. Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Gdnard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ceih und eſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 lhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 2 38. 3. Cäution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt⸗ für wochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— auf 1 Monat: TN— 1 W 6 2W „ 6 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorente oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 1 L. Mühlburh' Rleine Bomanr. Zweite, neu bearbeitete Ausgabe. Dritter Theil. e 2 Dritter Band. — Altona. Verlag von J. F. Hammerich. 1860. ⸗ —— Zwei Jebenswege. Roman von L. Mühlbag. Zweite, neu bearbeitete Ausgabe. „— Pritter Pand. 4 Altona. Verlag von J. F. Hammerich. 1860. — Lebensſcenen. Von nun an wohnte Giſela im fürſtlichen Schloſſe in den Zimmern der Fürſtin Clotilde. Einmal dieſen Schritt gethan, fühlte ſie nun auch den Muth und die Entſchloſſenheit, ihn durch⸗ zuführen ſonder Schen und Zagen. Die Oeffent⸗ lichkeit weder vermeidend, noch ſie ſuchend, erſchien ſie ſelten an den großen Hoffeſten, zu denen des Fürſten Stellung ihn zwang, war ſie aber ſtets gegenwärtig in den kleineren Geſellſchaftskreiſen, zu denen der Fürſt die ausgezeichnetſten und erſten ſeiner Diener verſammelte. Bald war ſie der Mittelpunkt dieſes auserle⸗ ſenen Kreiſes, die Herzen Aller gewinnend durch ihre ſanfte, anmuthige Freundlichkeit, durch die Grazie ihres Weſens, das ſprudelnde, begeiſterte Feuer ihrer Seele, durch die Milde ihres Urtheils, und den ſtets friſchen, angeregten und anregenden Geiſt; aber allen dieſen Gaben ward noch ein Zwei Lebenswege. III. 5 beſonderer Reiz verliehen durch den ernſten, jung⸗ fräulichen Stolz, der ihre ganze Erſcheinung um⸗ floß, und Jeden, der ſich ihr nahte, unwillkürlich und oft wider ſeinen Willen zur Achtung und Anerkennung zwang. Giſela ſuchte nicht zu imponiren, und deshalb imponirte ſie um ſo mehr durch ihre hohe, edle Erſcheinung; ſie wollte nicht den Stolz und die Würde als einen Panzer gegen die Welt um ihre Bruſt decken, aber ihre Unſchuld, ihr reines Be⸗ wußtſein, die edle Seele, die aus ihren Zügen ſprach, ward ihr unbewußt zu einem Schilde, das die Geringſchätzung, die Nichtachtung und Frechheit mindeſtens aus ihrer Nähe verbannte. Ob ſie dem entzückten Kreiſe ihrer Zuhörer mit ihrer vollen, herrlichen Stimme zur Harfe ihre Lieder ſang, ob ſie mit hoher Begeiſterung in Blick und Stimme die Dichtwerke edler Geiſter las, ob ſie mit heiligem Ernſte über das Wohl und die Angelegenheiten des Landes ſprach, oder mit leichtem, anmuthigem Scherz die Falten von der Stirn des Fürſten verſcheuchte, immer war ihr Weſen von unendlicher Hoheit und An⸗ muth unfloſſen, und gewann wenigſtens momen⸗ tan ſelbſt die Herzen ihrer Feinde und Wider⸗ ſacher. Und das innigſte, edelſte und beglückendſte Ver⸗ hältniß war es, das ſie dem Fürſten verband, die reinſte und heiligſte Freundſchaft ſchien dieſe — beiden Seelen von den Schmerzen vergangener Liebe heilen zu wollen. Offen und rückhaltlos lag Giſela's Seele vor den Blicken des Freundes da, und dieſer ließ ſie Theil haben an allen ſeinen Sorgen, ſeinen Be⸗ kümmerniſſen, hörte mit aufmerkender Achtung auf ihr ernſtes, kluges Urtheil, wenn er ſelbſt in den ernſten Geſchäften der Regierung ihren Rath erbat. Wie ein guter Engel ſchwebte ihr klarer, ſchö⸗ ner Blick über den Unterthanen ihres Freundes. Oh, wie oft wußte ſie Lothar's Strenge zu ſäuf⸗ tigen, ſeine ſtrenge, grauſame Gerechtigkeit zu er⸗ weichen zu verzeihender Milde, wie viel Unglück wußte ſie durch ihr Flehen zu verhindern, wie oft die harte Strafe in eine milde zu verwandeln, und dem Lohn und der Anerkennung erſt den wahren Werth zu verleihen durch die Anmuth und Grazie ihres Lächelns! Aber ach, alle dieſe Tugenden und Verdienſte waren dennoch nicht im Stande, ihr die öffentliche Meinung zu verſöhnen, den Bannfluch zu vernichten, welchen das Vor⸗ urtheil der Welt über ſie ausgeſprochen! Sie ſah wohl die ſpöttiſchen und verächtlichen Blicke, mit denen die Damen ſich von ihr wandten, wenn ſie ihr auf der Straße begegneten; ſie hörte wohl die höhniſchen Bemerkungen, die das Volk hinter ihr her flüſterte, und ihre edle, ſtolze Seele litt unter dieſen Beleidigungen und Kränkungen an ſtill verſchwiegenem Weh. 3 3 Oh, wie oft, in der Ueberfülle der Pein, ſehnte ihr armes, zertretenes Herz ſich nach dem wehmuthsvollen Troſte, einer befreundeten Seele ihre Pein zu klagen, ſie Theil haben zu laſſen an ihren Bekümmerniſſen; wie oft trat die ver⸗ borgene Klage auf ihre Lippen, wenn Lothar in traulichem, herzlichem Zuſammenſein bei ihr war! Aber Giſela drängte dieſe Klage immer wieder in die Tiefe ihrer Bruſt zurück. Sie kannte ihren ſtolzen Freund zu gut, um nicht zu wiſſen, daß er eine ſolche Beleidigung Giſela's auf das empfind⸗ lichſte rächen und ſtrafen würde, und deshalb ſchwieg ſie, und rettete mit ihrer verwundeten Seele ſich zu den Armen und Leidenden, dieſen mit Engelsmilde Troſt und Hülfe bringend. Oft ging ſie Abends, verkleidet, in der ein⸗ fachen Landestracht, in die Hütten der Armuth, und Niemand ahnte, daß das einfache, freundliche Weib, das dort neben der Wiege des ſchlummernden Kindes ſaß, und den harmloſen Erzählungen einer armen Mutter lauſchte, oder den traurigen Klagen einer armen Kranken die Thräne des Mitleids weinte, Niemand ahnte, daß dies die ſchöne und mächtige Freundin des Fürſten ſei. Giſela hatte bei ſolcher Verkleidung einen dop⸗ pelten Zweck. Sie wußte, daß der Arme ſich von der Gegenwart des Höheren und Reichen nur bedrückt und angefröſtelt fühlt, daß ſeine Seele ſich dem Gleichgeſtellten leichter und freier erſchließt, % 3 c und daß oft vie Mittheilung und die Klage ihm mehr Troſt gewährt, als die reiche Gabe. Anderer⸗ ſeits aber war es ihr wichtig, die harmloſen, un⸗ verſtellten und einfachen Wünſche und Klagen des Volkes in der ihm eigenen, unverſtellten Sprache der Wahrheit zu hören, um durch die treue Wie⸗ derholung derſelben den Fürſten zu Verbeſſerungen anzuregen, und ſein Herz dem Mitleid zu er⸗ ſchließen. Seit einigen Tagen hatte ſich ihrer ſtets bereiten Wohlthätigkeit eine neue Quelle der Thätigkeit eröffnet. Als ſie ſich in ihrer Verkleidung zu irgend einer ihrer Armen begab, Hülfe und Freude zu bringen, und mit leichtem, ſchwebendem Tritt die hohen Stiegen hinan eilte, meinte ſie hinter einer der Thüren, an welchen ihr Weg ſie vorüber führte, lautes, ängſtliches Stöhnen und Klagen zu vernehmen. Sie ſtand ſtill und lauſchte, und dann, als ſie ſich überzeugte, daß ſie ſich nicht getäuſcht, öffnete ſie leiſe die nur angelehnte Thür, und trat in eine kleine, finſtere Kammer. O welch ein herzerſchütternder Anblick war es, der ſich hier ihren Blicken darbot! Ein junges Weib lag da auf elendem nacktem Strohlager, ächzend und ſtöhnend in glühender Fieberangſt, ihr zur Seite ängſtlich wimmernd zwei kleine abgezehrte Kindergeſtalten, den matten, hinſterbenden Blick flehend auf das Antlitz ihrer bewußtloſen Mutter geheftet. Und zu dieſem düſtern Bilde die Kam⸗ mer wüſte und leer, kein Stuhl, kein Tiſch, kein Zeichen der Wohnlichkeit, des Lebens, außer der dunklen, oft hoch aufflackernden, vft faſt ver⸗ löſchenden Thranlampe, die dieſen Jammer be⸗ leuchtete!—„Waſſer! Waſſer!“ ächzten die Lip⸗ pen der Leidenden, und Giſela eilte hinauf zu der ihr bekannten armen Familie, von dieſer ſich ein Töpfchen mit Waſſer holend, das ſie mit ſorg⸗ ſamer Hand der armen Kranken an die brennenden Lippen hielt. Dieſe ſchlürfte es mit gierigem Be⸗ hagen, und dann die Augen aufſchlagend, flüſterte ſie matt:„o, mich hungert!“ Giſela reichte ihr von dem mitgebrachten Brode, und die Kinder, die lang erſehnte Nahrung riechend, hielten, lauter wimmernd, ihre zitternden, kleinen Händchen hin. Giſela erkannte es wohl, der Hunger allein war die Krankheit, welche die Kräfte dieſer Armen erſchöpft, ſie dem Tode nahe gebracht hatte. Der Hunger, der nagende, verzehrende Hunger hatte die Wangen dieſer Mutter ausgehöhlt, die Jugend⸗ kraft dieſer Kinder gebrochen! Sie weinte Thränen der Freude, daß es ihr vergönnt geweſen, dieſe Armen zu retten, und nie hatte der Fürſt Giſela's Antlitz in ſo heiterer, verklärender Freude ſtrahlen ſehen, als dieſen Abend, als ſie von ihrer Wanderung heimkehrte. Von nun an ging ſie jeden Abend zu der * armen Mutter mit den ſchönen, allgemach wieder — erblühenden Kindern, ihr Hülfe und Beiſtand zu bringen, ihre Wünſche zu errathen, und ihre ſtumme Verzweiflung zu tröſten. Denn die arme Julie gehörte zu jenen ſtolzen, verſchloſſenen Armen, die lieber geduldig und lautlos Hungers ſterben, als hülfeflehend ihr Elend zu geſtehen und ihren Jam⸗ mer zu klagen! Sie war ſichtlich an ein beſſeres Leben gewöhnt, ihre Ausdrucksweiſe verrieth die Bildung höherer Stände. Oh, mit welcher Scho⸗ nung wußte Giſela vieſer ſtolzen Armuth ſich zu erbarmen, wie viele Liſt und unſchuldige Lüge mußte angewandt werden, der armen Julie die ſchwere Laſt empfangener Wohlthaten zu erleichtern, und wie vieler Hingebung und zarter Freundlichkeit bedurfte es, um ihre Seele endlich dem Vertrauen, der Mittheilung zu öffnen! Und als ſie endlich ihr Unglück klagte, da bebten ihre Lippen, und das Roth des gedemüthigten Stolzes bedeckte ihre Wangen. Sie war das junge Weib eines Beamten Lothar's. Aus weiter Ferne war ſie dem geliebten Gatten gefolgt, nicht ahnend, wie bald ihr Glück getrübt, ihr Friede geſtört werden ſollte. Der letzte Sproſſe eines alten vornehmen adeligen Hauſes, hatte ſie ihrem Gatten nichts gebracht, als ihre Liebe und ihre Ahnen. Vielleicht war dieſer eben ſo ſtolz auf die letzteren, als auf die erſtere, es genügte ihm mindeſtens nicht, in ſtiller Zurück⸗ gezogenheit dieſer Liebe ſich zu frenen, er wollte auch den Ahnen ſeiner Gattin Ehre machen, mit ihrem Range prunken. Luxus und Glanz umgab die ſchöne, ſtolze Julie, die nicht ahnte, daß ihr eitler Gatte, dieſen Aufwand zu beſtreiten, weder Vermögen, noch Gehalt genug beſitze. Er hatte in ſeiner Eitelkeit ihren Ahnen den Glanz des Goldes entgegen ſetzen wollen, und ſich Reichthümer erlogen, die er nicht beſaß. Aber Julie glaubte ſeinem Wort, ſie gefiel ſich darin, dem reichen Hauſe ihres Gatten auf eine würdige, noble Weiſe vorzuſtehen, immer neue Verſchöne⸗ rungen und Luxusſachen anzuſchaffen, und Bernhard war ſtets zum Geben willig und bereit. So waren einige Jahre vergangen, und Zulie drückte in glücklicher Mutterwonne ein holdes Zwillingspaar an ihre Bruſt, als eines Morgens ihr Gatte bleich und verſtört in ihr Gemach ſtürzte, und ſie anflehete, ſeine Gegenwart nicht zu ver⸗ rathen, ſondern zu ſagen, er ſei vor mehreren Stunden ſchon ausgegangen. Noch ſtand Julie bleich und erſtarrt, in tödtlichem Schreck auf den Schrank blickend, in welchem Bernhard ſich ver⸗ borgen, als die Thür aufgeriſſen ward, und die Diener des Gerichts eintraten, mit rauher Stimme nach ihrem Gatten fragend. Vergebens ſuchte Julie die ihr gebotene Lüge zu ſtammeln, man hörte nicht auf ſie, man glaubte ihr nicht, das Zimmer ward durchſucht, und der Gatte bleich und einer Ohn⸗ macht nahe aus ſeinem Verſteck hervor gezogen. —— — Er hatte die ihm anvertrauten Kaſſen und Gelder geplündert, ſein Betrug ward entdeckt, und Bernhard als Verbrecher verhaftet. Julie ſchaute ihm nach mit dem ſtieren Blick des Ent⸗ ſetzens, und vieler qualvoller Tage und ruheloſer Nächte bedurfte es, ehe das arme getäuſchte Weib zu der Ueberzeugung gelangen konnte, daß ihr Gatte, ihr geliebter, angebeteter Bernhard nichts ſei, als ein Betrüger. Aber der Fürſt hatte inzwiſchen die ſtrengſte Unterſuchung befohlen. Es war nicht das erſte Mal, daß ein ſolcher Fall vorkam, und ein ſtrenges Beiſpiel ſollte ſeine Beamten von einem ähnlichen Verbrechen zurückſchrecken. Bernhard ward zu langjähriger Feſtungsſtrafe verurtheilt, ſein Vermögen, ſeine ſämmtliche Habe fiel dem Staate anheim, und als Bettlerin verließ Julie mit ihren beiden Kindern die Schwelle ihres einſt ſo glänzenden Hauſes. Ihr Stolz eben ſo ſehr als ihre Liebe war bis auf den Tod ver⸗ wundet, aber ſie unterdrückte den erſteren, um ſich nur in Liebe zu erinnern, daß ſie Mutter ſei. Yhre letzte Habe hin gebend, fuhr ſie in die den Fürſten Lothar um Gnade anzu⸗ ehen. Aber wir ſagten ſchon früher, daß ſein Ohr nur der Gerechtigkeit, nicht der Gnade zugänglich war, und Giſela war noch nicht an ſeiner Seite, um ſeine Härte mit ihrem Erbarmen zu beſchwören „ 6 — — 10— Vergebens warf die ſtolze Julie ſich mit gerun genen Händen zu ſeinen Füßen nieder, um Er⸗ barmen, um Milderung des harten Urtheils fle⸗ hend; Fürſt Lothar hielt dieſe Strenge für noth⸗ wendig, und der armen Julie Flehen erweichte ihn nicht. Sie ſtand auf von ihren Knieen, die ſie zum erſten Male vor einem Sterblichen gebeugt, und Zorn und Schmerz im Herzen, verließ ſie das Schloß. Nun folgten Monate der Noth, des Ent⸗ behrens, die ſie mit ſtolzem Stoicismus ertrug. Niemand kannte ſie hier, Niemand konnte ſich ihrer erbarmen, auch hätte ſie Niemand ihr Elend und ihre Noth verrathen. In einer Art Rachegefühl gegen den Fürſten wollte ſie ſterben und verhungern, und das Letzte, was ihre verſchmachtende Lippe geſtammelt, war eine Verwünſchung des grauſamen, erbarmungs⸗ loſen Fürſten. Stockend, zögernd, oft unterbrochen von Seuß⸗ zern, hatte Julie der theilnehmenden Giſela dieſe traurige Geſchichte erzählt, und Giſela wagte es nicht, den Fürſten zu vertheidigen, oder Juliens bittern Groll gegen ihn zu verſöhnen. Aber ſie eilte zu Lothar, ihn anflehend um Gnade und Erbarmen, und ihrer holden Bitte blieb ſein Herz nicht unerweicht. Er verſprach eine Milderung des Urtheils, und frendeglühend eilte Giſela am nächſten Abend zu Julien, um ihr als eine gehörte Neuigkeit die wahrſcheinliche Begnadigung ihres Gatten zu er⸗ zählen. Aber dieſe ſo ſchnelle Aenderung ihres Schickſals, nachdem ſie der anſcheinend untergeord— neten ihr Unglück vertraut, machte Julie argwöhniſch. Als Giſela ſie verlaſſen, eilte ſie ihr nach, verfolgte ſie ſie bis zu dem Thore des Schloſſes, und ſich erinnernd, daß man ihr von dieſen Verkleidungen der fürſtlichen Geliebten er⸗ zählt, kehrte ſie, Zorn und Groll im Herzen, in ihre Wohnung zurück. Mehrere Tage vergingen, ohne daß Giſela kam. Sie wollte nicht mit leeren Händen kommen, ſie wollte die Gewißheit der Begnadigung ihr bringen; erſt als der Fürſt die über Bernhard verhängte Strafe theilweiſe aufgehoben, und die zwanzigjährige Haft zu einer Gefängnißſtrafe von zwei Jahren gemildert, das wenn auch unbeden⸗ tende Vermögen, den mit Beſchlag belegten reichen Hausſtand der jungen Gattin Bernhard's als Ge⸗ ſchenk überwieſen, erſt als dies vom Fürſten unter⸗ zeichnete Document in ihrer Hand war, eilte ſie zu Julien. In ihrer Freude, ihrem Entzücken dachte ſie gar nicht daran, daß dieſe nun die Verkleidung merken, ſie für eine Andere erkennen müſſe, als ſie zu ſein ſchien. Auch galt ihr dies gleich; ſie dachte nicht an ſich, ſie wol ue nur Glück bringen und Freude. So mit ſtrahlenden Blicken, mit elaſtiſchem „ — Schritt flog ſie die Stiegen empor, die zu Juliens Wohnung führten, trat ſie hochklopfenden Herzens in das Gemach, den finſtern, grollenden Blick, mit dem Julie ihren Gruß erwiederte, gar nicht bemerkend. „Julie, liebe Julie,“ ſagte ſie athemlos vor Freude,„ich bringe Dir Troſt und Glück. Da lies!“ Sie reichte Julien das zuſammengefaltete Do⸗ cument hin. Dieſe öffnete es langſam, und las es; Giſela ſah mit Befremden, daß Juliens Miene ſich nicht aufklärte, daß der finſtere Zug des Zorns nicht von ihrer Stirn verſchwand. „Du freuſt Dich nicht, Julie,“ fragte ſie,„Du dankſt nicht Gott für dies unerwartete Glück?“ „Nein,“ ſagte dieſe mit harter, rauher Stimme, „denn ich bin nicht geſonnen, es aus ſolchen Hän⸗ den anzunehmen. Hat mein Gatte Strafe ver⸗ dient, ſo mag er ſie ertragen. Gerechte Strafe iſt leichter zu erdulden, als von der Schande Wohl⸗ thaten zu empfangen!“ „Julie!“ rief Giſela, entſetzt zurück weichend. „Ich verbitte mir dieſe Benennung, Madame,“ fuhr dieſe fort,„zwiſchen einer Buhlerin und einem ehrbaren Weibe können ſolche Vertraulichkeiten nicht ſtattfinden, und ich bitte Sie, dies Zimmer nicht mehr mit Ihrer Gegenwart zu verunehren!“ Giſela ſtand erſtarrt, vernichtet.„Mein Gott, 3 mein Gott,“ ſtammelte ſie,„iſt dies möglich, kann dies ſein?“ „Jetzt endlich kenne ich Sie,“ fuhr Zulie mit verächtlichem Lächeln fort,„und ich ſage Ihnen, daß ich lieber mit dieſen meinen Kindern Hungers ſterben, als von Ihnen Wohlthaten empfangen will. Die Thränen, die Flüche eines ganzen Landes, die Schande Ihres Lebens haften an ſolchen Wohl⸗ thaten, und müſſen auch Denen, die ſie empfangen, zur Schande und zum Fluch werden! Nein, Madame, ſo tief bin ich noch nicht geſunken, um bei dem Laſter betteln zu gehen. Da, da haben Sie dies Papier zurück, ich will es nicht!“ Sie zerriß es, und legte es vor Giſela hin. Dieſe ſchreckte zuſammen bei dem Laut des zer⸗ reißenden Papiers, aber ſie fand nicht die Kraft zu Worten und nahm nur mechaniſch die zerriſſenen Blätter an. „Und nun dächte ich, hätten Sie nichts mehr in dieſem Zimmer zu ſuchen. Daß Sie meine Kinder vom Hungertode gerettet, das danke ich Ihnen; ich werde es Ihnen aber nie verzeihen, daß Sie mich durch Betrug gezwungen, von Ihnen Wohlthaten anzunehmen. Glauben Sie mir, daß ich Jahre meines Lebens darum geben würde, die Schande dieſer Erinnerung los zu werden.“ „Gott, Gott,“ rief Giſela mit herzzerreißendem Ton, die Arme gen Himmel erhebend,„Gott, Du hörſt dieſe Schmach, die ich erdulde, ſendeſt Du keinen Deiner Engel, meine Unſchuld zu be⸗ zeugen?“ „Flehen Sie nicht zu Gott,“ rief Julie ſtreng und hart,„gehen Sie lieber in Ihr ſchönes Schloß zurück und vergeſſen Sie in den Armen Zhres Liebhabers dieſe kleine Lehre, die Sie hier erfahren. Gehen Sie, Madame, Sie ſehen, daß Sie ſich diesmal mit Ihrer frommen Wohlthätigkeit irrten. Ich mindeſtens will nicht zu einem Mittel dienen, mit welchem eine ſchamloſe Sünderin ſich den Himmel erkaufen möchte!“ „Es iſt genng,“ ſagte Giſela, ſich ſtolz auf⸗ richtend,„mögen Sie dieſe Stunde niemals bereuen und beklagen! Leben Sie wohl!“ Hoch aufgerichtet verließ ſie das Gemach, ruhig ſchritt ſie durch die Straßen dahin, aber als die ſtille Einſamkeit ihrer Gemächer ſie umfing, da ſank ſie vernichtet, zerbrochen, in laute Klagen ausbrechend, zur Erde. So fand ſie der Fürſt, der durch die geheime Thür, zu welcher er den Schlüſſel hatte, unbe⸗ merkt zu ihr eingetreten war. Sie konnte ihm ihre Thränen nicht ableugnen, über ihren Kummer nicht täuſchen, ſie lehnte ihr Haupt an ſeine Schulter und klagte ihn ihr Weh. „Arme, theure Giſela, ſo hat denn auch dieſer Schmerz Dir nicht erſpart werden können,“ ſagte er, ſie innig an ſich drückend,„ſo mußteſt Du auch dieſe Schmach erfahren, und ich konnte Dich nicht ſchützen! Habe ich nun nicht Recht, die Welt zu haſſen, da ſie ſelbſt die edelſten Tugenden zu ver⸗ dächtigen vermag, und der Güte die berechnenden Gründe des Eigennutzes unterſchiebt? O Du herrliches, erhabenes Kind, wie würde man Dich lieben, Dich anbeten und ſegnen, wärſt Du meine Gemahlin. Und nun, weil es nicht in meine Macht gegeben, Deiner gekränkten Seele dieſe Genugthuung zu gewähren, nun, da die äußere Form nicht erfüllt werden kann, wagt man es, Dich zu kränken und zu beleidigen. O, wie klein, wie niedrig ſind doch dieſe Menſchen, wie ſehr verdienen ſie, daß wir ſie verachten!“ „Nein, nein, Lothar,“ ſagte Giſela, ſchon wieder gefaßt und ruhig,„nein, laß uns der Schwachheit und Kurzſichtigkeit der Menſchen ver⸗ zeihen, und uns ſtets ihrer Schwäche uns erbarmen! Wer wohlthun will, muß nur auf die Gabe, nicht auf den Empfangenden ſehen. Ach, vielleicht daß dieſe Härte des armen Weibes nichts iſt, als eine Hülle, unter der ſie ihre Beſchämung, Wohl⸗ thaten empfangen zu müſſen, verbirgt! Du darfſt ihr aber die Segnung Deiner Gnade nicht ent⸗ ziehen, und was Du verheißen, das muß erfüllt werden, ohne Rückſicht auf mich!“ „Du haſt Recht, Giſela, eine kleinliche Rache iſt Deiner unwürdig! Scheint es aber dieſem ſtolzen Weibe eine Strafe, Wohlthaten zu empfangen, wohlan, ſo laß ſie uns ſtrafen. Ich werde ihr für ihre Kinder eine Penſion be⸗ willigen!“ Giſela drückte ſeine Hand an ihre Bruſt. „Dank, tauſend Dank, mein Bruder!“ Aber von dieſem Tage an ſtellte Giſela ihre abendlichen Wanderungen ein. Ihr Leben war wieder um eine Freude ärmer, um eine Pein reicher geworden! .— IH. Das Bergſchloß. Inmitten eines dichten Waldes lag das alte Bergſchloß Hohenhaus, von dem die Sage ging, daß vor Jahrhunderten ein Vorfahr des Fürſten Lothar es erbaut, um in der Einöde dieſes ver⸗ ſteckten Schloſſes eine ſchöne Geliebte vor der Rache und den Nachſtellungen ſeiner eiferſüchtigen Ge⸗ mahlin zu retten. Aber die Augen der Eiferſucht ſehen ſo ſcharf, wie die der Liebe, und vor dem ſpitzen, tödtlichen Dolche ſchützen weder Mauern, noch eiſerne Thü⸗ ren. Dieſer Dolch, geführt von der Hand ſeiner eiferſüchtigen Gemahlin, traf des Fürſten ſchöne Geliebte, und tödtete ſeine Lebensfreude und ſein Glück. Seit dieſer Zeit ſtand das finſtere Bergſchloß verödet und einſam da, und führte einen Land⸗ mann ſein Weg in der Nähe des Schloſſes vorüber, ſo wandte er, ſich fromm bekreuzigend, ſein An⸗ Zwei Lebenswege. III. — 15 geſicht ab, um von den Geſpenſtern, die dort, nach der Ausſage glaubwürdiger Leute, hauſeten, nicht beunruhiget zu werden. Und dies finſtere, unheimliche Bergſchloß war jetzt die Reſidenz der Fürſtin Clotilde. Hinter dieſen dicken Mauern ſollte ſie ihre ſtolzen Träume von Herrſchaft und Freiheit bereuen und beweinen, ihre Luſt nach der Welt, nach dem Glück ertödten. Kein Ton der Welt, der geliebten, der heiß erſehnten Welt durchdringt dieſe Mauern, und um ſo lauter vernimmt Clotilde die Stimmen, die ewig und immerdar in ihrem Buſen flüſtern, und ihr erzählen von all den Herrlichkeiten und Wonnen, die ſie entbehren muß. O mein Gott, und nicht eine einzige Vertraute, der ſie dieſe Kämpfe und Leiden klagen darf, nicht ein Geſicht, das ihr mitleidig lächelt, nicht ein Auge, das liebend auf ſie blickt! Zur beſtimmten Morgenſtunde kommt ihre Kam⸗ merfrau, um nach Ihro Durchlaucht Befehlen zu fragen. Dieſe Kammerfrau iſt eine entſchiedene, begeiſterte Anhängerin des Fürſten Lothar; Clotilde hat es vergeblich verſucht, ſie für ſich zu gewin⸗ nen, ſei es durch Güte und Herablaſſung, oder durch Geld und Geſchenke. Anna hat das Eine wie das Andere mit ehrerbietigem und doch ſtol⸗ zem Schweigen zurückgewieſen, ſie iſt unbeſtechlich. Iſt Clotildens Toilette vollendet, ſo bringt der Kammerdiener das Dejeuner. Auch ihn darf die Fürſtin nicht hoffen zu gewinnen, denn er iſt ein Milchbruder ihres verhaßten Gemahls, dieſem mit Leib und Leben zugethan. Clotilde behandelt ihn daher mit gebührender Härte und Schroffheit. Nach dem Frühſtück ſtellt ſich der General ein, der Fürſtin ſeine Aufwartung zu machen. Oh, dieſen hofft ſie vielleicht noch gewinnen zu können. Er hat ſie einſt ſo heiß geliebt, daß ſie jetzt nicht an ſeinen Haß glauben kann. Aber der General iſt zu ſtolz und rachſüchtig, als daß er es Clotilden je verzeihen könnte, einſt in ihrer Liebe von ihrem Kammerdiener verdrängt worden zu ſein. Er haßt ſie glühend, und ihre Qualen und ihre Seufzer ſcheinen ſein Herz nur zu erfreuen, deshalb verbirgt die Fürſtin ſie vor ihm, und er⸗ ſcheint heiter und unbefangen. Aber dieſer Zwang iſt unerträglich, weil er ſo lange dauert, weil dies künſtliche Lächeln, dieſe erzwungene Heiterkeit Stunden lang fortgeſetzt werden muß! Denn der General begleitet ſie ſowohl auf ihrem Spazier⸗ gange im innern, von hohen Mauern umgebenen Schloßhof, als auch in die Kapelle, wo ſie die Meſſe des alten tauben Kaplans anhören darf, er begleitet ſie auch zur Tafel, und erſt nach dieſer darf ſie ſich in ihre Gemächer zurückziehen. Aber in dieſen Gemächern iſt ſie nicht allein, ſchlimmer als dies, iſt ſie von Spähern umgeben. Im Vorzimmer geht die Wache auf und ab, ſie bitter an ihre Gefangenſchaft mahnend. Jene Thür führt zu dem Zimmer des Generals, das