen ſchon erduldet, mit wie viel habe ich nicht dieſe Liebe ſchon verwünſcht, un Hände faltend, was blutigen Thränen die mich an Sie feſſelt, die ich doch nicht aus meinem Herzen reißen konnte, denn ſie iſt ſtärker, als ich. Aber jetzt iſt es genug! So viel Schande und Spott erträgt mein Stolz nicht. Leben Sie wohl, mein Fürſt, mein Geliebter, ich muß Sie verlaſſen, ich darf nicht mehr bei Ihnen bl eiben, wenn die Schande mich nicht tödten ſoll! Leben Sie wohl! Niemand ſoll es mehr wagen dürfen, mich eine Maitreſſe zu nennen! Sie wandte ſich mit einem ſetzten glühenden Scheideblick nach der Thür hin, aber der Fürſt hielt ſie zurück. Mariane, fragte er zärtlich, wiſſen Sie denn nicht, daß ich Sie liebe, daß ich nicht ohne Sie leben kann? Sie ſchaute zu ihm hin mit einem bezaubernden Lächeln. Und ich? fragte ſie. Fern von Ihnen werde ich ſterben vor Liebeskummer, bei Ihnen werde ich ſterben vor Schmach. Ich ziehe den Liebeskummer vor! Leben Sie wohl! Niemand ſoll mich mehr eine Maitreſſe nennen dürfen!— Und ſie legte ſchon die Hand auf den Griff der Thür. Der Fürſt legte ſeine beiden Arme um ihre Geſtalt und zog ſie zurück. Ich laſſe Dich nicht fort, ſagte er glühend. Du biſt mein und ſollſt es bleiben. Oh warum biſt Du ſo ſtolz und kalt! Warum willſt Du unſerer Liebe nicht das Opfer Deines Glaubens darbringen! Warum beſtehſt Du darauf, eine Jüdin zu bleiben! Durchlaucht, fragte ſie, ihr Haupt an ſeine Schulter legend, wes⸗ halb ſollte ich denn eine Chriſtin werden? W Wi Un lüſterte N Dir ſch mahlin — C Lächel er di ich dor Keine ſich öffentlich faltend, was Zeleidigung' anden Augen allein, mein emüthigung. Ihre Mai⸗ n Kaufpreis ing habe Thränen Sie frſſelt, denn ſie iſt c nach del ri rzar0, Weshalb? rief er. Deshalb, weil meine Religion und die Landes⸗ geſetze es mir verbieten, eine Jüdin zu meiner Gemahlin zu machen. Und wenn ich Ihnen auch das Letzte noch opferte, was ich beſitze? flüſterte ſie. Mein Gewiſſen und meine Religion? Mariane, rief er feierlich und laut, ich wiederhole Dir, was ich Dir ſchon oft geſagt habe: werde eine Chriſtin, damit Du meine Ge⸗ mahlin werden kannſt! Sie ſchlug mit einer heftigen Bewegung ihre Arme um ſeinen Hals und ſchmiegte ſich feſt an ihn. Ich werde eine Chriſtin! flüſterte ſie. IN. Liebe und Politik. Endlich alſo, endlich! rief Gentz mit dem Ausdruck glühender Zärtlichteit, ſich Marianen nähernd, welche ihm mit einem holden Lächeln entgegen ging. Wiſſen Sie, Theuerſte, daß Sie mich ſeit acht Tagen zur Verzweiflung gebracht haben? Kein Wort, keine Botſchaft von Ihnen! So oft ich kam, Sie zu ſehen, immer abgewieſen. Im⸗ mer dieſes fürchterliche:„Ihro Gnaden ſind nicht zu Hauſe!“ während ich voch Ihre Nähe in jedem Nerv, jeder Ader fühlte und den Zauber Ihres Weſens in meinem zuckenden Herzen empfand. Und abgewieſen! Keine Antwort auf meine Briefe, auf mein glühendes Flehen, Sie nur eine Viertelſtunde zu ſehen! Nun, Sie Undankbarer? fragte ſie lächelnd. Habe ich nicht heute zu Ihnen geſandt? Habe ich Ihnen nicht ganz freiwillig dieſes Rendez vous gewährt und Sie zu mir gerufen? Sie wußten wohl, daß ich geſtorben ſein würde, wenn Sie nicht endlich Sich meiner erbarmten! Oh, Sie können nicht denken, himm liſche Mariane, welche Thorheiten mich die Verzweiflung ſchon hat begehen laſſen. Um Sie zu vergeſſen, habe ich mich in Zerſtreuungen, in Arbeiten, in Liebesaventuren geſtürzt! Alles umſonſt. Inmitten unſerer Feſte war ich traurig, bei meinen Arbeiten war ich zerſtreut, und um meinen Liebesbetheuerungen Leidenſchaft und Wahrheit zu geben, mußte ich die Angen ſchließen und mir einbilden, Sie ſeien es, zu der ich redete. Und dann gelang es Ihnen, nicht wahr? fragte Mariane lachend. Ja, dann gelang es mir, ſagte er vollkommen ernſthaft, aber meine Geliebte der Zerſtreuung und Verzweiflung ahnte nicht, daß ich ſie nur deshalb ſo feurig umarmte, weil ich in ihr meine Geliebte des Herzens und der Begeiſterung küßte. Und wer war Ihre Geliebte der Zerſtreuung und