——— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cduard Ottmann in Giehen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet ——— W — wird. „ 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für nhentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 Mi.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mt.— f. „„— 5 5. Auswärtige Abonneiten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder vefecte Buch ein Theil eines größeren Wertes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders varauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 5 4 Se— S S2S — Album. Bibliothek deutſcher Griginalromane. Herausgegeben von J. L. Kober. Fünfzehnter Jahrgang. Zweiundzwanzigſter Band. Kaiſer Levpold der Zweite. 1. Prag, 1860.* Kober& Markgraf. (Früher: J. L. Kober) Ruiſer Lropold der Zweite und ſeine Zeit. Bisturizcher Buman von L. Mühlbach. Erſter Band. Prag, 1860. Kober& Markgwaf. Früher: J. L. Kober.) — — S S S — 8 8 S 655 S — S 8— E 6 S S — S ————— Inhult. Seite Erſtes Capitel. Fürſt Kaunitz 9 Zweites Capitel. Der Bericht über den enn Len. ol 23 Prittes Cnpitel. Fniſer geopold 54 Viertes Capitel. Kaiſer Levpold und ſein diebting S 92 Fünftes Capitel. Baron Thugut 4 123 Serhstes Cnpitel. Zukunftsplane 152 Siebentes Cnpitel. General Biſchofswerber 166 Achtes Capitel. Der Kutſcher von Europa 201 Erſtes Buch: Rniſer Leapold n. Fürſt Rmmitz. —— Erstes Capitel. Fürſt Kaunitz. Die große Pendule auf dem Marmorkamin im Arbeitszimmer des Fürſten Kaunitz begann ſo eben die elfte Stunde anzuſchlagen. Mit dem erſten Schlag der Glocke öffnete ſich da drüben die Thür des Puderkabinets und der Fürſt Kaunitz trat ernſten, majeſtätiſchen Schrit⸗ tes in das Arbeitszimmer ein. Die zwei Friſeure, welche zu beiden Seiten des Kabinets ſtehend, die Puderquaſten in Bewegung geſetzt, um der Perrücke des Fürſten die nö⸗ thige Quantität Puder zuzuführen, legten jetzt eiligſt ihre Quaſten bei Seite und traten in das Wohnzimmer ein, um dem Fürſten, der nahe der Schwelle ſtehen geblieben war, mit dem kleinen Fächer von Pfauenfedern den Pu⸗ der von den Aermeln ſeines ſchwarzen Sammetrockes fortzufücheln, während der Kammerdiener und Friſeur des Fürſten, Monſieur Hippolyte, zierlich auf den Fuß⸗ 5* 1860. XXII. Kaiſer Leopold der Zweite. I. 10 ſpitzen herein ſchlüpfte, um, wie die Unterfriſeure den Pu⸗ der von dem Kleide des Fürſten, ſo ihn aus dem Ge⸗ ſicht des hohen Herrn zu entfernen. Fürſt Wenzel Kaunitz ließ das Alles mit der ſteiner⸗ nen Ruhe und erhabenen Würde geſchehen, die er in ſei⸗ nem langen, thatenreichen Leben ſich angeeignet hatte und die ihn niemals verließ. Er neigte ſein ſtolzes Haupt dem Oberfriſeur entgegen und ließ von ſeinen Händen die Locken, die im wunderlichen Zickzack ſeine Stirn um⸗ gaben, emporheben, um den Puder tiefer in die Runzeln einzuſchieben und dieſe Schriftzeichen ſeiner achtzig Jahre damit auszufüllen. Er duldete es, daß Monſieur Hippo⸗ lyte ſich ſeiner Naſe näherte und aus den tiefen Linien derſelben mit ſeinem kleinen Quaſt von Schwandaunen den Puder entfernte. Aber in dieſem Moment flog doch ein leiſer Hauch der Bewegung, der Schimmer eines Empfindens über ſeine ſteinernen Züge hin, und ſein kaltes blaues Auge bewaffnete ſich einen Moment mit einem Blitz des Zor⸗ nes, der ohne Zweifel den armen Monſieur Hippolhte ganz zerſchmettert haben würde, wäre dieſer nicht gerade damit beſchäftigt geweſen, die Wangen des Fürſten leiſe aus dem Schminktöpfchen zu betupfen und ihnen einen Schimmer jugendlicher Röthe zu geben. „Sie erlauben ſich ſeit einiger Zeit Ungebührlich⸗ 11 keiten, Monſieur Hippolyte,“ ſagte der Fürſt langſam und mit kalter, eiſerner Ruhe.„Sie unterſtehen ſich meine Naſe mit Ihrem Finger zu berühren, wenn Sie den Puder beſeitigen. Haben Sie wohl Acht auf ſich, daß ein ſolches Attentat, die Folge der revolutionären Ideen, welche aus Frankreich herübergehen, niemals wieder vorkomme, denn ich würde Sie ſogleich aus mei⸗ nem Dienſt entlaſſen.“ „Verzeihung, Durchlaucht,“ ſtammelte Monſieur Hippolhte unterwürfig,„ich mußte mir erlauben, Ew. Durchlaucht erhabene Naſe zu berühren, um den Puder, der ſich in die ſcharfe Spalte ſeitwärts gelegt, zu ent⸗ fernen.“ „Scharfe Spalte?“ wiederholte Kaunitz mit erha⸗ bener Indignation;„ich habe niemals in meinem Ge⸗ ſicht dergleichen ſcharfe Spalten bemerkt, und Ihr Vor⸗ gänger, der andere Monſieur Hippolhte, der mir vierzig Jahre diente, hat ſich niemals unterſtanden, meine Naſe zu berühren, geſchweige denn von einer ſcharfen Spalte neben derſelben zu ſprechen. Ich wiederhole es Ihnen, nehmen Sie ſich wohl in Acht, daß ſolche Ungebührlich⸗ keiten nicht wieder vorfallen, denn alsdann hätte Ihre letzte Stunde geſchlagen und Sie könnten nach Frank⸗ reich zurückkehren, um, je nachdem es Ihnen beliebt, Ihr Haupt auf die Guillotine zu legen oder auch unter die 1* 12 Cannibalen zu gehen und eine rothe Jacobinermütze auf⸗ zuſetzen. Schweigen Sie und laſſen Sie mich morgen ſe⸗ hen, ob Sie noch der Beſſerung und der Reue fähig ſind.“ Monſieur Hippolyte wagte es nicht noch einmal ein Wort der Entſchuldigung zu ſtammeln; er machte ſeinem gepreßten, ſchmerzerfüllten Herzen nur durch einen Seufzer Luft, und indem er rückwärts gehend ſich der Thür des Puderkabinets näherte, in welches die beiden andern Friſeure ſchon längſt hinein geſchlüpft waren, hef⸗ teten ſeine Augen ſich mit einem melancholiſchen und flehenden Ausdruck auf den geſtrengen Fürſten hin. Aber Kaunitz nahm gar keine Notiz von dieſen Jammerblicken ſeines Oberfriſeurs, ſondern ſchaute ſtarr hinüber nach der großen Pendule, deren goldene Zeiger ſchon fünf Minuten nach elf Uhr andeuteten. In dieſem Moment, während Hippolhte eben durch die Thür des Puderkabinets verſchwand, öffnete ſich die gegenüber liegende Thür, und der erſte Kammerdiener trat mit dem ſilbernen Plateau ein, auf welchem ſich das Dejeuner des Fürſten befand. Kaunitz ſchritt gravitätiſch zu dem großen Seſſel hin, der neben dem in der Mitte des Zimmers befind⸗ lichen Marmortiſch aufgeſtellt war, und ließ ſich langſam und würdevoll in demſelben nieder, während der Kammer⸗ 13 diener geräuſchlos über den Teppich daher ſchwebte und das ſilberne Plateau mit dem goldenen Dejeuner auf den Marmortiſch ſtellte. Zetzt hob der Fürſt langſam und feierlich den Arm empor und deutete auf die Pendule hin.„Drei Minuten zu ſpät,“ ſagte er mit der erhabenen Ruhe des Don⸗ nergottes. „Ich bitte Ew. Durchlaucht um gnädige Verzei⸗ hung,“ flüſterte der Kammerdiener;„ich ſtand aber ſchon drei Minuten vor der Thür und wartete auf das Zufallen der Thür des Puderkabinets.“ Der Fürſt heftete einen ſtarren kalten Blick ſeiner großen blauen Augen auf den Kammerdiener, der jetzt damit beſchäftigt war, die goldene Taſſe des Fürſten mit Kaffee zu füllen. „Man wage es nicht, ſich zu entſchuldigen,“ ſagte er mit eiskalter Ruhe,„man gehorche, beſſere ſich und ſchweige.“ Nun geruhte er ſich vorwärts zu neigen, um einige große Stücke Zucker, ſo wie einige Tropfen Sahne in ſeinen Kaffee zu thun und dann, während der Kammer⸗ diener ſich ſteif und gerade hinter ſeinem Fauteuil auf⸗ ſtellte, langſam und ernſt ſein Frühſtück einzunehmen. Plötzlich ſetzte er die Taſſe nieder und bedeutete mit 14 einer gebieteriſchen Bewegung ſeines langen, ſchlanken Zeigefingers den Kammerdiener, vorzutreten. „Wer hat heute das Frühſtück gewogen?“— Kaunitz mit düſterer, erregter Stimme. „Durchlaucht, ich denke, der Haushofmeiſter hat es heute, wie alle Tage gethan.“ „Er denkt,“ ſagte Kaunitz mit wegwerfendem, ver⸗ ächtlichem Tone;„Er iſt ein Eſel, daß Er ſich unterſteht zu denken, während es blos einfach ſeine Pflicht iſt, zu gehorchen. Der Kaffee iſt zu ſtark, die Stücke Zucker ſind zu groß, es muß ein Verſehen vorgefallen ſein. Gehe Er alſo und frage Er, wer das Frühſtück abgewogen hat.“ Der Kammerdiener ſchlüpfte leiſe von dannen und der Fürſt fuhr langſam in dem Genuß ſeines Frühſtücks fort. Indeß nach einigen Minuten ſetzte er die Taſſe wieder hin, erhob ſich aus ſeinem Fauteuil und ging mit raſcherem Schritt als gewöhnlich nach dem großen Spie⸗ gel hin, der zwiſchen den Fenſtern an dem breiten Fen⸗ ſterpfeiler ſtand. Sein Haupt faſt an das Glas anlegend, ſchaute der Fürſt lange in den Spiegel hinein, und ſchien jeden Zug ſeines Angeſichtes, jede Runzel und Falte mit aufmerkſam prüfenden Blicken zu betrachten. „Es iſt wahr,“ ſagte er dann mit einem langen Seufzer,„ja, es iſt wahr, ich werde alt, ich fange an, ſcharfe Züge zu bekommen, und Hippolhte war zu ent⸗ 15 ſchuldigen. Oh, über die Erbärmlichkeit des Lebens! Selbſt an einen Kaunitz wagt ſich das Alter mit ſeinem zerſtörenden Finger heran und unterſteht ſich, Linien durch ſein Antlitz zu ziehen!“ Er ſchüttelte gravitätiſch ſein Haupt, daß die zacki⸗ gen Locken über ſeiner Stirn bebten und eine feine Staubwolke gleich einer Art Glorie ſein Haupt einen Moment umgab. Dann warf er einen letzten, unwilligen Blick in den Spiegel, wandte ſich langſam um und kehrte zu ſeinem Fauteuil zurück. Eben wie er ſich wieder in denſelben niedergelaſſen, that ſich die Thür auf und der Kammerdiener trat wie⸗ der herein. „Nun?“ fragte Kaunitz.„Was antwortet der Haushofmeiſter?“ „Durchlaucht, er verſichert, daß er den Kaffee ſo⸗ wohl als den Zucker ſelbſt abgewogen habe, und daß er keinem Menſchen dieſe heilige Pflicht überlaſſen würde. Doch geſteht er zu, daß beim Abwiegen ungefähr ſechs bis acht Kaffeebohnen über das Maß hinaus auf den Tiſch gefallen, und daß er dieſe alsdann höchſt unvorſich⸗ tiger Weiſe mit in die Kaffeemaſchine gethan.“ „Ich täuſchte mich alſo nicht,“ ſagte Kaunitz mit dem Ausdruck vollkommener Befriedigung.„Dieſe acht 16 Bohnen haben mir mein Frühſtück ungenießbar gemacht. Wie viel Grad heute?“ Der Kammerdiener ſchlüpfte auf den Fuß ſpitzen zu dem Thermometer hin, der außerhalb an dem einen der Fenſter angebracht war. „Durchlaucht, es ſind zehn Grad Wärme.“ „Nur zehn Grad, und wir ſchreiben heute den drei⸗ zehnten März,“ ſagte Kaunitz mit mißbilligendem Kopf⸗ ſchütteln.„Alſo vier Mäntel und den mittelgroßen Muff. Die Reitbahn ſoll genau ſiebenzehn Grad Wärme haben.“ Der Kammerdiener verneigte ſich ſchweigend, und da dieſer letzte Befehl über die Heizung der Reitbahn ſeit zwanzig Jahren jeden Vormittag das Stichwort ſei⸗ nes Abgangs geweſen, beeilte er ſich auch heute von dem⸗ ſelben Gebrauch zu machen, und näherte ſich rückwärts gehend der Ausgangsthür. So wie er in das Vorzimmer eintrat, ſchritt aus demſelben der Haushofmeiſter in das Wohnzimmer ein. Mit leiſen würdevollen Schritten näherte er ſich dem Fürſten und reichte ihm mit einer tiefen Verbeugung ein beſchriebenes Blatt Papier dar. „Ew. Durchlaucht erſuche ich um die Gnade, den Speiſezettel für das heutige Diner anzuſchauen,“ ſagte er feierlich;„vielleicht werden Ew. Durchlaucht huldvoll ———— 17 mich wiſſen laſſen, von welchen Speiſen Ew. Durchlaucht geruhen wollen zu genießen, damit man dieſelben vor den Platz Eurer Durchlaucht hinſetze.“ Fürſt Kaunitz nahm die Speiſekarte und prüfte mit ernſter Miene die verzeichneten Gerichte, die für ſeine Tafel, an welcher täglich für acht Gäſte ſervirt ward, beſtimmt waren. „Ihre Entremets und Braten mögen ganz gut ſein für meine Gäſte,“ ſagte der Fürſt kopfſchüttelnd,„aber ich ſelbſt habe keinen Appetit auf dieſelben.“ „Wollen Ew. Durchlaucht vielleicht die Gnade ha⸗ ben zu beſtimmen, was Ew. Durchlaucht zu ſpeiſen be⸗ fehlen?“ Der Fürſt ſchien einige Minuten nachzudenken. „Nun gut,“ ſagte er dann, als ob er endlich einen Ent⸗ ſchluß gefaßt habe,„nun gut, ich will heute ein Hühn⸗ chen mit Reis ſpeiſen, weiter nichts!“ Seit zwanzig Jahren war dies an jedem Vor⸗ mittag dieſelbe Antwort, welche der Haushofmeiſter von dem Fürſten empfing, denn ſeit zwanzig Jahren, das heißt ſeit ſeinem ſechzigſten Jahre nahm Fürſt Kaunitz zu ſeinem Diner niemals etwas Anderes als ein Hühn⸗ chen mit Reis; aber ſeit zwanzig Jahren auch nahm der Haushofmeiſter dieſe Beſtimmung ſeines Herrn als eine 18 Neuigkeit auf, die ihn überraſchte und an die er kaum zu glauben wagte. „Weiter nichts?“ fragte er daher mit dem wohl⸗ gelungenen Ausdruck des Erſtaunens.„Ew. Durchlaucht wollen nur eine ſo einfache Speiſe heute befehlen? Ew. Durchlaucht wollen gar nicht geruhen die übrigen Spei⸗ ſen auch nur gnädigſt zu koſten? Ich darf mir erlau⸗ ben Ew. Durchlaucht zu verſichern, daß einige der Spei⸗ ſen wirklich ganz auserleſen ſind. Der franzöſiſche Koch, den Ew. Durchlaucht von dem verſtorbenen Herzog von—“ Plötzlich ſtockte er und trat mit dem Ausdruck des Schreckens einige Schritte zurück, während der Fürſt ſich langſam aus ſeinem Seſſel erhoben hatte und das Antlitz, das zürnend und ſtarr war wie ein Meduſenangeſicht, un⸗ verwandt dem Haushofmeiſter zugekehrt, einen Schritt vorwärts that. „Oh, Durchlaucht,“ flehte der Haushofmeiſter, „ich bitte um Gnade. Ich habe mich ſchwer vergan⸗ gen, ich—“ „Herr Damberg,“ ſagte Kaunitz mit ſtarrer, eis⸗ kalter Ruhe,„ſind Ihnen die Geſetze meines Hauſes nicht bekannt? Hat mein Geheimſecretair, als ich Sie in meine Dienſte nahm, Ihnen nicht die Regeln vor⸗ 19 geleſen, welchen jeder meiner Untergebenen und Diener ſtrenge Folgſamkeit angeloben muß?“ 6 5 „Ich kenne ſie, oh meine gnädigſte, thenerſte Durch⸗ laucht, ich kenne ſie,“ ſeufzte der Haushofmeiſter,„und Ew. Gnaden müſſen mir das Zeugniß geben, daß ich ſie ſeit den fünfundzwanzig Jahren, die ich im Dienſt Eurer Durchlaucht zu ſtehen die Ehre habe, noch niemals ver⸗ geſſen und verletzt habe. Es iſt heute zum erſtenmal, daß mir dies Unglück geſchehen iſt, und ich bitte Ew. Durchlaucht ganz unterthänigſt um Verzeihung und Gnade.“ „Ich will ſie Ihnen diesmal noch gewähren,“ ſagte der Fürſt nach langer Pauſe, indem er langſam ſein Haupt neigte;„ich will Ihrer ſonſtigen guten Eigen⸗ ſchaften gedenken und Ihre Unbeſonnenheit mit dem ge⸗ wöhnlichen Leichtſinn der Jugend entſchuldigen.“ Der alte Haushofmeiſter ſeufzte tief auf bei dieſem Entſchuldigungsgrunde.„Es war vielleicht weniger aus ürſt Kaunitz ließ Jedem, der in ſeine Dienſte trat, auch ſeinen Geheimſecretairen ſeine„Hausgeſetze“ vorleſen, von denen das hauptſächlichſte Verbot darin beſtand, daß es Jedermann zur heiligſten Pflcht gemacht ward, in Gegenwart des Fürſten nie⸗ mals die WVorte:„Pocken, Tod, verſtorben“ in den Mund zu nehmen; überhaupt aber nicht von ſolchen Dingen zu ſprechen, die an die Hinfälligkeit des menſchlichen Daſeins erinnerten. 20 Leichtſinn, daß ich fehlte, als aus Gram,“ ſagte er leiſe und ſchüchtern;„ja, der Gram hatte mich gedankenlos gemacht.“ „Wie?“ fragte der Fürſt gewichtig.„Man iſt ſeit fünfundzwanzig Jahren in meinem Dienſt, und man hat Gram? Was iſt es, Damberg? Sagen Sie es mir. Zaudern Sie nicht, theilen Sie mir Ihren Gram mit, und ich werde ihn zu lindern verſtehen.“ „Ach, gnädigſter Herr,“ ſeufzte der Haushofmeiſter, „es gibt keine Linderung für ſolchen Gram! Er betrifft meinen einzigen Sohn, denſelben, der durch die Gnade Eurer Durchlaucht vor einigen Monaten erſt zum kaiſer⸗ lichen Geheimſecretair ernannt worden.“ „Nun, was iſt's mit ihm?“ fragte Kaunitz raſch. „Durchlaucht, er iſt ſeit geſtern Morgen— ab⸗ gereiſt,“*) ſagte der Haushofmeiſter mit leiſer, ſchluch⸗ zender Stimme. Fürſt Kaunitz bebte leiſe in ſich zuſammen und ließ ſein Haupt langſam auf ſeine Bruſt niederſinken. Der alte Haushofmeiſter benutzte den Moment, um ſchnell und verſtohlen die Thränen, die ſeine Augen umdüſterten, ab⸗ zutrocknen und das Schluchzen hinunter zu würgen, das ihm die Kehle zuſammenſchnürte. *) Das war die gewöhnliche Art, wie man Fürſt Kaunitz einen Todesfall ankündigte. 21 Nun hob Fürſt Kaunitz allgemach ſein Haupt wie⸗ der empor, und ſeine großen blauen Augen wandten ſich mit einem kalten, ruhigen Blick wieder dem Haushof⸗ meiſter zu. „Sagten Sie mir nicht, Damberg, daß die Frau Ihres Sohnes Ihnen kürzlich Ihr erſtes Enkelkind ge⸗ boren?“ fragte er. „Zu Befehl, Durchlaucht, vor drei Tagen ward ihm ein Töchterchen geboren wir wollten es in einigen Tagen taufen laſſen, und freuten uns auf das luſtige Feſt, und—“ „Man ſoll ſich niemals auf Dinge freuen, welche noch der Zukunft angehören,“ ſagte der Fürſt mit feier⸗ lichem Kopfſchütteln.„Ich freute mich auch, als ich da⸗ mals meinen Sohn Richard, den ich ſo viele Jahre nicht geſehen, nach jahrelanger Abweſenheit wieder zurück erwartete. Aber er kam niemals hier an— ich erwartete ihn lange und erwartete ihn vergeblich. Seitdem weiß ich, daß es ſehr thöricht iſt, ſich auf Dinge zu freuen, welche noch der Zukunft angehören, ſondern daß man ſie mit Kälte und Ruhe erwarten muß. Aber laſſen Sie Ihr Enkelchen immerhin taufen, ich übernehme eine Pathen⸗ ſtelle bei ihr und werde ihr ein Pathengeſchenk von fünf Tauſend Gulden machen, das man bis zu ihrem ſech⸗ zehnten Jahr für die Kleine Zins auf Zins legen ſoll, da⸗ 22 mit ſie eine Ausſteuer hat; für die Erziehungsgelder werde ich bis dahin ſorgen. Die Gräfin Clary, meine Nichte, ſoll ſtatt meiner das Kind aus der Taufe heben.“ „Oh, Durchlaucht!“ rief der alte Mann,„wie gnädig, wie gütig ſind Ew. Gnaden gegen mich, wie—“ Aber mitten in ſeinem ſtürmiſchen Redefluß ver⸗ ſtummte er, denn das Antlitz des Fürſten hatte jetzt wie⸗ der ſeine undurchdringliche Ruhe und Kälte angenommen, und die erhobene Hand gebot dem Haushofmeiſter mit feierlichem Winken zu ſchweigen. „Sie haben alſo meine Befehle für das heutige Diner erhalten,“ ſagte er ernſt und kalt.„Richten Sie ſich darnach. Ich werde heute nur ein wenig Huhn mit Reis ſpeiſen!“ Und der Haushofmeiſter, halb mechaniſch auf die langjährige Rolle eingehend, fragte wieder leiſe:„Weiter nichts, Ew. Durchlaucht?“ „Nein, weiter nichts,“ ſagte Kaunitz hoheitsvoll. „Gehen Sie, Damberg. Sagen Sie im Vorzimmer, man ſolle mich jetzt nicht ſtören. Ich ertheile heute keine Audienzen. Wenn der Baron Spielmann kommt, ſo laſſe ich ihn bitten, im geheimen Kanzleizimmer ein wenig zu warten, bis ich ihn rufen laſſe. Ich werde ſpäteſtens in ſiebenundzwanzig Minuten klingeln!“ 23 Der Haushofmeiſter verneigte ſich ehrerbietig und zog ſich leiſe auf den Zehen zurück. Fürſt Kaunitz ſchaute ihm nach mit einem Blicke voll tiefen Mitgefühls und herzlichſter Liebe. „Armer Mann,“ ſagte er leiſe vor ſich hin,„er hat einen tiefen Schmerz erfahren. Das Herz blutet lange daran, und es bleibt ihm für immer eine Narbe. Ich kenne das, ich— Still,“ unterbrach er ſich ſelbſt gebie⸗ teriſch„ſtill! Was ſollen die trüben Gedanken? Was vergangen iſt, das iſt vergangen, und nur die Zukunft iſt unſer!“ Es war ſeltſam, dieſen Greis von achtzig Jahren ſo ſprechen zu hören, ſeltſam zu ſehen, wie er jetzt ſeine faltige Stirn in noch tiefere Falten legte und mißbilli⸗ gend ſein urgreiſes Haupt ſchüttelte, ſeltſam, wie er ſich jetzt mit ungewohnter Schnelle aus ſeinem Fauteuil er⸗ hob, und verſuchte, haſtiger, wie es fonſt ſeine Gewohn⸗ heit war, auf und ab zu gehen. „Die Glieder ſind ein wenig ſteif,“ ſagte er dann, „es ſcheint doch, ich habe mich geſtern in der Reitbahn erkältet, und ich werde heute vielleicht gar nicht im Stande ſein zu reiten.“ Aber dies war ein ſo unerhörter Gedanke, ein ſol⸗ cher Bruch mit den mehr als ſechzigjährigen Gewohn⸗ heiten ſeines Lebens, daß Fürſt Kaunitz ſelber ſich davor 24 entſetzte und eine Bewegung mit der Hand in die Luft machte, als wollte er den furchtbaren Gedanken gleich einem haſſenswürdigen Aufrührer und Revolutionair von ſich abwehren. Dann ſchritt er zu dem Divan hin, und den mit Sammet überzogenen Fußſchemel, auf welchem das Kau⸗ nitzſche Wappen geſtickt war, leiſe mit dem Fuß vor ſich herſtoßend, brachte er ihn bis in die Mitte des Zimmers. Nun trug er einen der hochlehnigen, prachtvoll geſchnitz⸗ ten Rohrſtühle genau bis zu derſelben Stelle hin, und ſchob Fußſchemel und Stuhl ganz nahe an einander. Dann hob er ſich auf den Fußſchemel empor, und nach⸗ dem er dort ein wenig geruht, kletterte er beherzten Mu⸗ thes von dem Fußſchemel empor zu dem Stuhl. Freilich ging es nur langſam, freilich ſchwankte die hohe, ſteife Geſtalt ein wenig hin und her, als der linke Fuß dem rechten nachfolgte, aber immerhin hatte Kaunitz doch ſei⸗ nen Zweck erreicht, er hatte den Stuhl erklettern können. Einen Moment ruhte er jetzt aus von dieſer Anſtrengung und ſtützte ſeinen linken Arm auf die hohe Lehne des Stuhles. „So weit wird es gehen,“ murmelte er,„nur fragt es ſich jetzt noch, ob ich im Stande ſein werde, den rechten Fuß über das Pferd zu ſchwingen.“ Und indem er ſo ſprach, hob Fürſt Kaunitz ſein rech⸗ —— 25 tes Bein empor und machte eine Bewegutg, als ob er dasſelbe über den Rücken eines Pferdes ſchwinge. Grade in dieſem Moment, während der Fürſt ſich feſt anklammernd an die Lehne des Stuhls ſein rechtes Bein in der Luft ſchwenkte, öffnete ſich haſtig da drüben die Thür und der Geheime⸗Staats⸗Referendarius Baron von Spielmann erſchien auf der Schwelle. Als er in⸗ deſſen den Fürſten in ſeiner wunderlichen Poſition, mitten in der Ausübung ſeiner Reiterkünſte gewahrte, deren Zweck er freilich nicht begriff, blieb Baron von Spielmann wie von Entſetzen erfaßt auf der Schwelle ſtehen und ſtarrte zu dem Fürſten empor, der eben langſam ſein Bein niederſenkte. „Er hat den Verſtand verloren,“ ſagte der Baron zu ſich ſelber;„kein Zweifel, die alte Maſchine ſeines Geiſtes roſtet endlich ein und verſagt ihm den Dienſt. Er iſt kindiſch geworden, und wir werden ihn, Gott ſei Dank, endlich los werden.“ „Herr Baron von Spielmann,“ rief jetzt Fürſt Kaunitz mit ſtrengem, gebieteriſchem Ton,„kommen Sie hieher!“ Der Baron beeilte ſich dem Befehl zu genügen und näherte ſich dem Fürſten, der eben langſam, mit voll⸗ kommen feierlicher Miene von ſeinem Stuhl, wie von 1860. VXII. Kaiſer Leopold der Zweite. I. 2 26 einem Thronſeſſel hernicderſtieg und jetzt gerade auf⸗ gerichtet, ſtolz und groß da ſtand. „Hat man Ihnen nicht geſagt, mein kleiner Baron, daß ich Sie bitten ließe im geheimen Kanzleizimmer ein wenig zu warten?“ fragte Kaunitz, langſam jedes Wort betonend, als ſei jedes Wort ein Stein des Anſtoßes, mit dem er den rebelliſchen Baron zerſchmettern wolle. „Zu Befehl, Durchlaucht,“ ſagte der Staats⸗Re⸗ ferendarius mit einem leiſen Lächeln,„aber man hat hin⸗ zugefügt, daß Ew. Durchlaucht mich in ſpäteſtens ſieben⸗ undzwanzig Minuten rufen laſſen würden. Da aber ſchon neunundzwanzig und eine halbe Minute vergangen waren, ſo glaubte ich, die Beſtellung ſei vielleicht falſch geweſen, und wagte es—“ „Und wagten es, mir zu trotzen,“ unterbrach ihn Kaunitz, indem er ihn mit ſeinen großen Augen ſtarr anblickte,„ja, wagten es, mir zu trotzen, wie die Fliege dem Löwen trotzt, der ihr erlaubt, in ſeiner Mähne zu ſpielen, während er ſchläft. Dummes Thier, dieſe Fliege! Bildet ſich ein, dem Löwen überlegen zu ſein, blos weil ſie ein ſo armſelig kleines, nichtsnutziges Geſchöpf iſt, daß der Löwe es nicht der Mühe werth hält, ſie zu tödten! Ach, bekümmern wir uns nicht mehr darum! Eines Ta⸗ ges wird irgend ein Hänfling die Fliege wegſchnappen, und Niemand wird nach ihr fragen und ſie vermiſſen. 18 27 Aber von dem Löwen, deſſen Schritt die Welt erzittern machte, der mit dem Schütteln ſeiner Mähne dieſe Welt beherrſchte, von dem Löwen wird man noch nach Jahr⸗ hunderten ſprechen, und wer ihn geſehen hat, wird glück⸗ lich ſein und ſich deſſen rühmen, wie es die alten Griechen thaten, wenn ſie eines der ſieben Wunder der Welt geſe⸗ hen!— Und jetzt, mein lieber kleiner Staats⸗Referenda⸗ rius,“ fuhr Kaunitz mit einem Ton herablaſſender Freundlichkeit fort,„jetzt laſſen Sie uns unſere gewöhn⸗ liche Conferenz beginnen. Statten Sie mir Ihren Be⸗ richt ab.“ So ſprechend ſchritt der Fürſt ruhig und ſtolz ge⸗ hobenen Hauptes durch das weite Gemach nach dem Fauteuil hin, der vor ſeinem Schreibtiſch ſtand. Baron von Spielmann folgte ihm mit niedergeſchla⸗ gener Miene und innerlich den Hochmuth des Fürſten verwünſchend. 2* 28 Zmrites Cnpitel. Der Bericht über den Großherzog Levopold. „Jetzt, Herr Staats⸗Referendarius,“ ſagte Fürſt Kau⸗ nitz mit gebieteriſcher Stimme,„jetzt bin ich bereit, Sie anzuhören. Sie werden alſo heute die Güte haben, mir einen Bericht abzuſtatten über die Reiſe unſers Kaiſers Leopold.“ „Der Kaiſer iſt geſtern Abend in aller Stille bereits hier in Wien eingetroffen,“ unterbrach ihn Spielmann lebhaft. „Ich weiß es,“ ſagte Kaunitz.„Sie werden mir alſo Ihren Bericht abſtatten über die Reiſe des Kaiſers Leopold von Florenz bis Wien. Wir haben einige unſerer geheimen Agenten zu dieſem Zwecke die Reiſe mit machen laſſen, und Sie werden ohne Zweifel von dieſen ſchon ihre Berichte empfangen haben.“ „Zu Befehl, Durchlaucht! Ich habe ſeit drei Stun⸗ den nichts gethan, als dieſe verſchiedenen Berichte unſerer Agenten angehört, der politiſchen Agenten, ſo wie die der beiden Andern, welche über das Privatleben des Kaiſers zu berichten hatten.“ „Beſchäftigen wir uns zuerſt mit der Politik,“ ſagte Kaunitz, indem er, wie dies ſeit vierzig Jahren ſeine Gewohnheit war, während der Referate des Staats⸗ 29 Referendarius die hundert und hundert Pippgegenſtände, welche auf ſeinem Schreibtiſch ſtanden, mit den dazu bereit gelegten ſeidenen Tüchern und Federwedeln abzuwiſchen und von Staub zu reinigen begann. „Fangen Sie alſo an, Herr von Spielmann, laſſen Sie uns den politiſchen Bericht hören.“ Herr von Spielmann zog ſeine Brieftaſche hervor und ſchlug die Papiere, welche ſich in derſelben befanden, aus einander. „Ohne Zweifel war man in Florenz ſehr traurig, als der Großherzog Toscana für immer verließ?“ fragte Kaunitz„Er war, ſo viel ich weiß, ein milder Herr, machen müſſe.“ „Er war im Gegentheil immer ſo beſonnen und be⸗ dächtig,“ erwiderte Spielmann,„daß ſein luſtiger und ungebildeter Schwager, der König von Neapel, den roßherzog Leopold immer nur l Professore zu nennen pflegte. Aber die Toscaner waren mit dieſer Bedächtig⸗ keit ihres Großherzogs ſehr zufrieden und wußten es ihm Dank, daß er nicht dem Beiſpiel ſeines erhabenen 30 Bruders, des Kaiſers Joſeph folgte. Er hat ſich ſeinem Volk als ein milder, gütiger und gerechter Herrſcher be⸗ wieſen, der das Gute ſuchte und wollte, das Alte nicht verachtete, dem Neuen nicht abgeneigt war, und der in der Zeit ſeiner Regierung viel ſchädliche Mißbräuche ab⸗ geſtellt, viel wohlthätige Neuerungen eingeführt hatte. Er war es, der die Feudalgewalt des Adels in ſeine Grenzen zurückführte, die Juſtiz reformirte und die Straf⸗ geſetze verbeſſerte; er ermuthigte den Ackerbau, unter⸗ drückte die beläſtigenden Privilegien der Hauptſtadt und eröffnete ſeinem ganzen Volke ohne Ausnahme die Wohl⸗ thaten des freien Handelsverkehrs. Er hatte gleicherweiſe die Macht der Prieſter beſchränkt, und wenn er auch nicht ſo weit ging, ihre Güter einzuziehen und ihre Klö⸗ ſter aufzuheben, ſo erlaubte er ihnen doch nicht den größ⸗ ten Theil der Staats⸗Einkünfte zu verſchlingen und durch Liſt und durch Gewalt die Kirchengüter zu vermehren. Auch war es des Großherzogs eifriges Bemühen ge⸗ weſen, mit ſeinen Grenznachbarn ein friedliches Einver⸗ nehmen zu befeſtigen und zu erhalten und ſeinem Volke die Regungen des Friedens zu ſichern.“ , ſagte Kaunitz, indem er bedächtig mit dem Pfauenwedel eine große Gruppe von Sovres⸗Porzellan abſtäubte, welche ihm einſt die Marquiſe von Pompadour geſchenkt hatte, und welche in ziemlich unverhüllter Art . das Liebesabenteuer Jupiters mit der Europa darſtellte, vja, der Erzherzog Leopold war von jeher ein Mann des Friedens und der Vermittelung. Darum ſandte auch die große Maria Thereſia ihn heimlich hinter meinem Rücken in's Lager zum Kaiſer Joſeph, als wir damals den haie⸗ riſchen Erbfolgekrieg begonnen hatten, und Leopold mußte den Kaiſer zwingen, die Schlacht, die er am nächſten Tage dem alten gichtſchwachen König von Preußen lie⸗ fern wollte, nicht zu ſchlagen, ſondern dem gewiſſen Sieg zu entſagen, vor der preußiſchen alten Majeſtät zurück⸗ zuweichen und den Unterhandlungen Raum zu geben. Es war gerade keine ruhmvolle Miſſion, welche der Erzherzog Leopold damals übernommen hatte, und ich glaube, der Kaiſer Joſeph hat es ihm niemals vergeben, daß er ihn damals um Ruhm und Lorbeern gebracht hat!“ „Man weiß, der Kaiſer Joſeph hat ſeinen Bruder Leopold niemals geliebt,“ ſagte Spielmann achſelzuckend. „Sie waren Gegner von ihrer früheſten Jugend an ge⸗ weſen.“ „Und ſie blieben es als Männer,“ murmelte Kau⸗ nitz gedankenvoll vor ſich hin.„Joſeph wußte es ſehr wohl, daß ſeine Reformen nicht den Beifall ſeines vor⸗ ſichtigen Bruders haben würden, und daß, wenn er ſein Werk nicht vollendete, ſein Nachfolger es zerſtören würde.“ „Der Kaiſer Joſeph hat es daher wohl vorgezogen, 32 es lieber ſelbſt zu thun und nichts übrig zu laſſen von ſeinen Werken?“ fragte Spielmann lächelnd. „Nichts?“ wiederholte Kaunitz, ihn feſt anſchauend. „Der Geiſt ſeiner Werke iſt geblieben und ſtrahlt ſein Licht aus über ganz Oeſterreich. Wehe dem Kaiſer Lev⸗ pold, wenn er es verſuchen wollte, dieſes Licht wieder auszulöſchen. Aber laſſen Sie mich Ihren Bericht weiter hören, Spielmann! Wie hat ſich der Kaiſer auf der Reiſe hieher benommen?“ „Klug, vorſichtig und verſöhnend nach allen Seiten hin. Ueberall in den größeren Städten hat er angehal⸗ ten, nicht um ſich zu erholen, ſondern um die Deputirten der einzelnen Provinzen zu empfangen und ihre Klagen, ihre Vorſtellungen entgegen zu nehmen. Mit der größten Aufmerkſamkeit hörte er ſie an, bis ſie unbehindert ihrem Mißmuth über die neue Landestaxe und einige andere von der frühern Regierung eingeführte Verordnungen Worte gaben. Dann antwortete er ihnen, auf ihre Be⸗ ſchwerden eingehend und eine bewunderungswürdige Lo⸗ calkenntniß ihrer Verhältniſſe und Zuſtände beweiſend, mit der größten Milde und Freundlichkeit, verſprach ihnen Abhilfe ihrer Beſchwerden und verſicherte, daß ſein Hauptbeſtreben dahin gerichtet ſein ſollte, die innere Ruhe und Zufriedenheit ſeines Reiches wieder herzuſtel⸗ len. Er fügte hinzu, daß er die Provinzialſtände als die 33 eigentlichen Stützen ſeiner Monarchie betrachte und ent⸗ ſchloſſen ſei, ſie in alle ihre frühern Vorrechte und Rechte wieder einzuſetzen, auch ſich ihres Beiſtands zu bedienen, um ſeine Intereſſen mit denen ſeines Volkes in Einklang zu bringen*). Daſſelbe hat er heute Morgen den De⸗ putirten der öſterreichiſchen Provinzen wiederholt.“ „Er hat dieſe Deputirten ſchon heute empfangen?“ fragte Kaunitz, leiſe ſein Haupt wiegend. „Ja, Durchlaucht, er hat ſie vor drei Stunden ſchon empfangen. Er kam den Deputirten mit der größ⸗ ten Freundlichkeit entgegen, ermuthigte Jeden von ihnen, ihm die beſonderen Klagen und Wünſche ſeiner Provinz vorzutragen, und beſchwor ſie ihm beizuſtehen im Auf⸗ ſuchen der geeigneten Heilmittel, welche dazu dienen könn⸗ ten, das Glück und die Zufriedenheit ſeiner Provinzen auf feſter Baſis aufzurichten.“ „Und die Deputirten?“ „Sie jubelten dem neuen Herrſcher entgegen und verließen die Burg mit frendeſtrahlenden Geſichtern, um durch ganz Wien, durch ganz Oeſterreich die herrliche Botſchaft zu verkünden, daß eine neue Zeit des Glückes und Heils beginne, eine Zeit der Wahrheit und Gerechtigkeit, welche alle die Wunden wieder heilen werde, welche die Coue IMistory of Austria. Vol. V. S. 402. 34 vorige Regierung durch ihre wilden despotiſchen und theo⸗ retiſchen Neuerungen geſchlagen hat, und von denen—“ „Still,“ unterbrach ihn Kaunitz mit ungewohnter Lebhaftigkeit,„ſtill! Man ſoll es nicht wagen, in meiner Gegenwart den Kaiſer Joſeph zu ſchmähen und unehrer⸗ bietig von ihm zu reden. Ich habe, als er noch anweſend war, ihm oft feindlich gegenüber treten müſſen, ich habe harte und bittere Kämpfe mit ihm zu beſtehen gehabt, aber jetzt, da er abweſend iſt, ſoll man ihn nicht ſchmä⸗ hen um ſeiner Irrthümer willen, ſondern daran geden⸗ ken, daß ſeine Irrthümer aus einem edlen und großen Herzen entſprangen, welches nichts wollte, als das Wohl und das Glück Oeſterreichs allein. Es iſt ein neuer Geiſt eingezogen in die Burg der Kaiſer, ob ein beſſerer, das werden wir erſt ſehen müſſen! Was hat der Kaiſer noch weiter gethan, ſeit er hier in Wien iſt?“ „Er hat zuerſt den Oberſthofmarſchall rufen laſſen, und hat ihm angezeigt, daß die Etiquette genau wieder ſo hergeſtellt werden ſolle, wie ſie zu den Zeiten der Kai⸗ ſerin Maria Thereſia geweſen daß ferner auch der alte Modus der Audienzen auf den frühern Fuß wieder her⸗ geſtellt werden ſolle, und nicht mehr, wie unter Joſeph, der Kaiſer zu jeder Zeit des Tages von ſeinen Untertha⸗ nen beläſtigt werden könne. Alsdann hat der Kaiſer den Feldmarſchall Laudon rufen laſſen, und mit dieſem war 35 er noch in ſeinem Cabinet eingeſchloſſen, als ich hieher kam.“ Fürſt Kamitz nickte langſam und gravitätiſch mit dem Kopfe.„Nun, da wir den politiſchen Bericht ange⸗ hört,“ ſagte er,„laſſen Sie uns auch die Berichte über das Privatleben des Kaiſers vernehmen. Der Großher⸗ zog Leopold lebte, wie man ſagt, in gar glücklicher Ehe mit ſeiner Gemahlin, der ſpaniſchen Maria Louiſe, die ich ihm vor fünfundzwanzig Jahren gegeben, und es war Maria Thereſia's größte Freude, daß die gute ſpani⸗ ſche Prinzeſſin ihr alljährlich ein neues Enkelkind ſchenkte. Wie viel Kinder wird Maria Louiſe dem öſterreichiſchen Kaiſerſtaate zur Appanage mitbringen?“ „Durchlaucht, die Kaiſerin bringt Oeſterreich eine glänzende Mitgift, ſie bringt dem Lande zehn Prinzen und vier Prinzeſſinen dar.“ „Das iſt beinahe zu viel des Segens,“ ſagte Kaunitz, leiſe ſein Haupt wiegend.„Es wird ſehr ſchwer werden, für zehn Erzherzoge auf würdige und anſtändige Weiſe zu ſorgen und ihnen Gemahlinen zu ſuchen, welche durch reiche Mitgift Oeſterreich Geld einbringen und durch politiſche Allianzen unſerm Lande förderlich ſind. Und außerdem ſollen noch vier Erzherzoginen ver⸗ mählt werden! Ah, welch' eine reiche Quelle des Nach⸗ denkens und der Sorge würden dieſe Vermählungen für 36 die große Kaiſerin Maria Thereſia geweſen ſein!— Aber es iſt doch gut, daß ſie nicht mehr da iſt,“ fuhr er plötzlich umdüſtert fort,„ſie hat wenigſtens nicht den Kummer, die Unbill und Schmach zu ſehen, welche das entartete Volk der Franzoſen der edlen Königin Antvinette anthut.“ „Warum dulden wir es?“ fragte Spielmann ha⸗ ſtig.„Warum eilen wir nicht, dieſem Unweſen ein Ende zu machen? Warum drohen wir den elenden Aufrührern und Rebellen, die ſich in Paris die Herrſchaft angemaßt haben, nicht mit Krieg? Warum ſenden wir unſere Truppen nicht an die franzöſiſche Grenze und—“ „Genug der Fragen,“ unterbrach ihn Kaunitz ach⸗ ſelzuckend.„Es iſt bekannt, daß ein Narr viel mehr Fra⸗ gen thut, als ein vernünftiger Menſch Antwort geben kann, und ich will mich daher nicht darauf einlaſſen, Ihre vielen Warums zu beantworten. Wir ſind über⸗ haupt von unſerer Materie abgekommen. Wir ſprachen von dem Privatleben des neuen Kaiſers Leopold, von ſeinen vierzehn Kindern und von ſeiner Gemahlin, der Kaiſerin Maria Louiſe, Tochter Karl's des Dritten von Spanien, mit welcher Leopold, wie es ſcheint, eine ſo ſehr glückliche Ehe führt.