geringſte Ge⸗ räuſch kann ihn herbei führen, und da dieſe Thür nicht verſchloſſen werden kann, muß Clotilde jeden Augenblick ſeines Erſcheinens gewärtig ſein. Und keine andere Ausgangsthür iſt in den von ihr bewohnten Zimmern, Zeder, der zu der Fürſtin kommt, muß ſowohl das mit Wachen beſetzte Vor⸗ zimmer, als auch die Gemächer des Generals paſſiren. Die Fenſter ſind mit Eiſengittern verſehen, und vor denſelben geht ebenfalls zu jeder Stunde des Tages und der Nacht eine Patrouille auf und ab. Und in dieſem rings bewachten Käfige muß die Fürſtin Clotilde die langen Stunden des Nach⸗ mittags, des Abends verbringen! Mein Gott, womit ſich beſchäftigen, wie dieſe ewig lange, ſchlep⸗ pende Zeit ertödten! Es iſt ihr verſtattet, in den Büchern zu leſen, die dort, in ſchönen Schränken geordnet, im Bibliv⸗ thekzimmer ſtehen; aber Clotilde mag nicht leſen, denn unter dem Leſen beſchleichen ſie ihre Gedanken, und führen ſie weit ab von dem, was ſie lieſt. Sie mag auch nicht malen, und das angefan⸗ gene Bild ſteht ſchon ſeit vielen Wochen unvollen⸗ det auf der Staffelei, das Sticken, das Schreiben auch langweilt ſie; es iſt Alles nur todt und öde; ſie ſehnt ſich nach Menſchen, es verlangt ſie nach dem Laut menſchlicher Stimmen, und oft, in der Verzweiflung dieſer ertödtenden Lange⸗ weile, hat ſie ſchon die verhaßte Geſellſchaft ihrer Kammerdame befohlen, um nur dieſer erdrückenden Einſamkeit zu entgehen. O wie verwünſchte Clotilde jetzt ihre thörichte Ehrbegierde, von der ſie verleitet worden, nach unbeſchränkter Herrſchaft zu ſtreben, mit wie bittern Thränen beweinte ſie die Vergangenheit, nicht aber um Reue zu empfinden, ſondern um, in immer ſich ernenerndem Haſſe, Dem zu fluchen, welcher der Urheber dieſer ſo entſetzlichen Gefangenſchaft war! In ſolchen finſtern und unheilvollen Stunden war Clotilden die Einſamkeit willkommen und er⸗ wünſcht, damit Niemand auf ihrem Antlitz die finſtern Gedanken leſen möchte, die ihre Seele be⸗ ſchäftigten und ihr Blut in fieberhafter Aufregung wallen machten, damit Niemand ahne, welche ſchwarze Plane ſie in ihrer Seele erſonnen, Plane, zu deren Ausführung es nur einer befreundeten, entſchloſſenen Hand bedurfte, um Clotilde ſofort wieder auf den unbeſtrittenen, ungetheilten Fürſten⸗ ſtuhl zu führen, um ihr Leben von jeder Anfech⸗ tung, von jeder Sorge zu befreien. O, wie viele Stunden ſaß Clotilde, auf das Fläſchchen ſtarrend, das ihr Gemahl ihr in je⸗ ner entſcheidenden, verhängnißvollen Stunde ſelbſt gereicht. Ha, hinter dieſem dünnen Glaſe iſt für ſie Freiheit, Leben, Glück eingeſchloſſen, dieſe wenigen „ — kryſtallhellen Tropfen, auf die rechten Lippen ge⸗ träufelt, geben ihr Alles wieder, was ſie jetzt entbehren muß, machen ſie frei, nnabhängig, reich und mächtig. Hinter dieſem Fläſchchen wohnt der Tod, der allein ihr das Leben bringen kann, und Clotilde hat ſich ſo ſehr gewöhnt nur daran zu denken, daß dieſes Gift für ſie Leben und Frei⸗ heit bedeutet, bis ſie den Gedanken gar nicht fürch⸗ tet, daß dies Gift für ihren Gemahl lnteihau und Tod bedeuten ſoll. Sie ſchreckt weder zurück vor dieſer That, noch fürchtet ſe dieſelbe, ſie fleht und ſinnt nur, dieſe That auch vollführen zu kön⸗ nen. O, wie oft, in troſtloſer, verzweifelnder Ohnmacht hat ſie mit wilden Thräneu und ge⸗ rungenen Hünden die Dämonen aus der Hölle 6 herauf beſchworen, ihr zu helfen, o, wie bereit wäre ſie geweſen, ihre Seele dem Teufel zu ver⸗ ſchreiben für die Erfüllung ihres Flehens, wie beſeufzte ſie es, von der Exiſtenz des Teufels und der Dämonen keine andern Beweiſe zu haben, als die flüſternden und lockenden Stimmen, die immer in ihrer eigenen Bruſt ſich vernehmen ließen, und aus dem leicht gelüfteten Pfropſen dieſes unheil⸗ vollen Fliſche ens zu ihr empor ſtiegen. Sicher war es ein dämoniſcher Zauber, der hinter den durchſichtigen Wänden dieſes Fläſchchens wohnte. Einmal dieſen unheimlichen Kork gelüftet, und köſtliche Bilder umgaukelten Clotildens Seele. Ihr düſteres Gefängniß erweiterte ſich und ward zu einem Thronſaal, in dem ſie auf ſilber⸗ nem Thronſeſſel die Huldigung ihrer Getreuen ent⸗ gegen nahm, die Pforten ihres Gefängniſſes ſpran⸗ gen auf, und mit glänzendem Gefolge hielt ſie ihren Einzug in die Reſidenz unter dem Läuten der Glocken, unter dem Zufauchzen des Volkes! Und aus all dieſen köſtlichen und berauſchenden Bildern ward ſie dann grauſam geweckt durch den lauten Anruf der ſich ablöſenden Wachen, oder das unvermuthete Eintreten des Generals, vor dem ſie dann mit gewandter Liſt ihr geliebtes, ein⸗ ziges Kleinod, dieſes köſtliche Giftfläſchchen, ver⸗ bergen mußte. So ward allgemach dieſe inhaltsvolle Phiole ihr einziger Freund, der Vertraute ihrer langen, einſamen Stunden, der Beſänftiger ihrer ſtürmiſchen, verzweiflungsvollen Aufregung, die troſtbringende Zerſtreuung der ertödtenden Langeweile, und Clo⸗ tilde hatte ſo lange auf Befreiung durch dieſe Phiole gehofft, bis ihr dieſelbe zur innern Gewiß⸗ heit ward, bis ſie gar nicht mehr daran zweifelte, dieſelbe durch dies geliebte Gift zu erlangen. Viel⸗ leicht iſt es kein bloßer Wahn, vielleicht, daß dem dringenden, leidenſchaftlichen Begehren ſich finſtere, unheimliche Gewalten fügen müſſen! Clotilde ſollte ihre Träume ſich verwirklichen, ihre Wünſche zur Wahrheit werden ſehen. Sie hatte den gewohnten, täglichen Spazier⸗ gang im Hofe, an der Seite des Generals, vollen⸗ det, und kehrte jetzt, troſtloſer, hoffnungsloſer und verzagter, denn jemals, in ihre Gemächer zurück, in denen ſie bis zum Mittagseſſen allein zu ſein pflegte. Seit einigen Tagen hatte ſie, um all dieſen innern Qualen und Beängſtigungen zu entgehen, und auf Momente wenigſtens zu entfliehen, ſich wieder der Lectüre zugewandt, und die Schlüpfrig⸗ keit der liaisons dangereuses behagte ihr hinläng⸗ lich, um ſie ſogar auf Momente feſſeln und zer⸗ ſtreuen zu können. Jetzt auch griff ſie wieder nach dem Buche, das aufgeſchlagen auf ihrem Toi⸗ lettentiſche lag, aber wie erſtaunte ſie, als ihr aus demſelben ein ſchmales Streifchen Papier entgegen fiel, auf dem mit deutlichen Lettern das Wort: „Speranza geſchrieben ſtand. Wie kam dies Blatt hieher, wer konnte in ihrer Abweſenheit dieſe Toll⸗ kühnheit begangen haben, es hieher zu legen. Oder war es vielleicht nur ein Spiel des Zufalls, hatte dieſer unbedeutende Streifen Papier vielleicht vor Jahren als Zeichen der begonnenen Lectüre dienen müſſen. Clotilde blickte zweifelnd, nicht wagend, ſich dieſen herrlichen Träumen zu über⸗ laſſen, umher. Da fiel ihr Auge auf ihr Ruhebett,— ſie hatte, bevor ſie ihren Spaziergang angetreten, auf demſelben geruht, und auf der Stelle, wo ihr Haupt geruht, lag jetzt eine volle, blühende Roſe. Clotilde unterdrückte kaum einen Schrei des Entzückens, der Ueberraſchung. Sie flog zu dem Ruhebette, ſie drückte die Blume an ihre Lippen, ſie nannte ſie mit den glühendſten Namen der Liebe, der Begeiſterung. Oh, dieſe Roſe, es war keine todte, empfin⸗ dungsloſe Blume, es war der lächelnde, glückver⸗ heißende Herold der heranrauſchenden Freiheit, die Taube mit dem Oelblatte der herannahenden Küſte, des ſproſſenden, neuen Frühlings. Ganz über⸗ wältigt, ganz außer ſich, ſank ſie in die Kiſſen des Divans, jedes Blatt dieſer Roſe an ihre Lippen drückend, und wieder fiel aus dem Kelch der Roſe ihr ein eng aufgerolltes, kleines Papier entgegen. Clotilde entfaltete es mit vor Ungeduld zittern⸗ den Händen, es enthielt in italieniſcher Sprache die Worte:„es lieſt ſich gut im Bibliothekzimmer jeden Nachmittag. Vorſicht und Geduld!“ Clotilde las dieſe Worte immer wieder, ſie ſchienen ihr wie eine Offenbarung des Himmels oder der Hölle, oh und was Alles las ſie nicht aus dieſen wenigen Worten ſich heraus! Sie war alſo nicht allein, ein Freund war ihr nahe, und wenn er mächtig genug war, durch alle Wachen und Thüren zu ihr ſeine Botſchaft zu bringen, ſo mußte er auch einſt ihre Botſchaft zu ihren Getreuen bringen, ſo mußte er ſie ſelbſt dieſer entſetzensvollen Gefangenſchaft entreißen können. Aber noch ein ſüßerer, ein köſtlicherer Gedanke war es, der Clotildens Herz beben, jeden Nerv in ihr erzittern machte. Wer die Gefahren, die Kämpfe nicht ſcheute, die damit verbunden ſein mußten, zu ihr zu gelangen, wer kühn für ſie ſein Leben, ſeine Freiheit wagte, oh, der konnte kein gewöhnlicher Freund ſein. Das wagt uur Einer, der mich liebt, murmelte Clotilde, zuſammenſchauernd in ſüßer Wonne. Oh und wie lange habe ich das Glück entbehren müſſen, einen demüthigen er⸗ gebenen Günſtling zu meinen Füßen zu ſehen, den ich durch einen Blick, ein Lächeln zu einem Gott erheben, durch ein Stirnrunzeln zur Verzweiflung bringen kann, deſſen glühenden Liebesworten ich lauſche, bis ich ſie ſtammelnd, ganz wonnetrunken erwiedern muß. Oh, wo weileſt Du, lang erſehn⸗ ter, lang erfleheter Geliebter, komm, daß meine Arme Dich umfangen, meine Lippen ſich auf die Deinen preſſen können! Und wer biſt Du, wie nenne ich Dich, mein unbekannter Geliebter? Aber ſei es, wer es ſei, er liebt mich, und ich bin ſein, denn er kommt mich zu befreien!“ Und Clotilde malte ſich, wieder zu einem träu⸗ meriſchen, ſchwärmeriſchen Mädchen geworden, dieſen Geliebten mit allen Farben der Schönheit und Jugend, und ihr Herz ſehnte ſich bald eben ſo ſehr nach dem Geliebten, als nach dem Befreier aus der Gefangenſchaft. Aber zur rechten Zeit erinnerte ſich die Fürſtin, daß dieſer Geliebte ſie zur Vorſicht und Geduld ermahnt, daß ein Wort, eine Miene vielleicht ge⸗ nügen könne, ihn auf ewig von ihr zu eutfernen, ſie für immerdar in dieſe Mauern zu bannen. Clotilde ſchwur ſich, keinen Augenblick die nö⸗ thige Klugheit und Vorſicht zu vergeſſen, ſie be⸗ waffnete ſich mit allen Waffen der Liſt und Ver⸗ ſtellung, und hier war ſie in ihrem Elemente, eine unbeſtrittene, unübertreffliche Siegerin auf dem Schlachtfelde der Intrigue und Liſt. Clotilde kannte die Gefahr, die aus einem geſchriebenen Worte erwachſen kann, hinlänglich, um nicht ſofort jene geführlichen Papierſtreifen zu verbrennen, und erſt als dies geſchehen, und auch die Roſe vernichtet war, ſchickte ſie ſich an, ihrem ſchnell erſonnenen Plane gemäß nun auch zu handeln. Sie wußte, daß die Stunde bald herangerückt ſein mußte, in welcher der General erſcheinen würde, um ſie zur Tafel abzuholen, und deshalb nahm ſie jetzt das Buch, und ſchien tief verſenkt in die Lectüre deſſe ben. Als der General wirklich bald darauf ein⸗ trat, ſchreckte ſie zuſammen, und beklagte ſich bit⸗ ter über die unwillkommene Störung, über den vurch ſeine unangekündigte Erſcheinung verurſach⸗ ten Schrecken. „Ich kann mindeſtens verlangen, mit der mei⸗ nem Stande gebührenden Achtung behandelt zu werden,“ ſagte ſie unwillig,„und ich fordere, daß Sie nicht wieder unangemeldet zu mir eintreten“ Der General erwiederte ruhig:„wer durch „ * Sünde und Verbrechen ſich ſeines Standes un⸗ würdig gezeigt, hat auch der Vorrechte deſſelben ſich verluſtig gemacht.“ „Mein Gott, es iſt aber unerträglich, nie⸗ mals eine Stuhhde ungeſtörter Einſamkeit haben zu können!“ „Warum begeben ſich Ihro Durchlaucht nicht in Ihr Bibliothekzimmer! Dort können Sie ein⸗ ſam ſein und ungeſtört!“ Clotilde hatte dieſe Antwort erwartet. Mehr⸗ mals ſchon bei ähnlichen Vorwürfen ihrerſeits hatte ihr der General dieſe Antwort ertheilt, und wirk⸗ lich ſchien die Lage jenes Zimmers jeden Argwohn und Verdacht zu entfernen. Es war ein rundes, mit nur einer Thür ver⸗ ſehenes Gemach; die Wände ringsum bis zur Decke eingefaßt von hölzernen, mit Glasthüren verſehenen Schränken, die mit ſchön gebundenen Büchern an⸗ gefüllt erſchienen. Eine in der Mitte der Decke angebrachte Kuppel ließ hinlängliches Licht in dies eigenthümliche Gemach fallen; ein alter, in der Mitte des Raumes ſtehender Marmortiſch, vor dem mehrere Seſſel ſtanden, war das einzige Ameublement dieſes Zimmers, das Clotilden ſtets zu unwohnlich erſchienen, um den Aufenthalt in demſelben ertragen zu können. Auch war der Um⸗ ſtand, daß der General, in der Meinung, es ſei grade in dieſem, ringsum eingeſchloſſenen Zimmer unnöthig, die Fürſtin ſo ſtreng zu bewachen, ihr geſtattete, dort allein zu ſein, ſtets genügend ge⸗ weſen, ihr dies Zimmer verhaßt zu machen. Jetzt auch fügte ſie ſich ſcheinbar nur wider⸗ ſtrebend dieſem Vorſchlag, und erſt nachdem ſie des Generals Grauſamkeit vielfach verwünſcht und ihrer ſtrengen Haft gezürnt hatte, erſt dann ſagte ſie, anſcheinend überwunden und matt:„nun, wenn mir denn kein anderes Mittel bleibt, um täglich einige ungeſtörte Augenblicke leben zu können, ſo muß ich mich wohl in das Unvermeidliche fügen und jene finſtere, unwohnliche, kleine Höhle als meine Eremitage anſehen!“ Der General war dieſes Entſchluſſes herz⸗ lich froh; auch ihn verlangte oft nach der Er⸗ holung einer ſtillen, Stunde, und wenn die Fürſtin ſich entſchloß, jenes Zimmer öfter zu benutzen, konnte er hofſer in dieſer Zeit ungeſtört ſich ſelber leben zu können. Die Fürſtin, ihres Aufſehers ſchlecht verhehlte Zufriedenheit richtig deutend, machte es ſich zur Bedingung, die einzige, in dies Gemach führende Thür von innen verſchließen zu dürfen. Der Ge⸗ neral geſtand ihr dies willig zu, und beide Theile ſchieden mit dieſem Uebereinkommen zufrieden. Nach der Tafel geleitete der General die Fürſtin in das Bibliothekzimmer, mit einer Art Befriedigung auf die hohen Bücherſchränke deutend, die ihm wie die ſicher⸗ ſten Schidpochen der fürſtlichen Gefangenen erſchie⸗ nen, und Fürſtin Clotilde, in ſeinen Mienen kKe „ — ſagte mit bitterm, zornigem Ton:„ich begreife Ihre vollkommene Zufriedenheit, General; wahr⸗ lich, einer Maus ſelbſt würde es nicht gelingen, aus dieſem dicht verwahrten Käſig zu entkommen. Es müßte denn ſein, daß irgend ein Engel durch die Kuppel da oben zur Hülfe herbei eilte.“— „Meine Soldaten, die um die Kuppel im in⸗ nern Hof poſtirt ſind, würden ſelbſt einen Engel nicht ungehindert paſſiren laſſen,“ ſagte der General lachend.„Es ſind ungläubige Maſchinen, die we⸗ der an Gott, noch an den Teufel, ſondern nur an meine Ordre glauben.“ Endlich, endlich war Clotilde allein, endlich durfte dieſe Maske der Sorgloſigkeit von ihren Zügen ſinken, die nun ihre ſtürmiſche Aufregung, ihre leidenſchaftliche Spannung und Erwartung verriethen. Ihr Herz klopfte hörbar in ihrer Bruſt, und ihre zitternden Hände hatten kaum die Kraft, den Riegel der Thür zu ſchließen. Nun harrte ſie lauſchend und erwartend, aber Alles blieb ſtill; ſchon war eine Stunde vergangen, und Clotildens Muth begann zu ſinken, ihre Hoffnungen erſtarben, und ſie nannte ſich ſelber in ohnmächtigem Zorn eine betrogene Leichtgläubige, die irgend einer My⸗ ſtification des Generals ein williges Ohr geliehen. Dieſer Gedanke machte ſie beben vor Zorn, ihre Augen füllten ſich mit Thränen, die ſie nicht mehr zurück zu halten vermochte, ſie bedeckte ihr — Geſicht mit ihren Händen und weinte vor Zorn und Entmuthigung. Plötzlich war es ihr, als dringe der Duft einer Roſe zu ihr her. Sie blickte auf, und mit Erſtaunen bemerkte ſie auf der Erde neben dem Tiſche wieder eine volle, blühende Roſe. Sie hob ſie auf; ein Papier war daran befeſtigt, auf dem die Worte ſtanden: „der General lauſcht im Vorzimmer!“— Clotilde athmete erleichtert auf; nun war ihr Alles klar; ſie verſtand und billigte dieſe Vorſicht ihres unbekannten Freundes, und zürnte nur dem argwöhniſchen und vorſichtigen General. IIH. Der Marquis von Coſenza. Alſo bis morgen, getröſtete ſie ſich ſelbſt in hoffender Reſignation, und kehrte nach einigen Stunden in ihre andern Gemächer zurück. „Ich fühle mich ganz erquickt von dieſer un⸗ geſtörten Einſamkeit,“ ſagte ſie zum General,„ob⸗ wohl es einer Fürſtin bitter iſt, das als Gnade betrachten zu müſſen, was Anderen ſchon eine Strafe dünken würde.“ 3 „Oh,“ fuhr ſie mit Thränen fort,„erſt in jenem engen, finſtern Gemach, das doch nur meine einzige Zuflucht iſt, erſt dort ward ich mir ganz des Elendes meiner Lage bewußt, und nirgends vielleicht leide ich ſo viel, als gerade dort!“ 5 Dieſe Klagen waren klug berechnet, denn Clo⸗ tilde wußte wohl, daß der General ſie hinläng⸗ lich haſſe, um ihr den Beſuch der Bibliothek nicht zu geſtatten, wenn ihr dieſer einen ungetheilten, ſtillen Genuß gewährte, und ſie miſchte deshalb verſchlagen und liſtig den Wermuth in den Becher ihrer Freude, um dem General die Genugthuung zu geben, daß ſelbſt dieſer Trank nicht ohne ſeine Bitterkeit ſei. Mit welcher Ungeduld erwartete ſie den kom⸗ menden Tag, welche Gelübde waren es, die ſie in ſtiller, ſchlafloſer Nacht dem unbekannten Ret⸗ ter, dem Freunde, dem Geliebten entgegen brachte, Gelübde, die ihr eigenes Herz beben machten in erwartender, verlangender Freude. Mit welchen köſtlichen Farben malte ſie ſein Bild, wie ſehn⸗ ſuchtsvoll ſtreckten ſich ihre Arme ihm entgegen, ihm, dem Ungenannten, Unbekannten. Gleich den Heiden des Alterthums hatte ſie in ihrem Herzen einen Altar errichtet dem unbekannten Gott, und ſie erſtaunte nun nicht, daß dieſer unbekannte Gott kommen wollte, ſeine Stelle einzunehmen; ſie ſchickte mit gläubigem Vertrauen ſich an, als fromme, Weihrauch ſpendende Prieſterin ihm zu huldigen. Und der Morgen kam endlich, die langſamen, trägen Stunden, ſie ſchlichen endlich doch hin, das Diner, es war endlich doch beendet, und Clotilde begab ſich in die Bibliothek. Sie verſchloß die Thür, nun harrte ſie, zitternd, athemlos. Zetzt ein leiſes Knarren, ein leichtes Rauſchen, einer der hohen Bücherſchränke bewegt ſich unmerklich, lautlos, langſam, er bewegt ſich weiter und wei⸗ ter, die Spalte vergrößert ſich, wird zu einem bequemen Eingang, und durch denſelben tritt eine Zwei Lebenswege. III. 3 — hohe, männliche Geſtalt ein; jetzt ſteht er vor der Fürſtin, jetzt beugt er ein Knie vor ihr, und ſieht flehend, lächelnd zu ihr auf. Clotilde dachte in dieſem Momente gar nicht daran, daß es ihr Befreier war, den ſie begrüßen wollte, ſie ſah nur den Geliebten, den ihr liebe⸗ bereites Herz erwartet, dem es mit ſtürmiſchem Verlangen entgegen geklopft. Sie blickte mit athem⸗ loſer Spannung in dies ihr fremde, und doch ſchon ſo theure Angeſicht, und dann lächelte ſie in ſeliger Zufriedenheit, denn dies Angeſicht war noch ſchöner, als ihre Träume es ihr gemalt hatten. Wie ſchön das Oval dieſes Kopfes, wie ſchön dieſe hohe Stirn, dieſe ſchwarzen, feurigen Augen, deren ſprühende, dreiſte Blicke den Süd⸗ länder verrathen, dieſer kleine Mund mit den über⸗ müthig aufgeworfenen Lippen, dies dunkle, glän⸗ zende Haar. Sie reichte ihm mit einem entzückten Lächeln die Hand, die er leidenſchaftlich an ſeine Lippen preßte. Dann ſagte er in italieniſcher Sprache:„ich komme Sie zu befreien!“ Clotilden war dieſe Sprache bekannt und ge⸗ läufig, ſie liebte Italien und ſeine Bewohner genug, um ſich des Umſtands zu freuen, daß ihr Befreier ein Kind des liebeheißen, leidenſchaftlichen Italiens ſei. „Ich bin bereit, Ihnen zu folgen,“ flüſterte* ſie,„ſogleich, auf der Stelle. Ich leſe in Ihren „ Zügen, daß ich Ihnen vertrauen darf. So kom⸗ men Sie denn, ich bin bereit zur Flucht. Ein⸗ mal dieſe Mauern hinter uns, bedarf es nur mei⸗ nes Rufes, und meine Getrenen werden ſich um mich ſammeln, mich zu vertheidigen und zu be⸗ ſchützen.“ „Ihre Getreuen,“ ſagte der Fremde mit iros⸗ niſchem Lachen,„Ihre Getreuen liegen angſtzitternd zu den Füßen des Fürſten, und Keiner wird es wagen, Ihrem Rufe zu folgen. Ich allein, ich wage es! Wenn Alle Sie vergaßen, ich that es nicht! Einmal nur habe ich Sie geſehen, und die Liebe hatte auf ewig mein Herz, meine Sinne umfaßt, mich auf ewig zu Ihrem Sclaven, Ihrem Knecht gemacht. Wie der Engel des Lichtes wa⸗ ren Sie vor mir aufgegangen, für mich gab es hinfort nur einen Engel und eine Heilige, und wenn ich betete, ſo betete ich zu dem Namen: Clotilde.“ Das Entzücken der Fürſtin war unbeſchreiblich; ſie glaubte nur zu gern und willig den leiden⸗ ſchaftlichen Worten des Fremden; ſie hörte es nicht, daß er ſeine Worte raſch und ausdruckslos, wie eine auswendig gelernte Phraſe hergeſagt, ſie dachte und wußte nichts von ihren funfzig Jahren, ihren geſchminkten Wangen, ihren Falten und Run⸗ zeln, ſie war wieder das ſchöne, glühende, junge Weib, das ihrem huldigenden Sclaven und Lieb⸗ haber ſich gnädig und erbarmungsvoll zeigt, und mit dieſem Bewußtſein neigte ſie ſich anmuthig 8 — lächelnd, den flehenden Mund des ſchönen Man⸗ nes mit einem Kuſſe zu beſeligen. „Und wie,“ fragte Clotilde,„wie entdeckten Sie dieſen Rettungsweg, auf dem Sie mich jetzt zurück geleiten wollen in die Welt, in das Leben?“ Der Fremde ſagte mit einem eigenthümlichen Lächeln:„noch bevor dieſes Schloß durch Ihre Gegenwart geheiligt war, als nur der alte Haus⸗ wart allein es bewachte, habe ich hier mehrere Tage verbracht. Einem Reiſenden iſt Alles wich⸗ tig, Alles intereſſant. Die romantiſche Lage dieſes Schloſſes, die Sagen, die man mir davon er⸗ zählte, zogen mich an. Es war mir vom lebhaf⸗ teſten Intereſſe, zu wiſſen, ob jener geheime unter⸗ irdiſche Gang, von dem die Sage erzählt, und durch den die eiferſüchtige Fürſtin unbemerkt in das Schlafgemach der ſchönen Maitreſſe gekommen, ob dieſer unterirdiſche Gang wirklich vorhanden ſei. Ein Zufall ließ mich, unfern des Schloſſes im Walde, unter hohem Mooſe eine eiſerne Thür entdecken. Sie gab meinen Bemühungen nach, und ließ ſich öffnen. Durch dieſelbe ſtieg ich hinunter in einen engen Gang, der mich gerades⸗ wegs hieher führte. Ich tappte im Dunkeln vorwärts, meine Hand berührte die Feder, dieſe ſprang auf, und ſo kam ich in dies Gemach. Wohl wiſſend, wie wichtig mein Geheimniß ſei, verbarg ich es vor Jedermann, ſelbſt meinen Die⸗ nern, die mich hatten hinabſteigen ſehen, ſagte ich, daß ich nur wenige Schritte hinunter gelangt, dann aber beſinnungslos zuſammen geſunken ſei. Ich erkundigte mich wie zufällig bei dem Schloßwart nach dem unterirdiſchen Gange, der mir, Dank meiner Kenntniß der deutſchen Sprache, aus den Balladen über dies Schloß bekannt war. Er wußte nichts davon, man hatte dieſem Gange ver⸗ gebens nachgeſpürt, ohne ihn entdecken zu können. Urtheilen Sie über mein Entzücken, als wenige Tage darauf mir Ihre Haft auf dieſem Berg⸗ ſchloß bekannt ward. In meine Macht war es gegeben, Sie zu retten, für meine holde Fürſtin mein Leben zu wagen, um Sie zu befreien, und ich ſchwur mir, dies Ziel meines Lebens zu errei⸗ chen, es koſte, was es wolle.“ „Edler, großer Mann,“ rief die Fürſtin.„So kommen Sie, laſſen Sie uns eilen.“ Der Fremde ſchüttelte das Haupt.„Nein,“ ſagte er dann ſchwermuthsvoll,„noch ſind die Schwingen dieſer königlichen Taube gelähmt, und ſie entfeſſeln, hieße ſie in den Abgrund ſtürzen. Der Fürſt hat mehr Anhänger, als Sie glauben, eben ſo ſeine Geliebte, die ſchöne Giſela, Ihre Getrenen zittern, und wollen nichts wagen; ſo lange der Fürſt lebt, darf kein offener Angriff erfolgen.“ „So muß er ſterben!“ ſagte Clotilde, den forſchend auf ſie gerichteten Blicken des Fremden kühn begegnend.— Dieſer erwiederte langſam: „Sterben, fallen durch Gift!“ „Hier iſt Gift!“ flüſterte Clotilde, das ver⸗ hängnißvolle Fläſchchen aus ihrem Buſen hervor ziehend. Der Fremde nahm es, und ſteckte es mit einem diaboliſchen Lächeln in ſeinen Buſen.„Er wird ſterben,“ ſagte er dann lakoniſch.„Welcher Lohn aber erwartet den, der, Sie zu befreien, ſo ſein Alles, ſein Leben, ſeine Zukunft, ſeine Seligkeit wagt? Welcher Lohn, Fürſtin Clotilde, erwartet mich, denn ich, und ich allein, werde dies Wage⸗ ſtück vollbringen.“ „Befreien Sie mich, tödten Sie den Fürſten, führen Sie“ mich in meine Reſidenz, und ich theile mit Ihnen mein Leben, meine Macht, meine Reich⸗ thümer!“ ſagte Clotilde feſt. „Nur für meine zukünftige Gemahlin wage ich meine Seligkeit,“ entgegnete der Fremde ſtolz, „und ich dächte, der Marquis von Coſenza iſt es nicht unwerth, ein ſolches Glück in Anſpruch neh⸗ men zu können. Da, hier mein Beglaubigungs⸗ ſchreiben; Ihr früherer Beichtvater, der junge Dom⸗ herr, Pater Aloyſius, hat es mir übergeben, ich denke, ſeiner Empfehlung wird meine Fürſtin Glau⸗ ben ſchenken.“ Die Fürſtin nahm das Schreiben, und ſagte, ohne hinein zu blicken:„ich vertraue Ihnen; der Name des Paters genügt vollkommen, um Ihnen meine Achtung zu ſchenken.