Leihbiblivthet᷑ deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Cduard Oktmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Seſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeven Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 8 jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen mü nmüſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe veſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und Il. eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——„ auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 W 50 Pf. — 2 Mk.— Pf. 3„ 4 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſekbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Sie ſchauten in ſichtlicher Spannung die lange Linien⸗ ſtraße hinunter und jeder Pferdekopf, der ſich dort unten ſehen ließ, entlockte ihnen einen Ausruf der Erwartung oder getäuſchten Hoffnung. Auch in den Häuſern der Nachbarſchaft hatte ſich hier und da ein Fenſier geöffnet und manche nengierige Augen ſchauten heraus, um den Grund der großen Aufregung und des ſeltſamen Anlaſſes, der die fleißigen Geſellen des Meiſter Otto heute ſo müßig da ſtehen ließ, zu er⸗ ſpähen, und die Blumenguirlanden, mit denen„das kleine Haus“ geſchmückt war, mit ſpöttiſchem Lächeln zu betrachten. Das„kleine Haus“ hatte ſich dieſes 1 Ecke geſtellt und unverwandt die Straße hinab Beiwort nicht mit Unrecht in der Nachbarſchaft zu⸗ gezogen, denn es ſtand unter den andern Häuſern da, wie ein Zwerg unter Rieſen, und die umliegenden vier und fünf Stockwerk hohen Häuſer ſchienen mit ſtolzer Verachtung auf die zwei Stockwerke des„kleinen Hauſes“ herab zu ſehen und ſich mit ſtolzer Vornehm⸗ thuerei zu fragen:„wie kommt dies kleine winzige Gebäude hierher nach Berlin, wo es ſonſt nichts giebt als große caſernenartige Häuſer und Paläſte?“ Aber das kleine Haus ſah ganz aus, als lächle es dazu, denn es hatte eine durchaus freundliche Phyſiognomie und neben den hohen Häuſern mit den vielen Fenſtern, die kaum hier und da mit einem Vorhang verſehen waren, machte es durchaus den Eindruck der Behaglichkeit und Zufriedenheit. 3 Vor allen Fenſtern ſtanden blühende Blumen in bunten irdenen Töpfen, hier und da halb ver⸗ ſchleiert von den weißen durchſichtigen Vorhängen, die in zierlichen Falten hernieder fielen, und der helle glänzende Anſtrich der Mauer ließ neben den dunklen ſchmutzigen Wänden der Nachbarhäuſer das„kleine Haus“ noch mehr hervortreten. Sie kommen, ſie kommen! rief jetzt einer der Lehrjungen, der ſich auf den nahen Prallſtein der geſtarrt. 4 Sie kommen! riefen auch jetzt die Geſellen, nun laßt uns in die Werkſtatt gehen! Allle traten eilig in das kleine Haus zurück und verſchwanden hinter der Thür. 5 Von jener Seite der Straße aber, wohin ſie ſo eifrig geſchaut, kam jetzt ein kleiner, mit nur einem Pferde beſpannter offener Wagen daher gerollt und hielt vor dem kleinen Hauſe an. Der junge, ſchlanke Mann, der den Wagen ge⸗ lenkt, ſprang jetzt eilig vom Vorderſitze herab und dem ruhigen Pferde die Zügel überwerfend, öffnete er den Wagentritt und reichte ſeine Hand hinauf, den beiden Frauen behülflich zu ſein. Die erſte, ein altes, bejahrtes Mütterchen, ward von ihm mit ehrfurchtsvoller Sorgfalt und liebender Furcht faſt aus dem Wagen gehoben, und erſt als er ſie langſam und vorſichtig bis auf den Hausflur geleitet, kehrte er zu dem Wage zurück, in dem das junge ſchöne Weib ſeiner hartke Minna, meine ſüße Minna, ſagte er mit be⸗ wegter Stimme, wir ſind daheim und jetzt will 3 ic meinen köſtlichſten Schatz in mein Haus ein⸗ 5 ühren. Er reichte ihr die Arme hinauf, ihr behülflich zu ſein, aber kaum hatten ihre niedlichen kleinen Füße den Tritt berührt, als der junge Mann ihre Kniee umfaßte und die ſchlanke Geſtalt ſeiner Minna empor⸗ hebend, ſie auf ſeinen Armen in das Haus trug. Otto, was thuſt Du, ſagte ſie erſchrocken und erröthend und doch mit jenem ſüßen Lächeln, das deutlich zeigte, ſie zürne dem Verwegenen nicht. Deine hübſchen kleinen Füße ſollen heute wenigſtens nnicht das ſchmutzige Straßenpflaſter betreten dürfen, ſagte Otto zärtlich, und ſo auf meinen Armen will ich Dich meinen Geſellen vorſtellen und in meine Werkſtatt führen. Minna ſträubte ſich vergeblich, Otto ſtieß die nächſte Thür auf und als er jetzt durch dieſelbe in die Werkſtatt trat, wurden ſie mit einem dreimaligen lauten Vivatrufen von Geſellen und Lehrburſchen begrüßt, und unter dieſen lauten freudigen Zurufungen trug Otto ſeine liebe Bürde bis mitten in das Gemach zu dem einzelnſtehenden Tiſch, an welchem er ſonſt zu arbeiten pflegte. Hier ließ er ſich halb auf ein Knie nieder und als Minna erröthend und verlegen aus ſeinen Armen auf die Erde ſprang, ſagte er: ſeht da, meine Kinder, Eure Frau Meiſterin; ſie wird jetzt dieſe Stelle einnehmen, welche ſonſt mein war, und aus ſoll ſie uns Alle regieren uund commandiren, wie ſonſt ich es that.— Aber 3 was iſt das, fuhr er fort und ſchaute im Zimmer her, habt Ihr unſre Werkſtatt in ein Treibhaus verwandelt? Wirklich bot dies einfache Gemach heute einen glänzenden Anblick dar. Die ſchönſten blühenden Gewächſe reihten ſich ſchön geordnet an den Wänden umher, dahinter war grünes Laubgezweige, die Wände verdeckend, angebracht, daß das Ganze ausſah, wie eine große, grüne blühende Laube. Aber am ſchönſten war die Stelle geſchmückt, wohin Otto ſein junges Weib geführt, die Stelle, an welcher der Sitz Otto's ſich befand. Hier hatte die Liebe und Dankbarkeit ſeiner Geſellen dem jungen Meiſter mit zarter Auf⸗ merkſamkeit ihre Huldigung dargebracht. — E Die prächtigſten Blumengewinde umrankten den Seſſel, Kränze hingen zu beiden Seiten des hohen alterthümlichen Stuhls und auf dem Tiſche davor prangte ein mächtiger runder Kuchen mit der zuckernen Deviſe: Heil unſerm Meiſter Otto!— Und wie Otto das Alles betrachtete mit glänzenden, freude⸗ ſtrahlenden Augen ſahen die Burſchen lächelnd vor Glück und innerer Zufriedenheit über die gelungene Ueberraſchung zu ihrem Meiſter hin mit ſolchem Aus⸗ druck von Liebe und Glück, daß Minna's Augen ſich mit Thränen füllten und ihr Herz höher klopfte vor Freude und Stolz. Wie Ihr das Alles ſchön geordnet und geſchmückt habt, ſagt Otto, und Minna meinte zu bemerken daß ſeine Stimme weniger feſt ſei, als ſonſt. Wir haben es mit Freuden gethan, ſagte der älteſte der Geſellen, vortretend und ſeinem Meiſter die Hand darreichend, die dieſer herzlich in der ſeinen drückte; wir haben es mit Freuden gethan, denn es geſchah für unſern lieben Meiſter und Herrn. Da war keiner von uns. dem Sie nicht wohlgethan, Keiner, der nicht ein Liedlein hätte zu ſingen gewußt von Ihrer Großmuth und Menſchenliebe. Haben Sie nicht mich, als ich vor drei Jahren krank und arm nach Berlin eingewandert kam, und zu meiner Empfehlung nichts hatte als mein Elend, denn auch mein Wanderbuch hatte ich verloren, haben Sie da nicht aus reinem Erbarmen mich aufgenommen und mir ein Kämmerlein eingeräumt und mich ſelber gepflegt? Damals habe ich mir geſchworen, Ihnen 4 Ihr Erbarmen zu lohnen durch Dankbarkeit und Treue und Sie zu lieben, wie meinen Vater, denn, obwohl ich älter bin an Jahren, ſind Sie doch in allen Dingen mir überlegen und haben an mir gehandelt als ein Vater. Und meinen Sie, wir ſollten nicht dankbar ſein, ſagte der zweite Geſelle, wenn Sie immer ſo freund⸗ lich und liebevoll für unſer Aller Wohl bedacht ſind? Haben Sie nicht meine arme blinde Mutter, als ich auf der Wanderſchaft war, gepflegt und gekieidet, als wäre ſie Ihre eigene Mutter, und haben ihr die Augen zugedrückt? An mir aber haben Sie das Größte gethan, ſagte Anton, der dritte Geſelle, denn Sie haben mich von der Schande befreit. Sie waren es, der durch ſeine liebevollen Ermahnungen mich auf den Weg des Guten zurückführte. Ich war ein leicht⸗ ſinniger wilder Burſche, als ich Ihr Lehrjunge ward, Meiſter Otto. Ich beſtahl Sie, und als Sie den Diebſtahl entdeckten, da jagten Sie mich nicht fort, Sie ſuchten mich von meinem Verbrechen. zu über⸗ zeugen und redeten in mein Gewiſſen, bis es ganz zerknirrſcht ward und weich, und ich mir ſchwur, aus Liebe zu Ihnen ein guter Menſch zu werden. Und Du haſt Wort gehalten, ſagte Otto tief⸗ gerührt und reichte Anton die Hand dar, Du biſt ein braver, geſchickter Geſelle geworden. Und uns Beiden, riefen die Lehrjungen weinend, uns armen Waiſenknaben, haben Sie, Meiſter Otto, aus Betteljungen zu Ihren Lehrlingen gemacht, Sie 8 ſind uns Vater und Mutter geweſen, und Lehrer, Ihnen danken wir Alles, was wir ſind. Das Alles aber, ſagte Anton mit einem Kratzfuß ſich an Minna wendend, das Alles haben wir heute bloß wiederholt um Ihretwillen, Frau Meiſterin, denn wir wiſſen wohl, daß Meiſter Otto von all' dem Guten, was er thut, nicht ſpricht und es auch nicht gern hat, wenn Andere davon ſprechen. Aber wir mußten es Ihnen erzählen, damit Sie auch recht wiſſen, welch einen herrlichen, braven Mann Sie da bekommen haben und damit Sie ihn dafür ſo ſehr lieben, wie Sie nur immer können. Minna's ſchönes Angeſicht war längſt ſchon von Thränen überfluthet und mit Blicken der unaus⸗ ſprechlichſten Liebe hatte ſie zu Otto empor geblickt. Jetzt warf ſie ſich an ſeine Bruſt und ihn ſeſt mit ihren Armen umſchlingend, rief ſie: o mein ge⸗ liebter, mein theurer Otto! Gott ſegne Dich, Gott ſegne Dich! Gott ſegne ihn, riefen die Männer wie aus Einem Munde und falteten die Hände, verſtummend im Gebet. Gott ſegne Dich, mein Schwiegerſohn, ſagte Minna's alte Mutter, die unbemerkt dem jungen Paar gefolgt war und jetzt ihre Hand auf Otto's Haupt legte Gott ſegne Dich und gebe Dir Glück! Du verdienſt es, denn der, welcher von ſeinen Unter⸗ gebenen geliebt wird, iſt ein guter braver Menſch. Gott ſegne Deine Arbeit und gebe Allem, was Du beginnſt, Gedeihen! 10 O, ſagte Otto, gen Himmel blickend, und langſam rollten ein paar Thränen aus ſeinen Augen über ſeine Wangen, o, dieſer Augenblick belohnt mich überreichlich für alles Gute, was ich jemals thun konnte. Er drückte ſein junges Weib feſter an ſeine Bruſt und leiſe flüſterte er in ihr Ohr: Minna, Dich ſegne Gott und gebe, daß ich Dich glücklich mache! Ich bin es, bin es ganz, ſagte ſie ſchluchzend. Otto küßte ſie, und ſie ſanft aus ſeinen Armen laſſend, nahm er die Hand ſeiner Schwiegermutter und ſagte: ſeht, meine Freunde, dieſer Tag macht uns doppelt reich. Ich habe Euch eine Frau Meiſterin gegeben, nun bringe ich Euch auch eine Mutter. Eurer Meiſterin Mutter werdet Ihr lieben und verehren, das weiß ich, und ich brauche Euch nicht zu ſagen, daß Ihr unſerer Mutter Achtung und Gehorſam ſchuldig ſeid. Es lebe unſre Mutter, unſte brave Mutter! riefen die Burſche, und dann trat jeder heran, der alten Frau die Hand zu drücken und zu küſſen. Sie ließ es mit der Würde geſchehen, die oft den alten Frauen der niederen Stände eigen iſt, denn grade in dieſen verleiht das Alter noch eine Würde, die ehrfurchtsvoll von der Jugend anerkannt wird, und der Greis und die Greiſin mit ſilberweißem Haar haben dort noch eine Autorität und Anerken⸗ nung, wie ſolche in den höhern gebildetern Ständen 3 der menſchlichen Geſellſchaft nicht gefunden wird. Otto gab ſeiner Schiegermutter und Frau die 11 Hand und von den Geſellen und Burſchen begleitet begaben ſich Alle zu Tiſche, um, nachdem die Mutter Anna den Segen geſprochen, den ſchmackhaften, kräf⸗ Gerichten ihre Anerkennung widerfahren zu aſſen.. Zuletzt ward die dampfende Punſchbowle auf⸗ getragen, und wie die Gläſer gefüllt waren, ſtießen Alle zuerſt an auf das Wohl der Mutter Anna, die heute trotz ihrer ſiebenzig Jahre von jugendlicher Heiterkeit und Beweglichkeit war und in dem eng⸗ anſchließenden ſchwarzen Kleide, mit dem weißen ge⸗ falteten Halskragen und dem weißen dicht anſchlie— henden Linnenhäubchen gar ehrwürdig und freundlich anzuſehen war. Ein tiefer inniger Frohſinn lag auf allen Geſichtern und Minna's ſchönes Antlitz leuchtete in höherem Roth der Freude und Liebe. Sie konnte ihre Blicke gar nicht abwenden von Otto, der ihr heute noch weit liebenswerther und edler erſchien, wie jemals zuvor und ihr der ſchönſte, gelehrteſte und gewandteſte aller Männer deuchte. In einer kleinen, unbedeutenden Provinzialſtadt unweit Berlin lebend, hatte Otto auf einer Berufs⸗ reiſe dorthin ſie kennen gelernt und nach kurzer Be⸗ kanntſchaft um ſie geworben. Minna, die Tochter der armen Mutter Anna, hatte in dem kleinen Hütt⸗ chen, das ihr alleiniges Eigenthum geweſen, einſame ſtille Tage mit ihr verlebt und wenn Otto der erſte Mann war, der ihr ſein Herz und ſeine Hand ge⸗ boten, ſo war er auch der erſte, den Minna über⸗ haupt näher kennen gelernt und öfter geſprochen. 12 Aber Otto hätte auch den Vergleich mit andern Männern ſonder Scheu beſtehen können. Sein edles, ausdrucksvolles Geſicht, ſeine ſchöne hohe Geſtalt verfehlten nicht, überall Eindruck zu machen und für manche hübſche Bürgerstochter Berlins war er der Gegenſtand heimlicher Wünſche geweſen. Eine große Ruhe und Würde war ſeinem Weſen eigen und da⸗ bei zeigten ſeine Züge den Ausdruck einer ſolchen Milde und Herzensgüte, daß ſein Anblick unwillkür⸗ lich Vertrauen und Achtung gewann. Und wie Minna jetzt, ſeit geſtern Otto's Weib, an ſeiner Seite ſaß, da klangen in ihrem Herzen alle die Lob⸗ ſprüche wieder, welche ihm vorher von den Geſellen ertheilt worden und eine unausſprechliche, ſtolze Wonne ſchwellte ihre Bruſt. So lange ich lebe, will ich ihn lieb haben, ſagte ſie und ihm gut ſein, denn er iſt der klügſte und beſte aller Menſchen, das iſt gewiß und auch der reichſte. Wie ſchön iſt hier Alles und wie glänzend. Ihren nicht verwöhnten Augen däuchte jeder po⸗ lirte glänzende Tiſch ein koſtbares Meubel und ſie fragte ſich nur immer ſtaunend, ob ihr das Alles gehöre und ob ſie wirklich die Gattin des reichen und ſchönen Meiſters Otto geworden. II. Frau Meiſterin. Nach eingenommener Mahlzeit winkte Otto mit geheimnißvollem Lächeln ſeiner Frau, ihm zu folgen, gab Mutter Anna den Arm und geieitete ſie die Treppe hinauf in die zweite Etage des Hauſes. Auf einem kleinen Entrée blieb er ſtehen und die Thüren zu beiden Seiten deſſelben aufſchließend ſagte er: hier Mutter Anna, iſt Dein eignes Stübchen, dahin kannſt Du Dich flüchten, wenn es Dir bei uns zu laut und lärmend wird, und hier, meine Minna, iſt Dein Zimmer und ich verſpreche Dir, es nur dann zu betreten, wenn Du mich lieb haſt und mit mir zu⸗ frieden biſt. Er legte ſeinen Arm um ihre Taille und ſchob ſie leiſe vorwärts in das geöffnete Zimmer. Es war ein großes, hohes Gemach, einfach, aber geſchmackvoll eingerichtet. Der Sopha, wenn auch in ſeiner Form nicht nach der neueſten Mode, nahm ſich ganz gut aus mit ſeinem glänzenden Cattunbezug, dazu paſ⸗ ſende Stühle ſtanden an den Wänden umher, an der Spiegelwand über der birkenen Commode war ein mit vergoldetem Rahmen gezierter Spiegel auf⸗ gehängt und in der Niſche des einen Fenſters ſtand ein hübſcher Nähtiſch mit einem zierlichen, bequemen Lehnſeſſel davor. Dahin führte Otto ſein junges Weib und ſie in den Seſſel niederdrückend ſagte er:„ſiehſt Du, meine Minna, das iſt Alles, was ich Dir bieten kann und wenn ich Dich anſchaue, wie Du ſo ſchön biſt, ſo ſchäme ich mich, daß es nicht mehr iſt und nicht beſſer, ich möchte ein Fürſt und König ſein, bloß um Dich fürſtlich zu beſchenken und Dir all' das Schönſte und Beſte zu Füßen zu legen. Und iſt es nicht ſchön hier, nicht prächtig, ſagte Minna freudig, nimmer ſah ich ein koſtbareres Zim⸗ mer. Sieh den ſchönen Sopha und der iſt auch mein! Weißt Du, Otto, ich habe noch nie auf einem Sopha geſeſſen. Sie hüpfte durch das Zimmer und ſetzte ſich dann ganz behutſam und ängſtlich auf den Rand des Sopha's. Wie weich das iſt, ſagte ſie, und wie bequem. Ach ich möchte wohl einmal darauf liegen! Und mit einem ſüßen kindlichen Lächeln zog ſie ihre Füße em⸗ por und ſtreckte ſich behaglich auf dem Polſter aus. ch, das iſt prächtig, ſagte ſie, wie ſchön und ut haben es doch die vornehmen Leute, immer ſich ß ſtrecken und ausruhen zu können. Du ſollſt es auch ſo haben, meine Minna, ſagte 15 Otto, Du biſt viel zu ſchön und zu gut dazu in der Küche zu ſtehen und zu arbeiten, dazu haben wir eine Magd, die das gut verſteht. Du ſollſt nichts thun, als was Dir eben gefällt und niemals dies Zimmer verlaſſen, als wenn Du eben Luſt haſt. O, Du guter, Du lieber Otto, rief Minna und flog ihm um den Hals, ich werde alſo eine vornehme Dame ſein! Ach wie prächtig! Ich werde ſo weiche Hände haben, wie die Damen, für die ich früher immer nähete. Sage, werde ich nichts zu thun ha⸗ ben, als was ich will? Nicht im Winter in der Dunkelheit aufſtehen, um den Ofen zu heizen? Nicht Waſſer vom Brunnen holen, zitternd vor Froſt? Nicht im heißen Sommer am Heerd ſtehen, bei dem heißen Feuer, um zu kochen? Das Alles habe ich nicht nöthig? Das Alles darfſt Du ſogar nicht thun, ſagte Otto lächelnd, denn Du biſt nun eine Madame und ſo etwas läßt man von den Mägden thun. Eine Madame! ſagte ſie, die Hände zuſammen⸗ ſchlagend⸗vor Erſtaunen, aber warum haſt Du mir denn das nicht gleich geſagt, du böſer Otto. Werden mich auch die andern Menſchen ſo nennen und nicht Frau Meiſterin? Wenn Du es lieber haſt, gewiß! Aber es klingt doch auch gut, Frau Meiſterin, es erinnert an mein gutes ſchönes Gewerbe, dem wir es doch allein ver⸗ danken, daß wir bequem und zufrieden leben können. Denn, ſiehſt Du, meine Minna, ich bin ſtolz darauf mir Alles durch meiner Hände Arbeit verdienen zu 16 können, und mir ſcheint immer,„Herr Otto“ klinge lange nicht ſo gut, wie„Meiſter Otto.“ Es kann ſich wohl Jeder Herr nennen, aber nicht Jeder kann ſich einen Meiſter nennen, und daß ich das darf, ſiehſt Du, das iſt meine höchſte Ehre. Es iſt auch eine Ehre, ſagte Minna ein wenig beklommen, und ich will es immer gern haben, wenn man mich Frau Meiſterin nennt. Aber wie ſchön iſt dort mein Nähtiſch. Sie ſprang hin, und öffnete ihn und jauchzte vor Vergnügen über die vielen kleinen Knäuel bun⸗ ter Seite und verſchiedener Zwirnſorten, über das hübſche Nähnadelnbuch mit den vielen feinen und groben Nähnadeln, über den ſilbernen Fingerhut mit dem Namen Minna auf ſeinem Rande. Und das Alles haſt Du für mich beſorgt, mein ſe ſie freudig, an das Alles haſt Du ge⸗ acht? Wie ſollte ich, ſagte er einfach, nicht an Alles denken, was Dir Freude machen kann! Aber was werde ich nähen? fragte ſie. Otto zog die untere Schublade des Tiſches auf und nahm ein roſaſeidenes Tuch hervor. Da iſt Arbeit, Minna, ein Tuch für Dich! Ach wie ſchön, wie ſchön, ſagte ſie freudig, ja das will ich mir ſäumen, gleich, heute noch! Sie ſetzte ſich und war ſchon im Begriff, die paſſende Seide dazu zu ſuchen, dann ließ ſie plötzlich die Hand ſinken und ſagte kopfſchüttelnd: Nein, das geht nicht! Die erſte Arbeit, die ich als Deine Frau mache, hier 17 in dem ſchönen Zimmer, mit all' dem ſchönen Näh⸗ zeug, was Du mir geſchenkt, die erſte Arbeit muß für Dich ſein. Otto erröthete vor Freude und Glück, und ſei⸗ nem anſpruchsloſen beſcheidenen Sinn ſchien dieſer Zug des natürlichen weiblichen Zartſinnes ein großes ſchönes Liebeszeichen. Nein, nein, Du ſollſt nicht für mich arbeiten, ſagte er gerührt, für mich ſollen ſich Deine Hände nicht abmühen. Und für wen denn? fragte ſie unſchuldig, und für wen lieber als für Dich? Auch weiß ich ſchon, was ich Dir zuerſt nähen will. Ja, ja, lache nur, ich ſage es Dir nicht. Das iſt mein Geheimniß! Otto küßte ihren rothen lachenden Mund und empfand eine unausſprechliche Freude bei dem Ge⸗ danken, von ſeiner Minna geliebt zu werden. Jetzt laß uns hinüber zu Deiner Mutter gehen, ſagte er dann, wir dürfen in unſerm Glück ſie nicht vernachläſſigen. Sie fanden die alte Frau in trüber nachdenk⸗ licher Stimmung am Fenſter ſtehen und ſie empfing die Eintretenden nicht mit ſo freundlichen Blicken, wie ſie es ſonſt von ihr gewohnt waren. Fehlt Euch etwas, Mutter Anna, fragte Otto beſtürzt ihr näher tretend, während Minna die hübſche bequeme Einrichtung des kleinen Zimmers bewunderte. Ja, mein Sohn, ſagte ſie, oder nein, mir fehlt nichts, aber ich habe zu viel und ich bin traurig 2 darüber, daß ich Dir eine Freude verderben muß. Aber es kann doch nicht anders ſein, ich kann alle dieſe prächtigen Sachen nicht annehmen. So, nun iſt es heraus geſagt und es wird mir nun ſchon wieder ganz leicht. Ich danke Dir auch, Schwieger⸗ ſohn, für Deine Liebe und Aufmerkſamkeit, aber ich werde Dir noch mehr danken, wenn Du alle dieſe ſchönen Sachen wieder fortnimmſt. Ich brauche kei⸗ nen Lehnſtuhl und keinen Sopha, keine Polſterſtühle und Gardinenbettſtelle. Aber, liebſte Mutter, ſagte Minna furchtſam, es iſt doch ſo hübſch und ſo bequem. Bequem! wiederholte die Alte ſtreng, laß den faulen Reichen und den gebrechlichen Alten ihre Be⸗ quemlichkeit, ich mag ſie nicht. Otto, komme her, mein Sohn, gieb mir Deine Hand, und ſage, daß Du mir nicht böſe biſt, wennich all' das Zeug da herausbringe. Gewiß nicht, ſagte Otto, ich weiß doch, daß Mutter Anna meinen guten Willen nicht verkennt! Nein, aber ich würde unglücklich ſein, müßte ich das Alles behalten. In Armuth bin ich geboren und aufgewachſen, und unter Sorgen und Armuth habe ich gelebt; ſo ſind die Sorgen meine vertrauteſten Freunde und die Armuth iſt meine liebſte Geſellſchaft geworden. Wir verſtehen uns zuſammen, die Arbeit und ich, wir wiſſen, was wir an einander haben, aber dieſe ſchönen bequemen Dinger da, die verſtehe ich nicht und weiß gar nicht, was ich mit ihnen an⸗ fangen ſoll. Das iſt aber meine größte Freude und 2 19 mein Stolz Kinder, daß ich das nicht weiß. Denn das grade iſt ein Glück der armen Leute, daß ſie ſo wenig Bedürfniſſe haben und daß ihnen alle die Bequemlichkeiten und die Pracht der vornehmen Leute nur wie überflüſſiger Plunder erſcheint, den ſie gar nicht haben mögen und nicht brauchen kön⸗ nen. Wir Armen ſtehen darum auch freier und un— abhängiger da, als alle die reichen Leute, denn wir brauchen ſo wenig, um zufrieden zu ſein, und mit dem Stückchen Brod, das wir uns ſelber verdient, ſind wir glücklicher, als die reichen Leute an ihrer überladenen Tafel. Du biſt eine herrliche Frau, Mutter Anna, ſagte Otto freudig und küßte ihre harte runzelige Hand mit der aufrichtigen Liebe eines Sohnes. Verzeihe mir, daß ich Dich nicht beſſer verſtanden habe, und grade in dem Wunſch, Dir ein Vergnügen zu be— reiten, das Richtige verfehlt habe. Wir werden uns ſchon immer beſſer verſtehen, ſagte Mutter Anna gütig lächelnd, denn im Grunde denken wir ganz gleich und ehren die Armuth und Dürftigkeit als unſern Freund, der uns durch unſer ganzes Leben begleitet hat. Aber Otto, als Du ſo viele ſchöne Sachen für mich beſorgteſt, die ich nicht brauchen kann, haſt Du doch eins vergeſſen, was mir ganz nothwendig iſt, mein Spinnrad. O, ſagte Otto bittend, ich dächte, Mutter Anna, Du ließeſt das ſein und genöſſeſt endlich der wohl⸗ verdienten Ruhe. Es greiſt Dich an, und Du haſt S mir ſelbſt geſagt, daß Dir die Augen zuweilen weh thun von dem Staub des Flachſes. Was will mein Schwiegerſohn damit ſagen? fragte Mutter Anna ſtreng, und ihre Augen blitzten in jugendlichem Feuer, als ſie hochaufgerichtet und ſtolz einen Schritt zurücktrat und Otto ihre Hand entzog. Ich ſoll nicht mehr arbeiten? Nun, und wovon ſoll ich denn leben? Oder meint Ihr, daß ich ehrlos genug wäre, meine Hände müßig in den Schooß zu legen und mich füttern zu laſſen? Kennt Ihr Mutter Anna ſo wenig, daß Ihr glaubt, ſie würde ein Gnadenbrod annehmen, während ſie noch Augen hat zu ſehen und Hände ſich zu rühren? Otto, Otto, das thut mir wahrhaft weh, denn es iſt eine Mißachtung. Ich ſollte die Arbeit verlaſſen, die Arbeit, die durch das ganze Leben mein Troſt und mein Freund geweſen iſt, die mich aufgerichtet hat, wenn ich traurig war, die mit mir geplaudert hat, wenn ich einſam war? Nein, nein, die Arbeit iſt mein Leben und nur ſo lange ich mir mein Brod ſelber verdiene, kann ich zufrieden und glücklich ſein. Aber was werden die Leute dazu ſagen, fragte Minna ſchüchtern, denn ſie kannte ihrer Mutter ſtren⸗ gen ſtolzen Sinn, was werden ſie ſagen, wenn ſie hören, daß Du Dich abmühſt und quälſt, um Dir in Deinem Alter Dein Brod noch ſelber zu ver⸗ dienen? In meinem Alter? Ich bin nicht alt, denn ich kann noch arbeiten, meine ſiebenzig Jahre ſind mir 21 keine Laſt, und wer recht thut und nach ſeinem Ge⸗ wiſſen handelt, der fragt nichts darnach, was die Leute ſagen. Von meinem ſechſten Jahre an, habe ich redlich und getreu mir meinen Unterhalt erwor⸗ ben, und die Arbeit iſt mein größter Putz und mein einzigſter Stolz geweſen Als ich Deinen Vater kennen lernte, Minna, da war ich ein achtzehnjähri⸗ ges Mädchen, hatte nicht Vater oder Mutter und erwarb mir mein Brod durch Nähen und Stricken, denn andern Leuten dienſtbar zu ſein, war mir im⸗ mer nicht möglich, und niemals habe ich als Magd unter einem fremden Dache gewohnt. Ich wolite meine Freiheit nicht aufgeben, um Sklavin zu wer⸗ den. Dein Vater war ein armer Zimmergeſelle, und er weinte, als er mir ſagte, daß er mich lieb habe, denn er meinte, ich wuͤrde nicht ſeine Frau werden wollen, weil er ſo arm ſei. Ich zeigte ihm meine Hände und legte ſie in die ſeinen, und fragte ihn: werden nicht vier geſunde Hände für zwei glück⸗ liche und zufriedene Menſchen Brod ſchaffen können? Acht Tage darauf ward ich ſein Weib, und wenn wir den ganzen Tag gearbeitet hatten, ſp waren doch die Abende unſer, ach und wie Vieles hatten wir uns da zu erzählen. Doch— das iſt längſt dahin, ſprechen wir nicht weiter davon. Dein Vater ſtürzte vom Gerüſt und ward mir todt ins Haus gebracht, und ich ſaß da mit zwei kleinen Kindern, troſtlos und verzweifelnd. Was hätte ich da anfangen ſollen ohne Arbeit? O, die Arbeit, die tröſtete mich, und weil ich immer daran denken mußte, für Euch zu 22 arbeiten, für meine lebenden Kinder, konnte ich kaum an den Todten denken, ich konnte ihn nur noch lie⸗ ben in Euch, in ſeinen Kindern, für die ich arbeitete Tag und Nacht! Du haſt Dein ganzes Leben für uns geopfert, ſagte Minna mit Thränen, Dir keine Freude gegönnt um unſertwillen. Ihr wart ja meine Freude, ſagte die alte Frau einfach, was braucht denn eine Mutter mehr als ihre Kinder? Und ich dachte nur daran, Euch zu braven, ehrlichen Menſchen zu erziehen, und Euch zu lehren, in Eurer Armuth glücklich zu ſein. Du haſt mehr gethan, Mutter Anna, ſagte Otto gerührt, Du haſt mir in Deiner Minna einen Engel erzogen, das ſchönſte Glück meines Lebens. Nun, nun, nicht ſo ungeſtüm, lächelte die alte Frau, wollen ſchon zufrieden ſein, wenn ſie kein Engel iſt, ſondern ein gutes braves Weib. Aber nun, Otto, ſchaffe mir die Sachen da fort, damit es hübſch gemüthlich und ordentlich in meiner Kammer ird. Ich will's thun, ſagte Otto, wenn Du mir er⸗ laubſt, ſie hinzuſtellen, wo ich will, und wenn Du verſprichſt, kein verdrießliches Geſicht darüber zu machen! Ich will's verſprechen, ſagte Mutter Anna, weil Du kein verdrießliches Geſicht darüber gemacht haſt, daß ich die Sachen nicht haben mochte. Nun, ſo ſtelle ich den Lehnſtuhl und Sopha hinüber in Minna's Zimmer. 23 Du guter, lieber Otto, rief Minna freudig, und ſchlang ihre Arme um ihres Mannes Nacken. Mutter Anna ſchüttelte den Kopf, aber ſie er⸗ innerte ſich zu rechter Zeit, daß ſie verſprochen nicht verdrießlich zu ſein, und ſo ſagte ſie nur mitleidig: Minna iſt noch zu jung, um verſtändig zu ſein. III. Flitterwochen. So in Zufriedenheit und Glück waren die erſten Wochen vergangen, und mit jedem neuen Tage fühlte Otto ein immer ſchöneres, köſtlicheres Glück in ſeine Seele einziehen. In ihm und um ihn war Alles verändert— nicht mehr war er der Einſame, Ver⸗ laſſene, der Alleinſtehende auf Erden, ſein Herz hatte einen Anhaltspunkt gefunden, und mit allen Fibern ſeines Lebens klammerte er ſich feſt an ein zweites, nur zu geliebtes Herz. Seit ſeinen erſten Jünglingsjahren war Otto eine Waiſe geworden, kurz hintereinander waren ihm beide Eltern geſtorben, und Otto hatte weder Ge⸗ ſchwiſter noch Verwandte, die ſeinen Schmerz theilen, ihre Thränen mit den ſeinen miſchen konnten. Aber weil er äußerlich ſeinen Kummer verſchweigen mußte, hatte er ſich nur um ſo tiefer in ſein Inneres ein⸗ gebohrt und Jahre lang hatte Otto an dieſem erſten Leid ſeiner Jugend heimlich gezehrt und gelitten. 25 Vielleicht war es dieſer große Kummer, der mit dazu beigetragen, ſeinem Gemüth jene Weiche und Innigkeit zu verleihen, die ihm eigenthümlich war, jene tiefe und um jeden Preis zur Hülfe bereite Menſchenliebe, die durch die Erinnerung an den eig⸗ nen großen Schmerz immer neu genährt ward. Ottv konnte keine Thränen ſehen, ohne ſofort das tiefſte Beſtreben zu fühlen, ſolche zu trocknen, ſei es auch auf Koſten ſeiner ſelbſt. Und bei dieſer Weichheit ſeines Gemüthes hatte die jahrelange Einſamkeit, das gänzliche Alleinſtehen im Leben ſeinem Weſen eine wehmüthige Reſignation, eine ſchmerzliche Milde gegeben. Er ſehnte ſich, ge⸗ liebt zu werden, ein Weſen neben ſich zu haben, das ſein, ſein alleiniges Herzenseigenthum, dem er alle dieſe tiefe Lebensfähigkeit ſeines Herzens weihen, alle die verborgenen Quellen ſeiner Seele enthüllen und zeigen durfte, er ſeufzte nach dieſem Weſen, wie wir in langer, ruheloſer, ſchweigender Nacht nach dem Morgen ſeufzen, der Bewegung und Leben, der die Sonne bringt. Doch hatte er eine Freundin, die ihn tröſtete in ſeiner Einſamkeit, ihn ſtärkte in ſeinem Alleinſtehen, und die, jemehr er ihr Liebe gab, ſühur mehr ihn zu ſich hinzog, ihn zu tröſten uchte. Dieſe Freundin war die Arbeit. Sie war die treue Gefährtin ſeiner Tage, die nie verſiegende Ouelle des Troſtes und Genuſſes, ihr verdankte er die köſtlichſten, die ſchönſlen Freuden ſeines Lebens. Und weil er ſie alſo liebte und ſich ihr hingab, hatte ſie es ihm gelohnt durch innern Frieden und äußern Wohlſtand. Otto's Vater war bekannt und berühmt geweſen als geſchickter Drechslermeiſter, und der Sohn hatte vom Vater ſein Handwerk erlernt und ſeine Geſchick⸗ lichkeit ererbt. Aber bald genügte dies ſeinem ſtre⸗ benden, ſchaffenden Geiſte nicht mehr. Nicht Ehrgeiz, nicht Sucht, in der menſchlichen Geſellſchaft eine höhere Stellung einzunehmen, ſondern der reine in⸗ nere Drang eines ſtrebenden Geiſtes ließ ihn bald aus dieſer Laufbahn ſich emporſchwingen zu dem fei⸗ neren und kunſtvolleren Geſchäft eines Mechanikus. Mit Eifer und unermüdlichem Fleiß widmete er ſich dieſer neuen Beſchäftigung, und bald war es ihm gelungen, auch in dieſem Zweige ſeinem Namen eine Bedeutſamkeit zu geben. Die von ihm verfertigten Inſtrumente und Ge⸗ räthſchaften waren von der größten Sauberkeit und Genauigkeit und kamen den engliſchen gleich an ge⸗ ſchmackvoller Form und Gediegenheit der Arbeit; bald gingen von allen Seiten ſo vielfache Beſtellun⸗ gen und Aufträge ein, daß Otto trotz ſeines beſchei⸗ denen Sinnes erkennen mußte, es ſei dieſer ſchnelle Se ſein Verdienſt und der gerechte Lohn ſeines leißes. ₰ Neben ſeiner großen Drechslerwerkſtatt errichtete er nun eine zweite; hier gingen in Metall, dort in Holz wahre Kunſtwerke aus den Werkſtätten hervor, und ſo konnte es nicht fehlen, daß Otto's Wohlſtand ſich täglich häufte und mehrte. Das kleine beſcheidene 27 Vermögen, die Hinterlaſſenſchaft ſeiner Eltern, hatte ſich bald verdoppelt, verdreifacht, war zu einem be⸗ deutenden Kapital herangewachſen, vermehrte ſich mit jeder neuen Woche, und ſo war Otto im Laufe we⸗ niger Jahre ein für ſeine Verhältniſſe reicher Mann geworden. Aber es war ohne Freude, daß er ſeinen Wohl⸗ ſtand ſich mehren, ſein Kapital ſich vergrößern ſah. Für wen war ein reicher Mann, wer genoß die Frucht ſeines Fleißes? Niemand! Nieiand war da, dem er dieſe goldenen Früchte ſeiner Arbeit geben, den er genießen laſſen konnte von dem, was ihm überflüſſig däuchte und unerquicklich. Er arbeitete nur aus Liebe zur Arbeit, aus innerem Drang nach Beſchäftigung, und weil die Arbeit bis dahin ſeine einzige Freundin geweſen und ſeine einzige Luſt, hatte er eben auch weder Luſt noch Freude, einen andern Lohn als eben die Arbeitsfreude zu kennen. Da hatte ein Zufall ihm, als er bedeutende bei ihm beſtellte Arbeiten und Inſtrumente ſelbſt in einer kleinen Stadt unweit Berlüns ablieferte, mit Minna bekannt gemacht. Sie war bei ſeinem zurückgezoge⸗ nen arbeitſamen Leben faſt das erſte Mädchen, mit dem er mehr als einige flüchtige Worte geſprochen, ſicherlich das erſte, das ihm ein ſo lebhaftes dauern⸗ des Intereſſe eingeflößt, daß er darüber ſelbſt ſeine geliebte Arbeit vernachläſſigen konnte, und ſtatt, da ſeine Geſchäfte vollendet, nach Berlin und zu ſeiner geliebten Werkſtatt zurück zu kehren, mehr denn acht „ 28 Tage in dem kleinen Städtchen blieb, um Minna zu ſehen und ihr Herz zu gewinnen. Minna hatte ſeine ſo zarte und innige Liebe erwidert, und ſo war ſie ſein Weib geworden, und ihm mit ihrer Mutter nach Berlin in die neue Heimath gefolgt. Wie ganz anders waren jetzt ſeine Gefühle, wenn er in ſeiner Werkſtatt ſaß, und mit geſchickter ſorg⸗ ſamer Hand die feinen, zarten Feilen über das harte Metall führte, die feinſten, künſtlichſten Inſtrumente zu ſchleifen. Von all' ſeinem Thun war Minna der innerſte Grund, die Triebfeder ſeiner Handlungen und Gedanken. War es nicht für ſie, daß er dieſes neue künſt⸗ liche Schloß, dieſe neue vielfach gewundene Schraube erfunden? Nicht für ſie, daß ſeine Gehülfen hier ſo eifrig arbeiteten. Nicht für ſie, daß aus der Drechslerwerkſtatt daneben das Geräuſch knarrender Räder und des unter den Maſchinen ächzenden Hol⸗ zes ertönte? O, und endlich, was unterbrach zuweilen die Stille der Arbeit und des Fleißes, und ertönte ihm wie Lerchengeſang ſo lieblich und herzinnig? War das nicht ihre Stimme, die ſich in kunſtloſer Weiſe, aber mit ſo reinem, köſtlichem, jubelndem Tone ein Liedchen ſang? Wer öffnete zuweilen ganz unvermuthet, wie es vordem nie geſchehen, ohne anzuklopfen die Thür, und hüpfte herein, und hockte zu ihm nieder, und hielt ſeine Hände, daß er nicht arbeiten konnte, und ſchäkerte und lachte, daß er ſich ein Gott fühlte vor 29 Entzücken und Glück, und daß die ehrbaren Geſich⸗ ter der Geſellen ſich aufheiterten zum hellſten Son⸗ nenſchein und die Lehrburſchen lachten über das ganze Geſicht? War das nicht ſie, ſein neues, ſein köſtlichſtes Eigenthum? Weſſen Schritt ertönte zuweilen, viel⸗ leicht nur ihm vernehmbar, über ſeinem Haupte? War nicht ſie dort oben in dem Zimmer, wo ſonſt Alles ſo einſam geweſen und ſtill? Und o, wer umfing ihn mit weichen Liebesarmen nach voll⸗ endeter Arbeit in dem ſillen, ſchweigſamen Gemach, wo er ſonſt ſo einſam geweſen und allein? War das nicht ſie, ſeine Eva, ſein Weib, ſeine Geliebte, das köſtlich glänzende Juwel ſeines Lebens, der reichſte Schatz ſeines Beſitzes? Aber Anna, Mutter Anna dürfen wir nicht ver⸗ geſſen! Auch ſie war da zu ſeiner Freude. Nach ſo vielen, ſchmerzvollen Jahren des Entbehrens hatte er wieder eine Mutter gefunden, hörte er wieder mit dem ſchönen Namen Sohn ſich nennen, und dies von einer Mutter, die mit ihm dieſelben Geſinnun⸗ gen theilte, mit der er in ſeinem innerſten Sein über⸗ einſtimmte. Nimmer, wie ſehr Eva ſeine Gedanken, ſein Herz erfüllte, nimmer vernachläſſigte er darüber Mutter Anna, und mochte er zuweilen eine Einſam⸗ keit mit Eva der Gegenwart einer Dritten vorziehen, ſo verrieth doch nimmer die leiſeſte Andeutung, das kleinſte Zeichen von Mißbehagen dies Gefühl. Oft machten ſie zuſammen kleine Spaziergänge hinaus in den Thiergarten, den einzigen ſchattenrei⸗ 30 chen und anmuthigen Spaziergang der Berliner, und bei dem Grün der Bäume, dem Zwitſchern der hie und da, wenn auch ſelten, in den Zweigen ſich wie⸗ genden Vögel erheiterte ſich ihr Geſicht und glänzten ihre Augen in Freude. Es war ihr großes Ver⸗ gnügen, vor dem kleinen Teiche mit Goldſiſchen zu ſtehen und von dem zu dieſem Zwecke mitgebrachten Brode einzelne Brocken in das Waſſer zu werfen, und ſie lachte ganz herzlich, wenn die kleinen glän⸗ zenden Fiſche dann heran geſchwommen kamen, um den herrlichen Biſſen begierig aufzuſchnappen. Nur Kinder und alte Leute, ſagte ſie, verſtehen es, mit der Natur und mit Thieren umzugehen, und ſich damit zu freuen. Ihr jungen Leute ſeid noch viel zu befangen in Eurem eignen Leben, um ſo ein Leben außer Euch recht verſtehen zu können. Wenn man aber die Eitelkeit der Jugend und die Neugierde, Menſchen zu ſehen, abgelegt hat, dann erſt iſt man ſo klug, ſich mit der Natur und den Thieren freuen zu können. Der. Ton, mit dem ſie ſo ſprach, war weniger freundlich, wie gewöhnlich, und ihr Auge ſchweifte mit einem unwilligen Blicke nach Minna hin, die, ohne den Teich mit den Fiſchen, oder das Grün der Bäume zu beachten, den Kopf ſeitwärts gewandt hatte nach jener großen Allee, in welcher die ſchöne, geputzte und vornehme Welt Berlins ihre Promenaden zu machen pflegt. Ein höheres Roth färbte ihre Wan⸗ gen und ihre Augen blitzten vor Freude und Ver⸗ gnügen. — 31 Schilt nur immerhin, Mutter, ſagte ſie lächelnd, ich bin ja noch jung und alſo darf ich auch die Feh⸗ ler der Jugend haben. Mir würde es weit beſſer gefallen, da in der Allee auf und nieder zu gehen, und mir die ſchönen Damen mit den prächtigen Klei⸗ dern anzuſehen, als hier die kleinen ſtummen Fiſche, wo einer gerade ſo ausſieht, wie der andere. Ach ſeht doch, wie prächtig, da kommt ein Wagen mit vier Pferden angefahren! O, das muß ſicher eine Prinzeſſin ſein, die da ausſteigt. Kommt, kommt, das müſſen wir ſehen! Sie zog Otto mit ſich fort und Mutter Anna folgte ihnen kopfſchüttelnd. un gingen ſie auf und ab unter den Spazier⸗ gängern und dieſe auf und nieder wogende Menge machte Minna große Freude. Es muß doch herrlich ſein, flüſterte ſie Otto zu, aber leiſe, damit Mutter Anna es nicht hören ſollte, es muß doch herrlich ſein, wenn man eine vornehme Dame iſt. Sieh, nur, wie dort die glänzenden Of⸗ ſiciere die Dame ſo ehrerbietig grüßen, und wie ſtolz ſie dankt. Da, ſchon wieder verneigen ſich ein paar Herren, ſo tief, ſo tief, und ſie iſt nicht einmal hübſch, aber die vornehmen Damen brauchen gar nicht hübſch zu ſein, man iſt doch ſo höflich und er⸗ geben gegen ſie. Wenn die Schönheit vornehm machte, ſagte Otto lächelnd, dann wäre meine Minna wenigſtens eine Fürſtin; Du biſt ſchöner als alle dieſe Damen und glaube nur, Manche von dieſen, die hier vorüberge⸗ 32 hen und ſo chrerbietig gegrüßt werden, möchten gern Deine Jugend und Schönheit eintauſchen gegen all' ihren Reichthum und Rang, der oft mehr eine Laſt als eine Freude iſt. Ah, Du ſprichſt im Spaß, ſagte Minna lachend, ich glaube nicht, daß auch nur Eine ſo thöricht ſein könnte. Mutter Anna war indeß ſchweigend neben ihnen gegangen und ihre Blicke hatten die vielen vornehmen geputzten Leute mit einem Ausdruck von Verachtung und Aerger betrachtet. Laß uns nach Hauſe gehen, Schwiegerſohn, ſagte ſie dann, ich halte es nicht länger aus, unter dieſen Narren und Närrinnen umherzugehen, die einander Geſichter ſchneiden, als wollten ſie vor lauter Glück vergehen und ſich anbeten, wie die Heiden ihre höl⸗ zernen Götzen. Keiner von ihnen denkt daran, daß er hier in Gottes ſchöner, freier Luft ſich befindet und ſpazieren geht, Jeder iſt nur gekommen, um zu ſehen und geſehen zu werden. Das iſt widerlich an⸗ zuſehen, lapter ſolche leere, nichtsſagende Geſichter, und wie die Herren ſich verneigen, wie die Affen vor einem Stück Zucker. Otto lächelte Minna aber ſagte: mein Gott, Mutter, wie kannſt Du nur ſo ſprechen von vorneh⸗ men Leuten? Vornehme Leute, ſagte die alte Frau, was ge⸗ hen mich die vornehmen Leute an! Ich habe gar keine Ehrfurcht vor ihnen, und der Holzhauer, der ſich im Schweiße ſeines Angeſichts ſein Brod ver⸗ 33 dient, iſt mir weit ehrwürdiger, als der Reiche, der die Hände müßig in den Schooß legt und dem lie⸗ ben Gott nur geradezu den Tag wegſtiehlt. Bah, Ehrfurcht vor den reichen Leuten, vor ihren ſchönen Kleidern und all dem Krimskrams, mit dem ſie ſich belaſten! Sie müſſen Ehrfurcht haben vor uns, vor den Armen und Arbeitsſamen, ohne die alle dieſe reichen, faulen Leute gar nichts anzufangen wiſſen. as ſollte wohl aus ihnen werden, aus ihnen, die nichts verſtehen, wenn wir nicht für ſie arbeiteten und uns müheten. Mutter Anna hat Recht, ſagte Otto, wir können die vornehmen Leute entbehren, ſie uns aber nicht! Und hier wollen wir nun wieder umkehren und in die Stadt zurückgehen. Wie ſchön, wie ſchön! flüſterte einer der vor⸗ übergehenden Herren, Minna mit unverſchämten Blicken betrachtend. Minna erröthete tief, aber doch empfand ſie eine Art Freude über das Lob, und es ſchmeichelte ihr, daß ein Mann in ſo ſchöner Uni— form ſie beachtet hatte. Ich dächte, ſagte Otto, als ſie das Branden⸗ burger Thor erreicht hatten und durch daſſelbe auf den prächtigen Pariſer Platz traten, ich dächte, Mut⸗ ter Anna ſetzte ſich hier in eine dieſer Droſchken und führe nach Hauſe, während ich mit Minna einen Beſuch mache bei einem meiner früheren Bekannten, der zu gleicher Zeit mit mir geheirathet hat. Minna muß doch auch einige Bekanntſchaften machen. Minna nickte ihm freudig zu und Mutter Anna 3 34 erklärte ſich bereit. Sie näherten ſich den Droſchken und Otto, nachdem er die alte Frau hineingehoben, wollte den Kutſcher bezahlen, als ſie, ſeine Hand zu⸗ rückdrängend, ſagte: Schwiegerſohn, laß das bleiben, wenn ich fahre, weiß ich auch, daß ich es kann. Sie hatte dabei den ſtolzen Ausdruck einer ge⸗ bietenden Königin, die ſich in ihren Rechten und Würden beleidigt ſieht, Otto wagte nicht zu wider⸗ ſprechen, und mit einem ſtolzen Kopfnicken fuhr ſie von dannen. Weißt Du, ſagte Otto, mir iſt jetzt ein Mittel eingefallen, wie wir, wenn es anders nicht geht, ihr unbemerkt und ohne daß ſie beleidigt wird, hülf⸗ reich werden können. Das Mittel, welches Du zuerſt vorſchlugſt, gebt auch nicht, ſagte Minna, denn es iſt unmöglich, auch nur einen Groſchen in ihre kleine Börſe zu thun, ohne daß ſie es bemerkte. Sie kennt genau ihre kleine Baarſchaft und würde es uns nie vergeben wenn wir ſie in dieſer Art hintergehen wollte. Nun, ſo machen wir es anders. Ich habe ſchon mit einigen Webern in der Nachbarſchaft geſprochen und ſie werden morgen kommen, um mich um Rath zu fragen, wo ſie Garn kaufen können. Ich habe ihnen eine Stunde beſtimmt, wo Mutter Anna in Deinem Zimmer iſt, und dann wird es ſich ganz natürlich machen, daß ſie einen Handel mit ihnen eingeht. Aber ich ſehe noch nicht den Vortheil ein, den Mutter davon haben wird. 35 Nun, die Weber werden ihr einen viermal hö⸗ heren Preis bieten, wie Anderen, und Mutter Anna, welche die hieſigen Preiſe nicht kennt, darf ſich nicht wundern, wenn hier Alles weit theurer iſt, als in der kleinen Stadt. Wie gut Du biſt, ſagte Minna, und drückte den Arm ihres Mannes feſter an ſich.