„ ₰ 5„ Leihbibliothet 3 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Geih und Teſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Vücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 5 8 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 6 iedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müffen, bei Entgegennahme 1 eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 5 eträgt: für nchentlich 2 Bicher: 4 Bücher 6 kücher: aufz Monat; 1 N 1N 5 5. Auswäptige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Es war ihr gelungen, Otto zu bereden, daß ſie das kleine Haus verließen, und die leer gewordene Bel⸗Etage von Otto's gegenüber ſtehendem großem Hauſe bezogen. Nicht ohne bittern Schmerz hatte Otto ſich dieſem neuen Wunſche Minna's gefügt, und als er endlich ihrem zärtlichen Flehen, ihren Bitten, ihren Thränen nachgegeben, und ſie nun die ihm ſo lieben, nten Räume verließen, da ging Otto noch ein⸗ nal einſam und allein durch die leeren, ſtillen Zimmer, von jedem Plätzchen mit ſeinen theuren und heiligen Erinnerungen Abſchied nehmend. Hier auf dieſer Stelle hatte einſt ſein Betichen neben dem ſeiner Mutter geſtanden. Wie oft, wenn er als Kind. Nachts erwachte und die Dunkelheit ihn ſchreckte und ängſtigte, wie oft hatte dann ſeine Mutter ihm die Hand herunter gereicht, und, ſich an dieſe Hand, wie an einen Rettungsanker anklam⸗ mernd, war er wieder eingeſchlafen, ruhig und ſicher in dem Gefühl, von ſeiner Mutter beſchützt zu werden. in jenem Zimmer hatte er vor ſeinem Vater gekniet, deſſen Segen zu empfangen an jenem Ta er zum erſten Male zum Tiſch des Herrn ging, ach, und dort an jener Stelle hatten bald nach einander die Särge ſeiner Eltern geſtanden. Von allen dieſen geheiligten Plätzen nahm Otto jetzt mit überſtrömenden Augen und beklommenem Herzen Abſchied, Abſchied von all' den theuren Erinnerungen ſeiner Kindheit. Ach von allen Hoffnungen und Träu⸗ men auch der Zukunft nahm er Abſchied. Dann ging er noch einmal und zum letzten Male hinauf in Minna's früheres Gemach und wie er dieſe leeren, öden Räume betrachtete, da war es ihm, als würde es auch hinfort ſo öde und leer in ſeiner eigenen Bruſt ſein, und als würde das Unglück und Leid alle ſüßen Erinnerungen des Glückes und der Liebe in ihm begraben. Wie oft, wie o hatte er hier ſeine Minna in den ſchönen Tagen ihrer Liebe in ſeinen Armen halten, wie oft mit entzücktem Lauſchen ihrem holden Liebesgeflüſter zugehorcht, und ihrem lieblichen kind⸗ lichen Geplauder. War's nicht dort auf jener Stelle, wo ſie ihm — kürzlich noch in die Arme ſank und ihm ſchwur, ihn ewig zu lieben, und Alles hinter ſich laſſend, nur an ſein Glück zu denken, und keinen Wunſch zu hegen als dieſen? Als Otto das Alles jetzt dachte, da war es ihm, als ſtänden alle dieſe vergangenen Tage und Stunden gleich Geiſtern um ihn her, und ſie flüſterten und lachten, und grinzten ihn an mit ſpöttiſchem Lachen, und höhnten ihn um ſeines Glaubens und ſeiner Hoffnungen willen. Otto lehnte ſich erſchöpft, kraftlos zurück an die Mauer, ſein Haupt ſank hernieder auf die Bruſt, in der tauſend Schmerzen wühlten, und leiſe ſagte er: ja lacht nur, lacht nur über den Thoren, der meinte, dies ſchöne, herrliche Weib könne ihn lieben, ewig und immer, könne ſich genügen laſſen an dem ſtillen, beſcheidenen Glück, das er ihr bieten konnte! b, es war ein Traum, aber er war doch ſo ſchön, und in dieſem Traume mindeſtens habe ich doch das reinſte und heiligſte Glück genoſſen! Sie hat mich doch geliebt, es gab doch einſt eine Zeit, wo ihr ganzes Herz mir gehörte, wo ich ihre ganze Welt war, und wenn auch dieſe Zeit längſt vorüber ge⸗ rauſcht und begraben iſt, ſo bleibt ſie doch mein und nichts kann mir die Erinnerung dieſer herrlichen Zeit entreißen! Oh Minna, nicht mehr meine Minna, rief er laut und ſchmerzvoll, Minna ich liebe Dich ja ſo heiß, ich kann ja nicht leben ohne Dich und dennoch biſt Du nicht mehr mein, und wenn ich die Arme öffne, Dich zu umfangen, ſo duldeſt Du es ohne daß Du mir lächelſt, ohne daß Dein Herz höher klopft in Liebe und Glück. Und von dieſer Ruhe fühle ich mein Herz ſtill ſtehen, und mein Blut zu Eis erſtarren. Oh Minna, ich habe Dich für immer verloren! Er ächzte und ſtöhnte laut, und ſchauerlich tön⸗ b Trauerklänge wieder in dem leeren, ſtillen auſe. Während Otto da drüben in der Stille ächzte und klagte, war ein reges unruhiges Leben in der neuen eleganten Wohnung. Da ging Minna ge⸗ ſchäftig von Zimmer zu Zimmer, ihr zur Seite Madame Jelſa, und wie ſie hier prüften, ob der Tapezier auch die ſeidenen Vorhänge recht geſchmack⸗ voll vor den hohen Fenſtern arrangire, ob die koſt⸗ baren Meubles alle ihre paſſende und geſchmackvolle Stelle erhalten, ſagte Madame Jelſa jetzt endlich, meine theuerſte Minna, fange ich an, über Ihr Schick⸗ ſal ruhiger und zufriedener zu werden, denn jetzt endlich werden Sie in Räumen ſich bewegen, die Ihrer würdig ſind. Es iſt wirklich eine ſehr wich— tige Sache, in welchen Umgebungen man lebt, und wie eine feine gebildete Frau ſich leichter und be⸗ guemer fühlt in der ſchweren Atlasrobe, als in dem vielleicht viel beguemeren Anzug einer Bäue⸗ rin, ſo iſt ſie auch nur dann ganz à son aise, wenn alles andere, was ſie umgiebt, ganz dieſem Schönheits ſinne entſpricht, und ein geſchmackvolles, unfaſhionables Meuble kann und muß ſie verſtimmen. Hier aber, dieſer Salon läßt nichts zu wünſchen übrig, und Sie können in demſelben eine Fürſtin empfangen, ohne ſich zu ſchämen. Ja, es iſt ſchön hier, ſagte Minna ſinnend, und doch bin ich gar nicht ſo freudig und glücklich darüber, wie ich wohl ſein ſollte. Ein eigenes beklemmendes Gefühl drückt meine Freude immer wieder nieder, und vorhin, als meine Mutter hier herein ſah mit einem ſo verachtungsvollen, ſpötti⸗ ſchen Lächeln, da war es mir faſt, als ſchämte ich mich; unwillkürlich ſchlug ich die Augen nieder, und wagte nicht eher wieder aufzuſehen, als bis ich ſie ſich entfernen hörte. G Ach Ihre Mutter ſagte die Freundin verdrieß⸗ lich, ich geſtehe Ihnen, beſte Minna, daß ich Ihre Nachſicht und Geduld mit dieſer eben ſo beſchränk⸗ ten als eigenſinnigen alten Frau gar nicht begreifen kann. Dieſer Eigenſinn der alten Dame grenzt ja wahrhaftig an Wahnſinn. Sie will einmal durch⸗ aus für eine ganz arme, unbemittelte Frau gelten, und ſucht, ſo viel ſie kann, auch das Gerücht zu verbreiten, daß Sie gleichfalls ganz unbemittelt wä⸗ ren. Und ſie ſagt das ſo oft und mit ſolcher Be⸗ ſtimmtheit, daß man ihr wahrhaftig glauben ſollte, wenn ich nicht eben durch Ihren Gatten ſelbſt das Gegentheil wüßte. Durch Otto? fragte Minna verwundert. Ja wohl, geſtern, als ich ihm die Rechnung zeigte über Alles, was wir gekauft haben, und ihn fragte, ob er auch nicht unzufrieden ſei über die etwas ſehr bedeutende Summe— Nun, was ſagte er da? fragte Minna geſpannt. Daß nichts, was Ihnen Freude mache, zu theuer * ſein könnte, und daß ſie vollkommene Macht und Freiheit hätten, mit Ihren Renten zu thun, wie es Ihnen beliebe, und daß er, als der bloße Verwalter Ihres Vermögens, Sie niemals beſchränken werde. Mein Mann iſt ſo edel, ſo gütig, ſagte Minna, innig gerührt von dieſem Beweiſe des tiefen Zart⸗ ſinnes ihres Gatten. In der That, erwiederte Madame Jelſa, es iebt viele Männer, die weniger beſcheiden und rück⸗ ſchevol handeln, und die, wenn auch das ganze Vermögen der Frau gehört, dennoch mit demſelben ſchalten und walten, als gehöre es ihnen allein, ja, der Frau kaum ſo viel geben, um davon die noth⸗ wendigſten Bedürfniſſe der Toilette zu befriedigen. In dieſem Punkte haben Sie wirklich Grund, mit Ihrem Gatten zufrieden zu ſein; wollte Gott, es wäre in allen andern Dingen auch ſo! Aber finden Sie nicht, theuerſte Minna, daß, je mehr Sie ſich in Ihrer Bildung vervollkommnen, Ihr Mann deſto mehr hinter Ihnen zurückbleibt, und dies, wie es ſcheint, ganz abſichtlich, und in dem Beſtreben, Sie immer wieder daran zu erinnern, in welche Sphäre hinein Sie durch die Grauſamkeit Ihrer Mutter verheirathet ſind? Oh, ich kenne Herrn Otto, ich durchſchaue ihn, und ſehe es wohl, daß er es ab⸗ Sſichtlich verſchmäht, ſich weiter zu bilden, feinere Redeformen, ungezwungenere Manieren anzunehmen, um nicht dadurch ſeinem niedern Stande entrückt zu werden. Nein, nein, Sie irren, ſagte Minna lebhaft, Sie thun meinem armen Otto entſchieden Unrecht. Und Sie ſind viel zu gut, theure einzige Minna, als daß Sie hören könnten, wie man Herrn Otto tadelt, ſelbſt wenn Sie einſehen, daß man Recht hat. Und Recht habe ich! Auch äußerlich vernachläſſigt ſich Ihr Gatte auf eine wirklich auffallende Weiſe. Wie altmodiſch und unfein er ſich kleidet. Wahrhaftig, wenn Sie Beide ſo neben einander ſtehen, Sie mit Ihrer edlen, ſtolzen Haltung, Ihrem ſchön gehobe⸗ nen Haupte, Ihrer impoſanten Figur, Sie, in Ihrem eben ſo einfachen als geſchmackvollen und modiſchen Anzuge, und daneben Otto in dem langen ſpießbür⸗ gerlichen Rocke, an dem die Aermel zu kurz ſind, und die rothe, harte Hand ganz frei laſſen, mit dem krummen Rücken und dem vornüber geneigten blaſſen Haupte, wahrlich, wenn man ſie Beide ſo ſieht, man wäre viel eher geneigt, ihn für Ihren Bedienten, als für Ihren Gemahl zu halten. Sie tragen etwas zu ſtark auf, ſagte Minna leiſe lächelnd, ſowohl zu Gunſten meiner, als auch zum Nachtheil meines armen Otto. Recht haben Sie, er verſchmäht etwas zu ſehr das Aeußere, und ſeine Haltung könnte beſſer, ſtolzer ſein, aber es thut mir dennoch weh, ihn tadeln zu hören. Er iſt ſo gut, ſo edel, ach, und zuweilen ſieht er ſo unglücklich aus, daß mein ganzes Herz erzittert vor Mitgefühl. Aber wie kann ein Mann unglücklich ſein, der ein ſo herrliches, ſchönes Weib beſitzt, rief Madame Jelſa vorwurfsvoll, ein Weib beſitzt, deſſen Anſchauen 10 alle Andern ſchon ſelig macht? Oh Minna, wenn Sie ahnen könnten, welch' einen tiefen, ſegensvollen Einfluß Sie auf meinen armen Udo ausüben. Ja, ſeit Sie ſich zuweilen mit ihm beſchäftigen, iſt eine ſo merkwürdige und glückliche Umwandlung in ihm vorgegangen, daß ich für die Zukunft das Herrlichſte und Beſte hoffe, wenn Sie nur nicht nachlaſſen in Ihrer himmliſchen Güte und Geduld, wenn Sie ſich ſeiner nur auch ferner erbarmen, und es dulden, daß er Sie liebt, wie ſeine Heilige, ſeine Gottheit. Oh Minna, Theuerſte, Geliebteſte, hören Sie das Flehen einer unglücklichen Mutter, verlaſſen Sie nicht meinen armen Sohn, und ich bin gewiß, durch Ihre Hülfe wird er vollkommen geneſen. Minna reichte der Freundin gerührt die Hand. 5 Glauben Sie nur, ſagte ſie innig, daß ich Alles, was in meinen Kräften eht thun werde, um Ihrem armen Sohne zu helfen, und Ihnen nützlich zu ſein. Aber ach, es iſt ſo wenig, was ich für Sie thun kann! Sehen Sie ihn nur zuweilen gütig an, lächeln Sie ihm nur, erlauben Sie nur, daß er Ihre Hand, hr Kleid an ſeine Lippen drückt; das kleinſte Zeichen Ihrer Gunſt übt auf ſeinen Geiſt eine wahrhaft zauberiſche Wirkung. Ja, können Sie es denken, 6 daß er geſtern, als Sie ihm erlaubt hatten, Ihren. Fuß zu küſſen, nachdem Sie fort waren, faſi eine Stunde lang ganz richtig und zuſammenhängend ge⸗ ſprochen hat, ohne auch nur ein einziges Mal in jene unglückliche Verwirrung der Ideen zurück zu 11 fallen? Und als er geſtern zu Bette ging, ſah ich ihn nieder knieen, die Hände falten und leiſe die Lippen bewegen. Als ich ihn fragte, für wen er bete, ſagte er mit einem entzückten Lächeln: für Minna, meinen Engel! Kommen Sie, laſſen Sie uns zu ihm gehen, ſagte Minna in edler Aufwallung, ich habe ihn heute noch nicht geſehen, und muß ihm meinen Morgengruß bringen! Sie eilte der Freundin voran die zweite Stiege hinauf und trat unangemeldet in das Gemach, in welchem der arme blödſinnige Jüngling ſaß, den Kopf in die Hand geſtützt, vor ſich hinſtierend, und ſein ſchönes Antlitz überfluthet von Thränen. Warum weint Udo? ftagte Minna mit ſanftem Ton, und legte ihre Hand leiſe auf Udo's Schulter. Er ſchreckte zuſammen, und blickte empor, und als er Minna erkannte, drang ein ſchriller, durch⸗ dringender Schrei der Freude von ſeinen Lippen. Udo nicht mehr weint, ſagte er aufſpringend, Udo nicht traurig iſt, denn Engel Minna iſt da, Udo ganz glücklich, ganz zufrieden iſt. Und will Udo auch nicht mehr weinen? fragte Minna, ihn theilnahmsvoll betrachtend. Udo nie mehr weint, wenn Engel Minna es nicht will, ſagte der Kranke ſchüchtern; Udo immer lachen will. Und zur Beſtätigung ſeiner Worte brach er in ein lautes Lachen aus, das aber herzerſchütternd und wehmüthig zu hören war. 6 Armer Udo, ſagte Minna mitleidsvoll, armer o! Der Jüngling begegnete ihren theilnahmsvollen Blicken mit entzücktem Lächeln, ſeine Augen begannen zu leuchten, und wie ein Lichtſtrahl zuckte es über ſein ſchönes regelmäßiges Antlitz; es war als erwache ſeine Vernunft unter Minna's Anblicken und unter ihrer Theilnahme. Sieh mich immer ſo an, ſagte er dann mit ohllig verändertem Ton, ſieh mich an, dann ſehe ich die Sonne ſelber, und fühle den Himmel ganz groß und heiß in meiner Bruſt, den Himmel mit all' ſeinen Sternen. Ach, Engel Minna, rief er plötzlich, ſich vor ihr nieder werfend, und ihre Kniee umklam⸗ mernd, Engel Minna, ſei gnädig gegen mich! Minna beugte ſich lächelnd zu ihm nieder: Und was wünſcheſt Du von mir? Udo jeden Abend das Crucifir küſſen muß, ſagte er, ſchon wieder in ſeine frühere Redeform zurück ſinkend, Udo jeden Morgen den Engel, der am Cru⸗ eifir iſt, küßt, und Minna auch ein Engel iſt, und ni ſie auch, ach nur einmal, ein einziges Mal küſſen möchte. Er ſah ſie dabei ſo flehend und angſtvoll an, daß Minna nicht die Kraſt fühlte, ihm dieſe Gunſt zu verſagen. Und warum ſollte ich auch? dachte ſie. Iſt er doch wie ein unmündiges, großes Kind, und wer wollte einem kranken Kinde eine Freundlichkeit verſagen? Sie aeichte Udo lächelnd die Hand und ſagte — 13 mild; komm, ſtehe auf, Udo, und küſſe mich, wie Du Dein Cruecifir küſſeſt! Udo flog empor mit einem gellen Freudenſchrei, er preßte Minna in ſeine Arme, und drückte ſie feſt, feſt an ſein Herz, und bedeckte ihren Mund, ihren Hals mit ſeinen Küſſen. Vergebens ſtrebte Minna ſich aus ſeinen Armen zu befreien. Feſt, wie mit eiſernen Banden hielt er ſie umſtrickt, und als ſie angſtvoll jetzt den Blick zu ihm erhob, begegnete ſie ſeinen Augen, die im Feuer der Liebe und des Entzückens leuchteten, eines Entzückens das nichts mehr gemein hatte mit dem Wahnſinn. Minna fühlte, daß es nicht ein blödſinniges Kind, ſondern, daß es ein Jüngling war, ein liebender Jüngling, der ſie in ſeinen Armen hielt, und ihre Seele erbebte in Angſt und Entſetzen vor der ent⸗ feſſelten Gluth dieſes Jünglings. Ich befehle es Dir, mich los zu laſſen, rief ſie mit einem ſo zornigen Ton, daß Udo zuſammen zuckte, und plötzlich, die Arme ſinken laſſend, ſchüch⸗ tern zurück trat. Schon begannen die Funken des Verſtandes in ſeinem Antlitz zu verblaſſen, und als Minna ihm jetzt zürnend den Rücken wandte, ſagte er weinend: Udo artig ſein will! Udo nie wieder den Engel küſſen willi* An der Thür draußen aber ſtand Madame Jelſa heen und als ihr Sohn Minna in ſeinen Armen ielt, ſagte ſie mit einem boshaften Lächeln: der Knabe iſt gar nicht ſo dumm, wie man denken ſollte; er kommt meinen Planen ja, ohne es zu wiſſen, 14 ganz herrlich entgegen, und fördert ſie auf das Beſte. Gut, gut, umarme ſie nur recht feſt, dies eitle dumme, junge Weib, Du umarmſt zugleich ihren Reichthum, und ihr Geld, und wenn wir einſt Beides erobert haben, ſo will ich Dir gern die ſchöne Frau über⸗ laſſen, und für mich nichts behalten, als den Reich⸗ thum und ihr Geld. Als Minna jetzt in der Thür erſchien, zog Madame Jelſa ſie in ihre Arme, und ſagte zärtlich: oh meine theure geliebte Tochter, welch' ein Engel ſind Sie! Hier auſ meinen Knieen lag ich und betete zu Gott für Sie, während Sie in Ihrer Barmherzigkeit ſich meines armen Kindes erbarmten, und ſeine Krankheit beſchwuren mit Ihrer holden Nähe. Oh Minna, Minna, warum ſind Sie nicht frei! Mein Sohn würde geneſen, wenn Sie die Seine würden, wenn Sie ſich entſchließen könnten, ihm Ihre Hand zu reichen und ſein Weib zu werden! Und Sie, Sie wären dann nicht bloß ſein Engel, ſondern auch für mich der ſegenbringende Engel, der eine unglückliche Mutter in eine überglückliche verwandelte. IP Die Warnung. Mit dem Spätherbſt nahmen nun auch die ge⸗ ſelligen Vergnügungen ihren Anfang, und Minna, ſich bewußt, daß ſie nun ohne Scheu, und ohne fürchten zu müſſen verlacht zu werden, in der Ge⸗ ſellſchaft erſcheinen könne, wollte nun auch in dieſer Geſellſchaft eine gewiſſe Stellung einnehmen. Ma⸗ dame Jelſa war ihrem Wunſch hülfreich. Sie gehörte nicht allein zu einer vornehmen und weit⸗ verzweigten Familie, ſondern ſie hatte auch noch aus ihren frühern glänzenden Tagen vielſeitige Verbin⸗ dungen ſich erhalten, und ſie war in vielen Geſell⸗ ſchaftskreiſen eine gern geſehene und geſuchte Er⸗ ſcheinung. Sie durfte daher hoffen, daß man auch dem unter ihren Auſpiecien ſich darſtellenden Ehepaar freundlichſt entgegen kommen würde. Erſt nach vielfachen Unterhandlungen, nach vielem Schmoſlen und Weinen von Minna's Seite 16 hatte ſich Otto entſchloſſen, dieſe Viſiten mit zu machen, und als er es dann that, geſchah es mit einer völligen Reſignation und Ergebung, ohne ir⸗ gend eine Klage oder einen Vorwurf. Schweigend und reſignirt verließ er nun jeden Morgen ſeine Arbeit, ſeine geliebte Werkſtatt, um die modiſchen Kleider anzulegen, die Minna ihm beſorgt hatte, und dann den eleganten Wagen zu beſteigen, un mit Madame Jelſa und Minna Viſiten zu ahren. Man ward überall mit Zuvorkommenheit em⸗ pfangen, und als nach Verlauf von acht Tagen dieſe Antrittsviſiten beendigt waren, ſagte die Freundin triumphirend: nun, meine theuerſte Minna, können wir uns dem ſüßeſten far niente hingeben und warten. Alle Welt iſt entzückt von Ihnen, und Sie werden ohne Frage die lionne dieſes Winters wer⸗ denn Man wird ſich beeilen, uns die nöthigen Ge⸗ genbeſuche zu machen, und dann werden die Geſell⸗ ſchaften ſich drängen. Madame Jelſa hatte Recht gehabt, und in wenigen Wochen war Minna hinein gezogen in den Strudel geſelliger Vergnügungen und Zerſtreuungen. Ueberall war man entzückt und erfüllt von der lie⸗ benswürdigen jungen Frau, deren Schönheit man nicht genug preiſen, deren Anmuth und Verſtand man nicht müde werden konnte, zu bewundern und zu erheben. WMinna war ſchön; in dem vollen Gefühl das Ziel erreicht zu haben, leuchtete ihr Auge in Stolz 17 und Freude, brannte ein höheres Incarnat auf ihren Wangen, und umſpielte ihre purpurnen Lippen das holdeſte, glücklichſte Lächein. Sie war heiter und unbefangen, voll Anmuth und Grazie, voll Witz und Laune, und wenn ſich dann und wann ein ſchwärmeriſcher, ja ein faſt ſchwermüthiger Zug auf ihrem Antlitz zeigte, wenn ſie, inmitten heitern Ge⸗ ſpräches, unwillkürlich tief und ſchmerzvoll ſeufzte, ſo erhöhte das Wechſelvolle ihres Weſens nur noch die Anmuth und das Intereſſe ihrer Erſcheinung. Aber was war es, was Minna oft ſo ſchwermuths⸗ voll blicken, ſo ſchmerzlich ſeufzen machte? Wen ſuchten ihre Augen, wenn ſie ſo forſchend und ſehnend umher irrten? Späheten ſie nach dem Gatten, der dort einſam, ſchweigend in der Fenſter⸗ niſche ſtand, mit Niemanden ſprechend, thei los und ſtill, nur nach ihr ſchauend, nu denkend? Nur einen Moment ruhten ihre Augen auf ihm, dann irrten ſie weiter, und ſchienen immer doch nur vergebens zu ſuchen, denn gerade dann pflegte Minna traurig zu blicken und zu ſeufzen. Wen ſuchte ſie? Und wie kommt es, daß heute, wo ſie wieder in einer glänzenden Geſellſchaft ſteht, wo wieder ihr Auge ſpähend umher fliegt, daß heute plötzlich eine unendliche Freude aufblitzt in dieſen Augen, ein tiefes Roth ihr Hals und Antlitz überzieht, und der Athem in ihrer Bruſt ſtockt? Ihr Auge ſucht nicht mehr, es hat gefunden. Winna, theuerſte Schweſter, ich wußte, daß ich 2 18 Dich hier finden würde, flüſtert eine Stimme neben ihr, als ſie ſich jetzt einen Augenblick zurückgezogen hat in eine Fenſterniſche. Von nun an werde ich jeden Abend ſein, wo Du biſt, denn überall dort habe ich Beſuche gemacht. O, ſagte ſie mit vollem ſeligem Lächeln, nun erſt werde ich zufrieden ſein, Victor, nun da Du, mein geliebter Bruder, an meiner Seite biſt! Aber, ſagte er flüſternd, nun laß uns auch zei⸗ gen, Schweſter, wie heilig uns unſer Bund iſt, in⸗ dem wir ihn ſorgſam verbergen vor Jedermann und Niemand ahnen laſſen, welch' ein tiefes, herr⸗ liches Glück uns vereint. Wohl, wohl, ſagte ſie, ich verſtehe Dich ganz. Wir wollen uns freind ſein und kalt, und wenn n ſt eſpreche können, e mein Gott, ſo ſehen wir uns doch! Niemals war Minna heiterer, ſtrahlender, ſchö⸗ ner geweſen, als an dieſem Abend, nie hatte man ſie mehr bewundert, ſie höher geprieſen. Nur Ott nahm nicht Theil an dieſer allge⸗ meinen Freude und Luſt, nur ſein Blick war um⸗ düſtert und ſchmerzerfüllt, und endlich hielt es ihn nicht länger in dieſem wirren glänzenden Treiben; er fühltes ſich bedrückt, beklemmt, einer Ohnmacht nahe. Niemand achtete auf ihn, unbemerkt konnte er die Geſellſchaft verlaſſen. Er eilte hinunter, und rannte wie ein Raſen⸗ der die Straße hinab, ſinnlos, außer ſich, keines Gedankens, keines Ueberlegens mächtig. 19 So erreichte er ſein Haus, ſein Zimmer und warf ſich athemlos, laut ächzend auf den Divan hin. Ein furchtbarer Sturm war in ihm, und alle Fi⸗ bern ſeines Herzens bebten und zitterten. O mein Gott, mein Gott, ſchrie er dann laut und verzweiflungsvoll, iſt dies, kann dies ſein!— Er bedeckte ſein Antlitz mit ſeinen Händen und ächzte laut. So ſaß er lange, und ſeine Geſtalt bebte wie in convulſiviſcher Pein. Dann ſprang er auf, und als die Hände von ſeinem Geſichte herab ſanken, war dies todtenbleich wie das Antlitz eines Sterbenden. Ja, es iſt ſo, ſagte er dann langſam im Zim⸗ mer auf⸗ und abgehend, es iſt ſo, ſie liebt ihn! Ich ſah dieſen ſeligen, glühenden Blick, mit dem ſie ihn empfing, ſah, wie ſie erröthete und lächelte vor Freude, ja ſie liebt ihn, ohne ſich deſſen viel⸗ leicht bewußt zu ſein! Aber nein, nein, es iſt nicht möglich, es kann nicht ſein, rief er nun wieder auf⸗ fahrend und wild, ſie kann ſo nicht meine Liebe täuſchen, ſie kann nicht treulos ſein! O Gott, Gott, für ſo viele Liebe, ſo viel Geduld nicht einmal den Troſt zu haben, daß ſie mindeſtens keinen Andern liebt! O Gott, es iſt ſo entſetzlich zu lieben und nicht geliebt zu werden!— Und wie er ſo ſprach, ſank er nieder vor dem Divan in ungeheurem Schmerz und das Haupt in den Kiſſen verbergend, ächzte und ſeufzte er laut. Dann nach einer langen, ſchmerzvollen Pauſe 2* 20 richtete er ſich auf, und ſchien ruhig und et⸗ geben. Was klage ich denn, ſagte er leiſe, habe ich ſie denn verloren, wenn ſie mich nicht liebt? Bleibt ſie mir denn nicht, wenn ihr Herz mir auch nicht gehört? Ach, kann ich ſie denn zur Liebe zwingen und zur Treue, weil ſie mein Weib iſt? Ach das Herz iſt wunderbar und unerforſchlich, es läßt ſich ja nicht gebieten, und befehlen. Und hätte ich tau⸗ ſend Eide geſchworen, Minna zu vergeſſen. ſie nicht mehr zu lieben, ich würde ja dennoch alle dieſe Eide brechen, und ſie lieben, ewig, immerdar. Und iſt's nicht umgekehrt ſo mit ihrem Herzen? Haben ihre Lippen auch den Eid der Treue geſprochen, und den Schwur der ewigen Liebe, ihr Herz kann dennoch dieſen Eid nicht halten und nicht erfüllen, was der Mund gelobt. Sollte ich ihr deshalb zürnen, kann ich ihr, meiner Minna, deshalb Vorwürfe machen? Und dann, ſagte er, und ein Hoffnungsſtrahl fuhr durch ſeine Bruſt, kann es nicht ſein, daß ich mich täuſchte, daß dies Erröthen, dies Lächeln zufällig, ober einen andern Grund hatte?— Ach und wäre es auch ſagte er nach langer Stille mit ſchmerz⸗ vollem Ton, wäre es auch, daß ich mich täuſchte, bin ich deshalb weniger unglücklich? Sie liebt mich ja nicht, das iſt der große, furchtbare Schmerz, und ob ſie einen Andern liebt, das gilt dann gleich!— O mein verlornes Glück! Nun ſchwieg er, und ſank troſtlos nieder auf 21 einen Seſſel, weinend und klagend, ächzend und ſeufzend. Da öffnete ſich die Thür, und Mutter Anna trat herein. War's mir doch, als hörte ich hier weinen und klagen? ſagte ſie; auch meinte ich laut ſprechen zu hören, und nun biſt Du ganz allein hier, mein Sohn? Ja, ganz allein, Mutter Anna, erwiederte Otto mit einem matten Lächeln. Auch glaube ich, daß ich laut mit mir ſelbſt geſprochen habe, Du kennſt ja dieſe meine ſchlechte Angewohnheit. Und das Weinen und Klagen? fragte Mutter nna. Das muß wohl ein Irrthum geweſen ſein, er⸗ wiederte er leiſe, ich war es nicht. Mutter Anna nahm ſchweigend das Licht, und beleuchtete damit das Antlitz Otto's, der vor ihren prüfenden Blicken das Auge zu Boden ſenkte. Dann ſetzte ſie das Licht wieder hin, und ſagte mit ent⸗ ſchiedenem Ton: Otto, Du haſt geweint! Otto ſchwieg.— Du haſt geweint, fuhr ſie fort, und willſt es mir doch verbergen. Du biſt alſo unglücklich, denn ein Mann weint nur, wenn er ſehr unglücklich iſt. Und weil Du mir Dein Unglück verſchweigen willſt, ſo kenne ich es jetzt. Es iſt alſo Minna, es iſt meine Tochter, die Dich unglücklich macht.— Otto wollte ſprechen, ſie wehrte ihm leiſe, und fuhr ſchneller fort: Ich wußte dieſes ſchon, ach ſchon 22 lange; denn, Otto, ſeit einiger Zeit arbeiteſt Du nicht mehr, und wir, die wir der Arbeit gewöhnt ſind, laſſen ſie nur, wenn wir ganz troſtlos ſind, ganz verzweifelt! Aber nein, Mutter Anna, ſagte Otto, Du irrſt in der That. Wenn ich weniger jetzt arbeite, ſo geſchieht es, weil ich keine Zeit mehr dazu finden kann. Die vielen Beſuche, die vielen Geſellſchaften hindern mich ein wenig! Und wer hat dieſe Geſellſchaften geſucht und gewollt, Du etwa, mein Sohn? Warſt Du es, der zu Minna ſagte, wir wollen das liebe kleine Haus da drüben verlaſſen, und uns eine lächerlich aufge⸗ putzte neue Wohnung nehmen? Warſt Du es, der ſagte, wir wollen in Geſellſchaft gehen, und uns müßig herum treiben bei den reichen, müßigen Leu⸗ ten? wir wollen nicht mehr arbeiten, wir wollen nur in nutzloſen Zerſtreuungen unſer Leben hin⸗ bringen? Antworte mir, Otto, warſt Du es, der alles das wollte? Du ſchweigſt, fuhr ſie fort, denn Du weißt, daß Du es nicht warſt, Du weißt, daß alles dies veranſtaltet ward von Minna, von dieſem thörichten, eitlen jungen Weibe, die wie ein un⸗ wiſſendes Kind hinein rennt in ihr Verderben. Sprich nicht ſo, Mutter Anna, ſagte Otto faſt ſtteng, Minna iſt mein Weib, und ich kann es ſelbſt von Dir nicht dulden, daß ſie geſchmäht wird. Minna iſt gut und edel im Grunde ihres Herzens, ſie hat Fehler und Mängel, ſie iſt aber auch ſo jung noch, und ſo lebensvoll, und endlich wird ihre 23 beſſere Natur aus all' dieſen augenblicklichen Ver⸗ irrungen und Verſtimmungen ſich aufraffen, und ſich dem Rechten und Wahren zuwenden! Schilt ſie mir darum nicht, Mutter Anna, und zürne ihr auch nicht, ſondern wir wollen ſie Beide lieben mit ver⸗ gebender und ſchonender Liebe! Grade die Irrenden, Mutter Anna, die bedürfen der Liebe, denn wer ſoll ihnen helfen, wieder auf die rechte Straße zu kom⸗ men, wenn es nicht die Liebe thut, und wer ſoll ſie vertheidigen und beſchirmen, wer anders, als die Liebe? Laß uns daher recht wach ſein und munter, damit wenn Minna endlich kommt, an unſer Herz zu klopfen, es ihr nicht verſchloſſen iſt, ſondern weit geöffnet, und bereit, ſie zu empfangen und zu tröſten. Denn ſie wird des Troſtes bebürkn, Mutter Anna, und wenn ſie wieder zu uns kommt, wird ſie viel Schmerz und Leid erfahren haben, und nur mit zerſchlagener Bruſt und wunden Füßen, matt ge⸗ hetzt von dieſem Gange durch die Vergnügungen und Freuden dieſes Lebens, nur ſo wird ihr nach Troſt ſuchender Blick ſich wieder ſehnend auf uns heften! Darum laß uns wachſam ſein, auf daß wir dann den Balſam unſerer Liebe bereit halten, der ſie tröſtet und heilt! Mutter Anna umarmte ihn mit Thränen der Rührung, und einen Kuß auf ſeine Stirn drückend, flüſterte ſie: ach, warum biſt Du nicht in Wahr⸗ heit mein Sohni Unten aber vor der Hausthür hielt eben ein Wagen an, der Kutſchenſchlag ward geöffnet, Vietor ſprang heraus, und hob dann Minna aus dem Wagen. Er hielt ſie einen Augenblick in ſeinen Armen, und flüſterte leiſe: Morgen? Morgen! flüſterte ſie zurück, und Victor reichte der Madame Zelſa die Hand, ihr beim Ausſteigen behülflich zu ſein. III. Eine Jütte und ein Herz. Bonaventura und Sophie bewohnten indeß noch immer die abgelegene kleine Wohnung, in welche Bonaventura die Grliebte nach ihrer Flucht geführt hatte. Einige Wochen waren vergangen, Wochen, die für Sophie das reinſte, köſtlichſte Glück ent⸗ hielten, und ihrer Liebe zu Bonaventura noch die Dankbarkeit für all' dies herrliche Glück hinzufügten. Ihre Liebe war der reinſten, hingebendſten Art, ſie hatte ihre ganze Seele, ihr ganzes Daſein dem Ge⸗ liebten zu Eigen gegeben, und ihre Gedanken reichten mit keinem Wunſche, mit keinem Begehren hinaus über dieſen engen Raum, in welchem er an ihrer Seite war. Was kümmerte ſie die Welt da draußen, was kümmerten ſie die Menſchen mit ihren kleinlichen, nichtigen Vergnügungen! Er war ja neben ihr, Er war ihre ganze Welt, und in ihm liebte ſie die ganze Menſchheit. Und Bonaventura? Die Liebe zu Sophie war * ihm wie das Opium geweſen, das alle Sinne, alle Ueberlegung gefangen nimmt, alles Wollen und Denken zuſammen faßt in einem ſchönen Traum voll ent⸗ zückender Bilder und Gefühle. Aber dieſer Opium⸗ traum der Liebe war zu Ende, und Bonaventura war erwacht, um nun deſto empfindlicher des Lebens Laſten und Bedrängniſſe zu empfinden, um mit ernüchterten Sinnen und erſchlaffter Seele den Traum zu ver⸗ wünſchen, der ihn verlockt und verleitet, an ein dauerndes und ewiges Glück zu glauben. Dieſe Ein⸗ tönigkeit, dieſe Stille langweilte ihn ſchon, ja, ſelbſt Sophieens ſich ſtets gleich bleibende, ruhige Heiter⸗ keit verſtimmte und verletzte ihn. Mein Gott, ſagte er ihr oft verdrießlich, wie kann man nur ewig ſo zufrieden ſein, ewig lächeln, ewig vergnügt ſein! Und wie willſt Du, daß es anders iſt, fragte ſie mit einem unausſprechlich holden Ausdruck, wenn doch das Glück ſtets neben mir iſt, und mich umgiebt mit ſeiner ſegnenden Nähe? Du biſt ja da! wie kann ich dann anders, als vergnügt ſein! Aber dieſe tödtliche Eintönigkeit kann doch un⸗ möglich Jemand befriedigen und ihm genügen, rief Bonaventura achſelzuckend. Mein Freund, ſagte ſie, ihm lächelnd die Hand reichend, Ihr Männer mögt anders lieben, als wir Frauen. Aber einer Frau, glaube mir, iſt es nirgends eintönig, wo der Geliebte an ihrer Seite iſt, und wo ſie ſeine Stimme hört und ſein Antlitz ſchaut, da iſt ſie befriedigt. —— 27 Ach Gott, nur keine Schwärmereien, rief Bona⸗ ventura verdrießlich, und Sophieen den Rücken zu⸗ wendend, ſtellte er ſich ans Fenſter, um mit den Fingern auf den Scheiben zu trommeln, und hinaus zu ſehen auf die Straße. Nein, nein, rief er dann, wüthend im Zimmer umher rennend, dieſe Langweiligkeit, dieſe Eintönig⸗ keit bringt mich um! Ich verliere den Verſtand, wenn ich noch länger in dieſer verwünſchten Ab⸗ geſchiedenheit und Sede leben ſoll! So laß uns doch, ſagte ſie milde, dieſe Wohnung aufgeben und in eine belebtere Gegend der Stadt ziehen! Wir können ja auch dort ſtill und ungeſtört leben, bis endlich alle Hinderniſſe beſeitigt ſind, und ſihe unſerer äußern Vereinigung mehr im Wege eht! WPah, wie lange wird dies aber noch dauern, rief Bonaventura unmuthig. Dein Bruder will ſeine Einwilligung nicht geben, und ohne dieſe können wir, da Du leider noch nicht maſorenn biſt, nicht hoffen, irgend einen Prediger zu finden, der uns verbindet⸗ So laß uns warten und geduldig ſein, mein Geliebter, ſagte Sophie mit glänzenden Augen, ſich ſanft an ihn ſchmiegend. Und wenn Dir die Gegen⸗ wart nicht genügt, ſo hoffe auf die Zukunft; ſie wird Dir gewiß Alles das geben, was Du ſo reichlich ver⸗ dienſt, Glück, Ruhm und Anerkennung. O ich ſehe noch die Zeit kommen, wo alle Welt Dir entgegen jauchzt, wo Dein Name von Mund zu Munde geht, und Alles Dich preiſt und Dich erhebt! Denke an 28 dieſe Zeit, mein Geliebter, wenn Dir die jetzige ii ſcheint und leer! ieſe Liebe ohne Vorwurf und Empfindlichkeit aber machte dann einen tiefen Eindruck auf Bona⸗ ventura's beſſeres Ich, und er ſank vor ihr nieder, um mit tauſend Liebesworten ihre Verzeihung zu er⸗ flehen für ſeine Härte und Rauheit; er konnte ſich ſelbſt dann hinein ſprechen in eine Exaltation, die ihn ſelber zu Thränen rührte, ach, und mit welchem Entzücken, mit welcher Dankbarkeit küßte Sophie dieſe Thränen von den Wangen ihres Geliebten! Aber ach! die Verſtimmung Bonaventura's nahm täglich zu, und die Verſöhnungen wurden ſeltener. Er ſehnte ſich täglich mehr hinaus in die Welt, er ſehnte ſich nach Zerſtreuung, nach Menſchen, vor denen er reden, die ihn bewundern könnten! Sophieens wig ſich gleich bleibende, ewig anſtaunende und er⸗ hebende Liebe dünkte ihn bald ſo eintönig. Es war zu wenig Abwechſelung in der Art und dem Aus⸗ druck ihres Entzückens, wenn er von ſeinen Gedichten ihr vorlas. Sie war immer nur begeiſtert und erfüllt davon,— aber was iſt die Begeiſterung einer Ge⸗ liebten gegen das unwillkürliche, ja vielleicht das widerwillige Lob der Welt, dachte Bonaventura. Kbönnte ich nur mindeſtens einmal in der Freitags⸗ geſellſchaft dieſe Gedichte vorleſen! ſagte Bonaventura dann laut. Und warum kannſt Du es nicht? fragte ſie milde. Was haſt Du denn zu fürchten, wenn Du es thuſt? 29 Würde es Dir denn etwa willkömmen ſein? fragte er ſcharf, wenn nun irgeno Einer meiner vielen Freunde mich einmal hier aufſuchte, hier in dieſem gottverlaſſenen Winkel. Muß ich nicht alle dieſe Entbehrungen mir auferlegen, um Deinetwillen? Oder willſt Du etwa haben, daß man Dich hier bei mir ſieht, hier in dieſem engen Raume das Fräulein Blitz mit mir findet, in dieſem Zimmer, fuhr er mit rauhem Lachen fort, das zugleich Wohn⸗ und Schlafzimmer iſt, und wo Jedem gleich unſer ganzer Hausſtand vor Augen liegt? Du haſt Recht, ſagte ſie tief verletzt, und mit Thränen in den Augen, man darf uns ſo nicht mit einander ſehen, bis ich Deinen Namen trage. Aber wann wird dies geſchehen, giebt es denn kein Mittel, unſere Verbindung zu beſchleunigen? Mein Gott, wie Du ſtürmiſch und ungeduldig biſt, rief er mit rauhem Ton, erwarte doch die Zeit mit Ruhe, ich habe Dir ja die Gewißheit gegeben, daß Du meine Gattin werden ſollſt. Ich dachte nicht an mich dabei, ſagte ſie ſanft, ſondern nur an Dich, und daß dann endlich alle dieſe Entbehrungen aufhören werden, die Du Dir um meinetwillen auferlegen mußt! Jetzt iſt ſie noch gar empfindlich, rief Bona⸗ ventura zornig mit dem Fuße ſtampfend. Warum wiederholſt Du mit ſolcher Bitterkeit meine Worte? Ich wollte nicht bitter ſein, Bonaventura. Um ſo ſchlimmer, wenn Du''es unwillkürlich biſt. Sophie feufzte und ſchwieg. 1 Gott, Gott, rief er, im Zimmer auf und nieder rennend, jetzt ſpielt ſie die Ergebene, die Sanfte! Mein Gott, ſo ſprich doch wenigſtens, ſchilt, zanke, chue, was Du willſt, nur um des Himmels willen, nicht dieſe affectirte Sanftmuth und Milde. Du bringſt mich um, Du machſt mich wahnſinnig. Oh mein Gott, ſagte ſie zitternd, was ſoll ich denn thun, um Dich zufrieden zu machen? Nichts, ſchrie er wüthend und rannte im Zim⸗ mer auf und ab. Eine tiefe Stille trat ein, dann ſagte Sophie, gewaltſam ihre Thränen unterdrückend wäre es nicht gut, Bonaventura, wenn ich ſelbſt einmal zu meinem Bruder ginge? Vielleicht läßt er ſich durch mein Bitten, mein Flehen erweichen, ſeine Einwilligung zu dieſer Verbindung zu geben. Ach und dann weiter? fragte Bonaventura. Wovon ſollten wir leben? Von Liebe und Mond⸗ ſchein, nicht wahr? Nein, ich kann arbeiten, und ich will es! Oh wie gern, wie freudig will ich arbeiten, wenn Du es nur erlauben willſt! Das fehlte nur noch, rief er empört, daß meine Frau für Geld nähete oder ſtrickte; eine ſchöne De⸗ müthigung das für einen Dichter! Nein, ich danke ergebenſt für die Rolle, die Du mir da aufdringen möchteſt, ich danke ergebenſt! Ich der Gemahl einer Schneidermamſel ſein! Ha, ha, ha Du biſt grauſam, ſeufzte Sophie, und wandte ſich ab, ihre Thränen zu verbergen. Bonaventura ſuchte ſie nicht zu tröſten. Was lag ihm daran, ob 31 8 ſie weinte? War er doch ihrer Liebe gewiß und ihrer Bewunderung, gewiß, daß ſie nimmer aufhören würde, ihn zu lieben, trotz ſeines verdrießlichen Weſens, trotz ſeiner Härte. Warum alſo ſollte er ſich vor ihr verbergen und verhüllen, vor ihr, die nicht mehr zu erobern war, die ihm ganz und un⸗ getheilt gehörte? Bonaventura war nichts weiter, als ein geſchickter Modellſteher, und ſeine Tugenden, ſeine Liebenswürdigkeit, ſein Talent, das Alles waren ihm die Glieder, die er nach ſeinem Willen in irgend eine köſtliche und impoſante Stellung brachte, vor⸗ ausgeſetzt, daß die Welt ihn ſo bewunderte und ab⸗ konterfeite. Vor wem aber ſollte er hier Modell ſtehen mit ſeiner Liebenswürdigkeit, hier, wo ihn Niemand ſah und bewunderte, Niemand auffaßte und malte, wo die ſchönſten Stellungen ſeiner Tu⸗ genden doch nur von zwei Augen geſehen wurden? Hier bedurfte es keines Zwanges, keiner Anſtrengung, hier ließ er ſich gehen mit all' ſeinen Launen, ſeinen Angewöhnungen, hier war er natürlich und unge⸗ zwungen, ganz Er ſelbſt, und Sophie war die ge⸗ duldige und nimmer klagende Trägerin ſeiner Launen. Ein Weib, das liebt, erträgt es, von ihrem Geliebten geknechtet und erniedriht zu werden, vorausgeſetzt i er ſie liebt. Und Sophie glaubte ſich noch geliebt. Aber noch eine andere Sorge ſollte Sophieens Glück ſtören, die härteſte und bitterſte aller Sorgen, die Sorge um das tägliche Brod. Sie hatten bis jetzt von dem gelebt, was ſie aus dem Verkauf von 32 Sophieens Schmuckſachen erſtanden hatten, aber mit Schrecken ſah Sophie ihre kleine Baarſchaft zuſam⸗ men ſchmelzen, ohne die Ausſicht, ſie wieder zu er⸗ ſetzen. Gern hätte ſie durch ihrer Hände Arbeit etwas zu erwerben getrachtet, aber nach der rauhen Art, mit welcher Bonaventura dieſen Vorſchlag zu⸗ rückgewieſen, wagte ſie nicht, wieder darauf zurück zu kommen, und ſah ſo die letzte Möglichkeit, etwas zu erwerben, ſich abgeſchnitten. Während Sophie ſich aber ſo ängſtigte und quälte, ſchien Bonaventura gar nicht an die Möglichkeit einer ſolchen pecuniairen Verlegenheit zu denken. Aus einem nahen Speiſe⸗ hauſe ließen ſie ſich ſpeiſen, und Bonaventura pflegte ſich jeden Morgen von der Speiſekarte die beſten, aber auch die theuerſten der vorhandenen Schüſſeln auszuwählen, und wenn Sophie dann, dieſe Ausgabe wieder gut zu machen, das Wohlfeilſte, was auf der Karte zu finden war, für ſich erwählte, ſo ſagte Bonaventura verächtlich: mein Gott, wie kann man nur einen ſo gemeinen Geſchmack haben! Indeſſen war Sophieens Kaſſe völlig erſchöpft, und nicht ohne Zagen und Bangen war es, daß ſie Bonaventura dies endlich geſtand. Auch das noch ſagte er mit dem Ausdruck der Verzweiflung. Es ſoll mir alſo keine Qual, keine Sorge erſpart werden! Ich ſoll den Kelch des Leidens bis auf die Hefe leeren, und den ganzen Jammer, die ganze Miſere dieſes Lebens erdulden! Mein Gott, es iſt aber doch unmöglich, daß das Geld ſchon zu Ende iſt! Ich habe mir jn bie größten — 33 Entbehrungen, die härteſten Entſagungen auferlegt es iſt unmöglich, daß es ſchon aufgezehrt iſt. Und dennoch iſt es leider ſo! ſagte Sophie ſeufzend. Dann macht es, weil Du nicht zu wirthſchaften und zu ſparen verſtehſt, rief er mit rauhem Ton, und lief heftig im Zimmer auf und ab. Und haſt Du gar nichts Ueberflüſſiges mehr, fragte er dann, nichts, was wir verkaufen könnten, keinen Ring, gar nichts mehr? Es iſt nichts mehr da, als Deine Brillantnadel! Nun, das fehlte noch, rief er entrüſtet, daß ich auch die hingeben ſollte, dieſes letzte Stück, das mich an beſſere Zeiten erinnert. Nein, und müßte ich betteln gehen, dieſe Brillantnadel wird nicht verkauft! Aber könnteſt Du nicht vielleicht Deinen Schwa⸗ ger Otto um ein Darlehn erſuchen? fragte Sophie ſchüchtern. Er wird gewiß Mitleid haben mit un⸗ ſerer Lage und Dir gern hülfreich ſein. Als ob mein Schwager unſere Lage kennen, als ob er ahnen dürfte, daß Du bei mir biſt! Und warum darf er dies nicht wiſſen? fragte Sophie befremdet. ich geſchworen habe, es Niemand zu ver⸗ rathen! Wem haſt Du das geſchworen? fragte ſie angſt⸗ Schon trat das entſcheidende Wort auf Bona⸗ venturas Lippen, aber noch liebte er Sophie genug, um z fürchten, ihr einen Schmerz zu bereiten. Er voll 34 ſe daher ſanfter, wie er ſonſt zu ſein pflegte: ich abe es mir ſelber gelobt, Sophie! Niemand ſoll ahnen, in welcher traurigen und niederdrückenden Lage Du Arme hier leben mußt. Erſt wenn ich im vollen Triumph meines Glückes Dich der Welt als meine Gattin zeigen kann, erſt dann, wenn Deine Ehre nicht mehr gefährdet iſt, Dein Ruf nicht mehr leiden kann, erſt dann zeige ich Dich meiner Schwe⸗ ſter und meinem Schwager! Sophie warf ſich mit Thränen der Rührung an ſeine Bruſt. Oh mein edler, mein hochherziger Geliebter, rief ſie mit entzücktem Ton, wie danke ich Dir für dieſe zarte Schonung und Sorgfalt! Bonaventura drückte ſie feſt an ſein Herz und bedeckte ihren Mund mit glühenden Küſſen. Ach, es war vielleicht weniger die Liebe, die ihn ſo zärtlich machte, als das nagende Gewiſſen, das ihm vorwarf, das Weib verrathen zu haben, das ſo arglos und vertrauend in ſeinen Armen hing. Aber ſolche Augenblicke des Glückes wurden immer ſeltener, und die Noth immer dringender. Bonaventura entſchloß ſich endlich, noch einmal zu Herrn Blitz zu gehen und ihn um ein Darlehn zu bitten. Es war umſonſt. Herr Blitz erklärte, vor dem angeſetzten Termin nicht einen Heller geben zu wollen und zu können, und auch dann nur zu zahlen, wenn das Geheimniß auf das Strengſte bewahrt worden. Bei der geringſten Kunde aber, die ihm zu Ohren käme von der Verletzung d Geheim⸗ niſſes, ſei ihr Contract gebrochen, und 2 onaventura 35 möge dann nur immerhin Sophie als ſeine Geliebte aller Orten präſentiren. Herr Blitz war Menſchen⸗ kenner genug, um zu wiſſen, daß Bonaventura durch ſolche anſcheinende Gleichgültigkeit gegen den Aus⸗ gang dieſer Intrigue nur zur ſtrengen Bewahrung des Geheimniſſes auf's Neue angefeuert würde, und daß er nicht geneigt ſein würde, die Anſprüche auf eine bedeutende Summe Geldes ſo leicht aufzugeben. Auch iſt es ja gar nichts ſo Schweres, was ich von Ihnen verlange, ſagte er lachend. Die Liebenden ſuchen ja immer gern die Einſamkeit und Stille, ich bin Ihnen hierin ja nur förderlich, weiter nichts! Wovon aber ſollen wir, bis dieſe vier Monate abgelaufen ſind, leben? Das, mein Herr Fritz Wendt, iſt Ihre Sorge, und ich denke wenn Sie genug Muth beſaßen, die Geliebte zu entführen, wird es Ihnen auch nicht an Muth fehlen, für ſie zu arbeiten. Bonaventura ging zähneknirſchend vor Wuth von dannen, und zu Hauſe angekommen, warf er ſich ganz erſchöpft und außer ſich auf einen Stuhl. Es iſt alles umſonſt, rief er verzweiflungsvoll, es bleibt uns nichts übrig, als zu verhungekn! Sophie ſuchte ihn zu tröſten, und ſchüchtern wagte ſie ihn noch einmal um die Erlaubniß zu bitten, für Geld arbeiten zu dürfen. Und wollte ich ſelbſt dieſe neue Schmach auf mich laden, ſagte er, und dieſe neue Demüthigung erdulden, ſo würde es Dir doch ſchwer werden, Dir Arbeit zu verſchaffen. 