“ „Das heißt,“ ſagte Baron Spielmann lächelnd, „das heißt, Maria Louiſe iſt nicht ſo eiferſüchtig, wie es die Kaiſerin Maria Thereſia war. Sie iſt ſtolz dar⸗ 37 auf, ihrem Gemahl vierzehn Kinder geboren zu haben, und dieſe vierzehn unumſtößlichen Beweiſe ſeiner Liebe machen ſie nachſichtig dagegen, daß ihr Gemahl ihr nicht immer die Treue bewahrt, die ſie ihm auf ſo erempla⸗ riſche Weiſe bewährt hat.“ „Der Kaiſer hat, wie man mir geſagt hat, eine ſehr ſchöne Geliebte in Florenz, der er ſeit Jahren die größte Anhänglichkeit bewährt?“ „Ach, Ew. Durchlaucht meinen die ſchöne Donna Livia, welche man in Florenz nur die Bella donna zu nennen pflegt? Ja, Donna Livig iſt allerdings Jahre lang die vertraute Freundin des Großherzogs Leopold geweſen, aber wie man ſagt, hat ſie auch das Vertrauen und die Gunſt der Großherzogin in hohem Grade be⸗ ſeſſen, und Maria Louiſe hat ihr ſogar zuweilen die Ehre erzeigt, ſie zu beſuchen und einige Stunden bei ihr zu bleiben, aber freilich kam ſie immer nur in den Stunden, in welchen auch der Großherzog anweſend war. Zuletzt indeſſen ſcheint der Kaiſer des Verhältniſſes zu der ſchönen Donna Livia überdrüßig geworden zu ſein; er hat ſich erinnert, daß der ſchmeichelhafte Beiname, den man ſeiner Geliebten gegeben, zugleich etwas Schrecken⸗ erregendes habe, und daß die bella donna zugleich ein ſtarkes und gefährliches Gift bezeichne. In der That flüſterte man in Florenz, daß jedesmal, wenn der Groß⸗ 38 herzog Leopold es gewagt habe, irgend ein anderes ſchö⸗ nes Mädchen auszuzeichnen und ſich ihr auffallend zu nähern, dieſe dann nach einigen Tagen eines plötzlichen und überraſchenden Todes geſtorben ſei, und man brachte die bella donna immer in nahe Beziehung zu dieſen To⸗ desfällen, die ihr ſo ſehr willkommen und nützlich wa⸗ ren. Auch dem Großherzog mag das auffüllig geweſen ſein und ihn erkältet haben gegen ſeine ſchöne Geliebte. Genug, er brach ſein Verhältniß mit ihr ab, und dies geſchah gerade zu der Zeit, als die Nachricht aus Wien anlangte, daß der Kaiſer Joſeph—“ „Daß der Kaiſer Joſeph nicht mehr hier anweſend ſei,“ unterbrach ihn Kaunitz raſch,„und daß der Groß⸗ herzog Leopold von Toscana zum Kaiſer von Oeſterreich erhöht werden ſollte.“ „Ja, Durchlaucht,“ fuhr Spielmannmit einem lei⸗ ſen, ironiſchen Lächeln fort,„ja, gerade um dieſe Zeit brach der Großherzog Leopold ſein Verhältniß mit Donna Livia. Man erzählt von ſehr ſtürmiſchen und heftigen Scenen, die da vorgefallen ſeien; man behauptet, daß Donna Lvia den Großherzog auf ihren Knieen beſchwo⸗ ren hätte, ihn nach Wien begleiten zu dürfen, und daß, als der Kaiſer es ihr verweigert und ihr ſogar ver⸗ boten hätte, überhaupt jemals nach Wien zu kommen, Donna Livia in laute Verwünſchungen ausgebrochen ſei 39 und dem Kaiſer in's Angeſicht geſchworen habe, daß ſie an ihm eine fürchterliche und glühende Rache nehmen werde.“ „Und was that Leopold darauf?“ fragte Fürſt Kaunitz haſtig. „Man ſagt, er ſuchte ſeine raſende pella donna zu verſöhnen und ihre Vergebung zu erhalten. Er ſagte ihr, daß er ſie ewig lieben werde, und daß nur die drin⸗ gende Nothwendigkeit ihn zu dem größten menſchlichen Opfer, zu der Entſagung ſeiner Geliebten, habe zwingen können. Aber als Kaiſer von Oeſterreich müſſe er brechen mit der ganzen Vergangenheit des Großherzogs von Toscana, und als ein anderer und neuer Menſch müſſe er ſeine Regierung antreten, von keinen Banden der Erinnerung und der Liebe gefeſſelt. Dieſen Betheuerun⸗ gen fügte Leopold außerdem, wie man ſagt, ein anderes Beruhigungsmittel hinzu. Er ſchenkte Donna Livia als letztes Andenken ein vollkommen fürſtlich eingerichtetes Palais in Florenz und fügte dieſer Schenkung noch eine bedeutende Zahresrente hinzu.“ „Das iſt ein böſes Zeichen,“ murmelte Kaunitz vor ſich hin.„Er iſt alſo ein gutmüthiger, ſchwacher Mann, der ſich von Drohungen einſchüchtern läßt und den Frie⸗ den um jeden Preis erhalten möchte. Aber,“ ſagte er dann laut,„waren dieſe Motive, welche Leopold der Donna Livia als Grund ſeiner Trennung von ihr an⸗ 40 gegeben, wirklich die echten geweſen? Bringt er Oeſter⸗ reich, bringt er ſeiner Gemahlin dies Opfer, oder iſt da vielleicht eine andere junge Schöne, von welcher Leo⸗ pold nicht wünſchte, daß ſie ſo raſch und unvermuthet verſchwinden möchte, wie die andern jungen Damen, die er der bella donna zum Trotz bewunderte?“ „Mein Gott, welch ein feiner und ſeltener Men⸗ ſchenkenner Ew. Durchlaucht doch ſind!“ rief Baron Spielmann lebhaft.„Mit dem ſcharfen durchdringenden Ange Ihres überlegenen Geiſtes durchſchauen Ew. Durch⸗ laucht die Dinge, noch ehe man ſie Ihnen nur andeutet!“ Fürſt Kaunitz blickte ihn mit ſeinen großen kalten Augen ſtarr an und ließ den Pfauenwedel, mit dem er ſeine Nippſachen abſtäubte, einen Moment ſinken. „Ich wundere mich nur darüber, daß Sie das in Erſtaunen ſetzt, mein lieber kleiner Baron,“ ſagte er langſam, jedes Wort ſcharf betonend.„Ich ſollte denken, der Mann, den man ſeit mehr als dreißig Jahren den Kutſcher der europäiſchen Staatspolitik nennt, wäre über dergleichen Ver⸗ und Bewunderungen erhaben, und bei ihm erſcheine als natürlich, was bei Andern immerhin ausgezeichnet und bewunderungswürdig genannt werden möchte. Referiren Sie weiter! Es handelte ſich alſo in der Thatrum eine andere junge Schöne?“ „Ja, Durchlaucht, und dies iſt eine ſehr roman⸗ 41 tiſche Geſchichte, aus welcher man einen ganzen Roman machen könnte. Der Kaiſer hat ſich, wie man ſagt, in eine Unbekannte verliebt, in eine bildſchöne Dame, die er indeß gar nicht kennt und deren Namen er nicht einmal weiß. Ew. Durchlaucht wiſſen, daß der Großherzog Leo⸗ pold, ſo unähnlich er auch ſonſt ſeinem Bruder, dem Kai⸗ ſer Joſeph, ſein mag, doch mit ihm dieſelbe Neigung theilt, ſelbſt Alles ſehen und Alles hören zu wollen, und ſich perſönlich von den Wünſchen und Begehrniſſen ſei⸗ nes Volkes zu überzeugen. Er unternahm daher oft kleine Incognito⸗Reiſen durch ſein Großherzogthum, bei denen er oft nur von einem einzigen vertrauten Diener begleitet ward, und er verſtand ſich durch falſche Haare und allerlei Cosmetiques ſo unkenntlich zu machen, daß oft ſogar die Gaſtwirthe, bei denen er als Großherzog logirt hatte, ihn nicht wieder erkannten, und dem einfachen, harmloſen Reiſenden auf ſein Befragen oft ganz rückſichts⸗ los ihre Anſicht und die des Landes über den Großherzog Leopold mittheilten. Auf einer dieſer Incognito⸗Reiſen ſoll nun der Kaiſer einer Dame begegnet ſein, die, wie es ſchien, incognito wie er ſelber reiſte, denn es gelang ihm nicht, von ihren Verhältniſſen, ihren Beziehungen irgend Etwas zu erfahren⸗ Nicht einmal ihren Namen konnte er erfahren, denn der einzige Diener, welcher ſie begleitete, wollte ſich weder durch Beſtechungen noch durch 3 1860. XXII. Kaiſer Leopold der Zweite. I. 42 gute Worte erweichen laſſen, irgend Etwas über ſeine Herrin mitzutheilen, und ſo erfuhr Leopold weder wohin ſie reiſte, noch woher ſie kam.“ „Unter irgend einem Namen muß ſie indeß doch gereiſt ſein,“ ſagte Fürſt Kaunitz;„der Großherzog Leopold war ja, wie man weiß, ein großer Verehrer der Polizei, und ſeine geheime Polizei war ſo wohl organiſirt, daß er Alles wußte, was in ſeinem Lande geſprochen und ge⸗ than ward. Ich denke nicht, daß er es ſeiner geheimen Polizei vergeben haben würde, wenn ſie eine Perſon durch ſein Land hätte reiſen laſſen, die keinen Namen und kei⸗ nen Paß aufzuweiſen hatte.“ „Aber auf der Incognito⸗Reiſe, auf welcher Leopold der ſchönen Unbekannten begegnete, konnte er natürlich zu ſeiner geheimen Polizei nicht ſeine Zuflucht nehmen,“ erwiderte Baron Spielmann,„ſondern er mußte ſich auf ſeine eigenen Mittel verlaſſen. Uebrigens reiſte die Dame natürlich nicht ohne Namen, ſie nannte ſich Madame Becker; aber Alles überzeugte den Großherzog, daß dieſer einfache dunkle Name nur ein angenommener ſei, und daß dieſe ſchöne Frau mit den vornehmen Alluren, den vollendeten Formen einer Dame aus der großen Welt, dieſe Frau, welcher ihr alter Diener nur mit ehrfurchts⸗ voll gebeugtem Rücken zu nahen wagte, und die alle Auf⸗ merkſamkeiten und Huldigungen Leopold's nur als etwas 43 ganz Natürliches und Einfaches hinnahm, daß dieſe Frau von vornehmem Stande ſei und unter einem erborgten Namen reiſe, wie der Großherzog ſelber es that. Er hatte ſie in Siena getroffen, und ſie hatten von dort einige gemeinſchaftliche Touren in die reizende Umgegend ge⸗ macht. Drei glückliche Tage waren ſo für den Großherzog vergangen, am vierten überreichte ihm ſein Reiſebegleiter Sein Briefchen, das Madame Becker's Bedienter am ſpä⸗ ten Abend, nachdem der Großherzog ſchon zur Ruhe ge⸗ gangen, für ihn abgegeben. Es war ein Abſchiedsbrief⸗ chen; mitten in der Nacht war die Dame abgereiſt, und der Wirth des Hötels wußte ihm nicht einmal zu ſagen, wohin ſie gefahren ſei, denn ihr alter Diener hatte dem Poſtillon geſagt, er ſolle nur fahren, außerhalb der Stadt würde er ihm ſchon fagen, wohin die Reiſe gehen ſolle. Der Großherzog kehrte nun ſofort nach Florenz zurück und ſetzte ſeine ganze geheime Polizei in Bewegung, daß ſie ihm erforſche, wohin die ſchöne Madame Becker gefahren und woher ſie gekommen. Er ſetzte hohe Be⸗ lohnungen aus für Denjenigen, welcher ihm ſichere Nach⸗ richten über ihren Aufenthalt bringen könne, aber Alles war vergeblich. Nur ſo viel erforſchte man, daß der Paß der Madame Becker ein preußiſcher geweſen und daß in demſelben Berlin als ihr Wohnort angegeben ſei. Auch gelang es ihre Reiſe bis nach Rom hin zu ermitteln, dort 3* 44 aber ging jede Spur der räthſelhaften Schönen verloren, und auch die Nachforſchungen, die der Großherzog in Berlin anſtellen ließ, waren vergeblich. Es gab dort viele Frauen deſſelben Namens, aber keine von ihnen glich der ſchönen Unbekannten, welche der Großherzog ſo ſehnlich zu entdecken wünſchte.“ „Eine ſeltſame Geſchichte in der That,“ ſagte Kau⸗ nitz gedankenvoll,„eine Geſchichte, die mich vermuthen läßt, daß man dem Großherzog irgend eine Schlinge ge⸗ legt. Wann begab ſich dieſes Abenteuer?“ „Vor einem halben Jahre ungefähr, Durchlaucht, im Monat Oktober.“ „Alſo zu einer Zeit, als der Kaiſer Joſeph ſchon kränkelte, und man wiſſen konnte, daß der Großherzog Leopold von Toscana bald hier nach Wien verſetzt wer⸗ den würde. Dieſe geheimnißvolle Schöne wird jetzt wieder zum Vorſchein kommen, ſeien ſie davon überzeugt. Es kommt nur darauf an, daß wir wachſam ſind und ihr Kom⸗ men nicht überſehen. Laſſen Sie einige unſerer geſchickte⸗ ſten Agenten dieſe Angelegenheit auf ſich nehmen, und ſenden Sie mir gefälligſt den Chef unſerer geheimen Poli⸗ zei, Herrn Angus, heute Nachmittag hieher. Ich will ſelber mit dem Mann ſprechen und ihm meine Inſtruk⸗ tionen ertheilen. Er ſoll mir Acht haben, daß dieſe soit disant Madame Becker nicht bis zum Kaiſer gelangt, 45 ohne daß wir davon wiſſen und uns mit ihr verſtändigt haben. Ich ahne da eine gefährliche Intrigue! Ohne Zweifel iſt dieſe preußiſche Madame Becker, die noch dazu aus Berlin gekommen war, eine Creatur des Ge⸗ nerals Biſchofswerder, oder des Miniſters Wöllner, oder vielleicht gar des Königs Friedrich Wilhelm ſelber. Dieſer kleine Markgraf von Brandenburg hat es ſich durchaus in den Kopf geſetzt, der Bundesgenoſſe des Kai⸗ ſers von Oeſterreich zu werden und ſich aus ſeinem mäch⸗ tigen Feind einen mächtigen Freund zu machen. Wir müſſen daher ſehr achtſam ſein, und dieſe Madame Bek⸗ ker nicht unbemerkt einpaſſiren laſſen. Unſere ganze ge⸗ heime Polizei muß daher jetzt auf den Beinen ſein, und ich . wiederhole es, ſenden Sie mir Herrn Angus her, daß ich ihn ſelber inſtruire. Wie, Sie erlauben ſich zu lächeln, Herr Baron? Ich bitte Sie mir zu ſagen, was dieſes eben ſo reſpect⸗ als geſchäftswidrige Lächeln zu be⸗ deuten hat?“ „Verzeihung, Durchlaucht,“ ſagte Spielmann ſich leicht verneigend,„das Lächeln, das wider meinen Willen auf meine Lippen trat, iſt wenigſtens nicht ganz geſchäfts⸗ widrig, und mit dem Reſpect, den ich Eurer Durch⸗ laucht ſchulde und von ganzer Seele darbringe, hatte dies unſelige Lächeln gar nichts zu ſchaffen. Es galt ganz und gar nur dem Geſchäft, es war nur eine Art wort⸗ X 46 loſer Bemitleidung unſerer geheimen Polizei im Vergleich mit der, welche der Kaiſer Leopold von Florenz mit hieher gebracht hat. Ich hatte ſchon vorher die Ehre Eurer Durchlaucht zu berichten, daß der Großherzog Leopold eine beſondere Vorliebe für die Wirkſamkeit der geheimen Polizei hat, und daß dieſe Maſchinerie in ſeinem Staat mit einer ſo bewunderungswürdigen Mei⸗ ſterſchaft geleitet ward, daß Leopold gewiſſermaßen als ein allwiſſender Herrgott über ſeinem Volk ſchwebte und wußte, was jeder Einzelne gethan, geſprochen, vielleicht ſogar nur gedacht hatte. Dieſe ganze großartige Maſchi⸗ nerie mit ihren italieniſchen Werkmeiſtern und Leitern begleitet den Kaiſer hieher, und bald wird es hier ſein, wie es in Florenz geweſen, bald wird der Kaiſer der allwiſſende Herrgott von Wien ſein und wird Alles wiſſen, was hier in den Häuſern gethan, geſprochen und gedacht wird, ja vielleicht ſogar, was Ew. Durchlaucht thun, ſprechen oder denken.“ Ein Blitz des Zornes ſchoß aus den Augen des Fürſten und belebte einen Moment ſein ſtrenges, feierliches Angeſicht. „Sie urtheilen, wie Sie es verſtehen,“ ſagte er langſam und feierlich.„Einen Fürſten Kaunitz durchſchaut man nicht ſo leicht, und kein italieniſcher Maleficus und Spür⸗ hund, hätte er auch in der Hölle ſelber ſeinen Unterricht empfangen, wird die Gedanken des Fürſten Kaunitz er⸗ 47 rathen können; was aber ſeine Worte anbelangt, ſo ſagen dieſe immer nur das, was dem Fürſten Kamnitz zweck⸗ mäßig erſcheint, daß es geſagt werde, und ſie ſind oft intriguanter und betrügeriſcher als der intriguanteſte Ma⸗ leficus. Wenn aber, wie Sie ſagen, die italieniſche ge⸗ heime Polizei, welche der neue Kaiſer mitbringt, geſchickter und gewandter iſt als die unſrige, ſo folgt daraus nur, daß die unſrige ſich beeifern muß, von der fremden zu ler⸗ nen. Denn ausgezeichnete Vorbilder ſind dazu da, daß man von ihnen lerne, ihnen nacheifere und ſie überflügele, nicht aber daß man ſich von ihnen entmuthigen laſſe und in beſcheidenes Dunkel ehrfurchtsvoll zurücktrete. Aber ſagen Sie mir, Baron, iſt dieſe Beſchäftigung mit der geheimen Polizei die einzige Liebhaberei des Kaiſers? Gibt es nicht noch einige andere Neigungen, die Se. Ma⸗ jeſtät in ſeinen Mußeſtunden beſchäftigen?“ „Ja, Durchlaucht, es gibt da noch eine ſehr wich⸗ tige. Der Großherzog Leopold iſt ein eifriger, ſogar leidenſchaftlicher Chemiſt, er hatte in Florenz ein großes chemiſches Laboratorium, in dem er täglich Stundenlang mit einigen vertrauten Freunden und Gehilfen arbeitete, und er hat ſchon heute Morgen Befehl ertheilt, daß man ſofort auch hier in der Burg ihm ein Laboratvrium einrichte.“ „Was kocht er, was braut er?“ fragte Kamnitz 48 achſelzuckend.„Sucht er den Stein der Weiſen? Will er Gold machen, oder gleich dem Grafen St. Germain das Elixir der ewigen Jugend ſich bereiten?“ „Wenn er einen beſtimmten Zweck hat, ſo iſt es gewiß der letztere,“ ſagte Baron Spielmann;„vielleicht aber iſt das Ganze auch nur eine Spielerei, ein Zeit⸗ vertreib für den Kaiſer, vielleicht der Drang, auf dem dunklen Felde der Chemie, auf welchem noch ſo Vieles unerforſcht, unbenutzt iſt, neue Entdeckungen, neue Erfah⸗ rungen für die Wiſſenſchaften zu machen.“ „Und wer hilft ihm bei dieſen wiſſenſchaftlichen Forſchungen? Wer ſind die Freunde, welche den Groß⸗ herzog Leopold in ſein Laboratorium begleiten und mit ihm arbeiten durften?“ „Er hat da einige ausgezeichnete Chemiker, die er von der Univerſität von Padua, wo ſie Profeſſuren be⸗ kleideten, ſich hat kommen laſſen. Sie ſtanden dem Groß⸗ herzog als Rathgeber und Gehilfen zur Seite, und wer⸗ den ihm auch hier nach Wien nachfolgen. Sein eigentlicher Freund aber, der aus Liebhaberei mit dem Kaiſer arbei⸗ tet und mit ihm in die Katakomben der Chemie hinab⸗ ſteigt, iſt der junge Fürſt Carl Liechtenſtein.“ „Wie, der tolle Liechtenſtein?“ fragte Kaunitz lebhaft. „Derſelbe, den ſein Vater vor einem Jahre wegen ſeiner übermüthigen Streiche und ſeiner Verſchwendung aus 49 Wien exilirte und ihn von mir bei der Geſandtſchaft in Florenz placiren ließ?“ „Derſelbe, Durchlaucht. Er iſt ſeitdem der Favo⸗ rite des Großherzogs Leopold geworden, der nicht eine Stunde ohne ſeinen heitern, witzigen und gutmüthigen Freund leben kann, der auch allein des Vorzugs genoſſen hat, die ganze Reiſe von Florenz bis nach Wien in dem Wagen des Kaiſers zu machen.“ „Das iſt eine wichtige Nachricht,“ ſagte Kaunitz langſam.„Der junge Fürſt Carl Liechtenſtein, ein ſo wil⸗ der Tollkopf er auch zu ſein ſcheint, iſt jedenfalls ein be⸗ deutender Kopf, und er beſchäftigt ſich nicht blos mit Lieb⸗ ſchaften, Schuldenmachen und wie Sie ſagen, mit Chemie, ſondern auch mit Politik. Er iſt ein glühender Feind der Franzoſen, er gehörte zu denjenigen tollen und unver⸗ nünftigen Schreiern, welche durchaus einen Kreuzzug gegen Frankreich predigten, und in ihrer Kurzſichtigkeit nicht einſahen, daß dies das Verderben Heſterreichs geweſen wäre und uns in einen langen, koſtſpieligen und nutz⸗ loſen Krieg hinein gezogen hätte.“ Der Fürſt hatte ſich, da er jetzt mit dem Abſtäuben und Reinigen ſeiner Nippſachen zu Ende war, von ſei⸗ nem Lehnſtuhl erhoben und ging langſam, die Hände auf dem Rücken gefaltet, einige Male auf und ab.“ „Sind Sie zu Ende mit Ihrem Bericht?“ fragte er 50 dann, vor Baron Spielmann ſtehen bleibend;„haben Sie nichts mehr hinzuzufügen?“ „Nein, Durchlaucht, ich weiß nichts mehr hinzuzufü⸗ gen und habe getreulich referirt, was unſere Agenten mir mitgetheilt.“ „Es iſt gut, ich bin zufrieden,“ ſagte Kaunitz mit der Würde eines Jupiters ſein Haupt neigend.„Sie haben mir Manches berichtet, das zu wiſſen zweckmäßig und nützlich ſein kann, und ich beauftrage Sie daher, unſern Agenten meinen Dank auszuſprechen und ihnen eine beſondere Belohnung in Ausſicht zu ſtellen.“ „Sie werden ſehr glücklich ſein über die Belohnung und mehr noch über die Zufriedenheit Eurer Durch⸗ laucht,“ erwiderte Baron Spielmann ſich verneigend. „Jetzt erlaube ich mir an Ew. Durchlaucht eine Frage zu richten. Werden Sie ſich vielleicht noch heute zur Be⸗ grüßung des Kaiſers in die Burg begeben, und ſollen die Beamten der Oberhofkanzlei und des Miniſteriums das Gefolge Eurer Durchlaucht bilden?“ Der Fürſt blieb bei dieſer Frage mitten im Zimmer ſtehen, wie von Entſetzen gelähmt, und ſtarrte den Baron mit einem kalten Blick an. „Ich ſollte mich in die Burg begeben, ich ſollte den Kaiſer begrüßen und ſo gewiſſermaßen um ſeine Gunſt und um die Fortdauer meiner Macht betteln?“ rief er 51 endlich.„Sie wiſſen nicht, was Sie da reden und welch' ein lächerliches Begehr Sie an mich ſtellen!“ „Verzeihung, Durchlaucht, aber da der Kaiſer die ſpaniſche Etiquette wieder eingeführt hat—“ „Was kümmert mich die ſpaniſche Etiquette,“ un⸗ terbrach ihn Kaunitz,„ſie iſt für die Hofſchranzen und Beamten, nicht aber für den Staatskanzler Fürſten Kau⸗ nitz. Die ſpaniſche Etiquette herrſchte auch unter Maria Thereſia, Niemand durfte vor ihr anders erſcheinen als im ſpaniſchen geſtickten Hofkleid, aber der Fürſt Kaunitz kam allezeit ohne rothe Strümpfe, im einfachen ſchwar⸗ zen Gewande ohne Stickerei; Maria Thereſia hieß ihn dennoch allzeit freudig willkommen, und wenn irgendwo ein Fenſter offen geblieben war, ſo eilte ſie ſelber es zu verſchließen, damit der Zugwind ihm nicht ſchade. Und jetzt ſollte ich, der Staatskanzler von Oeſterreich, mich in die Burg begeben, um ven eben angekommenen unbekann⸗ ten Kaiſer von Oeſterreich zu begrüßen? Ich habe das für Maria Thereſia gethan, ich habe, wenn die Kaiſerin meines Rathes bedurfte, mich ſtets bereitwillig zu ihr in die Burg begeben, habe, wenn ſie von irgend einer Reiſe heimkam, ihr immer ſofort meinen Beſuch gemacht, aber Maria Thereſia war eine Dame und Kaunitz erfüllte ihr gegenüber die Pflichten eines Cavaliers. In dieſem Fall mit dem neuen Kaiſer würde der Fürſt Kaunitz aber ſich 52 gegen ſeine eigene Würde verſündigen, wenn er den er⸗ ſten Schritt thäte. Merken Sie ſich das, mein kleiner Baron: wer des Fürſten Kaunitz bedarf, der kommt zu ihm, und ſeit Maria Thereſia nicht mehr da iſt, kommen die Kaiſer von Oeſterreich, wenn ſie ihr Amt antreten, zu Kaunitz, um ſich ſeinen Rath zu erbitten. Nicht er geht zu ihnen, ſondern ſie, die Kaiſer, kommen zu ihm, ſo war es ſeither immer der Fall und ſo wird es auch in der Zukunft bleiben. Merken Sie ſich das und thun Sie nicht wieder ſo alberne Fragen.“ Baron Spielmann verneigte ſich ſchweigend, und nur ganz leiſe in ſeinem Herzen flüſterte er:„Möge Gott ihn ſtrafen für ſeinen Hochmuth und ihm die De⸗ müthigung bereiten, daß der Kaiſer Leopold nicht zu ihm kommt!“ Aber in dem Augenblick, während Baron Spiel⸗ mann dieſen frommen Wunſch zum Himmel empor ſchickte, ward die Thür des Zimmers heftig aufgeriſſen und der Haushofmeiſter erſchien auf der Schwelle. „Se. Majeſtät der Kaiſer iſt ſoeben vorgefahren,“ rief er athemlos keuchend.„Ich ſchaute gerade hier oben aus dem Flurfenſter und ſah ihn kommen, und bin ſo raſch hieher geeilt, um Ew. Durchlaucht zu fragen—“ „Was zu fragen?“ unterbrach ihn Kaunitz.„Was 53 geht denn vor, daß Sie ſo erregt und außer ſich ſind, Damberg?“ „Ich weiß nicht, Durchlaucht, ob ich Se. Majeſtät in den großen Empfangsſaal führen ſoll oder—“ „Unſinn,“ ſagte Kaunitz achſelzuckend.„Der Kaiſer hat ſich nicht vorher anmelden laſſen, folglich kommt er Incognito und will hier in meinem Arbeitszimmer mich beſuchen. Hinaus, Damberg. Leben Sie wohl, Herr Baron von Spielmann. Sie ſehen, der neue Kaiſer verſteht ſich beſſer auf die Etiquette als Sie und—“ „Durchlaucht, ich höre Schritte,“ flüſterte Spiel⸗ mann„ich ziehe mich zurück!“ Und er eilte haſtig auf den Zehen nach der Thür des geheimen Kanzleizimmers. Eben als er dieſe ge⸗ öffnet hatte und in das Zimmer hinein ſchlüpfte, ward die Thür des Vorzimmers weit aufgethan und der Haus⸗ hofmeiſter rief mit feierlicher Stimme:„Se. Majeſtät der Kaiſer!“ Prittes Capitel. Kaiſer Leopold. Fürſt Kaunitz, ohne auch nur einen Moment ſeine ernſte Ruhe zu verlieren, oder ſeinen feierlichen Schritt zu beſchleunigen, ging langſam und würdevoll durch das Gemach nach der Thür hin; aber er hatte dieſelbe noch nicht erreicht, als der Kaiſer ſie ſchon überſchritten hatte, und mit haſtigen Schritten ſich dem Fürſten nähernd, ſeine Hand auf deſſen Arm legte und ihn ſanft zurück drängte. „Keine Verbeugungen, keine Ceremonien,“ ſagte Leopold freundlich.„Wir kennen uns zu lange, als daß wir die Formen der Etiquette unter uns beobachten könnten. Sie ſehen, ich mache von dieſem Vorrecht Gebrauch und komme ganz sans géne zu Ihnen. Aber zuerſt, Durch⸗ laucht, erlauben Sie mir, daß ich Sie zu Ihrem Lehnſtuhl führe und neben Ihnen Platz nehme! Dann wollen wir uns begrüßen! Kommen Sie, mein Fürſt, geben Sie mir Ihren Arm!“ „Nein, noch nicht,“ ſagte der Fürſt feierlich,„laſ⸗ ſen Ew. Majeſtät mich zuerſt ſtehend, wie man es thut in den großen und feierlichen Momenten des Lebens, ſte⸗ hend Eurer Majeſtät meinen Gruß und meinen Segen dar⸗ 55 bringen! Laſſen Sie mich Sie begrüßen im Namen Oeſterreichs, das von Ew. Majeſtät Heilung und Ret⸗ tung erwartet, im Namen Marig Thereſia's, welche ihren Sohn Leopold auf das zärtlichſte liebte und große Hoff⸗ nungen auf ihn baute, und endlich im Namen Kaunitzens, der den Erzherzog Leopold, den er vor fünfundzwanzig Jahren nach Innsbruck begleitete, um dort ſeiner Ver⸗ mählung beizuwohnen, jetzt mit großer Freude und gro⸗ ßer Hoffnung als Kaiſer wieder heimkehren ſieht nach Wien. Der gute Genius Oeſterreichs ſegne Ew. Ma⸗ jeſtät Eintritt in dieſe Stadt, der gute Genius Oeſter⸗ reichs beſchütze Sie!— Und jetzt, da Ew. Majeſtät ein⸗ mal die Gnade haben wollen, nehme ich Ihren Arm an und laſſe Sie mich führen, wohin Sie wollen.“ „Nicht zu weit, mein lieber Fürſt,“ lächelte Leo⸗ pold;„nur zu dem Hafen ſtiller Ruhe und behaglichen Friedens, zu dieſem Lehnſtuhl hier! Setzen Sie ſich, Durchlaucht, und erlauben Sie mir, neben Ihnen auf dem Stuhl hier Platz zu nehmen.“ „Aber Ew. Majeſtät—“ ſagte Kaunitz lebhaft. „Still, ſtill,“ unterbrach ihn Leopold freundlich, „keine Umſtände. Ich würde vor Ihnen ſtehen, wie es einem Schüler vor ſeinem Lehrer geziemt, aber meine Glieder ſind noch ein wenig ſteif von der langen und 56 beſchwerlichen Reiſe hieher, und ich bitte meinen verehrten Lehrer daher um Nachſicht, wenn ich mich ſetze!“ Er nahm, ſtatt des leeren Fauteuils, der dem Platz des Fürſten gegenüber ſtand, einen einfachen Rohr⸗ ſtuhl und ſetzte ſich an die Seite des Fürſten, ſo daß er die Fenſter gerade im Rücken hatte. „Er will mich nicht in ſeinem Antlitz leſen laſſen,“ dachte Kaunitz,„er will mich ausforſchen, aber er will nicht erforſcht ſein.“ „Nun, mein theurer Fürſt,“ ſagte Leopold freund⸗ lich,„nun laſſen Sie mich zuerſt Ihnen meinen Dank ſa⸗ gen für Ihre Begrüßungsworte! Ich nehme ſie an, wie Sie ſie mir geben, offen und ehrlich; und es iſt mir, als ob der Segen meiner Mutter, der großen Maria Thereſia, mir durch Sie, ihren vertrauteſten Gehilfen in dem ſchweren Geſchäft, zu dem ſie der Himmel, wie mich, auserkoren, auf's Neue verkündet worden. Thun Sie jetzt für den Sohn, was Sie für die Mutter gethan, Durchlaucht, ſtehen Sie mir bei mit Ihrem Rath und Ihrer Hilfe.“ „Ich habe in die Hand Maria Thereſia's geſchwo⸗ ren, daß ich meine Gedanken, meinen Geiſt, meine Kräfte Oeſterreich und deſſen Kaiſerhauſe weihen will,“ ſagte Kaunitz feierlich,„und ich werde meinen Schwur erfüllen. Meinen Rath, meine Hilfe gebe ich daher Eurer Majeſtät — 57 nicht als ein Etwas, das ich möglicherweiſe Ihnen auch verſagen oder entziehen könnte, ſondern als ein Etwas, das zu geben meine Pflicht iſt und auf das Sie heilige und ererbte Anſprüche haben.“ Kaunitz ſah das leiſe ironiſche Lächeln nicht, das einen Moment über die ſonſt ſo milden und ſtillen Züge des Kaiſers hinglitt, denn das Antlitz Levpold's war dem Licht abgewandt und die Schatten der ſchweren ſammetnen Vorhänge, welche an den Fenſtern niederhin⸗ gen, warfen einen leiſen Dämmerungsſchleier über ſein Geſicht. Kaunitz hatte einen Moment inne gehalten und fuhr jetzt fort:„Aber indem ich Ew. Majeſtät geben will, was Sie von mir fordern und was Ihnen gehört, bitte ich zu⸗ erſt um eine Gnade.“ „Das heißt, Sie wollen mir erlauben, ein wenig von den Verpflichtungen abzutragen, welche meine ganze Familie ſeit dreißig Jahren Ihnen ſchuldete. Nun, was iſt es, mein theurer Fürſt! Sagen Sie ſchnell, denn ich brenne vor Begierde Ihren Wunſch erfüllen zu können.“ „Sire, Diogenes hatte von dem Kaiſer Alexander nichts zu erbitten, als daß er aus der Sonne fortginge. Ich mache es umgekehrt, und bitte Ew. Majeſtät um die Gnade, aus dem Schatten fortzugehen. Meine Augen möchten ſich an dem Anſchauen des langerſehnten Kaiſers 1860. XXII. Kaiſer Levpold ber Zweite. I. 4 58 erfreuen, und da ich unglücklicherweiſe kurzſichtig bin, kann ich das beſchattete Antlitz Eurer Majeſtät nicht er⸗ kennen.“ „Ah, Sie ſagen, daß Sie mich um Etwas bitten wollen,“ ſagte der Kaiſer,„und ſtatt deſſen machen Sie mir da eine Schmeichelei, die meinem Herzen wohlthut! Jetzt werde ich den Fauteuil Ihnen gegenüber annehmen, denn da können wir uns unbeſchattet Aug' in Auge ſehen!“ Er erhob ſich von dem Rohrſtuhl, um auf dem Fauteuil Platz zu nehmen, und während er das that, ſagte er leiſe zu ſich ſelber:„Er hat mich errathen! Er wußte, daß ich ihm meine Züge verbergen wollte.“ „Und nun,“ rief der Kaiſer, nachdem er ſich geſetzt hatte,„nun, mein theurer Fürſt, will ich ſogleich zu dem Thatſächlichen übergehen. Ich bin nicht blos gekommen, um Sie zu begrüßen, ſondern um mich von Ihnen beleh⸗ ren zu laſſen über Alles das, was meine ernſte und ſchwierige Lage erheiſcht: um mit Ihnen zu erwägen, wie ich mich und vor allen Dingen Oeſterreich erretten kann aus den Stürmen, die uns von allen Seiten be⸗ drohen.“ „Es iſt wahr, Majeſtät,“ ſagte Kaunitz mit ſeiner ſtolzen Ruhe und Gleichgiltigkeit,„es ſtürmt von allen Seiten, das Staatsſchiff hat manchen Leck und manchen Riß bekommen, wie ich das dem Kaiſer Joſeph vorher⸗ 59 geſagt, als er es mit todesmuthiger Kühnheit einen neuen Weg über Klippen und Sandbänke dahin führen wollte, und—“ „Ich werde dieſen Weg nicht verfolgen,“ unterbrach ihn der Kaiſer lebhaft, und ſeine ſonſt ſo ſanften blauen Augen glänzten höher auf;„nein, Kaunitz, ich ſage es Ihnen als ein ehrlicher Mann, ich werde dieſen gefahr⸗ vollen Weg nicht verfolgen. Ich mache keine Anſprüche auf Genialität und Geiſtesgröße, ich habe nur den Ehr⸗ geiz, meinen Unterthanen ein gerechter und milder Herr⸗ ſcher ſein zu wollen und durch Klugheit, Standhaftigkeit und Geduld die zerrüttete Harmonie der einzelnen Landes⸗ theile wieder herzuſtellen. Ich will die Feindſchaften ver⸗ ſöhnen, die Zwiſtigkeiten ausgleichen, die Ungerechtigkeiten auslöſchen, die gerechten Forderungen bewilligen, ich will die einzelnen empörten Provinzen beruhigen durch Ge⸗ währen ihrer Wünſche, durch Nachgiebigkeit und Verzei⸗ hung, mit Einem Wort, ich will nicht der Bruder des Kaiſers Joſeph, ſondern der Sohn der Kaiſerin Maria Thereſia ſein, und ich will das Kaiſerreich wieder ſo zu⸗ frieden, ſo glücklich und mächtig ſehen, wie es zur Zeit Maria Thereſia's war, welcher der Staatskanzler Kaunitz rathend zur Seite ſtand.“ „Er ſtand auch dem Kaiſer Joſeph rathend zur Seite,“ ſagte Kaunitz langſam ſein Haupt wiegend,„aber 4* 60 man hörte nicht auf ſeinen Rath, und ich will Ew. Ma⸗ jeſtät geſtehen, daß mich das oft mit Schmerz erfüllt hat, nicht um meinetwillen, ſondern um des armen Oeſterreichs willen, deſſen Leiden und Kämpfe ich voraus ſah und ſie nicht abwenden konnte. Der Wille des Kaiſers war edel und großmüthig, aber das Vollbringen glich ihm nicht.“ „Ich habe meinem Bruder eine traurige und ge⸗ fahrvolle Erbſchaft zu verdanken,“ ſeufzte Leopold, deſſen breite, gedankenvolle Stirn ſich jetzt in düſtere Falten gelegt hatte.„Wohin ich meine Augen wende, ſehe ich mich von Gefahren umgeben, ſehe ich die öſterreichiſche Monarchie in ihren Fundamenten erſchüttert, ſehe Auf⸗ ruhr, Unzufriedenheit, offene und geheime Empörung überall.“ „Offener Aufruhr in den Niederlanden, das iſt wahr,“ ſagte Kaunitz, die großen blauen Augen unver⸗ wandt auf das düſtere Antlitz des Kaiſers geheftet.„Die fanatiſchen Prieſter haben dort das Volk aufgewiegelt, es zu ungerechter Empörung verleitet, es im Namen Gottes und der Religion zu Verrath und Treuloſigkeit aufge⸗ hetzt und es dahin gebracht, daß die Niederlande in offenen Krieg gegen ihren rechtmäßigen Landesherrn ge⸗ treten ſind, ja ſich förmlich zu einer unabhängigen Re⸗ publik erklärt haben. Sobald Ew. Majeſtät dieſe auf⸗ rühreriſchen Republikaner beſiegt und ſich Ihre Provinzen 61 wieder erobert haben, müſſen Sie vor allen Dingen ihre Anführer und Aufwiegler, die Prieſter, zur ſtrengen Rechenſchaft ziehen und ſie um ſo härter und unnach⸗ ſichtiger ſtrafen, als es grade ihre, der Prieſter, Pflicht geweſen, das Volk zum Frieden und zur Verſöhnung zu ermahnen und ſie zu erhalten in dem Gehorſam und der Liebe zu ihrem kaiſerlichen Herrn. Es iſt nöthig, daß dieſen aufrühreriſchen Prieſtern bewieſen werde, daß ſie vor dem weltlichen Geſetz allen Ihren andern Unterthanen gleich ſtehen, daß es für ſie keine Ausnahmegeſetze und keine Privilegien gibt, und daß die Gleichheit vor dem Geſetz der erſte und heiligſte Grundſatz Ihrer Regierung iſt. Die Prieſter waren Rebellen, ſie müſſen alſo als Rebellen beſtraft werden.“ „Mein lieber Fürſt, Sie ſprechen, als wären die Niederlande ſchon wieder eine öſterreichiſche Provinz, und es käme nur darauf an, die Strafen zu decretiren,“ rief der Kaiſer mit einem erzwungenen Lächeln.„Aber ich denke und hoffe gerade mir die Niederlande durch Ver⸗ zeihen und durch Milde wieder zu erobern, und nicht mit dem Schwert der Rache, ſondern mit vem Wort der Liebe die Herzen der verirrten Unterthanen mir wieder zu gewinnen. Ich werde ihnen ihre Privilegien und Rechte, ihre Conſtitution und Landesgeſetze, welches Alles mein Vorgänger ihnen nehmen wollte, ungeſchmälert wieder 62 zurückgeben. Ich werde eine General⸗Amneſtie verkünden laſſen, wenn die niederländiſchen Provinzen bis zu ei⸗ nem beſtimmten Zeitpunkt ſich freiwillig unterwerfen, ich werde mich bereit erklären, durch Abgeordnete die Klagen und Forderungen der Niederländer entgegenzunehmen und mit ihnen zu unterhandeln.“ ²) „Und wenn alle dieſe ſchönen Worte und Verſpre⸗ chungen vergeblich ſind, und ich ſage Ihnen im Voraus, daß ſie es ſind, was dann?“ „Dann,“ ſagte Leopold zögernd,„dann werde ich freilich daran denken müſſen, durch Gewalt zu ſiegen.“ „Und dann wird es zu ſpät ſein,“ entgegnete Kau⸗ nitz feierlich.„Nur raſches, energiſches Handeln wird Eurer Majeſtät die Niederlande wieder gewinnen können offener Empörung gegenüber muß das Schwert entſcheiden, und man darf ſich mit ihr nicht in Unterhandlungen einlaſſen. Senden Sie Truppenverſtärkungen nach den Niederlanden, das wird den Rebellen gegenüber eine beſſere und ein⸗ dringlichere Sprache ſein und mehr Wirkung üben, als alle angebotenen Gnadenacte und Amneſtieen.“ „Es widerſtrebt mir, ſogleich zum Schwert zu grei⸗ fen,“ ſagte Leopold kopfſchüttelnd.„Ich bin ein Freund des Friedens, und ich betrachte es als meine Miſſion, ³) Coxe History of the house of Austria. V. 431. 63 meinen Völkern nicht allein, ſondern auch, ſo Gott will, ganz Europa den Frieden, den es ſo lange entbehrt, wiederzugeben.“ „Und der Friede iſt eine heilige und ſegensvolle Sache, Sire,“ bemerkte Kaunitz ſententiös.„Fangen wir damit an, den Frieden im Innern Oeſterreichs herzu⸗ ſtellen. Vor allen Dingen in Ungarn, Majeſtät. Es gährt in ganz Ungarn, und der Geiſt der Unzufriedenheit, wo er einmal erwacht iſt, hat dort noch immer Gewalt über die Gemüther. Es iſt den ſtolzen Magnaten nicht genug, daß Kaiſer Joſeph die neuen Geſetze, die er gegeben und mit denen er allerdings die Unabhängigkeit und Freiheit Ungarns vernichtet hätte, widerrufen, daß er die Conſerip⸗ tion, die Steuern und Abgaben wieder aufgehoben hat, ſie verlangen in ihrem Uebermuth eine vollkommene Wiederherſtellung ihrer alten, von Carl dem Sechsten ihnen erneuerten Conſtitutivn. Ich weiß, daß die Herren Magnaten feierlich geſchworen haben, nur dann Ew. Ma⸗ jeſtät als ihren König und Herrn anerkennen zu wollen, wenn Sie zur feierlichen Krönung nach Peſth kommen, die Conſtitution beſchwören und Sich verpflichten wollen, jährlich einige Zeit in Peſth zu reſidiren. Sie beabſichti⸗ gen durch eine Deputation Eurer Majeſtät eine Adreſſe hieher zu ſenden, in welcher alle dieſe Wünſche ausge⸗ ſprochen und formulirt ſind.