S Leihbibliothetk deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cduard Oktmann in Giefen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih und geſebedingungen. 1. Oflensein der Bihliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ 5 pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uht bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ ſ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. ſ 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus kbezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 2————— 6* auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf 1 Mr. 50 Pf 2— P 6. Schadenersatz. 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Wnior Preſter war allein in ſeinem Zimmer, er F atte ſeinen Diener, welcher ihm beim Anlegen ſeiner Galla⸗Uniform geholfen, einen ſtummen Wink gegeben, das Zimmer zu verlaſſen, und mit haſtiger Hand die Thür hinter ihm verſchließend, warf er einen ſcheuen, ſpähenden Blick durch das ganze Gemach. Ich bin allein! flüſterte er mit einem bittern ſchmerzvollen Lächeln. Dann trat er zu dem großen Spiegel zwiſchen den Fenſterniſchen, und betrachtete prüfend und aufmerkſam ſeine ganze Geſtalt. Alles in Ordnung! ſagte er laut. Ich kann gehen! Ja, ich muß gehen, um— mit einem ſchneidenden wilden Auflachen unterbrach er jetzt ſeine eigene Rede, und dann, gleichſam erſchreckend vor dieſem einer wilden Luſtigkeit, ſank er laut ächzend auf einen Stuhl und bedeckte ſich das Geſicht mit ſeinen Händen. Alles war ſtill um ihn her, Niemand beobachtete ihn, Niemand ſah, wie ſeine ſtolze herkuliſche Geſtalt erbebte und zitterte vor krampfhaftem Weh, Niemand ſah, wie die Thränen zwiſchen ſeinen Fingern hervor⸗ quollen und die Hände überſtrömten, welche er noch immer vor ſein zuckendes Angeſicht hielt. Niemand hörte ihn ſchluchzen, und vernahm die verzweiflungs⸗ vollen Laute, welche ſeine erbleichten Lippen murmel⸗ ten, und von denen man nicht wußte, ob es Flüche, oder ob es Klagen waren. 6 5 i S. Und wer hätte ahnen können, daß dieſer m Rarben und Orden bedeckte alte Soldat, der ſeinen Muth und ſeine Tapferkeit in ſo vielen Schlachten bewährt hatte, daß er weinen und zittern könne, wie ein Kind, und die Hände ringen und klagen, wie ein liebekrankes Mädchen! Aber hinter dieſen alternden Zügen und hinter dieſem von Narben entſtellten Ge⸗ ſicht wohnte die Argloſigkeit, der Glaube und die Un⸗ ſchuld eines Kindes, und unter der breiten Bruſt die⸗ ſes alten Helden ſchlug das ſchwärmeriſche, leiden⸗ ſchaftliche Herz eines jungen Mädchens! Dieſer Krampf des Schmerzes ging endlich vor⸗ über, und die Thränen, welche ſeine Augen füllten, . mußten endlich ſeinem Manneswillen gehorchen und zurückfließen in ſein gequältes Herz. Der Major ſtand auf und ging mit ineinander geſchlagenen Armen langſam und ernſt im Zimmer auf und ab. Allmälig nahmen ſeine Züge einen feſten, entſchloſſenen Cha⸗ rakter an, und wie ſollte der Held, der bei Waterlvo allein eine franzöſiſche Fahne erobert, und bei Leipzig die Equipage Napoleons erbeutet hatte, wie ſollte er nicht endlich ſeinen eigenen Schmerz und ſeine Qual beſiegen können. Er warf ſtolz das Haupt zurück und ſagte ent⸗ ſchloſſen: Ich will zu ihr. Und gleichſam, als fürchte er, dieſen enſchloſſenen Muth wieder zu verlieren, ſchob er raſch den Riegel zurück und trat in den an⸗ ſtoßenden Saal. Er war leer, und der Major wußte das. Er durchſchritt ihn raſch, aber je mehr er ſich der gegenüberliegenden Thüre näherte, deſto mehr zö⸗ gerte ſein Fuß. Als er jetzt dicht vor ihr ſtand, ſank die Hand, welche er ſchon gehoben hatte, das Schloß . zu öffnen, kraftlos zurück, und der feſte entſchloſſene Mann lehnte ſich athemlos und zitternd an die Wand. Hinter dieſer Thüre war für ihn Leben oder Tod, Ehre oder Schande; einmal dieſe Schwelle überſchritten, hatte er nur zu wählen zwiſchen der Gewißheit ſeiner 4 Nein, ich will nicht hineingehen! murmelte er leiſe, und ſein Auge flog mit einem eigenthümlichen wilden und raſchen Blick durch den großen öden Saal. Plötzlich aber haftete ſein Auge auf dieſem großen Gemälde, welches dort an der Wand über dem Divan hing, und das eine junge Frauengeſtalt im bräutlichen Gewande mit dem Myrthenkranz im Haar darſtellte. Dieſes holde ſanfte Antlitz ſchien ihm zuzulächeln, dieſe dunklen großen Augen ſchienen ihm mit altem Liebesgruße zu winken, und ihm zuzurufen mit längſt verklungenen Grüßen. Der Major richtete ſich empor und ging raſch auf das Bild zu. Er hatte eine Illuſion, als ob die⸗ ſes holde junge Weib aus dem Rahmen hervorträte, als ob es zu ihm herſchritte mit dieſem ſanftem Lächeln, das ſo oft die Leidenſchaften ſeines Herzens geſänftigt und ſeine verzweiflungsvollen Schmerzen getröſtet hatte. Er breitete ganz unwillkürlich die Arme aus, ſie zu umfangen, aber dann, ſeines Irrthums inne werdend, ließ er ſeine Arme ſinken und murmelte leiſe: Oh, warum haſt Du mich verlaſſen, Du mein erſtes, geliebtes Weib! Das Bild blickte freundlich und R⸗ hernicber auf dieſen unglücklichen Mann, der mit geſenktem Haupt und zerknickter Seele vor ihm ſtand. Nein, nein, murmelte er jetzt, nicht Du haſt mich, ſondern ich habe Dich verlaſſen! Du liebteſt mich und tröſteteſt mich, bis Deine Leiden und der Tod Dich von meiner Seite riß! Und ich ſchwur in Deine ſterbende Hand, Dich ewig zu lieben und Dich nie⸗ S mals zu vergeſſen! Ach, Sophie, ich bin meinem Schwur untreu geworden, und es iſt deshalb, daß Gott mich ſtraft! Ja, ja, ich habe dieſe reine und heilige Liebe, mit welcher Du mein Leben verklärteſt, verlaſſen und mein Herz mit ſündigen Flammen und verzehrender Leidenſchaft erfüllt. Aber Gott hat Dich gerächt, ſiehe, was ich leide! Und dennoch, fuhr er wilder und heftiger fort, dennoch kann ich mein Herz nicht losreißen von dieſer Liebe, welche meine Lebens⸗ kraft zerſtört, und welche aus dem Greiſe mit grauem Haar einen Jüngling mit glühendem Herzen gemacht. Ach, Sophie, ich liebe mein junges Weib, ich bete ſie an, und ſie hat mich betrogen!— Nein, nein, ich verleumde ſie! Sie iſt ein Engel an Reinheit, ich habe ihre Unſchuld beleidigt, indem ich ſie verdächtigte, und ich will hingehen, und dieſen Mann um Verzei⸗ hung bitten, den ich ſo tief gekränkt! Ein Schauer durchfuhr ſeine ganze Geſtalt und er preßte laut ächzend die Hände vor ſeine Bruſt. Und wenn ſie nun doch ſchuldig wäre? 5 da wild und drohend. Wenn ſie zu der Schande den Hohn fügte und ich mein greiſes Haupt beugen müßte vor einem elenden Betrüger, der meine Ehre ſtahl? Ich will zu ihr gehen! Ich will ſie noch einmal fra⸗ gen, ich will ihre Seele zwingen, ſich offen vor mir darzulegen! Ja, ſie ſoll mir die Wahrheit ſagen! Er durchſchritt raſch das Gemach, und jetzt zau⸗ derte ſeine Hand nicht mehr, die Thüre zu dem näch⸗ ſten Zimmer zu öffnen. Aber auch dieſes Zimmer war leer und Niemand hieß ihn willkommen. Ihn kümmerte das nicht; er wollte und mußte Gewißheit haben, und da dieſe vor ihm zu fliehen ſchien, war r entſchloſſen, ſie aufzuſuchen. Von dem Zimmer, in welchem er ſich jetzt befand, führte eine Portiere in das Schlafzimmer ſeiner Frau. Dahin richtete er jetzt ſeinen Wegz der Teppich, welcher den Fußboden bedeckte, machte ſeine Schritte unhörbar. Mit ent⸗ ſchloſſener Hand ſchlug er die Portiere zurück, und ſah hinein in dieſes Gemach. Dort war ſie, dort an der Wiege, welche mitten in dieſem kleinen zier⸗ lichen Raume ſich befand, dieſe junge zarte Sylphen⸗ geſtalt mit dem ſchönen jugendlichen Antlitz von rüh⸗ render Bläſſe, das war ſie, ſein Weib, ſeine Geliebte, die er grenzenlos liebte, indem er ihr zürnte, die er hätte auf ſeinen Knieen anbeten mögen, indem er ſie 7 haßte! Sie ſtand über die Wiege geneigt, und blickte mit einem Ausdruck unendlicher Zärtlichkeit auf das ſchlummernde kleine Kind hin, welches in der Wiege lag! Oh, welch ein rührendes und anmuthiges Bild war dies! Wie drängte es den Major, hinzueilen, und in Einer Umarmung Mutter und Kind an ſein Herz zu ſchließen! Aber der Zweifel bannte ſeine Schritte und die nagende Ungewißheit legte ſich mit Eiſeskälte auf ſeine glühende Bruſt. Karoline! ſagte er laut mit einem Ton, welcher kalt und gebieteriſch ſein ſollte, und der doch nur flehend und angſtvoll war. Karoline! Das junge Weib zuckte in ſich zuſammen und ihre Wange ward noch bleicher als zuvor. Aber ſie blickte nicht empor zu ihrem Gatten, ſondern ſie neigte ſich tiefer über die Wiege und zwei brennende Thrä⸗ nen fielen aus ihren Augen 4 k. Stirne ihres Kindes. Der Major näherte ſich der Wig Mit un⸗ geſtümer Hand umfaßte er die zarte Geſtalt ſeines Weibes und zog ſie empor. Dann legte er die rechte Hand auf des Kindes Stirne, und ſagte feerich: Karoline! Ich frage Dich vor Gott und Kinde, biſt Du unſchuldig? 8 Sie warf einen angſtvollen ſcheuen Blick auf das Kind und murmelte leiſe: Ich bin unſchuldig! Der Major ſah ſie mit drohenden, durchbohren⸗ den Blicken an: Du lügſt! rief er gebieteriſch. Eine dunkle Röthe bedeckte jetzt Karolinens bleiche Wangen, und ſie ſuchte ſtolz und kalt ſich von der Hand ihres Gatten loszumachen. Du bleibſt! ſagte er. Hier an der Wiege Dei⸗ nes Kindes ſollſt Du mich hören! Hier will ich noch einmal zu Dir reden von der Vergangenheit! Setze Dich und höre mir zu! Er führte oder vielmehr trug das halbohnmäch⸗ tige Weib zu dem Divan, und ſetzte ſich neben ſie. Karoline Jehnte das bleiche vust in die Polſter zurück und ächzte laut. Hörſt Du mich? fragte er ſtrenge. Sie flüſterte mühſam: Ich höre Dich — — Geſpött der Menge Preis gegeben! Gehe hin und MI. Mann und Weib. 3 S will zu Dir reden von der Vergangenheit, ſagte der Major, als ob das eine Dir ganz fremde und unbekannte Geſchichte wäre, und Du⸗ſollſt mir zu⸗ hören, wie es der Richter thut, der einen zum Tode Verurtheilten ſeinen ganzen Lebenslauf erzählen läßt, um daraus die Schuld oder Unſchuld zu entziffern! Oh Karoline, möchteſt Du über mich das Schuldig ausſprechen dürfen, möchteſt Du mit reinem Gewiſſen ſagen können: Du biſt ſchuldig der Verleumdung und des ſündigen Mißtrauens, Du biſt ein Verbrecher an der Ehre Deines Weibes, denn Du haſt an ihr ge⸗ zweifelt, und indem Du es thateſt, haſt Du in blin⸗ der Wuth Dich und ſie dem Hohngelächter und dem 10 thue Buße und beuge Dein Haupt unter das Joch!“ — Könnteſt Du ſo zu mir ſagen, Karoline, ſo würde ich vor Dir niederfallen und Deine Füße küſſen, und mich ſelig preiſen, indem Du mich verurtheilteſt, und Dich ſegnen, indem ich hinſänke, um zu ſterben! Sterben? Du willſt ſterben? fragte das junge Weib athemlos. Und glaubteſt Du, daß ich dieſe Demüthigung, der ich mich unterwerfen muß, wenn Du unſchuldig biſt, glaubſt Du, daß ich dieſe Selbſterniedrigung überleben könnte? Denke beſſer von mir! Es iſt möglich, daß Du mich nicht liebſt, obwohl Du es mir oft betheuert haſt, aber es iſt unmöglich, daß Du mich ſo ſehr verachteſt, um denken zu können, ich würde die Beſchimpfung meiner ſelbſt überleben! Einmal das Schuldig über mich ausgeſprochen, muß ich ſterben! Oder ich! murmelte das erzitternde junge Weib. * Und ich fürchte den Tod nicht, fuhr der Major fort, ich habe ihm zu oſt ins Auge geſchaut, und zu⸗ weilen hat er mir zugelächelt, wie ein guter Freund, der mir Ruhe und Troſt bringen möchte! Mein war 3 arm an Freude, ſo arm an Schätzen! 11 mir ſelbſt, und wenn der Sohn des armen Tagelöh⸗ ners Preſter jetzt ein mit Orden geſchmückter Major iſt, ſo mußt Du ſein Wappenſchild auf den Schlacht⸗ feldern von Waaterloo und Leipzig und in den Schnee⸗ feldern Rußlands ſuchen! Ach, dieſe Schneefelder! Was haben ſie nicht Alles unter ihrem kalten Leichen⸗ tuch mir begraben! Zuerſt den Freund, den einzigen meines ganzen Lebens! Ich habe ihn ſehr geliebt und lange um ihn getrauert. Ich ſchwur in ſeine erſtar⸗ rende Hand, wenn Gott mir gnädig wäre, und mich zurückkehren ließe in die Heimath, ſeinem Weibe ein Bruder, ſeinem kleinen Töchterchen ein Vater zu ſein! Ich konnte nur die Hälfte meines Schwures erfüllen, denn ſein Weib war geſtorben vor Gram, als ich zu⸗ rückkehrte, und ich fand nur ſein Töchterchen, welchem ich geſchworen, ein Vater zu ſein! Karoline, Du Kind meines Freundes, habe ich meinen Schwur er⸗ füllt, bin ich Dir ein treuer und redlicher Vater ge⸗ weſen? Du biſt es geweſen! ſagte ſie, indem ein paar Thränen langſam über ihre blaſſen Wangen rollten. Ich glaube Dir, denn Gott hat mich nicht ge⸗ boren, um ein Meineidiger zu ſein! und doch hätte ich es werden können, denn Rußland über mich verhängten, oh, ein Unglück, um welches ich oft Tag und Nacht in verzweiflungsvollem Jammer ringe, und zu Gott empor ſchreie in der Finſterniß meines Elendes! Karoline richtete ſich empor, und ſah ihn mit ſcheuen, angſtvollen Blicken an. Sprich nicht davon, ſagte ſie zitternd. Er achtete nicht auf ſie. Er ſtarrte in das Leere, und ſeine weitgeöffneten Augen nahmen den Ausdruck des Entſetzens und der Wildheit an. Zu Wilna war's, ſagte er dann mit ſeltſam⸗ flüſterndem Ton, oh, ich weiß es genau, ich werde es nie vergeſſen! Wir waren Tagelang gewandert durch Schnee und Eis, wir hatten Tagelang gehungert und dann in beſtialiſcher Verzweiflung den einen unſerer hingeſunkenen Kameraden in Stücke zertheilt und uns zu Kannibalen erniedrigt in der thieriſchen Wuth un⸗ ſers Hungers! Und weiter ging's durch Schnee und Eis! Hierhin und dorthin ſanken die Kameraden, und nur Wenige von unſerm Regiment konnten dem Froſt und dem Hunger widerſtehen, und Wenige von Denen, die's thaten, die ſich mit mir nach Wilna ſchleppten, Wenige von ihnen kamen dahin mit ge⸗ ſunden Gliedmaßen, mit nicht verſtümmeltem Leibe! Ich that's; mir waren die Glieder unverſehrt; ich S lag auf dem Lager im großen Lazareth zu Wilna und hörte das Klagegeſchrei meiner Gefährten, und ſah, wie das unerbittliche Meſſer ihnen die Arme, die Füße vom Leibe löſte, und ich fragte Gott, warum er mich verſchont, mich allein dieſe Qualen habe überwinden laſſen! Und dann gedachte ich dieſer Qualen, und dann ſah ich wieder vor mir alle dieſe Bilder ent⸗ menſchter Wuth, thieriſcher Qual, unendlichen Jam⸗ mers und haarſträubenden Elends, alle dieſe Bilder des Grauens und Entſetzens, welche ich erlebt, und da ſchlich es zu mir heran mit ſchauerlichen Blicken, da ſtierte es mit hohlen Augen mich an aus jeder Ecke des Zimmers, da kroch es zähnefletſchend mit lautem Hohnlachen zu mir her, in immer dichteren Kreiſen. Ich weiß nicht, was es war, aber es war etwas Furchtbares, Uebernatürliches! Ich ſtreckte die Hand aus, um es abzuwehren, aber es kam immer näher, es umgarnte mich mit langen Spinnebeinen, und mit ſeinen grauen luftigen Flügeln umkreiste es mein Ge⸗ hirn und zog mir das Herz aus meiner Bruſt! Ich ſtieß einen gellenden Schrei aus, und ſchlug um mich mit meinen Händen, um es abzuwehren! Und der Major, überwältigt von dieſen grau⸗ ſigen und furchtbaren Erinnerungen, ſchlug die Hände vor ſein Angeſicht, als wolle er dieſe fürchter⸗ lichen Bilder der nicht ſehen, welche ſich zu ihm heran drängten! Sein junges Weib hatte ihm mit geſteigertem Entſetzen und wachſender Furcht zugehört. Sie hatte kaum gewagt, zu athmen, oder ſich zu regen. Als ſie ihn jetzt ſo bewegungslos und in ſeine Erinnerun⸗ gen verſenkt daſitzen ſah, hob ſie ſich leiſe und vor⸗ ſichtig g5 ihrer halb liegenden Stellung empor, und wollte von dem Divan aufſtehen. Das Rauſchen ihres Gewandes weckte ihn aus ſeinen Träumen, er blickte auf und überraſchte den entſetzten und angſtvollen Ausdruck ihrer Mienen. Oh, fürchte nichts, ſagte er mit einem matten wehmuthsvollen Lächeln. Fürchte nichts, Karoline! Ich bin mir meines unglücks ſehr wohl bewußt, und mein Geiſt iſt unverſchleiert! Ihr ſagt zwar, daß ſich oft eine Wolke über meine Augen lege, Ihr wollt mich glauben machen, daß ich Bilder ſehe, welche nicht ſind, und Worte höre, welche nicht geſprochen worden! Ihr wollt mein grenzenloſes Elend benutzen, um die Schuld von Eurer Stirn auf die meine zu werfen, aber ich weiß, daß ſeit manchem Jahr die Wolken verſcheucht ſind, welche einſt meitbirn umlagerten! Und wie hätte dies auch anders ſein können, da doch ein Engel gekommen war, um mit 15 ſeinem Gebet und ſeiner Liebe den finſtern Geiſt, welcher mich heimſuchte, zu bannen! Ja, Sophie war mein guter Engel und Gott hatte ſie mir ge⸗ ſandt, um mich zu tröſten in meinem einſamen Gram! Sie beſaß den himmliſchen Muth, mich zu lieben, und den finſtern Geiſt nicht zu ſcheuen, welcher mich wieder und immer wieder bedrohte, ſie legte ihre Hände auf meine brennende Stirne, und dann zog Friede und Ruhe in meine Seele, und die Menſchen ſagten:„Er iſt wieder geneſen!“ Ja, ich war ge⸗ neſen, denn ein Engel ſtand an meiner Seite! Du haſt ſie gekannt, Karoline, ſage, ob es anders war! Ob Du an ihr einen Fehler, eine menſchliche Schwäche gekannt! Sage, ob ſie Dich nicht geliebt, wie eine Tochter und eine Schweſter zugleich, ob ſie nicht mit freudiger Liebe das Gelübde erfüllt, welches ich Dei⸗ nem ſterbenden Vater geleiſtet? Karoline hatte die Hände gefaltet, und blickte andächtig und mit thränengefüllten Augen zum Him⸗ mel auf. Sie war rein und heilig und gut, flüſterte ſie. Ach, wenn ſie nicht geſtorben, dann wäre Alles anders, dann würden wir nicht ſo grenzenlos unglück⸗ lich ſein! Der Maior warf ihr einen drohenden Blick zu. Du willſt ſagen, daß Du alsdann nicht zu der Qual 16 verdammt worden wäreſt, mein Weib zu ſein! Ja, Du haſt Recht, Dir wäre die Qual, mir wäre die Schande erſpart worden! Aber ſie ging, ſie verließ uns Alle, um hin zu gehen, von wannen ſie gekom⸗ men war. Ihr letztes Wort war ein Segen für Dich und ihr Kind, ihr letzter Blick ein Liebesgruß für mich! Schon mit dem Tode ringend, drückte ſie noch meine Hand an ihre erblaſſenden Lippen, lächelte Fſie— 1 Des Majors Stimme verlor ſich in einem dumpfen Murmeln und er ſenkte gramvoll das Haupt auf ſeine Bruſt. Dann nach einer kurzen Pauſe rich⸗ tete er ſich wieder empor und ſagte mit feſter ruhiger Stimme: Friede ſei mit ihr, und ſelige Ruhe! Keine Klage ſtöre ihren Todesſchlaf! Sie iſt todt, und wir wollen von Dem ſprechen, was lebt, von unſerer Qual und unſerer Liebe! Von Dir, Karoline! Sie blickte ihn mit gefaltenen Händen flehend an. Warum dieſe alten Erinnerungen wieder herauf⸗ beſchwören? fragte ſie. Warum willſt Du mir er⸗ zählen, was mir Alles nicht fremd iſt, was mit un⸗ auslöſchlichen Jügen in meiner Seele lebt? Lebt es auch in Deinem Gewiſſen, Karoline? Ich ſpreche ja nicht zu meinem Weibe, ſondern zu meinem und Deinem Richter! Und weißt Du, wer 17 dieſer Richter iſt? Es iſt Dein Gewiſſen, und es—. ſoll und muß mich hören! Du haſt alſo kein Erbarmen, mein Gott! klagte das junge Weib, indem ſie wie zerbrochen in den Divan zurückſank. ——— II. Ein beleidigter Ehemann. on Dir will ich ſprechen! ſagte der Major, indem er einen Blick unendlicher, verzweifelnder Liebe auf die⸗ ſes ſchöne bleiche junge Weib richtete, das an ſeiner Seite 6 itterte. Und wenn ich ſage, daß ich von Dir ſprechen will, ſo heißt dies, daß ich Dir Jahre der Qual, der Selbſtüberwindung, des ſtummen Wehes, der ver⸗ 4 borgenen Leidenſchaft ins Gedächtniß zurückrufen will! Oh, ich hätte meinem Herzen mißtrauen, ich hätte mir nicht die unnatürliche Kraft oder Schwäche zu⸗ trauen ſollen, neben einem jungen, liebreizende ſchönen Mädchen, das mit kindlicher Zärtlichkeit ſi ch in meine Arme warf, zu vergeſſen, daß ich ein Mann ſei, dem noch ein leidenſchaftliches Herz im Buſen ſchlug. Ach, ich hatte auf meine ergrauenden Haare 19 gerechnet, und nicht bedacht, daß meine Seele, welche ſo viel gelitten, für das Glück noch Jugendgluth ſich bewahrt, ich hatte nicht überlegt, daß nur mein Wille und das Schickſal, nicht aber die Natur mich zu Dei⸗ nem Vater gemacht! Eines Tages erinnerte ich mich daran! Es war bei der Heimkehr von einer kurzen Reiſe! Du warfſt Dich mit zärtlichen Ausrufungen in meine Arme, und küßteſt mich mit einer Leiden⸗ ſchaft und einer Gluth, welche plötzlich, wie ein Blitz, mein ganzes Weſen durchzuckte! Oh, ſchweig! Sei gnädig und ſchweige! mur⸗ melte Karoline, indem ſie ihr erglühtes Geſicht in ihren Händen barg. Von dieſem Tage an wagte ich es niemals wie⸗ der, Dich an mein Herz zu drücken! Ein Geheimniß lag zwiſchen uns, das Geheimniß meiner Liebe, und ich wußte, daß ich es Dir verrathen würde, wenn ich noch einmal Deine Lippen berührte! Ich wich Dir aus, ich vermied es, mit Dir allein zu ſein, ich ſtellte das Kint meiner Sophie als Schutzengel zwiſchen Dich und mich, ich klagte mich ſelber der Untreue gegen meinen ent⸗ flohenen Engel an, ich verbarg die verzehrende Dual der Liebe in meinem Herzen, und war kalt und rauh gegen Dich, und ſchien Dich zu haſſen, weil ich Dich ſo grenzenlos liebte! Oh, ich war grauſam aus Liebe, 2* 20 ich ſah Deine Thränen und Deine ſtummen flehenden Blicke, und ich hatte dennoch den Muth, die Rolle eines Tyrannen weiter zu ſpielen. Da eines Tages, — weißt Du es noch, Karoline?— da trateſt Du in mein Zimmer; nicht achtend meiner abwehrenden Hand und meiner zornigen Blicke warfſt Du Dich ſtürmiſch in meine Arme, und riefſt:„Ich kann nicht leben, wenn Du mir zürnſt! Sage, was ich thun muß, damit Du mich wieder liebſt, wie Du mich geliebt hüſt. Wenn Du es nicht thuſt, ſo will ich hingehen und ſter⸗ ben, denn ich mag nicht leben ohne Deine Liebe!“ Karoline ſaß noch immer mit verhülltem Geſicht, leiſe ächzend und wimmernd da. Der Major ſah ſie mit glühenden, verzehrenden Blicken ans. Dann ſagte 3 r träumeriſch: Oh, das war eine ſchöne Stunde! Weine Thränen löſten das Siegel von meinen Lippen, Dein Seufzer wehten die Zweifel aus meinem Buſen B Ich vergaß mein Alter und meine ergrauenden Haare, denn ich liebte Dich mit der Kraft Jüngi 6, und ich nahm mit gläubigem Vertrauen . Geſtänd: niß Deiner Liebehin! Oh, Du wirſt 5„ Snict ſagen können, daß ich Dich durch mein Flehen, 3 durch das Gefühl der Dankbarkeit gezwungen hätte, mein Weib zu werden! Da boteſt mir in Liebe Deine Hand,— ich nahm ſie hin in Liebe! 21 Und dennoch bin ich ſchuldig, fuhr der Major nach einer kurzen Pauſe fort. Ich hätte bedenken ſollen, daß Deine junge erregte Phantaſie mich anders ſah, als ich war, daß Du in mir nur die Sehnſucht Deiner Träume, nicht die Wirklichkeit liebteſt! Ich vergaß es, und nahm das Glück an, welches Du mir boteſt! Ich machte Dich zu meinem Weibe und ward noch einmal jung in Deinen Armen! Ich ſchwur mir, Dich niemals mit der Laſt meiner Jahre zu be⸗ drücken, niemals mein Alter als Hemmſchuh an Dei⸗ nen flüchtigen Fuß zu heften! Ich ließ Dich das Leben genießen, ich führte Dich vom Feſt zu neuen Feſten, und freute mich, wenn Dir die Männer, wie einer Göttin huldigten! Sage, ob ich Dich jemals geplagt mit den eiferſüchtigen Launen eines alten Mannes, jemals mißgeſtimmt geweſen über die Hul⸗ digungen, die man Dir zollte? Niemds, niemals, ſagte ſie mit erſchütterndem Wehelaut. Oh, ich war ſehr gläubig, und Du hätteſt mich immer in einem beglückenden Irrthume laſſen können, wenn Du nur gewollt hätteſt! Aber, weil ich Dir vertrauete, glaubteſt Du, daß ich blind ſei, glaubteſt Du, daß ich dieſe Blicke nicht ſähe, welche Du mit dem jungen Obriſt wechſelteſt, dieſe halben, ſtockenden Worte nicht hörte, welche er in Dein Ohr flüſterte! Oh, es war nicht genug der Beleidigung, daß man dieſen jungen Grafen Warldorf mir vorgezogen, und ihn zu meinem Obriſt gemacht, er wollte mich nicht blos im Avancement, ſondern auch bei meinem Weibe verdrängen! Oh Gott! Mein Gott! rief Karoline, indem ſi, ihn unterbrechend, die Hände zum Himmel emporrang. Der Major achtete nicht auf ſie. Er ſtarrte ge⸗ dankenvoll in die leere Luft hin und flüſterte leiſe, unverſtändliche Worte. Karoline beobachtete ihn mit weit aufgeriſſenen Augen und geſpannter Aufmerk⸗ ſamkeit. Es iſt ein grauſamer und entſetzlicher Dämon, die Eiferſucht, murmelte er mit ſtierem Blick. Ein Dämon, welcher meine Ruhe vergiftet, und mein Herz zerfleiſcht hat! Welch eine Qual war dies, welche Nächte ohne Ruhe und Schlummer, welche Tage voll Mißtrauen und Angſt! Ueberall, in jedem Winkel ſah ich Wartdorf's lüſterne, leidenſchaftliche Augen, überall hörte ich ſein verlockendes, flehendes Geflüſter, jede knarrende Thür machte mich ſchaudern, jeder leiſe Schritt krampfte mein Herz zuſammen und ſchien mir zuzuflüſtern:„Wartdorf ſchleicht zu Deinem Weibe, und mordet Deine Ehre!“— und ſie ſagten, dies Alles ſei nur ein Traum meiner Phantaſie! Nur ein krankhaftes Hirngeſpinnſt! Sie ſagten, der graue Dämon, welcher zu Wilna mich gepackt, er ſei wieder da, und kralle in mein Gehirn hinein, und die Wolke habe ſich wieder über meine Augen gelegt, daß ich Dinge ſähe, welche nicht wirkli ſeien, und vor Bil⸗ dern erſchrecke, welche der Dämon in mein Gehirn gezeichnet. Und ich that, als ob ich ihnen glaubte, ich lehrte meinen Mund lächeln, mein Auge heiter blicken und verſchloß die Qual in mein zuckendes Herz. Ich machte ſie ſicher, weil ich Gewißheit haben wollte. Ich that dieſem Wartdorf, welchen ich haßte bis zum Sterben, ich that ihm freundlich und lud ihn in unſer Haus, oh, ich that mehr, ich ließ ihn als Zeugen bei der Taufe Deines Kindes gegenwärtig ſeiny und be⸗ obachtete ſeine Züge, als der Prieſter dem Kinde mei⸗ nen Namen gab! Keine Muskel ſeines Antlitzes zuckte, aber er heftete ſeine Blicke auf mein junges Weib, und ſie erglühte wie Purpur unter dieſem Blick! Was war das? War es das Bewußtſein begangener Schuld, oder war es das Geſtändniß einer zukünf⸗ tigen Schuld, welches ihre Wangen röthete? 3 wollte und mußte darüber Gewißheit haben! Ich ſtellte mich zutrauensvoll und ohne Arg! Ich ſchien ein ſehr heiterer und glücklicher Mann, während eine vetnichtende Qual und Angſt an meiner Seele nagte! 5ch machte dieſen jungen Obriſt Graf Wartdorf zu meinem Freund, ich lullte ihn ein in die Sicherheit meines Vertrauens. Dann verreiſte ich, und nahm mit lächelndem Mulde auf viele Tage Abſchied von Karolinen und d Kinde und dem jungen Freunde, welchem ich Weib und Kind anvertraut! Sie wun⸗ derten ſich wohl, daß ich ſo gefaßt und heiter Abſchied nahm auf lange Zeit; ſie wußten ja nicht, daß ich ſchon am andern Tage wiederkehrte, daß ich ſie be⸗ trog, um ſie zu überraſchen, und daß ich mit der ra⸗ ſenden Angſt des Argwohns eine lange Nacht der Qual durchheulte und durchweinte, bis ich wieder zu⸗ rückkehrte nach Berlin, und zu dem Hauſe, welches mein Glück oder meine Schande umſchloß! Es war ein kalter, ſtürmiſcher Winterabend, ich ſtand lange und ſtarrte empor zu dieſen Fenſtern meines Weibes; es war ſchon ſpät und dennoch waren ihre Fenſter erleuchtet, und Schattengeſtalten zeichneten ſich an den geſchloſſenen Vorhängen ab. Endlich ſchlich ich ins Haus, die Stiegen hinauf, und es war mir, als hörte ich es hinter mir vhen und ziſcheln, und zähne⸗ 25 fletſchend mich verſpotten! Ich ging gefaßten Schrit⸗ tes weiter, und ohne zu zagen, öffnete ich die Thüren. Oh, ich fand nirgends ein Hinderniß! Ich hatte mir zu allen Thüren Nachſchlüſſel verſchafft. Endlich ſtand ich vor dem Wohnzimmer meines Weibes Drinnen waren ſie luſtig, ich hörte ihr Lachen und Schäkern, — ich hörte ſeine Stimme, und mit einem einzigen Ruck ſtieß ich die Thüre auf! Da ſah ich ₰ Nicht weiter! Oh aus Mitleid, nicht weiter! un⸗ terbrach ihn Karoline, indem ſie vom Sopha empor⸗ flog und mit flehender Geberde ſich vor ihrem Gatten niederwarf. Wozu wiederholen, was wir niemals vergeſſen werden? Schone mich, ach, ſchone Dich ſelber! Sei ſtill und höre mir zu! ſagte ihr Gatte mit ſtrengem, gebieteriſchem Ton. Uebertäube mit Deinem Klagegeſchrei nicht Dein Gewiſſen, daß es mich nicht hören kann!— Ich ſtürzte in's Zimmer! Da,— da auf dem Divan lag ſie in ſeinen Armen, er küßte ſie! Ja ich hab's geſehen, es war kein Wahnſinn, kein Traumbild meiner Phantaſie, ſie lag in ſeinen Armen, und er küßte ſie! Ich ſtürzte zu ihm hin! Meine beleidigte Ehre gab mir übermenſchliche Kraft! Ich packte ihn und hob ihn von dem Divan empor und 26 ſchleuderte ihn in's Zimmer und mein Fuß trat ſein Geſicht, und meine Fauſt ſchlug ſeine Stirn und das Brandmal ſeines Verbrechens darauf. D Jammer und Elend wimmerte Karoline, während der Major mit geballter Fauſt und einem grauſamen wilden Lachen ſich ſeinen Erinnerungen überließ. Ja, freue Dich, grauſamer Mann, Du haſt in jener Stunde mein Glück und mein ganzes Leben zertreten! Ja, mein Fuß zertrat ſein Geſicht! fuhr der Ma⸗ jor mit unheimlichem Flüſtern fort. Er konnte es nicht leugnen, nicht verbergen, er mußte ſeine Schande offen zur Schau tragen, er konnte es Niemand verleug⸗ nen, daß der Major Preſter ſeinen jungen ſchönen Obriſten in's Angeſicht getreten, und ihn die Treppe hinunter geworfen, wie einen räudigen Hund! Und 3 weil er die Strafe nicht verleugnen konnte, leugnete er die Schuld! Er ging hin und klagte mich an 3 böswilligen Ueberfalls und der ungerechtfertigten Cifer⸗ ſucht. Oh, er war unſchuldig, und ſie war unſchul⸗ dig, aber ich plagte ſie und vergiftete ihre Zugend mit meiner Eiferſucht, ſo hieß es. Ich ſähe überall Dinge, welche nicht ſeien, und mein krankes Hirn malte mi Stenen, welche keine Wirklichkeit hätten! Ja, — 27 nannten mich krank, und ſprachen von dem Dämon zu Wilna, welcher wiedergekehrt ſei, um mich heim⸗ zuſuchen! Sie ſandten mir Aerzte, welche mich Tag und Nacht beobachteten, ſie reizten mich zur maß⸗ loſeſten Heftigkeit, ja, ja, ſie machten mich krank vor Wuth und Scham! Oh, damit er unſchuldig ſei, mußte ich für wahnſinnig gelten! Das Kriegsgericht fällte ſein Urtheil über mich! Ein mildes, erbarmungs⸗ volles Urtheil! Ich hatte mich gegen meinen Obriſt verſündigt, er hatte einen Eid geſchworen, daß er und mein Weib unſchuldig ſeien! Ich alſo war ſchuldig, und dennoch nicht ſchuldig! Meine kranke Phantaſie hatte mir nur Trugbilder vorgeſpiegelt, und ich hatte geſehen, was nicht war. Man verzieh mir um der Tage zu Wilna, aber ich war ſeiner Ehre Genug⸗ thuung ſchuldig! Oh, ſie nannten es Gnade, indem ſie mich verurtheilten, ihm demüthig Abbitte zu thun. Abbitte! Ihn um Verzeihung flehen! Oh, werde ich dieſen Hohn überleben? Soll ich hingehen, Ka⸗ roline, und mein greiſes Haupt vor ihm neigen und ihn flehen, mir zu verzeihen! Karoline, frage Dein Gewiſſen, ſoll ich das? Sie antwortete ihm nicht! Sie kniete neben der Wiege ihres Kindes und betete!* Er ſtürzte zu ihr hin, und hob das ſchlum⸗ 8„ mernde Kind aus den Kiſſen empor. Karoline, ich frage Dich vor dem allmächtigen Gott: Iſt dies mein Kind? Sie lag auf ihren Knieen und blickte gen Himmel. So wahr mir Gott gnädig ſei, und mir einen baldigen Tod ſchenke,— es iſt Dein Kind! Antonie. D Major legte das Kind ſanft und leiſe in die Kiſſen zurück. Ich will Dir glauben, ſagte er, denn Du wärſt eine Verworfene, wenn Du in dieſer Stunde zu lügen vermöchteſt! Und jetzt, Karoline, ſtehe auf, und blicke mich an! Sieh mir feſt in's Angeſicht, und beantworte mir dieſe Frage: War es wirklich ein Traum meiner Phantaſie? Hat mein krankes Hirn mich wirklich mit unwahren Erſcheinun⸗ gen betrogen? Soll ich, kann ich hingehen, und ihm Abbitte thun, und ihn um Vergebung flehen? In dieſem Augenblick erwachte das Kind in der Wiege mit lautem Weinen, und ſtreckte, wie von böſen Träumen geängſtigt, ſeine kleinen Arme hülfe⸗ flehend empor. 3 30 Karoline beugte ſich nieder und hob das Kind empor und Jichte es zu beruhigen, indem ſie es an ihren Buſe dehcte und ſeinen kleinen Mund mit Küſſen virſch 6 3N Der Majör ſnpft wild mit dem Fuß, und wiederholte laut und ſtürmiſch ſeine Frage: ſoll ich hingehen, und um Verzeihung bitten? Aber Karoline antwortete nicht. Sie hatte viel⸗ leicht in der Sorge ihrer Mutterzärtlichkeit die Frage des Gatten gar nicht vernommen. Plötzlich öffnete ſich die Thür, ein kleines Mäd⸗ chen trat herein und eilte mit dem Ausdruck zärtli⸗ cher Sorge zu Karolinen und ihrem Kinde hin. Warum weint die kleine Marie? fragte das Kind mit ſeiner ſilberhellen Stimme, indem es ſeine großen blauen Augen mit einem Ausdruck unendlicher Zärt⸗ lichkeit auf das weinende Kind heftete. Wer hat meinem kleinen Schweſterchen etwas zu Leide gechan⸗ daß es ſo jammervoll weint? Und indem ſich die klare, hohe Stirn des klei⸗ nen Mädchens umwölkte wandte ſie ſich mit einem faſt unwilligen Ausdruck zu ihrem Vater um. Gewiß biſt Du es geweſen, Papa, Du haſt mei⸗ nen kleinen Engel angeſehen mit Deinem böſen Blick, der die gute Mama und mich immer weinen macht! 31 Das iſt nicht recht von Dir, Papa! Es thut ſo weh, weinen zu müſſen, und man friert ſo, wenn man traurig iſt! Ja, ja, man friert, wenn man traurig iſt, wie⸗ derholte der Major gedankenvoll. Komm her zu mir, Antonie, komm und wärme mich mit Deinem Lä⸗ cheln, denn ich bin auch traurig und mein Herz friert ſo ſehr. Sofort flog das Kind in ſeine Arme und lehnte ihr kleines liebliches von goldenen Locken umwalltes Köpfchen an ſeine Schulter. Du ſollſt nicht traurig ſein, ſagte ſie mit einem rührenden ernſten Eifer, Keiner von Euch ſoll traurig ſein, und wenn's der liebe Gott doch durchaus will, daß Einer von uns weinen muß, ſo will ich es ſein! Ja, Papa, ich will für Euch Alle weinen, ach, ſo viel weinen, daß für Euch gar keine Thränen übrig bleiben, und Ihr Alle luſtig ſein müßt. Karoline, welche das Kind wieder beruhigt hatte, nickte der kleinen Antonie mit einem Ausdrucke zärt⸗ licher Wehmuth ihren Gruß zu, während der Ma⸗ jor, mechaniſch in des Kindes Locken ſpielend, ge⸗ dankenvoll und ernſt vor ſich hinſtarrte. Und nun ſage, daß Du wieder heiter ſein, und uns nicht mehr mit Deinem böſen Blick anſchen 32 willſt, rief die kleine Antonie zärtlich ſchmeichelnd. O ja, ſei heiter, Papa, dann wird Mama auch wie⸗ der vergnügt ſein, und mit mir lachen und ſingen, und tanzen, wie ſie es ſonſt gethan hat! Die Augen der beiden Gatten begegneten ſich unwillkürlich, dann ſeufzten ſie Beide tief und ſchmerzlich auf und wandten ihre Blicke wieder von einander ab. Antonie in der Harmloſigkeit ihrer Kinderun⸗“ ſchuld fuhr fort: Mama iſt doch ſo gut und lieb, warum muß ſie denn ſo viel weinen? Warum liegt ſie ſo viel auf ihren Knieen und betet? Sonſt hat ſie immer mit mir getanzt, und niemals gebetet? Haſt Du ſie denn nicht mh lieb, Pape, und weint ſie darum? Der Major erwachte wie aus ſuwe Triumen und blickte auf. Er hob das Köpſchen des kleinen Mädchens empor und ſah ihr lange und ſinnend in die klaren, funkelnden Augen. Du biſt mein Kind, das Vermächtniß: meiner Sophie! ſagte er feierlich. Sie hat Dich mir hinter⸗ laſſen, als ein ſüßes Unterpfand der unlösbarkeit un⸗ ſerer Seelen. Sie hat Dich zu dem Engel meines Daſeins gemacht, und wenn ich Dich anſehe, mein Kind, fühle ich, daß Deine verklärte Mutter mir 33 55 nahe iſt mit ihrem Segen und mit ihrer Liebe! Sophie, ſprich alſo zu mir durch die reinen Lippen Deines Kindes, befiehl mir, was ich thun ſoll, und entſcheide über meine und unſerer Aller Zukunft! Die kleine Antonie blickte gedankenvoll und ernſt in das zuckende, ſchmerzvolle Antlitz ihres Vaters, während Karoline mit dem Kinde im Arm in ihre Kniee geſunken war und inbrünſtig betete. Der Major legte jetzt, gleichſam beſchwörend, ſeine Rechte auf die Stirne ſeines Kindes und in⸗ dem er den Flehenden Blick gen Himmel wandte, ſagte er feierlich: Auf den Lippen der Kinder iſt Weisheit, und in der zarten Unſchuld verkündet ſich Gott! Antworte mir alſo, Antonie, achte auf meine Fragen und antworte mir: ſoll ich das thun, was die Menſchen von mir verlangen? Soll ich hingehen und um Verzeihung bitten? Das Kind erwiederte nach einer kurzen Pauſe: Mama hat mich gelehrt, daß man immer um Ver⸗ zeihung bitten muß, wenn man Unrecht gethan hat. Du mußt es alſo auch thun! Ich habe alſo Unrecht gethan? fragte der Ma⸗ jor dringend. Die kleine Antonie ſah ihn mit tiefem verſtändi⸗ en Ernſte an. Du haſt Unrecht gethan, ſagte ſie, 34 denn ich habe es wohl gehört, wie böſe Du neulich mit Mama geweſen! Deshalb iſt ſie immer ſo trau⸗ rig und lacht gar nicht mehr, und daran biſt Du Schuld, Papa! Bitte alſo um Verzeihung, dann iſt Alles wieder gut, und die Mama wird Dir Alles verzeihen! Der Major blickte andächtig und tief ergriffen zum Himmel auf. Geiſt meiner Verklärten, flüſterte er leiſe, Du haſt mit Deines Kindes Lippen zu mir geſprochen. Siehe, wie ich Dich liebe, denn ich bin bereit, Dir zu gehorchen! Er zog leiſe das Kind von ſeinem Schvoße em⸗ por, und küßte es. Dann ſtand er auf und trat ntt einem milden freundlichen Lächeln zu ſeinem jungen Weibe. Karoline, ſagte er, ich werde Dir jetzt den größ⸗ ten Beweis meiner Liebe geben, denn ich werde zu Wartdorf gehen, und ihn um Verzeihung bitten, ich werde mein Haupt beugen, und mich dem Richter⸗ ſpruch unterwerfen. That ich Dir Unrecht, ſo vergiß um meiner Buße willen, die Beleidigung! That ich Dir aber Recht, ſo möge Gott Dich ſtrafen für die unverdiente Schmach mit der Du mich zu Boden drücſtt% Langſam und ernſt wandte er ſich um, und ver⸗ ließ ſtolz aufgerichtet das Gemach. Karoline blickte ihm nach in athemloſer Spannung. Sie lauſchte auf ſeinen verhallenden Tritt, und als ſie ihn jetzt die Stiegen hinab gehen hörte, ſank ſie zurück und weinte bitterlich. Die kleine Antonie eilte zu ihr hin, und umfing ſie mit ihren Armen und drückte das verhüllte Haupt der Weinenden an ihre Bruſt, während Thräne nach Thräne aus ihren Kinderaugen floß, und ihre zarten Wangen überſtrömten. Weine nicht! Weine nicht, Mama! bat ſie leiſe. Ach mir thut das Herz ſo weh, wenn Du weinſt! Karoline trocknete ihre Augen, und ſchloß ihre kleine Stieftochter mit leidenſchaftlicher Zärtlichkeit in die Arme. Ich danke Dir, mein Kind, mein Engel, ſchluchzte ſie, ich danke Dir, denn Du haſt mich errettet von der Schande! Du haſt meine Chre gereinigt, und mein Name wird rein und fleckenlos ſein vor der Welt. Ich danke Dir, denn Du haſt die Mutter meines Kindes behütet, daß Niemand das Brand⸗ mal auf ihrer Stirn ſehe! Aber ich, ich ſehe es, und ich weiß es! Ach, ich mußte das Opfer Deines Vaters annehmen, ich mußte es um meines Kindes willen, um Deiner Schweſter willen! Denn ſie iſt 3* Deine Schweſter, Antonie, glaube mir, glaube mir, ſie iſt Deine Schweſter! Ich weiß es ja, Mama, ſagte die Kleine, indem ſie zu der Wiege hüpfte und das wieder eingeſchlum⸗ merte Kind zärtlich küßte. Es iſt mein liebes Schwe⸗ ſterchen, und ich habe ſie lieber als Alles Andere auf der Welt! Das junge Weib nahm Antoniens Hand und legte ſie auf die Stirne ihres Kindes. Schwöre mir Antonie, ſagte ſie dann mit feierlichem Ernſt, ſchwöre mir Deine kleine Schweſter niemals zu verlaſſen, ſchwöre mir, in Liebe und Treue Dich ihrer anzuneh⸗ mrn, und ihr, wenn ich ſterbe, eine Mutter zu ſein! Du darſſt nicht ſterben! rief Antonie, ſich mit angſtvoller Zärtlichkeit an ihre junge Stiefmutter an⸗ ſchmiegend. D Mama, Du darſſt nicht ſterben! Du darfſt mich und die kleine Marie nicht allein zurück⸗ laſſen bei dem armen, kranken Papa! Oh ich fürchte mich ſo ſehr vor ihm! Ich auch! murmelte das junge Weib in ſich er⸗ ſchauernd. Ach ich fürchte ihn ſo ſehr, daß ich mich in das Grab flüchten möchte vor ſeinem Blick.— Dann richtete ſie, wie aus einem Traum erwachend, die Blicke wieder auf ihr Kind. Du haſt mir noch nicht Deinen Schwur geleiſtet, Antonie! Oh Kind, — S 37 Kind, ich flehe Dich an mit der Todesangſt einer Mutter, ſchwöre mir Dein Schweſterchen treu zu lie⸗ ben, und ſie niemals von Deiner Seite zu laſſen! Ich ſchwöre es Dir, Mama! ſagte Antonie, in⸗ dem ſie die Kleine innig küßte! Ich danke Dir, Antonie, und ich weiß, daß Du Dein Wort erfüllen wirſt, denn trotz Deiner Jugend und der Schwäche Deines Alters haſt Du doch eine ſtarke und treue Seele. Armes Kind, das Schickſal hat Dich früh gereift, und das Unglück hat Deine zehn Jahre verdoppelt und Dir die Erfahrung von mehr denn zwanzig Jahren gegeben! Armes Kind, möge Deine Zukunft Deiner Vergangenheit nicht gleichen, mögeſt Du jung werden durch das Glück, und fröh⸗ lichen Herzens durch die Freude! Und wenn Du es biſt, Antonie, dann vergiß nicht die kleine Marie ſondern liebe ſie, und lehre ſie ihrer Mutter gedenken in Liebe! Ahnte dieſes kleine in Leiden und Kummer früh⸗ reife Mädchen all' die Gedanken und finſtern Vorſätze, welche wie tödtliche Schlangen in der Bruſt der jun⸗ gen Frau wühlten? Fühlte ſie den heimlichen Sinn ihrer Worte, und verſtand ihre troſtloſe Bedeutung? Sie ſah lange und tief ernſt in das vor Schmerz und Jammer zuckende Antlitz ihrer jungen Mutter, 38 dann ſtieß ſie einen einzigen gellenden, herzerſchüttern⸗ den Schrei aus, und umklammerte laut weinend die zarte Geſtalt des jungen Weibes. Karoline neigte ſich zu ihr nieder und drückte einen langen innigen Kuß auf das Haupt des Kin⸗ des. Dann machte ſie ſich ſanft von ihr los und nickte ihr mit matten Lächeln einen Abſchiedsgruß zu. Geh jetzt mein Kind, geh hinaus! Laß mich allein! Antonie ſchlich langſam, gebeugten Hauptes, der Thüre zu. Aber ehe ſie die Schwelle überſchritt, wandte ſie ſich noch einmal um, und ſah das junge Weib mit traurigen, flehenden Blicken an. Dieſe ſchüttelte leiſe den Kopf, und winkte mit der Hand. Antonie ſeufzte und ging hinaus. Ich bin allein! murmelte Karoline. Au mit Gott und meinem Gewiſſen! Und jetzt ſank ſie nieder und rang die t und zerſchlug ihre Bruſt, und jammerte und betete, . und klagte und ſeufzte in verzweifelnder, troſtloſer Qual! V. Das Gericht Gottes. WBangſamen und ſtolzen Schrittes ging der Maior Preſter die Straße hinunter, welche zu der Woh⸗ nung des Obriſt Grafen Wartdorf führte. Er wandte das Haupt nicht zur Rechten, nicht zur Linken, aber er ſah Alles, er hörte Alles! Er hörte, wie ſich hier und da bei ſeinem Vorübergehen ein Fenſter klirrend öffnete, er ſah, wie irgend einer ſeiner militäriſchen Kameraden neugierig nach ihm ſchaute, er meinte ihr ſpöttiſches Lachen zu hören, er fühlte, daß ſie ihm nachſpäheten, und ihre boshaften Blicke bohrten ſich wie Dolche in ſeinen Rücken, während er weiter und weiter ging. Einmal murmelte er leiſe: Warum ſterbe ich nicht? Habe ich doch ſchon manchen Soldaten beim 40 Spießruthenlaufen ſterben ſehen, und iſt dies nicht noch ärger als Spießruthenlaufen? Warum ſterbe ich nicht? Endlich war er vor der Wohnung des Obriſten angelangt. Auf der Schwelle des Hauſes ſtand er ſtill, und wandte den Blick noch einmal auf den Weg hin, den er zurückgelegt, auf das Golgatha ſei⸗ ner Ehre! Einmal dieſe Schwelle überſchritten, mußte er ſeinen Stolz und ſeine Ehre an das Krerz ſchla⸗ gen, mußte er die Dornenkrone der Schmach auf ſein eigenes Haupt legen! Es war ihm, als nähme er mit dieſem Blick Abſchied vom Himmel und vom Sonnenlicht, Ab⸗ ſchied von der Welt, als ſage er ſich jetzt los von aller Gemeinſchaft mit der Menſchheit, um ein einſames, ödes, von Schmach efoltertes Kloſterleben zu be⸗ ginnen! Jetzt überſchritt er die Schwelle, und ging lang⸗ ſam die Treppe hinauf. Die Stiegen knarrten und ächzten unter ſeinen Füßen, wie Todesſeufzer. Er mochte es nicht hören, ihn ſchauderte, und er ſtieg ſchneller empor. Da ſtand er jetzt vor der Thür mit dem Na⸗ men des Grafen Wartdorf bezeichnet! Da ſtreckte er die Hand aus nach der Klingel! Aber wozu klingeln? —— —— 6 41 Die Thüre war nur angelehnt, man war ja auf ſein Kommen vorbereitet, und der großmüthige Graf Wartdorf hatte dem Major vielleicht das Erröthen vor ſeinem Diener erſparen wollen! Mit dem Fuß ſtieß er die Thüre auf, und trat in das Vorzimmer, indem er mit heimlicher Wuth ſich ſelber ſchwur, Jeden niederzuſchlagen, der ihm mit einem ſpöttiſchen oder lächelnden Antlitz entgegen träte! Aber auch dieſes Vorzimmer war leer! Niemand hieß ihn willkommen! Wie? Sollte der Graf in rückſichtsvollem Zart⸗ gefühl ſeinen Diener ganz entfernt haben, damit der Major nicht vor ihm zu erröthen habe? Oh, dieſe Schonung und dieſe zarte Aufmerk⸗ ſamkeit machte ſeinen Haß und ſeinen Zorn nur noch bitterer! Er durchſchritt das Zimmer und faßte an die Thür zum Salon. Dieſe Thür war verſchloſſen, aber der Schlüſſel ſtak im Schloß! Der Major ſchloß die Thüre auf, und trat in den Salon. Ganz unwillkürlich ſchloß er die Augen, ganz überzeugt, daß jetzt das funkelnde Auge des jungen Obriſten auf ihm ruhe, ganz überzeugt, daß der junge, ſchöne Mann mit ſtolzer, triumphirend 3 Miene zu ihm herſchaue, zu ihm, der mit ſchlottern⸗ den Gliedern, gebeugten Hauptes an der Wand“ neben der Thüre lehnte, und nicht die Kraft beſaß auch nur einen Schritt ſich weiter zu bewegen. Er wartete auf ein hohnlächelndes Wort der Begrüßung, aber er hörte nichts, keinen Laut, kei⸗ nen noch ſo leiſen Ton!