“ „Und wenn ich Sie befreie, Fürſtin, wenn ein plötzlicher Tod den Fürſten hinwegrafft, wenn ich Sie im Triumph in Ihre Reſidenz führe, dann—“ „Dann erfülle ich Ihre Bedingungen,“ ſagte Clotilde leiſe. „Die Liebe iſt argwöhniſch,“ fuhr der Mar⸗ quis fort,„ſie glaubt nur dem ſchriftlichen Wort, nur der Unterſchrift und dem Siegel. Geben Sie mir morgen dies ſchriftliche Verſprechen, und Fürſt Lothar ſtirbt, ehe denn ein Monat vergangen iſt, und am ſelben Tage hält meine ſchöne Fürſtin ihren Einzug in die Reſidenz.“ Die Fürſtin erklärte ſich auch hierzu bereit, und der Marquis ſagte:„auf morgen denn! Um dieſelbe Stunde komme ich wieder hieher, um zu Ihren Füßen Ihnen auf's neue ewige Ergebung und Anbetung zu ſchwören.“ Nur widerſtrebend, nur ſeufzend entließ Clo⸗ tilde den ſchönen, geheimnißvollen Marquis. Dann las ſie den Brief ihres einſt ſo geliebten Freundes, des Paters Aloyſius, der ihr in den wärmſten, glühendſten Ausdrücken ſeinen jungen Freund und Schüler, den erſten Edelmann Siciliens empfahl. Was Wunder, daß Fürſtin Clotilde, voll Sehn⸗ ſuchtsdrang nach Freiheit und Glück, nach Liebe und Anbetung, bereit war, alle Bedingungen zu erfüllen, und dem ſchönen jungen Marquis ihre Hand zuzuſagen. „Laßt mich nur erſt frei ſein, eine freie, herr⸗ „ ſchende Fürſtin,“ dachte ſie,„der Gemahl nicht mehr als Schreckbild neben mir, oh, erſt frei, dann wird alles Andere ſich ſchon fügen, wie es ſoll, und ich es will.“ Und am andern Tage legte ſie das verhäng⸗ nißvolle Doeument in die Hände des Marquis von Coſenzu. Es enthielt nur die Worte:„Wenn der Fürſt Lothar nicht mehr am Leben, und ich, befreit durch den Marquis von Coſenza, meinen Ein⸗ zug gehalten in meine Reſidenz, ſo werde ich am ſelben Tage den Marquis zu meinem Gemahl an linker Seite erheben. Clotilde.“ Der Marquis küßte das Document, und ver⸗ barg es dann an ſeinem Buſen.„Und nun auf zur That,“ ſagte er mit blitzenden Augen,„nun kühn an's Werk. Leben Sie denn wohl, Fürſtin Clotilde, dereinſt meine Gemahlin. Leben Sie wohl, geliebtes, herrliches Weib. Beten Sie für mich, und gedenken Sie mein. Ich wage mein Leben, aber ich wage es für Dich. Mein Blut und meine Zugend ſetze ich ein, um Dich zu gewinnen. Lebe wohl, und jeden Tag um dieſe Stunde erwarte mich hier. Lebe wohl, ich küſſe den Saum Deines Kleides, und ſchwöre, Dich zu befreien oder für Dich unterzugehen! Lebewohl!“ Nun ſchieden ſie. Der Marquis tappte vor⸗ ſichtig den langen dunkeln Gang zurück bis zur Ausgangsthür. Hier ließ er ein leiſes, durchdringendes Pfei⸗ fen vernehmen. Sofort ward dies erwiedert, und eine zweite männliche Geſtalt kletterte eiligſt vom nahen Baume herab. Der Magrquis war indeß völlig emporgeſtie⸗ gen, und beide ſchloſſen jetzt vorſichtig die Fall⸗ thüre, packten Steine, Erde und Moos wieder darauf, und bald war keine Spur des verbor⸗ genen Ganges mehr zu entdecken. „Wir werden dieſen Weg nun in mehreren Wochen nicht benutzen,“ ſagte der Marquis, als ſie dann langſam durch den Wald dem nächſten Dorfe zueilten. „Und das Document?“ fragte der Andere, unter deſſen Verkleidung Clodilde ſchwerlich ihren früheren Liebling, den Pater Aloyſius, entdeckt und erkannt haben würde. „Ich habe es, unterſchreiben und mit ihrem Siegel verſehen.“ „Du ſiehſt,“ ſagte der Pater mit einem ſar⸗ doniſchen Lächeln,„Du ſiehſt, mein Freund, ich kenne die Fürſtin. Dein ſchönes Angeſicht, Dein klingender Name, und mein Brief genügten voll⸗ kommen, dies eitle, ſchwache und herrſchſüchtige Weib zu bethören. Sie iſt unſer, unſer mit ihrem Gelde und ihrer Macht, bald wird ſie nichts ſein, als ein blindes Wertzeug in unſerer Hand. Siehſt Du, wie wohlüberlegt mein Plan war! Oh⸗ ich wußte, daß er glücken würde, daß es ſchon der Mühe werth war, dieſe Reiſe von Florenz hieher zu unternehmen, und daß der glänzendſte Erfolg unſere Bemühungen krönen würde!“ „Ich bewundere und verehre Deine Klugheit, ehrwürdiger Vater,“ erwiederte der Marquis lä⸗ chelnd,„aber geſtehe, daß meine Schönheit auch das ihrige gethan hat. Bah, einem ſo ſchönen Manne widerſteht man nicht!“ „Und wann ſoll der Fürſt ſterben?“ „Ich habe da einen ganz neuen Plan, Pater. Wir müſſen den Fürſten tödten und Clotilde an der ſchönen Giſela rächen, ſo hat Clotilde befohlen.“ „Und wie gedenkt mein ſchöner Marquis dies zu bewerkſtelligen?“ „Ganz einfach! Ich werde Bedienter bei dieſer Dame Giſela, das heißt, verſteht ſich, in der Ver⸗ kleidung, in welcher ihr Kammermädchen mich kennt und liebt.“ „Der Plan iſt nicht übel,“ ſagte der Pater lachend,„er verdient ausgeführt zu werden.“ W. Das Album. „Wie ernſt und feierlich Du mir heute er⸗ ſcheinſt, mein Freund,“ ſagte Giſela mit einem holden Lächeln, als Fürſt Lothar um die Mittags⸗ ſtunde zu ihr eintrat. Auch habe ich eben ein ernſtes Werk voll⸗ bracht, Giſela, erwiederte der Fürſt, ihr die Hand reichend, und neben ihr auf dem Divan FPlatz nehmend. „Und varf ich wiſſen, was es iſt?“ „Du wirſt mich verlachen, Giſela,“ ſagte der Fürſt gedankenvoll,„Du wirſt vielleicht mich aber⸗ gläubiſch ſchelten; ich habe heute mein Teſtament gemacht, weil ein Traum ſeit dreien NRächten ſchon mir dies befiehlt!“ „Ein Traum?“ fragte Giſela mit einem feinen Lächeln.„Und der weiſe, kalt berechnende Lothar—“ „Glaubt an Träume,“ ſagte der Fürſt achſel⸗ zuckend.„Ich gebe Dir das Recht, mich zu ver⸗ ſpotten, aber ich darf es nicht leugnen. Und warum ſollte es nicht ſein können, Giſela, warum ſollte eine geheimnißvolle Macht in unſern Träumen ſich nicht uns offenbaren, warum ſollte unſere Seele in dieſem Schlummer des Körpers nicht geſchickter ſein können, die Zuflüſterungen der Schickſalsmächte zu verſtehen, und mit leſendem Auge in die Zu⸗ kunft zu ſchauen? Bah, als ich aufhörte an die Menſchen zu glauben, lernte ich es, den Träumen zu glauben, denn meine Träume warnten mich vor den Menſchen!“ „Da ſiehſt Du, wie die Träume lügen,“ ſagte Giſela, ihr Haupt ſanft an ſeine Schulter lehnend. „Da ſiehſt Du, wie ſie Dich täuſchen und Deine eigentlichen Feinde ſind; die Menſchen ſind gut, mein Freund, ſie ſind berufen zu allem Edlen und Schönen, befähiget zu dem Höchſten und Beſten. Oh, die Menſchheit iſt es werth, daß Du vor ihr niederfällſt und ſie anbeteſt in ihrer urgöttlichen Schöne! Ein oder zwei ſchlimme Erfahrungen dürfen ſolchen Glauben nicht wankend machen!“ „Ein, oder zwei!“ rief der Fürſt ſchmerzvoll mit ironiſchem Ton.„Wohin ich blicke, grinſen mich ſolche Erfahrungen und ſolche Täuſchungen an, und ich habe ihnen nichts entgegen zu ſetzen, als Dich, Giſela, allen dieſen Larven gegenüber nur ein einziges, heiliges, wahres Angeſicht, nur Dich! Du allein haſt meinen Glauben nicht ge⸗ täuſcht, meine Zuverſicht nicht betrogen! Du allein biſt unter den Stürmen und Lockungen der Welt einher gegangen, aufgerichteten Hauptes und ſtol⸗ zen Schrittes, unbeſiegt und unverloren; Du allein haſt mich gelehrt, die Träume meiner Jugend nicht mehr zu verachten und ihnen nicht zu zürnen. Aber was willſt Du, Giſela, gerade daß ich Dich fand, muß meine Verachtung vor der Menſch⸗ heit, vor der Welt nur erhöhen. Oh, wie ver⸗ derbt und erniedrigt muß doch eine Welt ſein, in der man unter Tauſenden von Menſchen nur Eine edle Seele findet, nur Ein Antlitz, das nicht lügt, nur Ein Herz, das nicht verräth und täuſcht!“ „Läſtre nicht, mein Bruder,“ ſagte Giſela mit einem holden, verſöhnenden Lächeln,„thue Deine Augen auf und blicke umher, ſo wirſt Du Viele finden, die Deiner Achtung, Deiner Liebe werth ſind.“ „Und das ſagſt Du,“ fragte er heftig,„Du, deren Herz zertreten ward von den Kindern dieſer Welt, von der Grauſamkeit dieſer Menſchen? Kind, Kind, wann willſt Du es denn lernen, dieſer Menſchheit, die Dich verrieth, zu fluchen, wann wird die erſte Verwünſchung von Deinen Lippen tönen, und der Haß, gleich einer Zauberruthe, urplötzlich die Pforten eines neuen Daſeins Dir eröffnen?“ „Niemals!“ rief Giſela mit begeiſtertem Blick. „Und wenn jemals eine ſolche Regung mein Herz 46 „ beſchleichen möchte, dann werde ich auf Dich blicken, mein Freund, mein Bruder, dann werde ich mich erinnern, daß Deine Hand es war, die mich er⸗ rettete und ſtützte, die der Vereinſamten, Verlaſſe⸗ nen eine Stätte bereitete, ihrem müden Haupte das Ruhekiſſen des Vertrauens, der Zuverſicht gewährte, und ſchützend jeden Feind und jede Verfolgung von mir wehrte! Oh, ſeit ich Dich kenne, Lothar, ſeit Du Dich meiner erbarmteſt, kann ich die Welt nicht haſſen, kann ich der Menſchheit nicht zürnen. Ich trage ihr mein gan⸗ zes Herz entgegen, ich muß die reichen Quellen meiner Liebe ihr erſchließen, ich muß meine Arme und mein Leben nach ihr ausbreiten, denn mein Herz kann den Glauben nicht verlieren, und uner⸗ ſchöpflich, ewig jung taucht das Vertrauen wieder in mir auf. O mein Gott, ich glaube noch an die Welt und an die Menſchen, weil ich noch glaube an das Glück, weil ich noch denke, daß wir alle berufen ſind, glücklich zu ſein, und daß das Glück die höchſte und einzigſte Religion der Menſch⸗ heit iſt. Laß mich fromm ſein in dieſem Glauben, Lothar. Ach, an das Glück nicht mehr glauben, heißt ja Gott läſtern!“ „Gott, was iſt Gott, und wo iſt Gott?“ ſagte der Fürſt mit Bitterkeit.„Wann haſt Du ihn angerufen, und er hätte Dich erhört, wann haſt Du zu ihm gefleht, und er hätte ſich Deiner erbarmt? Bah, jeder Menſch iſt ſein eigner Gott 6 und aller Götter Gott iſt die Natur! Ich glaube an keinen andern Gott!“ „Und die Seele,“ fragte Giſela, die edle, ſchöne Menſchenſeele, der Geiſt, der die Natur belebt, den rechneſt Du für nichts?“ „Die Seele, der Geiſt! Als ich jung war, wie Du, Giſela, glaubt' ich, wie Du! Oh, mir wäre beſſer geweſen, mich hinzuwerfen und anzu⸗ beten den Geiſt, der im ſprudelnden Weine rauſcht, als den Geiſt der Menſchheit. Denn mächtiger, als aller Menſchen Geiſt iſt dieſer Geiſt, und mächtiger als aller Seele Empfinden iſt des Kör⸗ pers Gefühl. Du lächelſt ungläubig, Giſela? Bah, Du ſaheſt nicht, was ich geſehen habe, hörteſt nicht, was ich gehört, ſonſt würde Deine Lippe gleich der meinen dieſer Seele fluchen, die uns täglich mit ihren Zuflüſterungen das ſtolze Gefühl unſrer eigenen Göttlichkeit verleiht, und doch dem erſten Andringen phyſiſcher Gewalten unterliegt.“ „Oh, wie entſetzlich, wenn dem ſo wäre,“ ſeufzte Giſela. „Ich ſage Dir, Kind, es iſt ſo. Dieſe ein⸗ zige Wahrheit ſteht mit Flammenzügen in meinem Herzen, und hat ſich tief mit unauslöſchlichen Narben darin eingebrannt! Was willſt Du! mäch⸗ tiger als die edelſte Seele, iſt der Körper, in dem dieſe Seele wohnt. Ja, mächtiger als jede Liebe iſt der Hunger, der ekle, phyſiſche Hunger! Du glaubſt mir nicht? Komm, laß mich den Vor⸗ hang, den ich über meine Vergangenheit gelegt, einen Moment erheben, laß mich Dir Bilder und Geſichte zeigen, vor denen Deine Seele ſchau⸗ dern wird!“. „So willſt Du endlich meine Bitte erfüllen, willſt mich Theil haben laſſen an den Schmerzen Deiner Jugend, an dem Kummer Deiner Ver⸗ gangenheit?“ „Ich will es,“ ſagte der Fürſt ernſt,„denn wer weiß, wie lange mir dies noch vergönnt ſein mag! Aber nicht mit Worten allein kann es ge⸗ ſchehen. Oh, vielleicht, daß mir die Lippe ver⸗ ſagte, das Entſetzliche auszuſprechen. Meine Hand aber war feſt genug, um ohne Zittern Bilder der Vergangenheit zu entwerfen! Erwarte mich, ich kehre ſogleich zurück!“ Der Fürſt verließ vas Gemach, und kam nach einigen Momenten mit einer in Sammet gebun⸗ denen Mappe zurück. „Oh, das geheimnißvolle Album,“ ſagte Gi⸗ ſela freudig,„das Album, in dem ich Dich ſo oft ma⸗ lend fand, und das Du immer vor mir verbargeſt!“ „Ich habe es für Dich gearbeitet, und nun es vollendet iſt, darfſt Du es ſehen! Es iſt nicht ein Album, wie es jetzt die Mode auf dem Putz⸗ tiſch jeder Dame erfordert, es enthält nicht eine Sammlung berühmter Autographen, es enthält nichts als die Handſchrift meiner Leiden, die Dir allein verſtändlich werden ſoll! Oeffne das Buch, und laß uns dieſe Bilder ſchauen, ich will ſie Dir erklären!“ „Oh, wie ſchön,“ ſagte Giſela, däs Buch öffnend, und auf das erſte Blatt, ein mit Meiſter⸗ ſchaft gemaltes Aquarellbild, blickend.„Wie ſchön iſt dieſe Landſchaft! Der ganze Duft des Südens iſt darüber ausgebreitet. Man meint das Rauſchen dieſer Fontainen, das Flüſtern dieſer Pinien zu vernehmen, die Glut dieſer Sonne, die in dem Waſſer wiederſtrahlt, zu empfinden, und den Duft dieſer glänzenden Blumen einzuathmen. Oh, und wie köſtlich iſt jene Fernſicht auf die Gletſcher, die mit ihren jungfräulichen Kronen hinein ragen in die ſilberhellen Wolken. Ach, dort auf jenem Hügel knieet ein Jüngling, er ſcheint in Entzücken, in Anbetung, in ſeliges Schauen verloren!“ „Ja, ſo iſt es,“ ſagte der Fürſt wehmüthig lächelnd,„es iſt ſein erſter Ausflug in die Welt, es iſt zum erſten Male, daß er alle Reize der Schöpfung vereinigt ſieht in einem einzigen Bilde, und er fällt nieder, um vor dieſer erhabenen Natur Gott zu preiſen, und zu ihm zu beten! Oh, welche Gelübde ſtammeln nicht ſeine vor Rührung beben⸗ den Lippen, mit wie heiligen Eiden gelobt er nicht, die Menſchen zu lieben, und ihnen ſich zu weihen mit ſeinem Blut, mit ſeinem Leben! Armer, ver⸗ trauender Jüngling, ich kenne Dich, obwohl Du mit Deiner Begeiſterung, Deinem Vertrauen und „ Zwei Lebenswege. II. 4 Deiner Liebe mir lange ſchon ein Fremdling geworden. Armer Jüngling Lothar, der Mann Lothar weiß nichts mehr von Dir! Laß uns weiter gehen, Giſela, weiter, die Erinnerung an jene Zeit der gläubigen Unſchuld zerreißt mein Herz! Was ſiehſt Du jetzt?“ „Hier iſt ein einfaches, ärmliches Gemach, es enthält nichts, als ein Strohlager, und auf dem⸗ ſelben ruht die bleiche Geſtalt eines Jünglings; ſeine Augen ſind geſchloſſen, ſeine Kleider triefen von Waſſer, leblos hängt der Arm vom Lager hernieder, und an dieſem Arm lehnt das Haupt eines vor dem Lager Knieenden, der ſein Antlitz, wie in wilder Verzweiflung, mit ſeiner Hand ver⸗ hüllt. Wer iſt es, der dort knieet, und warum weint er, Lothar?“ „Es iſt der arme Jüngling Lothar, der dort knieet vor dem Lager Deſſen, den er ſoeben den Fluthen entriſſen; er liebt ihn ſchon, obwohl er ihn nicht kennt, denn dieſer Unbekannte war un⸗ glücklich, Lothar ſah, wie er ſich hinabſtürzte in die Fluthen, freiwilligen Tod zu ſuchen.„Oh, und wie unglücklich,“ dachte Lothar,„wie unglücklich muß dieſer Arme ſein, wenn er dem Leben, dem ſchönen, genußreichen, herrlichen Leben entfliehen will!“ Und Lothar liebte den Unbekannten, weil er unglücklich war und weil er ihn gerettet mit Gefahr ſeines eigenen Lebens. Darum ſiehſt Du ihn jetzt in verzweiflungsvollem Schmerz an dem Lager dort knieen. Es iſt zum erſten Male, daß das Leben dem Fürſtenſohne eine trübe Seite zeigt, zum erſten Male, daß Lothar den bleichen Tod auf dem bleichen Antlitz eines Menſchen ſich ver⸗ künden ſieht, und er ſchaudert vor dieſer räthſel⸗ haften Macht, und möchte doch ſein eigenes Leben hingeben für das Leben Deſſen, den er aus den Fluthen gerettet. Pah, hätteſt Du die Gelübde gehört, die er, um Rettung flehend, gen Himmel ſandte, die Gelübde ewiger Liebe, ewiger Tugend! Aber ſtille, laß uns weiter gehen! Schlage das nächſte Blatt auf!“ „Ach, jener Unglückliche iſt alſo nicht geſtorben, hier ſehe ich ihn wieder, inmitten einer ſchönen, blühenden Gegend ſteht er da mit friſchen Wangen, in der Fülle der Geſundheit. Seine Hand ruht in der Hand ſeines Retters, der die Rechte, wie zum Schwur, gen Himmel ſtreckt.“ „Recht! Er ſchwört dem Geretteten eine ewige, unverbrüchliche Freundſchaft, ſchwört ihn zu lieben mit nimmer wankender Liebe, ſchwört ihm ein Bruder zu ſein, Alles mit ihm zu theilen, Gut und Blut für ihn hinzugeben. Dieſelben Schwüre hat er empfangen von ſeinem Freunde Cecil, und dieſen Bund ewiger Gemeinſchaft zu beſiegeln, haben ſie ſoeben vor dem Tiſche des Herrn das heilige Abendmahl mit einander genoſſen! Oh, Lothar mit ſeinen zwanzig Jahren glaubt noch an die Heiligkeit des Abennis er trinkt 4 — 52— ſich noch in dem goldenen Kelche das Blut des Herrn, er ißt ſich noch in der Oblate den Leib des Herrn, und darum meint er, ein Bund, der ſo beſiegelt ſei, kann nimmer zerriſſen werden! Und ſieh, dieſe jugendliche Thorheit, er hat mit dem Freunde die Kleider gewechſelt, zum Zeichen, daß Alles unter ihnen gemeinſchaftlich ſein ſoll. Er hat dem Freunde ſeinen goldgeſtickten Mantel, ſeine koſtbaren Gewänder umgelegt, und dafür deſſen ärmliche Kleider mit dem Stolz der Liebe ſich angeeignet! Lächle nicht über dieſe Schwär⸗ merei, Giſela. Es iſt die Entzückung erſter Freund⸗ ſchaft, es iſt die Begeiſterung dieſer Freundſchaft, die ihn durchglüht. Oh, die erſte Freundſchaft gleicht faſt in allen Symptomen der erſten Liebe, nur daß ſie edler, uneigennütziger und reiner iſt, als die Liebe, nur daß ſie keine Begierde und keine Leiden⸗ ſchaft kennt, daß ſie reiner, ätheriſcher iſt! Oh, wie liebt Lothar ſeinen Freund Cecil, mit welcher Be⸗ geiſterung entdeckt er an ihm täglich neue, erhabene, noch nicht gewußte Talente und Schönheiten, mit welcher heiligen Andacht lauſcht er ſeinen Worten, wie iſt er in jeder Stunde bereit für ihn ſich hin⸗ zugeben mit ſeinem ganzen Daſein, für ihn zu leben, für ihn zu ſterben! Wenn er ſchwört, ſo ſchwört er bei dem Namen Cecil, wenn er betet, ſo betet er für Cecil, und wenn er die Tugend, die Größe, die Schönheit bezeichnen will, ſo nennt er ſie Cecil. Und wenn das Leben ihm Freuden gewährt, wenn — die Kunſt ihm ihre Schätze bietet, der Reichthum ſeine Genüſſe, ſo legt er das Alles nieder zu den Füßen Cecil's, nur flehend, daß dieſer es ſein nennen, es heiligen möge durch ſeine Berührung. Armer, armer Lothar, Du glaubſt an eine ewige Freundſchaft! Oh, dies iſt ein Irrthum, über den die Engel ſelbſt weinen müſſen, denn der Irrthum noch iſt ſchön! Schlage um, Giſela, ein anderes Bild!“ „Da! Hier ſitzt Lothar an einem Tiſche, Papier und Feder liegen vor ihm, er ſcheint ſchreiben zu wollen, und dies doch vergeſſen zu haben über dem Anſchauen jenes Bildes, das er in der Hand hält!“ „Und wie willſt Du, daß er dies nicht vergißt, wenn er doch das Bild ſeiner Geliebten in der Hand hält, ſeiner Geliebten, an die er ſoeben den erſten Liebesbrief ſchreiben, der er in jugend⸗ licher Schüchternheit ſchriftlich die Liebe geſtehen will, die mündlich auszuſprechen er ſich zu be⸗ fangen, zu ſchüchtern fühlt. Weißt Du, was das ſagen will, den erſten Liebesbrief? Die erſten Entzückungen eines ſtammelnden, ſich ſelber nicht verſtehenden, räthſelhaften Gefühls zu empfinden, für das man keinen Auc ruck, keinen Namen kennts Oh, Lothar aber hat einen Freund, und dieſer große, hingebende, aufopfernde Freund hat ihm das Räthſel dieſes Gefühls entdeckt, hat ihm deſſen Namen genannt. Ja, Cecil hat im Eifer raſt⸗ ling in ſeiner erſten Verzweiflung, in der erſten furchtbaren Enttäuſchung, dem erſten entſetzlichen Seelenleiden! Sieh, wie er alt geworden in wenig Stunden, ſieh, wie er im Wahnſinn der Qual ſeine Bruſt zerſchlagen, ſein Haar zerrauft hat! Ein offener Brief liegt zerknittert zu ſeinen Füßen. Kann ein Blatt Papier ihm ſolche Qualen bereitet haben? Ach, mein Gott, der kleine Umfang eines Briefes trägt oft eine ganze unermeßliche Hölle in ſich!“ „Und was enthielt jener Brief?“ fragte Giſela. „Genug, um einen Menſchen, auf Augenblicke mindeſtens, wahnſinnig zu machen. Es iſt ein Brief von Armgard. Sie hat ihn mit ihren Thränen bethaut, die an manchen Orten die Worte verlöſchten, aber Lothar lieſt doch genug aus dieſen verlöſchten Schriftzügen heraus, um grenzenlos zu leiden. Es iſt das Bekenntniß einer Gefallenen, Entehrten. Cecil hat ſie verführt. Heimlich, hinter dem Rücken ſeines Freundes, hat er deſſen Geliebte umſtrickt mit ſeinen Schmeiche⸗ leien und Verführungskünſten! Beide haben ſie ihn betrogen, den armen Lothar! Armgard, zer⸗ knirſcht von Reue, bekennt es ihm, fleht in jenem Briefe um ſeine Vergebung.“ „Entſetzlich!“ rief Giſela. „Ja wohl entſetzlich,“ ſagte der Fürſt ſchwer⸗ müthig,„den Qualen jener Stunde kommt keine andere in dem Leben Lothar's gleich, und was er — loſer Freundſchaft nicht eher geruht, als bis er dem Liebenden das Bild der Geliebten verſchafft! Und wie ſchön, wie ſtrahlend in Anmuth und Holdſeligkeit iſt dieſe Geliebte, dies Mädchen von ſechszehn Jahren, mit dem lieblichen, verſchämten Erröthen, mit dem ſanften Lächeln, dem jung⸗ fräulichen Niederſchlagen der Augen! Wie ſchön mit der knospenden, ſchwellenden Blüthe ihrer Schönheit. Oh, und wie herrlich es iſt, daß Arm⸗ gard arm iſt und dürftig, daß Lothar ſie ſchmücken kann mit Gold und Edelſteinen, daß er ſeine Reichthümer, ſeine Schätze zu ihren Füßen nieder⸗ legen, ſie zur Beſitzerin machen kann Alles deſſen, was ſein iſt! Aber ſtill, wollen wir den ſchwärmen⸗ den Jüngling nicht länger ſtören! Er ſchreibt ſei⸗ nen erſten Liebesbrief, er bittet um ein Rendezvvus. Oh, Armgard wird es ihm gewähren, denn ſie liebt den feurigen, leidenſchaftlichen Jüngling, liebt ihn mit aller Glut des erſten Gefühls, mit aller Hingabe einer erſten mächtigen Leidenſchaft!“ „Und Armgard täuſcht ihn nicht?“ fragte Giſela faſt angſtvoll. „Wir werden ſehen!“ ſagte der Fürſt mit einem bittern Lächeln. Giſela ſchlug zögernd das Blatt um, daun, als ihr Auge auf das nächſte Bild ſiel, füllte es ſich mit Thränen, und leiſe ſagte ſie:„Alſo doch verrathen!“ „Ja! Du ſiehſt da den armen argloſen Hung. damals geduldet, hat einen Trauerſchleier über ſeine ganze Zukunft geworfen. Mag ſein, daß die laute, ſtürmiſche Freude dieſen ſchwarzen Flor hier und da zerriſſen und mit glänzenden Bildern der Luſt ausgefüllt hat, aber das Glück, das unter dieſem Trauerflor damals begraben ward, kam nimmer wieder hervor. Die Liebe zu Armgard iſt in ſeinem Herzen ausgelöſcht, und er verachtet ſie zu ſehr, um ihr zürnen zu können. Aber den Freund, der ihn verrieth, der ihn betrog, ihn kann er haſſen, ihn kann er zur Rechenſchaft ziehen! Oh, iſt es denn möglich, daß Cecil ihn verrieth? Cecil, ſein Freund, ſein Bruder? Cecil, dem er das Leben rettete, der tauſendmal ihm ewige Liebe, ewige Freundſchaft geſchworen? Nein, nein, dies kann nicht ſein! Dies iſt unmöglich! Kann Armgard nicht ihn täuſchen, kann ſie, die Lothar nun verachtet, nicht ihn hintergehen und betrügen? Es iſt unmöglich, daß Cecil ihn verräth! Raſch, betrachte das folgende Blatt! Nicht wahr, da ſieht es luſtig aus!“ „Wie erſtaunt vor Schreck lehnt Lothar an der Wand, mit ſtierem Auge auf die Zerſtörung in ſeinem Zimmer umher blickend. Alle Schränke, alle Kaſten ſtehen auf, Papiere liegen in wilder Unordnung umher. Was bedeutet das, mein Freund?“ „Das bedeutet,“ ſagte der Fürſt mit gewich⸗ tigem Ton,„das bedeutet, daß Cecil entflohen iſt ———— nachdem er vorher Lothar's Schränke erbrochen, ihm ſeine Koſtbarkeiten, ſeine Creditbriefe und ſein Geld geſtohlen hat! Geſtohlen! Pah, der edle, der hochherzige Cecil, der ſtets überfloß von hoch⸗ herzigen Gefühlen, der jede edle, erhabene Regung, jedes noch ſo zarte Gefühl verſtand und begriff, Cecil mit ſeinen erhabenen Geſinnungen, mit ſeinen köſtlichen Talenten, ſeinen imponirenden Geiſtes⸗ gaben, Cecil ein Dieb, nichts als ein ganz ge⸗ meiner, ſchurkiſcher Dieb! Dies edle, ſtolze An⸗ geſicht nichts als eine Lüge, eine niederträchtige, gemeine Lüge, dieſer Menſch, vor dem Lothar in anbetender Liebe geknieet, den er zu einem Gott erhoben, dieſer Menſch ein niedriger Verbrecher, nicht einmal werth, daß Du ihn mit dem Fuße von Dir ſtößt. Und Du willſt noch, Gifela, daß ich einem edlen Menſchenantlitz traue, Du willſt noch, daß ich Ehrfurcht habe vor der menſchlichen Natur, ſolchen Erfahrungen gegenüber?“ Giſela erwiederte nichts. Sie ſenkte ihr Haupt auf ihre Bruſt und ſeufzte tief. „Hinweg mit dieſen Erinnerungen,“ ſagte der Fürſt nach langer Pauſe.„In jener Stunde ward Lothar um viele Jahre älter, und als er aus langer todtenähnlicher Ohnmacht erwachte, da fluchte er dem Leben, der Menſchheit, da fluchte er der Freundſchaft und der Liebe zum erſten Mal, und in der Stille um ihn her ſchauderte er ſelber vor den Flüchen, die ſeine zitternden Lippen ſtammelten.