“ ——— — 64 ( „Ich werde dieſer Adreſſe zuvorkommen,“ ſagte Leopold lächelnd.„Ich werde die Magnaten zu einem großen General⸗Landtag behufs meiner Krönung zuſam⸗ men berufen, ich werde ihnen verkünden, daß ich nach Preßburg kommen werde, um die ungariſche Krone auf mein Haupt zu ſetzen und Ungarn meinen Sohn Leopold als Palatinus zu geben.— Ich werde auch den Böhmen verkünden, daß ich noch in dieſem Jahr in eigener Perſon nach Prag kommen werde, um mich zum König von Böhmen krönen zu laſſen, und ich hoffe dieſe Zuſicherung wird den Geiſt der Unzufriedenheit, der auch dort herrſcht, beſchwichtigen. Ich wünſchte nur, daß es mir ſo leicht würde auch die dritte Krone auf mein Haupt zu ſetzen, daß es mir gelingen möchte, auch die deutſche Kaiſerkrone in dieſem Jahr noch mir zugeſtanden zu ſehen.“ „Die deutſchen Reichsfürſten werden nicht wagen, ſie Eurer Majeſtät vorzuenthalten,“ ſagte Kaunitz,„und da Ew. Majeſtät ſie nicht durch ſtolze Worte und über⸗ müthige Anforderungen reizen werden, ſondern ſo ſehr geneigt ſind zur Verſtändigung und Nachgiebigkeit, ſo zweifle ich nicht, daß Ew. Majeſtät die deutſche Kaiſer— krone erlangen werden.“ „Und ſomit wären wir von der innern Politik denn jetzt bei der äußern angelangt,“ rief Leopold.„Wiſſen Sie wohl, lieber Fürſt, daß ich bisher als ein guter und gehorſamer Schüler mich von meinem lieben und ſtaats⸗ klugen Lehrer über meine Abſichten und Plane habe exa⸗ miniren laſſen, und ehrlich und getreulich Antwort gegeben habe? Aber da wir nun mit der innern Politik fertig ſind, erlauben Sie mir, Durchlaucht, daß ich auch an Sie eine Frage richte: Was halten Sie von den eurvpäiſchen Zu⸗ ſtänden? Glauben Sie, daß Oeſterreich allen drohenden Verwicklungen gegenüber ſich den Frieden, den ich ſo ſehr wünſche, bewahren kann und wird? Ich rede jetzt nicht von unſerm Krieg mit den Türken, der, wie ich hoffe, bald einem ehrenvollen Frieden weichen muß, aber ich ſchaue mich um in Europa und finde, daß alle unſere Beziehungen zu den auswärtigen Mächten geſtört und getrübt ſind. Habe ich darin Unrecht, mein theurer Fürſt, oder ſtimmen Sie mir zum Unglück bei?“ „Ich wollte, ich könnte es verneinen,“ ſagte Kaunitz feierlich;„ich wollte, ich könnte ſagen, daß Oeſterreich mächtig, ſtark und gewaltig da ſtände, ein Schrecken ſei⸗ nen Feinden, ein Schutzherr ſeinen Freunden. Aber der europäiſche Horizont iſt in Bezug auf Oeſterreich trübe und dunkel, und Wolken thürmen ſich von allen Seiten. Das Krämervolk von England hat ſich berechnet, daß es vielleicht mehr gewinnen könnte, wenn es auf die Baiſſe ſtatt auf die Hauſſe von Oeſterreich ſpeculirte, und hat mit dem Erbfeinde Oeſterreichs, mit Preußen, ein Bünd⸗ 66 niß abgeſchloſſen. Auch mit Holland hat es ſich geeinigt; es iſt jetzt in voller Thätigkeit, um ſeine politiſchen und commerciellen Intereſſen ganz unabhängig von Oeſter⸗ reich und Rußland zu machen und ſeinen frühern Einfluß auf dem Continent wieder zu erlangen. Die Engländer ſind ein gar kluges und energiſches Volk, ſobald es ihre eigenen Intereſſen gilt. Sie haben den König von Schwe⸗ den jetzt vor der Gefahr einer deutſchen Invaſion ge⸗ ſchützt, mit ihm ein Bündniß geſchloſſen und den Vorſchlag gemacht, man wolle die beiden kaiſerliche Höfe zwingen, die Eroberungen, die ſie der Pforte abgewonnen, wieder herauszugeben; ſie haben ferner den Polen beigeſtanden, ſie von der drückenden Herrſchaft Rußland's zu befreien, und haben vorgeſchlagen, daß man Polen wieder zu ei⸗ ner erblichen Monarchie erhebe und dadurch für Deutſch⸗ land die Vormauer gegen Rußland wieder herſtelle. Sie ſind bemüht neue Canäle zum Transport von Handels⸗ ſchiffen zu öffnen, und indem ſie dem König von Preußen beiſtehen in ſeinen Bemühungen, ſich von den Polen gegen equivalente Vortheile Danzig und Thorn einzutauſchen, hoffen beide Mächte, Preußen und Polen zu gleicher Zeit für die Intereſſen ihres Handels zu gewinnen.“ „Und was ſind das für equivalente Vortheile, welche der König von Preußen den Polen für Danzig und Thorn bietet?“ 67 „Er hat verſprochen, ihnen zur Wiedereroberung Galiziens behilflich zu ſein, wie er gleicherweiſe der Pforte, mit welcher der König Friedrich Wilhelm jüngſt eine Allianz geſchloſſen*), das Verſprechen gegeben hat, ihr zur Reſtitution der Krim nicht allein, ſondern auch zu den in dem gegenwärtigen Krieg verlornen Provinzen zu verhelfen. Dieſer Vertrag ſcheint freilich nur zwiſchen der Pforte und Preußen abgeſchloſſen, doch iſt da, wie ich mit Beſtimmtheit weiß, ein Paragraph hinzugefügt, der beſagt, daß kein Friede abgeſchloſſen werden ſoll ohne die Mitwirkung und Zuſtimmung Polens und Schwe⸗ dens, ſo wie der Seemächte.“ „Das iſt allerdings ein ſehr gefährlicher und folgen⸗ reicher Paragraph,“ ſagte Leopold,„ein Paragraph, der die Seemächte auf die Seite Preußens und uns feindlich gegenüber ſtellt.“ „Der König von Preußen iſt noch weiter gegan⸗ gen,“ fuhr Kaunitz fort.„Er hat den General von Goertz nach Conſtantinopel geſchickt, um die militäriſchen Arran⸗ gements mit der Pforte zu treffen. Er begünſtigt und fördert außerdem in jeder Weiſe die Unruhen und Zwi⸗ ſtigkeiten im Innern Oeſterreichs, er erlaubt ſeinen Offi⸗ zieren den Inſurgenten in den Niederlanden ſich anzu⸗ *) Den 29. Januar 1790. 3 ———— 68 ſchließen und ſie zu unterſtützen, geſtattet einem Comité mißvergnügter Ungarn ihre Zuſammenkünfte in Berlin zu halten, und bereitet ſich, wie ich mit Beſtimmtheit er⸗ fahren, zu einem Kriege mit Oeſterreich vor, im Falle er nicht auf andere Weiſe ſeine Abſichten auf einen größern politiſchen Einfluß und eine Vergrößerung ſeines Terri⸗ torialbeſitzes erreichen kann.— Was aber die ſecundairen Mächte anbetrifft, ſo folgt Holland dem Impuls von Eng⸗ land und Preußen, Schweden rechnet auf ihrer beider fernere Hilfe gegen Rußland und Dänemark, und die Polen blicken hoffend in die Zukunft, welche ihnen die verſpro⸗ chene Selbſtſtändigkeit und Galizien wiederbringen ſoll, und ſind daher freudig bereit jegliches Opfer den beiden Fürſten darzubringen, denen ſie einen Schimmer von Unabhängigkeit verdanken.— Das, Majeſtät, iſt ein kurzer Ueberblick der Verhältniſſe Oeſterreichs zu den auswär⸗ tigen Mächten. Der König von Preußen iſt der Mittel⸗ punkt aller dieſer Feindſchaften und Intriguen, die uns umgeben, er hat ſich mit allen Mächten wider uns ver⸗ bunden, und uns bleibt, um dieſer großen und gewaltigen Combination zu widerſtehen, kein anderer Allürter als Rußland, das aber unglücklicherweiſe zu ſehr in den Krieg mit den Türken verwickelt iſt, um uns wirkſamen Beiſtand gewähren zu können.“ „Und von dem andern großen Bundesgenoſſen, von 69 unſerem langjährigen Alliirten ſagen Sie gar nichts?“ fragte Leopold, indem er zum erſtenmal mit ſchärferem und prüfenderem Ausdruck ſeine Blicke auf das Antlitz des Fürſten heftete. Kaunitz indeſſen begegnete dieſem Blicke mit voll⸗ kommener Gelaſſenheit und Ruhe.„Ew. Majeſtät wollen von Frankreich ſprechen,“ ſagte er nach einer kurzen Pauſe,„von Frankreich, das freilich ſeit langen Jahren durch den Vertrag von Verſailles unſer Allürter und Freund geweſen; von Frankreich, dem wir eine Königin gegeben—“ „Und das ſeine Königin ermorden wird, wenn wir ihr nicht zu Hilfe kommen,“ rief Leopold ungeſtüm. „Wiſſen Sie, mein Fürſt, was in Frankreich geſchieht? Kennen Sie all' die Beleidigungen, die Demüthigungen, welche man wagt, der öſterreichiſchen Kaiſerstochter anzu⸗ thun? Wiſſen Sie, daß der König und die Königin von Frankreich als Gefangene in ihrer eigenen Hauptſtadt leben, bewacht von demſelben Pöbel, der die Baſtille er⸗ ſtürmte, der jene ſchmachvolle Reiſe des königlichen Paars von Verſailles nach Paris erzwang, der die National⸗ Verſammlung bildet und in derſelben Geſetze votirt, die Alles verhöhnen, was man bis dahin für heilig, gerecht und unantaſtbar gehalten? Kennen Sie die neuen Ge⸗ 70 ſetze, welche dieſe fürchterliche National⸗Verſammlung erlaſſen hat?“ „Ja, Majeſtät, ich kenne ſie,“ ſagte Kaunitz, deſ⸗ ſen kalte Ruhe wunderbar contraſtirte zu der leidenſchaft⸗ lichen Erregtheit Leopold's.„Ich kenne dieſe neuen Ge⸗ ſetze, durch welche die National⸗Verſammlung ſämmtliche Mönchsorden abgeſchafft, dem Clerus ſeine ſämmtlichen Güter, dem Adel und den Bevorzugten ihre Titel und Würden genommen, ja den Adel ganz und gar vernichtet und vollkommene Gleichheit aller Bürger vor dem Geſetz decretirt hat.“ „Den Adel, das heißt die Stützen des Thrones abgeſchafft,“ rief Leopold heftig,„die alten, ererbten Vor⸗ rechte der Familien vernichtet und in den Staub getre⸗ ten! Niemand ſoll mehr das Recht haben, ſich bei ſeinem ererbten Namen zu nennen, die Titel Prinz, Herzog, Graf, Marquis, Vicomte, Chevalier, ſollen von Nie⸗ manden mehr beanſprucht und geführt und Niemanden mehr gegeben werden. Es ſoll überhaupt keine Fami⸗ liennamen, keine Wappen mehr geben. Mit dem Adel, den Bevorzugten fängt man an, mit dem König und dem Thron wird man enden. Wenn man den Thron erſt des Adels, ſeiner natürlichen Stütze beraubt hat, ſo wird der Thron zuſammenſtürzen, ſo wird die Monarchie ret⸗ tungslos verloren ſein!“ „Ja,“ ſagte Kaunitz ernſt,„die Monarchie iſt in Frankreich ſchwer bedroht, und es hnn das Unglück ein⸗ treten, daß ſie den Stürmen unterliegt, denn die Gewalt iſt jetzt in den Händen der ſogenannten Demokraten und Freiheitsſchwärmer, und durch die Schwäche der Mon⸗ archie kann es kommen, daß ſich dieſe Demokraten eines Tages in Republikaner verwandeln.“ „Niemals ſoll das geſchehen,“ rief Leopold heftig; „ich werde es nicht dulden!“ „Haben Ew. Majeſtät die Macht es zu hindern?“ fragte Kaunitz ruhig.„Jedem Volke gebührt das heilige und unantaſtbare Recht, ſich ſeine innern Angelegenheiten ſelber zu ordnen und ſich diejenige Regierungsform zu geben, welche ſeiner Neigung, ſeinem Willen und ſeinem Können entſpricht. Wenn das franzöſiſche Volk ſich zu einer Republik conſtatiren wollte, ſo wäre das ein tief beklagenswerther entſetzlicher Fall, aber wir hätten nicht das Recht, ihn zu verhindern.“ „Wie? Ich hätte nicht das Recht, nicht die Pflicht es zu hindern, wenn man meine Schweſter ihrer Rechte, ihrer Würde, ihres königlichen Throns beraubt? Ich, der Kaiſer von Oeſterreich, ſollte ruhig zuſchauen, wie man meine Schweſter, die Königin von Frankreich, ent⸗ thront?“ 72 „Sire, ich ſage, wie Kaiſer Joſeph ſagte: Oeſter⸗ reich hat keine Schgeſter!“ „Nun wohl, Oeſterreich hat keine Schweſter, aber es hat Bundesgenoſſen, und der König Ludwig der Sechs⸗ zehnte iſt mein Bundesgenoſſe. Sie ſelber haben den Vertrag unterzeichnet, den Vertrag, durch welchen die beiden Mächte einander geloben ſich gegenſeitig Hilfe und Beiſtand zu gewähren in jeglicher Gefahr, ſich zur Auf⸗ rechthaltung gegenſeitiger Macht, gegenſeitigen Beſitz⸗ ſtandes ſtets Hilfe jeglicher Art darzubringen, ſobald eine der beiden Mächte ſie von der andern beanſprucht. Nun denn, der König von Frankreich beanſprucht meine Hilfe. Er hat mich dringend aufgefordert, ihn zu befreien aus der fürchterlichen Lage, in welcher er ſich befindet. Ei⸗ nem Vertrauten der Königin iſt es gelungen, aus Paris zu entkommen und ungeführdet die Reiſe hieher zurückzu⸗ legen. Dieſe Nacht iſt er hier angelangt und hat mir Briefe von der Königin überbracht voll des traurigſten, herzzerreißendſten Inhalts. Meine Schweſter beſchwört mich, dem bedrohten Königshauſe zu Hilfe zu kommen, laut meine mißbilligende Stimme zu erheben gegen die Ausſchreitungen der National⸗Verſammlung und Frank⸗ rreich mit Krieg zu drohen, wenn ſie nicht ſofort die Frei⸗ heit und Gewalt des Königs wieder herſtellt.“ „Hüten Ew. Majeſtät ſich wohl, dies zu thun!“ 73 rief Kaunitz mit ungewohnter Lebhaftigkeit;„es wäre das ein Verderben nicht bloß für Oeſterreich, ſondern für ganz Deutſchland. Man muß die materia peccans einſperren, man muß den Vulkan im eigenen Innern austoben laſ⸗ ſen*). Wenn man ſich ihm nähert, wenn man ihn be⸗ rührt und ſich mit ihm in Fehde einläßt, ſo heißt das ihm eine Pforte öffnen, durch welche er ſeine verheerende Lava über die Nachbarlande ergießen und mit ſeinen Giftſtoffen die ganze Welt verpeſten kann.“ „Ew. Durchlaucht ſind alſo wirklich der Meinung, daß ich dem Unglücke und Verderben des Königs von Frankreich und ſeiner Gemahlin, meiner theuren Schwe⸗ ſter, ein müßiger Zuſchauer bleiben ſoll?“ „Nicht ein müßiger, Sire, aber ein ruhiger, über⸗ legender, der die natürlichen Regungen ſeines Herzens von der Staatsklugheit beherrſchen läßt, der wohl er⸗ wägt, wie er das Glück, die Ruhe und den Frieden ſei⸗ nes eigenen Landes ſichern kann, bevor er daran denken darf, ſich in die unſeligen Wirren des Nachbarſtaates zu miſchen. Ew. Majeſtät ſagten es ſelbſt vorher: es ruht eine ſchwere Laſt auf Ihren Schultern, und eine traurige und gefahrvolle Erbſchaft iſt Ihnen von Ihrem Vor⸗ 0) Des Fürſten Kaunitz eigene Worte. Siehe: v. Hormahr Lebensbilder aus dem Befreiungskriege. Th. l. S. 308. 1860. XXII. Kaiſer Leopold der Zweite. I. 5 74 gänger überkommen. Denken Ew. Majeſtät zuerſt und vor allen Dingen daran, die eigenen aufrühreriſchen Provinzen zu beruhigen, in Ihren Staaten das geſtörte Gleichgewicht, den bedrohten Frieden wieder herzuſtellen, und Ihre Monarchie zu einem feſten, harmoniſchen, ſtar⸗ ken und thatkräftigen Ganzen zu einigen. Denken Sie daran, Sire, und erlauben Sie mir in dieſem Bemühen Ihnen mit meiner Kraft, meiner Erfahrung, meinem Rath und meinem guten Willen beizuſtehen. Dann erſt, wenn dies große Werk vollbracht, dann mögen Ew. Ma⸗ jeſtät, wenn es alsdann noch Ihr Wille iſt und wenn der König von Frankreich alsdann noch der Hilfe bedarf, ſie ihm gewähren, nicht als Kaiſer von Oeſterreich, ſon⸗ dern als der erwählte Kaiſer von Deutſchland, der als⸗ dann die deutſchen Reichsfürſten aufruft zum Bundes⸗ kampf gegen das in Aufruhr und Zerrüttung begriffene Nachbarland.“ „Das alſo iſt der Rath, den Sie mir geben in Bezug auf meine unglückliche, von Todesgefahr bedrohte Schweſter Marie Antvinette?“ fragte Leopold mit etwas ſcharfer Betonung.„Ich ſoll nichts thun, als zu⸗ ſchauen, abwarten und beklagen?“ „Sire, ich weiß Eurer Majeſtät keinen beſſern Rath zu geben. Wenn man ſelber nicht ſtark iſt, muß man ſich wohl hüten, den Stärkern anzugreifen; aber wenn Ew. 75 Majeſtät die augenblicklichen Schwierigkeiten überwun⸗ den haben und gerüſtet und machtvoll daſtehen, dann iſt es Zeit, Denen den Krieg zu erklären, welche Oeſterreich bedrohen und in offener und heimlicher Feindſchaft das Verderben Oeſterreichs anſtreben.“ „Bis dahin ſind es zunächſt vier wichtige Dinge, die ich zu erſtreben habe,“ ſagte Leopold gedankenvoll. „Zuerſt muß ich trachten die Niederlande wieder zu erobern, zum Zweiten muß ich mir die deutſche Kaiſer⸗ krone auf das Haupt ſetzen, zum Dritten muß ich einen ehrenvollen und dauernden Frieden mit den Türken ma⸗ chen, und damit ich dies kann, muß ich zum Vierten mich bemühen, mich mit Preußen zu verſöhnen und mir Fried⸗ rich Wilhelm's Freundſchaft zu erwerben. Zu dieſem vierten und ſchwerſten Werk vor allen Dingen rechne ich auf Ihre thätige und einflußreiche Mitwirkung, mein lie⸗ ber Fürſt. Sie kennen nicht allein die Verhältniſſe des preußiſchen Hofes, ſondern Sie kennen auch den Mini⸗ ſter Herzberg, den Staatsmann, den Friedrich Wilhelm als ein koſtbares Erbtheil ſeines großen Oheims, Fried⸗ rich's des Zweiten, überkommen hat, und welcher jetzt der eigentliche Lenker der Geſchicke Preußens iſt. Sie kennen ſeine Geſinnung und die Art, wie man auf ihn einwirken muß, um ſeine feindſelige Stimmung zu be— ſchwichtigen. Sie haben mit ihm unterhandelt und mit 5* 76 ihm die Verſöhnung Oeſterreichs und Preußens nach dem unſeligen baieriſchen Erbfolgekrieg zu Stande gebracht. Ich rechne daher auch jetzt auf Ihre Weisheit, Ihre di⸗ plomatiſche Geſchicklichkeit und Erfahrung, und bin über⸗ zeugt, daß es Ihnen gelingen wird, eine Verſtändigung zwiſchen den Höfen von Wien und Berlin herbeizufüh⸗ ren, und mir Friedrich Wilhelm aus einem Feind und Widerſacher in einen Freund und Bundesgenoſſen zu verwandeln.“ Der Fürſt hatte, während der Kaiſer ſprach, gerade und aufrecht ſitzend und mit weit geöffneten Augen ihn angeſtarrt. Keine Muskel ſeines Antlitzes hatte gezuckt, durch keinen Blick, durch keine Miene hatte er verrathen, daß die Worte des Kaiſers irgend einen Eindruck auf ihn gemacht. Nur ſeine Lippen hatten ſich feſt aufeinander gepreßt und ſeine Augenbrauen hatten ſich ein wenig zuſammengezogen. „Sie antworten mir nicht, Durchlaucht?“ fragte Leopold nach einer Pauſe, als der Fürſt noch immer in ſeinem ſtarren Schweigen verharrte.„Sollten Sie un⸗ glücklicher Weiſe nicht meiner Meinung ſein? Sollten Sie mir Ihren Beiſtand nicht gewähren wollen 2 „Ich glaube, nicht recht gehört zu haben,“ ſagte Kaunitz endlich mit beklommener dumpfer Stimme.„Ich bitte Ew. Majeſtät gnädigſt mir Ihre letzten Worte, das 77 vierte Ding, welches Ew. Majeſtät erſtreben wollen, in Kürze zu wiederholen.“ Leopold blickte ihn erſtaunt an, und dieſes ſtarre, verſteinerte Greiſenangeſicht mit den weit geöffneten Au⸗ gen und dem glanzloſen Blick machte faſt einen unheim⸗ lichen Eindruck auf ihn. „Das vierte Ding,“ ſagte er mit einem erzwun⸗ genen Lächeln,„das vierte Ding, auf welches ich mein Hauptaugenmerk richte, iſt eine Annäherung an Preußen. Ich hoffe, daß Ew. Durchlaucht mir beiſtehen werden, eine Verſtändigung mit dem König Friedrich Wilhelm herbeizuführen, und daß Sie die Güte haben werden, deshalb zuerſt in geheime Unterhandlungen mit dem preu⸗ ßiſchen Miniſter, dem Grafen Herzberg, zu treten.“ „Ich habe alſo nicht falſch gehört,“ ſagte Kaunitz, indem er langſam ſich gus ſeinem Fauteuil erhob und ſeine lange, ſchmale Geſtalt gerade und ſtolz vor dem Kaiſer aufrichtete,„meine Ohren haben mich nicht ge⸗ täuſcht. Ew. Majeſtät haben dieſe Worte geſprochen, Cw. Majeſtät denken allen Ernſtes daran, ſich Preußen an⸗ zunähern, und Sie haben mich dazu auserſehen, die erſten Schritte zu dieſer Annäherung zu thun? Ich, der Fürſt Kaunitz, den man ſeit dreißig Jahren den Kutſcher der europäiſchen Politik nennt, ich ſoll jetzt auf einmal meinen Wagen rückwärts lenken, ſoll Halt machen ſeit⸗ 78 wärts des Weges, ſoll der lächerlichen preußiſchen Staatskutſche den Vorrang laſſen, und ſoll demüthig hinterher fahren in ihren Geleiſen?“ „Aber mein Gott, mein lieber Fürſt,“ rief Leopold lächelnd,„ich habe ja gar nicht ſo etwas Entſetzliches ver⸗ langt. Ich werde mich wohl hüten von Ihnen irgend eine Demüthigung zu begehren vder ſelber in eine ſolche zu willigen. Aber, da ich einſehe, daß es für mich, um Frie⸗ den nach Innen und Außen zu bekommen, nothwendig iſt, daß ich ſowohl mit Preußen als mit den Seemächten Frieden mache, ſo bitte ich Sie, mein theurer Staats⸗ kanzler, um Ihren Beiſtand in dieſer Sache. Ich ſagte Ihnen ja, ich bin Maria Thereſia's echter Sohn, und ich mag daher nichts thun und unternehmen, ohne Ihre Zu⸗ ſtimmung und Billigung zu haben.“ „Nie werden Ew. Majeſtät meine Billigung haben zu dieſem Plan,“ rief Kaunitz laut und feierlich.„Nie werde ich dem Kaiſer von Oeſterreich den Rath geben können, ſich dem Erbfeind ſeines Hauſes zuvorkommend zu nähern und ihm zuerſt zur Verſöhnung die Hand zu reichen. Denn Preußen iſt der Erbfeind Oeſterreichs, und es wird ſo bleiben, ſo lange ein Oeſterreich und ein Preu⸗ ßen exiſtirt, ſo lange Oeſterreich nicht mit der Kraft ſei⸗ nes Schwertes und ſeines geheiligten Rechtes den über⸗ müthigen Vaſallen in den Staub getreten hat. Es wird ſo bleiben bis zu dem Tage, an welchem der Markgraf von Brandenburg wieder demüthig bei Tafel hinter dem Lehnſtuhl des Kaiſers ſteht und Sr. Majeſtät, bevor ſie ſich von der Tafel erheben, die Serviette und das Waſch⸗ becken wieder darreicht.“ „Oh, mein lieber Fürſt,“ ſagte Leopold wehmüthig das Haupt ſchüttelnd,„ich fürchte, es wird nie wieder dahin kommen. Die Tage ſolchen Glanzes ſind vorüber, und der deutſche Kaiſer wird ſchon zufrieden ſein müſſen, wenn der einſtige Markgraf von Brandenburg, der jetzige König von Preußen, ihn mindeſtens in ſeiner Würde an⸗ erkennen und beſtätigen will.“ „Aber dieſe Tage der Oberherrſchaft Oeſterreichs und des deutſchen Kaiſers müſſen wiederkehren,“ ſagte Kaunitz mit feierlichem, prophetiſchem Tone, indem er ſeinen rechten Arm erhob und ihn wie beſchwörend gen Himmel ausſtreckte,„ja, das muß Ew. Majeſtät feſtes und unabläſſiges Beſtreben ſein, Preußen wieder hinweg zu drängen von ſeiner angemaßten Höhe, es wieder zurück⸗ zuführen zum Gefühl ſeiner Botmäßigkeit und Unter⸗ thänigkeit. Preußen iſt ein Uſurpator, und man muß es ſeiner angemaßten Würde entkleiden, wenn man nicht will, daß es einſt ſogar ſich zum Herrn von ganz Deutſchland emporſchwindele und ſich zum Kaiſer von Deutſchland mache. Hüten Sie Sich vor Preußen, Sire, es iſt Ihr 80 natürlicher Feind, und unter natürlichen Feinden kann niemals eine Verſöhnung, eine Ausgleichung ſtatt finden. Wem verdanken es Ew. Majeſtät jetzt hauptſächlich, daß Sie überall in Ihren Landen Unfrieden und Anfruhr be⸗ gegnen? Ich ſagte es Ihnen ſchon zuvor, Preußen hat durch ſeine Emiſſaire überall in den Provinzen die Un⸗ zufriedenen aufgereizt und aufgeſtachelt, es hat die Nieder⸗ lande begünſtigt, hat mit den Seemächten ein allgemei⸗ nes Bündniß wider Oeſterreich abgeſchloſſen, hat der Türkei ſeine von Oeſterreich eroberten Landſtriche, den Polen Galizien verſprochen, hat ganz Europa wider Oeſterreich gehetzt, und jetzt, nach all dieſen tödtlichen Beleidigungen, ſollte Oeſterreich die erſten Schritte thun, um Frieden zu machen mit Preußen? Es ſollte ſich ſo weit erniedrigen, die Freundſchaft Oeſterreichs, um welche ſonſt die mächtigſten Länder Europas gebuhlt haben, als eine wohlfeile Waare anzubieten?“ „Aber mein Gpott, lieber Fürſt, was kann ich in dieſer kritiſchen Lage, in welcher ich mich befinde, Beſſeres thun, als einem Feinde Frieden und Verſöhnung anbieten, der die Mittel beſitzt, mir empfindlich zu ſchaden 2 „Ew. Majeſtät müſſen, wie geſagt, Ihr Augenmerk darauf richten, dieſen Feind zu vernichten. Noch iſt Schle⸗ ſien nicht gerächt, nicht wiedererobert, noch hat Oeſter⸗ reich keinen Erfatz für die baieriſchen Lande, die wir — 81¹ durch die Schuld und den Neid des preußiſchen Königs verloren haben.“ Leopold zuckte leicht die Achſeln.„Wir miüſſen uns in dieſe Verluſte fügen, wie wir uns in ſo viele andere gefügt haben,“ ſagte er.„Es ſcheint, der Blüthepunkt Oeſterreichs iſt vorüber, und wir müſſen es uns gefallen laſſen, von Zeit zu Zeit irgend eine Blüthe welken und abfallen zu ſehen. Die Grenzen Oeſterreichs haben ſich in dem letzten Jahrhundert ſehr verengt, und ſelbſt der große Staatsmann Kaunitz hat das nicht hindern können. Ich aber werde nicht wieder erobern können, was Maria Thereſia, was Kaunitz verloren hat. Aber ich werde be⸗ müht ſein, das, was da iſt, zu erhalten und zu ſchützen. Dazu ſcheint es mir eben nöthig, daß wir der alten Feindſchaft mit Preußen entſagen, und ſo weit wir es können, ohne unſerer Würde zu vergeben, Preußen zur Verſöhnung die Hand bieten. Ich wünſchte dazu die Mitwirkung Eurer Durchlaucht, aber ich darf nicht for⸗ dern, daß Sie mir dieſelbe wider Ihre perſönliche Nei⸗ gung gewähren ſollen, und ich werde daher dieſe Sache als eine bloße Privat⸗Angelegenheit behandeln, mit der ich Ew. Durchlaucht nicht weiter beläſtigen werde. Damit aber öffentlich den Traditionen Oeſterreichs genügt werde und Eurer Durchlaucht Ihr Wille geſchehe, werde ich ein Armeecorps in Böhmen und Mähren zuſammenziehen, 82 um jedem raſchen Einfallen Preußens zu begegnen. Ich habe den Feldmarſchall Laudon mit dieſer Angelegenheit beauftragt und ihm das Commando dieſes Armeecorps übertragen.“ „Nun, Preußen wird dies für eine Kriegserklärung halten und dieſe Annäherung an ſeine Grenzen als einen casus belli betrachten,“ rief Kaunitz. „Um dies zu vermeiden,“ ſagte Leopold lächelnd, „habe ich Laudon beordert, einen Grenzcordon von Leit⸗ meritz bis Jablunka, alſo in bedeutender Entfernung von der preußiſchen Grenze, zu ziehen, und hinter dieſem Cordon werden wir ungeſtört unſere militairiſchen Ope⸗ rationen machen können, während ich meine diplomatiſchen Verhandlungen weiter führe.“ „Und wollen Ew. Majeſtät die Gnade haben, mir zu ſagen, was Sie in Bezug auf Frankreich beſchloſſen haben?“ „Ich werde, wie Ew. Durchlaucht mir rathen, vorläufig die materia peccans einſperren und verſuchen, ob der Vulcan in ſeinen eigenen Grenzen ſich austobt,“ ſagte Leopold.„Das wird mich aber nicht verhindern, für das unglückliche Königspaar, welches meine Hilfe anruft und wohl ein Recht auf dieſelbe hat, thätig zu ſein. Da ich nicht mit offener Gewalt ihnen beiſtehen kann, ſo müſſen wir die Liſt zu Hilfe rufen und verſuchen, ob 83 wir durch dieſe das edle Königspaar aus den Händen der Kronenſchänder und Aufrührer befreien können. Den königlichen Prinzen, den Brüdern des Königs, iſt es doch gelungen die Grenzen Frankreichs zu überſchreiten. War⸗ um ſollte es alſo nicht auch für das Königspaar möglich ſein? Wir müſſen es jedenfalls verſuchen!“ „Aber wenn der Verſuch mißlingt,“ ſagte Kaunitz faſt traurig,„wenn die Flucht entdeckt und hintertrieben wird, ſo heißt das die Monarchie in den Angen der Fran⸗ zoſen ihrer letzten Würde und Heiligkeit entkleiden und ſie ſicherem und unvermeidlichem Verderben entgegenführen. Dies mögen Ew. Majeſtät gnädigſt wohl bedenken und keinen Planen und Vorſchlägen Gehör geben, die nicht ſo ſicher ſind, daß ſie gelingen müſſen, allen Gefahren zum Trotz.“ „Ich werde bemüht ſein, Ihrem weiſen Rath zu genügen und mit Ihnen bald über meine Plane Rück⸗ ſprache nehmen, Herr Staatskanzler,“ ſagte Leopold. „Und bei Ihrem Titel, mein theurer und vielgeliebter Fürſt, fällt mir ein, daß ich mir erlaubt habe, Ihnen einen Adjunctus zu geben, der Ihnen die Laſt der vielen Ge⸗ ſchäfte ein wenig erleichtere, und als Ihr Famulus Ihnen zur Seite ſtehe. Ich habe den Grafen Cobenzl zum Staatsvicekanzler ernannt, und ich hoffe, Sie ſind damit zufrieden. Jedenfalls, mein lieber Fürſt, bleibt Ihnen 84 nach wie vor die Oberleitung der Staatsangelegenheiten und der Staatskanzlei, und Ihrer Entſcheidung haben ſich alle Mitglieder und Beamte der Staatskanzlei zu fü⸗ gen. Aber jetzt, Durchlaucht, muß ich mich von Ihnen verabſchieden und Ihnen für heute Lebewohl ſagen. Vie⸗ lerlei Geſchäfte warten noch auf mich, und ich muß eilen ſie zu Ende zu bringen. Leben Sie wohl, Durchlaucht, und möge ich mich während meiner Regierungszeit immer Ihres Rathes und Ihrer Hilfe erfreuen können. Wir haben Vieles mit einander zu Ende zu führen, und es iſt nöthig, daß wir uns dabei immer in Einklang und Harmonie befinden. Noch einmal, leben Sie wohl! Nein, Durchlaucht, begleiten Sie mich nicht! Ich bin ohne Ceremonie gekommen, laſſen Sie mich auch ſo wieder gehen! Leben Sie wohl!“ Er drückte Kaunitz mit ſanfter Gewalt in ſeinen Lehnſtuhl zurück, durchſchritt dann eilig das Zimmer, wandte ſich noch einmal mit einem freundlichen Kopf⸗ nicken nach dem Fürſten um, und trat hinaus in das Vor— zimmer, in welchem ſein Gefolge ihn erwartete. Kaunitz ſchaute ihm, unbeweglich in ſeinem Lehn⸗ ſtuhl ſitzend, mit einem langen, kalten Blick nach. „Er iſt kein genialer Kopf,“ ſagte er dann nach einer langen Pauſe,„nein, kein genialer Kopf, wie es Joſeph war, auch kein geniales Herz, wie es Maria — 85 Thereſia war. Er iſt ein Mann des juste milieu, der politiſchen Halbheit, und das wird ſein Verderben ſein. Den Liberalen wird er nicht genug thun, den Orthodoxen wird er zuviel thun, und bei dieſem Schaukelſyſtem wird Niemand mehr zu leiden haben, als er ſelber. Nun, wir werden ſehen. Jedenfalls hat er doch das Glück einen Kaunitz an ſeiner Seite zu haben, und wenn er nur weiſe genug iſt, ſich von dieſem lenken zu laſſen, ſo darf er ſicher ſein, ſich aus allen Klippen heraus zu winden. Der Famulus, den er mir da gegeben, der Staasvice⸗ kanzler von Cobenzl, macht mir wenig Sorge. Es iſt meine Creatur, lebt von den Broſamen meiner Staats⸗ kunſt und wird allzeit ein demüthiger Diener ſeines Herrn ſein!— Aber es iſt Zeit, in die Reitbahn zu gehen. Ich fühle mich heute ein wenig ermattet und erſchöpft, das Reiten wird mir wohl thun!“ Er klingelte haſtig dreimal, und da dies das Sig⸗ nal war für den Kammerdiener, ſo öffnete ſich ſofort die Thür und derſelbe erſchien mit den Mänteln und dem Muff des Fürſten. Kaunitz ſtellte ſich ruhig und ſtolz in die Mitte des Gemaches hin und ließ ſich in ſchweigender Ruhe drei ſeidene, mit Eiderdaunen wattirte Mäntel einen nach dem andern über die Schulter legen und ſorgſam am Halſe befeſtigen. 86 „Nun?“ fragte er dann, als der Diener ihm jetzt ehrfurchtsvoll den Muff darreichte,„nun, wo bleibt der vierte Mantel?“ „Durchlaucht halten zu Gnaden, hier iſt er, ich habe ihn bereit. Aber die Sonne ſcheint ſo warm und ſchön und der Thermometer zeigt jetzt zwölf Grad Wär⸗ me, daher dachte ich—“ „Ich weiß nicht,“ unterbrach ihn Kaunitz mit feier⸗ lichem Kopfſchütteln,„ich weiß nicht, was für ein Geiſt des Aufruhrs und der Empörung jetzt einzureißen beginnt. Zeder unterſteht ſich zu denken, und Er erlaubt ſich ſo⸗ gar Etwas zu denken, was meinen eigenen Befehlen zuwider läuft. Was geht Ihn die Sonne an? Er hat ſich nur um mich zu bekümmern und um meine Befehle. Ich habe befohlen mir vier Mäntel zu bringen, und demzufolge werde ich vier Mäntel anlegen.“ Der Kammerdiener nahm ſchweigend den vierten wattirten Seidenmantel, der noch über ſeinem Arm ge⸗ hangen, und umhüllte damit die mäntelgeſchwollene Ge⸗ ſtalt des Fürſten, dann ſetzte er ihm mit vorſichtiger Sorgfalt den kleinen dreieckigen Hut auf die lockige, ſchön gezackte Perrücke und reichte ihm den Muff dar. „Sind viele Fremde im Vorzimmer?“ fragte Kau⸗ nitz dann, während er durch das Gemach der Thür zu⸗ ſchritt. 87 „Zu Befehl, Durchlaucht, es ſind ſehr viele Herren des hohen Adels da, außerdem einige vornehme Fremde, welche mit Empfehlungsbriefen von dem Herren Fürſten von Ligne gekommen ſind und das hohe Glück ge⸗ nießen möchten, die Bekanntſchaft Eurer Durchlaucht zu machen.“ „Den Herren des hohen Adels ſage Er, daß ich heute keine Beſuche annehme,“ ſagte Kaunitz;„die Frem⸗ den ſoll man in die Reitbahn führen. ch erlaube ihnen mich reiten zu ſehen, und vielleicht werde ich ſie dort auch begrüßen.“ Der Kammerdiener beeilte ſich die Thür nach dem kleinen Corridor zu öffnen, auf welchem der Stallmeiſter mit zwei Jockeys ſchon bereit ſtanden, um den Fürſten in die Reitbahn hinabzuführen. Kaunitz begrüßte den Stallmeiſter mit einem Kopf⸗ nicken, und hob dann angſtvoll den Muff an ſein Geſicht empor, um ja nicht die kühlere Luft des Corridors, auf dem indeß, Dank dem warmen Sonnenſchein und dem glühenden Ofen, eine ſommerliche Schwüle herrſchte, ein⸗ zuathmen. Würdevoll und langſam, vielleicht in der Abſicht, den Fremden Zeit zu gönnen, in die Reitbahn hinabzugehen, ſchritt der Fürſt durch die bedeckten Gänge und Corri⸗ 88 dors dahin, unter Vortritt ſeines Stallmeiſter und ge⸗ folgt von den beiden Jockeys. Endlich war die kleine, mit dicken türkiſchen Teppi⸗ chen belegte Treppe erreicht, welche in die ſchöne Rotunde hinabführte, in welcher der achtzigjährige Fürſt täglich ſeine Reiterkünſte übte. Drei Pferde ſtanden zur Auswahl des Fürſten be⸗ reit, und vor ihnen die breite, mit Teppichen belegte kleine Treppe, deren drei Stufen der Fürſt hinaufſchreiten mußte, um ſich auf eines dieſer lammfrommen Damen⸗ pferde zu ſchwingen, von denen Fürſt Kaunitz aber zu behaupten pflegte, daß ſie die wildeſten, ungeſtümſten Renner ſeien, und daß nur ſeine ſtarke und geſchickte Hand ſie zu zügeln vermöchte. Eben als Kaunitz ſeine kleine Treppe, an deren beiden Seiten ſeine beiden Stallmeiſter und ſeine vier Jockeys ſich aufgeſtellt hatten, emporſtieg, öffnete ſich eine entgegengeſetzte Thür; einige Herren erſchienen in der⸗ ſelben und ſchritten, gefolgt von dem Kammerdiener des Fürſten, bis in die Mitte der Rotunde vor. „Dieſe Fremden ſind ſehr kühn,“ ſagte Kaunitz zu ſeinem erſten Stallmeiſter;„wenn ich nicht eine ſo ſichere, feſte Hand hätte, und einmal dem tollen Schimmel die Zügel ſchießen ließe, ſo liefen dieſe Herren Gefahr über den Haufen geritten zu werden.“ 89 „Zum Glück ſind aber Ew. Durchlaucht ein aus⸗ gezeichneter Reiter,“ bemerkte der Stallmeiſter ehrfurchts⸗ voll;„Ew. Durchlaucht werden daher den tollen Schim⸗ mel heute wie immer feſt im Zügel halten und ihm keine Pirouetten und Seitenſprünge, die er ſo gern macht, erlauben, und ſo riskiren dieſe fremden Herren nichts.“ Der„tolle Schimmel“, der indeß dieſen Namen ſchon ſeit fünfzehn Jahren führte, und der geſchaudert haben würde, wenn er gehört oder verſtanden hätte, daß man ihm zumuthete Pirouetten und Seitenſprünge zu machen, der„tolle Schimmel“ ſtand indeß mit hängendem Kopf und geſpitzten Ohren da, und wartete mit erhabener Ge⸗ duld und Standhaftigkeit des Moments, wo es dem Fürſten, der jetzt ſchon den linken Fuß in den Steigbügel geſetzt, gelingen würde, den rechten Fuß über den Rücken des Pferdes zu ſchwingen. Dank den Uebungen dieſes Vormittags gelang dieſe ſchwierige Operation heute außerordentlich gut, und der zweite Stallmeiſter, der jetzt an der andern Seite des tollen Schimmels ſtand, beeilte ſich den eben ſich nieder⸗ ſenkenden rechten Fuß in den Steigbügel zu ſchieben. Der Fürſt ſaß nun feſt im Sattel und nahm von dem erſten Stallmeiſter die Zügel entgegen. Ein leiſes, un⸗ merkliches Zungenſchnalzen des Stallmeiſters brachte den tollen Schimmel in Bewegung, und mit der Sicherheit 1860. XXII. Kaiſer Leopold der Zweite. I. 6 ————————— 90 eines Cavalleriepferdes und zugleich dem ſanften Schritt eines Damenzelters begann der Schimmel in leiſem Galopp ſeinen Umzug durch die Rotunde zu halten. Steif und gerade wie ein Gebild von Stein ſaß der Fürſt auf dem Rücken ſeines Schimmels, und nur mit einem unmerklichen Neigen des Kopfes grüßte er die Fremden, welche in der Rotunde ſtanden. Als eben der tolle Schimmel jetzt, ohne dazu irgend ein Commando oder einen Ruck des Zügels abzuwarten, nachdem er ſeinen einmaligen Umgang vollendet, vor der kleinen Treppe anhielt, rief Kaunitz mit einem gnädigen Winken ſeiner Hand die beiden Fremden näher zu ſich heran. „Sie bringen mir Empfehlungen von meinem Freund dem Fürſten Ligne?“ fragte er. „Zu Befehl, Durchlaucht, hier iſt ein eigenhändiges Schreiben des Fürſten und hier ſind unſere Karten.“ Kaunitz ſteckte das Schreiben des Fürſten ungeleſen in ſeine Taſche und warf einen flüchtigen Blick auf die beiden Karten, welche ihm die Fremden als zwei ruſſiſche Fürſten bezeichneten. „Sie kommen aus Petersburg, meine Herren?“ fragte er. „Ja, Durchlaucht, und wir ſind nach Wien ge⸗ kommen, um das Glück zu genießen, Ew. Durchlaucht, 91 den größten Staatsmann ſeines Jahrhunderts, bewundern zu können.“ „Sie thun daran ſehr wohl,“ ſagte der Fürſt mit olympiſcher Ruhe.