3* 36 Sophie erzählte ihm ganz froh, daß nicht weit von hier eine große Weißwaaren⸗Handlung ſei, die viele Nätherinnen beſchäftige. Dahin wollte ſie ge⸗ hen und ſich als Arbeiterin melden. Du ſelbſt willſt dahin gehen, rief er angſtvoll, nein, nimmermehr darf dies geſchehen, und ich ver⸗ biete Dir hiermit auf das Strengſte, jemals ohne mich und ohne meine Einwilligung Dein Zimmer zu verlaſſen. Du weißt ja auch, daß ich dies nie thue, mein Freund. Aber dieſer Weg iſt ja ganz nahe. In fünf Minuten— Es darf, es ſoll nicht ſein, unterbrach ſie Bo⸗ naventura wüthend, ich verbiete es Dir, jemals wieder davon zu teden. Ich will endlich Ruhe haben. Dieſe Geldangelegenheiten tödten mich, ſie bringen mich um! Bh mein Kopf, mein armer Kopf! Oh Sophie wie kannſt Du mir ſo viele Welche Schmerzen muß ich leiden um Dich! Dh mein Gott, rief ſie mit überſtrömenden Augen ſich vor ihm nieder werfend, und ihr Haupt an ſeinen Knieen verbergend, oh mein Gott, wie elend bin ich, daß Du durch mich leiden mußt! Oh Bonaventura, warum mußteſt Du mich lieben! Ein treuer Freund. Aber wenn auch alle Welt das Mährchen von der Flucht Sophieens und des reichen Lords geglaubt hatte, ſo gab es doch Einen, der nimmer daran zweifelte, es ſei dies nur ein von dem ſtolzen und hochmüthigen Herrn Blitz verbreitetes Gerücht, Einen, der mit dem echten Inſtinct der Liebe die Nähe der Geliebten ahnte und empfand, und mit raſtloſem Eifer, mit nie ermüdender Anſtrengung aller Orten nach ihr ſpähete und forſchte. Dieſer Eine war Carl. Er allein war überzeugt, daß Sophie mit Bona⸗ ventura entflohen, und daß ſie noch in der Stadt verweile, und mit dem ganzen Aberglauben eines Liebenden ſagte er: i Ich muß ſie ſuchen, bis ich ſie finde, denn meine Ahnung wird in Erfüllung gehen, ſie wird meiner bedürfen— Aber Tage, Wochen vergingen, ohne daß er ihre Spur auffinden konnte, und eine tiefe Traurig⸗ 38 keit bemächtigte ſich ſeiner. Da endlich war der Zu⸗ fall ihm günſtig. Er begegnete Bonaventura, ohne von dieſem bemerkt zu werden, folgte ihm vorſichtig nach, und ſah ihn in ſeine Wohnung gehen. Er wartete ſtundenlang, und als Bonaventura das Haus, in welches er gegangen, noch immer nicht wiedet verließ, war Carl überzeugt, daß er hier wohne, und daß er dieſe abgelegene Straße nur gewählt, um in derſelben unbemerkt mit Sophieen zu ſein. In der Frühe des andern Morgens ſchon war Carl wieder in der beſcheidenen Reſtauration, dem Hauſe gegenüber, in welchem Bonaventura wohnte. Hier harrte er ſtundenlang, bis er endlich Bonaven⸗ tura ausgehen ſah. Kaum war dieſer um die nächſte Straßenecke gegangen, ſo eilte Carl hinüber. Aber als er nun an der Thür ſtand des Zimmers, in welchem, wie man ihm geſagt hatte, ein junger Herr mit ſeiner ſogenannten Schweſter wohne, da ſank ihm der Muth und angſtvoll fragte er ſich ſelber: aber wird ſie mir nicht zürnen, wenn ich komme, ſie in dieſem Verſteck aufzuſuchen? Und was will ich denn eigent⸗ lich? Was kann ich ihr ſagen, um mein Kommen zu entſchuldigen? Aber wie er zagend und beklommen da ſtand, drang leiſer Klageton und unterdrücktes Schluchzen an ſein Ohr. O, ſagte er, wie erleichtert, ſie weint! Dann darf ich zu ihr gehen, denn die Traurigen ſind nicht ſtolz und ſtreng!— 39 Leiſe öffnete er die Thür, und als Sophie ihn erkannte, trocknete ſie ſchnell ihre Augen, und trat ihm mit einem freudigen Lächeln entgegen. O end⸗ ich einmal ein bekanntes Angeſicht, ſagte ſie, ihm * Hand hinreichend, o das thut wohl, das erquickt! hnd ſehen Sie, ich wundere mich auch gar nicht, daß Sie da ſind, denn ich erwartete Sie eigentlich alle Tage! Mein Gott, ſagte er ganz überwältigt, und ſie mit ſeligen Blicken anſchauend, mein Gott, Sie dachten alſo an mich! Sie haben den armen Carl nicht vergeſſen! O mein Gott, wodurch verdiene ich denn ſolches Glück? Sophie ſagte mit einem matten Lächeln: ſt es denn nicht natürlich, daß man ſich des einzigen Freundes erinnert, den man auf Erden hat? aren Sie doch der Vertraute unſerer Liebe, und wir Beide glaube ich, haben keinen andern Freund, als Sie allein. Ich darf alſo Ihr Freund ſein, ſagte er, wie betäubt von ſo viel Glück, der arme Carl datf der Freund ſein der ſchönen, vornehmen Sophie Blitz! Ich bin, gelobt ſei Gott, nicht mehr vornehm, ſagte ſie mit einem ſanften Lächeln, dieſer eitle Flitter⸗ aat iſt abgeſtreift, und ich bin wieder, was ich war, die arme, niedrig geborne Sophie. Wiſſen Sie noch, Carl, als wir in Potsdam wohnten, Beide ſo arm, Beide ſo unglücklich? Ach, und es war doch eine ſchöne Zeit! Wir hatten unſere Mütter, für die wir arbeiten, für die wir ſorgen konnten! O, ſagte L. — 40 ſie, plötzlich in Thränen ausbrechend, wie wohl iſt mir, daß ich Sie ſehe, daß ich mit Ihnen von der Vergangenheit ſprechen kann! Wie er Sophien weinen ſah, fühlte ſich Carl plötzlich ganz gefaßt, ganz ruhig; ein heiliger, männ⸗ licher Friede kam über ihn, und er ſagte zu ſich ſelber: jetzt muß ich beſonnen ſein und ſtark! Denn ſie wird meiner bedürfen!— Laut ſagte er: aber laſſen Sie uns auch von der Zukunft ſprechen, von Ihrer Zukunft! Nein, ſagte ſie, ſchnell ihre Thränen trocknend, die Zukunft gehört meinem Geliebten, und nur Er kann über dieſelbe entſcheiden! Die Vergangenheit aber, die gehört uns. Sie ſind alſo glücklich? fragte Carl faſt traurig. Glücklich! ſagte ſie wehmüthig. Ja wohl bin ich glücklich, denn ich bin bei ihm, den ich liebe, ich höre täglich ſeine geliebte Stimme, ſehe ſein theures Angeſicht, ja wohl bin ich glücklich, denn ich habe nichts auf Erden, als ihn, meinen Geliebten. Aber es giebt etwas, das zu jeder Stunde mein Glück zernichtet, und wie ein Mehlthau ſich auf jede Blume meines Herzens legt, es giebt einen Gedanken, der mein ganzes Glück zerſtört. Ach, ich fürchte, Bona⸗ ventura bereut, daß er mich liebt. Sie bedeckte ihr Geſicht mit ihren Händen und ächzte laut, und Carl ſuchte ſie nicht zu tröſten, denn er wußte wohl, daß es für einen ſolchen Arg⸗ wohn keinen Troſt und keine Linderung giebt. 41 Und kann ich Ihnen in nichts nützlich ſein? fragte er nach einer langen Pauſe.— Sophie blickte auf, und ſchüttelte traurig ihr Haupt, plötzlich aber belebten ſich ihre Züge, und faſt freudig ſagte ſie: Doch, doch, Sie können mir nützlich ſein, Sie allein! Sie theilte ihm nun ihren Wunſch mit, zu ar⸗ beiten, und Bonaventura's ſtrengen Befehl, niemals die Wohnung ohne ihn zu verlaſſen, ſo wie ſeinen Widerwillen, mit ihr in jenen Laden, wo ſie Be⸗ ſchäftigung finden würde, zu gehen. Carl verſtand ſie ſogleich, und bot ſich freudig an, den Vermittler zu machen, und ihr immer Arbeit zu bringen und dieſe wieder abzuholen. Sophie reichte ihm dankend die Hand. Ich wußte es wohl, daß ich auf Sie zählen könnte, ſagte ſie, denn wir, die wir des Lebens Laſt und Leid ge⸗ tragen und erduldet haben, wir, wir Armen und Beladenen, wir verſtehen uns unter einander, und helfen uns, wo wir können. Alſo darf ich gleich heute für Sie dorthin gehen? Nein, nicht heute, ſagte ſie. Ich muß erſt Bo⸗ naventura fragen, ob er nichts dawider hat, und muß ihn erſt darauf vorbereiten, daß Sie hier waren. Verlaſſen Sie mich alſo jetzt, denn er wird bald zurück ſein! Carl küßte die Hand, die ſie ihm darreichte, und eilte dann ſchweigend fort. Er war wie ein 42 Trunkener, ganz berauſcht von dem Glück ſie zu ſehen, von ihrer Freundlichkeit und Güte, und leiſe jagte er ſich: dieſer Tag iſt der glücklichſte meines Lebens, denn ich habe ſie wieder gefunden und ſie hat mich ihren Freund genannt! Und das will ich ihr auch ſein, ein treuer, wahrer Freund! Ach könnte ich ſie mit meinem Herzblut doch ſchützen und be⸗ wahren vor allem Kummer und Leid! Als Sophie bei Bonaventura's Rückkehr dieſem mittheilte, daß Carl da geweſen, ſtand er wie er⸗ ſtarrt vor Schreck, dann rief er heftig: Himmel, ſoll ich denn keinen Tag, keine Stunde mehr Ruhe haben. Erſinnſt Du denn ewig neue Dinge, mit denen Du mich quälen und martern kannſt? Iſt dies wirklich wahr, oder iſt es nur eine Liſt, um mich zu ängſtigen und zu plagen? O mein Gott, Bonaventura, wann hätte ich Dich abſichtlich ängſtigen wollen, und wie konnte ich auch nur denken, daß es Dir Kummer bereiten könnte, wenn dieſer gute, treue Menſch hier war. Verdanken wir ihm doch ſo Vieles, Geliebter, war er doch der treue und ſichere Bote, der uns einander unſere Briefe brachte. O, ich wollte, er hätte es nie gethan! rief Bo⸗ naventura mit bitterm Lachen. Sophie ſchreckte zurück, und Todtenbläſſe über⸗ zog ihr Geſicht. Dann floh ſie, wie vor einem ſie ereilenden Schrecken, in den äußerſten Winkel des Gemachs, und hier auf ihre Kniee niederſinkend, weinte und ſchluchzte ſie laut. Dieſer wortloſe, tiefe Ausbruch des Schmerzes rührte Bonaventura. Er eilte zu ihr, er ſuchte ſie zu tröſten, er klagte ſich ſelbſt mit harten Worten an, und nannte ſie mit den zärtlichſten Namen. Je län⸗ ger er ſprach, deſto mehr begeiſterte er ſich ſelbſt, für dieſe Idee ein reuiger Sünder zu ſein, und zu⸗ letzt hatte er ſich künſtiich ſo in Vorwürfe und die Reue hinein geſprochen, daß es ihm gelang ſich ſelbſt zu rühren, und daß Thränen in ſeinen Augen glänzten. 8 Dieſe Rührung aber begeiſterte ihn zu neuer Gluth und zu Sophieens Füßen niederſinkend, flehete er um ihre Vergebung und ſchwur ihr neue und ewige Liebe. Sie zog ihn hoch entzückt und mit gläubigem Vertrauen in ihre Arme; vergeſſen war aller Kum⸗ mer, alle Sorge, getrocknet waren alle Thränen des Schmerzes, und das reinſte, herzlichſte Glück beſeligte ſie wieder. Alſo Carl war wirklich hier, ſagte Bonaventura ſpäter, und als Sophie es bejahete, fuhr er heftig fort: es konnte mir nichts Schlimmeres und Ver⸗ drießlicheres begegnen! Das fehlte nur noch, daß in meiner Abweſenheit ſolche Beſuche zu Dir kom⸗ men; ich kann alſo nicht einmal ruhig mehr aus⸗ e ohne fürchten zu müſſen, daß während der eit irgend ein unberufener Freund ſich hier einſtellt. Oh ſagte ſie mit einem glücklichen Lächeln, nun ſehe ich wohl, daß Du mich noch liebſt, denn Du biſt eiferſüchtig. 4 Bonaventura ſtand einen Augenblick erſtaunt und ſchweigend da, dann rief er verächtlich: Ich ſollte eiferſüchtig ſein! Eiferſüchtig auf einen gemeinen Briefträger! Ich geſtehe, das iſt eine Ehre, vor der ich erröthe, auch nur einen Mo⸗ ment mit einem ſo gemeinen und niedrigen Menſchen paralleliſirt zu werden! Aber wie wäre dies auch denkbar, Dich mit ihm zu paralleliſiren? ſagte Sophie ſchüchtern. Ich gewiß denke gar nicht daran. Das hoffe und verlange ich auch, rief er mit ſpöttiſchem Lachen. Uebrigens ſoll es mir höchſt gleichgültig ſein, wie viel oder wie wenig dieſer Monſieur Carl zu Dir kommt, vorausgeſetzt, daß er mir ſchwört, keinem Menſchen auf der Welt zu ver⸗ rathen, daß er Dich hier geſehen. Gelobt er dies, nun dann mag er meinetwegen kommen, wann er will, und Dich mit ſeiner geiſtvollen Unterhaltung erfreuen. Seine Unterhaltung wird wohl mehr in Dienſt⸗ leiſtungen, als in Worten beſtehen, ſagte Sophie ſanft, und erzählte Bonaventura dann, Carl's Be⸗ reitwilligkeit, ihr immer Arbeit zu holen und zu bringen. Es wäre wohl zartſinniger von Dir geweſen, erwiederteger gereizt, wenn Du Niemand auf der Welt in dies traurige Geheimniß unſerer Oeconomie eingeweiht hätteſt, ſondern dieſe Beſorgungen lieber ſelbſt gemacht hätteſt. Indeſſen mag es nun ſo blei⸗ ben. Ich habe nichts dagegen, und freue mich, daß ———————— Du Dir auf dieſe Art einige Zerſtreuung und Freude bereiten kannſt. Mir iſt leider, fuhr er mit melan⸗ choliſchem Ton fort, auch dieſer jetzte Troſt verſagt. Unthätig und müßig verbringe ich in dieſer öden Abgeſchiedenheit meine Tage, und bald wird Nie⸗ mand in der Welt mehr des Dichters Bonaventura von Ottersheim gedenken. Er ſeufzte tief, und ſein Antlitz trug den Aus⸗ druck des bitterſten, tiefſten Kummers. Sofort war Sophie an ſeiner Seite, und ſich innig an ihn ſchmie⸗ gend, ſuchte ſie ihn mit holden Worten zu tröſten und zu beruhigen. Aber Bonaventura gehörte zu Denen, die durch Troſtesgründe immer nur zu neuen Klagen angefeuert werden, und denen unter dem Zu⸗ ſpruch des Mitleids ſich das Leid immer mit neuer Gewalt anfacht. So ſprach er ſich unter Sophieens Troſtesworten in immer größeres Elend hinein, und fühlte ſich zuletzt ein wahrer Märtyrer der Liebe und Freiheit. Das Märthrerthum aber begeiſterte ihn, und er ſetzte ſich eiligſt hin, um das Gedicht nieder zu ſchreiben, welches durch dieſe innere Begeiſterung in ihm hervor gerufen worden, und das, als er es Sophieen vorlas, er ſelbſt für das beſte, was er bis daher geleiſtet, erklärte. ſ Ich glaube wahrhaftig, ſagte er lachend, daß es mir gut und nützlich iſt, zuweilen durch Aerger und Zorn aufgeregt zu werden. Eine ewige Ruhe und Gleichmäßigkeit, ja ich glaube ſelbſt, eine ewige Glückſeligkeit ertödtet den begeiſterten Dichter in mir, während ſolche kleine Störungen und Zwiſtigkeiten al' mein Blut in Wallun gen, wo mir dann ganz neue Gedanken kommen. Sophie ſeufzte nur, und dachte, daß ſolche Poeſie † doch ein wenig zu theuer erkauft ſei, und daß nicht der Himmelsthau, ſondern der Thränenthau ihres tiefen Wehes hinfort die Blüthen dieſer Poeſie werde erquicken und zum Leben ſtärken müſſen. Als Carl am Abend dieſes Tages kam, gab er Bonaventura gern das Verſprechen eines unverbrüch⸗ lichen Schweigens über Sophieens Hierſein, und nun ſchien Bonaventura ganz zufrieden und beruhigt. Von nun an aber kam Carl täglich, Sophieen mit Arbeit zu verſehen, und Abends das Vollendete fortzutragen; aber einer ihm ſelbſt unerklärlichen Scheu zufolge vermied er es, zu kommen, wenn Bonaventura zugegen warz oft harrte er ſtundenlang in der Ferne auf den Moment, wo Bonaventura ſeinen gewöhnlichen Abendſpaziergang antreten würde, und erſt wenn er dieſen hatte ausgehen ſehen, eilte er mit hochklopfendem Herzen, voll freudiger Unge⸗ duld zu Sophieen.„Er verdient es nicht, daß ſie ihn liebt,“ ſagte Carl entſchuldigend zu ſich ſelbſt, „und ich kann es nicht ruhig mit anſehen, wenn er ſie ſo rauh behandelt und ſo unfreundlich gegen ſie iſt.“ Heimlich aber mußte er ſich geſtehen, daß es ihm noch viel ſchwerer und beklemmender zu ſehen, wie Bonaventura freundlich und liebevoll gegen ſie ſei, und daß er lieber noch Sophiens ſchmerzbeweg⸗ tes Antlitz, als ihr von Glück und Liebe verklärtes ſehen wolle. 47 Indeſſen trug Sen Fleiß, ihre große Ge⸗ ſchicklichkeit in weiblichen Arbeiten ihre guten Früchte, und bei ſorglicher Sparſamkeit, ſo wie durch den von Carl bewirkten Verkauf einiger überflüſſiger ſei⸗ dener Kleider war ſie in kurzer Zeit in den Stand eſetzt, einen längſt ſchon in ihr gereiften Plan zur Ausführung zu bringen.— Als Bonaventura heute, verdrießlicher als je, von ſeinem Spaziergang zurückkehrte, legte Sophie mit ſtrahlenden Augen und erröthend vor Freude, eine kleine Rolle Geldes vor ihn hin, und als er mit mürriſchem Ton fragte, was dies bedeuten ſolle, ſagte ſie mit einem Lächeln, von dem Niemand ahnen konnte, wie ſchwer es ihr geworden: Dies Geld ſoll Dir helfen, Dich aus dieſer Stille, die Dir ſo drückend iſt, zu befreien. Mit dieſem Gelde, fuhr ſie raſcher fort, denn ſie fürch⸗ tete, die Rührung möchte ſie am Sprechen hindern, mit dieſem Gelde mietheſt Du Dir recht im Mittel⸗ punkt der Stadt ein Zimmer, und verbringſt immer einige Morgenſtunden daſelbſt. Dann kannſt Du Dich wieder aller Orten zeigen, und auch in die Freitags⸗ geſellſchaft gehen, ohne fürchten zu müſſen, daß man ich hier aufſucht, denn Du kannſt ihnen ja dann Deine andere Wohnung nennen. 5 Sie ſchwieg hoch aufathmend, und Bonaventura rief mit ſtrahlenden Augen: Du biſt ein Engel, Sophie, o kein Weib denkt ſo groß und gut, als Du, meine theure, einzige Sophie, Du Geliebte meiner Seele! Kein Weib 49 Zum Mittagseſſen komme ich wieder, theuerſte Sophie, und nun Lebewohl! Unter der Thür aber wandte er ſich noch einmal um und ſagte in ernſtem Ton; giebſt Du mir Dein Wort darauf, theuerſte Sophie, die Wohnnng nicht zu verlaſſen und niemals ohne mich auf die Straße zu gehen? Sophie verſprach es ihm und er entfernte ſich eilig. Als er fort war, ſtürzten helle Thränen, lang zurück gehalten, aus Sophieens Augen, und laut ſchluchzend ſagte ſie: keine Sylbe des Bedauerns darüber, daß er nun täglich viele Stunden von mir etrennt ſein wird, nicht einmal ein Gedanke daran. ein Wort des Mitleids für mich, die ich einſam, mich verzehrend in Sehnſucht nach ihm, zurück bleibe Sa iſt hart und egviſtiſch, und er liebt mich nicht mehr! Und ich? Mein Gott, gieb, daß dieſe Liebe nicht von mir weicht, denn muß mein Halt und meine Stütze ſein! Ich habe ja keine Zukunft außer ihr! vergangenheit und Zukunſt. Indeſſen lebte Minna im vollen Strudel winter⸗ licher Vergnügungen, und kaum gab es einen Abend, wo ſie nicht in Geſellſchaften, Concerten, auf Bällen war, oder Geſellſchaft in ihrem Salon empfing. Die Gräfin hatte richtig prophezeit, Minna war, in ge⸗ wiſſen Kreiſen mindeſtens, die lionne des Winters geworden, und ſie ſchien ganz befriedigt und glück⸗ lich dadurch zu ſein. Das Leben einer Dame der großen Welt iſt eine nicht ſo gar ſchwer zu erlernende Aufgabe, und Minna hatte ſie vollkommen erfaßt. Sie wußte mit Anmuth und Eleganz über die wichtigſten und kleinlichſten Dinge zu ſprechen, und auch wohl ernſtere wiſſenſchaftlichere Dinge in leich⸗ ter, oberflächlicher Manier, wie man es in den Sa⸗ lons zu thun pflegt, in die Unterhaltung zu ziehen; ſie ſprach gut, kleidete ſich geſchmackvoll, bewegte ſich anmuthig, und hatte das reizendſte, naturvollſte 51 Lächeln. Ihr Ehrgeiz war befriedigt, und dieſe Be⸗ friedigung verlieh ihrem Weſen eine liebliche Milde und Ruhe, die wie ein lichter Schleier über ihre ganze Erſcheinung ausgebreitet war. Und welche Freude glich dieſer, gefeiert und bewundert zu wer⸗ den im Angeſichte deſſen, dem ſie im Geiſt alle ihre Triumphe als Tribut zu ſeinen Füßen niederlegte, und den ſie, ſich ſelbſt betrügend, ihren Bruder nannte. Und welches Entzücken glich dieſem, ihm ſagen zu können: ſiehſt Du, alle meine Triumphe, alle die Huldigungen, die ich empfange, alles, was ich bin, das verdanke ich Dir! Du haſt meinen Geiſt gebildet, Du haſt mich das Leben, die Welt, die Menſchen verſtehen gelehrt, Du biſt meines geiſti⸗ gen Lebens Schöpfer geweſen! Aber jin dieſem vollen Becher der Freude gab es auch einen bittern Wermuthstropfen, gab es etwas, das ſtets ſie ſchweigend mahnte an die Vergangen⸗ heit und an geleiſtete, aber nicht gehaltene Eide, und Minna war nicht leichtſinnig oder verderbt ge⸗ nug, gegen ſolche Mahnungen taub zu ſein. Sie ſah mit bitterm Schmerzgefühl Otto's blei⸗ ches kummervolles Antlitz, und nannte oft in der Stille ſich ſelbſt die Urheberin ſeines Kummers. Aber, daß er überall hin ihr folgte, daß er ſtets an ihrer Seite war, daß er ſchweigend ihr folgte in iede Geſellſchaft, zu jedem Ball, daß er neben ihr war, immer und ewig mit ſeinem bleichen Antlitz, daß er wie ihr Gewiſſen, ſie ſtets umgab und in⸗ mitten der Freude ſtets ſie mahnte an Schmerz und 4* 52 Kummer, das konnte ſie ihm nicht verzeihen, und zuweilen ſchien es ihr ſelbſt, als haſſe ſie ihn, der ſo ſchweigend und ergeben, ſo geduldig und ohne Klage neben ihr tand. „Er iſt kein Mann,“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt, „und darum kann ich ihn nicht lieben. Ich handle Unrecht gegen ihn, und er duldet es ſchweigend; ſtatt zu gebieten, wie es dem Manne geziemt, gehorcht er wie ein Kind, und wo er zürnen ſollte, da weint er! Ich aber kann keinen Mann lieben, den ich nicht auch fürchte, und vor deſſen Zorn ich zittere, keinen Mann, der nicht mit einem einzigen Blicke mein ganzes Wollen zerſchmettern, und mich zur Sclavin ſeiner Launen machen kann!“ Aber wenn ſie ſo ſelbſt ſich klar war über ihre Gefühle für Otto, beſaß ſie doch Zartgefühl und Tact genug, um dies vor Andern zu verbergen, und Niemand ahnen zu laſſen, wie groß die Kluft, die ſie von ihrem Gatten trenne. Wiſſen Sie, Theuerſte, ſagte Madame Jelſa heute zu ihr, als Minna am Morgen zu ihr kam, um ihr von der großen geſtern erlebten Soiree zu erzählen, wiſſen Sie, Theuerſte, Ihr Mann ſcheint alles Ernſtes geſonnen ein Trappiſt zu werden; ich habe ihn geſtern beobachtet, er ſprach den garzen Abend kein Wort, und lächelte nur zuweilen, wie ein an's Kreuz geſchlagener Heiliger. Ach, wollte Gott er ginge doch unter die Trappiſten, und in ein Kloſter, dann wäre doch meine ſchöne herrliche Minna frei. . 53 Laſſen wir das, Liebe, ſagte Minna ernſt, es geziemt mir nicht, ſolche Scherze anzuhören über einen Gatten, den ich liebe und achte, und deſſen Namen ich trage! Jo, leider tragen Sie ſeinen Namen, ſeufzte die Freundin. Ich wuͤßte aber wohl einen Namen, der beſſer klingen würde, und mehr geeignet wäre für die ſtolze ſchöne Minna. Minna erröthete tief. Und welchen Namen meinen Sie, Gräfin? Fragen Sie meinen Sohn dort, wie ſein Name iſt, ſagte die Gräfin, auf Udo deutend, der ſich ſo eben leiſe zu Minna's Füßen nieder geſetzt hatte. Ach Udo, rief Minna lachend, und ſich zu ihm niederbeugend, fragte ſie ſcherzend: Udo, willſt Du mich heirathen? Udo lachte nur, weil er Minna lachen ſah. Ach, er verſteht Sie nicht, ſeufzte Madame Jelſa, und doch weiß ich, daß er geneſen würde, wenn Sie um ihn wären! O warum kann dies nicht ein!— Udo immer bei Minna ſein, rief der kranke Jüng⸗ ling, die Worte ſeiner Mutter auffaſſend, und Minna's Kniee umklammernd, wiederholte er flehend: Udo immer bei Minna ſein. Sehen Sie, ſagte Madame Jelſa, ſehen Sie, wie ſchön er iſt, Minna! O müßte es nicht eine Himmelswonne für Sie ſein, dieſen ſchönen Augen den Geiſt einzuhauchen, dieſe edlen Züge zu beleben mit einer denkenden, empfindenden Seele, und um 54 dieſen Mund ein Lächeln zu zaubern, wie nur die Liebe und das Glück es verleiht? Sehen Sie ihn an, und ſagen Sie mir, ob er, unglücklich und elend wie er iſt, nicht ein geiſtvolleres und edleres Anſehen hat, als der verſtändige und glückliche Gemahl der ſchönen Minna? Dieſe hatte ſich ſanft von Udo's Armen losge⸗ macht, und war aufgeſtanden. Solche Vergleiche, ſagte ſie kalt, ſind eben ſo nutzlos als ungeziemend, und da Sie, Madame, heute in einer ſeltſam gereizten Stimmung gegen meinen Gatten zu ſein ſcheinen, ſo iſt es beſſer, ich verlaſſe Sie, und warte ab, daß dieſe Stimmung ſich ändert. Sie grüßte ſtolz und verließ das Gemach. Madame Jelſa aber ſchaute ihr nach mit fin⸗ ſtern, ſtechenden Blicken. Eitle, hochmüthige Närrin, ſagte ſie hohnlachend. Alberne Handwerkerfrau, die ſich vermißt ſich mir gleich zu ſtellen! O nur Geduld, Du eitle Thörin, es wird eine Zeit kommen, wo Du jedes hochmüthige Wort, das Du gegen mich geſprochen, bereuen ſollſt, eine Zeit, in der ich Dich doch ganz in meiner Ge⸗ walt haben werde. O nur Geduld, meine Pläne. werden gelingen! Schon hat die Saat, die ich aus⸗ geſäet, in Deinem Herzen Wurzel gefaßt, und wie tugendhaft und getreu Du auch erſcheinen magſt, ich weiß doch, daß Du Deinen Gatten nicht uebſ daß Du ihn mit ſeinem lächerlichen linkiſchen Weſen haſſeſt und verwünſcheſt. Nuk Geduld, ich werde 55 5 Dich ſchon bereden zu einer Scheidung von dieſem Otto, und dann, o dann, habe ich geſiegt, dann ge⸗ hören mir Deine Reichthümer, und Dir mein wahn⸗ ſinniger Knabe. Udo, rief ſie, Udo, mein Sohn, komm' her zu mir! Dieſer folgte ſchweigend ihrem Ruf, und ſetzte ſich ſtill neben ihr nieder auf den Divan. Udo, höre mir zu! Ich will Dir eine Ge⸗ ſchichte erzählen. Aber hörſt Du auch? Udo nicht weiß, was das iſt, Minna heirathen, antwortete er ſinnend. Minna heirathen, das iſt, ſie lieben, immer bei ihr ſein, ſie umarmen, ſie küſſen, ihr befehlen, ihr Herr ſein! will Minna heirathen, rief er emporſprin⸗ gend. Seine Mutter zog ihn leiſe wieder nieder auf den Divan und ſagte lächelnd; das ſollſt Du auch, mein Sohn, und das iſt es ja auch, was mich allein beſchäftigt, und darum will ich Dir auch eine Ge⸗ ſchichte erzählen. Du hörſt doch? O das iſt ſchön, das iſt herrlich, rief Udo freu⸗ dig, erzähle mir eine Geſchichte, meine Mutter! Das will ich auch, ſagte ſie, aber meine Ge⸗ Ete iſt finſter und trübe. Du hörſt doch, mein ohn? Puter, ich höre!. ieh dort, ſagte Madame Jelſa, und der Aus⸗ druck des Haſſes und der Verachtung trat in ihre Züge, ſieh dort, Udo, das Bild da an der Wand 56 das iſt das Bild Deines Vaters, mein Sohn, es iſt das Bild meines Gemahls. O Dein Vater war ein ſchöner Mann und er war reich, Udo. Er beſaß viele ſchöne Güter, und hatte viele Herrſchaften und Lehne ſich gekauft. Es fehlte ihm nur eine vornehme Verwandtſchaft, um ein vornehmer Herr zu ſein. Er lernte mich kennen, und ich hatte was ihm fehlte, ich war von vornehmer Herkunft. Aber ich war arm, doch ich dachte nicht an ſeinen Reichthum, ich dachte nur an ſeine Liebenswürdigkeit, und ich jauchzte laut auf vor Entzücken, als er mir ſeine Liebe ge⸗ ſtand. Ich legte meinen Reichthum und meinen Namen, ich legte mich ſelbſt und Alles, was ich be⸗ ſaß, zu ſeinen Füßen nieder, und wollte nichts ſein, als ſein Weib, ſein geliebtes, liebendes Weib. Ich glaubte Deinem Vater, und liebte ihn über Alles, Udo, und er betrog mich doch, und liebte eine Andere neben mir. Ich ertrug's, ich nahm mir nicht das Leben, ich tödtete nicht ſeine Geliebte, denn Du ruhteſt unter meinem Herzen, mein Sohn, und Du warſt meine Hoffnung und meine Zukunft, und als ich Dich geboren hatte, verzieh ich Deinem Vater Alles, ſelbſt, daß er meine Liebe verrathen, ſelbſt, daß mein Gram Deinen Geiſt umdüſtert hatte, ſelbſt das verzieh ich ihm, denn ich liebte ihn noch. Aber er verſchmähete mein Herz, und da erfaßte mich die Verzweiflung, und aus Verzweiflung ward 4 ich eine Sünderin, und ward Deinem Vater treulos, weil ich ihn ſo ſehr liebte und er nicht geliebt ſein wollte; o, ich ließ mich von andern Armen umfan⸗ 57 gen, und ſuchte Troſt an fremdem Herzen, und weinte doch, weil Dein Vater mich nicht liebte. So vergingen Jahre, Udo, traurige, ſchmerz⸗ volle, ſündige Jahre, voll ſchwelgeriſcher Luſt, voll rauſchender Freuden und voll unendlichen Wehes. O das iſt traurig, Mutter, ſagte Udo leiſe, und langſam rollten ein paar Thränen über ſeine Wangen nieder. Ja, rief die Gräfin mit lautem Weheton, ja, es muß wohl traurig ſein, wenn ſelbſt der Blöd⸗ ſinnige darüber weinen kann. Aber höre weiter, mein Sohn. Das Unglück war noch nicht erſchöpft, und eines Morgens, da weckte mich in der Frühe ein furchtbarer, donnernder Knall, und ich fuhr empor, denn an mein Ohr drang wüſtes Geſchrei. Da ſprang ich auf, und rannte in das Zimmer Deines Vaters. Nun wußte ich Alles; er hatte gut getrof⸗ fen, der Schuß war grade durch's Herz gegangen, und er hatte ſich erſchoſſen, weil er in der Nacht zu⸗ vor das Vermögen ſeines Weibes, weil er Alles verſpielt hatte, was ſein war, und womit er ſchalten durfte. Lachſt Du, mein Knabe? Ja, das war auch luſtig, Dein Vater hatte eine ſehr luſtige Nacht durchſchwärmt, darum wollte er nun auch ausruhen in langem, ewigen Schlaf. Und nun, Udo, ward alles anders. Nun kamen die Lehnsvettern, und nahmen Dein Erbe, denn Du ſeieſt wahnſinnig, ſo ſagten ſie, Du könnteſt nicht Erbe ſein, und nun vertrieben ſie uns von unſern Schlöſſern und Gütern, ſie, die ſonſt zu 58 meinen Füßen geſeſſen, ſich meine Selaven genannt, und mir ewige Liebe geſchworen, ſie vertrieben mich nun, und ihre Weiber, die ſonſt meinen Reichthum genoſſen und die reichen Geſchenke meiner Liebe ge⸗ tragen, ſie wandten ſich nun von mir, und meinten, mein fündiges Leben habe mich ihrer Liebe unwerth emacht. O wäre ich doch noch reich geweſen, wie zuvor, da hätte man nicht meines Lebens gedacht und mei⸗ ner Sünden, aber weil wir arm waren, ſo verließ uns Alles, und vergeſſen und verachtet lebten wir auf dem einſamen, finſtern Schloß, das mir ange⸗ wieſen als Wittwenſitz. Da legte ſich ein finſterer Schleier über mein Gemüth, und ich ſchwur ewigen Haß und Rache dem ganzen Menſchengeſchlecht, und ſchwur mit allen Kräften meiner Seele, darnach zu ſtreben, wieder reich, wieder angeſehen zu werden, um die Menſchen knechten, um meine Feinde in den Staub treten zu können! O Jahre lang habe ich geſonnen über dieſen Plan, Jahre lang mein Gehirn zerquält nach einem Mittel, dieſen einzigen Zweck, dies einzige Ziel zu erreichen, und da einſt fielen meine Augen auf Dich, und ich ſah, daß Du kein Kind mehr, ſondern daß Du heran gereift zum Jüngling; ich ſah, daß Du ſchön warſt, und auf Deine Schönheit, auf den eitlen thörichten Sinn der Weiber, baute ich meinen Plan, und ſiehe, der Plan wird glücken. Das thörichte Weib iſt gefunden, das mir Reich⸗ thum und Macht wieder geben ſoll, willſt Du mir 59 helfen, Udo, ſie zu erobern? Ja, ja, Du willſt, denn Du liebſt dieſe ſchöne Minna, und ich will ſie Dir verſchaffen, ſie ſoll Dein Weib werden! Hörſt Du, Udo, die ſchöne Minna ſoll Dein Weib werden. Darum zeige ihr immer, wie ſehr Du ſie liebſt, und ſahe 6 ihr immer, daß Du nichts liebſt, als ſie allein Udo ſchlug die Hände zuſammen, und lachte vergnügt. Ja, Mutter, Minna ſoll Udo's Weib werden! Und dann biſt Du wieder eine reiche Frau und wirſt niemals mehr ſo böſe ausſehen, und den armen Udo ſo ſchelten! V Der Ring. Für die unter den Linden in der Mittagsſtunde auf und abwandelnden Spaziergänger gab es heute eine eigene Augenweide. Eine ſchöne reichgekleidete Amazone ritt in der Mitte zweier Herren, und ge⸗ folgt von zwei reichgekleideten Dienern die Linden auf und ab. Es war ein ſchöner Anblick, dieſe glänzende Cavalkade, und ſelten, wie es noch immer in Berlin iſt, eine reitende Dame zu ſehen, ſchauten alle Spaziergänger mit dem lebhafteſten Intereſſe nach der Reikerin und ihrem glänzenden Gefolge. Auch war ſie ſchön, dieſe ſtolze, ſchlanke Ama⸗ zone, mit dem bleichen, edlen Angeſicht, zu deſſen Seiten lange ſchwarze Locken herab fielen, ſchön mit den blitzenden ſchwarzen Augen, der edlen Naſe, und dem halb übermüthigen, halb verächtlichen Lächeln um die ſchmalen Lippen, und wo ſie vorüber ritt, da blieb Alles ſtehen, und ſchaute ihr nach und man flüſterte unter einander: wer iſt ſie? Sie ſieht ſo 61 vornehm aus und ſo ſtolz! Wie kühn ihre Augen blitzen; und ſeht wie gewandt ſie ihr Pferd zu len⸗ ken verſteht, daß es in kleinem Schritt daher tän⸗ Lt zierlich und gractös wie unſere Galſter oder aglioni. Geſtehen Sie, Fürſt Rajienski, ſagte indeß die ſchöne Amazone zu einem ihrer Nachbarn, geſtehen Sie, daß das von Ihnen ſo viel geprieſene Berlin eine ſehr läſtige kleine Stadt iſt, ein Dorf, im Ver⸗ gleich zu Paris! O ce cher Paris! Voyez, wie der neugierige Pöbel ſtill ſteht, um uns nachzu⸗ ſchauen, als wären wir Wundererſcheinungen aus der Märchenwelt. Und wer dächte das nicht, erwiderte der An⸗ geredete wer wähnte nicht, wenn er Sie zu ſchauen das Glück hat, Fürſtin, daß er in der That irgend eine ſchöne Fee aus der Märchenwelt erblickt! Wie wollen Sie deshalb den armen Berlinern grollen, denen Feen und Amazonen eine gleich ſeltene Er⸗ ſcheinung ſind? Sie ſind heute in Ihrer Laune der Galanterie, ſagte die Fürſtin mit ſtolzem Aufwerfen der Lippen, und, die Zügel ſtraffer anziehend, gab ſie ihrem Pferde einen leichten Schlag mit der Gerte, daß es raſcher vorwärts tanzte, und die Herren einige Schritte zurück blieben. Plötzlich aber hielt ſie ihr Pferd an und rief einem neben ihr Vorübergehen⸗ den zu: bon jour, Monsieur de Ottersheim! Bonaventura, der ſo eben im Begriff war in ſeine Wohnung zu gehen, blickte auf zu der ſchönen 62 Reiterin, die ihn alſo anredete, und ein Ausdruck freudigen Erſtaunens malte ſich in ſeinen Zügen. Fürſtin Laſchuska! rief er freudig.— Sie nickte ihm lächelnd zu, und ſagte: wir kennen uns alſo noch! Es freut mich Sie wieder zu ſehen! Kommen Sie heute zu mir! In einer Stunde finden Sie mich im Hotel de Petersburg! Au revoir. Sie ſprengte von dannen, ihm flüchtig zu⸗ nickend, und bald war der ganze Zug um die nächſte Straßenecke einbiegend, nnez Bonaventura aber eilte den Weg zurück, den er gekommen, ſeiner Wohnung zu. Sein Herz klopfte hoch vor Freude, und ſtolz und ganz ver⸗ gnügt ſagte er zu ſich ſelber: wahrlich, das war ein günſtiger Zufall! O das Schickſal iſt doch den Dich⸗ tern noch günſtig! Sie hat alſo unſerer flüchtigen Bekanntſchaft in Dresden nicht vergeſſen, die ebenſo ſchöne als ſtolze Fürſtin Laſchuska, und wahrlich, daß ſie mich anredete, beweiſt, daß ich ihr nicht ohne Intereſſe bin. Sagte mir doch ihr Bruder, der mich bei ihr einführte, ſchon damals, wie nichts ſie mehr intereſſire, als Politik, und daß das Mit⸗ tel mit ihr in freundſchaftlichen Verkehr zu treten, ſei, daß man politiſche, freiſinnige Gedichte mache. Gott, wie begeiſtert war ſie von Herwegh's Ge⸗ dichten. Sie recitirte ſie oft Stunden lang, und ſah dabei ſchön aus und kühn, wie eine Göttin des Krieges. Und als ich ihr einmal eines meiner Ge⸗ —— ——— 63 dichte vorlas, da reichte ſie mir die Hand, und ſagte: von heute an ſind Sie mein Freund! Gut, gut, dieſe Freundſchaft wollen wir näh⸗ ren! Von der Freundſchaft zur Liebe bedarf es nur einiger kleiner Schritte, wie leicht ſind die gethan! Meine Gedichte ſollen die Brücke ſein, über die ſie von der Freundſchaft zur Liebe hinüberſchreitet! O mein Gott, wenn dies gelingt, dann bleibt mir nichts zu wünſchen übrig Bin ich erſt der Geliebte einer Fürſtin, dann bedarf es wieder nur einiger Schritte, um ihr Gemahl zu werden! Ich, ein Fürſt, ha! zehn Jahre meines Lebens gäbe ich darum, nur einen Tag ein Fürſt zu ſein! Und iſt denn dies etwas ſo Unmögliches? Was war denn der reiche, ſchöne Fürſt Butera anders, als ein armer bürgerlicher Lieutenant, und was anders hat ihn zum Fürſten erhoben, als die Liebe einer ſchönen Fürſtin? War dieſer ein Kind des Glückes, wie viel mehr darf ich hoffen, es zu ſein!