dentſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Leihbibliothek 2 von 6 2 Cduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und eſebedingungen. 5 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Laution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme interlegen⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Dafſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 M 50 Pf. 2 Wr.— Pf. „ 2 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder vefeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſi Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiteryerleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. M———— 1 eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprehende Summe . aAlbum. Bibliothek deutſcher Griginalromane. † Herausgegeben von J. L. Kober. Fünfzehnter Jahrgang. Dreiundzwanzigſter Band. Kaiſer Leopold der Zweite. N. Prag, 1860. Kober& Markgraf. (Früher: J. L. Kober.) Ruiſer Lropold der Zweite und ſeine Zeit. Bisturischer Buman von L. Mühlbach. Zweiter Band. Prag, 1860. Kober& Markgraf. Früher: J. L. Kober.) Prag, Druck von Jarosl. Poſpiöil. Inhalt. Erſtes Capitel. Der Kaiſer und die Geſandten Zweites Capitel. Zwei Toiletten Drittes Cnpitel. Das Wiederſehen. Piertes Capitel. Getäuſchte Hoffnungen Fünftes Capitel. Die Königin im Theater Sechstes Capitel. Barnave Siebentes Capitel. Die Zuſammenkunft Achtes Capitel. Thervigne de Mericourt Ueuntes Capitel. Der Plan zur Flucht Zehntes Capitel. Der Ankläger. Elftes Cnpitel. Die Enttäuſchung Seite 39 63 387 105 137 160 . 200 246 234 Zweites Buch: In Wien und Paris. Erstes Capitrl. Der Kaiſer und die Geſandten. Der Kaiſer hatte ſo eben das Laboratorium ver⸗ laſſen, in welchem er heute mehrere Stunden mit ſeinem Gelehrten Manfredini und ſeinem Liebling dem Fürſten Carl Liechtenſtein an der Zubereitung des Lebenselixirs gearbeitet hatte. Auf den Arm des jungen Fürſten ge⸗ ſtützt begab er ſich in ſein Kabinet zurück, und ſank hier hoch aufſeufzend in einen Fautenil nieder. Fürſt Liechtenſtein betrachtete ihn mit züärtlichen, trauervollen Blicken.„Ew. Majeſtät ſehen bleich aus,“ ſagte er,„Sie ſollten dieſe Arbeiten im Laboratorium aufgeben, die Hitze wirkt ungünſtig auf Ew. Majeſtät leicht erregbare Nerven, und ich möchte Ew. Majeſtät beſchwören, mindeſtens auf einige Zeit nicht ſelbſt im Laboratorium ſich den Einwirkungen des Feuers aus⸗ zuſetzen.“. 1860. XXIII. Kaiſer Levpold ber Zweite. II. 1 10 Leopold antwortete ihm nicht ſogleich, ſondern blickte mit einem traurigen Lächeln in das ſchöne erregte An⸗ geſicht des jungen Mannes empor.„Was iſt es, mein Liebling, das ich mir in den Retorten zu kochen ver⸗ ſuche?“ fragte er. „Ich denke, es iſt das Lebenselixir, zu dem der Graf St. Germain Ew. Majeſtät das Recept geſandt hat.“ „Richtig, das Lebenselirir,“ ſagte Leopold, leiſe mit dem Kopf nickend.„Sage mir alſo nicht, daß ich nicht mehr im Laboratorium verſuchen ſoll mir das Lebens⸗ elirir zu bereiten, denn ohne daſſelbe werde ich nicht lange mehr mich Deiner Nähe freuen können, mein Liebling, nicht lange mehr die Bürde dieſes Lebens zu tragen haben. Ich fühle mich krank, Carl, krank und todes⸗ matt.“ Fürſt Liechtenſtein ſtieß einen Schrei aus, und zu dem Kaiſer hinſtürzend, kniete er vor ihm nieder und bedeckte die Hände des Kaiſers mit glühenden Küſſen. „Majeſtät!“ rief er leidenſchaftlich,„wenn Sie ſterben wollen, ſo will auch ich ſterben.“ „Du ſiehſt ja, Freund, daß ich nicht ſterben will,“ ſagte Leopold mit einem ſanften Lächeln.„Ich braue ja täglich an meinem Lebenselixir, ich gebe mir Mühe, den Trank zu finden, der meiner kranken Bruſt Geſundheit und Lebenskraft wieder gibt.“ „Und wenn Sie ihn nicht finden? Wenn dies Mährchen des Grafen St. Germain nie zur Wirklichkeit wird?“ fragte Carl Liechtenſtein angſtvoll.„Ew. Maje⸗ ſtät dürfen nicht darauf warten, Sie dürfen Ihr koſt⸗ bares, geliebtes Leben nicht an eine bloße Möglichkeit wagen. Sie ſind es Ihrem Volk, Sie ſind es Ihrer Familie, Sie ſind es endlich mir, dem treueſten, dem ergebenſten Ihrer Diener und Freunde, Sie ſind es uns Allen ſchuldig, daß Sie für Ihre Geſundheit ſorgen. Majeſtät, ich beſchwöre Sie bei Allem, was Ihnen heilig und theuer iſt, erlauben Sie mir nun ſofort Ihren Leib⸗ arzt zu rufen, ſprechen Ew. Majeſtät mit ihm, ſagen Sie ihm, daß Sie leiden, und geſtatten Sie ihm, daß er dem Urſprung Ihres Leidens nachſpüre.“ „Ah, ich kann ihm den Urſprung ſagen,“ ſeufzte Leopold,„er ſitzt in meinem Herzen! Aber mein Leibarzt hat dagegen kein Mittel, er kann ein Herz, welches leidet und ſich ſehnt, nicht geſund machen, er kann nicht Wien in Florenz, nicht den König von Ungarn und Böhmen, den baldigen Kaiſer von Deutſchland in den Großherzog von Toskana verwandeln, er kann mich nicht Diejenige finden laſſen, welche ich ſo lange und ſo ſchmerzlich ſuche, und deren Bild ewig in meinem Herzen leben wird. Was 1*½ ſoll mir der Arzt, Freund! Ich glaube nicht an die Kunſt der Aerzte, und gegen mein Leiden haben ſie ſicherlich kein Mittel! Aber ſprechen wir nicht mehr davon! Sieh mich nicht ſo traurig an, mein Liebling. Vielleicht zog eben nur eine Wolke über meine Seele hin, und darum ſah ich die Zukunft ſo trübe; vielleicht iſt es nur der Schatten der vielen Kronen, welche mein Haupt belaſten, der mein Herz bedrückt. Mein Kopf iſt nicht ſtark genug, um ſo große Laſt leicht nehmen zu können. Denke nur, ich habe bereits zwei Kronen, ich bin König von Ungarn und Böhmen, und ich werde bald auch Kaiſer von Deutſchland ſein, denn alle Wahlfürſten haben mir ihre Stimmen zugeſagt, und auch der König von Preußen hat mir durch den General Biſchofswerder ſeine Stimme verſprochen, vorausgeſetzt, daß ich ernſtlich gewillt bin ein Bündniß mit ihm zu ſchließen, mit der Pforte Frie⸗ densverhandlungen anzuknüpfen und Preußens Anſprü⸗ che auf Thorn und Danzig zu unterſtützen.“ „Und Ew. Majeſtät willigen ein, dies zu thun?“ fragte Fürſt Liechtenſtein raſch.„Ew. Majeſtät wollen Frieden machen mit der Türkei, mit Preußen, mit allen Ihren Feinden?“ „Mit allen? Nein. Aber zunächſt mit Preußen, vielleicht auch mit der Türkei. Oeſterreich iſt jetzt ganz iſolirt, es bedarf der Bundesgenoſſen, und ich will ſie 13 ihm verſchaffen, um mit dieſen vereint den gemeinſchaft⸗ lichen Feind zu bekämpfen, der jetzt ganz Europa bedroht.“ „Aber Ew. Majeſtät vergeſſen da den Herrn Staatskanzler,“ ſagte Liechtenſtein lächelnd.„Wird der ſeine Zuſtimmung geben zu einem Bündniß mit Preußen?“ „Ich fürchte, er wird es nicht,“ ſagte Leopold, und auch ſeine Lippen umſpielte ein leiſes Lächeln.„Aber vielleicht gelingt es ſeinem Widerſacher, dem Fürſten Carl Liechtenſtein dennoch, ihm die Einwilligung ab⸗ zutrotzen, oder ihn zu veranlaſſen, daß der Fürſt ſeine Entlaſſung nimmt. War's nicht, das, was Du Dir vor⸗ geſetzt hatteſt, mein Freund, und was Du ſchwurſt in einigen Wochen ausführen zu wollen?“ „Es iſt wahr,“ ſeufzte Liechtenſtein kleinlaut,„ich habe bis jetzt meinen Schwur nicht erfüllen können. Die⸗ ſer alte Staatskanzler iſt von Eiſen, alle die Hiebe, die ich nach ihm geführt, ſind wirkungslos von ihm abgeprallt, alle Schlingen, die ich und meine Mitverſchwornen ihm gelegt, hat er, ohne ſie nur zu beachten, zerriſſen. Zu⸗ weilen, wenn er ganz ſchwach und kindiſch ſchien, hat Baron Spielmann dieſen Moment zu benutzen geſucht, um ihm Actenſtücke zur Unterzeichnung vorzulegen, in der Hoffnung, er werde ſie nicht leſen. Aber es ſcheint, als wenn die Staatsgeſchäfte für ihn wie ein Zauberſtab der Verjüngung wirken. So wie er mit ihnen in Berührung 14 kommt, weicht alle Schwäche, alle Erſchöpfung von ihm, wird ſein Geiſt wieder klar und lebendig, iſt er derſelbe thätige und unerſchütterliche Geſchäftsmann, der er immer geweſen, und verſagt mit ſtolzer Entſchiedenheit jedem Actenſtück, jeder Depeſche, die nicht ſtreng in ſeinem Sinne ausgeführt iſt, die Unterſchrift. In letzter Zeit hat er ſogar die Depeſchen an die Miniſter der auswärtigen Mächte wieder ſelbſt dictirt, und dann ſorgſam durch⸗ geleſen, ehe er ſie unterzeichnet, als fürchte er, ſein Se⸗ cretair könne andere Worte geſchrieben haben, wie er ſie dietirt. Mit Einem Wort, er hat alle unſere Liſten überliſtet, und ſtatt daß wir ihn zu Tode ärgern woll⸗ ten, hat er uns täglich eine gehörige Doſis von Galle und Aerger zu verſchlucken gegeben.“ „Du ſiehſt, mein Carl, wir müſſen uns fügen,“ ſagte Leopold lächelnd;„er iſt uns zu mächtig, der große Staatskanzler Kaunitz. Es bleibt uns nichts übrig, als uns ihm zu unterwerfen und ſeinen Willen zu dem unſern zu machen.“ „Das heißt, Ew. Majeſtät wollen Frankreich nicht den Krieg erklären?“ fragte Liechtenſtein erbleichend. „Ew. Majeſtät wollen nicht Erbarmen haben mit dem Unglück Ihrer eigenen königlichen Schweſter, Ihres erhabenen Schwagers?“ „Habe ich nicht den beſten und ſchlaueſten meiner 15 Diplomaten, habe ich nicht den Baron Thugut nach Paris geſchickt, um für die Rettung des Königspaars thätig zu ſein?“ „Majeſtät, eine Armee würde dieſe Rettung raſcher fördern, als alle Kunſtgriffe Ihres Diplomaten, ſo ſchlau er immer ſein möge.“ „Aber ich habe kein Heer, ich kann den deutſchen Fürſten noch nicht gebieten mir zu folgen, ich bin noch nicht Kaiſer von Deutſchland. Warte nur noch einige Monate, dann werde ich es ſein.“ „Aber dann wird Fürſt Kaunitz immer noch nicht aufgehört haben, Staatskanzler zu ſein, und er wird in ſeinem trotzigen Eigenſinn immer noch den Frieden mit Frankreich, die Feindſchaft mit Preußen, mit England, den Krieg mit der Türkei fortſetzen wollen.“ „Und da er der Staatskanzler iſt,“ ſagte Leopold mit einem ſanften Lächeln,„da die große Maria Thereſia ihn zum dirigirenden Miniſter der auswärtigen An⸗ gelegenheiten gemacht hat, ſo müſſen wir ihm ſein Recht und ſeine Stellung laſſen, und dürfen ihn nicht hindern, zu thun, was ſeines Amtes iſt! Nun, mache kein ſo trauriges und verzweifeltes Geſicht, mein Liebling, vergiß nicht, daß ich Deines Lächelns, Deines Frohſinns bedarf, um mich aufrecht zu erhalten, daß ich ein armer, be⸗ laſteter Mann bin, der ſeine Laſt zu bitter empfindet, 16 wenn Deine weichen und kräftigen Hände ſie nicht ein wenig lockert und ſtreichelt.“ „O Majeſtät,“ rief Fürſt Liechtenſtein, die Hand, welche Leopold ihm darreichte, an ſein Herz drückend, „warum kann ich nicht lernen von Ihrer himmliſchen warum kann ich mein rebelliſch Herz nicht ſänf⸗ tigen!“ „Warum nicht? Weil Du jung biſt, mein Carl, und weil Dein Herz noch von keinen Schlägen des Schickſals gebeugt iſt, weil Du noch den Tod und die Endlichkeit aller Dinge, wie aller Gefühle nicht kennen gelernt haſt. Man wird erſt geduldig, wenn man viel ge⸗ litten hat, die Enttäuſchungen lehren uns Geduld. Wenn man jung iſt, möchte man die Welt erobern, oder ſich von ihr zerſchmettern laſſen; wenn man aber älter ge⸗ worden, hat man von ſeinen Enttäuſchungen und Schmer⸗ zen mindeſtens gelernt, die Welt zu nehmen, wie ſie iſt, weiß man, daß man durch Geduld und Liſt allein ihr einige Vortheile abzugewinnen vermag. Geduld und Liſt, das ſind die Waffen, mit denen allein der gereifte Mann noch zu kämpfen vermag; aber Dir, dem lebens⸗ kühnen Jüngling, Dir geziemt es noch zu glauben an den göttlichen Traum, daß man auch mit den Waffen der Wahrheit, der Begeiſterung, des kühnen Wollens die Welt beſiegen könnte. Sie werden Dir nur allzufrüh ſchon zer⸗ 17 brochen aus den Händen fallen, und der junge Löwe wird ſehen, daß ihm nichts weiter übrig bleibt, als ſich in eine ſchlaue Katze zu verwandeln, welche den Feind kratzt, den der Löwe nicht hat zerreißen können. Warte nur, mein Liebling, warte, ich habe an mir dieſe Me⸗ tamorphoſe ſchon lange vorgenommen, und Du ſollſt ſehen, daß ich meine Feinde zur rechten Zeit ſchon kratzen werde, wenn ich ſie auch jetzt zu ſtreicheln ſcheine.“ „Alle Ihre Feinde?“ fragte Fürſt Liechtenſtein lebhaft.„Ich rechne unter Ihre Feinde nicht bloß die aufſtändiſchen Niederlande, die revoltirenden Ungarn, das hochmüthige England, das feindſelige Preußen, nicht bloß die Türkei, mit der Ew. Majeſtät in offener Fehde ſind, nicht bloß Frankreich, mit dem, wenn Gott und Ew. Majeſtät meine Gebete erhören, Sie auch bald in offener Fehde ſein werden, ſondern ich rechne zu Ihren Feinden auch den alten, ſtörriſchen Staatskanzler, der Ew. Ma⸗ jeſtät hindert und beengt, der wie ein Stein auf Ihrem Wege liegt. Sprechen Ew. Majeſtät von allen Ihren Feinden, werden Ew. Majeſtät, wie es Ihnen zu ſagen beliebt, ſie alle kratzen?“ „Ich ſpreche von allen meinen Feinden,“ ſagte Leo⸗ pold, mit einem ſanften Lächeln ſeine Hand auf die Schulter des Fürſten legend.„Lerne nur von mir die Geduld, mein Liebling. Ach, ich wollte, ich könnte von Dir die 18 Hoffnung lernen! Die Hoffnung auf ein Wiederſehen dieſes holden Weſens, das ich verloren, ohne es je be⸗ ſeſſen zu haben, das ich Tag und Nacht rufe mit zärt⸗ lichen Namen, ohne doch ihren Namen zu wiſſen, das die letzte und ach, daß ich ſagen muß, die hoffnungsloſe Liebe meines Herzens iſt. Aber ſtill, ich höre Schritte im Vor⸗ ſaal. Man klopft an die Thür. Geh' und ſiehe, was es iſt.“ Fürſt Liechtenſtein eilte nach der Thür hin und öffnete ſie, dann wechſelte er einige leiſe Worte mit dem draußen ſtehenden Kammerherrn. „Majeſtät,“ ſagte er, zu Leopold zurückkehrend, „Majeſtät, der engliſche Geſandte, Sir Robert Keith befindet ſich im Vorſaal und bittet Ew. Majeſtät drin⸗ gend um die Gnade einer Andienz.“ „Es muß etwas Ungewöhnliches vorgefallen ſein, da er zu ſo ungewohnter Stunde und ſo ohne alles Cere⸗ moniell kommt,“ ſagte Leopold gedankenvoll.„Ich will ihn annehmen. Iſt er allein?“ „Nein, Majeſtät, er iſt mit dem Staatsvicekanzler Grafen Cobenzl gekommen.“ „Man ſoll beide Herren hier ſogleich eintreten laſſen!“. Fürſt Liechtenſtein kehrte zu dem an der Thür wartenden Kammerherrn zurück, und ertheilte ihm den 19 Befehl des Kaiſers, dann verneigte er ſich tief und ſchickte ſich an, das Zimmer zu verlaſſen. „Bleibe, mein Freund,“ ſagte Leopold.„Der Di⸗ rector meiner geheimen Staatskanzlei hat wohl das Recht dieſer Audienz beizuwohnen, denn es könnte leicht für ihn zu thun geben. Bleibe!“ Die Thür öffnete ſich jetzt, und an der Seite des Grafen Philipp Cobenzl trat der engliſche Geſandte ein. Leopold erwiderte ſeine ehrfurchtsvollen Grüße mit einem freundlichen Kopfnicken und hieß ihn mit huld⸗ vollen Worten willkommen. Aber die Miene des Engländers blieb kalt und düſter, während das Antlitz des Grafen Cobenzl von einem eigenthümlichen ſchlauen Lächeln ſtrahlte, und er einen ſchnellen, bedeutungsvollen Blick nach dem hinter Leopold ſtehenden Fürſten Liechtenſtein hinüberwarf, als wolle er ihn aufmerkſam machen, daß ſich hier etwas Ungewöhnliches und Erfreuliches ereignen werde. „Sire,“ ſagte Sir Robert Keith mit feierlicher Würde,„Ew. Majeſtät haben die Gnade, mich willkom⸗ men zu heißen, mich huldvoll zu empfangen, und dennoch ſehen mich Ew. Majeſtät traurig, und dennoch muß ich an der Gnade Eurer Majeſtät zweifeln und darf nicht mehr an die guten und friedfertigen Abſichten Eurer Ma⸗ jeſtät glauben.“ 20 „Wie, mein Herr?“ fragte Leopold hoheitsvoll, „Sie wagen es an mir zu zweifeln? Sie glauben nicht mehr an meine friedfertigen Geſinnungen, obwohl ich perſönlich Ihnen geſagt, daß ich ſie hege; obwohl ich Ihnen geſagt, daß ich England zum Vermittler zwiſchen mir und der Türkei annehmen will; obwohl ich Ihnen vertrauensvoll die Bedingungen genannt habe, unter denen ich bereit bin, den Frieden zu unterzeichnen; ob⸗ wohl ich nicht allein Sie ermächtigt habe, dies dem bri⸗ tiſchen Miniſterium mitzutheilen, ſondern auch in einem officiellen Schreiben meines Staatskanzlers an den Mini⸗ ſter Pitt dieſe meine Geſinnungen wiederholen laſſe?“ „Sire, ich bin untröſtlich, daß ich es wagen muß, Ew. Majeſtät zu widerſprechen. Ew. Majeſtät hatten freilich die Gnade mir das Alles geſtern zu ſagen; Ew. Majeſtät geruhten zu äußern, daß nach Ihrer Ueber⸗ zeugung der Charakter des Beherrſchers von England, die Weisheit ſeiner Miniſter und der Einfluß der Ration England zu der einzigen Macht erhebe, welche im Stande ſei den allgemeinen Frieden wieder herzuſtellen, und daß Ew. Majeſtät die Vermittlung Englands ſowohl in der Türkei als in den Niederlanden beanſpruche. Aber unglücklicherweiſe fehlt die Uebereinſtimmung zwiſchen den gnädigen Worten Eurer Majeſtät und dem Schreiben Ihres Staatskanzlers an das engliſche Miniſterium, welches Schreiben ich vor einer Stunde empfing.“ 21 Wieder flog ein ſchneller, triumphirender Blick des Grafen Cobenzl hinüber zu dem Fürſten Liechtenſtein, deſſen Antlitz jetzt wie von einim Sonnenſtrahl durch⸗ leuchtet war. „Haben Sie dies Schreiben meines Staatskanzlers des Fürſten Kaunitz mitgebracht?“ fragte Leopold. „Sire, hier iſt es,“ antwortete Sir Robert Keith, indem er ein im großen officiellen Briefformat zuſammen⸗ gefaltetes Papier aus ſeinem Buſen hervorzog und es dem Kaiſer darreichte.„Ich konnte die gnädigen und ent⸗ gegenkommenden Worte Eurer Majeſtät nicht in dieſem Schreiben wiederfinden, und ich komme deshalb um ehrerbietigſt zu fragen, welches eigentlich die Geſinnungen Eurer Majeſtät ſind: diejenigen, welche Sie ſelber gegen mich äußerten, oder diejenigen, denen der Fürſt Kaunitz ſo ſtolze und abwehrende Worte gibt.“ Leopold nahm das Papier und las mit ruhiger, ernſter Aufmerkſamkeit deſſen Inhalt, während die drei Herren mit geſpannten Mienen, athemlos vor Erwartung, das Angeſicht des Kaiſers beobachteten. „Ja,“ ſagte Leopold nach einer langen Pauſe, in⸗ dem er, am Schluß des Schreibens angelangt, die Unterſchrift ſorgſam zu prüfen ſchien,„ja, das iſt in der That die Handſchrift des Fürſten Kaunitz, er hat das ſelbſt unterzeichnet und auch den übrigen Inhalt dictirt, 22 denn es iſt ſeine eigene Ausdrucksweiſe, welche ich in dieſer Depeſche wieder erkenne. Sie haben Recht, mein Herr Geſandter, meine Worte und dieſe Depeſche meines Staatskanzlers ſtimmen wenig mit einander überein. Ich verſichere Sie meiner Freundſchaft, und von dieſen Ver⸗ ſicherungen findet ſich in dieſer Depeſche kein Wort. Ich ſage Ihnen, daß ich die Vermittlung Englands in allen Streitfragen, die jetzt zwiſchen mir und den auswärtigen „Mächten ſchweben, annehme, und hier wird dieſe Ver⸗ mittlung mit ziemlich hochmüthigen und ſtolzen Worten abgelehnt. Ich begreife vollkommen, daß dieſer Wider⸗ ſpruch Sie in Erſtaunen ſetzte, und ich mache Ihnen des⸗ halb meine Entſchuldigung, nicht wegen meiner Worte, ſondern wegen dieſer Depeſche. Ich bitte Sie dem zu glauben, was Sie gehört haben, und nicht dem, was Sie hier auf dem Papier ſehen.“ „Ah Sire, dieſe Verſicherung macht mich unendlich glücklich,“ rief Sir Robert Keith lebhaft;„aber—“ „Ich begreife Ihr aber vollkommen,“ unterbrach ihn der Kaiſer,„und ich bin bereit Ihnen auf dgſſelbe mit vollem Vertrauen zu antworten. Ich vermuthete ſchon heute Morgen, daß ich Ihnen bald einige Aufſchlüſſe geben müßte, denn ich fand meinen alten Staatskanzler, als ich ihm heute meinen Beſuch machte, um mit ihm die Antwort zu beſprechen, welche wir Ihnen für Ihre Re⸗ 23 gierung geben wollten, ziemlich trotzig und widerwillig, und er ging nur widerſtrebend auf meine Politik ein. Ich ahnte ſchon, daß er mir nicht nachgeben würde, und ich finde das in dem Ton dieſer Depeſche beſtätigt. Zu⸗ vörderſt laſſen Sie mich Ihnen wiederholen, daß ich wirklich und ernſtlich den Frieden wünſche, den Frieden mit allen meinen Feinden, daß ich ſogar mit Eifer bereit bin, den wohlthätigen Waffenſtillſtand mit der Türkei, deſſen Vermittlung Ihre Regierung mir angeboten hat, anzunehmen, inſofern ſich dies nur irgend mit meinen übernommenen Verpflichtungen gegen Rußland verträgt. Dieſe Depeſche meines Staatskanzlers ſteht mit meinen Worten im Widerſpruch, das iſt nicht zu leugnen, und es iſt meine Pflicht, dieſen Widerſpruch aufzuklären. Sie kennen den Fürſten Kaunitz, mein Herr Geſandter, Sie wiſſen, daß er unbengſam iſt in ſeiner Geſinnung und in ſeiner Politik, ein völlig unbeſtechlicher Mann, der ſich niemals, weder durch Geld, noch durch Bitten und Schmeicheleien verführen läßt. Er war der treueſte Die⸗ ner geiner erhabenen Mutter, und ſie nahm die Politik an, er ihr vorſchlug; er war auch in den großen Dingen der Politik in völliger Uebereinſtimmung mit Maria Thereſia's Nachfolger, meinem Bruder Zoſeph. Aber dieſe Politik iſt nicht die meine, ich will mit ihr brechen, denn ich will Frieden haben nach Innen und 13 24 Außen. Mein Weg iſt daher ganz verſchieden von dem, welchen der Fürſt Kaunitz ſeit beinahe vierzig Jahren an der Seite der Beherrſcher Oeſterreichs gewandelt iſt, und er kann ſich nicht entſchließen, die neue Straße, die ich eingeſchlagen, beſſer zu finden, als diejenige, welche er ſeit ſo langer Zeit und mit ſo viel Ruhm und Aner⸗ kennung gegangen iſt. Soll ich ihn dazu zwingen? Fürſt Kaunitz iſt alt; man darf wohl etwas Nachſicht haben für einen Greis von achtzig Jahren, deſſen Geiſteskräfte zu ſinken beginnen unter der Laſt der Jahre, und deſſen Ge⸗ müth ſich dadurch täglich mehr und mehr verdüſtert. Laſſen Sie uns alſo ſeine Schwächen mit einem Schleier verhüllen, haben wir Nachſicht mit dem alten, treuen Diener meines Hauſes, und nehmen Sie keinen Anſtoß an der harten und ſtolz abweiſenden Sprache, welche er in ſeinen Depeſchen führt.“*) „Sire, Ew. Majeſtät beweiſen da einen Edelmuth und Zartſinn, welcher mich mit Bewunderung und Rüh⸗ rung erfüllt,“ ſagte Sir Robert Keith, ſich tief verneigend. „Nur muß ich mir zu bemerken erlauben, daß dieſe dop⸗ pelte Sprache doch ſehr leicht zu nneen ren kann, und daß es zuweilen ſchwer werden wird zu wiſſen, Kaiſer Leopold's eigene Worte. Siehe: Coxe: History of the house of Austriae. Vol. V. S. 414. 25 in wie weit die Geſinnung Eurer Majeſtät im Wider⸗ ſpruch oder im Einklang iſt mit den Depeſchen Ihres Staatskanzlers.“ „Dieſer Einwand iſt gerecht, und ich will ihn be⸗ antworten,“ erwiderte Leopold lächelnd.„Aber ich hoffe, daß Ihr Hof für den meinen die zarte Rückſicht hegen wird, das geheim zu halten, was ich Ihnen jetzt ſagen will.“ „Sire, Sie können unſerer vollen und unverbrüch⸗ lichen Verſchwiegenheit gewiß ſein!“ „Ich bin davon überzeugt! Hören Sie alſo. Es wäre eine unverzeihliche Undankbarkeit, wenn ich meinen alten Staatskanzler, den Freund und Miniſter Maria Thereſia's, von ſeinem Amte entfernen und in den Ruhe⸗ ſtand verſetzen wollte. Er ſelber aber wird nicht freiwillig ſein Amt aufgeben, er findet gar nicht, daß er der Ruhe bedarf und daß ſein Amt ihm zu ſchwer wird; die beiden Herren hier können Ihnen das bezeugen, denn ich glaube, ſie haben einige Erfahrungen in dieſer Hinſicht ge⸗ macht, Da ich alſo den Fürſten Kaunitz nicht gehen heißen kann, und da er nicht freiwillig geht, ſo folgt daraus, daß er Staatskanzler bleiben wird, ſo lange er lebt. Ehren Sie ihn daher in ſeiner Stellung, mein Herr Geſandter, ehren Sie ihn, wie ich es thue. Bleiben wir getreulich bei dem hergebrachten Modus, daß alle Ver⸗ 2 1860. XXIII. Kaiſer Leopold der Zweite. I. 26 handlungen durch den Fürſten Kaunitz vermittelt werden, und daß er die Depeſchen abfaßt und zeichnet, welche von meiner Regierung an die Ihre gerichtet werden. Nur haben Sie die Gewogenheit, dieſe Depeſchen, welche Ihnen der Fürſt Kaunitz übergibt, alsdann an meinen Staatsvicekanzler, den Grafen Philipp Cobenzl hier, zu übergeben. Derſelbe wird dann mir dieſe Depeſchen vor⸗ legen, und ich werde ihm für Sie die nöthigen Erklä⸗ rungen und Berichtigungen geben über Alles, was in dieſen Antworten hart oder nicht in Uebereinſtimmung mit meinem Willen iſt.“*) „Werden Ew. Majeſtät die Gnade haben, dieſe Erklärungen und Berichtigungen alsdann ſchriftlich in den Depeſchen vormerken zu laſſen?“ fragte der Eng⸗ länder. „Ich werde, ſo oft das nöthig erſcheint, und unſere mündlichen Erläuterungen zu ſehr im Widerſpruch ſtehen mit dem Grundtert des Herrn Staatskanzlers, im Beiſein meines Staatsvicekanzlers die nöthigen Zuſätze durch den hier anweſenden Fürſten Liechtenſtein, den Präſidenten und Director meines geheimen Staatskabinets, machen laſſen.“ *) Siehe: Sir Robert Keith's letters to the duke of Leedr, Lotter from April 24, 1790. 27 „Sire, ich danke Ew. Majeſtät, und ich bin jetzt völlig beruhigt und zufrieden geſtellt,“ ſagte Sir Robert Keith ſich tief verneigend.„Ich werde von jetzt an alle Depeſchen des Fürſten Kaunitz an Se. Excellenz den Herrn Staatsvicekanzler übergeben, noch bevor ich ſie geleſen habe, und er wird dann die Güte haben, ſie mir mit den völligen Erläuterungen und Anmerkungen wieder zurück zu erſtatten.“ „Und Sie werden die Gefälligkeit haben, gleich Ihrer Regierung das Geheimniß dieſer unſerer Ueber⸗ einkunft ſtreng und unverbrüchlich zu bewahren?“ „Ew. Majeſtät wünſchen es, und ich verſpreche in meinem Namen und im Namen der britiſchen Regierung, daß dies Geheimniß ſtreng und unverbrüchlich bewahrt werden ſolle, obwohl es ſchön wäre, wenn man der Welt geſtatten könnte, die zartſinnige Großmuth und Schonung bewundern zu dürfen, welche Ew. Majeſtät Ihrem in den Staatsgeſchäften ergrauten Staatskanzler und Diener zu Theil werden laſſen. Ich weiß, der König, mein hoher Herr, wird ganz den Edelmuth dieſes Benehmens zu würdigen wiſſen, und es wird ihm Freude machen, durch das Eingehen auf Ew. Majeſtät Plan einen kleinen An⸗ theil zu haben an der Nachſicht und Schonung, welche Sie dem Fürſten Kaunitz zu Theil werden laſſen.“ Der engliſche Geſandte, geleitet von dem Grafen 2* Cobenzl, hatte das kaiſerliche Kabinet kaum verlaſſen, als abermals an die Thür geklopft wurde. „Sieh, was es gibt,“ ſagte Leopold aufathmend. „Ich ſehne mich nach Ruhe, aber es ſcheint, daß mir die Staatsgeſchäfte heute keine Ruhe gönnen wollen!“ „Majeſtät,“ rief Fürſt Liechtenſtein, von ſeinem leiſen Geſpräch mit dem Kammerherrn zurückkehrend,„es ſcheint, alle Geſandten ſind heute in Bewegung und Auf⸗ ruhr. Es iſt abermals ein Geſandter da! Se. Excellenz der General von Biſchofswerder bittet um die Gnade einer Audienz.“ „Ah, und ich wette, daß Fürſt Kaunitz davon auch die Schuld trägt,“ ſagte Leopold lächelnd.„Laß den Herrn General eintreten!“ Der General von Biſchofswerder näherte ſich dem Kaiſer mit betrübter und niedergeſchlagener Miene. „Ew. Majeſtät,“ ſagte er,„ich nahe mich Ihnen mit traurigem Herzen und verzweifelter Seele. Der freu⸗ dige Muth, mit dem ich nach Wien kam, um Ew. Ma⸗ jeſtät im Namen meines Herrn und Königs zu nahen, iſt gebrochen. Gott, ſcheint es, will meine Kraft prüfen und mich demüthigen, denn ich werde, wenn Ew. Majeſtät die Worte des Fürſten Kaunitz beſtätigen, zu meinem Herrn zurückkehren und ihm ſagen müſſen, daß alle unſere Hoffnungen geſcheitert ſind.“ 29 „Ah, Sie waren alſo beim Fürſten Kaunitz, mein Herr General?“ fragte Leopold, indem er auf den Für⸗ ſten Liechtenſtein einen triumphirenden Blick hinwarf, welcher zu ſagen ſchien:„Du ſiehſt, daß ich mich nicht ge⸗ irrt habe!“ „Ja, ich war beim Fürſten Kaunitz,“ ſeufzte der General.„Er ließ mich endlich vor, nachdem er am Tage zuvor mich zweimal abgewieſen hatte.“ „Das war ein übles Vorzeichen, mein Herr Ge⸗ neral,“ rief Leopold.„Ich wette, Se. Durchlaucht em⸗ pfing Sie nicht allzu freundlich.“ „Majeſtät, er hat mich völlig darniedergeſchmettert, denn er hat mich irre gemacht an der wohlwollenden und freundlichen Geſinnung Eurer Majeſtät in Bezug auf Preußen. Der gnadenvolle Gott möge dem Fürſten ſeine Härte und Schroffheit verzeihen, wie ich es thue, ſo weit dieſelbe mich perſönlich betroffen und verletzt hat. Aber der Fürſt hat nicht bloß mich beleidigt, ſondern er hat auch harte Anſchuldigungen gegen Preußen gerichtet. Ew. Majeſtät haben die Gnade gehabt, die Initiative zu er⸗ greifen und an meinen Herrn und Gebieter, den König Friedrich Wilhelm einen Brief voll freundlichen Ent⸗ gegenkommens und voll Verſicherungen Ihrer friedfer⸗ tigen Geſinnungen zu richten. In Erwiderung dieſes Schreibens bin ich von meinem König hieher geſandt, das Antwortsſchreiben deſſelben Eurer Majeſtät perſönlich zu übergeben, und bevollmächtigt mit Ew. Majeſtät Regie⸗ rung eine Einigung Oeſterreichs und Preußens anzu⸗ bahnen. Ew. Majeſtät haben mich gnädig empfangen, und als ich Ew. Majeſtät verſichern durfte, daß der König von Preußen dem König von Ungarn und Böhmen unter gewiſſen Bedingungen und Vorausſetzungen ſeine Stimme für die deutſche Kaiſerwahl ſicher und beſtimmt zuſagen werde, hatten Ew. Majeſtät die Gnade zu verſprechen, daß Sie bei den Seemächten und bei Rußland ſich ver⸗ wenden wollten für die Einverleibung von Danzig und Thorn in das Königreich Preußen, und daß Ew. Ma⸗ jeſtät ſelbſt dieſer Einverleibung nicht entgegen ſein wollten.“ „Sie haben Recht, ich verſprach das,“ ſagte Leo⸗ pold würdevoll,„vorausgeſetzt, daß Polen für die Ab⸗ tretung von Danzig und Thorn keine Entſchädigung in Galizien verlange, und daß der zwiſchen Oeſterreich und der Türkei zu vermittelnde Frieden mir keine Gebiets⸗ entäußerungen auferlege. Ich verſprach in dieſem Fall meine Truppen aus Böhmen und Mähren zurückzuziehen, ſobald der König von Preußen ſeine Truppen aus Schleſien zurückziehen wolle.“ „Ich durfte dies im Namen meines Souverains verſprechen,“ ſagte der General,„und ich hoffte morgen 31 mit dem frohen Bewußtſein abreiſen zu können, daß der Frieden zwiſchen Oeſterreich und Preußen geſichert ſei. Statt deſſen ſchleudert mir der Staatskanzler Eurer Majeſtät jetzt drohende Zornesworte entgegen, und greift mich mit Beleidigungen an, die ich, wenn ſie meine eigene Perſon beträfen, als demüthiger Knecht Gottes, als guter und frommer Chriſt verzeihen könnte, die ich aber, da ſie gegen Preußen gerichtet ſind, als Abgeſandter Preußens nicht mit ſchweigender Gelaſſenheit hinnehmen darf. Ich komme deshalb, um ehrerbietigſt Ew. Majeſtät zu fragen, ob der Staatskanzler Fürſt Kaunitz ſo zu mir geſprochen im Namen Ew. Majeſtät oder nur in ſeinem eigenen Namen? Ob Ew. Majeſtät wirklich gleich dem Fürſten Kaunitz Preußen für einen unberechtigten Uſur⸗ pator hält, für einen Räuber, mit dem Oeſterreich erſt dann Frieden ſchließen kann, wenn er das geraubte Gut wieder herausgegeben habe.“ „Sagte er das, der gute alte Fürſt Kaunitz?“ fragte Leopold achſelzuckend. „Ja, Majeſtät, und indem er es ſagte, verſicherte er mich, daß dies auch die Meinung Ew. Majeſtät ſei, und daß er in vollem Einvernehmen mit Ew. Majeſtät ſo zu mir ſpreche. Ich erlaubte mir deshalb Ew. Maje⸗ ſtät um eine Audienz zu bitten, ich mußte von Ew. Ma⸗ jeſtät eigenen Lippen erfahren, ob der Fürſt wirklich die Wahrheit geſprochen, oder ob nur ſeine eigene preußen⸗ feindliche Geſinnung ihn ſo ſprechen ließ?“ „Ehe ich Ihnen dieſe Frage beantworte, mein Herr General,“ ſagte Leopold lächelnd,„bitte ich Sie mir erſt einige Fragen ehrlich und aufrichtig zu beantworten. Wollen Sie das thun?“ „Ew. Majeſtät mögen nur belieben zu fragen, ich werde ehrlich und aufrichtig antworten.“ „Nun denn, lebt der alte Graf Herzberg, der frü⸗ here Miniſter Friedrich des Zweiten noch?“ „Ja, Majeſtät, er lebt noch.“ „Und er iſt noch immer Miniſter der auswärtigen Angelegenheiten? Der König Friedrich Wilhelm hat ihn nicht abgeſetzt, ihn nicht ſeines Amtes enthoben?“ „Nein, Majeſtät. Der König in ſeiner erhabenen Großmuth möchte den alten, ergrauten Staatsdiener, den treuen Rathgeber und Freund des hochſeligen Kö⸗ nigs ſeines Oheims nicht kränken, ihm nicht ſeinen Ab⸗ ſchied geben; er hofft, daß Graf Herzberg endlich ein⸗ ſehen werde, daß er der Laſt der Staatsgeſchäfte nicht mehr gewachſen ſei und deshalb ſeinen Abſchied fordern werde; aber bis jetzt hofft er dies immer vergebens.“ „Graf Herzberg war, wie ich wohl weiß, von jeher ein erbitterter Gegner Oeſterreichs, und drängte ſeinen Herrn immer zu neuer Feindſchaft gegen uns. Hat er 33 ſich darin jetzt geändert, theilt er die friedlichen Geſin⸗ nungen Ihres Königs, oder, und ich bitte Sie ganz auf⸗ richtig zu ſprechen, oder iſt er noch immer der Feind Oeſterreichs?“ „Sire, ich werde aufrichtig ſein,“ ſagte Biſchofs⸗ werder lächelnd.„Graf Herzberg iſt zu lange der Mini⸗ ſter Friedrich des Zweiten geweſen, als daß er das jetzt vergeſſen könnte, er hat zu lange die Luft der Feindſchaft geathmet, als daß er ſich jetzt in einer andern Luft wohl fühlen könnte. Gleich allen alten Leuten lebt er in der Vergangenheit, mißachtet und überſieht die Gegenwart, und möchte die Vergangenheit als Gegenwart feſthalten.“ „Das heißt, er iſt noch immer der erbitterte Feind Oeſterreichs, und es wäre ihm ſehr willkommen, wenn Ihre an der ſchleſiſchen Grenze und meine an der böhmiſchen Grenze aufgeſtellten Truppen zu einem recht heftigen Zu⸗ ſammenſtoß, zu einer blutigen Schlacht gegeneinander prallten?“ „Ich fürchte, es iſt ſo!“ „Und dennoch kommen Sie mit Vermittlungsvor⸗ ſchlägen? Dennoch beantwortet Ihr König meinen Brief in freundlicher und zuvorkommender Weiſe, verſichert mich ſeiner friedfertigen und geneigten Geſinnung, und iſt ganz bereit zu einem gütlichen Uebereinkommen ſeine Hand zu bieten? Hat Ihr König denn ſo große Gewalt — E— über ſeinen Miniſter des Auswärtigen, über den alten geſchwornen Feind Oeſterreichs, daß dieſer plötzlich ſeine Geſinnung und Meinung auf ſeines Königs Befehl än⸗ dert und umſtimmt und mir durch einen eigenen Ab⸗ geſandten Friedensvorſchläge macht? Billigt Herzberg denn dieſen Brief ſeines Souverains?“ „Verzeihung, Majeſtät, da ich verſprochen, die Wahrheit zu ſagen, ſo muß ich bekennen, daß Graf Herzberg weder von dem Brief, noch von meiner Sen⸗ dung etwas weiß, ſondern daß der König es vorgezogen hat, den alten Miniſter gar nicht zu fragen und nur von ſeinem eigenen Willen ſich leiten zu laſſen.“ „Ah, das heißt, der König hat Furcht vor ſeinem Miniſter des Auswärtigen, denn er weiß, daß dieſer nie⸗ mals einwilligen würde, eine Politik zu befolgen, welche bewirken will, die beiden Rivalen Oeſterreich und Preu⸗ ßen ſich als Freunde die Hand reichen zu laſſen.“ „Majeſtät, ſo iſt es! Graf Herzberg würde nie eine ſolche Politik als die einzig wahre, richtige und ſe⸗ gensvolle anerkennen mögen, und da der König ſie dafür hält und ſie als ſolche erwählt hat, ſo war es beſſer, den alten, eigenſinnigen und ſtörriſchen Miniſter ganz aus dem Spiel zu laſſen.“ 6 „Ich danke Ihnen für die aufrichtige Beantwortung meiner Fragen, mein Herr General,“ ſagte Leopold, 35 freundlich ſein Haupt neigend.„Sie haben dadurch alle weitläufigen Auseinanderſetzungen und Erklärungen un⸗ nöthig gemacht. Ich habe meinen Herzberg, wie der Kö⸗ nig von Preußen ſeinen Kaunitz hat, und Beide müſſen geduldet und geſchont werden*). Vergeben Sie alſo meinem Herzberg, dem alten Fürſten Kaunitz, ſeine Heftigkeit und ſein widerwilliges Betragen, und bedenken Sie, daß ſicherlich mein Abgeſandter von Ihrem Kau⸗ nitz, dem alten Grafen Herzberg, nicht beſſer würde be⸗ handelt werden. Aber ich werde mir dies für die Zukunft eine Lehre ſein laſſen, und ich werde meine auswärtige Politik ganz allein und in's Geheim machen, ohne mei⸗ nen Miniſter des Auswärtigen in mein Vertrauen zu ziehen. Wenden Sie ſich alſo künftig in allen Dingen nur an mich oder an meinen Staatsvicekanzler den Gra⸗ fen Cobenzl. Wir werden uns alsdann immer verſtän⸗ digen und einigen, und da wir, der König und ich, Beide demſelben Ziel, einer friedlichen und freundſchaftlichen Einigung unſerer verſchiedenen Intereſſen, entgegen ſtre⸗ ben, ſo werden wir daſſelbe hoffentlich in kürzeſter Friſt erreichen. 8 „Majeſtät, ich werde meinem König und Herrn *) Kaiſer Leopold's Worte. Siehe: Coxe; History of Austriae. Vol. V. S. 414 — dieſe ſchönen und verheißungsvollen Worte Eurer Maje⸗ ſtät wiederholen, und er wird glücklich ſein ſie zu hören. Auch mein König wünſcht nichts ſehnlicher als Frieden und Freundſchaft mit Oeſterreich, denn wenn die beiden deutſchen Großmächte zu einander ſtehen, wird Deutſch⸗ land nicht allein glücklich und einig im Innern ſein, ſon⸗ dern es wird auch die Macht haben ſeinen äußern Fein⸗ den entgegen zu treten, jeden Uſurpator und Räuber von ſeinen Grenzen zu verjagen und denen, welche es wagen, das Königthum zu bedrohen, als die echten und rechten Streiter Gottes und der Gerechtigkeit entgegen zu treten.“ „Einigen wir uns erſt, dann werden wir uns über alles Andere leicht verſtändigen,“ ſagte Leopold freund⸗ lich.„Sie wollen uns heute ſchon wieder verlaſſen, mein Herr General?“ „Mein Herr der König wird ſich ſehnen, ſobald als möglich das Reſultat meiner Sendung zu erfahren, und da ich ihm durch daſſelbe eine Freude mache, ſo beeile ich mich. Ich gedenke heute Abend nach der Oper ab⸗ zureiſen.“ „Aber vorher wollen Sie erſt unſere Oper beſu⸗ chen, wollen die herrliche Muſik unſeres Mozart anhö⸗ ren? Es freut mich das zu hören, denn alsdann habe ich nicht nöthig, ſchon jetzt von Ihnen Abſchied zu neh⸗ men; ich werde Sie noch heute Abend in der Oper ſehen, 37 und ich bitte Sie, mir in meiner Loge Ihren Ab⸗ ſchiedsbeſuch zu machen! Leben Sie bis dahin wohl, mein Herr General!“ Als General Biſchofswerder das Gemach verlaſſen hatte, wandte ſich Leopold lächelnd zu dem jungen Fürſten Liechtenſtein hin.„Nannteſt Du nicht vorher unter mei⸗ nen Feinden auch den Fürſten Kaunitz?“ fragte er. „Ja, Majeſtät, und Sie ſehen, ich hatte Recht, denn überall ſucht er Ew. Majeſtät Plane zu hindern.“ „Und verſprach ich Dir nicht, alle meine Feinde zu kratzen? Findeſt Du nicht, daß ich mit dem Fürſten Kaunitz einen guten Anfang gemacht und daß ich Dir Wort gehalten habe?“ „Ja, Sie haben Wort gehalten,“ rief „und Ew. Majeſtät haben zu Stande gebracht, was ich vergeblich erſtrebte. Ew. Majeſtät haben dem alten Kut⸗ ſcher von Europa die Zügel aus den Händen genommen. Mag er ſich immerhin jetzt Staatskanzler von Oeſter⸗ reich nennen, ich fürchte ihn und ſeine alten Kutſcherkünſte nicht mehr, denn mein Herr und Kaiſer lenkt mit eigenen hohen Händen die Staatscaroſſe, und neue Bahnen des Ruhms und der Größe werden ſich für Oeſterreich auf⸗ thun, neue Wege wird mein hoher Herr einſchlagen, um Oeſterreich und Deutſchland glücklich zu machen. Und jetzt zagt mein Herz auch nicht mehr um das Schickſal 38 des armen franzöſiſchen Königspaars, jetzt weiß ich, daß ihm Hilfe und Rettung nahe iſt, denn mein Herr, der Kaiſer von Deutſchland, öffnet ſeinem Oeſterreich neue Wege, und einer dieſer Wege wird ihn nach Frankreich führen!