„Ich rathe Ihnen auch, ſich mein Portrait zu kaufen und es mit nach Petersburg zu neh⸗ men. Man wird in Rußland ſehr begierig ſein, das Portrait des Fürſten Kaunitz kennen zu lernen, des Staatsmannes, der als der beſte Miniſter ſeit dreißig Jahren Oeſterreich regiert, der Alles kennt, Alles weiß, ſich auf Alles verſteht*). Sie haben mich den größten Staatsmann genannt. Ich will Ihnen jetzt noch be⸗ weiſen, daß ich der größte Reiter bin. He, Monſieur Philipp, ein anderes Pferd!“ * Des Fürſten Kaunitz eigene Worte. Siehe: Swinburne PTravels in Austriae etc. II. 290. 6* 92 Ziertes Capitel. Kaiſer Levpold und ſein Liebling. „Ew. Majeſtät ſind heute nicht heiter?“ fragte der junge Fürſt Carl Liechtenſtein, indem er mit traurigen Blicken hinſchaute auf den Kaiſer, welcher langſam, die Hände auf ſeinem Rücken gefaltet, in ſeinem Kabinet auf und abging.„Ew. Majeſtät haben eine Wolke auf der Stirn, eine Wolke, wie ich ſie niemals in den ſchönen Tagen von Florenz auf Ew. Majeſtät Stirn geſehen habe, und die mir ſelber wie eine Centnerlaſt auf die Seele fällt. Ach, warum können wir nicht mehr in unſerem ſonnigen, ſchönen Florenz ſein! Warum mußten Ew Majeſtät das ſchöne Land der Sonne und der Kunſt verlaſſen und hieher nach Wien kommen, um hier ein ernſter, vielgeplagter Kaiſer und König zu werden. Wir waren ſo glücklich in Florenz und ſo unbefangen und heiter!“ „Fühlſt Du das auch, mein Liebling?“ fragte Leopold, ſeine Hand auf die Schulter des jungen Fürſten legend.„Haſt Du auch Sehnſucht nach dem ſchönen, lieblichen Florenz? Ja, es iſt wahr, glücklich, unbefangen und heiter waren wir da! Mein Volk liebte mich und 93 vertraute mir, wie ein lichter Sonnentag floß das Leben dahin, kein Unfriede und kein Mißtrauen ſtörte die ſchöne Harmonie zwiſchen mir und meinem Volk, wir liebten einander und freuten uns unſeres gegenſeitigen Glückes, mein gutes Volk und ich. Ja, Du haſt wohl Recht, mein Carl, warum konnte ich nicht in Florenz bleiben, warum genügte es mir nicht, ein kleiner einfacher Groß⸗ herzog zu ſein, der im Schatten herrlicher Kunſthallen, im Sonnenglanz Italiens, umgeben von Statuen und Gemälden ſich ſelbſt, ſeinen Freunden, ſeinen Neigungen leben konnte! Warum verlangte es das Schickſal, daß ich hervorträte aus dem Schatten des göttlichen italiſchen Sonnenglanzes, um den glücklichen Großherzog in einen traurigen, unglücklichen König und Kaiſer ſich verwandeln zu laſſen?“ „Aber nein,“ rief der junge Fürſt mit Thränen in den Augen,„nein, Ew. Majeſtät dürfen nicht unglück⸗ lich, nicht traurig ſein! Es zerreißt mir das Herz, wenn ich Sie ſo ſprechen und klagen höre! Ich möchte mein Leben hingeben, um Ew. Majeſtät nur einmal wieder vergnügt lächeln, um nur einmal wieder Ihr Auge auf⸗ leuchten zu ſehen in ſeinem göttlichen Glanz!“ „Dein Leben hingeben,“ ſagte der Kaiſer mit einem zärtlichen Blick auf ſeinen Liebling,„das heißt, Du wollteſt mich des letzten Troſtes, der letzten Freude be⸗ 94 rauben, Du wollteſt mir Dein liebes treues Angeſicht, Dein ſchönes, jugendvolles Herz entziehen und mich ganz allein hier zurücklaſſen, ganz allein ohne Freund, ohne einen Vertrauten, vor dem ich mein Herz erleichtern kann, indem ich ihm meine Schmerzen klage.“ „Still, o ſtill, Majeſtät,“ flüſterte Carl Liechten⸗ ſtein, indem er die Hand des Kaiſers an ſeine Lippen zog;„wenn die Herren Erzherzoge oder gar die Frau Kaiſerin dieſe Worte Eurer Majeſtät gehört hätten, ſie würden mich noch mehr haſſen und beneiden, als ſie es jetzt ſchon thun!“ „Ich verſtehe Dich, mein Liebling,“ ſagte Leopold, ihm ſanft zunickend,„ja, ich verſtehe Dich. Du willſt in Deiner zarten, holden Weiſe mich daran mahnen, daß ich nicht einſam, nicht allein bin, daß ich eine Gemahlin, daß ich zehn Söhne und vier Töchter habe, und daß ich unter dieſen fünfzehn natürlichen Gläubigern das Capital mei⸗ ner Liebe vertheilen könnte. Aber was willſt Du, Carl, die Liebe läßt ſich einmal nichts gebieten, und wir armen Fürſten ſind es nicht gewohnt, ſie in unſern Familien zu finden. Niemand hat mich damals vor fünfundzwanzig Jahren um meine Einwilligung gefragt, als man mich der Tochter des ſpaniſchen Königs vermählte, Niemanden kümmerte es, ob der arme achtzehnjährige Erzherzog auch die ſpaniſche Infantin lieben könne. Es war eine gute 95 Partie für den jungen Großherzog von Toscana und eine gute Verſorgung für die ſpaniſche Infantin, und ſo kettete man ſie aneinander, gleichviel ob den armen Ga⸗ leerenſclaven der Ehe die Kette leicht oder ſchwer drücke. Dir aber, mein Liebling, Dir will ich geſtehen, was ich bis jetzt nur Gott geſtanden habe: dieſe Kette hat mich ſchwer gedrückt, ſie hat mein Herz oft wund gerieben und meine Seele gefoltert. Fern ſei es von mir eine An⸗ klage gegen meine Gemahlin zu ſchleudern, ſie hat ge⸗ than, was ſie vermochte, ſie hat mir ſtets ein zufriedenes, heiteres Geſicht gezeigt, ſie hat ſich nie in meine Regie⸗ rungsgeſchäfte eingemiſcht, ſie iſt niemals ehrgeizig und herrſchſüchtig geweſen, ſie hat mich niemals mit Eifer⸗ ſucht gequält, mir niemals Vorwürfe gemacht; ſie iſt ruhig ihren ſtillen Weg dahin gegangen, zufrieden, wenn man ſie gewähren ließ in ihrem einförmigen, geräuſchloſen Leben, das ſich jeden Tag regelmäßig wie ein Uhrwerk abrollte; zufrieden, wenn ſie alle Jahr ihre Familie ſich vergrößern ſah und der Welt und ihren Unterthanen ein neues Unterpfand der treuen Liebe ihres Gemahls auf⸗ weiſen konnte. Sie hat mir vierzehn Kinder gegeben, aber, mein Freund, ſie hat dieſen Kindern eine traurige ſpaniſche Erbſchaft gegeben; und ich ſehe mit zerriſſenem Herzen die Mehrzahl meiner Söhne verfolgt von dem⸗ ſelben furchtbaren Uebel, das meine Gemahlin von ihrer 96 früheſten Jugend an heimſucht, von dieſer furchtbaren Epilepſie, die in der Familie der ſpaniſchen Bourbonen erblich iſt. Sieh, mein Liebling, dieſes unheimliche, ent⸗ ſetzliche Uebel entfremdete mich zuerſt meiner jungen Ge⸗ mahlin. Mein Gott, ich hätte dieſe Frau, welche man mir gegeben, ſo gerne lieben mögen, mein junges, un⸗ ſchuldiges Herz ſehnte ſich nach einem zweiten Herzen, mit dem es Eins ſein wollte in Gefühl und Wort, ich hatte den ernſten Willen, die aufgedrungene Gemahlin zur geliebten Gefährtin meines Lebens zu machen. Ich verſuchte es, ſie Theil nehmen zu laſſen an meinen Ge⸗ danken, meinen Beſchäftigungen, meinen Regierungsſor⸗ gen ſelbſt— aber jedes ernſte Geſpräch machte ſie erblei⸗ chen und erſchauern, jeder Verſuch wirklicher Thätigkeit oder auch nur anhaltenden Nachdenkens ließ ſie in Zuckun⸗ gen und Krämpfe verfallen, die mein Herz mit Entſetzen erfüllten, vor denen ich erſchauernd floh wie vor einem böſen Dämon, damit er mich ſelber nicht packe und dar⸗ nieder werfe.“ „Entſetzlich!“ rief der junge Fürſt erbleichend;„o, mein theurer, geliebter Herr, was muß Ihre edle, weiche Seele gelitten haben, wie muß Ihr großmüthiges, liebe⸗ volles Herz zerriſſen ſein in der Qual ſolcher Stunden!“ „Ja, es iſt wahr,“ ſagte der Kaiſer mit einem trau⸗ rigen Lächeln,„ich habe viel gelitten, mein Herz ent⸗ 97 wöhnte ſich ſo ſchwer von dem Gedanken, neben mir eine Gemahlin zu haben, die nicht auch das Weib meiner Liebe, die Gefährtin meiner Sorgen ſein ſollte. Ach, glaube mir, mein Carl, mit einem ſolchen Weibe an mei⸗ ner Seite wäre ich ein anderer Mann, ein anderer Fürſt geworden, ein beſſerer!“ „Nein!“ rief Carl Liechtenſtein feurig,„nein, es iſt unmöglich, beſſer, edler und herrlicher zu ſein, als es mein theurer Herr und Gebieter iſt!“ Leopold legte ihm ſanft die Hand auf die Schulter und ſah ihm tief in die dunkeln, flammenden Augen. „Sei gut, mein Liebling,“ ſagte er faſt bittend,„mache es nicht wie die andern Höflinge, ſchmeichle mir nicht, laß niemals Deine Lippen von einer Unwahrheit ent⸗ weiht werden. Ich kenne mich, Carl, ich weiß was ich bin, und auch was aus mir hätte werden können, wenn das Schickſal und das Glück es gewollt hätten. Mein guter Schwager, der König von Neapel, nennt mich il professore, er verlacht meine Schüchternheit und mein ernſtes Weſen, und er hat wohl Recht darin. Ich bin ein armer Doctrinair geworden, die Flügel meiner Seele haben ſich nie entrollen, nie aufſchwingen können, mein armſeliger Rang, meine Lebensverhältniſſe hatten ſich wie Blei unter meine Füße gelegt, und dieſes Blei hef⸗ tete mich an die elende gemeine Erde, kettete mich an die Alltäglichkeit des Daſeins. Mein Weſen war ſchüchtern von Jugend auf, und das geheime Unglück meiner Ehe hat es nur noch mehr verſchüchtert. So rettete ich mich von den Menſchen zu den Büchern, aus der Welt in die Studirſtube, ſo ward ich il professore, der beſſer mit Retorten als mit Menſchen umzugehen weiß und ſich mehr auf die Theorie der Dinge als auf die Praxis verſteht.“ „Der aber viel zu weiſe iſt, um die Theorie zur Praxis machen zu wollen, wie es Kaiſer Joſeph zum Un⸗ glück ſeines Volkes ſo oft gethan,“ ſagte Fürſt Liechten⸗ ſtein lebhaft.„Ew. Majeſtät haben einen weltſchauenden Blick, der ſtets nur das Mögliche, das Erreichbare will, und wenn Sie dann ein professore ſind, ſo ſind En. Majeſtät ein professore der Weltweisheit.“ „Ich wollte, Du hätteſt die Wahrheit geſprochen,“ ſeufzte der Kaiſer;„ich wollte, ich beſäße die Weisheit dieſer Welt, und mit ihr vermöchte ich meinen Unter⸗ thanen Glück und Frieden zu bringen. Aber wohin ich ſchaue, ſehe ich nur Unheil und Unfrieden, nur Gefahr und Bedrängniß. O Joſeph, o mein Bruder, warum biſt Du dem Unheil entflohen, das Du angeſtiftet, warum haſt Du mir die traurige Erbſchaft Deiner Irrthümer und Deines ungeſtümen Wollens hinterlaſſen! Ich bin nicht ein Mann des Krieges, ich will nur den Frieden, ———————— 99 den Frieden für die Welt und für mich ſelber. Und ich ſage Dir, Carl, es wird mir nicht gelingen, dieſen Frie⸗ den, dieſe höchſte Segnung der Völker aufrecht erhalten zu können, oder auch nur den Krieg dahin tragen zu können, wohin allein er als eine Strafe und eine Gerech⸗ keit gebracht werden müßte.“ „Nach Frankreich!“ rief Fürſt Liechtenſtein mit flammenden Augen,„nicht wahr, Majeſtät, nach Frank⸗ reich wollen Ew. Majeſtät den Krieg tragen, und auf den flatternden Fahnen Oeſterreichs ſollen dieſe verruch⸗ ten Aufrührer und Empörer die blutrothen Worte le⸗ ſen:„Tod den Jacobinern, den Königsſchändern!“ „Still, ſtill, mein Liebling,“ ſagte Leopold lächelnd; „wenn der Staatskanzler Fürſt Kaunitz Deine kühnen Worte hörte, würde ſein donnernder Jupiterszorn Dich zerſchmettern.“ „Ich fürchte ſeine Blitze nicht,“ rief Fürſt Carl lachend,„und ſeine olympiſche Weisheit hat keine Zähne mehr, um zu beißen. Aber jetzt, mein theurer, geliebter Herr, jetzt verſtehe ich die Wolke auf Ihrer Stirn. Das iſt das Werk des alten Staatskanzlers, des alten, wackel⸗ köpfigen Kutſchers von Europa, dem längſt ſchon die Zü⸗ gel aus den altersſchwachen zitternden Händen gefallen ſind, und der in ſeiner Eitelkeit ſich noch immer einbil⸗ det ſie in feſter Hand zu halten und Alles nach ſeinem 100 Willen lenken zu können. Wollen Ew. Majeſtät mir er⸗ lauben, daß ich Ihnen ein Geheimniß mittheile?“ „Thue es immerhin,“ ſagte Leopold lächelnd,„und nimm mein Wort, daß ich es nicht verrathen will.“ „Nun denn, Majeſtät, ich haſſe dieſe alte verſtei⸗ nerte Durchlaucht, dieſe antediluvianiſche Statue der Staatsweisheit, die ſich einbildet, daß ſie die Pythia iſt, welche auf dem Dreifuß ſitzt, und deren Worte das ge⸗ heiligte und unangreifbare Orakel der Götter verkünden. Ja, ich haſſe dieſe alte Mumie, die ſich in Eigendünkel und Selbſtvergötterung einbalſamirt hat, und ſich des⸗ halb unſterblich dünkt.“ „Und das iſt Dein ganzes Geheimniß, Du wilder, ungeſtümer Geſelle?“ fragte der Kaiſer lächelnd. „Nein, Majeſtät,“ rief Fürſt Liechtenſtein,„mein Geheimniß kommt erſt. Ich habe mir vorgenommen, dieſe alte Mumie der Staatsweisheit von ihrem angemaßten Thron zu ſtürzen, den Herrn Staatskanzler und Kutſcher von Europa aus dem Sattel zu heben.“ „Armer Freund,“ ſagte Leopold achſelzuckend,„Du wirſt leider Dein Vorhaben nicht ausführen können.“ „Und warum nicht, Majeſtät? Warum nicht, wenn Sie gnädigſt mir die Hand dazu bieten wollen?“ „Das werde ich aber nicht thun, Carl,“ ſagte Leopold ernſt.„Nein, mein Liebling, wie groß auch die 101 Gewalt iſt, die Du über mein Herz und meine Ent⸗ ſchlüſſe haſt, in dieſer Sache wirſt Du mich niemals will⸗ fährig finden. Ich will herrſchen als der Sohn meiner Mutter, und es ſoll nicht geſagt werden, daß ich un⸗ dankbar und unkindlich den Mann entfernt hätte, welcher der großen Maria Thereſia ſo lange und ſo treu gedient, und ihr in guten wie in ſchlimmen Tagen mit Rath und That zur Seite geſtanden hat. Nein, niemals wird Fürſt Kaunitz von mir ſeine Entlaſſung erhalten, er iſt das Erbtheil meiner Mutter, und ich werde es heilig und in Ehren halten!“ „Das iſt ſehr edel, ſehr großmüthig von Ew. Ma⸗ jeſtät, aber inzwiſchen werden Sie in allem Ihrem Wol⸗ len und Vollbringen von ſeiner anmaßlichen Weisheit und altmodiſchen Staatsklugheit gehemmt und beläſtigt werden!“ „Es iſt wahr,“ ſagte Leopold leiſe,„es wird mir ſchwer werden, mich mit ihm zu verſtändigen, denn er iſt unbeugſam in ſeinen Anſichten, und ich fürchte, ſein Wille wird oft dem meinen widerſtreben.“ „Und deshalb,“ wiederholte Fürſt Liechtenſtein, „deshalb habe ich den Entſchluß gefaßt, dieſe alte Mumie der Staatsweisheit von ihrem Thron zu ſtürzen und den Herrn Staatskanzler aus dem Sattel zu heben. Das iſt das Geheimniß, was ich Ew. Majeſtät anzuvertrauen 102 hatte, und das Ew. Majeſtät mir gnädigſt verſprochen haben, treulich zu bewahren.“ „Aber jetzt, da ich Dir geſagt habe, daß ich Dir hierin nicht willfahren kann, jetzt gibſt Du die Sache auf, nicht wahr, und begnügſt Dich, den alten Staatskanzler zu haſſen und ihm eine Fauſt in der Taſche zu machen?“ „Nein, Majeſtät, ich gebe die Sache gar nicht auf, und ich hoffe dem alten Staatskanzler die Fauſt eines Tages nicht bloß in der Taſche zeigen zu können.“ „Wie denn? Du rebellirſt gegen Deinen Kaiſer?“ „Der Himmel behüte mich davor! Ew. Majeſtät haben mir geſagt, daß Sie dem Herrn Staatskanzler niemals ſeine Entlaſſung geben werden, es kommt alſo darauf an, daß er ſeine Entlaſſung nimmt.“ „Ah, mein Freund, das iſt eine vergebliche Hoff⸗ nung. Fürſt Kaunitz gibt niemals ſeine Entlaſſung, er glaubt ſich noch heute ſo wichtig für den öſterreichiſchen Staat, wie er es vor dreißig Jahren geweſen, er glaubt ſich noch heute unentbehrlich und würde ſich ſelber für einen Verräther halten, wenn er ſeine Hand abzöge von Oeſterreich und dem Kaiſer nicht mehr ſeinen Rath und ſeinen Beiſtand gewährte.“ „Es ſoll meine Aufgabe ſein, ihm zu beweiſen, daß er entbehrlich iſt,“ ſagte Fürſt Liechtenſtein trotzig.„Ich will ihn zwingen zu erkennen, daß er überflüßig iſt und 103 daß er um ſeiner eigenen Ehre willen ſich zurückziehen muß.“ „Still, Du Trotzkopf,“ ſagte Leopold lächelnd.„Als ob Du die Mittel hätteſt, ihn zu zwingen, ihn, den un⸗ nahbaren Staatskanzler.“ „Nun, Ew. Majeſtät werden ja ſehen,“ rief Carl Liechtenſtein achſelzuckend.„Ich ſchwöre dem Herrn Staats⸗ kanzler einen ewigen Krieg, es iſt der Krieg der Jugend gegen das Alter, der neuen Ideen gegen die verbrauchten Erfahrungen, und in dieſem Kampf werde ich viele Genoſ⸗ ſen finden, und Niemand wird da ſein, der mit und für den Staatskanzler kämpfen will. Er hat kein Herz in ſeiner Bruſt, und darum hat auch Niemand ein Herz für ihn, er iſt gehaßt von Allen, die ihm nahe ſtehen, ſelbſt alle Beamte der Staatskanzlei, vom Höchſten bis zum Niedrig⸗ ſten wünſchen ſeinen Sturz und ſind bereit dazu die Hand zu bieten, denn ſeine Thrannei und ſeine Anmaßung laſtet ſchwer auf ihnen Allen. Ich ſage Ew. Majeſtät, ich habe meine Verſchworenen und Kampfgenoſſen, und ſelbſt der Staatsreferendarius Spielmann gehört zu ihnen und—“ „Genug, genug,“ ſagte Leopold raſch,„ich will nicht tiefer eindringen in dieſe Verſchwörung, denn das hieße mich zu einem Mitſchuldigen derſelben machen. Aber ſage, mein Liebling, was hat er Dir denn gethan, daß Du den Staatskanzler haſſeſt?“ 104 „Was er mir gethan hat?“ rief der junge Fürſt ungeſtüm.„Er hat heute gemacht, daß die geliebte Stirn meines Herrn und Kaiſers von einer Wolke beſchattet iſt, und er wird noch oft ſolche Wolken hervorrufen, darum haſſe, darum verwünſche ich ihn. Aber dies iſt nicht mein einziger Grund. Mein Haß iſt ſchon von älterem Da⸗ tum. Ich haſſe den Staatskanzler Kaunitz, weil er es geweſen, der den Kaiſer Joſeph beredet hat, ſeiner edlen, unglücklichen Schweſter keine Hilfe, keinen Beiſtand zu gewähren, ja, ich haſſe den Staatskanzler Kaunitz, weil er die ſchöne, erhabene Marie Antoinette in den Banden unwürdiger Knechtſchaft ſchmachten läßt, weil er, der ſonſt immer Krieg und Händel ſuchte, nur allein mit Frankreich keinen Krieg beginnen will.“ „Es iſt wahr,“ ſagte Leopold ſeufzend,„der Fürſt iſt einem Krieg mit Frankreich auf das Aeußerſte ent⸗ gegen, er hat mich mit ſtürmiſcher Heftigkeit, aber auch mit gewichtigen Gründen beſchworen, keinen Krieg mit Frankreich zu beginnen, den Krater des Vulcans nicht zu bffnen, daß nicht die glühende Lava der Empörung ſich auch über Deutſchland ergieße.“ „O, ich beſchwöre Eure Majeſtät,“ rief Fürſt Liechtenſtein tief bewegt,„achten Sie nicht auf ſeine ver⸗ knöcherte Weisheit, auf ſeine Politik ohne Herz und Menſchengefühl. Ich habe Ew. Majeſtät weinen ſehen 105 über das Schickſal und die Schmach Ihrer königlichen Schweſter, und dieſe Thränen ſind wie glühende Kohlen auf mein Herz gefallen und haben mir Wunden gebrannt, die nicht eher heilen werden, als bis das unglückliche Kö⸗ nigspaar von Frankreich gerettet und gerächt iſt, bis Ew. Majeſtät nicht mehr nöthig haben, um Ihre Schweſter Thränen zu vergießen.“ „Ja, es erbarmt meine Seele, die geliebte Schwe⸗ ſter, den theuerſten Liebling meiner Mutter unglücklich, gedemüthigt, von Gefahren umgeben zu wiſſen, und ihr nicht helfen zu können,“ ſeufzte Leopold. „O, darum beſchwöre ich Ew. Majeſtät, hören Sie nicht auf die Worte des verknöcherten Staatskanzlers, hören Sie auf Ihr eigenes Herz, auf das Flehen Ihres ganzen Volkes, das ſeine geliebte Erzherzogin unwürdiger Behandlung dahin gegeben ſieht, und freudig bereit iſt, ſein Blut und Leben zu ihrer Rettung einzuſetzen. O, mein theurer Herr und Gebieter, folgen Sie Ihrem groß⸗ müthigen, ritterlichen Herzen, erfüllen Sie die Wünſche Ihres ganzen Volkes: retten Sie die Königin von Frank⸗ reich aus unwürdiger Noth und Bedrängniß, ſtrafen Sie mit dem Schwert der Rache die Verwegenen, die es wagen ihrem König zu trotzen und ihm Geſetze auf⸗ erlegen zu wollen! Krieg gegen Frankreich, Majeſtät, auf meinen Knieen beſchwöre ich 8 ſprechen es aus, 1860. XXII. Kaiſer Leopold der Zweite. I. 106 das heilbringende, das rächende Wort:„Krieg gegen Frankreich!“ Und mit leidenſchaftlichem Ungeſtüm auf ſeine Kniee niederſtürzend, hob Fürſt Carl Liechtenſtein ſeine gefal⸗ teten Hände und ſeine von Thränen umdüſterten Augen zu dem Kaiſer empor. Leopold neigte ſich zu ihm nieder und drückte einen Kuß auf ſeine Stirn.„Stehe auf, mein Liebling,“ ſagte er, indem er mit ſanfter Gewalt ihn emporzog.„ Stehe auf und laß uns mit Ernſt und Ruhe dieſe traurige Sache überlegen. Ich wollte, Carl, ich hätte Deinen Feuergeiſt, ich könnte mich ohne zu zaudern und nachzudenken, ohne die Folgen zu erwägen, in dieſen Krieg ſtürzen. Aber ich bin eben der arme professore, der erwägt und über⸗ legt, ehe er handelt, der Mann des Friedens, der nicht eher zum Schwert greifen mag, bevor er alle Mittel, den Frieden zu erhalten, erſchöpft hat. Täuſche Dich nicht in mir, mein junger Freund, erwarte von mir keine gro⸗ ßen, keine genialen Thaten, kein heldenmüthiges Vergeſſen aller Gefahren, wenn es ſich handelt zu kämpfen und zu ſiegen. Ich überlege, ehe ich handle, ich zaudere und er⸗ wäge, ehe ich zur That ſchreite. Und in dieſem Fall, Du ungeſtümer, leidenſchaftlicher Sohn des Feuers, in die⸗ ſem Falle kann ich Deine Bitte nicht erfüllen, mindeſtens nicht im Augenblick. Um einen Krieg nach Außen beginnen 107 zu können, muß ich erſt Friede im Innern meines Landes haben; die Niederlande müſſen wieder unter meinen Scepter zurückgekehrt, Ungarn und Böhmen müſſen be⸗ ruhigt ſein, und vor allen Dingen müſſen die deutſchen Reichsfürſten mich zum Kaiſer von Deutſchland erwählt haben. Dann, wenn ich in Frankfurt die Krone Deutſch⸗ lands auf meinem Haupt empfangen habe, wenn die deutſchen Reichsfürſten mir Gehorſam ſchuldig ſind und auf meinen Waffenruf ſich erheben müſſen, dann, wenn ich mächtige Bundesgenoſſen mir geworben, dann iſt es Zeit, den heiligen Kreuzzug zu beginnen und das Schwert zu erheben für das geſchändete Königthum, die entweihte Monarchie und für meine theure, unglückliche Schweſter.“ „Ach, aber wann wird dieſer Zeitpunkt gekommen ſein?“ fragte Carl Liechtenſtein ſeufzend.„Gibt es keine Mittel, ihn zu beſchleunigen?“ „Doch, es gibt deren, wie ich glaube,“ erwiderte Leopold lächelnd.„Wenn es mir gelingt, mit England und Schweden ein Bündniß zu ſchließen, ſo werden dieſe, ſchon um dadurch eine Schutzmauer gegen Frankreich zu gewinnen, mir ihren Beiſtand zur Wiedererwerbung der Niederlande gewähren; wenn ich die feindliche Geſinnung Preußens wandeln und den König von Preußen zu mei⸗ nem Bundesgenoſſen machen könnte, ſo wäre mir die deutſche Kaiſerkrone ſicher, denn die gewichtige Stimme 7* 108 Preußens würde mir die Stimmen aller norddeutſchen Fürſten ſichern, und der ſüddeutſchen bin ich gewiß.“ „Aber der König von Preußen iſt ja der erbitterte Gegner Oeſterreichs,“ ſeufzte der junge Fürſt;„er ſtellt ſich überall mit offener Feindſchaft Oeſterreich entgegen, ſucht ewig Händel und Zwiſtigkeiten, und ſcheint nichts ſehnlicher zu wünſchen, als einen neuen ſiebenjährigen Krieg zu beginnen. Ach, wenn Ew. Majeſtät auf die Mitwirkung des Königs von Preußen hoffen, um deut⸗ ſcher Kaiſer zu werden und um Frankreich angreifen zu können, dann habe ich keine Hoffnung mehr!“ „Aber ich habe ſie,“ ſagte Leopold lächelnd.„Nicht der König von Preußen iſt Oeſterreichs ebitterter Gegner, ſondern ſein Miniſter, Graf Herzberg iſt es. Der alte Vertraute und Freund des Königs Friedrich des Zwei⸗ ten möchte die alte Feindſchaft verewigen, und meint im Sinne ſeines großen Königs zu handeln, wenn er immer neuen Zündſtoff der Feindſeligkeit gegen Oeſterreich zu⸗ ſammenträgt. Freilich, wäre der alte Miniſter Herzberg Souverain von Preußen, ſo würden die preußiſchen Truppen morgen ſchon die öſterreichiſchen Grenzen über⸗ ſchreiten, um unter irgend einem erdichteten Rechts⸗ anſpruch uns auch den ſüdlichen Theil von Schleſien noch zu entreißen. Das iſt eben ſo gewiß, als daß, wenn der alte Staatskanzler Kaunitz Souverain von Oeſterreich 109 wäre, morgen ſchon unſere Truppen marſchiren müßten, um Schleſien von Preußen wieder zu erobern. Aber glücklicherweiſe iſt der alte Graf Herzberg nicht Souve⸗ rain, und ich habe allen Grund zu glauben, daß der König von Preußen die Geſinnungen ſeines Staats⸗ miniſters nicht theilt, daß er Oeſterreich gern die Hand zum Frieden böte, wenn wir dagegen mit ihm gemein⸗ ſchaftliche Sache gegen Frankreich machen wollten. Meine geheimen Agenten berichten mir, daß der König Friedrich Wilhelm ſich perſönlich beunruhigt über die Fortſchritte der franzöſiſchen Revolution, und daß er nichts ſehnlicher wünſcht, als dieſe ſchmachvolle Revolution mit Waffen⸗ gewalt niederzuſchlagen. Es käme nur darauf an, dem König jetzt verſöhnlich ſich anzunähern, ihm begreiflich zu machen, daß die gekrönten Häupter jetzt alle ihre Zwiſte, ihre gegenſeitigen Abneigungen unterdrücken müßten, um gegen den gemeinſamen Feind, der ſich mit drohender Gewalt gegen ſie Alle erhebt, Front zu machen. Man müßte ihn darauf aufmerkſam machen, von welchen Gefahren die Monarchie überhaupt bedroht ſei, und daß im Angeſicht zweier Revolutionen, der der Niederlande und der von Frankreich auch die Polen ihre Revolution vorbereiten und mit derſelben die drei Haupt⸗ mächte des Nordens zu bedrohen. Ich glaube, daß ſolche Vorſtellungen auf das weiche und reizbare Gemüth Fried⸗ 110 rich Wilhelm's einen guten Eindruck machen würden, und daß es nicht ſchwer ſein würde, ihn aus einem Feind in einen Bundesgenoſſen zu verwandeln, vorausgeſetzt, daß der alte Herzberg nicht die Verhandlungen zu leiten hat.“ „Und warum laſſen ſich Ew. Majeſtät nicht herab, dieſes Mittel der Verſtändigung zu verſuchen?“ fragte Fürſt Liechtenſtein lebhaft.„Warum befehlen Sie Ihren Miniſtern nicht die Friedensunterhandlungen mit Preußen zu beginnen?“ „Warum ich das nicht thue?“ fragte Leopold lächelnd;„weil der Staatskanzler Fürſt Kaunitz es mir abgeſchlagen hat; weil er mit geringer Heftigkeit ſich ge⸗ gen jeden Verſuch einer Aunäherung an Preußen er⸗ klärte; weil er das für eine Schmach und Demüthigung hält, der ſich Oeſterreich niemals unterwerfen darf; weil er nicht Frankreich, ſondern Preußen für den ge⸗ fährlichen Feind hält, gegen den Oeſterreich, ſobald es dazu ſtark genug iſt, ſein Schwert erheben müßte.“ „Weil er immer noch glaubt, in den Zeiten des ſiebenjährigen Krieges zu leben,“ rief Fürſt Liechtenſtein ungeſtüm,„weil er ſeine Zeit nicht mehr verſteht, und wohl ein gutes Gedächtniß für die Vergangenheit, aber keine Erkenntniß der Gegenwart mehr hat. O mein Herr und mein Kaiſer, und ſoll wirklich dieſe Meinung des alten Staatskanzlers Einfluß auf Ihre hochherzigen Be⸗ 111 ſchlüße haben dürfen? Soll die Feindſchaft mit Preußen fortbeſtehen, ſoll die Königin von Frankreich den Ge⸗ fahren, die ſie bedrohen, vielleicht unterliegen müſſſen, bloß weil der Staatskanzler Kaunitz in eigenſinniger Verkennung der Zuſtände ſich Eurer Majeſtät zu wider⸗ ſetzen wagt?“ „Nein,“ ſagte Leopold,„nein, ſo weit darf die Pietät nicht gehen. Als der Sohn meiner Mutter werde ich dem Staatskanzler niemals meine Dankbarkeit, meine rückſichtsvolle Anerkennung verſagen, aber als der Be⸗ herrſcher Oeſterreichs darf ich mich allein von dem be⸗ ſtimmen und leiten laſſen, was ich nach meiner beſten Ueberzeugung für nothwendig, zweckmäßig und recht er⸗ achte. Da der Staatskanzler von Oeſterreich ſich weigert auf meine Ideen einzugehen und mit Preußen Friedens⸗ verhandlungen zu eröffnen, ſo muß der Beherrſcher von Oeſterreich ſich wohl entſchließen, ein wenig hinter dem Rücken ſeines Staatskanzlers zu agiren und heimlich auf ſeine eigene Hand ſeinen Willen durchzuſetzen ſuchen. Nicht wahr, ich darf dabei ein wenig auf die Mitwirkung meines ungeſtümen Freundes, des Fürſten Carl Liechtenſten zählen?“ Der junge Fürſt ſtieß einen Freudenſchrei aus, und die Hand des Kaiſers ergreifend, drückte er ſie mit leiden⸗ ſchaftlicher Zärtlichkeit an die Lippen. 112 „Ach,“ ſagte Leopold,„ich habe noch vergeſſen Dir die neue Charge, die ich Dir auferlegt habe, mit⸗ zutheilen. Ich habe das geheime Cabinet des Kaiſers Joſeph aufgelöſt und die Beamten deſſelben entlaſſen. Dich, mein Liebling, Dich ernenne ich hiermit zum Direc⸗ tor meiner neuen Cabinets⸗Kanzlei, das heißt zum ge⸗ heimſten Vertrauten und Mitwiſſer meines Willens, meiner Politik und meiner Plane. Ich werde dadurch die Freude haben Dich immer in meiner nächſten Nähe zu haben, und wir werden hinfort nicht bloß unſere wenigen Freuden und Vergnügungen, ſondern auch unſere Ar⸗ beiten mit einander theilen. Biſt Du's zufrieden, mein Freund, oder hält ſich der Herr Fürſt von Liechtenſtein zu vornehm und zu ſtolz, um Dienſte anzunehmen und Director und Präſident der geheimen Kanzlei des Kaiſers zu werden?“ „Mein Leben, meine Seele, mein Herz gehört Ew. Majeſtät,“ rief Fürſt Liechtenſtein leidenſchaftlich;„Ihrem Dienſt mich zu weihen, ſei's mit dem Schwert, ſei's mit der Feder, wird mein höchſter Stolz, meine größte Lebens⸗ freude ſein.“ „Nun denn,“ ſagte Leopold heiter,„ſo ſoll mein Geheimer Kabinetsdirector jetzt gleich in Function treten und ſein Amt mit einer wichtigen That beginnen. Setze Pich da an meinen Schreibtiſch. Ich will Dir einen 113 Brief dictiren, ein ganz geheimes Schreiben, von dem aber um des Himmels willen der Herr Staatskanzler nichts erfahren darf: einen Brief an den König Friedrich Wilhelm von Preußen.“ „Gelobt ſei Gott und Ew. Majeſtät,“ jubelte Fürſt Liechtenſtein.„Sie haben einen großen, einen herrlichen Entſchluß gefaßt, und er wird Seegen tragen für Oeſter⸗ reich und für das unglückliche Königspaar in Frankreich.“ „Mögeſt Du Recht haben,“ ſagte Leopold ernſt. „Mein Wille iſt gut, möge auch das Vollbringen gut ſein! Nun, mein Carl, nimm die Feder und ſchreib!“ Und langſam auf und abgehend dictirte der Kaiſer ſeinem neuen Director der geheimen Kanzlei einen Brief an den König Friedrich Wilhelm von Preußen. In dieſem Brief bot der Kaiſer mit wahrer Herzlichkeit dem König die Hand zur Verſöhnung an, entwickelte ihm mit Aufrichtigkeit und Würde ſeine Politik, die hinfort nur eine Politik des Friedens und der Mäßigung ſein ſolle, theilte ihm mit, daß er entſchloſſen ſei um die deutſche Kaiſerkrone zu werben, bat um die Stimme und Mit⸗ wirkung Preußens zu dieſem Zweck, und gab dem König die feierliche Verſicherung, daß keine Plane der Ver⸗ größerung jemals in ſeinem politiſchen Syſtem liegen würden, daß er namentlich es ſich zur Aufgabe machen werde, dem König von Preußen ſeine aufrichtige Frie⸗ 114 densliebe zu bekunden und Alles aufzubieten, um mit ihm in vollkommener Harmonie und Eintracht zu leben*). „Nun?“ fragte der Kaiſer, als der Brief beendet war,„nun, biſt Du zufrieden, mein Herr Geheim⸗ rath? Zch ſehe da einen Schatten auf Deiner Stirn, der mir wie ein Tadel ausſieht.“ „O Sire, wie dürfte Ihr unterthänigſter Diener es wagen, irgend etwas zu tadeln, was ſein hoher Herr thut.“ „Still, ich kenne Dich, Du biſt zu höflich und devot, um aufrichtig zu ſein. Nein, vertheidige Dich nicht, ich verſtehe mich auf Dein Geſicht und weiß darin wie in einem Spiegel die Gedanken Deines Herzens zu leſen. Ich will Dir alſo ſagen, was Du denkſt. Du denkſt, daß es ſich der Mühe nicht verlohnt, einen ſo zuvorkommen⸗ den Brief an den König von Preußen, unſern bisherigen Gegner, zu ſchreiben, wenn nicht darin zugleich die Ab⸗ ſicht ausgeſprochen iſt, mit ihm vereint den Kampf gegen das uſurpirte Frankreich zu beginnen. Nun, leugne es, wenn Du kannſt, daß dies Deine Gedanken waren!“ „Es iſt wahr, Ew. Majeſtät haben die Wahrheit geſagt, ich hoffte, daß es die Abſicht Eurer Majeſtät *) Coxe: History of the house of Austriae. Vol. V. S. 103. 115 ſei, den König von Preußen zu Ihrem Bundesgenoſſen zu werben.“ „O, über den Ungeſtüm der Jugend!“ rief Leopold lächelnd.„Alles möchte ſie überſtürzen, und mit gött⸗ licher Aufrichtigkeit und Tapferkeit möchte ſie geradeaus gehen auf ihr Ziel zu. Aber Du weißt noch nicht, mein Heißſporn, daß, wenn man ſein Ziel ſicher erreichen will, man ſich auf Umwegen zu ihm ſchleichen muß, daß man niemals auf daſſelbe hindeuten, niemals vor der Zeit ſeine Abſicht verrathen muß. Zuerſt muß ich darnach trachten, mir den König und vor allen Dingen ſeine wich⸗ tige Stimme für die Kaiſerwahl zu gewinnen; dann aber, wenn ich in Frankfurt zum deutſchen Kaiſer gekrönt worden, dann werde ich, wenn es ſein muß, zu dem äußer⸗ ſten Mittel greifen und die deutſchen Fürſten aufrufen zum gemeinſchaftlichen Krieg gegen Frankreich.“ „Und wann denken Ew. Majeſtät, daß Ihre Kai⸗ ſerkrönung in Frankfurt erfolgen wird?“ „Ich denke, es wird in einigen Monaten gethan ſeik „In einigen Monaten! Und bis dahin ſoll dieſes verbrecheriſche Frankreich unbedroht und ungeſtraft blei⸗ *) Die Krönung Levpold's II. zum deutſchen Kaiſer ward am 9. Oktober 1790 mit ungeheurer Pracht in Frankfurt gefeiert. 116 ben, bis dahin ſoll die edle Königin Maria Antoinette vergeblich auf Hilfe und Beiſtand von ihrem Bruder hoffen?“ „Nein, mein Liebling, bis dahin wollen wir wie⸗ derum verſuchen, auf Schleichwegen zu unſerem Ziel zu gelangen, durch Liſt zu erreichen, wozu uns bis jetzt die offene Gewalt noch fehlt. Der König und die Königin von Frankreich ſind jetzt die Gefangenen ihres Volkes. Wer bürgt uns dafür, daß, wenn ich mit einer Armee mich den Grenzen Frankreichs näherte und der Nationalverſamm⸗ lung den Krieg erklärte, nicht dieſe Aufrührer und Wü⸗ theriche ihren erſten Zorn gegen das Königspaar ſelber wenden möchten, daß ſie ihre vatermörderiſchen Hände nicht nach den geheiligten Häuptern des Königs und der Königin erheben möchten, um blutige Rache zu üben an denen, für welche wir kommen ſie zu bekämpfen? Des⸗ halb iſt es nothwendig, daß der König und die Königin von Frankreich vor allen Dingen gerettet werden aus der perſönlichen Gefangenſchaft, in welcher ſie ſchmachten, ob⸗ wohl ſie noch in den Tuilerien reſidiren und obwohl die Nationalverſammlung noch das heuchleriſche Spiel treibt, den König als an der Spitze der Monarchie ſtehend zu betrachten. Der König und die Königin müſſen vor allen Dingen gerettet werden, dann erſt können wir daran den⸗ ken, das franzöſiſche Volk zu züchtigen und zu ſtrafen. 117 Die einzige Rettung aber, welche dem Königspaar noch geblieben, iſt die Flucht. Gleich den Grafen von Pro⸗ vence und von Artvis muß auch der König heimlich entfliehen, muß jenſeits der Grenzen Frankreichs Schutz und Sicherung ſuchen.“ „Majeſtät,“ rief Fürſt Liechtenſtein glühend,„ſen⸗ den Sie mich nach Paris, ich ſetze mein Blut, mein Le⸗ ben ein, das königliche Paar zu erretten.“ „Du würdeſt Dein Blut und Dein Leben verlieren, aber Du würdeſt das Königspaar nicht erretten, mein Heißſporn,“ ſagte Leopold fanft.„Mit kühnem Muth und todesmuthiger Begeiſterung iſt da nichts zu erreichen, ſondern nur mit Verſchlagenheit, Liſt und Ränken, und von dieſen Dingen verſteht mein Liebling gar wenig. Um Ludwig von Frankreich und ſeine Königin zu befreien, bedarf es eines mit allen Künſten der Intrigue, der Be⸗ ſtechung, der Gleißnerei und Lüge vertrauten Unter⸗ händlers, eines Diplomaten, der ſeine Sprache wie ſein Geſicht in ſeiner Gewalt hat, der gar keine Illuſionen, keine Jeale mehr hat, an nichts mehr glaubt, als an ſich ſelber, und mit trotziger Entſchloſſenheit ſeinen Wil⸗ len allein durchzuſetzen trachtet.“ „Und haben Ew. Majeſtät einen ſolchen Mann, ein ſolches Ideal eines Unterhändlers ſchon gefunden?“ „Ja, ich habe ihn gefunden, oder vielmehr ich kenne 118 ihn ſchon ſeit langer Zeit, und er iſt auch, gleich dem Fürſten Kaunitz, ein Erbtheil meiner Mutter. Aber er iſt zugleich der erbitterteſte Feind des Fürſten Kaunitz, und wie ich glaube, ſtrebt er ſeit Jahren mit unerſchütter⸗ licher Feſtigkeit und Energie darnach, dereinſt den Staats⸗ kanzler zu ſtürzen und ſich ſelber an ſeine Stelle zu ſetzen.