— Er ſchlug die Augen auf,— Niemand war da, er war auch hier allein! Was bedeutete dies? Der junge Obriſt war zu Hauſe, denn dort auf dem Tiſche vor dem Sopha lag ſein Degen und ſein Czako, auf einem Stuhl daneben ſein Mantel und ein paar weiße Handſchuhe. 1 Er war zu Hauſe, und er mußte zu Hauſe ſein, denn dies war ja die Stunde, in welcher der Major dem Spruch des Kriegsgerichtes gemäß, den Obriſt um Verzeihung zu bitten hatte für die ihm zuge⸗ fügte, unverdiente Beleidigung, dies war die Stunde, in welcher er ihm ſchwören ſollte, daß er den Obriſt und ſein junges Weib für vollkommen unſchuldig halte, und nur von einem Traumbild ſeiner kranken Phantaſie ſei geblendet worden!. Er war alſo zu Hauſe! Wo war er denn ₰ Weshalb ließ er ſich nicht finden von dieſem armen, zitternden Sünder, der kam, um ſein graues Haupt 4 6 43 in Demuth zu neigen vor ſeinem jugendlichen, lachen⸗ den Angeſicht? Wo war er denn? Der Major richtete ſich empor von der Wand, an welcher er gelehnt, und durchſchritt den Salon! Wie unheimlich und ſchauerlich ſchallte ihm ſein eigener Fußtritt, ſo donnernd laut dieſe ſeltſame Stille unterbrechend! Wie unheimlich war das Lächeln dieſer Frauen⸗ köpfe in den goldgerahmten Bildern an der Wand! Der Major warf einen ſcheuen, ängſtlichen Blick auf ſie hin, indem er an ihnen vorüberging, und es war ihm als nickten ſie ihm zu mit lächelndem Spott und drohten ihm mit erhobenem Finger! Die Tapetenthür zum Schlafzimmer des Obri⸗ ſten war nur angelehnt!. Seltſam! Wie der Major in das Schlafzimmer trat, ſchauderte er zurück! Es war ihm, als athme er den Geruch friſchdampfenden Blutes ein! Aber auch hier, dieſelbe Stille, daſſelbe tödtliche Schweigen! Das Zimmer trug ein wüſtes, zerſtörtes Anſehen. Dort vor dem Bett lagen einzelne Kleidungsſtücke, ein weißes Leinentuch! Und das Bett ſelber! Wie ſeltſam zerſtört und eigenthümlich war das anzuſehen! Eine dunketrothe Decke war ganz über das Bett 44 ausgebreitet und hing ringsum bis zur Erde nieder, und doch ſchien es, je länger der Major darauf hin⸗ ſchaute, als ob unter dieſer Decke die Form einer menſchlichen Geſtalt ſich abzeichne, als könne er deutlich eine lang ausgeſtreckte Geſtalt, hier die vorgeſtreckten Füße, dort die Arme, dort den ſeitwärts geneigten Kopf erkennen, trotz der blutrothen darüber hinge⸗ breiteten Decke! Der Major fühlte ein unheimliches Grauen, und doch trat er leiſe auf den Zehen näher heran, um— da fiel ſein Blick zufällig auf den Tiſch unweit des Bettes! Ein Piſtol lag auf demſelben, und daneben zwei Briefe! Schwarzgeſiegelt! Vielleicht eine Trauer⸗ botſchaft für den Obriſt! Wie gönnte er's ihm, wie ſchadenfroh hüpfte das Herz des Majors, indem er's dachtẽ! Ganz mechaniſch hob er den einen Brief empor. Wie? Täuſchten ihn abermals ſeine Augen, wie da⸗ mals, als er Karolinen in den Armen des Obriſten fand? Was ſtand auf dieſem Brief? Er ſtürzte zum Fenſter, um es deutlicher ſehen zu können. Ja, er hatte ſich nicht geirrt, dieſer Brief war an ihn, an den Major Preſter addreſſirt. Das iſt großmüthig! ſagte der Maior leiſe. 45 Er will mir die Demüthigung der Abbitte erſparen. Er iſt fortgegangen, und ſchreibt mir eine Entſchul⸗ digung ohne Zweifel. Oder wie? Iſt ſein Gewiſſen vielleicht erwacht, und er wagt es nicht meinem Blicke zu begegnen? Und an wen iſt dieſer zweite Brief? Er nahm ihn vom Tiſche, und las die Auf⸗ ſchrift: An Frau Karoline Preſter!„Und ſeitwärts ſtand geſchrieben:„Heimlich, nicht in Gegenwart des Majors abzugeben!“ Er zerknitterte den Brief in ſeinen vor Wuth zitternden Händen! Er hatte ein Gefühl als ob ein Blitz durch ſein Gehirn ſchöſſe, als ob ein elektriſcher Schlag ſein Herz zerſchmettere! Er ſchlug ſich mit der geballten Fauſt, in welcher er die beiden Briefe krampfhaft zuſammen gepreßt hatte, vor die Stirn, und ein einziger Schrei der Wuth rang ſich aus ſei⸗ ner Bruſt hervor. Da öffnete ſich die Thür, und der Diener des Obriſten trat in Begleitung eines fremden Herrn herein. Der Major kannte dieſen Herrn ſehr wohl! Es war ein bekannter Arzt, was wollte der hier?— Sie achteten gar nicht auf den Major, obwohl ſie ihn anſahen, ſie grüßten ihn nicht, und ihre Mienen drückten nur Unruhe und Verwirrung aus! Diener ſchlug die dunkelrothe Decke zurück. Sie ſchritten gerade auf das Bet zu, und der Welch ein grauſiges Bild war dies! Der Major ſtand da mit weit aufgeriſſenen Augen und ſtarrte auf dieſe Erſcheinung hin. O diesmal war es gewiß nur ein Traumbild ſeines ſchwankenden Hirns, dies⸗ mal war's eine Täuſchung, was ſeine Augen ſahen! Dieſe langausgeſtreckte Geſtalt im blutbeſpritzten Hemd, dieſes verzerrte blaſſe Leichenangeſicht, dieſe lebloſen weitgeöffneten Augen, dieſer in einem Schmer⸗ zensſchrei erſtarrte Mund, war dieſe Form ohne Leben, ohne Bewegung, war das der ſchöne, der junge und ſiegreiche Obriſt Wartdorf? nichts als eine wahnſinnige Fata Morgana, ein Trug⸗ bild, weiter nichts! S Nein, nein, der Major tauſchte ſich, es war — Da hörte er plötzlich mitten durch das Brauſen ſeines Gehirns und das Schlagen ſeines Herzens die Stimme des Arztes. Dieſe Stimme, ſie erklang dem Major wie das Rollen des Donners, wie der Ruf zum jüngſten Gericht. Dieſe Stimme ſagte: Hier iſt keine Hülfe mög⸗ lich! Die Kugel iſt gerade durch's Herz gegangen! Und jetzt mit dem Wuthgeheul eines Tigers ſprang der Major zu dem Bett hin. Ja, dies war 47 kein Traum! Dieſe Stirn, auf welche er ſeine bren⸗ nende Hand legte, war hart und kalt wie Stein, dieſe erſtarrten Lippen waren noch feucht vom Todes⸗ ſchweiß. Mit einer wahnſinnigen Haſt ſchob er das Hemd von der Bruſt zurück, welche von keinem Athem, nicht einmal mehr von einem Röcheln gehoben ward! Da,— dieſe kleine Wunde,— das Blut floß nicht mehr! Der Major ſtreckte die Hand, in welcher er die beiden Briefe hielt, zum Himmel empor und brach in ein ſchaudervolles, wahnſinniges Hohnlachen aus. Das iſt das Gericht Gottes! ſchrie er mit trium⸗ phirendem Ton. Nun warf er einen letzten ſtechenden Blick des Haſſes auf dieſe bewegungsloſe Leiche, und drohte ihr. Dann, gleichſam beſchämt über ſeine Heftigkeit, ſchien er ſich in ſich ſelber zuſammen zu raffen. Mit einem milden ruhigen Lächeln wandte er ſich an den Arzt. Man hatte mich verurtheilt, dieſen Herrn um Verzeihung zu bitten, ſagte er. Sie wer⸗ den mir bezeugen müſſen, daß ich hier war, mich die⸗ ſem Richterſpruch zu unterwerfen. Ohne Zweifel hatte der Obriſt Viel zu verantworten und ſich vor dem Throne Gottes zu rechtfertigen von manch ſchwe⸗ rem Verdacht, da er ſo eilig war, nicht einmal mir ſeine Verzeihung bewilligen zu können! Nun ich nehme die Gewißheit derſelben dennoch mit mir! Er wandte ſich um und ſchritt langſam der Thüre zu. Der Oberſt einen Brief für Sie hinterlaſſen! ſagte der Diener, indem er ſuchend auf dem Tiſche umherſah. Und auch einen Brief an meine Frau! ſagte der Major mit einem ſtechenden Blick. Ich habe ſie Beide! Ohne zu grüßen ſchritt er hinaus, und wie er jetzt wieder die Straße hinunter ging, war ſein Schritt feſt und er grüßte mit ſtolzen Blicken die n Kameraden an den Fenſtern. Die Priefe. Froline lag noch auf ihren Knieen neben der Wiege ihres Kindes und ihre zitternden erblaßten Lippen ſtammelten Gebete ohne Sinn und ohne Zu⸗ ſammenhang, als ihr Gatte wiederkehrte. Er ſchloß die Thüre hinter ſich ab, und ſchritt gerade auf ſie zu. Sie verſuchte es, den ſchüchternen Blick zu ihm empor zu richten, aber ſie ſchlug das Auge entſetzt wieder nieder. Noch niemals hatte ſie ihn mit dieſem marmornen, unbeweglichen, eiskalten Angeſicht geſehen, noch niemals hatte er ſie mit ſo durchbohrenden Blicken voll Haß und Verachtung angeſchaut! Er ſtreckte die Hand nach ihr aus und ſagte mit heiſerer wutherſtickter Stimme: ſtehe auf! 4 Sie that's! Es war eine gebieteriſche Gewalt in ſeiner ganzen Erſcheinung. Sie gehorchte willen⸗ los und ſtand auf, aber ihre Füße trugen ſie kaum, und ſie ſchwankte wie ein Rohr, das der Sturmwind peitſcht! Sieh mich an! befähl ihr Gatte. Als ſie aber wieder ſeinem grauſamen, wilden Blicke begegnete, ſchauderte ſie und ſtieß einen leiſen Schrei aus. Der Major erwiederte es mit einem kurzen ſpöt⸗ tiſchen Lachen. Du weißt, woher ich ſo eben komme? fragte er. Sie wollte antworten, aber das Entſetzen hatte ihre Kehle zugeſchnürt, ſie vermochte nicht, einen Laut hervorzubringen. Antworte mir! wiederholte er. Du weißt, wo ich war? Ja! ſtammelte ſie mühſam. Sage es! Nenne ihn! Ein Ausdruck namenloſen Jammers zuckte um ihre Lippen, als ſie ſagte: Bei Obriſt Wartdorf. Er war nicht zu Hauſe! ſagte der Major mit einem trockenen kurzen Lachen. Auf dem Tiſche lag ein Brief an mich!. 51 Er zog ihn aus ſeiner Bruſttaſche und erbrach das Siegel. Lies! ſagte er gebieteriſch, indem er das Papier auseinander ſchlug und es ſeiner Frau darreichte. Sie ſtreckte die Hand nach dem Papier aus, aber ließ ſie matt und kraftlos wieder ſinken. Nimm und lies! befahl er, indem er ſie mit einem ſo drohenden, ſo wilden Blick anſah, daß ſie entſetzt einen Schritt zurückwich. Er kam ihr nach, immer den aufgeſchlagenen Brief in der ausgeſtreckten Hand haltend. Lies! Sie warf einen hülfeſuchenden angſtvollen Blick im Zimmer umher, und faltete bittend die Hände. Er fing ihren Blick auf und ſagte hohnlachend: Wir ſind allein! Karolinens Augen ruhten jetzt auf ihrem ſchlum⸗ mernden Kinde. Vielleicht fand ſie Troſt und Be⸗ ruhigung in dieſem Anblick. Sie ſagte ernſt und ruhig: Gieb! Ich will leſen! Wie ſie das Papier nahm, warf ſie noch einen letzten Blick hinüber zu ihrem Kinde. Wie viel Ver⸗ zweiflung und Schmerz lag in dieſem Blick! Dann las ſie, anfangs mit feſter Stimme, dann leiſer, immer ſtockender:„Verzeihen Sie, Herr 52 Major, daß Sie mich nicht mehr finden, wenn Sie kommen, um dem Urtheil des Kriegsgerichtes zu ge⸗ nügen! Sehen Sie, wie ſeltſam ſich das fügt! Sie ſollten kommen, mich um Verzeihung zu bitten, und ich bitte jetzt Sie um Verzeihung. Ja, ich bitte Sie von ganzem Herzen um Verzeihung für Ihren vergeblichen Gang, aber was wollen Sie, das Gericht Gottes iſt noch eine höhere Inſtanz als ſelbſt das Kriegsgericht, und Gott hatte mir befohlen, vor die⸗ ſem zu erſcheinen! Ich gehe alſo!— Sie verlangten von mir Genugthuung und ich verweigerte ſie Ihnen. Weshalb ſollten wir auch Beide unſer Leben auf's Spiel ſetzen? Man muß ſparſam ſein in dieſem arm⸗ ſeligen Leben! Ich habe uns Einen Schuß Pulver erſpart, denn es war genug an Einem! Leben Sie wohl!“ Er iſt todt? fragte ſie mit dumpfem Ton, indem das Papier ihrer zitternden Hand entglitt, uh mit leiſem Kniſtern zu Boden fiel. Ja, ſagte er mit einem grimmigen Lachen. Er iſt todt! Er hegt kalt, blutbeſpritzt, ein ekles, wider⸗ liches Nichts, auf ſeinem Lager. Oh, noch einen Tag, und dieſer ſchöne, verführeriſche, ſtolze Obriſt Wart⸗ dorf iſt nichts als eine wüſte, übelriechende, verpeſtete Fleiſchmaſſe, und die Würmer werden in dieſen Augen 53 umher kriechen, welche ſonſt ſo verführeriſche Blicke ausſtrahlten! Friede ſei mit ihm! ſagte ſie mit der ſelbſtüber⸗ windenden Tapferkeit, deren nur eine Mutter fähig iſt. Oh, er war ein ſehr edler, ſehr aufmerkſamer Freund, welcher Niemand vergaß, dem er Lebewohl zu ſagen hatte.— Er hat auch an Dich geſchrieben! Da, hier iſt der Brief! Nimm und lies auch dieſen Brief! Und jetzt war ſeine Stimme ſo fürchterlich, und ſein Antlit ſo drohend, daß ſie einen Schrei des Ent⸗ ſetzens ausſtieß, und in Todesangſt nach der Thüre hinſtürzte. Mit einem einzigen Sprung war er neben ihr, packte er ſie mit eiſerner Gewalt, und zog ſie zurück von der Thür. Du ſollſt dieſen Brief leſen! ſagte er zähne⸗ knirſchend. Du ſollſt ihn mir laut und deutlich leſen, oder, ſo wahr ein Gott über uns iſt, ich erwürge Dich! Hülfe! Zu Hülfe! ſchrie das geängſtete Weib, vergebens bemüht, ſich ſeinen Händen zu entwinden. Rufe nur! Rufe nur! ſagte er hohnlachend. Er kann Dich nicht mehr aus meinen Händen erretten! Lies, oder ich tödte Dich! Tödte mich! ſagte ſie entſchloſſen. Er zog ſie an die Wiege ihres Kindes. Lies, oder ich tödte dies Kind! Sie las in ſeinen verzerrten Zügen, in ſeinen wuthblitzenden Augen, daß er Wort halten würde. Sie ſah auf ſeiner finſtern Stirn und in dem krampf⸗ haften Zucken ſeiner Lippen mit Entſetzen, daß der finſtere Dämon wieder ſein Gehirn umwölken und wieder eine jener unheimlichen grauenvollen Stunden herbeiführen werde, welche zuerſt ihr Herz ihrem Gat⸗ ten entfremdet hatten! Schone mein Kind! Schone Dein Kind! fle⸗ hete ſie. Mein Kind! wiederholte er mit einem grauſa⸗ men Lachen. Lies! Ich will leſen! ſagte ſie matt. Gieb her den Brief! Aber indem er ſie losließ, und ihr den Brief darreichte, ſprang ſie wie eine Raſende zur Thüre hin, ſchob den Riegel zurück und ſtieß die Thüre auf, um zu entfliehen. Aber ſeine eiſerne Fauſt hatte ſie ſchon wieder gepackt und hielt ſie zurück. Zu Hülfe! Zu Hülfe! ſchrie ſie mit herzzerreißen⸗ dem Ton. 55 Er drückte ſeine Hand auf ihren Mund und ſagte ingrimmig: Du ſollſt nicht ſchreien und Nie⸗ mand ſoll Dir zu Hülfe kommen! Er wollte die Thüre wieder ſchließen, aber plötz⸗ lich erſchien auf der Schwelle die kleine Sylphengeſtalt Antoniens. Ach, Antonie! rief Karoline mit einem Freuden⸗ ſchrei. Antonie! Mein Kind iſt alſo gerettet! Und ſie ſtürzte zur Wiege hin und hob das Kind in ihre Arme, und flog mit ihr zu Antonien hin. Da, da, nimm, und trage das Kind zu ihrer Wärterin, ſagte ſie mit fliegendem Athem. Schnell, Antonie, ſchnell, und vergiß niemals, was Du mir geſchworen haſt! Die kleine Antonie hatte mit einem einzigen Blick ihrer klugen, verſtändigen Augen in dem Antlitz des Vaters die ganze Gefahr erkannt, welche Mutter und Kind bedrohte. Ohne ein Wort zu ſagen, nahm ſie das Kind, und eilte mit ihm aus dem Zimmer. Dies Alles war mit ſo überraſchender Schnelle geſchehen, daß der Major es nicht hatte hindern kön⸗ nen, und Antonie ruhig gewähren ließ. Und was kümmerte es auch ihn, ob das Kind da warſ ihn, in und tobte. Sie ſollte den Brief laut vor ihm leſen, den Todesgruß ihres Geliebten. Er packte ſie wieder und hielt ihr den Brief hin. Lies! herrſchte er gebieteriſch.„ Nein! ſagte ſie faſt mit triumphirendem Ton. Ihr Kind war gerettet! Sie zitterte nicht mehr. Du willſt nicht leſen? Nein, ich will nicht leſen! ſagte ſie, indem ſie mit flammendem Blick ihn anſah. Sein Geſicht verzerrte ſich, ſeine Augen ſchienen aus ihren Höhlen hervorzutreten, und die Adern auf ſeiner Stirne ſchwollen hoch auf. Lies, oder ich tödte Dich! Tödte mich! ſagte ſie. Tödte mich! Ich leſe nicht! Ah, Du willſt alſo ſterben! ſagte er zähne⸗ knirſchend, indem er ſeine beiden Hände um ihren Hals legte. deſſen Gehirn nur Ein Gedanke, Ein Wille brauſte — M. Der Cod verſöhmt. Du willſt alſo ſterben! wiederholte der Major. Sterben, ohne dieſen Brief geleſen zu haben. Ster⸗ ben, ohne Deine Schmach eingeſtanden, ohne Dich wie ein zertretener Wurm zu meinen Füßen gekrümmt zu haben. Stirb denn, ſtirb— Plötzlich legte ſich eine zarte Kinderhand auf ſeinen Arm und hielt ihn zurück. Es war die kleine Antonie, welche, nachdem ſie das Kind zur Wärterin gebracht, jetzt unbemerkt von ihnen Beiden zurückgekehrt war. Vater! ſagte ſie mit ſtrengem, gebieteriſchem Ton. Er zuckte zuſammen, und ſeine Hände, welche Karolinens Hals umkrallt hatten, löſten ſich. h 58 Selbſt in ſeinen finſterſten und wildeſten Stun⸗ den hatte die Stimme ſeiner Tochter immer einen be⸗ ruhigenden und ſänftigenden Einfluß auf ihn geübt, war Antonie es allein, welche über den Geiſt ihres Vaters eine gewiſſe Herrſchaft ausübte. Auch diesmal gelang es ihr, den finſtern Geiſt wenigſtens auf einen Moment zu bändigen. Er ließ die Hände los, und gab Karolinen frei. Vater, was wollteſt Du thun! ſagte das Kind vorwurfsvoll. Er ſchlug die Augen ſcheu zu Boden. Sie wollte mir den Brief nicht vorleſen, murmelte er, in⸗ dem er Antonien das zerknitterte Papier in 5 Hand zeigte. Das Kind ſagte ſchmeichelnd: Wollteſt Du den dieſen Brief ſo gerne hören? Nun, ſo will ich ihn Dir leſen, Papal Er hob raſch ſein geſenktes Haupt empor und blickte ſie an. Ja, Du haſt Recht, Antonie! Du ſollſt mir den Brief leſen, Du ſollſt es! Sie ſoll ihn hören! Ja, das ſoll ſie! Karoline ſtarrte ihn mit entſetzten Blicken an. Du wirſt das nicht im Ernſte wollen, ſagte ſie. Er ſchien gar nicht auf ſie zu achten. Er ent⸗ faltete mit zitternden Händen den Brief und hielt ihn ſeiner Tochter hin. Da, Antonie, lies, und lies laut und deutlich, mein Kind! Antonie, Du wirſt nicht leſen! ſchrie Karoline. Dh, Mama, laß mich leſen, ſagte das Kind un⸗ ſchuldig, ſiehſt Du denn nicht, wie Vater leidet! Und ſie nahm das Papier und begann zu leſen: „Theure, ewig geliebte Karoline!“ Karoline faßte mit zorniger Gewalt den Arm ihres Gatten. Du wirſt nicht zugeben, daß Dein Kind die Schande Deines Weibes lieſt! rief ſie entſetzt. Ah, Du geſtehſt alſo ein, daß Deine Schande in Dieſem Briefe zu leſen iſtl ſagte er mit grauſamer Ruhe. Dann wandte er ſich wieder an ſeine Tochter: Lies weiter, Antonie! Das Kind heftete ihre prüfenden Blicke auf das Antlitz ihres Vaters. Sie las in den Purpuradern ſeiner Stirn, in den zuckenden Muskeln ſeines An⸗ geſichts, daß ſie ihm gehorchen müſſe, wenn ſie ihn nicht zur äußerſten Wuth treiben wolle. Sie las alſo weiter:„Du ſiehſt, ich halte meinen 60 Schwur! Da das Leben uns nicht vereinen kann, ſoll der Tod es thun! Ich— Du ſollſt nicht leſen! ſchrie Karoline, indem ſie mit der raſenden Gewalt einer Verzweifelnden Anto⸗ nien das Papier entriß. Du ſollſt nicht leſen! Nie⸗ mand ſoll dieſen Brief leſen, Niemand! Und mit einem triumphirenden Lachen das Pa⸗ pier über ihrem Haupte emporhebend, flog ſie durch das Zimmer. Bevor der Major ſie erreichen konnte, hatte ſie die Thür zu ihrem Schlafzimmer überſchrit⸗ ten und ſchob mit klirrender Gewalt den Riegel vor. Hülfe! Hülfe! ſchrie Antonie mit jammerndem Klagelaut. Gebt ein Beil her! Schlagt die Thüre ein! Meine ſchöne Mutter will ſterben! Hülfe! Hülfe! Während das Kind hinaus eilte, um Hülfe zu holen, ſtand der Major mit zeriige Blicken vor der verſchloſſenen Thür. Heffne die Thür! rief er mit donnernder Stimme. Karoline kutworge nicht. In der Raſerei ihrer Ver⸗ zweiflung dachte ſi ie gar nicht einmal daran, den Brief zu leſen! Sie hatte ihn gerettet, das war ihr genug. Wos kümmerte es ſie, was darin ſtand, wenn nur kein Anderer es las! Und wußte ſie denn nicht Alles, was er ihr ſchreiben konnte? Wußte ſie nicht, daß er ge⸗ ſtorben war, treu ihrem gegenſeitigen Schwur? 61 Oh, ich werde bald bei ihm ſein, murmelte ſie, und er wird mir Alles das wiederholen, was in die⸗ ſem Briefe ſteht. Ich kann es jetzt nicht leſen, aber auch Niemand Anders ſoll es. Nein, Niemand ſoll den Todesgruß leſen, mit welchem Du Deine Ge⸗ liebte rufſt! Sie zerriß das Papier und weil ihre Hände zitterten, nahm ſie die Zähne zu Hülfe, und hielt mit denſelben das Papier feſt, um in wahnſinniger Haſt daran zu zerren, und es zu zerreißen. Dann warf ſie die einzelnen kleinen Stücke faſt tändelnd um ſich her, und ſagte lächelnd: Das ſind die Blumen, welche ich auf ſein Grab ſtreue! Da pochte es laut an ihre Thür und Antoniens flehende Stimme bat um Einlaß. DOh Mutter, Mutter, laß mich zu Dir! Geh nicht in den Tod, Mutter, bleibe bei mir! Habe Er⸗ barmen, Mutter, und öffne die Thüre! Und dann wieder die Stimme ihres Gatten, welcher mit rauhem Ton daſſelbe verlangte. Karoline ſprang empor und lauſchte.* Sie hörte die Hammerſchläge, welche krachend auf die leichte Tapetenthür fielen. 62 Ich komme! Ich komme, mein Alfred! flüſterte ſie leiſe, indem ſie zu ihrer Toilette flog und und aus* einem verborgenen Fache einen Dolch hervorholte. Sie ſah ihn mit liebevollen Blicken an küßte ihn. Du haſt mir dieſen Dolch gegeben, mein Alfred, und er ſoll mein Herzblut trinken! ſagte ſie. Die Schläge an der Thüre verdoppelten ſich. Schon ſah ſie eine Oeffnung in derſelben entſtehen. Es war alſo keine Zeit mehr zu verlieren. Gott ſegne mein Kind, murmelte ſie, indem ſie mit einem einzigen Stoß den Dolch in ihren Buſen ſenkte. —— Die Thüre war offen! Antonie ſtürzte mit einem Schmerzensſchrei zu Karolinen hin, welche den Dolch im Herzen zu Boden geſunken war, und mit ſterbender Lippe flüſterte: Da das Leben uns nicht vereinen konnte, ſoll der Tod es thun! Nun verklärte ein Lächeln ihre Züge, ein ſeliges, ſtolzes Lächeln. Nun, ein langer letzter Seufzer, ein letztes Zucken ihrer Lippen! Antonie warf ſich laut jammernd über die Sterbende. Vater, ſiehſt Du denn nicht, daß ſie 3 ſtirbt? Vater! 63 63 Er achtete gar nicht auf ſie. Er kauerte auf E der Erde und ſuchte mit haſtiger Eile die einzelnen Papierſtückchen zuſammen, indem er mit einem ſtil⸗ len, wahnſinnigen Lächeln murmelte: Ich werde doch erfahren, was in dieſem Briefe ſtand! 3 3 7 VII. Pater und Tochter. Der Major Preſter war zum zweiten Male Wittwer geworden, und die Leidtragenden kamen, ihm ihr Beileid zu bezeugen, die Beamten der Po⸗ lizei, um die ſchauerliche Todesart zu conſtatiren, die 4 Leichenbitter, um die Vorbereitungen zum Leichen⸗ begängniß zu machen, die Todtenfrauen, um an dieſer ſchönen jungen Leiche dieſe letzte, ſo ſchauerliche und grauſige Toilette vorzunehmen, um dieſes junge 5 bleiche Opfer mit duftenden Blumen zu ſchmücken, bevor ſie es der Verweſung in die Arme lieferten. Der Major achtete auf dieſes Alles nicht, was um ihn her vorging! Er ſaß in unveränderlichem † ernſtem Schweigen vor ſeinem Schreibtiſch und ſtarrte auf dieſe kleinen Papierfetzen, die er immer auf's „. 8 Neue bemüht war zu ordnen, und in Juſammenhang zu bringen, um aus ihnen die Löſung des dunklen Geheimniſſes, welches ſein junges Weib mit in ihr Grab genommen, zu erfahren, und endlich zu wiſſen, ob ſie verdammenswerth oder unſchuldig ſei. Das war ſein einziger Gedanke, ſein einziger Lebenszweck! Was kümmerte ihn alles Andere! War nicht Antonie da, für dieſes Alles zu ſorgen, Ant⸗ wort zu geben auf die Fragen der Polizei, der neu⸗ gierigen Freunde, der dienſtbefliſſenen Leichenbitter und der Todtenfrauen mit den in ihrem Geſchäft er⸗ kalteten Herzen? Und das Kind ſorgte in der That mit aufmerk⸗ ſamer Befliſſenheit für Alles! Sie war die geſchäf⸗ tige Hausfrau, die zärtliche Mutter, die aufmerkſame ſorgende Tochter, Alles in einer Perſon. Sie dachte an Alles, ſie verſtand und überlegte Alles! Es war ein rührender Anblick, dieſes kleine zarte Weſen mit dem bleichen durchſichtigen Angeſicht zu ſehen; zu ſehen, wie ſie in ernſtem Walten dieſen öden freud⸗ loſen Hausſtand ordnete, mit der geräuſchloſen Be⸗ hendigkeit einer Gazelle ordnend und waltend durch dieſe einſamen kalten Gemächer eilte, bald mit zärtlichem Schmeichelwort verſuchend, ihren Vater von ſeiner düſtern Beſchäftigung abzuziehen, bald mit zitternder 66 Wehmuth an dem Sarge der todten Mutter beſchäf⸗ tigt, und über der Leiche weinend, dann aber ſchnell ihre Thränen trocknend, wenn die lallende Stimme der kleinen Marie ſie rief, und zu ihr hineilend, um mit lächelnder Liebe die arme kleine Waiſe an ihr Herz zu nehmen, und mit ihr zu ſingen und im Zimmer umher zu tänzeln. Rührend war es, dieſes Kind zu ſehen, welches der Ernſt des Lebens früh⸗ zeitig gereift, in dieſes unſchuldige, duftigzarte Ant⸗ litz, in dieſe großen, von wunderbaren heiligen Ge⸗ heimniſſen leuchtenden Augen zu ſchauen, welche ſchon ſo viele Thränen vergoſſen, und dennoch ſo ſtrahlten in Kindereinfalt und Unſchuld. Aber dieſe Tage der traurigen Geſchäftigkeit und der thränenreichen Zerſtreuungen gingen endlich vor⸗ über! Die Leiche war hinabgeſenkt in ihre Gruft, die unheimlichen Geſtalten in den ſchwarzen Trauer⸗ mänteln und die ernſten ſchweigenden Männer des Gerichts hatten endlich das Haus wieder verlaſſen, und eine tiefe öde Stille war dieſer trüben Lebendig⸗ keit gefolgt. Der Major hatte dem zärtlichen Flehen Anto⸗ niens Gehör gebend, den düſtern Trauerzug zum Kirchhof begleitet, und die erſte Schaufel Erde und den letzten Blumenſtrauß auf dieſen Sarg geworfen, 67 in welchem das arme junge Weib ruhte, welches lange ſchon den Dolch im Herzen getragen, bevor er ihn hineingebohrt. Dann war er ruhig und ſchweigend zu ſeiner Beſchäftigung zurückgekehrt, und mühte ſich mit der leidenſchaftlichen Haſt eines Wahnſinnigen und der Beharrlichkeit und Ausdauer eines Gelehrten ab, dieſe zerriſſenen Papierſchnitzel, dieſe unentziffer⸗ bare Keilſchrift ſeines Schickſals und ſeiner Ehre zu enträthſeln. Die Stimme ſeiner Tochter weckte ihn aus ſeiner Beſchäftigung. Sie ſtand neben ihm und blickte mit ernſtem Sinnen auf dieſe zerriſſenen Papierſtreifchen, welche ihr Vater mit angſtvoller Sorgfalt beobachtete, und zitternd zuſammenſchrak, als Antoniens Seufzer⸗ hauch eins derſelben bewegte. Dann legte ſie die Hand auf ihres Vaters Schulter und ſagte mit jenem ernſten gebieteriſchen Ton, vrn dem ſie wußte, daß er ſein Ohr traf und beherrſchte: Vater, willſt Du mich anhören? Wir haben viel mit einander zu ſprechen!%.— 5 Er ſtand auf und richtete ſich in ſeiner ganzen Höhe empor, dann ging er langſam und ſchweigend einige Male im Zimmer auf und ab. Antonie folgte in athemloſer Spannung jeder ſeiner Bewegungen, und mit dem verſtändigen und prüfenden Auge 5 68 eines Arztes beobachtete ſie jedes Jucken ſeiner Mienen.* Sie wußte jetzt, daß ſie mit ihrer Stimme wie⸗ der den finſtern Geiſt gebannt, der ihres Vaters arme irrende Seele beherrſchte, und als wollte ſie ihm Ab⸗ bitte leiſten für das Unkindliche und Gebieteriſche ihres Benehmens, nahte ſie ſich ihm jetzt mit demüthiger Zärtlichkeit und Unterwürfigkeit, und drückte einen lan⸗ gen und innigen Kuß auf ſeine Hand. Mein Vater, ſagte ſie mit jenem Schmeichelton, der niemals verfehlt, das Herz eines Vaters zu tref⸗ fen, mein Vater, willſt Du mich anhören? Er nickte mit dem Kopf, zum Zeichen, daß er's wollte. Wir ſind ſehr unglücklich, Papa, fuhr das Kind mit leiſerer Stimme fort und ihre Augen füllten ſich mit Thränen. Meine ſchöne junge Mutter hat uns verlaſſen und wir ſind ſo traurig und allein! So traurig und allein! wiederholte er mechaniſch. Was willſt Du jetzt thun, Papa? fragte ſie mit forſchendem Blick. Haſt Du über unſere Zukunft nachgedacht? Haſt Du's gethan? fragte er. „ Das Kind ſenkte das Auge zu Boden und ſeufzte. Mama ſagte immer, es wäre gut, wenn Du mich in 69 eine Erziehungsanſtalt brächteſt, und gewiß hat ſie Recht! Aber es wäre ſo traurig, wenn wir uns trennen ſollten! Wir uns trennen! rief er laut, indem er mit leidenſchaftlicher Haſt das Kind in ſeine Arme zog. Wir uns trennen? Wer ſagt, daß ich mich von meinem Kinde trennen ſoll? Welches Gericht hat mich dazu verurtheilt? Oh ich bin ein armer ge⸗ horſamer Mann! Ich habe mich dem Urtheil des Kriegsgerichts unterworfen, und mein Haupt gebeugt, ich will Alles thun, Alles, nur laßt mir mein Kind, meinen Schutzengel, meine Hoffnung! Er preßte ſeine Lippen auf Antoniens dunkle Locken, und ſeine Thränen glänzten wie diamantene Thautropfen in ihrem Haar. Sie ſchlang ihre Arme um ſeinen Hals, und hob ihr von Thränen überſtrömtes Angeſicht zu ihm em⸗ por, um ſeinen Mund, ſeine Augen, ſeine Stirne zu küſſen und ſeine rauhen Wangen zu ſtreicheln. Wie herzerquickend und labend war dem Vater dieſe Liebkoſung ſeines Kindes; ſie ließ ihn die De⸗ müthigungen und den Gram des Mannes vergeſſen, und der Vater blickte mit leuchtenden Augen in das liebliche Antlitz ſeiner Tochter. Nein, nein, wir wollen uns niemals trennen! ſagte er, indem er das Kind auf ſeinen Schooß hob und ihren Kopf an ſeine Bruſt drückte. Oh, ich weiß jetzt Alles, habe mir Alles wohl überlegt. Wir müſſen bei einander bleiben! Du biſt ſo klug und verſtändig, Du wirſt unſern Haushalt führen, und meine kleine Hausfrau ſein! Du glaubſt doch, daß Du's kannſt, Antonie? fragte er mit athemloſer Angſt. Sie ſah ihm mit einem ſtolzen und glücklichen Lächeln in die Augen. Ich will es können, Papa, und was man ernſtlich will, das kann man! Oh, wir werden uns alſo nicht trennen, ſiehſt Du, rief ihr Vater entzückt, und wir werden auch nicht nöthig haben, eine Fremde zwiſchen uns treten zu laſſen, und uns eine Mutter und eine Wirthſchaf⸗ terin für elendes Geld zu gewinnen. Wir werden Niemandes bedürfen, als uns ſelber! Und die kleine Marie, mein Schweſterchen, Papa? Er zuckte zuſammen und blickte düſter vor ſich hin. Sie wird ihre Wärterin behalten und mit ihr in ihrem Zimmer bleiben.„ Antonie wiegte ernſt ihr kleines Köpfchen. Das geht nicht, Papa, ſagte ſie. Mariechen iſt meine Schweſter und ich will immer bei ihr bleiben. Ma⸗ riechen ſoll niemals verlaſſen und allein ſein, denn 71 ich weiß, wie traurig das iſt. Papa, wenn Du mich liebſt, mußt Du auch meine Schweſter lieben! Ich will's, gewiß ich will's! rief er haſtig. Aber nicht wahr, dann bleiben wir beiſammen? Wenn Du mir noch Eine Bitte bewilligſt, Papa! ſagte ſie mit lächelnder Ueberlegenheit. Oh, Alles, Alles, was Du willſt, Antonie! Gieb mir Lehrer, Papa! Ich verſpreche Dir auch fleißig zu ſein, und recht viel zu lernen, damit Du Freude an mir habeſt! Er ſchloß ſie an ſein Herz und küßte ſie. Oh, Kind, mein Kind, Du biſt die einzige Freude meines Lebens!—— Sie blieben alſo beiſammen und das kleine Mäd⸗ chen von zehn Jahren ſtand mit ernſter Sorgfalt und eifrigem Fleiß dem kleinen Haushalt ihres Vaters vor. Sie umgab ihn mit liebevoller Aufmerkſamkeit, mit zärtlicher Sorge, ſie ſcheuchte mit ihrem Lächeln die Wolken von ſeiner Stirn und mit ihrer holden Stimme den Dämon von dem Haupte ihres Vaters fort. Aber ſie konnte nicht immer neben ihm ſein! Nicht immer war ſie da, dieſe finſtern Geiſter zu bannen, welche ihn umlagerten, und ihn aus dieſen furchtbaren Träumen zu wecken, welche ihn marterten und plagten. Einmal, während die kleine nheni beſchäftigt war, ihr Schweſterchen anzukleiden, füllte ſich das Zimmer plötzlich mit erſtickendem Rauch, und als ſie in die Küche ſtürzte, um nach der Urſache dieſer un⸗ gewöhnlichen Erſcheinung zu ſehen, fand ſie dort ihren Vater. Er ſtand mit ineinander verſchränkten Armen und blickte auf die Rauchſäule hin, die von dem Heerde emporſtieg und ſeine Züge trugen einen ſtolzen trium⸗ phirenden Ausdruck. Auf dem Heerde aber waren ſeidene Kleider, Blumen, Shawls, Hüte und Bänder in buntem Gemiſch zu einem Scheiterhaufen aufge⸗ ſchichtet, aus welchem jetzt eben helle Flammen em⸗ porſchlugen und die weißen Rauchwolken durch⸗ leuchteten. Vater, was thuſt Du, rief Antonie entſetzt. Er ſah ſie triumphirend an und zeigte auf die Flammen. Ich mache mich frei von dem Geſpenſt, was mich verfolgt, ſagte er. Jede Nacht ſind dieſe Kleider, dieſe Hüte und dieſe Blumen aus ihren Schränken hervor und an mein Bett gekommen, und ſie alle trugen Karolinens Geſicht und lächelten mir zu, und winkten mir, ihnen zu folgen. Oh Du denkſt, dieſe Kleider ſind nur Kleider, aber Du irrſt, Antonie. Ich weiß es beſſer. In jedem Kleide hat ſich mein junges Weib verſteckt, aus dieſen Hüten 73 ſchaut ſie hervor, oh, oh, ich ſehe ſie überall, ſie läßt mir Tag und Nacht keine Ruhe. Sie peinigt und plagt mich mit ihren Blicken, ihrem Anſchauen, ihrem Lächeln. Aber ich will Ruhe haben! Und ſiehſt Du, darum verbrenne ich ſie! Oh, wenn ſie verbrannt iſt, kann ſie nicht mehr aus ihrem Grabe hervorſteigen, um mich zu plagen! Verbrenne alſo, Karoline, ver⸗ brenne! Und er ſchürte mit einer eiſernen Zange in den brennenden Stoffen umher, daß die Flammen hoch emporſchlugen, und ſein bleiches verzerrtes Antlitz im Feuerſchein leuchtete. Antonie rang die Hände und murmelte unwill⸗ kürlich: Oh mein Gott, er iſt wahnſinnig! Aber ſo leiſe ſie auch geſprochen, er hatte ſie dennoch gehört. Wahnſinnig! ſchrie er, indem die Zange ſeinen Händen entſank und er wie betäubt zurücktaumelte. Wahnſinnig, ſagſt Du? Wer iſt wahnſinnig? Ich nicht! Oh, Niemand wird ſagen können, daß ich es bin! Ich bin ein armer, ſtiller, gehorſamer Mann. Und wenn das Kriegsgericht ſagt:„gehe hin und bitte Den, der Dich beleidigt hat, um Verzeihung,“ ſo gehe ich hin und thue es, denn ich bin ein guter Chriſt und halte dem, der mich ſchlug, auch noch die 74 andere Wange dar! Du ſiehſt alſo, Antonie, ich bin ein ganz vernünftiger Mann, und nicht wahr, mein Kind, Du wirſt nicht hingehen, und Deinen alten Vater verrathen, und ihn dieſen fürchterlichen Leuten ausliefern, welche gegen die armen traurigen Seelen ſo grauſam ſind, und ſie plagen mit ihrem Spott und ihrem Hohn, und ihre Glieder in Feſſeln ſchlagen⸗ und ihnen die Arme einſchnüren. Oh, oh, mein Kind, Du weißt nicht, wie uns dieſe Menſchen quälen, wenn ſie ſagen, daß ſie uns geſund machen wollen. Er ſah ſich angſtvoll um, und ſpähete in alle Winkel hinein, dann athmete er erleichtert auf, und ſagte mit einem fröhlichen Lachen: Nein, nein, mich ſollt Ihr nicht wieder einfangen! Ich bin in meinem Hauſe, bei meinen Kindern, und ich bin ein ſehr ver⸗ nünftiger Mann. Niemand kann ſagen, daß ich wahnſinnig bin! Antonie, willſt Du's ſagen? Willſt Du Deinen eigenen Vater verrathen? Das Kind warf ſich laut weinend in ſeine Arme. Nein, mein Vater, niemals will ich das! Er hob ihren Kopf von ſeiner Bruſt empor und ſah ihr feſt in die Augen. Du willſt zu Niemand ſagen, daß ich wahnſinnig ſei? Du willſt mich nicht in dieſes furchtbare Gefängniß bringen, das ſie die Charits 75 nennen, und in dem weder Gott noch Menſchen Barmherzigkeit üben? ODh, Du willſt Deinen armen alten Vater nicht zur Hölle verdammen, nicht wahr, mein Kind? Vater, ach Vater, ſprich nicht ſo! ſchluchzte das „Kind, ihre Arme um ſeinen Nacken ſchlingend. Weißt Du denn nicht, wie ich Dich liebe? Ich bin ein armes, verlaſſenes Kind! Wer ſollte mich wohl lieb hahen, wenn Du nicht mehr bei mir wärſt? Er küßte ihre Stirne und ihr lockiges Haar. Ich will Dich lieben, Antonie, wie meinen Engel, ich will Dir gehorchen, wie meiner Königin, ich will Dir dienen, als wäre ich Dein Sclave, nur ſage nie⸗ mals wieder, mein Kind, nein, ſage niemals, daß ich wahnſinnig bin! —h ——————— IX. Der Word. WMirſem erſten Sturm, dieſer erſten fürchterlichen Entdeckung der wiedergekehrten Krankheit folgten in⸗ deß mehrere Wochen der Ruhe und des Friedens. Es ſchien, als ob der arme geängſtigte Mann ſich von einer drückenden Laſt befreit fühlte, ſeit er die Klei⸗ dungsſtücke Karolinens verbrannt hatte. Er fühlte. ſich nicht mehr beunruhigt von ihren Blicken, ſie um⸗ tanzte ihn nicht mehr Nachts mit ihren rauſchenden, ſeidenen Gewändern, ſie legte nicht mehr ihr mit Blumen geſchmücktes Haupt auf ſein Lager, ſie kam auch nicht mehr mit dieſem roſa Seidenhute, der ihr ſo gut ſtand, und mit dieſem türkiſchen Shawl, der ihre ſchlanke Geſtalt ganz einhüllte, in ſein Zimmer. ——————————— 77 Er hatte das Alles verbrannt; ſie hatte nun Ruhe im Grabe, und er hatte Ruhe auf Erden! Antonie war noch zu jung, um ängſtlichen Vor⸗ ahnungen und bangem Fürchten Raum geben zu können. Sie ſah ihres Vaters Stirn unbewölkt, er lachte und ſcherzte, wie in glücklichen Tagen, er be⸗ ſchäftigte ſich Stundenlang in ſeinem Zimmer mit ernſten, wiſſenſchaftlichen Studien. Er war alſo ge⸗ ſund und ſie durfte nicht ſorgen um ihn.. Es waren einige ſchöne, glückliche Tage, die ſie jetzt verlebten. Liebe und Friede ſtrahlte von ihren Geſichtern, und kein Mißlaut ſtörte die ſtille Har⸗ monie dieſer glücklichen Häuslichkeit, welche das elf⸗ jährige Kind mit dem Ernſt einer erfahrenen Haus⸗ frau leitete und ordnete. Aber ſie hatte auch ihre Stunden, in denen ſie ganz wieder das Kind war, welches mit tändelnder Luſt des Glückes der Stunde genießt, und in ſinnigem Spiel ſich die Wirklichkeit mit phantaſtiſchen Träumen verklärt! Dann ward der Vater zum Kinde mit dem Kinde, und durch die ſonſt ſo ſtillen Räume ſchallte ihr fröhliches Lachen, ₰ in welches die kleine Marie von ihrem Bettchen aus lallend mit einſtimmte. Zu andern Stunden ſah man das ſinnige kleine Mädchen wieder ernſt über ihre Bücher geneigt, e — und eifrig damit beſchäftigt, die Aufgaben zu löſen, welche ihre Lehrer, die ſie zum Entzücken ihres Va⸗ ters als ein Wunder von Fleiß und— prieſen, ihr geſtellt. Aber weshalb ſtudirſt Du nur ſo eifrig? fragte ihr Vater einmal, nachdem er ihr lange ſchweigend zugeſchaut und endlich eine Art Eiferſucht empfand auf dieſe todten Bücher, welche ihm ſo lange ihrem Blick entzogen. Weshalb, mein Kind, lernſt Du ſo viel und ſtrengſt Deinen lieben Kopf ſo übermäßig an? Das Kind ſchlug ihre großen ernſten Augen langſam zu ihm empor. Papa, ſagte ſie, ich habe viel zu thun! Ich lerne ja für Zweie! Für Zweie? fragte er verwundert. Sie nickte lächelnd mit dem Kopfe. Für mich und für mein Schweſterchen! Denn Alles, was ich jetzt lerne, werde ich ſie einſt lehren! Oh, Papa, ich habe mir wohl ein Ziel geſetzt, ich will ſo viel lernen, daß meine kleine Marie keinen andern Lehrer bedarf, als mich allein! Siehſt Du, Papa, dann bringe ich Dir das Geld wieder ein, was ich Dir jetzt koſte, und meine kleine Marie wird mich doppelt lieb haben, wenn ich nicht blos ihre Schweſter, ſon⸗ dern auch ihre Lehrerin bin! Begreifſt Du nun, Vater, warum ich ſo fleißig ſein muß? Ich begreife es! ſagte er nach einer langen Pauſe, in welcher er mit gerunzelter Stirne vor ſich hingeſtarrt. Dann ſtand er auf und einen finſtern zornigen Blick auf die kleine Marie werfend, welche an der Erde ſpielte, begab er ſich in ſein Gemach. Wäre Antonie weniger jung, weniger unbefan⸗ gen geweſen, ſo würde es ihr aufgefallen ſein, daß ihr Vater ſeit dieſer letten Unterredung ſeltſam ernſt und in ſich gekehrt erſchien, daß er ſchweigſamer, wie ſonſt, und dann ſich zuweilen zu einer unnatürlichen fieberhaften Heiterkeit aufzuraffen ſtrebte, die ſeltſam contraſtirte zu ſeiner finſtern Stirn und ſeinen zu⸗ ſammengezogenen Augenbrauen. Oft ſtand er lange mit ineinander gefaltenen Armen vor dem Bettchen der kleinen Marie, und betrachtete ſie mit ſo wilden, durchbohrenden Blicken, daß das ſchlummernde Kind angſtvoll im Schlaf zu⸗ ſammenzuckte und leiſe zu wimmern begann.— An⸗ tonie, welche, wenn das Kind ſchlief, mit ihren Stu⸗ dien beſchäftigt war, glaubte ganz freudenvoll, es ſei nur die Vaterzärtlichkeit, die ihn an das Bett der Kleinen feſſele. Sie ſah nicht dieſen Blick voll Haß und Wuth, ſie hörte auch nicht, wie er leiſe zwiſchen den Zähnen mur⸗ melte: Um ihretwillen quält ſich Antonie, um ihret⸗ willen lernt ſie Tag und Nacht, und hat kein Wort — — —— 80 und keinen Blick für ihren Vater! Ah, nicht genug, daß dieſes Kind mich immer an meine entſetzliche Vergangenheit erinnert, will es mir auch noch die Gegenwart vergiften, und mir meine Antonie ſtehlen. Verdammt ſei dies unglückſelige Kind! Antonie, wie geſagt, bemerkte dies Alles nicht, und wie hätte dies Kinderherz voll Unſchuld und Frieden die Stürme und die finſtern Gedanken ahnen können, welche die Seele ihres armen kranken Vaters bewegten? Einmal, wie ſie in der Zeit, in welcher ihr Schweſterchen ſchlief, wieder eifrig mit ihren Büchern und mit dem Erlernen ihrer Aufgaben beſchäftigt war, ſtand ihr Vater lange, von ihr unbemerkt, in der offenen Thür, die zu ſeinem Zimmer führte, und ſah Antonie an mit Blicken voll unendlicher Zärt⸗ lichkeit. Dann flüſterte er ſeufzend: Sie lernt zu viel! Sie wird krank werden! Ja, ja, ſie lernt zu viel, und immer für dieſes Kind! In dieſem Augenblick begann die kleine Marie in ihrem Bettchen ſich zu regen. Antonie warf einen angſtvollen Blick zu ihr hinüber und ſagte halblaut: Schlafe noch, mein ſüßes Schweſterchen, ſchlafe! Denn, ſiehſt Du, ich habe noch dieſe franzöſiſche Ueberſetzung zu machen, und hundert Vocabeln zu lernen. Schlafe, Mariechen! Aber das erwachte Kind reckte ſich laut ſchreiend in ſeinem Bettchen empor, und Antoniens ſanfte Stimme beſchwichtigte es nicht. Sofort eilte der Major zu der Wiege hin, und hob das Kind empor. Antonie ſtand ſchon neben ihm und ſtreckte die Arme aus, die Kleine zu empfangen! Ihr Vater wehrte ſie ſanft zurück. Du haſt zu arbeiten, Antonie, ſagte er. Arbeite nur ruhig weiter, mein Kind. Ich werde die kleine Marie mit in mein Zimmer nehmen, und ſie bei mir behalten, bis Du fertig biſt. Mit dem Kinde im Arm durchſchritt er eilig das Gemach, und begab ſich in ſein Zimmer, deſſen Thüre er hinter ſich in's Schloß fallen ließ. Antonie blickte ihm mit zärtlichem Lächeln nach. Wie gut und liebevoll er iſt! flüſterte ſie. Er ſchließt die Thüre, damit ich nicht geſtört werden ſoll. Er ſpielt in ſeinem Zimmer mit der Kleinen, damit ich arbeiten kann! Nun wohl, ſo will ich auch die Zeit benutzen und recht fleißig ſein! und die kleine Antonie begab ſich wieder an die Arbeit und ſaß, das liebliche ſinnende Antlitz über ihre Bü⸗ 6 6b e — 82 cher geneigt, in ihrem einſamen ſtillen Zimmer. Nichts regte ſich um ſie her, kein Ton unterbrach die Stille. Auch in dem Zimmer des Vaters war jetzt Alles ſtill. Das Kind, deſſen ängſtliches Weinen anfangs ihre Aufmerkſamkeit geſtört, ſchien jetzt auch beruhigt zu ſein, denn Antonie hörte es nicht mehr. Aber was war dies? Welch ein ſchriller angſt⸗ voller Kinderſchrei unterbrach plötzlich dieſe tiefe Stille? Was war dies für ein lautes triumphirendes Lachen? War dies ihr Schweſterchen, welches ſo angſtvoll geſchrieen, war das ihr Vater, welcher ſo entſetzlich gelacht? Antonie ſtürzte zu der Thüre hin, aber dieſe war verſchloſſen. Was bedeutete dies? Pötzlich hörte ſie auf der Treppe den eiligen Schritt mehrerer Menſchen, verworrenes Geſchrei drang an ihr Ohr, es kam näher und näher. Sie hörte deutlich Worte des Zorns und der Verwün⸗ ſchungen, ſie hörte den Namen ihres Vaters mit hef⸗ tigen Aeußerungen der Wuth und Verachtung aus⸗ ſprechen. Und jetzt hörte ſie dieſe fremden Menſchen mit lautem rückſichtsloſen Gepolter an ihres Vaters Thüre pochen, und faſt gebieteriſch Einlaß begehren. Eine namenloſe, unerklärliche Angſt überkam das arme zitternde Kind. Sie hatte ein Gefühl, als 83 müſſe ſie entfliehen, in irgend einem Winkel ſich ber⸗ gen und ſchützen vor dieſen fremden zornigen Men⸗ ſchen! Aber dies dauerte nicht lange; Antonie hatte eine ſtarke Seele, und das frühgereifte Weib in ihr überwand die Angſtſchauer des Kindes. Sie fühlte wieder den Muth in ſich, dem Unglück in's Auge zu ſchauen, und dem Entſetzlichen, was kommen konnte, eine tapfere Stirn zu zeigen. Sie eilte nach der Thür, welche auf den Flur führte, und trat hinaus. Aber die Leute waren jetzt ſchon durch die gebffnete Thüre in ihres Vaters Zim⸗ mer eingedrungen, ſie vernahm von dort ihr Geſchrei und ihr wüthendes Drohen. Sie ſah Andere die Treppe heraufkommen mit Gensd'armen an ihrer Spitze. ——— — Das Kind wand ſich mühſam durch das immer ſich mehrende Menſchengewühl vor der Thüre ihres Vaters hindurch und trat in das Gemach ein. Auch dies war mit Menſchen gefüllt, aber ſie ſtanden an den Wänden umher, und hatten in der Mitte einen Raum frei gelaſſen. Antonie drängte ſich durch die Menge hindurch und trat in dieſen Raum ein. Da ſtand ihr Vater in der Mitte deſſelben, und auf ihn waren alle die entſetzten und zornigen Blicke dieſer 6* ——— — 84 Menſchen gerichtet. Er ſtand ſtolz aufgerichtet da, den entblößten Degen in der Hand haltend, und ihn drohend gegen Jeden richtend, der ſich ihm nähern wollte. Sein Geſicht war ſtrahlend und freudenvoll, und um ſeine Lippen zuckte ein ſtolzes triumphirendes Lächeln. Aber was war dies, was da auf dem Tiſche ag? Dieſe blutige dampfende Maſſe, dieſes zuckende Etwas, das kaum noch eine menſchliche Form ver⸗ rieth, was war dies? Antonie ſtarrte es an mit weitgeffneten Augen, und jetzt ſtieß ſie einen lauten durchdringenden Schrei aus und ſank faſt beſinnungs⸗ los neben dem Tiſche zuſammen. Sie hatte dieſes Kleidchen und dieſe blutgetränkte kleine Haube erkannt — dieſe blutige Maſſe, dieſes geheimnißvolle ſchauer⸗ liche Etwas,— es war ihr kleines Schweſterchen, es war das Kind, welches ſie ihrer Mutter geſchwo⸗ ren zu bewahren und zu behüten mit Mutterzärtlich⸗ keit und Sorgfalt! Es lag da, zerſchellt, und mit zerſchlagenem Haupte, das Geſicht zerbrochen und zerſchmettert von dem harten Straßenpflaſter, auf welches es von der Höhe war herniedergeſchmettert worden, es war nur noch eine lebloſe Maſſe, ein ſchaudererregendes Nichts! Der Major, immer ſeinen Degen drohend vor ſich ausſtreckend, trat zu Antonien hin und richtete ſie mit zärtlicher Sorgfalt vom Boden auf, und ſein Geſicht ſtrahlte von Glück und Zufriedenheit. Weine nicht, Antonie, ſagte er, weine nicht, denn Du wirſt jetzt ſehr glücklich ſein. Du biſt nicht mehr gezwungen, zu arbeiten und Dich zu mühen, und ſtundenlang Deinem Vater Dein Antlitz zu ent⸗ zichen. Oh ſei heiter und glücklich, mein Kind, den Du kannſt jetzt wieder tanzen und luſtig ſein, Du brauchſt nicht mehr zu arbeiten, denn ich habe dieſes ſchreiende Kind ſtill gemacht, ja, ja, ich habe den kleinen Plagegeiſt fortgeſchafft! Und er brach in ein ſo lautes Triumphgeſchrei aus, daß die empörten Menſchen trotz ſeiner drohen⸗ den Waffe mit geballten Fäuſten und wüthendem B Geſchrei auf ihn eindrangen. 