. eih und geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 1 Leihbibliothek Lesepreis. Bei Rſckgabe eines geliehenen Buches wird von deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 6duard Ottmann in Gießen, 2 jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 Qaution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme ſ eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe * telegen welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 2„ Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für nchenttich 2 bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat; 1W 1W W Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 5 Auswäntige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene unv defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der I Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder vefecte Buch ein Theil eines größeren Wertes, ſo iſt F der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. beſonders darauf aufmertſam gemacht, daß das Weiterverleihen . „ . 2——— 5 4 * 5 ² 3 5 3 .— 2 Memoiren eines Weltzindes. —m————— Roman von L. Mühlbach. Zweiter Band. Lerlag von Heinrich Matthes. 1851 Druck von Moritz Katz(Gebrüder Kat) in Deſſau. Drittes Buch. — . Ueue Pläne. SSe fliehen mich vergeblich, Antonie! ſagte der Graf Salmiensky, indem er in dieſes kleine, reizende Bbudeir eintrat, welches Antonie ſo eben eilig und in athemloſer Haſt betreten hatte. Weshalb fliehen Sie mich?„. Sie ſah ihn mit einem vernichtenden Blick an und ſank erſchöpft in einen Seſſel nieder. Die von der Decke herniederhängende Ampel beleuch⸗ tete eben ihr Antlitz, das in heftiger Aufregung zuckte. Wie ſehr war dieſes Antlitz umgewandelt und verändert! Wenige Wochen hatten genügt, um dieſes einſt in Jugendfriſche und Unſchuld ſtrahlende Geſicht zu altern und Furchen des Grams durch dieſe ſo zarten Linien ihres Antlitzes zu ziehen. n. 1 Sie war nicht mehr das junge, achtzehniährige ) Mädchen, ſondern das in Schmerzen und Erfahrun⸗ 3 gen früh gereifte Weib und ſelbſt die glänzende und geſchmackvolle Balltvilette, in welcher ſie ſich eben befand, konnte den gramvollen und ſchmerzlichen Aus⸗ druck ihrer Zi nicht überdecken. Ihr Haupt war mit Roſen geſchmückt und lange Brillantgehänge blitzten in ihren Ohren; das roſa, durchſichtige Gewand war an der einen Seite mit einem vollen Roſenbouquet emporgehoben, damit das Untergewand von ſchwerem, weißem Atlas ſichtbar werde.— Wie traurig dieſer Anzug der Freude gegen Weshalb fliehen Sie mich? wiederholte der Gra zum dritten Mal, indem er ſich zu Antonien nieder⸗ ſetzte und leiſe eine ihrer ände ergriff. Sie entzog ſie ihm haſtig und ſah ihn mit flammenden Blicken an. Berühren Sie mich nicht, ſagte ſie. Der Graf lachte. Wenn Sie wüßten, wie herrlich Ihnen dieſer Zorn ſteht! Wie ſchön Sie ſind, wenn Ihre Augen funkeln! Nein, Antonie, nicht dieſe zür⸗ nenden Blicke! Weshalb denn zürnen Sie mir? einem verächtlichen Achſelzucken. Nun wohl, ich will ihr düſteres, ſorgenſchweres Antlitz contraſiirte! Er fragt, weshalb ich ihm zürne! rief ſie mit „ 3 es Ihnen ſage! Ich haſſe Sie, ich verachte Sie! Das iſt Alles! Und warum? Sie neigte ſich näher zu ihm hin und ſagte leiſe: Weil ich Sie kenne, mein Herr! Weil Ihr ganzes, verbrecheriſches Leben klar und offer or mir daliegt! Weil ich weiß, daß es eine fortgeſetzte Reihe von Täuſchungen und Betrügereien iſt! Weil ich ſehe, wie Sie ſich eine Lebensaufgabe daraus machen, diejenigen zu verderben, welche ſich Ihnen nahen und die Harm⸗ loſen und Unſchuldigen in Ihre gefährlichen Netze zu ziehen! Oh mein Gott, mein Gott, und ich bin eine Mitwiſſerin all dieſer Unthaten und Gräuel! Ich ſehe wie hier täglich mit dem Unglück und der Ver⸗ zweiflung der Menſchen ein gottesläſterliches Spiel getrieben wird, ich ſehe dieſe beklagenswerthen Männer, welche Sie argliſtig hierher gelockt, lächelnden Blickes und frohen Muthes bei uns eintreten, und mein Herz zieht ſich ſchmerzlich zuſammen bei dieſem Anblick, denn ich ſage mir, wie bald ſie dieſes ſo verlockende, ſo glänzende Haus der Freude mit Verzweiflung und Todesgedanken im Herzen verlaſſen werden! Ich ſage mir, daß dieſes Haus eine Stätte des Laſters und der Verbrechen iſt, und daß Sie der Führer ſind, welcher jeden Tag neue Seelen zur ewigen Verdammniß führt! — 4 Und deshalb haſſen Sie mich? fragte der Graf mit vollkommener Gelaſſenheit. Armes, unſchuldiges Kind, Sie ſehen alſo nicht, daß dieſe Menſchen nichts weiter verlangten, als verdammt zu werden! Mein Gott, die Menſchheit hat dieſen glühenden Durſt nach Unglück und Jammer, und nur das Glück macht ſie ſchlaff und träge! Das Unglück ſtählt ihre Kraft, und gibt ihnen Energie und Thatendrang. Deshalb ſind auch nur diejenigen Fürſten als die wahren Wohlthäter ihrer Völker zu betrachten, welche ſie in den Staub getreten, welche ihnen das Blut aus den Adern geſogen und ſie zur Sclaverei erniedrigt haben! Denn dieſe Entwürdigung allein hat gemacht, daß ſie endlich ihre Langmuth und ihre göttliche Geduld von ſich warfen und aus der Sclaverei ſich erhoben, um ſich die Freiheit zu erkämpfen! Ich mache es wie die Fürſten! Ich mache die Menſchen möglichſt unglücklich, um ſie dadurch zu ihrem Glück zu erziehen! Sie ſehen alſo, daß Sie mich eher als einen Wohlthäter, denn als einen Verführer dieſer jungen Männer zu betrach⸗ ten haben, welche ich in dieſes Haus führe! Und was iſt es denn eigentlich, was ich thue? Ich ſage zu dieſen jungen, nach Genuß und Freude, nach Ver⸗ gnügen und Zerſtreuung dürſtenden jungen Männern: Wollt Ihr einen herrlichen Abend verleben, wollt Ihr 5 Euch ergehen in ungebundenſter Luſt, wollt Ihr am verbotenen Spiel Euch erfreuen, wollt Ihr tanzen und lachen, nun wohl, ſo kommt mit mir! Ich kann Euch Alles dieſes verſchaffen! Mehr noch, ich kann Euch ein junges Mädchen zeigen, welches inmitten ihrer leichtfertigen und üppigen Umgebung unſchuldig und rein geblieben iſt, und die Ihr vergebens mit Euren glühenden Liebesverſicherungen, Euren Schmei⸗ cheleien und Verſprechungen zu verlocken ſucht. Geht hin und verſucht Eure Künſte bei dieſem Engel, aber ich ſage Euch zuvor, daß Eure Mühe vergeblich iſt! — Sie ſehen alſo, Antonie, daß ich mir nicht einmal die Mühe gebe, Ihnen die Wahrheit zu verbergen, und dennoch iſt es gerade dies, welches dieſe armen Thoren reizt und ſie in's Verderben ſtürzt. Sie ſind es, Antonie, Sie allein mit Ihrer engelgleichen Er⸗ ſcheinung, Ihrer Unſchuld und Keuſchheit, welche dieſe Männer verführt, deren Unglück Sie beklagen, ſtatt darüber zu frohlocken! Sein Sie minder grauſam, minder zurückhaltend, gewähren Sie dieſen an Leicht⸗ fertigkeit und Buhlerkünſten gewöhnten Cavalieren nicht den Anblick eines jungen, züchtigen, bei jedem Schmeichelwort erröthenden jungen Mädchens, kurz, werden Sie ein Weib, wie ſie Alle ſind und Sie werden ſehen, wie bald dieſes Haus leer werden wird und wie Wenige noch hierher kommen werden, um ſich ihr Geld abnehmen zu laſſen! Mein Gott, Du hörſt dies und Du ſtrafſt nicht dieſen Verbrecher! rief Antonie im zornigen Schmerz, ihre Arme zum Himmel emporſtreckend. Sie wollen mir auch das Letzte, das Einzige noch nehmen, was mir geblieben! Ich habe ihnen Alles gegeben, mein Gewiſſen und meinen guten Namen, das Gefühl mei⸗ ner Würde, meine Heiterkeit und meine Jugend, ich habe dafür nichts verlangt, als ein wenig Schonung für meinen armen, kranken Vater, ein wenig Erbar⸗ men mit ſeinem Alter und ſeiner Hinfälligkeit! Aber ſie ſind noch nicht zufrieden, ſie fordern von mir meine vollſtändige Erniedrigung, ſie fordern von mir das Letzte, welches noch mein iſt, meine Mädchenehre und mein reines Bewußtſein! Und Du hörſt dies, Gott, und Du duldeſt es! Und ihr von Thränen überſtrömtes Antlitz in ihren Händen verbergend, lehnte ſie ſich erſchöpft in die Kiſſen zurück. Graf Salmiensky betrachtete ſie mit Blicken, in denen eine wilde, leidenſchaftliche Gluth ſich offenbarte. Mit einer ſtürmiſchen Gewalt ſeine Arie um ihre ſchlanke, zitternde Geſtalt legend, drückte er ſie mit unwiderſtehlicher Kraft in ſeine Arme. Aber als ſie ihn mit flammenden Zornesblicken anſah, ließ er ſie los und ſank, wie zerbrochen, zu ihren Füßen nieder. Nein, ſagte er, ich war ein Raſender, ein Wahn⸗ witziger, welcher kein Wort von dem denkt, was er ſprach. Nein, meine holde und keuſche Blume, bleibe was Du biſt, bleibe dieſes reine Unſchuldsbild, zu dem wir andern, ſchuldbelaſteten Sünder beten dürfen um ein wenig Erbarmen, deren Blicke uns entſühnen von unſern Verbrechen! Mein Gott, ich war ein Fie⸗ berkranker, welcher im Delirium Dinge ſprach, von denen ſein Herz nichts wußte! So wie Du biſt, ſo liebe ich Dich, und ſo will ich Dich der Welt zeigen und zu ihr ſagen: Scht hier mein Weib, welches die Höllenprobe beſtanden und welche ich rein gefunden habe von aller Schuld! Sceht ihre reine, edle Stirn, welche niemals von einem unedlen Gedanken um⸗ düſtert worden, ſeht ihre hohe, königliche Geſtalt, welche niemals von einem andern Arm als dem mei⸗ nen, umfangen ward. Fallt nieder und betet an, denn ſie iſt ein Engel an Unſchuld und Güte! Antoni ſah mit einem kalten, verächtlichen Blick zu ihm nieder und mit eiſiger Ruhe ſagte ſie: Herr Graf Salmiensky, ich werde niemals Ihr 1 Weib werden! Müßte ich darüber ſterben und zu Grunde gehen, ich ſage Ihnen, ich werde niemals Ihr Weib! Nicht mein Weib! fuhr er leidenſchaftlicher fort. Nein, Du haſt Recht, Dich nicht dieſen gewöhnlichen, alltäglichen Formen fügen zu wollen! Nicht mein Weib, meine Geliebte ſollſt Du werden, mein Engel, mein Schutzgeiſt! Oh komm, Antonie, folge mir! Fliehen wir dieſes Haus, welches die Sünde verpeſtet hat und deſſen Abgründe Deine Lichtgeſtalt nicht mehr erleuchten ſoll! Fliehen wir! Du liebſt die Natur, den blauen Himmel, die Blumen und die Vögel! Komm, ich will Dich in ein Paradies führen„in ein ſtilles, einſames Schweizerthal, zu einer reizenden Hütte in⸗ mitten eines von einem Waldbach durchzogenen Gar⸗ tens. Da will ich zu Deinen Füßen ſitzen und von Deinen Lippen reine Gedanken und ſündloſe Wünſche trinken, da ſollſt Du aus mir einen neuen Menſchen machen und mich entſühnen von der Welt und meiner eigenen Schuld! Komm Antonie, komm in das Thal der Unſchuld und des Friedens! Alles wollen wir hier zurücklaſſen, unſere böſen Gedanken und unſere ver⸗ gifteten Träume, unſern Gelddurſt und unſern Men⸗ ſchenhaß. Nur Liebe und Gott im Herzen wollen wir ein neues Leben beginnen, ein Leben der Unſchuld ———— —— ————— —————— H. und Liebe, wie ich es nie gekannt und wie nur Deine Augen es mir verheißen haben! Er neigte ſein Haupt auf ihre Knie und weinte bitterlich. Schauſpieler! ſagte Antonie, indem ſie ihn un⸗ ſanft zurückſtieß und aufzuſtehen verſuchte. Schau⸗ ſpieler, der ſeine Rolle ſehr gut auswendig gelernt hat! Eine Rolle, die Ihnen vermuthlich meine Tante einſtudirt und überhört hat! Er blickte zu ihr empor und mit Erſtaunen ge⸗ wahrte Antonie, daß ſein Antlitz in der That von Thränen überfluthet war. Sie ſind ein Meiſter in Ihrer Kunſt, ſagte ſie mit einem grauſamen Lächeln, größer noch als Garrick wiſſen Sie wirkliche, ächte Thränen zu vergießen! Meiſterhaft geſpielt in der That! Er ſah ſie einen Moment mit irren, verwirrten Blicken an und ſchien wie aus einem Traum zu er⸗ wachen. Sie nennt mich einen Schauſpieler, mur⸗ melte er in ſich hinein, ſie glaubt, daß ſelbſt meine Thränen nur eine Lüge ſind! Wie ſehr muß ſie mich verachten, um mich einer ſolchen Verſtellung für fähig zu halten! Aber ſie hat Recht und ich war ein Thor! Und plötzlich in ein lautes, wildes Gelächter aus⸗ brechend ſprang er empor und ſtand jetzt mit glühenden Blicken und ſtolz gehobenem Haupt vor Antonien da, ihre Hand ergreifend und ſie feſt an ſeine Lippen drückend. Ich danke Ihnen, Antonie, ich danke Ihnen, daß Sie mich geweckt haben! Ich war ein Raſender, wel⸗ cher ſich in Träume verlor und den albernen Einfall hatte, ſich beſſern und einen neuen Menſchen anziehen zu wollen! Ach, es hätte vielleicht nur eines Wortes von Ihnen bedurft, eines Schöpfungswortes Ihrer Licbe, um mich umzuwandeln und meine Lippen, ſtatt der Flüche und Blasphemien, zu Gebeten und Segnungen ſich öffnen zu ſehen! Ich danke Ihnen, daß Sie dieſes Wort nicht geſprochen! Es iſt nichts erbärmlicher als ein reuiger Sünder, nichts verächt⸗ licher als zu Gott zurückkehren zu wollen, weil der Teufel uns endlich gelangweilt hat! Nein, was man iſt, das muß man ganz ſein und ſo will ich denn ganz des Teufels ſein! Sie, Antonie, Sie ſind es, welche mich von Gott errettet hat! Ich danke Ihnen, mein ſchönes Kind, ich danke Ihnen. Jetzt aber, Antonie, jetzt ſage ich Ihnen, hüten Sie ſich vor mir! Kein Erbarmen mehr mit dieſer Miene der Unſchuld, kein Mitleid mit dieſen weinenden Augen und dieſen zuckenden Lippen! Ich habe auch geweint und Sie ſind erbarmungslos geweſen! Nun wohl, ich werde 11 Ihnen nachahmen! Oh, und denken Sie nicht, daß ich Sie liebe, Antonie, nein, ich haſſe Sie! Denn Sie haben mich ſchwach geſehen, ich habe zu Ihren Füßen gelegen und geweint, wie ein Knabe! Oh, ich werde Rache nehmen für dieſe Schwäche, Rache für meine thörigten Phantaſien! Nein, ich will Sie der Welt nicht zeigen als mein Weib, ſondern als meine Geliebte, als ein Geſchöpf, welches nicht beſſer iſt als ſie Alle! Und meine Geliebte ſollen Sie werden! Ich will es und Sie ſollen ſich mir unterwerfen! Er ſchloß ſie mit einer raſenden Gewalt in ſeine Arme und wollte ihre Lippen küſſen. Sie aber fand die Kraft, ihn zurückzuſtoßen und ſtand groß und ſtolz vor ihm. Hören Sie mich an, ſagte ſie. Es muß endlich klar zwiſchen uns werden. Deshalb habe ich dieſe Unterredung nicht vermieden, ſondern geſucht, deshalb bin ich auf Ihren Wunſch eingegangen und habe Ihnen dieſe Zuſammenkunft bewilligt! Sie ſehen alſo, ich fürchte Sie nicht, aber dies kommt nicht daher, weil ich Sie etwa für edel und großmüthig hielte, ſondern weil ich Sie verachte und Sie nicht einmal der Furcht werth halte! Oh, ich ſchwöre Ihnen, daß Sie lernen ſollen mich zu fürchten, ſagte er zähneknirſchend.“ Antonie fuhr fort: Ich wollte mit Ihnen ſprechen, um endlich Ruhe vor Ihren Verfolgungen zu haben, und Ihren Bemühungen um mich endlich für immer ein Ende zu machen! Unglücklich und erniedrigt, wie ich bin, verlange ich dennoch, daß Sie Achtung vor mir haben und mich nicht den Weibern gleich ſtellen ſollen, die zu Ihrem Unglück bisher Ihre Gefährtin⸗ nen geweſen! Es iſt wahr, Sie haben mich in ſchlim⸗ men und demüthigenden Umgebungen gefunden, in Verhältniſſen, vor denen ich erröthe und die mich zu⸗ gleich mit Schmach und mit Schande belaſten; es iſt wahr, ich habe den Schein auf mich geladen, ein ver⸗ lornes, leichtfertiges Weib zu ſein; aber Sie wiſſen auch, weshalb ich es gethan, Sie wiſſen, daß ich der Kindesliebe dieſes Opfer gebracht, daß ich mein Haupt gebeugt habe unter das Joch, weil es ſo die heiligſte aller Pflichten, die Pflicht einer Tochter gegen ihren Vater erheiſchte! Aber, indem ich dieſes that, indem ich dieſem ſchweren und ſchmachvollen Opfer mich unterzog, habe ich mir ſelbſt das heilige Gelübde ge⸗ leiſtet, mir mein Bewußtſein rein zu erhalten und mindeſtens nicht vor mir ſelber erröthen zu müſſen, habe ich mir bei dem Grabe meiner Mutter geſchwo⸗ ren, meine jungfräuliche Ehre mir rein und fleckenlos zu erhalten und lieber in den Tod zu gehen, als dieſen Schwur zu brechen! Nein, nein, mein Herr, 13 was immer Sie auch beginnen mögen, Sie werden mich niemals zu einer Meineidigen machen! Eines Tages, wenn dieſe Feſſeln von mir abfallen, wenn ein mitleidiger Tod zugleich meinen armen Vater von ſeinen Leiden und mich von meinen Pflichten gegen ihn erlöſt, will ich mit reinem Bewußtſein und hoch⸗ erhobenem Haupte dieſes Haus verlaſſen, um der Welt ſagen zu können:„Ich bin nicht dieſes verlorne und entartete Weib, für welches Ihr mich hieltet. Ich habe geſündigt, aber meine Sünden waren die Ergeb⸗ niſſe meiner Tugend; ich habe gelächelt und coquettirt, aber unter meinem Lächeln verbarg ich meine Thränen und mit meinen Coquetterien kaufte ich meinem Vater Martern und Schmerzen ab. Ich habe den Schein der Sünde auf mich geladen, aber meine Seele iſt rein geblieben! Nehmt mich alſo auf und lehrt mich die Vergangenheit vergeſſen, reicht mir Eure Hand und heißt mich willkommen, Ihr Guten und Tu⸗ gendhaften!“ Und Sie glauben, daß Ihnen die Welt Glauben ſchenken werde? unterbrach ſie der Graf. Armes, unſchuldiges Mädchen, wie wenig kennen Sie alsdann die Welt, wie wenig kennen Sie vor Allen die ſoge⸗ nannten Guten und Tugendhaften! Niemand iſt här⸗ ter, unerbittlicher, grauſamer, als dieſe Tugendhaften 6 14 Und wären Sie rein, wie ein Engel des Lichtes und könnten Sie die überzeugendſten Beweiſe Ihrer Un⸗ ſchuld geben, ſie würden Ihnen dennoch nicht glauben, denn Sie haben den Schein auf ſich geladen und die Welt urtheilt, lobt und verdammt nur nach dem Schein! Glauben Sie mir, man hat ſchon manchen Heiligen zum Galgen verurtheilt und manchen Ver⸗ brecher heilig geſprochen! Niemand aber thut das mehr, als eben dieſe Tugendhaften, auf welche Sie hoffen! Dieſe ſind am unerbittlichſten, am wildeſten in ihren Verdammungsurtheilen! Denn ſie betrachten die Ehre und die Tugend als ein Feld, welches ſie gepachtet haben und blicken mit Neid auf einen Je⸗ den, der es neben ihnen betreten möchte! Oh, rechnen Sie niemals auf die Hülfe und den Beiſtand der Tugendhaften! Dieſe werden die Erſten ſein, welche Sie verurtheilen und das Steinigt! Steinigt! über Sie ausſprechen werden! Nun, mag es denn ſein! ſagte Antonie mit einem bezaubernden Lächeln. Ich kann das Urtheil der Welt entbehren und es kümmert mich nicht, ob ſie mich verurtheilt. Aber Einen gibt es, vor dem ich mein Auge nicht niederſchlagen will, Einen, dem ich frei und ohne Erröthen in's Auge ſchauen und zu dem ich ſagen will: Ich habe mein Gelübde erfüllt! Ich bin Dir treu geweſen mit jedem Gedanken und jeder Regung meiner Seele! Nimm mich hin als Dein reines Weib, drücke Deiner Braut den Myrthenkranz ins Haar, ſie entweiht ihn nicht, denn ſie iſt es werth, ihn zu tragen!* Oh, das iſt es alſo! murmelte der Graf. Das iſt ihre Stärke und ihre Widerſtandskraft. Sie liebt einen Andern! Ja, ſie liebt einen Andern! ſagte Antonie trium⸗ phirend. Sie liebt einen edlen, treuen und ſchönen Mann, der arm iſt, wie ſie ſelber, aber den Muth hat zu arbeiten, und Kenntniſſe und Talente genug beſitzt, um ſich und ſeinem Weibe eine ehrenvolle Exiſtenz zu ſichern! Oh, Sie haben mich verzagt und kleinmüthig geſehen, das macht, er war nicht hier, er ließ mich Wochenlang vergeblich auf ſeinen Anblick hoffen, und ich war eine Verbrecherin in dieſem einzigen Falle, — ich zweifelte an ſeiner Liebe! Aber jetzt, mein Herr, iſt er gekommen, und ich weiß jetzt, daß dieſe lange Trennung ein neuer Beweis ſeiner Liebe war, ein neuer Grund ihn zu achten und hochzuhalten! Er hatte ſich ſelber gelobt, nicht zu ſeiner Geliebten, zu mir, mein Herr, zu kommen, bevor er nicht eine 16 feſte Stellung, eine geſicherte Exiſtenz ſich begründet habe, und jetzt, da ihm dies, Dank ſeinen Talenten und ſeinem Wiſſen, gelungen, jetzt iſt er zu mir zu⸗ rückgekehrt, um mir zu ſagen, daß er mich bald als ſein Weib aus dieſem Hauſe abholen, und aus der Schmach und Qual, welche ich hier erdulden muß, mich erlöſen wird! Oh, denken Sie nicht, daß ich ihm verborgen habe, zu welchem elenden und verach⸗ tungsvollen Gewerbe man mich hier erniedrigt hat! Nein, nein, mein Herr, ich habe ihm geſagt, worin meine Beſchäftigungen in dieſem Hauſe beſtehen! Ich habe ihm geſagt, daß ich Morgens als lächeln⸗ des Aushängeſchild drunten im Laden ſitze, und Nach⸗ mittags als aufgeputzter Lockvogel im Salon bin, ich habe ihm geſagt, daß ich eine Genoſſin von Spielern und Würflern geworden bin, und durch mein Bei⸗ ſpiel junge Männer zum Spiel verlocke. Aber ich habe ihm auch geſagt, weshalb ich dies Alles thue, und er, welcher in meinen Augen und auf meiner Stirn geleſen, daß ich ihm die Wahrheit ſage, er, welcher gut und tugendhaft iſt, er glaubt an mich, und weiß, daß ich ihm treu ſein werde!— Sehen Sie, mein Herr Graf, das war es, was mich kühn und muthig genug machte, Ihnen dieſe Zuſammen⸗ kunft zu bewilligen! Oh, ich habe nichts zu fürchten, 17 Er iſt in Berlin, und ich ſtehe unter der Obhut ſeiner Liebe! unglückliche, Sie haben ihm die Geheimniſſe dieſes Hauſes verrathen? fragte der Graf. Nein, ſagte ſie, ich habe ihm nur geſagt, was Jedermann weiß! Ich habe ihm nicht geſagt, daß ich nicht bloß ſpielen, ſondern ſogar behülflich ſein muß, dieſe Beklagenswerthen, welche reich genug ſind, um Ihnen der Verlockung werth zu ſcheinen, im falſchen Kartenſpiel um ihr Geld zu betrügen! Oh, nein, fürchten Sie nichts! Ich habe beim Namen meiner Mutter ſchwören müſſen, dies Niemand zu verrathen, und ich breche niemals einen Schwur! Sind Sie jetzt zu Ende! fragte der Graf. Ich bin zu Ende! Nun denn, ſo hören Sie auch mein letztes Wort! Ich wiederhole Ihnen, Sie werden dennoch die Meine werden, und ein Tag wird kommen, wo Sie ſich in meine Arme werfen und zu mir ſagen werden: nehmen Sie mich hin, ich will die Ihre ſein, nicht weil ich Sie liebe, ſondern weil ich die Welt verabſcheue, nicht weil ich Ihr Weib ſein will, ſon⸗ dern weil ich die Menſchen haſſe, und ihnen bewei⸗ ſen will, daß ich ihrer Geſetze ſpotte, und ihrer ſoge⸗ nannten Moral und Sitte Hohn ſpreche! Ich will Il. 2 18 Ihre Gefährtin ſein, und ich will Ihnen helfen die Menſchen zu betrügen und zu verderben, denn die Menſchen verdienen es nicht anders!“— So wer⸗ den Sie zu mir ſagen, Antonie, und ich werde bis dahin geduldig ſein, und Sie erwarten! Und das wagen Sie zu denken, rief Antonie glühend, das wagen Sie zu hoffen, jetzt noch, nach⸗ dem Sie wiſſen, daß ich einen edlen, hochbegabten Mann liebe, und von ihm geliebt werde? Thörigtes Kind! ſagte der Graf achſelzuckend. Sehen Sie denn nicht, daß dieſer Mann Sie nicht liebt? Oh, man ſieht nicht das Weib, welches man liebt, am Rande eines Abgrundes ſtehen, ohne ſie von demſelben zurückzuziehen, man ſieht ſie nicht mit lächelndem Muth einer Meute wilder Thiere ſich ent⸗ gegen ſtellen, welche Alle bereit ſind, ſie zu verſchlin⸗ gen, und nach ihrem Blut und ihrem Leben dürſtenz ſondern man ſucht ſie ihnen zu entreißen, und müßte man ſein Blut und Leben für ſie hingeben! Nein, nein, dieſer Mann liebt Sie nicht, denn er weiß, daß man Sie zu einer Koquette erniedrigt hat, und er iſt nicht einmal eiferſüchtig auf alle dieſe frechen und buhleriſchen Blicke, denen Sie täglich ausgeſetzt ſind! Er weiß, daß Sie Ihren Ruf und Ihren guten Na⸗ men hier auf immer verlieren werden, und er befreit 19 Sie nicht aus dieſem Hauſe der Verbrechen! Glau⸗ ben Sie mir, ſelbſt der laſterhafteſte Mann verlangt von ſeinem Weibe einen reinen Namen und einen tadelloſen Ruf; und er wird es ihr nie vergeben kön⸗ nen, wenn ſie denſelben, ſei's auch ohne ihre eigene Schuld, verloren hat! Ich ſage Ihnen daher, dieſer Mann liebt Sie nicht, und— Das raſche, ſtürmiſche Eintreten der Tante An⸗ drea unterbrach ihn. Sie war, gleich Antonien, im glänzenden Feſtgewande, aber auch ihr Antlitz war trübe, und die Blicke, welche ſie auf Antonien hef⸗ tete, ſprüheten von Zorn und Haß. Das Spiel beginnt, ſagte ſie. Man erwartet Dich am grünen Tiſch, Antonie! Gehe alſo! Aber Antonie rührte ſich nicht! Sie ſaß auf dem Divan, und blickte gedankenvoll vor ſich nieder. Sie wiederholte ſich im Geiſte dieſe ſchwere und tödliche Anklage des Grafen gegen ihren Geliebten, und fragte ſich mit angſterfülltem Herzen, ob dieſelbe nicht am Ende wirklich begründet ſei! Sie hatte daher An⸗ drea's Befehl gar nicht gehört, und ihre zornigen Blicke gar nicht der Beachtung werth gefunden! Erſt, nachdem Andrea mit härterm und ſtren⸗ germ Ton ihren Befehl wiederholt hatte, blickte An⸗ 2 ——— 20 tonie auf, und erwiderte gelaſſen: Nein, Tante, ich werde heute nicht in das Spielzimmer gehen! Und weshalb nicht, wenn es Dir beliebt? Weil ich weiß, daß heute wieder mit falſchen Karten geſpielt wird, und weil ich Euch nicht helfen mag bei Euren ſchlimmen Betrügereien! Ach, Du magſt nicht! ſagte Andrea höhniſch. Du haſt alſo vergeſſen, welches Uebereinkommen wir heute getroffen? Du entſinnſt Dich nicht mehr, daß Du für den Preis dieſes Abends Deinem Vater vier Stunden im Zwangſtuhl abgekauft haſt, Du weißt nicht mehr, daß ich dieſem alten Narren ſogar erlaubt habe, heute Abend beim Spiel gegenwärtig zu ſein, und den Croupier zu machen! Er iſt bereits im Spielzimmer, und ſitzt im glühenden Eifer mit ſeiner Harke da. Mein Gott er iſt im Spielzimmer und allein? Wer überwacht ihn? Niemand, denn wir Beide ſind, wie Du weißt, die Einzigen, welche Gewalt über ihn haben! Ent⸗ ſinne Dich aber, daß mein Mann ihm geſchworen hat, für das geringſte Verſehen, das kleinſte Zeichen von Geiſtesabweſenheit ihn, wie es ſeine Pflicht iſt, die ganze Nacht hindurch in dem Zwangſtuhl und mit der Nadel zu ſtrafen! 21 Oh mein Vater! Mein Vater! rief Antonie, in⸗ dem ſie aufſprang, und der Thür zueilte. Ich wußte es! ſagte Andgea, ihrer Nichte mit verächtlichem Achſelzucken nachblickend. Nun, Herr Graf, wie weit ſind Sie mit ihr? Der Graf lächelte: Fürchteſt Du irgend einen Lauſcher, Andrea, daß Du mich ſo fremd anredeſt? Ja! ſagte ſie leiſe. Ich fürchte meinen Mann! Er iſt ſeit einiger Zeit heiterer, und zärtlicher gegen mich, wie jemals, und das hat mir noch immer et⸗ was Böſes bedeutet! Er iſt niemals herzlicher und inniger gegen mich, als wenn er über irgend einem ſchlimmen Plan gegen mich brütet! Aber ſtill! Schwei⸗ gen wir jetzt davon, und ſage mir, wie ſtehſt Du mit Antonien? Der Graf zuckte die Achſeln. Sie iſt noch ſo ſehr Novize, und hat noch ſo lächerliche Begriffe von Tugend und Ehre! Oh, ich haſſe ſie! Ich haſſe ſie! ſagte Andrea die Fäuſte ballend. Ich bin es müde mich von ihrem unſchuldigen Geſicht, und ihren züchtig niedergeſchla⸗ genen Augen beſchämen zu laſſen! Mach ein Ende, mein Freund, dulde es nicht länger, daß dieſes al⸗ berne Ding mit ihrer lächerlichen Tugend Deine Ge⸗ 22 liebte beſchäme. Tritt ſie in den Staub, Feodor, und zerbrich dieſen widerlichen Stolz, hinter dem ſie ſich verſchanzen will! Oh, ich ſage Dir, es bringt mich außer mir, zu denken, daß ſie etwas Beſſeres ſein will, als ich, daß ſie glaubt, mit Geringſchätzung auf mich nieder ſehen zu dürfen! Tritt ſie in den Staub, ſage ich Dir! Es iſt ſchwieriger, als Du denkſt, Andrea, ſagte der Graf ſinnend. Sie beſitzt einen Talismann, welcher ſie beſchützt! Was für einen Talismann? Sie liebt; und zwar iſt es eine reine, und legi⸗ time Liebe! Andrea ſtieß eine wilde Verwünſchung aus, und ihre Augen ſchoſſen Blitze. Nun denn, ſagte ſie zähneknirſchend, wir müſ⸗ ſen dieſe Liebe aus ihrem Herzen reißen! Dazu müßten wir erſt ihren Liebhaber kennen! Ich glaube ihn zu kennen! Aber dies iſt gleich⸗ gültig! Wie willſt Du ihr ihren Geliebten entreißen, wenn Du ihn nicht kennſt? Wie ihn dazu bringen, ſie zu verlaſſen, und aufzugeben? 23 Andrea legte ihre Hand auf des Grafen Schul⸗ ter und ſagte mit einem grauſamen Lächeln: und wäre das wohl der Weg zum Ziel! Ich will Dir ein Geheimniß ſagen, mein Freund! Wir Frauen lieben denjenigen am treueſten und lei⸗ denſchaftlichſten, der uns am meiſten Thränen ver⸗ gießen macht, und der ſicherſte Weg uns eine ewige, und nie erlöſchende Liebe einzuflößen, iſt der, wenn Ihr uns verlaßt, und untreu werdet! Es wäre alſo ſehr thörigt, ſie von ihm trennen zu wollen durch eine Untreue ſeinerſeits! Oh nein, mein Freund! Sie muß ihm untreu werden, ſie muß dahin ge⸗ drängt werden, ihn aufzugeben, und dies dadurch, daß ſie ſeiner unwerth gemacht wird, dadurch, daß wir ihr einen andern Liebhaber aufdrängen! Dies iſt ein diaboliſcher Plan! ſagte der Graf ſchaudernd. Nicht wahr, Feodor? Und Du kannſt zufrieden ſein mit Deiner Schülerin? Doppelt zufrieden, da Du Antonien's Liebhaber werden ſollſt! Ich übergebe ſie Dir! Morgen ſchon ſoll ſie Dein werden! Morgen ſchon? Iſt es Dir zu früh, Feodor? Biſt Du ſo kalt, „ 24 daß dieſes junge ſchöne Kind Dich nicht reizt? Und ich ſage Dir, ſie ſoll Dein werden! Mein Mann ver⸗ reiſt morgen! Dieſer Tag alſo gehört uns! Wir wol⸗ len ihn nutzen! Morgen alſo! Und jetzt komm zum Spieltiſch! Sie hing ſich an ſeinem Arm, und verließ mit ihm das Gemach. Kaum war ſie hinaus, als die kleine Tapeten⸗ thür an der andern Seite des Zimmers leiſe geöffnet ward, und der Doctor eintrat. Sein Geſicht, ſonſt immer ſo gutmüthig und freundſelig, zeigte indeß jetzt einen zornigen, wilden Ausdruck, ſeine Wangen waren todesbleich, und ſeine zitternden Lippen murmelten wilde Verwünſchungen. Wie er, die Arme auf dem Rücken gekreuzt, den Kopf ein wenig vorgeſtreckt, leiſe und geräuſch⸗ loſen Schrittes ringsum im ſeltſamen Kreislauf durch das Zimmer ging, glich er dieſen wilden Tigern, die wir, in einem engen Käfig eingebannt, in ewiger Unruhe und grollendem Schmerz, immer ſpürend nach einem Ausweg, immer ſpähend nach einem Moment der Rache, auf und abgehen ſehen! Er hatte in dieſem Augenblick die Gedanken eines Tigers, und ihm dürſtete nach Blut. 25 Morgen! ſagte er endlich dumpf in ſich hinein! Ich werde alſo morgen erfahren, ob ich ſie tödten muß! Ja, Andrea, ich werde morgen verreiſen, aber ich werde zurückkehren, früher als Du denkſt! Comteſſe Enudora. Die junge Gräfin war allein in ihrem Zimmer. Sie lag auf der Cauſeuſe und las. Ihr Geſicht, welches gewöhnlich einen ernſten und kalten Ausdruck zeigte, war jetzt ungewöhnlich belebt, ihre Wangen riethen die ungewöhnliche innere Aufregung, in wel⸗ cher ſie ſich befand. 2 Die Stille dieſes zugleich prächtigen und einfa⸗ chen Zimmers, ward nur durch das leiſe taktmäßige Anſchlagen der großen Pendeluhr dort drüben auf dem weißen Marmorkamin, unterbrochen; ſeltene Blumen ſtanden in einem vergoldeten, im Styl Lud⸗ wig des Funfzehnten geſchnitzten Tiſche in deren Nitte ein paar Reisvögel in ihrem glänzenden, von glühten, und das heftige Wogen ihres Buſens ver⸗ 27 Farrenkraut und Paſſionsblumen umrankten Käfig ſaßen, und ſtaunend und unbeweglich dem Kreiſchen und Plaudern des Kakadu zuzuhören ſchienen, der gelangweilt von Stange zu Stange hüpfte. Die Fenſter waren mit ſchweren dunkelroth ſeidenen Vor⸗ hängen verſehen, und ein türkiſcher Teppich in der herrlichſten und glühendſten Farbenpracht Blumen⸗ bouquets darſtellend, bedeckte den Fußboden. Es war ein durchaus geſchmackvolles und ſchönes Zimmer, und Eudora, welche in ihrem reizenden koquetten Negligé von roſa Creppinet, die Füßchen bedeckt mit weißen Atlaspantoffeln, auf dem ſammtnen Divan lag, paßte ganz vortrefflich zu dieſem Enſemble reizender Eleganz. Seit einiger Zeit bemerkte man an der Com⸗ teſſe eine Veränderung. Sie war weniger kalt und ſtolz, weniger hochfahrend und unnahbar wie gewöhn⸗ lich, und ihr ſonſt ſo gleichmäßiges und ruhiges Be⸗ tragen war jetzt völlig umgewandelt. Zuweilen war ſie von einer auffallenden Heiterkeit, und einem Muthwillen, wie man es nie geſehen, dann wieder verſank ſie, anſcheinend ohne irgend eine äußere Ver⸗ anlaſſung, in ein träumeriſches Hinbrüten, und ihre eben noch ſo heitere Stirn bewölkte ſich plötzlich. Zuweilen ſtürzte ſie ſich mit einer leidenſchaftlichen Haſt in Zerſtreuungen und Feſte, dann wieder ſchloß 28 ſie ſich Tage lang in ihren Zimmern ein, und Nie⸗ mand durfte um ſie ſein, als Mariane, zu welcher ſie, wie es ſchien, eine zärtliche Zuneigung gefaßt hatte. Mariane beobachtete die Comteſſe mit einer lächelnden Neugierde und wenn ſie ihrem„Couſin Alexander Weltheim“ von dieſer merkwürdigen Ver⸗ änderung ihrer jungen Gebieterin erzählte, ſo lächelte auch er, und ſagte mit einem ſchadenfrohen Ausdruck: „das Gift fängt alſo ſchon an, ſeine Wirkung auf ihr Blut auszuüben!“ Dieſes Gift, welches Mariane mit dem Beiſtand Alexanders der jungen Gräfin einflößte, beſtand in ihrer Lectüre und ihren Geſprächen! Sie hatten damit angefangen ihr Romane voll empfindſamer Zärtlichkeit, wie die Heloiſe, Werther's Leiden, Jacopo Ortitz, und die Clariſſa zu geben, dann waren Romane voll minderer Empfindſamkeit, aber leichtfertigeren und ſchlüpfrigen Inhalts ge⸗ kommen! Eudora hatte dieſe Bücher geleſen mit der Neu⸗ gierde eines jungen unſchuldigen Mädchens, die mit Erſtaunen plötzlich eine neue, ihr ſorgfältig verborgen gehaltene Welt, ſich vor ihr enthüllen ſieht, und die um deſto begieriger auf dieſelbe iſt, je mehr ſie ſich bewußt iſt, daß dieſelbe ihr verboten ſei. Sie verſchlang daher mit einer durſtigen Begierde dieſen ſo gefährlichen, ſo berauſchenden Trank, wel⸗ chen man ihr darreichte, der ſich wie glühendes Oel durch ihr heißes Blut ergoß, und alle ihre Pulſe höher klopfen machte! Hätte ſic ein arbeitſames, thätiges Leben zu füh⸗ ren gehabt, ſo würde dies die ſchädlichen Wirkungen ihrer Lectüre vielleicht paralyſirt, und ihre Phantaſie ab⸗ gekühlt, ihr Blut verdünnt haben. Aber dieſes träu⸗ meriſche und müßige Leben einer vornehmen Dame, dieſe ſchwelgeriſchen Feſte, dieſe gewürzten Speiſen, dieſe ſchweren Weine, dieſes ganze üppige und lu⸗ culliſche Vegetiren, es war ganz dazu geeignet, ihr zu Flammen aufgeregtes Blut noch mehr zu verdicken, ihre Phantaſie noch höher aufzureizen. Zudem war ſie eine vollendete Ariſtokratin, über⸗ müthig, ſtolz, kalten Herzens, aber ohne Grundſätze, ohne dieſe höhere und edlere Unſchuld, welche oft ſo⸗ gar noch denen eigen iſt, welche die verdammungs⸗ luſtige Welt, als„gefallen und entehrt“ bezeichnet. Eudora kannte die Sünde ſehr wohl, und wenn ſie bei jedem zweideutigen Wort ſchüchtern erröthete, ſo geſchah es, weil ſie ſehr gut den verborgenen Sinn 30 deſſelben verſtanden hatte und deſſen ſchlüpfrige Be⸗ deutung kannte. Sie hatte, ſeit ihrer früheſten Kind⸗ heit, ſich von verderbten und unterhöhlten Verhält⸗ niſſen umgeben geſehen, aber ſie hatte zugleich erfahren, daß es genüge, dieſelben unter einem ſtolzen und glänzenden Mantel der Verſtellung zu verbergen, um von der Welt Achtung und Ehrfurcht zu erhalten, wie viel Laſter und Unſitte man auch darunter ver⸗ bergen möge! Man hatte ihr kein Geheimniß gemacht aus ihrer Geburt, ſie wußte, daß ſie die Tochter des Prinzen ſei, und ſie war ſehr ſtolz darauf; aber man hatte ſie zugleich gelehrt, den Grafen Schwanenkamp als ihren Vater zu betrachten und ihn mit dieſem ſelben Namen zu nennen, mit welchem ſie in der Stille ihres Zimmers den Prinzen empfangen durfte; ſie war alſo früh genug in die Kunſt der Verſtellung und der Lüge eingeweiht worden, eine Kunſt, welche in den höhern und privilegirten Ständen einen Hauptbeſtandtheil der Erziehung auszumachen pflegt. Aber dieſes zweideu⸗ tige Verhältniß ihrer doppelten Vaterſchaft hatte zu⸗ gleich nur dazu dienen müſſen, ſie eines Gefühles zu berauben, welches der eigentliche Talisman und Hort eines jungen Mädchens zu ſein pflegt— die Ach⸗ tung vor ihrer Mutter! Wie ſollte ſie dieſe Frau achten, welche ſie ohne † 31 Erröthen mit den heiligſten Satzungen der Moral ein ehrloſes Spiel treiben ſah, wie Ehrfurcht empfinden vor einer Mutter, die ſie mit ſclaviſcher Demuth vor ihrem rechtmäßigen Vater ſich beugen und dem, wel⸗ cher ehrlos genug geweſen, ſich vor der Welt zu ih⸗ rem Vater erkaufen zu laſſen, mit hochfahrendem Ueber⸗ muth hatte begegnen geſehen! Wie endlich zu einer Religion und zu einer Gottheit Vertrauen gewinnen können, aus der ihre Mutter jetzt ſich eine Zufluchts⸗ ſtätte gemacht hatte, um in derſelben unter dem An⸗ ſchein der Frömmigkeit ihr üppiges und laſtervolles Leben fortführen zu können! In der That, es gab für dieſes arme Kind eines vornehmen und erlauchten Hauſes nichts Großes, nichts Heiliges und Erhabenes, denn ſie ſah, wie man mit Allem Dieſem ein widerliches und ſtolzes Spiel trieb, und ſie konnte vor nichts Ehrfurcht empfinden, weil ſie wußte und früh genug hatte lernen müſſen, daß die anſcheinend edelſten und heiligſten Verhältniſſe oft nur der Deckmantel des Laſters und Verbrechens ſeien! Vielleicht hatte dieſe Ueberzeugung viel dazu bei⸗ getragen, Eudoren dieſes kalte und verſchloſſene Weſen zu geben, gewiß aber hatte ſie in ihrem jungen Herzen früh ſchon alle die keimenden und knospenden Blüthen 32 der Poeſie und der Begeiſterung abgebrochen und ſie zu einem kalten, öden, duftloſen Daſein ohne Illuſionen und Entzückungen verurtheilt! Sie kannte den geheimen, zerſtörenden Wurm, welcher auf dem Grunde alles Schönen wühlte und bohrte, und ſie glaubte an keine Roſe mehr, weil ſie wußte, daß hinter dieſer anſcheinenden Blüthe ſchon die Verweſung lauere! Und dieſe gelangweilte, einſame und blüthen⸗ leere Exiſtenz war nun plötzlich mit dieſen leuchtenden und glühenden Giftpflanzen der Imagination belebt worden! Sie, welche bis dahin ein leeres, gedankenloſes, leichtfertiges und kaltes Geſellſchaftsleben geführt, ſie ſah ſich jetzt urplötzlich in eine flammende, gluthen⸗ durchzogene, berauſchende Atmoſphäre verſetzt. Zum erſten Male fühlte und beklagte ſie jetzt die Kälte ihres Herzens, und ſehnte ſich nach dieſem zauberhaften, ungekannten Gefühl, welches es er⸗ wärmen ſollte! Sie lag, wie geſagt, auf der Cauſeuſe und las. Das Buch, welches Mariane ihr diesmal gegeben, war George Sand's Compagnon de tour de Frange und ſie war eben bis zu der Scene gelangt, in wel⸗ cher die junge, leichtfertige Marquiſe dieſe gefährliche 33 und eigenthümlich endende einſame Fahrt mit dem jungen Tiſchler macht. Plötzlich, gleichſam überwältigt von all dieſen neuen und überraſchenden Gedanken, warf ſie das Buch bei Seite und überließ ſich ihren Gedanken und Träumen. Eine Marquiſe, welche einen Tiſchler, einen ge⸗ meinen Handwerker liebt! Dieſes Bild war für Comteſſe Eudora ſo neu, ſo überraſchend, daß ſie ſich ganz davon bewältigt fühlte. Wie konnte eine vornehme Dame, eine Dame der guten Geſellſchaft, nur dahin kommen, ihre Augen auf ein ſolches Geſchöpf zu werfen; wie war es möglich, daß man ſo ſeines Ranges, ſeiner Ehre ver⸗ geſſen könne! Sie wollte dieſe ganze Geſchichte als eine un⸗ wahre, unbegründete verwerfen; aber ſie entſann ſich plötzlich, daß ſelbſt in der hohen, excluſiven Geſell⸗ ſchaft, der ſie angehörte, ſich faſt etwas Aehnliches zugetragen, eine Gräfin war wahnſinnig geworden aus Liebe zu ihrem Bedienten! Es war alſo doch möglich, daß man ſehr vor⸗ nehm ſein und doch dieſe untergeordneten, niedrigen Subjecte der Beachtung werth halten, und in ihnen II. 3 * 34 nicht den Diener und Sclaven, ſondern den Mann ſehen konnte. Es war alſo möglich, daß man Jemand lieben könne, der niedrigen und gemeinen Standes ſei. Dieſe Vorſtellung machte Eudora anfangs ſchau⸗ dern. Sie hatte niemals daran gedacht, daß ihr Bedienter nicht blos das ausübende Werkzeug ihres Willens, ſondern auch ein Mann ſei, und ſie hatte deshalb niemals ihn irgend einer Beachtung, einer Rückſicht werth gehalten. Sie erröthete, wenn ſie bedachte, mit welcher Ungenirtheit ſie ſich oft vor Dem gezeigt, welcher alſo nicht blos ein Diener, ſondern auch ein Mann geweſen. Durch eine ganz natürliche Ideen⸗Combination erinnerte ſie ſich jetzt wieder jener Scene mit Alexander Weltheim. Das, was ihr damals eine ganz natürliche Folge ſeiner Inſolenz gedeucht, erſchien ihr jetzt als eine tödtliche Beleidigung und ſie konnte es ihm nicht verargen, ſich an ihr gerächt zu haben. Indeß, ſie hatte wenigſtens dieſe Beleidigung wieder gut zu machen getrachtet. Sie hatte ihn um Verzeihung gebeten und es war ihr ſtetes Bemühen geweſen, ihm, ſo oft ſie ihn bei Marianen getroffen, 35 durch das freundlichſte Begegnen zu beweiſen, wie ſehr ſie die Vergangenheit bereue. Uebrigens verdiente der Doctor Weltheim voll⸗ kommen dieſe Berückſichtigung; er war ein eben ſo geiſtreicher als gewandter Geſellſchafter, ſeine Unter⸗ haltung war ſo anregend und pikant, ſein Betragen ſo durchaus nobel und elegant, daß es jedem Salon Ehre machte und außerdem war er ein ſehr ſchöner Mann. Und nicht blos ſie hatte das gefunden, ſondern auch ihre Mutter, welche den„Couſin“ ihrer Geſell⸗ ſchafterin ſogar einer Einladung zu einer ihrer Soiréen gewürdigt hatte; Prinz Aurelio ſogar hatte ſich an jenem Abend lange mit ihm unterhalten und ihn für einen ſehr liebenswürdigen Mann erklärt. Es waren alſo Alle darin einig, daß Alexander Weltheim eine außerordentliche Perſönlichkeit ſei und doch gehörte er nicht zur Geſellſchaft, doch war er nicht einmal von Adel. Ja, der Prinz hatte ihr ſogar geſagt, daß er einiger Beachtung werth ſei und man ihm freundlich begegnen müſſe, weil er der Redacteur des Feuilletons einer großen Zeitung ſei und man jetzt leider in einer Periode lebe, in welcher ſelbſt die Großen und Mäch⸗ tigen ſich die Gunſt der öffentlichen Meinung zu er⸗ halten trachteten. 36 Seit dieſem Ausſpruch des Prinzen war Alexander Weltheim in den Augen der ſtolzen, jungen Gräfin bedeutend gewachſen,— er war 6 einem wichtigen Manne geworden. Sie behandelte ihn jetzt mit größerer Zuvorkom⸗ menheit und Güte und es kränkte ſie faſt, ihn, ihr gegenüber, immer nur in der ehrfurchtsvollſten Zurück⸗ haltung und Devotion zu ſehen. Sie wünſchte, er möchte einmal vergeſſen, daß ſie die vornehme Gräfin und er der arme, unbedeutende Schriftſteller ſei; er möchte mit ihr eben ſo unbefangen und heiter ſich unterhalten, als mit Marianen. Dieſe hatte ihn ſo oft geprieſen wegen ſeiner Heiterkeit und ſeines Witzes, wegen ſeines unerſchöpflichen Humors und ſeiner bei⸗ ßenden Ironie. Und Eudora ſehnte ſich ſo ſehr dar⸗ nach, auch einmal von Herzen zu lachen, auch einmal ſich zu amüſiren; ſie langweilte ſich ſo ſehr, ſie litt ſo ſehr an der Qual der Ueberſättigung! Sie kannte alle dieſe glänzenden, bezaubernden Feſte der haute volse, und ſie hatte auf all dieſen Bällen, dieſen Konzerten, dieſen Soirées und Diners dieſelbe Langeweile, daſſelbe troſtloſe Einerlei wieder gefunden. Es waren immer dieſelben Menſchen, die⸗ ſelben faden, öden Geſichter, dieſelben banalen, nichts⸗ ſagenden Redensarten, dieſelben Minauderien und S —— 37 Coquetterien, dieſelbe Oberflächlichkeit, dieſelbe Heu⸗ chelei und Mediſance! Eudora ſehnte ſich nach etwas Neuem, Pikantem. Es gelüſtete ſie, einmal Menſchen zu ſehen, welche ſie nicht kannte, neue Umgebungen zu ſehen, neue Ge⸗ ſpräche zu hören, in einer fremden, nie geahnten Welt ſich zu bewegen. Sie begriff jetzt vollkommen die ganze Situation der Marquiſe, von welcher ſie ſoeben geleſen. Die Marquiſe war in einer Lage geweſen, wie ſie ſelber. Sie hatte ſich gelangweilt in ihrer hohen, ariſtokratiſchen Geſellſchaft, gelangweilt mit ihren vor⸗ nehmen, privilegirten Liebhabern, und dieſe Fahrt mit. dem Tiſchler in dem ominöſen Einſpänner und dieſe Liebes⸗Aventure mit ihm hatte ihr wenigſtens ein neues und pikantes Amuſement dargeboten. Eudora entſann ſich jetzt mit Neid der lebhaften Schilderung, welche ihr Mariane geſtern von einem Feſte gemacht, einem Ballfeſte im Hauſe Antonien's, einer Freundin aus dem Penſionat. Mit welchen glühenden Farben hatte ihr nicht Mariane dieſe laut⸗ tobende Luſt, dieſe rückhaltloſe Freude, dieſes ſelige Genießen des Augenblickes, dieſes Sprudeln des Hu⸗ mors und der übermüthigen Scherze geſchildert. Mein Gott, wenn ſie doch auch einmal einem 38 ſolchen Feſte beiwohnen könnte. Nur, um zu ver⸗ gleichen, ob wirklich nur in ihren ariſtokratiſchen Kreiſen die Langeweile, welche ſie verzehrte, heimiſch ſei, oder ob ſie ihr auch folgen werde in die neue, fremde Welt, nach welcher ſie um ſo mehr Verlangen trug, weil es ihr verſagt war, dieſelbe zu betreten. Daß es Etwas geben konnte, welches ihr verſagt war, das beleidigte ihren Stolz, indem es zugleich ihre Neugierde reizte. Sie ſprang, mit der Behendigkeit und Grazie einer Gazelle, von der Cauſeuſe auf und ging mit heftigen Schritten auf und ab. Ihre Stirn war in 2 finſtere Falten gelegt, ihre Lippen feſt aufeinander gepreßt, ihr Buſen wogte ſtürmiſch auf und ab.— Sie konnte ſich ſelber nicht klar werden über dieſe ſeltſamen und ganz neuen Gefühle, welche ſie be⸗ ſtürmten. Sie war ſich nur bewußt, daß ihre ſtolze und glanzvolle Exiſtenz ſehr ſchwer auf ihr laſte und ihr Herz bäumte ſich wild empor bei dem Gedanken, daß es in der Welt nicht blos Langeweile und tödtendes Einerlei, ſondern auch Freuden und wechſelnde Ver⸗ gnügungen geben und daß ſie verdammt ſein ſollte, denſelben zu entſagen, ſie, die Tochter eines Prinzen! Ich will zu Marianen gehen! flüſterte ſie und mit haſtiger Ungeduld durchſchritt ſie das 39 und das Vorzimmer, an deſſen entgegengeſetzter S ſich Marianen's Zimmer befand. Ohne anzuklopfen, mit einem einzigen Ruck, öffnete ſie die Thür. Ein Schrei der Ueberraſchung entfuhr ihren Lippen über dieſes unerwartete Bild, welches ſich ihr darbot. Mariane ſtand mit zornglühenden Augen in der Mitte des Gemaches und zu ihren Füßen kniete ihr Bruder, der Huſarenlieutenant. Als er ſeine Schweſter erblickte, ſprang der junge Graf mit einer wilden Verwünſchung auf und wollte der Thür zueilen. Mariane ergriff ſeine Hand und hielt ihn zurück. Sie ſind mir eine Ehrenerklärung ſchuldig, Herr Graf, ſagte ſie mit dem Anſtand und der Würde einer Kö⸗ nigin. Ich will nicht, daß mich Comteſſe Eudora für eins dieſer leichtfertigen, übermüthigen und albernen Mädchen halte, welche darauf ausgehen, ſich ihre dienſtbare und demüthige Stellung durch ein vorneh⸗ mes und grandioſes Liebesverhältniß zu verſüßen und ſich dadurch eine Art Bedeutſamkeit zu erwerben. Ich bitte, daß Sie die Güte haben, der Comteſſe zu ſagen, daß Sie wider meinen Willen in dieſes Zimmer ge⸗ kommen ſind! 40 Der junge Graf wollte eine übermüthige, lächelnde Miene annehmen, aber der ſtrenge, zürnende Blick Marianen's verwirrte ihn und machte ihn befangen. Es iſt wahr, ſagte er zögernd, ich kam wider Ihren Willen. Sie hatten mir ſogar geſtern ſtreng unterſagt, dieſes Zimmer jemals wieder zu betreten, indeß gab mir Prinz Aurelio einen Auftrag an Sie und damit glaubte ich mein Kommen entſchuldigt! Ohne Zweifel beſtand Dein Auftrag nicht darin, Marianen eine Liebeserklärung zu machen! ſahte Eu⸗ dora lachend. Nein, gewiß nicht! Und ich bitte Dich, meine ſchöne Schweſter, ihm nichts davon zu verrathen! Ich im Gegentheil erſuche Sie darum, ſagte Mariane ernſt. Ich habe keinen Grund, aus dieſer Scene ein Geheimniß zu machen! Aber ich! rief der junge Graf lebhaft. Und ich flehe Sie an, Fräulein Freiſtadt, mir einen Schritt zu verzeihen, deſſen Unziemlichkeit ich vollkommen ein⸗ ſehe und für den ich um Vergebung bitte! Sein Sie alſo gnädig und beweiſen Sie es mir dadurch, daß Sie mich nicht an den Prinzen oder an meine Mutter verrathen! Mariane blickte mit einem fragenden Ausdruck zu Eudoren hinüber. 6 41 Sein Sie barmherzig, ſagte dieſe lächelnd. Ver⸗ zeihen Sie ihm und verſprechen Sie ihm, gleich mir, Verſchwiegenheit! Nun denn, es ſei! ſagte Mariane ernſt. Ich will Ihnen verzeihen und ſchweigen, Herr Graf, vor⸗ ausgeſetzt, daß ſie mir niemals eine ähnliche Scene ſpielen! Das kann ich nicht verſprechen! rief der Graf lachend, indem er Marianen's dargereichte Hand mit leidenſchaftlichen Küſſen bedeckte. Einen Moment war es ihm, als empfände er einen leiſen Gegendruck ihrer Hand. Er ſah empor, und begegnete ihrem Blicke, welcher mit einem unbeſchreiblich zärtlichen und glü⸗ henden Ausdruck auf ihm ruhte; aber dies war nur wie ein Blitz, dann nahmen ihre Augen wieder ihre ge⸗ wohnte Strenge und Kälte an, und ſie entzog ihm ihre Hand. Gehen Sie! ſagte ſie kurz, aber es ſchien dem jungen Grafen, als ob ihre Stimme zittere. Sie liebt mich! ſie liebt mich! ſagte er zu ſich ſelber und ſein Antlitz leuchtete in ſtolzem Uebermuth und triumphirender Freude. Sie liebt mich und es wird mir dennoch gelingen, ihren Widerſtand zu beſiegen. Er verneigte ſich ehrfurchtsvoll, und verließ, ſeine Schweſter flüchtig grüßend, das Gemach. 