—— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 8*** Eduard Olimann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für nchentlich 2 Bücher: 4 Büchen: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. 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Die Verfolgung Drittes Cupitel. Eine Maitreſſe en titre. Piertes Cnpitel. Die große Gala⸗Cvur Fünftes Cnpitel. Ein Blatt aus der Geſchichte. Sechstes Capitel. Die Gefangene Siebentes Cnpitel. Die Weigerung. Achtes Capitel. Die Aa. Uruntes Cnpitel. Die befreite Amazone Zehntes Cnpitel. Die Kataſtrophe Seite 35 56 76 95 128 146 181 198 224 Drittes Buch: Raiſer Lropold's Tod. —:———————— Erztes Capitel. Der Kleiderraub. Theroigne de Mericourt befand ſich ſeit zwölf Stunden in Brüſſel. Glücklich und unangefochten war ſie dahin gelangt, und vom Grafen Merch mit Freund⸗ lichkeit und Zuvorkommenheit aufgenommen worden. Sie hatte dem Grafen mit der größten Ausführlichkeit und Genauigkeit den Plan zur Flucht der Königin mit⸗ getheilt, und Graf Merch hatte denſelben vollkommen gebilligt. „Ich zweifle gar nicht, daß diesmal die Flucht ge⸗ lingen wird,“ ſagte er mit einem glücklichen Lächeln. „Der Plan iſt ebenſo fein als geſchickt angelegt. Sie werden ſich einen unſterblichen Namen in den Büchern der Geſchichte verdienen, Mademoiſelle, und man wird nach Jahrhunderten noch Sie nennen, als die Heroine, welche mit eigener Lebensgefahr den König und die Köni⸗ 1860. KXIV. Kaiſer Leopold ber Zweite. III. 1 — 10 gin von Frankreich aus dem Abgrund der Revolution gerettet hat.“ „O, wären ſie nur erſt gerettet,“ rief Theroigne glühend,„wären ſie nur erſt erlöſt aus dieſer ſchmach⸗ vollen Gefangenſchaft, welche jeden Tag ihnen neue Beleidigungen, neue Demüthigungen bringt. Und dieſe würden ſich noch immer geſteigert haben, wenn das königliche Paar gezwungen würde, in Paris zu bleiben. Sie können das mir glauben, mir, die ich bis vor kurzer Zeit die Vertraute und Freundin der erſten Revolutions⸗ männer war, die ich ihre geheimſten und verſchwiegendſten Abſichten für die Zukunft kenne, der ſie rückhaltlos alle ihre Plane mitzutheilen pflegten.“ „Und was meinen Sie, daß dieſe Anſtifter der Revolution für Abſichten und Plane hegen?“ „Sie hegen die Abſicht den Thron der Burbonen für alle Zeiten umzuſtürzen, ihr Plan iſt, Frankreich zu einer Republik zu machen.“ „Aber wird nicht dieſer Plan durch die Flucht der königlichen Familie weſentlich gefördert werden? Wenn die ganze königliche Familie ſich außer Landes befindet, werden die Revolutionsmänner darin einen willkommenen Vorwand finden, den Thron von Frankreich für erledigt zu erklären und die Republik auszurufen.“ „Und wenn die königliche Familie bleibt, werden ſie auf gewaltſame Weiſe den Thron erledigen. Sie wer⸗ den den König, die Königin und den Dauphin auf das Schaffot führen, um die Königsgewalt in Frankreich für immer zu vernichten.“ „Sie glauben, daß dieſe Schreckensmänner ſo weit gehen könnten?“ „Ich glaube das nicht, ich weiß es ganz gewiß, denn in meinem Hauſe wurde von den Häuptern der Revolutionspartei dieſer Plan berathen, und ich ſelbſt war es, welche zuerſt den Vorſchlag dazu machte.“ Graf Merch wich entſetzt einige Schritte zurück vor dieſer Frau, welche mit heiterem, ruhigem Angeſicht eine ſo fürchterliche Beſchuldigung gegen ſich ſelber aus⸗ zuſprechen wagte. „Wie?“ fragte er.„Sie machten den Vorſchlag, den König und die Königin auf das Schaffot zu führen? Sie, die jetzt mit Gefahr ihres eigenen Lebens, verkleidet und mit der Schnelligkeit eines Couriers hieher reiſten, um das Leben der Königin zu retten, Sie, die Sie Alles gethan haben, um die Flucht zu ermöglichen?“ „Mein Herr,“ ſagte Theroigne mit einem ſelt⸗ ſamen Lächeln,„die Liebe hat mich verwandelt, die Liebe hat die Tigerin in eine ſanfte Taube umgeſchaffen. Ich bin die Braut des großen, des ſchönen, des berühmten Barnabe, und da Barnave aus einem Verfolger des 1*½ 12 königlichen Paares zu einem Vertheidiger deſſelben ward, ſo mußte Theroigne wohl ſeinem Beiſpiel folgen. Wir haben Beide viel geſündigt gegen den König und die Königin, aber wir hegen Beide das glühendſte Verlangen wieder gut zu machen und unſere Reue durch Thaten zu bewähren.“ „Und dafür mit dem ausbedungenen hohen Lohn bezahlt zu werden,“ dachte Graf Merch. Laut ſagte er: „Es ſteht ja in der heiligen Schrift, daß Gott mehr Freude hat an Einem reuigen Sünder, als an zehn Ge⸗ rechten. So wird auch der König und die Königin, von Ihrer Reue gerührt, gern Ihre Vergangenheit und das Böſe vergeſſen, das Sie ihr gethan, und nur des Guten gedenken, durch welches Sie geſühnt haben.“ „Ich war ein Saulus, aber ich will ein Paulus werden,“ rief Theroigne.„Um die Königin zu retten, habe ich mein geliebtes Paris, meine Freunde, meinen Ruhm und Einfluß aufgegeben, habe dem Zujauchzen des Volkes, dem berauſchenden Beifallsgeklatſche, mit denen man mich in jedem Clubb, auf jeder Tribune empfing, entſagt, habe mich aus der Hervine des Volkes, die mit dem Federhut und dem Amazonenkleid umherſtolzirte, in ein unbekanntes, ganz gewöhnliches Weib umgeſchaffen, das in einfacher Bürgerkleidung in der Fremde umher⸗ reiſt, um der Königin ein Aſyl, um der Königin rächende 13 Freunde zu erwerben. Ach, für Marie Antoinette bin ich eine Heimathloſe geworden, habe ich Frankreich für immer verlaſſen, denn nie wieder darf ich es wagen nach Frankreich zurückzukehren. Man würde mich als eine Verrätherin ſtrafen und tödten. Sie ſehen alſo, wie tief meine Reue iſt, denn ich habe ihr die Heimath geopfert und mich für immer in die Verbannung geſchickt.“ „Nicht für immer, ſchöne Thervigne,“ ſagte Graf Merch ganz bezaubert von dem Feuer ihrer Beredtſam⸗ keit, von ihren glühenden Wangen und ihren blitzenden Augen,„nicht für immer. Ein Tag wird kommen, wo Sie als neue Jeanne d'Arc, als die Hervine des zweiten Königthums wieder ihren triumphirenden Einzug in Pa⸗ ris halten werden.“ „Ah, Herr Graf, wenn die Freunde der königlichen Märtyrer nicht endlich aus ihren Schlummer erwachen, wenn ſie nicht endlich das Schwert erheben, ſo wird dieſer Tag niemals kommen, ſo geht der Thron der Lilien für immer zu Grunde.“ „Aber ſie werden das Schwert erheben, ſie werden ihre Armeen nach Frankreich ſchicken,“ ſagte Graf Merch lächelnd. „Sie glauben es?“ fragte Thervigne freudig.„Sie glauben, daß Preußen, daß Oeſterreich endlich einen kräf⸗ „ —————————————— 74 14 tigen Entſchluß faſſen und ihre Armeen gegen Frank⸗ reich ſchicken werden?“ „Preußen hat ſchon längſt dieſen Entſchluß gefaßt, und die Emigranten ſammeln ſich zu einer Armee, welche die königlichen Prinzen von Frankreich anführen werden. Nur der Kaiſer Leopold zögert noch, und—“ „Ich werde hingehen, ſeinen Muth anzufeuern,“ unterbrach ihn Thervigne mit blitzenden Augen.„Baron Thugut hat mir den Auftrag gegeben, mich nach Wien zu verfügen. Er hat mir die wichtigſten mündlichen Auf⸗ träge an den Kaiſer gegeben, und mich, damit ich ſogleich zu ihm gelange, mit den nöthigen Empfehlungsbriefen verſehen.“ „Wollen Sie mich dieſe Briefe ſehen laſſen?“ fragte Graf Merch gedankenvoll. Thervigne zog aus der Taſche ihres Kleides die beiden Briefe hervor und reichte ſie dem Grafen dar. Er betrachtete ſie lange und ſchien die Adreſſen ſeiner ſtrengſten Prüfung zu unterwerfen.„Es iſt in der That die Handſchrift des Baron Thugut,“ ſagte er dann halblaut, wie zu ſich ſelber.„Wem Thugut ſolche Em⸗ pfehlungsbriefe gibt, dem muß er unbedingt vertrauen, und auf deſſen Treue und Sicherheit kann man ſich ver⸗ laſſen.“ „Ich glaube wohl, daß man das kann,“ rief The⸗ — 15 rigne ſtolz,„und ich denke nicht, daß es des Zeugniſſes dieſer Briefe noch bedurfte, um Sie davon zu über⸗ zeugen.“ „Nein, es war nur eine willkommene Beſtätigung für mich,“ ſagte Graf Merch freundlich.„Hier, nehmen Sie Ihre Briefe wieder und verwahren Sie ſie wohl. Es iſt ſehr ſelten, daß Baron Thugut irgend Jemandem vertraut, und dieſe Briefe ſind daher überall eine glän⸗ zende Empfehlung für Sie. Aber jetzt möchte ich Ihnen einen Vorſchlag machen. Sie wollten nach Wien abreiſen, ſobald die königliche Familie die belgiſche Grenze über⸗ ſchritten habe. Das heißt, Sie würden noch vierund⸗ zwanzig Stunden hier warten müſſen, denn da Sie vierundzwanzig Stunden früher abgereiſt ſind, ſo be⸗ dürfen die Flüchtlinge eben ſo viel Zeit, um hier an⸗ zulangen.“ „Sie bedürfen mehr Zeit, denn ſie fahren nicht wie ich Tag und Nacht und mit Courierpferden.“ „Um ſo dringender iſt es, daß Sie nicht auf die Ankunft der königlichen Familie warten. Sie haben bis hieher Alles gethan, um die Flucht des Königspaars vorzubereiten und möglich zu machen. Ihr Werk iſt vollendet, und zur Flucht bedarf die Königin Ihrer nicht mehr, wohl aber zur Wievererlangung Ihres Throns. Treten Sie alſo unverzüglich Ihre neue Miſſion an, 16 gehen Sie ſofort nach Deutſchland, um deutſche Armeen anzuwerben gegen die Tyrannen, welche das unglückliche Frankreich mit Blut und Verbrechen beſudeln. Sie kennen alle die Häupter dieſer Revolution, Sie wiſſen von ihren geheimſten Planen und Abſichten, und Sie können daher beſſer als irgend Jemand dem Kaiſer Leopold Bericht erſtatten, ihm die Nothwendigkeit begreiflich machen, daß er endlich dem revoltirenden Frankreich den Krieg er⸗ klärt. Es wäre gut und nützlich, wenn Sie Ihren Reiſe⸗ weg über Coblenz nähmen, und den emigrirten Prinzen dort auch einige Schilderungen der Revolutionsmänner und der franzöſiſchen Zuſtände machen wollten, wenn Sie Ihnen die freudige Hoffnung brächten, daß der König und die Königin, Dank Ihren geſchickten Be⸗ mühungen, auch entfliehen werden und können. Ah, Ma⸗ demviſelle, Sie würden Frankreich, ja ganz Eurvpa einen weſentlichen Dienſt erzeigen, wenn Sie dieſe neue Miſſion, die ich Ihnen voll Vertrauen und Hoffnung antrage, annehmen möchten, wenn Sie heute noch ab⸗ reiſten!“ Thervigne ſchüttelte traurig ihr Haupt.„Es iſt un⸗ möglich, Herr Graf.“ „Und weshalb unmöglich?“ „Weil,“ ſagte ſie ſtotternd und mit dem Anſchein der Verlegenheit,„weil ich dem Grafen Thugut ver⸗ ſprochen habe, mit Ihnen nach Quiévrain zu kommen.“ 17 „Ah, ich begreife,“ rief Graf Merch lächelnd.„Der liebe, allezeit vorſichtige Baron Thugut hat ſich auch ge⸗ gen Sie wieder vorſichtig verclauſulirt. Er ſchreibt mir, ich ſolle nach Quiévrain Geldpapiere und ſichere Anwei⸗ ſungen über viermalhundertauſend Francs mitbringen, denn dies ſei Ihre Ausſteuer, und ich ſolle Ihnen dieſelbe übergeben, ſo wie die königliche Familie in Quiévrain angelangt ſei.“ „Und ich bin leider zu arm, um dieſer meiner Aus⸗ ſteuer entſagen zu können,“ ſagte Theroigne ſeufzend und mit niedergeſchlagenen Augen.„Sie ſehen alſo, mein Herr, daß ich nicht jetzt gleich, daß ich nicht heute ab⸗ reiſen kann, ſondern daß ich hier bleiben muß, bis die königliche Familie hier angelangt iſt.“ „Nein, ich ſehe nur, daß Baron Thugut ein wenig zu penible denkt, und daß er nur ſeiner gewohnten Spar⸗ ſamkeit Gehör gegeben hat. Man hat Ihnen fünfmal⸗ hunderttauſend Francs verſprochen, wenn Sie zu der Flucht der königlichen Familie Ihre rettende Hand bieten wollten. Sie haben es verſprochen, und wie mich dünkt, haben Sie getreulich Ihr Wort gehalten. Sie haben Alles gethan, was in Ihren Kräften ſtand, Sie haben die Rolle, welche man Ihnen in dem Plan zur Flucht ertheilt hatte, geſchickt geſpielt, und Sie ſind jetzt zu Ende damit. Ihre Rolle iſt ausgeſpielt, und es wäre daher 18 Unrecht und kleinlich, Ihre Belohnung von dem glück⸗ lichen Erfolg des Unternehmens abhängig machen zu wollen. Entſchließen Sie ſich noch heute, noch in dieſer Stunde Ihre neue Courierreiſe nach Coblenz und Wien antreten zu wollen, und in demſelben Augenblick, in wel⸗ chem ich Ihnen meine Depeſchen übergebe und der Wa⸗ gen vorfährt, in demſelben Augenblick übergebe ich Ihnen auch Ihre Ausſteuer, Geldpapiere und Wechſel im Werth von viermalhunderttauſend Francs.“ Eine glühende Röthe flammte in Thervigne's Antlitz auf, ihre Augen blitzten höher auf in triumphi⸗ render Freude, aber ſie ſchlug ſie raſch nieder, um den Grafen nicht in ihren Blicken leſen zu kaſſen. „Aber Barnave!“ flüſterte ſie leiſe.„Sie vergeſſen, daß ich mit der Königin auch meinen Geliebten erwarte⸗ Ich habe Ihnen ja geſtanden, Herr Graf, daß ich die Braut Barnave's bin, und daß er, ſobald die Königin gerettet iſt, hier in Belgien ſich mir vermählen will.“ „Meine Liebe,“ rief der alte Graf ungeduldig,„es iſt jetzt nicht der Moment, um an die Erfüllung Ihrer verliebten Wünſche denken zu können. Sie werden ſich einige Tage ſpäter vermählen, das iſt Alles. Der liebe Herr Barnave wird Ihnen ſofort nach Wien nacheilen, und es gibt dort eben ſo gut Preiſter wie hier zur Voll⸗ ziehung des Trauungsactes. Nur wird ſich vhne Zweifel ⸗ 19 Ihre Ausſteuer noch etwas vergrößert haben, denn ich bin gewiß, daß die Prinzen von Frankreich, denen Sie in Coblenz Ihren Beſuch machen, daß der Kaiſer Leopold, den Sie in Wien aufſuchen, ſich Ihnen dankbar bezeugen, und Ihnen reichliche und koſtbare Hochzeitsgeſchenke dar⸗ bringen werden!“ „O mein Herr,“ rief Thervigne mit dem Anſchein ſchmerzlicher Entrüſtung,„Sie glauben, daß ich ein ſo egviſtiſches, eigennütziges und geldgieriges Geſchöpf bin, daß man meiner guten Dienſte nur dann ſich verſichern kann, wenn man mir Belohnung bietet, wenn man mich gut bezahlt. Aber Sie ſollen ſehen, daß Sie ſich in mir geirrt haben, Herr Graf. Hätten Sie mir geſagt:„The⸗ rvigne, es iſt eine wichtige Miſſivn, welche ich Ihnen an⸗ vertraue; ich fordere von Ihrem Evelmuth, daß Sie ſie annehmen, obwohl ich Ihnen keine andere Belohnung dafür bieten kann, als das Bewußtſein, Frankreich und der Königsfamilie von Frankreich aufs Neue die wichtig⸗ ſten Dienſte geleiſtet zu haben,“ hätten Sie ſo zu mir geſprochen, ſo würde ich freudig bereit geweſen ſein, Ihrem Ruf zu folgen, und Ihnen zu beweiſen, daß Thervigne ihren Schwur erfüllen, daß ſie der Rettung Frankreichs und der Königin ihr Leben darbringen will. Aber Sie wollen in mir ein käufliches Werkzeug Ihres Willens ſehen, und alſo ſchlage ich alle Ihre Vorſchläge aus, * 20 und werde hier bleiben, bis das gerettete Königspaar Ihnen Zeugniß gibt von meiner Treue, bis ich mir meine Ausſteuer verdient habe.“ „Mein Gott, ich ſagte Ihnen ſchon, ma toute belle, daß ich fände, Sie hätten dieſelbe ſchon hinlänglich ver⸗ dient und dieſe ſtipulirte Ausſteuer ſtehe Ihnen ſchon jetzt von Rechtswegen zu Gebote. Nun, und jetzt füge ich mit Ihren eigenen Worten hinzu: Theroigne, es iſt eine wich⸗ tige Miſſion, welche ich Ihnen anvertraue, ich fordere von Ihrem Edelmuth, daß Sie dieſelbe annehmen, ob⸗ wohl ich Ihnen keine andere Belohnung dafür bieten kann, als das Bewußtſein, Frankreich und der Königs⸗ familie von Frankreich auf's Neue die wichtigſten Dienſte geleiſtet zu haben.“ „Nun wohl,“ rief Thervigne freudig,„ſo geboten nehme ich Ihre Miſſion an. Hier meine Hand, Herr Graf, ich bin bereit, Ihren Wunſch zu erfüllen. Nur mache ich Eine Bedingung!“ „Laſſen Sie mich zuerſt Ihre Bedingung wiſſen?“ „Sie zahlen mir nicht jetzt, nicht vor meiner Abreiſe nach Wien meine Ausſteuer aus, ſondern Sie ſenden mir dieſelbe erſt nach, wenn die königliche Familie die Grenze von Belgien überſchritten hat.“ „Das wäre unwürdig und kleinlich zugleich,“ rief Graf Mercy,„und Sie können nicht von mir fordern, 21 daß ich Ihrer Großmuth gegenüber als ein alter, ertappter Geizhals beſchämt und mit niedergeſchlagenen Augen da ſtehen ſoll! Nein, ich nehme Ihre Bedingung nicht an, aber ich nehme Ihre Hand an, die Sie mir geben, um mich zu verſichern, daß Sie meine Miſſion annehmen. Nun, meine Hervine, bieten Sie mir noch einmal Ihre hübſche kleine Hand, aber ohne die häßliche Bedingung, die ſo ſehr nach Krämerbuden und Profitchenmacherei ſchmeckt.“ „Nun denn,“ ſagte Thervigne lachend,„ich will dem vornehmen Herrn Grafen nicht mit ſolchem demokra⸗ tiſchen Geſchmack den Appetit zur Mittagstafel verderben. Hier meine Hand, ich entſage meiner Bedingung und nehme Ihre Miſſion an. Geben Sie mir Ihre Inſtruc⸗ tionen und die Depeſchen, laſſen Sie den Wagen vor⸗ fahren, ich bin bereit auf der Stelle abzureiſen.“ „Der Himmel ſegne ihren Entſchluß,“ rief Graf Merch freudig.„Ich danke Ihnen im Namen des Königs und der Königin, im Namen Frankreichs. Und nun ge⸗ nug der Worte, eilen wir, alle Vorbereitungen zu treffen, denn nicht bloß Sie, ſondern auch ich habe Eile. Sie wollen abreiſen nach Wien, ich muß nach Quievrain. Begeben Sie ſich auf Ihr Zimmer, mein ſchönes Kind, packen Sie Ihren Reiſekoffer und ruhen Sie ein wenig. Auch werde ich den Haushofmeiſter beauftragen, Ihnen ein 22 kleines Dejeuner à la fourchette zu ſerviren. Nehmen Sie etwas Nahrung zu ſich, denn da Sie nachher als echter Courier ohne Aufenthalt reiſen, werden Sie der Stärkung und Erquickung bedürfen. Ah, wie gut wars, daß ich Sie überredete in meinem Hauſe Ihr Quartier zu nehmen, wir kommen dadurch weit bequemer zu un⸗ ſerem Ziel. Nun aber, au revoir, mein ſchönes Kind, in einer Stunde erwarte ich Sie hier, um Ihnen die De⸗ peſchen und Briefe, und was ſonſt noch nöthig iſt, zu übergeben, in einer Stunde ſteht der Reiſewagen vor der Thür. Sie wechſeln doch nichts an Ihrer Toilette, meine Schöne? Ich halte es für ſehr zweckmäßig, daß Sie in Ihrem Coſtum einer trauernden Witwe, die zum Begräbniß ihres geliebten Mannes nach Wien eilt, blei⸗ ben. Das entſchuldigt, wenn Sie ſo unaufhaltſam wie ein Courier reiſen, und wir vermeiden dadurch alles un⸗ nöthige und läſtige Aufſehen. Alſo, auf Wiederſehen in einer Stunde, ma toute belle!“ „Auf Wiederſehen in einer Stunde,“ wiederholte Theroigne, und ſich mit einem lächelnden Gruß vor dem Grafen leicht verneigend, verließ ſie das Cabinet. Schwei⸗ gend und mit ernſter und würdiger Haltung ging ſie vorüber an den Herren, die im Salon des Grafen, auf eine Audienz harrend, verſammelt waren, durchſchritt den Vorſaal und den Corridor, an deſſen Ende ſich ihr Gemach befand. 23 Erſt als die Thür deſſelben ſich hinter ihr geſchloſſen hatte, als ſie ganz allein, ganz ſicher war, von Niemand beobachtet zu werden, erſt da verſchwand der ſtolze Ernſt aus ihren Zügen, ſie nahmen jetzt einen ſtrahlenden Aus⸗ druck an und ihre Lippen öffneten ſich zu einem lauten fröhlichen Lachen. Sie unterdrückte aber ſchnell wieder dieſen lauten Ausbruch ihres Gefühls und preßte raſch ihre beiden Hände auf ihre lachenden Lippen. Dann warf ſie ſich ganz erſchöpft in einen Fautenil nieder und athmete auf, wie von einer ſchweren Laſt befreit. „Ah, das war eine harte und gefährliche Arbeit,“ flüſterte ſie,„eine ſchwere, ſehr ſchwere Rolle. Aber ich denke, ich habe ſie mit vielem Geſchick und großem Glück geſpielt, und es iſt mir gelungen den guten Grafen Merch vollkommen zu täuſchen. Er hält mich wirklich für eine politiſche Magdalena, für eine glühende Royaliſtin, die vor Verlangen brennt, ihre früheren Fehler und Ver⸗ brechen wieder gut zu machen. Ah, es war doch ein Glück, daß ich unterwegs Muße zu überlegen hatte, daß mein Zorn und mein Schmerz Zeit hatten ſich auszutoben und wieder der Vernunft Gehör zu geben! Ganz erbärmlich und ganz ſchlecht hat Barnave an mir gehandelt, und ich fühle, daß ich ihn jetzt ebenſo haſſe und verabſcheue, als ich ihn einſt geliebt habe. Welch' eine empfindſame, alberne Thörin ich war! Glaubte noch einmal wieder an die Liebe eines Mannes, wollte durch dieſe Liebe mich wieder zur Tugend, zur Sittſamkeit und Ehrbarkeit zu⸗ rückführen laſſen, faßte den ſentimentalen Entſchluß, eine treue, ergebene und gottesfürchtige Frau ſein zu wollen. O, wie er gelacht haben mag über die empfindſame Schwärmerin, die es ſo leicht war zu betrügen und mit lügneriſchen Liebesworten zu bethören! Freilich, der Lieb⸗ haber der Königin konnte ſich nicht herablaſſen, der Mann der armen Thervigne zu werden, und der Ring Marie Antvinette's wäre entweiht worden, wenn er ihn an The⸗ rvigne gegeben hätte. O, es iſt ſchändlich, es iſt grauſam, ſo betrogen zu werden, ſo—“ Ihre Stimme ſtockte, ihre Augen füllten ſich mit Thränen, aber ſie wiſchte ſie raſch mit dem Rücken ihrer Hand fort und ſtampfte ungeduldig mit dem Fuß auf den Boden.. „Habe ich mir nicht unterwegs zugeſchworen, daß ich nicht weinen will um den Verräther und Betrüger?“ fragte ſie ſich zürnend.„Was ſollen denn dieſe Thränen? Fort mit ihnen! Thervigne hat den letzten Reſt von Empfindſamkeit, Ehrbarkeit und Tugendgelüſte mit ihrer betrogenen Liebe begraben, Thervigne darf und will kein Weib mehr ſein, wie andere Weiber auch! Sie will ein Mann ſein, grauſam, rachedürſtig, betrügeriſch und le⸗ 25 bensluſtig, wie alle Männer ſind. Hurrah, leicht und froh wie ein Mann will ich leben und die Welt genießen, und lachen über alle Die, welche weinen und ſich un⸗ glücklich dünken! Es gibt nur ein Glück auf Erden, das iſt der Reichthum, und den habe ich mir jetzt erworben, Dank meiner Schauſpielkunſt und Klugheit. Ach, wie vor⸗ trefflich ich meine Rolle geſpielt habe! Nicht Einmal bin ich aus der Rolle gefallen während dieſer unausſtehlich langen vierundzwanzig Stunden, die ich hier beim Grafen Merch bin. Immer war ich die renige Sünderin, die ergebene Royaliſtin, die uneigennützige Liebende, die gar nicht an Geld und Belohnung denkt, ſondern aus purer nneigennütziger Liebe und Anhänglichkeit ſich zu opfern bereit iſt. Das macht, ich hatte mir auf dieſer ganzen langen Fahrt meine Rolle wohl überlegt und einſtudirt; ich hatte eingeſehen, daß es eine lächerliche Thorheit ge⸗ weſen wäre, einer halben Million zu entſagen, weil ich von einem Mann betrogen ward. Es war ſchon dumm und albern genug, daß ich mich hinreißen ließ von meinem erſten Zorn und dem Petion die Flucht der Königin ver⸗ rieht. Ich hätte meinen Zorn und Gram in mich hinein⸗ freſſen und ruhig abwarten ſollen, wie die Dinge ſich ge⸗ ſtalten würden. Aber indem ich in meinem Zorn Petivn die Mittel an die Hand gab, die Flucht der Königin zu verhindern, habe ich meine halbe Million gefährdet. Das 1860. XXIV. Kaiſer Leopold der Zweite. III. 2 26 war eine ungeheuere Dummheit, und ich habe mir unter⸗ wegs auf meiner tollen Fahrt geſchworen, ſie wieder gut zu machen! Und ich denke, ich werde mir Wort halten können. Wie geſchickt ich ſpielte, wie ich Alles wagte, um Alles zu gewinnen. Hah, wie mein Herz klopfte, als ich ihm anbot, mich nach Wien gehen zu laſſen und mir das Geld erſt nachzuſchicken, wenn die königlichen Flücht⸗ linge glücklich über die Grenze gekommen! Aber ich rech⸗ nete auf den Cavalierſtolz des vornehmen Herrn Grafen, und mein Rechenexempel hat mich nicht betrogen. Die halbe Million iſt mein! Nur noch eine Stunde, und ich halte ſie in meinen Händen, und Ehre, Anſehen, Glück und Freiheit iſt mein!“ Sie breitete entzückt ihre Arme aus, als wollte ſie in begeiſterter Luſt die Welt, die goldſtrahlende Zukunft an ihr Herz drücken, und ein Ausdruck ſtolzen Triumphes leuchtete von ihrem Angeſicht. Aber auf einmal dann ließ ſie ihre Arme wieder ſinken und der Freudenglanz erloſch in ihren Zügen. „Es iſt indeß nicht genug, eine halbe Million in Händen zu haben,“ flüſterte ſie;„man muß auch auf Mittel ſinnen, ſie zu bewahren und ſein Eigenthum zu retten. Und das iſt das Schwierigere! Nur wenige Stunden noch, und Graf Merch wird ohne Zweifel vom Baron Thugut benachrichtigt werden, daß die Flucht 27 mißlungen iſt, daß Theroigne ſie an Petion verrathen hat. Dann wird der alte Graf mir nachſetzen, mich zu⸗ rückholen laſſen wollen. Und wenn ich auch vielleicht zwölf Stunden voraus habe, ſo können mich ſeine Cou⸗ riere doch überholen; ſie werden natürlich reiten, und ich fahre, das gibt ihnen einen Vortheil, und irgend ein un⸗ glücklicher Zufall kann mich unterwegs aufhalten, mein Wagen kann umwerfen, zerbrechen, was weiß ich. Man muß aber immer gegen die unglücklichen Zufälle ſie wah⸗ ren. Wie fange ich's an, um den Verfolgern des Grafen Merch zu entgehen und mich glücklich mit meiner halben Million nach Frankreich zu retten! Wie fange ich's an?“ Sie ließ ihr Haupt auf ihre Bruſt fallen und ſaß lange, in tiefes Nachdenken verſunken, unbeweglich da. „Ich hab's,“ rief ſie dann auf einmal, von dem Fauteuil aufſpringend.„Ja, das Mittel zur Rettung iſt gefunden! Es fehlt mir nichts mehr, nichts als ein hüb⸗ ſcher Männeranzug. Aber woher den nehmen, wie— Ah, ein wundervoller Gedanke! Stand nicht vorher, als ich den Corridor hinauf ging, der Kammerdiener des jun⸗ gen Grafen Merch vor einem offenen Kleiderſchranken und ordnete die Kleider des jungen Herrn? Der junge Graf wohnt ja hier in meiner Nähe auf demſelben Cor⸗ ridor, er erzählte es mir geſtern Abend, als er mir ſo ga⸗ lant den Arm bot und mich bis an die Thür meines Zim⸗ 2* 28 mers begleitete, der verliebte Knabe. Er iſt nicht größer als ich, und ich denke ſeine Kleider müſſen mir paſſen. Steckt der Schlüſſel im Kleiderſchrank, ſo iſt das Mittel zu meiner Rettung gefunden! Sehen wir zu!“ Entſchloſſenen Schrittes ging Thervigne zu der Thür hin und öffnete ſie. Alles war ſtill, kein Menſch zu ſehen auf dem ganzen dämmerigten Corridor, die Thü⸗ ren zu den Zimmern des jungen Grafen geſchloſſen und da gegenüber an der Wand der große majeſtätiſche Klei⸗ derſchrank von geſchnitztem Eichenholz! Leiſe auf den Ze⸗ hen, mit angehaltenem Athem ſchlüpfte Theroigne auf den Corridor hinaus; die Augen unverwandt auf den Schrank gerichtet, bewegte ſie ſich geräuſchlos vorwärts, mit der Hand ſich an der Wand hinſchiebend, um ihrer ſchwankenden Geſtalt einen Stützpunkt zu geben. Jetzt, jetzt ſtand ſie vor dem Schrank! der Schlüſſel ſteckte im Schloß! Nun lauſchte ſie einen Moment. Alles blieb ſtill, kein Laut, kein Schritt ließ ſich vernehmen! Muth gefaßt alſo! Den Schrank geöffnet! Mit einem einzigen Ruck war's geſchehen, die Thür knarrte nicht in ihren Angeln und der Schrank war ge⸗ öffnet. Da hingen ſie in zierlicher Ordnung die ſchönen Kleider des jungen Grafen, die ſeidenen Pantalons und die geſtickten ſeidenen Röcke, die einfachen Gewänder von B 29 dunkler Farbe ohne auffallende Ausſchmückung und die goldgeſtickten Staaskleider. Mit raſchem Blick hatte The⸗ rvigne ihre Wahl getroffen, das ſchwarze Pantalon, der lange, dunkelbraune Rock, deſſen große Perlmutterknöpfe den Rock bis am Halſe ſchließen ließen, das war der An⸗ zug, deſſen ſie bedurfte. Raſch Beides vom Haken geriſſen, nun die Thür des Schranks haſtig wieder geſchloſſen und mit den Klei⸗ dern überm Arm raſch wie eine Gazelle über den Cor⸗ ridor dahin geflogen nach der vffenen Thür ihres Ge⸗ machs hin! Alles iſt ſtill auf dem Corridor. Niemand hat ſie geſehen, und jetzt iſt das Zimmer erreicht, jetzt ſchließt ſie die Thür wieder hinter ſich und ſchiebt den Riegel vor. Es iſt gelungen! Gelungen! Nun mit haſtigen, zitternden Händen löſt ſie die Bänder und Haken ihres Kleides und wirft es von ſich, und entledigt ſich ihrer Gewänder. Raſch jetzt die trauernde Witwe in einen jungen Cavalier verwandelt! Da, jetzt iſt's gethan! Der Cavalier iſt fertig, und die Kleider paſſen ſo vortrefflich, als wären ſie nach The⸗ rvigne's eigenem Maße gefertigt. Jetzt aber muß der Cavalier ſich wieder in die trauernde Witwe verwandeln! Raſch alſo jetzt die Frauengewänder über den Männer⸗ anzug! Aber vorher die Briefe und das Packet des Ba⸗ 30 rons Thugut ſorgſam in der Taſche des Männerrockes geborgen! Dazu die Brieftaſche mit ihren hunderttau⸗ ſend Franespapieren. Nun die Frauengewänder darüber geworfen, die Verkleidung über der Verkleidung! Freilich, die eng anlie⸗ gende Taille will ſich nicht ſchließen laſſen über dem Rock. Aber was thut's, Niemand ſieht es ja, der weite ſchwarze Seidenmantel der trauernden Witwe verhüllt dieſe kleinen Mängel ihrer Toilette! Welch' ein Glück jetzt, daß The⸗ roigne ihrem Amazonencoſtum zu Gefallen immer kurzge⸗ ſchnittenes Haar, gleich den Männern getragen hat. So lange ſie noch als trauernde Witwe ſich dar⸗ ſtellen muß, bedeckt die Schneppenhaube und der ſchwarze Federhut das kurze Haar— wenn ſie als Cavalier er⸗ ſcheint, paßt das kurzgeſchnittene Haar ganz vortrefflich zu ihrem Coſtum. Nun iſt die Toilette vollendet, und ganz athemlos, ganz erſchöpft ſinkt Theroigne wieder auf den Lehnſtuhl ———— nieder. „Es iſt vollbracht, Gott ſei Dank!“ dachte ſie hoch⸗ 11 athmend.„Das Mittel zur Rettung iſt gefunden. O, jetzt wird es mir gelingen, den Verfolgern zu entgehen und ſie zu täuſchen. Auf der zweiten Station lenke ich vom Wege ab, und ſchlage die Richtung nach Frankreich ein. Auf der dritten Station, welches Mecheln ſein wird, 31 verlaſſe ich, während man die Pferde wechſelt, den Wa⸗ gen, und gehe unter dem Vorwand, eine kleine Promenade machen zu wollen, von dannen. Ich begebe mich ſofort in ein Hötel, verlange ein Zimmer, werfe meine Frauen⸗ kleider von mir, verlaſſe mein Zimmer, das ich hinter mir zuſchließe, gehe wieder aus dem Hötel, und grades Wegs zu einem Pferdehändler, deren es zum guten Glück in Mecheln ſehr viele gibt. Ich miethe oder kaufe mir ein Pferd, und fort geht's im raſenden Galopp nach Frank⸗ reich hin, nach meinem geliebten Paris. O Petion wird es mir vergeben, daß ich hier nicht blieb, um Propa⸗ ganda zu machen für die Tricolore. Ich werde ihm die Briefe und Depeſchen des Grafen Merch geben, ich werde ihm ſagen, daß die deutſchen Mächte Frankreich den Krieg erklären wollen, ich werde ihm Alles wiederholen, was Merch mir anvertraut, und Petion wird mit mir zufrieden ſein! O, ich werde mein geliebtes Paris wieder⸗ ſehen, und Thervigne de Mericvurt wird wieder die Hel⸗ din der Clubbs und des Volkes ſein! Oder ſie wird, wenn keine Gefahr mehr dabei iſt, die große Dame ſpie⸗ len, wird ſich Equipage und Dienerſchaft halten, und— ich höre Schritte auf dem Corridor,“ unterbrach ſie ſich ſelber.„Gewiß man kommt, um mich abzurufen!“ Raſch jetzt den Mantel umgeworfen, die Schnep⸗ penhaube und den Hut aufgeſetzt, raſch. 32 Da klopft es an die Thür— Thervigne mit ihrer ruhigen, ernſten Haltung geht hin, um zu öffnen. Es iſt der Kammerdiener des Grafen Merch, welcher im Namen ſeines Herrn die gnädige Frau bittet, in den Speiſeſaal hinabzukommen, um zu dejeuniren, welcher ferner meldet, daß der Herr Graf ſodann die gnädige Frau in ſeinem Cabinet erwartet, und daß Alles zur Abfahrt bereit iſt. Thervigne lehnt das Dejeuner ab, ſie bedarf keiner Stärkung und die Zeit drängt. Sie befiehlt dem Kam⸗ merdiener ihren kleinen Reiſekoffer in den Wagen zu tragen, und geht hinunter in das Cabinet des Grafen Merch.. Er empfängt ſie mit zuvorkommender Freundlich⸗ keit, er übergibt ihr die Depeſchen, welche ſie feierlich ge⸗ lobt, nur in die Hände der Grafen von Provence und Artvis, in die Hände des Kaiſers Leopold niederzulegen, er übergibt ihr die vertraulichen Empfehlungsbriefe an die, den Prinzen und dem Kaiſer nahe ſtehenden Cava⸗ liere, ſodann gibt er ihr ſeine letzten Inſtructionen, be⸗ ſchwört ſie, dem Kaiſer zu Wien recht genauen und le⸗ bendigen Bericht abzuſtatten über die Schreckenswirth⸗ ſchaft in Paris, über die Nothwendigkeit, endlich ſeine Armee gegen Frankreich marſchiren zu laſſen, und ganz 33 zuletzt zählt er ihr mit lächelnder Ruhe viermalhundert⸗ tauſend Francs in guten franzöſiſchen Bankſcheinen auf. Mit derſelben unveränderten Ruhe, mit welcher ſie die Briefe und Depeſchen entgegen genommen, empfing ſie auch das Geld und ließ die Scheine in ihrem Porte⸗ feuille verſchwinden. „Jetzt alſo, meine Schöne, wenn es Ihnen gefällig iſt, nehmen wir Abſchied,“ ſagte Graf Merch ihr freund⸗ lich die Hand entgegenſtreckend.„Ihr Wagen ſteht ſchon bereit, und auch der meine wird bald vorfahren, denn auch ich gedenke jetzt nach Quiévrain aufzubrechen und dort alle Vorbereitungen zum Empfang der hohen Flücht⸗ linge zu treffen! Leben Sie alſo wohl, liebe Thervigne, und laſſen Sie mich hoffen, daß, wenn wir uns wieder begegnen, ich Sie nicht in den häßlichen Trauergewän⸗ dern einer Witwe, ſondern als die glückliche, lebensluſtige Frau des Herrn Barnave begrüßen werde!“ „Leben Sie wohl, Herr Graf,“ ſagte Theroigne lächelnd,„und möge vor allen Dingen es mir vergönnt ſein, das Ziel meiner jetzigen Reife zu erreichen. Dies iſt das Einzige, was ich vom Himmel mir jetzt wünſche und erflehe!“ Sie reichte dem alten Grafen die Hand dar, und von ihm bis an die Thür ſeines Cabinets geleitet, verließ ſie daſſelbe, ſchritt raſch durch die Vorſäle und das Veſti⸗ 34 bule dahin, und trat in die Hausthür, um den Wagen zu beſteigen, an deſſen offenem Schlag der Kammerdiener des Grafen ihrer harrte. Der Poſtillon, der auf dem hohen Bocke des Wa⸗ gens ſaß, wandte ſich ein wenig zur Seite, um zu ſehen, was für einen Paſſagier er zu fahren habe. Theroigne nickte ihm herablaſſend zu. „Wenn Du raſch fährſt, mein Freund, ſo werde ich Dir auf der nächſten Station ein gutes Trinkgeld geben,“ ſagte ſie, indem ſie, von dem Kammerdiener unterſtützt, in den Wagen ſtieg. In dieſem Moment und während der Kammerdie⸗ ner eben im Begriffe war die Wagenthür zu ſchließen, hielt ein Reiter, der in vollem Jagen die Straße herauf galoppirt kam, vor dem Hauſe an. „He, mein Herr,“ rief er dem Kammerdiener zu, „wollen Sie mir gütigſt ſagen, ob hier der Graf Merch wohnt?“ „Ja, er wohnt hier, mein Herr, aber er iſt im Begriff zu verreiſen, und will Niemand mehr empfan⸗ gen“ „Ah,“ ſagte der Fremde, ſich leicht aus dem Sat⸗ tel ſchwingend,„mich wird er wohl empfangen, mein Herr.“ „Sie bringen alſo dem Herrn Grafen wichtige * 35 Nachrichten?“ fragte der Kammerdiener, der jetzt die Wagenthür geſchloſſen hatte. „Ja, wichtige Nachrichten,“ war die Antwort. „Ich komme aus Paris vom Baron von Thugut.“ „Ah, ein Courier vom Baron von Thugut,“ wie⸗ derholte der Kammerdiener.„Ich werde Sie ſogleich mel⸗ den. Zugefahren, Poſtillon.“ Zwrites Capitel. Die Verfolgung. Mit donnernder Schnelle fuhr der Wagen dahin. Thervigne hatte Alles gehört, Alles begriffen! Der Cou⸗ rier des Barons Thugut war da, das heißt die Ent⸗ deckung ihres Verrathes, der ſogleich auch die Strafe fol⸗ gen mußte, wenn ſie nicht ſofort ſich zu retten vermochte. Schnell wie ihr der Gedanke kam, überlegte ſie auch die mögliche Rettung. Aber indem ſie noch überlegte, handelte ſie auch ſchon. Während der Wagen unaufhaltſam durch die Stra⸗ ßen dahinrollte, war ſie im Innern deſſelben wunderſam geſchäftig. Zuerſt zog ſie aus der Taſche ihres Kleides 36 das Portefeuille mit den Depeſchen und Geldpapieren hervor und legte es auf den Rückſitz hin. Dann ſchloß ſie die beiden Fenſter der Wagenthüren, und nun mit ha⸗ ſtiger Hand begann ſie ſich zu entkleiden. Fort mit dem Hut und der Schneppenhaube, fort mit dem Trauermantel und den langen Frauengewän⸗ dern! Der Cavalier muß jetzt ſich aus der trauernden Witwe entpuppen, es iſt die höchſte Zeit! Zetzt iſt's geſchehen! Nun raſch das Portefeuille in die Taſche des Männerrockes geſchoben, und nun einen glücklichen Moment erſpäht, um den Wagen zu verlaſſen. „Es gibt keine andere Rettung,“ ſagte ſie gefaßten Muthes zu ſich ſelber.„In einer Viertelſtunde werden die Verfolger hinter mir ſein, und ich bin rettungslos verloren. Laſſe ich den Wagen anhalten und ſteige aus, ſo wiſſen meine Verfolger meine Spur, und werden mich entdecken. Ich muß alſo den Wagen verlaſſen, während er weiter fährt. Sobald er einen Moment langſamer fährt, ſpringe ich hinaus, und zuletzt muß ich es ſogar wagen, mitten im raſchen Fahren hinaus zu ſpringen.“ Sie öffnete den Schlag und machte ſich bereit. Der Wagen indeß fuhr mit donnernder Schnelle weiter, der Poſtillon, eingedenk des verſprochenen Trinkgeldes, trieb die dampfenden Pferde zu immer größerer Eile an. 37 „Nun, ich muß mein Leben riskiren, um mich und mein Geld zu retten,“ ſagte Thervigne zu ſich ſelber, in⸗ dem ſie ſich zum Sprunge bereit machte. Aber in dieſem Moment und als wolle das Glück ihre Flucht begünſti⸗ gen, ſtellte ſich ein unerwartetes Hinderniß dem raſchen Jagen der Pferde entgegen, und zwang den Poſtillon mitten im Lauf innezuhalten. Ein Leichenzug kam die Straße herauf, und es mußte wohl eine bekannte und beliebte Perſönlichkeit ſein, die man da begrub, denn eine ungeheure Volksmenge wälzte ſich zu beiden Seiten des von vier ſchwarzbe⸗ hangenen Pferden gezogenen Sarges daher, und nahm die ganze Breite der Straße ein. Der Poſtillon war daher gezwungen, den Wagen zur Seite zu fahren und dann anzuhalten, um erſt den Leichenzug vorüber zu laſſen. Gleichſam um Entſchul⸗ digung bittend, wandte er ſein Haupt zurück, mit der Peitſche hinweiſend auf das Hinderniß, das ſich ihrem raſchen Weiterfahren entgegenſtellte. Da war es ihm, als ſähe er einen jungen Herrn ſo eben aus dem Wagen und von dem Tritt deſſelben auf die Straße ſpringen. „Aber dies mußte wohl ein Irrthum ſein,“ ſagte der Poſtillon ſich ſelber. Er hatte ja mit eigenen Augen eine ſchwarzgekleidete Dame in den Wagen einſteigen ſehen, wie ſollte die jetzt als junger Herr wieder ausſteigen kön⸗ 38 nen. Sicherlich hatte irgend ein neugieriger junger Ca⸗ valier, den das Gewoge des Leichenzuges daher getrieben, das Anhalten des Wagens benutzt, um unverſchämter Weiſe auf den Tritt des Wagens zu ſteigen und in das Innere deſſelben hinein zu ſchauen! Wie der Poſtillon das dachte, warf er ſelber einen forſchenden Blick hinein in den Wagen. Freilich blendeten ihn die Fenſterſcheiben, auch machte ſein hoher Sitz es ihm unmöglich, das Innere des Wagens zu überſehen, aber deutlich ſah er doch da drinnen die ſchwarzen Trauer- kleider, welche den Sitz bedeckten. Sie war alſo drin im Wagen ſeine Trauerdame, und er hatte ſich nicht geirrt, der junge Herr war nicht aus dem Wagen gekommen, ſondern er hatte bloß auf dem Tritt geſtanden. Aber wo war der junge Herr? Das ſcharfe Auge des Poſtillons ſchweifte raſch über die Menſchenmenge hin, und da ſah er auch den ſeltſamen jungen Herrn ohne Hut, wie er ihn zuvor geſehen; er machte ſich haſtig durch das Gedränge Platz, ſchob ſich, unbekümmert um den Leichenzug, vorwärts, und trat jetzt da drüben in einen Hutladen ein. „Wahrſcheinlich hat er ſeinen Hut verloren, als er auf meinen Wagen ſprang,“ dachte der Poſtillon;„der Hut iſt unter die Füße getreten, und der reiche junge 39 Herr muß ſich einen neuen kaufen. Das iſt die gerechte Strafe für ſeine Neugierde. Aber halt, jetzt wird das Gedränge dünner und wir können jetzt weiter!