2 Der Erſte, der mich anrührt, iſt des Todes! rief der Major, indem er die blinkende Waffe wild über ſeinem Haupte ſchwang. Aber jetzt theilte ſich der Kreis der Zuſchauer und die Diener des Geſetzes im Geleite bewaffneter Gensd'armen traten herein. Sie achteten nicht der Waffe, welche der Major in immer wilderen Kreiſen über ſeinem Haupte ſchwang, indem er ſchwur, Jeden zu tödten, der ſich ihm nahe. Sie fielen ih erſchrocken in den Arm und entwanden ihm die Wa 86 Jetzt näherte ſich ihm der herbeigerufene Com⸗ miſſarius und legte feierlich die Hand auf ſeine Schulter. Herr Major Preſter! Im ne des Geſetzes verhafte ich Sie als den Mörder Ihres eigenen Kindes! Er ſchüttelte heftig den Kopf und ſagte mit einem höhniſchen Lachen: Meines eigenen Kindes! Antonie iſt mein eigenes Kind! Antonie allein! Folgen Sie uns! befahl der Commiſſarius mit ſtrengem Ton. 8 Wohin? Ins Gefängniß! Antonie, welche bis jetzt halb ohnmächtig ſich an die Bruſt ihres Vaters angeklammert hatte, richtete ſich jetzt mit einem Wehegeſchrei empor. Sie wollen meinen armen Vater in's Gefängniß führen? fragte ſie, indem ſie ihr ſchmerzlich zuckende Antlitz den Männern des Gerichts zuwandte. Es iſt unſere Pflicht, denn über ſeiner grauſigen That waltet kein Zweifel. Er hat am lichten Tage aus dieſem Fenſter ſein Kind drei Stockwerke hinab auf die Straße geſchleudert. Die Menſchen auf der haben es geſehen. Er iſt der Mörder! 87 Ja, wir haben es geſehen, er iſt der Mörder! rief die Menge mit grauſamem Frohlocken. Folgen Sie uns in's Gefängniß, mein Herr! Der alte Major zuckte wie vernichtet zuſammen. Dieſe unnatürliche Spannkraft ſeiner Glieder ließ plötzlich nach, ſein vorher ſo ſtolzes Haupt ſank jetzt matt und ſchwankend auf ſeine Bruſt, und ein krank⸗ haftes Zucken ſchüttelte ſeine ganze herkuliſche Geſtalt. In's Gefängniß, murmelte er mit dumpfem Ton. Was habe ich denn gethan, daß man mich in's Ge⸗ fängniß führen will? Sie haben Ihr Kind ermordet! Fort mit Ihnen! Und die Gensd'armen legten Hand an ihn. Aber jetzt warf ſich Antonie mit aller Angſt und Verzweiflung der Liebe ihnen entgegen. Rührt ihn nicht an! Er ſoll nicht in's Gefäng⸗ niß! Er iſt krank! Mein Gott, mein Gott„ ſeht Ihr denn nicht, daß er wahnſinnig iſt? Wahnſinnig? Wahnſinnig! riefen Alle, wie aus Einem Munde. Es war gleichſam ein Zauberwort, welches den Sturm beſchwichtigte und dämpfte. Die neugierigen Zuſchauer drängten ſich mit ſcheuer Amngſtu der Thüre zu, ſelbſt die Gensd'armen ließen einen 8 — — 88 blick ihre Hände von den Armen des Majors gleiten und traten ſcheu einen Blick zurück. Eine momentane Pauſe trat ein, dann rief einer aus der Menge: Wenn er wahnſinnig iſt, ſo bringt ihn nach der Charité. Laßt uns einen Arzt holen, der ihn unterſucht! ſchrie ein Anderer. Und mit jener dienſtgeſchäftigen, freudigen Be⸗ reitwilligkeit, welche die Menſchen immer dann be⸗ weiſen, wenn es gilt, einen ihrer Mitbrüder dem Arm der rächenden Gerechtigkeit zu überliefern, eilten ſofort Einige aus der Menge die Treppe hinunter, um aus der nahen Charits einen Arzt herbeizurufen. Der Major hatte einen Augenblick wie betäubt von dem furchtbaren Schlag, der ihn getroffen, da geſtanden. Jetzt richtete er ſich empor und ſein Antlitz flammte von Zorn und wildem Schmerz. Wehe über mich! Wehe! kreiſchte er laut. Mein eigenes Kind hat mich verrathen! Mein eigenes Kind iſt es, die mich meinen Henkern ausgeliefert hat! Antonie war zu ſeinen Füßen niedergeſunken, und umklammerte ſeine Knie. Vater, vergieb mir! Ich liebe Dich ja ſo unaus⸗ prechlch! Ich wollte Dich retten, darum verrieth ich unſer furchtbares Geheimniß! Oh Vater, vergieb mir, denn wenn ich Dich verrieth, ſo geſchah es aus Liebe, aus Angſt um Dich! Sage Si daß Du mir vergiebſt mein Vater! Er ſchleuderte ſie mit dem ʒuße von ſich. Nie⸗ mals werde ich Dir vergeben! Niemals! ſchrie er in⸗ grimmig. So lange ich lebe, werde ich Dir fluchen, und jeder Schrei, den ſie mir auspreſſen, wird ein Fluch gegen Dich ſein! Und wenn ſie mich foltern mit ihren Zwangsjacken und ihren Douchen, und wenn ſie mich brennen und martern, ſo werde ich unter allen meinen Qualen immer noch die Kraft finden, Dir zu fluchen, und Gottes Zorn auf das entartete Kind herabzu⸗ rufen, welches ſeinen eigenen Vater verrieth! Antonie lag noch immer am Bodenz ſie bewegte ſich nicht, aber ſie hatte das bleiche Antlitz zu ihrem Vater empor gerichtet, und ſtarrte ihn mit entſetzten, thränenloſen Augen an. Dieſer ſtumme, verzweiflungsvolle Schmerz rührte ſelbſt die neugierigen Zuſchauer. Einige Weiber tra⸗ ten aus dem dichtgedrängten Kreiſe hervor, und näher⸗ ten ſich dem hingeſunkenen Kinde, indem ſie mitlei⸗ dige Worte des Troſtes ſprachen, und das junge W chen aufzurichten bemüht waren. Antonie richtete ſich empor, aber nur, um zu ihrem Vater hinzueilen, nur, um dieſe Leute anzuflehen, daß ſie nicht ſo grauſam ſein möchten ihm die Hände zu binden und ihn zu feſſeln, wie ſie es eben beab⸗ ſichtigt hatten. Aber wenn er wirklich wahnſinnig iſt, fragten ſie, wer bürgt uns dafür, daß ihn nicht abermals die Wuth überfällt, und er einen von uns mit der Kraft des Wahnſinns erwürgt? Ich bürge dafür! ſagte das junge Mädchen feier⸗ lich. Er hat mir geflucht, und Gottes Zorn auf mich herabgerufen, aber ich weiß, daß er mich dennoch liebt, und daß meine Stimme Gewalt hat über ſeine arme, irrende Seele! Er wird Niemanden ein Leides zufügen! Jetzt entſtand ein Gemurmel unter den Zu⸗ ſchauern, die Maſſen zertheilten ſich, und der aus der Charité herbeigerufene Arzt der Irrenabtheilung trat herein. Der Major richtete auf ihn einen Blick des Entſetzens, dann ſank er laut ächzend zuſammen. Oh, ſagte der Arzt mit ſeinem traurigen und mitleidigen Lächeln, wir ſind alte Bekannte! Er war einſt drei Jahre ein Gaſt in unſerm Hauſe des Elends! Ja, ja, mein armer Major, jetzt ſind wir wieder ſo ————————————————————— weit, wie wir damals waren. Der Kreislauf iſt durch⸗ laufen, und wir ſind wieder auf demſelben Punkte angelangt, und müſſen auf's Neue nach dem bischen Vernunft ſuchen, das ſich wieder in irgend einem Winkel Ihres Gehirns verſteckt hat! Kommen Sie! Der Major richtete ſich mechaniſch empor. Die Stimme des wohlbekannten, gefürchteten Arztes be⸗ herrſchte ihn mit magiſcher Gewalt. Willenlos folgte er ihm. Antonie warf ſich laut ſchluchzend in ſeine Arme und klammerte ſich mit ängſtlicher Zärtlichkeit an ihn. Vater, Vater, Du wirſt mich ſo nicht verlaſſen! Du wirſt nicht gehen, ohne mich zu ſegnen, ohne mir zu ſagen, daß Du mich noch liebſt! Daß Du Mit⸗ leid mit mir haben, und an mich denken willſt! Er ſah mit einem träumeriſchen Lächeln zu ihr nieder, und flüſterte: Armes Kind! Wer wird Dich nun lieben, wenn ich nicht mehr bei Dir bin? Folgen Sie mir, und ſogleich! befahl der Arzt. Der Major machte ſich mit ängſtlicher Haſt von den Armen ſeines Kindes frei! Du ſiehſt, ich muß gehen! murmelte er. Die Menge zertheilte ſich, um einen Durchgang zu öffnen; der Arzt ſchritt ſtolz voran, der Major folgte ihm demüthig und unterwürfig, wie der Hund 92 ſeinem Herrn. So ſchritten ſie die Treppen hinunter, zur Straße hinab zu dem bereitſtehenden Wagen. Die Menge ſtürzte mit lautem— ihnen nach, die Treppe hinab. Das vorher ſo belebte und geräuſchvolle Gemach war jetzt wieder öde und ſtill. Gleich den Raben, welche ihrer Beute folgen, waren die Menſchen davon geſtürzt. Niemand hatte an dieſes verlaſſene, in To⸗ desqual zitternde Kind gedacht, Niemand war geblie⸗ ben, um ſich ihrer zu erbarmen! Doch! Eine war ge⸗ blieben von all dieſen neugierigen, nach Schreckniſſen und Unheil lüſternen Frauen! Eine ſtolze, hochge⸗ wachſene Frauengeſtalt in glänzenden, ſeidenen Ge⸗ wändern, und das Antlitz verhüllt mit einem Schleier, der von einem purpurrothen Seidenhut herniederfiel. Dieſe Frau ſtand hinter der geöffneten Thür, und blickte vorſichtig hinter derſelben hervor in das Ge⸗ mach und auf das knieende Kind. Wie ſeltſam con traſtirte ihre glänzende Toilette gegen dieſe ſchwei⸗ gende, düſtere Umgebung, wie wehe thaten den thrä— nengefüllten Augen dieſe leuchtenden und glänzenden Farben, in welche ſie gekleidet war! Vielleicht wußte ſie das, und es war nur deshalb, daß ſie ſich ver⸗ barg! Antonie lag auf ihren Knieen, mit pin — Haupte. Aber dieſes furchtbare Schweigen um ſie her weckte ſie aus der wohlthuenden Betäubung des übermäßigen Schmerzes. Sie ſah mit ſcheuem, ſu⸗ chenden Blick um ſich, und dann ſich ihrer troſtloſen Verlaſſenheit und Einſamkeit bewußt werdend, rang ſie ihre Hände zu Gott empor, und rief mit herzzerrei⸗ ßendem Jammerton: Mein Gott, mein Gott! Wer wird ſich meiner erbarmen? Wer wird Mitleid haben mit der armen verlaſſenen Waiſe? Ich! ſagte die verſchleierte Frau, welche jetzt raſch in das Zimmer getreten war, und dem am Boden liegenden Kinde die Hand darreichte. Ich werde für Dich ſorgen, und Dir eine Mutter ſein!. Antonie blickte ſie ohne Scheu und Erſchrecken an. In den großen Momenten des Lebens erſcheint Alles natürlich und gar nicht des Verwunderns werth. Wer biſt Du? fragte das junge Mädchen ruhig. Die Fremde ſchlug den Schleier zurück und ließ An⸗ tonien ihr etwas ermattetes, von urſprünglicher Schön⸗ heit zeugendes Antlitz ſehen, über deſſen bleiche einge⸗ fallenen Wangen die Schminke einen röthlichen ver⸗ hüllenden Schleier gelegt. Kennſt Du mich nicht Antonie? fragte die Fremde mit ſeltſam zitternder Stimme. 94 Das Kind ſchüttelte ſchweigend den Kopf. Oh ich glaub's wohl! ſagte die Fremde mit einem kurzen, rauhen Lachen. Ich habe mich ſehr verän⸗ dert, ſeit wir uns nicht geſehen! Damals war ich jung und ſchön, und Du warſt wie ein kleiner vom Him⸗ mel heruntergeflatterter Engel! Ich kniete Abends vor Deinem Bettchen, und lehrte Dich beten! Oh, das iſt lange her! Ich fürchte, wir haben ſeitdem Beide das Beten verlernt! Tante Andrea! rief das junge Mädchen plötzlich mit aufflammender Erinnerung, indem ſie, ihrem erſten Impulſe nachgebend, die Arme ausſtreckte, um die Fremde zu umarmen. Dann aber trat ſie ſcheu einen Schritt zurück und ließ die Arme ſinken. Oh, ich verſtehe! rief die Fremde wieder mit ihrem kurzen, ſpöttiſchen Lachen. Man hat Dein klei⸗ nes Herz gegen Tante Andrea eingenommen, und Dein Vater hat mich nicht blos verleugnet, ſondern auch verleumdet! Nun, die Tante Andrea iſt nicht ſo ſchlimm, wie man ſie Dir geſchildert hat, und wenn ich auch wirklich mich von einem jungen Arzt ent⸗ führen ließ, ſo hindert das doch nicht, daß ich nach⸗ her ſeine ehrſame Frau werden konnte! Und das bin ich! Du ſiehſt in mir eine ganz ehrſame Frau Doc⸗ torin, Antonie! Folge mir alſo ohne Scheu, mein 95 Kind. Mein Mann und ich wollen an Dir die größte Kur machen, und die bedeutendſte Heilmethode an Dir üben. Wir wollen Dich kuriren von Deiner traurigen Vergangenheit, und unſere Heilmethode ſoll die Liebe und das Glück ſein! Trockne Deine Augen Antonie, und folge mir! Du haſt genug geweint, jetzt ſollſt Du das Lachen lernen, und zu einem Leben voll Luſt und Freude will ich Dir die Wege zeigen! Folge mir. Antonie hatte nicht den Muth ſich zu widerſetzen, ſie ſagte nur ſchüchtern: aber was wird Papa ſagen? Muß ich ihm nicht anzeigen, wohin ich gehe, und darf ich dieſe Wohnung verlaſſen? Tante Andrea lachte laut: Mein Kind, ſagte ſie, Du biſt erſtaunt unſchuldig und naiv mit Deinen Fragen! Was Dein Papa ſagen wird? Er iſt entwe⸗ der ein Wahnſinniger oder ein Mörder, und in bei⸗ den Fällen kommt alſo auf ſein Wort nichts an. Und was nun dieſe Wohnung anbelangt, ſo würde man Dich ſehr bald zwingen, ſie zu verlaſſen, wenn Du es nicht freiwillig thäteſt. Die Gerichte werden ſo⸗ gleich kommen, zu verſiegeln, und der Executor, um auf das Inventarium in meinem Namen Beſchlag zu legen! In Deinem Namen? fragte das Kind erſtaunt. —— 96 Dh, Du warſt die Wirtſchafterin Deines Vaters, aber ich finde, daß Du ſehr wenig Beſcheid weißt mit ſeiner Wirthſchaft, ſagte Tante Andrea. Du weißt wohl nicht, daß Dein Vater alle ſeine Sachen, ſeine Meubles, ſeine Bücher und ſein weniges Sil⸗ bergeräth an Wucherer und Trödler verkauft und ver⸗ ſchrieben hat, um für den Erlös ſeiner Tochter in den Spielhäuſern ein ungeheures Vermögen zuſammen zu ſcharren! Nun, er hat Alles verſpielt, der zärtliche Vater, und ich habe alle ſeine Verſchreibungen einge⸗ löſt. Alles, was Du hier ſiehſt, gehört daher mir, und auch Du, Antonie gehörſt mir, denn ich bin Dei⸗ nes Vaters Schweſter, und die Gerichte werden es ſehr edel und uneigennützig finden, wenn ich ihnen die Sorge und die Koſten Deiner Erziehung erſpare! Folge mir! Tante Andrea wird fortan Deine Mutter 4 ſein! Zweites Buch. — — — — — = — — — = — — — — l. Antonie. Da Carry'ſche Erziehungs⸗Inſtitut in Dresden nimmt unter den Penſionen für junge Damen den⸗ ſelben Rang ein, den das Blochmann'ſche Juſtitut für Knaben ſeit manchem Jahrzehnt behauptet hat. Beide Inſtitute ſind theuer genug, um es den weni⸗ ger Bemittelten verſchloſſen zu halten, und diejenigen Aeltern, welche ihre Töchter demſelben übergeben, haben daher wenigſtens die Garantie, daß ihre Kinder vor ſolchen Bekanntſchaften bewahrt werden, welche man ſpäter zu desavouiren genöthigt wäre, Bekanntſchaften mit Töchtern armer Aeltern, die entweder dem ge— ringen Beamtenſtande, oder gar der Bourgeviſie an⸗ gehören.— Der theure Penſions⸗Preis des Carry'⸗ ſhen Inſtitutes, wie geſagt, bewahrt die Aeltern vor 1 6 100 ſolcher möglichen Compromittirung ihrer Töchter und man iſt gewiß, dort im Allgemeinen nur noble, oder — was den Mangel der noblen Geburt mindeſtens auszugleichen vermag— nur reiche Mädchen zu finden! Indeß gibt es keine Regeln ohne Ausnahmen, und es kann kommen, daß dennoch zuweilen irgend eine nur„Wohlgeborne“ ſich unter dieſe Hoch⸗ und Hochwohlgebornen miſcht, und daß die Tochter des reichen Banquiers neben der Tochter wenig bemit⸗ telter Leute ſitzt. Denn das Gold hat dieſe ein we⸗ nig demokratiſche Eigenſchaft, daß es eben ſo ſehr glänzt, wenn es auch nicht in der Hand des Grafen, ſondern nur in der Hand des Bourgevis oder des Arbeiters ſich befindet, und daß es gleich ſehr leuch⸗ tet, ob eine Bettlerin, oder eine Fürſtin es darbietet! Herr Carry iſt daher nicht alle Mal im Stande das Eindringen„Unberechtigter“ zu vermeiden und das Darbieten der nöthigen Penſionsgelder muß zuweilen als Erſatz für den Mangel an Geburt und geſell⸗ ſchaftlicher Stellung gelten.— Augenblicklich befanden ſich in dem Penſionat zwei junge Mädchen, bei welchen dieſer Mangel offenbar ſtattfand, und obwohl man nicht wußte, welchem Stande ſie Beide angehörten, war man doch gewiß, ——,— ſtattfindenden Prüfungen hatte Antonie faſt immer 101 6 daß derſelbe ein wenig untergeordneter Art ſein müßte, weil Beide es vermieden von ihren Angehörigen zu ſprechen, und weil man dieſelben niemals im Penſio⸗ nat geſehen, ſei es, um ihre Kinder zu beſuchen, ſei es, um dieſelben zur Zeit der Ferien in ihre Heimath abzuholen, wie dies bei Vielen der übrigen jungen Damen geſchah. Mariane und Antonie aber hatten, ſeit den vier Jahren, welche ſie dort waren, die Penſion niemals verlaſſen, und niemals waren ihre Anverwandten ge⸗ kommen, ſie zu beſuchen. Aber für Beide war die Penſion mit äußerſter Pünktlichkeit bezahlt worden, indem die Gelder jedes Mal von Briefen begleitet geweſen, die mit unleſerlicher Hand und in ſchlechtem Deutſch geſchrieben, wenigſtens verriethen, daß die Aeltern der jungen Mädchen vielleicht nicht den ge⸗ bildeten Ständen angehören möchten. Vielleicht wußte Herr Carry etwas Näheres über ihre Geburt, aber er beobachtete darüber ein unverbrüchliches Schwei gen und begegnete den beiden jungen Mädchen mit derſelben Freundlichkeit und Zuvorkommenheit, wie den übrigen jungen Damen des Penſionats. Beide zeichneten ſich übrigens eben ſo ſehr durch Schön⸗ heit als durch Lernbegierde aus, und in den jährlich 102 die erſten, und Mariane die zweiten Preiſe bekom⸗ men. Beide hatten alsdann ihre erzürnten und neidiſchen Gefährtinnen damit getröſtet, daß ſie Beide einen verdoppelten Fleiß auf ihre Studien zu ver⸗ wenden hätten, weil ihre Armuth ſie nöthige der⸗ einſt von dem Erlernten zu ihrem Lebensunterhalt Gebrauch zu machen, während die übrigen jungen Damen nur aus Freude und Lernbegierde, nicht aber aus Nothwendigkeit den Studien ihre Zeit gewidmet. Dies war allerdings ein beruhigender Balſam für die verletzte Eitelkeit der vornehmen und reichen jungen Mädchen des Penſionats geweſen, und ihre ganze Rache beſtand darin, daß ſie die beiden jungen Preis⸗ heldinnen mit dem Beinamen, die Gouvernanten be⸗ ehrten und ſie mit ein wenig geringſchätzender und wohlwollender Freundlichkeit behandelten. Indeß waren die Studienjahre der beiden jun⸗ gen Mädchen, die Beide faſt zur ſelben Zeit in das Penſionat gekommen, jetzt vollendet, und mit den heute beginnenden großen Herbſtferien ſollten ſie Beide, gleich mehreren andern jungen Damen das Haus ver⸗ laſſen, und in ihre Heimath zurückkehren.— Die großen Herbſtferien waren allemal gewiſſer⸗ maßen der große Entleerungsprozeß des Inſtituts, welcher die alten Elemente ausſchied und ſie durch 103 Freundſchaften zerriß, indem man ſchwur, ſie für das ganze Leben zu bewahren, und ſie halb doch ſchon vergeſſen hatte, wenn man die Schwelle dieſes Hau⸗ ſes überſchritt. Jedenfalls aber war dieſer letzte Tag vor dem Beginn der großen Ferien immer ein Tag der empfindſamſten Betheuerungen, der feurigſten Schwüre, und der innigſten Liebesheucheleien. Man hatte nichts mehr zu thun als ſeine Hab⸗ ſeligkeiten zu packen, von ſeinen Freundinnen Abſchied zu nehmen, und auf den Wagen zu warten, welcher das Gepäck und deſſen Beſitzerinnen zu den verſchie⸗ denen Eiſenbahnen entführen ſollte. Dieſe Zeit des Wartens konnte man gewiß nicht beſſer ausfüllen, als indem man Arm in Arm mit ſeinen Freundin⸗ nen in den großen, hinter dem Hauſe befindlichen Garten hinabſtieg, und die dichteſten Alleen aufſuchte, um unbelauſcht die letzten vertraulichen Mittheilungen, die letzten Freundſchaftsverſicherungen mit einander auszutauſchen. In einer Allee dieſes Gartens ſah man auch Antonie, eine der„Gouvernantinnen.“ Sie war in⸗ deß allein, ihr Antlitz von ernſter und milder Schön⸗ heit zeigte heute einen trüben und ſchwermüthigen neue ergänzte, und in einem Moment langjährige Ausdruck, und ihre großen dunkelblauen Augen waren 104 von Thränen umdüſtert. Da ſie, wie geſagt, allein war, hatte ſie nicht nöthig dieſelben zu verbergen, und indem ſie immer tiefer in die einſameren und dichte⸗ ren Partieen des Gartens ſich verlor, überließ ſie ſich dieſer Traurigkeit und dieſen Thränen, welche ihrem armen beängſteten Herzen eine Erleichterung ſchienen. 3 Plötzlich fragte eine tiefe und traurige Stimme neben ihr: weshalb weinen Sie, Antonie? Das junge Mädchen hatte nicht nöthig ſich um⸗ zuwenden, um zu wiſſen, wer an ſie dieſe Frage ge⸗ richtet. Sie kannte nur allzugut dieſe Stimme und wenn ſie ſich in dieſe entfernteren Partieen des Gar⸗ tens zurückgezogen, ſo war es vielleicht in der un⸗ beſtimmten Hoffnung geſchehen, dieſem jungen Manne zu begegnen, der jetzt hochathmend und bleich, wie ſie ſelber, an ihrer Seite ging. Weshalb weinen Sie, Antonie? wiederholte der junge Mann, indem er leiſe ihre Hand in die ſeine legte. Antonie antwortete nicht, aber ihre Thränen floſſen reichlicher, und der junge Mann, welcher viel⸗ leicht dieſe Sprache ihrer Thränen verſtand und zu ſeinen Gunſten deutete, lächelte mit einem eigenthüm⸗ — 105 lichen Ausdruck ſtolzer Zuverſicht und glücklichen Triumphes. Ich verlaſſe, gleich Ihnen, heute die Penſions⸗ Anſtalt, ſagte er kurz. Sie ſah ihn betroffen und fragend an und ihre Thränen begannen zu ſtocken.— Wohin gehen Sie? fragte ſie leiſe. Ich gehe, gleich Ihnen nach Berlin! ſagte er, und als ihr Antlitz ſich mit Purpurröthe bedeckte, und ihre Augen leuchteten in ſeliger Freude, ſchloß, er das junge Mädchen feſt in ſeine Arme und be⸗ deckte ihr erröthendes Antlitz mit glühenden Küſſen. Du liebſt mich alſo, Antonie? fragte er. Du haſt alſo begriffen, meine holde und ſchöne Geliebte, daß wir Beide fortan unzertrennlich ſind, und daß, wenn Du nach Berlin gehſt, die ganz natürliche Folge davon iſt, daß es mich mit magnetiſchen Banden auch dorthin zieht; daß ich Dir folgen muß, wäre auch gewiß dort nur Unheil und Verzweiflung für mich zu finden?. Antonie ſah ihn entſetzt and angſtvoll an. Mein Gott, ſagte ſie, auch Sie fürchten alſo dieſes Berlin, und dennoch wollen Sie dahin gehen? Nein, Alexander, bleihen Sie hier! Verlaſſen Sie nicht dieſes Haus, des Ihnen wenigſtens eine Zuflucht bietet gegen 106 Sorge und Noth, das Ihnen Anerkennung und Be⸗ ſchäftigung gewährt, eine Beſchäftigung, die es uns vielleicht einmal möglich machen wird, unſer armes, zerriſſenes und getrenntes Daſein zu einem einzigen, ſchönen und ſonnenhellen Tage des Glückes zu ver⸗ einigen, und in ſtiller, beſcheidener Zurückgezogenheit ein Leben der Liebe, des Friedens und der ſeligen Genügſamkeit zu feiern. Und indem Antonie mit einem unausſprechlichen Ausdruck ihre Hand auf die Schulter des jungen Mannes legte, fuhr ſie fort: Sie fragten mich vor⸗ her, ob ich Sie liebe, Alexander! Aber es bedarf kei⸗ ner Antwort darauf, denn Sie wiſſen es lange ſchon, mit welcher treuen und tiefen Neigung ich Ihnen angehöre, Sie wiſſen, daß Sie dieſer armen, verlaſ⸗ ſenen Waiſe von Gott geſandt worden, um ihr Herz zu tröſten, und es zu kräftigen mit dem Gedanken, daß auch für ſie das Glück dereinſt eine Wahrheit werden könne, und daß diejenigen Gott läſtern, welche an ihrer Zukunft verzweifeln. Es gab eine Zeit, Alexander, in der ich, ſo jung ich war, doch vom Himmel nichts Anderes erflehete, als den Tod, und in welcher ich Diejenigen beneidete, welche man in dieſe weiche Erde hinabſenkte, die mindeſtens die bren⸗ nenden Schmerzen meines armen Herzens vp 107 haben würde! Aber, Dank ſei es Ihnen, Alexan⸗ der, dieſe Zeit iſt vorüber und wenn ich jetzt in die Zukunft blicke, ſo geſchieht es mit Freude und Zu⸗ verſicht, und in dem ſtolzen Glauben, daß Gott mich dazu auserleſen, Ihnen durch meine feſte und treue Liebe mindeſtens einen Widerſchein jenes Glückes zu geben, deſſen ich ſelbſt durch Ihre Liebe theilhaftig geworden, und Ihnen in grenzenloſer Ergebenheit und Dankbarkeit mein ganzes Leben zu weihen! Dankbarkeit! rief Alexander faſt vorwurfsvoll, Du haſt mir nicht zu danken, Antonie, und was die Ergebenheit anbetrifft, ſo wirſt Du mich immer als Deinen ergebenen und treuen Sclaven finden, der nichts will, und nichts wünſcht, als Deine Zufrieden⸗ heit, und nichts Höheres und Schöneres zu erſtreben vermag, als Deinen Beſitz! Sie nickte ihm lächelnd zu! Sie bleiben alſo hier? fragte ſie ſchmeichelnd. Sie fügen ſich, gleich mir darin, dieſe kurze Zeit der Trennung mit Geduld zu ertragen, und ſich, wie ich auf dieſe herrliche Zeit des Wiederſehens zu vertröſten? Denn Sie müſſen wiſſen, mein Geliebter, daß dieſe Zeit des Wieder⸗ ſehens vielleicht nicht ſo fern iſt, als Sie glauben! Bleiben Sie alſo, Alexander, bleiben Sie, denn ich werde zu Ihnen zurückkehren. Herr Carry hat mir eine Stelle als Gouvernante in der Penſion ange⸗ boͤten, und ich werde, wenn meine Anverwandten mit mir einverſtanden ſind, alſo zu Oſtern hierher zurück⸗ kehren. Wir werden dann täglich zuſammen ſein, Alexander, wir werden einander ermuthigen zur Ar⸗ beit, tröſten zun Ausharren, erheitern durch unſere ge⸗ genſeitige Nähe, und wenn uns unſer Beruf ein wenig ſchwer und bedrückend ſcheint, ſo werden wir uns er⸗ innern, daß eines Tages, wenn wir genug gearbeitet,. und folglich genug erübrigt haben, wir uns in irgend ein ſtilles Landhäuschen zurückziehen werden, um un⸗ ſer Leben hinzubringen, wie es die Glücklichen thun, träumend und lächelnd und des Himmels gewiß! Der junge Mann ſchüttelte heftig ſein dunkles Locken⸗ haupt und ſeine Stirn verfinſterte ſich. Nein, nein, murmelte er leiſe, es iſt nicht möglich, daß Sie ernſt⸗ lich ſprechen, Antonie, es iſt nicht möglich, daß Sie ſich und mich zu dieſem Leben der Sclaverei, der Armuth und Dienſtbarkeit verdammen wollen, daß Sie uns verurtheilen wollen, gleich den Galeeren⸗ ſclaven an dieſe unzerreißbare Kette des Elends und der Sclaverei geſchmiedet zu ſein, und vom Tage nichts weiter zu verlangen, als daß er beendigt ſei, von der Nacht, daß ſie uns einen ewigen Schlaf bringen möge, damit ihr kein neuer Tag der Demü⸗ 109 thigungen und der erniedrigenden Arbeit folgen möge! Nein, nein, Antonie! Sie dürfen, Sie ſollen nicht Gouvernante werden! Ach, der Gedanke könnte mich raſend machen! Sie mit Ihrer weichen, ſchönen Seele, mit dieſem ſo zärtlichen, ſo demuthsvollem Herzen, Sie eine Gouvernante, eine Sclavin der Launen Ihres Dienſtherren, das Spielzeug Ihrer Schülerin⸗ nen, das verachtete Laſtthier Ihrer ganzen Umgebung, über welches man lacht, wenn es ſeufzend unter ſei⸗ nen ihm aufgebürdeten Pflichten zuſammenbricht, und welches man von ſeiner Schwelle jagt, wenn eines Tages in dieſem béte de souffeance das Gefühl ſei⸗ ner Menſchenwürde ſich erzürnt, und es verlangt, daß man ihm nicht blos Pflichten auferlegt, ſondern auch Pflichten gegen daſſelbe übte! Ach, zu denken, daß Sie eine Gouvernante werden ſollten, daß die⸗ ſes junge Mädchen von achtzehn Jahren ihrem Geſchlecht entſagen ſollte, um ſich in irgend eine Gra⸗ matik, irgend ein Vocabulaire umzuwandeln, und ſich einzuwickeln in das ſteife Conceptpapier der lang⸗ weiligſten Gelehrſamkeit, einer Gelehrſamkeit, welche mit dem avois beginnt und mit der vierten Sorte der unregelmäßigen Conjugationen ihre Endſchaft er⸗ reicht! Nein, Antonie, Sie ſollen ein junges Mäd⸗ chen, ein Weib werden, aber keine Gouvernante! Denn eine Gouvernante iſt kein Weib, oder vielmehr Niemand betrachtet ſie als eine ſolche! Niemand denkt daran Ihr Zartgefühl oder ihre kleinen weibli⸗ chen Schwächen zu ſchonen, und ihr die Zerſtreuun⸗ gen und die Freuden ihres Alters zu verſchaffen! Mein Gott, eine Gouvernante, welche nicht blos leh⸗ ren und arbeiten, ſondern auch leben, und genießen will, welch ein Unſinn, eine lächerliche Prätenſion wäre dies, und wo würde ſich ein junger Mann fin⸗ den, der gutmüthig und albern genug wäre, zum Beiſpiel auf einem Balle mit einer Gouvernante zu tanzen, wenn noch andere Damen, freie Geſchöpfe Gottes, keine Sclavinnen da ſind! Ich verlange auch gar nicht zu tanzen, außer mit Ihnen, ſagte Antonie lächelnd, und dann wäre es mir immer noch lieber, wenn wir nicht auf einem Baolle, ſondern auf irgend einem Grasplatze oder einer Wieſe tanzten. Uebrigens, mein Freund, ſehen Sie das Leben einer Gouvernante mit allzugehäſſigen Au⸗ gen an, und ich denke, es hat auch ſeine Freuden, und ſeine Belohnungen, wenn man nur genügſam iſt und beſcheidenen Herzens! Der junge Mann ſtampfte heftig mit dem Fuß auf den Boden, und ſeine Lippen zitterten vor ge⸗ waltiger Erregung. 111 Weshalb aber ſollen wir genügſam ſein, und be⸗ ſcheidenen Herzens? Weshalb ſollen wir uns beugen in Niedrigkeit und Schmach? Hat nicht Gott die Welt ſo ſchön geſchaffen, damit wir Alle ſie genießen, hat er nicht dieſelben Gefühle der Ehre, der Liebe, der Ruhmſucht und des Glückes in die Bruſt des Armen ſo wie des Reichen gelegt, hat er uns Alle nicht gleichberechtigt geboren werden laſſen? Und Sie wollen, daß wir uns ohne Murren darein ergeben ſollen, zu den Ausgeſtoßenen, den Paria's der Ge⸗ ſellſchaft zu gehören, das heißt, unſer Leben in Ar⸗ muth und Dienſtbarkeit hinzubringen? Niemals, An⸗ tonie, niemals! Ach, Sie wiſſen nicht, was ich ge⸗ duldet, wie ich gelitten, wie oft ich mit dem feſten Vorſatz gerungen habe, einem Daſein ein Ende zu machen, welches von dem Schickſal verflucht und gebrandmarkt worden! denn ein Armer iſt zugleich ein Gebrandmarkter und die niedrige Geburt iſt ein Fluch, an dem wir unſer ganzes Leben hindurch zu leiden haben! Sie lächeln, Antonie, Sie ſchütteln ungläu⸗ big mit dem Kopfe! Das macht, Sie kennen die Welt nicht, armes, geliebtes Kind, Sie haben nicht, wie ich, Gelegenheit gefunden, die Menſchen zu beob⸗ achten, und zu ſehen, wie klein und erbärmlich ſie in ihren Vorurtheilen und in dem, was ſie den Anſtand 112 ſich zeigen! Ich, ich weiß es! Oh, was Alles habe ich nicht erfahren, und geduldet, Antonie! Wie oft hat nicht eine glühende Schamröthe meine Wan⸗ gen bedeckt, wenn ich dieſe vornehmen Damen, deren Söhne ich zu unterrichten kam, mich kaum eines Grußes würdigten, oder mit nachläſſiger Ungenirtheit es gar nicht einmal der Mühe werth hielten auf die⸗ ſen armen, bezahlten Lehrer irgend eine Rückſicht zu nehmen. Einmal kam ich in das Haus einer Grä⸗ fin, deren Sohn ich zu unterrichten hatte. Man gab an dieſem Abend in dem gräflichen Hotel einen Ball, aber da man mich nicht nach den einzelnen Stunden ſondern nach Monaten bezahlte, ſo wollte man nicht dieſe Stunde ausfallen laſſen, für welche man jeden⸗ falls doch das Honorar entrichten mußte! Da man indeß das Zimmer des jungen Grafen dieſen Abend auch als Geſellſchaftszimmer benutzen wollte, ſollte der Unterricht dies Mal in dem Zimmer der jungen Comteſſe ſtattfinden. Dahin alſo begab ich mich mit meinem Schüler. Seine Schweſter war eben bei ihrer Toilette begriffen, und obwohl ſie in einem der reizendſten und, verzeihen Sie, Antonie, der verrätheriſcheſten Negligess ſich befand, ſo ließ ſie durch unſer Kommen doch nicht im Mindeſten ſich in ihren Beſchäftigungen ſtören, ſondern ließ ſich ihr 113 — Haar von dem Friſeur ordnen, ihre Füße v Zofe mit den weißen Atlasſchuhen bekleiden, als ob kein indiscretes Auge ſie beobachten könne. Plötzlich kam die Gräfin Mutter in's Zimmer, und dieſe ſelt⸗ ſame Scene ſchien dennoch ihro Gräfliche Gnaden ein wenig zu überraſchen! Sie winkte ihre Tochter in das nächſte Zimmer, und machte ihr dort ziemlich heftige Vorwürfe über ihre Unziemlichkeit. Die junge Comteſſe indeß erwiderte mit einem ſpöttiſchen Lachen: aber, Mama, es war ja Niemand im Zimmer! Denn unmöglich kannſt Du verlangen, daß ich dieſes be⸗ zahlte, gelehrte Subject als einen Mann betrachten ſoll! Du genirſt Dich doch nicht vor Jocko, Deinem Affen, Mama, und noch geſtern durfte er Dich ſo⸗ gar in's Bad begleiten! Nun, dieſer Monſieur da iſt auch ein Affe, nur daß er ſehr langweilige und gelehrte Kunſtſtücke macht, während Jener außeror⸗ dentlich beluſtigend iſt, und daß er ſich für ſein ge⸗ lehrtes Radſchlagen ganz gehörig bezahlen läßt, an⸗ ſtatt, daß Jocko es ganz uneigennützig aus reiner Liebe zur Kunſt vollbringt““ Abſcheulich! ſagte Antonie leiſe. Wie roh und wie hochmüthig zu gleicher Zeit! Sie nennen das abſcheulich, Antonie, aber ich verſichere Sie, daß die Gräfin es für ein köſtliches Bomnot hielt, und von ganzem Herzen über ihre witzige Tochter lachte! Wir Beide hatten das ganze Geſpräch gehört, und was wollen Sie, Antonie, ich fand die Kraft in mir, in das aufrichtige Gelächter meines Schülers einzuſtimmen, und meine Wuth und meine Qual unter dem Anſchein der Fröhlichkeit zu verbergen!— Es fand, wie ich ſchon ſagte, an die⸗ ſem Abend ein Ball in dem Hauſe ſtatt, und die Gräfin, welche ohne Zweifel mich entſchädigen wollte für den grauſamen Scherz ihrer Tochter, ladete mich ein, an dem Balle Theil zu nehmen. Sie nahmen es nicht an, hoffe ich? Ich nahm es an, denn mein Herz bäumte ſich in Zorn und Rachedurſt, und ich ſchwur mir, an dieſem ſelben Abend noch Rache zu nehmen! Ich ging daher auf den Ball! Ich wußte nicht, was ich wollte; nur ſo viel war mir klar, daß ich dieſes übermüthige junge Mädchen beſchimpfen und die Beleidigung mit einer Beleidigung vergelten wollte! Ich näherte mich ihr daher, und forderte ſie zum Tanz auf. Sie maß mich mit einem kalten, verächtlichen Blick und wandte mir den Rücken. Ich aber hielt ſie zurück. Gnä⸗ dige Comteſſe, ſagte ich mit lauter Stimme, weshalb ollen Sie nicht mit mir tanzen! Ich bin nicht ſo anmaßend, wie Jocko, ich verlange nicht, daß Sie ₰ r. mich ins Bad mit ſich führen ſollen, ich bitte ja nur um einen Tanz, bei dem ſich Ihre ſchönen Füße, und dieſe vollen runden Beine, die Sie mich heute ſchon ſo lange bewundern ließen, ganz vortrefflich ausnehmen werden! Das war eine grauſame Rache, Alexander! Meinen Sie, Antonie! Sie fiel indeß auf mich zurück, denn als Alle wüthend auf mich einſtürmten, als der Bruder der Comteſſe mit hochgehobener Hand mir gegenüber trat, indem er ſchwur, mich zu ſtrafen für dieſen, ſeiner Schweſter angethaenen Schimpf, da hielt die Comteſſe ſeine Hand zurück und gebot Allen mit klarer, nicht einmal von Aufre⸗ gung zitternder Stimme, Ruhe und Schweigen! Als⸗ dann ſagte ſie: weshalb willſt Du Dich erzürnen, mein Bruder? Wie kann denn ein ſolcher Menſch uns beleidigen? Wir ſelber haben uns allein beleidigt, indem wir Jemand erlaubten, unſere Zimmer zu be⸗ treten, der ſo ganz außer unſerer Geſellſchaft ſteht. Ein Menſch, welchem wir nur das Recht geben in unſere Nähe zu kommen, indem wir ihm jedes Wort, welches er mit uns ſprechen darf, bezahlen! Ein ſolches Individuum iſt ganz sans consequence und . 2 ſeine Worte beleidigen mich ſo wenig, als das Zähne⸗ fletſchen Jocko's! Sind dieſe Thiere unartig, ſo jener Stunde nicht bei Ihnen ſein, warum konnte ich läßt man ſie entweder die Peitſche fühlen, oder man wirft ſie zur Thüre hinaus, das iſt Alles! Und in⸗ dem ſie ſo ſprach reichte ſie einem der Herren den Arm, und ging mit einem kalten, zerſchmetternden Lächeln an mir vorüber. Zu gleicher Zeit aber nahete ſich mir einer der Bedienten und brachte mir mit lauter Stimme den Befehl der Gräfin, ihr Haus zu verlaſſen. Ich ſchlug dieſen Menſchen nicht zu Bo⸗ den, Antonie, ich nahm ruhig aus ſeiner Hand mei⸗ nen mir dargereichten Hut, und verließ unter dem Hohngelächter dieſer ganzen ſo glänzenden, ſo vor⸗ nehmen Geſellſchaft, den Ballſaal! Aber in meiner einſamen und ärmlichen Dachkammer angekommen ſtürzte ich auf die Kniee nieder, indem ich mein Ge⸗ ſicht und meine Bruſt mit meinen Nägeln zerfleiſchte, und unter glühenden Thränen Gott bat, mich zu tödten, oder mir ein Mittel der Rache in die Hand zu geben! Armer, geliebter Alexander! rief Antonie mitleids⸗ voll, indem ſie mit einer großmüthigen Zartheit ſeine Hand ergriff und ſie faſt demüthig an ihre Lippen drückte. Armer Alexander! Warum konnte ich in Sie nicht tröſten, indem ich Sie daran erinnerle, wie hoch und erhaben Sie über dieſer kleinen Miſere ½ 417 des Lebens daſtehen, und wie erbärmlich und jammer⸗ voll dieſe Leute ſind, deren ganzer Werth in ihren vermoderten Ahnen beſteht, und deren ganzer, ſo lächerlicher und ungerechtfertigter Stolz darin liegt, drei kleine nichts ſagende Buchſtaben vor ihren Na⸗ men ſetzen zu können! Meinen Sie, Antonie! rief Alexander mit einem rauhen Lachen. Indeß ſind dieſe drei kleinen Buch⸗ ſtaben immer noch genügend, um Denen, welche ſie beſitzen, die Thüren zu Rang und Ehren zu öffnen, und ihnen die Wege des Ruhms und der Auszeich⸗ nung leicht zu machen, welche wir mit ſo viel Ge⸗ fahren, mit ſo viel Entbehrung und Noth betreten, und auf welchen wir oft, überwältigt von Anſtren⸗ gung und Arbeit zuſammenſinken, bevor wir noch das Ziel erreicht haben, nach welchem wir ſtreben! Nein, Antonie, dieſe drei kleinen Buchſtaben ſind immer noch der Schlüſſel zu dem großen Geheimniß des Emporkommens, und er öffnet mit Leichtigkeit Pfor⸗ ten, welche dem Niedriggeborenen immer verſchloſſen bleiben, wie viel Vorzüge er auch vor dem Andern voraus haben mag! Glauben Sie mir, Antonie, nicht eher kann die Welt glücklich, und die Menſch⸗ heit von ihren Banden befreit werden, als bis der Adel mit ſeinen, wie Sie ſagen, lächerlichen Vorur, ——— ——— —————— theilen ausgerottet iſt! Das wird die nächſte Revolu⸗ tion ſein, welche wir zu machen haben, daß wir die⸗ ſes Wort Von für immerdar abtödten, und die Menſchen zu ihrer wahren Würde erheben, da⸗ durch, daß wir ſie zu gleichberechtigten Kindern Gottes machen! Dies, Antonie, war die Auf⸗ gabe aller Revolutionsſtürme, welche jetzt die Welt durchzogen, und die eben in Spreu und Wind ſich auflöſen mußten, weil die Völker nicht verſtanden, was der Weltgeiſt zu ihnen ſprach, und weil ſie in dem kindiſchen Unverſtand ihres Herzens aus einer Tragödie einen Faſtnachtsſchwank machten! Ach, An⸗ tonie, ich verachte ſie, ja, von Grund meines Herzens verachte ich dieſe Demokraten, welche aus Schwer⸗ tern und Dolchen ſich Nürnberger Spielzeug gemacht und aus den höchſten Ideen nichts weiter ſchaffen konnten, als eine lächerliche Farce, eine beklagens⸗ werthe Parodie der franzöſiſchen Revolution!— Aber indem er ſich jetzt mit einem lauten und ſpöttiſchen Gelächter unterbrach, fuhr er fort: ſehen Sie, Antonie, wie ſchlecht und jammervoll dieſe Welt iſt, und was für beklagenswerthe Geſchöpfe die Po⸗ litik aus uns gemacht hat! Statt das Glück dieſer Stunde zu genießen, ſpreche ich zu Ihnen von Din⸗ gen, welche ſo gar nichts mit unſerer Liebe gemein 1¹9 haben und die Süße derſelben mit bitterm Wermuth vergällen! Aber dies Alles ſoll anders werden, Anto⸗ nie! Wir Beide wollen von heute ab den Staub der Erniedrigung von uns ſchütteln, und nicht mehr ſoll der Mann, den Sie lieben, ein gedehmüthigter, zu Boden gedrückter Sclave ſein, ſondern ein freier Menſch, der mit ſeiner ganzen Geiſteskraft nach Glück und Ruhm ringen will! Sie ſind alſo ganz entſchloſſen, Alexander? fragte Antonie ſeufzend. Sie wollen eine geſicherte Stelle, die, was Sie auch immer ſagen mögen, Ihnen Ehre, Anerkennung und Liebe gebracht hat, verlaſſen, um einer ungewiſſen, ſorgenvollen Zukunft, entgegen zu gehen? Bedenken Sie, mein Geliebter, daß Sie da⸗ mit nicht nur über Ihre, ſondern auch über meine Zukunft entſcheiden! Denn auch ich werde alsdann nicht hieher zurückkehren, wo ich Sie nicht mehr finde, ſondern ich werde in Berlin bei meiner Tante bleiben müſſen, und Gott weiß, was alsdann aus mir werden mag! Mein Weib, das ſoll aus Ihnen werden! ſagte Alerander, ſie feſt in ſeine Arme ſchließend. Glauben Sie mir, Antonie, dies iſt das einzige Ziel, nach welchem ich ſtrebe, und der Gedanke daran wird mir Muth und Troſt zur Arbeit, Kraft zum Siegen geben. Oh, ich will aus Dir ein glück⸗ liches, jauchzendes Weib machen, ich will Dich um⸗ geben mit Glanz und Pracht, ich will, daß Du es den ſtolzeſten Gräfinnen gleich thun ſollſt, daß Du, wie ſie nur in ſeidenen Gewändern erſcheinſt, daß Dein zarter Fuß niemals die harten Steine der Straße betreten ſoll! Antonie lachte mit der Ausgelaſſenheit eines Kin⸗ des. Sie ſind alſo gewiß, ſagte ſie, irgend einen ge⸗ heimen Schatz zu heben, und auf einmal ein Millio⸗ när zu werden? Ja, Antonie, ich bin deſſen gewiß, denn der Schatz ruht hier in meinem Kopfe, hier hinter dieſem kleinen engen Gitter meines Schädels, wo ſo viele Gedanken, ſo viele Plane, ſo viele Phantaſien auf und niederwogen! Ich weiß, daß ich zu Höherem berufen bin, als nur der Lehrer eines Penſionats zu ſein! Oh, ich werde etwas leiſten, Antonie, und die Welt ſoll von mir reden! Ich fühle, daß ich ein Dichter bin, Gott wird mir die Kraft geben, es zu beweiſen! Der Gedanke an Sie, und an den ſtolzen Triumph, den ich empfin⸗ den werde, wenn ich Sie mit den ſtolzeſten Gräfin⸗ nen wetteifern ſehe in Eleganz und Pracht, dieſer Ge⸗ danke wird mich zu einem Rieſen an Thatkraft machen! Sie ſind ehrgeizig, Alexander! Dies zeigt mir 35 121 wie wenig Sie mich lieben! Die Liebe bedarf ſo gar nicht des äußern Scheines, und der Glanz des Le⸗ bens hat nichts gemein mit ihr. Oh mein Gott, ich würde glücklich ſein, könnte ich fern von der Welt mit Ihnen in irgend einer ſtillen Hütte wohnen, Niemand zu Zeugen meines Glückes habend als Gott und die Natur, und keinen andern Glanz verlangend, als das Leuchten Ihrer Augen, Alexander! Sie ſind allzubeſcheiden, Antonie; dies iſt eine Zu⸗ kunft, welche mir nicht genügt; und nach der ich kein Verlangen trage! Ich fordere meinen Antheil an den Ehren dieſer Welt, und Du ſollſt ſie mit mir thei⸗ len, mein ſchönes, ſanftes Mädchen! Denke nicht, Antonie, daß dies Alles nur leere Worte, und hohle Phantaſieen ſind! Ich weiß, was ich will, und werde mein Ziel erreichen, ſei's auch nach manchen Kämpfen und auf beſchwerlichen Umwegen! Und werden wir uns nicht auf dieſen Umwegen verlieren, Alexander? Wird die arme, beſcheidene An⸗ tonie Ihnen noch genügen, wenn es Ihnen gelingt, groß und berühmt zu werden? Oh, vielleicht werden Sie alsdann finden, daß eine Gräfin eine viel ſchö⸗ nere Gemahlin für Sie ſei, als die arme Antonie, welche Ihnen nichts zu bieten hat als ihre Liebe, und ihr Leben! Unſinn, Unfinn! ſagte er faſt rauh! Ich, eine Gräfin lieben, ich, welcher dieſe Bevorzugten ſo ſehr haßt, und mit meinem eigenen Tod ſogar den ſtolzen Triumph erkaufen möchte, dieſe Excluſiven, welche ſich dünken von beſſerem Stoffe zu ſein, als wir, dieſe Adlichen und Hochgeſtellten unter die Füße zu treten! Oh, ich eine Gräfin lieben, während mein Herz nur erfüllt iſt von Haß und Rache! Ja, auch von Rache! Gräfin Eudora iſt in Berſnit Sir begreifen alſo, daß auch ich nach Berlin gehen muß, denn dieſes übermüthige Weib hat mich beſchimpft, und ich habe ſie noch nicht geſtraft! Mein Gott! Du willſt alſo dieſe thörigten und finſtern Gedanken immer noch nicht aufgeben? rief Antonie, indem ſie mit gefaltenen Händen und von Thränen umdüſterten Blicken ihren Geliebten an⸗ ſchaute. Du ſagſt, daß Du um meinetwillen nach Berlin gehen willſt, und doch geſchieht es nur, weil Du dort Rache üben willſt an dieſem übermüthigen Mädchen, welches Dich gekränkt hat! Ja, Rache, Rache! ſagte er zůhneknirſchend. Ich habe es mir geſchworen, als ich damals auf meinen Knieen lag, und in wilder Verzweiflung mir die Bruſt zerfleiſchte! Oh ich bin nur ein armer, geknech⸗ 123 teter Sohn des Volkes, und ſie iſt eine hochgeborne, reiche Gräfin; ich bin aus dem Staube und dem Elend hervorgegangen, aber ich will dieſe Gräfin in den Staub treten und ihren hochgebornen Namen be⸗ ſchimpfen, wie ſie mich beſchimpft hat! Mein Gott, mein Gott! er denkt, was er ſpricht! murmelte Antonie. Dieſer Haß iſt mächtiger als ſeine Liebe; und eine finſtere Ahnung ſagt mir, daß wir Beide daran zu Grunde gehen werden! Alexander lachte, aber es war ein rauhes, ſpötti⸗ ſches Lachen, welches das Herz des jungen Mäd⸗ chens nur noch tiefer verletzte. In dieſem Augen⸗ blick vernahm man das Geräuſch ſich nähernder Schritte und mehrere, in Geſpräch begriffene Stm men wurden ganz in ihrer Nähe hörbar. Alexander faßte die Hand Antoniens und drückte ſie haſtig an ſeine Lippen. Lebewohl, Geliebte! In Berlin ſehen wir uns wieder. Ich kann Dir nicht den Tag und die Stunde ſagen, aber Du wirſt mich erwarten, und ich weiß, wo ich Dich zu finden habe! Und bevor Antonie Zeit zu einer Erwiederung fand, war er im Dickicht des Gebüſches verſchwunden. Das junge Mädchen ſah ihm mit traurigen Blicken nach und ein paar Thränen rannen langſam über ihre Wangen nieder. Der Haß iſt mächtiger 124 in ihm, als die Liebe, wiederholte ſie leiſe. Ich werde daran zu Grunde gehen, und er wird mich ſeinem Haſſe opfern! Und geſenkten Hauptes, in traurige Träume⸗ reien verloren, ging Antonie die Allee wieder hin⸗ auf, welche in das Haus führte. n. WMutter und Tochter. Di Perſonen, deren Annäherung Antonie und den jungen Mann verſcheucht hatten, waren indeß auf demſelben Platze angelangt, welchen die Beiden früher inne gehabt, und welcher, zufolge ſeiner Abgelegen⸗ heit und Stille ein ſehr geeigneter Ort zu geheimen Unterredungen zu ſein ſchien. Dieſe beiden Perſonen waren eine alte, ärmlich gekleidete Frau, deren ſon⸗ nenverbranntes Geſicht und gebräunte ſchwielige Hände zeigten, daß ſie ſehr wenig gewohnt ſei in behagli⸗ chen Zimmern ſich aufzuhalten, ſondern ſehr viel ge⸗ . arbeitet habe; während das zarte Geſicht und die durchſichtig weißen und kleinen Hände ihrer jungen Begleitrin, die Tochter der höhern und bevorzugten Stände zu verrathen ſchien. Aber dieſer Contraſt, welcher ſich im Aeußern dieſer beiden Perſonen zeigte, er offenbarte ſich noch ſchroffer und greller in ihren Zügen. Das Antlitz der alten Frau war tief bewegt, ihre Lippen zitterten, und ihre von Thränen umdü⸗ ſterten Blicke waren mit einem Ausdruck unausſprech⸗ licher Liebe auf das junge Mädchen gerichtet. Dieſe aber ſchien dieſe zärtliche Bewegung ihrer älteren Begleiterin nicht zu theilen; nicht eine Muskel ihres Geſichtes zuckte, vielmehr waren ihre Züge ernſt und ſtrenge, und der Blick mit welchem ſie den Augen der alten Frau begegnete war ein zürnender, faſt gehäſſiger. Du beſtehſt alſo darauf, ſagte ſie mit hartem, ſchneidenden Ton, Du beſtehſt alſo darauf, Dich als meine Mutter hier zu nennen? Mein Gott, rief die alte Frau ſchmerzlich, wie wäre es denn möglich, daß eine Mutter ihr Kind verleugnete. Das junge Mädchen brach in ein höhniſches Lachen aus. Du mich verleugnen! Wer denkt daran! ſagte ſie, und was für Gründe könnteſt Du dazu haben? Bin ich nicht jung, wohlgekleidet, gebildet? Beneiden mich nicht dieſe jungen vornehmen Damen, ſelbſt diejenigen, welche mich höhnend„die! ouver⸗ nante“ nennen, beneiden ſie mich dennoch Kicht um 127 mein Geſicht, welches ſie hübſch finden müſſen, ob⸗ wohl ich leider nicht eine hochgeborne Dame bin, ſondern zu meinem Un die Tochter einer armen Wäſcherin? Zu ihrem Unglück! ſeufzte die alte Frau, indem ſie traurig ihr Haupt auf ihre Bruſt ſenkte. Oh, jetzt begreife ich Alles, ſie ſchämt ſich ihrer Mutter! Dann, nach einer augenblicklichen Pauſe richtete ſie ihr Haupt wieder empor, und ſah ihre Tochter mit einem Ausdruck unbeſchreiblicher Zärtlichkeit an. Höre mich an, Mariane, ſagte ſie. Ach, wende Deine Augen nicht von mir, mein Kind, ich habe ſie ja in vier Jahren nicht geſehen! Mache mir dieſe Stunde des Wiederſehens, auf welche ich Jahre lang gehofft habe, und an die zu denken mir Troſt und Arbeits⸗ kraft gegeben, mache ſie mir nicht zu einer Stunde der Qual und Verzweiflung. Rein, ich fühle es, ich habe Dich mißverſtanden, ich that Dir Unrecht, indem ich glaubte, Du wollteſt Deine Mutter verleug⸗ nen! Ach, es kann ja nicht ſein, es wäre eine Unnatur! Gott hat uns an einander gewieſen, und wenn Du mich nicht liebſt, ſo wirſt Du Dich wenigſtens von mir lieben laſſen! Es iſt wahr, ich bin eine arme Frau, gine Wäſcherin, wie Du ſagſt! Meine Hände ſind ₰ und hart von der Arbeit, aber ſie ſind doch 128 ſtark genug geweſen, um für Dich zu arbeiten, Ma⸗ riane. Für Dich, das Kind meines Herzens, den einzigen Lichtſtrahl, welchen mir Gott gelaſſen, damit ich nicht in Nacht und Verzweiflung zu Grunde gehe! Oh wenn Du wüßteſt, wie köſtlich es iſt für ein Kind zu arbeiten, bei jeder Nacht, welche man durcharbeitet, bei jedem Stück Brod, welches man ſich entzieht, bei jeder Bequemlichkeit, welcher man entſagt, ſich ſagen zu können:„ich thue dieſes Alles für mein Kind. Ich thue es, damit meine Tochter nicht Noth leide, damit ſie niemals den Hunger, niemals die Noth kennen lerne!