“ „Hier auf dem nächſten Blatt,“ ſagte Giſela, bemüht, den Fürſten von jenen entſetzensvollen Erinnerungen abzulenken,„hier ſteht Lothar, ge⸗ bückt und matt, mit einem wehmuthsvollen Lächeln blickt er auf die Landſchaft umher.“ „Er ſteht auf der Stelle, Giſela, wo er einſt in die Hand des Freundes den Schwur der Freund⸗ ſchaft gelobte, den Schwur, den ſie ſoeben durch das heilige Nachtmahl beſiegelt. Auf derſelben Stelle ſiehſt Du ihn jetzt, er iſt allein, vereinſamt, die Blüthen ſeines Glückes ſind zu lauter Leichen⸗ ſteinen geworden, aus denen widerliche Larven ihn hohnlächelnd angrinſen. O mein Gott, er darf nicht einmal weinen um ſeine Vergangenheit, um ſein verlorenes Glück. Es iſt gar ſo erbärmlich, verrathen⸗ betrogen worden zu ſein, eines ſchlauen Betrügers geäffter Narr zu ſein! Es iſt gar ſo lächerlich, um ein Mädchen zu klagen, das von einem Andern verführt worden. Mein Gott, für alle Qualen, für alle Verzweiflung nicht einmal eine lindernde Thräne! Nein, Lothar weint nicht, aber er verwünſcht die Welt und die Menſchen, er verwünſcht die Natur, die rings um ihn her zu ſeinen Schmerzen lacht und jauchzet, er ver⸗ wünſcht die Gottheit, die er ſo oft in den Ent⸗ zückungen ſeines Glückes angefleht, und der er im heiligen Abendmahl die Schwüre ewiger Treue entgegen getragen! Jener Act alſo war auch nichts als ein Poſſenſpiel, eine leere Komödie. S — 59— Das Heilige, wenn es gemißbraucht worden, iſt nicht mehr heilig, und der Leib, das Blut des Herrn hätte ſich nicht hergegeben zu ſo niedrigem Verrath,— es war nichts als irdiſcher Wein und trügliche Oblate. Der Heiligenſchein iſt von jener Stunde abgeſtreift, und ſeit Lothar den Glauben verloren hat an die Menſchheit, glaubt er auch nicht mehr an Gott! Was zeigt das nächſte Bild?“ „Hier iſt Lothar in ſeinem Zimmer, ſein An⸗ geſicht iſt von Thränen überfluthet, und doch lächelt er, und heftet den Blick auf ein Bild, das an der Wand hängt, und er, wie in Anbetung, knieet.“* „Er betet auch an, Gi Inmitten der Schmerzen und der troſtloſen Verlaſſenheit iſt ihm plötzlich, gleich einem leuchtenden Stern, die Erin⸗ nerung an ſeine Mutter, ſeine edle, geliebte Mutter aufgegangen, denn er, der die Liebe und die Freundſchaft verachtet, er fühlt, daß es doch noch auf Erden eine ewige, unauslöſchliche Liebe gebe, daß die Mutterliebe der Balſam ſei, unter der ſein krankes Herz geſunden könne. Oh, wie liebt er ſeine Mutter! Sie war von früheſter Kind⸗ heit her ſein Ideal, ſeine Heilige. Sie iſt für ihn der Inbegriff aller Tugend, aller Größe und zarten Weiblichkeit, und mit ſeinem getäuſchten, zerriſſenen Herzen flüchtet er ſich in ſeinen Ge⸗ danken zu ſeiner Mutter. Wie, er wollte miß⸗ „ — trauen, könnte den Glauben verlieren an weibliche Unſchuld und Reinheit, er, deſſen Mutter ein Ideal der Tugend und der Sitte, auf deren reiner, hoher Stirn nur edle, erhabene Gedanken wohnen? Sieh, ſo ſeiner Mutter gedenkend, iſt er nieder⸗ geſunken vor ihrem Bilde dort, anbetend und lie⸗ bend, ihren Namen ſtammelnd und Gott dankend für den Beſitz einer ſolchen Mutter! Und nun iſt die überwallende Sehnſucht, die ihn zu ihr, zu ſeiner Mutter hinzieht, nicht mehr zu bewältigen, nun muß er zu ihr, muß ſie ſehen, muß an ihrem Herzen ſich ausweinen, in ihr Ohr ſeine Klagen ergießen n. Und ſie iſt nicht fern, ſeine edle Mutter, wenige Tage genügen, und er iſt bei ihr. Denn die für ihre kranke Bruſt beſorgt, haben ſie nach Nizza geſandt. O mein Gott, mit welcher Centnerlaſt bedrückt es jetzt des zärtlichen Sohnes Herz; ſeine Mutter iſt krank, ſie, die Einzige, die er liebt, iſt krank, vielleicht ſchon ſter⸗ bend, er kann ſie verlieren! Dieſer Gedanke be⸗ flügelt ſeine Sehnſucht, und ſchon nach einer Stunde ſitzt er im Reiſewagen, um Tag und Nacht hindurch zu fahren, um ſie zu ſehen!— Und hier, Giſela, laß mich einen Augenblick inne halten, vor den ernſteſten und entſetzlichſten Momenten meines Le⸗ bens! O lache über mich, Giſela, es iſt zum erſten Male, daß meine Lippen dieſe Bekenntniſſe ablegen, und ich zittere, wie ein Kind.“ V. Nene Albunblätter. Lange ging der Fürſt ſchweigend auf und ab, und Giſela wagte es nicht, ihn in ſeinem Schweigen zu ſtören. Sie fühlte ſich tief erſchüttert, und fühlte auch, daß es, ſolchen bittern Erfahrungen und Schmerzen gegenüber, keinen Troſt und keine Lin⸗ derung gebe.— „Jetzt laß uns weiter gehen,“ ſagte der Fürſt dann nach langer Panſe.„Wende das Blatt um, und ſage mir, was es enthält.“ „O mein Gott,“ ſeußzte Giſela,„alſo auch dies Glück vernichtet. Eine Sterbende liegt auf dem Lager, der Geiſtliche mit dem Crueifir ſteht neben ihr, und vor dem Lager knieet Lothar, bleich und weinend. Iſt es ſeine Mutter, dies ſchöne, bleiche, ſterbende Weib?“ „Ja, ſeine Mutter, Giſela. Er kam zu rechter Zeit, der liebende, zärtliche Sohn. Oh, in der Nacht zuvor zeigte ein Traum ihm ſeine Mutter ſterbend, hörte er im Traum ſich von ihr mit zitternder Lippe rufen, und in ahnender Angſt ließ er die Pferde jagen, daß ſie todt niederfielen, als er vor dem Hötel ſeiner Mutter anlangte. Ja, er kam zur rechten Zeit, um den letzten Segen ſeiner Mutter entgegen zu nehmen. Von ihres Sohnes Armen umfangen, hauchte ſeine Mutter den letzten Athem aus, und mit dem Schmerzensſchrei der Pein warf ſich Lothar über die Leiche ſeiner Mutter. Oh, und doch that dieſer Schmerz ihm wohl. Es war der reine, läuternde Schmerz um eine Todte, durch nichts entweiht, durch nichts entheiligt. Oh, es iſt minder hart, durch den Tod zu verlieren, als durch das Leben, und die Thränen, die man um Geſtorbene weint, ſind ſüß gegen die, welche um Verlorene geweint werden, welche nicht der Tod, ſondern das Leben uns entriſſen hat!“ „Stille, ſtill, Giſela, ſage kein Wort des Be⸗ dauerus, des Mitgefühls, es würde mich tödten, ſieh mich nicht an, weine auch nicht! Schlage um, nun kommen luſtige Bilder, ja wahrlich, luſtige Bilder!“ „Hier ſcheint ein Feſt gefeiert zu werden. Die Halle, aus der man einen Blick auf eine köſt⸗ liche italieniſche Gegend hat, dieſe Halle iſt mit Guirlanden und Kränzen geſchmückt. Muſici in maleriſchen Trachten ſitzen im Hintergrund, um den reich beſetzten Tiſch im Vorgrund ſitzen üppige, ſchöne Mädchen, die glühenden Augen verſchwim⸗ mend, das aufgelöſte Haar mit Blumen bekränzt. — 63 2 In ihrer Mitte, von ihren Armen umrankt, ſteht ein Jüngling. Oh, wie dieſe ſchönen Mädchen⸗ geſtalten ſich an ihn anklcinern. Zede, ſcheint es, will ihn ſich gewinnen, will ihn ſich allein ervbern. Er aber hat ſein Haupt an den Buſen jenes ſchönen Mädchens gelehnt, und ſie lächelt trium⸗ phirend, ihres Sieges gewiß. Ich kann ſein Antlitz nicht ſehen. Iſt das—“ „Es iſt Lothar,“ unterbrach ſie der Fürſt, „Lothar, der ſeine erſte Orgie feiert. Was willſt Du, er iſt jung, feurig, reich, und gefüllt den Frauen. Oh, er iſt nicht mehr der ſchüchterne, beſcheidene Jüngling, der für die Tugend und die Unſchuld ſchwärmt. Er belacht jetzt dieſe jugend⸗ liche Schwärmerei, da er kein phantaſtiſcher, ſeuf⸗ zender Knabe mehr, ſondern ein begehrender, wol⸗ lender, erobernder Mann. Hinfort will er nicht mehr ſchwärmen und anbeten, er will leben und genießen; er ſucht nicht mehr das Glück und die Freude, er ſucht nur noch Betäubung und Luſt, und wo kann er die beſſer, ſchöner finden, als in der Geſellſchaft ſchöner Frauen, als unter ihren Scherzen, ihren Küſſen? Die nächſten Blätter überſchlage raſch. Es ſind Scenen aus dem tollen, luſtigen Leben des armen, luſtigen Lothar's. Be⸗ trachte ſie Dir ein ander Mal, und Du wirſt finden, daß er oft vor Weibern geknieet, oft von ihnen liebend umarmt iſt. Zuweilen wirſt Du ihn einſam in Thränen finden. Dann iſt er einmal rheit verfallen, und hat den Liebesſchwüren irgend eines ſchönen Weibes lich liebte, und weil es ihn ſo ſüß dünk Möglichkeit einer län⸗ gern Liebe und Treu glauben, und dann weint er, weil er nur zu bald erkennen mußte, daß er wiederum nur einem Wahn vertraut, daß er wie⸗ derum betrogen worden! Auf welches Bild blickſt Du jetzt ſo aufmerkſam, Giſela?“ „Es ſcheint, hier iſt ein Schiff geſcheitert, einzelne Trümmer treiben auf den hohen, ſchän⸗ menden Wogen des Meeres umher, dort auch kämpft ein Wrack mit den Wogen. Oh, welche Todesangſt auf den Geſichtern dieſer Menſchen! Flehend, ſchreiend ſtrecken ſie die Arme gen Himmel. Dort ſteigen Andere in ein kleines Boot, das vom Schiffe herabgelaſſen iſt. Wie ſie ſich drängen, ſich ſtoßen!“ „Ja, ja, es iſt ein Schiffbruch! Müde dieſer ewig wiederkehrenden Liebesſchwüre, überdrüßig der Orgien und üppigen Feſte, ſuchte Lothar nach anderer Zerſtreuung. Er wollte reiſen, wollte die Welt ſehen, das Meer mit ſeinem majeſtätiſchen Brauſen und Wogen lockte ihn an, ferne, wenig gekannte Himmelsſtriche wollte er aufſuchen, viel⸗ leicht, daß er dort die Frende, das Glück wieder findet, vielleicht, daß dort die Menſchen in der unverdorbenen Natur auch naturwahr, tren und edel geblieben. Aber das Glück war ſeiner Fahrt — 656— nicht günſtig. Der Sturm hat ſchon den Maſt zerſchellt, die Kraft des Dampfkeſſels nutzlos ge⸗ macht. Hunderte von Paſſagieren ſchreien und winſeln durch einander, und mit Grauſen ſieht Lothar, wie feig, wie klein und erbärmlich der ſtolze, mächtige Menſch dem Tode gegenüber ſteht. Angſt, entſetzensvolle Angſt auf allen Geſichtern, Verzweiflung entſtellt dieſe Züge, kreiſchendes, hieriſches Geſchrei erſchallt von Lippen, die ſonſt ſich nur zu holdem Mädchenlächeln, zu ſüßen, ver⸗ heißenden Worten geöffnet. Hier rauft ſich ein ſchönes, junges Weib das köſtliche duftige Haar, das noch wenige Stunden zuvor ihr Stolz war, hier ſchlägt ein junges Mädchen ihren entblößten ſchönen Buſen, den ſie kurz zuvor noch ſo ſittſam verhüllte. Alles Empfinden, alle Gedanken ſind ſchon erloſchen, der Menſch iſt zu einem gedanken⸗ loſen Thiere geworden, das in phyſiſcher Angſt ſich vor dem Tode ſträubt. Nichts als Scenen der Erniedrigung ſind es, die Lothar, ſchaudernden Herzens, hier gewahrt, und gegenüber all dieſen Schreckniſſen der menſchlichen Natur ſcheint ihm der Tod eine willkommene Errettung aus dieſen Drangſalen des Lebens! Doch nein, zwei Bilder ſind es, die ihn hier wieder mit der Menſchheit verſöhnen! Sieh, wie ſich dort Alles zu dem aus⸗ geſetzten Boote drängt. Es iſt beſtimmt, die Frauen aufzunehmen, während die Männer auf dem Wrack bleiben ſollen. Oh, in wahnſinniger Zwei Lebenswege. MI. 5 Todesfurcht drängt Alles dem Boote zu. Weiber vergeſſen es, daß ſie Männer, Mütter, daß ſie Söhne, Töchter, daß ſie Väter zurücklaſſen, Alles, Alles drängt und ſchreit nach Rettung. Nur zwei Frauen bleiben zurück, ſie klammern ſich feſt an ihre Geliebten, und rufen in himmliſcher Begei⸗ ſterung:„mit Dir will ich leben, mit Dir will ich ſterben!“ Es iſt ein junges Weib, das ſeinen Gatten umklammert, eine zärtliche Tochter, die ihre Arme um ihren Vater ſchlingt, und ſchluch⸗ zend, weinend und lachend vor Freude, haben beide nur den Einen Gedanken: nicht getrennt zu ſein, von denen, die ſie lieben. Und als Lothar dies erhabene Bild ſah, da weinte er laut, und dankte Gott und knieete nieder vor dieſer edlen Gattin, vor dieſer zärtlichen Tochter, und ſchwur ſich auf ewig zu ihrem Diener und Ergebenen!“ „Oh, endlich doch ein verſöhnendes, edles Bild,“ ſagte Giſela aufathmend. „Blicke nur weiter, ſchaue nur das nächſte Blatt an,“ e Fürſt mit Bitterkeit. „Sie ſind gerettet, hier ſehe ich ſie wieder auf einer Sandbank, rings umſpült von dem Mee⸗ reswogen. Aber dort, dort ganz in der Ferne ſcheint mir ein Segel aufzutauchen. Oh, ſie ſind gerettet!“ „Aber wie Vieles wird ſchon geſchehen ſein, ehe jenes Schiff zur Rettung nahet. Betrachte jetzt die einzelnen Gruppen, Giſela. Sieh, dieſe — 67— abgezehrten, entſtellten Züge, dieſe ſtieren, glanz⸗ loſen Augen, dieſe wahnſinnigen Blicke, ſieh dieſe ausgedorrten Geſtalten, es iſt der Hunger, der dieſe Menſchen mit grauſamen Martern plagt, der dieſe Geſtalten entnervt hat, der niedrige, thieriſche Hunger, der hier jeden Gedanken, jede Seele ertödtet, und nichts übrig gelaſſen hat, als das angſtbrüllende, kreiſchende, heulende, fluchende und wimmernde Thier. Und Du willſt noch an die Macht des Geiſtes, an die Uebergewalt und Kraft der Seele glauben, ſolchen Scenen ge⸗ genüber? Bah, die Seele liegt im Blute, in den Nerven, im Fleiſch; ſtöre die Thätigkeit des einen, bereite dem andern Qual und Schmerzen, und um die Hoheit und Kraft Deiner Seele iſt es gethan. Und nun ſchaue her, und ſiehe die Wirkungen dieſes allmächtigen Feindes jeder menſch⸗ lichen Würde, Hunger genannt. Sieh, dort dreht ſich eine elende, abgemagerte Geſtalt in wirbeln⸗ den Kreiſen. Der Hunger hat ihn wahnſinnig gemacht, er glaubt ſich auf einem Balle, er tanzt den luſtigen Reigen, er ſingt Lieder der Freude. Dort bricht ein Anderer in kauten Jubel aus über die köſtlichen Speiſen, die er zu eſſen meint, weil ſie vor ſeinem wirren Geiſte in lockenden Bildern umher irren. Sieh, dort nagen ein paar Greiſe an den letzten Reſten einer menſchlichen Leiche, die ſie geſtern aus dem Meere aufgefiſcht, und als köſtliche Beute mit lautem Jubel begrüßten. Und dort, dort hinten, dort kämpft der Vater mit ſei⸗ ner zärtlichen Tochter, die ihm folgen wollte in Noth und Tod. Sie kämpfen um eine Rinde Brot, die Emilie mehrere Tage als letztes Hülfs⸗ mittel bei ſich verborgen, und die ihr Vater jetzt entdeckt hat. Sie kämpfen mit der Wuth des Hungers, mit dem Ingrimm der Verzweiflung. Der Hunger hat ſie entmenſcht, ſie wiſſen es nicht mehr, daß es der Vater, daß es die Tochter iſt, ſie fühlen nur noch, daß zwei Feinde einander gegenüber ſtehen, die um ein köſtliches Gut, um eine Rinde Brot kämpfen auf Leben und Tod! Und während des Ringens nähern ſie ſich immer mehr dem Rande der Sandbank, wo das Meer mit gierigen, ſchäumenden Wellen hinauf leckt. Ha, nur noch ein Schritt, und der Vater tau⸗ melt hinab in die Fluth, und die Tochter jauchzt laut auf vor Entzücken, denn nun iſt ſie im un⸗ beſtrittenen Beſitze der Brotrinde, die ſie lachend gierig verzehrt. Keiner kommt dem Ertrinkenden zu Hülfe, mit ſtumpfem Lachen ſehen ſie den letz⸗ ten Anſtrengungen des in Todesangſt Ringen⸗ den zu. „Entſetzlich!“ rief Giſela, tief erſchüttert.„Iſt dies möglich? Kann dies ſein?“ „Es iſt ſo,“ ſagte der Fürſt.„Meine Ju⸗ gendkraft unterlag ſchwerer, ſpäter den Anfechtun⸗ gen des Hungers, und dieſe Bilder, dieſe An⸗ ſchauungen waren es, die mit entſetzlicher Leben⸗ 65 digkeit und Wahrheit vor meinen Blicken vorüber gaukelten. Giſela, ſagſt Du nun noch, daß der Geiſt mächtig und unſterblich iſt, und göttlichen Urſprungs?“ Giſela wagte nichts zu erwiedern, und der Fürſt ſagte mit einem bittern Lächeln: „Weiter denn! Wir ſind bald zu Ende! Was folgt jetzt?“ „Hier knieen viele Arme an den Pforten einer Kirche, ſie ſtrecken flehend ihre Hände nach Lothar hin, der dort auf den Stufen ſteht.“ „Oh, richtig! Lothar, ſehnend nach Glück, nach Liebe, nach Anhänglichkeit, ſucht nach Un⸗ glücklichen, die er tröſten, nach Armen, denen er helfen, nach Leidenden, deren Schmerzen er lin⸗ dern kann. Jene entſetzlichen Bilder der Hungers⸗ noth haben ſich ſo tief, ſo unauslöſchlich ſeiner Seele eingeprägt, daß er es für ſeine heiligſte, einzigſte Pflicht hält, die Menſchen, ſo viel in ſeinen Kräften, vor dieſer Entmenſchung des Hun⸗ gers zu bewahren. Er ward wohlthätig aus Ent⸗ ſetzen und Grauſen vor dem Hunger, ach, auch vielleicht in der egoiſtiſchen Hoffnung, ſich Dank⸗ barkeit, ſich Liebe zu gewinnen. Bah, Dankbar⸗ keit! Du haſt es erfahren, Giſela, daß es nichts Undankbareres giebt, als Dankbarkeit ſich zu ver⸗ dienen. Der Menſch, deſſen Wohlthäter Du ge⸗ worden, iſt von der Stunde an Dein unverſöhn⸗ licher, nnerbittlicher Feind. Die Menſchen ſind „ — 0 nicht gemacht, um der Dankbarkeit fähig zu ſein. Die Dankbarkeit iſt eine Laſt, die ſie von ihren Schultern abzuwerfen trachten um jeden Preis, und müßten ſie auch darüber ihren Wohlthäter in Tod und Verderben bringen. Ueberſchlage die nächſten zwei Blätter, ſie enthalten Scenen, wo Lothar ſolche Erfahrungen von dem Undank ein⸗ zuſammeln hatte!“ „Hier knieet ein bildſchönes Mädchen zu Lo⸗ thar's Füßen, flehend ihre Hände zu ihm empor ſtreckend!“ „Lothar hat, auf ihren Hülferuf herbei eilend, ſie ſoeben aus den Händen eines Mannes be⸗ freit, an den ihre eigne Mutter ſie verkuppeln will, obwohl ſie ihn verabſcheut. Sie fleht ihn an, ſich ihrer zu erbarmen, ſie zu ſchützen vor ihrer Mutter, vor ihrem Verfolger. Nicht wahr, ſie iſt ſchön? Was Wunder, daß Lothar dieſer ſchönen Flehenden Alles gewährt, um was ſie ihn bittet, daß er ſie mit ſich führt in ſein Hötel, daß er andern Tages zu der Mutter des Mäd⸗ chens eilet, und eine dreimal ſo hohe Summe zahlt, nur um ſie vor ihrer Mutter, vor den Nachſtellungen jenes ihr verhaßten Mannes zu retten und ſie zu befreien. Oh, wie ſchön war Cordelia, als ſie mit Thränen des Dankes Lo⸗ thar's Füße umklammerte, wie ſchön, als ſie ihm ewige Liebe, ewige Dankbarkeit ſchwur! Und Lo⸗ thar? Dieſem Engelsantlitz gegenüber vergaß er * alle ſeine Erfahrungen, ſeine traurigen, ſchmerz⸗ vollen Erfahrungen, ward er wieder der hoffende, vertranende, anbetende Jüngling, der er einſt ge⸗ weſen. Er liebte Cordelia und glaubte ihren Schwüren. Er machte ſie zu ſeiner Heiligen, ſeinem Engel, er lag vor ihr auf den Knieen und betete ſie an, und ſie lächelte dazu, wie eine Selige, Verklärte! Cordelia war das Kind armer, ungebildeter Eltern, aber ſie beſaß einen durch⸗ dringenden Verſtand und hohe Geiſtesgaben, ſie ſang mit ihrer köſtlichen Stimme alle Lieder, die ſie gehört, ſie zeichnete jedes Angeſicht, das ſie geſehen, mit überraſchender Aehnlichkeit nach. Lo⸗ char, alle dieſe köſtlichen Geiſtesgaben bemer⸗ kend, beeilte ſich ihr die beſten Lehrer zu verſchaf⸗ fen, und Cordelia ward bald der Stolz ihrer Lehrer, das Entzücken des ſie anbetenden Lothar's. Er hatte ſie geliebt, als ſie nichts war, denn ein ſchönes, unſchuldiges Mädchen, er vergötterte ſie, nun ſie ein durch Geiſt, Witz und Talente bezan⸗ berndes Weib geworden. Oh, wohl waren dieſe Tage herrlicher Art und über ihnen vergaß Lo⸗ thar alle Schmerzen ſeiner Vergangenheit. Er glaubte, er hoffte, er liebte wieder! Sein Leben hatte wieder einen Mittelpunkt, einen Zweck, ſein Daſein war wieder ausgefüllt und inhaltsreich. Das ſchönſte, geiſtvollſte Weib war ſein, liebte ihn mit der heißeſten, hingebendſten, leidenſchaft⸗ lichſten Liebe. Zwei köſtliche Jahre des unge⸗ —————— trübten Glückes verlebte Lothar neben Cordelia, Jahre, ſo herrlicher, erhabener Art, daß ſie mit allen Qualen nachfolgender Jahre nicht zu theuer erkauft ſind, daß ich ſie noch einmal durchleben möchte, und müßte ich auch die Verzweiflung, die Raſerei, die ihnen folgte, gleichfalls noch einmal durchleben!“ „Und Du verlorſt auch ſie?“ fragte Giſela athemlos. „Schlage das nächſte Blatt auf! Was ſiehſt „O mein Gott, welch eine Scene! Hier auf dem Divan Cordelia an dem Buſen eines jungen Offiziers. In der offenen Thür Lothar, geiſter⸗ bleich, erſtarrt vor Schreck.“ „Höre mich an, Giſela, wir ſind gleich zu Ende. Lothar mußte verreiſen, ſeinem Vater ent⸗ gegen, der ihn zu ſehen kam. Ein unglücklicher Sturz mit dem Pferde feſſelte ihn wochenlang in Wien an ſein Lager. Endlich, endlich war er ge⸗ neſen, auf Flügeln der Sehnſucht, der heißeſten Liebe eilte er zurück nach Florenz. Oh, wie wird Cordelia ſich freuen, wie wird ſie ihm entgegen jauchzen, wenn er unerwartet, überraſchend vor ſie hin tritt. Den Schlüſſel zur kleinen Pforte hat Lothar mit⸗ genommen, durch dieſe Pforte gelangt er unbe⸗ merkt in das Hötel, ſchleicht heimlich über die Stiege und Corridore, und ſteht jetzt athemlos, hochklopfenden Herzens vor Cordelia's Gemoch. 3— Heimlich, geräuſchlos öffnet er die Thür, und findet ſie in den Armen eines Mannes. Du ſchauderſt? Was willſt Du! Die Weiber ſind ein⸗ mal ſo gemacht! Sie kennen keine Treue, keine Liebe!“ „Lothar, Du wirſt ungerecht,“ ſagte Giſela erröthend.„Verachteſt Du auch mich?“ „Dich? O mein Gott, Du gleichſt ſo wenig den andern Weibern, daß ich vergaß, wie Du zu ihrem Geſchlecht gehörſt! Du biſt kein Weib, wie andere Weiber ſind, und was ich von dieſen ſagte, trifft Dich nicht!“ „Und Cordelia?“ fragte Giſela zitternd. Der Fürſt ſagte nach einer Pauſe:„ſie gab ſich ſelbſt den Tod. Vor Scham, vor Reue, was weiß ich! Genug, ſie ſtarb! Mich, der ich er⸗ ſtarrt, regungslos vor Schreck in der offenen Thür ſtand, mich erblickend entriß ſie ſich der Umar⸗ mung jenes Menſchen, ſtürzte ſie nach dem Toi⸗ lettentiſche, und ehe ich es hindern konnte, hatte der Dolch ihre Bruſt ſchon durchbohrt.“ „Wohl ihr, daß ſie ſtarb,“ ſeufzte Giſela, „dieſer Tod hat mindeſtens etwas Verſöhnendes!“ „Friede ihrer Aſche!“ ſagte der Fürſt nach einer langen Pauſe.„Seit ich Dich kenne, Gi⸗ ſela, ſeit Du an meiner Seite biſt, habe ich ihr verziehen, fluche ich ihr nicht mehr. Zene gräß⸗ lichen Jahre, welche dieſer Stunde folgten, ſind nun überſtanden, die klaffenden Wunden meiner Secle 3 beginnen zu vernarben, und wenn ich auch die Welt und die Menſchen nicht lieben kann, ſo iſt doch der finſtere Haß unter dem Sonnenſchein Deines holden Lächelns geſchmolzen, und ich bemit⸗ leide dieſe ſchwache, ſtrauchelnde, irrende Menſch⸗ heit.“ „Oh, mein Freund, Du wirſt dereinſt noch wieder lernen, ſie zu lieben,“ ſagte Giſela, ſich ſanft an ihn ſchmiegend.„Ein entſetzliches Schick⸗ ſal ließ Dich Erfahrungen traurigſter Art machen. Laß uns hoffen, daß die Zukunſt Dir nur ver⸗ ſöhnende, friedliche Bilder zeigt!“ „Erhalte Du Dich mir nur, dann begehre ich nichts weiter,“ ſagte der Fürſt, einen Kuß auf ihre Stirn drückend. VI. Der Mord. Ungewöhnlich aufgeregt von den Mittheilun⸗ gen, die er Giſela gemacht, von den traurigen Frinnerungen und Begegniſſen ſeiner Jugend kehrte der Fürſt in ſeine Gemächer zurück. Die Nacht war bereits hereingebrochen, Lothar verabſchie⸗ dete den dienſtthuenden Kammerherrn, und entließ die Diener, ſich in ſein Schlafgemach zurück⸗ ziehend. Er wollte allein ſein, und drückte ſelbſt die Thür zu, die zum Vorgemach führte, in welchem der dienſtthuende Kämmerer allein noch wach und der Befehle des Fürſten gewärtig war. Dieſe Einſamkeit, dieſe Stille umher ſchien ihm wohl zu thun; er zog den Vorhang von dem Bilde Cordeliens zurück, und ließ ſich kangſam in einen dem Portrait gegenüber ſtehenden Seſſel gleiten. Mit verſchränkten Armen, tief in ſich verſun— ℳ — ken, ſchaute er lange auf das Bild, deſſen Züge von wahrhaft überraſchender Schönheit ſich zeigten. „Von nun an ſei Dir verziehen,“ ſagte er dann, und ſeine Stimme klang weich und klagend,„ruhe ſanft in Deinem kühlen Grabe, meine Verwün⸗ ſchungen ſollen Deine Ruhe nicht mehr ſtören, ich finde keinen Groll mehr in meinem Herzen! Die Spitzen dieſes Schmerzes ſind abgeſtumpft, und eine theure Hand kommt, die Pfeile dieſer Erinnerungen aus meiner Bruſt zu ziehen. Der Winter liegt hinter mir, und es beginnt wieder Frühling zu werden in meiner Seele! Oh, welch ein Frühling! Höre ich nicht das geheimnißvolle Rauſchen dieſes wer⸗ denden Frühlings, klopft nicht mein Herz in ahnungsvoller Werdeluſt, und keimen nicht tauſend, tauſend Blüthen, und jubelt es nicht in mir wie Lerchengeſang und Nachtigallenſchlag? O mein Gott, ich bin alſo wieder jung geworden, die Au⸗ gen dieſes göttlichen Weibes haben alſo das Alter wieder von meiner Seele abgeſtreift, und mich zum Jüngling erneuert! Ich werde alſo wieder leben, wieder lieben, vielleicht noch einmal wieder glücklich ſein!“ Er ſprang auf, und ging mit haſtigen Schritten im Gemache auf und ab.„Und ſie,“ flüſterte er dann,„ſie ahnt es noch nicht, daß ich ſie liebe! Ihre reine, keuſche Seele ſchmiegt ſich mit holder Schweſterzuverſicht in meine Arme, und wenn ſie alle Schätze ihres Weſens vor mir ent⸗ faltet, meint ſie, nur die Augen eines Bruders blicken ſie an! Giſela, ſchönes, köſtliches Weib, meine Lippen ſollen endlich ſprechen, oh, und ich weiß, unter dem Feuer meiner Liebe wird Dein erſtarrtes Herz ſich erwärmen und zur Liebe be⸗ leben! Ich weiß, Du wirſt mich lieben, nicht wie eine Schweſter, ſondern wie ein liebendes, ver⸗ trauendes, hingebendes Weib! Oh, Du armes, ſchönes Kind, Dein Herz liegt noch zuſammen gedrückt von der Qual und Pein, welche die Welt Dir bereitet, und Deine Seele wagt noch nicht wieder ſich zu entfalten zum freien Flug des Glückes; die Welt hat Deine Schwingen gelähmt, und Du liegſt noch ſtille ſeufzend unter den Ban⸗ den, welche die Pein um Dich geſchlagen.