“ „Still, ſtill,“ ſagte Leopold, ihm lächelnd mit dem Finger drohend,„greife der Zukunft nicht vor, warte ſie vielmehr geduldig ab. Erſt muß ich in Frankfurt zum deutſchen Kaiſer gekrönt werden, und erſt wollen wir ſe⸗ hen, ob es dem Baron Thugut nicht gelingt, meine kö⸗ nigliche Schweſter und ihren Gemahl aus den Händen ihrer Feinde zu erretten. So lange man noch hoffen kann durch Liſt zu ſiegen, ſoll man nicht zu der Gewalt ſeine Zuflucht nehmen, denn das heißt ſeine Schiffe hin⸗ ter ſich verbrennen. Aber jetzt kein Wort mehr von Po⸗ litik für heute, vergeſſen wir die unſelige Politik und Alles was dazu gehört! Wir wollen eine Spazierfahrt machen! Das Wetter iſt ſo ſchön, und vielleicht erwärmt die Sonne mein armes Herz mit einem Hoffnungsſtrahl!“ 39 Zmrites Cupitel. Zwei Toiletten. „Gnädigſte Frau, ein Lakay hat ſo eben dieſen Brief gebracht,“ ſagte die Kammerfrau der Frau von Poutet, indem ſie in das Budoir ihrer Herrin eintrat und ihr auf einem ſilbernen Teller ein zierlich zuſammen⸗ gefaltetes Billet überreichte. Victoria erhob langſam ihre Blicke von dem Ge⸗ betbuch, in welchem ſie geleſen hatte, zu ihrer Dienerin, die noch immer den Teller mit dem Brief ihr präſentirte. „Und um einer ſolchen Kleinigkeit willen ſtörſt Du mich in meiner Andacht?“ fragte ſie mit vorwurfsvollem Ton.„Du weißt ja, daß ich um dieſe Stunde durchaus nicht geſtört ſein will, daß ſie mir heilig iſt; denn ach, es iſt die Sterbeſtunde meines theuren Gatten, und ich habe es ſeinem edlen, verklärten Geiſte gelobt, die Stunde ſeines Todeskampfes und ſeines Sterbens täglich, ſo lang ich lebe, in Gebet und frommen Uebungen hin⸗ zubringen. Du weißt das, Gertrud, weshalb alſo ſtörſt Du mich mitten in meiner Andacht, um mir dieſen Brief zu geben, der ſicherlich eine Stunde ſpäter immer noch zu rechter Zeit gekommen wäre?“ 40 „Verzeihung, gnädige Frau,“ ſagte Gertrud ſchüch⸗ tern,„der Lakay, der ihn brachte, ſagte, es habe große Eile damit, und Ew. Gnaden müßten den Brief ſogleich leſen, denn in einer Stunde wolle ſein Herr kommen, die gnädige Frau abzuholen.“ „Von wem iſt denn der Brief?“ fragte Victoria zögernd. „Vom Herrn Grafen von Colloredo, gnädige Frau.“ Victoria zuckte leiſe zuſammen, und einen Moment ihre Andacht und ihr Gelübde vergeſſend, griff ſie leb⸗ haft nach dem Brief.„Der Bote wartet auf Antwort?“ fragte ſie haſtig. „Nein, gnädige Frau, er iſt ſogleich wieder fort gegangen.“ „Es iſt gut, laß mich allein, Gertrud!“ Victoria blickte der Kammerfrau nach, bis die Thür ſich hinter ihr geſchloſſen hatte; dann erſt, als ſie ſicher war, von Niemanden beobachtet zu werden, öffnete ſie den Brief. Ein leiſer Schrei tönte von ihren; Lippen, als ſie ihn las, und ihr Antlitz leuchtete auf, wie in freudiger Ueberraſchung; gleichſam als ſei es nicht genug den Brief zu leſen, als müſſe ſie ſeinen Inhalt auch hören, um daran zu glauben, las ſie jetzt mit lauter, freudiger Stimme: 41 „Gnädigſte Frau! Ich beeile mich Ihnen zu mel⸗ den, daß der Plan, den ich jüngſt Ihnen mittheilte, ge⸗ lingen wird, und daß ſich Ihre Wünſche erfüllen werden. Die Kaiſerin Ludowika hat ſo viel von Ihnen, Ihrer Trauer, Ihrer Liebenswürdigkeit und Tugend gehört, daß ſie begierig iſt, Sie zu ſehen, und ſehr geneigt iſt, Sie zu einer der Ehrendamen der zukünftigen Gemahlin des Erzherzogs Franz zu ernennen. Da die Wahl dieſer Damen ſchon morgen ſtatt findet, ſo war es wichtig, daß Ihre Majeſtät Sie vorher ſehen könnten, und ſo habe ich die Kühnheit gehabt die Kaiſerin für Sie um meine Au⸗ dienz zu bitten. Ihro Majeſtät hat Ihnen dieſelbe für heute Nachmittag um ſechs Uhr bewilligt, und mir befoh⸗ len, Sie bei Ihro Majeſtät einzufühen. Ich werde daher die Ehre haben, in einer Stunde bei Ihnen zu ſein, um Sie Ihrem Glück entgegen zu führen, und ich ſchätze mich ſelber glücklich, daß es mir gelungen iſt, der Freun⸗ din meines edlen Freundes Thugut nützlich zu ſein. Graf Franz Colloredo.“ „Triumph, Triumph, ich bin am Ziel!“ jubelte Victoria.„Es iſt keine Täuſchung, kein Hadſchitraum, da ſteht's geſchrieben: die Kaiſerin hat mir eine Audienz bewilligt, die Kaiſerin will mich ſehen, denn ſie hat ſo viel gehört von meiner Trauer, meiner Liebendswürdig⸗ keit und meiner Tugend!“ 1860. XXIII. Kaiſer Leopold der Zweite. II. 3 42 Victoria brach in ein lautes, fröhliches Lachen aus und hüpfte zum Spiegel hin. „Gnädige Frau,“ ſagte ſie, ſich tief verneigend, „gnädige Frau, ich mache Ihnen mein Compliment. Sie ſind eine unvergleichliche Künſtlerin, Sie haben Ihre Rolle der Witwe von Epheſus wundervoll geſpielt und alle Menſchen damit entzückt und zu Thränen gerührt. Wäre der liebe Thugut hier, er würde Sie ſeine ge⸗ liebte Diavolezza nennen und würde lachend einen Kuß auf Ihre weiße Stirn preſſen. Und ich verdenke es ihm nicht, denn Sie ſind wirklich ſchön, meine geliebte Diavolezza da im Spiegel, ja Sie ſind wirklich ſchön, und ich muß thun, was Thugut thun würde, wenn er hier wäre, ich muß Sie küßen!“ Sie preßte ihre Lippen feſt auf das Glas und nickte ſich lächelnd zu, und warf mit neckiſcher Schel⸗ merei ſich mit den Spitzen ihrer roſigen Finger Küße zu. „Victoria,“ fuhr ſie lächelnd fort,„Victoria, ich grüße Dich mit Deinem eigenen Namen, der Dir den Sieg bedeutet. Ja, Du wirſt ſiegen, Du gehſt einer gro⸗ ßen, ſtrahlenden Zukunft entgegen. Heil Dir, Heil auf allen Deinen Wegen! Du wirſt die Ehrendame einer Erzherzogin, dereinſt einer Kaiſerin ſein, Du wirſt dieſe Kaiſerin, und durch ſie den Kaiſer beherrſchen, Du wirſt Miniſter abſetzen und ernennen, Du wirſt entſcheiden 43 über Krieg und Frieden, wirſt Deine Freunde mächtig, Deine Feinde unſchädlich machen, Du wirſt inmitten dieſes öden, langweiligen Kaiſerhauſes aufleuchten wie eine Sonne, und die edelſten, die ſtolzeſten Cavaliere werden die Planeten ſein, die ſich um Dich drehen! Viec⸗ toria, ich grüße Dich, ich ſehe eine Grafenkrone auf Deiner Stirn, und Du wirſt es verſtehen, ſie in eine Fürſten⸗ krone zu verwandeln. Durchlaucht der Zukunft, ich mache Ihnen mein Compliment!“ Sie machte vor ihrem Spiegelbild noch einmal eine tiefe, ehrfurchtsvolle Verneigung und warf ſich einen Abſchiedskuß zu. „Und jetzt an die Toilette,“ ſagte ſie, durch das Zimmer tänzelnd.„Witwe von Epheſus, mache Deine Toilette, denn der Act der Kataſtrophe beginnt, und für die entſcheidende Scene mußt Du im edlen, wirkungs⸗ vollen Coſtüm erſcheinen! Raſch alſo an die Toilette, denn er wird bald hier ſein, der Herold, der meiner Herrlichkeit und Macht die Pforte öffnet, der gute Graf Colloredo, der Gemahl meiner Zukunft! Er wird kom⸗ men, mich zur Kaiſerin abzuholen, und er ahnt noch nicht einmal, daß es ſeine Braut iſt, die er der Kaiſerin ent⸗ gegenführt. Ach, mein lieber kleiner Graf, wie würden Sie ſtaunen, wenn ich Ihnen dies Geheimniß heute in's 3*⁸ 44 Ohr flüſterte. Aber ſtill! An die Toilette, es iſt die höchſte Zeit!“ Sie hüpfte zur Klingel hin, um ihre Kammerfrau zu rufen, aber plötzlich ließ ſie den Arm wieder ſinken. „Witwe von Epheſus,“ flüſterte ſie lächelnd,„Du wärſt faſt jetzt eben aus der Rolle gefallen. Iſt es nicht die Stunde, die ich gelobt habe, ſo lange ich lebe, in Gebet und frommen Uebungen hinzubringen? Habe ich nicht Gertrud eben erſt geſcholten, daß ſie mich in dieſer hei⸗ ligen Stunde geſtört hat? Und jetzt wollte ich ſie rufen, damit ſie mir bei einer eitlen Toilette helfe? Witwe von Epheſus, Du mußt Deine Toilette ganz in's Ge⸗ heim machen und ohne irgend eine Hilfe.“ Zetzt hob ſie den Arm und ſchellte, und als die Dienerin eintrat, war Victoria's Antlitz wieder ernſt und gramerfüllt. „Gertrud,“ ſagte ſie,„wenn der Herr Graf Collo⸗ redo kommt, führe ihn in den Salon, und benachrichtige mich. Bis dahin will ich ungeſtört beten und weine können!“ Genau nach einer Stunde erſchien der Graf Franz Colloredo, und Gertrud führte ihn in den Salon ein, deſſen düſtere und einfache Einrichtung dem alten Grafen ein mitleidiges Lächeln abgewann. „Wahrhaftig, man ſollte glauben, hier in dem 45 Sprechzimmer einer alten Aebtiſſin zu ſein,“ ſagte er lächelnd vor ſich hin,„und doch iſt dieſe Dame jung und ſchön, und ſelbſt ich wäre im Stande mich ernſthaft in ſie zu verlieben, wenn ſie nur von beſſerer Geburt wäre und wenn—“ Die Thür da drüben öffnete ſich und Vietoria von Poutet trat ein. Ihre Geſtalt war umfloſſen von einer ſchwarzen Sammetrobe, die in ſchweren Falten bis über ihre Füße niederfiel und eng anliegend ihre Büſte keuſch und ſittſam bis zum Halſe hinauf verhüllte. Von ihrem Hinterhaupt hernieder wallte ein langer ſchwarzer Spitzenſchleier, den ſie wie einen Mantel an dem Buſen mit ihren Händen zuſammenhielt, und der oberhalb an der großen ſchwarzen Schneppenhaube befeſtigt war. Ihr wundervolles ſchwarzes Haar war über der Stirn ge⸗ ſcheitelt und umgab in dichten, loſen Flechten das ſchöne Oval ihrer Wangen. Kein Goldgeſchmeide, kein Schmuck echellte ein wenig dieſe düſtere ernſte Toilette, die in der That eher für eine Aebtiſſin, als für eine junge ſchöne Frau ſich geeignet haben würde. Aber freilich gerade dieſe düſtern, ernſten Trauer⸗ kleider ließen Victoria's Schönheit noch höher ſtrahlen, ſie waren gleich der dunklen Folie, welche die Diamanten noch feuriger und glänzender erſcheinen läßt; inmitten dieſer ſchwarzen Gewänder und Schleier ſchien Vitoria's 46 Geſicht noch jugendlicher und friſcher, ward ihre Schön⸗ heit durch den Contraſt noch mehr hervorgehoben. Der„gute Graf“ Colloredo, wie ihn Victoria zu nennen pflegte, fühlte ſich von dieſer Schönheit ganz überraſcht und geblendet, und wie Victoria ihm jetzt mit einem unendlich milden, wehmüthigen Lächeln die Hand darreichte, drückte er mit dem Ungeſtüm eines Jünglings einen Kuß auf dieſelbe. Ein Ausdruck dämoniſcher Freude zuckte über Viec⸗ toria's Antlitz hin, aber er war längſt verſchwunden, als der Graf zu ihr aufſchaute. „Meine Gnädigſte,“ ſagte er,„Sie ſehen mich entzückt von Ihrem Anblick, und dennoch muß ich es wagen, mir einen Proteſt gegen Ihre wundervolle und reizende Erſcheinung zu erlauben.“ „Und was betrifft dieſer Proteſt, mein verehrter Herr Graf?“ fragte Victoria mit ihrer ſüßen, melodiſchen Stimme. „Er betrifft Ihre Toilette, Gnädigſte, Ihre dunklen Trauerkleider. Der Hof hat Gott ſei Dank keine Trauer, und es iſt nicht Sitte, daß man in Trauerkleidern an den Hof geht, wenn der Oberceremonienmeiſter es nicht vorgeſchrieben hat. Ich muß Sie alſo beſchwören, gnädigſte Frau, Ihre Toilette ein wenig zu ändern. Das ſchwarze Sammetkleid möchte angehen, aber der Trauer⸗ 47 ſchleier und die Schneppenhaube iſt ein zu arger Verſtoß gegen die Etiquette, und Sie müſſen ſtatt deſſen einen Aufſatz von Blumen und Bändern oder von Federn anlegen. Zum guten Glück haben Sie noch Zeit dazu, denn ich erhielt ſo eben Contreordre, die Audienz wird erſt in einer halben Stunde ſtatt finden. Alſo ich bitte, Gnädigſte, eine andere Coiffure und den ſchwarzen Schleier fort!“ „Herr Graf,“ ſagte Victoria feierlich,„wenn das eine Bedingung ſein ſoll, ſo thut es mir leid, dieſelbe nicht erfüllen zu können; wenn ich meinen Trauerſchleier und meine Haube, das Zeichen meines Kummers und meiner Verlaſſenheit ablegen muß, um zu einer Audienz bei der Kaiſerin vorgelaſſen zu werden, ſo muß ich dieſem Glück entſagen.“ „Wie?“ fragte Graf Colloredo erſtaunt,„Sie wollten die Gnade, die Ihnen die Kaiſerin erzeigen will, ausſchlagen, bloß um nicht Ihre Trauerkleider abzu⸗ Ken* Aber wiſſen Sie nicht, daß es ſich um Ihre ganze Zukunft handelt? Daß, wenn Sie dieſe Audienz nicht Sie dadurch auch unwiderbringlich die Hoff⸗ nung auf eine Stelle aufgeben, welche von Fürſtinen und Gräfinen als das Ziel ihres Ehrgeizes erſtrebt wird?“ „Ich weiß es,“ ſagte Victoria ernſt,„ich weiß, 48 daß alle meine Hoffnungen in Trümmer zerfallen, ich weiß, daß mir dann nur noch das Kloſter eine Zuflucht bleiben wird, daß ich dem Leben, dem Umgang mit Freun⸗ den entſagen müßte, um in irgend einem ſtillen Winkel arm und einſam zu leben. Aber ich kann und darf dennoch nicht anders handeln! Mein Herz trauert um meinen theuren, geliebten Gemahl, und meine äußere Erſcheinung ſoll dieſe Trauer meines Herzens bekunden und ſeinen Gram niemals verläugnen.“ „Sie haben ihn alſo ſehr geliebt, Ihren Herrn Ge⸗ mahl?“ fragte der Graf ſinnend. „Ja,“ rief Vietoria leidenſchaftlich, und ihr Antlitz erglühte,„ja, ich habe ihn ſehr geliebt. Er war das Le⸗ ben meines Lebens, er war meine Seele, mein Herr, mein Gott. Jeder meiner Gedanken gehörte ihm, jeder Athemzug, jeder Seufzer war für ihn, mein ganzes We⸗ ſen war aufgegangen in Liebe zu ihm, und unſere Seelen, 4* unſere Herzen waren Eins in unausſprechlicher Wonne.“ „Mein Gott, es muß wundervoll ſein, von — geliebt zu werden,“ rief der alte Graf, wie verzaubert i ihr ſchönes Antlitz ſchauend. Victoria antwortete nicht, aber ſie ließ ihre Augen ſich einen Moment mit einem ſo flammenden, ſtrahlenden Blick auf das Antlitz des Grafen heften, daß dieſer ſein Herz erbeben fühlte. ———— 49 „Gehen Sie, Herr Graf,“ ſagte ſie dann hochauf⸗ athmend,„ſagen Sie Ihrer Majeſtät, daß ich dem Glück, ihr Antlitz zu ſchauen, entſagen muß, daß ich auf dem Altar der Pflicht und der Liebe alle die Hoffnungen und Wünſche meiner Zukunft als Opfer niederlege. Aber beſchwören Sie die geliebte Kaiſerin, daß ſie mir ver⸗ geben möge, daß ſie einer armen Witwe nicht zürne, weil ſie ihren Schmerz und ihre Trauer lieber hat als alles Glück und alle Ehre der Welt. Gehen Sie, Herr Graf, überlaſſen Sie mich meinem Schmerz und meiner Einſamkeit.“ Sie hüllte ſich enger in ihren ſchwarzen Schleier, daß nur ihr ſchönes, roſiges Antlitz aus demſelben her⸗ und ihre ganze Geſtalt wie eingefargt er⸗ chien redo. „Es iſt mein letztes,“ ſagte ſie,„würde ich ſonſt en, dem edlen, großmüthigen Beſchützer der Verlaſſe⸗ „nicht meines Herzens innerſte Meinung enthüllen?“ „Iſt das Ihr letztes Wort?“ fragte Graf Collo⸗ Und wieder traf ihn ein Blick ihrer feurigen Au⸗ gen und machte das Herz des alten Grafen erbeben. „Ich irrte mich,“ rief er, Victoria mit bewundern⸗ . den Blicken anſchauend,„ja, ich irrte mich, es fehlt Ihrem Erſcheinen doch nicht an glänzendem Schmuck und 50 an Blumen. Ihre Augen leuchten wie Brillanten, und zwiſchen dem Schleier hebt ſich Ihr Angeſicht hervor wie eine Roſe, die von ſchwarzen Blättern eingefaßt iſt. Ich wage es alſo, der Etiquette und dem Anſtand zu trotzen und Sie in dieſer Witwentrauer bei der Kaiſe⸗ rin einzuführen. Es wird ungeheures Aufſehen machen, es wird mir vielleicht Unannehmlichkeiten bereiten, aber gleichviel, ich wage es!“ Victoria ſchüttelte ernſt ihr Haupt.„Nein,“ ſagte ſie,„ich nehme Ihre Großmuth nicht an, ich werde nie⸗ mals einwilligen, etwas zu thun, was Ihnen Unannehm⸗ lichkeiten bereiten könnte, Ihnen, dem Freund Thugut's, meines väterlichen Freundes und Beſchützers, Ihnen, dem großmüthigen, edlen Manne, der ſich der Verlaſſenen angenommen und den mein Herz ſo hoch verehrt und anbetet. Nein, um mich ſollen Sie nichts wagen, keine Etiquette verletzen. Ich bleibe hier, aber Sie, theurer, Graf, Sie werden gehen. Die Stunde der Audienz iſt da, eilen Sie, Graf, eilen Sie zur Kaiſerin. Sagen ihr, daß mein Herz ihr ewig dankbar ſein wird f Gnade, die ſie mir erzeugen wollte— o, ſagen Sie iht, daß ich ſie liebe, verehre, anbete, und dennoch ihr ent⸗ ſagen muß.“ „Nun gut denn,“ rief Colloredo nach kurzem Sin⸗ nen,„ich gehe allein. Ich fliege zur Kaiſerin, ich erzähle teeeeeteectehe 51 ihr Alles, was ich hier gehört und geſehen habe, ich ſchildere ihr dieſe junge, in ihrer Trauer ſo erhabene, ſo engelgleiche Witwe Victoria von Poutet, dieſe Frau, welche lieber dem Glück ihrer Zukunft entſagen, als auch nur auf eine Stunde ihren Witwenſchleier ablegen will. Wir werden ja ſehen, ob die Kaiſerin die Etiquette ſtrenge feſthalten will, oder ob ſie Ihren Schmerz und Ihre edle Geſinnung ehren und Ihnen erlauben will, der Etiquette zum Trotz vor ihr in Ihren Trauerkleidern zu erſcheinen. Ja, ich eile zur Kaiſerin, erwarten Sie hier in Ihrer Toilette mit Ihrem Trauerſchleier meine Wiederkehr. Aber bevor ich gehe, drängt mich mein Herz Ihnen zu ſagen, daß ich Sie anſtaune, daß ich Ihnen . meine ganze Sympathie, meine unbegrenzte Hochachtung weihe, daß ſelbſt Ihr Trotz gegen die Geſetze der Eti⸗ quette mir ſchön, mir bewunderungswürdig erſcheint. Ich habe dergleichen niemals erlebt, niemals für möglich ge⸗ halten, und es entzückt meine Augen, wie ein nie geahn⸗ nder. Wer eine Audienz bei einer Kaiſerin aus⸗ agen kann, der muß ein großes, ſtolzes Herz haben, der muß ſeines eigenen Werthes ſich kühn bewußt ſein dürfen. Ich liebe ſolche freie, unabhängige Seelen, ob⸗ wohl ich ſagen muß, daß ich ihnen im Leben ſehr ſelten begegnet bin und daß ich ſelbſt mich nicht zu ihrer Höhe emporſchwingen kann. Das mußte ich Ihnen erſt ſagen, 52 und jetzt, meine Gnädigſte, jetzt eile ich zu Ihro Maje⸗ ſtät. Die Bewunderung für Sie möge mir Beredtſamkeit verleihen, um das Herz der großmüthigen Kaiſerin zu rühren!“ Er verneigte ſich tief und eilte auf den Zehen tän⸗ zelnd aus dem Gemach. Victoria ſchaute ihm nach mit einem Blick unaus⸗ ſprechlicher Verachtung.„Er iſt ein fader, alter Geck,“ ſagte ſie leiſe vor ſich hin,„aber es thut nichts, er wird doch mein Gemahl. Sein Herz iſt eine arme kleine Fliege, die ſchon in meinen Netzen zappelt. Nun, ich werde das jämmerliche kleine Ding erſt ſich immer mehr verwickeln laſſen, und dann werde ich die Fliege befreien, um ſie als Gemahl an meine Seite zu ſtellen. Aber frei⸗ lich, dazu bedarf es noch mancherlei, das Ziel iſt noch iſt wohl leicht den alten Herrn in mich verliebt zu ma⸗ chen, aber es wird vielleicht ſehr ſchwer werden, den ſtol⸗ zen Ariſtokraten zu einer Heirath zu bewegen. Dazu be darf ich erſt meines Stammbaumes mit ſechzehn A dazu bedarf ich der Hilfe meines Freundes Thugut. Ab ich träume von der Zukunft,“ unterbrach ſie ſich,„träu⸗ me von fernen Zielen, und weiß noch nicht, ob der erſte Schritt zum fernen Ziel hin mir gelingen wird. Ich habe Alles gewagt, um Alles zu gewinnen, und dieſer weit und noch viele Schritte müſſen gethan werden. Es 53 Schritt, den ich gethan, wird jedenfalls Aufſehen machen. Aber wird er gelingen, wird die Kaiſerin mir der Eti⸗ quette zum Trotz die Audienz bewilligen? Mein Gott, ich bin vielleicht zu kühn geweſen, ſie iſt eine ſpaniſche Prinzeſſin, iſt auferzogen in der Ehrfurcht vor der Grandezza des Hofes, und ihr Gemahl hat die ſpaniſche Etiquette wieder hier am Hofe eingeführt. Wenn ich zu viel gewagt hätte, wenn die Kaiſerin meine Bedingung nicht annähme, wenn ich mich gefangen hätte in meinen eigenen Netzen, und damit alle meine Plane ſcheiterten? O, mein Gott, mein Gott, wie mein Herz klopft vor Angſt und Erwartung! Wenn nur der Graf erſt wieder⸗ kehrte!“ Sie eilte zum Fenſter hin und ließ ihre glühenden, forſchenden Blicke die Straße, welche ſich in unabſeh⸗ barer Länge vor ihr ausdehnte, hinunter ſchweifen. Wa⸗ ₰ gen nach Wagen kam im raſchen Trab daher gerollt, aber keiner von ihnen hielt vor ihrem Hauſe an. Victoria trat vom Fenſter zurück. Sie konnte es nicht mehr ertragen, der Krampf angſtvoller Erwartusg erſtickte ſie faſt; ſie drückte ihre beiden Hände auf ihr Herz, deſſen lautes Klopfen und Hämmern ihre Lippen beben machte, ihre Blicke irrten hinüber nach der Uhr, die auf dem Marmorkamin ſtand. „O, wie langſam die Zeit dahin ſchleicht,“ mur⸗ 54 melte ſie leiſe;„er iſt kaum eine Viertelſtunde fort, aber jede Minute dehnt ſich in eine Ewigkeit, ſchleicht wie eine finſtere Wolke über mein Herz hin. Mein Gott, wenn ich mich verrechnet hätte! Wenn die Kaiſerin nicht— ich kann's nicht denken, nicht ausſprechen, denn ich wäre verloren. Dieſer Schlag würde mich zerſchmettern! Da rollt ein Wagen heran! Vielleicht iſt er's!“ Sie ſtürzte wieder zum Fenſter hin und ſchaute auf die Straße nieder. Ja, der Wagen hielt vor ihrem Hauſe, ja, es war Graf Colloredo, welcher eben aus⸗ ſtieg. „Jetzt, Victoria, nimm all Deinen Muth, Deine Kraft zuſammen,“ flüſterte Victoria.„Keine Miene ver⸗ rathe Deine Aufregung, Deine Seelenangſt!“ Sie eilte zur Klingel hin und ſchellte heftig.„Wenn der Graf Colloredo kommt, ſo läßt Du ihn unangemel⸗ det hier eintreten,“ befahl ſie der Kammerfrau. Dann warf ſie ſich in einen Lehnſtuhl, und aus der Taſche ihres Kleides ein kleines Gebetbuch hervorziehend, began ſie zu leſen. Freilich bemerkte ſie dabei nicht, daß ſie das Buch verkehrt in der Hand hielt, ſie heftete ihre Au⸗ gen doch feſt auf das Buch und ſchien aufmerkſam zu leſen. Jetzt ward die Thür geöffnet, und Graf Colloredo trat ein. Victoria ſchien es nicht zu bemerken, ſie war ſo 55 ganz vertieft in ihr Gebetbuch, ihr Antlitz trug ſo ganz den Ausdruck frommer Ruhe, andächtiger Stille, daß Graf Colloredo, von Bewunderung erfaßt, ſtehen blieb und ſie anſchaute. „Mein Gott,“ rief er nach einer Pauſe,„Sie ſind ganz ruhig, Sie leſen?“ „Nein, Graf, ich betete,“ ſagte Victoria, ihre Augen fromm zum Himmel aufſchlagend.„Meine Ge⸗ danken waren bei Gott und meinem Geliebten!“ „Und Sie ſind gar nicht einmal begierig, die Antwort der Kaiſerin zu vernehmen?“ Victoria hatte dieſe Antwort längſt ſchon in dem ſtrahlenden Angeſicht des Grafen geleſen, aber ſie hütete ſich wohl, ihm dies zu bekennen. „Die Kaiſerin hat Ihnen Ihre Bitte abgeſchla⸗ gen,“ ſagte ſie ſanft,„die Kaiſerin darf nicht verſtoßen gegen die Geſetzte der Etiquette. Ich begreife das voll⸗ kommen.“ „Und wenn es ſo wäre, meine Gnädigſte?“ fragte Graf Colloredo mit einem ſchlauen Lächeln;„wenn Ihre Majeſtät es beklagt, die Etiquette aufrecht erhalten zu müſſen, mich beauftragt, Ihnen die Bewunderung und Hochachtuug der Kaiſerin auszuſprechen, aber im Namen Ihrer Majeſtät Sie zu bitten, dringend zu bitten, Ihrer holden Schwärmerei zu entſagen und auf eine Stunde 56 Ihre Schneppenhaube und Ihren Trauerſchleier mit einer Coiffure von weißen Federn und Roſen zu ver⸗ tauſchen? Werden Sie nun, da die Kaiſerin bittet, den⸗ noch den Muth haben, bei Ihrer Weigerung zu be⸗ harren?“ „Ich muß es,“ ſeufzte Victoria,„ich darf mein Gelübde nicht brechen. Ich habe geſchworen dieſe Trauer⸗ kleider ein ganzes Jahr lang zu tragen, ich muß meinem Schwur und meinem theuren Todten Wort halten!“ Das Antlitz des Grafen Colloredo ſtrahlte vor Wonne und Entzücken.„Bei Gott,“ rief er,„Sie ſind ein edles, ein bewunderungswürdiges Weib. Ich werde meinem Freund Thugut ewig dankbar dafür ſein, daß er mir das Glück verſchafft hat, Sie kennen zu lernen. Sie ſind eine Heldin der Tugend und der Gattentreue, und es iſt troſtreich zu wiſſen, daß es noch ſolche edle und treue Frauenherzen gibt. Und jetzt, Verzeihung, daß ich mir erlaubte, Ihnen eine Unwahrheit zu ſagen. Ich wollte Sie prüfen, ich wollte ſehen, ob Ihre Standhaftigkeit ſelbſt von der Bitte und dem Wunſch einer Kaiſerin nicht beſiegt werden könnte. Aber Sie haben geſiegt, Sie haben auch dieſe Probe beſtanden! Und nun die Wahr⸗ heit, die lautere Wahrheit! Ich kam zur Kaiſerin, welche ſehr etſtaunt war, mich allein eintreten zu ſehen. Ich flehte die Kaiſerin um Vergebung an, und erzählte ihr 57 alsdann umſtändlich und genau die erhabene und rüh⸗ rende Scene, welche ich hier durchlebt. Mein ganzes Herz war voll Begeiſterung und Entzücken, und dieſe Begei⸗ ſterung verlieh mir Beredtſamkeit, die Worte floſſen wie ein Feuerſtrom von meinen Lippen, ich war ſublim, ich war erhaben, das fühlte ich, und dies Gefühl verlieh mir neuen Schwung. Als ich meine Erzählung beendet hatte, denken Sie, was da geſchah! Die Kaiſerin, die edle Kai⸗ ſerin Ludowika hob ihr Taſchentuch an ihre Augen und trocknete ſich die Thränen ab. Die Kaiſerin weinte! Mein Gott, faſſen Sie doch dieſes Glück, Sie haben durch Ihr edles, erhabenes Betragen eine Kaiſerin weinen gemacht! Das iſt ein Triumph, deſſen ſich wenig Menſchen rühmen können. Mein Gott, ich glaube, ich wäre bereit in den Tod zu gehen, wenn ich hoffen könnte, daß die Augen einer Kaiſerin um mich Thränen vergießen könnten! Ja, die Kaiſerin weinte, ſie weinte vor Rührung. Aber als ſie ihre Thränen getrocknet, ſagte ſie: Lieber Graf(ich ſchwöre es Ihnen, ſie ſagte„lieber Graf'“), lieber Graf, ſagte ſie, eilen Sie, führen Sie mir die junge Witwe her; ſie ſoll kommen mit ihrer Schneppenhaube und ihrem Trauerſchleier, ich ſelbſt werde dieſen Verſtoß gegen die Etiquette beim Kaiſer entſchuldigen. Holen Sie mir dies junge Weib, damit ich ſie ſehe, damit ich mich ihrer freue.“ 1860. XXIII. Kaiſer Leopold der Zweite. II. 4 58 „Das ſagte die Kaiſerin?“ rief Victoria freude⸗ ſtrahlend und in dieſem Moment jeder Täuſchung, jeder Zurückhaltung vergeſſend. „Ja, das waren die eigenen Worte der Kaiſerin,“ ſagte Graf Colloredo gewichtig,„und als ich dem Befehl der Kaiſerin gemäß mich verabſchiedete, um zu Ihnen herzueilen, hörte ich Ihre Majeſtät zu ihrer Hofdame ſagen: Dieſe treue und tugendhafte junge Witwe ſoll jeden⸗ falls eine der Ehrendamen der jungen Erzherzogin wer⸗ den. Ich ſelber werde ihren Namen auf die Liſte ſetzen!“ „Gott, o mein Gott!“ rief Victoria, wie in einem Rauſch des Entzückens ihre beiden ſchönen Arme aus⸗ breitend,„ich danke Dir, o ich danke Dir, Du haſt—“ ſie bebte leiſe zuſammen, auf einen Moment hatte ſie ihre Rolle vergeſſen, aber ſie nahm ſie jetzt wieder auf— „Du haſt mich davor bewahrt,“ fuhr ſie weicher fort, meine Kaiſerin und Herrin zu erzürnen. Ich danke Dir, mein Gott, daß ſie mich nicht für ſtolz und ſtörriſch hält, daß ſie mir ihre Gnade nicht entziehen will! Kom⸗ men Sie, mein Herr Graf, führen Sie mich zur Kai⸗ ſerin, damit ich auf meinen Knieen ihr danken kann für ſo viel Huld und Gnade! O, erhören Sie meine Sehn⸗ ſucht, führen Sie mich zur Kaiſerin!“ „Ja, kommen Sie, meine Gnädigſte,“ ſagte Graf Colloredo, ihr den Arm bietend.„Aber bevor wir gehen, erlauben Sie mir noch eine Bemerkung und eine Frage. Die Kaiſerin wird, wie ich ſie ſagen hörte, ſelber ihren Namen auf die Liſte der Ehrendamen ſetzen, unter denen Se. Majeſtät und der Herr Erzherzog Franz nachher die entſcheidende Wahl trifft. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß dieſe vorzugsweiſe diejenigen Damen wählen, welche Ihre Majeſtät dazu auserſehen und vorgeſchlagen hat. Aber es gibt bei der Ernennung dieſer Ehrendamen doch ein Geſetz, welches von dem Kaiſer ſtreng inne gehalten wird und das nicht umgangen werden darf. Dieſes Geſetz erfordert, daß die Ehrendamen von gutem altem Adel ſeien, daß ſie nicht bloß durch ihren Gemahl einen adeligen Namen führen, ſondern auch von Geburt adelig ſind. In Bezug hierauf nun muß ich mir erlauben, eine Frage an ſie zu richten: Was für eine Geborne ſind Sie, meine Gnädige?“ Victoria ſchaute dem alten Grafen mit einem be⸗ zaubernden Lächeln in ſein geſpanntes, erwartungsvolles Geſicht. „Und wenn ich Ihnen nun antwortete, daß ich gar keine Geburt habe?“ fragte ſie.„Wenn ich nun ſagte, daß ich nur durch meinen Gemahl geadelt, daß ich von bürgerlicher Herkunft bin?“ „O, ich würde untröſtlich ſein,“ rief den Graf lei⸗ denſchaftlich,„ich würde alsdann alle meine Hoffnungen 4⁸ 60 ſcheitern ſehen, ich würde machen, daß Sie mich haßten, denn ich wäre gezwungen, dem Kaiſer zu ſagen:„Frau von Poutet kann niemals die Ehrendame der Erzherzogin werden,“ und Sie natürlich, Sie würden mir das nie verzeihen!“ Ein langer, wunderbarer Blick ihrer ſchwärmeriſchen Augen traf den Grafen.„O,“ ſagte ſie leiſe und ſchüch⸗ tern,„ich würde Sie, fürchte ich, niemals haſſen können, ich würde Ihnen verzeihen, auch wenn Sie mein Herz bis auf den Tod verwundeten. Aber,“ fuhr ſie ſich ſtolz aufrichtend mit lauter Stimme fort,„beruhigen Sie ſich, mein Herr, ich machte es nur mit Ihnen, wie Sie es vorher mit mir machten, ich wollte Sie nur prüfen. Die Wahrheit aber iſt, daß Sie mich ohne Scheu auf der Liſte der Ehrendamen laſſen dürfen. Ich bin von altem, gutem Adel, ich habe ſogar, indem ich aus innigſter, heißeſter Liebe dem Herrn von Poutet mich vermählte, eine Mesalliance gemacht; denn die Poutet's, ein altes adeliches Geſchlecht, ſind nur Freiherrn, ich indeſſen bin eine geborne Gräfin.“ „Eine Gräfin,“ rief Colloredo entzückt.„Ah, Sie machen mich zum Glücklichſten der Sterblichen. Und aus welchem Hauſe, von welchem Geſchlecht?“ „Ich bin eine geborne Gräfin von Terneville aus dem Hauſe Feuillant.“ 61 „Mein Gott, ich glaubte in der Heraldik bewandert zu ſein,“ ſagte Graf Colloredo ſinnend,„doch habe ich dieſen Namen und dies Haus nie nennen hören.“ „Das iſt ganz natürlich,“ erwiderte Victoria trau⸗ rig;„meine Familie, die einſt zu den erſten und größten Adelsfamilien Belgiens gehörte, iſt ſeit einem Jahrhun⸗ dert verarmt, und lebte daher in Einſamkeit und Stille. Mein Vater lebte mit mir auf einem Meierhof, dem letzten Ueberbleibſel unſerer Familiengüter, und als er ſtarb, ließ er mich, die letzte unſeres Stammes, in Ein⸗ ſamkeit und Armuth zurück. Mit mir erliſcht unſer Haus und unſer Geſchlecht.“ „Aber es erliſcht in Ehren und Schönheit,“ ſagte der f,„in Ihnen hat ſich Ihr Geſchlecht eine wun⸗ dervolle, herrliche Roſe auf ſein Grab gepflanzt. Ich bitte, wiederholen Sie mir Ihren Geburtsnamen noch einmal, damit ich ihn tief in mein Gedächtniß einprägen und ihn auch der Kaiſerin wiederholen kann.“ „Ich bin eine Gräfin von Terneville aus dem Hauſe Feuillant,“ wiederholte Victoria ganz ernſthaft. „Und Sie haben natürlich Ihren Stammbaum?“ „Ich habe ihn nicht, aber ich werde ihn aus Bel⸗ gien kommen laſſen, wo ihn mir eine Schweſter meiner Mutter aufbewahrt.“ 62 „Thun Sie das, ich beſchwöre Sie, meine Gnä⸗ digſte, laſſen Sie mich Ihren Stammbaum ſehen! Und jetzt kommen Sie, Ihre Majeſtät erwartet die Frau von Poutet, die Ehrendame der zukünftigen Erzherzogin.“ Er reichte ihr den Arm, und als ſie langſam und ſchweigend die Treppe hinab ſchritten, ſagte Graf Collo⸗ redo zu ſich ſelber:„Sie wird eines Tages die Trauer ablegen und ihres Kummers vergeſſen. Ich werde ſie zu tröſten ſuchen, und wer weiß, ob ich nicht einſt noch der gebornen Gräfin von Terneville meine Hand und mein Herz ſchenke. Nur muß ich zuvor ihren Stammbaum ſehen.“ Victoria aber dachte:„Ich werde meine arme Fliege jedenfalls heirathen, ſie iſt ſchon tiefer in meine Netze gegangen. Aber Eines iſt noth! Thugut muß mir einen Stammbaum anſchaffen, einen Stammbaum, wel⸗ cher beweiſt, daß ich wirklich eine Gräfin Terneville aus dem Hauſe Feuillant bin.“ Und Alles um ſie her vergeſſend, brach Victoria plötzlich in ein lautes, fröhliches Lachen aus. Graf Colloredo ſah ſie erſtaunt an.„Sie lachen, meine Gnädigſte?“ „O,“ ſagte ſie mit trauriger Miene, langſam ihr Haupt ſchüttelnd,„das iſt ein Krampf, dem ich ſeit dem Tode meines theuren Gemahls zuweilen unterworfen bin. —————————— 63 Ich habe ſo viel geweint, daß meine Augen keine Thrä⸗ nen mehr haben. Das Uebermaß des Kummers bricht zuweilen aus mir hervor in einem Lachen der Ver⸗ zweiflung. Achten Sie nicht darauf. Der Krampf iſt ſchon vorüber!“ Prittes Capitel. Das Wiederſehen. Um dieſelbe Zeit, als Victoria von Poutet ihre „Toilette der Witwe von Epheſus“ machte, war in einem andern Hauſe der großen Reſidenzſtadt Wiens auch eine Dame mit ihrer Toilette beſchäftigt, und auch dieſe Toilette bezog ſich auf den Hof und die kaiſerliche Familie. Victoria von Poutet machte ihre Toilette für die Kaiſerin; die junge Gräfin Wolkenſtein ſollte ihre Toi⸗ lette machen für den Kaiſer. Viectora hatte lachend, ſcher⸗ zend und ſpottend ſich ſelber mit dem Trauerſchleier und der Schneppenhaube geziert; Louiſe Gräfin von Wolken⸗ ſtein ließ ſich ſeufzend und trauervoll in die herrlichen und koſtbaren Prunkgewänder hüllen, welche ihr Oheim, 64 der General von Biſchofswerder, ihr für den heutigen Tag verehrt hatte. Es war in der That eine ſehr ſchöne, ſehr koſtbare Toilette, welche der General ausgewählt hatte, und die Kammerzofe konnte nicht genug der Worte finden für ihre Bewunderung, ihre Freude. „Sehen die gnädige Gräfin nur dies wundervolle blaue Sammetkleid,“ rief ſie frohlockend, indem ſie das Gewand aus dem Carton hervorhob, in welchem der Schneider es ſo eben gebracht hatte.„Welch ein ſchönes Blau, gerade wie die Augen der gnädigſten Frau Gräfin. Und wie ſchwer der Sammet iſt, echte Mailänder Waare, das fühlt man gleich. Ach und dieſe koſtbaren Spitzen, echte Point d'Alongon mit Silber durchwirkt. O, gnä⸗ digſte Frau Gräfin, ſehen Sie doch die Pracht!“ „Ich ſehe ſie,“ ſagte die Gräfin traurig,„ich ſehe alle dieſe Pracht und Herrlichkeit, und ich wollte, ich könnte mich ihrer freuen, wie Du es thuſt.“ „Und Ew. Gnaden freuen ſich nicht?“ fragte die Kammerzofe ganz erſtaunt, indem ſie mit ihren beiden Armen die koſtbare Robe emporhob, um ſie ihrer Ge⸗ bieterin überzuwerfen. Luuiſe neigte ihr Haupt und ließ es geſchehen, aber während die koſtbare Robe an ihrer Geſtalt nieder⸗ . 65 rauſchte, zerdrückte ſie eine Thräne und ein tiefer Seuf⸗ zer quoll aus ihrer Bruſt hervor. „Ew. Gnaden freuen ſich wirklich nicht?“ fragte die Kammerzofe noch einmal triumphirend, indem ſie niederkniete und die ſchweren Falten des Sammetkleides herunterzog und ordnete. „Was liegt daran, ob ich mich freue,“ ſagte die Gräfin ungeduldig.„Du ſiehſt ja, ich weigere mich nicht, all' dieſen Jammer zu tragen und auf mich zu nehmen, und Du wirſt dem General berichten können, daß ich ohne Widerſtreben ſein koſtbares Geſchenk angelegt habe. Du wirſt ihm ſagen, daß ich ganz heiter, ganz vergnügt geweſen bin, und daß Du, obwohl Du mich immer be⸗ obachtet und mit Späheraugen verfolgt haſt, doch ſeit vier Tagen mich niemals mehr haſt weinen ſehen.“ „Wie,“ rief die Zofe erſchrocken,„Ew. Gnaden halten mich ſolcher Schlechtigkeit fähig? Ew. Gnaden glauben, daß ich meine eigene geliebte Herrin beobachten und auskundſchaften, und an Andere Berichte abſtatten könnte über Sie? Ach, warum mißtrauen mir den Ew. Gnaden ſo ſehr? Warum halten Sie mich denn für ein ſo ſchlechtes, treuloſes Geſchöpf?“ Und ſie bedeckte ihr Geſicht mit ihren beiden Hän⸗ den und weinte und ſchluchzte laut. Die Gräfin legte ſanft ihre Hand auf die Schulter 66 der Weinenden.„Du findeſt ſelber, daß ſolch Thun ſchlecht und treulos wäre?“ fragte ſie ſanft.„Du klagſt es ſelber an und verurtheilſt ſolche Verrätherei Deiner Herrin? Und dennoch begehſt Du ſie? Dennoch, mit der Anklage auf Deinen eigenen Lippen, verräthſt Du mich? Und warum thuſt Du es? Nicht, weil ich böſe und ty⸗ ranniſch gegen Dich geweſen, ſondern nur weil Du be⸗ zahlt wirſt dafür, weil man Dir Geld gibt. Ach, armes Mädchen, das Geld hat Dein Herz verderbt, für Geld haſt Du Dein Gewiſſen verkauft. Armes Mädchen, ich beklage Dich, und ich vergebe Dir!— Aber jetzt,“ fuhr ſie im ernſteren und ſtrengeren Ton fort,„jetzt höre auf zu weinen. Verſtändigen wir uns!“ „Ew. Gnaden, ich bin unſchuldig, gewiß ich bin un⸗ ſchuldig,“ rief die Zofe, indem ſie ihre Hände von ihrem Geſicht niedergleiten ließ und die Gräfin mit flehenden Blicken anſchaute. „Du ſpielſt Comödie,“ ſagte die Gräfin achſel⸗ zuckend.„Haſt Du nicht eben laut geſchluchzt und ge⸗ weint? Sollte man nicht meinen, Dein Antlitz müßte jetzt überfluthet ſein von Thränen? Nun ſieh, wie Du Dich verräthſt. Deine Augen ſind klar und hell, nicht eine einzige Thräne hat ſie befeuchtet. Still, vertheidige Dich nicht! Ich kenne Dich und Du kannſt mich nicht mehr täuſchen. Aber ich ſagte Dir ſchon; verſtändigen 67 wir uns! Ich habe Dir geſagt, daß ich weiß, welche Stelle man Dir gegeben, welche Aufträge Du über⸗ nommen haſt, ich habe Dir das geſagt, weil ich nicht wünſchte, daß man mich für ſo arglos hielte, daß ich nicht ſähe, was um mich her vorgeht. Du kannſt alſo dem Herrn General immerhin Bericht erſtatten, kannſt ihm ſagen, daß ich die Spionin kenne, die er ſich erkauft hat.“ „Und Ew. Gnaden wollen mich jetzt verabſchieden, nicht wahr?“ fragte das Mädchen angſtvoll,„Ew. Gnaden wollen mich aus Ihrem Dienſte jagen?“ „Nein,“ ſagte Louiſe ſanft,„nein, Du ſollſt bei mir bleiben. Was hülfe es mir, Dich fortzuſchicken? Man würde doch nur eine andere Spionin an Deine Stelle ſetzen, man würde eine neue Seele erkaufen, ſo gut wie man die Deine erkauft hat. Nein, Du kannſt bei mir bleiben. Ich bin an Dich gewöhnt, ich habe Dich ſeit einem Jahr um mich geduldet, und faſt ebenſo lange weiß ich, daß Dich der General, mein Herr Oheim, dafür bezahlt, mich auszuſpähen. Thue es immerhin, ſtatte ihm Bericht ab ſo oft Du willſt, nur ſage ihm immer die Wahrheit, nur miſche niemals Lügen und Ver⸗ läumdungen in denſelben ein!“ „O gnädigſte Gräfin,“ jammerte die Zofe hände⸗ ringend,„Sie brechen mir das Herz, Sie glauben nicht 68 an meine Unſchuld, an meine Treue, und dennoch kann ich Ihnen ſchwören, daß Sie ſich täuſchen, daß der Herr General niemals mich über Ew. Gnaden ausgefragt ha⸗ ben, daß ich niemals Ew. Gnaden beobachtet habe, niemals wie Ew. Gnaden vermeinen, eine Spionin geweſen bin.“ „Du ſpielſt Deine Rolle gut und conſequent,“ ſagte die Gräfin ruhig.„Gut, bleibe dabei, aber gedenke deſſen, was ich Dir geſagt. Berichte die Wahrheit, die lautere Wahrheit, weiter begehre ich nichts. Du wirſt mich viel⸗ leicht in der Zukunft oft umgeben von Glanz und Herr⸗ lichkeit, Du wirſt mich lachen und heiter ſehen in glän⸗ zender Geſellſchaft; aber Du wirſt mich in der Einſam⸗ keit und Stille troſtlos und in Verzweiflung ſehen, Du wirſt mich weinen und klagen hören. Wenn Du alſo dem General meldeſt von meinem Glück, ſo vergiß nicht ihm auch zu melden von meinem Unglück; wenn Du ihm be⸗ richteſt von meinem Lachen, ſo berichte ihm auch von meinen Thränen; wenn Du ihm ſchreibſt von meinem Wohlergehen und von meinen roſigen Wangen, ſo ſchreibe ihm auch, daß es vielleicht die Scham geweſen, die meine Wangen geröthet. Verſchweige ihm nichts, ſage die Wahrheit, das iſt Alles, was ich von Dir verlange und fordere, die einzige Bedingung, unter welcher ich Dich in meinen Dienſten behalte. Und nun genug da⸗ von! Laß uns ſchnell meine Toilette beenden, denn mein * 69 Herr Oheim wird bald kommen, um mich abzuholen! Befeſtige das Perlendiadem in meinem Haar, und wenn Du findeſt, daß ich zu bleich bin, ſo thue Schminke auf meine Wangen.