— Sie fanden den Brauer Sanders und ſeine junge ſchöne Frau in ihrem Wohnzimmer in traulicher Un⸗ terhaltung beiſammen und wurden von ihnen mit Herzlichkeit empfangen. Minna fühlte ſich aber verlegen der jungen ge⸗ putzten Frau gegenüber, und ſie dachte mit einigem Unbehagen daran, daß ihr eigenes ſchönſies Kleid nicht beſſer ſei, als das Hauskleid dieſer Frau, die mit ihrer lebhaften Berliner Geſchwätzigkeit und je— ner Tournüre und Ungenirtheit, die den Großſtäd⸗ tern überhaupt und namentlich den Berlinern eigen iſt, ihr ſehr imponirte. Auch überraſchte es ſie, zu finden, daß ihr Zimmer, das ihr bis jetzt doch das köſtlichſte und geſchmackvollſte geſchienen, lange nicht ſo elegant und koſtbar eingerichtet war, wie das der Frau Sanders. Sie hatte ein nie empfundenes Gefühl von Mißbehagen und Verdrießlichkeit, ſie ärgerte ſich, daß ſie der jungen, geputzten, redſeligen Frau gegenüber ſo befangen und ſtumm war, und doch war es ihr nicht möglich, dieſe Befangenheit zu überwinden. Die beiden Männer waren hinausgegangen, um die neueingerichtete Brauerei in Augenſchein zu neh⸗ 3* 36 men, und Frau Sanders, im Gefühle ihres jungen Glücks und ſtolz in ihrem Reichthum, begann nun von ihrer großen Hochzeit zu erzählen, von den vie⸗ len vornehmen Gäſten, welche da geweſen, von den köſtlichen Gerichten und ſeltenen Weinen, die auf der Tafel geglänzt, und von ihrem viel bewunderten Brautſtaat. Und meine Ausſteuer, o die iſt prächtig, fuhr ſie fort, ich kann mich gar nicht ſatt daran ſehen, und mag ſie noch gar nicht in die Kiſten und Schränke thun. Es ſteht uoch Alles im Saale nebenan auf⸗ geſtellt. Kommen Sie, ich zeige ſie Ihnen! Sie nahm Minna's Arm, ſchloß die Thür auf und führte ſie in das anſtoßende Gemach, ihre Schätze zu zeigen. Da lagen ganze Stöße von Leinenzeug und Tiſchgedecken, von feiner Leibwäſche und Toilet⸗ tengegenſtänden; an der Wand hingen eine Menge Kleider, Hüte und Hauben ſtanden auf dem Tiſche, Silbergeſchirr prangte daneben und das zierlichſte feinſte Küchengeſchirr. All' dieſen Koſtbarkeiten und Schätzen gegen⸗ über dachte Minna mit bitterem Wehgefühle daran, daß ſie ganz arm und mittellos ihrem Mann in ſein Haus gefolgt und daß ſie nichts gehabt, ihm darzu⸗ bringen, nicht die kleinſte Gabe; zum erſten Male empfand ſie dies wie eine Demüthigung und ſchämte ſich ihrer Armuth. Die Thränen, die ſich in ihre Augen drängten als ſie vieſe reichen Schätze betrachtete, gehörten nicht dem Schmerz, ſondern dem gekränkten Stolz und in 37 ihrem Innern war eine heftige und ſtürmiſche Auf⸗ wallung, ſie fühlte die erſten Regungen des Ehrgci⸗ zes und ſie ſagte zu ſich ſelbſt: Niemand, Niemand darf es wiſſen, daß ich ſo arm bin, nicht einmal eine Ausſteuer in's Haus gebracht zu haben. Und Sie, Liebe, wo haben Sie Ihre Ausſteuer gekauft, fragte Frau Sanders, nicht wahr, Sie zei⸗ gen mir auch Alles? Es iſt gar ſo hübſch, ſo et⸗ was zu beſehen! Während ſie ſo ſprach, verweilten ihre Blicke noch mit freudigem Ausdruck auf ihren Schätzen und ſo bemerkte ſie Minna's ſchnelles Erröthen und Er⸗ bleichen nicht. Ich habe gar keine ſo große Ausſteuer, ſagte Minna raſch, mein Mann zog es vor, den größten Theil meines Vermögens in ſein Geſchäft zu nehmen und den andern auf Zinſen auszuthun, wir lieben beide die Einfachheit. Ihr Herz klopfte hörbar in ihrer Bruſt, eine brennende Röthe bedeckte ihre Wangen und die Worte waren kaum geſprochen, als ſie ſchon Reue empfand und ſich ihrer ſchämte. Frau Sanders, in ihrem Geldſtolze, hatte un⸗ zart genug prahlen wollen vor Minna, von welcher ein Gerücht ihr geſagt, daß ſie arm ſei. Jetzt bei Minna's Worten fühlte ſie ihren Reſpekt vor der jungen Frau ſich ſteigern und ſie ſagte weniger hoch⸗ fahrend: Da haben Sie, glaube ich, klüger gethan, als ich. Man thut im Ganzen immer beſſer, ſein Ver⸗ 38 mögen zuſammen zu halten. Aber wiſſen Sie, es freut mich ſehr, was Sie mir da ſagen. Man wollte mich glauben machen, Sie ſeien ganz arm, und ich habe Sie deshalb recht bedauert, denn es muß ſehr ſchmerzlich und niederdrückend ſein, gar nichts Eige⸗ nes zu beſitzen und von ſeinem Manne Alles anneh⸗ it zu müſſen. Ich kann mir nichts Schrecklicheres denken! Ja, es iſt ſchrecklich! ſagte Minna gedankenvoll. Aber woher mag das Gerücht Ihrer Armuth entſtanden ſein? fragte Frau Sanders. Das iſt ganz einfach, ſagte Minna jetzt mit je⸗ nem Scharfſinn und jener Schlauheit, welche gewöhn⸗ lich nach einer erſten Lüge das Ergebniß der Furcht iſt vor Entdeckung und zu einer zweiten Lüge führt. Das iſt ganz einfach, meine Mutter hat ſeltſame Grillen und ſie will durchaus für arm gelten; ſie ſagt, dies ſei ihr größter Stolz. Ja, ja, die alten Leute, ſagte Frau Sanders, ſie haben gewöhnlich ſchreckliche Launen, und wenn ſie geizig ſind, iſt es gar gräßlich. Sie müſſen ſich aber recht unglücklich fühlen bei ſolcher geizigen Mut⸗ ter, durch die Sie in den Ruf kommen, arm zu ſein, denn die Armuth iſt doch immer eine Schande. Nun, laſſen Sie mich nur machen, ich will ſchon dazu thun, daß alle Ihre Bekannten erfahren, wie die Dinge eigentlich zuſammenhängen. Aber da kommen unfere Männer! Minnazging Otto entgegen und ſeinen Arm neh⸗ mend ſagte ſie: 39 Laß uns aufbrechen, es wird Zeit ſein zu Tiſche zu gehen. Sie empfahlen ſich dem jungen Ehepaar, ver⸗ ſprachen, bald wieder zu kommen, und wurden von ihnen bis zur Hausthür geleitet. Höre, Mann, ſagte Frau Sanders, den Beiden nachſchauend, die Frau iſt keineswegs arm, ſondern ſehr vermögend, und jetzt begreife ich auch ſehr gut, warum Herr Stto ſo eilig war mit der Hochzeit. Er bedurfte ihr Geld und hat den größten Theil deſſelben in ſein Geſchäft genommen! Ja, die Män⸗ ner, die Männer, ſie ſehen alle auf Geld! Indeſſen wandelte Minna ſchweigend an Otto's Seite dahin, ſeine Fragen und Bemerkungen nur flüchtig oder gar nicht beantwortend und immer ra⸗ ſcher vorwärts eilend, um nur recht bald ihre Woh⸗ nung zu erreichen. Dort angekommen, eilte ſie auf ihr Zimmer und warf ſich erſchöpft auf den Sopha hin. Ein Sturm von Gefühlen tobte in ihr, ihre Bruſt wogte, ihr Herz klopfte hörbar, Zorn und Schmerz kämpften in ihr und ſie ballte die Hände zuſammen, wie im krampfhaften Schmerz.. Es muß ſchrecklich ſein, Alles von ſeinem Mann annehmen zu müſſen, flüſterte ſie, ſchrecklich, nichts Eigenes zu beſitzen, ſo ſagte die Frau, und ich fühlte, daß ſie Recht hatte, und Alles ſchrie und ächzte in mir; es iſt auch ſchrecklich! Oh, Jahre meines Le⸗ bens möchte ich darum geben, wenn ich nicht arm wäre, mein Blut möchte ich für Gold hingeben, nur 40 um nicht denken zu müſſen, daß ich gar nichts be⸗ ſitze, nur um die Demüthigung nicht zu empfinden, wie eine Bettlerin in das Haus meines Mannes gekommen zu ſein, und Alles von ihm als ein Ge⸗ ſchenk annehmen zu müſſen! Ach, die Armuth iſt ein ſchweres Unglück, das fühle ich, das weiß ich. 3 nahmen ihre Gedanken eine andere Rich⸗ tung, ſie erinnerte ſich der Worte, die ſie geſprochen und jetzt bedeckte die Gluth der Scham ihre Wan⸗ gen. Ich habe gelogen, ſchmählich gelogen, ſagte ſie zitternd, ich habe die Wohlthaten meines Mannes verleugnet und meine Mutter verleumdet! Oh, ich werde meine Augen nicht wieder zu ihnen aufſchlagen können, ſie ſind viel beſſer, viel edler als ich. Thränen entſtürzten ihren Augen, ſie ließ ihr Haupt in die Kiſſen des Sopha's finken und weinte und ſchluchzte in ſtürmiſchem Schmerz der Demüthi⸗ gung und Beſchämung. Da öffnete ſich die Thür, und Otto trat ein. Er näherte ſich ihr leiſe und legte ſeinen Arm um ſie. Berühre mich nicht, ſagte ſie, ohne aufzublicken, ich verdiene es nicht, daß Du gut mit mir biſt, ich ver⸗ diene nicht, daß Du mich liebſt. Denn ich habe es ge⸗ macht wie Petrus und habe meinen Herrn verrathen und verleugnet. Oh, die Scham, die Demüthigung hatte mich ganz betäubt. Otto, ich habe nie daran t daß ich ſo ganz arm bin und Dir wie eine ettlerin in Dein Haus folgte! 41 Sie bebte vor Schmerz und Ströme von Thrä⸗ nen entſtürzten ihren Augen. Das alſo iſt es, meine arme Minna, ſagte Otto liebevoll, ihr Haupt an ſeine Bruſt ziehend, ſie ha⸗ ben Dir alſo mit ihrem Weltverſtand und ihrer klu⸗ gen Berechnung Bein reines ſchönes Bewußtſein vergiftet O ich Thor, daß ich nicht dieſe Möglich⸗ keit bedachte und Dich davor zu ſchützen ſuchte. Nein, rief ſie heftig, es iſt weit beſſer ſo, nun erſt habe ich das rechte Bewußtſein alles deſſen, was ich Dir verdanke, und wenn es mich auch kränkt und verletzt— Es könnte Dich verletzen, unterbrach er ſie, daß Du mich glücklich machſt und mir erlaubſt, für Dich zu arbeiten, für Dich meine Hände zu rühren und meine Kräfte anzuſtrengen? Willſt Du mir dieſen ſchönſten Theil meines Glückes nicht gönnen? Habe ich nicht von Dir das höhere, das ſchönere Geſchenk angenommen, Dich ſelbſt, Dein junges, köſtliches Le⸗ ben, Deine Schönheit und Jugend, und was köſtli⸗ cher iſt als Alles, Beine Liobet Und während ich, ohne zu erröthen, alle dieſe Schätze von Dir an⸗ nehme, willſt Du mir nicht einmal geſtatten, meine kleinen irdiſchen Güter vor Dir niederzulegen? Ein wunderoller Ausdruck von Milde und Liebe war auf ſeinem Antlitze, während er ſo ſprach, und Minna, ihn anſchauend, ſagte gedankenvoll, wie zu ſich ſelber: Und dieſen edlen Mann konnte ich verleugnen und vor ſeiner Güte erröthen! 42 Dann ſprang ſie auf und ſich heftig in ſeine Arme werfend, ſagte ſie: Ich will Dir Alles bekennen und Du ſollſt der Beichtvater ſein für alle meine Sünden! Nun flüſterte ſie ihm leiſe in's Ohr, was ſie der Frau Sanders geſagt und wie ſie ihrer Armuth den Anſtrich des Reichthums zu geben gewußt. Einen Augenblick ſchwieg Otto nach dieſem Be⸗ kenntniß und ſeine Züge nahmen einen ſchmerzvollen, wehmüthigen Ausdruck an, dann aber ſchien er ſich ſchnell zu ſammeln, und mit einem gütigen Lächeln ſagte er:. Du haſt die Wahrheit geſagt, meine Minna, und wenn alles das, was ich beſitze, Dir genügend ſcheint, um für reich zu gelten, ſo biſt Du auch eine reiche Frau, denn dies Alles iſt Dein, und ſo em⸗ pfange ich täglich aus Deinen Händen einen Theil Deines Beſitzthums! Auch ſorge nicht, es ſoll Nie⸗ mand Deinen Worten widerſprechen können, und ich ſelbſt werde dazu thun, daß alle Leute erfahren, meine Minna ſei keine, wie ſie es nennen, arme Frau, ſon— dern beſitze ein nicht unbedeutendes Vermögen. Und da trifft es ſich denn ſehr glücklich, daß ich grade in dieſer Zeit bedeutende rückſtändige Zahlungen von ei⸗ nigen der größten meiner Kunden empfangen habe. Es ſind mehrere tauſend Thaler, und ich werde den Herrn Sanders um Rath fragen, wo ich dieſen kleinen Theil Deines Vermögens unterbringen kann! Du guter, großmüthiger Otto, ſagte Minna, ihn zärtlich küſſend, und ihre Thränen waren plötzlich 43 verſiegt, ihr Schmerz gelindert. Vielleicht mochte, ihr ſelber unbewußt, die Furcht vor der Entdeckung ihrer Lüge einen eben ſo großen Antheil an ihren Thränen gehabt haben, wie die Reue, vielleicht war es die richtige Kenntniß von Otto's eblem und groß⸗ müthigem Charakter, die ſie inſtinktmäßig leitete, ihm zu vertrauen und ihn zu ihrer Hülfe herbeizurufen. Nicht ohne ein Gefühl von Genugthuung und Freude dachte ſie daran, daß Otto ihre Worte beſtätigen, alle Welt von nun an ſie für eine reiche Fran hal⸗ ten würde. Mit dem Selbſtbewußtſein und der Unerfahren⸗ heit einer glücklichen Kleinſtädterin ſagte ſie zu ſich ſelber: wenn ich nun wieder im Thiergarten ſpazie⸗ ren gehe, werden die Herren und Damen nicht mehr ſo achtlos und ſtolz an mir vorübergehen; ſie werden mich auch grüßen und mich anſehen, denn dann wer— den ſie es ſchon wiſſen, daß ich eine reiche Frau bin! IV. Der Briefträger. Am andern Morgen, als ſie mit Mutter Anna am Frühſtückstiſch beiſammen ſaßen, klopfte es an die Thür und ein junger Mann, in dem Anzug und der Uniform der Briefträger, trat herein. Ohne Gruß und Wort nahm er aus ſeinem ledernen Täſchchen einen Brief hervor und die Adreſſe:„An Frau Minna Otto!“ laut leſend, reichte er ſchweigend der jungen Frau den Brief dar. Otto hatte den jungen Mann aufmerkſam an⸗ geſehen, und jetzt, als dieſer ſich anſchickte, mit einem kurzen Gruß das Zimmer zu verlaſſen, eilte er auf ihn zu und ihn innig umarmend rief er: Karl, mein lieber Karl, erkennſt Du mich nicht, Deinen alten Jugendfreund und Schulkameraden Otto? Nun das wollte ich meinen! ſagte der Andere freudig, und ich kam ja eben ſo ſtumm und einſilbig herein, um zu ſehen, ob der alte Freund mich noch erkennen will, oder ob er zu vornehm iſt, um der 45⁵ Freund eines armen Brieſträgers zu ſein! Aber es drückte mir faſt das Herz ab, als ich Dich ſah und Dir nicht gieich um den Hals fallen konnte. Nun Gott ſei Dank, daß Du mich noch nicht vergeſſen haſt! Das iſt doch noch ein Troſt! Konnteſt Du an mir zweifeln? ſagte Otto vor⸗ wurfsvoll. Selbſt wenn ich Dich nicht gleich erkannte, hätteſt Du wiſſen müſſen, daß mein Herz Dich nie vergeſſen und daß nur die Augen Dich nicht gleich aus dieſer Form heraus zu finden vermochten. Aber nun komm, ſetze Dich zu uns, und zuerſt, Karl, laß Dir hier meine junge Frau Minna, und ihre und meine Mutter Anna vorſtellen. Karl nickte ihnen herzlich zu, und drückte Minna ſo kräftig die Hand, daß ſie nur mit Mühe einen leichten Schrei unterdrückte. Dann ſetzte der Freund ſich an Otto's Seite und während er die Taſſe Kaffee, die Minna ihm reichte, trank, hatte ſie Muße, ihn zu betrachten. Es lag nichts Anziehendes in ſeinem Aeußern, ſeine Züge waren ſogar hart und abſchreckend zu nennen durch eine gewiſſe Strenge und Starrheit, die ihnen eigen waren, nur die großen blauen Augen milderten etwas dieſen Eindruck und aus ihnen leuch⸗ tete eine Fülle von Güte und Seele. Die Geſtalt war klein und gedrungen, ganz darauf angelegt, des Lebens Drangſal und Mühe auf dieſe breiten mus⸗ kulöſen Schultern zu nehmen. Seine Bewegungen hatten leicht etwas Linkiſches und Ungeſchicktes, und als Minna ihn unwillkürlich mit dem neben ihm 46 ſitzenden Otto verglich, dachte ſie: welch' ein Unter⸗ ſchied iſt doch zwiſchen den Beiden, und wie vornehm und ſchön ſieht Otto neben dem häßlichen und un⸗ geſchickten Menſchen aus! Aber Otto iſt auch ein vornehmer reicher Mann und der iſt nur ein armer Briefträger. Nun aber erzähle mir, Freund Karl, ſagte Otto, wie es ſo gekommen, daß Du Deinen früheren Le⸗ bensplan aufgegeben haſt. Wie das ſo kommt, ſagte Karl mit einem Ton, der in dem Beſtreben, ſeine innere Rührung zu un⸗ terdrücken, rauh und hart klang, wie das ſo kommt! Du weißt, ich wollte Maler werden, und ich wäre auch wohl ein tüchtiger Maler geworden, denn der liebe Gott hatte mir Talent und Geſchick dazu ge⸗ geben. Mein Vater war ein reicher Bürger in Pots⸗ dam, und er wollte, daß etwas Rechtes aus mir würde, ein Mann im Staate, wie er ſagte, und wenn ich ihn bat, mir den Willen zu thun und mich das werden zu laſſen, wozu ich ſo große Luſt hatte, ſo ſchalt er mich einen undankbaren Sohn und drohte mir mit ſeinem Fluch. Nun, ich dachte daran, daß es eine Pflicht iſt, den Aeltern zu gehorchen, und ſo fügte ich mich denn darein, meinen Lieblingswunſch aufzugeben, und zu thun, was mein Vater wünſchte. Braver Menſch, ſagte Mutter Anna herzlich, und das wird gewiß zu Eurem Beſten geweſen ſein, denn der Aeltern Segen baut den Kindern Häuſer. Und grade Häuſer wollte mein Vater, daß ich bauen ſollte, fuhr Karl fort, und ſo ward ich denn 47 ein Zimmermann. Da, grade als ich Geſelle wer⸗ den ſollte und meine Lehrzeit überſtanden hatte, ſtarb mein Vater, und Gott möge es mir verzeihen, daß mir mitten in meiner Traurigkeit einfiel, ich könnte nun doch meinen Wunſch erreichen und Maler wer⸗ den. Aber Gott ſtrafte mich gleich für dieſe Freude, die einem betrübten Sohn ſchlecht anſtand; als mein Vater kaum begraben war, kam es zum Vorſchein, daß er,— nun, mit einem Wort— wir waren arme Leute, und Alles, was wir hatten, reichte nicht hin, die Gläubiger zu befriedigen. Meine Mutter wollte nicht, daß ein Makel auf dem Namen ihres Mannes ruhe, und ſo gab ſie ihr eignes kleines Ver⸗ mögen hin, das grade hinreichte, um alle Schulden zu bezahlen. Wir hatten nun freilich gar nichts, waren blutarm, aber es blieb uns doch ein ruhiges Bewußtſein und wir konnten jedem Menſchen ohne Erröthen grade in die Augen ſehen. Armer, guter Karl, ſagte Otto mitleidsvoll, was fingſt Du nun aber an? Was er angefangen hat? fragte Mutter Anna ſtolz und freudig, was wir ehrlichen Leute anfangen, wenn wir arm ſind, er hat gearbeitet. Sieh ſeine Hände an, Otto, fuhr ſie fort, eine von Karls Händen nehmend, und mit ihren Fingern über die innere Fläche derſelben hinſtreichend, fühle dieſe Hand ſie iſt ganz hart und voller Schwielen; ſolche Schwie⸗ len ſind die ſchönſten Narben und kleiden den Ar⸗ beiter eben ſo gut wie den Soldaten, der für's Va⸗ terland gefochten hat, ſeine Narben kleiden. Er hat 48 auch gefochten, Dein Freund, er hat um's Leben und um's Brod gekämpft, und an dieſen rauhen Händen kannſt Du ſehen, daß er Siecger geblieben iſt; das ſind lauter Ehrenmale der Arbeit? Otto ſah die alte Frau mit zärtlicher, ehrfurchts⸗ voller Liebe an. Sie war wirklich ſchön in dieſer innern jugendlichen Gluth und ihre Augen leuchteten in freudigem Glauz; ſie wußte es gar nicht, daß ſie ſo begeiſtert geſprochen, es war ihr nur ſo der na⸗ türliche Ausdruck ihres Gefühls geweſen. Ja, freilich habe ich gearbeitet, ſagte Karl, und der Gedanke, daß ich für meine liebe alte Mutter arbeitete, gab mir Muth und Kräfte. Wenn Jemand wirklich arbeiten will, da giebts immer zu thun, und ich bin oft, fuhr er lachend fort, an einem und dem⸗ ſelben Tage Laſtträger, Handlanger bei den Maurern und S durch die Schlöſſer von Potsdam geweſen. Und alles das für Eure alle Mutter, ſagte Mut⸗ ter Anna. Recht ſo, mein Sohn, Ihr ſeid ein braver Menſch. Ach, was will das ſagen, es war meine Pflicht, ſagte Karl einfach, und meine Mutter war eine ſo gute, brave Frau. Was ich gethan habe, das war nichts, und ich hätte gar nicht anders handeln kön⸗ nen, denn ich hatte täglich das Beiſpiel vor Augen, wie ein gutes Kind handeln ſoll und muß. Ach, was für ein Beiſpiel! Ihr hättet das Mädchen ken⸗ nen ſollen, die mir gegenüber wohnte mit ihrer Mut⸗ ter, mit welcher Engelsgeduld ſie Nacht und Tag ———— 2* 49 ihre Mutter pflegte, für ſie arbeitete und ſich quälte, und von Morgens früh ehe die Sonne aufging, bis ſpät in die Nacht hinein ihre fleißigen weißen Hände rührte, nähete und ſtickte, um für ihre Mutter Brod zu ſchaffen. Und was für eine Mutter war dies! Für meine gute alte Mutter zu arbeiten, das war wohl eine Freude und eine Luſt, denn ſie hatte mich ſo lieb, und ſprach immer ſo, als wenn ich etwas ganz Außerordentliches an ihr thäte. Aber Sophiens Mut⸗ ter war eine böſe alte Frau; das gute fleißige Mäd⸗ chen that ihr niemals genug, niemals war ſie zufrie⸗ den mit dem, was das junge ſchöne Mädchen doch ſo mühſam verdiente und ſo freudig für ſie hingab. Niemals hat die arme Sophie ein gutes Wort, einen Dank von ihr bekommen, und doch klagte ſie nie⸗ mals, blieb immer freundlich und ehrfurchtsvoll ge⸗ gen ihre Mutter, ſchwieg ſtill zu ihren ungerechten Vorwürfen und arbeitete unverdroſſen und freudig einen Ta ie alle Tage, ſich ſelbſt niemals eine Freude, e Erholung gönnend. Dafür ward ſie aber auch von der ganzen Nachbarſchaft geliebt und wir nannten ſie Alle den guten Engel, und immer 3 war's, wenn ſie Einem des Morgens früh begegnete, und Einen anſchaute, und mit ihrem freundlichen herzigen Lächeln den Morgengruß erwiederte, als ſcheine die Sonne noch einmal ſo hell, und ich wußte immer daß ich den Tag Glück haben und viel Arbeit finden würde. O, und Ihr hättet den guten Engel ſehen ſollen, als ihre Mutter immer kränker, und dadurch immer heftiger und böſer ward in ihren 4 50 Schmerzen. Wie ſie da Nacht und Tag ſie gepfleget und gewartet hat mit unverdroſſener Liebe, wie ſie, ſich ſelbſt gar keine Ruhe gönnend, an dem Bette ihrer Mutter gewacht hat. Oft wenn dieſe gar zu viel Schmerzen hatte, und immer lauter ſchrie und. fluchte, dann knieete Sophie an dem Bette nieder und betete, und ſie war ſchön anzuſehen, wie ein wirklicher Engel, wenn ſie ſo, von der Lampe beleuchtet, neben dem Bette knieete, die Hände gefaltet, die großen ſchwarzen Augen gen Himmel gerichtet und die ro⸗ then Lippen leiſe bewegend im Gebet, dazu lächelnd ſo ſelig und mild, wie nur die Engel im Himmel lächeln können. Und konnteſt Du denn das gute Mädchen auch Nachts immer ſehen, fragte Otto den Freund, der in ſeinem begeiſterten Lobe jetzt ſchwieg, und verloren in Erinnerungen träumeriſch und ſinnend vor ſich hinblickte. 3 Minna, die innig gerührt ihm ört, war erſtaunt über die wunderbare Veränderung, die in Karls Zügen vorgegangen. Waren ihr dieſe vorher ſo rauh und hark erſchienen, ſo leuchteten ſie jetzt in milder Freude und erſchienen durchgeiſtigt von inne⸗ rer Schönheit, die auch ſeine Züge ſchön machte und edel. Jetzt erſchien er Minna nicht mehr häßlich und abſtoßend, ſondern ſchön und freundlich und mit dem, allen Weibern eignen Inſtinct, wußte ſie, daß Karl nur ſo begeiſtert ſprechen könne von dem Mädchen, 51 das er liebe, und dies erhöhete natürlich noch ihr Intereſſe für ihn. Otto mußte ſeine Frage wiederholen: konnteſt Du denn das Mädchen auch Nachts ſehen, und wiſ⸗ ſen, was ſie that? Dann erſt ſchien Karl ihn zu hören, und aus ſeinen Träumen aufſchreckend, ſagte er: ich wohnte ihr gegenüber und konnte von meinem Fenſter aus ihre ganze kleine Kammer überſehen, beſonders Nachts, wenn Alles ſonſt finſter war und nur da drüben ihre Lampe brannte. Und Du zogſt ihren Anblick dem Schlafe vor? fragte Otto mit gutmüthiger Neckerei. Ich konnte ſie Tags ſo wenig ſehen, ſagte Karl unſchuldig, weil ich dann ſelbſt nicht zu Hauſe war; auch arbeitete ich immer viel freudiger, wenn ich Sophie in der Nacht hatte ihre Mutter pflegen und zu Gott beien ſehen. Das war meine größte Le⸗ bensfreude, wenn ich Sophie auch niemals ge⸗ ſprochen habe, ſo kannte ich ſie doch ſo genau, wie kein Menſch auf Erden, und ſchaute in ihre innerſte Seele hinein, denn ihre Seele lag auf ihrem Ange⸗ ſicht wenn ſie betete, und ſie wußte nicht, daß dann noch andere Augen als die ihres Gottes auf ihr ruh⸗ ten. Vor Gott aber verſtellt man ſich nicht, wie man es oft vor den Menſchen muß. Du haſt ſie alſo nie geſprochen? Und was iſt denn aus ihr geworden? Hat ſie etwa geheirathet? Geheirathet? rief Karl auffahrend und erblei⸗ chend. Dann beſann er ſich und ſagte ruhig: nein, 4* 52 — noch weit ſchlimmer, ſie iſt reich geworden. We⸗ nige Tage nach dem Tode ihrer Mutter kam ihr reicher Bruder hier aus Berlin, der ſich Jahre lang nicht um ſie bekümmert, und auf keinen ihrer Briefe geantwortet hatte, in einer prächtigen Kutſche ange⸗ fahren und nahm ſie mit ſich. Seine Frau war geſtorben und Sophie ſollte ihm nun die Wirthſchaft führen. Nun, da er ihrer bedurfte, dachte er an ſeine Schweſter.* Ja, ja, ſo ſind die Leute, ſagte Mutter Anna kopfſchütteld; ſie denken nur immer an ſich, und nur, wenn ſie unſerer bedürfen, denken ſie der Armen Aber, Ihr habt uns noch nicht geſagt, wie es kommt, daß Ihr nun in Berlin ſeid und nicht mehr in Potsdam bei Eurer Mutter? Meine gute Mutter! rief Karl ſchmerzlich. Vor drei Monaten iſt ſie geſtorben, und weil ich ſo ein⸗ ſam war und verlaſſen, und Alles mich in Potsdam an meine Mutter erinnerte und mich kaurig machte, wanderte ich nach Berlin. Und nicht wahr, weil Sophie in Berlin iſt? fragte Otto lächelnd. Karl ſchwieg und blickte zur Erde. Mutter Anna aber ſagte unwillig; ſo ſeid Ihr junges Volk nun! Immer ſoll Einer gleich verliebt ſein Warum willſt Du es denn nicht glauben, daß er bloß Trauer um ſeine verſtorbene Mutter Potsdam L laſſen hat? Weil er noch zum jungen Volk gehört, Mutt Anna, ſagte Otto lachend. — 53 Karl war aufgeſtanden und ſchickte ſich an zu gehen. Ich habe noch einige Briefe zu beſorgen, ſagte er, und ich hätte, wenn ich heute im Dienſt wäre, überhaupt gar nicht ſo lange hier bleiben kön⸗ nen, aber es iſt heute mein Sonntag, und ich habe dieſe Straße nur einem Cameraden abgenommen, mit ſeiner Frau nach Charlottenburg gehen wollte. Aber nicht wahr, nun kommſt Du bald wieder? fragte Otto herzlich, und die beiden Frauen ſtimmten ein in die Frage. Wenn ich Euch nicht zu ſchlecht bin und zu dumm, ſagte Karl lächelnd; und ihnen zunickend ent⸗ fernte er ſich. Ein herrliches Gemüth ſagte Otto. Ein braver Sohn! rief Mutter Anna. Ich möchte die ſchöne Sophie wohl kennen, ſagte Minna, ſchade, daß wir ihn gar nicht gefragt haben, wie ihr Bruder heißt. Du haſt Recht, ſagte Otto, wenn er wieder kommt, wollen wir ihn fragen. Aber nun, meine Minna, Deinen Brief! Den haben wir ja ganz ver⸗ geſſen. Lies ihn doch, Minna! Das iſt wahr! ſagte Minna, das Siegel er⸗ brechend und das Papier aus einander ſchlagend. Hann ſchaute ſie lange hinein, und Otto ſah, wie eine dunkle Gluth ihr Geſicht und ihren Nacken über⸗ zog. Dann traten Thränen in ihre Augen und immer noch blickte ſie ſtarr in das Papier. 54 Enthält der Brief ſchlimme Nachrichten? fragte Otto geſpannt und ängſtlich. Minna ſagte mit kaum hörbarer Stimme, ihm das Blatt hinreichend: lies Du ihn, ich kann nichts Geſchriebenes leſen! Das iſt auch ganz unnöthig, ſagte Mutter Anna ruhig; um ein gebildetes Herz zu haben, iſt es nicht von Nöthen Briefe leſen zu können. Ich wußte, daß Minna darauf angewieſen ſein würde, zu arbeiten, und mit dem Fleiß ihrer Hände ſich ihr Brod zu er⸗ werben, und ſo war ihre Zeit zu koſtbar, um ſie an überflüſſige Schreibübungen zu verwenden. Aber ge⸗ druckte Bücher zu leſen, habe ich ſie ſelber gelehrt, und in der Bibel kann ſie ganz ſchön und fertig le⸗ ſen. Mehr bedarf es nicht! Zum erſten Male war Mutter Anna anderer Meinung als Otto, er ſchwieg aber beſcheiden ſiill, um die alte Frau nicht zu erzürnen, und ſagte, um die verlegene Pauſe auszufüllen: ſoll ich den Brief vorleſen, liebe Minna? Sie nickte bejahend und Otto las:„Beſte Schwe⸗ ſter! Aus dem Brief, den Du mir haſt ſchreiben laſſen, erſehe ich mit Vergnügen, daß Du Dich ver⸗ heirathet haſt und zwar an einen wohlhabenden Mann! Das iſt ſehr gut, denn Geld und Gut iſt Ehre und Anſehen, und es iſt mir ſehr willkommen, daß meine Schweſter eine anſtändige begüterte Frau geworden iſt, um ſo lieber, als ich längſt die niedrige Stellung, zu der mich das Schickſal verdammen zu wollen ſchien, verlaſſen habe und nicht mehr Buch⸗ 55 druckergeſelle bin. Ein Handwerker, ich, mit meinen Gaben, meinen Talenten, ſollte ein Handwerker wer⸗ den! Nein, ſtatt Bücher zu drucken, laſſe ich jetzt die Eingebungen meines Genius drucken und habe im freien Reich der Geiſter, in der Republik der Poeſie ſelber Sitz und Stimme eingenommen. Die goldene Zeit der Freiheit, der Gerechtigkeit, der Macht des Volkes mit herauf zu beſchwören, dazu hat mich das Schickſal berufen, das Volk hat mich zu einem ſei⸗ ner Vertreter aufgerufen und ich bin ſeinem Ruf nicht taub geweſen!“ Das iſt ja ein ganz unſinniger Brief, brach Mutter Anna, die ſchon lange nur mühſam ihre Un⸗ geduld und Mißbilligung unterdrückt hatte, jetzt aus, der Frit ſcheint ganz toll geworden zu ſein. Es ſcheint wirklich ſo, ſagte Otto lächelnd, dann las er weiter:„Schon habe ich zur Vollendung des großen Werkes der Völkerfreiheit einen Band Ge⸗ dichte drucken laſſen, die überall das enthufiaſtiſcheſte Lob aller Edlen und Liberalen erregt haben, und ich ſchicke mich jetzt an zu einer jener Triumphreiſen, wie ſie die glorreichen Dichter unſerer Tage durch ganz Deutſchland machen, nachdem ihre Lieder mit Enthu⸗ ſiasmus überall aufgenommen worden. Ich denke dieſe meine große Tour in Berlin anzufangen, und werde deshalb in aller Stille von Dresden aus, wo ich mich jetzt befinde, nach Berlin kommen, und in⸗ cognito einige Tage Dir und Deinem Gatten weihn, welcher Letztere es gewiß als eine Ehre anerkennen wird, wenn ich ihn um ein Darlehn zu meiner Reiſe 56 erſuche,— der Ruhm, den ich auf dieſer Reiſe ernte, wird ihm gewiß der ſchönſte Erſatz und der glän⸗ zendſte Zins ſeines Capitals ſein! Und ſomit Gott befohlen! Noch Eins, ich nenne mich nicht mehr Fritz Wendt, das klingt gar ſo gemein, Fritz! Jeder Menſch kann Fritz heißen; ich habe dieſen Namen in Bonaventura umgetauft und nenne mich nach dem Geburtsort unſers Vaters Bonaventura von Ottersheim. Unter dieſem Namen ſind auch meine Gedichte erſchienen. Grüße die Mutter und bereite ſie vor auf die Freude des Wiederſehens. Dein Bruder Bonaventura von Ottersheim.“ Dieſe Freude wird eben nicht gar groß ſein, ſagte die alte Frau verſtimmt. Es wäre mir lieber geweſen, er kehrte als armer tüchtiger Buchdrucker⸗ geſelle zurück, ſtatt daß er jetzt etwas bedeuten will, wozu er einmal doch nicht berufen iſt. Und dann, ſeinen ehrlichen Namen zu verleugnen! Das heißt auch den Vater verleugnen, deſſen Namen er trägt und die Mutter, die ihn geboren. O er kennt mich nicht, wenn er glaubt, ich ſei eine ſo ſchwache Mut⸗ ter, ihn zu bewundern, wenn er ſo albern und hoch⸗ trabend ſpricht! Sie nahm den Brief und ging damit hinüber in ihr Gemach. Minna hatte gedankenvoll dageſtanden und kaum auf die Vorleſung des Briefes gehört. Ihre Seele war ſichtlich mit etwas Ande⸗ 57 rem beſchäftigt, und als ſie ietzt allein waren, ſagte ſie: Otto, ich habe eine Bitte an Dich, die Du aber der Mutter nicht verrathen darfſt. 7 Die ich aber errathen darf, ſagte Otto, und Minna in ſeine Arme ziehend, flüſterte er ihr zu: morgen Vormittag um neun Uhr wird ein Schreib⸗ lehrer hier ſein. Minna nickte ihm lächelnd zu, und küßte den Gatten, der ihre Wünſche ſo gut zu errathen gewußt. V. Der Parvenue. In der Friedrichsſtraße nahe den Linden hatte der reiche Herr Blitz ſich ein ſchönes großes Haus gekauft, deſſen Belle⸗Etage er ſelbſt bewohnte, während er die übrigen Stockwetke vermiethet hatte. Aber, ſagte Herr Blitz zu ſeinem Kammerdiener, dem das Geſchäft oblag, Diejenigen herumzuführen, welche kamen, die vakanten Wohnungen in Augenſchein zu nehmen, aber, Jean, ſieh darauf, daß ich nur ſolche Miether habe, die meiner würdig ſind. Es ziemt einem Manne von meinem Vermögen nicht, ſich mit gemeinen, bürgerlichen Vermiethern ohne Rang und Titel herum uplagen, und wer die Ehre haben will, in meinem Hauſe zu wohnen, muß wenigſtens ein Rath und lieber noch ein Geheimrath ſein. Und höre, Jean, kommen dergleichen vornehme Leute, ſo ſagſt Du ihnen einen ſehr hohen Miethzins ſetzeſt aber hinzu, wenn ſie ſelbſt mit mir ſprechen wollten würde ich aus beſonderen Rückſichten, und um ihnen gefällig zu ſein, gewiß gern einen niedri⸗ 59 geren Preis anſetzen. Auf dieſe Art mache ich dann vornehme Bekanntſchaften, und wenn ich einmal Be⸗ kanntſchaft gemacht habe, ſo werde ich ſchon dafür ſorgen, ſie nicht wieder fallen zu laſſen. Dank dieſer klugen Maxime war Herrn Blitzens Haus nur von vornehmen Leuten bewohnt, aber von je⸗ ner Vornehmheit, die ſehr lebhaft an Don Ranudo nebſt Gemahlin erinnert, deren Titel lang ſind, und deren Einkommen kurz, die keinen Reichthum und Glanz weiter beſitzen, als eben ihren Namen, und die des⸗ halb gern bereit ſind, Andern, die deſſen bedürfen, den Glanz ihres Namens zu leihen, um dafür von ihnen etwas Anderes, nicht minder Glänzendes zu borgen. Nur ſolche Leute von Rang hatten ſich be⸗ guemen wollen, das Haus des Herrn Blitz unter der von ihm unumſtößlich feſtgeſetzten Bedingung beziehen zu wollen. Dieſe Bedingung nämlich war, daß ſie mit Herrn Blitz einen freundſchaftlichen Ver⸗ kehr unterhielten und jeden Donnerſtag, als an dem Tage, wo er Geſellſchaft empfing, in ſeinem Salon regelmäßig erſchienen. Wer darauf einging, bekam die Wohnung um funfzig Thaler billiger, als der eigentliche Preis war. Es giebt in Berlin eine hin⸗ längliche Menge armer Räthe und Betitelter, die alle mit Freuden auf dieſe Bedingung eingehen würden, und ſo konnte es denn nicht fehlen, daß Herrn Blitzens Haus im wenigen Wochen ganz vermiethet war und er die Freude hatte, an den Thürklinken nur voll⸗ tönende, untadlige Namen auf den glänzenden Meſ⸗ ſiugplatten zu leſen. „ 60 Herr Blitz war am Anfang ſeiner Laufbahn ein armer Strumpfwirkergeſelle geweſen, der mit ſei⸗ nem Bündelchen auf dem Rücken beſcheiden einwan⸗ derte in Berlin und kaum einige Groſchen beſaß, um ſich dafür ſo lange eine Schlafſtelle zu miethen, bis es ihm gelungen, Arbeit bei einem Strumpf⸗ wirker zu finden. Indeß ließ das Glück, müde den armen, hungrigen Burſchen länger zu quälen, ihn ſchon am erſten Tage finden, was er ſuchte, und bei dem reichſten Strumpfwirker trat er als erſter Ge⸗ ſelle in die rik, wußte ſich die Liebe der einzigen Tochter ſeines Brodherrn zu gewinnen und ward, als dieſer nach wenigen Jahren ſtarb, der Beſitzer der großen reichen Fabrik und alſo ein reicher Mann. „Wer hat, dem wird gegeben!