“ Und mit lautem Zungenſchnalzen hieb der Poſtillon auf die Pferde ein, daß ſie im Galopp mit dem Wagen davon jagten. Der Poſtillon hatte ſich nicht geirrt— der„junge Herr“ war allerdings in den Laden des Hutmachers ein⸗ getreten, um ſich einen Hut zu kaufen, und da es ihm an Geld nicht fehlte, hatte er gar bald ſich ein elegantes paſſendes Exemplar verſchaffen können. Nun trat er wieder hinaus auf die Straße und ging behenden Schrittes fort, während der Hutmacher in die Thür ſeines Ladens trat und verwundert dem jungen Mann nachſah, der ohne Hut zu ihm eingetreten war, und ihm gar ſeltſam und auffallend erſchienen war, er wußte ſelbſt nicht weshalb. Jetzt verſchwand der junge Herr um die nächſte Straßenecke. Wohin mochte er wohl gehen? Was mochte er wohl vorhaben? Das Eintreten neuer Käufer verhinderte den neu⸗ gierigen Hutmacher an weitern Nachforſchungen. Er ſah es daher nicht, wie der„junge Herr“ jetzt eben keck und beherzt an den Laden eines Sattlers heran trat, deſſen Inhaber in der offenen Thür ſtand und beide Hände in 40 den Taſchen in träger Ruhe die Vorübergehenden mu⸗ ſterte. „Mein Herr,“ fragte ihn der„junge Herr“ The⸗ roigne,„da Sie das Sattelzeug für die Pferde anfer⸗ tigen, werden Sie mir auch wohl ſagen können, wo man die Pferde ſelber haben kann.“ „Allerdings, das kann ich Ihnen ſagen, junger Herr,“ erwiderte der Sattler,„und Sie haben nicht weit bis dahin zu gehen. Der beſte Pferdehändler in Brüſſel wohnt gleich hier nebenan, und wenn es Ihnen recht iſt, führe ich Sie zu ihm.“ Und der Sattler, welcher berechnete, daß, wenn der junge Herr bei ſeinem Nachbar ein Pferd kaufen würde, er zum Dank für ſeine Dienſtfertigkeit den Sattel und das Zaumzeug bei ihm erſtehen würde, der Sattler rief mit lauter Stimme ſeinem Geſellen aus der offenen Werkſtatt herbei und befahl ihm den Laden zu bewachen; dann gab er dem jungen Herrn einen Wink und ſchritt ihm voran, um ihm den Weg zu zeigen nach dem„be⸗ rühmteſten Pferdehändler von Brüſſel“, der glücklicher⸗ weiſe der nächſte Nachbar des Sattlers war. Der junge Herr, welcher von dem Pferdehändler einen tüchtigen Renner begehrte, kein verzärteltes Thier von edler Race, ſondern nur ein Pferd, das raſch laufen, das Strapatzen ertragen könnte, der junge Herr ward 41 raſch bedient, und da er verſprach, wenn er mit dem Reitpferd zufrieden ſei, wolle er auch vier ſchöne Wagen⸗ pferde von demſelben Händler kaufen, ſo ward er auch gut bedient. Eine Viertelſtunde ſpäter ſtand das Pferd, welches der junge Herr gewählt und theuer genug bezahlt hatte, ſchon vor dem Laden des Sattlers, und dieſer war mit ſeinem Geſellen beſchäftigt dem Thier Sattel und Zaum⸗ zeug anzulegen. Der junge Herr ſtand dabei und ſchien ungeduldig das Ende der Arbeit zu erwarten, und trieb den Sattler zur Eile an. Er müſſe heute noch einen weiten Ritt machen, ſagte er, und jede Minute des Verzuges ſei ihm von Wichtigkeit. Jetzt war das Pferd geſattelt und gezäumt, und der Jockey des„berühmten Pferdehändlers“ führte das Pferd auf der Straße auf und ab, um es den jungen Herrn in ſeiner ganzen Schönheit und Grazie ſehen zu laſſen. In dieſem Moment kam auf der Straße eine ganze Schwadron Soldaten daher geſprengt, zwei Offi⸗ ziere an ihrer Spitze, die in wildem Galopp voran jag⸗ ten dem nahen Thor zu. Der Sattler und der Pferdehändler ſchauten ihnen mit düſtern Mienen nach, und auch der Jockey hielt 1860. XXIV. Kaiſer Levpolb der Zweite III. 3 42 ſein Pferd an und blickte nach den fortjagenden Sol⸗ daten hin. „Das waren öſterreichiſche Soldaten, nicht wahr?“ fragte der junge Herr, indem er ſich ſeinem Pferde nä⸗ herte und im Begriff war außzuſitzen. „Ja wohl, öſterreichiſche Soldaten,“ brummte der Sattler, dem jungen Herrn den Steigbügel haltend. „Wir ſind ja wieder öſterreichiſch geworden.“ „Und weshalb mochten denn die Soldaten in ſo ſcharfem Trabe dahin jagen?“ „Wer weiß!“ antwortete der Sattler achſelzuckend. „Es ſah aus, als ob ſie Jemand verfolgten; vielleicht iſt es einem der vielen politiſchen Gefangenen, von denen wir jetzt Tauſende hier haben, gelungen, aus dem Ge⸗ fängniß zu entwiſchen, und die Oeſterreicher verfolgen ihn auf der Flucht!“ Der junge Herr antwortete nicht, er zog die Zügel an und ließ das Pferd die Straße hinunter traben, aber nicht, wie die öſterreichiſchen Soldaten, dem Thor zu, ſondern gerade nach der entgegengeſetzten Richtung hin. Der Pferdehändler und der Sattler traten auf die Mitte der Straße, um dem Reiter nachzuſchauen, an welchem ſie eben Beide ein ſo gutes Geſchäft gemacht hatten, und erſt, als er um die dritte Ecke der Straße 43 verſchwunden war, kehrten ſie langſam und vergnüglich lächelnd in ihre Häuſer zurück. Der junge Herr trabte indeſſen weiter. Einmal hielt er an und fragte einen Vorübergehenden nach dem Thor, welches nach Jurbiſe führte, und als dieſer bereit⸗ willig ihm ſeinen Weg angegeben, ritt er weiter, der an⸗ gedeuteten Richtung nach. Endlich hatte er das Thor erreicht, endlich lag die Stadt hinter ihm! Theroigne athmete erleichtert auf und ein glückliches Lächeln flog über ihr Antlitz hin. Sie ließ die Zügel lockerer fallen, und langſam dahin reitend überließ ſie ſich ihrem Nachſinnen. „Die erſte Gefahr iſt vorüber,“ ſagte ſie zu ſich ſelber,„und ich denke, es wird überhaupt gar keine Ge⸗ fahr mehr für mich geben. Die öſterreichiſchen Soldaten verfolgen meinen Wagen, und ſie werden ihn ohne Zwei⸗ fel auf der erſten Station finden, denn der Poſtillon wird da entdecken, daß die Dame, die ihm ſo freigebig ein Trinkgeld verſprochen, verſchwunden, und ihre Klei⸗ derhülle allein von ihr übrig geblieben iſt. Meine Herren Häſcher werden demgemäß ſofort zurücktraben, um dem Grafen Merch dies Wunder zu vermelden. Was wird der nun weiter thun? Ich denke, er wird zuerſt ein wenig rathlos ſein, denn es wird ihm zuerſt an Anhalt zu weiterer Verfolgung fehlen. Der Poſtillon hat mein 44 Ausſteigen aus dem Wagen nicht bemerkt, er kann ihm daher nicht angeben, wo ich denſelben verlaſſen habe, und damit iſt meine Spur verloren. Der Graf Merch wird alſo zuerſt ſeine Zuflucht zu ſeinen Polizeiſpionen neh⸗ men müſſen, und ehe dieſe meine Spur entdeckt haben, werden ſicherlich mindeſtens einige Stunden vergehen. Während der Zeit werde ich alſo einige Stunden un⸗ gehindert meine Flucht fortgeſetzt haben, und wenn ſie endlich mir auf dem richtigen Wege nachſetzen, werde ich längſt die franzöſiſche Grenze überſchritten haben. Welch' ein Glück für mich, daß ich mich ſo gut auf das Reiten verſtehe. Mein Vater pflegte, wenn er mich zu Hauſe oft die wildeſten Pferde tummeln und bezwingen ſah, es oft zu bedauern, daß ich kein Mann geworden ſei, und daß ich mir eine Geſchicklichkeit erworben, die mir als Frau wenig nützen könne. Nun, ich denke, heute wird mir meine Reitkunſt doch großen Nutzen gewähren, denn Dank ihr, werde ich meine Freiheit und mein Geld be⸗ halten, und bald wieder nach meinem lieben Paris zu⸗ rückgekehrt ſein. Ich werde dieſen ganzen Nachmittag reiten, wenn die Nacht hereingebrochen, mir und meinem Pferde einige Stunden Ruhe gönnen, dann meine Reiſe fortſetzen, und lange ſchon vor Anbruch des Tages die franzöſiſche Grenze paſſirt haben. Und dann, wenn ich dies Ziel erreicht habe, dann fort mit dem Incognito 45 und der Männerkleidung, dann kaufe ich mir in Valen⸗ ciennes ein prächtiges Amazonenkleid, einen ſchönen Wa⸗ gen, und fahre mit Poſtpferden gen Paris. O, meine Reiſe wird ein fortgeſetzter Triumph ſein, denn ganz Frankreich kennt und liebt ſeine Thervigne de Mericourt, ganz Frankreich preiſt ſie als die Hervine der Freiheit. Und wie werden die Pariſer jubeln, wenn ich im offenen, von vier Poſtpferden gezogenen Wagen, meinen Einzug halte. Ah, ſie haben ſonſt oft genug Königinen und Fürſtinen entgegen gejubelt, jetzt iſt die goldene Zeit ge⸗ kommen, wo ſie ſtatt deſſen einer Tochter des Volkes, ihrer Jeanne d'Arc der Freiheit ihre Vivats entgegen brüllen werden! Ach, und welche köſtliche Muſik wird das ſein, und wie gut werde ich mich ausnehmen, wenn ich mich grüßend und lächelnd nach allen Seiten neige. Ich denke wohl, ich kann es aufnehmen mit der Marie Antvi⸗ nette, ich bin jünger und ſchöner als ſie, und wenn Bar⸗ nave Augen hätte, zu ſehen, ſo würde er das ſehen müſſen. Pah, was geht mich Barnave an! Ich will nicht mehr an ihn denken, nein, niemals mehr!“ Und gleichſam, als wolle ſie ihren eigenen Gedanken enffliehen, drückte Theroigne ihrem Pferde die Kniee in die Weichen und zog die Zügel ſtraffer an, daß es wie ein Pfeil mit ihr dahin flog. Aber bald ließ ſie es wieder langſamer gehen, der —————————— 1 46 ungewohnte raſche Ritt, die vielen Aufregungen und Be⸗ ängſtigungen des heutigen Tages hatten ihre Kräfte er⸗ ſchöpft und die Energie und Schwungkraft ihrer Seele gelähmt. „Ich habe eine große Thorheit begangen,“ ſagte ſie zu ſich ſelber,„eine ſehr große Thorheit, daß ich das Dejeuner des Grafen Merch nicht angenommen habe. Mein Kopf ſchwindelt und meine Glieder ermatten, das kommt daher, weil ich noch gar keine Speiſen heute ge⸗ noſſen habe. An dem nächſten Wirthshauſe, das ich auf meinem Wege finde, werde ich anhalten und etwas eſſen.“ Da es zum guten Glück für Theroigne in Belgien viele Wirthshäuſer und Eſtaminet's gab, ſo hatte ſie bald das Ziel ihrer Sehnſucht erreicht, und machte Halt vor einem anſtändigen Wirthshaus, das einſam am Wege lag und die Reiſenden zu locken ſchien mit ſeinem großen Schild, auf welchem gebratene Hühner und dunkelrothe Schinken neben gefüllten Weingläſern gar kunſtvoll ge⸗ malt waren. Der Wirth eilte dienſtbefliſſen herbei, um dem jun⸗ gen Reiſenden den Steigbügel zu halten, und eine Vier⸗ telſtunde ſpäter ſaß Theroigne vor einem mit allerlei duftenden Speiſen gedeckten Tiſch, während ihr Pferd 47 ſich den Hafer des Wirths ebenſo vortrefflich ſchmecken ließ, als Thervigne ſeine Speiſen. Erſt nach einer Stunde des behaglichen Ausruhens und Genießens beſtieg Theroigne wieder ihr Pferd und ritt weiter im bequemen, gemäßigten Schritt. „Ich habe gar keinen Grund mich zu übereilen und zu ängſtigen,“ ſagte ſie zu ſich ſelber,„denn ich denke nicht, daß es meinen Verfolgern gelingen wird ſo gar bald meine Spur aufzufinden. Es fehlt ihnen ja jeder Anhaltspunkt, und erſt wenn der Kammerdiener des jungen Grafen im Kleiderſchrank meinen kleinen Dieb⸗ ſtahl entdeckt hat, wird man errathen können, unter wel⸗ cher Verkleidung ich meine Reiſe fortgeſetzt habe. Dann freilich wird man mir Steckbriefe nachſenden, und nicht mehr die trauernde Witwe, ſondern den jungen Cavalier verfolgen. Aber der wird dann längſt die franzöſiſche Grenze paſſirt haben, längſt in Sicherheit ſein! Uebrigens werde ich von Paris aus dem jungen Grafen Merch mit einem höflichen Dankſchreiben ſeine Kleider zurück⸗ ſchicken, denn man ſoll nicht ſagen können, daß Theroigne de Mericourt eine Diebin iſt. Nein, nein, Thervigne ſtiehlt keine Kleider, ſie macht's nur, wie's im alten Volkslied heißt: —————————————————————— 48 Sie hat mir nicht geſtohlen Mein Pferd und nicht mein Fohlen; Sie ſtiehlt nur Männerherzen, Macht ihnen Todesſchmerzen Und lacht dazu gar zauberlich— Und das, das macht mich ärgerlich.“ Und indem Theroigne mit lauter, ſchmetternder Stimme ihr altes Volkslied weiter ſang, ritt ſie in voll⸗ kommener Sicherheit auf der öden und einſamen Land⸗ ſtraße dahin. Es war ein wundervoller Junitag, und mit einem unendlichen Wohlgefühl ergab ſich Thervigne dem Genuß dieſer herrlichen Sonnenſtille, horchte ſie in den Wal⸗ dungen, durch welche ſie dahin ritt, auf den Geſang der Vögel, das Rauſchen des Windes, und athmete mit Ent⸗ zücken die weiche, balſamiſche Luft ein. Als die Sonne zu finken begann, hielt ſie auf der Höhe eines Hügels an, der ihr weit hinaus in die Landſchaft einen Ueberblick gewährte. Sie kannte dieſe Gegend ſehr wohl, denn ſie hatte hier ihre ſchöne Jugend, ihre unſchuldige Mädchen⸗ zeit verlebt. Dort drüben, weit hinten am Horizont, dort jenſeits jenes kleinen Flüßchens, das in den ſinkenden Strahlen der Abendſonne wie Gold glitzerte und ſtrahlte, dort lag das Landgut ihres Vaters; die Thurmſpitze, die da klein zwar und nur anzuſchauen wie ein warnender Finger, der gen Himmel deutete, an dem gerötheten Ho⸗ 49 rizont ſich zeigte, die Thurmſpitze gehörte zu der Kirche, nach welcher ſie einſt mit ihrer Mutter täglich zur Meſſe gegangen, in welcher ſie, vor dem Altar knieend, ihre erſte Firmelung erhalten. Theroigne fühlte, wie ihr die Thränen in die Au⸗ gen ſtiegen, und ſie wandte ſich ab, um die ſchmerzvolle Wehmuth zu unterdrücken, die ihr Herz beſchlich. Dort⸗ hin ſchaute ſie, nach der andern Seite, dorthin, wo am äußerſten Rande des Horizontes ein dichter Wald ſich hinzog, wo am Rande des Waldes einige Häuſer ſich maleriſch gruppirten. Bei dieſen Häuſern begann Frank⸗ reich, dort war die Grenze. Sie hatte nur noch drei Stunden zu reiten, und ſie war dort, und ſie überſchritt die Grenze Belgiens, ſie war in Sicherheit! Sie konnte ausruhen in einem dieſer Häuſer, konnte von dort aus einen reitenden Boten abſenden an Petion, um ihm zu e daß ſie komme, daß ſie ihm wichtige Nachrichten ringe! Ein Lächeln ſtrahlte auf ihrem Antlitz, als ſie das dachte, und mit einem triumphirenden Blick wandte ſie ihr Auge nach jener Seite hin, von welcher ſie gekommen war, ſchaute ſie die lang ſich hinſchlängelnde Straße hin⸗ unter, die jetzt einſam und ſtill zu ihren Füßen ſich hinzog. Aber was war das, was jetzt am Ende dieſer Straße ſichtbar ward? Anfangs ganz klein und nebel⸗ 50 haft, ward es jetzt größer, rollte es heran mit unglaub⸗ licher Schnelligkeit, wie ein auf dem Wege dahin ſchwe⸗ bender roſenrother Luftballon, ſo groß und rund, ſo durchſichtig leicht und nebelhaft. „O,“ rief Thervigne mit einem fröhlichen Lachen, „jetzt weiß ich, was es iſt! Eine Staubwolke, welche die Sonne mit ihrer Purpurgluth anſtrahlt. Wie reizend das iſt, wie prächtig der Staub der Straße ſich geſchmückt hat mit den Sonnenſtrahlen.“ Auf einmal, während ſie noch harmlos hinſchauete nach der vergoldeten Staubwolke, die jetzt ſchon ganz nahe am Fuße des Hügels ſich befand, auf einmal zuckte ſie zuſammen und ſtarrte mit weit geöffneten Augen hinunter. Es war ihr geweſen, als hätte ſie inmitten der Staubwolke es flimmern und blitzen geſehen, wie von Ge⸗ wehren und Uniformen. Ja, jetzt ſah ſie es ganz deutlich, da vorn an der Spitze der Wolke, da war ein Reiter, ein Reiter in öſter⸗ reichiſcher Uniform! Ein einziger Schrei des Entſetzens drang von The⸗ roigne's Lippen, dann zog ſie die Zügel an, und in ra⸗ ſendem Galopp ging's den Hügel hinunter, dahin auf der Straße gen Frankreich. Sie ſchaut zurück! O, vielleicht hat ſie ſich getäuſcht, vielleicht war's nur ihre Phantaſie, welche ihr Schreck⸗ 51 bilder vorgegaukelt! Zetzt iſt nichts zu ſehen, Niemand hinter ihr. Aber freilich, der Hügel deckt den Weg und benimmt ihr die Ausſicht. Wieder reitet ſie weiter, und wieder jetzt ſchaut ſie zurück. Da auf der Spitze des Hügels, da wird ein ſchwar⸗ zer Punkt ſichtbar, und einer, und noch einer! Thervigne hat nicht mehr Zeit, rückwärts zu ſchauen, vorwärts allein darf ſie den Blick noch richten, vorwärts nach dem Waldſaume am Horizont, denn dort liegt ihre Rettung, dort iſt die Grenze Frankreichs. Nun, nur noch zwei Stunden, und ſie hat's erreicht. Aber wie ihr Pferd auch keucht, wie es dampft und ſchwitzt, und wie ſie ſelber ſich erhitzt und durchglüht fühlt vom raſenden Ritt, wie es zuweilen einer ſchwar⸗ zen Wolke gleich an ihren Augen vorüberzieht, wie es klingt und brauſt vor ihren Ohren! Und hinter ihr, immer noch hinter ihr dieſe dun⸗ keln Punkte! Wie oft ſie zurückblickt, immer ſind ſie da; wie ſchnell ſie reitet, immer folgen ſie ihr! Nur ſind es jetzt keine kleinen Punkte mehr, nur vergrößern ſie ſich, ſo oft ſie jetzt zurückſchaut, nur gewinnen ſie jetzt ſchon For⸗ men und Geſtalt. Ja, es ſind Reiter, es ſind öſterreichiſche Soldaten, die in raſendem Galopp ihr folgen. Thervigne preßte ihrem Pferd die Kniee in die * 4 1 * 52 Weichen, ſie bricht von dem Weidenbaum am Rande des Weges eine Gerte, und haut wüthend auf das Thier ein, daß es mit ſchnaubenden Nüſtern keuchend in furchtbarer Schnelle dahin ſchießt. „O, ich werde die Grenze erreichen,“ murmelte Thervigne;„halt' aus, mein Pferd, nur noch eine Stunde halte aus, und wir ſind dort!“ Wieder ſchaut ſie zurück. Wie ſchnell ſie auch gerit⸗ ten, die Entfernung zwiſchen ihr und den Reitern iſt doch wieder geringer geworden, deutlich kann Thervigne jetzt ſchon die einzelnen Geſtalten unterſcheiden, deutlich die beiden Offiziere ſehen, die an der Spitze des Zuges reiten! „Halt' aus, mein gutes Pferd, halt' aus,“ ruft The⸗ roigne, und in ſauſendem Galopp geht es vorwärts, im⸗ ier die Straße entlang. Sie wagt nicht mehr rückwärts zu ſchauen, denn ihr ſchwindelt und eine unausſprechliche Ermattung kommt über ſie. Mit beiden Händen muß ſie die Mähne ihres Renners faſſen, um ſich zu halten, um nicht herabzugleiten vom Pferde. Sie wagt nicht ſich umzuſchauen, aber ſie hört doch, daß ihre Verfolger ihr ſchon wieder näher gekommen, ſie hört das Aufſchlagen der Hufe, das Traben der Pferde, und jetzt ruft hinter ihr eine laute Stimme:„Halt, halt, im Namen des Kaiſers! Halt!“ „Was kümmert mich der Kaiſer „ ruft Thervigne, 53 auf ihr Pferd einhauend.„Vorwärts, mein Renner, vor⸗ wärts im Namen Frankreichs!“ Aber ach, das Pferd gehorcht nicht mehr ihrem Ruf und ihrem Peitſchenhieb, ſein Schritt wird langſa⸗ mer, und zum zweitenmal, ganz nahe hört ſie es hinter ſich rufen:„Halt, halt, im Namen des Kaiſers!“ Ein kalter Angſtſchweiß ergießt ſich über Theroigne's Angeſicht, ſie fühlt ihre Sinne ſich verwirren, ihr Herz ſtocken, es dunkelt vor ihren Augen, aber mit einer letzten Kraftanſtrengung rafft ſie ſich zuſammen, ſchlägt ſie auf das Pferd ein. Vergebliches Bemühen, das Thier ſteht ſtill, an allen Gliedern zitternd und im Begriff zuſammen zu ſinken. Und hinter Thervigne kommt es heran getobt wie die wilde Jagd, hinter ſich hört ſie es keuchen und ſchnau⸗ ben und traben— ſie wendet ſich nicht mehr um! Was hülfe es ihr auch. Das Verderben iſt da, ſie kann es nicht mehr abwenden. Einer Ohnmacht nahe neigt ſie ihr Haupt auf ihre Bruſt. Lautes Hurrah, das dicht neben ihr erſchallt weckt ſie aus ihrer Betäubung. „Was wollen Sie von mir?“ fragt ſie mit letz⸗ ter Kraftanſtrengung den Offizier, der eben die Hand an den Zügel ihres Pferdes gelegt hat.„Warum halten Sie mich auf?“ 54 „Weil wir Befehl haben, Thervigne de Mericourt zu verhaften, wo und wie wir Sie finden.“ „Aber ich bin nicht die Perſon, welche Ste ſuchen, ruft ſie ſich zuſammenraffend.„Mit welchem Recht kön⸗ nen Sie behaupten, daß ich es bin?“ „Meine Schöne,“ ſagt der Offizier l hend,„ſträu 5 ben Sie ſich doch nicht länger, ſich als die K Per ion anzuerkennen, die Sie wirklich ſind! Ihre Flucht! ſe ein Meiſterſtreich, aber Sie ſehen, gr iſt mißlungen ₰ kErgehen Sie ſich alſo in Ihr Schicſall' Nein,“ rief ſie zornig,„nein, ich ergebe mich nicht. Nichtsgibt Ihnen ein Recht, einen friedlichen Reiſenden auf oſtener Straße anzufallen. Ich fordere, daß Sie mir Beweiſe irgend einer Schuld vorlegen, Beweiſe, daß. ich Theroigne de Mericout bin.“ „Nun, wir wollen Ihnen die Beweiſe geben, meine Schöne; Sie ſolken ſehen, mit welcher Genauigkeit wir alle Ihrer Flucht kennen! Sie fuhren als trau⸗ ₰ ernde Witwe von dem Hauſe des Grafen Merch ab in demſelben Moment, als der Courier des Barons Thugut dort aßlangte. Eine halbe Stunde ſpäter jagten wir Ihnen ptl und wir hatten dem Grafen Merch ge⸗ ſchworen Kie einzuhohlen. Wir holten eine Meile hinter der St ren Wagen ein, und fanden ſtatt der ſchö⸗ en Sh nur ihre Hülle. Sie hatte ſich entpuppt on dem Tritt des Wagens hatte hinab⸗ . ieb uns den jungen Herrn ganz Sün Gluck auch die Straßenecke an⸗ nerzug kam und wo der junge Herr t Wir jagten zurück zur Stadt, e uns die Straße bezeichnet, in deckten dort den Sattler und ren, daß Sie die Straße nach folgten Ihnen. In dem Wirths⸗ kelten, um zu eſſen, erfuhren wir, Spur ſind, und jagten weiter. e Pferde gethan. Wollen Sie ie ſich uns ergeben?“ doch nicht verhaften wollen?“ lerr Graf Merch hat ohne Zweifel W um nur die Pezeſcher und das Freiwillig gegeben hat, wieder abzu⸗ denn, nehmen Sie, mein Herr, hier lle, es enthält die Depeſchen und das laſſen Sie mich gehen.“ Prauftragt, dem Herrn Grafen die De⸗ Geldpapiere zurückzubringen,“ ſagte der 56 „Hier haben Sie ſie, und Niemand hat jetzt mehr „ Anſpruch an mich,“ rief„ich habe Alles zu⸗ rück gegeben.“ „Nicht Alles,“ ſagte der Offizier.„Sie ha⸗ ben die mündlichen Aufträge, welche Ihnen der Herr Graf anvertraut, in Ihrem Gepchtuiß zurück behalten. Sie haben den Grafen betrogen, Sie haben die Flucht des Königs und der Königin von Frankreich ver⸗ eitelt und als Verrätherin gehandelt. Ich habe deshalb Befehl erhalten, Sie zu verhgften und ſofort Ihre Perſon nach Wien zu ſchaffen, theil empfangen. Hier iſt der Behaf des Kaiſers verhafte ich Sie! ſicherem Gewahrſam mit mir nach Wien abreiſen, Sie—“ Thervigne hörte nicht mehr. war ohnmächtig geworden. Prittes Capitrl.“ 5 Eine Maitreſſe en titre. Die Gräfin Louiſe von Wolkenſtein hatte ſo eben ihre Toilette vollendet, und trat aus ihrem Ankleidezimmer wieder in den Salon ein. Mit ſtolzen Schritten, mit hochgehobenem Haupt ging ſie durch denſelben hin nach einem der großen Spiegel, die in kunſtvoll geſchnitzten Rahmen an den drei Fenſterpfeilern ſtanden. Welch' ein prachtvolles, glänzendes Bild ihr der Spiegel da zurück⸗ warf! Eine Dame, hoch gewachſen und ſchön wie eine Junv, und zugleich bezaubernd und reizend wie eine Venus. Und wie es an ihrem Halſe, an ihren ſchönen weißen Armen, in ihrem glänzend ſchwarzen Haar funkelte und blitzte von Brillanten, und wie wundervoll dieſes weiße Atlasgewand, das ganz und gar überdeckt war mit den koſtbaren goldenen Points von Alengon! Wahrlich, man konnte nichts Inpoſanteres zugleich und Schöneres und Ehrfurchtgebietenderes ſehen, als dieſes reizende Bild da im Spiegel. Die Gräfin Wolkenſtein aber betrachtete es ohne Freude und ohne Genugthnung, ja ſogar ein Ausdruck ſpottender Verachtung umſpielte ihre purpurnen Lippen, als ſie jetzt hinblickte auf die aus prachtvollen großen Brillanten zuſammengeſetzte Grafenkrone, welche zwiſchen den hochgethürmten ſchwarzen Locken über ihrer Stirn thronte, als ſie dieſes koſtbare breite Halsband und dieſe Ohrgehänge und Bracelets betrachtete, deren verſchwen⸗ deriſche Pracht einer Kaiſerin würdig geweſen. „Nun,“ ſagte ſie,„heute mindeſtens werde ich ei⸗ niger Aufmerkſamkeit werth ſein, und ſelbſt die tugend⸗ 1860. XXIV. Kaiſer Leopold der Zweite. III. 4 58 haften Damen des Hofes, die ſo empört geweſen über den Gedanken, daß ſie mich in ihrer Mitte aufnehmen ſoll⸗ ten, ſelbſt die werden doch geſtehen müſſen, daß ich einigen Werth beſitze, den Werth eines Edelſitzes mindeſtens. Vielleicht werden ſie ſich den Anſchein geben, mich um deſto mehr zu verachten, aber im Grunde werden ſie mich doch beneiden, und es iſt immer doch Etwas, den Neid der Tugendhaften und Stolzen zu erregen.“ „Wohlgeſprochen, meine theuerſte Nichte,“ ſagte der General von Biſchofswerder, der unbemerkt von der Gräfin in den Salon eingetreten war, und von der Por⸗ tiöre ſtand, die von dem Salon in das Boudoir führte. Die Gräfin wandte ſich langſam nach ihm um. „Wie, mein Herr Oheim, ſchon wieder hier in Wien?“ fragte ſie.„Und wie es ſcheint, wollten Sie mich über⸗ raſchen, oder fand ſich Niemand in meinem Vorzimmer, der mir den Herrn Generalmajor von Biſchofswerder melden konnte?“ „Im Gegentheil, es waren vier goldſtrotzende Lakayen dort, und Jeder war bereit mich zu melden,“ ſagte der General lächelnd;„aber Sie haben Recht, Theuerſte, ich wollte Sie überraſchen. Ich verbat mir daher jede An⸗ meldung, und da die Lakahen mich kennen und vor mir als vor dem Oheim der hochmächtigen Gräfin Wolken⸗ ſtein einen gewaltigen Reſpect haben, ſo gehorchten ſie 59 mir, und ließen mich in Ihr Boudvir eintreten, wo ich geduldig wartete, bis Sie Ihre Toilette würden voll⸗ endet haben. Geduld geziemt dem Chriſten, und ich habe ſie jederzeit geübt. Auch Sie, meine theure ſchöne Nichte, auch Sie werden mir dies Zengniß nicht vorenthalten können, ich habe Ihnen von jeher große Geduld bewieſen, und ich beweiſe ſie Ihnen noch, ich—“ „Herr Oheim,“ unterbrach ihn die Gräfin un⸗ geduldig,„ſind Sie von Berlin hieher nach Wien ge⸗ kommen, bloß um mir einen Vortrag über Ihre Geduld zu halten?“ „Ja,“ ſagte der General,„Fja, ich bin deshalb ge⸗ kommen, bin ganz allein deshalb hier, und ich bitte Sie, mich anzuhören.„Ich habe Ihnen wirklich einen Vortrag über meine Geduld zu halten.“ „Dann bedauere ich, ihn in dieſem Moment nicht anhören zu können,“ rief Louiſe raſch.„Ich bin im Be⸗ griff an den kaiſerlichen Hof zu fahren. Es iſt heute zur Feier des Namenstages der Kaiſerin große Gala⸗Cour, und ich werde bei derſelben Ihrer Majeſtät vorgeſtellt.“ „Das iſt allerdings eine Auszeichnung und Ehre, meine Nichte, für welche Sie dem großen und gnädigen Gott demüthiglich danken müſſen.“ „Nein, mein Oheim, ich habe nur dem Kaiſer dafür zu danken, und der große und gnädige Gott hat ſich, wie 4* —.————————————————————————————————— 60 ich vermuthe, gar nicht in dieſe Hofintrigue eingemiſcht, welche jetzt ſeit drei Monaten die Camarilla und mich beſchäftigt.“ „Ah, ich ſehe mit Vergnügen, daß Sie ſich jetzt ſchon mit vielen andern Dingen außer mit der Erinne⸗ rung an Ihren Herrn Gemahl beſchäftigen,“ ſagte Bi⸗ ſchofswerder mit einem ſpöttiſchen Lächeln.„Vielleicht könnte man ſogar befürchten, daß Sie ſich mit dieſen Dingen zu viel beſchätigten, und darüber den Herrn Ge⸗ mahl und die Politik ein wenig vernachläſſigen.“ „Man thäte indeſſen Unrecht, dies zu befürchten,“ erwiderte ſie achſelzuckend.„Ich habe die Rolle, die Sie mir gaben, angenommen, und ich bemühe mich, ſie als Meiſterin durchzuführen. Freilich, ich weine und klage nicht mehr, wozu ſollte es auch nützen! Wer würde an meine Thränen glauben, wenn er mein ſchönes Palais, meine Equipagen, meine gallonirten Diener, meine Bril⸗ lanten, meine roſigen Wangen und meine glänzenden Augen ſähe. Und meine Augen müſſen glänzen, ſonſt gefallen ſie dem Kaiſer nicht mehr, und meine Lippen müſſen lächeln, ſonſt könnte Kaiſer argwohnen, daß ich nicht glücklich bin, und das würde ihn beunruhigen, denn er iſt eiferſüchtig. Nein, nein, ich weine nicht mehr, all' meine Thränen fließen in mein Herz zurück, und den Schmerzensſchrei meiner Seele habe ich längſt gelernt unter Lachen und 61 Scherzen zu verbergen. Ich habe ein Ziel, Gott ſei Dank, ich habe ein großes, herrliches Ziel, und dies gibt mir Muth und Kraft Alles zu tragen, ſogar die Schande, ſogar die Verachtung.“ „Wer ſollte es wagen, die reizende und tugendhafte Freundin des edlen Kaiſers zu verachten?“ fragte Bi⸗ ſchofswerder lebhaft.„Wer möchte ſo vermeſſen ſein, ihr unehrenhaft zu begegnen, ihr, welche der Kaiſer mit ſei⸗ nem Vertrauen beehrt.“ „Es wagen's Viele und Viele, die nicht beſſer ſind, als ich,“ ſagte ſie ruhig.„An dieſen Allen nehme ich heute meine Rache, und dieſe Rache iſt ein Balſam für meine Wunden. Die Kaiſerin hat endlich eingewilligt, mich zu empfangen, und vor dem verſammelten Hofe wird ſie mich heute zum Handkuß zulaſſen. Ich werde minde⸗ ſtens hinfort nicht mehr eine Ausgeſtoßene, eine Igno⸗ rirte ſein, man wird gezwungen ſein, mich zu ſehen, zu kennen, und ſich vor mir zu beugen.“ „Ah, Sie ſind ehrgeizig geworden,“ rief Biſchofs⸗ werder lächelnd.„Das iſt eine Eigenſchaft, welche ich nicht tadeln kann, denn durch den Ehrgeiz gelangen wir doch endlich zur wahren Demuth vor Gott und zur Erkennt⸗ niß, daß nur Er es iſt, der unſerm Ehrgeiz Segen und Förderung geben kann.“ „Immer noch dieſe frommen, gottbegeiſterten Redens⸗ 62 arten, und zu mir!“ rief ſie achſelzuckend.„Wir Beide ſollten es doch mindeſtens mit einander machen, wie die Schauſpieler, die auf der Bühne allerlei fromme Helden und Tugendprinzeſſinen darſtellen, hinter den Couliſſen aber ſogleich ihre Maske fallen laſſen, und ganz ungenirt und ohne Falſch in ihrer Niedrigkeit und Gemeinheit ſich einander zeigen. Wir wiſſen Beide, was wir von ein⸗ ander zu halten haben! Ihre frommen Redensarten täu⸗ ſchen mich daher nicht, denn war ich nicht als junges Mädchen ſchon von meinem Herrn Vormund und Oheim eingeführt in die Myſterien der Geweiheten, und mußte die heimlichen Verſammlungen der Frommen und der Geiſterbeſchwörer beſuchen?“ „Und war ich nicht der Poſtillon d'amour, der meiner ſchönen Nichte Gott weiß wie oft täglich die Lie⸗ besbriefe eines gewiſſen königlichen Herrn zu überbringen und ihre zärtlichen Antworten hinzutragen hatte? Und war ich es nicht, der ſo gefällig war, das erſte Rendez⸗ vous zu vermitteln, und den Schleier der Discretion und des Schweigens über dies ſüß⸗romantiſche Verhältniß aus⸗ zubreiten?“ „Still,“ rief ſie erglühend.„Erinnern Sie mich nicht an Dinge, die ich mit meinem Leben, mit meinem Herzblut aus meiner Vergangenheit und meiner Erin⸗ nerung auslöſchen möchte. Gott weiß es, daß ich für den 3 63 Irrthum und Fehltritt meiner verführten Jugend ſchwere Strafe und Buße getragen, daß ich ſie geſühnt habe mit jahrelanger Reue. Was rufen Sie dieſe unheilsvollen Geſpenſter wieder an's Tageslicht? Iſt es nicht genug, daß Sie dem armen, bethörten König Geſpenſter herauf⸗ beſchwören, Geſpenſter, die ihm Ihren Willen als Ora⸗ kelſprüche verkünden, und den König zum Sclaven ſeines frommen Geiſterbeſchwörers machen?“ „Ew. gräfliche Gnaden,“ meldete eben der ein⸗ tretende Lakay,„die kaiſerliche Galaequipage iſt vor⸗ gefahren!“ „Es iſt gut, ich komme,“ ſagte ſie.„Meine Kam⸗ merfrau ſoll mir die Schleppe und den Mantel bringen.“ Der Lakay flog von dannen, und wenige Minuten ſpäter traten die beiden Kammerfrauen der Gräfin herein. Die eine befeſtigte an dem goldenen Gürtel der Gräfin die lange Hofſchleppe von purpurrothem Sammet mit Goldſtickerei, die andere legte um die Schultern der Gräfin das koſtbare Mantelet von Sammet und Hermelin. „Wundervoll,“ rief Biſchofswerder,„wie ein Mei⸗ ſterwerk des großen und gütigen Gottes ſtehen Sie vor mir, und ich möchte mich anbetend vor Ihnen neigen. Gräfin, wahrlich, Sie ſind wunderſchön!“ „Ich weiß es,“ ſagte ſie gelaſſen,„aber ich danke Gott nicht für das Geſchenk dieſer Schönheit, denn es ———— 64 war mein Verderben. Herr General, wollen Sie mir den Arm bieten, um mich zum Wagen zu geleiten?“ Er beeilte ſich ihrem Wunſch zu genügen, die Kam⸗ merfrauen traten ehrerbietig hinter ſie und hoben das Ende der Schleppe empor, die einem langwallenden, blitzenden Kometen gleich hinter ihr herrauſchte. Zu beiden Seiten der geöffneten Flügelthüren ſtanden die vier gold⸗ blitzenden Lakayen der Gräfin, und traten, wie dieſe hoch⸗ gehobenen Hauptes am Arm des Generals vorüber ge⸗ wallt war, hinter die Kammerfrauen, und feierlich und ſchweigend bewegte ſich der Zug über die mit Teppichen belegte Mamortreppe hinunter nach dem weiten, mit Statuen geſchmückten Veſtibule des Palaſtes hin. Aber eben wie ſie im Begriff war die letzte Stufe hinab zu ſchreiten, blieb die Gräfin ſtehen und wandte ſich mit einem ſanften, faſt bittenden Ausdruck zu dem General hin. „Mein Oheim,“ ſagte ſie leiſe und ſchüchtern. „Bringen Sie mir gar keine Nachrichten von Ihm? Nicht ein einziges kleines Wort?“ „Nun, der Herr ſei geprieſen,“ ſagte er andächtig; „ich ſehe, daß Sie doch noch immer dieſelbe ſind und daß Ihr Herz ſich nicht geändert hat. Ja, ich bringe Ihnen Nachrichten von Ihm, aber bevor ich Ihnen die⸗ 3 ſelben mittheile, müſſen Sie mir erſt eine Bedingung erfüllen.“ „Ich werde ſie erfüllen, was es auch ſei,“ ſagte ſie bebend.„Nennen Sie Ihre Bedingung.“ „Sie haben die Gnade mir heute noch eine ernſte politiſche Unterredung zu geſtatten, und am Ende der⸗ ſelben theile ich Ihnen meine Nachrichten mit.“ „Ich werde ſpäteſtens in einer Stunde zurückgekehrt ſein,“ ſagte ſie haſtig.„Ich erwarte Sie alſo in einer Stunde in meinem Cabinet.“ „Gut, es ſei! In einer Stunde alſo, meine theure, geliebte Nichte.“ Sie nickte leiſe mit dem Haupt und ſchritt an ſei⸗ nem Arm über den Teppich nach der weitgeöffneten Thür hin. An derſelben ſtanden in ſteifer ſoldatenmäßiger Haltung vier kaiſerliche Lakayen, und vor der Thür hielt eine kaiſerliche Equipage, beſpannt mit vier Rappen, deren Köpfe mit Büſcheln köſtlicher weißer Straußen⸗ federn geſchmückt waren; zwei Vorreiter in kaiſerlicher Livree ließen ihre Pferde einige Schritte vor denſelben zierlich tänzeln und courbettiren, und erregten die Be⸗ wunderung des müßigen Volks, das ſtehen geblieben war, um zu ſehen, wer die kaiſerliche Equipage beſteigen werde. Ein Gemurmel des Staunens und der Bewun 66 derung durchlief die Menge, als ſie da in der Thür des Palais die hohe ſtolze Geſtalt der ſchönen Dame er⸗ ſcheinen ſahen, und Alles drängte ſich herbei, um die herrliche Erſcheinung näher zu ſchauen. „Sehen Sie nur, Louiſe,“ flüſterte der General, ſie zum Wagen geleitend,„ſehen Sie, welche Huldigung das gute Volk Ihnen darbringt, und welchen Triumph Sie eben feiern.“ „Das macht, dieſe Leute wiſſen nicht, wer ich bin,“ ſagte ſie achſelzuckend.„Wüßten ſie es, ſo würden ſie vielleicht ſpotten und höhnen, und—“ „Geh, Bubel, Du willſt wiſſen, wer die ſchöne Dame iſt?“ rief in dieſem Moment eine rauhe Männer⸗ ſtimme aus der Mitte des gaffenden Volkes hervor.„Ich will's Dir ſagen, das iſt die Gräfin Wolkenſtein, die dem Kaiſer viel Geld und der Kaiſerin viele Thränen koſtet, die—“ Die Gräfin hörte nicht weiter, ſie war in den Wagen geſtiegen, und einer der Lakayen ſchloß die Thür deſſelben. Aber aus dem offenen Fenſter neigte ſie ihr Angeſicht grüßend dem General entgegen. „Sie ſehen, daß ich Recht hatte,“ ſagte ſie mit einem trüben Lächeln;„es war nur ein Triumph meiner Schande, weiter nichts. Auf Wiederſehen, General! In iner Stunde erwarte ich Sie!“ Sie winkte ihm mit dem von Gold und Juwelen funkelnden Fächer einen Abſchiedsgruß zu, und der Wagen rollte von dannen, mitten durch die Menſchen⸗ menge, welche lachend und pfeifend, heulend und mit ſpöttiſchen Hohnreden ſie an ſich vorüberfahren ſah.— Die Kaiſerin Marie Ludowika feierte heute, wie es die Gräfin Wolkenſtein dem General ſchon erzählte, ihren Namenstag. Indeß, wegen der traurigen Kränklichkeit der Kaiſerin, und da ſie außerdem keine Freude an rau⸗ ſchenden und prunkenden Feſtlichkeiten fand, ward dieſe Feier nur auf die unumgänglichen Nothwendigkeiten der . Etiquette beſchränkt, und jede Oeffentlichkeit, jede Oſten⸗ tation ward davon ausgeſchloſſen. Am Morgen dieſes Tages fanden in den Kirchen öffentliche Gebete für die Kaiſerin ſtatt, und zu denſelben konnte das Volk ſich begeben, um mit ihren Prieſtern gemeinſam ihre Gebete für die Kaiſerin gen Himmel zu ſenden. Das war der Antheil, den das Volk an dieſem Feſttag hatte. In der . Stille ihrer Gemächer empfing die Kaiſerin indeß zuerſt die Glückwünſche ihres Gemahls und ihrer vierzehn Kinder, dann diejenigen ihrer Hofchargen, und damit auch der hohen Ariſtocratie ihr Recht widerfahre, fand am Nachmittag in dem Empfangsſaal der Kaiſerin eine große Damen⸗Cour ſtatt. Aber zu derſelben durften, der wieder eingeführten ſpaniſchen Etiquette gemäß, nur 68 Damen vom höchſten und reinſten Adel eingeladen, Da⸗ men, deren Stammbaum mindeſtens vierzig Ahnen auf⸗ zuweiſen hatte, und deren Rang mindeſtens der einer Reichsbaronin ſein mußte. Es war daher der Ehrzeig aller Damen der Ariſto⸗ eratie Wiens, zu dieſer Gala⸗Cour am Namenstag der Kaiſerin eingeladen zu werden, denn ſolche Einladung war gewiſſermaßen eine Beglaubignng des reinſten, un⸗ verfälſchten Adels, eine Glorification des Stammbaums und der edlen Ahnen. Aber die Kaiſerin Marie Ludowika wollte dieſer Gala⸗Cour noch eine beſondere Bedeutung verleihen, und ſie hatte daher mehrmals zu verſtehen gegeben, daß, um zu derſelben eingeladen zu werden, es nicht genüge, einen untadelichen Stammbaum zu haben, ſondern daß es dazu auch eines untadelichen Lebenswandels, eines flecken⸗ loſen Rufes bedürfe, und daß ſie nur denjenigen Damen dieſe Auszeichnung zuerkennen wolle, welche ſie ihres vertrautern Cirkels und des nähern Umgangs ihrer Prin⸗ zeſſinen Töchter würdig halte. Dieſer Ausſpruch der Kaiſerin hatte den Ehrgeiz der Damen natürlich nur noch höher angeregt, und ſeit Monaten ſchon war die Frage:„Wer wird zu der Gala⸗Cour der Kaiſerin eingeladen werden?