42 Sie ſind zu grauſam gegen ihn, ſagte Eudora, als ſie mit Marianen allein war. Jedenfalls iſt es nicht ſeine Schuld, wenn er Sie liebt und Sie ſollten mindeſtens etwas Mitleid für ihn fühlen! Mariane ſah ſie erſtaunt an. Sie ſcherzen, Comteſſe, ſagte ſie kalt. Es wäre für mich ſehr ge⸗ fährlich, Mitleid für Ihren Herrn Bruder zu empfin⸗ den, denn dies wäre ohne Zweifel der erſte Schritt zur Gegenliebe! Nun, und wäre denn dies ein ſo großes Miß⸗ geſchick? fragte Eudora faſt ungeduldig, well ſie in der Stimmung, in welcher ſie ſelber ſich eben befand, dieſe Strenge Marianen's faſt für einen Widerſtand gegen ihre eigenen Gedanken und Wünſche betrachtete. Ja, Comteſſe, dies wäre ein Mißgeſchick für mich! erwiderte Mariane ſeufzend. Ein großes Un⸗ glück für mich, einen der Auserwählten und Bevor⸗ zugten, einen der Glücklichen und Auserkorenen zu lieben, während ich zu den Verdammten und Aus⸗ geſtoßenen, zu den Paria's der menſchlichen Geſellſchaft gehöre. Nein, Comteſſe, rathen Sie mir niemals, dieſe Liebe zu erwidern, denn ſie wäre das Verdam⸗ mungsurtheil meines ganzen Lebens! Ach, es iſt ſo traurig und verzweiflungsvoll, ein Geſchöpf zu lieben, welches man doch nie beſitzen kann, ſeine ganze Seele, 43 ſeine ganze Exiſtenz hingegeben zu haben an ein Weſen, das ſo hoch über uns ſteht, wie die S über unſern Häuptern! Und haben Sie ſelber dieſen Schmerz hen empfunden? Nein, aber ich ſehe deſſen Größe und Bitterkeit an meinem armen Couſin! An Alexander Weltheim! rief Eudora lebhaft, indem ſie, ohne es zu wiſſen, Marianen's Hand er⸗ griff und ihr in athemloſer Spannung in die Augen ſah. Weltheim liebt alſo in dieſer Weiſe? Mein Gott, rief Mariane mit gut geheucheltem Schrecken. Was habe ich gethan! Ich habe ſein Ge⸗ heimniß verrathen! Er liebt eine vornehme Dame? Eine gen welche über ſeinen Stand erhaben iſt? Er liebt ſie? Ant⸗ worten Sie mir, Mariane, er liebt und iſt unglücklich? Mein Gott, ſo ſprechen Sie doch! Sehen Sie denn nicht, daß ich vor Neugierde zittere? Und die Comteſſe ſtampfte ungeduldig mit dem Fuß auf den Boden und ſah in athemloſer Spannung auf Marianen's Lippen. Es hat gewirkt! dachte Mariane und eine grau⸗ ſame Schadenfreude ſchwellte ihr Herz. Laut ſagte ſie: Vergebung, Comteſſe, aber es iſt das Geheimniß 44 meines armen Vetters und ich darf es nicht verrathen! Ich flehe Sie ſogar an, vergeſſen Sie die Worte, welche ich in der Uebereilung geſprochen! Ach, Alexan⸗ der würde es mir nie verzeihen, wenn er erführe, daß ich auch nur mit einer Sylbe ihn verrathen hätte! Vergeſſen Sie alſo, Comteſſe, ich flehe Sie an, ver⸗ geſſen Sie! Vergeſſen! rief Eudora, in heftiger Aufregung auf und abgehend. Vergeſſen! Als ob das Vergeſſen ſo leicht wäre! Plötzlich blieb ſie vor Marianen ſtehen und ſah ſie mit lächelnden Blicken an. Wiſſen Sie, Mariane, ſagte ſie, daß es mich faſt verdrießt, nur Geheimniſſe bewahren und ſelber keine haben zu ſollen? Ich möchte auch ein Geheimniß haben! Es brächte vielleicht ein wenig Abwechſelung in das ewige Einerlei dieſes ab⸗ geſchmackten, faden Lebens! Ein Geheimniß der Art, wie wir es Ihrem Herrn Bruder zu verſchweigen gelobt, Comteſſe Eudora? Sie lächelte. Vielleicht! Aber wir wollen nicht gleich ſo große und extravagante Pläne machen! Vor⸗ läufig ſehne ich mich nur überhaupt nach einem Ge⸗ heimniß, gleichviel welches! Und würden Sie mich zu Ihrer Vertrauten ma⸗ chen, wenn Sie es beſäßen? 45 Sie nickte lächelnd mit dem Kopf. Sie ſollen nicht blos die Mitwiſſerin, ſondern auch die Mit⸗ ſchuldige meines Geheimniſſes ſein! Ah, es gibt alſo auch eine Schuld dabei? Wenigſtens eine in den Augen der Welt. Mit einem Wort: ich möchte einmal eins dieſer bezaubern⸗ den Maskenfeſte bei Kroll mit erleben, von denen ich ſo viel gehört, und von denen mein Bruder immer mit einem wahren Entzücken ſpricht! Mariane ſtarrte ſie mit großen Augen an, und diesmal war ihr Erſtaunen wirklich kein geheucheltes. Die junge Comteſſe ging in der That ungeſtümer und leidenſchaftlicher vorwärts, als ſelbſt Weltheim es für möglich gehalten. Der ungezügelte Herrſcherdrang, die Gewohnheit ihren Willen als Befehl betrachtet zu ſehen, trieb ſie vorwärts, ihr Stolz und ihre Neugierde führte ſie dem Verderben entgegen! Ein Maskenfeſt bei Kroll? wiederholte Mariane. Ja, ja. Ich bin es müde, dieſe privigelirten Feſte zu durchgähnen, ich will einmal verſuchen, ob man wirklich heiter und glücklich ſein kann! Ich will wiſſen, ob die Menſchheit aus lauter Schatten be⸗ ſteht, oder ob auch Menſchen, wirkliche lebende, füh⸗ lende und genießende Menſchen darunter ſind! Mein Gott, ich ſterbe faſt vor Langeweile, ich will daher einmal eine gewagte Kur unternehmen, um neuen Lebensmuth zu trinken! Da haben Sie Recht, Comteſſe, etwas gewagt iſt dieſe Kur allerdings! ſagte Mariane lachend. Und wenn die Frau Gräfin ſie erführe, ſo wäre. verloren! Sie wird nichts erfahren! Wir werden uns ge⸗ genſeitig ein feierliches Gelübde ablegen, zu ſchwei⸗ gen! Außerdem werden wir im größten Incognito, und in der Maske dort ſein, und nicht einen Mo⸗ ment die Maske lüften! Aber wie bekommen wir Maskenanzüge? Ich beſitze deren mehrere von frühern Hoffeſten her! und wir werden uns daraus zwei neue Coſtüme zuſammenſetzen! Oh mein Gott, mein Gott, mein Herz hüpft wahrhaft in Entzücken über dieſe Ideez und während ich ſie mit Ihnen beſpreche, wird mir Alles ganz klar und beſtimmt. Mariane, ich bitte Sie, widerſprechen Sie mir nicht! Wir gehen zum Maskenfeſt! Heute Morgen, als ich die Zeitung las, blieb mein Auge unwillkührlich auf der Anzeige dieſes Feſtes, welches übermorgen dort ſtatt finden ſoll haften, und es ſchien mir, als ob die Buchſtaben mich lockten und grüßten, und mir zuflüſterten: 47 Komm! Komm! Du ſollſt einmal die Freude und das Vergnügen kennen lernen!— Oh Mariane, ich beſchwöre Sie, helfen Sie mir auf einige Stunden glücklich zu ſein? Sie warf ſich ſtürmiſch in Marianen's Arme, und küßte ſie zärtlich. Es iſt das erſte Mal, daß ſie zärtlich gegen mich iſt, dachte Mariane mit ſtillem Ingrimm, während ſie die Comteſſe innig an ihre Bruſt drückte, das erſte Mal, daß ſie mich küßt! Auch thut ſie es nicht, weil ſie mich liebt, ſondern nur aus Egoismus, nur, um mich mit dieſer Liebkoſung ſo zu betäuben, daß ich ohne Widerſpruch ihren Willen thue! Comteſſe Eudora, ſagte ſie dann laut, was auch für mich daraus entſtehen möge, Sie ſehen mich be⸗ reit, Ihren Wunſch zu erfüllen! Wir wollen zu dem Kroll'ſchen Maskenfeſt gehen! Eudora ſtieß einen Freudenſchrei aus, und trat von Marianen zurück. Sie hatte ihren Zweck erreicht, es war daher nicht mehr nöthig, noch ferner Marianen mit Liebe und Zärtlichkeit zu ſchmeicheln! Die Comteſſe nahm daher wieder ein wenig ihre ſtolze, herablaſſende Freundlichkeit an. Sie war jetzt 48 wieder die vornehme, gebietende Dame, und Mariane nichts weiter, als ihre arme, gehorſame Geſellſchaf⸗ terin! Mariane las das in den Mienen Eudoren's, und ein finſterer, rachedurſtiger Groll erfüllte ihre Seele. Laſſen Sie uns jetzt überlegen, Mariane, wie wir Alles veranſtalten wollen! ſagte Eudora, und wie wir Alles ſo einrichten können, daß Niemand unſer Geheimniß erfährt! Denn ich habe wohl nicht nöthig zu ſagen, daß Sie zu keinem Menſchen auf der Welt von dieſer Sache ſprechen dürfen. Nein gewiß nicht, Comteſſe! Ihre Frau Mutter würde es mir niemals verzeihen, und mich ohne Er⸗ barmen aus ihrem Hauſe ſtoßen! Mein Gott, und was würde man ſagen, wenn man erführe, daß ich zu einem ſolchen Feſte gegan⸗ gen!— Aber— wiſſen Sie, fuhr Eudora nach einer kurzen Pauſe fort, wiſſen Sie, daß ſogar dies den Reiz dieſes Vergnügens erhöht? Zu wiſſen, daß man auf einem Krater tanzt, welcher nur mit einigen Blumen und Brettern überdeckt iſt, die in jedem Moment zuſammen ſinken können? Und dies zu wiſ⸗ ſen, und doch zu jauchzen und zu tanzen! Oh, es wird ein diaboliſches Feſt ſein! 5 49 Bei welchem ich meine Stellung einſetze! ſagte Mariane. Aber nicht, wie ich, auch Ihre Ehre und Ihren Namen! Was ſchadet es Ihnen, ob man erfährt, daß Sie auf einem ſolchen Feſt geweſen, Sie haben keine Ehre und keinen Namen zu verlieren, ſondern nur eine Stellung, welche zu erſetzen, und jedenfalls mit einigen hundert Thalern zu vergütigen iſt! Aber c, ich ſetze Alles auf das Spiel! Sie ſagte das ganz arglos, ohne zu ahnen, wie tüf ſie Mariane verletze, ohne zu berechnen, daß je⸗ des ihrer Worte ſich wie ein giſtiger Pfeil in das Hen des jungen Mädchens einbohren müſſe! Sie ſah nicht, daß plötzlich eine tödtliche Bläſſe Marianen's Wangen überzog und daß ſie der Comteſſe, welche mit lebhaftem beflügeltem Schritt im Gemach auf und abging, mit feurigen Haſſesblicken nach⸗ ſchauete! Es iſt wahr, ſagte ſie, ich habe nicht, wie Sie, Comteſſe, Ehre und Namen zu verlieren, denn eine arme Geſellſchafterin beſitzt Beides nicht. Wer in der Dienſtbarkeit lebt hat weder Ehre, noch Namen, noch Geſchlecht! Reden wir alſo von Ihnen Comteſſe! Laſſen Sie uns vorſichtig Alles erwägen, und über⸗ I. 4 legen, damit unſer Geheimniß ungefährdet bleibe! Vor allen Dingen, wer wird uns begleiten, Com⸗ teſſe? Was begleiten? Wir wh allein gehen! Sie werden uns irgend einen Ort ausfindig machen, ir⸗ gend ein Stübchen bei einer Ihrer Freundinnen, oder wo es ſei, wohin wir unſere Garderobe ſchaffen und uns ankleiden. Dann legen wir die Masken z und fahren hin! Oh, man ſieht die vornehme Dame, welche mit den Dingen der gewöhnlichen Welt wenig Gemein⸗ ſchaft gehabt! Zu all dieſen Dingen bedürfen wir we⸗ nigſtens einer vertrauten Dienerin, welche die Garde⸗ robe hinſchafft, und den Wagen holt! Und dann wie gefährlich, noch eine Dritte in's Vertrauen zu müſſen! Vor allen Dingen aber müſſen wir einen Begleiter haben, denn auf dieſen Bällen werden keine Damen zugelaſſen, die nicht in Begleitung eines Cavaliers kommen! Ach, wir bedürfen alſo eines Cavaliers! ſagte Eudora ſinnend. Es müßte ein Herr ſein, von deſ⸗ ſen Treue und Verſchwiegenheit wir feſt überzeugt ſein dürften! Nun, wen ſchlagen Sie vor, Mariane? Was meinen Sie zu Ihrem Bruder, dem jun⸗ gen Grafen, und Huſarenlieutenant? 51 Oh um des Himmelswillen, nur kein Wort von meinen Bruder! Er iſt ein Schwätzer und nicht im Stande, ein Geheimniß zu bewahren! Nennen Sie einen Andern! Einen Andern? fragte Mariane, indem ihre Blicke mit einem feſten, durchbohrenden Ausdruck auf Eudoren ruhten. Die Comteſſe vermochte dieſen Blick nicht zu er⸗ tragen, ſie ſchlug erröthend die Augen nieder, wäh⸗ rend ein wildes, triumphirendes Lächeln einen Mo⸗ ment um Marianen's Lippen ſpielte. Ich kenne auf der ganzen Welt nur einen Mann, auf deſſen Treue und Verſchwiegenheit, auf deſſen Hingabe und Unterwürfigkeit Comteſſe Eudora, wie auf einen unerſchütterlichen Felſen bauen kann! ſagte Mariane langſam und feierlich, während Comteſſe Eudora mit niedergeſchlagenen Blicken und hoch⸗ klopfendem Herzen das ſüße Gift jedes dieſer Worte einſog! Und wie heißt dieſer Mann? fragte ſie kaum hörbar. Ich habe nicht nöthig ihn zu nennen, denn Com⸗ teſſe Eudora kennt ihn! Oder wie, Gräfin, ahnten Sie wirklich nicht, daß Alexander Weltheim Ihr de⸗ 4 52 müthiger und willenloſer Sclave iſt, daß er Ihnen folgt, wie der Hund ſeinem Herrn, den er um des⸗ halb nur noch heißer und glühender liebt, weil er von ihm geſchlagen und mit Füßen getreten worden? Oh, Gräfin, Sie können auf dieſen Mann bauen! Sie haben ihn grauſam gezüchtigt, und dadurch iſt er Ihr Sclave geworden! Erinnern Sie mich nicht an jene böſe, längſt vergangene Stunde, ſagte Eudora ungeduldig. Für welche Sie indeß meinem armen Couſin noch Genugthuung ſchuldig geblieben ſind, Comteſſe! Ich habe ihn gebeten, es zu vergeſſen, ich habe ihm ſogar geſagt, daß ich es bereue! Und nennen Sie eine Genugthuung, Grä⸗ fin? Ach, ſehen Sie, Sie haben ſich ſo weit herab⸗ gelaſſen, ihm einzugeſtehen, daß Sie, die vornehme Dame, Unrecht gethan, Sie haben die Gnade ſo weit getrieben, ihn zu bitten, er möge es vergeſſen, daß er bis auf den Tod verwundet worden iſt! Das iſt genug, meinen Sie, mehr als genug! Das iſt Bal⸗ ſam, welcher ſeine Wunde heilt, das iſt Lethe, welches ihn vergeſſen macht! Sie haben Recht, Comteſſe, er wäre ein Uebermüthiger, noch mehr zu fordern! Was kann ein Wurm, den man getreten hat, — 53 mehr verlangen, als daß man ihm verſpricht, ihn nicht wieder treten zu wollen! Es iſt wahr, murmelte Eudora, es iſt wahr, ich bin ihm eine Genugthuung ſchuldig! Dann ging ſie ſinnend und gedankenvoll auf und ab. Mariane ſah ihr mit lauernden Blicken nach. Sie beobachtete jede ihrer Bewegungen, jedes Zucken ihrer Mienen. Wie ſie ſo da ſtand, unbe⸗ weglich, mit dieſen wilden, flammenden Augen, die⸗ ſem grauſamen Hohnlächeln in ihren Zügen, glich ſie einer Tigerin, welche ihr Opfer beobachtet, und jeden Augenblick bereit iſt es zu erwürgen! Sie haben Recht, ſagte Eudora endlich, vor Marianen ſtehen bleibend, ich bin dem D 6 Welt⸗ heim eine Genugthuung ſchuldig. Ich will ſie ihm geben! Er ſoll nr Savzin ſein, und uns zu dem Feſt begleiten! Das iſt edel, und ſtolz zugleich! ſagte Mariane mit dem Anſchein der Rührung! Das macht Ihrem großen und ſchönen Herzen Ehre! Eudoren's Antlitz leuchtete in Freude und Be⸗ friedigung. Schreiben Sie ihm alſo, Mariane, machen Sie ihn mit unſerm Plan bekannt, und bit⸗ ten Sie ihn herzukommen, daß wir Alles verabreden! 54 Oh nicht doch, Comteſſe! Sie müſſen das, was Sie thun, ganz thun! Sie müſſen das Werk Ihrer Großmuth und Güte vollenden! Sie müſſen ihm ſelbſt ſchreiben und ihn zu ſich einladen! Eudora ſtutzte einen Moment, und zögerte. Aber dies dauerte nur kurze Zeit! Die böſe Begier nach der verbotenen Frucht trieb ſie vorwärts. Ich werde ihm ſelbſt ſchreiben, und das ſo⸗ gleich! ſagte ſie, indem ſie ſich an Marianen's Schreib⸗ tiſch ſetzte, und mit lächelndem Blick die Feder nahm, welche Mariane ihr darreichte. Mariane ſtand hinter ihr, während ſie ſchrieb. Ueber de hl der Comteſſe gebeugt, verfolgte ſie jedes Wort welches ſie ſchrieb mit einem ſchaden⸗ frohen Lächeln, und ihre Augen blitzten und glühten in boshafter Freude. dieſem Schritt iſt ſie Alexander's Rache verfallen, und er wird ohne Erbarmen ſein! Oh, ſchreibe nur, ſchreibe! Du ſchreibſt Dein eigenes Verdammungsurtheil, und ich werde an Dir gerächt werden! Ah, wir werden ja ſehen, ob Deine Ehre und Dein Name wirklich reiner und ſtolzer Sie iſt verloren! ſagte ſie zu ſich ſelber. Mit 55 iſt, als die Ehre und der Name Deiner Geſellſchaf⸗ terin! Meine Schande, ſagſt Du, wäre mit einigen hundert Thalern auszugleichen! Ja, ja, Deine Schande ſoll Dir einen theuerern Preis koſten! IIMI. Der Schlaftrunk. Mndren hatte ganz richtig prophezeiht. Am Tage nach ihrer Unterredung mit dem Grafen Salmiensky verreiſte ihr Gemahl und nahm auf mehrere Tage von ſeiner Frau und ſeinen Freunden Abſchied. Andrea frohlockte. Sie hatte nun mehrere Tage der Freiheit und des Unbeachtetſeins, mehrere Tage, um ihren Plan zu vollführen und Antonien zu ver⸗ nichten. Ihr Mann durfte von dieſem Plan nichts wiſſen, denn ſo hart und grauſam er immer auch ſein konnte, wenn es darauf ankam, ſich irgend einen Vortheil, einen materiellen Gewinn dadurch zu ſichern, war er doch zu weich und mitleidsvoll, die Ehre und Unſchuld eines jungen Mädchens dem Gelde opfern zu wollen. 57 Er, welcher vor nichts Ehrfurcht hatte, erbebte dennoch vor der Tugend eines Weibes und ſchreckte vor dem Gedanken zurück, dieſelbe muthwillig angreifen zu wollen. Vielleicht that er dies nur, um Andrea zu beweiſen, welchen hohen Werth er auf ihre eigene Tugend lege, vielleicht war es nur die Eiferſucht des Ehegatten, die ihn Tag um Tag und Jahr um Jahr gequält, welche ihn dieſem armen, jungen Mädchen gegenüber ſo weich und milde machte. Vielleicht machte er ſich nur zu Antonien's Beſchützer, um ſei⸗ nem Weibe dadurch zu zeigen, wie ſehr ihm ihre eigene Ehre theuer ſei und wie unerbittlich er Denjenigen ſtrafen werde, welcher ſie anzugreifen wagen möchte⸗ Aber dieſes Alles war nur dazu geeignet, An⸗ drea's Haß noch höher anzufachen und ſie noch er⸗ bitterter gegen dieſes junge Mädchen zu machen, deren Unſchuld und Reinheit für ſie ein ſteter Vorwurf, eine ſich immer erneuernde Demüthigung war. Antonie mußte fallen, damit Andrea nicht mehr über ſie zu erröthen habe. Der trotzige Stolz des jungen Mädchens mußte gebrochen werden, damit ſie ſich unterwerfe und füge. Antonie ahnte nichts von dem diaboliſchen Plan ihrer Tante. Sie war heute in einer glücklichen, be⸗ friedigten Stimmung, denn Mariane, welche ſeit einiger 58 Zeit die Vertraute ihres Liebesbundes mit Alexander Weltheim war, hatte ihr heute Morgen einen Brief ihres Geliebten gebracht. Er verſicherte ſie in dem⸗ ſelben ſeiner glühenden Liebe, ſeiner nimmer wanken⸗ den Treue. Was bedurfte das junge Mädchen alſo weiter, um ſich ganz heiter, ganz glücklich zu fühlen? Man hatte ihr geſagt, daß ſie ſich ſchmücken ſolle und ſie hatte ohne Widerſtreben dieſe glänzende und geſchmackvolle Garderobe, welche ihre Tante für ſie ausgewählt, angelegt und ihr Haar mit Blumen be⸗ kränzt, ihren Hals und ihre Arme mit funkelndem Geſchmeide geſchmückt. Als Antonie ſich in dieſem feſtlichen Gewande im Spiegel betrachtete, lächelte ſie vergnügt und nickte in kindlicher Unſchuld ihrem eigenen Bilde einen Gruß entgegen. Sie ſah, daß ſie ſchön war und ſie freuete ſich ihrer Schönheit, denn ſie dachte an Alexander und es that ihr wohl, ſich ſagen zu dürfen, daß ſeine Braut, ſo arm ſie immer ſei, doch etwas beſitze, um welches ſie Gräfinnen und Prinzeſſinnen beneiden möchten— Schönheit und Jugend. Zum erſten Male betrachtete ſie ſich mit ent⸗ zückten Blicken, zum erſten Male bewunderte ſie ihre 59 holde, jungfräuliche Schönheit, begriff ſie, daß die Männer ſie anbeteten und ſich zu ihr drängten. Und doch war dies eine Bewunderung ganz ohne Eitelkeit, ganz ohne Egoismus. Indem ſie ſich ihrer Schönheit freute, dachte ſie gar nicht an ſich, ſondern nur an ihren Geliebten, welcher ihr heute einen ſo leidenſchaftlichen, glühenden Brief geſchrieben. Sie nahm dieſen Brief und las ihn, und jedes dieſer leidenſchaftlichen, flammenden Worte goß einen Feuerſtrom in ihre Adern und machte ihr Herz höher klopfen. * Er hatte ihr geſchrieben, daß er ſie jetzt bald als ſein Weib aus dem Hauſe ihrer Tante abholen, als ſein Weib in ſeine Arme nehmen würde. Mein Gott, mit welchen bezaubernden, glühenden Farben hatte er ihr die Zukunft geſchildert. Sie er⸗ röthete, indem ſie es las und dennoch erfüllte ſie es mit einer unnennbaren Freude. Dann nahm ſie den Brief und küßte ihn und ſchob ihn in ihren Buſen. Er ſollte der Talisman ſein, welcher ſie beſchützte, ſagte ſie. Aber er brannte auf ihrem Herzen und erfüllte ſie mit nie gekannten, ſeligen Schauern. Eine Purpurgluth bedeckte ihre Wangen, ihr Buſen wallte und ihre Augen brannten. Sie nahm das Glas Zuckerwaſſer, welches Andrea ihr gebracht und trank.— Aber es kühlte ſie nicht, es war, als wenn neue Gluthen ſich durch ihre Adern göſſen und ihr Herz höher klopfen machten. Sein Weib! Ich werde ſein Weib ſein! flüſterte Antonie und dann brach ſie in ein ſilberhelles Lachen aus und ſchlug vergnügt in die kleinen, weißen Hände und nickte ſich im Spiegel zu und freute ſich, daß ſie ihrem Geliebten ein ſo ſchönes, reizendes Weib entgegenbringe. Aber ſeltſam. Dieſe ungeheure Aufregung, in welcher ſie ſich befand, beängſtigte ſie wider ihten Willen. Sie ſprang auf und mit dem inſtinktartigen Bewußtſein, daß ſie ihren eigenen Gedanken entflichen wolle, ſagte ſie: Ich will zu meinem Vater gehen! Es iſt ſo egoiſtiſch von mir, glücklich zu ſein, während er leidet! Und in zitternder Eilfertigkeit einen Shawl über ihre Schultern werfend, verließ ſie ihr Gemach. Kaum war ſie hinausgegangen, als die entgegen⸗ geſetzte Thür ſich öffnete und Andrea hereintrat. Sie war, gleich Antonien, in reicher und ge⸗ ſchmackvoller Toilette und auch ihre Wangen glühten, aber es war nicht die Blüthe der Jugend, ſondern ſie hatte zu der Kunſt ihre Zuflucht nehmen müſſen! 61 Sie hatte Schminke über ihre Wangen gelegt, welche jetzt immer bleicher und eingefallener geworden Denn Andrea litt an furchtbaren Schmerzen, ſie duldete Tag um Tag und Stunde um Stunde die Qualen der Verdammten! Sie liebte den Grafen mit der ganzen wilden, ſchrankenloſen Gluth ihres ungezähmten, leidenſchaft⸗ lichen Naturells und ſie fühlte ſehr wohl, daß er lange ſchon aufgehört habe, dieſe Liebe zu erwiedern; ſie wußte, daß er Antonien liebe, daß er ſie anbete, daß er mit Bewunderung jeden ihrer Blicke, jede ihrer Bewegungen verfolgte, daß ihre jungfräuliche Schüch⸗ ternheit, ihr ſchamvolles Erröthen, ihr unſchuldiges Erzittern vor der Sünde, daß alle dieſe Eigenſchaften, welche Andrea lange ſchon nicht mehr beſeſſen, ihn entzückten und mit einer heiligen Scheu zugleich erfüllten. Mein Gott, wie haßte ſie dieſes Mädchen, wel⸗ ches gekommen war, ihr ihren Geliebten zu entreißen und deren liebliche Unſchuld ihr als ein ewiger Vor⸗ wurf, eine marternde Beſchämung erſchien! Sie haßte ſie und dennoch war ſie im Begriff, Antonie ſelber dem Grafen in die Arme zu führen. Dennoch wollte ſie ihm dieſes Mädchen übergeben, welches er liebte. Aber es war das einzige 62 welches ihr noch geblieben, die einzige Hoffnung, den Treuloſen wieder zu ſich zurückzuführen! Antonien's Unſchuld, ihre zarte, ſchüchterne Jung⸗ fräulichkeit war es, welche er anbetete.— Man mußte ſie alſo derſelben berauben, man mußte ſie dieſer himm⸗ liſchen Schönheit entkleiden, damit der Graf erkennen möge, ſie ſei auch nur ein Weib, wie alle andern. Andrea wollte daher Antonien zu ſeiner Geliebten machen, damit er aufhöre, ſie zu lieben. Aber indem ſie dieſen diaboliſchen Plan erſann, fühlte ſie alle Martern der Eiferſucht ihr Herz ver⸗ zehren und Thränen der Wuth und des Haſſes füllten ihre Augen. Sie war eben gekommen, um Antonien in den Salon abzuholen. Aber Antonie war zu ihrem Vater gegangen, das Zimmer war leer. Andrea, welche mit einem freundlichen Geſicht eingetreten war, ließ ſofort, als ſie ſah, daß ſie allein war, dieſe Maske von ihrem Antlitz fallen und ihre Züge nahmen jetzt den Ausdruck wilden Zornes und finſtern Haſſes an. Sie ſtürzte zu dem Glaſe hin, welches auf dem Tiſche ſtand und als ſie ſah, daß es nur noch halb grfüllt war, brach ſie in ein grauſames, wildes Gelächter aus. 63 Sie hat getrunken, ſagte ſie zähneknirſchend. Ah, ſie hat getrunken! Sie iſt alſo verloren! Und Er, welcher ſie heute anbetet, wird ſie morgen verachten, denn ſie wird ihm nicht mehr widerſtehen! Eben öffnete ſich die Thür und Antonie kehrte zurück. Ihr Antlitz ſtrahlte und ein ſeliges Lächeln umſpielte ihre Lippen. Mit einem Ausruf der Freude näherte ſie ſich ihrer Tante und umſchlang ſie mit ihren beiden Armen. Tante Andrea, ſagte ſie, begreifſt Du meine Freude, mein Entzücken! Mein Vater hat mich heute zum erſten Male erkannt! Oh, mein Gott, zum erſten Male hat er mich heute als ſeine Tochter angeredet und mich geküßt und mich geliebkoſſt. Oh, ich bin alſo keine Waiſe mehr, ich habe meinen Vater wieder gefunden! Es iſt wahr, er iſt krank und ſein Geſicht iſt bleich, wie das eines Todten, aber er wird geneſen, er wird ſich wieder von ſeinem Lager erheben und wieder auf meinen Arm geſtützt umhergehen können. Oh Tante, wenn Du geſehen hätteſt, mit welchen zärtlichen Blicken er mich betrachtete, mit welchem innigen Ton er mich niederknien hieß neben ſeinem Lager und wie er dann die Hand auf mein Haupt legte und mich ſegnete! Ach, ich war ſo glücklich, ſo ſelig, Tante, daß ich kaum Worte fand ihm zu ſagen, 64 wie unausſprechlich ich ihn liebe! Er dankte mir, wie er ſagte, für alle die Opfer, die ich ihm gebracht! Oh, mein Gott, dieſes Wort hat mich reich belohnt für Alles, was ich gelitten habe! Es war alſo recht von mir, daß ich blieb, daß ich meinen Vater nicht verließ und ich danke Dir jetzt, Andrea, daß Du mich nicht aus dieſem Hauſe verſtoßen haſt! Ich habe meinen Vater wiedergefunden, ich bin keine Waiſe mehr! Sie küßte ihre Tante mit einer leidenſchaftlichen Innigkeit, während Andrea ſie mit einem grauſamen Lächeln betrachtete. Das Opium beginnt bereits ſeine Wirkung zu üben, dachte ſie. Ihr ganzes Weſen iſt in einer fieber⸗ haften Aufregung! Aber es iſt noch nicht genug! Sie ſoll nicht blos aufgeregt, ſie ſoll berauſcht werden! Und mit anſcheinender Zärtlichkeit ſtreichelte ſie Antonien's Wangen. Wie Du glühſt, ſagte ſie, wie Dein Geſicht brennt! Trinke noch ein wenig, um Dich abzukühlen! Sie reichte Antonien das Glas dar, aber dieſt wies es zurück. Nein, nein, ſagte ſie, dieſe Gluth iſt ſo ſchön! Es iſt das Glück, welches in meinen Adern brennt! Weshalb ſollte ich dieſes kalte Waſſer über dieſe Freu⸗ denfeuer gießen, welche in meinem Buſen lodern! Nein, kein Waſſer mehr! Ich will heute jauchzen und jubeln, ich will einmal in vollen Zügen das Leben genießen, ich will nicht nach dem kommenden Tage und dem kommenden Schickſal fragen, ich will die Stunde ge⸗ nießen, wie Ihr Alle es thut! Ich will glücklich und heiter ſein! Sie hing ſich an den Arm ihrer Tante und folgte ihr in das anſtoßende Gemach, wo die Geſellſchaft ſich bereits verſammelt hatte. Es war eine luſtige und elegante Geſellſchaft, welche ſich heute in Andrea's Salon befand; es waren da ſchöne und leichtfertige Frauen und die nobelſten und eleganteſten Cavaliere, und Alles ſcherzte und lachte und der übermüthigſte Scherz ward verziehen, und das leichtfertigſte Bonmot ward mit Lachen begrüßt. Man tanzte und ſang und die Wangen der Da⸗ men glühten und die Männer wagten die üppigſten Scherze, welche Niemand erzürnten— ſelbſt Antonie nicht,— weil ſie ſie nicht verſtand. Aber ſie freute ſich, wenn dieſe jungen, glänzen⸗ den Cavaliere ſie ſchön fanden, denn ſie dachte an ihren Geliebten und ſie wollte, daß Alle ihn beneiden ſollten um das Mädchen, welches er liebte. II. 8 5 8 66 Indeß war das Feſt heut früher zu Ende, wie dies ſonſt der Fall zu ſein pflegte. Andrea hatte gleich beim Beginn deſſelben ihren Gäſten erklärt, daß heute nicht ſoupirt werde, ſondern, daß mit dem Schlage der achten Stunde Jedermann ſich ſchweigend und ohne Widerrede entfernen müſſe. Sie habe das ihrem Gatten verſprochen und Sie würden ſie nicht hindern wollen, ihr Verſprechen zu erfüllen, ſagte ſie. Man lachte über dieſes neue, ſeltſame Arrange⸗ ment, aber man fügte ſich demſelben ohne Wider⸗ ſtreben. Mit dem Schlag der achten Stunde entfern⸗ ten ſich die Gäſte und der Salon, welcher eben noch wiederhallte von Scherzen und Lachen, war jetzt leer. Antonie hatte ſich hochathmend in einen Seſſel zurückgeworfen und blickte träumend und lächelnd zu der Decke empor. Andrea ſtand in einiger Entfernung von ihr und beobachtete ſie mit kaltem, gehäſſigem Blick. Das Opium wirkt, murmelte ſie, ſie hat kein Blut, ſie hat Feuer in den Adern! Sie näherte ſich ihrer Nichte und indem ſie ſanft ihre Hand ergriff und ſie emporzog, ſagte ſie: ————— 67 Komm Antonie, wir wollen in mein Boudvir ge⸗ hen! Ich habe dort ſerviren laſſen! Wir wollen ſou⸗ piren! Komm! Weißt Du, Tante, ſugts Antonie, indem ſie auf⸗ ſtand und ihrer Tante folgte, weißt Du, daß es mir heute zum erſten Male leid gethan, daß das Feſt ſo früh zu Ende ging? Mein Gott, wir waren ſo heiter und es war ein ſolches Entzücken, ſich im raſenden Walzer umherzudrehen! Ach, mir ſchien zuweilen, als ob mein Gehirn und mein Herz in noch wilderen Schwingungen ſich bewegten, als meine Füße! Andrea lachte. Du hatteſt aber auch einen ſo ausgezeichneten Partner beim Walzen, ſagte ſie. Graf Salmiensky war wie an Deine Seite gebannt! Er verließ Dich mit keinem Blick! Antonie lächelte verſchämt. Es iſt wahr, ſagte ſie, er liebt mich! Und Du? Antonie erwiderte nicht ſogleich. Sie öffnete die Thür zu dem Boudoir, dann ſtieß ſie einen Schrei aus und wich entſetzt einen Schritt zurück. Nun, was iſt Dir? fragte Andrea lächelnd, in⸗ dem ſie Antonie vorwärts führte. Aber dieſe hielt ſie zurück und lehnte ſich ängſtlich und zitternd auf Andrea's Arm. * 5* 68 Der Graf! Der Graf! murmelte ſie. Was will er hier zu dieſer Stunde? Weshalb iſt er nicht gegangen, wie alle Uebrigen? Tante, was bedeutet es, daß Graf Salmiensky dort iſt? Andrea erwiderte ihre ängſtlichen, forſchenden Blicke mit dem Anſchein des Erſtaunens und der Ruhe zugleich. Was das bedeutet? fragte ſie. Mein Gott, iſt es denn ſo etwas Ungewöhnliches, daß der Graf mit uns ſoupirt? Komm Antonie, ſei keine Thörin! Was muß der Graf von Deiner ſeltſamen Zögerung den⸗ ken? Komm! Nein, nein, ich gehe nicht! ſagte Antonie, von einem ihr ſelber unerklärlichen Bangen geängſtigt. Ich habe Furcht und obwohl ich mir nicht Rechen⸗ ſchaft geben kann, woher dieſe entſpringt, weiß ich doch, daß ſie nicht grundlos iſtl Laß mich auf mein Zimmer gehen, Tante! Ich bin aufgeregt, ich bedarf der Ruhe! Ich mag, ich will heute nicht mehr mit dem Grafen zuſammen ſein! Ach, wenn Du wüßteſt, welche leidenſchaftliche, fürchterliche Worte er heute Abend in mein Ohr geflüſtert! Worte, welche mein Herz erſtarren machten, indem ſie mein Blut in Feuer verwandelten! Nein, Tante, laß mich! 4 will nicht 69 mit dieſem Manne zuſammen ſein, denn ich haſſe ihn, ich verachte ihn! Und weshalb alsdann ihn fliehen? fragte Andrea. Glaubſt Du, daß ich ſo kurzſichtig bin, nicht zu ſehen, daß Du fliehen willſt, weil Du ihn liebſt? Glaubſt Du, daß er ſelber nicht eitel genug ſein wird, um Deine Flucht zu ſeinen Gunſten zu deuten, daß er ſich nicht ſagen wird:„Sie flieht, weil ich ihr ge⸗ fährlich bin; ſie will meinen Blicken nicht begegnen, weil ſich dieſe Blicke in ihr eigenes Herz einbohren!“ Ah, Du willſt ihm alſo dieſen Triumph gönnen, Dich ſo ganz beſiegt zu haben, daß Du nicht einmal mehr wagſt, mit ihm zuſammen zu ſein? Nein, nein, Du haſt Recht! ſagte Antonie, bei welcher, wie Andrea ganz richtig berechnet hatte, die Furcht von dem jungfräulichen Stolz beſiegt ward. Nein, er ſoll nicht denken, daß ich ihn fürchte! Komm, Andrea! Und indem ſie den Arm ihrer Tante nahm, legte ſie ihre andere Hand an ihre Bruſt und lächelte, als ſie das leiſe Kniſtern des Briefes fühlte, den ſie dort verborgen hatte. Mein Gott, ſie hatte ja ihren Talisman mit ſich! Alexander's Liebesbrief ruhte auf ihrem Herzen und beſchützte ſie! Was konnte ſie alſo zu fürchten haben? Sie trat daher mit heiterm Geſicht in das Boudoir ihrer Tante und begrüßte den Grafen Sal⸗ miensky mit lächelnder Unbefangenheit. Tante Andrea folgte ihr und ſchloß die Thür, welche dieſes Boudoir von dem Salon trennte. 8 IV. Die Verführung. Der Salon alſo war jetzt wieder leer und ſtill, und nur in dumpfen, einzelnen Lauten drang das Geräuſch der wechſelnden Stimmen aus dem Boudoir hieher. Dies dauerte eine Zeitlang! Dann öffnete ſi plötzlich die Thüre des Corridors, und der Doctor Roſenberg, Andrea's Gatte, kam leiſe und ſpähende Blicke umherwerfend, herein geſchlichen. Er legte ſeinen Kopf an die Thüre des Boudoirs und lauſchte, dann trat er ſeitwärts und hob leiſe und geräuſchlos das große Delgemälde, welches dort aufgehängt war, ab, und jetzt ward unter demſelben eine in der Wand ſich befindende, trichterförmige Heffnung ſichtbar, welche, indem ſie dieſſeits umfangreich genug war und Raum genug bot, um den Kopf hinein zu ſtecken, ſich all⸗ gemach ſo verengte, daß ſie jenſeits an der andern Seite in einer ganz kleinen unbemerkbaren Heffnung auslief, welche ſich auf dem dunklen Grunde der Tapeten des Boudoirs verlor. Aber dieſe Heffnung war immer doch groß genug, um durch daſſelbe das ganze Boudoir bequem überſchauen zu können, und die trichterförmige Geſtalt deſſelben machte ſie zu einer Art Schallrohr, welches jedes Wort, das in dem Boudoir geſprochen wurde, laut und deutlich an das Ohr des Lauſchenden anſchlagen ließ. Andrea kannte übrigens das Geheimniß dieſes Schallrohrs ſehr gut, und dieſer Kenntniß allein ver⸗ dankte ſie es, daß der Doctor bis jetzt ihr Verhält⸗ niß zu dem Grafen Salmiensky nicht genau kannte. Sie hatte ſich immer beobachtet, immer belauſcht ge⸗ fühlt, ſie war immer eingedenk geweſen, daß ihr Gatte dort ſtehen, und jedes ihrer Worte hören konnte, ſie hatte es daher immer vermieden in dieſem verrätheriſchen Boudoir mit ihrem Geliebten allein zu ſein! Heute indeß war dieſe Vorſicht nicht nöthig; ihr Gatte war ja nicht daheim, und Niemand wei⸗ ter im Hauſe kannte dieſes Geheimniß! Sie war daher ganz ſicher, man konnte ſich ganz rückſichtslos jedem Eindruck hingeben, man konnte ganz ſicher ſein, nicht belauſcht zu werden! Sie ſah nicht dieſes glühende, zornblitzende Auge, welches ſich an dieſe Heffnung legte, ſie hörte nichts von dieſen geheimen Flüchen, welche ihr Gatte zuweilen murmelte. Die Champagnerpfropfen flogen, und zu dem ſchäumenden Wein aßen ſie Auſtern und pikante, gewürzte Speiſen, und immer lauter tönte Andrea's fröhliches Lachen, immer glühendere Worte ſprudelten von den Lippen des Grafen. Er war unerſchöpflich in heitern Witzen, in ſchalkhaften Neckereien, er machte endlich Antonie ſelbſt lachen, Antonie, welche bis dahin in ſeltſamer, ängſtlicher Scheu ſich von ihm fern gehalten! Er richtete auf ſie dieſe durchboh⸗ renden, magnetiſchen Blicke, die ſie ſchaudern gemacht, gleich wie ſie ihn zum erſten Male geſehen. Er flü⸗ ſterte halblaute Worte in ihr Ohr, die, wider ihren Willen, ihr Herz erbeben machten! Und Andrea war da, um ſie zum Trinken an⸗ zufeuern, um immer wieder ihr Glas mit dieſem ſchäumenden Trank anzufüllen, und es ſchäkernd und lachend ihr ſelbſt an die Lippen zu ſetzen! Aber Antonien's jungfräulicher Inſtinct hielt ſie immer noch aufrecht und wach, ließ ſie immer noch die Gefahr erkennen, welche ſie bedrohte. 24 Sie ſchob das Glas und ſagte entſchieden: ich trinke nicht! Und weshalb nicht? fragte Andrea mit einem lauten Lachen. Weil ich mich fürchte! ſagte ſie aufgeregt, weil Feuer in dieſem Wein iſt! Nein, ich trinke nicht! Ich will fort! Auf mein Zimmer! Oh, ich wußte es wohl, daß ich nicht hierher kommen ſollte! Ich will auf mein Zimmer! Ich will fort, fort! Sie wollte aufſtehen, aber ſie vermochte es nicht. Ihre Füße waren ſchwer, und wie an den Boden gefeſſelt, ihr Kopf brannte ſieberhaft, ihre Schläfe pulſirten. Mit einem leiſen Aechzen ſank ſie zurück. Oh, ich wußte es wohl! murmelte Andrea. Opium und Champagner! Das iſt als die ſtärkſte Weibertugend. Antonie aber fühlte das Kniſtern des Papiers auf ihrem Buſen und dieſe Erinnerung an ihren Geliebten machte ſie ſtark und kalt zugleich. Aber ſie konnte ihr Ohr doch nicht verſchließen vor 75 dem, was er ſprach. Sie mußte doch das Gift trinken, welches dieſe beiden entarteten und mitleids⸗ loſen Seelen in ihre Phantaſie ergoſſen. Sie hörte eine Sprache, welche ſie nie gehört, ſie vernahm glü⸗ hende, infernaliſche Schilderungen, welche ſie entſetzten, indem ſie ſie zugleich mit einer grauenvollen Neu⸗ gierde erfüllten! Sie fühlte ſich wider ihren Willen begierig mehr zu hören, ſie lehnte ſich, ohne daß ſie's wußte, ſchwerer und nachgebender auf den Arm des Grafen. Andrea lachte immer noch, während eine raſende Eiferſucht in ihrem Herzen tobte, ſie lachte, während Thränen der Wuth ihre Augen füllten. Ihr Mund ſtrömte über von ſchamloſen Scherzen, und üppigen Anecdoten, und ſchlüpfrigen Schilderungen, ſie hatte kein Erbarmen mit dieſem armen jungen Mädchen, welches halb ſinnlos an der Schulter des Grafen lehnte! Aber Andrea hatte ſich dennoch getäuſcht über die Stärke dieſes jungen Mädchens! Nicht ihre Seele, nur ihr Körper war einen Moment der Gewalt des unheilvollen Trankes erlegen, und während ſie jetzt mit halb geſchloſſenen Augen, regungslos in dem Divan lehnte, hörte und verſtand ſie jedes Wort, ſah ſie deutlich Alles was um ſie her vorging. 76 Sie ſah, wie Andrea mit einem grauſamen Lächeln auf ſie hindeutete, ſie hörte, wie ſie ſagte: da, mein Geliebter, nimm ſie hin! Sie iſt Dein! Ich gebe ſie Dir! Ich habe ſie mit Opium betäubt, daß ſie Dir nicht mehr widerſtehen kann! Sieh, wie ſehr ich Dich liebe, wie ich nur Deine gehorſame, demüthige Sclavin bin, welche keinen andern Wil⸗ len hat, als den Deinigen, und welche Deine Wünſche als Befehle betrachtet, die ſie vielleicht tödten, niemals aber ſie Dir ungehorſam machen können! Du liebteſt dieſes junge Mädchen! Nun wohl, ich mache ſie zu Deiner Geliebten! Aber nicht wahr, dieſe Liebe wird Dich rühren, Du wirſt zurückkehren, wenn Du ihrer überdrüſſig biſt, wenn Du ſie verachteſt, wie Du Alles verachteſt, was Dich umgibt, weil Du allein groß und ſchön und mächtig und erhaben biſt. Nicht wahr, Du wirſt ſie eines Tages mit dem Fuße von Dir ſtoßen, wie Du es Allen Weibern gethan, welche Dich liebten! Mein Gott, was wrillſt Du auch mit dieſem larmoyanten, unſchuldi⸗ gen Kinde! Die Unſchuld iſt ſo langweilig! Sie könnte Dich höchſtens nur wie ein Engel lieben, ich aber, Alexis, ich liebe Dich mit der verzehrenden, der infernaliſchen Gluth eines Teufels! Du weißt es, und Du haſt mich oft Deinen Satan genannt, et. u——t 77 während Du mich küßteſt.— Komm, Fedor, und ſage mir, daß Du mich immer noch liebſt, und daß Du mich nicht um dieſes albernen Kindes willen ver⸗ laſſen willſt! Der Graf nannte ſie mit den zärtlichſten Namen, und ſchwur ihr eine ewige, unwandelbare Liebe. Andrea lächelte und ſagte: ich laſſe Dich jetzt allein mit ihr! Nimm ſie hin! Sie wollte gehen, aber ſie fühlte ſich plötzlich mit unwiderſtehlicher Gewalt zurückgehalten. Es war Antonie, deren Geiſteskraft noch ein⸗ mal die Schwäche ihres Körpers überwunden und welche die Stärke in ſich gefunden hatte, ſich empor zu richten, und dieſer Betäubung zu trotzen, welche ihre Sinne umfangen hielt. Sie alſo war es, welche Andrea zurückhielt, in⸗ dem ſie mit ihren beiden Händen krampfhaft ihren Arm packte, und ſich an ihm ganz und gar von dem Divan emporhob. Ihr Blut, welches vorher in ihren Wangen brannte, hatte ſich jetzt zu ihrem Herzen gedrängt, ————— und machte es in furchtbaren Schlägen klopfen! Sie war todesblaß, aber ihre Augen ſchoſſen Blitze, und ihre bläulichen Lippen umſpielte ein zorniger verach⸗ tungsvoller Ausdruck. Andrea, ſagte ſie mit mächtig lauter Stimme, Andrea, wenn Du dieſes Zimmer verläßt, wenn Du es wagſt, mich mit dieſem Manne allein zu laſſen, ſo verrathe ich Dich! Ja, ſo wahr ein Gott über uns iſt, ich verrathe Dich! Ich kenne jetzt Dein ganzes Geheimniß! Dieſer Mann, dieſer Dämon mit dem Engelsangeſicht, dieſer Verführer, welcher Gott auf den Lippen und den Teufel im Herzen trägt, dieſer Mann iſt Dein Geliebter! Der Brief, welchen ich damals gefunden, er war von ihm! Er iſt es, an den Du mich verheirathen willſt, um ihn deſto inni⸗ ger an Dich zu feſſeln. Schmach und Schande über Dich und ihn! Nein, ſuche Dich nicht von mir los zu machen! Ich laſſe Dich nicht! Ich klammere mich an Dich! Bleibe, oder ich ſage Deinem Gatten: Andrea betrügt Dich! Der Graf Salmiensky iſt ihr Geliebter! Ja, der Graf Salmiensky iſt mein Geliebter! rief Andrea, indem ſie mit einer zornigen Gewalt ſich von Antonien befreite, und das arme, ſchwankende 59 Kind auf den Divan zurückſchleuderte. Ja, er iſt mein Geliebter! Du weißt es jetzt, morgen wirſt Du es vergeſſen haben, und wenn Du es noch weißt, ſo wirſt Du doch nicht den Muth haben, es Deinem Oheim zu verrathen, denn morgen biſt Du ein ge⸗ fallenes, entehrtes Geſchöpf! Und mit einem grauſamen Lachen wandte ſie ſich um und verließ das Boudoir. In den Salon zurückgekehrt, drückte ſie die Thür in's Schloß, und wandte ſich dann zur Seite nach jenem Bilde hin, welches das Hörrohr bedeckte. Plötzlich blieb ſie von jähem Schreck durchzuckt ſtehen und eine tödtliche Bläſſe bedeckte ihre Wan⸗ gen!— Dort neben dem Hörrohr ſtand ihr Gatte; die Arme ineinandergelegt, ſich nachläſſig an die Wand lehnend, nickte er ihr mit freundlichem Lächeln einen Gruß entgegen, und ſah ſie mit liebevollen Blicken an. Andrea ſtand noch immer regungslos; ihre Lip⸗ pen öffneten ſich zu einem Schrei, aber er erſtarb in ihrer Bruſt, ſie wollte ihrem Gatten die Hand ent⸗ gegen ſtrecken, aber ihr Arm ſank kraftlos an ihrer Seite nieder. Vielleicht hatte ihr Gatte Mitleid mit ihr; er näherte ſich ihr mit einem freundlichen Ausdruck, 80 und legte ſeinen Arm um ihren Nacken. Armes Weib, ſagte er faſt mitleidig, ich habe Dich alſo ſehr erſchreckt? Weshalb zitterſt Du ſo ſehr, Andrea? Iſt Dir mein Anblick denn ſo grauenerregend? Nein, nein, ſtammelte ſie, es iſt nur die Freude über Deine unerwartete Rückkehr— Und ein wenig auch die Furcht vor meinem Zorn, welche Dich bleich gemacht, nicht wahr? Aber weshalb Furcht, mein theures Kind? Weil ich eben aus Deinem eigenen Munde das Bekenntniß vernom⸗ men habe, daß Du den Grafen Salmiensky liebſt? Und glaubſt Du denn, Du kleine Thörin, daß ich dies nicht lange ſchon wußte und daß ich nicht lange ſchon ein ſtiller Beobachter Deiner glühenden Leiden⸗ ſchaft für ihn bin? Ach, mein Kind, denke beſſer von Deinem Mann, welcher Dich ſo zärtlich liebt, daß ihm keine Deiner Bewegungen, kein wechſelnder Aus⸗ druck Deiner Mienen verborgen bleibt! Du wirſt mich alſo ermorden? ſagte ſie zitternd und faſt zuſammenſinkend. Ach, ich ſchs an Deinem gutmüthigen Lächeln, Du wirſt eine furchtbare Rache nen! Du wirſt mich umbringen, wie Du e Doetr lächelte. Kinder unt Narren halten Schwur, ſagte er, nicht vernünftige Männer. 81 Ich Dich ermorden! Mein Gott, ich habe nicht Luſt, das Blutgerüſt zu beſteigen! Sei alſo ganz ruhig, ich zürne Dir nicht einmal! Ich finde es ſo ganz natürlich, daß Du dieſen ſchönen Mann liebſt, welcher wie ein Phönix neben Deinem Bären von Gemahl erſcheint! Und wenn ich ſagte, daß ich Dich ermorden würde, falls Du mir ungetreu würdeſt, ſo war dies nur ein übermüthiger Scherz, mit dem ich Dich ſchrecken und Deiner Leidenſchaft ein wenig den Zügel anlegen wollte! Ein Scherz, weiter nichts! Du zürnſt mir alſo wirklich nicht? fragte An⸗ drea angſtvoll und zagend. Er küßte ihre kalten Lippen und lachte. Faſſe Muth, Andrea, und ſei heiter. Ich zürne Dir nicht, ſondern ich billige ſogar dieſes Liebesverhältniß zu dem Grafen! Er iſt uns unentbehrlich und es iſt daher ſehr gut, ihn unauflöslich an uns zu feſſeln! Aber kein Wort von unſerm jetzigen Geſpräch darfſt Du ihm ſagen! Verſprichſt Du mir das? Ich verſpreche es! Wir wollen auch unſere kleinen Geheimniſſe mit einander haben, die ſelbſt Dein Geliebter nicht wiſſen darf! Und nun komm, Andrea, komm und laß uns ſchen, wie unſer girrendes Taubenpärchen da drinn ſich befindet. I 6 82 Er legte zärtlich ſeinen Arm um ihre Taille und führte ſie zu der Wand hin. Drinn im Boudoir war Antonie mit dem Grafen zurückgeblieben und nicht ſobald hatte ſich die Thür hinter Andrea geſchloſſen, als des Grafen Antlitz einen ganz veränderten Ausdruck annahm. Vorher kalt und ruhig, ſpöttiſch und humoriſtiſch, war er jetzt leidenſchaftlich und tief bewegt, ſtrömten jetzt Worte der glühendſten Leidenſchaft, des zärtlich⸗ ſten Flehens von ſeinen Lippen. Antonie ſaß unbeweglich, kalt auf dem Diput, ſie blickte mit blöden Augen zu dem vor ihr knieenden Grafen hin. Es brauſte vor ihren Ohren, jeder Nerv ihres Weſens zuckte fieberhaft, ſie machte eine rieſen⸗ hafte Anſtrengung dieſen Taumel ihrer Sinne zu überwinden, ſich frei zu machen von den Banden, welche ihren Körper gefangen hielten. Sie hörte gar nichts von dieſen feurigen Be⸗ theuerungen des Grafen, ſie war zu ſehr mit ihren eigenen Gedanken beſchäftigt, und ganz erfüllt von Allem, was ſie vernommen hatte! Er iſt ihr Geliebter, und er ſchwört, daß er mich liebe! murmelte ſie. Sie liebt ihn, und ſchleu⸗ dert mich in ſeine Arme! In die Arme dieſes ver⸗ haßten Mannes, den ich um ſo glühender verwünſche, — 83 je mehr ein mir ſelber unerklärliches, infernaliſches Et⸗ was, das ich mir nicht enträthſeln kann, für das ich keine Deutung weiß, mich zu ihm hinzieht. Ich verabſcheue ihn, mein Herz zieht ſich zuſammen bei ſeinem Anblick! Oh, oh, er iſt der Dämon, vor wel⸗ chem mein guter Genius mich warnt! Er wird mich in den Abgrund ſtoßen! Ich will ihn fliehen, ich muß ihn fliehen! Sie ſah nicht, daß er zu ihren Füßen lag, und mit angehaltenem Athem und blitzenden Augen jedes Wort von ihren Lippen trank, welches ſie unwiſſend, daß ſie es that, laut dachte und ausſprach! Du willſt mich fliehen, ſagte er mit zärtlichem Ton, Du willſt mich fliehen, Antonie, weil Du fühlſt, daß Du mich liebſt! Weil meine Blicke Gewalt haben über Dich, weil ſie eine magiſche Kraft über Dich aus⸗ üben und mir Dein Herz unterwerfen! Ja, Antonie, Du liebſt mich! Nein, nein, ſchrie ſie überlaut, nein, ich liebe Sie nicht, ich haſſe Sie! Ich liebe nur ihn, nur Alexander! Und mit einem Ausdrucke unaus ſprechlichen Jammers ihre Arme erhebend rief ſie: Alexander, mein Geliebter! Hieher! Zu Hülfe! Erbarme Dich 6* meiner! Stehe mir bei, damit ich dieſem Dämon nicht unterliege! Und Du glaubſt immer noch an ihn? fragte der Graf faſt mitleidig. Kind, Kind, ich ſage Dir, dieſer Mann betrügt Dich! Nein, nein, er liebt mich! rief ſie mit einem ſeligen Lächeln. Nun denn, er liebt Dich! Aber welch eine Liebe iſt dies! Er liebt Dich wie mich Andrea liebt! Er iſt nicht eiferſüchtig auf Deine Blicke, Dein Lächeln, er verlangt nicht, daß jeder Schlag Deines Herzens ihm gehöre, er iſt nicht raſend vor Wuth, wenn ir⸗ gend ein Anderer Dir zu nahen wagt! Er kann es ſelbſt ertragen, daß Du in dieſem Hauſe weilſt, in dieſem Hauſe neben einem entarteten, ſchamloſen, laſterhaften und wollüſtigen Weibe, wie Andrea es iſt! Hörſt Du? flüſterte der Doctor, welcher im Salon neben ſeiner Gattin an dem ſtand. Ich höre! ſagte ſie tonlos.— Sie wagen es, ſo von dieſem Weibe zu ſprechen, Sie, welcher Ihr Geliebter ſind! rief Antonie empört. Ich, ihr Geliebter! Nein Antonie, denke nicht ſo klein und erbärmlich von mir, daß ich dieſes Weib lieben ſollte. Ich habe ihre thörigte Leidenſchaft ge⸗ duldet, ich habe Mitleid gehabt mit dieſem Liebesfieber, 8—— ———— 85 welches ſie verzehrte, ich habe mich ihrer erbarmt, damit ſie nicht wahnſinnig werde, das iſt Alles! Aber niemals, nein niemals habe ich ſie geliebt! Entartet und gefallen, wie ich bin, habe ich mir mindeſtens doch das Gefühl der Anbetung für Unſchuld und Tugend bewahrt, das Gefühl des Abſcheues vor dieſem ſchamloſen entarteten Weibe. Andrea packte krampfhaft den Arm ihres Gat⸗ ten. Ich hoffe, Du wirſt mir helfen, mich zu rächen! ſagte ſie. Nicht doch! flüſterte ihr Gatte. Weshalb Rache? Ich finde, daß er vollkommen Recht hat in Dem, was er ſpricht! Weshalb alſo ſollte ich mich rächen! Dich, Dich liebe ich! ſagte der Graf, ja, Dich liebe ich und Du ſollſt Mein werden. Dieſes Ange⸗ ſicht mit ſeinem lieblichen Erröthen macht mich raſend, dieſe Blicke verwandeln mein Blut in Feuer! An⸗ tonie, Du mußt mein Weib werden! Ich will Dich lehren, die Welt verachten, oh ich will eine Meiſterin der Verſtellung aus Dir machen! Du ſollſt die ganze Welt zu Deinen Füßen ſehen, und wir wollen lachen über dieſe Thoren, welche ſich um Dich bewerben! Aber Du mußt Mein ſein, Antonie! Ich will ein 86 Recht haben auf Deine Liebe, ein Recht auf Deine Treue! Sie ſtieß ihn zurück, und ſprang empor. Die ungeheure geiſtige Aufregung, in welcher ſie ſich befand, ließ ſie die Ermattung ihres Körpers überwinden. Der Nebel wich von ihrem Haupte, ſie war ſtark, weil ſie es ſein wollte. Da kniete ſie nieder, rang die Hände zu Gott empor und flehte ihn an um Gnade! Arme Taube, ſagte der Doctor lächelnd. Sie ruft Gott! Als ob Gott nicht von jeher taub geweſen wäre für den Schmerzensſchrei der Menſchheit! Aber ich will ein wenig die Gottheit ſpielen, und wie ein deus ex machina ihr Rettung bringen. Und er näherte ſich der Thür und öffnete ſie. Antonie ſtieß einen Freudenſchrei aus, und ſtürzte hinaus. Wie ein gehetztes Reh flog ſie durch den Salon, ſtieß ſie die entgegengeſetzte, nach dem Corridor führende Thür auf und entfloh. Der Graf hinter ihr her, mit leidenſchaftlichem Flehen W5 nun Verwünſchungen! Beide hatten ſie nicht bemerkt, 3 der geöffneten Thür des Boudoirs Andrea mit ihrem Gat⸗ ten ſtand und ihnen nachblickte. 87 Du wirſt dem Grafen nicht verrathen, daß ich hier war? fragte der Doctor, als ſie wieder allein waren. Nein, ich werde es nicht verrathen! Du wirſt ihm ſagen, daß Du es warſt, welche die Thür öffnete, welche Mitleid hatte mit dieſem armen jungen Mädchen? Ich werde es ſagen! Und jetzt komm, meine ſchöne Andrea! Es iſt Zeit zur Ruhe zu gehen! Aber Antonie? ſtammelte Andrea. Aber der Graf, wollteſt Du ſagen? Was kümmert es uns, wohin das verliebte Paar geflattert iſt! Komm, Andrea! V. Die Enideckung. 