“ Wie freudig das macht zur Arbeit, wie heiter und glücklich im Ent⸗ behren! Sich ſagen zu können: je mehr ich arbeite, deſto mehr wird ſie lernen können, und je fleißiger ich meine Hände rühre, deſto fleißiger wird ſie ſein in ihren Büchern! Denn ich weiß, daß Du ein fleißi⸗ ges, gelehrtes Mädchen biſt, und die Zeugniſſe voller Lob und Zufriedenheit, welche mir der Herr Carty alle Vierteljahre ſchickte, ach ſie waren der ſchönſte und herrlichſte Lohn für all meine Mühe und Arbeit! Sie beſtätigten mir, daß ich Recht gethan, Dich nicht in Unwiſſenheit und Niedrigkeit aufzuziehen, ſondern aus Dir ein kluges, gelehrtes Mädchen zu machen, welches nicht in ſeinen Händen, ſondern i ſeinem 129 Kopfe die Mittel finden ſollte, ſich zu erhalten und zu ernähren! Siehſt Du, mein Kind, das war es, was ich mir ſagte, als vor Jahren ein furchtbares Unglück mich niederſchmetterte, ein Unglück welches mich ge⸗ tödtet haben würde, wenn ich nicht auf Dich geblickt hätte, Mariane. Aber Du warſt da, und es galt, für mein Kind zu arbeiten, und ihm eine Zukunft zu begründen! Ich verkaufte alle meine Sachen, alle dieſe kleinen Ueberflüſſigkeiten, welche mir einſt Freude gemacht, und indem ich mit meiner kleinen Tochter in die Dachkammer hinauf ſtieg, welche fortan meine Woh⸗ nung ſein ſollte, ſagte ich zu mir: ich werde einige Jahre entbehren und arbeiten, aber Mariane wird es mir eines Tages erſetzen, ich werde eine arme Wä⸗ ſcherin ſein, damit Mariane ein vornehmes und klu⸗ ges Mädchen iſt! So legte ich das Geld für meine verkauften Sachen als Capital für Dich an, und als Du ſo weit erwachſen warſt, um meinen Plan ausführen zu können, ſchickte ich Dich in dieſes Erziehungs⸗Inſti⸗ tut, von welchem eine vornehme Dame, bei welcher ich arbeitete, mir geſagt, daß es berühmt und vor⸗ nehm ſeil Das Geld reichte gerade aus, um Dir eine hübſche Garderobe zu kaufen, und für Dich drei 9 W 130 Jahre den Penſionsbetrag zu bezahlen! Oh, dieſe drei bezahlten Jahre gaben mir Zeit ſo viel zu er⸗ werben, daß ich auch das vierte Jahr für Dich be⸗ zahlen konnte! Es iſt wahr, ich mußte ſehr viel ar⸗ beiten, ſehr thätig ſein, um dieſe große Summe zu⸗ ſammenzubringen, aber Gott ſegnete meine Arbeit, und dann— eine Mutter bedarf für ſich ſelber ſo wenig, wenn ſie für ihr Kind arbeitet!— Das, ſagte die alte Frau hochathmend und mit einem rührenden Lächeln, das iſt die kurze Geſchichte meines Lebens! Ich frage Dich jetzt, mein Kind, ob ich wirklich recht verſtanden, ob Du es wirklich für ein Unglück hältſt, die Tochter einer armen Wäſcherin zu ſein? Mariane antwortete nicht ſogleich. Sie hatte mit vollkommen ruhigem Geſicht dieſe ſo einfache, ſo rührende Erzählung ihrer Mutter angehört, und nicht eine Muskel ihres Antlitzes hatte gezuckt, und nicht Einmal waren ihre großen, glühenden Augen von dem Schimmer einer Thräne umdüſtert worden! Sie war ſehr ſchön, aber es war die Schönheit einer Medea, und man erſchrak vor ihr, indem man ſie be⸗ wunderte. Du hätteſt beſſer gethan, ſagte ſie endlich mit harter Stimme, Du hätteſt beſſer gethan aus mir eine elende, erbärmliche Wäſcherin zu machen, wie — 131 Du ſelber es biſt, ſtatt mich zu einer Sphäre zu er⸗ heben, welche nicht die meine iſt, und dann mich wieder hinabzuſtoßen in den Schmutz und die Niedrig⸗ rigkeit Deines eigenen Lebens. Oh, ich könnte viel⸗ leicht vornehm, reich und glücklich werden, denn ich habe den Willen und die Kraft dazu, aber ich bin die Tochter einer Wäſcherin! Das iſt das Brandmal auf meiner Stirn, das iſt der Fluch, welcher über mein Leben ausgeſprochen, ein Fluch, welcher mich für immer aus dem Paradieſe vertreibt, und mich unſelig und verhöhnt durch die Welt jagen wird! Die alte Frau ſtieß einen einzigen, gellenden Schrei aus, und ſchlug ihre Hände mit einem herz⸗ zerreißenden Wehelaut vor ihr Angeſicht. Mariane achtete nicht darauf. Ihre Wangen glühten, ihre Augen ſchoſſen Blitze; wie die Göttin des Zornes und der Rache war ſie anzuſchauen! Mutter, Mutter, rief ſie, mit einer wilden Ge⸗ berde ihre Arme emporhebend, als wolle ſie einen Fluch über das ganze Leben dieſes armen, zitternden Weibes ſchleudern, Mutter, warum haſt Du nicht aus mir eine Magd gemacht, welche nichts weiter begehrt, als von dieſen vornehmen, hochgebornen Leuten getreten zu werden, und wie der demüthige Hund, nichts weiter will, als einen Winkel, um zu 9* 132 ruhen, und einen Knochen, um daran zu nagen! Vielleicht würden alsdann all dieſe Träume und Wünſche, welche mich jetzt verzehren, niemals in mir erwacht ſein, vielleicht wäre ich demüthig und zufrie⸗ den in meiner Niedrigkeit geweſen, wie Du es biſt! Indem Du mich dieſen ſtolzen, vornehmen Mädchen zugeſellteſt, und mich ihnen gleich ſtellteſt, haſt Du mir eine unheilbare Wunde geſchlagen, und indem Du jetzt kommſt mich als Deine Tochter einzufor⸗ dern, gießeſt Du Gift in dieſe Wunde, daß ſie um ſo furchtbarer brennt! Mariane, habe Erbarmen mit mir! tie ihre Mutter zitternd und ſchluchzend. Erbarmen? fragte ſie kalt. Haſt Du denn Er⸗ barmen mit mir? Weshalb biſt Du her gekommen, um mit Deiner armſeligen Erſcheinung mich dem Ge⸗ ſpött und Gelächter all dieſer übermüthigen, neidi⸗ ſchen Mädchen auszuſetzen? Weshalb haſt Du, welche im Schweiße Deines Angeſichtes jeden Groſchen erwerben muß, weshalb haſt Du dieſe thörigte und nutzloſe Ausgabe einer Reiſe gemacht um mich abzu⸗ holen? War' nicht genug, wenn ich zu Dir nach Berlin kam, wenn ich Dich aufſuchte in Deiner Dach⸗ kammer, und Deine Armuth und Niedrigkeit dort mit Dir theilte? Wozu dieſe Verſchwendung, frage ich? 133 Es iſt wahr, murmelte die alte Frau, Du haſt Recht! Es iſt eine Verſchwendung, und ich habe in mütterlicher Thorheit zu meinem Vergnügen dieſes Geld ausgegeben, welches ich doch für Dich erworben hatte! Aber bedenke mein Kind, es iſt ſeit vielen Jahren das erſte Mal, daß ich für mich ſelber Geld ausgegeben und mir ein Vergnügen bereitet habe! Es war ſehr eigennützig, Du haſt Recht, aber, was willſt Du, ich konnte die Zeit nicht mehr erwarten Dich zu ſehen! Zudem habe ich ſeit vielen Monaten mir einige Stunden des Schlafs entzogen, um deſto mehr zu arbeiten, damit ich dieſe Reiſe unternehmen könnte! Auch war die Ausgabe nicht ſo ſehr bedeu⸗ tend, denn ich arbeite ſeit Jahren bei einem der erſten Beamten der Eiſenbahn, und weil ich ihn darum bat, hat er ein wenig Rückſicht genommen auf eine arme Frau, welche ihre Tochter ſehen wollte! Auch das noch! rief Mariane. Du haſt gebet⸗ telt, um hieher zu kommen, Du haſt uns Beide be⸗ ſchimpft, um Deiner thörigten Neugierde Genüge zu thun! Es ſchien mir inzwiſchen ſo natürlich, ſagte die arme Frau ſchüchtern, ſo natürlich und einfach, daß eine Mutter ihr Kind zu ſich abhole! Abhole, und wohin? In eine elende Dachkam⸗ 134 mer, zu Noth und Armuth und täglichen Demüthi⸗ gungen, nicht wahr? Aber dies ſoll, dies kann nicht ſein!— Mit einer leidenſchaftlichen Bewegung die Hand ihrer Mutter ergreifend fuhr ſie fort: Zetzt, Mutter, ich flehe zu Dir, höre mich und habe Er⸗ barmen mit uns Beiden! Meine Zukunft, mein Glück liegt in Deiner Hand! Vielleicht kann es mir ge⸗ lingen, mein Ziel zu erreichen, das heißt, unabhängig, frei und reich zu werden, aber Du mußt mir dazu helfen, Mutter! Ja Du mußt mir helfen, damit, wenn ich dereinſt erreicht habe, was ich will, damit ich alsdann Dich lieben, Dich pflegen, Dich auf mei⸗ nen Händen tragen, und mit ewiger Dankbarkeit Dir lohnen kann! Als Mariane, mit ſüßer, einſchmeichelnder Stimme ſo ſprach, flog es wie ein Sonnenſtrahl über das Antlitz ihrer Mutter. Sage, ſage ſchnell, was ich thun ſoll! rief ſie mit zärtlicher Ungeduld. Mariane neigte ſich näher zu ihr hin. Sie küßte die zitternden Lippen ihrer Mutter, als wolle ſie mit dieſem Kuſſe ſie bezaubern und betäuben. Du mußt Dich verleugnen! flüſterte ſie. Du mußt Niemand ſagen, daß Du meine Mutter biſt, ſondern Du mußt Dich darſtellen als eine alte Die⸗ nerin meiner kranken Mutter, welche hergeſandt wor⸗ den, mich in die Heimath zu begleiten! Oh mein Gott, mein Gott, murmelte die alte Frau. Sie iſt grauſam und herzlos, wie ihr Vater! Mein Vater! rief Mariane. Du ſprichſt von meinem Vater! Wo iſt er, und was iſt er? Lebt er noch? Ich entſinne mich, daß Du als Kind mich jeden Abend niederknieen und für meinen Vater beten ließeſt! Damals alſo lebte er noch, und doch war er nicht bei Dir, und wenn ich Dich um ihn fragte, weinteſt Du? Mutter, ich beſchwöre Dich! Sage mir, lebt mein Vater? Ja! ſagte die alte Frau, und ihre Zähne ſchlu⸗ gen, wie im Fieberfroſt aufeinander. Wo iſt er? Wo? Und wie heißt er? Ich will ſeinen Namen wiſſen! Oh, eine Tochter hat wohl das Recht, den Namen ihres Vaters zu wiſſen! Ich ver⸗ lange es, ja, ich befehle es Dir, Mutter, ſage mir den Namen meines Vaters! Aber ihre Mutter richtete ſich plötzlich zürnend und hoch aus ihrer gebeugten Stellung empor. Das Uebermaß ihrer Schmerzen hatte ihr vielleicht die augenblickliche Kraft ſie zu bekämpfen gegeben. Schweig, rief ſie zürnend, ſchweig! Bete, daß Gott Dich demüthig mache, und fordere Dein Geſchick nicht heraus in Deinem thörigten Uebermuth! Du willſt den Namen Deines Vaters wiſſen? Niemals werde ich ihn Dir ſagen! Das habe ich mir mit einem heiligen Eide gelobt, und Du, danke Du Gott, wenn ich meinen Schwur erfülle! Das von ſo vielfachen Schmerzen und Aufre⸗ gungen erſchütterte Weib taumelte rückwärts und ſank kraftlos auf die Bank nieder, welche man um den Stamm einer Eiche angebracht hatte. Eine Pauſe trat ein. Selbſt Mariane fühlte ſich erſchüttert von der Wahrheit und Gewalt dieſes Schmerzes, und fand nicht den Muth noch ferner in ihre Mutter zu dringen, daß ſie ihr dieſes auf ihrem Vater ruhende Geheimniß enthülle. Aber ſie wollte mindeſtens Vortheile ziehen aus dieſer Weige⸗ rung ihrer Mutter. Nun wohl, ſagte ſie, ich gehorche Dir, und füge mich Deinem Willen, Mutter. Aber dafür wirſt auch Du mir gefällig ſein, nicht wahr? Dafür wirſt Du mir beiſtehen, und mir nicht hinderlich ſein auf mei⸗ nem Wege? Was verlangſt Du von mir, meine Tochter? fragte die alte Frau, bei welcher die Mutterzärtlich⸗ lichkeit ſchon wieder über den Zorn geſiegt hatte. Glaube mir, meine Mutter, ſagte Mariane und jetzt war ihre Stimme weich und zärtlich, glaube mir, daß ich ganz den Werth Deines edlen und großmüthigen Betragens gegen mich zu ermeſſen weiß, und daß es eines Tages mein innigſtes und heiligſtes Beſtreben ſein ſoll, Dir dafür dankbar zu ſein! Aber jetzt handelt es ſich darum das zu erlan⸗ gen, wonach Du für mich geſtrebt haſt, ich meine eine ehrenvolle und geachtete Stellung! Nun wohl, eine ſolche bietet ſich jetzt für mich dar. Eine Dame, welche ich während ihres Aufenthaltes hier in Dres⸗ den kennen lernte, und mit der ich damals eine Art Freundſchaft ſchloß, bietet mir jetzt eine Stelle als ihre Geſellſchafterin an, und ſo demüthigend und erbar⸗ menswerth eine ſolche Stelle auch immer iſt, ſo wäre damit wenigſtens für mich doch der erſte Schritt gethan, um in dieſe Welt und dieſe Geſellſchaft zu kommen, welche ich vielleicht nur deshalb ſo ſehr begehre, weil ſie mir ſo unerreichbar iſt, und weil meine niedrige Herkunft mir den Eintritt in dieſelbe zu verbieten ſcheint! Aber dieſe junge Gräfin, welche mich zu ſich ruft, iſt gleich ihrer Mutter, von einem unbezwing⸗ baren Stolz und ſie würde niemals darein willigen, ihre hochgräflichen Salons von dem Fuße einer Per⸗ ſon betreten zu laſſen, deren Mutter nur eine arme Frau aus dem Volke iſt! Ich habe ſie daher glauben gemacht, daß meine Mutter die Witwe eines höhern Officiers ſei, alt und kränklich und in ſehr dürftigen Umſtänden lebend, weshalb ich ſelber für meinen Un⸗ terhalt ſorgen müſſe. Gräfin von Schwanenkamp hat, wie geſagt, mir vorgeſchlagen, als die Geſell⸗ ſchafterin ihrer Tochter ihr Haus zu betreten, aber ſie würde mich mit Schmach und Schande fortjagen, wenn Du als meine Mutter zu mir kämſt, oder wenn ſie erführe, daß die arme, dürftig gekleidete Frau, welche mich aus der Penſion abgeholt, meine Mutter, und eine Wäſcherin ſei! Jammervolle, hochmüthige Menſchen! murmelte die alte Frau, indem ſie mit einer haſtigen Bewegung ihre Thränen trocknete. Ich würde es vorziehen mit dem niedrigſten Bettler der Straße zu leben, als mit dieſem hochmüthigen, ſtolzen Geſindel. Der Bettler hat mindeſtens ein Herz an der Stelle, auf welcher dieſe Leute nur ihren Stammbaum haben! Wo wohnt dieſe Gräfin? In Berlin! In Berlin! rief die Mutter freudig. In Berlin, ſagſt Du? Ich werde alſo nicht von Dir getrennt ſein? Ich werde Dich täglich ſehen, täglich ſprechen können? Ich ſagte Dir ſchon, Mutter, daß die Gräfin mich aus ihrem Hauſe verbannen wird, ſo wie ſie 139 erfährt, daß Du meine Mutter biſt! Aber horch, da ſchlägt die Hausglocke dreimal an! Das iſt das Zei⸗ chen, daß wir uns Alle in den großen Empfangſaal zu begeben haben, damit diejenigen, welche die An⸗ ſtalt heute verlaſſen, von ihren bisherigen Gefährtin⸗ nen Abſchied nehmen, und ihren Angehörigen, welche ſie ſelbſt abzuholen kommen, oder ihre Diener ſchicken, übergeben werden! Mutter, wirſt Du meine flehent⸗ liche Bitte erfüllen? Die arme Frau ſtand einen Moment in tiefes Sinnen verloren, geſenkten Hauptes da. Dann warf ſie ihr Haupt ſtolz zurück, und breitete die Arme nach ihrer Tochter aus. Mariane, mein Kind, mein einziges Glück! Komm her zu mir, umarme mich, laß mich einmal Deine warmen Lippen fühlen! Oh mein Gott, ſei doch ein wenig liebevoll, ein wenig zärtlich! Und ſie ſchloß das junge Mädchen mit einer ſtürmiſchen Zärtlichkeit in ihre Arme, und küßte ſie. Mariane duldete dieſen heftigen Ausbruch ihrer Liebe aber ſie erwiderte ihn nicht. Sie lag kalt und ohne Bewegung in den mütterlichen Armen, und ihre Lip⸗ pen gaben die Küſſe nicht zurück, welche ſie empfingen. Sie hat kein Herz! rief die unglückliche Frau, 140 indem ſie das Mädchen faſt entſetzt aus ihren Armen ließ. Die Glocke läutete wieder, und noch lauter, heftiger. Wir müſſen gehen! ſagte Mariane. So komm, meine Tochter! Und Du ſagſt mir nicht, was Du thun willſt, Mutter?. Schweig und folge Deiner Mutter! Mariane murmelte einige heftige, unverſtändliche Worte und ging zähneknirſchend aber ſtumm an der Seite ihrer Mutter die Allee hinauf. noch . IIMI. Der Abſchied aus der Penſion. Die jungen Damen des Penſionats waren ſchon in dem großen Empfangſaal verſammelt; als Mariane mit ihrer Mutter eintrat, verbreitete ſich unter ihnen ein leiſes Gemurmel, man hörte hier und da ein muthwilliges, kaum unterdrücktes Lachen, und ſpöt⸗ tiſche Bemerkungen, die, ſo leiſe ſie auch geflüſtert waren, dennoch Marianen's Ohr erreichten, und ſich wie Dolchſtiche in ihr Herz bohrten. Seht da, dieſe alte Frau! ſagte die Eine. Aus welchem reichsgräflichen Hauſe mag ſie abſtammen? Oh war die lachende Antwort, ſie ſtammt ſicher nicht aus einem Hauſe, ſondern aus einem Stall oder von der Straße! Scht da, welches Ungeheuer die„Gouvernante“ 142 mit ſich führt! flüſterte eine Andere. Ich ſagte es ja immer, Mariane gehört nicht zu uns, und dieje⸗ nigen, welche ſo vertraulich mit ihr haben ſich ſehr compromittirt! Sollte dieſe Frau vielleicht eine—— ſein, und die Gouvernante in irgend einem Rinnſtein auf⸗ geleſen haben? fragte eine Dritte. Mariane, wie geſagt, hörte alle dieſe grauſamen und ſpöttiſchen Bemerkungen, aber ſie beſaß eine vollkommene Herrſchaft über ſich, und indem ſie an ihnen vorüberging, grüßte ſie mit einem freundlichen Lichein dieſe ungen Damen, welche ſie eben verſpot⸗ tet hatten! Hörſt Du, was ſie ſagen? flüſterte Mariane, ſich an ihre Mutter wendend. Ich höre! ſagte die alte Frau lakoniſch, und ge⸗ ſenkten Hauptes folgte ſie Marianen nach der Seite des Salons, wo ſich diejenigen jungen Damen be⸗ fanden, welche die Penſion verlaſſen wollten. Man ſah dort nur freudige Geſichter, nur leuch⸗ tende Augen und lächelnde Lippen, und alle dieſe Herzen ſchlugen mit freudiger Ungeduld dieſem gro⸗ ßen, ſo lange erſehnten, ſo lange vorbereiteten Mo⸗ ment entgegen, in welchem ſie dieſes Haus, das ſie als„Kind“ betreten, als„junge Dame“ verlaſſen 5 143 ſollten. Der erſte Schritt aus dem Hauſe war zu⸗ gleich der erſte Schritt in die Welt, in die Geſell⸗ ſchaft, welche ſich vor ihnen aufthat mit all ihren gehofften Freuden, ihrer lächelnden Bosheit und ihren von Blumen überdeckten Abgründen!. Herr Carry, welcher es liebte, dieſe großen Ent⸗ laſſungen aus der Penſion immer zu einer dramati⸗ ſchen und feierlichen Scene zu machen, gab der alten Frau ein Zeichen, ſich in den, den Penſionairinnen gegenüber befindlichen abgeſchloſſenen Raum, in wel⸗ chem ſich eine Reihe eleganter Fauteuils befand, zu begeben. Alsdann öffnete er die Thüren zu dem an⸗ ſtoßenden Gemach, und führte die dort befindlichen Damen und Herren in dieſe Abtheilung, in welcher ſich die alte Frau bereits befand. * Dies war allemal der Moment der großen Ue⸗ berraſchungen, denn die meiſten der jungen Damen ſahen in dieſem Augenblick zuerſt diejenigen ihrer Verwandten, welche gekommen waren, ſie abzuholen. Es war daher ein freudiges Grüßen und Winken herüber und hinüber, man hörte nur Ausrufe der Freude, der Ueberraſchung und Zärtlichkeit. Die alte Frau, welche ſich ſchüchtern hinter dieſe Reihe der Lehnſtühle zurückgezogen hatte, fühlte eine 144 tiefe und traurige Beklommenheit ihr Herz bedrücken Wie ſtolz und vornehm alle dieſe Damen ausſchen wie viel Ordensſterne auf der Bruſt dieſer Herren! Ach, ſie begriff jetzt die Angſt ihrer Tochter, und ſie verzieh es ihr, daß ſie ſich ihrer Mutter ſchämel Mariane hat Recht, ſagte ſie zu ſich ſelber, es war ein Fehler, daß ich ſie in dieſes vornehme Haus gebracht; ſolchen ſtolzen vornehmen Leuten erſcheint die Armuth als eine Schande, und die niedrige Ge⸗ burt als ein unauslöſchlicher Makel! Arme Mariane! Die Ceremonie ging indeß weiter! Herr Carry trug ſeine ſeierliche Abſchiedsrede mit all dem An⸗* ſtand und der feierlichen Rührung vor, wie es bei ſolcher Gelegenheit der Brauch iſt; bei dem darauf folgenden Gebet ſanken alle Anweſenden auf die Knie nieder. Wenige aber beteten mit ſolcher In⸗ brunſt, als Marianen's Mutter, dieſe arme zitternde Frau, welche zu Gott flehte, daß er ihr Kraft gebe zu dem ſchweren Opfer, welches ihrer Liebe aufer⸗ legt worden. Jetzt war die feierliche Ceremonie vollendet, und Herr Carry begann nun von ſeinem Verzeichniß die Namen derjenigen jungen Damen vorzuleſen, welche die Penſion verlaſſen wollten. Bei jedem einzelnen dieſer Namen ſah 145 irgend eine in Seide oder Sammet gekleidete, und dengeſchmückten Herrn, aus dieſem abgeſchloſſenen Raum hervortreten, und auf die genannte junge Dame zuſchreiten. Herr Carry fragte dann, welcher Verwandtſchafts⸗ grad ſie Beide miteinander vereine, und wenn er die geforderte Auskunft erhalten, übergab er mit einigen ſalbungsvollen Worten das junge Mädchen ihren Angehörigen. Antonie Preſter! ſagte Herr Cartyꝰ 5 Sofort ſah man eine elegante, hochgewachſent Dame mit lautem Geräuſch und leidenſchaftlichen Ausrufungen der Zärtlichkeit hervorſtürzen und ſich Antonien nähern, welche ſie indeß nur mit niederge⸗ ſchlagenen Augen und zögernd ausgeſtreckter Hand willkommen hieß. Sind Sie die Mutter Antonien's? fragte Herr Carry. 1 Nicht ihre Mutter, mein Herr! ſagte die Dame mit einem ſüßlichen Lächeln, welches zwei Reihen blendend weißer Zähne ſehen ließ. Die Majorin Preſter, ihre Mutter, Gott habe ſie ſelig, die iſt lange todt. Und Antonien's Vater, meine gnädige Frau? 10 ach Wohlgerüchen duftende Dame, oder einen Or⸗„ Ach, ihr Vater! ſagte ſie mit einem en „Achſelzucken. Antonien's Vater iſt— Plötzlich legte Antonie ihre Hand mit einem raſchen Druck auf ihre Schulter. Mein armer Vater iſt krank! ſagte ſie traurig. Er iſt ſchon ſeit Wochen leidend und hat daher nicht ſelber kommen können, mich abzuholen! Ja, ihr Vater iſt krank! wiederholte die Dame. Und Sie, gnädige Frau, ſind berechtigt Antonie abzuholen? W ich wollte meinen, daß ich berechtigt bin! rief ſie mit einem lauten Lachen, das in ſeiner ge⸗ räuſchvollen und ungenirten Weiſe ſofort die Lachluſt und Spottſucht der jungen Damen reizte. Sage doch, Antonie, bin ich berechtigt? Oh, mein Herr, ich bin es, welche Mutterſtelle an dieſem jungen Mädchen vertreten hat! Ohne mich ſchliche ſie vielleicht zu dieſer Stunde in Lumpen ge⸗ kleidet, hungernd und frierend von Thür zu Thür als arme, verachtete Bettlerin, oder ginge vielleicht als Waiſenmädchen mit dem blauen Kleide und der weißen Schürze einher. Aber ich kaufte ihr ſchöne Kleider und putzte ſie heraus wie eine Prinzeſſin, und machte ſie zu meiner eigenen Tochter, obwohl ich wie Sie ſchen, Flber noch jung und Gott 1 147 Dank, aber auch noch hübſch genug bin, um dieſe junge hübſche Larve neben mir nicht ſcheuen zu brau⸗ chen! Ich bin die Schweſter ihres Vaters, des Ma⸗ jor Preſter, mein Herr! Nun, Antonie, habe ich nicht Recht? Sage doch dieſem Herrn, daß ich berech⸗ tigt bin, Dich abzuholen! Antonie antwortete nicht ſogleich. Ein ſeltſames, ahnungsvolles Grauen überkam ſie und legte ſich mit Eiſeskälte auf ihr Herz. Dieſer Moment entſcheidet über meine Zukunft, ſagte ſie in ſich hinein. Ich werde verloren ſein, wenn ich ihr folge, und der Fluch, welchen mein armer Vater über mich ausgeſprochen, wird ſich dann er⸗ füllen! Nun, fragte ihre Tante faſt rauh, wirſt Du nicht ſagen, ob ich berechtigt bin, Dich abzuholen, und Dich mein zu nennen? Eine namenloſe, ihr ſelber unbegreifliche Angſt überfiel Antonie! Sie hatte ein Gefühl, als müſſe ſie ſich von dieſer Frau losſagen, welche niemals, ſo lange ihr Vater geſund und der Ueberlegung fähig geweſen, ſein Haus hatte betreten dürfen, und vor der ihre arme Stiefmutter ſie immer als vor einem böſen Dämon gewarnt! Vielleicht war es ihr guter Engel, welcher ihr anrieth, dieſer Frau nicht zu folgen, 148 ſondern ſofort die Stellung anzunehmen, welche ihr Herr Carry in ſeinem Penſionat angeboten. Antonie warf einen troſtloſen, fragenden Blick hinüber nach jener Seite, wo hinter Herrn Carry die Lehrer und Lehrerinnen des Inſtituts aufgeſtellt waren. Dorthin konnte ſie ſich retten! Ein unbeſtimmtes Gefühl ſagte ihr, daß ſie einer Gefahr, vielleicht ſogar der Schande entgegen gehe, wenn ſie dieſer Frau folge! Aber dort unter den Lehrern ſtand Alexander! Ihr Blick begegnete ſeinen Augen und dieſe Augen waren mit dem Ausdruck des Flehens auf ſie ge⸗ richtet! Sie erinnerte ſich alles deſſen, was er ihr geſagt hatte! Sie wußte, daß es für ihn ein tödtli⸗ cher Schmerz ſein würde, ſie als Gouvernante zu ſehen; und ſie liebte ihn! Wie hätte ſie alſo vermocht, ihm wehe zu thun? Alle dieſe Zweifel und Kämpfe dauerten nur einen kurzen Moment, nicht ſo viel Zeit, als wir zu ihrer Schilderung bedurften, aber dennoch lange ge⸗ . nug um Tante Andrea's heftiges und zorniges Blut in Wallung zu bringen. ärſt Du vielleicht Närrin genug, nicht mit gehen zu wollen? fragte ſie leiſe, indem ſie An⸗ ſo heftig drückte, daß ſie kaum einen 149 Schmerzensruf zu unterdrücken vermochte. Willſt Du vielleicht, wie Dein verrückter Vater, gegen mich die Stolze und Tugendhafte ſpielen? Hüte Dich! Folge mir ſogleich, oder ich werde es Deinen Vater entgel⸗ ten laſſen! Antonie blickte ihre Tante entſetzt an, und las in ihren Augen, daß ſie wohl im Stande ſein würde ihre Drohung zu erfüllen! Und jetzt dachte ſie nur noch an ihren Vater, an dieſen jammervollen kranken Mann, den ſie nicht hülflos der Grauſamkeit ihrer Tante überlaſſen durfte. Sie antworten nicht, Antonie? fragte Herr Carry. Iſt dieſe Dame nicht Ihre Verwandte? Antonie trocknete ſich raſch mit ihrer Hand die Thränen fort, und ſuchte zu lächeln. Verzeihen Sie, ſagte ſie, die Erinnerung an meinen Vater überwäl⸗ tigte mich einen Moment! Jetzt iſt es vorüber! Dieſe Dame iſt allerdings meine nächſte Verwandte, und ich habe ſehr viel Grund ihr dankbar zu ſein! Sie iſt ganz berechtigt, mich abzuholen; ich werde ihr da⸗ her gerne folgen! Sie nehmen alſo mein Anerbieten nicht an? Sie wollen nicht die Stelle einer Souvernante in n Inſtitut bekleiden? 150 Und wozu ſollte ſie das, mein Herr? fragte die Tante mit einem rauhen Lachen. Meinen Sie, ich hätte Antonie ſo vornehm erziehen, und ſo gelehrt werden laſſen, blos damit ſie als eine lebendige Grammatik in Ihrem Hauſe bleiben und die Quäle⸗ lereien und Demüthigungen einer Gouvernantenſchaft erdulden ſolle! Nein, nein, wir haben ganz andere Plane, und ein weniger trauriges und genußloſes Leben ſteht ihr bevor! So wünſche ich Antonien Glück dazu! ſagte Herr Carry, welcher die Namensliſte der Penſionärinnen wieder zur Hand nahm. Mariane Freiſtadt! Die arme Frau, welche bis dahin geſenkten Haup⸗ tes an der Wand gelehnt hatte, richtete ſich empor, und ſchritt langſam, faſt ſtolz in den Saal vor. Eine Pauſe trat ein, und Aller Blicke waren auf dieſe Frau gerichtet, deren ärmliche und demü⸗ thige Erſcheinung in ſo ſchneidendem Contraſt ſtand zu all dieſen reichgekleideten, hochgebornen Damen, welche ſich neben ihr befanden, und ſie mit Gering⸗ ſchätzung und Kälte betrachteten. Wird ſie ſich als meine Mutter nennen? fragte ſich Mariane, und ihr Herz klopfte ſo ſtürmiſch, daß ſie es auf ihren zitternden Lippen empfand. Wenn 151 ſie es thut, ſage ich mich auf ewig von ihr los, und es wird das letzte Mal ſein, daß ſie mich ihre Toch⸗ ter nennt! Sind Sie die Mutter Marianen's? fragte Herr Carry. Mariane fühlte ihre Knie faſt unter ſich zuſam⸗ menbrechen. Sie blickte auf die Reihe dieſer jungen Mädchen hin, und ſah wie ſie lachten und flüſterten und mit einem unausſprechlichen Hohn ihre Mutter betrachteten. Ich wollte, ich könnte ſie Alle, Alle unter meine Füße treten! dachte ſie. Ich werde es einſt, wenn— Eben ſagte ihre Mutter mit ernſter, ruhiger Würde: nein, mein Herr! Ich bin nicht Fräulein Marianens Mutter, ſondern ich bin nur deren Die⸗ nerin. Ihre Mutter iſt ſeit Jahren von der Gicht gelähmt, und vermag ſich nicht von ihrem Lehnſtuhl zu erheben. Deshalb ſandte ſie mich, ihre alte treue Dienerin, daß ich ihr Fräulein Mariane zuführe! Und jetzt blickte ſie Marianen mit einem ſo un⸗ aus ſprechlichen Ausdruck der Liebe und Zärtlichkeit an, daß das junge ſo ſtörriſche, ſo egoiſtiſche Mädchen wider ihren Willen vielleicht, ihr Herz gerührt fühlte. Sie eilte zu der alten Frau hin, ſie reichte ihr ihre beiden Hände dar, und drückte ſie feſt in ihre Arme. Wenn Du auch nicht meine Mutter biſt, ſo kann doch keine Mutter ihr Kind mehr lieben, wie ich weiß, daß Du mich liebſt! ſagte ſie mit dem An⸗ ſchein der tiefſten Rührung. Was wäre aus mir, was wäre aus meiner armen kranken Mutter gewor⸗ den, ohne Dich, welche ſeit dreißig Jahren unſerm Hauſe mit ſo viel Treue und Aufopferung gedient hat. Und ſie neigte ſich und küßte mit einer rühren⸗ den Demuth die Hände der alten Frau, welche es ſchweigend geſchehen ließ. Ein Gemurmel des Beifalls ließ ſich von allen Seiten vernehmen, das höhniſche Lächeln war von den Geſichtern der jungen Mädchen verſchwunden, und ſie ſchauten mit gerührter Theilnahme auf dieſe treue Dienerin und auf ihre ſo dankbare und leut⸗ ſeelige Herrin hin, während die ältern Damen beifäl⸗ lige Blicke miteinander austauſchten und halblaute Lobſprüche für Mariane ausſprachen. Das junge Mädchen, ſo gerührt ſie auch ſcheinen mochte, hatte dennoch ganz genau ihre Umgebung beobachtet, und ſie ſagte ſich mit hochklopfendem Her⸗ zen, daß ſie eben einen Vortheil errungen über alle diejenigen, welche ſie zuvor verſpottet hatten. Sie durfte alſo mit ſich zufrieden ſein, denn ſie hatte 153 dieſe erſte Scene auf der neuen Bahn ihres Lebens ſehr gut, ſehr würdig geſpielt! Sie werden alſo zu Ihrer Frau Mutter zurück⸗ kehren? fragte Herr Carry. Leider nur auf einige Tage! ſagte das junge Mädchen ſchwermüthig, nur ſo lange, um meine gute und edle Mutter zu bitten, daß ſie mir erlaube, eine Stellung anzunehmen, welche mir die Möglichkeit verſchafft, meine Mutter zu unterſtützen! Denn Sie müſſen wiſſen, daß wir arm ſind, und daß meine Mutter den letzten Reſt ihres Vermögens darauf verwandte, mir eine ausgezeichnete und meinem Stande angemeſſene Erziehung geben zu laſſen, wie ich ſie nur in dieſem Hauſe erlangen konnte! Sie begreifen daher, daß es mein ganzes Streben ſein muß meiner theuren Mutter die großen Opfer, welche ſie mir ge⸗ bracht hat, zu vergelten! Während ſie ſo ſprach drückte ihr ſchönes Ge⸗ ſicht ſo viel Beſcheidenheit und Demuth aus, daß ſie ſich Aller Herzen gewann. Sie wollen alſo die Stelle einer Gouvernante einnehmen? fragte Herr Carry. Ich biete Ihnen eine ſolche in meinem Hauſe an, und zwar dieſelbe, welche ich urſprünglich für Antonien beſtimmt hatte! Werden Sie ſie annehmen? 154 Oh mein Gott, wie gütig Sie ſind! rief Ma⸗ riane, indem ſie ſich Herrn Carry näherte, und ihm mit dankbaren Blicken ihre Hand entgegen ſtreckte! Sie haben ſich mir immer als ein Freund und ein Vater gezeigt und ich danke Ihnen aus der Tiefe meines Herzens.— Dann fuhr ſie mit einem hin⸗ reißenden Ausdruck fort: Aber Sie haben vergeſſen, mein theurer Herr, daß ich in Berlin eine Mutter habe, welche mich liebt, und welche leidet! Ich werde alſo Ihr ehrenvolles und edles Anerbieten nicht an⸗ nehmen können, ſo lockend es auch für mich iſt! Plötzlich erhob ſich eine der Damen von ihrem Lehnſeſſel und näherte ſich Marianen. Ich bin die Baronin von Thilſen, ſagte ſie, und ich wohne in Berlin. Wollen Sie mit mir und meiner Tochter, welche dort drüben ſteht, und welche Sie ja ſeit vier Jahren kennen, nach Berlin zurück⸗ kehren, ſo bin ich mit Freuden bereit Ihnen eine Stelle als Geſellſchafterin meiner Tochter in meinem Hauſe anzubieten! Mariane machte eine Verbeugung, welche den hinter Herrn Carry ſtehenden Tanzmeiſter des Inſti⸗ tuts wahrhaft entzückte. 3 Sie macht die Verbeugung einer Herzogin, welche vor einer Königin ſteht! ſagte er zu ſeinem — 155 Nachbar. Ach, ich ſagte es ihr immer, ſie iſt viel höhern Dingen berufen, als zu der elendin ſition einer Gouvernante. Sie müßte auf die Bühne gehen! Gnädigſte Baronin, ſagte Mariane in ihrem de⸗ müthigſten und unterwürfigſten Ton, gnädigſte Ba⸗ ronin, Sie erzeigen mir eine unendliche Ehre, und ich fühle mich tief gerührt von dieſer großmüthigen und unverdienten Güte. Um ſo ſchmerzlicher iſt da⸗ her mein Bedauern, Ihr Anerbieten nicht annehmen zu können! Nicht? Sie weiſen meinen Vorſchlag zurück? fragte die Baronin empfindlich. Ich muß es leider, gnädigſte Frau, denn ich habe mich bereits verſagt. Die Gräfin von Schwa⸗ nenkamp hatte die Gnade an mich zu ſchreiben, und mir eine Stelle als Geſellſchafterin ihrer Tochter an⸗ zubieten, welche ich angenommen habe! Dh, Sie gehen zur Gräfin Schwanenkamp! ſagte die Baronin. Sie iſt allerdings eine ſehr edle, ſehr reiche und ſehr angeſehene Dame, und man kann Ihnen nur Glück wünſchen in ein Haus zu kommen, in welchem nur Prinzen und die Damen und Herrn des höchſten Adels verkehren, und welche ich das Glück habe zu meinen Freundinnen zu zählen! Nur, — 156 vetzeihen Sie, wundert es mich ein wenig, daß die Gräfin ſo plötzlich ihre Maxime geändert hat. Sie wählte bisher zu ihrer Geſellſchafterin nur eine Dame von untadelhaftem, reinem Adel. Oder wie, gehören Sie vielleich. zu den Unſern. Ich genieße nicht dieſes außerordentlichen Vor⸗ zugs, ſagte Maria., wenigſtens nicht von väterli⸗ cher Seite her! Oh, Ihre Mutter hat eine Mesallance gemacht! rief die Baronin. Nun begreife ich! Die Gräfin hat eine Schwenkung gemacht, aber nur eine halbe! Sie hat in Ihnen den Adel Ihrer Mutter reſpectirt, und ſicher beabſichtigt ſie, Sie nach derſelben zu nennen. Was für eine Geborne iſt Ihre Mutter? Eine geborne von Ferber, gnädigſte Frau! Oh, das iſt ein altes, ſehr weit verzweigtes Haus, welches mit den edelſten Familien verwandt iſt! Ich wünſche Ihnen Glück zu Ihrer Geburt und zu Ihrer Stellung, liebes Kind, und ich hoffe, Sie ſchon im nächſten Donnerſtag⸗Cirkel der Grifin be⸗ grüßen zu können!* und die Frau Baronin nickte Marianen it einem wohlwollenden Lächeln zu, indem ſie auf 4 Platz zurückkehrte.— Eine Stunde ſpäter herrſchte ein ſehr reges und geräuſchvolles Leben in dem Inſtitut K eilten die Treppe auf und nieder, und vh thür ſtanden eine Anzahl E aupag Die Stunde der Abfahrt and Jeder war mit freudiger Eil eigt, ſeine Habſeligkeiten in die b⸗ hinunter zu ſchaffen.„ Auch für R„ Equipage bereit, und ein reich, oni edienter kam in ihr Hoffer hinab zu tragen. gewahrte ihn mit ſtaunendem Schrecken, e Tante mit triumphirender Miene den Blicken Antonien's begegnete. Ihr Euch jetzt eine Equipage und Livree⸗ ongeſchafft? fragte Antonie ſchüchtern. widerte Tante Andrea lachend. Ein mir hat ſich hier in Dresden einen Wa⸗ aſſen, und ich nahm ſeinen Bedienten mit, hn abhole und uns begleite! heißt dieſer Freund, Tante Andrea? wrirſt ihn kennen lernen! ſagte ſie rauh. aß uns eilen! Es iſt Zeit zur Abfahrt, und —— 158 eine Gazelle flog ſie durch das Zim⸗ and durch die Thür. folgte ihr und betrachtete mit ie vor ihr hereilende ſchlanke a Mädchens. d ſie iſt unſer! flü⸗ ſchwer ſein, ihren u machen! wittet, ſe Wir ha. 3 Wir haben ja ihren Val durch ihn zu zähmen! Auch Mariane war mit ihrer ind dem Packen ihres Koffers beſchäftigt. Es wär, daß ihr dieſe Beſchäftigung nicht allzuviel Mühe rachte, denn ihre Habſeligkeiten beſtanden nur a wenigen Kleidern, und einigen Büchern. hatte zur Verpackung derſelben ſich einen ſe Koffer gekauft, und wenn derſelbe verſchlo konnte Jedermann ſich einbilden, daß er gar gefüllt ſei. us migen Aler ſie r großen ſte war, ganz und ( 3 Sie machte eben den Deckel zu und verſchloß i ihn. Eines Tages wird dieſer Koffer ganz voll der ſchönſten Kleider ſein, ein Schmuckkaſten darin befinden, welcher die bau lichſten Brillanten enthält! ſagte ſie lachend. wo und es wird ſich außerdem 159 Und wo werden die Brillante fragte ihre Mutter, welche eben in das herkommen? immer trat. Hier aus meinem Kopf, Mutter! Ach, eine ganze Welt von Plänen und Entwürfen ſteckt da in meinem Hirn und wenn ſie alle zur Ausführung ge⸗ kommen, werde ich eine reiche und vornehme Dame ſein! Der erſte Schritt iſt geſchehen, und ich werde es Dir niemals vergeſſen, daß Du mir dazu behülf⸗ lich geweſen! Es hat meinem Herzen ſehr wehe gethan! ſagte die alte Frau trübe. Weshalb aber? Was kümmert es die Welt, daß Du meine Mutter biſt, und was hat ſie darnach zu fragen? Laß ſie Dich immerhin für meine Dienerin halten, vorausgeſetzt, daß ich niemals vergeſſe, daß Du meine Mutter biſt! 5 Ich glaube, ſie könn ſtufzte Frau Freiſtadt tr Koffer in die Höhe hob. Aber Mutter, was willſt Du mit meinem Kof⸗ fer beginnen? fragte Mariane überraſcht. Ich will ihn hinunter tragen in den Wagen! Aber was wird man denken, wenn Du das thuſt! wie werden dieſe übermüthigen Mädchen lachen, k ſie von ihren Fenſtern, hinter denen ſie Alle te es auch einmal vergeſſen! übe, indem ſie Marianen's ſtehen, wie die Jäger, welche auf ein Wild lauern, wenn ſie gewahren, daß meine Mutter meinen Kof⸗ ferträger macht. Du vergißt, daß ich nicht Deine Mutter, ſon⸗ dern nur Deine Dienerin bin! Wahrhaftig, rief Mariane lachend, es ſcheint ich habe meine Rolle noch nicht vollkommen memorirt. Aber nur Geduld, ein wenig Uebung, und wir wer⸗ den uns ganz gut ausnehmen auf den Brettern die⸗ ſer Welt!— Unten vor der Hausthür traf Mariane bei ihrem Hinabkommen auf Alerander Weltheim, den bisheri⸗ gen Lehrer der Geſchichte und Mathematik des Pen⸗ ſionats. Er hatte ſich ſo eben von Herrn Carry das Honorar für das verfloſſene Halbjahr auszahlen laß⸗ ſen und demſelben den Austritt aus ſeiner bisherigen Stellung angezeigt. Dann war er ſo lange in der Hausthüre ſtehen geblieben, bis Antonie hinabgekom⸗ men, und er mit ihr einen letzten ſtummen und doch ſo vielſagenden Abſchiedsgruß hatte wechſeln können. Aber jetzt war dieſe elegante Equipage mit ſeiner Geliebten ſchon lange davon gefahren, und er ſtand immer noch da. Wen erwartete er? Keine dieſer vor⸗ nehmen Damen, welche mit ſtolzem Kopfneigen ihm vorübergingen, und ſich in dem Augenblick, Berlin mein Glück ſie das Penſionat verließen, nicht mehr daran erin⸗ nern mochten, daß ſie ihm bis dahin Achtung und Gehorſam ſchuldig geweſen! Aber als jetzt Mariane in der Hausflur er⸗ ſchien, wandte er ſich mit einer lebhaften Bewegung und einem köſtlichen Lächeln zu ihr um. Ich erwartete Sie! ſagte er, ihre Hand ergrei⸗ fend und ſie an ſeine Lippen drückend. Mich? fragte ſie erſtaunt Habe ich vielleicht vorher bei dieſer höchſt feierlichen Abſchieds⸗Cere⸗ monie vergeſſen, Ihnen eine Verbeugung zu machen? Nein, Fräulein Mariane, Sie haben vielmehr mir eine Verbeugung gemacht, welche nicht allein mich, ſondern auch den Tanzmeiſter, welcher neben mir ſtand, entzückte. Nun, und was wollen Sie weiter von mir? Ich will Sie um die Erlaubniß bitten, Sie in Berlin beſuchen zu dürfen. Dh, Sie alſo auch gehen nach Berlin? Und in welcher Eigenſchaft, wenn ich fragen darf? In der Eigenſchaft eines Glücksritters! Ja, lachen Sie nicht! Ich habe wirklich die Abſicht in machen zu wollen! Wie? Das wiſſen die Götter allein! Aber jedenfalls wird es mir f. gelingen, denn ich habe einen ſtarken Willen, und ich 1 ½ ⸗— i 162 bin es ſatt, als ein bezahlter Sclave die Demüthi⸗ gung des Lebens zu ertragen! Mariane ſah ihn erſtaunt an. Ach, ſagte ſie dann lachend, ich ſehe, es geht Ihnen, wie mir ſelber. Die Raupe, welche mühſam einher kroch, hat ſich ge⸗ häutet, und der Schmetterling iſt ausgeflogen! Nun, wir wollen Beide recht luſtig flattern, und uns mit recht glänzenden Farben ſchmücken! Und gebe Gott, daß keine rauhe Hand Ihnen den Aetherſtaub von den Flügeln abſtreift! Oh, ich werde mich zu hüten wiſſen! Und auch Ihr Herz, Mariane! Ich habe kein Herz, ſondern nur einen Kopf!= Deſto beſſer für Sie! Ich darf Sie alſo in Berlin aufſuchen? Gewiß! hier iſt meine Adreſſe! Knntn Sie bald, denn ich ſehe, wir werden ſehr gute Freunde ſein! Wir haben Beide daſſelbe Ziel! Wi wollen Beide glücklich ſein! Alexander Weltheim blickte ihr nach, wie ſie mit anmuthiger Leichtigkeit in den Wagen hüpfte. 17 Ihr Ziel alſo iſt das Glück! murmielte er. Nur das Glück, nicht die Rache, nicht die Strafe für dieſe Beleidigungen, welche ſie jeden Tag wird zu erdul⸗ den haben! Sie geht zur Gräfin Schwanenkamp nur um dort ihr Glück zu ſuchen! Nun, Dank dieſem Zufall, wird es mir leicht ſein in dieſes Haus zu kommen! Ich werde zu Marianen gehen, um Grä⸗ fin Eudora von Schwanenkamp zu ſehen, und jeden⸗ falls werde ich dort etwas Anderes ſuchen, als das Glück! MW. Eine neue Welt. * Si glänzende Equipage, welche Antonie mit ihrer Tante aus dem Inſtitut in Dresden abgeholt, hielt jetzt in einer der Hauptſtraßen Berlins vor einem ziemlich ſtattlichen und geräumigen Hauſe ſtill, und ſofort ſtürzte aus der Hausthüre ein reich gallonirter Portier herbei, um den Schlag zu öffnen, und den Damen beim Ausſteigen behülflich zu ſein. Tante Andrea, oder vielmehr die Frau Doctorin Roſenblüth, empfing ihn mit einem gnädigen Kopf⸗ nicken, und nachdem ſie von ihm erfahren, daß der Herr ſich ſehr wohl befinde, und eben„Audienz er⸗ theile“ ging ſie mit lächelndem Geſicht, begleitet von Antonien in das Haus, und in den erſten Stock hin⸗ auf, in welchem ihre elegante und glänzende Woh⸗ nung ſich befand. Schweigend durchſchritt Antonie an der Seite ihrer Tante dieſe zierlich aufgeputzten und koſtbar decorirten Zimmer, welche Tante Andrea ihr mit ſtol⸗ zem Lächeln als ihre„Wohnzimmer“ bezeichnete und trat endlich mit ihr in ein kleines elegantes Ge⸗ mach ein. Dies, mein Kind, iſt Dein Zimmer, ſagte Tante Andrea lächelnd, Du ſiehſt ich habe es mit ganz neuen, eleganten Meubles verſehen und es ſo elegant einrichten laſſen, wie es meinen und Deinen jetzigen Verhältniſſen angemeſſen iſt! Du wirſt fortan durch⸗ aus nur die Rolle eines faſhionablen und eleganten jungen Fräuleins zu ſpielen haben, und ich habe Dich zu dieſem Zweck in die vornehmſte und berühmteſte Penſions⸗Anſtalt gegeben, ſo lächerlich theuer ſie auch war! Indeß hoffe ich, daß dies nur die Zinſen ge⸗ weſen ſind von dem reichen Capital, welches Deine Dankbarkeit ohne Frage uns wird verdienen laſſen! Antonie begegnete ihren ſcharfen durchdringenden Blicken mit erröthender Aengſtlichkeit. Gewiß, ſagte ſie, gewiß wird es mein theuerſtes und innigſtes Be⸗ ſtreben ſein, Dir und meinem Oheim meine Dank⸗ barkeit für Eure mir ſo vielfach bewieſenen Wohl⸗ thaten auch durch Thaten zu beweiſen wenn dieſe— Wenn dieſe? wiederholte die Tante, als Antonie zögerte. Ach, es gibt alſo ein Wenn bei Deiner Dankbarkeit! Nun alſo, fahre fort, wenn dieſe— Wenn dieſe nicht gegen meine Ehre, und meine Grundſätze verſtoßen, ſagte Antonie entſchloſſen. Tante Andrea brach in ein lautes, ſpöttiſches Gelächter aus. Ah, Du haſt alſo Grundſätze, Du haſt Ehre! Und dieſe beiden, höchſt ſchätzenswerthen Dinge können Dich verhindern, Denen Deine Dank⸗ barkeit zu beweiſen, welche Dich aus Noth und Elend befreit, welche Dir eine glänzende Erziehung und eine, 4 jeder Gräfin würdige Bildung gegeben haben, welche entſchloſſen ſind für Dich zu ſorgen, und Dich als ihre Tochter zu adoptiren! Dennoch, Tante, kann es kommen, daß meine Grundſätze mir verbieten Euch Beiden meine Dank⸗ barkeit zu bezeigen, wenigſtens in der Weiſe, wie Ihr ſie von mir fordern mögt! Und indem das junge Mädchen einen ſcheuen. faſt verachtungsvollen Blick umher warf, fuhr ſie. fort: dieſe Eleganz mit welcher Ihr mich umgebt, Tante, dieſes ganze luxuriöſe Leben beängſtigt mich. Du haſt mir früher oft geſagt, daß Du und Dein dies der Grund geweſen, weshalb mein armer Vater durchaus nicht ſeine Einwilligung zu Deiner Verhei⸗ rathung mit dem Doctor Roſenblüth habe geben wollen!. Und damit habe ich Dir die Wahrheit geſagt, mein Kind! ſagte die Tante. Woher alſo jetzt dieſer plötzliche Reichthum, Tante? Was bedeutet dieſe glänzende Einrichtung, dieſe Equipage, dieſe Livree⸗Bediente? Woher nehmt . Ihr Eure Reichthümer und Euren Luxus? Ich muß 4 das wiſſen, Tante, bevor ich mich entſchließe, hier bei 5 Euch zu bleiben, und dieſes glänzende Leben anzu⸗ 4 nehmen, welches Ihr mir bietet! „ Oh, Du mußt das wiſſen! ſagte die Tante mit einem grimmigen Lächeln, indem ſie Antonien einen Blick zuwarf, der ſie erbeben machte. Du mußt das wiſſen! Nun wohl, Du ſollſt es auch wiſſen. Gleich, Tante, gleich muß es geſchehen. Noch bevor ich meinen Reiſeanzug ablege, bevor meine Kof⸗ fer geöffnet werden! Deine Koffer! rief Tante Andrea höhniſch. Dieſe Koffer und die ſchönen Kleider und Sachen darin ſind nur ſo lange Dein, als Du Dich nicht weigerſt in dieſem Hauſe zu bleiben. Willſt Du es —— verlaſſen, ſo trittſt Du ohne irgend eine Habe, ohne einen Pfennig in Deiner Hand hinaus auf die Straße, und Du magſt dann ſehen, wer ſich Deiner erbarmen, und Dich aus Deiner Noth erretten wird! Gott wird das thun! rief das junge Mädchen begeiſtert. Gott iſt der Vater der Verlaſſenen und der Waiſen, und in der Stunde der Gefahr und der Noth wird er bei mir ſein! Gott! Sie glaubt noch an Gott! ühi⸗ Tante Andrea lachend. Sie glaubt noch, daß Gott denen beiſtehe, welche ihn anrufen! Oh, mein Kind, ich war auch einſt in Gefahr und Noth und kreiſchte zu Gott empor, er möge mir helfen und mir einen Weg der Rettung zeigen, nur einen Schimmer ſeiner Gnade, aber er blieb ſtumm und kalt, und erbarmungslos, wie die Menſchen, und ſo ging ich zu Grunde und ward, was ich jetzt bin! Gott! Ich lache darüber, Es iſt ein hohler Klang, wie Liebe, Ehre, Dankbar⸗ keit! Oh, ich glaubte noch ein wenig an die Dank⸗ barkeit, ich ſagte mir: wir haben dieſem Mädchen Wohlthaten erzeigt, wir haben aus einer Bettlerin eine anſtändige junge Dame, aus einem unwiſſenden Kinde ein gebildetes Mädchen gemacht, wir haben uns ihres von aller Welt verwünſchten und verach⸗ teten Vaters erbarmt; ſie wird uns dafür ein wenig k —,———— Dankbarkeit, ein wenig Liebe beweiſen! Sie wird ſich bemühen, unſere Wünſche zu erfüllen, uns beizuſtehen in unſerer Arbeit, und uns zu helfen bei unſeren Anſtrengungen! 