“ Dieſem Spruch zufolge gewann Herr Blitz in der Lotterie das große Loos von 150,000 Thalern und zog ſich mit dieſen in den Privatſtand zurück, ſeine große Fabrik ver⸗ kaufend für eine eben ſo große Summe. Herr Blitz war ein ſehr reicher Mann und er nannte ſich doppelt reich, als ſeine Frau plötzlich ſtarb und ihn zum trauernden Wittwer machte. Das arme Weib hatte ſich nicht daran gewöhnen können, eine reiche vornehme Dame zu ſein, und ſie war in das Grab geſunken unter der Laſt ihres Glücks und ihrer Schätze.. Heute war in der Wohnung des Herrn Blitz eine beſondere Bewegung. Mägde und Bediente lie⸗ fen hin und wieder, und in der Küche war der Koch mit wichtiger Amtsmiene am Heerde thätig. In 61 einigen Tagen ſollte ein großes Feſt gegeben werden, und Herr Blitz hatte befohlen, daß Alles ſo glänzend wie möglich ſein ſollte. Herr Blitz ſaß in ſeinem Boudvir, deſſen über⸗ ladener Prunk ſchon das Beſtreben des Beſitzers hin⸗ länglich verrieth, mit ſeinem Reichthum auf jene be⸗ merkenswerthe Weiſe zu glänzen, wie dies den Par⸗ Nnues und Emporkömmlingen eigen zu ſein pflegt. Schwere ſeidene Tapeten zierten die Wände, zum Theil aber überdeckt von Ge en ie, in breite Goldrahmen gef ohne d Wahl um⸗ herhingen, les genug, um einen Salon damit zt en, m kleinen Gemach an⸗ gehäuft, ſo daß nur ein ſchmaler Gang durch daſſelbe geblieben, der aber in der Mitte noch wieder verengt ward von einem vergoldeten Tiſchchen, auf welchem ſilberne und goldene Becher und Kannen prangten. So in dieſer Ueberladung glich das Ganze einem ſchön ausgeſtatteten Kauftaden, in welchem Lurus⸗ gegenſtände mannigfacher Art zur Anſicht ausgeſtellt waren. Herr Blitz ſelber in ſeiner eleganten Toilette, das Haar gebrannt und friſirt nach der neueſten Mode, die Finger bedeckt mit ſchimmernden Brillant⸗ ringen, hatte ganz das Ausſehen eines eleganten La⸗ . dendieners, und wenn er bei einem unerwarteten Be⸗ ſuch dem Fremden entgegentrat und mit ſüßlicher iene fragte, womit kann ich dienen? eine Redens⸗ art, die ihm noch von früheren Zeiten her geblieben war, glich er vollkommen einem Commis voyageur, der bereit iſt, ſeine Waare anzupreiſen. ind jetzt ausge 62 Heute war Herr Blitz aber mit ſehr ernſten Dingen beſchäftigt, denn es galt, die Gäſte, die zu ſeinem Feſte geladen werden ſollten, zu wählen und ihre Namen dann auf die Einladungskarten zu ſchrei⸗ ben, und Herr Blitz war ganz durchdrungen von der Wichtigkeit dieſer Stunde. So, ſagte er jetzt, einen Augenblick ausruhend und in den Lehnſeſſel zurückſinkend, hundert Karten igt, aber das reicht freilich nicht zu einem gre und doch, ſo viel ich mich beſinne, weiß em i 6 m ich eine Ein⸗ ladung ſchicken kön s iſt r dig, wie diffi⸗ cil die Menſchen ſind, ſelbſt w man nichts von ihnen haben will, wenn man ſie ſogar noch mit Leckerbiſſen füttern will! Da iſt der Graf Oskar, der ein Jahr in meinem Hauſe gewohnt hat und mein täglicher Gaſt geweſen iſt, jetzt iſt er ausgezogen, hat ſich eine reiche Frau genommen und giebt ſich das Anſehen, als kennte er mich nicht mehr, hat nicht einmal mir ſeine junge Frau vorgeſtellt und ſchlägt beharrlich alle meine Einladungen aus! Ja, ja, die Welt iſt undankbar. Nun, ich will mich heute nicht weiter ärgern, es bleiben mir doch noch genug vor⸗ Gäſte. Laß doch ſehen, wie viele habe ich enn— Er nahm das geſchriebene Verzeichniß der Ein⸗ zuladenden und überzählte ſich laut die vornehmen Na⸗ men. Hier dieſe drei Geheimräthe und vier Hof⸗ räthe ſind mir ſicher, denn es ſind meine Miether und koſten mir zuſammen an baarem Abzug von der 63 Miethe dreihundert und funfzig Thaler ſagte er. Jeder von ihnen hat mir verſprochen, noch einige adlige Offi⸗ ciere mitzubringen. Aber Damen, ſchöne junge Da⸗ men fehlen mir, und dann Menſchen, die meinen Reichthum bewundern können und meine Pracht an⸗ ſtaunen, denn dieſe vornehmen Herrn thun immer, als ob ihnen gar nichts hier auffiele, als ob das Al⸗ les nur ſo in der Ordnung wäre, und wenn ich die ſchönſten goldenen Becher vor ihnen hinſtelle, ſo hal⸗ ten ſie es nicht der Mühe wert ein Wort dar⸗ über zu ſagen. bedarf e Menſchen, die mein iu ſchönen Meubles bewun⸗ dern, die ich frü gelannt haben, wie ich noch aum war. Halt, da fällt mir etwas ein! Den Mechanikus Otto, den könnte ich einladen; man ſagt, er ſoll eine ſehr ſchöne und reiche junge Frau ge⸗ heirathet haben, und wenn ich ihn auch freilich in den letzten Jahren ſehr vernachläſſigt habe, nun, ich denke, er wird es ſich doch zur Ehre ſchätzen, bei wir zu erſcheinen, und ich will deshalb ſelbſt mit Sophie hinfahren, um meine Einladung mündlich zu überbringen. 2 Er ſtand auf und rief in die nächſte Thür hinein mit gebieteriſcher Stimme: Sophie, Sophie! Sogleich zeigte ſich auf der Schwelle ein Mäd⸗ chen im einfachen, geſchmackvollen Morgenanzug, ſchlank und zart wie ein halbes Kind, und für ein ſolches hätte man ſie halten mögen, wenn nicht der tiefe, faſt ſchwermuthsvolle Blick ihrer großen ſchwar⸗ 64 zen Augen von durchlebten traurigen Jahren und von Erfahrungen geſprochen hätte. Auch um den kleinen Mund, um die ſchmalen Lippen zeigte ſich ein eigner wehmüthiger Zug, dem ſchönen jugendlichen Antlitz einen ſeltſamen Zauber und Reiz verleihend. Was iſt das nun wieder, Sophie, ſagte Herr Blitz ſtirnrunzelnd, es iſt ſchon zwölf Uhr vorüber und Du biſt noch im Negligé? Verzeihung, wein Bruder, ich war an weinet Stickerei be die Roſe erſt fertig ha die läſtige Toilette ging. Immer ſtickſt Du, immer finde ich Dich mit der Nadel in der Hand. Mein Gott, warum biſt Du ſo fleißig, man ſollte wahrhaftig glauben, Du müßteſt für Geld arbeiten! Ich vergeſſe noch zuweilen, daß ich es nicht mehr nöthig habe, ſagte ſie mit ſchmerzlichem Lächeln, die Gewohnheit vieler Jahre läßt ſich in wenigen Monaten nicht ablegen. Ich ſage Dir aber, Du ſollſt ſie ablegen; es iſt durchaus nicht faſhionable, fleißig zu ſein, und faſhio⸗ nable zu werden, das muß und ſoll Dein einziges Beſtreben ſein. Ich fürchte, es wird mir nicht gelingen, er⸗ wiederte ſie mit einem Seufzer, es fehlt mir dazu alles Geſchick und auch, verzeihe mir, Johann, alle Neigung. Johann, riej Herr Blitz, zornig mit dem Fuße rwiderte ſie ſanft, äftigt und wollte e 65 „ ſtampfend, wie oft ſoll ich Dir noch verbieten, mich mit dieſem plebejiſchen Namen zu nennen. Mein Kammerdiener darf Johann heißen, ich, der reiche Blitz aber nicht! Mein Name iſt Alfred, merke Dir das! Ich will es thun, erwiederte ſie unterwürfig, und Herr Blitz fuhr fort: ich bin überhaupt gar nicht mit Dir zufrieden, und Du erfüllſt wenig meine gerechten Forderungen und Anſprüche. Ich habe Dich der Noth und Armuth entriſſen, nicht um hier Dich ewig ſtill, ewig ufzd umhergehen zu ſehen, ſondern um durch Dich mein Haus intereſſanter zu machen. Du biſt hübſch, ja ſogar ſchön, warum gebrauchſt Du Deine Schönheit nicht, um damit ir⸗ gend einen dieſer vornehmen armen Schlucker zu fangen; es wäre mir gerade erwünſcht, ſagen zu kön⸗ nen mein Schwager, der Geheimrath, meine Schweſter, die Geheimräthin! Warum giebſt Du Dir gar keine Mühe, mir dieſe Freude zu bereiten? Warum biſt u gegen alle dieſe Herren ſo ernſt und kalt? Warum ſchlägſt Du die Augen nieder, wenn ſie mit Dir ſprechen, ſtatt ſie aufzuſchlagen und ſie mit einem jener glühenden, brennenden Blue anzuſehen, die andern Damen zu Gebote ſtehen und denen kein Mann widerſteht? Ich verſtehe die Kunſt nicht, ſolche Blicke zu werfen, ſagte Sophie kalt, und ihre Geſtalt richtete ſich ſtoizer und höher auf, während eine Gluth der Schaam ihre weißen Wangen überhauchte, und ich will dieſe Kunſt auch niemals erlernen, denn mein 5 66 Gefühl ſagt mir, daß ein Mädchen ſich dadurch ſelbſt erniedrigt. Unwiſſend und ungebildet wie ich bin, glaube ich doch nicht, daß mein Herz mich irre führt, und mein Herz zieht ſich immer ſchmerzhaft zuſam⸗ men, wenn Du mir ſolche Zumuthungen machſt! Dein Herz! rief ihr Bruder verächtlich, ob Dein Herz ſich zuſammenzieht, oder nicht, ich will, daß Du meinen vornehmen Miethern und namentlich dem Geheimen Hofrath Querfeldt freundlich begegneſt. Ich hoffe wirklich, daß dieſer vielleicht meinen Wunſch erfüllt und Dich heirathet. Er ſpielt wie unſinnig und ſteckt bis über die hren in Schulden, und wenn er gar nicht mehr weiß, was er anfangen ſoll, werde ich ihm anbieten, ſeine Schulden zu bezahlen und ihm ein bedeutendes Jahrgeld auszuzahlen unter der Bedingung, daß er Dich heirathet. Sophiens Lippen entfuhr ein ſchwacher Schrei, dann ſagte ſie ernſt und mit der Würde gekränkter Weiblichkeit: thue das nicht, mein Bruder, denn ich ſchwöre Dir, niemals will ich auf dieſe Weiſe einem Manne meine Hand reichen. Unbedeutend und arm, wie ich bin, fühle ich mich doch zu gut, einem Manne gegen einen bezahlten Wechſel eingehändigt zu wer⸗ den und aus Gnade gegen eine Schuldverſchreibung Gattin eines Mannes zu werden, den ich nicht iebe Undankbares Geſchöpf, rief Herr Blitz außer ſich, nahm ich Dich deshalb in mein Haus, um für alle meine Wohlthaten nichts als Undank zu ernten! Sophie, bedenke, was ich Alles an Dir that! Ich 67 zog Dich aus der Armuth und Dunkelheit hervor und gab Dir eine Stellung in der Welt, indem ich Dich als meine Schweſter anerkannte, ich gab Dir ſtatt Deiner ärmlichen Kleider die theuerſten und beſten, überhäufte Dich mit Ueberfluß und Glanz! Du darfſt nicht mehr hungern, nicht mehr arbeiten, Du kannſt nur die Hand ausſtrecken, nur befehlen, und Alles iſt da! Und für alle dieſe Wohlthaten lohnſt Du mir mit ſo ſchwarzem Undank! Sophie ſchüttelte leiſe ihr Haupt, dann ſagte ſie nicht ohne einen Ausdruck von Bitterkeit: Du läſſeſt mich Theil haben an Deinem Ueberfluß jetzt da Du meiner bedarfſt, und Du würdeſt mich zurück⸗ ſtoßen in das Elend, ſobald ich Dir läſtig und über⸗ flüſſig wäre, und meine Stimme würde Dich dann ebenſowenig erreichen, als die Stimme unſerer armen Mutter, die ſterbend umſonſt nach ihrem einzigen Sohne rief. Nun ja, ich ſehe es ein, ſagte Herr Blitz un⸗ muthig, ich habe Unrecht an der alten Frau gehan⸗ delt, ich ſchämte mich ihrer, auch wußte ich nicht, daß es Euch ſo ſchlimm erging. Nun aber will ich ja gern mein Unrecht an Dir wieder gut machen, Du mußt mir nur dabei behülflich ſein, aber es ſcheint, als ob Du mir zum Trotz durchaus ſo un⸗ wiſſend und ungelehrt bleiben willſt, wie Du warſt, und wie es der Schweſter des reichen Herrn Blitz nicht wohl anſteht. Deine Lehrer beklagen ſich über Dich, beſonders Dein Geſanglehrer. Ich kann nicht ſingen, ſagte Sophie, eine freud⸗ 5 68 loſe Jugend hat meine Stimme verdorrt, und die Töne ſind in meiner Bruſt verſtummt, ich habe kei⸗ nen einzigen Ton zum Singen in mir. Nun ſo wollen wir den theuren Geſanglehrer abſchaffen, ſagte Blitz ärgerlich, und die Summe, welche er koſtete, in Zukunft zu Deinem Taſchen⸗ pun hinzufügen. Du kannſt damit thun, was Du willſt. ch werde für einen Theil derſelben Bücher kaufen, ſagte Sophie lebhaft. Thue das, ich bin's zufrieden, wenn man Dich für eine Gelehrte hält; auch ſind Deine Sprach⸗ lehrer alle mit Dir zufrieden und loben Deinen Eifer. und für dieſen Unterricht allein bin ich Dir dankbar, ſchaffe den Mufiklehrer, den Tanzlehrer und den Maler ab, ich werde es niemals zu einiger Ge⸗ ſchicklichkeit in dieſen Dingen bringen, aber ich werde ſtreben, den Anforderungen meiner übrigen Lehrer zu entſprechen. Gut, gut, ſagte Herr Blitz wohlgefällig, Du drückſt Dich wahrhaftig ſchon recht gut und gewählt aus, ich bin wirklich mit Dir zufrieden. Und jetzt, Sophie, mache Deine Toilette, wir wollen einen Beſuch machen beim Mechanikus Otto. Laß Deine Toilette aber ſo glänzend wie möglich ſein und ver⸗ giß nicht, die neue goldene Kette umzulegen, die ich Dir geſtern mitgebracht habe, damit Otto und ſeine junge Frau gleich ſehen, mit wem ſie es zu thun haben und Reſpekt vor uns bekommen. Und dann, ——.— ——,— 69 Sophie, ich wiederhole, ja ich befehle es Dir, ſei freundlich gegen den Hofrath Querfeldt und lege dieſe alberne Ziererei ab, welche nur dazu dient, alle Bewerber von Dir zurückzuſchrecken, die ſonſt um Deines reichen Bruders willen ſich in Schaaren um Dich ſammeln würden. Ich will auch nur Dem meine Hand reichen, der mich liebt, mich um meiner ſelbſt willen, und nicht an Deine Reichthümer denkt, ſagte Sophie mit einem ſchwärmeriſchen begeiſterten Ausdruck. Das ſind ſolche Grillen, wie man ſie aus Ro⸗ manen lernt, ſagte Herr Blitz unwillig, und wenn Du das aus den Büchern lernſt, ſo erlaube ich nicht, daß Du noch eine Zeile lieſeſt, denn— Ein Klopfen an der Thür unterbrach ihn, auf ſein Herein! öffnete ſich die Thür und der Briefträger Karl trat ein. Was hat denn das zu bedeuten, rief Herr Blitz, wo ſind meine Leute, mein Kammerbiener? Warum geben Sie die Briefe nicht an ihn ab? Sie haben mir ja ſelbſt befohlen, keinem An⸗ dern die Briefe zu geben, ſagte Karl, während ſeine Blicke ſchüchtern und verſtohlen auf Sophien weil⸗ ten; Sie haben mir ja geſagt, ich ſoll immer hier klopfen und nur Ihnen die Briefe geben. Ja, wenn ich Beſuch habe, damit die Leute ſchen, in wie vielen Geſchäftsverbindungen ich ſtehe und Reſpekt vor mir bekommen. Nun, es macht auch nichts aus! Aber hört Freund, Ihr müßt mir einen Dienſt erzeigen, ich will Euch gut belohnen. 70 Ich thue es auch ohne Lohn, ſagte Karl ſtolz, ſagen Sie nur raſch, was es iſt. Wartet nur, ich komme gleich wieder. Herr Blitz nahm den von Karl gebrachten Brief und verließ das Zimmer. Jetzt war Karl allein mit Sophien. Es war das erſte Mal, daß er ſo lange ſie und ſo nahe ſehen konnte, und er hätte aufſchreien mögen vor Freude und vor Glück. Sein Herz klopfte zum Erſticken, und er mußte ſich an die Wand leh⸗ nen, um nicht umzuſinken in der Gewalt ſeines Ge⸗ fühis. Sophie aber bemerkte ihn nicht. Sie lehnte, in Träume verſunken, im Divan, und den lieblichen Kopf in ihre Hand geſtützt, blickte ſie gedankenvoll und ohne etwas zu ſehen auf das Bild ihr gegenüber. Wie ſchön, wie himmliſch ſie ausſieht, dachte Karl, ganz verloren in ihren Anblick, o könnte ich ſie ewig, ewig ſo anſchauen! Aber ich möchte ſie vwht ſprechen hören. Ihre Stimme muß ſein wie uſik. Leiſe, kaum hörbar, denn ſeine innere Bewegung erſtickte jeden Ton in ſeiner Bruſt, ſagte Karl dann: Und haben Sie mir nichts aufzutragen? Sophie ſchrak zuſammen und blickte zu ihm um— ſie hatte es ganz vergeſſen, daß noch Jemand im Zimmer war. Nein, ſagte ſie, ich danke Ihnen, ich correſpon⸗ dire mit Niemand. 4 Wieder ward Alles ſtill, Karl ſpielte verlegen mit ſeiner Brieftaſche, dann allen ſeinen Muth zu⸗ 71 ſammennehmend, ſagte er raſch: haben Sie vielleicht ſ zu beſtellen nach Potsdam? Ich gehe heute ahin! Ich habe nichts dort, was mir befreundet iſt, ſagte Sophie wehmüthig, nichts als ein Grab. Soll ich nachſehen, ob die Roſenſtöcke blühen, die Sie darauf gepflanzt haben? fragte er ſchüchtern. Wie, Sie kennen das Grab meiner Mutter? Es liegt dicht neben dem Grabe meiner guten Mutter, ſagte Karl und ſeine Augen füllten ſich mit Thränen. Ach, die gute Frau Marthe war Ihre Mutter, ſagte Sophie lebhaft, dann alſo ſind Sie der treue Sohn Karl, den die ganze Nachbarſchaft pries wegen ſeiner treuen Sohnestebe. Nun, meine Mutter machte es mir ſo leicht ſie zu lieben— und dann— fuhr er ſchüchtern fort— Sie wohnten mir gegenüber, und da konnte ich wohl lernen ein gutes Kind zu ſein, denn Sie wiſſen es wohl, Ihre Mutter— Laſſen wir ſie in Frieden ruhen, unterbrach ihn Sophie ernſt, der Todten ſoll man ſich nur mit Liebe erinnern. Beten Sie für mich an dem Grabe mei⸗ ner Mutter, und wenn Sie wollen, bringen Sie mir einen Zweig von dem Roſenſtocke mit. Darf ich Ihnen den Zweig morgen ſelbſt brin⸗ gen? fragte Karl haſtig. Gewiß, erwiderte ſie freundlich, und zwar in mein eigenes Zimmer. Sagen Sie nur dem Be⸗ dienten, Sie wollten mich ſelber ſprechen, dann wird „ 2 „ er Sie zu mir führen. Es freut mich, und es thut mir ſo wohl, einmal mit Jemand von der Vergau⸗ genheit geſprochen zu haben, denn, wie traurig ſie auch immer ſein mochte, man hat ſie doch lieb. Sie grüßte ihn freundlich und verließ das Zim⸗ mer. In demſelben Augenblick trat Herr Blitz wie⸗ der ein, in ſeiner Hand eine Menge verſiegelter Briefe haltend. Hört, guter Freund, ſagte er, Ihr könntet mir einen großen Gefallen erzeigen. In drei Tagen iſt Geſellſchaft bei mir, kommt dann Abends zu mir, veriangt mich ſelbſt zu ſprechen und tretet haſtig in den Salon ein. Dann gebt mir alle dieſe Briefe, die Ihr bis zu dem Abend aufbewahren mögt. Ich habe ſie alle frankirt und werde Euch ein ſo hohes Porto dafür zahlen, als kämen ſie wirklich von Pe— tersburg oder Paris. Nein, nein, ſagte Karl ſtolz, für Geld thue ich das nicht. Wenn ſie ſich aber von dem armen Brief⸗ träger Karl wollen einen Gefallen erzeigen laſſen, nun, dann will ich Ihnen den Spaß machen und die Briefe da bringen. Ihr ſeid ein närriſcher Kauz, ſagte Herr Blitz lachend, nun ſo thut es mir zu Gefallen. Karl nickte ihm zu und verließ das Gemach. Mit ſchnellen Schritten und zuweilen einige Worte vor ſich hinmurmelnd, eilte er die Straße hinab zu ſeiner Wohnung, die in einem Dachſtübchen in der Schillingsgaſſe, einer der abgelegenſten Straßen Ber⸗ lins, ſich befand. Beflügelten Schrittes, wie gehoben 73 von innerer Bewegung, eilte er die ſteilen und fin⸗ ſtern Treppen hinauf. In ſeinem kleinen, ärm⸗ lichen Gemach angekommen, warf er Hut und Brief⸗ taſche von ſich und griff nach Papier und Bleiſtift, das auf dem Tiſche lag. Jetzt habe ich es, ſagte er leiſe, und ſeine Stimme zitterte in tiefer Bewegung. Deutlich und mit klaren Zügen ſteht ihr Bild vor meiner Seele, und ich meine, es muß mir gelingen, das, was ich ſo klar ſehe, auch auf das Papier zu bringen. Er zog mit kunſigeſchickter, ſicherer Hand leichte Umriſſe auf das Papier, und wie er immer eifriger, zitternd vor innerer Bewegung und doch mit ſicherer Hand weiter zeichnete, ſah man bald auf dem Pa⸗ pier es ſich regen und bewegen, wie ein werdendes Leben. Ein lieblicher Mund ſchien zu lächeln, zwei große Augen ihn ſinnend zu grüßen, das holde Oval ihres Angeſichts war umfloſſen von kräuſelnden Locken, und leicht vorwärts geneigt zeigte ſich die zarteſte Mädchengeſtalt. Karl, begeiſtert von ſeinem eigenen Werke, ſchaute entzückt auf die vollendete Zeichnung und rießt ja, das iſt ſie das iſt Sophie! D mein Gott bin ich nicht ein glücklicher Menſch, daß ich dies Bild zeichnen konnte! Und nun will ich auch niemals mehr klagen, daß ich kein Maler geworden. Ich 1 ihr Bild gezeichnet, was braucht es denn mehr!— Aber nun fort, fort, ermahnte er ſich ſelbſt und ſprang auf, ich muß nach Potsdam! Ich darf 74 ja morgen dann zu ihr gehen und ihr einen Zweig bringen von dem Roſenſtock, der auf ihrer Mutter Grabe ſteht. Ich werde ſie alſo morgen ſehen! Und wieder rannte er unermüdet durch Straßen und Gaſſen der weitläuftigen Stadt, bis er athem⸗ los am Bahnhofe vor dem Potsdamer Thore ange⸗ langt war. So eben geht der Zug ab, ſagte ihm der Mann an der Kaſſe. Sie kommen zu ſpät. Da nehmen Sie Ihr Geld zurück! Zu ſpät, ſagte Karl traurig, und ich muß doch nothwendig hin, ihr einen Zweig von dem Roſen⸗ ſtock zu bringen. Nun, wenn es weiter nichts iſt, lachte der Mann, der Karl's Selbſtgeſpräch gehört, da kaufen Sie doch hier einen Roſenſtock und ſagen Sie, daß er von Potsdam kommt. Karl ſah ihn mit großen, verwunderten Augen an. Ihm war die Idee eines ſolchen Betruges ſo neu und befremdend. Ich kann ja auch zu Fuße gehen, in vier Stun⸗ den bin ich dort, ſagte er leiſe, und wohlgemuth wanderte er von dannen, die Straße nach Pots⸗ dam dahin. Hinter ihm her ſchallte das ſpöttiſche Lachen des Kaſſirers, der gar nicht begriff, wie man ſo dumm ſein konnte, aus Potsdam zu holen, was in jedem Blumenkeller in Berlin zu haben ſei. Karl aber ſchritt rüſtig fort, und als er nach Stunden langem, erſchöpfendem Marſche in Potsdam 75 auf dem Grabe ſeiner Mutter knieete und die heilige Erde küßte, die ihre Hülle bedeckte, da war es ihm, als kehre Friede und Freude ein in ſeine Seele, und in ſeinem Herzen waren nur Gebete für die, welche er liebte, für Sophie. Der verlorne Sohn. Mutter Anna ſaß mit ihren Kindern Minna und Otto in traulicher Unterhaltung in Minna's Zimmer, als die Thür heftig aufgeriſſen ward und ein junger Mann in das Zimmer krat. Mit leichtem Kopfnicken ſchritt er zu Mutter Anna's Sitze hin, und ihr, mit dem Ausdruck vornehmen Wohlwollens, die Hand darreichend, ſagte er mit nachläſſigem Ton: Nun, ich denke, Mutter Anna, ich durfte Deine Sehnſucht nicht länger auf die Probe ſtellen, und ſo habe ich denn aus dem Strudel der Freude und trotz der Klagen und Weherufe meiner Verehrer mich losgeriſſen, um Dir Deinen Sohn Bonaventura von Ottersheim, welches ich ſelber bin, zu zeigen. Die alte Frau hatte ihn, während er ſprach, unverwandt betrachtet, und ihre großen Augen blitz⸗ ten in verachtungsvollem Zorn, als ſie, den Kopf ſchüttelnd, erwiederte: Ich kenne keinen Bonaventura von Ottersheim, und mag ihn auch nicht kennen. 77 Kommt aber mein Sohn Fritz Wendt zu ſeiner alten Mutter, ſo wird er niederknieen und um meinen mütterlichen Segen bitten. Oh, oh, das iſt Rococo, rief der Fremde la⸗ chend, und da das Alte wieder neu geworden, nun, ſo können wir die Mode mitmachen.— Er ließ ſich leicht auf ein Knie nieder, und ſagte dann: Nun, Mutter, ſo ſegne Deinen Sohn Fritz. Der ſtrenge Ausdruck in den Zügen der alten Frau machte jetzt der Milde und Liebe Platz, und das Haupt des Knieenden zwiſchen ihre beide Hände legend, ſchaute ſie lange in das Antlitz des Jüng⸗ lings, und Thränen füllten ihre Augen. Ja, Du biſt es, biſt mein Sohn, biſt Deines Vaters Kind, ſagte ſie mit leiſer, zitternder Stimme. Mir iſt, als ſei ich wieder jung geworden, und ſchaute wieder in das Angeſicht meines Mannes. Nun, Gott ſegne Dich, mein Kind, und mache, daß Deinem Vater gleichſt an Rechtſchaffenheit und Treue. Es lag etwas ſo Ehrfurchtgebietendes in dem Weſen der alten Frau, daß der junge Mann das ſcherzende Wort, das ihm auf die Lippe trat, unter⸗ drückte, und ehrfurchtsvoll die Hand küßte, welche ihn eben geſegnet. Und jetzt, mein Sohn, ſagte Mutter Anna, ſtehe auf und umarme Deine Schweſter Minna und Dei⸗ nen Schwager Ottv. Bonaventura ſprang ſchnell auf und als er jetzt Minna und Otto, die in ehrfurchtsvollem Schweigen 78 der Begrüßung zwiſchen Mutter und Sohn zuge⸗ ſchaut, umarmte, nahmen ſeine Züge ſofort wieder den früheren hochfahrenden und übermüthigen Aus⸗ druck an. Ah, Minna, Du biſt wirklich eine hübſche Frau, ſagte er lachend, und ich würde ſtolz auf Dich ſein, hätte Dich das Schickſal in eine beſſere Sphäre erhoben. Nun, ſeien Sie gegrüßt, Herr Schwager Otto, ich hoffe, wir werden gute Freunde werden! Gewiß, ſagte Otto herzlich, meiner Minna Bru⸗ der ſoll auch der meine ſein! Nun, das iſt gut, erwiederte Bonaventura gleich⸗ gültig und warf ſich nachläſſig auf den Divan. Ah, ich bin ſehr müde, ſo eine Eiſenbahnfahrt greift doch entſetzlich an, vorzüglich wenn man ſich ſo weit er⸗ niedrigen muß, auf dem dritten Platz zu fahren, und leider mußte ich das, denn das Geld war mir aus⸗ gegangen. Das iſt auch der Grund, warum Ihr mich in dieſen abgetragenen, ſchlechten Kleidern ſeht. Ich habe meine beſſern Kleider verkaufen müſſen, um mir Reiſegeld zu ſchaffen. Minna's Blicke begegneten in dieſem Augenblick denen ihres Mannes, und Otto verſtand die Bitte, die aus den Augen ſeines Weibes ſprach. Ich habe gerade funfzig Thaler in meinem Pulte liegen, die noch keine Beſtimmung haben, ſagte er zu Bonaventura, und es würde mir eine Freude ſein, wenn Sie dieſelben als ein Darlehn von mir annehmen wollten. 79 Funfzig Thaler, hm, das iſt eigentlich blitzwe⸗ nig, ſagte Bonaventura nachläſſig, indeſſen wird es für meine erſten Bedürfniſſe ausreichen. Ich nehme ſie alſo an bis auf Weiteres! Mutter Anna ſchüttelte mißbilligend ihr Haupt und ihre Stirn umwölkte ſich, während Otto gut⸗ müthig lächelnd ſie anſah, gleichſam als wolle er dadurch den aufſteigenden Zorn der alten Frau be⸗ ſchwichtigen. Wie kommt es, ſagte Mutter Anna nach einer Pauſe, daß Ihr Euch Beide noch Sie nennt. Solche vornehme Manieren paſſen nicht für Leute unſeres Standes, und ich dächte, Ihr ſolltet Euch deshalb ſchnell den Bruderkuß geben. Um Gottes willen nur keine Familienſcenen, ſagte Bonaventura gähnend, und ſtreckte ſeine Füße gemächlich auf Minna's Divan aus, nichts lang⸗ weiliger als ſolche Scenen à la Iffland. Auch ge⸗ ziemt es überdies nicht dem Dichter Bonaventura von Ottersheim, ſich mit dem Mechanikus Otto zu dutzen. A propos, lieber Herr Schwager, Sie ha⸗ ben doch ein anſtändiges Zimmer für mich in Ihrem Hauſe?. Nein, rief Mutter Anna, ehe Otto Zelk hatte zu antworten, nein, das hat Dein Schwager nicht! Er hat kein anſtändiges Zimmer für Jemand, der, ohne dankbar zu ſein, Wohlthaten annehmen möchte und der ſeinen ehrlichen Namen verleugnet. Suche Dir bei Deinen vornehmen Freunden eine Wohnung; . ſo lange Mutter Anna lebt, ſoll der Herr Bonaven⸗ 80 tura nicht von den Wohlthaten ſeines Schwagers er⸗ halten werden. Mit feſter, ſtolzer Haltung ſtand ſie auf und verließ das Zimmer. Bonaventura blickte ihr lachend nach und ſagte dann kopfſchüttelnd: Bei ſolchem Alter noch ſo heftig! Wirklich, das iſt auffallend, aber intereſſant! Solche Erſcheinun⸗ gen aus der alten Zeit haben immer etwas Pikantes. Ah, ich werde ein Gedicht darüber machen und will es mir deshalb gleich in meiner Schreibtafel notiren. Es ſoll heißen: der alte Wegweiſer am Kreuzwege der jungen Zeit. Die Idee iſt neu und pikant und wird Aufſehen machen. Otto war indeſſen hinausgegangen, und kehrte jetzt mit einer Rolle Geldes zurück, die er ſchweigend ſeinem Schwager darreichte. Ah, die funfzig Thaler, ſagte dieſer, die Rolle in ſeiner Hand wiegend, wie leicht das iſt und wie leicht ich das in alle Winde hinſtreuen werde. Das Geld hat für mich gar keinen Werth, es iſt mir eben nur das Mittel zum Zweck und ich achte es nur wie eine Duelle, die über die Wieſe ſprudelt und dieſe in der Blüthe erhält. Wenn die Quelle verſiegt, ſo verdorret die Wieſe, und ſo iſt es, wenn die goldne Quelle in unſerer Hand verſiegt. Man muß alſo männlich darnach ſtreben, daß ſie niemals verſtopft werde, ſagte Otto ruhig, und ihr ein ſo tiefes Bett graben, daß man ihren fort⸗ geſetzten Lauf ermeſſen kann. 81 Bonaventura hatte, während Otto ſo ſprach, vor dem Spiegel ſeine Toilette in Ordnung gebracht, und er ſich jetzt lachend zu ſeinem Schwa⸗ ger hin: Recht gute, recht vernünftige Ideen, liebſter Meiſter Otto, die ich bei einem Handwerksmann nur loben kann! A propos, wollten Sie wohl die Güte haben mir eine Droſchke zu holen? Ich kann un⸗ möglich in dieſem Anzug mich auf der Straße zeigen. Bitte, gehen Sie für mich! Oito ſah ihn einen Augenblick mit einem ſpöt⸗ tiſchen Lächeln an, dann ſagte er ruhig: Sie haben es ganz nahe bis zu einer Droſchke. Gehen Sie nur links die Straße hinauf, ſo finden Sie an der nächſten Ecke ſolche Wagen. Ah, da fährt eben eine leere Droſchke vorüber, ſagte Bonaventura, der an's Fenſter getreten war. Er rief dem Wagen zu halten, und eilte dann, ohne Abſchied zu nehmen, fort. Otto, ſagte Minna, als ſie nun allein waren, mich dünkt, Du warſt nicht freundlich gegen meinen Bruder, wenigſtens gewiß nicht ſo ſehr, als er es verlangen kann. Denke doch, wie gelehrt und vor⸗ nehm er iſt. Er hat Gedichte geſchrieben, und ſogar drucken laſſen, unter einem ſo vornehmen, ſchönen Namen; auch merkt man es ihm gleich an, daß er mit vornehmen Leuten umgegangen iſt, er hat ſo etwas Sicheres und Vornehmes in ſeiner Haltung. Wie leicht und ungenirt er ſich auf meinen Sopha hinlegte, auf dem ich kaum zu ſitzen wage. Daran 6 82 ſieht man recht, daß er gewohnt iſt, mit ſolchen Dingen umzugehen, daß ihm das gar nichts Beſon⸗ deres iſt. Und gegen ſolchen geſcheidten, ausgezeich⸗ neten Menſchen, der noch dazu mein Bruder iſt, biſt Du ſo unfreundlich, daß Du ihm nicht einmal ſeine Bitte erfüllſt und ihm eine Droſchke holſt! Otto hatte Minna, während ſie ſo ſprach, mit wehmüthigen, faſt kummervollen Blicken betrachtet, und ſtand jetzt unbeweglich, ſchweigend da. Ein ſo tiefes Weh aber ſprach aus ſeinen Zügen, daß Minna erſchreckt ausrief: Aber, lieber Otto, was fehlt Dir, biſt Du un⸗ glücklich? Wie Du traurig ausſiehſt! Mein Gott, habe ich etwas geſagt, was Dich verletzen kann? Nein, ſagte Otto, tief aufathmend, es war nur eine trübe Ahnung, welche mich einen Augenblick beſchlich. Eine Ahnung? fragte Minna, ſich an ihn ſchmiegend. Ja, ſagte Otto, melancholiſch lächelnd, es war als flüſtere eine Stimme mir zu: Du wirſt Minna nicht glücklich machen! Du biſt ihr nicht vornehm und gebildet genug! Otto, rief Minna, geliebter Otto! Und ſich in ſeine Arme werfend und ihn feſt umſchlingend, flü⸗ ſterte ſie: Jetzt verſtehe ich Dich! Jetzt weiß ich, warum Du traurig warſt! Ich trage die Schuld daran mit meinen unüberlegten, kindiſchen Worten. O, habe nur Nachſicht mit mir, Otto, Nachſicht und Geduld! Dies Alles, was mich umgiebt, das ganze —,— 83 Leben, in das Du mich eingeführt, iſt mir ſo neu und glänzend, daß ich ganz davon geblendet bin und daß ſich oft meine Gedanken darüber verwirren! Aber nicht wahr, Otto, Du haſt Nachſicht mit mir, Du glaubſt an mich? Ich glaube an Dich, ſagte Otto innig, denn ich liebe Dich, denn Du biſt für mich der Inbegriff alles Glückes, Du biſt meine Zukunft und meine Hoffnung, auf Dein Herz habe ich alle meine Träume und Wünſche niedergelegt und Dich zum Mittelpunkt meines ganzen Lebens gemacht. Aber auch Du mußt an mich glauben, theuerſte Minna, und mußt feſt an mir halten! Wie er ſie innig an ſein Herz drückte, über⸗ ſtrömten Thränen der Rührung Minna's Angeſicht, und in ihrem Herzen gelobte ſie Otto eine ewige, dankbare Liebe, und leiſe flüſterte ſie in ſein Ohr ſüße und heilige Worte, denen Otto mit entzücktem Lauſchen zuhörte. Bonaventura's Rückkehr unterbrach die Beiden in dieſem holden Geplauder der Liebe und verwun⸗ dert ſchauten Beide auf den jetzt völlig veränderten Bruder. Die neue, elegante Kleidung, der modiſche Ueberrock, die ſammetne Weſte, über die eine glän⸗ zende Uhrkette herabfiel, das Alles hatte ſeiner Er⸗ ſcheinung einen wohlthuenderen und angenehmeren Ausdruck verliehen. Seine Geſtalt erſchien größer und ſchöner, ſein Haupt war ſtolz und zuverſichtlich gehoben und aus ſeinen Zügen ſprach eine glückliche Zufriedenheit und Ruhe. 2. 84 In dieſen neuen, ihm anpaſſenden Gewändern ſchien er ſich erſt behaglich und bequem zu fühlen, und Minna, die ihn bewundernd betrachtete, mußte ſich geſtehen, daß ſie nie einen ſchöneren Mann ge⸗ ſehen, als ihren Bruder Bonaventura. Dieſer ſelbſt war zum Spiegel getreten, und ſich wohlgefällig betrachtend, ſagte er: Schau mich an, Schweſter Minna, und dann ſage mir, ob ich nicht Recht gethan, meinen niedri⸗ gen Stand und meinen niedrigen Namen weg zu werfen! Es giebt Menſchen, denen die Natur es ſchon auf das Antlitz gezeichnet hat, daß ſie zu Gro⸗ ßem berufen ſind, und daß ihr Weg nicht einer der gewöhnlichen Wege iſt. Wohl dem, der dieſe Schrift⸗ züge des Schickſals in ſeinem Angeſichte leſen kann, wohl mir, daß ich ſie geleſen habe. Ja, ja, ich verſtehe etwas von der Phyſiognomie und ich meine, auf der Stirne jedes Menſchen ſeine Beſtimmung leſen zu können. Sie, zum Beiſpiel, Herr Schwa⸗ ger, tragen auf Ihrer Stirn ein einziges Wort ge⸗ ſchrieben, ein großes, niederdrückendes Wort, das ſchon Ihren Nacken gebeugt, und die freie Bewegung Ihres Hauptes gehemmt hat, dies Wort heißt: Ar⸗ beit! Ja, ja, ſehen Sie mich nur erſtaunt an, es iſt dennoch wahr, Ihr Leben iſt an die niedrige Be⸗ ſtimmung des Daſeins, an die Arbeit, gefeſſelt, Sie werden nie etwas Großes leiſten! Wohl mir, ſagte Otto ruhig lächelnd, wohl mir, daß ich arbeiten kann, wohl mir, daß die Ar⸗ beit meine treue Begleiterin durch das Leben iſt und 85 ſein wird! In der Arbeit liegt Segen und Glück, Ruhe und Frieden, und wenn ich damit auch viel⸗ leicht nichts Großes gethan, ſo habe ich doch min⸗ deſtens getreulich meine Pflicht erfüllt! Ei, ſagte Bonaventura, ſein lockiges ſchwarzes Haar ordnend, Sie verſtehen ſich ja ganz gut aus⸗ zudrücken! Das freut mich wirklich! Aber horch, hält nicht da ein Wagen vor der Thür? Ja, wahr⸗ haftig, und zwar eine ſehr elegante Equipage. Eine Dame und ein Herr ſteigen aus! Mein Gott, Schweſter, es ſcheint, Du bekommſt Beſuch. Ich werde hinuntergehen, Deine Gäſte zu empfangen! Laſſen Sie das, ich bitte, ſagte Otto mit einem leichten Anfluge von Spott, man möchte Sie ſonſt für einen meiner Geſellen halten, denn vermuthlich ſind es Herrſchaften, die bei mir irgend eine Arbeit beſtellen wollen! Ah, ich vergaß, ſagte Bonaventura unwillig mit dem Fuße ſtampfend; unmöglich aber würde es Jemanden einfallen, mich mit einem Handwerksmann zu verwechſeln! Wer weiß, erwiederte Otto lächelnd, man iſt es ſo gewohnt, die Geſellen ſich mit falſchen Ketten, wie Ihre da, putzen zu ſehen! Bonaventura biß unwillig die Lippen zuſammen, während Minna mit leiſem Vorwurfe ſagte: Otto, Du biſt grauſam! In dieſem Augenblicke ward an die Thür ge⸗ klopft und der eintretende Bediente meldete Herrn Blitz und ſeine Schweſter. 4 86 Sind mir ſehr willkommen, ſagte Minna ganz verwirrt und befangen, denn es war der erſte Be⸗ ſuch, den ſie empfing, und ſie fühlte ihr Herz zittern vor Angſt und Verlegenheit. Auch wußte ſie nichts zu erwiedern auf die lange und wohlgeſetzte Rede, mit der Herr Blitz ſie begrüßte, und in welcher er ihr auseinanderſetzte, wie er gern die Etiquette bei Seite geſetzt, um eine ſo ſchöne Frau kennen zu ler⸗ nen, und wie ſein Herz ihn gedrängt, diesmal die Dehors zu verletzen, um den Freund, der ihm ſeine junge ſchöne Frau noch nicht vorgeſtellt, ſelber auf⸗ zuſuchen. Ich dachte nicht, ſagte Otto, als Minna noch immer verlegen ſchwieg, ich dachte nicht, daß der reiche Herr Blitz ſich meiner noch erinnern würde; die reichen und durch Reichthum vornehm geworde⸗ nen Leute haben oft ein ſo ſchlechtes Gedächtniß! Nun, ich hoffe, über ſolche kleinliche Schwächen erhaben zu ſein, ſagte Herr Blitz ſelbſtgefällig. Im Gegentheil, wenn ich jetzt den Reichthum und Glanz, der mich umgiebt, betrachte, ſo denke ich grade dann am öfterſten an jene Zeit, wo ich arm war und ſelbſt des Nothwendigſten entbehrte! Ja, ich war arm, ſehr arm, mancher Tag verging, wo ich kaum ein Stückchen Brod hatte, meinen Hunger zu ſtillen, wo ich nicht wußte, wie und wo ich die Nacht hinbrin⸗ gen ſollte; und wenn ich bedenke, daß ich jetzt, kaum zwölf Jahre ſpäter, ein wohlhabender, ja, ich darf wohl ſagen, ein reicher Mann bin, ſo bin ich oft ſelbſt ganz erſtaunt und verwundert darüber. 87 Während Otto und Minna Herrn Blitz zuhör⸗ ten, hatte ſich zwiſchen Bonaventura und Sophie eins jener Geſpräche angeknüpft, mit denen man eine Bekanntſchaft zu eröffnen pflegt. Mit niedergeſchlagenen Augen, ſchüchtern und verſchämt, aber unendlich reizend in ihrer Verwir⸗ rung, ſaß Sophie da, und nur leiſe und flüſternd ſie Bonaventura's Fragen und An⸗ reden. Sie leben ſeit lange in Berlin, Fräulein? Nein, erſt ſeit einem halben Jahr! Ah, und wo waren Sie früher? In Potsdam! Minna, die dies letzte Geſpräch gehört, fragte ſich ſelbſt: wäre es möglich, daß dies das Mädchen, von welchem der Brieſträger Karl erzählte und das er ſeinen Engel nannte? In dieſem Augenblick ſagte Herr Blitz: Nun, Sophie, haſt Du denn ſchon mit der ſchönen Madame Otto Bekanntſchaft gemacht? Sie heißen alſo Sophie, und waren früher in Potsdam, ſagte Minna lebhaft, und pflegten dort ihre arme Mutter? Sophie nickte bejahend. O, dann kenne ich Sie ſchon, fuhr Minna herz⸗ lich fort, dann weiß ich ſchon, daß Sie der Engel ſind, der die arme kranke Mutter ſo himmliſch ge⸗ pflegt, für ſie geduldet und gearbeitet— Das muß doch in der That ein Irrthum ſein, unterbrach ſie Herr Blitz unmuthig, Sie können doch 88 nicht glauben, daß meine Schweſter nöthig hatte zu arbeiten, um meine Mutter zu erhalten? Es iſt auch ein Irrthum, ſagte Otto ruhig, ob⸗ wohl vom Gegentheil überzeugt. Ganz kann es doch wohl kein Irrthum ſein, ſagte Bonaventura, ſich tief vor Sophie verneigend, Du ſagteſt, Minna, jene Sophie ſei ein Engel ge⸗ weſen, und aus dieſem Grunde möchte ich glauben, daß wirklich jene Sophie und Fräulein Sophie hier dieſelbe Perſon ſei. Hm, wirklich recht fein, ſagte Herr Blitz zu⸗ frieden, das Geſpräch eine andere Wendung nehmen zu ſehen, und ſich an Bonaventura mit Fragen über ſeinen früheren Aufenthalt, den Zweck ſeines Hier⸗ eins wendend. Die Unterhaltung ward bald allgemein, und onaventuras Lebhaſtigkeit, ſein Witz und Humor, die liebenswürdige Art, mit der er von ſeinen Rei⸗ ſen zu erzählen und dazwiſchen drollige Anekdoten einzuflechten wußte, gewann ihm bald die vollkom⸗ menſte Zuneigung des Herrn Blitz. Bonaventura verſtand es, liebenswürdig zu ſein, wenn er wollte, und er wußte genau jedes Mal, wenn er Eindruck machen wollte, die Unterhaltung ſo zu führen, wie er ſie der Individualität ſeiner Zuhörer anpaſſend hielt. Es giebt Menſchen, bei denen die Eitelkeit das ſicherſte Taktgefühl iſt; Bonaventura gehörte zu die⸗ ſen. Wo er gefallen wollte, da lehrte ihn ſeine Eitel⸗ keit ſogleich das Wie, und machte ihn einnehmend, liebenswürdig, geſprächig, geiſtreich und witzig. —— ————— 89 Seinem Weſen ſchien dann eine neue Spann⸗ kraft, ſeinen Zügen ſeibſt eine höhere Schönheit ver⸗ liehen, und in der glücklichen Ueberzeugung, liebens⸗ würdig zu ſein, war er wirklich liebenswürdig. Auch heute verfehlte er nicht, den günſtigſten Eindruck auf ſeine Zuhörer zu machen, und als Herr Blitz zu dem Zwecke ſeines Beſuches kam, zu der Einladung zum bevorſtehenden Feſte, verfehlte er nicht, dieſe Einla⸗ dung auch auf Bonaventura auszudehnen. Man verſprach freudig, zu kommen, und trennte ſich end⸗ lich, gegenſeitig zufrieden. Aber nicht wahr, ſagte Minna zu Otto, als ſie allein waren, mein Bruder iſt doch unendlich liebens⸗ würdig? Ich glaube, kein Mädchen kann ihm wi⸗ derſtehen. O ja, er weiß gut zu reden, ſagte Otto. Und dabei hat er etwas ſo Vornehmes, fuhr Minna ganz begeiſtert fort. Ich ſchäme mich ordent⸗ lich in ſeiner Gegenwart, und meine immer, es kann ihm bei uns Alles nicht gut genug ſein. Er iſt es gewiß viel beſſer und ſchöner gewohnt. Ach, Otto, es muß doch herrlich ſein, wenn man ſo vornehm und fein gebildet iſt. Meinſt Du nicht auch? Aber Du ſiehſt mich ſo traurig an! Habe ich Dich ge⸗ kränkt, mein Otto?. Nein, meine Minna! Ich bedaure nur, daß ich Dir nicht geben kann, was Du wünſcheſt, und daß ich nicht vornehm und fein gebildet bin! O, Otto, zürne mir nicht, bat Minna, ſich an ihn ſchmiegend, es war thöricht von mir, ſo etwas 90 zu ſagen, und künftig will ich Dir auch nie wieder ſo dumme Gedanken verrathen. Nein, nein, meine Minna, ſage mir immer, was Du denkſt, und fürchte niemals, mich zu kränken. Mutter Anna's Ohren laß ſolche Wünſche nicht ören! Ach, wie würde die mich ſchelten, ſagte Minna, lächelnd wie ein Kind; aber Ou, Otto, Du ſchiltſt mich niemals, Du haſt immer Nachſicht, immer Ge⸗ duld mit mir, Du biſt immer freundlich, immer gut, darum liebe ich Dich auch ſo ſehr, liebe Dich tau⸗ ſend Mal mehr, als meine Mutter. Sie iſt ſo ſtreng und ernſt, und will immer, daß man nur das Rechte und Beſte thut, darum fürchte ich mich ſo ſehr vor ihr und kann gar kein Zutrauen zu ihr faſſen, wie ich es doch zu Dir habe, mein Freund, mein Geliebter! Wohl, ſagte Otto zu ſich ſelbſt, ſie ſoll niemals eine Verſtimmung in meinen Mienen leſen, ſonſt wird ſie aufhören, mich zu lieben und mir zu vertrauen. VII. Der Vallanzug. Am Morgen des Tages, welcher zu dem Feſte beim Herrn Blitz beſtimmt war, erwachte Minna früh. Sie hatte im Traum ſelbſt ſich nur mit dem Balle beſchäftigt, und nichts als glänzende Kron⸗ leuchter, herrlich geputzte Damen und lockende Muſik geſehen und gehört. Sie fühlte ſich ſeltſam und freudig erregt, und heimlich flüſterte ſie zu ſich ſelbſt: iſt es mir doch, als ſei heute ein großer Feſttag und als müßte mir heute etwas Großes, Unerhörtes geſchehen. Und es iſt ja auch etwas Großes! Ich werde heute zum erſten Male auf einen Ball gehen, werde in einer Geſellſchaft ſein mit Grafen und Baronen, werde vielleicht auch ſogar zu einem Tanze aufgefordert werden. O mein Himmel, ich werde tanzen, tanzen nach Muſik, nach ordentlicher, ſchöner Muſik! Wie ein junges Kind, ſo ungeſtüm und fröhlich, ſo roſig und lächelnd, ſprang ſie vom Lager empor 92 und kleidete ſich an mit zitternder Haſt. Ich muß doch noch einmal meinen Putz muſtern, ſagte ſie, ob Alles in Ordnung iſt, und recht hübſch. Eilig trat ſie dann in ihr Wohnzimmer, und nahm aus dem Schrank ihr ſchwarzſeidenes Kleid, das ſie als Braut an ihrem Hochzeitstage getragen; ſie breitete es über dem Divan aus, legte den roth⸗ ſeidenen Shawl, die weißen Handſchuhe, die einfache Perlenſchnur und die ſeidenen Schuhe daneben, betrachtete Alles mit vor Vergnügen glänzenden ugen. Dann ſprang ſie jubelnd und lachend im Zim⸗ mer umher, als ſich die Thüre öffnete, und Otto eintrat. Ich hörte unten in der Werkſtatt hier oben Dei⸗ nen leichten Schritt, ſagte er, ſie umſchlingend, und da komme ich, Dir guten Morgen zu ſagen! Du biſt ſchon wieder ſo lange fleißig, ſagte Minna freundlich, und ich habe ſo feſt geſchlafen, daß ich nicht einmal gemerkt habe, wann Du auf⸗ geſtanden biſt. Aber ich träumte auch ſo ſchön, Otto, ich träumte vom heutigen Ball, und ich ſah mich ſelber ſo ſchön, ſo ſchön! Da bin ich raſch aufge⸗ ſtanden und habe mir meinen Putz in Ordnung ge⸗ bracht. Sieh, da liegt Alles ſchon bereit. Ich werde grade ſo ſchön angezogen ſein, wie am Tage A Hochzeit, nicht wahr, Otto, das wird reizend ein?