Verzweiflung? fragte Mariane. Ach, Mariane, können Sie verlangen, daß ich ein Weib verrathen ſoll? Nein, nein, es freut mich, Sie als einen discreten Cavalier kennen zu lernen. Sie ſollen kein Weib verrathen! Ich will Ihnen den Namen ſagen! Die Geliebte der Zerſtreuung und Verzweiflung war das ſchönſte und bezauberndſte Weib in Berlin, es war die Schau⸗ ſpielerin Chriſtel Enghaus. Mein Freund, ich mache Ihnen mein Compliment, bei dieſer Schönen den Sieg über alle die girrenden, ſchmachtenden, verliebten Fürſten, Grafen und Herren davongetragen zu haben. Sie haben Ihre acht Tage der Verzweiflung wirklich gut und würdig zu benutzen verſtanden! Und doch, Mariane, doch wiederhole ich Ihnen: ſie war nur meine Geliebte der Zerſtreuung, und nur um Sie zu vergeſſen, ſtürzte ich mich in dieſes Verhältniß! Sie lieben mich alſo wirklich? fragte Mariane. Mariane, ich bete Sie an! Sie wiſſen es. Oh, ich darf Ihnen das jetzt ſagen. Früher ſchreckten Sie mich zurück und wollten nichts hören von der Liebe des verheiratheten Mannes. Aber jetzt iſt dieſe Schmach von mir abgefallen, Mariane, jetzt bin ich kein verhei— ratheter Mann! Jetzt bin ich frei und alle Frauen der Welt dürfen ſich kein Gewiſſen mehr daraus machen, mich zu lieben. Ich bin frei, wie der Vogel in der Luft. Goetl recitir Mein und Heir daß vorhe mach Aſo ſihe Innitte oyſir ch zerſtreut, Jahtheit zu ie ſeien es, me lachend. thaft, aber ht, daß ich jeliebte des rzweiflung? b verrathen lier kennen Ihnen den eiflung war die Schau⸗ hnen mein girrenden, etragen irklich gut nur meine ſtrzte ich Und wollen wie der Vogel hierhin und dorthin flattern? Nein, ſchönſte, herrlichſte Mariane, Ihr Herz ſoll der Käfig ſein, in welchem ich mich einſchließe. Hüten Sie Sich, mein Freund! Wenn dieſer Käfig nun keine Thür hätte, aus welcher Sie wieder entſchlüpfen könnten? Wär' eine Thür darin, ich würde ſie sſche So grenzenlos alſo lieben Sie mich, daß Sie mir Ihre kaum erworbene Freiheit opfern wollen? Sie fragen noch, Mariane? fragte Gentz, zärtlich ihre ſchöne Hand an ſeine Lippen drückend. Ernſthaft geſprochen, Freund, ſagte ſie lächelnd. Sie bieten mir alſo Ihre Hand an? Sie wollen mich heirathen? Gentz zuckte leiſe zuſammen und blickte erſtaunt und erſchrocken zu ihr empor. Mariane lachte laut. Ach, ſagte ſie, Ihr Geſicht iſt die wundervollſte Muſträtſon von Goethe's Gedicht. Sie kennen's doch? Und mit komiſchem Pathos recitirte ſie: Heirathen, Kind, iſt wunderlich Wort. Hör' ich's, möcht ich gleich wieder fort. Mein Gott, welch ein tiefer Menſchenkenner iſt doch der große Goethe, und wie ſtolz bin ich darauf, ihn meinen Freund nennen zu können! „Heirathen, Kind, iſt wunderlich Wort.“ Mariane, Sie ſind grauſam und ungerecht, Sie— Und wiſſen Sie, wie das Gedicht weiter geht? unterbrach ſie ihn. Das Mädchen antwortet darauf: Heirathen wir eben, Das Uebrige wird ſich geben. Sie höhnen und ſpotten, rief Gentz lächelnd, und wiſſen doch, daß bei uns das Uebrige ſich leider nicht hinterher geben würde, ſondern vorher mein ſchönſtes Glück, das Glück, Ihr Gemahl zu ſein, unmöglich macht. Sie ſind ja leider keine riſi Mariane. Ich kann Sie alſo nicht heirathen. Und wenn ich doch eine Chriſtin wäre, Friedrich? fragte ſie mit ſüßer, flötender Stimme. — Er richtete ſeine Augen mit einem forſchenden Ausdruck auf ihr reizendes, lächelndes Angeſicht. Wie? fragte er verlegen. Wenn Sie doch eine Chriſtin wären? Was wollen dieſe Worte ſagen, Mariane? Sie wollen ſagen, Friedrich, daß ich dem Manne, welcher mich ſo glühend, ſo ausdauernd und treu liebt, den höchſten Beweis meiner Liebe gegeben habe. Ich bin Chriſtin geworden um ſeinetwillen. Geſtern iſt die Ceremonie der Taufe geweſen. Jetzt, mein Freund, frage ich Sie noch einmal, frage Sie als Chriſtin: Gentz, wollen Sie mich heirathen? Ehrlich und offen, mein Freund! Bedenken Sie, daß es die Geliebte Ihres Herzens und Ihrer Begeiſterung iſt, welche vor Ihnen ſteht und von Ihnen eine Antwort fordert. Bedenken Sic, daß dieſer