3Wie eine Raſende flog Antonie den Corridor hin⸗ unter, die Treppe hinab. Ohne zu überlegen, was ſie chat, öffnete ſie die Hausthür und ſtürzte hinaus. Der Graf immer hinter ihr her! Aber nicht mehr, um ſie einzuholen, ſonden um ſie zu beobachten, um zu ſehen, wohin ſie ſich wenden wolle, heimlich fürch⸗ tend, daß dieſes auf's Aeußerſte getriebene junge Mädchen vielleicht den verzweiflungsvollen Entſchluß gefaßt, ſich ſelber zu tödten! Aber Antonie dachte nicht an den Tod und nicht an die Zukunft. Sie überlegte gar nicht, ſie zwei⸗ felte gar nicht! Ihr ganzes Weſen, ihre ganze Seele drängte zu ihrem Geliebten hin. Bei ihm allein gab es Rettung vor dieſer fürchterlichen Gefahr, ihm hatte ——— ſie ihre Ehre, ihre Unſchuld, ihre Liebe zu bewahren, er mußte ſie ſchützen, er allein durfte ihre Zuflucht ſein! Es war eine dunkle, kalte Nacht; der Regen ſtrömte hernieder! Antonie achtete es nicht! Der Regen that ihr wohl, er kühlte ihre glühenden Wangen, er legte ſich erfriſchend auf ihr Gehirn, in welchem es ſo furchtbar hämmerte und tobte! Aber ihre Füße trugen ſie nicht,— ach, ſie hätte fliegen mögen, um ſich zu ihm hin zu retten, zu ihm, welcher jetzt noch auf Erden ihr einziger Schutz und Anhalt ſein konnte! Ein Fiaker kam mit langſam ſchleichendem Schritt vorübergefahren. Sie rief ihn an und ſprang hinein, indem ſie dem Kutſcher mit zitternder Simme die Addreſſe angab, wohin er ſie fahren ſolle. Während der Kutſcher abgeſtiegen war, um die Thüre zu ſchließen, trat der Graf zu ihm heran, und indem er dem Kutſcher daß Doppelte des Fahrgeldes zahlte, ließ er ſich von ihm die Addreſſe, welche 5 tonie angegeben, wiederholen. Der Wagen rollte fort. Graf Salmiensky ſtand einen Moment in Sinnen verloren da. Dann wandte er ſich um, und kehrte in das Haus des Doctors zurück. 90 Armes Kind, murmelte er. Armes, thörigtes Kind. Ohne Geld, ohne Mantel auf die Straße hin⸗ auszuflattern! Was hätteſt Du angefangen ohne mich, Du armes, wildes Vögelchen! Ich bezahlte den Kut⸗ ſcher und jetzt werde ich gehen, Dir Deinen Mantel zu holen! Ach, ich ſpiele jetzt Deinen Diener, aber es wird einſt eine Zeit kommen, wo ich Dein Herr ſein werde!—— Der Wagen hielt vor der Thür, in welchem Alexander Weltheim wohnte. Antonie öffnete den Schlag und ſprang die ſteinernen Stufen hinauf, welche zu der Hausthür führten! Dieſe Thür war nur angelehnt! Sie eilte weiter, die Stiegen hinauf. Er hatte ihr geſtern erſt geſchrie⸗ ben, wo er wohne und wo ſie einſt mit ihm wohnen ſpolle! Zwei Treppen nur noch, und ſie war für immer gerettet! Da! Jetzt war ſie oben! Sie konnte beim Scheine der Gaslampe, welche neben der Treppe brannte, ſei⸗ nen Namen leſen, welcher auf dem Schild neben der Klingel ſtand! Sie ſchellte! Und jetzt hörte ſie ſeinen raſchen, ſich nähernden Schritt! Gerettet! Ich bin gerettet! murmelte ſie. „— — 91 Die Thüre öffnete ſich! Endlich, endlich! ſagte Alexander. Mein Gott, ich habe Sie ſchon lange er⸗ wartet! Aber mein Himmel, was iſt dies? Antonie, Du hier? Und in ſolchem Anzug und zu dieſer Stunde Sie antwortete ihm nicht! Sie eilte nur vor⸗ wärts, ſie wollte erſt ganz unter ſeinem Schutz, ganz in Sicherheit ſein! In ſeinem Zimmer angelangt, ſank ſie mit einem Ausruf des Entzückens auf ihre Knie nieder; Thrä⸗ nen entſtürzten ihren Augen und eine unaus ſprechliche, ſelige Freude erfüllte ihre Bruſt. Alexander, hier bin ich, ſagte ſie. Dein Weib kommt zu Dir und fleht Dich um Deinen Schutz und Deinen Beiſtand. Ich übergebe mich Dir! Du biſt meine Ehre, meine Unſchuld und meine Liebe! Nimm mich hin! Hier bin ich! Sie war in einer begeiſterten Aufregung, in einer leidenſchaftlichen Extaſe! Aber ihr Geliebter theilte dieſe nicht! Statt ſie mit Entzücken willkommen zu heißen, ſtand er ſinnend, faſt verlegen vor ihr, ſtatt ſie in ſeine Arme empor zu heben, betrachtete er ſie mit befangenen, erſtaunten Blicken. Alexander, nimm mich auf, flehete ſie. Ich habe keine Heimath und keine Angehörigen mehr! Du biſt meine Heimath, und Dir gehöre ich jetzt allein 92 noch an! Oh ich war ſo grenzenlos elend, jetzt iſt das Alles vorüber, jetzt bin ich glücklich! Denn ich bin bei Dir und Du, Du wirſt mich nicht verlaſſen! Ich Dich verlaſſen! ſagte er kühl und befangen, indem er ſie in ſeine Arme empor hob. Wie könnte ich Dich jemals verlaſſen! Sie umſchlang ihn mit einer leidenſchaftlichen Innigkeit, und drückte ſich feſt an ſeine Bruſt. Er küßte ſie, aber indem ſeine Lippen die ihren berührten, zuckte er zuſammen und ſein Kuß war kalt und flüchtig. Er hatte drunten das Rollen eines Wagens gehört, der vor dem Hauſe anhielt. Antonie, ſagte er leiſe und haſtig, ich beſchwöre Dich, faſſe Muth und baue auf mich! Was immer Dir auch begegnet ſein mag, ich werde Dich zu ſchützen wiſſen! Du biſt bei mir und Niemand ſoll Dich mir entreißen können! Oh, ſagte ſie, würde ich wohl hier ſein, wenn ich Dir nicht grenzenlos vertrauete, wenn ich nicht wüßte, daß ich bei Dir unter Gottes Schutz ſtehe? Glaube alſo an mich, Antonie, und was Du auch hören mögeſt, vergiß nie, daß ich Dich liebe! Glaube an mich, ſelbſt wenn ich Dich jetzt in dieſer Stunde des Wiederſehens verlaſſen muß! * —— —— 93 Du mich verlaſſen? fragte ſie, ſich angſtvoll an ihn klammernd. Es iſt eine Pflicht, welche mich ruft! Mein Gott, was kann es für eine Pflicht ſein, die Dich von meiner Seite ruft, Alexander. Nein, nein, Du darfſt mich nicht verlaſſen, nicht jetzt, nicht in dieſer furchtbaren Nacht! Und ſie warf ſich in ſeine Arme nnd klammerte ſich mit aller Hingebung der Liebe und Unſchuld an ſeine Bruſt. Oh, wiederhole es noch einmal, flüſterte ſie zärt⸗ lich. Sage noch einmal, daß Du den grauſamen Muth haben könnteſt, mich zu verlaſſen! Sie war unwiderſtehlich in ihrer hingebenden Zärtlichkeit, Alexander fand nicht den Muth, ſie zurückzuſtoßen! Er ſchloß ſie feſt in ſeine Arme, ſeine Lippen brannten auf den ihren,— draußen vernahm man den heftigen Schall der Klingel! Sie ſind es! Sie kommen! murmelte Alexander, in⸗ dem er von Antonien zurück trat. Dann nahm er ihre beiden Hände und zog ſie mit ſich fort in den Alco⸗ ven, der von ſchweren rothen Vorhängen allein von dem Zimmer getrennt war. Antonie, ſagte er, bei Allem was Dir heilig iſt, beſchwöre ich Dich, bleibe hier, verrathe mit keinem Laut, mit keinem Athemzug Deine Gegenwart, denn nicht allein Deine und meine Ehre, ſonden auch der gute Name einer andern Frau ſteht auf dem Spiell Wenn Du mich liebſt, ſo ſchweige und vertraue mir! Er ſchloß die Vorhänge hinter ihr, und dann hinaus, die Thür zu öffnen. Antonie ſank betäubt, ſinnlos faſt auf einen Seſſel neben dem Vorhang nieder. N Lautes Lachen und fröhliches Geplauder vecth ſie aus ihrer Betäubung. Sie erkannte Marianen's heitere und melodiſche Stimme, und durch eine Spalte in dem Vorhang ſah ſie die ſtolze und ſchlanke Geſtalt des jungen Mädchens. Schnell, ſchnell, mein Herr Couſin, ſagte Ma⸗ riane, ſchnell mein ſchöner Schmetterling, verpuppen Sie ſich und kommen Sie! Und Eudora? fragte Alexander, indem er den ſchwarzen Seidenüberwurf anlegte. Sie ſitzt drunten im Wagen, bebend wie Cepen. laub, und doch begierig nach der Sünde, wie Eva es nur jemals nach dem Apfel geweſen. Ich ver⸗ ſichere Sie, Couſin, ich bewundere Sie! Die Schlange im Paradieſe konnte nicht ſchlauer und gewandter ihre Ueberredungskünſte üben, als Sie es thaten! Eudora iſt bereits ganz umgewandelt und wenn Sie ſo fortfahren— 95 Laſſen Sie uns eilen! unterbrach ſie Alexander. Es iſt ſpät! Aber es war unmöglich, früher zu kommen! Wir mußten erſt abwarten, bis Mama zur Soirse gefahren, und Eudora mit einigem Anſchein von Wahrſcheinlich⸗ keit ſich wegen Migräne ins Bette legen konnte. Wir erlaubten der Kammerfrau eine Freundin zu beſuchen, dann ſchloßen wir die Thüren, kleideten uns an, und ſchlüpften unbemerkt die Hintertreppe hinunter und durch den Garten auf die Straße! Aber nun fort, fort, Couſin! Noch einen Augenblick! Ich hole meinen Hut! Alexander trat hinter den Vorhang und Anto⸗ nien's Hand ergreifend flüſterte er: bleibe hier, Antonie, und vertraue mir! Morgen gebe ich Dir Aufklärung über Alles! Lebe wohl! Ihre Hand erwiederte nicht den Druck der ſeinen, ſondern ſank matt und kraftlos nieder. Er achtete nicht darauf, er dachte gar nicht an ſie. Ganz andere Pläne, ganz andere Gedanken und Wünſche erfüllten ſeine Bruſt, und eine wilde, grauſame Freude tobte in ſeinem Herzen! Endlich war er fort! Antonie hörte die Thür hinter ihm ins Schloß fallen, ſie hörte das Davon⸗ 96 rollen des Wagens. Sie war allein! Sie richtete ſich empor und trat wieder in das Zimmer zurück. Aber ihr Kopf ſchwindelte, es war ihr, als ob dieſes Zimmer mit ihr im Kreiſe umher wirble, als ob glühendes Feuer ſie umgebe. Ich bin allein, ganz allein! kreiſchte ſie. Auch er hat mich verlaſſen! Und mit einem ſchrillen Weheſchrei ſank ſie be⸗ wußtlos zuſammen.— Stunden waren vergangen, als Antonie erwachte. Mühſam richtete ſie ſich von der Erde empor, und blickte mit ſcheuen, wirren Blicken umher. Wo bin ich? Wo bin ich? murmelte ſie, indem ihr Auge mit Betroffenheit auf ihrem eigenen Anzug, auf dieſen fremden Gegenſtänden, welche ſie umgaben, verweilte. Dann, allmälig aus ihrer Betäubung er⸗ wachend, ſagte ſie mit einem bittern Lachen: oh, jetzt entſinne ich mich! Ich flüchtete mich zu ihm! Aber er hatte nicht Zeit für mich! Ein wilder, verzweiflungsvoller Schmerz krampfte ihr Herz zuſammen, es war ihr, als ſähe ſie das blaſſe, hohnlächelnde Geſicht des Grafen, als hörte ſie ihn wiederholen:„dieſer Mann liebt Sie nicht! Sie werden verrathen! Ueberall verrathen! Auch von ihm, den Sie lieben!“ 97 Ja, auch von ihm, den ich liebe! murmelte ſie, indem ſie mit haſtigem Schritte auf und nieder ging. Dieſe Dede und Stille, welche ſie umgab, machte ſie erbeben, dieſes fremde Zimmer mit ſeiner wirren Un⸗ ordnung, mit den umherliegenden Büchern, Papieren und Zeitungen, das Ungewohnte dieſer ganzen Umge⸗ bung erfüllte ſie mit einer unbeſchreiblichen, namen⸗ loſen Angſt. Die Lampe, welche auf dem Schreibtiſch inmitten eines Chaos von Papieren ſtand, warf, dem Verlö⸗ ſchen nahe, nur noch trübe, matte Streiflichter durch das Zimmer, während draußen durch die ſchwarze Nacht der Regen an die Fenſter ſchlug. Wenn dieſe Lampe erliſcht, bin ich wie in einem Grabe! flüſterte Antonie zuſammenſchauernd. Dann ging ſie mit dieſem Anſchein der Ruhe und des Phleg⸗ ma's velcher uns zuweilen in den höchſten Momen⸗ ten der Aufregung und Verzweiflung überſchleicht, zu der Lampe hin, um ſie heller brennen zu machen. Als die Flamme höher aufloderte, athmete ſie erleichtert auf, und ſank auf den Stuhl nieder, wel⸗ cher vor dem Schreibtiſch ſtand. Mit einem trüben, wehmuthsvollen Blick ſchaute ſie auf dieſe Papiere hin, auf welchen gewiß noch vor wenigen Stunden ſeine Augen geweilt! Es war ihr, II. 7 98 als müßte ſie ſeine Blicke auf dieſen Bücheren, dieſen Papieren wiederfinden!— Sie nahm die Feder, welche auf dem Schreibzeug lag, und betrachtete ſie ſinnend und eine unendliche Traurigkeit erfüllte ſie. Das war vielleicht dieſelbe Feder, mit welcher er ihr geſtern erſt ſeine heißen Liebesſchwüre geſchrieben! Was Alles mochte er ſeitdem nicht ſchon mit derſelben geſchrieben, wie viel zärtliche Worte mochte er mit derſelben nicht ſeitdem ſchon an Mariane aufgezeichnet haben! Mit einer zornigen Bewegung warf ſie die Feder auf den Tiſch; der Luftzug hob eins dieſer leichten zarten Papiere, welche auf dem Tiſche lagen, empor und ließ es zur Erde niederfallen. Antonie hob es auf und unwillkürlich richteten ſich ihre Blicke auf daſſelbe hin.— Sie las anfangs nur ganz mechaniſch, gedankenlos, dann mit ſtiegendem Athem, mit hochklopfendem Herzen. Weltheim, welcher nicht ahnen konnte, daß irgend ein Anderer, außer ihm, heute Abend dieſes Zimmer betreten würde, hatte achtlos ſeine Briefe auf dem Tiſch liegen laſſen und ein Brief Marianen's be⸗ fand ſich jetzt in Antonien's Händen. Es war ein ſehr kurzer, ſehr lakoniſcher Brief, er enthielt weiter nichts, als die Worte:„Triumph! 90 Wir werden ſiegen! Sie liebt Sie! Kommen Sie, und überwinden Sie ihre letzten ariſtokratiſchen Scrupel!“ Es war alſo nicht Mariane, welche er liebte! Wer war es denn? Die peinigende die Angſt der Liebe, welche ſie nach Aufklärung, nach Gewißheit durſten machte, ließ ſie alle Rückſichten vergeſſen, aller Dis⸗ cretion entſagen. Sie ſuchte mit einer raſenden, verzweiflungs⸗ vollen Haſt nach Aufklärung und ſie fand ſie. Da waren Briefe von einer andern Handſchrift, kleine, zierliche, pikante Billets, anfangs in einer küh⸗ len, zurückhaltenden Sprache, aber immer wärmer, immer zutraulicher werdend. Da war dieſes Billet, durch welches Eudora ihn zu ſich einlud, um ihn zum Theilnehmer und Mitſchuldigen eines von ihr projec⸗ tirten, gefährlichen Unternehmens zu machen. Aber auch Briefe von ſeiner Handſchrift, Briefe, welche eine geheimnißvolle, glühende Leidenſchaft athmeten und von ſchmerzlichem Ringen und trauervoller Entſagung“ ſprachen. Und endlich zuletzt fand ſie das Brouillon eines Gedichtes, das in glühenden Dithyramben von dem Glück der begnadigten Liebe, dem Entzücken einer erſten Umarmung, eines erſten Kuſſes ſprach. —* . 100 Dieſes Gedicht trug das Datum des vergan⸗ genen Tages, deſſelben Tages, an welchem Weltheim dieſen ſo zärtlichen, ſo innigen Brief an Antonie geſchrieben! Sie trug ihn noch auf ihrem Buſen. Er war der Talisman geweſen, welchen ſie angerufen, welcher ſie geſchützt hatte,— ein falſcher, lügenhafter Ta⸗ lisman, falſch und lügenhaft wie der, welcher ihn geſchrieben! Sie zog ihn aus ihrem Buſen hervor, ſie wollte ihn leſen, aber es widerte ſie an. Sie fand in ihrem Briefe dieſelben leidenſchaftlichen Phraſen des Ge⸗ dichtes wieder. Mit einem wilden Schmerzensſchrei warf ſie den Brief auf den Schreibtiſch und barg ihr Geſicht in ihren Händen. Die Thränen quollen zwiſchen ihren Fingern hindurch und rollten Perlen gleich über ihre Hände nieder; halblaute, von Schluchzen unterdrückte Klagen murmelten ihre Lippen und ihre ganze Ge⸗ ſtalt erbebte wie in Fieberſchauern. Sie hatte viel geweint und viel gelitten in ihrem kurzen, freudloſen Leben, aber ſie fühlte dennoch, daß ſie erſt jetzt an ihrem erſten, großen Lebensſchmerz ſtand und daß die Thränen, welche ſie als Kind 101 geweint, nichts von der Herbe und Bitterkeit, von der vernichtenden Verzweiflung ihrer jetzigen Schmer⸗ zen gehabt. Mit dieſen Thränen ſpülte ſie den letzten Glau⸗ ben, den letzten Hort ihres einſamen, losgelöſten Daſeins hinweg. Sie war jetzt ein ankerloſes Fahr⸗ zeug, das auf ſturmbewegtem Meer umhertreibt und an der nächſten Klippe zerſchellen wird. Der Morgen dämmerte bereits herauf, als An⸗ tonie ſich aufrichtete aus ihrer verzweiflungsvollen Betäubung. Sie hatte einen Entſchluß gefaßt. Sie mußte fort, ſie durfte ihn nicht wieder ſehen, ihn, welcher ſie verachtet, ſchmählich verrathen hatte. Der Morgen dämmerte und er konnte zurückkehren. Wohin, das war gleich, nur fort, fort aus dieſem Zimmer, aus ſeiner entſetzensvollen Nähe. Sie nahm die Feder und ſchrieb unter dem von Weltheim an ſie gerichteten Brief ein kaltes letztes Ab⸗ ſchiedswort; dann legte ſie ihn neben dem Gedicht auf den Schreibtiſch hin. Das ſollte ſeine Anklage und ſeine Verurtheilung ſein. Sie hatte ihm nichts weiter zu ſagen, er mußte auch ohne weitere Worte begreifen, daß ſie ſich auf ewig von ihm losgeſagt. 102 Mit leiſem, feſtem Schritte verließ ſie das Zim⸗ mer und ging die Stiegen hinab, ſeltſam anzuſchauen in dieſem zerknitterten Ballanzug, mit dieſem chiffo⸗ nirten Roſenkranz in dem Haar, das in aufge⸗ löſten Streifen herniederhing, ſie ſelber das gram⸗ volle und ſchauerliche Bild einer vom Sturm zer⸗ pflückten Roſe! Die Hausthür war von innen leicht zu öffnen, unbehindert gelangte ſie hinaus auf die Straße. Aber die kühle Morgenluft ſchien ſie plötzlich zum Nachdenken über ihre ganze troſtloſe und vereinſamte Lage zurückzuführen. Sie blickte entſetzt zum Himmel empor und fragte ganz laut und mit einem herzzerreißenden Klageton: Wohin nun? Wer hilft mir? Ich, Antonie, ich helfe Ihnen! ſagte eine dunkle, männliche Geſtalt, welche plötzlich hinter dem Pfeiler der Hausthür hervortrat. Es war der Graf Salmiensky, welcher Stun⸗ denlang ſchon hier geſtanden und ſie erwartet hatte. Es überraſchte ſie gar nicht, ihn hier zu treffen, es erſchien ihr ganz natürlich, daß in dieſem großen und entſcheidenden Moment des Lebens, wo ſie von ihrem guten Genius ſich verlaſſen fühlte, ihr böſer Dämon an ihrer Seite ſtand. 103 Sie ließ ſich ohne Widerſtreben in den Mantel hüllen, welchen der Graf ihr mitgebracht und als er ihren Arm nahm, fragte ſie ganz ſchüchtern und demuthsvoll: Wohin wollen Sie mich führen? Wohin gehen wir? Sie kehren zuerſt zu Ihrer Tante zurück, ſagte der Graf feierlich. Ihr Vater liegt im Sterben! W. Die italieniſche Nacht. Whrend Antonie dieſe Nacht der Qualen und Schmerzen in Alexander Weltheim's Zimmer zubrachte, war dieſer mit den beiden jungen Damen zu Kroll gefahren, wo man heute in den großen Rieſenſälen eine „italieniſche Nacht“ feierte, eins dieſer geräuſchvollen, üppigen und bewegten Feſte, denen weiter nichts als der italieniſche Himmel, italieniſche Weiber und die Grazie italieniſcher Ueppigkeit fehlt, um mit Recht ein italie⸗ niſches Feſt genannt werden zu können. Man kam im Domino und in der Maske, und ſelbſt diejenigen, welche nur im Ballanzug erſchienen waren, hatten doch, dem Reglement des Abends ge⸗ mäß, die venetianiſche Halbmaske anlegen müſſen. Dieſes Maskenkoſtüm, das war die einzige Erinnerung 3 . 105 an Italien und an die bezaubernden Feſte des Mar⸗ kusplatzes. Comteſſe Eudora und Mariane, welche anfangs im Charaktercoſtüm erſcheinen wollten, hatten indeß ſich Weltheim's Willen gefügt und einen einfachen, ſchwarzen Domino nebſt einer Halbmaske gewählt, deren lange Spitzengarnitur auch die untere Hälfte des Geſichtes ganz und gar überdeckte. Wir wollen dieſem Feſte beiwohnen, um zu ſehen und nicht um geſehen zu werden, hatte Weltheim geſagt, wir müſſen alſo ſo unſcheinbar wie möglich ſein, und gar keines Menſchen Aufmerkſamkeit auf uns lenken!. Sie waren alſo, wie geſagt, alle drei im ſchwarzen Domino erſchienen, ſich in gar nichts unterſcheidend von dieſen übrigen Domino's, die ſich in hundertfacher Zahl durch die Säle bewegten und Niemand fiel es ein, unter dieſer ſchwarzen Maske, welche am Arm ihres Cavaliers durch die Menge ging, die ſtolze und reiche Tochter der Gräfin Schwanenkamp zu vermuthen. Es war bereits ein ungeheures Gewoge, ein fort⸗ währendes Schieben und Drängen in den Sälen, als Weltheim mit ſeinen beiden Damen eintrat. Eudora hing ſich feſter an ſeinen Arm und 106 flüſterte: Ich bitte Sie, verlaſſen Sie mich nicht! Ich wäre verloren ohne Sie! Sie hätte richtiger geſagt: Ich bin verloren kui Sie! flüſterte Mariane, welche an der andern Seite Weltheim's ging. Aber wiſſen Sie, Couſin, daß es mich unendlich ennuyirt, ſo als Elephant und Tu⸗ gendwärter an Eurer Seite zu gehen? Sehen Sie doch dieſes tolle Gewühl und dieſes luſtige Gewoge. Ich ſehne mich darnach, mich ganz unbeobachtet, ganz allein da hinein zu ſtürzen und auch meine kleine Aventure zu haben! So laſſen Sie ſich iifich von dem Gedränge fortziehen! flüſterte Alexander zurück. Aber wo finden wir uns wieder zuſammen? Ich habe für uns eine kleine Loge gemiethet, zu welcher Niemand außer uns Dreien Zutritt hat, ſagte Weltheim, indem er mit ſeinen beiden Damen in eine der Niſchen zurücktrat und Jeder eins der Billets gab. Sollte irgend ein Zufall uns trennen, ſo gehen Sie mit dieſem Billet zu der Loge hinauf, auch ich werde alsdann dorthin gehen und auf dieſe Weiſe ſind wir ſicher, uns immer wieder zu finden! Wenn wir uns nämlich finden wollen! flüſterte Mariane, als ſie weiter gingen. Sehen Sie, da kommt ein zierlicher Mephiſto her, ich bin lange genug in . ——— 107 Gemeinſchaft von Engeln geweſen, ich habe Luſt, ein⸗ mal ganz des Teufels zu ſein. Und ſie benutzte das Gewoge der neugierigen Menge, welches eben mit dem Triumphwagen der Venus heranbrauſte. Die auf demſelben in reizender und üppiger Stellung nur mit Tricots und durchſich⸗ tigen Florgewändern umhüllte Venus wurde mit lauten Evoe's begrüßt, und Mariane ließ ſich von dieſem Gedränge vorwärts tragen in die Menge hinein. Die ſchöne Venus grüßte lächelnd nach allen Seiten hin, und der reizende Amor, welcher hinter ihr auf dem Muſchelwagen ſtand, ſtreute aus ſeinem Köcher Blumenbouquets und Zettelchen mit erotiſchen Verſen über die Menge aus. Aber plötzlich theilte ſich die Menge, welche den Venuswagen umgab, und ein Schwarm von halbnackten Satyrn und Faunen umringte mit kreiſchendem Geſchrei die Göttin der Schönheit, der von der andern Seite ein Chor von Amoretten zur Hülfe herbeieilte. Ein luſtiger Kampf, bei dem die Amoretten aus vergoldetem Bogen mit Blumen und Bonbons ſchoſ⸗ ſen und die Satyrn mit Blüthenzweigen fochten, entſpann ſich. Plötzlich ſtürzten ſich die luſtigen Sa⸗ tyrn mitten in das ſchauende und jauchzende Publi⸗ kum hinein, und hier und da eine Dame ergreifend, — 3 ——————— 108 begannen ſie ſich mit ihnen im raſenden Galopp um⸗ herzuwirbeln. Kommen Sie, laſſen Sie uns auch unſern Theil haben an dem Jubel, ſagte Weltheim, und ohne Eu⸗ doren's Antwort abzuwarten, legte er den Arm um ihre Geſtalt und zog ſie hinein in die wirbelnden Reihen. Mariane war von einem der Satyrn gepackt worden und flog mit dem jauchzenden Halbgott in ſinnloſem Tanz auf und ab. Weiter, weiter! ſagte ſie, als der Satyr im Tanz innehalten wollte. Weiter! Wir hören nicht eher auf, als bis wir geradezu in die Hölle hinein⸗ taumeln. Sie zwang ihn zu neuem Kreiſen und Drehen, bis der erſchöpfte Tänzer ganz athemlos und keuchend ſie um Gnade flehte und ganz zerbrochen neben ihr auf einen Seſſel niedertaumelte. Das ſei Deine Strafe! ſagte Mariane lachend. Die Strafe dafür, daß ein Thier ſich anmaßt, ein Zeus ſein und die Europa entführen zu wollen. Und mit einem luſtigen Lachen hüpfte ſie von dannen. Das war ganz gut, ſagte ſie zu ſich ſelber. Dieſer raſende Tanz hat mich in die rechte Stim⸗ mung der Tollheit gebracht. Ich bin jetzt ganz in 109 der Laune, um mich in die waghalſigſten Abenteuer zu ſtürzen. Und weshalb ſollte ich nicht? fragte ſie ſich mit einem bittern Lachen. Weshalb ſollte ich nicht Alles wagen, um nun mir auch einmal ein pi⸗ kantes Vergnügen zu verſchaffen? Ich, die ich, wie Comteſſe Eudora ſagt, gar keine Ehre und keinen Namen zu gefährden habe! Sie hüpfte luſtig vorwärts in das Menſchen⸗ gewühl, ſie hing ſich hier mit heiterm Scherz an den Arm irgend eines frommen Prieſters, eines ernſten Weiſen, und koſte und lachte dort mit dem luſtigen Pierrot und der übermüthigen Basquine. Sie hatte ſtets für alle dieſe kecken humoriſtiſchen Fragen, welche man hier und dort in ihr Ohr flüſterte, eine eben ſo kecke und humoriſtiſche Antwort bereit, und wußte den Witz mit beißender Ironie und ſchneidendem Scherz zu erwidern. Eben als ſie am Arm eines Socrates dahin⸗ hüpfte und lachend ſeinen zweideutigen und obſcönen Tugendermahnungen ihr Ohr lieh, ging ein Saraſtro vorüber, eine reizende Colombine um Arm führend. Sie ſind ein reizendes Weſen! ſagte der Saraſtro. Ein entzückender kleiner Teufel, den man als einen Engel anbeten muß. Mariane machte ſich ſofort von ihrem Socrates los und folgte dem Paar. Ich ſollte meinen, ich kenne dieſe Stimme, ſagte ſie, und dieſe ſelbe bezaubernde Phraſe richtete geſtern der größte und erhabenſte meiner Anbeter an mich! Wenn dieſe entzückende Schmeichelei alſo nicht in irgend einem Complimentirbuch ſteht und das Ge⸗ meingut aller großen Geiſter iſt, ſo iſt dieſer Sa⸗ raſtro Niemand anders als Prinz Aurelio. Sie eilte raſcher vorwärts, um dem Saraſtro nahe zu kommen und ihm ein wenig unter die Halb⸗ maske zu ſchauen; ſie ſchlich ſich dicht an ſeine Seite, um ſeine Stimme zu belauſchen. Richtig! An dieſem eigenthümlichen, meckernden Lachen erkannte ſie ihn und da, in ſeinem Halstuch war auch dieſe von Ru⸗ binen und Brillanten zuſammengeſetzte Roſenknospe, welche ſie geſtern noch an dem Prinzen bewunderte, und die ſie ſich geſchworen hatte, in ihren Schmuck⸗ kaſten zu bringen. Es war Prinz Aurelio und Niemand anders. Schnell entſchloſſen legte Mariane ihre Hand auf ſeinen Arm. Auf ein Wort, ehrbarer Prieſter der Iſis! ſagte ſie, ihre Stimme verſtellend. Ich finde, daß Ihre Tamina da noch nicht reif iſt für die heiligen Hallen und immerhin ein wenig den ſie gehen, erhabener Prieſter, und erlauben Sie mir, Ihnen Geſellſchaft zu leiſten. Dem Prinzen kam indeß dieſe Unterbrechung ſei⸗ nes zärtlichen Zwiegeſpräches ſehr ungelegen, und er verſuchte mit einigen heftigen und unfreundlichen Worten dieſen läſtigen ſchwarzen Domino von ſeiner Seite zu drängen. Aber dieſer neigte ſich an ſein Ohr und flüſterte: Sie verrathen ſich, Durchlaucht. Man hört an die⸗ ſem Ton den Gebieter und Herrn. Prinz Aurelio ſollte indeß bedenken, daß ſelbſt unter einem ſchwarzen Domino ein Herz ſein kann, das glühend für ihn ſchlägt. Sie kennen mich? flüſterte der Prinz. Und ich, ſollte ich nicht auch Sie kennen? Sprechen Sie noch einmal, ſagen Sie— Aber der ſchwarze Domino hatte ſich lachend von ihm losgemacht und hüpfte von dannen. Ich muß wiſſen, wer ſie iſt und wer von mei⸗ nem Hierſein weiß, das ich indeß doch Niemand an⸗ vertraut habe, murmelte der Prinz. Sich an ſeine Colombine wendend gab er ihr ein Billet zu der von ihm reſervirten Loge, wo er wieder mit ihr zuſammen⸗ treffen wollte, und ſtürzte ſich dann in das Masken⸗ . 112 gewühl zur Verfolgung des räthſelhaften ſchwarzen Dominos. Mariane indeß hatte ihn nicht aus dem Auge verloren; ſie wußte, daß er ihr folgen würde, und ſie war deshalb nur zögernd und abſichtlich öfter zu⸗ rückblickend weiter gegangen. Jetzt war er neben ihr, und ihren Arm in den ſeinen legend, ſagte er: Du ließeſt mich vorher hoffen, daß Dein Herz nicht unempfindlich für mich ſei. Ein Weib, welches ein Herz hat, iſt aber in unſern Tagen eine ſo ſeltene Erſcheinung, daß Du Dich nicht wundern darfſt, wenn ich Dich nicht wie einen ſchönen Traum entſchlüpfen laſſe. Hüten Sie ſich, lachte Mariane. Titania träumte auch einmal von einem Gott, der ihr im Schoße ruhte, und als ſie erwachte, war's nur ein Eſel. Sie ſind ein boshafter kleiner Teufel! Ich bin ein Teufel, weil Prinz Aurelio die Teu⸗ feleien liebt; die Liebe macht aus uns Weibern einen Proteus, der alle Formen und Geſtalten annimmt, um den Geliebten zu bezaubern. Die Liebe! Sie lieben mich alſo? Wäre ich ſonſt hier? Wie? Sie wären um meinetwillen gekommen? Um Ihretwillen! 113 Aber woher wußten Sie, daß ich hier bin? Die Liebe hat überall ihre Späher, Prinz. Soll⸗ ten Sie das nicht wiſſen, Sie, welcher einen Diener der Gräfin Schwanenkamp beſoldet, blos damit er Ihnen jeden Tag genau berichtet, was im Hauſe der Comteſſe geſchieht? Aber beruhigen Sie ſich, Durch⸗ laucht, ich nehme deshalb doch nicht an, daß Sie die Gräfin lieben. Nein, nein, Sie ſind ein zu großer und ſchlimmer Sünder, um auf dieſe Mag⸗ dalene, welche mit dem Himmel buhlt, Ihre unhei⸗ ligen Wünſche zu richten. Nein, ich kenne das Ge⸗⸗ heimniß Ihrer Spionage beſſer! Nun, wem gilt ſie denn? Der kleinen Geſellſchafterin! Der Prinz fuhr erſtaunt und erſchrocken zurück. Wie? Sie kennen alſo meine Verhältniſſe ganz ge⸗ nau? Und was, wenn ich fragen darf, wiſſen Sie von dieſer Geſellſchafterin? Ich habe ſie nur zweimal geſehen, aber ich habe einen ganzen Roman in ihren Augen geleſen. Erzählen Sie mir ein wenig davon! Ich habe geleſen, daß dieſes junge Mädchen Sie liebt. Bah! Weiter nichts? Doch, Durchlaucht. Ich habe geleſen, daß e 114 gefährlich iſt, ſie zu lieben, denn ſie iſt eiferſüchtig. Ihr Herz gleicht einem Vulkan, und wenn die glühende Lava überbrauſt, wird's ein Götterſchauſpiel geben, daß entweder zum Anbeten oder zum Weinen iſt! Hüten Sie ſich vor dieſem iungen Mädchen! Sie lieben, heißt allen Gräfinnen und allen Colombinen entſagen. Aber genug von dieſen Empfindeleien. Laſſen Sie uns wieder wir ſelber ſein. Ich will Ihnen ein Capitel aus der Chronique scandaleuse erzählen: die Gräfin Schwanenkamp liebt den Prä⸗ ſidenten eines frommen Vereins, welcher außerdem ſeines Gewerbes ein Schneider iſt! Unmöglich! lachte der Prinz. Warum unmöglich? Der Schneider iſt noch ſchöner als der Bediente, um welchen die Gräfin Wendelburg wahnſinnig ward, und wäre er ein Weib, ſo würde ich ſagen, er iſt noch ſchöner als die ſchöne Choriſtin Sophie, welche der Prinz Aurelio liebt, obwohl Sophie nur die Tochter eines Scharfrichter⸗ knechtes iſt. Beim Himmel, woher wiſſen Sie das? Oh! ich weiß noch weit mehr. Ich weiß, daß Comteſſe Eudora niemals die Gemahlin des Grafen Bärenklau werden wird. Warum nicht? 115 8 Weil ſie einen Andern liebt. Wen liebt ſie? Sage es mir, ſchöne Naske 3 beſchwöre Dich, ſage es mir. Was für einen Preis zahlſt Du mir für mein Geheimniß? Fordere! Gibſt Du mir die Nadel, welche Du in Deinem Tuche trägſt? „Bei Gott, das iſt ein fürſtlicher Kauf! Aber ich fordere ihn auch nur von einem Für⸗ ſten, einem Fürſten nicht blos von Geburt, ſondern an Adel der Geſinnung, an Freigebigkeit und Güte. Ah! Du verſtehſt auch zu ſchmeicheln. Aber wiſſe, dieſe Nadel— Iſt das Geſchenk der Gräfin Schwanenkamp, und Sie haben ihr geſchworen, niemals ein anderes Weib zu umarmen, wenn Sie dieſe Nadel an Ihrer Bruſt tragen! Sehen Sie, welch ein Verräther Sie ſind, Durchlaucht! Trotz dieſes Schwures werden Sie heute doch noch die Colombine, und wer weiß wen ſonſt noch, umarmen! Nicht Dich, ſchöner Domino? Sage, werde ich nicht Dich umarmen? Mich? fragte ſie mit einem weichen, ſchwer⸗ müthigen Ton, und ihre großen flammenden Augen 8 116 * richteten ſich mit einem ſchwärmeriſchen Ausdruck auf den Frager hin. Mich wollen Sie umarmen? Oh, Prinz Aurelio, als Zeus die Semele umarmte, ſtarb ſie. Aber nein, nicht ſchwermüthig. Wir ſprachen von Ihrer Nadel da, und ich wollte Sie bewahren, ein Meineidiger zu werden. Ich bat Sie deshalb, mir dieſe ſchöne Nadel zu geben, damit Sie alsdann mit reinem Gewiſſen Ihre Colombine umarmen könnten⸗ Nein, ſchöne Maske! Du ſorderteſt die Nadel als Preis und wollteſt mir dafür ein Geheimniß mit⸗ theilen. Du wollteſt mir ſagen, wen die Comteſſe Eudora liebt. Behalten Sie Ihre Nadel, Prinz. Ich bereue, daß ich dies geſagt. Ich werde Gräfin Eudora's Ge⸗ heimniß nicht verrathen. Ich will Ihnen nicht ſagen, wen ſie liebt, aber ich will Ihnen anvertrauen, wen ſie nicht liebt. Nun, ich bitte Dich, ſage es mir. Mariane neigte ſich dichter an ſein Ohr. Sie liebt nicht den Couſin Georg, den Sohn des Mi⸗ niſters. Sein Sie deshalb außer Sorge, Prinz, der Georg iſt ihr ganz gleichgültig, und ſie wird dieſen heißen Wunſch ihrer Mutter unerfüllt laſſen, ſie wird ihn nicht heirathen. Aber ſie liebt, ſagen Sie? Wen liebt ſie? Sie wollen es mir nicht ſagen, auch nicht um den Preis der Nadel hier? Durchlaucht, ein Geſchenk von Ihnen würde mich beglücken, aber dies wäre kein Geſchenk, ſon⸗ dern ein Tauſchhandel. Ich aber bin keine Jüdin und ſchachere nicht. Und mit einem luſtigen Lachen hüpfte ſie von dannen und ſtürzte ſich in das dichteſte Gewühl. Sie iſt bezaubernd, ſagte Prinz Aurelio, ihr nacheilend. Ohne Zweifel iſt ſie eine Dame der höhern Geſellſchaft und ſie will ſich hier einmal ein pikantes Vergnügen gewähren. Sie liebt mich! Ach, ich werde ihr zeigen, daß Prinz Aurelio immer freigebig und großmüthig iſt. Ich werde ihr dieſe Nadel geben, ſie wird mich dafür deſto heißer lieben, und wer weiß, vielleicht eines Tages— Eben hatte er ſie wieder erreicht. Er legte ſeine Hand auf ihren Arm und ſchob ihn in den ſeinigen. Bleibe, bleibe, ſchöner Schmetterling! Du ſollſt mir nicht ſo leicht entflattern. Und weshalb nicht, Prinz? fragte ſie traurig. Der Schmetterling wird Ihnen nur ſo lange gefallen, bis Sie ihm den Blüthenſtaub von den Flügeln ab⸗ geſtreift haben. Und das iſt ſo bald geſchehen, denn —— ich bin ſo ſchwach Ihnen gegenüber. Laſſen Sie mich alſo, Prinz, laſſen Sie mich vor Ihnen fliehen. Nicht eher, als bis Sie mir die Freude bewilligt haben, Ihnen dieſe Nadel an den Buſen geheftet zu haben. Wie? Sie wollten mir dieſe Nadel geben, ohne Etwas dafür zu fordern? Ich fordere dafür, daß Sie zuweilen meiner ge⸗ denken. Werden Sie dies thun? Ach, Prinz Aurelio, es bedarf dazu nicht dieſer flimmernden Steine, Ihr Bild flammt und glüht ewig in meinem Herzen. Sie ſind bezaubernd, flüſterte der Prinz, indem er die Nadel an Marianen's Domino befeſtigte. Sie hauchte, während er dies that, einen leiſen Kuß auf ſeine Hand, welcher ihn indeß wie lodern⸗ des Feuer durchzuckte. Ich will Ihnen nicht blos mit Worten danken, flüſterte ſie. Kommen Sie dort in jene Niſche. Sie zog ihn vorwärts in eine kleine von Stauden und Blumen gebildete Niſche, und den Schleier, welcher den untern Theil ihres Geſichtes bedeckte, ein wenig emporhebend, ſagte ſie: Küſſen Sie mich! Und ſo wahr ein Gott im Himmel und ein Teufel auf ——— 119 Erden iſt, ſchwöre ich Ihnen, daß Sie der erſte Mann ſind, welcher dieſe Lippen berührt. Er küßte ſie und die Berührung dieſer weichen ſchwellenden Lippen berauſchte ihn. 3 Und nun leben Sie wohl! flüſterte ſie. Mein Gott, Sie wollen mich verlaſſen? Nein, nein, Sie können nicht ſo grauſam ſein! Bedenken Sie, daß es für mich kein Mittel gibt, Sie wieder⸗ zufinden. Doch, Prinz, Sie ſollen mich eines Tages wie⸗ derfinden, und zwar ohne Maske! Und woran ſoll ich Sie alsdann erkennen? An dieſer Nadel hier, an der flammenden Ro⸗ ſenknospe! Nur Geduld, mein Prinz, dieſe Knospe ſoll ſich eines Tages für Sie zu einer vollen Blüthe öffnen. Seien Sie alſo geduldig und harren Sie! Aber heute? Soll ich Sie heute nicht wieder⸗ ſehen? Bedenken Sie, daß wir heute Abend für einige glückliche Stunden alle Feſſeln der Etiquette und der Formen abgeſtreift haben und es einmal ver⸗ ſuchen wollen, freie und glückliche Menſchen zu ſein. Sein wir es alſo! Und wenn Sie wirklich mir be⸗ — ——— 120 weiſen wollen, daß Ihnen meine Geſellſchaft will⸗ kommen iſt, nun wohl, ſo bleiben wir beiſammen und ſoupiren wir mit einander. Mariane ſann einen Augenblick nach, dann lachte ſie laut auf. Ein diaboliſcher Gedanke durchfuhr ſie. Wie? Wenn ich mir das pikante Vergnügen gewährte, Vater und Tochter in einer luſtigen Geſellſchaft zu⸗ ſammen zu bringen? Durchlaucht, ſagte ſie endlich, ich bin nicht allein hier und ohne Zweifel werden meine Begleiterin und men Cavalier ſchon in großen Sorgen um mich ſein. Aber ich will Ihnen einen Vorſchlag machen. Geben Sie mir Ihr heiliges Ehrenwort, unſere Masken heilig zu halten und ſie unberührt über unſerm Antlitz zu laſſen, ſo verſpreche ich Ihnen, daß wir gemeinſchaft⸗ lich mit einander ſoupiren wollen. „Gemeinſchaftlich! ſeufzte der Prinz. Sie wollen alſo nicht allein mit mir ſein? Allein, Durchlaucht? Sie vergeſſen alſo dieſe reizende Colombine, welche ſchon in Ihrer Loge auf Sie wartet. Nun, geben Sie mir Ihr Ehrenwort? Ich gebe es! Mein heilges Ehrenwort, daß ich ————— nicht einmal verſuchen will, das Geheimniß Ihrer Masken zu lüften! Werden Sie alſo kommen? Wir werden kommen! Ich eile, meine Begleiter zu ſuchen. Sagen Sie mir die Nummer Ihrer Loge. Nummer vier. Gut! Leben Sie wohl! Er wollte ſie zurückhalten. Aber ſie war ſchon mit der Geſchwindigkeit eines Vogels weiter geflattert und hatte ſich in das dichteſte Maskengewühl ge⸗ ſtürzt.— Das iſt ſpaßhaft, ſagte ſie lachend zu ſich ſelber. Loge Nummer vier, juſt die Loge neben derjenigen, welche wir zu unſerm Rendezvvus beſtimmt haben. Ein köſt⸗ licher Zufall! Vater und Tochter in verliebtem Tete— Ntéte neben einander! Ach, und man will noch Tu⸗ gend und Moral predigen, und dieſe ſogenannten Vornehmen wollen ſich noch den Anſchein geben, als wenn ſie die Hüter und Veſtaprieſterinnen der Sitte und Keuſchheit wären! Pfui über dieſe Ariſtokraten! Es iſt eine verderbte Rase, und es iſt nur Gerechtigkeit, wenn man in den Becher toller Luſt, den ſie auf unſere Koſten ſchlürfen, ein wenig tödtliches Gift hineinträufelt Dieſe Race muß vernichtet werden, 16 damit nicht auch die übrige Menſchheit von ihrer Fäulniß angeſteckt werde. Es iſt eine heilige Pflicht und ich— Plötzlich ſchrak ſie zuſammen, wie von einem electriſchen Schlag getroffen, und wandte lebhaft den Kopf zur Seite. ——„ 5 4 — „ 2 ½„ 6 W. Die frommen Püßer. SSie hatte abermals eine bekannte Stimme gehört, aber diesmal war es eine Dame, welche ihre Auf⸗ merkſamkeit beanſpruchte. Eine ſchöne, hochgewachſene Dame im eleganten Coſtüm einer Pilgerin, an der Seite eines Mannes, der gleich ihr im Pilgeranzug erſchien. Eben, als dieſes Paar an Marianen vorüberging, ſagte die Dame: Ich will Ihnen eine Schwäche ge⸗ ſtehen, mein Freund! Ich habe Furcht! Wie, wenn mich irgend Jemand hier erkennen möchte? Wenn irgend ein Zufall mich verriethe, wenn— Beim Himmel, ich irre mich nicht! murmelte Mariane. Sie iſt es! Ich erkenne ſie an der Stimme und da in der Hand hält ſie dieſes mit gelber Seide 124 geſtickte Taſchentuch, welches ich ihr gearbeitet habe! Ja, es iſt die Gräfin Schwanenkamp! Und ſie folgte dem Paar, welches ſich eben durch das Gedränge Bahn machte und ſich in einen dieſer Nebenſäle begab, welche durch die Kunſtfertigkeit des Tapeziers in Gärten mit Muſchelgrotten und Lauben zu beiden Seiten waren verwandelt worden. In eine dieſer Lauben begab ſich dieſes Paar, welchem Mariane mit ſchleichendem Tritt und ge⸗ 6 Aufmertſankeit gefolgt war. Ich muß wiſſen, wer ihr Begleiter iſt! flüſterte WMariane. Ah, dieſe ſtolze und fromme Gräfin Schwanenkamp auf einer italieniſchen Nacht! Dieſe erhabene Frau, welche erſt heute wieder mit ihrer gſchätzenden und herablaſſenden Freundlichkeit in den Tod beleidigt hat, ſie iſt hier bei Kroll! Ah, wenn es mir vergönnt wäre, Rache zu nehmen an ihrem Uebermuth, wenn ich ihr beweiſen könnte, daß dieſer arme, elende Wurm, der vor ihr im Staube kriecht, auch einen Stachel beſitzt, um ſein mag! ſie zu verwunden, ſo groß und mächtig ſi e immer 125 Sie umſchlich mit ſpähenden Augen dieſe Laube in welcher das räthſelhafte Paar verweilte. Da, zwiſchen dieſem Gebüſch von Tannen und Cedern, welches die Hinterwand der Laube ausfüllte, befand ſich eine Lücke. Mariane ſchlüpfte hinein und vorſichtig weiter⸗ kriechend befand ſie ſich jetzt ganz dicht hinter dieſem von Roſen und Jasmin umgebenen Mooslager, auf welchem die Dame mit ihrem Begleiter ruhte. Auf der Erde knieend, dicht hinter dem Tannengebüſch, konnte Mariane Alles ſehen, Alles hören, ohne geſehen zu werden. Sie hielt den Athem an und lauſchte. Die Dame hatte das Haupt an die Schulter ihres Begleiters gelehnt, welcher in vertraulicher Zärtlichkeit den Arm um ihren Nacken geſchlungen hielt. Beide ſchwiegen ſie eben, aber dieſes Schweigen ſchien gewiſſermaßen nur eine Extaſe ihres Glückes zu ſein, denn zärtliche Seufzer hoben ihre Bruſt. k 8 „ 126 Ach Ambroſio, ſeufzte die Dame, ich fühle es, daß ich noch immer eine ſchwache, irrende Sünderin bin und daß der Teufel noch immer Macht über mich hat! Selbſt jetzt, mein Freund, ſelbſt in Ihrer Nähe, läßt er nicht ab von mir, ſondern verſucht mein Herz mit unheiligen Gedanken und ſtürmiſchen Wünſchen! Ich fühle mich ſelig, neben Ihnen zu ſein, aber es iſt nicht die reueʒerknirſchte Seligkeit einer Büßerin, welche ich empfinde! Und ſo ſoll es auch nicht ſein, meine Tochter! ſagte der Mann, welcher neben ihr ſaß. Nein, nicht die Zerknirſchung, ſondern der gottſelige Genuß, das iſt die wahre Buße! Wenn Sie in meinen Armen ruhen, ſo ſind Sie bewahrt vor jeder Anfechtung und der Teufel kann keine Gewalt über Sie haben! Sie ſchmiegte ſich feſter und inniger an ſeine ſtolze, ſchlanke Geſtalt und er drückte ſie mit leiden⸗ ſchaftlicher Gewalt an ſeine Bruſt. Und Sie haben mir verziehen, daß ich dieſe ganze Woche nicht in unſerm Verein geweſen, daß ich jeden Abend in den glänzenden und üppigen Geſellſchaften der ſogenannten vornehmen Welt zu⸗ gebracht habe? — 127 8 Es iſt ein ſehr ſchweres, ſehr ſtrafwürdiges Vergehen, ein fluchwürdiges Verbrechen und deshalb mußten Sie ſchwer geſtraft werden, deshalb mußte ſchwere Buße Ihnen auferlegt werden! Und nun noch, meine Tochter, dieſe letzte, ſchwere Buße dieſes Abends und wenn Sie auch dieſe würdig überſtehen, dann werden Sie wieder würdig und theilhaftig ſein der Ehre der Auserkornen und die Brüder und Schweſtern unſerer Gemeinſchaft werden Sie wieder mit Gruß und Kuß zu ihren Myſterien zulaſſen! Ach freilich, ſeufzte ſie, noch bin ich eine Aus⸗ geſtoßene und die heiligen Myſterien und Bußübungen ſind mir verſchloſſen! Aber finden Sie, daß ich die Probe dieſes Abends beſtehen werde? Ja! Ich habe den Teufel in Ihnen belauern wollen, deshalb ſchlug ich Ihnen vor, hierher zu gehen! Ich wollte ſehen, ob die Luſt der Welt noch mächtig in Ihnen iſt, ob Ihr Herz noch höher hüpft beim Klang dieſer rauſchenden, wilden Muſik, ob Sie ſich noch verſucht fühlen möchten, dieſes ſündige, bacchan⸗ tiſche Vergnügen des Tanzes zu genießen, ob all dieſe ſinnlichen Freuden, welche uns hier umgeben, Sie noch reizen möchten, oder ob Sie im Stande wären, *₰ 8 2128 an all' dieſen Lockungen vorüberzugehen und ſich mit mir in irgend einen ſtillen Winkel vor all' dieſem Geräuſch und dieſer tollen Luſt zu flüchten. Ach, Sie ſind alſo mit mir zufrieden, theurer Mann! die Probe iſt beendet? Nein, noch nicht ganz! Erſt muß ich ſehen, ob Sie auch den Anfechtungen des Gaumens würdig ge⸗ genüberzutreten vermögen! Erſt muß ich mich über⸗ zeugt haben, daß Sie Speiſe und Trank nicht mit 4 Luſt und Begierde, ſondern nur als ein nothwendiges* Uebel unſeres ſchwachen Menſchenthums genießen!. Kommen Sie alſo, Theuerſte, laſſen Sie uns ſoupiren! Mich verlangt ungeheuer, zu ſehen, wie Sie dieſe letzte Probe beſtehen werden! Das Souper wird be⸗ rreit ſein! Ich hatte befohlen, es in einer Stunde in die Loge Nummer zwei zu tragen welche ich für uns Beide reſervirt habe! —— Haben Sie auch geſorgt, daß wir einige Flaſchen Champagner haben? Oh, ich will Ihnen beweiſen, mein edler, erhabener Freund, daß in Ihrer Nähe nicht der Champagner mich berauſchen kann und daß das Feuer, welches in mir glüht, nicht die Dünſte des Weins, ſondern nur die Begeiſterung einer heiligen Liebe zu Ihnen, meinem Herrn, zur Ur⸗ ſache hat! Ja, kommen Sie! Wir wollen Champagner trinken! Kommen Sie in unſere Loge, meine ge⸗ liebte, ſchöne Tochter! In unſerer Loge iſt es ein⸗ ſam und ſtill! Alſo Loge Nummer zwei! ſagte Mariane mit einem boshaften Lachen, als ſie, nachdem das fromme Paar die Laube verlaſſen hatte, hinter ihrem Verſteck hervorſchlüpfte. Loge Nummer zwei! Der Spaß wird immer pikanter! Nummer drei Comteſſe Eudora mit Weltheim, Nummer vier Prinz Aurelio mit ſeiner Tänzerin und Nummer zwei die fromme Gräfin mit ihrem Bußprediger! Ah, allerlieſt!„Prophete rechts, Prophete links, das Weltkind in der Mitten!“— Nun, meine fromme und erhabene Gebieterin, jetzt ſind Sie in meiner Hand und es hängt jetzt von mir ab, ob ich Sie ruiniren oder begnadigen will! Ich werde mir das noch überlegen und ein wenig berech⸗ nen, wobei für mich am meiſten Vortheil und Ver⸗ gnügen ſein möchte! Mich dünkt, die Gräfin trug ein ſehr ſchönes Bracelet an ihrem Arm! Und ich, ich habe kein einziges Armband! Wie? Wär's nicht u. g —— „ möglich, mir heute eins zu verdienen? Ich muß mir das noch überlegen! und mit einem luſtigen Gelächter ſtürzte ſie ſich wieder in das Maskengewühl. 