“ auf den Lippen jeder Dame, waren die Bemühungen, die raſtloſen * 69. Beſtrebungen Aller darauf gerichtet, auf dieſe Frage ant⸗ worten zu können:„Ich bin eingeladen.“ Wie viele Intriguen und Cabalen, wie viel Schmei⸗ cheleien und Beſtechungen hatte man nicht angewendet, um dieſe erſehnte Antwort geben zu können, welche zu⸗ gleich ein Zeugniß des Ranges und der Tugend ſein ſollte. Wie ſtolz und ſicher fühlten ſich nicht alle Die⸗ jenigen, welche ſich ſagen durften, daß ſie unzweifelhaft zu den Eingeladenen gehören würden, wie zaghaft und thätig Diejenigen, welche ſich in der Stille ihres Herzens bewußt waren, daß es da auf ihrem Stammbaum oder ihrer Tugend irgend einen geheimen Flecken gäbe, den man vielleicht bemerkt haben möchte! Und mitten in all' dieſe Beſtrebungen, dieſe Intri⸗ guen und Anſtrengungen hinein platzte auf einmal einer Bombe gleich die Nachricht: die Kaiſerin habe die Grä⸗ fin Wolkenſtein zu der Gala⸗Cour eingeladen! Freilich fügte man hinzu, die Kaiſerin habe das nur gethan, um dem ausdrücklich ausgeſprochenen Wunſche ihres Gemahls zu genügen, es ſei dies ein Opfer, wel⸗ ches Marie Ludowika dem Kaiſer in ihrer Ergebenheit und Liebe darbringe— aber das Factum ſtand doch im⸗ mer feſt: die Gräfin Wolkenſtein war zu der Gala⸗ Cour eingeladen worden, obwohl das Alter ihres Stammbaums ganz zweifelhaft, und der Flecken, der auf ihrer Tugend haftete, ganz unzweifelhaft war! 6 Als daher jetzt bei der Gala⸗Cour die Gräfin Wolkenſtein in den großen Empfangsſaal der Kaiſerin eintrat, und der Ober⸗Hofmarſchall, der mit ſeinem gol⸗ denen Stabe und feierlicher Amtsmiene an der Thür ſtand, laut ihren Namen ausrief, ſah man eine Wolke des Unmuths über alle Geſichter der Damen hinfliegen, und alle Lippen ſich bewaffnen mit einem ſpöttiſchen Lächeln. Die Damen, welche in langer Reihe zu beiden Sei⸗ ten des Saals aufgeſtellt waren, hefteten ihre Augen mit einem Ausdruck unbeſchreiblicher Indignation auf die Gräfin hin, und nicht Eine ließ ſich herab die cere⸗ moniellen Verbeugungen der Gräfin Wolkenſtein auch nur mit dem leiſeſten Kopfneigen zu erwidern. Sie indeſſen ſchien das gar nicht zu bemerken; nicht einen Moment ſchwank das Lächeln von ihren Lippen, und mit der heiterſten Unbefangenheit nahm ſie in der Reihe der Damen neben der letzten derſelben ihren Platz ein. Der Zufall wollte, daß ſie dieſe Dame kannte, daß ſie die Reichsgräfin von Engenberg vor einigen Jahren in Berlin am Hofe des Königs oft geſprochen und mehrfach Beſuche von ihr empfangen hatte. Louiſe von Wolkenſtein wandte ſich daher jetzt mit einem Aus⸗ druck freudiger Ueberraſchung zu ihr hin. „Ich freue mich, theuerſte Frau Gräfin, Sie hier begrüßen zu können,“ ſagte Gräfin Wolkenſtein mit ihrer 71 ſanften, klaren Stimme,„und ich hoffe von Ihrer groß⸗ müthigen Güte—“ Aber Gräfin Engenberg ſchien vollkommen blind und taub zu ſein, ſie hatte weder geſehen, daß Louiſe ſich zu ihr neigte, noch hatte ſie ihre Worte vernommen; mitten in ihrem angefangenen Satz unterbrach ſie die Gräfin damit, daß ſie ihren großen Fächer auseinander ſchlug, und als wolle ſie ſich Kühlung zufächeln, denſelben gleichſam als Scheidewand zwiſchen ſich und ihre Nach⸗ barin hielt. Die Gräfin Wolkenſtein indeſſen nahm dieſe Be⸗ leidigung mit heiterer Ruhe hin, ihre Stirn blieb un⸗ bewölkt, ihr ſchönes Antlitz war ſtolz und ſtrahlend wie immer. Jetzt rief der Oberhofmeiſter wieder einen Namen aus, wieder trat eine Dame in den Saal und machte nach beiden Seiten hingewandt die zwei ceremoniellen Verbeugungen. Und ſofort, gleich als hätten ſie ſich im Intereſſe des Stammbaums und der Tugend zu einer eclatanten Demonſtration vereinigt, ſofort verneigten ſich alle Damen tief bis zur Erde, und wandten ihre lächeln⸗ den Geſichter der Dame, welche nur eine Reichsbaronin war, zu. Dieſe indeß, ſeit wenigen Wochen erſt durch Ver⸗ heiratung nach Wien gekommen, ſchien daher nicht ganz — eingeweiht in die Intriguen der hohen Damen der Ari⸗ ſtocratie, und ſtellte ſich demgemäß, wie es der Cere⸗ monienmeiſter im Reglement vorgeſchrieben, neben die Gräfin Wolkenſtein, indem ſie dieſelbe mit einer Ver⸗ beugung als ihre Nachbarin begrüßte. Aber in dieſem Moment ſagte die Gräfin Engen⸗ berg laut genug, um von Allen verſtanden zu werden: „Frau Reichsbaronin von Wallburg, wollen Sie mir nicht die Ehre erzeigen, den Platz an meiner Seite ein⸗ zunehmen?“ Und als ſähe ſie gar nicht das Hinderniß, welches zwiſchen ihr und der Reichsbaronin ſich in Geſtalt der Gräfin Wolkenſtein befand, reichte die Gräfin Engen⸗ berg der Baronin ihre Hand dar. Aber in dieſem Moment öffnete Louiſe von Wol⸗ kenſtein mit einer ſchnellen Bewegung ihrerſeits ihren großen, goldenen Fächer, und ein heftiger Schlag deſſel⸗ ben traf die an ihr vorübergeſtreckte Hand der Gräfin Engenberg. Aber die Gräfin Wolkenſtein auch ſchien blind und taub, auch ſie ſchien die Hand der Gräſin gar nicht zu ſehen, ſchien ihre Worte gar nicht gehört zu haben, und gleichſam als wollte ſie ſich Kühlung zufächeln, hielt ſie den Fächer als Scheidewand zwiſchen ſich und ihre Nachbarin, die Gräfin Engenberg. Dieſe indeß nahm weder von dem Schlag mit 73 dem Fächer, noch von der abwehrenden Bewegung der Wolkenſtein irgend eine Notiz. Sie hielt mit ihrer Hand noch immer den Arm der Reichsbaronin, und lauter noch als vorher wiederholte ſie ihre Frage:„Frau Reichs⸗ baronin von Wallburg, wollen Sie mir nicht die Ehre erzeigen, den Platz an meiner Seite einzunehmen?“ „Ihro Gnaden, dieſer Platz iſt ja beſetzt!“ ſtam⸗ melte die junge Frau erſtaunt und verlegen. „Nein, er iſt es nicht, Frau Reichsbaronin,“ ſagte Gräfin Engenberg und ſchob ſich näher an ihre Nach⸗ barin zur Linken, ſo daß ein weiter Raum zwiſchen ihr und der Gräfin Wolkenſtein ſich öffnete.„Sie ſe⸗ hen,“ fuhr die Gräfin fort,„der Platz neben mir iſt leer. Kommen Sie alſo, Frau Reichsbaronin.“ Doch in demſelben Augenblick, in welchem die Ba⸗ ronin dem peremptoriſchen Befehl und der drängenden Hand der Gräfin Engenberg nachgeben wollte, trat Grä⸗ fin Wolkenſtein achtlos und gleichgiltig zur Seite, dicht heran wieder an die Gräfin Engenberg, zugleich ſchlug ſie ihren großen Fächer zu, und indem ſie ihn mit ihrer Hand an ihre Seite wollte niederſinken laſſen, traf er zum zweitenmal die Hand der Gräfin Engenberg. Aber dieſe war feſt entſchloſſen nicht nachzugeben. Ihre Hand klammerte ſich feſter um den Arm der armen 1860. XXIV. Kaiſer Leopold der Zweite. III. 5 74 jungen Baronin und faſt mit Gewalt ſchob ſie dieſelbe vorwärts, gerade vor die Gräfin Wolkenſtein hin. „Ich ſagte Ihnen ja, meine Theure, daß der Platz neben mir leer iſt,“ ſagte ſie laut,„und Sie ſehen wohl, daß er es iſt!“ „Verzeihung,“ flüſterte die junge Frau, die nicht ahnend, wer ihre Nachbarin ſei, nur indignirt war über die Beleidigung, welche man derſelben zufügte,„Ver⸗ zeihung, ich ſehe, daß der Platz beſetzt iſt, und daß es mir durchaus nicht geziemt, mich an eine Stelle zu drängen, welche mir nicht zukommt.“ Und faſt heftig ihren Arm von der Hand der Grä⸗ fin losmachend, trat ſie zurück und ſtellte ſich an die Seite der Gräfin Wollkenſtein. Dieſe ſchien noch immer das, was ſich neben ihr be⸗ gab, gar nicht geſehen und gehört zu haben, ſie hob ihren Fächer wieder empor und ließ ihn wieder als Vorhang zwiſchen ſich und die Gräfin Engenberg aufrollen, und fä⸗ chelte wieder mit demſelben ſich Kühlung zu, dann wandte ſie langſam, ganz wie zufällig ihr Antlitz nach der Nach⸗ barin zu ihrer Rechten, nach der Reichsbaronin hin. Die Blicke der jungen Frau, welche neugierig und voll Er⸗ ſtaunen über die unerhörte Scene ſie betrachtete, begeg⸗ neten ſich mit denen Louiſens, und ſie ſah, was Niemand ſonſt ſehen ſollte, ſie ſah, daß dieſe großen wundervollen Augen von Thränen umdüſtert waren. „ 75 Aber Louiſe hatte die Kraft, dieſe Thränen in ihren Augen feſtzuhalten, ſie nicht niederfließen zu laſſen über ihre Wangen; mit ihrem Fächer wehte ſie ſich Kühlung zu und ganz wie zufällig ſtreiften die Points, mit denen er an ſeinem obern Rand beſetzt war, an den Augen Louiſens vorüber. Niemand außer der Baronin ſah, daß dieſe Points feucht geworden, und daß von ihnen zwei helle Tropfen, wie Brillanten funkelnd, zu den Brillan⸗ ten an ihrem Fächer niederrollten. Doch das helle, freund⸗ liche Lächeln, das den ſchönen Mund der Gräfin Wolken⸗ ſtein umſpielte, ſchien dieſe Thränen Lügen zu ſtrafen, und nicht das leiſeſte Beben war in ihrer Stimme, als ſie jetzt ſprach. „Frau Reichsbaronin von Wallburg,“ ſagte ſie laut und mit freundlichem ruhigem Ton,„iſt es Ihnen vielleicht gefüllig, meinen Platz einzunehmen? Ich lege nicht den geringſten Werth darauf, neben der Gräfin En⸗ genberg zu ſtehen.“ Bevor indeß die Baronin noch Zeit fand zu einer Erwiderung, öffneten ſich an der entgegengeſetzten Seite des Saals die großen Flügelthüren, und die Kaiſerin, ge⸗ folgt von den jungen Erzherzoginen und den Damen und Herren ihres Hoſſtaats, trat ein. 5* 76 Biertes Capitel. Die große Gala⸗Cvur. Sofort rauſchten die Damen in tiefer, ehrerbietiger Verneigung in ſich zuſammen, und ſenkten ihre ſtolzen Häupter demüthig auf ihre Bruſt. Die Kaiſerin grüßte zu beiden Seiten hin mit einem kaum merklichen Kopf⸗ neigen, und ließ ſich dann auf den breiten, goldenen Fau⸗ teuil niedergleiten, neben welchem der goldgerahmte al⸗ terthümliche Stickrahmen mit einer angefangenen Sticke⸗ rei ſich befand. Wie am Hofe zu Berlin bei den Hochzeiten der Prinzeſſinen während des wunderlichen Fackeltanzes der Miniſter das Königspaar mit dem neuvermählten Paar am Spieltiſch ſitzt und Karten zu ſpielen ſcheint, ſo ſaß die Kaiſerin, der alten ſpaniſchen Etiquette gemäß, am Stickrahmen und ſchien bei der großen Gala⸗Cour em⸗ ſig mit Sticken beſchäftigt zu ſein, während die Damen, eine nach der andern, je nach ihrer Reihenfolge, geführt von der Oberſthofmeiſterin zu der Kaiſerin herantraten. Sobald alsdann die Oberſthofmeiſterin den Namen der Dame nannte, hob die Kaiſerin ihr Angeſicht von dem Stickrahmen empor und richtete einige freundliche Worte 77 an die präſentirte Dame. Freilich beſtanden dieſe Worte oft nur aus einigen ſtereotypen Floskeln, oft aber, wenn ſie die präſentirte Dame beſonders begünſtigen wollte, oder dieſelbe ihr näher bekannt war, begnadigte die Kai⸗ ſerin dieſelbe mit einem längern Geſpräch, das von allen Anweſenden in lautloſem, ehrerbietigem Schweigen angehört ward. Aber es gab bei dieſer großen Präſentation noch einige Ausnahmsregeln der Etiquette. Für diejenigen Damen, welche der Kaiſerin noch nicht bekannt waren, welche ihr noch niemals vorgeſtellt worden, genügte es nicht, daß die Oberſthofmeiſterin ſie der Kaiſerin zuführte. Die Etiquette erforderte alsdann, daß eine anweſende, der Kaiſerin ſchon bekannte Dame, welche allen Bedin⸗ gungen der großen Gala⸗Cour genügte, die Neuein⸗ geführte der Kaiſerin präſentirte, und dadurch gewiſſer⸗ maßen eine Garantie übernahm für deren Berechtigung hier zu erſcheinen. Die Gräfin von Wolkenſtein hatte demgemäß ſich auch nach einer ſolchen dame patroness umgeſehen, und ſie hatte dieſelbe nach langem vergeblichen Bemühen in einer alten Gräfin gefunden, welche, von einer Penſion des Kaiſers lebend, nicht den Muth hatte, die Bitte der Freundin des Kaiſers zu verweigern. Sie hatte ſich alſo bereit erklärt bei der Gala⸗Cour die Gräfin Wolkenſtein 78 der Kaiſerin zu präſentiren, und hatte freudig die koſt⸗ bare Garderobe, welche Louiſe ihr zu dieſer Feſtlichkeit ſandte, entgegengenommen. Indeß hoffte die Gräfin Wolkenſtein immer noch vergeblich auf das Erſcheinen ihrer dame patroness. Die Ceremonie hatte ſchon begonnen, eine Dame nach der andern ward von der Oberſthofmeiſterin der Kaiſerin präſentirt, zweimal auch ſchon waren neueingeführte Damen von ihren dames patronesses der Kaiſerin zu⸗ geführt, und die dame patroness der Gräfin Wolken⸗ ſtein kam noch immer nicht. Wie oft ſie auch ihre fragenden Blicke der Thür zuwandte, dieſe Thür öffnete ſich immer noch nicht, um die alte Gräfin von Beldra eintreten zu laſſen! „Es iſt klar,“ ſagte Louiſe mit hochklopfendem Her⸗ zen zu ſich ſelber,„ja, es iſt klar, man hat eine neue Intrigue gegen mich geſpielt. Meine Feindinen haben die Perſon, welche mich präſentiren ſollte, ausfindig ge⸗ macht, und ſie haben ſie auf irgend eine Weiſe, ſei's mit Bitten, ſei's mit Gewalt, daran verhindert, hier zu er⸗ ſcheinen.“ Und wie ſie das dachte, wandten ſich Louiſens Blicke ihrer Nachbarin, der Gräfin Engenberg zu. In dieſem ſtolzen, hohnlächelnden Antlitz, in dieſen feſt auf ſie ge⸗ richteten Blicken, die mit grauſamen Vergnügen in dem 79 Angeſicht der Gräfin Wolkenſtein ihre innere Qualen und Beängſtigungen zu erforſchen ſchienen, konnte Louiſe die Beſtätigung ihrer Vermuthung leſen. „Ja,“ ſagte ſie angſtvoll zu ſich ſelbſt,„ja, ſie haben mir meine alte Gräfin ausgekundſchaftet. Ja, ſie wird nicht erſcheinen; ich werde die Schmach, die Demü⸗ thigung erleben, daß ich allein daſtehe, wenn die Reihe an mich kommt, daß Niemand mir die Hand bietet, um mich der Kaiſerin darzuſtellen. Mein Gott, was beginne ich nur, wenn die Reihe an mich kommt? Wo finde ich ein Mittel dieſer neuen Schmach zu entgehen?“ Und ſie richtete ihre Augen, innerlich bebend vor Angſt, äußerlich vollkommen ruhig und gelaſſen, auf die Reihen der Damen. Nur noch ſechs Damen waren zu präſentiren, dann kam die Reihenfolge an ſie, dann ſtand ſie da allein, verlaſſen! O, ſie glaubte ſchon jetzt alle die auf ſie gerichteten ſpöttiſchen Blicke auf ihrem erglüh⸗ ten Antlitz zu fühlen, das leiſe Lachen und Flüſtern zu vernehmen, das durch den Saal rauſchen werde! Und jetzt waren nur noch fünf Damen vor ihr! Immer ſtürmiſcher ward das Klopfen ihres Herzens, immer angſtvoller fragte ſie ſich:„Was ſoll ich begin⸗ nen? Wär's nicht beſſer, eine Ohnmacht zu fingiren? Nicht beſſer, mit einem lauten Aufſchrei, als habe ein plötzlicher Schwindel mich erfaßt, niederzuſtürzen? Aber 80 ſie würden mich am Boden liegen laſſen, keine von die⸗ ſen Hochmüthigen, Erbarmungsloſen würde ſich un mich kümmern!— O mein Gott, jetzt ſind es nur noch vier Damen— was ſoll ich beginnen? Aber vielleicht ſterbe ich vorher, mein Herz klopft zum Zerſprengen, vielleicht, daß es— nur noch drei Damen, und meine dame pa- troness kommt nicht, und ich— o, und ich—“ Sie zuckte zuſammen, glühendes Roth ergoß ſich auf einmal über ihre bleichen Wangen und ein Strahl der Freude blitzte in ihren Augen auf. Die Rettung war da, ſie ſtand da drüben in der geöffneten Thür, die zu den Gemächern der Kaiſerin führte, ſie ſtand da in der Perſon des Kaiſers! Mit einem raſchen Blick überflog der Kaiſer die Reihen der Damen, einen Moment weilte ſein Auge länger auf dem Angeſicht der Gräfin Wolkenſtein, und er lächelte, als er ſie ſo ſchön, ſo freudeſtrahlend ſah, dann näherte er ſich ſeiner Gemahlin und reichte ihr ſeine Hand dar. „Sie erlauben mir doch, daß ich auch ein wenig Theil nehme an Zhrer großen Gala⸗Cour, Frau Kai⸗ ſerin?“ fragte der Kaiſer mit ſanfter, einſchmeichelnder Stimme. Marie Ludowika erhob langſam ihr Auge von dem Stickrahmen, und auf ihrer Stirn, die vorher ſo heiter 81 geweſen, ſtand jetzt eine düſtere Wolke.„Ew. Majeſtät ſind überall der Herr und der Gebieter,“ erwiderte ſie kalt,„Ew. Mazeſtät haben deshalb auch gar keine Rück⸗ ſicht zu nehmen auf die hergebrachten Regeln der Eti⸗ quette.“ Sie neigte ſich wieder über ihre Stickerei und ſchien emſig daran zu arbeiten. „Ich komme nur, weil ich von Ihnen lernen wollte, Frau Kaiſerin,“ ſagte Leopold, indem er hinter den Stuhl der Kaiſerin trat und ſeinen Arm auf die Lehne deſſelben aufſtützte.„Ich beabſichtige die Ceremonie der großen Gala⸗Cour auch für die hoffähigen Cavaliere einzuführen, und deshalb möchte ich die Regeln dieſer Gala⸗Cour bei Ihnen ſtudiren. Frau Oberſthofmeiſterin, laſſen Sie ſich alſo durch mich nicht hindern! Fahren Sie fort in der Ausübung Ihres Amtes.“ Die Oberſthofmeiſterin verneigte ſich tief vor dem Kaiſer, dann wandte ſie ſich der Reihe der Damen zu und winkte leiſe mit der Hand. Sofort ſchritt von der ent⸗ gegengeſetzten Seite des Saals die junge Fürſtin Liechten⸗ ſtein zu einer der Damen da drüben, unfern von Louiſe hin und reichte ihr die Hand. Dann im langſamen, feier⸗ lichen Schritt näherten ſich beide der Kaiſerin, vor der ſie ſich tief bis zur Erde neigten. „Ew. Majeſtät,“ ſagte die Oberſthofmeiſterin laut, 82 „Ihro Durchlaucht die Frau Fürſtin hat die Ehre der Gnade Eurer Majeſtät die Gräfin Aloyſe von Flemming, geborne Gräfin von Podolska zu präſentiren!“ Marie Ludowika wandte ihr trübes Antlitz der prä⸗ ſentirten Dame zu und verſuchte zu lächeln, indem ſie einige freundliche und theilnahmsvolle Fragen an ſie richtete. „Fran Oberſthofmeiſterin,“ ſagte Leopold,„ich bitte um Belehrung! Was bedeutet dies? Ich habe geglaubt, Ew. Excellenz präſentirten der Frau Kaiſerin die Damen, und jetzt ſehe ich, daß es dazu noch einer andern Dame bedarf?“ „Ew. Majeſtät verzeihen,“ erwiderte die Oberſthof⸗ meiſterin gewichtig,„es bedarf nur dann einer zweiten Dame, wenn die zu präſentirende Dame zum erſtenmal bei der großen Gala⸗Cour erſcheint. Alsdann bedarf ſie einer dame patroness, und das iſt in dieſem Moment die Frau Fürſtin von Liechtenſtein.“ „Ich danke Ihnen, Frau Oberſthofmeiſterin! Sie ſehen wohl, es war zu meiner Belehrung ſehr nothwendig, daß ich hieher kam. Ah, die Frau Kaiſerin hat die Gräfin von Flemming ſammt ihrer dame patroness entlaſſen und ſich wieder ihrer Arbeit zugewandt. An wen iſt jetzt die Reihe, Frau Oberſthofmeiſterin?“ „An der Frau Gräfin von Engenberg, Majeſtät,“ 83 ſagte die Oberſthofmeiſterin, und nachdem ſie dem Kaiſer eine ceremonielle Verbeugung gemacht, ſchritt ſie zu der alten Gräfin hin, um ihr die Hand zu reichen und ſie der Kaiſerin zu präſentiren. Während die Kaiſerin ſich mit halblauter Stimme lange und angelegentlich mit der ſtolzen Gräfin unterhielt, wandte der Kaiſer ſich wieder der Oberſthofmeiſterin zu. „Die Gräfin Engenberg freilich bedarf an unſerm Hofe keiner dame patroness,“ ſagte er,„ich ſah ſie ſchon am Hofe meiner hochſeligen Mutter. Wer von den Damen kommt nach ihr zur Präſentation?“ „Majeſtät, die Frau Gräfin von Wolkenſtein!“ „Ah, alſo eine große Präſentation, denn dieſe Dame erſcheint zum erſtenmal bei der großen Gala⸗Cour. Wer iſt ihre dame patroness?“ „Majeſtät, ich weiß es nicht.“ „Wie* Sie wiſſen das nicht? Nun, wir werden ja gleich ſehen, denn ſpeben entläßt die Kaiſerin die Gräfin Engenberg.“ Die alte Dame machte in dieſem Moment der Kaiſerin ihre tiefe, ceremonielle Reverenz und rauſchte dann hinüber nach jener Seite des Saals, an welcher die ſchon präſentirten Damen ſich aufgeſtellt hatten. Marie Ludowika neigte ſich wieder über ihre Stickerei —— 6 x 84 und zog langſam die mit dem goldenen Faden bewaffnete Nähnadel auf und ab. Eine tiefe Stille trat ein; die Augen aller Damen richteten ſich auf die Gräfin Wolkenſtein, die ruhig und lächelnd da ſtand, und es gar nicht zu gewahren ſchien, daß ſie der Gegenſtand der allgemeinen Aufmerkſam⸗ keit ſei. „Nun?“ fragte der Kaiſer halblaut,„wo bleibt denn die dame patroness?“ „Majeſtät,“ ſagte die Oberſthofmeiſterin feierlich, „es ſcheint, die Frau Gräfin von Wolkenſtein hat gar keine dame patroness!“ „Es ſcheint wirklich ſo,“ rief der Kaiſer lebhaft. „Wir müſſen ihr alſo zu Hilfe kommen!“ Und er ſchritt lebhaft durch den Saal, gerade zu der Gräfin Wolkenſtein hin. „Frau Gräfin,“ ſagte er ſo laut, daß alle die in dem großen Saal anweſenden Damen ihn hören mußten, „Frau Gräfin, Sie haben ohne Zweifel die Geſetze der großen Gala⸗Cour nicht gekannt, und es daher verſäumt, ſich eine dame patroness zu erbitten, welche Sie der Frau Kaiſerin präſentire. Erlauben Sie, daß ich die Charge dieſer Dame übernehme und Sie der Kaiſerin zuführe.“ „Ich dachte es mir wohl,“ flüſterte die Kaiſerin mit 85 einem ſchweren Seufzer,„ich dachte es mir, daß er um ihretwillen hieher kam, daß er ſie ſchützen wollte gegen jede Zurückſetzung. O, meine ſchlimme Ahnung hat mich alſo nicht getäuſcht. Aber ich werde unerbittlich ſein, ich werde ſie ſtrafen und ihr eine öffentliche Beſchämung bereiten!“ Sie neigte ſich tiefer über ihren Stickrahmen, und ſo emſig ſchien ſie zu arbeiten, daß ſie gar nicht gewahrte, wie der Kaiſer mit der Gräfin von Wolkenſtein ſchon dicht neben ihr ſtand. „Frau Kaiſerin,“ ſagte jetzt der Kaiſer mit erho⸗ bener Stimme,„ich erlaube mir Ihrer Gnade die Frau Gräfin von Wolkenſtein zu empfehlen.“ Marie Ludowika richtete langſam ihr Haupt wie⸗ der empor, und ohne die Gräfin eines Blickes zu wür⸗ digen, wandte ſie ihre düſtern, glanzloſen Augen auf den Kaiſer hin. „Majeſtät,“ ſagte ſie,„Sie haben, indem Sie die Rolle meiner Oberſthofmeiſterin übernahmen, doch einen kleinen Fehler begangen. Sie haben vergeſſen zu ſagen, zu welcher hohen Adelsfamilie die Frau Gräfin von Wol⸗ kenſtein durch ihre Geburt gehört.“ „Wahrhaftig, Sie haben Recht,“ rief der Kaiſer lächelnd,„ich vergaß das. Nun alſo, ich präſentire Ihnen 86 Frau Gräfin von Wolkenſtein geborene Baronin von Biſchofswerder.“ Die Kaiſerin neigte kaum merklich ihr Haupt und erwiderte mit trockenem, kaltem Ton:„Ich kenne dieſe Familie nicht.“ „Ich bitte Ew. Majeſtät um Verzeihung,“ ſagte die Gräfin Wolkenſtein jetzt ſich vor dem Kaiſer ver⸗ neigend,„aber Ew. Majeſtät ſind in einem Irrthum. Ich bin keine geborene Baronin von Biſchofswerder.“ „Wie denn? Keine geborene von Biſchofswerder? Aber Sie ſind doch die Nichte des Generalmajors von Biſchofswerder?“ „Zu Befehl, Majeſtät, meine Mutter war ſeine Schweſter, eine geborne Baronin von Biſchofswerder. Sie machte indeſſen eine Mesalliance, ſie verheiratete ſich an einen jungen, bürgerlichen Gutsbeſitzer, Namens Müller. Dieſer war mein Vater.“ „Wie? Sie führen keinen adeligen Geburtsnamen?“ fragte die Oberſthofmeiſterin, vor Entſetzen jede Rückſicht gegen die Majeſtäten vergeſſend.„Sie ſind keine geborne Adelige? Aber dann iſt es ja ganz unmöglich, daß die Gräfin Wolkenſtein zur großen Gala⸗Cour erſcheinen durfte, und ich habe die Frau Kaiſerin demüthigſt um Verzeihung zu bitten wegen dieſes großen Verſtoßes gegen die Etiquette.“ 87 „Der Verſtoß iſt indeſſen nicht ſo groß, als Ew. Ex⸗ cellenz fürchten,“ ſagte die Gräfin Wolkenſtein kalt und ſtolz.„Ich darf Ew. Excellenz zu Ihrer Beruhigung melden, daß ich immerhin doch eine geborene von Müller, Baronin von Müller bin. Mein Vater war ein ſehr rei⸗ cher Mann, und da er meine Mutter ſehr liebte, wollte er nicht, daß ſie um ſeinetwillen den gewohnten Hof⸗ geſellſchaften entſage. Er kaufte ſich alſo von Ihrer Ma⸗ jeſtät der Kaiſerin Maria Thereſia den Adel und den Baronstitel. Solche Dinge ſind ja käuflich, und da mein Vater reich genug war, um fünfzigtauſend Gulden an die kaiſerliche Kanzlei zahlen zu können, ward er nicht blos Baron, ſondern bekam noch ſieben Ahnen mit in den Kauf. Ich bin alſo von altem, unläugbarem Adel, denn er ſtammt aus der kaiſerlichen Hofkanzlei ſelber.“ „Sehr gut geantwortet, in der That,“ rief der Kaiſer lächelnd.„Jetzt, Frau Kaiſerin, werden Sie ſicher die Frau Gräfin von Wolkenſtein, geborene Baronin von Müller ohne Anſtand willkommen heißen können?“ „Sie haben Recht, mein Gemahl,“ rief die Kaiſerin, und einen Moment bewaffneten ſich ihre matten Augen mit einem zornigen Blitz,„ja Sie haben Recht, es iſt ganz ohne allen Anſtand—(und ſie betonte dieſe Worte lächelnd) ganz ohne allen Anſtand, daß ich die Frau Gräfin von Wolkenſtein hier im Kreiſe dieſer Damen 88 willkommen heiße. Aber ſagen Sie mir doch, Frau Gräfin, irre ich mich, oder begab ſich nicht am Hofe von Berlin vor einigen Jahren eine gar ſeltſame und ſchauerliche Geſchichte, in welcher ein Graf von Wolkenſtein bethei⸗ ligt war?“ „Ew. Majeſtät irren ſich nicht,“ erwiderte die Gräfin mit dem Anſchein vollkommener Ruhe,„es hat ſich vor einigen Jahren eine ſolche Geſchichte begeben.“ „Die Geſchichte machte damals, wie mich dünkt, un⸗ geheures Aufſehen,“ ſagte die Kaiſerin;„alle Zeitungen ſprachen davon. Mein Gott, wie war ſie doch gleich? Ich bitte, Frau Gräfin, kommen Sie meinem Gedächtniß ein wenig zu Hilfe! Ward nicht der Graf hingerichtet? Hatte er nicht einen Raubanfall auf den König verſucht? Ich bitte, Frau Gräfin, erzählen Sie doch! Wie war die Geſchichte?“ „Zu Befehl, Majeſtät,“ ſagte die Gräfin, welche ihre Stimme zwang ruhig zu ſein, nicht zu zittern unter den Todesqualen, welche ihr Herz marterten.„Die Ge⸗ ſchichte iſt allerdings ziemlich tragiſch, aber von einem Raubanfall des Grafen Wolkenſtein kommt nichts darin vor. Der Graf war ein junger Cavalier von untadelhaf⸗ ten Sitten, von feinſter Bildung, von edelſtem Geiſt. Er liebte eine junge Dame des Hofes und er vermählte ſich mit ihr. Vielleicht war das junge Ehepaar zu glücklich; 89 das erregte ohne Zweifel den Neid ſeiner guten Freun⸗ de, und ſie hielten es für Pflicht, es aus ſeinem forgloſen Glück aufzuſchrecken. Sie wußten, daß der Graf ſehr eiferſüchtig war ſowohl auf ſeine Gemahlin, als auf ſein reines, unbeflecktes Wappen. Sie ſagten ihm daher, na⸗ türlich in anonymen Briefen, daß ſeine Ehre und ſein Wappen befleckt ſei, daß ſeine Gemahlin ihn betrogen habe, denn ſie ſei, als ſie ſich ihm vermählte, die er⸗ klärte Geliebte des Königs Friedrich Wilhelm geweſen.“ „Welche Frechheit!“ rief die Kaiſerin.„Wie grau⸗ ſam, einen ehrlichen Mann ſo ſchmachvoll zu betrügen!“ „Ew. Majeſtät nehmen alſo an, daß die anonymen Briefe die Wahrheit gemeldet,“ ſagte die Gräfin ruhig. „Graf Wolkenſtein war davon nicht ſo ganz überzeugt, er wollte die Gewißheit aus dem Munde des Königs ſel⸗ ber empfangen, er wollte eine öffentliche Rechtfertigung für ſeine Gemahlin, oder eine öffentliche Genugthuung für ſeine Ehre. Als der König daher am nächſten Tage bei der großen Parade erſchien, trat der Graf Wolkenſtein von dem Regiment, das er commandirte, ab, übergab einem Hauptmann das Commando und machte ſich mitten durch das Gefolge Bahn und trat gerade vor den König hin. „Majeſtät,“ ſagte er ſo laut, daß alle die Generäle und hohen Herren von der Seite des Königs ſeine Worte hö⸗ ren konnten,„Majeſtät, ich bitte um die Gnade, daß 1860. XXIV. Kaiſer Leopold der Zweite. III. 6 Ew. Majeſtät dieſen Brief, den ich geſtern erhielt, leſen wollen!“— Der König nahm mit einem erſtaunten Blick das dargereichte Schreiben und las es, dann reichte er es dem Grafen dar und ſagte:„Ich habe es geleſen. Was nun weiter?“—„Weiter,“ rief Graf Wolkenſtein lei⸗ denſchaftlich,„weiter erſuche ich Ew. Majeſtät vor allen dieſen Zeugen mit ſeinem königlichen Ehrenwort zu ver⸗ ſichern, daß der Inhalt jenes Briefes eine böswillige Verläumdung iſt, oder mir die Genugthuung zu geben, welche in ſolchem Fall ein Cavalier dem andern ſchuldig iſt. Ew. Majeſtät werden mir Ihr Ehrenwort geben, daß der Brief eine Lüge enthält, oder Sie werden ſich mit mir ſchlagen.“ „In der That, der Graf von Wolkenſtein gefällt mir,“ rief der Kaiſer;„er handelte als ein Tapferer und als ein Ehrenmann. Was antwortete ihm der König?“ „Majeſtät, er antwortete:„Ich werde Beides nicht thun, aber ich werde Ihnen Ihre Unverſchämtheit in Gna⸗ den verzeihen!“ Er wandte dem Grafen den Rücken und ſchickte ſich an, ſein Pferd wieder zu beſteigen; aber der Graf, von der kühlen, unbeſtimmten Antwort des Königs auf's Aeußerſte gebracht, der Graf ſtürzte ihm nach, faßte das Pferd beim Zügel und es zurückdrängend ſtellte er ſich mit flammenden Augen vor den König hin.„Maje⸗ ſtät,“ rief er mit bebenden Lippen,„Sie wollen mir Ihr 94 Ehrenwort nicht geben? Sie verweigern es mir?“—, Ich verweigere Ihrer Unverſchämtheit jede Antwort,“ ſagte der König,„und ich rathe Ihnen mich nicht länger zu rei⸗ zen, denn meine Langmuth iſt zu Ende.“— Und er winkte dem Stallmeiſter, welcher das Pferd hielt. Aber Graf Wolkenſtein, kaum noch ſeiner Sinne mächtig, raſend vor Eiferſucht und Verzweiflung, ſtürzte ſich auf den König hin. „Majeſtät,“ ſchrie er bleich vor Wuth und Schmerz,„Sie ſind mir Genugthuung ſchuldig. Ich fordere ſie von Ihnen, oder— Ein einziger Schrei des Zorns ertönte aus der Mitte der Generale, dann ſtürzten Alle hin zu dem Ra⸗ ſenden, der es gewagt, ſeinem König zu drohen, gegen ihn den Arm zu erheben, dann ward er umringt, fort⸗ geriſſen, in's Gefängniß geführt. Man ſtellte den Gra⸗ fen Wolkenſtein vor ein Kriegsgericht, das ihn des Hoch⸗ verraths, der Majeſtäts⸗Beleidigung anklagte, das ihn zum Tode verurtheilte. Aber der König begnadigte den Grafen Wolkenſtein zu lebenslänglicher Gefangenſchaft, und da er immer großmüthig und gerecht iſt, ließ er jetzt freiwillig durch den Generalmajor von Biſchofswerder dem Grafen Wolkenſtein die Verſicherung geben, daß je⸗ ner Brief nur Verläumdungen und Lügen enthalten, daß er, der König, niemals in näherer Beziehung zu der Gräfin Wolkenſtein geſtanden, daß ſie vollkommen unſchuldig des ihr zur Laſt gelegten Treubruches ſei.“ 6* 92 „Ah,“ ſagte die Kaiſerin achſelzuckend,„der König gab die Verſicherung, aber nicht ſein königliches Ehren⸗ wort! Iſt Ihre Geſchichte zu Ende?“ „Zu Befehl, Majeſtät, ſie iſt zu Ende.“ „Ich wundere mich nur, wie genau Sie von allen Details unterrichtet ſind,“ rief die Kaiſerin, die Nadel wieder zur Hand nehmend. „Majeſtät,“ ſagt Louiſe ruhig und gelaſſen,„Ma⸗ jeſtät, das geht ſehr natürlich zu. Der Graf Wolkenſtein war mein Gemahl, und ich bin die Frau, welche man ge⸗ wagt hatte, unſchuldigerweiſe ſo ſchwer zu verläumden!“ „Wie, der Graf Wolkenſtein iſt Ihr Gemahl?“ fragte die Kaiſerin.„Sie ſind die unſchuldige Frau, welche man eines Liebesverhältniſſes mit dem König be⸗ ſchuldigte? Ah, Frau Gräfin, ich beklage Sie, Sie ſcheinen wirklich recht oft auf ähnliche Weiſe verläumdet zu werden. Aber ich möchte meinem Gemahl, dem Kaiſer, doch nicht rathen, in ſeiner großmüthigen Herzensgüte von dem König von Preußen die Freilaſſung des Grafen Wolkenſtein zu erbitten. Es würde mich fürchterlich ängſtigen, wenn ich denken müßte, dieſer eiferſüchtige Ge⸗ mahl der Gräfin Wolkenſtein käme hieher nach Wien. Sie aber, Frau Gräfin Wolkenſtein, Sie heiße ich an unſerm Hofe willkommen. Sie ſind ſchön, jung und wie man ſagt, geiſtreich und liebenswürdig. Benutzen Sie 93 alſo Ihren Geiſt und Ihre Liebenswürdigkeit, um Die⸗ jenigen zu erheitern und zu zerſtreuen, welche von An⸗ ſtrengungen und Regierungsſorgen niedergedrückt, in Ihrer Nähe diejenige Aufheiterung und das Glück finden möchten, welches Sie anderswo nicht finden können. Aber nur Eins merken Sie ſich, Frau Gräfin; indem Sie diejenigen, welche die Laſt der Regierungsſorgen tragen, zu zerſtreuen ſuchen, gehen Sie nur nicht ſo weit, einen Theil dieſer Laſt auf Ihre eigenen Schultern neh⸗ men und mitregieren zu wollen. Eine Frau thut am beſten, ſich gar nicht um Regierungsangelegenheiten zu kümmern, und ich rathe Ihnen ernſtlich dazu!“*) Sie nickte der Gräfin einen Abſchiedsgruß zu und nahm wieder ihre Nadel zur Hond. Eine Viertelſtunde ſpäter war die große Gala⸗ Cour beendet, und die Kaiſerin verließ am Arm ihres Gemahls den Saal, um in ihre Gemächer zurückzu⸗ kehren. Auch die Damen entfernten ſich aus demſelben und traten in den Vorſaal, in welchem die Kammerdiener und Lakahen ſie mit den Mänteln erwarteten. Ganz wie zufällig war es, daß die Gräfin Wolken⸗ 5) Die eigenen der Kaiſerin. Siehe: Memoires d'un homme d'état. Vol. I 94 „ ſtein hier ſich dicht an die Seite der jungen Baronin von Wallburg drängte. Während ſie aber nur beſchäftigt ſchien ſich in ihren Hermelinmantel einzuhüllen, neigte ſich die Gräfin Wolkenſtein näher zu der Baronin hin. „Ich danke Ihnen, Frau Baronin,“ flüſterte ſie leiſe.„Sie haben heute ſehr großmüthig an mir gehan⸗ delt. Sollten Sie jemals des Raths, der Hilſe, der Theilnahme bedürfen, ſo ſchicken Sie zu mir. Ich werde zu Ihnen kommen, ſobald Sie mich rufen, ſei's bei Tag oder bei Nacht. Bedürfen Sie des Raths, ſo werde ich Ihnen denſelben nach meinen beſten Kräften gewähren, der Hilfe, ſo werde ich Ihnen dieſelbe leiſten, ſind Sie un⸗ glücklich und bedürfen der Theilnahme, ſo werde ich mit Ihnen weinen, denn von heute an liebe ich Sie!“ Ehe aber die überraſchte junge Dame Zeit fand zu einer Erwiderung, rauſchte die Gräfin Wolkenſtein mit einem kalten, ſtolzen Blick an ihr vorüber, ohne Gruß und Blick durch die Reihen der Damen dahin, und ver⸗ ſchwand, gefolgt von ihren Lakayen, in dem äußeren Vorſaal. 6 —— 95 Fünftes Capitrl. Ein Blatt aus der Geſchichte. „Endlich alſo, meine theuerſte Nichte,“ rief Ge⸗ neral Biſchofswerder, die heimkehrende Gräfin Wolken⸗ ſtein am obern Abſatz der Treppe begrüßend und ihr den Arm bietend, um ſie in ihr Bondvir zu führen.„Sie ſind ſo überaus lange geblieben, daß ich mich ſchon zu beunruhigen anfing und alles Ernſtes überlegte, ob ich mich nicht ſofort zum Kaiſer begeben ſollte, um von ihm meine ſchöne und heißgeliebte Nichte zurückzufordern, oder ihn zu bitten, daß er die Gnade habe, mir ſuchen zu helfen. Mein Gott, die Frau Kaiſerin iſt eine Spanierin, und die Eiferſucht der Spanierinen iſt ja ſprüchwörtlich. Wahrhaftig, ich dachte ſchon an die Geſchichte von Ines de Caſtro, und ſah nichts mehr vor mir, als Mauerver⸗ ſchläge, Burgverließe und Marterkammern.“ „Allzugütig, ſich ſo um mich zu ängſtigen,“ ſagte die Gräfin mit einem ſpöttiſchen Lächeln.„Indeß die Zeit der Marterkammern iſt ja vorüber, und wenn man auch freilich jetzt noch die Menſchen foltert, ſo geſchieht es nur mit unſichtbaren Marterwerkzeugen.“ „Nun, ich denke, von ſolchen Folterungen wird der gnädige und gütige Gott meine theuerſte Nichte bewah⸗ 96 ren. Er wird ſie in ſeinen allſorgenden Schutz nehmen, und er wird ſeine Englein ſenden, daß ſie das ſchöne und geliebte Haupt meiner edlen theueren Nichte bewah⸗ ren und vor jeder Unbill behüten!“* Die Gräfin Wolkenſtein zuckte ſtatt aller Antwort die Achſeln und ließ ſich hochathmend in den Divan nie⸗ dergleiten, indem ſie den General bedeutete, ihr gegen⸗ über in dem Lehnſtuhl Platz zu nehmen. „Nun, vor allen Dingen, erzählen Sie mir, theuerſte Louiſe,“ rief der General, indem er ſich ſetzte,„waren Sie zufrieden mit der Präſentation?“ „Oh ja,“ ſagte ſie ruhig,„ſehr zufrieden. Es war ein allerliebſtes Spießruthenlaufen, und wenn mein Rücken auch nicht davon blutet, ſo fühlte ich doch die Ru⸗ thenhiebe in meinem Herzen, das aus hundert empfan⸗ genen Wunden blutet.“ „Wie? Man hat Sie doch nicht zu beleidigen ge⸗ wagt?“ fragte der General erſchrocken. „Ich glaube doch, man hat es gewagt,“ ſagte ſie achſelzuckend.„Wundert Sie das? Ich war unter lau⸗ ter Vertreterinen des zarten Geſchlechts, und ſie hatten mir gegenüber die Tugend und Sittſamkeit zu vertreten! Ah, und wie würdig ſie ſie vertraten! Zu welchen aller⸗ liebſten Intriguen ſie ihre Zuflucht genommen hatten, wie ſie ſich amuſirten mit ihren kleinlichen Quälereien. 97 Nun, ich muß ihnen wenigſtens das Zeugniß ablegen, daß ihre Intrigue gut angelegt war und daß ſie mich über⸗ liſteten. Ich hatte mir nach ungeheuren Anſtrengungen und Bemühungen endlich mit Bitten, mit Geſchenken, mit der Protection des Kaiſers eine dame patroness aus⸗ findig gemacht, welche mich der Kaiſerin präſentiren ſollte. Ich hatte die Sache ganz im Geheim betrieben und hegte die feſte Ueberzeugung, daß Niemand wiſſe, welche Dame mich präſentiren werde. Aber die ſcharfen Augen meiner tugendhaften Feindinen hatten ſie dennoch erforſcht und ſie hatten die Dame auf irgend eine Weiſe zurückzuhalten ver⸗ ſtanden. Genug, meine dame patroness kam nicht, und ich ſah ſchon den Moment nahen, wo ich allein, beſchimpft und zurückgewieſen da ſtehen mußte, als plötzlich die Thü⸗ ren ſich öffneten und der Kaiſer eintrat. Er hatte ohne Zweifel die ganze Intrigue erfahren, wußte, daß meine alte Gräfin nicht erſchienen war, und kam nun ſelbſt, um mich ſtatt der alten Gräfin der Kaiſerin zu präſentiren.“ „Ah, ich athme erleichtert auf,“ rief der General; „mein Gott, aus welcher fürchterlichen Situation Sie da der Kaiſer erlöſte.“ „Ja, es iſt wahr, er iſt ein edler und großmüthiger Mann,“ ſagte Louiſe innig,„er verdiente wohl ein Herz, das ihm ungetheilt angehöre. Ich beklage ihn und mich, daß ich es ihm nicht geben kann. Aber genug jetzt von 98 2 allen dieſen Dingen, Herr Oheim. Sie wiſſen, zu wel⸗ chem Zweck wir hier zuſammen gekommen ſind und wes⸗ halb Sie eine Unterredung mit mir begehrten. Sie for⸗ derten von mir eine ernſte, politiſche Beſprechung, und als Preis derſelben verſprachen Sie mir Nachrichten von meinem Gemahl.“ „Ich habe es nicht vergeſſen, und ich werde Wort hal⸗ ten, ſobald unſere Beſprechung beendet iſt. Aber ich geſtehe Ihnen, ich fürchte, daß ſie ſehr ausführlich werden muß, um uns endlich zu verſtehen. Werden Sie auch Geduld haben, ſich in ernſte politiſche Debatten mit mir einzulaſſen?“ „Ich werde immer daran denken, daß Sie mir Nachrichten von meinem Gemahl verſprochen haben, und das wird mir Geduld geben.