— Gewiß, meine Minna! O, ich ſehe Dich noch in dieſem Anzug, als ich kam Dich zur Trauung ab⸗ 93 zuholen. Weißt Du noch, es war ein trüber, reg⸗ niger Tag, und ſchwere Wolken hingen am Himmel, darum konnten wir nicht zu Fuß in die Kirche ge⸗ hen, wie wir es anfangs wollten, ſondern ich kam gleich mit einer Kutſche bei Dir vorgefahren, Dich abzuholen. Und wie ich die Thür öffnete, da ſtan⸗ deſt Du vor mir, mit niedergeſchlagenen Augen, er— röthend und zitternd. Deine Bruſt hob ſich im un⸗ erklärlichen bräutlichen Bangen, Thränen hingen in Deinen Augen, und Mutter Anna ſtand tief in den Winkel gedrückt und betete für unſer Glück und für unſere Zukunft. Und ich breitete die Arme aus und fragte:„Minna, willſt Du mir jetzt folgen und mein Weib werden?“ Da fielſt Du an meine Bruſt und weinteſt laut, und ich ſchwur mir in meinem Herzen Dich glücklich zu machen um jeden Preis, und an nichts zu denken, als an Dein Glück, und für nichts zu ſorgen, als für Dich. Ich ſchwur nicht, Dich ewig zu lieben, denn ich wußte wohl, daß ich nim⸗ mer aufhören könnte dies zu thun, aber ich ſchwur, von Dir immerdar geliebt werden zu wollen, weil ich ſtreben wollte, mir durch alle Handlungen mei⸗ nes Lebens Deine Liebe zu erhalten. Und ich werde Dich auch ewig lieben, ſagte Minna tiefbewegt, ihr Haupt auf ihres Gatten Schul⸗ ter lehnend. Habe nur Nachſicht und Geduld mit mir, mein Geliebter, und höre nicht auf, mich zu lieben, wenn ich kindiſch bin und unverſtändig. Das ganze Leben, das Glück, die Liebe, der Wohlſtand, 8 94 Alles iſt mir neu, und ich muß mich erſt daran ge⸗ wöhnen, um es vernünftig genießen zu können. Otto nickte ihr zu. Man gewöhnt ſich leicht an das Glück, ſagte er, iſt es mir doch, als wärſt Du ſchon eine Ewigkeit mein! Und doch iſt es kaum einige Wochen, daß Du im Brautanzug mit dem Myrtenkranz vor mir ſtandeſt. Ach Minna, der Kranz wird Dir heute fehlen. Das iſt wahr, ſagte Minna trübſelig, ich werde nun nicht ſo gut geputzt ſein, denn es fehlt der Kranz im Haar. Ich bringe Dir eine Entſchädigung dafür, ſagte Otto, und zog aus ſeiner Bruſttaſche ein rothes Etui hervor, das er Minna hinreichte.— Sie öffnete es haſtig, und ſchrie dann laut auf vor Erſtaunen, denn ein ſchöner Halsſchmuck blitzte ihr entgegen, zarte, goldene Kettchen, zuſammen gehalten durch ein gro⸗ das von Brillanten und echten Perlen unkelte. Das ſoll mein ſein, ſagte Minna, ganz betäubt und in Anſchauen verloren, dieſen koſtbaren, glän⸗ zenden Schmuck ſoll ich tragen? Es giebt nichts, was für Dich koſtbar genug wäre, ſagte Otto, und wenn ich ſelbſt beſonderen Werth auf dies Geſchenk lege, ſo hat das einen ganz andern Grund. Mein Vater ſchenkte meiner Mut⸗ ter dieſen Schmuck als Brautgeſchenk; ſie trug ihn an ihrem Hochzeitstage, wie ihn die Mutter meines Vaters an ihrem Hochzeitstage getragen, denn es iſt ein altes Erbſtück in unſerer Familie, und ſpäter hat 95 meine Mutter nur noch zweimal dieſen Schmuck an⸗ gelegt. Einmal an dem Tage, an welchem ich ge⸗ tauft ward, und dann an dem Tage, an welchem mein Vater begraben ward. Sie hatte an dieſem traurigen Tage ihren ganzen ſorgſam aufbewahrten Brautſtaat angelegt, und ſie ſagte: von heute ab bin ich wieder meines Geliebten Braut! So will ich denn auch gekleidet ſein, wie eine Braut, die zu jeder Stunde bereit iſt, ihrem Bräutigam zur ewigen Ver⸗ einigung zu folgen!“ Wirklich erkrankte ſie ſchon nach einigen Tagen, und folgte bald ihrem Geliebten, mei⸗ nem Vater, nach! 8 5 Und dies heilige Kleinod willſt Du mir geben, rief Minna gerührt, ach Otto, wie machſt Du mich ſtolz und glücklich, und wie fühle ich mich gehoben und geehrt durch dies Geſchenk, an dem ſo theure Erinnerungen haften! Da haſt Du Recht, ſagte Mutter Anna, die un⸗ bemerkt von ihnen eingetreten war, und den letzten Theil von Otto's Erzählung gehört hatte, gewiß, da haſt Du Recht, Minna, daß Du Dich geehrt fühlſt von einem ſolchen Geſchenk. Aber es ſcheint mir, daß Du dieſen koſtbaren Schmuck heute nicht an⸗ legen dürfteſt. Nur an den höchſten und heiligſten Feſttagen haben Otto's Mutter und Großmutter die⸗ ſen Schmuck getragen, und Du willſt ihn heute ent⸗ weihen, indem Du ihn anlegſt zu einem ganz ge⸗ wöhnlichen, unbedeutenden Vergnügen, von dem ich überhaupt wünſchte, daß Du es nicht mitmachteſt. Gönne mir die Freude, Mutter Anna, ſagte 96 Otto, meine ſchöne Minna zu dieſem Ball zu füh⸗ ren, und an ihrem Halſe den Schmuck meiner Mut⸗ ter zu ſehen. Wir ſind beide noch zu jung, um nicht Vergnügen zu finden an ſolchen Feſten, und wenn man denn ſolche Geſellſchaften beſucht, muß man auch gut und paſſend gekleidet ſein. In dieſem Augenblick ward die Thür ungeſtüm aufgeriſſen, und Bonaventura ſtürmte herein. Oh, guten Morgen, guten Morgen, rief er, aber vor allen Dingen, Minna, ſchaffe mir ein gutes Frühſtück, mich hungert ganz entſetzlich, denn ich habe heute morgen noch nichts genoſſen. Und warum nicht, Fritz, fragte Mutter Anna, mich dünkt, es wäre paſſender, Du frühſtückteſt in Deiner eigenen Wohnung, als daß Du Deinem Schwager immer zur Laſt fällſt. Ich weiß, daß es für Otto eine Freude und keine Laſt iſt, wenn ich ſeine Gaſtfreundſchaft in An⸗ ſpruch nehme, ſagte Bonaventura hochmüthig, und bald wird es mir ſo mit der ganzen Welt gehen. Wenn meine Gedichte erſt verbreitet und bekannt ſind, dann wird jeder Deutſche es ſich zur Ehre rechnen, in mir ſeinen Landsmann, den Dichter Deutſchlands feiern zu können. Dann werden auch Sie, Frau Mutter, gern aufhören, mich mit dem unwürdigen Namen Fritz zu nennen, denn ein Theil von des gefeierten Bonaventura's Ruhm wird zurückſtrahlen auf das Haupt der Mutter, der Frau, die ihn ge⸗ boren hat! K Ich verſtehe nicht, was Du da redeſt, ſagte 97 Mutter Anna kopfſchüttelnd. Als ich Dich geboren hatte, da betete ich zu Gott, daß er einen fleißigen und arbeitſamen Menſchen aus Dir machen, daß er Dich lehren möge, die Armuth nicht als einen Fluch, ſondern als einen Segen zu betrachten, und daß Du erkennen möchteſt, wie verächtlich der leere Reichthum und die nichtigen Güter dieſer Welt ſind. Gott hat mein Gebet nicht erhört; das Geld und die Eitelkeit der Welt hat Dich verlockt, und erſt, wenn es zu ſpät iſt, Fritz, wirſt Du einſehen, daß es beſſer iſt zu arbeiten und im Schweiß ſeines Angeſichtes ſein Brod zu verdienen, als nach dem zu ſtreben, wozu Deine Geburt Dich nicht beſtimmt hat. Ach da iſt endlich das Frühſtück! rief Bona⸗ ventura der eintretenden Minna entgegen, froh, der Unterhaltung eine andere Wendung geben zu können. Aber ſage mir, Schweſter Minna, was iſt denn das für ein Traueranzug, der hier auf dem Sopha liegt? Es iſt Dir doch Niemand geſtorben? Nein, ſagte Minna ſchüchtern, es iſt der Anzug, den ich heute Abend zum Ball anziehen werde. Bonaventura lachte laut. Dieſen Anzug willſt Du zu einem Ball anziehen? Aber Schweſter, ich bitte Dich, das iſt ja ganz unmöglich. Man hat Dich ja nicht zu einem Leichenſchmauſe gebeten, ſon⸗ dern zu einem fröhlichen Feſte, und da ziemt es ſich für eine junge ſchöne Frau nicht, in ſolchem düſtern Anzug zu erſcheinen. Ach, ich ſehe wohl, Minna, es iſt nöthig, daß ich Deine Toilette prüfe, wenn man nicht heute Abend über Dich lachen ſoll. Und das, 98 mein Kind, iſt das Uebelſte, was Einem in der Welt geſchehen kann, ausgelacht zu werden. Man verzeiht weit leichter eine ſchlechte That als eine Lächerlichkeit. Da, dieſen Schmuck, Minna, kannſt Du auch nicht tragen, er iſt altmodiſch, aber nicht in der Art, die man unter dem Namen Roccoco wieder in Mode gebracht hat. Die Mode, ſagte Mutter Anna verächtlich, was kümmert uns die Mode Laß dieſe den Reichen und den vornehmen Leuten, die nicht wiſſen, wozu ihnen Gott das ſchöne Leben geſchenkt habe, und die den ganzen Tag nichts zu thun haben, als auf Thorhei⸗ ken und Nichtigkeiten zu ſinnen. Uns arme Leute aber, die Gott berufen hat zur Arbeit und Thätig⸗ keit, uns kümmert es wenig, ob unſer Anzug nach der Mode iſt, oder nicht, und wir allein verachten dieſe kleinlichen Dinge der Welt. Daran thut Ihr ſehr Unrecht, ſagte Bonaven— tura gleichgültig, denn Ihr werdet Euch durch ſolches Betragen ſehr lächerlich machen, was mir heute Abend doppelt unangenehm wäre, weil ich Minna's Bruder bin und ein Theil dieſer Lächerlichkeit auf mich zurück fallen würde. Es geht deshalb unmög⸗ lich an, daß Minna in dieſem ſchwarzen Kleide und mit dieſem abgeſchmackten Halsband in der Geſell⸗ ſchaft erſcheint. So werde ich alſo zu Hauſe bleiben müſſen, ſagte Minna wehmüthig, und ihre Augen füllten ſich mit Thränen. Otto hatte ſie lange ſchon ſchweigend beobachtet. 99 Als er jetzt ihren Kummer ſah, und ihre feuchten Augen, verließ er ſchnell das Gemach, und kehrte ſo⸗ gleich mit einer Rolle Geldes zurück die er in Minna's Hände legte.. Da, ſagte er mit einem leiſen Zittern der Stimme, da, meine Minna, ſind fünfzig Thaler, fahre ſchnell mit Deinem Bruder in irgend einen Laden, und kaufe ein, was Du bedarfſt. Otto rief Mutter Anna vorwurfsvoll, während Minna auffauchzte vor Freude, und Bonaventura zufrieden lachte. Otto wiederholte die alte Frau faſt drohend. Er machte ſich los aus Minna's umſchlingenden Ar⸗ men, und trat zu der alten Frau hin, die ihn mit zürnenden Blicken betrachtete. Mutter Anna, ſagte er feſt, ich will nicht, daß irgend ein Menſch ſich ſchäme, mit meiner Minna in Geſellſchaft zu gehen. Es iſt gut, ſagte Mutter Anna mit verhaltenem Zorn, und auf Minna einen glühenden, verächtlichen Blick werfend, vor dem dieſe die Augen niederſchlug, verließ ſie ſchnell das Gemach. Gut, daß ſie fort iſt, ſagte Bonaventura, mir iſt immer ſo beklommen in ihrer Nähe. Jetzt aber beeile Dich, Schweſter, wir haben viel zu thun; zu⸗ erſt ſchöne Stoffe einzukaufen, und dann ſie zum erſten Schneider zu bringen. Aber wird der noch zu heute Abend ein Kleid machen können? fragte Minna angſtvoll. Bah, wir müſſen ihm ſeine Zeit mit Geld auf⸗ Un 100 wiegen! Geld, Minna, das iſt der Talisman, der Wunderdinge ſchafft, und ſelbſt eine Schneiderſeele zur Thatkraft begeiſtert. Auch müſſen wir noch zum Juwelier fahren, daß er dieſe ſchönen Steine in eine andere Faſſung bringt. Ich denke, es wird gehen, daß er einen Stein von dieſen vielen für mich in eine Nadel faßt. Du biſt doch damit einverſtanden, Schweſter? Auch der Schmuck ſoll geändert werden? fragte Minna nachdenklich, und ihre Augen ſuchten Otto, der am Fenſter ſtand, und ihr jetzt zunickte mit einem Lächeln, von dem Minna nicht ſah, wie ſchmerzvoll es war. O, wie gut und lieb Du biſt, ſagte ſie innig und küßte ihn, Abſchied nehmend. Dann verließ ſie mit Bonaventura das Zimmer. Htto ſchaute vom Fenſter aus ihr nach, wie ſie mit Bonaventura die Straße hinab ging; er hoffte, ſie würde noch einmal zu dem Fenſter empor ſehen, ihn zu grüßen, ihm zuzulächeln. Aber ſie unterhielt ſich ſo angelegentlich mit ihrem Bruder. Sie blickte nicht auf, ſie dachte nicht an Otto! Er trat vom Fenſter zurück und ging langſam im Zimmer auf und ab. Seine Züge waren ſchmerz⸗ lich bewegt, ſeine Lippen zitterten, ein leidenſchaftlicher Ausdruck von Schmerz und Weh zuckte durch ſein Angeſicht. Er war allein, Niemand ſah ihn jetzt, er durſte nicht fürchten, Jemand wehe zu thun, und ſo über⸗ ließ er ſich ungehindert den bittern und ſchmerzvollen Empfindungen, die fort und fort in ſeiner Seele flü⸗ 101 ſterten: die Sonne ſeines Glückes ſei erloſchen, und die Zukunft werde für ihn nichts ſein, als eine Nacht voll Schmerz und Leid. Ich will arbeiten, arbeiten, ſagte er endlich, ſich emporraffend, und haſtig, als gelte es, einem lieben Freunde entgegen zu eilen, ſtieg er hinab in ſeine Werkſtatt. Als der Abend kam, ſtand Minna in geſchmack⸗ vollem, modiſchem Anzug vor dem Spiegel, und be⸗ trachtete ſich noch einmal mit jenem zufriedenen und triumphirenden Blick, der nur ſchönen Frauen in ſolchen Momenten eigen iſt. Sie ſah ſchön aus in dem leichten rothen Flor⸗ gewande, unter dem das weiße Atlasgewand hervor leuchtete. Die Brillanten in ihren Ohren und an ihrem Buſen blitzten nicht köſtlicher als ihre leuchten⸗ den Augen, und ihre Wangen waren ſo roſig und zart, wie die Roſen in ihrem Haar. Sie lächelte mit einem glückſeligen Lächeln, und ſagte zu Bona⸗ ventura, der neben ihr ſtand: o wie wird Otto ſich freuen, wenn er jetzt kommt. Gewiß, er wird mich ſchön finden. Bah, ſagte dieſer, ſich die Brillantnadel, die für ihn von Minna's Schmuck erübrigt worden, am Bu⸗ ſenſtreife befeſtigend, bah, das kann Dir ganz gleich⸗ gültig ſein, vb Dein Mann Dich ſchön findet, oder nicht. Nichts Komiſcheres, als wenn ein Mann gegen ſeine Frau zärtlich iſt, oder ſie von ihm Schmeicheleien verlangt. Das mußt Du Dir abge⸗ wöhnen, Schweſter. Aber Recht haſt Du, Du biſt 102 ſchön, und ich denke, Du wirſt Eroberungen machen heute Abend. 6 Minna ſah ihn mit einem Blick des Schreckens an, und ſagte faſt ſtolz: bedenke, mein Bruder, daß ich eine verheirathete Frau bin, und daß ich als ſolche Achtung verdiene. Als in dieſem Augenblick Otto in's Zimmer trat, eilte ſie ihm zärtlich entgegen und ſeine Hand faſ— ſend, ſagte ſie innig: Sieh mich an, mein Gelieb⸗ ter! Findeſt Du mich ſchön? Ich habe mich ge⸗ Be ir Dich, und will auch nur ſchön ſein für ich! Minna, meine theure Minna, rief Otto mit einem Ausdruck des Glückes, der Minna's Herz beben machte, und nun betrachtete er ſie mit leuchtenden Augen, ſtumm und lächelnd. Minna verſtand dieſe ſtumme Anerkennung ihrer Schönheit, und ſagte lächelnd; ich ſehe, daß Du mit mir zufrieden biſt! Er blickte ſie an, und nickte ihr zu. Aber nun ſah er die blitzenden Brillanten. Der theure Schmuck ſeiner Mutter war zerſtört, nur die Steine waren davon übrig geblieben. Sie leuchteten und ſchimmerten wohl ſchön, aber ſie er⸗ freuten ihn nicht. Das Glück verſchwand aus ſeinen Mienen und er blickte faſt traurig auf den glänzen⸗ den Schmuck. Minna verſtand dieſen Blick. Sie ſchlug beſchämt die Augen nieder, und ſtammelte: der Bruder meinte, ich könnte den Schmuck nicht in der alten Faſſung tragen, und deshalb— † — 103 Dein Bruder hat ganz Recht gehabt, um ſo mehr, da bei der alten Faſſung keine Brillantnadel für ihn erübrigt werden konnte, ſagte Otto, Bona⸗ ventura mit einem ſtolzen Blicke meſſend. Sie fangen ja an witzig zu werden, Herr Schwager, ſagte Bonaventura nachläſſig. Aber komm, Minna, es iſt Zeit, der Wagen wartet. Er bot ihr den Arm, Otto aber drängte ihn leiſe zurück, und ſeiner Frau den Arm gebend, ſagte er lächelnd, aber mit entſchiedenem Ton: Erlauben Sie, Schwager, daß ich hierin ein wenig altmodiſch bleibe und es keinem Andern überlaſſe, meine Frau zu führen, ſelbſt nicht dem berühmten Dichter, ihrem Bruder. Müſſen wir der Mutter Lebewohl ſagen? fragte Minna etwas beklommen, denn ſie fürchtete ihren ſtrafenden, prüfenden Blick. Ja wohl, ſagte Otto, aber nimm Deinen Shawl etwas feſter zuſammen, beſte Minna, damit Mutter den veränderten Schmuck nicht ſieht. Mutter Anna's Thür aber war verſchloſſen, und ſie rief ihnen von innen zu: geht nur, geht u Ich liege ſchon im Bett und kann nicht mehr öffnen. Sie gingen ſchweigend hinab zum Wagen. Otto blickte hinauf zu dem Fenſter ſeinet Schwiegermutter, es war noch Licht in ihrem Zimmer, und er flüſterte ſie iſt noch auf, aber ſie will uns nicht ehen! Und ſo war es. Mutter Anna ſaß in ihrem 104 Zimmer und ſpann. In wirbelnden Kreiſen drehte ſich das ſchnurrende Rad, ein Zeichen der leiden⸗ ſchaftlichen Erregung der alten Frau. Denn wenn ſie ſich aufgeregt oder erzürnt fühlte, dann ſchien auch ihr Freund, das Spinnrad, dieſe Erregung zu thei⸗ len, und drehte ſich raſcher und raſcher, wie die kie der Spinnerin in fieberiſcher Haſt den Faden drehten. Nur wenn Mutter Anna recht ſtill war und zufrieden, dann ſpann ſie langſam, und das leiſe Schnurren des Rades ſchien dann die gemüthliche Begleitung ihrer ſtillen Gedanken. Aber heute Abend wollte gar keine Ruhe über ſie kommen. Sie ſchaute mit ahnendem Geiſt in die Zukunft und ſah darin für ihre Kinder viel Trü⸗ bes und viel ſelbſtverſchuldetes Leid. Minna iſt eitel, ſagte ſie kopfſchüttelnd, und Otto iſt zu weich gegen ſie. Und mein Sohn? Ich glaube faſt, ich liebe ihn gar nicht, ſagte ſie ganz laut und ſpann haſtig weiter. Ich bin nicht eine ſo ſchwache Mutter, daß ich ihn blos lieben ſollte, weil er Blut von meinem Blute iſt. Ich kann ihn nicht lieben, wenn er nicht brav iſt und edel; er iſt aber nichts als ein Narr, und ich verachte ihn. Und doch, flüſterte ſie nach einer Pauſe, doch gleicht er ſo ſehr ſeinem Vater, doch hat er ganz deſſen Augen. Ach dieſe ſchönen Augen ſeines Vaters! Wie konnten die mir ins Herz hineinblicken, wie konnten ſie mich tröſten und 105 aufrichten, wie ſtärkten ſie mich zur Arbeit die ſchö⸗ nen Augen meines Mannes! Und bald ſpann Mutter Anna ganz leiſe und langſam, denn die Erinnerungen ihrer Jugend waren über ſie gekommen, ſie gedachte ihres heißgeliebten, immer noch von ihr betrauerten Gatten, und ſie zürnte ſeinen Kindern nun nicht mehr. —— 2—— VIII. Der erſte Geſellſchaftsabend. In den Geſellſchaftsſälen des Herrn Blitz wogte indeß eine geputzte, glänzende Geſellſchaft auf und ab, den Glanz dieſer Räume, die koſtbaren Meubles, die ſchönen Bilder, das reiche Silbergeſchirr mit neu⸗ gierigen und ſpöttiſchen Blicken betrachtend. Es gab da viel vornehme, hochbetitelte Leute, und wenn Herr Blitz dieſe Alle betrachtete, ſo hob ſich ſeine Bruſt höher, und er dachte ſtolz: dieſe alle wohnen ent⸗ weder in meinem Hauſe oder ſind meine Schuldner, dieſe Alle ſind gewiſſermaßen von mir abhängig. Und wie freundlich waren dieſe Herren, wie vertraulich wedeten ſie mit Herrn Blitz, dem ehemali⸗ gen Strumpfwirker, wie freundſchaftlich legten ſie während ſie mit ihm ſprachen, ihre Hand auf ſeine Schulter und nannten ihn ihren„lieben Freund“. Wie bewunderten ſie dieſe prächtig decorirten Zimmer und wie ſelig über das Alles war Herr Blitz. Selig Denn er ſah weder das ſpöttiſche Lächel 0 ſeiner vornehmen Freunde, noch hörte er die hämi⸗ ſchen Bemerkungen, die ſie einander zuflüſterten, wenn er nicht neben ihnen ſtand. Oh über dieſe Ariſtokratie des Geldes, ſagte der Baron von Gerbock zu Herrn von Wanderberg, der neben ihm in einer Fenſterniſche ſtand. Sie ſind, ich weiß es, ein Philoſoph und ein Liberaler dazu, aber geſtehen Sie, daß unſer ariſtokratiſches Weſen lange nicht ſo verwerflich iſt, als die Ariſtokratie des Geides. Schauen Sie dieſen aufgeblähten, glück⸗ ſeligen Menſchen an, den Herrn Blitz. Ach ich entſinne mich noch ganz wohl der Zeit, wo ich meine ſeidenen Strümpfe von ihm kaufte, und jetzt nennt er ſich unſern Wirth und iſt dreiſt genug uns einzu⸗ laden. Und wir nennen ihn unſern Freund, ſagte Herr von Wanderberg lachend, wir drücken ihm die Hand und behandeln ihn wie unſers Gleichen. Warum thun wir das? Um unſers eignen Vortheils willen. Sie, mein lieber Baron, bewohnen eine prachtvolle Bel⸗Etage ſeines Hauſes, die er Ihnen für zwei⸗ hundert Thaler wohlfeiler läßt, bloß um die Ehre zu haben, Sie ſeinen Miether nennen zu können, und ich habe mir von dem guten Manne einige Tauſend Thaler geliechen. Geſtchen Sie, daß wenn wir Ariſtokraten die Ariſtokratie des Geldes zu un⸗ ſerm Vortheil benutzen wollen, wir es dieſer auch nicht verargen dürfen, wenn ſie uns wiederum zu ihrem Vortheil benutzt und ſich durch uns eine Stel⸗ lung in der Geſellſchaft zu geben trachtet. 108 Ja, ja, die Geſellſchaft, ſagte der Baron, das iſt eine perfide Schönheit, der wir Alle huldigen und die uns Alle verderbt. Aber ſehen Sie dort die Geheimräthin Stein. Auch ſie verſchmäht es nicht, in dem Salon des Strumpfwirkers zu erſcheinen, nun dann ſind wir vollkommen gerechtfertigt. Ach, ſehen Sie, ſie nähert ſich uns.— Laſſen Sie mich hier einen Augenblick Luft ſchöpfen, ſagte die Geheimräthin, zu den Herren tre⸗ tend, es iſt hier zum Erſticken ſpießbürgerlich. Ge⸗ ſtehen Sie, es iſt nichts Komiſcheres, als ein Par⸗ venue, dies Miſchwerk von Bornirtheit und Gran⸗ dezza, von Beſcheidenheit und Uebermuth, von knech⸗ tiſcher Ergebenheit und hochfahrendem Stolz. O, es iſt hoch komiſch! Und die Dame lachte ſo herzlich hinter ihrem Fächer, daß die beiden Herrn unwillkürlich einſtim⸗ men mußten. Sie hätten ſehen ſollen, fuhr die Dame lachend fort, mit welcher ächten Chevalerie er mir entgegentrat und mir die Hände küßte, die bei⸗ den Hände, Baron, und was für ſüßliche Geſichter er ſchnitt, und wie er mich triumphirend fragte, ob es nicht ganz prachtvoll bei ihm ſei, ob ich ſchon etwas Schöneres geſehen hätte, als dieſe Bilder, dieſe Spiegel, dieſe Meubles. Ach, es iſt köſtlich! Meine Gnädigſte, Sie ſind unwiderſtehlich, aber ſehen Sie, dort kommt Herr Blitz gerade auf uns zu. Laſſen Sie uns ernſthaft ſein. Nun, wie geht es unſerm freundlichen Herrn Wirth? ſagte die Geheimräthin, Herrn Bliß 109 ihrem Fächer näher zu ſich heranwinkend. Sie müſ⸗ ſen, wenn Sie Ihre Gäſte anſehen, ſich ſehr glück⸗ lich fühlen. Alle bewundern Sie und Ihren Reich⸗ thum, Alle find entzückt von dieſem herrlichen Abend. Ich fühle mich auch unendlich glücklich, gnädigſte Frau, ſagte Herr Blitz mit ſtrahlenden Blicken. Ich fühle mich um ſo glücklicher, wenn ich den jetzigen Zuſtand meines Glücks mit früheren Tagen vergleiche. Oh wenn Sie wüßten, wie arm ich war, als ich nach Berlin kam! Wie arm! Ich hatte keinen Ort, mein Haupt hinzulegen, ich wußte nicht, wovon ich leben, wovon ich mich kleiden ſollte. Ich war ein Bettler; Und jetzt ſehen Sie dieſe koſtbaren Meubles, dieſe ſchweren ſeidenen Vorhänge, dieſe Gemälde mit den prachtvollen Goldrahmen, dies Silberzeug, dieſe Kronleuchter, das Alles iſt mein, gehört mir, ich kann es bezahlen, kann den ganzen Luxus beſtreiten und doch, wie Sie wiſſen, noch Geld ausleihen an meine lieben Freunde. Il est affreux, flüſterte die Geheimräthin, er⸗ röthend vor Unmuth, während der Hofrath ſich ſtirn⸗ runzelnd abwandte. Herr Blitz, ohne zu ahnen, daß er verletzt habe, fuhr fort: ja, ich bin glücklich, und bald werde ich es noch mehr ſein, denn Sie müſſen wiſſen, daß ich die größte Hoffnung habe, einen Titel zu bekommen. Und worauf beruht Ihre Hoffnung? fragte der Baron, ironiſch lächelnd. Das will ich Ihnen ſagen, fuhr Herr Blitz vertraulich fort. Ich gebe zu vielen vom Hofe pro⸗ 110 tegirten Vereinen große Summen, und da ich viel vornehme Bekanntſchaft und Fürſprache habe, hoffe ich mein Ziel zu erreichen. Ich ſehne mich wirklich nach einem Titel, denn ſehen Sie, meine Gnädige, es klingt gar ſo gemein: Herr Blit, bloß Herr Blitz! Ja, da haben Sie Recht, vollkommen Recht, ſagte der Baron. Denken Sie, fuhr Herr Blitz freudeſtrahlend fort, denken Sie, wie herrlich es klingen würde„Herr Hofrath Blitz“. Oh, an dem Tage, wo ich einen Ti⸗ tel bekomme, will ich Ihnen Dreien, Ihnen, meinen theuerſten, beſten Freunden, einen Gefallen erzeigen, ja, gnädige Geheimräthin, an dem Tage, wo Sie mich zuerſt Herr Hofrath nennen, können Sie eine Summe fordern, ſo groß ſie immer ſei, ich leihe ſie Ihnen, und wäre ſie noch einmal ſo groß, als die, welche— Aber, mein Gott, rief die Geheimräthin errö⸗ thend und ihn unterbrechend, wie ſeltſam, ein Brief⸗ träger kommt in Ihren Salon! Was, ein Briefträger? rief Herr Blitz mit dem Anſchein der Entrüſtung, und auf denſelben zuſchrei⸗ tend, fragte er dieſen barſch nach ſeinem Begehr. Es war Karl, der die von Herrn Blitz ihm ge⸗ gebenen Briefe brachte; während er ſein Eintreten damit entſchuldigte, daß auf allen Briefen ſtände: „nur an ihn ſelbſt abzugeben“, er alſo hätte darnach er handeln müſſen, ſuchten ſeine Augen Sophie, ab vergeblich. 111 Er begegnete nur ſpöttiſchen, lächelnden Geſich⸗ tern, die mit dem Ausdruck des Stolzes und der Verachtung auf ihn hinſchauten, Sophien's holdes, ſchönes Angeſicht war nirgends zu ſehen, und traurig entfernte er ſich. Ja, ja, meine Herren, ſagte Herr Blitz, die Briefe einen nach dem andern entfaltend und mit einer Ruhe leſend, als ſei er ganz allein in ſeinem Arbeitszimmer, ja, ſo geht es uns reichen Leuten. Wir werden überhäuft mit Briefen und Bittſchriften. Da iſt Einer, den ſoll ich ſtudiren laſſen, ein An⸗ derer, ein Maler, wünſcht Geld zu einer Reiſe nach Italien, ein großer Virtuoſe bittet um die Erlaubniß, einmal in einer meiner Soireen ſpielen zu dürfen⸗ Nun wir werden ja ſehen. Ich werde dieſe Talente prüfen, und finde ich ſie der Beachtung werth, ſo werde ich ſie unterſtützen. Während dies in dem einen Salon vorging, hatte ſich in dem andern ein dichter Kreis um Bona⸗ ventura gebildet, der mit herrlicher, volltönender Stimme einige neugriechiſche Freiheitslieder nach einer, wie er ſagte, von ihm verfaßten Ueberſetzung ſang und ſich ſelbſt dazu am Piano begleitete. Sophie ſtand hinter ſeinem Stuhl und lauſchte dem herrlichen Geſang mit entzücktem Lächeln und mit Blicken, in denen ihre ganze Seele lag. Etwas ſeitwärts ſaß Minna. Ihre Aufmerk⸗ ſamkeit war getheilt zwiſchen ihrem Bruder und dem ſchönen jungen Manne, der an ihrer Seite ſaß und 112 zu ihr ſprach mit einem Feuer der Beredtſamkeit, wie ſie es nie zuvor gehört. Was ſprach er? Sie wußte es kaum, es klang ihr nur wie himmliſche Muſik vor den Ohren, und glänzende, lockende, entzückende Bilder rauſchten an ihr vorüber. Zuweilen citirte er die Worte irgend eines franzöſiſchen oder engliſchen Dichters, dann war es, als durchzucke es Minna's Bruſt mit einem tiefen Weh, und ſie ſeufzte ſchmerzvoll. Der junge Mann lächelte befriedigt bei ſolchen Seufzern, denn er glaubte ſich verſtanden, er glaubte, die glühenden Worte des Dichters ſchwellten die Bruſt des ſchönen jungen Weibes und machten ſie ſeufzen in beklemmender Wonne. Zuweilen auch war er innerlich erſtaunt, daß ſie dieſe glühenden Verſe, die er auf ſeine Gefühle für ſie gern anwenden wollte, ſo lächelnd und freu⸗ dig, ohne beleidigt und verletzt zu ſein aufnahm,. und er geſtand ſich, daß er hier eine ſchnelle Erobe⸗ rung gemacht, und daß man bei dieſer jungen ſchö⸗ nen Frau viel wagen könnte. Minna aber ſeufzte nur, weil ſie die fremde Sprache nicht verſtand und weil ſie ſich ihrer Un⸗ wiſſenheit ſchämte, und ſie war nur ſo unbefangen, weil ſie eben gar nicht wußte, was der junge Mann ſo kühn geſprochen. Doch ſagte ſie, als er ſie endlich fragte, ob ſie häufig das franzöſiſche Theater beſuche, erröthend ja, und als er ſie fragte, ob ſie ſchon das ſchöne Drama Mademoiselle de Belle Isle geſehen, 113 ſie wieder ja, ohne zu ahnen, daß der junge Mann ſie da nach einem recht leichtfertigen und ſchlüpfrigen Machwerk der Franzoſen gefragt. Minna war nur glücklich, darum lächelte ſie, und ſehr ſtolz war ſie darauf, daß ein ſo vornehmer Herr aus der Geſell⸗ ſchaft, wie ihr Nachbar, ein Herr von Sendeck, war, ſie ſchön fand, und das Gefühl ihrer Schönheit ihr ganzes Weſen und machte ſie noch öner.— Otto aber ſtand verlegen und ſchweigend in einer Fenſterecke. Er fühlte ſich ſelbſt befangen; unter all dieſen lächelnden, gewandten unbefangenen Menſchen, die alle ſo vertraulich mit einander ſchwatz⸗ ten, vielleicht ohne ſich zu kennen, ward ihm ganz bange und wehmüthig, und ſelbſt der Muth zu ſprechen oder zu gehen verging ihm. Er fühlte ſich ſo gedemüthigt und klein, ſo linkiſch und unbeholfen, und ein unendliches Gefühl der Oede und des Alleinſeins überkam ihn inmitten dieſer großen Geſellſchaft. Gern wäre er neben Minna geweſen, aber es fehlte ihm ſchon der Muth, durch den Kreis der Herren und Damen ſich Bahn zu machen, um zu ihr zu gelangen, und ſo blieb er in der fernen Fen⸗ ſterniſche ſtehen und ſchaute nur zu ihr herüber und freute ſich ihrer unbefangenen Heiterkeit und ſeufzte doch über die lächelnden Blicke, die ſie ihrem Nach⸗ bar zuwarf. Bonaentur aber war heute in ſeiner hin⸗ ßendſten, beſten Stimmung. Er hatte ſich vor⸗ 8 114 genommen, liebenswürdig zu ſein, und er war es. Er öffnete alle Schleuſen ſeines Geiſtes und ließ deren Inhalt ausſprudeln, daß es ſchien, als ſei es ein nie zu erſchöpfender Born. Er machte die Ernſt⸗ haften lachen durch ſeine pikanten Witze und entlockte den Heiteren Seufzer der Wehmuth durch die Schilde⸗ rungen trauriger Scenen und Bilder, denen er auf ſeinen Reiſen begegnet. Er ſprach mit begeiſterten Worten von der großen Freiheit der Völker, die am Horizonte heraufdämmere, und nannte ſich ſelbſt einen Prieſter, der dieſe Sonne mit viel tauſend an⸗ dern begeiſterten Prieſtern heraufbeſchwören helfe. Auch ſagte er, daß ſie Alle, die jungen Prieſter, be⸗ reit ſeien, für ihren Glauben, welches die Freiheit ſei, Märtyrer zu werden und zu leiden; er ſprach mit Begeiſterung und Feuer, mit blitzenden Augen und gerötheten Wangen. Er ſprach ſo ſchön, man hörte ihm ſo gern zu, er hörte ſich ſelber mit wirk⸗ lichem Entzücken, die Damen lächelten mit ihrem holdeſten Lächeln dem jungen begeiſterten Freiheits⸗ kämpfer zu. In Sophien's Augen aber glänzten Thrä⸗ nen, und Bonaventura ſah das und wußte nun ganz genau, was er zu thun habe, die Schweſter des rei⸗ chen Herrn Blitz zu gewinnen. Er ſprach von ſeinen Gedichten, und jetzt bat man ihn, von dieſen einige vorzutragen. Er ſagte geheimnißvoll, die Polizei habe ſchon ein Auge auf ihn, und man ſei faſt nirgens ſicher vor Spionen; auch vermuthe er, daß ſeine Gedichte jetzt ſchon in Sachſen verboten ſeien. Natürlich bat man 115 nun noch dringender, ſie zu leſen. Bonaventura machte den Vortrag ſeiner Gedichte abhängig von Sophien, und als ſie ihn dann erröthend und ſchüch⸗ tern gebeten, zu leſen, las er, obwohl, wie es ſchien, nur gezwungen, nur nachgebend. In ſeinen Gedichten war viel die Rede vo Freiheit und Conſtitution, von Tyrannen, die geſtürzt, und von Völkern, die erhöht werden ſollten. Die jungen liberalen Dichter wurden Vorkämpfer der Freiheit, Helden des Vaterlandes genannt. Bonaventura war der Held des Abends, und t dieſe Rolle mit Glück und Geſchick zu pielen. Bei Tafel, wo er neben Sophien ſaß, brachte er freiſinnige Toaſte aus, die um ſo enthuſiaſtiſcher aufgenommen wurden, je mehr man ſich wunderte, daß ſo etwas in der Hauptſtadt Preußens, in Ber⸗ lin vorkommen könnte. Als die Geſellſchaft beendet war und Bonaventura ſpät in der Nacht heimkehrte, ſagte er zufrieden zu ſich ſelber: jetzt iſt es gut, ich werde der Held des Tages werden und der Gatte der reichen und ſchönen Sophie Blitz. Herr Blitz hatte bei Tafel neben der Geheim⸗ räthin Stein geſeſſen und bot ihr nach aufgehobener Tafel den Arm, indem er dabei zufrieden lächelnd ſagte: ſo macht man es ja jetzt in den vornehmen Geſellſchaften, man führt ſeine Dame zu ihrem Platz zurück. Ja wohl, mein lieber Herr Hofrath, ſagte die Dame ſchalkhaft lächelnd. * 116 Wie, wäre es möglich, rief Herr Blitz entzückt, Sie wüßten vielleicht ſchon— Daß Sie mir tauſend Thaler leihen wollten, wenn ich Sie das erſte Mal Herr Hofrath ge⸗ nannt hätte. Ach, ich verſtehe, lachte Herr Blitz; nun wohlan, Gnädigſte, morgen früh ſtehe ich zu Ihrem Befehl, wenn Sie mir dafür geloben, den Winter hindurch niemals in meinen Soiréen zu fehlen. Die Geheimräthin verſprach es, denn ſie be⸗ durfte Geld. und ſchönen Worten, die ihr Herr von Sendeck ge⸗ IX. Rach dem Ball. Als Minna am andern Morgen erwachte, war es ihr, als ſei der geſtrige Abend nur ein Traum, eine himmliſche Erſcheinung geweſen. Sie fragte ſich, ob ſie das wirklich Alles erlebt, ob ſie all' die⸗ ſen Glanz und dieſe Pracht wirklich erſchaut. Aber mitten in ihren Zweifeln meinte ſie plötzlich wieder jene ſchönc, halb flüſternde Stimme ihres Nachbars vom geſtrigen Abend zu hören, und mit dem Errö⸗ then eines jungen Mädchens, mit hoch pochendem Herzen warf ſie ſich in die Kiſſen zurück. Die berauſchendſten und entzückendſten Träume ſind ſolche, die man mit offenen Augen träumt, wo man, mitten in der wahren Wirklichkeit, die Geſtal⸗ ten des Traumes zu ſich herüber zieht und ſie zu Wirklichkeiten macht. So träumte Minna mit po⸗ chendem Herzen, mit glühenden Wangen und ſtrah⸗ lendem Blick. Sie träumte von all' den melodiſchen 118 ſagt, und dieſe Worte, die geſtern ihr wie ein un⸗ verſtandener holder Geſang geweſen, tönten doch heute ganz deutlich und verſtändlich in ihrem Herzen und machten ſie erbeben. Minna war ſo jung, und es war ihr noch ſo neu, die Sprache der feineren, abgeſchliffneren Welt zu hören. Auch iſt es etwas Perfides um die Sprache unſerer Salons, wo die heiligſten und herrlichſten Worte gemißbraucht werden zur hohlen Phraſe, und wie kleine neckende Teufelchen herumſpringen, wie gefallene Engel, die einſt bei Gott waren. Minna kannte noch nicht einmal das Wort Phraſe, wie konnte ſie alſo wiſſen, daß Victor von Sendeck in unſern geſellſchaftlichen Phraſen zu ihr geſprochen. Er hatte ihr geſagt, daß ſie ſchön ſei; das hatte ihr Otto ſchon oft geſagt, aber nimmer hatte ſeine Stimme dabei jenen das Herz durchſchauern⸗ den, leiſen vibrirenden Ton gehabt, wie die leiſe ge⸗ flüſterten Worte des jungen Herrn von Sendeck. Er hatte ihr auch geſagt, ſie werde eine Zierde der höheren Geſellſchaft ſein. Als ſie ſich dieſer Worte erinnerte, war es, als ſchlüge plötzlich ein leuchtender Funke in ihr Herz und entzünde ihr ganzes Weſen. Und das will ich auch ſein, ſagte ſie ganz laut und erhob ſich eilends von ihrem Lager, als gelte es, ſogleich eine That zu thun und ein beſchloſſenes Werk zu vollbringen. Wie hatte eine Nacht die Züge der jungen Frau geändert und den ganzen Ausdruck ihres Weſens umgewandelt! St 119 Etwas Feſtes, Beſtimmtes ſprach aus ihrem Antlitz, und ihre Augen blitzten ſtolz und feſt; nichts mehr von jenem Weichen, Mädchenhaften, nichts mehr von jenem ſanften, ſchwimmenden Blick, Alles war ſicher und beſtimmt in ihrem Weſen. Der geſtrige Abend war über ſie gekommen wie ein Sturmwind und hatte alle Decken und Hüllen weggeriſſen von dieſem Frauenherzen, um das ans Tageslicht zu fördern, was bis dahin tief und ver⸗ borgen in dieſem Herzen geſchlummert und jetzt viel⸗ leicht zu ihrem eigenen Verderben, vielleicht zu ihrem Heil, erwacht war, nämlich der Ehrgeiz. Minna fühlte in ſich dies mächtige Drängen und Wogen einer vorwärts ſtrebenden, verlangenden Seele; ſie fühlte ihre Seele die Schwingen regen und gegen ihre Bruſt ſchlagen mit der Sehnſucht nach Freiheit, und ſie wußte nicht, wohin ſich retten mit all dieſen neuen und ſtürmiſchen Gefühlen, die wie eine zerſtörende Woge über ihr Herz hingefahren waren, um Alles fortzuſchwemmen, was bis jetzt darin angebaut worden. Aber auch etwas Gutes hatte dieſer kaum er⸗ wachte Ehrgeiz ſchon in ihr bewirkt; ſie gedachte jetzt ohne Erröthen, ohne Herzklopfen des ſchönen Victor von Sendeck, ſie hatte alle ſeine Worte ver⸗ geſſen, alle ſeine ſchönen Phraſen, ſie erinnerte ſich nur, daß er geſagt hatte, ſie würde eine Zierde der Geſellſchaft ſein, und ihr Ehrgeiz, dem es verſagt war, nach dem Größern und Höhern zu ſtreben, ſtürzte ſich nun auf das Nichtige und Kleine; da ihm 120 die Welt verſagt war, wollte er ſich mindeſtens die Geſellſchaft erobern. Minna kleidete ſich heute mit mehr Sorgfalt, als gewöhnlich, dann trat ſie zum Spiegel und ord⸗ nete ihr ſchönes Haar und freute ſich ſelbſt, daß es ſo weich und ſchön, und wie nun ihr ganzer Anzug vollendet, trat ſie zum Fenſter und öffnete es. So⸗ gleich öffnete ſich auch drüben am gegenüberſtehenden Hauſe ein Fenſter; eine Dame zeigte ſich an dem⸗ ſelben und grüßte Minna mit freundlichem Nicken. Dies große Haus da drüben gehörte gleichfalls Otto; er hatte es aber vorgezogen, in dem kleinen einſtöckigen Hauſe, wo er allein ſein konnte, zu blei⸗ ben und jenes in mehreren Abtheilungen zu vermie⸗ then. Auch Bonaventura hatte da drüben ein Zim⸗ mer bezogen, und jene Dame die Minna eben ge⸗ grüßt, war eine von Otto's Miethern, die Madame Jelſa. Schon ſeit mehreren Tagen war ſie regel⸗ mäßig am Fenſter erſchienen, ſo oft Minna ſich an dem ihren zeigte, und hatte ſie freundlich gegrüßt; und geſtern, als ſie ihre Magd mit irgend einer Beſtellung an Otto, ihren Hauswirth, geſandt, hatte ſie ſogar fragen laſſen, ob denn des Herrn Otto's ſchöne Frau ihr gar keinen Beſuch machen werde, wie das doch ſonſt Mode ſei unter Wirthen und Miethern. Otto, ſagte Minna haſtig zu ihrem Manne, der ſoeben ins Zimmer trat, Otto, ich will der Ma⸗ dame Jelſa heute einmal meinen Beſuch machen. 121 Otto ſah ſie erſtaunt an, das Feſte, Entſchloſſene in ihrer Art zu ſprechen fiel ihm auf, aber er ſagte ſanft: und das ſagſt Du mir, bevor Du mir noch einen guten Morgen gewünſcht? Als er ſie ſo zärtlich und mild zugleich anblickte, fühlte ſie ſich wieder ganz Weib, ihr Herz erwärmte ſich, und ſie ſchmiegte ſich an ſeine Bruſt, ihn mit holden Worten grüßend und ihn innig umarmend. Dann gingen ſie zuſammen zu Mutter Anna, die ſie freundlich empfing, aber mit keiner Silbe des geſtrigen Abends gedachte. Als ſie wieder in Minna's Zimmer kamen und ihr Frühſtück eingenommen, bei dem Otto ungewöhn⸗ lich geſprächig und heiter geweſen, vielleicht um ſie ihres vorher ausgeſprochenen Wunſches vergeſſen zu laſſen, ſagte Minna plötzlich: gehſt Du mit mir zu Madame Jelſa? Es iſt alſo wirklich Dein Ernſt, ihr einen Be⸗ ſuch zu machen? fragte Ottv. Gewiß, ſagte ſie beſtimmt, ich finde es ſogar unſchicklich, daß ich es nicht ſchon früher gethan. Aber bedenke, beſte Minna, bat Otto freundlich und mild, bedenke, wohin das führen ſoll und ob Dir eine wirkliche Freude daraus erwachſen kann. Die Madame Jelſa iſt eine, wenn auch arme, doch ſehr ſtolze und vornehme Frau. Sie iſt früher eine reiche Gutsbeſitzerin geweſen und iſt von vornehmer Herkunft. Ihr Mann hat aber ihr Vermögen ver⸗ geudet und ſich dann das Leben genommen. Sie lebt von einer Penſion, die ihr ihre reichen Ver⸗ 122 wandten geben. Wir ſind einfache Bürgers⸗ und Handwerkersleute, wie kann denn da von Beſuchen die Rede ſein zwiſchen uns und der vornehmen Frau? Und warum ſind wir denn ſo einfache Bürgers⸗ leute? fragte Minna etwas gereizt und warf den Kopf zurück. Iſt doch Herr Blitz auch nichts weiter als ein einfacher Bürger und Handwerksmann ge⸗ weſen, und doch beſuchen ihn jetzt Geheimräthe und Barone; warum ſollten wir es nicht eben ſo machen können? Otte ſah ſie einen Augenblick verwundert und fragend an, dann ſagte er ruhig: Herr Blitz iſt auch ein ſehr reicher Mann, und die vornehmen Herren haben darüber vielleicht vergeſſen, was er früher war. Aber wir, ſind wir denn nicht auch reich? fragte Minna faſt heftig. Otto ſagte nach einer Pauſe: wir ſind es, ſo lange wir fleißig und arbeitſam ſind, ſo lange wir unſer Kapital in den Werkſtätten benutzen und es ſo dreifache Zinſen tragen laſſen. Wir ſind reich, ſo lange wir einfache Handwerker ſind und dem gemäß leben; ſo lange wir die Arbeit als unſere Stütze und unſern Halt betrachten, ja, ſo lange ich durch ſorgfältige Beaufſichtigung meiner Leute gewiß bin, meinen Kunden gute, untadelhafte Waare zu liefern und mir ſo ihr Vertrauen zu erhalten. Wäre dies aber nicht der Fall, verließen wir die Arbeit und wollten ein unthätiges, üppiges Leben führen, wie Herr Blitz zum Beiſpiel, ſo würden wir arm 123 ſein inmitten des Reichthums unſerer Zimmer und unſerer Kleidung, denn unſer Kapital iſt nicht bedeu⸗ tend genug, um in ſo vornehmer Weiſe davon leben zu können. Minna wandte ſich faſt verächtlich von ihm und verbarg ihr Angeſicht in den Kiſſen des Sophas. Otto aber ſußte ihre Hand und fuhr ruhig aber beſtimmt fort: laß uns, beſte Minna, heute einmal uns über dieſen Punkt vollſtändig ausſprechen. Ich fühle, daß dies nöthig iſt, und wenn ich Dir dadurch eine unangenehme Stunde bereite, ſo verzeihe mir um meiner Liebe willen. Willſt Du mich anhören? Sie ſagte ein halb unwilliges Ja. Otto drückte ihr wie dankend die Hand und ſagte dann nach einer Pauſe: es iſt ſeit einiger Zeit eine Verände⸗ rung in Deinem Innern vorgegangen, theuerſte Minna, und ſo herrlich und gut Dein Herz iſt, hat es doch nicht ganz den Zuflüſterungen und Ver⸗ lockungen der eitlen Welt widerſtehen können. Du biſt nicht mehr zufrieden mit dem, was ich Dir bie⸗ ten kann, und wenn ich auch hoffe, daß Du mich genug liebſt, um Dich meiner nicht zu ſchämen, ſo ſchämſt Du Dich doch unſeres beſcheidenen Namens und haſt es Deinen Leuten unterſagt, Dich, wie das bisher geſchehen, Frau Meiſterin zu nennen. Meine Geſellen haben es mir mit Thränen in den Augen geklagt, und ich habe ſie zu tröſten geſucht. Das alles ſind kleine, augenblickliche Kränklichkeiten Dei⸗ nes Gemüthes und werden ſchnell vorühergehen, denn ſie ſind durch einen Irrthum entſtanden. 