“ „Ah, Ew. Majeſtät ſprechen von dem Baron Thu⸗ gut, dem frühern Internuntius in Conſtantinopel,“ rief der Fürſt. „Ja,“ ſagte Leopold, leiſe mit dem Kopfe nickend, „ich ſpreche von dem Herrn Thunichtgut, den die Gnade Maria Thereſia's in den Herrn Baron von Thugut um⸗ gewandelt hat. Er mag in vielem Betracht immer noch der Herr Thunichtgut ſein, aber als Diplomat iſt er doch der Thugut, und ſeinem harten Kopf und ſeinem eiſernen Willen allein kann es vielleicht gelingen, das franzöſiſche Königspaar zu erretten und ſeine Flucht zu ſichern. Ihn ſende ich nach Frankreich an den Hof meiner unglücklichen Schweſter, und mit unſerm Geſandten, dem Grafen Merch vereint, möge er verſuchen, ſie und ihren Gemahl zu erretten.“ „Und möge Gott ſeine Bemühungen ſegnen,“ rief Fürſt Liechtenſtein,„möge es Thugut gelingen, die Feſſeln zu zerreißen, mit denen unwürdige Hände das Königs⸗ 119 paar gebunden haben, und möge der Zorn des Himmels und des Kaiſers von Deutſchland ſodann das aufrühriſche Frankreich darniederſchmettern!“ „Amen,“ ſagte Leopold feierlich,„Amen, ſo ſei es!— Und nun, mein Freund, genug der Geſchäfte, der Sorgen für heute. Du haſt Dein neues Amt mit einer großen und wichtigen That begonnen, und auch ich glaube nicht müßig geweſen zu ſein. Jetzt aber laß uns vergeſſen, daß wir hier in der Hofburg zu Wien uns befinden, daß ich ein Candidat der deutſchen Kaiſerkr und Du ein Geheimer Rath und Director biſt, laß alle unſere neuen Würden und Laſten vergeſſen, uns ein⸗ bilden, wir wären noch im ſchönen Florenz, und der kleine Großherzog Leopold überlegte mit ſeinem großen Lieb⸗ ling Fürſt Liechtenſtein, wie man den Abend angenehm und heiter verbringen wolle!“ „Ja, wären wir noch in Florenz,“ rief Fürſt Liechtenſtein,„da würde ich doch zuerſt fragen müſſen: befehlen Ew. kaiſerliche Hoheit, daß Donna Livia mit von der Partei iſt?“ „Still, ſprich nicht von ihr,“ ſagte Leopold ver⸗ düſtert.„Sie iſt das Einzige, was ich ohne Bedauern in Florenz zurückgelaſſen habe!“ „Sie hat indeſſen Ew. kaiſerliche Hoheit heiß und treu geliebt,“ flüſterte Fürſt Liechtenſtein. 120 „Ja,“ ſeufzte Leopold,„ſie hat mich geliebt, aber mit der Liebe eines böſen Dämons, der ſich eine Men⸗ ſchenſeele gewinnen will, und um ſie ganz ſein Eigen zu nennen, mit Giften und Dolchen Jedermann be⸗ droht, der ihm im Wege ſteht. Sprich mir nicht mehr von Livia. Sie ſei vergeſſen und ausgelöſcht in meinem Gevächtniß, und nimmer will ich ſie wieder ſehen, noch ihren Namen hören. Sprich mir von ihr, der Namen⸗ loſen, Schönen, dem Engel meiner Träume, der Un⸗ nten und Unbekannten, der mein ganzes Herz, ne ganze Sehnſucht gehört. O Carl, werde ich ſie denn nimmer wieder finden? Hat meine Liebe nicht die Kraft des Magnetes, daß er ſie zu mir zieht, daß ihre Seele der meinen folgen muß?“ Fürſt Liechtenſtein zuckte ſeufzend die Achſeln.„Ich hatte zwei unſerer geſchickteſten Agenten von Florenz aus mit neuen Inſtructionen nach Berlin geſandt; ſie ſind heute zurückgekehrt. Alle ihre Bemühungen ſind umſonſt geweſen, ſie haben keine Spur von jener Dame gefunden; ſie behaupten alle Frauen des Namens Becker aufgeſucht und geſprochen zu haben, aber keine hat dem Signale⸗ ment geglichen, das Ew. Majeſtät ſelbſt entworfen haben.“ „Und ich rühmte mich eine geheime Polizei zu haben, wie kein anderer Fürſt in Europa,“ rief Leopold 121 heftig;„ich vermaß mich, daß es Nichts gäbe, was meine Agenten nicht entdecken, wovon ſie mir nicht Nachrichten geben könnten! Und jetzt ſind dieſe kurzſichtigen Thoren nicht einmal im Stande mir ein Weib zu entdecken, deren Schönheit wie eine Sonne die Welt durchſtrahlt, deren Namen ſie wiſſen, deren Signalement ich ihnen gege⸗ ben. Aber das muß anders werden, und es ſoll meine Hauptaufgabe ſein, dieſen Mängeln und Schäden abzu⸗ helfen. Die Organiſation der geheimen Polizei iſt das nothwendigſte und wichtigſte aller meiner Staatsgeſchäfte, denn wie ſoll ich ein Volk regieren, deſſen Geſinnung h nicht kenne, wie ſoll ich meine Unterthanen ſtrafen oder belohnen können, wenn ich nicht, wie Gott ſelber, in ihr Herz ſchauen und die geheimſten Gedanken deſſelben le⸗ ſen kann? Und dazu bedarf es einer wohlgeſchulten, auf⸗ merkſamen und thätigen geheimen Polizei, die Alles ſieht, Alles hört, in jedem Hauſe, in jeder Familie ihre Agen⸗ ten hat, die jeder Intrigue nachſpürt, jeden Verräther, ſo wie jeden Getrenen beim Namen kennt, und ihrem Thun und Treiben bis in die kleinſten Details folgt. Nur mit einer ſolchen geheimen Polizei, die wie das Auge Gottes meine Unterthanen bewacht, kann ich hoffen alle Gefahren zu vermeiden, die Guten zu belohnen, die Bö⸗ ſen zu ſtrafen und mein Volk zur Unterthänigkeit, zum Gehorſam und Frieden zurückzuführen. Heinrich der Vierte 1860. XXII. Kaiſer Leopold der Zweite. I. 8 122 von Frankreich hat geſagt, er wolle nicht eher ruhen, als bis jeder ſeiner Unterthanen ein Huhn in ſeinem Topfe habe, ich aber ſage, ich will nicht eher ruhen, als bis ich weiß, was jeder meiner Unterthanen in ſeinem Topfe und auch in ſeinem Kopfe hat. Du, mein Carl, Du mußt mir helfen, dieſes Ziel zu erreichen. Du kennſt Wien beſſer als ich, Dir wird es leicht ſein geſchickte und talentvolle Männer zu finden, die fähig und gewandt genug ſind, auf meine Plane einzugehen. Ich habe die Polizeidirec⸗ toren des Kaiſers Joſeph ſogleich entlaſſen und den Gra⸗ fen Sauer an ihre Stelle geſetzt. Er ſoll mir ein Heer von Spähern und Kundſchaftern werben, Schriftſteller und Gelehrte, Journaliſten und Ariſtokraten müſſen in ſeinem Sold ſtehen, denn nur, wenn alle Klaſſen der Ge⸗ ſellſchaft in Dienſten der geheimen Polizei ſtehen, iſt es möglich, alle dieſe Klaſſen zu überwachen und zu leiten.“ „Majeſtät, wird dieſes Gottesauge der Polizei auch uns überwachen?“ fragte Fürſt Liechtenſtein lächelnd; „wird es überall hinſchauen dürfen, auch in die Gemä⸗ cher der kaiſerlichen Hofburg?“ „Nein,“ ſagte Leopold lächelnd,„uns ſoll ſie nicht beläſtigen und bewachen, denn von uns wiſſen wir, daß wir treu ſind dem Kaiſerhauſe und dem Vaterlande.“ „Aber den Fürſten Kaunitz, den ſoll ſie uns be⸗ wachen und von ſeinem Thun und Treiben uns Rechen⸗ 123 ſchaft geben. O, Majeſtät, es wird doch der Tag kom⸗ men, an welchem ich dieſem alten politiſchen Kutſcher die Zügel entreiße und—“ „Still, ſtill,“ ſagte Leopold lächelnd,„laß der Zu⸗ kunft ihre Schleier, und warte bis die Gegenwart ſie hebt! Komm jetzt, mein Liebling, laß uns ſehen, ob Manfredini ſchon mit der Einrichtung meines Labora⸗ toriums fertig iſt und ob wir heute noch einige Ver⸗ ſuche mit den neuen Retorten machen können.“ Fünftes Capitrl. Baron Thugut. „Ich bin für Niemand zu Hauſe,“ ſagte Victoria von Poutet zu ihrer Kammerfrau, welche eben ihre Toi⸗ lette vollendet hatte.„Ich nehme keine Condolenzviſiten an, denn ich will allein ſein mit meinem Schmerz und meinen Erinnerungen an meinen edlen, theuren Gemahl. Ich will ungehindert meinen Schmerz ausweinen können und nichts wiſſen von der Welt.“ „Aber liebe, theure gnädige Frau,“ jammerte die Kammerfrau,„Sie dürfen nicht ſo viel weinen und kla⸗ 8* 124 gen, Sie werden Ihre Schönheit ganz zerſtören, und Ihre glänzenden Sternenaugen werden ganz trübe wer⸗ den von den vielen Thränen um den Herrn Gemahl. Ach, tröſten Sie ſich doch endlich, meine liebe gnädige Frau; Gott und die heilige Jungfrau haben es ſo ge⸗ wollt, daß Ew. Gnaden den geliebten Gemahl verlieren ſollten; fügen Ew. Gnaden ſich in das Unabänderliche, klagen und weinen Sie nicht ſo viel.“ „„Ich will klagen, ich will weinen,“ rief die junge Witwe mit ſchmerzlicher Leidenſchaft;„ich will meinen ummer ausſchreien in die Welt, und meine Thränen ſollen dem edelſten der Männer nimmer verſiegen. Geh, liebe Gertrud, laß mich allein, laß mich weinen, und noch einmal, vergiß es nicht, ich bin für Niemand zu Hauſe. Nur wenn mein väterlicher Freund, wenn der Baron Thugut kommt, ſo laß ihn unangemeldet eintreten. Er allein verſteht meinen Schmerz und weiß meinen Verluſt zu würdigen, denn er hat meinen theuren Gemahl ge⸗ kannt und ihn geliebt wie einen Sohn. O, und er wird ihn nimmer wieder ſehen, und ich werde nimmer wieder ſein ſchönes Heldenantlitz ſchauen, nimmer—“ Ihre Stimme brach in Thränen, ſie barg ihr Haupt in den Kiſſen des Divans und ſchluchzte laut. Gertrud ſeufzte tief auf und wandte die Blicke fle⸗ hend himmelwärts, als wolle ſie Gott anrufen um Erbar⸗ 125 men und Troſt für dieſes ſchöne, unglückliche, junge Weib, das da rang mit ſeinen Schmerzen und ſeinen Todesqualen; dann heftete ſie ihre Augen mit einem unausſprechlichen Liebesblick auf ihre Herrin und ſchlich leiſe auf den Ze⸗ hen nach der Thür hin, um ſie geräuſchlos zu öffnen und in das Vorzimmer hinaus zu ſchlüpfen. Frau von Poutet hatte noch immer ihr Antlitz in den Kiſſen verborgen und ſchluchzte laut. Aber auf ein⸗ mal verſtummte ihr Schluchzen, ſie richtete ſich auf und ließ die Hände von ihrem Antlitz gleiten.. „Sie iſt fort,“ flüſterte ſie leiſe,„Gott ſei Dank, ſie iſt fort und ich bin allein.“ Nun ſprang ſie behend und leicht von dem Divan empor und durcheilte das weite Gemach, um vor den großen venetianiſchen Spiegel hinzutreten, der die breite Pfeilerwand zwiſchen den hohen von purpurrothen Vor⸗ hängen umgebenen Fenſtern einnahm. Lange betrachtete ſie ſich mit aufmerkſamen prüfen⸗ den Blicken, und immer höher leuchteten ihre Augen auf, immer mehr erglänzte ihr Angeſicht in einem triumphi⸗ renden ſtrahlenden Lächeln. „Ich bin ſchön,“ ſagte ſie leiſe,„ja, ich bin ſchön. Der Spiegel ſagt es und er lügt mir nicht. Ich bin ſchön!“ 8 126 Und wieder verſank ſie in ernſtes Anſchauen ihrer Selbſt. Ja, ſie hatte Recht, der Spiegel ſagte ihr die Wahrheit, ſie war ſchön! Ihr von langen ſchwarzen Lok⸗ ken umwalltes Antlitz war von einem unwiderſtehlichen Liebreiz und Zauber; nie hatte es dunklere, feurigere Augen gegeben, als die ihrigen, nie eine reinere, klarere Stirn, auf der nur jungfräuliche Gedanken und zarte Gefühle zu thronen ſchienen. Wenn ſie lächelte und zwi⸗ ſchen ihren purpurnen Lippen hervor die zwei Reihen perlengleicher Zähne glänzten, ſchienen alle Liebesgötter ſie, die Göttin der Schönheit, zu umflattern, aber, wenn ſie ernſt war, wenn ihre großen, von einen regelmäßig ge⸗ ſchwungenen Brauen überwölbten Augen aufflammten in Zorn, glich ſie der Juno an Majeſtät und ſtrenger Würde. Und ſchön wie ihr Angeſicht war ihre Geſtalt, hoch und ſtolz, und doch zugleich elaſtiſch weich und üppig. Ihre wundervolle Büſte war heute eng umſchloſſen von einem ſchwarzen Wollenkleid, das in lagen weichen Fal⸗ ten an ihren edlen ſchönen Gliedern niederfiel und in ei⸗ ner langen Schleppe hinter ihr herfloß. Ihr Haupt und ihr ſchönes Lockenhaar bedeckte eine hohe Haube von ſchwarzem Krepp, die in dichtem Gekräuſe das wunder⸗ volle Oval ihrer Wangen umfloß und von der eine Schneppe ſich über ihre weiße Stirn niederſenkte. 127 Victoria von Poutet hatte heute zum erſtenmal ihr Witwenkleid angelegt, und deshalb war es, daß ſie ſich jetzt ſo ernſt und prüfend im Spiegel betrachtete. Aber wie geſagt, das Reſultat ihrer Prüfung war ein günſtiges; ſie ſah, daß ſelbſt dieſe düſtere ſchwarze Kleidung ihre Reize nicht verdunkelte, daß ſelbſt die ernſte Matronentracht und die Witwenhaube ihrer Schönheit nichts von ihrer Jugendfriſche und ihrem Liebreiz neh⸗ men konnte. „Ja,“ wiederholte ſie zum drittenmal,„ich bin ſchön; es fragt ſich nur, was ich mit meiner Schönheit beginnen und welche Zukunft ſie mir ſchaffen will. Soll ich meine Schönheit benutzen, um mir einen ſteinreichen Banquier in meine Netze zu ziehen und ihn zu heirathen, um ein glanzvollens üppiges Leben zu führen, um mit meinen Brillanten, meinen Spitzen und der Pracht meines Hau⸗ ſes alle Frauen zu überbieten, um einen glänzenden Sa⸗ lon zu haben, eine Loge im Theater, eine reizende Villa und eine prachtvolle Equipage? Nein, das wäre gewöhn⸗ lich und gemein, denn jedes gewöhnliche Weib mit einer ſchönen Larve könnte daſſelbe erreichen. Von Deinem Ge⸗ ſicht da, Victoria Poutet, von Deinen flammenden Au⸗ gen, Deinem köſtlichen Lächeln und Deinem kalten Herzen erwarte ich andere, ſeltenere Erfolge. Aber was denn? Sprich Du ſchönes, verführeriſches Angeſicht, was für 128 eine Zukunft kannſt Du mir bereiten? O, ich will es Dir ſagen, was ich von Dir begehre und was Du mir erringen mußt. Ich bin ehrgeizig, ich will herrſchen, will einen unſterblichen Namen mir gewinnen, und eine Fürſten⸗ krone dünkt mich nicht zu gut für dieſe breite, weiße Stirn. Ich will— ſtill,“ unterbrach ſie ſich ſelber,„ſtill, ich höre die Thür des Vorzimmers knarren, man kommt, vielleicht iſt Er es! Ich will mich von ihm überraſchen laſſen!“ Leichtfüßig wie eine Gazelle hüpfte ſie wieder zu dem Divan hin und warf ſich in die Kiſſen, aber in einer reizenden, maleriſchen Stellung und ſorgſam den weiten faltigen Aermel emporſtreifend, damit ihr blendend wei⸗ ßer voller Arm wie ein glänzender Schwan auf dunklem Grunde hervorleuchte. Sie hatte kaum ihre Stellung eingenommen, als die nach dem Vorzimmer führende Thür haſtig geöffnet ward, ein tief in einen Mantel eingehüllter Herr eintrat und ebenſo haſtig die Thür hinter ſich zudrückte. Aber Vietoria ſchien ſein Kommen nicht gehört zu haben. Sie lag unbeweglich auf dem Divan, das Haupt in den Kiſſen verborgen und leiſe weinend und ſchluchzend. Der Herr hatte den Mantel, der ſeine kleine ge⸗ drungene Geſtalt umhüllte, abgeworfen und blieb jetzt einen Moment lauſchend auf das ſeltſame Geräuſch in 429 der Thür ſtehen. Als ſeine kleinen blitzenden Augen die ſchwarze Geſtalt auf dem Divan erſchauten, als er ge⸗ wahrte, daß ſie die Weinende und Klagende ſei, flog durch ſeine harten, finſtern Züge ein wildes, ſpöttiſches Lächeln, ein Lächeln, das ſeinem Angeſicht den men⸗ ſchenverachtenden, höhnenden Ausdruck eines Mephiſto gab. Aber es verſchwand ſchnell und die Züge verhär⸗ teten ſich wieder zu undurchdringlicher Ruhe. Mit haſtigen Schritten ging er durch das Gemach nach dem Divan hin und ſtand jetzt dicht neben der ſchö⸗ nen Trauernden. Aber der dicke türkiſche Teppich hatte das Geräuſch ſeiner Schritte gedämpft, ſo daß Victoria ihn nicht kom⸗ men hörte, ihr Antlitz war noch immer in den Kiſſen verborgen, ſo daß ſie ihn nicht neben ſich ſtehen ſah. „O mein Gott, mein Gott,“ wimmerte ſie jetzt leiſe,„warum haſt Du mich ſo tief elend und unglücklich gemacht. Warum haſt Du mir den geliebten Gemahl, den Mann meines Herzens und meiner Liebe genommen? O, laß mich ihm folgen, mein Gott, laß mich ſterben, wie er, mein Geliebter geſtorben iſt!“ „Iſt er todt, der liebe Herr von Poutet?“ fragte eine harte, höhniſche Stimme neben ihr. Victoria ſchreckte zuſammen und hob ihr Antlitz 130 aus den Kiſſen empor.„Baron Thugut,“ rief ſie,„mein Gott, Sie ſind es?“ „Ja, ich bin es,“ ſagte er lachend,„und ich mache Ihnen mein Compliment, Sie haben geſpielt wie die erſte Künſtlerin des Theaters. Sie wußten, daß ich hier war, und Sie wollten mir gnädigſt eine Probe Ihres Ta⸗ lents geben!“ „Nein, o nein,“ ſeufzte ſie mit einem ſchwermüthi⸗ gen Aufſchlagen ihrer großen, ſchwarzen Augen,„nein, ich bin wirklich tief traurig, und das ganze Leben ſtarrt mich an wie eine furchtbare Oede, denn ich habe ihn ver⸗ loren, ihn, den Geliebten meiner Jugend und die erſte, die einzige Liebe meines Herzens; er hat mich allein zu⸗ rückgelaſſen in dieſer ſchnöden, kalten Welt. Niemand wird mich mehr lieben, wie er mich geliebt hat, verlaſſen und einſam wird mein Daſein dahin ſchleichen.“ Die Thränen ſtürzten aus ihren Augen hervor und rollten unaufhaltſam über ihre holden, roſigen Wan⸗ gen nieder. Sie lehnte ihr Haupt ſanft zurück auf ihren ſchönen, weißen Arm, aus den halbgeöffneten, purpurnen Lippen drangen ſchwere Seufzer hervor, ihre ſchönen Augenbrauen waren ſchmerzlich zuſammengezogen, und aus ihren von den langen ſchwarzen Wimpern halbver⸗ ſchleierten Augen floßen immer noch rollenden Perlen gleich die Thränen nieder. 131 Thugut neigte ſich über ihr Angeſicht und betrach⸗ tete es mit einem Ausdruck des Erſtaunens.„Mein Gott,“ ſagte er leiſe und faſt erſchrocken,„das ſind wirk⸗ liche Thränen und dies Antlitz trägt den Ausdruck wirk⸗ lichen Schmerzes. Es iſt alſo Ernſt, Victoria, Sie trau⸗ ern um ihn, Sie haben ihn geliebt, Sie—“ Ein lautes, fröhliches Lachen unterbrach ihn und mit leuchtenden Augen ſchaute Victoria zu ihm empor, während noch die Thränen über ihre Wangen niederflöſſen. „Mein Herr,“ rief ſie jubelnd,„ich habe meine Wette gewonnen! Sie behaupteten neulich, kein Weib ſei mehr im Stande Sie zu täuſchen; ich ſagte, daß es mir gelingen würde, und Sie beſtritten es. Wir wetteten auf hundert Ducaten, und Sie ſehen, ich habe meine Wette gewonnen, denn ich habe Sie getäuſcht, Sie haben an meinen wirklichen Schmerz, an meine Thränen ge⸗ glaubt.“ „Ich gebe Ihnen zweihundert Ducaten,“ ſagte Thugut,„denn Sie haben ſie verdient, und es iſt Ihnen wirklich gelungen, mich zu täuſchen. Wahrhaftig, Sie ſind ein göttlicher Dämon, und ich bin ſtolz darauf, Ihr Freund zu ſein. Thränen, dieſes Weib hat wirklich Thränen geweint, und ſie hat ausgeſehen wie eine in Reue und Schmerz verſunkene Magdalena. Ich mache Ihnen mein Compliment, Vietoria, Sie werden es mit Ihren künſtlichen Thränen und Ihrem unvergleichlichen 132 Schauſpielertalent weit bringen. Aber jetzt ſtehen Sie auf, Witwe von Epheſus, und ſagen Sie mir, war dieſe ganze Scene nur geſpielt, um die Wette zu gewinnen, oder iſt Ihr Mann, der liebe Huſarenrittmeiſter von Poutet, wirklich geſtorben?“ „Er iſt wirklich und wahrhaftig geſtorben,“ ſagte Victoria lächelnd;„er hat die Freundlichkeit gehabt, ſich mit ſeinem abgeſchoſſenen Bein in den Himmel zurück⸗ zuzichen. Geſtern Abend erhielt ich die Nachricht aus dem Lazareth bei unſerm Heer, daß er geſtorhen iſt an den Wunden, die er bei Giurgewo erhalten.“ „Und ſomit iſt meine Freundin Victoria, die damals bei Giurgewo, als das elende Türkenvolk unſer Lager überfiel, ſich ſo tapfer und unerſchrocken bezeigte, ſomit iſt meine Heldin eine junge Witwe. Nun, ich habe Ihrem Gatten, als wir im Lazareth von ihm Abſchied nahmen, um nach Wien zu gehen, ich habe ihm damals verſpro⸗ chen, daß ich als treuer Freund Ihnen zur Seite ſtehen, daß ich wie ein liebender Vater für Sie ſorgen wolle.“ Victoria legte ihren Arm auf ſeine Schulter, und ihm mit einem reizenden Lächeln in's Angeſicht ſchauend, fragte ſie leiſe:„Wie ein liebender Vater?“ Thugut lachte laut auf und zog ihren Arm von ſeiner Schulter, um einen Kuß auf denſelben zu drücken. „Nun, mein Dämon,“ ſagte er,„nun legen Sie einmal ein wenig die Schleier Ihrer Augenlider über 133 Ihre Augen, damit Ihr ſüßes Feuer mich nicht verwirrt; bannen Sie das verführeriſche Lächeln von Ihren Koral⸗ lenlippen, damit meine Gedanken keine falſche Fährte verfolgen. Ich bin gekommen, um ernſthaft mit Ihnen zu ſprechen, um Plane für die Zukunft mit Ihnen zu entwerfen, denn, um Ihnen die Wahrheit zu ſagen, ich wußte, daß der liebe Huſarenrittmeiſter todt ſei, und ich gedachte Sie mit dieſer Nachricht zu überraſchen.“ „Ich danke Ihnen, mein Freund,“ ſagte Victoria lächelnd.„Sie ſind immer bereit mir angenehme Ueber⸗ raſchungen zu bereiten. Ich danke Ihnen auch, daß Sie gekommen ſind mit mir Plane für die Zukunft zu ent⸗ werfen, denn ich geſtehe Ihnen, ich hatte ſelber ſchon damit begonnen, und ich konnte zu keinem Reſultat kommen. Ich ſtand da vor meinem Spiegel und über⸗ legte mit meinem Geſicht, was wir Beide nun unter⸗ nehmen und welche Erfolge wir zu erzielen trachten wollten. Aber mitten in meinem Nachdenken hörte ich Sie kommen, und ſtürzte zu meinem Divan hin, um Ihnen die kleine Scene vorzuſpielen.“ „Und dieſe kleine Scene hat Ihnen zweihundert Ducaten eingebracht, die Ihnen mein Secretair in zwei Stunden überbringen wird.“ „Zweihundert Ducaten! Ich danke Ihnen, Freund, ich werde ſie benutzen, um Meſſen für meinen theuren 134 Verſtorbenen dafür leſen zu laſſen. Aber ich ſelbſt werde der Prieſter ſein, der die Meſſen lieſt. Und nun, mein väterlicher Freund, nun alſo machen wir Plane für die Zukunft. Schauen Sie in mein Angeſicht, ſeien Sie der Spiegel, den ich befrage, und der mir beſſere Antwort gibt, als das Ding von Queckſilber und Glas da. Nun, mein Spiegel Thugut, was ſoll ich mir erobern mit meinem Geſicht? Wonach ſoll ich meine Netze aus⸗ werfen?“ Sie legte ihr Haupt an ſeinen Buſen und blickte lächelnd mit ihren roſigen Wangen und ihren blitzenden Augen zu ihm empor. Thugut ſah einen Moment wie bezaubert zu ihr nieder, dann fuhr er mit ſeiner breiten mit blitzenden Brillantringen geſchmückten Hand über ihr Angeſicht hin. „Wenn der Spiegel ſprechen ſoll, müſſen Ihre Augen nicht ſprechen, Victoria,“ ſagte er.„Sie ſind ſchön genug, um ſelbſt einen Mann wie mich zu verwirren, einen Mann, der ſonſt ſein Herz geſtählt glaubt gegen alle Eure Syrenverlockungen.“ „Sprich, mein Spiegel, ſprich,“ fragte Victoria, immer noch das Haupt an ſeine Bruſt gelehnt,„wonach ſoll ich meine Netze auswerfen? Wen ſoll ich mir er⸗ obern mit meinem Geſicht?“ Baron Thugut, nicht mehr im Stande dieſem be⸗ 135 zaubernden Geſicht zu widerſtehen, nahm ihr Haupt zwiſchen ſeine beiden Hände und neigte ſich zu ihr nieder, um einen glühenden, leidenſchaftlichen Kuß auf ihre ſchwellenden Lippen zu drücken. Dann riß er mit wildem Ungeſtüm ihre Witwenhaube von ihrem Haupt fort und ſchleuderte ſie weit hinein in das Gemach. Victoria lachte laut auf, aber ſie verharrte in ihrer Stellung, halb in ſeinen Armen ruhend; das Haupt, von dem jetzt ihr aufgelöſtes Haar in langen Flechten und Locken niederfiel, an ſeine Bruſt gelehnt, wiederholte ſie ihre Frage:„Wonach ſoll ich meine Netze auswerfen? Wen ſoll ich mir erobern mit meinem Geſicht?“ Er ſtieß ſie faſt unſanft aus ſeinen Armen fort, aber Victoria lachte dazu und richtete ſich hoch empor. Dann einer plötzlichen, wilden Laune nachgebend, begann ſie in leiſen Schwingungen ſich zu bewegen, ihren Ober⸗ körper ſchmiegend und biegend, die Arme in wunder⸗ voller Rundung über ihrem rückwärts gebogenen Haupt erhebend, die glühenden Lippen halb geöffnet, daß die Reihen ihrer Perlenzähne zwiſchen ihnen hervorblitzten, die Augen mit einem zugleich ſchmachtenden und feurigen Blick aufwärts gerichtet. Immer raſcher wurden ihre Schwingungen, jetzt drehte ſie ſich wie in wirbelndem Flug, daß die lange ſchwarze Schleppe ihres Kleides ſich hoch aufbauſchte und hinter ihr aufflatterte wie eine 136 ſchwarze Wolke, jetzt kniete ſie nieder und neigte den Oberkörper rückwärts und hob in ſchwellenden Wellen⸗ linien ihre Arme wieder empor, und ſenkte ſie dann niederwärts. Nur mit den ſchlanken, roſigen Fingern erfaßte ſie die Krepphaube, die Baron Thugut vorher an die Erde geſchleudert, und mit einem triumphirenden Lächeln ſprang ſie empor, die ſchwarze Haube gleich einer Siegestrophäe hoch emporhaltend, ging ſie ſtolz auf⸗ gerichtet, mit blitzenden Augen, mit einem ſtolzen Lächeln um die Lippen wie im Triumphſchritt auf und ab, dann wieder begann ſie ſich zu ſchwingen und zu drehen im wirbelnden Tanz, während ſie die Witwenhaube hoch emporhielt mit ihren beiden Armen und zu ihr die leuch⸗ tenden Blicke emporrichtete. Dann mitten in den Wirbeln ihres Tanzes hielt ſie inne, und ſich inmitten des Zimmers auf ihre Kniee niederlaſſend, heftete ſie auf Thugut ihre ſchwarzen Feueraugen und legte die Witwenhaube demüthig wie eine Selavin wieder auf die Erde. „Brava, brava!“ rief Thugut entzückt,„es war ein Odaliskentanz, wie ich ihn von den ſchönſten Scla⸗ vinen des Harems nicht ſo reizend habe tanzen ſehen!“ „Nein,“ ſagte Victoria,„es war der Tanz einer indiſchen Witwe, die mit der Leiche ihres Gatten ſich auf dem Scheiterhaufen verbrennen laſſen will, und mit ihrem Tanz Abſchied nimmt vom Leben. Ich, mein * 137 Freund, ich habe mit dieſem Tanz Abſchied genommen von meiner Vergangenheit, von meiner Ehe, ich habe meinen Witwenſchmerz ausgetobt in dem wirbelnden Tact des Tanzes. Zetzt iſt es vorüber und jetzt wollen wir ernſthaft mit einander ſprechen.“ Sie erhob ſich von ihren Knieen und ſchritt langſam und ſtolz zu dem Baron hin.„Setzen wir uns, mein Freund,“ ſagte ſie,„ich bin ganz bereit Ihre Rath⸗ ſchläge, Ihre väterlichen Ermahnungen anzuhören.“ „Laſſen wir das väterlich,“ rief Thugut mit einem rauhen Lachen,„denn ich bin gar nicht geneigt, an dem ſchönſten Dämon, der jemals auf der Welt erſchienen iſt, väterliche Ermahnungen zu verſchwenden. Aber ſprechen wollen wir über Ihre Zukunft, Victoria, und wenn ich ſage: über ihre Zukunft, ſo heißt das, auch über meine Zukunft. Denn Sie wiſſen doch, was wir uns damals in den Laufgräben von Giurgewo zugeſchworen haben?“ „Ich weiß es,“ erwiderte Victoria ernſt.„Wir haben uns geſchworen, uns treue Freunde zu ſein für das ganze Leben, einander zu fördern und zu helfen wo und wie wir es vermögen, Einer zu arbeiten an dem Emporkommen des Andern, Einer die Plane des Andern zu unterſtützen und ihm in ſeinen Unternehmungen förder⸗ lich zu ſein.“ 1860. XRXII. Kaiſer Leopold der Zweite. I. 9 138 „Richtig, das haben wir geſchworen,“ ſagte Thugut, raſch nochmals mit dem Kopfe nickend,„und ich denke, wir Beide gehören zu den Wenigen, welche ihre Schwüre getreulich erfüllen. Sie fragen mich, Victoria, was Sie mit Ihrer Zukunft beginnen, wen Sie ſich erobern ſollen mit Ihrem ſchönen Geſicht? Ich frage Sie zuerſt da⸗ gegen: haben Sie Vermögen?“ „Ja,“ antwortete Victoria lächelnd. „Iſt Ihr Vermögen groß?“ „Ja, ſo groß wie mein Geſicht.“ Thugut lachte.„Ein ſehr großes Vermögen, in der That,“ ſagte er,„ein Rittergut, auf welchem ich mit Vergnügen ein Kapital von zweimalhunderttauſend Gul⸗ den eintragen laſſe, weil ich ganz überzeugt bin, daß es mir gute und ſichere Zinſen bringen wird. Zum guten Glück habe ich da grade ein unbenutztes Kapital von zwei⸗ malhunderttauſend Gulden liegen, ich trage es ein auf Ihr Geſicht und werde Ihnen heute noch die nöthigen Papiere übergeben. Das Kapital aber legen wir bei meinem Banquier, dem Baron von Fries an, der wird Ihnen alle Quartal die Zinſen gegen Ihre Quittung überweiſen.“ „Aber,“ rief Victoria mit einem Tone wirklichen Gefühls,„das iſt ja ein Geſchenk der Großmuth und Uneigennützigkeit eines Fürſten werth!“ 139 „Meine Liebe,“ ſagte Thugut trocken,„man ſieht, daß Sie wenig mit Fürſten verkehrt haben, ſonſt würden Sie wiſſen, daß Fürſten niemals großmüthig, niemals uneigennützig ſind. Aber ich bin auch nicht beſſer wie ſie, und ich bin auch weder großmüthig noch uneigennützig. Ich ſagte es Ihnen ja vorher, ich trage auf Ihr Ritter⸗ gut, Ihr ſchönes Geſicht, mein Kapitel ein, weil ich weiß, daß es mir da Wucherzinſen bringen wird.“ „O, mein Freund, Sie ſagen das nur, um ſich meinem Dank zu entziehen,“ rief Victoria.„Aber ich kann dieſes große Opfer nicht annehmen, ich bin nicht im Stande es Ihnen zu vergelten.“ „Wie? Redet der göttliche Dämon gleich einem ganz gewöhnlichen Menſchenkind?“ fragte Thugut la⸗ chend.„Was ſollen zwiſchen uns dieſe gebrauchten und abgetragenen Redensarten von Dankbarkeit und be⸗ ſcheidener Zurückweiſung und großen Opfern? Ich bin reich genug für uns Zwei, und dieſe Kleinigkeit genirt mich nicht. Ich bedarf Ihrer ebenſo ſehr, wie Sie meiner, und es iſt daher ganz natürlich, daß ich vor allen Dingen Sie in eine ſorgenfreie, ſichere Lage verſetzen will, damit Sie keine andern Sorgen haben als diejenigen, welche ſich auf unſere Plane beziehen. Uebrigens weiß ich ſehr wohl, daß zweimalhunderttauſend Gulden durchaus kein Vermögen iſt, welches den gerechten Anſprüchen einer 9* 140 Victoria von Poutet genügen kann, und ich bitte daher demüthig um Verzeihung, daß ich es gewagt habe Ihnen ſolche Kleinigkeit anzubieten.“ „Da,“ ſagte Victoria, ihm ihre roſige Wange dar⸗ bietend,„da nehmen Sie Ihre Verzeihung und meinen Dank.“ Thugut drückte einen flüchtigen Kuß auf ihre Wange und fuhr fort:„Sie werden aber jetzt geſichert ſein ge⸗ gen jede Bedrängniß, Sie werden nicht nöthig haben zu dem ganz gemeinen und gewöhnlichen Mittel armer Schönheiten Ihre Zuflucht zu nehmen, und ſich irgend einen reichen Gimpel, einen Banquier oder ſonſtiges Geldgeſindel in Ihre Netze einzufangen.“ „O, er denkt wie ich und er fühlt wie ich,“ rief Victoria glühend.„Ich fragte meinen Spiegel von Glas vorher, ob ich das thun müßte, und mein Seelenſpie⸗ gel antwortet mir jetzt, daß ich es nicht nöthig habe zu dieſer Gemeinheit herabzuſteigen. Ich werde Ihnen dies Wort niemals vergeſſen, Freund, Sie haben damit mehr als mein Herz, Sie haben damit meine Seele gewonnen. Sprechen Sie weiter, Freund meiner Seele, ſprechen Sie weiter.“ „Ich habe mich dieſe verfloſſene Nacht viel mit Ihnen beſchäftigt, Victoria,“ ſagte Thugut,„ich habe Ihre ganze Zukunft erwogen und überlegt.“ 141 „Mein Gott, wie wunderbar,“ flüſterte Victoria, ihn mit einem flammenden Blick anſchauend,„unſere Seelen ſind ſich alſo dieſe Nacht begegnet, denn auch ich, mein Freund, auch ich habe dieſe Nacht nur an Sie ge⸗ dacht und mich mit Ihrer Zukunft beſchäftigt.“ „Sie ſind jetzt Witwe, Gott ſei Dank,“ fuhr Thu⸗ gut fort,„Sie müſſen es noch einige Zeit bleiben, dann aber iſt es nöthig, daß Sie ſich vermählen.“ „Daß ich mich vermähle. Daſſelbe habe ich für Sie als nothwendig erkannt. Ja, mein Freund, es iſt Zeit, daß Sie ſich vermählen.“ Thugut ſchien ihre Worte gar nicht gehört zu haben und fuhr fort:„Ja, Sie müſſen ſich vermählen, und ich habe bereits die Perſon gefunden, mit der Sie ſich vermählen werden.“ Und Victoria wiederholte mit vollkommener Ernſt⸗ haftigkeit:„Ja, Sie miſſen ſich vermählen, mein Freund, und ich habe bereits die Perſon gefunden, mit der Sie ſich vermählen werden.“ „Dieſer beneidenswerthe Mann, dem die ſchöne, be⸗ zaubernde Victoria von Poutet ihre Hand ſchenken wird,“ fuhr Thugut fort,„dieſer Mann, den die ganze Welt beneiden wird, es iſt—“ Victoria verſchloß ihm mit ihrer roſigen, weichen Hand die Lippen.„Still, mein Freund, ſtill,“ flüſterte ſie;„gönnen Sie mir das Glück Sie errathen zu haben. 142 Geſtatten Sie mir, Ihnen zuerſt die Perſon zu nennen, mit der Sie ſich vermählen ſollen; vielleicht haben Sie alsdann nicht mehr nöthig mir einen Namen zu nennen.“ „Nun,“ ſagte Thugut lachend,„ich wäre doch neu⸗ gierig die Perſon zu kennen, mit welcher meine himm⸗ liſche Freundin mich vermählen will!“ Victoria glitt von dem Divan zur Erde nieder, und ſich zu Thugut's Füßen niederkauernd, die Arme über der Bruſt kreuzend wie eine türkiſche Sclavin, ſchaute ſie mit ſchmachtenden und zugleich flammenden Blicken zu ihm empor. „Dieſe beneidenswerthe Frau, die der edle, geniale, großmüthige Baron Thugut heiraten ſoll,“ flüſterte ſie mit einem ſüßen Lächeln,„dieſe Frau, welche die ganze Welt beneiden wird, es iſt—“ Sie ſtockte, und ihr Haupt auf Thugut's Kniee lehnend, blickte ſie mit einem wunderbar zauberiſchen Aus⸗ druck zu ihm empor. „Nun?“ fragte Thugut, ſich zu ihr neigend und mit glühenden Blicken ſie betrachtend,„nun, weshalb ſtockt mein göttlicher Dämon. Sprich, meine Egeria, ſprich; dieſe Frau, an welche Du mich vermählen willſt, ſie heißt?“ „Victoria von Poutet,“ rief ſie mit einem ſtrah⸗ lenden Lächeln, indem ſie, immer noch auf der Erde kau⸗ 143 ernd, ihre beiden Arme weit ausbreitete, als wolle ſie ihn zu ſich niederlocken in ihre Shrenenarme. Aber Thugut zuckte zuſammen wie in tiefem Er⸗ ſchrecken und brach dann in ein lautes Lachen aus.„Dä⸗ mon, göttlicher Dämon!“ rief er,„Du biſt heute be⸗ zaubernd mit Deinen infernaliſchen Scherzen. Waohrlich, Du haſt mir heute zum zweitenmal zweihundert Ducaten abgewonnen, denn zum zweitenmal iſt es Deiner gött⸗ lichen Verſtellungskunſt gelungen mich zu täuſchen und Deinen Scherz für Ernſt zu nehmen.“ „Wie, mein Herr und Meiſter?“ fragte Victoria, halb ſich emporrichtend,„Sie glauben, daß ich nur im Scherz geſprochen?“ „Ich glaube es nicht, ich bin davon überzeugt,“ ſagte Thugut lachend.„Stehen Sie auf, Victoria, ſtehen Sie auf und geben Sie mir einmal Ihre Hand, ich will Ihnen ein merkwürdiges Bild zeigen.“ Sie richtete ſich leicht und ſchweigſam empor, wie ein Schwan, der ſich aus den Wellen emporhebt, und reichte Thugut ihre Hand dar. Er nahm ſie, und ſie feſt in der ſeinen drückend, führte er Victoria raſch zu dem großen venetianiſchen Spiegel hin. „Nun ſchauen Sie hinein,“ ſagte er faſt barſch, „nun ſehen Sie da das närriſche Bild. Sehen Sie da die göttliche Vietoria, die Tochter des Amors und der 144 himmliſchen Grazien, und daneben ſehen Sie dieſen kleinen, breitſchultrigen, vierſchrötigen Kerl, den Sohn des Schiffsbaumeiſters und der irdiſchen Sorgen. Wie dürfte er es wagen, ſeine breite plebejiſche Hand nach dem göttlichen Weibe auszuſtrecken, das die Natur dazu ge⸗ ſchaffen hat, als eine Königin der Schönheit, unberührt von jeglicher Sorge, über die Erde dahin zu ſchweben? Sehen Sie dieſes Bild, es erinnert mich an den Mythos von der Venus und ihrem häßlichen Gemahl, dem Vul⸗ kan. Wahrhaftig, die Venus war zu entſchuldigen, daß ſie den Apoll mehr liebte, als ihren Gemahl, und ihm daher die Treue brach. Aber daß Vulkan es ihr vergab, daß er ſie nicht ermordete, das hat den Vulkan zu einer lächerlichen und verächtlichen Figur gemacht, und beim Himmel, ich möchte ihm nicht gleichen. Wäre mir an der Seite der ſchönen Victoria das Loos des Vulkan be⸗ ſchieden, ſo würde ich ſtrafen und mich rächen.“ „Sie würden mich ermorden?“ fragte Victoria lä⸗ chelnd.„Sie würden der Treuloſen den Dolch in das Herz ſtoßen?“ „O nein,“ ſagte er ruhig,„das wäre eine Albern⸗ heit, denn man würde mich als Mörder anklagen. Ich habe aber zu lange im Orient gelebt, um nicht zu wiſſen, wie man treuloſe Weiber beſtraft. Ich würde meine treu⸗ loſe Gemahlin, und wäre ſie immerhin die ſchöne, die 145 bezaubernde Victoria, ich würde ſie ſtrafen wie der Sul⸗ tan ſeine treuloſen Selavinen behandelt— ich würde ſie ſäcken!“ „Säcken?“ fragte Victoria.„Was heißt das?“ „Das heißt, man ſteckt die Verbrecherin in einen Sack, thut einige ſchwere Steine hinein, bindet den Sack feſt zu und wirft die ganze Laſt zu nächtlicher Stunde in's Waſſer. Ich habe in Conſtantinopel dreimal ſolchen Säckungen zugeſchaut, und die Sache hat mir ſehr ge⸗ fallen. Es iſt eine kurze, ſchnelle Juſtiz, und macht nicht viel von ſich reden. Nun wiſſen Sie, Theuerſte, daß ich in der Leopoldvorſtadt mir eine reizende Villa ge⸗ kauft habe mit einem Garten, der bis an die Ufer der Donau ſich hinzieht. Auch hat mir der Sultan zwei Sclaven geſchenkt, ſie ſind mir treu ergeben und ganz verſchwiegen, aus einem triftigen Grunde, denn ſie ſind taubſtumm. Nun, nicht wahr, himmliſche Victoria, Sie möchten jetzt nicht mehr die Gemahlin Thugut's werden? Sie fürchteten das Säcken?“ Sie ſchaute ihn an mit einem flammenden Blick, einem liebreizenden Lächeln.„Ich fürchte das Säcken nicht und die Rache, denn ich werde meinem Gemahl, dem Baron Thugut, niemals Veranlaſſung geben, mich zu ſtrafen. Ich liebe, ich bewundere ihn, ich bin bereit ihm mein ganzes Leben zu weihen!“ 146 „Thörin!