Augenblick über unſrer Beider Zukunft entſcheidet und ſofort und auf der Stelle entſcheidet. Denn Sie ſehen, ich habe alle Hin⸗ derniſſe aus dem Wege geräumt, ich bin Chriſtin geworden, und ich ſage Ihnen, ich bin bereit, noch in dieſer Stunde Ihre Gemahlin zu werden. Noch einmal alſo: Gentz, wollen Sie mich heirathen? Er war aufgeſtauden und ging heftig einige Male auf und ab. Mariane verfolgte ihn mit einem lauernden Blick, einem ſpöttiſchen Lächeln, aber als er jetzt zu ihr trat, nahm ſie ſchnell eine ernſthafte Miene an. Mariane, ſagte er feſt, Sie wollen die Wahrheit wiſſen, und ich liebe Sie zu ſehr, um Ihnen dieſelbe verhehlen zu können. Ich will, ich darf, ich kann Sie nicht heirathen. Ich will nicht, weil ich mich außer Stande fühle, die Feſſeln der Ehe noch einmal zu tragen! Ich darf nicht, weil ich Sie unglücklich und elend machen würde. Ich kann nicht, weil das hieße, einen Verrath an der Freundſchaft begehen, denn Sie wiſſen es wohl, der Fürſt von Reuß iſt mein Freund! Und ich bin ſeine Maitreſſe, das wollten Sie doch ſagen? Er liebt Sie grenzenlos, wollte ich ſagen, und er iſt ein edler, großſinniger Mann, deſſen Herz brechen würde, wenn man Sie ihm raubte. Alſo zum letzten Male: Sie wollen mich nicht heirathen? Mariane, ich liehe Sie zu ſehr, um Sie heirathen zu können! Mariane lachte laut auf. Ein ſeltſamer Weigerungsgrund, in der That, Veige auf Ih darauf unſere Gentz, Atlasg „ 4 c auf ihr Wenn Sie Mariane? inetwillen. n Freund, und ſofort alle Hin mahlin zu en? f und ab⸗ ſpöttiſchen thafte ernſ That, ſagte ſie. So vriginell, daß ich Ihnen deshalb ſogar Ihre Weigerung verzeihen könnte. Und dennoch hatte ich ſo feſt und ſicher auf Ihre Liebe und Ihre Einwilligung gerechnet, daß ich, im Vertrauen darauf, ſchon alle Vorbereitungen getroffen hatte, um heute noch unſere Trauung vollziehen zu laſſen. Schauen Sie mich doch an, Gentz, ſehen Sie nicht, daß ich im Brautanzug bin? Im weißen Atlasgewand? Ihre Schönheit umgiebt Sie immer mit einem Brautanzug, Mariane. Schön geſagt! Aber ſehen Sie nicht dort auf dem Tiſch den Kranz von blühenden Myrthen, meinen Brautkranz? Hony soit qui mal y pense! In der kleinen Kapelle ſteht auch ſchon der Prieſter bereit und erwartet das Brautpaar, die Lichter brennen vor dem Altar, Alles iſt bereit zur Trauung. Nun denn, wir dürfen den Prieſter nicht länger warten laſſen. Sie wollen nicht als mein Bräutigam bei der Trauung wirken, nun wohl, ſo fungiren Sie dabei als Zeuge! Wollen Sie das? Wollen Sie als treuer, verſchwiegener Freund mir zur Seite ſtehen und meinen Contract mit unterzeichnen? Ich bin bereit, Ihnen jeden Beweis meiner Liebe und Freund⸗ ſchaft zu geben, ſagte Gentz ernſt. Wohl, ich rechnete auf Sie, rief Mariane lächelnd, und um Ihnen die Wahrheit zu ſagen, ich rechnete auch auf Ihre Weigerung, ſich mit mir zu vermählen. Kommen Sie, reichen Sie mir Ihren Arm! Ich will Ihnen die kleine Kapelle zeigen, welche der Fürſt von Reuß hier im öſterreichiſchen Geſandtſchaftshötel hat einrichten laſſen. Das wird Niemanden von der Dienerſchaft auffallen, ich hoffe überdies, daß uns Niemand begegnen wird. Vielleicht treffen wir in der Kapelle den Fürſten Heinrich, das iſt ein Zufall, der Niemandem auffallen kann. Kommen Sie! Helfen Sie mir dieſen langen, ſchwarzen Mantel um— werfen, der ganz und gar mein weißes Atlaskleid verbirgt. Den Myrthenkranz nehme ich unter den Arm, ſo ſieht ihn Niemand. Und nun kommen Sie! Ja, kommen Sie, ſagte Gentz, ihr den Arm reichend, ich ſehe 174 wohl, daß Sie eine Myſtification mit mir vorhaben, aber ich folge Ihnen, wohin Sie wollen, in die Hölle oder— Oder in die Kirche, ſagte ſie lächelnd. Nun ſtill, daß uns Niemand hört! Schweigend gingen ſie durch die Säle, dann einen langen Corridor hinunter, eine ſchmale, verborgene Treppe hinab, und traten jetzt in ein kleines Gemach ein, in welchem drei Herren ſich befanden. Der Eine war ein katholiſcher Geiſtlicher im vollen Ornat, der Andere der öſterreichiſche Geſandte, Fürſt