357 Oh, wenn es gilt zu arbeiten, rief das junge Mädchen mit freudeſtrahlendem Geſicht, wenn Ihr mir erlauben wollt, mich für Euch zu mühen, und Eure Sorgen mit Euch zu theilen, dann bin ich mit Freuden bereit, hier zu bleiben, und Euch meine in⸗ nige, meine unbegrenzte Liebe und Hochachtung zu beweiſen! Oh, dann iſt alles gut, Tante, und es gibt für mich gar kein Bedenken und kein Zweifeln mehr! Es war ja nur, meine theure Tante, weil ich nicht wußte, und nicht ahnte, daß Ihr arbeitet und Euch mühtet, es war ja nur, weil mich dieſer plötzliche Wohlſtand, und dieſer unbegreifliche Reichthum, deſſen Quelle ich nicht kannte, und deſſen Urſprung ich mir nicht erklären konnte, weil mich dieſes Alles ängſtigte und marterte, und mir ein unbeſtimmtes Gefühl der Furcht und des Entſetzens einflößte Und Du meine gute Tante, Du warſt grauſam ge⸗ nug, mir niemals darüber Auskunft zu geben, wie oft ich Dich auch in meinen Briefen darum gebeten hatte! Mein Gott! Du warſt grauſam genug, mir nur alle Vierteljahre, nur jedes Mal, wenn Du das Honorar für die Penſion ſandteſt, zu ſchreiben, und wie kurz und lakoniſch waren alsdann dieſe Briefe! Ein kurze Benachrichtigung, daß mein armer Vater noch lebe, und ſich körperlich wohl befinde, ein flüch⸗ tiger Gruß von Dir und dem Oncle! Das, wie ge⸗ ſagt, war das Ganze, und ſelbſt dieſe ſo kurzen, ſo lakoniſchen Briefe erhielt ich nur vier Mal im Jahr, und ſie glichen ſich alle ſo ſehr, daß ich in den letzten Jahren kaum noch den traurigen Muth hatte, ſie zu leſen, weil ich ſchon im Voraus wußte, daß ſie mir kein neues Wort, keinen neuen, wärmern Liebesgruß bringen würden. Und auch trotz meines Flehens, meiner dringenden Bitte, durfte ich in dieſen langen, vier Jahren niemals zu Euch zurückkehren, niemals die Penſion auf einige Tage verlaſſen, wie es doch alle junge Damen, mit Ausnahme Marianen's, thaten! So ward ich ein Fremdling in Eurem Hauſe, und mußte mich auf meine Vermuthungen, meine Wahr⸗ nehmungen beſchränken, um mir ein Bild Eures Le⸗ bens und Eurer Wirkſamkeit zu machen! Und dieſes Bild, ſcheint es, war der Art, daß Du davor zurück ſchreckteſt? Es war der Art, Tante! Oh, in dieſer Stunde muß ich Dir Alles ſagen, und geſtehen, denn dieſe Stunde entſcheidet über meine ganze Zukunft Du — v— . v— ———— haſt mir meine Briefe niemals beantwortet, und jetzt, als Du nach vierjähriger Trennung kamſt, mich aus der Penſion abzuholen, haſt Du mir auf alle meine Fragen, meine traurigen Befürchtungen immer nur dieſes Eine geantwortet:„warte, bis wir in Berlin ſind. In Berlin ſollſt Du Alles erfahren!“— Nun wohl, wir ſind in Deinem Hauſe, und es iſt nöthig, daß wir uns endlich offen und ohne Rückhalt gegen⸗ einander erklären! Ich muß es thun, ſelbſt auf die Gefahr hin, eine Indiscretion zu begehen!— Du willſt wiſſen, woher dieſe Zweifel und dieſes Miß⸗ trauen in mir entſtanden? Mein Gott, es war nicht blos, daß dieſe Geſchenke, welche Ihr mir ſo vielfach ſandtet, und mit denen Ihr mich zum Weihnachtsfeſt immer überſchüttetet, daß dieſe Geſchenke immer rei⸗ cher, immer koſtbarer wurden, und mich mit ihrem Glanz und ihrer unbegreiflichen Fülle ängſtigten! Nein, Tante, meine Zweifel hatten noch einen ande⸗ ren, einen viel beſtimmteren, traurigern Grund! Sprich ihn aus! ſagte die Tante rauh, als An⸗ tonie jetzt ſchwieg und, gleichſam überwältigt von ihren Erinnerungen, ihr Haupt auf ihre Bruſt ſenkte. Sprich ihn aus, ſage ich Dir! Das junge Mädchen hob ihr Haupt wieder em⸗ por, und warf einen langſamen, forſchenden Blick im Zimmer umher. Dann ſagte ſie mit leiſer, ge⸗ dämpfter Stimme, als fürchte ſie das Ohr irgend eines Lauſchers: Eines Tages ſchickteſt Du mir eine ganze Kiſte mit neuen Kleidern. Darunter befand ſich indeß auch ein ſehr ſchöner, ſehr koſtbarer Sam⸗ metmantel, welchen Du ſelber ſchon einige Male ge⸗ tragen, und den Du mir ſandteſt, weil Du ſeiner überdrüſſig, geworden, oder weil Dir die Farbe deſ⸗ ſelben nicht gefiel! In dieſem Mantel befand ſich eine Taſche, und auf dem Grunde derſelben fand ich ein zuſammengefaltetes Papier. Ich nahm es mit einem Freudenſchrei, denn ich bildete mir ein, endlich einmal dieſen langerſehnten, lang erfleheten Brief von Dir zu erhalten, und ohne zu zaudern öffnete ich das Papier! Ach, ich hatte mich geirrt! Es war allerdings ein Brief, aber er war nicht an mich, ſondern an Dich gerichtet! Und Du laſeſt ihn? fragte die Tante, indem ſie mit zornigem Ungeſtüm ihre Hand auf Antonien's Arm legte. Du unterſtandeſt Dich dieſen Brief zu leſen, welcher nicht an Dich gerichtet war? Ich ſagte Dir ſchon Tante, daß ich nicht ahnen konnte, er ſei nicht für mich, und als ich es inne ward, war es ſchon zu ſpät! Ich hatte ihn ſchon ge⸗ leſen, anfangs ohne ihn zu verſtehen, und dann, als ich ihn endlich zu verſtehen glaubte, las ich ihn im⸗ mer wieder, aber mit Angſt, mit Entſetzen, immer hoffend, daß ich vielleicht irgend ein Wort, einen Ausdruck finden könne, welcher einer andern Deutung, einer Entſchuldigung fähig ſei. Aber nichts! Immer dieſelbe troſtloſe Angſt, daſſelbe entſetzensvolle Miß⸗ trauen! Mein Gott, ich habe den Brief ſo oft ge⸗ leſen, daß er ſich endlich wie Dolchſtiche in mein Ge⸗ hirn einprägte, und daß ich nicht mehr nöthig hatte, ihn zu leſen, um jede Phraſe deſſelben mir wieder⸗ holen zu können. Ich wußte ihn auswendig! Oh, Du wußteſt ihn auswendig! murmelte die Tante, Antonien's Arm ungeſtümer drückend. Sage ihn her! Schnell! Ich will es, ich verlange es! Nun wohl, höre ihn alſo! Dieſer Brief lau⸗ tete: Es ſcheint mir, daß eine Ewigkeit vergangen iſt, ſeit wir uns nicht ſahen! Und doch war es erſt vor wenigen Stunden, daß Du in meinen Armen lagſt, und mir ſchwurſt, daß Du mich liebteſt! Mein Gott, Andrea, ich weiß kaum, ob ich dieſen Schwüren trauen darf? Schwüren, welche Du außer mir noch an ſo viele Andere verſchwenden mußt! Aber, was willſt Du, wir Beide ſind gemacht, um uns zu ver⸗ ſtehen, und deshalb habe ich auch ein feſtes und un⸗ erſchütterliches Vertrauen zu Dir! Wir haben Beide 174 dieſelben Wege, und daſſelbe Ziel vor Augen, wir wollen reich werden! Um dies zu werden dürfen wir kein Mittel ſcheuen, und nicht zurück ſchrecken, wenn unſer Pfad auch durch Sümpfe und Abgründe führt, vorausgeſetzt, daß er uns eines Tages zu der Höhe empor trägt! Bis zu dieſem Tage müſſen wir viel⸗ leicht ſogar unſere Ehre von uns werfen, um leichter und ſchneller vorwärts zu kommen, aber was thut es, wir werden unſere Ehre bei dem Reichthum, welcher unſer Ziel iſt, wiederfinden, und das Gold wird die Flecken von unſerer Stirn fortwaſchen! Denn dieſes jammervolle, ekle Gewürm, welches ſich ſo ſtolz Gottes Ebenbild nennt, und mit ſeinem Geiſte, und ſeinem Herzen prahlt, es iſt inzwiſchen doch ſo leicht zu bethören und ſo leicht zu gewinnen. Zeige ihm eine Hand voll Geld und der große Geiſt krümmt ſich demuthsvoll, wie ein Wurm zu Deinen Füßen! Du Andrea, haſt freilich noch andere Mittel, um die Menſchen zu Deinen Füßen zu ſehen! Du mußt ein ſolches Mittel anwenden, mein Kind, und deshalb ſchreibe ich Dir jetzt! Graf Bernhard iſt ra⸗ ſend in Dich verliebt, und er hat heute auf meinen Rath und unter meinem Beiſtand einen ſehr koſtba⸗ ren Schmuck gekauft, um Dich damit zu überraſchen und ſich damit ein wenig Liebe zu erkaufen!“ 175 Bis dahin, Tante, unterbrach ſich Antonie hoch⸗ athmend und die Augen niederſchlagend, bis dahin glaubte ich noch, dieſer Brief ſei von Deinem Gat⸗ ten an Dich gerichtet. Oh, das glaubteſt Du! ſagte die Tante zähne⸗ knirſchend. Und was benahm Dir dieſen Glauben? Höre nur weiter! Der Brief fuhr fort:„Sei alſo bemüht, theuerſte Andrea, dem guten Grafen eine unbemerkte halbe Stunde zu verſchaffen, und ihn nicht von Deinem Affen von Gemahl unterbre⸗ chen zu laſſen! Weißt Du wohl mein Kind, daß dieſer Herr Gemahl anfängt, mich unausſprechlich zu langweilen, und zu ärgern? Er iſt wahrhaft krank geworden, der gute Mann, nnd hat die lächerliche Schwärmerei, ſich einzubilden, daß er allein auf Deine Liebe und Deine Treue Anſprüche beſäße! Wahnſinniger, der er iſt, Dich erſt zu lehren, wie man mit dem Feuer ſpielt, und ſich dann zu wun⸗ dern, wenn dieſes Feuer eines Tages Dein eigenes Herz durchglüht. Es wäre ihm ſehr recht, wenn Du mit Deinem zauberiſchen Lächeln alle Männer zu Tode hetzteſt, vorausgeſetzt, daß ſie zuvor ein Teſta⸗ ment gemacht, und ihn zu ihrem Erben eingeſetzt. Aber Du dürfteſt um keinen der Gemordeten weinen, nicht einmal eine Thräne des Mitleids. So iſt Dein 176 Gatte, ein kaltherziger Vampyr gegen die ganze Welt, und ein heißblütiger Othello gegen Dich.“ Wird dieſer Brief denn niemals zu Ende ſein? ſchrie Andrea, indem ſie aufſprang, und ſich drohend vor Antonien hinſtellte. Er iſt zu Ende, Tante! ſagte Antonie ruhig. Aber er enthält noch eine Nachſchrift, und da man mir geſagt hat, daß oft in der Nachſchrift die Haupt⸗ bedeutung des ganzen Briefes liege, wirſt Du mir ſchon verzeihen, wenn ich auf dieſes Poſtſcriptum Dei⸗ nes Briefes ein beſonderes Gewicht lege, beſonders, da es mir ſchien, als ob ich ſelber in demſelben er⸗ wähnt würde! Dieſes Poſtſcriptum lautet: vergiß auch nicht, Geliebte, daß mir, als Unterhändler, die Hälfte des gräflichen Schmuckes gebührt, und daß wir gemeinſchaftlich die Theilung vornehmen wollen! Du weißt, daß ich meinen Antheil an all dieſen Dingen meiner Braut beſtimme, welche Du für mich in Dresden erziehen läßt, und welche, mit unſerer und des Teufels Hülfe, ein mächtiger Beiſtand für uns ſein wird, um unſer Ziel zu erreichen, das heißt: um reich zu werden! Wir wollen ſie früh lehren, weiſe zu ſein, und die Menſchen zu verachten, indem ſie ſich den Anſchein gibt, ſie zu lieben!“— Das war das Poſtſcriptum dieſes Briefes, Tante! Und die Unterſchrift? Die Unterſchrift? Denn ohne Zweifel hatte dieſer Brief eine Unterſchrift? Nein, er hatte keine! Ah, er hatte keine Unterſchrift! rief Andrea mit einem triumphirenden Lachen. Aber Du belügſt mich! Du willſt mich hintergehen! Du verſchweigſt mir den Namen, welcher darunter ſtand, aber Du weißt ihn, Du haſt ihn in Deinem Gedächtniß behalten, wie dieſen ganzen unglückſeligen Brief! Ich ſchwöre Dir, daß ich Dir die Wahrheit ſage. Aber ich glaube Dir nicht! So werde ich es Dir beweiſen! Und das argloſe Mädchen nahm aus ihrer Reiſetaſche ihr Portefeuille hervor und öffnete es! Andrea verfolgte jede ihrer Bewegungen mit glühenden, ſtechenden Blicken. Sie ſtand athemlos, unbeweglich da, und ſchaute zu, wie Antonie unter den Papieren in ihrem Portefeuille ſuchte; als ſie aber den Brief gefunden, ſtürzte Andrea mit einem einzigen Sprung wie eine Tigerin zu ihr hin, und entriß ihn Antonien mit einer ſo raſchen, zornigen Bewegung, daß dieſe mit einem unterdrückten Schrei zurücktaumelte. Dann ſchlug ſie das Papier ausein⸗ ander, und überflog es mit einem einzigen Blick. 12 S 1 178 Sie hat Recht! Keine Unterſchrift! Dieſer Mann iſt klüger als ich wußte! Keine Unterſchrift! Oh, was kümmert mich alles Andere! Sie kann mich nicht verrathen! Und indem ſie das ſagte, zerriß, oder zerfleiſchte ſie das Papier mit ihren Zähnen, ſpie die Fetzen auf die Erde, um ſie unter ihre Füße zu treten, und ſie zu zerſtampfen! Tante, Tante, ich fürchte mich vor Dir! ſagte Antonie tonlos, indem ſie entſetzt zurückwich. Du ſollſt Dich auch vor mir fürchten! ſagte ſie zähneknirſchend. Du ſollſt Dich vor mir fürchten, damit Du den Muth verlierſt, mir trotzen zu wollen! Ich will Dich demüthig und ſtill, ich will Dich ge⸗ horſam und unterwürfig machen. Ah, Du haſt dieſen Brief geleſen, welcher an mich gerichtet war! Nun denn, ich ſage Dir, Du ſollſt mit Deinen blutigen Thränen jedes Wort deſſelben aus Deiner Erinne⸗ rung hinweg waſchen, Du ſollſt Dich zu meinen Fü⸗ ßen winden, und mir unter heiligen Eidſchwüren vor⸗ lügen, daß Du dieſen Brief vergeſſen haſt, um da⸗ durch ein wenig Erbarmen, ein wenig Mitleid von mir zu erflehen! Tante, Du biſt entſetzlich! Mir graut vor Dir! murmelte Antonie, halb ohnmächtig auf einen Seſ⸗ ſel niedergleitend. Oh, Dir graut vor mir! Aber ich bin kein Ge⸗ ſpenſt, und wenn Du auch ein Kreuz ſchlägſt, und Gott anrufſt, ich verſchwinde doch nicht, ich bleibe doch da, immer neben Dir, immer der Dämon, welcher Dich zur Verzweiflung treiben wird, ich— Plötzlich verſtummte ſie, und ein Zittern durch⸗ flog ihre große, impoſante Geſtalt. Sie hatte ein Geräuſch gehört, es war ihr, als habe Jemand an ihre Thüre geklopft. Sie hielt den Athem an und lauſchte. 12 V. Die Indnuſtriellen. Mndren hatte ſich nicht getäuſcht. Dieſes Klopfen an ihrer Thüre ließ ſich zum zweiten Male verneh⸗ men, dies Mal ſtärker, und in einem eigenthümlichen, ſich dreifach wiederholenden Tact. Es war offenbar ein verabredetes Zeichen, und Andrea wußte durch daſſelbe, wer da draußen ſtand, denn ihre Züge nahmen plötzlich einen andern Aus⸗ druck an, und erſchienen jetzt heiter und ruhig. Ich werde Dich einen Moment allein laſſen müſſen, ſagte ſie freundlich, denn es iſt Jemand da, der mich zu ſprechen verlangt, auch kann ich Dich unbeſchadet ein wenig Dir ſelber überlaſſen, denn wie Du ſiehſt hat dieſes Zimmer nur dieſe eine Thüre, welche in meinen Salon führt, und die Fenſter 181 liegen hoch genug, um Dir das giuusſyrij un⸗ möglich zu machen! Sie durchſchritt das Gemach und öffnete die Thür. Antonie folgte ihr ganz mechaniſch mit den Au⸗ gen, und ſah ſie in ſtummer Apathie die Thüre öff⸗ nen. Plötzlich fuhr ſie empor, und drückte mit einem leiſen Aufſchrei die Hand auf ihr Herz, als habe ſie da einen Dolchſtoß empfangen. Der Mann, welcher in der geöffneten Thür ſtand, ſah dieſe Bewegung und lächelte dazu, indem er zu⸗ gleich Andrea einen Wink gab, an ihm vorüber in den Salon einzutreten. Schweigend gehorchte ſie ihm, er aber blieb ernſt, unbeweglich, ſchweigend ſtehen, und Antonien's Blicke waren an ihn gebannt, und der Athem ſtockte in ihrer Bruſt! Sie konnte nichts als ihn anſehen, und ſich fragen: wer iſt er? Kenne ich ihn nicht ſchon lange? Oder habe ich nur in meinen Träu⸗ men dieſes furchtbare Angeſicht, und dieſe durchboh⸗ renden, grauſamen Augen geſehen? Sie nannte dieſes Angeſicht furchtbar, und doch war dieſer Mann von einer ſeltenen und außeror⸗ dentlichen Schönheit! Seine Geſtalt war hoch und ſchlank, und ſtolz zugleich, wie die eines Herrſchers. 182 Sein Geſicht von einer eigenthümlichen, durchſichti⸗ gen Bläſſe, ſchien nach den ſtrengſten Regeln grie⸗ chiſcher Schönheit gebildet zu ſein, man hätte glau⸗ ben mögen, dieſer Kopf ſei irgend einer Götterſtatue geraubt, und auf eine Menſchengeſtalt geſetzt worden, hätte nicht dieſes eigenthümliche, wir möchten ſagen, dämoniſche Flammen ſeiner großen tiefdunklen Au⸗ gen den Eindruck geſtört, und den Dämon verrathen, welcher hinter dieſer Götterform wohnte. In der That, man konnte nicht dieſen ewig irrenden, durch⸗ bohrenden und forſchenden Augen begegnen, ohne ein eigenthümliches, unerklärliches Erſchrecken zu fühlen, wie es das Vögelchen empfinden mag, wenn es zu⸗ erſt den Blicken des Baſilisken begegnet. Aber die wunderbare Schönheit dieſes Mannes überwand immer dieſen erſten Eindruck, und wenn man damit begon⸗ nen hatte, ſich vor ihm zu entſetzen, ſo hörte man doch damit auf, ihn zu bewundern und anzuſtaunen. Dieſe wunderbare, und räthſelhafte Erſcheinung war lange ſchon verſchwunden, und die Thüre hatte ſich hinter ihm und Tante Andrea geſchloſſen, aber Antonie ſaß immer noch ſinnend und träumend da, und fragte ſich immer wieder? Habe ich ihn ſchon geſehen? Oder träumte ich nur von ihm? Die Thüre öffnete ſich wieder, und Tante An⸗ drea erſchien wieder auf der Schwelle. Hinter ihr ſtand er wieder, dieſer geheimnißvolle, räthſelhafte Unbekannte, und er hatte wieder ſeine ſtechenden, durchbohrenden Blicke auf Antonie gerichtet. Jetzt that er einen Schritt vorwärts, als wolle auch er in dieſes Gemach eintreten, aber Andrea wehrte ihn ſanft mit der Hand zurück. Jetzt noch nicht! flüſterte ſie leiſe, und der Mann trat zurück. Die Thüre ſchloß ſich hinter ihm. Sofort verſchwand das Lächeln von Andrea's Stirn und mit einem Ausdruck finſteren Haſſes ſchritt ſie durch das Gemach und faßte Antonien's Hand. Du verlangteſt, daß unter uns Beiden eine voll⸗ ſtändige Erklärung ſtattfinden ſollte, ſagte ſie. Du willſt von dieſer abhängig machen, ob Du in dieſem Hauſe bleiben kannſt! Nun denn, ich werde Dir dieſe Erklärung geben, und wir werden dann ſehen, ob Du alsdann den Muth haben wirſt, zu gehen. Sie ſetzte ſich auf den Divan, und zog Anto⸗ nien unſanft zu ſich nieder. Ich werde ſehr kurz und ſehr bündig ſein! Die weitläufigen Erörterungen führen zu nichts und ſind daher überflüſſig! ſagte Tante Andrea. Du verlang⸗ teſt die Quelle unſers Wohlſtandes kennen zu lernen! Nun denn, höre mir zu! Wir find Spieler und 184 Betrüger, wir ſind Gauner und Kaufleute, das heißt wir handeln nicht blos mit Cigarren, ſondern auch mit noch ganz andern Dingen! Da haſt Du die Quellen unſers Wohlſtandes! Tante, welch ein entſetzlicher Scherz iſt dies! rief Antonie erbleichend: Ein Scherz! ſagte Andrea achſelzuckend. Du wollteſt die Wahrheit wiſſen, und ich habe ſie geſagt! Das iſt das Ganze? Dh, zittre nicht, ſuche nicht mir Deine Hand zu entziehen, ſondern bleibe ruhig hier neben mir auf dem Sopha ſitzen! Du haſt die Wahr⸗ heit wiſſen wollen, Du ſollſt ſie jetzt hören! Es wer⸗ den Dir dabei einige erſtaunliche, einige merkwürdige Dinge bekannt werden, Du wirſt Dich indeß bald daran gewöhnen und wir werden alsdann ſehr gute Freunde werden! Haſt Du Dir das Haus, welches wir bewohnen, genau betrachtet! Nein, Tante! Es iſt ein nicht ſehr h nicht ſehr hohes Gebäude, es hat nur wenig Fenſter nach der Straße, aber es hat ſehr große Hintergebäude, in denen ſich allerliebſte Säle, aber auch eine Reihe vergitterter Zellen befinden! Aber wir wollen zuerſt von der Fronte des Hauſes ſprechen. Im untern Geſchoß befindet ſich nichts als ein großer Cigarrenladen mit außeror⸗ dentlich großen Spiegelſcheiben, und über der Haus⸗ thür, welche dicht daneben liegt, hängt ein großes Schild, worauf mit goldenen Lettern geſchrieben ſteht: „Hotel garni.“— In dem Cigarrenladen habe ich ſeit zwei Jahren jeden Tag, geputzt wie eine Prinzeſ⸗ ſin, einige Stunden zugebracht, um mit meinem Lächeln und meinen vielverheißenden Blicken faſhionable Käu⸗ fer anzuziehen. Das Hotel garni aber ſteht unter meiner Leitung, und ich bin es, welche die elegant meublirten Zimmer des erſten und zweiten Stock⸗ werkes vermiethet, und für die vornehmen und rei⸗ chen Herrn Miether eine mütterliche Sorgfalt hegt! — Es bleibt mir nur noch übrig, Dir die Säle und die vergitterten Zellen des Hintergebäudes zu erklä⸗ ren!— In den Sälen wird dinirt, denn meine Zimmerbewohner ſind zugleich meine Penſionäre, und ich beköſtige ſie. Es wird alſo, wie geſagt, in dieſen Sälen dinirt und auch ſoupirt. Nachts aber wird darin geſpielt, ein ehrliches oder unehrliches Hazard⸗ ſpiel, wie's eben kommt, und wie Dein Oncle gerade gelaunt iſt! Er iſt ein ſehr geſchickter und gewandter Pointeur, und er verſteht die Kunſt die reichen Gold⸗ faſane, welche der Graf ihm zuführt, mit einer un⸗ vergleichlichen Kaltblütigkeit ſo zu rupfen, daß ihnen auch nicht ein einziges Federchen übrig bleibt! 186 Wer iſt der Graf? fragte Antonie ganz leiſe, und ganz betäubt von all' dem Entſetzlichen und Unglaublichen, was ſie vernahm. Wer der Graf iſt? ſagte Andrea, und hätte Antonie ſie eben angeſehen, ſo würde ſie erbebt ſein vor dieſem wilden und zornigen Blick, den Andrea auf ſie ſchleuderte. Der Graf iſt ein edler Cavalier, der nur den einzigen Fehler hat, daß'er nicht reich iſt! Indeß würden alle unſere Bemühungen ohne ihn fruchtlos ſein, denn er iſt, was man in der gelehrten Welt einen„Schlepper“ nennt, das heißt, er führt uns die reichen vornehmen Herrn zu, mit denen ſein Rang und ſeine Liebenswürdigkeit ihn ſo vielfach zuſammen⸗ führt, und durch ihn werden unſere Säle, und un⸗ ſere eleganteſten Zimmer bevölkert.— Du haſt ihn bereits geſehen, denn jener Herr, welcher mich vor⸗ her abrief, das war der Graf von Salmiensky! Dh mein Gott, mein Gott! Welch eine furcht⸗ bare Welt iſt dies! rief Antonie, indem ſie mit einem Weheſchrei ihre Hände vor ihr Antlitz ſchlug und ganz zerbrochen, ganz vernichtet in den Divan zurückſank. Andrea lachte, aber es war ein kaltes, höhniſches Lachen! Eine Pauſe trat ein, dann ſagte Andrea: Ich werde Dir jetzt erklären, welche Stellung Du in dieſem Hauſe einzunehmen haſt, und welches Dein Beruf iſt! Aber zuvor trockne Deine Augen, und laß dieſes langweilige Schluchzen und Weinen! Mein Gott, es iſt gar ſo albern zu weinen! Sei alſo ſtill und höre mir zu! Ich höre, Tante Andrea! ſagte Antonie tonlos. Du haſt mir die Mühe dieſer Erklärungen um Vieles erleichtert, fuhr Andrea mit einem Lächeln fort, denn da Du dieſen an mich gerichteten Brief geleſen, weißt Du, worin ein Theil meiner Beſchäf⸗ tigungen beſteht. Darin, daß ich dieſen Herren, welche in unſer Haus kommen, lächle, und ihnen ſchön thue, daß ich ihren albernen Liebesſchwüren mit einem gläubigen Geſicht zuhöre und ſie zuweilen ſogar er⸗ widere, kurz, daß ich Jahr um Jahr, und Tag um Tag dieſes ſo langweilige, ſo eintönige Liebesſpiel ſpiele, welches immer denſelben Anfang, und daſſelbe Ende hat, welches immer, ſo lange mein Partner noch Geld beſitzt, mit der größten Koketterie und den zärtlichſten Liebesſchwüren beginnt, und ſobald ſein Geld zu Ende iſt, mit dem verachtungsvollſten Zorn gereizter und beleidigter Tugend endet! Ach, es iſt fürchterlich langweilig, alle Tage auf's Neue Liebe zu heucheln, fürchterlich langweilig alle Tage dieſe ſtets ſich gleich bleibenden, ſtets aus denſelben Phraſen zuſam⸗ 7 ² 1 j EL 188 mengedrechſelten Liebesſchwüre zu hören, und ſich den Anſchein geben zu müſſen, als glaube man ſie! Abſcheulich! rief Antonie, und ihr vorher ſo blei⸗ ches Antlitz übergoß ſich mit einer Purpuröthe. Ach, ich täuſchte mich alſo nicht, mein armes zitterndes Herz hatte alſo Recht! Du biſt eine Buhlerin, Du verkaufſt Deine Ehre und Deine Liebe für ſchnödes Gold! Fort, Tante, laß mich fort! Nicht einen Mo⸗ ment darf ich länger in dieſem Hauſe bleiben! Und das junge Mädchen flog empor, und wollte der Thür zueilen. Tante Andrea packte mit übermüthiger Gewalt ihren Arm, und drückte ſie in den Divan zurück. Du wirſt bleiben! ſagte ſie ingrimmig, ja, Du wirſt bleiben, und mich zu Ende hören! Ah, Du nennſt mich eine Buhlerin, Du ſagſt, daß ich meine Ehre und meine Liebe, für Geld hingebe. Du lügſt, ſage ich Dir! Ich betrüge nur dieſe eklen, leichtgläubigen verliebten Affen in dem, worin ſie betrogen ſein wol⸗ len! Aber nicht Einer kann auftreten, und ſagen, daß er jemals mein Liebhaber geweſen, daß er ſich je⸗ mals meiner Gunſt zu erfreuen gehabt! Nicht Einer von all dieſen Thoren, welche zu meinen Füßen ge⸗ legen, nicht Einer von ihnen hat jemals meine Lippen * —— 189 berührt, oder meinen Leib umfaßt! Meine Seele iſt vergiftet, aber mein Leib iſt rein geblieben, und gleich der Maria Stuart kann ich von mir ſagen:„ich bin beſſer als mein Ruf!“— Indeſſen fuhr ſie nach einer Pauſe fort, dies iſt weniger das Reſultat meiner Grundſätze und meiner Tugend, als der Klugheit und des Willens Deines Onkels. So lange dieſe Herrn noch etwas zu wünſchen und zu erſehnen haben, ſind ſie ſehr freigebig, ſehr verſchwenderiſch, man muß ſie daher im Stande der Sehnſucht erhal⸗ ten! Und was Deinen Oncle anbetrifft, ſo würde er mich ohne alle Frage ermorden, wenn er wüßte, daß ich ihm Jemals in Wahrheit ungetreu geweſen! — Ihre Züge nahmen plötzlich einen ſcheuen, faſt ängſtlichen Ausdruck an, und als ſie weiter ſprach geſchah es nur mit gedämpfter Stimme. Du kennſt Deinen Oncle nicht, ſagte ſie, wenn Du ihn für die⸗ ſen heitern, gutmüthigen Mann hältſt, für den er ſich ausgibt. Seine Gutmüthigkeit iſt die Maske, hin⸗ ter welcher er ſeine Tücke und Bosheit, ſeine Hab⸗ ſucht und Geldgier verbirgt! Oh, er beſitzt die ſel⸗ tene Kunſt, ſelbſt dann noch gutmüthig zu erſcheinen, wenn er die größten Grauſamkeiten ausübt! Einmal hat er aus bloßer Gutmüthigkeit einem jungen Mann, dem er im falſchen Spiel ſein ganzes Vermögen ab⸗ genommen, ein Raſirmeſſer geliehen, damit er ſich mit demſelben erwürgen könne! Ein ander Mal hat er mir, während er mich umarmte, und mir lächelnd und zärtlich in's Geſicht ſah, eine Nadel tief in den Arm gebohrt, um mich zu ſtrafen, weil ich einem dieſer Herren, welchen er ihr Geld abnahm, erlaubt hatte, mir zwei Mal an einem Abend die Hand zu küſſen!„Heuchle Liebe gegen Alle, aber hüte Dich ſie für einen Einzigen zu empfinden!“ Das war der Segen, welchen er über mich ausſprach, als wir dies unſer induſtrielles Leben begannen! Ja, ja, es iſt wahr, er iſt ein Vampyr für die ganze Menſchheit, und ein Othello für mich! Er würde mich mit dem gutmüthigſten Lächeln von der Welt ermorden, wenn er jenen Brief geleſen hätte, den Du gefunden; ja er würde es thun, indem er zu meinen Füßen ſäße und zu mir die zärtlichſten Worte ſpräche! Und dennoch, Tante, dennoch— Dh, ich weiß, was Du ſagen willſt, unterbrach Andrea ihre Nichte, welche ſie mit entſetzten Blicken anſtarrte. Du erſtaunſt, daß ich es dennoch gewagt habe, einen Liebhaber zu haben! Aber was willſt Du, ich liebe ihn! Es iſt eine Raſerei, ein Wahnſinn, aber ich liebe ihn! Ich, welche niemals wahrhaft Liebe empfunden, und welche dazu verdammt geweſen, 4 . 191 ſie alle Tage zu heucheln, ich bin endlich doch dieſer unglückſeligen, ſeligen Leidenſchaft verfallen! Das Schickſal hat ſich an mir gerächt, und alle dieſe Qualen, welche ich Andern bereitet, ich ſie jetzt ſebſt 6 Sie war plötzlich ganz verändert, ganz umge⸗ wandelt! Ihr Antlitz leuchtete wie in ſeliger Begeiſte⸗ run. Sie war ſchön, trotz ihrer ſechs und dreißig Jahre, ſchön, wie ein junges Mädchen, welches zum erſten Male liebt! Aber dieſe Schönheit änderte ſich plötzlich, die Juno verwandelte ſich in eine Meduſa, und finſtere Blitze ſchoſſen aus ihren Augen, als ſie fortfuhr: ich liebe ihn, wie meinen Dämon, meinen Peiniger, meinen Gott und meinen Teufel! Aber ich liebe ihn! Wehe Dir, Antonie, wenn Du es wagen ſollteſt, ihn mir zu entreißen. Ich? rief Antonie entſetzt. Du, ja Du! Denn Du wirſt ſein Weib ſein, für ihn habe ich Dir dieſe glänzende Erziehung geben laſſen! Für ihn habe ich aus Dir eine vornehme Dame gemacht, mein Gott, er wollte es, und ich konnte alſo nichts thun, als ihm gehorchen! Ja, Du ſollſt ſein Weib werden, die Gemahlin dieſes ſchönen, glänzenden Mannes, um den alle Frauen der Welt Dich beneiden werden! 192 Aber dies iſt unmöglich! Dies kann nicht Dein Ernſt ſein! rief Antonie a Kvoll. Du ſagſt ja, daß Du ihn liebſt! Warum Du denn, daß ich ihn heirathe? Warum ich das will? fragte und jetzt nahmen ihre Züge einen wahrhaft furcht. Aus⸗ druck an Warum ich das wil? Ich w ir ſagen! Weil ich nicht ohne ihn leben kann, und ich den Tag kommen ſehe, wo er mich verlaſſen wird Ich will ihn an mich feſſeln, und er ſoll mir nicht entrinnen und nicht entgehen können! Und ſo lange er noch mein iſt, ſollſt Du das Schild ſein, hinter welchem ſich unſere Liebe verbirgt, das Schild, wel⸗ ches uns vor der Rache meines Gatten bewahrt! Und Du haſt den raſenden Muth, mir dies Alles zu ſagen? rief Antonie, glühend vor edlem Zorn. Du errötheſt nicht, mir Deine Schmach und Deine Ehrlo⸗ ſigkeit zu offenbaren, und mich zur Theilnehmerin Deiner Schande und Unehre machen zu wollen? Du weißt alſo nicht, daß ich lieber in elende Lumpen ge⸗ hüllt mein Brod mir erbetteln, ja, daß ich lieber ſter⸗ ben würde, als dieſen ſchmachvollen Vorſchlag an⸗ nehmen? Du wirſt ihn annehmen ſage ich Dir! Denn Du ſo wenig wie jede Andere, wirſt ihm widerſtehen können, Du wirſt ihn lieben! Ich, einen Mann lieben, der Dein Geliebter iſt? rief Antonie verächtlich. Ich ſage Dir, Du wirſt ihn lieben! Und indem Du es thuſt, wirſt Du nicht wiſſen, daß er mein Geliebter iſt, denn Du kennſt ſeinen Namen nicht, und kein Menſch wird ihn Dir verrathen können! Der Brief hatte glücklicherweiſe keine Unterſchrift! Du wirſt ihn daher wie zwanzig andere Herren in unſerm Salon ſehen, und er wird Dein Gemahl werden! Und ich ſchwöre Dir bei Gott im Himmel, beim Geiſt meiner Mutter, welche ohne Zweifel in dieſer Stunde mich hört, und meinen verzweiflungs⸗ vollen Jammer ſieht, ich ſchwöre Dir, daß keiner dieſer Herren jemals mein Herz gewinnen kann, ich ſchwöre Dir, und Gott hört meinen Schwur, daß ich niemals dieſe erniedrigende Rolle in Deinen Sa⸗ lons einnehmen werde, welche Du mit ſo viel Glück und ſo viel Erfolg geſpielt haſt. Das ſchwörſt Du? rief Andrea, ihre Hände ballend und die Zähne auf einander preſſend. Ah, wir wollen doch ſehen, ob dieſer Schwur nicht zu brechen iſt? —— N 0 Und plötzlich eine vollkommen ruhige und gleich⸗ gültige Miene annehmend, durchſchritt ſie das Ge⸗ mach und zog die Klingelſchnur. Wenige Minuten ſpäter trat ein Livreediener in das Zimmer. Was macht der Patient auf Nummer ſieben? fragte Andrea. Er raſ't noch immer, Frau Doctorin! Andrea trat näher zu ihm heran, und flüſterte ihm einige Worte ins Ohr. Der Diener verneigte ſich. Sehr wohl, gnädige Frau! Wie lange? So lange, bis er ganz geduldig und ganz ſanft iſt! Antonie hatte dieſem geheimnißvollen und lako⸗ niſchen Geſpräch mit einem wachſenden Grauen zu⸗ gehört. Jetzt als der Diener das Zimmer verlaſſen hatte, ſtürzte ſie bleich und in ahnungsvoller Angſt zu ihrer Tante hin, und faßte ihre Hand. Tante, wer iſt jener Kranke, von welchem Du ſprachſt, und was ſoll man mit ihm thun? Andrea lächelte wie eine Medea lächeln mag. Du kennſt ihn noch nicht einmal, und zitterſt ſchon für ihn, ſagte ſie achſelzuckend. Was wirſt Du alſo erſt empfinden müſſen, wenn Du ſeinen 3 Namen erfährſt! 8 Sage ihn mir! Ich muß, ich will ihn wiſſen! 195 Statt aller Antwort nahm Andrea die Hand ihrer Nichte, und führte ſie zum Fenſter hin. Ich ſagte Dir vorher, daß dieſe Hintergebäude da drüben eine Reihe vergitterter Zellen enthielten. Aber Du weißt noch nicht, wozu dieſe dienen! Nun wohl, jetzt will ich es Dir ſagen! Hinter dieſen vergitterten Fenſtern, deren lange Reihe Du von hier aus ſiehſt, hinter dieſen befinden ſich eine gute Anzahl Wahn⸗ ſinniger! Denn Dein Oheim, welcher wie Du weißt, Arzt iſt, hat die Erlaubniß zur Anlegung einer An⸗ ſtalt für Gemüthskranke erhalten, und ſchon ſeit zwei Jahren befindet ſich dieſelbe in jenem Gebäude da drüben! In dieſem Augenblick vernahm man hinter einem dieſer Fenſter einen durchdringenden, kreiſchenden Schrei! Dann war es, als ob eine jammernde, äch⸗ zende Stimme um Gnade, um Erbarmen flehte. Und wieder nun ein ſo fürchterlicher, zitternder Schrei! Was iſt das? Wer ſchreit dort? fragte Antonie todesbleich, und ihre Zähne ſchlugen wie im ei froſt auf einander. Du willſt wiſſen, wer dort ſchreit? fragte An⸗ drea, indem ſie ihre Nichte mit kalten, höhniſchen Blicken betrachtete. Horch er ſchreit ſchon wieder! Noch noch wüthender! Ah, er wird alſo 13* 196 tüchtig geſtraft, und die Nadel bohrt ſich tief genug in ſeinen Ellenbogen ein! Tante, wer iſt er! Wie heißt er? Er heißt Major Preſter, und er iſt Dein Vater! Mein Vater! rief Antonie, und wie vom Blitz getroffen, brach ſie zuſammen, und ſank zu Andrea's Füßen nieder. Dieſe ſah mit einem ingrimmigen Lachen zu ihr nieder. Endlich! ſagte ſie. Dieſer edle jungfräuliche Stolz iſt alſo gebrochen. Die ſtolze Tugendheldin, liegt zu meinen Füßen! Immer wilder, immer verzweiflungsvoller tönte das Wehegeſchrei herüber! Mein Vater! Mein Vater! ächzte Antonie. Mein Gott, ſie martern ihn fürchterlich! Und ich wußte nicht, daß er hier iſt! Und man hatte mir ge⸗ ſagt, daß er noch immer in der Charités ſei! Es iſt unſerm innigen Flehen gelungen, ihn von dort zu befreien, gerührt von unſerer zärtlichen Ver⸗ wandtenliebe, und den glücklichen Erfolgen unſerer Kurart, haben die Behörden endlich eingewilligt uns dieſen geliebten Bruder anzuvertrauen, und ihn unſe⸗ rer Fürſorge zu übergeben! Mein Vater! Es iſt mein armer, bejammerns⸗ 197 werther Vater, welcher dort ſo fürchterlich ſchreit! Und ich kann nichts für ihn thun! Ich muß ſeinen Jammer anhören, und vermag nicht ihn zu lindern! Doch! Du vermagſt das! Es liegt in Deiner Hand, ihn von der Strafe zu befreien, und ihm einige glückliche und angenehme Stunden zu ver⸗ ſchaffen! Sage, was ich thun muß! Und ſei es das Fürch⸗ terlichſte, Entſetzlichſte, ich werde es thun! Nun wohl! Du wirſt Dich nicht weigern, zu thun, was wir von Dir fordern! Was? Was ſoll ich thun? rief Antonie halb ſinnlos vor Schmerz. Du ſollſt unten im Laden meine Stelle einneh⸗ men, und durch den Glanz Deiner Toilette, und durch Dein verlockendes Lächeln uns reiche Käufer anlocken! Willſt Du das thun? Gnade! Gnade! heulte dort drüben der kreiſchende, wimmernde Kranke. Ich will es thun! ſagte Antonie matt. Du ſollſt ferner Abends neben mir in unſern Salons die Honneurs machen; und durch Deinen Geiſt und Witz die Aufmerkſamkeit der Herren feſ⸗ ſeln. Willſt Du das thun? 198 Immer fürchterlicher, immer gellender tönte das Geſchrei herüber. Oh mein Gott, wird denn dies niemals enden! jammerte Antonie ihre Hände zu Gott empor ringend. Werde ich denn nicht wahnſinnig werden, wie mein armer Vater es iſt? Wirſt Du das thun, was wir von Dir fordern? wiederholte Andrea. Ich werde es thun! Ich werde es, ſo wahr mir Gott helfe. Schwöre es mir bei dem Namen Deiner Mutter! Ich ſchwöre es bei dem Namen meiner Mutter! Nur habe Erbarmen! Nur gebiete ſeinem Peiniger inne zu halten, nur laß meinen Vater nicht länger leiden! Höre noch Eins! Bei dem geringſten Verſuch uns zu widerſtreben, oder unſern Wünſchen entge⸗ gen zu handeln, werde ich nicht Dich, ſondern Deinen Vater dafür ſtrafen! Oh, ſelbſt den Trotz Deiner Ge⸗ danken werde ich an ihm rächen! Ich werde Deine Züge bewachen, ich werde in Deinen Mienen zu leſen wiſſen, und finde ich jemals darin eine Spur der Unzufriedenheit oder des Trotzes, ſo wird das Jam⸗ mergeſchrei Deines Vaters Dir ſagen, daß ich Deine Gedanken errathen! — 199 Gnade! Gnade für meinen Vater! Hörſt Du denn nicht, wie fürchterlich er ſchreit! Und das Antlitz von Thränen überfluthet, auf⸗ gelöſt in Jammer, ſank Antonie auf ihre Knie nieder, und hob ihre Hände flehend zu ihrer Tante empor. Ah, ſagte ich Dir nicht, daß Du zu meinen Fü⸗ ßen liegen, und um Gnade flehen ſollteſt? höhnte Andrea. Sagte ich Dir nicht, daß Du mit Deinen heißen Thränen jedes Wort jenes Briefes aus Deiner Erinnerung wegwaſchen ſollteſt? Aber nein, nein, die ſtolze Tugendheldin paßt nicht in dieſes Haus! Die reine Jungfrau darf ſich nicht ſo weit erniedrigen, neben mir zu ſtehen! Die Engelsſeele darf es nicht dulden, daß man hier argloſe Männer um ihr Geld betrügt! Ich ſehe das jetzt ein, ich begreife es! Geh, alſo, geh! Die Thüre iſt offen! Verlaſſe dieſes Haus, welches Du mit ſo viel edler Entrüſtung betreten! Geh, Antonie! Wir werden auch ohne Dich fertig! Wir werden ſpielen, und unſere Kranken kuriren auf un⸗ ſere Weiſe! Geh ſage ich, die Thüre iſt offen! Nein, nein! Ich bleibe! Ich beſchwöre Dich um Gotteswillen, laß mich bleiben, ſei barmherzig, ſtoße mich nicht aus dieſem Hauſe! In dieſem Hauſe wohnt mein Vater! Und ich, ſeine Tochter, ich will über ihn wachen! Ich darf, ich kann ihn nicht ver⸗ 200 laſſen! Tante, aus Barmherzigkeit, verſtoße mich nicht! Mein Gott, hörſt Du denn nicht, wie er ſchreit! Tante, es iſt Dein Bruder! Oh, ſie martern ihn zu Tode! Ich will Alles thun, Alles was Ihr wollt! Nur laß dieſe fürchterlichen Martern enden! Nur ſei gnädig und ſtoße mich nicht aus Deinem Hauſe! Die Tante brach in ein wildes, höhniſches Ge⸗ lächter aus. Sie bittet mich um die Gnade, hier bleiben zu können. Gott, Gott, wenn Du wirklich biſt, hörſt Du denn dies, und duldeſt es? Nein, nein, es gibt keinen Gott! ſchrie Antonie in verzweiflungsvollem, raſenden Jammer. Es gibt keinen Gott, ſonſt würde er Mitleid haben! Ich, ich habe Mitleid! ſagte Andrea. Du haſt heute Deinen erſten Unterricht in der Kunſt des Le⸗ bens erhalten. Jetzt iſt es genug! Komm, ich will Dich ſelbſt zu Deinem Vater führen, und ſollſt ihm ſeine Begnadigung bringen! Mit einem freundlichen Lächeln reichte ſie An⸗ tonien ihre Hände dar, und richtete das zitternde, halb ohnmächtige Kind von ihren Knieen empor. M. Die Wohnungen der Seußer und Chränen. Mit athemloſer Haſt zog Antonie ihre Tante vor⸗ wärts. Laß uns eilen, ich beſchwöre Dich, laß uns eilen, damit ſie meinen Vater nicht mehr martern! Schweigend, athemlos durcheilten ſie die glän⸗ zende Reihe der Zimmer, bis Antonie endlich in troſt⸗ loſer Angſt vor einer verſchloſſenen Thür ſtehen blieb. Dieſe Thüre iſt nicht zu öffnen, und es befindet ſich kein Schlüſſel im Schloß, ſagte ſie troſtlos. Andrea drückte ſtatt aller Antwort an einem an der Seite der Thür befindlichen Metallknopf und mit einem klirrenden Geräuſch ſprang ſie auf. Hier iſt die Grenze, ſagte ſie. Hier endet die Heiterkeit, die Eleganz und die Luſt der Welt, und 202 wir treten jetzt in die Region der Traurigkeit und der Verzweiflung ein. Sie befanden ſich jetzt in einem langen, ſchmalen Corridor, deſſen Grabesöde und nächtliche Dunkelheit einen ſchauerlichen Eindruck machte. Nur allmälig gewöhnte ſich das Auge Antonien's, noch geblendet von dem lichthellen Glanz der eben verlaſſenen Zimmer, an dieſe Dunkelheit, die nur hier und da durch ein an der Wand aufgehangenes, trübes Oellämpchen unterbrochen ward, und ſie bemerkte jetzt dieſe an bei⸗ den Seiten des Corridor's befindlichen niedrigen und ſchmalen Thüren, deren jede mit einer Nummer be⸗ zeichnet war. Numero ſieben! Mein Vater iſt in Numero ſieben! ſagte Antonie, und ihre Füße berührten kaum den Boden, als ſie jetzt den Gang hinunter flog. Andrea folgte ihr mit gelaſſener, ſtolzer Ruhe, und ein höhniſches Lächeln ſtand auf ihren Lippen. Sie iſt unſer! flüſterte ſie. Ihre Kraft iſt gebrochen! Da, jetzt ſtand Antonie vor dieſer mit einer Sie⸗ ben bezeichneten Thür, und das Wimmern und Klagen, welches hinter derſelben ertönte, es erfüllte ihr Herz mit einem namenloſen, unausſprechlichen Jammer. Mit einem einzigen Rucke ſtieß ſie die Thüre auf! 203 Oh mein Gott, welch ein Bild der Verzweiflung und des Jammers bot ſich jetzt ihren Blicken dar! Dort dieſe bleiche, dürre Geſtallt, die in jenem fürchterlichen Zwangsſtuhl, deſſen bloße Erwähnung ſchon die Geiſteskranken erbeben macht, an Händen und Füßen gefeſſelt ſitzt, er iſt es, es iſt ihr Vater! Nicht ihr Auge, ſondern ihr Herz ſagt es ihr! Ihre Augen würden ihn nicht wieder erkennen! Er iſt ganz ein Anderer geworden! Seine hohe Geſtalt iſt gebrochen, ſeine einſt ſo edlen Züge ſind von einer zuckenden Wild⸗ heit, ſein Mund, der ihr einſt ſo viel Worte der Liebe und Zärtlichkeit geſagt, er öffnet ſich jetzt nur zu einem gellenden Gelächter, zu Verwünſchungen und Klagen, zu Schmerzensſchreien und Jammerlauten; ſein Auge glüht und flammt, aber es iſt nur das unheimliche Feuer des Wahnſinns, nicht die Gluth der Seele, welche es ſtrahlen macht. Seine Kleider hängen in Fetzen von ſeinem Leibe und laſſen hier und da ſeine abgezehrten, nur von runzelichter Haut bedeckten Glieder ſehen! Und jetzt ſtößt Antonie einen Schrei aus, denn ſie ſieht jetzt, was dieſem Elenden ſo viel furchtbare Pein gemacht! Sein rechter Arm iſt entblößt und während der linke, ſo wie die Füße, mit ledernen 204 Riemen an den Lehnen des Stuhls befeſtigt ſind, iſt dieſer allein ungefeſſelt. Er hat die Freiheit, ihn zu bewegen, mit ihm zu drohen, zu ſchlagen, ſich das Haar zu zerraufen, das Geſicht zu zerfleiſchen. Nur, daß jede Bewegung deſſelben ihm eine furchtbare Qual bereitet, nur daß dieſe lange, ſchwankende Me⸗ tallnadel, welche man ihm durch den Ellenbogen ge⸗ ſtoßen und an deren Ende ſich eine ſchwere Metall⸗ kugel befindet, ſich bei jeder Bewegung, bei jedem Heben des Arms, vermöge der durch die Schwere der Kugel erzeugten Schwingungen immer tiefer in ſein Fleiſch einbohrt, mit immer raſenderen Schmerzen ihn peinigt. Auch hatte Antonien's Vater dem peinigenden Schmerz dieſes„Heilmittels“ nicht zu widerſtehen vermocht. Der Tiger in ihm war gezähmt dadurch, der Dämon der Raſerei hatte ſich ängſtlich und ſcheu in einen Winkel der Seele dieſes Unglücklichen ver⸗ krochen und ſchaute nur noch mit einem grimmigen Lachen und heimlichem Zähnefletſchen daraus hervor. Mein Vater! Mein armer Vater! rief Antonie und ſie ſtürzte zu ihm hin und umklammerte ſeine Knie und barg ihr von Thränen überfluthetes Ange⸗ ſicht in ſeinem Schoße. Der Kranke erwiderte ihre zärtlichen Anrufungen nur mit einem herzzerreißen Schrei, denn Antonie hatte ſeine rechte Hand genommen, um ſie an ihre Lippen zu drücken und die Nadel bohrte ſich alſo tiefer in ſeinen Ellenbogen ein. Du kennſt mich alſo nicht? klagte Antonie. D ſiehſt es nicht, daß es Deine Tochter iſt, welch Deinen Füßen liegt und welche ihr Herzblut hing möchte, um Dich zu heilen! Mein Gott, ſo wirf doch Deine Augen nicht ſo ruhelos umher, laß ſie einen Moment auf mir verweilen! Sieh mich an! Ich bin es, Dein Kind, Deine Antonie! Mit athemloſer, zärtlicher Angſt blickte ſie ihn an, aber ſeine Augen flackerten immer noch mit der⸗ ſelben Wildheit hin und her und derſelbe ſtumpfe, ſinnloſe Ausdruck war in ſeinen Zügen. Er kennt mich nicht! ſeufzte Antonie. Der letzte Strahl iſt aus ſeinem Hirn gewichen und alles iſt todte, öde Nacht geworden, denn er kennt ſein Kind nicht mehr! Plötzlich durchflog ein Zittern ſeine ganze Geſtalt und ſeine irrenden Blicke waren jetzt feſt auf die Thüre gerichtet. In dieſer Thüre ſtand Andrea, hoch aufgerichtet, ſtolz und kalt, ihre flammenden Augen 206 auf den Unglücklichen gerichtet, der vor ihren Blicken erbebte und ſcheu in ſich zuſammen kroch. Tante, er kennt mich nicht! rief Antonie. Aber mich kennt er! ſagte Andrea mit einem grauſamen Lachen, indem ſie vorwärts ſchritt. Mich kennt er und das Thier in ihm erbebt vor ſeinem Meiſter und Herrn! Weshalb hat er geraſtt? fragte ſie den Wärter, cher ſeit dem Eintreten Antonien's ſich in eine Ecke des Gemachs zurückgezogen hatte. Woher kommt es, daß er jetzt wieder raſ't, während er doch Monate lang ſchon ganz vernünftig war? Ohne Zweifel trägt Ihre Abweſenheit daran die Schuld, Frau Doctorin, ſagte der Wärter. Sie wiſſen ja, daß er nur in Ihrer Gegenwart vernünftig iſt und daß Ihr Blick allein die Kraft hat, ihn zu hei⸗ len! Er liebt Sie ſo ſehr! Andrea lachte laut. Er liebt mich ſehr, das heißt, er zittert vor mir, denn er weiß, daß ich ihn für das kleinſte Verſehen unnachſichtig ſtrafe, aber auch ihn belohne, wenn er es verdient! Und indem ſie ſich wieder an den Kranken wandte, fragte ſie: nicht wahr, Du liebſt die Schweſtet An⸗ drea ſehr? Ja, ſehr! ſagte er mit matter Stimme. 