“ „Nun denn, meine theuerſte Frau Nichte, ſo er⸗ lauben Sie mir jetzt endlich ein ernſtes Wort der War⸗ nung an Sie zu richten,“ rief der General.„Wenn Sie ſo fortfahren, ſo muß ich Ihnen leider bekennen, daß Sie wenig Ausſicht haben, Ihren unglücklichen Gemahl zu befreien, und daß ich ganz und gar irre werde an Ihrem Eifer ſowohl, wie an Ihrem Einfluß. Sie befinden ſich jetzt ſeit achtzehn Monaten hier in Wien, aber Sie ſchei⸗ nen ganz und gar vergeſſen zu haben, in welcher Abſicht und zu welchem Zweck.“ „Sie ſehen wohl, daß Sie ſich irren,“ ſagte die 80 Gräfin ruhig.„Schauen Sie umher, ſehen Sie, welche Pracht mich umgibt, folgen Sie mir auf die Straße, ſehen Sie da die ehrerbietigen Verbeugungen der Cava⸗ liere, die ſtolzen geringſchätzenden Blicke der vornehmen Damen in ihren Caroſſen, hören Sie den Hohn und Spott, mit welchem das Volk meinen Wagen verfolgt, denken Sie endlich an meine heutige Präſentation bei der Kaiſerin, und dann werden Sie nicht mehr ſagen können, daß ich den Zweck meines hieſigen Aufenthalts vergeſſen habe. Nein, ich habe ihn immer vor Augen gehabt, ich habe mein ganzes Leben von ihm beſtimmen laſſen, und ſo bin ich geworden, was ich ſein ſollte: die Freundin, die Vertraute des Kaiſers; ſo habe ich, wenn man mir auch vielleicht moraliſch damit Unrecht thut, doch faktiſch der Welt das Recht gegeben, mich die Mai⸗ treſſe des Kaiſers zu nennen. War's das nicht, was ich nach dem Willen meines frommen, Geiſter citirenden Oheims werden ſollte? Hatte er mich nicht deshalb hie⸗ her nach Wien gebracht? Nun, wie können Sie denn jetzt ſagen, daß ich Ihnen nicht Wort gehalten?“ „Ah, wie ſchlau meine reizende Nichte uns von der Hauptſtraße auf Nebenwege ablenken möchte,“ ſagte Bi⸗ ſchofswerder lächelnd.„Wie klug Sie ſich den Anſchein geben wollen, die Mittel mit dem Zweck zu verwechſeln. Wahrlich, wäre es nur der Zweck geweſen, daß Sie 100 die Freundin, die Vertraute des Kaiſers würden, hätte ich Sie nur deshalb veranlaßt, hieher nach Wien zu kommen, nur dafür Ihnen die endliche Befreiung Ihres beklagenswerthen Gemahls verſprochen, wahrlich, dann wäre ich zu tadeln vor Gott und den Menſchen, und nicht würdig mehr mein Antlitz zu erheben zu dem, der da richtet nicht bloß über die Todten, ſondern auch über die Lebendigen, nicht würdig zu erſcheinen vor dem Tiſche des Herrn. Aber ich hatte einen großen, einen edlen Zweck, und Ihnen geſchieht nur, was ſo oft den Kindern dieſer Welt geſchieht, Sie verwechſeln nur eben die Mit⸗ tel mit dem Zweck. Es iſt aber, wie es ſchon der große Ignaz Lohola geſagt und bekannt hat, es iſt aber der Zweck, welcher die Mittel heiligt, und der Zweck, welchen ich hier verfolgte, war ſo erhaben, ſo groß, daß darüber das Mittel mit einer Glorie der Tugend und Erhaben⸗ heit umſtrahlt ward. Sie ſollten die Vermittlerin ſein zwiſchen Oeſterreich und Preußen, Ihnen ſollte es vor⸗ behalten ſein, die lange verderbliche Fehde der beiden deutſchen Großmächte in Einigkeit und Frieden zu ver⸗ wandeln, Sie ſollten endlich es bewirken, daß Preußen und Oeſterreich vereint in gleicher Geſinnung, gleicher Glaubenstreue ihr Schwert erhöben und den böſen Feind der Revolution und der Angrchie darnieder ſchlü⸗ gen. An dem Tage, an welchem Oeſterreich ſich bereit — 101 erklärte, Frankreich, mit Preußen vereint, den Krieg zu erklären, an dem Tage ſollten Sie die Begnadigung Ihres Gemahls erhalten, und nach Graudenz abreiſen, um ſich mit ihm nach Königsberg zu begeben und von dort nach Amerika einzuſchiffen.— Das, meine Gnä⸗ digſte, waren unſere Bedingungen, das war unſer Plan. Nun aber frage ich Sie, was haben Sie ſeitdem gethan, um denſelben auszuführen? Laſſen Sie uns doch mit ernſter Ueberlegung in die Vergangenheit zurück blicken, laſſen Sie uns Alles wohl überdenken und erwägen, was ſeit Ihrer Anweſenheit in Wien ſich begeben hat, und wir werden alsdann ja ſehen, in wiefern Sie uns unſerm Ziel näher geführt und was Sie durch Ihren Einfluß erwirkt haben?“ „Thun wir das,“ ſagte die Gräfin.„Aber zuerſt muß ich Ihnen bemerken, daß es ſehr ſchwer iſt, auf den Kaiſer Leopold überhaupt Einfluß zu gewinnen. Er iſt ein ernſter, vorſichtiger, überlegender Mann, der niemals einen Schritt vorwärts thut, wenn er es für möglich hält, daß er dieſen Schritt wieder zurück thun muß. Es iſt wahr, der Kaiſer liebt mich, er hat Vertrauen zu mir und— lachen Sie nicht, Herr General— er achtet mich auch. Aber er räumt ſeinem Herzen doch gar wenig Einfluß auf ſeinen Kopf ein, und er zeigt ſich immer ſorgſam bemüht, die Liebe keinen Einfluß auf ſeine Po⸗ 102 litik gewinnen zu laſſen. Aus dieſer Bemühung entſpringt das Unbeſtimmte, Schwankende ſeiner Politik. Wenn es heute meinen Vorſtellungen und Bitten, und denen der gleichgeſinnten Vertrauten aus der Umgebung des Kaiſers gelungen iſt, ihn zu einem entſcheidenden Schritt gegen Frankreich vorwärts zu drängen, ſo thut er ihn am andern Tage nach eigenem Willen und Ueberlegen wieder zurück, und desavouirt freiwillig heute, was er geſtern nur überredet gethan. Und wollen Sie den Grund wiſſen, warum er dies thut? Der Kaiſer iſt im Innerſten ſeines Herzens abgeneigt, Frankreich den Krieg zu er⸗ klären; er will ſich wohl vor der Welt den Anſchein ge⸗ ben, als ob er es thun werde, er will Frankreich und die Anarchie daran glauben machen, um ſie zu ſchrecken, aber er will doch immer hinhalten, zögern und aufſchieben, und damit alle Parteien im Schach erhalten. Doch— ich bitte Sie mir dies zu glauben— doch entſpringt dies Zö⸗ gern und dieſe anſcheinende Zweideutigkeit des Kaiſers nicht aus innerer Unklarheit und Unſchlüßigkeit, vielmehr iſt ſich der Kaiſer ganz klar deſſen bewußt, was er will, und was ihm zum Segen Oeſterreichs und Deutſchlands überhaupt nothwendig erſcheint: er will den Krieg mit Frankreich vermeiden! Dies Wollen entſpringt ſeinem klugen, vorurtheiltsloſen Kopf, dem er ſchlau und vorſichtig bis hieher immer alles Wollen und Wünſchen . 103 ſeines Herzens untergeordnet hat. Und wiſſen Sie, wer ihn darin beſtärkt hat? Die Königin von Frankreich ſel⸗ ber! Sie, die edle, die unglückliche Marie Antoinette, ſie hat den Kaiſer beſchworen, nicht dem Drängen der franzöſiſchen Prinzen nachzugeben, nicht Frankreich den Krieg zu erklären. Mehr als einmal hat ſie ihrem Bruder die dringendſten Briefe geſchrieben, in denen ſie ihn auf⸗ fordert unter keinen Umſtänden feindlich in Frankreich einzufallen, weil dies das ſichere und unabweisbare Ver⸗ derben der Königsfamilie und der Monarchie überhaupt zur Folge haben würde, ſondern nur wie zum Schutz der Grenzen eine Armee an den Grenzen zuſammenzu⸗ ziehen und der National⸗Verſammlung von Frankreich mit Krieg zu drohen, wenn ſie nicht zum Gehorſam und zur Anerkennung ihres Königs zurückkehren wollen. Ich habe dieſe Briefe geleſen, und jedesmal, wenn ich den Kaiſer mit aller Beredtſamkeit meiner Ueberzeugung und meiner Liebe zum Krieg gegen Frankreich zu gewinnen hoffte, hat er mir die Briefe und das Menvire der Königin Marie Antvinette in's Gedächtniß zurückgeru⸗ fen.*) Jetzt habe ich Ihnen geſagt, weshalb mir, trotz 5) Die beiden Briefe und das Memvire der Königin Marie Antoinette an den Kaiſer Leopold finden ſich in: Goncourt: Hi- stoire de Marie Antoinette. 231 folgd. aller meiner Beredtſamkeit, trotz der dringenden Bitten des Fürſten Carl Liechtenſtein, trotz der heftigen Vor⸗ ſtellungen des Barons Thugut in Paris, trotz Ihrer Bitten und Vorſchläge immer noch nicht eine Kriegs⸗ erklärung gegen Frankreich haben erlangen können. Der Kaiſer iſt eigentlich der Anſicht des Fürſten Kaunitz, und die Briefe der Königin Marie Antoinette haben ihn nur darin beſtärkt. Erwägen Sie dies, und Sie werden nicht mehr ſagen, daß ich nichts gethan, nichts zu Stande ge⸗ bracht, daß ich keinen Eifer bewieſen für die heilige Sache, welcher ich diene und der ich mein Leben geweiht habe, um das Leben meines Gemahls dadurch zu er⸗ retten! Nun, mein Herr Oheim, bringen Sie Ihre An⸗ klagen vor und laſſen Sie mich verſuchen, ob ich mich rechtfertigen kann. Beweiſen Sie mir, daß ich es an Eifer habe fehlen laſſen.“ „Der Beweis liegt auf der Hand,“ ſagte der Ge⸗ neral achſelzuckend.„Sie ſind achtzehn Monate in Wien, und wir ſind eigentlich nicht weiter gekommen, als am erſten Tage Ihrer Ankunft.“ „Nicht weiter gekommen!“ rief die Gräfin.„Ueber⸗ legen Sie gefälligſt, was ſeitdem Alles geſchehen iſt! Damals hatten kaum die Annäherungsverſuche zwiſchen Preußen und Oeſterreich begſhe der König hatte ſeine 105 Truppen nach Schleſien geſendet, ebenſo der Kaiſer nach Böhmen. Der geringſte Anlaß konnte ein Zuſammen⸗ ſtoßen der beiden feindlichen Heere, einen Krieg zwiſchen Oeſterreich und Preußen hervorrufen. Aber es war des Kaiſers Leopold ernſtes Beſtreben, Frieden, dauernden Frieden zu machen mit Preußen, er machte daher den Vorſchlag, daß die Miniſter und Geſandten Preußens und Oeſterreichs zu einem Congreß zuſammentreten möchten, um über die Bedingungen eines dauernden Friedens zwiſchen den beiden Mächten zu unterhandeln.“ „Nun ja, dieſer Congreß kam auch zu Stande,“ rief Biſchofswerder lebhaft,„und die Convention von Reichenbach ward am 5. Auguſt 1790 abgeſchloſſen. Aber was war das Reſultat derſelben? Sie ſicherte nur den Frieden zwiſchen Oeſterreich und Preußen, ſie gab Preußen die Gebiete von Danzig und Thorn, aber ſie gab dem König Leopold von Ungarn die deutſche Königs⸗ krone. Oeſterreich verpflichtete ſich Friedensunterhandlun⸗ gen mit der Pforte anzuknüpfen und Rußland nicht län⸗ ger in ſeinen Kämpfen gegen die Türkei beizuſtehen, da⸗ gegen aber verpflichtete ſich Preußen im Verein mit Holland und England dem Kaiſer von Oeſterreich beizu⸗ ſtehen und zu helfen, daß die aufrühreriſchen belgiſchen Provinzen wieder unter ſeine Botmäßigkeit zurückkehrten. Das war das ganze Reſultat der Convention von Rei⸗ 1860. XXIV. Kaiſer Levpold der Zweite. HI. 7 „ 106 chenbach*). Sie ſetzte Leopold die deutſche Kaiſerkrone auf das Haupt, denn Preußen ſicherte ihm ſeine Stimme zu, und dadurch war die Wahl entſchieden.“ „Und der Kaiſer zeigte ſich dankbar, wie ich glaube,“ ſagte die Gräfin raſch.„Bei ſeiner Krönung zu Frankfurt legte er den feierlichen Eid ab, die deutſchen Fürſten, welche in Frankreich Beſitzungen hätten, auf jede Weiſe, müßte es ſein auch mit Waffengewalt, in ihren Rechten zu ſchützen und ihnen ihre Beſitzungen zu erhalten. Ein einziger Schrei der Wuth und des Entſetzens ging durch ganz Frankreich bei dieſer Kunde, und mit Schrecken und Zorn ſahen die franzöſiſchen Gewalthaber da jenſeits des Rheines zum erſtenmal das drohende Antlitz eines mächtigen Feindes ſich erheben.“ „Aber es blieb bei der Drohung,“ rief Biſchofs⸗ werder,„und ſelbſt als das franzöſiſche Miniſterium dem Kaiſer die trotzige Antwort gab, die klagenden deutſchen Reichsfürſten, welche über Gebietsentziehungen in Frank⸗ reich ſich beſchwerten, ſeien durch ihre Beſitzungen in Frankreich auch franzöſiſche Vaſallen, und was ihnen als ſolchen widerführe, gehe den deutſchen Kaiſer und den deutſchen Reichstag gar nichts an, ſelbſt da noch erhob Kaiſer Leopold nicht ſein Schwert, ſondern theilte nur *) Mémoires d'un homme d'état. Vol. I. 90 folgd. 107 dem deutſchen Reichstag dieſe Antwort mit, forderte das Reich auf, ſich der Fürſten anzunehmen, und ſprach den König von Schweden als Bürgen des weſtphäliſchen Frie⸗ dens um ſeine Hilfe an.“ „Nein,“ ſagte die Gräfin lebhaft,„nein, er that mehr. Er begab ſich nach Italien zu einer Zuſammen⸗ kunft und Beſprechung mit den franzöſiſchen Prinzen und deren Miniſter, ſo wie mit den geheimen Abgeſandten des Königs und der Königin von Frankreich. O, es hielt ſchwer genug, den Kaiſer zu dieſer Reiſe zu bereden, nur meinem tagelangen Bitten und Schmollen, den dringenden Vorſtellungen der Königin Caroline von Neapel, den Schmeicheleien des Fürſten von Liechtenſtein gelang es endlich den Kaiſer zu dieſer italieniſchen Rei über⸗ reden, die ſeiner innerſten Ueberzeugung widerſprach. Aber er unternahm ſie dennoch, und ich darf ſagen, der von Pavia*) war zum großen Theil mein erk. „Aber was hat er genützt dieſer vielbeſprochene Congreß? Freilich, der König erließ am achtzehnten Mai von Pavia aus ein Rundſchreiben und ſprach es laut vor aller Welt aus, daß er in Vereinigung mit ſeinen Verbündeten ſich der franzöſiſchen Politik und den Fol⸗ ) Im Mai 1791. 7* 108 gen und Wirkungen derſelben widerſetzen wolle*). Und damit gewiß Niemand an der Wahrheit ſeiner Geſinnun⸗ gen zweifeln ſolle, ließ er dieſem Rundſchreiben am 6. Juli von Padua aus noch eine fulminante dro⸗ hende Erklärung folgen, in welcher er der National⸗ Verſammlung feierlich verkündete,„daß, wenn ſie dem König von Frankreich und ſeiner Familie nicht augen⸗ blicklich ihre Freiheit wieder gäben, die Autorität des Thrones und der Monarchie wiederherſtellten, und dem König es möglich machten, aus freiem Willen zu regie⸗ ren, der Kaiſer von Oeſterreich im Vereine mit ſeinen Verbündeten alle und jede Mittel anwenden würden, um endlich das aufrühreriſche franzöſiſche Volk wieder zur Ruhe und Unterwerfung zu zwingen und den Skandal einer offenen Revolution, wie ihn Frankreich gegen ſeinen König ausübe, enden zu machen.“ ZJa, das Alles beſagte dieſe großartige martialiſche Erklärung von Padua, und wir Alle, die wir die heiligen Principien des Friedens und der Monarchie von Gottes Gnaden verfechten und vertheidigen, wir freuten uns des endlichen Sieges, und bereiteten uns in unſerm Herzen ſchon vor zu dem hei⸗ ligen Kriege gegen das Ungehener der Anarchie, gegen 8 ſer Geſchichte des achtzehnten Jahrhunderts. Th. V. 109 dies vielköpfige, ſcheußliche Ungethüm der Apokalhpſe, das des heiligen Johannes gottbegeiſtertes Auge vorherge⸗ ſehen, und das jetzt in Frankreich ſein ſcheußlich Haupt gegen das übrige Europa zähnefletſchend erhob. Aber ich frage Sie, meine ſchöne, gelehrte Nichte, was waren die Folgen dieſer drohenden Erklärung von Mantua? Kam es zu dem ſo lange, ſo ſehnlich gewünſchten Kriege?“ „Leider, nein,“ ſeufzte die Gräfin.„Gott allein weiß, wie viel Thränen, wie viel Kummer und Pein mir dieſe neue Zögerung, dies abermalige Aufſchieben und Warten gekoſtet hat. Ich glaubte mich endlich am Ziel, und mußte troſtlos zuſehen, wie es mit wieder entſchlüpfte. Der Kaiſer zögerte und wartete weil er hoffte, die königliche Familie durch die Flucht Händen ihrer Feinde erretten zu können. Baron Thugut hatte dazu einen Plan entworfen und hegte die größte Hoffnung des glücklichen Erfolges. Der Kaiſer wollte alſo warten, bis der König und die Königin von Frank⸗ reich in Sicherheit, nicht mehr bedroht wären von der Wuth ihrer Feinde, und dann erſt wollte er Frankreich förmlich d den Krieg erklären und ſeine Armee marſchiren laſſen. Sie wiſſen aber, daß dieſe ſo lange, ſo ſorgſam vorbereitete Flucht mißlang, daß die königliche Familie in Varennes verhaftet und nach Paris zurückgeführt ward, daß die National⸗ Verſammlung es wagte den König und aus den 110 die Königin zur Rechtfertigung zu ziehen und als Ge⸗ fangene der Nation zu behandeln. Zetzt ſchien es dem Kaiſer zu gefährlich, der furchtbar aufgereizten franzöſi⸗ ſchen Nation den Krieg zu erklären, denn dieſe Kriegs⸗ erklärung ihres Bruders konnte leicht die Königin Marie Antoinette auf das Schaffot bringen. Zudem meldete Baron Thugut von einem neuen Plan zur Flucht, für den er Barnave und Theroigne de Mericvurt gewonnen habe und auf deſſen ſicheres Gelingen er hoffte.“ „Aber auch dieſe Hoffnung ging zu Schanden und die Flucht mißlang,“ ſagte der General achſelzuckend. es an der Zeit geweſen, endlich die Drohun⸗ gen zut Wahrheit zu machen, endlich den Krieg zu erklä⸗ ren, it der Gewalt der Waffen das gefangene, ſchmachvoll gedemüthigte Königspaar zu befreien. Sie erinnern ſich, daß ich eigens hieher nach Wien kam, um Sie zu beſchwören, all ihren Einfluß aufzubieten, damit dies endlich geſchehen möchte, damit Deutſchland wie Ein Mann ſich erhebe gegen die ſcheußliche Anarchie und Re⸗ volution, die von Frankreich her ganz Europa bedrohte, und allem Alten, Beſtehenden, Geheiligten den Umſturz geſchworen hatte!“ „Aber meine Macht ſcheiterte an dem Willen des Kaiſers, an ſeiner Ueberzeugung, daß die Stunde noch nicht gekommen ſei, um Frankreich zu unterjochen und des 111 Sieges gewiß zu ſein. Alles, was ich erlangen konnte, war, daß der Kaiſer einwilligte, die von Ihnen und Ihrem König begehrte perſönliche Zuſammenkunft ſtatt finden zu laſſen und abermals einen Congreß zu ver⸗ anſtalten.“ „Ja, und ſo geſchah's,“ rief Biſchofswerder mit einem ſpöttiſchen Lachen.„Wir hatten abermals einen Congreß! Zu Pillnitz war's, wo ſich am fünfundzwan⸗ zigſten Auguſt der Kaiſer von Oeſterreich und der König von Preußen zu einem Congreß vereinigten, an welchem ſich ihrer Aufforderung gemäß alle Fürſten Deutſchlands betheiligen ſollten. O, wie viel ward da zu Pillnitz ge⸗ redet und unterhandelt und gedroht! von den eingeladenen deutſchen Fürſten kam kein Einziger, aber ſie thaten doch Etwas! Die Churfürſten von Cöln und Trier öffneten wenigſtens den Emigranten ihre Staaten, nahmen die franzöſiſchen Prinzen, denen der Kaiſer kurz zuvor den Aufenthalt in Oeſterreich verſagt hatte, bereit⸗ willig auf, und erlaubten ihnen offen und frei die Kriegs⸗ rüſtungen gegen Frankreich zu beginnen. Wir aber in Pillnitz, wir ſchwatzten und drohten und verhandelten nur, und wäre nicht uneingeladen der Graf von Artvis mit ſeinem Miniſter Calonne auch nach Pillnitz zu dem Con⸗ greß gekommen, ſo wär's beim bloßen Sprechen und Con⸗ feriren und Drohen geblieben, und wir hätten gar kein 112 Reſultat gehabt. So aber kam es mindeſtens doch zu Et⸗ was, thaten wir doch einen Schritt vorwärts, und ich darf ſagen, das, was wir thaten, war mein Werk und das des Miniſters Calonne. Während die Monarchen ſich nach Dresden begaben, um dort ſich ein wenig zu erho⸗ len und zu amuſiren, arbeiteten der Baron Spielmann und ich in Pillnitz an dem Manifeſt, das die Monarchen an Europa erlaffen wollten, und Dank den Bemühungen des Grafen von Artvis hatten die Monarchen es geſtattet, daß auch der edle, von heiligem Eifer für die Monarchie durchglühte Graf Calonne an unſern Unterhandlungen Theil nehmen durfte. Graf Calonne war es, der dem vom Baron Spielmann und mir aufgeſetzten Manifeſt den pika Schlußſatz hinzufügte, der mit ſeiner feuri⸗ gen Beredtſamkeit mich dahin brachte, daß ich ihn willig adoptirte, daß ich ſodann den König, meinen allergnädig⸗ ſten Herrn bewog, durch ſeine Bitten und Vorſtellungen den Kaiſer Leopold zu überreden, daß auch er dieſen herrlichen Schlußſatz des Manifeſtes anerkennen und gut heißen wolle. Und gelobt ſei Gott, der Kaiſer gab nach, er adoptirte das ganze Manifeſt und gab ihm gleich dem König ſeine Unterſchrift Dieſer Schlußſatz des Manifeſtes lautete:„Ihre Maje⸗ ſtäten haben beſchloſſen, ſchnell und einſtimmig zur Viederher⸗ 113 „Und mich erfüllte dieſes Manifeſt mit Freude und Entzücken,“ ſeufzte die Gräfin;„ich glaubte ſeiner krie⸗ geriſchen Sprache, glaubte, daß der Vertrag von Pillnitz, den der Kaiſer und der König genehmigt hatten, endlich die bange Ungewißheit löſen, endlich mich von der Laſt meiner Feſſeln und meiner Schmach befreien würde, daß ich endlich am Ziele ſei. Aber ach, wenige Tage genügten, um alle meine Hoffnungen zu zerſtören und mich meine Siſyphus⸗Arbeit aufs Neue zu beginnen zu laſſen. Der Kaiſer, von den übrigen deutſchen Mächten, von dem Vertreter Frankreichs über den Inhalt des Vertrages von Pillnitz befragt, und ob er in der That willens ſei mit Waffengewalt den Thron wieder herzuſtellen, der Kaiſer läugnete eine ſolche Abſicht zu hegen, und des⸗ avouirte die einzelnen kriegeriſchen Artikel des Vertrages von Pillnitz. Alle Anſtrengungen, alle Bemühungen wa⸗ ren abermals in Nichts zerfallen, und keinen weitern Er⸗ folg hatte die Zuſammenkunft in Pillnitz gehabt, als daß ſie die franzöſiſchen Aufrührer in ihrer Wuth und ihrem Zorn noch furchtbarer aufgereizt, die Lage des gefangenen Königs und ſeiner Gemahlin noch verſchlimmert hatte.“ ſtellung der monarchiſchen Gewalt in Frankreich mit der nöthigen Militairmacht behilflich zu ſein, und werden demgemäß alsbald ihre Truppen in Bewegung ſetzen, um ſie ſogleich gebrauchen zu 10 können.“ Siehe: Schloſſer: Geſchichte des achtzehnten Jahrhun⸗ derts. V S. 367. 114 „Ja, der unglückliche König ſah ſich genöthigt, die ſogenannte Conſtitution, das fluchwürdige Machwerk der Aufrührer und Jacobiner anzunehmen und zu beſchwören,“ ſeufzte der General;„er mußte der neuen Schmach ſein Haupt beugen, mußte ſich erniedrigen zum müßigen Spiel⸗ zeug der wüthenden Schreckensmänner der National⸗Ver⸗ ſammlung, die ſich zum Herrn über den König von Frank⸗ reich geſetzt hat, und ſeinen Thron unter ihre ſchmutzigen Füße treten wird, wenn nicht endlich Gott die Herzen der Fürſten erleuchtet und ihre Arme bewaffnet mit dem Schwert der Gerechtigkeit und der Rache! Was hat es geholfen, daß die Brüder des Königs von Frankreich laut und feierlich proteſtirt haben gegen dieſe fluchwürdige neue Conſtitution, daß ſie feierlich vor ganz Europa er⸗ klären, der König habe nur gezwungen den Eid abgelegt, und ein ſolcher gezwungener Eid ſei nichts weiter als ein Meineid. Die Conſtitution beſteht, und der König beugt ſein Haupt unter die Revolution, und hofft vergeblich auf Hilfe von außen! Freilich, die franzöſiſchen Prinzen werben am Rhein eine Armee, Tauſende ſtrömten zu ihren Fahnen, und bald hätten ſie eine Armee gen Frankreich zur Rettung des Königs und der Monarchie führen kön⸗ nen. Aber da kam jenes drohende Decret der franzöſiſchen National⸗Verſammlung, da erklärte die geſetzgebende Ver⸗ ſammlung die Todesſtrafe gegen jeden Franzoſen, der 115 nicht ſofort das Heer der Emigranten verlaſſe, da zwan⸗ gen ſeine entarteten Miniſter den König Ludwig von Frank⸗ reich zu jener drohenden Note, in welcher der König Lud⸗ wig dem Kaiſer erklärt, daß, wenn die Zuſammenrottun⸗ gen und Bewaffnungen der Emigranten am Rhein nicht bald durch einen Machtſpruch des deutſchen Kaiſers aus⸗ einander gejagt und dem Churfürſten von Trier befoh⸗ len würde, nicht ferner ſolche Zuſammenrottungen in ſei⸗ nen Staaten zu dulden, er, der König von Frankreich, ein Heer von zwanzigtauſend Mann ausſchicken würde, um die Emigranten mit Gewalt von den franzöſiſchen Grenzen zu vertreiben und ſie auseinander zu ſprengen*). „Aber der Kaiſer gab diesmal ſolcher Drohung nicht nach,“ ſagte die Gräfin haſtig.„Er notificirte dem König von Frankreich, daß er dem General Bender Be⸗ fehl ertheilt, ſofort aus den Niederlanden an den Rhein zu marſchiren und dem Churfürſten von Trier beizuſte⸗ hen, ſobald auch nur ein franzöſiſches Regiment ſein Ge⸗ biet betrete.“ „Ja, es iſt wahr, der Kaiſer gab dieſe Erklärung,“ rief Biſchofswerder achſelzuckend,„aber zu gleicher Zeit ließ er als Oberhaupt Deutſchlands innerhalb des deut⸗ ²) Coxe: History of the house of Austria. Vol. V. S. 163. —————— — 116 ſchen Reiches die Errichtung von Emigrantencorps feier⸗ lich und ſtreng verbieten, und befahl dem Churfürſten von Trier die Emigranten nicht länger in ſeinen Staaten zu dulden. Und als ſei es noch nicht genug an dieſen öffentlichen Demonſtrationen ſeiner friedfertigen Geſin⸗ nung, ging der Kaiſer ſogar ſo weit, in Brüſſel die Emi⸗ granten zu beſtrafen, welche die neuen franzöſiſchen Na⸗ tionalfarben beſchimpft hatten*). Dies geſchah vor vier Wochen zu Ende des Monats Januar, und nichts iſt ſeitdem geſchehen, um Zeugniß zu geben von der kriegeri⸗ ſchen Geſinnung des Kaiſers Leopold, nichts, welches mir beweiſen kann, daß meine ſchöne Nichte noch eingedenk iſt ihres Eides und ihrer übernommenen Verpflichtungen, daß ſie nicht vergeſſen hat, mit welchem Preiſe wir ihr die Förderung unſerer Plane lohnen werden, daß wir endlich in ihre Hand das Leben und die Freiheit ihres Gemahls gelegt haben! Ich ſage Ihnen aber, Louiſe, die Zeit des Zauderns und des Zuwartens iſt jetzt vor⸗ über! Es müſſen Thaten geſchehen, und ein unzweideutig Zeugniß der wahren Geſinnung und des wahren Wollens muß abgelegt werden vor ganz Europa, damit die Guten und Getreuen nicht ermatten im Muth und in der Hoff⸗ nung, damit die Böſen und Aufrührer endlich erkennen Siehe: Schloſſer. V. 380. 17 mögen, daß es jetzt endlich Ernſt iſt mit dem Zorn der Könige und Fürſten, daß die Stunde der Strafe und der Rache endlich für ſie geſchlagen hat. Ja, Gott hat es mir verkündet in meinen heiligen Geſichten, er hat es mir offenbart durch Zeichen und Erſcheinungen, daß er Selber will, es ſolle der heilige Kreuzzug gegen die Gotteslä⸗ ſterer und die Königsläugner beginnen. Gott iſt es, der mich hieher geſandt hat, damit ich die Zaudernden auf⸗ rufe zur Thar, die Schwankenden zur Feſtigkeit ermahne, die Lauen erfülle und durchglühe mit dem heiligen Feuer der Begeiſterung. Louiſe, ich bin da Sie zu mahnen an Ihr Gelübde! Gott will, daß Sie dem Vaterlande die⸗ nen, daß Sie mit dem Guten, welches Sie zum Wohl Deutſchlands beginnen, ſich loskaufen von aller Reue und aller Schmach, ſich ein neues Leben in einer neuen Welt verdienen. Nun frage ich Sie, meine Bundes⸗ genoſſin, ſind Sie bereit, Ihren Schwur zu erfüllen?“ „Ja, ich bin bereit,“ ſagte Louiſe feierlich,„bin be⸗ reit Alles zu thun, was in meinen Kräften ſteht, um endlich, o endlich das erſehnte Ziel zu erreichen, das mich und ihn frei macht und erlöſt. Sagen Sie mir, was ich thun ſoll, und wenn ich es vermag, werde ich es thun!“ „Nun wohlan denn, ſo hören Sie! Zetzt, belehrt von den furchtbaren Erfahrungen der letzten Wochen, iſt die Königin Marie Antvinette nicht mehr überzeugt, daß 118 es genügt Frankreich mit dem Krieg zu drohen, um es zur Beſinnung zu bringen. Freilich, der arme König Lud⸗ wig zaudert und ſinnt noch immer, denn er iſt leider ein Mann ohne Energie und Willenskraft, ohne die Feſtig⸗ keit, die einem König nothwendig iſt. Aber Marie An⸗ toinette trägt in ihrem edlen Buſen das Herz eines Kö⸗ nigs und einer Königin zu gleicher Zeit, ihr iſt es ge⸗ geben mit klarem Blick in die Zukunft zu ſchauen und von den Schreckniſſen derſelben ſich belehren zu laſſen. Sie weiß, daß ſie verloren iſt, wenn nicht bald ihr Ret⸗ tung und Hilfe von außen zu Theil wird, ſie weiß, daß der Krieg jetzt ihre einzige, ihre letzte Hoffnung und Ret⸗ tung iſt. Aber ſie kennt auch den vorſichtigen, überlegen⸗ den und milden Charakter ihres Bruders, des Kaiſers Leopold, und weiß, daß er nicht die ſchwere Verantwor⸗ tung auf ſich laden möchte, daß er es ſei, welcher über Deutſchland die Schreckniſſe des Krieges herauf be⸗ ſchworen. Aber ſie weiß auch, daß er in ſeinem ritter⸗ lichen und tapfern Sinn den Fehdehandſchuh, den man ihm hinwirft, aufnehmen, die Herausforderung zum Kriege nicht zurückweiſen wird. Es kommt alſo Alles darauf an, daß Frankreich es iſt, welches dem Kaiſer den Krieg er⸗ klärt, und dazu glaubt die Königin Marie Antoinette ein Mittel gefunden zu haben.“ 119 rief die Gräfin, ihre Arme gen Himmel erhebend.„Möge das Mittel ſeinen Zweck nicht verfehlen, und möge es mir vergönnt ſein, zur Erreichung des Ziels wirkſam ſein zu können.“ „Es liegt allein in Ihrer Hand, daß Sie es ſind,“ ſagte Biſchofswerder feierlich.„Hören Sie! Die Köni⸗ gin Marie Antvinette hat ſich in's Geheim mit einigen Mitgliedern der National⸗Verſammlung, auf deren Treue ſie rechnen durfte, berathen, ſie hat namentlich mit dem treuen und eifrigen Barnave ernſte Unterhandlungen ge⸗ pflogen. Auch dieſer iſt der Meinung, daß nur ein Krieg die königliche Familie zu retten vermöge, daß man da⸗ durch allein der leidenſchaftlichen Aufgeregtheit des fran⸗ zöſiſchen Volkes eine andere Richtung geben, ſeine blut⸗ gierigen Blicke ablenken könne von der Königsfamilie auf den Feind da außen. Es kam alſo darauf an, ein Mittel zu erſinnen, die geſetzgebende Verſammlung ſo zu reizen, daß ſie die Initiative ergreife, daß ſie dem Kaiſer von Deutſchland den Krieg erkläre. Dies Mittel hat Barnave vorgeſchlagen, und die Königin hat es adoptirt. Hören Sie nur! Der franzöſiſche Miniſter de Leſſart hat endlich vor vier Wochen dem Drängen der geſetzgebenden Verſammlung nachgeben müſſen, und beim Cabinet von Wien Beſchwerde geführt über die drohende Stellung, welche Oeſterreich Frankreich gegenüber einnehme. Er hat eine Erklärung gefordert über die beſtändigen Conferen⸗ zen und Congreſſe der beiden deutſchen Großmächte, und begehrt, von dem Inhalt der abgeſchloſſenen Tractate un⸗ terrichtet zu werden. Aber Oeſterreich iſt bis jetzt dem franzöſiſchen Miniſter die Antwort ſchuldig geblieben.“ „Und man will jetzt, daß eine Antwort ertheilt werde, welche Frankreich zwingt den Krieg zu erklären, nicht wahr?“ „Sie haben es errathen, meine ſchöne Nichte! Ja, man muß dem übermüthigen franzöſiſchen Miniſterium oder vielmehr der geſetzgebenden Verſammlung eine Ant⸗ wort geben, welche ſie zwingt, Oeſterreich zum Krieg her⸗ auszufordern. Dieſe Antwort hat Barnave aufgeſetzt; er, der alle Parteien, alle hervorragenden Charaktere der Verſammlung kennt, deren Mitglied er ja iſt, er konnte auch am beſten ermeſſen, welche Reizungen und Beleidigungen am geeigneteſten angewendet werden müß⸗ ten. Barnave alſo hat der Königin eine Schrift über⸗ geben, die in Form eines Manifeſtes die Antwort des Kaiſers Leopold an den Miniſter de Leſſart und die ge⸗ ſetzgebende Verſammlung enthält. Die Königin hat dies Manifeſt gebilligt, es durch einen ihrer Vertrauten nach Brüſſel geſandt, und von dort hat es der treue und un⸗ ermüdliche Agent der Königin, Graf Stephan von Dur⸗ fort icher nach Wien gebracht. Vor fünf Stunden iſt 121 der Graf hier angelangt, nachdem er zuvor in Berlin ge⸗ weſen und dort ein Schreiben der Königin Marie An⸗ toinette an den König übergeben hat, ein Schreiben, in welchem die Königin auch die Hilfe und den Beiſtand Preußens anruft. Der König, mein allergnädigſter Herr, hat den Grafen Durfort an mich gewieſen, er hat ihm geſagt, daß ich ihm die Mittel angeben und mit ihm be⸗ rathen würde, wie man den Kaiſer Leopold dahin brin⸗ gen könne, das von der Königin geſandte Manifeſt zu adoptiren, und es als den Ausfluß ſeiner eigenen Ge⸗ ſinnung durch den Fürſten Kaunitz nach Paris zu ſchik⸗ ken*). Ich habe dem Grafen ihre Mitwirkung und Zh⸗ ren Beiſtand verſprochen, ich habe ihm geſagt, daß Sie uns helfen werden, den Kaiſer zur Annahme des Mani⸗ feſtes zu bewegen. Nun, Louiſe, erklären Sie ſich, wollen Sie mich desavouiren, oder wollen Sie uns beiſtehen?“ „Ehe ich darauf antworte, General,“ ſagte ſie mit bebender Stimme,„ehe ich mich entſcheide, bitte ich mir zu ſagen, ob wir außerdem mit unſerer politiſchen Con⸗ ferenz zu Ende ſind?“ „Ja, wir ſind zu Ende, theuerſte Gräfin.“ „Nun denn, am Ende unſerer politiſchen Con⸗ ferenz wollten Sie mir die Nachrichten mittheilen, welche ) Siehe: Schloſſer. V. 382. 1860. XXIV. Kaiſer Leopolb der Zweite. III. 8 122 Sie von meinem theuren, unglücklichen Gemahl erhal⸗ ten haben.“ „Wohlan es ſei, ich will großmüthiger ſein, als Sie es ſind. Ich will, obwohl Sie mir noch nicht Ihre Mit⸗ wirkung für das Manifeſt zugeſagt haben, Ihnen doch Ihren Wunſch erfüllen. Hier, ſehen Sie dies hier! Er⸗ kennen Sie dieſe Handſchrift?“ Er zog aus ſeiner Buſentaſche einen Brief hervor und hielt ihn der Gräfin dar. „Ein Brief!“ rief ſie aufjauchzend.„Ein Brief von ihm und an mich adreſſirt! O geben Sie, mein Oheim, geben Sie! Warum zögern Sie, Oheim, warum halten Sie ihn feſt? Mein Gott, fühlen Sie denn nicht, daß ich vergehe vor Sehnſucht nach dieſem theuren, lang entbehr⸗ ten Schatz! Ein Brief von ihm! Seit achtzehn Mona⸗ ten habe ich ſeine Schriftzüge nicht geſehen, habe ich nicht gewußt, ob er noch mein gedenkt, mich noch liebt! Nur daß er lebt, haben Sie mir geſagt, keine weitere Kunde durfte von ihm zu mir gelangen.“ „Der Commandant hatte ſtrengen Befehl, dem Ge⸗ fangenen keinen Verkehr mit der Außenwelt zu geſtatten, und er iſt ein ſehr pfineuer Soldat. Nur auf meinen dringenden Wunſch hat er dem Gefangenen ge⸗ ſtattet einige Worte an Sie zu richten, und dieſe ſind von dem Commandanten mir zur Beſorgung übergeben — 123 worden. Es iſt eine neue Verletzung des königlichen Ge⸗ bots, welche ich mir da um Ihretwillen zu Schulden kommen laſſe!“ „Mein Gott, haben Sie doch Erbarmen,“ rief Louiſe außer ſich, in Thränen ausbrechend,„geben Sie mir endlich dieſen Brief. Laſſen Sie mich endlich die theuren Worte leſen, die er mir geſchrieben!“ „Wohlan, Louiſe, nehmen Sie,“ ſagte der General feierlich, indem er ihr den Brief darreichte. Sie ergriff ihn mit einem Aufſchrei des Entzückens, und ihre Finger zitterten ſo heftig, daß ſie kaum im Stande war, das Siegel zu erbrechen und das Papier zu entfalten. Dann, als ſie bebend, mit hochfliegendem Buſen, mit angehaltenem Athem zu leſen begann, tönte wieder ein Schrei von ihren Lippen, aber es war ein Schrei der Angſt und des Entſetzens. „Er iſt krank,“ ſchrie ſie,„o er iſt krank, und er ruft nach mir. Leſen Sie, Oheim, leſen Sie, aber laut, damit ich ſeine Worte höre, damit ſie die Luft dieſes Zimmers wie mit dem Donner des Weltgerichts er⸗ füllen!“ Der General nahm das Papier, und mit lauter Stimme las er:„Meine theure, ewig geliebte Louiſe! Gedenke mein und liebe mich. Ich bin krank, aber ich 8* 124 glaube, es iſt nur die Sehnſucht nach Dir, welche mich krank gemacht. Wäre ich bei Dir, nicht einſam hier in meinem finſtern, öden Kerker, wäre ich frei und an Deiner Seite, v dann würde das Glück, die Liebe, die Freiheit mir die Geneſung wieder geben! O Louiſe, bete zu Gott, daß er uns bald wieder vereine! Dein Dich ewig liebender Gatte.“ „Bete zu Gott, daß er uns bald wieder vereine!“ wiederholte Louiſe unter ſtrömenden Thränen.„O wie viel habe ich nicht gebetet, gejammert, auf meinen Knieen gelegen und zu Gott empor gefleht; aber mein Gebet iſt umſonſt geweſen, und umſonſt all' mein Thun, um⸗ ſonſt, daß ich Schande und Schmach auf mein Haupt geladen, umſonſt, daß ich es auf mich genommen, mich in die Politik, die Welthändel zu miſchen. Ich habe nichts erreicht, nichts durchgeſetzt, und Er, um den ich Alles gethan, Alles gelitten, Er wird ſterben, fern von mir, im Gefängniß!“ „Nein, Gott iſt gütig und voll Erbarmen,“ ſagte der General feierlich.„Nein, er wird nicht ſterben, er wird leben, wenn Sie ihm bald die Freiheit wieder ge⸗ ben. Sehen Sie hier die Gutachten der beiden Aerzte, die ich, ſobald ich von ſeiner Kränklichkeit hörte, zu ihm ſandte. Hier dieſes Schreiben iſt von dem Militairarzt der Garniſon von Graudenz. Er ſchreibt, der Graf 125 Wolkenſtein ſei allerdings leidend, ſeine Bruſt ſei an⸗ gegriffen, er huſte Morgens viel und werde Abends öfter von Fieberhitze geplagt. Dennoch aber hege er, der Arzt, die Ueberzeugung, daß es kein organiſches Uebel ſei, an welchem der Gefangene leidet, ſondern daß der Kranheitszuſtand nur die Folge der Kerkerluft, des Mangels an Bewegung, der Sehnſucht nach ſeiner Ge⸗ mahlin ſei. Hier dieſes zweite Atteſt iſt von dem Stadt⸗ phyſicus von Graudenz, und es beſtätigt ganz genau die Anſicht des Militairarztes. Hier leſen Sie!“ Louiſe nahm mit zitternden Händen die Papiere, und während ſie dieſelben las, floſſen ihre Thränen, Bä⸗ chen gleich, über ihre Wangen nieder. „Er wird ſterben, ja, er wird ſterben,“ murmelte ſie.„Alles wird umſonſt ſein, er wird ſterben!“ „Muth gefaßt, Louiſe, Muth,“ rief der General; „Sie ſind nah' am Ziel, wenn Sie nur wollen! In Ihrer Hand liegt es ja, den Gemahl zu befreien, ihn vom Tode zu erretten! Wenden Sie all' Ihren Einfluß an, um den Kaiſer zur Annahme des Manifeſtes zu be⸗ reden, um ihn dahin zu bringen, daß er dem Fürſten Kaunitz befiehlt, dies Manifeſt im Namen des Kaiſers an das franzöſiſche Miniſterium zu ſenden. Beweiſen Sie es, daß der Kaiſer Sie liebt, daß Sie Macht über ihn haben, daß es Ihr ernſter Wille iſt, den Gemahl zu er⸗ 126 löſen. Rechtfertigen Sie ſich und Ihre Vergangenheit, indem Sie durch Ihre Zukunft der Welt beweiſen, daß nur die Liebe zu Ihrem Gemahl Sie zu dem gemacht und getrieben hat, was Sie in der Gegenwart ſind. Ret⸗ ten Sie Ihren Gemahl von Krankheit und Tod, fliehen Sie mit ihm. Ich werde Ihnen dazu die Mittel und Wege zeigen, und damit Sie ſehen, daß ich Mitleid habe mit Ihrer Angſt und mit Ihrem Kummer, hören Sie! Ich habe Ihnen verſprochen, Sie mit Ihrem Gemahl zu vereinigen, und dieſem, wie Ihnen zur Flucht aus Graudenz behilflich zu ſein; ich habe Ihnen verſprochen, daß dies geſchehen ſoll, ſobald der Kaiſer Frankreich den Krieg erklärt hat, ſobald ſeine Armee im Verein mit der preußiſchen Armee nach Frankreichs Grenzen ab⸗ marſchirt. Nun wohl, jetzt ſage ich: wir wollen nicht ſo lange warten mit der Befreiung Ihres Gemahls. Ma⸗ chen Sie, daß der Kaiſer das Manifeſt adoptirt. Es war ihm ſchon einmal durch die geheimen Boten des Ba⸗ rons Thugut überſandt, und der Kaiſer hat es abgelehnt, dies kriegeriſche Manifeſt als den Ausdruck ſeiner Ge⸗ ſinnung anzunehmen, machen Sie, daß er es jetzt thut, daß er das Manifeſt nach Paris ſendet, und dann wer⸗ den wir ja ſehen! Trügen unſere Berechnungen und Hoffnungen nicht, erklärt Frankreich alsdann dem Kaiſer von Oeſterreich den Krieg, nun, ſo wollen wir nicht 127 warten, bis die Armeen marſchiren, ſondern noch bevor dies geſchieht, reiſe ich mit Ihnen nach Graudenz!