von Reuß, Heinrich XIII., und der Dritte der erſte Attaché von der öſterreichiſchen Geſandtſchaft. Der Fürſt näherte ſich Marianen, und indem er ihr die Hand reichte, grüßte er Gentz mit einem freundlichen Kopfneigen. Alles iſt bereit, ſagte er, kommen Sie, Mariane. Laſſen Sie mich Ihnen den Kranz aufſetzen! Mariane warf ihren Mantel ab, und dem Fürſten den Myrthen⸗ kranz darreichend, beugte ſie ihr Haupt und kniete halb vor ihm nieder. Er nahm den Kranz und befeſtigte ihn in ihrem Haar, dann winkte er dem Attaché, ihm das große Etui darzureichen, das dort auf dem Tiſch ſtand. Dieſes Etui enthielt eine kleine Fürſtenkrone von wun⸗ dervoller Arbeit, geziert mit den köſtlichſten Brillanten. Der Fürſt befeſtigte dieſe Krone über dem Kranz Marianens, und wie Sterne funkelten jetzt die Brillanten über dem grünen Moyrthenzweige. Stehen Sie auf, Mariane, ſagte er dann laut, ich habe die Krone Ihrer neuen Würde in Ihrem Haar befeſtigt, laſſen Sie uns alſo jetzt zum Altar gehen. Mariane richtete ſich empor, ein wunderbarer Glanz triumphirender Freude war über ihr Antlitz ergoſſen, ihre Wangen, ſonſt immer ſo durchſichtig bleich, glühten jetzt purpurroth, um ihre vollen Lippen ſchwebte ein ſeliges Lächeln. Mit einem ſtolzen, ſiegreichen Blick auf Gentz, der erſtaunt, ſprachlos zu ihr hinſtarrte, reichte ſie dem Fürſten ihren Arm. Der Prieſter ſchritt ihnen voran, und aus dem kleinen Gemach traten ſie jetzt ein in die kleine Hauskapelle. Vor dem Altar, über welchem ein herrliches Gemälde van Dyk's hing, die Himmelfahrt der heilige Leuchte das P Zeuge war e ſich b A und S die hei G immer klemme ſo dip Betſche Hand, einnehn Wore iend ernſt rieſte D dene, der be Attach er ſch geſetz olgten Unterſ lomme den Hi zirtlich vole K er ich folge uns Niemand onens, und thenzweige. die Krone s alſo jetz whirendel ſt immer ſo llen Lippen Blic au Firſten dem ſl heiligen Jungfrau darſtellend, brannten die Kerzen auf hohen ſilbernen Leuchtern, auf dem Teppich vor dem Altar waren zwei Betſchemel für das Brautpaar hingeſetzt, dahinter befanden ſich Lehnſeſſel für die Zeugen. Dem Altar gegenüber, an der andern Seite des Raumes, war eine Art Chor oder Balfon angebracht, auf welchem eine Orgel ſich befand. Aber Niemand war da, dieſelbe zu ſpielen. Alle übrigen Plätze und Stühle waren leer, ganz im Geheimen und in der Stille ſollte die heilige Handlung vorgenommen werden. Gentz ſah und beobachtete das Alles wie ein Traumgebilde, er konnte immer noch nicht die Wahrheit deſſelben glauben, er war verwirrt, be⸗ klommen, er wußte ſelbſt nicht, ob vor Ueberraſchung, oder vor Aerger, ſo düpirt worden zu ſein. Wie im Traum ſah er Betſchemeln niederknien, ſie, Mariane Meier, Hand, an dem Ehrenplatz, den nur die legitimen, das Paar auf den die Jüdin, zur rechten ſtandesmäßigen Bräute einnehmen, hörte er den vor dem Altar ſtehenden Prieſter feierliche Worte der Ermahnung und des Segens ſprechen, und endlich von dem knieenden Brautpaar das Gelübde ewiger Treue, ewiger Liebe fordern. Beide ſprachen ſie das feierliche Ja zu gleicher Zeit, der Fürſt, ruhig, ernſt, Mariane haſtig mit einem freudigen Accent. Dann ſprach der Prieſter das Gebet und den Segen, und die Ceremonie war beendet. Das Brautpaar kehrte in das kleine Gemach, das zur Sacriſtei diente, zurück. Schweigend empfingen ſie die ſtummen Glückwünſche der beiden Herren, die ihnen gefolgt waren. Alsdann nahm der Attaché aus ſeinem Portefeuille ein Papier hervor, auf welchem er ſchon im Voraus ein Protokoll der eben beendeten Ceremonie auf geſetzt hatte. Das Brautpaar ſetzte ſeine Namen darunter, dann folgten die Unterſchriften der Zeugen und des Prieſters, der ſeiner Unterſchrift das kirchliche Siegel hinzufügte. Es war jetzt kommen gültiges Document ihrer legitimen Traunng, das Y den Händen des Fürſten empfing, und r zärtlichen Lächeln. ein voll kariane aus vofür ſie ihm dankte mit einem Sie ſind jetzt meine legitime Gemahlin, ſagte Reuß ernſt, ich wollte Ihnen dieſen Beweis