“ Sie ließ ſich langſam in den Fautenil vor der großen Pſyche niedergleiten, aber nicht einen einzigen Blick warf ſie in den Spiegel, der ihr reizendes und ſchönes Bild wiederſtrahlte. Mit geſchloſſenen Augen ſaß ſie da und ließ es ſchweigend geſchehen, daß die Zofe ihr das koſt⸗ bare Perlendiadem um die ſchöne Stirn legte, daß ſie die üppigen blonden Locken mit den goldenen Kämmen zu beiden Seiten der Schläfen feſt hielt, und duldete es ſtill, daß ſie leiſe aus dem Schminknäpfchen ihre Wangen betupfte und ſie höher aufleuchten machte unter den künſt⸗ lichen Roſen des Carmins. Dann, immer noch mit ge⸗ ſchloſſenen Augen, hob ſie ihre Hände, die bis dahin ſtill gefaltet in ihrem Schvoß geruht, empor, damit die Zofe ihr die prachtvollen Armbänder von Brillanten und Perlen anlege und ihre roſigen Finger ſchmücke mit den blitzenden Ringen. Auch jetzt noch, als ihre Toilette vollendet war, ſaß ſie mit geſchloſſenen Augen da, und nicht einmal hob ſie den Blick zu dem Spiegel empor. „Ew. Gnaden ſind fertig,“ ſagte die Zofe leiſe und demüthig. 70 Die Gräfin erhob ſich langſam von ihrem Fauteuil, und ernſt als ſie dem Spiegel den Rücken zugewandt, öffnete ſie die Augen. „Trage den Shawls und die Handſchuhe in den Salon, und wenn der Herr General kommt, ſo ſage es mir,“ befahl ſie der Zofe. Dieſe eilte dem Befehl zu genügen, und als ſie mit dem türkiſchen Shawls und den goldgeſtickten Hand⸗ ſchuhen das Toilettenzimmer der Gräfin verließ, ſagte ſie mit einem ſchlauen Lächeln zu ſich ſelber:„Die Gräfin will allein ſein, um ſich ungeſtört im Spiegel betrachten zu können. Ich ſoll dem Herrn General mel⸗ den, daß dieſe koſtbare und wundervolle Toilette, dieſes Sammetkleid, dieſe Spitzen und das herrliche Geſchmeide gar keinen Eindruck auf ſie gemacht, daß ſie es nicht ein⸗ mal angeſehen habe, und da ſie allein iſt, will ſie ſich nach Herzensluſt im Spiegel bewundern!“ Aber die ſchlaue Zofe hatte ſich dennoch geirrt. Auch jetzt, da ſie allein war, hatte die Gräfin Wolkenſtein nicht einen einzigen Blick für ihr ſchönes Spiegelbild, dachte ſie nicht daran, ihre prachtvolle Erſcheinung zu bewundern. Geſenkten Hauptes, die herabhängenden Hände in einander gefaltet, ſo ſtand ſie da, wie ein geſchmücktes Opferlamm, in ihr Schickſal ergeben, voll dumpfer Trauer, aber klagelos und ohne Thränen. 71 Ob ſie betete? Einmal flüſterte ſie leiſe:„Geh' nicht in's Gericht mit mir, mein Herr und Gott. Ich habe kein anderes Mittel ihn zu erretten, und erretten muß ich ihn!“ Dann wieder verſtummte ſie und ſtand ſtill, ge⸗ ſenkten Hauptes da. Aber auf einmal flog ein Zittern durch ihre Geſtalt hin und ein ſchwerer Seufzer ent⸗ rang ſich ihrer Bruſt. Sie hatte ſich nähernde Schritte gehört, die Stunde der Entſcheidung war da, ihr Verhängniß rief ſie auf zur That, zum Handeln! „Gnädigſte Gräfin,“ meldete die Kammerzofe, die Thür des Toilettenzimmers weit öffnend,„Se. Excellenz ſind da und erwarten die gnädige Frau!“ Gräfin Wolkenſtein erwiderte nichts, aber ſie ſchritt vorwärts, ging ohne Blick, ohne Gruß an der Zofe vor⸗ über und trat in den Salon ein, deſſen Thür das Kammermädchen leiſe hinter ihr zudrückte. General Biſchofswerder kam ſeiner Nichte mit lautem, zärtlichem Willkommensgruß entgegen und ſtreckte ihr ſeine beiden Hände entgegen. Aber die Gräfin ſchien das nicht zu ſehen, ſie machte ihrem Oheim eine ernſte, ſteife Verbeugung und nahm die Handſchuhe von dem Tiſch, um ſie anzuziehen. „Ich bin bereit, Oheim,“ ſagte ſie ernſt und kalt. 72 Der General betrachtete ſie mit leuchtenden, trium⸗ phirenden Blicken.„Louiſe,“ ſagte er,„Sie ſind in Wahrheit von einer bezaubernden Schönheit. Wie ein Engel des Paradieſes ſind Sie anzuſchauen, und wenn ich Sie ſo vor mir ſehe in Ihrer Lieblichkeit und Schön⸗ heit, drängt es mich Gott zu danken, daß er ſo Herrliches ſchuf und bildete.“ „Läſtern Sie nicht, Oheim,“ ſagte ſie ernſt und kalt.„Sie wiſſen wohl, meine Schönheit hat nichts zu ſchaffen mit Gott, ich habe ſie dem Teufel und den Dämonen, ich habe ſie der Schande verkauft.“ „Jetzt muß ich ſagen: läſtern Sie nicht, Louiſe,“ rief der General lebhaft.„Ihre Schönheit kommt Ihnen von Gott, heilige Zwecke wollen ſie mit derſelben er⸗ reichen, und ich bin überzeugt, daß Sie eben erſt zu Gott inbrünſtig und zürtlich gebetet haben, er möge Ihr Vorhaben ſegnen, er möge Ihren Planen das Gelingen geben.“ „Ja, es iſt wahr, um dies Gelingen habe ich ge⸗ betet,“ flüſterte Louiſe.. „Nun alſo, wenn man betet, wenn man für die Dinge, welche man beabſichtigt, von Gott ſeinen Segen und ſeinen Beiſtand erfleht, ſo müſſen dieſe Dinge auch edler und heiliger Art ſein, ſo können ſie nicht dem Teu⸗ fel und den Dämonen angehören.“ 4 73 „Aber der Schande, Oheim, der Schande und Entehrung!“ „Meine holde, liebe Nichte, was iſt Schande, was iſt Entehrung? Die Magdalena in der Bibel war gewiß ein Weib, auf deſſen Haupt Schande und Entehrung laſtete, und doch ſprach der Heiland zu ihr:„Sie hat viel geliebt, darum ſoll ihr viel vergeben werden,“ und doch iſt ſie durch Jahrtauſende hindurch ein Gegenſtand der Anbetung und Bewunderung geblieben, doch zählen die Kathvliken ſie unter ihre großen Heiligen, und die er⸗ ſten und berühmteſten Maler haben uns ihr reizendes Bild geſchaffen. Magdalena ſaß zu den Füßen des Heilan⸗ des, und wahrlich, wer den Meſſias liebt, dem kann die Schande nichts anhaben. Du, meine holde ſchöne Mag⸗ dalena der Gegenwart, Du wirſt zwar nicht ſitzen können zu den Füßen des Heilandes, aber Du wirſt ruhen in den Armen eines Kaiſers, und wahrlich, wer einen Kaiſer liebt, dem kann die Schande nichts anhaben, der—“ „Schweigen Sie, Ihre Worte ſind Läſterung,“ unterbrach ihn Louiſe glühend.„Entweihen Sie nicht das Heilige, indem Sie es hinabziehen in unſere Kreiſe. Denken Sie auch nicht, daß Ihre frommen und ſchein⸗ heiligen Worte mich täuſchen könnten über mich und Sie. In Demuth bekenne ich: ich bin eine Sünderin, und Sünde iſt es, was ich jetzt erſtrebe. Aber dennoch bereue 1860. XXIII. Kaiſer Leopold der Zweite. II. 5 74 ich nicht, dennoch weiche ich nicht zurück, denn es gilt das Höchſte und Heiligſte meines Lebens— es gilt meine Liebe!“ „Und es gilt das Wohl Ihres Vaterlandes und Ihres Königs,“ fügte der General mit frommem Hände⸗ falten hinzu.„Wahrlich, es ſind große und heilige Ziele, die Sie erſtreben. Sie wollen Ihrem geliebten Gemahl das Leben und die Freiheit wieder gewinnen, Sie wollen Ihrem König dienen, zum Wohl und Heil Ihres Vater⸗ landes, ja ich darf ſagen, zum Wohl und Heil ganz Europa's wirken und ſchaffen, Sie wollen helfen dem Königthum von Gottes Gnaden den Sieg zu erkämpfen, die Söhne der Finſterniß, welche ſich wider daſſelbe auflehnen, zu vernichten und zu ſtrafen! Wahrlich, wer ſo erhabene und heilige Ziele vor ſich ſieht, der darf nicht klagen und murren, wenn ſich auf ſeinem Weg zum Ziel auch einige Dornen finden, wenn er auch durch Staub und Schmutz dahin ſchreiten muß. Das Ziel iſt edel, erhaben und groß, was ſchadet es alſo, wenn er auch auf dem Wege dahin beſchimpft und beſchmutzt wird? Die Zeſuiten haben wohl Recht:„der Zweck heiligt die Mittel“, und mit dieſem Grundſatz haben ſie ſich die Welt erobert, mit dieſem Grundſatz wirſt Du, meine ſchöne, von Gott erkorne Nichte, Europa den Frieden, Deinem Gemahl die Freiheit erobern! Und nun, meine 75 theure Nichte, Tochter meiner heimgegangenen Schweſter, nun komm, laß mich Dir den Abſchiedskuß geben und den Segen Deines Oheims. Ich muß heute Nacht noch abreiſen, muß Dich verlaſſen, dringende Geſchäfte rufen mich zurück. Ich harre nur noch auf die Kataſtrophe des heutigen Abends, es verlangt mich nur noch von Deinem erſten Wiederſehen mit dem einſtigen Großherzog Leopold Zeuge zu ſein. Dann reiſe ich und lege das Schickſal Deutſchlands und Deines Gemahls getroſt in Deine Hände. Komm alſo, meine theure Nichte, laß Dich um⸗ armen, Dich ſegnen.“ Er näherte ſich mit weit geöffneten Armen der Gräfin, aber ſie wich vor ihm zurück und ſchaute mit zürnenden Mienen, mit blitzenden, verachtenden Blicken zu ihm auf. „Erſparen wir uns das Eine, wie das Andere,“ ſagte ſie kalt und ſtolz.„Es iſt genug, wenn wir uns die Hand reichen, da wir doch einmal Bundesgenoſſen ſein müſſen.“ „Laſtet dieſe Bundesgenoſſenſchaft denn gar ſo ſchwer auf Dir?“ fragte der General boshaft lächelnd. „Mir ſcheint, Dein Bundesgenoſſe hat mindeſtens mit Liebe und Aufmerkſamkeit für Dich geſorgt, und Du haſt die Gaben ſeiner Liebe nicht verſchmäht.“ „Es iſt wahr, Sie haben mich geſchmückt,“ ſagte 5* 76 ſie,„Sie haben mir koſtbare Kleider, funkelnde Juwelen gegeben, aber ich danke es Ihnen nicht, denn Sie haben in mir doch nur Ihr Werkzeug geſehen und geſchmückt, und weil dies Ihr Werkzeug glänzen muß, um zu blen⸗ den, deshalb haben ſie mich umgeben mit Glanz und Schmuck. Ich danke es Ihnen nicht; aber ich würde es Ihnen ewig danken, wenn ich dieſe prunkenden Gewänder von mir werfen könnte, wenn Sie mir den Geliebten wieder gäben, und müßte ich auch an ſeiner Seite als eine Bettlerin an der Straße ſtehen.“ „Ah, mein Gott, jetzt werden Sie ſentimental,“ ſagte der General achſelzuckend,„und am Ende werden Sie noch weinen und den Glanz Ihrer Augen und die Schminke Ihrer Wangen ruiniren. Kommen Sie, es iſt beſſer, wir gehen! Die Oper wird längſt ihren Anfang genommen haben und unſere Equipage ſteht bereit. Auf, Louiſe, Muth gefaßt. Sei eingedenk deſſen, was Du mir, was Du Dir ſelber gelobt haſt. Ihren Arm, liebreizende Nichte, wer weiß, ob Sie mich ſpäter noch der Ehre würdigen, Sie führen zu dürfen.“ Sie legte ihre Hand leiſe auf ſeinen dargereichten Arm und ſchritt an ſeiner Seite durch die Reihe der Zimmer dahin. Plötzlich, als ſie jetzt vor der Ausgangs⸗ thür des großen Salons angekommen waren, blieb ſie 77 ſtehen und blickte mit einem Ausdruck unendlicher See⸗ lenangſt zu dem General empor. „Mein Oheim,“ ſagte ſie mit gepreßter, klangloſer Stimme,„ich beſchwöre Sie, wiederholen Sie mir Ihr Verſprechen noch einmal, ſagen Sie mir noch einmal, welchen Lohn Sie mir geben wollen für meinen Gehorſam in Ihren Willen, für meine Schmach? Wie lautete Ihr Schwur? Wiederholen Sie ihn mir, ich beſchwöre Sie, wiederholen Sie ihn mir!“ „Ich bin bereit dazu,“ erwiderte der General lächelnd.„Ich ſchwöre Ihnen, daß an demſelben Tage, an welchem Oeſterreich und Preußen vereint ihre Armeen gegen Frankreich marſchiren laſſen, der Graf Wolkenſtein aus ſeiner Gefangenſchaft erlöſt und mit ſeiner Gemahlin vereinigt werden ſoll.“ „Es iſt gut, ich danke Ihnen,“ ſagte die Gräfin hochaufathmend.„O, jetzt werde ich Muth haben! Ihre Worte ſind der Talismann, der mich aufrecht hält. Kommen Sie, ich will der Zukunft kühn in's Auge ſchauen!“— Die Oper hatte längſt begonnen, als General von Biſchofswerder mit der Gräfin Wolkenſtein in die Loge eintrat, welche er zum ausſchließlichen Gebrauch für ſie Beide gemiethet hatte. Die herrlichen Melodien des Mozartſchen Don Juan rauſchten durch den Saal hin, 78 und aller Augen waren der Bühne zugewandt, auf welcher eben das ſchöne und großartige Maskenterzett er⸗ tönte. „Bleiben Sie noch ein wenig hier im Hintergrund und laſſen Sie mich zuerſt das Terrain recognosciren,“ flüſterte der General, und während die Gräfin, deren Füße zitterten, deren Herz ſtürmiſch klopfte, ſich im Hinter⸗ grund der Loge auf einen Seſſel gleiten ließ, trat ihr Oheim geräuſchlos bis an die Brüſtung derſelben. Mit vorſichtiger Hand ſchob er den dunkelroth ſeidenen Vor⸗ hang, der die Loge beſchattete, ein wenig zur Seite und blickte ſpähend über den Zuſchauerraum hin. Es war ein glänzender Anblick, dieſes in allen ſeinen Logenreihen, im Parquet und Parterre dicht gefüllte Haus zu ſehen; aber der General achtete nicht darauf, er ſah es auch nicht, daß der große Maeſtro Wolfgang Mozart da unten auf dem Dirigentenplatz ſtand, um heute zum letztenmal vor ſeiner Reiſe nach Prag, zum letztenmal vor ſeiner Todesreiſe ſein Meiſterwerk zu dirigiren, er hörte auch nicht auf die wundervolle Muſik und das enthuſiaſtiſche Beifall⸗ klatſchen der Menge; er blickte nur hinüber nach der kaiſerlichen Loge, und nur, was er dort ſah, hatte für ihn Werth und Bedeutung. Der Kaiſer ſaß in dieſer Loge und dicht hinter ihm der Fürſt Carl von Liechtenſtein, während die Kam⸗ 79 merherren und Hofcavaliere in ehrfurchtsvoller Ent⸗ fernung in den Hintergrund der Loge ſich zurückgezogen hatten. Das Antlitz des Kaiſers war bleich und leidend, eine Wolke lag auf ſeiner Stirn, ſeine Augen blickten trübe auf die Bühne hin, und ſchienen doch nichts zu ſehen von dem, was dort geſchah, ein unendlich trauriges, ſchwermüthiges Lächeln umſpielte ſeine Lippen. General Biſchofswerder trat zurück und näherte ſich der Gräfin. „Jetzt iſt es Zeit,“ flüſterte er,„nehmen Sie Ihren Platz ein, Louiſe, ſetzen Sie ſich in die vorderſte Reihe.“ Die Gräfin murmelte einige leiſe, unverſtändliche Worte, und that, wie er ihr geheißen. Die Muſik ging jauchzend und jubelnd weiter, Niemand achtete auf das ſchöne Frauenbild, das da plötzlich im Vorgrund der Loge auftauchte und im vollen Licht des feſtlich beleuchteten Hauſes erſchien. Alle Blicke, alle Perſpective und Lorgnetten waren nach der Bühne hingewandt. General Biſchofswerder war in den Hintergrund der Loge zurückgetreten, Niemand konnte ihn dort ſehen, während er Alles ſehen, Alles beobachten konnte. Er ſah, wie der Kaiſer noch immer traurig und 80 theilnahmlos vor ſich hinſchaute und weder die Bühne noch das Publikum ſeiner Beachtung werth hielt. Zetzt, als das Publikum hingeriſſen von der herrlichen Muſik, von der Kunftfertigkeit der Donna Anna in lauten, ju⸗ belnden Beifall ausbrach, ſchien das Geräuſch dieſes Bei⸗ falls den Kaiſer aus ſeinem Sinnen zu erwecken, er rich⸗ tete ſich ein wenig in ſeinem Lehnſtuhl auf und ließ ſeine Blicke über das glänzende Publikum des erſten Ran⸗ ges dahin gleiten. Plötzlich zuckte er leicht zuſammen, einen Moment flog eine glühende Röthe über ſein Antlitz hin, und ſeine Blicke richteten ſich unverwandt nach der Loge hin, in welcher die Gräfin Wolkenſtein ſich befand. „Er hat ſie erkannt,“ murmelte General Biſchofs⸗ werder;„jetzt iſt es Zeit, daß ich mich zeige.“ Er trat in den Vordergrund der Loge und ſetzte ſich neben ſeine Nichte. „Louiſe,“ ſagte er, indem er ſich vertraulich zu ihr neigte,„der Kaiſer hat Sie geſehen und er hat Sie er⸗ kannt.“ „Ich weiß es, ich fühle es an dem furchtbaren Klopfen meines Herzens,“ flüſterte ſie. „Der Kaiſer wird wiſſen wollen, ob auch Sie ihn erkennen, Louiſe. Haben Sie ein wenig Mitleid mit ſei⸗ 81 ner Ungeduld, meine theure Nichte, und wenn Se. Ma⸗ jeſtät ſie grüßt, ſo danken Sie ihm lächelnd.“ „Ich werde lächeln, denn ich werde, indem ich hin⸗ ſchaue, Ihres Schwurs gedenken,“ ſagte Louiſe, und ſie wandte langſam ihr Haupt der kaiſerlichen Loge zu. Aber der Kaiſer ſaß nicht mehr auf ſeinem Fautenil, er hatte ſich erhoben und war in den Hintergrund der Loge getreten; dort ſtand er jetzt im eifrigen Geſpräch mit dem Fürſten Liechtenſtein. „Er wird natürlich den Fürſten Liechtenſtein ſogleich zu mir ſenden und mich rufen laſſen,“ ſagte der General leiſe,„und die Folge wird ſein, daß ich die Ehre haben werde, meine ſchöne Nichte dem Kaiſer vorzuſtellen. Ah, der Fürſt verläßt die Loge und der Kaiſer blickt hierher. Louiſe, ſchauen Sie hin.“ Louiſe ſeufzte und that, wie er befohlen. Ein Freu⸗ denſtrahl flog über das Antlitz des Kaiſers hin, und er neigte ſein Haupt zum freundlichen Gruß. Die Gräfin gewann es über ſich, mit einem heitern Lächeln zu danken. In dieſem Moment öffnete ſich die Thür ihrer Loge und Fürſt Carl Liechtenſtein trat ein. Er grüßte die Dame mit einer ehrfurchtsvollen Verbeugung und wandte ſich dann an Biſchofswerder. „Herr General,“ ſagte er,„Se. Majeſtät iſt ein⸗ 82 gedenk, daß er verſprochen im Theater Sie heute Abend noch einmal zu begrüßen, Se. Majeſtät erſucht Sie jetzt zu ihm zu kommen. Se. Majeſtät begibt ſich in den kleinen Salon hinter der kaiſerlichen Loge und wünſcht Sie dort sans cérémonie zu ſprechen.“ „Ich bin bereit, Durchlaucht, und werde die Ehre habe, Ihnen zu folgen.“ „Nein, Excellenz, ich bitte Sie vorher noch um ei⸗ nen Freundſchaftsdienſt. Haben Sie die Güte, mich der gnädigen Frau vorzuſtellen! Da ich ſo ungalant ſein muß, den Herrn General abzurufen, erlaubt mir Ihro Gnaden vielleicht während ſeiner Abweſenheit ihr Geſell⸗ ſchaft zu leiſten?“ „Die Gräfin Wolkenſtein, meine Nichte, wird ohne Zweifel ſehr erfreut ſein, die Bekanntſchaft Sr. Durch⸗ laucht des Fürſten Carl Liechtenſtein zu machen. Nicht wahr, theuerſte Gräfin, es iſt ſo?“ „Gewiß, es iſt ſo,“ entgegnete die Gräfin mit einer ſtolzen Neigung ihres ſchönen Hauptes, aber ohne den jungen Fürſten nur eines Blickes zu würdigen. „Und jetzt eile ich, den Befehlen des Kaiſers zu gehorſamen,“ ſagte der General, indem er nach dem Ausgang der Loge ſchritt. Gräfin Wolkenſtein blieb allein mit dem Fürſten Liechtenſtein. 83 „Ach, gnädigſte Gräfin,“ ſagte der Fürſt nach einer kleinen Pauſe,„Ihr Herr Oheim iſt eben im Begriff, Sr. Majeſtät eine große Freude zu bereiten.“ „Eine Freude, Durchlaucht?“ flüſterte ſie.„Was für eine Freude?“ „Der Herr General wird Sr. Majeſtät ſagen, daß die gnädigſte Gräfin die Nichte des Herrn Generals und nicht, wie Se. Majeſtät fürchtete, ſeine Gemahlin iſt.“ „Und weshalb fürchtete Se. Majeſtät das?“ fragte ſie leiſe. Fürſt Liechtenſtein warf einen raſchen, forſchenden Blick auf ihr Angeſicht, das indeſſen ganz kalt, ganz gleichgiltig war. Der Fürſt neigte ſich dichter zu ihr.„Weil Se. Majeſtät untröſtlich geweſen wäre, wenn er die Frau von Becker nur wiedergefunden hätte, um ſie an der Seite ihres Gemahls begrüßen zu müſſen.“ „Ah, Se. Majeſtät hat mich alſo wieder erkannt?“ fragte Louiſe vollkommen ruhig. „Wieder erkannt, Gnädigſte? Er hat ſeit ſechs Monaten die angebetete Frau geſucht, die ihn damals in Italien ſo plötzlich, ſo grauſam verlaſſen hat. O, mein Gott, könnte ich der gnädigen Frau nur ſchildern, wie entzückt der Ke war, als er heute Abend Sie erblickte, wie— 84 Die Thür der Loge ward haſtig geöffnet, und der Kaiſer, gefolgt von General Biſchofswerder, trat ein. In dieſem Moment erſchallte unten im Hauſe ein ungeheurer Beifallsſturm. Der zweite Act der Oper war zu Ende, und das Publikum rief ſtürmiſch nicht allein die Primadonna, ſondern auch den Componiſten, den ge⸗ feierten Mozart. Vielleicht war es, um das Erſcheinen der Gerufenen zu ſehen, daß Fürſt Liechtenſtein und General Biſchofs⸗ werder an die Brüſtung der Loge traten und ſo den Gegenüberſitzenden den Hinblick in die Loge entzogen. Im Hintergrund der Loge ſtand der Kaiſer neben der Gräfin. Das Geräuſch des Rufens und Applaudi⸗ rens machte, daß die beiden Herren kein Wort von ihrer Begrüßung vernahmen, und da Beide ſo eifrig nach der Bühne ſchauten, ſahen ſie auch nicht, daß der Kai⸗ ſer die Hand der Gräfin nahm und einen glühenden Kuß auf dieſelbe drückte. „Ich habe Sie wieder, Gott ſei gelobt, ich habe Sie wieder,“ ſagte er.„Die ſchwere Zeit des Entbeh⸗ rens und Sehnens iſt vorüber, Sie ſind wieder da, und Sie dürfen mich jetzt nicht wieder ſo grauſam verlaſſen. O, ſagen Sie, daß Sie es nicht wollen, daß Sie nicht, wie damals, eines Morgens verſchwunden ſind, ohne mir nur Lebewohl geſagt zu haben.“ 85⁵ „Majeſtät, ich beabſichtige hier in Wien einen län⸗ gern Aufenthalt zu nehmen und—“ „Ich weiß es, Ihr Oheim ſagte es mir, und den⸗ noch zittere ich,“ unterbrach ſie der Kaiſer.„Ach, ich habe ſo viel gelitten, mein Herz iſt ſo vertrauenslos ge⸗ worden, daß ich kaum noch an das Glück glauben kann. Und doch ſteht es vor mir! Doch ſehe ich Sie, die ich ſeit langen, entſetzlichen Monaten ſuche, nach der ſich mein Herz ewig geſehnt hat. Aber ſtill, ſtill! Es iſt hier nicht der Ort, Ihnen zu ſagen, was ich gelitten und wie mich dieſe Stunde beſeligt. Aber ſeien Sie barmherzig. Schwören Sie mir bei Allem, was Ihnen heilig und theuer iſt, daß Sie mich nicht wieder heimlich verlaſſen, daß, wenn Sie gehen, Sie mir mindeſtens ſagen wollen, wohin Sie gehen?“ „Ich ſchwöre das Ew. Majeſtät bei Allem, was mir heilig und theuer iſt,“ ſagte Louiſe feierlich. „Und Sie werden mir erlauben, Sie täglich zu be⸗ ſuchen? Ich habe dazu ſchon die Erlaubniß Ihres Oheims und Vormundes erhalten, aber werden auch Sie mir dieſe Erlaubniß gewähren?“ „Ich werde mich ſtets glücklich und geehrt fühlen, wenn Ew. Majeſtät mich mit einem Beſuch begnadigen wollen!“ „Mein Gott, welche kalte, fremde Sprache!“ rief 86 Leopold ungeduldig.„So redeten Sie nicht zu mir in jenen himmliſchen Tagen von Siena.“ „Majeſtät, damals ſprach ich auch nicht zu dem König von Ungarn und Böhmen, der ſich bald in den Kaiſer von Deutſchland verklären wird, damals ſprach ich nur zu einem Grafen Triſtano, zu meines Gleichen alſo.“ „Nein, verzeihen Sie, wenn Sie einmal bei der Etiquette beharren, ſo war die einfache Madame Becker doch dem Grafen Triſtano nicht gleich ſtehend; die Ent⸗ fernung war nicht größer, als jetzt zwiſchen dem König und der Gräfin, und doch ſtanden wir uns damals näher, und keine Vorurtheile hinderten es, daß ich Sie in Ihrer Grazie, Ihrer Anmuth und Liebenswürdigkeit bewundern konnte. Laſſen Sie es wieder ſo ſein! Vergeſſen Sie es, daß ich zu meinem Unglück eine Krone trage, daß wir hier in Wien ſind! Denken Sie, wir befänden uns noch in Siena und wären im Begriff morgen wieder eine kleine Fahrt durch die reizende Landſchaft zu unternehmen. Laſſen Sie mich wieder für Sie den Grafen Triſtano ſein, gewähren Sie mir dieſe Belohnung für Alles, was ich durch Ihre Abreiſe gelitten. Wollen Sie es thun? Wollen Sie mich morgen und alle Tage ganz ohne Cere⸗ moniell empfangen? Darf ich— nicht der König von Ungarn— ſondern ich, der Graf Triſtano, täglich zu Ihnen kommen?“ 87 „O, Majeſtät,“ flüſterte ſie leiſe,„ich fürchte—“ „Sagen Sie nicht nein,“ unterbrach er ſie lebhaft, „machen Sie keine Einwendungen. Stellen Sie Ihre Bedingungen, begehren Sie was Sie wollen, nur ſagen Sie ja!“ „Nun denn,“ ſagte ſie mit einem mühſamen Lä⸗ cheln,„ja, Majeſtät. Kommen Sie! Ich werde den Gra⸗ fen Triſtano immer mit Freuden willkommen heißen.“ Der Kaiſer nahm ihre Hand und drückte ſie innig an ſeine Lippen.„Ich danke Ihnen, o, ich danke Ihnen! Und jetzt laſſen Sie mich meine Rolle und die Laſt mei⸗ ner Krone wieder auf mich nehmen! Leben Sie wohl, Gräfin, auf morgen alſo!“ Biertes Caitel. Getäuſchte Hoffnungen. Mehr als ein Jahr war vergangen ſeit der Thron⸗ beſteigung Leopold's. Er war im Herbſt des Jahres 1790 zum Kaiſer von Deutſchland gewählt und in Frankfurt gekrönt worden, er hatte bei ſeiner Krönung in ſeiner Ei⸗ genſchaft als deutſcher Kaiſer im Namen aller deutſchen 88 Fürſten feierlich Proteſt eingelegt dagegen daß den deut⸗ ſchen Fürſten ihre auf franzöſiſchem Boden gelegenen Beſitzungen entzogen werden ſollten, wie ſolches dennoch durch die neue franzöſiſche Verfaſſung geſchehen, und er hatte feierlich gelobt, den Fürſten zur Wiedererlangung der entzogenen Güter mit aller ſeiner Macht beizuſtehen. Aber bis jetzt hatte Kaiſer Leopold dies doch nur mit Worten verſucht, und trotz ſeines freundlichen Ein⸗ vernehmens mit Preußen, trotzdem daß die franzöſiſche National⸗Verſammlung immer kühner vorſchritt, immer feindlicher und drohender ſich gegen den Thron und das Königspaar erhob, hatte Kaiſer Leopold ſich immer noch nicht entſchließen mögen, ſein Schwert zu erheben und Frankreich den Krieg zu erklären. Er hoffte noch immer das Königspaar zu erretten, der Monarchie jenſeits der Grenze Frankreichs ein Aſyl zu bereiten, und es abwarten zu können, daß die gährende Revolution in Frankreich ſich ſelber erſchöpft und aus⸗ getobt, und der furchtbare Krater endlich ſtill geworden, weil er alle ſeine glühende Blutlava ausgeſtrömt hätte. Er hoffte noch immer, daß es dem König und der Kö⸗ nigin gelingen möge, zu entfliehen. Zu dieſem Zwecke hatte Leopold ja den klügſten, den verwegenſten und in allen Intriguen, Liſten und Beſte⸗ 89 chungen gewandteſten Diplomaten, zu dieſem Zweck hatte er ja den Baron von Thugut nach Paris geſchickt. Und Thugut war nicht unthätig geblieben; er war es geweſen, der mit dem Marſchall von Bouillé den Plan zur Flucht des Königspaares ausgearbeitet, der alle Mittel und Wege zu derſelben herbeigeführt und geebnet, der alle Vorkehrungen getroffen hatte, um dieſe Flucht zu ſchützen und ſicher zu ſtellen. Aber das Schickſal hatte die Plane und Berechnun⸗ gen des Barons Thugut zerſtört. Der König und die Königin waren geflohen, aber der Sohn des Poſtmeiſters Drouet hatte die Fliehenden erkannt, und er war an ihnen zum Verräther geworden. Ihrem Wagen voraneilend, hatte er an der nächſten Poſtſtation, in Varennes, das Volk und die Nationalgarden aufgerufen, ſich der Flucht der königlichen Familie zu widerſetzen und ſie gefangen zu nehmen! In Varennes ward der König, die Königin nebſt den königlichen Kindern verhaftet*) und ſo lange dort feſtgehalten, bis man der National⸗ Verſammlung in Paris Nachricht gegeben. Dieſe ſandte zwei ihrer hervorragenden Mitglieder, Petion und Barnave ab, um die königliche Familie nach Paris zurückzubringen, und unter dem *) Den 21. Juni 1790. 1860. XXKIII. Kaiſer Leopolb der Zweite. H. 6 90 Wuthgeſchrei, dem Hohngelächter, den Drohungen und Verwünſchungen des Volkes, das in ungeheuren Maſſen den Wagen der unglücklichen Königsfamilie umgab und begleitete, kehrte Ludwig der Sechszehnte mit ſeiner Ge⸗ mahlin und ſeinen Kindern nach Paris zurück. Aber dieſer mißlungene Fluchtverſuch hatte die Kluft zwiſchen der Monarchie und dem Volke nur noch größer, noch gefährlicher gemacht, hatte dem Thron ſeine letzten Stützen genommen, der Demokratie neue Waffen in die Hände gegeben. Das Volk ſah und erkannte jetzt, daß der König kein Vertrauen zu ihm hegte, daß er ſich nicht ſicher hielt in der Mitte ſeiner Unterthanen, daß er der Conſtitution, die er beſchworen, mißtraue und ſich ihr entziehen wolle; die Repräſentanten des Volkes, welche bis dahin noch Ehrfurcht und Achtung vor dem Thron erheuchelt hatten, ließen jetzt ihre Maske fallen, und indem ſie ſich als die Feinde des Königs bethätigten, klagten ſie den König der Feindſchaft gegen das Volk an. Und von nun an behandelte man den König und ſeine Familie ohne Scheu als die Feinde des Volkes. Vor der Flucht nach Varennes hatte man dem Kö⸗ nigthum noch einige letzte Schimmer früherer Herrlich⸗ keit gelaſſen, man hatte noch den heuchleriſchen Schein an⸗ genommen, als handle der König nach eigenem Willen 92 und Ermeſſen, als ſei es ſein eigener, freier Entſchluß, dem Volk alle Wohlthaten und Vortheile der Freiheit zu geben, ſich ſelbſt zu demüthigen und in unwürdige Feſſeln zu legen. Aber nach der Flucht von Varennes kehrten der König und die Königin nach Paris zurück als die Gefangenen ihres Volkes, und die Tuilerien waren das Gefängniß, in welchem das Volk mit grauſamer, nie ermattender Aufmerkſamkeit ſeine erhabenen Gefangenen bewachte. Die Hauptleute der Bataillone der Nationalgarde wechſelten ſich ab in dem Gefangenwärterdienſt bei dem Königspaar, ſie hatten den ſtrengen Befehl, die königliche Familie unabläſſig zu beobachten, ſie nicht einen Moment allein zu laſſen. Selbſt das Schlafzimmer der Königin durfte dem Späherauge ihrer Wächter nicht entzogen werden, die Thür nach dem daneben befindlichen Salon mußte immer offen ſein, und in dieſem Salon befand ſich der wachehaltende Offizier der Nationalgarde. Selbſt während der Nacht, während die Königin in ihrem Bett lag, blieb dieſe Thür offen, und der Offizier, auf einem Lehnſtuhl, grade der Thür gegenüber ſitzend, hielt ſeine Augen unverwandt auf das Bett gerichtet, in welchem die Königin zu ſchlafen verſuchte, und mit ihrem Gram und ihren Schmerzen rang, die ſie zu ſtolz war ihren Peinigern zu zeigen. Nur zu Einer Bitte hatte ſich 6* 92 die Königin herabgelaſſen, ſie hatte gebeten, daß man mindeſtens, während ſie am Morgen aufſtände und ſich ankleidete, die Thüren ihres Schlafzimmers ſchließen möchte, und man war ſo großmüthig geweſen, dieſer Bitte zu willfahren.*) Aber die Königin Marie Antvinette war, allen dieſen Demüthigungen, dieſen Enttäuſchungen und Qua⸗ len gegenüber, dennoch immer voll Hoffnung auf eine Aenderung ihres Geſchicks. Ihre ſtolze Seele war noch immer nicht gebrochen, der Glaube an den Sieg des Königthums von Gottes Gnaden belebte noch immer ihr Herz mit einem letzten Hoffnungsſtrahl und ließ ſie ſich aufrecht halten inmitten ihres Unglücks. Sie wollte noch immer mit ihren Feinden ringen um die Liebe dieſes Volkes, von dem ſie hoffte, daß es, von den Jacobinern und Aufwieglern irre geleitet, endlich ſeinen Irrthum erkennen, endlich die Stimme ſeines Königs, ſeiner Köni⸗ gin beachten und zurückkehren würde in Liebe und Reue. Und für dieſen großen Tag der Wiederkehr, der erneu⸗ erten Liebe des Volkes wollte Marie Antvinette ſich auf⸗ recht erhalten, ſie wollte ſuchen ihn herbeizuführen, das Volk mit ſeinem Königshauſe zu verſöhnen. *) Histoire de Marie Antoinette. Par Edmond et Jules de Goncourt. S. 264. ————— 93 Deshalb wollte ſie dem Volke beweiſen, daß ſie keine Furcht vor ihm hege, daß ſie vertrauensvoll in ſeine Mitte ſich begeben könne, um es zu grüßen mit ihrem Lächeln, der ganzen Huld ihrer frühern Tage. Noch ein⸗ mal wollte ſie verſuchen ihre frühere Popularität wieder zu gewinnen, die Liebe, welche das Volk ihr ſo oft ent⸗ gegen gejauchzt, wieder in den erkalteten Herzen wach zu rufen. Sie fand die Kraft in ſich, ihre Thränen nicht nach außen, nur nach innen in ihr Herz hinein fließen zu laſſen, die Pein ihrer Seele unter einem Lächeln zu ver⸗ ſchleiern, und ſo äußerlich ruhig und heiter wollte ſie ſich wieder öffentlich im Theater, auf Spazierfahrten dem Volke zeigen. Man gab heute in der großen Oper Gluck's Alceſte, die Lieblingsoper der Königin, die Oper, in der ſie vor wenigen Jahren noch einen ſo glänzenden Triumph ge⸗ feiert, in der das Publikum das:„chantons, célébrons notre reine“, welches der Chor auf der Bühne geſungen hatte, unter lautem Jauchzen noch einmal begehrte, und ſtehend, die Angeſichter der königlichen Loge zugewandt, ihre Stimmen mit denen der Bühnenſänger miſchend, im lauten Jubelchor wiederholt hatte:„chantons, célèbrons notre reine.“ „Ich will es verſuchen, ob das Publikum ſich jenes Abends noch erinnert,“ ſagte Marie Antoinette mit einem ſchwachen Lächeln zu dem Fräulein von Bugois, der einzigen Hofdame, welcher man vergönnt hatte, bei ihr zu bleiben.„Ich will heute Abend in die Oper gehen, das Publikum ſoll wenigſtens ſehen, daß ich mich ver⸗ trauensvoll in ſeine Mitte begebe, daß ich mich nicht ge⸗ ändert habe, wie ſehr man ſich auch gegen mich ge⸗ ändert hat.“ Fräulein von Bugpis ſchaute mit tiefer Traurigkeit in das bleiche Antlitz der Königin, welche„dem Publikum zeigen wollte, daß ſie ſich nicht geändert hatte“, und auf deren ſonſt ſo ſchönem und heiterem Antlitz der Gram ſeine unauslöſchlichen Schriftzeichen eingeätzt und die Schönheit deſſelben faſt zerſtört hatte. Tief gerührt wandte die Hofdame ſich ab, um die Thränen nicht ſehen zu laſſen, welche wider ihren Willen ihren Augen entſtrömten. Aber Marie Antvinette hatte ſie doch geſehen. Mit einem ſchmerzlichen Lächeln legte ſie ihre Hand auf die Schulter der Hofdame. „Ach,“ ſagte ſie milde,„verbergen Sie Ihre Thrä⸗ nen nicht; Sie ſind viel glücklicher als ich, Sie dürfen Thränen vergießen: die meinen fließen ſeit zwei Jahren in der Stille, und ich muß ſie hinunter ſchlucken.“*) Antvinette's eigene Worte. Siehe: Goncourt. 95 „Aber ich will heute Abend nicht weinen,“ fuhr ſie mit dem Anſchein der Heiterkeit fort,„ich will den Pariſern wenigſtens gefaßt gegenüber treten! O, ich will mehr thun, ich will verſuchen, ihnen zu lächeln. Sie haſſen mich jetzt, aber vielleicht erinnern ſie ſich dann, daß ſie mich früher ſehr geliebt haben. Es lebt ein Zug von Großmuth in dem Volke, und mein Vertrauen rührt ſie vielleicht. Schnell, laſſen Sie mich Toilette machen. Ich will ſchön ſein, ich will mich ſchmücken für die Pa⸗ riſer. Mein Gott, es werden doch nicht bloß meine Feinde das Theater beſuchen, es werden ſich auch von meinen Freunden viele dort befinden, und dieſe min⸗ deſtens werden ſich freuen, mich zu ſehen. Schnell, Ma⸗ demoiſelle, gehen wir an die Toilette.“ Und mit einer Lebhaftigkeit und einem Eifer, der in ihrer traurigen, bedrohten Lage etwas Rührendes hatte, begab Marie Antvinette ſich an ihre Toilette, um ſich zu ſchmücken für das Publikum, für„die guten Pa⸗ riſer“.— Die Nachricht, Marie Antvinette werde heute Abend in der Oper erſcheinen, hatte ſich ſchnell durch ganz Pa⸗ ris verbreitet. Der wachehabende Offizier von der Na⸗ tionalgarde hatte es bei ſeiner Ablöſung einigen National⸗ gardiſten, einigen Conventsmitgliedern mitgetheilt, und 96 dieſe wiederum hatten die Kunde weiter verbreitet durch alle Schichten der Geſellſchaft. Es war daher ſehr natürlich, daß lange ſchon vor dem Beginn des Theaters das große Opernhaus in allen ſeinen Plätzen gefüllt war, daß ein lebhaftes, leiden⸗ ſchaftlich erregtes Publikum das Parquet, die Logen, das Parterre erfüllte. Die Freunde und Anhänger der Kö⸗ nigin waren gekommen, um Marie Antvinette einen lang entbehrten Triumph zu bereiten, ihre Feinde— und die beklagenswerthe Königin hatte jetzt deren in überwiegen⸗ der Zahl— ihre Feinde, um Marie Antvinette all' ihren Haß, ihre Bosheit, ihren Spott in das Antlitz zu ſchleudern. Und dieſe Feinde der Königin hatten überall in dem großen Hauſe ſich Plätze geſucht. Sie ſaßen ſelbſt in den Logen des erſten Ranges, auf dieſen ſammetnen Polſterſtühlen, welche ſonſt ausſchließlich von den enthu⸗ ſiaſtiſchen Verehrern des Königshofes, von den Damen und Herren der Ariſtokratie eingenommen wurden. Aber jetzt wagte es die Ariſtokratie nicht mehr ſich öffentlich zu zeigen; die meiſten derſelben, vor allen Dingen alle Freunde der Königin waren geflohen, waren den Feinden und Verfolgern der Königin gewichen, und in den Logen, welche ſie einſt eingenommen, ſaßen jetzt die hervor⸗ ragenden Mitglieder der National⸗Verſammlung oder die Hauptredner der Clubbs und der Jacobiner⸗Verſammlun⸗ gen. 97 Nach jener Loge dort drüben, in welcher man ſonſt gewohnt geweſen die Prinzeſſin von Lamballe zu er⸗ blicken, richteten ſich heute wieder und immer wieder die Blicke des Publikums hin. Marie Antvinette hatte auch dieſe letzte ihrer Freundinen hingeben müſſen, ſie hatte die Prinzeſſin nach London geſandt, um dort mit dem Miniſter Pitt Unterhandlungen zu pflegen. Statt des ſchönen, blondgelockten Hauptes der Prinzeſſin ſah man da heute den Kopf eines Mannes, der mit beiden Armen ſich breit auf die ſammetene Brüſtung der Loge auf⸗ lehnend, mit unheimlich leuchtenden Blicken hinunter ſtarrte in die wogenden Maſſen des Parterres. Dieſer Mann war Marat, der einſtige Stallarzt des Grafen von Artvis, jetzt der größte und furchtbarſte Redner der wilden Jacobiner. Als ſich jetzt hinter ihm die Thür der Loge öffnete, wandte er den Kopf raſch um, und ſein Antlitz, deſſen fratzenhafte Häßlichkeit etwas Erſchrecken⸗ des hatte, überflog ein Grinſen, das ſeinen furchtbar großen Mund mit den ſchmalen, farbloſen Lippen zu einer Grimaſſe verzerrte. „Willkommen, Robespierre,“ ſagte er, ſeinen lan⸗ gen knöchernen Arm ausſtreckend, um dem Eintretenden ſeine ſchmutzige Hand darzureichen;„kommſt Du auch, um den Triumph der Wölfin von Oeſterreich zu ſehen?“ Robespierre berührte nur flüchtig die Hand, welche 98 der Andere ihm darbot, und drückte dann haſtig das Roſenbouquet, das er in der Rechten hielt, an ſeine Naſe, den Duft der Blumen mit Behagen einathmend. „Es riecht Dir wohl in meiner Nähe zu ſehr nach dem Kellerloch, in dem ich jetzt wohne, Robespierre?“ fragte Marat mit einem neuen fürchterlichen Grinſen, das ſeine langen, ſchmutzigen Zähne zwiſchen den bleichen Lippen hervorkommen ließ.„Freilich, ich bin kein feiner, poetiſcher Herr, wie der große Maximilian Robespierre, beſchäftige mich nicht mit Wiſſenſchaften und Künſten, und werde von den ſchönen Frauen nicht bewundert und ge⸗ feiert. Bin nur bis jetzt noch eine arme Kellerratte, wel⸗ cher der feine Robespierre gern aus dem Wege geht. He, iſt's nicht ſo, Maximilian? Fühlſt Dich nicht gerade erfreut, daß Du den Marat hier findeſt und daß er Dir den erſten Platz ſchon eingenommen hat?“ „Ich gönne Dir den erſten Platz hier gern,“ ſagte Robespierre mit ruhigem, ſanftem Tone, indem er ſich hinter Marat niederließ.„Auch irrſt Du, wenn Du meinſt, daß ich nicht erfreut bin, Dich zu ſehen. Es iſt lange her, daß wir uns nicht begegnet ſind.“ „Gerade ſo lange, als der hochweiſe Stadtrath von Paris mich zu verhaften befahl, das heißt fünfzehn Monate. Ja, fünfzehn Monate habe ich wie eine Ratte in den Kellern der Cordeliers gelebt, und Keiner von Seieiceeke —————————— 99 Euch Allen, die Ihr Euch die großen Helden der Frei⸗ heit dünkt, Keiner hat ſich meiner erinnert und iſt gekom⸗ men den armen Märtyrer der Volksfreiheit aufzuſuchen.“ „Aber deſto fleißiger habe ich Dein Blatt, Deinen ami du peuple geleſen, Marat,“ ſagte Robespierre. „Und der ami du peuple gefüllt Dir, he?“ fragte Marat, deſſen kleine grüne Augen heller aufblitzten.„Es iſt ein zweiſchneidig Schwert, mein ami du peuple, und er wird ſich noch eines Tages in die Guillotine ver⸗ wandeln, auf der alle Feinde des Volkes ihr ſchändliches Leben verbluten ſollen. O, ich werde ſchon Rache nehmen an dem Otterngezüchte, das mich in den Keller ver⸗ dammt hat. Müßte eigentlich dem Herrn und der Ma⸗ dame Veto noch dankbar ſein, denn ſie ſind es, die mich aus dem Keller erlöſt haben.“ „Wie denn? Hat der König für Marat ſich ver⸗ wandt?“ „Nein,“ lachte Marat;„aber ſeit der König ganz ohnmächtig geworden, iſt Marat mächtig geworden; ſeit man den König und die Oeſterreicherin in Varennes atrappirt und gefangen genommen hat, iſt der Marat frei geworden. Der Stadtrath wird es nicht mehr wagen, mich verhaften zu laſſen, denn das Volk iſt jetzt der wahre König von Paris, und ich bin der wahre Freund 100 des Volkes, den man daher nicht mehr ungeſtraft belei⸗ digen darf.“ „Und der Freund des Volkes iſt gekommen die ver⸗ haßte Feindin des Volkes zu ſehen?“ fragte Robespierre mit einem leiſen Lächeln.„Die Königin kommt heute Abend in's Theater.“ „Ich weiß es,“ grollte Marat,„und Du haſt Recht, ich bin gekommen ſie zu ſehen, und ich habe mich gerade hierher geſetzt, damit ſie auch mich ſehe. Denn ich bin gewiß, ſie wird ihre Blicke hieher wenden nach dieſer Loge, in der ſie ſonſt eine von ihren bezahlten, verbuhl⸗ ten Favoritinnen zu ſehen pflegte, und ſie wird einiger⸗ maßen erſtaunt ſein, ſtatt des blonden Lockenkopfes der Lamballe hier nur den ſtruppigen Kopf Marat's zu er⸗ blicken. Ja, ich bin hier, um die Marie Antvinette zu ſehen.