“ rief Thugut heftig,„Sie beharren da⸗ bei? Sie ſind alſo nichts als ein gewöhnliches Weib, und ich war närriſch genug Sie für ein göttliches oder ein hölliſches Weſen zu halten und zu vermeinen, Sie ſeien über die Erbärmlichkeiten gewöhnlicher Weiber er⸗ haben! Sie wollen eine Heirat ſtiften, wo ich von einem Bund der Geiſter, einer Freundſchaft träumte, die alle Stürme überdauern ſollte! In den Laufgräben von Giur⸗ gewo, unter dem Kugelregen der Türken haben wir uns nicht geſchworen uns zu heiraten und die jämmerliche Farce einer gewöhnlichen Ehe durchzuſpielen, ſondern wir haben geſchworen Freunde zu ſein auf Leben und Tod, einander zu heben und zu fördern, und Einer zu arbeiten an der Größe des Andern.“ „Und ſind nicht Eheleute, welche ſich lieben, ſolche Freunde auf Leben und Tod?“ fragte Victoria mit einem ſchwärmeriſchen Ausdruck.„Sind ſie nicht gebunden und verpflichtet einander zu heben und zu fördern und Einer zu arbeiten an der Größe des Andern?“ „Nur daß, da ihre Lebenswege dann verbunden ſind, auch ihr Schickſal ein und daſſelbe iſt, nur daß Einer alsdann für den Andern nichts mehr zu thun ver⸗ mag. O, meine göttliche Freundin, wir Beide uns mit einander verheiraten! Welch eine verächtliche Thorheit wäre das! Wie würden wir, ſobald es geſchehen, einander 147 martern und quälen mit Vorwürfen und Beſchuldigun⸗ gen. Ueberlegen Sie nur ein wenig. Wäre Victoria Pou⸗ tet mein Weib geworden, was könnte ſie dann anderes ſein, als eben nur mein Weib? Ich dürfte ſie nicht för⸗ dern, nicht preiſen, ich dürfte ſie nicht von Stufe zu Stufe emportragen, bis ſie hoch über mir ſtände und die Macht hätte, mir die Hand zu bieten, um mich zu ſich hinauf zu ziehen, ich dürfte ihr nicht zu Ehren und Wür⸗ den verhelfen, dürfte nicht einmal ſie in die Hofkreiſe ein⸗ führen; denn als die Gemahlin des ganz bürgerlichen, kaum mit adeligem Firniß überzogenen Sohn des Schiffs⸗ baumeiſters wäre Victoria trotz ihrer Reize, ihrer Schön⸗ heit und Klugheit aus dem Kaiſerpalaſte verbannt, oder könnte höchſtens eine untergeordnete Rolle ſpielen. Ich aber will meine Freundin groß, ich will ſie mächtig, ein⸗ flußreich und angebetet ſehen vor allen Frauen des Kai⸗ ſerhofes! Und nun betrachten Sie auch die andere Seite! Was ſollte mir Victoria Poutet nützen, wenn ſie meine Gemahlin wäre? Ich bin kein Mann der Empfind⸗ ſamkeit, der ſchwärmeriſchen Mondſcheinliebe; was Ihr Schmachten und Sehnen und„ſich in Liebe verzehren“ nennt, das habe ich niemals gekannt und niemals hat mein Herz um eines Weibes willen irgend einen Schmerz oder auch nur ein fieberiſches Klopfen gekannt. Ich bin ein practiſcher Mann, kein Jealiſt, ich nehme, was ſich 148 mir darbietet und was ich gebrauchen kann, das Un⸗ erreichbare ſtoße ich mit dem Fuß von mir, und verhöhne es ſtatt um daſſelbe zu weinen. Und eine Ehe mit der ſchönen Victoria Poutet iſt für mich unerreichbar, alſo gebe ich mir den Anſchein darüber zu lachen und ſie zu⸗ rückzuweiſen. Ich liebe Viectoria zu ſehr, als daß ich ſie unglücklich machen möchte, und unglücklich würde ſie ſein als mein Weib, denn ich würde es ihr nie verzeihen, daß ſie mich um eine nützliche, eifrige und einflußreiche Freundin gebracht hätte. Ich bedarf keiner Gemahlin, ſondern einer Freundin! Die Freundin kann mit ihrem Einfluß den meinen heben, die Gemahlin nicht; die Freundin kann mich preiſen und meine Talente, meine Staatsklugheit loben, die Gemahlin nicht, denn ihr Lob würde mich lächerlich machen; die Freundin darf für mich um Titel und Aemter ſollicitiren, darf für mich in⸗ triguiren und kabaliren, die Gemahlin nicht, denn ich würde ihr nie erlauben, mehr Einfluß zu haben als ich ſelber. Wären Sie meine Gemahlin, Victoria, ſo könnten Sie mir nicht helfen und beiſtehen, erſter Miniſter zu werden. Wäre ich Ihr Gemahl, ſo könnte ich Ihnen nicht helfen und beiſtehen, Gräfin, vielleicht ſogar Fürſtin zu werden und in allen Palaſtintriguen Ihre Hände im Spiel zu haben oder ſie zu leiten. Ich will aber erſter Miniſter werden, und Sie wollen eine vornehme, einfluß⸗ 2 149 reiche Dame werden, und Ihre prächtige Stirn iſt dazu gemacht, eine Fürſtenkrone zu tragen. Fügen wir uns alſo in das Unvermeidliche, und geſtehen wir uns die Wahrheit, ſcheuen wir uns nicht, uns zu bekennen: daß wir Beide nur Eine Liebe kennen, nämlich den Ehrgeiz, und daß das Band der Freundſchaft, das uns Beide ver⸗ bindet, nicht bloß von der Uebereinſtimmung der Gemü⸗ ther, ſondern auch von dem Ehrgeiz und dem Eigennutz gewebt worden iſt. Noch einmal, ſeien wir ſtark, klug und feſt, und fügen wir uns in das Unvermeidliche!“ „Ja, fügen wir uns in das Unvermeidliche,“ wie⸗ derholte Victoria ſeufzend, indem ſie ihr Haupt langſam und traurig auf ihre Bruſt ſenkte. Dann, nach einer kur⸗ zen Pauſe hob ſie es raſch wieder empor und brach in ein lautes, melodiſches Lachen aus. „Wiſſen Sie, Freund,“ rief ſie,„das Witwenkleid hatte mich empfindſam gemacht und mich, glaube ich, mit allerlei tugendhaften Empfindeleien angeſteckt. Wollen Sie wohl glauben, daß ich alles Ernſtes die Schwärmerei hatte, eine ehrſame und tugendhafte Hausfrau werden zu wollen, daß ich Sie dazu auserſehen hatte, mein Gemahl zu werden, weil ich fühlte, daß Sie allein der Mann wären, den ich achten und lieben, den ich fürchten und anerkennen, und dem ich Treue und Gehorſam weihen könnte. Es war eine lächerliche Schwärmerei, ich erkenne 150 das jetzt, ein krankhaftes Gelüſte! Laſſen Sie mich aus vollem Herzen darüber lachen!“ Und abermals ſtimmte ſie ihr melodiſches Lachen an und ſchüttelte ihr Haupt, daß ihre aufgelösten Locken wild um ihr Geſicht flatterten und vielleicht auch die Thränen trockneten, die wider ihren Willen in ihre Augen getreten waren. „Sagen Sie ſelbſt,“ rief ſie immerfort lachend,„iſt es nicht in der That ein wundervoll komiſcher Gedanke: Victoria Poutet eine ehrſame, tugendhafte Hausfrau, ein Muſter der Sittſamkeit und des beſcheidenen Wir⸗ kens?“ „Es iſt ein Gedanke, der die Engel weinen und die Dämonen hohnlachen machen müßte,“ ſagte Thugut; „ein Gedanke, der mich gemahnt an die Entzückungen, welche man empfindet, an die bezaubernden Geſichte, welche man erſchaut, wenn man Hadſchi genoſſen, und davon in wundervolle Träume und Viſionen eingewiegt wird. Aber ſo ſchön dieſe Träume ſind, einmal erwacht man doch davon, und dann erſcheint Einem die Welt dop⸗ pelt erbärmlich, ſchaal und leer, und man verwünſcht die göttlichen Hadſchiträume, die doch nur die Entnüch⸗ terung und das fröſtelnde Erwachen zur Folge haben.“ „Ich bin erwacht,“ rief Victoria mit flammenden Augen, und ihr Antlitz leuchtete auf in Energie und 151 Entſchloſſenheit;„ja, ich bin erwacht und ich will keinen Hadſchi mehr! Ich will mit klarem Aug' die Wirklichkeit anſchauen, und ich will nicht von ihr verlangen, daß ſie mir himmliſche Träume, ſondern nur daß ſie mir goldene Wahrheit gibt!“ „Ah,“ ſagte Thugut triumphirend,„jetzt habe ich meine Freundin, meine Victoria wieder gefunden, und ſie hat ſich ſelber wieder gefunden! Jetzt ſehe ich wieder da vor mir meinen ſinnlichen Dämon, der mir alle Men⸗ ſchen bezaubern ſoll, und von dem ich ſelber niemals er⸗ gründen kann, ob er aus dem Himmel oder aus der Hölle ſtammt.“ „Vielleicht war ich zuerſt ein Engel,“ lächelte ſie, „und dann ward ich wegen irgend eines Verſehens in die Hölle hinabgeſtoßen. Die Teufel ſind ja, wie man weiß, nur gefallene Engel, und mein lieber tugendhafter Ge⸗ mahl, Gott habe ihn ſelig, pflegte mich, wenn er eifer⸗ ſüchtig war, immer einen gefallenen Engel zu nennen. Aber nun, Freund, nun laſſen Sie uns ernſthaft ſein. Kommen Sie, ſetzen wir uns jetzt wieder auf den Divan wie zwei ehrſame Geheimhofräthe in der Staatsrathſiz⸗ zung. Wir wollen ja auch eine Staatsrathſitzung halten und die Politik unſerer Zukunft mit einander erwägen. Ich habe ſie vorher in einem ſehr wichtigen Moment un⸗ terbrochen, und ich bitte Sie deshalb um Entſchuldigung. 152 Sie waren im Begriffe mir den Namen Deſſen zu ſagen, den Sie mir zu meinem Gemahl beſtimmt haben. Spre⸗ chen Sie ihn jetzt aus, ich bin bereit ihn zu hören.“ Sechstes Caitrl. Zukunftsplane. „Nun alſo, meine Freundin,“ ſagte Thugut,„der beneidenswerthe Mann, welchen ich dazu auserſehen habe, der Gemahl der ſchönen Victoria von Poutet zu werden, es iſt: der Graf Franz Colloredv.“ Vietoria zuckte zuſammen und ſtieß einen leiſen Schrei aus.„Graf Franz Colloredo?“ fragte ſie.„Sie meinen doch nicht den alten, ſechzigjährigen Grafen, den vormaligen Erzieher des Erzherzogs Franz?“ „Eben den meine ich, und wie mich dünkt, ſind ſeine ſechzig Jahre gerade eine beſondere Empfehlung für ihn. Denn meine Victoria wird in voller Blüthe der Schönheit ſeine Witwe werden, und dann ausgeſtattet mit Rang, Würden und Namen wird nichts im Wege ſtehen, daß ſie nicht zu ihrem dritten Gemahl einen Fürſten, meinetwegen einen kaiſerlichen Prinzen heirathet.“ 2 153 „Aber wie wollen Sie den vornehmen Grafen, den Edelmann par excellence zwingen, mir, der Witwe des Huſarenrittmeiſters, deren„von“ ſogar von etwas zwei⸗ felhaftem Urſprung iſt, die Hand zu reichen und mich zu ſeiner legitimen Gemahlin zu erwählen?“ „Ah, ich will ihn nicht dazu zwingen, Theuerſte, ſondern Sie werden es thun. Ich werde Ihnen nur den Weg dazu ebnen! Er kennt Sie nicht, er hat Sie, wie ich glaube, ſogar niemals geſehen— nun, ich werde ihm das beneidenswerthe Glück verſchaffen, Sie kennen zu lernen, ich werde ihn für Sie intereſſiren und ihn veranlaſſen, daß er Sie protegirt und Ihnen eine Stellung bei Hofe gibt. Es iſt dann ganz natürlich, daß Sie ihm danken, daß Sie ihm freundlich ſind, daß Sie dem alten Gecken ein wenig ſchmeicheln, und ſo werden Sie ihn allmälig gewinnen und ihn in Ihre Netze ziehen.“ „Und darf man fragen, welcher Art die Stelle iſt, die der Herr Graf Franz Colloredo, mein zukünftiger Gemahl, mir verſchaffen ſoll?“ „Der Erzherzog Franz ſoll ſich zum zweitenmal vermählen, und zwar mit ſeiner Couſine Thereſe, der Tochter der Königin Caroline von Neapel. Sie ſollen eine der Ehrendamen der jungen, neapolitaniſchen Erzherzogin werden.“. „Ich?“ rief Victoria mit einem Ausdruck wahren 1860. XRII. Kaiſer Leopold der Zweite. I. 10 154 Schreckens.„Ich eine Ehrendame der Gemahlin des Erz⸗ herzogs Franz? Aber das iſt ja ein Ehrenpoſten, zu dem man nur Damen des höchſten Adels, Damen mit einem Stammbaum von wenigſtens zehn Ahnen auserwählt!“ „Und nur eine ſolche Dame, eine Dame vom höch⸗ ſten Adel, eine Dame mit einem Stammbaum von we⸗ nigſtens zehn Ahnen wird Graf Franz Colloredo zu ſeiner Gemahlin erwählen. Aber wer ſagt Ihnen denn, Theuerſte, daß Sie nicht eine ſolche Dame ſind?“ „Wer mir das ſagt?“ fragte Victoria mit einem fröhlichen Lachen.„Das ſagt mir der einzige kleine Um⸗ ſtand, daß ich durchaus gar keinen Stammbaum habe!“ „Daraus folgt alſo nur, daß wir Ihnen, der Ehren⸗ dame der Erzherzogin, der zukünftigen Gemahlin des Grafen Colloredo, einen Stammbaum ſchaffen müſſen! Hören Sie mich ruhig an, Victoria, ich will vor Ihnen thun, was ich noch vor keinem Menſchen gethan habe, ich will vor Ihnen mein Inneres enthüllen und Sie Theil nehmen laſſen an meinen Gedanken und Planen. Um mir helfen und nützen zu können, müſſen Sie mich verſtehen und genau wiſſen, was ich will und was ich anſtrebe. Ich will der erſte Mann des öſterreichiſchen Kaiſerſtaates werden! Da haben Sie's in kurzen Wor⸗ ten ausgeſprochen, was indeſſen noch einen langen Weg erfordern wird. Ja, ich will herrſchen! Ich, der gemeine, 155 bürgerliche Mann, den das winſelnde Hofgeſchmeiß, das ſtolze Ariſtokratenvolk oft mit ſo hochmüthigen Blicken angeſchaut, ich will ihr Herr werden, will ſie Alle unter meine Füße treten, will die ſtolzeſten Nacken bengen, die hochmüthigſten Ariſtokraten zur Ehrfurcht zwingen! Ich will der gebietende Miniſter und Herr über Oeſterreich werden.“ „Und Sie ſind von Gott und der Natur dazu geſchaffen,“ rief Victoria lebhaft.„Sie werden Ihr Ziel erreichen!“ „Ich werde es, denn ich gehe ihm ſeit dreißig Jah⸗ ren entgegen, und ich bin ihm Gott ſei Dank ſchon um Vieles näher gekommen, als damals, wo ich als beſchei⸗ dener Dolmetſch mit der öſterreichiſchen Geſandtſchaft nach Amerika ging. Ja, ich werde mein Ziel erreichen, und um ſo ſchneller, wenn meine kluge und geſchickte Freundin, wenn Victoria Poutet mir die Hand reicht und mir hilft beim Aufwärtsſteigen.“ „Sagen Sie mir, was ich thun ſoll, und ich werde freudig bereit ſein.“ „Sie ſollen mir helfen, meine Feinde bei Seite zu ſchieben, meine Freunde zu bewachen, meinen Einfluß zu befeſtigen, Sie ſollen für mich hören, für mich ſehen, für mich lügen und intriguiren, für mich verleumden, loben und preiſen, je nachdem es nothwendig iſt.“ 10* 156 „O, welche angenehme Charge das iſt,“ rief Vic⸗ toria mit blitzenden Augen,„welche hübſche Zerſtreuung das ſein wird, welche allerliebſten Verwickelungen und In⸗ triguen ich einfädeln will. Wie eine Spinne will ich mein feines, durchſichtiges Netz ausbreiten, und dann ganz in der Nähe mich niederkauern und zuſchauen, wie ſie ſich Alle drin fangen die vornehmen und klugen Herren, die tugendhaften und ſtolzen Damen des Hofes. Und wenn ſie Alle darin ſind, wenn ich ſie Alle gefangen habe, dann huſche ich hervor und lache über ihr Zappeln und Aechzen, und bringe meinen Fang in Sicherheit, damit mein großer Freund und Herr die ganze Wirthſchaft zum Frühſtück verzehre!“ „Recht ſo,“ ſagte Thugut mit einem rauhen La⸗ chen,„ich ſehe, meine Victoria verſteht mich. Aber Ihr Netz muß groß ſein, Diavolezza, denn viel garſtige Brummfliegen und kleine Inſecten haben wir einzufangen, bis wir am Ziel ſind. Täuſchen wir uns darüber nicht, und meinen wir nicht, daß unſere Arbeit bald gethan iſt. Wir haben den Widerſtand aller Parteien zu bezwingen, denn, die Wahrheit zu ſagen, ich bin von allen Par⸗ teien gehaßt, weil alle Parteien mich fürchten, ich habe gar keine Freunde, weil Alle in mir ihren zukünftigen Meiſter wittern und aus inſtinctmäßiger Bosheit und ecklem Neid mir ſchaden und mich zurückdrängen möchten. — — 157 Ich will Ihnen einen Beweis davon geben. Kaum iſt der Kaiſer Leopold hier angelangt und hat ſeine Regierung angetreten, als ſeine Höflinge und Schmeichler ihn auch ſchon bewogen haben, mich, den gefährlichen Thugut, zu entfernen. Ah, die feigen Seelen haben Furcht, daß ihr kleiner ſchwärmeriſcher Kaiſer, der gern ſchnell einen neuen Staat auf den Trümmern des Joſephiniſchen aufbauen öchte“ in ſeiner Rathloſigkeit ſich an den Sohn des Schiffsbaumeiſters wenden möchte. Sie wiſſen, daß ich vielleicht ihm ein gutes Staatsſchiff bauen könnte, das ſtark genug wäre, um durch alle Brandungen und zwiſchen allen Klippen hindurch zu kommen, aber daß ich, und ich allein auch dann das Steuerruder führen will. Sie wiſſen, dieſe kleinen Ehrgeizigen, daß ihre Macht aufhört, ſo⸗ bald die Macht Thugut's beginnt, und damit ich ſie nicht bei Seite dränge, wollen ſie mich bei Seite drängen. Der Kaiſer Leopold hat mir den Auftrag gegeben, nach Paris zu gehen auf unbeſtimmte Zeit. Ich ſoll dem König und der Königin zur Flucht behilflich ſein und mit ihren Feinden unterhandeln.“ „Und Sie nehmen dieſen Auftrag an? Sie ver⸗ laſſen Wien in dieſer wichtigen und entſcheidenden Zeit?“ „Ich nehme den Auftrag an, und ich geſtehe, daß es mir ſogar recht willkommen iſt, Wien zu verlaſſen. 158 Meine Zeit iſt noch nicht gekommen, ich ſpare mich auf für wichtigere Tage.“ „Wie denn für wichtigere Tage? Iſt denn der Be⸗ ginn der Regierung nicht die entſcheidende Zeit? Wollen Sie warten, bis alle Aemter neu beſetzt, alle einfluß⸗ reichen Stellen vergeben und deren Beſitzer geſchickt genug geweſen ſind, ſich dem Kaiſer unentbehrlich gemacht zu haben?“ „Kurzſichtige Freundin,“ ſagte Thugut, indem er mit der Hand ihre roſige Wange ſtreichelte,„kurzſichtige Freundin, die nur das Naheliegende ſieht und nicht das Ferne zu erkennen vermag. Meine Augen ſehen weiter und blicken in die Ferne, in meine Zeit! Fällt es Ihnen denn nicht auf, Victoria, daß ich Sie zur Ehren⸗ dame der künftigen Gemahlin des Erzherzogs Franz, daß ich Sie zur Gemahlin des Grafen Colloredo machen will, welcher der Erzieher und der erſte Günſtling des Erz⸗ herzogs Franz iſt?“ „Es iſt wahr,“ ſagte Victoria ſinnend,„warum wollen Sie mich nicht lieber zur Ehrendame der Kaiſerin machen, warum geben Sie mir nicht einen der Günſtlinge des Kaiſers, zum Beiſpiel den Fürſten Carl Liechtenſtein zum Gemahl?“ „Warum Sie Ehrendame der Erzherzogin Thereſe, Gemahlin des Grafen Colloredo werden ſollen? Weil die 159 Erzherzogin Thereſe die künftige Kaiſerin iſt, weil Graf Colloredo der erſte Miniſter und Vertraute des künftigen Kaiſers Franz ſein wird! Warum ich Sie nicht an einen der Günſtlinge des Kaiſers Leopold vermähle? Weil ihr Reich von kurzer Dauer ſein wird, von ebenſo kurzer Dauer, wie das Reich des Kaiſers Leopold 1. „Sie meinen, daß der Kaiſer Leopold—“ „Ich meine, daß er höchſtens zwei bis drei Jahre zu regieren, das heißt zu leben hat. Seine Aerzte geben ihm drei Jahre, aber die Aerzte ſagen ſelten die Wahr⸗ heit. Kaiſer Leopold iſt krank in ſeinen innerſten Ein⸗ geweiden. Er fühlt es, und da er ein gelehrter Herr iſt, welcher vermeint Alles zu verſtehen, ſo will er ſich ſelber curiren und braut ſich in ſeinem Laboratorium allerlei Wundertränke des ewigen Lebens und der ewigen Jugend. Wenn er nicht an ſeinen kranken Organen ſtirbt, ſo wird er ſich tödten mit ſeinen Wundertränken und Elixiren. In zwei Jahren wird er ein ſtiller Mann ſein, und dann wird ſein Sohn, der Erzherzog Franz, Kaiſer werden.“ „Mein Freund, ich bewundere Sie, ich bete Sie an,“ rief Victoria;„Sie ſind der klügſte, der weiſeſte Staatsmann und Diplomat.“ „ch habe wenigſtens einen kalten Kopf und ein kaltes Herz,“ ſagte Thugut,„und dieſer beiden Eigen⸗ ſchaften bedarf man, um ſich mit Glück durch die jammer⸗ 160 volle Welt hindurch zu drängen und die Menſchen unter ſeine Füße zu treten. Zetzt, Victoria, nicht wahr, jetzt be⸗ greifen Sie auch, weshalb ich dieſe Sendung nach Paris annehme, warum ich nicht hier bleibe und die Günſtlinge zu verdrängen ſuche. Würde ich Miniſter Leopold's, ſo würde nach zwei bis drei Jahren mit dem Tode des Kai⸗ ſers mein Reich zu Ende ſein; denn Franz wird die Mi⸗ niſter und das Kabinet ſeines Vaters ſo ſicher entlaſſen, wie Leopold die Miniſter und das Kabinet Joſeph's ent⸗ laſſen hat. Franz wird ſeinen alten Erzieher, den Grafen Colloredo, zu ſeinem erſten Miniſter ernennen.“ „Wird der Graf Franz Colloredo alsdann ſchon mein Gemahl ſein?“ fragte Victoria erglühend. „Nein,“ ſagte Thugut lachend,, Graf Franz Collo⸗ redo wird erſt dann der Gemahl meiner Victoria, wenn meine ſchöne Freundin mir geholfen hat, alle meine Feinde und Widerſacher zu beſiegen, erſt dann, wenn ich mit. ihrer Hilfe der Premier⸗Miniſter des Kaiſers Franz, der Beherrſcher von Oeſterreich geworden bin. Bis dahin muß ſich mein ehrgeiziger Engel damit begnügen, die Ehrendame der Erzherzogin oder Kaiſerin Thereſe zu ſein.“ „Aber mein Gott!“ rief Viectoria faſt erſchrocken, „wir haben den mächtigſten Mann in Oeſterreich, wir haben den Staatskanzler Fürſten Kaunitz vergeſſen! Wird 161 der die Gefälligkeit haben bald zu ſterben, damit Sie ſein Nachfolger ſein können? Denn Sie ſehen wohl, Kaunitz iſt immer noch allmächtig, und Kaiſer Leopold, der alle Miniſter ſeines Bruders Joſeph entläßt, wagt es doch nicht den Premier⸗Miniſter, Staatskanzler Fürſten Kaunitz zu entlaſſen.“ „Der gute Leopold hat nicht den Muth die alte Ruine niederzureißen, die ihm aus den Zeiten Maria Thereſia's ſtehen geblieben,“ ſagte Thugut achſelzuckend. „Aber er wäre ſehr froh, wenn der Tod dieſe Mühe übernähme und ihn von dem läſtigen Zänker befreite. Aber Kaunitz wird ihn überleben, denn er hat trotz ſei⸗ ner achtzig Jahre einen harten, geſunden Körper. Zum guten Glück iſt ſein Geiſt nicht ſo geſund wie ſein Kör⸗ per. Die alte Mumie wird kindiſch werden, man wird der alten verrotteten Staatsweisheit das Staatsruder noch als Spielzeug in der Hand laſſen, aber ein Anderer wird für ihn das Schiff lenken. Dieſer Andere werde ich ſein, Victoria!— Nun wiſſen Sie Alles, Freundin, nun habe ich vor Ihnen mein Inneres aufgeſchloſſen und Sie zur Vertrauten aller meiner Plane gemacht.“ „Und Sie ſollen Ihr Vertrauen keiner Unwürdigen geſchenkt haben,“ ſagte Vietoria ihm die Hand darrei⸗ chend.„Hier meine Hand, ich gelobe mich Ihrem Dienſt und Ihrer Freundſchaft. Gehen Sie immerhin nach 162 Frankreich. Ich bleibe hier zurück, um für Sie zu be⸗ obachten und Ihre Intereſſen zu bewachen. Ich werde Alles ſehen, Alles hören, Alles beobachten und Ihnen von Allem Nachricht geben. Aber freilich, dazu muß ich erſt von Ihnen in der Kaiſerburg inſtallirt werden, dazu muß der Erzherzog Franz ſich erſt vermählt haben.“ „Seine Vermählung wird im September ſtatt fin⸗ den, und Sie werden Ehrendame ſeiner Gemahlin wer⸗ den,“ erwiderte Thugut.„Bei Gott, man iſt es der edlen Gemahlin des tapfern Huſarenrittmeiſters, der für das Vaterland als Held geſtorben iſt, wohl ſchuldig, ihr eine anſtändige und ehrenvolle Stellung zu geben und ſie zu entſchädigen für ihren herben Verluſt. Ich habe ſchon mit dem Grafen Colloredo, der das künftige Haus der Erzherzogin beſorgt, darüber geſprochen. Sie, Theuerſte, müſſen jetzt Ihre Rolle, die Sie vorher ſo wundervoll begonnen, weiter ſpielen, Sie müſſen ganz Wien erfüllen mit Ihren Klagen um den theuren Gemahl, Sie müſſen mit Ihren Thränen und Ihrem reizenden Magdalen⸗ geſicht alle Welt bezaubern. Ganz Wien muß von Ihnen, von Ihrem edlen Witwenſchmerz, von Ihrer keuſchen Tugend ſprechen und ſich für Ihr Schickſal intereſſiren. Die gutherzige Kaiſerin Ludowika ſelber muß von Ihnen hören und Sie zu ſehen begehren. Kurz, mein himmli⸗ ſcher Dämon muß ſeine Schwingen entfalten und ſeine 163 diabvliſchen Künſte anwenden, die dummen Menſchen zu bezaubern.“ „O,“ ſagte Victoria, deren Geſicht jetzt einen Aus⸗ druck unendlichen Schmerzes, tiefer Wehmuth angenom⸗ men hatte,„o, ich habe nicht nöthig zu diaboliſchen Kün⸗ ſten meine Zuflucht zu nehmen. Mein Schmerz iſt wahr und guillt mir aus der tiefſten Seele. Dieſes Witwen⸗ kleid ſoll hinfort meinen einzigen Schmuck bilden, denn es erinnert mich an den Geliebten, den ich verlore und den mein Herz ewig beweinen wird. Ich habe auf Erden nichts geliebt, als ihn, und keine zweite Liebe wird jemals Gewalt über mich gewinnen. Gott hat mich Arme ſchwer geprüft, indem er mir den jungen, ſchönen Ge⸗ mahl entriß. O, laſſen Sie mich weinen, weinen um ihn den ich geliebt, den ich verloren habe!“ Ihre Stimme war allmälig von Schluchzen erſtickt und die Thränen rollten langſam über ihre Wangen nieder. Thugut lachte laut auf.„Bei Gott!“ rief er,„hätte ich Sie nicht dazu auserſehen, eine Gräfin, eine Fürſtin zu werden und am Hofe eine große Rolle zu ſpielen, ſo müßten Sie auf die Bretter gehen und Schauſpielerin werden, denn Sie beſitzen ein bewunderungswürdiges Talent. Wie Sie's nur anfangen, wirkliche Thränen zu weinen!“ 164 „Soll ich Sie darin unterrichten, mein Freund?“ fragte Victoria;„ſoll ich Sie ad libitum weinen lehren?“ „Ich danke,“ ſagte Thugut lachend.„Für die Frauen ſind die Thränen eine gute und nützliche Waffe, aber ein weinender Mann iſt eine verächtliche Lächerlich⸗ keit. Ich habe noch niemals geweint, und ich würde Den⸗ jenigen, der mir Thränen erpreßte, ermorden, damit er ſelbſt ſeiner Nachtmütze nicht erzählen könnte, er habe den Thugut weinen ſehen.“ „Grauſamer, gefühlloſer Mann! Würden Sie auch nicht weinen, wenn Sie mich verlören, wenn der Schmerz um meinen Gemahl mich tödtete?“ „Weinen? Nein! Aber ich würde die Welt noch mehr verachten, als ich es jetzt ſchon thue, ich würde an der ganzen Menſchheit Rache nehmen und es ſie grau⸗ ſam büßen laſſen, daß das einzige Menſchenkind, um welches es ſich noch der Mühe verlohnte zu leben, nicht mehr auf der Erde weilt, ſondern zurückgekehrt iſt in ihre Heimath in den Himmel, wo die Teufel und die gefalle⸗ nen Engel thronen! Aber meine Victoria wird nicht grauſam ſein, ſie wird mich nicht allein zurücklaſſen auf dieſer erbärmlichen Welt, ſie wird hier bleiben, und für mich und mit mir arbeiten an unſerer Beider Größe, ſie 165 wird meine Heimkehr aus Frankreich erwarten und mir treu geſinnt bleiben trotz aller Entfernung.“ „Ja, das will ich und das werde ich,“ rief Victoria mit leuchtenden Augen und energiſchem Ausdrucke.„Ge⸗ hen Sie immerhin nach Frankreich, ich ſchreibe Ihnen treu, wie Sie mir. Der Bund iſt geſchloſſen, der Pact iſt mit meinem Herzblut unterzeichnet, meine Seele ge⸗ hört Dir, Beherrſcher der Finſterniß, und ſie ſoll Dir ver⸗ bleiben. Hier, nimm die Bundesweihe, küße meine Lip⸗ pen, aber hüthe Dich wohl, daß nicht Flammen aus Deinem Munde zucken und meine Lippen verbrennen.“ Sie reichte ihm die purpurnen Lippen mit einem ſüßen Lächeln dar und er drückte einen Kuß auf dieſelben. „Lebe wohl, Diavolezza,“ ſagte er,„lebe wohl, Gräfin der Zukunft. Ich gehe, ich verlaſſe Dich, obwohl es bezaubernd wäre Dich ewig in meinen Armen zu hal⸗ ten. Ich werde Dich lange nicht wieder ſehen, aber ich werde Dich nicht vergeſſen, denn Dein Bild brennt in meinem Herzen und wird nimmer da erlöſchen.“ „Wie lange wirſt Du fern bleiben, mein Freund?“ fragte Viectoria ſeufzend. „So lange, bis es mir gelungen, das Königspaar zu erretten, oder, wenn dies Bemühen vergeblich iſt, ſo lange, bis man entweder ſie ermordet hat, oder bis unſere „Heere das demokratiſche Otterngezüchte beſiegt und zu 166 Boden geſchlagen haben. Nach Frankreich alſo, nach Frank⸗ reich! Und höre, Victoria, wenn Kaiſer Leopold ſtirbt, noch bevor ich heimgekehrt, ſo ſende mir einen Courier, der es mir meldet. Alsdann kehre ich zurück, denn als⸗ dann iſt meine Zeit gekommen und auch die Deine! Le⸗ be wohl!“ Siebentes Capitel. General Biſchofswerder. Vor dem„goldenen Adler“, einem der größten und glänzendſten Gaſthöfe Wiens, hielt ein mit Poſtpferden beſpannter Reiſewagen an. Der Poſtillon ließ ſchmet⸗ ternd ſein Poſthorn erſchallen, ſofort wurden die Thüren des Hötels aufgeriſſen und der Wirth, gefolgt von einigen Kellnern, ſtürzte hervor. Ein Fenſter an dem hochgepackten Reiſewagen ward jetzt hernieder gelaſſen und eine ſanfte, männliche Stimme fragte den demüthig ſich neigenden Wirth:„Kann man hier vier elegante, comfortable Zimmer haben?“ „Mein ganzes Hötel ſteht Ew. Gnaden zu Dien⸗ ſten,“ erwiderte der Wirth demuthsvoll.„Ew. Gnaden werden im erſten Stock vier prachtvolle Zimmer finden, 167 ich darf ſagen, prachtvoll, denn der König von Sardi⸗ nien, der zur Begrüßung unſeres Kaiſers hier in Wien war, hat dieſe Zimmer bewohnt.“ „So geben Sie mir dieſe Zimmer,“ ſagte der Herr,„außerdem zwei Zimmer für die Bedienung.“ Der Wirth öffnete geſchäftig den Wagenſchlag und reichte ſeine Hand dar, um dem Herrn beim Ausſteigen behilflich zu ſein. Aber dieſer, die Reiſemütze tief in die Augen gedrückt, den langen Militairmantel eng um ſeine Geſtalt zuſammengezogen, ſchwang ſich behend aus dem Wagen und reichte ſelbſt ſeine Hand empor, um der Dame, welche bis dahin ſtill und unbeweglich neben ihm geſeſſen, ſeine Hilfe aufzubieten. „Komm, meine Theure,“ ſagte er mit weicher, zärt⸗ licher Stimme,„komm, gib mir Deine Hand. Lehne Dich feſt auf mich!“ Aber die Dame, deren dicht verſchleiertes Haupt jetzt in der Thür des Wagens ſichtbar ward, wehrte leiſe ſeine Hand zurück und ſchwebte leicht und anmuthig aus dem Wagen zur Erde nieder. „Gib mir den Arm,“ flüſterte der Herr halblaut und diesmal mit ſtrengem, gebieteriſchem Ton. Sofort legte die Verſchleierte ihre Hand auf den Arm des Herrn und ließ ſich von ihm die breite, ſteinerne Freitreppe des Hotels hinan führen. Der Wirth tänzelte vor ihnen her, *2 168 um ihnen den Weg zu zeigen, die Kellner ſtürzten zu dem Wagen hin, um dem Bedienten und der Kammerjungfer der Reiſenden, die jetzt von dem hohen Kutſchbock her⸗ unter geklettert waren, beim Abladen und Fortſchaffen der großen Koffer und Kiſten behiflich zu ſein. Der Herr und die Dame ſtiegen indeß, geleitet von dem Wirth und dem Oberkellner, die breite, mit Teppichen belegte Treppe hinan, die zu dem erſten Stockwerk zu den vom König von Sardinien früher bewohnten Zim⸗ mern führte. „Hier, Ew. Gnaden, wollen Sie gefälligſt hier ein⸗ treten,“ rief der Wirth, mit einem triumphirenden Lä⸗ cheln die hohe Flügelthür öffnend.„Dies iſt das Vor⸗ zimmer, dann kommt der große Salon, daneben das Speiſezimmer, dann das Wohnzimmer und zuletzt das Schlafzimmer.“ Der fremde Herr durchwandelte, den Arm der Dame feſt in dem ſeinen haltend, die Reihe der Zimmer. Die Einrichtung derſelben war allerdings prachtvoll und königlicher Gäſte würdig. Die mit echtem Sammet über⸗ zogenen Meubles waren ſchwer vergoldet, die Tiſche mit koſtbaren Marmorplatten von florentiniſcher Moſaik ge⸗ ſchmückt, an den ſeidenen Wänden prunkten Oelgemälde in breiten, geſchnitzten Goldrahmen, ſchwere ſammetene Vorhänge mit goldenen Franzen beſetzt umhüllten die ho⸗ 169 hen Fenſter, köſtliche aus Bergkryſtall und Bronze zu⸗ ſammengeſetzte Kronleuchter hingen an goldenen Ketten von der Decke nieder, und die Fußböden waren mit wei⸗ chen, echt türkiſchen Teppichen bedeckt. Aber die beiden Fremden ſchienen ſolcher Pracht und Herrlichkeit ganz gewohnt zu ſein; ſchweigend durch⸗ ſchritten ſie die Gemächer, keinem Gegenſtand ihre be⸗ ſondere Aufmerkſamkeit ſchenkend, nichts ihres weitern Aufſchauens werth haltend. Nur das Schlafgemach, in welches ſie jetzt eintraten, erregte mit ſeiner graziöſen, coquetten Einrichtung die Aufmerkſamkeit des Herrn. Er nickte mehrmals mit dem Kopfe, und wandte ſich dann raſch zu ſeiner Begleiterin hin, die immer noch das An⸗ tlitz dicht verhüllt von dem ſchwarzen Schleier, der an ihrer Reiſekapuce befeſtigt war, ſtill und gleichgiltig an ſeiner Seite ging. „Ich denke, dieſes Schlafzimmer wird Dir gefal⸗ len, meine Theure, und Du wirſt Dich behaglich darin fühlen,“ ſagte er raſch.„Dieſe mit weißem Mouſſelin drapirten Wände ſehen ſehr zierlich aus, und die roſa ſeidenen Vorhänge an den Betten und dem Toilettentiſch machen eine reizende Wirkung. Nicht wahr, mein Engel, Du biſt es zufrieden hier zu ſchlafen?“ „Jo, ich bin es zufrieben,“ antwortete eine leiſe Stimme unter dem Schleier hervor. 1860. XRII. Kaiſer Leopold der Zweite. I. 11 170 „Es freut mich, das zu hören,“ ſagte der Herr leb⸗ haft;„wir werden alſo dieſe Zimmer annehmen. Nur müſſen Sie Sorge tragen, Herr Wirth, daß eins dieſer großen Himmelbetten hinausgeſchafft werde!“ „Zu Befehl, Ew. Gnaden, es ſoll ſogleich geſche⸗ hen,“ erwiderte der Wirth ehrerbietig. „Sodann muß ich Sie bitten, für mich noch ein Schlafzimmer herrichten zu wollen, denn nach dem Zuſam⸗ menhang dieſer Appartements iſt es unmöglich, eins da⸗ von zu einem Schlafzimmer für mich zu benutzen. Ge⸗ ben Sie mir alſo ein anderes, gleichviel, ob es in der⸗ ſelben Etage oder eine Treppe höher liegt.“ „O, Ew. Gnaden können ein ſehr ſchönes Schlaf⸗ gemach an der andern Seite des Vorzimmers haben,“ bemerkte der Wirth.„Es war, als der König von Sardi⸗ nien hier logirte, das Zimmer ſeines Oberhofmarſchalls.“ „Nun, dann wird es auch für mich gut genug ſein,“ ſagte der Herr.„Sorgen Sie jetzt, Herr Wirth, für ein recht gutes und auserleſenes Diner, das Sie uns im Eßzimmer ſerviren laſſen; geben Sie uns auch von Ihrem beſten Tokayer, denn wir ſind weit gereiſt und bedürfen der Stärkung. Wann kann das Diner be⸗ reit ſein?“ „In einer halben Stunde, Ew. Gnaden.“ „Gut! In einer halben Stunde werde ich alſo die 17¹ Ehre haben Dich abzuholen, um mit Dir zu diniren, meine Theure, vorausgeſetzt, daß Du bis dahin mit Dei⸗ ner Toilette fertig biſt.“ „Ich werde bereit ſein,“ ſagte die Dame mit einer langſamen, ſtolzen Bewegung des Hauptes. „In einer halben Stunde alſo! Jetzt, Herr Wirth, zeigen Sie mir mein Zimmer, damit ich auch ein wenig Toilette mache. Schicken Sie der gnädigen Frau ihre Kammerjungfer und mir meinen Bedienten.“ Er wandte ſich mit einer leichten Verbeugung gegen die Dame um und verließ, gefolgt von dem Wirth, das Schlafgemach. Sofort ſank die Dame auf einen Seſſel nieder.„Gott ſei Dank,“ flüſterte ſie leiſe,„Gott ſei Dank, daß ich endlich allein bin!“ Aber dieſes Alleinſein ſollte nicht lange dauern, die Thür öffnete ſich wieder und die Kammerjungfer trat ein, gefolgt von einigen Männern, welche die großen Koffer hereintrugen und dann leiſe auf den Zehen wieder von dannen ſchlichen. Die Dame hatte auf das Alles nicht geachtet, das Haupt tief auf die Bruſt geſenkt, ſaß ſie ſtill, zuweilen leiſe aufſeufzend da, und ſchien es gar nicht zu gewahren, daß ihre Kammerfrau unfern von ihr ſtand und, die ſchwarzen, großen Augen mit einem lauernden Ausdruck 1* 172 auf ſie gerichtet, die Befehle ihrer Herrin zu erwarten ſchien. Als ſie indeſſen ſah, daß dieſelbe ſie ganz unbe⸗ merkt ließ, näherte ſie ſich ihr leiſe und fragte mit ſchmei⸗ chelndem Ton:„Wollen die Frau Gräfin nicht die Gnade haben ein wenig Toilette zu machen? Der Herr General hat befohlen, daß in einer halben Stunde ſervirt werde, üi „Ich mache keine andere Toilette,“ ſagte die Dame raſch und faſt unwillig.„Du haſt, wie mich dünkt, mir heute Morgen eine glänzende Toilette ausgewählt, und ich habe ſie ohne Widerſtreben angelegt. Ich denke, der Herr General wird es ſich damit genügen laſſen!“ „Aber das Haar, gnädigſte Frau Gräfin,“ flü⸗ ſterte die Kammerzofe,„die ſchönen Locken werden zer⸗ drückt ſein von dem Hut. Wenn mir die gnädigſte Frau wenigſtens erlauben wollten, dieſe ein wenig in Ord⸗ nung zu bringen.“ „Ich werde das ſelbſt thun,“ rief die Dame unge⸗ duldig.„Stelle das Neceſſaire dort auf die Toilette hin und dann verlaſſe mich. Ich fühle mich angegriffen, ich bedarf der Ruhe, ich will verſuchen zu ſchlafen, bis der Herr General kommt mich zum Diner abzuholen.“ „Das heißt,“ flüſterte die Kammerzofe, als ſie hin⸗ ausſchlich,„das heißt, ſie will nicht ſchlafen, ſondern c 173 weinen, wie ſie das auf unſerer Fahrt von Berlin her in jedem Nachtquartier gethan hat. Wenn ich nur erſt her⸗ ausgebracht hätte, weshalb ſie weint?“ Die Kammerzofe hatte ſich nicht geirrt, ſie war kaum hinaus gegangen, als die Dame ſich raſch erhob, nach der Thür hineilte und den Riegel vorſchob, dann kehrte ſie zu dem Seſſel zurück, und vor demſelben in die Kniee ſinkend lehnte ſie ihr Geſicht auf das Polſter, und weinte und ſchluchzte, daß ihre ganze Geſtalt erbebte. „O Gott, o Gott!