meiner Liebe und Achtung geben, und ich 8 9 176 danke dieſen Herren, daß ſie Zeugen deſſelben geweſen ſind, denn Sie könnten eines Tages dieſes Zeugniſſes bedürfen. Vorerſt aber habe ich triftige Gründe, unſere Vermählung noch geheim zu halten, und Sie haben mir verſprochen, das Geheimniß zu bewahren. Und ich erneuere Ihnen dieſes Verſprechen hier an heiliger Stätte, und im Beiſein des Prieſters und unſerer Zeugen, mein Gemahl, ſagte Mariane. Niemand ſoll von mir auch nur mit einem Wort, einer Andeutung erfahren, was hier eben geſchehen. Ich werde gehorſam und geduldigswor den Augen der Welt ſo lange nur als Ihre Geliebte gelten, bis es Ihnen gefällt, zu ſagen, daß ich auch Ihre legitime Ge⸗ mahlin bin. Dieſer Zeitpunkt ſoll nicht fern ſein, ſagte der Fürſt. Und Sie, meine Herren, wollen auch Sie mir verſprechen, auf Ihr Ehrenwort verſprechen, daß Sie unſer Geheimniß bewahren wollen? Wir verſprechen es mit unſerm Ehrenwort! riefen die Herren. Der Fürſt verneigte ſich dankend. Laſſen Sie uns jetzt einzeln, wie wir gekommen, die Kapelle wieder verlaſſen, ſagte er, unſer gemeinſchaft⸗ liches Fortgehen würde auffallen, wenn irgend Jemand von der Diener⸗ ſchaft uns begegnete. Kommen Sie, Herr Baron, Sie begleiten mich! Er reichte dem Attaché ſeinen Arm und verließ mit ihm die Kapelle. Und Sie begleiten mich, ſagte Mariane, Gentz freundlich zu nickend. Und ich bleibe hier, für das neuvermählte Paar zu beten, mur⸗ melte der Prieſter, die kleine Sacriſtei verlaſſend und wieder zu dem Altar hinſchreitend. . WMariane löſte jetzt mit haſtiger Hand die Fürſtenkrone und den Myrthenkranz aus ihrem Haar, und verbarg Beides unter dem ſchwarzen Mantel, den ihr Gentz um die Schultern legte. Schweigend kehrten ſie wieder über die Treppen und Corridore zu Marianens Gemächern zurück In ihrem Wohnzimmer angelangt, warf Mariane mit einem unbeſch ichen Ausdruck ſtolzer Freude ihren Mantel wieder ab, und legte Myrthenkranz und Krone auf den Tiſch. 1⸗ Nu, f jest, me Er er: Ich Talent Nic der Geſe und hat richen! nit dem anzuſche Sie nüſ an, ich h haſtig jett der jett uc ¹ Ihne iſernich ſonnen und laſſe ſeinen Sl Mihltat ber habe ich n, und Sie liger Stitt, emahl, ſagte WVort, einer de gehorſam hre Geliebte legitine Ge Und Sie, r Ehrenwort e begleiten m die mit ihm ne und del nſchwatzen Lorndele angt, 177 Nun, fragte ſie mit ihrer vollen, tönenden Stimme, was ſagen Sie jetzt, mein zärtlicher Gentz? Er hatte ſeinen Hut genommen, und ſich tief verneigend erwiderte er: Ich ſage, daß ich mich vor Ihrer Klugheit und vor Ihrem Talent beuge! Sie haben da ein Meiſterſtück gemacht, Theuerſte! Nicht wahr? fragte ſie triumphirend. Die verachtete, außerhalb der Geſellſchaft ſtehende Jüdin iſt plötzlich eine legitime Fürſtin geworden, und hat die Macht, allen Spott, allen Hohn und alle Verachtung zu rächen! Oh, wie ſüß ſoll dieſe Rache ſein, wie will ich ſie Alle vor mir demüthigen, dieſe Weiber, die einſt mich verächtlich über die Schultern anzuſehen wagten, und die mir jetzt den Vorſitz und den Ehrenplatz werden laſſen müſſen! Und werden Sie Sich auch an mir rächen, Mariane? fragte Gentz demüthig. An mir, der es wagte, Sie zu verſchmähen? Aber nein, Sie müſſen mir gerade dafür ewig dankbar ſein! Denn nehmen Sie an, ich hätte Sie gezwungen, mir Ihr Wort zu halten, ſo wären Sie jetzt ſtatt einer Fürſtin die unglückliche Gemahlin des armen Kriegsrath Friedrich Gentz. Mariane lachte. Sie haben Recht, ſagte ſie, ich bin Ihnen dafür dankbar. Aber, mein Freund, Sie dürfen und ſollen nicht der arme Kriegsrath Gentz bleiben. Der Himmel weiß es, daß dies auch nicht meine Abſicht iſt! rief Gentz lachend. Gott hat ein Capital in mein Haupt gelegt, und ich werde mir hohe Zinſen davon verſchaffen, ſeien Sie deſſen gewiß! Aber hier werden Sie dieſe Zinſen nicht erlangen, ſagte Mariane haſtig. Sprechen wir vernünftig mit einander, Freund. Wir haben jetzt der Liebe, der Freundſchaft ihren Tribut dargebracht, reden wir jetzt auch einmal von Politik! Ich bin dazu bevollmächtigt, und die jetzt zu Ihnen ſpricht, iſt nicht Mariane Meier, ſondern die Gemahlin des öſterreichiſchen Geſandten, autoriſirt, Ihnen allerlei Vorſchläge zu machen. Kommen Sie, Freund, ſetzen Sie Sich auf ben Lehnſeſſel mir gegenüber, und laſſen Sie uns eine diplomatiſche Conferenz halten! Ja, laſſen Sie uns das thun, ſagte Gentz lächelnd, indem er ſeinen Sitz einnahm. Mühlbach, Napoleon. 