“ „Auch ich bin deshalb hier,“ ſagte Robespierre. „Ich will ſehen, was man von dem Publikum zu halten hat, und ob es wirklich unter demſelben noch Thoren gibt, welche an das Königthum und die Königin ihre irre geleitete Neigung verſchwenden.“ „Es gibt deren,“ brummte Marat;„aber ich werde mir ihre Namen und ihre Geſichter merken, und es ſoll für ſie ein Tag der Beſtrafung kommen, das ſchwöre ich 101 Dir im Namen des Volkes, deſſen natürliche Feinde dieſe Freunde der Oeſterreicherin ſind.“ „Du glaubſt alſo, daß dieſe Leute heute Abend eine Demonſtration wagen werden?“ fragte Robespierre lebhaft. „Ich hoffe es,“ ſagte Marat mit einem unheim⸗ lichen Grinſen,„aber ſie werden keine Freude daran haben, das glaube mir. Sie werden für ſich und die Wölfin damit nur die Pandorabüchſe öffnen, aus wel⸗ cher das Verderben für ſie hervorkommt. Ja, ja, die ſo⸗ genannte Königin hat viele Freunde hier im Theater, und ſie wollen ihr einen Triumph bereiten. Aber der Marat hat auch ſeine Freunde hier, und wer weiß, viel⸗ leicht noch mehr als die Oeſterreicherin. Schau nur ein⸗ mal hinunter in das Parterre, Maximilian Robespierre, ſchau nur, wie das liebe Volk da wogt und wimmelt, und was für breite Hände und große Mäuler ſich da zeigen. Das ſind keine Ariſtokraten, mein Lieber, keine Freunde der Königin, das ſind Leute aus dem Volke, das ſind Arbeiter, Freunde von Marat, und ſie wiſſen ebenſo gut, warum ſie hier ſind, als die Freunde Marie Antvinettens es wiſſen. Sieh' nur den Rieſen da mit den breiten Schultern, der die Andern um eine Kopfeslänge überragt. Weißt Du, wer das iſt?“ „Nein,“ ſagte Robespierre,„ich geſtehe, daß ich es 102 nicht weiß. Sicherlich iſt es Keiner von den Rednern aus dem Clubb der Cordoliers.“ „Da ſieht man den gelehrten Herrn,“ grinſte Ma⸗ rat,„was nicht auf der Rednerbühne glänzt, das kennt er nicht. Nein, der Rieſe da hat niemals auf der Red⸗ nerbühne der Cordeliers geſprochen, aber deſto mehr auf der Rednerbühne des Volkes, welches die Straße iſt. Es iſt Santerre, der Brauer, den Du da ſiehſt, Maximi⸗ lian; Santerre, der Freund Marat's, und ich ſage Dir, ſieh' Dir den Mann genau an, denn an dem großen Schlachttage zwiſchen der Monarchie und dem Volke wird er der General des Volkes ſein. Santerre iſt heute hier mit hundert Freunden, mit Knechten aus ſeiner Fabrik, mit Arbeitern und verwegenen Geſellen. Und da iſt auch mein würdiger Freund, der Schuſter Simon, mit ſeinem Generalſtab von Männern aus dem Volke. Der gehört nicht zu den Freunden der Königin, das verſichere ich Dir.“ „Und der Rieſe, der da drüben in die Loge eintritt, der gehört auch nicht zu ihnen, denke ich,“ ſagte Robes⸗ pierre, nach einer Loge gegenüber von der ihren hin⸗ deutend. „Nein,“ grinſte Marat,„das iſt Danton, ein wahrer Volksfreund, ein Mann, auf den Frankreich zäh⸗ len kann in der Stunde der Gefahr. Sieh' nur ſeine 103 breiten Schultern, ſeine mächtige Bruſt und ſeine hohe, gewaltige Geſtalt an. Wahrhaftig, der Danton hat die Kraft wie der Rieſe Atlas eine Welt auf ſeinen Schul⸗ tern zu tragen, und dieſe Welt, das wird das erlöſte, das befreite Frankreich ſein.“ „Freilich, meine Schultern ſind nicht ſo breit,“ ſagte Robespierre achſelzuckend,„meine Arme ſind nicht ſo muskelkräftig. Aber ich fühle doch auch die Kraft, Frankreich zu ſtützen, meine Gedanken ſind die Rieſen, welche zum Schutz und zur Herrlichkeit Frankreichs bei⸗ tragen werden, wenn die Zeit gekommen iſt.“ „Wenn die Zeit gekommen iſt,“ wiederholte Marat höhniſch.„Ihr wartet und wartet, und währenddeß retten ſich die Ariſtokraten, die Verbrecher, die man zu ſtrafen hat, und ſelbſt dem Herrn und der Madame Veto wäre es beinahe gelungen, ſich durch die Flucht der ge⸗ rechten Strafe zu entziehen.“ „Du ſiehſt es aber wohl, Gott hat nicht gewollt, daß ſie entfliehen,“ ſagte Robespierre ernſt.„Gott hat ſie dem rächenden Zorn des Volkes aufbehalten.“ „Gott, was iſt Gott?“ grinſte Marat.„Der Gott, der Ludwig und ſeine Wölfin nicht entfliehen ließ, der Gott hieß Drouet, und da drüben erſcheint dieſes Got⸗ tes Sohn, der edle Petion, der die Geflohenen wieder heimgeführt nach Paris.“ 104 „Und damit Deine Dreieinigkeit volllommen ſei, kommt da auch Barnave, der Gefährte Pétion's.“ „Ich haſſe ihn,“ brummte Marat,„haſſe ihn wegen ſeiner ſchönen Fratze, mit der er nicht bloß die Weiber, ſondern auch die Männer berückt. Die Natur hat ihn zu ihrem Lieblingskind gemacht, während ich als Stiefſohn behandelt werde. Aber der Stiefſohn wird ſich eines Tages zu rächen wiſſen, und er wird den Liebling ſo lange ausſpähen und umlauern, bis er ein Verbrechen an ihm entdeckt hat. Denn ein Verbrecher iſt der Bar⸗ nave, meine Naſe hat eine ſcharfe Witterung, und ſie riecht das, und ſie wird ſein Verbrechen eines Tages an das Licht bringen.“ „Still, Marat, ſtill, verläſtere unſere Freunde nicht, denn wenn die Freunde in dieſen Zeiten der Gefahr nicht zuſammenhalten, ſo—“ Das ſchmetternde Getöne der Inſtrumente über⸗ täubte ſeine Stimme und machte Robespierre ver⸗ ſtummen. Die Ouverture begann, und im Parquet und Parterre wie in den Logen trat jetzt Schweigen ein. Jedermann ſchien nur zu horchen auf dieſe Muſik voll Anmuth und Majeſtät zugleich, nur Ohren zu haben für die grandiöſen Rythmen, mit denen Meiſter Gluck ſeine Aleeſte eingeleitet hat. Plötzlich entſtand ein dumpfes Geräuſch im Par⸗ 105 quet, im Parterre, in den Logen, alle Köpfe, die eben nach der Bühne zugekehrt geweſen, wandten ſich jetzt rück⸗ wärts nach der großen königlichen Loge hin, Niemand achtete mehr auf die Muſik, Niemand hörte es, daß die Ouverture beendet, daß der Vorhang empor gerauſcht war. Die große Flügelthür im Hintergrund der könig⸗ lichen Loge hatte ſich aufgethan, einige Offiziere der Nationalgarde waren eingetreten und hatten ſich im Hintergrund der Loge aufgeſtellt. Fünftes Capitel. Die Königin im Theater. Mitten durch das Schmettern der Trompeten, der Geigen und Clarinetten hatte das Publikum das leiſe Geräuſch der ſich öffnenden Thüren, der eintretenden Offiziere vernommen, und dieſes Geräuſch hatte die Lieblingsmuſik der Pariſer vergeſſen gemacht. Jetzt erſchien in der offenen Logenthür eine weibliche Geſtalt. „Die Königin tritt ein,“ flüſterte Robespierre. „Nein,“ murmelte Marat, ſich mit einem giftigen 1860. XXIII. Kaiſer Levpold der Zweite. II. 7 106 Blick zu ihm wendend,„nein, es iſt nicht die Königin— es iſt der Bürgerkrieg, welcher da eintritt. Gib nur Acht, es iſt der Bürgerkrieg, ſage ich, und es wird heute ſchon zu einem Scharmützel kommen.“ Die Königin, gefolgt von Fräulein von Buquoh war jetzt langſam durch die große Loge vorwärts ge⸗ ſchritten bis an die Brüſtung derſelben. Aller Augen waren auf ſie gerichtet, Aller Blicke bohrten ſich ſpähend in ihr bleiches, edles Angeſicht. Marie Antvinette fühlte es, und ein Lächeln flog wie die Abendröthe eines erlöſchenden Tages über ihr Antlitz hin. Mit dieſem Lächeln und einem verſchämten Erröthen neigte Marie Antvinette ſich vor und grüßte das Publikum. Ein lautes, unermeßliches Beifallsgeklatſche er⸗ ſchallte ringsum in dem weiten Saal. Im Parquet, in den Logen hatten ſich Hunderte der Zuſchauer erhoben, und ſie grüßten die Königin mit lautem, jubelndem: Vive la reine! und klatſchten wie freudige Kinder immer wieder in die Hände und ſchauten zu der Königin hin mit leuchtenden, freudeſtrahlenden Blicken. „O, mein Glaube hat mich nicht getäuſcht,“ flüſterte Marie Antvinette, ſich zu ihrer Begleiterin hin⸗ neigend.„Die guten Pariſer lieben mich noch, ſie erin⸗ 107 nern ſich gleich mir vergangener Zeiten, und die alte Treue erwacht in ihnen.“ Und abermals neigte ſie ſich dankend links und rechts, und abermals brach das Haus in lautes Beifalls⸗ geklatſche aus. „Iſt das der Bürgerkrieg, Marat?“ fragte Robes⸗ pierre ſpöttiſch.„Du ſiehſt, Freund, es iſt wirklich die Königin, welche da eingetreten iſt, und nicht der Bürger⸗ krieg!“ Ein einziger zorniger Blitz von Marat's kleinen, unter buſchigen Brauen hervorſtechenden Augen traf das ſpöttiſche Geſicht Robespierre's. „Warte nur,“ ſagte Marat, indem er ſich ſicher auf ſeinem Sitz erhob und ſeine Blicke auf das Parterre richtete. Dort ſtand der Rieſe Santerre und unfern von ihm der Schuſter Simon in der Mitte einer Schaar wildblickender trotziger Kerle, welche Alle auf ihre beiden Anführer und Herren ſchauten, während dieſe ihre Augen emporgerichtet hatten auf die Loge Marat's. Die Blicke Marat's begegneten ſich mit denen ſeiner beiden Freunde. Ein höhniſcher, wilder Ausdruck flog über Marat's aſchfarbenes ſchmutziges Geſicht hin und er nickte leiſe mehrmals mit dem Kopfe. Santerre und Simon nickten ihm gleichfalls zu, 7* 108 und ſich dann ihrer Umgebung zuwendend, erhoben Beide wie zum verabredeten Zeichen die rechte Hand. Plötzlich jetzt ward das Beifallsgeklatſche übertönt von lautem Pfeifen und Heulen, von höhniſchem Ge⸗ lächter und wilden Verwünſchungen. „Der Bürgerkrieg iſt in Action getreten,“ ſagte Marat ſich vergnügt die Hände reibend. „Wenn es nur mindeſtens nicht zum Blutvergießen kommt,“ murmelte Robespierre, indem er haſtig ſein Roſenboquet wieder an die Naſe drückte. „Wenn Du davor Furcht haſt,“ höhnte Marat, „hätteſt Du lieber zu dieſer Zeit nicht nach Paris kom⸗ men, ſondern in Arras bleiben ſollen. Kannſt Du kein Blut ſehen, großer Volkstribun Robespierre?“ „Nein, es iſt wahr,“ ſagte Robespierre faſt ver⸗ legen,„ich mag kein Blut ſehen, aber wenn es einſt nöthig iſt, werde ich mich an den Anblick gewöhnen.“ Der Sturm der Zwietracht war indeß immer höher aufgerauſcht, von dem Parterre hatte er ſich durch alle Logenreihen erhoben, hatte überall die Geſichter geröthet, die Augen entflammt. Die Royaliſten fuhren fort zu applaudiren und zu rufen vive la reine! die Gegner ſuchten ſie mit ihrem Ziſchen und Pfeifen zum Schweigen zu bringen. Marat's Antlitz leuchtete vor Bosheit und Schaden⸗ 109 freude. Er erhob den Blick zu einer der Logen des zwei⸗ ten Ranges und nickte den Männern, welche ſich in der⸗ ſelben befanden, grinſend zu. Sofort begannen ſie zu rufen:„Der Chor! Der Chor! Er ſoll uns ſingen: Chantons, célèbrons notre reine!“ „Sehr gut,“ murmelte Marat.„Du ſiehſt, Robes⸗ pierre, ich bin ein guter Royaliſt, denn ich habe den guten Leuten den Ruf eingeübt.“ „Singt, ſingt,“ riefen die Männer nach der Bühne hin,„ſingt den Chor: Chantons, célèbrons notre reine.“ Und in den Logenreihen, im Parquet überall wieder⸗ holte ſich jetzt der enthuſiaſtiſche Ruf: Singt den Chor: chantons, célöbrons notre reine!“ „Nein, nein,“ brüllte Santerre,„nein, man ſoll das nicht ſingen.“ „Nein,“ ſchrie Simon,„wir wollen das Affenlied nicht hören!“ Und hunderte von Männern im Parterre und in den obern Logenreihen riefen ihm nach:„Nein, wir wollen das Affenlied nicht hören!“ „Die Sachen gehen vortrefflich,;“ ſagte Marat vergnügt mit der Zunge ſchnalzend;„ich halte meine Leute wie an einem Bindfaden, und laſſe ſie geſticuliren und 110 ihre Springe machen, wie der verborgene Mann im Puppentheater es mit ſeinen Figuren thut.“ Der Lärm dauerte fort, die Royaliſten wollten nicht verſtummen mit ihrem Beifallsgeklatſche, mit ihrem Begehr nach dem Chor: Chantons, cölobrons notre reine. Die Feinde der Königin hörten nicht auf zu ziſchen und zu ſchreien:„Wir wollen nichts von der Fönigin wiſſen! Wir wollen das Affenlied nicht hören!“ „O mein Gott, ich wollte, ich wäre nicht hieher gekommen,“ murmelte die Königin mit Thränen in den Augen, indem ſie auf den Fauteuil niederſank und ihr Taſchentuſch an ihre Augen drückte. Vielleicht war es, weil die wirklichen Royaliſten dieſe Bewegung der Königin ſahen, und aus Mitleid mit ihr den Streit aufgeben wollten, vielleicht auch hatte Marat den falſchen Royaliſten ein Zeichen gegeben, daß es jetzt genug ſei des Geſchreis und des Tobens. Der Ruf Vive la reine, das Begehren nach dein Chorgeſang verſtummte plötzlich, das Applaudiren hörte auf, und da die Gegenpartei keinen Widerſtand mehr fand, blieb ihr nichts mehr übrig, als gleichfalls zu verſtummen. „Das erſte kleine Scharmützel iſt vorüber,“ ſagte Marat, indem er ſeinen ſtruppigen Kopf an die Lehne des ſammetnen Fauteuils zurücklegte.„Jetzt wollen wir 111 ein wenig auf die Muſik hören und uns die ſchönen Theaterdamen anſchauen.“ In der That, die Oper hatte jetzt begonnen, der Dirigent des Orcheſters hatte den Moment der eingetre⸗ tenen Ruhe benutzt und den Muſikern wie den Sängern auf der Bühne ein Zeichen gegeben, raſch und ohne Zau⸗ dern zu beginnen, und mit glücklicher Faſſung und Gei⸗ ſtesgegenwart waren Alle ſeiner Aufforderung gefolgt. Das Publikum, müde vielleicht des Schreiens und Brüllens, verhielt ſich ſchweigend und ſchien ſeine Auf⸗ merkſamkeit jetzt ganz und gar nur der Bühne, der fort⸗ ſchreitenden Handlung und der großartigen Muſik zu⸗ gewandt zu haben. Marie Antoinette athmete auf, ihre bleichen Wan⸗ gen begannen ſich wieder zu röthen, ihre Augen wurden wieder hell und klar, und mit einem unausſprechlichen Be⸗ hagen gleichſam ausruhend von den ſchweren Kämpfen und Disharmonien ihrer gequälten Exiſtenz lauſchte ſie auf die herrlichen Harmonien, auf die erhabene Muſik ihres Jugendlehrers, des großen Meiſters Gluck. Zurück⸗ gelehnt in ihren Fauteuil, ließ ſie die Muſik ſich ihr in Seele und Herz eindringen, und die Erinnerung an ver⸗ gangene Tage ward wieder lebendig in ihr. Sie träumte ſich wieder zurück in die Tage ihrer Kindheit, ſie ſah ſich wieder in Schönbrunn, ſah Meiſter Gluck eintreten in 112 das blaue Muſikzimmer, in welchem ſie mit ihren Schwe⸗ ſtern ihn erwartete, ſie ſah das glückſtrahlende Antlitz ihrer Mutter der großen Maria Thereſia, welche in das Muſikzimmer kam, um Meiſter Gluck einen Beweis ihrer hohen Achtung zu geben, um ihm perſönlich zu verkün⸗ den, daß Marie Antvinette jetzt die Braut des Dauphins von Frankreich ſei, daß ſie bald ihrem Lehrer Lebewohl ſagen werde, um ihrer neuen, glänzenden Beſtimmung entgegen zu gehen. Es war ihr, als ſähe ſie die ſtolze, ſtattliche Geſtalt Meiſter Gluck's vor ſich, als höre ſie, wie er ſagte:„Ich hoffe, die zukünftige Königin von Frankreich wird niemals aufhören die deutſche Muſik zu lieben, ſie wird der deutſchen Muſik, der deutſchen Kunſt eine Gönnerin und Beſchützerin bleiben, und wird ihr endlich in Paris, der Metropole des Ruhms, Aufnahme bereiten.“— Sie ſah wieder, wie Maria Thereſia in ihrer lebhaften Weiſe heftig das Haupt ſchüttelte; es war ihr, als höre ſie die klangvolle, ſonore Stimme ihrer Mutter wie damals mit einer faſt ängſtlichen, unwilligen Haſt ſagen:„Gluck, wenn meine Tochter in Paris iſt, muß ſie ganz und gar vergeſſen, daß ſie eine Deutſche iſt, und darf ſich nur erinnern, daß ſie eine Franzöſin iſt. Sie darf dann wohl die Kunſt, aber nit vorzugsweiſe, wie Er das nennt, die deutſche Muſik beſchützen. Es iſt daher gut, daß die Kunſt und die Muſik kein Vaterland — 113 hat; denn wäre Seine Armide nichts als grad' nur eine deutſche Muſik, ſo dürft die Marie Antvinette ſie nit in Paris zu hören begehren, und die Armide mitſammt ihrem Rinaldo dürft mir halt gar nit über die Grenz! Deshalb, wenn Er einmal an die Dauphine oder die Königin Marie Antvinette ſchreiben will, laß Er ſich's nit einfallen deutſch zu ſchreiben, ſondern ſchreibe Er hübſch Franzöſiſch. Denn die Marie Antoinette wird, ſobald ſie die Grenzen Frankreichs überſchritten hat, eine Franzöſin ſein, und wird franzöſiſch denken und fühlen. Merke Er ſich das wohl.“ An dieſe Stunde, dieſe letzte Muſikſtunde beim Mei⸗ ſter Gluck, dachte Marie Antvinette jetzt, und mit tief⸗ trauriger Seele fragte ſie ſich jetzt, was es ihr geholfen, daß ſie der Lehre ihrer Mutter gefolgt, daß ſie mit ihrem Herzen und ihrer Seele eine Franzöſin geworden?„Sie nennen mich doch immer noch die Deutſche, die Fremde,“ ſeufzte ſie leiſe in ſich hinein,„ich bleibe ihnen immer noch die Oeſterreicherin. Ach, meine theure Mutter, wel⸗ che Röthe der Schaam und des Zornes zugleich würde in Deinem ſtolzen Antlitz aufleuchten, wenn Du ſehen müß⸗ teſt, was Deine Tochter zu leiden hat, wie man ſie de⸗ müthigt und beſchimpft, wie man ihr das Land ihrer Geburt als eine Anklage und einen Schimpf in das An⸗ geſicht ſchleudert; wie man—“ * N 114 Ein grollendes Gemurmel im Publikum weckte die Königin aus ihren Träumen, ſie richtete ſich wieder empor und neigte ſich vorwärts, um zu ſehen, was es gäbe. Ihr Blick, der ſich zuerſt auf die Bühne wandte, ſah da den Sänger Clairval, welcher eben mit ſeiner wundervollen, weichen und zugleich vollen Stimme ſeine große Arie zu ſingen begann, jene Arie, in welcher der Freund die ſchmerzbeladene, weinende Königin Alceſte zu tröſten kommt und die Weinende aufzurichten ſucht mit Verſicherungen der Liebe ihrer Getreuen. Dieſe Worte waren es, welche das Publikum im Parterre murren machte und guf Marat's Antlitz wieder das höhniſche Grinſen der Schadenfreude hervorrief. „Aufgepaßt, Maximilian Robespierre,“ ſagte er, mit den langen Fingern durch das wilde Geſtrüpp ſeiner Haare fahrend,„aufgepaßt, jetzt werden wir abermals ein kleines allerliebſtes Scharmützel des Bürgerkrieges haben, und ich hoffe, es wird diesmal groß genug ſein, um die Oeſterreicherin mit ihrer weinerlichen Zierlichkeit aus dem Hauſe hinaus zu treiben.“ „Warum gönnt ihr der armen Perſon nicht dieſen letzten Genuß,“ flüſterte Robespierre achſelzuckend.„Dieſe Muſik iſt ſo ſchön, und wer weiß, ob es der Frau Lud⸗ 115 wig's des Sechzehnten jemals wieder vergönnt iſt, Muſik zu hören.“ „O ja, ich denke, ſie ſoll eines Tages wieder Mu⸗ ſik hören,“ ſagte Marat höhnend,„die Muſik der Sturm⸗ glocken, welche das Volk von Paris ruft, um zu Gericht zu ſitzen über das Haus Capet und ſeine ganze Sipp⸗ ſchaft.“ Der Sänger Claitval war jetzt in ſeiner Arie bis zu jener berühmten Stelle gekommen, bei welcher Marie Antvinette vor einem halben Jahre einen letzten glänzen⸗ den Triumph gefeiert hatte. Dieſe Stelle hieß: Reine infortunée, ah! que ton eveur Ne soit plus navré de douleur! Il vous reste encore des amis! Aber kaum hatte Clairval die erſte Strophe be⸗ gonnen, als die donnernde Stimme Santerre's rief: „Nichts da! Wir wollen die Arie nicht hören!“ „Nein, wir wollen die Arie nicht hören!“ riefen hundert und aber hundert Stimmen. „Armer Meiſter Gluck,“ murmelte Marie Antoi⸗ nette mit Thränen in den Augen,„weil ſie mich haſſen, wollen ſie ſelbſt Deine Muſik nicht mehr hören.“ „Singt, ſingt!“ ſchrieen hundert und aber hundert andere Stimmen von allen Plätzen des Hauſes. 116 „Nein, ſingt nicht,“ brüllten die Andern;„wir wol⸗ len die Arie nicht hören!“ Und plötzlich, das Geheul und Gebrüll der Strei⸗ tenden übertönend, hörte man eine laute, gellende Stim⸗ me, welche rief:„Ich verbiete dem Sänger Clairval je⸗ mals wieder dieſe Arie zu ſingen. Ich verbiete ihm das im Namen des Volkes!“ Es war Marat, welcher dieſe Worte geſprochen, welcher auf dem Fauteuil der Prinzeſſin von Lamballe ſtehend, die langen Arme hoch erhoben, drohend nach der Bühne ausgeſtreckt, jetzt ſein von Bosheit und wildem Grimm leuchtendes Antlitz nach der Königin hinwandte. Marie Antoinette, welche ganz entſetzt ihr Haupt nach der Richtung hingewandt hatte, von welcher die Stimme ertönte, begegnete mit ihren forſchenden Blicken den Augen Marat's, welche mit einem höhnenden, grim⸗ migen Ausdrück ſie betrachteten. Sie zuckte zuſammen und fuhr wie in tödtlichem Schrecken mit der Hand nach ihrem Herzen.„O mein Gott,“ murmelte ſie,„das iſt kein Menſch, das iſt der Dämon des Böſen, der ſich da erhoben hat auf dem Seſſel meiner lieben, ſanften Lamballe. Ach, der gute Genius iſt verſchwunden, und der Dämon nimmt ſeine Stelle ein, der Dämon, welcher uns Alle verde wird.“ 117 „Es lebe Marat!“ brüllte Santerre mit ſeinen Genoſſen.„Es lebe Marat, der große Volksfreund, der wahre Patriot!“ Und aus allen Logenreihen tönte es wieder:„Es lebe Marat, der große Volksfreund, der wahre Pa⸗ triot!“ Aber Marat, der ſonſt ſo begierig auf jedes geſpen⸗ dete Lob horchte, Marat achtete heute kaum auf dies be⸗ geiſterte Rufen. Er ſprang von dem Fauteuil nieder, und indem er ſich in denſelben ausſtreckte, legte er ſeine Hand auf Robespierre's Arm. „Freund,“ ſagte er,„die Oeſterreicherin hat mich geſehen, und ich wette, ſie wird mein Geſicht nicht wieder vergeſſen. Ich ſah, wie ſie zuſammenzuckte in tödtlichem Schrecken, denn ihr Gewiſſen ſagte ihr, daß ſie da einen Feind ſehe, der den Willen habe, ſie zu ſtrafen für ihre Verbrechen, und der es ſicherlich eines Tages auch thun wird.“ „An dem Tage werde ich an Deiner Seite ſein,“ entgegnete Robespierre,„und wir werden dann nicht bloß die Königin zur Rechenſchaft ziehen, ſondern alle Schuldigen, Alle, die geſündigt haben.“ „Ah, ſprichſt Du jetzt auch ſo, mein ſanfter Maxi⸗ milian?“ fragte Marat höhniſch.„Seht einmal, der n des Geſetzes und der Ordnung, der feine, der 118 ſanftmüthige Robespierre, der ſein Richteramt in Arras aufgegeben hat, weil er ſich nicht entſchließen konnte, über einen der Schuld überführten Mörder das Todesurtheil auszuſprechen*), der ſagt jetzt, was Marat ſchon lange geſagt hat: man muß die Schuldigen zur Rechenſchaft ziehen und beſtrafen. Und wer ſind denn die Schuldigen, die Verbrecher? Wer anders als die Ariſtokraten! Denn das Volk kann niemals ſchuldig ſein, das Volk kann niemals Verbrechen begehen, denn ſein Wille, das iſt die Stimme Gottes und das Geſetz, und was das Volk thut, iſt daher immer gut, denn es iſt der Ausfluß des Ge⸗ ſetzes, und was geſetzlich iſt, kann niemals verbrecheriſch ſein. Nein, nur die Ariſtokraten ſind die Verbrecher, denn ſie wollen etwas Anderes als das Volk, für ſie iſt nicht der Wille des Volkes das Geſetz, ſondern der Wille Lud⸗ wig's des Sechzehnten, der Wille der Oeſterreicherin. Und darum forderte ich ſchon vor fünfzehn Monaten in meinem Journal ami du peuple die Beſtrafung der Schuldigen, darum ſagte ich: man ſolle im Garten der Tuilerien achthundert Bäume in achthundert Galgen ver⸗ wandeln, und an jedem derſelben drei Ariſtokraten und einen Deputirten, vor Allem aber den Verräther, den *) Siehe: Maximilian Robespierre. Hiſtoriſcher Roman von Theodor Mundt. Bd. I. 6 119 Mirabeau aufhängen laſſen. Und um dieſes Wortes willen hat man mich verfolgt, hat der elende Stadtrath einen Verhaftsbefehl gegen mich geſchleudert, und damit ich der Verhaftung entgehen möchte, habe ich fünfzehn Monate als Kellerratte leben müſſen. Und jetzt wieder⸗ holt Maximilian Robespierre, der Mann der geſetzlichen Ordnung, meine Worte, und ſpricht gelaſſen aus, was man mir zum Verbrechen angerechnet hat! Aber freilich, es iſt jetzt eine andere Zeit, und er kann jetzt ſchon un⸗ geſtraft ſagen, was man vor einem Jahre noch als ein Verbrechen betrachtete.“ „Daraus folgt, daß man niemals etwas zu früh, ſondern Alles zur rechten Zeit ſagen muß,“ entgegnete Robespierre mit einem ſeltſamen Lächeln.„Ich warte bei allen Dingen immer auf den rechten Moment, und ſo, wenn der rechte Moment gekommen iſt, werde ich auch das Todesurtheil ausſprechen über alle die Schuldigen und Verbrecher, die jetzt noch immerhin ſündigen mögen, denn die Frucht ihrer Sünde iſt noch nicht reif zum Ab⸗ fallen. Warten wir es alſo ab, Marat, und hören wir jetzt ein wenig auf die Muſik.“ „Höre nur, Robespierre, höre,“ ſagte Marat triumphirend,„ſie ſingen den folgenden Chor; Clairval hat nicht den Muth gehabt meinem Befehl zu trotzen. Er hat ſeine Arie nicht weiter geſungen, und er ſoll ſie niemals wieder ſingen!“ 120 In der That, Clairval war mitten in ſeiner Arie verſtummt, bleich, verwirrt, bebend vor tödtlichem Schrecken war er zurückgetreten, und der Dirigent hatte mit leiſe geflüſtertem Befehl dem Orcheſter und den Sängern die Weiſung gegeben, die folgende Nummer zu beginnen. Die Oper nahm alſo ihren Fortgang, und wieder ſchien das Publikum einige Scenen lang der Muſik und dem Genuß des Hörens ſich hinzugeben. Aber bald in einer der folgenden Scenen ſollte dieſe kurze Ruhe wieder geſtört werden. Die Sängerin, Ma⸗ dame Dugazon, eine eifrige Royaliſtin, wollte der Königin einen kleinen Triumph bereiten, ſie wollte ihr zeigen, daß, wenn auch Clairval hatte verſtummen müſſen, den⸗ noch die Liebe und Verehrung Dugazon noch lebe und bereit ſei, ſich ihr zu verkünden. Von Alceſte, ihrer Herrin ſingend, hatte die Du⸗ gazon, in ihrer Rolle als Dienerin der Alceſte, die Worte zu ſingen: Ah, comme j'aime la reine, comme j'aime ma maitresse! Sie trat bis dicht an die Lampen vor, und die Blicke der königlichen Loge zugewandt, ſich tief und ehr⸗ furchtsvoll verneigend, ſang die Dugazon jetzt die Worte: „Comme j'aime la reine, comme j'aime ma mai- tresse. 121 Und nun, als ſei dies das Stichwort des beginnen⸗ den Kampfes geweſen, brach ein furchtbarer Lärm, ein raſendes Toben im ganzen Hauſe los. Anfangs hörte man nichts als verworrenes Geſchrei, als lautes Toben, als Ziſchen und Applaudiren im wüſten Durcheinander. Zuweilen nur übertönten einzelne Stimmen das ent⸗ ſetzliche Chaos. „Wir wollen keine Königin!“ riefen die Einen. „Wir wollen keine Herrin,“ brüllten die Andern, und dazwiſchen hörte man den begeiſterten Ruf:„Es lebe die Königin! Es lebe unſere Herrin!“ „Hei,“ rief Marat vor Freuden ſeine kleine knö⸗ cherne Geſtalt in entſetzliche Verrenkungen hin und her windend,„hei, iſt das ein Höllenjubel. Meiſter Satan ſelber muß ſeine Luſt daran haben. Nun, was ſagſt Du jetzt, Marimilian Robespierre, war es wirklich nur die Königin, welche da in die Loge eintrat? oder hatte ich nicht Recht, war es nicht der Bürgerkrieg, der ſich hinter die Larve der Oeſterreicherin verſteckt hat? Nun, Maxi⸗ milian, höre nur, wie das liebe Volk brüllt: Nieder mit der Königin! Wir wollen keine Königin, keine Herrin! Höre nur, wie das Otterngezüchte, die Rohaliſten ſchreien: Ich liebe die Königin! Ich liebe meine Herrin! Zetzt ſage mir einmal, Mann des Geſetzes; iſt das nicht der Bürgerkrieg?“ 1860. IXIII. Kaiſer Leopold der Zweite. II. 8 „Ja, es iſt der Bürgerkrieg, Marat,“ ſagte Robes⸗ pierre feierlich,„und das Geſchrei da drunten iſt das Gekrächze der Raben, welche wittern, daß es in Frank⸗ reich bald viele Leichen geben wird.“ Immer entſetzlicher, immer wilder ward das Ge⸗ ſchrei der kämpfenden Parteien, ſchon ſah man die wuthentflammten Geſichter der Streitenden ſich gegen⸗ einander kehren, ſchon ſah man hier und da eine geballte Fauſt ſich erheben, um den ſchreienden Nachbar der Ge⸗ genpartei mit Gewalt zum Schweigen zu bringen. Die Königin, an allen Gliedern zitternd, hatte ihr Haupt halb ohnmächtig auf ihre Bruſt geſenkt, um Nie⸗ mand die Thränen ſehen zu laſſen, welche aus ihren Augen über ihre todesbleichen Wangen niederrannen. „O mein Gott, mein Gott,“ flüſterte ſie,„wir ſind verloren, rettungslos verloren, denn nicht bloß unſere Feinde ſchaden uns und führen uns in's Verderben, ſondern mehr noch unſere Freunde. Warum mußte dieſe Frau ſich an mich wenden, zu mir ihre Worte ſingen! Sie wollte mir einen Triumph bereiten, und ſie hat mir doch nur Schmach und Demüthigung bereitet!“ Plötzlich zuckte Marie Antoinette zuſammen und erhob ihr Haupt. Sie hatte wieder dieſe ſcharfe, höhnende Stimme gehört, welche vorhin ſchon ihr Herz wie ein ſchneidendes Schwert verwundet hatte, die Stimme„dieſes 123 böſen Dämons, der jetzt ſtatt des guten Genius auf dem Lehnſeſſel der Prinzeſſin Lamballe ſaß“. Dieſe Stimme rief:„Das Volk von Paris hat Recht! Wir wollen keine Königin, und vor allen Dingen keine Herrin, denn nur Sklaven erkennen Herren über ſich an. Wenn die Dugazon noch einmal zu ſingen wagt: „Ich liebe meine Königin, meine Herrin,“ ſo wird man ſie ſtrafen, wie man die Sklaven zu ſtrafen pflegt, das heißt, man wird ſie auspeitſchen.“ „Bravo, Marat, bravo,“ heulte Santerre mit ſeiner wilden Rotte.„Bravo, Marat, bravo,“ ſchrieen ſeine Freunde in den Logen;„ja, man wird ſie aus⸗ peitſchen!“ Marat nickte nach allen Seiten hin, und jetzt wandte er ſeine vor hämiſcher Bosheit leuchtenden Augen wiederum nach der königlichen Loge hin und erhob dro⸗ hend ſeine geballten Fäuſte gegen ſie. „Aber man wird nicht allein die Sängerin aus⸗ peitſchen,“ rief er mit noch erhöhter, noch ſchärfer⸗gellen⸗ der Stimme,„nein, man wird nicht allein die Sängerin auspeitſchen, ſondern größere Strafe noch haben Die⸗ jenigen verdient, welche zu ſolchen Dingen aufreizen. Wenn die Oeſterreicherin noch einmal daher kommt, um hier mit einem Märthrer⸗Angeſicht den mitleidigen Seelen die Köpfe zu verdrehen, wenn ſie ſich einfallen 8* 124 läßt, uns mit ihren Thränen und ihrem Geſicht beſtechen zu wollen, ſo werden wir ſie bedienen, wie ſie es ver⸗ dient, ſo werden wir mit der Peitſche in ihre Loge gehen und—“*) Die Königin fuhr aus ihrem Lehnſtuhl empor wie eine gereizte Löwin und trat bis dicht an die Brüſtung der Loge. Hochaufgerichtet, mit flammenden Zornes⸗ blitzen, mit hoch gerötheten Wangen ſtand ſie da, die echte Tochter der Cäſaren, die muthvolle Tochter Marie Thereſiens, und ſchon hatte ſie die Lippen geöffnet, um zu ſprechen, um mit ihrem Zorn den Verbrecher zu ſtrafen, als eine andere Stimme ertönte und Marat Ant⸗ wort gab. Dieſe Stimme rief:„Schweig, Marat, ſchweig. Wer ein Weib, ſei ſie eine Königin oder Bettlerin, zu ſchmähen und zu beleidigen wagt, der entehrt ſich ſelber, der entehrt ſeine Mutter, ſeine Gattin, ſeine Tochter. Ich rufe Euch Alle, ich rufe das ganze Publikum zum Beiſtand an gegen ein wehrloſes Weib, das Marat tödtlich zu beleidigen wagt. Ihr Alle habt Mütter, habt Gattinen oder Bräute, und werdet einſt Töchter haben. Vertheidigt die Ehre des Weibes! Duldet es nicht, daß man es in Eurer Gegenwart beſchimpft. Marat hat ein *) Goncourt: Histoire de Marie Antoinette. S. 265. 125 Weib beleidigt, wir ſind ihr Genugthuung ſchuldig. Stimmt mit mir ein in den Ruf: Es lebe die Königin! Es lebe Marie Antvinette!“ Und das Publikum, hingeriſſen von der Begeiſterung dieſes jungen, ſchönen Mannes, der da oben in der Loge ſich erhoben hatte und deſſen ſchlanke ſtolze Geſtalt alle Andern überragte, das Publikum brach in den einſtim⸗ migen, begeiſterten Jubelruf aus:„Es lebe die Königin! Es lebe Marie Antoinette!“ Marat, bebend vor Wuth, das Angeſicht von einer grünlichen Bläſſe überzogen, ſank in ſeinen Stuhl zurück. „Ich wußte es wohl, daß Barnave ein Verbrecher iſt,“ murmelte er;„ich werde dieſes Moments gedenken, und Barnave ſoll mir eines Tags mit ſeinem Kopf dafür büßen!“ „Barnave, es iſt Barnave,“ flüſterte die Königin in ſich hinein;„er hat mich abermals aus großer Gefahr errettet, denn ich war im Begriff mich von meinem Zorn hinreißen zu laſſen und dem Ungeheuer da drüben zu antworten, wie er es verdient.“ „Es lebe die Königin, es lebe Marie Antvinette!“ rief und jubelte das Publikum. Marie Antoinette neigte ſich vorwärts und grüßte nach allen Seiten hin das Publikum mit einem traurigen Lächeln. Aber nicht Einen Blick wandte ſie hinüber nach 126 der Loge, in welcher Barnave ſaß, nicht ein Lächeln dankte ihm für den geleiſteten Dienſt; denn die Königin wußte ſchon, daß ihre Gunſt denen, welchen ſie zu Theil ward, nur Unglück brächte, daß der, welchem ſie ein Lächeln ſchenkte, von dem Volk geächtet werde. Das Publikum rief noch immer jubelnd ihren Namen, aber die Königin fühlte ſich erſchöpft, todes⸗ matt, und von der Brüſtung der Loge zurücktretend winkte ſie ihrer Hofdame. „Kommen Sie,“ flüſterte ſie,„laſſen Sie uns ge⸗ hen, während das Publikum noch ruft: Es lebe Marie Antvinette! Wer weiß, ob ſie nicht nach einer Minute ſchon Alle wieder rufen: Fort mit der Königin! Wir wollen keine Königin!— Es thut meinem Ohr ſo weh, das zu hören, laſſen Sie uns alſo gehen!“ Und während das Publikum noch jubelte, verließ Marie Antvinette die Loge und trat hinaus auf den Cor⸗ ridor, gefolgt von Fräulein von Buquoh und den beiden wachehabenden Offizieren der Nationalgarde. Aber der Corridor, welchen die Königin zu paſſiren hatte, die Treppe, welche ſie hinunter ſchreiten mußte, um zu ihrem Wagen zu gelangen, beide waren heute von einer zahlreichen, dichtgedrängten Menge eingenommen. Mit Sturmesſchnelle hatte ſich die doppelte Kunde durch Paris verbreitet: die Königin werde heute Abend die 127 Oper beſuchen, und es werde ſich etwas Außerordentliches während ihrer Anweſenheit begeben. Die Royaliſten waren daher herbeigeeilt, um die Königin zu begrüßen, um wenigſtens auf ihrem Wege ſie anſchauen zu können; die Neugierigen, die Müßigen, die feindlich Geſinnten waren gekommen, um zu ſehen, was es geben werde, und zu ſchreien, was die Mehrheit ſchreien werde. Das große Opernhaus hatte daher nicht die Hälfte Derjenigen, welche heute der Vorſtellung bei⸗ wohnen wollten, in ſeinen innern Räumen aufnehmen können, und alle die Zurückgewieſenen hatten ſich daher auf der Treppe und dem Corridor aufgeſtellt, oder vor der Ausgangsthür Poſto gefaßt. Und es war natürlich, daß Diejenigen, welche vor der Thür ſtanden, durch ihr bloßes Daſein die Neugierde der Vorübergehenden erreg⸗ ten, daß auch dieſe ſtehen blieben, um zu ſehen, was es gäbe, daß auch ſie vorwärts drängten nach der Treppe hin, um Alles zu ſehen, Alles zu hören. Aber der Bürgerkrieg, welcher im Innern des Saals gewüthet, ſetzte auch ſeine Kämpfe da außen fort. Die⸗ ſelben Rufe, welche da drinnen erſchallt waren, ertönten auch auf dem Wege der Königin. Nur langſam konnte ſie vorwärts ſchreiten, immer dichter drängte die Menge ſich an ſie heran, immer lauter, immer gewaltiger umtobten Marie Antoinette die verſchiedenen Schlachtrufe der 128 Parteien:„Es lebe die Königin! Es lebe die National⸗ Verſammlung! Nieder mit der Königin!“ Marie Antvinette ſchien weder den einen noch den andern dieſer Rufe zu hören. Stolz gehobenen Hauptes, mit ruhiger ernſter Miene ſchritt ſie vorwärts, unbeküm⸗ mert um das Gedränge, welches der eine der ſie geleiten⸗ den Nationalgardiſten jetzt nur noch mit Gewalt, mit Drohungen öffnen konnte, um der Königin einen Durch⸗ gang zu verſchaffen. Jetzt war ſie bis zur Treppe gelangt. Hier ſtanden die Menſchen in noch dichteren Schaaren aneinander ge⸗ drängt, und Stufe nach Stufe mußte von dem vorſchrei⸗ tenden Offizier ein kleiner Durchgang erkämpft werden, und immer ſtürmiſcher, immer wüthender drängte die Menge ſich an die Königin heran. Marie Antoinette be⸗ wahrte noch immer ihre ruhige, furchtloſe Miene, ſie gab ſich noch immer den Anſchein, als ob ſie gar nicht ſehe, gar nicht höre, was um ſie her vorging. Aber plötzlich fühlte ſie ihre Hand leiſe berührt und eine Stimme flü⸗ ſterte ganz nahe an ihr Ohr:„Um Gotteswillen, Köni⸗ gin, ich muß Sie ſprechen. Ich habe Ihnen Wichtiges zu ſagen. Geben Sie mir die Gelegenheit an, wo ich Ew. Majeſtät ſehen kann. Ich bin Thugut; ſehen Sie mich nicht an, aber ſtrecken Sie die Hand aus und nehmen Sie den Brief, den ich Ihnen vom Kaiſer Leopold zu 129 übergeben habe. Ich werde bis zum Wagen an Ihrer Seite gehen.“ Und jetzt auf einmal hob ſich dieſe flüſternde Stim⸗ me zu lautem Gebrüll und rief dicht an der Seite der Königin:„Es lebe die National⸗Verſammlung! Es lebe Marat!“ Marie Antoinette wandte langſam ihr Haupt zu dem Schreier hin. Ja, es war Thugut, im ärmlichen, be⸗ ſchmutzten Anzug eines Mannes aus dem Volke, Thu⸗ gut, die rothe Jacobinermütze auf dem Kopf. Die Königin indeſſen gab ſich den Anſchein ihn nicht erkannt zu haben, und ſchritt vorwärts, aber Nie⸗ mand ſah es, wie ſie leiſe ihre Hand niedergleiten ließ, wie Thugut ſich plötzlich an ſie drängte und ein Papier in ihre Hand gleiten ließ. Niemand ſah, wie die Königin langſam und vor⸗ ſichtig ihre Hand wieder emporhob, und indem ſie den Shawls feſter um ihre Schultern zog, das Papier in ihren Buſen ſchob. Die Menge brüllte und ſchrie immerfort, ſie drängte bei jedem Schritt vorwärts ſich dichter zuſammen, ſie ſchrie immer lauter, energiſcher die Stichworte der Parteien. Jetzt hatte die Königin die letzte Stufe der Treppe zurückgelegt und trat gleich darauf in das Veſtibule des 130 Hauſes ein. Hier war das Gedränge noch größer, den die Menge, welche auf der Treppe und dem Corridor geſtanden, war mit der Königin hinunter gegangen, und Diejenigen, welche auf der Straße geſtanden, waren un⸗ geſtüm in das Haus eingedrungen. Als dieſe Letztern, welche ſo lange geduldig auf das Erſcheinen der Königin geharrt, jetzt die edle, ſtolze Ge⸗ ſtalt der Königin daher ſchreiten ſahen, als ſie ihr ſchönes bleiches Antlitz erblickten, das trotz der Schreckniſſe, wel⸗ che ſie umgaben, dennoch ruhig, gelaſſen und würdevoll geblieben, da erhob ſich wie aus einem Munde der Ruf: „Es lebe die Königin, es lebe Marie Antvinette!“ „Es lebe die National⸗Verſammlung, es lebe das Volk!“ heulten und brüllten hundert andere Stimmen. Marie Antvinette, unbeirrt von dieſem Toben und Schreien, wandte ihr Haupt ein wenig zur Seite. Sie ſah Thugut noch immer nahe bei ſich, die Augen unver⸗ wandt auf ſie gerichtet, während er lauter als alle Andern brüllte:„Es lebe die National⸗Verſammlung! Es lebe das Volk!“— Mit einem leiſen Wink ihrer Augenlider rief ſie ihn noch näher zu ſich heran, dann auf einmal ſchien ſie zu ſtraucheln und faßte, gleichſam um ſich aufrecht zu halten, Thugut's Arm. Er fühlte, wie ſie ihm etwas in die Hand ſchob, während ſie zugleich flüſterte:„Geben Sie 131 das an Barnave. Sagen Sie ihm, er ſoll Sie zu mir führen. Barnave allein vermag es!“ Die Königin richtete ſich wieder empor und ſchritt vorwärts. Und endlich war der ſchwere Leidensgang be⸗ endet, endlich hatte ſie ihren Wagen erreicht, und konnte ausruhen auf ſeinen Polſtern, und konnte ſich unbewacht von Späherblicken ihrem Schmerz, ihren Thränen hin⸗ geben. Aber ach, auch dieſer Troſt dauerte nur kurze Zeit! Der Wagen hielt ſchon wieder an, die Tuilerien, dieſes traurige, ſchweigſame Gefängniß der Königsfamilie war ſchon erreicht, und Marie Antvinette trocknete ſchnell ihre Thränen und zwang ſich ruhig zu ſcheinen. „Weinen Sie nicht mehr, Buquoy,“ flüſterte ſie; „wir wollen unſern Feinden nicht den Triumph gönnen, daß ſie uns Thränen erpreßt haben. Suchen Sie heiter zu ſein und erzählen Sie Niemanden von der Schmach des heutigen Abends!