“ „Aber Geduld, Geduld, Du wirſt Dich auf⸗ richten und erwachen! Oh, der unermeßlichen, ge⸗ waltigen Liebe eines Mannes muß das Herz jedes Mädchens liebend unterliegen, und darum weiß ich, Giſela, daß Du mich lieben wirſt! Giſela, ſchönes, keuſches, verrathenes und geſchmähetes Weib, wir Beide gehören zuſammen! Mit unſerer Welt⸗ verachtung und unſerm Schmerz wollen wir uns weit erheben über dieſe jammervolle Welt, und Götterglück geben und empfinden, Eins in des Andern Armen! Fahre wohl, Cordelia, fahre wohl, ich liebe Dich nicht mehr, ich haſſe Dich nicht mehr, Du biſt für mich geſtorben, fahre wohl!“ Er zog den Vorhang wieder über das Bild, und trat zum Fenſter, das er aufſtieß, und ſtumm hinaus ſchauete in die ſtille, ſternenhelle Nacht. Er bemerkte nicht, wie plötzlich die vor einer Niſche herabhängenden ſeidenen Vorhänge ſich zu regen begannen, und zwiſchen den Falten hervor ein männliches Antlitz ſichtbar ward, das mit ſpähenden, höhniſchen Blicken neugierig einen Mo⸗ ment in das Zimmer ſchaute, und dann wieder hinter der Gardine verſchwand. „Wie ſchön iſt dieſe Nacht,“ ſagte der Fürſt jetzt,„und doch will mich plötzlich eine finſtere, unheilsvolle Ahnung beſchleichen. Seltſam! Mir iſt es, als würde ich niemals das Glück erreichen und finden, das mir doch ſo nahe iſt. Bah, die⸗ ſer dreimal wiederkehrende Traum, der mir mei⸗ nen nahen Tod prophezeite, hat mich zum blöden Schwärmer gemacht. Poſſen! Nur die Unglück⸗ lichen glauben an Träume, und ich bin nicht mehr unglücklich! Was kümmern mich dieſe tollen Träume meines aufgeregten Blutes!“ Er ſchlug das Fenſter zu und warf ſeine Klei⸗ der von ſich. Dann begab er ſich auf ſein Lager. Vor demſelben ſtand auf einem Marmortiſche ein goldener Becher, und während der Fürſt die Hand nach demſelben ausſtreckte, theilten ſich aber⸗ mals dort im Hintergrunde die Vorhänge, und der⸗ ſelbe Kopf ſchaute, diesmal mit dem Ausdruck höchſter Spannung und Erwartung, hinein. Wäh⸗ rend aber der Fürſt trank, verwandelte ſich der Ausdruck in dem Geſichte des Lauſchenden zu der wildeſten, triumphirendſten Schadenfreude, und er ſchaute auf Lothar mit dem Blick eines Henkers, der im Begriff iſt, ſein Opfer zu erwürgen. Als der Fürſt den geleerten Becher wieder auf den Tiſch ſetzte, verſchwand der geheimniß⸗ volle Lauſcher, und Alles ward ſtill. Aber dieſe Stille dauerte nicht lange. Kaum eine Stunde war verfloſſen, als der Fürſt, gepeinigt von den entſetzlichſten Qualen auf ſeinem Lager ſich wand, und kaum noch Kraft hatte, ſeinen Dienern zu ſchellen. Sie ſtürzten herbei, entſetzt über das entſtellte, verzerrte Angeſicht ihres Herrn, der mit lallender Stimme befahl, Giſela und den Arzt an ſein La⸗ ger zu rufen. Beide kamen nach wenigen Minu⸗ ten, und als Giſela, zitternd, todesbleich, ſprach⸗ los an dem Lager ihres Freundes knieete, und ſeine ſchlaffe, kalte Hand mit ihren Küſſen bedeckte, ſchien es, als wenn ihre Nähe ihm Kraft gab, dieſe entſetzlichen Qualen zu überwinden und zu bekämpfen. Er winkte den Arzt näher zu ſich heran, und ſagte mit ruhiger, klarer Stimme:„ich befehle Ihnen, mir die unbedingte, lautere Wahrheit zu ſagen, ich befehle es Ihnen als Ihr Fürſt und Herr! Was halten Sie von meinem Zuſtand?“ Der Arzt ſchwieg eine Weile, dann ſagte er zögernd:„Er iſt eben ſo unerklärlich, als gefähr⸗ „ 5 lich! Der Puls ſetzt aus, und ich fürchte faſt, daß ein Nervenſchlag—“ „Genug, ich verſtehe Sie!“ ſagte der Fürſt leiſe.„Es geht zu Ende, in wenigen Minuten wird von Eurem Fürſten nichts mehr ſein, als eine kalte, todte Maſſe.“ „Komm her zu mir, Giſela, Du ſollſt mein Beichtvater ſein. Tretet zurück, Ihr Alle, Alle, dieſe letzten Minuten gehören meiner Freundin allein!“— Und als die Diener, mit Thränen, mit müh⸗ ſam unterdrücktem Schluchzen ſich in das Neben⸗ gemach zurückgezogen, fragte der Fürſt:„ſind wir allein, Giſela?“ „Ganz allein, mein Freund, mein Bruder,“ ſtammelte ſie unter Thränen. „So höre,“ ſagte er,„meine Minuten ſind gezählt, ich muß kurz ſein! Komm, neige Dich zu mir nieder, lege Dein Ohr dicht an meinen Mund! Ich bin vergiftet, Giſela, ich fühle es, ich weiß es, und wenn ich nicht mehr bin, wird mein Leich⸗ nam den kundigen Aerzten dies Geheimniß ver⸗ rathen! Du ſchauderſt? Mein Gott, überraſcht Dich noch irgend eine Bosheit, eine Schlechtigkeit der Menſchen? Weißt Du nicht, daß meine Ge⸗ mahlin nur dann ihre Freiheit wieder erlangt, wenn ich nicht mehr bin? Oh, ſie wird kommen, über meinen Leichnam zu weinen, ſie wird den Witwenſchleier über ihr jubelndes Angeſicht decken, — 81—*, und wenn man ihr ſagt, daß ein Mord meir Leben beendet, wird ſie, ohne zu erbleichen und 2. zu zittern, eine ſtrenge Unterſuchung befehlen Das iſt der Lauf der Welt, was ſchauderſt Du,“ Kind, da ſich doch nur Alles erfüllt, wie es muß K Höre lieber, Giſela, die Warnung Deines ſter benden Freundes! Fliehe, fliehe dieſes Land* Denn Clotilde iſt Deine Feindin, und ein böſes 2* Weib iſt ſchlimmer denn eine giftige Natter! Fliehe,* und beweine mich fern von hier. Und nun noch Eins, Giſela. Schwöre mir, meinen letzten Wil⸗ len heilig zu halten, und das anzunehmen, was„ mein Teſtament Dir bietet. Willſt Du das gelv⸗ ben, in meine Hand geloben?“ „Ich ſchwöre es Dir bei Allem, was mir heilig iſt,“ ſagte Giſela, ihre zitternde Hand in ½ die erſtarrende des Freundes legend. „Dann bin ich beruhigt,“ ſagte er mit einem 3 glücklichen Lächeln.„Dann fürchte ich nichts für 2 Deine Zukunft, denn dies Teſtament können ſie* nicht angreifen, und es erhebt Dich über alle An⸗„7 feindungen der Welt. Denn, Giſela, die Welt— verzeiht Alles dem Reichthum, dem Golde. Die Welt, die Dich zertreten und verleumdet hat, ſie wird Dich anbeten, ſie wird Dich erheben, wenn Du Gold mit vollen Händen um Dich her ſtreuſt. Du biſt rein und unſchuldig, und darum haſt Du den trotzigen Muth, das Urtheil der Welt zu ver⸗ achten; die Welt wird es Dir verzeihen, wenn Du 6 Zwei Lebenswege. III. 5 F.5 darum ſtreue Geſchenke und Geld um Dich her, erkaufe Dir die Welt mik Deinem Folde, und ſie wird, ſtatt Dir zu fluchen, Dich ſegnen!“ Seine Stimme war, während er ſo ſprach, immer ſchwächer und tonloſer geworden, und er⸗ loſch jetzt in einem leiſen Aechzen. * Eine tiefe, entſetzensvolle Pauſe trat ein, und elleicht waren es Giſela's heiße Thränen, die, Lothar's Geſicht bethauend, ihn noch einmal zu⸗ rückriefen in's Leben. K„Weine nicht, meine Geliebte,“ flüſterte er matt. Weine nicht um mich! Was kann mir Schöneres widerfahren, als in Deinen Armen, unter Deinen Thränen eine Welt zu verlaſſen, die ich haſſe, deren ich längſt überdrüßig bin! Bah, die Welt iſt ein elender Spielplatz, auf dem nur Gaukler, Lügner und Schmeichler den Preis er⸗ ringen! Wehe über Dich armes, theures Kind, daß Du verdammt biſt, unter dieſen Elenden zu kämpfen! Sie werden Dich unter ihre Füße tre⸗ ten, wenn Du nicht heucheln und betrügen kannſt, wie ſie. Fürchte die Welt, und zitternd ſchmei⸗ chele dem Verleumder, ſonſt vergiftet und zertritt er Dich! O, meine Geliebte!“— Nun noch ein leiſes Zucken, ein trampfhaftes Röcheln, ein letzter, letzter langer, ſchmerzvoller Seufzer, ein letztes Zuſammenziehen, dann ein Dehnen und Strecken aller Glieder, und die edle, — ſtolze Geſtalt begann zu erſtarren zu einer Leiche! Von dem vor einer Stunde noch ſo muthvollen, lebenskräftigen, liebehoffenden Lothar war nichts mehr übrig, als eine bewegungsloſe Maſſe, aus welcher die belebende Seele auf immer entflohen! Als die ſchnell herbei gerufenen Miniſter in das Sterbezimmer traten, fanden ſie nichts mehr, als die Leiche ihres Fürſten, neben welcher Giſela ohnmächtig zuſammengeſunken war.— In einer dunklen, kleinen Kammer lag zu dieſer Zeit Giſela's Kammerdiener auf ſeinen Knieen vor dem heiligen und frommen Pater Thomas. „Ich ertheile Dir die Abſolution für dieſe That, die vor Gott keine Sünde iſt, ſondern ein gutes Werk!“ flüſterte dieſer,„denn dieſer Lothar war ein Freigeiſt, ein Feind der Kirche und ihrer Diener, und darum mußte die Strafe ihn ereilen! Stehe auf, mein Sohn, Du haſt gebeichtet, ich ſpreche Dich frei von jeder Sünde, und zum Zei⸗ chen deß reiche ich Dir das heilige Crucifix, küſſe es und ſei erlöſt von der Sünde.“ Der Andere that, wie ihm befohlen, und ſprang dann auf.„Dank Dir, frommer Pater,“ ſagte er fröhlich,„daß Du mir ſo ſchnell die Abſolu⸗ tion ertheilt und mein Gewiſſen beruhigt haſt, denn ich geſtehe Dir, einen Augenblick war mir ganz ſchauerlich und bange geworden!“ „Nun aber, mein junger Freund,“ ſagte der Pater mit einem ironiſchen Lächeln,„laß uns 65 E— eiligſt dies Schloß verlaſſen, und folge mir ſchnell zu meinem Schlupfwinkel. Dort wirfſt Du dieſe ekelhafte Verkleidung, dieſe Livree, dieſe blonde Perücke und den blonden Bart ab, und reinigſt Dein Antlitz von der entſtellenden Bleifarbe.“ „Um dann,“ unterbrach ihn der Andere lachend, „als ſiegender Adonis in die Arme der unver⸗ gleichlich ſchönen Clotilde zu fliegen. Fort, alſo fort, dem Glücke entgegen.“ Vn. he roi est mort, vire le rei! Vierzehn lange, lange Tage hatte Clotilde ſeit jenem letzten Begegnen mit dem ſchönen Marquis de Coſenza hinſchleichen ſehen, und ihrer harren⸗ den, hoffenden Ungeduld waren dieſe Tage wie eine nimmer endende, laſtende Ewigkeit erſchienen. Täglich immer um dieſelbe Stunde zog ſie ſich zurück in ihr Bibliothekzimmer; der General S, war dieſer Grille, die ihn auf einige Stunden ſeines läſtigen Aufſeherdienſtes überhob, herzlich froh, und hütete ſich wohl, ſie in dieſer ungefähr⸗ lichen Einſamkeit zu ſtören. Auch heute hatte Clotilde ſich verzagt und muthlos in die Bibliothek begeben; kaum noch auf eine günſtige Wendung ihres Geſchickes hoffend, lehnte ſie ihr Hanpt zurück an die Lehne ihres Seſſels und weinte; ſie wußte nicht, ob aus Sehnſucht nach dem ſchönen, liebeglühenden Mar⸗ quis, oder nach der endlichen Befreiung aus die⸗ ſer Gefangenſchaft. Da begann der geheimnißvolle Schrank ſich zu regen, und plötzlich knieete ihr ſchöner, heiß erſehnter Freund vor ihr, ihre Hände mit Küſſen bedeckend, und ſie mit den zärtlichſten Namen nennend. „Iſt es geſchehen?“ fragte ſie erbleichend. „Meine göttliche Clotilde iſt Witwe und un⸗ umſchränkte Gebieterin ihres Landes,“ ſagte der Marquis, ihre Füße küſſend.„Jetzt aber, fort von hier, auf verborgenen Pfaden führe ich Dich aus dem Schloſſe. Unſere Pferde harren am Ausgange, und ehe der Morgen graut iſt Clotilde in ihrer Hauptſtadt, inmitten ihrer Getreuen.“ „Und Lothar's Maitreſſe, dieſe Giſela?“ fragte die Fürſtin. „Man wird in ihrem Zimmer einen Theil jenes Giftes finden, mit dem ſie ihren fürſtlichen Geliebten mordete,“ ſagte der Marquis mit einem grauſamen Lachen. Dann hüllte er die Fürſtin in einen vorſorg⸗ lich mitgebrachten Mantel und führte ſie hinab in den unterirdiſchen Gang. Schweigend, geſtützt von ſeinem Arm, folgte ihm Clotilde. Der Morgen dämmerte und in der fürſtlichen Reſidenzſtadt war heute eine ungewöhnliche Bewe⸗ gung. Hier und da ſtand ein Trupp Männer und Weiber flüſternd, erzählend, bei einander, und Einer rief dem Andern die Trauerkunde von dem 1 — 37 Ableben des Fürſten entgegen. Auch erzählte man ſich heimlich noch von ſchauerlicheren Dingen. Der Fürſt, hieß es, ſei an Gift geſtorben, das eine verruchte Hand ihm gereicht, und wenn man ſich angſtvoll, zitternd fragte, wer eine ſo entſetzliche That könnte begangen haben, ſo flüſter⸗ ten Einige, ſcheu um ſich blickend, den Namen: Clotilde! Andere, mit beherzteren Mienen, ſagten laut: Giſela! W Von den Thürmen hernieder begann jetz feierliche Geläute der Trauerglocken, und das ſich in immer größeren Haufen zuſammenrotte 3 eilte dem Schloſſe zu, deſſen Pforten geöffnet waren, um Zedem den freien Eintritt zu geſtatten, damit er die Leiche des Fürſten ſehe und über ihr weine. Unter den Haufen aber gingen geſchäftig und thätig die Anhänger und Diener der Fürſtin Clotilde umher. Sie waren es, die am lauteſten klagten und weinten über den Tod des geliebten Fürſten, die am heftigſten der Hand fluchten, welche ihm den Gift⸗ becher gereicht, die am keckſten Giſela als die Mör⸗ derin bezeichneten. Und die Maſſe, dieſem Im⸗ pulſe folgend, weinte und klagte um den geſtor⸗ benen Fürſten, und fluchte der Giftmiſcherin Gi⸗ ſela. Nur Schluchzen und Klagen, Verwünſchun⸗ gen und Jammern erſchallte zu dem feierlichen Geläute der Glocken, als plötzlich der Ruf ertönte: Platz da, die Fürſtin kommt! 5— Sie kam daher geſprengt auf ſchäumendem Roſſe, ihre Wange von jugendlicher Röthe angehaucht nach dem langen, anſtrengenden Ritt, ihre Augen blitzend in ſtolzem Triumph, ein wehmüthig freund⸗ liches Lächeln um die Lippen. Der lange Ritt, der Triumph, die Freude über ihre endliche Befreiung ſchien ihr einen Theil ihrer Jugend wiedergegeben zu haben, und wer ſie ſo hoch und ſtolz zu Roß daher kommen mußte erſtaunen über ihre ſtolze, jugendliche 3 önheit. etzt brachen Clotildens Anhänger in ein lautes Jubelrufen aus. Dieſelben Augen, die eben noch Thränen um den Verſtorbenen geweint, glänzten jetzt in Freude, dieſelben Lippen, die eben noch zu Klagen ſich geöffnet, ſtrömten jetzt über von Jubel und Vivat, und das Volk, in ſeiner leicht beweg⸗ lichen Kindernatur, ſtimmte bald ein in den Freu⸗ denruf: Vivat Clotilde, unſere edle Herrin! Der Fürſt iſt todt, es lebe unſere Fürſtin! Clotilde dankte mit freundlichem Grüßen und Neigen, und ſprengte durch die Reihe dahin, dem Schloſſe zu. Hier ſchwang ſie ſich, ehe noch der Marquis de Coſenza Zeit gehabt, ihr den Bügel zu halten, vom Pferde, und eilte in das Schloß, und in das Schlafgemach ihres Gemahls. Laut weinend warf ſie ſich über die Leiche, in Klagen ausbrechend. Oh, welche ſchönen, ergreifenden Worte tönten von ihren Lippen, wie unendlich hatte ſie den Todten geliebt, mit welcher ſanften Ergebung ver⸗ zieh ſie ihm ſeine Härte und Grauſamkeit, und nannte ihn wieder und immer wieder ihren Freund, ihren Geliebten. Und die Augen aller Anweſenden füllten ſich mit Thränen, Zeder fühlte ſich gerührt von dem tiefen Schmerz dieſer fürſtlichen Witwe, die eben einen Kuß auf die Lippen des Todten drücken wollte, als der Leibarzt Lothar's ſie heftig rückzog. „Durchlaucht, es iſt gefährlich dieſe Lip zu küſſen,“ ſagte er leiſe. „Gefährlich?“ fragte die Fürſtin, laut genug, um von Jedermann verſtanden zu werden.„Was bedeutet dies? Sie ſchlagen die Augen nieder, Doktor. Ich befehle es Ihnen, die Wahrheit zu ſagen, laut und vernehmlich, denn wir haben kei⸗ nes Menſchen Ohr zu fürchten.“ „Wenn nicht alle Anzeichen trügen,“ ſagte der Arzt feierlich,„ſo iſt Sr. Durchlaucht unſer Fürſt vergiftet!“ „Vergiftet!“ rief die Fürſtin, die Arme gen Himmel erhebend, mit herzzerreißendem Jammer⸗ ton. So ſtand ſie lange, wie verſteinert, ſprach⸗ los da.„Und wer, wer beging dieſe entſetzliche That?“ fragte ſie dann in ſich zuſammenſchau⸗ dernd.— Niemand antwortete.—„Wer war zuletzt in ſeiner Geſellſchaft? Mit wem unterhielt — 90 er ſich zuletzt vor ſeiner Krankheit? In weſſen Gegenwart aß er zuletzt?— Zſt Niemand da, mir Antwort zu geben?“ Der dienſtthuende Kammerherr trat vor und berichtete, daß der Fürſt die letzten Stunden bei Giſela zugebracht, mit der er auch gemeinſchaftlich ſein Souper eingenommen. „Man eile ſofort, ſie zu verhaften, man durch⸗ e ihre Zimmer,“ befahl die Fürſtin. Und als iener, die Miniſter und Herren zu zaudern nen, ſagte ſie mit ſtrengem, gebieteriſchen Ton: ich, die unumſchränkte Herrin und Souverainin dieſes Landes, ich befehle es Euch!“ In dieſem Augenblicke ward eine Seitenthür geöffnet, und Giſela trat, ſtolz aufgerichtet, aber todesbleich, in das Gemach. Ein allgemeiner Ausruf des Staunens, der Ueberraſchung ward hörbar, während Giſela, die Augen unverwandt auf die Fürſtin geheftet, ſtolz daher ſchritt und ſich neben die Leiche ſtellte. „Hier bin ich,“ ſagte ſie mit lauter, kräftiger Stimme,„hier bin ich! Ich hörte im Nebenge⸗ mach Ihre Befehle, Durchlaucht, und weil ich un ſchuldig bin, fürchte ich nicht dieſen Befehl, der meine Verhaftung gebot. Ich bin bereit, mich jeder Prüfung zu unterwerfen! Wehe aber denen, welche es wagen mich dieſes Mordes an meinem einzigen, geliebten Wohlthäter und Freunde fähig zu halten. O Lothar, ſo ſchnell müſſen ſich Deine Worte erfül⸗ 91— len!“ ſeufzte ſie, ſich über die Leiche neigend.„Aber fürchte nichts, verklärter Geiſt, Deine Freundin wird ſich Deiner würdig zeigen! Sie wird muthig dieſem neuen Schreckniſſe entgegen gehen, und un⸗ gebeugten Hauptes im Gefühl ihrer Unſchuld un⸗ ter der Laſt dieſer entſetzensvollen Verleumdungen einher ſchreiten.“ Dann richtete ſie ſich empor und ſagte ruhig: „thun Sie, Durchlaucht, was Sie für Ihre Pfli erkennen. Meine Fflicht iſt, dieſem neuen S niſſe nicht auszuweichen!“— Bei der in Giſela's Zimmern vorgenommenen Unterſuchung fand man in ihrem Boudoir in einem geheimen Fache ihres Bureaus eine halb geleerte Phiole, deren Inhalt die Aerzte für ein tödtliches Gift erklärten, und dieſer Umſtand war ein ge⸗ nügender Grund, Giſela einer ſtrengen Haft zu unterwerfen. Fürſtin Clotilde aber hüllte ihre Freude und ihren Triumph in ihren Witwenſchleier und ſchwur, den Tod ihres ermordeten Gemahls an ſeiner Mörderin zu rächen. VIII. Sie iſt unſchuldig. So war denn Giſela eine Gefangene, ange⸗ klagt eines ſchmählichen Verbrechens, auf's neue belaſtet mit Verleumdungen und böswilligen Vor⸗ ausſetzungen, auf's neue ein willkommener Spiel⸗ ball für die Welt! Wenige nur gab es, die an Giſela's Unſchuld glaubten, und dieſe Wenigen wagten es nicht, ihre Stimme zu erheben, und dem Anathem, das die regierende Fürſtin ſelbſt gegen Giſela ausge⸗ ſprochen, zu trotzen, und wenn dieſe Wenigen in der Stille Giſela beklagten, erhoben die Vielen, von denen ſie angeſchuldigt ward, deſto lauter ihre Stimmen, um ſie zu verwünſchen und anzuklagen. Diejenigen, die Giſela näher fannten, die erſten Diener und Vertrauten des Fürſten Lothar, wagten es aber um ſo weniger für Giſela zu ſprechen, als ihr Verhältniß zum Fürſten die na⸗ türliche Folge hatte, daß ſie unter der neuen Herr⸗ ⸗ ſchaft mit mißtrauiſchen Augen betrachtet und beob⸗ achtet wurden, und eine Parteinahme für Giſela zugleich als eine Parteinahme gegen die Fürſtin erſchienen ſein würde. Die öffentliche Meinung, von der mächtigen Partei der Fürſtin geleitet, die öffentliche Mei⸗ nung, dies Schaffot, auf dem ſchon mancher Edle und Unſchuldige verblutet und geopfert ward, die öffentliche Meinung hatte Giſela gerichtet, bevor ſie noch von den Geſetzen verurtheilt n den, war ſie von dieſer gefährlichen und ſtrenge Richterin gerichtet! Giſela ſelbſt kümmerte dies wenig. Dieſer letzte Beweis von der Kleinlichkeit und Nichtigkeit der Welt hatte ſie endlich gelehrt die Welt und die Menſchen zu verachten, und alle Liebe für die⸗ ſelbe auf immer aus ihrem Herzen zu reißen. Sie hörte mit kalter Ruhe die gegen ſie er⸗ hobenen Anklagen und Beſchuldigungen, und nur als man ihr das in ihrem Bureau gefundene Fläſchchen zeigte, warf ſie auf die Fürſtin einen einzigen durchbohrenden, ſtolzen Blick, einen Blick, vor dem Fürſtin Clotide unwillkürlich das Auge ſenkte. Giſela lächelte, als ſie dies ſah, und richtete ſich höher auf, wie gehoben von ihrem innern Be⸗ wußtſein. Niemals, während dieſer langen, pein⸗ vollen Tage ihrer Gefangenſchaft, hörte man eine Klage, einen Seufzer der Ungeduld von ihren — 94 Lippen; ſtill und ergeben, mit feſter Haltung und lächelnder Geduld, ja, mit einer Art Mitleiden gegen die, welche ſie beſchuldigten, ertrug ſie das Peinvolle ihrer Lage, und in ihrer Seele ſchien nicht Raum zu ſein für irgend ein anderes Ge⸗ fühl, als das des Kummers über den Verluſt ihres Freundes Lothar. Und dieſer Kummer war von ſo tiefer, bewältigender Art, daß ſie darüber oft ihre eigene unglückliche Lage ganz vergeſſen konnte, ch nur ihres unerſetzlichen Verluſtes zu er⸗ „um, ganz der Erinnerung hingegeben, tunden lang in einer Art Hallucination Träume und Geſichte der Vergangenheit und des Zuſam⸗ menlebens mit ihm in wechſelnden Bildern an ſich vorüberziehen zu laſſen. Aber dieſe reine und heilige Schweſterliebe, welche ſie für Lothar gehegt, verklärte auch ihren. Schmerz mit himmliſcher Sanftmuth und wohl⸗ thuendem Frieden. Es war der reine, von allem Sinnlichen abgelöſte Seelenſchmerz, der, ihre Au⸗ gen mit Thränen füllend, doch ſüßen Troſtes und heiligen Friedens voll ſich zeigte. Und dieſer ſanfte, tiefe Schmerz war es, der 5 ihr ganzes, ſonſt ſo glühendes, feuriges Weſen zu einer rührenden Sanftmuth und Ergebung wandelte, und ihr holdes, bleiches Antlitz mit einem Ausdruck göttlicher Ruhe verklärte, die auf Alle, welche ſie ſahen, einen unbeſchreiblichen, tief er⸗ greifenden Eindruck hervorbrachte. Giſela hatte abgeſchloſſen mit der Welt, ſie hatte es gelernt, nicht mehr auf Glück zu rechnen, und deshalb hoffte ſie auf den Tod, der ihr nun als der einzige, Ruhe bringende Freund erſchien. Ueberzeugt, daß der Haß der Fürſtin nur mit ihrem Tode befriedigt werden könnte, bereitete ſie ſich vor, dieſem würdig und unerſchütterlichen Muthes entgegen zu gehen. Ach, und was hatte die Welt, der einſt ihr ganzes Herz ſo warm entgegen geſchlagen, was hatte dieſe ihr nun noch zu bieten, nachdem ſie alle ihre Hoffnungen zertreten, alle Blüthen ihres Vertrauens und ihrer Jugend gebrochen? Sie fühlte ſich ſchon, wie der Erde entrückt, weit, weit hinter ihr lagen die Bilder des Glückes und der Welt, die ſie einſt umgaukelten, weit hinter ihr alle Träume und verlockende Zuflüſterungen. Zum Leben, zur Wirklichkeit erwacht, wandte ſie ſich ſchaudernd ab von einer Welt, die ihr nichts mehr zu bieten hatte, als Ekel und Ueberdruß. Aber während Gifela ſich ſo zu dem großen Tage der Entſcheidung vorbereitete, waren Um⸗ ſtände eingetreten, die auf ihr Geſchick von bedeu⸗ tendem Einfluſſe ſein mußten. Die Verhandlun⸗ gen vor den Aſſiſen hatten begonnen, und Giſela's Anwalt, der geſchickteſte und berühmteſte Advokat des Landes, hatte mit begeiſterten Worten, und mit jenem Freimuth, der ihn auszeichnete, Giſela's Vertheidigung übernommen. ———————— —————— e Einſt von Giſela durch ihre Fürſprache beim Fürſten zu einem ehrenden Amte berufen, ließ er es jetzt ſeine heilige Sorge ſein, die Schuld der Dankbarkeit abzutragen. Mit hinreißender Bered⸗ ſamkeit wußte er Giſela's Verhältniß zum Fürſten zu ſchildern, rührende und tief ergreifende Schil⸗ derungen ihrer Wohlthätigkeit, ihres edlen Sinnes zu entwerfen, und als er ſeinen langen, begeiſter⸗ ten Vortrag geendet, ſah man die Wirkung deſſel⸗ ben in den von Thränen befeuchteten Augen der Zuhörer auf den Tribünen. Jetzt ging der Redner über zu einer genauen Prüfung der letzten Stnuden des Fürſten. Er wußte durch Zeugen zu beweiſen, daß der Fürſt an jenem unheilvollen Tage gar nicht zur Nacht gegeſſen, daß er nach einem langen Zwiegeſpräch mit Giſela, ſichtlich aufgeregt, dem dienſtthuenden Kammerherrn befohlen, das Souper nicht auftra⸗ gen zu laſſen. Darauf war er, rüſtig und ſchnell wie immer, in ſeine Gemächer gegangen, hier hatte man ihn noch lange ſchnell auf und ab ſchreiten und mit ſich ſelber ſprechen gehört. ZJetzt ſprach der An⸗ walt von der Gewohnheit des Fürſten vor dem Schlafengehen, einen, von ſeinem Leibarzt verord⸗ neten, beruhigenden Nachttrunk zu nehmen. Auch jenen Abend war er vermuthlich dieſer Gewohnheit treu geblieben. Wo aber war der goldene Becher, aus dem er dieſen Nachttrunk zu nehmen pflegte, hin gekommen? Man hatte ihn vergeblich überall geſucht, wo war er? Bei dieſer Frage trat der Leibarzt des Fürſten aus dem Kreiſe der Zuhörer hervor, den Becher in der Hand. Er hatte, die ſchauerliche Todesart des Fürſten erkennend, jenen Becher, auf den der Sterbende mit bedeutungsvollen Blicken hingewieſen, an ſich genommen, und es war ihm aufgefallen, daß der Grund deſſelben ſich nicht wie ſonſt, golden und hell, ſondern geſchwärzt und finſter gezeigt hatte. In dieſem Zuſtande legte er ihn jetzt den Richtern vor. Chemiker wurden herbeigerufen, und er⸗ klärten nach einer genauen Analhſe jenen im Be⸗ cher enthaltenen Bodenſatz für den metalliſchen Bodenſatz eines ſchnell tödtenden, gefährlichen Gif⸗ tes, deſſen Wirkung ſo plötzlich und unmittelbar, daß, hätte er es ſchon aus Giſela's Händen em⸗ pfangen, er unmöglich ohne Schmerzen ſeine Ge⸗ mächer hätte erreichen und in denſelben auf und ab wandeln können. Auch ergab eine weitere und genaue Analyſe, daß die bei Giſela gefundene Phiole nur theilweiſe dieſelben giftigen Beſtand⸗ theile enthalte, wie der im Becher befindliche Bo⸗ denſatz. Der Umſtand alſo, daß Giſela im Be⸗ ſitze eines Giftes, konnte nun nicht mehr genügen, ihre Schuld zu beweiſen. Zetzt ward die Frage aufgeworfen, wer den Becher in das Schlafgemach des Fürſten getragen? Der Kämmerer trat vor, bleich und zitternd, um zu berichten, daß er ſelber Zwei Lebenswege. II. 7 — 98 jenen Abend, wie immer, den Becher hingeſetzt.