130 WI. Der Perſucher. Mlerander Weltheim war allein in der Loge, welche er für ſich und die Damen zum Wiedervereinigungs⸗ punkt beſtimmt hatte. Er war der Erſte, welcher ſich hier wieder eingefunden hatte und mit einem unend⸗ lichen Behagen ſetzte er ſich auf dieſen kleinen, ſeit⸗ wärts neben der Logenbrüſtung angebrachten Divan nieder und ſchaute, hinter der zu beiden Seiten der Loge herabhängenden Gardine verborgen, auf das bunte Maskengewühl da drunten hernieder. Dieſe Stille that ihm unendlich wohl, dieſe Ruhe inmitten der ſtürmiſchen Bewegung erquickte ihn und verſetzte ihn in eine momentane, ſüße Betäubung, die er ſelber„Frieden“ nannte. Aber Friede war nie⸗ mals in ihm geweſen und er kannte ihn nicht! Immer 9* — 132 hatte er die Folterqualen verborgenen Haſſes, ver⸗ leugneter Schmerzen, nagenden Neides und entnerven⸗ der Demüthigungen gefühlt, immer hatte er Schmach und Zurückſetzung, Erniedrigung und Beſchämungen erfahren! Immer war er der arme, der gemiethete Söldling, der entehrte Diener geweſen, welcher für ſchnöden Lohn ſein Wiſſen und ſeine Talente an dieſe reichen, bevorzugten Leute verkauft hatte, die auf ihn mit geringſchätzendem Wohlwollen hernieder blickten, während ſie ſich nährten von den Früchten ſeines Geiſtes. Dieſe traurigen und bittern Gedanken, dieſe ſchmerzvollen Vergleiche, zu welchen ſeine gedemüthigte Stellung gegenüber den Reichen und Vornehmen ihn aufforderte, ſie hatten allmälig ſein ganzes Daſein vergiftet und wie mit einem hölliſchen Feuer alle edleren Blüthen ſeines Geiſtes verdorren gemacht! Er, welcher von Natur ein weiches, liebevolles Gemüth beſeſſen, war jetzt von finſterm Haß beſeelt und wenn ſonſt eine Blume, ein Strahl der Sonne, ein ſternen⸗ beſäeter Himmel genügt hatte, ſein Herz zu erfreuen, ſo erfüllte ihn jetzt der Anblick irgend einer ſtolzen Dame der Ariſtokratie, welche, von ihrem Livreebe⸗ dienten gefolgt, auf der Straße an ihm vorüberging, irgend eines mit Orden geſchmückten Herrn, der in —— 183 ſeiner mit Wappen geſchmückten Equipage dahin fuhr, mit einem zornigen Neid und alles Andere war für ihn todt und kalt. Er war dahin gekommen, in den Reichen und Vornehmen ſeine perſönlichen Feinde zu ſehen, Feinde, welche ihm ſeinen Antheil an dem Glück und dem Genuß des Lebens vorenthielten und gegen welche er daher kämpfen wollte mit allen Waf⸗ fen, welche Zufall und Geſchick ihm in die Hände führen möchten! Er wollte Rache nehmen an Allen für dieſe unwillkürliche Schmach und Demüthigung, zu welcher ſeine dunkle Geburt ihn verurtheilt hatte, Rache für alle dieſe Schmerzen, dieſe Qualen des Neides, welche er täglich erduldete und an denen ſeine Herzensgüte, ſeine Lebensfreudigkeit und ſein edleres Selbſt längſt geſcheitert waren. Und dennoch, in einem ſeltſamen Zwieſpalt mit ſich ſelber, reizte ihn Alles dieſes, welches er ſo bitter verachtete, beneidete er die Vornehmen und Reichen um dieſe Güter, welche ihm ſo haſſenswürdig erſchienen. Er wollte nicht blos Rache nehmen, ſondern auch zugleich ſeinen Antheil an dem Glanz und der Ehre der Welt ſich erkämpfen. Gleich denjenigen Republikanern, die es nur um deswillen ſind, weil es ihrem Hochmuth unbequem iſt, andere Menſchen in unerreichbarer Höhe über ſich geſtellt zu ſehen, gleich dieſen haßte er nur um deswillen die Ariſto⸗ kraten, weil er ſelber kein Ariſtokrat war und nicht die Ueberzeugung, nicht ſeine politiſchen Grundſätze, ſondern der Neid und eine krankhafte Ehrbegierde machten ihn zu dem erbitterten Feinde der Vornehmen und Reichen. Jedenfalls aber war ſein Haß und ſeine Feind⸗ ſchaft glühend genug, um ihn ganz und gar zu be⸗ ſchäftigen, um ſein ganzes Wollen und Denken zu abſorbiren. Die Energie und Thatkraft ſeines ganzen Weſens hatte ſich auf dieſen einen Punkt concentrirt. Rache an den bevorzugten Ariſtokraten, Rache beſon⸗ ders an dieſer Comteſſe Eudora, welche ihn ſo tief, ſo unheilbar beleidigt hatte. Er haßte ſie! Wenn er ihr gegenüberſtand und dieſe ſtolzen, echt ariſtokratiſchen Züge, dieſe ſchmale Hand, dieſe elegante Tournüre, dieſes zugleich ſo kalte und ſo herablaſſende Lächeln gewahrte, empfand er einen wilden Zorn, eine tödtliche Verachtung, und nur mit Mühe konnte er dieſe Miene der lächelnden Unterwürfigkeit ſich bewahren, welche ihr gar nicht auffiel, weil ſie ſie ſo ganz natürlich fand. Er machte es zu ſeiner Lebensaufgabe, Rache zu nehmen an dieſer ſtolzen Ariſtokratin, Rache für die 135 Schmach und Demüthigung ſeines ganzen Lebens! Wie der Arzt, der mit angſtvoller, ernſter Aufmerk⸗ ſamkeit das Wachſen und Steigern einer gefährlichen Krankheit verfolgt und jedes Symptom mit beſorgtem Auge beobachtet, ſo belauſchte Alexander Weltheim an der Comteſſe Eudora das Wachſen und Steigern dieſer geiſtigen Krankheit, deren er ſuber in ihre Seele geimpft hatte. Nicht ein einziges Mal hatte er Mitleid Sin e nicht ein einziges Mal rührte ihn ihre Jugend, ihre Schönheit, die Argloſigkeit, mit welcher ſie ihm ver⸗ traute. Eben dieſe Argloſigkeit erſchien ihm als eine neue, tödtliche Beleidigung. Sie hatte es gewagt, ihn zu beſchimpfen und ſeine Mannesehre unter ihre kleinen, ariſtokratiſchen Füße zu treten! Sie achtete ihn jetzt ſo gering, daß ſie vermeinte, vor dem Glanz ihres Lächelns und dem Zauber ihrer Freundlichkeit müßte ſein Zorn zerſtieben, wie die Nebel beim Auf⸗ gang der Sonne, und ein wenig Herablaſſung und Güte genüge, ihn die bittere Kränkung vergeſſen zu machen. Wie erjetzt in der Loge ſaß und hinunter blickte auf dieſes fröhliche Gewühl da unten, wie er all dieſen Putz und Flitter, dieſen Glanz und Schimmer ge⸗ wahrte, hinter dem ſich ſo viel Elend und Miſere, ſo viel Neid und Mißgunſt, ſo viel Haß und Bosheit verbergen mochte, überkam ihn eine tiefe, reuevolle Traurigkeit und zum erſten Male fragte er ſich„ob das Verfolgen einer ſo kleinlichen und heimtückiſchen Rache wohl im Stande ſein möchte, dieſe Schmerzen und dieſen Haß, welcher ihn folterte, zu ſühnen, ob et nicht beſſer ſein möchte, dieſen bittern und ſchmach⸗ vollen Gedanken zu entfliehen, und ſich zu edleren Ge⸗ fühlen und erhabeneren Geſinnungen emporzurichten! WMit einer tiefen Wehmuth gedachte er jetzt ſeiner ar⸗ men, noch immer geliebten Antonie, ſah er ſie vor ſich mit dieſem bleichen, ſchmerzdurchzuckten Angeſicht, wie ſie heute Abend zu ihm ſich gerettet hatte! Und, er war Barbar genug geweſen, ſie allein zu laſſen. Er hatte ſie nicht einmal um den Grund ihres Kum⸗ mers gefragt. Kalt und grauſam, wie die, welche er haßte, und denen er Rache geſchworen, hatte er ſich von ihr gewandt, und war gegangen, um ſeinem Haß Genüge zu thun, während doch die Liebe ihm die Arme geöffnet und ihm entgegen gelächelt hatte. Oh, was hatte er nicht Alles dieſer Eudora ſchon geopfert, wie viel Edles war durch ſie in ihm erſtickt worden! Und hatte dieſer glühende Rachedurſt nicht ſo⸗ gar ſelbſt die Liebe in ihm ertödtet und ihn unmenſchlich und lieblos gemacht gegen dieſes arme zitternde junge 137 Mädchen, die in der Unſchuld ihres Herzens ſich an ſeine Bruſt hatte flüchten und retten wollen? Dieſe Gedanken waren ganz dazu geeignet, ſeinen Haß noch zu ſteigern, ſeinen Zorn gegen Eudora noch zu erhöhen, und mit einer wilden Freude ſah er ſie jetzt zu ſich in die Loge eintreten, ſagte er zu ſich ſelber: Jetzt iſt ſie gerichtet! Ihr Verderben iſt be⸗ ſchloſſen und auch Antonien's Thränen und S will ich an ihr rächen! Comteſſe Eudora wie geſagt, war ſo eben zu ihn in die Loge eingetreten. Geblendet von dem Licht des Saales, und dem Dämmerlicht der Loge gewahrte ſie Alexander Weltheim nicht ſofort und glaubte ſich allein! Mit einer haſtigen Bewegung warf ſie die Maske auf den Tiſch und ſank dann erſchöpft in den Sopha nieder. Alexander Weltheim beobachtete mit einer diabo⸗ liſchen Freude ihr bleiches, ermattetes Ausſehen, ihre ruheloſe, fieberhafte Aufregung! Die Krankheit war ſchon weiter in ein gefährliches Stadium eingetreten, — wie lange noch, und dieſe ſtolze Schönheit mußte ihr erliegen! Als ihr Auge, welches ſich an die Dunkelheit gewöhnt hatte, ihn gewahrte, ſtand ſie auf, und ſetzte ſich neben ihn. Ihre Hand auf ſeine Schulter legend 138 ſah ſie ſchweigend auf das wogende Leben des Sales hernieder. Dieſe Vertraulichkeit, dieſe Ruhe, mit welcher Eudora zu ihm kam, grade dieſe erhöhete nur noch ſeinen Zorm. Es hatte ſie gar nicht überraſcht, daß er ſchon hier war, ſie fand es ſo ganz natürlich, daß er ſie ie erwartete! Selbſt jetzt noch, wo ſie durch ihren tollkühnen ſeine Hand gegeben, ſelbſt jetzt noch hatte ſie das Bewußtſein ihres Ranges, und ihrer hohen Stellung ſich bewahrt, betrachtete ſie ihn nicht als gleichberech⸗ tigt, ſondern blieb er ihr immer noch ein Untergebe⸗ ner, ein Dinſtbefliſſener und grade dieſem Umſtand verdankte er es vielleicht, daß ſie ihn zu ihrem Begleiter für dieſen Abend auserſehen! Iſt denn ihr Herz wirklich ſo kalt, ſo ganz und gar in die ariſtokratiſche Form eingezwängt, daß es gar keiner freien und natürlichen Regung mehr fähig iſt? fragte er ſich ſelbſt. Oh, ich will ſie zwingen zu vergeſſen, daß ſie die Gräfin iſt und ich der Leh⸗ rer ihrer Penſions⸗Anſtalt war! Sie ſoll ſich beugen vor mir! Alexander Weltheim verſtand es nicht in ihren Mienen zu leſen, er ahnte nicht, daß Eudora's Herz * Schritt, durch den Beſuch dieſes Feſtes ſich ganz in 139 eben in wilden Schlägen an ihren Buſen pochte, und daß nur die Gewohnheit äußerer Selbſtbeherrſchung ihr den Anſchein der Ruhe und Gleichgültigkeit noch erhielt! k Warum ſeufzen Sie? fragte Alerander endlich und ſeine rauhe, harte Stimme machte ſie erbeben. Ich ſeufze, weil ich traurig bin! ſagte ſie. Weil ½ mich dieſes Gewühl und Getreibe da unten, dieſes Schäkern und Lachen, dieſes Necken und Kokettiren mit einem verzweiflungsvollen Trübſinn erfüllt! Weil der Alp, welcher mich überall bedrückt, mich auch hieher verfolgt hat! Ich langweile mich! Ich kam hieher, um einmal zu verſuchen, durch eine pikante Kur meine Krankheit zu heilen, aber ich ſehe jetzt, daß ſie unheilbar iſt! Ich habe mich mit der Kühnheit der Verzweiflung in das ekle Gewühl da unten geſtürzt, ich habe gelacht und getanzt, ich habe mit einer raſenden Neugierde den Männern zugehört, in deren Arm ich durch den Saal dahin brauste! Aber was wollen Sie! Es waren dieſelben Redensarten, dieſelben Phraſen der Schmei⸗ chelei, dieſelben Lügen von Entzücken und Liebe; ja, in Vielen dieſer verkappten Herren erkannte ich, trotz ihrer ſorgfältigen Umhüllung, die Cavaliere unſerer Geſellſchaften wieder und ſie verſchwendeten an mich, welche ſie ohne Zweifel doch für eine Griſette oder 140 Kammerzofe halten mußten, dieſelben Schmeicheleien, dieſelben verbindlichen Redensarten, mit welchen ſie die Comteſſe Eudora in unſere glänzenden Sälen en⸗ nuyiren! Freilich, ſagte Weltheim mit einem rauhen Lachen, für die Schmeichelei, wie für die Liebe gibt es keinen unterſchied des Ranges und des Standes. Wenn die Männer ſich den Anſchein geben eine Fürſtin höher zu achten als eine Griſette, ſo iſt das eine Lüge, denn für den Mann iſt das Weib eben immer nur das Weib, und die glänzenden, oder die zerriſſenen Kleider haben gar nichts zu thun damit! Und was die Liebe anbelangt, ſo wiederhole ich Ihnen den weiſen Spruch der ſpaniſchen Romanze:„die beglückte Schäferin, die allein iſt Königin!“ Die beglückte Schäferin! wiederholte Eudora ſin⸗ nend. Was nennen Sie eine„Beglückte?“ Diejenige, welche geliebt wird, Comteſſe Eudora! Sie zuckte die Achſeln, und verſuchte zu Ich glaube nicht an die Liebe! An welche Liebe, Comteſſe? Nun an die Liebe überhaupt! Wie ſoll ich Ihnen das bezeichnen? Gibt es denn mehrere Arten der Liebe? Oh gewiß! Nun denn ſchildern Sie ſie mir! 141 Ich ſoll Ihnen die verſchiedenen Arten der Liebe 8 ſchildern, Comteſſe? Iſt dies nicht ein ſehr gefährliches Thema zwiſchen einem jungen Mädchen und einem Mann, welche ſich beide allein und unbeobachtet in einem ein⸗ ſamen Zimmer befinden! Aber nein! Sie er Recht, Comteſſe! Ich leſe auf Ihrer gerunzelter Stirn, und in Ihren flammenden Blicken Ihre Antwort. Sie wollen ſagen, daß der Abſtand zwiſchen der Comteſſe Eudora und dem armen Journaliſten Weltheim ſo groß iſt, daß von einer Gefahr gar nicht die Rede ſein kann! Es iſt wahr, Sie haben mir die große Aus⸗ zeichnung erwieſen, mich zu Ihrem Begleiter für die kleine Aventure dieſes Abends zu ernennen, aber Sie haben das in demſelben Sinne gethan, in welchem Sie Ihrem Bedienten erlauben, Ihnen die Schuhe anzu⸗ ziehen, den Shawl über Ihre herrlichen Schultern zu legen, oder in Ihr Zimmer einzutreten, während Sie im Bette liegen! Das Eine, wie das Andere iſt ganz sans consequence! Sie haben Recht, Comteſſe Eudora, und ich beſcheide mich! Ich bin in Ihren Augen gar kein Mann, während Sie, trotz Ihrer vornehmen Geburt für mich doch immer nur das ſchöne und liebreizende Weib ſind!— Ich werde Ihnen jetzt die verſchiedenen Arten der Liebe erklären! Nein! ſagte ſie heftig, während eine glühende Röthe ie n Laſſen wir dieſe Er⸗ klärungen! Weshalb? Sie ihm mit einem unausſprechlicen Blicke in die Weil Sie Recht haben! Es iſt ein ſehr gefä es Thema für uns Beide!— Laſſen Sie uns lieber hinunter gehen und Marianen ſuchen! Sie wollte aufſtehen! Er drückte ſie mit der über⸗ legenen Gewalt eines Mannes auf den Divan zurück und ſagte faſt gebieteriſch: Bleiben Sie, Comteſſe Eudora! Sie blieb! Es war das erſte Mal! daß ſie einem fremden Willen ſich unterordnete! Sie haben mit dem Uebermuth eines Kindes, mit dem Feuer geſpielt! Sie müſſen es alſo jetzt auch zu ertragen wiſſen, wenn es Ihnen Kopf und Herz ein wenig verſengt. Hören Sie alſo, Comteſſe Eudora! Die Liebe ſoll ich Ihnen erklären! Armes Mäd⸗ chen, welches all dieſe Schmerzen und dieſe Ent⸗ zückungen, dieſe bacchantiſche Luſt und dieſe raſende Begeiſterung nicht kennt! Welches niemals empfunden hat, daß in ihrer Bruſt, ſo ſtolz und erhaben ſie immer ſei, doch das Herz eines Weibes ſchlägt! Es gibt eine Liebe, Eudora, von welcher man nur auf den Knieen und mit gefaltenen Händen ſprechen ſollte, und die ein ſchöneres und erhabeneres Schauſpiel — 143 gewährt, als alle Meiſterwerke der Kunſt Sn der Poeſie. Das iſt die Liebe eines Weibes, welches ſo ganz und gar ihre Seele, ihr ganzes Weſen von dieſem Götterhauch hat durchdringen laſſen, daß er der Athem ihres eigenen Lebens b Oh, ein ſolches Weib iſt ein rührender und erhabener Anblick zugleich! Für ſie gibt es nur Einen Ge⸗ danken, nur Einen Wunſch und Einen Willen, das iſt: ihrem Geliebten zu gefallen, ſeine Wünſche als heilige Geſetze zu erfüllen und ihr ganzes Ich auf⸗ gehen zu laſſen in ihm! Für ſie iſt er der Inbegriff alles Schönen, alles Erhabenen und alles Herrlichen, in ihm ruht ihre Unſchuld, ihre Ehre, ihr Glück und ihre Seligkeit! Ganz ohne Egoismus und ohne eige⸗ nes Wollen denkt und fühlt ſie nur ihn, und mag er von ihr das ſchwerſte Opfer fordern, ſie wird es ihm lächelnd darbringen, und jauchzen vor Glück, weil er ihr Opfer angenommen! Alles wird ſie für ihn und um ihn freudig ertragen, ſelbſt die Schande, wenn er es fordert, denn die Schande ſelbſt iſt für ſie doch nur die Glorie ihrer Liebe, und glauben Sie mir, wenn die Menſchen über ein ſolches Weib den Stab brechen, ſo ſegnen ſie die Götter dafür und dort proben wird ſie ſitzen zur Rechten Gottes unter den himmliſchen Heerſchaaren, denn dort droben gehört die, — 144 welche man hier unten, um ihrer Liebe willen, mit Schmach und Schande belaſtete, dort droben gehört ſie zu den Auserwählten und den Reinen!— Aber wie, Eudora, Sie weinen? Was bedeuten dieſe Thränen? ganz überwältigt ihr Haupt an ſeine Schulter. Laſſen Sie mich weinen! Oh, dieſe Thrä⸗ nen thun mir ſo wohl! Armes Mädchen! Sie weinen, weil Sie fühlen, wie arm Sie ſind inmitten Ihres Reichthums! Aber ich rathe Ihnen nicht zu einer ſolchen Liebe Eudora! Sie iſt die Verklärung, aber auch das Fegefeuer des Weibes! Denn, was wollen Sie, wir Männer ſind einer ſolchen Liebe nicht werth! Sie wiſſen's ja, wir ſind halb Thier, halb Engel, nur daß wir dem Weibe gegenüber immer dem Thiere mehr Gewalt über uns laſſen! Statt den Engel anzubeten, der ſich an unſere Seite geſtellt hat, treten wir ihn unter die Füße! Ihre Treue und Liebe langweilt uns zuletzt, weil es ewig dieſelbe iſt, und aus ihrer Hingebung machen wir ihr endlich ein Verbrechen, und verlaſſen ſie, weil ſie uns nichts mehr zu geben und zu verſagen hat! Nein, Comteſſe Eudora, ich rathe Ihnen nicht zu einer ſol⸗ chen edlen und heiligen Liebe! Ueberlaſſen Sie dieſe den armen Weibern, welche nichts zu verlieren haben, welche nicht wie Sie, einen Rang und einen Namen 145 vertreten müſſen! Weshalb ſollte auch eine Gräfin ſich ſo weit herablaſſen, Gefühle zu hegen, in denen ſie vielleicht von der Bettlerin übertroffen werden kann! Oh, ſagte Eudora tiefbewegt, jetzt fühle ich, wie ſehr Sie Recht hatten zu ſagen: Die begli Schä⸗ ferin, ſie allein iſt Königin! Und dieſes Glück der Schäferin ſoll nie das meine ſein, ſagen Sie? Ich ſoll nie dieſe Wonnen und Schmerzen empfinden kön⸗ nen? Ich ſoll dieſes Herz, welches eben wie in Feuer⸗ flammen glüht, zu Stein erſtarren laſſen, und über meine heiße Bruſt den Sargdeckel meines Ranges legen? Oh, Fluch dann über Rang und Stand, Fluch über meinen Reichthum und meinen Namen, wenn ich deshalb aufhören ſoll, ein Weib zu ſein und ganz und ungetheilt mich ſelbſt der Liebe hinzugeben! Und wer ſagt Ihnen, daß Sie das ſollen? Wer verlangt von dieſem ſchönen, feurigen jungen Weibe, daß es der Liebe entſage! Nein, Comteſſe Eudora, öffnen Sie Ihr Herz weit und groß, und laſſen Sie die Liebe in daſſelbe einziehen, nur nicht Jene, welche ich Ihnen eben geſchildert habe! Es gibt ja noch eine andere Liebe, und dieſe, Eudora, iſt für Sie! Was ſollten dieſe glänzenden Augen mit den Thränen der Verzweiflung? Warum ſollten andere, als die Seufzer des Entzückens, dieſen ſtolzen Buſen heben? II. 10 8 „ Comteſſe Eudora ſoll ſich niemals beherrſchen laſſen von der Liebe, ſondern immer ſie beherrſchen. Für eine Gräfin darf die Liebe keine Lebensaufgabe, ſon⸗ dern nur ein Zeitvertreib ſein! Und glauben Sie mir, es iſt Zeitvertreib voll himmliſcher Freuden und erhabener Entzückungen! Wie ein Schmetterling von Blume zu Blume zu flattern, welch ein reizender Genuß! Eine Prieſterin der heitern Liebe, werden Sie niemals den Ueberdruß und die Langeweile zu erdul⸗ den haben! Vor der Welt die ſtolze, und wegen ihrer keuſchen Tugend geprieſene Gräfin, wird es Ihnen Niemand verwehren können in Ihrem Zimmer eine glänzende Aspaſie, eine jubelnde Lais zu ſein! Sie ſelber ſind ein Kind der Liebe, nun wohl gehen Sie einen Schritt weiter und werden Sie ihre Prieſterin! Machen Sie es, wie Ihre Frau Mutter! O Gräfin Schwanenkamp iſt eine ſehr erhabene, ſehr ſtolze Dame, und alle Welt verehrt ſie! Und ohne Zweifel verdient ſie, daß man es thut! ſagte Eudora ſtolz. Gewiß ſie verdient es, denn ſie beſitzt die ſeltene Kunſt zu ſcheinen, was ſie nicht iſt und eine Keuſch⸗ heit zur Schau zu tragen, welche ſie nicht empfindet! Das iſt es, Comteſſe, worauf Alles ankommt! Man ß ſich den Schein bewahren! Sein Sie immer⸗ d* — hin leichtfertig, aber ſein Sie es unter dem Anſchein der Tugend, genießen Sie das Leben, aber thun Sie es im Gewande einer Heiligen und unter dem Schleier des Geheimniſſes! Glauben Sie mir, das Geheim⸗ niß und die Verſchwiegenheit iſt eine ſüß ürze der Liebe, und das Weib, welches ihr Glück alle Welt ſehen läßt, iſt ſehr unweiſe, und hat damit ihrer Liebe den Aetherſtaub abgeſtreift! O, denken Sie doch, welch ein pikantes Vergnügen, der Welt gegen⸗ über immer die ſtolze und keuſche Gräfin zu ſein, und nur dem Vertrauten die Maske zu lüften, welche die Phryne verbirgt! Hören Sie aufl flüſterte Eudora haſtig und in ſich erſchauernd. Es graut mir vor Ihnen! Wie der Verſucher ſtehen Sie neben mir, als wollten Sie meine Seele verkaufen und verderben! Und wie der Verſucher, ſagte Weltheim mit na⸗ türlichem Pathos, indem er den Arm ausſtreckte, und nach der wogenden und jauchzenden Menge hindeutete, welche drunten im Saale in immer wilderen Kreiſen tobte und raſ'te, wie der Verſucher ſage ich zu Ihnen: Alles was Du da ſiehſt iſt Dein, ich gebe Dir Liebe und Genuß, Tollheit und Entzücken, Jubel und Wonne, falle nieder vor mir, und bete mich an! Folge nir 10* S 148 und beachte die Lehren der Weisheit, welche von meinen Lippen ſtrömen! Nein, nein, ſagte ſie heftig, ich will Sie nicht hören verſtehen! Ich will nicht vor mir ſelber zu erröthen haben! Weshalb ſollten Sie aber auch erröthen müſſen? Weshalb ſollten Sie, die ſtolze Ariſtokratin, beſſer ſein, als Ihre Väter und Mütter es waren? Wes⸗ halb Ihre Großmütter beſchämen, welche es ſo gut verſtanden, das Leben in tollſter Luſt zu genießen und doch den Adel ihres Namens ſich zu bewahren! Weshalb endlich wollen Sie beſſer ſein als Ihre eige⸗ nen Eltern es ſind? Beſſer als die Gräfin, die ihre Lippen, welche noch zittern von unheiliger Be⸗ gierde, zu ſtammelnden Gebeten öffnet! Beſſer als der Prinz, der die gemeine Begierde und die ekle Ge⸗ nußſucht ſchlecht genug verbirgt! Schweigen Sie! ſagte Eudora, indem ſie mit flammenden Zornesblicken aufſtand und heftig auf und ab ging. Ich will nicht, daß Sie mit dieſem Gifthauch der Verleumdung mir frech das letzte, das helligſte Gefühl verpeſten, daß Sie mir die Achtung vor meinen Eltern rauben! Sie iſt mein letzter Hort, ₰ S —— 149 meine letzte Zuflucht und wie ein Ertrinkender will ich mich daran feſtklammern, um nicht unterzugehen! Ich will nicht glauben, was Sie mir über meine Mutter, über meinen Vater ſagen! Dieſe beiden Geſtalten ſollen Sie mir rein und unangefochten laſſen, und wenn meine Mutter einmal von ihrem eigenen Herzen, von dieſer Liebe, welche Sie zuerſt ſchilderten, ſich hat bezwingen laſſen, ſo hat ſie dieſen Fehler ihrer Jugend durch die Treue und Reinheit ihres ganzen übrigen Lebens hinlänglich geſühnt, und Niemand darf es wagen, einen Schatten auf ihre Ehre zu werfen! Und wenn der Prinz— Ein wiederholtes Klopfen an der Thüre unter⸗ brach ſie. Es iſt Mariane! ſagte Weltheim, indem er hin ging, die Thür zu öffnen. K. Wie man ein Srmband verdient! lerander Weltheim hatte richtig gerathen! Es war Mariane, welche Einlaß begehrte!— Mit einem friſchen, luſtigen Lachen hüpfte ſie in die kleine Loge, und ihre Maske abreißend, enthüllte ſie ihr purpur⸗ glühendes Antlitz, deſſen ſtrahlender, lächelnder Aus⸗ druck wunderbar contraſtirte zu dem trüben und ſchwer⸗ müthigen Ausſehen ihrer beiden Gefährten. Nun, ſagte ſie, und ihre Stimme klang wie Ler⸗ chenjubel ſo heiter und friſch, das war einmal eine Nacht der Entzückungen und des tollen Jubels! Ich habe in meinem Leben nicht ſo viel gelacht wie dieſen Abend! Und Sie, Comteſſe Eudora? 151 Eudora zuckte die Achſeln und ſeufzte. Ich finde, daß Sie ſehr genügſam ſein müſſen, um hier das Vergnügen gefunden zu haben, nach welchem wir Beide ſo lüſtern waren! Das macht, Cömteſſe, Sie haben ſich immer daran erinnert, daß es entſetzlich wäre, wenn man Sie hier entdeckte, und dieſer Gedanke hat Sie trübe und be⸗ fangen gemacht, während ich, welche ohne Gefahr hier ſein durfte, mich mit allen Sinnen in dieſe Charybdis ſtürzen durfte, und nicht einmal nöthig hatte, mir wie Odyſſeus die Ohren zu verſtopfen! Nein, im Gegen⸗ theil, ich habe ſie ſehr weit geöffnet, und mancherlei ſtaunenswerthe und ſeltſame Dinge gehört! Wirklich! Sie ſind beneidenswerth! ſagte Eu⸗ dora mit einem trüben Lächeln. Mariane legte ihre Hand auf Eudoren's Schulter, und ſah ihr tief in die Augen. Ich habe einmal ge⸗ leſen, ſagte ſie, von einer Königstochter, welche ihren goldenen Pallaſt, in welchem ſie ſich fürchterlich lang⸗ weilte, verließ, und auszog, um das Glück zu ſuchen! Sie kam an eine Hütte, welche inmitten eines Gartens von Roſen und Myrthen ſich befand. Ueber der Pforte aber ſtand mit Lettern, welche wie Sonnen leuchteten, geſchrieben:„Hier wohnt das Glück! Aber nur eine Bettlerin kann die Pforte öffnen!“ 152 Arme Prinzeſſin! ſeufzte Eudora. Sie haben Recht, Comteſſe! Die Prinzeſſin ſank auf ihre Kniee nieder, und ihr Antlitz von Thränen überfluthet, rang ſie ihre Hände zu Gott empor, und verfluchte ihre Königskrone und ihren Purpurmantel, und bat Gott, dieſe Laſt ihrer Reichthümer und ihres ſtolzen Glanzes von ihr zu nehmen, und ſie zu einer Bettlerin zu machen, damit ſie einziehen könne in dieſe Pforte des Glückes! Und während ſie auf den Knien lag und ſo betete, kam ein junges Weib, in Lumpen gehüllt, aber mit roſigen Wangen und herrlich ſchöner Geſtalt daher gegangen. Als ſie die zu Boden ge⸗ ſunkene, weinende Prinzeſſin ſah, trat ſie mitleidig zu ihr, und fragte ſie um den Grund ihrer Schmerzen. „Ich bitte Gott, ſagte die Prinzeſſin, daß er mich zu einer Bettlerin mache, damit ich dieſe Pforte des Glückes überſchreiten kann.“— Das junge Weib lächelte: Arme Thörin, ſagte ſie, was biſt Du denn anders als eine Bettlerin? Glaubſt Du denn, daß Du aus einem andern Stoff geſchaffen biſt, als ich, und daß Gott ein Wunder vollführen muß, um Dich mir gleich zu machen? Bettler ſind wir Alle; Du in Deinem goldenen Gewande noch mehr, wie ich's in meinen Lumpen bin! Ich entbehre nichts, und darum habe ich Alles! Meiner Niedrigkeit mir froh bewußt, 153 habe ich mich meiner Lumpen nicht zu ſchämen, welche nichts weiter thun, als daß ſie meine Schönheit un⸗ verhüllt zeigen! Ich weiß, daß ich eine Bettlerin bin, Du aber liegſt auf Deinen Knien, und denkſt, indem Du zu Gott bettelſt, doch noch, daß Du etwas An⸗ deres biſt, als eine Bettlerin! Wirf Deine Goldge⸗ wänder von Dir und nimm die Hälfte meiner Lumpen! Dann wirſt Du glücklich ſein!— Aber die Prinzeſſin wandte ſich zürnend von ihr. Wie, ſagte ſie, ich, eine Prinzeſſin, ich ſollte die Lumpen anziehen, welche eine Bettlerin getragen? Nein, niemals werde ich mich ſo weit erniedrigen!“— Die Bettlerin lächte, und an der Prinzeſſin vorübergehend näherte ſie ſich der Hütte. Und die Thüren ſprangen auf, und von innen rauſchte eine liebliche Muſik, und ein edler hochge⸗ wachſener Jüngling, im leichten, griechiſchem Gewande, das Haupt mit Blumen bekränzt, trat auf die Schwelle, und breitete ſeine Arme nach dem Weibe aus. Plötzlich fielen die Lumpen von ihr, und in un⸗ verhüllter Götterſchönheit ſtand ſie da. Nur die Lum⸗ pen hatten ſie zu einer Bettlerin gemacht. Da ſie von ihr abfielen war ſie die Königin der Schönheit und die Prinzeſſin lag als Bettlerin in ihren goldgeſtickten Gewändern da!— Das ſchöne Weib aber trat in die Hütte, die Pforten ſchloſſen ſich hinter ihr, und — man hörte ein Jubeln und Singen von der Venus, welche den Apoll umarmt!— Und die Prinzeſſin? fragte Eudora nach einer Pauſe. Sie kehrte in ihren Pallaſt zurück und langweilte ſich zu Tode! Und die Moral! fragte Weltheim, indem er Ma⸗ rianen lächelnd ſeinen Dank zunickte. Die Moral iſt, ſagte Mariane lachend, daß es viel hübſcher und amüſanter iſt, eine Bettlerin, als eine Gräfin zu ſein! Während Prinzeſſin Eudora es verſchmähete eine Bettlerin zu ſein, und lieber in dieſe vornehme, langweilige Loge ſich zurückzog, war ich, die Bettlerin Mariane, da drunten im fröhlichen Gewühl, und wenn ich auch grade keinem Apoll begegnet bin, ſo habe ich doch allerlei luſtige und amuſante Ge⸗ ſchichten erlebt, und uns ein ſehr pikantes Amuſement bereitet! Nun, und das iſt? fragte Weltheim lächelnd, während Eudora gedankenvoll und ſinnend zur Erde blickte. Wir werden ſogleich hingehen, und mit dem Prinzen Aurelio ſoupiren! Beruhigen Sie ſich, Com⸗ teſſe! Er ahnt nicht, wer wir ſind, und hält mich für eine Dame der vornehmen Geſellſchaft, welche „— — 155 bis zum Sterben in ihn verliebt iſt! O es wird ein ſehr amüſantes Souper werden, denn der Prinz hat eine reizende Colombine mit ſich, und wir wollen das üppigſte und freudenvollſte Bacchanal halten, welches man wünſchen kann! Denken Sie doch, Comteſſe, Ihr Wunſch wird ſich endlich erfüllen, Sie werden ein pikantes und unerhörtes Amüſement haben! Nein, ich werde es nicht wagen, hier dem Prinzen zu begegnen! rief Eudora heftig. Die Scham würde mich tödten, wenn er mich erkennte! Die Scham für ihn und mich! Er wird uns nicht erkennen! Er hat mir ſein Ehrenwort gegeben unſer Maskengeheimniß zu ehren! Sehen Sie nun, Comteſſe, daß ich Recht hatte? flüſterte Weltheim. Der Prinz verſteht die Kunſt des Lebens, und ſein Gewiſſen macht ihm keine Vorwürfe, wenn er das Glück anderswo ſucht, als bei der Gräfin Schwanenkamp. Nein, nein, ich will nach Hauſe! rief Eudora in verzweiflungsvoller Angſt. Dieſe Luft verſengt mein Gehirn, dieſe wirbelnde Muſik, dieſes Jauchzen und Lachen da unten macht mich wahnſinnig. Zu meiner Mutter! Ich will zu meiner Mutter! Und in einer fieberhaften Aufregung dri ihre Maske vor ihr Geſicht, und eilte der Thüt 156 Mariane hielt ſie zurück. Sie dürfen ihre Mutter jetzt nicht ſtören, ſagte ſie mit komiſchem Pathos. Die Gräfin Schwanenkamp hält mit einem ſchönen und frommen Prediger neben uns in der Loge Nummer zwei eine fromme Bußübung! Eudora taumelte mit einem Schrei des Entſetzens zurück. Alexander Weltheim hielt ſie in ſeinen Ar⸗ men auf. Aber ſie ſtieß ihn heftig von ſich, und ſchritt wieder der Thür zu. Ich will ſehen, ob Mariane die Wahrheit ſprach, und wehe ihr, wenn ſie, wie ich über⸗ zeugt bin, eine Lüge geſagt! Wollen Sie Ihre Frau Mutter beſchämen? fragte Mariane. Wollen Sie hier einen Eclat machen, und der Welt von ſich zu reden geben? Nein, Comteſſe, verſprechen Sie mir lieber, daß wir zum Souper des Prinzen gehen, und ich verſpreche Ihnen dagegen, daß ich Ihnen die Gräfin zeigen will! Horch, hören Sie das Gläſerklirren und das luſtige Lachen hier hinter dieſer Wand? Das iſt die ſchöne Colombine, welche die Zeit nicht mehr erwarten kann und den Prinzen zwingt, Champagner zu trinken, noch bevor wir da ſind! Aber Geduld, Geduld, wir kommen ſchon und wir wollen auch unſern Antheil an dem Vergnügen einfordern! und auch unſern Antheil an der Liebe genießen! 3 157 flüſterte Alexander, während er den Arm Eudoren's nahm, und ſie, welche betäubt und willenlos ihm folgte, mit ſich fortzog.—— Einige Stunden ſpäter öffnete ſich die Thür der Loge Nummer vier, und Mariane ſchlüpfte auf den Corridor. Aus dem Innern der Loge hörte man das luſtige Gelächter, den tollen Jubel der Geſellſchaft des Prinzen. Man war jetzt zu dem Stadium des Baccha⸗ nals gekommen, in welchem alle Zurückhaltung aufhört, und aller Zwang ſchwindet. Der Prinz hatte ſchon manchen Scherz gewagt, der Eudoren unter der Maske erröthen gemacht, während die Tänzerin Sophie, des Prinzen Colombine, ihn mit hellem Gelächter begrüßte, und mit derberem Scherz beantwortete. Sie allein hatte die Maske abgelegt, und den kecken Muth gehabt, ihr glühendes Antitz zu zeigen, während Eudora ſchweigend und angſtvoll an Weltheim's Seite ſaß, und nur ſchüchtern zuweilen in das allgemeine Lachen miteinſtimmte. Mit deſto größerem Uebermuth hatte Mariane ihrer wilden und ſarkaſtiſchen Laune den Zügel ſchießen laſſen, und mit Weltheim in witzigen Bonmots und pikanten Scherzen gewetteifert. Man hatte ſo viel gelacht, ſo viel Champagner getrunken, daß man zuletzt in einer Art Taumel und Berauſchung ſich befand, an welcher das Lachen eben 158 ſo viel Antheil haben mochte, als der Wein. Es gab jetzt gar keinen Zwang mehr! Prinz Aurelio hatte ſeine Colombine im Arm, Eudora lehnte ihr Haupt an Weltheim's Schulter und lauſchte mit ſtockendem Athem ſeinen leidenſchaftlichen Zuflüſterungen. Dieſen Moment hatte Mariane benutzt, um die Loge zu verlaſſen. Draußen auf dem einſamen, ſtillen Corridor ſtand ſie einen Moment und überlegte, dann näherte ſie ſich mit feſtem Schritt der Logenthür, welche mit einer Zwei bezeichnet war, und horchte. Als ſie auch dort luſtiges Lachen und helles Gläſerklirren ver⸗ nahm, lachte ſie hell auf, und ein Ausdruck diaboliſcher Schadenfreude leuchtete in ihrem Antlitz auf. Sie beten noch, dieſe guten Heiligen, flüſterte ſie. Aber ich werde ſie aus ihren Entzückungen wecken! Und ſie klopfte laut und heftig an die Logenthür, und bat mit angſtvoller Stimme, ſchnell zu öffnen. Drinnen war auf einmal Alles ſtill geworden. WMariane wiederholte ihr Klopfen, indem ſie drohete, 3 Hülfe herbei zu rufen, wenn man nicht ſogleich die Thür öffnete. Endlich ward in der That aufgethan, und die hohe Geſtalt des frommen Prieſters zeigte ſich auf 6 Schwelle. Was wollen Sie? fragte er barſch. Nicht mit Ihnen beten, ſagte Mariane, ſondern Ihrer Begleiterin ein paar wichtige und nothwendige Worte ſagen! Meiner Begleiterin! Ich habe keine Begleiterin. Ach, Sie, ein ſo frommer und gottbegeiſterter Prieſter, Sie wollten die Sünde einer Lüge begehn. Sie, welcher nur hierher kam, um eine fromme buß⸗ fertige Gräfin zu prüfen, ob ſie die fleiſchliche Luſt ganz in ſich ertödtet habe, Sie wollen dieſe edle Bü⸗ ßerin verleugnen? Nun ſo werde ich Ihnen ihren Namen ſagen. Das iſt unnöthig, ſagte die Gräfin, welche in⸗ zwiſchen Zeit gefunden, ihre Maske und ihren Domino anzulegen, und ſich jetzt Marianen näherte. Es kommt gar nicht darauf an, für wen Sie mich halten, ſondern zu erfahren, was Ihnen das Recht gibt, hier einzu⸗ dringen? Die Sorge für Ihr Wohl! ſagte Mariane, und ſich an das Ohr der Gräfin neigend, flüſterte ſie: Prinz Aurelio iſt hier! Die Gräfin ſchrak zuſammen, und unterdrückte kaum einen Schrei des Entſetzens. Dann wieder Herr ihrer Ueberraſchung werdend, ſagte ſie: wer iſt Prinz Aurelio? Was kümmert er mich? 160 Sehr viel, Gräfin! Bedenken Sie, wenn er die Drohung wahr machte, mit welcher er Sie neulich in dem blauen Cabinete Ihres Palais ängſtigte. Wenn er Sie verließe und Ihrer frommen Bußübungen ſpottete. Wer ſind Sie, und woher wiſſen Sie das? fragte die Gräfin, erſtaunt einen Schritt zurücktretend. Ich bin Ihre Freundin, und bereit Ihnen zu dienen! Laſſen Sie vor allen Dingen dieſen ehrwür⸗ digen und frommen Herrn die Loge nicht verlaſſen, ſondern ruhig hier bleiben, und Sie, Gräfin, folgen Sie mir auf den Corridor. Die Gräfin folgte ihr ganz verwirrt und rathlos auf den Corridor. Wir ſind jetzt allein, ſagte ſie dann ſtrenge. Was wollen Sie von mir? Sie retten, Gräfin! Der Prinz weiß, daß Sie hier ſind! Er hat zu beiden Seiten dieſes Corridors Wächter aufgeſtellt, denen er Befehl gegeben, Niemand paſſiren zu laſſen, der nicht ſeine Maske abgenommen, und ſeinen Namen genannt. Aber dies iſt ungeſetzlich! Die Fürſten haben nicht nöthig in den Schranken des Geſetzes zu bleiben! Der Prinz wird daher un⸗ geſtraft die Ungeſetzlichkeit begehen, Ihre Demaskirung 161 zu fordern. Er will Sie eines Treubruches über⸗ führen, um dadurch das Recht zu haben, Sie zu ver⸗ ſtoßen, und mit Ihnen für immer zu brechen! Oh, mein Gott, mein Gott, was ſoll ich beginnen, wie mich retten! Ich will Sie retten! Hören Sie! Der Prinz hat mir heute Abend dieſe Nadel geſchenkt! Ah, ich ſehe, Sie kennen ſie, und Sr. Durchlaucht hat alſo die Wahrheit geſagt, wenn er behauptete, ſie von der Gräfin Schwanenkamp bekommen und geſchworen zu haben, ſie niemals fortzugeben. Und er gab ſie Ihnen? ſagte die Gräfin zähneknirſchend. Ja, er gab ſie mir, der Treuloſe, und hat auch mich doch ſchon wieder verlaſſen. Deshalb, Gräfin, komme ich zu Ihnen. Ich will mich rächen an dem ver⸗ rätheriſchen Prinzen. Hören Sie alſo! Der Prinz kennt mich nur an dieſer Nadel. Er hat mein Geſicht nicht geſehen und ahnt nicht, wer ſich darunter verbirgt. Dieſe Nadel iſt das Erkennungszeichen. Nehmen Sie ſie alſo und nehmen Sie auch meinen Domino, wech⸗ ſeln wir die Kleider. Dann gehen Sie in die Loge, welche ich eben verließ, und ſetzen ſich auf den leeren Platz neben der zweiten männlichen Maske. Und wenn Sie dann ſehen, wie der Prinz ſeine ſchöne E 1 162 Colombine küßt, ſo nehmen Sie Ihre Maske ab und zeigen Sie ihm ihr erzürntes, weinendes Angeſicht. Sagen Sie ihm, daß Sie nur hierher gegangen ſind, weil Sie wußten, daß er hier ſein würde, und weil Sie ſich überführen wollten, daß er wirklich ein Treu⸗ loſer und ein Meineidiger gegen Sie geweſen. Sagen Sie, daß Sie darum ſich an ihn gedrängt und die Einladung zum Souper angenommen hätten, und wenn er an Ihnen zweifeln will, ſo zeigen Sie ihm die Nadel, welche er Ihnen heute Abend geſchenkt und um welche Sie ihn gebeten, weil Sie ſehen woll⸗ ten, ob er ſeinen Schwur brechen würde. Oh, Sie ſind mein rettender Engel, ſagte die Gräfin, und Gott ſelber hat Sie zu meinem Bei⸗ ſtand hieher geſandt. Schnell, ſchnell, drängte Mariane, tauſchen wir jetzt unſere Dominos und geben Sie mir den Ihrigen. So! Aber legen Sie auch jenes koſtbare Bracelet ab; es würde dem Prinzen auffallen, weil er es zuvor nicht an meinem Arm geſehen. Geben Sie es mir, Sie haben ja dafür meine Nadel zum Pfand. Wenn Sie als Siegerin wieder die Loge verlaſſen, ſo wech⸗ ſeln wir Radel und Bracelet wieder um. Ich werde hier vor Ihrer Logenthür ſtehen und Sie erwarten. Die Gräfin, welche den Domino angelegt, löſte — „— — — 163 das koſtbare Armband ab und reichte es Marianen dar. Sie fand dieſen Tauſch ſo ganz natürlich; es fiel ihr gar nicht ein, noch ein anderes Motiv dieſes vorgeſchlagenen Tauſches zu ſuchen! Nun ſchnell, ſchnell, und thuen Sie, wie ich Ihnen ſagte. Und ſie drängte die Gräfin nach der Loge des Prinzen hin. Es iſt ein gewagter Schritt, aber ich ſehe wohl, daß es keine andere Rettung gibt, murmelte die Gräfin, als ſie in die Loge eintrat und den von Ma⸗ rianen bezeichneten Platz einnahm. Mariane, welche die Thür angehalten hatte, da⸗ mit ſie nicht in's Schloß fallen könnte, ſtand an der Spalte und lauſchte mit lächelndem Geſicht und klo⸗ pfendem Herzen der kommenden Scene entgegen. Als die Gräfin den Platz eingenommen, hatte Alexander Weltheim, der Verabredung mit Marianen gemäß, ſeinen Sitz verlaſſen und Eudoren mit ſich fortgezogen auf den kleinen Divan, welcher ſi ſich un⸗ mittelbar neben der Thür befauht Sie waren da⸗ durch dem Ausgang um ſo näher und zu rechter Zeit ſich retten. . Eben hatte der Prinz mit lallender Zunge ſeiner Colombine eine ſeiner feurigſten und glühendſten Lie⸗ 1 164 beserklärungen gemacht, als die Gräfin plötzlich ihre Maske abriß und den entſetzten Prinzen ihr zürnen⸗ des, todesbleiches Antlitz ſehen ließ. Eudora, nicht minder entſetzt als der Prinz, barg ihr Haupt an Alexander's Schulter und murmelte leiſe einige unverſtändliche Worte, während die Co⸗ lombine mit lallender Zunge die zweite Strophe eines obſcönen Liedes begann, in welcher die Liebeserklä⸗ rung des Prinzen ſie vorher unterbrochen hatte. Eine Pauſe trat ein. Dann entſpann ſich zwi⸗ ſchen dem Prinzen und der Gräfin eine jener leiden⸗ ſchaftlichen und heißen Scenen, wie ſie deren ſchon hundertfach erlebt, nur daß dies Mal die Gräfin die 6 Zürnende und Aufgebrachte und der Prinz der über⸗ führte Sünder und Verräther war. Schnell, ſchnell, flüſterte Mariane, Sie jetzt, ehe die Gräfin verlangt, daß Sie ſich demas⸗ kiren. Kommen Sie, Alexander, kommen Sie! ſagte Eudora, ſich ängſtlich an Weltheim anklammiernd. Retten Sie mich vor meinem Vater, vor meiner Mutter! W Es war das erſte Mal, daß ſie ihn„Alexander nannte. Weltheim hatte es ſehr gut gehört, und 6 ——— 165 grauſames Lächeln ſtand auf ſeinen Lippen, als er mit Eudoren auf den Corridor hinaustrat. Nach Hauſe! Ich will nach Hauſe! bat Eudora ſchluchzend und zitternd. Nur noch einen Moment, eine kurze Viertel⸗ ſtunde, ſagte Mariane, kehren Sie mit meinem Couſin in unſere Loge zurück. Ich werde bald wieder bei Ihnen ſein. Ich habe der Gräfin verſprochen, ſie hier zu erwarten, und ich muß Wort halten. Kommen Sie, Comteſſe, ſagte Alexander mit ſeiner ruhigen unterwürfigen Stimme. Mein Gott, weshalb zaudern Sie? Oh, Sie wiſſen wohl, daß ich Ihnen niemals gefährlich ſein kann und daß meine Seufzer und meine Thränen niemals dieſe Kluft aus⸗ füllen können, welche mich von Ihnen trennt. Fürch⸗ ten Sie mich alſo nicht! Oh, ich fürchte Sie nicht! ſagte Eudora mit einem letzten Aufbieten ihres Stolzes, welcher Welt⸗ heim raſend machte vor Zorn. Immer noch, immer noch die ſtolze Gräfin, mur⸗ melte er, während er mit einem finſtern Blick des Haſſes ihr in die Loge folgte. Dieſes letzte Wort war ihr Todesurtheil. Ihr Verderben war beſchloſſen, ſie hatte mit dieſem Wort —————— ———————— 166 ſtolzer Zuverſicht den letzten Funken des Erbarmens in Weltheim's Bruſt ertödtet. Die Thür der Loge ſchloß ſich hinter ihnen. Drin in der Loge des Prinzen ging die Scene weiter, und die fromme Gräfin ſpielte die gekränkte Liebende mit eben ſo vieler Meiſterſchaft, als nachher die Rolle der großmüthig Verzeihenden. Sie hob den Prinzen, welcher ſich auf ein Knie vor ihr niederge⸗ laſſen, mit Thränen des Entzückens in ihre Arme empor, und Beide tauſchten ſie Schwüre erneuerter Zärtlichkeit mit einander aus, welche die ſchöne Co⸗ lombine, die indeſſen berauſcht von Wein in einen tiefen Schlaf geſunken war, mit lautem Geſchnarch begleitete. Endlich trat die Gräfin am Arm des Prinzen aus der Loge hervor und ihr Blick ſpähete nach ihrer geheimnißvollen Retterin umher. Aber der Corridor war leer, Niemand ließ ſich ſehen. Zögernd und gedankenvoll, immer umherſchauend nach dem räthſelhaften Domino, folgte ſie dem Prin⸗ zen die Treppe hinunter. Hier wogten die Menſchen auf und ab, und nur mit Mühe konnte man vorwärts gelangen. 167 Plötzlich fühlte ſie mitten im Gedränge ihre Schul⸗ ter leicht berührt, und der Domino ſtand neben ihr. Nun, Gräfin, raſch meine Nadel! flüſterte ſie. Die Gräfin reichte ſie ihr dar. Sie ergriff ſie haſtig, und mit einem hellen, luſtigen Lachen ſprang ſie die Stufen der Treppe hinab und verlor ſich im Gewühl. Mein Armband! rief die Gräfin. Ihr Armband? fragte der Prinz, welcher gar nichts von dieſer raſchen und ſtummen Stcene gewahr geworden. Ich habe nicht geſehen, daß Sie ein Arm⸗ band trugen. Doch, mein Freund! Ich trug es unter dem Aermel meines Domino. Ich habe es ſo eben im Gedränge verloren. Nun, laſſen Sie es! Ich werde Ihnen morgen zwei andere dafür ſchenken, und ſo ſchön und prachtvoll, wie nur der Juwelier ſie mir verſchaffen kann. Mariane war indeß nach kurzer Zeit wieder die Treppe hinaufgeſchlüpft und wieder zu dem einſamen, ſtillen Corridor gelangt. Das war in der That ein brillanter und koſt⸗ barer Abend! flüſterte ſie, indem ſie das Armband 168 mit den Brillanten beim Schein der Lampe funkeln ließ. Ich bin mit meiner Soirée zufrieden.— Als Mariane in die Loge trat, lag Eudora ohn⸗ mächtig auf dem Divan, während Weltheim zu ihren Füßen kniete. —— —.—— —— X. Die Toilette des Prinzen. Weinz Aurelio hatte eben erſt ſein Schlafzimmer verlaſſen und lag, in ſeinen weiten türkiſchen Schlaf⸗ rock eingehüllt, auf dem ſammtnen Divan ſeines Bou⸗ doirs. Dieſes reizende kleine Gemach, an deſſen mit koſtbaren ſeidenen Tapeten überkleideten Wänden ſich einige der ſeltenſten und herrlichſten Meiſterwerke der Malerei befanden, deſſen Fußboden mit ſchweren tür⸗ kiſchen Teppichen bedeckt war, und in deſſen von goldgeſtickten Vorhängen beſchatteten Fenſterniſchen auf zierlichen Eſtraden die herrlichſten exotiſchen Blu⸗ men und Gewächſe ſtanden, dieſes reizende kleine G. mach ſchien ganz dazu geeignet, um dem Bewohn deſſelben das Gefühl der Behaglichkeit und des 170 dens einzuflößen. Aber der Prinz fühlte ſich weder behaglich noch friedenvoll.* Die aufregenden Ereigniſſe dieſer Nacht hatt Seine Durchlaucht außerordentlich erſchöpft, ie fühlten ſich jetzt eben ſo ermattet und abgeſpanntls ſie in dieſer italieniſchen Nacht ſich heiter und ange⸗ regt gezeigt hatten. Dieſe Abſpannung, welche der Champagner und das luſtige Bacchanal verſchuldet hatte, gab dem Prinzen allerlei zu denken, und dieſe Gedanken er⸗ füllten ihn mit einem fröſtelnden Unbehagen., Der Prinz konnte es ſich nicht mehr verleugnen er ward alt! Selbſt ſein Fürſtenrang und Pine exclu⸗ ſive, über der gewöhnlichen Menſchheit emeragende Stellung, ſie konnte ihn nicht vor der Hinfälligkeit des Alters beſchützen, und ſo ſehr„Fürſt“ er immer ſein mochte, fühlte er jetzt doch die Gebrechlichkeit Menſchennatur ihre Gewalt über ihn ausüben. Er, welcher erhaben war über dem Geſetz, er te doch dem allgemeinen Geſetz der Welt ſich en und der allgemeinen Weltregierung ſich unter⸗ „ trotz ſeines Fürſtentitels und des Sterns auf Bruſt! Das ſchwache Menſchenthum beſiegte ſolzen Fürſten in ihm. e ward alt! Wie ſehr ſeine Höflinge auch 171 bemüht waren, es ihm zu verhehlen, wie viel Ge⸗ ſchicklichkeit ſein treuer und verſchwiegener Kammer⸗ diener auch auf die fürſtliche Toilette verwenden mochte, der Fürſt ſelber konnte es ſich dennoch nicht mehr verbergen und ſich nicht mehr belügen, wie ſeine Höf⸗ linge es ihm thaten,— er ward alt! Seine ſechszig Jahre forderten ihr Recht, ſie waren nicht ungeſtraft an dem fürſtlichen Haupte vorübergegangen, ſeine wilde Jugend, der maßloſe Rauſch ſeines ganzen Lebens, er rächte ſich jetzt an ihm.— Er hatte ſich mächtig und ſtark gedünkt, gleich dem Jupiter, und mußte jetzt mit Entſetzen inne werden, daß ein Fürſt ein ſchwacher Menſch iſt, wie der Bettler! Dies war eine ſehr traurige Wahrnehmung, aber er konnte ihr die Augen nicht mehr verſchließen. Er hatte den goldenen Handſpiegel genommen und ſchaute mit prüfenden Blicken hinein.— Welch ein Bild der Erſchlaffung und des Greiſenthums war es, welches ihm da entgegenſtarrte! Dieſe trüben, glanzloſen Augen mit den hängenden Säcken und den bläulichen Rändern darunter, waren das die Augen, deren ſtrahlender Blick Gnade oder Ungnade zu ver⸗ leihen hatte? Dieſe welken, hängenden Wangen, dieſe ſchmalen eingefallenen gpe mit dieſem Zug unend⸗ licher Erſchöpfung und Langeweile, dieſe zerſel ige er⸗ 30 ike zu. uch ibt der nt⸗ nn ers pen an ühl ſei, bge⸗ dürre Geſtalt,— der Prinz warf mit einem Aus⸗ druck zürnenden Mißmuthes den Spiegel fort. Er wollte mindeſtens den Wurm nicht ſehen, welcher ſeine Schönheit und ſein Leben unterwühlte und aus dem gebietenden Fürſten und Herrn endlich einen verſchrumpften, ſchlotternden Greis machen mußte! Ich will nicht alt werden, ſagte er heftig. Ich will dieſer kleinlichen, erbärmlichen Menſchenrage nicht die Schadenfreude gönnen, mich hinfällig und ſchwach zu ſehen. Mein Gott, wir nennen uns die Götter dieſer Erde, und ſind doch ſo jammervoll klein und ſchwach, daß wir nicht einmal die Rünzeln aus unſerm An⸗ geſicht verbannen und unſern Zähnen gebieten können, in ihren Höhlen zu bleiben! Welch ein entſetzlicher, heimtückiſcher Feind aller Größe und Herrlichkeit iſt doch das Alter! Wir thun nichts, als daß wir leben, als daß wir dieſe Welt genießen, über welche wir als Herren und Gebieter geſetzt ſind! Und während wir nur leben, wohnt ſchon der Tod in uns und hat ſeinen Bruder, das Alter, in unſerer Bruſt verſteckt. Der arbeitet ihm vor, der zieht anfangs leiſe, dann immer ſtärker, immer gewaltiger ſeine Linien durch unſer Angeſicht, der ſchaut hier mit boshafter Scha⸗ denfreude aus den hängenden Mundwinkeln hervor —— —Mt Seee ee————— 173 und verwandelt unſer Lächeln allgemach in ein wider⸗ liches Grinſen, der pfeift ſein teufliſches Lied durch die Zahnlücken unſeres Mundes und wiſcht die Röthe der Jugend von unſern Wangen, um auf dieſe welke bleiche Tafel die Jahreszahl unſerer Geburt aufzu⸗ zeichnen und mit unerbittlicher Grauſamkeit zu ent⸗ hüllen, was wir ſo ſorgſam verborgen hatten! Ach, es iſt ein grauſamer Feind, das Alter, doppelt grau⸗ ſam, weil er nur unſere Geſtalt, nicht aber auch unſer Herz alt und hinfällig macht! Das Herz bleibt jung, und dieſe Jugend des Herzens, das iſt der wahre Fluch des Alters! Aber auch ſein letztes Ent⸗ zücken! Mein Gott, wie arm und elend wäre ich, wenn ich mir wenigſtens nicht ein junges, feuriges Herz be⸗ wahrt hätte, deſſen Gluth der Schwäche meines Körpers zuweilen noch wieder aufhilft und mich zu den Ent⸗ zückungen meiner ſchönern Tage begeiſtert! Das Leben iſt ſo langweilig und abgeſchmackt, wie ſollte man es ertragen, wenn nicht die Liebe ihm noch einige Würze verliehe! Und der Prinz lehnte ſich behaglich in die Kiſſen zurück und verweilte mit einem ſtolzen Selbſtgefühl bei dem erhebenden Gedanken, daß er verliebt ſei, verliebt trotz ſeiner ſechszig Jahre und ſeines nutzten Herzens. 174 kleine Geſellſchafterin der Gräfin Schwanen ampe Hatte man je ſo viel Bosheit und Coqurtter 1 Anſchein der Herzensgüte und Beſcheibenheit geſehen? War's nicht unendlich beluſtigend, dieſen kleinen Teu⸗ fel zu ſehen, welcher es verſtand, vor der Welt die Miene eines Engels anzunehmen? Alles gefiel ihm an ihr, ſelbſt ihre Habſucht und ihre Luſt an Ge⸗ ſchenken. Es war das ſo kindlich naiv, ſo rührend komiſch! Am meiſten aber gefiel ihm, daß alle Welt ſie für etwas Anderes hielt, als ſie wirklich war, daß Jedermann ſie für ein ſchüchternes, ſittſames, junges Mädchen hielt, und er allein das kecke, von gar keinem Vorurtheil befangene Weib ahnte, welches ſich da⸗ hinter verbarg. Ich will ſie zwingen, ſich vor mir zu entlarven, ſagte er zu ſich ſelber, und mich ihre ganze hinrei⸗ ßende Teufelei ſehen zu laſſen. Mein Gott, es iſt ſo ungeheuer langweilig, ewig nur mit Weibern zu verkehren, welche, ſo große Sünderinnen ſie immer ſein mögen, ſich dennoch immer den Anſchein geben, als beweinten ſie ihre Tugend, und nur die Liebe zu dem Einen, der im Grunde doch nur der Nachfolger von zehn Anderen geweſen, habe ihre Principien und ihre Tugend wankend gemacht. Es ſind immer die⸗ War ſie nicht aber auch wirklich allerliebſt, dieſe —— —.———————— ſelben Phraſen, dieſelben Redensarten, und das iſt unendlich langweilig! Aber Mariane gleicht nicht die⸗ ſen gewöhnlichen Weibern. Sie iſt ſo ganz und gar ein kleiner Dämon, daß ſie im Stande wäre, glaube ich, über dieſe ſogenannte Tugend zu ſpotten und mit lachendem Muth der Verachtung der Welt entgegen⸗ zutreten. Eine ſolche Geliebte zu haben, wäre das nicht ein allerliebſter, ganz neuer und pikanter Zeit⸗ vertreib? Und wie, wäre das nicht möglich? Habe ich nicht lange ſchon in Marianen's Blicken geleſen, daß ſie mich liebt? Hat es mir das Zittern ihrer Stimme, das Wogen ihres Buſens nicht lange ſchon verrathen? Es bedarf nur, daß ich die Hand ausſtrecke, um dieſe Roſe zu pflücken! Und bei Gott, das will ich! Er griff mit haſtigem Ungeſtüm nach der ſilber⸗ nen Klingel und ſchellte. Nun ſchnell, ſagte der Prinz zu dem eintreten⸗ den Kammerdiener, ſchnell an meine Toilette! Der Kammerdiener verbeugte ſich mit einer Art Feierlichkeit und begann ſein ſchwieriges Werk mit der Miene eines Feldherrn, der ſeine Truppen in die Schlacht führt. Er hatte allerdings dem Prinzen auch einen Har⸗ niſch anzulegen, aber nicht um ihn gegen feindliche Kugeln, ſ um ihn gegen das Zuſammenſinken 5½ 176 und die Gebrechlichkeit des Alters zu ſchützen. Dieſer Harniſch beſtand in einem ſeidenen Corſet, das ver⸗ möge des Fiſchbeins und der Watte dem Prinzen Feſtigkeit und Haltung verlieh und ihm zugleich eine volle breite Bruſt und einen ungebeugten Rücken gab. Der Prinz, welcher eben noch ein ſchwacher, hin⸗ fälliger Greis geweſen, hatte jetzt die volle ſchöne Geſtalt eines kräftigen Mannes. Er betrachtete ſich daher mit einem wohlgefälligen Lächeln in dem großen Trumeaux, dem zweiten, unentbehrlichen und ver⸗ traulichen Rathgeber ſeiner Morgenſtunden, und ſagte ſich ſelber, daß dieſes volle kräftige Bein, dieſe breite, gewölbte Bruſt ſehr wohl im Stande ſein möchte, Beifall zu erregen. Was das Geſicht anbelangt, ſo hütete er ſich wohl, zu demſelben emporzublicken, denn dieſes Geſicht war noch im Negligée,— es mußte erſt, wie ſeine Geſtalt, Toilette machen. Dies war natürlich das ſchwierigere Werk, und es erforderte die ganze Meiſterſchaft des Kammerdieners Louis, welcher jetzt im vollen Gefühl ſeiner Feldherrn⸗ kraft den Kampf gegen den unerbittlichen Feind, das Alter, begann und ſich anſchickte, ihm auf dem Ant⸗ litz des Fürſten eine Schlacht zu liefern. Er zog die goldgeſtickte Sammetkappe von dem Haupte des Fürſten, und ſein kahler, nur hie und 177 da von einigen weißen Haaren angehauchter Schädel ward ſichtbar. Louis rieb ihm die Kopfhaut mit ſtärkenden Salben und Eſſenzen, während er zugleich ſeinem fürſtlichen Herrn eine begeiſterte Lobrede über ſeinen herrlich geformten Kopf und die erhabenen Wölbungen ſeiner Stirn machte.