5 124 In unſerer Zeit, wo die Induſtrie ein ſo mäch⸗ tiges Triebrad aller Bewegungen geworden, iſt es auch keine Schande, ihr zu dienen und ihr alle Kräfte ſeines Lebens zu weihen. Die Induſtrie hat einen höheren, einen geiſtigeren Inhalt gewonnen, und wenn ich die neuerfundenen kunſtvollen Maſchinen anfertige und zuſammenſetze, ſo erfaßt mich oft eine heilige Ehrfurcht vor dem Menſchengeiſt, der das Alles erſonnen und erdacht. Die Induſtriellen ſind eine Stütze des Staats geworden, und wenn wir uns eines langen Friedens erfreuen, wenn keine Re⸗ volutionen zu Stande kommen können, ſo iſt dies zunächſt das Verdienſt der Induſtrie, welche die be⸗ ſtehenden Verhältniſſe ſo geſättigt und gefeſtigt hat, daß eine lange Andauer des Beſtehenden gerade der Wunſch des Bürgers iſt, und er Vieles duldet und trägt, nur um die Ruhe und das Beſtehende zu er⸗ halten. Und weil Dein armer Mann alſo, meine Minna, ein kleines Glied iſt in dieſer Gemeinſchaft der Induſtrie, ſo darfſt Du Dich ſeiner nicht ſchä⸗ men.— Das thue ich auch nicht, gewiß nicht, unterbrach ihn Minna lebhaft. Sie hatte ſich ſchon längſt aufgerichtet und hörte Otto, den ſie noch nie ſo ernſt, klar und beſtimmt hatte ſprechen hören, aufmerk⸗ ſam an. Nie, niemals fuhr ſie fort, ſchäme ich mich Dei⸗ ner, mein geliebter, mein theurer Otto, und wenn ich dennoch wünſche, wir möchten reiche, vornehme Leute ſein, ſo geſchieht es, ſo iſt es, weil— 125 Weil meine Minna eine ſo ſchöne Frau iſt, daß ſie eigentlich viel zu prächtig iſt für einen armen Bürger, ſagte Otto, Minna an ſich ziehend und um⸗ armend. Aber höre mich zu Ende, fuhr er dann, wieder ernſt werdend, fort. Ich ſagte Dir vorher, daß wir zu unſerm Wohlſtande der Arbeit und Thätigkeit bedürften. Aber wenn Du, meine Geliebteſte, die Zerſtreungen der Welt liebſt und mich an Deine Seite rufſt, um ſie zu genießen, ſo wird dieſer Ruf nimmer von mir überhört werden, und nimmer werde ich fern von Dir ſein, wenn Du mich in Deiner Nähe wünſcheſt. Die Arbeit, die durch mein ganzes Leben bis jetzt meine alleinige Tröſterin und Freundin war, wird Dir, meiner Geliebten, weichen, wenn Du mich von ihr rufſt, denn ich werde nicht Kraft genug öen⸗ einem Blick Deiner Augen, einem Wunſche Deines holden Mundes zu widerſtehen. Siehſt Du, Minna, das iſt die Gewalt, die Du über mich haſt. Du kannſt aus mir machen, was Du willſt, und wie von Dir allein mir alles Glück, ſo kann auch von Dir allein mir alles Unglück kommen. Denn in Dir allein wurzelt fortan mein ganzes Daſein, und Alles, was ich bin und habe, das iſt Dein, wie ich ſelbſt mit jedem Athemzug, mit jedem Gedanken Dein bin. Darum, meine Minna, bei dieſer Gewalt, die Du über mich haſt, flehe ich zu Dir, wolle nicht, daß ich mehr ſei, als was ich bin, wolle nicht hinaus über unſere Ver⸗ hältniſſe. Laß uns genügſam ſein und zufrieden und 127 Und ſie waren heiter wie die Kinder und lach⸗ ten und ſcherzten wie lange nicht. Jetzt aber, ſagte Otto aufſtehend, jetzt lebe wohl, ich muß hinunter in die Werkſtatt. Ich habe heute eine ſehr künſtliche Maſchine zuſammenzuſetzen. Laß ſie mich ſehen, wenn ſie fertig iſt, bat Minna. Otto ſagte ganz beglückt über dieſe Bitte: ſo⸗ bald ich damit zu Stande bin, hole ich Dich und Mutter Anna. Und Du, meine Minna, womit willſt Du Dich beſchäftigen? Mein Schreiblehrer kommt heute, ſagte ſie er⸗ röthend, und da will ich mich üben. Aber Otto, ich habe noch eine Bitte, fuhr ſie ſchmeichelnd fort. Sieh, Du willſt nicht, daß ich ſelber die Küche be⸗ ſorge oder ſonſt ſchwerere häusliche Geſchäfte, Du hälſt mich wie eine Prinzeſſin. Ich ſitze hier oben in meinem hübſchen Zimmer und habe nichts zu thun als zu nähen. Aber was ſoll ich immer nähen; wir bedürſen jetzt Beide nichts. Und ſiehſt Du, ich bin ſo ganz dumm und einfältig, daß ich fürchte, Du mußt Dich meiner ſchämen. Gieb mir daher Lehrer, laß mich unterrichten; ich verſpreche Dir fleißig zu ſein. Otto ging bereitwillig auf Minna's Wunſch ein und verſprach, ſich recht bald nach geeigneten Lehrern uzuſehen. 3 Dann ging er hinunter in die Werkſtatt, und Minna ſetzte ſich, um die zierlichen Buchſtaben nach⸗ zuſchreiben, die ihr der Lehrer aufgezeichnet, als die 126 nicht ſtreben nach dem, was Schickſal und Geburt uns verſagt haben. O, laß uns, eingefriedigt in die ſtillen und genußvollen Schatten des Daſeins, nicht nach dem blendenden, hellen und verſengenden Son⸗ nenſchein des Lebens ſtreben.. Wie Otto ſo ſprach, drückte er Minna fa ängſtlich an ſein Herz, als fürchte er, die Welt komme ſchon, ihm dies Kleinod ſeines Daſeins zu entreißen. Minna aber ſagte gerührt: Du haſt Recht, mein Otto, laß uns zufrieden und Gott dankbar ſein für unſer Glück. Habe nur Nachſicht mit mir, und denke, daß ich Dich über Alles liebe, und daß ich niemals etwas Anderes wollen kann, als Dein Glück und Deine Zufriedenheit. Durch Dich bin ich ja Alles, was ich bin, und Du allein ſollſt mich bilden zu einer Gattin, wie ſie Deiner würdig iſt. Minna ſagte das ſo tief empfunden, ſo wahr daß Otto, außer ſich vor Glück, ihre Hände an ſeine Lippen drückte und ſie mit Küſſen bedeckte. Auch glaubte Minna ſelbſt anzihre Worte und an die Beſtändigkeit des eben gefaßten Entſchluſſes; ganz freudig und beſtimmt fuhr ſie fort: Auch ver⸗ ſpreche ich Dir, der Madame Jelſa keinen Beſuch zu machen, denn Du haſt ganz Recht, es kann für mich keine wahre Freude daraus erwachſen. Otto küßte ſie entzückt und nannte ſie mit den ſüßeſten Namen. Nun laß uns wieder heiter ſein, ſagte er, und niemals, das gelobe ich Dir, wollen wir wieder von dieſen Dingen ſprechen. 128 Magd eilig hereingeſtürmt kam und meldete, Ma⸗ dame Jelſa ſtehe unten auf dem Flur und laſſe fra⸗ gen, ob ſie der Madame Otto ihren Beſuch machen könne?— Minna's Herz klopfte laut vor Ueberraſchung und Freude. Sie war ſchon im Begriff, der Dame entgegen zu gehen, dann zögerte ſie, denn ſie dachte an Otto. Aber ich kann doch die vornehme Frau unmöglich wieder fortſchicken, entſchuldigte ſie ſich ſelbſt, und befahl der Magd, die Dame heraufzuführen. Als die Dame kam, fühlte ſich Minna unendlich verlegen und vermochte kaum ein Wort der Begrü⸗ ßung hervorzuſtottern. ½ Aber Madame Jelſa war eine gewandte und kluge Frau; ſie g rte ſchnell Minna's Verlegen⸗ heit und wußte durch die entgegenkommendſte Freundlichkeit, durch die harmloſeſte Vertraulichkeit Minna gleichfalls vertraulich und unbefangen zu machen. Sie pries laut Minna's Schönheit, und ihrem ſcharfen Blick entging nicht das wohlgefällige Lächeln der jungen Frau, die erröthend vor ſich niederſchaute, während die durchdringenden klugen Augen der Ma⸗ dame Jelſa mit einem forſchenden, ſpähenden Blick auf der jungen Frau ruhten, als wolle ſie ihre in⸗ nerſten Gedanken und Empfindungen erſpähen. Sie ſchilderte Minna ihr inniges Verlangen ſie zu ſehen, ſie nannte ſich eine arme, einſame Wittwe und rief Minna's Großmuth auf, ſich ihrer in Freundſchaft anzunehmen. 129 Sie war ſo demuthsvoll und beſcheiden, ſo an⸗ ſpruchslos und dabei ſo voll Achtung für Eva, daß dieſe bald ganz gerührt und entzückt war von der Liebenswürdigkeit der klugen Frau, und ihr beim Scheiden mit offener Herzlichkeit verſprach, recht bald zu ihr zu kommen. O welch eine liebenswürdige Dame iſt dies, ſagte Minna, als ſie allein war, und wie angenehm weiß ſie ſich auszudrücken, wie zierlich ſind alle ihre Bewegungen. Ohne es zu wiſſen, kann man ſchon an ihrem Betragen die vornehme Dame erkennen. Ach könnte ich doch das von ihr lernen, ſeufzte ſie und Otto's Worte, Otto's Bitten begannen ſchon in ihrem Herzen zu verklingen. S Die Journaliſten. Bonaventura hatte ſich an dieſem Morgen ſehr ſpät erhoben, und ſaß jetzt, ganz verloren in die Erinnerung ſeiner geſtrigen Triumphe, im Divan vor dem Tiſche mit dem dampfenden Kaffee, den Minna eben herüber geſandt. Das war ein ſchöner Abend, ſagte er endlich wohlgefällig lächelnd, und ich meine, es wird Nie⸗ mand dort geweſen ſein, der ſich nicht noch lange mit Vergnügen meiner erinnern wird. Ha, ha, und mit welchem Schrecken hörten einige meine liberalen Lieder an. O, ich wußte wohl, was ich that, als ich ſie ſchrieb. Ich wußte wohl, daß dies jetzt die einzige mögliche Art iſt, Aufſehen zu erregen, und daß, um ſich recht ſchnell einen Namen zu erwerben, 6 wan ſprechen und ſingen muß à la Carl Moor, mo möglich noch ärger. Wenn auch etwas Unſinn darunter läuft, iſt es nur liberaler Unfinn, ſo ſchadet; es nichts, und wird eigentlich nur um ſo mehrs 131 bewundert, als die Ueberſchwänglichkeit eines glü⸗ henden jugendlichen Enthuſiasmus. O, fuhr er in ſeinem Selbſtgeſpräch fort, und griff haſtig nach Papier und Bleiſtift, da fällt mir eben ein neues Gedicht ein, wenigſtens der erſte Vers. Und er be⸗ gann haſtig zu ſchreiben. Ein lautes Klopfen an der Thür unterbrach ihn in ſeiner dichteriſchen Begeiſterung, und ohne ſein Herein abzuwarten, traten drei Herren herein, von denen der eine Victor von Sendeck war. Bonaventura hatte geſtern Abend dieſen kennen gelernt und ihm ſeine Adreſſe ſagen müſſen. Ich bringe Ihnen hier zwei meiner vertraute— ſten Freunde, ſagte Victor von Sendeck, die durch⸗ aus den berühmten liberalen Dichter Bonaventura von Ottersheim kennen lernen wollten, und die ſelber eine bedeutende Rolle in der Tagespolitik ſpielen. Ihnen werden gewiß die Namen Weinherr und Rautenweg bekannt ſein. Wie wäre dies anders möglich, ſagte Bona⸗ enturg lebhaft, jeder, der für die Freiheit Deutſch⸗ land giüht dem das Herz voll Trauer iſt über unſre bedrückten, beklemmten Zuſtände, und der nach dem 1 öhern, dem Beſſern, nach der göttlichen Freiheit ſtrebt, ja, dieſe Alle kennen Sie, meine Herren, Sie, die Sie mit Todesverachtung und furchtloſem Muth kämpfen, und deſſen heiligſte Rechte verfechten! Ich ſchmeichle mir, ſagte Herr Weinherr, das Haupt ſtolz zurückwerfend, ich ſchmeichle mir, daß 9* 132 ich Ihre Worte mit Recht auf mich beziehen kann. Ich widme mein Leben, meine Zeit, dem einzigen hohen Ziel, der Befreiung Deutſchlands, und wenn ich Morgens mindeſtens drei Stunden Zeitungsartikel geſchrieben, finde ich noch Kraft und Muth in mir, Rachmittags Stunden hinter einander in den Kaffeehäuſern und Leſekabineten zu ſein, um durch lebendiges Wort und eifernde Rede den Muth meiner Freunde zu beleben und ihre Kraft anzu⸗ fachen. So kann ich jeden Abend mit dem lohnen⸗ den Gefühl zur Ruhe gehen, wieder mein Theil zur Befreiung Deutſchlands gethan zu haben, und aber⸗ mals glorreich beſtanden zu ſein im Kampf wider die Finſterlinge und die Servilen. Herr Weinherr ſchwieg und blickte mit ſtolzem Ausdruck ſeine Zuhörer an. Es war etwas Komi⸗ ſches in dem Ausſehn dieſes Herrn; die verwaſche⸗ nen, ieee Züge, die kleine Naſe mit den großen höhlenartigen Raſeul öchern, die kleinen wäſſe⸗ rigen Augen, das blonde Haar, und die kleine un⸗ bedeutende Geſtalt, Alles das gab Herrn Weinherr etwas Eigenes, Unbedeutendes, das, weil er es zur ganzen Aufgabe ſeines Lebens gemacht hatte, be⸗ deutend zu ſein, nur noch greller hervortrat. Es war eine von jenen froſchartigen, naßkalten Naturen, in deren Nähe man ſich nie wohl fühlt und nie erwärmt, weil man fühlt, daß ſie nie erwärmt werden können, die nie begeiſtern können, weil man nie an ihre eigene Begeiſterung glaubt, die an Nie⸗ mand glauben, und doch von Allen Glauben ver⸗ 133 langen, die keiner großen That fähig ſind, und doch meinen, mit jedem Wort eine große That gethan zu haben. Eine ſolche naßkalte Seele war Weinherr, der Vorkämpfer der Freiheit, und ihm gleich ſein Freund, Herr Rautenweg. Ja, ja, wir mühen uns hinlänglich, ſagte Letzterer, möge Deutſchland ſich dereinſt erkenntlich zeigen dafür, daß wir ihm jetzt unſre Zeit und Jugend opfern. Ah, ich ſehe, Sie haben ſchon wieder gedichtet, rief Victor von Sendeck nach dem Papier greifend. Ah, eine unbedeutende Kleinigkeit, ſagte Bona⸗ ventura, die gar nicht würdig iſt, von Ihnen ge⸗ leſen zu werden.— Man beſtürmte ihn natürlich mit Bitten, und dann las er. Vortrefflich, ganz vortrefflich, riefen die Herren, als er geendet. Der letzte Vers beſonders iſt von erſchütternder Wirkung, ſagte Herr Weinherr, Chamfort ſelbſt hätte dieſen Gedanken nicht kräftiger, nicht prägnan⸗ ter ausdrücken können. Das iſt auch der einzige Vers, mit dem ich wirklich zufrieden bin, ſagte Bonaveniura. Die vier andern Strophen ſind viel zu mild, viel zu ſanft. Sie haben Recht, erwiderte Weinherr und ver⸗ ſuchte grimmig auszuſehen, es muß jetzt Alles ernſt, kernig, gewaltig ſein. Die Zeit der Milde iſt vor⸗ über, wir ſind jetzt in das eiſerne Zeitalter getreten, und hinfort darf nur die Strenge und die rückſichts⸗ 134 loſeſte Schärfe uns leiten und aus uns ſprechen. Haben Sie meinen Artikel in der?““ Zeitung vor⸗ geſtern geleſen? Sehen Sie, das iſt ein Artikel, wie ihn unſere Zeit bedarf. Jedes Wort ein Schwert, jeder Gedanke ein ſicher treffender Schlag. Ja, rief Herr Rautenweg, dieſer Artikel wird und muß eine ungeheure Aufregung verurſachen. Du haſt mit dieſem Artikel eine ganze Schlacht geſchla— gen, und gewonnen, mein theuerſter Freund. Ich habe dies auch öffentlich in mehreren Journalen anerkannt. Aber Du weißt, daß auch ich nicht blind bin gegen Deine großen Verdienſte, lieber Rautenweg, ich habe ſogar geſtern einen Artikel an unſer Organ geſandt, worin ich Deinen Artikel in der Zeitung gebührend anerkenne, und ihn dem liberalen Publi⸗ kum empfehle. Und da dieſer Artikel noch nicht ab⸗ geſandt iſt, fuhr Weinherr fort, ſich an Bonaventura wendend, ſo werde ich Gelegenheit nehmen, auch Ihre Gedichte darin lobend zu erwähnen. Bonaventura äußerte mit beredten Wovten ſeine Dankbarkeit, und verſprach dafür Herrn Weinherrs Artikel wieder in den Journalen, für welche er cor⸗ reſpondire, gebührend zu loben. So iſt es ſchön, rief Victor von Sendeck be⸗ geiſtert, ſo iſt es recht, und ſo muß es ſein, wenn aus Deutſchland etwas werden ſoll. Feſt vereint, unzertrennlich müſſen wir daſtehen, Alle für Einen, und Einer für Alle, nur dann können wir etwas wirken und etwas Großes ſchaffen. 135 Alſo auch Sie ſind Schriftſteller? fragte Bo⸗ naventura. Nicht grade ausübender Schriftſteller, ſagte Victor von Sendeck, aber ich leſe jeden Tag die Zeitungen, und bin ein Freund dieſer Herren. Das iſt genug, Ihnen meine ganze Achtung zu ſichern, ſagte Bonaventura verbindlich. Aber ſage, beſter Freund, rief Rautenweg, haſt Du ſchon den heftigen Artikel gegen Dich geleſen in der** Zeitung? Ja, erwiderte Weinherr ruhig, und da ich mit Beſtimmtheit zu wiſſen glaube, von wem dieſer Ar⸗ tikel iſt, ſo habe ich natürlich ſchon meine Rache ge⸗ nommen in einem andern Artikel. Uebrigens macht dies gar nichts aus unſre große Sache muß ihre Feinde haben, das iſt natürlich, und wenn ich der Vorkämpfer dieſer großen Sache bin, ſo muß auch ich viele und bedeutende Feinde haben. Das Hämiſche aber in dieſem Artikel iſt, daß er die Sache gar nicht angreift, ſondern ſie eine heilige, geweihete nennt, und behauptet, Du ſeieſt derſelben gar nicht würdig, Du ſeieſt nichts als ein aufgeblaſener Schreier, ein kleiner unbedeutender Hegeling, der ſich nur der heiligen Sache der Frei⸗ heit hingegeben mit hohlem Wortgeklingel und mü⸗ ßigen Redensarten, und um eine Art Bedeutung dadurch zu erlangen. 2 Herr Rautenweg lächelte ein wenig ſchadenfroh, als er ſeinem theuren Freunde dieſe Mittheilungen machte, und Herr Weinherr ſagte, bleich vor Zorn: 136 es iſt gut; dieſe Läſterungen kommen ganz ſicherlich von Sylvius; ich werde noch einen fulminan⸗ ten Artikel gegen ihn ſchreiben. Er iſt ein Abtrün⸗ niger, ein Serviler geworden, und läſtert jetzt uns, die wir die Treue bewahrt haben. Ich glaube, beſter Freund, ſagte Victor von Sendeck, ich glaube, Sie thun Sylvius Unrecht. Nach Allem, was ich von ihm höre, iſt er der li⸗ beralen Sache treu. Herr Weinherr warf ihm einen giftigen Blick zu, und ſagte dann: das iſt unmöglich; mich ſchmä⸗ hen, und die liberale Sache lieben, daß iſt eine Un⸗ möglichkeit, denn wir Beide gehören unzertrennlich zu einander. Aber laſſen wir das; ich werde dieſen Sylvius beobachten. Er kommt noch immer zu Stehelh, um dort die neueſten Zeitungen zu leſen. In unſerm Organ, ſagte Herr Weinherr, wird heute ein Artikel von mir ſtehen, der in ganz Deutſch⸗ land von der furchtbarſten, welterſchütterndſten Wir⸗ kung ſein wird. Kommen Sie, wir wollen Alle hingehen, ihn zu leſen.— Bonaventura, ſchon im Begriff mit den Herren fortzugehen, erinnerte ſich glücklicherweiſe, daß er kein Geld habe, und erſt von Otto ein neues Darlehn haben müſſe. Er verſprach deshalb bald nachzu⸗ kommen. Aber hören Sie, ſagte Herr Weinherr im Fort⸗ gehen, Sie müſſen ſich bald möglichſt nach einer andern Wohnung umſehen. Dieſe Straße iſt ſehr 137 abgelegen und ganz unfaſhionable. Sie müſſen durchaus in eine beſſere Gegend ziehen. Das werde ich auch, vielleicht heute noch, er⸗ widerte Bonaventura. Ich blieb auch in dieſer Wohnung nur meiner armen Schweſter zu Gefallen. Der ſchönen Madame Otto? fragte Victor von Sendeck lebhaft. Derſelben. Sie hat, dem Befehl unſerer grillen— haften, höchſt ſeltſamen Mutter gehorchend, eine Mes⸗ alliance gemacht, und den Mechanikus Otto gehei⸗ rathet. Sie können denken, wie die Arme jetzt lei⸗ det, denn ſie hat das Unglück, auch noch die Mutter bei ſich zu haben, die jeden Schritt ihrer Tochter überwacht, ob ſie auch ſtreng in der niedern Sphäre bleibt, die ſie in ihrem Eigenſinn ihr angewieſen. Das muß eine ſeltſame Dame ſein, Ihre Frau Mutter, ſagte Vietor, wie ſehr beklage ich die arme junge Frau! Ja, ſeltſam iſt ſie, meine Mutter, und grauſam dazu. Meinen Vater, ihren Gemahl, haßte ſie ſchon wenige Jahre nach ihrer Verheirathung in einem ſolchen Maße, daß ſie, ohne irgend einen Grund auf Scheidung drang, und nachdem dieſe erfolgt war, nahm ſie einen gemeinen bürgerlichen Namen an, und erzog, nur um meinen edlen, feinfühlenden Vater zu kränken, ſeine einzige, geliebte Tochter gleich einer Magd; ließ ſie in völliger Unwiſſenheit auf⸗ wachſen, und zwang ſie dann zu dieſer Heirath mit dem Mechanikus. Man bedauerte die junge Frau, und verwünſchte 138 die arme Mutter Anna. Dann trennten ſich die Herren, und Bonaventura ging hinüber zu ſeinem Schwager Otto. Er fand dieſen in der Werkſtatt, allein, mit der Aufſtellung einer Maſchine beſchäftigt, und ſagte nachläſſig: gut, mein Herr Schwager, daß ich Sie treffe. Es kommt darauf an, mir ein zweites Dar⸗ lehn von Ihnen geben zu laſſen. Erſtens bedarf ich Geld, um meinem Stande gemäß leben zu kön⸗ nen, und zweitens, um mir eine Wohnung in einer faſhionablern Gegend zu miethen. Denn hier, wo nur Handwerksleute und armes Geſindel wohnt, kann ich unmöglich bleiben. Otto ſah ihn mit ſpöttiſchem Lächeln an, und ſagte ruhig: und was, wenn ich fragen darf, iſt Ihr Stand, dem gemäß Sie leben müſſen? Bonaventura warf den Kopf ſtolz zurück. Ich bin Dichter, ſagte er, und zwar ſchon ein berühmter Dichter. Mein Name hat einen guten Klang in der gebildeten Welt, und ich denke, Sie werden ſich freuen, daß Sie mein Schwager ſind. Otto lächelte nur, dann, nach einer Pauſe ſagte er: Sie haben mich um ein Darlehn gebeten. Darf ich fragen, wann Sie ſolches mir wieder zu erſtatten gedenken? Bonaventura preßte zornig die Lippen auf ein⸗ ander. Sie ſcheinen ſehr ängſtlich, mein Herr Schwa⸗ ger, rief er heftig, aber ſeien Sie ohne Sorge, ſchon in wenigen Wochen werde ich Sie vollſtändig be⸗ friedigen können, denn es wird mir nicht ſchwer 139 werden, hier für den zweiten Band meiner Gedichte einen Verleger zu finden, der mir freudig und gern eine bedeutende Summe zahlt, und ſo wie dieſes ge⸗ ſchehen, werde ich meine Schuld an Sie abtragen. Otto ſchüttelte ungläubig den Kopf, dann ſagte er: und wie viel wünſchen Sie? Vorläufig fünfzig Thaler! Otto zog ſeine Brieftaſche hervor, und ſagte: ſo eben hat mir ein alter Schuldner hundert Thaler ge⸗ bracht. Ich hatte dieſe Summe lange ſchon als verloren betrachtet, und war daher ganz erſtaunt, als mir der ehrliche Mann heute das Geld brachte. Dieſe Summe ſchenke ich Ihnen, denn es würde mich in noch größeres Erſtaunen ſetzen, wenn ich Sie, als Darlehn betrachtet, jemals von Ihnen er⸗ ſtattet bekäme. Ich ſchenke ſie Ihnen, als dem Bru⸗ der meiner Minna, und zugleich gebe ich Ihnen mein Wort, als Mann von Ehre, daß ich von ietzt an für Sie auch nicht das kleinſte Geſchenk oder Dar⸗ lehn habe, und ich bitte Sie, dies nicht zu vergeſſen. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort darauf, daß ich nie wieder von Geldgeſchäften mit Ihnen ſprechen werde. Hier, mein Herr Schwager, ſind die hundert Thaler und hier ſind noch andere hundert Thaler, die ich Ihnen anbiete, wenn Sie mir dafür ver⸗ ſprechen, daß dies heute der letzte Beſuch iſt, mit dem Sie mein Haus beehren. Ich finde, daß Ihre Ermahnungen und Lehren, ſo ſchön ſie immerhin ſein mögen, für Minna nicht wohlthätig ſind, und es wäre mir lieb, wenn Sie ſie gar nicht beſuchten. Ich 140 lege dieſe hundert Thaler hier zu den andern. Neh⸗ men Sie dieſelben, ſo ſoll es uns ein Abſchieds⸗ zeichen ſein. Er reichte ſie Bonaventura hin, dieſer ſtieß ſie ſtolz zurück, und ſagte hochmüthig: Ich bin kein Bettler, dem man mit ſchnöden Worten eine Gabe hinwirft. Behalten Sie Ihr Geld. Otto antwortete nichts, er zuckte nur mitleidig mit den Schultern, legte das Geld vor Bonaventura hin, und ging dann hinaus⸗ Bonaventura ging mit großen Schritten, die Zähne feſt aufeinander gebiſſen, auf und ab. Er war in heftiger Aufregung nnd fühlte ſeinen Stolz tief verletzt. Niemals, niemals werde ich Geld nehmen, das mir faſt verächtlich von einem gemeinen Handwerks⸗ mann dargereicht wird. Nein, niemals, und ſollte ich lieber verhungern! ſagte er. Er blieb vor dem Tiſche ſtehen, und blickte ſtolz auf die Papierſcheine, auf welchen mit großen Buchſtaben geſchrieben ſtand: Hundert Thaler. Dann nach kurzem Schweigen fuhr er fort: nein, ich kann dies Geld nicht nehmen, ich kann nicht! Es würde mir ſein, als hätte ich meine Seele verkauft um elenden Mammons willen, meine Freiheit hingege⸗ ben um irdiſches, eitles Gut. Ha, die Freiheit meiner Seele hingegeben! Das iſt der Fluch des Geldes und des Reichthums, daß es den Beſitzenden die Ketten in die Hände giebt, um die Armen damit zu feſſeln und in Banden zu ſchlagen. Aber ich, ich will frei ſein, ich will meine Seele erheben 141 über dieſe nichtige Erbärmlichkeit, und frei wie der Aar ſoll meine Seele ihre Schwingen heben! Wohin blickte Bonaventura aber ſo eifrig, wäh⸗ rend er dieſen begeiſterten Monolog deklamirte, wohin waren ſeine Augen forſchend gerichtet? Dort an der Wand hing ein großer ſchöner Spiegel, den Otto bei der Zuſammenſetzung ſeiner Maſchinen vielfach gebrauchte, um in demſelben die Gleichheit und Rich⸗ tigkeit der Verhältniſſe zu prüfen. Dieſer Spiegel gab ganz vortrefflich Bonaventura's Antlitz und einen Theil ſeiner Geſtalt wieder, und da hinein ſchaute er, während er ſprach. Jetzt hob er die Arme empor und fuhr fort: nehmt mich denn auf, ihr heiligen Räume der Frei⸗ heit, und wenn ich arm bin an nichtigen Gütern, ſo macht mich reich an dem himmliſchen Gut des Selbſtbewußtſeins, verklärt mich— Ich hätte doch ein Schauſpieler werden ſollen, unterbrach ſich Bonaventura hier ſelbſt und ſchaute ganz entzückt ſein Spiegelbild an. Mein Mienen⸗ ſpiel iſt vortrefflich, und wie voll und herrlich tönt meine Stimme. Es war ihm anfangs wirklich Ernſt geweſen mit ſeinem Unwillen und mit dem Entſchluß, das Geld nicht zu nehmen, er hatte auch wirklich ſein Ehrgefühl tief verletzt gefühlt, aber er konnte ſich niemals widerſtehen, wenn er ſich reden hörte, und über dem Entzücken, ſeinen begeiſterten Worten zu⸗ zuhören, vergaß er dann oft die Urſache einer Auf⸗ regung, mit deren Wirkung er ſo vollkommen zufrie⸗ 142 den ſein durfte. Der Zorn verging ihm gewöhnlich über den ſchönen und wohlgeſetzten Ausbrüchen ſeines Zorns.— Auch jetzt nahm er ruhig das gewichtvolle Pa⸗ pier, und es in ſeine Bruſttaſche ſteckend, ſagte er: nun will ich mir auch heute noch eine angemeſſene Wohnung ſuchen. Gleich wieder ganz erfüllt von dieſem neuen Gedanken verließ er, ohne Minna aufzuſuchen, das Haus ſeines Schwagers. Zweites Buch. Eine vornehme Frau. — Kladame Zelſa, née Baroneſſe von Gantersheim. Einige Tage ſpäter machte Minna der Madame Jelſa einen Beſuch. Otto ſelbſt hatte es angemeſſen und nothwendig gefunden, daß Minna dies thue und Mutter Anna ſelbſt hatte nichts dagegen einzu⸗ wenden gehabt. Minna's Herz klopfte laut, als ſie nun die Treppe hinaufſchritt und an der Wohnung der Ma⸗ dame Jelſa klingelte. Faſt wünſchte ſie, die Dame möchte nicht zu Hauſe ſein, ſo angſtvoll und beklom⸗ men fühlte ſie ſich, ja, vor dieſer Thüre ſtehend, be⸗ ſchlich ſie ein banges, ahnungsvolles Gefühl, und es war ihr, als ſolle ſie lieber wieder umkehren und nimmer dieſe Schwelle überſchreiten. Aber die Thü⸗ ren wurden ſchon geöffnet, und die Dame ſelbſt kam ihr entgegen und führte ſie durch das Vorzimmer in ihren Salon. Da ſaß nun Minna auf dem ſeidenen Divan neben der Madame Jelſa, deren freundliche Fragen 10 * 146 ſchüchtern beantwortend, und von Zeit zu Zeit einen flüchtigen Blick im Zimmer umherwerfend. Dies trug ganz das Gepräge alterthümlicher Pracht und eines verblichenen Luxus. Hohe gerade Lehnſtühle mit vergoldeten Füßen, mit ſchwerem Goldbrocat überzogen, ſtanden neben dem dazu paſſenden Sopha. Auch die etwas verſchoſſenen Gardinen waren von demſelben Stoff. Spiegel mit breiten Goldrahmen und künſtlichem Schnitzwerk des Renaiſſanceſtyls ſtan⸗ den zwiſchen den Fenſtern, und an den Wänden hingen die in Goldrahmen gefaßten lebensgroßen Ahnenbilder der Madame Jelſa, gebornen Baroneſſe von Ganters⸗ heim. Auf kleinen Marmortiſchen ſtanden Vaſen von ſchönem Porzellan von Sövres, und ein bunter koſt⸗ barer Teppich bedeckte den Fußboden. In dieſem, ganz im vollendetſten Rococcoſtyl de⸗ corirten Zimmer ſaß nun Minna neben der Dame, die bald wieder durch bezaubernde Freundlichkeit die Verlegenheit der jungen Frau verſcheucht und ſie zu⸗ traulich und unbefangen gemacht hatte. Auch fühlte ſich Minna ganz gehoben und glücklich in dem Ge⸗ danken, daß endlich ein Theil ihrer ſtillen Wünſche ſich zu erfüllen begann; ſie ſaß neben der vorneh⸗ men Frau, ſie hatte ihr verſprochen, oft zu kommen, und ſomit war denn der erſte Schritt gethan, ſie in die höhere Geſellſchaft einzuführen; von der Ma⸗ dame Jelſa wollte ſie den höheren feineren An⸗ ſtand, die Art ſich auszudrücken, das ſichere freie Benehmen lernen. Das waren die Gedanken, die durch Minna's * 147 Seele flogen, als ſie neben der Dame ſaß. Dieſe bat jetzt ſie abermals, auch gewiß nun täglich zu ihr zu kommen, denn ſie liebe ſie ſchon, wie ihre Tochter und habe ſchon lange, vom Fenſter aus ſie täglich ſehend, das innigſte Verlangen nach ihr ge⸗ hegt, bis es ſie zuletzt nicht mehr gelitten, und ſie allen Formen zum Trotz, endlich habe zu ihr hinüber gehen müſſen. Als ſie dies Alles mit jenem freund⸗ lichen, herzgewinnenden Ton ſagte, der ihr eigen war, da füllten ſich unwillkürlich Minna's Augen mit Thränen und ſie ſagte: wenn es wahr iſt, theuerſte Frau, daß Sie mich wirklich lieben, und daß mein Geſicht Sie an Ihre verſtorbene Tochter erin⸗ nert, o ſo nehmen Sie ſich auch mütterlich meiner an, und lehren Sie mich ſo werden, wie Sie es ſind. Die Dame ſchloß das gerührte junge Weib in ihre Arme, aber ein ſeltſamer ſarkaſtiſcher Ausdruck durchflog ihre Züge, als ſie Minna's Kopf an ihren Buſen drückte, und ſie warf einen raſchen, ſtolzen Blick auf die Bilder ihrer Ahnen, als wolle ſie ſehen, ob dieſe nicht errötheten über dieſe Umarmung mit der kleinen Minna. Dann ſagte ſie zärtlich: Bleiben Sie, wie Sie ſind, Theuerſte, denn gerade in dieſer argloſen, ſchönen Natürlichkeit ſind Sie hinreißend. Glauben Sie aber jemals meines Ra⸗ thes, meiner Hülfe zu bedürfen, ſo wenden Sie ſich an mich als eine wahre, treue Mutter. O ich werde Ihrer zu jeder Stunde bedürfen, ſagte Minna herzlich. Ich bin ganz unwiſſend, ganz ungebildet. 10* Die Dame lächelte fein. Sie ſind zu beſchei⸗ den, Theuerſte. Eine junge Frau von Ihrem Reich⸗ thum kann unmöglich ungebildet ſein, und muß eine feine ſorgfältige Erziehung gehabt haben. Oder iſt es wirklich wahr, was mit mein Kammermädchen erzählte, daß ihre Mutter eine ſo ſtrenge, ſeltſame Frau iſt, allen Geſellſchaften abhold, kein Vergnügen liebend und es auch Ihnen ſtreng unterſagend? Minna machte eine bejahende Bewegung. Meine Mutter liebt nichts als die Arbeit, ſagte ſie, und ſo ſehr verachtet ſie die Welt, daß ſie mich ganz ohne alle Erziehung hat aufwachſen aſſen. Das iſt empörend, rief Madame Jelſa, um ſo mehr empörend, weil nur der Geiz die Urſache ſein kann. Iſt es denn wahr, daß Ihre Mutter den ganzen Tag ſpinnt und das Geſponnene verkauft? Leider! ſagte Minna, es iſt dies eine Grille, die ich ihrem Alter zu Gute halten muß. Wie viel Sie leiden müſſen! rief die Dame, armes Kind, ſo jung, ſo ſchön, ſo reich, geliebt von einem braven Mann, der Ihnen ſein ganzes Glück verdankt, und doch Kummer! Minna war ganz verwirrt, ganz betäubt. Es ſchmeichelte ihr unendlich, von der vornehmen Frau für reich gehalten zu werden, ſie konnte dieſem ſtol⸗ zen, wohlthuenden Gefühl nicht widerſtehen, ſie ver⸗ mochte es nicht über ſich, ihre Armuth zu geſtehen. Wiſſen Sie, daß man Sie allgemein für eine kleine Millionairin hält? fragte Madame Jelſa. 149 Minna ſagte lächelnd und erröthend: ich bin ganz zufrieden mit dem, was ich beſitze, wenn ich auch gerade keine Millionairin bin. Die Dame hatte dieſen Worten mit geſpannter Aufmerkſamkeit zugehört und athmete nun wie er⸗ leichtert und befriedigt hoch auf. Sie überhäufte Minna mit zärtlichen Worten und Freundſchaftsver⸗ ſicherungen, und als Minna ſie endlich verließ, fühlte ſie ihr ganzes Herz in dankbarer Liebe der Madame Jelſa ergeben. Madame Jelſa aher ging mit triumphirendem Lächeln in ihrem Rococoſalon auf und ab, und ſagte leiſe vor ſich hin: ſie iſt alſo wirklich ſehr reich; ſie iſt ferner jung, unerfahren, unbekannt mit der Welt, wie es ſcheint, ſehr eitel, und ehrgeizig genug, nach einer Stellung in der Geſellſchaft zu trachten. Darauf baue ich meinen Plan, und ich denke, er wird gelingen. Ich muß mir zuvörderſt ihr unbe⸗ ſchränktes Vertrauen gewinnen und ihre ganze Liebe. Ich muß mich ihr unentbehrlich zu machen ſuchen, und ihr Ohr jedem andern Rathſchluß als dem meinen verſchließen.— Oh, es wird ſchon gehen, rief ſie laut und triumphirend. Ich ſehe ſchon die Zeit vor mir, wo ich dieſe elende Gaſſe verlaſſe, und ein Palais unter den Linden beziehe, wo ich wieder die gefeierte vornehme Dame, nicht mehr die arme verlaſſene Madame bin, die Gott danken muß, daß ſie eine anſtändige Retraite gefunden, und in ihrem alten verwitterten Schloß noch altmodiſche Meubles genug waren, um dieſen Salon würdig auszuſtatten. — 150 Ich werde wieder hervorgehen aus meiner Dunkel⸗ heit und werde endlich, endlich wieder leben! Hinter ihr bffnete ſich die Thür und ein bleicher, ſchöner junger Mann erſchien in derſelben. Er horchte mit ſeltſamem Ausdruck den letzten Worten ſeiner Mutter, und lächelte dazu, aber es war ein Lächeln, vor dem man erſchrecken mußte, denn es gab ſeinem ganzen Geſicht den Ausdruck des Blödſinns und Stumpfſinns. Biſt Du es, Udo? ſagte Madame Jelſa, ſich zu ihm wendend. Biſt Du nun wieder vernünftig, und willſt nicht mehr mit den bleiernen Soldaten ſpielen, ſondern in dem Buche da leſen, wie ich, Deine Mutter es Dir befohlen? Der Sohn nickte ſchweigend mit dem Kopfe, und ſagte dann kaum hörbar: Udo hungrig, Udo durſtig, Udo traurig. Ein paar große Thränen rollten langſam ſeine Wangen hinab, und mit einem Ausdruck unendlichen Flehens blickte er auf ſeine Mutter hin. dir Wenn Du vernünftig biſt darfſt Du eſſen, ſagte ieſe. udo ganz vernünftig, verſicherte der Blödſinnige, und folgte dann lachend ſeiner Mutter in das an⸗ ſtoßende Gemach. XII. Erſte Zwiſtigkeiten. Der Beſuch bei Madame Jelſa hatte auf Minna einen gewaltigen Eindruck gemacht, und ihr ganzes Weſen wieder in Aufruhr gebracht. Otto's Worte und Bitten waren vergeſſen, der Ehrgeiz war wieder erwacht, und fand in dem Ge⸗ danken an die Dame immer neue Nahrung. Hin⸗ aus aus dieſer Beſchränktheit des bürgerlichen Le⸗ bens ſehnte ſich ihr Geiſt, und tauſend lockende Bilder ſchuf ihr die Phantaſie von den Freuden der Welt und den Entzückungen der Geſellſchaft. Und in dieſer Welt, in dieſer Geſellſchaft eine Stelle ein⸗ zunehmen, dahin drängte ſich jeder Wunſch, jeder Gedanke der jungen, thörichten Frau. War ſie in der Beſchränktheit der Armuth auf⸗ gewachſen, hatte ſie ruhig und zufrieden gelebt in dieſem ſtillen, lautloſen, von unüberſteiglichen Bergen umſchloſſenen Thal der Niedrigkeit und täglichen Kümmerniß, ſo war es geweſen, weil ſie die lockende 152 Welt, die hinter dieſen Bergen lag, nicht kannte; ſie hatte nichts erſehnt und erwünſcht, weil ſie nichts ſah, das ihr wünſchenswerth erſchienen. Aber nun war Otto gekommen, ſie aus dieſem Thal des Entbehrens zu führen, ſie hinaus zu ge⸗ geleiten in die Welt, und weil ſie nun wußte, daß es eine Welt gab, und ein Glück, weil keine Hemm⸗ niſſe mehr ihren Blick beengten, und ſie nun das Leben ſah mit allen ſeinen Lockungen und Reizen, ſo wollte ſie auch Alles ſich zu Eigen machen, von Allem koſten, von Allem genießen. Otto hatte ſie ge⸗ lehrt, daß eine Straße hinausführe in die große Welt, und nun wollte ſie nicht ſtill ſtehen am Anfang des Weges; ſie fühlte in ſich die Kraft, weiter zu ſchreiten, ſie ſah lockende Thäler vor ſich und ſonnige Höhen, und ſtatt ſich genügen zu laſſen an dem Glück der Hütte, glühte ihr Herz nach dem Glanz des Palaſtes. Aber wie ſollte ſie zu dem gelangen, was ibr Herz begehrte, wie das Ziel erreichen, nach dem ſie ſtrebte, dies große Ziel, eine bedeutende Stellung in der Welt einzunehmen? Das war es, was jetzt Minnas Gedanken be⸗ ſchäftigte, und wofür ſie doch keinen andern Rath⸗ geber hatte, als ihr eigenes, glühendes Wollen und Wünſchen, welches ſie überdies noch Otto und ihrer Mutter ſorgfältig verbergen mußte. WDa kam ihr Bonaventura zu Hülfe, aber ohne es zu wollen, nur ſeinen eigenen, egoiſtiſchen Wün⸗ ſchen nachgebend, und Minna zur Vertrauten der⸗ ſelben machend. 153 Er entdeckte ihr, daß er ſich ſehne, Sophie oft und viel zu ſehen, daß dies nicht anders geſchehen könne, als wenn Minna nähere Bekanntſchaft mit ihr mache, und daß, um dieſe einzuleiten, es noth⸗ wendig ſei, eine größere Geſeliſchaft zu geben, zu der Herr Blitz mit ſeiner Schweſter eingeladen werde. Minna ging mit Freuden auf dieſen Gedanken ein, der ihr gleichſam als Schleier für ih eigenen Wünſche dienen konnte, und fragte Bonventura mit jener regen Theilnahme für Herzensangelegen⸗ heiten, die den Frauen eigen iſt, ob er Sophie wirk⸗ lich liebe und ſie zu heirathen wünſche. Bonaventura bejahete lächelnd und rief Minna zu ſeinem Beiſtand auf, er ſagte ihr, daß er ihrer Hülfe bedürfe, da Herr Blitz wahrſcheinlich ſchwer zu überreden ſein werde, ſeine Schweſter einem Unbemittelten zu geben. Aber was kümmert Dich die Einwilligung des Bruders? fragte Minna unſchuldig. Was kümmert Dich Herr Blitz, wenn nur Sophie Dich liebt und Dir folgen will? Bei Deinem Talente wirſt Du ja überall leben und beſtehen können, und überall geehrt und geachtet werden. ſh Bonaventura ſah ſie ein wenig verdutzt an und wieg. Er fühlte, daß Minna ihn nicht ganz begriffen habe, und arglos genug ſei, an die Allgewalt ſeiner Liebe zu glauben. 154 Er ſchwieg aber, weil es ihm angemeſſener ſchien, ſie bei dieſem Glauben zu laſſen, denn er kannte die Frauen genug, um zu wiſſen, daß ſie gern einen Liebenden unterſtützen, von Dem aber, der in der Liebe ſeinen Vortheil berechnet, ſich ver⸗ ächtlich abwenden. Denn die Liebe iſt den Frauen ein Sakrament, und jeder eigennützige Gedanke ſcheint ihnen ein Sacrilegium. Minna verſprach Bonaventura, ihrem Gatten des Bruders Herzensgeheimniß nicht zu verrathen, und damit hatte ſie nun das erſte Geheimniß vor Otto. ber wie werden wir eine Geſellſchaft laden können, fragte ſie ihren Bruder, da ich hier faſt Niemand kenne, außer der Madame Jelſa? Madame Jelſa? Die Schweſter des Barons von Gantersheim? rief Bonaventura. Sie iſt eine vornehme und ſtolze Dame, und wenn die bei Dir iſt, bedarfſt Du keiner Damen weiter. Für die Herren werde ich Sorge tragen, und Dir einige der be⸗ rühmteſten und gefeierteſten jungen Männer Berlins zuführen. Einer von dieſen, fuhr er leiſer fort, und Minna mit einem neckenden Lächeln zuwinkend, Einer von dieſen iſt Victor von Sendeck, der ganz in Extaſe iſt über meine ſchöne Schweſter. Minna wandte ſich erröthend ab und ſchwieg. Als ſie nach dieſer Unterredung mit ihrem Bruder mit Otto allein war, trug ſie dieſem ihren Wunſch vor, eine kleine Geſellſchaft zu geben, um Herrn Blitz und deſſen Schweſter, ſo wie Madame Jelſa bei ſich zu ſehen. 