— Ach, Sophie, rief er jetzt, aus ſeinen Träumen erwachend, denn er ſtand vor der Thür ihrer Wohnung! Ach Sophie, wiederholte er mit faſt verächtlichem Ton, und ſeine Stirn legte ſich in tiefe Falten. Mein Gott, ſagte er dann leiſe, wie lange iſt es denn noch, bis dieſe ewigen vier Monate verſtrichen ſind! D Himmel, ich glaube es ſind erſi zwei Monate vergangen. Sophie empfing ihn mit einem Freudenſchrei, und ſlog ihm entgegen. Sie hatte ſo bald ſeine Rücktehr nicht erwartet, und ſagte ganz glücklich: 64 o wie herrlich, mein Geliebter, daß Du ſchon wie⸗ der da biſt! Gewiß wollteſt Du mir eine Freude machen und mich überraſchen! Gott, ich denke gar nicht daran, rief er, ſie zu⸗ rückdrängend, es fällt mir gar nicht ein, ſo ſchwär⸗ meriſche Ideen zu haben! Ich komme nur, um Toi⸗ lette zu machen, und muß ſogleich wieder fort. Sophie zerdrückte die Thränen, die ihre Augen umdüſtern wollten, und ſetzte ſich ſchweigend wieder an ihre Arbeit. Bonaventura ſuchte indeſſen haſtig unter ſeinen Kleidern umher. Gott, Gott, welch ein Elend iſt dies, rief er dann mit dem Ausdruck tiefſter Verzweiflung, während Sophie zuſammen ſchreckte, ihre Arbeit ſinken ließ, und mit fragenden troſtloſen Blicken zu ihm hinſchaute. Das fehlte nur noch, fuhr Bonaventura fort, zornig mit den Füßen ſtampfend, das fehlte nur noch, um mich vollends zu erniedrigen und zu demüthigen. JZetzt o ich ſogar nicht mehr ein paſſendes und modi⸗ ches Gewand, um damit in Geſellſchaft zu gehen. Wo iſt mein Frack, mein ſchöner Frack? Mein Gott, Du weißt ja, ſagte Sophie ſchüch⸗ tern, zu Anfang, als wir alles Ueberflüſſige aus⸗ ſuchten, gabſt Du ihn her, und meinteſt, Du be⸗ dürfteſt ſeiner für's Erſte nicht, und da ward er mit meinen Kleidern verkauft. Verkauft, ſchrie Bonaventura, die Hände im höchſten tragiſchen Affect zuſammen ſchlagend, und Arme und Blick gen Himmel erhebend, wiederholte er dumpf: Verkauft! Mein Frack verkauft! O, ich 65 bin ein elender Menſch, geſchmiedet an das Elend des Daſeins, ſchleppe ich die Kette meiner Sclave⸗ rei überall mit mir, und wo ich ermattet hinſinke am Wege, und in ſüßen Träumen meiner Schmach vergeſſen möchte, da weckt mich das Klirken der Kette immer wieder zu neuer Qual und zu neuem Jammer. Sophie hatte, während er ſo ſprach, ihre Ar⸗ beit wieder ergriffen und nähete ruhig weiter. Sie kannte dieſe Anfälle des Jammers ſchon, und wußte, daß ſie eigentlich nichts waren, als Declamations⸗ übungen, und daß Bonaventura niemals mit ſich zufriedener und ſtolzer auf ſich war, als wenn er ſeinem tragiſchen, ſchön geſprochenen Jammer und Leid zuhörte. Ja, fuhr er fort, und ſeine Stimme zitterte, wie in tiefer Bewegung, ja, ich bin ein Elender und Gezeichneter. Gleich der Hündin in der Aeneide renne ich umher mit dem Pfeil im Schenkel, nach Leben ſuchend und ſtrebend, und doch ſchon dem Tode verfallen! O, mein Gott, wann endlich— Aber halt, wer kommt da, unterbrach er ſich jetzt ſelbſt im ganz ruhigen, gewöhnlichen Ton. Mir war's, als hörte ich klopfen. Wirklich ward jetzt die Thür haſtig aufgeriſſen, und Carl erſchien in derſelben. Er ſtutzte, als er Bonaventura ſah, dann aber ſchien er ſich zu ſam⸗ meln, und trat, Bonaventura flüchtig grüßend, zu Sophieen hin. Ich bringe hier das Geld für die in voriger II. 5 66 Woche gelieferten Arbeiten ſagte er, eine kleine Rolle vor Sophieen hinlegend, und weil es ſo wundervoll gearbeitet war, meinte die Directrice, könne ſie es nicht annehmen zu dem gewöhnlichen Preis, und hat ihn für Sie verdoppelt. Geld rief Bonaventura freudig, das kommt mir grade recht. Wie viel iſt's? fragte er, die Rolle ergreifend, und ſie prüfend in der Hand wiegend. Fünf Thaler, ſagte Carl leiſe. Pah, fünf Thaler, das iſt ja wahrhaftig ein elendes Verdienſt für die Arbeit einer ganzen Woche. Fünf Thaler, die reichen nicht hin, und ich will und muß Geld haben. Mein Gott, Sophie, haſt Du denn gar nichts mehr, was wir verkaufen könnten? Sie ſchüttelte verneinend das Haupt. Gar nichts mehr, Bonaventura, es iſt alles ſchon ver⸗ kauft. ſtue was ſehe ich denn da an Deinem Fin⸗ ger? rief Bonaventura, haſtig ihre Hand ergreifend. Wahrhaftig, ſie trägt einen goldenen Ring, und behauptet doch, ſie habe gar nichts, was ſie ver⸗ kaufen könnte. Dieſen Ring wollteſt Du verkaufen? fragte ſie mit bangem Schmerzenston. O mein Gott, Bo⸗ naventura, erkennſt Du ihn denn nicht! Es iſt ja derſelbe Ring, den Du mir gabſt an dem Tage, an welchem wir uns verlobten, Du ſteckteſt ihn ſelbſt an meinen Finger, und ich mußte Dir ſchwö⸗ ren, ihn immer zu tragen! 67 Pah, das waren Kindereien, wie man ſie macht, wenn man verliebt iſt. Jetzt gieb ihn nur her, dieſen Ring, er iſt nicht ohne Werth, und ich denke, wenn ich ihn verkaufe, ſo reicht das mit den andern fünf Thalern hin, um mir in einer Klei⸗ derhandlung einen Frack zu kaufen. Schnell, ſchnell, beſte Sophie, gieb mir den Ring. Iſt dies, kann dies Dein Ernſt ſein? fragte ſie tonlos. Mein Gott, warum denn nicht? Ich habe gar keine Zeit zu ſcherzen, und muß ſogleich fort. Des⸗ halb bitte, gieb mir den Ring! Sie zauderte noch, und ein tiefer Kampf ſchien in ihrem Innern vor zu gehen. Ihre Bruſt wogte ſtürmiſch auf und ab, und ihre ganze Geſtalt er⸗ bebte. Sie heftete ihre Augen mit fragendem, for⸗ ſchendem Blick auf Bonaventura's Antlitz und las in ſeinen Zügen nichts weiter als Ungeduld und Mißmuth. Da reichte ſie ihm die Hand hin, und ſagte tonlos: ſo nimm den Ring! Bonaventura griff raſch nach dieſer Hand, die kraftlos und willenlos in der ſeinen hing, und ihr den Ring abſtreifend, ſagte er freudig: o meine Sophie, welch' ein Engel biſt Du! O, ich wußte es wohl, daß Du in Deiner großen ſchönen Liebe mir dies kleine Opfer bringen würdeſt, wenn es auch Deinem ſchwärmeriſchen Herzen einigen Kampf koſten würde. Tauſend Dant, Du Geliebteſte, für dieſen neuen Beweis Deiner Liebe. Sophie antwortete nichts. Sie lag da mit ge⸗ 5* 68 ſchloſſenen Augen, todesbleich, das Haupt zurückge⸗ ſunken an die Lehne des Seſſels, und nur die ſchwe⸗ ren Seufzer, die zuweilen ihre Bruſt hoben, zeugten von dem tiefen Kampfe, der in ihrem Innern vorging. Wenn ich nur gleich wüßte, wo ich den höch⸗ ſten Preis für dieſen Ring bekäme, ſagte Bona⸗ ventura, fragend auf Carl blickend. Dieſer hatte ſchweigend und tief bewegt der Scene zugeſchaut, und ſagte jetzt: ich kenne hier in der Nähe einen Juden, der mir zu Gefallen den höchſten Preis für den Ring zahlen wird. Wenn Sie ihn mir anver⸗ trauen wollen, ſo will ich hingehen. In einer Vier⸗ telſtunde bin ich wieder da! Bonaventura reichte ihm den Ring dar, und Carl entfernte ſich eiligſt. So will ich mich nur immer ſo weit ankleiden, ſagte Bonaventura, ohne weiter auf Sophie zu ach⸗ ten, und vor den kleinen Spiegel tretend, ordnete und glättete er ſein Haar und den ſchönen, ſorgſam gepflegten Bart, dabei überlegend, von welcher Farbe der Frack ſein ſolle, in welcher er ſich der ſchönen Fürſtin vorſtellen wolle. Carl kehrte bald zurück und reichte Bonayven⸗ tura ſechs Thaler, als den Erlös des Ringes, hin. Herrlich, herrlich, rief dieſer, nun kann ich mir einen eleganten, faſt noch gar nicht getragenen Frack kaufen, und wenn ich nun meine ſchöne Brillant⸗ nadel hier in das Halstuch ſtecke, ſo meine ich, darf jede Fürſtin mich in ihrem Salon empfangen. Adieu, 69 theuerſte Sophie, adieu, Herr Carl, es iſt die höchſte Zeit, ich muß fort. Ohne eine Antwort abzuwarten, oder Sophie noch einmal anzuſehen, verließ er eiligſt das Ge⸗ mach, in dem nun eine tiefe Stille herrſchte. Carl wagte es nicht, Sophie, die noch immer mit geſchloſſenen Augen bewegungslos da ſaß, in ihrem tiefen Kummer zu ſtören, und ſtand ſchwei⸗ gend da, ſie nur mit mitleidigen, liebevollen Blicken betrachtend. Plötzlich öffnete Sophie die Augen, und ſich aufrichtend, fragte ſie leiſe: iſt er fort? Carl bejahete es, und fragte dann theilnahms⸗ voll nach ihrem Ergehen. O ſagte ſie mit einem bittern, ſchmerzvollen Lächeln, Sie ſehen es wohl, Carl, ich bin nicht ge⸗ ſtorben, nicht einmal ohnmächtig geworden! Ich ſchloß nur die Augen, weil es mir ſchauderte, ihn zu ſehen, nachdem er ſo grauſam, ſo entſetzlich grau⸗ ſam geweſen! Denken Sie nicht mehr daran, vergeſſen Sie es, arme Sophie, bat Cari leiſe. Und wie könnte ich das? fragte ſie mit einer eigenen Ruhe, die erſchütternder war, als der lau⸗ teſte Schmerz es hätte ſein können. Wie wollen Sie, daß ich vergeſſen ſoll, was niemals zu ver⸗ geſſen iſt? Es war ja nicht der Ring, den er nur von meinem Finger zog, er ſtreifte ja damit die ganze Vergangenheit von meinem Herzen weg, und alle Schwüre, alle Liebesverſicherungen ſind nun 70 plötzlich zernichtet und nicht da geweſen. Denn wer einmal ſo hart und lieblos handeln kann, der iſt im Grunde ſeines Herzens hart und lieblos, und alles Andere war nur Schein und Maske. Sophie, ſagte Carl, ihre Hand faſſend und ihr mit einem unausſprechlichen Ausdruck, unter dem ſein Antlitz ſich verſchönte, in das bleiche, ſchöne Angeſicht ſchauend, theuerſte Sophie, ſeien Sie nicht mehr traurig. Ich bringe Ihnen Ihren Ring zurück. Wie konnten Sie auch nur glauben, ich würde dieſes koſtbare Kleinod für Geld hingeben! Er reichte ihr den Ring dar, ſie wehrke ihn leiſe zurück, und ſagte: nein, mein Freund, ich werde ihn nicht wieder tragen, er iſt mir ja nun etwas Fremdes geworden. Es iſt nicht mehr der Ring, den mir Bonaventura in jener heiligſten Stunde meines Lebens an den Finger ſteckte, und den ich ihm ſchwur ewig zum Zeichen meiner Liebe und Treue zu tragen, ſondern der Ring, den er mir vom Finger ſtreifte, um ihn zu verkaufen und für den Erlös ſich ein Kleid zu kaufen. Sie ſehen, mein Freund, daß ich dieſen Ring nicht tragen kann und mag. Nehmen Sie ihn!— Als Carl ihn ſchweigend wieder in ſeinen Bu⸗ ſen ſteckte, rief ſie ſchmerzvoll: aber geben Sie ihn mir, laſſen Sie ihn mich noch einmal anſehen!— Sie nahm ihn aus Carls Händen, und ſah ihn lange und ſchweigend an, dann fielen ihre Thrä⸗ nen auf dieſen goldenen Reifen und erglänzten auf dem Goldgrunde, wie helle, köſtliche Diamanten; 71 ſie küßte aber den Ring, und dieſe Diamanten wa⸗ ren verſchwunden, denn Sophie hatte ihre eigenen Thränen aufgeküßt, und ſie ſagte mit einem herz⸗ zerreißenden Lächeln: welch' ein bitteres Salz iſt doch in Thränen! Bonaventura haßt meine Thränen, ach aber, wie würde er ſie lieben, wenn ſie für ihn ſich in ſchimmernde Brillanten verwandeln ließen! Dann küßte ſie wieder den Ring, und gab ihn an Carl zurück. Da nehmen Sie ihn, er mag vor mir ver⸗ n wie mein ganzes, ſchönes Glück. Es iſt alles nur ein Traum geweſen. Arme Sophie, ſagte Carl leiſe, arme Sophie, 2 Sie lieben ihn alſo nicht mehr? Sie ſchwieg lange, dann ſagte ſie: in dem Augenblicke, als vorhin meine Hand in der ſeinen lag und er meines Zitterns und meiner Schmerzen nicht achtete, als dieſe Hand ihm nichts weiter war, als ein Zweig mit einer goldenen Frucht, ein Baum⸗ zweig, den man fort wirft, wenn man die Frucht gepflückt, ja, in dem Augenblick, als er den Ring von meinem Finger ſtreifte, da fühlte ich hier in meinem Herzen einen furchtbaren, ſtechenden Schmerz, nicht einen phyſiſchen, körperlichen Schmerz, ſondern etwas viel Schrecklicheres, Schmerzvolleres, denn in dem Augenblicke ward es mir klar und gewiß, daß ich ihn von nun an nicht mehr lieben könne, und daß mein Herz ſich auf ewig von ihm abwenden würde. Ach die Liebe iſt wohl geduldig und ſtark, ſie vergiebt und vergißt Alles, ſo ſie glaubt, 72 ſo lange ſie baut auf das Herz, das ſie liebt. Wo aber kein Herz iſt, was ſoll ſie da lieben? Und Bonaventurä hat kein Herz, es iſt alles kalt in ihm und leer, und wo die Liebe wohnen ſollte in ſeiner Bruſt, da iſt nichts als Egoismus und Eitelkeit. Sie lieben ihn nicht mehr, ſagte Carl tief auf⸗ athmend, dann ſind Sie auch frei und dürfen hier nicht länger bleiben. Sie ſah ihn erſtaunt an, und ſagte faſt zür⸗ nend: bin ich denn nicht ſein Weib, ſein Weib vor Gott? Habe ich mich ihm nicht zu Eigen gegeben, ihm meine Ehre geopfert und meinen guten Namen, und muß ich nicht in Geduld harren, daß er mich befreit von der Unehre, die auf mir laſtet, damit ich mein Haupt wieder frei erheben und nicht den Blick der Menſchen mehr fürchten darf. Ach Carl, man kann ja nicht der Liebe, wohl aber der Treue gebieten, und treu muß ich ihm ſein, und bei ihm ausharren muß ich, bis er ſelber mich von ſich ſtößt und mich gehen heißt! Ach, rief ſie jetzt laut und mit überſtrömenden Augen, fühle ich nicht jetzt an dem Schmerz, den ich empfinde, daß ich ihn dennoch nicht haſſen kann? O mein Gott, wie glücklich wäre ich, wenn er mich noch lieben könnte! Carl ſenkte ſein Haupt auf ſeine Bruſt, und erwiederte nichts. Er wußte es wohl, wie ſchwer es iſt, die Liebe aus dem Herzen zu reißen, und daß ſie immer und immer wieder noch an Rettung —.—— 73 glaubt, ehe ſie für immer hinab ſinkt in den Ab⸗ grund. Sophie war aufgeſprungen und ging mit ſchnellen Schritten im Gemach auf und ab, ſchwei⸗ gend und ſtill weinend. Dann trocknete ſie ihre Thränen und ſagte leiſe: ich bin eine Thörin, daß ich noch um ihn weine! Er verdient es nicht! Laſſen Sie uns aber jetzt von etwas Anderem ſprechen, von Ihnen, Carl! Sie haben Bonaventura Geld gegeben, und doch den Ring nicht verkauft. Alſo kam das Geld von Ihnen! Das darf nicht ſein. Und warum nicht? fragte er traurig. Warum wollen Sie dem, den Sie Ihren Freund genannt haben, nicht dieſe kleine Gunſt geſtatten? Warum wollen Sie nicht, daß ich Bonaventura gefällig bin, und dienſtlich? Weil Sie es nicht um ſeinetwillen, ſondern um meinetwillen thun, ſagte ſie ſtreng, und weil ich das nicht annehmen kann. Ich bitte, ja, ich fordere von Ihnen, daß Sie den Ring für ſich verkaufen. Wollen Sie mir das verſprechen? Wollen Sie mir die Hand darauf geben, dies zu thun? Carl nahm die dargereichte Hand, und legte ſie, wie betheurend, auf ſein Herz. Es ſoll geſche⸗ hen, wie Sie wollen, Sophie! WNoch Eins, fuhr Sophie fort. Sie brachten mir Geld für meine Arbeiten, noch einmal ſo viel, als mir zuſtand. Kam dies Geld wirklich von der Directrice? Hat ſie es Ihnen gegeben? Sehen Sie mich an, Carl, feſt und grade? Sie können es nicht, Sie ſchlagen die Augen nieder?— O mein Gott, auch Sie haben mich alſo betrogen! Und ich, die ich Ihnen vertraute, wie eine Schweſter dem Bru⸗ der, die ich Sie alle meine Noth, meine Armuth ſehen ließ, weil ich Sie für ſo arm hielt, als mich ſelber, und weil die Armen ſich unter einander ver⸗ trauen dürfen, die Armen, die ſich helfen müſſen mit Tröſtungen und Theilnahme! Ich darf Ihnen alſo nicht mehr vertrauen! Ich muß alſo alle dieſe Sorge und Noth ganz allein und ſchweigend in meinem Buſen herum tragen; ich muß fürchten, mich vor Ihnen ſelbſt zu zeigen, wie ich bin, denn meine Klagen rufen Sie zur Hülfe auf, nicht bloß zum Troſt, und Sie wollen meiner Armuth helfen mit Ihrem Gelde! Sie haben mich betrogen, und wer weiß, wie oft ſchon! Nein, nein, rief Carl heftig, noch nie iſt es geſchehen, noch nie habe ich es gewagt, dies zu thun. Und jetzt, meinten Sie, war ich unglücklich ge⸗ nug, daß Sie es wagen durften? O ſehen Sie mich nicht ſo zornig an, bat Carl mit flehendem Ton. Ich will Ihnen ja ver⸗ ſprechen, es ſoll niemals, niemals wieder geſchehen. Es war nur, weil es kalt war, und weil ich geſtern mein Gehalt bekommen hatte, und ſo viel über⸗ flüſſiges Geld hatte, und da meinte ich, weil Sie mich Ihren Freund genannt, ſtände es mir zu, auch als Freund zuweilen für Sie zu ſorgen. 8 mein Gott, Sophie, was wollen Sie denn, daß ich thun 75 * ſoll? Ich ſehe Sie leiden und ich kann Sie nicht tröſten, ich ſehe Sie darben, und während ich mein Leben ſür Sie hingeben möchte, darf ich nicht ein⸗ mal das Geringſte für Sie thun. Wozu bin ich denn, und was nütze ich denn, wenn Sie mir den geringſten Beweis von Freundſchaft verſagen wollen? fragte er mit Thränen in den Augen. Sie ſind da, um mich zu tröſten, ſagte ſie mit einem matten Lächeln, um mich durch Ihre Nähe zu erinnern, daß ich auf Erden mindeſtens doch einen Freund habe, einen Freund, den ich liebe wie eine Schweſter! Und iſt das nicht viel, nicht un⸗ endlich dankenswerth? Ach, ſagte Carl leiſe, es iſt mehr, als ich je⸗ mals gehofft habe. Sie meine Schweſter! Sie wird ihn nie vergeſſen, ſie wird mich nie⸗ mals anders lieben, wie eine Schweſter, ſagte Carl leiſe zu ſich ſelber, als er am Abend dieſes Tages allein in ſeiner Kammer war. Ach und ich gäbe doch mein Leben darum, von ihr geliebt zu werden, nicht wie von einer Schweſter! Aber ich weiß wohl, daß dies unmöglich iſt! Wie könnte die ſchöne, herr⸗ liche Sophie den armen Carl lieben! Darum ruhig, ruhig, mein Herz! Ich darf ja doch ihr Freund ſein, und das iſt ſchon viel! Und heute, wie jeden Abend, nahm er Bleiſtift. und Papier, und bald ſtand in lebensvollen Zügen die Scene auf dem Papier, wo Bonaventura den Ring von Sophieens Finger ſtreifte, während ein zweites Blatt den Moment darſtellte, wo Sophie 76 den Ring zurück wies, den Carl ihr reichte. Beide Blätter waren nur leicht ſkizzirt, aber mit ſicherer, kunſtfertiger Hand leicht und doch kräftig, ausdrucks⸗ voll und anmuthig. Carl ſelbſt betrachtete ſie mit wehmüthiger Freude und ſeufzte: o warum kann ich kein Maler werden! Dann könnte ich Sophie doch malen in lebendigeren Farben und ganz wie ſie iſt! Dann würde ich ihr liebes Geſicht doch auch vor meinen Augen haben ſo hell und deutlich wie in meinem Herzen! VII. Das Liebesgeſtändniſs. Minna war allein in ihrem Zimmer. Ein Buch lag aufgeſchlagen vor ihr auf dem kleinen Tiſchchen; ſie ſchien zu leſen, denn den Kopf in die Hand ge⸗ ſtützt, blickte ſie unverwandt in das offene Buch; aber ihre Augen folgten nicht den Zeilen, und ſie wendete das Blatt nicht, um weiter zu leſen. Längſt ſchon waren ihre Gedanken abgeſchweiſt von der Lectüre, die vergeſſen vor ihr lag, und dieſe Ge⸗ danken ſchienen ganz eigener Art, denn ſie machten Minna bald ſeuſzen, bald lächein, ſie trieben ein flammendes Roth auf ihre Wangen, dem ſchnell eine tiefe Bläſſe folgte. Jetzt aber zuckte ſie zuſammen, und Purpurröthe bedeckte ihr Hals und Angeſicht, ihr Buſen wogte ſtürmiſch auf und ab, und athemlos, mit halb geöffnetem Munde ſaß ſie ſchweigend und lauſchend da. Nun ließen ſich draußen leichte Schritte vernehmen, die Thür ward geöffnet, und mit einem leiſen Freudenſchrei flog Minna empor und Victor entgegen. 78 Biſt Du endlich da, mein Bruder? Ich ſehe Dich endlich wieder, meine Minna! Oh welch' eine Marter waren dieſe drei Tage, die ich einſam, gefoltert von furchtbarem Kopfſchmerz, ganz überwältigt von dieſer läſtigſten aller Krank⸗ heiten, der abſcheulichen Grippe, auf meinem Zimmer zubringen mußte! Und haſt Du mein gedacht, mein Bruder? Minna, Du weißt es wohl, ich habe keine andern Gedanken, als an Dich allein, meine an⸗ gebetete, meine geliebte Schweſter. Und Du, komm, ſieh mir ins Auge, und nun ſage mir, haſt auch Du an mich gedacht? Immer, immer, Victor! Und das ſagſt Du mit ſo traurigem, melan⸗ choliſchem Ausdruck? Ich habe immer an Dich gedacht, Victor, aber dieſe Gedanken haben mich oft ſo trübe gemacht, ſie haben mir die Thränen in die Augen getrieben, und mein Herz klopfen gemacht bis zum Sterben, und doch war ich ſo glücklich, wenn ich an Dich dachte. Was iſt's aber, was mich traurig macht, während ich, Dein gedenkend, doch nichts empfinden ſollte als die reinſte, köſtlichſte Freude. Sage mir, was iſt das, was mein Herz beklemmt und es be⸗ drückt, wie ein tiefes Leid, oder das Gefühl der Sünde? Iſt es denn Unrecht Dich zu lieben, wie eine Schweſter, iſt es Unrecht, von Dir geliebt zu werden, wie ein Bruder? Victor führte Minna lächelnd zum Divan, der 79 mitten im Zimmer ſtand, und ſich auf das geſtckte Kiſſen zu ihren Füßen nieder ſetzend, blickte er mit leuchtenden Augen zu ihr auf. Höre mich an, meine Minna, ſagte er mit lei⸗ ſem Flüſtern, das Minna's Herz höher klopfen machte. Höre mich an, meine Minna! Aber erſt ſage mir, werden wir auch ungeſtört bleiben und allein? Ganz allein, Victor, ich habe Befehl gegeben, ieden Beſuch abzuweiſen. Gut, meine Geliebteſte! Warum nennſt Du mich ſo, Victor, das darf nicht ſein, ſagte ſie beklommen. Nenne mich Deine chweſter. Er ſchüttelte das Haupt und blickte mit einem unausſprechlichen Ausdruck zu ihr auf. Nein, ſagte er dann leiſe, ich nenne Dich nicht mehr meine Schweſter. Es wäre eine Lüge, denn unſre Herzen haben eine andere Sprache geſprochen, und wir wollen uns nicht länger ſelber täuſchen und belügen. Du willſt von mir wiſſen, Minna, was Dein Herz beklemmt, was Dir Thränen in die Augen treibt, und Dir den Athem verſetzt, wenn Du an mich denkſt, was Dich mit Schmerz und i Freude erfüllt. Soll ich Dir ſagen, was es iſt? Sie ſagte athemlos: Sage es mir! Er nahm ihre beiden Hände in die ſeinen, und mit flammenden, leuchtenden Blicken zu ihr auf⸗ ſchauend flüſterte er: der Grund iſt, daß Du mich liebſt, Minna, nicht wie einen Bruder, ſondern ſchö⸗ 80 ner, glühender! Du ſchauderſt, Geliebteſte, Deine Hände zittern in den meinen? Und warum, Theuerſte! Rein, ſchlage Deine Augen nicht nieder, blicke em⸗ por zu mir, erhebe den Blick zum Himmel, und laß uns Gott danken für die Liebe, denn die Liebe kommt von Gott! Oh, weine auch nicht, Theuerſte, lächle mir, denn mein Herz iſt voll himmliſcher Freude, und nun will ich Dir Alles ſagen, denn Dein Herz verſteht endlich das Meine, Dein Ge⸗ fühl hat endlich entſchieden für mich, und jetzt darf ich Dir Alles ſagen, was ich gelitten und erduldet habe durch Dich! Durch mich o mein Gott, durch mich, ſagte ſie tonlos. Ja, durch Dich, wiederholte er, und ſich leiſe; von ſeinem Sitz erhebend, ſetzte er ſich neben ſie, und legte einen Arm um ihre Geſtalt. Sie ſchauerte zuſammen und ihr Haupt ſank kraftlos auf ſeine Schulter. Ja, durch Dich, Minna, habe ich ge⸗ litten. Denn Minna, ſo lange ich Dich kenne, liebe ich Dich, ſo lange ich Dich kenne, verſchloß ich dieſe Liebe in meiner Bruſt, des Augenblicks gewärtig, wo endlich, endlich auch in Deinem Her⸗ zen dieſe Blüthe ſich entfalten, dies Geheimniß Dei⸗ ner ſelbſt ſich erſchließen ſollte. Denn was iſt die Liebe ohne Gegenliebe? Sie ſtirbt und verzehrt ſich in ſich ſelber und tödtet das Herz, in weichem ſie wohnt. Nur wenn zwei Flammen zuſammen ſchla gen zu Einer, und, ſich in einander auflöſend, Eins werden in Zweien, und alles Andere verzehren und 81 vernichten, alle Vergangenheit, alle Zukunft aus⸗ löſchen, und nichts wollen, denken und begehren, als die Gegenwart, nur dann, Minna, iſt die Liebe beglückend, nur dann iſt ſie wirklich Liebe. Und wie willſt Du, daß ich glücklich war, wenn ich Dich ſah, neben mir, und doch mir fern, ich Dir ganz zu Eigen gegeben, und Du doch nicht mein! Mein ganzes Weſen, mein ganzes Daſein ſich hindrängend zu Dir, und doch immer wieder zurückgeſtoßen von Deiner Ruhe und Kälte! O Minna, wie oft hoben ſich meine Arme, wie von ſelbſt Dich zu umſchlingen, Dich an meine Bruſt zu drücken, um in Dein Ohr zu flüſtern von meiner Leidenſchaft und meiner Gluth, von meinen Leiden und meinen Qualen, ach, und wenn ich dem ruhigen Blick Deines Auges be⸗ gegnete, Deine klare Stirn betrachtete, dann ſanken meine Arme zurück, und Alles ſchrie und jammerte in mir: ſie leidet nicht, alſo liebt ſie auch nicht! Ich habe dennoch gelitten, murmelte ſie wie unbewußt. Von nun an, ſagte er glühend, und zog ſie feſter an ſein Herz, von nun an, Minna, werden wir nicht mehr leiden, jetzt wiſſen wir, was wir uns ſind und daß wir uns lieben; und weißt Du auch, Du unſchuldiges Kind, weißt Du auch, daß Du bis jetzt noch nimmer geliebt haſt, weißt Du auch, daß ich Deine erſte Liebe bin? O dies Ent⸗ zücken, Deine erſte Liebe zu ſein! Komm, Holde, ſich mich an! Nein, erröthe nicht unter meinen Blicken. Errötheſt Du vor Scham, Minna, oder M. 6 82 iſt es das Glück, das Deine Wangen färbt? Du weißt es nicht! Ich will es Dir ſagen. Beides macht Dich erröthen: Das Glück, das Dein Herz höher klopfen macht, und die ahnungsvolle Scham, die ſich verhüllt bei dem Gedanken, daß Du nun mein biſt. Denn Du biſt mein, mit allen Fibern Deines Weſens, mit jedem Zucken Deines Lebens biſt Du mein, und weil dem ſo iſt, Geliebteſte, ſo werden wir nicht mehr leiden! Denn wenn ich die Arme ausbreite, Dich zu umfangen, ſo wirſt Du kommen, Dich an meine Bruſt zu legen, und wenn Deine Lippen ſich öffnen zu einem Seufzer, ſo werde ich da ſein, dieſen Seufzer der Sehnſucht von Dei⸗ nen Lippen zu küſſen, und wenn Du ſeufzeſt, ſo wird es nur ſein im Uebermaße des Glückes. O mein Gott, mein Gott, ich ſterbe! mur⸗ melte ſie, ganz überwältigt, ganz berauſcht von Victors Worten.— Dann ſchwiegen Beide, und eine ſüße, wolluſtvolle Stille trat ein, nur unter⸗ brochen von Minna's Seufzern, von ihrem leiſen Schluchzen, denn ſie weinte vor Angſt und Glück. — Und jetzt zog Victor ſie feſter an ſein Herz, und drückte einen Kuß auf ihre Lippen. War es ein Zauber, der nun ihre Arme hob, der ſie zwang, ihn feſt zu umſchlingen? Sie wußte nicht, wie's geſchah, aber ſie hielt ihn umſchlungen, ſie ruhete an ſeinem Herzen, ihre Ohren tranken ſeine Liebes⸗ worte, ihre Lippen erwiderten ſeine Küſſe. Aber plötzlich zuckte ſie zuſammen, und ein lauter, durchdringender Schrei tönte von ihren Lip⸗ — 83 pen; ſie machte ſich heftig aus Victors Armen los, und ſtarrte zitternd, angſtvoll in den hohen Spiegel ihr gegenüber. Jetzt war er leer, nichts war zu ſehen, und doch war es vor einer Minute, daß ihre irrenden Augen den Spiegel trafen, und da ſah ſie ſich in Victors Armen, und hinter ihnen geiſter⸗ bleich, mit dem Ausdruck des tiefſten Schmerzes er⸗ Le ſich das Angeſicht Ottos, das Angeſicht ihres atten. Sie flog zu der Thür, die dem Spiegel gegen⸗ über hinter dem Divan ſich befand. Die Thür war nur angelehnt, und Minna hatte ſelber ſie vor⸗ her zugedrückt. Es iſt alſo kein Traum, ſchrie ſie mit wil⸗ dem Wehelaut, und ſank wie vernichtet zur Erde.— Victor hatte erſtaunt und ſchweigend Minna's wunderlichem Treiben zugeſchaut. Jetzt, als ſie in lautes Weinen ausbrach, trat er zu ihr, und ſuchte ſie aufzurichten. Sie ſchreckte aber zuſam⸗ men vor ſeiner Berührung und ſchauderte in ſich. Minna, Geliebteſte, was iſt es, das Dich Pötzlich ſo bewegt, ſo außer Dich bringt? Willſt Du es mir nicht ſagen, mir, Deinem Geliebten? „ Sie flog empor, ihr Antlitz war marmorbleich, ihre ganze Geſtalt erbebte. Still, ziſchelte ſie, ſtill, Victor! Ich ſah ihn; in der Stunde der Gefahr erſchien vor mir das Antlitz deſſen, der auf Erden mich am treueſten und reinſten liebt, oh, und mit welchem Ausdruck unendlichen Wehes waren ſeine Augen auf mich gerichtet! 6* 84 Aber Du täuſcheſt Dich, Minna, Niemand war hier! Ich ſah ihn, und war's nun Traum oder Wirklichkeit, ſo war es doch ſein Antlitz, das mich beſchützte in der Stunde der Gefahr und der Sünde. Nein, ſprich nicht zu mir, Victor, ich darf Dich jetzt nicht hören. Lebe wohl, mein Bruder, ſagte ſie, die letzten Worte betonend, dann ging ſie raſch in das andere Gemach, das ſie hinter ſich verſchloß. Und das iſt nun der Ausgang einer Scene, von der ich mir ſo viel verſprach, murmelte Victor ingrimmig, als er langſam die Straße hinab ging. Das iſt nun das höchſt proſaiſche Ende eines höchſt poetiſchen Anfanges. Ach, aber wie reizend, wie holdſelig war Minna, als ſie in meinen Armen ruhte, und wahrhaftig etwas nie Geahntes und Erwartetes geſchah mir, denn ich empfand alles das wirklich, was ich ihr ſagte ich liebte ſie wirklich, und fühlte mich ganz beſeligt von ihrem Kuß. Nun das wäre in der That der Wunder größtes, wenn mein Herz noch einmal wieder lebendig würde! 5 VIII. Die polniſche Lürſtin. Seit Bonaventura's wieder erneuerter Bekannt⸗ ſchaft mit der Fürſtin Laſchuska ſah Sophie ihn ſehr wenig: die ganzen Abende verbrachte er bei der Für⸗ ſtin, und wenn er dann ſpät in der Nacht heimkehrte, hatte er für Sophie, die ohne zu klagen, ihn er⸗ wartete, kaum ein Wort der Begrüßung oder der Theilnahme. Anfangs weinte Sophie noch in der Stille über dieſe Härte und Liebloſigkeit, dann ge⸗ wöhnte ſie ſich, auch dies ſchweigend und geduldig hinzunehmen, und wenn nun auch ihre Augen thrä⸗ nenlos waren, ſo fehlte ihnen doch der Ausdruck der Freude und des Glückes, ſie waren trübe und glanz⸗ los.— Deſto heller und ſchöner aber blitzten die Augen der Fürſtin, und Bonaventura ſaß ſtunden⸗ lang zu ihren Füßen, und erzählte ihr ſinnige Mähr⸗ chen, die er behauptete in ihren Augen zu leſen; wenn ſie den Blick von ihm abwandte, dann ver⸗ ſtummte er plötzlich, und ſagte, das goldene Mähr⸗ chenbuch ſei zugeſchlagen, und er könne nicht weiter leſen, und dann, wenn die Fürſtin ihm hold lächelnd den Blick wieder zuwandte, fuhr er mit erneuerter Begeiſterung fort in ſeiner begonnenen Erzählung. Fürſtin Laſchuska war nicht unempfindlich gegen ſolche Huldigungen eines jungen ſchönen Dichters, und mit Schrecken ſah der Fürſt Rajienski und ihre übrigen Bewerber, daß ſie den Herrn Bonaventura von Ottersheim ſichtlich ihnen allen vorzog, und ihm oft ihre Thür offen war, wenn ſie allen Andern ver⸗ ſchloſſen blieb. Bonaventura allein durfte zugegen ſein, wenn die Fürſtin, vor der Pſyche ſitzend, ſich ihr langes ſchönes Haar flechten ließ; mit ihm be⸗ ſuchte ſie das Muſeum, und die Kunſtausſtellungen, und er durfte vor der Chaiſe longue ſitzen, auf wel⸗ cher ſie lag, wenn die Migraine, an der ſie viel zu leiden pflegte, ſie heimſuchte, und jedem Andern der Zutritt verſagt war. Fürſtin Laſchuska war eine Polin; ihrem jungen Gemahle war ſie nach einer Ehe von wenigen Wochen in dem verhängnißvollen Jahre 1830 als Soldat verkleidet, gefolgt in die Schlacht, an ihrer Seite war er gefallen, und ihr eigenes Roß hatte die geliebte Leiche unter ſeine Füße getreten. Jene entſetzliche Stunde hatte aber einen nimmer zu verlöſchenden Eindruck auf das Gemüth der jungen Frau gemacht, und als die lindernde Zeit den heißen Schmerz um den ſo früh verlornen Ge⸗ mahl gekühlt, flammte um ſo mächtiger in ihr der Haß gegen diejenigen, die Schuld an dem Tode ihres Gemahls, und die ſie die Tyrannen ihres ge⸗ 87 liebten Vaterlandes nannte. Sie weinte nicht mehr um den Gatten, denn ein Jahrzehnt des Verluſtes trocknet alle Thränen, aber ſie glühte, ihn zu rächen, und wenn die Polinnen bekanntlich diejenigen ſind, die den Untergang und die Bedrückung ihres Lan⸗ des am ſchmerzobllſten empfinden, ſo war dies bei der Fürſtin doppelt der Fall. Nicht ihr Vaterland blos, auch ihren Gemahl hatten die Sie⸗ ger ihr entriſſen, und wenn ſie auch den Verluſt und den Schmerz darüber vergeſſen konnte, ſo blieb doch der Haß und die Rache immer wach in ihr, und ihre Seele flammte nach der Befriedigung dieſer bei⸗ den Eigenſchaften, die ſie gern ihre Tugenden nannte. Fürſtin Laſchuska hatte eine feurige, leicht erregbare Seele, ein glühendes Herz und eine mächtige Phan⸗ taſie, und dies Alles machte ſie zu einer intereſſan⸗ ten, imponirenden Erſcheinung. Aber bei allen ihr geſpendeten Huldigungen, bei allen Triumphen, die ihrer Eitelkeit wohl ſchmeichelten, blieb doch ihr Herz kalt und ihre Seele unberührt, und wenn Fürſt Rajienski ſie der Graquſamkeit, der Gefühl⸗ loſigkeit anklagte, ſagte ſie mit ſtolzem, verächtlichem Lächeln: gehen Sie hin, Fürſt, ſaimmeln Sie un⸗ ſere in der ganzen Welt umher irrenden Brüder, und befreien Sie das zertretene Vaterland, dann will ich nicht blos Sie lieben, dann will ich Sie anbeten, und den Staub von Ihren Füßen küſſen! Wenn dann der Fürſt ihr zu beweiſen ſtrebte, wie unausführbar und unmböglich jetzt ein ſolches Be⸗ ginnen, ſo wandte ſie ihm ſtolz den Rücken, und 88 . ſagte: unmöglich iſt es nur, weil die Polen keine Männer und doch auch keine Polinnen ſind! Bonaventura allein ſchien den Jammer ihres ſtolzen, nach Freiheit dürſtenden Herzens zu verſtehen, und wenn ſie ihm alle ihre Schmerzen um das zer⸗ tretene Vaterland geklagt, dann pflegte ihn dies zu begeiſtern zu den exaltirteſten, freiſinnigſten Gedichten, die er dann der Fürſtin als ihr Werk, als durch ſie erweckt, zu Füßen legte. Wir Beide bedürfen einander, ſagte ſie heute zu ihm, als er ihr ein ſo eben verfaßtes Gedicht vorlas; wir beide bedürfen einander, Ottersheim, Sie verſtehen und begreifen meinen Schmerz und dieſes Verſtehen befeuert Ihre Begeiſterung. Ach, und wie könnte es auch anders ſein, fuhr ſie fort, ihre ſchönen Augen mit einem ſchwärmeriſchen Aus⸗ druck empor ſchlagend, haben wir doch Beide für die Freiheit gelitten, ſind wir doch Beide hinaus ge⸗ trieben in die Fremde. Fern von der Heimath müſ⸗ ſen wir umher irren und hinter uns laſſen alle die heiligen, geweiheten Stätten unſerer Kindheit und Jugendi Auf den Gräbern unſerer Theuerſten ſchreitet der rohe Sieger hohnlachend umher, und an der Stätte, wo unſere Wiege ſtand, ſpottet er unſeres Jammers und unſerer Klagen! Sehen Sie dort, fuhr ſie fort, auf ein Gemälde, das an der Wand hing, deutend, ſehen Sie, das iſt das Schloß meiner Väter. In demſelben wohnten ſeit Jahrhunderten die Fürſten Laſchuski, dorthin kehrten ſie zurück aus Kämpfen und Siegen, die ſie für ihr Vaterland ge⸗ — —— — 89 fochten und an dem heimathlichen Heerde hingen ſie den Lorbeer auf, den ſie gewonnen, und bei deſſen Anblick die erwachſenen Söhne ſich begeiſtert fühl⸗ ten, auch nach dem Heldenruhm zu ſtreben, wie ihre Väter. O wenn der Sieger, der ruhmgekrönte Feld⸗ herr, heim kam nach dem Schloß ſeiner Ahnen, da empfing ihn das Schmettern der Trompeten, der Jubel ſeiner Unterthanen, und auf dem Söller ſtand ſein glückliches Weib, mit Thränen in den Augen, ſtolz auf ihren Gemahl, ſtolz auf den Heldenſohn des geliebten Vaterlandes. Ach aber einmal, ſagte ſie mit leiſer, zitternder Stimme, einmal nahete ſich auch der rückkehrende Kämpfer dieſem Schloſſe ſeiner Ahnen, aber nur das dumpfe Geräuſch der Trommeln, nur Schluchzen und Klagegeſchrei ward gehört, und nicht ein glückſeliges Weib be⸗ grüßte vom Söller herab den heimkehrenden Sie⸗ ger, o, ein ſchmerzbeladenes Weib ging an der Seite der Bahre, auf welchem der Gemahl, bedeckt mit Wunden, ruhte; er war geſtorben auf dem Schlacht⸗ feld, aber nicht als Sieger, ſondern als Beſiegter. Der letzte Fürſt des Namens Laſchuski war der erſte Beſiegte. Sehen Sie dort neben dem Schloſſe jenes Kreuz, darunter ruht ſeine Leiche; dicht am Wege ließ ich ſie beſtatten, damit jeder vorüberziehende Pole ein Gebet für ihn ſpräche und ſich bei der Erinne⸗ rung ſeines Todes auch erinnern ließe an die Schmach ſeines Vaterlandes und an die Schlacht, in welcher es unterlag. Damit ſolche Erinnerung ihn auf⸗ 90 ſtachele zur Erbitterung gegen unſere Tyrannen, und zu neuem Kampf. O glichen alle Polen Ihnen, Fürſtin, ſagte Bonaventura, als ſie jetzt ſchwieg, dann würde Ihr Vaterland bald ein glückliches, freies Land, ein Pa⸗ radies auf Erden ſein, eine Zuflucht der Unterdrück⸗ ten aller andern Länder, eine Heimath der Heimath⸗ loſen, ein glorreiches Vorbild uns Allen, die wir zerdrückt ſind und zertreten. Dann würden auch wir kämpfen und ſiegen lernen, wir, die wir jetzt, gleich den Polen, umher irren in der Fremde, und uns verbergen müſſen vor den Augen der Späher und Häſcher, wir, deren Schritte ſtets bewacht, deren Worte ſorgſam belauſcht werden, wir, die wir ſelbſt vor unſern Dienern nicht ſicher ſind, daß ſie nicht erkauft ſind, uns zu beobachten! Armer Freund, ſagte die Fürſtin mitleidig, und iſt keine Hoffnung, daß dieſer Bann, der auf Ihnen laſtet, gelöſt werde? Keine! erwiederte er mit dumpfem Ton. Am herrlichen Comerſee, da liegt mein vereinſamtes Schloß, da liegen meine Güter, und die öſterreichiſche Regie⸗ rung nennt es ſchon gnädig, daß ſie mich, den ge⸗ fährlichen Carbonaro, nur verbannt hat aus ihren Staaten, und mir den Genuß und das Einkommen meiner Güter gelaſſen. Sie nennt es ſchon gnädig, daß ſie mich nur für immer ausgeſtoßen hat aus der Heimath, und bereut auch ſchon dieſe große Gnade, und möchte gern einen neuen Grund finden, mich zur Verantwortung zu ziehen, mich härter zu ſtrafen 91 halb umgiebt man mich mit Spähern und Spion und belauert jeden meiner Schritte. Mein Gott, rief die Fürſtin ganz erſchreckt, und Sie wagen es, ſo herrliche, freiſinnige Gedichte nicht blos zu ſchreiben, ſondern auch zu veröffentlichen? Bonaventura ſagte mit ernſtem, feierlichem Ton: und wollen Sie, daß ich, wie ein elender Feigling, ſchweigen ſoll um meines perſönlichen Vortheils, um meiner Sicherheit willen? Man hat mir verſagt, für die Freiheit zu kämpfen, aber man kann mir nicht verbieten, für dieſelbe zu ſprechen. Man hat die Völker mit ſyſtematiſchet Klugheit eingeſchläfert, aber man kann mir nicht verbieten, daß ich laut meine Stimme erhebe und die ſchlummernden Völ⸗ ker aufrufe zum Erwachen und zum Kampf fü ihre zertretenen Menſchenrechte. Dies iſt leider Alles, was ich jetzt thun kann, und wenig, wie es iſt, darf ich doch dies Wenige und Geringe nicht unterlaſſen, und müßte ich ſelbſt mit meinem Blute dafür büßen. O Sie ſind ein edler Menſch, rief die Fürſtin mit ſtrahlenden Augen, Sie ſind ein Mann, ach und es iſt ſo ſelten, daß man unter all' dieſen Sclaven einmal einem Manne begegnet. Aber wiſſen Sie, fuhr ſie mit holdem Lächeln fort, daß auch der Um⸗ gang mit mir Ihnen gefährlich iſt und Ihnen ſchaden wird bei denen, die ſich ihre Regierung nennen? Man weiß, daß ich zu den ſogenannten Revolutio⸗ nairen gehöre, daß bei mir der Mittelpunkt und und der Mittel meiner Exiſtenz zu berauben. Des⸗ 92 Sammelplatz aller treuen Polen iſt, und man wird es ſchwer an Ihnen rügen, mein Freund zu ſein. Und iſt dies nicht mein herrlichſtes Glück, rief Bonaventura begeiſtert aus, iſt dies nicht eine Him⸗ melswonne, Ihr Freund zu ſein, von Ihren holden Lippen dies Wort: mein Freund! zu hören? O Fürſtin, wiſſen Sie es nicht, daß ich tauſend Tode ſterben möchte, um nur einmal, einmal von Ihren Lippen ein herrliches, himmliſcheres Wort zu hören? Ein Wort, das mich zu dem Seligſten der Sterb⸗ lichen, das mich zu einem Gott erheben würde? Er war, während er ſo ſprach, vor ihr nieder⸗ geſunken, und blickte flehend zu ihr empor. Sie legte lächelnd ihre Hand über ſeine glühenden Augen, und fragte: und welches Wort iſt dies, mein Dichter? Er zog dieſe Hand an ſeine Lippen und bedeckte ſie mit ſeinen Küſſen. Fürſtin, wiſſen Sie nicht, welches Wort mein glühendes, ſehnendes Herz be⸗ gehrt von Ihren Lippen zu hören? Nur, wenn Sie es errathen, wenn es aus Ihrem Munde mir er⸗ tönt, nur dann kann es mich beſeligen; es iſt aber nur ein todter, leerer Schall, wenn ich es Ihnen erſt ſagen muß! Mein Freund, ſagte die Fürſtin aufſtehend, die Zeit reift Vieles, laſſen wir ſie auch die Blüthe zei⸗ tigen und reifen, die jetzt noch als ſüßes Geheimniß in unſeri Buſen ſchlummert. Es iſt füß, dem Wer⸗ denden zu lauſchen, und dem Entfalten der zarten, geheimnißvollen Knospe zuzuſchauen mit ſchweigender Begeiſterung. Wenn der werdende Schmetterling 93 ſeine Flügel entrollt und eine rauhe Hand ihn be⸗ rührt, bleibt er ein Krüppel und hat nicht mehr die Kraft, ſeine Flügel zu entfalten; auch die Liebe darf nicht in ihrem heiligen Wachsthum geſtört werden, laſſen wir ihr Zeit, in geheimnißvoller Stille ihre Götterflügel zu entfalten. Bonaventura, fuhr ſie fort, die Arme begeiſtert gen Himmel erhebend, Bo⸗ naventura, wenn einſt dort am Himmel die Sonne der Freiheit leuchtet, wenn ſie leuchtet über Ihrem einſamen Schloß am Comerſee, und über meinem Schloſſe im geliebten Vaterlande, in dem jetzt meine Feinde, die Feinde Polens, hauſen, Bonaventura, wenn dieſer Tag gekommen, und Alles licht iſt und u und keine Knechtſchaft und keine Sclaverei mehr, ann— Dann? fragte Bonaventura, noch immer vor ihr knieend. Dann, ſagte ſie mit einem ſchelmiſchen Lächeln, dann will ich Sie nicht mehr meinen Freund nen⸗ nen. Aber jetzt ſtehen Sie auf; ſchnell, wir wollen hinaus in's Freie! Die Luft iſt hier ſo eng und beklommen, als hätten meine Freunde, die Ruſſen, ſie her geſchickt. Ich muß Luft haben! Kommen Sie, wir wollen reiten! Schellen Sie, und befehlen Sie meinen Dienern, die Pferde zu ſatteln! Ich gehe indeß mich anzukleiden. IX. Die Perlobung. Mit bitterm Schmerzgefühl ſah Carl, wie allge⸗ mach Sophieens Wangen erbleichten, der Glanz ihrer Augen erloſch, und ihre zarte, ſchöne Geſtalt zu⸗ ſammen fiel. Ach, ſeufzte er oft leiſe, ich, der ich mein Herzblut für ſie hingeben möchte, kann nicht einmal ihre Thränen trocknen und ihre Leiden mil⸗ dern. O mein Gott, könnte ich doch auf Bona⸗ ventura alle meine Liebe übertragen, könnte er ſie doch lieben, wie ich ſie liebe, dann würde ſie doch mindeſtens glücklich ſein! Aber nun gehört ihr mein Herz ganz umſonſt, und ohne Nutzen für ſie, ach und wie traurig iſt das! Iſt es mir doch oft, als müßte ich in lautes Weinen ausbrechen, wenn ich ſie ſehe, ſo ſtill und ergeben, niemals klagend, nie⸗ mals ſich beſchwerend, und dann muß ich alle meine Thränen und meinen Jammer verſchlucken, denn ſie würde mich von ſich ſchicken, wenn ſie wüßte, daß ———— 95 ich um ſie leide, und ſie iſt viel zu ſtolz, um das Mitleid Anderer zu wollen. So duldete Carl heldenmüthig und ſchweigend neben der duldenden Sophie, deren bleiche Lippen nur dann ein leiſes Lächeln umzog, wenn Carl, ihr Freund und Vertrauter, zu ihr kam. Was ſollte wohl aus mir werden, ſagte ſie ihm einmal, wenn ich Sie verlieren müßte, mein Freund, mein Bruder! Und als ſie ihm, ſo ſprechend, ihre ſchmale, abgezehrte Hand hinreichte, und die ſeine liebevoll drückte, fühlte Carl ſich entſchädigt für Alles, was er gelitten, und geſtärkt zu neuen Entſagungen und zu neuem Schweigen. So vergingen die Tage, und Sophieens Ge⸗ ſundheit nahm ſichtlich ab; auf ihren Wangen, die bis jetzt ſo bleich geweſen, zeigte ſich ſchon jener rothe, dunkle Fleck, das verrätheriſche Zeichen lang verſchwiegener Leiden und erduldeter Schmerzen, und ihr Athem ging oft laut und ſchwer, wie lau⸗ tes Aechzen aus ihrer Bruſt hervor. Es geht nicht länger, daß Sie arbeiten, So⸗ phie, fagte Carl mit Thränen in den Augen, als er ſie eines Tages emſig bei einer mühſamen Arbeit beſchäftigt fand. Sie müſſen ſich Erholung gönnen. Sie müſſen ſich zerſtreuen. Zerſtreuen, ſagte ſie leiſe, für Unglückliche giebt es keine Zerſtreuung. Aber Sie tödten ſich, wenn Sie fortfahren, ſo ewig zu arbeiten, nie zu ruhen, rief Carl verzweif⸗ lungsvoll. 