“ Die Gräfin reichte ihm mit einem ſtrahlenden Lä⸗ cheln ihre beiden Hände dar.„Gott ſegne Sie, mein Oheim, Gott ſegne Sie,“ ſagte ſie feierlich.„Alles, was Sie mir jemals Böſes gethan, ſei ausgelöſcht und vergeſſen in dieſer Stunde. Sie werden mit mir nach Graudenz fahren, Sie werden mir helfen meinen theuren Gatten zu befreien, mit ihm zu entfliehen. Gott ſegne Sie!“ „Und das Manifeſt?“ fragte Biſchofswerder. „Glauben Sie, daß es Ihnen gelingen wird, den Kaiſer zur Annahme zu bewegen?“ „O,“ ſagte ſie mit einem ſtolzen Lächeln,„ich zweifle nicht daran. Der Kaiſer liebt mich wahrhaft, und ich werde alle meine Kunſt und Geſchicklichkeit aufbieten, um ihn zu überreden. Auch werde ich mir Bundes⸗ genoſſen dazu werben; Fürſt Carl Liechtenſtein wird freudig bereit ſein, mir zu helfen, wenn es gilt dem Krieg mit Frankreich um einen Schritt näher zu kommen. Zweifeln Sie nicht, mein Oheim, es wird, es muß ge⸗ lingen. Bringen Sie mir morgen den Grafen Durfort hieher. Ich ſelbſt werde ihn dem Kaiſer vorſtellen, und ich werde ihn ſo lange beſtürmen mit Bitten und Vor⸗ 128 ſtellungen, bis er mir nachgibt! Das Manifeſt wird ab⸗ geſandt, Frankreich erklärt Oeſterreich den Krieg und ich— o, ich werde meinen Geliebten befreien!“ Sechstes Capitel. Die Gefangene. Sechs Monate der Gefangenſchaft, das heißt, ſechs Monate der Qual, der Entbehrung und der Schmerzen! Sechs Monate da zu ſitzen in einer engen, düſtern Kam⸗ mer, niemals den Laut einer befreundeten Stimme zu hören, vergeſſen von der Welt, ein ausgelöſchter Name, eine unbekannte Exiſtenz! Das war das Schickſal der armen Theroigne de Mericourt, darüber grübelte und ſann ſie in ihrem einſamen, düſtern Kerker. Ja, ſie war vergeſſen, von aller Welt vergeſſen, ſogar von denen, welche ſie eingekerkert! Sechs Monate waren vergangen, ſeit ſie hier in Wien angelangt war, und nicht einmal war ſie vor irgend eine Behörde, einen Richter geführt; kein Menſch war gekommen, um von ihr Rechenſchaft zu fordern über ihre Thaten, keine Anklage war wider ſie erhoben worden. 129 „Und weſſen könnte man mich auch anklagen?“ ſagte Theroigne zu ſich ſelber.„Was habe ich gethan, das ſie mir hier als ein Verbrechen auslegen dürften? Ich bin keine Unterthanin des Kaiſers von Oeſterreich, er hält mich hier feſt wider alles Völkerrecht. Und was that ich ihm? Wie kann er mich ſtrafen wollen dafür, daß ich das nicht gethan habe, was ſeine geheimen Agenten von mir forderten? Sie hatten mich erkaufen wollen, daß ich der Königin Marie Antvinette zu ihrer Flucht behilflich ſei. Ich habe in einem Anfall eifer⸗ ſüchtiger Tollheit mein Verſprechen nicht erfüllt, ich habe die Königin nicht errettet, aber ich habe das Geld, wel⸗ ches mir der Graf Merch beinah aufgedrungen, auch freiwillig wieder herausgegeben. Das Einzige, deſſen man mich anklagen könnte, wäre alſo der kleine Dieb⸗ ſtahl, den ich im Kleiderſchrank des jungen Grafen Merch ausgeübt. Aber um dieſer Kleinigkeit willen hatten ſie nicht nöthig mich nach Wien zu ſchleppen, ſondern dafür würde ich in Belgien meine Strafe haben empfangen müſſen. Sie wollen mich aber gar nicht ſtrafen, ſie wollen mich nur verſchwinden und vergeſſen machen. Sie wollen mit mir die Geheimniſſe begraben, die ſie mir anvertraut, ſie wollen es verhindern, daß ich in Paris Enthüllungen mache über die Plane und Umtriebe der Emigranten, wie ich das doch könnte nach den Mittheilungen des alten 130 Grafen Merch. Ich bin ein verlornes Geſchöpf, ein un⸗ glückſeliges Schlachtopfer der Politik! Sie haben mich lebendig begraben!“ Und wie ſie das dachte, ſchrie ſie laut auf vor Zorn, ſtampfte ſie mit den Füßen den Boden, und jammerte und klagte ſo laut, daß der Gefangenwärter entſetzt her⸗ beirannte, und da er ihre flammenden Blicke, ihr zorn⸗ geröthetes Angeſicht, ihre wüthenden Bewegungen ſah, den Strom von Worten hörte, die ihren zitternden Lip⸗ pen entrollten, deren Bedeutung er aber nicht verſtand, vermeinte, ſeine Gefangene ſei von augenblicklicher Toll⸗ heit befallen worden. Es war nicht das erſtemal, daß er ſolche traurige Wirkungen der Kerkerhaft erlebt hatte, und gar oft war es geſchehen, daß in ſolchen Anfällen raſender Verzweiflung die Gefangene Hand an ſich ſelber gelegt und ein Leben geendet hatten, das ihnen zur Laſt geworden. Der Gefangenwärter hielt es daher für ge⸗ rathen, ſeine Gefangene vor ſolchem tragiſchen Ausbruch ihrer Verzweiflung zu behüten, und die Zwangsjacke ſchien ihm dazu das geeigneteſte Mittel. Acht Tage lang hatte Thervigne, die Amazone der Pariſer Clubbs, die Hervine der Straßenemeuten, acht Tage hatte ſie die Schmach erduldet, mit zuſammen⸗ geſchnürten Gliedern, ihre reizende, ſo oft bewunderte Geſtalt entſtellt und verrenkt zu ſehen von dieſem furcht⸗ 131 baren Marterwerkzeug der verzweifelnden Gefangenen, von der Zwangsjacke! Anfangs hatte Thervigne geklagt und gejammert, hatte die öden Wände ihres einſamen, dumpfen Kerkers erfüllt mit ihren Klagen und ihrem Geſchrei, hatte, ſo oft der Schließer zu ihr eintrat, um ihr die dürftige Nahrung zu reichen, ihn überfluthet mit ihren Vorwürfen und Verwünſchungen, die er, des Fran⸗ zöſiſchen unkundig, nicht verſtand. Dann war ſie ſtill ge⸗ worden, dann war dem Paroxismus der Verzweiflung die Ueberlegung gefolgt, und ſie hatte begriffen, daß nur der Anſchein der Ruhe und der Reſignation ſie von der Zwangsjacke befreien könne. Sie war daher ganz ſtill, ganz ſanft geworden, und die Folge davon war allerdings geweſen, daß man ſie von der furchtbaren Garderobe der Verzweiflung be⸗ freite. Aber die qualvolle Marter dieſer Tage, die furcht⸗ baren Stürme, welche ihre Seele ſeit Monaten durch⸗ tobten, mußten endlich doch ihre Wirkung auf ihren Kör⸗ per ausüben. Ihre Kraft erlag, ſie ward krank, und als der Schließer eines Tages in ihr Gefängniß eintrat, fand er ſie beſinnungslos am Boden liegen. Mit ſtumpfer Gleichgiltigkeit hob er ſie empor und trug ſie auf das jammervolle Lager von Stroh und gro⸗ bem Linnenzeug, das ſich in einer Ecke ihres Kerkers be⸗ fand. Dann ging er brummend hinaus, um den Director 132 des Gefängniſſes zu benachrichtigen, daß„der Gefangene Nr. 40“ krank geworden. Der Director empfing dieſe Nachricht mit der⸗ ſelben ſtumpfen Gleichgiltigkeit, wie der Schließer; er ſchritt ruhig zu ſeinem Bureau hin und ſchlug das Buch auf, in welchem ſich die Notizen und Verhaltungsbefehle in Bezug auf jeden Einzelnen der Gefangenen befanden. Gleichgiltig und langſam blätternd war er endlich bis zu der Seite gelangt, auf welcher die Notizen über Nr. 40 ſich befanden. „Junger Gefangener,“ las er mit halblauter Stimme,„eingebracht am 30. Juni 1791, aus Belgien hieher geſandt. Von dort wegen aufrühreriſchen Reden und Verſuch eine Revolte zu machen, verhaftet und vom Herrn Grafen Merch an die oberſte Polizeibehörde von Wien hergeſandt. Von der Polizeibehörde mir übergeben zur ſtrengen Haft auf unbeſtimmte Zeit. Strenge Ordre, den Gefangenen von jeder Gemeinſchaft mit der Außen⸗ welt fern zu halten, Niemand zu ihm zu laſſen, jedes Ausbrechen unmöglich zu machen, keine Klagen anzu⸗ nehmen, ihn ganz unbeachtet zu laſſen.“ „Unnöthig den Arzt zu benachrichtigen,“ ſagte der Director, nachdem er dieſe Notizen geleſen.„Ueberlaßt Nr. 40 ſeinem Schickſal, bringt ihm alle Morgen wie immer ſeine Koſt und Nahrung. Wenn er beſſer wird, 133 nun, ſo iſt das ſeine Sache, wie lange er noch im Ge⸗ fängniß leben will. Wenn er ſtirbt, habt Ihr mir An⸗ zeige davon zu machen, und nur dann will ich etwas von ihm hören.“ Numero 40 war alſo von dieſem Tage an zar auf das Wohl⸗ oder Uebelwollen des Schließers an⸗ gewieſen. Nur, wenn der Gefangene geſtorben, wollte der Herr Director wieder von ihm hören, nur dann ſollte ihm Anzeige gemacht werden. „Polizeigefangener! Soll verſchwinden!“ brummte der Schließer vor ſich hin, und ein Gefühl menſchlichen Erbarmens kam über ihn, als er bedachte, wie hübſch, wie kräftig, wie jung ſein Gefangener; grade ſo jung, wie des Schließers einziger Sohn, der ihm vor wenigen Wochen geſtorben, und mit dem alle Hoffnungen ſeines armen, trüben Lebens zu Grabe getragen worden. Und die Erinnerung an dieſen geliebten, verlornen Sohn machte das Herz des Vaters weich und mitleidsvoll. Er fragte ſich, ob der Gefangene Numero Vierzig nicht vielleicht auch noch Eltern haben möchte, die ihn liebten, die um ihn weinen würden. Er dachte daran, wie weh' ſolche Thränen thun, und wie ſchrecklich es ſei, um ein verlornes Kind zu weinen. „Ich will nicht Schuld haben an ſeinem Tode,“ ſagte er zu ſich ſelber;„er iſt mir übergeben worden, daß 134 ich ihn bewache, aber nicht, daß ich ihn ermorde. Und ein Mord wär's, wenn ich das arme junge Blut ohne Hilfe und ohne Beiſtand in dem feuchten, dumpfen Loch ließe. Der Herr Director will nichts von ihm hören, er kümmert ich gar nicht um Numero 40. Nun, ſo iſt er mein Ge⸗ Sn und ich muß thun, was mein Gewiſſen verlangt. Ich werde de fangenen nicht entfliehen, aber ich werde ihn auch nicht ſterben laſſen!“ Und mit entſchloſſenem Schritt begab er ſich in das gemeinſame Wohnzimmer zu ſeiner Frau. Sie ſaß ſtill, mit gefalteten Händen in ihrem Lehnſtuhl, und ihre trau⸗ rigen Mienen, ihre gerötheten Angen zeigten, daß ſie an den geliebten Todten gedacht, um ihn geweint hatte. „Alte,“ ſagte der Schließer mit abgewandtem Ge⸗ ſicht, als fürchte er ſeine eigene Rührung in ſeinem Ge⸗ ſicht ſehen zu laſſen,„Alte, weine nicht mehr. Der Franzl iſt einmal todt, und Deine Thränen wecken ihn nimmer wieder auf.“ „Nein, nimmer,“ ſeufzte die Alte, traurig ihr Haupt ſchüttelnd. „Denkſt noch d'ran, was Du der heiligen Jung⸗ frau geſchworen haſt, als Du in der Nacht, wie der Franzl ſtarb, vor ſeinem Bett auf den Knieen lagſt und um ſeine Rettung flehteſt? Haſt nicht geſagt, Du wollteſt Dein ganzes Leben frommen Werken weihen? Wollteſt 135 jeden Kranken, der hilflos ſei, pflegen, als wär' er Dein eigener Sohn; wollteſt der armen Gefangenen in ihrer Noth Dich erbarmen, als wären ſie Deine Kinder und Du ihre Mutter? Haſt das nicht geſagt, Alte?“ „Ja, ich hab's geſagt, hab's der heiligen Jungfra gelobt,“ murmelte die Frau.„Aber ſie hat mein Gelübd nit angenommen, ſie hat mir den Sohein einziges liebes Kindl, nit laſſen wollen.“ „Sie hat Dein Gelübde nit angenommen, und ſo willſt Du's auch nit halten, heh?“ „Was meinſt damit, Alter?“ fragte ſie auffahrend. „Was fragſt ſo ſeltſam? Haſt einen Kranken, dem ich halt beiſtehen könnt'?“ „Ja, Alte, ich hab' ſo einen Kranken. Wird juſt ſo alt ſein, wie's unſer Franzl war, kaum achtzehn Jahr, und ſo ſchmuck und fein angezogen, gewiß vornehmer Leute Kind. Werden recht viel um ihn weinen, wenn ſie nimmer von ihm hören, und nit einmal wiſſen, wo er geſtorben und verdorben iſt.“ „Armes, junges Blut! Arme Eltern!“ ſeufzte die Frau mitleidsvoll.„Was fehlt ihm denn? Was ſagt der Arzt?“ „Der Arzt ſagt gar nichts. Soll keinen Arzt rufen, nur wenn der Gefangene todt iſt, dem Director wieder Meldung machen. Iſt ein Polizeigefangener, ſoll ver⸗ 136 ſchwinden und vergeſſen werden. Niemand kümmert ſich um ihn und wird ſich um ihn kümmern.“ „Doch, Alter, wir kümmern uns um ihn,“ rief die Frau, ſich lebhaft aus ihrem Lehnſtuhl erhebend.„Ich hab's geſchworen am Sterbebette meines Franzl, daß ich der armen Gefangenen in ihrer Noth mich erbarmen wollte, als wären ſie meine Kinder und ich ihre Mutter. Haſt recht gethan, mich daran zu erinnern. Wenn auch die heilige Jungfrau mein Flehen nit erhört und uns den lieben Sohn nit erhalten hat, mein Gelübde hat ſie doch angenommen, und halten muß ich's, damit ich der⸗ einſt mein Herzenskind dort oben wiederſehe. Führ' mich zu dem armen Kranken.“ Der Alte nickte beifüllig mit dem Kopf.„Ich will's thun,“ ſagte er,„aber merk' wohl auf, was ich Dir ſage. Wir dürfen nichts thun, was der Director verboten hat, und da er ausdrücklich geſagt hat, daß kein Arzt ge⸗ holt werden ſoll, ſo bleibt's dabei. Kannſt Du ihn curiren, ſo iſt's gut, aber weiter dürfen wir halt auch nichts thun, als ihn pflegen, und vergeſſen darfſt nimmer, daß er ein Gefangener iſt, und daß ich als beſtallter Gefängniß⸗ aufſeher auf das Crucifir hab' ſchwören müſſen, keinen Gefangenen entwiſchen zu laſſen. Hilſſt ihm daher zu ent⸗ fliehen, ſo häng' ich mich auf, denn Du haſt mich dann zum Meineidigen und zum Ehrloſen gemacht, und das 137 will ich nit überleben. Das vergiß nimmer. Und nun komm denn in Gottes Namen. Der Herr Director wird nichts davon erfahren, denn ich hab' ihm gar keinen Rapport über Numero 40 abzuſtatten. S iſt übrigens ein Aus⸗ länder, ein Franzoſe, glaub' ich. Verſteh' kein Wort von all' ſeinem vielen Gerede!“ „Aber ich werd' ihn verſtehen,“ ſagte die Frau faſt freudig.„Bin ja eine Elſaſſerin, die ihr Franzöſiſch eben ſo gut ſpricht, als ihr Deutſch. Komm, Alter, führ' mich zu dem armen Kranken.“ Theroigne hatte ſich, als der Schließer mit ſeiner Frau zu ihr eintrat, ſchon wieder aus dem Zuſtand der Bewußtloſigkeit und Betäubung emporgerafft, in den ſie verſunken geweſen. Sie hatte ſich von ihrem elenden Lager erhoben und ging mit großen Schritten auf und ab. Aber ihr Antlitz war bleich, wie das einer Ster⸗ benden, und ihre Augen waren jetzt matt und trübe. Als ſie das Aufſchließen der Thür vernahm, hatte ſie ſich weggewandt, denn der Anblick des Schließers war ihr verhaßt, ſie wollte ihn nicht ſehen. Was kümmerte ſie auch ſein Kommen! Er hatte kein Mitleid mit ihr, er verſtand ſie nicht einmal! Aber was war das? Klang das nicht wie eine Frauenſtimme? Waren das nicht die lieben, ach, ſo lange entbehrten Laute ihrer Mutterſprache? War's nicht, als 1860. XXIV. Kaiſer Leopold der Zweite. III. 9 138 fragte man ſie mild und weich und mitleidsvoll nach ihren Schmerzen, ihren Leiden? Aber nein, es war gewiß nur ein Traum, nur eine jener Phantaſien, wie ſie deren jetzt ſo oft in den langen, ſchlafloſen, fieberglühenden Nächten gehabt! Aber dieſe Stimme ſprach wieder, und ſo innig, ſo liebevoll! Und jetzt meinte Theroigne da durch den Nebel, der ihre Augen heute umſchleierte, ein Frauengeſicht zu ſehen, das mit traurigem Mitleid ſie anſchaute, zwei gute, milde, von Thränen umdüſterte Augen zu ſehen, die theilnahmsvoll auf ſie gerichtet waren.. Thervigne faltete ihre Hände, und vor dieſer Er⸗ ſcheinung auf die Kniee niederſinkend rief ſie:„Wenn Ihr ein lebendes Weſen und kein Traumbild ſeid, o, ſo er⸗ barmt Euch mein! Berührt meine Hand, ſagt mir, daß Ihr lebt, daß ich nicht wahnſinnig bin!“ Die Frau beugte ſich zu ihr nieder und hob ſie ſanft empor.„Armer Knabe,“ ſagte ſie mitleidsvoll,„ar⸗ mes junges Blut. Ja, ich lebe. ich bin gekommen, Sie zu pflegen, denn Sie ſind krank! Ich ſeh's an Ihrem eingefallenen Geſicht und an Ihren blitzenden Augen. Sie haben das Fieber, und Sie bedürfen der Pflege. Nur Muth gefaßt, Muth! Sie ſollen nicht ſterben. Ihre Eltern ſollen Sie nicht zu beweinen haben!“ Theroigne ſtieß einen Schrei aus, und Thränen, . — die ſie lange nicht geweint, ſtürzten aus ihren Augen. Sie ſchlang ihre beiden Arme um den Hals der Frau, die ſie anſchaute mit den Augen einer Mutter, und das von Thränen überfluthete Geſicht an ihrem Buſen verbergend, murmelte ſie:„O habt Mitleid mit mir! Nehmt Euch meiner an. Ich bin nicht, was ich ſcheine. Bin ein Weib, ein armes, unglückliches Mädchen, das keine Mutter mehr hat, die ganz verlaſſen iſt. Gott hat Euch zu mir ge⸗ ſandt, ſeid mein guter Engel und erbarmt Euch mein!“ Ihre Arme ſanken matt herab, ihr Haupt fiel ſchwerer auf die Bruſt der Frau und der Athem ſtockte in ihrer Bruſt. „Er iſt wieder ohnmächtig geworden,“ ſagte der Schließer achſelzuckend.„Was ſagte er denn zu Dir? Und warum ſchrakſt Du ſo zuſammen bei ſeinen Wor⸗ ten?“ „Ich ſag's Dir ein andermal,“ erwiderte die Frau haſtig.„Jetzt laß uns für den armen Gefangenen ſor⸗ gen. In dieſem dumpfen Loch darf er nicht bleiben, ſo lange er krank iſt, die Luft hier würde ihn tödten. Haſt keine andere Nummer frei, wo wir ihn hin thun können und wo friſche Luft iſt?“ „Das Krankenzimmer für die Gefangenen, die zah⸗ len können, iſt halt ganz leer,“ ſagte der Schließer nach⸗ denklich.„Aber ich weiß nicht, ob ich's wagen darf, ihn 9 140 da hinzubringen? Wenn der Herr Director es er⸗ fährt—“ „So ſagſt Du ihm, daß es Reglement iſt, die kran⸗ ken Gefangenen in's Krankenzimmer zu bringen,“ unter⸗ brach ihn ſeine Frau.„Er hat nit gewollt, daß Du einen Arzt rufen ſollſt, aber er hat nit verboten, daß Du ihn in's Krankenzimmer ſchaffſt, und wenn er ſich wundert, daß Du ihn nit in's allgemeine, ſondern in's vornehme Krankenzimmer gebracht haſt, ſo ſagſt Du ihm, Du hätt'ſt gedacht, es wär beſſer, ihn nit mit andern Gefangenen zuſammen zu bringen, damit er halt mit Niemanden ſprechen könne und ganz allein ſein. Komm, Alter, laß uns das arme junge Blut in's Krankenzim⸗ mer tragen. Niemand kann's mir da verwehren, ihn zu pflegen, denn es iſt ja mein Dienſt, die Kranken in Nro. 1 zu pflegen, und ich hab' als Krankenpflegerin der Gefangenen ſo gut meinen Eid geleiſtet wie Du als Schließer⸗“ „In Gottes Namen denn,“ ſagte der Alte.„Ich 3 begeh''ne Dummheit, das weiß ich wohl! Warum mußt' ich auch juſt heute ſo viel an unſern lieben Jungen den⸗ ken, und warum fiel er mir ein, als ich dieſen hier ſo bleich und ſtarr, wie meinen Sohn vor mir liegen ſah! Komm, wir wollen den Kranken hinüber tragen nach Nu⸗ mero 1.“ 141 Eine Viertelſtunde ſpäter lag Thervigne, noch im⸗ mer bewußtlos, auf dem weichen, bequemen Bett des „vornehmen Krankenzimmers“, und vor demſelben ſaß Frau Thomas, die Gattin des Schließers, die Blicke mit theilnehmender Aufmerkſamkeit auf das Geſicht der Gefangenen gerichtet. „Wo nur mein Alter ſeine Augen gehabt hat, nit zu ſehen, daß das ein Mädchen iſt,“ ſagte ſie kopfſchüt⸗ telnd.„Das Geſicht iſt ſo fein und weich, und ſchön, wie's nur ein Mädchenangeſicht ſein kann; keine Spur vom Bart um's runde Kinn, dazu die ganze Geſtalt ſo voll, ſo rund und doch ſo zierlich. Nun, da's der Alte nit geſehen hat, werd' ich ihm auch nit verrathen, was ſie mir geſagt hat. Sie mag alſo vorläufig ein Mann blei⸗ ben und ſo angezogen ſein. Nachher, wenn ſie wieder bei Beſinnung iſt, werd' ich ſie auskleiden, und ihr von den Sachen meines lieben Franzl anziehen.“ Und während ſie leiſe zu ſich ſelber ſo ſprach, war ſie geſchäftig, der Kranken Umſchläge von kaltem Waſſer um die Stirn zu legen und ihr flüchtige Salze in die Schläfen zu reiben. Dank dieſen kräftigen Mitteln ſchlug Theroigne bald wieder die Augen auf, und ſie lächelte wie in ſeliger Verzückung, als die gute Alte ſich über ſie neigte und in 142 den lieben Lauten ihrer Sprache ihr Worte des Troſtes und der Theilnahme zuflüſterte. „Habt keine Furcht, armes Kind,“ ſagte Frau Tho⸗ mas, ihre Hand auf Thervignes Haupt legend,„bei dem Angedenken an meinen lieben Sohn ſchwöre ich Euch, daß ich Euch pflegen will, wie mein eigenes Kind, daß ich über Euch wachen werde, als wäre ich Eure Mutter, daß ich Euch nicht verlaſſen werde, bis Ihr wieder ge⸗ ſund geworden.“ Thervigne lächelte wie in einem ſeligen Traume und ſchloß wieder die Augen, aber diesmal war es nicht eine Ohnmacht, ſondern der Schlaf der Ermattung oder des Fiebers, welcher ihre Augen ſchloß. Frau Thomas fuhr fort ihr immer neue Umſchläge auf die Stirn zu legen, und ſie ſchüttelte ſeufzend ihr Haupt, als ſie ſah, wie trotzdem das Antlitz der Kranken glühte, wie ihre Schläfen pulſirten in der Hitze des Fie⸗ bers, wie der Athem keuchend aus ihrer Bruſt hervor⸗ ing. 46„Es wird ein Nervenfieber werden,“ murmelte ſie leiſe.„Grade ſo fing's an bei meinem lieben Franzl, ſo lag er da, ſo ſchön, ſo jung, ſo blühend wie eine Roſe. Und der Tod hat meine Roſe geknickt; wird er dieſe hier verſchonen?“ Sie faltete die Hände und betete. Und waren es nun 143 die Gebete der frommen, mildthätigen Frau, oder wa⸗ ren es die Umſchläge— nach einigen Stunden des Schla⸗ fes ſchlug Theroigne die Augen auf und richtete ſich halb von ihrem Lager empor. Ohne das mindeſte Er⸗ ſtaunen blickte ſie umher in dem Zimmer, ſah ſie ſich in der neuen ungewohnten Umgebung, auf dem ſaubern weichen Lager gebettet, und die liebevolle, freundlich lä⸗ chelnde Wärterin vor demſelben. „Liebe Frau,“ ſagte ſie feierlich und ernſt,„ich habe ſo eben einen Traum gehabt. Meine Mutter iſt mir er⸗ ſchienen und hat mir geſagt, daß ſie ſo lange zum lieben Herrgott gebetet, bis er ihr erlaubt mir beizuſtehen und mir einen Engel zu ſenden, der ſich meiner erbarme. Und Euch führte meine Mutter zu mir, und Euch nannte ſie den guten Engel, den ſie an meine Seite ſtellte und der mir Hilfe bringen ſolle. Nun hört, was ich Euch ſa⸗ gen will! Ich werde ſehr krank werden, glaube ich, und ich werde mich nicht beſchützen und vertheidigen können. Ihr müßt es thun an meiner Statt, Ihr müßt in allen Dingen mein guter Engel ſein. Wenn ich krank werde, wird man mich entkleiden, ſich meiner Kleider bemächti⸗ gen, vielleicht thun, was man bis jetzt vergeſſen hat, meine Kleider durchſuchen. Ich habe aber in meinen Kleidern zwiſchen dem Futter und dem Oberzeug des Rockes einige wichtige Papiere verborgen. Es iſt ein 144 Brief und ein kleines Packet. Wenn ich jemals noch hoffen darf, frei zu werden, ſo kann es nur mit Hilfe die⸗ ſes Briefes und des Packets ſein. Die Dame, an die der Brief gerichtet iſt, lebt hier in Wien, und jeden Tag habe ich den Schließer beſchworen, eine Botſchaft von mir an dieſe Dame zu befördern. Aber er hat mich nicht verſtanden, und jetzt iſt es vielleicht zu ſpät, jetzt ſterbe ich wohl. Aber vielleicht erbarmt ſich Gott meiner Ju⸗ gend, vielleicht errettet Ihr mich vom Tode, und ich werde leben. Doch was ſoll mir das Leben ohne Frei⸗ heit? Schwöret mir daher, daß Ihr mir meine letzte Hoffnung auf Freiheit nicht zerſtören wollt, daß Ihr das, was ich Euch übergeben will, entweder als mein Ver⸗ mächtniß oder als mein einziges Beſitzthum mir be⸗ wahren wollt!“ „Ich ſchwöre es Euch beim Andenken an meinen lieben geſtorbenen Sohn, daß ich das, was Ihr mir übergeben wollt, getreulich bewahren will!“ „Nehmt eine Scheere und trennt das innere Futter meines Rockes auf, Ihr findet darin den Brief und das Packet. Gebt mir Eure Hand, gute Frau, Botin meiner Mutter. Schwöret mir bei der heiligen Jungfrau, daß Ihr Brief und Packet verbergen und bewahren wollt, bis ich, wenn ich wieder geſund werde, es wieder zurückfor⸗ dere.“ 145 „Ich ſchwöre bei der heiligen Jungfrau und bei meinem lieben verſtorbenen Sohn, daß ich das thun will, daß ich Brief und Packet verbergen, und nur an Euch ſelber wieder abgeben will!“ „Dank, Dank,“ ſtammelte Theroigne, auf ihr La⸗ ger zurückſinkend.„Nun möge ſich die heilige Jungfrau meiner erbarmen!“ Sie ſchloß die Augen und lag ſtill und ruhig da. Aber dies dauerte nur kurze Zeit, dann begann ſie wie⸗ der zu ſprechen; doch es waren Worte ohne Zuſammen⸗ hang und Sinn, Phantaſieen des Fiebers, die ſich immer höher und höher ſteigerten, zu immer wilderen Ausbrü⸗ chen ſich aufwirbelten. Theroigne aber hatte durch dieſe Phantaſieen mindeſtens ihre Heiterkeit früherer Tage wie⸗ der gefunden. Sie lachte und ſcherzte, ſie ſang und ſchä⸗ kerte, ſie hob ſich empor, um zu tanzen, und kaum ver⸗ mochte ihre Pflegerin ſie wieder auf ihr Lager nieder⸗ zulegen und auf demſelben feſtzuhalten. Frau Thomas hatte ganz Recht gehabt. Es war das Nervenfieber, welches Thervigne's Körper durchraſte, das Nervenfieber, welches ihre Wangen färbte und lu⸗ ſtige Lieder von ihren fieberglühenden Lippen ertönen ließ, das Nervenfieber, welches ſie jetzt Wochenlang an ihr Lager bannte, aber freilich auch ſie dem qualvollen Be⸗ wußtſein ihrer traurigen Lage entzog. 146 Hiebentes Capitel. Die Weigerung. „Und Du glaubſt wirklich, daß Manfredini Wort halten wird?“ fragte Kaiſer Leopold.„Du glaubſt, daß er, wie er verſprochen hat, den Wundertrank in vierzehn Tagen vollendet hat?“ 2 „Ich bin davon überzeugt, Ew. Majeſtät,“ erwi⸗ derte Fürſt Carl Liechtenſtein ernſt.„Manfredini ver⸗ ſpricht niemals, wenn er nicht weiß, daß er ſein Verſpre⸗ chen erfüllen kann. Er iſt außerdem, wie Ew. Majeſtät bekannt, tief eingeweiht in die verborgenen Kräfte der Na⸗ tur, und hat ihr die heiligſten und erhabenſten Geheimniſſe abgelauſcht. Ew. Majeſtät wiſſen ja, wie oft ſchon in Florenz durch die Salben und Tinkturen, welche Ew. Majeſtät mit Manfredini in Ihrem Laboratorium be⸗ reitet haben, Kranke geheilt und dem Leben wieder ge⸗ geben ſind, welche von den Aerzten aufgegeben und dem Tode als unverlierbare Beute waren überlaſſen worden.“ „Es iſt wahr,“ ſagte Leopold gedankenvoll,„wir haben gar oft in den Lazarethen an den von den Aerzten verloren gegebenen Kranken die Kraft unſerer Geheim⸗ mittel und Medicamente verſucht, und ſie hat ſich oft 147 bewährt. Aber oft auch haben ſie ſich ungenügend erwie⸗ ſen, und die beiden ſchönen Opfer von Livia's Eiferſucht haben ſie nicht zu erretten vermocht. Livia's Gifte waren ſtärker als alle meine Geheimmittel, als alle Salben und Tinkturen, die wir mit Manfredini in unſern Retorten gekocht hatten.“ „Bielleicht war Manfredini damals noch nicht ſo eingeweiht und ſtark, wie er es jetzt iſt, Majeſtät; auch hatte er keinen ſo gelehrten und erfahrenen Rathgeber, wie er ihn jetzt an dem preußiſchen Abgeſandten, dem General von Biſchofswerder gefunden hat.“ „Du haſt Recht,“ ſagte Leopold ſinnend,„der Ge⸗ neral iſt ein ſeltener und höchſt außerordentlicher Mann, tief eingeweiht in die Chemie, ein Erleuchteter der Ka⸗ bala, und ſo durchſtrahlt von geheimer Wiſfenſchaft, daß ſeine Augen Geiſter zu ſchauen wiſſen, deren Nähe wir nur ahnen, daß ſeine Ohren die Geiſterworte vernehmen, die wie ein Hauch des Windes vor unſern Ohren ver⸗ klingen. Er iſt ein Eingeweihter, und ich bin dem König von Preußen ſehr dankbar, daß er mir dieſen ſeinen Lieb⸗ ling und Freund hieher geſandt, und mir den Genuß ſeines lehrreichen Umgangs verſchafft hat. O, alles Gute und Schöne, das mir das letzte Jahr zu Theil gewor⸗ den, danke ich ihm. Durch ihn bin ich in den Beſitz mei⸗ nes größten und herrlichſten Glückes gekommen, durch 148 ihn habe ich meine Louiſe wieder gefunden, er war es, der ſie hieher nach Wien geführt. Er gab mir die er⸗ ſehnte, betrauerte Geliebte wieder, und jetzt wird er mir neues Glück vielleicht noch erblühen laſſen.“ „O, Ew. Majeſtät werden mich eiferſüchtig ma⸗ chen,“ rief Fürſt Liechtenſtein.„Was für ein Glück kann der preußiſche General von Biſchofswerder meinem theue⸗ ren Herrn und Kaiſer erblühen laſſen?“ „Das Glück der Geſundheit,“ ſagte Leopold ernſt. „Man ſagt, der General beſitzt eine Univerſalmedicin, welche nicht allein das Leben erhält, ſondern dem Körper auch das Alter fern hält, und ihn durchglüht mit Kraft, mit Schönheit und Geſundheit. Der König Friedrich Wilhelm ſelber hat es mir anvertraut, daß der General dies Wundermittel beſitze, daß er aber dem, der es ihm gegeben, einen heiligen Eid gelobt, nur alle ſieben Jahr einmal den Trank zu brauen und der Natur dies ſtreng verſchloſſene Geheimniß abzuringen. Auch darf er nur dann erhoffen, daß ihm die Arzenei gelingt, wenn er ſelbſt heitern und frohen Geiſtes iſt, wenn kein Kummer, kein verſagter Wunſch ſeine Seele belaſtet, wenn ſeine Seele leicht iſt wie der Aether und kraftvoll wie der Sturm, den er beſchwören muß, daß er ihm die Geiſter der Schöpfung banne, die er zu ſeinem Werk bedarf. Vor ſieben Jahren vertraute mir der König, gelang es Bi⸗ 149 ſchofswerder das Univerſalmittel zu bereiten, und es war wohl gelungen. Wie flüſſiges Gold und Feuer erglänzte es in der kleinen Phiole, welche der General dem König in der Mitternachtsſtunde darreichte. Sieben Tage, ſieben Nächte und ſieben Stunden hatte Biſchofswerder unaus⸗ geſetzt in ſeinem Laboratorium daran gearbeitet, ohne Speiſe und Trank zu ſich zu nehmen, nur lebend von der Kraft ſeines Geiſtes und ſeiner Gebete. Als er dem König das Fläſchchen übergab, war er bleich wie ein Sterbender; mit zitternden Händen reichte er dem König die Flaſche dar, und dann fiel er mit einem lauten Schmer⸗ zenslaut zu den Füßen ſeines Herrn bewußtlos nieder. Die Geiſter, die er ſo lange gebannt, erhielten jetzt Macht über ihn, da er das Fläſchchen aus der Hand gegeben, und ſie marterten jetzt den, der ſie gemartert hatte.“ „Und trank der König die Univerſalarzenei?“ fragte Fürſt Liechtenſtein mit einem leiſen Lächeln. „Nein, er trank ſie nicht,“ ſagte Leopold feierlich. „Der König hatte das Fläſchchen genommen und ſeinen wunderbaren Inhalt ſtaunend und prüfend betrachtet. Auf einmal und in demſelben Augenblick, als Biſchofs⸗ werder zu des Königs Füßen niederfiel, geſchah etwas Wunderbares. Die goldige, feuerglühende Flüſſigkeit in der Flaſche blitzte höher auf, das Glas begann zu glühen, mit einem furchtbaren Knall ſprang der gläſerne Pfro⸗ pfen ab, eine blaue, wunderſame Flamme zuckte aus der Flaſche empor, und inmitten derſelben erſchien ein gro⸗ ßes, ſtarres Auge, das mit flammendem Zornesblick auf den König gerichtet ward. Es war ein ſo entſetzlicher Anblick, und die Flaſche brannte ſo furchtbar in der Hand des Königs, daß er von Schauer, Furcht und Schmerz ergriffen, das Glas weit fortſchleuderte in das Zimmer hinein, und noch jetzt, nach beinahe ſieben Jahren, als der König mir dies erzählte, ward ſein Antlitz bleich und ſeine Stimme bebte.“ „Und Ew. Majeſtät haben die Gnade, dieſe Wun⸗ dergeſchichte zu glauben?“ fragte Fürſt Liechtenſtein.„Ew. Majeſtät glauben, daß die Univerſalarzenei wirklich voll⸗ endet war, und daß nur das Entſetzen des Königs daran Schuld war, daß er die Tinktur verſchüttete?“ „Es iſt wahr, die Geſchichte gleicht mehr einem Mährchen, als der Wirklichkeit,“ ſagte der Kaiſer gedan⸗ kenvoll.„Aber der König erzählte ſie mir mit dem Aus⸗ druck vollſter Ueberzeugung, und er wenigſtens glaubt ſicherlich daran.“ „Ich aber wage es Ew. Majeſtät zu geſtehen, daß ich mehr an die wunderbare Geſchicklichkeit des Generals glaube, als an ein Wunder der Geiſter. Der General fürchtete vielleicht, daß ſeine Univerſalmedicin ſich nicht be⸗ währen möchte, und er gab dem König ein Fläſchchen mit 151 einer Füllung, welche durch das Berühren der warmen Hand erglühte und—“ „Ungläubiger Thomas,“ unterbrach ihn Leopold lächelnd,„es iſt vergeblich Dich für die geheime Wiſſen⸗ ſchaft begeiſtern zu wollen, Du glaubſt nicht an ſie, und ſelbſt in die dunkle Geiſterwelt willſt Du hineinleuchten mit dem Licht Deines reflectirenden Menſchenverſtandes! Nun, wir werden ja ſehen, wer Recht hat, der General Biſchofswerder, der Liebling der großen Naturgeiſter, oder der Fürſt Carl Liechtenſtein, der Liebling des kleinen armen Kaiſers Leopold. Die ſieben Jahre ſind jetzt in zwei Wochen abgelaufen, und der König hat aus übergroßer Güte geſtattet, daß Biſchofswerder diesmal hier in Wien in meinem Laboratorium den Wundertrank bereite. Ja, für mich will Biſchofswerder großmüthig diesmal die Univerſalarzenei bereiten, vorausgeſetzt, daß ſeine Seele freudig und hell iſt, daß kein verſagter Wunſch ihm die Seele beengt, daß ich ihm Beweiſe meiner Liebe und wohlgeneigten Freundſchaft gegeben habe; denn nur denen, die er liebt, und die ihn lieben, nur den Freunden kann dies Wunderelixir bereitet werden und gedeihen, und ich fürchte daher, daß es mißlingen wird, wenn ich nicht vor⸗ her alle Wünſche des Abgeordneten Friedrich Wilhelms erfülle, wenn ich nicht den Allianztraktat unterzeichne, den Biſchofswerder mitgebracht und in dem ich mich ver⸗ 152 pflichten ſoll, ungeſäumt meine Armee marſchiren zu laſ⸗ ſen und mit Preußen vereint Frankreich den Krieg zu erklären.“ Der Kaiſer hatte das ganz ernſthaft geſagt, aber Fürſt Liechtenſtein ſah doch das ſpöttiſche Lächeln, das einen Moment die Lippen des Kaiſers umſpielte und mit hellem Blitzen in ſeinen Augen aufleuchtete. „O,“ rief er aufjubelnd,„Ew. Majeſtät glauben doch nicht an die myſteriöſen Geiſtermärchen des preußi⸗ ſchen Generals, und die Univerſalarzenei wird Ew. Ma⸗ jeſtät nicht zum Geiſterſeher machen.“ „Wer weiß,“ ſagte Leopold achſelzuckend.„Sehen wir zuerſt, was Manfredini ſchaffen kann. In vierzehn Tagen ſoll ſein Wunderelirir des neuen Lebens und der neuen Jugend vollendet ſein, und wenn ich von Prag von der Krönung heimkehre, am Ende dieſes Monats wird er mich es trinken laſſen. O, glaube mir, mein Liebling, ich bedarf des Wunderelirirs, um zu leben und des Lebens mich freuen zu können. Der Tod ſchleicht in meinen Adern umher, und zuweilen fühle ich, wie er ſeine Hand kalt und ſchwer auf mein Herz legt, daß es in einem Krampf erſtarrt und ein Schauer des Sterbens durch alle meine Glieder bebt. Ich bin dem Tode verfallen, wenn ein Wunderelixir mich nicht errettet, und ich möchte doch ſo gern noch leben, denn ach, ſeit einem Jahr erſt fühle ich, 153 wie köſtlich und ſüß das Leben iſt, und ich möchte nicht ſcheiden von Louiſen und von Dir! Laß mich alſo im⸗ merhin auf Manfredini's Elixir hoffen, laß mich von ihm neue Lebenskraft erwarten. Und iſt es umſonſt, und täuſcht mich dieſe Hoffnung, nun, dann will ich weiter hoffen auf Biſchofswerder's Univerſalarzenei und mit innigem Vertrauen glauben, daß ſie es ſein wird, die neue Lebenskraft durch meine Adern treibt. Ach, das Glück des Lebens beſteht ja nur im Wünſchen und Hoffen, und die einzige Gewißheit, die wir haben, iſt ja nur der Tod!— Aber ſchaue nicht ſo trübe drein, mein Liebling. Komm, gib mir Deine Hand, erheitere Dich.“ „Ich vermag's nicht,“ rief der Fürſt ſchmerzvoll; „Ew. Majeſtät ſagen, daß der Tod ſeine Hand nach Ihnen ausſtreckt, und ich, der Sie mehr liebt als alle Andern, ich, der ich zu jeder Stunde freudig mein Leben für Ew. Majeſtät hingeben würde, ich kann den böſen Feind nicht bannen! Ich muß es dulden, daß Andere es verſuchen wollen, daß Andere für die Erhaltung des theuerſten, geliebteſten Lebens arbeiten. O, warum iſt nicht mein Lebensblut das Wunderelirir, das Ew. Maje⸗ ſtät mit neuer Lebenskraft erfüllen könnte. Ich würde mir mit Freuden die Adern öffnen und es hingeben für meinen Kaiſer!“ „Schwärmer, geliebter Schwärmer, behalte Dein 1860. XXIV. Kaiſer Levpold der Zweite III. 10 154 Blut, erhalte es für mich,“ ſagte der Kaiſer weich. „Wer weiß, ob Du es nicht vielleicht bald für mich und in meinem Dienſt vergießen mußt! Ah, wie ſeine Augen aufleuchten und wie feine Wange ſich röthet. Ja, ja, mein kriegsluſtiger Held, vielleicht erfüllt ſich jetzt Dein Wunſch, und die Fackeln des Krieges, die ich mühſam genug ſo lange zur Erde geſenkt, ſie entzünden ſich jetzt. Doch nicht ich werde es ſein, der die Brandfackeln an⸗ zündet, ſondern ich werde das den franzöſiſchen Schrek⸗ kensmännern überlaſſen. Nur werde ich ihnen den Zun⸗ der und den Stahl darreichen, mit welchem ſie ſich Feuer ſchaffen können. Ob ſie's dann wollen, das iſt ihre Sorge, und ſie allein ſind den Völkern und der Geſchichte dafür verantwortlich.“ „Das heißt,“ rief Fürſt Liechtenſtein freudig,„das heißt, Ew. Majeſtät wollen das Manifeſt adoptiren, wel⸗ ches der Graf Durfort von der Königin Marie Antvinette überbracht hat.“ „Das heißt,“ ſagte Leopold lächelnd,„das heißt, der ſchwache Kaiſer Leopold hat ſich von der lieben Grä⸗ fin Louiſe Wolkenſtein und dem thörigten Fürſten Carl Liechtenſtein überreden laſſen, dem Drängen der Kriegs⸗ partei nachzugeben; das heißt, Louiſe hat ſo lange gebeten, geweint und geſchmollt, Carl hat ſo lange gemurrt, ge⸗ zürnt und widerſprochen, bis die Widerſtandskraft Lev⸗ pold's erſchöpft war und er trotz ſeiner beſſern Ueber⸗ zeugung und ſeines beſſern Wiſſens nachgegeben hat. Ja, ich habe den Grafen Durfort geſprochen, ich habe das Manifeſt adoptirt, und wie ſtrahlte Louiſen's Angeſicht vor Entzücken, als ich es ihr zugeſtanden, und wie leuch⸗ tet jetzt Carl's Angeſicht vor Begeiſterung, da ich's ihm ſage!“ „Und wie heiß, wie glühend liebt er ſeinen Kaiſer, der dies gethan, der endlich die Entſcheidung bringt,“ rief der Fürſt, die dargereichte Hand des Kaiſers an ſeine Lippen drückend.„O, nun wird Alles gut, nun wird die erhabene Dulderin Marie Antoinette vielleicht noch dem Leben, der Freiheit, dem Glück wieder gegeben werden, nun kann der Thron von Frankreich noch vor dem Um⸗ ſturz bewahrt werden, denn die Bajonnette Oeſterreichs ſtützen ihn. Ew. Majeſtät wollen das Manifeſt adoptiren, das heißt, Sie wollen den König Ludwig, die Königin Marie Antvinette befreien, Sie wollen die Throne von ganz Europa aufrecht halten und ſchützen vor der tob⸗ ſüchtigen Anarchie.“ „Ob es das Alles heißt und bedeutet, das wird die Folge lehren,“ ſagte Leopold ſeufzend.„Nur das bleibt wahr, ich will das Manifeſt, das mir meine unglückliche Schweſter geſandt, adoptiren und es als Brandfackel nach Paris entſenden. Das heißt, wenn der Fürſt Kau⸗ 10 156 nitz, mein guter, alter Staatskanzlers auch nachgeben will, zu ſchreiben, was ich ihm dictire, und ſeinen herrlichen Namen darunter zu ſetzen.“ „Das wird er nicht thun,“ rief Fürſt Liechtenſtein lebhaft.„Der alte Kutſcher von Europa gibt nicht nach und lenkt nicht ein in die Straße der Politik. Er iſt wie verſteinert in ſeiner eigenen politiſchen Weisheit, und ſchreit Weh und Jammer über Alles, was Ew. Ma⸗ jeſtät gegen ſeinen Willen unternehmen. Es wäre in der That hohe Zeit, daß der Tod ſich erbarmte und dem alten Staatskutſcher die Zügel aus den Händen nähme, da Ew. Majeſtät in Ihrer langmüthigen Gnade es nicht thun wollen.