155 Otto's Geſicht zeigte anfangs ein ſchmerzliches Erſtaunen; er faßte ſich aber bald und ſuchte Minna durch freundliches Zureden von ihrem Wunſche ab⸗ znbringen; aber dies war vergebens, alle Ueberre⸗ dung ſcheiterte an Minna's dringendem Wunſche, und als Otto endlich leiſe die Bemerkung wagte, ob Minna im Stande ſein werde, bei einer Geſell⸗ ſchaft die Honneurs zu machen, ſagte Minna gereizt und empfindlich: ich werde Madame Jelſa bitten, mich darin zu unterweiſen, damit Du Dich meiner nicht zu ſchämen haſt. Dann brach ſie in Thränen aus, und Otto, um ſie beruhigen und eine Seene, die ihn ängſtigte und quälte, zu beendigen, willigte endlich in Minna's Wunſch. Nun waren ihr Entzücken und ihre Freude ſo groß, wie zuvor ihr Unmuth. Sie ſchmiegte ſich an Otto's Bruſt, ſie küßte ſeine Augen, ſeine Lippen, ſie nannte ihn mit den zärtlichſten Namen, und war ganz erfüllt von Dank⸗ barkeit und Freude. Aber heute zum erſten Male fühlte ſich Otto nicht ganz beſeligt von Minna's Zärtlichkeit, zum erſten Male hatte er unter ihren Küſſen und Zuflüſte⸗ rungen noch ein offenes Ohr für die Zuflüſterungen ſeines Innern, für die bangen Ahnungen ſeiner Bruſt, heute zum erſten Male hatte er, Minna an ſein Herz drückend, noch andere Gedanken, als nur an ſie, und dieſe Gedanken waren ſchmerzvoller Art. Oh ſieh nicht ſo traurig aus, flüſterte Minna. Ich liebe Dich, und weißt Du, fuhr ſie hold lächelnd 156 fort, wann ich Dich am meiſten liebe? Wenn Du mir eine Bitte gewährſt, die Du mir eigentlich ver⸗ weigern möchteſt und ſollteſt. Dann fühle ich, daß ich volle Gewalt über Dich habe und das macht mich ſo ſtolz und glücklich. Deshalb, mein Otto, bereue es nicht, mir auch heute meine Bitte erfüllt und eingewilligt zu haben in dieſe Geſellſchaft; ich liebe Dich nun noch heißer und dankbarer. Sie wollte ihn umarmen, er wehrte ſie leiſe zurück und ſagte, plötzlich nüchtern und kalt gewor⸗ den: Gut denn, dieſe Geſellſchaft ſoll ſtatt finden. Wir wollen noch heute die Einladungen machen. Eins nur wünſche ich und bedinge ich mir aus. Lade Du die Madame Jelſa ein, und wen Du ſonſt immer willſt; ich aber lade meinen Freund, den Briefträger Carl. Minna erſchrak, ſie wagte nicht, zu wider⸗ ſprechen, denn ſie hatte Otto noch nie ſo entſchieden und beſtimmt ſprechen hören. Die Einladungen an Herrn Blitz und deſſen Schwe⸗ ſter, ſo wie an Madame Jelſa und die übrigen Bekannten waren gemacht, und von Allen angenommen worden. In einigen Tagen ſollte nun die Geſellſchaft ſtatt finden, und in dem ſonſt ſo ſtillen und fried— lichen Hauſe Otto's herrſchte eine ungewohnte Un⸗ ruhe und Bewegung. Ueberall nun ward geputzt, abgeſtäubt und geſäu⸗ bert, es war, als ſolle das ganze Haus ſein Feſtagsge⸗ wand anlegen für dieſe erſte wichtige Geſellſchaft. Minna's Zimmer ward gänzlich umgeſtaltet; 157 ſie hatte die von Mutter Anna verworfenen Meubles noch den ihren hinzugefügt, und Madame Jelſa hatte das Arrangement derſelben übernommen. Neue Fenſtervorhänge mußten beſchafft werden, denn die Dame hatte die alten ein wenig zu altmodiſch be⸗ funden, auch ein moderner Kängeru⸗Lehnſtuhl war gekauft worden, und von der Decke hernieder hing ein ſchöner glänzender Kronleuchter. Otto hatte zu Allem willig und ſchweigend das Geld gegeben, und Minna war mit der Ma⸗ dame Jelſa in die Läden gegangen, alle dieſe ſchö⸗ nen Dinge zu kaufen. Minna ſelbſt war in einer ſteten Unruhe und Bewegung, bald ſaß ſie nachdenklich und ſchweigend da, um zu überlegen, ob nun auch Alles in Ord⸗ nung, ob nun auch nichts mehr fehle, bald eilte ſie hinüber zur Madame Jelſa, ſich von dieſer Raths zu erholen; dann wieder antwortete ſie zerſtreut auf die Fragen ihres Gatten, oder ſie zwang ſich zu einer Fröhlichkeit, die zu fieberiſch und aufgeregt war, um für natürlich zu gelten. Mutter Anna verließ faſt ihr Kämmerchen nicht mehr. Dort ſaß ſie und ſpann, und man hätte ſie für ruhig halten mögen, wenn nicht die ſchnellen Schwingungen des Rades ihren Seelenzuſtand ver⸗ rathen hätten. Seit zwei Tagen war ſie ſelbſt nicht mehr zum Mittageſſen hinunter gegangen. Die Stille und Bedrücktheit, die jetzt immer an der ſonſt ſo fröhlichen Mittagstafel herrſchte, Minna's heftiges, ungleiches Weſen, Otto's bleiches, trübes 158 Geſicht, das Alles ängſtigte und quälte Mutter Anna, und weil ſie beſchloſſen, ihre Tochter frei walten zu laſſen, wollte ſie lieber nicht ſehen, was ſie hätte tadeln müſſen. Zuweilen kam Otto zu ihr hinauf und die Unter⸗ haltung dieſer Beiden nahm dann eine eigenthüm⸗ liche, halb ſcherzhafte, halb ernſte Wendung. Mutter Anna erzählte ihm gern von den kurzen Freuden und den langen Leiden ihres Lebens, Leiden, die ſich ihr allgemach zu Freuden verklärt hatten, und über welche die Zeit einen mildernden und verſöhnenden Schleier geworfen. Sie erzählte ihm auch von der großen Noth, in der ſie oft nach dem Tode ihres Mannes geweſen, wie ſie oft ganz verzagt und muthlos geweſen, wenn die Kinder nach Brod verlangt und ſie doch keinen Biſſen mehr gehabt, ihnen zu geben, und wie Gott dann ſichtlich mit ihr geweſen, und ihr oft von einer Seite her, wo ſie es gar nicht ahnen konnte, Arbeit geſandt habe. Sie ſagte, Arbeit ſei der rechte wahre Segen Gottes, und nur diejenigen ſeien gottverlaſſen und beklagenswerth, die umſonſt nach Arbeit ſtrebten und ſuchten, und ſie meinte, je härter und ſchwerer ſie gearbeitet, deſto näher hätte ſie ſich Gott gefühlt; das Arbeiten ſei ihr ſo recht der Kirchgang zum Herrn geweſen, und ein lebendiges Gebet um das Wohl ihrer Kinder. Und wenn ich jetzt, ſagte ſie, meine harten Hände anſehe, und die vielen Schwielen in denſelben, und 159 bedenke, daß alle dieſe Arbeit und Mühe für meine Kinder nutzlos geweſen, und daß meine Gebete den Kindern keinen Segen gebracht, ſiehſt Du, Otto, dann möchte ich ganz verzagt und muthlos werden, und meine Hände ſcheinen mir dann wie lauter Leichenſteine, unter denen alle meine Hoffnungen und Freuden begraben ſind. Sieh einmal her, mein Sohn, fuhr ſie fort, und reichte ihm ihre dürre, zitternde Hand hin. Sieh die Narbe dort! Die bekam ich, als mein Sohn Fritz zwölf Jahr alt war. Es war Winter, und ihn fror in ſeinem leichten, dünnen Röckchen, und ich konnte ihm kein wärmeres kaufen, denn ich hatte keinen Groſchen mehr, und auch ſeit mehreren Tagen war alle Arbeit ausgeblieben. Da ging ich traurig hinaus auf die Straße, und betete zu Gott, er möchte mich Arbeit finden laſſen, und Gott war mir wieder gnädig. Gleich, wie ich um die erſte Straßenecke komme, ſteht da vor einem großen Hauſe ein ganzer Wagen voll Holz, und der Arbeitsmann, der daneben ſtand, fragte mich, ob ich Niemand wüßte, der ihm helfen könnte, das Holz zu ſägen und zu ſpalten, ſein Freund, der ihm habe helfen ſollen, ſei eben krank geworden. Da bot ich mich gleich ſelbſt an, und als der Mann mich auslachte, und meinte, das ſei Männer⸗Arbeit und für ein Weib zu ſchwer, da nahm ich ſeine Axt, und ſpaltete einen Kloben, und zerſchlug das Holz in kleine Stücke, und wie er das ſah, nahm er mich zu ſeinem Kameraden an, und wir ſägten und haueten das Holz zwei Tage lang. Dann nahm der Mann mich 160 mit ſich zu einer andern Stelle, wo wir Holz ſägten, und wieder zu einer andern, ſo daß ich über acht Tage lang zu thun hatte, und dieſe Arbeit wird ſehr gut bezahlt. Mutter Anna ſchwieg, und das langſame Schnur⸗ ren des Rades zeugte von ihrer zufriedenen Stim⸗ mung; auch lächelte ſie heiter und befriedigt, als freue ſie ſich noch der gethaenen Arbeit. Otto fragte ganz gerührt: und da haſt Du, arme Mutter Anna, die kalten Wintertage auf der Straße Holz geſchlagen? O mir ward ſehr warm dabei, und ich fühlte keine Kälte, ſagte ſie, fröhlich lächelnd. Aber die Narbe, dieſe breite, harte Narbe? fragte Otto, Mutter Anna's Hand, die er noch immer in der ſeinen hielt, zärtlich drückend. Nun, grade am letzten Tage bekam ich beim Holzmachen von dem Kameraden einen Schlag mit der Axt da, daß das Blut gleich herunter floß. Ach, wie der arme Mann traurig war; er weinte ganz laut, und rief Gott zum Zeugen an, daß er es wider ſeinen Willen gethan. Nun, das wußte ich ſchon, denn wie wird Einer eine arme Mutter abſichtlich verletzen, die für ihr Kind arbeitet? Otto küßte ſchweigend dieſe Narbe und fragte dann mit vor Rührung zitternder Stimme: mußteſt Du lange leiden? Ach, gar wenig, ſagte ſie verächtlich, was iſt denn ſo ein körperlicher Schmerz auch weiter zu be⸗ klagen! Und dann, wenn's ein wenig ſehr wehe that, 161 dann ſah ich ſchnell auf den warmen Rock, den ich meinem Sohn verdient hatte, und dann fühlte ch gar keine Schmerzen mehr. Zum Glück war's ja auch die linke Hand, und da hinderte es mich nicht zu lange an der Arbeit. Und hier dieſe andere Narbe, Mutter Anna, die die ganze Hand und auch noch über den Arm geht? Die bekam ich ein anderes Mal, und zwar für Minna. Sie ſollte confirmirt werden, und ich wollte ihr gern eine Bibel kaufen, eine recht ſchöne, neue Bibel, denn ich mag's nicht leiden, wenn man ſo eine alte zerfetzte Bibel hat, wie ich es oft bei an⸗ dern Leuten ſehe. Gehe ich doch zum Tiſch des Herrn in meinem beſten Kleide, und der Altar iſt ſchön geſchmückt und ausſtaffirt, ſo muß auch das Buch, in welchem uns das Wort des Herrn ver⸗ kündet wird, ſchön geſchmückt und ſauber ſein. Dar⸗ um ſollte Minna auch eine ganz neue, ſchöne Bibel haben, und die wollte ich ihr ſchenken. Einen neuen Anzug, um darin confirmirt zu werden, hatte ſie ſich ſelbſt beſchafft, ſie war fleißig geweſen, und hatte Tag und Nacht genähet und ſich ihren Anzug red⸗ lich verdient. Die Bibel mußte ſie doch aber von ihrer Mutter bekommen. Und wie fingſt Du's an, ſie zu kaufen? Oder warſt Du grade reich genug? Ach, bah, reich! Es war mitten im Winter, da iſt unſer Eins nicht reich. Ich lief Straß auf, Straß ab, da war nirgends Arbeit zu finden! Endlich, da 11 S 162 gehe ich an dem kleinen Fluß vorüber, der durch die Stadt fließt, da ſtand am Ufer ein großer Wagen, und auf dem Fluſſe waren Leute beſchäftigt, große Eisblöcke loszuſchlagen und auf den Wagen zu brin⸗ gen. Es ſollte für den Eiskeller eines Conditors ſein, der den vornehmen Leuten davon ſchöne Dinge zu⸗ bereiten wollte. Sieh, und wie ich ſo ſtand und das anſah, da fielen einige Regentropfen. Bis dahin war's kalt geweſen, nun änderte ſich plötzlich das Wetter und es fing ein wenig an zu thauen. Die Leute, die das Eis ſchlugen, ſchrieen, ſie müßten mehr Arbeiter haben, denn ſie brauchten ſehr viel Eis, und müßten es heute und morgen beſchaffen. Da lief ich hin, und bot mich an, und ward angenommen, und wie es immer ſo leiſe fort regnete, da dankte ich Gott, und bei jedem Tropfen, der mir ins Geſicht fiel, dachte ich: das ſind keine Regentropfen, das ſind Thränen, die die lieben Englein aus Mitleid geweint haben, als ſie eine Mutter ſahen, die für ihr Kind arbeiten wollte. Ja wahrhaftig, Schwiegerſohn, ich war ganz ſtolz auf den Regen, und meinte im vollen Ernſt, die Englein weinten mir zu Gefallen, damit die Menſchen es für Regen hielten und mir Arbeit gäben aus Furcht vor dem Thauwetter. Man iſt zuweilen ſo ſtolz und dumm! Aber denke Dir, Schwiegerſohn, ich hatte kaum einige Stunden ge⸗ arbeitet, da fiel ein großer Eisblock vom Wagen herab, und mit ſeiner ſcharfen Kante mir grade über die Hand und den Arm, und nun konnke ich nicht mehr arbeiten. 163 Das muß ein furchtbarer Schmerz geweſen ſein, ſagte Otto ſchaudernd. Ja, das war es auch, viel ſchmerzhafter war es, als mit dem ſcharfen Beil, und unmöglich konnte ich arbeiten mit den Händen. Aber mit den Füßen, Otto, mit den Füßen ging es noch, und andern Tags, als der Arm verbunden war, da ging ich in die Tretmühle; es war mir anfangs ein wenig traurig, da ſo wie ein Pferd herum zu laufen, aber nach und nach gewöhnte ich mich daran, und nach ein paar Wochen da war meine Hand wieder ge⸗ ſund, und ich hatte ſo viel zuſammen geſchafft, daß ich für Minna eine ganz neue, ſchöne Bibel kaufen konnte.— Aber was iſt denn das, Otto, Du weinſt? Komm, laß mich Dein Antlitz ſehen, warum weinſt Du, warum biſt Du traurig? Ich bin nicht traurig, Mutter, ſagte Otto, und ſeine Thränen fielen heiß und glühend auf die Hand, die für ſeine Minna geblutet. Ich weine nur aus Freude und weil Deine ſtille, beſcheidene Größe mein ganzes Herz bewältigt und weil ich Dich über Alles liebe und verehre. Er hatte ſich halb auf ein Knie vor ihr nieder gelaſſen, und küßte ihre Hände mit der Andacht und Liebe eines Sohnes. Mutter Anna drückte ſeinen Kopf an ihre Bruſt, und ſagte wehmüthig; liebe mich nur recht, mein Sohn, das thut meinem alten Herzen wohl; ja Du mußt und ſollſt mich auch lieben, denn der Himmel hat uns zu einander ge⸗ wieſen. Du haſt keine Mutter mehr, und darum 105 164 will ich Deine Mutter ſein, und ich habe keinen Sohn mehr außer Dir. Sprich nicht ſo, Mutter Anna, bat Otto, gieb ihn noch nicht auf, Deinen Sohn Fritz, hoffe noch, daß er zu Dir zurück kehrt und in Wahrheit wieder Dein echter, guter Sohn wird. Mutter Anna ſchüttelte wehmuthsvoll ihr Haupt. Nein, ſagte ſie dann leiſe, aber feſt, nein, er wird nicht zurück kehren; er hat kein Herz und keine De⸗ muth, und wo das fehlt, da iſt Alles verloren Da hilft auch kein Ermahnen, denn wer ſeine Bruſt ge⸗ panzert hat mit Kälte und Eigendünkel, da dringt kein flehendes mütterliches Wort hindurch, und da helfen keine Thränen. Ich habe ihn verloren, Otto, und er iſt mir geſtorben. Oh, ich habe dieſe Nächte viel um ihn gelitten, jetzt iſt es vorüber. Er hat mich verleugnet und ſeinen Vater, und indem er ſich einen andern Namen gab, ſtreifte er alle die Bande der Liebe ab, die Eltern und Kinder vereint. Darum zieht ſich mein Herz auch ſo ſchmerzlich zuſammen, wenn ich ihn ſehe; ich werde noch für ihn beten, aber ich kann ihn nicht mehr lieben. Sprich das nicht aus, denke es nicht einmal, nein, verbiete Dir ſolche Gedanken, ſagte Otto drin⸗ gend. Er iſt Dein Sohn, Gott hat ihn an Dich gewieſen, und wenn er eitel iſt und übermüthig, ſo iſt er auch noch ſo jung und lebensmuthig; das Leben aber wird ihn ſchon bilden und zähmen, und er wird ſchon zum Bewußtſein kommen. Wenn er dann nach Dir ruft, Mutter Anna, wirſt Du dann 165 die Stimme Deines Sohnes nicht hören, willſt Du dann Dein Herz verſchließen wollen vor dem, der Deines Gatten Sohn iſt, der Sohn Deines Blutes? Nein, ſagte ſie tief gerührt, wenn er mich ruft und mich ſucht, dann ſoll er mich finden. Aber ich weiß, daß er mich nicht rufen wird. Hoffe dennoch, Mutter Anna, und bis dahin liebe uns, und laß Dich tröſten von mir und Dei⸗ ner Tochter! Ach, Minna! ſagte die alte Frau ganz erſchüttert, und faltete die Hände wie zum Gebet, ach Minnai Otto, wenn auch die mir verloren ginge, dann möchte ich mich auch nur hinlegen und ſterben, denn Dein mein armer Sohn, würde mir das Herz rechen! Sprich nicht ſo, Mutter Anna, ſagte Otto faſt ſtreng. Minna kann nimmer verloren gehen, und nimmer kann durch ſie Jammer über mich kommen. Ihr Herz iſt edel und rein, ihre Seele iſt wahr und ohne Falſch, ihr Gemüth iſt weich und empfäng⸗ lich, und ſo wie ſie iſt, ſo iſt ſie das ſchönſte, das herrlichſte Glück meines Lebens, und ſo danke ich Dir, daß Du ſie mir gegeben haſt! Aber Otto, ſagte Mutter Anna ſinnend, Du biſt zu weich gegen ſie, zu nachſichtig gegen ihre Fehler; ſie iſt noch ein Kind, Du mußt ſie leiten und Dich ihrer in ſtrenger Liebe erbarmen. Sie iſt mein Weib, ſagte Otto lächelnd, und nicht mein Kind, und zudem, Mutter Anna, ent⸗ ſpringen auch ihre kleinen Fehler nur aus ihren 166 Tugenden. Ihre glühende, friſche Seele nimmt jeden neuen Eindruck Lleich ſo lebhaft auf, und wie ein unſchuldiges Kind ſtreckt ſie ihre Hände verlangend nach jeder glänzenden Frucht aus. Das klingt Alles recht ſchön, ſagte Mutter— Anna, und warf auf Otto einen durchdringenden prüfenden Blick. Aber Schwiegerſohn, ich habe immer bemerkt, daß die Menſchen gerade dann am ſchönſten ſprechen, wenn ſie an ihre eigenen Worte nicht glauben. Die Lüge wird immer mit den ſchön⸗ ſten Worten geputzt und geſchminkt; die Wahrheit iſt unbemäntelt und einfach. Du heaſt aber vorhin zu ſchöne Worte geſprochen, und darum, Schwieger⸗ ſohn, glaube ich auch nicht, daß ſie ganz wahr ſind: Jedenfalls, fuhr ſie nach einer Pauſe fort, haſt Du Unrecht gethan, darein zu willigen, daß ſie morgen eine Geſellſchaft giebt; das paßt nicht für eine einfache Bürgersfrau, und Du hätteſt es nie⸗ mals erlauben ſollen.. Otto wagte nicht, der ſtrengen Frau zu geſte⸗ hen, daß er nur widerſtrebend und halb gezwungen nachgegeben. Es macht Minna Freude, ſagte er, warum ſoll ich ihr eine Freude verſagen, die ich ihr gewähren kann? O fürchte nur nichts für Minna, beſte Mutter, ja, wenn ſie ſich auch augenblicklich verirrte, ſo wird ihr richtiges Gefühl, ihre reine, edle Seele ſie ſchon von ſelbſt auf die rechte Straße zurückfüh⸗ ren, und ſie wird ſich dann vielleicht erſt um ſo in⸗ niger an mich anſchließen, wenn ſie fühlt, daß ſie ₰ 167 ſich verlieren kann. Darum laſſen wir ſie ruhig ge⸗ währen, und zürne ihr nicht, Mutter Anna, wenn ihre Wünſche und ihr Verlangen anders ſind, wie die Deinen. Das Leben ſoll ihr leicht ſein, und glücklich, und wo ich eine Blume pflücken kann, da will ich ſie auf ihren Weg ſtreuen. Bis zuletzt für Dich und ſie nichts übrig bleibt, als Dornen, ſagte Mutter Anna, halb zürnend, halb gerührt. Es iſt gar nicht nöthig, ſo viele Blumen auf einmal zu haben. Ihr Duft betäubt die Sinne, und umnebelt die Vernunft. Seine Vernunft aber, mein Sohn, die braucht man im Leben recht ſehr, und darum, Sohn, gieb der Minna nicht zu viel Blumen, daß ihre Sinne nicht betäubt werden! XKIII. Das erſte Feſt. Der Abend des Feſtes war gekommen, die Lich⸗ ter des Kronleuchters warfen ihren hellen Schein durch das geſchmückte Gemach, in welchem Minna freude⸗ ſtrahlend an Otto's Seite auf⸗ und abging. Sie war heute von wunderbarer Schönheit; ihr Geſicht ſtrahlte in Zufriedenheit und Glück, ihre Wangen waren von dem dunklen Incarnat der Freude tiefer geröthet, und um ihre ſchmalen Lippen ſpielte ein glückſeliges Lächeln. Sie drückte Otto's Hand an ihren Buſen und dankte ihm mit Worten und Blicken für alle dieſe Freuden, die er ihr bereitet, für alle die Opfer, die er ihr gebracht, und vor die⸗ ſen holden Worten, dieſen ſtrahlenden Blicken fühlte Otto allen Unmuth aus ſeiner Seele ſchwinden, und er freute ſich nur, daß Minna zufrieden war. Bald kam auch Madame Jelſa; ſie prüfte noch einmal Minna's Anzug und ſagte: Es iſt ganz gut, Liebe, daß Sie heute in Schwarz erſcheinen; das iſt 169 das nobleſte Hauskleid, und beſonders, wenn man Gäſte empfängt, am paſſendſten. Aber, wenn ich mir eine Bemerkung erlauben darf, ſo iſt es dieſe: Das brillantene Halsband iſt für heute zu elegant. Das müſſen Sie nur anlegen, wenn Sie en grande parure ſind, nicht aber als Wirthin. Die höchſte Einfachheit iſt da das Eleganteſte, und daran er⸗ kennt man am beſten die Dame von gutem Ton, wenn ſie zu rechter Zeit einfach, und zu rechter Zeit en parure, immer aber à quatre 6épingles iſt. Minna nahm erröthend ihr koſtbares Halsband ab, und Otto, froh einen Grund zu haben, um das Zimmer zu verlaſſen, trug es fort. Bald kam auch Herr Blitz mit ſeiner Schweſter Sophie, und Bonaventura mit den von ihm gelade⸗ nen Herren, unter denen Victor von Sendeck, Herr Weinherr, Rautenweg und mehrere Andere. Auch der Briefträger Carl ſtellte ſich ein, zog ſich aber verlegen und ſchweigend in eine Fenſtervertiefung zurück, kaum den Muth findend, Otto auf ſeine freundlichen Fragen zu antworten, oder die Taſſe Thee zu nehmen, die ihm dargereicht ward. 6 Die erſte halbe Stunde verſtrich ſo langſam und langweilig, wie dies in allen Geſellſchaften der Fall zu ſein pflegt. Vergebens bemühte ſich die weltgewandte Ma⸗ dame Jelſa, eine allgemeine, anregende Unterhaltung zu veranlaſſen; ihre Bemühungen ſcheiterten an dem ungenirten, rückſichtsloſen Betragen der jüngern Her⸗ ren, die bereits unter ſich ein lautes und heftiges 170 Geſpräch über Politik begonnen hatten, während Bonaventura ſich neben Sophien geſetzt hatte, und in halb flüſterndem Ton zu ihr ſprach von ſeiner unendlichen Sehnſucht, ſie zu ſehen, von ſeiner tiefen innern Zerriſſenheit, die ein Blick von ihr zu lindern begonnen, ſie beſchwor, ihm doch öfter das Glück ihrer Nähe zu gönnen und ſeiner Schweſter Minna eine Freundin zu werden. Madame Jelſa mußte ſich endlich genügen laſſen, von Herrn Blitz an⸗ gehört zu werden, und dieſer war auch wirklich ganz Ohr für die Worte, welche ihm von ihren Lippen tönten. Minna fühlte eine entſetzliche Angſt und Ver⸗ legenheit bei dieſer ſchwülen, beklemmenden Stille; ſie blickte vergebens nach ihrem Manne hin, um ihn zu ſich zu winken. Otto ſtand in der Fenſterniſche neben Carl, und unterhielt ſich leiſe und angelegent⸗ lich mit ihm, und ſo ſaß Minna ängſtlich und ſtumm da, froh, als endlich Victor von Sendeck ſich zu ihr ſetzte, die flüchtige Bekanntſchaft mit ihr zu erneuern. Aber auch dieſe ruhige und ergötzliche Unter⸗ haltung mit dem fröhlichen und witzigen Victor ſollte ihr nicht ungetrübt bleiben, denn mit Schrecken ſie die Ungeſchicklichkeit ihrer aufwartenden agd. Bald ſtieß dieſe gegen einen Stuhl, bald warf ſie etwas zur Erde; es war ein beſtändiger Lärm, eine beſtändige Unruhe, und Madame Jelſa hatte doch zu Minna geſagt, das Haupterforderniß einer 171 guten Geſellſchaft ſei, daß die Bedienung leiſe und geräuſchlos ſei. Die Angſt machte Minna miß⸗ trauiſch und ſie meinte bald hie und da ſpöttiſchen Blicken, boshaftem Lächeln zu begegnen, und das vermehrte noch ihre innere Unuhe. Sie war froh, als man ſich endlich in das an⸗ ſtoßende Gemach zum Souper begab, und ſuchte ihre Verlegenheit und Sorge dadurch zu vergeſſen, daß ſie ihre Gäſte viel und dringend zum Eſſen einlud, bis ſie das verſtohlene Lächeln mancher derſelben, und die abwehrenden Winke der Madame Jelſa be⸗ merkte, und nun gewahrte, daß ſie wahrſcheinlich abermals einen Fehler gegen die Regeln des guten Tons gemacht. Sie war nun ganz ſchweigſam und ſtill, und Victor, der zu ihrer Linken ſaß, fand jetzt für ſeine Unterhaltung ein aufmerkſames und williges Ohr. Als das Souper beendigt war, trennte ſich die Geſellſchaft bald. Bonaventura führte Sophie zum Wagen, und als Herr Blitz ihn einlud, ihn recht oft und bald zu beſuchen, fragte er ſie flüſternd, ob er auch ihr willkommen ſei, oder ob ſie ihn für immer aus dem Paradies ihrer Nähe verſtoßen wolle? Sie antwortete nicht und Bonaventura fragte dringender und mit jenem leiſen Geflüſter, das zur Seele dringt: ſprechen Sie nur ein einziges Wort, ſagen Sie, ob ich kommen darf, oder ob ich mir„ heute noch den Tod geben ſoll? Da ſagte ſie leiſe: kommen Sie! 172 Bonaventura drückte ihre Hand an ſein Herz, und küßte dann ehrfurchtsvoll dieſe Hand, die nur zu willig in der ſeinen ruhte. Minna athmete erleichtert auf, als die Gäſte ſie verlaſſen, und als Otto ſie mit einem gütigen Lächeln fragte: nun Minna, biſt Du zufrieden? warf ſie ſich an ſeine Bruſt und weinte laut. Vergebens ſuchte Otto ſie zu beruhigen, ihre Thränen floſſen unaufhaltſam, und auf Otto's theil⸗ nehmende Fragen antwortete ſie nur: ich habe mich lächerlich gemacht, und man wird ſich über mich aufhalten. Als Bonaventura am andern Morgen kam, fragte ihn Minna, welche die ganze Nacht kaum ein Auge geſchloſſen: willſt Du mir eine Frage recht aufrichtig beantworten? Er verſprach es ihr, und nun erzählte ſie ihm, daß ſie mehrere Male, wenn ſie geſprochen, bei einigen der jungen Herrn ein ſpöttiſches Lachen wohl bemerkt habe, ja, Bonaventure ſelbſt habe einmal nur mit Mühe ein Lachen unterdrücken können. Und darum frage ich Dich jetzt, warum dies geſchah, und was ich Auffallendes ſagte? fragte ſie heftig und mit Thränen in den Augen. 4 Bonaventura ſchwieg verlegen, und Otto ſagte begütigend: Du wirſt Dich ſicherlich getäuſcht haben, beſte Minna, und warum willſt Du, ſeibſt wenn man lachte, annehmen, daß Du die Veranlaſſung dazu warſt? Wie oft kommt Einem nicht plötzlich irgend ein komiſcher Gedanke, eine lächerliche Eri 2 173 nerung, und man lacht, ohne zu ahnen, daß man vielleicht einen Andern dadurch verletzt. Minna ſtampfte unwillig mit dem Fuße, und ſagte zürnend: bin ich denn ein Kind, Stto, dem man Zuckerbrod hinreicht, wenn es ſchreit, nur um es zu beruhigen? Warum mir Dinge vorreden, an die Du ſelbſt nicht glaubſt? Bonaventura, ich ver⸗ lange von Dir, daß Du mir die Wahrheit ſagſt. Nun, wenn Du es denn durchaus wiſſen willſt, ſagte dieſer brüsque, ſo will ich es Dir ſagen. Man lacht über Dich, weil Du entſetzlich falſch ſprichſt. Minna ſah ihn erſtaunt und fragend an, dann röthete ein edler Zorn ihr Angeſicht, und ſich an Otto wendend, ſagte ſie: ich ſoll falſch ſein? Wer wagt es, mich der Falſchheit zu beſchuldigen? Otto, Du kennſt mich, Du weißt, wie ich bin, Du kennſt alle meine vielen Fehler und Schwächen; ſage es dieſem da, daß die Falſchheit wenigſtens nicht darunter iſt, ſage ihm, daß ich wahr bin und ohne Falſch, ſage ihm, daß ich der Verſtellung und Falſchheit nicht fähig bin. Bonaventura brach in ein lautes Gelächter aus, vor dem Minna verletzt zuſammen ſchrak, Otto aber legte leiſe ſeinen Arm um ihren Nacken, und ſagte gütevoll: Niemand wird es wagen, meine Minna, Dich der Falſchheit zu beſchuldigen; auch haſt Du Deinen Bruder mißverſtanden. Er meinte nur, Du ſprächeſt falſch, das heißt, nicht nach denjenigen Re⸗ geln, die man einmal in der deutſchen Sprache ange⸗ wommen hat. 174 O jetzt verſtehe ich, ſagte Minna tief erröthend und zitternd, jetzt verſtehe ich dies Lachen. Man lachte über meine Unwiſſenheit, man hörte es an meiner Sprache, daß ich ganz unerzogen, ganz un— gebildet bin. Oh, das iſt entſetzlich! Sie bedeckte ihr Geſicht mit ihren Händen, und ſchwieg lange, dann faßte ſie plötzlich ihres Gatten Arm, und ſagte heftig: Otto, ich will Lehrer haben, heute noch, in dieſer Stunde noch. Ich habe Dich ſchon einmal gebeten, mir Lehrer zu geben, Du haſt es nicht gethan! Warum nicht? Ich muß aber, ich will Lehrer haben! Bonaventura, ſchaffe mir Lehrer, ſchaffe mir Männer, die mich unterrichten, die mich lehren, wie man ſprechen muß, um nicht ausgelacht zu werden. Wenn ich Dir dadurch einen Gefallen erzeige, ſagte Bonaventura, ſo will ich gern ſogleich gehen, mich nach einem Lehrer umzuſehen. Thun Sie das, Herr Schwager, ſagte Otto, ich habe mich ſchon mehrere Tage vergeblich bemüht. Heute noch will ich den Unterricht beginnen, rief Minna aufgeregt, und nicht eher, das ſchwöre ich, werde ich jemals eine Geſellſchaft beſuchen, als bis mir mein Lehrer das Zeugniß giebt, daß ich es thun kann, ohne mich lächerlich zu machen. So ſprechend verließ ſie das Gemach und ſchloß ſich in ihr Schlafzimmer ein, Bonaventura aber eilte, Otto flüchtig grüßend, von dannen, um nach Lehrern für Minna zu ſuchen, und zu fragen. Auf dem Gensd'armenmarkt begegnete er Vic⸗ 175 1 von Sendeck, der ihn fragte, wohin er ſo eilig gehe? Meine arme Schweſter hat ſich endlich gegen die Tyrannei ihrer Mutter aufgelehnt, ſagte Bona⸗ ventura, ſie fordert mit Beſtimmtheit unterrichtet und in dem gebildet zu werden, was ihr fehlt. Pah, was nützt die Bildung, ſagte Victor lächelnd, Ihre Frau Schweſter iſt ohnedies ein Engel an Schönheit und Lieblichkeit. Sie würde ſich freuen, dieſe Worte von ihren Lippen zu hören, ſagte Bonaventura betonend. Uebrigens bin ich wirklich in einiger Verlegenheit, wo ich die Lehrer finden ſoll. Sie beſteht darauf, noch heute ihren Unterricht zu beginnen. Und worin wünſcht Ihre Frau Schweſter un⸗ terrichtet zu werden? fragte Victor ſinnend. In zu einer Sn wiſſen muß. Im Deut chen, im Franzöſiſchen, in Gehlupht und Geuſc kurz in Allem. Victor ging eine Zeitlang ſchweigend weiter, dann ſagte er: bieten Sie mich Ihrer Frau Schweſter als Lehrer an, das heißt, bitten Sie ſie in meinem Namen, mir zu erlauben, täglich eine Stunde zu ihr zu kommen, und mit ihr die deutſchen und fran⸗ zöſiſchen Dichter zu leſen. Für das rein Praktiſche des Unterrichts aber kann ich Ihnen einen jungen Mann empfehlen, der ſehr geübt iſt im Unterrichten. Sie ſind wirklich ſehr freundlich, ſagte Bona⸗ ventura, und ich danke Ihnen außerordentlich im F 176 Namen meiner Schweſter. Nun bleibt nur noch eins zu erörtern, nämlich die Bedingungen, unter denen Sie— Ich habe gar keine Bedingungen zu machen, unterbrach ihn Victor ſchnell. Ich bin vermögend, ja, man behauptet ſogar, ich ſei reich, eine Behaup⸗ tung, die mir vielleicht einen großen Theil meiner zahlreichen Freunde zugezogen hat. Alſo nichts von Bedingungen. Aber Sie dürfen auch nicht wähnen, daß ich Ihnen dieſen Vorſchlag ganz ohne Egoismus gemacht; ich muß Ihnen vielmehr geſtehen, daß ich zunächſt dabei an mein Vergnügen und mein per⸗ ſönliches Ergötzen gedacht habe. Ich leide an einer bittern und ſchmerzvollen Krankheit— Wie? unterbrach ihn Bonaventura, Sie mit Ihrem friſchen, blühenden Ausſehen, mit Ihren glän⸗ zenden Augen, deren Blick nie von einem Schmerz getrübt ſcheint, Sie wären krank? Und zwar krank an einem Leiden, für däs die Aerzte kein Heilmittel wiſſen. Dies Leiden iſt die Langeweile! Jung, wie ich bin, habe ich dennoch alle Freuden, alle Entzückungen des Lebens kennen gelernt, habe von allen Genüſſen gekoſtet, und bei jedem den bittern Wermuthstropfen geſchmeckt, den das Schickſal hämiſch jeder Freude beigemiſcht hat. Ich bin des Lebens ſatt, und verlange nichts mehr 3 als Zerſtreuung. Mich überraſcht, mich befremdet, ia mich erfreut nichts mehr. Aber die Politik, die Weltereigniſſe, ſagte B naventura, dieſe ſcheinen doch mindeſtens Ihr l 177 diges Intereſſe zu erregen. Sie ſſind ein Freund von Weinherr und Rautenweg. Victor zuckte die Achſeln. Was man ſo im Leben Freund nennt, ſagte er faſt verächtlich. Ich gehe mit ihnen in die Kaffeehäuſer, ſie eſſen und trinken mit mir, und benutzen häufig meine Loge im Theater. Dafür höre ich ruhig ihre Tiraden von Völkerfreiheit und Gleichheit an, und ſtimme mit ein, wenn gerade meine Laune ſo iſt. Dieſe Art von Großſprecherei und künſtlichem Enthuſias⸗ mus iſt mir neu und amüſirt mich zu Zeiten, daher meine Freundſchaft mit Weinherr und Rautenweg. Glauben Sie auch nicht, fuhr er fort, daß dieſe Herren etwas Anderes vermuthen, oder daß ſie etwas Tieferes für mich fühlen! Sie kennen meine Ge⸗ ſinnungen ganz genau, und würden ſich lange von mir zurückgezogen haben, wenn es ſich nicht gerade ſo wäfe, daß man von meiner Theaterloge aus ſehr ſuih. und daß die Speiſewirthe alle mir bedeu⸗ tend mehr Credit geben, und es lieber ſehen, wenn ich mit ihnen zuſammen ein Diner beſtelle, als wenn ſie es allein thun. Sehen Sie, daß iſt meine Freund⸗ ſchaft mit dieſen Herren. Und was meine politiſchen Anſichten anbetrifft, nun darüber ſprechen wir ein ander Mal! Beantworten Sie mir nur die Eine Frage, ſagte Bonaventura mit einem lauernden, mißtrauiſchen Blicke, ſind Sie wirklich einverſtanden mit dem Gedicht, welches ich Ihnen und den Herren neulich vorlas? 178 Sie fordern da in aller Kürze mein ganzes politiſches Glaubensbekenntniß, ſagte Victor lachend, und das will ich Ihnen gerade ein anderes Mal geben, alſo bleibe ich Ihnen lieber heute die Ant⸗ wort ſchuldig. Und meiner Schweſter wollen Sie alſo wirklich Unterricht ertheilen? fragte Bonaventura ablenkend. Wenn ſie mich nicht verſchmäht, gewiß! Ich will Ihnen etwas ſagen; es giebt auf der Welt nur Eins, was des Nachdenkens und tiefern Studiums werth iſt, und doch alle Berechnungen, alle Erfah⸗ rungen, alle Vernunftſchlüſſe immer wieder täuſcht und zernichtet, dies Eine große, unergründliche Ge⸗ heimniß iſt das Weib. Und Sie möchten dies Geheimniß gern ergrün⸗ den? fragte Bonaventura ſchalkhaft lachend, und darum wollen Sie meiner Schweſter Unterricht er⸗ theilen? Sie haben es errathen! Es liegt etwas h, Unerforſchliches, Tiefes in dem Antlitz Ihrer Schwe⸗ ſter, und wüßte ich nicht, wie groß die Koketterie und das Schauſpielertalent der Frauen iſt, ſo würde ich überzeugt ſein, daß Ihre ſchöne Frau Schweſter ⁰ das reinſte, unſchuldigſte, naturvollſte Weſen iſt, das ich kenne. Es liegt in ihren Augen eine wunderbare Tiefe und Gluth, und um ihren Mund zuckt es zu⸗ weilen, wie Verachtung und Stolz. Sie ſind ein großer Menſchenkenner, ſagte Bo⸗ naventura, denn Sie haben Recht in dem, was Sie im Angeſicht meiner Schweſter geleſen haben. Nur 179 thun Sie ihr Unrecht mit Ihrem Mißtrauen. Minna weiß nichts von Koketterie; dieſe künſtlichen Dinge ſind ihr fremd, ſie iſt, wie ich ſchon geſagt habe, unter einer tyranniſchen Mutter in völliger Unbe⸗ kanntſchaft mit der Welt aufgewachſen, und ihr Gatte war der erſte Mann, den ſie jemals geſprochen. Dann hat Ihr Schwager ein unerhörtes, be⸗ neidenswerthes Glück erobert, und ich gäbe die Hälfte meines Lebens willig hin, hätte ich an ſeiner Stelle ſein können. Aber hier ſind wir vor dem Hauſe Ihres Schwagers! Wollen Sie hinaufgehen und Ihrer Schweſter meinen Plan vorſchlagen? Ich erwarte Sie hier. Bonaventura kehrte bald zurück mit der Nach⸗ richt, daß Minna ſich entſchieden weigere, Unterpicht zu empfangen, ohne denſelben honoriren zu können. Das war zu erwarten, ſagte Victor, Sie hätten ihr das nicht ſagen müſſen. Aber bitte, melden Sie mich Ihrer Schweſter, ich werde mir ſelber das Wort reden müſſen! Minna empfing Victor mit tiefem Ertöthen, und Victor, ihr ehrfurchtsvoll die Hand küſſend, ſagte: Ihr Bruder hat mich zum Verkrauten Ihres Geheimniſſes gemacht, und ich weiß, daß es Ihnen nicht genügt, durch Ihre Anmuth und Natürlichkeit zu bezaubern, Sie wollen auch glänzen durch Ihren Geiſt, und die ſeltenen Gaben deſſelben wecken und fördern. Ich bewundere Sie darum. Und wiſſen Sie Jemand, der die Mühe, mich 12* 180 zu unterrichten, übernehmen will? fragte Minna ſchüchtern. Victor nannte ihr einen jungen Mann ſeiner Bekanntſchaft, der mit Freuden eine ſolche Stellung übernehmen, und den er ihr gleich heute noch ſenden werde. Er iſt eben ſo wohlunterrichtet als arm, ſagte er, und ſo wird ihm eine ſolche Unterſtützung ſehr nützlich ſein. Nun aber habe ich eine Bitte an Sie, gnädige Frau, durch deren Erfüllung Sie mich glücklich machen. Gewähren Sie mir die Gunſt, täglich zu Ihnen kommen und mit Ihnen unſere beſten Dichter leſen zu dürfen. Sie werden, fuhr er raſcher und Minna an einer Antwort ver⸗ hindernd, fort, Sie werden mich dadurch zu ewigem Dauk verpflichten, denn Sie geben mir ſo die Gelegenheit, alle meine Lieblingsdichter noch ein⸗ mal zu leſen und mich ihrer zu freuen. Auch wird Einem beim gemeinſchaftlichen Leſen Man⸗ ches erſt deutlich und verſtändlich, was früher un⸗ klar geweſen. Minna ſagte ganz heiter: gewiß wäre eine ſolche Lectüre angenehm und lohnend, nur kommt es darauf an, ob Ihnen Zeit und Stunde gleichgültig ſind. Victor verſicherte, ihr durchaus die Beſtimmung derſelben überlaſſen zu können. So wollen wir meinen Mann fragen, welche Stunde ihm am bequemſten iſt, ſagte Minna arglos. Es fiel ihr gar nicht die Möglichkeit ein, ohne dieſen eine ſolche Unterhaltungslectüre haben zu können, 181 und ſie bat die Herren, ſie hier zu erwarten, wäh⸗ ſie zu Otto gehen wolle, um dieſen zu fragen. Geſtehen Sie, ſagte Bonaventura lachend zu Victor, während ſie allein waren, geſtehen Sie, daß es eine Unbefangenheit und Argloſigkeit giebt, die weniger ſchön als läſtig iſt. Wenigſtens war es ſicherlich nicht Ihr Wunſch, auch meinen verehrungs⸗ würdigen Schwager mit unſern herrlichen Dichtern bekannt zu machen.“ Victor zuckte ſchweigend die Achſeln, und Minna kam eiligſt wieder, um von ihrem Manne zu ſagen, daß ihm jede Nachmittags- oder Abendſtunde ge⸗ nehm ſei.— Dieſe ward näher beſtimmt, und dann trennte man ſich. Victor ſagte, als er ſeiner Wohnung zuſchritt, leiſe zu ſich ſelber: dies wird mir auf Monate eine angenehme Zerſtreuung gewähren. Dieſe Tochter Cva's iſt ſo natürlich, ſchön und naiv, daß ſie wohl im Stande wäre, einen Adam zu verführen. Auch iſt es ein gutes Wort, das da ſagt:„ein Lehrmeiſter wird oft ein Mehrleiſter.“ Von nun an kam Victor von Sendeck regel⸗ mäßig jeden Nachmittag, um mit Otto und Minna zu leſen. Sie begannen mit Schillers Dichtungen, und hier war es eine Freude, Minna's Entzücken, ihre Begeiſterung und Gluth zu ſehen, zu gewahren, wie ibr nach und nach das tiefere Geſtändniß dieſes Dichters ſich erſchloß, wie ihre Stimme, wenn ſie las in ſanften Modulationen ſich hob und ſenkte, und bald ſich herausbildete zu dem ſeelenvollſten Vortrag. 182 Bei den Tragödien pflegten ſie gern, wenn nicht zu viele Perſonen in einer Scene beiſammen waren, dieſe mit vertheilten Rollen zu leſen; das war für Minna eine ganz beſondere, unendliche Luſt, und die Geſtalten, die der Dichter vor ihr hingezaubert, pflegten ſich dann mit ihrem eigenen Weſen ſo zu identificiren, und eins mit demſelben zu werden, daß ſie alle Luſt, allen Jammer als etwas ihr Geſche⸗ henes in ſich aufnahm und empfand. Sie erröthete als Thecla, wenn Max ihr er⸗ ſchien, ſie war erhaben und gefaßt, wenn ſie Thecla's letzten Monolog ſprach, und jede Fiber ihres Kör⸗ pers ſchien zu erbeben, wenn ſie den Tod ihres Ge⸗ liebten erfahren. Wie zart, wie innig war ihr Ausdruck, wenn ſie die Louiſe las, und wie blitzte ihr Auge, wie kühn richtete ſie ſich empor, wie ſtolz hob ſich ihre Bruſt bei den Monologen der ſchlachtenmuthigen Jungfrau. Dieſe Rolle ſagte ihr am meiſten zu, begeiſterte, entzückte ſie vor allen Andern und nahm ihr ganzes Weſen in Anſpruch. Dieſen erſten Entzückungen, gleichſam dieſer erſten Auferſtehung eines ſo mäch⸗ tigen, glühenden Geiſtes beizuwohnen, war für Victor ein neuer, nie gekannter Lebensreiz, und oft war es ihm, als müßte er vor ihr niederſinken, ſie anzube⸗ ten in ihrer himmliſchen Begeiſterung, oft hätte er ihr alle ſeine Anbetung, ſeine Verehrung ſchildern mögen, wenn Otto nicht geweſen wäre. Aber Otto war da, und fehlte keinen Tag. Für ihn auch war es eine unendliche Freude, ſein junges herrliches 183 Weib in den erſten Entzückungen ihrer werdenden Intelligenz zu beobachten; oft, wenn ſie las, ent⸗ ſank das Buch ſeiner Hand, und ohne zu hören, was ſie las verlor er ſich im Anſchauen dieſes holden Angeſichtes, auf dem alle Empfindungen, denen der Dichter Worte gegeben, ſich wieder ſpie⸗ gelten, die erröthete und erbleichte, deren Augen in der Begeiſterung des Kampfes, der Liebe aufflammten, oder ſich mit Thränen füllten vor Schmerz und Weh. Aber inmitten dieſer Freude über Minna durchzuckte oft ein tiefes Schmerzgefühl Otto's Bruſt, und wenn er ihre glühenden Blicke gewahrte, den tiefen Seelen⸗ ton hörte, mit dem ſie die Worte der Liebe las, dann dachte er oft ſchaudernd: es iſt in ihrer Seele noch eine tiefe unberührte Stelle, nach der die Liebe zu mir nicht hingedrungen; ſie hat in ihrer Stimme Töne der Liebe und der Entzückung, die ich nimmer von ihr vernommen, oh, und ich fühle es wohl, ſie iſt einer Leidenſchaft fähig, deren Gegenſtand ich aber nimmer ſein werde! So waren mehrere Wochen vergangen, als eine unerwartete, größere Arbeit, eine neue große Maſchine, deren künſtliche Zuſammenſetzung Ottö ſeinen Geſellen nicht anvertrauen mochte, ihn zwangen, den ganzen Tag in der Werkſtatt zu ſein. Victor frohlockte innerlich und Minna, die an⸗ fangs ein wenig befangen und verlegen geweſen, ge⸗ wann bald ihre frühere Unbefangenheit und Natür⸗ lichkeit wieder. 