— Er hatte dieſe Lobreden ſeit zwanzig Jahren täglich wiederholt, und ſeit zwanzig Jahren hatte der Prinz ſie immer mit demſelben Be⸗ hagen und derſelben Ueberzeugung der Wahrheit ver⸗ nommen! Plötzlich aber faßte Louis die ſchlaffe welke Kopf⸗ haut in der Mitte des Schädels und zog ſie mit einem kühnen Griff zuſammen. Der Prinz ſtieß einen Schrei des Schmerzes aus und ein heftiges Scheltwort ſchwebte ſchon auf ſeiner Lippe, aber er hielt es zu⸗ rück und zwang ſich ſogar zu einem Lächeln, denn er dachte daran, daß ſein Kammerdiener ein ſehr wunderlicher, eben ſo ſtolzer als eigenſinniger Toi⸗ lettenkünſtler ſei, um den man den Prinzen ſchon vielfach beneidet hatte. Louis hatte nur nöthig zu dem reichen Lord Norhill, deſſen Kammerdiener kürzlich geſtorben war, zu gehen, und der Lord, deſſen Reich⸗ thum bei weitem das Vermögen des Prinzen Aurelio überragte, der Lord wäre im Stande, dem Sh 178 Kammerdiener Louis das Vierfache ſeines jetzigen Ge⸗ haltes zu bieten, ein Erbieten, welchem der geldgie⸗ rige Louis ohne Zweifel nicht widerſtehen könnte oder möchte. Man mußte dem Kammerdiener daher freundlich und liebreich begegnen, und der Prinz, ſo erhaben und mächtig er immer ſein mochte, mußte ſich ſchon entſchließen, den Unwillen gegen ſeinen Kammer⸗ diener zu verbergen und ihm ein wohlwollendes Lächeln zu zeigen. Ich bitte Dich, mein lieber Louis, ſagte er da⸗ her mit freundlichem Ton, faſſe die Haut ein wenig lockerer. Ich habe geſtern den ganzen Tag an un⸗ ſäglichen gelitten. Du hatteſt ein wenig zu feſt gebunden. Ew. Durchlaucht wollen alſo nicht mehr der ſchöne und jugendliche Mann ſein, welcher Sie wirk⸗ lich ſind? fragte Louis mit traurigem Seufzen. Der Prinz ſah ihn entſetzt Weshalb fragſt Du das? 6 * Weil Sie mir befehlen, dieſe Schädelhaut lockerer zu binden, woraus in ganz natürlicher Folge einige Falten auf Ihrer erhabenen Stirn zurückbleiben müſſen. Sehen Sie ſelbſt, Durchlaucht, ſobald ich die Haut in dieſer Weiſe, alſo lockerer, ſaſPleitt hier übe den Augenbrauen eine tiefe Furche ſtehen, die Shrh ſtaunenswürdigen Schönheit ein wenig Abbruch thut. Du haſt Recht, Du haſt Recht, Louis, und ich bitte Dich, binde nur recht feſt, damit dieſe abo⸗ minable Runzel verſchwindet. Und der Prinz biß die Zähne auf einander und ſtieß nicht einen einzigen Seufzer aus, ſo feſt Louis auch immer die Schädelhaut packen und mit der ſei⸗ denen Schnur aufbinden mochte. Seine Stirn war jetzt faltenlos und feſt,— man mußte alſo die Schmerzen überwinden und ſich mit dem Zweck derſelben zu tröſten ſuchen. Uebrigens war ja auch dies die einzige ſchwierige Parthie der fürſtlichen Toilette. Alles Uebrige war ſo einfach und ſo natürlich. Louis ſetzte ihm mit leichter ſicherer Hand die braun⸗ R gelockte Perrücke auf, welche die„ſchöngewölbte“ Stirn des Prinzen erſt mit einem würdigen und kleidſamen Rahmen u gab; er drückte mit einem einzigen kühnen Griff das Gebiß in den Mund des Prinzen, welcher jetzt im Schmuck zweier Reihen blendend weißer Zähne . prangte; er färbte ihm den Bart und kräuſelte ihn mit dem glühenden Eiſen. Aber dies Alles war doch nur erſt die gröbere Anlage, die Untermalung des Bildes,— die — S⸗ — Ausführung, die Glanzlichter des Gemäldes, fehlten noch. Dieſe Wangen waren immer noch eingefallen, welk und grau, die Augen waren immer noch glanz⸗ los und trübe. Es fehlten, wie geſagt, dem Gemälde noch die Glanzlichter.— Aber der Kammerdiener hielt ſie ſchon bereit. Er reichte dem Prinzen mit einer ehrfurchtsvollen Verbeugung zwei runde in der Mitte gewölbte Stücken Kork dar, welche der Prinz ſich am Ende ſeiner glän⸗ zenden Zahnreihe zwiſchen dem Gebiß und der innern Wangenhaut befeſtigte. Dadurch wölbte ſich außen die Wange und es blieb nur noch übrig, ihr die Bläſſe zu nehmen. Zu dieſem Zweck gab es indeß zwei Mittel. Das erſte war dieſe ſteife Atlasbinde, welche Louis mit großer Kraft um den prinzlichen Hals ſchnallte und welche, indem ſie den Prinzen faſt er⸗ würgte, dadurch bewirkte, daß das u zu ſeinem Kopf emporſtieg und ſeine Wangen röthete. Das zweite Mittel indeß war künſtlicherer Art. Es beſtand in einer Tinctur, von der man einige Tropfen in eine kleine, mittelſt einer Lancette in den Schläfen angebrachte Wunde goß und deren ätzende Stärke das Blut in die brennenden Wangen trieb. Es war M dies eine neue Art der Schminke, welche außer dem Prinzen Aurelio und der Herzogin von S nur Wenigen noch bekannt iſt und für welche der Prinz dem Erfinder der Tinctur alljährlich ein Jahrgeld zah⸗ len mußte, das genügt haben würde, um mehr als Eine hungernde und darbende Familie von ihrem Elend zu erretten. Prinz Aurelio hatte jetzt volle, geröthete Wangen und nur die Augen zeigten ſich noch trübe und glanzlos. Der Kammerdiener nahm jetzt einen feinen ſpitzen Pinſel und tauchte ihn mehrmals in die kleine Por⸗ zellanſchale, in welcher ſich etwas aufgelöſte chineſiſche Tuſche befand. Nachdem der Pinſel genug von der Farbe eingeſogen, zog Louis mit demſelben unmittel⸗ bar unter dem untern Augenlid des Prinzen, unter den kleinen Wimpern von einem Ende des Auges bis zu dem andern einen ſchmalen Strich. Vermöge die⸗ ſes einfachen Mittels„ das bekanntlich von den Sultaninnen des türkiſchen Harems angewandt wird, gewannen die Augen an Größe und Glanz und er⸗ hielten jenen eigenthümlichen, feuchten Schimmer, der, in den Augen eines ſchönen Weibes geſehen, von ſo bezaubernder Wirkung iſt. Das Werk war vollendet, der Kammerdiener 182 Louis machte ſeinem erhabenen Gebieter eine ehr⸗ furchtsvolle Verbeugung und half ihm alsdann beim Anlegen der Kleider. Gnädigſter Herr, ſagte er, Sie ſind heute von überraſchender Schönheit! Zeus und Apollo in Einer Perſon! Nur daß mir als Apoll die neun Muſen und als Zeus die Semele, die Danae und einige andere bezaubernde Schönheiten fehlen! Es hängt nur von dem Willen Ew. Durchlaucht ab, ſich mit ſolchen Schönheiten zu umgeben. Glaubſt Du, Louis? Aber nein, es geht zu Ende mit der Jugend! Wir werden alt! Alt! rief Louis mit dem Ton ſchmerzlicher Em⸗ pörung. Ew. Durchlaucht haben ſich alſo heute noch nicht ein einziges Mal im Spiegel betrachtet! Ew. Durchlaucht wollen alſo Ihre eigene Schönheit läſtern und es nicht begreifen, daß Dieſelben, wie Sie in allen Dingen über die gewöhnliche Menſchheit empor⸗ ragen, auch darin Sich über ſie erheben, daß das Alter keine Macht über Sie hat und nicht im Stande iſt, Ihre ewige Jugendſchönheit zu zerſtören. Haben Ew. Durchlaucht nur die Gnade, ſich ein einziges Mal in dieſem Handſpiegel zu betrachten, und wiederholen —— Sie alsdann, wenn Sie es wagen, daß es mit der Jugend zu Ende geht! Der Prinz nahm mit einem gnädigen Lächeln den Handſpiegel aus der Hand ſeines erzürnten Kammer⸗ dieners und betrachtete ſich in demſelben. Wie wenig glich dieſes Geſicht, welches ihm jetzt daraus entgegenlächelte, dem grauſigen Bilde, das ihn zuvor ſo entſetzt hatte! Aber der Prinz hütete ſich wohl vor einem Ver⸗ gleich. Er hatte es ganz vergeſſen, mit welchen Mit⸗ teln die Kunſt der Natur hatte zu Hülfe kommen müſſen. Er legte mit dem Ausdruck der Zufriedenheit den Spiegel bei Seite, und ſeinem Kammerdiener gnädig zunickend, ſagte er: Du haſt Recht! Wir haben uns noch ein wenig von dem Glanz unſerer Jugend er⸗ halten! Wir können zufrieden ſein mit unſerer Natur. Ein leiſes Klopfen an der Tapetenthür ließ ſich jetzt vernehmen, und nach erhaltener Erlaubniß erſchien der Haushofmeiſter des Prinzen, um Seiner Durchlaucht auf ſilbernem Präſentirteller die Speiſekarte für das heutige Diner zu überreichen. Dies war jeden Morgen eine ſehr wichtige An⸗ gelegenheit, welcher Seine Durchlaucht ſich mit allem Ernſt und allem Nachdenken widmete. . 184 Er fragte nach der JZuſammenſetzung der ver⸗ ſchiedenen Speiſen und ließ ſich mit feierlicher Wich⸗ tigkeit in eine Erörterung über die Behandlung der Trüffeln ein, mit denen die Rebhühner gefüllt werden ſollten; er beſtimmte die Reihenfolge der Speiſen und die verſchiedenen Weinſorten, welche zu denſelben vaßten; er ſprach mit der Gelehrſamkeit eines Küchen⸗ meiſters von der Bereitungsart der Cremes, ohne deshalb doch nur einen Moment ſeiner Erhabenheit und ſeiner Würde zu vergeſſen oder ſeiner ſtolzen Herrlichkeit uneingedenk zu ſein. Nachdem dieſe wichtige Berathung zu Ende war und der Prinz ſeinen Kammerdiener und ſeinen Haus⸗ hofmeiſter entlaſſen hatte, ließ er ſeinen Adjutanten vor ſich und fragte nach den Perſonen, welche im Vorzimmer vielleicht ſich zur Stunde der Audienz möchten eingefunden haben. — —— — V. Der Prim und der Journaliſt. S⸗ war indeß heute nur Eine Perſon erſchienen, aber dieſelbe hatte ſehr dringend um eine Audienz ge⸗ beten, weil ſie Seiner Durchlaucht ſehr wichtige Ge⸗ gutiit mitzutheilen habe. Dieſe Perſon nannte ſich Doctor Alexander Weltheim. Ah, ich kenne ihn! rief der Prinz lebhaft. 8ch ſah ihn in den Soiréen der Gräfin Sn Laſſen Sie ihn eintreten. Er iſt der Couſin meines kleinen Dämons, mur⸗ melte der Prinz in ſich hinein, und dieſer Gedanke machte, daß er dem Eintretenden mit einem gnädigen Kopfnicken ſogar einige Schritte entgegenging und einige freundliche Worte der Bewillkommnung an ihn richtete. 6 Indeß Alexander Weltheim behielt ſeine feierliche und ernſte Haltung, und einen Seitenblick auf den wieder eintretenden Adjutanten werfend, bat er Seine Durchlaucht um eine ganz geheime Audienz. Der Prinz winkte ſeinem Adjutanten. Und nun laſſen Sie hören, ſagte er, nachdem dieſer das Zimmer verlaſſen hatte, was haben Sie mir ſo Geheimnißvolles zu ſagen, daß das Ohr keines Dritten es vernehmen darf? Er warf ſich mit graziöſer Nachläſſigkeit auf den Divan und betrachtete Weltheim, welcher in ehrerbie⸗ tiger Haltung vor ihm ſtand, mit neugierigen, ſchar⸗ fen Blicken. Es kommt ihm nicht in den Sinn, mir einen Seſſel anzubieten, dachte Weltheim; er findet es ſo ganz natürlich, daß ich ſtehend das hohe Glück einer Audienz genieße. Oh, der Tag der Rache wird kom⸗ men, und dann werde ich auch ihn demüthigen. Er iſt ſehr ſchön, dachte der Prinz, es ſollte mich gar nicht wundern, wenn Mariane Gefallen an ihm fände. Ich werde ihn zu erforſchen ſuchen! Sprechen Sie, junger Mann, ſagte er milde. Weltheim's Geſicht war ernſt und demuthsvoll, 187 nicht Ein Zug deſſelben verrieth den Haß und Rache⸗ durſt, welcher ihn erfüllte. Durchlaucht, ſagte er, Sie müſſen verzeihen, wenn ich zuerſt es wage, Denſelben von meiner Per⸗ ſon, ſo unbedeutend ſie immer ſein mag, einige Worte zu ſagen. Aber es gehört zur Sache. Ich bin bei der Redaction einer hieſigen Zeitung angeſtellt und habe die Leitung des Feuilletons derſelben übernommen. Oh, eine ſehr wichtige Stellung, ſagte der Prinz mit einem geringſchätzenden Lächeln, welches Alexander Weltheim nicht entging. Wichtiger vielleicht, als es im erſten Moment den Anſchein hat, ſagte er. Wenigſtens beabſichtige ich, dieſes Feuilleton zu einer Wichtigkeit zu erheben. Ich will, daß die Uebelthäter, welcher Region und wel⸗ chem Stande ſie immer angehören mögen, vor dieſem Feuilleton erzittern ſollen, denn ich werde ihre Thaten mit ſchonungsloſer Wahrheit enthüllen und ihre Ver⸗ brechen der Welt verrathen, unter wie dichten Schleiern ſie dieſelben immer verbergen mögen. Ich will die öffentliche Meinung zum Richter aufrufen, damit ſie das Laſter beſtrafe und die Tugend belohne, damit ſie Lohn und Strafe mit unerbittlicher Strenge austheile. Oh, in der That, ein großartiges Unternehmen, ſagte der Prinz mit einem leiſen Anflug von Ironie, nur werden Sie bei demſelben einige Schwierigkeiten finden! Sie glauben, Durchlaucht? Und welcher Art möchten dieſe ſein, wenn ich bitten darf? Sie ſind mannigfacher Art. Zuerſt das Geſetz. Ich glaube, daß das Geſetz ſich Ihrem Plan ent⸗ gegenſetzen und dieſen ſeltſamen Richter, dem Sie ein Tribunal erbauen wollen, nicht anerkennen möchte. Wie aber, Durchlaucht, will das Geſetz es anfangen, ihm die Anerkennung zu verſagen? Die öffentliche Meinung ſteht über dem Geſetz, ſie iſt es, welche Geſetze gibt und vernichtet, welche Menſchen erhebt und in den Staub tritt, ja welche ſogar im Stande iſt, Throne zu ſtürzen und die Glorie der Majeſtät zu verlöſchen. Die öffentliche Meinung läßt ſich durch nichts blenden und irre machen, ſie geht unbehindert ihren Weg, und wo ſie gerichtet und verurtheilt hat, wird man vergeblich bemüht ſein, durch Geſetze und fürſtliche Dekrete ihren Ausſpruch zu vernichten. In dieſem Punkte iſt das Volk wirklich ſouverän, mein Prinz, denn die öffentliche Meinung iſt die Stimme des Volkes, und ſie dringt durch alle Thüren und durch alle Schlöſſer und brauſt mit der Stimme des Sturmwindes ihre Dekrete dem Fürſten wie dem Bett⸗ ler in's Dhr.* 189 Sie wollen alſo behaupten, daß die öffentliche Meinung eine Macht ſei, gegen welche man vergeb⸗ lich kämpfen würde? Ja, Durchlaucht! Aber da man nicht gegen ſie kämpfen kann, ſo muß man ſie zu leiten ſuchen. Und das iſt es, was ich verſuchen will. Das Volk iſt immer noch ein gutmüthiges, blindes Kind, welches allemal demjenigen folgt und dankbar iſt, der ſich ihm mit einem Anſchein von Uneigennützigkeit zum Führer anbietet. Und Sie wollen ihm ein ſolcher Führer ſein? Das will ich! Aber Ew. Durchlaucht ſprachen von mehreren Schwierigkeiten. Wollen Sie die Gnade haben, mir die übrigen mitzutheilen? Um die öffentliche Meinung zu ſolcher Wichtig⸗ keit zu erheben, wie Sie es beabſichtigen, müßten Sie aber auch befähigt ſein, alle dieſe Verbrechen, welche im Dunkeln ſchleichen, dieſe Tugend, welche in den Staub getreten wird, kennen zu lernen. Müß⸗ ten Sie die Sünder und die Heiligen kennen und namhaft machen können. Das werde ich auch, Purchlaucht! Denn ich werde überall meine Späher und meine Spione haben. Sie werden dem Fürſten in ſein Boudoir und dem Verbrecher in ſeine Höhle folgen, ſie werden an jeder —— 190 Thüre lauſchen und jedem Geſpräch zuhören, und von den geheimſten Thaten und den verborgenſten Verhältniſſen werden ſie mir Kunde bringen. Aber dies wäre ein neues Vehmgericht, welches Sie aufrichten wollen!„ So ſoll es auch ſein, Durchlaucht! Einen Moment machte dieſe Idee den Prinzen erbeben, aber er faßte ſich ſchnell wieder. Möglich, ſagte er, daß Ihre Idee, wenn ſie ſich realiſiren ließe, wirklich zu einer Macht werden könnte. Aber ſie iſt nicht ausführbar. Woher wollen Sie alle Ihre Spione und Lauſcher nehmen? Es gehörten Millionen dazu, um ſie aufzutreiben, denn Sie wiſſen wohl, die Men⸗ ſchen thun nichts ohne dieſen Talisman, das Geld! Doch, Durchlaucht, es gibt noch ein anderes Nittel als das Geld, um die Menſchen ſich dienſtbar zu machen. Man gebe ihrem Neid, ihrer Bosheit, ihrer Verleumdungsſucht, ihrer Perfidie und Hinterliſt die Mittel und Wege, ſich ein Genüge zu thun, man bereite ihnen das unerhörte Feſt, für jede widerfah⸗ rene Beleidigung, für jede Demüthigung und Be⸗ ſchimpfung, ja ſelbſt für die Schmerzen des Neides ſich rächen zu können und ungeſtraft den Freund zu denunciren, die Geliebte anzuſchuldigen, den Bruder, wenn er im Wege ſtand, bei Seite zu ſtoßen! Oh, 191 man kann wohl das Tragen der Waffen verbieten, aber Eine Waffe iſt es, welche den Menſchen immer bleibt und welche ſie immer gebrauchen werden. Das iſt die Zunge, Durchlaucht! Ich werde alſo zu den Menſchen ſagen: kommt her zu mir und ſagt mir, was Ihr wißt, vertraut mir,— nicht Eure eigenen, — aber die Geheimniſſe Eurer Mitmenſchen an! Sagt mir, weshalb dieſes ſchöne Weib, welches arm iſt, dennoch in Sammet und Seide einherſtolziren kann, und welche Mittel und Schurkereien jenem Manne zu Titeln und Orden verholfen haben! Ver⸗ trauet mir, ob jener Herr die Achtung und Ehrfurcht verdient, welche man an ihn verſchwendet, und ob jene Dame wirklich, wie man ſagt, eine reine Tugend⸗ heldin ſei!“— Glauben Ew. Durchlaucht, daß, wenn ich ſo zu den Menſchen ſpreche, ſie mich nicht hören werden? Oh, ich verſichere Ew. Durchlaucht, es ſind kaum einige Wochen vergangen, daß ich zuerſt meinen Ruf ergehen ließ, und ſchon ſtrömen alltäglich Hunderte zu der beſcheidenen Wohnung des Journa⸗ liſten hin, und kein Tag vergeht, ohne daß ich ganze Berge von Briefen empfange, von Briefen, welche mich ſchaudern machen, ſo viel Gift und Bosheit iſt darin!— Für den Menſchen gibt es im Grunde doch kein höheres Vergnügen, als ſeinen Mitmenſchen zer⸗ 192 fleiſchen zu können, ihn in einen Abgrund zu ſtoßen und, am Rande deſſelben ſtehend, ſeinen Qualen und Zuckungen zuzuſchauen. Dieſes Götterſchauſpiel will ich den Menſchen bereiten, und Ew. Durchlaucht wird ſehen, daß ſie ſchaarenweiſe zu demſelben herbeiſtrömen werden! Mag ſein, ſagte der Prinz ſinnend. Sie haben auf die Schlechtigkeit der Menſchheit ſpeculirt, und ich glaube wohl, daß man dadurch beſſer zu ſeinem Ziel gelangen mag, als wenn man auf ihre Güte und ihr Herz rechnen will. Aber wie kommt es, daß Sie, ſo jung und, wie es ſcheint, ſo glücklich, ſchon zu dieſer trüben Weltweisheit gelangt ſind? Wie, ein ſo ſchöner junger Mann will ſich den An⸗ ſchein geben, die Menſchen zu haſſen? Ich habe keinen Grund, ſie zu lieben, aber ſehr viel Gründe, um ſie zu haſſen und zu verachten! Aber immer doch gibt es einige Wenige, welche für mich wie Sterne aus dieſem allgemeinen Chaos der Verderbtheit emporleuchten und denen ich in meinem Herzen einen Tempel aufrichte, um ſie anbeten zu können. Oh, es gibt alſo Sterne? Nennen Sie mir einen ſolchen. Ich nenne Ew. Durchlaucht! ſagte Weltheim, 1——— ———— intereſſirt mich ſehr. Vollenden Sie alſo Ihren be⸗ 193 indem er mit einem unausſprechlichen Ausdruck von Begeiſterung und Anbetung zu dem Prinzen emporſah. Der Prinz fühlte ſich ſichtbar geſchmeichelt; ein freundliches Lächeln flog durch ſeine Jüge. Und wie kommt es, daß Sie mich von Ihrer Weltverachtung ausnehmen? fragte er. Weil ich das Glück habe, Sie zu kennen, Durch⸗ laucht! Weil meine Couſine Mariane mir immer mit einer ſchwärmeriſchen Begeiſterung von dieſem edeln und erhabenen Prinzen erzählt, deſſen Großmuth und Herzensgüte, deſſen Geiſtestiefe und Weisheit ſie mir mit den glühendſten Farben ſchildert, und den ſie an⸗ betet, wie— Aber verzeihen Ew. Durchlaucht, ich wollte Ihnen nicht von meiner kleinen Couſine ſpre⸗ chen! Nochmals Verzeihung, Durchlaucht! Dh nicht doch, ſprechen Sie immerhin von die⸗ ſer kleinen Couſine! ſagte der Prinz lebhaft. Es gonnenen Satz. Sie ſagten, Mariane bete mich an, wie— Nun denn, ſagte Alexander Weltheim leiſe, ſie betet Ew. Durchlaucht an wie das Ideal, nach welchem man ſich in vergeblicher Sehnſucht verzehrt und durch das man ſtirbt, weil man es niemals erlangen kann! Oh, oh, wer wollte gleich an das Sterben denken! 194 ſagte der Prinz vergnügt. Die wahre Weisheit der Welt beſteht darin, ſich das Leben zu verſchönern und mit kühnem Arm die Ideale zu zwingen, daß ſie für uns Daſein und Wirklichkeit gewinnen! Wenigſtens ſoll man bemüht ſein, die wenigen Ideale, an welche man noch glaubt, ſich nicht von der Bosheit der Welt zerſtören zu laſſen! ſagte Welt⸗ heim feierlich. Ein ſolches Ideal aber, Prinz Aurelio, ſind Sie für mich! Und hat die Bosheit der Welt es auch ſchon verſuchen wollen, mich anzutaſten? Ja, Ew. Durchlaucht, ſie hat dies gethan, und dies iſt die Veranlaſſung, welche mich um die Gnade einer Audienz bitten ließ. Sehen Sie, gnädigſter Herr, dieſen Brief, welchen ich heute Morgen von unbekann⸗ ter Hand und beſchwert mit dieſen vier Doppellouisd'or empfangen habe, und in welchem man mich auffordert, den beigefügten Artikel, deſſen Wahrhaftigkeit man mit heiligen Eiden verbürgen könne, in meiner Zei⸗ tung abzudrucken. Oh, es war für mich ein ſchwerer Schlag, ein unendliches Schmerzgefühl! Ich habe dem Publikum mein feierliches Ehrenwort gegeben, Nichts zu unterdrücken, Nichts zurückzuhalten, ſon⸗ dern dem Publikum zu geben, was mir vom Publi⸗ kum kommt. Ich habe geſchworen, meine Zeitung 195 ieder Anklage, wie jeder Vertheidigung offen zu halten und weder die Eine noch die Andere zurück⸗ zuweiſen. In dieſem einzigen Falle bin ich gezwun⸗ gen, mein Wort zu brechen, denn es handelt ſich um den einzigen Mann, welchen ich verehre, es handelt ſich um Ew. Durchlaucht. Ich habe daher den Weg eingeſchlagen, den ich für den rechten hielt. Ich bin zu Ew. Durchlaucht gekommen und bringe Ihnen dies Papier, damit Sie die Gnade haben mögen, es zu leſen. Er reichte es dem Prinzen mit einer tiefen Ver⸗ beugung dar. Dieſer nahm es mit haſtiger Ungeduld und ſtand auf, um ſich in die Fenſterniſche zurückzu⸗ ziehen und dort unbemerkt dieſes geheimnißvolle Pa⸗ pier leſen zu können. Aber mein Gott, ſagte er, indem er an Welt⸗ heim vorüberſchritt, Sie ſtehen noch immer! Ich bitte Sie, nehmen Sie Platz und zürnen Sie mir nicht, daß ich es vergaß, Sie früher darum zu bitten. Oh, dieſe veränderte Sprache! ſagte Alexander Weltheim zu ſich ſelber, während er ſich ſetzte. Wie geſchmeidig und heuchleriſch ſind doch dieſe Großen der Erde, wenn ſie fürchten, daß man ihnen gefährlich werden könnte! 13 196 Der Prinz war indeß eifrig mit der Lecture be⸗ ſchäftigt. Weltheim beobachtete ihn mit der kalten, ruhigen Miene eines Arztes, welcher die Wirkungen eines gefährlichen Medicamentes an ſeinem Patienten erforſchen will. Ihm entging kein Zucken ſeiner Wim⸗ per, keine noch ſo leiſe Aeußerung des Zorns und des Mißbehagens, er ſah das tiefe Erſchrecken und das heimliche Erbleichen des Prinzen. Er ſah, daß ſein giftiges Medicament gewirkt habe. Hätte der Prinz ahnen können, von wem die⸗ ſer Brief komme, hätte er wiſſen können, daß der⸗ jenige, welcher ihm denſelben mit ſo vielem Anſchein von Demuth und Verehrung gebracht, ihn auch zu⸗ gleich verfaßt und geſchrieben habe, er würde mit olympiſchem Donner den Frevler zerſchmettert haben, welcher den kühnen Muth gehabt, ihn zu myſtiſiciren. Aber, obwohl Fürſt, war er doch kein Zeus, ſondern nur ein ſchwacher, irrender Menſch, und es war ſo⸗ gar möglich, ihn trotz ſeiner erhabenen Geburt zu täuſchen und zu hintergehen. Der Brief enthielt weiter nichts, als eine eben ſo treue als pikante Schilderung der Erlebniſſe dieſer Nacht. Dieſe ganze Aventure des Prinzen mit der Tänzerin, das üppige Bacchanal, die Dazwiſchenkunft der zürnenden Gräfin hatte Alexander Weltheim zu 8 einem pikanten Artikel zuſammengeſtellt, der allerdings ſehr wohl im Stande geweſen wäre, die allgemeine Aufmerkſamkeit in höchſtem Maße zu erregen. Frei⸗ 3 lich hatte er ſich wohl gehütet, die Namen des Pri⸗ zen oder der Gräfin zu nennen, aber es war gar nicht ſchwer, unter der Maske dieſes perſiſchen Königs Relio den Prinzen und hinter dieſer„Editha mit dem Schwanenhals“ die Gräfin Schwanenkamp zu erkennen. Und gerade dieſer leichte Schleier des Geheimniſſes machte den Artikel nur noch pikanter, denn er gab dem Witz und Verſtand der Menſchen etwas zu er⸗ rathen und ein Räthſel zu löſen auf! — Weltheim hatte, wie geſagt, die ganze Aventure des Prinzen mit den glänzendſten Farben geſchildert, aber er hatte ſich ſehr wohl gehütet, etwas von ſeiner eigenen Aventure hinzuzufügen. Dieſe ſollte vorläufig noch ſein Geheimniß bleiben. Empörend! ſagte der Prinz, nachdem er zu En geleſen. Was ſoll aus dem Staat und der menſch⸗ 5. lichen Geſellſchaft werden, wenn man es wagt, mit ſolchen frechen Verleumdungen ſelbſt. höchſten Per⸗ ſonen zu beleidigen! Oh, unſere heutige verderbte Gene⸗ ———,— 198 ration iſt aller Achtung und aller Pietät los und ledig, ſie glaubt an nichts mehr, und deshalb wird und muß ſie zu Grunde gehen. Ja, ja, es geht zu Ende mit der Menſchheit, es iſt eine ſchmachbedeckte, verderbte Race, keines höhern Gefühls, keiner großen That mehr fähig und nur inſpirirt von elendem Neid und gemeiner Bosheit! Weil ich ein Prinz bin, verleumdet man mich, weil ich einen Stern auf mei⸗ ner Bruſt trage, ſuchen ſie mich mit dem Schmutz ihrer eigenen Erbärmlichkeit zu beſudeln und wollen aus mir ein Weſen machen, welches ihnen gleiche, welches ehebrecheriſch, laſterhaft, üppig und genuß⸗ ſüchtig ſei, wie ſie ſelber. Ew. Durchlaucht haben Recht, ſagte Weltheim, es iſt dieſer Artikel ein neuer Beweis von dem zer⸗ ſtörenden Geiſte, welcher im Volke lebt. Das Volk glaubt an keine Autoritäten mehr, deshalb muß und wird es zu Grunde gehen! Nur bei ganz entarteten und entſittlichten Zuſtänden iſt es möglich, daß man auf den Gedanken kommen konnte, einen Prinzen auf ſo ſchmachvolle Weiſe zu verleumden! Wie, Ew. Durchlaucht ſollten ſo weit Ihrer Ehre und Ihrer Würde vergeſſen können, um zu einem dieſer tollen 199 und wüſten Feſte zu gehen, auf denen das üppige Volk ſeinen Jubel ausraſtt! Ew. Durchlaucht, das erhabene Muſter edler Tugend und männlicher Würde, ſollte an der Seite einer berüchtigten Tänzerin einem wilden Bacchanal beigewohnt haben! Verzeihen Ew. Durchlaucht, aber dieſe Erfindung iſt ſo albern und ſo abgeſchmackt zugleich, daß man darüber lachen muß, obwohl man ſich doch einer tiefen Traurigkeit nicht erwehren kann. Sie haben Recht, ſagte der Prinz. Man müßte darüber lachen, wenn es nicht ſo ſehr zum Weinen wäre. Aber ich durchſchaue dieſe ganze Intrigue! Sie iſt nicht ſo ſehr blos gegen mich, als gegen mei⸗ nen Stand überhaupt gerichtet! Man will dieſen ganz und gar unterminiren. Man will alle ſeine Stützen untergraben und die Achtung vor dem⸗ ſelben immer mehr erſchüttern. Man will aus uns, die wir das Unglück haben, Prinzen zu ſein, gemeine und entartete Menſchen machen, damit das Volk den Glauben an uns verliere. Und Sie haben keine Ah⸗ nung, von wem dieſer Artikel kommen mag? Es wäre ſehr wichtig, dies zu erfahren, denn ohne Zweifel würde man dadurch einem tief angelegten Plan 200 auf die Spur kommen, und die Schuldigen vielleicht beſtrafen können. Gewiß, Durchlaucht! Aber leider habe ich auch nicht die leiſeſte Ahnung, von wem mir dieſer Artikel gekommen ſein mag! Ein Livreebedienter hat ihn ge⸗ bracht, das iſt das Ganze. Ein Livreebedienter! rief der Prinz entſetzt. Alſo dahin iſt es gekommen, daß ſelbſt in den hö⸗ hern Regionen der Geſellſchaft dieſe Giftplanze Wurzel geſchlagen hat! Und nicht zu wiſſen, an wem man ſich zu rächen, wen man zu ſtrafen hat für die Frechheit und dieſen Hohn! Ah, man möchte erſticken vor Zorn, man möchte weinen vor Schmerz! Der Prinz ging mit heftigen Schritten auf und ab, und in dieſem Augenblicke hätte es nicht der Schminke und der Cravatte bedurft, um ſeine Wan⸗ gen zu röthen, nicht der Tuſche, um ſeinen Augen Feuer und Glanz zu verleihen. Der Zorn übernahm für einen Moment die Rolle ſeines Kammerdieners und machte ihn wieder lebensfriſch und jung. Weltheim beobachtete den Prinzen mit einem Gefühl unendlichen Behagens, tief innerlicher Freude und ſein machtloſer Jorn und ſeine zitternde Wuth erfüllten ihn mit einer diaboliſchen Freude. Das alſo ſind die ſogenannten Herren der Erde, ſagte er mit tiefem Hohn zu ſich ſelber. Dieſe klein⸗ lichen, aus Stolz und Hochmuth, aus Lüge und Auf⸗ geblaſenheit zuſammengeſetzten Geſchöpfe wollen un⸗ ſere Ehrfurcht und Achtung, unſern Gehorſam und unſere Liebe beanſpruchen? Plötzlich blieb der Prinz vor Weltheim ſtehen und fragte raſch: Weshalb brachten Sie mir dieſen Artikel? Um meinem Gewiſſen und meiner Pflicht Genüge zu thun! ſagte Weltheim feierlich. Meinem Gewiſſen gegen Ew. Durchlaucht, meiner Pflicht gegen das Publikum. Ich habe dieſem Publikum mein feierliches Ehrenwort gegeben, jeder Anklage, wenn ſie begründet iſt, meine Zeitung zu öffnen! Wenn ſie begründet iſt! Ich hoffe nicht, daß Sie den Muth haben, dieſe freche Anklage für be⸗ gründet zu halten! E— 202 — Wenn ich es thäte, Durchlaucht, wäre ich nicht hier! Aber ich muß meinem Gewiſſen Genüge thun! Ich beſchwöre daher Ew. Durchlaucht, auf einen Mo⸗ ment Ihrer Erhabenheit und meiner Niedrigkeit zu vergeſſen und mir zu erlauben, als Mann an den Mann eine Bitte zu richten: Wollen Ew. Durch⸗ laucht geruhen, mir Ihr Ehrenwort zu geben, daß Dieſelben nicht dieſe Nacht auf dem Kroll ſchen Feſte geweſen? Prinz Aurelio lachte. Eine ſeltſame Zumuthung, ſagte er. Ein Prinz ſoll ſein Ehrenwort geben, daß er nicht gethan, was zu thun eben ſo unwürdig als erbärmlich wäre! Es iſt daher auch eine Gnade, welche ich von dem Gewiſſen eines Journaliſten! Mögen Sie erwä⸗ gen, daß ich mein Ehrenwort verpfändet habe und daß nur das Ihrige mich von demſelben entbinden kann! Denn, einmal feſtgeſtellt, daß dieſer Angriff Ihrer erhabenen Perſon unbegründet iſt, bin ich auch nicht mehr verpflichtet, ihn zu veröffentlichen! Sein Sie alſo barmherzig, Durchlaucht, geben Sie mir Ihr Ehrenwort, daß Sie nicht dieſe Nacht S8 Ew. Durchlaucht erflehe! Haben Sie Mitleid mit 203 auf dem Maskenfeſte bei Kroll geweſen und daß kein Wort dieſer ganzen Aventure wahr und be⸗ gründet iſt! Nun denn, es ſei! ſagte der Prinz nach kurzem Sinnen! Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich dieſe Nacht nicht auf dem Maskenfeſte bei Kroll geweſen, daß ich alſo weder dem geſchilderten Bacchanal beigewohnt, noch die Aventure mit der Tänzerin erlebt habe, eben ſo wenig, wie die Gräfin Schwanenkamp dies gethan! Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß dies Alles eine elende, jammervolle Lüge iſt, die Ausgeburt einer entarteten Phantaſie, weiter nichts!. Alexander Weltheim hatte den Prinzen, während er ſo ſprach, mit feſtem, prüfendem Blick in's Ant⸗ litz geſehen; er hatte geſehen, daß nicht eine Muskel ſeines Antlitzes gezuckt, daß nicht das leiſeſte Zagen und Zaudern in ihm geweſen. Dieſe Leichtigkeit der Lüge, dieſe Ruhe, mit welcher der Prinz ſein Wort für eine wiſſentliche Unwahrheit verpfändete, entſetzte Weltheim, ſo verderbt und von Rachedurſt vergiftet er immer ſein mochte. Er hatte ſehen wollen, wie der Prinz ſich dieſer ihm gelegten Schlinge eutziehen würde; er hatte ſich an dem Gedanken ergötzt, den Prinzen verlegen und 204 befangen zu ſehen,— es war ihm gar nicht in den Sinn gekommen, daß der Prinz wirklich im Stande ſein würde, wiſſentlich einen Meineid zu begehen. Sind Sie zufrieden? fragte der Prinz nach einer Pauſe. Ich bin es, Durchlaucht! ſagte Weltheim, und indem er das Papier, welches die Anklage des Prinzen enthielt, in Stücke riß, legte er dieſe ehrerbietig zu den Füßen des Prinzen nieder. Möchte ich ſo alle Ihre Feinde und veeunde vernichten können! ſagte er. Der Prinz reichte ihm freundlich lächelnd die Hand dar. Sie haben mir einen Dienſt erwieſen! ſagte er. Es würde mir eine Freude machen, Ihnen dafür meine Dankbarkeit beweiſen zu können. Haben Sie gar keinen Wunſch? Doch, Ew. Durchlaucht! Ich möchte Sie um die Gnade bitten, mir Ihren Rath zu geben, was ich mit dieſen acht Louisd'or anfangen ſoll, welche man mir fü, das Einrücken des Artikels geſandt hat. Sie werden ſie behalten, das iſt ganz einfach, und wie mir ſcheint, ſind Sie ſehr wohl berechtigt dazu! Nicht doch, Durchlaucht. Ich wünſchte, ſie irgend einem würdigen Armen geben zu können. Möchten 205 Ew. Durchlaucht die Gnade haben, mir einen Ihrer Protégé's zu nennen, damit ich ihm dieſe Summe bringe! In der That, Sie ſind ein ſehr edler, würdiger junger Mann, ſagte der Prinz faſt gerührt. Es ge⸗ reicht mir zur Freude, Sie kennen gelernt zu haben und ich wünſchte ſehr, Ihnen förderlich zu ſein! Be⸗ ſinnen Sie ſich alſo! Möchten Sie nicht eine andere Carriere einſchlagen, welche Ihnen mehr Ausſicht auf Erfolg, auf Rang und Würde darbieten möchte. Wäre ich nicht arm und von niedriger Herkunft, ſo würde ich gewünſcht haben, in die diplomatiſche Carriere einzutreten! Und wie ich glaube, wären Sie ſehr geeignet dazu, denn Sie beſitzen Geiſt und Gewandtheit! Die Armuth läßt ſich ja verbeſſern und was die niedrige Geburt anbetrifft, ſo gibt es ja Adelsdiplome und Ordensſterne, welche das vergeſſen machen! Ich werde an Sie denken und gebe Ihnen mein Wort, daß Sie in die diplomatiſche Carriere mit Erfolg eintreten ſollen! Und da Sie mir ſagen, daß Sie arm ſind, erlauben Sie mir wohl, Ihnen dieſe kleine Rolle anzubieten! Sie enthält hundert Louisd'or! Nehmen Sie! Ich tauſche ſie gegen Ihre acht Louis⸗ d'or aus! 206 Er hatte aus ſeinem Schreibtiſch eine Rolle Gold genommen und reichte ſie Alexander Weltheim mit einem freundlichen Kopfneigen dar. Dieſer trat einen Schritt zurück und ſein Geſicht verrieth ſeinen Schmerz und ſeine Demüthigung. Durchlaucht, ſagte er, ich bin ein Schriftſteller, welcher für das, was er drucken läßt, ſein Honorar empfängt, nicht aber für das, was er nicht drucken läßt! Warten wir alſo, bis ich mir bei Ihnen mein Honorar verdient habe! Ah, Sie ſind ſtolz! ſagte der Prinz. Aber dies gefällt mir! Es iſt ſehr ſelten, daß der Stolz der Menſchen ſo weit geht, daß er ſie an der Annahme einer Rolle Goldes verhindern ſollte! Sie ſind für mich das erſte Beiſpiel der Art! Aber Sie werden es mir nicht verweigern können, von mir ein kleines Andenken an dieſe Stunde anzunehmen! Er nahm von ſeinem Toilettentiſch eine koſtbare Brillantnadel und reichte ſie Weltheim dar. Nehmen Sie und möge Sie dieſelbe zuweilen an mich erinnern! Er nickte Weltheim den Abſchiedsgruß entgegen und dieſer ſchickte ſich an, das Zimmer zu verlaſſen. Aber der Prinz rief ihn noch einmal zurück. 207 Sehen Sie heute noch Ihre kleine Couſine? fragte er. Ja, Durchlaucht! Sagen Sie ihr, ſie ſolle nicht ſo thöricht ſein, an das Sterben zu denken; das Leben iſt ja ſo ſchön und hoffnungsreich! Adieu! Sie ſollen bald von mir hören! XlI. Der Mangel der Geburt. Srau Freiſtadt war krank geweſen. Dieſe vielen Aufregungen und Schmerzen der letzten Monate hatten endlich ihre ſtarke Natur erſchöpft und ihren Lebens⸗ muth untergraben. Sie war krank. Ihr Herz war gebrochen und ſie bat Gott, daß er endlich ihre Qualen enden laſſe und ſie emporrufe in ſeinen Himmel. Arme, gute Frau. Sie glaubte noch an den Himmel, er war für ſie das Paradies des ewigen Friedens, der thränenloſen Ruhe. Friede und Ruhe! Das war es, was ſie die ewige Seligkeit nannte und wonach ſie ſich ſehnte, weil ſie beide in ihrem trüben und freudloſen Leben niemals kennen gelernt hatte. Sie hatte immer gearbeitet, immer gedarbt, immer ihr Haupt gebeugt unter die Laſt der Schmerzen und Entbehrungen. Sie hatte immer geduldet, aber immer gebetet und auf Gott vertraut. Sie hatte niemals ihre Pflichten verletzt, niemals die Treue gebrochen, niemals die Liebe verrathen! Was hatte es ihr ge⸗ holfen? Niemand hatte doch daran gedacht, daß er gegen ſie Pflichten zu erfüllen habe. Sie war eine treue Gattin geweſen, aber ihr Gatte hatte ſie mit Schmach und Schande belaſtet. Sie war eine auf⸗ opfernde, liebevolle Mutter, aber ihre Tochter hatte ſie verleugnet und verſtoßen. Es war ein graues, trübes, melancholiſches Leben, das Leben dieſer armen Frau, ein farbloſes, klangloſes Daſein, aber es hatte ſeinen Stern und ſeinen Hoff⸗ nungsglanz! Dieſer Stern, es war die Liebe, die Liebe zu ihrer Tochter. Sie hoffte immer noch, daß Mariane eines Tages zu ihr zurückkehren und wieder ihr Kind, das Kind ihres Herzens, werden würde. Dies wird noch lange dauern, ſagte ſie zu ſich ſelber, aber ſie wird kommen! Wenn ſie viel gelitten, viel geweint hat, dann wird ſie ſich ihrer Mutter erinnern, dann wird ſie fühlen, daß es nur Eine Stelle gibt, an die ſie ſich flüchten kann, die Mutter⸗ bruſt, nur Ein Herz, welches mit ihr zu leiden und n. S 14 „ 210 ſie zu tröſten verſteht, das Mutterherz! Die Kinder wiſſen erſt dann, was ſie an einer Mutter beſitzen, wenn ſie der mütterlichen Erziehung entwachſen ſind und das Leben ſie in die Schule genommen hat! Marianen's Herz wird auch einſt erwachen, der Kum⸗ mer wird es wecken und dann wird ſie kommen, da⸗ mit ich mit ihr weinen kann! 4 Aber Mariane kam noch immer nicht. Es waren jetzt vier Wochen vergangen, ſeit Frau Freiſtadt das Zimmer hütete, vier Wochen, daß ſie nicht zu Marianen hatte gehen können. Und Mariane kam noch immer nicht. Allmälig ward die Hoffnung der alten Frau trü⸗ ber, ihre Zuverſicht matter. Sie wird eines Tages kommen, ſagte ſie, aber dann wird es zu ſpät ſein, denn ich werde alsdann nicht mehr hier ſein! Ich werde dann geſtorben ſein! Aber der Körper der alten Frau war ſtärker als ihr Herz. Dies war gebrochen, indeß der Körper genaß. Sie konnte ſchon wieder ihr Bett verlaſſen und langſam an den Wänden ihres einſamen, todes⸗ ſtillen Zimmers umherſchleichen und der Arzt, welchen ihre Nachbarinnen herbeigerufen und welcher die alte Frau mit liebevoller Sorgfalt behandelte, hatte ihr geſagt, daß ſie bald ganz wieder hergeſtellt ſein würde. „ ℳ „ — F„ 211 Jetzt, ſeit die Ermattung der Krankheit von ihr ge⸗ wichen war, jetzt wollte ſie auch nicht mehr ſterben. Jetzt wollte ſie leben, weil ſie fühlte, daß ihre Tochter eines Tages noch ihrer bedürfen möchte! Das dachte ſie, als ſie eben trübe ung matt in ihrem Zimmer ſaß und ihr armes, ſchwankenc Haupt an die Lehne des lederbezogenen Stuhles zurücklegte. Alles war einſam und lautlos um ſie her und dieſe Stille machte Frau Freiſtadt, welche ſo ſehr an das Geräuſch des Lebens und der Arbeit gewöhnt war, in ſich erſchauern und erfüllte ſie mit einer un⸗ erklärlichen Angſt. Wenn ich nur nicht immer ſo ganz allein wäre, flüſterte ſie, wenn ich nur ein einziges Weſen hätte, zu dem ich ſprechen und das mich verſtehen könnte! Ach, ſeit wie manchem Jahr habe ich mich darnach geſehnt, mir ein Hündchen anzuſchaffen! Welch ein Troſt würde das für mich ſein! Ein Hund würde mich lieben! Ein Hund frägt nicht darnach, daß ich arm und alt und häßlich bin! Er würde meine harte, ſchwieligte Hand, welche von keinem Menſchen gedrückt wird, liebkoſen! Er würde meines alten, kummervollen Geſichtes ſich nicht ſchämen! Aber ich bin ſo arm, daß ich mir ſelbſt nicht einen Hund zum Freund er⸗ kaufen kann! Ach, die reichen S. Sie haben Alles 14 212 für ſich genommen, ſie haben das Glück, die Be⸗ quemlichkeit, den Genuß, das Vergnügen, den Luxus und die Liebe aller Menſchen! Warum iſt man denn ſo grauſam geweſen, dem Armen nicht wenigſtens die Liebe des Thieres zu laſſen! War's nicht genug, daß man dMarmen Arbeiter ſein Brod und ſein Fleiſch beſteuerte, mußte man auch noch eine Steuer legen auf den Hund, welcher ſo gerne des Armen Freund iſt und der— Plötzlich ſtockte Frau Freiſtadt und wandte ihr Geſicht mit lauſchendem Ausdruck der Thür zu. Sie hatte ein Geräuſch gehört, es war ihr, als ob ein leichter, ſchwebender Tritt ſich der Thür näherte. Jetzt, jetzt war es dicht vor der Thür— Die alte Frau ſtieß einen Schrei aus und flog, mit der Kraft der Jugend und Geſundheit von ihrem Seſſel empor. Ja, ja, ſie war es, ihr Kind, ihre Mariane. Dort ſtand ſie, dort, in der geöffneten Thür, jetzt ſchritt ſie vorwärts. Oh, war's nicht, als ob ein blendender Lichtglanz plötzlich dieſes Gemach durch⸗ leuchte, als ob dieſe alte, dunkle Kammer ſich plötzlich in rinen ſtrahlenden Tempel umgewandelt habe? Mariane war da, wirklich da. Sie hielt ſie in ihren Armen, ſie drückte ſie feſt, ach ſo feſt an ihre * Bruſt. Sie war ſo ſelig, daß ſie gar nicht gewahrte, wie kalt und gleichgültig Mariane in ihren Armen lag. Mariane war ja da, ſie war ja doch gekommen, um ihre arme, alte Mutter zu ſehen, war das nicht der ſchönſte Beweis ihrer Liebe, was n⸗ denn der Küſſe und der Umarmungen, ſie war jWa! Sie ließ Mariane aus ihren Armen, um ſie an⸗ zublicken, um ſich an ihrem ſchönen, roſigen Angeſicht zu erlaben. Jetzt erſt bemerkte ſie Marianen's finſtere und verdrießliche Miene. Mein Gott, ſagte ſie ſchüchtern, biſt Du böſe auf mich, weil ich Dich geküßt habe? Siehſt Du denn nicht, daß Du mir den Hut und den Kragen ganz zerdrückt haſt? fragte Mariane mürriſch. Es wird mir ſchwer genug, meine Garde⸗ robe anſtändig zu erhalten und Du ruinirſt ſie mir mit Deiner albernen Zärtlichkeit! Oh Kind, Kind, ſagte Frau Freiſtadt in dem Uebermuth ihres Glückes, was liegt denn einer Mutter, welche ihr Kind umarmen will, an einem Hut und einem Kragen! Das Wiederſehen iſt nicht zu theuer erkauft damit und ich werde den Schaden wieder gut machen. Ich werde Dir den Kragen waſchen und was den Hut anbetrifft, nun, ſo werde ich bald wie⸗ der geſund ſein, und dann werde ich ſo fleißig ſein ———— 214 und ſo rüſtig arbeiten, daß ich Dir gewiß bald einen neuen und ſchönern Hut kaufen kann! Du warſt krank? fragte Mariane faſt gleich⸗ gültig, während ſie mit der Miene ſtolzer Gering⸗ ſchätzungin dem ärmlichen Gemach umherblickte. Je ich war krank, ſagte Frau Freiſtadt heiter, aber jetzt bin ich wieder geſund und ich werde bald wieder kommen können, Deine Wäſche abzuholen. Aber jetzt, mein Kind, jetzt ſage mir, ob Du an mich gedacht, ob Du Dich nach mir geſehnt haſt? Nicht wahr, Du beunruhigteſt Dich, weil Deine arme, alte Mutter immer noch nicht kam; nicht wahr, es that Dir leid, ſie ſo lange nicht geſehen zu haben und des⸗ halb kamſt Du her, um Dich nach mir umzuſchauen? Nein Mutter, ſagte Mariane faſt rauh, es iſt nicht deshalb, daß ich gekommen bin! Es iſt— Ihre Mutter unterbrach ſie. Kind, ſagte ſie, indem ſie mit einer rührenden Angſt ihre Hand nahm und ihr mit dem Ausdruck unendlichen Flehens in's Geſicht ſah. Kind, ich bitte Dich, ſei nicht ſo grau⸗ ſam, meine Freude trüben zu wollen! Ach, es iſt ſo lange her, daß ich keine Freude gehabt habe! Und wenn's nicht wahr iſt, ſo ſage wenigſtens aus Mitleid, daß Du nur gekommen biſt, um mich zu ſehen und weil Du Dich um mich geängſtigt haſt! 215 Ich kann's nicht, Mutter! ſagte Mariane rauh. Ich muß den ganzen Tag heucheln und ſchmeicheln, lügen und betrügen, laß mich alſo wenigſtens Dir gegenüber offen und wahr ſein! Ich muß den ganzen Tag die Rolle eines zuftiedenen, gottvergnügten Ge⸗ ſchöpfes ſpielen, laß mich alſo wenigſtens hier meinen Zorn und meinen Unmuth, meinen Haß und meine Bosheit ausſtrömen. Ich will wenigſtens Dir gegen⸗ über aufrichtig ſein und wenn Du darin einen Be⸗ weis meiner Liebe ſehen willſt, ſo thue es; einen an⸗ dern vermag ich Dir nicht zu geben! Ihre Mutter ſah ihr mit thränenſchweren Blicken in die Augen. Du verleumdeſt Dich! ſagte ſie. Du machſt Dir das grauſame Vergnügen, Dich ſchlechter darzuſtellen, als Du wirklich biſt! Aber ich glaube Dir doch nicht. Eine Mutter verſteht es, in dem Angeſicht ihres Kindes zu leſen und Dein Geſicht iſt ſo ſchön und ſo gut. Nein, ich glaube Dir nicht! Du empfindeſt keinen Haß und weshalb denn ſollteſt Du boshaft ſein? Mariane brach in ein lautes, höhniſches Lachen aus. Ja, Du haſt recht, weshalb ſollte ich boshaft ſein! Habe ich nicht Alles, was das Leben ſchön und herrlich macht? Bin ich nicht in einem reichen und vornehmen Hauſe! Fahre ich nicht in glänzender —— 216 Equipage und iſt nicht der goldbetreßte Diener da, welcher mir den Schlag öffnet? Eſſe ich nicht von ſilbernen Tellern und ſchlafe in ſeidenen Betten? Sprechen nicht Prinzen und Grafen mit mir und drückt mir nicht zuweilen eine Gräfin oder eine Ba⸗ ronin die Hand und nennt mich ihr„liebes Kind“? a, Du haſt recht, weshalb ſollte ich wohl bos⸗ haft ſein! Und ſie lachte wieder und lief in ungeſtümer Heftigkeit auf und ab. Ihre Mutter ſah ihr mit traurigen Blicken und bangem Herzen zu. Kind, Kind, ſagte ſie, nicht dieſe fürchterliche Luſtigkeit! Das ängſtigt mich und macht mich weit unglücklicher, als wenn Du ſchiltſt und Dich beklagſt! Nun denn, ich werde nicht mehr lachen! ſagte Mariane, vor ihrer Mutter ſtehen bleibend. Ich werde Dir ſagen, was wie hölliſches Feuer in meinem Buſen brennt und alle guten Regungen in mir ver⸗ nichtet hat, daß nur Haß und Bosheit und Zorn und Rachſucht darin zurückgeblieben iſt! Mutter, Mutter, warum haſt Du mir das gethan, warum haſt Du ein gebildetes, vornehmes Mädchen aus mir gemacht! Warum haſt Du mich nicht Dir gleich gemacht und mich auf den einfachen und beſcheidenen Geſichtskreis 217 beſchränkt, welcher Deine eigene Welt umſchließt! Oh, was hatte ich Dir denn gethan, daß Du mich hinaus⸗ ſtießeſt in eine Welt, welche nicht die Deine iſt und mich Worte und Gedanken lehrteſt, welche Du nicht verſtehſt, meinen Geiſt auf Bahnen führteſt, auf de⸗ nen Du mir nicht zu folgen vermagſt! Oh, warum haſt Du mich verhindert, Dir gleich zu werden! Ich würde mit Dir gearbeitet, mit Dir gebetet haben, ich würde Dich geliebt und Gott gedankt haben, daß er mir eine ſo zärtliche und brave Mutter gegeben! Oh Kind, Kind, rief die alte Frau laut weinend und ſchluchzend, habe Erbarmen mit mir! Du malſt mir ein Paradies und Du ſagſt, daß ich es mir ſelbſt verſchloſſen habe! Ja, das haſt Du gethan! Du haſt es Dir, aber Du haſt es auch mir verſchloſſen und dies iſt es, was ich Dir niemals vergeben werde! Mein Gott, wir konnten ſo glücklich und zufrieden ſein! Aber Du haſt es nicht gewollt! Du warſt hochmüthig, Du wollteſt die Mutter eines gebildeten, vornehmthuenden, geputzten Fräuleins ſein und was haſt Du damit erreicht? Daß Du eine undankbare, hartherzige, grauſame Tochter haſt, welche ſich ſchämt, daß Du ihre Mutter biſt und Dir flucht, weil Du Dein Geld und Deine Le⸗ benskraft an ſie verſchwendet haſt! Und was haſt 218 Du aus mir gemacht? Ein Geſchöpf, welches nichts als Neid und Haß empfindet, welches hinausge⸗ ſchleudert iſt in dieſe grauſame Welt und kämpfen muß gegen die Vorurtheile, die Kleinlichkeit und Heim⸗ tücke der Menſchen! Oder wie? Hältſt Du es für eine kleine Arbeit, mit einem nagenden Zorn im Herzen immer zu lachen und heiter zu ſein? Glaubſt Du, daß es ſo leicht iſt, immer zu ſchmeicheln, wo man verwünſchen möchte, immer zu huldigen, wo man ſeine Verachtung zeigen möchte? Es iſt wahr, ich bin von Pracht und Herrlichkeit umgeben, aber dieſes Alles iſt nicht Mein! Ich ſchlafe in ſeidenen Betten und fahre in glänzender Equipage, aber dieſes Alles gehört mir nicht! Man läßt es mich nur mitgenießen, wie man es den Hund genießen läßt, der dazu gekauft iſt, daß er immer, wie der Schatten ſeiner Herrin, hinter ihr ſei! Nein, der Hund hat es beſſer noch als ich! Er iſt nicht gehalten, auf dem Rückſitz zu ſitzen, während ſeine Herrin im Fonds ſitzt, er nimmt den leeren Platz im Fonds ein, während ich die tägliche Demü⸗ thigung und Beſchämung empfinde, auf dem Rückſitz zu ſitzen, damit, wenn wir durch die Straßen fahren, Jedermann gleich ſieht: das iſt die bezahlte Sclavin, die erkaufte Geſellſchafterin! Sie iſt es nicht werth, neben der jungen, reichen Gräfin zu ſitzen, ſondern 219 muß es noch als eine Ehre und Auszeichnung erkennen, daß ſie überhaupt mit ihr im Wagen ſitzen darf!— Es iſt wahr, die Livreebedienten unſeres Hauſes müſſen mich bedienen, aber glaubſt Du nicht, daß ich das ſpöttiſche, geringſchätzende Lachen ſehe, mit welchem ſi ſie es thun, daß ich nicht weiß, wie ſie meiner ſpotten und wie ich in ihren Augen doch nur zur Dienerſchaft ge⸗ höre, gleich ihnen, wie ſie mich deshalb haſſen, weil ich es äußerlich ein wenig beſſer habe als ſie ſelber? Und wenn die vornehmen Herren mit mir ſprechen und einige Artigkeiten an mich verſchwenden, ſo thun ſie es doch nur mit derſelben vornehmen Nachläſſig⸗ keit, mit welcher ſie jeder Kammerzofe ſchmeicheln und ihr ſchön thun, ſo vergeſſen ſie doch niemals, daß ſie mir eine Ehre erzeigen, indem ſie mich als eine ihnen ebenbürtige Dame behandeln! Und wenn die Gräfin mich„mein liebes Kind“ nennt, ſo iſt das eine Ver⸗ traulichkeit, welche beleidigender iſt als die abſtoßendſte Kälte; denn ſie beweiſt nur, welche unendliche Kluft zwiſchen mir und der vornehmen Frau liegt, die ſich nicht einmal die Mühe gibt, gegen mich die gewöhn⸗ lichſten Formen kalter Zurückhaltung zu beobachten!— Solchen täglichen Demüthigungen, ſolchen unaufhör⸗ lichen Nadelſtichen ausgeſetzt, meinſt Du, daß mein Herz unverwundet geblieben ſeis Nein, nein, Mutter, 220 es iſt eine einzige, große, klaffende Wunde, welche mein Blut in Galle verwandelt und meinen Schmerz in Wuth verkehrt har! Armes, armes Kind! murmelte ihre Mutter, in⸗ dem ſie Marianen mit Blicken unaus ſprechlichen Mit⸗ leids betrachtete. Was mußt Du gelitten haben, um dahin gekommen zu ſein, wo Du jetzt biſt! Armes Kind, wie bedaure ich Dich! Mariane faßte heftig ihre Hand. Bedauerſt Du mich wirklich, Mutter? Oh, dann wirſt Du auch be⸗ reit ſein, mir zu helfen! Dann wirſt Du mir auch beiſtehen, endlich dieſe Schmach und Erniedrigung von mir zu werfen! Mutter, es liegt in Deiner Hand, mein Glück zu begründen! Ein vornehmer, reicher Mann liebt mich! Ich weiß, daß ich ihn dahin brin⸗ gen könnte, mich zu ſeiner Gemahlin zu machen; dazu bedarf ich nur Eines! Nur einen Namen, nur eine ariſtokratiſche Geburt! Er iſt reich! Ihn kümmert es nicht, daß ich arm bin, aber er iſt ſtolz und in Vor⸗ urtheilen befangen! Das ariſtokratiſche Blut in ihm würde ſich empören bei dem Gedanken, der Tochter einer Arbeitsfrau ſeine Hand zu geben! „ Und Du ſagſt, daß er Dich liebt? fragte Frau Freiſtadt mit einem matten Lächeln. 