96 O ſterben, ſagte ſie gedankenvoll, das wäre ſchön! Dann gäbe es keine Leiden mehr. Sterben! wie ſüß klingt dieſes Wort! Mein Gott, ſie will alſo ſterben, murmelte Carl mit ſtrömenden Thränen. Es giebt alſo nichts mehr, was Werth für ſie hat, nichts als den Tod! — Und das Haupt auf ſeine Bruſt ſenkend, ſchluchzte er laut. So ſaßen ſie neben einander, beide leidend, beide weinend, beide ohne Troſt. Aber Sophie trocknete bald ihre Thränen, ſie war ſchon ſo leidensſtark, daß ſie die äußern Zei⸗ chen des Kummers zu unterdrücken und zu ſchwei⸗ gen vermochte, um dem Freunde nicht Schmerzen zu bereiten. Weinen Sie nicht, Carl, ſagte ſie mit einem matten Lächeln, ſehen Sie, ich bin ſchon wieder ruhig, und wenn ich vorhin vom Sterben ſprach, ſo war es ja nur, weil Sie davon angefangen hat⸗ ten; ſonſt, gewiß, ſonſt denke ich gar nicht an den Tod; ich habe ja gar nicht die Zeit dazu, denn das Leben nimmt alle meine Gedanken gefangen. Sie weinen noch immer! Ach wie unglücklich und be⸗ klagenswerth muß ich ſein, wenn ich ſelbſt meine Freunde weinen mache! Sofort trocknete Carl ſeine Thränen und ver⸗ ſuchte heiter zu blicken. Es könnte noch Alles gut werden und ſchön, ſagte er leiſe, wenn Sie ſich nur ſchonen wollten, Sophie, und nicht arbeiten bis tief in die Nacht hinein! 972 Bonaventura bedarf immer des Geldes ſie mit einem wehmüthigen Zucken um die Lippen, und er iſt troſtlos und in Verzwei wenn ich nichts habe, was ich ihm geben kann. Carl wagte nicht, etwas zu erwidern, denn Sophie litt es niemals, daß Bonaventura ange⸗ griffen ward. Sie ſchwiegen lange, dann ſagte Carl mit bittendem Ton: wenn Sie nur wenigſtens zuweilen hinaus gehen wollten an die friſche Luft, um ſich zu ſtärken und zu erquicken. 66 Ach, ſeufzte ſie leiſe, das würde mir vielleicht wohl thun! Ich ſehne mich oft ſo ſehr hinaus aus dieſer kleinen engen Stube. Es ſind nun drei Wochen, ſeit Bonaventura zum letzten Male Abends mit mir ſpazieren ging. Und ſo lange ſind Sie nicht aus dieſem Zim⸗ mer gekommen? Sophie nickte ſtumm, und verſuchte zu lächeln, aber ihre Augen füllten ſich mit Thränen. Sophie, ſagte Cark dringend, Sophie, wenn es wirklich wahr iſt, daß Sie Theilnahme für mich haben, daß Sie mir eine Freude gewähren möchten, ſo zeigen Sie es jetzt! Gewähren Sie mir dieſe einzige Bitte, laſſen Sie mich mit Ihnen hinaus⸗ fuhren in's Freie. Die Luft iſt heute ſchön und erquicklich, die Sonne glitzert ſo köſtlich auf dem weißen Schnee, gönnen Sie mir doch die Freude, Sophie, Sie hinaus zu führen an die Luft. Ich möchte es gern, ſeufzte ſie leiſe, aber Bo⸗ naventura würde ſchelten. i Ach denken Sie doch einmal auch an ſich, bat 7 7 98 faſt ungeduldig, haben Sie doch endlich ein⸗ nal einen Willen, theuerſte Sophie. Es zerreißt das Herz, wenn ich Sie ſo bleich und leidend ſehe. O Gott, was ſagt man denn nur, um Sie zu rühren? fragte er ganz verzweiflungsvoll. Was giebt es denn für Worte, die Eindruck auf Sie machen? Eer ſah ſo leidend und unglücklich aus, daß Sophie das tiefſte Mitleiden fühlte. Wohlan, mein Freund, ſagte ſie, ihm die Hand reichend, wir wol⸗ len hinaus in's Freie! Urtheilen Sie, wie gut ich Ihnen bin, wenn ich es ſogar wage, gegen Bona⸗ dentura's Willen zu handeln. Carl war außer ſich vor Freude und eille fort, ſogleich eine Droſchke zu holen, während Sophie ihren kümmerlichen, unſcheinbaren Anzug ordnete. Sie fuhren hinaus in den Thiergarten, und Carl ſah mit innerm Entzücken, wie die reine, friſche Winterluft Sophieens Wangen mit einem lebendi⸗ geren Roth überhauchte. Plötzlich aber fuhr ſie mit einem leiſen Schrei in die Ecke des Wagens zurück, und Todtenbläſſe bedeckte ihr Geſicht.— Ihnen ent⸗ gegen, von der andern Seite der Chauſſee, kam eine glänzende Equipage daher; in derſelben ſaßen, vor⸗ nehm zurück gelehnt, zwei Herren. Sophie erkannte ſie wohl, es war Herr Blitz, ihr Bruder, und der Graf Gelpech, um deſſentwillen ſie mit Bonaven⸗ tura entflohen war. Laſſen Sie uns nach Hauſe fahren, ſagte ſie zitternd, ich glaube zu ſterben vor Scham, als mein Bruder mich mit ſeinem höhni⸗ 99 ſchen Lächeln anblickte. O Gott, wie kon vergeſſen, daß ich, mit Schande und Schmach be laden, die Blicke der Menſchen fliehen muß, und mich verbergen vor ihrem Anſchauen! O wie Recht hatte Bonaventura, mir das Ausgehen zu unter⸗ ſagen! Er wußte wohl, welche Schmerzen mir be⸗ vorſtanden! Nach Hauſe! Nach Hauſe! Es iſt alſo unmöglich, Ihnen Linderung zu verſchaffen! ſagte Carl verzweiflungsvoll, und e fuhren wieder zurück nach Sophieens Wohnung. Mein Gott, ſagte indeß Graf Gelpech zu Herrn Blitz, als ſie an Sophieen vorüber fuhren, wenn es nicht ganz unglaublich und unmöglich wäre, beſter Freund, ſo meinte ich in der Droſchke eben wunderſchöne Schweſter Sophie erkannt zu aben. Ja, es war wirklich eine erſtaunenswerthe Aehnlichteit ſagte Herr Blitz mit anſcheinender Ruhe, während in ihm ein furchtbarer Zorn tobte, da er Sophieen ſogleich erkannt hatte. Aber Sie begrei⸗ fen auch, liebſter Graf, daß es nur eine Aehnlichkeit ſein kann, da meine Schweſter mit einem Lord nach England entflohen iſt, und nicht mit einem Brief⸗ träger nach Charlottenburg. Es war ja wohl ein Briefträger, der neben ihr ſaß? Oder glauben Sie, daß meine Schweſter fähig geweſen, mit einem Brief⸗ träger zu entfliehen? Meine Schweſter, eine Blitz, mit einem gemeinen Menſchen O, Sie wiſſen, daß das unmöglich iſt, ſo kann mich meine Schweſter nicht täuſchen! 78 100 wenn nun doch, Beſter, ſagte der Graf einem pfiffigen Lächeln, wenn nun doch! Wenn Ihre kluge Schweſter, die Ihre ſehr begründete Vor⸗ liebe für Namen und Titel kannte, um Ihren Zorn zu entwaffnen, Ihnen als ihren Entführer lieber einen Lord, als einen Briefträger, oder ſonſt der⸗ gleichen genannt hätte! Wenn Sie gasbt hätte, der Lordötitel würde Sie verſöhnen, ut Sie wür⸗ den in großmüthiger, brüderlicher Liebe ihr reiche, hochzeitliche Geſchenke nachſenden? Ich muß Ihnen geſtehen, man ſpricht allerlei, und der engliſche Ge⸗ ſandte, den ich geſtern nach dem Lord Kilkirg, Ihrem ſchwägerlichen Entführer, fragte, behaup⸗ tete, in ganz Britannien, gäbe es keinen Lord dieſes Namens! Es wäre fürchterlich, wenn man wich hinter⸗ gangen hätte, rief Herr Blitz mit fingirtem Zorn. Allerdings, fürchterlich, betheuerte der Graf lachend, und was würde die Räthin von Stein da⸗ zu ſagen, Ihre feierliche Verlobte? Ja, ja, ſchüt⸗ teln Sie nur den Kopf! Ich habe doch Recht! Die ganze Stadt ſpricht davon! Es iſt in der That läſtig, ſagte Herr Blitz achſelzuckend, fortgeſetzt der Gegenſtand der allge⸗ meinen Aufmerkſamkeit zu ſein und ſtets von ſich ſprechen zu machen, man handle ſo oder ſo! Was hat die Stadt ſich um meine Herzensangelegenheiten zu kümmern! Wer groß iſt, ſagte Graf Gelpech lachend, muß auch die Folgen ſeiner Größe tragen. Der Kleine, 101 Unbedeutende verſchwindet in der Menge, der Große, Bedeutende ragt über die Menge hinaus, und aller Augen ſchauen nach ihm.. Sie ſind ſehr gütig, ſagte Herr Blitz, ver⸗ ſchämt ſich verbeugend, und der Graf biß die Lippen zuſammen, um nicht zu lachen. Als Herr Blitz den Grafen Gelpech vor ſei⸗ ner Wohnung abgeſetzt hatte und nun allein im Wagen ſaß, ließ er ſeinem Zorn freien Lauf, und zwiſchen den zuſammen gepreßten Zähnen hervor murmelte er wilde Flüche und Verwünſchungen auf Sophie und Bonaventura. Doch der Wagen hielt, und er war vor der Wohnung der Frau von Stein, wohin er zu fahren befohlen, ange⸗ langt. Sofort glättete ſich ſein Geſicht, und ſeine Lippen, von denen ſo eben noch Flüche ertönt, umſpielte jetzt ein ſüßliches Lächeln, als er die n hinan ſchritt und die Gemächer der Räthin etrat. Mein Gott, theuerſter Freund, rief ihm die Räthin entgegen, wie echauffirt Sie ausſehen, und wie Ihre Wangen glühen! Es iſt Ihnen doch nichts widerfahren? Herr Blitz drückte ſtatt aller andern Antwort ihre Hand an ſeine Lippen. Dann ſagte er: Eu⸗ doxia, ich kann dies Leben nicht mehr ertragen, und mein Glück zerſprengt mir die Bruſt, wenn ich es nicht der ganzen Welt zeigen darf, Wil⸗ ligen Sie ein, unſere Verlobung zu publiciren, und ich bezahle morgen früh die tauſend Thaler, 102 um die Sie mich gebeten. Mein Gott, warum wollen wir denn warten, bis aus Wien ein Adels⸗ diplom für mich eingetroffen, wozu bedarf ein rei⸗ cher Mann, wie ich, der Titel und Würden! Reich⸗ thum iſt der beſte Titel. Publiciren Sie immerhin unſere Verlobung, ſagte die Räthin, die heute hiel zu leiden gehabt von den groben Mahnungen ihrer Gläubiger, ich habe nichts dagegen, wenn die ganze Welt unſer Glück kennt! Aber lieber wäre es mir, wenn ich die tauſend Thaler heute ſchon erhaiten könnte. Unmnöglich, theure Eudoria, morgen Vormit⸗ tag werden Karten geſchickt, und morgen Nachmit⸗ tag empfangen Sie das Geld Es ſoll mein Braut⸗ geſchenk für Sie ſein, theure Verlobte— Und jetzt, ſagte Herr Blitz vergnügt zu ſich ſelber, als er von der Räthin heimfuhr, jetzt mag Herr Bonaventura, oder Fritz, immerhin thun, was er will. Ich bedarf keines Lords zum Schwager, denn ich habe eine Räthin zur Brant, und über⸗ dies ſpare ich noch ſechshundert Thaler bei dieſem Geſchäft, denn da Sophie mir im Thiergarten be⸗ gegnete, iſt unſer Contract gebrochen, und er erhält von mir nicht einen Groſchen.— Zu Hauſe angelangt, ſetzte er ſich ſofort hin, an Bonaventura zu ſchreiben und ihm anzuzeigen, daß er ihm jetzt keinen Groſchen zahlen würde. Xl. Die Enttäuſchung. Ganz erhitzt von dem Spazierritt mit der Für⸗ ſtin kehrte Bonaventura heim in Sophieens ärmliche Wohnung, und warf ſich, ohne ſie zu begrüßen, un⸗ muthig auf einen Seſſel. Er war in ſehr aufge⸗ regter Stimmung, und es hätte nur eines kleinen Anſtoßes bedurft, um dieſe zum Ausbruch zu brin⸗ gen. Aber Sophie kannte ihn ſchon genugſam, um in ſeinem Antlitz dieſe innere Verſtimmung zu leſen, und ſie ſaß daher ſchweigend und ſelbſt vermeidend Bonaventura anzuſehen. An Bonaventura's Aufge⸗ regtheit aber trug Fürſtin Laſchuska die Schuld, oder vielmehr ſeine Armuth. Morgen war der Fürſtin Namenstag, ſie hatte es ihm ſelber geſagt, und er wußte, daß ſie von ihm irgend eine zarte Aufmerk⸗ ſamkeit erwarte, er wußte auch, daß Fürſt Ra⸗ jienski nicht verſäumen würde dieſen Tag zu ver⸗ herrlichen, und ſo fühlte er ſich doppelt ange⸗ 104 gt ſich als ſinniger und freigebiger Verehrer zu eigen. Natürlich ein Gedicht muß gemacht werden, dachte er, und das iſt auch eine Kleinigkeit, die Frage iſt aber nur, wie und worin ich es ihr überreichen ſoll. Es muß ein eben ſo elegantes, als einfaches Geſchenk ſein, nichts Koſtbares, aber nobel, eben ſo eſchmackvoll als ſinnig. Aber mein Gott, wovon ſou ich es kaufen? Sophie, fragte er laut, haſt Du denn gar kein Geld mehr? Nein, ſagte ſie ſchüchtern, ich gab Dir geſtern, was ich ich in dieſen Tagen eingenommen. Pah, dieſe elenden Dreier! Dafür ſich die ganze Woche zu zerarbeiten. Es iſt faſt komiſch! und haſt Du kein Geld mehr? fragte ſie theil⸗ nehmend. Was kümmert es Dich; fragte er auffahrend, oder willſt Du etwa Rechenſchaft darüber verlangen, was ich treibe und thue? O nein, gewiß nicht, Bonaventura, es thut mir nur leid, Dich etwas entbehren zu ſehen. Etwas, riecf er, ich entbehre nicht Etwas, ich entbehre Alles, Freiheit, Glück Freude, Reichthum, Alles. O mein Gott, wie lange wird dies noch dauern. Wie lange ſoll ich noch ein Sclave ſein dieſer Verhältniſſe? Ja, ſeufzte Sophie, dieſe Verhältniſſe ſind ent⸗ ſetzlich! Wie lange werden wir uns noch verbergen müſſen vor der Welt. Faſt ſchon ſind es drei Mo⸗ nate, daß wir hier leben!— tſ 105 Drei Monate, rief Bonaventura mit freudigem Ton, ſchon drei Monate, o dann ſei Gott gelobt! Sie ſah ihn erſtaunt und fragend an, denn ſie verſtand ihn nicht. Nur noch vier Wochen, und Alles iſt gut, fuhr Bonaventura, wie mit ſich ſelber ſprechend fort. Vier Wochen, und alle Noth hat ein Ende, u. frei wie der Vogel will ich— Ein Klopfen an der Thür unterbrach ihn So⸗ phie ging, um zu öffnen. Ein Diener übergab ihr einen Brief, und entfernte ſich dann ſchweigend. So⸗ phie ſagte bleich und zitternd: es war ein Diener meines Bruders, ich erkannte die Livrey. Mein Gott, was kann der uns zu ſchreiben haben! Gieb her den Brief, rief Bonaventura ganz frendig, und entriß Sophieen den Brief, vielleicht daß Blitz großmüthig iſt und— Er erbrach das Schreiben mit eiligen Händen und las; plötzlich aber verzerrte die fürchterlichſte Wuth ſeine Züge, er ſtampfte mit den Füßen und wilde Flüche tönten von ſeinen Lippen. Dann ſtürzte er mit funkelnden Augen auf Sophieen los, und ihren Arm packend ſchrie er: iſt das wahr? Ant⸗ worte mir, elendes Geſchöpf, iſt das wahr? Du biſt im Thiergarten geweſen mit Carl? Antworte mir, ſage ich! Ja, es iſt wahr, aber Bonaventura— Es iſt wahr, ſchrie zr überlaut, ſie iſt frech ge⸗ nug, es nicht zu leugnen! Bonaventura, Du zerguetſcheſt mir den Arm! 106 Das will ich auch, zerquetſchen will ich Dich, rief er, die Zähne feſt auf einander preſſend, grim⸗ mige Schmerzen will ich Dir bereiten, Du haſt es verdient, elendes Geſchöpf. Und er preßte ihren Arm, daß ſie laut auf⸗ ſchrie vor Schmerz, und zu ſeinen Füßen zuſammen ſank. Bonaventura brach in lautes, höhniſches Lachen aus, und rief dann wild: ſtehe auf, ich befehle es i Mein Gott, mein Gott, wimmerte ſie leiſe, was habe ich denn gethan? Was Du gethan haſt? Ich will es Dir ſagen, ſchrie er wild. Du biſt entlaufen aus dem Hauſe Deines Bruders, wie eine gemeine Dirne, und haſt in ſüßer Gemeinſchaft mit mir gelebt, bis ich Deiner überdrüſſig geworden; dann haſt Du Dir einen zweiten Liebhaber angeſchafft, dieſen ganz gemeinen Briefträger Carl, und mit dieſem haſt Du, wenn ich den Rücken wandte, Dich umher getrieben an Vergnügungsorten. Bonaventura, Du läſterſt mich; ſagte ſie, ſtolz ſich aufrichtend, dies ſind elende Verläumdungen! Nein, das ſind ſie nicht, rief er mit dem Fuße ſtampfend. Oder meinſt Du etwa, ich wäre ſo dumm geweſen, dies nicht zu bemerken? O nein, ich wußte es wohl, aber ich ſchwieg, weil es in meinen Plan paßte. Ich hatte auch meinen Plan, und während Du meinteſt, mit dieſem Herrn Carl mich anzufüh⸗ ren, habe ich meinerſeits Dich auch angeführt. Cha- neun son tour! 107 Was ſagſt Du da, Bonaventura? Daß ich nicht Dein Narr war, ſchrie er, als ich mit Dir floh! Daß es mir ganz gleichgültig iſt, ob Du mit einem Briefträger, oder mit einem Ecken⸗ ſteher eine Liebſchaft haſt, vorausgeſetzt, daß Du mir nicht hindernd in den Weg trittſt. O dies war Alles ſo gut eingeleitet, ſo gut geordnet, und nun muß dies Geſchöpf mir Alles zerſtören. Bonaventura, ſagte ſie todesbleich, aber mit edler Würde, erkläre mir, was ich gethan, Deinen Zorn zu erregen; was für Plane hatteſt Du mit mir, die nun zerſtört ſind? Sage es mir, ich will es wiſſen. Du ſollſt es auch wiſſen, rief er ingrimmig. Du ſollſt es wiſſen, daß ich nicht ein ſolcher Narr war, an nichts als an Liebe zu denken, als ich mit Dir floh, o nein, ich dachte dabei ganz gut an den Reichthum Deines Bruders. O Himmel, er liebte mich alſo nicht, jammerte ſie leiſe. Das ſchmerzt Dich, fragte er höhniſch. O, das freut mich, denn Du haſt es verdient zu leiden. Höre mich alſo weiter! Du weißt, daß ich nach dem Morgen unſerer Flucht zu Deinem Bruder ging; aber Du weißt nicht, was ich mit ihm verabredete. O, Dein Bruder iſt ein kluger Mann, und er bot mir fünfhundert Thaler, wenn ich unſ're Flucht als ſi Geheimniß bewahren wollte, vier Monate ang. Hör' auf, hör' auf, flehete Sophie ſchaudernd, ſage mir nic iter, ich will nichts weiter wiſſen! 108 Du ſollſt aber, ſagte er ingrimmig, Du ſollſt Alles hören; fünfhundert Thaler ſchienen mir zu wenig, und Dein Bruder verſprach mir noch hundert Thaler mehr, wenn ich Niemanden unſer Verhältniß verriethe, ſondern alle Welt beſtärkte in dem Gerüchte, das er, Dein vornehmer Herr Bruder, ausgeſtreut, und das glauben machte, Du ſeieſt mit einem reichen Lord nach England geflohen. Wenn ich dies Ge⸗ heimniß vier Monate bewahrte, ſo waren ſechshun— dert Thaler mein, und Dein Bruder nahm Dich wie⸗ der zu ſich als junge, ſchnell verwittwete Lady. Er hatte einen Contract darüber aufgeſetzt, den ſollte ich unterſchreiben. Du unterſchriebſt ihn nicht, ſchrie Sophie angſt⸗ voll und bebend, ſage, daß Du ihn nicht unter⸗ ſchriebſt! Sage es aus Mitleid wenigſtens! Ich unterſchrieb ihn, ſagte er mit rauhem Lachen. Deshalb, mein einfältiges girrendes Täubchen, wollte ich nicht haben, daß Monſieur Carl hierher käme, deshalb ſollteſt Du nicht ohne mich ausgehen, des⸗ halb hütete ich Dich wie meinen Augapfel, und nicht, wie Bu eitel genug warſt zu glauben, o nein, nicht aus Eiferſucht! Und jetzt haſt Du mich um dieſe ſechshundert Thaler gebracht, jetzt biſt Du Schuld, daß ich dies wohl verdiente Geld verliere, denn Dein Bruder hat Dich im Thiergarten mit Carl fahren ſchen, und ſchreibt mir, daß er nun mir keinen Heller zahlen wird. Es iſt unmöglich, es kann nic Ee ſein, rief So⸗ phie mit Jammertvn. 109 Ja, es iſt, es kann ſein! ſchrie er ingrimmig. Da, lies, da iſt der zerriſſene Contract, da lies, daß ich ihn unterſchrieben habe! Er warf ihr das Papier in's Geſicht und griff dann nach ſeinem Hut. Da, delectire Dich recht bei der Lectüre, ſagte er hohnlachend, ich will Dich nicht ſtören. Er ſtürmte zum Zimmer hinaus, und So⸗ phie war jetzt allein.— Sie entfaltete mit convul⸗ ſiviſch zitternden Händen das verhängnißvolle Blatt und las. Verkauft, ich bin verkauft, ſchrie ſie dann mit lautem Jammerton, und ſank kraftlos, ohnmächtig zuſammen. So lag ſie lange, beſinnungslos, ohne Leben, und auf kurze Momente wenigſtens nahm eine milde Ohnmacht ihr das Bewußtſein ihrer Leiden. Aber ach, das Erwachen, das Bewußtſein, es kehrte nit allen ſeinen Qualen und Martern Sophieen wie⸗ der. Sie blickte im Zimmer umher, und als ihre Augen auf das Papier fielen, das am Boden neben ihr lag, zuckte ſie zuſammen. Verkauft, murmelte ſie, wie mechaniſch, er hat mich verkauft! Dann erhob ſie ſich langſam, und wie ſie ſo da ſtand todesbleich und zitternd, das Haupt auf ihre Bruſt geſenkt, glich ſie einer vom Sturmwind geſchüttelten und zerwühlten Lilie; und war nicht die Qual gleich einem Sturmwind über ſie hingefahren und hatte alle Blüthen ihres Glückes entblättert? Fort, fort von hier, ſchrie ſie dann mit ver⸗ ſtörten, wilden Blicken, ich kann hier nicht länger bleiben, nicht ine Stunde länger. Er könnte wie⸗ der kommen, o ich kann ihn nicht noch einmal ſehen. Ich kann nicht. Mir graut vor ihm! O, er würde mich mit Gewalt zu meinem Bruder ſchleppen, für ſechshundert Thaler ſchleppt er mich in die Hölle ſelbſt, warum nicht zu meinem Bruder! O ich muß fort, fort von hier! Sie war ganz außer ſich, ganz ſinnverwirrt, und ohne zu wiſſen, was ſie that, ganz mechaniſch, hüllte ſie ſich in ihren Mantel, und lief, wie von Todesangſt getrieben, hinunter auf die Straße. Es war ihr, als hörte ſie Bonaventura hinter ſich rufen, als ſchrieen tauſend und tauſend Stimmen ihren Namen, als verfolge man ſie, und ſie rannte weiter, immer weiter die Straße hinauf. Sie kam in be⸗ lebtere Gegenden, und lief weiter, und immer weiter, und achtete es nicht, daß die Menſchen verwundert ſtehen blieben, und ihr nachblickten, und hörte nicht, wie die Männer laut unter einander ſcherzten über ihre raſende Eile, und ſie fragten: geht ſie zu einem Rendez⸗vous? Läuft ſie ihrem Liebſten nach? Sie hörte nichts, ſie ſah nichts, ſie hatte nur die namenloſeſte, furtchbarſte Angſt, ſie dachte nur immer, ich muß fort, fort, weit weg, wo er mich nicht finden kann. So lief ſie, athemlos, keuchend die Linden hinunter, ihr Kopf ſchwindelte es dun⸗ kelte vor ihren Augen, und in ihrer Bruſt ſtach es wie Meſſerſtiche. O mein Gott, mein Gott, ächzte ſie, ich kann nicht weiter. Er wird mich finden! Er wird mich verkaufen! 5 Da faßte plötzlich eine kräfti ihren Arm, 17 und eine liebe Stimme fragte: Sophie, wohin wollen Sie ſo eilig? Carl, ſchrie ſie, o nun bin ich gerettet! Und ſich an ihn anklammernd, ihn mit irren Blicken an⸗ ſehend, ſagte ſie angſtvoll: Carl, bringen Sie mich in Sicherheit. Er hat mich verkauft an meinen Bruder! Bringen Sie mich hin, wo er mich nicht finden kann! Sophie, Sie ſind krank, o mein Gott, wie bleich Sie ſind. Geben Sie mir Ihren Arm, daß ich Sie zu einer Droſchke führe, und mit Ihnen in Ihre Wohnung fahre. Nein, nein, ſchrie ſie zitternd, nicht dahin, nie wieder dahin. Nun wohl, ſo bringe ich Sie in meine Woh⸗ nung. Eine Droſchke fuhr vorüber, Carl rief ſie an, und hob Sophie hinein. O mein Gott, ich danke Dir, murmelte ſie leiſe, nun bin ich gerettet! Ihr Haupt ſank auf Carl's Schulter, ihr Kör⸗ per erſtarrte, und leblos lag ſie in Carl's Armen.— Bonaventura war indeß in wilder Aufregung ſeiner zweiten Wohnung zugeeilt, und fand vor der Thür derſelben Herrn Weinherr, der ihn erwartete. Ah, gut, daß Sie kommen, rief dieſer ihm ent⸗ gegen, ich habe hier ſchon faſt eine Viertelſtunde auf Sie gewartet! Es iſt heute eine Extra⸗Verſammlung unſerer Freitagsgeſellſchaft, und zu derſelben wollte ich Sie einladen und abholen. O herrlich, rief Bonaventura, welch eine Freude 112 iſt dies für mich, und welche Ehre, daß ſie ſelbſt kommen! Laſſen Sie uns denn ſogleich gehen, ich bin bereit! Er nahm Weinherr's Arm, und ſie gingen wie⸗ der hinunter auf die Straße. Wiſſen Sie wohl, ſagte Weinherr, ihn mit ſchalkhaftem Lächeln betrachtend, wiſſen Sie wohl, daß ich Sie in Verdacht habe, eben irgend ein Abentheuer beſtanden zu haben; Ihre Augen leuch⸗ ten und flammen, wie Blitze, Ihre Wangen glühen, und Ihr ganzes Weſen ſcheint mir in Aufruhr. Vielleicht irgend ein ſchönes Rendez⸗vous, he? Die Liebe iſt den Dichtern günſtig, erwiederte Bonaventura geheimnißvoll, und die Muſe iſt eine Freundin des geflügelten Gottes. Sie haben Recht, theuerſter Freund, und iſt doch auch die Liebe für uns, die wir unter den Kämpfen und Stürmen dieſer Zeit einher wandeln, der herr⸗ lichſte und einzigſte Troſt. O, was ſollten wir beginnen, wie uns begei⸗ ſtern, wenn uns auch die Liebe noch genommen würde, rief Bonaventura mit ſchwärmeriſchem Aus⸗ druck. Die Liebe, welche das ſchützende Panier iſt, unter das wir flüchten, uns vor Verzweiflung und Muthloſigkeit zu bewahren. & Viertes Buch. Die Umkehr. — XI. Herzenskämpfe. Seit jenem Tage, wo Victor ihrem gegenſeiti⸗ gen Verhältniß zu einander eine neue Richtung ge⸗ geben, und Minna klar gemacht hatte über ihre eigenen Empfindungen und ihre Liebe zu ihm, ſeit ienem Tage war Minna's ganzes Weſen verändert. Sie war ernſt und ſtill, oft fand man ſie in Thränen, oft ſaß ſie, wie im Traum vor ſich hin⸗ ſtarrend, bewegunslos da, und in ihrem Innern ent⸗ wickelte ſich und durchlebte ſie das große Drama, an dem ſo manche Menſchenbruſt ſchon zerſchellt iſt, das Drama, in welcher Leidenſchaft und Pflicht mit einander kämpfen. Minna meinte es ehrlich mit die⸗ ſem Kampfe, ſie ſchlug ihrem eigenen Herzen bittre Wunden, daß es blutete in unermeßlicher Qual, ſie vermochte es, or von ihrer Thüre weiſen zu laſſen, ohne ihn zu ſehen, ja, ſie gewann es über ſich, dies nicht einen Tag, ſondern Wochen lang hin⸗ durch fort zu ſetzen, aber, wenn er fortging, dann 8* 116 * e hinter dem herabgelaſſenen Fenſtervorhang te ihm nach; Ströme von Thränen ent⸗ hren Augen, und ihr Herz klopfte bis zum Zerſpringen. Oft ſank ſie in unermeßlichem Jammer, in unendlichem Sehnſuchtsſchmerz nach dem Gelieb⸗ ten auf ihre Kniee nieder, und ihre zuckenden, ſtam⸗ melnden Lippen fleheten zu Gott um Linderung ihrer Qual, um Vergeſſen und Ruhe. Aber je tiefer ſie den Schmerz empfand, je leben⸗ diger und reger das Bewußtſein ihrer Pflicht in ihr war, je mehr ſie ſich zwang, dieſer Pflicht nachzu⸗ kommen, deſto mehr wendete ihr Herz ſich ab von Otto, um deſſentwillen, wie ſie meinte, ſie alle dieſe Quaien erlitt, und wenn ſie ſich zwang, ihm freund⸗ lich und liebevoll zu ſein, ſo ſchauderte ſie doch un⸗ willkührlich und fühlte ihr innerſtes Weſen erkältet und von ihm abgewandt. Dieſ Pflicht iſt ein kaltes, widerwilliges Band, und wenn die Liebe es nicht mehr verknüpft, wird es zu einer laſtenden Feſſel, die ſich ſchmerzvoll um das Werz zwängt und es bluten macht. Minna empfand zuweilen, daß ſie dieſen Otto mit ſeinem ſtillen, zſchwermüthigen, duldenden Weſen haſſen könnte, ſeine Seufzer, ſein bleiches Ausſehen, ſeine verfallende Geſtalt, alles dies ſchienen ihr gegen ſie gerichtete Anklagen, ſtumme Zeugen ihres Un⸗ rechts; ſein Anblick war ihr ein ewiger Vorwurf ihrer Schuld, und ſie verabſcheuete nicht die Schuld, ſon⸗ dern den Vorwurf, und wenn ſie bei der Erinnerung jener Scene, wo Otto ſie in den Armen Victors ge⸗ 117 ſehen, beſchämt vor ihm die Augen niederſchlug, ſo ſie Otto faſt, weil ſie ſich beſchämt vor ihm ühlte. Und er ahnt nicht einmal, was ich für ihn leide, dachte ſie, ach und vielleicht dankt er es mir auch nicht, denn dieſe kalten ruhigen Seelen erkennen wohl das Vergehen gegen die Pflicht als eine Sünde, nicht aber das Ausharren bei der Pflicht, ob das Herz auch dabei verblutet, als ein Verdienſt an. Und wie niedrig und klein er von mir denken mag. Warum fragte er mich denn nicht nach jenem Vor⸗ fall, als weil er mich für ſchuldiger hält, als ich es bin? O, ſagte ſie mit bitterm Ton, o, er iſt ſo roßmüthig, und er fordert keine Erklärung, weil er furchte, mich beſchämen zu müſſen, weil er fürchtet, das Bekenntniß einer tief Gefallenen hören zu müſ⸗ ſen. Nun, Gott ſei gelobt, ſo gar arg iſt es nicht, und ſicher wäre alles beſſer geworden, hätte Otto nur Vertrauen zu mir, hätte er nur den Muth und die Zuverſicht gehabt, offen mit mir zu reden. Aber Minna war eine zu ſtarke, vollkräftige Natur, um lange in dieſem ruhigen, müßigen Schmerze hinſiechen und verharren zu können, ſie fühlte in ſich die Nothwendigkeit, ſich dieſem dumpfen Hinbrüten, dieſem verzehrenden Schmerz zu entreißen, ſ ſich mindeſtens Vergeſſenheit ihrer Qual zu uchen. Und wo,“ ſagte ſie zu ſich ſelber,„wo kann ich dies anders finden, als in der Welt, als in der Geſellſchaft?“ Und ſie ſtürzte ſich mit allen ihren Sinnen, 118 mit all' ihrem Denken in die Zerſtreuungen und Freuden der Welt, ſie eilte von Feſt zu Feſt, von Geſellſchaft zu Geſellſchaft. Aber ſie hatten für ſie keinen Reiz mehr, ihr Herz war nicht mehr dabei betheiligt, und was ihr früher erſchienen war wie das wirkliche Vergnügen, däuchte ihr jetzt nur die Maske deſſelben. Inmitten der Zerſtreuungen und Freuden der Geſellſchaft, inmitten der ihr dargebrach⸗ ten Triumphe und Huldigungen mußte ſie den bit⸗ tern Kern dieſer ſüßen Frucht erkennen und ſchmecken, die Schlange unter Blumen, welches der geſellige Zwang iſt. Sonſt hatte ſie in der Geſellſchaft wahr ſein können, denn ſie empfand wirkliches Vergnügen da⸗ bei, ihre Seele war dabei betheiligt; jetzt aber blieb dieſe kalt und leer, und doch mußte ſie das Ver⸗ nügen, das ſie nicht empfand, zu empfinden ſcheinen, ſe mußte lächeln, während ihr Herz blutete, fröh⸗ lich ſprechen, während in ihr alles ſtumm war und freudlos, ſie mußte die ſchwere und bittere Kunſt der Geſellſchaft, die Verſtellung, lernen. Vielleicht er⸗ ſchien ſie, ſeit ſie dieſelbe erlernt, nur noch ſchöner und glänzender, wie die Farben auf den Flügeln des Schmetterlings klarer da liegen, wenn man den Staub, der ſie ſanft umhüllt, abſtreift, aber der Duft ihres Weſens, der wie ein jungfräulicher Schleier über ihr geruht, war dahin. Es war eine herrliche erſchloſſene Blume, ſtolz und ſchön, aber nichts Verſchwiegenes, Leiſes, Verhülltes mehr; ſie war ein ſtolzes, ſchönes Weib, nicht mehr ein zartes, 119 liebreizendes Mädchen. Ihre Erſcheinung hatte mehr Haltung und Sicherheit gewonnen, denn ſie war nicht mehr, wie ſonſt, unwillkührlich, ſondern mit Be⸗ wußtſein heiter, geſprächig und fröhlich, dadurch ge⸗ wann ihr Weſen an Sicherheit und Würde; ſie hatte gelitten, und Leiden verleihen dem ganzen Weſen etwas Beſtimmtes, Würdevolles, ſie ſind die Taufe der Seele, womit dieſe zu ihrer höhern Beſtimmung eingeſegnet wird. Der Winter nahete ſich inzwiſchen ſeinem Ende, und Madame Jelſa machte Minna darauf aufmerk⸗ ſam, daß es wohl nöthig ſei, denſelben mit einem glänzenden Ball zu beſchließen, und ſo allen denen genug zu thun, bei denen Minna vielfach eingeladen und gefeiert worden. Minna ergriff dieſen Gedanken mit Lebhaftig⸗ keit, es war eine neue Zerſtreuung, und zugleich ihrem Ehrgeiz eine willkommene Gelegenheit zu glänzen. Sie dankte der Freundin für den köſtlichen Vorſchlag und ging ſofort zu Otto, um mit ihm das Nöthige zu verabreden. Wie erſtaunt aber Jar ſie, als ſie ihn heute zum erſten Male nicht bereitwillig fand, die nöthi⸗ gen Geldſummen zu dieſem Feſte zu geben, als er ſanft, aber entſchieden erklärte, nicht länger im Stande zu ſein, einen ſolchen Aufwand zu erhalten, daß ihre Geldmittel nicht mehr ausreichten, und Minna ſich von nun an um ſo mehr einſchränken müſſe, als durch den Fall eines Banquierhauſes ein bedeutender Theil ſeines Vermögens vor wenigen Tagen verloren 120 gegangen ſei, und daß, um den Verluſt unſchädlich zu machen, es der größten Sparſamkeit nicht allein, ienit auch der fortgeſetzten Thätigkeit und Arbeit edürfe. Minna war außer ſich, ſie he nicht an die Wahrheit von Otto's erlittenem erluſt, und meinte, er habe dieſen nur erfunden, um ſeiner Weigerung mehr Gewicht zu geben; er verweigere ihre Bitte nur, um ſie zu kränken, um ihr zu zeigen, daß ſie ganz abhängig von ihm ſei, und keinen eigenen Wil⸗ len haben könne. Dieſer letzte Gedanke empörte ihren Stolz und beſtärkte ſie in dem feſten Entſchluß, ihren Willen entſchieden durchzuſetzen. Sie ſagte deshalb kalt und ſtolz: und dennoch wirſt Du diesmal noch meinem Wunſche nachgeben, hoffe ich, denn ich habe bereits Madame Jelſa mein Vort gegeben, dieſen Ball zu veranſtalten, und Du wirſt einſehen, daß ich dies nicht zurücknehmen kann, ohne unſerm Ruf zu ſchaden. Die Welt iſt eben ſo argwöhniſch als neidiſch, und würde das Unterlaſſen einer ſolchen geſelligen Pflicht leicht für die Unmög⸗ lichkeit ihr nachzukommen, halten. Eine Pflicht aber iſt es für uns nachdem wir den Winter zu ſo vielen Feſten und Bällen eingela⸗ den wurden, und nun auch unſererſeits denen, von denen wir eingeladen worden, ein Feſt geben, und zwar ein recht ſchönes und glänzendes. Ich hoffe, Du giebſt mir Recht, und hebſt damit alle Schwie⸗ rigkeiten, die meinem Wunſche entgegen ſtehen, auf. 121 Aber Minna, ich ſage Dir ja, daß es nicht an meinem Willen liegt, ſondern an der Unmöglichkeit, rief Otto verzweiflungsvoll. Ich habe kein Geld, ja ich habe ſogar ſchon bedeutende Schulden gemacht, und ſeit dieſem neuen großen Verluſt iſt dies Haus, in welchem wir wohnen, faſt nicht mehr mein. Ich kann nicht wieder zu einein überflüſſigen Feſte Geld anſchaffen, Minna, ich kann nicht. Ich aber will, und muß Geld haben! rief Minna in heftigem Zorn. Ich verlange von Dir, daß ich ich dies Feſt geben kann. Es iſt eine Ehrenſache, daß ich es kann, und Du wirſt nicht wollen, daß ich abſichtlich etwas thue, was mich in den Augen der Welt herabſetzt. Otto blickte ſie mit wehmüthigem, mitleidigem Ausdruck an; er durchſchaute die krankhafte Reizbar⸗ keit ihres Weſens, er hatte ſchweigend, aber unver⸗ wandt alle die Kämpfe beobachtet, die ſeit Wochen in Minna's Seele vorgegangen, und er hatte Mit⸗ leid mit ihrer Pein und ihren Schmerzen, weil er 6 ſelber die Bitterkeit des Schmerzes täglich erfuhr. Minna aber deutete ſeine Blicke unrecht, ſie laubte einen Vorwurf in ihnen zu leſen, einen lei⸗ k Hohn über ihre ſtolzen Worte von verletzter Ehre, und dieſer Argwohn empörte ſie nur noch mehr, und brachte ihr ganzes Weſen in noch heftigere Aufre⸗ gung. Ich will und muß dies Feſt geben, ſagte ſie heftig, und ich betrachte den, der mich daran hindern 122 will, als meinen Feind, als einen Tyrannen, der mich unter ſeine Füße treten will, um mir zu beweiſen, daß ich ſeine Sclavin bin, und von ihm abhängig, daß ich arm bin, und über nichts zu gebieten habe, und daß ich, ſobald es ihm beliebt, eine Bettle⸗ rin bin! O mein Gott, mein Gott, ſchrie Otto außer ſich, und die Arme gen Himmel erhebend, iſt es denn uich daß Minna mich für ſo ſchlecht und niedrig ält? Minna ſchwieg, denn ſie bereuete ſchon ihre ſtol⸗ zen, heftigen Worte, und bedauerte es, ihm ſo wehe gethan zu haben. Nach einer Pauſe ſagte Otto ergeben und matt: es iſt gut; Du ſollſt nicht glauben, Minna, daß ich Dir irgend eine Freude verſagen und entziehen möchte. Nein, nimmer ſoll von mir geſagt werden, ich habe Dir irgend ein Vergnügen geſtört. Lade immerhin unſere Gäſte ein. Morgen bringe ich Dir das nö⸗ thige Geld. Er wandte ſich um, denn er fühlte, daß er ſeine Trauer nicht länger verbergen könnte, und ging hin⸗ aus Minna aber ſtand ſchweigend und ſinnend da; ihr beſſeres Gefühl, ihr weiches Herz drängte ſie Otto zu folgen, ihm die abgedrungene Einwilligung zurück zu geben und ſeine Verzeihung zu erflehen für ihr unfreundliches Weſen. Schon war ſie im Begriff, ihm nachzueilen, da flüſterte ihre Eitelkeit ihr zu, wie ſchön es ſein müſſe, 123 ein Feſt zu geben, das alle andern an Glanz und Schönheit überträfe, ach, und es war noch eine an⸗ dere Stimme, die ſie leiſe in ihrem Herzen vernahm, und deren lockendem Flüſtern ſie nicht widerſtand, eine Stimme, die ihr ſagte, daß an dem Tage, wo ſo viele Menſchen in ihrem Hauſe verſammelt wären, auch Victor kommen dürfe, und daß ſie ſich ja nur geſchworen, ihn niemals wieder allein zu ſehen. Nein, nein, rief ſie heftig, und die Arme, wie abwehrend, vor ſich ausbreitend, nein, ich will ihn nicht ſehen, ich will und muß dies Opfer bringen; wenn ich ihn erſt einmal geſehen, werde ich nimmer wieder die Kraft haben, ihm zu widerſtehen. Nein, hier ſchwöre ich es, ich will ihn nicht einladen zu dieſem Feſte. Und dies Opfer ſei die Buße, mit welcher ich Otto's Nachgiebigkeit belohne, ſagte ſie, damit künſtlich ihre eigenen innern Vorwürfe über⸗ deckend, und ſich nun berechtigt glaubend, ihrem Wil⸗ len zu folgen. Otto war indeß auf ſein Zimmer gegangen, und ſank hier erſchöpft auf dem Divan nieder. Sein Muth war gebrochen, ſeine Kraft gelähmt, er fühlte, daß er dem Unglück keinen Widerſtand mehr zu lei⸗ ſten vermöchte, und er ſagte Es hilft nichts, gegen das Unheil zu kämpfen, ſo mag es denn kommen, und meine Bruſt zerflei⸗ ſchen und mein Daſein überwältigen! Es giebt Menſchen, die vom Schickſal gezeichnet ſind, und hienieden kein Glück finden ſollen; ich gehöre zu ihnen, was hilft es mir alſo gegen meine Beſtim⸗ 124 mung zu ſtreiten? Ach, und was hülfe mir auch alles Streiten, wenn Minna mich nicht liebt, wenn ihr Herz einem Andern gehört. Still, ſagte er laut, gleichſam ſich ſelbſt beſchwichtigend. Ich darf hieran nicht denken, es könnte mich wahnſinnig machen, das fühle ich an dem furchtbaren Schmerze hier in meinem Kopfe. Nein, nein, nicht daran will ich den⸗ ken, nur an ſie, nur an Minna, mit ihrem Wohl nur will ich mich beſchäftigen. Ach, und vermag ich es auch nicht, ihr Glück zu geben, ſo kann ich ſie doch mindeſtens vielleicht vor Unglück bewahren. Nein, nein, rief er dann laut und mit verzweiflungs⸗ vollem Ton, ich vermag nicht einmal dies; nicht ein⸗ mal vor Elend kann ich ſie ſchützen, und ich ſehe ſchon, wie Noth und Armuth über ſie hereinbrechen wird, über ſie, deren Fuß ich vor jedem rauhen Pfade, deren liebes Angeſicht ich vor jedem Sturme ſchützen, über ſie, auf deren Weg ich nur Blumen und Freude ſtreuen möchte! O Himmel, ich werde ſie nicht ein⸗ mal vor Noth und Mangel bewahren können. Denn ſie ſelbſt will es ſo! Er bedeckte ſein Geſicht mit ſeinen Händen, und ächzte laut, aber allgemach ward er ruhiger, und endlich ſagte er mit einem matten Lächeln: mindeſtens werde ich doch dann für ſie arbeiten können, und und das iſt ja ſchon ein Glück! O, und vielleicht, daß ſie dann die Arbeit zu ſchätzen weiß, wenn dieſe ſie ſchützt vor Mangel und Noth. O mein Gott, welch ein Glück, daß ich noch 125 geſund bin, ich werde mindeſtens doch für ſie arbei⸗ ten können! Nun ſprang er auf, und ſagte ganz freudig: nun will ich gehen, und Geld borgen zu dem Feſte! Minna ſoll mindeſtens ihre Freude haben. Und was liegt denn auch daran, ob ich zu Grunde gehe, wenn ſie nur zufrieden iſt! Das unterbrochene Feſt. Der Abend des Feſtes war gekommen; mit freudigem Stolz durchwandelte Minna noch einmal die glänzenden, koſtbar geſchmückten Räume, freute ſich der reichen Blumen, die mitten im Winter gleich einer Daſe in der Wüſte hier in dem ſtillen, reizenden Boudoir in ſchönen Gruppen aufgeſtellt waren, er⸗ götte ſich an dem Funkeln und Glänzen der reichen Kronleuchter, die in den hohen Trümeaux ihr Licht verdoppelten, und ließ ihr Auge wohlgefällig von einem geſchmackvollen und glänzenden Meuble zum andern ſchweifen. Mit zufriedenem Lächeln erinnerte ſie ſich jenes Abendes, als ſie in dem kleinen, früher von ihnen bewohnten Hauſe zum erſten Male eine Geſellſchaft gab, und rief ſich ihre damalige Befangen⸗ heit und Angſt, und alle die kleinen beklemmenden Verlegenheiten und Mißgriffe zurück, die ihr die Freude jenes Abends getrübt und zernichtet hatten. Mit ſtolzem Gefühl dachte ſie, daß ſie mindeſtens 127 den Schwur, den ſie damals geleiſtet, nun gelöſt, und daß ſie nun nicht mehr fürchten müſſe wegen ihres linkiſchen Benehmens verlacht, wegen ihrer Sprachfehler verhöhnt zu werden. Mit einem mit⸗ ſeidigen Lächeln über ſich ſelber ſagte ſie: wie un⸗ lchuldig war ich doch, daß ich nicht einmal den ſi kannte zwiſchen falſch ſprechen und falſch ein!— Jetzt aber rollte der erſte Wagen vor, und Minna ging in den erſten Salon, ihre Gäſte zu empfangen. Wer aber hätte nun in dieſer ſtolzen, ſichern und gewandten Dame, die jetzt ihre Gäſte empfing, für dieſen Herrn ein gütiges Lächeln, für jene Dame ein verbindliches Wort, für Alle die feinſte Aufmerkſam⸗ keit zeigte, wer hätte in ihr jene Minna wieder er⸗ kannt, die dort drüben in dem kleinen Hauſe vor noch nicht einem Jahre mit hochklopfendem Herzen, zitternd die erſten Beſuche empfing, und den ſie Be⸗ grüßenden nicht das kleinſte Wort zu erwidern wußte, die froh war, als der Abend beendet war, und ſtatt der gehofften Freude nichts errungen hatte als De⸗ müthigung und Thränen?— Heute war das alles anders! Minna war eine gefeierte Dame, und ihre Ge⸗ ſellſchaft war eine ausgewählte, glänzende. Es waren darunter ſtolze, hochklingende und berühmte Namen, ſchöne, vornehme Damen, junge, begeiſterte Dichter, und Alles huldigte und Alles ſchmeichelte der ſchönen, reizenden, holdſeligen Wirthin. Des Wirthes aber gedachte Keiner. 