3 184 Sie hatten jetzt die Schiller'ſchen Tragödien beendet, und ſich zu Göthe wendend, ſchlug Victor vor, die Lectüre deſſelben mit Werther's Leiden zu beginnen. Minna kannte nicht die Gefahr und ſcheuete ſie daher auch nicht, und ſo laſen ſie denn zuſammen Werther's Leiden. XIV. Sophie. Bonaventura indeß, je weniger er jetzt zu Minna kam, deſto mehr ſah man ihn in Geſellſchaft der jungen, ſogenannten Liberalen, oder im Hauſe des Herrn Blitz, dem er bald ein lieber unentbehrlicher Geſellſchafter geworden. Zwei Dinge waren es, die Bonaventura jetzt vorzugsweiſe beſchäftigten, er wollte von Sophien geliebt werden und ſich zu einem berühmten, gefeierten Dichter erheben. Letzteres meinte er faſt ſchon erreicht zu haben, und wirklich war er in der Freitagsgeſellſchaft, in welche er durch Weinherr eingeführt worden, der Held des Tages, dem man nicht ſäumte, die aus Lorbeeren geflochtene Dichterkrone zu reichen. Je extravaganter und ausſchweifender ſeine Ge⸗ dichte waren, deſto mehr wurden ſie erhoben und geprieſen, und deſto mehr beeiferte ſich Herr Wein⸗ hen dieſelben in lobenden Zeitungsartikeln zu prei⸗ ſen, und ſolches Lob pflegte dann Bonaventura wie⸗ der mit einem Lobgedicht auf Herrn Weinherr zu erwidern. Dann ſorgte Rautenweg, daß dies in einem andern Journal abgedruckt ward, wofür Herr Wein⸗ herr dann wieder zum Lobe Rautenweg's anderswo einen„Artikel“ verfaßte. Es war ein ſtetes Hin⸗ und Wieder⸗Loben, bei dem Jeder gewann, und ſich den Andern verpflichtete, und wobei Jeder doch nur zum Wohl des Landes, zur endlichen Befreiung Deutſchlands zu wirken vorgab. Bei den Liberalen hatte alſo Bonaventura ſein Ziel erreicht, man nannte ſeinen Namen mit Aus⸗ zeichnung, mit Entzücken und Enthuſiasmus. Aber es gab noch ein zweites Ziel, nach dem er ſtrebte, hatte er auch dies erreicht? Wird auch dort ſein Name mit Entzücken und Enthuſiasmus genannt? Tönt er von den holden Lippen jenes ſchönen Mäd⸗ chens, von dem geliebt zu werden vielleicht das noch wünſchenswerthere, und heißer begehrtere Ziel Bo⸗ naventura's iſt? Werfen wir, dies zu ergründen, einen Blick in Sophien's Gemach. Sie war allein; den Kopf in die Hand ge⸗ ſtützt blickte ſie aufwärts, Träumen und Erinnerun⸗ gen hingegeben, die erfreulicher Art ſein mußten, denn um ihren Mund ſpielte ein holdes Lächeln, und ihre Augen glänzten in Freude und Glück. Zu⸗ weilen tönte, wie ein unwillkürlicher Seufzer, ein Name von ihren Lippen, aber ſo lind und leiſe, daß der Ton ſchon erſtarb, wie er von ihren Lippen kam, und ſelbſt den Wänden nicht das Geheimniß 187 ihres Herzens verrieth. Aber ſo oft ſie dieſen ein— zigen Namen geſprochen, war es, als habe ein Zau— berſchlag ihr Herz getroffen, denn ſie zuckte zuſam⸗ men, wie in freudigem Schreck, eine dunkle Röthe überzog ihr Antlitz und ihr Buſen hob und ſenkte ſich in ſtürmiſchem Wallen. Vor ihr auf dem Tiſche lag ein Roſa⸗Papier, eng beſchrieben, wie es ein Liebender ſeiner Ge⸗ liebten zu ſchreiben pflegt, denn die Liebenden haben ſich ſtets ſo Vieles zu ſagen und zu ſchreiben; das nahm Sophie und blickte es an, und las es wie⸗ der, drückte es dann an ihre Bruſt, und bedeckte es mit Küſſen; als es aber jetzt an ihre Thür klopfte, ſteckte ſie es raſch in ihren Buſen und eilte dann, die verſchloſſene Thüre zu öffnen. Draußen ſtand Carl, der Briefträger, und So⸗ phie unterdrückte kaum einen Schrei der Freude, denn ſie ahnte ſchon, von wem er ihr einen Brief zu bringen habe. Freundlich bat ſie Carl näher zu treten, und als er ihr den Brief hinreichte und mit trunkeuen, ſeligen Blicken ſie anſchaute, gewahrte ſie dies nicht, denn ſie dachte, und ſah nur den Brief, den ſie raſch erbrach, und mit fliegenden Blicken überlas. Dann ſagte ſie ſchnell zu Carl: wollen Sie mir einen Gefallen thun? Ihnen einen Gefallen? ſagte er ganz glücklich und athemlos. Oh, ſagen Sie nur, was es ſein ſoll, und wäre es das Schwerſte, es ſoll geſchehen! Nehmen Sie die Antwort mit bis zur nächſten Stadtpoſt, ſagte ſie, und trat zu ihrem Schreibtiſch, 6 188 um ſchnell Worte auf das Papier zu werfen, die ſie dann eiligſt zuſammen faltete. Carl ſtand noch immer in ihr Anſchauen verloren, ganz trunken von Glück bei dem Gedan⸗ ken, ihr gefällig ſein zu können; da reichte ſie ihm ſchon das fertige Briefchen hin, und bat ihn, es recht raſch zu befördern. Dann nickte ſie ihm den Abſchiedsgruß mit einem ſo holdſeligen Lächeln, daß Carl kaum einen Schrei des Entzückens unter⸗ drücken konnte, und eiligſt das Zimmer verließ, um ſich nicht zu verrathen. Draußen Pr ſank er ganz außer ſich, ſelig und berauſcht vor ihrer Thüre nie⸗ der, und tüßte die über die ihr Fuß da⸗ hin ſchreiten, und küßte die Thürklinke, die ihre Hand berühren mußte; dann aber fiel ihm ein, daß ſie ihm befohlen, das Briefchen raſch zu befö rdern, und er erhob ſich und eilte die Treppe hinab in athemloſem Lauf, das Briefchen an ſein Herz drückend, als gehöre es ihm, als ſei es ihm ge⸗ ſchrieben worden. Erſt auf der Straße dachte er daran, es zu betrachten; als er aber die Adreſſe ge⸗ leſen, tönte ein einziger Schrei, ein Schrei des tief⸗ ſten Jammers und Entſetzens von ſeinen Lippen, Todesbläſſe bedeckte ſein Geſicht, und faſt ſinnlos taumelte er zurück gegen die Mauer des Hauſes. Dieſer Brief war an einen Herrn adreſſirt, alſo mußte auch der Brief, den ſie empfangen und auf den dies die Antwort war, von e weſen ſein! Das war das Einzig e, w konnte, und dieſer Gedanke ihn ſinnlos zu 189 machen, aber inmitten ſeiner Betäubung und ſeines Schmerzes erinnerte er ſich wieder, daß ſie den Brief raſch befördert wünſchte, und mit übernatürlicher Gewalt raffte er ſich zuſammen, weiter zu gehen. Ich will ihn wenigſtens ſehen, murmelte er vor ſich hin, und ſtatt den Brief auf die Stadtpoſt zu geben, eilte er ſelbſt nach der angegebenen fernen Straße, wo der Herr von Ottersheim wohnen ſollte. Jetzt ſtand er vor ſeiner Thüre, athemlos, kaum ſeiner Selbſt ſich bewußt. „Wenn ich dieſe Thüre öffne,“ dachte er,„dann werde ich ihn ſehen, den ſie liebt, denn ſie liebt ihn, das ſah ich an ihren Mienen, als ich ihr den Brief brachte. Sie liebt ihn! Ein furchtbarer, entſetzlicher Grimm gegen dieſen unbekannten Nebenbuhler er⸗ faßte ihn, und ſeine Hand ballte ſich unwillkürlich zur Fauſt. Nein, nein, ſagte er, ich kann ihm dieſen Brief nicht bringen, ich würde ihn ermorden mit dieſer meiner Hand, die ihm den Brief reichen ſoll.“ Aber hatte ſie ihn nicht gebeten, den Brief raſch zu be⸗ fördern? Hatte ſie mit ihrer ſüßen Stimme, die ſeinem Ohr Himmelsmuſik war, ihn nicht aufgefor⸗ dert, ihr dieſen Gefallen zu erzeigen? Nun, es ſei, jagte er, ſich aufraffend, und ſich muthig emporrichtend klopfte er an die Thür. Ein lautes Herein ertönte von innen, und Carl, die Thür öffnend, reichte den Brief hin: an Herrn von Ottersheim! Das bin ich, ſagte der junge Mann, in dem Carl zu ſeinem Schrecken den Bruder Minna's er⸗ kannte. Otto hatte ihm wohl erzählt, daß dieſer Bru⸗ der ein Dichter geworden, und ſich einen andern Namen gegeben, aber es war ihm gleichgültig ge⸗ weſen, und er hatte nicht nach dem neuen Namen gefragt. Jetzt wußte er ihn, ach, und er war ſei⸗ nem Herzen für immer eingeprägt.— Guter Freund, was bin ich ſchuldig? fragte Bonaventura, den Brief leſend. Nichts, rief Carl mit rauhem Ton, und eilte von dannen.— Mechaniſch, wie betäubt und ſinn⸗ los, beſorgte er ſeine Geſchäfte, und dann erſt ging er heim, um in ſeiner einſamen Kammer ſeinen Schmerz austoben zu laſſen, ſeiner Pein Worte zu geben. Er ſtürzte nieder zur Erde, und weinte laut, alle Muskeln ſeines Körpers ſchienen angeſpannt von einem ungeheuren Schmerz, und der Athem ging wie ein krampfhaftes Stöhnen aus ſeiner Bruſt hervor. Der Schmerz hatte bei ihm noch ſeine ganze, ungeſchwächte Kraft, und übte noch ſeine ur⸗ kräftige naturvolle Pein auf dieſes urkräftige, na⸗ turvolle Gemüth. Sein Herz und ſeine Seele wa⸗ ren noch wie ein unbebautes Feld, aus dem jedes Samenkorn der Freude oder des Schmerzes gleich in üppiger Naturkraft ſproſſend hervorquoll und zum Baum erwuchs. 5 Wie hatte er Sophien geliebt, wie war er mit zllen Regungen ſeiner Seele ihr zu eigen geweſen, 191 wie war ſie das Ideal ſeiner Träume, die Ent⸗ zückung ſeines Wachens geweſen! Er hatte nie daran gedacht, daß er jemals ſie beſißen könne, ſie war ihm viel zu erhaben, viel zu heilig erſchienen, und doch, ſeltſamer Widerſpruch der Natur, fühlte er jett eine namenloſe Pein bei dem Gedanken, ſie nun wirklich unwiederbringlich verloren zu haben. Er ſchlug ſeine Bruſt in wilder Verzweiflung, er raufte ſich das Haar in unerhörter Pein, und der Schmerz entſtellte ſeine unſchönen Züge, daß ſie in abſchreckender Häßlichkeit er⸗ ſchienen. So unter Seufzen und Thränen, unter Ver⸗ wünſchungen und Klagen verbrachte er einen Theil der Nacht, dann begann der Sturm ſich zu legen, die wilden Wogen ſeines Schmerzes ſich zu ſänftigen, und als die Sonne am Himmel erſchien, und die niedrigen Fenſter ſeiner Kammer leiſe röthete, da ſagte Carl mit einem matten, verſagenden Lächeln: was klage ich denn? Iſt ſie nicht, wie die Sonne, die jeden Morgen über uns aufgeht, und Jeden be⸗ glückt, und doch Keinem gehört als Gott? Und kann ich ſo mich nicht ihrer freuen und von ihr be⸗ glückt werden? Bin ich alſo nicht ein Thor, daß ich klage und jammere, als um ein verlornes Kleinod, da ich dies Kleinod doch nie beſitzen konnte?— Dann verſank er tiefer in ſich ſelbſt und ſaß lange unbeweglich und ſchweigend da. Das ganze L ben, die ganze Zukunft ſchien an ſeinem innern Auge vorüber zu gehen, und leiſe ſagte er danns mir Ahnt, daß ſie nicht glücklich wird. Otto nannte ſeinen Schwager eitet und eingebildet, und wer eitel iſt, fann keinen Andern mehr lieben als ſich ſelbſt. Ach Sophie, warum mußteſt Du denn grade Dieſen lieben, der Dich nicht glücklich machen wird.— Nun, fuhr er nach einer langen Pauſe fort, kann ich ſie denn nicht beſißen, ſo kann ich doch ſie bewachen, wie der Hund die Schwelle ſeines Herrn bewacht, und jeden Feind wittert und zurück⸗ treibt. Ja, ſo will über ſie wachen, und mir ahnt, daß ſie meiner noch einmal bedürfen wird!— Jetzt ward er ganz freudig und heiter, und aufſpringend ſagte er: nun wohl, ſo will ich mich denn für die Zeit ſtärken und erhalten, wo ſie meiner bedarf, wo ich ihr nützlich ſein kann. Und ſo will ich auch nicht mehr klagen, ſondern auf Alles gefaßt ſein, und für Alles Muth haben! Bann ging er noch lange in ſeiner kleinen Kam⸗ mer auf und ab in tiefem, ernſtem Nachdenken, bis er endlich ganz freudig und mit ſtrahlenden Augen ausrief: Ja, ſo ſoll es ſein! Heute Morgen noch gehe ich zu ihr!— Nun ſchien eine tiefe göttliche Ruhe über ihn gekommen zu ſein, und das Bewußtſein, über ſich ſelbſt den Sieg errungen zu haben, leuchtete aus ſeinen Blicken, hob ſeine Geſtalt; ſtolzer und elaſti⸗ ſcher ſchritt er einher, und wer ihn in dieſem Augen⸗ blick geſehen, würde nimmer dies Antlitz für häßlich gehalten haben, das jetzt durchgeiſtigt und durch⸗ ieuchtet ſchien von der ſchönen, edlen Seele. 193 Er war ganz ruhig, ganz gefaßt, und wenn er zuweilen einen kiefen, ſtechenden Schmerz in der Bruſt empfand, ſo legte er ſeine Hand darüber hin und dachte; ich werde ihr nützlich ſein können! Dann, als die Stunde gekommen war, wo er ſeinen ge⸗ wöhnlichen Tagesberuf antreten mußte, verließ er ruhig und gelaſſen ſeine Kammer und ſchritt die ſteilen Treppen hinunter auf die Straße. Es war eine ſchöne, erquickliche Morgenfriſche, die ihm unendlich wohl that und ſein Herz erkräf⸗ tigte. Er kaufte von der an der Ecke ſitzenden Hö⸗ kerin für einige Pfennige friſches Obſt, und nach⸗ dem er dies frugale Frühſtück verzehrt und auf der Poſt die Briefe, die er auszutragen, empfangen hatte, ſchritt er leichten, elaſtiſchen Schrittes die Linden hin⸗ ab, und in die Friedrichsſtraße zum ſchönen Hauſe des Herrn Blitz. Er klopfte an Sophien's Thür, ſie rief ihm ein fröhliches Herein, denn ſie erkannte ihn ſchon an ſeiner Art des Klopfens; für ein liebendes Weib iſt der Briefträger der ſtets erſehnte Liebesbote, und ſie hat einen Inſtinct für ſeine Nähe, und liebt ihn, wie man ein Kleid, ein Buch liebt, das dem Ge⸗ liebten gehört. Carl trat ein, und heute zum erſten Male fühlte er ſich Sophieen gegenüber nicht ver⸗ legen und befangen, ſondern ganz ſicher und ruhig, denn er kam mit dem Bewußtſein, ihr nützlich ſein zu wollen, und dieß Bewußtſein ſtärkte ihn.— So⸗ phie ſtreckte ihm lächelnd die Hand entgegen, unge⸗ duldig den Brief zu empfangen. 13 194 Ich habe heute keinen Brief, ſagte Carl ru⸗ hig.— Sie ſah ihn befremdet an, und ihr Blick ſchien zu fragen, warum Carl denn da ſei, wenn er nichts zu bringen habe? z Carl verſtand dieſen Blick und ſagte: freilich habe ich nur ein Recht dies Zimmer zu betreten, wenn ich als Bote komme, und Sie könnten mich nun von Ihren Dienern hinaus weiſen laſſen, wenn Sie nicht zu gut dazu wären! Aber ich habe eine Bitte an Sie. Wollen Sie mir nicht zürnen, wenn ich ſie Ihnen ſage? Sophie ſetzte ſich auf den Divan, und ihm i einen Stuhl anweiſend, ſagte ſie: ſprechen Sie! Carl lehnte ſich gegen die Thür, und als ſie ihn bat ſich zu ſetzen, ſagte er faſt ironiſch: ich weiß wohl, daß es ſich für einen armen Briefträger nicht paßt, anders als ſtehend zu einer Dame zu ſprechen. Laſſen Sie mich daher immer hier, auch bin ich es durch mein ganzes Leben immer gewohnt, Sie ſo in der Entfernung zu ſehen. Ach in Potsdam, ſagte Sophie nachläſſig. Ja, in Potsdam, fuhr Carl mit leicht be⸗ wegter Stimme fort. In Potsdam, wo man Sie den guten Engel nannte, und wo Segenswünſche Ihnen überall folgten, wenn man Sie auf der Straße ſah. hnd wo man Sie, unterbrach ihn Sophie gü⸗ tig lächelnd, den guten Sohn nannte. Warum war ich ein guter Sohn, fragte er faſt 195 heftig, als weil ich Sie täglich ſah, weil ich Ihnen gegenüber wohnte, und täglich gewahren konnte, mit welcher Milde und Geduld, mit welcher Auf⸗ opferung und Liebe Sie Ihre ſchweren Pflichten er⸗ füllten. Sehen Sie, das hat mich gut gemacht und fromm, daß ich Sie oft beten ſah, und für alles das Gute, was Sie an mir gethan, möchte ich mich Ihnen ſo gern dankbar beweiſen. Darf ich Ihnen nun meine Bitte ſagen? Sophie nickte ihm zu mit Thränen in den Augen. Sie gaben mir geſtern einen Brief, fuhr Carl leiſer und mit niedergeſchlagenen Augen fort, und da Sie ihn raſch befördert zu haben wünſchten, zog ich es vor, ihn nicht auf die Stadtpoſt zu geben, ſon⸗ dern ihn ſelbſt zu befördern. Sie trafen ihn alſo? fragte Sophie haſtig und tief erröthend, und Sie wiſſen nun— Daß Sie mit dieſem Herrn correſpondiren, ja, das weiß ich und nichts weiter. Aber es iſt geng Und da bin ich denn gekommen, um Sie zu fragen, ob Sie mir immer dieſe Briefe anvertrauen wollen? Es iſt oft gefährlich, ſolche Briefe in fremde Hände zu geben. Die Dienſtboten ſind oft nicht zuver⸗ läſſig, nicht treu, und leicht könnte ein ſolcher Brief in unrechte Hände kommen, und von Augen geleſen werden, denen Sie ihn verbergen wollten. Woher glauben Sie, unterbrach Sophie ihn mit einem Anflug von Stolz, daß ich in dieſem Briefwechſel etwas zu verbergen habe? 13* 196 Daher, ſagte Carl feſt, daß Sie es geſtern vorzohen, mir und nicht Ihren Leuten den Brief zur Beſtellung zu geben. Auch denke ich mir, daß ſelbſt, wenn Sie nichts zu verbergen hätten, es Ih⸗ nen doch wünſchenswerth ſein muß, keine fremden Augen dieſe Briefe ſehen zu laſſen. Und die Dienſt⸗ boten ſind ſo nachläſſig, wie leicht könnten ſie ein⸗ mal einen ſolchen Brief verlieren, daß irgend ein Fremder ihn findet und lieſt. Oh und das muß entſetzlich ſein! Sie fühlen das ſo tief, ſagte Sophie theil⸗ nehmend, daß ich gewiß bin, Sie haben auch eine Geliebte, der Sie Briefe ſchreiben, für die Sie fürchten! Iſt's nicht ſo? Rein, ſagte Carl ruhig. Aber ich weiß, daß ich nicht belauſcht ſein möchte, wenn ich zu Gott bete, und ſo, denke ich mir, ſo heilig ſind Einem auch ſolche Briefe. Gewiß, ſagte Sophie, und um Ihnen zu be⸗ weiſen, wie dankbar ich bin für Ihre freundliche Aufforderung, nehme ich ſie an, und will Ihnen hinfort meine Briefe anvertrauen, und auch Herrn von Ottersheim ſagen, daß Sie ſeine Briefe mir bringen wollen. Ich danke Ihnen, ſagte Carl freudig; ich werde von nun an täglich zwei Mal bei Ihnen anfragen, auch täglich zu dem Herrn hingehen, um ſeine Briefe in Empfang zu nehmen. Sie ſind ſo bewandert in dieſen Dingen, ſagte 197 Sophie ſcherzend, daß ich faſt glaube, Sie ſind geübt darin, ſolche Briefe zu beſorgen. Nein, erwiderte Carl mit melancholiſchem Ton, es iſt das erſte und einzige Mal. Sie reichte ihm die Hand hin, und ſagte: ich danke Ihnen für alle die Mühe, die Sie meinet⸗ wegen ſich auferlegen, ich danke Ihnen von Herzen, und ſo oft ich Sie ſehe, werde ich an Potsdam denken, und an die Zeit, wo ich Sie täglich Ihre arme leidende Mutter hinaus tragen ſah in die Luft und die Sonne, und wo Alles Ihnen nach⸗ rief: der gute Sohn! Carl erwiderte nichts, ſeine Stimme war er⸗ ſtickt von Thränen. Er küßte Sophien's Hand, und ging dann eiligſt von dannen. Ich werde ſie nun doch mindeſtens täglich ſehen können! ſagte er ergeben und ruhig, und ging zu Bonaventura, um ihm zu ſagen, daß Sophie ihn ſchicke und er ihm alle ſeine Briefe an ſie anver⸗ trauen möchte.— Sie ſind ein ſpeculativer Kopf, guter Freund, ſagte Bonaventura, nachdem er Carl angehört hatte, Sie ſcheinen Sich ſehr gut auf Ihren Vor⸗ theil zu verſtehen. Denn eine ſolche Correſpondenz zu beſorgen, das iſt lohnend und bringt Ihnen etwas ein. Da hier haben Sie einen Brief, und k haben Sie gleich für die erſte Woche Ihren ohn! Er reichte ihm ſtolz und geringſchätzend einige 198 Thaler hin, und als Carl ſie nicht nahm, ſagte er gleichgültig: Sie wollen ſie nicht? Hat das Fräu⸗ lein Sie etwa großmüthiger bezahlt? Ja, ſagte Carl ganz ergeben und ſtill, ſie hat mich für immer bezahlt und belohnt! XVI. Die gebildete Frau. Minna hatte indeſſen mit regem Eifer ihre begonnenen Studien fortgeſetzt, und ihr junger, von Victor ihr empfohlener Lehrer mußte täglich über ihren unermüdlichen Fleiß, über ihre ſchnelle Faſſungskraft und ihr Gedächtniß erſtaunen. Schon hatte ſie das Deutſche völlig inne, und wußte ſich mit Gewandtheit und Anmuth auszudrücken; eben ſo raſche Fortſchritte machte ſie in den übrigen Un⸗ terrichtsſtunden, und wenn ſie dann Nachmittags mit Victor las,— ſie waren jetzt bei Shakeſpeare's Tragbdien— ſo gewahrte dieſer mit Erſtaunen und Entzücken, wie täglich ſchöner und tiefer ſich ihr Geiſt entfaltete und offenbarte, und wie die Bil⸗ dung gleich einem geſchickten Bergmann, täglich aus dem tiefen verborgenen Schachte ihres innern Seins 1 Schätze zu Tage förderte, neue Kleinode offen⸗ arte.— Aber wie viel Anſtrengung, wie viel Mühe, 200 wie viel ſchlafloſe Nächte ihr dieſe Zeit koſtete, das wußte Niemand als Otto. Er allein ſah, mit wel⸗ cher Willenskraft und Selbſtbeherrſchung ſie lernte und ihrem Gedächtniſſe täglich, ſtündlich neue Laſten auferlegte; er allein fühlte, daß ſie für nichts An⸗ deres mehr zugänglich, für nichts Anderes mehr em⸗ pfänglich ſei, als für ihre Studien; er ſah aber auch, wie ihre Wangen erbleichten, das Feuer ihrer Augen matter ward, und der Frohſinn und die Un⸗ befangenheit ihres ſonſtigen Weſens täglich mehr dahin ſchwanden. Wie oft bat er ſpät in der Nacht mit Thrä⸗ nen in den Augen, ſie möge ſich jetzt endlich Ruhe gönnen, endlich die Feder fortlegen, und das Buch, aus dem ſie lernte und las, ſchließen; aber ſie blieb taub gegen ſeine Bitten, und ſein Schmerz bewegte ſie nicht mehr. Habe ich nicht geſchworen ſo zu werden, daß Niemand über meine geringe Bildung lachen kann, ſagte ſie, habe ich nicht gelobt, nicht eher wieder unter Menſchen zu erſcheinen, als bis ich nicht mehr fürchten darf verlacht und verſpottet zu werden? Dann wandte ſie ſich wieder ihren Büchern zu, und hörte nicht die ſchmerzvollen Seufzer ihres armen, traurigen Gatten.— Nach und nach zog ſie ſich gänzlich auf ihr Zimmer zurück, dort war ſie entweder mit ihren Ar⸗ beiten beſchäftigt, oder ſie ging hinüber zu der Ma⸗ dame Jelſa, zu der ſie täglich mehr Zutrauen und Liebe empfand, und die, ihre unausgeſprochene 201 Bitte ahnend, ihr angeboten hatte, ſie in dem zu unterweiſen und anzuleiten, wie man ſich als vor⸗ nehme Dame zu benehnen habe, wie man ſtehen, gehen, was man ſprechen und was verſchweigen müſſe. Zuweilen auch ſagte ſie ihr, wie eine ſchöne Dame blicken, wie ſie lächeln müſſe, um zu feſſeln und anzuziehen; dann aber erröthete Minna tief, und ſagte faſt unwillig: Sie vergeſſen, gnädige Frau, daß ich verheirathet bin, und daß alſo ſolche Künſte ſich nicht für mich ziemen. Madame Jelſa aber pflegte dann mit einem feinen Lächeln zu ſa⸗ gen: nous verrons! Auch heute war ſie zu ihrer Freundin hinüber gegangen in aller Morgenfrühe; ſie hatte nicht ein⸗ mal darauf gewartet, daß Otto, wie er zu thun pflegte, auf ihr Zimmer gekommen war, ihr den Mor⸗ gengruß zu bringen. Otto fand daher ihr Zimmer leer; er blickte umher in demſelben mit einem wehmuths⸗ vollen, troſtloſen Blick, dann ging er wieder hin⸗ aus und leiſe an Mutter Anna's Zimmer vorbei, denn er wagte nicht, ſich ihr jetzt zu zeigen mit ſei⸗ ner Trauer und ſeinem Schmerz. Er ging wieder hinab in die Werkſtatt, und ſetzte ſich zur Arbeit. Ach, auch dieſe vermochte ihn nicht mehr zu tröſten und aufzuheitern, auch dieſe ſprach nur zu ihm von vergangenen Freuden und abgeſtorbenen Blüthen. Einſt war es ſo heiter und fröhlich in dieſer Werkſtatt. Da tönte von oben hernieder ihr lieb⸗ liches, fröhliches Singen, gleich Lerchengeſang ſo 202 jugendvoll und friſch, da öffnete ſich oft plötzlich die Thür, und die Geliebte hüpfte herein mit roſigen Wangen und lächelndem Munde, und ſie hockte zu ihm nieder und ſah ihm zu bei der Arbeit, und er⸗ zählte und plauderte ſo hold und ſo lieb, und wußte ſo herzige Geſchichtchen zu erzählen und lachte da⸗ bei ſo melodiſch und lieblich, daß es unwiderſtehlich zum Mitlachen reizte, und Geſellen und Lehrburſchen, aller Achtung vor der Frau Meiſterin zum Trotz, doch einſtimmen mußten in dieſes köſtliche Lachen. Dann pflegte Minna, nach ſo köſtlichem Conzert den Geſellen freundlich zuzunicken, und Dieſen und Jenen, den ſie kannte, nach ſeinem Ergehen zu fra⸗ gen, nach ſeiner alten Mutter, die er ernährte, oder nach dem kleinen Brüderchen, das er in ſeinen Frei⸗ ſtunden unterrichtete. Und wenn ſie dann Otto liebe⸗ voll und mit einem himmliſchen Ausdruck ihrer Augen zugenickt hatte und die Werkſtatt wieder ver⸗ ließ, ſo ſtand auf allen Geſichtern ein heiteres, glück⸗ liches Lächeln, ein Ausdruck von Glück und Ver⸗ gnügen, und es war, als ſei die Sonne ſelber ge⸗ kommen, dieſe ruhigen, gleichgültigen Geſichter zu erwärmen und ſie zu erquicken mit einem belebenden Strahl der Liebe und Freude. Das Alles war einſt geweſen, vor wenigen noch, ach, und wie anders war Alles eute. Kein fröhliches Lachen, kein herziges Plaudern ertönte mehr in der ſtillen, öden Werkſtatt; ſchwei⸗ gend und trübe ſaßen die Geſellen bei ihrer Arbeit, 203 nur zuweilen theilnahmsvolle und mitleidige Blicke nach Otto werfend, der vor der Maſchine ſaß, ge⸗ dankenvoll und ſtumm, und die Hände müßig im Schooße ruhend, der Arbeit ſelbſt vergeſſen hatte. Die Sonne aber ſchien ſo hell und freundlich hin⸗ ein in die Werkſtatt, und als Otto nun daran dachte, daß ſie auch heute vor einem Jahr eben ſo freund⸗ lich und hell geſchienen, heute vor einem Jahr, als er Minna, ach ſeine nur zu heiß geliebte Minna, zum erſten Male ſah, als er dies dachte, da war es ihm, als ſchnüre eine fremde, ungeheure Gewalt ihm die Bruſt zuſammen, als müſſe er erſticken vor Wehmuth und Schmerz. Er ſprang haſtig auf und verließ die Werkſtatt. Fort, fort, hinaus in's Freie drängte es ihn, an die Luft, hinaus, in die Stille und den Frieden der Natur. Er wollte einmal einſam ſein, und in der Stille den heimlichen, oft verſchwiegenen Klagen und Trauerklängen ſeiner Seele lauſchen und ſich ihnen hingeben. Ach, aber dem Einſamkeit und Stille Suchenden wird es in Berlin ſehr ſchwer zu finden, was er ſucht. Diefe langen Straßen, die Otto zu durchwan⸗ dern hatte, ehe denn er zum Thor kam, dieſer Staub, der ihm den Athem benahm, dies Gewühl von Menſchen, die hinaus ſtrömten zum Thiergarten, den ſchönen Herbſttag zu genießen und abzuſpazieren. Endlich ſtand er am Brandenburger Thor, ganz erſchöpft ſchon, und vor ihm lag der Thier⸗ 204 garten, und überall in den Laubgängen wimmelte es von Spaziergängern, von geputzten Damen, co⸗ quettirenden Herren und jauchzenden, ſchreienden Kindern, überall Leben und Bewegung, nirgends Einſamkeit und Stille. Er ſetzte ſich in einen von den Wagen, die dort am Thore hielten, und ließ ſich nach Char⸗ lottenburg fahren bis zum königlichen Garten. Da hinein ging er nun, dort endlich fand er Stille und Ruhe, dort begegnete ihm ſelten ein einſamer Wan⸗ derer, Alles war wie ausgeſtorben und öde. Und immer tiefer und tiefer ging er hinein in das Dickicht des Buſchwerks, und ſeine Bruſt hob ſich, wie befreit von einer drückenden Laſt; er war jetzt endlich allein, jetzt endlich einſam. Er durfte jetzt endlich klagen um ſein verlornes Glück, trauern um die verſchwundenen Sonnentage ſeines Lebens. Und das that er auch. Er ſtand am Ufer der Spree und blickte hinunter in das Waſſer, und die mur⸗ melnden Wellen ſchienen ihm leiſe Klagelieder zu ſingen und er ſagte: ja ſingt nur und klagt nur mit mir, ihr Wellen! Habt nur Mitleid mit mir Armen und Verlaſſenen und tröſtet mich nur! Warum ſollten nicht Klagelieder eben ſo gute Wiegenlieder ſein, die uns einlullten zu Frieden und Schlaf?— Dann ging er zum Mauſoleum, wo die edle Königin unter beſchattenden Trauerweiden ausruht in tiefer Gruft von allen Wonnen und allen Leiden der Welt, und wo ſie harrte, bis der nimmer ihrer vergeſſende Gemahl kam, an ihrer Seite zu ruhen 205 in kalter, unterirdiſcher Gruft, während oben über den Särgen die edle Geſtalt der königlichen Frau aus dem Grabe die ſteinerne marmorne Auferſtehung hielt, und in durchſichtiger Schöne lächelnd zu ſchien auf dem weißen Marmor⸗ ette. Otto ſetzte ſich nieder auf den Stufen des Mau⸗ ſoleums und wie der Wind leiſe durch die Trauer⸗ weiden fuhr und ſie ſich flüſternd und ſeufzend be⸗ wegten, da ward es ihm unendlich wohl in über⸗ fließender Wemuth, und er legte ſein Haupt auf die kalten ſteinernen Stufen und weinte laut, und dachte: ach könnte ich doch ſterben zu dieſer Stunde, aber ſterben an ihrem Herzen, in ihren Armen! Ach könnte ich doch ſterben; vielleicht daß ſie dann in meiner Todesſtunde um mich weinte, daß ſie ſich meines Kummers erbarmte; ach es müßte ſo ſchön ſein zu ſterben, ſanft bethaut von ihren Thränen, ſterben mit dem Bewußtſein, von ihr ge⸗ liebt zu werden, mindeſtens im Tode doch von ihr geliebt zu werden!— Und wie die Bäume fort und fort rauſchten und flüſterten, war es ihm, als ſterbe er jetzt wirk⸗ lich und aus den flüſternden Bäumen meinte er Minna's Stimme heraus zu hören, Minna's Stimme, die ihm den Abſchiedsgruß rief. Aus ſolchen Träumen und Phantaſieen weckten ihn lautes Gelächter und nahende Menſchenſtimmen; er richtete ſich eilig auf, und floh von dannen, und ſuchte wieder die tiefſten, einſamſten Gänge, und 206 ſank endlich nieder auf die Bank neben dem kleinen, von hohem Laubwerk umgebenen Teiche. Wie war es hier ſo unendlich lieblich und lau⸗ ſchig. Der Herbſt hatte das Laub der Bäume ge⸗ färbt mit den verſchiedenſten Farben und Tinten, und wie ein großer Kranz lagerte es um die klaren Waſſer des Teichs, aus dem hie und da nur ein Fiſchchen ſchnappend das Köpfchen hervorſteckte, oder ein Froſch ſein melancholiſches eintöniges Quaken vernehmen ließ, während zwei ſtolze Schwäne im langſamen majeſtätiſchen Lauf daher gezogen kamen, und hinter ſich durch das Waſſer einen langen Sil⸗ berſtreif zogen. Allmälig leuchteten glühendere Lichter durch die Bäume, die Sonne kam höher geſtiegen und machte das Waſſer des Teichs erglänzen und verklärte das Herbſtlaub der Bäume, in denen der Wind rauſchte und ſang. Und auch da drinnen in Otto's Bruſt war es lichter und heller. Er gedachte Minna's mit unendlicher Sehnſucht und Liebe, denn Liebe iſt ſo voll himmliſchen Glaubens, voll ſeliger Hoffnung, und leiſe flüſterte er: o wärſt Du jetzt bei mir, meine Geliebte, bei mir an dieſem ſtillen, friedlichen Platze, o ich weiß, Du würdeſt dieſem lieblichen Naturfrieden, dieſer holden Ruhe nicht widerſtehen. O ich weiß, Du würdeſt Dein Haupt an meine Bruſt legen, und würdeſt fühlen, daß es doch auf Erden kein anderes Glück giebt, als durch die Liebe, und daß Niemand auf Erden Dich ſo liebt, als ich. O WMinna, meine Geliebte, warum biſt Du nicht 207 bei mir, warum kann ich Dich nicht hier, hier im Angeſicht Gottes und der Natur in meine Arme drücken, und Dir Alles ſagen, was mich bewegt und betrübt, und Dir ſagen, wie ich Dich liebe, und ohne Dich, ohne den Segen Deiner Gegen⸗ liebe nicht beſtehen kann!— Ich will zu ihr, ſagte er plötzlich aufſpringend, und die Arme ausbreitend, als ſei er ſchon neben ihr, als wolle er ſie um⸗ fangen. Ja, ich will zu ihr! Offen und frei will ich zu ihr reden; ich weiß, ſie wird mich hören, ſie wird mich verſtehen!— 3 Haſtigen Schrittes verließ er nun den Garten, nd beſtieg den Wagen, um nach Berlin zurück zu ahren.— Minna war ſo eben von der Gräfin zurückge⸗ kehrt, und ſaß erſchöpft von allem Lernen und Auf⸗ merken in ihrem Zimmer, als die Thür ſich öffnete und Otto hereintrat, mit glänzenden Augen und heiterm Angeſicht. In ſeiner Hand hielt er einen Blumenſtrauß, den reichte er Minna jetzt hin, und ſagte lächelnd: heute iſt ein Feſttag, meine Minna, und da weiß ich Dir nichts Schöneres zu bringen. als Blumen, die ſchönſten Blumen, die der Herbſt noch gedeihen läßt. Er legte die Blumen in ihren Schvoß, und küßte ihre Hände, Minna aber fragte befremdet: welch' ein Feſttag iſt denn heute? Heute, ſagte er ſich neben ſie ſetzend, heute iſt es ein Jahr, daß ich Dich, meine Minna zum erſten Male ſah. O das war ein ſchöner, ein köſtlicher Augenblick,— 208 und in meinem Herzen ward es plötzlich ſo lebendig und hell, und wie Du ſchüchtern und erröthend an mir vorüber gingſt, denn ich mochte Dich wohl in mei⸗ nem freudigen Schrecken zu auffallend und unver⸗ wandt betrachtet haben, wie Du ſo vorüber gingſt, da war es, als zöge es mich Dir nach mit un⸗ ſichtbarer Gewalt, und ich folgte Dir, und redete Dich an. Da ſahſt Du mich an mit einem einzigen Blick, ſo zürnend und ſtolz und doch ſo mädchenhaft zagend, daß ich erröthete vor meiner eigenen Kühn⸗ heit und nicht wagte, an Deiner Seite zu gehen. Siehſt Du, wie Du mich ſo anſchauteſt, da lag in dieſem Blick Deine ganze Seele, und da fühlte ich, daß ich Dich lieben würde, und einſam und un⸗ glücklich wie ich bisher geweſen, empfand ich, daß hinfort das Glück mir lächeln wolle, und daß ich Dich beſitzen müſſe. Denn die Liebe iſt ſtark und mächtig, und was ſie recht ernſtlich will, das führt ſie auch aus. Ich aber wollte Dich kennen, Dich ſehen, Dich hören, ich wollte Dich lieben dürfen, und weil ich es ſo recht von Herzen wollte, ſo ge⸗ lang es mir auch; ich ſah Dich oft, ſah Dich end⸗ lich täglich und weil ich fühlte, daß ich Dich ewig lieben würde, warb ich um Dich. Weißt Du noch den Tag? O wohl, ſagte Minna lächelnd und ſich an ihn ſchmiegend. Sie hatte ihm längſt ſchon mit glänzenden Augen und gerötheten Wangen zugehört, die Erinnerung war über ſie gekommen mit holdem Winken und Grüßen, und Minna war ihr wider⸗ 209 ſtandlos gefolgt in die vergangenen Tage. Sie war nun wieder das junge, liebende Weib, und die Träume des Ehrgeizes waren auf einen Augenblick mindeſtens vergeſſen. O wohl, k ſie, wohl weiß ich noch den Tag, als Du um mich warbeſt. Es war ein Montag, und ich kehrte zurück von einem Gange in die Stadt, da begegneteſt Du mir, und gingſt neben mir her, und wir waren Beide ganz ſtumm, bis wir an unſere Wohnung kamen; die Mutter war nicht zu Hauſe. Da kamſt Du mit in unſer Stübchen und da— Da ſagte ich Dir, unterbrach ſie Otto, daß ich Dich liebte mit einer Liebe, die ſo ſtark ſei, und ſo voll Vertrauen, daß ich Dir mein ganzes Le⸗ ben darbringen, daß ich kein Glück empfangen wolle, als aus Deinen Händen, und daß ich nur glücklich ſein könne, wenn Du die Meine würdeſt. O meine Minna, welch' ein Moment war dies, und wie fühlte ich mich plötzlich, wie durch einen Zau⸗ berſchlag, losgelöſt von der ganzen Vergangenheit, und einem neuen Leben hingegeben, als Du mir jetzt in die Arme ſankſt und mir erröthend Deine Liebe geſtandeſt. Ach Minna, Du liebteſt mich, Du warſt bereit, Hand in Hand mit mir durch das Le⸗ ben zu gehen, Kummer und Sorge, Freude und Luſt mit mir zu theilen. Du wollteſt mein Weib werden, wollteſt Dir genügen laſſen an dem beſcheidenen Glück, das ich Dir bieten konnte, wollteſt in Ver⸗ trauen und Liebe mich Deinem Herzen der Nächſte 14 210 ſein laſſen, o Minng, Theuerſte, Geliebteſte, laß mich Dir danken für das herrliche Glück jener Stunde! Minna's Augen waren längſt ſchon überfluthet von Thränen, und als Otto ſie jetzt ſtürmiſch an ſein Herz drückte, flüſterte ſie unter Schluchzen; ach Otto, ich fühle den Vorwurf wohl, der in Deinen Worten liegt, ich habe nicht gehalten, was ich Dir verſprach, ich bin— Mein Engel biſt Du, ſagte er, ihren Mund mit Küſſen ſchließend, mein einziges Glück, meine einzige Zuverſicht, und darum iſt auch der heutige Tag, an dem ich Dich zum erſten Male ſah, ein Freudentag. Und er ſoll es Dir immer bleiben, ſagte Minna mit glühenden Wangen und leuchtenden Augen, er ſoll es Dir immer bleiben. Ich will alle thörich⸗ ten und eitlen Freuden hinter mich werfen, alle Bü⸗ cher, und alle Studien, ich will nichts Anderes ſu⸗ chen als Dein Glück, und nach nichts Anderem ſtreben, als nach Deiner Liebe! Arm und unwiſſend, wie ich war, haſt Du mich dennoch an Dein Herz genommen, und haſt mich geliebt, trotz meiner Un⸗ wiſſenheit und Dummheit, ſo will ich denn nun auch nichts anderes ſein wollen, als Dein glückſe⸗ liges Weib! Sie warf ſich an ſeine Bruſt, und umſchlang ihn mit ihren Armen, und Otto weinte laut vor Freude und vor Glück. Da öffnete ſich die Thür und Mutter Anna trat herein. 211 Sie blieb anfangs verwundert auf der Schwelle ſtehen, und als die Beiden, die ihr Kommen ganz überhört hatten in der Fülle ihres Glückes, jetzt zu einander ſprachen, in Worten dankbarer Liebe und Zärtlichkeit da verklärte ein mildes Lächeln die Züge der alten Frau. Gott ſegne Euch, meine Kinder, ſagte ſie mit freudigem Ton, Gott erhalte Euch Eure Liebe und Euer Glück. Denn das Glück der Ehe iſt das ſchönſte und köſtlichſte Erdenglück, und die Liebe zweier Ehegatten iſt die keuſcheſte und heiligſte Em⸗ pfindung, und erhebt das Herz weit hinaus über die Erde! Sie iſt wie ein Schild, der da ſchützt gegen Unrecht und Sünde, ſie heiligt und erhebt das Gemüth und führt uns endlich zu Gott em⸗ por. O möge er Euch ſegnen immerdar, meine Kinder! Sie umarmte ſie innig, und als Minna ihr die Hand küſſen wollte, ſagte Mutter Anna lächelnd: nein, Du kluge und gelehrte Frau, das iſt viel zu demüthig, komm lieber an mein Herz, an das treue Herz Deiner Mutter! Glückſelige Stunden folgten nun, es war ein wirklicher Feſttag, und auf allen Geſichtern leuch⸗ tete Freude und Zufriedenheit. Man ſcherzte und lachte, und ſelbſt Mutter Anna verſchmähte es nicht, einzuſtimmen in das herzliche Gelächter ihrer Kinder.. Auch die Arbeiter und Geſellen ſollten Theil haben an dem häuslichen Feſttag, und ſo hatte Otto 14* 212 ihnen für den übrigen Theil des Tages die Arbeit erlaſſen, und ihnen Freiheit gegeben. Jeder war zufrieden, Jeder war glücklich, Otto's Antlitz ſtrahlte in Entzücken und Luſt, und er ſagte zu ſich ſelbſt: der trübe Regentag iſt vorüber gezogen, und nun wird die Sonne mir wieder ſcheinen, ewig und im— merdar!— So glücklich war er, daß er gar nicht bemerkte, wie Minna allgemach ſtiller ward und ſinniger, wie ihr heiteres Lachen verſtummte, und zuweilen, inmitten fröhlichen Geſpräches, ſchwere Seufzer ihren Buſen hoben. Ach ſie zürnte wohl heimlich mit ſich ſelbſt, und konnte es ſich doch nicht verhehlen, daß dieſe einfache Unterhaltung, dieſe harmloſen Erzählungen ihrer Mutter ihr nicht mehr genügten. Sie dachte an die Erzählungen und die Unterhaltungen des Herrn von Sendeck und bei ſeinem Namen flog eine dunkle Röthe über ihre Wangen hin. XVII. Bruder und Schweſter. Als Minna am andern Morgen erwachte, war ihr der geſtrige Abend wie ein Traum, wie ein Bild, deſſen Farben ſchon erloſchen und verblaßt. Sie erinnerte ſich ſchnell, daß ſie geſtern die Zeit nutzlos verſäumt, daß ſie nichts gelernt habe. Haſtig kleidete ſie ſich an, und als Otto kam, fand er ſie ſchon ſo ganz mit ihren Büchern beſchäftigt, daß er vergebens auf ein freundliches Wort, einen herzlichen Morgengruß harrte, und traurig wieder hinunterging in die Werkſtatt. Minna ſaß und lernte und las, da klopfte es an die Thür, und als dieſe ſich öffnete, und Victor herein trat, erhob ſich Minna raſch und ſchritt ihm mit freundlichem Lächeln entgegen. Sie legte ihre Hand in die ſeine, und begegnete ſeinen Blicken, und dann ſchienen ihre Augen wie gebannt von einem Zauber, ſo lange, ſo tief und forſchend, ſchauten ſie einander an. 214 Endlich, ſagte Minna leiſe, endlich ſind Sie wieder da! Drei Tage, drei ewig lange Tage mußte ich fern ſein, ſagte er mit einem ſo glühenden, verzeh⸗ renden Blick, daß Minna unwillkührlich die Augen ſenkte, und nicht wagte, ihn mehr anzuſehen.— Drei Tage mußte ich dieſer ſchönen und köſtlichen Stun⸗ den entbehren! Wiſſen Sie wohl, Minna, daß die Freundſchaft egoiſtiſch macht und kalt gegen alles Andere? Sehen Sie, als ich am Sarge meiner Schweſter ſtand, meiner einzigen Schweſter, da dachte ich nur an Sie, und in meinem Herzen dankte ich Gott, daß nicht Sie ſo vor mir lagen, daß es mir nicht aufbehalten war, Ihre ſchöne Geſtalt ſo ein⸗ geklemmt und lang geſtreckt in dem engen Sarge ſehen zu müſſen; ja ich dankte Gott, daß er mir die Schweſter, nicht die Freundin genommen. Ach Minna, und es war doch meine einzige Schweſter; ich hatte mit ihr die Tage meiner Kindheit getheilt und die unſchuldigen Spiele, ſie war die Vertraute meiner jugendlichen Hoffnungen und Träume, die Tröſterin meiner jugendlichen Schmerzen geweſen; ſie war auch meine einzige Anverwandte, die Einzige auf Erden, die meinen Namen trug; ich war mit ihrem Tode ganz verwaiſt, ganz einſam, und doch klagte ich nicht, ſondern dachte an Sie, und dankte Gott für Ihr Leben! 