1. Bd ——— Pnann—— 178 Freund Gentz, was haben Sie für Hoffnungen auf Ihre Zukunft? Eine inhaltſchwere Frage, aber ich will mich bemühen, ſie kurz zu beantworten. Ich habe die Hoffnung, Ehre, Ruhm, Rang und Ein⸗ fluß und eine bedeutende Stellung durch meine Talente zu erwerben. Und Sie glauben, daß Sie das Alles hier in Preußen erobern können? Ich— ich hoffe es! ſagte Gentz zögernd. Sie haben einen Brief an den jungen König gerichtet, ihn ermahnt, ſeinen Völkern Wohlſtand, Glück, Ehre und Preßfreiheit zu ſchenken. Wie lange iſt es her, daß Sie dieſen Brief abgeſchickt? Es ſind vier Wochen ſeitdem vergangen! Vier Wochen, und man hat Sie noch nicht belohnt für Ihren herrlichen Brief, den doch ganz Preußen mit Jubel begrüßt hat? Man hat noch nicht daran gedacht, Ihnen eine Ihren Talenten würdige Stellung zu geben? Man hat Sie nicht an den Hof gerufen? Doch, man hat mich an den Hof gerufen, die Königin hat ge⸗ wünſcht, mich kennen zu lernen, Gualtieri hat mich ihr vorgeſtellt und die Königin hat mir ſehr viel Verbindliches und Schmeichelhaftes geſagt.*) Worte, Worte, mein Freund! Aber die Thaten ſprechen entſchei⸗ dender. Der König hat Sie nicht rufen laſſen, der König hat Ihnen nicht gedankt. Der König bedarf Ihrer nicht, und gleichſam um Ihnen und allen Denen, welche Ihren Brief mit ſo großem Enthuſias⸗ mus aufgenommen haben, zu beweiſen, daß er ſeinen eigenen Weg gehen, nicht auf Rathſchläge und Warnungen hören will, hat der König in dieſen Tagen eine Verordnung an das Kammergericht ergehen laſſen, in welcher er ernſtlich erinnert und befiehlt, die Fiscale zu ſtrenger Wachſamkeit über Verleger und Verkäufer uncenſirter, oder ungeſtatteter Druckſchriften zu verpflichten.**) Das iſt nicht wahr, das iſt nicht möglich! rief Gentz auffahrend. Ich verzeihe Ihrem gerechten Kummer dieſes heftige Streiten, ſagte Mariane lächelnd. Daß ich aber die Wahrheit geſagt, werden Sie aus der morgenden Zeitung erſehen, in welcher dieſer Erlaß des Königs erſcheinen wird. Oh, Sie wiſſen wohl, mein Freund, die öſterreichiſche *) Varnhagen, Gallerie von Bildniſſen ꝛc. Bd. II. **) F. Förſter: Neuere und neueſte Preußiſche Geſchichte. B. I. S. 498. Geſandt richten Unerkem licher B gefunde vagante von Pre Körig b mit den den Era Muth, t damit in Man w Sie mi Un Wa Paterla gut in Frund, den, Reignett wihren. mchen, ausgeze und ez Freund Oeſter Je liebe G Heſterr ſüifes uns, T e Zukunft? ſie kurz zu g und Ein nereten ern könnent n ermahnt, u ſchenken. für Ihren hat? Mau en wirdige fen? gin hat ge rgeſrlt und es geſagt“) hen entſchei Ihnel hat Ihnen Enthuſias n der König. gehen laſſen, z ſtrenger ungeſtatteter uffahrend⸗ treiten, ſh Sle werden— Geſandtſchaft hat überall ihre guten Freunde, welche ſie mit Nach⸗ richten verſorgen, und ſie au fait erhalten. Hoffen Sie alſo auf keine Anerkennung, keine Bevorzugung von dem jungen König. Ihr herr⸗ licher Brief hat ihn verletzt, ſtatt ihn zu gewinnen, er hat ihn zu kühn gefunden. Friedrich Wilhelm iſt kein Freund des Kühnen, des Extra⸗ vaganten, er ſchreckt zurück vor jeder gewaltſamen Reform. Der König von Preußen will nichts zu ſchaffen haben mit den Welthändeln, der König von Preußen will neutral bleiben inmitten der Parteien. Statt mit dem Krieg und der Politik beſchäftigt er ſich mit der Kirchenagende, den Eramina der Candidaten, und hat doch auch da nicht einmal den Muth, das Wöllnerſche Religions-Edict förmlich zurückzunehmen, und damit in der Verwaltung wenigſtens einen entſcheidenden Schritt zu thun. Man wird hier immer laviren, immer halbe Schritte