224 Ja, er liebt mich, das heißt, er hat ſich verliebt in mein Geſicht, in meine Taille, und ich habe im den Kopf verdreht mit meinen Coquetterien und Grau⸗ ſamkeiten! Er liebt mich, weil er ſtolz und hochmüthig iſt und ich all ſeinen noch ſo glänzenden Anerbietungen und Verſprechungen widerſtanden habe, weil er in dem ſtolzen Eigenſinn ſeiner Rage einmal ſich darauf capri⸗ cirt hat, mich beſitzen zu wollen! Weil er einfältig genug iſt, nicht zu ſehen, daß ich ihn täuſche und daß er nur ein Werkzeug in meiner Hand iſt, das mich zu einer reichen und vornehmen Frau machen ſoll! unglückliches Kind! rief ihre Mutter, Du liebſt ihn nicht, Du ſpotteſt ſeiner und dennoch willſt Du ſein Weib werden? Seine Gemahlin, Mutter, die Gemahlin eines reichen Grafen, eines Fürſtenſohnes! Und Du denkſt nicht, daß Unglück und Kummer Deine Mitgift für eine ſolche Ehe ſein werden? Oh Mutter, Unglück und Kummer wiegen nicht ſo ſchwer, wenn man ſie in einer mit einer Grafen⸗ krone gezierten und von vier Pferden gezogenen Equi⸗ page umherfahren kann! Deshalb alſo Mutter, ſtehe mir bei, daß ich mein Ziel erreiche! Ich weiß, Du kannſt es! Sage mir endlich den Namen meines Va⸗ ters! Mag er gegen Dich verbrochen haben, was er 222 wolle, immer doch bleibt er mein Vater und ich bin berechtigt, ſeinen Namen zu wiſſen! Du kennſt ihn, ſagte die alte Frau, welche plötzlich erblaßte und zitterte. Du kennſt ihn, denn Du heißt Mariane Freiſtadt! Nein, dies iſt nicht der Name meines Vaters! So ſorgfältig Du mir auch dies Geheimniß verborgen haſt, ich habe es dennoch erfahren! Was haſt Du erfahren? rief ihre Mutter entſetzt. Daß Du unglücklich warſt in Deiner Ehe, daß Du Dich endlich von meinem Vater getrennt und Deinen Familiennamen wieder angenommen haſt! Oh, ſie weiß alſo nichts! murmelte ihre Mutter aufathmend, während ihre Züge wieder einen ruhigeren Ausdruck annahmen. Welcher war der Name meines Vaters? Oh, eine Ahnung ſagt mir, daß dieſer Name mich retten könnte, denn, wenn ich zurückſteige in die früheſten Tage meiner Kindheit, meine dunkelſten Erinnerungen be⸗ frage, ſo weiß ich, daß wir damals in anderen Ver⸗ hältniſſen lebten, und Du ſelber haſt mir ja geſagt, daß Du nicht immer in einer elenden Dachkammer gewohnt, nicht immer Dein Leben von der Arbeit Deiner Hände gefriſtet haſt! Und wenn ich weiter grübele in meinen Erinnerungen, ſo iſt es mir zuweilen, 223 als ſähe ich einen hochgewachſenen Mann in einer glänzenden Uniform, der mich liebkoſ'te und den ich Vater nannte! Frau Freiſtadt ſtieß einen gellenden Schrei aus und ſchlug ihre Hände vor ihr Angeſicht. Mariane achtete nicht darauf. Sie war ganz in ihre Erinnerungen vertieft. Aber wunderbar, ſagte ſie, ſo oft ich ihn vor mir ſehe, empfinde ich ein unendliches Grauen! Es muß eine entſetzliche Scene geweſen ſein, mit welcher ſein Bild ſich meinem Gedächtniß eingeprägt hat. Das Ganze iſt nur wie ein Traum, aber ich ſehe in dieſem Traum dieſen hochgewachſenen Mann in der Uniform wieder! Sein Geſicht iſt mit Blut beſpritzt, ſeine Augen rollen wild umher, ſein Mund ſpricht nur unarticulirte Laute und ſeine Geſtalt zittert, wie vom Sturm geſchaukelt! Und dann Mutter ſehe ich auch Dich! Ich ſehe Dich vor dieſem blutbeſpritzten Manne knieen und Deine Hände ringen, während Du mich an Deine Bruſt drückſt und mit Deinen Thrä⸗ nen überflutheſt! Dann iſt es mir, als höre ich Dich einen gellenden, fürchterlichen Schrei ausſtoßen, einen Schrei, Mutter, der noch oft jetzt in meinen Träumen wiederklingt und mich aus dem Schlafe weckt! Sage mir Mutter, was bedeutet dieſer Traum? 224 Frau Freiſtadt weinte nicht mehr. Das Entſetzen hatte ſie ſtumm gemacht, die Mutterliebe gab ihr Kraft, ihre Qualen zu unterdrücken. Sie ließ ihre Hände von ihrem Antlitz gleiten, aber es war farblos, nicht ein Tropfen Blutes war in ihren Wangen und ihre bläulichen Lippen zuckten krampfhaft. Was dieſer Traum bedeutet? wiederholte ſie in übermenſchlicher Anſtrengung. Er bedeutet, daß es eben nur ein böſer Traum war, der Dich geängſtigt hat! Dein Vater war ein armer— und hieß Freiſtadt! Du lügſt! rief Mariane, wild mit dem Fuß auf den Boden ſtampfend. Du lügſt Mutter! Ich weiß, daß er einen adligen Namen führte! Wovon weißt Du das? fragte ihre Mutter mit dem Anſchein der Ruhe! Eines Tages, noch vevor Du mich in die Pen⸗ ſion brachteſt, bekamſt Du einen Brief! Als ihn Dir der Briefträger brachte, ſchrieſt Du laut auf und Thränen entſtürzten Deinen Augen, und während Du ihn laſeſt, zitterteſt Du! Ich wollte dieſen Brief leſen, aber Du verweigerteſt es mir und ich war damals noch zu ſchwach und klein, um meinen Willen gegen den Deinen durchſetzen zu können! Aber ich war doch 6 — 225 ſchon erwachſen genug, um neugierig zu ſein! Du hatteſt den Brief zerriſſen und verbrannt, aber Du hatteſt nicht Acht gehabt auf das Couvert, oder Du hatteſt es doch nur theilweiſe zerſtört! Ich fand es und verbarg es. Unglückliche! und was ſtand darauf geſchrieben? Es war, wie geſagt, nur theilweiſe zerſtört, ich ſtellte die einzelnen Stücke zuſammen und las:„An Frau von— hier fehlte mir das ergänzende Stück Papier, aber weiter folgte:„geborne Freiſtadt.“ Mein Gott, mein Gott, ich danke Dir! flüſterte ihre Mutter, indem ſie die Hände faltete und ihre Lippen in leiſem Gebet bewegte. Dies war für mich ein fürchterlicher Schlag! fuhr Mariane fort. Ich hielt ein verſchloſſenes Geheimniß in meinen Händen und es fehlte mir der Schlüſſel, es zu öffnen! Und Du ſagteſt 1 chts von Deiner Ent⸗ deckung? Du fragteſt milch nicht um dieſen Namen, den Dir Gottes Wille entzogen hatte? Ich fragte Dich nicht, weil ich Dich nicht miß⸗ trauiſch und vorſichtig machen, ſondern weil ich Dich beobachten und möglichſt mehr von Deinen Geheim⸗ niſſen erforſchen wollte! Aber ich fand nichts! All mein Suchen war vergeblich! Später habe ich Dich —— 226 oft genug um den Namen meines Vaters befragt, aber Du haſt ihn mir niemals ſagen wollen! Aber heute, Mutter, wirſt Du es thun! Bedenke, daß das Glück meiner ganzen Zukunft von Deinem Ausſpruch abhängt, daß es in Deiner Hand liegt, die ſtolzeſten Wünſche meines Lebens zu erfüllen! Nein, Mutter, ſprich noch nicht! Höre mich erſt ganz zu Ende! Es iſt nicht blos Glück, Ehre, Reichthum und Rang, welches in Deiner Hand liegt— meine Tugend und meine Seligkeit, meine Liebe zu Dir, mein Friede und meine Ruhe, Alles das hängt von Deinem Aus⸗ ſpruch ab! Oh, Mutter, Du kannſt mich verſöhnen mit dem Schickſal, Du kannſt dieſen Zwieſpalt meiner Wünſche und meiner Stellung löſen, Du kannſt all dieſe beſſern Gefühle, welche der Zorn, der Haß und Neid in mir unterdrückt hten, wieder wach rufen; Du kannſt mein Herz a nftern Gefühlen, ja der Liebe zu Dir wieder i Alles dies hängt von Einem Wort ab! Sprich aus, meine Mutter, gib Dir die liebende Tochter, das harmloſe, glückliche Kind wieder, welches mein gedemüthigtes, armſeliges Leben Dir entzogen hatte! Sage mir, ich beſchwöre Dich auf meinen Knieen, ſage mir den Namen meines Vaters! Sie war auf ihre Kniee niedergeſunken und hob ihre flehenden Blicke zu ihrer Mutter empor. 225 Frau Freiſtadt ſaß da mit gefalteten Händen, das thränenumdüſterte Auge dem Himmel zugewandt. Sie betete. Mutter, wiederholte Mariane ungeſtümer, Mutter, ſage mir den Namen meines Vaters! Die alte Frau ſchrak zuſammen und ihr gen Himmel gewandter Blick kehrte auf die Erde zurück. Niemals! ſagte ſie feſt entſchloſſen. Niemals! Ich habe mit einem heiligen Eide mir gelobt, Dir niemals dieſen Namen zu nennen und ich werde Wort halten! Ich habe meine Heimath und meine Familie verlaſſen, damit Du von Niemand Anders dieſen Na⸗ men erfahren ſollteſt! Ich werde Dir ihn alſo nicht ſagen! Du gehörſt Niemand an, als mir, Du haſt keinen Vater, ſondern nur eine Mutter, eine Mutter, welche bereit iſt, ihr Letz für Dich hinzugeben und deren Name rein iſt un on aller Schuld! Trage dieſen Namen, mein ch habe Dir keinen an⸗ dern zu geben! Iſt das Dein letztes Wort, Mutter? fragte Ma⸗ riane, indem ſie mit zorngerötheten Wangen von ihren Knieen emporflog. Es iſt mein letztes Wort! Du willſt mir nicht den Namen meines Vaters ſagen? 2 155 Nein, ich will es nicht! Nun denn, ſo möge meine Schande und mein unglück auf Dein Haupt zurückfallen! Du haſt nicht gewollt, daß ich eine ehrbare und tugendhafte Frau würde, ſo mag ich jetzt ein ſchamloſes, laſterhaftes Geſchöpf werden! Du haſt nicht gewollt, daß ich mich für Rang und Titel verkaufte, nun wohl, ſo werde ich mich jetzt vielleicht für Gold und Diamanten ver⸗ kaufen! Ich will reich, ich will vornehm und angeſehen werden! Du haſt mir dazu die Wege der Tugend verſchloſſen, nun denn, ſo werde ich die Wege des Laſters gehen! Alles dies iſt Dein Werk, Mutter! Ich ſage mich los von Dir! Du haſt hinfort kein Kind, ich habe keine Mutter mehr! Du haſt den letzten Reſt von Anhänglichkeit in meinem Herzen ertödtet und ich haſſe Dich, wie ich die ganze Welt, wie ich alle Menſchen haſſe! Lebe„Mutter, das iſt mein Scheidegruß für immer Sie ſtürzte wie eine Rſende aus dem Zimmer und flog die Treppen hinunter. Frau Freiſtadt rief ſie nicht zurück. Sie lag beſinnungslos an der Erde. NII. Ein letzter Perſuch. Mriane ging mit heftigen Schritten in ihrem Zimmer auf und ab. Sie war noch immer in einer fürchterlichen Aufregung, und obwohl ſchon mehrere Stunden ſeit dieſer Unterredung mit ihrer Mutter verfloſſen waren, hatte es ihr immer noch nicht gelin⸗ gen wollen, ihre gewohnte Ruhe und Kaltblütigkeit wieder zu finden.* Sie hatte ihren ganzen Lebensplan auf dieſen Namen gegründet, welchen ihre Mutter ihr verwei⸗ gerte. Sie war ſo ganz gewiß geweſen, aus dem ariſtokratiſchen Namen ſich eine Waffe machen zu können, mit welcher ſie die ſtolzen Bedenklichkeiten des jungen Grafen beſiegen würde. Er hatte ihr eine Brücke ſein ſollen, den ſie über den Abgrund deckte, 3 230 welcher ſie bis dahin von der Ehre, dem Reichthum und Glanz der ſogenannten vornehmen Geſellſchaft getrennt hatte. Dieſe Hoffnung war ihr zerſtört worden; ſie ſtand jetzt wie Jeremias auf den Trümmern ihres Jeru⸗ ſalems und weinte über ihr zerſchlagenes Glück. Aber dieſer Parorismus ihres zornigen Schmerzes mußte endlich ruhigerer Ueberlegung, größerer Beſon⸗ nenheit weichen. Mariane gehörte nicht zu Denen, welche ſich von Einem Schlag des Schickſals zu Boden werfen laſſen. Ein Faden meines Gewebes iſt zerriſſen, ſagte ſie, ich werde an einem andern wieder anknüpfen! Und dann, wer weiß, ob ich es nicht dennoch erreiche, ob ich nicht im Stande wäre, trotz dieſer ungeheuren Schwie⸗ rigkeit dennoch zu ſiegen! Dieſer Gedanke reizte Fi ie, es ſtachelte ihren Ehr⸗ geiz, das anſcheinend unmögliche möglich zu machen und ganz allein, nur auf ſi ſch geſtütt, ihr Werk zu Ende zu führen. Ich will's verſuchen! ſagte ſie endlich entſchloſſen und mit einem kühnen Aufflammen ihres Blickes. Wer weiß, vielleicht bin ich zu zaghaft geweſen und Hector liebt mich mehr, als er ſelber es weiß! Ich muß es jedenfalls verſuchen! 231 6* — Sie zog ein Papier aus ihrem Buſen hervor und las es mit Aufmerkſamkeit. Es war ein zärt⸗ liches Billet des jungen Grafen Schwanenkamp, in welchem er ſie in den leidenſchaftlichſten Ausdrücken um ein Rendezvous anflehte. Mariane prüfte jedes Wort, jede Wendung dieſes Billets mit dem kalten, unbeirrten Auge eines Sprach⸗ forſchers, ihr Herz war nicht im Mindeſten bewegt von dieſen glühenden Liebesbetheuerungen und Schmei⸗ cheleien, nur ihr Geiſt ward davon angeregt und in Aufregung verſetzt. Faſt will es mir jetzt ſcheinen, ſagte ſie endlich, noch immer das Billet anſtarrend, als ob ich der ariſtokratiſchen Geſinnung meines guten Hector zu viel Gewicht beigelegt habe, und als ob er am Ende leichter zu gewinnen ſein möchte, als ich anfangs ſelber glaubte. Wie, ſteht da nicht geſchrieben, daß er mich liebt mit einer Liebe, welche bereit iſt, alle Hinderniſſe zu überwinden und ſelbſt dem Zorn ſeiner Angehörigen Trotz zu bieten? Was kann er damit anders meinen, als daß er, was auch der Prinz und ſeine Mutter ſagen mögen, mir dennoch ſeine Hand und ſeinen Namen geben will? Und wenn er hinzufügt, daß ihm kein Opfer zu ſchwer ſein würde, wenn es ihm zu meinem Beſitz verhilft, ſo ſoll das doch offenbar 1 232 heißen, daß er es ſelbſt auf eine Enterbung will an⸗ kommen laſſen! Nein, es iſt klar, ich werde ihn ge⸗ winnen, es kommt nur darauf an, daß ich ſeine Sinne genug berauſche, um ſeine Ueberlegung zum Schweigen zu bringen! Ich werde ihm alſo dieſes Rendezvous bewilligen, um welches er mich bittet! Sie nahm Feder und Papier und ſchrieb mit eiliger, aber feſter Hand:„Heute Abend um acht uhr fährt die Gräfin mit der Comteſſe zu einer Soirée. Ich werde daher allein und auf meinem Zimmer ſein, und damit der Prinz Aurelio nicht etwa kommen, und mich zu einer Schachpartie befehlen könne, werde ich ſagen, daß ich unwohl ſei und das Bett hüten muß. Meine Thüre wird ſich nur für Einen öffnen! Wiſſen Sie, für wen?“ Sie barg das Billet in ihrem Buſen, und als ſie, im Begriff in den Eßſaal hinunter zu gehen, dem jungen Grafen ganz zufällig auf dem Corridor be⸗ gegnete, drückte ſie es ihm mit einem glückverheißenden Lächeln in die Hand.—— Der Abend kam endlich. Mariane war endlich allein in ihrem Zimmer. Sie vor der Gräfin und dem Prinzen Aurelio die Comödie ihrer Migräne mit ſo viel Gewandtheit und Treue geſpielt, daß Nie⸗ mand daran zweifelte, und der Prinz ſich mißmuthig 233 entſchloß, die Gräfin und ihre Tochter zu der Soirse beim engliſchen Geſandten zu begleiten. Mariane war alſo ganz ſicher, nicht geſtört oder belauſcht zu werden. Sie war in einer fieberhaften Aufregung, alle ihre Pulſe bebten, ihr Herz klopfte zum Zerſpringen und ein unnennbares, erſtickendes Bangen erfüllte ihre Bruſt. Und doch war es nicht die Liebe, nicht die Sehn⸗ ſucht der Erwartung, welche ſie ſo aufregte. Sie hätte daſſelbe empfunden, wäre der Graf nicht der junge, feurige und ſchöne Mann geweſen, welcher er wirklich war, ſondern ein alter, entnervter, zitternder Greis! Sie erwartete nicht den Geliebten, ſondern nur den Mann, welcher ihr eine Grafenkrone, einen Pallaſt, eine glänzende Equipage, eine Schaar ergebe⸗ ner Diener zu geben, welcher ihr endlich den Triumph zu bereiten hatte, als Gleichberechtigte neben dieſen ſtolzen, übermüthigen Weibern zu ſtehen, welche bis dahin mit ſtolzem Lächeln zu ihr herabgeſehen!— Es wäre ihr faſt lieber geweſen, wenn der, den ſie erwartete, wirklich ein altersſchwacher, wankender Greis geweſen, denn alsdann wäre ſie ihres Erfolges ſicherer und gewiſſer geweſen. Ein verliebter Greis iſt weit leichter zu bewälti⸗ gen, ſagte ſie, der kennt nichts als ſeine Leidenſchaft und ſeine Begierde; wenn man es gar verſteht, ihn glauben zu machen, daß man ihn liebe, ſo wirkt das wie Champagner und die ſüße Berauſchung raubt ihm den letzten Schimmer von Ueberlegung. Wenn mir mein Plan mit Hector mißlingt, nun ſo werde ich dem guten Prinzen ein wenig von dieſem Champagner zu trinken geben! Es klopfte an die Thür,— eine Purpurröthe bedeckte Marianen's Wangen und ein Zittern durch⸗ flog ihre ganze Geſtalt. Aber ſie ging doch hin und öffnete. Er war es, der junge Graf von Schwa⸗ nenkamp.— Er ließ ihr kaum Zeit, die Thür zu ſchließen und den Riegel vorzuſchieben! Er ſank vor ihr auf die Knie, um ihr die Hände, die Füße zu küſſen und mit begeiſterten Worten ihr zu danken, daß ſie ihm endlich dieſe lange erflehte und erſehnte Zuſammenkunft bewilligt habe. Mariane hörte ihm lächelnd, aber mit vollkommen kaltem Herzen zu, ſie lauſchte auf jedes ſeiner Worte, auf den Klang ſeiner vibrirenden Stimme ſelbſt! Er war für ſie nichts weiter als ein Inſekt, daß man auf eine Nadel ſteckt, um es wiſſenſchaftlich ergründen und prüfen zu können. 235 Aber ſie hütete ſich wohl, ihre Mienen etwas von der Kälte ihres Herzens verrathen zu laſſen! Sie war von einer bezaubernden Anmuth, einer reizenden Schwermuth; halb hingebend, halb ſpröde, wußte ſie dem Grafen irgend eine kleine Gunſt, eine kleine Ver⸗ traulichkeit zu gewähren, um ihn zu immer heißeren Wünſchen, immer glühenderem Verlangen zu ſteigern. Er ſchwur, daß er ſie ewig lieben werde. Sie lächelte und hielt ihm den Mund zu, damit er nicht fortfahre in ſeinem„Meineid.“ Nun drückte er dieſe reizende, weiße Hand an ſeine Lippen und indem ſie ſie ihm entziehen wollte und mit ihm rang, geſchah es ganz zufällig, daß ſie einen Moment an ſeine Bruſt ſank. Er benutzte dieſen Moment und um⸗ ſchloß ſie feſt mit ſeinen Armen. Aber ſie wußte, leicht und gewandt wie eine Gazelle, ſich ſeinen Armen zu entwinden und floh an das andere Ende des Ge⸗ maches, indem ſie ſchwur, nicht eher zu dem Divan zurückzukehren, als bis er ihr verſprochen, ſie gar nicht zu herühren. Er verſprach es mit lachendem Munde und ſie kam wieder an ſeine Seite, um mit ihm zu ſchäkern und zu lachen. Aber auch der junge Graf hatte ſeine Berech⸗ nungen gemacht und ſeinen Schlachtplan entworfen. 236 Er zog ein Maroquin⸗Etui hervor und reichte es Marianen dar, indem er ſie bat, als ein erſtes Zeichen ihrer Liebe ihm die Gunſt zu bewilligen, daß er ihr ein Geſchenk machen dürfe. Das Etui enthielt einen koſtbaren Rubinſchmuck und Marianen's Herz hüpfte vor Freude bei dem Anblick deſſelben. Aber ſie bezwang ſich. Sie legte das Etui mit einem traurigen Seufzer in des Grafen Hände und weigerte ſich ganz entſchieden, daſſelbe anzunehmen. Sie lieben mich alſo nicht? fragte er. Oh doch, ſagte ſie, ich liebe Sie! Mehr als ich es ſollte, mehr als meine Vernunft es gutheißen kann! Und dennoch verweigern Sie mir dieſe Bitte? Eine entſcheidende Antwort ſchwebte ſchon auf Marianen's Lippen. Sie hielt ſie noch zurück, der günſtige Moment war noch nicht gekommen, der junge Graf war noch nicht ganz berauſcht, er war noch zu ſehr der Ueberlegung fähig! Sie fuhr fort in ihrem coquetten Spiel, ſie ſuchte ſeine Extaſe immer mehr anzuregen. Sie ging endlich ſo weit, ihm einen Blick in ihr leidenſchaftliches, ſturmbewegtes Herz zu geſtatten, ihn ſehen zu laſſen, mit welcher grenzenloſen, begeiſterten Liebe ſie ihm angehöre. 237 Der junge Mann fühlte ſich wahrhaft entzückt. Er ſank wieder zu ihren Füßen nieder und ſchwur ihr eine glühende, unwandelbare Liebe. Er that das in ſo lauter, ſtürmiſcher Weiſe, daß Mariane es für rathſam hielt, ihn zu bitten, ſeine Stimme ein wenig zu dämpfen, damit dieſelbe nicht ſeine Anweſenheit in ihrem Zimmer verrathe. Weshalb alſo gehen wir nicht in das nächſte Gemach? fragte er unmuthig. Dort wären wir ge⸗ wiß ſicher vor jedem Lauſcher, denn dieſes Zimmer hier würde uns behüten. Kommen Sie Mariane, laſſen Sie uns in jenes Zimmer gehen! Jenes Zimmer iſt mein Schlafgemach! flüſterte ſie tieferröthend und mit niedergeſchlagenen Augen. Er zog ſie ſtürmiſch in ſeine Arme. Nun, fragte er, mißtraueſt Du mir denn ſo ſehr, daß Du mir nicht erlauben willſt, jenes Heiligthum zu betreten? Sie blickte mit feuchten, ſchwärmeriſchen Augen zu ihm empor. Ich will Ihnen eine kleine Geſchichte erzählen, eine kleine Anekdote aus dem Leben Heinrich des Vierten. Er liebte die ſchöne und liebreizende Gabriele von Estampes und ſie erwiederte ſeine Liebe ſo ſehr, daß ſie unbeſonnen genug war, ihm ein Rendezvous in ihren Gemächern zu bewilligen. Sie empfing ihn in ihrem Boudoir; aber der König wollte ihre ganze Wohnung ſehen, er wollte, wie er ſagte, alle Hallen dieſes Tempels durchwandern, in welchem ſeine Göttin wohnte. Gabriele führte ihn durch alle Ge⸗ mächer, nur Eine Thüre öffnete ſie nicht. Aber Ihr Schlafzimmer? fragte der König. Werden Sie mich Ihr Schlafzimmer nicht ſehen laſſen?— Die ſchöne Gabriele verneigte ſich mit einer bezaubernden Anmuth vor ihrem königlichen Anbeter.„Sire, ſagte ſie, der Weg zu meinem Schlafzimmer führt nur durch die Kirche.“ Allerliebſt, ſagte der junge Huſarenlieutenant. Aber was geht uns das an? Was wollen Sie damit ſagen? Daß ich Ihnen antworten will, wie Gabriele von Estampes dem König antwortete! Der Graf lachte. Ein allerliebſter Scherz, ſagte er, ein Scherz, der doch nicht verhinderte, daß Ga⸗ briele auch ohne den Weg durch die Kirche des Königs Geliebte ward, und ſpäter um einer andern Schönen von ihm verlaſſen ward. Aber ich, Mariane, ich werde treu ſein, ich werde mein ganzes Leben Dir weihen; Dein Glück wird meine ſtete Sorge, mein ſtetes Sinnen ſein, und niemals, das ſchwöre ich Dir, niemals werde ich einem andern Weibe mich vermählen! Dich nur will ich lieben, Dich nur will ich beſitzen! 239 Er wollte ſie auf's Neue in ſeine Arme ſchließen, ſie wehrte ihn heftig zurück, aber indem ſie es that, begegnete ſie ſeinen Blicken mit einem ſo unbeſchreib⸗ lichen Ausdruck von Liebe und Zärtlichkeit, daß dieſe Weigerung ihn nur noch höher entflammen mußte. Hören Sie mich an, Hector, ſagte ſie zitternd. Ohne Zweifel würde es Ihnen leicht ſein, meinen Willen zu beugen und meinen Widerſtand zu brechen, denn ich liebe Sie und ich habe keinen Willen und keine Kraft Ihnen gegenüber. Aber ich ſchwöre Ihnen und möge Gott meinen Schwur hören, ich würde meine Schande nicht überleben. Arm und freundlos wie ich bin, beſitze ich nur Eins, welches mir Kraft und Muth verleiht und meine Stütze iſt in allen Gefahren, das iſt meine Ehre! Sie iſt mein heili⸗ ges, mein einziges Beſitzthum, ich muß ſie mir rein und fleckenlos bewahren, oder ſterben! In derſelben Stunde, in welcher ich Ihre Geliebte geworden, gebe ich mir den Tod, das ſchwöre ich Ihnen bei dem Geiſte meines Vaters, welcher ohne Zweifel in dieſer Stunde neben mir iſt und meinen Schwur hört! Der Huſarenlieutenant ſah ſie erſtaunt und ver⸗ wirrt an. Sie wollen alſo nicht meine Geliebte wer⸗ den? fragte er endlich. Sie wollen mir Ihr Herz verweigern? Sie wollen es nicht wiſſen, daß ich Sie 5 240 grenzenlos liebe, daß ich zu jedem Opfer bereit bin, welches mir zu Ihrem Beſitz verhelfen kann? Nennen Sie mir ein ſolches Opfer? Fordern Sie, Mariane! Alles was Sie wollen! Nur ſpannen Sie mich nicht länger auf die Folter, nur ſein Sie nicht länger grauſam, nur ſagen Sie endlich, daß Sie mich lieben und einwilligen, die Meine ſein zu wollen! Sie lehnte ſich mit einem ſchmachtenden Ausdruck an ſeine Bruſt und blickte lächelnd zu ihm empor. Oh, mein Hector, mein Geliebter, flüſterte ſie. Du liebſt mich alſo wirklich? Du bieteſt mir Deine Hand an? Oh, ſage, daß es kein Traum iſt, daß meine entzückten Sinne mich nicht täuſchten. Oh, wieder⸗ hole mir dieſe himmliſche Frage, ob ich die Deine werden will. Ja, Hector, ich will es! Ich will Dir dienen und gehorchen, wie eine Magd, ich will zu Deinen Füßen ſitzen und auf jedes Zucken Deiner Wimper achten und jeden Wunſch Dir erfüllen, noch ehe Du ihn ausgeſprochen! Ich verlange nicht Glanz und Reichthum, nicht Ehre und Pracht, ich verlange nur Dich, nur Dich allein, nur das heilige Recht, Dich lieben, Dich beſitzen zu dürfen, ohne vor Gott und meinem Gewiſſen erröthen zu müſſen. Ich will ja nicht Deine Gemahlin ſein, um Deine Pracht und 241 Deinen Glanz mit Dir zu theilen, ſondern um das Recht zu haben, Deine Sclavin, Deine erſte Dienerin ſein zu dürfen! Oh, mein Hector, ich Deine Ge⸗ mahlin, welch ein großes, ein unbeſchreibliches Glück! Sie ſchmiegte ſich mit hingebender Zärtlichkeit an ſeine Bruſt, aber ſeine Arme ſanken nieder, er drückte das ſchöne Weib, welches ſo innig ſich an ihn lehnte, nicht an ſein Herz. Er hatte ihr mit wirren, ſtaunenden Blicken zugehört, er ſchien ganz betäubt, ganz rathlos, es war, als ob ein Blitz vor ihm niedergefahren und er ganz ſeiner Beſinnung be⸗ raubt wäre. Allmälig erholte er ſich von dieſem Erſchrecken und brach in ein lautes, fröhliches Lachen aus. Die Idee war in der That zu ſpaßhaft. Dieſe kleine Ge⸗ ſellſchafterin ſeiner Mutter bildete ſich alles Ernſtes ein, daß er, der Graf Hector von Schwanenkamp, ſie zu ſeiner Gemahlin machen würde. Er, der Sohn eines Prinzen, ſollte ſo weit herabſteigen können, um die bezahlte, namenloſe Dienerin ſeiner Mutter zu hei⸗ rathen. Wirklich, die Idee wäre beleidigend geweſen, wenn ſie nicht zugleich ſo unendlich komiſch wäre. Er zog es vor, ſie von der komiſchen Seite zu nehmen und begann immer auf's Neue wieder mit ſeinem luſtigen Lachen. 242 Nein, meine kleine Mariane, ſagte er endlich, als ſie in Thränen ausbrechend ſich von ihm abgewandt hatte, nein, mein ſchönes, liebliches Kind, dies iſt ein Irrthum! Wir wollen uns nicht mißverſtehen! Ich würde der Glücklichſte der Sterblichen ſein, wenn ich Dir meinen Namen geben dürfte. Aber leider gibt es heilige Pflichten, welche mich daran verhindern! Ich darf nur einem Mädchen von ariſtokratiſchem, untadelhaftem Namen meine Hand reichen. Mariane ſtampfte wild mit dem Fuß auf den Boden und ihr Auge flammte vor Zorn. Oh, Mutter, Mutter, murmelte ſie zähneknirſchend, und dann ihr zornſprühendes Geſicht dem Grafen zuwendend, ſagte ſie: Sie wollen mich nicht zu Ihrer Gemahlin er⸗ heben, und dennoch ſagen Sie, daß Sie mich lieben, und dennoch wagen Sie es, hier zu ſein und von Opfern zu ſprechen, welche Sie mir bringen wollen! Der junge Graf lachte wieder. Er hatte ſeine ganze Beſonnenheit und Ruhe wieder gewonnen, er ſah jetzt mit ganz nüchternem Auge die Su 6 man ihm gelegt hatte. Liebes, ſchönes Kind, ſagte er, um zu licben, iſt es nicht nöthig, daß man heirathe, und wenn ich von N Opfern ſprach, ſo wollte ich damit ſagen, daß ich mit Freuden bereit ſei, Sie Ihrer abhängigen und demüthigen Stellung zu entheben und Sie in ein aller⸗ liebſtes, kleines Haus zu führen, deſſen Herrin Sie ſein ſollten und wo Sie über mich, als den erſten Ihrer Sclaven, zu gebieten hätten. Zu einem ſolchen Opfer bin ich mit Freuden bereit, ein anderes vermag ich nicht zu bringen! Abſcheulich! ſagte Mariane mit dem Anſchein edler Entrüſtung. Sie hielten mich alſo wirklich für ein ſo ehrloſes, jammervolles Geſchöpf, das ſich für elendes Gold verkaufen, für ein Bischen Glanz und Flitter ihre Ehre hingeben könnte? Nein, ſagte er ironiſch, ich hielt Sie für ein zärtliches, edles Mädchen, welches, wenn ſie liebt, gar nicht an das Heirathen denkt, ſondern nur daran, ihren Geliebten glücklich zu machen! Für ein Mädchen, das ganz ohne Eigennutz und ohne Be⸗ rechnung ſich nur hingibt, weil ſie liebt, nur ſich un⸗ terwirft, weil ihre Liebe mächtiger als ihre Vernunft. Aber ich ſehe jetzt, daß ich mich geirrt habe. Ja, Sie haben ſich geirrt, ſagte ſie zähneknir⸗ ſchend. Sie ſah jetzt, daß ſie die Parthie verloren habe, es war daher nicht mehr nöthig, ſich zu ver⸗ bergen; ſie konnte daher ihren Haß und ihren Zorn unbehindert walten laſſen. Ja, Sie haben ſich geirrt. Sie verwechſelten 16* 244 mich mit dieſen hochgebornen, ſtolzen Gräfinnen, bei denen einige Brillanten genügen, um ihre Liebe zu gewinnen; Sie glaubten, ich habe in dieſem Hauſe ſchon genug des Giftes eingeathmet, um davon ver⸗ peſtet zu ſein! Sie hofften dieſe erhabenen Beiſpiele von Heuchelei und Schamloſigkeit, von äußerer Prü⸗ derie und innerer Verderbtheit, von Sittenloſigkeit und zur Schau getragener Strenge würden genügt haben, um mich eben ſo verderbt, ſo entartet und heuchleriſch zu machen? Nein, nein, mein Herr, ich bin nur ein Kind des Volkes, es fließt kein ariſto⸗ kratiſches Blut in meinen Adern, ich gehöre nicht zu dieſer Race der Auserwählten, welche das Privilegium der Sittenloſigkeit, der Gemeinheit und Heuchelei haben, vorausgeſetzt, daß ſie dabei bemüht ſind, im⸗ mer den äußern Anſtand zu bewahren und den Schliff ihrer feinen Manieren und ihrer ariſtokratiſchen Alluren über ihre groben Gelüſte und ihre ſchmutzi⸗ gen Thaten zu decken. Ich bin eine Tochter des Volkes! dieſes Volkes, welches für Eure verderbte und entartete Race arbeiten und ſich mühen muß, dem Ihr das Mark aus den Knochen ſaugt, von deſſen Arbeitskraft Ihr praßt und ſchwelgt, das Ihr zu Sclaven erniedrigt habt, um Euch zu deſto macht⸗ volleren Herren erheben zu können, und das im in Euren vergoldeten Paläſten in gähnender Lange⸗ weile und in gottesläſterndem Müſſiggang auf ſei⸗ denen Polſtern ruht! Genug, genug, meine kleine allerliebſte Demo⸗ kratin! ſagte der Huſarenlieutenant lächelnd. Wozu dieſen Pathos und dieſe ertravaganten Redensarten? Wir haben uns mißverſtanden, das iſt das Ganze! Ich ſuchte eine Geliebte und fand eine Heirathscan⸗ didatin, Sie erwarteten einen Epouſeur und fanden nur einen Liebhaber! Da wir alſo Beide nicht ge⸗ funden, was wir ſuchten, ſo iſt es beſſer, daß wir uns auf den Weg machen und anderswo unſer Suchen fortſetzen. 8 Er machte Marianen eine leichte ſpöttiſche Ver⸗ beugung und verließ das Gemach. Einen Augenblick ſtand ſie wie erſtarrt da, dann flog ſie zu dem Tiſch, und als ſie dort noch das Maroquin⸗Etui mit dem koſtbaren Schmuck ent⸗ deckte, hellte ihr Geſicht ſich zu einem freundlichen ächeln auf. Oh, Gott ſei Dank, er hat die Diamanten hier gelaſſen! ſagte ſie, indem ſie das Etui in ihrer Klei⸗ dertaſche barg. Dann hüpfte ſie mit einem lauten Lachen nach der Thür und verriegelte dieſe. X Er könnte wiederkommen, um den Schmuck zu holen! flüſterte ſie. Allerdings. Sie hatte ſich nicht getäuſcht. Es klopfte an ihre Thür und die Stimme des jungen Grafen bat um Einlaß. Niemals! rief Mariane mit dem Ton heſftigſter Empörung, indem ſie das Etui tiefer in ihre Taſche ſchob. Niemals, mein Herr, wird ſich Ihnen die Thür dieſes Zimmers wieder öffnen! Aber ſo hören Sie doch nur! Ich— Nein, ich will Sie nicht hören— Und ſie hüpfte zu dem Flügel hin und begann ſo heftig zu muſiciren, daß ſie kein Wort mehr vernahm. Sie iſt ungeheuer ſchlau, brummte der junge Huſarenlieutenant, indem er ſich mit einem ſehr verdrießlichen Geſicht entfernte. Auf meine Ehre, ſie iſt ſchlau! mich vierzig Louisd'or! Mariane hörte endlich with auf zu muſiciren und leiſe auf den Zehen zu der Thüre hintrippelnd, horchte ſie. Alles war ſtill. Er war alſo fortgegangen. Der Schmuck war ihr geblieben! Sie nahm ihn hervor und eilte damit zu dem Tiſch hin, und betrachtete ſich dieſes ſchöne Armband Bruſt gewahre, ſo fühle ich ein unwillkürliches Zucken mit entzückten Blicken und ließ die Rubinen der Broche im Lichte funkeln. Ich muß einmal wieder alle meine Schätze betrach⸗ ten, ſagte ſie ſtillvergnügt. Sie tänzelte durch das Zimmer zu ihrem Secretair und öffnete ihn und zog das verborgenſte Schubfach deſſelben hervor. Wie ſie all das funkelnde Geſchmeide darin betrachtete, ſchrie ſie laut auf vor Entzücken und trug die koſt⸗ bare Laſt zu dem Tiſch, auf welchem die Lampe ſtand. Aber es war ihr noch nicht hell genug. Sie zündete noch die beiden ſilbernen Klavierleuchter an und ſetzte ſie neben der Lampe auf den Tiſch. Dann ſetzte ſie ſich auf den Divan und breitete ihre Schätze aus, und ihre Augen flammten und blitzten wie die Diamanten auf ihrem Tiſch und ihr lächelnder Mund war ſo purpurglühend, wie die Rubinen. Himmliſch! himmliſch! flüſterte ſie ganz beſeligt, indem ſie mit gefaltenen Händen die Edelſteine an⸗ ſtarrte. Mein Gott, welch' ein Zauber liegt doch in dem Anblick der Brillanten. Wenn ich ſie anſehe, hüpft mein Herz, wie bei dem Anblick eines Geliebten! Schöne Steine, wie mit magnetiſchen Banden fühle ich mich zu Euch hingezogen; wenn ich Euch an einer fremden 248 in meiner Hand und es iſt mir, als müßte ich Euch dem Räuber entreißen, der Euch mir entwandt hat! Denn Ihr gehört zu mir Ihr ſchönen Brillanten, und wir verſtehen einander. Oh, was Alles ſagen mir nicht Eure blitzenden Augen, und welche ſüßen Ver⸗ heißungen flüſtert Ihr nicht in mein Ohr. Wer Euch beſitzt, der beſitzt Alles, was die Erde zu bieten vermag, dem gehört das Glück, die Liebe, die Ehre und die Achtung der Welt! Kommet daher Alle zu mir, Ihr funkelnden Steine! Ich liebe Euch ſo ſehr, daß ich die ganze Welt durchwandern will, Euch zu ſuchen, und daß Euer Beſitz die Aufgabe meines Lebens ſein ſoll! Wo ich Euch finde an der Bruſt eines Mannes, da werde ich mit meinem Lächeln und meinen Schmei⸗ cheleien ihn ſo bezaubern, daß er Euch freiwillig mir darbietet und wenn er's nicht freiwillig thut, ſo werde ich mit Gewalt Euch ihm entreißen! Denn Ihr ſollt mir gehören, alle Brillanten der Welt möchte ich mir erobern und wie die Sterne des Firmamentes möchte ich mit ihnen leuchten und flimmern! Sie war wie in einer ſeligen Verzückung, ihr Antlitz ſtrahlte vor Luſt und Wonne, ihr Buſen wogte ſtürmiſch auf und ab. Sie drückte jedes Einzelne dieſer Schmuckſachen an ihre Lippen und ließ ſie wieder im Lichtglanz 249 flimmern und wiederholte ſich dann die Geſchichte, wie ſie's angefangen, alle dieſe Dinge in ihren Beſitz zu bekommen. Da war das Armband der Gräfin und die Brillantnadel des Prinzen, welche ſie auf der Maskerade bei Kroll erobert hatte. Da war auch dieſe andere Nadel, welche der Prinz ihr gegeben an jenem Abend, wo ſie hinter dem Vorhang die ſtür⸗ miſche Unterredung des Prinzen mit der Gräfin be⸗ lauſchte. Hier dieſe Broſche von Perlen und Bril⸗ lanten hatte ihr Eudora am Tage nach der Maskerade, als das Siegel ihres gemeinſamen Geheimniſſes ge⸗ geben, und dort jene große Haarnadel verdankte ſie wieder dem Prinzen. Und nun zuletzt noch dieſer herr⸗ liche Schmuck, den Graf Hector ihr heute gebracht. Sie konnte der Luſt nicht widerſtehen. Sie mußte ſich einmal all ihre Brillanten anlegen. Wie ſie dann mit denſelben geſchmückt vor den Spiegel trat und ſah, wie ſie funkelten und leuchteten und im glänzenden Farbenſtrahl ſpielten, brach ſie in ein helles, luſtiges Gelächter aus und machte ſich ſelber eine tiefe, ehrfurchtsvolle Verbeugung. Schöne Gräfin! Ich grüße Dich! ſagte ſie in ausgelaſſener Luſtigkeit! Ich will doch Gräfin werden! Und wenn mich Graf Hector nicht in der Kirche dazu machen will, nun ſo ſoll es Prinz Aurelio thun, wenn auch gerade nicht in der Kirche! Ja, ich ſchwör's, ich will eine Gräfin werden! Wenn ich auch keinen Trauring am Finger und der Prieſter meine Ehe nicht geſegnet hat, die Menſchen werden ſich doch vor mir beugen, denn ich werde mächtig ſein und reich und ich werde ſehr viel Brillanten verdienen! XV. Der Säbſchied. Mot Tage waren vergangen, ſeit der Graf Sal⸗ miensky Antonie wieder in das Haus ihres Oheims zurückgeführt hatte.— Ihr Vater war todt. Nach furchtbaren Qualen war er in den Armen ſeiner Tochter geſtorben und Antonie hatte mindeſtens doch die ſchmerzvolle Genugthuung gehabt, daß in dieſen letzten Tagen ſeines Daſeins, in welchen die Krankheit ſeinen Körper ergriffen, ſie ſeine Seele freigegeben hatte! Er war wieder der zärtliche, ſanfte Vater ihrer frühern Kinderjahre und gleichſam, als wären dieſe trüben und entſetzlichen Jahre gar nicht geweſen, hatte er das Damals an das Jetzt wieder angeknüpft.— Für ihn allerdings hatten dieſe Jahre nicht exiſtirt, er 252 wußte nichts von ihren Qualen und Verirrungen, von ihren Leiden und Schmerzen. Er blickte mit einem zärtlichen Erſtaunen in das Antlitz ſeiner Tochter und fragte ſie, wie das Kind Antonie ſich ſo raſch in eine Jungfrau habe verwan⸗ deln können!— Antonie antwortete ihm nur mit einem Lächeln. Aber dieſes Lächeln war ſo trübe und matt, daß ſich ſofort die Augen ihres Vaters mit Thränen füllten. Wie viel Jahre bin ich denn krank geweſen? fragte er, in ſich erſchauernd, und als Antonie ſchwieg fuhr er fort: Du haſt Recht! Wozu will ich's wiſſen! Mein Leben zählt nur noch nach Tagen und Stun⸗ den, was kümmern mich die Jahre, welche geweſen ſind! Aber ich ſehe doch ihre traurigen Spuren in Deinem Antlitz, mein Kind! Ich daß Du viel geweint und geduldet haſt, ach, und ir iſt, als leſe ich eben Deine Zukunft und fände augh ort für Dich viel Jammer und Thränen! Möglich, mein Vater! ſagte ſie mit einem weh⸗ müthigen Lächeln. Die Erde iſt nicht dazu gemacht, daß man auf ihr glücklich ſei, oder wenn ſie's iſt, ſo verhindern es doch die Menſchen! Die Menſchen, die Menſchen! murmelte ihr Vater. Sie ſind ein grauſames, kaltherziges, egviſti⸗ ſches Geſchlecht! Traue keinem von ihnen, mein Kind!— Ich thue es auch nicht, mein Vater! Armes, geliebtes Kind, wie viel mußt Du gelitten haben, um ſchon zu dieſer Weisheit gelangt zu ſein! Und ich war nicht bei Dir und ich konnte Dich nicht unterſtützen auf Deinen rauhen Wegen, ich konnte Dich nicht warnen vor der Gefahr, Dir nicht meine Hand reichen, um Dich vom Abgrund zurückzuzichen! Oh, mein Kind, ein uhnennbares, verzweiflungsvolles Bangen erfaßt meine Seele und wenn ich jetzt Dein verlaſſenes, ſchutzloſes Leben überdenke, ſo frage ich mich mit zitternder Angſt, ob dieſes verlaſſene, hülf⸗ loſe junge Kind wirklich in ſich ſelber die Kraft habe finden können, der Verſuchung zu widerſtehen und den Abgründen auszuweichen, welche auf ihrem Wege lagen! Sie begegnete ſeinen forſchenden Blicken mit einem ſtolzen Lächeln. Ich habe der Verſuchung widerſtanden und bin den Abgründen ausgewichen! ſagte ſie. Aber vielleicht wäre mir beſſer geweſen, in denſelben zu verſinken, oder den lockenden Stimmen zu folgen, welche an mein Ohr ſchlugen! Ich würde alsdann vielleicht weniger gelitten haben und nicht ſo bitter enttäuſcht worden ſein! Was hilft es mir, daß „ 254 ich meine Ehre bewahrt habe und unſchuldig geblieben bin! Dieſe Unſchuld des Körpers, iſt ſie nicht ein trauriges Surrogat für dieſe Unſchuld der Seele, welche ich verloren habe, für dieſe Reinheit der Ge⸗ danken, welche ſie mir auf ewig beſudelt haben! Ich bin eine Genoſſin des Laſters und Verbrechens ge⸗ worden, ob ich es mit einem jauchzenden, oder einem verzweifelnden Herzen war, das gilt gleich! Aber Du biſt nicht gefallen? Nicht zu Grunde gegangen? fragte ihr Vater mit lallender Zunge. Nein! Und ſoll ich Dir ſagen, weshalb nicht? Weil ein himmliſches Licht mir meinen Weg erleuch⸗ tete und mir die dunklen Untiefen zeigte, an welchen ich vorüber ging! Dieſes Licht, es war die Liebe, mein Voter. Jetzt iſt es erloſchen und Alles iſt dunkel um mich her! Und Du wirſt alſo fallen und verloren ſein? Oh nein, ich werde nicht fallen, denn es gibt für mich keine Verlockung mehr und ich habe von meinen Wanderungen durch die Welt nichts mit heim gebracht, als einen tödtlichen Dégout, eine troſtloſe Verachtung der Menſchen! Ich haſſe ſie, ich verab⸗ ſcheue ſie! Oh, mein Vater, mein Vater, nimm mich mit Dir in Dein Grab, damit ich keinen Menſchen mehr begegne! Ihr Vater lächelte und ein ſtrahlender Ausdruck S verklärte ſeine Züge. Es iſt wahr, ſagte er, die Men⸗ ſchen ſind grauſamen und kalten Herzens, und der Bruder iſt des Bruders Feind! Aber Gott wohnt dennoch auf der Erde, und ſpricht zu uns aus jedem Sonnenſtrahl und aus jeder Blume! Lege Dich an den Buſen der Natur und lauſche ihren heiligen Ver⸗ kündigungen, und ihren göttlichen Offenbarungen von der uralten ewigen Liebe, welche alle Welten trägt und erhält. Lege Dich feſt, feſt an den Buſen der Natur, und wenn Du ſie fragſt, warum Gott die Welt ſo herrlich und ſo ſchön gemacht, ſo wird ſie Dir ant⸗ worten:„Weil er ſie zu der Wohnung des Menſchen beſtimmt hat,“ und wenn Du meinſt, die Menſchen ſeien ſolcher Gnade nicht werth, ſo wird ſie Dir er⸗ widern:„Die Menſchen ſind es nicht werth, aber die Menſchheit! Verachte die Menſchen, aber liebe die Menſchheit! Sie iſt die heiligſte Blüthe der Schöpfung, der Athem Gottes hat ſie durchweht! Gib Deine ganze Seele hin an dieſen großen Gedanken der Menſch⸗ werdung Gottes und in ſeinem gefallenen Bilde ſuche nach dem göttlichen Strahl ſeines Originals. Du wirſt ihn überall finden und entdecken können, wenn Du nur mit gläubigem und verzeihendem Herzen ſuchen willſt und Dich nicht beirren läßt von den 8&* 3 Furchen und Schatten, welche das Leben durch ſeine Linien gezogen!“ Das Leben? fragte Antonie. Was iſt das Le⸗ ben, welches Du trennſt von der Welt und der Natur? Das Leben iſt das ewige Sterben und Vergehen, die Natur iſt das ewige Gebären und Blühen! ſagte ihr Vater und das Sterben, hoffe ich, wird das wig 3 Erwachen zum Leben ſein!—— Endlich war er geſtorben. Sein lctztes Wort war ein Segen, ſein letzter Gedanke ein Gebet für ſein Kind geweſen. 0 Acht Tage waren, wie geſagt, ſeit jenem Schreckensabend vergangen und vor einer Stunde war Antonie von dem Kirchhof heimgekehrt, auf welchem man ihren Vater beſtattete. Sie war allein auf ihrem Zimmer. Mit kaltem, thränenloſem Blick ſaß ſie da, ihre Zukunft überlegend und überdenkend und doch ungewiß, was ſie thun, wozu ſie ſich entſcheiden wolle. Andrea hatte ſie mit ungewohnter Freundlichkeit aufgefordert, in ihrem Hauſe zu bleiben, wenn auch nicht, um dieſe traurige und ſchmachvolle Rolle weiter zu ſpielen, welche ſie bis dahin um ihres Vaters willen übernommen hatte. Antonie hatte es entſchieden abgelehnt. 257 Und wohin willſt Du gehen? fragte Andrea. Du haſt Niemand, welcher ſich Deiner erbarmen und Dich beſchützen möchte. Arm und freundlos, wie Du biſt, an wen willſt Du Dich wenden, zu wem willſt Du um Hülfe flehen? Zu Niemand, Andrea, denn ich weiß ſehr wohl, daß ſie mich Alle zurückſtoßen würden! Aber wovon willſt Du alsdann leben? Vielleicht von der Arbeit, von meinen Kenntniſſen! Von der Arbeit! rief Andrea mit einem rauhen Lachen. Ach, Du weißt nicht, was das iſt, arbeiten, um davon zu leben! Die ganzen, ewig langen, niemals endenwollenden Stunden des Tages in raſtloſer Arbeit hinzubringen, immer ſeine Augen arzuſtrengen, ſeine Hände zu rühren in dieſem troſtloſen, gedankenloſen Auf⸗ und Niederziehen des Fadens, in dieſer ruheloſen Beweglichkeit der Stricknadel! Und dann für dieſe lange, mühevolle Arbeit ganzer Tage, halber Nächte einen ſchmachvollen, erbärmlichen Lohn zu empfangen, den die hartherzigen Menſchen nicht erröthen, Dir anzubieten, den Du aber errötheſt, annehmen zu müſſen, welchen Du aber endlich dennoch nimmſt, weil der Hunger Dich dazu drängt! Oh, arbeiten, immer arbeiten, nicht um zu leben, ſondern nur, um nicht zu verhungern! Vierzehn Stunden des Tages 17 258 mit der Nähnadel in der Hand zu ſitzen und dadurch ſo viel zu verdienen, daß man kaum im Stande iſt, ſeinen Hunger zu ſtillen und ſich vor Froſt und Kälte zu ſchützen! Oh, oh, ich kenne das; ich wollte auch ehrbar und anſtändig ſein, ich habe es auch verſucht, von der Arbeit zu leben, ich habe genäht, bis meine Finger ſchmerzten und mein Blut ſich langſam durch meine Adern ſchleppte, bis ich endlich krank ward von übermäßiger Anſtrengung und übermäßigem Sitzen. Ich war krank geworden, weil ich gearbeitet hatte und ehrbar geblieben war. Was hatte es mir ge⸗ holfen, wer fragte danach, ob die arme Nätherin, welche da droben in der Dachkammer hungerte und litt, ehrbar geweſen? Niemand hatte Intereſſe, ja nicht einmal Glauben dafür! Und ſo beſchloß ich, der Ar⸗ beit und der Ehrbarkeit zu entſagen und das Leben zu genießen, und meine Jugend nicht zu vertrauern in elender Arbeit! Dein Oheim, welcher bis dahin vom Abſchreiben ſich kümmerlich gefriſtet hatte, war meiner Anſicht und wir entwarfen dieſen neuen Lebens⸗ plan, welcher uns bis jetzt ganz herrlich gelungen iſt! Wir haben unſer Leben genoſſen und nicht vertrauert, wir haben uns aus dem Daſein eine luſtige Aventure gemacht und es wie ein großes Luſtſpiel betrachtet, in welchem wir die Hauptrollen mit ſo viel Anſtand 259 und ſo glänzender Toilette als möglich ſpielen wollten. Die Menſchen haben uns zuweilen applaudirt, zu⸗ weilen ausgeziſcht, was thut's, ſie haben doch ihr Entrée zahlen müſſen und ich verſichere Dir, daß dieſes Entrée ihnen zuweilen ſehr theuer angerechnet iſt!— Denke alſo nicht daran, Antonie, von der Arbeit leben zu wollen. Oh, wenn die Arbeit wäre, was ſie ſein ſollte! Wenn wir in Amerika lebten, wo man die Arbeit nicht als eine Schande, ſondern als einen heiligen Beruf betrachtet und wo der Arbeit ein angemeſſener Lohn gewiß iſt, dann könnteſt Du daran denken, von der Arbeit zu leben! Aber nicht in Deutſchland! Glaube mir, die Mehrzahl dieſer ar⸗ men Weiber, welche die ſogenannten Tugendhaften glauben vetdammen zu dürfen, die Mehrzahl derſelben iſt nicht der Verführung, ſondern dem Hunger zum Opfer gefallen und hätte man ihre Arbeit beſſer be⸗ zahlt, würde ihr Leben rein und fleckenlos geblieben ſein! Das iſt unſer Aller einzige Entſchuldigung und Troſt und das gibt uns das Recht, die Menſchen zu verachten und ihrer jämmerlichen Tugend zu ſpotten, welche niemals vom Hunger verſucht worden iſt!— Rein, nein, ſuche nicht von der Arbeit zu leben! Das iſt umſonſt! Bleibe vielmehr bei uns, Antonie, ver⸗ ashte die Menſchen genug, um ihren Beifall oder ihre 260 Mißbilligung entbehren zu können, verachte ſie genug, um mit lachendem Munde ihrer ſogenannten Tugend ſpotten, und ihren Satzungen Hohn bieten zu können, bleibe bei uns und laß uns ein luſtiges, fröhliches Leben führen! Sage nicht Nein, Antonie, überlege es Dir wenigſtens! Ich will es überlegen! fagte Antonie, indem ſie auf ihr Zimmer ging. Seitdem waren Stunden vergangen, und ſie ſaß noch immer in derſelben gedankenvollen, ſchwermüthigen Haltung da, ohne Rath und ohne Troſt in ſich ſelber. Plötzlich klopfte es an ihre Thüre. Antonie ging und öffnete ſie. Dann ſtieß ſie einen Schrei aus, und ihr Geſicht mit ihren Händen bedeckend, trat ſie entſetzt einen Schritt zurück. Du erſchrickſt vor mir? fragte Alexander Welt⸗ heim, indem er ihr näher trat und ihre Hände von ihrem Antlitz niederzog. Dh Du weinſt, Antonie, ſagte er, Du liebſt mich alſo noch, und wir werden uns verſtändigen können! Niemals! Niemals! rief ſie heftig. Du haſt meinen Brief erhalten, Antonie? Sie bejahete es. Und dennoch ließeſt Du mich bis jetzt ohne irgend eine Nachricht von Dir? Ich hatte in dieſem B'rf 261 Dir meine geheimſten Gedanken, meine tiefverborgenſten Lebensplane verrathen, ich hatte Dich wie die Gottheit in das Innerſte meiner Seele hineinſchauen laſſen und Dich mein Verzweifeln und Hoffen, meine Rache⸗ pläne und meine Gebete hören laſſen und dieſem rück⸗ haltloſen Vertrauen gegenüber, welches Dir zum Min⸗ deſten meine Liebe beweiſen ſollte, bleibſt Du kalt und ſtumm, und haſt nicht ein Wort des Troſtes für mich? Des Troſtes! rief ſie mit einem Anflug von Ironie. Des Troſtes für Dich, deſſen einziges Un⸗ glück darin beſteht, daß er nicht reich und vornehm iſt, und der um dieſes Götzenbildes willen mit kalter Ruhe Meineide ſchwört und Herzen bricht und die Liebe zu einer Waffe macht, mit welcher er ſich rächen will an Denen, welche er beneidet! Denn, mit welchen ſchönen Phraſen und ſozialiſtiſchen Gedanken Du auch immer verſuchen mögeſt, Deine That zu bemänteln, ich ſage Dir: nicht die Rache, ſondern der Ehrgeiz iſt es geweſen, welcher Dir dieſen infernaliſchen Plan zugeflüſtert haſt und indem Du ihn ausführteſt, biſt Du tiefer gefallen als alle Diejenigen, welche Du nur um deshalb verachteſt, weil Du es ihnen nicht gleich thun konnteſt. Sie haben wenigſtens die Vorurtheile, die Gewohnheiten und Vorrechte langer 262 Jahrhunderte für ſich, aber Dich kann nichts ent⸗ ſchuldigen!— Jahrelange Duldungen und Demüthigungen, täg⸗ liche Kränkungen und Entbehrungen, das ſind meine Entſchuldigungen! ſagte Weltheim trübe. Ich war ein Mann und ich darf ſagen, ein beſſerer, als dieſe hochgebornen Grafen und Herren, vor denen ich mich neigen mußte und die es kaum der Mühe werth hiel⸗ ten, meinen ehrerbietigen Gruß mit einem leiſen Kopf⸗ nicken zu erwidern, ein beſſerer, als dieſe Knaben und Jünglinge, denen ich für ihr Geld die Schätze meines Geiſtes verkaufen mußte! Hätte ich Titel und Reich⸗ thümer beſeſſen, ſo würden die jungen Damen nicht mit kaltem, geringſchätzendem Blick an mir vorüber⸗ gegangen ſein, ſondern ſie würden geſehen haben, daß ich vielleicht ein jüngerer und ſchönerer Mann ſei, als dieſer alte Graf, dieſer ſchachernde Banquier, an welche ihre Eltern ſie verkauft, um ihrer Standesehre und ihrer Prachtliebe zu genügen! Wäre ich in einem Pallaſt ſtatt in einer elenden Hütte geboren worden, ſo wären die Pforten zu Rang und Ehre und Macht und Größe mir nicht verſchloſſen geweſen, ſondern vor dem Klang meines Namens würden ſie ſich ge⸗ öffnet haben, wie wenig auch mein Geiſt mich dazu berechtigt hätte! Aber ſie waren verſchloſſen und ich 263 habe ſie mir deshalb mit einem Nachſchlüſſel zu öffnen geſucht! Es iſt mir gelungen und Alles, was ich ſuche, wird mein werden! Oh, Antonie, ich ſtehe faſt ſchon an der Erfüllung meiner Wünſche, warte nur noch eine kurze Zeit, habe nur noch ein wenig Nachſicht und Geduld und ein Tag wird kommen, wo ich Dir lohnen kann für Deinen Edelmuth und Deine Treue, wo ich Ehre und Glanz zu Deinen Füßen nieder⸗ legen und zu Dir ſagen werde: Nimm hin, was Dir gehört und was ich Dir erworben habe! Denn für Dich habe ich gearbeitet, Dich wollte ich reich und glänzend machen, Du ſollteſt nicht vor dieſen ſtolzen Gräfinnen, dieſen hochmüthigen Banquiers⸗ frauen zurückweichen dürfen, ſondern Du ſollteſt ihnen gleich ſein, gleich an Namen und Titeln, an Rang und Reichthum! Oh, Antonie, als ich Dir treulos war, liebte ich Dich am meiſten; denn ich arbeitete und ſtrebte nur für Dich, und die Liebesworte und Schwüre, welche ich einer Andern weihete, ſie waren doch nur Dir zugehörig und ich richtete ſie im Geiſte an Dich, welche ich nicht ſah, welche dennoch aber immer vor mir ſtand! Oh, Antonie, warte alſo, brich nicht in dieſer Stunde den Stab über unſere Zukunft und über mich! Bleibe mein, und wenn Du findeſt, daß mich mein Ehrgeiz und mein Rachedurſt zu weit 264 getrieben, mich an den Rand eines Abgrundes hin⸗ geſchleudert habe, nun wohl, ſo reiche mir die Hand, damit ich nicht verſinke, ziehe mich zurück und laß mich in Deinen Armen Ruhe finden, laß mich in unſerer reinen und heiligen Liebe meiner wilden und ſchmerzvollen Vergangenheit vergeſſen! Antonie ſchüttelte ihr Haupt und lächelte trübe. Du ſprichſt, wie es alle Diejenigen thun, welche, von einem wilden Rauſche erwachend, ſich ermattet und erſchöpft fühlen, und in dieſer Ermattung eine Art Sehnſucht empfinden nach den reinern und ſtillern Freuden, welche nicht berauſchen, aber auch keinen Dégout geben! Weil Du Dich aber zu krank und erſchöpft fühlſt, um eine Orgie feiern zu können, willſt Du Dich an einer Idylle auffriſchen! Als eine ſolche betrachteſt Du meine Liebe! Denn von unſrer Liebe darfſt Du nicht mehr ſprechen! Das iſt ein Unding, zu ſagen, daß man liebt, während man ungetren iſt, eine doppelte Heuchelei gegen beide Frauen, welche Du Beide gleich ſehr verrietheſt, indem Du Beiden die gleichen Schwüre gabſt! Nein, ich denke zu heilig von der Liebe, als daß ich vor einer ſolchen Entwei⸗ hung nicht zurückſchaudern ſollte! Oh, es wäre zu verzeihen, wenn der Sturm Deiner Leidenſchaft Dich einen Augenblick mir entzogen hätte, wenn Du, der 265 allgemeinen Gebrechlichkeit der menſchlichen Natur folgend, mir ungetreu geweſen wäreſt, weil Du eine Andere liebteſt! Eine Untreue hätte ich verzeihen kön⸗ nen, obwohl ich ſie nicht begreife! Aber Du haſt mit kalter Berechnung, mit grauſamer Perfidie die Liebe zu einer Maske gemacht, unter welcher Du Deine boshaften und entſetzlichen Pläne verfolgteſt! Und Du ſagſt noch, daß Du mich liebteſt, indem Du es thateſt, und Dir grauete nicht als Du, einem Kirchenſchänder gleich, von dem Altar die heiligen Sacramente ſtahlſt, um mit dem geheiligten Wein ein armes, vertrauendes Weib zu berauſchen und ſie alsdann zu entehren! Geh, ich habe nichts zu ſchaffen mit Dir! Mir graut vor der Berührung Deiner Hände, mir graut vor Deinen kalten, meineidigen Blicken! Oh, ich habe viel Laſter und Verbrechen geſehen, ich habe die menſchliche Natur in ihrer tiefſten Entwürdigung erſchaut, aber Du biſt ſchlimmer als dieſes Alles, Du mordeſt nicht den Körper, ſondern die Seele, Du vergifteſt die Gedanken!