6 Sie ſollen nicht einſam ſein und verwaiſt, ſagte Minna hoch erröthend in tiefer innerer Bewegung, Sie ſollen nicht ſagen dürfen, daß Sie Niemand 215 mehr beſitzen, dem Sie vertrauen, auf den Sie bauen könnten. Ich will Ihre Schweſier ſein, Ihre treue, Sie ewig liebende Schweſter, mir ſollen Sie ver⸗ trauen, auf mich ſollen Sie bauen können, ja, von dieſer Stunde an bin ich ſchon Ihre Schweſter!— Sie, meine Schweſter? ſagte er mit einem ſelt⸗ ſamen Ausdruck, und wie er Ihre Hand ergriff und an ſeine Lippen drückte, verbarg er auch damit ein ſpöttiſches Lächeln, das um dieſe Lippen zuckte. Ja, fuhr er dann in begeiſtertem Tone fort, ja, ſo ſoll es ſein, und das war es vielleicht, was mich am Sarge meiner Schweſter ſo freudig durch⸗ ſchauerte, es war vielleicht die Ahnung, daß mir nur eine Schweſter geſtorben, um mir wieder gebo⸗ ren zu werden in Ihnen, Minna, in Ihnen! Oh nehmen Sie meinen Dank für dieſes herrliche Wort, was Sie geſprochen, nehmen Sie ihn auch für die Thräne, die jetzt in Ihren Augen glänzt, und dem ſchönſten, heiligſten Mitleid entſpringt, nehmen Sie ihn für das Zittern dieſer Hand, die jetzt in der meinen ruht, und die das Einzige iſt, was mich nun noch an das Leben bindet. Schweſter Minna, laß Dich von mir lieben mit treueſter Bruderliebe, und nenne mich nun auch Du, holdeſte, ſüßeſte Schweſter, mit dem Namen Bruder! Sieh, ich kniee hier zu Deinen Füßen, wie man vor Gott knieet, wenn man bittet um ſeinen Segen. Minna, meine Schweſter, ſegne mich mit dem Brudernameni Wie er zu ihr aufſchaute mit dieſem edlen, bleichen Angeſicht, mit dieſen großen, glühenden 216 Augen, da fühlte Minna ihr Herz wunderbar be⸗ wegt und befangen; ſie neigte ſich zitternd, einen Kuß auf ſeine Stirn zu drücken, und ſagte leiſe: mein Bruder! Meine Schweſter! rief er jubelnd, und hob ſchon die Arme, ſie zu umfaſſen. Dann ſchien er ſich zu beſinnen, er ließ die Arme ſinken, und küßte mit dem Ausdruck tieſſter Ehrfurcht ihr Gewand. Heilig ſollſt Du mir ſein, nun und immerdar, ſagte er dann, und Dein himmliſches Vertrauen ſolt nimmer von mir hintergangen werden. Mit dieſem Kuß, den Du auf meine Stirn gedrückt, haſt Du mich gefeiet und gewappnet gegen alle Stürme und Anfechtungen der Welt, und wenn ich Dich meine Schweſter nenne, ſo biſt Du doch meine Heilige, zu der ich nur beten, die ich niemals begehren kann. Das eben iſt das Herrliche, das Schöne, ſagte Minna mit glühenden Wangen und ſchwärmeriſchen Blicken, daß wir das Band, das uns mit einander verbindet, ſo offen und ohne Scheu der Welt zeigen können, daß wir die Augen nicht niederſchlagen, ſondern frei erheben dürfen vor der ganzen Menſch⸗ heit, vor der ganzen Welt, und daß kein unheiliger Gedanke einen Bund entweiht, deſſen Zeuge Gott war, und der nicht die Finſterniß, ſondern das Licht ſucht. Hand in Hand mit Dir, mein Bruder, kann ich meinem Gatten gegenüber treten; ich werde ihm ſagen: das iſt mein Bruder, den ich liebe, wie eine Schweſter, liebe auch Du ihn! 217 Victor ſchüttelte leiſe das Haupt und ſagte in melancholiſchem Ton: es giebt Dinge, die zu heilig ſind, als daß die Welt ſie verſtehen und in ihrer himmliſchen Schönheit begreifen könnte, Dinge, die nur erhaben ſind, ſo lange ſie nur von Zweien gewußt und erſchaut werden, und wo die Mitwiſſenſchaft und das Auge eines Dritten, wie der Mehlthau iſt, der die köſtlichſte Blüthe zerſtört und vernichtet. Nein, meine Minna, laß uns ihn Niemand verrathen, dieſen Bund der Seelen; wie man das Allerheiligſte im Hauſe des Herrn den Augen der profanen Menge entzieht und es einſchließt im geheiligten Schrein, ſo wollen wir in unſerer Bruſt verbergen dies Allerheiligſte unſeres Bundes, und nur Gott ſoll deſſen Zeuge ſein. Willſt Du mir das verſprechen? Willſt Du mir das verſprechen, daß Niemand, Niemand auf der Welt von unſerm Bunde erfahren ſoll? Ich verſpreche es Dir, ſagte ſie, ihm ihre Hand hinreichend, ich verſpreche es Dir, mein Bruder, ſelbſt mein Gatte nicht ſoll es erfahren, und wenn es ein Unrecht iſt, ein Geheimniß vor meinem Gatten zu haben, ſo wird Gott es mir verzeihen, denn er ſieht in unſre Herzen, und weiß, daß kein ſündiger Gedanke unſern reinen Seelenbund befleckt.— Später laſen ſie zuſammen; Victor hatte dazu Romeo und Julia gewählt, und nie war ſein Vor⸗ trag leidenſchaftlicher, nie ſeine Stimme verführeri⸗ ſcher und weicher geweſen, und nie hatte Minna mit ſolcher Gluth des Gefühls, mit ſolcher Innigkeit 218 und Wahrheit geleſen, als heute, wo dieſer Bund der Seelen geſchloſſen worden. Arme Minna! Sie war ſo vertrauensvoll und arglos, ſo unſchuldig und rein. Sie wußte nicht, daß Victor mit geübtem Ken⸗ nerblick jede Regung ihres Gefühls beobachtete und überwachte, daß er ſich genau ſein Benehmen vor⸗ ſchrieb, und daß er mit ihr alle Stadien der Em⸗ pfindung durcheilen und durchempfinden wollte, um endlich auf dieſem genußvollen und lohnenden Pfade zum Gipfel der Leidenſchaft zu gelangen, auf welchem ſie jauchzend und ſelig hinſinken und der ganzen Welt vergeſſen ſollte in ſeinen Armen. Sie war ihm nichts als ein armer Wurm, den er auf eine Nadel geſteckt, um durch das Mikroſcop alle ſeine Schönheiten zu ſchauen, jede Bewegung, jedes Zucken ſeines Lebens zu beobachten, und ſich ſeines Hinſterbens und ſeiner Qualen als eines Stu⸗ diums zu erfreuen, an ſeinen Todeszuckungen ſeine Kenntniſſe zu erweitern, und ſtolz darauf zu ſein, wenn alle ſeine Berechnungen richtig geweſen, und das Leben und die Qualen nicht länger gedauert und nicht früher erloſchen waren, als wie er es be⸗ rechnet hatte. Gleich jenen herz- und empfindungsloſen For⸗ ſchern und Aerzten, die der Schmerzen nicht achten, und der menſchlichen Pein, wenn es gilt, eine neue Forſchung zu machen, die die prüfende Sonde mit ruhigem Auge in die blutende Wunde ſenken, und 219 das ächzende Opfer fragen: ſchmerzt dies auch? gleich dieſen wollte er dieſer werdenden Krankheit im Gemüthe Minna's folgen, nicht um ſie zu heilen, ſondern um ſeine eigene Wiſſenſchaft von ſolcher Krankheit zu bereichern. Welch' eine köſtliche Unterhaltung iſt dies! ſagte Victor, als er heute Minna verlaſſen, und langſam unter den Linden auf- und abging. Wirklich, ich habe mich ſeit Jahren nicht ſo heiter und friſch ge⸗ fühlt, und mich ſo gut unterhalten. Es iſt wirklich ein herrliches Weib dieſe Minna, ſo ſchön und lieblich, ſo naturvoll und unſchuldig, oh, und ſo leicht zu durchſchauen, daß man jede Regung ihres Gefühls ſchon vorher berechnen und wiſſen kann. Sie hat alſo richtig dieſem Mährchen von einer ver⸗ ſtorbenen Schweſter geglaubt, und hat, wie ich be⸗ rechnete, in edler Aufwallung ſich des Vereinſamten und Verlaſſenen erbarmt. Das bringt mich dem Ziele um Vieles näher. Der Name Bruder wird ſie argloſer machen, und ihr bis jetzt ſo waches Gewiſſen, ihr reges Pflichtgefühl einſchläfern; dies Geheimniß vor ihrem Manne wird ſie dieſem mehr und mehr entfremden und ſie mir noch mehr zu Eigen geben. Und wenn ich ſie in meine Arme nehme und ſie Schweſter nenne, ſo wird ſie dem Bruder anfangs nicht wehren, ihr den keuſchen Kuß des Bruders zu geben, bis ihr eigenes Herz in Wallung geräth, und mit ſeinem ungeſtümen Pochen den Namen des Bruders übertäubt, und ſie das Wort: Geliebter! ſprechen lehrt. Gut denn, ich ſehe alſo noch ſchöne und genußvolle Wochen vor mir, und ich will ſie genießen, ſo wie der Geizige, der den vollen Becher köſtlichen Weins an die Lippen ſetzt, und ihn langſam und allgemach ausſchlürft, um ſeinen Genuß zu verlängern! VXIII. Sonntagsvergnügen. Noch ganz verloren in füße Erinnerungen an die köſtlichen Stunden, die ſie heute mit Victor ver⸗ lebt, an den geliebten Bruder, den ſie heute gewon⸗ nen, ſaß Minna in ihrem Zimmer, als Otto und Mutter Anna hereintraten, und Minna aus ihren ſeligen Träumen aufſchreckten. Als ſie ihre Mutter ſo wohlgeputzt und ver⸗ gnügten Angeſichtes erblickte, da erinnerte Minna ſich erſt, daß ſie geſtern verſprochen, heute mit den Ihri⸗ gen einem Volksſeſte in Pankow beizuwohnen, und dieſer Gedanke erfüllte ſie jetzt mit Schrecken und Grauſen. Nun, ſagte Mutter Anna fröhlich, biſt Du bereit, meine Tochter? Die Droſchke ſteht ſchon vor der Thür, und ich denke; wir wollen ſie nicht warten laſſen. Ach, ſagte Minna unmuthig, ich dächte doch, wir ließen dieſe abenteuerliche Fahrt. Ich habe 222 auch gar nicht geglaubt, daß es geſtern Euer Ernſt war mit dieſer Partie! Und warum nicht, Tochter? fragte Mutter Anna ſtreng, und ſchon zeigten ſich Falten des Unmuths auf ihrer Stirn, und ihre Augen blitzten höher auf. Und warum glaubteſt Du nicht, daß es Ernſt war? Nun, ich will es Dir ſagen, Mutter, weil es doch unmöglich ein Vergnügen gewähren kann, ſich ſo unter dem Pöbel umher zu treiben, und weil es überdies gar nicht paſſend iſt, Sonntags an einem öffentlichen Orte zu erſcheinen, wie mir Madame Jelſa noch geſtern geſagt hat. Sonntags bleibt jeder anſtändige Menſch gern daheim, denn dann begegnet man aller Orten dem niedrigſten Volk, das ſich einmal den Schmutz der Woche abgewaſchen, ſich geſäubert und angezogen hat. Und das iſt meine Tochter, die ſo ſpricht! rief Mutter Anna zitternd vor Zorn, das iſt mein Kind, das ich unter meinem Herzen getragen und mit meinem Blut ernährt habe, für die ich arbeitete und mich plagte! Sie verachtet das Volk, deſſen Kind ſie iſt, und will nicht hinaus auf die Gaſſe, um nicht Denen zu begegnen, die unter dem Schweiß ihres Angeſichtes gearbeitet haben ſechs Tage lang, und nun ausruhen von der Arbeit, und dankerfüllt ſind gegen Gott für dieſen Ruhetag. Und dieſes arme, geduldige, ſtets zufriedene Volk das nennt ſie den niedrigen Pöbel! Kind, Kind, gehe in Dich. Gedenke Deiner Eltern! Vor dem Volk, vor den Arbeitern da neige Dich in Demuth und küſſe die ———— 5 223 rauhe, harte Hand des Greiſes, denn die Arbeit hat dieſe Hand ſo rauh gemacht und ſo hart, die Laſt des Tages hat ſeinen Rücken gebeugt.— Da, da iſt meine Hand, ſchau ſie an, ſie iſt voller Schwie⸗ len und Narben, ſchau ſie an, und ſprich, ob Du es wagſt, Dich Deiner Mutter zu ſchämen, Deiner Mutter, die— Halt ein, Mutter Anna, unterbrach ſie Otto, der bis dahin bleich und tief erſchüttert da geſtanden hatte, halt ein, Mutter Anna, und laß uns in Frie⸗ den uns verſtändigen. Sicher haben wir Minna mißverſtanden, und ihre Worte ſchienen härter, als ſie es dachte! Minna ſchüttelte trotzig das Haupt. In der aufgeregten, leidenſchaftlichen Stimmung, in welcher ſie ſich heute befand, war ihr Herz weichern, ver⸗ ſöhnendern Empfindungen verſchloſſen, und ihre lei⸗ denſchaftliche Erregung machte 3 hart und grauſam. Auch erinnerte ſie ſich, wie oſt ihr Madame Jelſa den Vorwurf gemacht, ſie laſſe ſich thranniſiren von ihrer Mutter, und Minna dachte: ich will es nun uch 6 dulden, ſie ſoll ſehen, daß ich ſie nicht ürchte Als Otto ſie daher jetzt fragte: nicht wahr, Minna, es war nur ein Mißverſtändniß? erwiederte ſie ruhig und kalt; nein es war mein Ernſt, und ich bin überzeugt, daß ich Recht habe in dem, was ich ſagte. Ich verachte das Volk von Grund meiner Seele, es iſt ſo roh und thieriſch, ſo niedrig denkend und ungebildet! Da iſt kein Funken von Zartheit und Geiſt 3 in ihm, und nur auf die Befriedigung der nächſten, 224 4 thieriſchen Bedürfniſſe iſt ſein Sinnen und Denken gerichtet. In der täglichen Plage und Anſtrengung ihres Körpers, in dieſer phyſiſchen Arbeit geht ihr Geiſt unter und wird abgeſtumpft. Und darum iſt es ſo gemein und erniedrigend, von der Arbeit zu leben, von dieſer äußerlichen, körperlichen Arbeit, mit welcher der Geiſt nichts zu ſchaffen hat, die nur vielmehr den Geiſt zertritt und in den Staub er⸗ niedrigt, und darum ſollte man, wenn man gezwun⸗ gen iſt, die Arbeit als Exiſtenzmittel zu betrachten, dies mindeſtens nur als ein trauriges, unglückliches Geheimniß Jedermann verbergen. Otto hatte ihr ſchweigend zugehört, und der tiefſte Schmerz arbeitete und kämpfte in ſeinen Zü⸗ gen; jetzt entſtürzten Ströme von Thränen ſeinen Augen, und ohne ein Wort zu ſagen, Minna nur mit einem unausſprechlichen Blick voll Schmerz und Liebe anſehend, eilte er hinaus. Dieſer Blick aber hatte Minna's Herz getroffen, und das tiefſte Mitleid, die ſchmerzlichſte Reue be⸗ mächtigte ſich ihrer Bruſt. Sie wollte ihm nacheilen, ihn um Verzeihung bitten, Mutter Anna aber hielt ſie zurück. Mit glühenden Augen, bleich und zitternd ſtand ſie da vor ihrer Tochter, und den Arm drohend gegen ſie erhebend, ſagte ſie mit voller, mächtiger Stimme: Minna, Minna, Dein Stolz wird Bich in's Ver⸗ derben führen! Falle nieder auf Deine Knie und bete zu Gott, daß er Dir beiſtehen möge, denn Dein Unter⸗ 225 gang iſt vor der Thür. Bete, bete, damit Dir ver⸗ ziehen werde, daß Du Vater und Mutter verachteſt, Deine Mutter verachteſt, die Dich groß gezogen hat mit der Arbeit ihrer Hände, mit der heiligen, von Gott geweihten Arbeit! Minna hörte kaum die Worte ihrer Mutter, ſie dachte nur an Otto, es ſchmerzte ſie unendlich, dieſen gekränkt und betrübt zu haben, und froh war ſie, als ihre Mutter jetzt das Zimmer verließ und in ihrem Gemach ſich einſchloß. Eiligſt lief Minng die Stiegen hinab zur Werkſtatt. Ihr Herz voll Liebe und Zärtlichkeit, öffnete ſie die Thür. Da ſaß Otto anſcheinend ruhig ſchon wieder bei der Arbeit, und ſuchte alle künſtlichen kleinen Gelenke einer Maſchine in einander zu fügen. Er ſchien ſo vertieft, daß er ihr Eintreten gar nicht gehört hatte, und emſig weiter arbeitete. Minna ſtand noch immer in der offenen Thür, und wie ſie ihn ſo ruhig beſchäftigt ſah, dachte ſie: wie thöricht war ich, mir Vorwürfe zu machen, und zu glauben, er habe mich ſo ſchnell verlaſſen, weil ihn der Schmerz übermannte. Er hat ſich alſo bei dem, was ich über die Arbeit ſagte, nur erinnert, daß ſeine Arbeit noch nicht vollendet war, und des⸗ halb iſt er ſo eilig hinunter gegangen in die Werk⸗ ſtatt. Wie eitel war ich, zu glauben, daß meine Worte ihm Schmerz verurſacht. Oh die Arbeit iſt ſeine eigentliche Geliebte, und ſo lange er dieſe hat, macht nichts ihm Kummer! 15 226 Leiſe auf den Zehen ſchlich ſie wieder von dannen, ohne von Otto bemerkt zu werden. Er arbeitete raſtlos weiter, aber Thräne nach Thräne fiel hernieder auf ſeine thätigen Hände, und uweilen drang es wie krampfhaftes Schluchzen aus jant Bruſt he Und dann überwältigte ihn der Schmerz, er ſank kraftlos zuſammen neben der Maſchine, und rief mit herzzerreißendem Ton: oh mein Gott, ſie liebt mich nicht mehr! Sie verachtet mich um meiner Arbeit willen. Oh mein Gott, ich werde meine Minna verlieren! Und ſie, ach ſie wird ſich ſelber verlieren! XIX. Der Heirathsantrag. So iſt dies Ihr letztes Wort? fragte Bona⸗ ventura mit verhaltenem Zorn. 3 Mein letztes Wort, ſagte Herr Blitz ruhig. Sie wollen mir alſo nicht die Hand Bhrer Schweſter geben? Sie wollen nicht einwilligen, daß ſie die Meine wird, obwohl ich Ihnen ſage, daß ſie mich liebt, daß ſie geſchworen, nimmer einem Andern, als mir, ihre Hand zu reichen? Bah, Mädchenſchwüre! rief Herr Blitz verächt⸗ lich, ich muß Ihnen fagen, daß ich ſolche Schwüre höchſt lächerlich und abgeſchmackt finde, und niemals daran glaube. Ein Mädchen weiß niemals, was ſie will, und was ſie heute begehrt, das läßt ſie morgen verachtend fallen. Ach glauben Sie doch nicht an die Schwüre eines Mädchens! Ich glaube daran, rief Bonaventura leiden⸗ ſchaftlich, ja, ich glaube an Sophiens Liebe, ich weiß, daß ſie mir treu ſein wird bis in den Tod, daß ſie 228 bereit iſt, Alles mit mir zu theilen, Alles mit mir zu tragen, daß ſie mich liebt mit ewiger, unvergäng licher Liebe! Das klingt Alles recht ſchön, unterbrach ihn Herr Blitz, und ich rathe Ihnen, machen Sie ein Gedicht daraus, das wird ganz prächtig ſein, und ich werde es Sophieen an ihrem Verlobungstage mit dem Grafen von Galpecht auf Atlas gedruckt über⸗ reichen. Ihre Frau wird ſie aber nun und nimmer⸗ mehr! Wie, mein Herr, denken Sie wirklich, ich ſei ſo thöricht, meine einzige Schweſter einem jungen Manne zu geben, der nichts bedeutet, nichts hat, nichts iſt? Mein Herr, rief Bonaventura außer ſich, er⸗ röthend vor Zorn, mein Herr, ich nenne mich Bona⸗ ventura von Ottersheim. Nunn ja, auf Ihren Gedichten nennen Sie ſich Bonaventura von Sttersheim, aber eigentlich heißen Sie Fritz Wendt, das weiß ich recht gut, und wenn ich es Niemand ſage und vor der Welt Sie mit dem ſchönen, adeligen Namen nenne, ſo geſchieht dies nur, weil mir daran liegt, daß man ſieht, wie ich mit Leuten von Stand und Adel umgehe und ſpreche. Deshalb nenne ich Sie Herr von Ottersheim und werde Sie auch ferner ſo nennen, denn ich hoffe, daß dieſe kleine Zwiſtigkeit unſer freundſchaftliches Verhältniß nicht ſtören werde, und daß Sie nach wie vor meinen Salon beſuchen werden. Herr Blitz, ſagte Bonaventura faſt flehend, geben Sie mir die Hand Ihrer Schweſter! — „ 229 Und hätten Sie die Schätze der ganzen Welt, Sie bekämen doch nicht meine Schweſter zur Frau, denn es iſt mir nicht um Reichthum und Gold zu thun, ſondern um einen vornehmen Namen; ich will ſagen können, mein Schwager, der Graf, meine Schweſter, die Gräfin, und iſt der Graf ſo arm, wie eine Kirchenmaus, ſo gilt mir das gleich. Ich habe genug Geld mit ihm zu theilen. Sie aber ſind kein Graf, Sie heißen Fritz Wendt, folglich können Sie nicht der Mann meiner Schweſter werden. Sie ſind ein Unmenſch, ein Barbar! rief Bona⸗ ventura zornig. Um Ihrer elenden Eitelkeit willen wollen Sie zwei Herzen trennen, die ſich lieben, wollen die eigene Schweſter dieſem niedrigen Egois⸗ mus opfern. Aber ich ſage Ihnen, hüten Sie ſich vor mir; noch giebt es keine Geſetze, welche die Schweſter dem Bruder unterordnen; Sie haben nicht die Gewalt eines Vaters oder Vormunds über ſie! Frei darf ſie wählen, wen ſie will, und ungehindert kann ſie dieſes Haus verlaſſen und mir folgen, Ihnen zum Trotz. Nehmen Sie ſich alſo in Acht. Treiben Sie mich nicht auf's Aeußerſte! Sie liebt mich, und wenn ich ſie rufe, mir zu folgen, wird ſie dem Rufe der Liebe nicht widerſtehen. Rufen Sie nur, ſchreien Sie nur, ſagte Herr Blitz lachend, ſie wird Ihnen doch nicht folgen, denn ich habe ſie eingeſchloſſen und der Schlüſſel ſteckt hier in meiner Taſche. Nun, ſo mögen Sie es denn haben, rief Bona⸗ ventura, zitternd vor Zorn, ich ſchwöre Ihnen, 230 Sophie wird dennoch mein Weib, und müßte ich Ihr Haus anzünden, um Sie aus den Flammen mir zu entführen! . Zünden Sie es immerhin an, ſagte Herr Blitz gelaſſen, ich bin verſichert! Bonaventura ſah ihn verächtlich an, und ſtürzte von dannen. Wie ein Raſender eilte er in ſeine Wohnung, dort warf er ſich aufgelöſt in Schmerz und Wuth auf den Divan, auf Mittel ſinnend, wie er Sophie ſich erobern und die Seine nennen könne. Denn nun, da ſich ſeinem Wunſche Hinderniſſe in den Weg ſtellten, ſchien ihm Sophie das einzig begehrens⸗ werthe Glück der Erde, und fühlte er für ſie die heißeſte, leidenſchaftlichſte Liebe. Es gab in dem Ge⸗ müthe Bonaventura's zwei Gewalten, die ſein ganzes Daſein beherrſchten: Eitelkeit und Stolz. Aus dieſen beiden Gewalten entſprangen alle ſeine übrigen Eigen⸗ ſchaften, ſeine Fehler und ſeine Vorzüge. Die Eitel⸗ keit war es, die ihn getrieben, die niedrige Sphäre, in der er aufgewachſen, zu verlaſſen, und nach Höherem zu ſtreben, und der Stolz feuerte ihn dann an, auf dem einmal betretenen neuen Pfade muthig weiter zu ſchreiten, ohne der Beſchwerden zu achten, ohne über die Mühe zu klagen. Unter den härteſten Entbehrungen jeglicher Art hatte er Jahre verbracht, in angeſtrengtem Studium, hungernd oft und durſtend, die Nächte für niedrigen Lohn langweilige Abſchriften machend, Tags Kinder im Schreiben unterrichtend. Den Erlös ſeiner Mühe und Arbeit hatte er —— ——— 231 dann dazu verwandt, die Unterrichtsſtunden zu be⸗ zahlen, die er ſelbſt bei den erſten und ausgezeichneteſten Lehrern nahm; es gab Tage, wo er nichts hatte, ſein Leben zu friſten, als ein Stückchen trockenes Brot, ein Glas Waſſer; er aß dies aber mit dem friſchen Muth eines Weiſen, ohne zu klagen, oder zu murren; er entbehrte und duldete, er gab ſein mühſam erworbenes Geld hin für theuren Unterricht, aber nicht aus Liebe zu den Wiſſenſchaften, nicht um dieſem innern Drange nach Kenntniſſen und Erkennt⸗ niß zu genügen, ſondern aus Stolz, um der höhern Geſellſchaft angehören zu können, aus Eitelkeit, um in dieſer höhern Geſellſchaft glänzen zu können. So hatte er erreicht, was er wollte; wenige Jahre hatten genügt, um ſeinem Geiſte eine der Welt genügende, wenn auch oberflächliche Bildung zu geben, und ihn der höhern Kreiſe der Geſellſchaft würdig zu machen. Was bei Minna Ehrgeiz, war bei ibrem Bruder Eitelkeit; einer ſeltſamen Laune des Schickſals zu⸗ folge ſtrebten beide Kinder der Frau, der das Volk und die Arbeit das Heiligſte und Ehrwürdigſte ſchien, ſtrebten dieſe beiden, in Niedrigkeit und Armuth ge⸗ bornen Kinder, nach dem eitlen Glanz der Weit, und dem nichtigen Tand der Geſellſchaft ſchien es Beiden das allein wünſchenswerthe Ziel, in dieſer Geſellſchaft eine bedeutende Stelle einzunehmen. Und in dieſem Streben ward Bonaventura durch ein ihm wirklich inne wohnendes poetiſches Talent unterſtützt, durch einen ſcharfen Verſtand, der, wenn er nicht um⸗ nebelt ward von Eitelkeit, ihm ſtets das Rechte zeigte. 6 232 Er fühlte, daß es an der Zeit ſei, politiſche Gedichte zu machen, und er machte ſie, und ver⸗ ſchaffte ſich dadurch eine Art Ruf, wenn auch dieſer nur vorübergehend ſein mochte. Er wußte, daß in unſerer Zeit nichts ſo ſehr geſchätzt wird, als das Geld, und er gab ſich ge⸗ ſchickt das Anſehen bedeutenden Reichthums; weil man ihn aber nun für begütert hielt, würde ſein Stolz ihn ſtets gehindert haben, irgend Jemand ſeine oft drückenden Gelverlegenheiten zu zeigen, oder ihn ahnen zu laſſen, wie viel er entbehre. Wenn er aber hierin eine Ausnahme machte mit Otto, ſo geſchah dies, weil Otto ja ſeine Verhält⸗ niſſe kannte, ſein Stolz alſo dieſem gegenüber ſchweigen mußte, und weil Bonaventura in ſeiner Eitelkeit ſeinen Schwager ſo tief und niedrig unter ſich er⸗ blickte, daß es ihn gar nicht berühren konnte, von Otto Geld zu empfangen, ja daß es für dieſen immer nur eine Ehre war, Geld zu borgen; auch hatte Bonaventura kein eigentliches Ehrgefühl, ſondern nur Stolz, und wo dieſer ſchweigen mußte, trat leicht eine brutale Unempfindlichkeit gegen die zarteren Seiten der Ehre an deſſen Stelle, oder der Egoismus über⸗ täubte dieſe leiſen Regungen des Ehrgefühls.— So war es auch anfangs nur Egvismus ge⸗ weſen, der ihn getrieben, um Sophieens Liehe zu werben, um die Schweſter des reichen Herrn Blitz; als ſich aber ſeiner Werbung Hinderniſſe entgegen⸗ ſtellten, als ſein Stolz verletzt, ſeine Eitelkeit gekränkt ward, da ſteigerte ſich der Wunſch, Sophieen zu —. 233 beſitzen bei Bonaventura zum leidenſchaftlichſten Ver⸗ langen, und er fühlte nun für die ihm verſagte Schweſter des reichen Herrn Blitz die glühendſte, ver⸗ zehrendſte Liebe, eine Liebe, die ihn ſelbſt jedes eigen⸗ nützigen Wollens und Begehrens vergeſſen ließ, und nur nach dem Beſitz der Geliebten noch ſtrebte. Jt liebte er ſie wirklich ohne Nebengedanken, ohne Neben⸗ wünſche, jetzt wollte er ſie beſitzen, nur um ihrer ſelbſt willen, aber es war nicht Sophieens Liebreiz, nicht ihre Anmuth und Güte, nicht ihre eigene, heiße, hingebende Liebe zu ihm, die ſo alle egoiſtiſchen Pläne in ihm erſtickte und zum Schweigen brachte, ſondern es war der empörte Stolz, der ihn trieb, nach dem zu trachten, was ihm verſagt ward, und für ſich mit kühner Hand Die zu erobern, die man dem Grafen aufbewahren wollte. Wollen wir aber auch zu ſeiner Rechtfertigung nicht vergeſſen, daß er ſelber ſich des Urſprungs dieſer Liebe nicht bewußt war, und daß, als er ſich ſchwur, ſich Sophieens Beſitz zu verſchaffen um jeden Preis, er ſelber an ſeine leidenſchaftliche Liebe für Sophiee glaubte, und weder an die Zukunft, noch an ſeine eigene Armuth dachte. Ich will, ich muß ſie mein nennen! wieder⸗ holte er ſich nur immer und immer wieder, und als nun mehrere Tage vergangen waren, ohne daß er ſie geſehen, oder von ihr Kunde erhalten, denn auch Karl hatte der mißtrauiſche Herr Blitz den Eintritt zu Sophicen verwehrt, da ſann Bonaventura nur noch auf Mittel ſie zu ſehen, ſie zu ſprechen.— 234 Nun ſchlich er in der Dämmerung in das Haus, und zu ihrer Thür; Niemand bemerkte ihn; er aber kannte jede Thür in dieſem Hauſe wohl. Er wußte, daß dieſe Thüre da in ein Entreezimmer führte, durch das man in Sophieens Gemach kam. Schnell ging er an's Werk, und auf die Ge⸗ fahr hin von irgend einem Vorübergehenden für einen Dieb gehalten zu werden, verſuchte er an der ver⸗ ſchloſſenen Thür die mitgebrachten und von ihm ſo eben erſtandenen Dietriche, und o Freude, die Thür gab endlich nach, ſie flog auf, und geſtattete ihm den Eingang. Die zweite Thür war nur angelehnt. Es war Licht in ihrem Zimmer, war ſie allein, oder war ihr Bruder bei ihr? Er ſtand und horchte. Da hörte er hinter der entgegengeſetzten Thüre, die zu Herrn Blitz führte, dieſen ſprechen. Er war alſo nicht in Sophieen's Zimmer. Leiſe öffnete er die Thür und trat ein. Alles war ſtill hier, und von Niemand geſehen ſchlüpfte er hinter die langen, herabhängenden Fenſter⸗ gardinen. Endlich öffnete ſich wieder die Thür, und Sophie ſtürzte herein; ſie warf ſich nieder zur Erde und weinte und ſchluchzte laut. Dann hob ſie flehend ihre Arme gen Himmel, und rief: o mein Gott, mein Gott! Es iſt alſo keine Rettung mehr, keine! Ich bin verkauft an dieſen Wüſtling, an dieſen Elenden! Und worgen ſchon iſt der Tag, wo ich ihm meine Hand reichen ſoll, morgen ſchon ſoll ich die Seine werden, und ich kann Ihm keine Kunde geben, ich kann ihn nicht 235 einmal ſehen, ihn, meinen Geliebten, meinen Bona⸗ ventura! O mein Gott, warum kann ich nicht ſterben zu dieſer Stunde, ſterben, da ich ihm noch treu bin, da ich noch nicht entweiht bin von den Umarmungen dieſes entſetzlichen Menſchen! Sie bedeckte ihr Geſicht mit ihren Händen, und weinte und ſchluchzte laut. Da legte ſich ein Arm um ihre Geſtalt, und eine Stimme flüſterte in ihr Ohr: meine Geliebte!— Sie ſchauerte in ſich zuſammen wie vor einer Geiſtererſcheinung und einer Ohnmacht nahe vor Schreck und Ueberraſchung, ſchloß ſie die Augen. Als ſie ſie aber wieder aufſchlug, begegneten ihre forſchenden, irren Blicke denen ihres Geliebten, ihres Bonaventura. Er hielt ſie in ſeinen Armen, er drückte ſie an ſeine Bruſt, er bedeckte ſie mit glühenden Küſſen. Er war da, an ihrer Seite! Wie eine Er⸗ ſcheinung des Himmels, zu dem ſie eben noch um ihn gefleht, war er plötzlich zu ihr getreten, und in ihrer ſchwärmeriſchen Aufgeregtheit glaubte ſie ihn ſi wirklich vom Himmel zu ihrer Rettung ge⸗ andt. Sie klammerte ſich an ſeine Bruſt, ſie umſchlang ihn feſt mit ihren Armen und flehete nur; v erbarme Dich mein, o verlaß mich nicht, mein Geliebter! Sie wollen mich verkaufen und hinopfern für Gold und Titel. Ich aber kann nicht ohne Dich leben, nicht ohne Dich, der du das Leben meines Lebens biſt. Gehe nicht von mir, Bonaventura, ſie ſchleppen mich zum Altar, wenn Du nicht bei mir biſt, ſie 236 zwingen mich, dieſem entſetzlichen Grafen meine Hand zu geben! 6 drückte einen heißen Kuß auf ihre flehenden Lippen, und ſagte nur: Komm mit mir! Sie ſchreckte zuſammen und machte ſich ſanft los aus ſeinen Armen. Nein, ſagte ſie dann tief erröthend, nein, Bona⸗ ventura, wohin kann ich mit Dir gehen? Ich habe keine Heimath als dies Haus, und von hier kann ich nur meinem Gatten folgen. Du biſt mein, ſagte er faſt rauh, Du haſt mir geſchworen, mir treu zu ſein Dein Lebelang, willſt Du Deinen Schwur brechen und morgen mit einem Andern zum Altar treten? Nein, nein, ſagte ſie bebend und rathlos. So komm! wiederholte er, komm, folge Deinem Gatten, denn das bin ich, war ich von dem Augen⸗ blicke an, da Dein Herz mir gehörte. Und als ſie noch zagte und ſchwankte, zog er ſie in ſeine Arme und flüſterte in ihr Ohr ſüße, bezaubernde Worte der Liebe, hinreißende Worte des Flehens und des Entzückens. Sophie widerſtand nicht länger; ſie lehnte ſich willenlos in ſeine Arme und flüſterte mit vergehender Stimme ſo nimm mich mit Dir. Hin⸗ fort biſt Du auf Erden meine einzige Zuflucht, mein einziges Glück! Nimm mich denn hin, ich bin die Deine! Und Bonaventura ſank vor ihr nieder in unausſprechlichem Entzücken, ihre Füße zu küſſen und ihr Gewand, und ihr tauſend zärtliche Namen zu geben, und ihr auf's Neue wieder ſeine Liebe zu 237 ſchwören. Dann ſprang er auf, und ſagte dringend: ſo laß uns gehen! Nimm ſchnell das Nothwendigſte und komm! Sie raffte eiligſt einige Kleidungsſtücke und ihren Schmuckkaſten zuſammen; er hing ihr den Mantel um, dann löſchten ſie das Licht aus, und ſchlichen leiſe hinaus. Niemand bemerkte ſie und ungeſehen verließen ſie das Haus. In einem der abgelegenſten und am wenigſten beſuchten Theile der Stadt hatte Bonaventura vor⸗ ſorglich ein kleines freundliches Stübchen gemiethet. Dahin fuhr er jetzt mit der Geliebten, und als ſie angekommen waren in dieſem ſtillen und verſchwiegenen Zufluchtsort ihrer Liebe, und Sophie, um ſich ſchauend, nun erſt zum vollen Bewußtſein deſſen, was ſie ge⸗ than hatte, kam, als ſie ſich geſtehen mußte, daß dieſer enge Raum hinfort ihre einzige Heimath und der Geliebte ihre ganze Welt, da ſank ſie zitternd und erglühend in Bonaventura's Arme und flüſterte unter Thränen: wirſt Du mich auch immer lieben, wirſt Du mich niemals verachten, weil ich Dir heute gefolgt bin? Er ſank vor ihr nieder und umklammerte ihre Knie, und rief: Nimmer, nimmer kann meine Liebe zu Dir enden und erlöſchen, und von dieſer Stunde an biſt Du mein, mein Weib vor Gott und den Menſchen! Sophie glaubte ihm, denn ſie liebte ihn; ſie % ihn in ihre Arme und wehrte ſeinen Küſſen nicht.— 238 Die nächſten Tage verbrachten ſie in ſüßeſter Einſamkeit und Stille, und hingegeben einem Glück, das ihnen über allen Ausdruck erhaben und herrlich erſchien. Und war es nicht ein Glück, ſo die langen, herrlichen Stunden des Tages Eins neben dem Andern, ruhend Herz an Herz, hinzubringen, ſich holde Worte zuzuflüſtern und ſich allen jenen Thorheiten und Tändeleien der Liebe hinzugeben, die ſo kindiſch und doch ſo heilig ſind? War's nicht ein Glück, ſo Herz an Herzen Pläne zu entwerfen für die Zukunft, eine Zukunft ohne Trennung und ohne Entbehren? War's nicht auch ein Glück, ganz ſtumm neben einander zu ruhen, verloren in die ſüßeſten und herrlichſten Träume, ſich nur anzuſehen, ſich zuzulächeln, ſich mit ſtummer Lippe unendliche Dinge zu ſagen?— Liebende leben wie auf einer Inſel, und der Ocean trennt ſie von der Welt. Aber ach, wie lange, und über den Ocean herüber ſendet die Welt ihre Boten, und dieſe Boten ſprechen mit ſüß verlockender Stimme von den Freuden und Wonnen der Welt, und vor den Augen der Liebenden ſchwindet allgemach der trennende Ocean, und kaum ein kleiner murmelnder Bach bleibt übrig,— über den trägt ſie der leichte Kahn, und wenn ſie drüben ſind am Ufer der Welt, ſo ſinkt hinter ihnen die Inſel hinab in das Meer des Vergeſſens, und wenn ſie aus demſelben auch noch zuweilen hervor taucht und wie ein luftiges Traumbild am fernen Horizont erſcheint, ſo führt doch kein Nachen mehr zu ihr zurück.— Arme Sophie, wie lange wird Dir ein gütiges Geſchick geſtatten, auf dieſer Inſel 239 zu weilen und der Welt um Dich her zu vergeſſen? Hörſt Du nicht in der Ferne ſchon das Rufen und Jauchzen der Welt, hörſt Du nicht ſchon die ſüß verlockenden Stimmen, die Dich zurück rufen wollen? Siehſt du den Nachen nicht,— er ſtößt ſchon vom Lande ab, um über den Ocean Euch zurück zu füh⸗ ren zur Welt? Sie ſieht ihn nicht, denn ihr entzücktes Auge blickt nur zum Himmel und danket Gott. Bona⸗ ventura aber hat ihn geſehen, er hat alle die locken⸗ den Stimmen gehört, und ihr Flüſtern verſtanden. Der Traum iſt zu Ende Er weiß ſchon, daß er nicht auf einer Inſel lebt, ſondern inmitten der Melt. Du willſt mich verlaſſen, Geliebter? Ich muß, theuerſte Sophie! Ueber acht Tage ſind vergangen, ſeit wir hier ſind. Ich muß nun Se um zu ſehen, wie unſere Angelegenheiten ehen. O, ſagte ſie zärtlich, kann uns dies Alles nicht gleichgültig ſein? Iſt nicht dies kleine Gemach unſer Paradies? Was brauchen wir mehr als dies? Es iſt ſchön hier, weil Du hier biſt, ſagte er lachend, aber in der That, immer möchte ich nicht in dieſem kleinen Gefängniß bleiben. Ich ſehne mich hinaus. Und darum laß mich gehen, um zu er⸗ forſchen, ob wir nicht wenigſtens in meine andere Wohnung gehen können, und zu hören wie Dein Bruder die Sache aufgenommen hat. Und Bonaventura ging zu Herrn Blitz. Die⸗ ſer empfing ihn mit kalter Ruhe. Er war, als er 240 die Flucht Sophieens erfahren, außer ſich geweſen vor Zorn und Wuth. Er ſelbſt war nach Bona⸗ ventura's Wohnung gefahren, ſicher ſie dort zu fin⸗ den, und grenzenlos war ſeine Entrüſtung, als er dort keine Nachricht von ihr erhielt. Die Polizei zu ſeinem Beiſtand herbei zu rufen, daran hinderte ihn anfangs die geheime Hoffnung, ſie noch zu ent⸗ decken, und Bonaventura für eine bedeutende Geld⸗ ſumme zum Rücktritt zu bewegen. Er erzählte dem erſtaunten Galpech, daß ſeine Schweſter zu einer kranken Freundin gereiſt ſei, und in zwei Tagen zurückkehren würde. Als aber dieſe zwei Tage vergangen waren, ohne daß er Sophieens Aufenthalt erfahren, da ent⸗ ſchloß ſich Herr Blitz, nach langem Toben und Wü⸗ then wieder der Vernunft Gehör gebend, aus der Sache den möglichſten Vortheil zu ziehen. Unter dem Siegel der Verſchwiegenheit ver⸗ traute er ſeinem gehofften Schwager, dem Grafen Galpech, ſeine Schweſter ſei von einem jungen eng⸗ liſchen Lord, den ſie früher auf einer Reiſe kennen gelernt, und der ihr incbgnito nach Berlin gefolgt ſei, entführt worden. Er, Herr Blitz, habe durch⸗ aus dieſe Partie nicht zugeben wollen, einmal, weil er dem Grafen Galpech ja ſchon ſein Wort gegeben, und dann, weil er ſeine Schweſter zu ſehr liebe, um in eine ſo weite Entfernung willigen zu können. Denn der Lord habe ſie ſogleich nach ſeinen Gü⸗ tern in Schottland entführen wollen. Nun aber ————— 241 habe er ſie entführt, und in einem Briefe aus Ham⸗ burg, den er ſo eben erhalten, hätten ſie ihm Lebe⸗ wohl geſagt, im Begriff das Dampſfſchiff zu be⸗ ſteigen, um nach England zu gehen.— Natürlich wußte Graf Galpech dieſe ihm an⸗ vertraute Geſchichte möglichſt raſch zu verbreiten, und in den nächſten Tagen war die Flucht der ſchö⸗ nen Sophie mit dem ſteinreichen Lord der Gegen⸗ ſtand der Unterhaltung aller Cirkel und Coterien. Alle Bekannte des Herrn Blitz kamen, um ſich per⸗ ſönlich nach der Wahrheit dieſer Geſchichte zu er⸗ kundigen, ihm ihr Beileid und zugleich ihre Glück⸗ wünſche zu ſagen, und der reiche Lord Schwager ſchien Herrn Blitz wirklich in der Geſellſchaft eine Stufe höher zu heben. Das Alles erzählte Herr Blitz ſelbſt mit kurzen, ruhigen Worten an Bonaventura. Jetzt verlange ich von Ihnen, mein Herr Fritz Wendt, ſagte er dann ernſt und ſtreng, daß Sie das Ihrige dazu thun, daß man allgemein dieſer Geſchichte glaubt. Und wenn ich dies nicht thue? So iſt dies Ihr eigener Schade, ſagte Herr Blitz ruhig, denn alsdann laſſe ich Sie nicht aus dieſem Zimmer, ehe denn die Polizei da iſt, Sie als den Entführer meiner unmündigen Schweſter in Haft zu nehmen. Auch möchte, da Sie mit einem Nachſchlüſſel die Thüre öffneten, es nicht ſchwer ſein, glauben zu machen, Sie hätten mir gleich eine bedeutende S * 1 242 Ich hoffe, Sie ſehen ein, daß jede Halsſtarrigkeit Ihnen hier nur ſchaden könnte. Und wenn ich ſchweige? fragte Bonaventura mit einen lauernden Blick. Wenn Sie mir das ſtrengſte, unverbrüchlichſte Schweigen geloben, wenn Sie ſich nirgends mit Sophie zeigen, Niemand, auch ſelbſt Ihrer Schweſter nicht, ein einziges Wort von dieſer Geſchichte ver⸗ rathen, wenn ich darauf rechnen kann, daß das Ganze mit einem tiefen, undurchdringlichen Schleier bedeckt wird, ſo empfangen Sie nach Verlauf von vier Monaten, wohl verſtänden, wenn bis dahin auch nicht ein Wort dieſer abentheuerlichen Ge⸗ ſchichte verlautet, die Summe von fünfhundert Thalern. Das iſt wenig, ſehr wenig, ſagte Bonaventura verächtlich. O, Sie wollen handeln, rief Herr Blitz la⸗ chend, nun wohl, ich lege noch hundert Thaler zu, und gebe Ihnen ſechshundert. Und Sie willigen in unſete Verheirathung? Niemals, ſagte Herr Blitz entſchieden. Ja, Sie ſelbſt müſſen begreifen, daß dies unmöglich iſt. Wo und wie ſollte dieſe Trauung ſtatt finden? Sie bedürfen dazu Ihrer Papiere und Ihres Namens, Fritz Wendt, und auch Sophie desgleichen würde nicht allein meinen Namen nennen müſſen, ſondern auch meiner Einwilligung bedürfen, denn ſie iſt noch nicht majorenn und ich bin ihr natürlicher Vor⸗ mund. Sie ſehen, daß dies der nächſte Weg iſt, — 243 die ganze Geſchichte an's Tageslicht zu bringen, Sie begreifen alſo, daß ich meine Einwilligung nicht geben kann und werde, und da Sie, fuhr er la⸗ chend fort, nicht der reiche junge Lord ſind, um eine Entführung zur Trauung nach Gretna⸗Green mög⸗ lich zu machen, ſo denke ich, werden Sie dieſen tu⸗ gendhaften Wunſch nach und nach in ſich zu unter⸗ drücken ſuchen.— Nun, ſind Sie entſchloſſen? Willigen Sie in meinen Vorſchlag? Geloben Sie unverbrüchliches Schweigen, und wollen Sie dafür nach vier Monaten ſechshundert Thaler empfangen? Was aber gedenken Sie nach dieſer Zeit thun? Mein Gott, das wird ſich finden, wir werden uns dann ſchon weiter zu arrangiren wiſſen. Viel⸗ leicht ſind Ihnen dann ſchon die tugendhaften Hei⸗ rathspläne vergangen, und wir ſetzen die Comodie fort, laſſen zum Beiſpiel meine Schweſter als junge Wittwe zurück kehren mit einem ſehr ſchönen, vor⸗ nehmen Namen, und ſie macht dann wieder als junge Lady die Honneurs meines Hauſes. Vier Monate, das iſt eine lange Zeit für Sie, um ſich zu beſinnen und vernünftig zu werden, und um eine Leidenſchaft abzukühlen. Dann können wir die junge Lady noch einige Zeit auf Reiſen ſchicken, und in ungefähr einem halben Jahr kehrt ſie in tiefer Trauer als Wittwe heim. Ha, ha, ha! Der Ein⸗ fall iſt ſüperb Nun, Herr Bonaventura, haben Sie ſich entſchloſſen? Wollen Sie dies Papier hier unterzeichnen? Es enthält Ihrerſeits das Verſprechen 16* zu ſchweigen, meinerſeits das Verſprechen, Ihnen nach vier Monaten die genannte Summe zu zahlen. Sehen Sie, da ſteht mein Name ſchon, wollen Sie den Ihren daneben ſetzen? Bonaventura ſtand lange und ſchweigend da, dann trat er entſchloſſen näher,— und unterſchrieb. Aber indem er dann die Feder bei Seite warf, ſchleuderte er einen Blick edler Geringſchätzung auf Herrn Blitz. Sie ſind ein Seelenverkäufer ſagte er ſtolz, mit Ihrem unedlen Metall kaufen Sie ſich weiße Scla⸗ ven und verhandeln Seelen und Herzen. Nein ſagte Herr von Blitz lachend, die Herzen und Seelen ſind ja frei. warum laſſen ſie ſich kaufen! ſſſſſſſſſiſſ 12 13 14 18 16 1 8 9 10 11. 18