“ murmelte ſie leiſe,„ich kann alſo nicht mehr zurück. Ich muß dieſe Schmach auf mich nehmen, ich muß, wenn ich nicht will, daß—“ Sie ſtockte und begann wieder zu ſchluchzen und zu weinen. Dann auf einmal ſprang ſie empor, riß mit einer heftigen Bewegung den Hut und den Schleier von ihrem Haupt und ſchleuderte ihn weit hinein in das Zimmer. Ein reizendes, jugendliches Angeſicht ward jetzt ſicht⸗ bar, das Angeſicht einer jungen Frau von kaum zwanzig Jahren. Ihre blauen großen Augen, die jetzt von Thrä⸗ nen umdüſtert waren, mußten, wenn ſie freundlich blickten, von wunderbarem Liebreiz ſein; ihr kleiner Mund mit den leicht geſchwellten Lippen ſchien, obwohl er jetzt zuckte in Schmerz und Qual, doch geſchaffen zu heitern Scherz⸗ worten und glücklichem Lächeln; ihre zarten Wangen, 174 die jetzt bleich waren, mußten, wenn eine ſanfte Röthe ſie anhauchte, ihrem Geſicht einen gar ſchönen, jugendfriſchen Ausdruck verleihen, und dieſe hohe gewölbte Stirn von durchſichtiger Weiße, die jetzt ſo ſchmerzlich und zürnend gefaltet war, mußte in ihrer klaren, gedankenvollen Ruhe einen imponirenden Eindruck machen. Ihr Haar, deſſen tiefe Schwärze wunderbar contraſtirte zu den großen himmelblauen Augen und dem durchſichtigen, weißen Teint, war nach Art der Italienerinen kurz verſchnit⸗ ten, und umgab in ſchweren ringelnden Locken ihr Hin⸗ terhaupt, während es vorn geſcheitelt und zu beiden Seiten der Stirne von goldenen Kämmen zurückgehalten ward. Aber die junge Dame hatte in dieſem Moment wenig Acht auf ihre Schönheit, ſie war ganz ihrem Kummer, ihrer Pein dahin gegeben, und doch ſchien ſie einem höhern Impulſe, als ihrem eigenen Willen zu gehorſamen, denn ſtatt in ruhiger Betrachtung ihrem Schmerz nachzuhängen, begann ſie ſich mit ihrer Toilette zu beſchäftigen. Sie löſte den Sammetmantel, der ihre Geſtalt bis dahin verhüllte, und warf ihn mit einer ge⸗ ringen Bewegung auf den Stuhl. „Ich bin ſein Geſchöpf und ich muß ihm ge⸗ horchen,“ ſagte ſie düſter vor ſich hin, während die Thrä⸗ nen immer noch über ihre Wangen niederfloſſen.„Er hat 175 Gewalt über mich, und ich muß mich unterwerfen.— Nein,“ rief ſie auf einmal laut und ungeſtüm,„ich will nicht, ich will frei ſein, ich will die Ketten zerreißen, mit denen ſie mich gefeſſelt haben. Ich will fliehen, noch iſt es Zeit, noch hat das furchthare Spiel nicht begonnen. Ich will fliehen!“ Sie ſprang zur Thür hin und ſchob den Riegel zurück. Aber ſchon im Begriff die Thür zu öffnen, ſtockte ſie und blieb zaudernd ſtehen. „Aber wenn ich es thue,“ flüſterte ſie,„wenn ich entfliehe, iſt Er rettungslos verloren und ſein Gefängniß wird ſich niemals wieder für ihn öffnen. O Gott, ich allein kann Ihn befreien, und ich wollte feig entflie⸗ hen?— Nein,“ ſagte ſie, von der Thür zurücktretend, „ich bleibe! Ich nehme dieſe Qual auf mich! Gott allein weiß, was es mich koſtet, er ſieht meine Thränen und meinen Jammer, und vielleicht wird er mir deshalb der⸗ einſt ein gnädiger Richter ſein, vielleicht wird er mir ver⸗ geben, was ich aus Liebe ſfündige!“ Sie faltete fromm die Hände und wandte ihre Blicke himmelwärts.„Gott,“ flüſterte ſie,„Du ſiehſt meine Qual! Du haſt mich nicht erretten wollen, ſo ver⸗ gib mir, daß ich falle, daß ich aufs Neue ſündige. Um Ihn wäre ich bereit in den Tod zu gehen, für Ihn 176 nehme ich jetzt Schmach und Unehre auf mich. Du biſt die Liebe, Gott, ſo verzeihe der Liebe!“ Ein unendlich ſchmerzliches Lächeln zuckte um ihre Lippen und die Thränen ſtürzten wieder aus ihren Augen hervor. Sie fuhr aber raſch mit der Hand über ſie hin und ging dann entſchloſſenen Schrittes zu dem Toiletten⸗ tiſch, an dem ein großer Spiegel ſich erhob. „Weshalb ſollte ich Toilette machen,“ ſagte ſie mit einem bittern Ausdruck;„iſt dies blaue Seidenkleid nicht elegant genug, bin ich nicht geſchmückt mit goldenen Ketten und Spangen, wie's nur irgend ein Opfer des Baal ſein kann?“ Und ſie warf einen düſtern, faſt geringen Blick auf ihre reizende, zierliche Geſtalt, deren wundervolle Formen einen Bildhauer, einen Maler entzückt haben würden. „Erbärmliche Schönheit,“ murmelte ſie verächtlich, „Du biſt mein Unglück und mein Verderben geweſen, Du haſt mich der Verführung, der Sünde überliefert. Alles, was ich gelitten, litt ich durch Dich; Alles, was ich noch leiden werde, haſt Du verſchuldet! O ſelig die Häß⸗ lichen, welche unangefochten von den Verführungen der Welt in ſtillem Schatten dahin gehen und ungeſtört ſich ſelber leben können.“ Plötzlich zuckte ſie zuſammen und wandte den Blick — 177 horchend nach der Thür hin.„Ich glaube, er kommt ſchon mich abzuholen,“ murmelte ſie in ſich erſchauernd;„die halbe Stunde der Gnade iſt ſchon verfloſſen! Aber nein, nein, ich irrte mich. Noch klopft das Unheil nicht an meine Thür! Doch es wird bald kommen, ich muß mich beeilen.“ Mit zitternden Händen öffnete ſie das Neceſſaire und ordnete ihr Haar und ließ die Locken über ihre Fin⸗ ger ringeln, dann zupfte ſie die Schleifen und Krauſen auf, mit denen ihr Gewand verziert war, und warf nun einen letzten prüfenden Blick in den Spiegel. „Meine Augen ſind geröthet,“ ſagte ſie faſt ängſt⸗ lich;„er wird es ſehen, daß ich geweint habe, und in ſeiner frömmelnden, höhniſchen Weiſe wird er mich ver⸗ ſpotten, wie er es ſo oft gethan! O, er iſt mein Dämon, mein böſer Dämon, den ich haſſe, den ich verachte, und dem ich doch nicht entgehen kann! Still— er kommt, diesmal iſt er es wirklich!“ Ein leiſes Klopfen an der Thür ward jetzt hörbar, eine ſanfte ſchmeichelnde Stimme ließ ſich vernehmen und bat um Einlaß. Die Dame eilte nach der Thür hin und ſchob den Riegel zurück.„Mein Oheim,“ ſagte ſie, ſich tief ver⸗ neigend,„Sie ſehen, ich bin bereit.“ Der Herr, welcher jetzt in glänzender preußiſcher 178 Uniform, die Schultern geſchmückt mit den goldbefranz⸗ ten Generalsepauletts, die Bruſt behangen mit Ordens⸗ kreuzen und Sternen, ſich darſtellte, ließ ſeine kleinen grauen Augen mit einem ſchnellen prüfenden Blick über die Geſtalt der Dame hingleiten. „Sie haben mich nicht gewürdigt für mich eine andere Toilette zu machen,“ ſagte er mit einem halb ſüß⸗ lichen, halb boshaften Lächeln,„indeſſen ich verzeihe es Ihnen, denn Sie wiſſen es wohl, ich habe nichts zu ſchaffen mit den Eitelkeiten dieſer Welt. Aber kommen Sie, meine theure Nichte, laſſen Sie uns in dankbarer Anerkennung deſſen, was der Herr uns gegeben, zur Tafel gehen.“ Er reichte ihr ſeinen Arm dar, ſie legte leicht ihre Hand auf denſelben und ließ ſich von ihm in das Speiſe⸗ zimmer führen. Der mit allerlei Silbergeräth, mit Blu⸗ men und ſeltenen Südfrüchten decorirte Tiſch war bereit; hinter dem Stuhl, der für den General beſtimmt war, ſtand ſein Lakay in goldſtrotzender Livrée, hinter dem Stuhl ſeiner Nichte die Kammerfrau in reizender coquet⸗ ter Toilette; an dem Büffet bewegten ſich geſchäftig der Wirth und einige Kellner hin und her, um aus der ſilber⸗ nen Terrine die Suppe auf die ſilbernen Suppenteller zu füllen, um den Champagner in die Eiskühler zu ſtellen, die Auſtern ſo zu legen, daß das Seewaſſer nicht 179 abfließe, und die zwei Gläſer von feinem venetianiſchen Glaſe mit dem dunkelbraunen Tokayer zu füllen, der langſam und ſchwer wie Syrup aus der weißgrünen Flaſche ſich ergoß und das ganze Zimmer mit ſeinem aromatiſchen Duft erfüllte. Es war ein ſehr wohlgelungenes, ſehr auserleſenes Diner. Auch gab ſich der General dem Genuß deſſelben mit allen Hochgefühlen eines gelehrten und zufriedenen Gourmands hin. Er ſchlürfte die verſchiedenen Weine mit der Miene eines Kenners, er ließ kein Gericht, ſo viel deren auch vorhanden waren, unberührt, und das Ragout von Rebhühnern mit Trüffeln, die mit Trüffeln gefüllten Faſanen, ſo wie der Salat von Hummern und Auſtern erregten ſo ſehr ſein Wohlgefallen, daß er ſich ſogar herabließ, einige anerkennende Worte an den Wirth zu richten und ihm ſeine Zufriedenheit aus⸗ zudrücken. Die junge Dame indeſſen nahm wenig Theil an den Genüſſen ihres Oheims. Sie ließ es freilich ge⸗ ſchehen, daß die Kammerfrau ihr von jedem Gericht etwas darreichte und vor ihr hinſtellte, aber nur wenige der Speiſen berührte ſie, und ſelbſt wenn ſie aß, geſchah es nur wie mechaniſch, mit vollkommener Gleichgiltig⸗ keit, nicht einmal ſetzte ſie das Glas mit dem duftenden Tokayer oder dem goldig funkelnden Rheinwein an ihre Lippen. 180 Der General ſchien das nicht zu bemerken, oder er überſah es abſichtlich, um ſich nicht den köſtlichen Genuß des Mahls durch unangenehme Erörterungen zu trüben. Die Unterhaltung war einſylbig, ſteif und förmlich, man ſprach nur von gewöhnlichen Gegenſtänden, wie das die Anweſenheit der Dienerſchaft bedingte, und wenn ſich die Dame über irgend eine ſcherzhafte Bemerkung ihres Oheims zu einem Lächeln herbeiließ, ſo ſchien ſie dazu ſich auch nur durch die Anweſenheit der Dienerſchaft zwingen zu laſſen. Endlich nach mehr als einer Stunde war das Diner beendet; der General, deſſen Geſicht jetzt hoch⸗ geröthet war und von einem glücklichen, behaglichen Lächeln erglänzte, ſtand auf, um ſeiner Nichte den Arm zu bieten und ſie in das andere Zimmer zu führen. „Sie erlauben, meine Theure,“ ſagte er leiſe, indem er ihre Hand, die auf ſeinem Arm lag, zärtlich drückte,„Sie erlauben, daß ich Sie ſtatt in den Salon, in das trauliche Wohnzimmer führe. Wir ſind da un⸗ geſtörter.“ „Es geſchehe ſo wie es Ihnen beliebt, mein Oheim,“ ſagte die Dame mit kaltem, höflichem Ton, und ſie folgte dem General in das Wohnzimmer, das zwiſchen dem Eßzimmer und dem Schlafgemach belegen war. Aber er hatte kaum die Thür hinter ihnen ge⸗ 181 ſchloſſen, als ein ſchüchternes Klopfen an derſelben gehört ward. Auf das Herein des Generals trat der Wirth mit verlegener Miene ein, unter dem Arm ein großes Buch, in der Hand eine Feder haltend. „Excellenz mögen gnädigſt verzeihen,“ ſtammelte er, „aber unſere Polizeiverordnungen ſind ſeit der glorreichen Regierung des Kaiſers Leopold ſehr verſtärkt, es iſt uns bei ſchwerer Strafe verboten, irgend einen Fremden auch nur einige Stunden in unſern Hötels zu beherbergen, ohne daß er ſeinen Namen in dies Buch eingezeichnet und uns ſeinen Paß übergeben hat.“ „Ich finde das ganz in der Ordnung,“ ſagte der General;„eine ſtrenge und ſcharfe Polizei iſt die erſte Bedingung eines wohlgeordneten Staates. Legen Sie Ihr Buch her, ich will mich ſogleich einzeichnen.“ Er nahm aus den Händen des Wirths die dar⸗ gereichte Feder und ſchrieb mit raſchen Zügen einige Worte in das Buch. „So, da haben Sie's,“ ſagte er dann,„da ſteht's: von Biſchofswerder, königlich preußiſcher General⸗Major, und deſſen Nichte, Frau Gräfin Wolkenſtein. Jetzt wiſſen Sie, wer wir ſind, mein Lieber. Die Päſſe laſſen Sie ſich von meinem Diener geben, und ſomit wird Ihre gute, geſtrenge Polizei zufrieden ſein!“ Er verabſchiedete den Wirth mit einem gnädigen 182 Kopfnicken, und als dieſer, rückwärts gehend und ſich tief verneigend das Zimmer verlaſſen hatte, ging der General haſtig nach der Thür hin, um leiſe den Riegel vorzu⸗ ſchieben. Dann ließ er einen prüfenden Blick durch das ganze Zimmer ſchweifen, ſchaute unter jedes Meuble, hinter jeden Vorhang, und klopfte an die Wände, ob nicht hier oder dort irgend eine hohle Stelle, eine geheime Thür ſich finden möchte. Dann, als er ſich überzeugt hatte, daß hier kein Lauſcher verborgen ſei, öffnete er raſch die Thür des Schlafgemachs und ſchaute hinein. „Niemand darin,“ ſagte er,„und kein anderer Aus⸗ gang als dieſer hier. Sehr ſchön, wir ſind jetzt ſicher vor Lauſchern und Beobachtern.“ Die Gräfin, welche indeß ſich auf den Divan hatte niedergleiten laſſen, hatte dem Thun des Generals mit einem ſpöttiſchen Lächeln zugeſchaut. „Wollen Sie mich etwa gar ermorden, Oheim?“ fragte ſie jetzt, als der General ſich ihr näherte.„Iſt es deshalb, daß Sie das Auge und Ohr eines Lauſchers und Beobachters ſo ſehr fürchten?“ „Spötterin,“ ſagte der General, indem er ſich ihr gegenüber in den Fauteuil ſetzte;„Spötterin, was hülfe es mir bei einem ſolchen Verbrechen das Auge und Ohr der Menſchen zu vermeiden, da doch das Auge Gottes mich ſehen würde.“ 3 183 Die Gräfin machte eine ungeduldige Bewegung. „Laſſen Sie doch die frommen Floskeln, Oheim,“ ſagte ſie;„wir ſind hier nicht in Berlin, und weder der König noch der Miniſter Wöllner hört Sie!“ „Immer noch das ſpöttiſche Weltkind, das ſeinen ſtörrigen Sinn nicht zu Gott bekehren will,“ rief der General, die Augen mit einem ſchmerzlichen Ausdruck zum Himmel erhebend.„Aber ich will jetzt nicht mit Ihnen rechten, meine Theure. Sie ſind hieher gekommen zu einem ernſten und großen Werk, und über dieſes allein möchte ich jetzt noch ein letztesmal mit Ihnen mich be⸗ ſprechen.“ „Zu einem ernſten und großen Werk bin ich hieher gekommen,“ ſagte die Gräfin heftig.„Freilich iſt es ernſt und groß, eine Menſchenſeele zu verkaufen; aber ob es ſich ziemt für einen frommen, gottſeligen Mann, wie es mein Oheim, der Herr General von Biſchofswerder iſt, das iſt eine Frage, die ich wohl an ihr eigenes Gewiſſen richten möchte.“ „Mein Gewiſſen wird dieſe Frage mit Ruhe auf⸗ nehmen,“ erwiderte der General,„es iſt ſich keiner Schuld bewußt. Wer will denn eine Menſchenſeele verkaufen?“ „Sie, die meine!“ rief die Gräfin mit zornblitzenden Augen, mit glühenden Wangen.„Sie wollen Ihre eigene, bedauernswerthe Nichte verkaufen, und der Schmach dem 184 Hohn und der Verachtung dahin geben. Nicht achtend ihrer Schmerzen, ihres Widerſtrebens, wollen Sie ſie zwingen, eine unwürdige, entehrende Rolle zu ſpielen, den letzten Reſt von Scham und Selbſtbewußtſein in ſich zu ertödten, wollen Sie die Tochter Ihrer Schweſter zwin⸗ gen, eine ganz gemeine Coquette und Buhlerin zu werden.“ „Still, o ſtill, meine theure Louiſe,“ ſagte der Ge⸗ neral ſanft, indem er halb ſegnend, halb beſchwörend die beiden Hände gegen die Gräfin ausſtreckte.„Der böſe Geiſt ſpricht aus Dir und er verleitet Dich, Deinen nächſten Anverwandten zu verleumden und falſches Zeug⸗ niß wider ihn abzulegen. Wann habe ich Dich zu irgend einer Sache zwingen wollen? Wann habe ich von Dir verlangt, daß Du eine Rolle ſpielen ſolleſt, die Deinem Willen, Deiner Neigung widerſtrebt? Habe die Güte, ein wenig nachzudenken, Dir die Vergangenheit ein wenig zu vergegenwärtigen.“ „O, die Vergangenheit, die fürchterliche Vergan⸗ genheit!“ rief die Gräfin erſchauernd;„ich mag nicht an ſie denken, mag mir ihre entſetzlichen Bilder und Scenen nicht zurück rufen.“ „Es iſt aber doch ſehr nothwendig, daß man das thut,“ ſagte der General ruhig,„beſonders in Momenten, wo man von dem Teufel des Hochmuths getrieben, gern Andern als Schuld aufbürden möchte, was man ſelber — 185 verſchuldet hat. Sie klagen mich an, ich muß mich ver⸗ theidigen, und dazu iſt es nöthig, daß wir doch ein wenig rückwärts ſchauen in die Vergangenheit. Ich ſehe da ein reizendes junges Mädchen von achtzehn Jahren, die be⸗ wunderte, die gefeierte Schönheit des ganzen Hofes, die Freundin der lieben Gräfin Lichtenau, dieſer edlen und klugen Freundin unſers geliebten Königs Friedrich Wil⸗ helm.“ „Das heißt,“ unterbrach ihn die Gräfin erglühend, „das heißt, Sie haben dieſes unglückliche Mädchen, das bis dahin ſtill und unbekannt mit der Welt auf dem Lande gelebt, Sie haben ſie plötzlich hineingeſtoßen in dieſe große, verlockende Welt der Heuchelei, der Lüge und Leicht⸗ fertigkeit.“ „Welche Ausdrücke das ſind, und welcher Undank⸗ barkeit meine arme, theure Nichte ſich da ſchuldig macht,“ ſagte der General mit frommem Händefalten.„Ich Sie hinein geſtoßen in die große Welt! Der große und gütige Gott hatte Ihre Mutter, meine theure Schweſter, mit der Sie auf dem Lande gelebt, zu ſich gerufen, und es war nun meine Fflicht, mich meiner verwaiſten Nichte anzunehmen. Ich führte Sie nach Berlin, ich machte Sie zu der Herrin meines Hauſes, zu meiner eigenen, geliebten Tochter, mit einem unbegrenzten Vertrauen über⸗ ließ ich es Ihnen, ſich Ihre Lebensweiſe ſelber zu be⸗ 1860. XXII. Kaiſer Leopold der Zweite. I. 12 186 ſtimmen, machte Sie zur unbeſchränkten Herrin Ihres Willens.“ „Das heißt, Sie hielten es nicht für zweckmäßig, das junge, argloſe Geſchöpf zu warnen, das wie berauſcht war von all dem Glanz, dem Luxus, der Freude, dem Vergnügen, welches ſie plötzlich umgab, ihr die Gefahren zu zeigen, die ſie überall bedrohten, ſie aufmerkſam zu machen auf die von Blumen verhüllten Abgründe, die an dieſem ſchlüpfrigen, heuchleriſchen Hofe des Königs ſie umgaben. Sie führten mich zur Gräfin Lichtenau, deren Vergangenheit ich nicht kannte, deren ſchmachvolle Stel⸗ lung ich in der Unſchuld meines Herzens nicht begriff. O Gott, v Gott, ich mag nicht daran denken, was Alles ich da erlebte, wie man mich immer tiefer hinein riß in die Wirbel des Vergnügens, wie man mein beſſeres Ich be⸗ täubte, meine Gewiſſensbiſſe verlachte, mein Widerſtreben verſpottete! Aber laſſen Sie es genug ſein, mein Oheim, Sie ſehen, die Vergangenheit lebt noch in mir, ich weiß Alles, ich habe nichts vergeſſen!“ „Doch, meine Theure, Sie haben Einiges ver⸗ geſſen,“ ſagte der General lächelnd,„und es iſt immer noch die Nothwendigkeit vorhanden, Sie daran zu er⸗ innern. Ich will ſchweigen von der Zeit Ihres Triumphes und Ihrer königlichen Herrſchaft, die freilich nur von Wenigen gekannt war, denn Sie waren nie eine königliche Maitreſſe en titre, Sie—“ — — 187 Die Gräfin ſprang von ihrem Sitz empor, mit glühenden Wangen, mit zornblitzenden Augen, wie eine gereizte Tigerin, die im Begriff iſt, ſich auf ihren Feind zu ſtürzen. „Schweigen Sie,“ rief ſie gebieteriſch,„ſchweigen Sie, oder ich erkläre Sie für einen Ehrloſen, der ſein feierlich gegebenes Wort bricht. Sie haben mir vor Gott geſchworen, dies furchtbare Geheimniß zu bewahren, nie wieder darüber zu ſprechen—“ „Und ich habe mein Wort gehalten, ich habe das theure Geheimniß bewahrt, ich habe zu Niemanden dar⸗ über geſprochen—“ „Sie ſollen es auch zu mir nicht,“ rief ſie ungeſtüm. „Mein Gott, Sie wollen alſo mein Herz zerfleiſchen, Sie wollen all die ſchlummernden Dämonen in mir wek⸗ ken?“ „Ich will Sie zurückführen zur Erkenntniß, zur Demuth,“ ſagte der General feierlich.„Ich will Sie nur noch erinnern an einen Moment aus Ihrer Vergangen⸗ heit, nur an den Tag, an welchem Sie zu mir kamen jammernd und klagend, als Sie meine Kniee umklam⸗ merten und unter Strömen von Thränen mich um mei⸗ nen Beiſtand, meine Hilfe anflehten für den Grafen Wolkenſtein, Ihren jungen, von Ihnen ſo ſchwärmeriſch geliebten Gemahl!“ 12* 188 „Hüten Sie ſich wohl, dieſe Liebe, das reinſte, edelſte Gefühl meines ganzen Lebens, mit Ihrem Hohn und Spott zu entweihen,“ rief die Gräfin.„Ich liebe meinen Gemahl, hören Sie's, ich liebe ihn! Er iſt für mich der Inbegriff alles Schönen, alles Großen und Guten, er iſt das Ideal meines Herzens.“ „Aber dieſer Inbegriff alles Schönen, Großen und Guten hatte nichts deſtoweniger ein todeswürdiges Ver⸗ brechen begangen, das Verbrechen des Hochverraths, der Majeſtätsbeleidigung.“ „Ein Verbrechen, das ihm die Engel im Himmel als Tugend anrechnen werden,“ rief ſie mit ſtrahlenden Augen. „Ein Verbrechen, um deſſentwillen ihn das irdiſche Kriegsgericht aber zum Tode verurtheilte,“ ſagte der General achſelzuckend.„Unſer allzeit gnädige und gütige König indeſſen wollte das Todesurtheil nicht beſtätigen, er begnadigte den Grafen Wolkenſtein zu lebenslänglicher Gefangenſchaft, und auf der Feſtung Graudenz ſollte er ſein ſchweres Verbrechen abbüßen. An dem Tage, an welchem Sie aufgelöſt in Thränen zu mir kamen, ſollte er dahin abgeführt werden; man hatte Ihnen verweigert, ihn noch einmal zu ſehen, und Sie wandten ſich an mich, um durch mich Ihren Wunſch erfüllt zu ſehen, Sie be⸗ ſchworen mich, eine Milderung ſeiner Strafe zu erlan⸗ 189 5 gen.— Ich hatte Mitleid mit Ihrem tugendhaften Gat⸗ tenſchmerz, ich verſchaffte Ihnen eine letzte Zuſammenkunft mit Ihrem Gemahl, und ſogar eine Zuſammenkunft ohne Zeugen, aber ich that dies unter einer Bedingung. Wiſſen Sie dieſe Bedingung noch?“ „Ich weiß ſie,“ ſagte ſie mit einem leiſen Kopf⸗ nicken.„Ich mußte Ihnen bei dem Andenken an meine Mutter, die Hand auf die Bibel gelegt, ſchwören: daß ich fortan mich Ihnen unterordnen wolle als eine ge⸗ horſame, demüthige Tochter, daß ich in allen Dingen Ihren Willen thun und die Befehle ausführen wollte, die Sie mir geben würden.“ „Sehr gut; ich ſehe, Sie haben Ihren feierlichen Schwur nicht vergeſſen. Aber Sie müſſen mir zugeſtehen, daß ich keinen Mißbrauch mit der Gewalt getrieben, die Sie mir über ſich eingeräumt. Ich ließ Sie in allen Dingen gewähren, ich zwang Sie nicht, Ihren Schmerz zu unterdrücken und an den Hof zu gehen, und als Sie, um ſich zu erholen von Ihren Kümmerniſſen, den Wunſch äußerten, eine Reiſe zu machen, widerſtrebte ich Ihnen nicht, ſondern war Ihnen zur Erreichung Ihres Wunſches behilflich. Sie wollten, um Alles Aufſehen zu vermeiden, nicht unter Ihrem wirklichen Namen reiſen, weil dieſer Name durch das Verbrechen Ihres Gemahls in ganz Deutſchland eine Art Berühmtheit erlangt hatte. Sie 190 zogen es daher vor, Incognito zu reiſen, und ich ver⸗ ſchaffte Ihnen einen Paß, der Ihnen das romantiſche Vergnügen verſchaffte, unter einem erborgten Namen als eine ganz unbekannte bürgerliche Perſon zu reiſen. Ich ging auf alle Ihre Wünſche ein, ich that mehr, ich kam denſelben zuvor und forderte Sie auf, einen Brief an den Grafen Wolkenſtein zu ſchreiben, den ich zu befördern verſprach, obwohl es bei ſchwerer Strafe verboten war dem Hochverräther irgend Briefe oder Zeitungen zu⸗ kommen zu laſſen. Sein Verbrechen hatte ihn von der Welt geſchieden, er ſollte und durfte gar keinen Zu⸗ ſammenhang mehr mit ihr haben, nur Gott und der Reue durfte er noch angehören. Er war auch nicht mehr Ihr Gemahl, denn den Geſetzten unſeres Landes gemäß war durch ſein Verbrechen und ſeine Strafe Ihre Ehe getrennt, und—“ „Nein, unſere Ehe beſteht,“ unterbrach ihn die Gräfin heftig;„er iſt mein Gemahl und er bleibt es, vor dem Altar Gottes habe ich mich ihm zum Weibe ge⸗ ſchworen.“ „Meine Theure, erlauben Sie mir, daß ich Ihnen die Worte wiederhole, welche Sie vorher an mich richte⸗ ten,“ ſagte der General achſelzuckend.„Sie ſagten: „Laſſen Sie doch die frommen Floskeln; wir ſind hier nicht in Berlin, und weder der König noch der Miniſter 191 Wöllner hört Sie.“ Und jetzt erlauben Sie mir da fort⸗ zufahren, wo Sie mich unterbrochen haben. Ich erinnerte Sie daran, daß ich bei Ihrer Abreiſe Ihnen verſprach einen Brief an den von Ihnen ſo heiß geliebten Grafen Wolkenſtein zu befördern, ja noch mehr, daß ich Ihnen verſprach, Ihnen vielleicht in ſechs Wochen eine Antwort von ihm zukommen zu laſſen, das heißt natürlich unter der Bedingung, daß Sie dieſelbe ganz in's geheim per⸗ ſönlich aus meinen Händen empfingen, und Niemanden zu Ihrem Vertrauten machten.“ „Sie waren ſo großmüthig,“ ſagte ſie mit einem bittern Lächeln,„weil Sie ſehr gut wußten, daß dies die beſte Art ſei, mich in ſechs Wochen wieder in Berlin unter Ihrer Obhut zu haben. Sie verſprachen, mir in ſechs Wochen ein Antwortsſchreiben zu übergeben, das war der Faden, an dem Sie mich feſthielten, indem Sie mich gehen ließen, an dem Sie ſicher waren mich nach Berlin zurückzuziehen.“ „Armes, irregeleitetes Weib,“ rief der General ſeuf⸗ zend,„ſelbſt die edelſten Seelenregungen entweiht ſie mit ihrem Spott und Mißtrauen, um nur die Laſt der Dankbarkeit von ſich abzuwerfen. Aber ſtreiten wir nicht darüber, Gott ſieht in unſere Herzen, und er wird uns richten nach unſern Thaten! Genug, als Sie nach ſechs 192 Wochen heimkehrten, hatte ich wirklich die Freude, Ihnen ein Briefchen des Grafen Wolkenſtein zu übergeben.“ „Ach, es war ein trauriger, herzzerreißender Brief,“ ſeufzte die Gräfin.„Schmerz und Verzweiflung ſprach aus demſelben, die Gefangenſchaft, die tödtliche Einſam⸗ keit drückte ſeinen Geiſt darnieder, ſeine Geſundheit be⸗ gann zu ſchwanken, und ebenſo ſein Glaube an meine Liebe, an meine Treue. Dieſer Brief, auf den ich mich ſo lange gefreut, traf jetzt mein Herz wie ein Dolchſtoß, an dem es faſt verblutete. Ich wünſchte, ihm wenigſtens zu antworten, ihn anzuflehen um Muth und Vertrauen. Aber jetzt waren Sie unerbittlich, all mein Flehen war umſonſt, Sie wollten keinen Brief von mir wieder zu ihm gelangen laſſen.“ „Es war mehr als genug, daß ich einmal um Ihretwillen gegen die Befehle meines theuren Königs und Herrn geſündigt hatte; ich würde es mir nie ver⸗ ziehen haben, wenn ich dies öfter gethan hätte. Ich er⸗ trug daher mit Gelaſſenheit Ihre Vorwürfe und ſetzte Ihren Bitten das Geſicht meiner Pflicht entgegen. Aber inner⸗ lichſt hatte ich doch Mitleid und Erbarmen, und es kam bald die Gelegenheit Ihnen dies zu beweiſen. Kaiſer Joſeph war geſtorben, und ſein Bruder der Großherzog Leopold ward ſein Erbe. Oeſterreich und Preußen hatten ſich bis dahin feindlich gegenüber geſtanden, aber die 193 Lage Europas ließ jetzt eine Verſöhnung der beiden deut⸗ ſchen Mächte wünſchenswerth erſcheinen, die Gräuel⸗ thaten, die ſich in Frankreich zutrugen, machten ſie täglich mehr zur Nothwendigkeit. Ich erinnerte mich des aller⸗ liebſten Reiſe⸗Abenteuers, von dem Sie mir erzählt, des romantiſchen Begegnens mit dem Incognito reiſenden Großherzog Leopold, Ihrer plötzlichen und ſchnellen Flucht vor den leidenſchaftlichen Bewerbungen des hohen Herrn, der freilich nicht daran gewöhnt ſein mochte, ſo ſtolz zurückgewieſen zu werden. Preußen bedurfte eines klugen und gewandten Unterhändlers, der geſchickt genug eine Annäherung der beiden Höfe ermöglichen möchte, und ich dachte an Sie. Ich kam zu Ihnen und machte Ihnen meine Vorſchläge. Ich täuſchte Sie nicht, ich hinterging Sie nicht, ich ſetzte Ihnen meine Plane auseinander, ich ſagte Ihnen ohne Umſchweife, was ich von Ihnen for⸗ derte, welche Dienſte Sie dem Staat und Ihrem König, ja Deutſchland und den bedrohten Monarchieen leiſten ſollten. Ich forderte Großes von Ihnen, aber ich ver⸗ ſprach Ihnen auch einen großen Lohn. Sie jauchzten auf vor Freude, Sie umarmten mich mit einer Innigkeit, wie Sie es nie zuvor gethan, Sie nannten mich Ihren Freund, Ihren Erretter, Sie ſchwuren, auf alle meine Plane einzugehen, Alles zu thun, was ich von Ihnen begehrte. Sie waren bereit ſchon am nächſten Tage mit 194 mir abzureiſen nach Wien, und Ihre freudige Aufregung ließ Sie ſo jung und ſchön erſcheinen, wie Sie es nur jemals geweſen.“ „Das macht, ich hatte über dem verſprochenen Lohn, über der Glückſeligkeit, die Sie mir in Ausſicht geſtellt, Ihre Forderungen ganz und gar vergeſſen,“ ſagte die Gräfin mit einem traurigen Lächeln.„Mein Gott, um Ihn zu erretten, um Ihm die Freiheit, das heißt das Leben, die Geſundheit wieder zu geben, würde ich freudig mein Herzblut hingeben, wäre ich bereit ſo⸗ gar, wenn es ſein müßte, ein Verbrechen zu begehen.“ „Und ich forderte nicht einmal ein Verbrechen,“ rief der General achſelzuckend.„Es wäre ein Verbrechen geweſen, hätte ich ein junges, unſchuldiges Mädchen von unbefleckter Tugend, von tadelloſer Reinheit zu dem Werkzeug meiner Plane machen wollen; aber ich ſprach zu einer Frau, welche das Leben kannte, welche ihre Er⸗ fahrungen hatte und deren Unſchuld durch mich nicht mehr gekränkt ward. Dieſe Frau hatte meine Vorſchläge an⸗ genommen, war mit flammender Energie auf meine Wünſche eingegangen, und hatte demgemäß ſo raſch alle ihre Vorbereitungen zur Reiſe getroffen, daß wir ſchon am andern Tage den Reiſewagen beſteigen konnten. Aber plötzlich unterwegs nimmt meine ſchöne Gefährtin eine ernſte, melancholiſche Miene an, ſie ſitzt ſeufzend und 195 ſtumm da, antwortet kaum auf meine Fragen, und wenn ich den Zweck unſerer Reiſe mit ihr erörtern, ihr noch einige Andeutungen über unſere Plane und deren Trag⸗ weite geben will, bricht ſie ab, oder ſie antwortet mir nur mit Thränen, mit Vorwürfen ſogar.“ „Das macht, ich war endlich zur Ruhe, zur Ueber⸗ legung gekommen,“ ſagte die Gräfin.„Die ſtürmiſche Aufregung, die begeiſternde Freude war verflogen, und ich war wieder ruhig und beſonnen, mein Blick war wieder klar geworden, und ich ſah und begriff mit Ent⸗ ſetzen, welche ſchmerzvolle Rolle Sie mir beſtimmten, zu welcher Erniedrigung Sie mich verdammen, welche ge⸗ meine Intriguantenrolle Sie mir auferlegen wollten.“ „Schon wieder Vorwürfe, ſchon wieder Beſchul⸗ digungen,“ rief der General heftig.„Aber ich bin es jetzt überdrüßig, Ihre tugendhaften Klagen anzuhören, und ich will nicht als der Dämon erſcheinen, der, wie Sie ſagen, eine Menſchenſeele verkaufen will. Madame, ich gebe Ih⸗ nen Ihr Wort zurück, ich entbinde Sie fogar von dem Schwur, den Sie mir geleiſtet, mir gehorſam und er⸗ geben zu ſein. Ich gebe Ihnen Yhre volle Freiheit wie⸗ der, ich mache Sie zur alleinigen Herrin Ihres Willens! Sprechen Sie ihn jetzt unverhohlen aus, wiederholen Sie, daß Sie es bereuen, die Rolle angenommen zu haben, die ich Ihnen übertragen wollte, daß Sie nicht 196 die Kraft fühlen, dieſelbe durchzuführen. Sagen Sie, daß Sie ſogleich wieder abreiſen wollen, und ſofort klingele ich meinem Bedienten, befehle ihm Poſtpferde zu beſtellen, und Sie fahren, wohin es Ihnen beliebt. Nur bin auch ich alsdann meines Schwurs entbunden, nur werde ich alsdann kein Wort, keine Bitte mehr für den Grafen Wolkenſtein haben, ſein Gefängniß wird ſich ihm niemals wieder öffnen, und nicht Sie, ſondern erſt der Tod wird ihn befreien. Wählen Sie alſo! Sagen Sie:„Ich will abreiſen!“ und Sie ſollen von mir keinen Vorwurf, keine Anklage hören, ich werde Ihren Wunſch erfüllen, und in einer Stunde werden Sie Ihren Reiſewagen beſteigen und Wien verlaſſen. Oder ſagen Sie:„Ich will hier bleiben!“ Dann aber machen Sie mir keine Vorwürfe, laſſen Sie mich keine Anklage wieder hören, ſondern gehen Sie freudig auf meine Wünſche ein, nehmen Sie alle Ihre Kraft zuſammen, um unſere Plane durchzu⸗ führen. Sprechen Sie— ich erwarte Ihre Antwort!“ Aber die Gräfin antwortete nicht ſogleich. Sie blickte mit ſtarren, weit geöffneten Augen in die Weite, ſie rang die weißen Hände wie in innerer Qual, ſchwere Seufzer hoben Ihren Buſen, ein leiſes Zittern flog durch ihre Geſtalt. Nach einer langen Pauſe heftete ſie den Blick langſam und mit einem unausſprechlichen Aus⸗ druck von Furcht und Schmerz auf den General hin, der ſie lächelnd beobachtet hatte. 197 „Sie ſchwören mir,“ ſagte ſie,„daß, wenn es mir gelingt, Ihre Plane durchzuführen, wenn ich mich zu Ihrem Werkzeug mache, Sie ſchwören mir, daß mein Gemahl dann ſeine Freiheit wieder haben, daß er durch mich gerettet werden ſoll?“ „Ich ſchwöre es Ihnen bei Jeſum Chriſtum!“ rief der General feierlich laut.„Er ſoll durch Sie gerettet, Sie ſollen mit ihm vereint werden.“ Sie ſchlug ihre Hände vor ihr Angeſicht und ächzte laut. Dann verſtummte ſie, und nur einzelne ge⸗ flüſterte Worte verriethen dem General, daß ſie betete. Endlich ließ ſie ihre Hände von ihrem Antlitz nieder⸗ gleiten, das jetzt farblos, todesbleich war. „Ich will hier bleiben!“ rief ſie mit einem lauten, krampfhaften Aufſchrei. „Vivat!“ jubelte der General.„Vivat! Meine theure geliebte Louiſe hat ſich ſelber wieder gefunden. Sie iſt zur Vernunft, zur Beſonnenheit zurückgekehrt, und will das Leben nicht mehr anſehen, wie es ſein ſollte, ſondern, wie es iſt! Sie wird freudig an ihr großes Werk gehen, ſie wird nicht mehr klagen, nicht mehr ſich und Andern Vorwürfe machen, ſondern ſie wird ſich bewußt werden, daß ſie zu einem großen Werk berufen, daß ſie ein Werkzeug iſt in der Hand der Vor⸗ ſehung, daß ſie den ruhmwürdigen Beruf hat, die beiden 198 Großmächte Deutſchlands zum Frieden, zur Eintracht zurückzuführen, daß ſie ihnen das Schwert in die Hand geben ſoll zum heiligen Krieg gegen die blutigen Mör⸗ derſchaaren, die im Begriff ſind den Thron von Frank⸗ reich zu ſtürzen, die alle Monarchieen Europa's bedrohen. Denn läßt man dieſe raubmörderiſchen Rebellen gewäh⸗ ren, ſo wird ihr blutiges Beiſpiel die Augen aller übrigen Völker verblenden, ſo werden die weltzerſtörenden un⸗ ſinnigen Freiheitslehren dieſer Jacobiner wie eine Lava über ganz Europa ſich ergießen und die Gemüther aller Völker entzünden, daß ſie ſich empören, wie es die gott⸗ lofen Franzoſen gethan, und ihre vatermörderiſchen Hände gegen die Throne und die Kirche erheben! Das iſt es, was Sie dem Kaiſer täglich wiederholen müſſen, was Sie ihm mit allen Farben des Schreckens und der furcht⸗ baren Gefahr ausmalen müſſen!“ „Ich weiß, o, ich weiß,“ ſagte die Gräfin lebhaft, „ich kenne meine ganze Aufgabe, und ich bin bereit ſie zu erfüllen. Hier meine Hand, ich werde auf alle Ihre Ideen eingehen, ich werde Ihre gelehrige Schülerin ſein!“ Der General nahm die dargereichte kalte und zit⸗ ternde kleine Hand und drückte einen Kuß auf dieſelbe. „Der Herr ſegne Sie, meine Theure, und gebe Ihrem Werk das Gelingen.“ 199 „O, es wird gelingen,“ rief ſie in fiberiſcher Auf⸗ regung;„ich bin ja ſchön, und ich werde meine Schön⸗ heit gebrauchen. Der Kaiſer Leopold wird nicht unem⸗ pfindlicher ſein, wie es der Großherzog Leopold war. Aber ſchwören Sie mir noch einmal, daß, wenn es ge⸗ lungen iſt, Sie mir meinen geliebten Gatten befreien, ihn mir wieder geben wollen.“ „Hören Sie, geliebte Louiſe, hören Sie meinen Schwur. Ich ſchwöre, daß an demſelben Tage, an wel⸗ chem Oeſterreich und Preußen vereint ihre Armeen gegen Frankreich marſchiren laſſen, der Graf Wolkenſtein aus ſeiner Gefangenſchaft erlöſt und mit ſeiner Gemahlin vereinigt werden ſoll!“ „Aber wenn er erfährt, wodurch ich ſeine Freiheit erkauft, daß ich, um ihn zu retten, ſeinen Namen dem Hohn und der Verachtung der Welt hingegeben, ſo wird er mich verſtoßen und verwünſchen, und die Freiheit nicht annehmen wollen, die ich ihm biete.“ „Er wird es nie erfahren, Louiſe. Sie wiſſen es ja, er darf weder Briefe noch Zeitungen empfangen, kein Ton der Welt dringt zu ihm in die Einſamkeit. Er iſt ein le⸗ bendig Begrabener, bis Sie mmen, ihn zu erlöſen. Aber auch wenn Sie ihn erlöſt haben, wird er nichts er⸗ fahren, denn Sie werden nicht mit ihm in Europa blei⸗ ben können. Nach dem ſchweren Verbrechen, das er auf 200 ſich geladen, darf der König um ſeiner eigenen Ehre und Würde willen ihn nicht öffentlich begnadigen; er kann es nur in der Stille thun, und wir geben der Begnadi⸗ gung den Anſchein der Flucht. In Danzig halten wir ein Schiff bereit, das nach Amerika ſegelt; dorthin eilen Sie mit dem Flüchtling, den der Commandant von Graudenz entfliehen laſſen ſoll; Sie beſteigen mit ihm das Schiff und ſegeln mit ihm einer neuen Welt, einem neuen Glücke entgegen. Das iſt der Plan, den ich entworfen habe, und den ich, ſo wahr mir Gott helfe, ausführen werde, wenn Sie den Ihren ausführen. Gedenken Sie alſo daran, meine Theure: an dem Tage, an welchem Oeſterreich und Preußen vereint ihre Armeen gegen Frankreich marſchiren laſſen, wird der Graf Wolkenſtein erlöſt und mit ſeiner Gemahlin vereint werden.“ „O, ſchöner, glückſeliger Tag,“ rief die Gräfin freudeſtrahlend,„meine ganze Seele jauchzt Dir ent⸗ gegen, und nichts ſoll mir zu ſchwer, nichts ſoll mir un⸗ möglich ſein, um die goldene Morgenſonne dieſes Tages aufleuchten zu laſſen. Mein Oheim, ich gehöre Ihnen und Ihren Planen. An's Werk! An's Werk! Die alten Feindſchaften müſſen ſchwinden, die beiden deutſchen Großmächte müſſen zu einander ſtehen in Liebe und Freundſchaſt; denn nur alsdann kann es ihnen gelin⸗ gen den Lindwurm zu bezwingen, der ſich von Frankreich 201 heranringelt. Oeſterreich und Preußen müſſen das Schwert erheben und den Lindwurm der Revolution bekämpfen, welcher ganz Europa, welcher alle Monarchieen bedroht. Sie ſehen, ich weiß meine Lection, laſſen Sie uns eilen, daß ich ſie zur Anwendung bringe!