thun, glauben Sie mir das, kommen Sie nach Oeſterreich. Und was ſoll ich in Oeſterreich? fragte Gentz ſinnend. Was Sie da ſollen? rief Mariane leidenſchaftlich. Sie ſollen dem Vaterland, Sie ſollen Deutſchland dienen, denn Deutſchland iſt ja ſo gut in Oeſterreich wie es in Preußen iſt! Oh glauben Sie mir, Freund, nur in Oeſterreich finden Sie Tapfere, welche es wagen wer⸗ den, der franzöſiſchen Deſpotie ein Ziel zu ſetzen. Und dort wird man Sie mit Freuden willkommen heißen, wird Ihrem Genie einen geeigneten Wirkungskreis, Ihrem Ehrgeiz eine genügende Stellung ge⸗ währen. Ich bin officiell beauftragt, Ihnen dieſen Vorſchlag zu machen, denn Oeſterreich weiß ſehr wohl, daß es in der nächſten Zeit ausgezeichneter Männer bedarf, und es will Sie daher zu ſich rufen, und es wird Ihre Dienſte fürſtlich lohnen. Kommen Sie, mein Freund, ich ſelber trete heute noch mit dem Fürſten eine Reiſe nach Oeſterreich an. Begleiten Sie uns! Werden Sie der Unſere! DerUnſere? Sie haben alſo auch ſchon aufgehört, eine Preußin zu ſein? Ich bin mit Herz und Geiſt Oeſterreicherin geworden, denn ich liebe Entſchiedenheit und energiſches Handeln, und das finde ich in Oeſterreich, bei dem Mann, der dort das Steuerruder des Staats⸗ ſchiffes in Händen hält, dem Baron von Thugut. Kommen Sie mit uns, Thugut ſehnt ſich, Sie neben ſich zu haben, begleiten Sie uns zu ihm. ———————— 180 Und was wollen Sie in Wien? fragte Gentz ausweichend. Iſt es eine bloße Vergnügungsreiſe, die Sie vorhaben? Zu einem Andern würde ich dieſe Frage bejahen, Ihnen aber will ich durch mein unbedingtes Vertrauen beweiſen, wie ſehr ich Sie für meinen Freund halte. Nein, es iſt keine Vergnügungsreiſe. Ich be⸗ gleite den Fürſten nach Wien, der ſich dort vom Baron von Thugut Inſtruktionen geben laſſen und erfahren will, was in Raſtatt weiter geſchehen ſoll! Ach, in Raſtatt beim Friedens⸗Congreß! rief Gentz. Der Kaiſer hat ja die Reichsſtände aufgefordert, ihre Deputirten nach Raſtatt zu ſenden, um, wie es in der kaiſerlichen Zuſchrift heißt, über einen anſtändigen und billigen Reichsfrieden auf der Grundlage der Inte⸗ grität des Reichs und ſeiner Verfaſſung mit Frankreich zu unterhandeln. Preußen hat ja auch ſchon ſeine Deputirten, den Grafen Görtz und den Herrn von Dohm, dahin geſandt. Oh, ich hätte wohl gewünſcht, ſie begleiten zu können, um meinen Antheil zu haben an dem geſeg⸗ neten Werk, das dort geſchaffen werden ſoll. Dieſer Congreß in Raſtatt iſt die letzte Hoffnung Deutſchlands, von ihm allein können wir eine Wiedergeburt des Reichs erwarten. Er wird den deutſchen Völkern endlich alles das geben, was ihnen fehlt, eine Reichsjuſtiz, eine geregelte Organiſation, Schutz der deutſchen Manufaktur gegen den brittiſchen Uebermuth, und endlich und vor allen Dingen die erſehnte Preßfreiheit, nach welcher die Völker dürſten, wie nach dem Labetrank ihrer Seele. Mariane lachte laut auf. Sie ſchwärmen und träumen, wie ein Nachtwandler, ſagte ſie, aber laſſen Sie uns leiſe reden, denn ſelbſt die Wände dürfen nicht hören, was wir jetzt ſprechen wollen. Sie neigte ſich über den Tiſch herüber näher zu Gentz, und ihn mit ihren großen, flammenden Augen firirend, fragte ſie leiſe: Nicht wahr, Sie lieben Deutſchland? Sie möchten nicht, daß das kluge Frankreich es verſpeiſ'te, wie es Italien verſpeiſ't hat? Sie möchten doch auch nicht, daß es in ſich ſelber zerfiele und zerbröckelte? Ja, ich liebe Deutſchland, ſagte Gentz begeiſtert. Alle meine Wünſche, meine Hoffnungen gehören ihm, und wollte Gott, daß ich einſt ſa keit iſt Nu riane, gerettet dingung Ich Ab ſie Ihne Kaiſer e Lage no naten e hein, auszuzie rief Gen deutſcher Bedingu Gedankt Un Eilen S tie Kraf nie Bn vielleicht Ach nir ein gehen umſonſt reich ſ Pruußer Feder, auch ein . Iſt es aber will 5 Sie für Ich be⸗ n Thugut att weiter ber einen der Inte örtz und ewünſcht, ngeſeg wie ein 1 ſelbſt die und ihn einſt ſagen könnte, auch alle meine Kräfte, meine Arbeit und Wirkſam⸗ keit iſt ihm, meinem Vaterlande, iſt