— War Niemand nach ihm in jenem Zimmer geweſen? Der Kämmerer erwiederte nach kurzem Beſinnen, daß allerdings noch nachher Jemand in dem Zim⸗ mer geweſen, nämlich Giſela's Kammerdiener, der Italiener Giuſeppo, der auf Befehl des Fürſten ein Portefeuille von dem Nachttiſche des Fürſten, auf welchem daſſelbe ſonſt immer zu liegen pflegte, geholt habe. Ja, der Kämmerer entſann ſich jetzt, daß, während er noch im Gemach ordnend umher⸗ gegangen, das längere Verweilen des Italieners an jenem Tiſch ihm aufgefallen, aber natürlich nicht zu weiterem Argwohn ihm Anlaß gegeben. Der Italiener ward aufgerufen, ſich zu ſtellen. Er war nirgends zu finden. Niemand im Schloſſe hatte ihn ſeit jener verhängnißvollen Nacht geſehen. Die Sitzung ward aufgehoben, und die geheimen Feinde der Fürſtin wollten in ihrem Antlitz und in dem ihrer nächſten Vertrauten den Ausdruck der Unruhe und Beſtürzung gewahrt haben. Eine genaue Nachforſchung nach dem ſo geheim⸗ nißvoll verſchwundenen Italiener begann nun, Steck⸗ briefe und Signalements wurden nach allen Ge⸗ genden ausgeſandt, und über dieſem Forſchen und Erkunden vergingen wiederum Wochen. Aber auch dieſer Umſtand ſollte zu Giſela's Gunſten ſich geſtalten. Das Volk, aus ſeinem kurzen Freudentaumel erwacht, ſah mit Schrecken, wie viel ſchwerer und — 99— 6 drückender die milde, weiche Hand der Fürſtin auf ihm ruhte, als die ſtrenge und gerechte Hand des Fürſten. Willkür und Schwanken war an die Stelle der früheren Gerechtigkeit getreten; die Für⸗ ſtin, ihre Leidenſchaft für den ſchönen, plötzlich wie aus der Erde hervorgetauchten Marquis de Coſenza nicht verbergend, ſondern ſich derſelben mit ſchamloſer Rückſichtsloſigkeit überlaſſend, zeigte ſich ganz abhängig von dem Willen dieſes Frem⸗ den und ihres wiedergekehrten Beichtvaters, des Paters Thomas. Dieſe Beiden waren es, die nun das Land beherrſchten, die willkürlich die Beamten entſetzten, und ihre Creaturen oder diejenigen Reichen, von denen ſie mit Golde beſtochen worden, an die er⸗ ledigten Stellen beförderten, die in übermäßiger Verſchwendung Gelder verſchleuderten, welche ſie durch immer neu aufgelegte Steuern den Unter⸗ thanen der Fürſtin erpreßten. Bald war die Urzufriedenheit, der Mißmuth allgemein, und dieſe Stimmung gegen die Fürſtin konnte nur zu Giſela's Gunſten dienen. Schon begann man, minder leiſe und ängſt⸗ lich zu flüſtern, daß Fürſtin Clotilde vielleicht ſelbſt jenen Mord vollführt, daß ſie jenen Italiener ge⸗ dungen und ihn nun im ſicheren Verwahrſam gegen alle Nachforſchungen ſchütze; ſchon empfing der er⸗ bitterte Pöbel den ſchönen Marquis und den Pater Thomas, wenn ſie auf der Straße ſich zeigten, 7 — 100 mit lauten Schmähreden, und blickten nur finſter und grollend, ohne ſie, wie ſonſt, freudig zu be⸗ grüßen, auf die Fürſtin. Gleich einer ſchweren Wolke lag die Unzufrie⸗ denheit, der Mißmuth auf allen Geſichtern, und Clotilde war Weib genug, mindeſtens der Angſt, der Furcht zugänglich zu ſein, um ſo mehr, als ihr ſchöner Liebling, der Marquis, in feiger Verzagtheit vor einer möglichen Entdeckung zitterte, und ſeine geliebte Clotilde mit finſtern und grau⸗ ſamen Drohungen im Falle der möglichen Ent⸗ deckung plagte. Oh, welche entſetzliche Stunden hatte Clotilde nun neben dem ſchönen Marquis zu verleben, und welche Qualen der Angſt empfand ſie ſelber, wenn ſie, durch die Straßen dahin fahrend, überall nur finſtern, drohenden Geſichtern begegnete, nirgends mehr den gewohnten Gruß der Liebe, der Anhäng⸗ lichkeit empfing. Ihre rege Phantaſie, ihr geäng⸗ ſtetes Gewiſſen malten ihr alle Schreckniſſe einer Revolution, alle Grauſamkeit des wuthentflammten Pöbels. Sie zitterte Nachts auf ihrem Lager vor jedem Geräuſch, vor jedem Schritt herannahender Menſchen. Dieſe Qual, dieſe Angſt war nicht zu ertragen! Etwas Entſcheidendes mußte geſchehen, ſich die Gunſt des Volkes wieder zu gewinnen, und den Verdacht, eine Mitwiſſerin des an ihrem Gemahl verübten Mordes zu ſein, von ſich abzulenken. — Des Marquis Drohungen, ſie, im Falle er ſelber entdeckt würde, als Anſtifterin anzugeben, konnten nur dazu dienen, ſie in ihrem Beſchluß zu beſtär⸗ ken, und ſo ſiegte die Angſt und Gewiſſensunruhe bei ihr ſelbſt noch über das Gefühl der Rache gegen Giſela. Sie ſelber eilte zu Giſela, ſie beſchwörend, zu entfliehen, ſie ſelber ebnete ihr alle Wege zur Flucht, und forderte dieſe Flucht als eine Art Gnade. Aber all ihr Flehen war umſonſt, Giſela er⸗ klärte, lieber ſterben zu wollen, als durch ihre Flucht dem Verdachte und der Verleumdung neue Nahrung zu geben. Vergebens, vaß die Fürſtin ſie mit heuchleriſchen Thränen beſchwor, ſich durch dieſe Flucht dem gewiſſen, dem unvermeidlichen Tode zu entziehen, Giſela erklärte mit einem ſanf⸗ ten Lächeln, ſie ſei bereit zu ſterben, und werde noch auf dem Schaffot ihre Unſchuld beſchwören. Vergebens, daß die Fürſtin ihr Reichthümer und Schätze bot, ſie lächelte nur verächtlich dazu und erwiederte nichts. Giſela war unbeugſam, und ein anderes Aus⸗ kunftsmittel mußte erſonnen werden. Pater Tho⸗ mas war bereit und geſchickt dies zu finden, und als die angeſetzte Friſt verſtrichen, als die Jury und Richter ſich verſammelten, um heute den Pro⸗ zeß zu Ende zu bringen, als die Tribünen gefüllt waren von Damen und Herren, als der Anwalt Giſela's wiederum ſeine Frage erhob nach dem 9 verſchwundenen Kammerdiener Giſela's, dem Ita⸗ liener Giuſeppo, trat plötzlich und unerwartet die Fürſtin ſelber in den Saal, gefolgt von ihren Damen. Mit ſtolzer Würde ſchritt ſie unter dem athem⸗ loſen Schweigen der Menge zu den Schranken, und ſagte mit lauter, feſter Stimme:„ich, die Fürſtin und Souverainin dieſes Landes, die Ge⸗ mahlin des verſtorbenen Fürſten Lothar, erkläre die Angeklagte, Giſela von Waidmann, für un⸗ ſchuldig, denn nicht ſie war es, welche das Gift in jenen Becher miſchte, ſondern der Fürſt ſelber. Er fiel durch ſeine eigene Hand. Hier, dies Pa⸗ pier möge Euch als Beglaubigung dienen. Ich befehle Ihnen, es dieſer Verſammlung vorzuleſen.“ Sie reichte dem Präſidenten ein zuſammenge⸗ faltetes Papier dar, und nahm dann den für ſie bereit geſtellten Seſſel ein. Der Präſident entfaltete das Papier, und ſo ſtill war es, daß in den entfernteſten Ecken des Saals das Kniſtern des Papiers unheimlich laut ertönte.„Es iſt die Handſchrift unſeres allgelieb⸗ ten, betrauerten Fürſten Lothar,“ ſagte der Präſi⸗ dent, die Schrift aufmerkſam prüfend,„und hier daneben ſein Handſiegel.“— Er reichte das Blatt den beiſitzenden Richtern, und Alle erklärten, dies ſei die echte, unverkennbare Handſchrift des Für⸗ ſten, Niemand, als er ſelber, könne dieſe Zeilen geſchrieben haben. 0 „So leſen Sie den Inhalt,“ befahl die Für⸗ ſtin, und der Präſident las: „Damit Niemand eines Mordes an meiner fürſtlichen Perſon beſchuldigt werden könne, erkläre ich, daß ich, Lothar, Fürſt dieſes Landes, geſonnen bin, mir ſelber den Tod durch Gift zu geben. Müde dieſer Welt, müde einer Menſchheit, die in ihrer Niedrigkeit und Kleinlichkeit es nicht werth iſt, ihr die beſten und edelſten Kräfte meiner Seele zu opfern und an ſie mein Wohlwollen zu ver⸗ geuden, müde einer Liebe, welche nicht mehr meine Tage auszufüllen vermag, und mich doch noch vor wenigen Wochen beglückte, müde endlich der Vor⸗ würfe meines Gewiſſens, das mich um meiner Gemahlin willen verklagt, müde aller dieſer Dinge, ſcheint mir das Grab eine willkommene Stätte. Niemand wage es, mich zu tadeln, weil ich ſie aufſuche. Geſchrieben wenige Minuten vor mei⸗ nem Tode. Lothar.“ Tiefe Stille trat ein, nachdem der Präſident dieſe Worte geleſen, dann ſagte die Fürſtin:„dies Papier fand ich in dem Bureau des Fürſten, als ich heute in demſelben nach einem Papier ſuchte. Es war durch eine Spalte in dem Holze in ein geheimes, nur mir bekanntes Fach gefallen, und hier entdeckte ich es. Da nun aber, laut dieſes von des Fürſten eigener Hand geſchriebenen Bekenntniſſes Niemand als der Fürſt ſelber an ſeinem Tode die Schuld trägt, ſo erkläre ich, kraft meiner Herrſcherwürde, dieſe gegen das Fräulein Giſela erhobene Unterſuchung für aufgehoben, und befehle, die Angeklagte ſofort in Freiheit zu ſetzen. Sie iſt unſchuldig.“ Eine lange, feierliche Pauſe folgte, dann rief Alles, wie aus Einem Munde:„Es lebe Clotilde, unſere gerechte Fürſtin! Sie lebe hoch!“ Und wie Clotilde, anmuthig lächelnd, dankte, wie ſie der unbeweglich daſtehenden, tief verſchleier⸗ ten Geſtalt Giſela's ſich näherte, wie ſie mit ſtrö⸗ menden Thränen Giſela umarmte, und mit lauten, rührenden Worten ſie um Vergebung bat für die⸗ ſen finſtern, unheilsvollen Verdacht, da ſchien der Enthuſiasmus keine Grenzen mehr zu kennen. Man weinte, man ſchluchzte, man rief des Himmels Segen herab auf das theure Haupt der edlen Für⸗ ſtin, die mit unnachahmlicher Grazie alle dieſe Huldigungen empfing und ſich immer wieder mit holden, verſöhnenden Worten an Giſela wandte. Dieſe allein blieb kalt und ungerührt. Sie zog den ſchwarzen Schleier feſter über ihr Geſicht, aber ihre Augen blitzten durch denſelben hindurch mit zornigem Leuchten auf das heuchleriſche Weib, deſſen Liſt ſie allein ſofort durchſchaute. 4 Sdie war ſtumm all dieſen rührenden Worten der Fürſtin gegenüber, und als Clotilde jetzt Gi⸗ ſela's Hand ergriff und ſie an ihren Buſen drückte, entzog ſie ihr ungeſtüm dieſe Hand, und wandte ſich ſchaudernd ab. — Dieſe Scene däuchte ihr ein entſetzlicher Hohn aller edlen menſchlichen Regungen, und nie waren ihr die Menſchen, war ihr die Welt verächtlicher erſchienen, als in dieſem Moment, wo ſie ein heuch⸗ leriſches Spiel treiben ſah mit dem heiligen An⸗ denken eines Verſtorbenen. Während die Fürſtin jetzt hinaus trat unter das Volk und Hände voll Geld unter daſſelbe ſtreute, während Alles jauchzte und jubelte und die edle, gerechte Fürſtin pries, eilte Giſela unbemerkt, unbeachtet zu ihrem Wa⸗ gen und ließ ſich hinaus fahren in ihre Villa, wo ihre erſtaunten Diener ſie mit lautem Frenden⸗ geſchrei empfingen. Giſela winkte ihnen ſtill zu ſein und zog ſich in ihr Bondoir zurück. Hier warf ſie ſich in ent— ſetzlicher Qual nieder zur Erde und weinte laut. Sie war frei, ſie war unſchuldig befunden, aber ſie dankte dies Alles einem elenden, niedrigen Poſſenſpiel, einer Frevelthat an dem Todten, und jetzt, jetzt zum erſten Male, drang von ihren zit⸗ ternden, zuckenden Lippen die erſte Verwünſchung gegen die Welt, fluchte ſie dieſer heuchleriſchen, betrügenden und betrogenen Menſchheit, und fand ſie in ihrem Herzen einen tiefen, unauslöſchlichen Haß gegen dieſe Welt und dieſe Menſchen. Dies Empfinden aber that ihr wohl, ſchien ihr ein neues Band, das ſie dem Andenken ihres Freundes Lothar vereinte; wie er, hatte ſie der Hoffnung, dem Vertrauen, dem Glücke entſagt, — 106— wie er, hatte ſie nur Haß und Verwünſchung ge⸗ gen die Welt, die ihr keine Täuſchung, keine Illu⸗ ſionen mehr zu bieten vermochte. Seine Prophe⸗ zeihung war endlich wahr geworden, ſeine Ver⸗ heißungen hatten ſich endlich erfüllt, und mit ihrem Herzen abgelöſt von der Welt, fühlte ſie ſich troſtlos, vereinſamt inmitten der Welt und der Menſchheit. Nach Stunden unendlicher Qualen, namenloſen Jammers, richtete ſich Giſela auf, ermattet, todes⸗ bleich. Ein feſter Entſchluß war in ihr zur Reife gelangt, und Giſela eilte ihn auszuführen. Sie befahl ihren Dienern ſogleich in der Stadt Poſt⸗ pferde zu beſtellen, ſie ſchrieb an ihren Anwalt und übertrug ihm die Leitung ihrer Angelegenheiten, die Verwaltung ihres großen, vom Fürſten ihr teſtamentariſch vermachten Vermögens, ſie trug ihm auf, ihr eine beſtimmte Summe Geldes poste restante nach Wien zu ſenden, und legte für ihn ſelber ein bedeutendes Geldgeſchenk bei. Dann wählte ſie unter ihren Kleidern die einfachſten, an⸗ ſpruchsloſeſten, und befahl ſie mit einigen andern in den Reiſekoffer zu packen. Die reichern Kleider, die koſtbaren Schmuckſachen gab ſie ihrer Kammer⸗ frau, die weinend um die Gunſt flehte, Giſela auf ihrer Reiſe begleiten zu dürfen. Giſela ſchüttelte verneinend das Haupt, und ſagte dann mit einem traurigen Lächeln:„Niemand, als meine Erinnerungen dürfen mich begleiten!“ — Jetzt hörte man vom Hofe herauf das Blaſen des Poſtillons, die Diener und Dienerinnen, die Alle niemals an der Unſchuld ihrer geliebten Herrin gezweifelt, und jeden Tag ihrer endlichen Befreiung und Losſprechung geharrt, weinten und ſchluchzten laut. Die alte Hedwig lag betend auf ihren Knieen, und flehte dann unter ſtrömenden Thränen zu Gi⸗ ſela, ihr mindeſtens den Ort zu ſagen, wohin ſie reiſe, damit ihre Gedanken ſie begleiten könnten. Giſela ſagte:„weiß ich denn ſelber, gute Hed⸗ wig, wohin ich gehe? Kann nicht morgen ſchon irgend eine Gefängnißthüre ſich öffnen, um mich, als eines Verbrechens Angeklagte, aufzunehmen? Wer kann denn hienieden wiſſen, wohin die nächſte Stunde ihn führen wird?“ Dann zog ſie ſich noch einmal in ihr Boudoir zurück, und ſchrieb mit ſchneller, feſter Hand:„Lebe wohl, mein Vater, lebe wohl, Bernhard! Ich bin nicht mehr gefangen, und ſie ſagen, ich ſei un⸗ ſchuldig. Mir graut vor dieſer Welt, und ich hätte den Tod freudig begrüßt! Weil ich unſchul⸗ dig bin, hat man mich verdammt zu leben, auf's neue unter die Menſchheit zu treten, auf's neue meine Bruſt ihren Pfeilen, ihren Dolchen darzu⸗ bieten, auf's neue mich zertreten, zerfleiſchen zu laſſen! Weil ich unſchuldig bin, hat man mich aus der friedlichen Stille meines Gefängniſſes ent⸗ laſſen, um mich wieder hinaus zu ſtoßen unter meine Feinde, die Menſchen. Meine Miſſion iſt — 108— alſo noch nicht vollendet, ich ſoll alſo noch wieder leiden, wieder unterliegen, ſoll alſo wieder noch Zeugniß ablegen für die Leidensfähigkeit meiner armen zertretenen Seele! O mein Gott, mit zer⸗ ſchlagener Bruſt, mit wunden Füßen, ächzend un⸗ ter der Laſt meiner Erinnerungen, ſoll ich auf's neue durch die Welt gehen, das Damokleiſche Schwert ſtets über mir fühlend, ſtets ſeines Herab⸗ fallens gewärtig ſein? Den giftigen Dolch der Weltverachtung in meiner Bruſt, ſoll ich neue Qualen durchlaufen, um in der Berührung mit der Welt dieſen unheilsvollen Dolch immer tiefer in meine Bruſt einzubohren, ihn immer verheeren⸗ der, immer qualvoller in meinem Fleiſche wühlen zu laſſen? Iſt das meine Beſtimmung? Kannſt Du das wollen? Ich ſehe Dich, wie Du mit traurigem Seufzen, aber unerſchütterlich ein feſtes: „Ja!“ mir entgegen rufſt!— Wohlan denn, Du ſollſt Dich in Deiner Tochter nicht getäuſcht haben! Ich fühle in mir den Muth, auf's neue zu leiden und zu kämpfen, und meiner Miſſion getreu, wie⸗ derum das Panier hinaus zu tragen in die Schlacht, das Panier, auf dem die blutgetränkten Worte ſtehen:„Thue Recht, und ſcheue Niemand.“ Es iſt mein Blut, das an dieſen Worten klebt, mein Blut, das die Welt vergoſſen hat zur Be⸗ ſiegelung dieſer Worte! O gönne mir mindeſtens Zeit, dieſe Wunden, welche die Welt mir geſchla⸗ gen, verharrſchen zu laſſen, gönne mir Zeit, fern 109— von den Menſchen, fern von Euren Städten auf weichem Mooſe auszuruhen von der Welt, Zeit, um meine Seele von dieſen Ruthenſchlägen der Qual zu heilen! Es wäre feig und Deiner un⸗ würdig, wollte ich muthlos dem Tode mich ſelbſt in die Arme werfen. Nein, Bernhard, fürchte dies nicht! Ich werde Deiner Lehren würdig ſein! Nur gönne mir Ruhel Die Welt iſt ſo groß, laß mich in ihr ein Plätzchen ſuchen, wohin das Geräuſch der Welt nicht dringt, wo keine Men⸗ ſchen, keine heuchleriſchen, trügeriſchen Menſchen, wo der Friede der Natur mich lind umweht. Die Welt iſt groß, laß mich in ihr ein kleines Fleck⸗ chen ſuchen, wo Niemand außer Gott und der Natur meine Thränen ſieht, und dann, wenn ich ausgeweint, will ich zurückkehren zu den Menſchen, um unter ihnen mir Stoff zu neuen Thränen zu ſuchen! Lebe wohl!“— Und jetzt, nachdem ſie dieſen Brief vollen⸗ det und ihn Hedwig zur Beſorgung übergeben, hüllte ſie ſich in ihren Mantel und verließ feſten Schrittes ihre Gemächer, um zum harrenden Wa⸗ gen hinab zu gehen. Weinend, ſchluchzend ſtan⸗ den ihre Diener auf dem großen Hausflur, und als Giſela jetzt die breiten Stiegen hinabſchritt, erinnerte ſie ſich jenes Momentes, als ſie an der Hand des Fürſten dieſe Stiegen hinunter ging, um, ſeiner Warnung ungeachtet, zur Trauung mit dem Baron Walther zu fahren. — 110— Hier, an dieſer Stelle war es, wo der Myr⸗ thenkranz von ihrem Haupte fiel, dort ſtanden, wie damals, ihre Diener weinend, mit gefalteten Händen. Alles ſchien unverändert, und doch war Alles anders geworden! Und ſie, ſie ſelbſt, war ſie nicht eine Andere, ach, eine ganz Andere? Was hatte jenes ſchöne, blühende, roſige Mädchen von damals, das in gläubigem Vertrauen, hochklopfen⸗ den Herzens, unendliche Liebe, unendliches Glück im Buſen, dahin flog, der ewigen Vereinigung mit ihrem Geliebten entgegen, was hatte dies glückſelige, wonnevolle, argloſe Mädchen gemein mit dieſer bleichen, ſtolzen, ernſten Geſtalt, die jetzt langſam und feierlich dieſelben Stiegen hinab⸗ ſchritt, eine namenloſe Oede und Leere, ein bitteres Wehgefühl, ein nie zu verharrſchendes Leid im Buſen, ohne Hoffnung, ohne Liebe, ohne Glauben und Vertrauen? Oh, wohl ſchritt auch ſie einer ewigen Vereinigung entgegen, aber der Schmerz war der bleiche Geliebte, dem ſie ſich zu verbinden ging, und der Haß gegen die Welt war ihr hoch⸗ zeitliches Gelübde!— Das dachte Giſela, als ſie jetzt an jener Stelle ſtand, wo ſie damals die Myrthenkrone verloren. Heute ruhte die Dornenkrone auf ihrem Haupte, und ſie ruhte dort ſicher und feſt, feſter wie der Myrthenkranz. Damals mindeſtens war ein rathender, war⸗ nender Freund an ihrer Seite geweſen, heute, o allmächtiger Gott!— heute war ſie von Allem verlaſſen, ſelbſt von der Hoffnung!“ Giſela fühlte ihre Kraft ſchwinden, fühlte Thrä⸗ nen ihre Augen füllen, ſie entzog ihre Hand ihren Dienerinnen, die ſie zum letzten Male mit Küſſen, mit Thränen bedeckten, und ſtieg raſch in den Wagen. Nun winkte ſie mit der Hand den letzten Ab⸗ ſchiedsgruß, dann ſchloß ſie die Wagenfenſter, und dahin brauſte der Wagen in die Ferne und Weite! IX. Die Sennhütte. Wohin? fragte ſich Giſela oft, als ſie raſtlos die langen, einſamen Tage dahin fuhr durch öde Landſtriche und herrliche Gegenden, durch große Städte und unſcheinbare Dörfer. Wohin, ſeufzte ſie, wenn ſie Abends, erſchöpft und ermattet in irgend einer fremden Stadt ausruhete, ach, wo werde ich endlich eine Stätte finden, meine müden Glieder zu ruhen, einen ſtillen Winkel, um unbe⸗ lauſcht klagen und ſeufzen zu können? Ueberall, ach überall giebt es Menſchen, und meine Seele krankt nach Einſamkeit, nach Alleinſein!— Und ſo, trübe und theilnahmlos, durchflog ſie Deutſchland, ſo erreichte ſie Salzburg, und der Anblick dieſer lieblichen und großartigen Gegend, dieſes heitern paradieſiſchen Thales that ihr wohl. Sie ließ ihr! Auge umher ſchweifen über die in blauem Dufte ſchwebenden, hie und da mit glän⸗ zenden Schneekronen leuchtenden Berge, in deren 113 Mitte Salzburg im lieblichſten Thale ruht, ſie blickte empor zu dem ſtolzen, leuchtenden Gletſcher des Watzmann, zu dem in Wolken ſchwimmenden Untersberg, und ſagte aufathmend:„dort oben muß Einſamkeit und Stille zu finden ſein!“ Dieſer Gedanke ſchien ſie mit neuem Lebens⸗ muthe zu erfüllen, war das Erſte, was ſie be⸗ ſchäftigte, ſie mit einer Art von Verlangen erfüllte. In der Frühe des nächſten Morgens verließ ſie Salzburg und fuhr durch das köſtliche Thal, durch welches die ſmaragdgrüne Salzach dahin fließt, und das rings umſchloſſen iſt von präch⸗ tigen, himmelhohen Bergen, dahin bis zum Fuße des Untersbergs. Hier verließ ſie den Wagen und begann, be⸗ gleitet von einem Führer, die Fußwanderung. Ueber grüne Matten, an einſamen Landhäuſern vorüber, führte ſie ihr Weg, und Giſela ging raſchen, flüch⸗ tigen Fußes, als wollte ſie dieſen Zeichen menſch⸗ licher Nähe eilends entfliehen, ſie wandte ihr Haupt weg von dieſen Häuſern und Hütten, und blickte immer nur ſehnend, verlangend zur Höhe, erbebend vor den Wanderern, die hie und da ihnen begeg⸗ neten, und gleich ihnen die Fußreiſe über den mährchenreichen Untersberg unternommen. „Laſſen Sie uns dieſen allgemeinen Weg ver⸗ laſſen,“ ſagte ſie zu ihrem Führer,„laſſen Sie uns einen einſamern, unbetretenern Pfad einſchlagen.“ „Es giebt wohl noch einen andern Weg über Zwei Lebenswege. III. 8 den Berg,“ ſagte der Führer ſinnend,„aber der iſt gefährlich, und wird nur von den Jägern und Bergbewohnern, die des Steigens und Kletterns gewohnt ſind, betreten.“ „Fürchten Sie dieſen gefährlichen Weg?“ fragte Giſela. „Ich? O gewiß nicht. Ich durchwandere mehr denn dreißig Jahre ſchon dies Gebirge, und kenne jeden Pfad bei Tag und Nacht. Aber eine ſchöne, junge Dame wie Sie kann unmöglich je⸗ nen ſteilen Fußpfad gehen!“ „Ich fürchte keine Gefahr und keine Abgründe,“ ſagte Giſela,„laſſen Sie uns jenen andern Weg einſchlagen.“ Und als ſie nun einer andern Richtung ſich zuwandten, als ſie auf ſchmalem Pfade, oft an tiefen Abgründen dahin ſchritten, als ſie über Steingerüll oft hinauf kletterten, oft am ſteilen Fels wieder hinab gleiten mußten, da belebte ſich Giſela's Geſicht, da röthete ſich ihre Wange, und ein mattes Lächeln umſpielte ihre ſchmalen Lippen. Es ſchien ihr ſüß, mit Gefahren zu ſpielen, ſüß, dem Tode ſo nahe, ihm muthig die Stirn zu bieten und mit ihm zu ſcherzen. Und immer höher hinauf führte der Weg. Zetzt ruhten ſie erſchöpft auf einer grünen, duftigen Matte, am Rande eines Quells, der kry⸗ ſtallhell dem Felſen entſtrömte, und wie Giſela — 115— ihre glänzenden Blicke umher ſchweifen ließ, zuckte ſie erſchreckt zuſammen, denn auch hier gab es Menſchen, auch bis hieher hatten ſie ſich gedrängt, dieſen Gottesfrieden der Schöpfung zu ſtören. Dort in geringer Entfernung, am Rande der grü⸗ nen Matte, ſtand eine hölzerne Hütte, und ein ſchönes Bauermädchen zeigte ſich in der geöffneten Thür, mit neugierigen, verwunderten Augen die Fremde betrachtend. Der Führer ſagte lachend:„das iſt die Löſerl, die ſchönſte Sennerin der ganzen Gegend. Schaut, wie ſie verwundert iſt, daß ein Fremder hier hinauf kommt. ZJa, ja, Löſerl, das iſt vielleicht ſeit man⸗ chem langen Jahr das erſte fremde Geſicht, das ſich hier oben zeigt.“ „Iſt es alſo hier wirklich ſo einſam?“ fragte. Giſela raſch. „Ganz einſam, Ew. Gnaden. Es ſind die letzten Sennhütten, denn ſchaut, es ſind ihrer zwei hinter einander, eben weil's gar ſo einſam iſt giebt's zwei Hütten, damit Raum iſt für zwei Sennerinnen, und das arme Madel eine Freundin kann neben ſich haben.“ „Hier will ich bleiben,“ rief Giſela raſch, und erhob ſich eiligſt, um zu der ſchönen Sennerin zu gehen und ſie freundlich zu begrüßen, und ſich mit ihr in ein Geſpräch einzulaſſen. Giſela fand Wohlgefallen an dem friſchen, na⸗ turvollen, ſchönen Mädchen, die Stille, die Ein⸗ 16 ſamkeit umher, die balſamiſchen Düſte, die reine Luft, Alles dies entzückte ſie. Hier wollte ſie ausruhen, hier einige ſtille Wo⸗ chen verleben, hier ihre kranke Bruſt geſunden laſſen, ſich ſtärken zu neuem Kampf! Der Handel war ſchnell und leicht geſchloſſen. Die ſchöne Löſerl bezog mit ihrer Schweſter die größere Hütte, und überließ Giſela die kleine Sennhütte, zugleich ihre Bedienung übernehmend. Mit einem heitern, zufriedenen Lächeln verab⸗ ſchiedete Giſela den verwunderten, kopfſchüttelnden Führer und warf ſich auf das reine, friſche, von Löſerl ihr bereitete Lager, um zum erſten Male ſeit langer Zeit in erquicklichem, von keinem Traum geſtörten Schlafe auszuruhen von aller Qual und Laſt des Lebens.