“ „Wie? Hat der tapfere, der muthige Fürſt Carl Liechtenſtein es denn ganz und gar aufgegeben, dies ſchwierige Werk zu Ende zu führen?“ fragte der Kaiſer lächelnd.„Hatteſt Du nicht ein Gelübde gethan, den guten, alten Staatskutſcher aus dem Sattel zu heben, den ich aus Pietät auf ſeinem hohen Pferd gelaſſen? Ver⸗ maßeſt Du Dich nicht, den alten Fürſten zu verdrängen, und ihn zu zwingen, daß er freiwillig zurückträte und der Regierungsgewalt entſagte?“ „Es iſt wahr, ich war anmaßend genug, dies zu unternehmen,“ ſagte der Fürſt beſchämt;„aber all' mein Bemühen iſt vergeblich geweſen. Der Fürſt iſt taub und 157 blind gegen alle Inſinuationen und Beleidigungen. Ich glaube, er hält ſich für den politiſchen Herrgott, der von den kleinen Menſchen nicht zur Rechenſchaft gezogen werden kann, und an deſſen heiligem Panzer alle Pfeile der Bosheit und des Uebelwollens machtlos abprallen.“ „Nun, wir wollen doch ſehen, ob wir heute nicht ein kleines Loch in den heiligen Panzer machen können,“ ſagte Leopold lächelnd, indem er die goldene Klingel nahm und ſchellte.„Iſt der Wagen vorgefahren?“ fragte er den eintretenden Kammerhußaren. „Zu Befehl, Majeſtät!“ „Nun denn, ich komme! Und weißt Du, Freund,“ wandte er ſich an den Fürſten,„weißt Du, wohin ich gehe? Zur alten Staatsherrlichkeit, zum Fürſten Kau⸗ nitz. Erwarte meine Rückkehr! Wir wollen doch ſehen, ob der alte Fürſt wirklich einen ſtärkern Willen hat, als ich!“— Fürſt Kaunitz befand ſich in ſeinem Cabinet. Er ſaß, die Zackenperrücke mit ihrem leichten Puderſtaub auf dem ſteifen Haupt, die lange dürre Geſtalt gekleidet in ſchwarze Sammetgewänder, geziert mit Spitzenmanſchet⸗ ten und Jabot, auf dem hochlehnigen Fauteuil von pur⸗ purrothem Sammet. So hatte er ſich gekleidet, ſo hatte er ausgeſehen vor vierzig Jahren, ſo war er noch. Die ganze Welt um ihn her, die Menſchen, die 158 Verhältniſſe, die Zuſtände, Alles war anders geworden. Er aber war derſelbe geblieben, unverändert und unwan⸗ delbar, ſein Herz und ſein Geſicht war wie verſteinert, und er ſchien es gar nicht zu gewahren, daß ſeine Vor⸗ zimmer jetzt öde und leer, daß die Hofſchranzen ſich nicht mehr vor ihm bis zur Erde neigten, daß die Plätze an ſeiner Tafel, welche ſtets bereit war acht Gäſte zu em⸗ pfangen, ſehr ſelten beſetzt waren. Vor ſich ſelber thronte er in unveränderter Herrlichkeit, und wenn Niemand mehr da war, ihn zu bewundern, ſo bewunderte er ſich ſelber, wenn Niemand mehr an ſeine Macht glaubte, ſo glaubte er ſelber doch daran, und war immer noch feſt überzeugt, daß der öſterreichiſche Staat nur allein durch ihn regiert werde, daß er allein es ſei, der die Staats⸗ maſchine lenke und in Ordnung halte. Gleich dem Don⸗ nerer Jupiter hoch oben in den Wolken thronend, lag das Weltgetümmel ſo weit unter ihm, daß er es gar nicht beachtete, und keine Pfeile der kleinen zänkiſchen Menſchen drangen bis zu ihm empor. Er vermeinte, daß es die Glorie des Ruhms ſei, welche ſein Haupt unangreifbar mache, und er ahnte es gar nicht, daß es nur der Schnee des Alters war, wel⸗ cher es ſchützte. Er ſaß in ſeinem Cabinet und war damit beſchäftigt, die Polizeirapporte über die Häuſer der Geſandten zu 159 leſen, wie er ſolche jeden Morgen ſeit fünfzig Jahren empfing, und die jeden Morgen nach der Chocolade ſeine erſte Lecture waren. Dieſe Polizeirapporte berichteten dem Fürſten genau und ausführlich Alles, was ſich in den Häuſern der Geſandten begeben, und aus denſelben kannte der alte Staatskanzler ganz genau alle Verhält⸗ niſſe der Geſandten, ihre Neigungen, ihre Verbindungen in Wien ſelbſt und nach außen, ihre Vermögensver⸗ hältniſſe und Vergnügungen, ihre Freundſchaften und Feindſchaften, ihre Zänkereien und Liebſchaften*). Aber nicht bloß über die Geſandten, ſondern auch über die Mitglieder des Miniſteriums und der Staatshofkanzlei mußten die Polizeirapporte Bericht erſtatten, und weder der Viceſtaatskanzler Graf Philipp von Cobenzl, noch der Oberhofmarſchall Graf Franz Colloredo durften auf dieſen Polizeirapporten fehlen. So eben war der Fürſt in ſeiner Lecture bis zu dem Bericht über den Grafen Colloredo, den frühern Oberhofmeiſter des Erzherzogs Franz gekommen, und jetzt zum erſtenmal heute Morgen flog der Schatten einer Wolke über die Stirn des Fürſten hin. „Verliebter Narr,“ ſagte er laut, indem er langſam ſein gewichtiges Haupt ſchüttelte.„Seit dreißig Jahren )v. Hormahr: Lebensbilder aus dem Befreiungskrieg. Th. I. 160 habe ich mich bemüht, dieſen jungen Grafen Franz Collo⸗ redo zu einem ernſten, verſtändigen Mann zu erziehen. Aber er iſt unverbeſſerlich, immer noch der junge Fant, dem nur Amour über Alles geht. Niemals hat er von mir lernen wollen, daß ſolche Herzenständeleien immer nur eine Nebenſache bleiben und keine Bedeutung ge⸗ winnen dürfen. Ein ernſthafter Staatsmann hat ernſtere und wichtigere Dinge zu thun, als mit dem Frauen⸗ zimmer ſeine Zeit zu vergenden und ſich zum Spielball ihrer Launen zu machen! Iſt dieſer kleine Graf Franz Colloredo nicht ein Thor! Zweimal iſt er geſtern bei der Frau von Poutet geweſen, Vormittag eine halbe Stunde, Nachmittags ſogar eine ganze Stunde. Was will denn der alte Narr bei dieſer Intriguantin! Frei⸗ lich, ſie hat viel Einfluß auf die junge Erzherzogin Thereſe. Wie, ſollte der kleine Graf Colloredo vielleicht bei dieſer Amour diplomatiſche Zwecke verfolgen? Sollte er am Ende klüger ſein, als ich dachte, und—“ „Se. Majeſtät der Kaiſer,“ rief der Kammer⸗ diener, haſtig die Flügelthüren aufreißend. Aber Fürſt Kaunitz, obwohl er es nie geſtehen wollte, war in letzter Zeit ſchwerhörig geworden, und nur, was in ſeiner unmittelbaren Nähe geſprochen ward, erreichte ſein Ohr, das entfernteres Geräuſch nicht mehr vernahm. Die Ankündigung des Kammerdieners ging 161 daher ungehört an ſeinem Ohr vorüber und er las ruhig in ſeinem Polizeirapport weiter. Den Rücken der Thür zugewandt, ſah er nicht, daß der Kaiſer eingetreten, der Kammerdiener hinter ihm die Thüren geſchloſſen hatte. Einen Moment blieb Leopold lächelnd an der Thür ſtehen, immer noch er⸗ wartend, daß der Fürſt ſich zu ſeiner Begrüßung erheben würde. Aber Kaunitz wandte ſich nicht um, er hörte es nicht, daß der Kaiſer jetzt mit haſtigen Schritten ſich ihm näherte. Aber war's nur Zufall, oder wollte der Kaiſer ſich ihm bemerklich machen— als er nur noch wenige Schritte entfernt war, ſtieß er wie aus Verſehen ſo hef⸗ tig gegen einen Stuhl, daß dieſer umfiel. Kaunitz wandte langſam ſein Haupt zurück, eine Wetterwolke thronte auf ſeiner Stirn, und war bereit ſich über den Unverſchämten zu entladen, der es gewagt ihn durch ſolch' Geräuſch zu ſtören. Als er indeſſen den Kaiſer gewahrte, erhob er ſich langſam, aber ohne das mindeſte Zeichen von Ueberraſchung, aus ſeinem Lehn⸗ ſtuhl und neigte ein wenig ſein ſtolzes Haupt. „Gnade, Durchlaucht, Gnade,“ rief der Kaiſer lächelnd;„ich bin hier in das Allerheiligſte eingedrungen wie der Dieb in der Nacht, ich wollte Sie überraſchen, und bin dafür beſtraft, indem ich ſtatt zu überraſchen, Ew. Durchlaucht durch meine Ungeſchicklichkeit erſchreckte.“ 162 „Nein, Majeſtät,“ ſagte Kaunitz feierlich,„Sie haben mich nicht erſchreckt. Ein ſtarker, großer Geiſt muß ſtets auf Alles gefaßt ſein, und ich darf ſagen, es gibt nichts auf der Welt, das im Stande wäre mich zu er⸗ ſchrecken. Aber erlauben mir Ew. Majeſtät, daß ich Sie zuerſt in meinem Hauſe willkommen heiße und um Ent⸗ ſchuldigung bitte wegen der ungebührlichen Art, mit wel⸗ cher ich Ew. Majeſtät empfangen habe. Ich werde meinen Kammerdiener noch heute fortjagen, denn ſeine Ungeſchicklichkeit allein trägt die Schuld, daß ich Ew. Majeſtät nicht ehrfurchtsvoll an der Thür des Zimmers empfangen habe.“ „Nein, nein, Durchlaucht,“ rief der Kaiſer,„ich allein trage die Schuld. Ich verbot es ihm, mich an⸗ zumelden, und wenn Sie daher irgend Jemand Ihren Zorn wollen empfinden laſſen, ſo muß ich der Beklagens⸗ werthe ſein. Ich wollte Sie, wie geſagt, überraſchen, und da ich fürchtete, Sie würden es mit mir machen, wie Sie es mit dem Fürſten Liechtenſtein gethan, Sie würden mich nicht annehmen, nun ſo kam ich unangemeldet. Aber jetzt ſagen Sie mir ehrlich, Durchlaucht, bin ich will⸗ kommen, oder würden Sie meinen Beſuch abgelehnt haben?“ „Ew. Majeſtät ſind allzeit in meinem Hauſe will⸗ kommen,“ ſagte Kaunitz leiſe ſein Haupt wiegend,„und v ſicherlich würde ich es nicht ſgetehe haben, Ihren Beſuch zurückzuweiſen, denn wenn die Kaiſer von Oeſterreich zu mir kommen, ſo pflegen ſie es zu thun, weil ſie meines Rathes und meiner Erfahrungen bedürfen, und niemals wird ihnen der Staatskanzler von Oeſterreich ſeinen Rath verweigern. Ew. Majeſtät ſind daher willkommen, und ich bitte Sie, die Gnade zu haben, auf dem Fauteuil dort Platz zu nehmen.“ Der Kaiſer folgte der raſchen, gebieteriſchen Hand⸗ bewegung des Fürſten, und ließ ſich auf dem Lehnſtuhl nieder, der dem Fürſten gegenüber ſtand. „Es iſt wahr,“ ſagte er leiſe zu ſich ſelber,„die alte Staatsherrlichkeit iſt von einer unleidlichen Inſolenz, und ich begreife es vollkommen, daß Carl Liechtenſtein ihn gründlich verabſcheut. Es liegt etwas Beleidigendes in ſeiner thronenden Unfehlbarkeit!“ Laut ſagte er:„Ew. Durchlaucht haben vollkom⸗ men Recht, ich komme, um mir Ihren Rath zu erbitten.“ „Ich wußte es,“ bemerkte Kaunitz mit hoheits⸗ voller Gelaſſenheit,„und ich darf wohl ſagen, ich er⸗ wartete Ew. Majeſtät. Die Situation wird immer ſchwie⸗ riger und verwickelter, die Phyſiognomie von Europa wird immer drohender, und ich finde es daher ganz na⸗ türlich, daß Ew. Majeſtät kommen, um den Kutſcher der europiiſchen Politik zu fragen, ob er vermeint, auch dies⸗ 164 mal wieder die Staatskaroſſe vor dem Umwerfen zu bewahren und ſie trotz des Unwetters und Sturms auf der rechten Straße weiter zu führen.“ „Ich gebe zu, daß ich das fragen wollte,“ ſagte Leopold lächelnd.„Was werden Ew. Durchlaucht mir auf meine Frage erwidern?“ „Ich erwidere darauf, daß Ew. Majeſtät ganz ruhig ſein dürfen. Der große Kutſcher der europäiſchen Politik hält die Zügel in feſten, ſichern Händen, und er wird von den tollen und unbändigen Roſſen, welche mit der ganzen europäiſchen Staatskaroſſe durchgehen möchten, ſich nicht zur Unbeſonnenheit hinreißen, ihnen nicht die Zügel ſchießen laſſen. Ew. Majeſtät werden mir jetzt zugeſtehen müſſen, daß ich Recht gethan habe, Ihnen zu rathen, den franzöſiſchen Vulkan im eigenen Innern aus⸗ toben zu laſſen, die materia peccans einzuſperren, ſtatt ſie anzugreifen. Faſt zwei Jahre ſind vergangen, ſeit ich Ew. Majeſtät dieſen Rath gab, und Ew. Majeſtät haben dadurch eben ſo lange einen unheilsvollen und gefährlichen Krieg vermieden, der leicht zum Verderben von ganz Europa hätte werden können.“ „Ach, aber wie viel hat man mich verläſtert und verhöhnt wegen meiner Friedensliebe,“ ſeufzte der Kaiſer, „wie oft hat man mir nicht ſpottend den Beinamen des Cunctators gegeben.“ 165 „Nun, Ew. Majeſtät werden ſich leicht damit ge⸗ tröſten, daß Kaunitz ihre Anſichten theilt, und daß Ihre Völker Sie ſegnen werden für die zwei Friedensjahre, deren ſie ſo ſehr bedurften. Mögen die Kurzſichtigen, denen es nicht gegeben, in die Ferne zu ſchauen und die Ge⸗ fahren zu vermeiden, die ſie nicht ſehen können, mögen dieſe immerhin Ew. Majeſtät und mich tadeln und an⸗ feinden, die Nachwelt und die Geſchichte werden uns Recht geben: Frankreich den Krieg erklären, würde heißen, die Revolution, den Jacobinismus und die Anarchie über ganz Europa ausbreiten. Ew. Majeſtät haben daher klug und weiſe gehandelt, bisher alle die Kriegsgelüſte der andern Mächte zurückzuweiſen und ſich auf keine Con⸗ ventionen und Tractate einzulaſſen.“ „Ein Glück, daß er die Convention, die ich in Pill⸗ nitz abgeſchloſſen, nicht kennt, und daß wir ſie ihm geheim gehalten*)“, ſagte Leopold leiſe zu ſich ſelber.„Aber glauben denn Ew. Durchlaucht, daß es uns auch ferner mit Ehren gelingen wird, den Krieg zu vermeiden?“ fragte er dann laut. „Ich glaube es nicht, ich bin überzeugt davon,“ ſagte Kaunitz.„Frankreich wird ſich wohl hüten, Oeſter⸗ *) Lebensbilder v. Hormayr. I. 309. 166 reich zu beleidigen und zu reizen, und unſere Ehre kann daher keine Genugthuung begehren.“ „Aber beleidigt nicht Frankreich mich täglich, reizt es mich nicht, indem es meine theure Schweſter, meinen vielgeliebten Schwager ſchmachvoller und unwürdiger Be⸗ handlung unterzieht?“ „Ich begreife, daß Ew. Majeſtät perſönlich ſich dadurch beleidigt und gekränkt fühlen, aber das Herz des Bruders der Königin Marie Antvinette darf keinen Ein⸗ fluß haben auf die Entſchließungen, welche der Kopf des Kaiſers von Oeſterreich gefaßt. Es bleibt dabei, was der edle Kaiſer Joſeph ſagte:„Oeſterreich hat keine Schweſter.“ Niemand mehr als ich kann das Lvos der unglücklichen Königin beklagen, Niemand kann tiefer und ſchmerzvoller als ich die Demüthigungen mitempfinden, welche die Tochter der erhabenen Kaiſerin Maria Thereſia zu erdulden hat. Wie ein Meduſenhaupt ſchauen die Gräuel, welche man in Paris verübt, mich an, und ich meine zuweilen, daß mein Herz davor zu Stein erſtarren könnte. Aber dennoch hege ich die feſte und unerſchütter⸗ liche Ueberzeugung, daß dieſe Stürme bald ausgetobt haben, daß die franzöſiſche Nation bald aus dem wüſten Rauſch bacchantiſcher Freiheitsluſt erwachen und Rache nehmen wird an den ſcheußlichen Anarchiſten und Jaco⸗ binern, von denen ſie verführt werden.“ 167 Aber bis jetzt leider hat es nicht den Anſchein,“ ſagte der Kaiſer haſtig.„Die Macht der Schreckens⸗ männer wird immer furchtbarer, und immer mehr wendet die Nation ſich in wildem Haß gegen ſein Königshaus.“ „Nun, ſo werden ſie vielleicht in ihrer wilden Tollheit ihren König und ihre Königin verjagen! Aber ein Tag wird kommen, wo ſie dieſelben in Reue und Zerknirſchung wieder zurückholen, denn die franzöſiſche Nation iſt eine monarchiſche, und nur blöde Thoren können vermeinen, ſie zu einer republikaniſchen umzu⸗ geſtalten. Das Volk wird reumüthig zu ſeinem König zurückkehren, wenn der Vulkan ausgetobt hat.“ „Aber wenn der Vulkan vorher den König und die Königin verſchlungen hat, wie dann?“ fragte Leopold kopfſchüttelnd.„Ew. Durchlaucht ſehen mich mißbilligend an? Sie glauben nicht an eine ſolche Entartung des franzöſiſchen Volkes, das ſie immer ſo ſehr geliebt haben? Aber es iſt ſo, wie ich Ihnen ſage: Die Lage des Königs⸗ paars iſt ſo verzweifelt, daß eine Vertreibung ſogar noch als eine Rettung erſcheinen würde. Man wird ſie aber nicht vertreiben, ſondern man wird ſie ermorden, wenn wir jetzt endlich nicht uns drohend erheben gegen die wüthenden Jacobiner.“ „Das heißt, Ew. Majeſtät wollen jetzt dem Drän⸗ 168 gen Preußens nachgeben? Sie wollen Frankreich den Krieg erklären?“ „Nein, aber ich will dem franzöſiſchen Miniſterium meinen feſten Willen kund und zu wiſſen thun, daß ich den Zuſtand der Dinge in Frankreich nicht länger dulden will, daß ich verlange, daß Frankreich eine Ordnung der Dinge wieder herſtelle, welche das übrige Europa nicht bedroht und welche die Rechte der Krone ſichert. Ich komme alſo zu Ihnen, mein lieber Fürſt, weil Sie das Organ ſind, durch welches ich zu der franzöſiſchen Re⸗ gierung ſprechen will, weil mein Staatskanzler, der be⸗ rühmte Fürſt Kaunitz, durch ſeinen gewichtigen Namen die Bedeutung meines Willens nur noch erhöhen kann. Aber ich bitte Sie, diesmal den Entwurf zu dieſer De⸗ claration, die ich der franzöſiſchen Regierung zufertigen will, von mir anzunehmen. Mein Gott, Ew. Durchlaucht haben in Ihrem langen und ruhmreichen Leben ſo viel gearbeitet, daß es wohl an der Zeit iſt, daß Andere auch ein wenig für Sie arbeiten. Ich habe daher den Tert zu dieſer Erklärung an das franzöſiſche Cabinet entworfen. Es iſt die endliche Antwort auf die Fragen, welche das franzöſiſche Miniſterium an uns gerichtet hat, die klare, ausführliche Erklärung, welche man gefordert hat. Ich habe, natürlich in Ihrem Namen, dem franzöſiſchen Mi⸗ niſterium darin alle ſeine Irrthümer und Vergehen nach⸗ 2 169 gewieſen, habe alle Verbrechen, deren die franzöfiſchen Gewalthaber ſich ſchuldig gemacht, alle Uebergriffe und Anmaßungen der geſetzgebenden Verſammlung dargelegt, und mit Ernſt und Entſchiedenheit verlangt und gefordert, daß dem Allen abgeholfen werde.*) Ich habe nicht ge⸗ droht, aber ich habe zürnend und tadelnd geſprochen, ich habe der Wahrheit die Ehre gegeben. Und jetzt, mein lie⸗ ber Fürſt,“ fuhr der Kaiſer mit faſt ſchmeichelndem Ton fort,„jetzt iſt es an Ihnen, meiner Arbeit die Sanction zu geben und ſie als die Ihre zu adoptiren. Ich habe ſie redigirt und zum Theil ſelbſt geſchrieben. Dieſe Schrift enthält alſo den Ausdruck meines Willens und meiner Entſchließung, und Ew. Durchlaucht werden als mein Miniſter die Güte haben, Ihren Namen unter dieſe Schrift zu ſetzen.“ „Ich kann nicht unterzeichnen, was ich nicht geleſen habe,“ ſagte Kaunitz, langſam ſein Haupt wiegend.„Darf ich Ew. Majeſtät erſuchen, mich die Schrift leſen zu“ laſſen?“ Der Kaiſer zog ſtatt aller Antwort ein Portefeuille aus ſeinem Buſen hervor, und einige beſchriebene Blätter aus demſelben nehmend, reichte er ſie dem Fürſten dar. ) Dieſes Manjfeſt iſt abgedruckt in: Memoires d'un homme d'état. I. 223 folgd. 1860. XR1v. Kiiſer Lecpotd der Zweite. III. u 170 Kaunitz nahm ſie mit einem ſtummen Kopfneigen, und begann ſofort eifrig zu leſen, während der Kaiſer ſeine Blicke fragend und forſchend auf ſein Angeſicht gerichtet hatte. Aber dieſes Antlitz blieb vollkommen un⸗ durchdringlich und ſteinern, keine Muskel zuckte und nicht der Schatten einer Wolke flog über ſein Antlitz hin. Dann, als er zu Ende geleſen, hob Kaunitz ſeine großen, hellen Augen langſam von dem Papier auf, und ſtarrte den Kaiſer mit einem ſeltſamen, durchdringenden Blick an. 6 „Dieſe Schrift iſt eine verkappte Kriegserklärung,“ ſagte er langſam und feierlich,„ſie iſt ein Manifeſt und enthält ein Ultimatum.“ „Nun, mag es ſo ſein,“ rief der Kaiſer.„Mögen die franzbſiſchen Schreckensmänner und Tyrannen ſich meinem Ultimatum beugen. Es iſt wohl Zeit, d ich end⸗ lich auch ein ſtarkes, entſcheidendes Wort daß ich endlich das Viſir zurückſchlage und die tobenden Jaco⸗ biner mit der drohenden Gewalt meines kaiſerlichen Wortes zur Ruhe verweiſe. Ich habe lange genug ge⸗ ſchwiegen, jetzt will ich reden, und vielleicht, wenn Frank⸗ reich meine Stimme vernimmt, die Stimme eines Mäch⸗ tigen, welcher droht, vielleicht wird es dann zur Vernunft und Ueberlegung zurückkehren.“ Das ſind die Wünſche und franzb⸗ 17¹ ſiſchen Royaliſten, ich weiß es wohl, und dieſe ganze Schrift trägt den Athem ihres Geiſtes an ſich,“ ſagte Kaunitz.„Hätten Ew. Majeſtät mir nicht geſagt, daß dieſer Entwurf von Ihnen ſelber herrühre, ſo würde ich meinen, die royaliſtiſchen und philoſophiſchen Rathgeber, welche der unglückliche König von Frankreich in der ge⸗ ſetzgebenden Verſammlung gefunden und die ihm oftmals ſchon zu ſeinem Verderben gerathen, die hätten auch dieſe Schrift entworfen. Aber ich würde dann ſagen, daß ſie ſich gar wenig auf diplomatiſche Noten verſtehen, und daß ſie da nicht in der Weiſe eines Staatsmannes, ſondern eines Predigers geredet haben;*) doch, da Ew. Ma⸗ jeſtät ſagen, daß Sie das geſchrieben, ſo enthalte ich mich jedes Urtheils.“ „Und da ich dieſe Erklärung geſchrieben und da ſie meine Willensmeinung iſt,“ rief Leopold lebhaft,„ſo werden Ew. Durchlaucht ſich wohl derſelben fügen und dieſem Paßier Ihre Namensunterſchrift geben.“ Der alte Fürſt blickte den Kaiſer ſtarr an und ſchüt⸗ *) Das ganze Manifeſt iſt mitgetheilt in: Beaulieu: Essais historiques, und füllt dort vierzehn enggedruckte Sei⸗ ten. Beaulieu, ſo wie auch Frau von Stasl, Schloſſer und die Memoires scerètes ſagen, daß die Königin Marie Antvineite den Tert dieſes Manifeſtes an Kaiſer Leopold geſandt, und daß dieſer ihn 11* 172 telte dann lagſam ſein Haupt.„Nein,“ ſagte er feier⸗ lich,„ich werde das nicht thun! Ich werde dieſe Schrift nicht adoptiren, denn ich kann ſie nicht gutheißen.“ Wie, Sie verweigern mir Ihre Unterſchrift?“ fragte der Kaiſer lebhaft und mit aufflammender Röthe. „Ja, ich verweigere meine Unterſchrift,“ ſagte Kaunitz hoheitsvoll.„Ew. Majeſtät wollen, daß ich dieſe Schrift ſanctionire, indem ich ſie unterzeichne. Aber ich kann nicht unterzeichnen, was ich nicht billige. Dieſes Manifeſt iſt eine Halbheit, welche ſchlimmer iſt als alles Andere. Dieſes Manifeſt abſchicken, heißt die Erbitterung Frankreichs bis zur Wuth ſteigern, es zu einer Kriegser⸗ klärung zwingen, es heißt den König und die Königin von Frankreich ihrem ſichern Verderben entgegenführen.“ „Das iſt Ihre Anſicht, aber nicht die meine,“ rief Leopold haſtig.„Sie werden alſo die Güte haben, ſich der meinen zu fügen.“ „Es handelt ſich dabei nicht um eine Güte, ſondern um eine Iflicht,“ ſagte Kaunitz gelaſſen,„und der Staats⸗ kanzler von Oeſterreich hat die Pflicht, nur ſeiner Ueber⸗ zeugung zu folgen, nur das zu thun, was er zum Wohl und zur Ehre Oeſterreichs für nothwendig erachtet. Der Staatskanzler Fürſt Kaunitz hat das in die Hände der großen Kaiſerin Maria Thereſia mit feierlichem Eide ge⸗ lobt, und ihr, ſeinem Gewiſſen und Gott iſt er verant⸗ 173 wortlich für die Geſchicke Oeſterreichs. Majeſtät, ich bitte um Vergebung, aber ich kann dies Manifeſt nicht unterzeichnen.“ Der Kaiſer wollte eben eine haſtige Antwort geben, aber Kaunitz winkte ihm mit einer gebieteriſchen Bewe⸗ gung zu ſchweigen, und fuhr fort:„Aber ich will Ew. Ma⸗ jeſtät nicht hinderlich in den Weg treten und ich erlaube mir Ihnen einen Ausweg vorzuſchlagen. Ueberdies hat die hochfahrende und herausfordernde Sprache, mit wel⸗ cher der Herr de Leſſart, der franzöſiſche Miniſter des auswärtigen Departements, von mir eine Erklärung über das Verhalten Oeſterreichs forderte, mich tief indignirt, und er verdient eine gründliche Zurechtweiſung. Ich werde alſo noch heute an unſern Bevollmächtigten in Paris, den Herrn von Blumenthal ſchreiben und ihm auftragen, dieſem Monſieur de Leſſart zu vermelden, daß der Fürſt Kaunitz mit Revolutionairen und Jacobinern nicht zu verhandeln habe, und daß er daher keinen per⸗ fönlichen Verkehr mit dem franzöſiſchen Miniſterium fer⸗ ner unterhalten werde, ſondern ferner nur durch die Ver⸗ mittelung des Vicekanzlers Grafen Philipp Cobenzl die Unterhandlungen fortſetzen werde*). Ew. Majeſtät werden ) Siehe: Schloſſer: Geſchichte des achtzehnten Jahrhun⸗ derts. V. S. 384. 174 alsdann dem Grafen Cobenzl Ihre Befehle kund thun können. Er iſt geſchmeidig und fügſam, und Sie werden an ihm immer einen unterthänigen und gehorſamen Die⸗ ner finden, der immer nur bemüht ſein wird, den Willen ſeines kaiſerlichen Herrn zu erfüllen, gleichviel ob derſelbe mit ſeiner eigenen Anſicht übereinſtimmt und das wahre und wirkliche Wohl Oeſterreichs im Auge hat.“ „Und eines ſolchen Dieners werde ich mich freuen,“ ſagte Leopold ſtreng, indem er ſich haſtig erhob.„Ich erſuche Sie, Ihre Abſicht ſogleich auszuführen und noch heute einen Courier nach Paris abzuſenden mit der Er⸗ klärung, daß Sie künftighin dem Grafen Philipp Co⸗ benzl die Unterhandlungen mit dem franzöſiſchen Mini⸗ ſterium übertragen wollen. Wenn ich mich aber damit begnüge, keine andere Genugthuung für die beleidigende und unpaſſende Sprache zu begehren, welche Sie ſich Ihrem Herrn und Kaiſer gegenüber erlaubt haben, ſo liegt das daran, daß ich in Ihnen das Vermächtniß mei⸗ ner erhabenen Mutter ehre und daß ich Ihnen noch jetzt dankbar bin für die großen Dienſte, welche Sie einſt, in vergangenen Tagen, unſerm Kaiſerhauſe und dem öſter⸗ reichiſchen Kaiſerſtaat geleiſtet haben. Leben Sie wohl, Durchlaucht, und vergeſſen Sie nicht, noch heute den Cou⸗ rier abzufertigen.“ Er nickte dem alten Fürſten einen Abſchiedsgruß zu *& 3 175 und ſchritt dann, ohne ihn weiter zu beachten, raſch der Ausgangsthür zu. Fürſt Kaunitz hatte ſich aus ſeinem Lehnſtuhl erho⸗ ben, als wollte er den Kaiſer begleiten, aber er unterließ es, wie er ihn ſo eilig dahin gehen ſah. Hoch aufgerichtet ſtand er da, mit ſeinen großen, glanzloſen Augen dem Kaiſer nachblickend, bis dieſer das Zimmer verlaſſen hatte. Dann ließ er ſich langſam wieder in den Fauteuil niedergleiten, und immer noch nach der Thür hinſtarrend ſagte er mit langſamer feierlicher Stimme:„Er rennt in ſein Verderben, denn er will nicht hören auf die Stimme deſſen, den die Vorſehung dazu auserſehen, der Schutz⸗ geiſt Oeſterreichs zu ſein. Ach, Kaiſer Leopold, Kaiſer Leopold, Deine Tage ſind gezählt, denn Du willſt hin⸗ eingreifen in das Feuer, welches aus dem franzöſiſchen Vulkan emporſchlägt; Du wirſt an dieſem Feuer ver⸗ brennen und Dir ſelber das Verderben ſchaffen. Ich habe es nicht hindern können, denn er wollte nicht hören auf die Warnungsſtimme ſeines guten Genius! Er hätte am liebſten dem Kutſcher von Europa die Zügel aus der Hand geriſſen und ihn abſitzen heißen von ſeinem Len⸗ kerſitz. Aber er wagte es doch nicht! Nein, er wagte es nicht! Niemand wird das wagen, und ich glaube auch, die Erde ſelbſt würde erzittern, wenn ein ſolcher Frevel be⸗ gangen würde. Oeſterreich würde zu Grunde gehen, wenn 176 man ihm ſeinen Lenker und Regierer, den Staatskanzler Fürſten Wenzeslaus von Kaunitz rauben wollte!“ Ein letzter Strahl ſtolzen Selbſtbewußtſeins machte auf einen Moment das ſteinerne Antlitz des alten Für⸗ ſten erglänzen und der matte Schimmer eines Lächelns umſpielte ſeine bleichen, ſchmalen Lippen. Mit einem ſtolzen Ausdruck des Triumphes blickte er im Zim⸗ mer umher, als wolle er die Höflinge und Vaſallen auf⸗ fordern, ſeine Worte zu beſtätigen und auszubrechen in Lo⸗ beshymnen über den großen, den erhabenen Fürſten Kaunitz. Aber er war allein, ganz allein, die Höflinge und Vaſallen Alle hatten ihn verlaſſen! Mochten ſie es! Sie konnten ihn verlaſſen, die erbärmlichen Menſchen, aber er blieb doch was er war, und ſeine Größe und ſeinen Ruhm konnten ſie nicht ſchmälern. Die Menſchen ver⸗ gehen, aber die Götter bleiben! Das dachte Fürſt Kaunitz, und mit einer ſtolzen Armbewegung griff er nach der goldenen Handklingel und ſchellte haſtig, daß der Kammerdiener entſetzt her⸗ einſtürzte, weil er meinte, ſeinem Herrn ſei ein Unglück geſchehen. Kaunitz winkte ihn zu ſich heran, und ſein Auge be⸗ waffnete ſich mit einem Blick des Zorns, der auf die demüthige Geſtalt des Kammerdieners niederzuckte. 177 „Wer hat den Kaiſer vorher unangemeldet zu mir eingelaſſen?“ fragte er ſtreng und kalt. „Verzeihung, Durchlaucht,“ wagte der Kammer⸗ diener zu erwidern,„ich habe, wie es Ew. Durchlaucht bei dem Beſuche des Kaiſers oder der Erzherzoge befoh⸗ len, die Flügelthüren geöffnet und mit lauter Stimme gemeldet:„Se. Majeſtät der Kaiſer.“ „Wenn Sie das gethan hätten, ſo würde ich es ge⸗ hört haben,“ ſagte Kaunitz mit olhmpiſcher Ruhe;„Je⸗ dermann weiß, daß ich das ſchärfſte Gehör habe und daß mir nicht der leiſeſte Laut, das geringſte Geräuſch entgeht. Sie haben alſo nicht allein gegen meine Befehle gehandelt, ſondern Sie ſteigern jetzt noch Ihr grobes Ver⸗ gehen, indem Sie dem Ungehorſam die Lüge hinzufügen. Sie werden deshalb noch heute meinen Dienſt verlaſſen, denn ich wiederhole es Ihnen: Sie haben gröblich gegen die Hausordnung gefehlt! Sie haben unangemeldet und ohne daß Sie wiſſen konnten, ob ich heute Audienz ge⸗ ben wollte, einen Beſuch zu mir eingelaſſen. Gehen Sie! Sie ſind verabſchiedet!“— Der Kaiſer war indeß heimgekehrt und hatte, in ſein Cabinet ſich begebend, ſogleich den Fürſten Liechten⸗ ſtein rufen laſſen. „Nun,“ ſagte er, den eintretenden Fürſten mit ei⸗ nem Lächeln begrüßend,„nun, geſtehe es nur, Du biſt 178 recht neugierig auf das Reſultat meiner Conferenz mit dem Herrn Staatskanzler? Du mäöchteſt gern erfahren, ob er das Manifeſt, das ich als meine Arbeit ihm dar⸗ gebracht, auch honoriren und mit ſeiner Unterſchrift ver⸗ ſehen wird?“ „Ich geſtehe, Em. Majeſtät, daß ich allerdings ſehr neugierig bin zu erfahren, ob der alte verſteinerte Herrgöttel ſich gutwillig oder nur gezwungen dem Wil⸗ len ſeines Kaiſers gefügt hat?“ „Er hat ſich ganz und gar nicht gefügt,“ ſagte Leopold lächelnd.„Er hat ſich geweigert, ſeine Unter⸗ ſchrift zu geben.“ „Wie 5 Er hat das gewagt?“ rief der Fürſt erglü⸗ hend.„Er iſt in ſeiner Unverſchämtheit ſo weit gegan⸗ gen, den Gehorſam zu weigern, den er ſeinem kaiſerlichen Herrn ſchuldig iſt? Sich ſeinem Willen zu unterwerfen?“ „Still, ſtill, mein Trotzkopf,“ ſagte der Kaiſer ernſt. „Er hat gehandelt als ein Ehrenmann, er hat ſeine Ueber⸗ zeugung nicht meinem Willen unterordnen wollen. Ich kann ihn deshalb nicht tadeln! Und wer weiß, ob er mit ſeiner Ueberzeugung nicht Recht hat. Aber im Uebri⸗ gen haſt Du Recht,“ fuhr der Kaiſer lächelnd fort,„er iſt wirklich ein verſteinertes Herrgöttel, das nichts mehr kennt und nichts mehr anbetet, als ſich ſelber. Wir wol⸗ len ihn darin nicht ſtören, aber er ſoll auch uns fortan 179 nicht mehr ſtören! Höre alſo, mein Liebling. Fürſt Kau⸗ nitz wird noch heute einen Courier nach Frankreich ab⸗ ſenden, in welchem er meinem Geſchäftsträger, dem Herrn von Blumenthal aufträgt, den franzöſiſchen Mi⸗ niſtern zu notificiren, daß der Fürſt Kaunitz mit Jacobi⸗ nern und Revolutionairen keinen diplomatiſchen Verkehr fortſetzen wolle, und deshalb künftighin nicht mehr per⸗ ſönlich, ſondern nur noch durch die Vermittlung des Vice⸗ kanzlers, Grafen Philipp von Cobenzl, mit dem franzö⸗ ſiſchen Gouvernement verkehren wolle.“ „Das heißt,“ rief Liechtenſtein aufjauchzend,„das heißt, Ew. Majeſtät haben den alten Fürſten endlich ſei⸗ nes Amtes enthoben und in den Ruheſtand verſetzt? Die alte Staatsweisheit iſt penſionirt? Der alte po⸗ litiſche Kutſcher hat die Zügel fallen laſſen?“ „Der Himmel behüte mich, den alten Mann ſo zu kränken,“ ſagte der Kaiſer mit mildem Ton.„Wir wol⸗ len dem Tode nicht vorgreifen! Nur er kann den Staats⸗ kanzler Fürſten Kaunitz von ſeiner Stelle entbinden. Aber die Klugheit verlangt, daß ich, indem ich den Fürſten ſchone, doch auf die Wahrung meiner eigenen Intereſſen und des Staatswohls Rückſicht nehme. Er hat freiwillig die Führung der franzöſiſchen Angelegenheit an den Vice⸗ kanzler abgetreten, aber ich wünſche jeden Eclat zu ver⸗ meiden und dem alten Fürſten die Genugthuung zu 180 laſſen, daß die Welt noch immer glaubt, er ſei der ge⸗ bietende Herr und der Lenker unſerer Politik. Ich werde daher den Grafen Cobenzl beauftragen, dies Manifeſt als diplomatiſche Note an den Miniſter de Langlais ab⸗ zuſenden, aber es muß doch die Unterſchrift des Fürſten Kaunitz tragen. Ich werde fernerhin die Führung der franzöſiſchen Politik allein übernehmen, aber wir werden allen unſern Noten und Depeſchen doch die Unterſchrift des Fürſten Kaunitz geben. Das iſt die letzte Ehre, die wir dem Staatskanzler Maria Thereſia's erzeigen kön⸗ nen. Es fragt ſich nur, wer es übernehmen wird, dieſe Unterſchriften des Fürſten Kaunitz immer einzufordern und ihn zu vermögen, daß er ſein W. A. Kaunitz unter ſeine Depeſchen ſetzt?“*) ) Von dieſer Zeit an ward der alte Fürſt Kaunitz bei allen politiſchen Angelegenheiten vollkommen ignorirt, und ebenſo wenig wie man ihm Mittheilung gemacht von der Convention von Pillnitz, ebenſo wenig erfuhr er von allen übrigen wichtigen politiſchen Verhandlungen. Alle wichtigen Verhandlungen wurden ohne ihn getrieben, aber dennoch trugen die Depeſchen, wie ſehr der Inhalt derſelben auch ſeiner politiſchen Geſinnung widerſtre⸗ ben mochte, immer die Namensunterſchrift des Fürſten Kaunitz. Man hatte, um alle Weitläufigkeiten zu vermeiden, einen geſchick⸗ ten Kalligraphen, Namens Joſeph Spengler, eigens in der Staats⸗ kanzlei dazu angeſtellt, daß er das durch ſo lange Jahre hoch⸗ geachtete: W. A. Kaunitz durch das Fenſter nachſchreibe. Als Kau⸗ 181 „Ich übernehme es,“ rief der Fürſt freudig,„ich beſchaffe dieſe Unterſchriften, welche die Milde und Gnade Eurer Majeſtät verlangt. Ja, möge die Welt immerhin noch an die Macht und die Gewalt des alten Fürſten Kaunitz glauben, für Oeſterreich beginnt doch jetzt eine neue, eine glückliche Zeit. Denn der edle Kaiſer Leopold hat dem alten Kutſcher von Europa jetzt die Zügel aus der Hand genommen, und er allein wird jetzt ſie lenken und führen. Heil Oeſterreich! Heil meinem edlen Kaiſer Leopold!“ Ichtes Capitel. Die Aja. Victoria von Poutet kehrte ſo eben aus den Gemä⸗ mächern der Erzherzogin Thereſe nach den von ihr be⸗ wohnten Zimmern in der kaiſerlichen Hofburg zurück. Zwei Lakayen in der kaiſerlichen Livree gingen hinter ihr her, und trugen mehrere Bücher und ein zierliches ſilber⸗ nitz endlich durch einen Zufall dies enideckte, aß und trank er nicht mehr, verſchmähte jede Arzenei und ſtarb ſauft und ſtill am 3 1794, als Greis von 84 Jahren. Siehe: Lebensbil⸗ 310. 182 nes Körbchen, in welchem ſich eine Stickerei befand, und auf derſelben ein großer, mit einem officiellen Siegel verſehener Brief. Victoria, die Ehrendame der Gemahlin des Erzherzogs Franz, und der Liebling derſelben, hatte ſo eben wieder mehrere Stunden bei der Erzherzogin zu⸗ gebracht, ihr vorgeleſen, ſie unterrichtet in einer ſchwie⸗ rigen Stickerei, und ſie dabei ergötzt durch ihre geiſt⸗ voll pikante Unterhaltung, durch die liebenswürdigen Bosheiten, welche ſie über die Damen und Herren des Hofes ihr mitgetheilt. Zum Dank dafür hatte die Erz⸗ herzogin, indem ſie ihre geliebte Ehrendame entließ, der⸗ ſelben ein verſiegeltes Papier übergeben, mit der Bemer⸗ kung, daß ihr daſſelbe ſo eben aus der kaiſerlichen Staatskanzlei zugegangen und daß ſie ſelber ſich die Freude vorbehalten habe, es in die Hände Victoria's niederzulegen. Was mochte dieſes Schreiben enthalten? Das war die große Frage, welche, während ſie durch die Corridore und Säle zu ihren Zimmern dahin ſchritt, das Herz der ſchönen Witwe allein beſchäftigte. Wie gern hätte ſie dem Lakayen das Körbchen entriſſen, um das Schreiben zu eröffnen, ſeinen Inhalt kennen zu lernen! Aber Victoria hatte ſchon gelernt die ſtürmiſchen Wün⸗ ſche ihres Herzens der Etiquette unterzuordnen, ſich den Geſetzen derſelben zu fügen. 183 Sie wandte daher nicht einmal den Blick zu dem Schreiben um, ſie beſchleunigte nicht ihre Schritte, ſon⸗ dern das Haupt hoch aufgerichtet, mit würdevoller Lang⸗ ſamkeit ſchritt ſie dahin. Aber endlich doch war der lange Weg zurückgelegt, endlich hatte ſie ihr Wohnzimmer erreicht. Die Lakayen hatten die mitgebrachten Sachen auf dem Marmortiſch niedergelegt, und dann mit leiſer, ehrfurchtsvoller Stim⸗ me nach den weitern Befehlen der gnädigſten Frau ge⸗ fragt. Victoria hatte ſie, mit einem gebieteriſchen Wink nach der Thür hin, bedeutet hinaus zu gehen, dann, als ſie ſich entfernten, war ſie raſch und flüchtig wie eine Gazelle hingeſprungen zu der Thür, um den Riegel vor⸗ zuſchieben, war von da nach der gegenüber ſtehenden Thür geeilt, und erſt, als ſie auch hier den Riegel vor⸗ geſchoben, erſt als ſie ſicher war, von Niemanden über⸗ raſcht zu werden, erſt da nahm ſie das große Schreiben aus der kaiſerlichen Hofkanzlei und erbrach das officielle Siegel. Ein Strahl triumphirender Freude leuchtete in ih⸗ ren Augen auf, als ſie den Inhalt dieſes Schreibens las; plötzlich, aller erkünſtelten Würde, aller vornehmen Alluren vergeſſend, brach ſie in ein lautes, fröhliches Gelächter aus, und den Brief hoch in ihrer Hand em⸗ 184 porſchwenkend, ſprang ſie laut lachend in wilden Sätzen im Zimmer umher. Dann auf einmal in einen Parade⸗ ſchritt übergehend, das Papier einer Fahne gleich hin und her bewegend, begann ſie leiſe, in marſchartiger Melodie zu ſingen: „Victoria, Victoria, Du haſt den Sieg errungen! Victoria, Victoria, die Liſt ſie iſt gelungen! Victvria, Victoria, Du biſt jetunder die Aja! Victoria, Victvria! O große, herrliche Ajal⸗ Dann wieder in ein lautes, fröhliches Lachen aus⸗ brechend, ſank ſie ganz erſchöpft auf einen Stuhl nieder und warf, hochathmend, die purpurrothen Lippen halb geöffnet, die großen, blitzenden Augen aufwärts gerichtet, das ſchöne Haupt an die Lehne des Stuhls zurück. „Ich zur Aja ernannt,“ ſagte ſie faſt ſpöttiſch, „Victoria von Poutet nicht bloß die Ehrendame der Erz⸗ herzogin Thereſe, ſondern auch die Aja, die Oberhof⸗ meiſterin ihrer kleinen Tochter, der jungen fünfmonatlichen Erzherzogin Marie Louiſe! Nun, der Dienſt iſt nicht groß, aber die Ehre iſt um ſo größer! Ah, wie viel der vornehmſten, der reichſten und tugendhafteſten Damen haben ſich ſeit Monaten um dieſe Stelle beworben, und ich, die nimmer auf den ſtolzen Gedanken gekommen wäre, daß man mich einer ſolchen Ehre für würdig hal⸗ ten könnte, ich erhalte dieſe erhabene, dieſe glorreiche 185 Stelle! Mein Gott, bin ich denn, ohne daß ich's gemerkt habe, etwa gar ein Muſter der Tugend und Sittſamkeit geworden? Strahlen aus meinem Angeſicht, ohne daß ich's weiß, die holden Blüthen edler Weiblichkeit und hochariſtokratiſcher Abſtammung? Mich erwählt man zur Aja! O, warum iſt Thugut nicht hier, er, der Ein⸗ zige, der mich verſteht, der Einzige, vor dem ich mich nicht verhüllen, mich nicht verpuppen brauche mit dem Mantel der Tugend! Ach, ach, wie würden wir Beide lachen und uns freuen, wenn er hier wäre! Wenn er wüßte, daß ſeine Diavolezza jetzt eine Aja geworden, eine Dame, welche der Erziehung einer kaiſerlichen Prinzeſſin vorſtehen ſoll, weil ſie ſo äußerſt tugendhaft, ſittſam und ariſtokratiſch iſt! Und wem danke ich dies Alles? Wem anders, als meinem Witwenkleid, als meiner ſchwermuths⸗ vollen Trauer um den theuren, geſtorbenen Gemahl! Gott, mein lieber Herr Rittmeiſter von Poutet, wie danke ich Dir aus Grund meiner Seele, daß Du geſtorben biſt. So lange Du lebteſt, genirteſt Du mich fürchterlich, aber ſeit Du todt biſt, machſt Du mich unausſprechlich glück⸗ lich, und haſt dabei noch den Vortheil, daß Du die ewige Seligkeit genießeſt. Nun, ich gönne ſie Dir vom Herzen, und begehre durchaus nicht, ſie mit Dir zu theilen! Nein, ich bin nicht ſo eigennützig, ich bleibe recht gern noch hier unten im irdiſchen Jammerthal, das doch ſo überaus 1860. XXIV. Kaiſer Leopold der Zweite. III. 12 186 ſpaßig und luſtig iſt! O Thugut, lieber Thugut, warum biſt Du nicht bei mir, damit wir Beide lachen könnten über die närriſchen, dummen Menſchen, die an jede Larve und an jeden Trauerfetzen glauben! Ich muß ſeinen Brief, ſeinen lieben, diaboliſchen Brief noch einmal leſen!