“ Der Wagenſchlag ward geöffnet, die Königin ſtieg aus, und umgeben von Nationalgarden und Offizieren kehrte ſie in ihre Gemächer zurück. Niemand hieß ſie in den Gemächern willkommen, Niemand empfing ſie, wie es einer Königin geziemt. Nur einige der Hofbeamten ſtanden in dem Vorſaal, aber Marie Antvinette hatte keinen Blick für ſie. Man hatte ſie, welche jetzt eine conſtitutionelle Königin darſtellen 132 ſollte, genöthigt, ihre treuen Diener und Hausbeamte zu entlaſſen, man hatte ihren Haushalt erneuert, und ſie wußte wohl, daß dieſe neuen Diener und Hausbeamten ebenſo viel Feinde ihrer Perſon, ebenſo viel Anhänger und Späher der National⸗Verſammlung waren. Die Königin ſchritt daher ohne Gruß an ihnen vorüber, und trat in ihr Wohnzimmer ein. Aber auch hier war ſie nicht allein. Die Thür des Vorſaals blieb geöffnet, und dort ſaß der Offizier der Nationalgarde, deſſen Aufgabe es heute war, ſie zu be⸗ wachen. Marie Antvinette hatte nicht einmal mehr das Recht, allein zu ſein mit ihrem Schmerz, auch nicht ein⸗ mal mehr das Recht, allein zu ſein mit ihrem Gemahl. Der kleine Corridor, welcher von den Zimmern der Kö⸗ nigin in die Gemächer des Königs führte, war immer geſchloſſen und eine Wache ſtand auf demſelben. Dieſe Wache trat, wenn der König zu ſeiner Gemahlin kam, mit ihm ein, und blieb, jedes Wort, welches die Gatten mit einander ſprachen, belauſchend, an der Thür ſtehen, bis der König ſich wieder entfernte. Auf dieſe Weiſe hatte man die beiden Eingänge zu dem Apartement der Köni⸗ gin immer bewacht, denn vor dem einen Eingang ſaß der dienſthabende Offizier der National⸗Verſammlung 133 und vor der Thür des andern ſtand ein Nationalgar⸗ diſt als Wache. Mit einem tiefen Seufzer trat die Königin jetzt in ihr Schlafzimmer ein. Der Offizier ſaß ſchon vor der offenen Thür des anſtoßenden Saales und blickte mit ernſter, kalter Miene in das Zimmer hinein. Einen Mo⸗ ment flog ein Ausdruck des Unwillens über das Antlitz der Königin hin, und ihre Lippen zuckten, als wollte ſie ein zorniges Wort ſprechen. Aber ſie unterdrückte es und trat hinter den großen Schrein, um ſich von ihren bei⸗ den Kammerfrauen entkleiden zu laſſen und ihr Negligee anzulegen. Dann entließ ſie die Frauen, und wieder hinter dem Schirm hervortretend, ſagte ſie laut genug, um von dem Offizier verſtanden zu werden:„Ich bin müde. Ich will ſchlafen gehen!“ Sofort erhob ſich der Offizier, und ſich an zwei Nationalgardiſten wendend, welche an der Thür des Vor⸗ ſaales ſtanden, ſagte er:„Die Königin begibt ſich zu Bett. Die Wache auf dem ſchwarzen Eorridor kann alſo abziehen. Die Nativnal⸗Verſammlung hat befohlen der Nationalgarde den Dienſt zu erleichtern und jede un⸗ nöthige Wache einzuziehen. So lange die Königin in ihrem Bette liegt, genügen meine zwei Augen, um ſie zu bewachen, und ſie werden ſie bei Gott gut bewachen.“ 134 Die Soldaten verließen den Vorſaal, und der Offizier ſchritt wieder nach dem Eingang des Schlafzim⸗ mers hin. Aber er nahm nicht auf dem Fauteuil vor demſelben Platz, ſondern ſchritt gerade hinein in das Zimmer der Königin. Marie Antvinette erbebte und ſtreckte den Arm aus nach der Klingel, die neben ihr auf dem Tiſche ſtand. „Still, um Gotteswillen ſtill,“ flüſterte der Offi⸗ zier.„Machen Ew. Majeſtät kein Geräuſch. Nehmen Sie dies Papier und leſen Sie.“ Und vor der Königin niederknieend reichte er ihr ein kleines zuſammengefaltetes Papier dar. Die Königin nahm es und entfaltete es raſch. Es enthielt nur folgende Worte:„Ew. Majeſtät können dem Ueberbringer Vertrauen ſchenken. Es iſt der Schauſpieler Saint⸗Prix. Er iſt Ew. Majeſtät ganz ergeben. Bar⸗ nave.“ „Wieder Barnave,“ flüſterte die Königin gerührt; „alles Gute kommt mir jetzt durch ihn!“ Dann wandte ſie mit einem ſanften Lächeln den Blick auf den Offizier hin, der noch immer vor ihr knieete und ihr inmitten ihrer Erniedrigung und ihres Unglücks die Huldigung der Majeſtät darbrachte. „Stehen Sie auf, mein Herr,“ ſagte ſie milde; „das Königthum liegt im Staube, und meine Krone iſt 135 ſo ſehr zerſchmettert, daß es nicht mehr der Mühe lohnt vor ihr zu knieen.“ „Madame, ich ſehe zwei Kronen auf Ihrem edlen Haupte,“ flüſterte der Offizier,„die Krone der Königin und die Krone des Unglücks. Dieſen beiden Kronen weihe ich meinen Dienſt und meine Treue, und bin bereit in dieſem Dienſt zu ſterben. Ich vermag freilich nur wenig für Ew. Majeſtät zu thun, aber dieſes Wenige werde ich getreulich thun. Ich habe es, Dank meinem wüthenden Königshaß, meinem raſenden Jacobinerthum dahin ge⸗ bracht, daß man mich auf die Liſte der wachehaltenden Offiziere geſtellt hat, und werde daher alle Woche ein⸗ mal die Wache vor dem Schlafzimmer Eurer Majeſtät haben.“ „Und ſie wollen mir den Dienſt erzeigen, Ihren Lehnſtuhl ſo zu ſetzen, daß ich Sie nicht ſehe, daß ich während der Nacht nicht ewig gequält werde von dem Gefühl, bewacht zu werden?“ fragte die Königin mit bittendem Ton. „Nein, Majeſtät,“ ſagte Saint⸗Prir gerührt. ch werde auf meinem Lehnſtuhl bleiben, aber Ew. Majeſtät werden vielleicht nicht in Ihrem Bett ſein, Ew. Majeſtät werden es vielleicht vorziehen, die Nacht zum Tage zu machen und auf zu bleiben, da Sie in dieſer Nacht ungeſtört ſein können.“ 136 „Was wollen Sie damit ſagen?“ fragte Marie Antvinette freudig. „Ich will damit ſagen, daß Ew. Majeſtät den König während des Tages, wie ich weiß, niemals ohne Zeugen ſprechen können, daß Ew. Majeſtät daher, wenn Sie vertraulich mit Sr. Majeſtät ſprechen wollen, die Nacht zu Hilfe nehmen müſſen. Ew. Majeſtät haben ge⸗ hört, daß die Wache während der Nacht von dem Corri⸗ dor zurückgezogen iſt, und es ſteht Ew. Majeſtät frei, Ihr Gemach zu verlaſſen und ſich in die Zimmer des Königs zu begeben.“ Ein Strahl der Freude flog über das Antlitz der Königin hin.„Ich danke Ihnen, mein Herr,“ ſagte ſie leiſe,„ich danke Ihnen heute als Frau, vielleicht werde ich noch einmal wieder danken können als Königin. Ich nehme Ihr großmüthiges Anerbieten an; ja, ich mache die Nacht zum Tage, und Dank Ihnen werde ich einige Stunden ungeſtörten Zuſammenſeins mit meinem Ge⸗ mahl, mit meinen Kindern haben können. Und Sie ſagen, daß Sie öfter hier ſein werden?“ „Ja, Majeſtät, ich werde alle Woche einmal zu den Befehlen Eurer Majeſtät ſtehen.“ „O, ich bin es nicht mehr gewohnt, zu befehlen,“ ſagte Marie Antoinette ſchmerzlich.„Sie ſehen es wohl, die Königin von Frankreich iſt machtlos; aber ſie iſt nicht 137 ganz unglücklich, denn noch ſind ihr Freunde geblieben, deren Treue das Unglück überdauert und ſich bewährt in der Stunde der Trübſal. Ich werde Sie fortan zu dieſen Freunden zählen, mein Herr!“ Sie neigte leiſe grüßend ihr Haupt, und ſchritt dann zu der Thür des Corridors hin, welcher zu den Ge⸗ mächern des Königs führte. Sechstes Cagitel. Barnave. „Gehen Sie zu Barnave, geben Sie ihm dies. Er ſoll Sie zu mir führen, denn er allein vermag es.“ Das waren die Worte geweſen, welche Marie Antvinette dem Baron Thugut zugeflüſtert hatte, indem ſie ihm leiſe einen Ring in die Hand gedrückt hatte. Baron Thugut alſo, treu der Weiſung der Königin, ſchickte ſich an, in der Frühe des nächſten Morgens den berühmten Deputirten aufzuſuchen, den Liebling nicht allein des Pariſer Volkes, ſondern auch der Pariſer Damen. Er legte zu dieſem Zweck wieder ſein Coſtüm des geſtrigen Tages an und drückte mit einem ungeſtümen 1860. XXIII. Kaiſer Leopold der Zweite. II. 9 138 Fluch die verhaßte Jacobinermütze wieder auf ſein graues Haar. Dann trat er zum Spiegel hin, um zu ſehen, ob Alles in Ordnung ſei an ſeiner Toilette, und brach bei ſeinem eigenen Anblick in ein lautes, ſpöttiſches Ge⸗ lächter aus. „Abſcheulicher Mummenſchanz,“ ſagte er, mit der geballten Fauſt ſeinem eigenen Bilde drohend.„Ich würde den Kerl da niederhauen, wenn ich es thun könnte, ohne mich ſelbſt dabei zu Boden zu ſchlagen, ich würde ihn vor aller Welt mit Freuden beſchimpfen und her⸗ ausfordern, wenn er mir nur Rechenſchaft zu geben ver⸗ möchte. Aber ich muß dieſes wahnſinnige Irrbild, dieſen tollen Jacobiner mit mir herumführen, und muß es dulden, daß er aus mir Worte herausſchreit, die ich ihm in der Kehle erſticken möchte, wenn dieſe Kehle nicht unglücklicher Weiſe meine eigene Kehle wäre. Als Schauſpieler wider Willen ſpiele ich eine Rolle, die mich anwidert, und die ich doch trachten muß möglichſt gut zu ſpielen, wenn ich nicht ganz und gar Fiasco machen will. Ich habe geſchworen alle Mittel anzuwenden, um die Königin zu retten, und ich muß trachten, meinen Schwur zu erfüllen. Alſo ſehen wir zu, was ſich mit dem Monſieur Barnave anſpinnen läßt. Mirabeau iſt todt, jetzt wollen wir es mit Barnave, dem andern großen 139 Volkshelden verſuchen. Nun, er wird wohl auch für öſterreichiſche Ducaten ſo empfünglich ſein, wie es der ſo⸗ genannte Graf Mirabeau war.“ Und indem er einige Rollen Ducaten und eine mit Werthpapieren gefüllte Brieftaſche in ſeine Bruſt ſteckte, brummte Thugut:„Erbärmliches Geſindel, dieſe Freiheits⸗ helden. Sobald man ihnen Geld zeigt, ſchrumpfen ihre Freiheitsideen zuſammen, wie der Satanas, wenn man ihm das Crueifix zeigt, und ſie winden ſich am Boden und beten an, und widerrufen, was ſie geſtern noch mit Begeiſterung geſprochen. Für eine Million iſt jede Men⸗ ſchenſeele käuflich, und die meiſten thun es noch billiger. Mirabeau ſollte eine Million haben, wenn er den König errette; aber der Teufel war neidiſch und holte das Un⸗ geheuer, damit es ihm nicht gelinge durch die Rettung des Königs ſeine Schuld zu fühnen. Die Million iſt alſo wieder vacant. Sehen wir zu, was der Monſieur Bar⸗ nave vermag.“— Barnave war allein in ſeinem Zimmer. Er ſaß vor einem mit Büchern und Schriften bedeckten Tiſch und hielt die Feder in der Hand, als ſei er eben im Begriff zu ſchreiben. Aber ſein Antlitz war nicht dem Papier zugewandt; ſein Haupt zurückgeworfen an die Lehne des Seſſels, ſtarrte er empor in das Leere, ſein ſchönes Angeſicht verdüſterte ſich mehr und mehr, und 9* 140 ſeine großen ſchwarzen Augen glühten in einem ſchwär⸗ meriſchen Feuer. „Sie und immer ſie,“ murmelte er jetzt mit be⸗ benden Lippen.„Wohin ich blicke, ſehe ich ihr Bild; es ſtört mich in meinen Arbeiten, es ſtört mich in meinen Träumen, es entfremdet mich mir ſelbſt und bringt mich in Zwieſpalt mit mir ſelbſt. Und dennoch liebe ich es, dennoch bete ich es an, und bin bereit meine ganze Ver⸗ gangenheit zu verleugnen, alle meine Thaten, meine Re⸗ den als Irrthümer anzuklagen, und ein Renegat zu wer⸗ den, der ſeinen Glauben abſchwört, und die Götzenbilder, die er einſt vernichten und verbrennen wollte, anbetet und verehrt. O, daß es dahin mit mir kommen mußte, daß ich, der ich mich einſt der Apoſtel der Freiheit dünkte, jetzt nichts bin als der Sclave meiner eigenen Thorheit, meiner eigenen Schwäche.“ Mit einer verzweiflungsvollen Gebärde ſchlug er ſeine Hände vor ſein Angeſicht, und tiefes Stöhnen drang aus ſeiner Bruſt hervor. Aber dies dauerte nur kurze Zeit. Dann ließ er die Hände wieder niedergleiten und warf ſtolz ſein Haupt zurück, als wolle er die Laſt der Schmerzen, welche es bedrückte, von ſich abſchütteln. „Es ſei,“ murmelte er leiſe;„ich liebe ſie, ich bete ſie an, und ich will mein Schickſal annehmen wie ein 141 Mann. Wenn ein Mann wahrhaft liebt, vertheidigt er ſeine Liebe bis auf den letzten Tropfen ſeines Blutes, und ſo will ich Marie Antvinette vertheidigen, will meine ganze Vergangenheit hinter mich werfen, will nur leben ihrem Dienſt, will—“ Sein Diener öffnete die Thür und meldete, daß Jemand da ſei, der ihn zu ſprechen begehre. „Wer iſt es?“ fragte Barnave aufathmend. „Ich kenne ihn nicht,“ erwiderte der Diener. „Wahrſcheinlich ein Mitglied aus dem Clubb der Ja⸗ cobiner, denn er trägt die rothe Mütze, und vielleicht will er eine Unterſtützung beanſpruchen, wenigſtens iſt er ziem⸗ lich ärmlich angezogen.“ „Laß ihn eintreten,“ gebot Barnave, und er erhob ſich von ſeinem Sitz, um dem Fremden entgegen zu gehen. Der Mann, welcher jetzt zu ihm eintrat, war aller⸗ dings ärmlich genug gekleidet, um ihn für einen Hilfs⸗ bedürftigen halten zu können. Aher der trotzige, ent⸗ ſchloſſene Ausdruck ſeiner Mienen widerſprach ſeinem ärmlichen Ausſehen, und die ganze Haltung ſeiner kleinen gedrungenen Geſtalt hatte etwas Freies, Leichtes und Vornehmes, das dem aufmerkſamen Auge Barnave's nicht entging. „Irgend ein verkleideter Ariſtokrat, der meiner 142 Protection bedarf,“ ſagte Barnave zu ſich ſelber, indem er den Fremden aufforderte ſich zu ſetzen und ihm ge⸗ genüber Platz nahm. „Zetzt ſprechen Sie, mein Herr, womit kann ich Ihnen dienen?“ „Damit, daß Sie ſich von mir anſehen laſſen,“ erwiderte der Andere;„denn ich bin eigens nach Paris gekommen, um den großen Redner der National⸗Ver⸗ ſammlung zu ſehen, den großen Mann, der ſo große, ſo herrliche Dinge für Frankreich gethan, der ſich Anſprüche auf unſterblichen Ruhm erworben hat, und den die Nach⸗ welt feiern wird, als einen der größten Feldherrn der Freiheit. Ich bin gekommen, um den großen Mann zu ſehen, der im vorigen Jahr durch ſeine glühenden Reden ſo viel dazu beitrug, daß die Menſchenrechte proelamirt wurden und die Rationalgarde ihre Organiſation er⸗ hielt, dem allein wir es verdanken, daß der König ſein abſolutes Veto nicht erhielt und daß die geiſtlichen Gü⸗ ter zum Beſten der Nation eingezogen wurden. Sie ſind es ja auch, der die Juden emancipirt und die geiſtlichen Orden aufgehoben hat, der ſogar die Schwarzen frei gemacht hat, und es für weiſe erklärte, lieber die Colo⸗ nien als die Menſchenrechte aufzugeben.“ „Mein Herr,“ ſagte Barnave lächelnd,„ſind Sie 143 nur gekommen, um mich zu lobpreiſen, oder meinen Sie, daß Sie mit Ihren Lobſprüchen mich beſtechen wollen?“ „Beſtechen.?“ fragte der Fremde mit einem lauten Lachen.„Ich weiß, daß die großen Redner der National⸗ Verſammlung unbeſtechlich ſind, und weshalb ſollte ich Sie auch beſtechen wollen?“ „Vielleicht, weil Sie in Gefahr ſind, weil Sie des Schutzes bedürfen,“ ſagte Barnave ernſt.„Ich mache Sie darauf aufmerkſam, daß Ihre feinen Stiefeln und Ihre weißen Hände nicht zu Ihrem Anzug paſſen. Wenn Sie ganz in Ihrer Rolle ſein wollen, müſſen Sie keine glänzenden Stiefeln und keine ſaubern Hände haben.“ „Wahrlich, Sie ſind ein aufmerkſamer, feiner Be⸗ obachter,“ rief der Andere lächelnd.„Ich geſtehe es ein, ich habe da eine Unvorſichtigkeit begangen, und werde mir Ihren guten Rath künftig zu Nutze machen. Sie haben Recht, ein wahrer Jacobiner kann keine reinen Hände haben, denn was er mit ſeinen Händen berührt, iſt Schmutz und Unrath und beſudelt ihn; er kann auch nur mit beſtaubten Füßen kommen, denn Staub iſt ſein ganzes Sein und Weſen, und zu Staub wird er bald wieder zerfallen mit ſeinen wahnwitzigen Umſturzideen. Da, mein Herr, Sie ſehen, ich bin jetzt ganz und gar aus meiner Rolle gefallen, ich habe mich verrathen als das, was ich wirklich bin, als einen Ariſtokraten, als 144 einen Feind der Jacobiner. Da haben Sie mein Geſtänd⸗ niß und jetzt ſteht es Ihnen frei, mich anzuklagen und mich verhaften zu laſſen.“ „Mein Herr,“ ſagte Barnave lächelnd,„Sie erin⸗ nerten vorher daran, daß ich es war, der die Proclama⸗ tion der Menſchenrechte unterſtützte und zur That werden ließ. Nun, die Menſchenrechte gewähren jedem Menſchen Gedanken⸗ und Redefreiheit, ſie ſind nicht für einzelne Bevorzugte, nicht für Parteien, ſie ſagen es, daß jeder Menſch daſſelbe Recht, dieſelbe Freiheit der Exiſtenz be⸗ anſpruchen kann. Sie haben von Ihrem Recht der Ge⸗ danken⸗ und Redefreiheit Gebrauch gemacht, und es wird mir nicht einfallen, Sie deshalb anzuklagen.“ „Und Sie erlauben mir noch länger von meinen Menſchenrechten Gebrauch zu machen und mich Ihnen gegenüber der Redefreiheit zu bedienen?“ „Ich bitte Sie darum!“ „Zuerſt und vor allen Dingen alſo will ich Ihnen ſagen, wer ich bin und was ich will. Ich bin der Baron Thugut aus Wien, und ich bin hieher gekommen auf Be⸗ fehl und im Dienſt Sr. Majeſtät des Kaiſers Leopold.“ „Um Gottes willen, ſprechen Sie leiſe,“ flüſterte Barnave.„Mein Diener iſt ein eifriger Patriot, und es iſt möglich, daß er horcht. Warten Sie, ich will nach⸗ ſehen!“ 145 Barnave ſtand auf, ging leiſe zur Thür hin und öffnete dieſe raſch. Der Diener indeſſen befand ſich am äußerſten Ende des Gemaches, und dort im Fenſter lehnend, ſchien er eifrig auf die Straße hinaus zu blicken. „Jean, komm hieher, ich habe Dir einen Auftrag zu geben,“ ſagte Barnave ruhig.„Du haſt richtig gera⸗ then, der Fremde bedarf der Unterſtützung, und da er ein guter Patriot iſt, dürfen wir ſie ihm nicht verſagen. Geh' zum Reſtaurant und beſorge ein Frühſtück hieher, er iſt hungrig und bedarf der Nahrung.“ Zean eilte hinaus und Barnave kehrte zu Thugut zurück, indem er die Thür nach dem Vorzimmer weit offen ließ. „Jetzt, Herr Baron, ſind wir ſicher weder belauſcht noch überraſcht zu werden,“ ſagte er.„Mein Diener iſt fort, ich traue ihm nicht, ich ſah ihn geſtern Abend im Geſpräch mit Marat, und ich weiß, daß Marat mein Feind iſt und mich zu verderben trachtet.“ „Und Sie fürchten, daß er vielleicht Ihren Diener beſtochen hat?“ fragte Thugut.„Aber zu welchem Zweck? Iſt nicht Barnave der Liebling des Volkes? Weiß man nicht, daß er einer der begeiſterteſten, unbeſtechlichſten und feurigſten Patrioten iſt? Wer dürfte es wagen, Barnave zu mißtrauen?“ 146 „O, mein Herr, Viele wagen es ſchon, und ſie wür⸗ den ihr Mißtrauen gerechtfertigt glauben, wenn ſie durch meinen Diener erführen, daß der Baron Thugut bei mir geweſen und ich lange insgeheim mit ihm geſprochen habe.“ „Ah, was wiſſen dieſe Leute von mir, von dem un⸗ bekannten, kleinen deutſchen Baron Thugut!“ „Sie irren, mein Herr, Sie ſind nicht unbekannt, man hat Ihren Namen in letzter Zeit hier nur zu viel genannt. Man weiß, daß Sie in Verbindung mit Mira⸗ beau ſtanden, daß Sie mit dazu beigetragen, ihn für den König zu gewinnen; man weiß ferner, daß Sie den König zur Flucht beredeten, daß Sie dieſe Flucht bewerkſtelligen halfen. Man kennt Ihren kühnen, entſchloſſenen Cha⸗ rakter, und man würde nicht zweifeln, daß Sie für das Königspaar auf neue Fluchtverſuche ſinnen, wenn man nicht glaubte, daß Sie nach Wien abgereiſt wären.“ „Ich ließ dieſe Nachricht abſichtlich überall verbrei⸗ ten, und nahm offiziell Abſchied von dem König und der Königin noch vor dem unglücklichen geſcheiterten Flucht⸗ verſuch.“ „Und Sie haben wohl daran gethan! Bewahren Sie Ihr Incognito, ſeien Sie auf Ihrer Hut!“ rief Barnave lebhaft.„Erhalten Sie dem König und der Kö⸗ gin einen Freund in der Noth.“ 147 „Ah, Sie intereſſiren ſich alſo ein wenig für die königliche Familie?“ fragte Thugut. Barnave ſchwieg einen Moment und ſenkte ſein Haupt auf ſeine Bruſt. Dann nach einer Pauſe heftete er ſeine großen, ſtrahlenden Augen auf Thugut und ſein Angeſicht leuchtete von energiſcher Begeiſterung. „Sie haben mir geſagt, wer Sie ſind,“ ſagte er, „Sie haben vertrauensvoll zu mir geſprochen. Wohlan, Herr Baron, ich will Ihnen nicht nachſtehen, ich will Ihnen auch mein Vertrauen ſchenken. Ich will Ihnen auch ſagen, wer ich bin! Ich bin ein Mann, der ſeine Vergangenheit bereut und wieder gut machen will, ein Mann, der bereit iſt Alles zu thun, um ſeine Schuld zu ſühnen, ein Mann, der willig geſtorben wäre, wenn er auf dieſer Fahrt von Varennes nach Paris damit eine Gelegenheit hätte erkaufen können, um die Königin ent⸗ fliehen zu laſſen. O mein Herr, Sie wiſſen nicht, was ich gelitten habe auf dieſer entſetzlichen Fahrt, nicht, wie mein Herz gefoltert ward von Reue und Selbſtvorwür⸗ fen, wie ich ſchamvoll einem Verbrecher gleich die Au⸗ gen zu Boden ſchlagen mußte vor dem klaren, hellen Blick dieſer erhabenen Dulderin, die inmitten ihrer Schmach dennoch in unbefleckter Majeſtät, unnahbar, göttlich da ſtand, und vor der ich hätte niederfallen mögen in den Staub, um ſie anzubeten, um demüthig, in Thränen zer⸗ 148 fließend, mich als einen Verbrecher anzuklagen, der das Heilige geſchmäht, das Erhabene geläſtert habe. Und ich Unglückſeliger, Beklagenswerther, ich hatte nicht einmal die Macht ſie vor der Brutalität Pétion's zu ſchützen, ich mußte es ſchweigend geſchehen laſſen, daß er ſie beſchimpfte mit jedem Wort, mit jedem Blick. Ich ſah, wie zuweilen die Röthe der beleidigten Majeſtät, einem Sonnenſtrahle gleich über ihr edles Antlitz flog, ſah, wie ihre Brauen zuckten im königlichen Zorn, den ſie dennoch bewältigte mit der Kraft ihres Willens. Und ich konnte Petion nicht zur Rechenſchaft ziehen, ich mußte als ſein Mitſchul⸗ diger neben ihm ſitzen, mußte ſie zurückführen nach Paris in ihr Unglück, ihr Verderben. Und ſie in ihrem milden, erhabenen Sinn, ſie war ſo dankbar für jeden kleinen Dienſt, für jede Aufmerkſamkeit, o ſie lächelte mir zu mit der wundervollen Zärtlichkeit einer Mutter, als ich ihrem Sohn, dem armen kleinen Dauphin die Erdbeeren ver⸗ ſchaffte, nach denen er ſo ſehr begehrte. Sie dankte mit einem Neigen des ſchönen Hauptes, als ich den Kleinen von Petion's Schooß nahm und ihn in meinen Armen ſchlafen ließ. O, in jenem Moment hätte ich in laute Thränen ausbrechen mögen vor Jammer, Weh und Reue!“ Und ganz ſeinen Erinnerungen hingegeben, ſchlug Barnave ſeine beiden Hände vor ſein Geſicht und ſeufzte tief auf. 149 Thugut ließ ihn eine Zeit lang ſtill gewähren, dann legte er ſeine Hand auf Barnave's Schulter.„Seien Sie ein Mann,“ ſagte er feierlich,„und hören Sie, was ich Ihnen zu ſagen habe. Barnave, die Königin Marie Antoinette ſendet mich zu Ihnen, und zum Wahrzeichen deſſen gab ſie mir dieſen Ring, den ich Ihnen über⸗ geben ſoll.“ „Die Königin ſendet Sie!“ rief Barnave aufſprin⸗ gend und mit einer ungeſtümen, leidenſchaftlichen Haſt nahm er den dargereichten Ring an.„Ja, ich kenne ihn, dieſen Ring,“ rief er freudeſtrahlend,„ſie trug ihn auf dem ſchönen ſchlanken Vorfinger ihrer rechten Hand. Es iſt ihr Ring!“ Er drückte ihn ungeſtüm an ſeine Lippen und ſchaute ihn an wie in ſeliger Entzückung.„Jetzt, Herr Baron,“ ſagte er dann,„Jjetzt reden Sie. Sagen Sie, was die Königin mir befiehlt, was ich thun ſoll.“ „Es gelang mir geſtern im Theater, mich einen Moment zu der Königin heran zu drängen, und ich be⸗ ſchwor ſie, mir eine Gelegenheit zu ſagen, wie ich ſie ſe⸗ hen könnte. Sie flüſterte:„Wenden Sie ſich an Bar⸗ nave, geben Sie ihm dies. Er ſoll Sie zu mir führen; er allein vermag es“— und ſie drückte mir den Ring in die Hand. Zch bin alſo, dem Befehl Ihrer Majeſtät ge⸗ treu, zu Ihnen gekommen, und ich frage Sie, mein Herr: 150 Können und wollen Sie mir eine Zuſammenkunft mit der Königin verſchaffen?— Still, junger Mann, antworten Sie mir noch nicht plötzlich, laſſen Sie ſich nicht hin⸗ reißen von dem flüchtigen Enthuſiasmus aus Ihrer auf⸗ geregten Phantaſie. Ueberlegen Sie erſt wohl, entſchei⸗ den Sie erſt, wenn Sie mich zu Ende gehört haben. Ich ſagte Ihnen vorher, wer ich bin, aber ich habe Ihnen noch nicht geſagt, was ich will, immer noch will, ob⸗ wohl ich ſchon einmal Fiasco gemacht habe. Ich will den König und die Königin retten. Zu dieſem Zweck hat mich mein Herr der Kaiſer nach Paris geſchickt, und ich habe ihm geſchworen, kein Mittel unverfucht zu laſſen, um dieſes Ziel zu erreichen. Der erſte Fluchtverſuch iſt miß⸗ lungen, ich werde daher auf neue Mittel und Wege ſinnen, das Königspaar zu erretten, und was der ener⸗ giſche, unerſchütterliche Wille eines Mannes vermag, das werde ich verſuchen. Aber als ich nach Paris kam, wußte ich wohl, daß es mir nicht möglich ſein würde, mein Werk allein zu Stande zu bringen, daß ich dazu der Hilfe, der Unterſtützung bedürfe, daß ich vor allen Dingen den Beiſtand Derjenigen haben müſſe, welche die öffentliche Meinung lenkten, eine hervorragende Rolle ſpielten und das Vertrauen und die Liebe des Volkes be⸗ ſäßen. Ich ſetzte mich daher in Verkehr mit einigen Häuptern der National⸗Verſammlung, ich unterhandelte 151 mit Robespierre, mit Mirabeau*). Robespierre hörte mich an, aber er wollte mich nicht verſtehen, mir nicht die Hand bieten. Mirabeau indeſſen verſtand mich, er wies meine Anerbietungen nicht zurück. Er verſprach den König und die Königin zu erretten, wenn man ſeine Be⸗ dingungen erfüllte. Er wollte Miniſter werden, er wollte die Königin perſönlich ſprechen, und endlich wollte er ſeine Schulden bezahlt und ein glänzendes Jahresgehalt ha⸗ ben. Seine Bedingungen wurden erfüllt, er ſprach die Königin, man bezahlte ſeine Schulden, man gab ihm ein monatliches Gehalt, man verhieß ihm eine Million, wenn er den König und die Königin aus ihrer mißlichen Lage erretten, dem Thron und der Monarchie wieder An⸗ ſehen und Macht gewinnen würde. Man hätte auch ſeine dritte Bedingung erfüllt und ihn zum Miniſter gemacht, aber der Tod wollte es nicht— oder vielleicht wollten es die Jacobiner nicht, und riefen den Tod nur zu ihrer Hilfe herbei**). Mirabeau ſtarb, ohne ſein Verſprechen erfüllt zu haben; die Million, welche ihm gehören ſollte, und welche der Graf La Marck in Verwahrung hat, *) Lebensbilder aus dem Befreiungskrieg. Von Hormayr. IHI. S. 319 *) Siehe: Graf Mirabeau. Hiſtoriſcher Roman von Theo⸗ dor Mundt. Th. IV. 152 dieſe Million iſt erledigt. Das Königspaar hofft noch immer auf ſeinen Erretter. Mirabeau iſt todt, und Bar⸗ nave iſt der Erbe ſeines Ruhms, ſeiner Popularität, ſeiner Macht. Wenn das Königspaar noch gerettet wer⸗ den kann, ſo kann dies nur durch Sie geſchehen. Ich weiß wohl, daß dies nicht mehr auf die Weiſe geſchehen kann, wie es Mirabeau noch erhoffte, daß das Königs⸗ paar nicht mehr dadurch gerettet werden kann, daß man die Monarchie rettet, den wankenden Thron ſtützt und ihm ſein Anſehen wieder gewinnt. Frankreich iſt jetzt un⸗ widerruflich dem demokratiſchen Wahnſinn verfallen, und es wird erſt durch die Wunden, die es ſich ſelber ſchlägt, durch die Ströme von Blut, die es ſeinen eigenen Ein⸗ geweiden erpreßt, von ſeiner Tollheit geheilt werden. Aber dies wird noch eine geraume Zeit dauern, und wir können es nicht abwarten. Das Königspaar kann alſo nur noch gerettet werden durch die Flucht. Und nun, Herr Barnave, nun frage ich Sie: Wollen Sie die Erbſchaft Mirabeau's antreten? Wollen Sie ſich die Million verdienen, welche für ihn beſtimmt war? Wollen Sie dem König und der Königin zu ihrer Flucht behilf⸗ lich ſein? Sagen Sie ja, und ich gebe Ihnen heute den zehnten Theil Ihrer Million als Handgeld, ich gebe Ihnen, ſobald die Unterhandlungen zu einem gewiſſen Abſchluß gediehen, weitere viermalhunderttauſend Francs baar, und einen Wechſel auf fünfmalhunderttauſend Franes, den Sie einlöſen können, ſobald die königliche Familie die Grenze Frankreichs glücklich überſchritten hat. Noch einmal, mein Herr, entſcheiden Sie jetzt: Wollen Sie die Erbſchaft Mirabeau's antreten?“ „Ich habe Sie bis zu Ende angehört,“ ſagte Bar⸗ nave ſtolz,„und ich habe Ihnen dadurch einen Beweis meiner Ergebenheit in den Willen der Königin gegeben. Die Königin hat Sie zu mir geſandt, und deshalb ver⸗ zeihe ich Ihnen, daß Sie mich beleidigt haben. Ja, mein Herr, Sie haben mich beleidigt, indem Sie mir die Erbſchaft Mirabeau's anbieten. Die Erbſchaft Mirabeau's antreten, heißt nicht bloß ſeine Macht, ſondern auch ſeine Schande erben, heißt ſeinen Namen, ſeinen Charakter beflecken laſſen von dem Brandmal der Beſtechlichkeit. Mirabeau hat ſeine Größe, ſeine Genialität, ſeine Macht in den Schmutz der Gemeinheit herabgezogen, er hat ſeine Unſterblichkeit mit einem dunklen Schmutz⸗ flecken beſudelt, indem er ſich verkaufte, für elendes, er⸗ bärmliches Geld verkaufte! Und die Million, die Mira⸗ beau haben ſollte, die bieten Sie mir, mit der wollen Sie auch meine Seele erkaufen, wie Sie Mirabeau's Seele erkauft haben? Nein, mein Herr, dies wird Ihnen nicht gelingen; ich lehne die Erbſchaft Mirabeau's ab; behalten Sie Ihre Million, und laſſen Sie mir die Ruhe eines 1860. XXIII. Kaiſer Levpold der Zweite. II. 10 154 unbefleckten Gewiſſens. Aber nun hören Sie auch, was ich Ihnen weiter zu ſagen habe. Ich will nicht die Schande und die Million Mirabeau's erben, aber ich will das Königspaar erretten, ich will thun, was ich ver⸗ mag, um ihnen zur Flucht behilflich zu ſein. O Marie Antoinette ſoll ſehen, daß meine Reue wahr und auf⸗ richtig iſt, daß ich ehrlich und treu meine Vergangenheit vernichten will, um durch völlige Hingabe an ihren Dienſt mir ihre Verzeihung zu verdienen. Sie ſoll zuweilen an mich denken müſſen, als einen Mann, der freudig bereit iſt ſein Leben für ſie hinzugeben, und ſich ſelig preiſen wird, wenn er ſie erretten kann, indem er ſein Blut für ſie vergießt. Hier meine Hand, Herr Baron, ich nehme Ihren Antrag an, ich weiſe nur Ihre Million zurück!“ „Sie thun ſehr Unrecht daran,“ ſagte Thugut faſt mitleidig.„Sie ſind ein Schwärmer, junger Mann, und ſtatt ſie zu bewundern, bemitleide ich Sie. Wenn man eine Million auf ſeinem Wege findet, ſoll man ſie immer⸗ hin aufheben, gleichviel ob man ſich dabei die Hände be⸗ ſudelt und einen kleinen Flecken auf ſeiner Stirn davon trägt. Der Glanz des Geldes überglänzt allen Schmutz und alle Flecken, und einem Millionair verzeiht die Welt gar leicht. Hat doch die Sonne ſelbſt Flecken, warum ſollte ein Millionair frei davon ſein? Wer eine Million beſitzt, der beſitzt Macht und Ehre, der beſitzt die wahre 155 Freiheit, nach der die wahnwitzigen Jacobiner ſo canni⸗ baliſch brüllen und die ſie doch niemals erlangen können. Die wahre Freiheit iſt Unabhängigkeit von den Men⸗ ſchen, von der Welt und ihren Genüßen. Ein Millionair iſt ein Halbgott, und er kann mit ſeinem Geld ſich Un⸗ ſterblichkeit, ja vielleicht den Himmel erkaufen. Merken Sie ſich das, Sie junger Schwärmer, und beſinnen Sie ſich zweimal, ehe Sie die Million, die ich Ihnen anbiete, ſo übermüthig ausſchlagenu. Man verlangt von Ihnen große Dienſte, und wenn es Ihrem Zartgefühl un⸗ angenehm iſt, ſich dafür bezahlen zu laſſen, nun ſo laſſen Sie ſich mit einer Million dafür belohnen.“ „Ich bin belohnt genug durch dieſen Ring, den mir die Königin ſandte,“ rief Barnave, indem er den Ring an ſeine Lippen drückte.„Erſparen Sie ſich die weitern Worte! Marie Antvinette ſoll mich nicht ver⸗ achten, das iſt Alles, was ich Ihnen zu erwidern habe. Und nun genug davon, laſſen Sie uns von wichtigeren Dingen ſprechen.“ „Sie ſind alſo wirklich unbeugſam?“ fragte Thu⸗ gut ſinnend.„Ich geſtehe Ihnen, daß ich mich nicht dar⸗ über freue, daß es mir unbequem iſt, Alles Ihrer Groß⸗ muth Ihrer Gefälligkeit verdanken zu ſollen.“ „Sie hätten mich lieber erkauft, damit ich ein be⸗ 10* 156 zahltes Werkzeug in Ihren Händen ſei?“ fragte Bar⸗ nave lächelnd. ,O fürchten Sie nichts, ich bin ein Werk⸗ zeug in den Händen der Königin, und ich werde mich als ein brauchbares bewähren. Nun laſſen Sie uns das Nöthigſte verabreden. Sie baten die Königin um eine Zuſammenkunft, und ſie verwies Sie an mich— iſt es nicht ſo?“ „Za, es iſt ſo, die Königin ſagte: Barnave ſoll Sie zu mir führen, er allein vermag es. Nun wohl, mein Herr, beweiſen Sie, daß die Königin ſich nicht geirrt hat. Verſchaffen Sie mir eine Zuſammenkunft mit der Königin. Bevor wir weitere Plane zu ihrer Flucht verabreden, iſt es dringend nöthig, daß ich die Königin ſpreche, daß ich ihre Abſichten, ihren Willen erfahre, daß Sie mir Aufträge gibt für den Kaiſer, ihren Bruder.“,, Barnave ging einigemale ſinnend auf und ab, Thugut betrachtete ihn mit ſcharfen lauernden Blicken, und eine Wolke ſtand auf ſeiner Stirn.„Ich wollte, dieſer Jacobiner wäre kein ſolcher Schwärmer, ein tugend⸗ hafter Menſch ſein zu wollen,“ ſagte er zu ſich ſelber. „Solche Leute von eigener Anſicht und eigenem Willen echauffiren mich und rauben mir zu viel Zeit. Um mir ein willkommenes Werkzeug zu ſein, müßte er einen Flecken auf ſich haben, oder ſo bornirt ſein, daß er willenlos 157 thut, was ich befehle*). Aber dieſer Menſch hat phan⸗ taſtiſche Tugendideen trotz ſeines Jacobiner⸗Wahnſinns, und er iſt klug genug, um meine Plane und Abſichten zu erkennen.“ In dieſem Moment hielt Barnave in ſeinem haſtigen Auf⸗ und Abgehen inne und blieb vor Thugut ſtehen. „Ich habe meinen Plan gemacht, ſowohl für Ihr Rendezvous mit der Königin, als auch für Marie An⸗ toinette's Flucht,“ ſagte er.„Sie ſollen die Königin ſprechen, in einigen Tagen ſchon. Nur müſſen Sie ſich entſchließen die Uniform eines Offiziers der National⸗ garde anzulegen, und da Sie die rothe Mütze zu tragen ſich überwunden haben, wird Ihnen dies hoffentlich nicht zu ſchwer fallen.“ „Ich bin bereit ſelbſt die Tracht des Satanas anzulegen, wenn mich das zum Ziel führt,“ brummte Thugut. „Nun, und die Uniform eines Nationalgardiſten iſt hoffentlich nicht ganz ſo ſchlimm,“ ſagte Barnave lächelnd. „Sie werden alſo die Königin ſprechen, und ich hoffe, Sie werden ihr zu gleicher Zeit einen Plan zur Flucht vorlegen können. Nur müſſen Sie die Königin bereden, 6 mn Thugut's eigene Worte. Siehe: Lebensbilder I. 158 diesmal allein zu fliehen; daran, daß ſie das nicht wollte, iſt der vorige Fluchtverſuch geſcheitert. Auch müſſen dies⸗ mal ganz andere Mittel und Wege benutzt werden, und die Königin muß es nicht verſchmähen, eine demokratiſche Verkleidung anzulegen. Wir bedürfen, um die Königin zu retten, der Hilfe einer Frau, und ich weiß ein ent⸗ ſchloſſenes, kühnes und energiſches junges Weib, welches uns dieſe Hilfe gewähren wird.“ „Darf ich ihren Namen erfahren?“ „Ich will Ihnen denſelben ſagen als ein Zeichen meines unbedingten Vertrauens. Dieſes Weib heißt Theroigne de Mericourt.“ „Wie,“ rief Thugut lachend,„Thervigne, dieſe Hervine der Jacobiner, dieſe Amazone der Clubbs, dieſe Rednerin der Straßen und Plätze, die Geliebte von Populus, die ſollte ihre Hand bieten zur Rettung der Königin?“ „Sie wird es thun, wenn ich Sie darum bitte und wenn „Nun, warum ſtocken und zögern Sie, Herr Bar⸗ nave? Warum erröthen Sie wie ein junges Mädchen, das einen Fehltritt bekennen will? Sollte die große Thervigne vielleicht nicht ganz die ſpartaniſche Verachtung des Goldes beſitzen, wie der tugendhafte Barnave, und wäre Ihre Rede vielleicht ſo zu ergänzen:„wenn man 159 Theroigne hinlänglich belohnt, wird ſie zur Rettung der Königin die Hand bieten.“ Nun, habe ich's errathen?“ „Ja, mein Herr, Sie haben es errathen. The⸗ roigne verachtet das Gold ſo wenig, wie es Graf Mi⸗ rabeau that, ſie iſt darin eine vollkommene Ariſtokratin. Ich glaube, oder vielmehr, ich fürchte, daß, wenn man ihr eine hinlängliche Summe bietet, dies ihre Dienſt⸗ bereitwilligkeit noch erhöhen wird.“ „Und ich, mein Herr, ich fürchte das nicht, ſondern ich hoffe es. Es unterhandelt ſich ſehr bequem mit er⸗ kauften Helfershelfern. Und da Sie mir ſagen, daß dieſe Hervine der Straßenmeuten für Geld empfünglich iſt, ſo zweifle ich nicht, daß wir ſie uns gewinnen können!“ „Zuerſt aber muß ich Sie bitten, mich mit ihr allein unterhandeln zu laſſen,“ ſagte Barnave zögerd.„Bevor Sie mit ihr unterhandeln können, muß ich ſie erſt vor⸗ bereitet und zu unſern Zwecken gewonnen haben. Aber ſtill jetzt, Herr Baron, ich höre meinen Diener kommen, er bringt das Frühſtück, und um keinen Verdacht zu erregen, müſſen Sie ſich herablaſſen, ein wenig davon zu eſſen.“ 160 Siebentrs Capitel. Die Zuſammenkunft. Die Nacht war hereingebrochen, und Marie An⸗ toinette begab ſich in ihr Schlafzimmer. Aber nicht um zu ſchlafen, nicht um ihre edle, vom Unglück ſo tief ge⸗ beugte Geſtalt auf dem Lager zu ruhen. Der Schlaf floh ihre Augen, wie ihren Lippen das Lächeln, ihren Wangen die Jugendröthe entflohen war. In der Stille der Nacht, wenn die Augen ihrer Feinde erloſchen waren, wenn ſie wenigſtens ſicher war, nur noch von den Blicken des wachehabenden Offiziers im Vorzimmer geſehen zu werden, ſetzte Marie Antvinette ſich an ihren Schreibtiſch, um an ihre Freunde und Ver⸗ trauten, vor allen Dingen um ihren beiden geliebten, ſo ſehr vermißten Freudinen, die Herzogin von Polignac und die Prinzeſſin von Lamballe zu ſchreiben. Aber auch für dieſe Correspodenz bedurfte ſie des Geheimniſſes; es war ihr nicht erlaubt, ihre Klagen, die Schmerzen ihrer Seele, wie ſie ihrer Bruſt entſtrömten, raſch und ohne Ueberlegung auf das Papier zu werfen. Alles mußte jetzt überlegt, ſorgſam gehütet und verhüllt werden. Marie Antoinette bediente ſich daher zu ihrer 161 Correspondenz einer mit ihren Freunden und Vertrauten verabredeten Chiffre. Nach einer beſtimmten Seite der erſten Ausgabe von Paul und Virginie, welche alle Correspondenten der Königin beſitzen mußten, wurden die einzelnen Buchſtaben der Worte nach den Buchſtaben und Zeilen jenes Druckes in Zahlen aufgezeichnet. 3) Freilich bedurfte es bei dieſer ſchwierigen Art der Cor⸗ respondenz mehrerer Stunden, um nur einen einzigen Brief zu ſchreiben, aber die Königin hatte von dem Un⸗ glück ſchon die Geduld gelernt, und ſie nannte ihre Chif⸗ fren Correspondenz„den Troſt ihrer ſchlafloſen Nächte“. Auch heute hatte ſie ſich vor ihrem Schreibtiſch niedergelaſſen, den ſie in ihrem Schlafzimmer ſo hatte aufſtellen laſſen, daß ſie, vor demſelben ſitzend, mindeſtens nicht den ſpähenden Blicken des Offiziers im Vorſaal ausgeſetzt war. Mit einem tiefen Seufzer nahm Marie Antvinette die Feder, und indem ſie die weiße Hand auf das Papier legte, ließ ſie leiſe ihr Haupt in den Nacken ſinken und wandte ihre großen blauen aufwärts. Wie ſtrahlend und hell, wie ſonnengleich und froh waren einſt die Augen geweſen, und wie trübe und matt waren ſie jetzt, von wie vielen durchwachten Nächten, von wie viel Thränen gaben ſie Kunde, dieſe großen, rothgeränderten ²) Goncourt: Marie Antoinette. 275. 162 Augen, und welche Geſchichte voll Schmerz und De⸗ müthigung erzählten nicht dieſe eingefallenen Wangen, dieſe bleichen Lippen, welche jetzt niemals mehr ein Lächeln umſpielte! Das laute Anſchlagen der großen Uhr vom Pa⸗ villon de l'horloge ſtörte Marie Antvinette in ihrem trüben Sinnen. Die Uhr ſchlug die elfte Stunde an; die Königin horchte in träumeriſcher Abgeſpanntheit auf die langſamen, einzelnen Schläge, dann auf die Rufe der ablöſenden Wachen. Sie hörte die Schritte des Offiziers der Nationalgarde, der jetzt nach zwölfſtündigem Dienſt abgelöſt ward, und das Eintreten ſeines Erſatzmannes; ſie hörte im Corridor den Ruf:„Die Königin iſt in ihr Schlafzimmer eingetreten. Die Wache auf dem ſchwarzen Corridor zieht ab.“ Sie hörte, ohne ſich umzuſehen, den Offizier, welcher diesmal die Nachtwache zu halten halte, auf dem Lehnſeſſel vor ihrem Zimmer ſich nieder⸗ laſſen. Dann ward Alles ſtill. Die Königin ſeufzte tief auf, ſie war in dieſem Moment wieder um eine Hoffnung ärmer geworden. Sie hatte gehofft, der treue Saint⸗Prix werde heute die Wache haben, denn er hatte ihr geſagt, daß er alle Woche einmal zu dieſem Dienſt gelangen werde, und es waren heute grade acht Tage verfloſſen, ſeit ſie ihn zum erſtenmal geſehen. 