128 Otto ſtand vergeſſen, verlaſſen in der Fenſter⸗ niſche; ihm zu ſchmeicheln, fühlte Niemand ſich ge⸗ drungen; wußte man doch, daß Minna die Herrin dieſes Hauſes, daß ihr all. dieſer Glanz, dieſer Luxus gehöre, daß ſie die reiche Frau ſei, und der ihr auf⸗ gedrungene Gatte Otto nur arm, deshalb gar nicht weiter beobachtenswerth ſei. Und wie Otto jetzt den Blick abwandte von der Ge⸗ ſellſchaft und durch das Fenſter hinüber ſchauete zu dem kleinen Hauſe, da erinnerte auch er ſich jenes erſten Geſellſchaftsabendes, und es war ihm, als wenn hinter den dunklen Fenſtern da drüben Geiſter hin und wieder ſchwirrten, höhniſche, lachende Geſichter ihn angrinſeten und er meinte zu hören, wie ſie hohnlachend ihm zuriefen: wärſt Du damals ein Mann geweſen, ſo könnte heute alles gut ſein und glücklich; hätteſt Du damals nicht weibiſchſchwach den Bitten eines Weibes nachgegeben, hätteſt Du ihrem Flehen Deinen ernſten Willen, ihrer Eitelkeit Deine Manneswürde entgegengeſetzt, ſo würdeſt Du ob⸗ geſiegt haben. Aber Du handelteſt wie ein verliebter girrender Schäfer, und nicht wie ein Mann! Trage jetzt auch die Folgen! Es iſt ſo! murmelte Otto, und ſenkte ſchwermuths⸗ voll ſein Haupt. um ihn tönte fröhliches Lachen und laute Freude, und Alles war Vergnügen und Luſt, denn die Dame vom Hauſe war ſo ſchön, der Wein ſo vortrefflich, die Speiſen geſchmackvoll, und man konnte ſo un⸗ genirt heiter, ſo harmlos hier ſein. Aber plötzlich 129 verſtummte die allgemeine Luſt, und aller Blicke richteten ſich nach der Thür des Salons, in welcher ſo eben eine eigenthümliche, und in einer glänzenden Geſellſchaft auffallende Erſcheinung ſich zeigte. Dort ſtand auf der Schwelle eine alte Frau, in ärmlicher, dürftiger Kleidung, ganz das Gepräge des niedrigen Standes an ſich tragend, und dennoch war etwas Ehrfurchtgebietendes, etwas, das die Neigung zu lachen und die Moquerie, die ſich anfangs bei ihrem Erſcheinen bemerklich machen wollte, unterdrückte und Achtung einflößte vor dieſer ſtolzen, hohen Geſtalt, vor den kühnen, blitzenden Augen, mit denen die alte Frau umher blickte. Man fragte ſich einander leiſe: wer iſt die alte Frau? Iſt es vielleicht ein Faſtnachts ſpiel, und iſt das eine Sibylle, die uns wahrſagen will? Sie ſieht wahrhaftig ſo zornig aus, als könne ſie uns zur Hölle verdammen! Still, ſtill, flüſterten Andere, es iſt die Mutter der Madame Ottb. Sprecht nicht ſo laut! Aber ſeht, wie unſre ſchöne Wirthin erbleicht, wie ſie zittert.— Alſo wirklich ihre Mutter? Aber ihre Mutter? Aber ihre Mutter in ſolchem Aufzug? Nun ja, Madame Jelſa ſagte mir ſo eben, die alte Frau ſei etwas wahnſinnig! Mutter Anna war indeß mit ſtolzem, ſicherm Schritt vorwärts geſchritten, und ein Ausbruck un⸗ endlicher Verachtung malte ſich in ihren Zügen, als ſie jetzt mitten im Salon ſtehend, umher blickte und aller Augen auf ſich gerichtet fand. n. 9 130 Was ſeht Ihr mich ſo erſtaunt und forſchend an, ſagte ſie mit lautem, verächtlichem Ton. Wundert's Euch, daß ich in meinem einfachen Kleide hier er⸗ ſcheine, während Ihr Euch Alle geſchmückt habt, um zu meiner Tochter zu kommen? Wundert Euch nicht, ich bin zu alt, um Komödie zu ſpielen, wie Ihr Alle es thut, und darum trage ich heute, wie alle Tage, mein einfaches, armes Kleid, und ſchäme mich nicht zu zeigen, daß ich arm bin. Oder ſeht Ihr mich darum ſo erſtaunt an, weil ich heute das erſte Mal unter Euch bin, und weil Ihr mich noch niemals geſehen? Ich will Euch ſagen, ich hatte nicht Zeit, Euer Kombdienſpiel mit zu machen, und während meine Tochter in Sammt und Seide in Euren Geſellſchaften prangte, ſaß ich daheim und ſpann, um mir zu verdienen, wovon ich leben konnte! Wundert Euch alſo nicht, daß Ihr mich zum erſten Male ſehet, wir armen Leute, die wir arbeiten und unter dem Schweiß unſeres Angeſichts uns unſer Brot verdienen müſſen, wir armen Leute haben keine Zeit uns zu verkleiden wie die Affen, und ſüß zu lächeln und zierlich hin und her zu wedeln. Aber Mutter Anna, ſagte Otto, ganz erſchrocken zu ihr tretend und ihre Hand ergreifend, aber Mutter Anna, ich bitte Dich, was ſoll denn dies bedeuten? Das ſoll bedeuten, ſagte ſie laut und ſtreng, daß ich dieſe vornehmen Leute hier fragen will, was ſie hier zu thun haben, und weshalb ſie hier ſind.— Denkt Ihr vielleicht, Ihr vornehmen Leute, fuhr ſie fort, und blickte ſtolz auf die Geſellſchaft, die ſich 131 dicht um ſie gedrängt hatte, denkt Ihr vielleicht, Ihr ſeid hier bei Eures Gleichen, und Ihr könnt hier ver⸗ praſſen, was Eure fleißigen Urväter mühſam zuſammen geſcharrt. Denkt Ihr, daß mein Schwiegerſohn zu Denen gehört, welche die Hände müßig in den Schooß legen, und dem lieben Gott den Tag wegſtehlen könnten in nichtsthueriſcher Faulheit. Ich glaube, daß Ihr's denkt, denn man hat mir allerlei wundet⸗ liche Dinge erzählt, und deshalb wollte ich Euch nur ſagen, daß Ihr Euch irrt. Mein Schwieger⸗ ſohn ein Handwerksmann, er lebt von ſeiner Arbeit, und wenn Ihr hier ſchmarotzirt und praßt, ſo ſtehlt Ihr ihm, was er mühſam erworben hat, ſtehlt ihm ſein vergangenes Leben und ſeine Arbeit. Das darf nicht ſein, und darum wollte ich es Euch ſagen. Auch hat man mir erzählt, daß Ihr thörichten Leute meine Tochter Minna für reich haltet, daß Ihr meint, ſie habe ihrem Manne Reichthum und Gut eingebracht. Man hat Euch aber belogen, und ich, ihre Mutter, ich ſage Euch, daß Minna in Armuth geboren iſt, und daß ich ſie groß gezogen habe mit der Arbeit meiner Hände, ja, dieſer meiner von der Arbeit gehärteten Hände, ich ſage Euch, daß i nichts beſaß als ihr Leben und ihre Jugend, aß ſie— Aber mein Gott, Mutter Anna, ſagte Otto, entſchloſſen dieſe Scene zu enden, denn er ſah an Minna's todesbleichem Antlitz, welche furchtbare Qual ſie ihr bere te. Aber Mutter Anna, beſinne Dich doch. Du weißt es beſſer, wie wir Alle, daß Minna 9 132 mir Glück und Schätze gebracht, daß ſie mich zu einem reichen Manne gemacht hatte. Wozu willſt Du es leugnen? Wozu dieſe Grille, Minna's Reich⸗ thum zu leugnen? Sohn, rief die alte Frau im höchſten Zorn, Sohn, biſt Du wahnſinnig geworden? Nun wohl denn, es iſt gut, ich habe meine Pflicht gethan!— Und Stto einen zornigen Blick zuwerfend, wandte ſie ſich um, und verließ kangſam und ſtolz das Ge⸗ mach. Als die Thür ſich hinter ihr ſchloß, ſchien es, als ſeien Alle von einer drückenden Laſt befreit. Man athmete hoch auf, man wagte es wieder einander anzuſehen, zu lächeln, ſich ſpöttelnde Be⸗ merkungen zuzuftüſtern, und Madame Zelſa ſagte zu ihren Rachbarn; es iſt merkwürdig, die alte Frau ſoll ganz vernünftig ſein bis auf dieſen Einen Punkt, daß ſie ſich für arm und den Reichthum für eine Schande hält. In dieſer firen Idee beſteht ihr Wahn⸗ ſinn, und um ſie nicht zur Raſerei zu bringen, muß ihre Tochter es leiden und geſchehen laſſen, daß ihre Mutter für Geld ſpinnt, was ſie wirklich vom Morgen bis zum Abend mit einem in der That wahnſinnigen Fleiße thut. Dieſe Worte der vertrauten Freundin Anna's verbreiteten ſich bald in der ganzen Geſellſchaft, und indem man Minna bedauerte, bemühete man ſich durch verdoppelte Heiterkeit dieſe peinliche Scene wieder vergeſſen zu machen. Minna aber fand nicht die Kraft, in den heitern * „ 133 Ton ihrer Gäſte einzugehen, man ſah, daß ihr Lächeln gezwungen, ihre Heiterkeit nur äußerlich war; ihre erbleichten Wangen, der ſchwermüthige Ausdruck ihres Angeſichtes widerſprachen ihrer fröhlichen Unter⸗ haltung, und bald übertrug ſich dieſe gedrückte Stimmung auch auf ihre Gäſte. Man ward ein⸗ ſilbig, ſtill, und trennte ſich früh.— Als der letzte Wagen fortgerollt, die Lichter der Kronleuchter ausgelöſcht, als endlich Alles ſtill und friedlich war in dieſen glänzenden Räumen, da athmete Minna hoch auf, und das ſtereotype Lächeln, mit dem ſie ihrer Geſellſchaft Lebewohl geſagt, verſchwand, um dem Ausdruck tiefſter Schwermuth zu weichen. Ihre vorher ſo ſtolz aufgerichtete Geſtalt ſank zu⸗ ſammen, und ſie weinte bitterlich. Als ſie aber Otto kommen hörte, trocknete ſie ſchnell ihre Thränen und ging ihm entgegen. Sie reichte ihm die Hand hin, und ſagte mit einem unausſprechlichen Blick: Otto, ich danke Dir! Nimmer werde ich den Edelmuth vergeſſen, mit dem Du mich heute Abend beſchützt haſt. Glaube mir, dies war die härteſte Strafe für mein neuliches Be⸗ tragen gegen Dich! Otto, zürnſt Du mir noch? Er ſah ſie an mit dem Ausdruck der reinſten verzeihendſten Liebe, und zog ſie ſtumm an ſeine Bruſt. Sie wehrte ihm nicht, denn in dieſem Momente erkannte ſie ganz die große aufopfernde und entſagende Liebe ihres Gatten. Sie lehnte ihr Haupt an ſeine Schulter und weinte laut.— Als Minna am andern Morgen beim Frühſtück 134 ſaß, kam Otto bleich und ſichtlich tief erſchüttert u ihr. Theuerſte Minna, ſagte er leiſe, ich muß Dich auf einen Schmerz vorbereiten, der Dir bevorſteht. Mutter Anna will uns verlaſſen. Sie kommt ſchon, um Dir Lebewohl zu ſagen.. Ja, ſagte Mutter Anna, die eben herein kam, und Otto's letzte Worte gehört hatte, ja, ich komme, um Lebewohl zu ſagen! Aber mein Gott, Mutter, warum willſt Du uns verlaſſen? fragte Minna erbleichend. Den Grund will ich Dir ſagen, erwiderte die alte Frau ernſt. Als ich auf Stto's Bitten ein⸗ willigte, bei Euch zu wohnen, geſchah es, weil ich dachte, meine Kinder würden ein würdiges, fleißiges und arbeitſames Leben führen. Sie würden zu Gott beten, nicht um Reichthum, ſondern um Arbeit, ſie würden leben, wie ihre Aeltern gelebt haben, einfach und züchtig fleißig und ſtill! Und zu dieſem Leben wollte ich Euch ſegnen und mich Euer freuen. Ihr wißt aber, daß hr Euch abgewandt habt von alle dem, und nun werdet Ihr auch wiſſen, weshalb ich Euch verlaſſe. Was hilft es, über dieſe Dinge noch weiter zu ſprechen. Meine Warnungen, meine Bitten ſind umſonſt geweſen, laßt uns alſo dabon ſchweigen, und uns ruhig Lebewohl ſagen! Alſo willſt Du wirklich fort, ſagte Minna leiſe, und willſt ganz einſam und allein wohnen. Ich bin weder einſam, noch allein, erwiderte Mutter Anna ſtreng, denn mein Spinnrocken be⸗ 135 gleitet mich, und bei der Arbeit iſt man nicht allein, denn Gott iſt mit den Arbeitſamen, und den Fleißi⸗ gen giebt er ſeinen Segen. Auch meine Erinnerungen gehen mit mir, und wenn ich beim Spinnen Deiner gedenke, Minna, ſo will ich vergeſſen, wie Du jetzt biſt, und mich nur erinnern, wie Du einſt warſt, einſt, ehe Du reich warſt und vornehm! Du weinſt, Minna? Und auch Du, mein Sohn Otto? Nun, nun, Eure Thränen werden ſchnell trocknen, und wenn Ihr heute Abend wohlgeputzt in Geſellſchaft fahrt, ſo wird die alte Mutter Anna ſchnell ver⸗ geſſen ſein. Wie grauſam biſt Du, ſagte Otto, Du weißt es wohl, ob ich Dich vergeſſen werde! Nein, Du nicht, mein Sohn, Du wirſt meiner gedenken, und es wird Dich zuweilen verlangen nach meinem Troſt! Dann komme zu mir, meine Thür wird Dir nimmer verſchloſſen ſein.. Und ich, Mutter, fragte Minna, darf ich nicht zu Dir kommen? u Was ſollteſt Du zu ſchaffen haben in der ärm⸗ lichen Dachkammer bei der armen alten Frau, die von ihrer Hände Arbeit ſich ernährt? Nein, nein, Minna, Du darfſt nicht kommen, denn Deine ſeide⸗ nen Kleider vertragen ſich nicht mit meinen alten geflickten Gewändern, und Du würdeſt Dich meiner ſchämen, wie ich Deiner! Darum komme nicht, Minna, ſo lange Du eine reiche Frau biſt. Aber dereinſt, wenn Du wieder arm biſt, und ich weiß daß Du es wieder wirſt, dann, mein Kind, dann“ 136 rufe mich, und ich werde Dich hören, dann wollen wir zuſammen arbeiten und uns einander lieben! Bis dahin lebe wohl! Sie wandte ſich raſch ab, und Otto, der ihr folgen wollte, zurückwehrend, verließ ſie raſch das Zimmer, und ging mit feſten, jugendlichen Schritten die Treppe hinab zu der bereit ſtehenden Droſchke, in die ſie ſchon ihre wenigen Habſeligkeiten und ihr Spinnrad hatte einpacken laſſen. Nicht einen Blick mehr wandte ſie nach dem ſtattlichen Hauſe, in dem ihre Kinder am Fenſter ſtanden, harrend auß einen Gruß. Sie ſagte mit feſter, ſicherer Stimme dem Kutſcher die Adreſſe ihrer neuen Wohnung und dann rollte der Wagen die Linienſtraße hinunter in die Auguſtſtraße. Hier hielt er an, vor einem kleinen, unſcheinbaren Hauſe, in welchem Mutter Anna ein Stübchen gemiethet hatte. Das Auspacken und Zu⸗ rechtſtellen ihrer Sachen war bald geſchehen, und ſchon nach einer Viertelſtunde ſaß die alte Frau wieder vor ihrem Spinnrocken und ſpann. Ihr Geſicht war ruhig und ſtill wie immer, doch mußte ſie heftig bewegt ſein, denn ſie drehte das Rad ſchneller als ſonſt, und zuweilen ſeufzte ſie, ja einmal war es, als falle eine Thräne aus ihrem Auge auf ihre Hand. Sie trocknete ſie aber ſchnell ab, und ſtand auf, wie vor ſich ſelber erſchrocken. Dann trat ſie zum Fenſter und öffnete dies, und bei der Stille in der einſamen Straße, die faſt nur von armen Webern bewohnt wird, konnte ſie deutlich in den nächſten Häuſern das Ge⸗ 137 raſchel der auf und nieder gehenden Webeſtühle ver⸗ nehmen. Da nickte Mutter Anna zufrieden mit dem Kopf und flüſterte leiſe: hier bin ich auch unter meinen Kindern und Verwandten, unter den Armen und Arbeitſamen! Und ſie werden mich nicht von ſich ſtoßen, ſondern mich verſtehen und mich lieben! XKIII. Die Geſchwiſter. Sophie ſchlug die Augen auf, und blickte um⸗ her mit dem Ausdruck des Erſtaunens und der Ver⸗ wunderung. Sie fand ſich ſanft gebettet in einem ihr fremden kleinen Zimmer, und mit matter Stimme fragte ſie: wo bin ich? Da näherte ſich eine männliche Geſtalt ihrem Bette, Sophieens Augen aber waren ſo trübe, daß ſie ſie nicht erkennen konnte, erſt als Carl vor ihrem Bette auf ſeine Kniee ſank, ihre Hand an ſeine Lip⸗ pen drückte, erſt als er mit vor Freude zitternder Stimme ſagte: o Gott ſei Dank, ſie lebt, ſie ſpricht wieder! erſt da erkannte ſie ihren Freund Carl, und verſuchte ihm die Hand zu drücken, aber es fehlte ihr die Kraft dazu, ihre Augen ſchloſſen ſich wieder, und ſie ſank zurück in einen tiefen, traumloſen Schlaf. — Carl ſtand an ihrem Bette mit ſtrahlendem An⸗ geſicht, Thränen der reinſten Freude entſtürzten ſeinen Augen, und rollten über die eingefallenen bleichen 139 Wangen hernieder, und leiſe flüſterten ſeine zittern⸗ den Lippen: mein inbrünſtiges Gebet iſt alſo erhört worden, Gott wollte mir meinen Engel noch erhal⸗ ten, er wollte ihm noch geſtatten auf Erden zu wan⸗ deln. O mein himmliſcher Vater, Du wollteſt alſo nicht, daß ich ganz unglücklich ſei!— Nun betrach⸗ tete er die Schlummernde lange, und ein himmliſches Lächeln verſchönte ſeine Züge; er faltete die Hände und ſeine Lippen bewegten ich in leiſem, inbrünſtigem Gebet. Da öffnete ſich leiſe hinter ihm die Thür, und ein männliches Antlitz ſchaute fragend herein⸗ Carl wandte ſich zu ihm mit dem Ausdruck himm⸗ liſcher Freude.„Doctor, ſie ſchläft,“ ſagte er; nichts wreiter, aber es lag in dieſen Worten, in dem Ton, mit dem er ſie ſagte, all' ſeine Hoffnung, all' ſein Glück, es lag darin die ganze Geſchichte ſeiner jüng⸗ ſten Leiden und Schmerzen, denn ſeit vierzehn Tagen hatte kein Schlaf Sophieen's Augen geſchloſſen, ſeit vierzehn Tagen lag ſie Nacht und Tag in wilden Fieberphantaſieen, oft raſend und tobend, oft ſtill weinend und klagend auf ihrem Lager; ſeit vierzehn Tagen hatte ſie kſ nicht aufgehört laut zu ſprechen, und die ganze Geſchichte ihrer Liebe, ihrer Leiden, all' ihr Fammer und Weh hatte ſie in nur zu be⸗ redten Worken in dieſem Zuſtande der Bewußtloſig⸗ keit ihrem uſchenden, vor ihrem Bette knieenden Freunde gertathen und er ſchauderte vor den innern Qualen, die ſie erduldet, ſchweigend erduldet.— Betzt ſchlief ſie, und als der Arzt ſich über ſie beugte, und ihre Hand faßte, zuckte Carl zuſammen, — 140 wie vor innerm Entſetzen. Sie werden ſie aufwecken, ſagte er angſtvoll. Der Arzt lächelte. Dieſen Schlaf zu ſtören möchte ſchwer ſein, ſagte er, denn es iſt der erſte, feſte, tiefe, ohnmachtähnliche Schlaf, in welchem die Erea⸗ tur nach den furchtbarſten Anſtrengungen und Auf⸗ regungen erſchöpft in ſich zuſammenſinkt, und gar nichts weiß von ſich. Selbſt ihre Sinne ſchlafen jetzt. Nun, mein Freund, faſſen Sie Muth! Es iſt heute der vierzehnte Tag, und ich ſagte Ihnen, daß heute die Kriſis eintreten würde. Sie hat ſich zum Guten gewandt, und jetzt darf ich mit Zuverſicht ſa⸗ gen, Ihre Schweſter wird geneſen, wenn auch lang⸗ ſam, wenn ſie auch erſt nach vielen Wochen ganz her⸗ geſtellt ſein wird, denn ſie hat furchtbar gelitten, und ihr Leben ſchwebte ſeit vierzehn Tagen wie an einem Haar. Aber ſie wird geneſen, ſagte Carl athemlos, und ſeine Bruſt hob und ſenkte ſich, wie in ſtürmiſchem Wallen. Es dunkelte vor ſeinen Augen, und er ſe ſich an einem Stuhl halten, um nicht umzu⸗ inken. Der Arzt faßte freundlich ſeine Hand und blickte ihn theilnahmsvoll an. Wie, ſagte er, jetzt wollen Sie ſchwach ſein? In den langen Tagen der Ge⸗ fahr waren Sie gefaßt und ruhig wie ein Mann, und nun die Gefahr vorüber iſt, ſind Sie ſchwach, und zittern wie ein Kind? O, ſagte Carl leiſe, ich bin es ſo wenig ge⸗ wohnt, Freude zu empfinden! . 141 Aber Sie ſind es werth, derſelben theilhaftig zu werden, erwiderte der Arzt gerührt, denn Sie ſind ein edler, braver Menſch, und ich darf ſagen, ich habe niemals einen Gatten, geſchweige denn einen Bruder, voll ſo zarter und geduldiger Sorge für eine Kranke geſehen, voll ſo hingebender, aufopfern⸗ der Liebe. Keine Mutter kann ihr Kind treuer und ſorglicher pflegen, als wie Sie Ihre Schweſter ge⸗ pflegt haben. Ich habe ja auch nichts auf Erden zu lieben und zu pflegen, als ſie allein, ſagte Carl. Und Sie haben ſie ſich erhalten, denn Ihrer Pflege zunächſt verdankt Ihre Schweſter ihr eben. Und Ihnen, Herr Doctor! ſagte Carl gerührt. Sie ſind zu jeder Stunde des Tages und des Nachts gekommen, nicht bloß, wenn ich Sie rief, ſondern freiwillig, ach, Herr Doctor, wie ſoll ich Ihnen dan⸗ ken für Ihre Güte! Das bedarf keines Dankes, es war meine Pflicht, ſagte der Arzt, und wohl mir, wenn mir dieſe Pflicht ſo leicht gemacht wird, wie hier. Ein ſolcher Anblick aufopfernder, reiner Liebe ſtärkt den Arzt in ſeinem ſchweren Berufe. Glauben Sie mir, mein Freund, ich habe an vielen Sterbebetten ge⸗ ſtanden, ich habe viele Nächte am Bette ſchwerer Kranken verbracht, aber wie ſelten war es die Liebe, die an dieſem Bette weinte, die Treue, die den Kran⸗ en überwachte. Ich ſah alle Leidenſchaften ſich in ſolchen Stunden enthüllen, aber ſelten die edlen und 142 heiligen, und ſo lernt man zuletzt die Menſchen be⸗ mitleiden, aber man hört auf ſie zu lieben. Darum iſt es mir ein Troſt geweſen, Sie zu ſehen, und ich danke Ihnen, denn ein ſolcher Anblick treuer Liebe verſöhnt wieder mit der Menſchheit! Aber ich that ja nur, was ich nicht laſſen konnte, ſagte Carl einfach, Sophieen zu lieben, und für ſie zu ſorgen, iſt ſo natürlich. Nun aber ſorgen Sie auch für ſich ſelbſt, mein Freund. Sie bedürfen der Ruhe und Stärkung; ich weiß, Sie haben in vierzehn Nächten nicht ge⸗ ſchlafen. Jetzt aber müſſen Sie ſchlafen, ja, ich be⸗ fehle es Ihnen im Namen Ihrer Schweſter, für die Sie ſich erhalten müſſen, denn ſie wird noch lange Ihrer Pflege und Sorge bedürfen. O, das iſt herrlich, ſagte Carl freudig. Darum aber ſchlafen Sie jetzt, denn Sie kön⸗ nen es. Ihre Schweſter wird in den nächſten Stun⸗ den nicht erwachen, und ſo mögen auch Sie ruhig ſchlafen. Wollen Sie mir das verſprechen? Carl that es, der Arzt verordnete noch Einiges, und entfernte ſich dann. Carl aber ſank nieder vor Sophieen's Lager, und betete, dann aber überwäl⸗ tigte ihn die Müdigkeit. Sein Haupt ſank auf Sophieen's Hand, und vor ihrem Lager knieend, ſchlief er ein.— Der Arzt hatte recht gehabt, Sophie genas, aber langſam und kümmerlich. Wochenlang noch mußte ſie das Bette hüten, und hatte weder Kraft ſich aufzurichten, noch zu ſprechen. Sie lag wie in „ 143 einem Traumzuſtand da, und wenn ſie die Augen aufſchlug, und Carl's Antlitz über ſich geneigt ſah, dann verſuchte ſie zu lächeln, und flüſterte leiſe ſei⸗ nen Namen. Aber welch ein Feſttag war dies, als Sophie zum erſten Male von ihrem Lager ſich erheben, und auf Carl's Arm gelehnt einige Schritte im Zimmer gehen konnte. Wie klopfte ſein Herz, wie ſtrahlten ſeine Augen, und welche Dankgebete waren in ſei⸗ nem Herzen. Und Sophie las in ſeinem Antlitz ſeine Freude und ſein Glück, und ihre Augen füll⸗ ten ſich mit Thränen der Rührung. Sie reichte dem Freunde die ſchmale, abgezehrte Hand hin, und ſagte mit einem himmliſchen Lächeln: mein Freund, mein Bruder, ich danke Dir! Es war das erſte Mal, daß ſie ihn mit die⸗ ſem traulichen Du anredete, und Carl war außer ſich vor Freude. Er bedeckte die ihm dargereichte Hand mit ſeinen Küſſen, und hatte kaum Kraft zu ſagen: Du, o mein Gott, Du, meine Schweſter! Du biſt ja der Einzige, der auf der Welt ſich meiner erbarmt, ſagte Sophie unter Thränen, der Einzige, der mich liebt, und Theil an mir nimmt. Du haſt mich gepflegt, wie eine Mutter ihr leidendes verirrtes Kind, über das ſie ſich erbarmt in himm⸗ liſcher, uneigennütziger Liebe, und ſo lang ich lebe, will ich Dich lieben wie eine Schweſter, wie Deine treueſte Freundin. Carl unterdrückte den Seufzer, der ſich aus ſei⸗ ner Bruſt hervor drängen wollte, und ſagte mit ent⸗ ⸗ 144 ſagender, Alles duldender Liebe: Dank, tauſend Dank, meine Schweſter! Nun habe ich nichts mehr zu wünſchen auf Erden! Von nun an ſchritt Sophieen's Geneſung ra⸗ ſcher vorwärts, aber je mehr ihr Körper erſtarkte, und ſeine Friſche und Schwungkraft wieder erhielt, deſto niedergedrückter fühlte ſie ſich in ihrem Innern, deſto matter und gezwungener ward ihr Lächeln und ihre Freundlichkeit. Zuweilen ſaß ſie ſtundenlang ſchweigend, in ſich verloren da, und tiefe, ſchmerz⸗ volle Seufzer hoben ihre Bruſt, und als ſie einſt lange ſo da geſeſſen, in tiefer Stille, die Carl nicht zu ſtören wagte, ſagte ſie plötzlich entſchloſſen: Carl, ich habe heute Vieles mit Dir zu ſprechen. Wir müſſen uns über viele Dinge ausſprechen. Ich wartete, bis Du ſelber es fordern würdeſt, ſagte Carl, und ich bin bereit, Dir über Alles, was Du fragen möchteſt, Auskunft zu geben. Wie kommt es, fragte ſie raſch, daß Du nicht mehr in Uniform biſt? Carl ſchlug die Augen nieder und ſagte: ich habe den Stand eines Briefträgers aufgegeben, er behagte mir nicht länger! Sophie ſah ihn ſcharf und prüfend an, und ſchüttelte dann traurig ihr Haupt. Du ſagſt mir nicht die Wahrheit, Carl, ſagte ſie, aber ich ahne ſie. Als Du mich pflegteſt, als Du vierzehn Tage und Nächte an meinem Krankenlager wachteſt, da ward man unzufrieden, weil Du läſſig warſt in Deinem 145 Dienſt, und da entließ man Dich! Antworte mir, Carl, iſt es nicht ſo? K Ja, es iſt ſo, erwiederte er kleinlaut. Alſo war ich es, rief Sophie ſchmerzvoll, die Schuld daran war, ich brachte Dich um eine ſichere Verſorgung. Ich trage die Schuld, daß Du Dich jetzt der ſchwerſten Arbeit unterziehſt. Denn das thuſt Du, Carl! Nein, leugne es nicht. Du biſt oft bis zum Tode erſchöpft, wenn Du Mittags heim kommſt, Deine Hände zittern und Du ſiehſt bleich aus. Sage mir, Carl, ich beſchwöre Dich, ſage mir, was Du treibſt! Es iſt nichts, nichts, was Dich beunruhigen könnte, ſagte er, auch iſt es gar nicht weiter anſtren⸗ gend, liebe Sophie, gewiß nicht! Nachmittags gehe ich in das Atelier eines berühmten Malers, und bin ſein Farbenreiber. Und Vormittags? fragte Sophie. Vormittags ſäge und ſpalte ich Holz, ſagte er, und wenn mich das ein wenig angreift, ſo macht es nur, weil ich es nicht recht gewohnt bin. Aber Nachmittags, Sophie, Nachmittags im Atelier, ach, das iſt eine Freude, und wenn ich ſo ſtehe und Far⸗ ben reibe, da iſt es mir oft, als belebten ſich unter meinem Steine die Farben, und würden Fleiſch und Blut, und ich ſehe vor mir, in meinem Geiſte ganze Bilder und Gruppen, daß ich meine nur den Pinſel ergreifen zu müſſen, um das Alles malen zu können. Auch gebe ich genau Acht, wie der Maler den Pin⸗ ſel n die Farben miſcht, und merke mir Alles, 10 146 vielleicht, daß ich noch einmal ſo viel lerne, um Dein Bild in Farben malen zu können, Sophie! Sie ſagte leiſe: aber wer weiß, Carl, wo ich ſein mag, wenn Du das gelernt haſt. Ich muß Dich nun verlaſſen! Du willſt mich verlaſſen, ſchrie er, erbleichend. Ich muß, Carl, ſagte ſie, ich darf es nicht län⸗ ger dulden, daß Du für mich arbeiteſt, und Dich plagſt, nein, nicht eine Stunde länger kann ich dies dulden, und dann, Carl, fuhr ſie erröthend fort, was würde die Welt dazu ſagen, wenn man wüßte, daß ich bei Dir wohnte! Ach, die Welt, rief Carl angſtvoll, die Welt wird es niemals erfahren, denn ſie achtet nicht auf uns, und hier im Hauſe hält Dich Jedermann für meine Schweſter. Auch der Arzt glaubt, daß Du meine Schweſter biſt.. Du haſt alſo ſelbſt gefühlt, daß Niemand die Wahrheit erfahren dürfe, ſagte ſie ſanft, und als Carl ſeufzend ſein Haupt ſenkte, fuhr ſie fort: und wenn Bonaventura jemals dies erführe! Er, der mich beſchuldigte— Sie verſtummte, denn Thränen erſtickten ihre Stimme; es war das erſte Mal, daß unter ihnen ſein Name wieder genannt wurde, und er machte Carl zittern. Als er Sophie weinen ſah, fragte er mit troſtloſem Ton: Du liebſt ihn alſo immer noch? Nein, ſagte ſie, ſich raſch die Augen trocknend, nein, Carl, ich liebe ihn nicht mehr, und dies wollte ich Dir heute ſagen. Ich habe mich in dieſer Zeit 147 ſtreng geprüft, jeden meiner Gedanken, jeden meiner Seufzer erwogen, und jetzt weiß ich, daß es nicht bloß der Zorn iſt über ſein unwürdiges Benehmen, der mich kalt läßt, wenn ich ſeiner gedenke, ſondern daß meine Liebe für ihn erloſchen und geſtorben iſt; ja, er hat ſie ertödtet in mir, und von allen den hei⸗ ligen und erhebenden Empfindungen, von all' der Gluth und Begeiſterung iſt nichts mehr übrig ge⸗ blieben, nichts als das traurige und demüthigende Gefühl, einen Unwürdigen geliebt zu haben. Er hat Tag für Tag an meinem Herzen gerüttelt mit roher, gemeiner Hand, bis die Liebe zu ihm darin zer⸗ ſchellte, und ſeine eigene Rohheit war die Klippe, an der ſie zerſchellen mußte. Nein, Carl, mein Herz bleibt kalt, und meine Seele regt nicht mehr ihre Schwingen, wenn ich an ihn denke; er iſt mir ver⸗ loren und für immer entfremdet. Ich liebe ihn nicht mehr. Dies wollte ich Dir ſagen, dies mußteſt Du wiſſen, damit, wenn ich Dich heute verlaſſe, Du nicht denkſt, ich gehe um ſeinetwillen von Dir, und verlaſſe Dich, um ihn aufzuſuchen. Du willſt mich verlaſſen? rief Carl verzweif⸗ lungsvoll; ach, Sophie, ſage, daß Du es nicht willſt, Du tödteſt mich, wenn Du gehſt. Ach, So⸗ phie, fuhr er fort, auf ſeine Kniee nieder ſinkend und die Hände flehend zu ihr erhebend, Sophie, laß mir dieſen einzigen Troſt, Dich täglich zu ſehen, Dich täglich ſprechen zu hören. Ich bin ſo ganz verein⸗ ſamt, ſo ganz verlaſſen, ich habe nichts auf der Welt, Sophie, als Dich allein! Bleibe bei mir, ₰ 10 148 Sophie, verſage mir nicht dieſen letzten Troſt. O mein Gott, ich bin ja ſo unglücklich:— Thränen erſtickten ſeine Stimme, er war ganz außer ſich, ſeine ganze Geſtalt zitterte, wie im Fieberſchauer; Sophie war tief erſchüttert, und als Carl jetzt laut ſchluchzte und klagte, und ſie ſich alles deſſen erin⸗ nerte, was er für ſie gethan, wie er ſie gepflegt und ſich ihrer erbarmt, wie er der Einzige, der treu an ihr gehangen, und ſie geſchützt und getröſtet, wie ſie das Alles bedachte, da empfand ſie, daß ſie nicht die Kraft habe, ihn zu betrüben, und leiſe ihre Hand auf die Schulter des immer noch knieenden Freun⸗ des legend, fagte ſie: ſtehe auf, mein Bruder, und weine nicht. Du haſt mich vor den Menſchen Deine Schweſter genannt, ich nenne Dich hinfort vor Gott und Menſchen meinen Bruder, und ich will Dich lieben wie eine Schweſter. Iſt auch die Liebe für immerdar in meiner Bruſt erkaltet und erſtorben, ſo hat mein Herz doch noch Wärme genug, um der Freundſchaft fähig zu ſein, und dieſe Freundſchaft gehört Dir! Du willſt alſo bei mir bleiben, bei mir, Deinem Bruder? fragte Carl angſtvoll und zagend. Gehören nicht Bruder und Schweſter zuſam⸗ men? ſagte ſie mit einem wehmüthigen Lächeln. Weil es denn alſo iſt, ſo bleibe ich bei Dir, mein Bru⸗ der, und nichts ſoll uns hinfort trennen! Carl jauchzte laut auf v reude, und küßte ihr Gewand, ihre Hände in miſchem Entzücken. Aber ich habe noch einige Bedingungen zu ma⸗ 4 149 chen, ſagteSophie faſt heiter, denn Carl's ſichtliche große Freude beglückte und rührte ſie tief. Nun, ſage Deine Bedingungen, Schweſter So⸗ phie, ſagte Carl mit einem glücklichen Lachen, und ich verſpreche Dir, ſie zu erfüllen, müßte ich ſelbſt den Mond vom Himmel herunter holen. So gar ſchlimm iſt es nicht, Du ſollſt nicht den Mond vom Himmel, nur Arbeit aus dem Kauf⸗ laden holen, Arbeit für mich, denn ich fühle mich wieder ganz kräftig und ſtark zur Arbeit, und trage förmliches Verlangen nach ihr. Ich ſoll alſo nicht mehr für Dich arbeiten? fragte Carl traurig. Nein, Carl, erwiderte ſie ernſt, ich muß ſelber für mich ſorgen können, und ich thue es mit Freu⸗ den, denn zu arbeiten iſt mir eine liebe Gewohnheit und Zerſtreuung. Du verſprichſt mir alſo heute noch zu der Madame S., der Directrice, zu gehen, und ſie um Arbeit für mich zu bitten? Carl verſprach es. Und nun noch Eins, ſagte Sophie, ich habe vorhin in die kleine Kammer hin⸗ ein geſchen, in welcher Du ſchläfſt. Weil Du ſie immer ſo ſorgſam verſchloſſen hältſt, ahnte ich, daß Du darin etwas verborgen hielteſt, was ich nicht ſehen ſollte, darum merkte ich es mir, wo Du heute i den Schlüſſel hinlegteſt, und habe mir die Thür geöffnet. Das war nicht recht, Sophie, ſagte er mit nie⸗ dergeſchlagenen Augen. Es war Recht, erwiderte ſie gerührt, denn ich 150 ſah, wie Du für mich entbehrſt und leideſt. Ein ärmlicher Strohſack iſt Dein ganzes Bette, und ich liege auf weichen Kiſſen, und für mich haſt Du ſo der Erde, nur bedeckt mit einer leichten Decke, geſchlafen, für mich auch dieſes letzten Troſtes ent⸗ behrt, den es für uns Arme, Beladene giebt, des Troſtes, nach den langen Tagen der Sorge und Mühe Abends endlich auszuruhen in dem Ruhe bringenden, geliebten, tröſtenden Bette. Ich danke Dir, Carl, aber ich ſchwöre Dir zu, ich werde nicht wieder ſchlafen, wenn Du mir nicht verſprichſt, die dieſer Betten zu nehmen und ſie in Deine ammer zu tragen. Nein, nein, Sophie, rief Carl heftig, nimmer⸗ mehr darf dies geſchehen. Ich ſchlafe ganz gut auf meinem Strohſack, ſchlafe um ſo beſſer, wenn ich weiß, daß Du mindeſtens auf weichem Lager ruhſt. Gut, ſagte ſie mit einem lieblichen Trotz, dann verbringe ich von nun an die Nächte auf einem Stuhl ſizend. Denn ich habe geſchworen, nicht zu Bette zu gehen, wenn Du nicht meinem Willen nach⸗ giebſt. Und es geht ſo gut. Alle Kiſſen ſind dop⸗ pelt da, es iſt ganz darauf berechnet in zwei Theile getheilt zu werden. Carl, willſt Du mir den Schlaf und die Ruhe rauben, indem Du mir dies verwei⸗ gerſt? O nein, das willſt Du nicht, und ſiehſt Du, ich werde ſchnell die Betten aus einander ſuchen, und die Hälfte derſelben in Deine Kammer tragen. Sie ging raſch an's Werk, und als Carl ſie ſo für ſich beſchäftigt ſah, ihm ſein Lager zu bereiten, 151 fühlte er in ſeiner Bruſt einen tiefen, ſtechenden Schmerz, und lang unterdrückte glühende Wünſche und Schmerzen erwachten wieder in ihm. Er über⸗ wand ſich aber mit mächtigem Willen, und ſagte leiſe zu ſich ſelber:„ſie wird mich niemals anders lieben, als wie eine Schweſter!“ Als er aber dieſen Abend ſein Lager beſtieg, küßte er mit heiliger Andächt das Kopfkiſſen, das Sophie ihm hingelegt, und auf welchem ſonſt ihr geliebtes Haupt er Von nun an begann ein ruhiges, ſtill beglücken⸗ des Leben für dies ſeltſame Geſchwiſterpaar. In ru⸗ higer Heiterkeit vergingen für Carl die Tage, und wenn er Abends heimkehrte von der Arbeit, und So⸗ phie ihm mit freundlichem Gruß entgegen kam, und ihm zeigte, was ſie inzwiſchen gethan und geſchafft, wenn ſie ihm erzählte, wie ſie an ihn zti und mit ihm alle die kleinen Angelegenheiten ihrer Wirth⸗ ſchaft beſprach, oder, wenn ſie neben einander ſitzend, ſich aus irgend einem ſchönen Buche vorlaſen, denn Beide liebten ſie die Lectüre, wenn er ihrer holden, melodiſchen Stimme lauſchte, die ihm vorlas, wäh⸗ rend er dabei zeichnete, dann meinte Carl, alle ſeine Wünſche ſeien erreicht, und er habe auf Erden nichts mehr zu wünſchen. XIV. Der Rebenbuhler. Als Bonaventura an dem Abende jenes Tages, an welchem er Sophie auf eine ſo harte und bar⸗ bariſche Art behandelt hatte, heimkam, und ſie nicht fand, war er tief erſchüttert, und mit bitterm Reue⸗ gefühl rief er ſich all' ſeine Härte und Liebloſigkeit, Alles, was ſie durch ihn und für ihn hatte erdulden müſſen, zurück. Wäre Sophie in dieſem Augenblick in's Zimmer getreten, er würde vor ihr nieder ge⸗ ſtürzt, er würde ſie knieend und mit Thränen um Verzeihung gebeten, und eine gänzliche Umwandlung gelobt haben; auch zweifelte er gar nicht, daß ſie kommen würde, und erſt als Stunde nach Stunde verging, und ſie immer noch auf ſich warten ließ, erſt da glaubte er an die Möglichkeit, daß ſie ihn verlaſſen habez dieſer Gedanke erfüllte ihn anfangs mit einer Art Freude, und er athmete erleichtert auf: es war ihm, als ſei eine große Bürde von ſeiner Seele genommen, und als ſei er nun endlich wirder 153 frei geworden. Dennoch empfand er eine Art In⸗ dignation bei dem Gedanken, verlaſſen, aufgegeben worden zu ſein; je mehr er dieſer Stimmung nach⸗ hing, deſto unmöglicher ſchien es ihm, daß ſie dies wirklich vermochte. Wer mich einmal geliebt hat, ſagte er ſich, der kann mich nicht wieder vergeſſen, der kann nimmer aufhören mich zu lieben. Rein, nein, wie grauſam ich auch immer gegen Sophie war, nur mit ihrem Leben wird ihre Liebe zu mir erlöſchen. Aber wie, ſagte er zuſammenſchreckend, wie, wenn ihr Leben ſelber erloſchen wäre? Wie, wenn ſie in der Verzweiflung über meine Härte ſich ſelber den Tod gegeben! Nein, nein, rief er auf⸗ ſpringend, und heftig im Zimmer auf⸗ und abgehend, dies iſt, dies kann nicht ſein! Sie ſollte durch mich den Tod erleiden! Ich wäre zu ihrem Mörder ge⸗ worden! Oh Schmach und Schande über mein ſündiges Haupt! Ja, ja, wie ſehr ich mich auch ſträuben mag gegen dieſen ſchaudervollen Gedanken, das Entſetzlichſte iſt dennoch wahr, ich bin ihr Mör⸗ der, für mich iſt ſie in den Tod gegangen! Oh Du armes, gemißhandeltes, zertretenes Weib, welche Qua⸗ len mögen in Deiner Bruſt gewüthet haben, als Du Dich anſchickteſt zu dieſer letzten, furchtbaren That! Oh Sophie, ich weiß, daß Du mir ſterbend dennoch verziehen, ich weiß, daß es mein Name war, den Du ſterbend nannteſt! Er hatte ſich jetzt ſo tief gerührt, daß Thränen ſeinen Augen entſtrömten, und nun warf er ſich ganz erſchöpft auf einen Stuhl und unwillkürlich eine an⸗ 154 muthige, graciöſe Stellung annehmend, fuhr er mit leiſem, melodiſchem Tone fort: ja, fließt nur, fließt nur, meine Thränen, Ihr fließt um das edelſte, das reinſte Weib, um ein Weib, das mich geliebt hat mit gött⸗ licher Liebe, das mit himmliſcher Treue an mir gehan⸗ en und ſelbſt im Tode mich noch angebetet hatte. Denn ſe ſtarb, weil ſie mich anbetete, und weil ſie wähnte, mein Herz habe ſich von ihr gewandt, ſie ſtarb ge⸗ brochenen Herzens, und dennoch ſelig, denn ſie ſtarb für den Geliebten. Ja, Sophie, fuhr er fort, ſich immer mehr empor ſchraubend zu einer künſtlichen Begeiſterung und Exaltation, ja Sophie, jetzt erſt durchſchaue ich Deine große, edle That, oder beſſer, Deinen großen, edlen Opfertod; nicht aus Ver⸗ zweiflung biſt Du in den Tod gegangen, ſondern in herrlicher, erhabener Liebe; Du glaubteſt Dir mein Herz entfremdet, und Du gingſt in den Tod, um mir meine Freiheit wieder zu geben! Oh großes, ſchönes Herz, ſchaue vom Himmel hernieder auf meinen Schmerz und meine Thränen, und ſegne mich!— Seine Thränen floſſen reichlicher, er ſtand langſam auf und wankte ſchmerzbeladen zum Spiegel. Mit einem ſanften, ſchmetzlichen Lächeln ſchaute er in denſelben, und ſagte dann: oh wenn mich doch jetzt die Fürſtin Laſchuska ſehen könnte. Wenn ich einſt ſo, in Thränen aufgelbſt, mit dieſem Wehmuths⸗ blick zu ihren Füßen liege, oh gewiß, dann wird ſie mir nicht widerſiehen!— Dieſer Gedanke machte ihn ganz heiter, auch hatte er über ſeinem tragiſchen * —— 155 Monolog den Gegenſtand deſſelben, ſo wie ſeinen Kummer gänzlich vergeſſen. Aber bald ſollte er auf andere Weiſe an ſeinen Verluſt erinnert werden, denn es fehlten ihm die treuen, für ihn ſchaffenden und arbeitenden Hände, es fehlte ihm das liebende, ſorgende Weib, die ord⸗ nende Haushälterin, und Bonaventyra ſah ſich nicht allein den kleinlichen Unbequemlichkeiten, für ſich und ſeine Toilette ſelber Sorge tragen zu müſſen, aus⸗ geſetzt, ſondern es ſtellte ſich bald Mangel und Noth ein, und mahnte ihn bitter daran, daß Sophieen's fleißige Hände nicht mehr für ihn arbeiteten. Jetzt zürnte er ihr, daß ſie dies Leben von ſich geworfen, und ihren„Opfertod“ nanate er eine alberne, ſchwär⸗ meriſche That. Aber der Mangel ward immer fühlbarer, und doch mußte Bonaventura jetzt mehr, als jemals darauf bedacht ſein, daß Niemand den⸗ ſelben ahne, ja, er mußte ſogar Sorge tragen, ſich den Schein des Reichthums zu bewahren, um nicht bei ſeinen vornehmen Freunden Verdacht zu erregen. Denn kein Tag verging, ohne daß er bei ſeiner ſchönen Freundin, der Fürſtin Laſchuska, war, und je mehr ihn dieſe ſichtlich auszeichnete vor ihren übrigen Bewerbern, je mehr mußte er bemüht ſein, Alles zu vermeiden, was dieſen ſeinen Neidern und Nebenbuhlern Grund zum Verdacht geben konnte. Aber dieſe Verbindung mit ſeinen vornehmen Freun⸗ den konnte nicht ohne bedeutende Koſten aufrecht er⸗ halten werden. Fürſtin Laſchuska war reich, und ſie liebte es, im launenhaften Pharoſpiel das Glück 156 zu verſuchen, ſie ſetzte gern hohe Nummern, denn bei ihrem Reichthum ließen kleinere Gewinnſte und Verluſte ſie kalt. Natürlich durften ihre Cavaliere nicht hinter ihrer Dame zurückbleiben, und ſo war der Tiſch oft bedeckt mit Haufen Geldes, die von Allen, außer Bonaventura, mit Gleichgültigkeit ge⸗ wonnen und verloren wurden. Anfangs begünſtigte ihn das Glück und er gewann bedeutende Summen, die bei einem minder üppigen und verſchwenderiſchen Leben ihm für längere Zeit eine geſicherte Exiſtenz hätten gewähren können. Aber für Bonaventura genügte dies nicht; ſein Ziel war, die ſchöne und reiche Fürſtin für ſich zu erobern, und dies Ziel be⸗ ſtändig vor Augen, kümmerte es ihn wenig, wie groß die Geldſummen waren, die er verlor, voraus⸗ geſetzt nur, daß er immer etwas zu verlieren hatte, und ſo im Stande war, bei ſeinen Verluſten eine leichgültige Miene zu bewahren. Denn er durfte ſch nicht leugnen, daß ſein Angeſicht in ſolchen Mo⸗ menten beobachtet ward, und zwar nicht von den liebenden Augen der Fürſtin, ſondern von den miß⸗ trauiſchen, feindlichen Blicken ſeines Nebenbuhlers, des Fürſten Rajienski. Dieſer konnte es ihm nie verzeihen, daß die Fürſtin ſichtlich Bonaventura ihm vorzog, und hatte ſich gelobt, kein Mittel unverſucht zu laſſen, um Bonaventura aus der Gunſt der Für⸗ ſtin zu verdrängen und ſich an ihm für die erfahrene Zurückſetzung zu rächen. Er fing an, ihn genau zu beobachten; bald ſtiegen ihm Zweifel auf, und er begann dem oft gerühmten Reichthum ſeines Feindes 157 zu mißtrauen, als er ihn einmal bei einem bedeuten⸗ den Verluſte ſichtlich erbleichen und ein anderes Mal bei einem noch bedeutenderen Gewinn Bonaventura's Augen leuchten ſah in unverſtellter Freude. Ein reicher Cavalier wird von ſolchen Dingen nicht be⸗ rührt, dachte der reiche und freigebige Fürſt, folglich iſt er nicht reich, und er lügt, wenn er mit ſeinem Reichthum prahlt. Wer aber eine ſolche Lüge wagt, iſt auch noch zu anderen Betrügereien fähig!„Ich will ihn alſo beobachten!