“ Sie ſprang auf und tänzelte zu ihrem Schreibtiſch hin, und nahm aus einem verborgenen, ſorgſam ver⸗ ſchloſſenen Schubfach ein Papier hervor.„Sein Brief!“ flüſterte ſie, ihn an ihre Lippen drückend.„Die himmli⸗ ſche Epiſtel eines Teufels an ſeine Diavolezza! Mein Gott, wie iſt's nur möglich, daß ich dieſen böſen Mann ſo glühend liebe? Er iſt alt, häßlich, voll Bosheit, Iro⸗ nie und Menſchenverachtung, voll Spott und Hohn, er glaubt an nichts, nicht einmal an meine Tugend— und dennoch liebe ich ihn, dennoch ſehne ich mich nach ihm, und mir ſcheint, von ihm geſcholten und mißhandelt zu werden iſt ſchöner und begehrenswerther, als alle die Schmeicheleien, die Huldigungen der ſchönſten, edelſten und reichſten Cavaliere des Kaiſerhofes. Mein Gott, welch' ein boshaftes Lachen würde von ſeinen Lippen tönen, wenn er mich eben hörte, die zärtliche Liebesklage ſeiner Diavolezza vernähme! Wie würde er höhnend die Achſeln zucken, wenn ich ihm ſagte, daß ich ihn auch in der Ferne treu geliebt, und daß keiner der ſchönen 187 Cavaliere, die mich umwarben, auch nur der kleinſten Gunſt ſich zu erfreuen gehabt! Ihn liebe ich, ihn allein, und um ſeinetwillen nur will ich den langweiligen alten Grafen Colloredo heiraten. Aber wird's gelingen? Werde ich endlich den edlen Bräutigam heimführen? Eh bien, nous verrons! Leſen wir zuerſt noch einmal meines lieben Freundes geſtern erhaltenen Brief!“ Sie entfaltete den Brief und las ihn, oftmals lächelnd und erröthend, oft in tiefen, nachdenklichen Ernſt verſinkend.„Dieſe Stelle hier verſtehe ich nun ganz und gar nicht,“ murmelte ſie leiſe vor ſich hin, und als wolle ſie verſuchen, ſich die Worte des Freundes durch das Ohr vielleicht verſtändlicher zu machen, las ſie halblaut: „Sie werden jetzt ohne Zweifel Ihr Ziel ſchon erreicht haben, und die Braut des alten gräflichen Thoren ſein, der mir meine Victoria rauben will. Denn Sie haben ſicherlich das wichtige Document Ihrer hochadeligen Ab⸗ ſtammung durch den Grafen Merch nebſt dem Briefchen erhalten, den Ihnen die Pariſer Aventuriére überbringen ſollte? Ich hatte Mercy beauftragt, alle Briefe, die er bei ihr findet, an ihre Adreſſe zu befördern, und da er mir nichts weiter darauf erwidert hat, ſo wird er's ohne Zweifel gethan haben. Alſo, meine theuerſte Gräfin Feuillant de Tanneville, meinen Glückwunſch zur Ver⸗ B 12* 188 lobung mit dem guten Grafen Colloredo! Die Hochzeit darf aber nicht gefeiert werden ohne mich, denn—“ „Dies verſtehe ich nicht,“ unterbrach ſich Victoria gedankenvoll.„Von welcher Pariſer Aventuriére ſpricht er denn, und von was für Briefen, die ich durch den Grafen Merch erhalten hätten? Ich habe nichts er⸗ halten, gar nichts! Offenbar hat er mir vom großen belgiſchen Wappenmeiſter und Erfinder der Adels⸗ diplome den erſehnten Stammbaum geſandt, und ich Unglückliche habe ihn nicht erhalten, er iſt verloren ge⸗ gangen, und ohne dies Document werde ich niemals mein Ziel erreichen, niemals zur Gräfin Colloredo mich verklären! Mein Gott, ſtehe mir bei, ſage mir, wo ich die Pariſer Aventuriére finden kann, die—“ Ein leiſes, ſchüchternes Klopfen an der Thür, die in das Vorzimmer führte, unterbrach ſie.„Man klopft,“ flüſterte ſie leiſe,„ſollte etwa der Graf Colloredo—“ Sie ſtand auf, ſchob haſtig den Brief wieder in das verborgene Fach, und eilte dann den Riegel zurück⸗ zuſchieben und die Thür zu öffnen. Einer der Lakayen ſtand vor der Thür und mel⸗ dete, daß eine alte Frau in tiefer Trauer durchaus die gnädige Frau zu ſprechen begehre. Sie habe geſagt, ſie müſſe der Frau von Poutet Dinge ven der äußerſten 189 Wichtigkeit mittheilen, und nur ihr allein könne ſie die⸗ ſelben anvertrauen. „Sie iſt alt, und in tiefer Trauer?“ fragte Vie⸗ toria.„O ſicherlich eine arme Witwe, die des Troſtes bedarf. Eile Dich, Jean, führe die Unglückliche ſogleich zu mir!“ Der Lakay eilte fort, leiſe vor ſich hinmurmelnd: „Iſt das eine Tugend! Weil ſie ihren Mann noch immer betrauert, läßt ſie jedes alte Weib vor ſich, die in Trauer kommt und bettelt.“ Victoria aber, langſam das Zimmer durchſchrei⸗ tend, flüſterte vor ſich hin:„Meine liebe Witwe von Epheſus, ich beklage Dich! Deine Rolle hat auch ihre langweiligen Seiten. Die Tröſterin aller tugendhaften Witwen zu ſein, die ſich mit ihren Thränen meine Für⸗ ſprache erwerben möchten, um eine kaiſerliche Penſion zu erhalten, das iſt doch auch herzlich langweilg und—“ Der Lakay öffnete die Thür und ließ die alte Frau, die„trauernde Witwe“ eintreten. Sie blieb ſchweigend und ſchüchtern an der Thür ſtehen und heftete ihre Blicke mit einem fragenden, ängſtlichen Aus⸗ druck auf die ſchöne Dame hin, die jetzt mit ernſter Freundlichkeit zu ihr heranſchritt. „Arme Frau,“ ſagte Victoria jetzt traurig,„ich ſeh's an Ihren Trauerkleidern, Sie haben den höchſten 190 Schmerz des Lebens erfahren, Sie haben das Liebſte verloren, was die Erde für Sie trug. Arme Frau, Gott hat Sie zur Witwe gemacht?“ Die Frau ſchüttelte ernſt ihr Haupt.„Es iſt wahr, Ew. Gnaden,“ ſagte ſie,„ich habe das Liebſte verloren und den größten Schmerz des Lebens erfahren, aber Witwe bin ich deshalb doch nicht.“ „Wie? Ihr ſeid keine Witwe?“ fragte Victoria faſt freudig. „Nein, Ew. Gnaden. Mir ſtarb nur mein Sohn, mein einziges Kind, und das iſt der höchſte Schmerz des Lebens. Aber ich bin nicht hierher gekommen, um vor Ew. Gnaden über mein Unglück zu klagen, und nicht für mich will ich etwas erbitten. Ich bin die Frau Tho⸗ mas, mein Mann iſt der erſte Schließer im großen Polizeigefängniß, und ich bin die vereidete Kranken⸗ pflegerin der Gefangenen.“ „Ah, und Ihr kommt zu mir, um von mir eine Unterſtützung für die armen kranken Gefangenen zu fordern?“ fragte Victoria lebhaft.„Das iſt brav von Euch, und ich bin gern bereit zu geben, was in meinen Kräften ſteht.“ Und ſie nahm aus ihrem Schreibtiſch eine reich gefüllte Börſe, die ſie haſtig öffnete. „Behalten Ew. Gnaden Ihr Geld,“ ſagte Frau 191 Thomas ernſt.„Ich habe nichts zu nehmen, ſondern etwas zu geben. Aber ich habe auf das Crucifix ge⸗ ſchworen, daß ich das, was ich bringe, nur in die Hände der Frau Victoria von Poutet ſelber niederlegen will. Ich muß alſo Ew. Gnaden fragen: ſind Sie wahr und wahrhaftig die Frau von Poutet? Nicht etwa ihre Schweſter oder ihre Geſellſchaftsdame?“ „Nein, ich bin wahr und wahrhaftig, bei der heili⸗ gen Jungfrau ſei's geſchworen, bin die Frau Victoria von Poutet,“ ſagte Victoria lächelnd. „Dann, Ew. Gnaden, gebe ich Ihnen dies!“ Und Frau Thomas zog ein kleines Briefchen aus ihrem Buſen hervor und reichte es der Frau von Pou⸗ tet dar. „Von wem iſt der Brief?“ fragte ſie erſtaunt. „Von einem unſerer Gefangenen, einem hübſchen blutjungen Burſchen, den ich lieb habe, weil er meinem lieben Sohn gleicht. Leſen Sie, gnädige Frau!“ Victoria entfaltete das Papier, und mit gleich⸗ giltiger, verwunderter Miene begann ſie zu leſen. Auf einmal zuckte ſie zuſammen, und ihre Züge nahmen den Ausdruck des Schreckens, des Staunens an. Athemlos, erbleichend und erröthend las ſie weiter, dann heftete ſie ihre großen, ſchwarzen Augen mit einem flammenden, 192 forſchenden Blick auf das ſtille, ruhige Antlitz der Frau Thomas. „Ihr wißt, was in dieſem Brief geſchrieben ſteht?“ fragte ſie. „Nein,“ erwiderte die alte Frau,„nein, ich weiß es nicht. Ich habe bei dem Andenken an meinen Sohn geſchworen, daß ich den Brief unverletzt und ohne ihn auch nur anzuſehen, Ew. Gnaden übergeben wollte, und ich hab's gethan, ſo wahr mir Gott helfe!“ „Aber dieſer Brief iſt ja von einer Frau,“ rief Vie⸗ toria,„und Ihr ſagtet doch, daß ihn Euch einer der Polizeigefangenen gegeben?“ „Ich wußte nicht, daß ſie Ew. Gnaden in dem Brief ihr Geheimniß anvertraut habe, aber da ſie's ge⸗ than, brauch ich's nit leugnen. Ja, der Gefangene Nu⸗ mero Vierzig iſt ein Frauenzimmer, ein ſchönes, liebes, jun⸗ ges Mädel, und ein Jammer und Herzeleid iſt's, daß ſon ſchönes, junges Blut im Gefängniß verderben ſoll. Sie ſagt aber, Ew. Gnaden könnten ſie erretten, wenn Sie nur wollten, und darum bin ich hieher gekommen und bitt' Ew. Gnaden recht von Herzen: wollen Sie doch!“ Victoria ſchaute wieder in den Brief, dann ſagte ſie haſtig:„Erzählt mir, gute Frau! erzählt mir Alles, was Ihr von der Gefangenen wißt! Sie ſchreibt mir, 193 daß Ihr es thun werdet, wenn ich Euch dazu auf⸗ fordere.“ „Ich thu's auch herzlich gern,“ ſagte Frau Thomas, und jetzt begann ſie ihre Erzählung, berichtete ſie von der Art, wie ſie den Gefangenen Numero Vierzig, dem man nicht einmal einen Arzt bewilligt hatte, kennen ge⸗ lernt, wie ſie von ihm ſelber erfahren, daß er ein Mäd⸗ chen ſei, wie ſie geſchworen ihr Geheimniß zu bewahren, wie ſie die Kranke ſechs Wochen gepflegt und endlich das Glück gehabt, ſie dem Leben wieder zu geben; wie das kranke Mädchen allmälig geneſen, und jetzt ſo ſchön, ſo liebenswürdig und gut wie eine Tochter zu ihr ſei, und wie es ihr das Herz faſt bräche, ein ſo ſchönes, jun⸗ ges Mädchen wieder in dem dumpfen, ſcheußlichen Ge⸗ fängniß Numero Vierzig einſperren zu müſſen. „Aber weshalb ſagt Ihr dem Director nicht, daß ſie ein Weib iſt?“ fragte Victoria lebhaft. „Sie will's nicht! Sie ſagt, dadurch würde ſie nicht frei. Man brächte ſie nur alsdann in ein anderes Gefängniß, zu lauter ſchlechten Frauenzimmern, und lieber wollte ſie in Numero Vierzig ſterben und verder⸗ ben, als das erdulden.“ „Und ihren Namen? Ihr wißt ihren Namen?“ „Nein, ich weiß ihn nicht. Aber ſie hat ihn auf ein Zettelchen geſchrieben und hat ihn verſiegelt mir 194 übergeben. Wenn Ew. Gnaden bei der heiligen Jung⸗ frau ſchwören wollen, daß Sie meinem armen Mädel helfen wollen zu dem, was Sie von Ew. Gnaden er⸗ beten hat, dann ſoll ich Ihnen das Zettelchen übergeben.“ „Ich ſchwör's bei der heiligen Jungfrau, daß ich Eurer Gefangenen helfen, ihr das verſchaffen will, was ſie von mir begehrt!“ „Nun denn, Ew. Gnaden, hier iſt der Zettel!“ Victoria nahm ihn und erbrach lebhaft das Sie⸗ gel.„Ah, mein Gott!“ rief ſie dann laut, und in ihrer Ueberraſchung die Anweſenheit der Frau Thomas ganz vergeſſend,„jetzt wird mir Alles klar. Das iſt die Pa⸗ riſer Aventurière, von der— meine gute Frau,“ unter⸗ brach ſie ſich ſelbſt,„Ihr habt mir da eine wichtige Nachricht gebracht, und ich werde Euch dankbar ſein, beſonders wenn Ihr mein Geheimniß bewahrt und es Niemandem verrathet, daß Ihr bei mir geweſen und daß Eure Gefangene meine Hilfe beanſprucht hat.“ „Ich werde es Niemanden verrathen, ich ſchwör's bei meinem lieben Sohn!“ „Ich will Euch glauben, und nun hört! Ich werde Alles thun, um für Eure Gefangene das zu erreichen, was ſie wünſcht. Sie ſoll von heute an ſich drei Tage lang zu jeder Stunde bereit halten, gerufen zu werden. Wenn ſie in drei Tagen aber keine Botſchaft erhält, ſo . 195 war mein Bemühen vergebens und ich habe alsdann nichts für ſie erreichen können. Aber wenn man kommt, ſie abzurufen, wenn man ſie dahin führt, wohin ſie es wünſcht, ſo ſoll ſie eingedenk ſein ihres Verſprechens und das, was man ihr für mich übergeben hat, zu ſich ſtek⸗ ken. Ich werde alsdann ſchon eine ſichere Perſon ſenden, es ihr abzufordern. Habt Ihr Euch Alles wohl gemerkt, gute Frau, und werdet Ihr die Beſtellung pünktlich ausrichten?“ „Ich werde es thun, Ew. Gnaden, und Gott und alle Heiligen mögen Sie ſegnen, daß Sie meiner armen Gefangenen helfen wollen!“ „So geht denn jetzt, gute Frau, und vor allen Din⸗ gen, kein Wort von allen dieſen Dingen! Und hört, dies hier nehmt für die Krankenkaſſe Eurer armen Ge⸗ fangenen!“ Sie drückte der Frau einige Goldſtücke in die Hand und geleitete ſie zur Thür hin. „Ah,“ ſagte ſie dann triumphirend, als Frau Tho⸗ mas hinausgegangen war,„Gott hat mein Gebet erhört, er ſagt mir, wo ich meinen Stammbaum finden ſoll. Hier ſteht's mit deutlichen, klaren Worten, hier in dieſem wunderbaren lakoniſchen Brief.“ Sie nahm den Brief wieder zur Hand und las: „Meine gnädige Frau! Ich bin gefangen, und ſehne mich 196 nach der Freiheit. Nur der Kaiſer kann ſie mir geben. Verſchaffen Sie mir alſo durch Ihren mächtigen Einfluß die Gnade, daß der Kaiſer mir eine Audienz bewilligt, damit ich mich vor ihm rechtfertige und ihm wichtige Dinge mittheile. Was ich Ihnen für einen Lohn biete? Ich biete Ihnen dafür einen Brief vom Baron Thugut, und einen Stammbaum, welcher klar beweiſt, daß Sie eine hochgeborene Gräfin ſind. Ich habe natürlich in meiner Gefangenſchaft den Stammbaum genau ſtudirt und den Brief auswendig gelernt. Aber ich ſchwör's, daß Niemand von mir ein Wort von dieſen Dingen erfahren ſoll, wenn Sie mir helfen und bewirken, daß der Kaiſer mich anhört. Wenn Sie das nicht thun, ſo werden Sie Brief und Stammbaum niemals erhalten, denn ich habe Beides ſo ſicher verborgen, daß Niemand es zu finden vermag. Und wenn ich ſpäter frei werde— und frei werde ich jedenfalls, denn die Göttin der Freiheit ſelber be⸗ ſchützt mich— dann werde ich mich an Ihnen rächen und die Welt lachen machen über Ihren ſchönen Stamm⸗ baum.“ „Welch' eine kühne, unverſchämte Sprache,“ ſagte Victoria lächelnd.„Und die, welche das geſchrieben, die heißt Theroigne de Mericourt. O, jetzt begreife ich Alles! Jetzt verſtehe ich Thugut's Brief. Theroigne iſt die Pa⸗ riſer Aventuriöre, und ihr hat er den Stammbaum da⸗ 197 mals übergeben, als ſie der Königin Marie Antvinette zu ihrer Flucht behilflich ſein ſollte. O, jene Geſchichte war damals in aller Munde, aber es hieß: The⸗ roigne de Mericvurt habe, als man ſie verfolgte und ſie ſich nicht mehr zu retten vermogte, ſich ſelber mit einem Piſtol erſchoſſen. Ich entſinne mich noch ganz genau, das damals in allen Zeitungen geleſen zu haben. Und jetzt iſt Theroigne hier, und in ihrer Hand liegt meine Zu⸗ kunft, mein Grafentitel und der ganze Plunder meiner Herrlichkeit. Ich will, ich muß ſie befreien! Ich muß ihr ſ die Audienz beim Kaiſer verſchaffen! Wie fange ich's an? Wie mache ich's, daß der Kaiſer ſie zu ſich kommen läßt? Nun, Victoria, nun zeige, was du vermagſt, und ob du wirklich eine einflußreiche Perſon an dieſem Hofe biſt?“ Sie ging mit lebhaften Schritten, die Arme in ein⸗ ander gefaltetet, auf und ab, und ein wunderbares Leuch⸗ ten und Blitzen war in ihren großen dunkeln Angen. „Ja, ſo geht's,“ rief ſie dann auf einmal mit lautem, triumphirendem Ton.„Der liebe Fürſt Carl Liechtenſtein muß die Sache erfahren. O, er wird ſehr glücklich ſein, mir einen Dienſt erweiſen zu können, und er iſt klug genug zu bedenken, daß es ſehr gut für ihn iſt, auch an dem zukünftigen Kaiſerhofe Freunde zu haben. Und dann, wird es nicht für den oft ſo ſchwermüthigen Kaiſer eine Zer⸗ 198 ſtreuung ſein, dieſe Pariſer Aventurisre zu ſehen, ſich von ihr erzählen zu laſſen? O, es iſt keine Frage, die Sache wird gehen, und ich werde mein Adelsdiplom erhalten!“ Renntes Capitel. Die befreite Amazone. Es war am dritten Tage nach dem Beſuch der Frau Thomas bei Victoria von Poutet.— Thervigne wartete noch immer vergeblich auf die Erfüllung ihres. Verſprechens, noch immer war keine Botſchaft zu ihr gelangt! 3 Aber ſie hoffte dennoch! Sie hatte dieſe drei Tage ſich vorbereitet auf den Moment, wo man kommen würde, ſie abzurufen, ſie hatte alle ihre Vorkehrungen getroffen, um mit Eclat das Gefängniß verlaſſen zu können. Dank der geheimnißvollen Eile, mit welcher man ſie nach Wien in das Gefängniß, in die Zellen derjenigen Gefangenen, die niemals zum Verhör kommen ſollten, abgeliefert, hatte man ihre Kleider keiner weitern, ge⸗ nauern Unterſuchung unterworfen, und nicht bloß die Papiere der Frau von Poutet, ſondern auch die Brief⸗ 199 taſche mit dem Reſt der hunderttauſend Franes, welche Thugut ihr in Bankſcheinen gegeben, war ihr geblieben. Freilich hatte Theroigne nur einen kleinen Theil dieſes Geldes mit ſich nach Brüſſel genommen, und das Andere ſicher in Paris deponirt, aber das, was ſie bei ſich führte, war immer noch mehr als genügend, um ihr Alles das zu verſchaffen, deſſen ſie jetzt bedurfte, um ſie in den Augen der Frau Thomas als eine reiche und großmü⸗ thige Dame erſcheinen zu laſſen. Ihre erſte Sorge war es geweſen, ſich ein Coſtum zu verſchaffen, das ſie wieder erſcheinen ließ als das, was ſie ſo lange geweſen, als die kühne Amazone von Paris. Frau Thomas hatte dazu von ihr die genaueſten Anweiſungen erhalten, ſie hatte mit der Geſchicklichkeit eines Kleiderkünſtlers ihr das Maß zu den Gewändern genommen und war dann, hinlänglich mit Geld ausgerü⸗ ſtet, in die Stadt gegangen, um in dem erſten und ele⸗ ganteſten Kleidermagazin ein vollſtändiges und paſſendes Amazonencoſtum nach der Angabe Theroigne's einzukau⸗ fen. Und da ihr Thervigne eingeſchärft, das Geld nicht zu ſparen, ſondern dafür zu ſorgen, daß ſie ihr Coſtum ſo⸗ gleich und möglichſt elegant erhalte, ſo war Frau Thomas ſchon im Lauf einiger Stunden wieder heimgekehrt, be⸗ laden mit einem großen Packet, in welchem ſich Alles befand, was Theroigne begehrt hatte. 200 Der Schließer, der in ſeiner ſtrengen Gewiſſen⸗ haftigkeit darauf beſtanden, daß Thervigne, ſobald ſie ge⸗ neſen, in ihr Gefängniß Numero Vierzig zurück kehre, hatte doch nicht den grauſamen Muth, dem Gefangenen jeden Verkehr mit ſeiner Frau zu verweigern, und in der Stille der Nacht durfte Frau Thomas daher nach Numero Vierzig hinabſteigen, um dem Gefangenen ihre Einkäufe zu überbringen. Theorigne hatte ihre ſchönen Gewänder mit lautem Jubel willkommen geheißen und ſich im Beiſein der guten Frau mit denſelben geſchmückt. Bei dem Schein der trü⸗ ben kleinen Laterne, welche Frau Thomas mitgebracht, hatte der kleine ſchmächtige Gefangene von Numero Vier⸗ zig ſich verwandelt in eine reizende, ſchön gebaute elegante Amazone. Ein wunderbares Bild war's geweſen, dieſen dunklen engen Kerker zu ſehen, in welchem Thervigne auf und nieder ging, das Haupt geſchmückt mit dem run⸗ den Hut à la Henri quatre, von dem eine lange weiße Straußenfeder herniederwehte, die ſchöne üppige Büſte eingeengt in das knappe anſchließende Mieder von dunkel⸗ blauem Sammet, welches über der Bruſt ſich öffnete, um das zierliche und koſtbare Spitzenjabot hervorquellen zu laſſen, die ganze Geſtalt umwallt von dem weiten, langen Gewande aus feinem, dunkelblauem Tuch. Dazu in der mit zierlichem goldgeſticktem Handſchuh verhüllten 201 Hand die kleine Reitpeitſche, und in dem Gürtel, welcher die ſchlanke Taille umſpannte, der kleine Dolch in ſeiner goldenen Scheide und mit dem goldenen, von Edelſteinen blitzenden Griff. Und für dieſe reizende, elegante Amazone keine andere Beleuchtung, als das trübe Licht dieſer ſchmuz⸗ zigen, düſtern Laterne da auf dem hölzernen Schemel, keine andere Bewunderung als die gute alte Frau Tho⸗ mas, welche ſtaunend, mit gefaltenen Händen Thervigne anſchaut, als ſähe ſie da vor ſich eine von den Feen und Zauberinen, von denen ſie einſt in glücklichen Tagen ihrem lauſchenden Knaben erzählt! Und wie war der arme Schließer Thomas erſtaunt geweſen, als er am andern Morgen mit der kärglichen Gefängnißkoſt in Numero Vierzig eintrat, und da ſtatt des jungen Burſchen die ſchöne Dame in dem eleganten Amazonencoſtum traf, und wie hatte er gehorcht, als dieſe Dame ihm jetzt mit herablaſſender Güte erzählte, wer ſie ſei, und durch welche wunderbare Fügung des Schickſals die„berühmteſte Frau von Paris“ als männ⸗ licher Verbrecher an das Strafgefängniß zu Wien war abgeliefert worden! Aber als Thervigne ihre Erzählung beendet, ſchüt⸗ telte der ehrliche Schließer doch mit einigem Unglauben ſein gewichtiges Haupt.„Das iſt Alles recht ſchön und gut,“ brummte er,„und es kann ja auch möglich ſein, 1860. XXIV. Kaiſer Leopold der Zweite III. 13 202 daß das Alles wahr iſt, ſo wunderbar es klingt, aber den Faſtnachtsſtaat dürft Ihr doch nicht weiter auf Eu⸗ rem Leibe behalten, und Eure Männerkleider müßt Ihr doch tragen, ſo lange Ihr in Numero 40 ſeid.“ „Und warum wollt Ihr ſo grauſam ſein, dies von mir zu verlangen?“ fragte Thervigne haſtig. „Weil ich nicht ſo grauſam gegen mich ſelber ſein will, mich auf meine alten Tage mit Schimpf und Schande fortjagen zu laſſen,“ brummte Thomas.„Und wenn ich Euch erlauben wollte, in dem närriſchen Coſtum hier zu ſitzen, und es ſähe Euch Jemand, ſo würde ich ohne alle Frage abgeſetzt und fortgeſchickt, wenn ich nicht noch ſelber in's Loch dafür müßte.“ „Ich bitte Euch frei beim Kaiſer,“ rief Thervigne ſtolz. „Wie denn beim Kaiſer?“ fragte Thomas, ſie mit großen Augen anſtarrend. „Der Kaiſer wird mich heute oder morgen rufen laſſen,“ ſagte Thervigne hoheitsvoll.„Er wird neugierig ſein, die berühmte Amazone von Paris zu ſehen, er wird bezaubert von mir ſein, und ich werde es mir als Gnade von ihm erbitten, daß er Euch ungeſtraft läßt. O, man ſagt, der Kaiſer iſt ein ſo milder, gütiger Herr, er wird mir alſo meine Bitte nicht abſchlagen. Und außer dem werde ich Euch als Zeichen meiner Dankbarkeit tauſend — 203 Francs geben, wenn ihr mir erlaubt, nur noch zwe Tage meine ſchönen Kleider zu tragen.“ Und ſei's nun, daß der Schließer wirklich an die baldige Befreiung der ſchönen Thervigne glaubte, oder hatte die verſprochene große Belohnung ihn geblendet— er erlaubte, daß Theroigne noch zwei Tage lang mit ihrem„Faſtnachtsſtaat“ ſich ſchmücken durfte. Aber der dritte Tag ſeit der Botſchaft der Frau von Poutet war da, und noch immer war der erſehnte Bote des Kaiſers nicht gekommen! Dennoch verzagte Theroigne nicht! Seit ſie die ge⸗ liebten Gewänder wieder angelegt, welche ſie an ihre Ruhmstage von Paris erinnerten, war wieder die tolle Keckheit und der unverwüſtliche, jubelnde Uebermuth jener glücklichen Tage über ſie gekommen. Sie zweifelte gar nicht an ihrer Befreiung, ſie war überzeugt davon, daß das Schickſal ſich ihren Wünſchen beugen müſſe. Sie träumte ſchon wieder von einer glanzvollen Zukunft, ſie ſah ſich wieder in den Clubbs der Jacobiner, und von ihrem innern Ohr vernahm ſie ſchon die köſtliche Muſik des Händeklatſchens, mit welchem die Gallerien ſie, die Heimgekehrte, Wiedererſtandene willkommen heißen. In dieſen zwei langen Tagen, dieſen zwei langen, ſchlafloſen Nächten hatte ſie ſich ganz genau die Rolle vorgezeichnet, welche ſie dem Kaiſer gegenüber ſpielen 13* — 204 wollte, hatte ſie jedes Wort überlegt, das ſie ſprechen wollte. „Ich muß ihm imponiren durch meine Keckheit,“ hatte ſie ſich ſelber geſagt,„ich muß ihm Intereſſe ein⸗ flößen und ihn überraſchen durch meinen Freimuth. Ich muß ihm zeigen, daß ich an ſeine Großmuth glaube, und gar nicht zweifle, daß er mich frei gibt. Ich muß wo möglich ihn zu überzeugen ſuchen, daß ich ihm in Paris Nutzen bringen und vielleicht ſogar dennoch zur Rettung der Königin beitragen kann. Wär's am Ende nicht vielleicht gut, wenn ich mich, ſtatt übermüthig und keck, lieber reumüthig und zerknirſcht zeigte? Daß ich, ſtatt zu lachen und zu ſcherzen, mit trauriger, bewegter Miene vor ihn hinträte, und von Reue und Gewiſſens⸗ biſſen fabelte? Ah bah, das wäre ein zu verbrauchtes Mittel, ſich Gnade und Verzeihung zu erwerben, und es könnte daher leicht fehlſchlagen! Dem Kühnen nur lacht das Glück, dem Muthigen nur gehört die Welt!“ Und ſie begann mit lauter, ſchmetternder Stimme ein luſtiges Liedchen zu ſingen. Aber eben wie ſie im Begriff war, die letzte Strophe zu beginnen, vernahm ſie auf dem Corridor, der zu ihrem Kerker führte, das Geräuſch ſich nähernder Schritte, das Schlüſſelklirren des Schließers. Ihr Herz klopfte ſo laut, daß es ihr den Athem verſetzte, eine glühende Röthe ſchoß in ihre Wan⸗ 205 gen, aber Thervigne raffte ſich gewaltſam zuſammen, ſie begann die letzte Strophe ihres Liedes. Sie ſang noch, als der Schlüſſel ſich im Schloß drehte, als die Thür geöffnet ward, und erſt als ſie die beiden Herren gewahrte, welche auf der Schwelle ihres Kerkers erſchienen, erſt da verſtummte ſie, und begrüßte die Eintretenden mit einer anmuthsvollen Neigung ihres Hauptes. Der eine der Herren erwiderte ihren Gruß mit einer lächelnden, iro⸗ niſchen Verneigung, und wandte ſich dann lebhaft an den Andern, der wie entſetzt zu Theroigne hinſtarrte, als könne er an ihr Daſein nicht glauben, als ſei es nur ein Phantaſiegebilde, das da vor ihm erſchienen. „Sie ſehen, mein Herr Director, ich war der Wahr⸗ heit gemäß benachrichtigt,“ ſagte der junge lächelnde Herr.„Ihr Gefangener Numero Vierzig iſt wirklich ein Frauenzimmer, und wie Sie ſehen, ein ſehr ſchönes und ſtattliches Frauenzimmer.“ „Es iſt wahr,“ ſtotterte der Director,„ich ſehe da ein Frauenzimmer, aber Ew. Durchlaucht haben in mei⸗ nem Hauptbuch geleſen, daß es ein männliches Subject war, welches man mir vor ungefähr ſechs Monaten hier einlieferte und zur ſtrengen iſolirten Haft übergab. Wer weiß, ob hier nicht ein gröbliches Verbrechen verübt worden und ob der Gefangene nicht entflohen iſt, ob es nicht ſeine Geliebte iſt, welche wir da vor ſich ſehen, ob—“ 206 Thervigne unterbrach ihn mit einem lauten, ſchal⸗ lenden Gelächter.„Mein Herr,“ rief ſie,„ich bin meine eigene Geliebte, und der junge Mann, den ſie vor ſechs Monaten hier eingeſperrt, der hängt da wohl conſervirt am Nagel.“ Und ſie deutete auf den Männeranzug hin, den ſie an einem in der Wand eingemauerten Nagel aufgehangen hatte. „Ich werde dieſen Fall genau unterſuchen,“ ſagte der Director feierlich;„es wird ſich ergeben, welche Mit⸗ ſchuldige dieſe Perſon gehabt hat, und ob hier nicht doch ein ſchmählicher Betrug geſpielt worden. Ew. Durchlaucht werden ſehen—“ „Ich ſehe mindeſtens, daß hier ein ſchmählicher Irrthum vorgefallen iſt,“ unterbrach ihn der Andere,„ich rathe Ihnen daher wohlmeinend, die ganze Angelegenheit zu beſchweigen und gar kein Aufhebens davon zu machen. Gleichviel, ob der Gefangene ein Weib oder ein Mann war, Sie haben ihn ein halbes Jahr lang ſchmachten laſſen, ohne daß man ihn vor ſeinen Richter gefordert hat, Sie haben ſogar dann ſich ſeiner nicht erbarmt, als man Ihnen von ſeiner gefährlichen Erkrankung Nachricht gegeben. Das iſt ein Act der Willkür, welchen der Kaiſer mit Unwillen und gerechtem Zorn erfüllen wird, denn unſer Kaiſer iſt ein milder und gerechter Herr, welcher 207 alle Tyrannei haßt, und auch die Unglücklichen und Ver⸗ brecher mit Menſchlichkeit will behandelt ſehen. Ziehen Sie daher Niemanden zur Rechenſchaft, damit man Sie nicht zur Rechenſchaft ziehe, und ſeien Sie es zufrieden, wenn Sie diesmal mit einem bloßen Verweis davon kommen.“ „Ich beſchwöre den Herrn Fürſten um Gnade,“ ſtotterte der Director,„ich habe wirklich nur auf Befehl der höchſten Polizeibehörde gehandelt und—“ „Es iſt genug,“ unterbrach ihn der Fürſt.„Ich werde Sie bei Sr. Majeſtät entſchuldigen, wenn Sie über die ganze Angelegenheit ein unverbrüchliches Schwei⸗ gen geloben.“ „Ich ſchwöre, daß kein Wort von dieſer Sache über meine Lippen kommen ſoll, daß ich ſie ſelbſt in der Beichte nicht verrathen will.“ „Und da thun Sie ſehr wohl daran, mein Herr,“ rief Theroigne lebhaft,„denn alsdann ſind Sie ſicher, dereinſt als unbußfertiger Sünder in die Hölle zu kom⸗ men, was gewiß noch ein himmliſcher Aufenthalt iſt im Vergleich mit Ihrem Numero Vierzig.“ Der Fürſt wandte ſich lächelnd zu ihr hin.„Ueber⸗ laſſen Sie ihn ſeinen Gewiſſensbiſſen, mein ſchönes Kind,“ ſagte er.„Ich bin gekommen, Sie von hier fortzuholen und Sie endlich vor ihren Richter zu führen.“ 208 „Ich zittere vor keinem Richter in der Welt, denn ich bin ohne Schuld und Sünde,“ ſagte Thervigne, indem ſie verſuchte, ihrem ſchönen, kecken Geſicht einen Ausdruck heiliger Unſchuld zu verleihen, welcher den Fürſten lachen machte. „Nun, wir werden ja ſehen, mein holder Unſchulds⸗ engel,“ ſagte er ihr freundlich zunickend.„Machen Sie ſich bereit, ſogleich mit mir zu gehen.“ „Ich bin bereit, Durchlaucht, bin in jeder Stunde bereit, vor meinem Richter zu erſcheinen, vorausgeſetzt, daß er Fleiſch und Blut hat und auf Erden wohnt.“ „Sie verſtehen zu antworten, und das iſt gut für Sie,“ rief der Fürſt ihr freundlich zunickend, dann wandte er ſich an den Director.„Laſſen Sie meinen Wagen in den innern Hof einfahren,“ ſagte er gebieteriſch;„ich wünſche alles Aufſehen zu vermeiden und unbemerkt mit Ihrer Gefangenen dies Haus zu verlaſſen. Kommen Sie, mein Kind!“ Eine Viertelſtunde ſpäter hielt die Equipage des Fürſten an der Hinterſeite der kaiſerlichen Hofburg vor einer der abgelegenen, unbenutzten Seitenpforten, und der Fürſt, gefolgt von Thervigne, ſtieg aus, öffnete die Pforte und ſchritt in das Schloß. „Ahnen ſie jetzt, wo Sie ſind?“ fragte er, indem er vorſichtig die geheime Thür wieder verſchloß. 209 „Wir ſind in dem Schloß Ihres Kaiſers,“ ſagte Thervigne vollkommen gefaßt. „Sie ſagen das ſo ruhig? Es ſetzt Sie gar nicht in Erſtaunen?“ „Ich bin es gewohnt, mit hohen Herren zu ver⸗ kehren,“ erwiderte ſie ſtolz,„und da ich ſelber in einem Schloß geboren bin, finde ich nichts Außerordentliches darin.“ „Es wird Sie alſo gar nicht überraſchen, wenn Sie vielleicht den Kaiſer ſelber ſehen werden?“ „Nein, aber es wird mich glücklich machen, denn man hat mir geſagt, daß Ihr Kaiſer ein edler und guter Herr iſt! Er wird daher auch gegen mich gerecht ſein.“ Der Fürſt nickte leiſe mit dem Haupt und ſchritt ihr voran die kleine geheime Treppe hinauf, den engen ſchmalen Corridor hinunter. Am Ende deſſelben blieb er vor einer Thür ſtehen, an welche er leiſe dreimal an⸗ klopfte. Sofort öffnete ſich dieſelbe und ein kaiſerlicher Lakay erſchien in derſelben. „Iſt Se. Majeſtät ſchon hier?“ fragte Liechten⸗ ſtein leiſe. „Zu Befehl, Durchlaucht, Se. Majeſtät iſt ſo eben durch die innern Säle hieher gekommen, und erwartet 210 Ew. Durchlaucht im kleinen Empfangszimmer vor dem Laboratorium.“ „So kommen Sie,“ flüſterte der Fürſt, ſich zu Theroigne umwendend.„Und bedenken Sie wohl, Ihr Leben liegt auf Ihrer Zunge! Seien Sie alſo vorſichtig!“ Sie antwortete nur mit einem Lächeln, und folgte dem Fürſten durch den Vorſaal in das anſtoßende Gemach. „Ew. Majeſtät,“ ſagte Fürſt Liechtenſtein, zu dem Lehnſtuhl herantretend, auf welchem der Kaiſer, den Rücken der Thür zugewandt, eifrig leſend ſaß,„Ew. Majeſtät, es verhielt ſich in der That Alles ſo, wie man mir ge⸗ ſagt hatte. Die bekannte Perſon befand ſich wirklich in einer der Polizei⸗Oublietten, und ich habe, wie Ew. Ma⸗ jeſtät es mir befohlen, ſie hieher geführt.“ Der Kaiſer ſtand auf und wandte den Blick mit einem forſchenden Ausdruck auf Theroigne hin, die voll⸗ kommen ruhig und gefaßt mit einem kecken Lächeln dem Blick des Kaiſers begegnete. „Das iſt alſo die berühmte Amazone,“ ſagte Leo⸗ pold nachdenklich,„die Heldin der Pariſer Straßen⸗ emeute und der Jacobiner⸗Clubbs?“ „Ew. Majeſtät ſprechen von dem, was iſt einſt war,“ rief Theroigne,„was ich war, ehe die brutale Gewalt mich erfaßte und mich, die Tochter der Freiheit 211 und der Sonne, in den dumpfen öden Kerker der Ty⸗ rannei warf.“ „Ah, Sie laſſen uns da eine Probe der fran⸗ zöſiſchen Revolutionsſprache hören,“ ſagte der Kaiſer achſelzuckend.„Sie klagen über die dumpfen Kerker der Tyrannei. Hat man Sie denn unverſchuldet eingekerkert? Waren Sie es nicht, welche zuerſt verrathen, zuerſt be⸗ trogen und geläſtert hat? Haben Sie nicht des ſchwär⸗ zeſten Verrathes ſich ſchuldig gemacht? Es lag vielleicht in Ihrer Hand, den König und die Königin von Frank⸗ reich zu erretten, und ſtatt Sie zu verachten und Ihnen zu zürnen, würde ich Sie jetzt ſegnen, würde Ihnen dankend meine Hand reichen und Sie willkommen heißen bei mir. Warum konnten Sie ſo grauſam ſein? Schlägt denn nicht in Ihrem Buſen das Herz eines Weibes? Wie war es denn möglich, daß Sie kein Mitleid hatten mit den Leiden der königlichen Frau, die Ihnen ver⸗ traute, die an Ihre Treue glaubte?“ „Sire!“ rief Theroigne bewegt,„Sie fragen, ob ich nicht das Herz einer Frau habe? Wenn ich es nicht hätte, würde ich die Königin gerettet haben. Gott weiß es, daß ich den ernſten, den redlichen Willen hatte dies zu thun, daß ich eine ganze Woche lang Tag und Nacht nur mit den Vorbereitungen zu dieſer Flucht beſchäftigt war. Und ich that das nicht aus niederer Geldgier, ich 212 that's mit Eifer und mit Freude, ich that's aus Liebe. Aber die Liebe war's grade, die mich verrieth, die Liebe war's, die das Mitleid in mir ertödtete. Barnave liebte nicht mich, ſondern die Königin. Er hatte mir Liebe geheuchelt, damit ich ihm beiſtehe, die Königin zu retten. Als ich das erfuhr, da bäumte ſich mein Herz auf wie ein wildes Roß, und zerriß alle Bande der Vernunft und Ueberlegung, da ſchwur ich, mich zu rächen an Barnave, der mich ſo grauſam betrogen hatte, und nicht aus Bosheit oder Schlechtigkeit, nicht weil ich die Königin verderben wollte, ſondern nur in der Wuth der Eiferſucht, und weil ich Barnave kränken wollte, nur darum verrieth ich die projectirte Flucht der Königin.“ „Und ſo werden die Geſchicke der Welten und der Völker oft von den kleinlichſten Zufällen beſtimmt,“ ſagte der Kaiſer gedankenvoll vor ſich hin.„Weil ein Weib eiferſüchtig war, wird vielleicht ein Thron zu⸗ ſammenbrechen, wird eine ganze Nation ſich mit einem fluchwürdigen Verbrechen entehren. Unglückliche, und Sie konnten es wagen, auf eine Königin eiferſüchtig zu ſein, auf eine Frau, die ſo hoch über Ihnen ſteht, wie die Sterne über der Erde?“ Thervigne ſchüttelte ſtolz ihr Haupt.„Sire,“ ſagte ſie lächelnd,„wir in Frankreich glauben nicht mehr an ſolche Entfernung, wir glauben an die Freiheit, die 213 Gleichheit und die Brüderlichkeit, und Barnave iſt es ge⸗ weſen, der die Menſchenrechte publicirt hat. Auch habe ich in einem unſerer großen Dichter geleſen:„die geliebte Schäferin, die allein iſt Königin.“ Ich fühlte einer Königin mich gleich, ſo lange ich mich geliebt glaubte, und als ich mich betrogen ſah, da war es das Unglück, welches mich der unglücklichen Königin gleich ſtellte. Denn das Unglück trägt ſo gut wie die Liebe eine Krone.“ „Eine Märthrerkrone,“ ſagte Leopold feierlich,„ſie erglänzt auf dem edlen Haupt der Königin von Frank⸗ reich, aber Sie haben keine Ehrfurcht vor dieſer Mär⸗ threrkrone gehabt!“ „Ehrfurcht, Sire!“ rief Thervigne.„Haben denn die Fürſten Ehrfurcht vor den Völkern? Und ſind nicht die Völker die eigentlichen Fürſten der Welt, iſt nicht die Stimme des Volkes die Stimme Gottes, vor der alſo die Fürſten Ehrfurcht haben ſollten? Aber ſie wollen niemals dieſe Stimme hören, und daran gehen Sie zu Grunde! Hätte der König von Frankreich die Stimme ſeines Volkes gehört, dann wäre er jetzt der angebetete erſte Bürger von Frankreich; aber er war taub gegen unſere Liebe, er wollte nicht unſer Bruder, ſondern unſer Herr ſein, und das iſt ſein Unglück, und das iſt's, was der National⸗Verſammlung die Macht über ihn gegeben und ihm die Herzen der Nation entfremdet hat. Sire, wenn Sie Ihren Herrn Schwager lieben, ſo ſchreiben ————— — 214 Sie ihm, er ſoll alle ſeine Miniſter zum Teufel jagen, und ſich Miniſter wählen aus der geſetzgebenden Ver⸗ ſammlung, natürlich ſolche Männer, welche das Volk lieben und von ihm geliebt werden. Und ſchaden würde es gar nicht, wenn der König auch einige Frauen zu ſeinen Miniſtern mache, denn die Menſchenrechte wollen endlich auch den Frauen gerecht werden, und ſie ſprechen's aus, daß Ein Menſch ſo viel werth iſt, als der andere, daß Keiner durch ſeine Geburt Vorzüge beſitze. Ja, die Menſchenrechte ſtellen die Frau dem Manne gleich, und der König ſollte alſo beweiſen, daß er die Menſchenrechte adoptirt, er ſollte auch einige Frauen zu ſeinen Miniſtern machen.“ „Nun, Fürſt Liechtenſtein,“ fragte Leopold lächelnd, „was ſagen Sie zu dieſen neuen franzöſiſchen Miniſtern, welche Madame Thervige creiren möchte?“ „Ich finde ſie allerliebſt,“ ſagte Fürſt Liechten⸗ ſtein ernſt,„und da die Frauen ſich jetzt ſo vielfach mit Politik beſchäftigen, ſo iſt nicht abzuſehen, warum ſie nicht auch Staatsminiſter werden könnten. Nur erlaube ich mir die Frage, was aus der Staatsregierung werden ſollte, wenn vielleicht unglücklicher Weiſe die regierenden Frau Miniſterinen alle zufällig in derſelben Woche niederkämen?“ „Eine wohlaufzuwerfende Frage,“ ſagte der Kaiſer lachend. „Nein, Majeſtät,“ rief Theroigne erglühend,„eine nicht aufzuwerfende Frage. Denn, wenn die Frauen ein Staatsamt übernähmen, würden ſie, ebenſo gut wie die katholiſchen Geiſtlichen, das Gelübde der Keuſchheit ablegen.