“ Achtes Cnpitel. Der Kutſcher von Eurvpa. Fürſt Kaunitz fühlte ſich noch immer als der All⸗ gewaltige, er war noch immer der allmächtige Staats⸗ kanzler, der Beherrſcher Oeſterreichs, wie er es geweſen in den Tagen Maria Thereſia's, wie er's geblieben unter der Regierung Kaiſer Joſeph's; er wurde es und mußte es bleiben durch alle Zeiten und über allen Raum hinaus, damit Oeſterreich nicht unglücklich werde. Er mußte es bleiben für alle Ewigkeit! Fürſt Kaunitz zweifelte keinen Augenblick daran, und nicht im Entfernteſten kam ihm der Gedanke, daß der Tod ihn hinwegrufen könne, daß auch er, der Fürſt Kau⸗ nitz, ein Sohn nur des Staubes und der Endlichkeit ſei! Wie wäre es auch möglich geweſen, mit dem Na⸗ 1860. XXII. Kaiſer Levpold der Zweite. I. 13 202 men des Fürſten Kaunitz ſolch' unehrerbietige Gedanken zu verbinden Nein, der Tod würde es nicht wagen Hand an ihn zu legen! Und wenn Er nicht, dieſer allmächtige Beherrſcher aller andern Menſchen, wer denn? Wer ſollte es wagen, die Hand auszuſtrecken nach dem thronenden, allmächtigen Staatskanzler, dem wirk⸗ lichen Beherrſcher Oeſterreichs? Wer könnte ſo vermeſſen ſein, nur an die Möglichkeit zu denken, es könne der Fürſt Kaunitz von irgend einem ſterblichen Weſen von ſeiner ſtolzen Höhe hinweggedrängt, von irgend Jemand erſetzt werden? Nein, ſicher Niemand konnte ſo vermeſſen ſein, Niemand würde wagen, was auch der Kaiſer Leopold nicht gewagt hatte. Es war wohl möglich, daß er in der geheimſten Tiefe ſeines Herzens den Wunſch gehegt, den Fürſten Kaunitz entfernen und bei Seite ſchieben zu können, wie er es mit allen vertrauten Dienern und Rathgebern des Kaiſers Joſeph gethan, aber an die Möglichkeit der Aus⸗ führung hatte er ſicherlich nicht gedacht, und nie war es ihm ſicherlich eingefallen, daß er den öſterreichiſchen Staat allein regieren könne, allein, ohne die Stütze und Beihilfe des Fürſten Kaunitz! Das waren die Gedanken, denen der Fürſt ſich überließ, als er heute nach einer langen Conferenz mit 203 dem Kaiſer Leopold ſich in ſein Cabinet zurückgezogen hatte, um ein wenig zu ruhen und neue Kräfte zu ſam⸗ meln zu den Audienzen, die er heute noch zu ertheilen hatte. Dieſe Gedanken hatten einen hellen Lichtſchein über das ſonſt ſo kalte, ſtarre Angeſicht des Fürſten ausgebrei⸗ tet, und da er allein war, erlaubte er ſeinen Lippen ſich mit dem blaſſen Schimmer eines Lächelns zu ſchmücken. Seine Augen, dieſe großen, waſſerblauen Augen mit den kalten, nichtsſagenden Blicken waren heute ſogar feuriger und blitzender, und er ließ ſie langſam und fragend in dem Cabinet umhergleiten, als ſuche er da nach irgend einem lebenden, vernünftigen Weſen, zu dem er ſprechen, das ihm ſeinen Beifall ſpenden könne. Aber er war allein, ganz allein, und ein Schatten flog über ſeine von der Zackenperrücke eingefaßte Stirn hin, als er ſich deſſen erinnerte. „Ich wollte, der Baron Spielmann wäre hier ge⸗ weſen,“ ſagte er leiſe vor ſich hin,„ich wollte, er hätte meiner Unterredung mit dem Kaiſer zugehört, er würde dann geſehen haben, daß Kaunitz noch immer der Ge⸗ bietende iſt, und daß es ſehr rathſam für den kleinen Ba⸗ ron Spielmann ſein würde, ſich ehrerbietiger und ſchwei⸗ gender den Beſchlüßen des Fürſten Kaunitz unterzuordnen, ſich keine Einwände gegen ſeine Politik und Staatsweis⸗ heit zu erlauben. Er hat's zuweilen verſucht, der kleine 13* ſchwachköpfige Mann, der Alles, was er iſt, doch nur durch mich iſt, er hat mir trotzen wollen, mir, dem Kut⸗ ſcher von Europa. Aber ich habe ihn meine Peitſche fühlen laſſen, und er wird es nun nicht mehr wagen, ſich gegen mich zu empören, und eine andere Meinung zu haben, als die, welche ich ihm erlaube. Er glaubte nur, der arme Narr, der Kaiſer Leopold hege den vermeſſenen Gedanken, mich meiner Macht zu berauben und eine andere Politik einzuſchlagen. Aber jetzt wird er ſehen, daß er ſich geirrt hat!“ Wie er mit lauterer Stimme die letzten Worte ſprach, flog wiederum ein heller Schimmer über ſein Antlitz hin, und es blitzte in ſeinen Augen auf wie ein letzter Strahl der längſtverblaßten Jugendzeit. „Er verſuchte es freilich auch, mir zu trotzen, der gute Kaiſer Leopold,“ fuhr er fort;„er hat in dieſen acht Wochen, die er jetzt hier in Wien iſt, und als König von Ungarn, als zukünftiger Kaiſer von Deutſchland die Re⸗ gierung übernommen, es vielfach verſucht, mir die Zü⸗ gel aus den Händen zu winden und die Politik Oeſter⸗ reichs eine andere Straße einſchlagen zu laſſen. Aber der Kutſcher hielt die Zügel ſo feſt, daß ſie ſich ihm nicht entwinden ließen; er lenkte den Wagen ſeiner Staatspolitik ſo ſicher und entſchloſſen weiter, daß der gute Leopold es aufgab ihm in die Zügel zu fallen, und 205 einſah, es wäre wohl beſſer und vernünftiger, lieber in den Wagen einzuſteigen und ſich von dem anerkannten und bewährten Kutſcher der europäiſchen Politik fahren zu laſſen, denn den Verſuch zu machen, ſelber die Zügel zu führen.“ „Ja, er iſt eingeſtiegen in meinen Wagen, und ich bin der lenkende Kutſcher geblieben,“ rief Kaunitz, indem er aus ſeinem Lehnſtuhl ſich erhob und langſam, die Hände auf dem Rücken gefaltet auf und ab ging.„Meine Politik hat den Sieg errungen über die neue kurzſichtige, ſchwächliche und verblendete Politik, welche jetzt über Oeſterreich hereinzubrechen drohte! Ich habe Oeſterreich von dem Abgrund des Verderbens gerettet, wie ich das ſchon ſo oft gethan; der Kutſcher hat es verſtanden, die Pferde, welche ſchon im Durchgehen begriffen waren, im letzten Augenblick der höchſten Gefahr zum Stehen zu bringen und es zu verhüten, daß die ganze Staatskaroſſe in den Abgrund hinab geſchleudert ward. Heil Oeſter⸗ reich, daß ein Mann, wie der Fürſt Kaunitz, noch immer an ſeiner Spitze ſteht.“ „Aber jetzt iſt es Zeit an die Geſchäfte zu gehen,“ unterbrach ſich Kaunitz in ſeinen begeiſterten Lobeserhe⸗ bungen über ſich ſelbſt,„Zeit, die Depeſchen für die Ge⸗ ſandten auszufertigen.“ ——— Er nahm die ſilberne Klingel von ſeinem Schreib⸗ tiſch und ſchellte dreimal. Sofort öffnete ſich die Thür, die nach dem großen Kanzleizimmer führte, und der erſte Secretair und Vor⸗ leſer des Fürſten trat ein. „Dictiren,“ ſagte Kaunitz lakoniſch, indem er mit einer gebieteriſchen Handbewegung nach dem großen Schreibtiſch deutete, der im Hintergrunde des großen Ca⸗ binets aufgeſtellt war. Der Secretair Raidt ſchlüpfte leiſe auf den Zehen zu dieſem Tiſch hin, nahm auf dem lederbezogenen Seſſel vor demſelben Platz und ergriff die Feder. „Depeſchenformat,“ befahl Kaunitz,„die officiellen üblichen Titulaturen für den engliſchen Staatsminiſter, Grafen Pitt.“ Fürſt Kaunitz ließ ſich langſam und majeſtätiſch wieder in ſeinen Lehnſeſſel niedergleiten, und mit lauter, feierlicher Stimme dictirte er ſeinem Secretair eine jener energiſchen und zugleich diplomatiſch feinen Depeſchen, auf deren Abfaſſung Fürſt Kaunitz ſich unendlich viel zu gut that, und von denen er gern behauptete, daß ſie mit ihm ausſterben würden. „Unterzeichnen,“ ſagte Kaunitz dann in ſeiner er⸗ habenen, lakoniſchen Weiſe, und der Geheimſecretair Raidt eilte mit dem beſchriebenen Papier herbei, um es Sr. 207 Durchlaucht darzureichen. Kaunitz überflog es mit lang⸗ ſamen, ruhigen Blicken. „Ich denke, dieſe Sprache iſt energiſch und beſtimmt genug,“ ſagte er dann halb wie zu ſich ſelber.„Sie wird dem engliſchen Miniſterium die Augen öffnen und ihm zeigen, welchen Standpunkt Oeſterreich ihm gegenüber in unverrückter Haltung behaupten will.“ „Es iſt das erhabenſte Muſter einer Depeſche,“ flüſterte Raidt ehrerbietig,„nur wird das engliſche Mi⸗ niſterium nach derſelben nicht mehr an die Friedensliebe Oeſterreichs glauben!“ „Das ſoll es auch nicht,“ ſagte Kaunitz.„Kein Bündniß mit England, kein Bündniß mit Preußen. Man muß ſich niemals ſo weit erniedrigen, daß man mit ſeinen natürlichen Feinden Allianzen ſchließt. Her die Feder, ich will unterzeichnen!“ Er nahm die dargereichte Feder und ſchrieb mit feſten deutlichen Zügen ſeinen Namen unter die Depeſche. Sein Secretair Raidt folgte mit einer ſeltſamen, geſpannten Aufmerkſamkeit jeder Bewegung dieſer wei⸗ ßen, etwas zitternden Hand, wie ſie langſam die Schrift⸗ züge auf das Papier malte, und ein höhniſches Lächeln glitt einen Moment über ſein Angeſicht hin. Aber es ver⸗ ſchwand ſchnell, und mit der Miene tiefer Ehrfurcht nahm —— ů——— er alsdann die unterzeichnete Depeſche wieder aus den Händen des Fürſten entgegen. „Falten Sie das zuſammen und adreſſiren Sie,“ ſagte Kaunitz.„Alsdann bringen Sie dieſe Depeſche zum engliſchen Geſandten Sir Robert Keith. Schnell!“ Eben, als der Secretair ſich in das Kanzleizimmer zurückzog, öffnete ſich da drüben eine andere Thür und der Kammerdiener trat ein. „Se. Excellenz der General⸗Lieutenant von Biſchofs⸗ werder, außerordentlicher Geſandter Sr. Majeſtät des Königs von Preußen bittet um eine Audienz,“ meldete er⸗ mit lauter Stimme. „Schon wieder,“ ſagte Kaunitz mit einem unwilligen Achſelzucken.„War dieſer Herr nicht ſchon einmal hier?“ „Durchlaucht, ſchon zweimal, geſtern ſchon und vorgeſtern.“ „Nun, ſo will ich ihn heute annehmen. Führe den preußiſchen Herrn in den Salon, ich werde ſogleich er⸗ ſcheinen.“ „Ja, ich will ihn annehmen,“ ſagte Kaunitz, als der Kammerdiener hinausgeeilt war.„Ich will mit einem kurzen, energiſchen Ruck das Spinngewebe zerreißen, mit dem Preußen ſich an uns anheften möchte. Ich will dem guten, friedliebenden Kaiſer Leopold die Schiffe abbrennen, daß er nicht mehr zurück kann!“ 209 Mit ungewohnter Lebhaftigkeit durchſchritt er das Gemach und öffnete die Thür zu dem kleinen Salon. General von Biſchofswerder war ſchon dort, und mit lebhaften Schritten eilte er dem eintretenden Fürſten entgegen, um ihm in begeiſterten Worten ſeine Freude auszudrücken, endlich dem größten, berühmteſten Staats⸗ mann Europas, dem Fürſten Kaunitz gegenüber zu ſein. Kaunitz hörte dieſe emphatiſchen Lobſprüche mit vollkommenſter Ruhe an.„Sie freuen ſich, mich kennen zu lernen, und ich verdenke Ihnen das nicht, mein Herr General⸗Lieutenant,“ ſagte er dann, langſam ſein Haupt wie zum flüchtigen Gruße neigend.„ Es iſt auch ein gro⸗ ßes, ein erhabenes Gefühl, einem großen Manne zu be⸗ gegnen, ein Gefühl, das man auf Erden ſehr ſelten hat. Der Himmel braucht hundert Jahre, um einen großen Geiſt für die Wiederherſtellung einer Monarchie zu ſchaf⸗ fen und zu bilden, und Sie haben von Glück zu ſagen, daß Sie grade am Ende dieſer hundert Jahre leben. Ja, hundert Jahre braucht der Himmel zu ſolch einem Werk, dann ruht er wieder hundert Jahre! Dies macht mich zittern für die öſterreichiſche Monarchie nach meinem mög⸗ lichen Dahingang.*)“ 9) Des Fürſten Kaunitz eigene Worte. Siehe: Swieburne. Vol. II. S. 230. 210 „Ew. Durchlaucht ſehen, welch' einen hohen Werth ich daher auch darauf lege, des Glückes Ihrer Bekannt⸗ ſchaft theilhaftig zu werden,“ ſagte General Biſchofs⸗ werder;„dies iſt das drittemal, daß ich mich um die Gunſt einer Audienz bei Ew. Durchlaucht beworben habe. Das drittemal, und ich ward bei Ew. Durchlaucht genau ſo oft abgewieſen, als ich von Sr. Majeſtät dem Kaiſer Lev⸗ pold angenommen ward. Aber mein Herz drängte mich, dem großen Staatsmanne meine Huldigung darzubringen, dem mächtigen Staatskanzler von Oeſterreich zu ver⸗ ſichern, wie freudig bereit Preußen ſein wird, mit Oeſter⸗ reich Hand in Hand zu gehen und den Weg des Frie⸗ dens und der Verſöhnung einzuſchlagen.“ „Ah, man ſieht es wohl, daß der König Friedrich der Zweite nicht durch Ihren Mund mehr ſpricht,“ ſagte Kaunitz, langſam ſein Haupt ſchüttelnd.„Er war ein großer Mann, Ihr König Friedrich, er war auch Einer von denen, zu deren Erſchaffung der Himmel hun⸗ dert Jahre bedarf. Preußen wird jetzt hundert Jahre zu warten haben, ehe es einen Nachfolger des großen Fried⸗ rich auf ſeinem Throne ſieht.“ „Ah, Durchlaucht verzeihen,“ rief Biſchofswerder, „Preußen iſt Gott ſei Dank nicht ſo unglücklich. Friedrich Wilhelm der Zweite iſt der Nachfolger Friedrich's des Zweiten.“ 211 „Ja, Friedrich Wihelm der Zweite iſt ſein Thron⸗ folger,“ ſagte Kaunitz,„aber ſein Nachfolger wird erſt in hundert Jahren kommen, und der wird, wie ich glaube, alsdann mit meinem Nachfolger den Kampf zur Ent⸗ ſcheidung bringen, der bis dahin unentſchieden bleiben wird.“ „Welchen Kampf meinen Ew. Durchlaucht?“ fragte General von Biſchofswerder verwundert. „Ich meine den Kampf zwiſchen Oeſterreich und Preußen,“ ſagte Kaunitz feierlich.„Das iſt eine Urfehde, welche an dem Tage begonnen hat, an welchem der Mark⸗ graf Friedrich von Preußen ſich eigenmächtiger und un⸗ befugter Weiſe eine Krone auf ſein Haupt geſetzt, und den tollkühnen Plan gefaßt hat, eine Großmacht in Deutſch⸗ land werden zu wollen. An jenem Tage ward das Un⸗ glück Deutſchlands geboren, und es iſt ſeitdem täglich gewachſen und bedroht alle deutſchen Lande und alle deuſchen Gauen, und es wird Deutſchland zerfetzen und zerreißen, und es ſeinem Untergang entgegenführen, wenn mein Nachfolger und der Nachfolger Friedrich's des Zweiten nicht eine Entſcheidung herbeiführen, wenn ſie nicht endlich der großen Streitfrage ein Ende machen, wer Herr über Deutſchland, wer die gebietende Groß⸗ macht ſein ſoll: Oeſterreich oder Preußen.“ „Ew. Durchlaucht halten es alſo für ganz un⸗ 3 212 möglich, daß es zwei Großmächte in Deutſchland geben könnte?“ fragte der General,„für ganz unmöglich, daß Oeſterreich und Preußen Hand in Hand gehen und in friedlicher Eintracht die Geſchicke Deutſchlands zu ordnen vermöchten?“ „Ja, ich halte das für ganz unmöglich,“ ſagte Kau⸗ nitz feierlich.„Der, welcher geraubt hat, und der, welcher beraubt worden iſt, können niemals in Freundſchaft mit einander leben; ſie ſind natürliche Feinde, die ſich niemals verſöhnen können. Niemals kann Oeſterreich vergeſſen, daß Preußen ihm Schleſien geraubt, daß es nach der Herrſchaft in Deutſchland ſtrebt, die Oeſterreich allein ge⸗ bührt, niemals kann Preußen aus einem Uſurpator ein gleichberechtigter, legitimer Bruder werden. Preußen muß ſich erſt wieder beugen, es muß die Oberherrſchaft Oeſter⸗ reichs in Deutſchland anerkennen, es muß ſich ſeinem natürlichen Herrn, welches der Kaiſer von Deutſchland iſt, unterordnen, dann erſt wird auch wieder Friede und Ruhe möglich ſein!“ „Ah, Durchlaucht, Sie nennen den Kaiſer von Deutſchland den natürlichen Herrn von Preußen,“ rief der General lebhaft.„Aber Ew. Durchlaucht vergeſſen da, daß Deutſchland jetzt noch keinen Kaiſer gewählt hat, und daß Preußen eine entſcheidende Stimme bei dieſen Wahlen hat, denn die Mehrzahl der Stimmen wird dem 213 Beiſpiel Preußens folgen. Preußen hat daher nur nöthig, dem König von Ungarn und Böhmen ſeine Stimme zu verweigern, und er wird nicht zum Kaiſer von Deutſch⸗ land gewählt werden, und Preußen wird alsdann nicht den Kaiſer Leopold als ſeinen natürlichen Herrn anzuer⸗ kennen haben.“ „Ich wünſchte, Preußen faßte dieſen Entſchluß,“ ſagte Kaunitz gelaſſen,„denn alsdann würde dieſer Ent⸗ ſcheidungskampf, der ſonſt noch hundert Jahre hinaus geſchoben wird, jetzt ſchon ſtattfinden, und ich würde den Triumph Oeſterreichs, das heißt den Triumph der guten und gerechten Sache über die Anmaßungen und Präten⸗ ſionen Preußens noch mit genießen können.“ „Ew. Durchlaucht bedienen ſich da ſehr herber und verletzender Ausdrücke,“ rief General Biſchofswerder ge⸗ reizt.„Sie würden mich tiefer verletzen, wenn ich ſie zu⸗ gleich als den Ausdruck der Geſinnung des Königs von Ungarn betrachten müßte. Aber zum guten Glück hegt Se. Majeſtät eine ganz andere Meinung. Er hat mich zu wiederholten Malen verſichert, daß eine aufrichtige Verſöhnung Oeſterreichs und Preußens ſein dringender Wunſch ſei, und daß er Alles dazu thun wolle, eine ſolche zu erreichen.“ „Aber es wird ihm nicht gelingen,“ ſagte Kaunitz achſelzuckend.„Oeſterreich müßte, um mit Preußen ſich — 214 verſöhnen zu können, ſeine Anſprüche verleugnen, ſeine Geſinnung ändern, und niemals wird der Fürſt Kaunitz ſich zu dieſer Erniedrigung bequemen. Sie ſind hieher ge⸗ kommen, mein Herr, um uns zu einer Aenderung unſerer Politik zu bewegen. Sie hoffen unſerer Staatspolitik in die Zügel fallen zu können und ſie eine andere Straße einſchlagen zu laſſen. Aber welch eine Vermeſſenheit iſt dies! Sehen Sie denn nicht, daß der Fürſt Kaunitz noch immer dieſen Wagen der Staatspolitik lenkt, daß der Kutſcher der europäiſchen Politik noch immer die Zügel regiert und den Wagen leitet, wie er's gethan zu Zeiten des großen Königs Friedrich des Zweiten? Glauben Sie, daß der große Kaunitz ſchwach geworden iſt, daß er vergeſſen könnte, was er vor vierzig Jahren der Kaiſerin Maria Thereſia gelobt hat? Oeſterreichs Ehre, Oeſter⸗ reichs Recht, Oeſterreichs Ruhm aufrecht zu erhalten, das hat er gelobt, und er wird ſein Wort halten, wie er's ſein Lebenlang gethan, der Fürſt Kaunitz. Kehren Sie alſo heim, Herr General, kehren Sie heim, denn ich ſage Ihnen, Sie werden hier nichts ausrichten. Sie ſind gekommen, um uns zu einer Politik zu vermögen, welche Oeſterreichs Ruhm und Ehre gefährden, ſein Recht be⸗ ſchädigen könnte. Sie wollen Oeſterreich hineinziehen in die tollkühnen Plane, welche Preußen jetzt beſchäftigen, Sie wollen uns überreden, Frankreich den Krieg zu er⸗ 215 klären und mit bewaffneter Hand das bedrohte Königs⸗ paar zu erretten. Aber wenn Oeſterreich ſich dazu über⸗ reden ließe, ſo wäre das unglückliche franzöſiſche Königs⸗ paar ſicherlich verloren, ſo würde es fallen als das erſte Opfer dieſer heulenden Meute von Tollhäuslern und Jacobinern, welche das beklagenswerthe Königspaar in ihrer Gewalt haben. Wenn Oeſterreich Frankreich den Krieg erklärte, ſo würde es damit die Brandfackel anzün⸗ den, welche das erhitzte Blut aller Völker entzündete, und die materia peccans, welche wir jetzt noch in den Gren⸗ zen Frankreichs eingeſchloſſen ſehen, würde ganz Europa überfluthen, vielleicht alle europäiſchen Throne ſtürzen. Wenn ein Krater in Aufruhr iſt und ſeine glühenden unterirdiſchen Maſſen zu Tage fördert, ſo muß man ſich wohl hüten, ſich dieſem Krater zu nähern, denn man würde in ihn hinabſtürzen und unter ſeiner glühenden Lava begraben werden. Wartet man aber mit kluger Vorſicht einige Zeit, ſo wird der Krater ſich austoben, die Lava wird ſich verkühlen, und alsdann kann man auf ihr vorwärts ſchreiten, um den Krater zu verſchütten und unſchädlich zu machen. Das iſt es, was Oeſterreich thun wird; es wird warten, die Hand am Schwert. Frankreich hat uns nicht beleidigt, es hat uns nicht herausgefordert, wir haben alſo kein Recht, ihm den Krieg zu erklären, wie tief wir es auch beklagen mögen, den edlen König 216 und ſeine geliebte Gemahlin ſo unglücklich und bedroht zu ſehen.— Gehen Sie, mein Herr General, und ſagen Sie dies Ihrem König! Sagen Sie ihm auch, daß Oeſterreich ſich nicht einſchüchtern läßt, daß es alle die Intriguen, welche Preußen angeſponnen, kennt und ſie nicht fürchtet; daß Oeſterreich lieber ſeinem Anrecht auf die deutſche Kaiſerkrone entſagen, als darein willigen wird, daß Preußen ſich mit Danzig und Thorn ſeine Grenzen abrundet, während es heimlich die aufſtändiſchen Niederlande unterſtützt und ſeinen Offizieren erlaubt, die Inſurgenten anzuführen, welche gegen ihren recht⸗ mäßigen Herrn, den Kaiſer von Oeſterreich, kämpfen. Ich habe Ihnen jetzt meine Meinung freimüthig und unverhüllt, wie es mir ziemt, geſagt, und Sie werden ſich daher nicht über Mangel an Offenheit von Seiten Oeſterreichs beklagen können.“ „Durchlaucht,“ ſagte General Biſchofswerder mit einem ſanften Lächeln,„ich habe mich wenigſtens nicht über⸗Mangel an Offenheit von Seiten des Fürſten Kau⸗ nitz zu beklagen; aber ich hoffe immer noch, daß der Fürſt Kaunitz mich nur ſeine perſönliche Meinung hat kennen gelehrt, daß dieſe nicht der Ausdruck der öſter⸗ reichiſchen Politik iſt, und—“ „Da irren Sie ſich ſehr, mein Herr General,“ un⸗ terbrach ihn Kaunitz ruhig.„Die perſönliche Meinung 217 des Fürſten Kaunitz iſt zugleich immer die des Staats⸗ kanzlers von Oeſterreich, welcher die öſterreichiſche Po⸗ litik leitet und ſich über dieſelbe im vollſten Einklang mit dem Nachfolger des Kaiſers Joſeph befindet.“ „Wenn das iſt, ſo haben Ew. Durchlaucht Recht,“ ſeufzte der General.„Es bleibt mir alsdann weiter nichts übrig als abzureiſen.“ „Thun Sie das, mein Herr, und reiſen Sie mit Gott,“ ſagte Fürſt Kaunitz würdevoll.„Sie ſind indeſſen, wie mir ſcheint, doch nicht umſonſt hieher nach Wien gekommen. Sie haben einen Staatsmann geſehen, den Preußens größter König ſeinen würdigſten Gegner nannte und den Europa noch immer ſeinen Kutſcher nennt. Leben Sie wohl, mein Herr General!“ Er neigte mit olhmpiſcher Majeſtät ſein Haupt und wendete ſich dann langſam der Thür ſeines Ka⸗ binettes zu. General von Biſchofswerder, kaum noch im Stande ſeine Entrüſtung zu verbergen und das fromme und gottſelige Lücheln auf ſeinen Lippen feſt zu halten, mur⸗ melte einige unverſtändliche Abſchiedsworte, und eilte mit lauten Schritten durch den Salon und den Vorſaal, die Treppe hinunter zu ſeinem Wagen. „Geſcheitert, vollſtändig geſcheitert,“ murmelte er, indem er ſich in die Kiſſen des dahin rollenden Wagens 1860. XRII. Kaiſer Leopold der Zweite. I. 14 218 zurückwarf.„Jetzt iſt es Zeit, daß wir unſere ſchöne Alliirte handeln laſſen. Die Politik des Generals Bi⸗ ſchofswerder hat Fiasco gemacht, ſehen wir zu, was die Schönheit der Gräfin Wolkenſtein bewirkt! Heute Abend wird der Kaiſer, wie mir Fürſt Liechtenſtein ſagte, das Theater beſuchen. Nun, ich denke, ich werde ihm da eine angenehme Ueberraſchung bereiten. Ich werde ihn Diejenige finden laſſen, welche er ſo lange ſchon geſucht hat! Aber vorher will ich ſelbſt noch um eine Audienz bei dem Kaiſer nachſuchen. Fürſt Kaunitz war beleidigend, ich werde mich bei Sr. Majeſtät darüber beklagen!“— Während General Biſchofswerder, ganz erfüllt von dieſen Gedanken, in ſein Hötel fuhr, war Fürſt Kaunitz ruhig und gelaſſen in ſein Kabinet zurückgekehrt. Sein Antlitz war ſo ruhig, kalt und undurchdring⸗ lich wie immer, nur um ſeine Lippen ſchwebte ein Aus⸗ druck lächelnder Zufriedenheit und ſeine Augen leuchteten heller wie ſonſt. „Ich denke, ich habe die Preußen wieder einmal be⸗ ſiegt und aus dem Felde geſchlagen,“ ſagte er ſtolz.„Sie werden es ſo bald nicht wieder wagen nach Wien zu kom⸗ men und die Plane des Staatskanzlers zu kreuzen. O, über dieſe jammervollen, kleinen Seelen, welche ſich ver⸗ meſſen, den Titanen ſtürzen zu können. Kriechen im Staube dahin, und vermeinen doch den Kutſcher der 219 europäiſchen Politik ſtürzen und ihm die Wege verſper⸗ ren zu können! Pygmäenſeelen, die ſich—“ Fürſt Kaunitz verſtummte mitten in ſeinem angefan⸗ genen Satz und blickte nach der Uhr hin, welche eben zu ſchlagen begann. „Schon drei Uhr,“ ſagte er.„Eſſenszeit, und es kommt noch Niemand! Die Gräfin Clary wird auch un⸗ pünktlich, wie es ſcheint. O, es ſollte mir leid um ſie thun, denn ich würde ſie ohne Gnade aus meinem Hauſe verjagen.“ In dieſem Moment indeſſen ward die Thür da drü⸗ ben haſtig geöffnet, und die Gräfin Clary, die lang⸗ jährige dame dhonneur des Fürſten, ſeine Geſellſchaf⸗ terin, Haushälterin und Nichte zu gleicher Zeit, rauſchte herein. In glänzender Parure, die Wangen hochroth ge⸗ ſchminkt, das Haupt geſchmückt mit einem fußhohen Auf⸗ ſatz von Federn, Spitzen, Blumen und Früchten, die kleine zierliche Geſtalt umhüllt von einem purpurrothen Sammetkleid, ſo in glänzender, modiſcher Tpilette ſtol⸗ zirte die Gräfin Clary herein und ſchritt mit einem ſüßen Lächeln zu ihrem Oheim hin. Dieſer indeß empfing ſie mit einem leichten Stirn⸗ Blick.„Madame,“ ſagte 14* runzeln und einem unwilligen 220 er trocken,„ich wundere mich, daß Sie lächeln, während Sie ſich eines Fehltritts ſchuldig gemacht haben.“ „Ich, mein theuerſter Oheim?“ fragte die Grifn erſchrocken.„Was that ich? Womit habe ich mir das Mißfallen meines angebeteten Fürſten zugezogen?“ Fürſt Kaunitz hob langſam den Arm empor und deutete auf die Pendule.„Schauen Sie hin, Frau Nichte,“ ſagte er, jedes Wort betonend, als ſei es ein To⸗ desurtheil, welches er auszuſprechen habe.„Schauen Sie, Sie ſind zwei Minuten zu ſpät gekommen.“ „Mein Gott, das iſt wahr,“ murmelte Gräfin Clarh ganz verwirrt.„Indeß dies iſt nicht meine Schuld, ſondern, wie ich leider ſehe, die Schuld meiner Uhr. Sehen Sie nur, mein theurer Oheim, meine Uhr zeigt genau drei Uhr!“ Sie trat nahe zu dem Fürſten heran, um ihm die mit koſtbaren Brillanten beſetzte Uhr zu zeigen, die an ihrem Gürtel befeſtigt war. Aber plötzlich wie von Ent⸗ ſetzen ergriffen, that der Fürſt raſch einige Schritte rück⸗ wärts und ſtreckte abwehrend ſeine beiden Hände ge⸗ gen ſie aus. „Madame,“ rief er mit lauter, zürnender Stimme, „Madame, heben Sie ſich weg von mir. Sie ſtinken! 221 Ja, machen Sie nicht ein ſo erſtauntes Geſicht. Sie ſtin⸗ ken nach Odeur!“*) „Es iſt wahr,“ ſagte die arme Gräfin,„ich habe etwas Odeur genommen. Es iſt ein Parfüm, den mir die Kaiſerin Ludowika geſchenkt hat und der jetzt außer⸗ ordentlich Mode iſt, denn der Kaiſer ſelber hat ihn in ſeinem Laboratorium bereitet. Aber ich bitte dennoch Ew. Durchlaucht um Verzeihung, ich ahnte nicht, daß ich mit meinem Odeur meines theuren Oheims Mißfallen erre⸗ gen könnte.“ „Ich haſſe jeden Odeur, merken Sie ſich das,“ ſagte Kaunitz majeſtätiſch.„Gute Gerüche werden ge⸗ meinhin nur dazu angewandt, um ſchlechte zu überduf⸗ ten, und ſie müſſen daher ſo ſtark ſein, daß ſie die Nerven betäuben.“ Die Gräfin erröthete vor Zorn trotz ihrer Schminke, aber ſie wagte es doch nicht, den Fürſten ihre Empfind⸗ lichkeit ſehen zu laſſen. „Ich habe zum Glück nur mein Taſchentuch mit Odeur beſprengt,“ ſagte ſie,„und ich kann daher Ew. *) Dieſe Scene kam wirklich vor. Fürſt Kaunitz haßte die Odeurs, und mehr als einmal kam es vor, daß, wenn Damen, die Parfüm an ſich trugen, ſich zu ihm ſetzten, er unwillig ſagte: Mlez vous en, Madame, vous Ppue?. Siehe: Hormayr, Le⸗ bensbildet. Th. IM. ½ nach beiden Seiten hin nur mit einem ſtummen Kopf⸗ 222 Durchlaucht ſehr leicht von dieſem unangenehmen Wohl⸗ geruch befreien, indem ich raſch auf mein Zimmer gehe und ein anderes Mouchoir nehme.“ „Thun Sie das, Gräfin,“ ſagte Kaunitz in etwas milderem Ton.„Wenn Sie ſich beeilen, werden Sie wohl noch auf dem Gange in den Empfangsſaal mit mir zuſammentreffen können. Ich begebe mich jetzt dahin.“— Es war eine ziemlich zahlreiche Geſellſchaft, welche der Fürſt Kaunitz heute in ſeinem großen Saal zu be⸗ grüßen hatte, als er jetzt an der Seite der Gräfin Clary, welche ſich hinlänglich beeilt hatte, um noch mit ihrem Oheim zugleich vor den Gäſten erſcheinen zu können, in den Saal eintrat. Da waren vornehme, fürſt⸗ liche Fremde, da waren Geſandte, Grafen und Barone, da waren die vornehmſten und angeſehenſten der öſter⸗ reichiſchen Ariſtokratie, Männer mit hohen, klangvollen Namen, Frauen, ausgezeichnet durch Rang, Schönheit und Grazie. Aber Fürſt Kaunitz hielt Niemand ſeiner beſondern Auszeichnung werth; er ſchritt in ſeiner ſteifen graden Haltung durch den Kreis ſeiner ihm zulächelnden, ihn ehrfurchtsvoll begrüßenden Gäſte vorwärts, und grüßte ———— 223 nicken und einer leichten, würdevollen Bewegung ſeiner rechten Hand. Zetzt öffneten ſich die weiten Flügelthüren des Speiſeſaals, und der Haushofmeiſter des Fürſten erſchien mit ſeinem goldenen Stabe auf der Schwelle deſſelben, um mit lauter Stimme zu verkünden, daß die Tafel für Se. Durchlaucht ſervirt ſei. „Ich bitte die Herrſchaften, mir zur Tafel folgen zu wollen,“ ſagte der Fürſt laut, und ohne es der Mühe werth zu halten, irgend einer der Damen ſeinen Arm zu bieten, ſchritt er ihnen voran in den weiten Speiſeſaal, zu der glänzend ſervirten Tafel hin, an deren oberem Ende der Fürſt regelmäßig ſeinen Platz einnahm, indem er der Gräfin Clary die Sorge überließ, den Gäſten paſſende Plätze anzuweiſen. Nur ſeine eigenen Nachbarn pflegte der Fürſt ſelbſt auszuwählen, und er hatte heute morgen, als ihm die Gräfin Clarh die Liſte der Ein⸗ ladenen überreichte, ſich zwei engliſche Ladies, welche mit Empfehlungsbriefen des Miniſters Pitt zu ihm gekommen waren, zu ſeinen Nachbarinen erwählt. Es waren zwei ſehr ſchöne, ſehr vornehme engliſche Damen, und da ſie glücklicherweiſe keinen Parfüm an ſich trugen, war ihre Nachbarſchaft⸗dem Fürſten ganz will⸗ kommen und angenehm. Zetzt, an der Tafel ſitzend, ent⸗ kleidete er ſich ein wenig ſeiner erhabenen Würde und 224 ließ ſich herab, gegen ſeine Nachbarinen den angenehmen und gefälligen Wirth zu machen, denn bei Tafel liebte Fürſt Kaunitz eine heitere und ungezwungene Conver⸗ ſation, und es war daher eine der Hauptpflichten der Gräfin, dem Fürſten eine geiſtreiche und animirte Tiſch⸗ geſellſchaft einzuladen. ente indeſſen ſchien die Gräfin mit ihren Ein⸗ ladungen wenig Glück gehabt zu haben. Die Unter⸗ haltung ward nur halblaut und eintönig geführt, und keine geiſtreichen Pointen, keine graciöſen Scherze unter⸗ brachen den gleichmäßigen Gang der alltäglichen Con⸗ verſation. Selbſt die ſchönen Nachbarinen des Fürſten ſchienen den Lobeserhebungen des Miniſters Pitt wenig Ehre zu machen. Sie waren allerdings ſchön, aber ſie ſprachen nur ein ſchlechtes, unvollkommenes Franzöſiſch; ſie zogen es daher vor, dem Fürſten nur kurze, einſilbige Antworten zu geben und ſich mehr mit den Speiſen als mit dem Fürſten zu beſchäftigen. Aber Fürſt Kaunitz ſpielte immer noch den liebens⸗ würdigen Wirth, und als ſolcher unternahm er es jetzt, ſeinen Gäſten zu den gebratenen Faſanen den Salat ſelbſt zu miſchen. Es war dies eine der Großthaten des Fürſten, auf die er ſehr ſtolz zu ſein und die er täglich mit feierlicher Würde auszuüben pflegte. „Meine Damen,“ ſagte er, als jetzt der Haushof⸗ 225 meiſter die große Kryhſtallſchale mit dem aufgehäuften grünen Salat vor ihm hinſtellte,„meine Damen, ich will Ihnen jetzt ein Schauſpiel gewähren, das Ihre ſtaunende Bewunderung erregen wird. Sie werden ſehen, daß der Fürſt Kaunitz nicht bloß ein großer Staats⸗ mann, nicht bloß der beſte Reiter, der beſte Baumeiſter und Gartenkünſtler iſt, ſondern daß er, wenn er will, auch der beſte Koch ſein kann.“ Er nahm aus den Händen des Haushofmeiſters die lange dünne Flaſche entgegen, in welcher der vorſorgliche Koch, um Sr. Durchlaucht die Salatbereitung zu er⸗ leichtern, ihm alle Ingredienzen deſſelben ſorglich durch⸗ einander gemiſcht hatte, ſo daß der Fürſt nur noch die Mühe hatte, den Inhalt derſelben über den Salat aus⸗ zuſchütten und dieſen dann mit den beiden Löffeln von geſchnitztem Elfenbein durcheinander zu rühren. Langſam und mit einer feierlichen Würde, als halte er eine Feder, um mit ihr ein wichtiges Staatsdocument zu unterzeichnen, hielt Fürſt Kaunitz die Flaſche empor und ſchüttelte den Inhalt derſelben durcheinander. Dann öffnete er den gläſernen Propfen und begann die öligte Flüſſigkeit über die grünen Salatblätter auszugießen. „Milady,“ ſagte er, während er noch mit dem Gießen beſchäftigt war,„Milady, Sie werden da einen Salat eſſen, wie es keinen zweiten in Europa gibt; denn 1860. XXII. Kaiſer Leopold der Zweite. I. 15 wo gibt es ein Land oder eine Stadt, die einen Fürſten Kaunitz hat, um ihr den Salat zu machen, und wo—“ Ein ſchriller Laut, wie von zerſprungenem Glaſe ertönte; der Fürſt hatte, indem er ſich beeiferte den Salat ringsum zu begießen, mit der kleinen dünnen Flaſche an eine der ſcharfen Kanten der Kryſtallſchale geſtoßen, die Flaſche war klirrend zerbrochen und ihr Inhalt ſtrömte jetzt ſprudelnd hervor und übergoß das himmelblaue Atlastleid der engliſchen Dame. Die Lady ſtieß einen Schrei aus, und betrachtete mit Unwillen und Entſetzen ihr prachtvolles Kleid, das ietzt an der einen Seite mit großen Oelflecken verun⸗ ziert war. „Sehen Sie nur, Durchlaucht,“ rief ſie mit zür⸗ nender Stimme, indem ſie ſich anſchickte, mit der Ser⸗ viette die übergoſſene Robe mindeſtens abzutrocken. Aber Kamitz hielt ihre Hand auf und neigte ſich lächelnd zu ihr.„Milady,“ ſagte er,„hüten Sie ſich wohl dieſe Flecken verwiſchen zu wollen. Sie vermeinen doch nicht etwa, ich habe die Flaſche aus Ungeſchicklichkeit zerbrochen? Ich gebrauchte nur dieſen Vorwand, um Ihnen eine angenehme Ueberraſchung zu bereiten, denn ſicher iſt es Ihnen angenehm, da ein bleibendes Er⸗ innerungszeichen jenes Diners zu haben, welches Sie an der Seite des Fürſten Kaunitz erlebten. Sie dürfen dieſe 227 Robe ungeſcheut bei jedem Hoffeſt anlegen, und wenn Sie ſagen: der Fürſt Kaunitz, der Kutſcher von Europa iſt es, der mein Kleid ſo ſchattirt hat, ſo wird Jedermann Sie beneiden, und das, was man ſonſt Flecken nennen könnte, wird an Ihrem blauen Atlaskleide ein Ehren⸗ denkmal genannt werden.“ Die Lady indeſſen nahm dieſe Erklärung nur mit einem gezwungenen Lächeln auf, und fand keine Worte des Dankes für die„angenehme Ueberraſchung“, welche ihr der Fürſt bereitet hatte. Schweigend und mit ziemlich mürriſchem Geſicht ſaß ſie neben Kaunitz da, und dieſes Schweigen, das an dem obern Ende der Tafel herrſchte, zog allmälig wie eine düſtere Wolke über die ganze Tiſch⸗ geſellſchaft hin. Die Geſichter wurden immer ernſter, die Geſpräche eintöniger und verſtummten nach und nach ganz. Man hörte nichts mehr als das Klappern der Gabeln und Meſſer auf den ſilbernen Tellern und den leiſen flüchtigen Schritt der präſentirenden Lakayen. Das Geſicht des Fürſten Kaunitz hatte allmälig dieſem Schweigen gegenüber ſeine kalte, ſtolze Ruhe ver⸗ loren, und ſeine Augen hatten ſchon mehrmals finſtere, vorwurfsvolle Blicke hinüber geſchleudert nach der Gräfin Clary, die unfern von ihm ſaß und immer noch gewalt⸗ ſame Anſtrengungen machte mit den ihr nahe Sitzenden die Converſation aufrecht zu erhalten. 15* 228 Aber jetzt, als auch dieſe letzten Verſuche geſcheitert, als Alle verſtummt waren und ſchweigend das Deſſert verſpeiſten, jetzt hatte die Geduld des Fürſten Kaunitz ihr Ende erreicht. Mit einer unwilligen Bewegung ſchob er den ſilbernen Teller fort. „Madame,“ ſagte er mit lauter, verdrießlicher Stimme,„Madame, was haben Sie mir denn da heute für eine alberne und langweilige Geſellſchaft ein⸗ geladen?“ Und ohne die Geſellſchaft weiter ſeiner Beachtung werth zu halten, erhob ſich der Fürſt Kaunitz von ſeinem Lehnſeſſel und begab ſich wieder in den Salon. Seine Gäſte beeilten ſich ihm dahin zu folgen, aber Kaunitz hatte für Niemand mehr ein Wort, eine Be⸗ achtung. Er überließ es der Gräfin Clarh, die Geſellſchaft beim Kaffee zu unterhalten, und zog ſich in ſeine Ge⸗ mächer zurück, um ſeinen Nachmittagsſchlaf zu halten und zu träumen von der unſterblichen Größe des Kut⸗ ſchers der eurvpäiſchen Politik. Ende des erſten Vandes. ſſiſſſſſſſſiſſ 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19