“ Aber, einmal argwöhniſch geworden, war es nicht ſchwer, noch andere Dinge aufzufinden, die Bonaventura immer mehr verdächtigten. Die ſchwär⸗ meriſche, und deshalb leicht zu täuſchende, Fürſtin Laſchuska hatte willig dem Mährchen, Bonaventura ſei ein von der Oeſterreichiſchen Regierung verbann⸗ ter Carbonaro, geglaubt, und nicht ein Zweifel war in ihrer Seele. Anders war es mit Fürſt Raſienski. Es ſchien ihm auffallend, daß ein Oeſterreichiſcher uüterthan, deſſen Güter am Comerſee, alſo in Italien, lägen, nicht bloß ſo fertig deutſch, ſondern das Deutſche nicht einmal im Heſterreichiſchen, ſondern mehr im Berliner Dialekt ſprechen ſolle. Der Fürſt ſelber war viel gereiſt, hatte ſich an den reizenden Ufern des Comerſees Wochenlang aufgehalten, und er meinte, das uralte Schloß Ottersheim, das, wie Bonaventura erzählte, in romantiſcher Lage unmit⸗ telbar am Ufer des Sees läge, müßte ihm aufge⸗ fallen ſein. Ich muß hierüber klar werden, ſagte der Fürſt, und ſollte ich ſelbſt einen meiner Diener 158 mit Courierpferden zum Comerſee ſenden, und einen Plan von der ganzen Gegend aufnehmen laſſen. Zuerſt aber will ich ihn ſelber ausforſchen! Am nächſten Abend, an welchem der Fürſt nun Bonaventura bei der Fürſtin zuſammen traf, und man ſich zum Spiel niederließ, ſetzte Fürſt Rajienski auf eine Karte eine ſo bedeutende Summe, daß ſelbſt die Fürſtin Laſchuska erſtaunte, und den Fürſten lächelnd einen Verſchwender nannte. Es iſt Coeur Dame, ſagte der Fürſt, und Herr von Ottersheim wird mich begreifen und es verſte⸗ hen, wenn ich behaupte, daß keine Summe zu groß iſt, um ſie auf dieſe Karte zu ſetzen. Wir Männer ſind, wenn wir lieben, nicht minder abergläubiſch, als die Damen, und übertreffen dieſe vielleicht noch in dem Glauben an Zeichen und Wunder. So bilde ich mir ein, daß, wenn dieſe Coeur Dame gewinnt, mir dies ein gutes Zeichen iſt, das mich ermahnt, nicht zu ermatten im Kampfe nach einem andern Herzen. Aber ſelbſt dieſe Coeur Dame darf ſich nicht genügen laſſen an einem einzigen Verehrer. Herr von Ottersheim, ich biete Ihnen daher einen fa für Coeur Dame. Wollen Sie gegen mich etzen? Nun, mein Dichter, rief die Fürſtin fröhlich, nicht wahr, Sie nehmen den Kampf an? Das iſt wirklich intereſſant, und ich zweifle nicht, daß Sie der Sieger ſein werden, denn das Glück iſt mit dem Mu⸗ thigen, und Sie ſind des Kampfes und Sieges gewohnt. Nun alſo, Sie pariren? fragte der Fürſt. 159 Natürlich! ſagte Bonaventura. Wie hoch be⸗ läuft ſich die Summe? Dreihundert Louisd'or. Laſſen Sie uns denn immerhin anfangen! Beliebt es Ihnen zu ſetzen, Herr von Ottersheim? Leider werde ich nicht im Stande ſein, dieſe Summe baar zu ſetzen, erwiderte Bonaventura, denn leider hat mir mein Verwalter noch immer nicht meine vierteljährlichen Revenuen geſchickt, und da er ſonſt ſich als ein ſo ordentlicher und pünktlicher Menſch immer bewährt hat, ſo muß ich faſt fürch⸗ ten, daß andere Schwierigkeiten obwalten, und viel⸗ leicht die Oeſterreichiſche Regierung meine Gelder zurück hält, um mich zur Rückkehr zu zwingen. Sie werden, Sie dürfen aber nicht dahin gehen, rief die Fürſtin heftig. Man würde ſich nicht ge⸗ nügen laſſen, Sie bloß zur Rückkehr gezwungen zu haben, man würde ſich Ihrer bemächtigen, in irgend einem entſetzlichen Gefängniſſe Sie der Vergeſſenheit, der Qual, der Marter einer lebenslänglichen Ge⸗ fangenſchaft Preis geben. Oh mein Gott, Bonä⸗ ventura, denken Sie an Pelico, gehen Sie nicht! Sie faßte ängſtlich ſeine Hand, als wolle ſie ihn zurück halten von dieſem gefährlichen Gange. Bonaventura küßte dieſe Hand und ſagte: ein Wort von Ihnen, Fürſtin, genügt, um mich auf ewig hier zu feſſeln, und ſollte ich auch als Bettler auf der Schwelle Ihres Hauſes ſterben!“ Nun, und unſere Wette? fragte der Fürſt mit rauhem Ton, Coeur Dame harrt noch immer ihres 160 zweiten Ritters. Herr von Ottersheim, ich gebe Ihnen Credit! Ich bin zu begierig auf den Aus⸗ gang dieſes Spiels, denn ich habe meine ganze Zu⸗ kunft auf dieſe Karte geſetzt. Laſſen Sie uns denn anfangen! Ja, fangen wir an, ſagte Bonaventura, ge⸗ winnen Sie, bleibe ich Ihr Schuldner, bis meine Gelder eintreffen. Geben Sie her, geben Sie, rief die Fürſtin lebhaft, ich ſelber will tailliren! Rechts gilt für Sie, Fürſt Rajienski, links für Sie, Bonaventura! Sie ſchlug die Karten auf, nach rechts und links, und murmelte dabei: gagné perdu! gagné! perdu! Perdu, rief Sie jetzt ganz freudig, Fürſt Rajienski, Sie haben verloren, Coeur Dame iſt links gefallen! Die dreihundert Louisd'or gehören Ihnen, ſagte der Fürſt ruhig, ſie Bonaventura hinſchiebend. Aber noch bin ich nicht entwaffnet und muthlos. Ich wage es noch einmal!— Er zog ſein Portefeuille hervor, und legte einen Haufen Banknoten auf Coeur Dame. Es ſind zweitauſend Thaler, Herr von Ottersheim, ich biete Ihnen einen zweiten Gang an. Sie riski⸗ ren dabei nichts, denn wir bedürfen nicht einmal der Summen Ihres Verwalters, das ſo eben Gewonnene genügt vollkommen! So laſſen Sie uns ſehen, Fürſtin, ſagte Bo⸗ naventura ganz freudig und in der Hoffnung aber⸗ mals zu gewinnen, laſſen Sie uns ſehen, Fürſtin, wem von uns Beiden Sie diesmal als holde Glücks⸗ göttin erſcheinen werden. 161 Die Fürſtin nahm lächelnd die Karten, und taillirte auf's Neue. Plöszlich aber warf ſie die Karten weit von ſich und ſprang auf. Sie haben gewonnen, Fürſt, rief ſie zornig, aber ich rathe Ihnen, eben Sie nichts auf Kartenglück, denn es lügt, und Soeur Dame ergiebt ſich Ihnen leichter, als ein menſchlich Herz! Sie ſtieß heftig den Tiſch zurück, daß die Geld⸗ ſtücke klirrend durch einander fuhren, und ging einige Male ſchweigend im Zimmer auf und ab.— Fürſt Rajienski ſteckte indeß ruhig ſein Geld wieder ein, und ſagte zu Bonaventura: es muß aber in det That unangenehm ſein, ſich ſo auf die Ordnungs⸗ liebe und Pünktlichkeit ſeiner Leute verlaſſen zu müſſen, und von ihrer Laune gewiſſermaßen abhängig zu ſein. Vielleicht könnte ich Ihnen nützlich ſein, we⸗ nigſtens zu erfahren, wer Schuld an dieſer Zögerung trägt. Ein Freund von mir reiſt heute noch nach Italien und wird am Comerſee längere Zeit ver⸗ weilen. Vielleicht könnte er ſelbſt in Ihrem Schloſſe nachfragen, ob der Verwalter das Geld abgeſchickt. Ich erbiete mich gern, meinem Freunde dieſen Auftrag zu geben, und erſuche Sie, mir nur den Namen Ihres Gutes und Schloſſes zu nennen. Ich darf Ihre Güte nicht mißbrauchen, ſagte Bonaventura, nicht ohne Befangenheit. Auch wäre eine ſolche Nachfrage vollkommen überflüſſig, da ich mich ganz auf meinen Verwalter verlaſſen kann. Nun dann, ſo erlauben Sie mindeſtens meinem Freunde, Ihre ſchöne Beſitzung in ichein zu II. 1 162 nehmen, und dort vielleicht einige Stunden auszu⸗ ruhen. Gewiß, dies wird mir eine Freude ſein Wie war doch der Name Ihres Schloſſes? ſct wahr, es heißt nach Ihnen, Schloß Otters⸗ eim? Bonaventura bejahete.— Seltſam, fuhr der Fürſt, ihn ſcharf fixirend fort, ſeltſam, daß der Name ſo ganz deutſch klingt. Wie kommt das, mein lieber Baron? Mein Vater war ein Deutſcher, und gab dem Schloß ſeinen Namen. Und in welcher Gegend des Comerſees liegt das Schloß? Es liegt nicht weit von, von— Bonaventura ſtockte, und der Fürſt ſagte anſcheinend harmlos: von Como, nicht wahr, ſo ſagten Sie mir ſchon früher? Ja, von Como, beſtätigte Bonaventura. Aber Sie fragen, wie ein Polizeiſpion, ſagte die Fürſtin zu den beiden Herren tretend, und ich bewundere Ihre Geduld, lieber Ottersheim, ſo lang⸗ müthig auf alle dieſe Fragen zu antworten. Bonaventura ſagte: unter Ihren Blicken, ge⸗ ſegnet von Ihrer Nähe, habe ich Geduld zu Allem, nur nicht, Sie mir abgewandt zu ſehen. Es geht mir damit wie den Blumen, die ihre Blüthe immer nach der Sonne wenden, und verwelken und ſterben ſo wie die Sonne aufhört, ihnen zu leuchten! 4 Für uns, mein Freund, giebt es auch noch eine 165 Sonne, ſagte die Fürſtin begeiſtert, uns leuchtet noch ein ſtrahlendes, köſtliches Meteor, und wir mindeſtens wandeln nicht unter dem matten Mondenſchein alltäg⸗ licher Zufriedenheit und Genügſamkeit einher, wie zum Beiſpiel Sie, Fürſt Rajienski. Ihnen genügt es, verbannt vom Vaterlande in Ruhe leben! Uns genügt dies nicht! Uns leuchtet ein köſtliches, glü⸗ hendes Licht, uns verlangt nach der Sonne, daß ſie komme, uns zu erwärmen, und unſer Herz zu durch⸗ glühen mit allmächtigem Glück. Dieſe Sonne iſt die Freiheit, die Freiheit unſeres Vaterlandes! Vielleicht, ſagte der Fürſt ruhig, vielleicht werden Sie einmal inne werden, Fürſtin, daß auch ich nicht unter dem Mondenſchein kalter Zufriedenheit, wie Sie ſehr ſchön ſagen, einher wandle, ſondern auch nach einer Sonne verlange und nach einem erwär⸗ menden Strahl. Meine Sonne aber liegt in Ihren Blicken! Vous étes insupportable! rief die Fürſtin Laſchuska unwillig, und wandte ihm den Rücken. Er iſt ein Betrüger, ſagte Fürſt Rajienski, als er von der Fürſtin heimfuhr. Ich bin jetzt davon überzeugt, daß er ein Betrüger iſt. Es kommt nur noch darauf an, ihn zu entlarven. Wäre nur der Oeſterreichiſche Geſandte nicht verreiſt! 14* XV. Der Betrug. Indeß war Bonaventura's letzte Hilfsquelle er⸗ ſchöpft, denn ſchon hatte er ſeine Brillantnadel ver⸗ kauft, und den koſtbaren, ächten Stein mit einem imititten vertauſcht. Aber auch das für dieſe Koſt⸗ varkeit erhaltene Geld war ſchon erſchöpft, und Bonaventura ſah keine neue Hilfsquelle mehr ſich für ihn öffnen. Er entſchloß ſich daher, ſeinen faſt vergeſſenen, und † ſeit Monden nicht geſehenen Schwager Stto aufzuſu⸗ chen, und ihn um ein Darlehn zu erſuchen.„Er iſt ein alter geiziger Philiſter,“ ſagte er auf dem Wege zu Otto,„aber Minna wird ihn ſchon bereden, mir eine nicht unbedeutende Summe zu leihen.“ Aber zu ſeinem Mißgeſchick traf er Minna nicht daheim, und Otto erklärte mit Entſchiedenheit nicht im Stande zu ſein, ihm irgend ein Darlehn zu be⸗ willigen. Zornig und mit tiefſter Verachtung für Stto verließ ihn Bonaventura, und kehrte in ſeine 165 Wohnung zurück, wo er in laute Klagen ausbrach, und ſich den Unglücklichſten aller Sterblichen, einen vom Schickſal Gezeichneten, einen Märtyrer der Ar⸗ muth nannte, und viel tauſend ſchöne Namen und Wendungen für ſeine traurige, verzweiflungsvolle Lage erfand. Etwas Großes, Entſcheidendes muß geſchehen, ſagte er, oder die Verzweiflung übermannt mich. Mein Geſchick muß eine andere, entſchiedene Wen⸗ dung nehmen, oder ich erliege dieſer Laſt und dieſen Verfolgungen meines Geſchickes! O tauſendmal, tauſendmal entſetzlicher iſt es vom Geſchick, als von den Menſchen verfolgt zu werden! Hier fehlt aller Widerſtand, aller Kampf, hier hilft nichts, als ſich zu reſigniren und ſchweigend zu dulden!— Ich aber, fuhr er energiſch fort, ich will nich dulden und ſchweigen, will nicht unterliegen und reſigniren! Nun, mein Hirn, nun ſtrenge Dich an, etwas Großes zu erſinnen, etwas Entſcheidendes, das mir zu der Fürſtin und zu Macht und Glanz verhilft! Lange ging er ſchweigend und finnend auf und ab, dann rief er laut und freudig: ja, ſo geht es! Bei meinem Leben, ſo geht es! Der Schrecken, die Ueberraſchung, ihre eigene Liebe zu mir wird ſie übermannen. Sie wird mir nicht widerſtehen! Und willigt ſie erſt ein, mich in ihrem Zimmer zu ver⸗ bergen, nun, dann habe ich gewonnen. Aber jetzt raſch an's Werk! 3 Er ordnete eiligſt ſeine wenigen Papiere und . 166 ſteckte ſie in ſeinen Buſen. Dann trat er zum Spiegel und prüfte ſein Angeſicht. Ich ſehe heute etwas blaß aus, das iſt gut, ſagte er, und wird meinen Worten mehr Gewicht geben. Auch mein Anzug muß etwas verworren und wild ausſehen. Dies Halstuch muß loſe, halb aufgeknüpft um den Hals klegen, ſo, und die Ordnung des Haares muß zerſtört werden!— Er fuhr ſich mit den Händen durch ſein langes ſchönes Haar, und warf es in ungeregelten Locken durch einander. Das ſieht über⸗ dies gar nicht übel aus, ſagte er, es erinnert ein wenig an Lord Byron. Nun wäre ich alſo fertig, und ſobald es dunkelt, eile ich zu ihr!— In peinigender Ungeduld verbrachte er die Stun⸗ den, bis der Abend herein dunkelte. Nun eilte er zum Palais der Fürſtin, und drang, ohne ſich mel⸗ den zu laſſen, in das Gemach, in welchem ſie ge— wöhnlich zu ſein pflegte, wenn ſie allein war. Die Fürſtin lag halb ſchlummernd auf dem Divan, und als ſie Bonaventura erblickte, tönte ein leiſer Schrei der Ueberraſchung von ihren Lippen. Sie richtete ſich halb auf aus ihrer liegenden Stel⸗ lung, als Bonaveutura ſich vor ihr niederwarf, und die Hände zu ihr erhebend, mit angſtvollem Ton ſagte: retten Sie mich, oder ich bin verloren! Man verfolgt mich! Man wird es vielleicht ſogar wagen, bis hierher zu dringen, um mich von hier in den Kerker zu ſchleppen! In den Kerker! ſchrie die Fürſtin erbleichend, und ihre rege Phantaſie zeigte ihr ſofort alle Schreck⸗ ———— 167 niſſe eines Kerkers, in dem Bonaventura verſchmach⸗ ten müſſe. In den Kerker! wiederholte ſie angſt⸗ voll, und unwillkürlich legte ſie ihre Arme um den Nacken des vor ihr knieenden Freundes. Nein, nein, nimmer ſollen ſie es wagen, Sie von hier zu entreißen, nimmer, ſo lange ich lebe! Nein, nein, rief Bonaventura, Sie, meine edle, meine erhabene Freundin, dürfen für mich nicht in Gefahr gebracht werden, lieber tödte ich mich ſelbſt. Ich kam, um Ihnen Lebewohl zu ſagen, ach, viel⸗ leicht ein ewiges, letztes Lebewohl; denn ich fühle es wohl, die Trennung von Ihnen, von meiner Sonne, von meinem Lichte, wird mich tödten! Aber gehen muß ich, und werde ich. Hier ſind meine Papiere, fuhr er fort, ſein Portefeuille aus ſeinem Buſen ziehend, und es der Fürſtin darreichend. Nehmen Sie es, Fürſtin, es iſt gewiſſermaßen mein Teſtament, und Sie werden finden, daß Sie in allen meinen Gedanken und meinen Liedern lebten, daß Sie der Genius meines Daſeins waren. Und nun, Fürſtin, leben Sie wohl. Ich kam, Sie um ein Obdach für dieſe Nacht anzuflehen, aber nun ich Sie ſehe, nun ich wieder in den Himmel Ihres Antlitzes ſchaue, nun fühle ich alle meine Vernunft und Ruhe wieder⸗ kehren, nun fühle ich, daß ich es nicht wagen darf, auch Sie in Gefahr zu ſetzen, und ich gehe. Leben Sie denn wohl, Licht meines Lebens! Leben Sie wohl!— Er küßte ihr Gewand, ihre Füße, und dann ſprang er auf, und ſtürzte zur Thür. 6 168 Aber ſchon war die Fürſtin empor geflogen vom Divan, und jetzt faßte ſie ſeinen Arm, und ſagte mit mächtiger Stimme: Bonaventura, willſt Du mich tödten! Er blickte ſie, wie zweifelnd an, dann ſagte er traurig: o nein, dies war nur ein ſchöner Traum! Itch glaubte, Sie ſprechen zu hören, aber es war nur hier in meiner Seele, daß ich Sie vernahm! Leben Sie wohl. Nein, ich laſſe Dich nicht, rief ſie, ſich angſt⸗ voll an ihn anklammernd, ich laſſe Dich nicht, mein Freund, mein Geliebter. Du ſollſt nicht dies Zim⸗ mer verlaſſen, ſie ſollen Dich mir nicht entreißen. Vor der ganzen Welt will ich Dich verbergen. Und nun ſank Bonaventura auf ſeine Kniee nieder, und die Arme gen Himmel erhebend rief er begeiſtert: o mein Gott, mein Gott, es iſt alſo kein Traum! Sie liebt mich! O, nun kann ich ge⸗ troſt von hinnen gehen, ihre Liebe nehme ich mit mir fort. Ja, ich liebe Dich, ſagte ſie athemlos, und Du darfſt nicht gehen. Ich dulde es nicht. Hier in dieſem Zimmer ſollſt Du bleiben, hier will ich über Dich wachen, hier hinein ſoll Niemand kommen dürfen außer mir. Bonaventura ſagte: nun gebiete Du über mich, Geliebteſte, Du liebſt mich, was kümmert mich nun die ganze Welt. Entſcheide Du nun über mein Geſchick. Du bleibſt alſo, ja Du bleibſt, ſagte ſie freu⸗ —— — 169 dig, und nun laß uns überlegen, was zu thun iſt. Erzähle mir ſchnell Alles, was Dich bedroht! Sie ſetzte ſich auf den Divan, und winkte ihn neben ſich. Bonaventura erzählte ihr nun, wie ſchon ſeit einigen Tagen Gensdarmen in ſeiner Wohnung nach ihm gefragt, und ſich erkundigt, und heute Mor⸗ gen habe ein Freund ihim eine ſchriftliche Warnung e und ihm gerathen, eiligſt die Stadt zu verlaſſen. Dies Billet, das er ſelbſt zuvor geſchrieben, zeigte er der Fürſtin, und erzählte weiter, wie er ſich ſchnell daran gemacht, ſeine Effecten zu ordnen und ſeine gefährlichſten Papiere zu verbrennen, als ſein Diener todtenbleich herein geſtürzt ſei und ihm gemeldet habe, daß mehrere Gensdarmen leiſe die Treppe herauf geſchlichen ſeien. Er ſei ſogleich durch eine Hintertreppe auf die Straße geeilt, habe vor der Thür die verſchloſſene Kutſche, in der man ihn wahrſcheinlich hatte fortführen wollen, ſtehen geſe⸗ hen, und ſei nun eiligſt zu ihr gekommen, um ihr Lebewohl zu ſagen. Nicht mir Lebewohl zu ſagen, ſondern um bei mir zu bleiben, ſagte die Fürſtin; mußt Du denn ein Gefangener ſein, mein Bonaventura, ſo will ich mindeſtens Dein Kerkermeiſter ſein, und meine Arme ſollen die Bande ſein, die Dich halten. O, und in dieſen Banden will ich immer ein Gefangener ſein! rief Bonaventura entzückt. Wie 170 aber, Geliebteſte, wenn man argwöhnt, daß ich hier verborgen bin? Wir laſſen ihnen nicht Zeit zum Argwöhnen und Nachdenken. Morgen noch bleibſt Du hier ver⸗ borgen, während der Zeit ordne ich alles Nöthige, dann verlaſſen wir Berlin, und vertauſchen es mit Paris. Ich werde keine Ruhe haben, bevor Du nicht jeder möglichen Gefahr entronnen biſt! Ich werde allen meinen Einfluß aufbieten, um Dich zu erretten! XVI. Der Abſchied. Seit Mutter Anna ihre Kinder verlaſſen und eine andere Wohnung bezogen, war Otto immer trauriger und ſtiller geworden; eine tiefe Muth⸗ loſigkeit hatte ſich ſeines ganzen Weſens bemächtigt; er ſah in der Zukunft für ſich und Minna nur Mangel und Sorge, und fühlte nicht mehr die 8 in ſich, dem kommenden Geſchick auszu⸗ weichen. Seit die Ueberzeugung, Minna liebe ihn nicht, ſich ihm aufgedrungen, ſchien ſeine Seele ganz ge⸗ lähmt, ſeine Willenskraft gebrochen, und die tiefe Melancholie, die ſich ſeiner bemächtigte, konnte nur dazu dienen, das kommende Unglück, das Otto gleich einer ſchweren Gewitterwolke den ganzen Himmel ſeiner Zukunft deckend, über ſich hängen ſah, zu be⸗ ſchleunigen. Denn ſeit er ſo muthlos und lebens⸗ ſatt ſich fühlte, hatte Otto auch den letzten Troſt, ſeine letzte Freundin, die Arbeit vernachläſſigt und 172 von ſich gewieſen, und weil er fühlte, daß auch die größte Anſtrengung Minna nicht ſichern könne vor dem kommenden Unheil, erlahmte ſeine Kraft für jeglichen Widerſtand. Auch erinnerte er ſich zu⸗ weilen mit einer Art Freude, daß Mutter Anna ge⸗ ſagt, ſobald ſie wieder ihre armen und arbeitſamen Kinder geworden, ſollten ſie ſie rufen, und ſie würde kommen, und dann auch flüſterte leiſe eine Stimme in ſeinem Herzen, daß die Armuth vielleicht ſeine Minna zu ihm zurück führen könne, daß, wenn ſie erkennen würde, wie treulos die Freuden und die Freunde dieſer Welt wären, daß ſie alsdann ſich dem wieder zuwenden werde, von dem ſie wohl wußte, daß er auf Erden ihr treuſter Freund ſei. Dieſe Gedanken waren es, die ihm zuweilen das kommende Geſchick minder traurig erſcheinen ließen, und mit dazu beitrugen, ihn unthätig und kampfes⸗ müde zu machen. Weil Otto aber weniger als ſonſt, ſelbſt in der Werkſtatt war, weil er die ſchwie⸗ rigſten Arbeiten ſeinen unbeaufſichtigten Geſellen überließ, fehlte den Arbeiten die ſonſt gewohnte Meiſterſchaft und Accurateſſe, und bald gingen min⸗ dere Beſtellungen ein, ſo daß für die große An⸗ zahl ſeiner Geſellen keine ausreichende Arbeit mehr vorhanden war. Otto, in einer Art Verzweiflung, entſchloß ſich, ſämmtliche Arbeiter zu entlaſſen, und als er am Ende des Monates ſie alle in der Werkſtatt um ſich verſammelte, um ihnen ihr monatliches Gehalt auszuzahlen, kündigte er ihnen ſeinen gefaßten Ent⸗ 173 ſchluß an. Er verſprach Jedem noch die Hälfte ſeines Lohnes für den kommenden Monat zu zahlen, und ſie ſollten Alle gleich heute ſich nach anderwei⸗ tiger Beſchäftigung umſehen. Eine tiefe Stille trat ein, als er ſchwieg; die Geſellen ſchauten einander an mit traurigen Blicken, und ſahen dann wieder auf Otto, der bleichen trau⸗ rigen Angeſichtes ſich an die Wand gelehnt hatte, und erwartete, daß die Arbeiter zu ihm kommen, ihm Lebewohl ſagen, und den verſprochenen halbmonat⸗ lichen Lohn in Empfang nehmen ſollten. Die Geſellen aber traten näher an einander, und flüſterten lange mit einander, endlich ſchienen ſie Alle einig, denn ſie nickten beifällig einander zu, und auf allen Geſichtern zeigte ſich der Ausdruck der Zufriedenheit und Uebereinſtimmung. Dann trat der älteſte und angeſehenſte von ihnen, der Werk⸗ meiſter, vor, und ſagte: lieber Meiſter Otto! Wir hätten Ihnen wohl eine Bitte vorzutragen. Wollen Sie uns anhören?— Otto nickte ſtumm Gewährung, und der An⸗ dere fuhr fort: Sie ſagen, Sie wollen uns ent⸗ laſſen, und verabſchieden uns, und wenn Ihnen das auch leicht werden mag, ſo wird es uns doch gar ſo ſchwer und traurig, daß wir Sie verlaſſen ſollen. Wir ſind ſchlichte, einfache Leute, und wiſſen nicht viel Worte zu machen, aber wir lieben Sie, und das möchten wir Ihnen gern beweiſen. Sie haben an uns Allen brav und treu gehandelt, Sie haben uns gehalten, als wären wir Ihre Brüder, nicht 174 Ihre Untergebenen, Sie haben uns einen ſo bedeu⸗ tenden Lohn gegeben, daß es uns möglich geworden, uns Alle etwas zu erſparen. Nun glauben wir aber, daß Sie uns entlaſſen wollen, weil ſeit einiger Zeit wenig oder gar keine Beſtellungen gekommen ſind, wir daher oft keine Arbeit haben, und es für Sie eine zu große Ausgabe iſt, uns Alle zu erhal⸗ ten und zu beſolden, wenn wir dafür gar nichts verdienen. Deshalb, lieber Meiſter, wollen wir Sie bitten, uns dieſen Monat wenigſtens noch zu be⸗ halten, aber Keiner von uns will einen Lohn dafür haben. Es macht uns Freude, Ihnen für jahre⸗ lange Güte auch dankbar ſein zu können. Da iſt Keiner unter uns, dem Sie nicht wohlgethan, Kei⸗ ner, der nicht zu erzählen wüßte von Ihrer Nach⸗ ſicht und Güte, und nun denken wir, Sie werden uns ſchon die Freude gönnen, Ihnen auch zeigen zu können, daß wir nicht vergeſſen haben, wie viel Sie für uns gethan, und daß ſie uns erlauben, frei⸗ willig für Sie zu arbeiten. Lieber Meiſter Otto, wir bitten ſehr, gönnen Sie uns dieſe Freude! O meine guten lieben Freunde, ſagte Otto tief gerührt, ich danke Euch. Ihr habt mir durch die⸗ ſen Beweis Eurer Liebe eine große Freude gemacht, und ich danke Euch, danke Euch von ganzem Her⸗ zen, meine Kinder, wenn ich Euer Anerbieten auch nicht annehmen kann. Ich will mein ganzes Ge⸗ ſchäft aufgeben, denn ich bedarf der Ruhe, meine Geſundheit iſt ſchwach, und ich habe weder Muth noch Kraft mehr zur Arbeit. Deshalb laßt uns 175 ſcheiden, meine Freunde, es kann nicht anders ſein! Die Geſichter der Arbeiter, vorher ſo hoff⸗ nungsvoll und freudig, wurden nun wieder traurig, und man hörte ſie tief ſeufzen, und hier und da machte ſich ſogar ein leiſes Schluchzen und Weinen bemerkbar. Otto ſelbſt war tief erſchüttert, und als der Werkmeiſter ſich ihm näherte, und ihm mit Thrä⸗ nen in den Augen die Hand zum Abſchiede dar⸗ reichte, zog Otto ihn an ſein Herz, und ihn innig an ſich drückend weinte er laut. Aber ein neuer Streit der Großmuth und Liebe entſpann ſich, als Otto ſeinen Geſellen den halb⸗ monatlichen Lohn auszahlen wollte, um ihnen Ge⸗ legenheit zu geben, ſich mit Ruhe, und ohne in Noth zu gerathen, nach andern Engagements um⸗ ſehen zu können. Alle erklärten entſchieden, dies durchaus nicht annehmen zu wollen. Erſt als Otto, um dem Streit ein Ende zu machen und ſie zur Annahme des Geldes zu bewe⸗ gen, ſagte, er habe eine große Erbſchaft gethan, deshalb allein gebe er das Geſchäft auf, und ſie könnten daher ohne Sorge ſein Anerbieten anneh⸗ men, erſt da entſchloſſen ſich die treuen Burſchen, das Geld anzunehmen.— Als nun endlich der Abſchied überſtanden, die Werkſtatt leer, nirgends mehr das Geräuſch der Hobel, der Feilen und Sägen zu hören war, als Otto ſich ganz einſam und allein fand, da erſt ſank 176 er troſtlos und wie zerbrochen zuſammen, und weinte bitterlich. Dann, als er ſich wieder geſammelt, ging er hinauf zu Minna, die er in ihrem Boudoir mit der Lectüre eines franzöſiſchen Romans beſchäftigt fand, und die ihm lächelnd einen Gruß entge⸗ gen rief. Minna, ſagte er mit einem leiſen Anflug von Bitterkeit, Du wirſt von nun an nie mehr den Aerger haben, Dich Frau Meiſterin nennen zu hö⸗ ren, denn ich bin kein Meiſter mehr, und habe ſo eben alle meine Arbeiter entlaſſen. Gott ſei Dank, ſagte Minna. Aber wie kommt es, daß Du jetzt auf einmal einen Schritt gethan, den zu thun ich Dich ſo lange vergeblich gebeten? Die Noth trieb mich dazu, Minna, Ich hatte keine Arbeit mehr für die Geſellen, und mußte ſie entlaſſen, weil ihre Erhaltung mir zu viel Koſten verurſacht. Mein Gott, rief Minna erſchrocken, was wird die Welt aber ſagen, wenn ſie dieſen Grund erfährt! Beruhige Dich, Minna, ich habe vorgegeben, eine Erbſchaft gethan zu haben, und deshalb das Geſchäft aufgeben zu wollen! Ah, das iſt ſchön von Dir, rief Minna. Wir haben aber keine Erbſchaft gethan, Minna, ſagte Otto ernſt, und ich muß Dich wieder und immer wieder daran erinnern, daß unſere pecuniären 177 Verhältniſſe zerrüttet ſind und wir nicht mehr im 5 Stande ſind, dies Leben ſo durchzuführen. Der unerwartete Fall jenes Banquierhauſes hat uns mehr denn die Hälfte unſers Vermögens geraubt. Minna ſagte lachend, die andere Hälfte aber, mein ängſtlicher Freund, wird wohl genügen für unsi Von nun an aber ward Otto immer ſchwer⸗ müthiger und theilnahmloſer; er hätte ſein Blut tropfenweiſe hingeben mögen, Minna vor Unglück und Armuth zu bewahren, und hatte nicht einmal die Kraft, ihr mit Ernſt entgegen zu treten und durch kluge Sparſamkeit das zu erhalten, was ihnen noch blieb. Er ſah Minna am Rand eines Abgrundes ſtehen, und hatte nicht den Muth, ſie mit Gewalt zurück zu reißen, er hatte nur Bitten und Seufzer, nur heimliche Thränen, aber der Mann in ihm ſchien erſtorben, und er war weich und willenlos, wie ein Kind. e V— Sein einzigſter Troſt war, zuweilen zu Mutter M— Anna zu gehen, und ſich von ihr von vergangenen F Tagen, von ihrer kummervollen Jugend, ihrem ar⸗ ſ. beitsvollen Leben erzählen zu laſſen. Mutter Anna ſchien ruhig und zufrieden wie Ml ſonſt, aber ſie war ernſter, ſtiller, ihrem Angeſicht fehlte der Ausdruck heitern Seelenfriedens, ihren Blicken der Strahl der Zufriedenheit und Ruhe; nur wenn Otto bei ihr war, wenn ſie ihm, von dem ſie wußte ganz verſtanden zu werden, von all' den kleinen und doch ihr ſo wichtigen Begebenheiten M. 12 178 ihres Lebens erzählte, von den Sorgen und Freuden der Arbeit, nur dann ſchien auch ſie ihre Heiterkeit wieder zu gewinnen und ward lebhaft und geſprä⸗ chig. Auf Otto aber machten die Unterrebungen mit der alten Frau einen tiefen und wohlthuenden Eindruck, ja, er fühlte ſogar zuweilen bei ihren Er⸗ zählungen ſeine ſchlummernde Liebe zur Arbeit wie⸗ der erwachen, und den Wunſch nach Arbeit und Thätigkeit ſich in ihm regen.— XVII. Der Jugendfreund. In trüber Stimmung kehrte Otto einmal von Mutter Anna heim, und ging langſam und gedan⸗ kenvoll auf der Straße dahin, als er ſich laut beim Namen nennen hörte, und aufſchauend einen Ju⸗ gendfreund vor ſich ſtehen ſah, den er ſeit einer Reihe von Jahren nicht geſehen. Beide begrüßten ſich freudig, und Otto ſagte: ich hatte es ſchon längſt aufgegeben, Bernhard, Dich jemals wieder zu ſehen. Als ich Dich vor acht Jahren zum letzten Male ſah, warſt Du im Begriff nach Amerika zu gehen, um Dich dort für immer niederzulaſſen. Und das habe ich auch richtig gethan, ſagte ſein Freund Bernhard, ich habe mir dort Fabriken angelegt, habe eine Frau genommen, deren gering⸗ ſter Vorzug es iſt, daß ſie reich iſt, habe zwei liebe Kinder, und bin mit Leib und Seele ein freier, glück⸗ licher Amerikaner. Doch aber haſt Du die Heimath nicht ver⸗ 12* 180 geſſen, fragte Otto, und kommſt jetzt, ſie einmal wieder zu ſehen? Hm, ja, wie man's nehmen will, obwohl ich Dir geſtehen muß, daß wir in Amerika weniger an derartige zartſinnige und eimpfindungsvolle Dinge denken, als da ſind Heimweh und Sehnſucht; un⸗ ſere Gedanken ſind mehr auf das Practiſche und Nützliche gerichtet, und, um Dir die Wahrheit zu geſtehen, waren es eigentlich Geſchäfte, die mich nach Deutſchland riefen. Ich habe hier bedeutende Baum⸗ wollen⸗ und Wollen⸗Einkäufe gemacht für meine Fabriken, und dann, Otto, weißt Du wohl, daß ich hauptſächlich nach Berlin gekommen bin um Deinet⸗ willen, und daß ich eben auf dem Wege nach Deiner Wohnung war? Aber ſicherlich doch auch nicht bloß, um mich zu ſehen, und aus Sehnſucht, ſagte Otto lächelnd, da Du, wie Du ſagſt, zu ſolchen Dingen zu prac⸗ tiſch biſt. Ja, Du haſt Recht, ſagte Bernhard lachend, aus bloßer Sehnſucht Dich zu ſehen, komme ich nicht von Leipzig nach Berlin her, aber Du wirſt mir zugeben müſſen, Freund, daß es doch auch ein Zeichen von Liebe iſt, daß bei einer ſehr wichtigen und bedeutenden Sache ich zuerſt an Dich denke, und zuerſt zu Dir komme! Gewiß, ſagte Otto, dem Freunde die Hand reichend, und ich bin Dir dankbar für dieſen Be⸗ weis Deines Angedenkens. Und hier ſind wir vor 181 meinem Hauſe, Bernhard, laß uns eintreten, und ſage mir, worin ich Dir nützlich ſein kann! In Otto's Zimmer angekommen, erzählte ihm Bernhard, wie mehrere reiche Fabrikbeſitzer in Ame⸗ rika, zu denen er ſelber gehöre, ſeit langer Zeit in ihren Baumwoll⸗Fabriken an einer Maſchine einen bedeutenden Mangel bemerkt, ſich aber vergeblich bemüht hätten, an der Stelle dieſer Maſchine eine andere, beſſere und ihre Zwecke mehr fördernde, zu finden. Er ſetzte ihm weitläufig den Zweck und die Beſtimmung dieſer mangelhaften Maſchine aus ein⸗ ander, und machte ihn aufmerkſam auf alle die Mängel und Fehler derſelben. Wenn es nun möglich wäre, ſagte er, eine Maſchine zu erfinden, die alle die Vortheile dieſer Dir beſchriebenen Maſchine, ohne die Mißſtände und Mängel derſelben, hätte, ſo würden wir nicht allein an jedem Tage noch einmal ſo viel Stoff verarbeiten, ſondern wir würden auch dieſen Stoff bei weitem feiner und ſchöner liefern können. Des⸗ halb haben ſämmtliche Fabrikherren ſich vereinigt und einen Preis von funfzigtauſend Dollars dem Erfinder einer ſolchen Maſchine zugeſichert. Dieſer Preis, ſo hoch er ſcheinen mag, iſt doch nur ge⸗ ring, wenn man bedenkt, daß mehr denn hundert Fabrikherren dazu einen Beitrag zahlen, und daß die Vortheile einer ſolchen Maſchine unermeßlich wären! Ich begreife das, ſagte Otto mit leuchtenden 182 Augen, denn ſeine frühere Luſt und Neigung zum Maſchinenbau regte ſich mächtig in ihm. Ich be⸗ reife das, und ſehe die Maſchine, die Du mir be⸗ ſhrübſt ganz klar vor mir. Sieh her!— Er nahm Bleiſtift und Papier, und zeichnete mit ſchnel⸗ len, ſichern Zügen. Sieh her, Bernhard, ſo ſtehen die Räder, ſo greifen die Felgen in einander. Iſt's nicht ſo? Ganz richtig! ganz richtig! rief Bernhard. Und dieſes Rad hier, fuhr Otto eifrig fort, dies Rad hier hindert Euch, hier greifen die Ge⸗ lenke zu ſchwerfällig in einander, und wenn Ihr dieſe Räder hier in eine übermäßig ſchnelle Bewe⸗ gung ſetzt, ſo fördert Ihr nicht die Arbeit, ſondern zerreißt nur den Stoff! Ganz genau ſo wie Du ſagſt! O, ich hatte ganz recht, zuerſt an Dich zu denken, Otto. Ich ſagte mir, mein Freund Otto iſt der geſchickteſte Maſchinenbauer und Mechanikus, dazu ein ma⸗ thematiſcher Kopf, und wenn eine ſolche Ma⸗ ſchine, wie wir ſie wünſchen, erfunden werden kann, ſo iſt Niemand da, der ſie eher erfinden wird als Otto. Siehſt Du, deshalb kam ich nach Ber⸗ lin. Deshalb erkundigte ich mich, ſo wie ich vom Wagen ſtieg, nach Deiner Wohnung, und machte mich auf den Weg dahin, und ſicher war es ein glückliches Vorzeichen, daß ich Dir ſchon unterwegs begegnen wußte! Das Schickſal ſelber weiſt mich an Dich! Otto hörte kaun, was Bernhard ſagte, er 183 ſtand über das Papier geneigt, und zog Linien und Kreiſe auf demſelben.! Dieſe Maſchine muß erfunden werden können, ſagte er dann entſchieden, aber es muß eine ganz neue werden. Nichts von dieſen Rädern und Fel⸗ gen, dieſen Haken und Kämmen darf bleiben. Es muß ganz etwas Neues werden! Otto, rief Bernhard freudig, Otto, Du ſiehſt ſo ſicher und freudig aus, und es iſt mir, als wüßte 5b genau, daß Du der Mann biſt, den wir uchen! Ich kann Dir nicht verſprechen zu erfinden, was Ihr braucht, aber ich werde es verſuchen, und es trifft ſich eigen, daß ich vor einiger Zeit ähn⸗ liche Maſchinen, wie die Eure, gebaut, und damals ſchon viel darüber nachgedacht habe, wie den ſicht⸗ lichen Mängeln derſelben abzuhelfen wäre.. Nun denn, Freud Otto, höre mich an, ſagte Bernhard ernſt, Du ſollſt ſehen, daß ich doch Freund⸗ ſchaft und Liebe empfinden kann, wenn ich auch grade nicht empfindſam und ſehnſuchtsvoll ſchwärme. Ich gehbre mit zu dem Comité der Fabrikherren, die über die Ausführung dieſer Maſchine entſcheiden ſollen; man hat mir aufgetragen, in alle deutſchen Zeitungen die Aufforderung zu einer Concurrenz einzurücken. Biſt Du aber im Stande eine Ma⸗ ſchine zu liefern, die unſern Anforderungen ent⸗ ſpricht, ſo ziehen wir es vor, die Sache nicht öffent⸗ lich zu machen, um nicht auch die Fabrikbeſitzer an⸗ derer Länder auf dieſe Mißſtände aufmerkſam zu 184 machen, und ſie zum Nachdenken über die mögliche Abänderung derſelben zu veranlaſſen, ſondern um auf dieſe Art einen Vortheil über ſie zu gewinnen. Deshalb mußt Du mir Dein Ehrenwort geben, mit Niemanden über dieſe Angelegenheit zu ſprechen. Willſt Du das thun? Ich gebe Dir mein Ehrenwort, es ſoll ein Geheimniß zwiſchen uns Beiden bleiben! Gut, und ich warte vier Wochen lang auf Deine Entſcheidung! Glaubſt Du dieſe Zeit aus⸗ reichend, um zu einem Reſultat zu gelangen? Vollkommen, in vier Wochen muß man dies finden, oder doch wiſſen können, daß das Suchen vergeblich iſt! Wohl denn, ich vertraue Dir vollkommen, Otto, und bin überzeugt, daß Du das Rechte finden wirſt! Dann ſind nicht allein funfzigtauſend Dollars Dein, ſondern wir werden Alles daran ſetzen, Dich für Amerika zu gewinnen. Und nun, mein Gott, rief Otto, als er allein war, nun ſtehe mir bei, und erleuchte mich mit Ver⸗ ſtand und Einſicht! Ich will dies erfinden, oder ſterben! O, alle meine Muskeln und Sehnen heben und dehnen ſich, ich fühle wieder Spannkraft in meinem Geiſte, ich bin wieder ein Mann, ein den⸗ kender, wollender, ſtrebender Mann! Ich habe wie⸗ der die Kraft in mir, mein Schickſal zu lenken, und mir eine neue Zukunft oder den Tod zu verdienen! XVIII. Die innere Amkehr. Traurig und in Thränen aufgelöſt ſaß Minna einſam in ihrem Zimmer. Es waren jetzt vier Wochen vergangen ſeit jener Begebenheit mit Victor von Sendeck. Sie hatte die Kraft gehabt, ihn nicht zu ſehen und ſeine Briefe zurück zu weiſen, aber nun fühlte ſie auch ihre Kraft erſchöpft, und eine tiefe, unausſprechliche Sehnſucht war in ihr. Alle ihre Gedanken, all' ihr Sehnen drängte ſich zu ihm hin, und ſie kämpfte in ſich den harten Kampf zwiſchen Pflicht und Leidenſchaft. Oft war es ihr, als koͤnne ſie es nicht länger ertragen, als müßte ſie zu ihm ſenden und ihn rufen, und wenn ſie ſchon im Begriff war, dies zu thun, ſo ſtockte ihre Zunge, und das Bewußtſein ihrer Pflichten erwachte in ihr. An das Alles dachte ſie jetzt, und darum weinte ſie, als plötzlich die Thür mit Heftigkeit aufgeriſſen ward und Victor herein ſtürzte. Ein einziger durchdringender Schrei der Freude tönte von Minna's Lippen; ſie ſprang auf und flog ihm entgegen, ihre Arme ſchlangen ſich, wie von ſelbſt um ſeinen Racken, ihre Lippen berührten ſich, und trunken von Glück ſtanden ſie da, ſich feſt um“ ſchlingend in innigſter Umarmung. Pergeſſen waren alle Pflichten, aber auch alle Leiden, und Herz an Herz gedrückt, fühlte Minna nur, daß ſie liebe und unausſprechlich glücklich ſei. Als ihre Freude ruhiger geworden, als ſie auf dem Divan, und er zu ihren Füßen ſaß, und zu ihr aufſchaucte mit heißen, verzehrenden Blicken, ſagte Victor: wie vermochteſt Du es nur, ſo hart und grauſam zu ſein? Wie gewannſt Du es nur über Dich, mich von Deiner Thür zu weiſen, meine Briefe nicht zu leſen? Minna zuckte zuſammen, als er ſo fragte, ſie hatte Alles vergeſſen, außer, daß er da war, daß ſie ihn wieder ſah; ſeine Worte aber erinnerten ſie wieder an ihre Pflicht, und um ihr Glück war es ethan. O Victor, ſagte ſie bebend, warum mußteſt Du mich mahnen an das, was ich gern vergeſſen hätte! Weißt Du denn nicht, Geliebter, daß meine Liebe zu Dir eine Sünde iſt, daß, wenn meine Arme Dich umfangen, mein Herz nach Dir ſchreit, daß ich dann eine Verbrecherin bin? Weißt Du nicht, daß Otto zwiſchen uns ſteht, wie eine ewige, un⸗ überwindliche Scheidewand und daß jeder Gedanke an Dich eine Sünde iſt? 187 Holdeſte, wie unſchuldig Du biſt! ſagte Victor lächelnd, und küßte ihre Hände. O Du edles, rei⸗ nes Weib, fühlſt Du denn nicht aber auch, daß es eine Macht giebt, die mächtiger und gebieteriſcher iſt, als jede Pflicht, die Dein Herz, Deine Seele, Deinen Verſtand, Dein ganzes Wollen gefangen nimmt, die alle andern Stimmen übertäubt, und alles andere zum Schweigen bringt? Oh wohl, wohl! murmelte ſie leiſe. Und dieſe Macht, die mächtiger iſt als alles Andere, das iſt die Liebe, meine Minna; die Liebe iſt das Einzige, Allmächtige, und darum das Größte, Göttlichſte in uns. Und darum beuge Dein Knie vor der Allmacht der Liebe, und bete an die Liebe, welche das Höchſte iſt, zu dem wir beten können, und vor der alles Andere, alle Pflichten, alle Ge⸗ danken, alles Wollen in den Staub ſinkt, und ihr gehorchen und dienen muß. Darum ſage auch nicht, daß Du eine Sünderin biſt, weil Du ſie in Dei⸗ nem Buſen trägſt, dieſe allmächtige, göttliche Liebe, weil die Liebe Dein Herz zu ihrem Tempel gemacht, und Dich berufen hat, ihre Prieſterin zu ſein. Eine Prieſterin der Liebe! Ein Weib, dem dies Gefühl das Höchſte und Heiligſte iſt, und die Alles in den Staub tritt, und nur betet zu der Liebe! O Minna, und wie willſt Du ihr widerſtehen können, dieſer allmächtigen Göttin, und wenn Dein Herz und alle Deine Sinne ſich zu mir drängen, wie willſt Du da Kraft finden, alle dieſe tauſend Stimmen in Dir, die zum Himmel beten und ſchreien um 188 Liebe, nur um Liebe, wie willſt Du Kraft fin⸗ den, ſie zu übertäuben und zum Schweigen zu bringen? Minna ſagte: ich habe keine Kraft mehr, und keinen Widerſtand, aber Du ſollſt ſie mir geben, dieſe mangelnde Kraft, Du ſollſt die ſichere Stütze ſein, an die ich mich lehne, ja Victor, Dich rufe ich auf zum Beiſtand gegen mich ſelber. Wenn ich ſchwach bin, ſo ſei Du ſtark, wenn ich ſchwanke, ſo richte Du mich auf, und wenn ich vergeſſe, ſo erinnere Du mich an meine Pflicht. Siehſt Du, das iſt es, was ich von Dir erwarte, daß Du ein Mann biſt, ein freier, ſtarker Mann, den ſelbſt eine Leidenſchaft nicht unterjochen, die Liebe ſelbſt nicht zu ihrem Sclaven machen kann. Oh, mein Ge⸗ liebter, gönne mir das Glück, zu Dir aufblicken zu können, als zu einem ſichern Fels, an den ich mich lehne, gegen alle Stürme des Lebens, und laß mich immer zu Dir beten dürfen um Beiſtand und Kraft, zu Dir, der Du dann in Wahrheit mein Heiland biſt, und mein Erlöſer! Wie ſie ſo flehend und demüthig ſprach, leuch⸗ tete ihr Antlit in zarteſter, reinſter Schönheit und Victor zog ſie ſtürmiſch an ſein Herz. Nimmer, nimmer kann ich Dich aufgeben und laſſen, rief er leidenſchaftlich, nimmer einer Liebe entſagen, die mein ganzes Weſen durchglüht. Nein, Minna, verlange dies nicht. O Thoren ſind die, welche der kalten Pflicht ihr Herz zum Opfer bringen, und ihr Glück! Nein, Minna, wir Beide wollen glücklich ſein! Wir 189 wollen nicht mit frecher Hand die heilige Blüthe der Liebe in unſerm Herzen zerſtören, fondern wir wol⸗ leu ſie pflegen, und mit Andacht ihrem heiligen Werden lauſchen. Du biſt mein, Minna, denn Du liebſt mich, und weil Du mein biſt, will ich Dich auch beſitzen. Was kümmert uns dieſer kalte Gatte, der hemmend zwiſchen uns ſteht. Er iſt nichts als ein leeres Schattenbild, das uns nicht ſchrecken kann; was kümmert es uns, daß er Dein Gatte iſt, mir gehört Dein Herz, und darum mußt Du mein ſein, mein Weib, ob auch die Welt einen Andern Deinen Gatten nennt! Er wollte ſie wieder an ſein Herz ziehen, ſie wehrte ihn aber zurück, und ſtand auf. Ihre Augen glühten, und faſt zornig ſagte ſie: ich ſehe es wohl, Du verachteſt mich, denn Du wagſt es, zu mir zu ſprechen in