— Antonie, Du biſt außer Dir! rief Alexander, in⸗ dem er der Zurückweichenden folgte und faſt mit Ge⸗ walt ihre Hand ergriff. Aber ſiehſt Du denn nicht, Du ſchönes, thörichtes Kind, daß Du mich, trotz Deines Zornes, liebſt und daß Dein Zorn eben nur 266 Deine Liebe iſt? Oh, ich rede nicht mehr von mir, ich ſuche nicht mehr Dich zu überzeugen, daß ich in der Untreue Dir dennoch treu geblieben, ich ſpreche nur noch von Dir, Antonie! Du liebſt mich, Kind, und Deine Augen ſind trübe vom Weinen. Verzeihe mir alſo, weil Du mich liebſt und wenn Du ſagſt, daß ich gegen Dich geſündigt habe, nun denn, ſo will ich Dir das größte und letzte Opfer bringen. Ich beuge meinen Stolz, und ſage Dir: ja, ich habe geſündigt! Ich war ein Frevler, und ich bereue, daß ich es that. Ich erſchrecke vor mir ſelber, und ich bin zu Dir ge⸗ flüchtet, wie ſich der arge Sünder in das Heiligthum Gottes rettet und vor dem Altare knieend zu Gott empor ſchreit: Führe mich nicht mehr in Verſuchung, ſondern erlöſe mich von dem Uebel! Er war vor ihr auf die Knie niedergeſunken, und die Hände zu ihr emporhebend, ſah er ſie mit ſeinen großen, flammenden Augen an, deren flehendem Blick ſie noch niemals widerſtanden hatte. Es ſei, ſagte ſie nach einer langen Pauſe. Du haſt mich überwunden, und wenn Du glaubſt, daß meine Nähe Dir wirklich zum Guten förderlich ſein kann, nun denn, da haſt Du meine Hand, ich bin bereit, noch jetzt Dein Weib zu werden! Ich ſage nicht, daß ich von dieſer Vereinigung das Glück erwarte, 267 von welchem ich einſt geträumt! Ich ſage nicht, daß ich Dich liebe, wie ich es einſt gethan! Du haſt die volle Roſe meiner Liebe entblättert, aber verſuchen wir, das Leben auch ohne Blüthe und Duft zu ertragen und glücklich zu ſein auch ohne das Glück! Ja, denn ich will Dein Weib ſein, aber ich mache meine Be⸗ dingungen!— Sprich ſie aus, Antonie! Ich werde ſie erfüllen! ſagte er glühend, indem er aufſprang und ſie innig an ſein Herz drückte. Sie wehrte ihn zurück. Höre erſt meine Bedin⸗ gungen! Zeige mir und Dir, daß Du wahrhaft be⸗ reueſt und laß Deine Reue zu Thaten werden! Ver⸗ laſſe dieſe Stadt! Wirf all dieſen eitlen Tand des Lebens von Dir! Was ſollen uns Titel und Würden und der Prunk der äußern Erſcheinung! Ich würde niemals den Muth haben, an Deiner Seite zu gehen, wenn Du ehrlos genug ſein könnteſt, von Deinem Verrath und Deiner Treuloſigkeit gegen dieſe arme Eudora Vortheil zu ziehen! Die böſe That läßt ſich nicht wieder gut machen, aber man darf nicht die Vor⸗ theile derſelben noch genießen wollen! Wirf alſo die Eitelkeit und den Hochmuth der Welt hinter Dir! Schäme Dich nicht mehr Deiner Armuth, ſondern laß die ganze Welt ſie ſehen, damit ſie wiſſe, daß Du 268 wieder rein geworden von Schuld! Komm, wir ſind jung und rüſtig, laß uns hingehen und arbeiten und unſer Brod verdienen und Gott danken, daß er uns die Kraft und die Geſundheit zur Arbeit gegeben! Ach, wir haben Beide genug geſehen von den Freuden und Entzückungen, von der eitlen Luſt und den wilden Genüſſen dieſer Welt der Städte und Geſellſchaften, laß uns alſo jetzt verſuchen, in einem ſtillen, einſamen Thal den Frieden zu ſuchen, den wir da draußen nicht gefunden! Komm, Alexander! Laß uns fliehen, laß uns heute noch dieſe kalte, herzloſe Welt der Stadt verlaſſen! Heute noch! ſagte er zögernd. Und weshalb heute ſchon? Laß uns noch warten, Antonie! Wenn Du mich wirklich liebſt, ſo habe Geduld mit mir, ſo hilf mir allgemach, meine Wünſche zu tödten und meine Gedanken zu reinigen! Dies iſt nicht in Einem Tag und in Einer Stunde geſchehen! Es muß gleich ſein, Alexander! Brich mit Deiner Vergangenheit, beweiſe mir, daß Du mich liebſt und ich folge Dir durch die ganze Welt! Ich will mit Dir arbeiten und mit Dir betteln, ich will Hunger und Kälte mit Dir ertragen und niemals klagen, denn ich werde bei Dir ſein und ich werde wiſſen, daß 269 Du mich liebſt! Ach, Alexander, brich mit Deiner Vergangenheit! Aber Du forderſt mehr, ſagte er faſt rauh, und indem Du ſagſt: brich mit Deiner Vergangenheit, meinſt Du, daß ich auch mit meiner Zukunft brechen ſolle! Ich ſoll Allem entſagen, ich ſoll alle Wünſche, allen Ehrgeiz, alles Denken und Wiſſen von mir ſchleudern und hingehen, um ein Bauer zu werden! Nein, Antonie, dies iſt nicht das Ziel meines Lebens, und wenn ich Dir geſagt habe, daß ich bereue, ſo meine ich damit nicht, daß ich, um einer einzigen böſen That willen, mein ganzes Sein auslöſchen und ver⸗ nichten will! Ich habe Dir geſchrieben, welche Zukunft ſich mir eröffnet und welche neue, glänzende Carriere ſich vor mir aufgethan hat! Ich ſtehe an den Pforten eines neuen Daſeins und wenn ich will, kann ich daſſelbe glänzend und meinem Ehrgeiz genügend wer⸗ den ſehen! Aber ich bin bereit, ihm zu entſagen, denn ich liebe Dich mehr, als meinen Ehrgeiz und Du haſt recht, es klebt das Blut einer Seele an dieſen Orden und Würden, welche mein ſein könnten. Ich bin alſo bereit, ſie hinzugeben für Dich, Antonie! Ich bin be⸗ reit, geſtützt auf meine Liebe und auf mein Wiſſen, das Leben wieder von vorne anzufangen, aber was ich mir ſelber erworben, daß muß mein bleiben! Ich will denn vorläufig nichts ſein, als was ich heute noch bin, ich will die Orden und Titel und Stellen zurückweiſen, aber ein Bauer kann ich nicht werden! Es graut mir vor einer Zukunft, welche keine Zu⸗ kunft hat! Dies iſt Dein letztes Wort, Alexander? fragte ſie ſchmerzvoll. Du willſt mir nicht folgen? Du kannſt Dein ſtolzes Herz nicht bezwingen? Oh, ſagte er, dies iſt kein Stolz, ſondern nur das Bewußtſein meiner innern Berufung. Ich bin nicht dazu geſchaffen, ein Bauer zu werden! Die Welt ruft und lockt mich noch mit tauſend Stimmen, ich kann ihnen mein Ohr nicht verſchließen, und ich will es auch nicht! Nun denn, ſo folge ihnen, und gib mich auf! ſagte Antonie entſchloſſen. Wähle, Alexander, gib mich auf, oder Deinen Ehrgeiz! Höre mich Antonie! Warte, oh, ich beſchwöre Dich, warte nur noch eine kurze Zeit! Das heißt, Du wrillſt erſt die Früchte Deiner Thaten erndten, ſagte ſie faſt verächtlich. Du willſt Deine Rolle erſt zu Ende ſpielen, und wenn Du Dein Ziel erreicht haſt, dann willſt Du anfangen, zu bereuen und die eitlen Güter zu verachten, welche Du Dir erſt durch Verbrechen und Sünde erobert haſt! Du willſt 271 erſt ein vornehmer Mann werden, um nachher ſagen zu können, daß Du Alles verachteſt! Geh, geh! Du liebſt mich nicht, Du liebſt nichts auf der Welt, als Dich ſelber! Eitel und ehrgeizig, wie Du biſt, wirſt Du Alles Deinem Ehrgeiz opfern, und was Deiner Eitelkeit ſchmeichelt, das wirſt Du thun! Aber eines Tages wird dieſes ſtolze Gebände Deines Hoch⸗ muthes zuſammenfallen, irgend ein Windhauch wird es vernichten, und dann wirſt Du einſam ſtehen in⸗ mitten einer Wüſte, und Niemand wird alsdann da ſein, welcher Dich liebt und Dich tröſtet! Und Du, Antonie? Auch ich werde alsdann Deine Stimme nicht mehr zu hören vermögen! Denn ich verlaſſe Berlin, ich ver⸗ laſſe Deutſchland! Ich habe hier ein trauriges, ödes, verzweiflungsvolles Daſein geführt. Ich weiß, daß mein Name mit Schande bedeckt iſt, daß man hohn⸗ lächelnd auf mich zeigt, und mich den gefallenen und mit ihrer Entehrung prunkenden Weibern zugeſellt hat! Ich bin eine Gefährtin des Laſters geweſen, und ohne ſchuldig zu ſein, bin ich der Unſchuld meiner Gedanken verluſtig geworden! Ich fliehe alſo die Welt, welche mich verurtheilt, ohne mich gehört zu haben, ich fliehe ſie, nicht weil ich ſie fürchte, ſondern weil ich einen unendlichen Ueberdruß, eine unendliche W2 Leere empfinde, weil ich ihrer Lüge und Heuchelei überdrüſſig bin, weil ich endlich eine Luft athmen will, welche nicht vom Laſter und der Verführung verpeſtet iſt! Du willſt nicht mit mir gehen, Alexander? Ich kann es nicht! Wenn Du mich wirklich liebſt, ſo wirſt Du bleiben, denn das Weib ſoll dem Manne folgen, und ſich ihm unterordnen! Und dann, Antonie, ich fühle es wohl, Du kannſt an meiner Seite nicht glücklich ſein, und wer weiß, vielleicht auch ich nicht mehr mit Dir! Du cheilſt nicht meine ehrgeizigen Wünſche und mein Streben nach Anſehen und Macht! Du würdeſt mir nicht helfen, zu vergeſſen, was ich gethan, um dieſen Wünſchen Genüge zu thun, und vor Deinen großen, ernſten und klaren Augen würde ich den Blick beſchämt zu Boden ſenken müſſen! Und dennoch, dennoch liebe ich Dich, und mir iſt, als müßte ich Dich mit Gewalt an mich feſſeln, als würde mein Leben farblos und öde werden, wenn Dein Lächeln es nicht mehr durchleuchtet, und Deine Liebe es nicht mehr heiligt! Sie zuckte faſt mitleidig die Achſeln. Armer Freund, Du täuſcheſt Dich ſelber. Du haſt mich lange ſchon in Deinem Herzen aufgegeben und begraben. Du haſt das Weib, welches Dich zumeiſt geliebt, dem Götzen, welchen Du anbeteſt, zum Opfer dargebracht und dafür von ihm Dir Titel und Orden erkauft! Möge er mit dieſem einzigen Opfer zufrieden ſein, möge es genug ſein an dieſem zuckenden, blutenden Herzen! Opfre nicht ein zweites, Alexander! Du haſt zweien Weibern Deine Treue und Deine Liebe verpfändet! Die Eine, hat Dir ihre Liebe gezeigt, indem ſie ſich Dir ergab, die Andere, indem ſie ſich Dir entzieht. Wer Dich zumeiſt geliebt, das weiß nur Der, der in die Herzen ſchaut! Aber die, welche ſich Dir ergab, hat Anſprüche auf Dich, und Du wirſt ſie anerkennen! Du wirſt ſie heirathen, und ſie wird Dir Reichthum und Rang als Morgengabe bringen! Was verlangſt Du mehr! Nein, ich werde ſie nicht heirathen! rief Weltheim leidenſchaftlich, und ſeine Züge nahmen jetzt den Aus⸗ druck finſtern Haſſes an. Ich werde ſie nicht hei⸗ rathen! Ich werde ſie der Schande und der Ver⸗ zweiflung Preis geben! Sie iſt rettungslos verloren, wenn Du mich verläſſeſt, wenn Du mich aufgibſt! Ueber Dich und über ſie wie über uns Alle waltet Gott! ſagte Antonie feierlich. Er wird Dir gebieten ſtille zu ſtehen, wenn es ſein Wille iſt, und Dein Wollen und Denken wird daran ſcheitern müſſen! Er wird entſcheiden, wann das Maß unſrer Leiden gefüllt iſt, und eines Tages wird er den Uebelthäter ſtrafen, und dem Dulder Troſt bringen! Ich glaube an Gott! 274 und Alles dies was ich gelitten und erlebt habe, es hat meinen Glauben an Gott nicht erſchüttern, ſondern nur erkräftigen können! Wie würde dieſe Welt, welche ſo voll Laſter und Sünde, voll Verbrechen und Bosheit iſt, wie würde ſie beſtehen können, wenn nicht Gottes allwaltende Liebe ſie hielte und heiligte und dein Laſter ſeine Grenzen, dem Verbrechen ſein Maß anwieſe! Dhne Gott würde die Welt nur ein Chaos von Ver⸗ brechen ſein, Gott ſtellte in dieſes Chaos ſich ſelbſt, das heißt: die Liebe hinein, und ſie ward ein Wunder von Schönheit und Glanz! Ich glaube an Gott, weil ich an die Liebe glaube, und ich glaube an die Liebe, weil ich an Gott glaube!— Wir aber, Alex⸗ ander, haben uns nichts mehr zu ſagen! Unſere Wege gehen weit auseinander, und wir werden uns auf den⸗ ſelben Niemals wieder begegnen! Niemals? fragte er ſchmerzvoll. Nein, niemals! Fühlſt Du denn nicht, daß wir einander geſtorben ſind? Das was wir uns einſt waren iſt todt, was wollen wir verſuchen, es wieder zu einem Scheinleben zu erwecken? Laß uns ehrlich ſein, und uns nicht ſelbſt belügen! Ich kann einen Mann nicht lieben, den ich nicht achte, und Du müßteſt mich haſſen, weil Du vor mir zu erröthen haſt! Das iſt es was uns trennt! Unſere Liebe iſt todt, aber ————— 275 laß uns ihr Grab mit Blumen bepflanzen, und hin⸗ gehen auf demſelben zu weinen! Oh Du zerreißeſt mein Herz, murmelte er, und Thränen entſtürzten ſeinen Augen. Sie ſah es, und hatte den Muth ihr Auge abzuwenden. Sie wollte ſich von ſeinen Thränen ſelbſt nicht erweichen laſſen! Morgen wirſt Du vielleicht Dich Deiner Thränen ſchämen, wie Du Dich heute Deiner Thaten von geſtern ſchämſt, ſagte ſie rauh. Dein Herz iſt wechſelnd wie das Meer, und Deine Gedanken ſind ſchwankend, wie die Wellen! Wehe dem, der ſich ihnen anvertraut! Er wird zu Grunde gehen! Alexander's Thränen waren ſchon verſiegt und der Blick, welchen er anf Antonie warf, war finſter und faſt gehäſſig. I„ch ſehe, daß Du mich verachteſt, ſagte er. Nun denn, ſo werde ich ſehen, ganz dieſer Verachtung werth zu werden. Ja, Du haſt Recht, ich liebe nichts als mich ſelbſt! In meinen Gedanken brennt nur ein Ge⸗ danke, der Ehrgeiz! Von dieſer Stunde an werde ich Alles ihm opfern, er ſoll meine Religion, meine Liebe und mein Leben ſein! Ihm zu genügen, bin ich ein Verbrecher geworden, und ich werde nicht ſtille ſtehen auf meinem Wege! Dieſer Durſt. iſt unerſättlich, dies Verlangen unbezwinglich! Oh ich werde mir Ruhm 18* 6 276 und Ehre, Orden und Titel erkaufen, und Niemand wird darnach fragen, wie viel Thränen, und wie viel gebrochene Eide ich dafür gezahlt habe! Die Welt wird ſich vor mir beugen, und mir lächeln. Du aber Du gibſt mich auf! Lebewohl denn! Lebewohl! Auf Nimmerwiederſehen! Alexander! rief ſie mit einem unausſprechlichen Wehelaut. Alexander! Er hörte ſie nicht mehr! Er hatte ſchon das Zimmer verlaſſen! V. Die Inſel im Meer. Er iſt fort! rief ſie mit lautem Jammerton, indem ſie laut weinend zur Erde ſank. Ja, er iſt fort! ſagte eine ernſte Stimme neben ihr. Er iſt gegangen auf Nimmerwiederſehen! Sie hier, Graf Salmiensky? murmelte Antonie zuſammenzuckend. Was wollen Sie hier, und wer gab Ihnen das Recht hier einzudringen? Sie war aufgeſtanden und ſah ihn iest mit ernſten Blicken an. Der Graf lächelte. Armes, edles Kind, u ich Dir nicht, daß es ſo enden würde? Warnte ich Dich 278 nicht vor dieſem Manne, ſagte ich Dir nicht, daß er Dich nicht liebe, ſondern Dich mißachte? Aber Dein edles ſchönes Selbſt wollte mir nicht glauben, es ſträubte ſich zu ſehen, wie klein und erbärmlich die Welt iſt! Aber jetzt ſiehſt Du, und Dein Auge iſt faſt erblindet vom Weinen! Nennen Sie mich nicht Du! rief ſie wild. Warum nicht, Kind? Die Unglücklichen und Ver⸗ zweifelnden bilden Alle doch nur Eine große Familie, und die Weinende iſt des Verzweifelnden Schweſter! Nun denn, Schweſter, was hältſt Du vom Leben? Iſt es nicht ein kleines, erbärmliches Ding? Was hältſt Du von den Menſchen? Sind Sie nicht Alle hinter⸗ liſtig und falſch, klein und jammervoll im Unglück, hochfahrend und kaltherzig im Glück? Wer unter ihnen iſt es wohl werth daß man ſich ihm opfere, ſei's auch nur mit einem Gedanken, einem Wunſche! Wer iſt es werth, daß man an ihn glaube, und an ihn ſich hin⸗ gebe! Es iſt eine kleinliche, kindiſche Rage, dieſe Men⸗ ſchenrace, und wer auf ſie baut, der hat auf Sand gebaut, und wer ſie liebt, der wird zu Grunde gehen! Was gibt es Großes und Schönes und Erhabenes im Leben? Frage darnach die Künſtler und die Weiſen, frage die Dichter und die Könige! Ach, die welche da draußen — 279 ſtehen, wiſſen nicht, mit wie vielen Entzauberungen, wie viel Schmeicheleien und Intriguen, wie viel fal⸗ ſchen Händedrücken und zurückgehaltenen Flüchen, wie viel verborgenen Thränen, und zur Schau getragenem Lächeln der Künſtler den Triumph eines Abends er⸗ kaufen muß, wie viel Gemeinheit und Hinterliſt, wie viel Neid und Bosheit ihm ſelbſt dieſen Triumph noch vergiftet und ihm die kurze Entzückung noch mit ihrer hämiſchen Nähe vergällt! Sie wiſſen nicht, mit wie viel Noth und Entbehrung der Maler zu kämpfen hatte, ehe er ſein Werk vollendete, wie viel ſchlafloſe Rächte, wie viel Hunger und Elend der Dichter erduldete, ehe er dieſes Buch beendete, deſſen erhabene Schönheit ſie entzückt! Wie er kämpfen mußte gegen den Un⸗ verſtand und die Dummheit dieſer elenden Kritik, welche Alles anfeindet, was groß und erhaben, was genial und neu iſt! Und wer kennt denn die geheimen Schmerzen, die qualvollen Nächte der Angſt, das ewige Erzittern und Fürchten der ſogenannten Großen dieſer Erde! Wer weiß, wie oft ihr Herz nicht er⸗ bebt unter dem Purpur, wenn ſie mit anſcheinend ſo ſtolzer, gebieteriſcher Ruhe ſich unter dieſe Menge miſchen, in welcher vielleicht ihr Mörder ſich verborgen hält? Glaube mir, Schweſter, das Glück iſt überall nur eine Täuſchung und ein Wahn wer ſagt, 280 daß er die Menſchen liebe, der beweiſt eben nur, daß er ſich von ihnen täuſchen läßt! Und nun, Schweſter, ſage mir, hatte ich nicht Recht Dich zu warnen? Glaubſt Du jetzt an meine Weisheit? Oder liebſt Du noch dieſe Welt und dieſe Menſchen? Nein! rief ſie leidenſchaftlich. Ich haſſe die Welt, ich verachte die Menſchen! Und willſt Du nicht Rache an ihnen nehmen? Rache! Man rächt ſich nur an Denen, welche man hochſchätzt, das Kleine und Erbärmliche iſt nicht der Mühe werth! Ueberlege es, Kind! Das Menſchenherz iſt mit zwei Saiten beſpannt, mit dem Haß und mit der Liebe! Weil die eine dieſer Saiten Dir zerriſſen iſt, willſt Du auch an die andere nicht mehr glauben. Aber warte. nur ein wenig! Wenn das ſchmerzvolle Zittern der zerriſſenen Saite verklungen iſt, wirſt Du das neue, nie gekannte Rauſchen der anderen Saite vernehmen, und der Haß wird Dir ein Lied ſingen, das vielleicht eben ſo berauſchend, ſo verlockend und lieblich klingt, wie das Lied der Liebe! Willſt Du es nicht hören, Antonie, und willſt Du ſeiner Verlockung nicht fol⸗ gen? Willſt Du die Menſchen nicht ſtrafen für ihre Kleinlichkeit, ihre Bosheit und Erbärmlichkeit? Ich will Dir dazu die Wege bahnen, ich will Dir dazu 281 die Mittel zeigen! Du ſollſt ſie Alle verlocken und verhöhnen, Du ſollſt ſie Alle blenden mit Deiner Göt⸗ terſchönheit, Du ſollſt ſie Alle zu machtloſem Neid entflammen durch Deine Pracht und Deinen Reichthuml Denn vor allen Dingen, und zuerſt mußt Du reich werden! Andere reich zu ſehen, das iſt für die Men⸗ ſchen der tiefſte Schmerz, die peinigendſte Demüthigung! Willſt Du alſo reich werden? Sage es mir, Schweſter, und ich will Dich lehren, es zu werden! Nein, ſagte Antonie, ich verachte den Reichthum und das Gold, denn ich habe geſehen, daß dies der Verſucher iſt, welcher die Menſchen verlockt, und aus ihnen Miſſethäter und Verbrecher macht! Oh die Men⸗ ſchen ſind von Natur gut, und Gott wohnt in ihnen, aber das Gold iſt der Teufel, welcher ſie verſucht, der Teufel, welcher aus der Erde zu ihnen empor ſteigt, und die Menſchen verlockt, daß ſie ihren zum Himmel empor gehobenen Blick der Erde zuwenden, und den Himmel verlieren, weil die Erde ſie verlockt hat! Nein, nein, ich will nicht reich werden, und mit dem Gelde und mit den Menſchen will ich nichts mehr zu ſchaffen haben! Mein armer ſterbender Vater hat mir den Weg gezeigt, welchen ich gehen ſoll! Er hat mich an die Natur verwieſen, als an die ſegensreiche, tröſtende und heiligende Mutter der Menſchheit. Zur S 282 Natur will ich zurückkehren, in ihr will ich ruhen, leben und träumen, und der Schmerzen vergeſſen! Eine ſtille, einſame Inſel will ich mir ſuchen, inmitten des Meeres! Da will ich leben und beten und ausruhen! Oh, wo finde ich ſie, meine Inſel der glückſeligen Ruhe? Wo hebt es ſich mir aus den Wogen empor, mein Aßyl gegen die Menſchenwelt? Werde ich ſie nicht erreichen dieſe Inſel, wo ich allein ſein werde mit Gott und der Natur? Wo ich nicht dieſe lügneriſchen, heuchelnden, betrügeriſchen Stimmen der Menſchen mehr vernehme, wo ich nichts mehr höre als das heilige Orgeltönen der Meereswogen, das frohe Gekreiſche der Möven, und das Brauſen und Heulen des Donners und des Sturm⸗ windes? Wo ich meinen Jammer und meine Welt⸗ verachtung austönen darf in einem einzigen Schrei, in einem Schrei, der hier ſchon lange meine Bruſt beengt, und den ich in Euren Mauern und Häuſern nicht aus⸗ tönen laſſe, weil ſie davon zuſammenſinken würden! Ja, meine Inſel will ich mir ſuchen, meine einſame Inſel des Friedens inmitten des Meeres! Ich werde ſie Dir ſuchen! ſagte Salmiensky, in⸗ dem er mit ſtaunender Bewunderung in das von Be⸗ geiſterung durchleuchtete Antlitz Antonien's ſchauete! Ich will ſie Dir ſuchen, Schweſter des Unglücks und der Schmerzen! 283 Niemand ſoll ſie mir ſuchen, rief ſie ſtürmiſch, und Niemand ſoll mich dorthin begleiten! Nein, ich will es auch nicht, denn mein Fuß iſt es nicht werth, dieſe heilige Stätte des Friedens zu betreten, mein Ohr verdient es nicht, die reinen Gebete zu vernehmen, welche Deine Lippen dort ſtammeln werden! Nein, ich will nicht mit Dir auf Deine einſame Inſel gehen, aber ich werde am Ufer des Meeres ſtehen und Deine Rückkehr erwarten! Antonie ſah ihn mit erſtaunten Blicken an. Meine Rückkehr? Wer ſagt Ihnen denn, daß ich zurückkeh⸗ ren will? Du wirſt es thun, Schweſter, denn die Einſamkeit wird Dir eine neue, eine entſetzliche Lehre geben! Sie wird Dir zeigen, daß, wie ſehr man auch die Menſchen verachten möge, man ihrer dennoch nicht entbehren könne, daß man ihrer Lüge und Heuchelei, ihrer Bos⸗ heit und Hinterliſt nicht entbehren kann, daß es immer noch beſſer iſt, in der Mitte dieſer kleinlichen und er⸗ bärmlichen Geſchöpfe zu leben, als ganz mit ſich allein zu ſein! Oh die Einſamkeit Deiner Inſel wird mehr noch thun, arme Schweſter! Sie wird Dich die Men⸗ ſchen wieder lieben lehren, und Du wirſt endlich Deine Inſel fliehen, um zurückzukehren zu den Men⸗ ſchen, und Dich auf's Neue betrügen zu laſſen! 284 Aber ich werde am Ufer ſtehen, und Dich erwarten, Schweſter! Ich werde immer neben Dir ſein, und Dich warnen und Dich behüten! Ich habe mich Dir auf ewig zu Eigen gegeben, und was Du nun wählen mögeſt, das Gute, oder das Schlimme, ich bleibe bei Dir! Einſt lag ich vor Dir auf den Knieen, und flehte Dich an, Erbarmen zu haben mit Dir und mir. Oh der Genius meiner reinern und beſſern Tage war damals neben mir, und erweichte mein von Unglück und Verbrechen verhärtetes Herz, und ſeit manchen langem Jahr weinte ich die erſten Thränen! Du nannteſt mich damals Schauſpieler, und Dein kalter Spott reizte meinen Zorn! Ich ſchwur, daß ich Rache nehmen wollte an Dir! Ich ſchwur, daß Du einſt dennoch Mein ſein, und die Gefährtin meiner Laſter werden ſollteſt! Aber Du haſt mich beſiegt, Du unſchuldiges und reines Kind! Und wenn die ganze Welt Dich eine Gefallene und Entehrte nennt, ich weiß, daß Du fleckenlos biſt und rein, und ich bete Dich an! Und wenn die ganze Welt den Stab über Dich bricht, und wenn die Tugendhaften ihr Auge von Dir abwenden, und die Frommen ihre Flüche auf Dich ſchleudern, Du bleibſt doch, was Du biſt, die reine Inngfrau, das von den Sünden der Welt befleckte, aber nicht entſtellte Weib! Deine Unſchuld iſt ——— 3 ſtärker geweſen, als meine Schuld, ich beuge mich vor ihr, und da Du nicht zu mir gekommen biſt, ſo 6 komme ich zu Dir! Ja, hier liege ich zu Deinen Füßen, meine Erlöſerin, hier liege ich, wie einſt Magdalena zu den Füßen des Erlöſers lag! Hier ſchwöre ich ſie ab, die Sünden meiner Vergangenheit, hier entkleide ich mich des Flittergoldes und der Eitelkeit, hier werfe ich ihn von mir den nichtigen Tand und die eitle Luſt der Welt, um einen neuen Menſchen anzulegen, einen reuigen, geläuterten, Vergebung flehenden Men⸗ ſchen! Antonie, der verlorene Sohn kehrt zurück zu den Hallen der Unſchuld und der Tugend. Antonie, willſt Du ihn aufnehmen, oder willſt Du ihn erbar⸗ mungslos hinaus ſtoßen in die Welt, damit er auf's Neue ſündige, auf's Neue verloren gehe! Oh ſieh, Antonie, ich weine wieder, aber Du weißt und fühlſt in dieſer Stunde, daß ich kein Schauſpieler bin, ſon⸗ dern ein reuiger Sünder, welcher von Dir ſeine Ent⸗ ſündigung und ſeine Gnade erfleht! Ach, ich fordere nicht mehr, daß Du mein Weib werdeſt, aber laß mich Deinen Bruder ſein, Schweſter der Schmerzen! Du kennſt jetzt die Leiden und Qualen dieſer Welt, nur daß ſie Dein Herz geläutert haben, während ſie das Meine vergifteten! Auch ich war einſt gut und edel und vertrauensvoll, gleich Dir! Aber da kam * 286 die Lüge und die Verführung, da kam die Bosheit und der Neid der Menſchen, und vergiftete mich, und als ſie mir Alles genommen, mein Herz und und mein Glück, meinen Stolz und meine Freiheit, da ſchleuderte ich ihnen auch das Letzte noch nach, meine Ehre, und ward ein gemeiner Verbrecher, um die Verbrecher zu ſtrafen, und ſie zu züchtigen mit ihren eigenen Waffen! Aber ich bereue, Antonie, ich will umkehren zu Dir mein Engel, meine Heilige! Deine reinen Blicke haben mein Herz umgewandelt, Deine Thränen haben mein Herz weich gemacht! An⸗ tonie, es iſt eine Menſchenſeele, welche von Dir ihre Erlöſung hofft! Willſt Du ſie ihr gewähren? An⸗ tonie, ich ſtrecke meine Arme flehend zu Dir empor, und ſage Dir heute, was ich Dir einſt ſchon geſagt: fliehen wir dieſe Welt, und dieſe Menſchen! Fliehen wir zu der Natur, zu einem einſamen, ſtillen Thal, zu einer Hütte in einem Schweizerthale, Da will ich zu Deinen Füßen ſitzen, und von Deinen Lippen reine Gedanken und ſündloſe Wüſnche trinken, da ſollſt Du aus mir einen neuen Menſchen machen, und mich ent⸗ ſühnen vor der Welt und meiner eigenen Schuld! Oh An⸗ tonie, willſt Du mich abermals verſtoßen und verbannen? Antonie antwortete nicht ſogleich. Sie blickte lange und tief in das von Schmerz und Rührung zuckende 287 Angeſicht des Grafen, und allmälig füllten ſich ihre Augen mit Thränen und eine tiefe, heilige Rührung ſprach aus ihren Mienen. Sie legte ihre Hand auf das ſchwarze Lockenhaar des Grafen, und ſagte feier⸗ lich: Gott hat mehr Wohlgefallen an dem Einen reuigen Sünder, welcher zurückkehrt, als an den vielen Tugend⸗ haften, welche niemals fehlten! Gott hat Ihnen ein edles Angeſicht gegeben, und die Natur, welche niemals lügt, hat gewollt, daß Sie gut und edel ſeien, und daß er⸗ habene Gedanken hinter dieſer hohen Stirne ſich regten! Kehre zurück in das Haus Deines Vaters, armer verlorner Sohn, er wird Dich willkommen heißen! Und Du, Antonie? Was ſagſt Du mir? Sie ſenkte das Haupt und ſchwieg. Als ſie es wieder erhob war es von einem ſanften Lächeln durch⸗ leuchtet. Führe mich zu der einſamen Inſel im Meer, und laß mich dort allein, ſagte ſie! Ich bedarf dieſer Einſamkeit mit Gott und mir ſelber, damit mein Herz geneſe und ſeiner Qualen Vergeſſenheit lerne. Aber warte Du am Ufer des Meeres, mein Bruder, und wenn es iſt, wie Du ſagſt, und wenn ich mich von der einſamen Inſel wieder zurück ſehne zu den Men⸗ ſchen, ſo werde ich zu Dir kommen, und Du ſollſt als⸗ — Deine Schweſter geleiten zu der Hütte im ein⸗ ſeen Schweizerthal, und da wollen wir Gott leben 8 6 288 und der Natur, und die Arbeit ſoll unſer Gebet, und 3 das Vergeben unſere Rache an den Menſchen. So ſei es! ſagte der Graf feierlich, indem er auf⸗ ſtand und Antonien's dargereichte Hand mit einem un⸗ ausſprechlichen Ausdruck an ſeine Bruſt drückte. S ſei es, meine Schweſter! Aber nun komm, komm! Nicht einen Moment darfſt Du länger die verpeſtete Luft dieſes Hauſes athmen, nicht einen Moment ſollſt Du wieder dieſem entarteten, buhleriſchen Weibe gegenüber ſtehen, welches Dich haßt, und Dich verderben möchte, weil es ihr nicht gelungen iſt, Dich ihr gleich zu machen! Komm, meine Schweſter, Du haſt mich Deinen Bruder genannt! Nun wohl, ſo habe ich ein Recht auf Dich, ein geheiligtes Recht! In dieſer Stunde noch mußt Du dieſes Haus verlaſſen, denn ich will nicht, daß meine Schweſter in dem Hauſe der Schande weile, ich will nicht, daß ſie dieſe von Sünde und Laſter vergiftete Luft einathme. Ich habe Alles zur Reiſe vorbereitet. Wir reiſen noch heute! Wohin wir gehen, das haſt Du zu beſtimmen. Ich werde Dir folgen, aber ich werde Dir immer fern bleiben. Nur wenn Du meiner bedarfſt, und mich rufſt, dann werde ich zu Dir kommen! Komm, daß wir z Inſel im Meer ſuchen. Ich werde Dich nicht begleiten, aber ich wie S es mir gebo en, . 289 m ufer ſtehen, und Deiner Rückkehr und Deines 2 fes harren! Komm Antonie, komm, laß uns r und ſchritt der Thür zu. plötzlich ward dieſe geöffnet, und Andrea 8. id mit zornblitzenden Augen in das in 3 offnen Thür ſah man Scene überblickte. W. PDie Bache. Bei dem ſchnlen und unerwarteten Erſcheinen Andrea's war der Graf Salmiensky anfangs tief er⸗ ſchrocken einen Schritt zurückgewichen. Bald aber, ſeine Ruhe und Haltung wieder gewinnend, hatte er Antonien's Hand wieder genommen und wollte ſie ſchweigend an Andrea vorüber nach der Thüre geleiten. Andrea aber faßte heftig ſeinen Arm, und Anto⸗ nien's Hand fortſchleudernd fragte ſie mit zitternden Lippen: Wohin willſt Du gehen? Du fragſt mich, was Du weißt, ſagte Salmiensky ruhig. Denn Du haſt hinter jener und haſt gehorcht! Ja, ſagte ſie, ich habe gehorcht! Ich habe dieſe furchtbare Qual erdulden müſſen, jedes Deiner heuch⸗ leriſchen, abſcheulichen Worte hören zu müſſen! Mein ann zwang mich dazu. Er ſtand neben chweigend und ſtumm neben ihm b ebe un „er wollte be e hbt ſchen, gemacht vor Luſt! Abet pe iſts genug! u mich immerhin tödten, ich muß wenigſtens zuvor meinen Schmerz austoben können, ich muß wen in das Ohr dieſes Verräthers meine Flüche und meine Verwünſchungen ergießen, damit ſie ſich wie tödliches Gift durch ſeine Adern ergießen, und ihn mit hölli⸗ ſchem Feuer brennen! Höre ſie nicht, Antonie! ſagte der Graf ruhig. Ihre Flüche und ihre Verwünſchungen haben keine Macht über uns! Komm und laß uns gehen! Er näherte ſich mit Antonien wieder der Thür. Aber da ſtand der Doctor und verſperrte ihnen den Weg. Weshalb wollen Sie dieſe gute, liebe Frau nicht anhören, theurer Graf? ſagte er mit einer widerlichen Freundlichkeit. Gönnen Sie ihr doch die Freude Ihnen einen Abſchiedsſegen mit auf den Weg zu geben! Mein Gott, ſie iſt ein ſo gutes, braves Weib, was meine gute Andrea Ihnenz zu nachhe ſ es ja immer noch Zeit, die Haus verlaſſen und Ihre phantaſtiſche und toniſche Wanderung anzutreten! — Ach, und Du glaubſt, duß ich ts n werde, daß er dieſes 2 verläßt? ſchrie Andrea zähneknir⸗ Arm ien auf's Neue zurück ſchleuderte, dih a ohnmächtig auf einen niedertaumelte. Elendes Weib, ſchrie der Graf, indem er zu Antonien hineilte, und ſie in ſeine Arme zog, wage es noch einmal dieſen Engel zu beſchimpfen, wage es noch einmal ſie mit Deinen unheiligen Händen zu 1 berühren, und Du ſollſt ſehen, daß ich die Kraft habe, Dich mit meinen Händen zu erwürgen! Thue es! ſchrie ſie faſt raſend. Erwürge mich! Du wirſt dann wenigſtens nicht mit ihr gehen kön⸗ nen, ſondern ſie werden Dich in's Gefängniß führen, ſie werden dem Mörder das verrätheriſche, verführeriſche Haupt abſchlagen! Ich bitte Dich, ermorde mich, dann gehörſt Du mir, dann biſt Du Mein, und mein Blut zieht das Deine nach ſich! Morde mich, damit mein Gatte dieſer Mühe überhoben wird. Aber nein, Du willſt es nicht, Du willſt einen neuen Ro⸗ man beginnen, und weil Du Dich ermattet und er⸗ ſchöpft fühlſt vom Laſter und dem Verbrechen, willſt Du es einmal wieder mit der Tugend verſuchen! Und Du glaubſt ihm, Antonie? Du glaubſt dieſem Schau⸗ ſpieler, welcher die ſeltene Kunſt verſteht, jede Rolle mit der Vollendung der Wahrheit zu ſpielen? Du glaubſt dieſem Meineidigen, welcher Dir Liebe ſchwört während meine Küſſe noch auf ſeinen Lippen brennen und ſeine Schwüre, die er mir gethan hat, noch in meinen Ohren wiederhallen? Mein Gott, ſiehſt Du denn nicht, arme Närrin, daß er Dich verſpottet und verhöhnt? Merkſt Du denn nicht, daß er Dich nur verführen will, weil er es Dir geſchworen hat, daß Du ihm angehören ſolleſt? Ahnſt Du denn nicht, wie bald dieſer in Laſter und Genuß überſättigte Menſch Deiner überdrüſſig werden wird, um Dich alsdann zu ver— ſtoßen, und Dich mit Hohnlachen Deiner Verzweiflung und Deiner Wuth zu überlaſſen? Antonie ſchüttelte leiſe das Haupt. Ich fürchte keine Gefahr von ihm, ſagte ſie. Habe ich es ver⸗ mocht, ihm hier zu widerſtehen, wo Du als eine infernaliſche Helferin ihm zur Seite ſtandeſt, um wie viel mehr werde ich ihm widerſtehen können, wo an 294 ſeiner Seite kein Dämon ſteht, ſondern wo Gott neben mir iſt! Aber es iſt gar nicht nöthig, von Ge⸗ fahr zu ſprechen, denn es gibt keine Gefahr. Graf Salmiensky hat ſich zu meinen Bruder gelobt, und er wird in mir ſeine Schweſter ehren! Das werde ich, bei meiner Ehre, und bei dem heiligen Angedenken an meine Mutter! ſagte der Graf feierlich. 6 Und Du glaubſt ihm? fragte Andrea athemlos. Ja ich glaube ihm! Ein Schrei der Wuth drang von Andrea's Lippen, und ſie ſtampfte wild mit dem Fuß auf den Boden. Sie glaubt ihm! Sie glaubt ihm! ſchrie ſie, indem ſie, einer Tigerin gleich, in dem Gemach auf und niederrannte, bald einzelne, wilde Laute des Zornes aus⸗ ſtoßend, dann wieder mit ihren Fäuſten ſich die Bruſt zerſchlagend, oder ſich in wilder Verzweiflung das Haar zerraufend, das in langen aufgelöſten Streifen über Hals und Bruſt herniederhing. Plötzlich blieb ſie, wie gebannt und regungslos vor dem Grafen ſtehen und blickte ſtarr und forſchend in ſein Angeſicht. Allmälig wurden ihre Züge weicher und milder, ihre Lippen zuckten wie in einem ſchmerzlichen Krampf, und Fluthen von Thränen entſtürzten ihren Augen. Sie ſank zu des Grafen Füßen nieder, ſie weinte 295 und jammerte, und nur leiſe hingehauchte, unverſtänd⸗ liche Worte tönten anfangs von ihren Lippen. All⸗ mälig legte ſich die Gewalt ihres Schmerzes, und ihre Qual ſtrömte ſich aus in Worten und flehenden Bitten. Verlaſſe mich nicht, mein Geliebter, habe Er⸗ barmen mit meinen Schmerzen, habe Mitleid mit meiner Verzweiflung, flehete ſie. Mein Gott, ſiehſt Du denn nicht, daß Du mich tödteſt, Feodor? Fühlſt Du denn nicht, daß eine Hölle in meinen Buſen, in meinem Kopfe brennt, und daß ich wahnſinnig werden muß, wenn Du mich verläßt? Aber nein, Du wirſt das nicht, Du kannſt das nicht! Dieſes Alles iſt nur ein Traum, ein wüſter entſetzlicher Traum, von welchem ich in Deinen Armen erwachen werde! Nein, nein, nein! Du kannſt mich nicht verlaſſen! Du nicht! Erinnere Dich, wie oft wir die Nächte durchjauchzt haben in diaboliſcher Luſt, wie oft wir uns Beide in dem Uebermuth unſers Glückes dem Teufel ver⸗ ſchrieben, und der Tußlid geſpottet haben! Und Du willſt jetzt ein Abtrünniger werden, Feodor, und Du willſt der Tugend folgen, Du, welcher alle Entzück⸗ ungen und alle Wonnen des Laſters kennſt und ge⸗ noſſen haſt! Nein, mein Geliebter, nicht dieſen wilden verächtlichen Blick, wende Dich richt von mir, ie 296 nicht, mir Deine Hand zu entwinden! Du biſt doch mein, und wirſt es ewig bleiben! Denke doch wie ich Dich liebe! Denke doch, daß ich vom Himmel und der Hölle nichts weiter begehre, als Dich allein, daß ich keine Seligkeit verlange, außer in Deinen Armen, und keinen Gott anbete außer Dir, mein Herr und Meiſter, mein Geliebter und mein Gott! Oh mein Feodor, weißt Du denn nicht, daß es der Tod iſt, welcher mich für dieſe Worte erwartet? Siehſt Du denn nicht, daß der Henker mich ſchon dort erwartet, daß er dort mit ſeinem kalten entſetzlichen Blick an der Thür ſteht, und nur auf den Moment lauert, wo Du dieſes Zimmer verlaſſen wirſt, um mich alsdann zu tödten, wie er es mir geſchworen hat? Aber was kümmert das mich! Ich ſage es Dir dennoch mit Frohlocken und Entzücken, mit Jauchzen und Himmelsluſt: ich liebe Dich! Ich habe Nie geliebt außer Dir! Stoße mich alſo nicht von Dir! Laß mich zu Deinen Füßen liegen, Deine Sclavin, Dein Hund, den Du mit Deinem Fuße von Dir ſtößt, dem Du aber dennoch das Recht gibſt wieder zu Dir heranzukriechen und Deine Füße zu küſſen und in Deinen Augen zu leſen, daß Du ihn dennoch liebſt, obwohl Du ihn miß⸗ handelſt! ⸗ Wird denn dies niemals enden! unterbrach ſie 297 der Graf mit wildem Ungeſtüm. Werden Sie uns denn nicht endlich von dieſer Raſenden befreien, Herr Doctor und uns geſtatten, dieſes Haus zu verlaſſen? Hinweg mit Deiner Hand, Andrea. Laß mich los, ſage ich Dir, oder— Antonie faßte ſanft ſeine Hand, und ſagte mit⸗ leidig: Was droheſt Du ihr, mein Bruder? Siehſt Du denn nicht, was ſie leidet? Kränke ſie nicht, ſie iſt geſtraft für Alles, was ſie geſündigt hat. Arme Andrea! Andrea ſtieß einen Schrei der Wuth aus und flog empor. Du wagſt es mich zu beklagen, Du eitle Närrin, ſchrie ſie. Mein Gott, wollt Ihr mich denn wahnſinnig machen? Es wirbelt in meinem Kopf, es iſt, als wenn hölliſches Feuer darin wü⸗ thete. Schweig Antonie, ſchweig, ſage ich Dir, wage es nicht wieder, mich beklagen zu wollen, oder ich erwürge Dich mit meinen Händen. Herr Doctor, rief der Graf ernſt und gebieteriſch. Jetzt iſt's genug! Laſſen Sie uns freiwillig hinaus gehen, oder bei Gott, ich werde mir den Ausgang mit Gewalt zu erzwingen wiſſen! Er zog einen Dolch aus ſeinem Buſen hervor, und näherte ſich dem Doctor. Es iſt gar nicht nöthig, eine ſo tragiſche Poſition anzunehmen, ſagte der Doctor lachend. Sie können jetzt immerhin mit der kleinen Tugendheldin dort das Zimmer verlaſſen! Ich halte Sie nicht mehr zurück. Ich habe genug gehört, und die Antwort auf die rührenden Liebesklagen meiner reizenden Andrea, die werde ich ihr in Ihrem Namen geben! Gehen Sie alſo! Nein, nein, Du wirſt ihn nicht hinaus laſſen, ſchrie Andrea, Du wirſt ihn nicht ungeſtraft ziehen laſſen. Bedenke, daß er mein Geliebter geweſen iſt, bedenke, daß er Deine Ehre befleckt hat, daß— Mein Gott, mein Gott, er geht, er läßt ihn gehen! Feodor! Antonie! Sie iſt mit ihm, ſie iſt bei ihm, und ich, ich werde nicht raſend, ich werde nicht wahnſinnig! Ich lebe noch! Feodor! Er iſt fort!—— Ja, er iſt fort! ſagte der Doctor, welcher die Beiden durch das Vorzimmer hinaus geführt hatte, und jetzt zurückkehrte. Ja, er iſt fort, wiederholte er, indem er die Thür hinter ſich abſchloß. Wir ſind jetzt allein! Oh Du willſt mich tödten! ſagte ſie zurückweichend und erſchauernd vor dem fürchterlichen und gehäſſigen Ausdruck in dem Antlitz ihres Gatten. Nun denn, tödte mich, ich fürchte mich nicht! Mir iſt das Leben eine Laſt, und ich bin bereit es hinzugeben! Tödte mich! Beſſer zu ſterben, als wahnſinnig zu werden, und ich fühle, daß es in meinem Kopfe ſchon wi belt und raſ't! Tödte nicht R 299 Nein, nicht doch, mein Kind! ſagte ihr Gatte mit ſeiner grauſamen entſetzlichen Ruhe. Weshalb ſolte ich Dich tödten? Damit Du Deiner Leiden vergäßeſt und dieſer Schmerzen, welche in Deinem Gehirn brennen, los und ledig wärſt? Damit Du nicht mehr das Bewußtſein hätteſt von Deinem Ge⸗ liebten verlaſſen zu ſein, von Deinem Geliebten, wel⸗ cher mit einem jungen, ſchönen Mädchen in die Welt hinaus gegangen iſt! Oh, ſie liebt ihn heute noch nicht, aber eines Tages wird ſie dieſen reuigen, ſchö⸗ nen Sünder lieben, welcher zu Gott und der Tugend zurückgekehrt iſt, weil Antonie ihm als ein Engel erſchienen war, welcher ihn erlöſen ſollte! Eines Ta⸗ ges wird ſie ihn lieben, und dann werden ſie Beide glücklich ſein, ſehr glücklich. Andrea ſtieß einen Schrei der Wuth aus, der Doctor fuhr lächelnd fort: Ja, ſie werden glücklich ſein, und damit ſie's werden ſollten, ließ ich ſie zie⸗ hen! Ich würde ihn vielleicht getödtet haben, weil er, wie Du ſagſt, meine Ehre befleckt hat, aber Du würdeſt alsdann um ihn geweint, und ihn immer geliebt haben! Oh, es war eine beſſere Rache ihn le⸗ ben zu laſſen, und Dir das marternde Bewußtſein zu geben, daß er eine Andere liebt und mit dieſer Andern glücklich iſt! Hörſt Du, glücklich mit einer Andern! 300 Schweig, ſchweig, wenn Du nicht willſt, daß ich wahnſinnig werden ſoll! Und wer ſagt Dir, daß ich es nicht will! rief er, indem er dicht auf ſie zutrat, und mit ſeinen grimmigen Augen ſie durchbohrend anſah. Wer ſagt Dir, daß Du nicht jetzt ſchon wahnſinnig biſt, wie es Dein elender Bruder war? Ja, ja, ich ſeh's an Deinen ſtieren Blicken, an dem wilden, krampfhaften Zucken Deiner Lippen, Du biſt wahnſinnig! Armes, armes Weib! Sie hat den Verſtand verloren! Auguſt! ſtammelte ſie, indem ſie ſchaudernd vor ihm zurückwich. Auguſt, verſtehe ich Dich recht? Du willſt mich nicht tödten, aber— Ich will Dich in eine Zelle ſperren, in welcher Du leben ſollſt, um über Dein Leben zu jammern und es zu verwünſchen, daß Du nicht toll biſt, nicht ſo toll, wie es die Leute glauben ſollen, und wie ich es ihnen mit meinen Thränen und meinen Kla⸗ gen beſtätigen werde! Oh, es gibt Mittel, welche die Wahnſinnigen geſund machen, aber es gibt auch deren, welche die Geſunden wahnſinnig machen! Ich ſollte Dich tödten, dachteſt Du? Welch eine erbärm⸗ liche Strafe wäre dies geweſen! Nein, meine Andrea, Du ſollſt leben, leben unter der Douche, in dem Zwang⸗ ſtuhl und mit der Nadel im Arm, leben, um Dich 301 und Deinen Geliebten, um die ganze Welt zu ver⸗ wünſchen! Du biſt ein Ungeheuer! kreiſchte Andrea. Hülfe, Hülfe! Rettet mich vor dieſem Ungeheuer! Er iſt ein Vampyr! Rettet mich! Hülfe! Hülfe! Ihr Gatte ſelber war es, welcher die Thür öff⸗ nete, und die herbeieilenden Diener einließ. Seht da Eure arme Herrin, ſagte er mit Thrä⸗ nen in den Augen. Das Unglück ihrer Familie hat auch ſie ereilt! Sie iſt wahnſinnig geworden! Nein, nein, ſchrie Andrea, glaubt ihm nicht, ich bin nicht wahnſinnig. Ich ſehe Alles, ich weiß Alles! Ich bin aller meiner Sinne mächtig. Er will mich nur nicht tödten, darum ſagt er, daß ich wahnſinnig ſei. Er— oh, was iſt das, was hier in meinem Kopfe wirbelt und brauſt! Feuer! Feuer! Mein Kopf brennt, mein Herz brennt! Feuer! Mit einem fürchterlichen Schrei ſank ſie bewußt⸗ los zuſammen. Der Doctor ſtürzte zu ihr hin, und fing die Bewußtloſe in ſeinen Armen auf! Er rief ſie mit den zärtlichſten Namen, und be⸗ netzte ihr Antlitz mit ſeinen Thränen, und küßte ihre kalten, bläulichen Lippen, und brach in rührende Klagen über ſein Unglück aus! Die Diener ſtanden ſchweigend, mit Thränen in 302 W den Augen da, und blickten tief bewegt auf dieſe zärtliche, und herzzerreißende Gruppe hin. Ja ſie iſt wahnſinnig! ſagte der Doctor endlich, indem er ſeine Thränen trocknete. Sie hat die Krank⸗ heit ihres Bruders geerbt, und wenn ſie erwacht, wird ſie, gleich ihm, in wilde Tobſucht ausbrechen. Arme geliebte Andrea, ich werde Deinen ſchönen Leib martern und quälen müſſen, ich werde die Nadel in Deinen ſchönen Arm bohren müſſen, ich werde Dein Haupt ſeines köſtlichen Haares berauben müſſen, und es unter die Douche bringen! Ach Du wirſt ſehr viel jeiden, aber ich werde mehr leiden als Du, und jeder Deiner Schmerzensſchreie und Deiner Seufzer wird mein Herz zerreißen! Was ſtarrt Ihr mich an? Was weint Ihr? Niemand hat hier ein Recht zu weinen, Niemand außer mir! Denn ſie iſt meine Gattin, und Ihr wißt, wie ich ſie geliebt habe! Aber auch Niemand außer mir ſoll ſie pflegen! Ich werde ihr Arzt und ihr Diener ſein, ich werde ſie pflegen und heilen, ich allein. Ich werde, wenn es ſein muß, ſie in den Zwangſtuhl und unter die Douche tragen. Ich ſelber werde ihr das Haar abſchneiden, und die Nadel in ihren Arm bohren! Schnell, ſchnell, öffnet die Thüren, damit ich ſie in die Zelle ihres Bruders trage, noch bevor ſie erwacht! Vielleicht bewirkt der 303 Schreck vor der unheimlichen, neuen Umgebung, daß ſie nicht tobt und raſtt, ſondern ſanft wird und ſtille. Oeffnet mir die Thüren, ſage ich! Ich allein will mein armes geliebtes Weib zu ihrer Zelle tragen! Niemand ſoll ſie berühren, Niemand ſie pflegen, als ich allein! Die Diener öffneten die Thüren, welche in den Corridor und zu der Zelle führten, und der Doctor trug Andrea in die Zelle ihres Bruders! Sie begann ſchon ſich zu regen, die Diener hörten noch, wie ſie ein wildes Wort der Verwünſchung gegen ihren Gatten ausſtieß. Dann ſchloß der Doctor die Zellenthür, und einige Zeit blieb da drinn Alles ſtill und ruhig. Die Diener ſtanden und lauſchten in athemloſer Erwartung. Nun hörte man die laute, ſcheltende Stimme Andrea's, dann die ſanfte, begütigende ihres Gatten. Jetzt ſtieß ſie einen wilden Schrei aus, dann folgte ein langes herzerſchütterndes Wimmern und Kla⸗ gen. Sie iſt im Zwangſtuhl, und der Doctor hat die Nadel in ihren Arm gebohrt! Armer Doctor! Daß er dieſes Unglück erleben mußte an ſeiner Frau! 304 Sie waren Beide ſo glücklich und haben ſich immer ſo zärtlich geliebt! Armer Doctor! Aus der Zelle vernahm man wieder kreiſchendes Jammergeſchrei und herzzerreißendes Heulen und Wimmern. Selbſt die Diener vermochten es nicht zu ertragen, ſie erbleichten und verließen bebend und fröſtelnd den Corridor! XVM. Der große Conp. Dn an's Werk! ſagte Mariane, indem ſie noch einmal vor den Spiegel trat und ihre Toilette mu⸗ 3 ſterte. Sie hatte die ganze Nacht wachend und ſin⸗. nend hingebracht, brütend über großen Plänen und Entſchlüſſen, und feſt entſchloſſen, einen entſcheidenden Schritt zu thun!— So viel ſtand feſt, ſie konnte und durfte in dieſem Hauſe nicht bleiben; nach dem, was geſtern Abendzwiſchen ihr und dem jungen Grafen vorge⸗ fallen war, mußte ſie befürchten, daß der junge Graf ſelber ihr zu ſchaden ſuche, vielleicht ſogar ihre ſtolzen Pläne ſeiner Mutter verrathen könne. Sie mußte ihm alſo zuvorkommen, ſie mußte ſo ſchnell als mög⸗ lich handeln, und durch die Ueberraſchung auch den Prinzen zu einem raſchen und unüberlegten Schritt zu treiben ſuchen. 