163 Die Königin von Frankreich war ſo tief ſchon gedemüthigt, daß ſie auf die Ergebenheit eines armen Komödianten hoffen mußte, um ihren Gemahl, ihre Kinder ohne Zeugen ſehen zu dürfen. Und dieſe Hoffnung hatte ſie heute betrogen. Mit einem ſchmerzlichen Seufzer nahm Marie Antvinette ihre Feder zur Hand und begann zu ſchreiben. Tiefe Stille herrſchte ringsum. Auf einmal ward dieſe unterbrochen durch die leiſe geflüſterten Worte:„Er⸗ lauben Ew. Majeſtät, daß ich eintreten darf?“ Die Königin wandte ſich um, und ſah den Offizier der Nationalgarde neben der Thür ſtehen. Es war nicht Saint⸗Prix, wie ſie jetzt faſt geglaubt hatte, aber das Geſicht dieſes Offiziers kam ihr doch bekannt und be⸗ freundet vor, und mit einem Wink ihrer Hand erlaubte ſie ihm daher näher zu treten. „Mein Gott,“ murmelte ſie leiſe,„wäre es mög⸗ lich, daß Thugut—“ „Ew. Majeſtät haben es errathen, ich bin Thu⸗ gut,“ flüſterte er, ſich tief vor der Königin neigend.„Ew. Majeſtät hatten mich an Barnave gewieſen, und dieſer brachte mich zu Saint⸗Prix, der heute Nacht die Wache bei Eurer Majeſtät beziehen ſollte. Er lieh mir ſeine Uniform, ließ ſich von einem befreundeten Arzt be⸗ ſcheinigen, daß er plötzlich heftig erkrankt ſei, und ſandte 164 mich mit dieſer Beſcheinigung und einem Schreiben an den Kommandanten der Nationalgarde, indem er mich als einen der treueſten und unbeſtechlichſten Patrioten empfahl und bat, mich als ſeinen Erſatzmann anzu⸗ nehmen. Der Herr Kommandant nahm mich demgemäß wirklich an, und ſo kam ich hieher zu den Befehlen Eurer Majeſtät, die ich nur um Verzeihung anflehe wegen des abſcheuliſchen Coſtums, in welchem ich mich darſtelle und das zu tragen mir in der That einige Ueberwindnng koſtet.“ Marie Antvinette reichte ihm die Hand dar, und der Schimmer eines Lächelns verklärte ihre Züge.„Sie machen, daß mir dies Coſtum von jetzt an immer lieb und angenehm iſt,“ ſagte ſie,„denn es wird mich ſtets an die opferbereite Ergebenheit des Barons Thugut er⸗ innern. Ich danke Ihnen, daß Sie gekommen ſind, daß Sie nicht zu denen gehören, welche uns in dieſen Tagen des Unglücks und der Erniedrigung verlaſſen haben. O ſchauen Sie ſich um, Baron, ſehen Sie dieſe Einſamkeit! Wie Viele ſind von uns geflohen, weil ſie fürchten von dem Sturz unſeres Thrones mit zerſchmettert zu werden.— Aber ich will nicht klagen über die Treuloſen, ich will mich nur freuen über die, welche uns treu geblieben. Und, ich ſage es mit Dank gegen Gott, es ſind deren nicht Wenige, und nicht wenig rührende Beweiſe der 165 Ergebenheit hat man mir ſeit den entſetzlichen Unglücks⸗ tagen von Varennes dargebracht.“ „Fluch und ewige Schande über dieſen canni⸗ baliſchen Verräther Dronet,“ murrte Thugut. „Nein, fluchen Sie ihm nicht,“ ſagte Marie An⸗ tvinette ſanft.„Ich habe mit meinem Herzen ſo lange gerungen, bis es ihm vergeben hat. Sollte ich jemals wieder frei und glücklich werden, ſollte der König jemals wieder zur Ausübung ſeiner königlichen Rechte gelangen, ſo würde meine erſte Bitte an ihn die Begnadigung Drouet's fordern.“ „Aber der König würde Ihnen hoffentlich nicht willfahren,“ ſagte Thugut rauh.„Nein, keine Gnade für die Aufrührer und Verräther, keine Gnade für das rebelliſche wahnwitzige Geſindel, das es gewagt hat, ſich gegen den König, gegen das Geſetz zu empören. Wenn der König wieder zur Macht und zum Anſehen gelangt iſt, und ich hoffe, daß dies durch die Hilfe der deutſchen Armeen bald geſchehen wird, dann muß er vor allen Dingen ſtrenges Gericht halten über alle Rebellen, dann darf er kein Erbarmen haben mit den Aufwieglern und Verbrechern, dann muß er als ſtrenger Arzt für den Wahnwitz der Franzoſen die äußerſten Mittel anwenden. Was gewöhnliche Arzeneien nicht mehr heilen, das heilt das Eiſen, und wo kein Eiſen mehr hilft, heilt das 166 Feuer.*) Zu dem Feuer muß der König ſeine Zuflucht nehmen, um dies aufrühreriſche Volk zu couriren.“ „Nein, o nein,“ ſagte die Königin ſanft.„So wie Gott ſeine Sonne ſcheinen läßt über die Guten und über die Böſen, ſo muß die Sonne der königlichen Milde und Gnade auch erglänzen für Alle. Schelten Sie mir nicht das franzöſiſche Volk. Das Volk iſt gut und treu, es iſt nur irregeleitet von Böswilligen und Fanatikern, aber es weint dennoch in der Stille über unſer Unglück, und eines Tages wird es bereuen, o gewiß es wird be⸗ reuen!“ „Nun, gebe der Himmel, daß dieſe Reue nicht zu ſpät kommt,“ rief Thugut,„daß ſie nicht erſt erwacht, wenn der Thron und die Monarchie geſtürzt ſind. Ew. Majeſtät dürfen nicht allzuviel hoffen von dieſer Reue des franzöſiſchen Volkes, Sie dürfen es nicht abwarten, daß es von ſeinem Wahnſinn geheilt wird. Ew. Maje⸗ ſtät müſſen fliehen, oder auf kräftige Mittel zur Rettung bedacht ſein.“ „Fliehen,“ ſeufzte Marie Antvinette.„Sie wiſſen alſo nicht, daß wir Gefangene ſind, daß man uns Tag und Nacht unabläſſig bewacht, daß alle unſere Diener, 5 Vhuguts eigene Worte. Siehe: v. Hormahr Lebensbil⸗ der etc. II. 321. . 167 daß unſere ganze Umgebung aus Spähern und Söldlin⸗ gen unſerer Feinde beſteht, daß wir Niemand mehr ha⸗ ben, dem wir vertrauen, auf deſſen Treue wir zählen können. Fliehen! O mein Gott, ich gäbe Jahre meines Lebens, ich gäbe alle meine Anſprüche auf Glück, auf Frieden der Zukunft dafür hin, wenn ich mit meinem Ge⸗ mahl, mit meinen Kindern entfliehen könnte! Ich würde freudig an den Grenzen Frankreichs ſterben, wenn ich nur die Genugthuung mit mir in mein Grab nehmen könnte, daß mein Gemahl, daß meine Kinder unwürdiger Schmach und Demüthigung entzogen ſeien, daß die Krone, welche Gott uns gegeben, nicht mehr von Men⸗ ſchenhänden beſudelt und in den Staub getreten werde. Ja, mit ſolcher Genugthuung würde mir der Tod lieb und willkommen ſein, denn ich fühle es, meine Kraft und mein Lebensmuth iſt gebrochen, meine Seele wird ſich nie wieder frei erheben können, denn ihre Flügel ſind gelähmt für immerdar. Sehen Sie mich an, Thugut, ſehen Sie, was das Unglück aus mir gemacht hat! Se⸗ hen Sie, mein Haar iſt weiß geworden, wie das einer Frau von ſiebzig Jahren. Die furchtbare Nacht in Va⸗ rennes, dieſe einzige Nacht hat genügt, um es ſo weiß zu machen*). Urtheilen Sie alſo, was mein Herz, was Hiſtoriſch. mein Kopf gelitten hat in jener Nacht. Und welche furcht⸗ baren Nächte, welche entſetzlichen Tage haben wir ſeitdem erlebt, wie viel Schmach, wie viel Demüthigung hat man uns ertragen laſſen! O Gott, wenn es möglich wäre, dem zu entfliehen, wie würde ich meine Retter ſegnen, wie würde ich täglich auf meinen Knieen Gott bitten, daß er ihnen vergelten möge mit ſeinem Segen für die Wohl⸗ that, die zu belohnen eine Königin zu arm iſt. Sagen Sie, Thugut, Sie glauben alſo noch, daß eine Flucht, eine Rettung möglich iſt?“ „Ich hoffe es, Majeſtät, und ich bin eben gekom⸗ men, um Ew. Majeſtät meine Vorſchläge zu machen und Ihre Entſcheidung entgegen zu nehmen. Es gibt zwei Wege zur Rettung, und es fragt ſich, welchen Ew. Ma⸗ jeſtät einſchlagen und für welchen Sie den König be⸗ ſtimmen wollen. Der erſte Weg iſt der, daß Oeſterreich und Preußen mit der vereinten Macht ihrer Armeen den Aufſtand niederſchlagen, den Thron wieder aufrichten und die Gewalt und Macht der Monarchie wieder her⸗ ſtellen. Ich glaube, der Kaiſer Leopold hat Ew. Majeſtät in dem Briefe, den ich neulich das gute Glück hatte, Ew. Majeſtät übergeben zu können, dieſen Vorſchlag gemacht, und die Meinung Ew. Majeſtät und des Königs darüber erbeten. Haben Ew. Majeſtät ſchon Ihre Entſcheidung getroffen, und wollen Sie mich dieſelbe wiſſen laſſen?“ 169 „Ich habe den Brief meines Bruders mit Aufmerk⸗ ſamkeit geleſen, und ernſt und viel darüber nachgedacht. Ich habe auch mit dem König mich darüber berathen, nicht mündlich, denn wir haben ſeitdem keine Gelegen⸗ heit gehabt uns ohne Zeugen zu ſehen; aber wir haben uns, Dank ſei es unſerer Chiffre, ſchriftlich berachen, und das Reſultat war, daß wir in dieſer Sache ganz derſel⸗ ben Meinung ſind. Ich habe dieſe unſere Meinung in einem Memvire niedergelegt, das ich ſelbſt geſchrieben, und das ich Ihnen heute übergeben will, damit Sie es dem Kaiſer zuſtellen*). Sie ſehen mich verwundert an, mein Freund? Ja, es iſt wahr, es hat ſich Alles geän⸗ dert, und Marie Antvinette, welche ſonſt nichts von der Politik und den Staatsgeſchäften wiſſen mochte, die trägt jetzt die Laſt eines Miniſters der auswärtigen Angelegen⸗ heiten; ſie will die Trümmer eines Thrones, die letzten Hoffnungen einer Monarchie aufrecht halten, und zugleich als Königin von Frankreich, als Gattin und als Mutter ihren Pflichten genügen. Die Königin von Frankreich aber darf nimmer einwilligen, daß man fremde Armeen zur Bekämpfung Frankreichs herbeirufe, die Gattin des Königs, die Mutter deſſen, welcher einſt, wenn es Got⸗ tes Wille iſt, den Thron ſeiner Väter beſteigen ſoll, darf *) Goncourt: Histoire de Marie Antoinette. 275. 1260. XXIII. Kaiſer Leopold der Zweite. II. 11¹ 170 nicht den Vorwurf auf ſich laden, daß ſie den Thron des Gemahls und des Sohnes auf fremden Bajonetten ge⸗ ſtützt habe, ſtatt auf die Liebe des Volkes allein.“ „Aber Ew. Majeſtät mögen gnädigſt bedenken, daß an der Spitze dieſer deutſchen Hilfsarmeen die könig⸗ lichen Prinzen von Frankreich, die Grafen von Provence und von Artvis ſtehen.“ „Wenn die Prinzen nach Frankreich kommen, ſo iſt das der Bürgerkrieg,“ rief Marie Antvinette lebhaft; „wenn ſie mit fremden Armeen kommen, ſo haben wir den Bürgerkrieg und den auswärtigen Krieg. Aber der König will weder den Bürgerkrieg noch den auswärtigen Krieg. Indeß, es gibt außer dem Krieg noch ein Mittel, ein einziges Mittel, Frankreich und die Monarchie zu er⸗ retten, dies Mittel iſt eine gemeinſame Erklärung der vereinigten Mächte! Die vereinigten Mächte müſſen ein Manifeſt erlaſſen, ſie müſſen erklären, daß es, in An⸗ betracht des Einflußes Frankreichs auf den Continent, für Europa nicht gleichgiltig wäre, ob Frankreich eine Monarchie oder eine Republik ſei; daß es vielmehr den Monarchieen Europas von Wichtigkeit ſei, daß Frankreich eine erbliche Monarchie bleibe, daß die Perſon des Kö⸗ nigs unverletzlich ſei und er ſeiner Gewalt nicht enklei⸗ det werden dürfe; die Mächte müſſen ferner erklären, daß ſie die Beſchränkungen, die man dem König von 171 Frankreich auferlegt, und die Gewalt, die man ihm an⸗ r dulden werden, und daß ſie, gleich Armee an ſeinen Grenzen zuſammen⸗ r Armee ſeine Grenzen beſetzen, und daß dieſe Frankreich den Krieg erklären würden, falls nicht den Forderungen der europäiſchen Mächte von den jetzigen Gewalthabern in Frankreich genügt werde. O, glauben Sie mir, eine ſolche öffentliche feierliche Erklä⸗ rung wird das irregeleitete Volk aus ſeinem Taumel er⸗ wecken, es wird den Gutgeſinnten Muth geben, ihre Stimme zu erheben, die Schreier und Uebelgeſinnten zu bekämpfen, welche jetzt das Volk thranniſiren. Da aber die Zahl der Gutgeſinnten weit größer iſt, als die Zahl der Looſen, ſo werden ſie dieſe Letzteren beſiegen. Nicht g, ſondern durch die drohende Gefahr des d eine Revolution zu unſern Gunſten ent⸗ ſtehen“.*) chte, daß Ew. Majeſtät ſich irren,“ ſagte Thugut ernſt;„die drohende Gefahr des Krieges wird den Wahnwitz der Jacobiner noch ſteigern, ihre Wuth auf's Aeußerſte treiben, und in ihrem trotzigen Stolz wä⸗ *) Marie Antvinette's eigene Worte. Auszug aus ihrem Me⸗ moire für den Kaiſer Leopold. Siehe: Mémoire, joint à la lettre de Marie Antoinette a Léopold IHI. Revue retro- spective 2. serie Vol. H. . 11* 172 ren ſie im Stande, ſich an ihrem K nig, ihrer Königin noch mehr zu verſündigen, um den Mächten zu beweiſen, daß ſie ihre Drohungen nicht für Nur der plötzlich hereinbrechende, unvorhergeſehene i i Mächte kann den Thron von Frankreich „Und wenn dieſer Angriff ingt? Wenn die Das franzöſiſche Volk iſt tapfer und kriegsgewandt, ein Angriff ſeiner Feinde wird das ganze Volk i rufen und zum höchſten Heroismus e ches Volk aber iſt unbeſiegbar, und wen König, iſt mein Sohn, bin ich, die wird, die Seele dieſes Complotts gewe rettbar verloren*). Nein, nein, keinen ſchwöre Sie, thun Sie Alles, um dieſe Nehmen Sie auch hier mein Antwortſchreiben für mei⸗ nen Bruder den Kaiſer Leopold. Ich h täglich Sie zu ſehen und habe daher mich darauf vo iſt der Brief, ſenden Sie ihn ſogleich und ſenden Sie ihm auch dieſes Miniat mein Portrait, ich habe es in dieſen Tagen malen laſſen. Schauen Sie es an— nicht wahr, mein Bruder wird auf demſelben die Geſchichte meines Unglücks leſen? Er wird n beſchuldigen zu ſein, un⸗ Ich be⸗ *) Der Königin eigene Worte. Siehe: Goncourt. 279. — 173 dieſes Haar ſehen, das die Nacht von Varennes gebleicht hat, und damit glaube, daß es von Puder ſo weiß iſt, habe ich darunter geſchrieben, daß mein Unglück ſie ſo weiß gemacht*). O ſenden Sie meinem theuren Bruder dieſes Bild, es wird beredter noch zu ihm ſpre⸗ chen, als mein Brief, es wird machen, daß er meinen Wunſch erfüllt, daß er mit den übrigen Mächten dieſes Manifeſt erläßt, von dem ich ſo viel für Frankreich „Ich werde Brief und Bild gleich morgen früh be⸗ fördern,“ ſagte Thugut,„und mögen die Hoffnungen, welche Ew. Majeſtät daran knüpfen, ſich erfüllen. Aber dies Manifeſt rettet Ew. Majeſtät nicht aus ihrer drük⸗ kenden, ſchmerzvollen Lage. Ew. Majeſtät müſſen flie⸗ hen, Sie müſſen den Thron und die Monarchie durch die Flucht erretten; es iſt dies eine Wohlthat, welche Sie Frankreich erzeugen, dem Sie ſeine heiligſten Güter ſo lange ſichern und wahren, bis das franzöſiſche Volk von ſeiner Tollheit geheilt, von ſeinem Wahnwitz erwacht iſt, ſeis durch die Hilfe fremder Armeen oder aus eigener Erſchöpfung. Dann wird es Ew. Majeſtät reuig danken, )„8es malheurs Pont blanchie“ war die Unterſchrift des Portraits, das die Königin zweimal, für die Prinzeſſin von Lamballe und für den Kaiſer Leopold malen ließ. Memoires de Madame Campau. II. 174 daß Sie es vor dem größten Verbrechen bewahrt, daß Sie ihm ſeinen Thron erhalten haben. Noch einmal be⸗ ſchwöre ich alſo Ew. Majeſtät: Fliehen Sie, da es noch Zeit iſt.“ 8 „Das heißt, Sie meinen nicht, daß ich allein ent⸗ fliehen, daß ich mich von meinem Gemahl⸗ von meinen Kindern trennen ſoll?“ „Zene ſind weniger bedroht. Ew. Majeſtät wiſſen es wohl, daß eine feindliche Partei ſeit Jahren bemüht iſt, auf das Haupt Eurer Majeſtät den Haß und Zorn des Volkes zu ſammeln.“ „Ich weiß es, daß alle Partzin ſich darin ver⸗ einigt haben. Aber dennoch fliehe ich nicht allein, nur mit den Meinen. Der König und ich uns ſeierlich gelobt, vereint zu fliehen, oder vereint unterzugehen, und wir werden unſer Wort halten.“ „Nun wohl, wir werden auf Mittel ſinnen, auch dies möglich zu machen. Nur erlaube ich mir noch die Frage: ob Ew. Majeſtät einwilligen werden, vielleicht in einer Verkleidung, und ſei es ſelbſt in der Verkleidung einer unwürdigen Perſon die Tuilerien und Paris zu verlaffen? und ob Ew. Majeſtät auch den König zu einer in werden bewegen können?“ ſagte die Königin weich,„wir werden daran denken, S wir unſere Kinder retten, und daß wir un⸗ 175 ſeren Kindern die Eltern retten, und deshalb werden Sie uns zu jeder Verkleidung bereit finden.“ „Noch eine Frage muß ich mir erlauben: Werden Ew. Majeſtät mindeſtens einwilligen, daß Sie allein und ebenſo der König allein die Tuilerien verlaſſen, und daß Sie erſt wieder vor den Thoren von Paris an einer verabredeten Stelle zuſammentreffen?“ „Und meine Kinder?“ fragte Marie Antoinette mit dem vollen Ausdruck mütterlicher Zärtlichkeit. „Sie werden mit Ew. Majeſtät zuſammen nach dem Ort der Verabredung gehen.“ „Und wer wird uns dahin geleiten, vorausgeſetzt, daß es uns gelingt die Tuilerien unbemerkt zu ver⸗ laſſen?“ „Majeſtät, der Mann, dem ich es verdanke, daß ich Ew. Majeſtät gegenüber ſtehe, der Mann, dem ich eine Million für die Rettung des Königs und der Königin geboten, und der ſie ausgeſchlagen hat, der freudig ſein Leben für Ihre Rettung wagt, und ſich nur als einzige Belohnung die Gnade erfleht, daß er es ſein darf, der Ew. Majeſtät mit Ihren Kindern auf ihrer Flucht be⸗ gleitet, bis er Sie in Sicherheit weiß— dieſer Mann heißt Barnave. Wollen Ew. Majeſtät ihm die geforderte Belohnung gewähren? Wollen Sie ſich ſeiner Führung anvertrauen?“ 176 „Ja, ich will es, und ſagen Sie Barnave, daß ich auf ihn gezählt habe, daß ich ihm danke für die muth⸗ volle Weiſe, mit der er Marat in der Oper gegenüber trat. Es that mir wohl inmitten meiner Quaken und gab mir Muth und Faſſung wieder. O ich weiß wohl, Barnave hat gefündigt, er hat dem König und der Mon⸗ archie viel geſchadet, aber er iſt zu uns zurückgekehrt, er bereut, und wenn ich jemals wieder wahrhaft Königin werde, ſo iſt die Verzeihung Barnave's ſchon im Voraus in meinem Herzen aufgezeichnet ²). Sagen Sie das Bar⸗ nave, ſagen Sie ihm, daß ich ihm den höchſten Beweis meines Vertrauens gebe, daß ich ihm meine Kinder an⸗ vertraue. Und jetzt, mein Freund, da ich Ihrer auf⸗ opfernden Treue heute ſo Vieles verdanken ſoll, jetzt laſſen Sie mich zu meinem Gemahl gehen. Ich werde ihm ſagen, daß Sie hier ſind, und ich werde Ihnen, wie ich hoffe, nicht bloß ſeinen Dank, ſondern auch ſeine Einwilligung zu unſerer Flucht mit zurückbringen.“ ) Marie Antvinette's eigene Worte. Memoires de Mada- me de Campau. Vol. I. 177 Achtes Cnpitel. Thervigne de Mericourt. Theroigne de Mericourt,„die Heroine der Clubbs und der Straßenmeute“, wie Thugut ſie genannt, befand ſich allein in ihrem Salon. Dieſer Salon war jetzt ſeit einiger Zeit der Sammelplatz aller der berühmten Män⸗ ner des Tages, aller der ausgezeichneten Mitglieder der National⸗Verſammlung geworden. Es war ſo ſehr Mode geworden, zu den Beſuchern dieſes Salons der ſchönen Thervigne de Mericourt zu gehören, daß ſelbſt bedeu⸗ tende Fremde, welche nach Paris kamen, ſich um dieſen Vorzug bewarben, daß ſelbſt das ſpätere Conventsmit⸗ glied Romme ſeinen Zögling, den Grafen Stroganow, der ſich unter einem fremden Namen zur Vollendung ſei⸗ ner Erziehung in Paris befand, täglich in den Salon Thervigne's führte, damit er dort die neuen Ideen, wel⸗ che Frankreich mit Blut und Entſetzen erfüllten, kennen lerne*). Aber Thervigne hatte heute ihrem Kammermädchen *) Biographie universelle, ancienne et moderne. Vol. XCV. S. 369. 178 ſtrenge Ordre gegeben, ſie vor Jedermann zu verleugnen, alle Beſucher abzuweiſen, und Jedermann zu ſagen, Thervigne ſei krank aus Zorn und Aerger über das un⸗ würdige Libell, das man gegen ſie geſchrieben, und ſie könne daher ihre Freunde erſt am nächſten Tage wieder empfangen. Sie befand ſich alſo ganz allein in ihrem Salon, und dennoch war derſelbe glänzend erleuchtet, und ſie ſelber befand ſich noch in dem phantaſtiſchen Coſtum, das ſie nicht allein auf der Straße, ſondern auch in ihrem Salon zu tragen pflegte. Ein lang herabwallendes Ama⸗ zonenkleid von blauem Sammet umhüllte ihre ſchöne Ge⸗ ſtalt, deren wunderbares Ebenmaß durch das enganſchlie⸗ ßende hohe Jäckchen noch mehr hervorgehoben wurde. Dieſes Jäckchen war vorn mit glänzenden Goldknöpfen geſchloſſen, von denen indeſſen einige am Buſen geöffnet waren, um einem Chabot von prächtigen Brüſſeler Spiz⸗ zen Raum zu geben. Eben ſolche Spitzmanſchetten um⸗ gaben ihre Hände und den Saum der enganſchließenden Aermel, welche die Form ihres ſchönen runden Armes erkennen ließen. Ihr volles ſchwarzes Haar umgab in dichten Flechten ihre breite, etwas gebräunte Stirn und fiel hinterwärts in langen Locken über ihre Schultern nieder. Auf dem Kopfe trug ſie einen kleinen runden Hut, mit einer langen weißen Straußfeder geziert, einen 179 Hut, wie ihn der König Heinrich der Vierte auf ſeinem Standbild an dem Pont neuf trägt, und den man des⸗ halb den chapeau de Henri quatre zu nennen pflegt. Um den Leib hatte ſie einen koſtbaren türkiſchen Shawls geſchlungen, und aus demſelben ſchaute der mit Gold und Brillanten verzierte Griff eines Dolches hervor. Auch an ihren Fingern und in ihren Ohren trug ſie goldene Ringe mit Brillanten, aber höher noch als dieſe Bril⸗ lanten blitzten ihre ſchwarzen Augen, deren wunderbares Feuer die Herzen ihrer Anbeter zur höchſten Extaſe zu entflammen pflegte. Um ihre purpurrothen, etwas auf⸗ geworfenen Lippen ſpielte ſtets ein reizendes, kokettes Lächeln, und ihre feine, leicht gebogene Naſe gab ihrem Angeſicht, trotz der friſchen rothen Wangen, ein gewiſſes vornehm ariſtokratiſches Air, welches das Piquante ihrer ganzen Erſcheinung nur noch erhöhte. Thervigne hatte bis jetzt nachläſſig auf dem Divan gelehnt und träumeriſch vor ſich hin in das Leere ge⸗ ſtarrt. Als jetzt aber die Uhr auf dem Kamin langſam und laut zu ſchlagen begann, zuckte ſie zuſammen und ſprang auf. „Acht Uhr,“ ſagte ſie haſtig,„und Barnave iſt noch nicht hier. Ich ertrage es nicht mehr, die Lange⸗ weile, die Erwartung iſt tödtlich. Acht Uhr! Man er⸗ wartet mich heute Abend in den Clubb der Cordeliers; 180 ich hatte Petion verſprochen, ein wenig auf die Galerieen einzuwirken und ſie in Extaſe zu bringen für das neue Geſetz, welches die ganze ausübende Gewalt in die Hände der geſetzgebenden Verſammlung legt und den König ganz außer Wirkſamkeit ſetzt, und nun wird mich Petion vergeblich erwarten. Aber Barnave bat mich, ihn zu er⸗ warten, und für ihn opferte ich Petion und meinen Triumph. Aber wenn er nun nicht käme, wenn— o nein, das iſt unmöglich. Barnave betrügt nicht, und wenn er ſagt: ich will kommen, ſo kommt er gewiß. Aber er wollte doch um ſieben Uhr kommen, ſo hat er geſchrieben, ſo ſteht's in ſeinem Brief!“ Und als bedürfe ſie der Beſtätigung ihrer Worte, zog ſie aus der Taſche ihres Amazonenkleides ein kleines Briefchen hervor, das ſie entfaltete und mit lauter Stim⸗ me las:„Theuerſte Thervigne, wenn Du mir einen Be⸗ weis Deiner Freundſchaft geben willſt, ſo empfange heute Abend keine Geſellſchaft in Deinem Salon, ſondern er⸗ warte mich nach ſieben Uhr. Ich habe Dir Geheimes und Wichtiges zu ſagen, von dem das Glück Deiner und meiner Zukunft abhängt. Barnave.“ „O, ich that ihm Unrecht,“ ſagte Thervigne, den Brief wieder in ihre Taſche ſchiebend;„nach ſieben Uhr wollte er kommen, und wenn auch acht Uhr etwas ſpät nach ſieben Uhr iſt, ſo iſt er doch zu entſchuldigen. 181 Was aber kann er mir Wichtiges zu ſagen haben, von dem das Glück ſeiner und meiner Zukunft abhängt! Ach, mein Gott, er kennt ja nicht das Geheimniß meines Her⸗ zens, er weiß nicht, daß ich ihn liebe, und daß dieſe Liebe mich oft ſo ſchwermüthig macht, daß ich in laute Klagen ausbreche, mich und mein albernes Daſein ver⸗ wünſche, und fliehen, weit weg fliehen möchte, wenn ich nur mir ſelber und meiner Liebe entfliehen könnte. Aber—“ Die Thür flog auf und Barnave trat ein. Thervi⸗ gne's Augen blitzten höher auf, und ihm entgegenſchrei⸗ tend ſtreckte ſie ihm beide Hände entgegen. „Willkommen, mein großer Volkstribun,“ ſagte ſie emphatiſch,„willkommen, Du Sohn der Freiheit und des Lichtes.“ Barnave lächelte und drückte einen Kuß auf ihre roſigen Lippen.„Ich danke Dir, Theroigne, daß Du mich erwartet haſt,“ ſagte er,„obwohl es mir Peétion und Populus und Robespierre und der Abbe Sieyes und alle Deine übrigen Anbeter, das heißt das ganze Volk von Paris nie verzeihen werden, daß ich ihnen heute Abend den Anblick ihrer angebeteten Göttin entziehe.“ „Du ſiehſt, großer Tribun, daß ich ſie Dir Alle geopfert habe,“ rief Theorigne lachend,„das ganze Volk 182 von Paris, meine Erbſchaft von der Madame Veto, der Oeſterreicherin!“ „Wie ſo denn Deine Erbſchaft?“ fragte Barnave leiſe erbebend. „Nun,“ ſagte Thervigne lachend,„Du weißt doch, als Marie Antvinette nach Paris kam und das dumme Pariſer Volk alle Straßen erfüllte und ihr entgegen jauchzte, da zeigte ihr der Baron von Beſenval die Men⸗ ſchenmaſſen und ſagte:„Madame, Sie ſehen da hundert⸗ tauſend Liebhaber ihrer Perſon.“ Nun, dieſe Liebhaber der Königin ſind jetzt, wie Du ſagſt, meine Erbſchaft von ihr.“ „Und rechneſt Du ſehr auf die Treue Deiner hunderttauſend Liebhaber, Thervigne?“ Thervigne machte eine drollige Grimaſſe und lachte dann laut auf.„Treue! Wo gibt es denn bei den Män⸗ nern und zumal bei den Liebhabern Treue? Ach, ach, ſie lieben mich heute meine hunderttauſend Liebhaber, und morgen ſteinigen ſie mich vielleicht. Mein Freund,“ fuhr ſie plötzlich ernſt werdend fort,„wenn es einem Lieb⸗ haber möglich wäre treu zu ſein, ſo wäre ich nicht, was ich jetzt bin, ſo wäre Theroigne de Mericourt eine ehr⸗ ſame, tugendhafte Hausfrau, die ihren Kohl pflegte, ihre Kinder erzöge, ihren Mann liebte und Sonntags mit der ganzen Sippſchaft fein ehrbarlich in die Kirche ginge, um 183 für den König und das ganze königliche Haus, für Mann und Kinder, für die Kühe und Schweine, die Enten und Hühner meiner Landwirthſchaft zu beten. Könnte ein. Liebhaber treu ſein, ſo wäre Theroigne de Mericourt nicht die verſtoßene Tochter ihres tugendhaften Vaters, nicht die berühmte Amazone und Heldin von Paris. Und alſo,“ rief ſie, die Thränen, die ihr in die Augen geſtie⸗ gen, unter einem lauten Lachen verbergend,„alſo mag es recht gut ſein, daß die Liebhaber nicht treu ſind, denn ich wäre ſonſt keine berühmte und einflußreiche Perſon ge⸗ worden, und die Weltgeſchichte würde gar nichts von mir erfahren haben, während ſie mich jetzt ohne Zweifel als eine neue Art von Jeanne d'Are feiern wird, welche nicht für den König, ſondern für das Volk, welches der wahre König iſt, in den Kampf geht und ſeine heiligen Rechte vertheidigt.“ „Aber wer weiß, ob Thervigne dann nicht glück⸗ licher wäre, wenn auch die Weltgeſchichte nichts von ihr wüßte,“ ſagte Barnave, deſſen Augen mit einem forſchen⸗ den Ausdruck auf ihr ruthen.„Ich kenne Theroigne beſſer, als alle ihre tauſend Liebhaber, ich weiß, daß trotz ihrer friſchen rothen Wangen, trotz ihrer glänzenden Augen, trotz der Triumphe, die ſie täglich feiert, dennoch ein heimlicher Schmerz an ihrem Buſen nagt, daß The⸗ roigne oft in der Stille weint aus Reue über ihre Ver⸗ 184 gangenheit, daß ſie alle ihre Triumphe und ihren Ruhm dafür hingeben würde, wenn ſie wieder rückkehren könnte in ihr Vaterhaus, wenn ihre Eltern ihr wieder die Arme entgegenſtreckten und ihr zuriefen: Kind, wir verzeihen Dir! Komm' an unſer Herz, Du liebe, Du verlorene und wiedergefundene Tochter!“ Thervigne's Antlitz zuckte vor Schmerz und Rüh⸗ rung; ſie ſuchte anfangs ſie zu bekämpfen, aber jetzt, bei Barnave's letzten Worte ſtürzten ihre Thränen unauf⸗ haltſam hervor, flog ein Zittern durch ihre ganze Geſtalt hin und wie zerbrochen vor Schmerz ſank ſie auf ihre Kniee nieder. „Ja,“ rief ſie wehklagend,„ja, Du wiederholſt da den Traum meiner ſchlafloſen Nächte, aber er kann ſich nie mehr verwirklichen. Meine Mutter iſt geſtorben aus Gram über mich, mein Vater hat mich verflucht und mich aus ſeinem Hauſe verſtoßen. O, er hatte kein Er⸗ barmen mit meiner Verzweiflung, mit meiner Reue, er lachte über meine Thränen, meine Verſprechungen der Umkehr. Und ich war doch noch ſo jung, kaum ſechzehn Jahre, und ich war doch nur gefallen, weil ich wahrhaft liebte und weil ich unſchuldig war. O, ich ahnte ja nicht, daß der Mann, welcher ſchwur, daß er mich liebte, daß der mich betrügen könnte. Aber er that es dennoch; als mein Vater von ihm verlangte, daß er mir meine Ehre 185 wieder geben, daß er mich heirathen ſoll, da verweigerte er es, da ſagte er, nimmer werde er die Entehrte zu ſeiner Gattin machen, da beſchimpfte er mich mit un⸗ würdigem, ſchmählichen Zweifel an meiner Treue!— Mein Vater, ſtatt ihn zu tödten, verfluchte mich, ſtieß mich aus ſeinem Hauſe, und verbot mir, es jemals wieder zu betreten, es ſei denn, daß ich als eine ehrbare Frau an der Seite meines Gatten käme. Und ich, in der gren⸗ zenloſen Verzweiflung und Noth meines Herzens, ich überwand mein Herz und ging zu dem Mann, den ich ſo lange glühend geliebt hatte, und den ich jetzt haßte und verabſcheute. Ich lag vor ihm auf meinen Knieen, ich beſchwor ihn mit gerungenen Händen, aufgelöſt in Schmerz und Thränen, mir meinen Vater zu verſöhnen, mir meine Ehre wieder zu geben, und mich zu ſeiner Gattin zu machen, wie er es mir täglich ſonſt geſchworen. Aber er blieb kalt, er verlachte und verſpottete mich, er ging in ſeiner unverſchämten Härte ſo weit, daß er mir anbot bei ihm in ſeinem Hauſe zu bleiben, daß er mir ver⸗ ſprach, er wolle mir eine gerichtliche Acte ausfertigen, durch welche er mir ein Jahrgeld für mein ganzes Leben feſtſetzte. Als er mir das zu ſagen wagte, da fühlte ich, daß ich entweder wahnſinnig werden, oder den Frechen züchtigen müſſe. Ich ſprang empor, griff nach ſeiner Reitpeitſche, und ehe er's vermuthete, ſchug ich ihn 1860. XXIII. Kaiſer Leopold der Zweite. II. 186 mit der Peitſche in ſein elendes, hohnlachendes Geſicht, und ſchlug wieder und noch einmal, bis das Blut über ſein Antlitz lief; dann ſtürzte ich fort aus dem Zimmer und entfloh. Kam hieher nach Paris, und ein altes Weib nahm ſich meiner an mit Schmeichelworten und mit⸗ leidiger Zärtlichkeit. Genug, o tauſendmal genug! Du weißt jetzt, Barnave, was Thervigne de Mericvurt iſt, und wie ſie es geworden iſt!“ „Ich weiß, daß Thervigne ein edles, gutes Herz hat, und daß ich nie daran gezweifelt habe,“ ſagte Bar⸗ nave ſanft, indem er ſich zu ihr neigte und ſeinen Arm um ihren Nacken legte.„Stehe auf, Thervigne, Du haſt mir Dein Herz enthüllt, offen und wahr, wie man es ſonſt in der Beichte vor dem Prieſter thut, und gleich dem Prieſter ſage ich jetzt zu Dir: ſtehe auf, Thervigne, Deine Sünden ſind Dir verziehen. Wehe über die, welche Dich zur Sünde verleiteten.“ Sie erhob ſich langſam von ihren Knieen, und mit einer feierlichen Bewegung die beiden Arme emporhebend, mit blitzenden Augen und flammender Röthe auf den Wangen rief ſie:„Gott da droben, gib, daß ich ihm end⸗ lich wieder begegne! Sende ihn mir hieher nach Paris, daß ich endlich meine Rache an ihm nehmen, daß ich ihn vor meinen Augen ermorden laſſe von meinem lieben Volk von Paris!— Und jetzt iſt's genug,“ fuhr ſie dann 187 nach einer Pauſe im leichten, heitern Tone fort,„Du haſt mich eben als eine phantaſtiſche Närrin geſehen. Aber es iſt Deine Schuld, großer Volkstribun, warum griffſt Du in mein Herz und ſprachſt von meinem Vater! Thue das nie wieder, denn das wirkt auf mich wie eine Zauberformel, vor der all' der glänzende Plunder meiner jetzigen Herrlichkeit von mir abfällt und ich als eine arme, hungernde und frierende Bettlerin daſtehe. Und der Hunger thut ſo weh und der Froſt macht häß⸗ lich. Sprich nie wieder von meinem Vater, Barnave, denn ich will hübſch bleiben und ich will das Leben ge⸗ nießen, es ſoll für mich nichts ſein, als ein goldener Feſttagsſchmauß.“ „Aber Du wirſt von dieſem Feſttagsſchmauß bald überſättigt werden,“ ſagte Barnave lächelnd.„Sei ehr⸗ lich, Theroigne, freuſt Du Dich noch immer über die Rolle, welche Du übernommen? Langweilt ſie Dich nicht zuweilen recht herzlich? Findeſt Du es angenehm, immer den Volksmaſſen zu ſchmeicheln, Reden zu halten, und mit Beifallsgebrüll bezahlt zu werden? Iſt es Dir be⸗ haglich, täglich aus einem Clubb in den andern zu laufen, und immer den Rednern zuzuhören, wie ſie dieſelben blutdampfenden Phraſen gegen das Königthum, dieſelben begeiſterten Phraſen von der Volksgewalt und der Frei⸗ heit vorbrüllen?“ 12* 188 Thervigne ſah ihn verwundert an und brach dann in lautes Lachen aus.„Nun, ganz im Vertrauen geſagt, ich habe den ganzen Plunder herzlich ſatt,“ ſagte ſie, „und der Freiheitsſchwindel kommt mir zuweilen wie ein Poſſenſpiel vor. Aber ich habe in dem Poſſenſpiel ein⸗ mal die Rolle der erſten Liebhaberin übernommen und ſo will ich ſie denn auch würdig und unter dem Beifalls⸗ geklatſche des ganzen Volkes zu Ende führen.“ Barnave legte ſanft ſeine Hand auf ihre Schulter. „Sei ernſthaft, Thervigne. Schrieb ich Dir nicht, daß ich Dir etwas Geheimes und Wichtiges zu ſagen hätte, von dem das Glück Deiner und meiner Zukunft ab⸗ hänge? Nun wohl, ich will es Dir jetzt ſagen. Zuerſt höre dies: ich bin der Rolle ſatt und müde, die ich bis⸗ her geſpielt habe, ſie widert mich an, und ich bereue meine Vergangenheit. Ich habe den König jetzt, auf jener unglücklichen Fahrt von Varennes, beſſer kennen gelernt, er iſt ein edler, ein großmüthiger Mann, der ſein Volk liebt, und es gerne glücklich gemacht hätte, wenn ſeine Miniſter ihn nicht immer daran verhindert hätten.“ „Und wenn nicht dieſe Oeſterreicherin, dieſe herrſch⸗ ſüchtige Marie Antvinette geweſen wäre,“ rief Thervigne lebhaft. „Unterbrich mich nicht,“ ſagte Barnave,„höre ruhig mein Bekenntniß an. Als ich den König ſo in — *— 189 ſeiner Milde, ſeiner ſanften Hoheit, voll großmüthigen Verzeihens, voll Liebe zu ſeinem Volk fand, da ſchmolz mein Stolz, mein Königshaß, mein Jacobinerthum hin in Erbarmen, in Bewunderung und Ehrfurcht, und heim⸗ lich in meinem Herzen leiſtete ich mir den feierlichen Eid, das Böſe wieder gut zu machen, das ich dem König an⸗ gethan, ihm von jetzt an eben ſo treu und ergeben zu dienen, als ich ihn bis jetzt heftig verfolgt und gekränkt hatte.“ Thervigne ſtieß einen Schrei aus und trat wie ent⸗ ſetzt einen Schritt zurück. „Willſt Du hingehen und mich verrathen, The⸗ roigne?“ fragte Barnave ſanft.„Thue es, ich halte Dich nicht zurück.“ Sie ſchüttelte lebhaft ihr Haupt.„Du weißt wohl, daß ich Dich niemals verrathen werde, denn ich— Wei⸗ ter, ſprich weiter!“ „Vielleicht hatte der König mit ſeinen milden Augen, die doch ſo tief in die Menſchenherzen hinein zu ſchauen verſtehen, auf meinem Antlitz dieſe Gedanken ge⸗ leſen und den Schwur, den ich mir ſelber geleiſtet, ver⸗ ſtanden. Genug, er ſendet jetzt ſeine heimlichen Vertrauten zu mir und beſchwört mich ihm beizuſtehen, ihm zur Flucht behilflich zu ſein.“ „Der König will entfliehen,“ rief Theroigne mit 190 blitzenden Augen,„der König will zu den Feinden Frank⸗ reichs flüchten und ſie zur Rache gegen Frankreich auf⸗ rufen? Nimmermehr darf—“ „Liebe Thörin,“ unterbrach ſie Barnave,„wir ſind ja hier nicht in einem Clubb und wollen das Volk nicht fanatiſiren. Ja, der König will fliehen, und ich, um meine Schuld an dem König zu ſühnen, ich habe es feierlich und unwiderruflich übernommen, ihm zu ſeiner Flucht behilflich zu ſein.“ „Unglückſeliger!“ rief Theroigne,„weißt Du, daß wenn die Flucht mißlingt, es Dir das Leben koſten wird?“ Barnave legte ſanft ſeinen Arm um ihre Geſtalt und zog ſie näher zu ſich.„Es wird aber nicht miß⸗ lingen,“ ſagte er ſchmeichelnd,„denn Thervigne wird mir beiſtehen.“ „Ich?“ ſchrie ſie entſetzt. „Ja,“ ſagte er, ihre Wange ſtreichelnd,„ja, meine Thervigne wird mir beiſtehen. O ich dachte wohl daran, das Werk, eben weil es gefahrvoll iſt, allein zu Ende zu führen, und den König allein hätte ich vielleicht erretten können. Aber der König will nicht allein gerettet werden. Er liebt ſeine Gemahlin, ſeine Kinder, und er hat feier⸗ lich geſchworen, nicht zu entfliehen, wenn nicht auch die Königin und die königlichen Kinder gerettet werden. Da⸗ 191 mit alſo der König entfliehen kann, muß auch die Königin mit ihren Kindern entfliehen können. Thervigne de Meri⸗ court, der Liebling des Volks, die Herrin von Paris, ſie iſt die Einzige, welche die Königin retten kann, und ſie wird es thun. Still, o ſage nicht Rein, höre mich zu Ende. Sage, Thervigne, wenn Du plötzlich reich würdeſt, wenn irgend eine Erbſchaft Dir zufiele und Du eine halbe Million Dein Eigen nennteſt, würdeſt Du dann Deine jetzige Rolle weiter ſpielen? Würdeſt Du dann immer noch die Amazone der Volksfreiheit bleiben? Wür⸗ deſt Du Dein Geld vergraben, in den Clubbs umher⸗ laufen und mit Deinen roſigen Lippen, die nur geſchaffen ſind zum Küßen und zum heitern Scherzen, dem Volke freiheitsdampfende Reden halten? Sage, Thervigne, würdeſt Du das noch der Mühe werth halten, wenn Du Beſitzerin einer halben Million würdeſt?“ „Nein, wahrhaftig nein,“ ſagte Theroigne mit funkelnden Augen,„ich würde nicht eine ſolche Thörin ſein. Eine halbe Million! Ach, wer die ſein Eigen nennt, der hat nicht nöthig um die Gunſt irgend eines Menſchen zu buhlen, der genießt die wahre Freiheit, denn er kann thun, was er will, und iſt unabhängig von der ganzen Welt. O, wenn ich eine halbe Million beſäße, wenn ich reich wäre, ſo wollte ich fliehen, weit fort von Paris fliehen, vielleicht nach Italien. Da kaufte ich mir am 192 ſchönen Golf von Neapel eine prächtige Villa, hielt mir Dienerſchaft und Equipage, nähme einen andern Namen an, und lebte da als vornehme Dame, welche Jeder⸗ mann ehren und anerkennen müßte.“ „Nun denn, Thervigne, der König bietet Dir eine halbe Million Francs, wenn Du die Königin und ſeine beiden Kinder retteſt, das heißt, der König bietet Dir Freiheit, Unabhängigkeit und Glück. Rette die Königin, und an dem Tage, an welchem Marie Antoinette mit ihren Kindern die Grenze Frankreichs überſchritten hat, wird Dir der Graf von Merch in Brüſſel Deine halbe Million auszahlen.“ „Es iſt nicht möglich,“ murmelte Theroigne;„ich ſetze mein Leben auf's Spiel, und es wird vergeblich ſein. Wie ſoll, wie kann es geſchehen? Mein Kopf verwirrt ſich, es iſt mir Alles wie ein wüſter Traum. Wie ſollte ich die Königin retten können?“ „O ſage nur, daß Du es willſt, den Plan habe ich ſchon entworfen! Haſt Du nicht zu jeder Zeit freien Eintritt in den abgeſchloſſen Garten der Tuilerien, der ſonſt nur für die königliche Familie beſtimmt war? Haben die Wachen Dich jemals angehalten, wenn Du in die Tuilerien eintrittſt, um da irgend einen Deiner Freunde, der da eben auf der Wache iſt, zu ſprechen?“ „Nein, ſie haben das niemals gethan! Ich war 193 geſtern noch im Vorzimmer der Königin, um einen Offi⸗ zier zu ſprechen, der eben auf Wache war, und dem ich eine Botſchaft von Petion zu bringen hatte. Niemand dachte daran mich aufzuhalten, und ich hätte es auch Niemand rathen wollen, dies zu wagen, ich würde meine Freunde der Straße aufgefordert haben, dieſe Verletzung der Ehrfurcht gegen meine Perſon an dem Schuldigen zu ſtrafen. Nein, vor Theroigne de Mericvurt fliegen alle Thüren auf, und ſie geht ein und aus, wie's ihr beliebt.“ „Und weiß das Volk von Paris nicht, daß The⸗ roigne die Kinder liebt? Sieht man ſie nicht täglich mit den Kindern der armen Fiſchweiber und der Damen der Halle zärtlich koſen?“ „Die Wahrheit iſt, daß ich die Kinder eigentlich nicht liebe, und daß mir die ſchmutzige kleine Brut der ehrſamen Danten der Halle ziemlich unausſtehlich iſt. Aber ich ſchmeichle den Kindern, dadurch gewinne ich mir die Herzen der Mütter und bin ihre angebetete Königin.