Worten, vor denen meine Seele erbebt. Du wagſt es, von meinem Gatten in verächtlichem Ton zu ſprechen, von ihm, der mindeſtens unſere Achtung verdient und vor dem wir erröthend unſere Augen niederſchlagen ſollten, und in unſerm Herzen zu ihm flehen, um ſeine Ver⸗ gebung unſerer Schuld. Oh Victor, fuhr ſie wei⸗ cher fort, ſage nicht, daß ich ihn täuſchen ſoll, daß ich ſeine Gattin heißen und Dein Weib ſein ſoll, ſage das nicht, mein Geliebter, denn ich kann's nicht denken, daß dies in Wahrheit Deine Meinung ſein könnte. Heilig und unantaſtbar iſt das Band ider Ehe, und was ich auch immer empfinden mag, ich werde und will mein Herz zwingen, keine andere 190 Stimme mehr zu hören, als die Stimme der Pflicht, und meine Pflicht iſt es, meinen Gatten zu ehren, und ihn mindeſtens nicht zu betrügen. Meine Pflicht iſt es, Dir zu entſagen, dieſe Liebe in mir zu er⸗ tödten, dieſe Wünſche, die in mir ſprechen, zu über⸗ winden. Nein, Victor, ſage mir nichts, antworte mir nicht, Du fühlſt, daß ich Recht habe. Du fühlſt, gleich mir, daß Alles rein und klar zwiſchen uns ſein muß! Wollen wir denn ſtreben, unſre Herzen zu überwinden, und nur die reinſte, heiligſte Neigung darf uns verbinden! Laß uns verſuchen, ob wir es vermögen, wieder uns das zu ſein, was wir waren, Du mein Bruder, ich Deine Schweſter! Oh, Du weißt, daß dies unmöglich iſt, ſagte Victor. Dann iſt es heute zum letzten Male, daß wir uns ſehen, erwiderte ſie beſtimmt. Nur wenn Du mir ſchwörſt, nimmer zu mir von unſerer Liebe zu ſprechen, nur wenn wir den heiligen, undurchdring⸗ lichen Mantel des Schweigens über unſer Herz legen, daß Niemand, auch wir ſelber kaum, ahnen können, was darunter wogt und kämpft, nur dann, Victor, wenn wir nimmer das Auge meines Gatten, das Ohr eines Lauſchers zu fürchten haben, nur dann, Victor, dürfen wir uns wiederſehen. Wohlan, ſo ſei es, ſagte Victor, hinfort ſoll mein Mund ſtumm ſein, und meine Arme ſollen ſich nicht mehr heben, Dich zu umſchlingen. Ich werde Dich lieben, aber ſchweigen, und warten, 191 bis Deine eigene Sehnſucht mich zurück ruft an Dein Herz! Sie reichte ihm die Hand, und ſagte mit einem himmliſchen Lächeln: mein Bruder! O, wenn Du fühlen könnteſt, wie mir jetzt ſchon wieder wohl wird und glücklich, wie meine Seele ihre Schwin⸗ gen hebt in freudigem Stolz, daß ſie nicht mehr belaſtet iſt von Schuld und Sünde. O wie glück⸗ lich werden wir ſein! 8 e ſchwieg und ſchwere Seufzer hoben ſeine ruſt. Er entfernte ſich bald, und ging langſam und verſunken in traurige und doch ſüße Gedanken ſei⸗ ner Wohnung zu. O, welch' ein edles, reines Weib iſt dies, ſagte er zu ſich ſelber. Wie edel kämpft ſie gegen ihr eigenes Herz, wie muthooll iſt ſie und ſtark, ſo ſtark, wie es nur die Unſchuldigen ſein können, die noch nichts wiſſen von der furchtbaren Gewalt und Macht der Sünde. O Du holdes, ſüßes Kind, die Du mir die Träume meiner Jüng⸗ lingsjahre wahr gemacht, und alle meine Berech⸗ nungen zernichtet haſt mit der Glorie Deiner reinen Weiblichkeit, ich habe nicht Dich, ſondern Du haſt mich erobert, Du haſt mich ſie kennen gelehrt die Erhabenheit der Unſchuld und Weiblichkeit, an die ich lange, lange ſchon nicht mehr geglaubt. Ach, und nun, da ich wieder lerne wahrhaft zu lieben, willſt Du Dich mir entziehen. Und Victor blieb ſeinem gegebenen Worte treu, und als er am nächſten Tage wieder kam, und ſie 192 ihm lächelnd die Hand reichte, nannte er ſie mit einem Ton, der aber Minna's Herz beben machte, ſeine Schweſter, und wagte es nicht einmal dieſe Hand zu küſſen, die in der ſeinen ruhte. Minna indeß, ihrem eigenen Herzen mißtrauend, vermied es ſorgfältig, mit Victor allein zu ſein, ſie lud oft Madame Jelſa ein, ihren Vorleſungen bei⸗ zuwohnen, oder, wußte es geſchickt zu veranſtalten, daß Otto zugegen war. Und ihr Verhältniß zu dieſem begann allgemach eine andere Wendung zu nehmen. Um einen ſichern Halt zu haben gegen ihre eigene Schwäche, flüchtete ſie unter den Schutz ihres Gatten, klammerte ſie ſich an ihn an, und ſuchte jetzt ſeine Nähe, die ſie ſonſt oft vermieden. Das heimliche Bewußtſein, ſeiner Verzeihung zu bedürfen, machte ſie weich und mild gegen ihn, und nun, da ihr eigener Geiſt gebildet worden, war ſie beſſer denn früher im Stande, den ſeinen zu erkennen, und alle die tiefen und köſtlichen Schätze ſeines Gemüthes zu durchſchauen, und ſeine reine, milde und weiche Seele zu erkennen. Seine Güte, ſeine Herzenseinfalt, ſeine Beſchei⸗ denheit, Alles das rührte ſie jetzt, da ſie ſich die Mühe b dies Alles zu erkennen, tief, und unter dem Beſtreben ſich abſichtlich ihm zu nähern, näherte ſich ihr Herz ihm wirklich, und ſie begann min⸗ deſtens Ehrfurcht zu empfinden vor ſeiner einfachen, edlen Natur. Aber Otto war jetzt nicht im Stande, dieſe Veränderung in ihrem Weſen wahrzunehmen, denn 193 alle ſeine Seelenkräfte waren auf das Eine, große Ziel gerichtet, er war ſogar oft in Minna's ähe zerſtreut, und beachtete nicht die kleinen Aufmerkſam⸗ keiten, die ſie für ihn hegte, und wie ſie, grade in Victor's Gegenwart, gefliſſentlich ihm, ihrei Gat⸗ ten, alle ihre Freundlichteit zuwandte, und uur mit ihm ſich beſchäftigte. Victor aber verſtand ſehr wohl dies Beſtreben einer edlen Natur, ſich ſelbſt wieder zurecht zu finden. Wenn auch nicht ohne heißes Schmerzge⸗ fühl, mußte er ſich doch ſagen, daß Minna das Rechte erwählt, und daß es als Ehrenmann ſeine Pflicht ſei, ihr edleres Selbſt gewahren zu laſſen, und nicht zu verſuchen, ſie abzuleiten von dem Pfade, den zu gehen ihre Pflicht und ihr Gewiſſen ihr geboten. / 13 XIX. Die Entdeckung. Mit freudeblitzenden Augen kehrte Fürſt Ra⸗ jiensky eben von einem Beſuche heim, den er dem Polizeirath Werhans gemacht hatte. Seit einiger Zeit hatte er ei und lange Unterhandlungen mit dieſem Herrn grhabt der berühmt war als das wach⸗ ſamſteund ſchärfſte Auge der Polizei, und deſſen Späherauge iu däs tiefſte Dunkel verbrecheriſcher Geheimmiſſe einzudringen vermochte. Heute ſchien⸗Fürſt-Rjiensky von dem Polizei⸗ rath ein wichtiges Geheimniß erfahren zu haben, denn ſein Angeſicht ſtrahlte vor Freude. Er machte eilig neue Toilette und fuht in das Hotel der Für⸗ ſtin Laſchuska.* Sie ließ ſich ktank melden. Der Fürſt Rajiensky ſchrieb eiligſt auf ſeine Karte die Worte: ich muß Sie ſprechen, es handelt ſich um die Sicherheit einer Ihnen nahe ſtehenden 195 Perſon, deren Freiheit bedroht iſt. Dieſe Karte ſandte er der Fürſtin, und nun ward er angenommen. Was bringen Sie, ſagen Sie ſchnell, was brin⸗ gen Sie? rief ihm die Fürſtin aufgeregt entgegen. Ehe ich ſpreche, Fürſtin, ſagte der Fürſt, ihre Hand küſſend, muß ich die Gewißheit haben, daß wir allein ſind! Sie ſehen, daß wir es ſind! Anſcheinend wohl, aber verzeihen Sie, Gnä⸗ digſte, ich muß auch überzeugt ſein, daß auch Nie⸗ mand uns hört, ſelbſt nicht, fuhr er leiſer fort, ſelbſt nicht Herr von Sttersheim. Die Fürſtin erröthete, Rajienski bemerkte es, und fagte: ich wage die Bitte, Sie in den Salon begleiten zu dürfen! Die Fürſtin winkte ihm, und ſchritt raſch ihm voran in den Salon. Und nun, ſchnell, ſagte ſie, hier angekommen, ſſagen Sie mir, weſſen Freiheit iſt bedroht? „Die Freiheit eines Betrügers,“ ſagte der Fürſt. Sehen Sie hier, Gnädigſte, einen Verhaftsbefehl ge⸗ gen einen gewiſſen Fritz Wendt, Sohn eines Mau⸗ ters aus Ottersheim, nach welchem Orte ſich dieſer Fritz Wendt von Ottersheim nennt, und zwar mit dem ſchönen Vornamen Bonaventura, welcher Rame das Einzige iſt, was er von Italien her ſich zueig⸗ nen konnte. Sein einziges italieniſches Beſitzthum! Fürſtin Laſchuska war ſprachlos vor Erſtaunen und Zorn. Sie überlas das Blatt, das ihr Rajienski ge⸗ 13* 196 reicht, mehrere Male, ſie beſah das Siegel und die Unterſchriſt des berühmten Polizeiraths. Alles iſt ächt, ſagte ſie dann wie zu ſich ſelber, hier kann keine Täuſchung obwalten! Dies iſt ent⸗ ſetzlich! rief ſie dann in tiefſter Indignation, und ging heftig im Zimmer auf und ab. Rajienski kannte die Fürſtin wohl. Er wußte, daß ihr Stolz auf das Tiefſte empört ſein würde von dem Gedanken, durch einen gemeinen, niedrig gebornen Menſchen betrogen worden zu ſein, mit dem Sohne eines Maurers in näheren und vertrau⸗ teren Beziehungen geſtanden zu haben, und von die⸗ ſem ihre Schwäche benutzt, ihre Schwärmerei für die Freiheit gemißbraucht zu ſehen. Er wußte, daß auch nur dieſe Schwärmerei ſie zu Bonaventura hingezogen, und daß ſie aufhören werde, ſich für ihn zu intereſſiren, wenn er, des Märtyrerſchmuckes und der äußern Ehre beraubt, als ein Betrüger vor ihr ſtände.— Sie ging lange in heftigſter Aufregung auf und ab, mit vor Zorn blitzenden Augen und hoch wallen⸗ der Bruſt; aber ſchon hatte der gekränkte Stolz alle Liebe in ihr ertödtet, der Zorn alle ſanfteren Re⸗ gungen in ihr zum Schweigen gebracht. Und wie ſchlau hat dieſer elende Menſch meinen Enthuſiasmus für die edelſten Intereſſen des Lebens zu benutzen gewußt, oh, wie hat er mich umgarnt mit ſeinem Märtyrerthum und ſeiner Begeiſterung! ſagte ſie, zitternd vor Zorn. Oh, es iſt empörend! Ich ahnte ſchon lange, daß er ein Betrüger ſei, 197 ſagte der Fürſt, und habe ihn ſchon ſeit längerer Zeit beobachtet. Und warum theilten Sie mir Ihren Verdacht nicht mit? ſagte ſie heftig. Weil Sie mir nicht geglaubt hätten, Gnädigſte. Weil dieſe poetiſche Begeiſterung des Herrn Bona⸗ ventura Ihnen die einzig wahre ſchien! Weil ſeinen hochtrabenden Phraſen gegenüber ich der nüchternen, aber überzeugenden Proſa bedurfte. Sie haben Recht, Fürſt Rajienski, ſagte ſie, ihm die Hand reichend, ich ſehe meinen Irrthum eini Helfen Sie mir, mich an dieſem Betrüger zu rächen und ich verſpreche Ihnen“— ſie ſtockte. Was verſprechen Sie mir? fragte er, ſich leicht vor ihr auf ein Knie niederlaſſend. Hinfort Ihnen mehr zu glauben, als jedem An⸗ dern, Aber nicht davomlaſſen Sie uns Jetzt ſprez chen! Dieſer Elende muß beſtraft werden! Helfen Sie mir, rathen Sie mir, wie wir ihn am empfind⸗ lichſten treffen.* Wir könnten ihn der Polizei überantworten! Nein, das nicht, rief die Fürſtin, mein Name darf nicht in dieſer Sache compromittirt werden. Und was ſind einige Wochen Gefängnißſtrafe gegen dieſe entſetzliche Beleidigung! Nein, empfindlicher und ſchmerzhafter muß ſeine Strafe ſein! Sie beriethen ſich lange, dann die Fürſtin mit blitzenden Augen, und einem grauſamen Lachen: So ſoll es ſein! Ja, ſo ſoll es ſein! Oh, das ſoll mir eine ſüße Stunde ſein! 3 3 198 Aber dies wird nicht verſchwiegen bleiben, man wird daraus ein Stadtgeſpräch machen! Mag man dies thun! Ich reiſe fort, und ver— laſſe Berlin auf immer. Und wohin, theuerſte, geliebteſte Fürſtin, wohin gehen Sie? Sie ſah ihn mit einem eignen ſtolzen und lächeln— den Blick an, dann reichte ſie ihm die Hand, und ſagte: auf die Güter meines Verlobten, des Fürſten Rajienski; denn ich ſehe es wohl, meine glühende Begeiſterung bedarf des Schutzes männlicher Be⸗ ſonnenheit. Der Fürſt ſank vor ihr nieder, und bedeckte ihre Hand mit ſeinen Küſſen. XX. Die Rache. Es war am Tage nach dem Geſpräch det Für⸗ ſtin Laſchuska mit dem Fürſten Rajienski. Sie be⸗ fand ſich mit Bonaventura in ihrem Boudoir. Ich habe heute mehrere Freunde zum Diner ge⸗ laden, ſagte die Fürſtin zu Bonaventura, es war mir eine Art Bedürfniß, vor meiner Abreiſe noch einmal alle meine Freunde um mich verſammelt zu ſehen! Kommen Sie denn,⸗die Gäſte ſind verſam⸗ melt, laſſen Sie uns zu ihnen gehen. Aber werde ich dies wagen können? fragte Bo⸗ naventura. Es könnte leicht gefährlich für mich ſein, aus meiner Verborgenheit hervorzugehen. Fürchten Sie nichts, ſagte die Fürſtin, wir ſind unter Freunden, die mich nicht verrathen.. In welchem ſeltſamen, kalten Ton Sie heute zu mir ſprechen, Theuerſte, rief Bonaventura. O ſagen Sie, Geliebteſte, was that ich, daß Sie mir Ihr göttliches Lächeln, Ihre ſtrahlenden Blicke entziehen? 200 Ich ſah Sie ſeit geſtern nicht, und doch finden Sie heute für mich kein warmes, freundliches Wort. Sie ſahen mich ſeit geſtern nicht, ſagte die Für⸗ ſtin mit einem grauſamen Lächeln, und doch war ich nur mit Ihnen beſchäftigt. Kommen Sie denn, un⸗ ſere Freunde erwarten uns! Bonaventura wollte ihr den Arm reichen, ſie wies ihn ſtolz zurück, und ſchritt ihm vorar in den Speiſeſaal. Hier fanden ſie die Gäſte verſammelt, junge vornehme Polen, die Bonaventura öfters ſchon bei der Fürſtin geſehen, und die ihn jetzt mit einer ſel⸗ tenen, vertraulichen Freundlichkeit empfingen. Doch ſagte die Fürſtin; vielleicht iſt Einer unter Ihnen, der meinen verehrten Gaſt, den berühmten Freiheitsdichter, Bonaventura, Grafen von Ottersheim, nicht kennt. Ich habe die Ehre, Ihnen denſelben vorzuſtellen. O wer wollte den nicht kennen! Den berühm⸗ ten Dichter! Den vornehmen Mann! Die Grafen Ottersheim ſind eine der älteſten adligen Familien Italiens, riefen die Herren durch einander mit einem das Bonaventura einen Augenblick ſtutzig machte. Doch fand er bald ſeine frühere Unbefangenheit und Sicherheit wieder, und als man ſich zu Tafel ſetzte und man ihm den Ehrenplatz am obern Ende der Tafel anwies, als er ſah, daß hinter ſeinem Stuhl zwei reich gallonirte Diener ſtanden, wäh⸗ rend hinter den andern Stühlen immer nur einer 201 ſtand, da klopfte ſein Herz hoch in ſtolzer Freude, und er dachte: ſie will mich ehren vor der ganzen Welt. Sie überhäuft mich mit Aufmerkſamkeiten, und will ihre Neigung zu mir gar nicht mehr ver— hüllen. O, vielleicht iſt ſie gewillt, heute noch un⸗ ſere Verlobung bekannt zu machen. Deshalb auch ſtellte ſie mich als Grafen Ottersheim vor. O, ich verſtehe ſie, und ſie ſoll mit mir zufrieden ſein, denn ich werde dieſem Grafentitel nicht widerſprechen! So nachdenklich und ernſt, theuerſter Graf? fragte ihn Fürſt Rajienski, der ihm zunächſt ſaß. Das unendliche Glück macht ſtumm; ſpate er, und ſeine Blicke ſuchten der Fürſtin Augen; ſik waren aber von ihm abgewandt. Alſo Sie ſind glücklich? fragte der Fürſt wie⸗ der. Ach, dann ſind gewiß auch Ihre erwarteten Gelder eingetroffen von dem Verwalter Ihrer Güter am Comerſee. Am Comerſee liegen Ihrd Güter? fragte ein Anderer. Das muß ja herrlich ſein. Das iſt es auch, ſagte Bonaventura mit leuch⸗ tenden Augen. Ja. herrlich iſt das Schloß meiner Väter. Von Olivenbäumen umſchattet, an einen Felſen ſich lehnend, während die ſilbernen Wellen des Comerſees die marmorne Treppe der vordern Facade beſpülen, ſo ſteht es da, das alterthümliche Schloß mit ſeinen Erkern und Thürmen, mit dem in Stein gehauenen gräflich Ottersheim'ſchen Wappen am Frontiſpiz. Nur ein gräfliches Wappen, ſagte einer der Gäſte, 202 wenn ich mich recht entſinne, führt die italieniſche Familie Ottersheim den Fürſientitel. So iſt es, ſagte Bonaventura, die Augen nie⸗ derſchlagend. Wir führen eigentlich den Fürſtentitel. Hier lachte Fürſtin Laſchuska hell auf, und Bo⸗ naventura, der ſie befremdet anblickte, erſchrak vor dem Ausdruck der Verachtung und des Haſſes, mit dem ſie zu ihm hinſah. Er ſchwieg beſtürzt, und beſchäftigte ſich nur nur mit dem reichen und köſtlichen Mahl, und trank in langen Zügen von den ſtarken ſeltenen Weinen, mit denen die Diener fort und fort ſeine Gläſer neu füllten Alſo, ſagte Fürſt Rajienski nach einer langen Pauſe, Sie ſind eigentlich ein Fürſt Ottersheim. Er⸗ lauben Sie mir denn, Sie in Ihrer neuen Würde zu begrüßen. Sr. Durchlaucht der Fürſt Otters⸗ heim ſoll leben! rief er aufſtehend, und die Herren brachten lachend und jubelnd ihm ein dreimaliges Lebehoch. Bonaventura war ſchon vom Wein zu aufge⸗ regt, um den ſpöttiſchen Ausdruck auf allen Geſich⸗ tern zu bemerken, noch das verächtliche Lachen zu ſehen, mit welchein man ihn anblickte. D Durchlaucht, rief Einer, wie glücklich würden Sie uns machen, wenn Sie uns eins Ihrer herr⸗ lichen Freiheitslieder vortragen möchten. Ja, Durchlaucht, thun Sie dies, wir bitten ſehr Bonaventura ſtand auf, nahm ſein Glas und 203 * recitirte eins jener wortreichen phraſenreichen Gedichte, deren er Meiſter war. Welch eine Gewalt und Macht iſt in dieſem Liede! rief Fürſt Rajienski, als er geendet. Wie tief empfunden und wahr ſind dieſe herr⸗ lichen Worte! ſagte ein Anderer. Ja, gewiß iſt Wahrheit darin, ſagte die Für⸗ ſtin mit ſchneidendem Hohn in ihrer Stimme, und gewiß würde ſeine Durchlaucht der Fürſt von Stters⸗ heim lieber ſein Leben als ſeine Ehre und ſeinen fürſtlichen Namen hingeben. Gewiß! betheuerte Bonaventura ernſt. O, wie würden Ihre Ahnen ſich freuen, Durch⸗ laucht, wenn Sie Ihren fürſtlichen Sohn ſehen könnten. Sie haben doch Ahnen? Natürlich, ich habe in meinem Ahnenſaal Bild an Bild gereiht, die ehrwürdigen Angeſichter meiner Ahnen, ſagte Bonaventura. Alle lachten laut, und Bonaventura fragte er⸗ ſtaunt: mein Gott, worüber lacht man denn? Beruhigen Sie ſich, gewiß nicht über Sie, ſagte Rajienski. Aber da fällt mir eben eine merkwürdige Geſchichte ein, die ich, wenn unſere gnädige Fürſtin es erlaubt, Ihnen erzählen möchte. Erzählen Sie, ich bin begierig, ſagte die Fürſtin. Ein Freund ſchreibt mir aus Petersburg von einem ſeltſamen Betrüger, der mehrere Tage hin⸗ durch dort Senſation erregte. Von ganz gemeinem, niederm Herkommen, war er frech genug, ſich nach dem Geburtsort ſeines Vaters einen volltönenden 204 adeligen Namen anzueignen und unter demſelben in mehreten Geſellſchaften zu erſcheinen, in denen es ihm gelungen, Zutritt zu erlangen. Er gab vor, aus ſeinem fernen Vaterlande wegen ſeiner freiſin⸗ nigen Anſichten vertrieben worden zu ſein, und des⸗ halb als ein Märtyrer der Freiheit in der Fremde leben zu müſſen. Ein edles, für die Freiheit glühen⸗ des Frauenherz erbarmte ſich ſein und gewährte dem angeblich Verbannten Schutz und Beiſtand. Indeß war der vornehme Herr arm, ſehr arm, und hatte viele Schulden. Was meinen Sie wohl, welch ein Mittel er ergriff, um ſich dieſen Aengſten zu ent⸗ reißen? Können Sie es errathen, durchlauchtigſter Fürſt von Ottersheim? Nein, in der That nicht! ſagte Bonaventura verwirrt. Ich will es Ihnen ſagen, fuhr der Fürſt fort, ihm einen durchbohrenden Blick zuwerfend. Er kam, wie ein Wahnſinniger, mit fliegenden Haaren, mit künſtlicher Bläſſe auf ſeinen Wangen, zu ſeiner großmüthigen Beſchützerin und erzählte ihr ein Mährchen von Verfolgungen und Nachſtellungen der Polizei, denen er ſo eben entronnen, und flehte ſie an um ihren Beiſtand, ihren Schutz. Die edle Dame indeß hatte den Betrüger ſchon durchſchaut, und beſchloſſen, ihn zu ſtrafen; ſie gab ſich aber den Anſchein, ſeinen Worten zu glauben, um ihn ſicher zu machen. Hier blickte Bonaventura fragend zu der Für⸗ ſtin hin; ſie begegnete ſeinen Augen mit einem bos⸗ 205 haften, kalten Blick, und Bonaventura ſchreckte, wie von furchtbarer Gewißheit überwältigt, zuſammen. Sie nahm ihn auf in ihr Haus, und verbarg ihn. Dann verſammelte ſie ihre Freunde, und theilte ihnen ihren Verdacht mit. Doch dieſer Verdacht ſollte ſofort zur Gewißheit werden, denn einer ihrer Freunde zeigte ihr einen von der Polizei ausgeſtell⸗ ten Verhaftsbefehl vor gegen dieſen Betrüger, den die Polizei wegen fälſchlicher Annahme des Adels verfolgte. Und lieferte man ihn aus? fragte die Fürſtin. Ließ die getäuſchte, betrogene Dame ſich an dieſer gelinden Rache genügen? Gewiß nicht, Fürſtin. Sie ließ ihre Freunde eine Strafe beſtimmen, und erſt nachdem der Be⸗ trüger dieſe empfangen, übergab man ihn der Polizei. Und worin beſtand dieſe Strafe? fragte einer der Herren. Sie ließ ihm von ihren Dienern hundert Knu⸗ tenhiebe geben. Bonaventura zuckte zuſammen, und wagte es nicht, die Augen zu erheben; er fühlte die Blicke Aller auf ſich gerichtet. Warum erſchrecken Sie, durchlauchtigſter Fürſt? fragte Rajienski mit einem grauſamen Lochen. Bonaventura fand nicht die Kraft zu antworten. Sind Sie nicht begierig auf den Namen dieſes elenden Betrügers? fragte wieder Rajienski. Ich werde Ihnen denſelben ſogleich ſagen, Fürſt von Ottersheim. Aber laſſen Sie uns zuvor Ihren 206 Ahnen ein Lebehoch bringen! Nehmen Sie Ihre Gläſer, meine Herren und ſtehen Sie auf. Ich trinke auf das Wohl ſeines Vaters, welcher ein Maurer⸗ geſell war, auf das Wohl ſeiner Mutter, welche hier in Berlin lebt, und ſich vom Spinnen ernährt. Lautes Gelächter ertönte rings um die Tafel, und jubelnd wiederholten Alle die Worte des Für⸗ ſten. Bonaventura ſaß bleich, mit blauen Lippen und ſchlotternden Knieen auf ſeinem Seſſel. Herr Fürſt von Ottersheim, fragte der Fürſt höhniſch, Sie ſtoßen nicht an auf das Wohl Ihrer erlauchten Aeltern, des Maurergeſellen Wendt, und der Spinnerin Anna Wendt? Nehmen Sie Ihr Glas und ſtoßen Sie an! Bonaventura griff zitternd nach ſeinem Glaſe, und wollte aufſtehen. Aber es fehlte ihm die Kraft, und er ſank faſt leblos in ſeinen Seſſel zurück. Wir wollen Sie ſtärken, mein Herr Fritz Wendt, rief der Fürſt, und winkte einem Diener. Dieſer reichte ihm auf ſilbernem Teller eine Reitgerte dar. Mein Gott, ſchrie Bonaventura aufblickend, Sie wollen doch nicht?— Sie züchtigen, ja, das will ich! Aber nein, Sie verdienen nicht dieſe Ehre, von meiner Hand Ihre Strafe zu empfangen. He, Jean, Franz, kommt her, und belohnt dieſen Herrn! Bonaventura ſprang auf in entſetzlicher Angſt. Er ſtürzte zu der Fürſtin hin, und vor ihr nieder⸗ knieend und flehend ſeine Hände zu ihr erhebend ſtam⸗ melte er: beſchützen Sie mich! 207 Die Fürſtin ſtand auf, und wollte ſich von ihm wenden. Er klammerte ſich feſt an ihr Kleid: Für⸗ ſtin, nur dies nicht, ſchrie er mit Thränen der Angſt und des Entſetzens. Ich habe Strafe verdient, es iſt wahr. Nur dies nicht, entehren Sie mich nicht! Bedenken Sie, Fürſtin, daß Sie mich mit Ihrer Gunſt beehrten, daß ich Ihnen nahe ſtand! Um Ihrer eigenen Ehre willen, erlaſſen Sie mir dieſe entſetzliche Strafe! Laſſen Sie Ihre Hände von meinem Kleide, befahl die Fürſtin ſtreng. Mir graut vor Ihrer Berührung! Bonaventura gehorchte, und flehte unter ſirb⸗ menden Thränen um Gnade und Mitleid. Fürſtin Laſchuska aber vermochte es nicht, die⸗ ſen widerlichen Anblick länger zu ertragen; ſie ſagte leiſe zu Rajienski: beenden Sie dieſe Scene, mein Freund! Dann verließ ſie den Saal. Der Fürſt ſagte: Nun wohlan, weil Sie denn ſo gar große Angſt haben vor der Reitpeitſche, ſo wollen wir Ihnen die hundert Schläge ſchenken unter der Bedingung, daß Sie knieend die Worte nach⸗ ſprechen, die ich Ihnen ſagen werde. Bonaventura ſank auf ſeine Kniee und mit ſtot⸗ ternder Zunge, zitternd und marmorbleich ſprach er dem Fürſten nach: ich Fritz Wendt, eines Maurers S8 bekenne, daß ich ein elender Betrüger bin, aß ich— Mehr vermochte er nicht, ſeine Augen ſchloſſen ſich und bewußtlos ſank er zuſammen. 208 Der Fürſt ſtieß ihn verächtlich mit dem Fuße, und ſagte: er iſt in Ohnmacht gefallen, wie eine Memme. Kommen Sie, meine Herren, die Frau Fürſtin erwartet uns. Schließt die Thüren, befahl er den Dienern, und geht Alle hinaus, ich habe noch mit dieſem Menſchen da zu reden, wenn er wieder bei Ver⸗ ſtande iſt! Als Bonaventura aus ſchwerer Ohnmacht er⸗ wachte, ſtand Fürſt Rajienski vor ihm. Seine Rache war geſättigt, Bonaventura hatte ſeine Strafe er⸗ litten, und nun fühlte der Fürſt faſt Mitleid mit dieſer zertretenen, gedemüthigten Menſchenſeele. Sie haben ſich ſchwer vergangen, ſagte er mit mildem Ton, und ſchwer müſſen Sie büßen. Sehen Sie hier auch, daß ich Sie nicht blos ſchrecken wollte. Hier iſt der Verhaftsbefehl, wohl unterſchrieben und geſiegelt. Eine Feſtungsſtrafe von mehreren Jahren erwartet Sie, denn es wird leicht ſein, Ihnen zu beweiſen, daß Sie nicht blos aus Eitelkeit, ſondern zu betrügeriſchen Zwecken ſich des Adels angemaßt, und deshalb wird Ihre Strafe härter ſein. Ich könnte Sie alſo den Gerichten überliefern. Aber meine er⸗ lauchte Verlobte, die Fürſtin Laſchuska— Bonaventura zuckte zuſammen, und ſeufzte tief. Der Fürſt bemerkte es und fuhr lächelnd fort: meine erlauchte Verlobte wünſcht nicht, daß ein Mann, der die Ehre hatte in ihrer Geſellſchaft ge⸗ weſen zu ſein, öffentlich vom Gericht als Betrüger 209 geſtempelt werde. Sie will nicht, daß ein Mann, der als Gaſt an ihrer Tafel ſaß, aus ihrem Hauſe wegen eines entehrenden Verbrechens in das Gefäng⸗ niß geführt werde. Auch haben wir Mitleid mit Ihrer Jugend, Ihrer Eitelkeit, Mitleid mit Ihrer wirklich poetiſchen Begabung. Deshalb bieten wir Ihnen zwei Auswege an, um der öffentlichen Schande zu entgehen. Hier, ſagte der Fürſt, ein Piſtol aus ſeinem Buſen ziehend, und es vor Bonaventura hinlegend, hier dieſe Waffe iſt geladen. Ihre Ehre iſt zertre⸗ ten, einem Manne von Ehre bleibt da nichts übrig als der Tod. Denken Sie aber in dieſem Punkte nicht ſo ſchwierig, ſo ſind hier jene dreihundert Louisd'or, um die wir jüngſt mit einander ſpielten, die Fürſtin hat denſelben ein bedeutendes Geſchenk hinzugefügt. Begeben Sie ſich durch dieſe geheime Thür hier, die ich ihnen öffnen werde, auf die ver⸗ deckte Treppe. Am Ende derſelben führt eine Thür auf den Hof. Vor derſelben hält eine Reiſekaleſche, die Sie bis nach Hamburg bringen ſoll. Wählen Sie alſo. Ich laſſe Sie allein!“ Der Fürſt drückte an einem in der Wand be⸗ findlichen Bilde, es ſprang zurück, und die erſten Stufen einer Treppe wurden ſichtbar. Hier die Treppe, dort das Piſtol! ſagte der Fürſt lakoniſch und verließ das Gemach. 3 Bonaventura war allein. Er ſchaute umher mit irren, wahnſinnigen Blicken. M. 14 210 Er war wie betäubt, keines Gedankens, keiner Ueber⸗ legung fähig. Jetzt griff er mechaniſch nach der Waffe, aber als er ſie berührt, zuckte ſeine Hand zurück, und er ſetzte ſich hin, und weinte bitterlich. Wie meinen Sie, was wird er wählen? fragte die Fürſtin, als Rajienski von Bonaventura zurück⸗ kehrte. Wird er den Tod, oder das Leben erwählen? Das Leben! ſagte der Fürſt lächelnd. Ich behaupte, nein! rief ſie. Wenn noch ein Funke von Ehre in ihm wohnt, kann er dieſen Tag nicht überleben! Er hat keinen Muth zu ſterben! ſagte der Fürſt. Aber laſſen Sie uns lauſchen. Wir werden entweder das Knallen eines Piſtols, oder das Rollen eines Wagens hören. Sie horchten lange vergeblich, kein Ton unter⸗ brach die Stille. Jetzt aber hörte man Pferdege⸗ trappel und das raſche Davonrollen eines Wagens. Er hat das Leben gewählt, ſagte der Fürſt mit einem verächtlichen Lächeln. O rief die Fürſtin mit Zornesgluth auf ihrem ſtolzen Angeſicht, einem ſolchen elenden Menſchen konnte ich vertrauen! Edle Menſchen ſind leicht zu täuſchen, ſagtr Ra⸗ jienski, denn ſie glauben auch bei Andern an edle Geſinnung und mißtrauen ſelten. Aber vergeſſen wir dies! Ich habe nur Grund, dieſem Abenteu⸗ rer zu danken, denn er half mir Sie erobern. Erobern Sie, ſo wie mich, unſer armes, geknech⸗ 211 tetes Vaterland, rief die Fürſtin, und ich habe auf Erden nichts mehr zu wünſchen. Sie reichte dem Fürſten ihre Hand, und er ſtellte ſie den Freunden vor als ſeine Braut, die verſpro⸗ chen, ſchon in einigen Tagen ſeine Gemahlin zu werden. XXI. Das Perbrechen. Madame Jelſa ging mit haſtigen Schritten in ihrem Gemach auf und ab, und in heftigſter Erre⸗ gung ließ ſie den Zweifeln und Beängſtigungen, die ihre Bruſt beklemmten, freien Lauf; ſie achtete nicht darauf, daß ihr Sohn, der blödſinnige Udo, in der Ecke ſtill zuſammen gekauert ſaß, und ihren heftigen Bewegungen, ihren abgebrochenen Worten, mit einem ſtumpfen Lächeln zuhörte. Als aber Madame Jelſa in ihrem Selbſtgeſpräch den Namen Minna nannte, belebten ſich Udo's Züge, und von nun an hörte er mit geſpannter Aufmerkſamkeit zu. Sie liebt ihn, ja ſie liebt dieſen Victor von Sendeck, ſagte Madame Jelſa, ich ſah es an dem Blick, mit dem ſie ihn empfing, als er heute kam, an dem Zittern ihrer Stimme, als ſie ihn begrüßte, an ihrem Erröthen, oh, an jeder Bewegung ſah ich es! So wird denn dieſer Geck alle meine Pläne zerſtören, mein mühſam eingerichtetes Werk zernichten, und ſich 213 das d erobern, das ich mit ſo viel Mühe, ſo viel unſäglicher Geduld und Klugheit erſt ihremn Gatten abwendig gemacht habe. Dies darf nicht ſein, rief ſie, zornig mit dem Fuße ſtampfend, und müßte ich zu den äußerſten Mitteln ſchreiten, dies darf nicht ſein! Dieſer Victor darf nicht erndten, wo ich ſo mühſam geſäet, und nimmer ſoll geſagt werden können, daß ich Jahrelang an einem Plane gearbei⸗ tet hätte, um nachher mein Werk zum Spielzeug eines fremden Knaben verbraucht zu ſehen. Nein, nein, mein Knabe muß und ſoll dieſe ſchöne Minna heirathen, und das ſo ſchnell als möglich! Sie ging heftig auf und ab, ganz hingegeben den wilden Gedanken, die ihre Seele bewegten. Sie haben wieder eine große Erbſchaft gethan, wie mir Otto erzählte, fuhr ſie nach einer Pauſe fort, ſie haben deshalb ſogar ihr berühmtes und einträgliches Geſchäft aufgegeben. Sie müſſen alſo reich ſein, ſehr reich! Ich will auch reich ſein, ich will wieder hinaus in die Welt, ich will wieder die Menſchen ſich vor mir beugen, ich will wieder viele Diener zu meinen Füßen, ich will wieder Glanz und Pracht um mich ſehen! Mein Gott, ich will, ich muß wieder reich werden, und ſollte ich auch dafür meine Seele dem Teufel verſchreiben! Ihre Züge nahmen einen wilden, ſataniſchen Ausdruck an, Zorn und Haß blitzten aus ihren Augen, als ſie, wild im Zimmer auf und nieder rennend, bald zu dem Bilde ihres Gatten, bald auf die an⸗ 214 dern Ahnenbilder, die ernſt und feierlich zu ihr her⸗ nieder ſchauten, hinblickte. Dann ſtaud ſie plötzlich ſtill, und ſagte mit ent⸗ ſchiedenem Ton: Dieſer Otto muß aus dem Wege geſchafft werden Dann habe ich freien Spielraum, dann iſt Minna in meiner Gewalt, und leicht berede ich ſie dann, ſich unter meinen Schutz zn begeben, noch leichter, aus Mitleid und um Udo zu heilen, ſein Weib zu werden! Ja, ſo muß es ſein, Otto muß ſterben! Er lebt zu lange! Was ſoll uns auch ſein bleiches Angeſicht! Minna muß Udo's Weib werden, und darum muß Otto ſterben! Ja, das muß er! Aber wie, wie vollführ' ich die That?— Ha, ſo geht es, ſagte ſie nach langem Sinnen, mor⸗ en ſrih ſoll es geſchehen! Ich habe noch genug rſenik, um mehr ſolcher Ratten zu tödten! Sie ging mit elaſtiſchen Schritten und mit hei⸗ term Angeſicht in ihre Vorrathskammer, und holte aus derſelben die Schachtel mit den drei großen Fin und dem verhängnißvollen Wort: Rat⸗ tengift. Udo aber ſaß noch immer auf der Erde, und wiederholte mit einem pfiffigen Lächeln: Minna muß Udo's Weib werden, und darum muß Otto ſterben! Indeß hatte Otto Tag und Nacht geſonnen hatte Tag und Nacht ſeinen Geiſt zerquält, die vor⸗ langte Maſchine zu erdenken. Er war immer ein⸗ ſylbiger, immer ſtiller, immer bleicher geworden, und wenn Minna ihn ſo gebeugten Hauptes, ſchwermuths⸗ voll und ſtumm umher gehen ſah, ſo fühlte ſie in 215 ihrem Buſen ein unnennbares Weh, und alles ſchrie und klagte in ihr: ich habe ihn getödtet! Für mich ſiecht er dahin in ungeheurem Gram!— Nun em⸗ pfand ſie alle Qualen der Reue, alle Angſt eines ſchuldigen Gemüthes, und alles, was bis dahin Werth für ſie gehabt, alle äußern Dinge der Welt, aller Glanz und alle Pracht ließ ſie kalt, und widerte ſie zuletzt an. Sie ſah nur und dachte nur die einge⸗ fallenen Wangen ihres Gatten, ſchaute nur angſtvoll in ſeine trüben, hohlen Augen, und jeder bange Seufzer, der ſeine Bruſt hob, machte ſie erbeben, und drängte Thränen in ihre Augen. Sie ſuchte ſeine irren, ſchweifenden Blicke, und fühlte tiefen Kummer, wenn ſie ſich geſtehen mußte, daß dieſe Blicke nicht mehr die ihren ſuchten, daß er nichts mehr empfand in ihrer Nähe, weder Freude noch Zorn, weder Haß noch Liebe; er war nur gleichgültig und zerſtreut, und ſeine Gedanken mußten fern von ihr ſein. Er liebte ſie nicht mehr, und nun brannte ſie, von ihm geliebt zu werden, von ſeinen erbleichen⸗ den Lippen das Wort der Vergebung und der Liebe wieder zu vernehmen. So heftig war dies Verlan⸗ gen, dies Sehnen in ihr, daß darüber Victor's Bild in ihrem Herzen verbleichte, und ſie ſogar in ſeiner Gegenwart oft zerſtreut war, und kaum hörte, was er ſprach, kaum Sinn hatte für ſeine Nähe. Sie dachte nur an ihren Gatten, ſie dachte nur, daß der Gram um ſie, der ſeinen Körper ertödte, zugleich die Liebe zu ihr ertödtet habe, und dieſe Gleichgültigkeit rief ihre Liebe und Theilnahme wieder wach. Minna 216 war ganz Weib, Weib mit allen Schwächen und Mängeln, und das Weib in ihr empörte ſich gegen den Gedanken, verſchmäht zu werden von dem, der ſie einſt geliebt, aufgegeben zu ſein von einem Her⸗ zen, das einſt ſo heiß für ſie geklopft, und das Weib in ihr glühte, dies verlorne Herz wieder zu erobern. Aber nicht allein das coquette Weib, ſondern auch das edle, demüthige Weib in ihr ſtrebte nach dieſem Ziel. Minna bereute; ihres Gatten leidende Geſtalt hatte ihr beſſeres Selbſt geweckt, ihr Gewiſſen wach gerufen, und die Reue zeigte ihr den Gatten in einem verſchönernden, verklärenden Licht; ihre bittern Thrä⸗ nen der Reue legte ſie als einen Kranz von Perlen auf ſein Haupt, und ſah unter demſelben ſein Antlitz leuchten, wie umgeben von einer Glorie. Alle Erin⸗ nerungen früherer Tage erwachten nun in ihr, Otto's Worte lebten wieder auf in ihrem Gedächtniſſe, alle ſeine Liebe alle die großmüthigen Opfer, die er ihrem Stolze, ihrer Eitelkeit gebracht, rief ſie nun mit tief bewegtem Herzen ſich zurück, und klagte ſich ſelbſt der Undankbarkeit und der Sünde an. Oft ſaß ſie Stunden lang ſchweigend und in ſich gekehrt da, und wenn Victor kam und nach dem Grund ihres Trübſinns forſchte, hörte ſie oft gar nicht, was er geſagt, und fragte nur angſtvoll: „ſahen Sie Otto ſchon? Finden Sie nicht, daß er heute noch bleicher iſt und ſchwermüthiger als ſonſt?“ Aber es war nicht der Kummer allein, der Otto ſo trübe und krank gemacht, es war auch die nie 217 ermattende Anſtrengung, die er ſich auferlegt, die geiſtige Aufregung, in der er ſich befand. Er hatte ſich eine Lebensfrage aus der Erfin⸗ dung dieſer Maſchine gemacht, und er ſagte: gelingt mir dies, dann will ich glauben, daß noch alles wieder gut werden kann und glücklich! Mißlingt es, dann werfe ich ein Leben von mir, das keinen Werth und keinen Nutzen mehr hat. Möge dann das Schickſal entſcheiden! Spät noch am Abend deſſelbigen Tages, an welchem Madame Jelſa ſo finſtere Mordgedanken gefaßt, ſtieg Otto hinab in die leere Werkſtatt. Ein neuer Gedanke war ihm gekommen; Tage lang hatte er über die Stellung und Conſtruction des einen wichtigen Rades in der Maſchine nachgeſonnen; jetzt auf einmal ſchien ihm alles klar und deutlich, und er wollte nun ſogleich verſuchen, ob ſich dieſe ihm neue Idee bewähre. Mit vor Erwartung und Ungeduld zitternden Händen, athemlos vor innerer Aufregung ſtellte er nun nach dem neuen Plan ſeine Maſchine zuſammen, und ſiehe, Alles fügte ſich nun von ſelbſt in einander, die Felgen und Räder, die Zacken und Spitzen paß⸗ ten und ſchlugen mit größter Genauigkeit ein. Das Ziel war erreicht, die von Bernhard begehrte Ma⸗ ſchine war da, ſie ſtand, ein Wunderwerk des menſch⸗ lichen Geiſtes, vollendet da, und Otto fiel nieder auf die Kniee und betete mit überſtrömenden Augen heiße Gebete des Dankes. Nun will ich auch wieder hoffen und Ver⸗ 218 trauen faſſen zum Leben, ſagte er, nun will ich auch wieder glauben an das Glück. Oh mein Gott, ich werde meiner Minna nun wirklich Glück, Anſehen und Reichthum geben können, ich werde ihr keinen ihrer Wünſche mehr verſagen dürfen, und vielleicht, daß ihr Herz ſich mir wieder zuwendet, wenn ſie ſieht, daß ich nichts wünſche, und nichts will, als ihr Glück. Ein unbeſchreibliches Gefühl von freudiger Hoff⸗ nung belebte ſeine Bruſt, ihm ward das Herz ſo groß und voll, und eine unendliche Sehnſucht drängte ihn, Minna noch einmal zu ſehen, heute noch ihr holdes, geliebtes Antlitz zu ſchauen. Mit hochklopfendem Herzen eilte er die Stiegen hinauf, und ſchlich leiſe auf den Zehen in ihr Schlaf⸗ gemach. Sie ſchlummerte ſchon und Otto ſtand an ihrem Lager und ſchaute mit Entzücken in ihr holdes Angeſicht, das, vom Schlummer höher geröthet, ihm wie in einer Verklärung erſchien. Dann beugte er ſich nieder und drückte einen leiſen Kuß auf ihre halbgeöffneten Lippen; Minna aber lächelte im Schlaf, und leiſe flüſterten ihre Lippen:„theurer Otto!“ Wie? ſagte Otto, zuſammen ſchaudernd in freu⸗ digem Schreck, mein Name war es, den ſie nannte! Oh mein Gott, ſo bin ich noch nicht ganz vergeſſen? So erwacht mein Andenken mindeſtens doch, wenn ſie ſchläft, in ihrem Herzen. h Minna, theuerſte Minna, flüſterte er leiſe, und ſchaute, ſich über ihr neigend, mit entzückten 219 Blicken zu ihr nieder, Gott ſegne Dich, mein ge⸗ liebtes, mein holdes Weib! Leiſe, wie er gekommen, verließ er das Gemach, und ging wieder hinunter in die Werkſtatt. Er hatte keine Ruhe zum Schlummer, die Freude hatte ihn aufgeregt, er mußte noch einmal ſeine Erfindung prüſen, noch einmal die Maſchine zuſammen ſtellen, um ſich zu überzeugen, daß Alles gut ſei. Spät erſt am Morgen ſchlief er ein, den Kopf gelehnt an die Maſchiné, die zu erſinnen er viele Rächte ſich den Schlaf und die Ruhe entzogen. Jetzt war ſie da, und dies beglückende Gefühl gab ihm den erſten, erquicklichen Schlummer nach langer Zeit wieder. Otto, der ſtreng ſeiner frühern einfachen Le⸗ bensweiſe treu geblieben, pflegte immer mit dem Aufgang der Sonne ſchon ſich von ſeinem Lager zu erheben, und ſofort in die Werkſtatt zu gehen. Vor derſelben befand ſich ein kleines Vorgemach, und ſeit er nun ſo eifrig bei ſeiner neuen Maſchine be⸗ ſchäftigt war, hatte er befohlen, ihm ſein Frühſtück nicht wie ſonſt in die Werkſtatt zu bringen, ſondern es in das kleine Vorgemach zu ſtellen. Von dort holte er, wenn er Muße dazu fand, es ſich ſelber herein. Auch heute Morgen hatte die Magd, wie ſonſt, Otto's Frühſtück, das, wie immer, aus einem Glaſe kalter Milch beſtand, in dies Vorgemach hingeſtellt, und begab ſich dann wieder an die Arbeit. Alles war ſtill, da öffnete ſich leiſe die Thür 220 und Madame Jelſa ſchaute mit ſpähenden Augen hinein in das kleine Vorzimmer. Alles iſt ſtill, ziſchelte ſie leiſe, Niemand hat mich geſehen, und wenn es wäre, kann man glauben, ich ſei lido nach⸗ gegangen, ihn zu holen. Udo drängte ſich hinter ihr durch die Thür und lachte vergnügt. Still, Udo, ziſchelte Madame Jelſa, dies iſt ein entſcheidender Augenblick!