207 Und Sie behaupten, daß dieſer Mann wahnſinnig B iſt! rief Andrea höhniſch, dieſer Mann, welcher doch jetzt ſo vernünftig iſt, ſeine Schweſter zu lieben, wäh⸗ rend er ſie haßte, als er noch geſund war! Ich habe Dich gewiß niemals gehaßt! ſagte der Major. Nein, nein, Andrea, ich liebe Dich, aber nun wirſt Du auch gewiß gut mit mir ſein und mich befreien! Verſprichſt Du, ganz vernünftig, ganz ſtill zu ſein? Ich verſpreche es! Aber, nicht wahr, jetzt wirſt Du meine Marter enden laſſen!— Und, auf die Nadel in ſeinem Arm hindeutend, fuhr er mit einer herzzerreißenden, unwillkürlichen Ironie fort: Du ahnſt nicht, wie weh das thut, Andrea. Es iſt ein Schmerz zum Raſendwerden! Ja, es iſt ein gutes, homöopathiſches Mittel! ſagte Andrea lachend, indem ſie ihn von der Nadel befreite und das mit Blut beſpritzte Marter⸗Inſtru⸗ ment dem Wärter hinreichte. Der Kranke athmete hoch auf und ein Lächeln verklärte ſeine Züge. Vater, erkennſt Du mich jetzt? rief Antonie, welche noch immer vor ihm kniete. Oh, habe doch Erbar⸗ men! Sieh mich doch an, ich bin es ja, Antonie, Dein Kind! Höre mich doch, mein Vater! 208 Er hatte den Kopf vorwärts geneigt und ſchien zu lauſchen. Seine Augen waren weit aufgeriſſen und ſtarr, ſeine Lippen halb geöffnet. Ein fremder, neuer Klang hatte ſein Ohr getroffen, eine neue Welt hatte ſich ihm aufgethan. Vater! wiederholte er leiſe und dann immer lau⸗ ter, immer mächtiger, immer ſchwellender: Vater! Vater! Ja, ich bin ein Vater! Wo iſt mein Kind! Macht mich los! Macht mich frei! Ich muß hingehen und mein Kind ſuchen! Auf einen Wink Andrea's zog der Wärter die Lederriemen auf. Jetzt erhob ſich der Major in ſeiner ganzen Höhe! Jetzt war es wieder die frühere, kräf⸗ tige Geſtalt, der frühere ſtolze, feſte Schritt. Ich muß hingehen und mein Kind ſuchen! wie⸗ derholte er. Hier, hier bin ich, mein Vater! rief Antonie und ſie warf ſich in ſeine Arme und drückte ſich feſt an ſeine Bruſt. Er hob ihr Geſicht von ſeiner Bruſt empor und ſah ſie lange und zweifelnd an. Plötzlich durchflog ein Zucken ſeine ganze Geſtalt und der Ausdruck einer ſeligen Freude durchflog ſeine Züge. Ja, Du gleichſt meiner Tochter, ſagte er. So ſah Antonie aus, als ſie noch lebte! Jetzt iſt ſie todt und iſt hinaufgeflogen 209 in den Himmel zu ihrer Mutter, um ſie zu bitten, daß ſie ſich über ihren armen Gatten erbarmt und ihn zu ſich ruft! Aber nein, nein, ich kann noch nicht ſterben, ich habe noch keine Zeit dazu! Ich muß erſt Geld verdienen, viel Geld! Ich muß erſt reich werden, damit meine Antonie wieder erwache! Denn mit Reich⸗ thum kann man Alles machen, mit Reichthum kann man Todte erwecken und Kranke geſund machen! Ja, ja, ich muß reich werden, damit mein Kind wieder zu mir komme, damit ich wieder höre, wie ſie zu mir: Vater! mein Vater! ſagt. Vater! Mein Vater! rief Antonie, ihr Antlitz überfluthet von Thränen. Kennſt Du mich immer noch nicht, mein Vater? Aber ihr Ruf drang nicht mehr an ſein Ohr. Er blickte wieder ſtarr vor ſich hin und flüſterte: meine Tochter wird wiederkehren! Wenn ich reich bin, wenn ich alles Geld der Erde werde gewonnen haben, dann wird ſie wieder da ſein, dann werde ich ſie mir wieder kaufen können! Wo ſind die Karten! Die Karten! Ich muß ſpielen, ich muß reich werden! Meine Tochter muß eine reiche und vornehme Dame werden! Ich muß ſpielen! Du ſollſt ſpielen, wenn Du mir verſprichſt, genz vernünftig zu ſein! ſagte Andrea. e —3— 210 Der Major nahm plötzlich eine ernſte und gehal⸗ tene Miene an und indem er ſich tief vor Andrea verneigte, ſagte er: Frau Doctorin, ich bitte um die Ehre, eine Partie Ecarts mit Ihnen ſpielen zu dürfen! Und mit dem vollkommenen Anſtande eines Welt⸗ mannes ging er zu dem Tiſch hin und nahm aus der in demſelben befindlichen Schieblade ein Spiel Karten hervor, das er mit einer tiefen Verbeugung der Frau Doctorin darreichte. Du ſollſt ſehen, Antonie, ſagte Andrea, daß er jetzt ſeinen Verſtand wieder gefunden hat, obwohl er Dich nicht kennt! Wie heißt dieſe Karte, Herr Major? Coeur Aß! Richtig und dieſe da? Treff drei! Und weiter? Caro ſieben! Er iſt vollkommen bei Sinnen! ſagte Andrea, indem ſie die Karten verächtlich bei Seite warf. Man ſoll ihm ſeine Uniform geben und ihn anklei⸗ den! Der Herr Major kann heute Abend im Salon erſcheinen! Der Major ſtieß einen Freudenſchrei aus und ſtürzte zu Andrea hin, um'ihre Hand zu ergreifen und ſie an ſeine Lippen zu drücken. Er hat ſeinen Verſtand wieder gefunden und er kennt mich nicht! murmelte Antonie ſchmerzvoll. Andrea ſagte höhniſch: Du ſiehſt, mein Kind, was es mit der Stimme der Natur für eine Be⸗ wandtniß hat! Er iſt Dein Vater, aber er hat kein Herz mehr für Dich! Er liebt nichts weiter, als die Karten und nur, wenn er dieſe ſieht, iſt er ganz ver⸗ nünftig, ganz beſonnen! Er iſt mein Vater! rief Antonie ſchmerzvoll. Ja, er iſt mein Vater, ich werde und muß ihn lieben und ihn niemals verlaſſen! Was auch aus mir wer⸗ den möge, ich darf ihn nicht verlaſſen, denn er iſt auf mich angewieſen und Gott verhüte, daß ich jemals wieder ſolche Jammertöne von ihm vernehmen n wie ich ſie heute gehört! Dies liegt in Deiner Hand! ſagte Andrea rauh. Ich werde ihn ſtrafen oder belohnen, je nachdem Du gehorſam oder widetwillig biſt! Jetzt aber komm, Antonie. Du ſiehſt, er iſt ganz in ſeine Karten ver⸗ tieft! Er achtet nicht mehr auf uns! Komm! Es iſt die Stunde, in welcher die Thüren, welche auf den Corridor führen, geöffnet werden und die Kranken, wenn ſie Luſt haben, ein wenig im Corridor auf und abgehen dürfen! Folg' mir, der Wärter iſt hinaus gegangen und hat die Lampen höher aufgeſchroben. 1 212 Der Corridor ſtrahlt jetzt wie im Tageslicht. Komm alſo jetzt! Lebewohl, mein Vater! flüſterte Antonie traurig, indem ſie ſeine Hand faßte und ſie zärtlich drückte.— Er machte ſich ungeduldig von ihr los und murmelte: Gewonnen! Verloren! Gewonnen! Verloren! Laßt mich! Ich muß gewinnen, damit meine Tochter wie⸗ der kommt! Antonie ſenkte ihr Haupt traurig auf ihre Bruſt und folgte ihrer Tante hinaus auf den Corridor. Dieſer war jetzt hell erleuchtet und die Zellenthüren ſtanden offen. Aber immer noch herrſchte ein tiefes Schweigen, welches nur dann und wann von einem lauten, gellenden Lachen, einem Aufkreiſchen, einem Weheſchrei unterbrochen ward. Nichts als Elend und Jammer oder eingebildetes Glück wohnt hier! ſagte Andrea. Es iſt ein treues Spiegelbild des Lebens. Nur die Seufzer und Thrä⸗ nen, die Verwünſchungen und Flüche ſind wirklich, alles andere iſt Wahnſinn und Thorheit! Plötzlich, wie ſie Beide langſam weiter ſchritten, belebte ſich der Corridor und bleiche, dürre Geſtalten ſchlüpften aus den Zellen hervor. Hier ging ein Weib mit aufgelöſtem Haar und todesbleichem Antlitz, die Hände ringend und laut jammernd nach ihrem Ge⸗ 6 ** 1 213 liebten, dem Monde, der geſtern ihr ſein Antlitz ver⸗ hüllt und ſie nicht zu ſich empor gehoben habe, an ſeine goldene, leuchtende Bruſt. Dort kam mit ängſt⸗ lichem, zierlichem Schritt ein Mann daher, ſich ſcheu in ſeinen Mantel einhüllend und murmelnd: Ich bin eine reine Jungfrau! Seht mich nicht an! Der Blick der Männer thut mir ſo weh!— Aus einer der Zellen ſchaute ein langbärtiger, muskulöſer Mann hervor und rief, ängſtlich in die Höhe ſpähend: Sind auch keine Tauben da? Oh mein Gott, ſchießt, ſchießt die Tauben! Ich bin eine Erbſe und die Tauben ſchlucken die Erbſen ſo gerne! Sie werden mich freſſen, wenn ſie mich entdecken! Schießt die Tauben todt! Sonſt kann ich nicht herauskommen! Sie müſſen wiſſen, meine Königin, ſagte ein jun⸗ ger Mann, der mit einer graziöſen Verbeugung ſich Antonien näherte, Sie müſſen wiſſen, meine Königin, daß dieſer arme Menſch wahnſinnig iſt. Gott hat das Licht ſeines Geiſtes verdunkelt und er hält ſich für eine Erbſe! Oh, es ſind lauter elende, verächtliche Wahnſinnige, welche mich umgeben! Und man iſt ſo grauſam geweſen, mir die Geſellſchaft aller Vernünf⸗ tigen zu entziehen und mich dazu zu verdammen, mit dieſen erbärmlichen Subjecten zuſammenzuwohnen, als ob ich ſelber ein Wahnſinniger wäre! Ich, den der „.— 214 Geiſt Gottes umſtrahlt, ich, in den Gott ſich hernie⸗ dergeſenkt hat, um aus mir den ſichtbaren Vater des Meſſias zu machen! Ja, ich bin der Vater des Hei⸗ lands und ich ſuche die reine, unbefleckte Jungfrau, welche durch mich den Meſſias gebären ſoll! Der Athem Gottes haucht aus mir, ich bin es, der Vater der Welt, der Herr über Leben und Tod! Ich bin Gott, knieet alſo nieder und betet mich an! Eein gellendes Lachen war die Antwort. Die armen, ſeufzenden, klagenden oder triumphirenden Spaziergänger vergaßen einen Moment ihrer eigenen Schmerzen und Entzückungen und umſtanden den gottbegeiſterten Prediger. Er iſt wahnſinnig! Seht den Wahnſinnigen! ſchrieen und kreiſchten und lachten und heulten ſie. Er bildet ſich ein, Gott ſelber zu ſein! Der Narr! Der Verrückte! Und ſie lachten vor Entzücken und Jubel und zeigten mit Fingern auf ihn, der mit einem verklärten Lächeln undobegeiſterungsſtraßſndem Blick immerfort wiederholte: Ich bin Euer Heßß und Gott, knieet nieder und betet mich an!.. Andrea wandte ſich mit einem ſpöttiſchen Lächeln zu Antonien hin, welche bebend und zitternd ſich auf ihren Arm lehnte. Hatte ich nicht recht zu ſagen, 0 215 daß Alles nur Wahnſinn ſei? Die Liebe und die Un⸗ ſchuld, die Frömmigkeit und die Tugend? Ach, das Alles iſt eine Krankheit, eine große, ſinnerſchütternde Krankheit und wer geſund ſein will, muß ſich von all dieſen Dingen kuriren und ſie als unnützen Tand hinter ſich werfen! Er iſt wahnſinnig! Er hält ſich für einen Gott! kreiſchten die Kranken mit einem wilden, ſchallenden Gelächter. Plötzlich aber verſtummten ſie Alle und nahmen eine ernſte, angemeſſene Haltung an.„ 8 — W. Der Doctor. Der Doctor! Der Doctor! murmelten die Kranken als ſi e ſich in militäriſcher Ordnung an beiden Sei⸗ ten der Wand aufſtellten, und in ſichtbarer Angſt den Corridor hinunter blickten. Am Ende deſſelben lhatte ſich allerdings eine Thüre geöffnet, und ein Mann in Begleitung eines großen, weißen Pudels war in den Corridor getre⸗ ten. Beide waren ſie anfangs mit langſamem, ge⸗ meſſenem Schritt vorwärts gegangen, indem der Hund hier und dort vor einem der Kranken ſtehen blieb, und der Doctor, gewiſſermaßen der Leitung ſeines Hundes folgend, gerade an denjenigen der Patienten, welchen ihm der Pudel bezeichnet hatte, einige Fragen richtete. 8 Nun, und was macht Ihr Geliebter? Hält er ſich noch immer im Mond verborgen? fragte er die⸗ ſes junge Mädchen, welches zuvor mit ſo ſchwärme⸗ riſcher Sehnſucht von dem entfernten Geliebten, dem Monde geſprochen. Jetzt waren ihre Augen glanzlos und trübe, und ihre erſchlafften matten Züge zeigten nur den Ausdruck verachtenden Spottes. Was kümmert mich der Mond! ſagte ſie. Der Mond iſt eine kalte, todte Maſſe, weiter nichts. Als ich wahnſinnig war, glaubte ich an den Mond und liebte ihn! Aber jetzt bin ich geneſen, jetzt weiß ich Alles, und meine ſchönen Träume ſind auf immer verſchwunden! Was wiſſen Sie? fragte der Doctor ſtrenge. Sie warf ihm einen angſtvollen, ſcheuen Blick zu, und antwortete leiſe: ich weiß, daß der, welcher mich einſt liebte, nicht hinauf geſtiegen iſt zum Himmel und nicht aus dem Monde mit ſtrahlendem Angeſicht zu mir herunter leuchtet, ſondern daß er nur von mir gegangen iſt in die weite Welt, weil er mich nicht mehr liebte, und weil ich ihm nicht ſchön und jung und reich genug war! Oh, Sie ſehen, Herr Doctor, ich bin ganz ver⸗ nünftig, ganz beſonnen, fuhr ſie fort, während die 217 Thränen langſam über ihre eingefallenen Wangen * niederrollten. Ich bin wieder geneſen und ſie werden daher nicht mehr nöthig haben, mich zu ſtrafen! Ein grauſames Lächeln flog über des Doctors Angeſicht, während er, geleitet von ſeinen Pudel wei⸗ ter ſchritt, und vor dem nächſten Kranken ſtehen blieb! Nun? Wie befindet ſich die reine Jungfrau? Hat nicht wieder der freche Blick eines Mannes dieſe zarte, jungfräuliche Seele verletzt? Der Angeredete ſah ihn zornig an, und erwi⸗ derte barſch: Sie wiſſen ſehr wohl, Herr Doctor, daß ich ein elender ſchwacher Mann bin, und daß ich nur zuweilen in einem Anfall froher Laune mich für„ eine reine Jungfrau ausgebe! Ja, in einem Anfall froher Laune, die ich Ihnen mit der Douche belohne, mein lieber Freund. Dh die Douche thut Ihrem jungfräulichen Haupte außerordentlich wohl! Mein Gott, Herr Doctor, ſtammelte der arme, erzitternde Kranke, Sie werden mich doch nicht ſo fürchterlich ſtrafen wollen. Ich bin ganz geſund, wie Sie ſehen, ganz— Der Doctor achtete nicht mehr auf ihn. Er war mit ſeinem Pudel weiter gegangen. Sind noch immer Tauben in der Luft? fragte 218 249 er den Patienten, vor welchem der Hund Halt gemacht. Tauben? wiederholte der Angeredete, indem er mit dem vollkommen gelungenen Ausdruck eines Staunenden in die Höhe blickte. Tauben, mein Herr? Wie könnten in dieſem Corridor ſich Tauben befinden? Und warum nicht? Ich habe deren einige in der Taſche. Hüten Sie ſich alſo, und ich rathe Ihnen, ſo ſchnell als möglich ſich zu verbergen! Denn ich werde meine Tauben loslaſſen, und Sie werden ſich Erbſen ſuchen! Der Kranke fuhr ſchaudernd in ſich zuſammen, und machte eine Geberde, als wollte er entfliehen. Dann aber raffte er ſich gewaltſam auf und ſagte ganz ruhig und unbefangen: laſſen Sie Ihre Tauben los, Herr Doctor. Ich möchte doch ſehen, ob Sie hier eine Erbſe finden! Wären Sie zum Beiſpiel keine Erbſe? ch Mein Herr Doctor! Sie beleidigen mich in meinen heiligſten Menſchheitsgefühlen! Ich, ein Menſch, ein Ebenbild Gottes, ich eine Erbſe! Und dieſer Mann, welcher vorher ſo ängſtlich nach Tauben ausgeſchaut, richtete ſich jetzt im Ge⸗ fühl ſeines beleidigten Menſchenthums ſtolz empor, und ſah den Doctor mit triumphirenden Blicken an. Glauben Sie ihm nicht, ſagte der zierliche junge Mann, welcher Antonien zuvor ſeine Göttlichkeit offenbart hatte. Glauben Sie ihm nicht, Herr Doc⸗ tor. Er iſt wahnſinnig, wie vernünftig er auch eben ſprechen mag! Er verſtellt ſich nur, und im Grunde ſeines Herzens hält er ſich doch für eine Erbſe! Ach, er iſt wahnſinnig, wie alle dieſe elenden, verächtlichen Geſchöpfe, in deren Geſellſchaft man mich verbannt hat. Sie ſind wahnſinnig, Alle, Alle wahnſinnig! Aber Sie ſind nicht wahnſinnig? fragte der Doctor. Ich? Oh mein Herr, wofür halten Sie mich! Ich wahnſinnig! Ich, der lebendig und fleiſchgewor⸗ dene Gott, ich, der wirkliche und echte Vater Jeſu Chriſti, ich, der ich Menſchengeſtalt angenommen habe, um auf's Neue mir eine reine Jungfrau zu ſuchen, die es würdig wäre durch mich den Sohn Gottes zu gebären, ich, der Gott und Herr, der Er⸗ habene, Anbetungswürdige, ich wahnſinnig! Der Doctor ſah ihn mit einem verächtlichen Lächeln an, und reichte dann mit einem ſtummen Gruße Antonien ſeine Hand dar. Dieſe Geiſtlichen, ſagte er zu ihr, indem er auf den jungen Menſchen hindeutete, der jetzt in feierlichen Worten die Uebrigen * „ 221 zur Anbetung und Verehrung ſeiner göttlichen Per⸗ ſon aufforderte, dieſe Geiſtlichen ſind die ſchlimmſten aller Menſchen, ſie mögen nun wahnfinnig oder, was ſie verſtändig nennen, ſein! Hochmüthig und üppig ſind und bleiben ſie, und keine Zwangsjacke, keine Douche, keine Nadel und keine Schläge treibt ihnen den Teufel aus. Er ſitzt feſt in den Männern Got⸗ tes, und ſelbſt ich kann ihn nicht bannen! Aber ver⸗ ſuchen wollen wir's doch einmal! Und er winkte den Wärter zu ſich heran, und befahl ihm mit lauter Stimme den jungen Mann in das Badezimmer zu führen, und ihn eine Stunde unter die Douche zu ſtellen! Die Gerechten müſſen leiden, aber ſie werden dennoch triumphiren über die Frevler, und offenbar werden in ihrer Herrlichkeit! ſagte der„Gotterfüllte“ indem er mit ſtolzem Schritt dem Wärter in die Marterſtube folgte. Heuchler immer, ſagte der Doctor achſelzuckend, Heuchler, ob ſie nun auf der Kanzel, oder im Irren⸗ hauſe ſi nd! Unverbeſſerliche Wahnſinnige, dieſe Prie⸗ ſter!— Meine Herren, ſagte er dann laut, ich bin ſehr mit Ihnen zufrieden! Fahren Sie ſo fort, und Sie werden bald vollkommen geneſen ſein!* Und indem er ſich umwandte gab er ſ Gat⸗ 222 tin und Antonien einen Wink ihm zu folgen, und verließ mit ihnen den Corridor. Ein lautes, vielſtimmiges Gelächter erſchallte, als die Thür, welche ſie von den Wahnſinnigen trennte, ſich hinter ihnen ſchloß. 5 Weißt Du, was das bedeutet? fragte der Dor⸗ tor mit einem grimmigen Lachen Antonien. Das bedeutet, daß dieſe elenden Narren ſich einbilden mich getäuſcht und mich glauben gemacht zu haben, daß ſie ganz vernünftige und weiſe Menſchenkinder ſind. Höre nur ihr Triumphgeſchrei und ihr tolles Hohngelächter! Oh, ich werde ihnen beweiſen, wie ſehr ſie ſich geirrt haben! Und der Doctor ſtieß die Thüre auf, und ſtand plötzlich mit flammendem Geſicht, und zornblitzenden Augen unter dieſer jauchzenden und triumphirenden Rotte, welche bei ſeinem Anblick plötzlich verſtummte, und erſtarrt und regungslos da ſtand. Meine Herren, ſagte er, Sie haben nicht mich, Sie haben nur ſich ſelber getäuſcht, und Sie werden dafür jetzt Ihre Strafe empfangen! ₰ Und indem er die Krankenwärter herbeirief übergab er Jedem derſelben ſeinen Patienten mit der Weiſung ihn entweder in die Zwangsjacke, oder unter ₰ 223 die Douche zu ſtellen, oder ihm die Nadel, oder die Knute zu geben! Und Jeder dieſer Armen empfing mit einem lau⸗ ten Weheſchrei ſeinen Urtheilsſpruch und folgte ge⸗ ſenkten Hauptes und leiſe ächzend ſeinem Wächter und Peiniger.— Die Zellenthüren ſchloſſen ſich jetzt, der Corridor war wieder einſam und öde. Der Doec⸗ tor ſtand in der Thür und als aus den geſchloſſenen Zellen lautes Klagegeſchrei und Wimmern und Aech⸗ zen erſchallte, leuchtete ſein Antlitz von einer wilden dämoniſchen Freude. Uund der Major? wandte er ſich mit einem grau⸗ ſamen Lachen an ſeine Frau. Oh, er iſt ganz vernünftig, ganz beſonnen! ſagte Antonie, der Antwort ihrer Tante zuvorkommend! Ich verſichere Sie, Oncle, es iſt gar kein Grund ihn zu ſtrafen! Der Dortor ſah ſie mit durchdringenden Blicken an. Kannte er Dich? MNein! ſagte ſie ſeufzend. Mein Vater erkannte Der Doctor lachte. Und ſie ſagt, er ſei ver⸗ nünftig geweſen! Er war es, ſagte Andrea ruhig. Er kannte die * 224 Karten! Aber er ſaß im Zwangsſtuhl und die Nadel hat ihn klug gemacht! Oh, ich ſehe, Du haſt unſerer lieben Nichte die erſte Lection ertheilt! ſagte der Doctor: Dann durchſchritten ſie ſchweigend den erſten Salon und traten in das Wohnzimmer Andrea's. Nun, wie gefällt Dir meine Art, die Menſch⸗ heit geſund zu machen? fragte der Doctor, indem er ſich tzbaglich in einen Lehnſtuhl ſetzte, und ſeiner Nichte einen Wink gab auf dem Sopha neben ihm Platz zu nehmen! Sie folgte dieſer Weiſung mit niedergtſchlege⸗ nen Augen, und ſetzte ſich zitternd neben ihm. Des Doctor's lächelnder Blick flog zu ſeiner Frau hinüber, welche ſo eben die ſtürmiſchen und kreiſchenden Begrüßungen ihres Cacadu's empfing. Haſt Du ſchon mit nüſe lieben M geſpro⸗ chen? fragte er. Ja, ich habe mit ihr geſprochen, und ſie iſt ſchon vernünftig geworden! Oh, ſie iſt ſchon vernünftig geworden! der Doctor mit ſeinem eigenthümlichen Lachen er Antonien's Hand nahm, und ihr feſt in das zuckende und erbleichende Antlitz ſah. Du biſt hübſch, ſehr hübſch, ſagte er, und mit des Teufels und — 225 Deiner Tante Hülfe wird ſich aus dieſem Geſicht noch etwas machen laſſen! Es fehlt ihm noch ein bischen von dieſer diaboliſchen Schönheit, welche Euch Wei⸗ ber ſo pikant und reizend macht! Oh, Du errötheſt! Andrea, ich bitte Dich, ſuche vor allen Dingen ihr dieſes alberne Erröthen abzugewöhnen! Nicht doch! ſagte Andrea. Ich werde ſie nur lehren, es nach Belieben anzuwenden, das iſt beſſer! ———— Der Doctor ſtarrte noch immer in Antkniems Antlitz und er las in ihren zuckenden Mienen ihre Seelenangſt und ihre Qual. Du fürchteſt Dich vor mir? fragte er barſch. Sieh mich an, weshalb fürch⸗ teſt Du Dich? Sie hob ihre thränenſchweren Blicke zu ihm em⸗ por. Ich fürchte mich nicht! ſagte ſie leiſe. Der Doctor lachte. Oh, der Engel iſt nicht mehr ganz rein, ſagte er. Die Lüge hat ſchon ihren Einzug gehalten in Deine Bruſt! Gut, gut, die Lüge iſt der Herold, welcher das Kommen aller übri⸗ gen, weiblichen Tugenden verkündet. Ah, Du ver⸗ ſtehſt ſchon zu lügen, mein Kind! Du wirſt eines Tages ein ganz vollkommenes Weib werden, das heißt, Du wirſt lügen, und betrügen, und lächeln und ſeufzen, und ſchäkern und weinen, und ver⸗ ⸗ 15 1 5 15 226 ſchämt erröthen, und freche Scherze dulden, Alles nach Deinem Belieben! Ich übergebe Dich Deiner Tante Andrea, ſie wird Dich zu ihrer Schülerin machen, denn ſie ver⸗ ſteht alle dieſe Dinge, und ich liebe ſie deshalb! Aber auch ich, mein Kind, will Dich ein wenig in die Schule nehmen, und Dir einige ganz leichte Kunſt⸗ griffe Deiner neuen Thätigkeit lehren! Oh, oh, er⸗ ſchrich nicht ſo ſehr! Ich will eine vollkommene Kar⸗ tenkünſtlerin aus Dir machen, weiter nichts! Ich bin ein lieber, harmloſer Menſch, der nichts weiter liebt, als ſeinen Hund und ein kleines, gemüthliches Kar⸗ tenſpiel. Ah, ſieh nur, wie der Fido Dich betrachtet, und beſchnuppert! Der Fido iſt ein kluges Thier, und er wird es bald wiſſen, daß er Dich früher ge⸗ ſehen hat, und daß Ihr alte gute Bekannte ſeid! Ja, wahrhaftig, jetzt weiß er's, jetzt hat er ſeine kleine Jugendfreundin wieder erkannt! Der Hund hob in dieſem Moment ſeinen Kopf empor, gleichſam als wolle er Antonien in's Ant⸗ litz ſehen, dann ſprang er mit einem lauten Freu⸗ dengeheul an ihr empor, und legte ſeine beiden Pfo⸗ ten auf ihre Schultern. Antonie fühlte ihr Herz geſchwellt von einer tiefen, ſchmerzvollen Rührung. Thränen entſtürzten 227 ihren Augen, ſie legte ihre beiden Arme mit einer leidenſchaftlichen Innigkeit um das treue Thier, wel⸗ ches mit ſeinen glänzenden Augen ſie anblickte, und ihr ſeinen Gruß und ſeine Liebe entgegen wedelte und heulte, und indem ſie ihr Haupt auf Fido's Stirn legte, ſagte ſie ganz überwältigt: Du alſo er⸗ kennſt mich, Fido, und Du liebſt mich! Du biſt das erſte, das einzige Geſchöpf, welches mich hier willkommen heißt! O Fido, treues gutes Thier, ich danke Dir! Du haſt mir ſo wohlgethan! Du haſt meinem armen kranken Herzen die erſte Freude bereitet! Ich danke Dir, Fido! Du gutes Thier, Du haſt mich erkannt, und Dein Gedächtniß iſt treuer, wie das meines un⸗ glücklichen Vaters geweſen! Der Hund leckte ihr mit freudigem Gebell die Hände und legte ſich dann ſtill und demuthövoll zu ihren Füßen nieder. Oh, Du wunderſt Dich, daß Dich Dein Vater nicht erkannte! ſagte der Doctor. Was willſt Du, er iſt nur ein Menſch, und die Menſchen ſind eine ſo elende, erbärmliche, jammervolle Race! Wer ſie kennt, muß ſie verachten, und wenn er es vermag, ſie ſtrafen für alle ihre Erbärmlichkeit und Tücke! Ich meinestheils, ich ſtrafe ſie! Und Du wirſt es auch einſt thun, Antonie! 435 Es war mein Wille, daß Andrea Dich ſogleich zu den Wahnſinnigen führte! Ich wollte Dir bei Deinem Eintritt in die Welt die Menſchheit in ihrer ganzen Erbärmlichkeit und Jämmerlichkeit zeigen, Du ſollteſt ſie ſehen in dem Zuſtand ihrer Erniedri⸗ gung und ihrer Schmach! Du ſollteſt ſie ſehen, wie ſie, jammervoller und niedriger als das Thier, dennoch allen Stolz und allen Hochmuth ihrer Race in⸗ mitten ihrer Narrheit und ihrer Tollheit ſich all dieſen Flitterglanz von Liebe, Gottesfurcht, Keuſchheit und Großmuth bewahrt haben, mit dem die Menſchen überall ſich belügen und vergiften! Du haſt dort drüben bei meinen Wahnſinnigen die Welt im Klei⸗ nen geſehen! So wie dort iſt es überall! Die Keuſchheit, die Liebe, die Gottesfurcht,— Lüge, nichts als Lüge, und wer damit prunkt und ſich putzt, den hält der Andere für wahnſinnig und verhöhnt ihn als einen Wahnſinnigen, weil er ſelber nicht dieſer, ſondern einer andern Narrheit fröhnt. Glaube mir, mein Kind, man ſperrt wohl einige Narren ins Irrenhaus, aber die Mehrzahl derſelben läßt man draußen! Sollten alle Wahnſinnige in meine Anſtalt aufgenommen werden, dann müßte ich Palläſte und Städte für ſie bauen! Aber ich kurire meine Kranken und ſie werden 229 geſund bei mir! Weißt Du, wodurch? Dadurch, mein Kind, daß ich in ihnen nicht das Ebenbild Gottes ſuche, ſondern das elende, jammervolle Thier, welches vor der Peitſche zittert, und unter Schlägen wim⸗ mert und heult. Ich kurire die Seele, indem ich den Körper züchtige! Ich gehörte einſt zu den Wahnſinnigen! Ich glaubte an Liebe, an Großmuth, an Menſchlichkeit, und ſie haben mich ſo lange geſchlagen und gepeitſcht, 2 bis ſie mir dieſe Tollheit aus dem Gehirn ausgetri⸗ ben, und ich es gemacht habe, wie dieſe Narren da drüben, und meinen eigenen Wahnſinn verleugnete, weil ich die Peitſche ſah. Oheim, Du biſt fürchterlich, ſagte Antonie ſchau⸗ dernd. Nein, nein, die Welt iſt nicht ſo wie Du ſie ſchilderſt, und Eure Menſchenverachtung macht nnich ſchaudern! Ihr Beide gebt Euch das Anſehen, die WMenſchen zu verachten, weil Ihr darin eine Entſchul⸗ digung für Eure eigenen Thaten ſuchen wollt. Oh, man verachtet die Menſchen nur, wenn man ſel⸗ ber verächtlich handeln möchte. Thue Gutes, Oncle, und Du wirſt lernen die Menſchheit zu lieben, welche Du jetzt ſo bitter ſchmähſt! 2h, ſeht da, die Predigerin in der Wüſte! rief 4 Andrea mit einem ſpöttiſchen Lachen. Sie will uns die Liebe predigen! Und ſie thut Recht daran, ſagte der Doctor ironiſch. Liebe die Menſchheit, mein Kind, aber nicht im Ganzen und Großen, ſondern im Einzelnen. Die Menſchenliebe iſt ein gutes Ding, nur muß ein Weib nicht zu verſchwenderiſch damit umgehen, ſondern ſie maßvoll auf Einen und den Andern vertheilen! Ich verſtehe Dich nicht, Oheim, ſagte Antonie mit zornigen Blicken. Das heißt, Du willſt mich nicht verſtehen! Nun wohl denn, ich will Dich nicht verſtehen! Ich will nicht begreifen, welche ehrloſe und entwür⸗ digende Rolle Ihr mir in Euerm Hauſe anbietet, zu welcher Schmach und Erniedrigung Ihr mich verur⸗ theilen wollt! Nein, ich will das nicht begreifen, weil ich niemals eine ſolche Rolle übernehmen werde! Nie⸗ mals, Oheim! Es ſoll Euch nicht gelingen mich zu Euern traurigen und entſetzensvollen Lebensanſchau⸗ ungen zu bekehren, und ſo ſehr in mir das Gefühl des Rechtes und der Wahrheit zu ertödten, daß ich mich mit der Sünde, der Lüge, und der Menſchen⸗ verachtung, wie mit einer Tugend ſchmücken möchte. Fordert daher nicht das Uebermenſchliche von mir! Ich werde thun, was in meinen Kräften ſteht! Ich 231 — 8 werde mich darein fügen, dieſes Leben zu ertragen, und zu Euren Thaten zu ſchweigen, ich werde eine leidende, aber niemals eine handelnde Mitſchuldige Eurer Verbrechen ſein! Verſucht es nicht, mich zu einer andern Rolle zwingen zu wollen! Sagt nicht, daß ich mich ſo weit erniedrigen ſoll, dieſe elenden Künſte einer Buhlerin zu erlernen, und mein Lächeln und meine Blicke für Gold zu verkaufen. Genügt es, daß ich als treue und fleißige Verkäuferin in Eurem Laden ſtehe, und mit ehrbarer, nicht provocirender Höflichkeit die Käufer bediene, ſo bin ich bereit dazu. Seid ihr damit zufrieden, wenn ich Abends in anſtän⸗ diger und beſcheidener Toilette in Euren Salons er⸗ ſcheine, und in der Weiſe, wie es einer jungen und anſtändigen Dame geziemt, an der Unterhaltung Theil nehme, ſeid Ihr damit zufrieden, ſo werde ich mich nicht dagegen ſträuben! Mehr dürft Ihr nicht verlangen, denn ich werde niemals mehr bewilligen können! Und wenn wir nicht damit zufrieden ſind? So bin ich bereit in dieſer Stunde Euer Haus zu verlaſſen, und müßte ich als Bettlerin durch die Straßen gehen! Es iſt ſchöner und leichter vor Kum⸗ mer zu ſterben, als in der Schande zu leben, und 232 tauſendmal willkommener ſoll mir der qualvolle Hun⸗ gertod, als Euer glänzendes Sündenleben ſein! Ruhig Andrea, ruhig! ſagte der Doctor, als Andrea mit einer zornigen Geberde ſich ihrer Richte nähern wollte. Was willſt Du von dieſem Kinde? Siehſt Du denn nicht, daß ſie toll iſt, wie alle An⸗ dern? Ihre Tollheit heißt die Tugend, und wie Du ſiehſt, befindet ſie ſich eben in einem Anfall von Tob⸗ ſucht! Das wird vorüber gehen! Es iſt ein Krampf der rebelliſchen Natur, weiter nichts! Wir werden ihn zu beſchwichtigen verſuchen, und alsdann wird dieſes Kind ſehr gelehrig und ſehr ſanft ſein! Laßt mich fort! Laßt mich fort! rief Antonie ſchaudernd. Es ſauſt in meinem Hirn! Eure Blicke tödten und vergiften mich! Ihr werdet mich wahn⸗ ſinnig machen! Nicht doch! Wir werden Dich geſund machen! ſagte der Doctor lachend zu Antonien, indem er ihre Hand nahm, und ſie ſanft zu dem Divan zurück⸗ führte. Dann wandte er ſich an ſeine Frau: haſt Du, bevor Du nach Dresden gingſt, unſere kleine Tugendheldin abzuholen, auch recht mütterlich geſorgt, daß ſie bei ihrem Eintritt in unſer Haus eine recht ſchöne Garderobe vorfände? Es iſt Alles für ſie bereit und geordnet! 2 nicht ſo2 233 Ich habe heute Abend zur Feier Eurer Ankunft ein kleines Feſt veranſtaltet. Es wird getanzt wer⸗ den! Ich bitte Dich, liebe Frau, bringe Antonien's Ballanzug her, damit ſie uns ſagen kann, ob ſie da⸗ mit zufrieden iſt! Andrea verließ mit einem ſpöttiſchen Blick auf Antonien das Zimmer. Und nun, mein Kind, ſagte der Doctor vollkom⸗ men gelaſſen und freundlich, nun wiederhole mir Deine Worte. Es war ein Ultimatum, wie mich dünkt! Du ſagteſt?— Ich ſagte, daß ich es vorziehen würde als Bett⸗ lerin durch die Straßen zu gehen, denn die entehrende Rolle anzunehmen, welche Ihr mir bietet! Ah, richtig das ſagteſt Du, und Du fügteſt hinzu, daß, wenn wir uns Deinem Willen nicht füg⸗ ten, Du ſofort unſer Haus verlaſſen würdeſt! War's 3 SS Es war ſo! Ich bemerke mit wahrem Vergnügen eine neue glänzende Eigenſchaft an Dir: Du biſt egoiſtiſch! Ah, mein Kind, Du wirſt es zu etwas bringen in der Welt; denn Du fängſt damit an, nur an Dich zu denken, und Alles Andere außer Acht zu laſſen! Du haſt alſo Deinen armen Vater ganz ver⸗ geſſen, Du haſt nicht daran gedacht, was aus ihm werden ſoll, wenn Du dies Haus verläßt? Mein Vater! Mein armer Vater! murmelte An⸗ tonie, indem ſie ihr Haupt traurig auf ihre Bruſt ſenkte. Der Doctor betrachtete ſie mit einem Ausdruck ſpöttiſchen Triumphes. Plötzlich richtete das junge Mädchen ihr Haupt wieder empor und ſagte ernſt und entſchloſſen: Ich kann mein Wort nicht zurücknehmen! Dieſer arme, traurige Mann da drüben, er iſt nicht mein Vater! Sein Herz fühlt nichts für mich, er kennt mich nicht! Mein Vater iſt geſtorben und was von ihm übrig geblieben, iſt nichts als eine fremde, kalte Hülle, welche nichts mehr gemein hat mit ihm und mir! Seine Seele iſt geſtorben und ich kann die meine nicht für das, was von ihm übrig geblieben, verkaufen! Möge Gott mir verzeihen, wehn ich unrecht handle! Möge er mir vergeben, wenn ich nicht mit meiner Ehre und meinem Leben dieſem armen, kranken Manne ſeine Martern und Qualen verringern will! Er wird nicht allein leiden, ſondern auch ich werde viel zu erdul⸗ den haben! Oh, mein Gott, empfinde ich nicht ſchon jetzt Martern, von denen er in ſeinem glücklichen Irr⸗ ſinn nichts begreifen kann? Wir werden alſo Beide leiden, aber Gott wird wiſſen, wann das Maß unſerer Leiden voll iſt! Sehr ſchön, ſehr erhaben, ſagte der Doctor mit ſeinem gutmüthigſten Lächeln. Nur erlaube ich mir, Dich auf einen kleinen Irrthum aufmerkſam zu ma⸗ chen! Du nannteſt Deinen Vater einen Wahnſinnigen! Er iſt es nicht! Er iſt es nicht? Nein! Er iſt vollkommen geſund! Das können mir Diejenigen bezeugen, welche ihn ſeit Monaten in ſeiner ernſten und ſtolzen Haltung in unſeren Salons geſehen und beobachtet haben, mit welcher Ruhe und Beſonnenheit er ſich beim Kartenſpiel gezeigt. Mein Vater iſt nicht wahnſinnig? fragte Antonie, in deren Kopf es zu ſchwindeln begann und die ihren Dheim mit irren, flackernden Blicken anſtarrte. Und dieſe furchtbare Scene vorher? War ein kleiner Rückfall, den er, die Wahrheit zu ſagen, nicht verſchuldet hat, ſondern den ich ein wenig provocirte, um Dir dieſen lieben, guten Vater recht werth und theuer zu machen! Aber er iſt außer⸗ dem ein ſehr lieber, vernünftiger Mann, mit dem es ſich ſehr gut plaudert und lacht! Es iſt alſo gar kein Grund, ihn in einem Irrenhauſe zurückzuhalten! In derſelben Stunde, in welcher Du dieſes Haus ver⸗ 236 läßt, wird auch Dein Vater es verlaſſen und dahin gehen, wohin die Gerechtigkeit der Welt ihn ruft und wohin er lange ſchon hätte gehen müſſen, wenn meine Großmuth ihn nicht zurückgehalten! Wohin? Oh, mein Gott, Du ſchweigſt! Habe Erbarmen, Oheim, ſage mir, was Du meinſt? Wohin ſoll mein Vater alsdann gehen? Auf das Schaffot! ſagte ihr Oheim ruhig. Er iſt ein Mörder und das Schaffot erwartet ihn! Ich werde reuevoll bekennen, daß Dein Vater mich und die Behörden täuſchte, daß er ſehr gut wußte, wie er ſich von der wohlverdienten Strafe befreien könne, in⸗ dem er wieder den Wahnſinnigen ſpiele, daß ich aber jetzt ſeinen klugen Plan durchſchaut und ſeine völlige Zurechnungsfähigkeit außer Zweifel ſtellen könne! Dies werde ich ſagen und damit werde ich ihn den Richtern übergeben!— Thue alſo jetzt, was Du willſt, mein gutes Kind! Verlaſſe dieſes Haus! Dein Vater wird Dir folgen! Oh, es wird ſehr romantiſch, ſehr rührend ſein! Die Tochter als Bettlerin auf der Straße, der Vater als Mörder auf dem Schaffot! Antonie ſtieß einen durchdringenden Schrei aus und legte ihre Hände über ihr marmorbleiches An⸗ geſicht. In dieſem Moment kam Andrea zurück, gefolgt. von der Kammerjungfer, welche das glänzende, blu⸗ mengezierte Ballkleid auf einen Stuhl ausbreitete und Kränze und Blumen und ſchimmernden Schmuck auf dem Tiſchchen daneben hinlegte. Wird das Fräulein ſofort ihre Toilette beginnen? fragte die Zofe. Der Doctor warf einen prüfenden und lächelnden Blick auf Antonie, welche noch immer, mit verhülltem Geſicht, ihre Geſtalt geſchüttelt, wie im Fieberfroſt da ſaß. Nicht ſofort, aber bald! ſagte der Doctor. Geh in das Ankleidezimmer. Fräulein Antonie wird Dir ſehr bald dahin folgen! Das Mädchen verließ das Zimmer. Eine Pauſe trat ein. Man hörte nichts als das laute, qualvolle Aechzen des jungen Mädchens. Wähle, ſagte der Doctor, indem er den vollen, prächtigen Roſenkranz vom Tiſche emporhob und ſich mit demſelben Antonien näherte. Wähle mein Kind! Entweder dieſen Roſenkranz auf Dein junges, ſchönes Haupt oder das Schaffot für das alte, graue Haupt Deines Vaters! Wähle! 5 ½ Sie ließ ihre Hände von ihrem Anlitz gleiten und ſah ihn mit einem fragenden, durchbohrenden Blicke an. 5 Oh, ich leſe in ſeinen Zügen, daß er thun wird, was er ſagt! murmelte ſie. Wähle! wiederholte der Doctor. Das Schaffot oder den Roſenkranz! 3 Sie entriß ihm den Kranz mit einer leidenſchaft⸗ lichen Bewegung und drückte ihn ſelbſt in ihr Haar. Schmückt mich! ſchmückt mich! ſagte ſie mit einem convulſiviſchen Lachen! Schmückt Euer Opfer! Es ſträubt ſich nicht länger! Nein, nein! Kommt zu Euren Feſten und Bällen! Wir wollen lachen und fröhlich ſein; es nützt nichts, zu weinen! Ja, lachen wollen wir, lachen und uns unſeres Lebens freuen! Mit einem kreiſchenden Gelächter brach ſie zu⸗ ſammen und fiel bewußtlos in die Kiſſen des Divans zurück. Sie iſt ohnmächtig! ſagte der Doctor. Wenn ſie erwacht, wird ſie ſich nicht mehr ſträuben! Die Kriſis iſt vorüber und Antonie iſt, Dank meiner glück⸗ lichen Kur, von ihrer Tollheit geneſen! Die Gräſin Schwanenkamp. „ Sriane war ſeit einigen Tagen als Geſellſchafterin der Gräſin von Schwanenkamp inſtallirt und hatte ihre neue Rolle mit all' dem guten Muth und der ſcharfſinnigen Geſchicklichkeit, welche ihr eigen war, begonnen. Zu allererſt, ſagte ſie zu ſich ſelber, zu allererſt muß ich dahin ſtreben, mich beliebt zu machen und mir die Dienerſchaft, beſonders aber die Kammerfrau der jungen und der alten Gräfin zu gewinnen. Wer die Dienerſchaft eines Hauſes für ſich hat, iſt ſicher, die Herrſchaft eines Tages beherrſchen zu können.. Getreu dieſem Grundſatz war Mariane von iner 240— * zuvorkommenden Freundlichkeit gegen Madame George, die Kamierfrau der alten Gräfin, bezeugte ſie eine freundſchaftliche Zutraulichkeit gegen Mademoiſelle Adelaide, die Kammerjungfer der Comteſſe Eudora“ und Dank ihren Schmeicheleien, ihrer bezaubernden Naivetät und ihrer kindlichen Zutraulichkeit war es ihr gelungen, die Neigung dieſer beiden wichtigen Damen zu gewinnen und von ihnen einigen Aufſchluß über die näheren Verhältniſſe der Gräfin von Schwanen⸗ kamp zu erhalten. Sie war daher kaum einen Tag im Hauſe ihrer gräflichen Beſchützerin, als ſie ſchon genau wußte, welche Mittel ſie anzuwenden habe, um ſich die Gunſt derſelben zu erwerben. Gräfin Schwanenkamp war eine der angeſehenſten Damen der vornehmen Geſellſchaft, in deren Cirkeln ſie ſich bewegte. Sie galt außerdem für ein Muſter von Frömmigkeit, Tugend und Wohlthätigkeit und war Vorſteherin mehrerer frommen Vereine; ſie zahlte rreichliche Beiträge zu allen frommen Collecten, ſtrickte Socken für das Militär, nähete Hemden für die ar⸗ men heidniſchen Bewohner von China, war ein eifti⸗ ges Mitglied der„innern Miſſion“, ging regelmäßig alle Sonntage in die Kirche und nahm alle Monate mit zerknirſchten Mienen und thränenumdunkelten Blicken S das heilige Abendmahl. Kurz, ſie war eine eben ſo tugendhafte als fromme Frau und hatte es ſehr gut verſtanden, über die Verirrungen und Sünden ihrer Jugend den Mantel chriſtlicher Liebe auszubreiten und einige Schattenſeiten ihres Lebens mit dem hellen Lichte ihrer jetzigen Tugend zu beleuchten. Dank dieſer Geſchicklichkeit hatte Jedermann es längſt vergeſſen, daß die Frau Gräfin von einem ein wenig zweifelhaftem Herkommen und einer ſehr zweifel⸗ haften Tugend geweſen. Man hatte ſich einſt erzählt, daß ſie ihre jetzige hohe Stellung weniger ihrer Geburt als ihrer Geſchicklichkeit und Schönheit verdanke, und 5. daß der Graf Schwanenkamp ſie eigentlich nicht aus Liebe geheirathet habe, ſondern, weil dies der ſicherſte Weg geweſen, ſich dem Prinzen Aurelio, welcher ſeit ſeiner früheſten Jugend in Berlin lebte, deſſen Adjutant er war, beliebt zu machen und ſich ſeine Gunſt zu erwerben. Dieſe Berechnung war allerdings eingetroffen, denn der Prinz überraſchte den Grafen an ſeinem Hochzeitstage mit den Majors⸗Epauletten und machte ihm außerdem ein wahrhaft fürſtliches Geſchenk, indem er ihm ein vollſtändig eingerichtetes Palais als Hoch⸗ zeitsgabe darbrachte. Dieſes Palais lag unmittelbar neben demjenigen, welches der Prinz Aurelio bewohnte, 1 1 und ſo ſehr liebte derſelbe ſeinen frühern Adjutanten, den jetzigen Major Grafen von Schwanenkamp, daß er ihm die Gnade erzeigte, in der Wand, welche die beiden Palais voneinander trennte, eine Verbindungsthür an⸗ bringen zu laſſen, welche ihm geſtattete, unbemerkt von der Welt, zu jeder Zeit des Tages, aus ſeinen eigenen Gemächern in die Zimmer des Majors und ſeiner Ge⸗ mahlin zu gelangen. Auch übernahm der gnädige und leut⸗ ſelige Prinz eine Pathenſtelle bei der Tochter des Majors, welche ſchon nach einer ſiebenmonatlichen Ehe in Folge eines unglücklichen Falles der jungen Gräfin als über⸗ raſchend frühzeitige Geburt das Licht der Welt erblickte. Der Graf, welcher an dieſem Tauftage ſeines Kindes ein wenig niedergeſchlagen erſchien, vielleicht, weil er als zärtlicher Ehegatte für 38 Leben ſeiner ſchönen und leidenden Gemahlin erzitterte, der Graf hatte indeſſen an dieſem Tauftage noch eine große Ueberraſchung. Der Prinz überreichte ihm eigen⸗ händig ſeine Ernennung zum Oberſtlieutenant und legte auf die Wiege des Kindes einen glänzenden Schmuck von türkiſchen Rubinen und Brillanten nieder.— Indeß dauerte das cheliche Glück der Gräfin nicht allzulange. Schon nach fünf Jahren entriß ihr der Tod den zärtlich geliebten Gatten, der kurz zuvor erſt zum General⸗Lieutenant avancirt und 242 —— 243 mit neuen, hohen Orden war decorirt worden, und Gräfin von Schwanenkamp blieb mit ihren beiden Kindern, einem Sohn und der erſtgeborenen Tochter, als Witwe zurück. Prinz Aurelio war gnädig genug, die Gunſt, welche er dem Grafen von Schwanenkamp zugewandt, jetzt auf ſeine Witwe zu übertragen und damit nichts ſie an den großen Verluſt, welchen ſie erlitten, erin⸗ nern ſollte, ließ er die Thüre, welche die beiden Palais miteinander verband, nicht vermauern, ſondern er be⸗ nutzte dieſelbe nach wie vor als bequemen Durchgang zu den Zimmern der trauernden, jungen Witwe. Aber dieſes Alles waren langvergeſſene, langbe⸗ grabene Geſchichten, Niemand dachte mehr an 3 Die Gräfin war jetzt eine durchaus tugendhafte Dar und von Prinz Aurelio ſagte man, daß er nur noch den Künſten und Wiſſenſchaften lebe, als deren Mäcen er ſich immer bethätigt hatte. Uebrigens war er im⸗ mer noch ein ſehr ſchöner und ſehr ſtattlicher Herr und galt immer noch für einen der ſchönſten, geiſt⸗ vollſten, freigebigſten und leutſeligſten Prinzen. Der Prinz war unverheirathet geblieben; trotz des vielfachen Drängens ſeiner hohen Verwandten hatte * 244 er ſich niemals vermählen wollen, ſondern es vor⸗ gezogen, das freie und ungenirte Leben eines Unverhei⸗ ratheten ſich zu bewahren, und ſich dadurch vor den Eiferſüchteleien und Bedrückungen einer Gemahlin zu ſchützen. Niemand hatte ein begründetes Recht, von ihm Treue zu begehren, denn er hatte ſie— mindeſtens vor dem Altar— Niemand gelobt, und ſein Gewiſſen hatte ihm daher niemals Vorwürfe ge⸗ macht, wenn ſein leicht empfängliches Herz ihn bald zu dieſer, bald zu jener Schönen hingezogen.— Aber der Gräfin von Schwanenkamp hatte er immer ſeine Freund⸗ ſchaft und Zuneigung bewahrt, und wenn auch die Verbindungsthür ſeit einiger Zeit vermauert war, ſo brachte doch der Prinz regelmäßig einige Abendſtun⸗ b in den Salons der Gräfin zu, und es kam hãu⸗ ſig vor, daß er dort ſogar diejenigen Perſonen empfi ng, denen er in dieſer Zeit eine Audienz bewilligt oder die er zu ſprechen hatte! War der Prinz gegen die Gräfin ſtets von einer rückſichtsvollen und zutraulichen Freundlichkeit, ſo verrieth ſein Betragen gegen deren beide Kinder eine wahrhaft rührende Zuneigung und oft ſogar kam es vor, daß er die junge Comteſſe Eudora in gnädigſter Zärtlichkeit„meine Tochter“ nannte, oder den jungen Grafen Ferdinand zu ſich auf ſeine Knie niederzog, um ihn herzlich zu küſſen, 8 und ihm allerhand zärtliche und zutrauliche Namen zu geben! Aber Niemand, wie geſagt, erlaubte ſich jetzt noch über dieſe große Gnade des Prinzen gegen die Gräfin von Schwanenkamp irgend ein Urtheil zu fällen. Es war ein fait accompli, und man hatte ſich ſo ſehr daran gewöhnt, daß man niemals mehr darüber ſprach! Die Gräfin galt für eine durchaus tugendhafte Dame, die überdies den Ruf großer Frömmigkeit und Wohlthätigkeit zu erlangen gewußt hatte. Zudem war noch ein anderer Beweggrund da, die Gräfin zu verehren. Sie war nicht blos die Freundin des Prinzen Aurelio, die gefeierte Dame der großen Geſellſchaft, ſondern ſie war auch außerdem noch die Schweſter eines hochgeſtellten Staatsmannes und man konnte daher durch ſie auf vielfache Weiſe Gunſt und Beförderung zu erlangen hoffen. Wie ihr Bruder, der Herr von Lindenburg, zu der bedeutenden Stellung, welche er bekleidete, gekom⸗ men war, das däuchte Vielen ein Räthſel. Er hatte wenig geleiſtet, ſich wenig bemerkbar gemacht; man hatte ihn zuerſt im Hauſe ſeiner Schweſter, dann im Gefolge des Prinzen Aurelio geſehen, und von dieſem war er in die vornehmſten Cirkel eingeführt worden. Er beſaß übrigens zwei ſehr ſchöne und ſehr ſchätzenswerthe Talente: Er ſprach ſehr ſchön italie⸗ niſch, und wußte die ſchönſten Stellen der italieni⸗ ſchen Dichter auswendig zu recitiren, und außer⸗ dem beſaß er das Talent der Frömmigkeit!— Dank dieſen beiden Talenten, und der Stellung ſeiner Schweſter hatte er ſehr bald eine glänzende Carriere gemacht. Seit dieſer Zeit bewohnte er mit ſeiner Schwe⸗ ſter gemeinſchaftlich das Palais derſelben; ſeine Ge⸗ mahlin war lange ſchon geſtorben, und er hatte ſich nicht wieder vermählt, um ſeinem einzigen Sohn keine Stiefmutter zu geben. Aber jetzt, in ſeiner hohen und glänzenden Stellung fühlte er das unabweisbare Bedürfniß auch in geſellſchaftlicher Beziehung derſel⸗* ben zu genügen, und er machte daher ſeiner Schwe⸗ ſter den Vorſchlag, ihm die zweite Etage ihres Palais, welche ſonſt ihr Gemahl der Graf Schwanenkamp bewohnt hatte, zu vermiethen, und in ſeinen Soiréen als Dame vom Hauſe die Honneurs zu machen! Die Gräfin nahm dieſen Vorſchlag anz es ſchmeichelte ihrer weiblichen Eitelkeit nicht wenig, ſich 247 auf dieſe Art auf's Neue zum Mittelpunkt eines großen und glänzenden Kreiſes erhoben zu ſehen, und ihren Namen in ſtete Verbindung mit einem ſo bedeutenden Manne zu bringen. Es war gewiſſermaßen ein neuer Heiligenſchein, welcher ihr zuertheilt ward, eine neue Garantie ihrer Tugend und Ehrbarkeit, und die Gräfin war jetzt in dem Alter, wo eine ſolche Anerkennung ihr allein noch erreichbar und daher begehrenswerth erſchien! Sie war nicht mehr jung, nicht mehr ſchön, und ſie fühlte ſich bis zum Tode gelangweilt! Die Tugend und Frömmigkeit war eine neue Rolle, und verſprach ihr daher einige Zerſtreuung, es erforderte doch min⸗ deſtens ein bischen Anſtrengung und Studium! Es galt, ein neues Mienenſpiel, neue Blicke, ein neues Lächeln, eine neue Art der Redeweiſe und des Ge⸗ dankenganges zu erlernen und das war doch minde⸗ ſtens eine Unterbrechung dieſes ewigen Einerlei's von Koketterie und Blaſirtheit, unter dem ſie ſchon ſo viele Jahre geſeufzt hatte!