“ „Nun, Theroigne, fahre fort, ſie zu lieben, zeige Dich täglich mit zwei kleinen armen Kindern im Tui⸗ leriengarten, gehe täglich in das Schloß, aber gehe nie⸗ mals durch dieſelbe Thür zurück, durch welche Du ein⸗ getreten biſt. Gewöhne die Schildwachen, durch Thüren 194 Dich herauskommen zu ſehen, ohne daß ſie Dich hinein gehen ſahen, bleibe täglich bis zur Dämmerzeit, laß einen Fiacre in der Nähe des Tuileriengartens halten, und wenn Du ihn mit irgend ein paar Kindern beſteigſt, ſo ſage dem Kutſcher mit lauter Stimme, er ſolle Dich in den Clubb der Cordeliers fahren. Siehe, Thervigne, wenn Du das acht Tage lang getreulich erfüllſt, ſo iſt die Königin gerettet, und die halbe Million Francs iſt Dein.“ „Ah, ich begreife,“ ſagte Theroigne gedankenvoll, „die Königin ſoll alsdann unter der Maske der The⸗ roigne die Tuilerien verlaſſen, und ihre beiden Kinder werden alsdann meine armen ſchmutzigen Lieblinge vor⸗ ſtellen. Nicht übel erſonnen, das iſt wahr, aber ich riskire dabei mein Leben. Denn ſelbſt wenn der Plan gelingt, wenn die Königin entflohen iſt, ſo wird man doch ſofort erfahren, auf welche Weiſe man ihre Flucht bewerkſtelligt hat, und man wird mir alsdann nicht Zeit laſſen, mir meine halbe Million aus Brüſſel zu holen, man wird mich vorher als eine Volksverrätherin in Stücke reißen, oder an einer Laterne aufhängen.“. „Deshalb mußt Du vorher in jedem Fall Paris verlaſſen haben. Die Königin wird nicht eher fliehen, als bis Thervigne, ihre Retterin, in Sicherheit iſt. Ganz heimlich und in der Stille reiſeſt Du ab, und erſt einen 195 Tag nachher entflieht die Königin. Das gute Pariſer Volk erführt erſt dann von der Hilfe, welche Du Marie Antvinette geleiſtet, wenn Du längſt in Sicherheit biſt und in Brüſſel vom Grafen Merch Deine Belohnung erhalten haſt.“ „Nein,“ rief Theroigne erbebend,„nein, ich will nicht nach Belgien! Da iſt das Grab meiner Mutter, da wohnt mein Vater, der mich verſtoßen hat. Was hülfe es mir auch, Reichthum zu erwerben, mein Vater wird mich doch nicht wieder willkommen heißen in ſeinem Hauſe, er wird doch nicht den Fluch von meinem Haupte nehmen. Nein, nein, mag der König ſein Geld behalten, ich will nichts zu ſchaffen haben mit Deinen Planen, ich kann die Königin nicht retten, es würde mir das Leben koſten, und was ich auch ſchon gelitten habe und noch leide, ich liebe das Leben!“ „Und Du ſollſt auch im Leben noch das Glück ge⸗ nießen, Theroigne, Du ſollſt reich, geehrt und glücklich ſein an der Seite eines Mannes, der Dich liebt und der Dich zu ſeiner Gattin macht. Theroigne, mein ſüßer Liebling, ſagte Dein Vater nicht, Du dürfteſt ſein Haus erſt dann wieder betreten, wenn Du als ehrbare Frau an der Seite Deines Gatten kämeſt?“ „Ja, er ſagte es,“ rief ſie mit ſchmerzlichem Zorn. 196 „Habe ich Dich nicht gebeten, mich niemals wieder daran zu erinnern? Weshalb marterſt Du mein Herz?“ „Weil ich es heilen will, geliebte Thervigne. Komm ſieh mich an, ſchau mir feſt in's Geſicht, und nun antworte mir: Thervigne, liebſt Du mich?“ Sie zuckte zuſammen und eine dunkle Gluth über⸗ zog ihre Wangen.„Was fragſt Du mich ſo, Barnave?“ flüſterte ſie.„Was kümmert es Dich, ob ich Dich liebe? Du jedenfalls, Du liebſt mich nicht.“ Er legte ſeine beiden Hände auf ihre Schultern und ſchaute ſie lächelnd an.„Ich habe geſchworen den König zu retten,“ ſagte er,„und ich werde meinen Schwur erfüllen, wenn mir Thervigne hilft, indem ſie die Königin errettet, ohne welche der König nicht ent⸗ flichen will. Aber mit dem König entfliehe auch ich, gehe auch ich nach Belgien. Theroigne, ſoll ich Dich da finden, ſoll ich Dich mit Deinem Vater verſöhnen? Theroigne, willſt Du mein Weib ſein?“ Sie ſtieß einen Freudenſchrei aus, ſchlang mit leidenſchaftlichem Ungeſtüm ihre beiden Arme um ſeinen Nacken und drückte einen glühenden Kuß auf ſeine Lippen. „O, ich liebe Dich,“ flüſterte ſie,„ich habe Dich lange, lange ſchon geliebt, und wie ſie mich auch ver⸗ leumdet, wie viel Liebhaber ſie mir auch angedichtet 197 haben, ich bin Dir mit meinem Herzen und meiner Seele doch treu geweſen; obwohl ich niemals hoffen konnte, von Dir geliebt zu werden, habe ich doch, ſeit ich Dich kenne, mich betrachtet als Dein Eigenthum, das ich Dir treu und rein bewahren müſſe.“ „Und Du willſt mein Weib ſein? Willſt erſt mir helfen meinen Schwur zu erfüllen, den König und die Königin zu erretten, und meine Schuld zu ſühnen, damit es mir alsdann erlaubt ſei, glücklich zu werden? Sag', willſt Du mir dazu helfen und willſt Du mein Weib ſein?“ „Ob ich es will!“ rief ſie jauchzend.„Dein Weib! Die Frau des ſchönen, des gefeierten Barnave. O, wenn Barnave mich zu meinem Vater führt, wenn der ihm ſagt:„Sie heißt jetzt nicht mehr Thervigne de Mericourt, ſie heißt Thervigne de Barnave, ſie iſt mein Weib, vor Gottes Altar mir angetraut. Vergeben Sie ihr, denn ſie hat geſchworen jetzt eine ehrbare Frau zu ſein, und ſie wird ihren Schwur halten, dafür bürge ich Ihnen“— dann wird mein Vater mich wieder an ſein Herz drücken, und er wird den Fluch von mir nehmen und wird mich ſegnen!— Hier meine Hand, ich ſchwöre Dir, Barnave, ich will Dir ein treues Weib ſein, und ich will in Dank⸗ barkeit und Liebe Dir vergelten, daß Du mich werth hälſt Deine Gattin zu ſein! Und von dieſer Stunde an 198 bin ich nichts als ein Werkzeug in Deinen Händen, will ich Dir beiſtehen und helfen in Allem, was Du thuſt. O, ich habe wohl ein Recht dazu, denn ich bin jetzt Deine Braut! Aber Du böſer Mann, Du haſt mir noch nicht den Verlobungsring gegeben, und doch trägſt Du ihn ſchon am Finger. Nicht wahr, dieſer allerliebſte Gold⸗ reifen mit dem Vergißmeinnicht von Turquiſen, das iſt der Verlobungsring, den Du mir mitgebracht haſt?“ Sie nahm Barnave's Hand und wollte ihm den Ring vom Finger ſtreifen, aber er zog faſt ungeſtüm ſeine Hand zurück.„Nein,“ ſagte er,„nicht dieſen Ring! Der iſt nicht ſchön und koſtbar genug für meine ſchöne Thervigne. Morgen bringe ich Dir den Verlobungsring, und er ſoll von Brillanten blitzen wie die Augen meiner holden Braut.“ „Wozu Brillanten! Dieſer einfache hübſche Ring genügt! Gib ihn mir!“ Und abermals verſuchte ſie ihm den Ring vom Finger zu ſtreifen, und abermals zog er die Hand zurück. „Nein, Thervigne, berühre dieſen Ring nicht, es könnte uns Unglück bringen. Meine Mutter ſteckte in ihrer Todesſtunde dieſen Ring an meinen Finger, und ich gelobte ihr, ihn zu ihrem Andenken zu tragen, ſo lange ich lebte! Ich darf ihn nimmer laſſen! Morgen bringe 199 ich Dir den Verlobungsring, und jetzt, meine ſchöne Braut, jetzt gib Du mir den Verlobungskuß.“ Er umſchlang ſie mit ſeinen beiden Armen und drückte ſeine Lippen feſt auf die ihren. Sie ließ ihn ge⸗ währen und lehnte dann lächelnd ihr Haupt auf ſeine Schulter. „Und alſo, Geliebte, Du ſtehſt mir bei? Du för⸗ derſt meine Plane?“ „Gebiete mir, und was Du willſt, das thue ich! Theile mir Deine Plane mit, und ich fördere ſie, wie ich vermag.“ „Und Du ſchwörſt mir, Niemand in unſer Ge⸗ heimniß zu ziehen, Niemand meine Plane mitzutheilen?“ „Ich ſchwöre es Dir bei Allem, was mir heilig iſt, ich ſchwöre Dir beim Geiſt meiner Mutter, die vielleicht in dieſer Stunde auf uns niederſieht und mir ihren Segen gibt, ich ſchwöre Dir bei ihr, daß ich Deine Plane Niemand mittheilen, Dein Geheimniß Niemanden verrathen will!“ „So gib mir die Hand, meine Braut, meine Mit⸗ verſchworne. O meine Geliebte, welche glückliche Zukunft erwartet uns! Wir werden den König und die Königin retten, wir werden reich ſein, und dadurch die wahre Freiheit erlangen, vie Freiheit zu thun, zu denken und zu 200 ſagen, was wir wollen, unbekümmert um die ganze Welt!— Und nun, Thervigne, merke wohl auf, was ich Dir zu ſagen habe über den Plan zur Flucht.“ Renntes Capitel. Der Plan zur Flucht. Acht Tage waren ſeitdem vergangen, und jeden Tag war Thervigne in den Tuilerienpark gegangen, ganze Stunden lang hatte man ſie da auf und niedergehen, zu den umherſtehenden Menſchengruppen ſprechen, mit den Kindern ſchäkern und ſpielen ſehen. Oft war ſie mit ihnen in das Schloß eingetreten, indem ſie lachend zu der Schildwache ſagte:„Laß mich nur paſſiren, Freund, ich will den kleinen Dauphins des Volkes nur den Pallaſt zeigen, welchen ſie künftig bewohnen werden,“ und die Schildwache hatte ſie eintreten laſſen und gar kein Miß⸗ trauen gehegt, wenn Thervigne auch mit den kleinen „Dauphins des Volkes“ nicht wieder heraus kam. Sie war dann eben aus einer andern Pforte der Tuilerien wieder hinaus gegangen, und die Wache vor derſelben hatte auch keinen Anſtand genommen, Thervigne mit den 201 Kindern wieder aus dem Schloß in den Garten eintreten zu laſſen. Theroigne war dann ſchäkernd und lachend mit den Kindern im Park umher gelaufen, und oft erſt, wenn es dunkel geworden, hatte ſie den Park verlaſſen, hatte irgend einen vorüberfahrenden Fiacre herbeigerufen, und denſelben beſteigend, hatte ſie dem Kutſcher mit lauter Stimme geſagt:„Fahre uns in den Clubb der Corde⸗ liers! Unſere Dauphins hier müſſen doch die großen Männer kennen lernen, welche ihre Rechte vertheidigen und daran arbeiten, ihren Thron zu erbauen.“ Jeden Tag aber, wenn Thervigne in dem Tuilerien⸗ park luſtwandelte, war ſie nahe dem Schloſſe vor den Fenſtern der Königin ſtehen geblieben, hatte den Kindern, welche ſie gerade neben ſich hatte, dieſe Fenſter gezeigt, und hatte gerade da mit ihnen getanzt und gelacht und zuweilen ſogar ein luſtiges Liedchen geſungen. Und jedesmal hatte die Königin oben an ihrem Fen⸗ ſter geſtanden, und mit ſpähender Aufmerkſamkeit hatte ſie Thervigne und die beiden Kinder betrachtet. Zweimal in dieſen acht Tagen hatte Saint⸗Prir in dem Vorzim⸗ mer der Königin die Wache gehabt, und dieſe beiden Nächte hatte die Königin ſich eifrig mit einer Näharbeit beſchäftigt, hatte ſie einen ihrer Amazonenanzüge mit Spitzenchabots und Manchetten verſehen und das Leib⸗ chen mit goldenen Knöpfen verziert. Auch an Gewändern 1860. XXIII. Kaiſer Leopold der Zweite. II. 13 202 für Kinder hatte ſie emſig genäht, und dieſe mußten wohl zu irgend einem wohlthätigen Zweck beſtimmt ſein, denn die Kleider waren von grobem, unſauberen Stoff, gewiß nicht geeignet, um von den Kindern der Königin getra⸗ gen zu werden. Auch heute am achten Tage ihrer ſeltſamen Tuile⸗ rienbeluſtigung hatte Thervigne mit den beiden Kindern einen Fiacre beſtiegen und dem Kutſcher geſagt, er ſolle ſie in den Clubb der Cordeliers fahren. Aber unterwegs war ihr plötzlich eingefallen, daß ſie daheim noch etwas zu beſorgen habe, daß ſie von einem Freunde erwartet werde, ſie hatte daher unfern von ihrer Wohnung den Fiacre verlaſſen, und indem ſie dem Kutſcher bedeutete, die Kinder bis zu den Cordeliers zu fahren, war ſie zu Fuß in ihre Wohnung zurückgekehrt. „Jetzt an's Werk,“ flüſterte ſie, in ihr Zimmer ein⸗ tretend.„In einer Stunde muß ich abgereiſt ſein!“ Mit geſchäftiger Eilfertigkeit begann ſie einige Wäſche und Kleidungsſtücke in einen kleinen Handkoffer zu packen, dann entkleidete ſie ſich des Amazonengewan⸗ des, legte ſtatt deſſen den einfachen und beſcheidenen An⸗ zug eines Bürgermädchens an, und ſetzte ſtatt des feder⸗ geſchmückten Hutes à la Henri quatre eins jener kleid⸗ ſamen runden Tüllhäubchen mit den langen flatternden 203 bunten Bändern auf, wie ſie die wohlhabenden Bürgerin⸗ nen zu tragen pflegten. Sie hatte eben ihre Toilette vollendet, und betrach⸗ tete ſich lachend in dem Spiegel, als ein Klopfen an der Thür ſie ſtörte. Thervigne ſchlüpfte nach der Thür hin und horchte. Das Klopfen wiederholte ſich noch drei⸗ mal in einem beſtimmten Rythmus. „Sie ſind es, das iſt das Zeichen,“ flüſterte ſie, und ſchob den Riegel von der Thür zurück. Barnave und Baron Thugut, letzterer in der Tracht eines Offiziers der Nationalgarde, traten ein. „Alles in Ordnung?“ fragte Barnave. „Alles in Ordnung,“ erwiderte Theroigne, ihn mit einem zärtlichen Lächeln begrüßend. „Und kann Niemand uns belauſchen?“ „Niemand. Ich gab meiner Magd Urlaub für drei Tage. Sie iſt mit ihrem Liebſten zu ihren Eltern nach Annech gefahren, und wird erſt in drei Tagen heim⸗ kehren. Wir ſind alſo ganz allein und ganz unbelauſcht.“ „Nun denn, Thervigne, hier iſt der Herr, von dem ich Dir erzählte, den der gute König Ludwig an mich ge⸗ ſandt hat, damit er mich zur Rettung des Königs gewin⸗ nen möge, hier iſt der Baron—“ „Still,“ unterbrach ihn Theroigne lebhaft,„ich will Ihren Namen nicht wiſſen, mein Herr. Bewahren 13* 204 Sie ihn als ein Geheimniß, das ungefährdet bleiben muß.“ „Im Gegentheil, ich wünſche, daß Ihre ſchönen purpurnen Lippen ihn recht oft wiederholen mögen, mein holder Engel,“ ſagte der Baron mit einem chniſchen La⸗ chen.„Ich bin der Baron von Thugut, und Sie werden dieſen Namen nicht vergeſſen, denn es iſt all Ihr Thun gut und ſchön und die beſte Verherrlichung meines Na⸗ mens. Das Beſte aber, was Sie in Ihrem ſchönen, tha⸗ tenvollen Leben thun konnten, war es doch, daß Sie zur Rettung des Königs und der königlichen Familie Ihre hübſche, kleine Hand boten. Der König hat mir auf⸗ getragen, Ihnen ſchon im Voraus ſeinen innigſten Dank zu ſagen, und als ein kleines Zeichen deſſelben ſendet er Ihnen hier dies Portefeuille. Es enthält einmalhundert⸗ tauſend Francs, welche wohl vorläufig für die kleinen Reiſebedürfniſſe der ſchönen Thervigne ausreichen mögen. Hier nehmen Sie, ma toute belle!“ Thervigne nahm das dargereichte Portefeuille mit einer ſtolzen hoheitsvollen Miene an und ſteckte es in ihre Kleidertaſche. „Wie?“ rief Thugut,„Sie öffnen es nicht einmal, Sie unterſuchen nicht ſeinen Inhalt?“ „Mein Herr,“ erwiderte ſie ernſt,„ich hege kein Mißtrauen gegen Sie, ſondern gebe Ihnen dieſen Be⸗ 205 weis meiner Achtung, damit es auch Ihnen gefallen möge mir mit Achtung zu begegnen. Ich bitte Sie zu bedenken, daß Theroigne de Mericvurt, die Amazone, mit welcher die vornehmen Seigneurs wohl früher in leichtfertig vertraulicher Weiſe ſprechen mochten, nicht mehr hier iſt, ſondern nur Thervigne, die Braut des edlen Barnave, dem ſie allzeit eine ehrſame und tugend⸗ hafte Gattin zu ſein ſich beſtreben wird.“ 8 „Und ich zweifle nicht, daß Ihre Beſtrebungen von dem glücklichſten Erfolg gekrönt ſein werden,“ ſagte Ba⸗ ron Thugut ernſt.„Laſſen Sie uns alſo den Ton der Galanterie ganz und gar verbannen, da es Ihnen ſo ge⸗ fällig iſt, und reden wir ernſthaft, wie es der ernſten Sache, welche wir vorhaben, geziemt. Wir wollen die königliche Familie retten, nicht wahr, Madame, das iſt auch Ihr redlicher und treuer Wille?“ „Ja, das iſt mein redlicher und treuer Wille. Ich habe es Barnave verſprochen, und ich habe ihm mit einem heiligen Eide, bei dem Andenken an meine Mutter ge⸗ ſchworen, Niemanden in dies Geheimniß einzuweihen, es Niemanden zu verrathen.“ „Und ich,“ fagte Barnave feierlich, indem er ſeine Hand auf Theroigne's Schulter legte,„ich verbürge mich für Theorigne. Sie hat ein edles und großmüthiges 206 Herz, und ſie wird alle ihre Energie, alle ihre Liſt und Gewandtheit zur Erreichung unſers Ziels anwenden.“ Thervigne ſchlang haſtig ihren Arm um Barna⸗ ve's Nacken und drückte einen Kuß auf ſeine Lippen. „Ich danke Dir,“ ſagte ſie.„Dein Vertrauen ehrt mich, es macht mich ſtolz und glücklich, und ich verſpreche Dir, daß Du mit mir zufrieden ſein ſollſt.“ „Dafür ſollen auch Sie alsdann mit dem dankba⸗ ren König zufrieden ſein, Madame Thervigne,“ rief Thu⸗ gut.„Ich gab Ihnen heute den erſten Beweis der kö⸗ niglichen Dankbarkeit, das Portefeuille mit den hundert⸗ tauſend Francs. Laſſen Sie uns nun unſere Geſchäfte zu Ende bringen. Hier, meine Schöne, übergebe ich Ihnen einen Brief an den Grafen Merch. Sie kennen ihn viel⸗ leicht von ſeinem frühern Aufenthalt hier in Paris.“ „Ja, ich kenne ihn. Ich habe ihn öfter bei dem Grafen von Artois geſehen.“ „Ah, Sie waren auch eine Freundin des Grafen Artois? Ich mache Ihnen mein Compliment, Madame. Nun alſo, Sie werden den Grafen Mercy in Bräüſſel, dem Ziel ihrer Reiſe treffen. Da Sie mit Courierpfer⸗ den reiſen, ſo werden Sie, wenn Sie jetzt in einer Stunde vielleicht von hier abreiſen, ungefähr morgen Abend in Brüſſel angelangt ſein. Sie fahren ſogleich bei dem Gra⸗ fen Merch vor und ſenden ihm dieſen meinen Brief. Er 207 wird ſich beeilen, Sie ſofort anzunehmen, und Sie ſetzen ihm mündlich dann den Plan unſerer Flucht auseinan⸗ der. Bei Quiévrain werden wir die belgiſche Grenze überſchreiten, aber da wir, um alles Aufſehen zu vermei⸗ den, nicht mit Courierpferden gleich Ihnen fahren können, ſondern je nach Umſtänden mit der Mallepoſt oder auch mit irgend einem andern, ärmlichen Fuhrwerk, das der Aermlichkeit unſeres Aufzugs entſpricht, ſo können wir nicht genau beſtimmen, wann wir an der belgiſchen Grenze anlangen werden. Jedenfalls muß Graf Merch, ſo wie er alles Nöthige erfahren, ſeine Vorkehrungen treffen und ſogleich ſich nach Quievrain begeben. Ich vermuthe, daß Sie ihn begleiten werden, um ihm bei ſei⸗ nen Arrangements zu helfen, die natürlich ganz in's Ge⸗ heim getroffen werden müſſen, um nicht etwa die Auf⸗ merkſamkeit franzöſiſcher Spione zu erwecken, die viel⸗ leicht unſern Plan vereiteln könnten, indem ſie mit den franzöſiſchen Volksbanden die Königsfamilie noch aufhiel⸗ ten, bevor wir die Grenze überſchreiten konnten.“ „Ja, ich werde den Grafen Merch begleiten,“ ſagte Theroigne, ihre leuchtenden Blicke auf Barnave hinwen⸗ dend, der ſtill und gedankenvoll in der Fenſterniſche lehnte,„ich werde zur Stelle ſein, denn mit der Königs⸗ familie ſchreitet auch Barnave über die belgiſche Grenze, und ich will die Erſte ſein, welche ihn in meinem Va⸗ terlande begrüßt.“ 208 „Und Du wirſt vorher Sorge tragen, uns einen Prieſter in irgend einer Dorfkirche ausfindig zu machen, der bereit iſt, durch den Segen der Kirche uns mit ein⸗ ander zu vereinigen,“ ſagte Barnave ernſt. „Aber vorher werden Sie erlauben, meine ſchöne Braut, daß der Graf von Mercy Ihnen Ihre Ausſteuer übergibt. Dieſe Ausſteuer wird in viermalhunderttauſend Francs beſtehen, welche der weitere Dank des Königs und der Königin für Ihre Hilfe ſind.“ Barnave heftete, während Thugut ſo ſprach, ſeine Augen mit einem eigenthümlich forſchenden und ängſtli⸗ chen Ausdrucke auf Thervigne's Angeſicht. Als er ſah, wie ſie erröthete und gedankenvoll vor ſich hinblickte, flog ein freudiger Ausdruck über Barnave's ſchönes Angeſicht hin, aber er erblaßte ebenſo raſch wieder, als Thervigne jetzt ihr Haupt erhob und erwiderte:„Ich danke Ihnen, mein Herr, ich nehme die Ausſteuer an, die mir der König bietet. Es wird, wie ich hoffe, der Segen Gottes auf dieſem Gelde ruhen, und obwohl ich geſtehen muß, daß es mir lieber wäre, den König erretten zu können, ohne dafür bezahlt zu werden, ſo weiß ich doch auch, daß das Geld ein ſehr nothwendiger Beſtandtheil des Glückes iſt, und da ich keins beſitze, ſo muß ich etwas zu er⸗ langen ſuchen, das iſt ganz einfach.“ „Und Niemand würde es Ihnen danken, wenn Sie 209 großmüthige Thörin genug wären, die glänzende Beloh⸗ nung ausſchlagen zu wollen, welche Ihnen der König bietet,“ rief Baron Thugut mit einem raſchen Blick auf Barnave.„Sie werden alſo das Geld annehmen, meine Schöne, und damit ſind Ihnen die Mittel geboten, in der Folge als eine vornehme Dame zu leben.“ „An der Seite meines geliebten, angebeteten Bar⸗ nave,“ rief Thervigne ihm zärtlich zunickend.„Aber nun, meine Herren, nun laſſen Sie uns ſchnell noch einiges Nothwendige beſprechen. Es iſt Zeit zur Abreiſe, hören Sie nur, es ſchlägt acht Uhr, in einer Stunde fährt die Mallepoſt nach Chauteau Thiery ab, ich muß mich alſo beeilen, denn ich werde, um alles Aufſehen zu vermeiden, erſt in Epernon Poſtpferde nehmen.“ „Aber könnte nicht das Unglück es wollen, daß ir⸗ gend einer der Paſſagiere Sie erkennte?“ fragte Thugut. „Sieh' mich an, Barnave,“ ſagte Theroigne, indem ſie halb neckiſch, halb verſchämt den Kopf ſeitwärts neigte und eine beſcheidene unſchuldige Miene annahm,„ſage, würdeſt Du in dieſem Coſtum und mit dieſem Geſicht mich erkannt haben, wenn Du nicht wüßteſt, daß ich es bin?“ „Nein, Thervigne, ich würde Dich nicht erkannt haben.“ „Nun alſo, mein Herr,“ rief Theroigne triumphi⸗ 210 rend,„wenn mich die Liebe nicht erkennt, wird mich Nie⸗ mand erkennen! Ich werde zuerſt als einfaches, ſittſames Landmädchen reiſen, wenn ich aber mit Courierpferden weiter fahre, werde ich vorher meine Toilette wechſeln, und in tiefer Trauer, in Thränen aufgelöſt zu meinem Gemahl reiſen, der todeskrank mich in Brüſſel erwartet. O, mich wird man nicht erkennen! Gott gebe nur, daß auch die Königin nicht erkannt wird, daß ſie morgen im Tuileriengarten meine Rolle gut ſpielt und daß die Kin⸗ der ſie nicht verrathen.“ „Die Königin wird erſt, wenn es zu dämmern be⸗ ginnt, mit ihren Kindern aus den Tuilerien in den Park hinaustreten,“ ſagte Thugut.„Sie wird dann zuerſt, wie Sie es zu thun pflegen, einige Male mit den Kindern die Alleen auf und abtänzeln und laufen, und dann wird ſie den Park verlaſſen und den Fiacre beſteigen, der wie zufüllig grade in der Nähe halten wird.“ „Wer wird dieſen Fiacre fahren?“ fragte Thervi⸗ gne lebhaft. „Ich werde der Kutſcher des Fiacres ſein,“ erwi⸗ derte Barnave. „Und der Nationalgardiſt, der neben dem Fiacre ſteht und die verkleidete Königin fortfahren ſieht, das werde ich ſein,“ fagte Thugut.„Sobald ich die Abfahrt geſehen, werde ich in den Tuileriengarten zurückkehren, 211 werde unter den Fenſtern des Königs das verabredete Zeichen geben, und über den ſchwarzen Corridor und die geheime Treppe wird der König als Nationalgardiſt verkleidet herabkommen in den Park. Wir eilen ſodann Beide in Ihre Wohnung, ſchöne Thervigne. Dort wird die Königin indeß ſich umgekleidet haben, und als ein⸗ fache Bürgerfrau wird ſie am Arm des Nationalgardiſten wieder von dannen gehen, und der zweite Nationalgardiſt, welches ich bin, geleitet die Kinder. Wir ſteigen Alle in den Fiacre des Herrn Barnave und fahren mit ihm bis über die Barriéren von Paris hinaus. Dort erwarten uns neue Pferde, und wir ſetzen unſere Reiſe fort. Da haben Sie unſern ganzen Reiſeplan, mir ſcheint, er iſt einfach und klug, und wir dürfen hoffen mit ihm zu reuſſiren.“ „Der Himmel gebe es,“ ſeufzte Thervigne inbrün⸗ ſtig.„Nun aber verlaſſen Sie mich, meine Herren. Da die Königin hieher kommt, will ich den Salon für ſie ordnen und die Gewänder, welche Barnave geſtern ge⸗ bracht hat, dort für die Königin bereit legen. Wir haben das Nöthige beſprochen, laſſen Sie uns alſo Abſchied nehmen.“ „Warten Sie noch einen Augenblick, ſchöne Thervi⸗ gne,“ ſagte Thugut.„Wir müſſen noch ein wenig für Sie und meinen uneigennützigen Freund Barnave ſor⸗ 212 gen. Denn gleichviel, ob die Flucht mißlingt oder gelingt, ſind ſie in Belgien vor der Rache Frankreichs nicht ſicher, und Sie müſſen auf weitere Flucht bedacht ſein. Sie werden daher, ſobald Ihre Miſſion in Belgien vollendet iſt, ſich gefälligſt nach Wien begeben, und hier überreiche ich Ihnen zwei Briefe: der eine iſt an den Grafen Lud⸗ wig Cobenzl, der andere Brief iſt an eine Dame gerichtet, welche Ihnen dort vom größten Nutzen ſein und Ihnen alle Pforten öffnen wird. Zugleich übergeben Sie dieſer Dame beifolgendes Packetchen; es enthält ein wichtiges Document, das Sie mir verſprechen müſſen, nur in die ſchönen Hände der Baronin von Poutet ſelber nieder⸗ zulegen.“ „Ich verſpreche es Ihnen,“ rief Theroigne feier⸗ lich, indem ſie den Brief und das kleine verſiegelte Packet entgegennahm,„ich werde Beides nur der Baronin von Poutet ſelbſt übergeben, und werde bis dahin die Sachen immer bei mir führen.“ „Und nun ſind wir zu Ende, meine ſchöne Thervi⸗ gne, und es bleibt nur noch übrig zu ſagen: auf frohes Wiederſehen in Belgien! Leben Sie wohl bis dahin! Herr Barnave, ich erwarte Sie unten vor der Hausthür. Ich bin discret, wie Sie ſehen, und will die empfind⸗ ſamen Liebesleute in ihren melancholiſchen Abſchiedsſchwü⸗ ren nicht belauſchen!“ 213 Er nickte Barnave mit einem lauten Lachen freund⸗ lich zu und verließ dann eilends das Gemach. „Thervigne,“ ſagte Barnave ſeinen Arm um ihren Nacken legend,„denke daran, daß, wenn unſer Werk ge⸗ lingt, ich mein junges Weib ihrem Vater zuführen, daß er ſie ſegnen ſoll. Denke daran und ſei vorſichtig und be⸗ dächtig. Hüte unſer Geheimniß für den König und Deine Perſon für Deinen Geliebten.“ „Und Du, Barnave, denke daran, daß ich Dich grenzenlos liebe, und daß ich an der Grenze Belgiens meinen Geliebten erwarte, damit er mir Ehre, Glück und Heimath wiedergebe und mich mit meinem Vater verſöhne. Hüte alſo Deine theure angebetete Perſon für Deine Ge⸗ liebte, welche Alles, was Du verlangſt, welche das Ge⸗ heimniß des Königs und Deine Plane ehren und ſie niemals verrathen wird, wie ſie es Dir geſchworen beim heiligen Angedenken an ihre Mutter! Und nun, mein Barnave, nun lebe wohl! Nein, küße mich nicht, denn Dein Kuß würde wie Feuer mein ganzes Weſen durch⸗ glühen und mich weich und ſchwach machen! Gib mir die Hand. Lebe wohl, mein Barnave!“ „Lebe wohl, meine Thervigne. In Belgien ſehen wir uns wieder“ „Ja, Barnave, in Belgien ſehen wir uns wieder, 214 in Belgien erwartet uns Beide die Liebe, das Glück und der Reichthum!“ „Und das ſtolze und lohnende Bewußtſein, Theroi⸗ gne, den König und die Königin von Frankreich aus den Händen ihrer Mörder befreit zu haben! Lebe wohl, meine Geliebte! Auf Wiederſehen!“ „Auf Wiederſehen!“ rief Theroigne ihm nach, wäh⸗ rend er mit haſtigen Schritten die Treppe hinunter eilte, an deren Fuß Thugut ihn erwartete. Schweigend ver⸗ ließen ſie Beide das Haus und wanderten die Straße hinunter. „Sagen Sie, Barnave,“ fragte Thugut nach einer langen Pauſe,„wollen Sie, der Spartaner, Sie, der un⸗ verbeſſerliche Tugendheld, der eine Million ausſchlägt, und von dem man ſagt, daß er züchtig und keuſch ſei, wie ein junges Mädchen, das noch niemals geliebt hat, wollen Sie wirklich allen Ernſtes dieſe Mademoiſelle Thervigne heiraten?“ „Ich wußte, daß ich es ihr verſprechen müßte, um ihre Mitwirkung und Hilfe zu gewinnen. Um die Königin zu erretten, gab ich ihr dies Verſprechen, ich werde es erfüllen, wenn Sie die Probe beſteht.“ „Darf man wiſſen, was für eine Probe ſie ihr auferlegen wollen?“ 215 „Eine ganz einfache! Ich werde, bevor ich in die Kirche mit ihr eintrete, in welcher der Prieſter uns er⸗ wartet, zu ihr ſagen:„Wenn Du mich lieber haſt, als das Geld, ſo gib ſogleich die halbe Million, mit welcher man Dich beſtochen hat, zurück, und ich werde mit Stolz und Freude Dir meine Hand reichen. Wenn Du das Geld lieber haſt, als mich, ſo behalte Deinen ſchmachvol⸗ len Lohn und Lebewohl für immerdar; denn die Gattin Barnave's darf ihm nicht einen Reichthum als Ausſteuer bringen, der ſie und ihn entehrt!“ Das werde ich ihr ſagen, und ſie wird alsdann zu entſcheiden haben, was ſie wählt, mich oder den Reichthum.“ „Mein Lieber,“ ſagte Baron Thugut lachend,„Sie werden das Glück haben, unbeweibt und frei aus Belgien heimzukehren, denn Thervigne de Mericvurt iſt viel zu klug, um nicht eine halbe Million ſelbſt dem ſchönſten und tugendhafteſten aller Männer vorzuziehen.“ Zrhntes Capitrl. Der Ankläger. Theroigne war wieder in den Salon zurückgekehrt. Mit geſchäftiger Eile öffnete ſie einen dort befindlichen Schrank und nahm mehrere Kleidungsſtücke aus demſel⸗ ben hervor, um ſie ſorgfältig über Stühlen auszubreiten; dann holte ſie aus ihrem Schlafzimmer alles zur Toilette Nothwendige herbei und ordnete es auf dem Marmor⸗ tiſch, der neben der ſchönen Pſyche von venetianiſchem Glaſe ſich befand.* So eifrig war ſie in ihrer Thätigkeit, daß ſie es gar nicht hörte, wie draußen die Thür des Entröes ge⸗ öffnet ward, daß ſie ſelbſt nicht Acht hatte auf die Schritte, welche ſich dem Salon näherten. Aber jetzt ward die Thür des Salons geöffnet und auf der Schwelle deſſelben erſchien die breite mächtige Geſtalt eines Mannes. „Petion,“ rief Thervigne erbebend,„Petion! Du hier?“ „Wundert Dich das, Theroigne?“ fragte Petion, indem er ſeine düſtern argwöhniſchen Blicke in dem Ge⸗ mach umher ſpähen ließ.„Wundert Dich das wirklich, 217 Theroigne? Und iſt es denn ſo etwas Ueberraſchendes und Neues, daß Petion unangemeldet zu ſeiner Freundin kommt? Habe ich nicht von Dir den Schlüſſel zu der Thür Deines Vorzimmers erhalten als ein beſonderes Zeichen Deines Vertrauens, und ſteht es mir nicht frei, mittelſt deſſelben zu jeder Zeit zu Dir einzutreten, wenn Du nicht von innen den Riegel vorgeſchoben haſt?“ „Es iſt wahr, ich hatte vergeſſen, den Riegel vor⸗ zuſchieben,“ ſagte Thervigne leiſe. „Das heißt mit andern Worten, ich bin Dir nicht willkommen,“ rief Peétion mit lauter rauher Stimme, indem eine düſtere Wolke des Unmuths über ſeine breite Stirn hinfuhr und ſeine rohen häßlichen Züge einen ab⸗ ſtoßenden Ausdruck annahmen.„Ja, der Petion hat jetzt mitunter das Unglück nicht willkommen zu ſein, aber die⸗ ſes Unglück gereicht ihm zur Ehre, denn er iſt nur denen nicht willkommen, welche es nicht treu meinen mit der Freiheit, dem Volk, und welche daher Petion's Unbe⸗ ſtechlichkeit und ſeine Vaterlandsliebe fürchten.“ „Nun, Du weißt, großer Tribun, daß ich nicht Furcht vor Dir empfinde,“ ſagte Theroigne ihm die Hand entgegenſtreckend,„daß die Freiheit die Göttin iſt, welche ich anbete, und daß ich Dich als den Hoheprieſter dieſer Göttin liebe und verehre.“ „Dennoch aber bin ich Dir heute willkom⸗ 1860. XXIII. Kaiſer Leopold der Zweite. II. — 218 men,“ rief Petion;„Du würdeſt den Riegel vorgeſcho⸗ ben haben, wenn Du daran gedacht hätteſt, daß ich noch immer einen Schlüſſel zu Deinem Vorzimmer beſitze, daß Du ihn mir gabſt, um mir zu beweiſen, daß Theroigne Tag und Nacht die Augen der Männer des Volkes und der Freiheit nicht zu fürchten habe. Sollte Thervigne jetzt dieſe Augen fliehen wollen?“ „Du ſcherzeſt, Freund,“ rief Thervigne mit einem lauten Lachen.„Wenn ich irgend einer Schuld mir be⸗ wußt wäre, dann würde ich ſicherlich an Deinen Schlüſſel gedacht und nicht vergeſſen haben den Riegel vorzuſchie⸗ ben. Ich war auch nicht erſchrocken, ſondern nur über⸗ raſcht, Dich ſo unerwartet eintreten zu ſehen, und das kam daher, weil ich glaubte, Du würdeſt mir zürnen, wenn Du mich hier in dieſem neuen und für mich un⸗ gewöhnlichen Frauenanzug ſäheſt. Lache mich nicht aus, großer Petion, aber wenn ich denke von Niemand über⸗ raſcht zu werden, überfällt mich zuweilen die Sehnſucht, einmal eine ganz kleine gewöhnliche Frau zu ſein, die Niemand kennt, Niemand beachtet, die ſtill und beſchei⸗ den ihren Wege geht, und nicht nöthig hat Reden zu hal⸗ ten und Aufſehen zu erregen. Siehſt Du, in dieſem be⸗ ſcheidenen Anzug wollte ich jetzt in den Clubb der Con⸗ deliers gehen, wo Marat heute eine donnernde Rede gegen die Oeſterreicherin halten will, und ganz für mich 219 und ohne geſtört zu werden möchte ich dieſe Rede mit an⸗ hören.“ „Ich war im Clubb,“ ſagte Petion düſter, indem er ſich langſam und müde auf einen Stuhl warf.„Im Clubb traf ich die beiden Kinder, welche Du geſtern bei Dir hatteſt, und von ihnen erfuhr ich, daß Du in Deine Wohnung gegangen. Ich dachte alſo, wenn Theroigne an dieſem wichtigen Abend nicht der Sitzung des Clubbs beiwohnt, ſo iſt das ein Zeichen, daß ſie krank iſt, und deshalb kam ich hieher, um mich nach Deinem Wohl⸗ ergehen zu erkundigen.“ „Ich danke Dir, großer Tribun, für dieſen Beweis Deiner Theilnahme. Aber jetzt, wenn Du erlaubſt, be⸗ gleite ich Dich in den Clubb, denn wir müſſen doch hö⸗ ren, welch' ein himmliſches Gewitter ſeines Zornes der große Marat über die Feinde des Volkes, die Marie Antoinette, erdonnern läßt.“ .„Wir können uns dieſe Mühe erſparen,“ ſagte Pe⸗ tion, ſich gemächlich auf ſeinem Stuhl ausſtreckend. „Marat hat ſeine Rede ſchon gehalten er iſt aus⸗ geziſcht worden.“ „Wie denn? Marat ausgeziſcht? Aber das iſt ja nicht möglich!“ „Dennoch iſt es leider wahr. Die Feinde des Vater⸗ landes, die Verräther an der Freiheit des Volkes haben 14* 220 es gewagt, Marat zu beſchimpfen; ſie haben einen ſolchen Tumult angeſtiftet, daß Marat in ſeiner erhabenen Rede verſtummen mußte und nicht wieder zu Wort kommen konnte. Aber wehe den Vaterlandsverräthern, welche die Schmach des heutigen Tages verſchuldet haben. Es wird bald für ſie ein Tag der Rache und der Vergeltung kom⸗ men, denn ich kenne ſie, und ich kenne den Abtrünnigen und Gottesläugner, der an ihrer Spitze ſteht.“ „Wie heißt er, Petion? Sage mir den Namen des Verwegenen!“ „Er heißt Barnave!“ „Barnave,“ rief Theroigne lachend;„nun, ſieh' Petion, wie auch die größten Männer irren können. Barnave konnte es nicht ſein, der Marat in ſeiner Rede gegen Marie Antvinette unterbrach, denn Barnave war bis wenige Minuten vor Deinem Kommen hier bei mir!“ „Das hindert aber nicht, daß er durch ſeine Freunde und Anhänger Marat beſchimpfte. Er war die Seele des Complotts, aber er wird es eines Tages mit ſeinem Kopf büßen, daß er aufgehört hat das Volks zu lieben, weil er die Marie Antvinette liebt.“ Thervigne ſprang einer gereizten Tigerin gleich zu Petion hin und faßte heftig ſeine Hand. „Was ſagſt Du? Barnave liebt die Königin?“ 221 „Nun, weißt Du es nicht?“ fragte Petion ruhig. „Es iſt ein lautes Geheimniß, das der verbrecheriſche Mann ſich nicht einmal die Mühe gibt, zu verbergen. Hat er es nicht neulich im Theater ſogar gewagt, öffent⸗ lich Partei für ſeine ſogenannte Königin zu nehmen? Iſt er nicht im Theater ſchon gegen Marat aufgetreten und hat verſucht auf Marat's Koſten das Publikum für die Marie Antvinette zu ſtimmen?“ „Ja, es iſt wahr,“ ſagte Theroigne athemlos,„ich entſinne mich deſſen, er hat im Theater für Marie An⸗ toinette geſprochen. Aber ich freute mich deſſen, denn Marat hatte ſich hinreißen laſſen, er war brutal geweſen.“ „Brutal! So iſt es in der verderbten Welt! Wenn Jemand den Muth der Wahrheit beſitzt, ſo nennt man das Brutalität! Marat war, gleich mir, gleich einem jeden ehr⸗ baren Mann, empört über die ſchamloſe Coquetterie der Königin mit Barnave. Das war ein Anblicken und Lä⸗ cheln und Grüßen und verliebte Blicke werfen, daß jeden rechtlichen und redlichen Mann die Galle überlaufen mußte.“ „Sie hat ihm gelächelt, ihm zärtliche Blicke zuge⸗ worfen?“ fragte Thervigne, deren Augen jetzt zu blitzen begannen in eiferſichtigem Zorn.„Du haſt es geſehen, Petion, daß ſie es that?“ „Ja, ich habe es geſehen!“ „Und Barnave?“ „Nun, Barnave ſtrahlte vor Entzücken und blähte ſich in ſeiner Lage wie ein kalkuttiſcher Hahn inmitten ſeines Hühnerhofes. Es war eine Schande, dies laſterhafte und verbrecheriſche Gebahren mitanzuſehen.“ „O, o, Barnave liebt die Königin,“ uitch Thervigne,„und ſie— Petion, Du ſagſt, daß ſie ihm vor aller Welt zugelächelt hat?“ „Ich ſah es, und es verwunderte mich nicht! Ich habe ja Schlimmeres und Verbrecheriſches geſehen auf dieſer ſchmachvollen Reiſe von Vareunes.“ „Was ſahſt Du?“ fragte Thervigne hochathmend. „Erzähle mir Alles, Petion, ich muß Alles wiſſen!“ „Nun, ich ſah, was mein einfaches und redliches Bürgerherz ſchaudern machte. Ich ſah einen jungen, eitlen Thoren, der ſich von einer verbrecheriſchen Coquette be⸗ thören ließ, wie der Vogel von dem Blick des Baſi⸗ lisken. Ich ſah, wie Barnave's beſſeres Bewußtſein all⸗ mälig von Stunde zu Stunde hinſtarb, bis von dem jungen Helden, der ſo muthig ſonſt für die Freiheit und die Menſchenrechte geſprochen, nichts mehr übrig blieb, bis der Volkstribun ſich verwandelt hatte in einen Scla⸗ ven, der zu den Füßen einer Buhlerin ſeufzte und win⸗ ſelte. Das war ein zärtliches Flöten und Girren, ein Schönthun und Phraſendrechſeln, ein Seufzen und An⸗ blicken, ein Flüſtern und Lächeln, daß man ſich dabei wie 223 ein ungeſchickter Tanzbär erſchien und zu einer unbeque⸗ men Null zurückgedrängt ward. Ging nicht der tugend⸗ hafte, der freiheitsbegeiſterte Barnave in ſeiner verbre⸗ cheriſchen Schwärmerei ſo weit, daß er ſich ſogar unter⸗ ſtand, mir den Vorwurf zu machen, ich ſei nicht höflich genug gegen ſeine Königin!“ „Seine Königin!“ rief Thervigne, indem ſie die geballten Fäuſte drohend vor ſich ausſtreckte. „Hieß es nicht ſogar, ich behandle die junge Brut der Wölfin nicht ehrfürchtig genug,“ fuhr Peétion grol⸗ lend fort.„Er ſaß nicht weich genug auf dem Schvoß des verhaßten Pöétion, dieſer ſogenannte Herr Dauphin, ich ſpielte nicht genug die ſorgſame Amme, als er einge⸗ ſchlafen war, und wiegte den zukünftigen Verräther des Volkes nicht weich genug in meinen Armen. Da mußte der Barnave ſich wohl erbarmen, und nahm den ſchlafen⸗ den Burſchen von meinem Schooß, als ſei es eine Wun⸗ derblume, die er kaum zu berühren wagte vor übermä⸗ ßiger Anbetung und Bewunderung, und wiegte ihn in ſei⸗ nen Armen und ſchaute ihn an mit zärtlichen Blicken; dann flogen dieſe Blicke von dem Burſchen hinüber zu ſeiner Mutter, die mit gerötheten Wangen und blitzenden Augen ihm gegenüber Knie an Knie gedrückt mit dem Barnave da ſaß und heimlich, während ſie ſich den An⸗ ſchein gab, als wolle ſie den Buben zurecht rücken, dem girrenden Täuberich die Hand drückte, daß er vor Ent⸗ zücken und Wonne ganz puterroth ward.“ Thervigne ſtieß einen Schrei aus und drückte ihre Hände an ihre Schläfen.„Mein Kopf, mein Kopf,“ murmelte ſie;„es brennt— o, wie das ſchmerzt, es iſt höl⸗ liſches Feuer!“ Petion achtete gar nicht auf ſie, er war ganz ver⸗ tieft in ſeine Erinnerungen, in ſeinen grollenden Haß ge⸗ gen die unglückliche Königin, gegen Barnave, der ihn verdunkelt hatte. „Und als der Burſche nachher erwachte, da entblö⸗ dete der neue Liebhaber der Königin ſich nicht, ſich wie ein Knabe zu benehmen, und mit dem äffiſchen Buben zu ſpielen und zu lachen, und Geſchichtchen zu erzählen, als wäre er ſeines Gleichen. Und die Marie Antvinette lachte dazu, und zog den Knaben halb auf ihren Schooß herüber und gab ihm einen Kuß. Da ſchrie der Knabe: „Nun, lieber Herr Barnave, nun will ich Dir auch einen Kuß geben,“ und er ſpitzte den Mund, der noch feucht war von den Lippen der Königin, und küßte Barnave, der mit Begierde den Kuß der Königin von den Lippen des Knaben ſog.“ „Es iſt zu viel, zu viel! Ich erſticke,“ ächzte Thervigne. „Ja,“ ſagte Petion,„Du haſt Recht, es war zu 225 viel, und mir erging es wie Dir, ich erſtickte faſt vor Zorn und Abſcheu. Und immer Schlimmeres und Schmachvolleres noch mußte ich erleben! Ich mußte es ſehen, wie Barnave auf der nächſten Station wie ein verliebter Narr ſich gebärdete, wie er den Tiſch, an wel⸗ chem wir eſſen ſollten, mit Blumen ſchmückte, und dann ſtatt ſich zu ſetzen, wie es Ludwig und wie ich es that, gleich einem bezahlten Lakayen hinter dem Stuhl der Kö⸗ nigin ſtand, und erſt dann ſich ſetzte, als ſie ihn dazu aufforderte. Aber ſie war auch dankbar und erkenntlich für ſeine Lakayendemuth. Als er ihrem Jungen die Erd⸗ beeren brachte, welche er mit dem Ungeſtüm eines ver⸗ wöhnten unartigen Burſchen verlangt hatte, da reichte Marie Antvinette mit einem holdſeligen, coquetten Lä⸗ cheln ihm ihre rechte Hand dar, und er kniete nieder und küßte ſie. Es war ein Anblick, vor dem mein Herz er⸗ ſtarrte, und ich mußte mich abwenden vor Widerwillen und Empörung. Aber in jenem Moment ſchwur ich dem Verräther Barnave meinen Haß und meinen Zorn, ſchwur ich in meinem beleidigten Herzen, daß ich ihn ei⸗ nes Tages zur Rechenſchaft ziehen wolle für ſeine Ver⸗ rätherei an dem Volke und der Freiheit, und ich werde dereinſt, wenn die Zeit gekommen iſt, meinen Schwur er⸗ füllen. Bald wird das Maß ſeines Verbrechens über⸗ voll ſein, denn wagt er es doch ſchon, den Ring, das 226 Liebesgeſchenk der Königin, ohne Scheu und ohne Scham öffentlich vor aller Welt an ſeiner Hand zu tragen.