—— Ein eigenes Stillleben begann nun für Giſela. Tage lang ſchweifte ſie umher in den Thälern und Klüften, und oft, wenn der Tag verging, ohne daß Giſela heimkehrte von dieſen Streifereien, um das ihr von Löſerl bereitete Mahl einzunehmen, bangte dieſe um die ſchöne, von ihr ſo heiß ge⸗ liebte Dame, deren mildes, ſanftes Lächeln der armen, einfachen Löſerl oft Thränen in die Au⸗ gen trieb. Aber Giſela kehrte immer wieder, und allge⸗ mach gewöhnte ſich Löſerl an die ſeltſame Weiſe ihrer ſtummen, ſchönen Gefährtin, und ließ ſie gewähren. Auch die andern Hirten und Senne⸗ rinnen des Gebirges kannten ſie ſchon und ſchau⸗ ten mitleidsvoll ihr nach, wenn ſie, wie ein leich⸗ ter Schatten, über Steingerüll und Abgründe da⸗ hin ſchwebte, und ſie mit ihrem ſtummen, weh⸗ muthsvollen Lächeln grüßte. Sie hatten in ihrem einfachen, natürlichen Zart⸗ gefühl es bald verſtanden, daß Giſela den An⸗ blick der Menſchen mied, daß ſie ungeſtörte Ein⸗ ſamkeit und Stille ſuchte, und ſchonend vermieden ſie es, ihr in den Weg zu treten, oder ſie zu be⸗ grüßen, wenn ſie an ihnen vorüber ging. Oft, wenn ſie Morgens ihre einſame Wan⸗ derung antrat, ſchlich Löſerl ſtill in einiger Ent⸗ fernung ihr nach und ſchaute nach der Richtung, die ſie einſchlug, um gewiß zu ſein, ſie auf dieſem Pfade nicht zu ſtören, und wenn von Alm zu Alm der frohe Morgengruß der Sennerinnen herüber und hinüber ſchallte, ſo rief Löſerl oft den Freun⸗ dinnen zu, den Pfad zu meiden, den„die arme Dame“ eingeſchlagen; kam ſie aber unerwartet daher, bleich, ſtarr vor ſich hinblickend, oft ein⸗ zelne, unverſtändliche Worte murmelnd, ſo traten die Sennerinnen oder Hirten, denen ſie begegnete, leiſe zurück hinter den verbergenden Baum oder Felsvorſprung, ja, ſelbſt die Kinder wandten ſcho⸗ nend ihr Haupt ſeitwärts, um Giſela, anſcheinend ohne ſie zu bemerken, vorüber gehen zu laſſen, und erſt, wenn ſie nicht mehr fürchten durften, von ihr bemerkt zu werden, blickten ſie ihr nach und flü⸗ ſterten:„die arme Dame! Wie unglücklich ſie gus⸗ ſieht, wie viel ſie leiden mag!“ Oft ſah man dieſe leichte, weiße Geſtalt wie ein Luftgebilde auf den hichſen Spitzen des Ber⸗ ges ſtehen, die Arme gen Himmel geſtreckt wie im Begriff, ſich aufzuſchwingen von dieſer Erde, und die Hirten, die ſchaudernd die Gefahr ſahen, in welcher ſie ſchwebte, beteten zitternd ein Ave Ma⸗ ria für ihre unglückliche, geplagte Seele! Aber Giſela zitterte vor keiner Gefahr und keinem Abgrund. Stunden lang ſaß ſie auf ſteiler Felsſpitze, und blickte unverwandten Auges hinab in die ſchauerliche Tiefe, und dann war es ihr, als begönne es da unten ſich zu regen und zu flüſtern, liebliche, lockende Stimmen, ſeuſzender Klagegeſang tönte an ihr Ohr, Arme ſchienen ſich nach ihr auszuſtrecken, ſie liebend hinab zu ziehen, und Giſela lauſchte mit entzücktem Ohr dieſem lieblichen Geſange, der aus dem Abgrunde ihr ertönte. Komme, komme zu uns hernieder, ſangen dieſe lockenden Stimmen, hier unten iſt es einſam und ſtill, hier ruht es ſich kühl und ſchmerzlos. Komme, an unſerer Seite zu ruhen, hier unten kommen keine Träume, Dich zu beunruhigen, keine Erinne⸗ rungen, Deine Seele mit Geißelhieben zu peinigen. Komme, Du Schweſter der Leiden, wir ſtrecken unſere Arme zu Dir empor, ſteige hernieder zu unſerer Einſamkeit und Ruhe, komme, traumlos — 11 an unſerer Seite zu ſchlummern. Wir auch haben geliebt und gelitten, wie Du, wir auch ſuchten die Ruhe, den Frieden all überall, und fanden ſie nirgends, nirgends als hier in dem ſtillen, ver⸗ ſchwiegenen Abgrund. Komme, hier unten iſt es kühl, und an dem feüchten Geſtein wird Deine brennende Bruſt ſich kühlen zu köſtlicher Er⸗ ſtarrung! Hebe Deine Arme und ſchwinge Dich hinab, bei uns zu wohnen in ewigem Frieden! Nur mit Mühe, mit äußerſter Willenskraft vermochte es Giſela, dieſem Sirenengeſang, mit dem der Selbſtmord ſie begrüßte, zu widerſtehen, und wenn ſie, dieſer Verlockung auszuweichen, ſich raſch von dem Rande des Abgrundes, an welchem ſie gelegen, erhob, ſo war es nicht ohne ein wider⸗ ſtrebendes, ſehnendes Gefühl, daß ſie dieſem ver⸗ lockenden Platze den Rücken wandte, und immer wieder kehrte ſie zurück zu jener Stelle, um dieſen Stimmen zu lauſchen und tief in ſich den Troſt zu empfinden, daß jeden Tag da unten der Tod und die Ruhe ſie erwartete, daß es nur ihres Willens bedürfe, um ihm zu ewiger Stille und Erholung ſich zu ergeben. Dieſer Gedanke, den Tod und die Erlöſung ſo nahe zu wiſſen, gewährte ihr Troſt und Er⸗ muthigung, richtete ſie, ohne daß ſie es merkte, wieder auf zum Leben, und allgemach begannen die Schwingen ihrer Seele ſich wieder zu regen zu thatkräftigem Wollen, und wie ihr von Gram — 120— und Leid geſchwächter Körper in dieſer friſchen, balſamiſchen Luft geſundete, begann auch ihr Muth und ihre Kraft zu erſtarkan. Schon fing dieſe unkẽwegte Stille an, ſie zu bedrücken, dieſer Friede, ihr eintönig und er⸗ quickungslos zu erſcheinen Ihre gebeugte Seele richtete ſich auf in friſcher⸗ Zugenßlraft, und ver⸗ langte nach Thaten, nach näuen Leiden, nach neuen Freuden, und Giſela ſigcaufathmend:„Oh, beſſer noch iſt es, Schmerzen zu erdulden, als em⸗ pfindungslos in müßiger Rhhe zu veßetiren!“ Aber dennoch bangte ſie, zurückſukehren in die Welt, und ihr Herz zog ſich ſchmerzvoll zuſammen bei dieſem Gedanken. „Nein, nein,“ rief ſie oft erbebend und ihre Hände wie abwehrend ausſtreckend,„nein, nur nicht wieder zurückkehren zu Menſchen. Nur nicht wieder dieſen lügneriſchen, trügeriſchen Geſtalten gegenüber ſtehen, nur nicht wieder dieſe frechen, forſchenden Blicke auf mir ruhen zu fühlen, und nirgends, nirgends einem liebenden, mitleidsvollen Auge zu begegnen?“ O mein Gott, ganz einſam, ganz verwaiſt zu ſein! Keine Hand, die ſich freund⸗ lich mir entgegen ſtreckt, kein Herz, in das ich meine Klagen ergießen kann, das Theil nimmt an meinem Schmerz! Auf dieſer großen, weiten Erde ganz verlaſſen und einſam! Mein Gott, die ganze Welt für mich nichts, als eine Wüſte!“ Und Giſela, die arme, einſame Giſela, weinte — 121— heiße Thränen. Ach, ſie hatte verlangt nach der Einſamkeit um ſich her, aber ſie ſchauderte, als ſie die Einſamkeit in ihrem eigenen Buſen fand. Sie hatte einſt der Welt ein heißes Herz voll Liebe entgegen getragen, und die Welt in ihrem Wahn und ihrer Kurzſichtigkeit hatte dies edle Herz unter ihre Füße getreten, bis es kalt war und verſtummt auf ewig!. 2 War es wirklich hf ewig verſtummt, dies arme, gemißhandelte Hetz? Giſela meinte es, und weinte bittere Thränen über dieſem Aſchenkruge ihres eigenen Herzens!* k Aber noch nicht war ihr Beſchick exfüllt! Noch klopfen ihre Pulſe, noch rollt das Blut jugendfriſch durch ihre Adern, und ihts Seele iſt noch elaſtiſch genug, um nus aller Pedückung ſich wieder em⸗ porzurichten, und nach“neukn Kämpfen zu dürſten! Arme Giſela, iſt das Maß Deiner Leiden noch nicht erfüllt, der Wermuthsbecher Deiner Er⸗ fahrungen noch nicht geleert? Wird die Welt, der 3 Du entflohen, die Welt mit ihren Vorurtheilen und Pv Kleinlichkeiten, mit ihrem Hangen am Schein un den Aeußerlichkeiten, mit ihrer Rache und Uner⸗ bittlichkeit gegen Alle die, welche ſündigen dieſen Schein und dieſe Aeußerlichkeiten, wird dieſe Welt, ſage ich, auch hieher Dich verfolgen in dieſe Einſamkeit, wird ſie auch in dieſem ſtillen, heim⸗ lichen Winkel Dir kein Glück gönnen und keinen Frieden? Wird ſie auch bis hieher den Fluch 3 — 122— ihrer vorgefaßten Meinungen und angenommenen Muthmaßungen Dir nachſenden, und Dich zer⸗ ſchellen laſſen an dem kalten Felſen der Verleum⸗ dung? Arme Giſela, lenke Deine Schritte heim⸗ wärts. War es Dein Genius oder Dein Dä⸗ mon, der Deine heimlichen Klagen belauſchte und „Dir ein Weſen ſendet, das Du lieben kannſt? F. Der Frende. Als Giſela, von einem langen Spaziergange heimkehrend, ſich ihrer Sennhütte näherte, bemerkte ſie mit Erſtaunen mehrere Hirten und Sennerinnen, die, anſcheinend in großer Erregung, vor derſelben ſtanden, und eifrig in das Innere der Hütte hinein ſchaneten. Irgend ein Unglück, ſchien es, hatte dieſe Menſchen hieher geführt, und Giſela, über dem Mitleiden ihre Menſchenſchen vergeſſend, eilte raſch vorwärts der Hütte zu. Die Hirten wichen ehrerbietig zurück bei ihrem Anblick, und ſo trat Giſela in den engen Hütten⸗ raum, der ihr einen ſeltenen und tief ergreifenden Anblick darbot. Auf ihrem Lager ausgeſtreckt lag ein junger Mann mit geſchloſſenen Augen, ſein Haupt umwunden von Tüchern, aus denen hervor das Blut hernieder floß und ſeltſam contraſtirte gegen die Todesbleiche ſeines Antlitzes. Mehrere Männer waren beſchäftigt, ſeinen — 124— linken geſchwollenen Fuß des engenden Stiefels zu entledigen. Das leiſe Aechzen, das während dieſer ſchmerz⸗ vollen Operation den Lippen des Fremden ent⸗ fuhr, zeigte allein, daß noch Leben in dieſer blei⸗ chen, todesmatten Geſtalt. Unter den Leuten, die um den Unglücklichen „beſchäftigt waren, erkannte Giſela auch jenen Füh⸗ rer, der ſie vor wenigen Wochen hier hinauf ge⸗ leitet, und an dieſen wandte ſich Giſela mit Fra⸗ gen nach der Urſache dieſes Unfalls, der den Frem⸗ den betroffen. Sie erfuhr, daß der Fremde mit Sepperl, dem Führer, heute Morgen die Wanderung über den Berg angetreten, und ſich als ein rüſtiger, eifriger Wanderer, dabei aber von ſo unglaublicher Kühn⸗ heit gezeigt, daß Sepperl zitternd oft kaum ihm zu folgen gewagt. So hatten ſie ſich einer Stelle genähert, welche die gefahrvollſte von allen, und wo eine breite Kluft, den Weg trennend, einen tiefen Abgrund bildete. Auf mühſam eingehauenen Stufen pflegte man auf der einen Seite in dieſen Abgrund hinab zu ſteigen, um dann an der an⸗ dern Seite ebenſo wieder hinauf zu klettern. Schon ſchickte Sepperl ſich an, auf dieſem Pfade dem Fremden vorauf zu gehen, als dieſer erklärte, jenen Umweg vermeiden und den Abgrund überſpringen zu wollen. Vergebens machte Sepperl ihn darauf aufmerkſam, daß die Kluft viel breiter, — 125— als es den Anſchein habe, daß der kühnſte Gemſen⸗ jäger dieſen Sprung nicht wagen würde; vergebens ſuchte er ihn endlich in Todesangſt an ſeinen Kleidern zurück zu halten, der Fremde riß ſich los, und, Sepperl zurückſtoßend, wagte er den Sprung und verſank in der Tiefe, wo Sepperl, auf dem andern Wege hinabeilend, ihn blutend, ohnmächtig am Boden fand, und mit Hülfe einiger auf ſein Schreien und Rufen herbei eilender Hirten ihn empor und hieher trug. Zetzt hatte man einen Hirtenknaben hinabgeſandt in's Thal, um den alten Hirten Caspar, weit und breit berühmt als der geſchickteſte Wundarzt, hinauf zu holen. „Ich glaube aber,“ ſagte Sepperl kopfſchüttelnd, „dem armen Herrn wäre es ſchon recht, wenn er an den Wunden ſterben müßte. Er ſchien gar ſo traurig und niedergeſchlagen, und ſeufzte oft ſchwer und ängſtlich. Auch ſchien es mir, als ſuche er abſichtlich die gefahrvollſten Stellen, und als ſei ſeine Luſt daran nichts weiter, als der Wunſch, den Tod zu finden. Da fielt denn Ihr mir da⸗ bei ein, ſchöne Dame, und ich erzählte ihm, daß ich Euch vor einigen Wochen hier hinauf geleitet, und daß Ihr ebenſo geſeufzt und geklagt, und hier oben verblieben wäret. Der Fremde hörte mir aufmerkſam zu, und dann ſagte er ſo vor ſich hin:„Die arme Frag hat Recht gethan. Die Unglücklichen müſſen dieſer elenden Welt den Rücken kehren!“—* i Giſela blickte, während Sepperl ihr dies er⸗ zählte, mit geſteigerter Theilnahme auf den Frem⸗ den hin. Alſo auch Er war unglücklich, auch Er war der Welt entflohen, auch Er hatte den Tod geſucht, und nicht blos ſein Körper, auch ſeine Seele blutete in bitterm Weh. Sie trat zu dem Lager des Fremden, und blickte mit liebevoller Theilnahme in dies ſchmerz⸗ voll verzogene Antlitz. „Iſt es mir doch,“ ſagte ſie zu ſich ſelber, „als umſchlinge uns Beide ein gemeinſchaftliches Band, nun da ich weiß, daß er unglücklich iſt. Ach, die Schmerzbeladenen gehören hienieden Alle zu einander, und ſollten ſich unter einander zu tröſten ſuchen mit ihren Klagen und Thränen. Armer Leidender, und ſo in dieſer Verwandtſchaft der Pein will ich an Deinem Lager wachen und Deiner Wunden pflegen!“ Inzwiſchen war der alte Caspar eingetroffen und unterſuchte die Wunden. Die Verletzungen am Kopf zeigten ſich als un⸗ gefährlich und unbedeutend, und nur der große Blutverluſt hatte die tiefe Ohnmacht, in welcher der Fremde noch immer wie erſtarrt dalag, her⸗ beigeführt. Schlimmer war es mit der Verletzung des Fußes, deſſen Knochen zerbrochen und als be⸗ deutender Beinbruch ſich auswies. Es war noth⸗ wendig, den verletzten Knochen einzurenken, und — den Verband anzulegen, bevor die Geſchwulſt ſich noch vergrößerte, und Caspar ſchritt mit geſchick⸗ ter, rüſtiger Hand an's Werk. Dieſe ſchmerzhafte Operation weckte den Unglücklichen aus ſeiner Be⸗ täubung. Mit einem Schmerzensſchrei ſchlug er die Augen auf, und blickte empor in Giſela's Antlitz, die über ihn hingeneigt mit lebhafter Theil⸗ nahme ſein Geſicht beobachtete. „Armer Unglücklicher,“ flüſterte Giſela leiſe. Der Fremde wiederholte ſeufzend:„ja wohl, armer Unglücklicher!“ Dann ſchloſſen ſich ſeine Augen wieder, und eine neue Beſinnungsloſigkeit machte ihn unempfindlich gegen den weitern Schmerz des Verbandanlegens. Dies war jetzt vollendet, und Caspar erklärte, daß bei großer Ruhe und Sorgfalt die Wahr⸗ ſcheinlichkeit vorhanden, den Fuß ganz wieder her⸗ zuſtellen, daß hierzu aber eine mehrwöchentliche Ruhe erforderlich und der Fremde jedenfalls in der Hütte und auf dem Lager verbleiben müſſe, da ein Transport durchaus gefährlich und unzuläſſig. Giſela war ſogleich bereit, ihm ihr Lager ab⸗ zutreten und zu Löſerk in die größere Sennhütte zu gehen, während deren Schweſter hinabſteigen ſollte in's Thal, um dort zu verbleiben. Bald waren alle nöthigen Vorkehrungen getroffen, ein kühlender, von Caspar mitgebrachter Kräutertrank ward bereit geſtellt, und als die Nacht hereinbrach, und die alte gewohnte Stille wieder in der Hütte — 128— herrſchte, ſaß Giſela neben dem Lager des Kran⸗ ken, ſorgſam ſeinen unruhigen Schlummer bewa⸗ chend, und ſeine verſchmachtenden, fieberheißen Lip⸗ pen erfriſchend mit dem kühlenden Kräutertrank. Mit unermüdlicher Sorgfalt, mit zarter Auf⸗ merkſamkeit pflegte ſie von nun an des Kranken, ſie ſchien ganz das Gefühl ihres eigenen Schmerzes, ihrer eigenen Qualen vergeſſen zu haben, um nur Auge und Sinn für den Leidenden zu haben, um nur jeden ſeiner Wünſche errathen und erfüllen zu können. Die langen, einſamen Spaziergänge unterblie⸗ ben, und ſtatt deſſen ſaß Giſela mit unermüde⸗ ter Wachſamkeit an dem Lager des Kranken, der ihr wie eine troſtbringende Erſcheinung, wie ein Wohlthäter und Retter aus der dumpfen Erſtarrung ihrer Seele erſchienen war. Oh, mit welcher tiefen Theilnahme lauſchte ſie den verzweiflungsvollen Klagen, die der Kranke in der wilden Pein des Fiebers ausſtieß, wie zitterte ihr Herz in Mitgefühl bei den wilden Verwün⸗ ſchungen gegen die Welt, gegen die Menſchen! Der Schmerz iſt ſo egoiſtiſcher Art, daß er Alles außer ſich vergeſſen macht, daß er abſtumpft gegen Anderer Leid und Weh. Giſela, in der Ueberfülle ihrer Qual, hatte ſich oft das unſeligſte, beklagenswertheſte Weſen genannt, ſie hatte gemeint, die ganze Fülle menſch⸗ lichen Wehes für ſich allein in Anſpruch zu nehmen, — allein Grund zur Verzweiflung, zur Verwünſchung zu haben. Und jetzt ſah ſie, zitternd vor Mit⸗ gefühl, daß es noch einen Schmerz gäbe außer ihr, daß noch Andere, gleich ihr, die Welt haſſen und verwünſchen konnten, daß es noch ein fremdes, anderes Leid gäbe! Und noch ein anderer Umſtand war es, der ihre Theilnahme für den Fremden erhöhen mußte. In ſeinen wilden Fieberphantaſieen nannte er mit wildem Haſſe, mit finſtern Drohungen oft einen Namen, der Giſela erbeben machte, der ihr ſelber grauſenvolle Bilder der Vergangenheit zurück rief, einen Namen, der mit unheilsvollen Zügen in ihrem eigenen Herzen aufgezeichnet ſtand. Es war der Name ihrer Schweſter Judith! Oh, mit wie vielen Modulationen des Haſſes, des Grimmes, der flehenden Liebe, der grenzen⸗ loſen Leidenſchaft nannte er dieſen Namen, den er oft mit Ausrufungen des Entzückens oder der Wuth, des Schmerzes oder der Qual begleitete, und dieſer geheimnißvolle Zuſammenhang mit ihrer Schweſter, mußte er nicht Giſela's Theilnahme nur noch ſteigern, ihr Intereſſe für Den erhöhen, der gleich ihr durch Judith gelitten, betrogen und bis zum Tode getroffen war? Und als der Fremde zu geneſen begann, als die wilden Fieberphantaſieen ſich verloren, als er, ſeines Zuſtandes ſich bewußt, die großen dunkeln Augen mit dem Ausdruck tiefen Dankes auf Giſela Zwei Lebenswege. III. heftete, als er es vermochte, ihr in rührenden Worten des innigſten Gefühls ſeine Dankbarkeit zu ſtammeln, als er mit heiliger Andacht ihren Worten lauſchte, nur unter ihrem Lächeln, ihrer Nähe zu leben, zu athmen ſchien, mußte da nicht Giſela zur Freude ſich beleben, ihre Seele aus dem Winterſchlaf der Einſamkeit erwachen? O mein Gott, ſie war ſo ganz vereinſamt und allein geweſen, daß nun jedes Zeichen von Theilnahme, von Verſtändniß ihr wie ein Segen des Himmels erſcheinen mußte, daß ſie die Hand, die ſich ihr freundlich entgegenſtreckte, wie einen Rettungsanker ergreifen mußte, an dem ſie ſich anklammern mußte, um nicht zu verſinken in dieſer Oede um ſie her. Ihr Herz hatte ſo lange erſtarrt gelegen, daß es nun bei dem erſten Sonnenblick mit verdoppelter Werdekraft ſich erheben, daß es mit tauſend Blü⸗ then und Keimen ſich regen, ſich bewegen mußte zu neuem Daſein. Der Fremde, den ſie auf ſeinen Wunſch mit dem Namen Leontin benannte, war jetzt ſo weit geneſen, daß er aufrecht auf ſeinem Lager ſitzen durfte; er war geſund, nur der noch nicht geheilte Fuß feſſelte ihn an das Lager, und da der alte Caspar ihm jede Art der Beſchäftigung, die er, ohne aus ſeiner Lage ſich zu erheben, vornehmen konnte, erlaubt hatte, wandte er die wenigen Stunden, die Giſela nicht neben ihm war, dazu — 131— an, eine Art von Tagebuch oder Brief, für einen entfernten Freund beſtimmt, zu ſchreiben. Wir theilen hier einzelne Stellen deſſelben mit: Bruchſtücke aus den Briefen des Grafen Leontin an ſeinen Freund Oskar. Noch nicht geſtorben, Oskar, fürchte nichts! Ich habe dem Tode kühn die Stirn geboten, ich habe ihm entgegenkommend die Hand gereicht, aber er iſt vor mir entflohen! Weshalb ich ihn ſuchte? Weshalb ich Dir und der Welt entfloh, plötzlich aus dem lebensluſtigen, heitern Wien ver⸗ ſchwand? Weil ich ein thörichter Knabe war, der einem heuchleriſchen Weibe geglaubt, ſein Alles auf das Eine Herz geſetzt, ſein ganzes Lebensglück ihm anvertraut hatte, und nun ſah, daß er betrogen war, daß dieſes unſchuldsvolle Lächeln nichts als eine Täuſchung, dieſe Schwüre ewiger Liebe nichts als eine auswendig gelernte Formel, Tauſenden vor mir geſagt, und mit derſelben Begeiſterung meinem Nachfolger vorgeſprochen. Mein Gott, ich hatte dieſer königlichen, ſchönen Judith mein ganzes Herz gegeben, meine ganze Seele, ich hatte ihr vertraut mit aller Kraft meines Weſens, ſie war mir mehr als eine Geliebte, ſie war mir eine Heilige, eine Göttin geweſen! Ich lag vor ihr auf den Knieen und betete ſie an mit der erſten, ehrfurchtsvollen und doch glühenden Lehe die kaum 9 — 132— wagt, den Saum ihres Gewandes zu berühren, die Stelle zu küſſen, wo ihr Fuß geſtanden hat, die nichts begehrt als das Anſchauen, die nach einem Blicke, einem Lächeln ſchmachtet, und in ſolcher Gunſt die größte Befriedigung findet! Und dieſe Heilige, dieſe Reine, dies Traumbild meiner Entzückungen, nichts weiter als eine elende Heuch⸗ lerin, ein Weib ohne Herz, ohne Tugend, ohne Liebe! Wie ich das erfuhr? Ein ſterbender Freund, den ſie einſt ſchmachvoll hintergangen und getäuſcht, der aus zornigem Schmerz über dieſe Täuſchung ſtarb, Baron Walther, warnte mich vor ihr; er erzählte mir die traurige Geſchichte ſeiner Leiden, ſeiner Demüthigungen, er bewies mir, daß ſeine Erzählung lautere Wahrheit, er ſchwur mit einem heiligen Eide, der in dem Munde eines Sterbenden von heiliger Bedeutung, daß Judith nicht das reine, unſchuldige, heilige Weib, für welches ich ſie hielt. Er enthüllte mir das ganze ſchaudervolle Gewebe ihres Weſens, ihrer Intriguen, und ich mußte erkennen, daß dieſe Judith nicht ein Engel, ſondern ein Teufel ſei. Laß mich ſchweigen über meinen Schmerz, meinen Zorn, ſchweigen über die entſetzlichen Qualen, die ich erduldet. O mein Gott, ich mußte Die verachten, die ich liebte, ich war ein leichtgläubiger, Knabe, gefoppt von einer Betrügerin! Dies beſchä⸗ mende Gefühl, betrogen worden zu ſein, mit meinem Vertrauen, meinem Glauben für ſie Gegenſtand des Geſpöttes, des Gelächters zu werden! — 133— Wie ein Raſender, ein überführter Verbrecher floh ich in ſelber Nacht aus Wien. Mir graute vor dem Morgen, der meine Schmach, meine Be⸗ ſchimpfung ſehen ſollte, mir graute vor dem An⸗ blick der Menſchen, die auf meiner Stirn dies brandmarkende Zeichen meiner Demüthigung er⸗ kennen ſollten, oh, und mir graute vor ihren heuchleriſchen, verführeriſchen Blicken, vor dem Sirenengeſang einer Buhlerin! Ich entfloh! Laß die Welt mich verdammen, und mich zu einem treuloſen Verräther an meiner verlobten Brant ſtempeln! Pah, die Welt! Sie flicht der tugend⸗ haften Judith Lorbeerkränze und läßt ſich bethören von ihren frommen Worten! Ich verachte die Welt, und beſſer iſt es, von ihr für einen Be⸗ trüger, denn für einen Betrogenen gehalten zu werden! Weißt Du, daß ich krank, daß ich dem Tode nahe geweſen bin? Daß mein Haupt beinahe zer⸗ ſchellt iſt an dem ſpitzen Geſtein eines finſtern Abgrundes, daß mein zerbrochener Fuß mich noch nicht zu tragen vermag? Oh, dieſer Unfall hat mich dem Leben, der Zukunft wieder verſöhnt, und mit meinem vergoſſenen Blute, ſcheint es mir, habe ich die Schmach der Vergangenheit von meiner Stirne gewaſchen, bin ich auferſtanden zu einem neuen Daſein! Ein wunderbares, herrliches Weſen wandelt in geheimnißvoller Schöne an meiner Seite, ihre tiefdunkeln, ernſten Augen voll himmliſcher — 134— Klarheit ruhen ſegnend und friedegebend auf mir, ihre zarte Hand erbarmt ſich meiner Schwäche, ihr mildes Troſteswort beſchwichtigt meine Klagen, meinen Zorn, lindert die Pein und die Demüthi⸗ gung meiner Seele. O mein Gett, bei ihrem ſanften Lächeln, unter dem Anſchauen ihres ſonnen⸗ klaren, reinen, himmelsſchönen Angeſichtes ſchweigt in mir jede Klage, fühle ich ein neues Leben in mir erſtehen. Du ſollteſt ſie ſehen, wie ſie in niederer Hütte daſteht, ſtolz und hehr, wie eine Königin, Du ſollteſt die Anmuth ihrer Bewegungen, die Grazie ihres Lächelns, die holde Sittſamkeit, die über ihr ganzes Weſen ausgebreitet iſt, Du ſollteſt die ganze Harmonie ihrer Erſcheinung ſehen, um zu begreifen alle die Andacht, die Verehrung, die ich empfinde, wenn ich ſie anſchaue! Nein, ſolche Züge können nicht lügen, dieſe hohe, erhabene Ruhe kann nicht täuſchen! „Sie iſt nicht glücklich! Ich leſe in ihren Zügen all den tiefen, wehmuthsvollen Schmerz einer gemarterten, gepeinigten Seele. In den edlen und zarten Linien ihres holden Angeſichtes ſteht eine ganze Geſchichte der Leiden und des verhaltenen Wehes. Arme, ſchöne Giſela! Heilig biſt Du mir mit Deinen Schmerzen, heilig mit vieſer ſtolzen Duldermiene, mit den vernarbten Wunden eines unterliegenden Siegers! Denn Du haſt geſiegt, obwohl Du der Welt entflohen biſt! Die Reinheit und Klarheit dieſer Stirne kann nicht lügen, der Friede, der in dieſen Augen liegt, er kann nicht täuſchen, und obwohl ich Dein Leid nicht kenne, weiß ich doch, daß Du rein biſt von aller Sünde, leſe ich doch auf Deiner hohen Stirn die erhabene Unſchuld Deiner Seele! O Giſela, meine Arme breiten ſich ſchützend aus nach Dir! Komm, lege Dein gebeugtes Lilienhaupt an meine Schulter, laß mich über Dir wachen, Dich be⸗ ſchirmen vor dem Eiſesfroſt und vor der verzeh⸗ renden Sonnenglut der Welt! Komm, meine heiße Liebe ſoll Dir ein Balſam ſein für all Deine brennenden Schmerzen!