— Auch bot ihr dieſes Zuſammenleben mit ihrem Bruder die beſte Gelegenheit dar, einen längſt geheg⸗ ten Lieblingswunſch ſeiner Erfüllung näher zu bringen! Ihre Tochter Eudora ſollte den Sohn ihres Bruders heirathen! Er war jung, ſchön, hatte durch die 248 Stellung ſeines Vaters bedeutende Ausſichten, und war außerdem von mütterlicher Seite her der Erbe eines ungeheuren Vermögens, deſſen Nießbrauch in⸗ deß bis zum Tode ſeines Vaters dieſem teſtamenta⸗ riſch zugeſichert war. Dieſe Heirath bot demnach außerordentliche Vor⸗ theile dar! Es war eine reiche und glänzende Par⸗ thie, aber ſie hatte außerdem noch einen geheimen Vorzug, den die Gräfin allein zu würdigen wußte! Wenn dieſe Heirath zu Stande kam, ſo ward ſie dadurch ein wenig von dem drückenden Joche befreit, welches ſie an den Prinzen Aurelio feſſelte, ein Joch, deſſen Schwere ſie zuweilen bitter und läſtig genug zu empfinden hatte!— Bis dahin hatte ſie dem Prinzen Alles zu verdanken gehabt, ihren Namen, ihre Stellung, ihr Vermögen, die glänzende Carriere ihres Bruders ſogar! Sollte ſie nun auch noch aus ſeinen Händen einen Gemahl für ihre Tochter, einen Schwiegerſohn für ſich empfangen, ſo wäre dies eine neue Feſſel, ein neues Inſtrument ihrer Abhängigkeit geworden, und ſie mußte alsdann für immer darauf verzichten, eine freie, ſelbſtſtändige Stellung dem Prinzen gegenüber einzunehmen. War ſie es aber, welche ihrer Tochter einen Ge⸗ mahl gab, und zwar einen reichen, glänzenden Ge⸗ 249 mahl, ſo ſicherte ihr das eine Art Autorität ſowohl ihrer Tochter, als auch dem Prinzen gegenüber, denn das Glück ihrer Tochter war alsdann ihr Werk und ſie konnte ſich in ihrem Schwiegerſohn ein bedeuten⸗ des Gegengewicht gegen den Willen des Prinzen Aurelio zu verſchaffen ſuchen! Sie war ihr ganzes Leben lang eine Sclavin ihrer Stellung geweſen, ſie ſehnte ſich nach ein wenig Freiheit und Muße! Sie wollte nicht immer prote⸗ girt, und durch die Gunſt Anderer gehoben und ge⸗ fördert werden, ſie wollte nicht immer vor irgend einer Laune, einem Stirnrunzeln ihres hohen Be⸗ ſchützers zu erzittern brauchen, ſondern ſie ſehnte ſich einmal ſelbſtſtändig zu werden, und die Feſſeln ihres glänzenden Glückes abſtreifen zu können. Dazu, wie geſagt, wäre die Verheirathung ihrer Tochter mit dem Sohn ihres Bruders eine willkom⸗ mene Gelegenheit geweſen, und die Gräfin wollte dieſelbe, wenn irgend möglich nutzen! K. Die Geſellſchafterin. 3 SWriane befand ſich ſeit einigen Tagen in dem glän⸗ zenden Palais der Gräfin Schwanenkamp, ohne indeſ⸗ ſen in die eigentlichen Functionen ihrer neuen Stel⸗ lung bereits eingeführt zu ſein.— Die Gräfin hatte ſie mit einem ſehr gnädigen Lächeln empfangen, und ſie auf einige Tage ihrer weitern Pflichten entbunden, damit ſie, wie die Gräfin ſagte, ſich erſt an die neue Luft, und die neue Umgebung gewöhnen möchte. Mariane hatte dieſe Muße dazu benutzt ſich die Gunſt der Kammerfrau und Zofe zu erwerben, um von dieſen Beiden durch geſchicktes Fragen und liſti⸗ ges Aufmerken ſo viel als irgend möglich über ihre „Herrſchaft“ zu erfahren. Als ſie daher nach vier Tagen in das Boudoir 251 der Gräfin gerufen ward, war ſie bereits vollkommen mit der Stellung und der Geſinnung ihrer hohen Gön⸗ nerin vertraut, und wußte genau ihren Zügen den⸗ jenigen Ausdruck zu geben, wie er der Situation angemeſſen war. Sie erſchien mit niedergeſchlagenen Augen und ſchüchternem Erröthen vor der Gräfin, und ihr ein⸗ faches, dunkles Gewand, welches bis an den Hals hinaufreichte und dort nur von einer weißen Tüll⸗ krauſe, ohne alle weitere Verzierung eingefaßt war, gab ihrer Erſcheinung etwas Puritaniſches und Stren⸗ ges, welches der Gräfin ungemein wohlgefiel. Ihre Antworten auf alle an ſie geſtellten Fragen waren ſo beſcheiden und demuthsvoll, ſo fromm und gotterge⸗ ben, und zugleich ſo geſcheidt und correct, daß die Gräfin ſich immer mehr Glück dazu wünſchte, dieſes ſo beſcheidene, ſo anſpruchsloſe und kluge junge Mäd⸗ chen in ihr Haus genommen zu haben. Sie hatte damit begonnen, Mariane mit den Pflichten, welche ihre neue Stellung ihr auferlegte, bekannt zu machen, Pflichten, welche denen aller übrigen Geſellſchafterinnen glichen, und welche einfach darin beſtehen, daß ein junges Mädchen jeden Tag und jede Stunde ihres Lebens für einiges elende Geld verkauft, und ihre Freiheit und Selbſtſtändig⸗ 252 keit, ihre Frauenwürde und ihre Jugend hingibt, um ſich dafür eine gedemüthigte und abhängige Stellung zu erkaufen! Die Gräfin hatte damit angefangen ihrer Geſell⸗ ſchafterin die ihr übertragenen Pflichten anzuzeigen, dann aber kam es zur Darſtellung der ihr zugewie⸗ ſenen Freuden. Sie dürfen nicht fürchten, mein liebes Kind, ſagte die Gräfin, welche nachläſſig auf ihrer Cauſeuſe lag, während Mariane mit niedergeſchlagenen Augen vor ihr ſtand, Sie dürfen nicht fürchten, daß wir Ihre ganze Zeit beanſpruchen wollen! Im Gegentheil, Sie werden ſehr viele freie und ungenirte Abende für ſich haben! So oft ich mit meiner Tochter in Geſellſchaft fahre, ſind Sie frei und vollkommen Her⸗ rin Ihrer Zeit. Eben ſo an den Tagen, an denen ich Geſellſchaft empfange. Ihre einzige Pflicht bei meinen Abendgeſellſchaften beſteht darin, möglichſt ge⸗ räuſchlos und unbemerkt den Thee zu ſerviren. Wenn das geſchehen iſt, dürfen Sie ſich auf ihr Zimmer zurückziehen, vorausgeſetzt, daß man Ihrer nicht be⸗ darf, um irgend eine Sängerin am Klavier zu accom⸗ pagniren, oder ein wenig zum Tanz aufzuſpielen, wenn die jungen Damen Luſt haben zu tanzen!— uebrigens verſteht es ſich von ſelbſt, daß, wenn wir 253 allein ſind, Sie vollkommen als zur Familie gehörig betrachtet werden, und Ihre Abende bei uns im Sa⸗ lon zubringen. Sie werden uns dann vorleſen, oder ein wenig Muſik machen, auch kann es zuweilen kom⸗ men, daß Sie die Ehre haben mit Sr. Durchlaucht dem Prinzen Aurelio eine Partie Piket zu ſpielen, und ich hoffe, Sie werden ſich durch die größte Beſcheidenheit und die tiefſte Devotion dieſer großen Gnade würdig zu machen ſuchen!— Außerdem, mein Kind, ſind Sie in keiner Weiſe beſchränkt, Sie dürfen jeden Sonn⸗ tag in die Kirche gehen, und an den Abenden, in welchen wir nicht zu Hauſe ſind, ſteht es Ihnen frei, Ihrerſeits Beſuche zu machen, oder auf Ihrem Zim⸗ men zu empfangen, wobei ich wohl vorausſetzen darf, daß Sie nur Damenbeſuche zu empfangen haben! Ich werde überhaupt faſt niemals Beſuche em⸗ pfangen, gnädigſte Gräfin, ſagte Mariane ſeufzend. Meine Mutter iſt leider, wie ich ſchon die Ehre hatte, Ihnen zu ſagen, immer krank, und an ihren Rollſtuhl gefeſſelt, und außerdem beſitze ich keine Verwandten außer einem Couſin, für den ich die Gnade erbitte, ihn zuweilen ſehen zu dürfen! Ah, Sie haben einen Coufin! rief die Gräfin, und ihre Stirn legte ſich in Falten. Ich muß Ihnen geſtehen, daß ich im Ganzen die Couſins der jungen 254 Damen nicht liebe, und ſie immer ein wenig zwei⸗ deutiger Natur finde! Ew. Gnaden haben nur zu befehlen, daß ich ihn nicht annehmen darf, ſagte Mariane mit vollkomme⸗ ner Gleichgültigkeit, und ich werde mich mit i Ihrem Befehl fügen! Dieſe vollkommene Unterordnung in ihren Wir len entwaffnete die Gräfin, und machte ſie ihrer jun⸗ gen Geſellſchafterin noch geneigter. Empfangen Sie ihn immerhin, ſagte ſie, nur laſſen Sie es bei dieſem einzigen Couſin bewenden! Oder haben Sie deren etwa noch mehrere? Nein gnädigſte Frau! Und keine Herzensinclination? Keinen, welchen Sie lieben? Mariane hob ihre Augen mit einem ſchwärme⸗ riſchen Ausdruck zu der Gräfin empor. Ich, gnä⸗ digſte Gräfin, liebe nur Gott, und meine Mutter! Gott, er der Vater der vaterloſen Waiſe iſt, und meine Mutter, weil ſie das einzige Weſen auf der Welt iſt, welches mich liebt und mir, trotz meiner großen Unvollkommenheit und meiner großen Mängel, dennoch ſtets nur Nachſicht und Schonung gezeigt hat! Sie ſind zu ſtrenge gegen ſich ſelbſt, ſagte die 255 Gräfin. Sie beſitzen außerordentliche Talente und ein ſo reizendes Aeußere, daß ich es ganz begreiflich finden würde, wenn Sie Liebe bei den Männern erwecken! Mariane zuckte verächtlich die Achſeln. Ich ver⸗ achte die Liebe der Männer und ich würde ihnen nie⸗ mals Glauben ſchenken! Mein Herz und mein Leben gehört Gott und meiner Mutter, und kein anderes Gefühl ſoll dieſe Beiden jemals aus meiner Bruſt verdrängen! Die Gräfin war innerlich entzückt. Da Sie ſo gleichgültig gegen die Männerwelt ſind, ſagte ſie, ſo werden Sie ohne Zweifel über dieſelbe ein ſehr klares und unparteiiſches Urtheil ſich bewahrt haben! Sagen Sie mir alſo zuvörderſt, wie gefällt Ihnen mein Sohn? Sie haben ihn in dieſen Tagen immer bei der Tafel geſehen und gehört! Wie gefällt er Ihnen? Ich weiß nicht, gnädigſte Frau, welcher von den jungen Herren, die bei der Tafel erſchienen, die Ehre hat, Ihr Sohn zu ſein!„ Wie, man hat Sie ihm nicht vorgeſtellt? Dies wäre eine Ehre, welche meiner Stellung nicht geziemt, Frau Gräfin und auf welche 4 keine Anſprüche habe! Wirklich, Sie ſind zu beſcheiden! Es ig ein Verſäumniß, weiter nichts! Ich werde es wieder gut 256 machen! Der junge Mann in der Huſaren-Uniform, das iſt mein Sohn! Nun, was ſagen Sie von ihm? Ich halte ihn für einen ſchönen, aber etwas leichtfertigen jungen Mann, ſagte Mariane mit der ſtrengen Miene einer Puritanerin. Ich würde kei⸗ nem jungen Mädchen rathen, auf ihn zu vertrauen und ſeinen Schwüren zu glauben, es ſei denn, daß ſie ſehr ſchön, ſehr reich und von ſehr vornehmer Geburt iſt. Oh! Und woraus ſchließen Sie das? Er hat ein ſtolzes und kaltes Herz und beſitzt viel Ehrgeiz! Die Generals⸗Epauletten ſind ihm wich⸗ tiger, als das Herz der ſchönſten Frau der Welt, die er ſich höchſtens zum Zeitvertreib wird gefallen laſſen und die er zum Siunih unter ſeine Füße treten könnte! Die Gräfin lachte. Sie ſehen ſehr ſcharf und wie nicht ganz richtig, ſagte ſie. Und was halten Sie von dem andern jungen Herrn, den Sie bei uns geſehen? Ich glaube, daß er ein wenig von den gefährli⸗ chen Ideen der Neuzeit angeſteckt iſt und ſei's aus Trotz R Eigenſinn, ſich den modernen Gleichheits⸗ prinzipien zuneigt! Wirklich, Sie haben das errathen! die n 257 mit dem Ausdruck ungeheuchelten Erſtaunens. Und woraus ſchließen Sie das? Er ſtand auf, als ich in's Zimmer trat und machte mir eine Verbeugung, als ob ich eine Dame der Geſellſchaft wäre. Ja, er ging ſo weit, mehrmals bei Tiſche mich anzureden und ſogar, als ich die Un⸗ geſchicklichkeit beging, meine Gabel auf die Erde fallen zu laſſen, mir dieſelbe aufzunehmen! Und ſolche Aufmerkſamkeiten eines vornehmen, jungen Cavaliers ſchmeichelten Ihnen nicht? Im Gegentheil, ſie verletzten mich, denn ſie ſind meiner Stellung nicht angemeſſen und daher eine Beleidigung. Ich bin keine Dame, ſondern einfach nur eine Dienerin und ich gebe Niemanden das Recht, mich als etwas anderes betrachten zu wollen! Sie ſehen, gnädigſte Frau, wir armen Geſchöpfe, die wir von der Gnade end den Almoſen Anderer leben, wir haben guch unſern Stolz! Sie ſind ein ſeltſames Weſen! ſagte die Gräfin ſinnend. Dann, nach einer Pauſe fuhr ſie fort: Ich habe eine Bitte an Sie! Sagen Sie, einen Befehl, Frau Gräfin! das iſt richtiger! Nein, ich bitte! Sagen Sie meiner Tochter nichts von Ihren Bemerkungen über den jungen Baron 4 47 258 von Lindenburg, den Sohn meines Bruders! Sie werden mich im Gegentheil verbinden, wenn Sie zu⸗ weilen die Gelegenheit ſuchen, ihn der Comteſſe als einen liebenswürdigen und ſchönen jungen Mann zu ſchildern und ihn als geiſtreich und vor allen andern Männern hervorragend zu bezeichnen! Ein boshafter Ausdruck blitzte in Marianen's Augen auf, aber ſie ſenkte ſchnell den Blick zu Boden und ſagte unterwürfig: Ich werde die Befehle der gnädigen Frau pünktlich erfüllen!— Eben klopfte es an die Thür und der junge Huſarenlieutenant trat mit großem Geräuſch und ge⸗ folgt von zwei großen Windſpielen in das Boudoir der Gräfin ein. Er ſchien die Anweſenheit des jungen Mädchens gar nicht zu bemerken, und ohne Gruß an ihr vor⸗ überſchreitend, näherte er ſich ſeiner Mutter, um ihr die Hand zu küſſen. Verzeihe, Mama, ſagte er, daß ich Dich mi' meinen Hunden überfalle. Aber ich weiß, daß Du dieſe ſchönen und guten Thiere liebſt und da ich wußte, daß Du allein warſt, glaubte ich, ſie mitbringen zu dürfen! Allein? fragte die Gräfin lächelnd. Du ſiehſt alſo nicht, daß meine junge Geſellſchafterin hier iſt? Ihr Sohn lachte. Eine Geſellſchafterin iſt keine Geſellſchaft, ſagte er, mit dem vollkommenen Ueber⸗ muth und dem hochfahrenden Ton eines Ariſtokraten. Aber, mein Sohn, Du vergißt ein wenig zu ſehr die Rückſichten, welche man einer Dame, wes Standes ſie immer ſei, ſchuldig iſt! Ich bitte, gnädigſte Gräfin, daß Sie den Herrn Grafen um meinetwillen nicht daran erinnern wollen, ſagte Mariane mit leiſem, demüthigem Ton. Ich wünſche nicht, daß mich der Herr Graf jemals als eine Dame betrachten möge, ſondern ich bitte, daß er mich immer als ein Nichts betrachte, als ein Geſchöpf, das gar keiner Berückſichtigung und keiner Höflichkeit würdig iſt! Der Herr Graf hat vollkommen Recht; wenn die Frau Gräfin Niemand außer Ihrer Geſell⸗ ſchafterin bei ſich hat, ſo iſt ſie allein, und es iſt kein Grund vorhanden, die Hunde aus dem Zimmer zu verweiſen, die Hunde, welche jedenfalls eine weniger demüthige und untergeordnete Stellung einnehmen und mehr Berückſichtigung verdienen, als eine bezahlte Geſellſchafterin! Der junge Mann erbleichte und warf einen halb zornigen, halb erſtaunten Blick auf das junge Mäd⸗ chen, das mit ſo beſcheidenem und unterwürfigem Ton ihm einen ſo bittern Verweis gegeben. 260 Die Gräfin lachte. Sie haben ganz Recht, meine liebe Mariane, ihn zu beſchämen! Er verdient es! Und indem ſie die Hand des jungen Mädchens nahm und ſie ihrem Sohn gegenüberſtellte, ſagte ſie: Ich habe die Ehre, mein Sohn, Dir hier meine Ge⸗ ſellſchafterin, Fräulein Mariane Freiſtadt, vorzuſtellen und ich rathe Dir, vor ihren ſcharfblickenden Augen ein wenig Furcht zu haben! Sie iſt in der That eine Art Lavater und hat mir vorher eine ganz richtige und leider treffende Charakterſchilderung meines über⸗ müthigen Herrn Sohnes gemacht! Wirklich! ſagte der junge Graf mit einem ver⸗ ächtlichen Lächeln, indem ſein Blick flüchtig über das junge Mädchen hinſtreifte. Er begegnete einem Moment ihren 3 dunklen Augen, die mit flammenden Zornesblitzen auf ihn gerichtet waren, dann aber ſenkte ſie ſchnell den Blick zur Erde und war wieder das demüthige, beſcheidene Weſen, welches der Gräfin ſo wohl gefiel. Sie iſt wirklich ſchön! dachte der Graf. Schade, daß ſie eine Geſellſchafterin iſt! Man kann ſehr wohl mit einem Kammerkätzchen oder einer Putzmacherin eine Liaiſon haben! Aber mit einer Geſellſchafterin, brr! Das iſt zu viel und zu wenig! Zu viel, um ganz sans géne mit ihr zu ſein, und zu wenig, — 261 um ihr den Hof machen zu können, ohne ridicul zu ſein!— Er ſoll es mir büßen, dieſer ſtolze, übermüthige Geck, dachte Mariane, als ſie nach dieſer Scene wie⸗ der allein in ihrem Zimmer war. Ihre Wangen glühten, ihre Augen ſchoſſen Blitze und mit hochgehobenem Haupte und ſtolzen Schritten ging ſie in dem Gemach auf und ab. Wie wenig glich dieſe zürnende, ſtolze Schönheit dieſem jungen, demüthigen Mädchen, welches wir vor⸗ her in dem Boudoir der Gräfin geſehen haben. Er ſoll es mir büßen, wiederholte ſie zähneknir⸗ ſchend. Ich werde eines Tages ihn für ſeine Frech⸗ heit ſtrafen und es ihn fühlen laſſen, daß dieſes ſo ſehr verachtete und geringgeſchätzte Weſen, welches vor ihm im Staube kriecht, doch vielleicht das Gift und den Stachel einer Schlange hat und im Stande iſt, ihn bis auf den Tod zu verwunden. Noch ehe ein Monat vergangen iſt, ſoll mich dieſer übermüthige Graf bis zur Raſerei lieben, und flehend und um Gnade wimmernd zu meinen Füßen liegen! Ich will es und ich habe die Kraft, meinen Willen auszu⸗ führen! Ich— Ein ſchüchternes und demüthiges Klopfen an der Thür ſtörte ſie in ihren Träumen. 262 Sie legte ſchnell wieder ihr Antlitz in die ge⸗ wohnten, beſcheidenen Falten und ging, die Thür zu öffnen. Du hier? Was willſt Du hier? fragte ſie erſtaunt zurücktretend, als ihre Mutter eintrat. Waren wir nicht übereingekommen, daß Du niemals hierher kommen ſollteſt, hatteſt Du mir nicht verſprochen, es ruhig ab⸗ zuwarten, daß ich zu Dir käme? Weshalb drängſt Du Dich jetzt hier ein? Was willſt Du? Dich ſehen, Mariane, weiter nichts, als Dich ſehen! ſagte die alte Frau, indem ſie einen ſchüchter⸗ nen, faſt flehenden Blick auf das ernſte und ſtrenge Antlitz ihrer Tochter heftete. Du hatteſt mir ver⸗ ſprochen, gleich in den erſten drei Tagen zu mir zu kommen und jetzt ſind ſchon fünf Tage vergangen! Ich fürchtete daher, Du möchteſt krank ſein! Krank! rief Mariane mit einem ſpöttiſchen Lachen. Ich habe keine Zeit, krank zu ſein, denn wenn ich's thäte, würde man mich auf die Straße hinauswerfen oder ſo gnädig ſein, mich in die Charité zu ſchicken. Ich habe keine Zeit, krank zu ſein, merke Dir das und ängſtige Dich niemals wieder um mich, hörſt Du, niemals! Es iſt wahr, ſagte ihre Mutter, indem ſie mit ſtrahlenden Blicken in Marianen's friſches und roſiges 263 Antlitz ſchaute, es iſt wahr! Du biſt ſchön und blü⸗ hend wie eine Roſe, und wenn ich Dich anſehe, ſcheint es mir, daß es wieder Frühling iſt, und daß die Sonne warm und friſch in mein armes, altes Herz hineinſcheint! Gieb mir die Hand, mein Kind, und heiße mich freundlich willkommen! Mariane reichte ihr zögernd die Hand dar, welche die alte Frau mit liebevollen Blicken ſtreichelte, und an ihre Wange legte. Laß mein altes Haupt einen Moment auf Dei⸗ ner Hand ruhen, ſagte ſie lächelnd. Deine Hand iſt ſo weiß und duftig, wie eine Lilie, und wenn ich ſie an meine Wange lege, ſchweigt aller Gram, und aller Kummer ſtille. Mariane lächelte Du biſt eine Schwärmerin, Mutter; und wenn man Dich hört, ſollte man meinen, ich ſei eine Königin an Schönheit und Liebreiz! Das biſt Du auch! ſagte die alte Frau zärtlich. Aber Marianen's Antlitz hatte ſich ſchnell wieder umdüſtert. Nein, ſagte ſie mit hartem, kaltem Ton, nein ich bin nichts, als die arme, elende Tochter einer Wäſcherin, das verachtete Kind des Elends und der Niedrigkeit, Nichts als ein Wurm, der demüthig und ungeſehen im Staube kriecht, und glücklich ſein muß, wenn einer dieſer Bevorzugten, dieſer Reichen und 264 Angeſehenen ihn einen Moment zu ſich empor hebt, und ihn eines Blickes, eines Anſchauens würdigt, um ihn nachher unter ſeine Füße zu treten! Welche harten und bittern Worte dies ſind! ſeufzte die alte Frau. Glaubſt Du denn, mein Kind, daß das Glück nur bei den Reichen und Vornehmen wohnt, und nur in einem Pallaſt zu ſuchen iſt? Nein, Mariane, das Glück fragt nicht nach Geld und Schätzen, und es wohnt lieber in einer Hütte, als in einem Königſchloß! Oh mein Kind, für mich könnte es kein höheres und ſchöneres Glück geben, als wenn Du bei mir wärſt, als wenn Du Dich entſchließen möchteſt, mit mir zuſammen zu bleiben. Meine arme dunkle Dachkammer würde mir dann wie ein Paradies er⸗ ſcheinen, und mein ganzes, ſorgenſchweres und trübes Leben hätte endlich ſeinen ſchönſten und herrlichſten Lohn gefunden! Ueberlege es, Mariane, denke einmal daran, welch ein ſtilles und ſeliges Leben das ſein würde! Du ſollteſt es gut haben, und gar nicht benö⸗ tthigt ſein zu arbeiten und Dich zu mühen. Meine Arme ſind noch ſtark und geſund, und ich kann noch arbeiten für uns Beide! Ich verlange nichts als daß Du mir entgegenlächelſt, wenn ich heim komme, daß Du mir die Hand gibſt, und mich willkommen heißt, 265 und mir erzählſt, was Du den Tag über gedacht und gethan. Und dann eſſen wir zuſammen unſer einfaches Abendbrod, das freilich nicht ſo ſchön ſein mag, wie Du es hier bei dieſen reichen und vorneh⸗ men Leuten bekommſt, aber welches die Liebe Deiner Mutter Dir geſegnet hat! Auch ein ſchönes und wei⸗ ches Bette ſollſt Du haben, meine kleine Mariane, und Du wirſt ſchön und prächtig darin ſchlafen, denn die Augen Deiner Mutter werden Dich bewachen, und meine Gebete werden Dich beſchützen! Oh komm, mein Kind, mein einziges und köſtliches Beſitzthum, komm zu Deiner Mutter! Und die alte Frau, das Geſicht von Thränen überfluthet, ſtreckte ihre Arme nach ihrer Tochter aus. Aber Mariane zuckte mit den Achſeln, und trat mit einem verächtlichen Lächeln zurück. Dieſes Glück der Dachkammer iſt nicht das, welches ich erſtrebe, ſagte ſie kalt, und wenn ich mich ihm unterwerfen ſollte, würde ich mich verzehren vor Zorn und Haß! Sieh mich an, Mutter, habe ich ein Ausſehen, welches zu Deiner Dachkammer-Idylle paßt? Glaubſt Du, daß Gott mir dazu dieſe glänzenden Augen, dieſe roſigen Wangen, und dieſe ſchöne und volle Geſtalt gegeben hat, damit ich ungeſehen und unbewundert in einer elenden Dachkammer dahin welke? Die Roſe bedarf 266 der Sonne und des Lichtes, um ſich in ihrer ganzen Pracht zu entfalten, im Schatten und der Erniedri⸗ gung verdorrt ſie! Man hat mir oft genug geſagt, daß ich eine Roſe ſei, ſo will ich denn auch leben und blühen, wie eine Roſe, mich bewundern laſſen, und ſo Gott will, auch einige Stacheln finden, um Andern wehe zu thun! Sie hat Recht! murmelte die alte Frau. Sie paßt nicht in meine Dachkammer, ſie hat ein ſtolzes und kaltes Herz, und ſie liebt ihre Mutter nicht! Sie dankt es mir nicht, daß ich ſie geboren habe! Nein, Du haſt Recht, dies danke ich Dir nicht, und es wäre ſeltſam, wenn ich noch dafür dankbar ſein ſollte, daß eine Sclavin eine Sclavin geboren hat, damit der Fluch der Armuth und des Elendes, welcher auf ihrem Haupte laſtete, ſich vererbe auf ihr Kind, damit ſie nicht allein im Staube kriechen, ſon⸗ dern einen Wurm neben ſich habe, zu dem ſie ſagen könne:„Wir ſind arm und elend, aber wir leben doch, und das ſei uns genug!“ Nein, Mutter, ich kann Dich nicht lieben, denn Dein Anblick demüthigt mich und ich ſchäme mich Deiner! Ich kann Dich nicht lieben, denn Du hinderſt mich in meinen Pla⸗ nen, Du ſtehſt mir im Wege zu meinem Glücke! Mein Gott! Mein Gott! Sie ſchämt ſich mei⸗ 267 ner! ſchluchzte die alte Frau, indem ſie ganz zerbro⸗ chen auf einen Stuhl nieder ſank. Mariane ſtampfte unwillig mit dem Fuß. Jetzt weint ſie gar! Als ob es mit Thränen gethan wäre! Mutter, Mutter, willſt Du mich denn zur Verzweif⸗ lung bringen! Siehſt Du denn nicht, fühlſt Du denn nicht, wie viel mich dieſe Härte und dieſe Strenge koſtet? Begreifſt Du denn nicht, daß dies nur das Schild iſt, hinter welchem ich meinen Kummer und meinen Haß verberge, daß ich nur mein Herz gegen Dich verhärten muß, um es zu ſtählen und hart zu machen gegen die ganze Welt? Weine nicht mehr, Mutter, weine nicht! Ein Tag wird kommen, wo ich reich und mächtig ſein, wo ich mein Ziel erreichen und alle diejenigen unter meine Füße treten werde, welche jetzt mich verachten und geringſchätzen, oh Mutter, an dieſem Tage werde ich Dich lieben, und Dir danken, daß Du mich geboren haſt! Bis dahin warte, und ſei geduldig! Bis dahin laß mich ruhig meine Straße gehen und hindere mich nicht. Sie ſah wunderbar ſchön aus. Ihre Wangen glühten, ein ſtolzes Lächeln ſtand auf ihren Lippen, ein dämoniſches Feuer blitzte aus ihren Augen. Es ſei! Ich will Dich nicht hindern! ſagte ihre Mutter traurig. Nur verlange nicht, daß ich Dich 8 nicht ſehen, daß ich es ruhig ertragen ſol, Wochen und Monate lang geduldig zu harren, bis Du zu mir kommſt! Nein, Mariane, ich weiß, Du würdeſt niemals zu mir kommen, und Du würdeſt Gott dan⸗ ken, wenn das arme und traurige Geſicht Deiner Mutter Dich niemals in Deinen ſtolzen und hochfah⸗ renden Träumen ſtörte! Aber ich ſage Dir, mein Kind, daß ich dies nicht dulden werde, denn eines Tages würde der Zorn Gottes das undankbare Kind treffen, welches ſeine Mutter verleugnet, und ich liebe Dich zu ſehr, um Dich nicht vor dieſem ſtrafenden Zorn bewahren zu wollen! Du biſt alſo entſchloſſen, meinen Bitten nicht nachzugeben, und es nicht aufzugeben, hieher zu kommen? Ich bin es entſchloſſen! Nein, nein, Mariane, nicht dieſes zornige Stirnrunzeln, nicht dieſe wüthen⸗ den Blicke! Denke, daß ich Deine Mutter bin, ver⸗ ſündige Dich nicht ſo ſehr an Dir ſelber, daß Du Dich zu einer unnatürlichen Tochter erniedrigſt! Ich ſage Dir, es iſt nothwendig, daß Du mich ſiehſt! So arm und unwiſſend ich auch bin, ſo weiß ich doch, daß dies das Rechte iſt! Mein Leben iſt noch nothwendig für Dich, und es iſt Gott, welcher mir die Aufgabe geſtellt, zuweilen als Dein mahnendes C 2 269 Gewiffẽ dor Dir zu erſcheinen, und Dic aufzuhal⸗ n Deiner Bahn. Sehr ſchön! Sehr erbaulich! ſagte Mariane mit erzwungener Ruhe. Du wrillſt alſo nicht begreifen, daß dies der ſicherſte Weg iſt, um den letzten Fun⸗ ken der Liebe in mir zu ertödten? Aber die alte Frau war ſchon von ihrer augen⸗ blicklichen Extaſe in den Staub der Erde, und der Wirklichkeit zurück geſunken, und ſenkte jetzt wieder ſchüchtern und demüthig ihr Haupt auf ihre Bruſt.. Mein Gott, ich will Dich ja nur ſehen, flüſterte ſie, ich will es ja Niemand verrathen, daß ich Deine Mutter bin! Ich werde kommen, wie ich heute ge⸗ kommen bin, als die Dienerin Deiner Mutter! Und dann, fuhr ſie raſcher und freudiger fort, als ſie in Marianen's Augen einem milderen Blick begegnete, dann habe ich auch gedacht, daß ich Dir nützlich ſein könnte. Man hat Dir die Sorge für Deine Wäſche allein überlaſſen. Nun wohl mein Kind, es iſt doch gut, daß Deine Mutter eine Wäſcherin iſt, denn ſie kann nun doch Dir ein wenig nützlich ſein, und Deine Wäſche in Ordnung halten! Willſt Du mir das be⸗ willigen, Mariane? Es ſei! ſagte Mariane. Ich bin es denn dadurch wird wenigſtens Dein öfteres Kommen 270 erklärt werden, und Niemand wird es auffällig fin⸗ den, daß meine Mutter ihre Dienerin hierherſchickt, um meine Wäſche in Empfang zu nehmen! Plötzlich aber nahmen ihre Züge einen andern Ausdruck an, und mit völlig verändertem Ton ſich ihrer Mutter nähernd, reichte ſie ihr ihre beiden Hände dar: tauſend Dank, daß Du gekommen biſt, meine gute und treue Marie. Ach, mein Herz ſehnte ſich ſo ſehr, von meiner theuern und angebeteten Mutter zu hören! Die alte Frau ſah ihr erſtaunt in's Geſicht. Ihr war entgangen was Marianen's ſcharfes Ohr ſogleich vernommen hatte, und ſie ſah nicht wie ſich eben die Thür öffnete, und die Kammerfrau der Grä⸗ fin leiſe eintrat. Sage meiner edlen, lieben Mutter, fuhr Mariane fort, wie ſehr mich dieſer neue Beweis ihrer ſorgen⸗ den Güte und. Liebe rührt, und daß mich ihr gütiger Vorſchlag bis zu Thränen bewegt hat! Sage ihr, daß ich jeden Tag zu Gott nur dieſes Eine Gebet empor ſchicke: er möge mir meine edle Mutter er⸗ halten, und mich eines Tages in den Stand ſetzen, ihr alles Gute zu vergelten! Ah, welch ein edles und liebevolles Gemüth iſt dies! rief Madame George, mit Thränen in den Au⸗ gen. Wie rührend iſt es, eine ſo dankbare und lie⸗ bende Tochter zu ſehen! 8 Ich wußte nicht, daß Sie mich hören konnten, ſagte Mariane mit niedergeſchlagenen Augen. Sie wer⸗ den über mich lachen, meine theure Madame George! Aber ich, mein Gott, ich habe Niemand auf der Welt, der mich liebt, außer meiner theuren, edlen Mutter, und dieſer guten braven Marie, welche ſeit meiner frühſten Jugend mich mit Muttertreue ge⸗ pflegt hat, und der ich mit dankbarer Verehrung und Liebe angehöre! Und ſie drückte mit einem unendlich liebevollen und innigen Ausdruck die Hände der alten Frau an ihre Bruſt. Ach, ich wünſchte, daß die Frau Gräfin Sie eben ſehen könnte, Fräulein Mariane, ſagte die fromme und empfindſame Madame George. Sie ſind wun⸗ dervoll ſchön in Ihrer herablaſſenden Liebe gegen Ihre gute treue Dienerin. Dienerin! rief Mariane. Sie iſt meine mütter⸗ liche Freundin, Madame George! und ſie öffnete der alten Frau ſelbſt die Thür, und geleitete ihre Mutter durch das Vorzimmer. Wann ſoll ich kommen, Deine Wäſche zu holen? fragte Frau Freiſtadt ſchüchtern. Morgen! Aber nun geh und ſich mich nicht ſo an. Gch! Sie iſt ein Engel an Güte und Liebe! ſagte George. So ſchön, und dabei ſo ganz lz und Hrchmuth X. Die Spinne webt ihr Metz. S⸗ war heute große Geſellſchaft im Hauſe der Gräfin von Schwanenkamp. Die Salons prangten im Glanz der Kerzen und Blumen und die auserleſenſte, die vornehmſte und gefeierteſte Geſellſchaft Berlins be⸗ wegte ſich durch dieſe herrlich verzierten, von Pracht und Reichthum zeugenden Säle. Da waren Herzo⸗ ginnen und Gräfinnen, Fürſten und Diplomaten, da war die ganze Créme desjenigen Theiles der menſch⸗ lichen Geſellſchaft, welche ſich vorzugsweiſe als„die Geſellſchaft“ zu bezeichnen pflegt. Und Alles lächelte und plauderte und es ſchien, als ob ein Band der„ Liebe und der Freude all dieſe verſchiedenartigen Men⸗ ſchen vereine, und unter Lächeln und zärtlichen Blicken verſteckte ſich der Haß und der Neid, die Mediſane 18 — und Verleumdung, um hier und dort in irgend einer unbelauſchten Ecke, in irgend einem vertraulichen Zwie⸗ geſpräch einen Augenblick die Maske zu lüften, und Diejenigen zu zerfleiſchen, welchen man eben noch ſchön gethan und geſchmeichelt hatte! Mariane ſtand einſam und unbemerkt hinter dem Theetiſch in dem erſten der Salons. Niemand beach⸗ tete ſie und doch war ſie jung und ſchön, wie nur irgend eine dieſer jungen, geſchmückten Mädchen, welche dort in dem Salon wie Schmetterlinge und Roſen auf und niederflatterten, Niemand ſprach mit ihr und doch möchte ſie im Stande geweſen ſein, geiſtreichere und pikantere Unterhaltung zu ge⸗ währen, als alle dieſe wohlgeſchulten und wohldreſ⸗ ſirten Salondamen, denen die vornehmen Cavaliere mit ſo andächtiger und ehrfurchtsvoller Freundlichkeit zuhörten. Dieſes gänzliche Nichtbeachtetſein hatte Mariane allerdings tief verletzt und geſchmerzt, aber das war jetzt überwunden. Sie ſtand ſtolz und ruhig, wie eine Königin, hinter ihrem Theetiſch und ihre edle, hochaufgerichtete Geſtalt, ihr kühnes, ſchönes Angeſicht mit den flam⸗ menden, großen Augen hatte etwas Ueberraſchendes und Imponirendes. 275 Sie war in einer innern Exaltation, in einer Art prophetiſcher Begeiſterung, ſie ſagte zu ſich ſelber: einſt werde ich reich und prachtvoll, wie jene dort, in den Salons erſcheinen und alle dieſe elenden, hoch⸗ müthigen Narren, welche mich jetzt keines Blickes würdigen, werden alsdann nach einem Blicke von mir ſeufzen und es für eine Gnade halten, meine Hand berühren, zu mir von ihrer Liebe ſprechen zu dürfen. Aber ich, ich werde dann unerbittlich ſein, ich werde dann meine Rache nehmen für dieſe Tage der Erniedrigung und der unverdienten Schmach! Oh, wie ſüß ſoll mir dieſe Rache ſein, wie will ich ſie Alle ſchonungslos martern und unter meine Füße ſtampfen! Ein prachtvolles Lächeln verklärte ihre Züge und machte ſie einer Medea gleich. Sie war in einer ſeli⸗ gen Halluncination, ſie ſah ſtolz und triumphirend in die Tage, welche kommen würden, und das Lachen und Plaudern, das Rauſchen der ſeidenen Gewänder, der Duft der Blumen und Parfüms, der Glanz der Kerzen, dieſes ganze ſo glänzende, ſo bezaubernde Treiben um ſie her ſchien ihren Geiſt in eine Art magnetiſchen Schlufes einzulullen, der ſie weit der Gegenwart entrückte und ſie zu ſchöneren und z volleren witet. 276 Die Stimme eines Mannes erweckte ſie aus ihren Entzückungen. Ihr zum Himmel emporgerichtetes Auge ſenkte ſich und begegnete einen Moment dem Blick des jungen Grafen von Schwanenkamp, der neben ihr ſtand und eine Taſſe in ſeiner Hand hielt. Eine Taſſe Thee, wenn ich bitten darfl ſagte der junge Huſarenlieutenant haſtig. Es ſcheint mir, als ob die Dienerſchaft heute ſehr nachläſſig iſt in ihrer Pflicht. Die Comteſſe Duranz, neben der ich bis jetzt geſtanden, iſt noch gar nicht mit Thee bedient worden. Deshalb komme ich ſelbſt, ihr eine Taſſe zu holen. Uebrigens, mein liebes Kind, ſollten Sie die Diener⸗ ſchaft beſſer inſtruiren! Das würde ich thun, mein lieber, ehrwürdiger Vater, wenn ich der Haushofmeiſter der Gräfin wäre! ſagte Mariane mit einem flammenden, verachtungs⸗ vollen Blick. Weshalb erlauben Sie ſich, mich Vater zu nennen? Weil Sie ſich erlauben, mich„liebes Kind“ zu nennen! Der junge Graf lachte. Sie haben Recht und ich hatte Unrecht! Aber mir ſcheint, Sie ſind ſehr ſtrenge und ſehr prompt in Ihren Zurechtweiſungen! Haben Sie niemals einen Wurneobachtet 277 Sobald Sie ihn treten, kehrt er ſeinen Stachel her⸗ aus! Das iſt ſein Inſtinkt, weiter nichts! Er will ſich vertheidigen aus natürlichem Trieb! Nur leider, daß er ſo ohnmächtig iſt und der arme, ſtolze Menſchen⸗ ſohn, der ihn ſchonungslos zertritt, es kaum bemerkt, daß das arme Geſchöpf ſich vertheidigen wollte und daß, wenn er es bemerkt, er ihn verhöhnen würde. Der junge Graf ſah ſie erſtaunt an. Sie ſind ein wunderbares Mädchen, ſagte er. Mädchen! wiederholte ſie mit verächtlichem Achſel⸗ zucken. Ich mache keine Anſprüche darauf, von Ihnen als ein Mädchen betrachtet zu werden, Herr Graf. Und weshalb nicht? Weil ich mich alsdann meiner demüthigenden Stellung ſchämen würde! Mein Gott, iſt es denn ſo demüthigend, die Ge⸗ ſellſchafterin meiner Mutter zu ſein? Nein, mein Herr, es iſt eine Ehre und ein Ver⸗ gnügen! Aber Sie wiſſen, eine Geſellſchafterin iſt keine Geſellſchaft! Kehren Sie alſo zur Geſellſchaft zurück! Sie ſchicken mich fort? Nein! Ich darf alſo bleiben? Wäre ich ein Weib, ein junges Mädchen, ſo würde ich Ihnen ſagen, was ich denke, ſo aber bin W W E— —— ich ein nlechtiſ Nichts, welches keine Meinung und keinen Willen hat! Nehmen wir aber an, daß Sie ein junges Mäd⸗ chen wären und ich verſichere Sie, daß ich, dieſem herrlichen und ſchönen Angeſicht gegenüber, ſehr davon überzeugt bin; nehmen wir alſo an, daß Sie ein Mädchen wären, und ſagen Sie mir demzufolge frei und offen, was Sie denken! Sie wollen es? Ich bitte Sie darum! Nun wohl, mein Herr! Wäre ich ein junges Mädchen, ſo würde ich zu Ihnen ſagen: Sie fragen, ob Sie an meiner Seite bleiben dürfen? Nein, Sie dürfen es nicht! Denn Sie haben ſich dieſer Ehre nicht werth gezeigt! Sie haben die Ritterlichkeit und den ächten Mannesſtolz verleugnet, indem Sie ein armes, wehrloſes Weib mit kindiſchem Hochmuth und ariſtokratiſcher Grauſamkeit beleidigten, ein armes Weib, welches nichts weiter verbrochen hat, als daß es arm und hülflos iſt, als daß der Zufall der Ge⸗ burt ihm nicht einen Palaſt und einen glänzenden Na⸗ men, ſondern Armuth und Dunkelheit zur Mitgift gegeben! Glauben Sie mir, ein Weib, welches durch die Armuth gezwungen wird, dem Glanz, der Freude, den Triumphen und Entzückungen der Welt zu ent⸗ 279 ſagen, ein ſolches Weib iſt beklagenswerth genug und Niemand hat das Recht, ſie durch Verachtung noch mehr zu demüthigen, als es das Schickſal bereits ge⸗ than hat! Einen Gefeſſelten zu peinigen, iſt feig und unwürdig und ſicherlich gehört mehr Muth dazu, dem Beſchimpften Achtung zu bezeigen, als ihn auch noch zu beſchimpfen! Sie ſah ſchön aus mit ihren flammenden Blicken, mit dieſen purpurerglühten Wangen, dieſem ſtolzge⸗ hobenem Haupte und dem kalten, ſtolzen Lächeln um die ſchwellenden Lippen. Der junge Graf betrachtete ſie mit Erſtaunen und in ſeiner Verwunderung über dieſe impoſante Schönheit, welche er bis dahin kaum gewahr gewor⸗ den, fühlte er kaum das Verletzende ihrer Worte. Dann machte er ihr eine tiefe und ehrfurchtsvolle Verbeugung. Mein Fräulein, ſagte er, ich ſehe Sie ſoeben zum erſten Male! Ich war ein Blinder, Sie haben mir die Augen geöffnet und ich danke Ihnen dafür! Erlauben Sie mir jetzt, Ihnen meinen Arm zu bieten und Sie in den Salon zu führen! Aber, mon dieu, mein Sohn, wo bleibſt Du! Alle Welt vermißt Dich bereits! rief die Gräfin, welche eben, funkelnd von Brillanten, in das Gemach rauſchte. Die Muſik im Tanzſaal beginnt bereits und Comteſſe Duranz ſucht ihren Tänzer! Du irrſt, meine theure Mama, ich bin nicht mit der Comteſſe engagirt, ſondern ich bitte Fräulein Frei⸗ ſtadt, daß Sie mir die Ehre erzeigt, mit mir zu tanzen! Die Gräfin ſah ihn mit erzürnten Blicken an. Dies iſt ein unzeitiger Scherz, mein Sohn, ſagte ſie, und ich begreife nicht, weshalb Du dieſe gute, ſtets freundliche und beſcheidene Mariane ſo grauſam ver⸗ ſpotteſt! Nein, Mama, es iſt mein Ernſt! Nun, wenn das iſt, ſo muß ich Dir ſagen, daß dies eine Inconvenienz, ja, eine Unſchicklichkeit iſt, die ich nicht dulden werde! Es ziemt ſich nicht, daß mein Sohn mit meiner Geſellſchafterin tanze und es müßte mich ſehr wundern, wenn Fräulein Freiſtadt dies nicht ſelber gefühlt hätte! Marianen war es gelungen, die Thränen der Empörung und des Zorns zurückzudrängen und ihre ernſte und demüthige Miene zu bewahren. Gnädigſte Gräfin, ſagte ſie, verzeihen Sie Ihrem Herrn Sohn dieſe großmüthige Caprice, mit welcher er ein armes, demüthiges, aber mit ſeiner Unſcheinbar⸗ keit vollkommen zufriedenes Geſchöpf einen Augenblick 281 5 in den Glanz des Tages ſtellen wollte, nicht, um mich zu erfreuen, ſondern um ſich als erhabenen und hoch⸗ herzigen Protector zu zeigen! Sein Sie auch überzeugt, gnädige Frau, daß ich niemals im Stande wäre, eine ſolche— Unſchicklichkeit, wie Sie ſehr richtig ſagten, zu begünſtigen, und daß ich immer der Schranken eingedenk ſein werde, welche mich ganz gerechter und natürlicher Weiſe von der Geſellſchaft trennen und es mir unmöglich machen, die Freuden und Ehrenbezeu⸗ gungen derſelben zu theilen! Sie iſt von einer bezaubernden Bosheit, dachte der Graf, indem er ſich tief vor Marianen verneigte und in den Salon zurückkehrte. Wie kam nur mein Sohn auf dieſen ſeltſamen Einfall? fragte die Gräfin, nachdem er fort war. Es war, wie ich Ihnen ſagte, gnädigſte Frau, eine großmüthige Laune, die mir indeſſen bewieſen hat, daß er das edle und großmüthige Herz ſeiner Frau Mutter geerbt hat. Er hatte mich zuvor, wie den geringſten ſeiner Diener, ausgeſcholten, weil eine der Damen keinen Thee bekommen und dann in einer edlen Aufwallung wollte er die Beleidigung wieder gut machen, indem er mich zum Tanz aufforderte, freilich aber ohne es zu wiſſen, dadurch der erſten Beleidigung eine neue Kränkung hinzufügend! Sind Sie mir böſe? fragte die Gräfin, indem ſie Marianen ihre Hand darreichte. Böſe! Ich, Ihnen! Und indem ſie die dargereichte Hand mit leiden⸗ ſchaftlicher Innigkeit an ihre Lippen drückte, ließ ſie ſehr geſchickt ein paar brennende Thränen darauf niederfallen. Sie weinen, mein gutes Kind, ſagte die Gräfin. Mein Gott, ich bin wahrhaft erzürnt auf meinen Sohn, daß er Sie ſo oft beleidigt! Sie haben Recht, er hat ein ſtolzes und kaltes Herz! Zürnen Sie ihm nicht, Frau Gräfin, er hat ein Recht, ſich ſeines Ranges und ſeiner Stellung be⸗ wußt zu ſein und ich bin eine eitle und hochfahrende Thörin, weiter nichts! Ich werde mich beſſern, ganz gewiß! Sie drückte die Hand der Gräfin noch einmal an ihre Lippen und wandte ſich dann, um zu gehen. SEs thut mir leid, liebes Kind, ſagte die Gräfin, ſie zurückhaltend, aber Sie dürfen heute noch nicht auf Ihr Zimmer gehen, denn einige Damen haben mir verſprochen zu ſingen, und Sie werden ſie daher accompagniren. Gehen Sie alſo in das blaue Ka⸗ binet, welches neben dem Muſikſaal liegt, und warten Sie dort, bis ich Sie rufe! 283 Und Marianen einen flüchtigen Gruß zunickend, kehrte die Gräfin in den Salon zurück. Das junge Mädchen ſah ihr mit einem Blick finſtern Haſſes nach. Stolzes, hochmüthiges Weib, murmelte ſie, einſt werde ich auch Dich demüthigen! Oh, mein Gott, wann wird denn dieſer Tag kommen, an dem ich Rache nehme für alle dieſe mir zuge⸗ fügten Beleidigungen. Dann ging ſie geſenkten Hauptes, leiſe, unver⸗ ſtändliche Worte murmelnd, durch die öden und leeren Nebenzimmer in das blaue Kabinet. XI. Prinz Aureliv. Die trauliche Stille und Ruhe deſſelben that ihr wohl, das ſanfte Dämmerlicht, welches dieſe von der Decke herniederhängende Ampel von hellrothem Glaſe verbreitete, erquickte ihre ermüdeten Augen. Sie ließ ſich auf dem Divan nieder, welcher an der einen Seite der Wand angebracht und von Vorhängen beſchattet war, die ihn, wenn man wollte, von dem übrigen Raume trennten. Mariane zog dieſe Vorhänge ein wenig vor und überließ ſich ihren Träumen und Phantaſien. Plötzlich ward ſie in demſelben durch das Ge⸗ räuſch der Thüre, welche in den Muſikſaal führte, geweckt. Sie öffnete ein wenig die Vorhänge, um zu ſehen, ob es die Gräfin ſei, welche ſie rufen wolle. 285 Allerdings, es war die Gräfin, aber ſie war nt allein, Prinz Aurelio war bei ihr. Ich habe Ihnen einige Worte zu ſagen und darum folgte ich Ihnen, ſagte der Prinz. Die Gräfin warf einen flüchtigen Blick umher, als wolle ſie ſich überzeugen, daß Niemand ſie be⸗ lauſche. Aber ſie dachte nicht daran, hinter den vor⸗ geſchobenen Vorhang zu ſehen. Sprechen Sie, Durchlaucht, ſagte ſie dann, wir ſind allein! Hören Sie alſo! Es beliebt mir nicht, daß Eu⸗ dora immer von dieſem jungen Lindenburg, wie eine Blume von einem Schmetterling umkreiſ't wird und ich bitte, daß Sie dieſen jungen Menſchen in ſeine Grenzen zurückweiſen! Die Gräfin lachte. Mein Gott, Durchlaucht, Sie werden mich doch nicht als Schmetterlingsfänger anſtellen wollen? Und warum nicht? Sie beſitzen darin, wie ich glaube, außerordentlich viel Uebung! Auch will ich Sie durchaus nicht hindern! Fangen Sie für ſich ſelber Schmetterlinge, ſo viel Sie immer mögen! Mein Gott, mein Prinz, dieſe beleidigende Sprache— Kommt daher, ſchöne Gräfin, weil ich mich von ——— 286 Ihren frommen Alluren und gottverdreheten Augen nicht täuſchen laſſe, ſondern weiß, was es mit dieſen Betſtunden und frommen Uebungen zu ſagen hat! Sie verkehren jetzt unter dem Mantel chriſtlicher Liebe mit den frommen Brüdern, denen Sie Ihre Chriſt⸗ lichkeit bezeigen, indem Sie ſie als Ihres Gleichen betrachten, und im Grunde machen Sie es doch mit Ihnen ebenſo, wie Sie es damals machten, als Ihre ſchönen Schultern noch von dem leichten und durch⸗ ſichtigen Mantel einer Lals bedeckt waren! Immerhin, Sie waren in jenem Coſtüm bezaubernd und ent⸗ wickeln in dem jetzigen vielleicht auch ganz neue Reize, nur daß ich kein Liebhaber davon bin! Und der Prinz brach in ein lautes, ſpöttiſches Lachen aus. Gräfin Schwanenkamp war bleich und zitternd auf einen Seſſel geſunken und Thränen, welche ſie vergeblich zurückzuhalten ſuchte, entſtürzten ihren Augen. Weinen Sie nicht, ſagte der Prinz hart, Sie werden ſonſt Ihre Schminke verwiſchen und der ſtau⸗ nenden Welt zeigen, daß man ſehr fromm und doch ſehr eitel ſein kann! Weinen Sie nicht, ſondern hören Sie mich ruhig an. Es hat Ihnen ſeit einiger Zeit beliebt, unſere gegenſeitige Stellung ein wenig ver⸗ rücken zu wollen! Sie hatten ohne Zweifel den Wunſch, 287 die Bande abzuſtreifen, welche Sie an mich feſſeln, denn da ich Ihnen einen Namen, einen Rang, einen Pallaſt, und ein Vermögen gegeben habe, bleibt nichts mehr übrig, was Sie von mir begehren und erſchmei⸗ cheln möchten, und daher halten Sie es nicht mehr der Mühe werth, den alten Löwen zu ſtreicheln, der keine Zähne mehr hat, um zu beißen! Sie haben ſich daher erlaubt, ſich bereits zwei Mal vor mir verleug⸗ nen zu laſſen, ohne Zweifel, weil Ihnen das Allein⸗ ſein mit mir weniger erfreulich war, als mit den frommen Brüdern, mit welchen Sie— beteten! Sie haben außerdem den Grafen von Badenhorſt, der mehrere Male hier war, jedes Mal zurückgewieſen, und ihn auch heute Abend nicht eingeladen! Was bedeutet das? Sie wiſſen, es iſt mein Wille, daß Eu⸗ dora den Grafen heirathet, und ich verlange, daß Sie meinen Willen reſpectiren, und es nicht wagen, da⸗ wider zu handeln! Das iſt es, was ich Ihnen zu ſagen hatte, und ich füge jetzt noch hinzu, daß wenn ich Ihnen einen Namen, einen Rang und ein Ver⸗ mögen gegeben, ich auch ſehr wohl im Stande bin Ihnen alle dieſe Vorzüge wieder zu entziehen. Es bedarf dazu nur, daß ich Ihnen etwas weniger Ach⸗ tung und Aufmerkſamkeit vor der Welt bezeige, und mir einige leichtfertige und aufklärende Scherze über 288 Ihre frommen Uebungen erlaube! Dann wollen wir einmal ſehen, wie viele von all dieſen Menſchen, die Ihnen jetzt ſchmeicheln und hofiren, es dann noch wa⸗ gen würden, Ihre Schwelle zu überſchreiten! Die Menge folgt dem Beiſpiel der Großen, wie Sie wiſſen! Nun wohl, ich wäre vielleicht geneigt ihr einmal mit einem guten Beiſpiel voranzugehen! Aurelio, das werden, das können Sie nicht wol⸗ len! rief die Gräfin, indem ſie in leidenſchaftlicher Aufregung ſich vor dem Prinzen auf die Knie nie⸗ derwarf. Sie können das Weib, welches Sie ſo viele Jahre lang geliebt haben, jetzt nicht ſo grauſam verſtoßen, Sie können die Mutter Ihrer Kinder nicht beſchimpfen wollen! Denn immer doch bin ich ihre Mutter, und ich habe ſie Ihnen geboren! Oh Aurelio, nicht dieſe kalten, ſpottenden Blicke, es iſt die Mutter Ihrer Kinder, welche zu Ihren Füßen liegt! Mein Gott, ich flehe ja nicht mehr um Liebe, denn ich weiß, und fühle es leider an den Schmer⸗ zen meines armen vereinſamten Herzens, daß dieſe Ihre Liebe, welche mich einſt ſo beſeligte, mit den Tagen meiner Schönheit und Jugend entflohen ich flehe daher nur noch um ein wenig Mitleid, wenig Erbarmen! u k Sie barg ihr von Thränen überſtrömtes 269 Antlitz in ihren Händen und ihre Stimme erſtickte vor Weinen. 