“ „Die Königin gab ihm einen Ring?“ „Ohne Zweifel that ſie das. Auf der ganzen Reiſe von Varennes ſah ich dieſen Ring an dem Vorfinger ihrer rechten Hand, und der Bube ihr Sohn ſpielte oft damit, und ſchob ihn auf dem langen Finger ſeiner Mut⸗ ter hin und her, und lachte, wenn er ihn auf demſelben wie einen Kreiſel drehen konnte. Und dieſer ſelbe Ring befindet ſich jetzt an dem Finger Barnave's, ich ſelbſt habe es geſehen, mit dieſen meinen unbeſtechlichen Augen.“ „Es iſt ein breiter goldener Reifen mit einem Ver⸗ gißmeinnicht von Turquiſen, in deren Mitte ſich eine Perle befindet?“ „Ja, Du ſchilderſt genau den Ring der Königin, den Ring, den ſie als Pfand ihrer Liebe an Barnave ge⸗ geben.“ „Und er verweigerte mir dieſen Ring, als ich ihn darum bat,“ ſchrie Theroigne außer ſich, ihre ganze Ge⸗ ſtalt bebend vor Zorn.„Er verweigerte mir den Ring, er zog ihn zurück vor meiner Berührung und belog mich, belog mich mit frecher Stirn, mich, ſeine Braut! Petion, ich liebte dieſen Mann, ich vertraute ihm, ich war När⸗ rin genug, um ſeinetwillen mein ganzes Weſen umwan⸗ deln zu wollen. Und er belog und betrog mich! In der⸗ 227 ſelben Stunde, in welcher er mir ſchwur, daß er mich liebe, in derſelben Stunde hinterging er mich, und als ich ihn bat, mir als den Verlobungsring den Ring zu geben, den er an ſeinem Finger trüge, da zog er ſeine Hand zurück und rief: Berühre ihn nicht! Das könnte uns Unglück bringen, denn es iſt der Ring einer Ster⸗ benden. Meine Mutter ſteckte ihn in ihrer Todesſtunde an meinen Finger, und ich ſchwur ihr den Ring bis zu meinem Tode zu tragen!“ Petion brach in ein lautes, höhniſches Lachen aus. Dieſes Lachen machte Theroigne erbeben vor Zorn. „O,“ ſagte ſie keuchend, mit großen Schritten auf und niederrennend,„ich werde mich rächen, beim ewigen Gott ſei's geſchworen, ich werde mich rächen. Er ſoll nicht glauben, daß ich die blödſinnige Thörin bin, für welche er mich hält, er ſoll nicht lachen dürfen über meine Leicht⸗ gläubigkeit. Zittern ſoll er, zittern vor Thervigne, die er erniedrigen wollte zu einem Werkzeug ſeiner Plane. Ich ſehe jetzt klar und durchſchaue ſeinen ganzen inferna⸗ liſchen Plan. Um mich zu gewinnen, heuchelte er mir Liebe; weil er ohne mich ſein Ziel nicht erreichen konnte, wußte er mich zu beſtechen mit der falſchen Münze ſei⸗ ner Liebesſchwüre. Elender Verräther, ich werde meine Rache nehmen, und Du ſollſt nicht lachen dürfen über meine Leichtgläubigkeit.— Petion, jetzt höre, was ich 228 Dir zu ſagen habe. Ich war eben im Begriff, Paris zu verlaſſen. Ich wollte nach Belgien gehen, um dort mit dem Grafen Merch zu unterhandeln, um mit ihm ver⸗ eint an der Grenze Belgiens die Königin Marie Antvi⸗ uette zu erwarten.“ „Wie?“ ſchrie Petion von ſeinem Stuhl aufſprin⸗ gend;„es iſt alſo wahr, was der Bediente Barnave's mir geſagt hat: Barnave will der Königin zur Flucht verhelfen?“ „Es iſt wahr, Petion, und Thervigne de Mericourt ſollte ſeine Mitſchuldige ſein bei dieſem Unternehmen! Aber die Göttin der Freiheit hat nicht gewollt, daß ich ihre Feinde und die Feinde des Volkes der gerechten Strafe entziehe, die Göttin der Freiheit hat mich vor einem Verbrechen errettet durch den treueſten und er⸗ habenſten Prieſter ihres Tempels, durch Dich, Pétion. Ja, die Königin wollte entfliehen, und ich wollte in Brüſſel für ſie wirken und ihre Flucht ebnen!“ „Ah,“ rief Petion mit einem grauſamen Lächeln, „ſie hat uns alſo noch einmal entſchlüpfen, ſie hat ſich noch einmal der Liebe ihres Volkes entziehen wollen, dieſe zärtliche Königin! Und Barnave war ihr Mitſchuldiger! Beweiſe mir das, Thervigne, beweiſe es mir, und Du haſt Deine Mitſchuld geſühnt, und ich vergebe Dir!“ „Ich werde es Dir beweiſen,“ rief ſie glühend. 229 „Sieh' zuerſt meine Verkleidung; ich legte ſie an, um auf meiner Reiſe nicht erkannt zu werden. Sieh' hier die Briefe! Der hier iſt an den Grafen Merch, der hier an eine Dame in Wien, wohin ich gehen ſoll, um mich vor dem rächenden Zorn des franzöſiſchen Volkes zu retten. Fort mit dieſen Briefen, ich zerreiße ſie, wie ich meine Liebe zerreiße!“ „Nein, um's Himmels willen, nein!“ rief Petion ſie zurückhaltend;„wir können dieſe Briefe ſehr wohl ge⸗ brauchen, es ſind koſtbare Documente, die wir im Dienſte des Volkes und der Freiheit verwenden wollen. Behalte ſie, Thervigne, und verwahre ſie wohl, denn Du mußt ſie unverſehrt abgeben, ſowohl in Brüſſel als auch in Wien. Doch davon nachher! Zuerſt ſage mir jetzt, auf welche Weiſe die Flucht bewerkſtelligt werden ſollte, theile mir genau und ausführlich den Plan zur Flucht mit.“ „Ja, das will ich, Du ſollſt Alles wiſſen, Pétion, Du—“ Plötzlich verſtummte Thervigne und blickte ge⸗ dankenvoll vor ſich hin. „Nun,“ fragte Petion,„willſt Du noch zaudern und zögern den Plan des Verräthers mitzutheilen?“ Theroigne ſeufzte tief auf und ihre Augen füllten ſich mit Thränen.„Ich darf es nicht,“ ſagte ſie leiſe. „Ich habe mit einem heiligen Eide, beim Geiſt meiner Mutter geſchworen, den Plan zur Flucht Niemanden zu 230 verrathen. Ich bitte Dich alſo, Petion, dringe nicht wei⸗ ter in mich, ſuche mich nicht zu verleiten, daß ich meinen Eid breche, denn ich würde damit den Geiſt meiner Mut⸗ ter kränken. Ach, ich würde meine Mutter, die aus Gram um mich geſtorben iſt, noch im Grabe beleidigen, denn bei ihrem Andenken habe ich geſchworen, und ihr Anden⸗ ken iſt das Einzige, was mir noch heilig geblieben auf Erden! Ich kann Dir den Plan der Flucht nicht ver⸗ rathen, Petion, vergib es mir und beklage mich, aber ich kann, ich darf es nicht.“ „So ſollen die Verräther alſo ungeſtraft i dürfen?“ grollte Petion.„Wir wollen ſie nicht zurück⸗ halten, wollen ſie nicht ihres Verbrechens überführen?“ „Ja, das wollen wir,“ rief Theroigne mit blitzen⸗ den Augen.„Wir wollen ihnen die Larve von ihrem heuchleriſchen Angeſicht reißen! Ja, meinen Zorn, meine Verachtung will ich Barnave in's Antlitz ſchleudern, und er ſoll ſchamvoll ſeine Augen niederſchlagen vor Theroi⸗ gne, die ihn liebte, und die er frech betrog. Ich gehe nicht nach Brüſſel, ich bleibe hier, ich gehe morgen wie alle Tage im Tuileriengarten ſpazieren.“ „Und wenn Du gehſt, können ſie dann nicht auf der That ertappt werden? Iſt es unmöglich ſie zu überfüh⸗ ren, wenn Du auch nicht hier biſt?“ „Doch,“ ſagte Theroigne nach kurzem Sinnen,„es 231 iſt möglich. Du beſtehſt darauf, daß ich nach Bräſſel gehe?“ „Es iſt gut und zweckmäßig, daß Du es thuſt. Du haſt Empfehlungsbriefe an den Grafen Merch, welcher die Seele des großen Complotts der Bourbonen und der Emigrirten iſt. Du wirſt von ihm als eine Eingeweihete betrachtet werden, er wird Dir die Plane und Abſichten der großen, gegen Frankreich gerichteten Völkerverſchwö⸗ rung mittheilen. Du wirſt alsdann nach Wien gehen, und auch dort im Dienſte des Vaterlandes lauſchen und pähen, und ergründen, was für Abſichten Oeſterreich hegt. Und noch eine andere Miſſion gebe ich Dir, Du ge⸗ treue Tochter des Volkes. Mirabeau hat, bevor er ſeine Seele verkaufte an die Sünde der Monarchie, ein großes prophetiſches Wort geſprochen; er hat geſagt und verkün⸗ det, daß die Tricolore der freien franzöſiſchen Nation ihre Runde durch die ganze Welt machen würde. Dieſes Wort muß ſich erfüllen, und Du, Thervigne, Du ſollſt einer der Apoſtel ſein, welche in Belgien und in Oeſter⸗ reich die heilige Lehre von der Freiheit, der Gleichheit und der Brüderlichkeit verkünden. Du ſollſt Propaganda machen für die Tricolore Frankreichs*). Das iſt die heilige Miſſion, die ich Dir im Namen Frankreichs über⸗ *) Biographie universelle. Vol. XCV. S. 369. 232 trage, und durch welche Du Deine Mitſchuld an dem Verbrechen Barnave's ſühnen ſollſt. Du mußt alſo in dieſer Nacht noch abreiſen, damit Du in Brüſſel anlangſt, bevor noch der Graf Merch von der vereitelten Flucht der Königin erfährt.“ „Aber dies wird nicht lange dauern,“ ſagte Thervi⸗ gne,„und ſobald Du bekannt machſt, daß Barnave der Königin bei ihrer Flucht behilflich ſein wollte, werden die Vertrauten der Königin wiſſen, daß ich die Flucht ver⸗ rieth, und ich werde nichts erfahren und nichts thun können für das heilige Werk, das Du mir anvertrauen willſt. Wenn ich Dir und der Sache des Volkes nützen ſoll, ſo darf Niemand angeklagt werden, als die Königin allein. Und für Barnave wird es ſchon Strafe genng ſein, daß ſein Werk mißlingt, daß Marie Antvinette ihm nicht den Lohn gewähren kann, den ſie ihm ohne Zweifel verheißen hat, daß ſie noch ſtrenger bewacht wird, als zuvor. O, es wird ſchon eine Zeit kommen, wo Thervigne noch andere Rache an ihm nehmen kann, wo ſie den Verräther ſtraft, der ſie ſo ſchmachvoll hinter⸗ ing.“ .„Es iſt wahr,“ ſagte Peétion gedankenvoll,„noch iſt Barnave ſtark, noch hat er eine wichtige Partei hinter ſich, und wenn die Royaliſten, und zum Unglück gibt es ſolcher Verruchten noch ſehr Viele, wenn die Royaliſten 233 erfahren, daß Barnave die Königin retten wollte, ſo werden ſie Alle die Partei Barnave's verſtärken, und er könnte leicht mächtiger werden, als die Partei der Gut⸗ geſinnten. Es iſt daher klug, ihn jetzt noch zu ſchonen, ihm erſt nach und nach die Stützen wegzureißen, auf welche er ſich lehnt, ihm das Vertrauen des Volkes zu entziehen, und dann erſt ihn anzuklagen. Geh', Thervigne, geh' nach Belgien im Dienſt des Vaterlandes, reiſe ſogleich ab, laſſe die Tricolore in Deinem Herzen leuchten und verkünde ſie den Völkern, die jetzt noch im Staube der Selaverei gefangen liegen!“ „Ja, ich gehe, Petion, und meine Rache laſſe ich Dir zurück. Du wirſt die Flucht Marie Antvinette's hindern!“ „Aber wie vermag ich das, wenn Du mir den Plan ihrer Flucht nicht ſagen willſt?“ Thervigne antwortete nicht ſogleich, ſondern ging geſenkten Hauptes, langſamen Schrittes einigemale auf und ab. Dann blieb ſie vor Petion ſtehen, und ein wun⸗ derbarer Ausdruck von Hohn und Stolz ſtrahlte von ihrem Angeſicht. „Petion,“ ſagte ſie,„ich werde Dir jetzt einige Worte ſagen, und jedes dieſer Worte wird mir ein Ver⸗ mögen koſten. Wenn ich ſie nicht ſagte, wenn ich die Königin entfliehen ließe, ſo würde mir das eine Be⸗ 1860. XXIII. Kaiſer Levpold der Zweite. II. 15 234 lohnung von viermalhunderttauſend Francs eingetragen haben. Ich opfere ſie meiner betrogenen Liebe und dem Dienſt des Vaterlandes. Nun vernimm meine Worte: Gehe morgen Nachmittag um die Dämmerungsſtunde in den Tuileriengarten, und wenn Du willſt, begehre auch den König und die Königin zu ſehen. Das iſt Alles, was ich Dir zu ſagen habe. Und nun lebe wohl, Petion! Ich gehe, meine heilige Miſſion zu erfüllen, und Propaganda zu machen für die Tricolore!“ Elftes Capitel. Die Enttäuſchung. Es war am Nachmittag des nächſten Tages. Der Abend begann herein zu brechen, und mit hochklopfendem Herzen ſah die Königin dieſe grauen Dämmerungs⸗ ſchleier ſich über den Park der Tuilerien niederſenken. Sie ſaß vor dem Schreibtiſch in ihrem Schlafgemach. Der treue Saint⸗Prix hatte heute, Dank den Bemü⸗ hungen Barnave's, die Wache im Vorzimmer, und ein anderer treu ergebener Mann, der Sergeant Tribault, ſtand als Schildwache auf dem ſchwarzen Corridor, dem 235 Verbindungsweg zwiſchen den Gemächern des Königs und der Königin. Das königliche Paar war daher ganz ſicher, nicht von Verrätheraugen beobachtet zu werden, ganz ſicher, unbehindert die Flucht bewerkſtelligen zu können. Der Amazonenanzug der Königin lag ſchon bereit, daneben die ärmlichen Anzüge für die beiden königlichen Kinder. Saint⸗Prir ſah nichts davon, er hatte auf den Wunſch der Königin nichts erfahren von dem Plan der Flucht. Nicht als ob Marie Antvinette ihm gemißtraut hätte, aber ſie wollte nicht noch Mehrere ihrer Getreuen gefährden, ſie wollte, daß ſein ganzes Unrecht darin be⸗ ſtehen ſolle, daß er der Königin erlaubt habe, die Thür nach dem Vorſaal ſchließen zu dürfen, damit ſie un⸗ bemerkt ihre Toilette machen und ſich umkleiden könne. Sie wollte, daß Saint⸗Prix mit reinem Gewiſſen be⸗ eidigen könnte, nichts von der Flucht der Königin gewußt zu haben. Die Thür, welche nach dem Vorſaal führte, war alſo geſchloſſen, und die Königin ſaß vor ihrem Schreib⸗ tiſch und überlas noch einmal die Worte, die ſie ſo eben geſchrieben, Abſchiedsworte an das franzöſiſche Volk, Abſchiedsgrüße an die Getreuen, welche für ſie und die fliehende Königsfamilie beten ſollten! Indem ſie das un⸗ dankbare, grauſame Volk Frankreichs verlaſſen wollte, 15* 236 fühlte ſie erſt, wie ſehr ſie es geliebt, wie ganz ſie Fran⸗ zöſin geworden mit ihrem Herzen und ihrer Seele! Und doch nannte man ſie höhnend die Oeſter⸗ reicherin, doch klagte man ſie des Verrathes an ihrem neuen Vaterlande an! Aber kein Vorwurf, keine Klage hatte ſich in dieſe letzten Abſchiedsworte der Königin gemiſcht. Wie ein Unheil, das vom Himmel über ſie hereingebrochen, und über welches man Niemand anzuklagen vermochte, ſo hatte ſie ſich jetzt in ihr ſchweres Geſchick gefügt, und gleich wie man vor dem tobenden Unwetter ſich von dem freien Felde in irgend eine Höhle, ein noch ſo niedriges Obvdach flüchtet, ſo wollte Marie Antvinette ſich in die Fremde flüchten, bis das Unwetter über Frankreich aus⸗ getobt, bis der Horizont ſich wieder geklärt habe. Und ſie hoffte noch immer auf dieſe Zeit, ſie hoffte noch immer auf die„guten Franzoſen“, und vermeinte, daß ſie endlich ſich erheben würden gegen die ſchlechten, daß ſie endlich ſich auflehnen würden gegen die Tyrannei der Fanatiker und der Böswilligen, die das Volk ver⸗ führt und irre geleitet hatten! Sie hoffte noch immer auf die Herſtellung der Monarchie und des Throns. „Ich will das heilige Palladium der Monarchie retten, darum fliehe ich,“ hatte ſie in dieſem letzten Ab⸗ ſchiedsgruß an Frankreich geſagt.„Ich will nicht, daß 237 das ſpätere Frankreich dereinſt erröthen ſoll über d Unbill und Schmach, welche ſeine Väter einſt auf die Häupter ſeines Königs und ſeiner Königin ergoſſen. Dar⸗ um entziehen wir uns dieſer Unbill und dieſer Schmach. Die Böſen wollten die Monarchie Stein auf Stein zer⸗ bröckeln, wir aber wollen ſie retten für die Guten, darum fliehen wir.“ Die Königin hatte dieſe Abſchiedsworte, welche ſie als„das Teſtament ihres Herzens“ dem franzöſiſchen Volk zurücklaſſen wollte, noch einmal überleſen, gleichſam als wolle ſie an demſelben ſich ſtärken zu dem ſchweren Entſchluß der Flucht. „Ja,“ ſagte ſie jetzt, indem ſie aufſtand,„ja, wir wollen die Monarchie retten für die Guten, darum fliehen wir! Und nun fort mit allem Zaudern und Zagen. Die Stunde der Entſcheidung iſt da! Sie ſoll mich gefaßt und muthig finden! Horch, da ſchlägt es ſieben Uhr, die verabredete Stunde, in welcher mir der König die Kinder herzubringen verſprach. O meine Kinder! Wird Eurer Mutter das Glück zu Theil werden, Euch zu retten, wird Gott uns ſchützen und unſere Flucht ſegnen? Oder—“ Sie wagte nicht, ihren Satz zu vollenden, und ver⸗ ſtummte erſchauernd. Ein leiſes Kratzen an der Thür ward hörbar, dieſe ward vorſichtig geöffnet, und der König trat ein, an ſeiner Hand die beiden Kinder, den Dauphin und Madame Eliſabeth. Ein Ausdruck zärtlicher Mutterfreude glitt über das Antlitz der Königin hin, als ſie die Kinder, welche mit ausgebreiteten Armen zu ihr hinflogen, an ihre Bruſt drückte. Dann reichte ſie mit einem vollen Blick der Liebe dem König ihre Hand dar. Aber der Blick des Königs erhellte ſich nicht, er blieb ſchwermüthig und trübe, und ſein breites fleiſchiges Geſicht trug den Ausdruck der Abſpannung und Er⸗ müdung. „Es iſt alſo Ihr unwiderruflicher, feſter Entſchluß, Marie?“ fragte er.„Sie wollen entfliehen?“ 2 „Ich hoffe, mein theurer Sire, es iſt auch der Ihre,“ ſagte die Königin mit einem leiſen Ausdruck des Befremdens.„Wir waren ja geſtern noch einig in der Ueberzeugung, daß die Flucht allein uns erretten könne, daß durch die Flucht wir nicht nur unſere Perſonen vor Beleidigung und Schmach ſchützen könnten, ſondern daß durch ſie allein wir hoffen köunten die Monarchie, den Thron des künftigen Königs, unſeres Sohnes, zu erretten.“ „Es iſt wahr,“ ſagte der König zögernd,„Sie haben mir das Alles mit ſo überzeugenden Gründen be⸗ wieſen, daß ich Ihnen wohl Recht geben mußte. Indeſſen 239 iſt da etwas in meinem Herzen, das ſich ſträubt ſolche heimliche Flucht. Es ſteht doch ſchlimm um die Monarchie, wenn ſie vor ihrem eigenen Volk fliehen muß, und ein Fürſt, welcher aus Furcht vor ſeinem Volk ſein Land verläßt, hat eigentlich damit alle Anſprüche an daſſelbe aufgegeben.“ „Sire,“ rief Marie Antvinette glühend,„wenn das Ihre Meinung iſt, ſo bleiben wir, ſo wagen wir den letzten, entſcheidenden Kampf für unſere Ehre, unſer Recht und unſere Krone. Unterwerfen wir uns nicht länger dieſer Thrannei, wagen wir Alles, um Alles zu gewinnen! Zeigen Sie, daß Sie der König, und daß Sie nicht gewillt ſind, ſich dem brutalen Willen der National⸗ Verſammlung zu fügen! Gebieten Sie als König, und fordern Sie laut und frei von Ihren Unterthanen, daß ſie Ihnen gehorchen. Sire, treten Sie hinaus auf die Straße, rufen Sie das Volk von Paris zu den Waffen, zur Vertheidigung des Thrones und des Königs, und ich bin gewiß, das Volk wird Sie hören, es wird jauchzend herbeiſtrömen, es wird ſich um Sie ſchaaren zu einer unüberwindlichen Armee der Treue und der Liebe, es wird die Feſſeln zerreißen, mit welchen es einige böſe und ſchwärmeriſche Männer gebunden haben, es wird ſich frei machen von dem thranniſchen Willen der National⸗ 240 Verſammlung, und frei in ſeinem Willen wird es ſich ſeinem König wieder in Liebe unterwerfen!“ Die Königin hatte mit hochgerötheten Wangen, mit ſtrahlenden Augen, ſchön und erhaben anzuſchauen, wie in den Tagen des Glückes, ſo geſprochen, aber ihre energiſchen, muthvollen Worte fanden keinen Wiederhall in dem Herzen des gutmüthigen, unentſchloſſenen Königs. Er hatte abrathen wollen von der gefährlichen Flucht, und jetzt ſah er, daß ſein Bleiben ihn mit noch größeren Gefahren und Wagniſſen bedrohte. Da er nur zwiſchen zweien Uebeln zu wählen hatte, ſo ſchien ihm die Flucht noch das kleinſte der Uebel zu ſein. „Arme Marie,“ ſagte er mit einem traurigen Lächeln,„Du hoffſt zu viel von der Liebe und Treue des Volkes. Ich weiß leider, daß wir nichts von derſelben zu erwarten haben, und daß wir in unſere Zukunft auf flüchtigen Sand bauen, wenn wir ſie ſtützen wollen auf die Liebe und Treue des Volkes.“ Die Königin ſenkte mit einem ſchweren Seufzer ihr Haupt auf ihre Bruſt. Sie hatte einen Moment gehofft, mit der Kraft ihrer Beredtſamkeit die ſchlummernde Ener⸗ gie des Gemahls zum Leben anzufeuern, und ſie ſah jetzt ſchmerzvoll, daß ſie ſich getänſcht habe. Der König, welcher ihren Seufzer gehört hatte, wollte ſie mindeſtens zu tröſten ſuchen.„Nun denn, 241 meine theuerſte Marie,“ ſagte er ſanft,„da es denn kein anderes Mittel der Rettung gibt, ſo wählen wir das einzige, welches uns übrig bleibt: fliehen wir!“ „Ja, fliehen wir,“ wiederholte die Königin auf⸗ athmend,„zaudern wir nicht länger. Es beginnt ſchon zu dunkeln, in einer Viertelſtunde müſſen wir in den Park hinabgehen, und bis dahin müſſen wir alle unſere Ver⸗ kleidung angelegt haben. Eilen wir, theurer Freund, eilen wir!“ „Ich gehe, Marie, ich werde meine Nationalgardi⸗ ſten⸗Uniform anlegen,“ ſagte Ludwig lächelnd,„und ſo⸗ bald Thugut mir das Zeichen gibt, daß Du und die Kinder glücklich entkommen ſeid, werde auch ich hinunter⸗ gehen in den Park. Der Himmel gebe, daß ich erſt das Zeichen vernehme, denn ich leugne es nicht, ich ängſtige mich um das Schickſal meiner theuren Marie und un⸗ ſerer Kinder. Es iſt eine gar ſchwere und gefahrvolle Rolle, welche Sie zu ſpielen haben.“ „Ich werde daran denken, daß ich ſie für den jetzi⸗ gen und für den zukünftigen König von Frankreich ſpiele, und das wird mir Muth geben,“ rief Marie Antoniette, indem ſie dem König ihre Hand darreichte.„Nun, lebe wohl, mein König, wenn Gott uns gnädig iſt, ſehen wir uns in einer Stunde wieder.“ Lebe wohl, Marie, und Gott beſchütze Dich und die Kinder!“ Und der König, vielleicht um ſeine Gemahlin die Thränen nicht ſehen zu laſſen, die ihm in die Augen ge⸗ treten, neigte ſich zu den Kindern nieder und küßte ſie, dann wandte er ſich raſch ab und eilte zu der Thür des Corridors. Die Königin begleitete ihn und reichte ihm noch einmal zum Gruß die Hand dar; Ludwig, nicht im Stande ſeine Rührung zu verbergen und zu ſprechen, drückte ihre Hand feſt in der ſeinen, nickte ihr zu, und trat auf den Corridor hinaus. Marie Antvinette ſchaute ihm nach mit einem lan⸗ gen traurigen Blick.„O, flüſterte ſie leiſe,„warum ſchlägt nicht mein Herz in ſeiner Bruſt, warum kann ich ſeine edle Seele nicht anfeuern zur Energie und Thatkraft. Warum iſt er kein König!“ Aus dieſem trüben Sinnen ward ſie indeß durch lautes Schreien und Jubeln geweckt, das von dem Gar⸗ ten herauf an ihre Fenſter zu ſchlagen ſchien. Marie An⸗ tvinette eilte ans Fenſter und ſchaute hinab. Sie ſah da in der großen Allee eine ungehenre Menſchenmenge auf und niederwogen, und ſchreiend und tobend ſich hier und dort durch die Nebenalleen zu dem Schloſſe heranwälzen. Aber dies beängſtigte ſie nicht. Seit ein Decret der Na⸗ tional⸗Verſammlung den Tuileriengarten in allen ſeinen ——— 243 Theilen dem Volk geöffnet hatte, war die Königin ge⸗ wohnt, bei der hereinbrechenden Dämmerung die Schaa⸗ ren der Arbeiter, welche von ihrem Tagewerk heimkehrten, ſich in dem Park ergötzen zu ſehen. Sie ſchaute daher ruhig auf dieſe Menge hin, welche heute nur ein wenig lauter und ſtürmiſcher erſchien, als gewöhnlich. Aber plötzlich zuckte die Königin zuſammen und erbleichte. Sie hatte da einen Mann geſehen, der ihr Herz erbeben machte und es wie mit einer dumpfen Ahnung nahenden Unheils erfüllte. Dieſer Mann war Petion. Er ſtand, die Arme in einander geſchlagen, an einen Baum gelehnt, und blickte mit einem düſtern, forſchenden Ausdruck nach den Fenſtern der Königin empor. Das Geſchrei, welches die Königin gehört, es war nur das Zujauchzen der Menſchenmenge geweſen, welches Pétion erkannt und ihm ſeine Grüße entgegen gebrüllt hatte. „Petion,“ murmelte die Königin;„was will er hier? Was ſchaut er ſo ſtarr empor? O, wenn ich Petion ſehe, ſo droht mir gewiß ein Unglück, ſo—“ Sie athmete ſchwer auf, wie von einer drückenden Laſt befreit— Petion hatte ſo eben ſeinen Platz ver⸗ laſſen, er hatte dem Schloß den Rücken zugewandt und war die Allee hinab gegangen. „Er geht, o Gott ſei Dank, er geht,“ flüſterte die 244 Königin, vom Fenſter zurücktretend.„Nun, meine Kin⸗ der, raſch an's Werk, wir haben keine Zeit mehr zu ver⸗ lieren. Komm', mein kleiner Ludwig, komm', ich will Dich anziehen.“ Und mit eilfertigen Händen warf ſie dem Knaben die ärmliche kleine Blouſe über, die Sie in der Stille der Nacht für ihn genäht. „Mama, welch ein häßliches Kleid iſt das,“ rief der kleine Dauphin entſetzt;„die armen Knaben, denen ich Almoſen gebe auf der Straße, die tragen ſolche häß⸗ liche Blouſen.“ „Du ſollſt es auch nur auf kurze Zeit tragen, mein Sohn,“ flüſtert die Königin.„Aber zur Belohnung da⸗ für ſollſt Du jetzt mit mir und Deiner Schweſter einen Spaziergang in den Garten machen. Aber gib wohl Acht, was ich Dir ſage: Du wirſt da unten im Garten viele Leute aus dem Volke finden, es iſt möglich, daß wir mit⸗ ten unter ſie gehen und daß Einige von ihnen Dich an⸗ reden. Antworte ihnen recht freundlich und vergnügt, aber hüte Dich wohl mich Mama zu nennen, ſondern ſo lange wir unter dem Volke ſind, nenne mich Theroigne, nie anders als Thervigne. Wirſt Du Dir das genau einprägen, mein Kind?“ „Jo, ich werde es mir einprägen, Mama,“ ſagte das Kind ernſthaft,„ich werde Dich, ſo lange wir mit 245 Leuten aus dem Volke ſprechen, immer Thervigne nennen, meine liebe Thervigne!“ Die Königin neigte ſich zu ihm und küßte ihn.„Und jetzt wollen wir Deine Toilette machen, meine Tochter,“ ſagte ſie;„auch Du mußt mich Thervigne nennen und— Sill,“ unterbrach ſich die Königin,„ſtill, ich höre Stim⸗ men im Vorſaal—“ Wieder zuckte ſie zuſammen und erbleichte. Sie hatte im Vorſaal eine Stimme gehört, welche ihr Herz erbeben machte, und ihre Ahnung des nahenden Unheils die Möglichkeit deſſelben verwandelte. Dieſe Stimme, welche die Königin erbeben machte, es war die Stimme Petion's. „Ich verlange die Königin zu ſehen,“ rief die Stimme.„Ganz Paris iſt in Bewegung und Aufruhr, denn es hat ſich das Gerücht verbreitet, die Königin ſei abermals mit ihren Kindern entflohen. Ich habe, um das Volk zu beruhigen, verſprochen, mich zu überzeugen, ob die Königin wirklich nicht in den Tuilerien anweſend ſei, und als Abgeordneter des franzöſiſchen Volkes, als Präſident des Criminalgerichts von Paris verlange ich, daß man mich ſogleich die Königin ſehen laſſe.“ „Aber mein Herr Präſident, die Königin iſt bei der Toilette,“ rief die Stimme des treuen Saint⸗Prir; „ſie hat mich gebeten, ſo lange ſie ſich ankleidet, ihre 246 Thür zu ſchließen, und ich habe es wohl thun müſſen, da der commandirende General Lafayette es ſo befohlen hat.“ „Aber ich werde mir erlauben, dieſe Thür dennoch zu ðffnen,“ rief Petion.„Ich muß mich von der Anweſen⸗ heit der Königin überzeugen.“ Die Thür des königlichen Gemachs ward jetzt haſtig geöffnet, und auf der Schwelle deſſelben erſchien Petion mit düſterm Geſicht, mit zornblitzenden Augen. „Ueberzeugen Sie ſich von meiner Anweſenheit,“ ſagte Marie Antoinette hoheitsvoll,„und da Sie mich jetzt geſehen haben, ſo gehen Sie dem Volk von Paris zu verkünden, daß die Königin trotz aller Demüthigungen und Beleidigungen dennoch nicht aufgehört hat es zu lieben. Gehen Sie und bringen Sie dem guten Volk von Paris meine Grüße.“ Aber Peétion wich nicht von der Schwelle. Er ließ ſeine Augen mit ſtechenden Blicken in dem Zimmer um⸗ herſchweifen und ſchien in ſeiner Eigenſchaft als Präſident des Criminalgerichts überall nach der Spur eines Ver⸗ brechens umherzuſpähen. Zetzt hafteten ſeine Blicke auf dem kleinen Dauphin, der ſich ſcheu an die Königin angeklammert hatte, und das Köpfchen an ihr Knie gelehnt, ängſtliche Blicke zu dem„Mann des Volkes“ hinüber warf. Dann ſchaute Petion auf das kleine Mädchen, die bebend und geſenkten 247 Hauptes an der andern Seite der Königin ſtand und ängſtlich an den Falten ihres ärmlichen Kleides zupfte. Und von den Kindern ließ Petion die inquiſitoriſchen Blicke zu dem Amazonenkleide hinüber ſchweifen, das drü⸗ ben auf dem Stuhl lag, und der Hut mit der langen Feder, der Hut à la Henri quatre rief ein höhniſches Lächeln auf die dicken Lippen Petion's. „Madame,“ fragte er rauh, indem er mit der aus⸗ geſtreckten Hand auf den Dauphin hinwies,„was bedeu⸗ tet dieſe Verkleidung der Kinder?“ „Ich weiß nicht, was Sie meinen, Herr Petion,“ ſagte die Königin ruhig.„Ich weiß von keiner Ver⸗ kleidung.“ „Aber ich ſehe eine Verkleidung,“ rief Petion. „Ihre Kinder, welche ſich von beſſerem Stoffe dünken, als die Kinder des Volkes, tragen deshalb auch beſſere Stoffe. Sie ſind es nicht gewohnt die ärmlichen Blouſen der Kinder des Volkes zu tragen.“ „Eben deshalb ſollen ſie es gewohnt werden,“ ſagte die Königin gelaſſen.„Ich will meine Kinder leh⸗ ren in jedem Anzug glücklich und zufrieden zu ſein.“ „Sag' mir, kleiner Burſche,“ fragte Petion, ſein düſteres Geſicht dem kleinen Dauphin zuwendend,„war⸗ um hat man Dir die Blouſe des Volkes angezogen?“ Der Knabe ſenkte einen Moment das blonde Locken⸗ 248 Köpfchen und ſchien zu überlegen. Dann richtete er ſich wieder auf und ſagte mit entſchloſſenem Ton und ganz überzeugt, daß er eine kluge Auskunft getroffen:„Ich ſollte in dieſer Blouſe mit meiner lieben Theroigne in den Park hinuntergehen.“ „Mit wem?“ fragte Petion erſtaunt. „Nun, mit meiner lieben Thervigne hier,“ erwi⸗ derte der Dauphin auf die Königin hinzeigend, und wie er vermeinte, gehorſam dem Befehl, ſie Theroigne zu nennen, ſo lange er„mit Leuten aus dem Volke“ ſpräche. Petion lachte laut auf.„Das iſt Deine Thervigne?“ fragte er.„Du nennſt Deine Mutter Theroigne?“ „Mein Herr,“ ſagte das Kind ernſthaft,„das iſt nicht Mama, ſondern ſie heißt Thervigne, und ich werde das zu allen Leuten aus dem Volke ſagen!“ Die Königin ſank mit einem lauten Seufzer auf einen Seſſel nieder und drückte, unfähig ihre Bewegung länger zu verbergen, ihr Haupt an die Bruſt ihrer Toch⸗ ter, während ſie den arglos lächelnden Knaben näher zu ſich heran in ihren Arm zog. „Ah, jetzt begreife ich Alles,“ rief Petion mit ei⸗ nem rauhen Lachen.„Man wollte hier eine allerliebſte Komödie ſpielen. Da liegt das Amazonenkleid und der Hut für die neue Theroigne, und ſie wollte mit den Kindern aus dem Volk unbemerkt in den Garten hinein⸗ 249 ſchlüpfen, um unbemerkt auch wieder hinaus zu gehen. Aber die Augen des Volkes ſind geöffnet, es wird ſich nicht betrügen laſſen!“ Die Königin erhob raſch ihr Haupt, ein zorniger Blitz ihrer Augen traf das Antlitz des Unverſchämten, der ſeine Königin zu beleidigen wagte, ſie öffnete die Lip⸗ pen ſchon, um zu ſprechen— aber ſie drängte das zür⸗ nende Wort mit Gewalt zurück und neigte wieder ihr Haupt an die Schulter ihrer Tochter. „Es iſt gut, Madame, daß Sie mich nicht zu wi⸗ derlegen ſuchen,“ rief Petion,„denn die Sache iſt klar und erwieſen. Man wird eine Unterſuchung darüber ein⸗ leiten, man wird erfahren, welche verrätheriſche Hände hier im Spiel waren, und wer es gewagt, abermals ein Complott anzuſpinnen, um Ihnen zur Flucht behilflich zu ſein. Ich gehe jetzt hinunter, um das Volk zu beru⸗ higen und ihm zu erzählen von der Komödie, welche die Königin von Frankreich zu ſpielen gedachte, um den Pa⸗ riſern zu ſagen, daß die ſtolze Königin ſich herablaſſen wollte, unter der Verkleidung einer Tochter des Volkes zu entſchlüpfen. Leben Sie wohl, Madame, Sie ſehen es wohl, Gott, von dem Sie behaupten, daß er Ihnen Ihre Krone gegeben, Gott will nicht, daß Sie entfliehen!“ Und ohne die Königin zu grüßen, wandte Petion ſich ab und ging hinaus. 1860. XXIII. Kaiſer Leopold der Zweite. II. 16 250 Die Königin ſchaute ihm nach, bis er in der Thür des Vorſaals verſchwunden war, dann zog ſie ihre beiden Kinder feſter an ihr Herz, und die großen, von Thränen umdüſterten Augen zum Himmel erhebend, flüſterte ſie: „Nein, Gott will nicht, daß wir entfliehen! Gott will, daß wir dulden und leiden, und gedemüthigt werden, wie einſt der Meſſias gedemüthigt worden. O Gott, gib uns dann auch die Kraft den Tod zu erdulden, wie Er, und wenigſtens zu ſterben als Könige, da wir nicht als Könige mehr leben dürfen!“— Unterdeſſen harrten Barnave und Thugut immer noch auf die Königin und ihre Kinder. Barnave als Kut⸗ ſcher verkleidet, ſaß auf dem Bocke des Fiaeres, der dicht neben dem großen Gitterthor des Parks der Tuilerien hielt; Baron Thugut, in der Uniform eines Nationalgar⸗ diſten, ſtand neben dem Thor und blickte ſpähend die lange Allee, die zum Schloſſe führte, hinauf. Keiner von ihnen wagte zu ſprechen, die erwar⸗ tungsvolle Stille durch ein gleichgiltiges Wort zu unter⸗ brechen. Die Dämmerung war hereingebrochen, und im⸗ mer noch, immer ſpäheten Beide vergeblich nach der Ge⸗ ſtalt ihrer Thervigne mit den beiden Kindern. Zetzt indeſſen zeigte ſich da am Ende der Allee eine dunkle Menſchenwoge, ſie kam ſchreiend und brül⸗ 251 lend, lachend und jubelnd näher, und jetzt erkannte Bar⸗ nave an der Spitze derſelben ſeinen Feind und Wider⸗ ſacher, den verhaßten Petion. „Es iſt etwas vorgefallen,“ ſagte er angſtvoll, in⸗ dem er mit ſeiner Peitſche Thugut ein Zeichen gab, zu ihm heran zu kommen. „Ja,“ flüſterte Thugut ingrimmig,„es iſt etwas vorgefallen. Wo der Bär, der Petion ſich zeigt, da be⸗ deutet es Unheil für die Königin. Aber ſtill, ſehen Sie, der ganze Pöbel macht jetzt Halt und Petion ſchwingt ſich auf eine Bank. Ohne Zweifel will er eine Rede halten. Hören wir zu!“ Und mit geſpannten Mienen, mit angehaltenem Athem horchten ſie hinüber nach dem Garten, wo, nahe am Gitterthor, das Volk jetzt auf dem weiten Rundplatz Poſto gefaßt hatte, alle Geſichter, alle Blicke auf Petion hingewandt, deſſen Geſtalt weit über der Menge empor⸗ ragte. Thugut hatte ſich nicht geirrt, Petion hatte die Bank beſtiegen, um eine Rede zu halten. Er erzählte dem lauſchenden Volk, daß ihm das Gerücht zu Ohren gekommen, die Königin wolle heute Abend unter einer Verkleidung entfliehen. Deshalb habe er ſich in das Schloß begeben und die Königin zu ſehen begehrt. Er erzählte, wie er ſich faſt mit Gewalt Eingang in das 16* Gemach der Königin erzwungen und wie er ſie mit ihren Kindern gefunden. Als er dann berichtete von der Blouſe des kleinen Dauphins, brach die Menſchenmaſſe in ein furchtbares Gelächter aus, und dieſes Gelächter erneuerte und ſtei⸗ gerte ſich noch, als er erzählte, daß der Dauphin ſeine Mutter Theroigne genannt habe. „Es iſt Alles verrathen, mein Lieber,“ ſagte Thu⸗ gut gelaſſen, indem er in den Fiaere ſtieg.„Warten wir den Schluß der Erzählung nicht ab, denn ohne Zweifel hat dieſe Heuchlerin Thervigne ihrem bärenhaften Lieb⸗ haber erzählt, auf welche Weiſe die Königin fliehen ſollte, und daß wir Beide eine Rolle dabei ſpielen. Fahren wir alſo ab, bevor man uns an der Abfahrt verhindert.“ „Ja,“ flüſterte Barnave mit bebenden Lippen und Thränen in den Augen,„fahren wir ab, denn die Kö⸗ nigin iſt verloren.“ Eben brach die Menge wieder in tobendes Jauchzen und Beifallsgeſchrei aus. Petion hatte den Vorſchlag gemacht, daß das Volk ſelbſt dieſe Nacht die Tuilerien bewachen und wohl Acht haben ſolle, Niemand Verdäch⸗ tiges und beſonders keine Theroigne heraus zu laſſen, und die Menſchenmenge klatſchte und ſchrie entzückt Beifall. —— = 2 S— 253 Mitten unter dem Getöſe dieſes Jubelgeſchreies rollte der Fiacre von dannen, und Niemand hatte Acht auf den bleichen Kutſcher, über deſſen trauriges Geſicht langſam die Thränen niederrollten, auf den National⸗ gardiſten, deſſen breite Stirn von düſtern Wolken be⸗ ſchattet war, deſſen höhniſche Lippen Verwünſchungen und Flüche murmelten. Jetzt hielt der Wagen vor der Wohnung des Ba⸗ ron Thugut. An dem Hauſe lehnte ein Commiſſionair, der indeſſen nichts anderes war, als der vertraute, lang⸗ jährige Diener Thugut's. Auf einen Wink deſſelben kam er herbei und nahm den Sitz Barnave's ein, um den Fiacre wieder dem Wagenvermiether zuzuführen, von welchem man ihn entlehnt hatte. Barnave und Thugut ſtiegen ſchweigend und ſtill die Treppe hinauf zu der Wohnung des Barons. Erſt als die Thür ſeines Wohnzimmers ſich hinter ihnen ge⸗ ſchloſſen hatte, ſchauten ſie einander an, und Zeder las in den Zügen des Andern die troſtloſe Enttäuſchung, den ſchmerzlichſten Zorn. „Alles verloren,“ ſeufzte Barnave achſelzuckend. „Statt die Königin zu retten, haben wir ſie nur noch in tieferes Unheil geſtürzt. Man wird ſie von nun an noch härter bewachen, und jede Flucht wird unmöglich ſein.“ 254 „Mein Freund, das Wort„unmöglich“ gibt es für mich nicht,“ ſagte Thugut trotzig;„es iſt zugleich ein feiges und ein prahleriſches Wort. Für einen rechten und echten Mann exiſtirt der Begriff„unmöglich“ nicht, und ſo lange als der König und die Königin noch ihre Köpfe auf den Schultern tragen, hoffe ich noch, daß es möglich iſt ſie retten zu können.“ „Ich habe keine Hoffnung mehr,“ flüſterte Bar⸗ nave.„Der Stern des Glückes iſt für die arme Königs⸗ familie untergegangen, und ſie wird mit ihm untergehen.“ „Und wollen wir es machen wie die Ratten bei dem untergehenden Schiff, wollen wir ſie verlaſſen?“ „Nein, ſo lange ich hoffen kann, dem König und der Königin zu nützen, ſo lange bleibe ich,“ ſagte Bar⸗ nave entſchloſſen.„Kann ich der Königin nicht beiſtehen, indem ich ihr zur Flucht behilflich bin, ſo kann ich ihr doch vielleicht beiſtehen, indem ich auf die Stimmung des Volkes und zugleich des Königs wirke und zwiſchen Beiden vermittele. Der König hat ſchlechte und einſeitige Rathgeber, die ihn immer tiefer in's Verderben führen. Er hat an mich geſchrieben und mich um meinen Rath und meine Meinung befragt. Ich werde ihn wenigſtens die Stimme der Wahrheit und der Gerechtigkeit hören laſſen, ich werde ihm unverfälſcht die Stimmung des ——2 —————————— 255 Volkes ſchildern und ihm offen ſagen, was die öffent⸗ liche Meinung von ihm begehrt.“*) „Und ich,“ rief Thugut, deſſen Antlitz ſtrahlte von trotziger Entſchloſſenheit,„ich werde immer und immer wieder auf neue Mittel ſinnen, um den Schwur zu er⸗ füllen, den ich meinem Herrn, dem Kaiſer Leopold ge⸗ leiſtet habe; ich werde nie nachlaſſen und ermatten in dem Beſtreben, die Königin und ihren Gemahl aus der unwürdigen Gefangenſchaft des Pöbels zu erlöſen. Zuerſt aber und vor allen Dingen werde ich mich beeilen, einen Courier an den Grafen Merch zu ſchicken, nicht bloß ihn vor der Verrätherin Thervigne zu warnen, ſondern ihm zu rathen, dieſelbe im Namen des Kaiſers zu verhaften. O, ſie ſoll uns nicht ungeſtraft verrathen und betrogen haben, während ſie das Gold des Kaiſers ſchon in der 7 Barnave kehrte nach der bald darauf erfolgten Aufhe⸗ bung der Nativnal⸗Verſammlung nach Grenoble zurück und lebte dort eingezogen und ſtill, bis die Revolution ihn wieder an die Heffentlichkeit und auf die Guillotine zog. Am 10. Auguſt 1792 fand man bei dem Sturm der uilerien die Briefe Barnave's an den König. Barnave ward als Volksverräther und heimlicher Rathgeber des Königs angeklagt und gefangen genommen. Man führte ihn nach Paris vor das Revolutionstribunal, das ihn, trotzdem er ſich muthvoll und unerſchrocken vertheidigte und mit ſeiner Rede großen Eindruck machte, doch zum Tode verurtheilte. Er ward am 29. November 1593 guillotinirt. 256 Taſche trug, Thervigne ſoll mir büßen für die getäuſch⸗ ten Hoffnungen dieſer Stunde. Thervigne ſoll und muß verhaftet werden, und das Nächſte alſo, was ich zu thun habe, iſt: einen Boten an den Grafen Merch zu ſchicken!“ Ende des zweiten Bandes. * — — ſſ 9 ſ —— 8