306 Sie hatte, wie geſagt, die ganze Nacht überlegt und nachgedacht. Jetzt war ihr Entſchluß gefaßt, und ſie war der Rolle, welche ſie zu ſpielen hatte, vollkommen ſicher und gewiß. Sie ſtand alſo vor dem Spiegel: und prüfte ihre Toilette, und betrachtete aufmerkſam ihr Geſicht, das heute von einer intereſſanten, ſchmachtenden Bläſſe war. Das iſt gut, ſagte ſie lachend, ſie werden glau⸗ ben der Kummer habe mich ſo bleich gemacht, wäh⸗ rend es einfach doch nur die Anſtrengung des Nach⸗ denkens und der ſchlafloſen Nacht gethan hat. Oh, ich werde dieſe ſchlafloſe Nacht indeß reichlich belohnt bekommen, und was die bleichen Wangen anbetrifft, ſo wird Prinz Aurelio ſchon ein Mittel finden, ſie erröthen zu machen! An's Werk alſo! Der große Coup muß gemacht werden, und wenn er gelingt, werde ich dem Zeus einen Hahn ſchlachten, das ſchwöre ich beim Gott Amor, welcher mich heute un⸗ ter ſeinen beſondern Schutz nehmen möge! Ihre Augen blitzten, und ein ſchelmiſches und boshaftes Lächeln zugleich umſpielte ihre purpurrothen Lippen. Ich bin zufrieden mit mir, ſagte ſie, ſich immer noch im Spiegel betrachtend. Dieſer ni iſt ſo einfach und züchtig, daß meine überaus fromme dächtig war ſie in die Lektüre ihres Gebetbuches ver⸗ 307 Gräfin Wohlgefallen daran finden, und daß der Prinz überaus neugierig und gereizt werden wird, dieſe ſchönen Schultern, welche ich ſo züchtig ver⸗ hülle, unverſchleiert zu ſehen! Aber halt! Eins hätte ich faſt vergeſſen! Die Roſenknospe! Sie flog zu dem Secretair und öffnete das verbor⸗ gene Schubfach, welches ihre Schätze enthielt. Schöne, liebe Brillanten, ſagte ſie zärtlich, indem ſie, wie bezaubert wieder ihre Schätze betrachtete, leuchtende Kinder und Sterne meines Herzens, habt nur ein klein wenig Geduld, und wenn's gut geht, bringe ich Euch heute noch einige neue Geſpielinnen, mit Denen Ihr wetten könnt, wer von Euch das Funkeln und Leuchten am Beſten verſteht! Sie warf ihren Lieblingen zärtliche Küſſe mit ihren zarten, roſigen Fingern hin, und als ſie ſie dann wieder verſchloß, ſeufzte ſie faſt ſchmerzlich. Nun denn, vorwärts jetzt! ermahnte ſie ſich ſel⸗ ber, indem ſie die brillantene Roſenknoſpe ſorgſam in der Taſche ihres Kleides verbarg. Dann nahm ſie eine ernſte und züchtige Miene an, und verließ mit kleinen, jungferlichen Schritten ihr Gemach, um ſich zuerſt zur Gräfin Schwanenkamp zu begeben. Die Gräfin war in ihrem Boudoir, und ſo an⸗ 308 tieft, daß ſie Marianen's Eintreten gar nicht zu be⸗ merken ſchien, ſondern eifrig fortfuhr aus ihrem Buche halblaut ihre frommen und inbrünſtigen Gebete zu leſen! Als ob ich nicht geſehen hätte, dachte Mariane, wie ſie, als ich den Salon durchſchritt, raſch ein an⸗ deres Buch hinter ihrem Rücken verbarg, und dies erſt von ihrem Tiſch nahm! Und ſie näherte ſich mit tiefer Ehrerbietung und beſcheidener, demüthiger Miene der Gräfin. Dieſe blickte endlich von ihrem Buche empor, und hieß Marianen mit einem leichten Neigen des Kopfes willkommen.. Oh, ſie weiß noch nichts, dachte Mariane, der kleine Huſarenlieutenant iſt alſo discreter, als ich dachte. Nun, mein liebes Kind, ſagte die Gräfin mit einem gnädigen Lächeln, Sie haben mich um eine geheime Unterredung bitten laſſen, und ich bin in der That ſehr geſpannt zu hören, was Sie mir Wichtiges zu ſagen haben! Laſſen Sie alſo hören, meine Kleine! Was iſt's? Sie ſchweigen? Nun, wo⸗ mit kann ich helfen? Oh, ich errrathe! Ohne Zweifel iſt Ihre Kaſſe leer! Und ſie wollen Vorſchuß auf ſ Ihren Lohn! Nicht wahr, das iſt es? Ich habe es errathen! Oh, ich kenne das! Meine Kammerjungfet 309 iſt auch immer in Verlegenheit und hat ſchon ihren ganzen Lohn im Voraus genommen! Ihr jungen Mädchen ſeid immer in Geldverlegenheit! Gräfin Schwanenkamp hatte das ganz arglos, ganz freundlich geſagt. Sie ahnte gar nicht, daß dieſe Zuſammenſtellung mit der Kammerjungfer, dieſes Spre⸗ chen von ihrem„Lohn“ dieſes junge Mädchen wie ein Dolchſtoß verwunden müßte. Sie ſprach zu ihrer Dienerſchaft, ob es die Kammerjungfer oder die Ge⸗ ſellſchafterin war, blieb ſich das nicht gleich? Mariane unterdrückte ihren Zorn, aber heimlich ſchwur ſie, Rache zu nehmen für dieſen neuen Schimpf! Gnädigſte Gräfin, ſagte ſie, ich komme nicht, um gleich Ihrer Zofe um mein Honorar zu betteln, ſondern um mir Ihren gnädigen und gütigen Rath zu erfle⸗ hen. Aber indem ich es thue, appellire ich an Ihr edles, und großmüthiges Herz, welches mir Verzei⸗ hung gewähren wird, ſelbſt wenn ich gezwungen bin, Worte zu ſprechen, welche Sie verletzen dürften! Sprechen Sie nur immerhin! ſagte die Gräfin. Ich dächte nicht, daß Sie im Stande wären, mich verletzen zu können. Es iſt wahr, ſagte Mariane demüthig, ich bin ein armes unbedeutendes Geſchöpf, aber die Wege Gottes ſind ſo wunderbar. Er macht oft die Kleinen 310 groß, er erhebt die Namenloſen zu Ehren und Wür⸗ den, und gibt ihnen Rang und Titel und Ehre vor der Welt! Manche Gräfin, welche heute in glänzender Equipage durch die Straßen rollt, hat ſie früher im zerriſſenen Gewande arm und bettelnd durchwandern müſſen! War doch Nelly Gwyn, die Geliebte König Karls von England, auch nur ein Hrangen⸗Mädchen! Was wollen Sie damit ſagen? fragte die Gräfin unwillig! Ich will damit ſagen, daß Gott in ſeiner Uner⸗ gründlichkeit oft die unbedeutendſten Mädchen zu gro⸗ ßen Damen erhebt, und daß, ſo unbedeutend ich im⸗ mer ſein mag, dies auch mir hätte geſchehen können. Aber ich dachte an Sie, gnädigſte Gräfin, und dieſer Gedanke gab mir Kraft der Verſuchung zu wider⸗ ſtehen, und mein Herz in der Entſagung zu ſtählen! Hören Sie alſo mein großes und ſchweres Geheim⸗ niß, gnädigſte Gräfin! Ihr Herr Sohn, Graf Hec⸗ tor, liebt mich! Die Gräfin brach in ein lautes, fröhliches Lachen aus. Wirklich? Er liebt Sie! Und das iſt Ihr ganzes großes und ſchweres Geheimniß? Wiſſen Sie denn nicht, mein Kind, daß er ein übermüthiger, leicht⸗ fertiger junger Mann iſt, und daß es das Vorrecht ſeines Standes iſt, mit jedem Kammerkätzchen und 311 jeder Zofe zu liebäugeln? Wie haben Sie alſo nur ſeine Liebeserklärungen ernſthaft nehmen mögen, Weil ich eben kein Kammerkätzchen und keine Zofe bin, gnädige Frau, ſagte Mariane, weil ich zwar ein armes Mädchen bin, aber einer vornehmen adligen Familie angehöre, welche mir mindeſtens das Recht gegeben hat darauf zu halten, daß mein Name rein und meine Ehre unbefleckt erhalten werde! Graf Hector würde es nicht wagen mich ſo ſehr zu beſchim⸗ pfen, daß er mich mit dieſen leichtfertigen, ehrloſen Geſchöpfen, die man indeſſen ſowohl in den höchſten, wie in den niedrigſten Sphären findet, in eine Linie ſtellt! Er weiß und kennt mich, und ich darf Euer Gnaden verſichern, daß er mir niemals ein unehrer⸗ bietiges Wort geſagt, mir niemals eine beleidigende Zumuthung gemacht hat! Ach, die Sache iſt alſo ernſthaft? fragte die Grä⸗ fin, ſichtlich beunruhigt. Die Sache iſt ſo ernſthaft, daß der Graf i um meine Hand angehalten hat! Und Sie? fragte die Gräfin athemlos. Ich gnädigſte Gräfin? Ich habe mir bis heute Mittag eine Friſt ausbedungen, um ihm zu antworten! Ach, Sie ſind alſo noch nicht entſchloſſen, ſeine Hand anzunehmen? fragte die Gräfin mit zornigem 312 Spott. Sie ahnen alſo nicht, daß mein übermüthiger Herr Sohn Ihrer ſpottet, daß er Ihnen Dinge ſagt, an die er ſelbſt nicht glaubt, daß— Geruhen Sie, dieſes Billet zu leſen, welches er mir geſtern geſchrieben! Und ſie reichte ihr das zärtliche Billet des jungen Grafen dar. Die Gräfin las es mit ſichtlichem Er⸗ ſchrecken. Dies iſt allerdings ſehr ernſthaft, ſagte ſie. Und haben Sie ihm ein Rendezvous bewilligt? Ja, Frau Gräfin! Nun und weiter? Der junge Graf endete damit, mir ſeine Hand anzubieten! Ach, ohne Zweifel reizten Sie ihn durch Ihre Schüchternheit, Ihr keuſches, zurückhaltendes Weſen? Sie verſagten ihm jede Gunſt und machten ihn da⸗ durch nur immer glühender und leidenſchaftlicher? Und hätte meine edle und tugendhafte Herrin gewünſcht, daß ich anders handle? fragte Mariane. Hätten Sie, welche uns Allen als ein Muſter der Tugend und Sitte voranleuchten, es mir jemals ver⸗ zeihen können, wenn ich ſeiner wilden Leidenſchaft Ge⸗ hör gegeben hätte? Die Gräfin erwiederte nichts. Sie ſtand auf, um im Zimmer auf⸗ und abzugehen, aber indem ſie's that, ſiel ein Buch von ihrem Lehnſeſſel grade zu Marianen's Füßen nieder. Mariane hob es auf. Gnädigſte Gräfin, Sie haben ihr Gebetbuch verloren, ſagte ſie, indem ſie das geöffnete Buch der Gräfin darreichte, und mit der unſchuldigſten Miene der Welt auf eines dieſer üppigen und frechen Bilder des Aretin hindeutete. Die Gräfin erröthete leicht, und warf das Buch bei Seite, indem ſie mit haſtigen Schritten auf und abging. Mariane folgte jeder ihrer Bewegungen mit auf⸗ merkſamem Auge, ſie ſog jeden Laut des Aergers, der Entrüſtung der Gräfin mit durſtigem Ohr auf, ſie ſpähete auf jedes Zucken ihrer Wimper, auf jedes Runzeln ihrer Stirn, und mit innigem Behagen ſagte ſie zu ſich ſelber: ſie ärgert ſich! Es iſt alſo der kleinen, unbedeutenden Mariane doch gelungen, die vornehme Dame ein wenig aus ihrer ſtolzen Ruhe heraus zu locken! Oh nur Geduld, Geduld, wir werden noch einige größere Triumphe feiern! Sagen Sie mir aufrichtig, ſagte die Gräfin endlich, weshalb ſind Sie zu mir gekommen, und was beabſichtigen Sie mit dieſem Geſtändniß? Sie zu ärgern! dachte Mariane. Laut ſagte ſiez 314 Was ich damit beabſichtige, Frau Gräfin? Nichts weiter, als Sie um Ihren gütigen Rath zu bitten, und Sie zu fragen, ob Sie in dieſe Verbindung Ihres Herrn Sohnes mit mir willigen werden? Die Gräfin lachte vor Wuth. Ich einwilligen? Aber Sie ſind raſend, meine Kleine! Sie vergeſſen, daß Sie am Ende doch nichts weiter ſind als eine bezahlte Dienerin, welche ich zu jeder Stunde aus dem Hauſe jagen kann, daß— Frau Gräfin! rief Mariane faſt drohend. Nun? fragte die Gräfin, indem ſie Marianen mit kalten ſtolzen Blicken betrachtete. Dieſe hatte ſchnell ihre Ruhe und Faſſung wieder gewonnen. Frau Gräfin, Eins mindeſtens habe ich nicht vergeſſen, ſagte ſie ernſt, ich habe nicht vergeſ⸗ ſen, daß ich Ihnen Achtung und Ehrerbietung ſchul⸗ dig bin! Ich werde daher die beleidigenden Worte, welche ſie geſagt, verſchmerzen, ich werde ſuchen, ſie zu vergeben! Ich werde mich erinnern, daß es der ſchmerzliche Zorn der Mutterliebe war, welcher Sie ſo ſprechen ließ! Aber ſein Sie ruhig, gnädigſte Gräfin! Ich werde die thörigten und unüberlegten Wünſche Ihres Sohnes nicht erfüllen, ich werde niemals ſo vermeſſen ſein, mich in Ihre edle und er⸗ habene Familie eindrängen zu wollen, und was auch — immer aus dieſem armen ſchutzloſen jungen Mädchen werden möge, ſie wird wenigſtens niemals ſo niedrig handeln die thörigte Leidenſchaft eines jungen Man⸗ nes zu benutzen, um ſich dadurch vielleicht ein glän⸗ zendes Loos zu begründen! Nein, Frau Gräfin, fürchten Sie nichts von mir! Dieſe Größe, und dieſer Glanz reizt mich nicht. Ich weiß wohl, daß es Weiber gibt, welche ſich für Gold verkaufen, ich aber gehöre nicht zu dieſen! Dies iſt es, was ich Ihnen ſagen wollte! Ich kann und will nicht heimlich und im Dunkel der Nacht dieſes Haus verlaſſen, ich will nicht, daß Sie im Zweifel bleiben, weshalb ich gehe, ſondern ich hielt es Ihrer und Meiner würdig, daß ich Ihnen die Wahrheit ſage! Wie, Sie wollen uns verlaſſen? rief die Gräfin freudig. Ich muß es, gnädigſte Frau, denn es würde mir nicht möglich ſein, Graf Hector wiederzuſehen. Und was wollen Sie, auch mein Herz iſt ſchwach! Ich möchte nicht immer Stärke und Geiſtesgegenwart genug haben, ihm zu widerſtehen. Seine Worte tönen ſanft und lieblich, wie Muſik in mein Ohr, und mein Herz erbebt wider Willen bei dem Klang ſeiner Simme. Mein Gott, mein Gott, Sie lieben ihn— Oh, ſagen Sie das nicht! Ich will, ich darf mir meiner Gefühle nicht klar bewußt werden. Laſ⸗ ſen Sie mich einen Schleier über mein Herz werfen,— einen tiefen, undurchdringlichen Schleier!— Sie ſchwieg und verbarg ihr Antlitz in ihren Händen. Edles, großmüthiges Weſen! ſagte die Gräfin gerührt. Ja, Sie haben Recht, Sie müſſen dies Haus noch heute verlaſſen! Es gibt kein anderes Mittel dieſen Conflict zu löſen. Aber wohin wollen Sie gehen? Wer nimmt Sie auf? Gott iſt der Waiſen Vater! ſagte Mariane feier⸗ lich. Ich werde überall unter ſeinem Schutze ſein! Und Sie werden mir erlauben, für Sie zu ſor⸗ gen? Sie werden fühlen, daß es mir eine heilige Pflicht iſt, Ihre nächſte Zukunft wenigſtens zu ſichern, und Ihnen mindeſtens dadurch meine Dankbarkeit zu beweiſen! Oh, wenn Sie wirklich glauben, mir verpflich⸗ tet zu ſein, ſo gibt es noch ein anderes Mittel mir dies zu zeigen! Nun, und das wäre? 8 Schonen Sie Ihren Sohn! Laſſen Sie ihn nie⸗ mals ahnen, daß ich das Geheimniß ſeiner Liebe verrieth! Seien Sie ihm mild und gütig, und wenn er traurig iſt, ſo fragen Sie ihn nicht um ſeine Schmer⸗ 317 zen, ſondern ſuchen Sie ihn aufzuheitern und zu zer⸗ ſtreuen. Nennen Sie niemals vor ihm meinen Na⸗ men, ich weiß, das würde ihn ſchmerzen, und— Sie vermochte nicht weiter zu reden, Schluchzen erſtickte ihre Stimme. Auch die Gräfin fühlte ſich tief gerührt, und ganz von Bewunderung für dieſes junge entſagende Mädchen durchdrungen! Eine Pauſe trat ein. Dann ging die Gräfin zu ihrem Schreibtiſch, und nahm aus demſelben eins dieſer rothen Etuis hervor, welche Mariane ſo innig liebte. Nehmen Sie mindeſtens von mir dies Andenken, liebe Mariane, ſagte die Gräfin, indem ſie das Etui öffnete, welches ein paar ſtrahlende Brillantoht ge ent⸗ hielt. Wenn Sie es anſehen, erinnern Sit ſich zu⸗ weilen einer Mutter, welche nie ohne Segenswünſche Ihrer gedenken wird. Marianen's Thränen ſtrömten reichlicher, als ſie das Etui nahm, und die Hände der Gräfin dankbar an ihre Lippen drückte. Wann werden Sie uns verlaſſen? ſragit dieſe. In einer Stunde! Und wohin werden Sie gehen? Zuerſt zu meiner Mutter! Gut, mein liebes Kind, in einer Stunde dehn Sie Ihr Honorar auf Ihrem Zimmer finden, und ich werde ſelber kommen Ihnen Lebewohl zu ſagen, und Sie an den Wagen zu führen! Das ganze Haus ſoll ſehen, wie hoch und innig ich Sie ehre!— Und nun zu Prinz Aurelio! ſagte Mariane mit einem fröhlichem Lachen zu ſich ſelber, als ſie leicht und behende wie eine Gazelle über den Corridor ſchlüpfte. Ich werde ſehen, ob die geheime Thür offen iſt!— Sie war offen, und mit einem unwillkürlichen Beben betrat Mariane durch dieſelbe das Palais des Prinzen. Heute ſchleiche ich mich als Bettlerin hier ein, ſagte ſie zu ſich ſelber, es wird aber eine Zeit kommen, wo ich das Palais als Herrin und Gebieterin mit ſtolz⸗ gehobenem Haupt durchwandele. Sie ſah wunderbar aus. Ihre Augen flammten, ein ſtolzer kühner Ausdruck ſprach aus ihren Mienen, ihre Haltung hatte etwas Herausforderndes und Majeſtätiſches zugleich! Sie ſtand jetzt vor dieſer Thür, von welcher ſie wußte, daß ſie ſich in das Arbeitzimmer des Prinzen öffnete. Um dieſe Stunde war der Prinz in dem⸗ ſelben, das wußte ſie, ſie kannte jede Stunde ſeines Tages, ſie wußte, daß er allein in ſeinem Zimmer, und daß Niemand ſie verhindern würde ihn zu ſehen! Nur dieſe Thür trennte ſie von ihrer Zukunft, ſie ſtand vor der Erfüllung ihres Geſchickes! Zum erſten 319 Mal überkam ſie ein unausſprechliches Bangen, eine namenloſe Beklemmung! Es war ihr, als ob da drinn in ihrer Bruſt eine Stimme flüſtere: kehre um! Kehre um! Wende Dein Herz zu Gott! Bete, bete, daß er Dich rein erhalte von Schuld und Sünde! Hinter dieſer Thür wohnt für Dich das Unheil, und die Schande, die glänzende, vergoldete, prunkende Schande zwar, aber immer doch die Schande! Wende Deinen Fuß rückwärts und fliehe dieſes Haus, das Deine Seele verderben wird!— Aber da war noch eine andre Stimme, und wie ſüß und lockend klang nicht dieſe! Hinter dieſer Thür, ſagte ſie, wohnt für Dich Reichthum und Glanz! Einmal dieſe Schwelle über⸗ ſchritten, wirſt Du die Macht haben, all dieſe über⸗ müthigen, hochfahrenden und ſtolzen Damen zu de⸗ müthigen, welche Dir jetzt mit vornehmer, gering⸗ ſchätzender Freundlichkeit begegnen! Du wirſt vornehm, geehrt, und glänzend ſein, wie ſie Alle! Du wirſt Rache nehmen können für alle Demüthigungen und Schmerzen, die Du erduldet, Du wirſt endlich dieſe ſtolze, heuchleriſche Gräfin unter Deine Füße treten, welche Dich ihren Dienerinnen beigeſellt und ſich wie eine Königin über Dich erhaben dünkt! Oeffne alſo dieſe Thür, und alle Güter der Erde ſind Dein! 320 Mariane fühlte ſich wie berauſcht, ſie war wie in einem Delirium, einer fieberhaften Exaltation. Ja, ich will reich und vornehm werden, mur⸗ melte ſie. Ich will ſie Alle unter meine Füße treten, Alle, Alle! Aber ich will größer und vornehmer werden, als ſie Alle! Mir ſoll es nicht genügen an einer verborgenen, heimlichen, und verſchleierten Größe! Nein, die ganze Welt ſoll meine Größe ſehen, und mir huldigen müſſen! Und in einer Art Verzückung ihr Knie beugend und an dieſer Thür niederſinkend, faltete ſie ihre Hände, wie zum Gebet. Ja, ich will groß werden! murmelte ſie. Ich will alle die Vorurtheile und Hin⸗ derniſſe beſiegen, welche mir in den Weg treten könn⸗ ten. Das ſchwöre ich! Ich will keine Ruhe und keine Raſt finden, bevor ich nicht mein Ziel erreicht habe, bevor ich nicht die anerkannte, rechtmäßige Gemahlin des Prinzen bin, das ſchwöre ich! Dies allein ſoll mein Streben, mein Sinnen und Denken ſein! Das ſchwöre ich! Nicht ſoll es mir genügen an dieſer elenden und ſchmachvollen Gnade, die Geliebte eines Prinzen zu werden, das iſt gut genug für eine Gräfin Schwanenkamp! Ich aber habe ein höheres Ziel! Ich will nicht die Geliebte, ſondern die Gemah⸗ lin des Prinzen werden! Ich will nicht zu erröthen 321 haben vor mir ſelber, ich will mein Haupt ſtolz er⸗ heben und meines Glückes mich nicht ſchämen dürfen! Ich will die Gemahlin des Prinzen werden, das ſchwöre ich, ſo wahr ein Gott im Himmel und ein Teufel auf Erden iſt! Ich— Plötzlich öffnete ſich die Thür und der Prinz ſtand vor ihr. Vielleicht hatte er ein Geräuſch ver⸗ nommen, oder war es nur irgend eine ſympathetiſche Ahnung geweſen, welche ihm die Nähe Marianen's verrathen hatte!— Er war da, er ſtand in der ge⸗ öffneten Thür und ſtarrte dieſes reizende Weib an, wel⸗ ches noch immer auf den Knieen lag und mit einem ſchmachtenden, ſeligen Ausdruck zu ihm empor blickte. Biſt Du es? Biſt Du es wirklich, Mariane? ſtammelte er endlich. Willſt Du endlich mein heißes Flehen erhören? Hat ſich die ſtolze Göttin nun end⸗ lich gefügt, und will mir Gnade gewähren? Er zog ſie von ihren Knieen empor, und trug ſie faſt in ſein Zimmer. Er war ganz berauſcht, ganz außer ſich vor ſeliger Ueberraſchung. Du biſt alſo endlich da? fragte er immer wieder, indem er ſie ſtaunend betrachtete. Ja, ſagte ſie endlich mit einem rührenden Aus⸗ druck, ich bin da, aber ich bin gekowmmen, Abſchied zu nehmen! n. 21 Abſchied? rief er außer ſich. Und weshalb Ma⸗ riane willſt Du gehen? Weshalb? fragte ſie mit einem träumeriſchen Lächeln. Weil ich krank bin, weil die Luft Eurer Palläſte mir Schmerzen macht, weil ich ein armes, unbedeutendes Mädchen bin, welches aber dennoch zu ſtolz iſt, um von Eurem Mitleid und Eurem Erbarmen leben zu mögen! Nein, nein, dies iſt i der Grund! ſagte der Prinz leidenſchaftlich. Du verbirgſt mir Etwas! Sage mir, Mariane, wao iſt Dir geſchehen? Hat irgend Jemand es gewagt, Dich zu beleidigen? Nenne ihn mir, und mein Zorn ſoll ihn ſtrafen und vernichten! Niemand hat mich beleidigt, Durchlaucht! Mein Gott, weshalb alſo willſt Du denn gehen? Siehſt Du denn nicht, daß Du mir unentbehrlich biſt, daß Du mich wieder jung und lebensmuthig machſt, daß Du mit Deinen übermüthigen Scherzen mich wieder das Lachen und die Heiterkeit gelehrt haſt? Mariane, ſage 1 eshalb willſt Du gehen? Sie ſchwieg. Sue ſchien einen innerlichen Kampf zu kämpfen, ihr Buſen wogte ſtürmiſch auf und ab, ihre Wangen errötheten und erbleichten. Weshalb willſt Du uns verlaſſen? fragte der Prirz faſt weinend. Nun ſagte ſi ſie, in einem Ausbruch ſtür⸗ miſcher Leidenſchaft vor dem Prinzen niederſi inkend, ich will Ihnen die Wahrheit ſagen! Sie fragen mich, weshalb ich gehe? Weil ich Sie liebe, Prinz, weil dieſe raſende, dieſe bezaubernde Leidenſchaft meine Vernunft, meine Seele, mein Leben zerſtört, weil ich nicht leben kann ohne Sie und weil ich nicht leben will ohne die Ehre!— Der Prinz ſchloß ſie mit einem Ausruf des Entzückens in ſeine Arme.——— Als Mariane das Zimmer des Prinzen wieder verließ, glühten ihre Wangen und ein ſtolzer Triumph flammte aus ihren Blicken. Sie hatte ihr nächſtes Ziel erreicht. Sie hatte die Gräfin verdrängt und ſich ihren Platz erobert.— Der Kontrakt war unterſchrieben. Sie hatte ſich für ein Palais und ein glänzendes Jahrgeld, für eine Equipage und Dienerſchaft, für den glänzenden Flittertand der Exiſtenz verkauft. uchie gab ihre Ju⸗ gend, ihre Ehre, ihre Schönheit hin und empfing dafür nichts weiter als Gold und Brillanten. Aber ſie war zufrieden. Sie durchſchritt mit ſtolzem Schritt wieder den Corridor des gräflichen Hauſes; als ſie an der Thür der Gräfin vorüber kam, 324 blieb ſie ſtehen und hob ihre Hand, gleichſam drohend und beſchwörend, gegen dieſe Thüre auf. Ich bin gerächt, ſagte ſie mit einem grauſamen Lächeln. Ich habe dem Prinzen die Roſenknospe gezeigt und ihm das Geheimniß des Maskenballes verrathen! Er kennt jetzt ſeine keuſche und tugendhafte Gräfin und er wird es ihr nie vergeben, ihn ſo myſti⸗ ficirt zu haben! Sie werden ihn nicht wieder ſehen, meine theure Gräfin! Ich habe ihn Ihnen geraubt! Ah, ein neuer Raub des Hylas, nur leider, daß dieſer Hylas ein wenig ſehr alt und hinfällig iſt! Aber ich habe doch geſiegt! Ich denke, nun wird ſie mich nicht mehr mit ihrer vornehmen Herablaſſung ihre„gute Kleine“, ihr„liebes Kind“ nennen, ſondern ſie wird mir die Ehre erzeigen, mich einen vollkommenen Satan zu heißen! 6 Und mit einem luſtigen Lachen hüpfte ſie in ihr Gemach.— WII. Die Enthüllung. Wier Monate waren ſeit den, in den vorigen Ka⸗ piteln erzählten Begebenheiten verfloſſen! Sie hatten Vieles geändert, Vieles umgeſtaltet! Sie hatten aus dem armen Journaliſten Doctor Alexander Weltheim einen Legations⸗Rath gemacht, und die kleine Ma⸗ riane Freiſtadt in eine Baronin Elmenhöh umge⸗ wandelt.. Der Herr Legations⸗Rath Weltheim bewohnte jetzt eine glänzende Etage in einem der ſchönſten Häu⸗ ſer der großen Friedrichsſtraße, er hatte ſein Reitpferd und ſeinen Jockey und man bewunderte ihn allgemein als einen ebenſo liebenswürdigen als ſchönen Cavalier, der ohne Zweifel ganz geeignet und würdig ſei, eine bedeutende Carriere im Staatsleben zu machen. Man wußte überdies, daß er der beſondere Protegé des Prinzen Aurelio ſei, und daß die junge, neugeſchaffene Baronin Elmenhöh ihn laut vor aller Welt ihren erſten Freund und Rathgeber zu nennen pflege. Er war daher ein ſehr wichtiger und ſehr einflußreicher Mann, dem man mit der größten Rückſicht, der größten Zu⸗ vorkommenheit zu begegnen hatte, um ſo mehr, da man ſich heimlich in's Ohr raunte, der junge Lega⸗ tions⸗Rath werde ſehr bald eine noch einflußreichere Stelle bekleiden. Seit einigen Tagen hatte der junge Legations⸗ Rath ſeine Zimmer nicht verlaſſen, und weder auf der Promenade, noch in den Salons der vornehmen Welt hatte man ſeine elegante und ſchöne Geſtalt zu be⸗ merken Gelegenheit gehabt. Er war krank und hütete das Zimmer. Indeſſen ſchien ſeine Krankheit nicht ſehr ernſthafter Art zu ſein, denn ſie nöthigte ihn weder im Bett zu bleiben, noch hatte ſie ſeinem Antlitze die Friſche und Kraft, ſeinem Auge den Glanz und das Feuer genommen. Er befand ſich in einem eben ſo eleganten als prachtvollen Negligs in ſeinem Arbeitszimmer und hatte ſo eben ſeinem Diener befohlen, ihn vor Jeder⸗ mann zu verleugnen, als eine Equipage mit großem Geräuſch vor dem Hauſe anhielt. 325 Weltheim trat ans Fenſter. Prinz Aurelio, ſagte er mit einem eigenthümlichen Lächeln. Ich habe alſo meinen Zweck erreicht! Oh, ſchon ſammeln ſich einige Neugierige um ſeine glänzende, berühmte Equipage, ſchon fragen einige dieſer allerliebſten, wißbegierigen Leute den Lakaien, wen der Prinz in dieſem Hauſe beſuche! Bald wird es alſo die ganze Stadt erfahren, daß der Prinz bei mir war! Oh, wie werden ſie mich beneiden, dieſe übermüthigen, ſtolzen Cavaliere, die immer noch auf mich, als einen Neuling, herabſehen, wie werden ſie ſich vor mir beugen, dieſe ehrloſen, widerlichen Höflinge, die immer nur Demjenigen hul⸗ digen, der die Gunſt der Großen beſitzt, gleichviel, ob 5 3 er ein Schurke oder ein Dummkopf iſt!— Aber ich höre ihn kommen! Ich muß mich überraſchen laſſen! 1 Er nahm ein Buch und ſtreckte ſich nachläſſig auf den Divan aus. Die Thüre öffnete ſich und Prinz Aurelio trat ein. Sein Kammerdiener Louis hatte heute ein wirk⸗ liches Meiſterſtück vollbracht, denn der Prinz hatte vollkommen das Ausſehen eines jungen Mannes, ſeine Geſtalt hatte noch an Fülle, ſein Auge an Glanz ge⸗ wonnen, ſein Schritt war elaſtiſcher, und ſeine ganze Haltung freier und leichter noch, wie früher! Aber vielleicht war es nicht blos der Kammerdiener, ſondern % 328 auch die Liebe, welche dieſes Wunder bewirkt hatte, — die Baronin Elmenhöh war in der That eine Zau⸗ berin und der Prinz betete ſie an. Als der Prinz das Zimmer betrat, flog Alexander Weltheim, mit einem Ausruf freudiger Ueberraſchung von dem Divan empor und näherte ſich dem Prinzen, indem er Worte des Entzückens über die unverdiente Gnade, die nie erwartete Auszeichnung, ſtammelte. Prinz Aurelio lächelte. Sie kamen nicht zu mir, es war alſo ganz natürlich, daß ich zu Ihnen komme!— Ganz natürlich, Durchlaucht! Nein, es iſt eine ſtaunenswerthe Gnade, welche Sie mir erzeigen! Er⸗ lauben Sie zuvörderſt, daß ich mich entferne, um dieſes unpaſſende Negligs abzulegen! 5 Der Prinz hielt ihn zurück. Nein, bleiben Sie, Sie ſind krank und das entſchuldigt Ihr Koſtüm. Und Sie müſſen in der That ſehr krank ſein, da Sie, trotz meiner wiederholten und dringenden Aufforde⸗ rungen, ſich dennoch ſeit drei Tagen ſtandhaft gewei⸗ gert haben, zu mir zu kommen! Geweigert! rief Weltheim ſchmerzlich. Ja, mein Herr, ich ſagte geweigert! wiederholte der Prinz ſtrenger, indem er ſich auf einen Fauteuil niedergleiten ließ und dem Legations⸗Rath winkte, einen Seſſel zu nehmen. Eben dieſe ſtandhafte Wei⸗ gerung iſt es, welche mich veranlaßte, ſelbſt hierher zu kommen! Ich wollte mich überzeugen, ob Ihr Zu⸗ ſtand wirklich ſo gefährlich iſt, daß er Ihnen das Recht gibt, meinen Befehlen zu trotzen! Ihren Befehlen, Durchlaucht? Ja, mein Herr, ich ſagte ſo, meinen Befehlen, und ohne Zweifel werden Sie anerkennen müſſen, daß ich wohl das Recht habe, von Ihnen Gehorſam zu erwarten. Sie ſind mein Geſchöpf! Ich habe Sie zu dem gemacht, was Sie ſind! Niemand kannte Sie, Niemand wußte von Ihnen, Sie würden unbe⸗ kannt, wie ſo viele Andere Ihrer Rage, geſtorben und verdorben ſein, wenn ich mich Ihrer nicht angenommen und aus Ihrer Niedrigkeit Sie emporgehoben hätte! Sie ſollten mir alſo mindeſtens dankbar ſein! Ich bin es auch! ſagte Weltheim, indem er einen Blick des Haſſes auf den Prinzen ſchleuderte. Nein, mein Herr, Sie ſind es nicht! rief dieſer heftig. Sie ſcheinen es ſchon vergeſſen zu haben, was ich für Sie that, und in ſtolzem Uebermuth Ihren eigenen Weg gehen zu wollen. Aber erinnern Sie ſich, daß der, welcher Sie groß gemacht hat, Sie auch wieder erniedrigen kann, daß Sie weiter nichts ſind, als ein Werkzeug in meiner Hand, das 330 ich zerbreche, ſobald es mir beliebt! Sein Sie daher 8 gehorſam und unterwürfig, und beachten Sie meinen Rath, niemals einen Willen, außer dem meinen, zu wollen! Sie drohen mir, Durchlaucht? fragte aihe mit zitternden Lippen und bleichen Wangen. Ich weiß nicht, ob Sie das eine Drohung nennen, wenn ich Sie an Ihre Pflicht mahne! Ihre Pflicht war es, meinem Befehl zu gehorchen und zu mir zu kommen, denn ich ſehe, daß Sie nicht ſo krank ſind, als Sie vorgeben, ſondern daß Sie vollkommen im Stande waren, mir zu gehorſamen! Aber der Herr Legations⸗Rath ſcheint ſich ganz und gar in ein myſtiſches Schweigen einhüllen zu wollen, welches ich aber jedenfalls zu durchbrechen beabſichtige! Weshalb haben Sie der Gräfin Eudora ſeit acht Tagen nicht Ihre Aufwartung gemacht? Weil ich krank war, Durchlaucht! Weshalb haben Sie aber alsdann nicht minde⸗ ſtens ihre Briefe beantwortet? Ich könnte wieder antworten, weil ich krank war, aber ich will es nicht! Dieſe Angelegenheit entzieht ſich jedem richterlichen Ausſpruch und nur die Comteſſe und ich haben darüber zu ſprechen! Dies iſt eine ſehr ſtolze Antwort! 331 Nein, Durchlaucht, nur eine angemeſſene. Ich kann Niemanden das Recht zugeſtehen, über meine Privatangelegenheiten eine Rechenſchaft von mir zu fordern. Dies iſt allein meine Sache, und ich muß darüber entſcheiden können, wie es mir gut ſcheint! Nein, das werden Sie nicht können! Ich be⸗ fehle Ihnen vielmehr, daß Sie der Comteſſe Eudora noch heute antworten, und zwar, daß Sie ihr eine genügende, ihren Wünſchen entſprechende Antwort geben! Und wenn ich dies nicht thue, Durchlaucht? Der Prinz ſtarrte den kühnen Sprecher mit er⸗ ſtaunten Blicken an. Sie werden es thun, denn ich befehle es Ihnen! Ich wiederhole meine Frage: wenn es mir den⸗ noch beliebt, den Befehlen Ew. Durchlaucht nicht zu genügen? So werde ich Sie beſtrafen, rief der Prinz außer ſich. So werde ich Sie in das Nichts zurückſchleudern, aus welchem ich Sie hervorgezogen, ſo werde ich Sie wieder zu dem unbedeutenden, nichtsſagenden Bettler machen, welcher Sie waren. Alexander Weltheim brach in ein lautes, ſpötti⸗ ſches Gelächter aus. Nicht doch, Sie werden ſich ſehr wohl hüten, dies zu thun, denn der unbedeutende, nichtsſagende Bettler könnte nicht der Gemahl der Gräfin Eudora werden und Sie wiſſen ſehr wohl, daß er es werden muß! Sie wiſſen es ſo genau, daß dies allein der Grund iſt, weshalb Sie heute Ihr hochfahrendes Herz gebeugt und zu mir gekommen ſind! Der arme Alexander Weltheim muß der Ge⸗ mahl der reichen und vornehmen Gräfin Eudora wer⸗ den, verſtehen Sie wohl, Prinz Aurelio! Er muß es werden, deshalb ſind Sie da, Sie wollten mich bitten, ihre Hand nicht auszuſchlagen! Oh, es war nicht weiſe, Prinz, Ihre Bitte in einem Befehl einzukleiden. Es war nicht weiſe, mich zu reizen! Sie zu reizen! ſtammelte der Prinz. Aber wie iſt mir denn? Träume ich denn? Bin ich wirklich der Prinz Aurelio und Sie der ſonſt ſo ergebene, demü⸗ thige, gehorſame und unterwürfige Sclave? Was iſt denn geſchehen; was gibt dieſem Menſchen ein Recht, eine ſo freche Sprache zu führen? Und er ſchaute wieder ganz betäubt, ganz ver⸗ wirrt, in Alexander's Angeſicht. Dieſer begegnete ſeinen Augen mit feſten, kühnen Blicken. Sein Ge⸗ ſicht, welches bis dahin immer ſo freundlich und dienſt⸗ ergeben geweſen, hatte jetzt vollkommen ſeinen Ausdruck geändert und verrieth den Haß, die Schadenfreude, die Wuth und Bosheit, welche ſeine Bruſt bewegte. — 333 Es war ein entſetzlicher Anblick, und der Prinz mur⸗ melte in ſich erſchauernd: Aber dies iſt ein anderer Menſch, ein ganz anderer! Ah, Sie wundern ſich, rief Alexander mit einem rauhen Lachen, Sie wundern ſich, daß der demüthige Sclave Sie endlich einmal das Antlitz eines Mannes ſehen läßt! Sie bemerken mit Erſtaunen, daß ich bis dahin eine Maske trug und daß unter derſelben ein Geſicht verborgen war, welches minder gehorſame Züge trägt! Aber was wollen Sie, die Zeit der Mas⸗ keraden iſt vorbei und wir ſtehen jetzt als Mann dem Manne gegenüber. Oh, oh, Prinz, nicht dieſe zornige Bewegung, ich ſage Ihnen, reizen Sie mich nicht! Ich wäre ſonſt im Stande, Ihre Bitte nicht zu er⸗ füllen und nicht der Gemahl der reizenden Comteſſe zu werden! Man wird Sie dazu zwingen, Elender! Mich zwingen? Und wie will man es anfangen? Wo gibt es ein Geſetz, welches einem Manne gebieten kann, ein Mädchen zu heirathen, blos, weil er mit ihr eine kleine Liebesaventure gehabt hat! Ich habe der Comteſſe niemals die Ehe verſprochen, es iſt mir niemals in den Sinn gekommen, es nur für möglich zu halten, daß die vornehme junge Dame jemals des 334 armen, niedriggebornen Literaten Alexander Welthei 6 Frau werden könnte. Aber wir haben dieſe Verſchiedenheit der Lebens⸗ verhältniſſe auszugleichen geſucht! ſagte der Prinz mit mühſam behaupteter Ruhe. Wir haben Ihnen eine ehrenvolle Stellung, verbunden mit einem glänzenden Einkommen gegeben, und ſo die Möglichkeit einer Ver⸗ bindung erleichtert! Wir werden aber auch jetzt nicht ſtille ſtehen, wir werden Sie noch höher heben! Ich habe unermüdlich auf dieſes Ziel hingewirkt, und werde Ihnen bald eine freudige Ueberraſchung zu machen haben! Weltheim lachte wieder. Soll ich Ihnen ſagen, Prinz, was Sie eben denken? Sie denken, daß es Ihnen eine Luſt ſein würde, mich zu vernichten, mich unter Ihre Füße zu treten, und es macht Sie raſend, daß Sie ſich dennoch zu einem ruhigen, gelaſſenen Weſen bequemen müſſen! Ja, dahin iſt es gekommen, daß der kleine Alexander Weltheim im Schlafrock bleibt, während der große Prinz Aurelio in voller Uniform zu ihm kommt, dahin iſt es gekommen, daß der Prinz ſeinen Zorn verbergen und eine freundliche Gelaſſenheit heucheln muß, während der Bettler Weltheim ihm all' ſeinen Zorn, ſeinen Haß und ſeine Verachtung in's Antlitz ſchleudert! ———— 335 Der Prinz ward roth vor Zorn, trotz ſeiner Schminke. Elender, Sie wagen es, eine ſolche Sprache zu führen? Aber ich ſage Ihnen, mein Zorn wird Sie treffen und Sie vernichten! Weltheim zuckte die Achſeln. Sehen Sie da, Prinz, Ihre jammervolle Hoheit. Sie drohen mir mit Ihrem Zorn und ich lache darüber, während Sie erbleichen und zittern werden, wenn ich Ihnen mit meinem Zorn drohe! Oh, mit Ihrem Zorn! Und worin würde denn dieſe entſetzliche Drohung beſtehen? Ganz einfach darin, daß ich erkläre, die Gräfin Eudora nicht heirathen zu wollen! Nun, ſo wird man ihr einen andern Gemahl geben! Nicht doch, Durchlaucht, ich werde dies ver⸗ hindern! Und wodurch werden Sie dies erreichen? Dadurch, daß ich die Comteſſe der öffentlichen Schande preisgebe und es jedem Manne von Ehre unmöglich mache, ſie zu heirathen! Ich habe eine aller⸗ liebſte kleine Briefſammlung der Comteſſe und ich verſichere Sie, daß ſie in derſelben eine Sprache 336 führt, welche ſehr frei und ungezwungen iſt, daß ſie mich ſogar zuweilen überraſcht, obwohl ich doch in derſelben der Gräfin Lehrmeiſter geweſen! Keine Meſſaline und keine Kaiſerin Julia haben jemals eine glühendere Sprache geführt, glauben Sie es mir, Prinz, und ſelbſt Sie würden vielleicht noch einige neue Redeweiſen daraus lernen können. Zudem iſt in dieſen Briefen ſehr viel von unſeren Zuſammenkünften die Rede, welche wir, da wir nicht wagten, zu denſelben das Palais der keuſchen und tugendhaften Gräfin Schwanenkamp zu benutzen, in meinem Zimmer hielten. Oh, die Welt, welche die Comteſſe für eine ſo ſtolze Dame hält, würde mit einiger Ueberraſchung erfahren, daß ſie ſich ſoweit herabgelaſſen, die elende Dachkammer eines kleinen Journaliſten mit ihrer Ge⸗ genwart zu beehren, um darin einige recht gemüth⸗ liche Rendezvous abzuhalten! Die Welt würde ferner gewiß mit großer Theilnahme alle dieſe intereſſanten Geſchichten etfahren und ſich dann leichter erklären, welche Umſtände es geweſen ſind, die aus dem Jour⸗ naliſten ſo raſch einen Legations⸗Rath gemacht haben! Elender, man wird Ihnen dieſe Briefe entreißen! ſchrie der Prinz, zitternd vor Wuth und ni Stande, ſich vom Lehnſtuhl zu erheben, n Knie unter ihm wankten. Man wird Ihnen dieſe Briefe entreißen und hätten Sie ſie in Ihrer Bruſt verborgen! Das wäre allerdings das Beſte, denn man würde alsdann zu gleicher Zeit die Briefe und mein Leben gewonnen haben. Aber unglücklicher Weiſe ſind die Briefe nicht in meiner Bruſt, ſondern an einem ſehr ſichern Orte und bei einem Freunde verborgen, den Sie nicht kennen und nicht errathen können. Ah, ſehen Sie jetzt, wie unſere Sachen ſtehen, Prinz? Sie nannten mich Ihren Sclaven und Sie ſind in meiner Gewalt! Sie ſagten, daß ich ein Werkzeug in Ihrer Hand ſei und Sie ſehen jetzt, daß Sie mein Werkzeug waren! Ja, nichts weiter als das Werkzeug, welches meinen Willen vollführte! Ich wollte mir einen Platz erringen in der Welt, Sie mußten ihn mir geben, ich wollte Ehre und Rang, ich wollte ein Ver⸗ mögen, Sie mußten mir dieſes Alles verſchaffen, ich wollte, daß dieſe albernen, aufgeblaſenen, hochfahren⸗ den Menſchen, die Niemand beurtheilen nach dem, was er iſt, ſondern nur nach der Stellung, welche er einnimmt, ſich vor mir beugten, Sie haben es bewirkt!— Wenn Sie das zugeſtehen, ſagte der Prinz, nach 22 gend, ſo ſollten Sie mindeſtens dankbar ſein! 338 Dankbar, und wofür? Geſchah es etwa um meinetwillen, daß Sie dies Alles thaten? Geſchah es, weil Sie Achtung hatten vor meinen Fähigkeiten, vor meinem Geiſt und meinem Talent? Geſchah es, weil Sie erkannt hatten, daß ich die Fähigkeit, die Kraft und den Willen beſäße, dem Staat nützlich zu ſein? Nicht doch, ich hätte mit all meinen Fähigkeiten, mei⸗ nen Talenten und Kenntniſſen zu Grunde gehen kön⸗ nen, ich hätte verhungern und verderben können und Sie würden mich nicht gehindert haben, denn ich gehörte überdies zu dieſer verderbten, ſchreckens vollen Kaſte, welche die Großen ſich den Anſchein geben zu verachten, weil ſie ſie ſo ſehr fürchten! Ich war ein Journaliſt, eins dieſer Geſchöpfe, welche Alles ſehen, Alles hören und Alles weiter erzählen! Aber es be⸗ liebte mir, eine Ausnahme von der Regel zu machen und zu verſchweigen, was ich ſah und hörte. Ich kam zu Ihnen und fragte Sie, ob ich recht geſehen und gehört, ich forderte von Ihnen Ihr Ehrenwort, daß Sie nicht auf jenem Kroll ſchen Maskenfeſt ge⸗ weſen! Sie gaben es mir, Prinz, ja, Sie gaben mir Ihr Ehrenwort, daß Sie jenes Feſt nicht beſucht hatten,— von dieſem Augenblicke an waren Sie in meiner Gewalt und ich konnte aus Ihnen das Werk⸗ zeug meines Willens machen, ich konnte Sie zwingen, B 339 alle meine Wünſche zu erfüllen, denn ich hatte ein Recht, Sie zu verachtgg, Sie einen Meineidigen zu nennen, denn— Sie auf jenem Maskenfeſt! Elender, Du lüg der Prinz. Weshalb wollen die Mühe geben, dieſen Zorn zu fingiren? fragte 2 eltheim mit einem faſt mitleidigen Lächeln. Weshalb, frage ich, da hier doch kein Zweifel und kein Irrthum möglich iſt? Denn, merken Sie wohl auf, ich war es, welcher Marianen, ich wollte ſagen die Baronin Elmenhöh, zu jenem Maskenfeſte begleitete und ich hatte daher die pikante Freude, mit meinen beiden Damen dem Souper bei⸗ zuwohnen, welches durch die Dazwiſchenkunft der tugendhaften Gräfin eine ſo eigenthümliche Würze„ erhielt!—„ 3 Sie waren es! rief der Prinz. und jene an⸗ dere Dame? War meine Geliebte, die Comteſſe Eudora! Der Prinz ſank mit einem lauten Aechzen ganz zerbrochen und vernichtet in ſeinen Seſſel zurück. Alerander fuhr fort: Oh, auch von dieſer aller⸗ liebſten Aventure iſt in den Briefen der Comteſſe die Rede und ich beſitze ſogar ein Billet, in welchem ſie mich bittet, ſie zu dieſem Feſte zu begleiten! Nicht wahr, Prinz, wir bildeten eine ſehr luſtige Geſellſchatf 2 danke war, die kleine, immg noch etwas ſchüchterne und in Tugend befan mteſſe ihre verehrten Eltern in einer Sit en zu laſſen, welche, gelinde geſagt, nicht e net war, ihre Achtung vor ihren erhabenen Erzeugern zu ſteigern, oder ihre wankenden Tugend⸗ und Keuſchheits⸗Prinzipien wieder zu befeſtigen! Ich habe Ihnen für jenes Beiſpiel, welches Sie Eudoren gaben, noch beſonders dankbar zu ſein, denn es kam meinen Abſichten trefflich zu ſtatten!— Welchen Abſichten? Ah, Sie wollen auf den Grund meiner Seele ſchauen? Nun denn, ich will Ihnen dieſen Wunſch erfüllen! Meine Abſicht war, Rache zu nehmen an dieſem übermüthigen Weibe, welches es gewagt hatte, mich tödtlich zu beleidigen, Rache für alle die Schmach und Demüthigung, welche ſie mich hatte empfinden laſſen! Ich wollte ſie vernichten und aus ihrer Ver⸗ nichtung mir zugleich das Mittel ſchaffen, welches mir die verſchloß. zu Rang, und Vermögen öffne unglücklicher, webten alſo dieſes n rei⸗ zende Kind nicht einmal, indem Sie ſie verdarben? Ich ſie lieben? Ich eine Tochter dieſer elenden, und Sie müſſen geſtehen, daß es ein ganz guter Ge⸗ 341 verderbten Rage lieben, welche in natürlicher Feind⸗ ſchaft mir und den Meinen, das heißt dem Volke, gegenüber ſteht, ich e lieben, welches ſelber weder der Liebe noch ung fähig war! Aber zu ihrem un ſie Sie indeß geliebt! Nein, ſie hat mj mals geliebt! Sie iſt ge⸗ fallen aus Sin, aus Neugierde und endlich ſogar aus Stol. Sie hielt es für unmöglich, daß ein ſo unbedeutender, geringer Menſch, wie ich es war, ihr gefährlich ſein könne, ſie war gar nicht auf der Huth vor dieſem Geſchöpf, welches ſie einſt ſehr pikant mit dem Affen Jocko verglichen hatte! Ihr von Müßiggang, Schwelgerei und Sinnenluſt erhitztes Blut, ihr maßloſer Stolz, das war es, was ſie in meine Arme führte, aber nicht die Liebe! Aber ſie liebt Sie leider wirklich! Sie iſt es, welche mich mit Thränen beſchworen hat, zu Ihnen zu gehen und ihre baldige Vermählung zu veranlaſſen! Sie liebt Sie glühend, und glauben Sie mir, daß nur dieſe Ueberzeugung der Grund iſt, daß ich Ihr übermüthiges und freches 6t, wie es ſich gebührt, züchtige! Aber ich werde mich ſue* ur züchtigen, ſagte Weltheim mit ironiſcher Demuth. 5 bin vollkommen von meiner Unwürdigkeit durchdrungen und werde 342 deshalb niemals meine Anſprüche auf die Gri der Comteſſe geltend machen! Was wollen Sie damit ſ Ich will damit ſagehaß ich mich nicht der Ehre würdig halte, der S Eudoren's zu werden und niemals ſo kleinlich ſei de, eine Ehre anzu⸗ nehmen, welche ich nicht verdiensh Aber wenn ich Ihnen ſage, daß Eudora Sie liebt? Oh, nicht doch, ſie liebt mich nicht! Sie haßt, ſie verabſcheut mich, aber ſie hat Furcht vor mir und ſie iſt noch immer ſtolz, noch immer hochmüthig! Sie weiß, daß ich ihre Ehre und ihren Ruf in Händen halte, deshalb will ſie mich heirathen! Aber ich will nicht! Was liegt mir an der Ehre dieſer Gräfin, welche die Schuld trägt, daß dieſes edle, erhabene Weſen, welches ich liebte, mich verlaſſen hat, und allein und ſchutzlos hinausgegangen iſt in die Welt! Was frage ich nach der Verzweiflung dieſer Gräfin, deren Stolz und Uebermuth mich in das Verderben geſtürzt und mich zu dem gemacht hat, was ich jetzt bin, ein hartherzigeſ Fuſamer, treuloſer und heim⸗ tückiſcher Menſch, 3 nichts mehr Scheu e Kvfindet, der über Alles ſpottet, Alles verhöhnt und an nichts mehr glaubt! Nein, ſprechen Sie mir nicht mehr von der Gräfin Eudora, vor nichts mehr Achtung, vor mag ſie ſterben und verderben, es kümmert mich nicht!— Aber Ihr Kind? fragte der Prinz leiſe und ſchaudernd. Denken Sie nicht an dieſes Kind, wel⸗ ches ſie unter dem Herzen trägt und welches das Ihre iſt? Wollen Sie dieſes ungeborene, ſchuldloſe Weſen ſchon verdammen und verwünſchen, und es dem Elend und der Schande preisgeben, wollen Sie es dazu verurtheilen, einſt ſeinem Vater zu fluchen, der ihm in finſterm Haß das Leben gegeben? Ach, ich leſe in Ihren Mienen, daß Sie gerührt ſind! Sie ſind alſo doch nicht ganz entartet, ganz gefühllos. Nun denn, bei Ihrem Kinde fordere ich Sie auf: Heirathen Sie die Mutter Ihres Kindes! Weltheim war bleich geworden; ſeine vorher ſo flammenden Blicke hatten jetzt einen feuchten, milden Schimmer,— eine ganz neue Saite war in ſeinem Herzen angeſchlagen, eine ganz neue Gefühlswelt hatte ſich ihm aufgethan und ſein Herz erbebte in nie gekannten Schauern. Mein Kind! Mein Kind! murmelte er leiſe. Was iſt denn dies, was ſich plötzlich in meinem Herzen regt und mich wider meinen Willen weich macht? Es iſt die Natur, ſagte der Prinz, die Natur, welche Sie ruft und Ihnen neue Pflichten auferlegt. 344 5 Gehorchen Sie ihr alſo!— Werden Sie Eudoren's Gemahl! Ich verſpreche Ihnen, daß ich Alles an⸗ wenden will, damit die kühnſten Wünſche Ihres Ehr⸗ geizes erfüllt werden, daß Sie zu den höchſten Ehren und Würden gelangen ſollen! Ich verſpreche Ihnen, daß ich unſere heutige Unterredung vergeſſen und mich niemals der beleidigenden Worte mehr erinnern will, welche Sie heute zu mir geſprochen! Der Gemahl der Comteſſe Eudora hat ein begründetes Recht auf meine Gunſt und ich werde Ihnen dieſe in vollſtem Maße zu Theil werden laſſen! Sie haben, wie ich weiß, den Wunſch, eine Geſandtſchaft zu erhalten; nun wohl, Sie ſollen Geſandter werden, und an dem Tage Ihrer Vermählung bringe ich Ihnen das Grafendiplom. Welches ich indeß niemals annehmen werde! ſagte Weltheim ſtolz. Glauben Sie wirklich, daß mein Ehrgeiz mich ſo ſehr verdummt hätte, daß ich dieſe Farce Eurer Adelstitel für echt und berechtigt aner⸗ kennen ſollte? Glauben Sie, daß ich erbärmlich genug ſein könnte, meine Perſon hinter einem Grafentitel zu verſchanzen, um hinter dem Schutz meines Wappens meine Niedrigkeit zu verhüllen, und den Stolz und den Aerger Derjenigen zu verſöhnen, welche eben aus meiner Herkunft mir einen Vorwurf machen möchten? Nein, ich werde niemals mich ſo ſehr erniedrigen, einen 345 Grafentitel und ein Adelsdiplom anzunehmen, und daß Ihr mich dennoch in Euren Reihen dulden müßt, Ihr ſtolzen und übermüthigen Ariſtokraten, das meine Rache ſein! Nun denn, ſeufzte der Prinz, Sie ſollen Ihren Willen haben. Aber Sie werden ſich mindeſtens nicht ſträuben, Titel und Orden anzunehmen! Außerdem ſollen Sie Geſandter“ werden! Setzen wir die Ver⸗ mählung in vier Wochen feſt,— in vier Wochen ſollen Sie Geſandter ſein!——— Vier Wochen ſpäter trat Alexander Weltheim im feſtlichen Anzug in das Zimmer der Comteſſe Eudora. Unten vor dem Hauſe hielt der Staatswagen, welchen der Prinz ihm zum Hochzeitsgeſchenk gegeben und in welchem er eben mit ſeiner Braut zur Trauung in den Dom fahren wollte. Dort erwartete ſie der Prinz, während die Gräfin Schwanenkamp, um jedes Zu⸗ ſammentreffen mit dem treuloſen Prinzen zu vermeiden, eine Krankheit vorgeſchützt hatte, um in ihren Ge⸗ mächern zu bleiben. Eudora trat ihrem Verlobten im feſtlichen Braut⸗ ſchmuck entgegen. Ein weißes Atlasgewand umhüllte ihre Geſtalt, ein langer, koſtbarer Blondenſchleier fiel von ihrem Haupt hernieder, auf welchem ein voller, köſtlicher Myrtenkranz prangte. Sie war bleich und * 346 farblos, ihre Stirn war umwölkt, aber ihr Auge war trocken und kalt; man ſah, es war nicht die Rührung und die Freude, ſondern ein Gefühl des Aergers und der enttäuſchten Erwartung, welches ſie bewegte. Weltheim betrachtete ſie mit einem kalten, prü⸗ fenden Blick, der indeſſen einen ſpottenden und ver⸗ ächtlichen Ausdruck annahm, als er ihn auf den bräutlichen Myrtenkranz heftete. Eudora ſah es und erröthete tief. Weltheim berührte den Kranz mit ſeiner Rechten und hob den Schleier prüfend in die Höhe. Und mit dieſer Lüge wollen Sie vor den Altar treten? fragte er. Welch ein Recht haben Sie, einen Schleier zu tragen und wie können Sie ſich die Ehre anmaßen, ſich mit einem jungfräulichen Kranz zu ſchmücken? Die Ehre! ſagte ſie hochmüthig und ſpottend. Ich trage ihn, weil es einmal ſo die Sitte iſt! Sitte! Was haben Sie mit der Sitte gemein? Sie tragen ihn, um die Lüge Ihres Lebens weiter zu führen, um hier, wie überall, den Schein zu retten! Aber ſehen Sie, ſtolze Ariſtokratin, Sie wollen mit der Bäuerin die Ehre theilen und wie dieſe, halten Sie es für eine Ehre, einen Myrtenkranz tragen zu dür⸗ fen! Ah, einen Myrtenkranz für meine jungfräuliche 1 3 — 347 Braut, welche heute ſo ſchlank iſt wie eine Lilie und deren ſchöne und untadelhafte Geſtalt heut alle Welt überraſchen und entzücken wird, während Niemand ahnt, daß ſie, dieſer Geſtalt zu Ehren, Todesqualen duldet und dem Erſticken nahe iſt! Lüge wieder, nichts als Lüge! Unſer ganzes Leben wird hinfort eine Lüge ſein, eine große, fortgeſetzte Lüge, wir werden uns den Anſchein geben, uns zu lieben, während wir uns doch von ganzem Herzen haſſen und verachten! Eudora unterdrückte ihren Zorn und ihre ſtolze Aufwallung. Haben Sie den Prinzen ſchon geſehen? fragte ſie. Ja, er hat mir meine Ernennung zum Geſandten in Athen gebracht. Wir werden noch heute dahin abreiſen! Und weiter gab er Ihnen nichts? Doch, er wollte mir noch mehr geben! Er hatte noch einen Adelsbrief und einen Grafentitel, ich habe indeſſen Beides ausgeſchlagen! Wie, Sie haben es ausgeſchlagen? Oh, das ärgert Sie und Ihre Augen, welche ſo klar und ſtolz waren, füllen ſi ch jetzt mit Thränen? Ah, ich habe alſo richtig gerechnet, ich habe Sie in's Herz getroffen! Faſſung, Faſſung, meine ſchöne Braut, und ertragen Sie es mit Geduld, denn ich ſchwöre 348 Ihnen, ich werde Sie niemals zu einer Gräfin machen! Sie werden immer die Demüthigung ertragen, ſich Madame Weltheim genannt zu hören! Luft, Luft, ich erſticke! ächzte Eudora. Wie konnten Sie aber auch die Lüge ſo weit treiben, Ihre Sylphengeſtalt früherer Tage erzwingen zu wollen. Eilen wir uns alſo! Kommen Sie zum Altar, damit wir dort die Schwüre ewiger Liebe, ewiger Treue wechſeln können! Eilen wir!— M. Ein Schlußtableau. Di Baronin Elmenhöh befand ſich in ihrem pracht⸗ voll ausgeſchmückten Boudoir. Sie war in glänzender Toilette, ihr Gewand flimmerte von Brillanten, aber ihre Augen flammten und leuchteten noch höher und ein ſtolzer Ausdruck des Triumphes ſprach aus ihren Zügen. Sie ſtand am Ziel ihrer Wünſche. Sie hatte ſo lange geheuchelt, geſchmeichelt, ſich gebeugt und unterworfen, bis ſie endlich ihre ſtolzen Pläne ſich erfüllen ſah. Sie ſollte die Gemahlin des Prinzen werden, ſeine rechtmäßige Gemahlin. Schon wurden die Lichter in der Kapelle angezündet. Schon erwartete der Prieſter ſie am Altar. 350 Ihr Anzug war vollendet. Ihre Kammerfrauen hatten ihn ſoeben vervollſtändigt, indem ſie den Myr⸗ tenkranz in ihr Haar befeſtigt und den bräutlichen Schleier daran geheftet hatten. Sie war jetzt allein und erwartete den Prinzen. Endlich öffnete ſich die Thür und der Prinz in voller Galla⸗Uniform erſchien in derſelben, während man in dem anſtoßenden Saal die glänzende Geſellſchaft er⸗ blickte, welche der Prinz eingeladen hatte, um Zeuge ſeiner Vermählung zu ſein. Mariane ging dem Prinzen mit der Würde einer Fürſtin entgegen, und reichte ihm ihre Hand. Sie ſah wunderſchön aus in ihrem Brautgewande und der Prinz, welcher ſie betrachtete, konnte ſich eines Lächelns der Bewunderung nicht erwehren. Kommen Sie, meine wunderſchöne Mariane, flüſterte er, kommen Sie in die Kapelle. ben wandten ſie ſich, um zu gehen, als die entgegengeſetzte Thüre ſich öffnete und eine ſeltſame Gruppe in derſelben ſichtbar ward. Man ſah dort die Gräfin Schwanenkamp, welche mit flammenden, durchbohrenden Blicken auf Mariane hinſchaute, und neben ihr einen Mann in zerlumpten Gewändern, von wildem, entſetzlichem Ausſehen, mit tiefliegenden, —