“ „Und würden es ebenſo wenig halten, wie dieſe,“ ſagte der Fürſt lachend.„Es müßte denn ſein, daß Sie, meine ſchöne Theroigne de Mericourt, dies Gelübde ab⸗ legen wollten, um Staatsminiſter von Frankreich zu werden.“ „Und wer weiß, ob es nicht für den König und die Königin ein Glück wäre, wenn ich es würde,“ rief The⸗ roigne.„Ich würde ſie vielleicht erretten, denn ich würde ſie mit ihrem Volk verſöhnen! Ich würde alle Mittel anwenden, um dem Königspaar die Liebe des Volkes wie⸗ der zu verſchaffen. In allen Clubbs von Paris würde ich mir große Redner halten, welche begeiſtert und kühn für den König ſprächen; auf allen Straßen würde ich geſchickte Unterhändler haben, die zu Gunſten der Königin Reden hielten und Anhänger würben, ein ganzes Heer von Frauen aus allen Ständen würde ich anſtellen, um allerliebſte kleine Anekdoten von der Großmuth und Güte der Königin zu erzählen; außerdem würde ich den König vermögen, ſich zum Vater ſeines Volkes zu machen, indem er ihm eine freie Conſtitution gäbe, die 216 Königin, ſich zur Mutter des Volkes zu machen, indem ſie alle Wohlthätigkeitsanſtalten unter ihren beſondern Schutz nähme. Ah, mein Herr, ich würde, wenn man mich zum Miniſter auserſehen wollte, eine treue Die⸗ nerin des Königs, eine eifrige Anhängerin des Königs ſein, und mehr als alle Neckers könnte ich dem Königs⸗ paar nützen, denn ich würde ihnen dienen unter der Maske der Jacobiner, ich würde für ſie thätig ſein mit der rothen Mütze auf dem Kopf!“ „Würden Sie das wirklich thun, Theroigne de Mericvurt?“ fragte der Kaiſer feierlich.„Meinen Sie, daß man Ihnen, welche ſchon einmal zur Verrätherin ge⸗ worden, Vertrauen ſchenken und den Verſicherungen glauben könnte, die ſie doch nur geben, weil Sie eine Gefangene ſind und ſich Ihre Freiheit verdienen möchten?“ „Majeſtät, ſagte Thervigne feierlich,„ich bin keine Gefangene mehr, ich bin frei!“ „Wie denn? Hat der Fürſt Liechtenſtein Sie nicht ſo eben aus dem Gefängniß hieher zum Verhör geholt?“ „Ja, Sire, aber ſeit ich die Schwelle dieſes Zim⸗ mers überſchritten habe, ſeit ich vor Ew. Majeſtät ſtehe, bin ich frei. Denn das Angeſicht eines Kaiſers muß ſein, wie das Angeſicht Gottes, es muß allen Denen, welche 217 es ſchauen, Gnade bedeuten, es muß von aller Schuld und aller Strafe entſühnen. Ew. Majeſtät haben mich rufen laſſen, weil Sie mir ſagen wollen, daß ich frei bin, daß ich heimkehren kann nach meinem geliebten Paris!“ „Nun denn, es ſei ſo, Thervigne de Mericvurt, Sie ſind frei,“ ſagte der Kaiſer ernſt.„Und Sie haben Recht, Sie waren von dem Moment an frei, als der Fürſt Sie zu mir führte. Sie ſollen nach Paris zurück⸗ kehren, ich ſchreibe Ihnen keine Bedingungen vor, aber ich frage Sie: was werden Sie thun, wenn Sie wieder in Paris ſind?“ „Ich werde mir einbilden, der König habe mich in's Geheim zu ſeinem Miniſter ernannt; Cw. Majeſtät beſoldeten mich als ſolchen und hätten mir damals in Paris durch den Herrn Baron von Thugut mein Ge⸗ halt ſchon für ein Jahr voraus zahlen laſſen. Ich werde Alles das thun, von dem ich ſagte, daß es ein Miniſter des Königs jetzt thun müſſe, um das Volk mit dem König zu verſöhnen, um der Königin die Liebe des Volkes wieder zu gewinnen.“ „Wohlan, ſo gehen Sie, Thervigne,“ ſagte der Kaiſer.„Ich will annehmen, daß Sie für Ihren Ver⸗ rath durch ſechsmonatliche Haft ſchon hinlänglich beſtraft worden; ich will glauben, daß Sie den Willen haben, 1860. XXIV. Kaiſer Leopolb ber Zweite. III. 14 218 wieder gut zu machen. Sie nennen in Ihrer modernen Sprache die Fürſten die Thyrannen des Volkes. Gehen Sie hin und erzählen Sie den Freiheitstyrannen von Paris, daß Sie einen Fürſten geſehen, welcher kein Thrann war, und dennoch die Anarchie und den Jaco⸗ bismus von Grund ſeines Herzens haßt und verachtet. Der Wagen, welcher Sie unter genügender Bedeckung nach Frankreich's Grenze bringen ſoll, ſteht ſchon bereit. Der Fürſt von Liechtenſtein wird die Güte haben, Sie zu demſelben zu geleiten!“ Er winkte ihr mit der Hand einen flüchtigen Gruß zu, und begab ſich aus dem Cabinet in das anſtoßende Laboratorium. „Und er iſt doch ein Tyrann, ſonſt würde er ge⸗ wartet haben, bis ich ihm meinen Dank geſagt hätte,“ flüſterte Thervigne, mit zornblitzenden Augen dem Kaiſer nachſchauend. „Der Wagen, welcher Sie nach Frankreich bringen ſoll, ſteht unten an derſelben Pforte, durch die wir ein⸗ getreten ſind,“ ſagte Fürſt Liechtenſtein.„Kommen Sie alſo!“ Er ſchritt ihr voran, durch das Vorzimmer wieder hinaus auf den langen, einſamen Balcon, den ſie Beide ſchweigend hinunter gingen. Plötzlich that ſich eine der 219 Thüren auf, die ſich an den Seiten des Corridors befan⸗ den, und eine Dame trat heraus. Fürſt Liechtenſtein begrüßte ſie mit einer ehrfurchts⸗ vollen Verneigung und wandte ſich dann an Thervigne, die mit dreiſten, neugierigen Blicken die ſchöne Frau an⸗ ſchaute. „Meine Schöne,“ ſagte er,„der Zufall iſt Ihnen günſtig. Er führt Ihnen die Dame entgegen, der zunächſt Sie Ihre Rettung aus der Gefangenſchaft verdanken. Frau von Poutet war es, welche von Ihrem Unglück ge⸗ rührt, für Sie ſich verwandte, und deren Einfluß Ihnen die Freiheit wieder gab.“ „Ah, die ſchöne Dame iſt die Frau Victoria von Poutet?“ fragte Theroigne.„Nun, Dienſt gegen Dienſt! Sie haben mir Wort gehalten, Madame, ich will Ihnen auch Wort halten!“ Sie zog aus der Taſche ihres weiten Faltenrockes den Brief und das Packet hervor.„Nehmen Sie, Ma⸗ dame,“ ſagte ſie, Beides der Frau von Poutet darreichend. „Zwar iſt es ſchon ein halbes Jahr her, ſeit ich dieſe Dinge erhielt, aber es iſt nicht meine Schuld, daß ich ſie nicht früher Ihnen übergeben konnte. Vielleicht hat der Brief des lebenden Freundes ſich überlebt, aber Ihre Ahnen hier ſind doch um ein halbes Jahr älter und ehr⸗ würdiger geworden, und Sie können jetzt mit Fug und 14* 2 Recht ſchwören: Mein Stammbaum iſt von altem Da⸗ tum. Nur benutzen Sie ihn bald, denn wer weiß, ob die Zukunft nicht alle Stammbäume mit der Axt der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit abhaut!“ „Wir ſind hier nicht in Paris,“ ſagte Victoria ho⸗ heitsvoll,„und darum—“ „Nein,“ unterbrach ſie Thervigne ſchnell,„wir ſind hier nicht in Paris, und darum eile ich, von hier fortzu⸗ kommen. Leben Sie wohl, Madame. Ich kehre nach Pa⸗ ris zurück, und ich werde dem Herrn Baron von Thugut Ihre Grüße bringen.“ Sie neigte ſtolz ihr Haupt und ſchritt an Victoria vorüber, den Corridor hinunter. 220 Victoria ſchaute ihr nach mit einem langen, lä⸗ chelnden Blick, dann trat ſie wieder in das Gemach zurück, und den Stammbaum hoch in ihrer Hand empor⸗ haltend rief ſie:„Sieg, Sieg! Zetzt werde ich Gräfin Colloredo!*) Der Wagen ſtand, wie der Fürſt es geſagt, vor *) Frau von Poutet erreichte ihr Ziel, ſie heiratete wirklich den Grafen Franz Colloredv, und gewann durch dieſe Heirat und mehr noch durch die große Gunſt der Kaiſerin Thereſe bei Hofe den größten Einfluß. Graf Colloredo ſtarb 1806, und Victoria vermählte ſich 1816 mit Prinz Carl von Lothringen. Dieſe Ehe ward indeß nach einem Jahre ſchon wieder gelöſt. 221 der geheimen Pforte, durch welche ſie in die Burg ein⸗ getreten waren. Der Schlag war geöffnet und im Innern des Wagens ſah man zwei Polizeibeamte in voller Uniform. „Sie werden die Mademoiſelle ohne Aufenthalt bis an die franzöſiſche Grenze befördern,“ ſagte Fürſt Liech⸗ tenſtein an den Wagen tretend, in welchen Thervigne leicht wie eine Gazelle hinein gehüpft war.„Sie werden verſchwiegen ſein und dafür ſorgen, daß nirgends Auf⸗ ſehen entſteht.“ „Ew. Durchlaucht wiſſen wohl, daß Sie auf un⸗ ſere Treue und Verſchwiegenheit zählen können,“ ſagte einer der Beamten ehrfurchtsvoll. „Ich weiß es, und nun vorwärts! Meine ſchöne Thervigne de Mericourt, leben Sie wohl! Der ſüße Pö⸗ bel von Paris erwartet Sie! Leben Sie wohl!“ „Leben Sie wohl, mein Herr,“ rief Theroigne, ſich aus dem Wagenfenſter neigend,„und hören Sie noch ein Wort. Bitte, kommen Sie näher, denn was ich Ihnen zu ſagen habe, muß ganz leiſe geſprochen werden.“ Sie neigte ſich dicht an das Ohr des Fürſten und flüſterte:„Der Kaiſer ſoll auf ſeiner Hut ſein! Er ſoll ſich wohl hüten die Freiheitsmänner von Paris zu rei⸗ zen! Sie ſind racheſüchtig und ihr Arm reicht weit. Der Kaiſer ſoll auf ſeiner Hut ſein, damit er nicht ſterbe, 222 wie Mirabeau geſtorben iſt. Und nun leben Sie wohl! Blaſe, Poſtillon! Vorwärts!“ Der Wagen rollte von dannen; Theroigne, nicht achtend der beiden ernſten Geſtalten, die ihr drohend ge⸗ genüber ſaßen, breitete ihre Arme aus und rief jauch⸗ zend:„O Frankreich, Frankreich! Land der Freiheit und des Glückes, ich kehre heim zu Dir. O ſelig, ſelig, ich bin frei!“*) *) Die Unterredung Thervigne's mit Kaiſer Leopold iſt hi⸗ ſtoriſch. Der Kaiſer gab ihr in derſelben ihre Freiheit wieder und ließ ſie bis an die franzöſiſche Grenze transportiren. The⸗ rvigne kehrte nach Paris zurück und nahm ihre politiſche Rolle wieder auf. Sie ging von der gemäßigten zu der Partei der äußerſten Jacobiner über. Am furchtbaren 10. Auguſt ſpielte ſie eine hervorragende Rolle, rief das Volk zum Blutvergießen auf, und war die Veranlaſſung, daß elf von dem Volke gefangene Royaliſten grauſam hingemordet wurden. Bei der Erſtürmung der Fuilerien war ſie ſelber thätig, und übte perſönliche Rache an dem jungen Advocaten und Schriftſteller Seleau, der mehrmals beißende Sathren gegen ſie geſchrieben. Sie ſtürzte ſich auf ihn, rief die wilden Horden zu ihrer Rache auf und ließ ihn in Stücke zerhauen.— Einige Zeit darauf aber ward ſie bei einem Spaziergang in den Tuilerien von einigen Männern überfallen, und im Beiſein einer großen Menſchenmenge, die lachend und höhnend zuſchaute, entkleidet und mit Ruthen gepeitſcht. Das Ent⸗ ſetzen, die Wuth machte ſie wahnſinnig, und in dieſem Zuſtand des entſetzlichſten thieriſchen Wahnſinns lebte ſie in dem Irren⸗ haus La Salpetrière in Paris bis zum Jahre 1817, in wel⸗ 223 Fürſt Liechtenſtein ſtand immer noch an der Pforte und ſchaute dem dahinrollenden Wagen nach.„Der Kai⸗ ſer ſoll auf ſeiner Hut ſein, damit er nicht ſterbe, wie Mirabeau geſtorben iſt,“ murmelte er leiſe vor ſich hin. „Seltſam! Das iſt die zweite Warnung, die ich heute ſchon erhalte. Heute morgen dieſer Brief, den ein Unbe⸗ kannter brachte und den er Niemand als mir ſelber über⸗ geben wollte! Und mit welcher feierlichen Miene er mich anſchaute, als er ihn mir gab, und mit welchem Aus⸗ druck er zu mir ſagte:„Ich beſchwöre Sie, beherzigen Sie den Inhalt dieſes Briefes wohl. Bei der heiligen Jungfrau ſei's gelobt, daß er die Wahrheit enthält!“— Und der Brief enthält nichts als die Worte:„Wenn der Kaiſer fortfährt mit ſeiner drohenden Sprache gegen die Freiheitsmänner von Paris, wenn er Frankreich den Krieg erklärt, ſo iſt er verloren, und er muß ſterben.“— Und dazu jetzt die Warnung Theroigne's! Man ſagt, Mirabeau ſei an Gift geſtorben! Die Jacobiner hätten ihn getödtet, weil er ihre Partei verlaſſen und zum König übergegangen.„Der Kaiſer ſoll auf ſeiner Hut ſein, daß er nicht ſtirbt, wie Mirabeau geſtorben!“„Der Kaiſer muß ſterben, wenn er Frankreich den Krieg er⸗ chem Jahr ſie ſtarb. Siehe: Biographie universelle. Vol. XCV. S. 370. 224 klärt!“— Ah bah, ich bin ein Thor, ſolche Prophe⸗ zeiungen ernſthaft zu nehmen! Man weiß, daß ich es bin, der zu dem Krieg mit Frankreich drängt, und man will mir Furcht einflößen. Ah, ich bin keine feige Memme, und ich werde mich wohl hüten, von den falſchen Prophe⸗ ten mich bethören zu laſſen! Gott ſchütze den Kaiſer!“ Zehntes Cupitel. Die Kataſtrophe. Ein Courier aus Paris war ſo eben am Nachmit⸗ tag des 28. Februar in Wien angelangt. Er brachte wichtige Depeſchen von dem öſterreichiſchen Geſandten an das Miniſterium und unmittelbar an den Kaiſer. Der Viceſtaatskanzler Graf Cobenzl und der Fürſt Liechten⸗ ſtein, der Director der geheimen kaiſerlichen Kanzlei, wa⸗ ren daher zum Kaiſer berufen worden zur ſchleunigen Berathung über dieſe wichtigen Depeſchen. Sie befanden ſich in dem Cabinet des Kaiſers und Graf Cobenzl hatte ſo eben dem Kaiſer den Bericht des Geſandten über die ungeheure Wirkung, welche das kaiſerliche Manifeſt in Paris gehabt, vorgeleſen. 225 Aber Leopold hatte dieſem Bericht ganz gleichgil⸗ tig und ruhig zugehört, und ſelbſt die wüthenden und be⸗ leidigenden Reden, welche die Jacobiner in der geſetz⸗ gebenden Verſammlung als Antwort auf das kaiſerliche Manifeſt gegen Leopold geſchlendert, entlockten ihm kaum ein Lächeln, ein mitleidiges Achſelzucken. „Die Franzoſen wollen den Krieg,“ ſagte er ruhig; „nun, ſie ſollen ihn haben, und ſie werden ſehen, daß der friedfertige Leopold doch auch den Krieg, wenn es ſein muß, zu führen verſteht.“*) „Dieſe Unverſchämten haben es gewagt, ſelbſt die kaiſerliche Perſon zu ſchmähen und zu verläſtern,“ rief Fürſt Liechtenſtein heftig.„Ihre Journale führen gegen Oeſterreich und ſogar gegen die geheiligte Perſon un⸗ ſeres erhabenen Kaiſers eine Sprache, deren Maßloſigkeit und Frechheit die ſtrengſte Züchtigung verdient. Als der Miniſter de Leſſart der legislativen Verſammlung das Manifeſt vorlas, ward er oft unterbrochen von dem Hohngelächter, dem lauten Wuthgebrüll der Jacobiner.“ „Und der unglückliche König ſah ſich genöthigt, die Stimmung der Wüthenden zu billigen,“ ſagte Graf Co⸗ benzl ſeufzend.„Wollen Ew. Majeſtät die Gnade haben, ³) Des Kaiſers eigene Worte. Siehe: Memoires d'un homme d'état. Vol. I. 204. 226 dies von dem König an Ew. Majeſtät gerichtete Schrei⸗ ben zu leſen?“ „Wozu das?“ fragte Leopold langſam und mit müden Blicken.„Theilen Sie mir den Inhalt mit, das genügt!“ „Der König von Frankreich ſchreibt Ew. Majeſtät, daß er es weder der Würde, noch der Unabhängigkeit der franzöſiſchen Nation gemäß erachte, eine Verthei⸗ digung zu führen über die innern Angelegenheiten Frank⸗ reichs und auf die Anklagen zu antworten, welche die Regierung Eurer Majeſtät gegen die legislative Ver⸗ ſammlung geſchleudert hätten. Er erklärt, daß er Nie⸗ manden das Recht zugeſtehe, ein Urtheil zu fällen über die neue Geſetzgebung und Conſtitution Frankreichs; er verſichert, daß dieſe von ihm freiwillig und gern an⸗ genommen worden, und weiſt jede Zumuthung zur Ab⸗ änderung derſelben als beleidigend und unbefugt zurück. Er verlangt von Ew. Majeſtät ſofort alle Kriegsvor⸗ bereitungen in Ihren Staaten einſtellen zu laſſen und Ihre Militairſtreitkräfte in den Niederlanden und im Breisgau wieder auf den Friedensfuß zu ſetzen. Er verſpricht, wenn dies geſchehen, auch ſeinerſeits alle Kriegsrüſtungen aufhören zu laſſen und die Garniſonen der Grenzdiſtriete wieder auf den gewöhnlichen Fuß zu reduciren. Aber wenn Ew. Majeſtät ſeine Forderungen 227 nicht annehmen, ſo will Se. Majeſtät dies einer Kriegs⸗ erklärung gleich erachten.“*) „Armer, beklagenswerther Mann,“ ſeufzte Leopold. „Wie demüthigend, die Worte und Geſinnungen ſeiner Feinde für ſeine eigenen ausgeben zu müſſen!“ Er ſenkte ſein Haupt auf ſeine Bruſt und ſchaute ſtarr und trübe vor ſich hin. Die zuſammengeſunkene Haltung, die blei⸗ chen Wangen des Kaiſers machten Liechtenſtein erbeben, ganz unwillkürlich erinnerte er ſich der finſtern Prophe⸗ zeiungen, welche ihm geworden, und ein Gefühl des Schreckens und Entſetzens bemächtigte ſich ſeiner Seele. „Ew. Majeſtät ſind unwohl, fürchte ich,“ flüſterte er bittend;„Ew. Majeſtät ſollten die Geſchäfte heute ru⸗ hen laſſen, und die Entſcheidung über dieſe Angelegenheit einige Tage hinaus ſchieben, bis—“ „Nicht doch,“ unterbrach ihn der Kaiſer,„ich will ſie raſch und ſchnell zu Ende führen. Herr Graf Cobenzl, die Kriegsrüſtungen werden nicht eingeſtellt und es bleibt bei unſeren Verabredungen mit Preußen. Preußen ſchickt eine Armee von fünfzigtauſend Mann nach Weſtphalen, Oeſterreich eine ebenſo ſtarke Armee nach den Niederlan⸗ den, ſo daß wir mit den jetzt ſchon dort vorhandenen Streit⸗ kräften auf der ganzen Grenzlinie eine Macht von ein⸗ *) Memoires d'un homme d'état. I. 238. 228 hundert achtzig tauſend Mann zuſammen haben. Das ſind die Baſen des zwiſchen mir und dem König von Preußen verabredeten Tractat's. Ich erwarte den General von Biſchofswerder heute oder morgen mit dem ausgefertigten und vom König unterzeichneten Allianztractat, und i werde ihn unterzeichnen. Es iſt wahrſcheinlich, daß Bi⸗ ſchofswerder auch gleich einen Angriffs⸗ und Kriegsplan mitbringt, und er ſoll ſich darüber mit unſerer Regierung in Einverſtändniß ſetzen. Ich wünſche, daß meine Re⸗ gierung bereitwillig auf Alles eingehe, denn die Zeit des Hinthaltens iſt vorbei und ich will die Entſcheidung. Begeben Sie ſich alſo ſogleich in das Departement des Krieges und geben Sie in meinem Namen Befehl, daß die Kriegsrüſtungen beeilt werden ſollen; ſchicken Sie ſo⸗ gleich an unſern Geſandten in Paris den Befehl abzu⸗ reiſen, und melden Sie dem Baron Thugut, er ſolle ſich unverzüglich hieher begeben und gleich nach ſeiner An⸗ kunft zu mir kommen. Er hat das Kriegspaar nicht durch die Flucht erretten können, jetzt bedarf ich hier ſeiner Dienſte! Eilen Sie, Graf Cobenzl, ſenden Sie ſofort Ihre Couriere ab!“ Graf Cobenzl raffte ſeine Papiere und Aeten zu⸗ ſammen und ſich tief vor dem Kaiſer verneigend, verließ er das Cabinet. Er hatte kaum die Thüre deſſelben hin⸗ ter ſich geſchloſſen, als Fürſt Liechtenſtein zu dem Kaiſer 1. * 229 hinſtürzte und vor ihm auf die Kniee niederſinkend ihn mit dem Ausdruck ängſtlicher Sorge anſchaute. „Ew. Majeſtät ſind krank,“ rief er ſchmerzvoll, „Ew. Majeſtät leiden. O, ich beſchwöre Sie, mein Herr und Kaiſer, verhehlen Sie es mir nicht, ſagen Sie mir, was Ihnen fehlt, weshalb Sie ſo bleich, ſo leidend ſind? Geſtatten Sie mir die Aerzte zu rufen. O, mein Gott, ich vergehe vor Angſt und Trauer!“ Der Kaiſer legte langſam ſeine Hand auf des Für⸗ ſten Haupt und blickte ihm lange und tief in das erregte, männlich ſchöne Angeſicht.„Wie,“ fragte er zärtlich, „Thränen in den glänzenden Augen meines Lieblings? Fürſt Liechtenſtein weint, da er doch jubeln ſollte, daß er endlich das Ziel ſeiner Sehnſucht erreicht hat, daß end⸗ lich der Krieg mit Frankreich zur Wahrheit werden ſoll? Und Du dankſt es mir nicht, Du Böſer, Du freuſt Dich nicht einmal auf die Lorbeeren, welche Du Dir erobern wirſt?“ „Was kümmern mich die Lorbeeren, was kümmert mich der Krieg,“ rief Liechtenſtein leidenſchaftlich.„Ich ſehe, daß Ew. Majeſtät leiden, ich weiß nichts weiter, als daß mein Herz ſich um Ew. Majeſtät ängſtigt.“ „Es iſt wahr, ich leide,“ ſagte Leopold traurig. „Es iſt mir, als ob der Tod durch alle meine Adern ſchleiche, und doch habe ich geſtern das Elixir des Lebens getrunken, welches Manfredini mir bereitet. O, es ſtrömte wie Feuer durch meinen Köper und anfangs fühlte ich den wonnigen Strom der Verjüngung, der mein ganzes Weſen belebte und erhob. Ein unausſprech⸗ liches Entzücken durchglühte mich, es ſchien als ob meine Seele Flügel bekäme, als ob die Jugend meine Muskeln zu Stahl verhärtete, meine Sehnen und Nerven neue Lebenskraft zuführe. Ich hätte aufjauchzen mögen vor Glück und doch auch wieder weinen vor ſüßer Traurigkeit. Aber dieſer Zuſtand der Entzückung verſchwand leider ſchon nach einigen Stunden, und ich fühle mich wieder ſo matt und traurig, wie zuvor. Seitdem hat es ſich wie eine Verfinſterung über mich ausgebreitet, ich gehe dahin, wie in einer dunklen Wolke, und zuweilen iſt es mir, als würde dieſe Wolke ſich mit mir emporheben und mich der Erde entrücken.“ Fürſt Liechtenſtein ſtieß einen Schrei aus und ſprang empor.„Die Aerzte müſſen kommen,“ ſagte er,„Ew. Majeſtät dürfen ſich nicht mehr weigern, ſie zu conſul⸗ tiren. Ich eile ſie zu holen.“ Er wollte von dannen eilen, aber der Kaiſer hielt ihn zurück.„Bleibe noch einen Augenblick, mein Lieb⸗ ling,“ ſagte er matt;„wer weiß, ob die Wolke nicht mit mir entſchwebt, während Du nicht bei mir biſt! Bleibe * 231 alſo noch! Laß mich Dein liebes Antlitz ſehen und Ab⸗ ſchied von ihm nehmen, jetzt, da ich es noch vermag.“ Fürſt Liechtenſtein, deſſen Hand der Kaiſer immer noch gefaßt hielt, ſank wieder vor dem Kaiſer in die Kniee und ſchaute ihn an mit angſtvollen, forſchenden Blicken. „Ich habe Dich ſehr geliebt, mein Carl,“ mur⸗ melte der Kaiſer.„Sie werden Dir das, wenn ich nicht mehr bin, als eine Schuld anrechnen und Dir mißtrauen, denn die treuen Freunde der geſtorbenen Fürſten werden immer als die gefährlichen Feinde ihrer Nachfolger be⸗ trachtet. Verzeihe es mir ſchon im Voraus, mein Liebling, wenn mein Nachfolger Dich nicht ſchätzt als das, was Du biſt, wenn meine Liebe Dir Kränkung bringt.“ „O Gott, o Gott,“ ſchluchzte der Fürſt;„dies anhören zu müſſen, und nicht helfen zu dürfen!“ Der Kaiſer hatte ſeine Worte gar nicht beachtet und mit leiſer, bebender Stimme fuhr er fort:„Ach, auch Ihr wird meine Liebe Kränkung bringen, auch Ihr wird man mit Geringſchätzung begegnen und ſie ſchmähen und be⸗ leidigen. Und weshalb? Weil ſie mich geliebt hat, weil ſie in das öde, traurige Daſein eines Kaiſers einen Son⸗ nenſchein des Glückes hat leuchten laſſen. Ja, alles, was der Kaiſer Leopold an Glück und Beſeligung empfun⸗ den, das dankt er Ihr. O, es wäre ſehr grauſam vom Schickſal, wenn ich ſie nicht wiederſehen ſollte. Aber 232 vielleicht wird Gott Erbarmen haben, vielleicht fühle ich mich morgen geneſen, und ich ſelbſt werde zu Louiſe eilen, ihr ſagen können, daß ihre Wünſche ſich erfüllen, daß der Krieg mit Frankreich— Nein, nein,“ unterbrach er ſich laut aufächzend,„nein, ich werde ihr nichts mehr ſagen können, denn alle Schmerzen des Todes brennen in mei⸗ nen Eingeweiden. Carl,“ rief er auf einmal laut und wehevoll,„Carl, ich werde ſie nicht wiederſehen, ich werde ſterben, ohne ſie noch einmal umarmt zu haben! Sage ihr, daß ich ihr danke, daß ich ſie liebe, daß ich ſie achte und bewundere. Carl, es geht zu Ende! Mein Gott, und ich bin noch ſo jung und ich habe noch nichts vollendet, was ich begonnen. Ich habe mir noch keinen Namen in der Geſchichte gemacht. Den Cunctator wer⸗ den ſie mich nennen, den Friedfertigen, und die Woge des Vergeſſens wird über meine Regierung dahin rollen und ſie auslöſchen! O, o, die Wolke wird dichter und ſchwe⸗ rer! Ich ſehe Dich nicht mehr, mein Liebling!“ Ein Aechzen tönte von den Lippen des Kaiſers, ein Schrei von den Lippen des Fürſten. Der Kaiſer lag bleich und mit geſchloſſenen Augen bewußtlos auf dem Divan, und das Aechzen, das aus ſeiner Bruſt hervor⸗ quoll, klang wie das Röcheln des Todes. Fürſt Liechtenſtein ſtürzte um Hilfe rufend nach der Thür hin, und jetzt konnte der Kaiſer ihn nicht mehr zu⸗ rückhalten, jetzt konnte er ihn nicht mehr verhindern, die Aerzte zu rufen!—— In der Frühe des nächſten Morgens hielt eine Reiſeequipage in der Leopoldvorſtadt vor dem Palais der Gräfin Wolkenſtein. General Biſchofswerder, tief in ſeinen Pelz gehüllt, ſprang ans dem Wagen, trat in das Palais ein und ſchritt die mit Teppichen belegte Treppe hinauf. Oben auf dem Corridor trat ihm der Kammerdie⸗ ner der Gräfin entgegen und begrüßte ihn ehrfurchtsvoll. „Die Frau Gräfin ſchon aufgeſtanden?“ fragte der General ſeinen Pelz abwerfend. „Zu Befehl, Execellenz, die Frau Gräfin haben ſo eben die Chocolade befohlen.“ „Melden Sie mich, ſagen Sie der Frau Gräfin, daß ich eben angelangt bin und ihr nur eine wichtige Nachricht zu bringen habe.“ Der Kammerdiener eilte von dannen und kehrte nach wenigen Minuten zurück, um den General in das Cabinet der Gräfin zu führen. Louiſe, im leichten, anmuthigen Negligee, eilte ihm entgegen und ſchaute ängſtlich zu ihm empor.„Eine wichtige Nachricht haben Sie mir zu bringen, Oheim?“ fragte ſie.„Doch keine ſchlimme Nachricht von meinem Gemahl? Er iſt doch nicht kränker geworden? Sein 1360 XXIV. Kaifer Leopold der Zweite. III. 15 234 Uebel hat ſich nicht verſchlimmert? Sein Leben iſt nicht bedroht? Mein Gott, haben Sie doch Erbarmen, ſo antworten Sie mir doch!“ „Und laſſen Sie mir denn die Zeit dazu?“ fragte der General achſelzuckend.„Statt mich, der ich eben hier anlange und wie ein Courier von Berlin hierher gefahren bin, ſtatt mich willkommen zu heißen, heſtür⸗ men Sie mich mit Fragen nach Ihrem unglücklichen Ge⸗ mahl, deſſen Krankheit Sie ſelber noch krank machen wird, denn Sie ſehen bleich und leidend aus, und das iſt Ihrer Schönheit gar nicht vortheilhaft.“ „Ich verzehre mich in Angſt und Sorge um ihn,“ ſagte ſie mit bebenden Lippen.„Zuweilen beſchleicht eine furchtbare Angſt mein Herz, und es iſt mir, als würde er ſterben, ehe ich ihn befreit habe, als würde ich ihn nie⸗ mals wiederſehen. O, mein Oheim, es wäre entſetzlich, wenn Alles, was ich gethan und gelitten, umſonſt gewe⸗ ſen, umſonſt meine Schmach, meine Verſtellung, mein gedemüthigtes Daſein! Wenn er ſtürbe in dem Gefängniß, das er durch meine Schuld erduldet, wenn meine Liebe ihm nicht ſein Unglück vergelten, meine Treue nicht den Flecken auslöſchen könnte, der auf meinem Daſein ruht! O Gott, Gott, ſagen Sie, daß er geſund iſt, daß er nicht ſterben wird.“ „Die Geſchicke der Menſchen liegen in der Hand 235 Gottes,“ ſagte der General feierlich;„er iſt der Herr über Leben und Tod, und was er uns ſchickt, müſſen wir geduldig ertragen. Aber beruhigen Sie ſich! Ich bin nicht gekommen, um Ihnen Nachricht von Ihrem Gatten zu ge⸗ ben, ich bringe Ihnen keine Trauer⸗, ſondern eine Freu⸗ denbotſchaft. Louiſe, wir ſtehen am Ziel, der Krieg wird beginnen. Oeſterreich und Preußen werden endlich vereint das Schwert der Gerechtigkeit erheben, und ſtark und mächtig werden ſie der wüthenden und heulenden Anarchie entgegen treten. Schon hat der König den Herzog von Braunſchweig als oberſten Feldherrn ſeines Kriegsheeres nach Berlin berufen, um mit ihm den Kriegsoperations⸗ plan zu entwerfen, und mich hat der König hieher geſandt, um dem Kaiſer dieſen Plan vorzulegen und für den ausge⸗ fertigten Allianztractat zwiſchen Oeſterreich und Preußen die Unterſchrift des Kaiſers einzuholen. Kaiſer Leopold hat dieſelbe ſchon zugeſagt und mich wiſſen laſſen, daß ich ſogleich nach meiner Ankunft mich zu ihm zur Audienz begeben ſoll. Aber ſtatt gleich in die innere Stadt zur Hofburg zu fahren, komme ich zuerſt zu Ihnen, um Ihnen dieſe Freudenbotſchaft mitzutheilen. Ja, Louiſe, wir ſind am Ziel und der Zweck Ihres Strebens iſt er⸗ reicht. Der Krieg beginnt!“ „Der Krieg beginnt, und ich bin frei,“ jubelte Louiſe, und ihr bleiches Antlitz leuchtete auf in ſeliger 15* Freude und ihre Augen ſtrahlten vor Entzücken.„Der Krieg beginnt, und nun darf mich nichts mehr halten und binden! Nun darf ich dem Kaiſer Alles geſtehen! O, er iſt ſo edel und gut, er wird mir verzeihen, er wird mich ziehen laſſen, er wird mir nicht zürnen, er wird mich achten. Ich muß zum Kaiſer! Sogleich! Und noch heute müſſen Sie mit mir abreiſen nach Graudenz hin, zu Ihm, zu meinem Gemahl!“ „Ruhig, ruhig, meine ſchöne Nichte,“ ſagte der Ge⸗ neral achſelzuckend.„Mäßigen Sie doch ein wenig die Glut Ihrer Leidenſchaftlichkeit! Bitten Sie Gott, daß er Sie ſanft mache und ſtille. Sie dürfen nicht zum Kaiſer, Sie dürfen ihm nichts geſtehen, ſondern Sie müſ⸗ ſen warten, bis ich bei Sr. Majeſtät eine Audienz gehabt, bis er den Allianztractat unterzeichnet, den Kriegsplan genehmigt hat. Dann, wenn dies gethan, dann kehre ich ſogleich zu Ihnen zurück, um Sie zu benachrichtigen und um alles Weitere mit Ihnen zu beſprechen.“ „So eilen Sie, eilen Sie, General,“ rief Louiſe ungeduldig.„Eilen Sie, damit Sie bald zurückkehren. O, ich werde die Zeit benutzen, um Toilette zu machen, damit ich dann ſogleich zum Kaiſer fahren kann.“ „Thun Sie das, meine Liebe! Ich kam nur, um Sie zu benachrichtigen. Sobald die Audienz beendet iſt, kehre ich zu Ihnen zurück. Alſo auf Wiederſehen!“ 237 Er nickte ihr freundlich zu, und verließ dann das Cabinet, um ſich wieder hinunter zu begeben zu ſeinem harrenden Wagen. „Wahrlich, ich beklage ſie,“ murmelte er leiſe vor ſich hin, während er die Treppe hinunter ſchritt.„Ich wollte ſie vorbereiten, aber ich hatte nicht den Muth dazu, als ich ſie ſo angſtvoll und leidenſchaftlich ſah. Aber wenn ich von der Audienz zurückkehre, muß es ge⸗ ſchehen, dann muß ſie Alles erfahren!“ Er beſtieg ſeinen Wagen und befahl dem Diener in die innere Stadt zur kaiſerlichen Hofburg zu fahren. Der Wagen rollte vorwärts, bald hatte er die weite einſame Vorſtadt verlaſſen und das Innere der Stadt erreicht. Aber welch' eine ſeltſame Aufregung herrſchte in den Straßen, was ſtürzten denn die Leute mit ſo ängſtlichen Geſichtern dahin, weshalb ſtanden ſie hier und dort in einzelnen Gruppen an den Straßenecken, und ſchauten zu dem Papier empor, das an der Mauer angeklebt war? General Biſchofswerder erhob ſich in ſeinem Wagen und befahl dem Kutſcher anzuhalten, dem Bedienten, hin⸗ unter zu ſteigen und nachzuſehen, was auf jenem Papier geſchrieben ſtände. Nach wenigen Minuten kehrte der Diener zurück. „Ercellenz,“ ſagte er,„es iſt ein Bulletin, das da ange⸗ 3 238 ſchlagen iſt. Es verkündet, daß der Kaiſer in dieſer Nacht heftig erkrankt iſt.“ „Fahre zu, Poſtillon,“ rief der General,„ſo raſch Deine Pferde laufen wollen zur Kaiſerburg hin!“ Aber der Wagen konnte jetzt nur noch langſam vor⸗ wärts kommen, das Gedränge des Volkes ward immer dichter, aus allen Nebenſtraßen ſtrömten neue Maſſen herbei, kamen die Equipagen der Geſandten, des hohen Adels im geſtreckten Galopp daher, und alle hatten den⸗ ſelben Weg, alle wollten ſie nach der Kaiſerburg hin. Endlich hielt der Wagen des Generals vor einem Seitenportal der Burg, und Biſchofswerder ſprang her⸗ aus. Die ganze Straße war angefüllt mit Menſchen, und in der Mitte derſelben dehnte ſich ein langer unab⸗ ſehbarer Zug von Equipagen. „Wahrlich, es ſieht aus, wie ein Leichenzug,“ mur⸗ melte der General,„und wie ſchauerlich ſtill die Menge iſt, und wie erſchrocken und angſtvoll Alle drein ſchauen! Mein Gott, es wäre entſetzlich, wenn—“ Ein lautes Jammergeſchrei, das ſo eben aus dem innern Hof der Kaiſerburg erſchallte, machte den General verſtummen und vorwärts eilen. Auch der ganze Hof war angefüllt mit Menſchen, ſie lagen auf ihren Knieen, weinten und beteten, und in ihrer Mitte ſtand einer der Kammerdiener des Kaiſers, laut wehklagend und jam⸗ 239 mernd„Der Kaiſer ſtirbt! Unſer großer, gütiger Kaiſer ſtirbt!“ Entſetzen, Schrecken und Betäubung überall, ſelbſt die Schildwachen an den Thüren vergaßen ihres Dienſtes, die Thüren des Schloſſes waren alle weit geöffnet, und ungehindert trat der General in das Schloß ein, unge⸗ hindert ſchritt er die Corridore und Treppen dahin. Auch im erſten Vorſaal des Kaiſers keine Lakahen, keine Hof⸗ officianten, aber alle Thüren weit offen, und drin im nächſten Zimmer ein verworrenes Geräuſch von jam⸗ mernden, ermahnenden und wehklagenden Stimmen. Der General trat in dies Zimmer ein. Die Erz⸗ herzöge und die Erzherzoginen alle, die hohen Hofbeam⸗ ten, die Beichtväter der Prinzen und Prinzeſſinen, aber auch die niedere Dienerſchaft, die Lakayen und Kammer⸗ jungfern, Alles befand ſich hier im wirren Durcheinander. Der Schmerz, das Entſetzen, das plötzlich hereingebrochene Unheil hatte alle Etiquette, allen Unterſchied der Stände aufgehoben, neben der Erzherzogin weinte der Lakay, und die Prieſter tröſteten und ermahnten die Gräfin wie die Kammerjungfer. Niemand hatte ein Wort der Begrüßung für Ge⸗ neral Biſchofswerder, Niemand wehrte es ihm, weiter zu gehen, nach jenes Gemach hin, aus deſſen offener Thür Weinen und Schluchzen, Aechzen und Stöhnen erſchallte. 240 Biſchofswerder wagte es die Schwelle dieſes Ge⸗ machs zu überſchreiten. Welch ein Anblick bot ſich ihm dar. In wilder Unordnung ſtanden alle Meubles um⸗ her, umgefallene Tiſche, Stühle, die man in der Eilfer⸗ tigkeit des Hin⸗ und Herlaufens umgeſtoßen, lagen am Boden. In der Mitte des Raumes ſtand ein Bett, und um daſſelbe drängten ſich Aerzte und Wundärzte, Prieſter und Lakayen ſo dicht wie eine Mauer, und aus derſelben hervor vernahm man lautes Weinen, dumpfes Todes⸗ röcheln. Zetzt öffnete ſich dieſe Menſchenmauer ein wenig, einige Lakayen ſtürzten fort, neue Medicamente zu holen. Biſchofswerder konnte jetzt ſehen, hinein treten in den Kreis. Er ſah da die Kaiſerin, welche ſich laut weinend und wehklagend über das Lager hingeworfen hatte, und in ihren Armen dieſe bleiche, röchelnde, in furchtbaren Schmerzen ſich windende Geſtalt; dieſer mit dem Tode ſchon ringende Kranke— das war Er— geſtern noch der mächtige Kaiſer, heute ein armer, ſchwacher, hilfloſer Menſch!— Am Nachmittag dieſes Tages, am Nachmittag des 1. März 1792 trat der General Biſchofswerder todes⸗ bleich, mit feierlichem Ernſt in das Cabinet der Gräfin Wolkenſtein. „Wie ſteht's mit dem Kaiſer?“ rief ſie ihm angſt⸗ * 241 voll entgegen.„Geht es beſſer? Geben die Aerzte Hoffnung?“ „Louiſe,“ ſagte der General feierlich,„ſeien Sie gefaßt. Der Kaiſer iſt ſo eben geſtorben! Er hat dies irdiſche Jammerthal verlaſſen, und iſt zur ewigen Selig⸗ keit eingegangen.“ „Der Kaiſer todt!“ murmelte Louiſe, und ſie ſank auf ihre Kniee nieder und betete. General Biſchofswerder ſtand neben ihr mit gefalteten Händen, das Haupt auf die Bruſt geſenkt und betete, wie ſie es that. Nach einer langen Pauſe erhob ſich Louiſe von ihren Knieen und wandte ihr bleiches Angeſicht mit einem wunderbaren Ausdruck von Entſchloſſenheit ihrem Dheim zu. „Der Kaiſer iſt todt,“ ſagte ſie.„Ich werde ihn nie vergeſſen, ihn immer beklagen, denn er hat mich wahr⸗ haft geliebt. Aber jetzt darf ich nur des Lebenden, des Leidenden gedenken. General Biſchofswerder, ich erinnere Sie an Ihren Schwur. Ich habe getreulich gehalten, was ich gelobt, und was in meinen Kräften ſtand, das habe ich gethan für Ihre Zwecke. Sie ſagten es vorher ſelbſt: „wir ſind am Ziel.“ Und wenn ſtatt der Unterſchrift des Kaiſers der Tod Ihren Allianztractat und Ihre Kriegs⸗ erklärung nur mit einem ſchwarzen Siegel gezeichnet hat, ſo iſt das nicht meine Schuld. Ich habe mein Wort er⸗ 1860. XRXIV. Kaifer Leopold der Zweite. III. 16 242 füllt, erfüllen Sie das Ihrige. Reiſen Sie noch heute mit mir ab nach Graudenz, zu meinem theuern, meinem kranken Gemahl. Sie haben mir geſchworen, ihn zu be⸗ freien, halten Sie Ihren Schwur.“ „Unglückliches Weib, es iſt zu ſpät,“ ſagte der General feierlich.„Höher, als alle Berechnungen der Men⸗ ſchen, iſt der Wille Gottes! Sie hatten heute Morgen, als ich zu Ihnen kam, ganz richtig in meinem Angeſicht geleſen. Ja, ich bin hier, um Ihnen eine Trauerbotſchaft zu melden. Arme Louiſe, es iſt zu ſpät! Ihr Gemahl, der Graf Wolkenſtein iſt todt!“ Sie ſchrie nicht, ſie regte ſich nicht, unbeweglich ſtand ſie da, das Haupt vorwärts geneigt, die Blicke ſtarr auf die Lippen des Generals geheftet, als lauſche ſie noch immer auf ſeine Worte. Dann, als Alles ſtill blieb, dann auf einmal fiel ſie, wie eine vom Blitz zerſchmetterte Statue, ſtarr und ohne Leben zur Erde nieder. Der General neigte ſich über ſie, er hob ſie in ſeine Arme empor und trug ſie auf den Divan. Dann ſchellte er heftig, und die Kammerfrauen der Gräfin ſtürz⸗ ten herbei. Sie rieben ihr die Schläfen mit ſtarken Eſſen⸗ zen und verſuchten alle Mittel, mit welchen man die Ohnmächtigen zu erwecken pflegt— aber Louiſe regte ſich nicht, die Farbe kehrte nicht wieder auf ihre Wangen 243 zurück, die Augen, die weit geöffnet waren, hatten noch den ſtarren, furchtbaren Blick, mit welchem ſie ihren Oheim angeſchaut hatten, und ſie veränderten ſich nicht, der Mund, der wie zu einem Schrei geöffnet war, ſchloß ſich nicht wieder, und kein Athem kam aus ihrer Bruſt hervor. „Das iſt mehr als eine Ohnmacht, das iſt ein Starrkrampf,“ rief Biſchofswerder.„Eilt und ruft den Arzt!“ Und der Arzt kam und unterſuchte aufmerkſam die kalte Marmorgeſtalt, die noch vor wenigen Stunden ein ſo ſchönes, lebenvolles Weib geweſen. Dann erhob er langſam ſein Haupt und ſagte feier⸗ lich:„Die Gräfin Wolkenſtein iſt todt! Ein Nerven⸗ ſchlag hatte ihrem Leben plötzlich ein Ende gemacht!“ Er verneigte ſich ehrfurchtsvoll vor dem General und ging. General Biſchofswerder blieb allein bei der Leiche zurück. Er ſchaute trübe und ſinnend zu ihr nieder, und legte dann feſt und ſchwer ſeine Hand auf ihre weit ge⸗ öffneten Angen. „Schließe Deine Augen,“ ſagte er feierlich,„denn ſie ſehen nicht mehr den Lug und Trug und Jammer dieſer Erde. Schließe ſie, und möge es Dir vergönnt ſein, ſie dort oben wieder aufzuſchlagen und den zu ſchauen, 16* der Dir voran gegangen iſt, und den Du auf Erden ſo ſehr geliebt haſt. Sie hat viel geliebt, und darum wird ihr viel vergeben werden. Möge das auch von mir einſt geſagt werden! Arme Louiſe, ſie ſtarb zu rechter Zeit, Gott iſt ihr ſehr gnädig geweſen, daß er ſie zu ſich ge⸗ nommen, und die kurzſichtigen und thörichten Menſchen werden ſehr gerührt ſein von ihrem Tode, denn ſie werden glauben, der Schmerz um den Kaiſer habe ſie getödtet! Lebe wohl, Louiſe, Dich hat der Tod gerufen, mich ruft das Leben! Eine neue Zeit beginnt, und was wir ſeit Jahren ſo mühſam erſtrebten, jetzt werden wir es haben: den Krieg mit Frankreich! den Vernichtungskrieg gegen die Anarchie und die Revolution! Bitte da droben zu Gott, Loniſe, bitte ihn, daß er Oeſterreich und Preußen gegen Frankreich den Sieg verleihe!“ Ende des dritten und letzten Bandes. ſſ 2 8 9 10 11 12 14 18 16 17 18