3 Stehen Sie auf, Gräfin, ſagte der Prinz milde, Sie wiſſen, ich liebe ſolche Scenen nicht! Dergleichen iſt gut für das Theater, nicht für das Boudoir einer Gräfin! Nein, nein, laſſen Sie mich vor Ihnen knieen, bis Sie ſelber mir die Hand reichen, bis Sie mir Ihre Gnade wieder zugewandt haben! Dies liegt nur an Ihrem Willen, Gräfin. Ver⸗ ſprechen Sie mir, daß Sie nicht wieder ſich aufleh⸗ nen wollen gegen meinen Willen, daß Sie auf meine Plane eingehen, und dieſe von mir beabſichtigte Ver⸗ bindung Eudoren's mit Graf Badenhorſt ſo viel Sie vermögen, begünſtigen wollen, geſtehen Sie reuevoll ein, daß es ein wenig ſehr anmaßend und waghalſig war, ſich vor mir verleugnen zu laſſen, und daß Sie ſolche Rebellion gegen mich nicht wieder wagen wol⸗ len, mit einem Wort, verſprechen Sie mir, wie es ſich gebührt, gehorſam zu ſein, und Sie werden an mir Ihren treueſten und ergebenſten Freund, Ihren unerſchütterlichen Protector finden, und ich werde es mir zur Pflicht machen, dieſe neue Rolle einer from⸗ men Büßerin, welche es Ihnen beliebt zu ſpielen, 19 ———— —— — W — 290 aus allen Kräften zu applaudiren! Hier meine Hand! Wollen Sie gehorſam ſein? Die Gräfin drückte die prinzliche Hand ſtürmiſch an ihre Lippen. Oh, mein Gott, ich bin und will nichts ſein als Ihre Sclavin, Ihr demüthiges dank⸗ erfülltes Geſchöpf! Ich habe keinen Willen, als den Ihren, und Sie ſind mein Herr und Meiſter! Der Prinz hob ſie an ſeine Bruſt empor und drückte einen Kuß auf ihre Stirn. Meine gute Regina! Jetzt ſind wir wieder ver⸗ ſöhnt, und Alles wird wieder ſein, wie es geweſen iſt! Aber trocknen Sie Ihre Augen, Gräfin, denn ich höre Schritte! Die Gräfin hauchte in ihr Taſchentuch und legte es auf ihre brennenden Augen. Gleich darauf ward die Thüre geöffnet, und ein Cavalier erſchien auf der Schwelle; aber als er den Prinzen im téte a téte mit der Gräfin erblickte, wich er beſcheiden, und Entſchuldigungen murmelnd zurück. Treten Sie ein, mein Herr, ſagte der Prinz heiter, Sie ſtören uns ganz und gar nicht! Unſere fromme und wohlthätige Gräfin hat nur meinen Beiſtand für einige ihrer armen Schützlinge erfleht! Uund Sie haben ſie mir in Ihrer gewohnten — 291 Güte gewährt, ſagte die Gräfin mit einem bezau⸗ bernden Lächeln. Mein Gott, Gräfin, wer wäre Barbar genug, Ihnen etwas abſchlagen zu können! rief der Prinz, die Hand der Gräfin an ſeine Lippen drückend. Nun ſagen Sie, was wünſchen Sie von der Gräfin? Die gnädigſte Gräfin hatte mir verſprochen, die Polonaiſe mit mir zu tanzen! Oh, der Tanz beginnt! rief die Gräfin heiter. Kommen Sie mein Herr, zur Polonaiſe! Und Sie, mein Prinz? Ich bleibe, um mich hier ein wenig auszuruhen! Die Thüre ſchloß ſich hinter der Gräfin, welche ſtrahlend und ſtolz am Arm ihres Cavaliers in die glänzenden Säle zurückkehrte. Der Prinz ſah ihr mit einem ſpöttiſchen Lächeln nach, und indem er ſich behaglich in einen Lehnſeſſel niedergleiten ließ, ſagte er: wir haben unſere Sclavin ein wenig die Peitſche fühlen laſſen, und ſie wieder zur Ordnung gebracht! Sie wird es nicht ſobald wieder wagen, ſich gegen unſern Willen aufzulehnen! Plötzlich bewegte ſich der Vorhang des Divans und Mariane trat mit niedergeſchlagenen Augen und hochrothen Wangen hinter demſelben hervor. Der Prinz ſah ihr erſtaunt und prachlos zu,“ 10. 292 wie ſie mit über der Bruſt gekreuzten Armen und geſenktem Haupt ſich ihm näherte, und mit aller De⸗ muth und Unterwürfigkeit einer Sclavin vor ihm niederkniete. Durchlaucht, ſagte ſie in ihrem wechſei ſchmeichelndſten Ton, Durchlaucht ich liefere eine Verbrecherin aus! Strafen Sie dieſelbe! Sie waren hinter jenem Vorhang verborgen, hörten meine Unterredung mit der Gräfin? Ich hörte jedes Wort, Durchlaucht! Der Prinz runzelte die Stirn. Weshalb hielten Sie ſich dort verborgen? Ich hielt mich nicht verborgen, ich hatte mich nur dort hingeſetzt; die Gräfin hatte mir befohlen, ſie hier zu erwarten, bis ſie mich rufen würde. Ich wartete alſo! Aber da die Gräfin nicht allein war, wagte ich nicht hervorzutreten, und ſo ward ich eine unfreiwillige Zuhörerin des Geſpräches! Schlimm, ſehr ſchlimm! murmelte der Prinz. Und wie denken Sie nun, daß ich Sie ſtrafen ſoll? Maoriane, welche noch immer auf ihren Knieen lag, richtete ihr Haupt ſo weit empor, daß das volle Licht der Ampel ihr Geſicht traf und es mit einem roſigen Schimmer umſtrahlte. Gnädigſter Herr, ſagte ſie, ich entſinne mich, daß einmal der Cardinal Riche⸗ „ 293 lieu ſich in einem ähnlichen Fall befand! Er hatte einen jungen Marquis zur Audienz beſtellt, und als derſelbe zur beſtimmten Stunde kam, öffnete man ihm die Thüre des Arbeitszimmers Sr. Eminenz, und ließ ihn eintreten. Aber der Cardinal war nicht in ſeinem Cabinet. Der Marquis erwartete ihn zwei — Stunden lang; endlich kam Richelieu, welchen der König ſo lange aufgehalten, in ſein Arbeitsca⸗ binet; er fand dort den jungen Marquis und erfuhr von ihm, daß er ſich zwei Stunden in dieſem Aller⸗ heiligſten des franzöſiſchen Staates aufgehalten, zwei Stunden allein mit dieſem Schreibtiſch und dieſen auf demſelben befindlichen Papieren, welche Staats⸗ geheimniſſe von der äußerſten Wichtigkeit enthielten! — Aber, unterbrach ſich Mariane, ich langweile Euer Durchlaucht, es war ſehr kühn von mir, Ihnen eine ſo lange Geſchichte vorzutragen. Im„Gegentheil, ſi ie intereſſirt mich ſehr! Fahren Sie fort! Aber vor Lallen Dingen ſtehen Sie auf, und nehmen Sie hier auf dem Seſſel neben mir Platz! Nein, Durchlaucht! Knieend will ich mein Ur⸗ theil empfangen! Fahren Sie fort in Ihrer Geſchichte! Der Marquis ſchwur mit einem feierlichen Eide, 294 daß er ſich nicht von dieſer Stelle an der Thür, neben welcher er ſtand, entfernt, daß er nicht gewagt habe nur einen einzigen Blick auf dieſen Schreibtiſch zu werfen. Der Cardinal ſagte achſelzuckend: es iſt möglich, daß Sie die Wahrheit ſagen! Aber wer bürgt mir dafür? Wer kann wiſſen, ob Sie nicht dennoch dieſe Papiere geleſen, und ſo der Mitwiſſer, vielleicht der Ausplauderer wichtiger Staatsgeheimniſſe werden? — Die Betheuerungen des Marquis waren frucht⸗ los; der Cardinal ſchickte ihn auf Lebenslang in die Baſtille! Und was folgern Sie aus dieſer Geſchichte, mein Kind? fragte der Prinz, indem er mit Bewun⸗ derung in dieſes ſchöne Antlitz blickte, das mit einem unnachahmlichen Ausdruck des Flehens und der Erge⸗ benheit zu ihm empor blickte. Daß es ſehr gefährlich iſt, die Geheimniſſe der Mächtigen zu wiſſen, und daß ich⸗ ohne es zu wol⸗ len, in den Augen Euer Durchlaucht zu einer Ver⸗ brecherin geworden bin! Der Prinz war aufgeſtanden, und ging ſinnend im Zimmer auf und ab. Sein ſcharfer, prüfender Kennerblick aber kehrte immer wieder zu dieſem jun⸗ gen Mädchen zurück, das zugleich ſo liebreizend und üppig, ſo demuthsvoll und ſelbſtbewußt erſchien. 295 Wie ſie auf dem Teppich kniete, die Arme über der Bruſt gekreuzt, die funkelnden Augen mit ſchwär⸗ meriſchem Ausdruck auf den Prinzen geheftet, glich ſie einer Odaliske, in ihrer zugleich demüthigen und üppigen Schönheit. Der Prinz war immer noch in dem Alter, einem Weibe leichter zu verzeihen, wenn ſie jung und ſchön, als wenn ſie alt und häßlich iſt. Er blieb daher vor Marianen ſtehen, und reichte ihr lächelnd die Hand dar. Stehen Sie auf, ſagte er, ich bin kein Richelieu, und wenn ich es wäre, ſo haben wir doch in Deutſchland keine lettre de cachets und keine Baſtille. Stehen Sie auf! Sie richtete ſich an ſeiner Hand leicht und ge⸗ ſchmeidig wie eine Gazelle empor und ſtand jetzt auf⸗ gerichtet vor ihm. Der Prinz bewunderte innerlich ihre wund e Geſtalt, ihre feine Taille, ihre volle, herrlich geformo Sie geben mir Ihr feierliches Wort, niemals und keinem Menſchen zu verrathen, was Sie eben gehört? Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, Durchlaucht. Der Prinz lächelte. Sie ſchwören ja, wie ein junger Offizier! Haben denn die jungen Mädchen Vijetzt auch Ehre? 296 Wenn ſie arm, ohne Freund und ohne Be⸗ ſchützer ſind, ja! Oh, Sie hätten keinen Beſchützer? Keinen als die Gräfin, und auch dieſe werde ich verlieren, wenn Euer Durchlaucht nicht gnädig und gütevoll genug ſind, der Gräfin mein unfreiwilliges Lauſchen zu verſchweigen! Oh mein Gott, ſie würde und könnte es mir niemals verzeihen, daß ich Zeugin ihrer gerechten und wohlverdienten Züchtigung gewe⸗ ſen! Sie würde mich verſtoßen, und mich wieder hin⸗ austreiben in dieſe kalte und freundloſe Welt! Sie faltete ihre Hände, und blickte mit von Thränen umdüſterten Blicken zu dem Prinzen empor. Wenn man ſo ſchön iſt wie Sie, wird es nie an Beſchützern fehlen! ſagte der Prinz, Marianen's Wange ſtreichelnd. Aber ich würde lieber Hungers ſterben, als einen Beſchützer Mädchen mit edlem, jungfräulichem Stolz. Haben Sie daher Erbarmen, Durchlaucht! Ver⸗ rathen Sie mich nicht an die Gräfin! Laſſen Sie mich in dieſem Hauſe, wo ich Zuflucht und Schutz gefunden, und wo mein armes düſteres Daſein zu⸗ weilen von einem Lichtglanz des Glückes umleuchtet wird! 3 297 Zuweilen? Wann denn? Wenn ich das Glück habe, Euer Durchlaucht zu ſehen! flüſterte ſie mit einem verſchämten Erröthen. Der Prinz betrachtete ſie mit leuchtenden Blicken. Sie ſollen in dieſem Hauſe bleiben, ſagte er, ich ver⸗ ſpreche es Ihnen, und ich werde der Gräfin kein Wort verrathen. Auch nicht von dieſer Unterredung. Dies Alles bleibt unſer Geheimniß, mein ſchönes Kind! Wir haben ein Geheimniß mit einander, wir ſind alſo Bundesgenoſſen! Als ſolche müſſen wir ein Erkennungszeichen und eine Parole haben! Hier iſt das Erkennungszeichen! Er löſte eine prachtvolle Brillantnadel aus ſeinem Halstuch, und reichte ſie Marianen dar. Nehmen Sie! Es iſt ein Erkennungszeichen, weiter nichts, und es gehört mit zu unſerm Geheimniß. Und kein menſchliches Auge ſoll es ſehe iſt mein heiligſtes und theuerſtes Gut! rief Maria die Nadel an ihre Lippen drückend. Aber Sie fragen nicht nach der Parole? Nun, die Parole, Durchlaucht? Die Parole heißt: ein Kuß! Mariane erröthete und ſenkte verſchämt ihr Haupt auf ihre Bruſt, dann nach einer Pauſe, in — — —— —— 298 welcher der Prinz ſie lächelnd beobachtet hatte, rich⸗ tete ſie ſich wieder empor, und wandte das ſchwär⸗ meriſche feuchte Auge dem Prinzen zu. Euer Durchlaucht ſind der Herr, und müſſen die Parole geben! Sie legte mit einer unnachahmlichen Grazie das Haupt zurück und ſchloß die Augen, während ihre halbgeöffneten Lippen zwei Reihen perlenweißer Zähne ſehen ließen. Der Prinz drückte einen leidenſchaftlichen Kuß auf ihre Lippen. Sie ſind ein Engel! ſagte er erglühend. Aber Mariane ſchien in ihrer ganzen Exiſtenz zu erbeben in jungfräulicher Scham. Ein Zittern durchflog ihre Glieder, und ihr erglühendes Antlitz ihren Händen verbergend ſchlüpfte ſie leiſe aus Armen des Prinzen, und entfloh aus dem Ge⸗ Spät noch in der Nacht ging Mariane mit glühenden Wangen und blitzenden Augen in ihrem Zimmer auf und ab. Stolze und verlockende Zu⸗ kunftsträume umgaukelten ſie! Der erſte Schritt zum Ziel war gethan, die erſte Scene in dem Drama ihres Lebens war zu Ende geſpielt, und ſie mußte ſich ſelber geſtehen, daß ſie dieſelbe mit Glück geführt. 299 Ich habe mir heute einen Liebhaber, und einen Beſchützer erworben! ſagte ſie. Und außerdem habe ich mir heute den erſten Brillanten, den erſten Stein zu meinem Tempel des Ruhms verdient! Sie ließ den Brillanten im Glanz des Lichtes ſpielen, und als er ſeine blendenden rothen, und grü⸗ nen Reflexe warf, brach ſie in ein lautes ſilberhelles Gelächter aus, das wunderbar die Stille der Nacht, und das einſame Gemach durchtönte. VI. Das Bündniß. 6. Serr Doctor Alexander Weltheim! meldete der ein⸗ tretende Diener, indem er Marianen's Zimmerthür öffnete. Mariane eilte dem Gemeldeten mit freudigen Grüßen entgegen. Endlich! ſagte ſie, Alexander ihre beiden Hände entgegenſtreckend, endlich kommen Sie, mein theurer Couſin! Wiſſen Sie, daß ich Sie jeden Tag ſchon erwartet und mir von der Gräfin eigends die Erlaubniß erbeten habe, Sie empfangen zu dürfen? Ah, das iſt alſo der Couſin, murmelte der Die⸗ ner, indem er Marianen's Zimmer verließ und den Corridor hinunterging. Das iſt der Couſin! Ich werde es dem jungen Grafen berichten, denn er hat mir 301 einen Thaler für jede Nachricht, die Fräulein Freiſtadt betrifft, verſprochen. Mariane indeß nahm, ſo wie der Diener das Zimmer verlaſſen hatte, eine ernſte und gehaltene Miene an und entzog dem jungen Manne ihre Hände. Es war die einzige Form, in welcher ich Sie in dieſes Haus einführen konnte, ſagte ſie, daß ich Sie für einen nahen Verwandten ausgab! Sie ſind vor Andern mein Couſin, merken Sie ſich das! Wenn wir aber allein ſind, bin ich Ihre gehorſame Schülerin und Sie ſind mein ehrwürdiger, ſehr geſtrenger Herr Lehrer! Alexander's lachendes Anlitz verfinſterte ſich ſofort. Erinnern Sie mich nicht an dieſe Zeit der Erniedri⸗ gung und der Schmach, die ich mir ſo viele Mühe gebe, zu vergeſſen! ſagte er. Marianen's Augen blitzten höher auf. Sie nen⸗ nen das eine Schmach, ſagte ſie. Sie vergeſſen alſo, daß ich mich in einer ähnlichen Lage befinde? Aber ich kenne Sie, Mariane und ich weiß, daß Sie nicht minder empört darüber ſind, als ich es war! Ich weiß, daß Sie dieſe Stelle nicht angenom⸗ men hätten, wenn ſie Ihnen nicht Gelegenheit geboten, ſich an dieſen verhaßten Bevorzugten zu rächen, an dieſen übermüthigen Ariſtokraten, welche mit dem 302 ſtolzen Hochmuth ihrer Race vermeinen, uns unter ihre Füße treten zu können, weil wir ihnen für ihr elendes, ſchmutziges Geld die edleren und höheren Errungenſchaften unſeres Geiſtes verhandeln müſſen! Ich weiß, Mariane, daß Sie, gleich mir, dieſe Leute verachten, und nur den Moment erwarten, ihnen all die Beleidigungen, die Verachtung, die Demüthigungen zurückzugeben, welche ſie uns empfinden ließen! Und eben deshalb, weil ich das weiß, und Sie kenne, eben deshalb komme ich zu Ihnen! Mariane wiegte lächelnd ihr Haupt. Dennoch ſcheint es mir, als ob Sie mich nicht ganz richtig er⸗ kannt haben! Es iſt wahr, ich verachte dieſe Ariſto⸗ kraten, und es wird mir eine Luſt ſein, mich wegen meiner jetzigen demüthigen Stellung an ihnen zu rächen, aber meine Rache ſoll darin beſtehen, daß ich mich dreiſt und kühn an ihre Seite ſtellen, und ihres Gleichen werden will, daß ich ſie zwinge, vor Der⸗ jenigen, welche einſt ihre bezahlte Sclavin war, ein Etwas, welches man im Vorzimmer warten ließ und das man kaum der Mühe werth hielt, es mit einem flüchtigen Gruß zu beehren, daß ich ſie zwinge, vor dieſer ſich demüthig und unterwürfig zu neigen, und ihr Lächeln als eine Gunſt, das leiſe Neigen ihres Hauptes als einen Befehl zu betrachten. Ah, Herr 303 Weltheim, Sie lachen nicht über dieſe unſinnigen Träume eines phantaſtiſchen jungen Mädchens? Nein, ich lache nicht darüber, denn ich begreife Sie und ich bin gewiß, daß Sie Ihr Ziel erreichen werden. Mariane reichte ihm mit leuchtenden Blicken ihre Hand dar. Gott ſei Dank, ſagte ſie, es gibt alſo Jemand, der mich verſteht und mich nicht verſpottet! Jetzt heiße ich Sie noch einmal willkommen, denn jetzt weiß ich, daß ich an Ihnen einen treuen und verſtändigen Freund habe! Und nun, mein Freund, erzählen Sie mir von ſich! Wie e Sie, was trei⸗ ben Sie, womit haben Sie ſich beſchäftigt in dieſen vier Wochen, welche Sie bereits in Berlin ſind und endlich, was haben Sie für Zukunftspläne? Kommen Sie, ſetzen Sie ſich hier zu mir auf den Divan und erzählen Sie mir! Meine Geſchichte iſt einfach! ſagte Weltheim, in⸗ dem er den bezeichneten Platz neben Marianen ein⸗ nahm. Ich bin nach Berlin gekommen mit hinläng⸗ lichen Mitteln, um ein Jahr hier leben zu können, mit hinlänglichen und bedeutenden Empfehlungen, um. auf einen baldigen Wirkungskreis hoffen zu können. Dank meinen Eriſtenzmitteln war ich nicht genöthigt, das erſte Beſte, welches ſich mir darbot, anzunehmen, 304 und Dank meinen Empfehlungsbriefen habe ich jetzt eine Stellung gefunden, welche für's Erſte meinen Wünſchen genügt und mir wenigſtens die Mittel in die Hand gibt, weiter zu kommen! Ich habe, wie Sie wiſſen, mich ſchon lange und mit einigem Erfolg als politiſcher Journaliſt verſucht, und war ſchon von Dresden aus Mitarbeiter einiger größern politiſchen Zeitungen. Eine derſelben, welche hier in Berlin er⸗ ſcheint, hat mir die Stelle eines Redacteurs für ihr Feuilleton angetragen und ich habe dieſelbe angenom⸗ men, indem ich zugleich Mitarbeiter des politiſchen Theils der Zeitung bleibe! Und ſomit ſind Sie alſo bereits eine bedeutende und einflußreiche Perſon geworden? Für den Augenblick, ja! erwiderte Alexander Weltheim lächelnd. Aber wer weiß, wie lange das noch dauern mag und wie lange der Journalismus den Großen und Mächtigen noch als ein gefährlicher Feind erſcheint, oder wie bald ſie dieſen Feind in ſo enge Feſſeln ſchlagen und ihn ſo künſtlich knebeln, daß er ſich nicht mehr regen und kein Wort, nicht einmal einen Schrei mehr ausſtoßen kann! Sie begreifen alſo, daß es mir geht, wie Ihnen und daß ich meine jetzige Stellung auch nur als einen Durchgangspunkt betrachte, der mich zu meinem Ziele fördern ſoll! Und was iſt Ihr Ziel, mein Freund? Ehre, Ruhm, Reichthum und endlich Rache! Gleich Ihnen will ich als ein Gleichberechtigter mich dieſen ſtolzen Ariſtokraten an die Seite ſtellen, gleich Ihnen will ich ſie zwingen, ſich vor mir zu beugen und ihren Zorn und ihren Neid hinter lächelnder Un⸗ terwürfigkeit zu verbergen. Aber einmal dieſes Ziel erlangt, werde ich doch nicht mit dieſer kleinen und beſcheidenen Rache zufrieden ſein, ſondern nicht eher ruhen, als bis ich dieſe ſtolzen und übermüthigen Großen beſchimpft und ſie dem Spott und Hohn der Welt preisgegeben habe, über welche ſie ſich ſo ſehr erhaben glauben, und deren Anſichten ſie dennoch mit ſclaviſcher Unterwürfigkeit ſich fügen!— Das iſt mein letztes Ziel, und um es zu erlangen, bedarf ich Ihrer Hülfe, Mariane! Meiner Hülfe! Ach, ſagen Sie ſchnell, worin beſteht ſie? Was kann ich für Sie thun? Ich werde es Ihnen ſagen, wenn Sie mir zuvor geſagt, was Sie bisher erreicht und welche Stellung Sie ſich bereits in dieſem Hauſe erworben haben. Wollen Sie mir dies vertrauen, Mariane? Das junge Mädchen wiegte lächelnd ihr Haupt. Sie verlangen ſehr viel, ſagte ſie, denn wenn ich Ihnen ſage, was Sie wünſchen, laſſe ich Sie zugleich hinter 20 306 den Vorhang blicken, welcher das Allerheiligſte meines Herzens verbirgt, und verrathe Ihnen einen Theil meiner ſchönen und heiligen jungfräulichen Geheimniſſe. Sei es darum! Wir Beide ſind, wie es mir ſcheint, darauf angewieſen, uns treue und hülfreiche Freunde zu ſein und eine Ahnung ſagt mir, daß unſere Freund⸗ ſchaft ſich noch in mancher großen und ernſten Probe wird zu bewähren haben! Hören Sie alſo! Ich habe mit leiſer und unmerklicher Hand meine Spinnennetze ausgebreitet und dieſe allerliebſten, ariſtokratiſchen Flie⸗ gen ſind ſämmtlich hineingegangen. Die Gräfin hält mich für ein überaus demüthiges, unterwürfiges und beſcheidenes Geſchöpf, das ſich ohne Murren von ihr treten läßt und nur von dem Sonnenſchein ihrer Gnade leben will! Sie erzeigt mir daher die Gnade, mich unbehindert alle ihre Launen empfinden zu laſſen! Sie iſt hart und kalt gegen mich, wenn der Prinz ihr mehr den unfreundlichen Herrn als den ergebenen Liebhaber gezeigt hat, und bezeigt mir ein wahrhaft zärtliches und rührendes Vertrauen und eine hin⸗ gebende Zärtlichkeit, wenn dieſe prinzliche Laune vor⸗ über iſt. Ich ertrage demüthig und in gottergebenem Schweigen ihren Zorn und habe dafür den Lohn, daß ſie mich ſpäter, wenn der Paroxismus vorüber iſt, mtt wahrhaft verſchwenderiſcher Großmuth beſchenkt nenden Wunden meines Herzens legt! Ach, dieſe Großen, dieſe Großen! murmelte Welt⸗ heim. Sie ſind eine unverbeſſerliche, verderbte Rage! Sie beleidigen uns und um die Beleidigung zu ſüh⸗ nen, fügen ſie ihr eine neue Beſchimpfung hinzu. Sie verachten uns ſo ſehr, daß ſie glauben, jeden uns angethaenen Schimpf wieder gut gemacht zu haben, wenn ſie ihn uns mit einem Almoſen, einem kleinen Theil ihres Ueberfluſſes bezahlt haben! Gewiß, Sie haben Recht, mein Freund, ſagte Mariane, indeß iſt es mir lieber, wenn die Gräfin mit Gold und Perlen, als wenn ſie nur mit Schmei⸗ cheleien und Thränen ihre Beleidigungen wieder gut machen wollte! Die Schmeicheleien und Thränen trocknet der erſte Lufthauch auf, aber Gold und Perlen überdauern ihn und üben eine ſehr überzeugende Be⸗ redtſamkeit! Nein, mein Freund, ich laſſe es mir ſehr gern gefallen, ſolchen goldenen und werthvollen Bal⸗ ſam auf meine Wunden zu legen! Sie heilen nicht davon, aber er kühlt ſie doch! Weltheim lächelte. Ich ſehe, Sie ſind überaus praktiſch, ſagte er und ich wünſche Ihnen Glück dazu! Aber laſſen Sie mich mehr hören von Ihren hieſigen Verhältniſſen! Fahren Sie fort! 5 20* 308 Nun wohl, hören Sie und unterbrechen Sie mich nicht wieder mit Ihren philoſophiſchen Bemer⸗ kungen. Die Gräfin, wie geſagt, hält mich für ein ſehr beſcheidenes, frommes Kind, dagegen iſt es mir gelungen, dem Prinzen Aurelio, dem Beſchützer der Gräfin, eine ganz andere Anſicht über mich einzu⸗ flößen. In Gegenwart der Gräfin ſieht er mich aller⸗ dings auch nur in meiner Geſellſchafterin⸗Miſere, aber ſobald ich mit ihm allein bin, werfe ich die Maske ab und zeige ihm ein wildes, übermüthiges, mediſantes junges Mädchen, das unerſchöpflich iſt an tollen Spä⸗ ßen und neckiſchen Einfällen! Der Prinz fühlt ſich davon beluſtigt und muß oft recht herzlich lachen, was, beiläufig geſagt, ein Glück iſt, welches dieſen blaſirten, gelangweilten Göttern der Erde ſehr ſelten geſchieht! Sie ſind alſo öfter allein mit dem Prinzen? Ja, faſt täglich! Denn durch einen ſonderbaren Zufall kommt der Prinz jetzt immer in den Stunden, in welchen die Gräfin entweder in ihren Betſtunden und Conventikeln, oder auch in einer Sitzung irgend eines dieſer frommen Vereine ſich befindet, deren Vor⸗ ſteherin ſie iſt! Der Prinz begibt ſich ſodann in den Salon, um dort die Rückkehr der Gräfin zu erwarten und er läßt mich rufen, um mit ihm eine Partie „ 309 Schach oder Etarts zu ſpielen, welche beide Spiele er leidenſchaftlich liebt. Um mir auch ein wenig Nei⸗ gung für dieſelben einzuflößen, hat der Prinz einen Preis für jedes Spiel, welches ich gewinne, ausgeſ Denken Sie, einen Doppelthaler für jede gewonnene Partie! Sie können alſo denken, welchen Eifer ich darauf verwende, tüchtig und beſonnen zu ſpielen und die Partie zu gewinnen! Wenn Sie aber verlieren, Mariane? Welchen Preis bekommt der Prinz, wenn er gewinnt? Einen Kuß! ſagte Mariane lachend. Sie können alſo denken, wie eifrig bemüht auch der Prinz iſt, eine Partie zu gewinnen! Ach, nicht dieſe finſtere Stirn und dieſes argwöhniſche Lächeln, mein Freund! Fürch⸗ ten Sie nichts für mich! Ich bin ſehr prüde und ſehr tugendhaft, nicht ſo ſehr aus Prinzip als aus Klug⸗ heit! Der Prinz hält mich für ein ganz ungezähmtes, wildes, zügelloſes und vollkommen unſchuldiges junges Fohlen und er freut ſich ungemein auf den Moment, wo er dieſes junge, wilde Pferd bändigen und dieſe zügelloſe Unſchuld belehren und weiſe machen wird! Laſſen wir ihm dieſe Freude! Sie wird ihm noch manchen Doppelthaler und manchen hübſchen Schmuck koſten! Es wäre alſo grauſam, ihm vorzeitig dieſe angenehme Täuſchung zu entziehen! 310 Kommen wir jetzt zu dem Herrn Huſarenlieute⸗ nant, dem Sohn der Gräfin Schwanenkamp und Ihrem früheren Eleven. Sie kennen ihn und wiſſen, daß er ein ſtolzer, übermüthiger, hochfahrender aber gutmüthiger junger Mann iſt! Nun, er hat damit angefangen, mich als ein gar nicht beachtenswerthes, jammervolles Nichts zu betrachten, und hat damit aufgehört, ſich ſterblich in mich zu verlieben! Ja, in der That, er iſt ſo liebedurchglüht, wie es nur je ein Schäfer in Geßner's Idyllen geweſen und ſchwört bei allen Göttern und allen Heiligen, daß er mich liebe! Da ich ihm ſtets nur ein ſtrenges und hochfahrendes Geſicht zeige und ihn immer nur mit kalten und ernſten Worten zurückweiſe, ſo befeuert das natürlich nur ſeine Liebe um ſo mehr, beſonders ſeit ich einmal in einer Unterhaltung mit ihm mich von einigen zärtlichen Liebesworten und einigen Thränen überraſchen ließ. Seitdem iſt der gute, leichtgläubige Graf der feſten Ueberzeugung, daß ich ihn auch liebe, und nur aus jungfräulicher Scham und rückſichtsvollem Hinblick auf ſeine erhabene und meine niedrige Stellung, mit dieſem ſüßen Geſtändniß zurückhalte!— Uebrigens nehme ich niemals Geſchenke von ihm an, ſo oft er mir deren auch angeboten hat! Eine Zurückhaltung, die Ihnen ohne Zweifel ſehr 311 ſchwer geworden iſt! ſagte Weltheim mit einem ironi⸗ ſchen Lächeln. Gewiß! Denn ich verſichere Sie, daß es zuwei ſehr werthvolle Geſchenke ſind, welche er mir anbot. Aber ich habe den Blick weggewandt, um ſie nicht zu ſehen und das gab mir die Kraft, ſie auszuſchla⸗ gen!— Ich habe jetzt Ihren Wunſch erfüllt und Ihnen Auskunft ertheilt über meine Stellung in dieſem Hauſe, ſagen Sie alſo jetzt, in wiefern ich Ihnen helfen ſoll! Nein, Sie haben mir noch nicht Alles geſagt, Mariane, ſagte Weltheim mit unſicherm, zitterndem— Ton. Sie haben mir noch nichts von Ihrem Ver⸗ hältniß zur Comteſſe Eudora geſagt! Ach, das vergaß ich, rief ſie lachend und doch iſt dieſes Verhältniß der Passe partout, welcher mir alle Thüren und Ränge dieſes großen Schauſpiel⸗ hauſes öffnet! Ich bin die Geſellſchafterin der Comteſſe Eudora und vergaß das! Das iſt luſtig! Aber es iſt zugleich eine getreue Charakteriſtik meines Verhältniſſes zu ihr! Eudora iſt ein armes, bemitleidenswerthes Geſchöpf, das mit der Grazie und Hoheit einer Kö⸗ nigin ihr ſchönes Haupt unter das Joch der Lange⸗ weile beugt und mit uns andern Sterblichen nichts weiter gemein hat, als daß ſie, zu ihrem größten 312 Aerger, eſſen und trinken und ſchlafen, ja— ſogar gähnen muß, wie jeder andere Menſch! Sie möchte on der Luft leben und ſich mit Gedanken ſättigen, um nur nicht dem geringſten Bettler der Straße gleich, den gemeinen Geſetzen der Natur unterworfen zu ſein! Sie hat alſo den ganzen Stolz und Hochmuth ihrer Rage? Ja! Sie iſt das unnahbarſte Weſen, welches ich jemals geſehen! Es iſt, als ob immer eine Wolke ſie von der übrigen Menſchheit trennte, und wenn ſie lächelt und freundlich ſpricht, ſo hat das immer den Anſchein, als ob ſie eine ungeheure Gunſt, eine nie zu verdienende Gnade erzeigt hat! Und ich werde dieſes ſtolze Geſchöpf in den Staub treten! murmelte Alexander Weltheim zähneknirſchend. Dann fragte er: Womit iſchilſ ſich denn Comteſſe Eudora? Das iſt ſchwer zu ſagen! Sie langweilt ſich! Das iſt ihre Hauptbeſchäftigung! Sie liegt ſtunden⸗ lang auf der Chaiſe longue und ſtarrt in die Luft und murmelt einzelne, unverſtändliche Worte; neulich hörte ich ſie in einer dieſer Extaſen ihrer Langweile murmeln: Mein Gott, wie fürchterlich iſt dieſes Leben! auf und das mißfällt mi 313 Alles grau in grau! Kein einziger Lichtpunkt, kein Schimmer des Glückes! Ach, ſie iſt alſo dieſer hohen und erhabenen Stellung überdrüſſig! rief Weltheim mit blitzenden Augen. Sagen Sie doch, Mariane, hat ſie denn niemals geliebt? Sie, geliebt! Ach, mein weiſer Herr Doctor, wie wenig kennen Sie dieſes ſtolze, jungfräuliche Herz, wenn Sie es der Liebe zu irgend einem gewöhnlichen Sterblichen fähig halten! Nein, nein! Wenn nicht Mahadöh ſelber einmal wieder zur Erde hernieder ſteigt, ſo wird Eudora als untadelhafte, reine Jung⸗ frau leben und ſterben. Nuulich befahl ſie mir, ihr vorzuleſen und ich, um ihre Langeweile vielleicht durch irgend eine pikante Unterhaltung zu zerſtreuen, wählte Rouſſeau's Helviſe! Ich las ihr einige dieſer glühen⸗ den, in Feuer und Sonnenlicht getauchten Briefe St. Preuxs vor und ſie, welche bis dahin unbeweglich und ſtarr auf der Cauſeuſe gelegen, richtete ſich auf und hörte mit angehaltenem Athem und glühenden Wangen mir zu! Plötzlich verfinſterte ſich ihr Geſicht und mit zürnender Stimme befahl ſie mir, nicht weiter zu leſen. Ich fragte ſie erſtaunt, ob ihr das Buch mißfiele. Nein, erwiderte ſie beftig, aber es regt mich Ich legte alſo das . 314 Buch auf den Tiſch und nahm den neuen Roman von Boz. Eudora war wieder in ihre frühere Stel⸗ lung zurückgeſunken, ihr Blick war wieder ſtarr, ihre Züge ermattet. Sie ließ mich ſtundenlang leſen, aber ich bin gewiß, daß ſie kein Wort gehört hat! — Denken Sie aber! Als ich Abends in ihr Zimmer kam, um mir die Heloiſe abzuholen, fand ich das Buch nicht! Es war von dem Tiſche, auf welchem ich es es hingelegt, verſchwunden! Sie forſchten doch nach, wo es geblieben? Nein, denn ich ſah an dem Erröthen, und dem unruhigen Blick der Comteſſe, daß ſie es war, welche das Buch genommen! Richtig, als ich am andern Morgen in ihr Zimmer kam, um ſie zu wecken, er⸗ blickte ich in ihrer Hand das Buch! Sie verbarg es, als ich eintrat, aber ihre Wangen glühten, ihre Au⸗ gen flammten wieder, wie am Tage zuvor! Sie hatte jedenfalls darin geleſen! Ah, Comteſſe Eudora! rief Alexander Weltheim, indem er drohend den Arm erhob, und ein ſchaden⸗ frohes Lächeln ſein Geſicht überflog, Ah, Comteſſe Eudora! Jetzt iſt ſie verloren, denn ich kenne jetzt die Stelle, wo ſie verwundbar iſt! Wenn ſie nicht verliebt iſt, ſo iſt ſie wenigſtens neugierig auf die 315 Liebe, und dieſe Neugierde iſt ein ſichererer Weg in's Verderben, als die Liebe ſelbſt! Nun? fragte Mariane lächelnd. Werden Sie mir den geheimnißvollen Sinn Ihres Monologes er⸗ klären? Was kümmert es Sie, ob Comteſſe Eudora ein wenig neugierig iſt auf die Liebe, der ſie ſich doch nicht unterwerfen will? Sie ſoll ſich unterwerfen! rief Alexander Welt⸗ heim ſtürmiſch, und indem er leidenſchaftlich Maria⸗ nen's Hand ergriff, fuhr er fort: Sie fragen, was ich mich um Comteſſe Eudora zu kümmern habe? Nun wohl! Hören Sie! Ich erzählte Ihnen einmal von der furchtbaren Beleidigung, welche mir eine junge Dame zugefügt, indem ſie mich öffentlich bei einem Ballfeſte beſchimpfte? Ah, ich entſinne mich! Sie verglich Sie mit dem Affen ihrer Mutter! Nun denn! Dieſe junge Dame iſt die Gräfin Eudora! Wie albern von mir, dies nicht gleich durchſchaut zu haben! rief Mariane, während Alexander Welt⸗ heim in ſtürmiſcher Aufregung im Zimmer auf und niederging. Dann blieb er vor Marianen ſtehen, und ſagte mit vor innerer Erregung zitternder Stimme: begrei⸗ 316 fen Sie jetzt, daß ich mich für dieſe Comteſſe Eudora intereſſire, und daß es mir wichtig iſt, von ihr zu hören? Begreifen Sie, daß ich, wie durch unſichtbare Bande an ſie gefeſſelt bin, und mein Herz für ſie einen Haß empfindet, der nur mit den Gluthen der Liebe kann verglichen werden? Oh, ſeit ich hier in Berlin bin, ſeit ich eine Luft mit ihr athme, ſcheint es mir, als ob dieſe Luft ſich wie glühendes Del in meine Seele ergöſſe, und alle Regungen des Mitleidens, des Erbarmens in derſelben ertödte! Nein, nein, kein Mitleid mit der ſtolzen Grafentochter, kein Erbarmen mit dieſem übermüthigen Weibe, welche mit Männern glaubt ſpielen zu können, keine Schonung mit dieſer Tochter einer verderbten Rage, deren einziger Vorzug ihre Laſter und ihre Verbrechen ſind, und die dennoch ſich wie die unſterblichen Götter dünken, dieſem armen, durch ſie geknechteten und in den Staub getretenen Volke gegenüber! Leiſe! Leiſe! flüſterte Mariane. Bedenken Sie, daß wir hier in dem Hauſe einer dieſer Göttinnen ſind, und daß dieſe Auserkorenen ſo gut Ohren haben, wie wir! Sprechen Sie leiſer, mein Freund! Aber ſprechen Sie! Ihre Worte ſchlürfe ich mit einer ſcha⸗ 317 denfrohen Seligkeit ein, und ich glühe vor Verlan⸗ gen zu erfahren, wie ich Ihnen helfen kann! Oh, das iſt ſehr einfach, Mariane! Sie müſſen mir vorarbeiten! Sie müſſen, wie ein geſchickter Mineur, dieſes phantaſtiſche Gebäude ihres Stolzes untergraben, und dieſem eitlen kalten Herzen für ſeine Neugierde Befriedigung ſchaffen! Sie betrachtet dieſe zärtlichen, leidenſchaftlichen Bücher als eine Art Opium, welcher ſie berauſchen könnte,— nun wohl, geben Sie ihr immer wieder von dieſem ſüßen Gift, nach welchem ſie verlangt, obwohl ſie es zu verab⸗ ſcheuen ſcheint!— Sie ſieht mit einer geringſchätzen⸗ den Gleichgültigkeit auf die banalen und eintönigen Vergnügungen, Freuden und Feſte, welche ſie täglich zu erdulden hat, hernieder, und langweilt ſich inmit⸗ ten ihres Glanzes und ihrer Herrlichkeit! Erzählen Sie ihr alſo von andern Freuden und andern Fe⸗ ſten! Schildern Sie ihr dieſe tollen und bezaubern⸗ den Feſte der Bourgeoſie, dieſe Maskenfeſte bei Kroll, dieſe italieniſchen Nächte, dieſe Bälle der Griſetten und der vornehmen Cavaliere, kurz, machen Sie ſie lüſtern auf dieſe Freuden, welche ihr, vermöge ihrer hohen und excluſiven Stellung verſagt ſind, und welche dadurch, weil ſie ihr verſagt ſind, ſchon ihre Neugierde reizen, und ihren Stolz beleidigen werden! 318 Das Alles iſt ſehr gut, ſagte Mariane lachend, nur daß ich keine Bücher habe, um ſie ihr als Lie⸗ bestrank zu reichen, und vollkommen unbekannt bin mit dieſen bacchanaliſchen Feſten, welche ich ihr ſchil⸗ dern ſoll! Ich werde Ihr Bibliothekar ſein, und Ihnen die Bücher bringen, welche Sie ihr geben mögen, und was die Feſte anbetrifft, ſo beſitzen Sie Phantaſie genug, um ſie ihr ſchildern zu können, auch ohne ſie geſehen zu haben! Sie ſollen ſich dann ſpäter ſelbſt überzeugen, ob die Wirklichkeit 2 Phantaſieen entſpricht! Das heißt? Das heißt, daß ich Sie und die Comteſſe Eu⸗ dora zu einer dieſer italieniſchen Nächte, oder Mas⸗ keraden führen werde! Mariane brach in ein helles Lachen aus. Nun, ſagte ſie, wenn Sie das erreichen, erkläre ich Sie für einen Zauberer! Comteſſe Eudora auf einer Maske⸗ rade bei Kroll, und zwar in Ihrer Begleitung! Das iſt in der That ein ſo luſtiger und pikanter Gedanke, daß ich natürlich mit Freuden Alles dazu thun werde, um ihn zur Wahrheit werden zu ſehen! Handeln Sie, wie ich Ihnen geſagt habe, und er wird Wahrheit werden! Gießen Sie ein wenig von § 319 dem Feuer Ihrer eigenen Seele in dieſes kalte Gra⸗ fenherz, ſtacheln Sie ihre Neugierde zu einem unbe⸗ zwingbaren Verlangen, und Sie werden ſehen, daß wir ſiegen werden! Wiſſen Sie, ſagte Mariane ſinnend, wiſſen Sie, daß mir dieſer Plan ganz diaboliſch vorkommt, und daß ich glaube, es verbirgt ſich hinter dieſer Leiden⸗ denſchaft des Haſſes ein wenig von der Leidenſchaft der Liebe? Sie wollen Rache üben, aber mir ſcheint, daß dieſe Rache zugleich ein großes Vergnügen für Sie ſelber einſchließt! Denn, wenn ich Sie recht ver⸗ ſtehe, wollen Sie ſich zu Eudoren's Liebhaber machen? Ja, ſagte er zähneknirſchend, ich will ſie lieben, aber ſo, wie der Baſilisk den Vogel liebt, den er ermorden will! Ja, ich will ihr Liebhaber werden, aber ſo, wie im umgekehrten Fall die Judith des Holofernes Geliebte ward, um ihn zu vernichten! Oh ich, ich werde es ſchlimmer machen, wie die Judith, denn ich werde meine Feindin nicht tödten, ſondern ſie nur in den Staub treten! Ich werde ihr nicht das ſtolze Haupt abſchlagen, ſondern ich werde ſie der Schande überliefern! Ja, ich der Sohn des Volkes, werde Rache üben an dieſem ſtolzen Kinde der Auserwählten, Rache für all die Schmach und Demüthigung, die Beleidigungen und Zurückſetzung, . 320 welche wir alle Tage von dieſen Bevorzugten, dieſen ſogenannten Edlen und Großen erdulden müſſen! Still! unterbrach ihn Mariane haſtig. Suchen Sie eine freundliche Miene anzunehmen! Ich höre Jemand kommen! Wirklich vernahm man jetzt ein leiſes Klopfen an der Thür, und ehe Mariane Zeit hatte zu einem Herein, ward ſie geöffnet.— Eine junge Dame von ſeltener und impoſanter Schönheit trat in das Gemach. Ihre hohe volle Geſtalt war von einem weißen Atlaskleid umfloſſen, das, indem es in weiten, bauſchigen Falten bis zur Erde herniederfloß, ſich eng um die Taille anſchloß, und wie ein Corſet einfach und ohne Verzierung ihre herrliche, volle Büſte nur noch ſchöner hervorhob. Ihre Schultern waren entblößt und von einer bezau⸗ bernden Weiße und Friſche. Ihr Haar, welches in langen Locken bis auf den, mit einem einfachen Col⸗ lier von Zahlperlen geſchmückten Hals herniederfloß, war mit weißen Camelien geſchmückt, von denen ſie ein ähnliches Bouquet in der Hand und am Buſen trug. Sie war wunderſchön in dieſem zugleich ſo prachtvollen und ſo einfachen Gewande; man hätte ſie einem Schwan vergleichen mögen, ſo ſtolz und weiß war ihre Lichterſcheinung, ſo leuchtend und ernſt 321 zugleich. Aber der Ausdruck dieſes ſchönen Geſichtes paßte wenig zu dieſer glänzenden Toilette und dem Blendenden ihrer Erſcheinung. Ihre Wangen waren nur wie von einem leiſen röthlichen Schimmer angehaucht, und zeigten nicht die ſes Incarnat der Jugend und Freude, wie er Eudo⸗ ren's zwanzig Jahren angemeſſen geweſen; ihre von—— langen ſchwarzen Wimpern beſchatteten Lider bingen ſchwer und gleichſam ermattet über den großen dunk⸗—— len Augen; die Stirn, von einer herrlichen— und Höhe war leiſe, wie im verhehlten Unmuth, zu⸗—— ſammengezogen, und um die ſchmalen, purpurrothen—— Lippen ſchwebte ein Zug unausſprechlicher Ermüdung Stolze Sicherheit und zugleich troſtloſe Langeweile,——— das war der Ausdruck dieſes ſchönen Geſichtes, das—— ₰ zugleich in jeder Linie ſeine untadelhafte Race beku— 5 dete, und nicht einmal dieſer ſchmalen Hände vo 3 durchſichtiger Weiße bedurfte, um ſogleich die— kratin, die Tochter der excluſiven Geſellſchaft etenne zu laſſen! Die junge Gräfin, welche haſtig eingetreten war bemerkte nicht ſogleich die Anweſenheit des jungen Mannes; auch hatte Alexander Weltheim ſich in ti Niſche des Fenſters zurückgezogen, wo er, halb ver? borgen hinter den ſchweren dunkelrothen Vorhängen 21 — die Comteſſe beobachten konnte, ohne von ihr bemerkt zu werden. Ah, Comteſſe, wie wundervoll ſchön Sie ſind! rief Mariane, indem ſi ie der jungen Gräfin entgegen⸗ eilte, und ſie mit bewunderndem Staunen von allen Seiten betrachtete. Wirklich, ich ſah nie etwas Be⸗ zaubernderes, als dieſe weiße Toilette, die Ihnen das Anſehen dieſer prächtigen und ſtolzen Blume Cal⸗ las gibt! Sie haben vielleicht Recht mit dieſem Vergleich! ſagte Eudora mit einem matten Lächeln. Mein Le⸗ ben iſt ohne Duft, wie die Callas!— Aber ich bin nicht blos gekommen, um Ihnen Adieu zu ſagen, ſondern auch um Ihnen einen Auftrag auszurichten! Indem wir eben in den Wagen ſteigen wollten, um in die Soirée zu fahren, iſt Prinz Aurelio ge⸗ kommen. Mama war ſogleich entſchloſſen, hier zu bleiben, aber der Prinz beſteht darauf, daß wir gehen. Er will unſere Rückkehr hier erwarten, und ladet Sie ein, ihm Geſellſchaft zu leiſten, und eine Partie Schach mit ihm zu ſpielen! Plötzlich traf der müde, zerſtreut umherirrende Blick Eudora's die Fenſterniſche, in welcher der junge Mann ſtand. 323 Sie ſind nicht allein? fragte die Comteſſe einem harten, befremdeten Ton. Doch, gnädigſte Gräfin, ſie iſt allein! ſagte Weltheim, indem er mit einer tiefen ehrfurchtsvollen Ver⸗ beugung näher trat. Sie iſt allein, denn meine Ge⸗ genwart iſt ſo unbedeutend und ſo ganz sans con- sequence, daß dies gar nicht in Anſchlag zu brin⸗ gen iſt! Comteſſe Eudora war ſichtlich zuſammengeſchreckt bei dem Anblick Weltheim's; während er ſprach über⸗ goß eine glühende Röthe ihr Antlitz, und ihre Au⸗ gen, welche nicht mehr von dieſen ſchweren Lidern be⸗ ſchattet waren, zeigten jetzt ein zugleich zorniges und verächtliches Aufblitzen. Mein Couſin, der Doctor Alexander Weltheim! ſagte Mariane, indem ſie der Comteſſe den jungen Mann vorſtellte. Ich kenne ihn! ſagte Eudora, mit einer kaum merklichen Neigung ihres ſtolzen Hauptes. Vergeſ⸗ ſen Sie nicht, daß der Prinz Sie im Salon erwartet! Und ohne einen Gruß, einen einzigen Blick an dieſen jungen Mann zu verſchwenden, der ſich ehrfurchts⸗ voll verneigte, als ſie an ihm vorüberſchritt, verließ die ſtolze, ſchöne Erſcheinung das Gemach.„ Sie kennt mich! murmelte Weltheim, als die 324 Thür ſich hinter ihr geſchloſſen hatte. Haben Sie geſehen, Mariane, wie ſie erglühte, als ſie mich ſah? Ich habe es geſehen, und habe es bewundert, denn es iſt das erſte Mal, daß ich Gräfin Eudora erröthen ſah vor innerer Bewegung. Ein diaboliſcher Ausdruck flog über Weltheim's Geſicht, und entſtellte für einen Augenblick die edle und regelmäßige Schönheit deſſelben. Comteſſe Eu⸗ dora hat mich alſo mindeſtens nicht vergeſſen, ſagte er, und ſie erröthet, wenn ſie mich ſieht! Ah, ich werde ihr dieſes Erröthen abgewöhnen! Eines Tages wird ſie bei meinem Anblick erbleichen, und ihre von Thränen gerötheten Augen werden mich vergeblich um Gnade anflehen! Sie ſind alſo ganz gewiß, zu ſiegen? Ich bin es gewiß, wenn Sie mir helfen, und Alles, was wir miteinander beſprechen, ein treues und unverbrüchliches Geheimniß zwiſchen uns Beiden bleibt! Oh, meiner ſind Sie gewiß! ſagte Mariane lachend. Ich bin ſelber ganz glühend vor Neugierde, zu wiſſen ob Ihre Plane ſich realiſiren laſſen! Aber Sie? Werden Sie Niemand weiter zur Vertrauten machen? Niemand! — — Auch nicht Antonie Preſter? Weltheim erblaßte. Oh, die gewiß nicht! Ihre reine und edle Seele würde entſetzt zurückbeben vor dieſen Planen! Nein, nein, Mariane, um das billigen zu können, was wir wollen, muß ein wenig von der Verderbtheit und dem Haſſe der Welt in unſerer eigenen Seele mächtig ſein! Und Antonie iſt ganz frei davon? Ja, ſie iſt unſchuldig und rein! Und Gott möge ſie ſo erhalten! Mariane brach in ein lautes, ſpöttiſches Lachen aus. Haben Sie Antonien ſchon geſehen, ſeit ſie in Berlin iſt? Nein! Ich hatte mir geſchworen, ſie nicht ſehen zu wollen, bevor ich nicht durch irgend einen Erfolg und eine geſicherte Stellung mich wegen des Aufge⸗ bens meiner Stellung in Dresden vor ihr rechtfertigen könnte! Jetzt, da ich dies erlangt habe, werde ich zu ihr gehen, heute noch! Ja, gehen Sie! ſagte Mariane. Gehen Sie und Sie werden vielleicht Ihren Engel der Unſchuld und Reinheit ein wenig verändert finden! Alexander Weltheim ſah ſie mit entſetzten Blicken an und ſeine Lippen zitterten. Was wollen Sie da⸗ mit ſagen? fragte er bebend. 326 Ich will damit ſagen, daß auch die Engel fallen können! erwiderte Mariane, und indem ſie Weltheim die Hand zum Abſchied darreichte, ſetzte ſie hinzu: Eilen Sie, mein Freund, ſich ein wenig das Paradies zu betrachten, in welchem Ihr Engel weilt! Ich mei⸗ nestheils muß zu Prinz Aurelio! Oh, ich bin heute ganz in der Stimmung, ihn durch meine boshaften Einfälle zu ergötzen! Alexander Weltheim eilte, wie ein Raſender, die mit Teppichen belegte Treppe hinunter. Zu ihr! Ich muß zu ihr! murmelte er und er fühlte ſein Herz wie im Todeskrampf erkalten, wenn er an Marianen's ſpöttiſche Abſchiedsworte gedachte. So haſtig war er in ſeinem eiligen Lauf, ſo ganz nur mit ſeinen Befürchtungen und Gedanken beſchäf⸗ tigt, daß er gar nicht dieſe beiden Damen gewahrte, welche ſoeben langſam die Treppe hinabgeſtiegen wa⸗ ren. Sein Fuß trat eben auf das weiße Atlasgewand der einen dieſer Damen; ſie hatte ſeine Annäherung nicht bemerkt, die ausgebreiteten Teppiche hielten den Schall ſeiner Schritte zurück. etzt wandte ſie ſich zu ihm um und Weltheim begegnete den zornigen, blitzenden Augen der Gräfin Eudora.— Sie erröthete, als ſich ihre Blicke begeg⸗ neten und wendete das Haupt weg, indem ſie zugleich 327 mit einer haſtigen Bewegung das Atlasgewand, wel⸗ ches ſein Fuß berührte, näher an ſich zog. Der Affe Jocko bedarf keiner Verzeihung! Ich bitte daher auch nicht darum! flüſterte Alexander Weltheim, indem er mit einer flüchtigen Verbeugung an den Damen vorüber eilte und auf die Straße hinausſtürzte. War das nicht der Doctor Weltheim? fragte Gräfin Schwanenkamp ihre Tochter, als ſie dieſe prächtige, mit weißem Atlas decorirte Caroſſe beſtiegen hatten.— Ja, er war es, erwiderte Comteſſe Eudora, ſich ſinnend in die Kiſſen zurücklehnend.— Du warſt damals ſehr grauſam gegen ihn, Eudora! Vielleicht noch grauſamer gegen mich, Mama! Denn ich ſchäme mich vor ihm, ſo oft ich an jene Scene denke! Und ich denke oft an ihn, eben weil ich ihm Unrecht that! Ende des erſten Bandes. „ . ſſiſſſiſſſiſt 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19