— Sie trat zu dem Glaſe Milch, und ſchüttete das mitgebrachte weiße Pulver in daſſelbe. Zucker, Mutter? fragte Udo nach dem Glaſe deutend. Ja, Zucker, mein Sohn, den Herr Otto trinken eoll, damit Minna Deine Frau wird ſagte ſie mit ſinem höhniſchen Lachen. Dann nahm ſie den Arm ihres Sohnes, und ging wieder hinaus mit ihm. Draußen auf dem Flur ſagte ſie ganz laut: Aber Udo, welche neue Unarten ſind dies! Schon in aller Morgenfrühe rennſt Du umher, und ſtörſt mich aus meiner Ruhe, daß ich Dir nachlaufen muß, Dich zu holen! Udo ſah ſie verblüfft an, und lachte dumm. Du kannſt jetzt noch ein wenig im Hauſe umher gehen, fuhr Madame Jelſa fort, weil es Dir denn ſo große Freude macht, will ich Dir dies geſtatten. Sie drängte Udo, der ihr in ihre Zimmer fol⸗ gen wollte, mit Gewalt auf den Flur zurück, und ſchloß hinter ihm die Thür. So ſagte ſie leiſe; es mag nun kommen, wie es will, ich kann nicht verdächtigt werden. Die Magd ſtand oben an der Treppe, und hat gehört, wie ich Udo ſchalt, daß er hinab gegangen; ſie wird alſo glauben, daß ich ihm nachgegangen, nur um ihn zu holen. Auch habe ich das Papier, worin noch etwas Arſenik enthalten, in Udo's Taſche ge⸗ ſteckt. Läuft die Sache ſchlimm ab, ſo wird man es bei ihm finden, und wer kann einen Blödſinnigen ſchuldig finden? Wer kann einen Narren ſtrafen? Udo indeſſen ſprang draußen die Treppe auf und ab, lachend und vergnügt. Dann lief er wieder hinab zu dem Vorzimmer, und blickte hinein. Das Glas Milch ſtand noch da! Mutter Zucker hinein gethan! ſagte er, es lieb⸗ äugelnd betrachtend. Udo gern Milch trinkt! Milch mit Zucker! Er blickte ſcheu umher, als fürchte er, belauſcht zu werden, und ſagte dann kopfſchüttelnd: Udo nie⸗ mals naſcht, Udo nur koſten will! Er ſtreckte die Hand nach dem Glaſe aus, und zuckte dann ängſtlich zurück. Udo Schläge bekommen wird, weil er naſcht, ſagte er zitternd, und blickte wieder forſchend umher. Als er aber ſah, daß die ſtrengen Augen ſeiner Mutter wirklich nicht ihn überwachten, griff er haſtig nach dem Glaſe und trank in vollen Zügen. Dann ſetzte er das halbgeleerte Glas wieder hin, und ſagte vergnügt: das ſchmeckt ſchön! Jetzt Udo fortlaufen will, ſonſt Udo Schläge bekommt! Raſch ſprang er wieder hinaus auf den Flur und die Treppe hinauf. Auf der oberſten Stufe ſetzte er ſich nieder, und ſich plötzlich der Worte ſeiner Mutter erinnernd, ſagte er leiſe: Otto ſoll trinken, damit Minna Udo's Frau wird! In dieſem Augenblick öffnete ſich neben ihm die Thür, und Minna trat heraus. Sie war früher als ſonſt aufgeſtanden, getrieben von innerer Angſt, und es beunruhigte ſie, daß Otto die ganze Nacht nicht auf ſeinem Bette geruht, des⸗ halb wollte ſie in die Werkſtatt hinunter gehen, um nach ſeinem Ergehen zu fragen. Als Udo ſie ſah, nickte er ihr lachend zu, und ſagte mit dem Ausdruck des Triumphes: Minna ſoll Udo's Weib werden! Otto muß ſterben, damit Minna Udo's Weib wird! Was ſagſt Du da! rief Minna angſtvoll, und faßte Udo's Arm. Otto muß ſterben, wiederholte Udo mit pfiffigem Ausdruck Mutter hat es geſagt. Mutter hat Zucker in's Milchglas geſchüttet. Otto ſoll ſterben, und Minna Udo's Frau werden! Allmächtiger Gott! ſchrie Minna, und bleich, athemlos, rannte ſie die Treppe hinab. Das Glas Milch ſtand nicht mehr im Vor⸗ zimmer. Mit convulſiviſch zitternden Händen riß ſie die Thür zur Werkſtatt auf. Da ſtand Otto, das Glas an ſeinen Mund geſetzt. Trink nicht, kreiſchte ſie laut, und zu ihm hin⸗ fliegend riß ſie das Glas aus ſeiner Hand. Trink nicht, Ottv. Oh mein Gott, mein Gott, das Glas 223 iſt leer!— Es entſank ihren zitternden Händen, und zerſprang klirrend am Boden! Minna, rief Otto, was bedeutet dies? Du biſt außer Dir! Udo hat es mir verrathen, ſagte ſie ganz ſinnver⸗ wirrt, und ich glaube, Udo hat Recht. Einzelne Worte der Madame Jelſa, dunkle Andeutungen.— Aber ſo ſage Minna mir, bat Otto, was hat Dich ſo erregt? Otto, ſchrie ſie, ſich beſinnend, Otto, haſt Du getrunken von dieſer Milch? Otto bejahte es, und Minna rief zitternd, kaum ihrer Sinne mächtig: oh Allmächtiger! Es war Gift in dem Glaſe! Nun erzählte ſie Otto, was Udo ihr geſagt, und als Otto lächelnd ſagte: Du glaubſt den Worten eines Blödſinnigen? erwiederte Minna: es iſt im⸗ mer Sinn in Udo's Worten, er lügt niemals. Aber was ſollte Madame Jelſa für einen Zweck haben, mich zu vergiften? Oh, ich kenne dieſen Zweck, ſie will, daß ich ihres Sohnes Frau werde. Aber Otto, geliebter Otto, wie iſt Dir? Du wirſt blaß? Wirklich, mir wird ſchwindelig! ſagte Otto rückwärts taumelnd. Einen Arzt, ſchnell einen Arzt, kreiſchte Minna und riß an der Klingel, bis die Magd erſchien. Nimm einen Wagen, ſchnell, ſchnell zum Arzt, rief Minna ihr entgegen. Er muß ſogleich kommen, hörſt Du, ſogleich! 224 Die Magd rannte fort; ſie ſchleppte Otto, der zuſammen geſunken war, in ſein anſtoßendes Schlaf⸗ zimmer und legte ihn ſanft auf das Lager. Wie iſt Dir, Otto? ſagte ſie athemlos. Otto, ſprich zu mir! Sieh mich an, Geliebter! Oh mein Gott, mein Gott, warum kann ich nicht für ihn ſterben! Otto, um Gottes Barmherzigkeit willen, blicke mich an, rief ſie, ihn krampfhaft umſchlingend. Ein⸗ mal, nur einmal noch, ſchlage Deine Augen auf, ein⸗ mal nur noch ſprich zu mir, ſage mir, daß Du mir verzeihſt, daß Du mich noch liebſt! Oh mein Gott! kannſt Du denn ſterben, jetzt, da ich mein Herzblut hingeben möchte, jetzt, da ich Dich liebe. Waren es die Thränen, die aus Minna's Augen auf Otto's Geſicht niederſtrömten, oder waren es Minna's Worte, die ihn wieder erweckten? Otto ſchlug die Augen auf, und ein ſeliges Lächeln umſpielte ſeine Lippen. Nun iſt Alles gut, ſagte er dann leiſe, nun ſterbe ich gern. Denn Du wirſt um mich weinen. Nein, nein, Otto, ſchrie ſie, ihn feſt umklammernd, nein, Du darfſt nicht ſterben! Sage nicht, daß Du es willſt! Sieh, Otto, hier liege ich zu Deinen Füßen, ermanne Dich, ſage nicht, daß Du ſterben willſt. Oh mein Gott, ſtirb jetzt nicht, jetzt, da meine Seele wieder erwacht iſt, jetzt, da ich wiede gelernt habe, Dich zu lieben! Otto richtete ſich auf, und mit ungeheurer An⸗ N 25 ſtrengung ſeine Schmerzen überwindend ſagte er: eo geht zu Ende, Minna! Lebe wohl! Ich habe Dich geliebt, Minna, wie hienieden Dich Niemand wieder lieben wird, ich habe Qualen, oh und welche Qualen erlitten, als Dein Herz ſich von mir wandte. Ich verzeihe Dir Alles“ Alles, denn ich liebe Dich noch. Höre aber jetzt, da ich ſterbe, das letzte Wort Dei⸗ nes treueſten Freundes! Wende Dein Herz ab von der Eitelkeit der Welt, daß dieſe nicht Deine Seele verderbe. Du biſt ſchwach, Minna, denn Du biſt eitel, lerne ſtark werden, und dieſen äußern irdiſchen Glanz verachten, denn nicht in dem Aeußern liegt das Glück, es liegt hier, tief im Herzen. Bewahre Dein Herz, daß es rein bleibt, und täuſche Niemand, der Dich liebt! Sei treu, Minna, treu, denn die Untreue tödtet! Minna hatte ſeinen leiſen, oft von lautem Stöh⸗ nen unterbrochenen Worten, mit gefaltenen Händen, mit athemloſer Bruſt zugehört. Jetzt ſchwieg Otto, ſein Aechzen verſtummte, und als Minna ſich über ihn neigte, lag er erſtarrt, ohne Leben, mit weit geöffneten Augen da. Er iſt todt, er iſt todt, ſchrie ſie, und ſank ohn⸗ mächtig neben ihm nieder! In dieſem Augenblick hielt unten an der Thür in en an, und der Arzt kam eilig die Stiegen erauf. Madame Jelſa indeß hatte mit ſeltſamer Be⸗ klommenheit an ihrer Thür geſtanden, und gehorcht, I. 15 226 ſie hatte Minna's Angſtgeſchrei vernommen, und ſchreckte unwillkürlich zuſammen. Dann ward Alles ſtill. Madame Jelſa horchte noch immer. Da meinte ſie dicht vor ihrer Thür leiſes Klagen und Wimmern zu vernehmen! Es überlief ſie kalt! War dies Wirklichkeit, oder war es der Geiſt deſſen, den ſie eben gemordet? Jetzt ein durchdringender, furchtbarer Schrei! Ein Kratzen, Reißen an ihrer Thür! Es iſt ein Menſch, ſagte ſie gefaßt, und öffnete die Thür. Draußen aber lag Udo, ihr Sohn, mit blauen Lippen und gebrochenen Augen, zuckend in den letzten Qualen des Todes. Mit gebrochenem Auge ſchaute er zu ſeiner Mutter empor, aber in dieſem Ange war jetzt ein letzter Strahl des Geiſtes und der Erkenntniß. Mutter, ſagte er, ich ſterbe, Du haſt Deinen Sohn ermordet. Du haſt ihn hingeopfert für die Eitelkeit der Welt! Wehe, wehe über Dich! XXII. Das Tagebuch. Indeß hatten Carl und Sophie in ſanft be⸗ glückender, geſchwiſterlicher Gemeinſchaft ruhige, ſchöne Tage verlebt, Tage des reinſten Seelenfriedens und des heiterſten Glückes. Nicht als ob Carl's Wünſche alle befriedigt, ſeine heiße Liebe ſich abgekühlt zu ſanfter, geſchwiſter⸗ licher Neigung; aber er hatte es über ſich gewon⸗ nen, ſeinen Wünſchen Schweigen zu gebieten, und über ſein ſtürmiſches Herz den Schleier der Ruhe zu legen. Und war es nicht immer doch ein Glück, ihr nahe zu ſein, ihre ſüße Stimme zu hören, ihr hol⸗ des Angeſicht zu ſehen, zu ſehen, wie dies allgemach wieder aufblühte in Geſundheit und Friſche?„ War's nicht ein Glück, ihr tauſend kleine Auf⸗ merkſamkeiten erzeigen, für ſie ſorgen, für ſie arbei⸗ ten zu können, mit ihr alle die kleinen Begebenhei⸗ ten des Tages zu beſprechen und zu S Nicht ein Glück, ihr gegenüber zu ſitzen, und immer, und immer wieder ihr ſchönes Antlitz zu zeichnen?— Carl empfand alle die Wonne eines ſolchen genüg⸗ ſamen Glückes, und ſeine ganze Seele ging auf und erfüllte ſich an dieſem Glück. Er war heiter, ge⸗ ſprächig geworden, und das Bewußtſein, von Sophie mindeſtens als Bruder geliebt zu werden, verlieh ſeinem ganzen Weſen mehr Sicherheit und Unbe⸗ fangenheit. Ach, und mit welcher zarten Sorge und Liebe war er um Sophie bemüht, wie ſann er Tag und Nacht, ihr irgend eine kleine Freude, irgend einen abgelauſchten Wunſch zu erfüllen, und welche Freude verſchönte ſeine Züge, wenn es ihm gelang, Sophieen ein Lächeln abzugewinnen, ſie mindeſtens auf Augen⸗ blicke zu erheitern! Sophieens Herz aber begann allgemach wieder zu erſtarken und zu geneſen, ihre Seele richtete ſich auf aus der langen Betäubung des Schmerzes und der Qual, ſie begann wieder zu leben und zu hof⸗ fen, wieder Theilnahme zu empfinden für ein Da⸗ ſein, das ihr täglich durch eine treue Freundeshand verſchönt und erleuchtet ward. Sie liebte Carl wahrhaft als ihren Bruder, und kein Gedanke kam in ihre Seele von der Mög⸗ lichkeit, Carl möge heißer und wärmer, möge eine andere Liebe für ſie empfinden. Ach, die Liebe lag ihr ſo fern, ſie war mit ihren Thränen weit hinweg geſpült von ihrem Her⸗ zen, das ſie ganz erſtorben wähnte, und ganz leer, 229 und ſie war ſo unbefangen gegen Carl, wie es eine Schweſter iſt, die ihren Bruder liebt und von ihm geliebt wird. So vergingen ihnen die Tage in Arbeit und Genügſamkeit; aber ein Zufall ſollte Sophie aus dieſer Ruhe und Stille wecken und alle ihre Ge⸗ fühle umwandeln. Sie war allein in ihrem kleinen Zimmer. Ihre Arbeit war früher vollendet, als ſie erwartet hatte, ſie hatte für heute keine neue mehr anzufan⸗ gen, und ſuchte deshalb nach irgend einem Buch, um die Zeit bis zu Carls Heimkunft mit Leſen zu verbringen. Sie fand keins, und doch hatte ihr vor we⸗ nigen Stunden Carl mehrere Bücher gebracht. Er wird ſie vielleicht in ſeine Kammer getra⸗ gen haben, ſagte ſie, und ging hinein; da ſiel ihr Auge auf ein Buch, das neben den andern lag, und auf dem mit großen Buchſtaben geſchrieben ſtand: mein Tagebuch. Dies Buch nahm Sophie, und kehrte damit zurück in ihr Zimmer. Wie überraſcht war ſie aber, darin Seenen ihres eigenen Lebens in ſchönen, ſinnigen Zeichnun⸗ gen zu finden, Scenen, in denen Carl ſie geſehen, und die er dann auf das Papier übertragen. Aber dieſe Blätter erhielten noch eine andere Bedeutung durch die wenigen Worte, die unter jedes Blatt geſchrieben waren, und die jedesmalige See⸗ lenſtimmung Carl's auszudrücken ſchienen, die hei⸗ 220 ßeſte, glühendſte und entſagende Liebe Carl's ver⸗ riethen. Sophie erröthete, und erbleichte, als dies Alles ſich für ſie enthüllte, und als ſie nun erſt die ganze Tiefe ſeiner Liebe, alle die Opfer der Entſagung, welche Carl ſchweigend gebracht, verſtehen lernte. Auf einem der letzten Blätter fand ſie ſich Hand in Hand mit Carl abgebildet, darunter ſtand geſchrieben:„ſie will mich lieben, wie eine Schwe⸗ ter! Nun, ſchweige denn, mein Herz, iſt es nicht ſchon ein Glück, von ihr geliebt zu werden, wie ein Bruder?“ Armer, geliebter Freund, flüſterte Sophie leiſe, o, wie groß, wie edel iſt Dein Herz! O, und wie werde ich Dir lohnen können, was Du für mich gelitten und gethan haſt!— Eine ungewöhnliche, freudige Aufregung war in ihr, und machte ihr Herz klopfen, ihre Wangen erglühen. Es war ihr, als ſei ein unerwartetes Glück über ſie hereingebrochen, und ſie fühlte all' den Schrecken der Ueberraſchung und die Befangen⸗ heit des Glückes. Sie aber wußte ſich ihre eigene Bewegung nicht zu deuten, und als ſie mit irren, zuckenden Augen den Vorhang, der ihr Inneres verhüllte, zu durch⸗ dringen ſtrebte, wußte ſie doch nicht, daß ihr ſelber ein Himmel dahinter verborgen ſei. 3 Als ſie Carl's Schritt auf der Treppe ver⸗ nahm, eilte ſie raſch das verhängnißvolle Buch an ſeine frühere Stelle zu legen, und erröthete tief, als 231 Carl dann hereintrat, und ihr die Hand zum Gruße reichte. Zum erſten Male zuckte ihre Hand, wie von elektriſchem Schlage getroffen, in der ſeinen und ſie zog ſie ſcheu zurück. Du entziehſt mir Deine Hand, fragte Carl ver⸗ wundert, biſt Du mir nicht mehr gut, Sophie? Habe ich irgend Etwas gethan, daß ich Deine Freundlichkeit nicht verdiene! Wie rührte Sophie ſeine ſanfte, entſagende Freundlichkeit, wie tief verehrte ſie ihn, um der un⸗ geheuren Gewalt ſeines Willens und ſeiner Selbſt⸗ beherrſchung! O nein, Carl, ſagte ſie, mit mühſam zurückge⸗ haltenen Thränen, nein, ich bin Dir nicht böſe. Du thuſt nur Gutes und Schönes. Carl? fragte er befremdet, Du nennſt mich nicht mehr„lieber Carl,“ nicht mehr Deinen Bruder? Aber wie Du heute biſt! ſagte ſie mit nieder⸗ geſchlagenen Augen und dem ſchönen Erröthen eines jungen verſchämten Mädchens. Carl betrachtete ſte mit entzückten Blicken, ſie war ihm nie ſo ſchön erſchienen, als in dieſem Augenblick. Sophie! ſagte er mit einem Ton, der ihr Herz erbeben machte. Carl, ſagte ſie ganz leiſe, kaum hörbar. Aber Carl ſ doch, daß ſie nimmer ſo ſeinen Namen genannt, nimmer ſo vor ſeinem An⸗ ſchauen in holder Verwirrung und Beſchämtheit die Augen niedergeſchlagen. O mein Gott, mein Gott! rief er mit vollem, freudigem Ton, und Sophie fragte ihn nicht nach der Urſache dieſes Ausrufs, ſie ſah ihu nur an und lächelte, und Carl nahm ihre zuckende Hand und drückte ſie an ſeine Augen, als blende ihn das Licht, das auf einmal vor ſeinen ſeligen Blicken aufgegan⸗ gen war. Von nun an begann ihr Verhältniß ſich anders zu geſtalten, ſie waren nicht mehr Geſchwiſter, ſie waren Liebende, die ſich fliehen, um ſich zu ſuchen, ſich meiden, um ſich zu finden, die ſchüchtern einan⸗ der ausweichen, und ſich doch, wie von ſelbſt immer wieder begegnen und treffen. Carl aber wagte noch nicht an ſein Glück zu glauben, und indem er ſich ihm ganz hingab und er⸗ ſchloß, indem er endlich ſeiner Liebe geſtattete, unver⸗ hüllt hervor zu treten, ſich in jedem Blick, in jedem Wort zu verrathen, wagte er dennoch nicht das ent⸗ ſcheidende Wort zu ſprechen und ſich ihr zu erklären. So ſaßen ſie eines Tages, ſchweigend und be⸗ fangen, und doch unendlich glücklich, neben einander, als ſie durch lautes Klopfen an ihrer Thür erſchreckt wurden. Selten war es, daß ihre Einſamkeit und Stille durch irgend Jemand unterbrochen ward, und es war daher nicht ohne Befangenheit, daß Carl ging die Thüre zu öffnen. Draußen ſtand der Commiſſarius des Stadt⸗ viertels, der mit ſeltener Höflichkeit fragte, ob Fräu⸗ 233 lein Sophie Blitz noch hier wohne, und auf Carl's Bejahung in das Zimmer trat. Mein Fräulein, ſagte er ſich tief vor ihr ver⸗ neigend, ich habe die Ehre, Ihnen anzuzeigen, daß Ihr Herr Bruder, der reiche Herr Blitz, geſtern plötz⸗ lich geſtorben iſt, und da er nicht verheirathet iſt, ſo ſind Sie die nächſte rechtmäßige Erbin. Mein Bruder todt? fragte Sophie erſchrocken. Seit geſtern! Ein Nervenſchlag hat ihn ge⸗ tödtet, man fand ihn mit einem Briefe in der Hand todt auf dem Sopha liegen. Auch ſcheint dieſer Brief vielleicht an ſeinem Tode ſchuld zu ſein, denn es war ein für ihn ſehr unangenehmer Brief. Er war, wie Sie wiſſen, mit einer Räthin Stein ver⸗ lobt, und in dieſein Briefe erklärte ſie ihm, daß ſie ihr Wort zurücknähme und nimmer ſeine Gattin werden könne. Ich muß ihn noch einmal ſehen, ſagte Sophie entſchieden, wir haben uns im Leben lange gemieden, ich will mindeſtens von dem Todten in Frieden ſcheiden. Carl ging ſchweigend, eine Droſchke zu holen, und bald fuhr er mit Sophie nach dem Sterbehauſe ihres Bruders. Sophie ſtand tief erſchüttert neben der Leiche, und ihre Thränen benetzten deren kalte Wangen. Er hat mich nie geliebt, ſagte ſie zu Carl, der ſtumm und bleich neben ihr ſtand, und oft zürnte ich meinem Herzen, daß ich auch nichts für ihn empfin⸗ den konnte, nun aber empfinde ich doch, daß die ge⸗ 234 ſchwiſterlichen Bande unzerreißbar ſind, und meine Seele trauert um ihn, der doch der Sohn meiner Mutter war. Der Commiſſarius, der ſie begleitet hatte, war indeß bereitwillig fortgeeilt, einen Juſtizbeamten zu holen, mit dem Sophiie die nöthigen geſchäftlichen Angelegenheiten beſprechen könnte, und kehrte jetzt mit dieſem zurück. Der Tag verging mit Anordnungen und Ge⸗ ſchäften, und als Carl ſpät am Abend ſich anſchickte in ſeine Wohnung zurück zu kehren, ſagte Sophie: jetzt darf ich Dich nicht mehr begleiten, mein Bruder, denn das Auge der Welt hat uns nun wieder auf⸗ gefunden, und wir müſſen uns nun den Formen der Welt fügen! Ja wohl, ſagte Carl barſch, und verließ ſie eiligſt, damit ſie ſeine Thränen nicht ſehen ſollte. Nun habe ich ſie verloren, ſagte er verzweiflungs⸗ voll, als er ſeine Wohnung erreicht hatte, und mit troſtloſen Blicken umher ſchaute in dem Zimmer, das ihre holde Nähe ſonſt verſchönt und geheiligt hatte. Ja, nun habe ich ſie für immer verloren, denn ſie iſt reich geworden und bedarf meiner nicht mehr! Die nächſten Tage vergingen ihm in troſtloſem, dumpfem Schmerze. Mechaniſch ging er Morgens zur Arbeit, aber in ſeiner Seele war Alles trübe und leer, und das Glück ſchien ihm nun, da Sophie wieder reich ge⸗ worden, auf ewig erſtorben. — So wankte er drei Tage nach jenem Ereigniß 235 Mittags von der Arbeit heimkehrend ſeiner Wohnung zu. Erſt einmal hatte er Sophie geſehen, denn nur zur Beerdigung ihres Bruders war er hingegangen, und hatte einige flüchtige Worte mit ihr gewechſelt. Und ſie bat mich nicht einmal wieder zu kom⸗ men, ſagte er dumpf vor ſich hin, ſie hatte kaum einen freundlichen Blick für mich, und reichte mir nur ganz flüchtig die Hand! O mein Gott, wie traurig iſt doch dies Leben! So ging er troſtlos die hohen Treppen hinauf zu ſeiner Stube, und fand zu ſeiner Verwunderung die Thür offen. Wie erſtaunte er aber, als er, haſtig eintretend, Sophie, einfach gekleidet, und wie ſonſt mit einer Näharbeit beſchäftiget, an ihrem kleinen Tiſchchen ſitzen ſah. Sophie, Du hier? rief er jauchzend ihr entgegen. Und wo ſollte ich ſonſt ſein, ſagte ſie mit einem glücklichen Lächeln, wo ſollte ich ſonſt ſein, als bei Dir? Ich habe ja auf der Welt Niemand als Dich, und wenn Du es verſchmähſt zu mir zu kommen, nun da komme ich zu Dir! Ich dachte, ſagte Carl ſtotternd, ich glaubte Du ſeieſt beſchäftigt Du— Du dachteſt, ſagte ſie ernſt, Sophie könne nun, da ſie reich geworden, Den vergeſſen, der ſich ihrer erbarmt, da ſie arin war und von aller Welt ver⸗ laſſen, der mit himmliſcher, ſtarker und entſagender Liebe gleich einem Schutzgeiſt über mich gewacht, und durch ſeine Liebe mein Leiden geſänftigt hat“ 236 O Carl, fuhr ſie fort, während Thränen der Rührung ihre Wangen netzten, konnteſt Du denken, mein Herz könne ſich von Dir abwenden, der Du meines Lebens Retter warſt, von Dir, den, als ich verzweifelnd, ſinnlos meiner Vergangenheit entfloh, Gott in meinen Weg führte, damit mir durch Dich eine neue Zukunft begründet werde! O mein Ge⸗ liebter, Gott ſelbſt hat uns an einander gewieſen, und wer will zerreißen, was Gott verband. Geliebter! Sie nennt mich ihren Geliebten! rief Carl mit dem Jauchzen der Freude. Und wie willſt Du, daß ich Dich anders nenne, ſagte ſie erröthend, und ſich leiſe an ihn ſchmiegend, flüſterte ſie: Carl: ich habe geſtern meinen Bruder begraben, ich habe nun keinen Bruder mehr! Und ich, Sophie, und ich? Du, flüſterte ſie kaum hörbar, Du biſt nicht mein Bruder, denn ich liebe Dich, Carl, ich liebe Dich mit voller, ganzer Seele, und ich will Dich nicht meinen Bruder, ſondern meinen Geliebten, mei⸗ nen Gatten nennen! O mein Gott! mein Gott! ſchrie Carl im Ueber⸗ maß des Glückes, und hob ſeine Arme gen Himmel, als wolle er Gott zum Zeugen anrufen ſeines Glückes. Mehr ſagte er nicht. Aber ſie barg, weinend vor tiefem, heiligem Glück, ihr Haupt an ſeiner Bruſt, und flüſterte wieder: ich liebe Dich! Ein einziger Schrei der Freude, des Entzückens tönte von ſeinen Lippen, dann ſchlang er ſeine Arme um die Geliebte, und drückte ſte feſt, feſt an ſein 237 Herz. Seine Augen waren gen Himmel gerichtet, i zitternden Lippen bewegten ſich wie im ebet. Es iſt alſo wahr, Du liebſt mich alſo! ſagte er dann, wie zweifelnd an dem Unerhörten, Köſtlichen. Sie richtete ihr Haupt empor, und ſah ihn mit ſtrahlenden Blicken an: Carl, ich liebe nur Dich, und nichts mehr ſoll uns hienieden trennen! Ach, aber mein ganzes Leben wird zu arm ſein Dir zu lohnen, was Du für mich gethan und gelitten! Aber wie, ſagte Carl, die reiche Sophie Blitz wählt mich, den armen, niedern Carl? Nicht Du biſt arm, ſondern ich, ſagte ſie mit holdem Lächeln, und vor ihm niederkniend legte ſie ein Papier zu ſeinen Füßen nieder. Sophie hat gar nichts, gar kein Eigenthum mehr, Alles was ich bin und habe, iſt Dein. Carl nahm das Papier und las. Es war eine gerichtlich ausgeſtellte Schenkungs⸗ acte über ihr ganzes Vermögen, das ſie ihm ver⸗ ſchrieben hatte. Ich bin arm, ganz arm, mein Carl! ſagte ſie, willſt Du mich nun verſchmähen, weil ich Dir nichs zu bieten habe, als meine Liebe? Du biſt reich, denn Du bringſt das Glück, die Treue und die Liebe, rief Carl, weinend vor ſeliger Luſt, und die Geliebte in einer langen innigen Um⸗ armung an ſein treues Herz ziehend. XXII. Die Geneſung. Die Gefahr war vorüber. Nach mehrtägiger Angſt und Sorge hatte der Arzt erklärt, daß Otto geneſen würde, daß die angewandten ſchnellen Mit⸗ tel ihre Pflicht gethan, und Otto ſich zwar lang⸗ ſam, aber ſicher erholen würde. O, welche Freude war dies für Minna, wie dankte ſie Gott mit ſtammelnder Lippe und verklärten Blicken für dies große, köſtliche Glück. Denn dies furchtbare Ereigniß hatte ihre Seele wie umgewan⸗ delt, es war wie ein Blitz in ihr Herz geſchlagen, und hat dort Alles verzehrt und vernichtet, was an anderm Gefühl als der reinſten Liebe zu Otto da⸗ rin wohnte. Sie liebte ihn nun, als den von Gott ihr ge⸗ ſandten Freund und Retter, und was ſie für Vie⸗ tor empfunden erſchien ihr nun wie ein wüſter Rauſch, wie ein Traum, aus dem ſie ſich nun zum ſchön⸗ ſten Erwachen aufgerichtet. 239 Nicht einen Moment wich ſie von dem Bette ihres Gatten, keine Hand, als die ihrige, durſte ihm die Arzneien reichen, ihm das Kiſſen rücken, keiner als ſie allein durfte Nachts an ſeinem Lager wachen, und wenn Otto die Augen aufſchlug, wenn er ihren ſtrahlenden, liebenden Blicken begegnete, die auf ihm ruhten mit unendlicher Liebe, dann lächelte er, wie in ſeliger Verklärung, und Beide nickten ſich zu, glückſelig, ſtumm vor Wonne. So war das Krankenlager Otto's gewiſſer⸗ maßen zu einem Altar geworden, vor dem ſich ihre Herzen auf's Neue vereinigt und verbunden hatten zu ewiger, nun unauflöslicher Liebe, vor dem ihre Seelen den Schwur ewiger Treue auf's Neue ge⸗ wechſelt hatten. Otto, ſagte Minna einſt, als ſie vor ſeinem Bette knieete, mein Geliebter, verzeihſt Du mir? Sieh, ich war eine Verirrte, aber Gott führte mich zurück auf die rechte Straße, und lehrte mich er⸗ kennen, wie ſchwer ich gefehlti O meine Minna, ſagte Otto, und iſt nicht das wiedergefundene Glück ſchöner als ein nie verlornes? Sich niemals von der rechten Straße verirren kön⸗ nen, das iſt nicht verdienſtlich, aber von dem Irr⸗ wege ſich wieder zurecht zu finden, Minna, das iſt anerkennenswerth und groß! Sie küßte ſeine Hand, und fühlte ſich von ſei⸗ nem Kuſſe wie entſündigt und geſegnet zu neuem Leben. 2 Während aber Otto der Geneſung zuſchritt, 240 hatte der arme Udo das Verbrechen ſeiner Mutter mit ſeinem Leben büßen müſſen. Alle ärztliche Hülfe war umſonſt geweſen, und nach wenigen Tagen furchtbarer Qual hatte endlich der Tod ihn erlöſt. Heute ſollte er beerdigt wer⸗ den, und Minna ging hinauf, die Leiche noch ein⸗ mal zu ſehen. Es war, bei einer von der Polizei angeſtellten Unterfuchung nichts Verdächtiges, was gegen ſeine Mutter hätie zeugen können, ermittelt worden. Die Ausſage der Magd, welche geſehen, daß Madame Jelſa jenen Morgen Udo aus dem Vor⸗ zimmer geholt, und ihre Worte vernommen, hatte dazu beigetragen, ihre Unſchuld zu beſtätigen, und ſo ward der blödſinnige Udo als der alleinige Ur⸗ heber einer That angeſehen, die er ſelber mit dem Tode büßen mußte. Nur Minna war in ihrem Herzen feſt über⸗ zeugt, daß ſeine Mutter ſelber jenes Verbrechen be⸗ gangen, und wenn ſie dennoch jetzt ihr einen Beſuch machen wollte, ſo geſchah dies, weil die harte Strafe der Verbrecherin Minna's Mitleid wach rief, und ſie mit ihrer Unthat faſt verſöhnte. Sie fand Madame Jelſa neben der Leiche ihres Sohnes ſitzen, in dumpfem hinbrütenden Schmerz, und erſt als Minna ſie anredete, ſchreckte ſie auf, und blickte Minna an mit dem Ausdruck des fin⸗ ſterſten Haſſes. Was wollen Sie hier? fragte ſie ſtteng. Was wollen Sie neben der Leiche meines Sohnes? Wol⸗ len Sie ſich weiden an meiner Qual, an meinen Schmerzen? Gehen Sie! Sie ſehen, ich leide nicht, denn ich weine nicht! Gehen Sie, denn ich haſſe Sie, und Ihr Anblick zieht mein Herz zuſammen in Haß und Grimm. Und warum iſt es, daß Sie mich haſſen? fragte Minna mild. Sie allein ſind Schuld an dem Tode meines Sohnes, rief Madame Jelſa heftig, Sie allein! Minna ſagte ernſt: Sie wiſſen, daß dem nicht ſo iſt! Und wenn Udo die Schuld einer Andern büßt, ſo war doch hierbei nicht ich die Schuldige! Und wer denn? rief Madame Jelſa. Was wol⸗ len Sie mit dieſen Worten ſagen? Ich will damit ſagen, erwiderte Minna, die Hand auf Udo's kalte Stirn legend, ich will damit ſagen, daß dieſer Todte unſchuldig war an ſeinem Tode, und daß nicht in ſeiner Seele MWordge⸗ danken wohnten! Die beiden Frauen blickten ſich lange einander an, und Madame Jelſa fühlte, daß Minna ſie ver⸗ ſtanden habe.. Dies aber vermehrte nur noch ihren Haß und Grimm gegen ſie, und ſie ſagte finſter: dennoch ſind Sie ſchuld an ſeinem Tode, denn Udo liebte Sie! Und ſeine Mutter wünſchte, daß ich ſein Weib werde flüſterte Minna. Nun wohl, ſagte ſie wenn Sie es denn wiſſen, ja, ich wünſchte dies. Aber denken Sie nicht, daß ich Sie liebte, als ich dies wünſchte, denken Sie II. 16 nicht, daß es geſchah, um die thörichten Wünſche diefes armen Knaben zu befriedigen! O nein, ich ſtrebte nach einem andern Ziel, und das will ich Ihnen jetzt ſagen, denn was hilft mir jetzt alle Ver⸗ ſtellung, jetzt, da das Werkzeug meiner Plane zer⸗ ſtört iſt! Nein, nein, jetzt ſoll es mir mindeſtens eine Erleichterung gewähren, Ihnen zu ſagen, daß ich Sie verabſcheue! Ja, verabſcheue, denn Sie ſind glücklich und reich, und ich haſſe die Glücklichen! Seit ich Sie kannte, habe ich Sie gehaßt, und als ich Sie mit Worten der Liebe an mein Herz zog, geſchah es nur, um Sie zu verderben, und als ich mit liſtigen Worten Sie Ihrem Gatten entfremdete, that ich dies nur, um Gewalt zu bekommen über Ihr thörichtes, eitles Herz. Sie ſollten meines Udo's Weib werden, nicht aus Liebe, ſondern um Ihres Reichthums willen, und dieſer allein feſſelte mich an Sie! So, nun wiſſen Sie es, o, und mir iſt leicht, daß ich hinfort nicht mehr mich zwingen darf, Ihnen zu verbergen, daß ich Sie verabſcheue. Wie ſehr aber haben Sie in Ihren Planen ſich verrechnet, ſagte Minna ruhig und ſtolz, Sie ſtreb⸗ ten Ihrem Sohne eine reiche Frau zu geben, und dazu wählten Sie mich. Ich aber, Madame Jelſa, bin nicht reich. Ich habe niemals Reichthümer be⸗ ſeſſen, und als ich Otto's Gemahlin ward, hatte ich nichts, was ich mein Eigen nannte, gar nichts! O, auch dies noch! ſchrie Madame Jelſa. Ich habe alſo umſonſt Jahre lang mich gemüht, um⸗ fonſt gehofft, umſonſt geſtrebt! Eine Betrügerin hat 243 2 mich überliſtet. Nein, Minna, Sie lügen jetzt! Sie wollen mich kränken, mich verhöhnen! Sie ſagen mir das nur, um meine Qual noch bitterer zu machen. Nein, beim ewigen Gott, es iſt Wahrheit! ſagte Minna feierlich. Hinfort ſoll nur Wahrheit auf meinen Lippen ſein, und die ganze Welt ſoll es wiſſen, daß Alles, was mich umgiebt, meines Gatten Eigenthum, daß er die arme Minna überſchüttet hat mit den Gaben ſeiner Liebe, und daß ich Alles, was ich bin, ihm verdanke Wehe, wehe mir! rief Madame Jelſa. Auch dieſer letzte Troſt iſt mir genommen Eine Lüge hat meinem Sohn den Tod gebracht! Sie warf ſich laut ſchluchzend über die Leiche hin, und fiel dann zurück in Krämpfen und Zuckungen. Furchtbar war der Anblick dieſer von Qualen und Pein durchwütheten Mutter neben der ſtillen, ruhigen und ſchönen Leiche ihres Sohnes. Minna enifloh mit ſchnellen Schritten, und eilte zu ihrem Gatten. Sie klammerte ſich feſt an ſeine Bruſt, und ſagte zitternd: Otto, ich will arm ſein, ich fürchte mich vor dem Reichthum! Das Geld verderbt das Herz und verhärtet das Gemüth. O Otto, laß uns leben in Armuth und Genügſamkeit, denn in der Armuth iſt der Friede und über den Armen ruht Gottes Segen. Ich war glücklich, als ich noch arm war, und erſt, als ich nach Reichthum begehrte, kam Unglück und Verwirrung über mich. Otto, mir 16* 244 ſchaudert jetzt vor dem Gelde und dem Reichthum, und wie nach einem Heiland ſtrecke ich meine Hände aus nach der Armuth: Gelobt ſei Gott, nun biſt Du gerettet; rief eine Stimme hinter ihnen. Mutter Anna! riefen Beide freudig. Ja, Mutter Anna! ſagte die alte Frau näher tretend und ihre Arme um den Nacken ihrer Kinder legend, jetzt bin ich wieder da, und will mich nim⸗ mer wieder von Euch trennen! Ich kam, weil ich von Otto's Krankheit erfahren; nun aber, meine Minna, da ich Deine Worte gehört, nun weiß ich, daß endlich die Erkenntniß über Dich gekommen iſt, nun weiß ich, daß Du nun auch Deiner Mutter Dich nicht ſchämen wirſt, daß Du ſie ehren wirſt und lieben! Denn Du haſt erkannt, wie nichtig die irdiſchen Güter, und daß in dem Beſitz kein Friede wohnt, ſondern in dem Erwerb allein. Ja, meine Kinder, der Armen iſt das Himmelreich! Darum laßt uns arm ſein, und im Himmel reich! O, meine theure, geliebte Mutter, rief Minna, vor ihrer Mutter niederknieend, verzeihe mir alle meine Schuld, und gieb mir aufs Neue Deinen glückbringenden, mütterlichen Segen! Den haſt Du, mein Kind, ja, meinen Segen haſt Du. Kommt an mein Herz, Ihr meine lieben Kinder Beide! Sie drückte Otto und Minna innig an ihr Herz, und Thränen der reinſten Freude netzten ihre Wangen. Von nun an war Friede und Heiterkeit wieder 7 . S 245 eingekehrt in Otto's Hauſe. Minna war wieder heiter und fröhlich wie ſonſt, denn Otto's Geſund⸗ heit war völlig wieder hergeſtellt, und das Glück machte auch ihn heiter und geſprächig. O, wie friedlich iſt jetzt Alles in mir, ſagte Minna einſt, als ſie neben ihrem Gatten, umſchlun⸗ gen von ſeinem Arme, ſaß. Als ich noch ſtrebte nach Reichthum und Glanz, da war ein ewiger Kampf, ein ewiges Ringen in mir, ruhelos waren meine Gedanken, ruhelos meine Wünſche, und jeder befriedigte Wunſch erzeugte nur neues Begehren und Wollen in mir! Und jetzt iſt Alles ſo friedlich und ſtill, ſo klar und ruhig. Ich erſtrebe nichts nehf und will nichts mehr als Deine Liebe, mein Otto!— Und dieſe Liebe, meine Minna, wird jetzt eine Prüfung zu beſtehen haben, ſagte Otto. Und nun erzählte er ihr, daß Bernhard heute ihm die ausgeſetzte Prämie für die neu erfundene Maſchine gebracht, zugleich aber ihm vorgeſchlagen, ihn nach Amerika zu begleiten und dort Fabriken anzulegen, oder Maſchinen zu bauen. Num entſcheide Du, ſagte Otto. Liebſt Du mich genug, um mir in die Ferne und Weite folgen zu können, oder willſt Du, daß wir hier bleiben, und von unſerm Gelde leben. Denn jetzt, meine Minna, ſind wir wirklich reich, und können mit Gemächlich⸗ keit von unſerm Gelde leben. Oder noch, fuhr er feierlich fort, noch ein Drit⸗ tes habe ich Dir vorzuſchlagen! Iſt in Deinem Her⸗ 246 zen eine andere Liebe, ſehnt es ſich nach dem Beſitz eines andern Herzens, als dem meinen, wohlan, ſo ſage es. Ich gebe Dich frei, und gehe allein in die Ferne, Dir zurücklaſſend Alles, was ich habe. Nicht die Pflicht, Minna, ſoll Dich an mich binden, an der Pflicht erkaltet das Glück, und die Treue iſt troſtlos und ertödtend, wenn nicht die Liebe ſie zu einer Nothwendigkeit und zum Leben ſchafft! Minna ſah ihn mit großen, hellen Blicken an, und ſagte ruhig: ich liebe Dich aber, Otto, und liebe Niemand als Dich! Und wenn einſt mein Herz ſich verirrte, ſo hat es ſich wieder gefunden zu Dir freiwillig und ohne Zwang. Das möge Dir beweiſen, daß meine Liebe zu Dir nimmer erboſchen, daß nur ein Wahn, eine Krankheit ſie getrübt hatte. Jetzt aber bin ich geneſen, Otto, und wie die Ge⸗ ſunden ſchnell ihre Krankheit und ihre Leiden ver⸗ geſſen, ſo gedenke auch ich nicht mehr dieſer Herzens⸗ krankheit, die weit hinter mir liegt! Und Victor? fragte Otto leiſe, denn es war das erſte Mal, daß er vor Minna ſeinen Namen nannte. Geſtern bekam ich dies Billet von ihm, ſagte Minna, ihm ein Papier darreichend. Er iſt nach Italien abgereiſt. Otto las das Blatt, und ſagte dann: er geht, weil er Dich liebt, und dankt Dir ſcheidend für die große Lehre, die Du ihm gegeben, für die Gewiß⸗ heit, daß es noch Weiber giebt, deren reine Natur über alle Verführung und Anfechtung erhaben iſt, 247 die aus dem Inſtinct der Tugend ſtets das Rechte wählen, und ſich wohl verirren, aber nicht fallen können. O, geliebteſte Minna, komm an mein Herz, Du edles, ſchönes Weib! Er drückte ſie feſt an ſich, und Minna weinte Thränen der reinſten Freude. Eben trat Mutter Anna ein. Otto ging ihr heiter entgegen, und küßte ihre dargereichte Hand. Du kommſt zu ernſten Verhandlungen, theuerſte Mut⸗ ter. Ich habe Minna vorgeſchlagen, ob wir hier bleiben, und von unſerm Gelde leben, oder nach Amerika gehen, und dort Fabriken anlegen wollen. Minna ſoll entſcheiden. Ja, Minna ſoll entſcheiden, ſagte Mutter Anna zuverſichtlich. Nein, nicht hier wollen wir bleiben, ſagte Minna, nicht in Unthätigkeit und Müßiggang wollen wir leben. Denn der Müßiggang weckt die böſe Luſt und die Sünde im Herzen, und iſt, wie ein ſchönes Sprüchwort ſagt,„aller Laſter Anfang.“— In Thätigkeit allein beruht das Glück, und ſie allein ſchafft Zufriedenheit. Laßt uns denn nach Amerika gehen. Da wollen wir Fabriken anlegen, da wol⸗ len wir wirken und ſchaffen, und arbeiten. Denn ich fühle es wohl, theuerſte Mutter, Du hatteſt Recht, die Arbeit iſt ein Segen des Himmels, ſie iſt das Gebet, das uns vor der Sünde bewahrt, wer recht arbeitet, der hat keine Zeit zur Sünde, und deſſen Thaten ſegnet Gott. Und ſind wir denn jetzt reich, 248 mein Geliebter, ſo laß uns unſern Reichthum an⸗ wenden zum Nutzen Anderer, zur Hülfe der Armuth. Laß uns die Armen in unſere Fabriken rufen, und ihnen helfen, indem wir ihnen Arbeit geben. Ach Otto, wenn ſich dann viel fleißige Hände um uns regen, wenn wir den Armen Arbeit, den Hungern⸗ den Speiſe geben, wenn wir inmitten unſerer Arbei⸗ ter ſelber wirkend und ſchaffend einher gehen, dann will ich wieder mit Stolz und Freude ſagen, daß ich eine reiche Frau bin! Reich an Liebe und an Glück, reich, weil ich geben kann! O mein Kind, meine theure Tochter, rief Mut⸗ ter Anna, Minna mit Freudenthränen an ihr Herz drückend, Gott ſegne Dich für dieſes Wort! Nun kann ich in Frieden ſterben, denn Du wirſt glücklich ſein!— Nein, Mutter, leben ſollſt Du, und uns beglei⸗ ten, ſagte Otto; für Dich iſt noch lange nicht Zeit zum Sterben. Denn Du haſt noch vieles zu thun hienieden, und zu wirken! Du mußt mit uns ge⸗ hen, Mutter, und uns helfen die Armen zu unter⸗ ſtützen, Du mußt überall uns nahe ſein mit Rath und That! Wenn Euch meine alten Hände noch nützen können, ſagte ſie, wohlan, dann gehe ich mit. Aber verſprich mir, Otto, daß Du nicht fordern willſt, ich ſolle nun die Hände ruhig in den Schooß legen in nichtsthueriſcher Faulheit. So lange ich lebe, will ich arbeiten, denn nur, wenn ich in der Welt noch etwas nütze, kann ich die Welt noch lieben! 2 * A — — 249 Als ſie wenige Wochen ſpäter in Hamburg das Schiff beſtiegen hatten, das ſie nach Amerika brin⸗ gen ſollte, ſtanden ſie, Abſchied nehmend von der Heimath, lange noch auf dem Verdeck, bis die Ufer verſchwanden, und ringsum kein Land mehr zu er⸗ blicken war. Die Vergangenheit iſt hinter uns verſchwunden, ſagte Otto, Minna feſt umſchlingend, möge denn die Zukunft uns Glück bringen und Heil! Sie wird es! ſagte Minna freudig, denn die Liebe begleitet uns aus der Vergangenheit in die Zukunft, und die Liebe iſt Gottes Segen! Mutter Anna aber zerdrückte ſtill eine Thräne in ihren Augen, und flüſterte: Mein Fritz, lebe wohl! Meine Gedanken wiſſen Dich nicht zu finden, und Du biſt mir verloren. Aber ein Mutterherz hört doch nicht auf zu lieben und zu hoffen! Mutter Anna erlebte ein hohes, glückliches Al⸗ ter, ſie ſah ſich umringt von blühenden Enkeln, ſah ihre Kinder glücklich und geehrt, ſah ſie thätig und zufrieden, und als ſie ſtarb, waren ihre letzten Worte: Gott ruft mich zu einer andern Arbeit! Lebt wohl! Ungefähr um dieſelbe Zeit, wie Otto und Minna, verließ auch ein anderes junges Ehepaar Berlin, und wandte ſich dem Süden zu. Dies war Carl und Sophie; ſie gingen nach Italien, wo Carl ſein Ta⸗ lent für die Malerei auszubilden gedachte. Ein neuerer Schriftſteller hat einmal irgendwo geſagt, das ſchönſte Glück ſei in einem ſchönen Reiſewagen, * * auf einer ſchönen Landſtraße neben einer ſchönen Frau durch die ſchöne Welt zu fahren. Dies Glück empfand das junge Paar, das mit heitern, ſtrahlenden Blicken, keinen unbefriedigten Wunſch im Herzen, glückſelig dahin fuhr durch die— ſchöne Gotteswelt, und von der Zukunft nichts ver⸗ langte, als daß ſie ſei wie die Gegenwart. Aber das Glück eines„ſchönen Reiſewagens“ kann zuweilen getrübt werden, und es war wegen eines gebrochenen Rades, daß das junge Paar einen ganzen Tag in einem elenden kleinen öſterreichiſchen Städtchen verweilen mußte. Aber dies kümmerte ſie wenig. Waren ſie doch neben einander, was kümmerte es ſie, wo ſie waren! Auch war die Gegend lieblich und angenehm, und Arm in Arm wandelten ſie durch die engen 6 Straßen, um auf die Promenade vor der Stadt zu gehen. Da, bei einer Biegung der Straße, lag das lieblichſte Thal vor ihnen. Sieh, wie ſchon, ſagte Sophie, o wie lieblich iſt dies! Komm laß uns hier ausruhen, und zeichne mir dieſe Landſchaft. Sie ſetzten ſich auf die ſteinerne Bank vor dem kleinen Hauſe dicht an der Ecke, und Carl zog ſein Portefeuille hervor, um zu zeichnen. In dieſem Augenblicke war es, daß Minna0 durch das geöffnete Fenſter des Hauſes laut ſpre⸗ chende Stimmen vernahm, deren eine ihr wunderbar bekannt erſchien. 251 Ich ſage Ihnen, dies Buch iſt langweilig! ſagte eine fremde Stimme. Mein Gott, rief eine andere, wie kann man nur dies Buch langweilig finden! Es iſt eins der Juwelen meiner Bibliothek! Den Rinaldo Rinaldini langweilig finden, unmöglich! Aber hier haben Sie ein anderes, mein Herr, Claurens Mimili. O, ich ſage Ihnen, das iſt ſchön, das iſt erhaben! O, Sie werden Ihre Freude haben. Später ſteht Ihnen dann Spieß, Kramer, ſo wie alle übrigen Schätze meiner Leihbibliothek zu Dienſten. O, Sie finden weit in der Umgegend keine Bibliothek, die es mit der meinen aufnehmen könnte. Carl, ſagte Sophie leiſe, hörſt Du dieſe Stimme? Das kann Niemand anders ſein, als Bonaventura! Laß uns gehen! Mir graut vor ihm! Sie nahm ihres Gatten Arm, und Beide wan⸗ delten weiter, hinunter in das Thal.— Sophieens ſcharfes Ohr hatte ſie aber nicht getäuſcht, der Bibliothekar war in der That,— Bonaventura von Ottersheim, aber auf dem Aus⸗ hängeſchild vor ſeinem Fenſter ſtand jetzt beſchei⸗ dentlich zu leſen:„Leihbibliothek von Fritz Wendt.“— 3 Der arme freiheitsberauſchte Dichter war in ihm erſtorben, und ſeine Begeiſterung und ſeine Reime waren an jenem Tage der Schreckniſſe für immer verklungen. Jetzt war nur noch ein armes, beſcheidenes und demüthiges Menſchenkind von dem einſt ſo glänzen⸗ den Dichter übrig geblieben, und von der Leih⸗ bibliothek, die er ſich für jenes demüthigende Almoſen der ſchönen Gräfin Laſchuska angekauft, lebte der aus allen ſeinen Himmeln niedergeſtürzte, zerſchmet⸗ terte Poet ein ſtilles, unbekanntes Daſein. Druck von J. Blumenthal in Berlin, Adlerſtr. 9. — =——. ſſſſ 10 11 12 13 14 18 16 17 18 19