Deutſchland geweiht! Nun, wenn Sie Deutſchland wirklich nützen wollen, flüſterte Ma⸗ riane, ſo eilen Sie, eilen Sie nach Raſtatt. Wenn Deutſchland noch gerettet werden ſoll, ſo muß es raſch geſchehen. Sie kennen die Be— dingungen des Friedens von Campo Formio, nicht wahr? Ich kenne ſie, wie alle Welt ſie kennt. Aber Sie kennen nicht die geheimen Bedingungen. Ich will ſie Ihnen ſagen. Hören Sie: die geheimen Bedingungen, welche der Kaiſer eingegangen iſt, lauten ſo: der Kaiſer verpflichtet ſich, zwanzig Tage nach der Ratifikation des Friedens, welche innerhalb zwei Mo⸗ naten erfolgen muß, ſeine Truppen aus Mainz, Ehrenbreitſtein, Mann⸗ heim, Königsſtein und im Allgemeinen aus dem deutſchen Reich her⸗ auszuziehen.*) Aber das heißt ja, dem Feind ganz wehrlos das Reich überliefern, rief Gentz entſetzt. Das iſt nicht möglich, das kann nicht ſein! Kein deutſcher Mann kann, ohne vor Scham in die Erde zu ſinken, ſolch Bedingungen zugeſtehen und unterzeichnen. Das hieße jedem hoh Gedanken, jedem Gefühl der Vaterlandsliebe Trotz bieten! Und doch iſt der Artikel unterzeichnet und wird erfüllt werd Eilen Sie alſo, Deutſchland ruft Sie, ſtehen Sie ihm bei, Sie he die Kraft, haben Sie auch den Willen. Werden Sie ein Oeſterrei wie Brutus ein Kaiſerdiener war, werden Sie ein Oeſterreicher, vielleicht noch Deutſchland retten zu können!— Ach, Sie wollen mich verlocken, Delila, rief Gentz. Sie mir ein ſchönes Ziel entgegen halten, um mich die krummen gehen zu machen, die vielleicht dahin führen! Nein, Delila, umſonſt! Ich bleibe hier, ich gehe nicht nach Oeſterreich, denn„ reich iſt es ja, welches Deutſchland verrathen will. Viellei⸗ Preußen es noch retten, vielleicht bedarf es dazu meines Arm Feder, meiner Zunge! Ich bin ein Deutſcher, aber ich b' auch ein Preuße, und jeder gute Patriot hat zunächſt ſei *) Schloſſer: Geſchichte des achtzehnten Jahrhunderts. T Vaterland zu nützen und zu dienen und ſeines Rufs zu harren! Noch hoffe ich auf den König, noch erwarte ich, daß Er berufen iſt, Preußen groß und Deutſchland frei zu machen. Noch muß ich alſo ein Preuße bleiben und bereit ſein, meinem Vaterlande zu dienen. Armer Schwärmer, Sie werden eines Tages bereuen, daß Sie Ihre Zeit mit phantaſtiſchen Hoffnungen vergeudeten. Nun, ich verſpreche Ihnen, wenn dieſer Tag kommt, wenn Preußen mich nicht brauchen kann, dann will ich zu Ihnen kommen, dann ſollen Sie mich anwerben für Oeſterreich, vielleicht kann ich dann noch etwas thun für Deutſchland. Bis dahin aber laſſen Sie mich hier. Ich ſchwöre Ihnen, kein Wort von dem, was Sie mir eben geſagt, ſoll von mir verrathen werden, aber ich kann dem nicht dienen, welcher Deutſchland verrathen hat. Sie ſind alſo unbengſam? Sie bleiben hier? Gehen nicht mit mir nach Wien, nicht nach Raſtatt, um vielleicht dort noch zu retten, ſwas von Deutſchland zu retten iſt?. ne Wenn ich einer Armee zu gebieten hätte, rief Gentz mit flammen⸗ Ran Augen, wenn ich der König von Preußen wäre, ja dann ginge wir nach Raſtatt, aber ich ginge hin, um alle dieſe Heuchler und Feder⸗ Völiſer und Schreiberſeelen, welche ſich Diplomaten nennen, ausein⸗ eine rzufegen, um die franzöſiſchen Republikaner, welche ſich geberden, den hätten ſie ein Recht, drein zu reden in die inneren Angelegenheiten erſehnſchlands, über den Rhein zurück zu jagen! Ich ginge hin, um die Labetraeſtungen, welche der Kaiſer von Deutſchland wehrlos machen Mmit meinen Truppen zu beſetzen und ſie zu vertheidigen gegen Nachtwßeind, er komme von außen, oder von innen. Das thäte ich, Wände ich der König von Preußen wäre! Da ich aber nur der arme Siath Friedrich Gentz bin und nichts habe, als ein wenig Genie mit ihren ſcharfe Feder, ſo bleibe ich hier und warte, ob Preußen mein wahr, Sy meine Feder verwenden will! Gott ſchütze Deutſchland und Frankreich Hor ſeinen Aerzten, die in Raſtatt eine Todes⸗Arzenei brauen! doch auch nioDeutſchland! Ja, ich Wünſche, meine Genie mein auen! — banes pið rey Soritroſ Sfart Sreen vellow Hed Magenta