“ „Grenzenlos iſt mein Vertrauen zu ihr! Es giebt Menſchen, die durch ihre bloße Erſcheinung eine zauberhafte Gewalt ausüben. Der überwundene Schmerz umleuchtet ſie wie mit einer Glorie, und man naht ſich ihnen mit einer Ehrfurcht und Anbetung, wie man ſie heiligen Märtyrern zollt. Das Lächeln dieſer Menſchen iſt ein Gedicht, rührend und erhebend zugleich, ihre Blicke ſind voll heiliger Offenbarung, voll köſtlicher Zukunfts⸗ tiefe, und in der Melodie ihrer Stimme rauſcht und ſingt die Vergangenheit ihr bitteres, aber edel beſiegtes Weh! Solch ein Geſchöpf iſt Giſela!“ — 1³6— „Geſtern habe ich zum erſten Male die Hütte verlaſſen, auf Krücken geſtützt, und ſanft geleitet von ihrer Hand. Ich, ein vierundzwanzigjähriger Züngling auf Krücken! Es war mir anfangs be⸗ klommen und wehmüthig! Aber ihr ſanftes Lächeln, ihre holden, innigen Worte gaben mir Troſt und Zuverſicht. Sie hat Recht! Es wird nicht ſo bleiben, ich werde ganz geneſen! Jch werde dieſe Krücken von mir werfen, wie den Schmerz und die Vergangenheit! Ich werde von Allem geneſen! Und dann! Giſela, was dann?“ „Es war ein wundervoller Nachmittag. Unter einer Linde hatte ſie mir ein weiches Mooslager bereiten laſſen. Dort ruhte ich an ihrer Seite. D mein Gott, wie entzückend ſchön iſt dieſe Gegend! Drüben, inmitten eines köſtlichen Thales, durch welches die Salzach ihr ſmaragdenes, glänzendes Band ſchlängelt, die ſchöne Stadt Salzburg mit ihren Thürmen. Dort auf jenen Felſen die impo⸗ ſanten Feſtungswerke, und ringsum, in bläulichem Dufte, die Kuppeln und Spitzen der himmelhohen Berge! Aber ſchöner als dies Alles leuchteten Giſela's Augen, wie ſie mit entzückten, andächtigen Blicken auf dieſe wundervolle Landſchaft ſchaute.“ „Später zog ein Gewitter herauf! Sie ſtand, an die Linde gelehnt, und wenn die Blitze zuckten, leuchtete ſie in ihrem weißem Gewande wie eine verklärte Heilige. Ich fragte ſie, ob der heftig rollende Donner, die flammenden Blitze ſie nicht 37 erſchreckten? Sie lächelte mitleidsvoll. Nein, ſagte ſie gedankenvoll, nein, es erfreut mein Herz. Das iſt eine göttliche, erhabene Kraft, und ſolcher maje⸗ ſtätiſchen Naturgewalt gegenüber fühle ich mich ſelber erhaben und groß, als ein Kind der Natur! Oh, ich möchte, daß einer dieſer leuchtenden Gottes⸗ ſtrahlen mich zerſchmetterte, mich plötzlich und auf einmal vernichtete, mich aus dem vollen Leben in den vollen Tod führte. Nur kein langſames und allmähliges Vergehen, kein Hinſiechen und Ermatten! Beſſer, auf einmal mit dem Schwerte getödtet, als langſam mit Stecknadeln zu Tode gemartert zu werden.“ „Sie halten alſo, ſagte ich, die Todesſtrafe der Enthauptung für eine Wohlthat. Und doch ſpricht man aller Orten für die Abſchaffung der⸗ ſelben.“ „Pah, ſagte ſie leiſe, die Todesſtrafe mag abgeſchafft werden, aber man wird dennoch nicht aufhören, Seelen zu Tode zu peinigen. Ueber rauhe Kieſeln ſchleppt man das Herz zu den Ab⸗ gründen des Lebens, und ſpottet dann der Qual dieſer wundgeriebenen Bruſt!“ „So ſprach ſie, und ihre Stimme klang wie das Klagelied eines hinſterbenden Schwans.“ XI. Sonnenuntergang. Ihr Geſchick war entſchieden! Auf's neue war Giſela der öden Stille ihrer Einſamkeit entriſſen, und neue Blumen ſproßten unter der Eisdecke ihres Gefühls. Sie war ſo lange einſam und verlaſſen geweſen, daß ſie in zitternder Haſt jetzt die Hand ergriff, die ſich ihr entgegenſtreckte, ſie dieſer Oede zu entreißen. Es ſchien ihr, als habe eine milde Gottheit ihr dieſen Freund geſandt, damit ſie ihn tröſte und aufrichte, und ſie ſagte:„Darum alſo mußte ich ſo viel leiden, damit ich lernen möchte, Andere zu tröſten. Ach, es iſt wahr, nur die Unglücklichen und Beladenen verſtehen es, den rechten Troſt zu geben! Wer auch ſollte mit den Weinenden weinen, wenn nicht die, welche ſelber geweint haben; wer ſollte die Laſt der Schmerzbeladenen zu erleichtern wiſſen, wenn nicht die, welche wiſſen, wie ſchwer die Laſt bedrückt?“ 3 Und mit himmliſcher Geduld lieh Giſela immer auf's neue den Klagen des Freundes ihr Ohr, ſuchte ſie ihn zu tröſten durch Mitgefühl, durch Theilnahme und holde Worte, bis der Troſt, den ſie gab, ſich auch allgemach in ihr eigenes Herz ſenkte, und ſie den Kummer vergeſſen machte. Und Giſela, in der Naturfülle und Jugendkraft ihres elaſtiſchen Weſens, hatte nicht ſobald auf⸗ gehört zu klagen, als ſie ſchon wieder zu hoffen begann, als ihr Auge ſchon wieder glückbegehrend in die Zukunft ſchaute, als ſie wieder in heiße Drange dem Leben ihre Arme entgegenſtreckt und in jugendmuthigem Vertrauen den Zuflüſte⸗ rungen der Hoffnung ihr Ohr lieh. Für ſie gab es nicht dieſe Mittelexiſtenz gleichgültigen Hindäm⸗ merns, troſtloſen Vegetirens, thatenloſen Daſeins ohne Freude und Schmerz, hoffnungsleeren Ab⸗ ſpinnens klangloſer Tage. Dies heiße Herz wußte nichts von der Reſignation und der duldenden Ergebung. Sie konnte nur den vollen Schmerz oder das volle Glück in ihrer Bruſt empfinden, und nicht ſobald war das Weh in ihr erloſchen, als auch der Drang nach Glück ſich zu entfalten begann, und ihre Seele mit erneuerter Lebenskraft ihre Schwingen regte. Aber es war nicht ohne ein ahnungsvolles Bangen, daß Giſela dieſem neuen, aufdämmernden Glück entgegen ſah, und als ſie in ihrem Herzen die erwachende Liebe geleſen, als ſie in Leontin's 4 Antlitz, in jedem ſeiner Worte die Erwiederung derſelben erkannt, ſchien ſie vor dieſer Erkenntniß eben ſo ſehr zu erſchrecken, als ſich derſelben zu erfreuen. Giſela hatte es verlernt, an die Ewigkeit des Glückes zu glauben, bei dem holden und beglücken⸗ den Anfang des vielleicht zerſtörenden Endes nicht zu gedenken; ſie wußte, daß das Licht, auch des ſonnenhellſten Tages, erlöſchen würde zu finſterer Nacht, und darum fragte ſie jetzt bei dem Auf⸗ gang dieſer neuen Liebe nur zitternd:„Wann wird erlöſchen?“ Darum, als ſie das ſtammelnde, zitternde Ge⸗ ſtändniß ſeiner Liebe von Leontin's Lippen vernahm, als er ihr eine Ewigkeit derſelben ſchwur, zuckte ſie bangend und ahnungsvoll zuſammen, und die Thräne, die in ihre Augen trat, gehörte eben ſo ſehr der Freude, als dem Schmerze an. Die Welt hatte ihren Muth gebrochen. Giſela fühlte nicht mehr die Kraft in ſich, dieſer Welt zu trotzen, und ſie zitterte, ihrem Geliebten die traurige und ſchmerzvolle Geſchichte ihrer Vergan⸗ genheit zu erzählen, denn ſie hatte ſelbſt das Ver⸗ trauen auf die Liebe verloren. Sie ſagte zu ſich ſelber:„Ich will ein neues Daſein beginnen, ein neues Leben anknüpfen an dieſe Liebe. Leontin gehört meine ganze Zukunft, aber mit den Schmerzen meiner Vergangenheit ſoll er nichts zu thun haben, dieſe ſoll abgeſchloſſen — 141— hinter mir liegen, und die Grabſtätte dieſer Schmer⸗ zen will ich verbergen unter dem friſchen Grün dieſes neuen Glückes! Leontin liebt mich, und wenn ſeine Liebe echter Art iſt, muß er mir über Alles vertrauen, muß er wiſſen, daß ich rein bin von aller Schuld, muß ihm meine Vergangenheit wie ein heiliges, unantaſtbares Geheimniß ſein, das nur ich allein kenne. So will ich denn prüfen, ob ſeine Liebe dieſe Kraft des blinden, hingebenden Vertrauens beſitzt, ob ſie ſo zukunftsgewiß und ſelig iſt, daß ſie mit der Vergangenheit gar nichts zu ſchaffen haben will.“ Aber Giſela bedachte nicht, daß das Erprüfen einer Liebe ſchon ein Mißtrauen in dieſelbe iſt, daß, die Gewalt einer Liebe erkennen wollen, ſchon ein Zweifeln iſt. Sie bedachte nicht, daß dies Geheimniß ihrer Vergangenheit als finſtere Gren⸗ ſcheide zwiſchen ihnen ſtehen mußte, und daß ihr Schweigen eine dunkle Ahnung ſeiner Schwäche ſei! Ohne es ſich klar zu geſtehen, hatte ſie Leontin's Weſen erkannt und durchſchaut, wußte ſie, daß er nicht die Kraft haben würde, der Welt zu trotzen und ihren Verleumdungen kühn die Stirne zu bieten, daß er die wenn auch unver⸗ diente Verachtung der Welt und der Menſchen nicht würde zu ertragen vermögen! Dies Bewußtſein aber machte ſie ſelber zag⸗ haft und muthlos, nahm ihr die Kraft, ihm alle Schmerzen ihrer Vergangenheit zu klagen, weil — 142— ſie fühlte, daß Leontin zu ſchwach ſei, die Laſt dieſes Vertrauens zu ertragen. Und dennoch liebte ſie dieſen ſchwärmeriſchen, feurigen Jüngling, horchte ſie mit lächelndem Entzücken ſeinen begeiſterten Zu⸗ kunftsträumen, und ließ ſich mit erröthender Be⸗ ſcheidenheit ſeine anbetende Liebe gefallen. Aber ſie liebte ihn nicht mit der Hingabe und ergebenen Leidenſchaftlichkeit des Weibes, ſie liebte ihn nicht mit aufſchauendem, gläubigen Vertrauen, ſondern zagend vor jedem Sturm, der kommen konnte, die Blüthen dieſer Liebe zu knicken, gewiß, in ſolchem Sturm nicht die Schutz Empfangende, ſondern die Schutz Gebende zu ſein.. Vielleicht aber war es das Gefühl dieſer Ver⸗ gänglichkeit ihres Glückes, dieſer Mangel des Ver⸗ trauens in ihre Zukunft, was ihrem Weſen den hchſten Aufſchwung der Leidenſchaft verlieh, und ſie glühend in Liebesglück und feuriger Begeiſterung erſcheinen ließ. Gleich dem zum Tode Verurtheilten, der den ganzen Genuß, die ganze Freude ſeines erlöſchenden Lebens zuſammen drängt in den einen letzten, freien und glücklichen Tag, der Alles, was er von der Zukunft erhofft und erträumt, in den goldenen Becher dieſes einen Tages wirft, und in durſtigen Zügen jahrelange Genüſſe an einem Tage trinkt, weil er weiß, daß der kommende Morgen ewigen Tod bringt, gleich dieſem Ver⸗ urtheilten fühlte ſich Giſela, wollte ſie vor dem unvermeidlichen Tode ihres Glückes das ganze, 3 volle Glück genießen und ſich zu eigen gemacht haben. „Ach, Du liebſt mich,“ ſagte ſie zu ihm mit leidenſchaftlicher Melancholie,„ja, Leontin, ich fühle, ich weiß es, Du liebſt mich! Deine Liebe iſt mir eine Wohlthat, eine Märtyrerkrone, welche die Welt mir bewilligt. Ach, könnte ich ſterben, ſchnell ſterben, ehe Du ſelber dieſe Märtyrerkrone von dieſer blutenden Stirne reißt. Oft, ſogar in Deinen Armen, beſchleicht mich dieſer Wunſch, zu ſterben, mich einzuhüllen in Deine Liebe und zu ſterben, während Du mich noch liebſt. Ach, ich weiß nicht, welche geheimnißvolle, immer wache Stimme in meiner Bruſt mir zuruft, daß dies die letzten ſchönen Tage meines Lebens ſind, daß dies Glück enden wird, wie alles Andere hienieden. Aber nein, Du biſt nicht wie die andern Männer, Dein Herz iſt edel, Deine Seele iſt rein. Du vermagſt es nicht, das Weib zu verlaſſen, welches bereit iſt, Dir ſein ganzes Daſein zu weihen. Nein, Leontin, das vermagſt Du nicht! Sprich zu mir, mein Geliebter, laß mich Deine Stimme hören, dieſe liebe, harmoniſche Stimme, die mich einſchläfert zu ſüßem Vergeſſen, und mich eine Ewigkeit des Glückes glauben macht!“ Und Leontin knieete vor ihr nieder, ihre Füße zu küſſen, ihr Gewand an ſeine Lippen zu drücken, und ihr tauſend zärtliche, entzückte Namen zuzuflüſtern, die ſie erbeben machten vor Glück und Wonne. — 144— „Oh, ich wußte es recht wohl,“ ſagte er, glühend vor Enthuſiasmus,„ich wußte es wohl, daß Du vorhanden ſeieſt, theure Seele, zweites Daſein meiner Seele. Ich wußte es, daß Du noch außer meinen Träumen exiſtirteſt, Du herr⸗ liches, endlich gefundenes Glück. Oh, Du biſt endlich da, Traumbild meiner Jugend, Sehnſucht meiner Seele! Ich habe Dich endlich gefunden, und ich erkenne Dich wieder! Dein Bild ſchwebte vor mir her in der Ferne und Weite, und zog mich ewig, ewig Dir nach, Dein Antlitz fühlte ich über mir geneigt, wenn ich ſchlafend auf mei⸗ nem Lager nach Dir ſeufzte und ſchrie, Deine Stimme hörte ich in dem Säuſeln des Abend⸗ windes, der mir von Dir flüſterte und ſprach. Du warſt es, Du, die ich überall ſuchte, und jetzt endlich biſt Du da, mit köſtlicherm Erwachen aus köſtlichen Tränmen mich weckend, eine herr⸗ lichere Wirklichkeit nach herrlichen Illuſionen mir bietend. Ja, Du biſt da, Du, die ich überall ſuchte, zu der ich überall betete. Oh, wie lange, lange habe ich Dich erwartet. Und eines Tages glaubte ich Dich gefunden zu haben. Ich glaubte es und liebte! Aber ach, meine blöden Augen hatten ſich getäuſcht! Dich anbetend, Dich nur denkend, hatte ich nicht geſehen, daß ich eine An⸗ dere auf den Altar erhoben, vor welchem ich zu Dir betete, daß es eine Andere war, der ich ver⸗ trauete, die ich meine Heilige nannte. Oh, verzeihe mir dieſen Irrthum, ich habe ihn ſchwer gebüßt, holdes Idol, und doch ſcheint es mir jetzt, als ſeien alle dieſe Leiden und Täuſchungen nicht ge⸗ weſen, als ſeien alle dieſe Schmerzen nur ein Traum! Und Du, Du Grauſame, warum ließeſt Du ſo lange mich ſuchen und warten? Warum kamſt Du nicht, mein Sehnen zu befriedigen? Komm, daß ich von Deinen Lippen alle die Tage hinweg küſſe, die Du nicht da warſt! Komm! Mein Leben beginnt erſt jetz, erſt jetzt, da ich Dich end⸗ lich erſchaue, endlich unter dem Sonnenſchein Dei⸗ ner Blicke ruhe!“ In dieſem Moment fiel der letzte Strahl der Sonne auf Leontin's Angeſicht, und Giſela ſeufzte leiſe:„die Sonne geht ſchon unter!“ „Da außen, aber nicht dieſe Sonne,“ rief Leontin, ihre Augen küſſend und ſie feſter an ſein Herz drückend.„Du, Giſela, biſt mein, mein auf ewig! Und ſo wie ich Dich halte, und ſo wie ich Dich erkannt habe, kann nichts Dich mir entreißen! Als mein höchſtes Kleinod will ich Dich der Welt zeigen, daß ſie, gleich mir, anbetend vor Dir niederfinkt, Du ſtrahlendes, reines Engelsbild.“ „Du vertrauſt mir alſo,“ flüſterte Giſela, „Du willſt nicht, daß ich die kaum verharrſchten Wunden meiner Bruſt aufreiße, und Dir mein zuckendes Herz zeige, Du willſt nicht, daß ich Dir die finſtere Geſchichte meiner Leiden und meiner Tünſchungen erzähle, und Dich Theil haben laſſe 10 Zwei Lebenswege. III. an den Qualen, dem unverdienten Leid der Ver⸗ gangenheit? Du glaubſt an meine Unſchuld, Du zitterſt nicht, Deine Zukunft der meinen zu ver⸗ einen?“ „Ich glaube an Dich, denn Deine Seele ſteht in Deinen Augen, Giſela. Du haſt gelitten, Kind, und geduldet, gleich mir, Du ſollſt glücklich ſein, gleich mir! Die Glücklichen, Giſela, das ſind die wahren Kinder Gottes, und wo ein Auge im Freudenſtrahl des Entzückens glänzt, da ſendet Gott ſeinen Segen hernieder.“ „So möge er uns ſegnen!“ ſagte Giſela, ſich an ihn ſchmiegend. Die Sonne war hinabgegangen, der Himmel ſtrahlte in purpurner Glut, und machte die Spitze des nahen Gletſchers leuchten, wie in ſeliger Ver⸗ klärung; die fernen Bergſpitzen flammten wie in Gold getaucht, und auch die Felsſpitze, auf wel⸗ cher Giſela an Leontin's Seite ruhte, war unfloſſen von dem letzten Aufflackern der Abendglut. Still war es rings umher, in der Ferne nur hörte man herüber und hinüber das Jodeln und Singen der Sennerinnen, oder das melodiſche Läu⸗ ten der Heerden. Und jetzt begann von nah und fern das Abend⸗ glockenläuten, die Sennerinnen ließen einen Augen⸗ blick ihr Jodeln verſtummen, und begannen dann den feierlichen Geſang des Ave Maria; der ſäu⸗ ſelnde Wind führte von den nahen Triften bal⸗ — —— ſamiſche Düfte her, und die ganze Erde ſchien wie im Abendgottesdienſt zu lächeln und zu beten, und zu zittern in ſeligem Entzücken. Zitternd neigte Giſela ihr Haupt auf ihres Freundes Schul⸗ tern, ihre Augen füllten ſich mit Thränen, ſie fühlte ſich beklommen und geängſtet, und unter Thränen flüſterte ſie:„Die Sonne iſt hinabge⸗ gangen! O Leontin, mein ſchönſter Tag iſt ge⸗ weſen! Laß mich ſterben, bevor es Nacht wird!“ XII. Wanderungen. In der kleinen Sennhütte auf dem Untersberg war heute ein Feſttag. Der alte Caspar hatte ſeinem jungen Patienten geſtattet, heute zum erſten Male die Krücken wegzulegen, und den geneſenen Fuß zu benutzen. Als Leontin jetzt, frei und ſtolz aufgerichtet, ohne Stütze, ungebeugt neben Giſela daher ſchritt, von keinem Verbande, keiner Feſſel mehr beengt, als Giſela ſein glückliches Lä⸗ cheln über die vollkommen gelungene Heilung ge⸗ wahrte, als Caspar erklärte, von nun an ſei Leontin ein vollkommen Geneſener, und könne ſich ohne Scheu der Kraft ſeiner Füße wieder anver⸗ trauen, da jauchzte auch Giſela laut auf in freu⸗ diger Wonne und mit Thränen des Entzückens warf ſie ſich an ihres Freundes Bruſt. Heute, ſchien es, ſchlummerten alle ihre trüben Ahnungen, ihre melancholiſchen Vorausſetzungen, die Freude hatte Giſela wieder jung gemacht und — 149— ahnungslos, heute gab es für ſie keine Erfahrun⸗ gen und Schmerzen, und jauchzend, lachend, fröh⸗ lich und arglos, wie ein Kind, hüpfte und tanzte ſie mit dem wieder geneſenen Liebling umher. Lange Spaziergänge wurden unternommen. Welche Wonne für ſie, dem Freunde alle ihre Lieblingsplätze zu zeigen, an denen ſie ſonſt ein⸗ ſam geſeufzt und geklagt, ihn an den Rand der Abgründe zu führen, und ihm leiſe die gefährli⸗ chen Zuflüſterungen zu wiederholen, welche einſt die Stimmen des Abgrunds ihr gemacht. Welches Entzücken, ſich jetzt von zwei lieben⸗ den Armen gehalten, und angſtvoll von dieſem finſtern, verlockenden Abgrund zurückgezogen zu fühlen! 2 „Nein, fürchte nichts,“ ſagte ſie mit einem glücklichen Lächeln ſich an ihn ſchmiegend,„kein Ton von da unten dringt mehr zu mir herauf. Mein Ohr iſt taub geworden für alles Andere, nur nicht für Deine Liebesworte. Komm, laß uns weiter gehen, den holden Zuflüſterungen zu lauſchen, die aus Buſch und Wald uns entgegen tönen!“ Und wie eine Gazelle hüpfte ſie dahin über ſpitziges Geſtein, hinauf zu den Spitzen und Kup⸗ pen des zackigen Gebirges, den Freund ſüß lockend und vor dem Heraneilenden hinter einem Felsvor⸗ ſprung ſich verſteckend, bis er ſie fand, und jauch zend ihren Mund mit Küſſen bedeckte! Oh, wie brannten ihre Wangen in jugendlicher Glut, wie blitzten ihre Augen, wie hob und ſenkte ſich ihre Bruſt in Jugendluſt und Wonne, und welch ein holdes Lächeln umſpielte ihre Lippen. Arme Giſela, Du glaubſt alſo wieder an das Glück und an die Zukunft? Du glaubſt wieder an die Liebe, glaubſt, daß die Welt ſich Dir end⸗ lich verſöhnen, endlich inne halten wird, Dich zu verfolgen und Dich zu ſtrafen für Deine Miß⸗ achtung ihrer? Arme Giſela! Hörſt Du nicht die Todten⸗ glocke läuten, die Dein Glück zu Grabe trägt? Siehſt Du nicht das Schwert, das ſchon herab⸗ fallen will, Dein Haupt zu treffen! Sie hört nur das holde Geflüſter des Freun⸗ des, ſie ſieht nur ſein liebeglühendes Auge! Arme Giſela! Bald genügten ihnen die nähern Spaziergänge nicht, ihre Wanderluſt verlangte nach größerer Ausdehnung, nach ferneren Zielen, und ſo, von Löſerl geleitet, ſtiegen ſie vom Gebirge hernieder in's Thal zu größeren Ausflügen in die herrliche Gegend. Am Fuß des Gebirges nahmen ſie auf einige Tage Abſchied von Löſerk, die wieder hinauf wan⸗ derte zur Sennhütte. Die Liebenden aber gingen weiter, Arm in Arm, ſcherzend und lachend, bald hier ruhend unter beſchattendem Gebüſch, bald mit beflügelten Schritten weiter eilend.— So erreich⸗ — 151— ten ſie nach köſtlicher Wanderung Berchtesgaden. Sie durchwanderten es raſch, und eilten, noch vor Abend den Königsſee zu erreichen. Die Sonne war ſchon hinabgegangen, als ſie in dem am Ufer befindlichen Gaſthauſe anlangten, und die Fahrt auf dem See mußte bis zum fol⸗ genden Tag verſchoben werden. Müde von ſo lan⸗ ger Wanderung ſuchten ſie bald ihr Lager, um in feſtem, erquicklichen Schlafe auszuruhen nach einem herrlichen Tage. Wenige Stunden ſpäter kam ein Wagen daher gefahren, und hielt gleichfalls vor dem Wirths⸗ hauſe an. Sepperl, der bekannte Führer, ſaß vorne neben dem Bedienten auf dem Bock, eine tief verſchleierte Dame im Innern deſſelben. Sepperl ſprang behende hernieder, und ſagte, ſich an die Dame wendend:„ſo werde ich denn jetzt fragen, ob der Herr hier wirklich angekom⸗ men, oder ob er vielleicht ſchon über den See iſt. Denn daß der Fremde, der damals das Bein brach, derſelbe Herr iſt, den Ew. Gnaden ſuchen, darauf möchte ich mein Leben verwetten!“ „Gäbe der Himmel, daß es ſo iſt!“ ſeufzte die Dame.„Wochen lang ſchon verfolge ich ſeine Spur, und hätte der Himmel nicht Euch in meinen Weg geführt, ſo wäre all mein Suchen und For⸗ ſchen zwecklos geweſen. Geht, geht denn und fragt, hundert Louisd'or ſind Euer, wenn es der Herr iſt, den ich ſuche!“ — 152— Bald kehrte Sepperl zurück mit dem Bericht, daß der von ihm beſchriebene Herr allerdings und zwar mit einer Dame ſich hier befinde, aber be⸗ reits ſeit einer Stunde zur Ruhe gegangen, mor⸗ gen mit dem Früheſten indeß die Fahrt über den See anzutreten gedenke. „Bis morgen alſo!“ ſagte die Dame ſeuf⸗ zend, und verließ den Wagen, um gleichfalls die Nacht in dem Hauſe zu verweilen. Und der Tag brach an, ruhig erhob ſich die Sonne, die heute ſo viel irdiſche Qnal beſcheinen ſollte, ruhig ſtieg ſie empor und funkelte in den Schneehörnern des Watzmann, und glitzerte in den durchſichtigen, grünen Waſſern des Königs⸗ ſees, daß man auf dem Grund deſſelben die Fiſche und Gethiere daher ſchlüpfen und kriechen ſah. Der Tag war da! Man vernahm ſchon das Läuten der Morgenglocken, von den Sennhütten hernieder ertönte munterer Schalmeienklang, und allgemach begann es ſich zu regen im kleinen Wirthshauſe am Ufer des See's. hnn Die ſchöne Mariandel erſchien in der geöff⸗ neten Thür und rief mit fröhlichem Tone den Tonerle, der bald herbei geſprungen kam und Ma⸗ riandel's Befehle empfing, ſogleich zwei Boote aus dem Schuppen zu ziehen und die Schiffer zu ru⸗ fen, denn die Herrſchaften ſeien alle ſchon wach, und wollten nun die Fahrt über den See antre⸗ ten. Tonerl nickte ſeiner Mariandel freundlich — 153— zu, und ſprang dann fort, ſeinen Auftrag zu vollführen. 65 Eine Zeit lang blieb Alles ſtill, die Boote waren heran gefahren, und die Schifferinnen, in der maleriſchen Landestracht, lehnten wartend auf ihren Rudern. Zetzt ward die Thür des Hauſes abermals ge⸗ öffnet, und in derſelben erſchien Giſela an Leon⸗ tins Arm. Sie ſah heiter aus, blühend und friſch, wie eine kaum entfaltete Roſe; ihre ſchwel⸗ lenden Lippen umſpielte ein ſüßes Lächeln, und langſam ließ ſie den Blick auf die grünen Matten der nahen Berge ſchweifen. In dieſem Blick leuch⸗ tete eine Welt des Glückes. „Der Morgen iſt köſtlich,“ ſagte ſie mit dem tiefen, vollen Ton der Freude;„horch, wie die Vögel zwitſchern, oh, die ganze Natur ſcheint zu lächeln.“ „Und was iſt ein Lächeln der Natur gegen ein Lächeln dieſes Mundes?“ ſagte Leontin, ihre Hand küſſend und ſie hinabführend zum Ufer des See's. Sie beſtiegen eins der Boote, und der ſchnelle Ruderſchlag führte ſie bald raſch vom Ufer ab. Eilt ihr Glücklichen, eilt von dannen, fleht zu dem Winde, daß er Euer Boot raſch über die kräuſelnden Wogen dahin trage, eilt von dannen mit Eurem Glücke, hinter Euch lauert das Ver⸗ derben, eilt, daß es Euch nicht mehr zu erreichen vermag! — Sie lächeln, ſie ſcherzen mit einander, ſorglos, keine Gefahr ahnend. Giſela ſchmiegt ſich zagend an des Freundes Schulter, denn ihr ſchwindelt bei dem Anblick dieſes klaren Waſſerſpiegels, in dem die himmel⸗ hohen Felſen ſich wiederſpiegeln, und wie tiefe, un⸗ ermeßliche Abgründe erſcheinen. Zetzt fliegen ſie vorüber an der Inſel St. Johann, jetzt macht der See eine Biegung, und von hohen Felſen rings eingeſchloſſen, haben ſie den Blick auf das Ufer verloren, und können auch von dort nicht mehr geſehen werden. In dieſem Augenblicke erſchien die geſtern an⸗ gelangte Dame in der Thür des Hauſes, wie ge⸗ ſtern, verſchleiert. „Sie haben mich alſo vergeſſen,“ ſagte ſie mit zürnendem Tone zu Mariandel, die demüthig hinter ihr ſtand.„Ich hatte Ihnen befohlen, mich zu wecken, ſobald jene Fremden aufgeſtanden, und jetzt ſind dieſe ſchon fort!“ Mariandel ſchwur, an die Thür der gnädigen Frau geklopft, aber keine Antwort erhalten zu haben.„Und wohin ſind die Fremden gefahren?“ „Nach Bartholomä, dort wollen ſie landen und das Frühſtück einnehmen.“ „Alſo nach Bartholomä!“ befahl die Dame, zum Ufer eilend, und raſch das ihrer harrende Boot beſteigend. „Schnell, ſchnell vorwärts!“ befahl ſie den — 255 Schifferinnen. Die Ruder ſchlugen in's Waſſer, und raſch entfernte ſich das Boot vom Ufer. „Ich werde ihn treffen, ich muß ihn treffen!“ murmelte die Dame.„Ich liebe ihn! Meine Ehre, mein Anſehen vor der Welt ſteht auf dem Spiele. Ich muß ihn ſeiner neuen Geliebten ent⸗ reißen, denn er iſt mein, muß mein ſein!“ O, wie langſam, langſam däuchte ihr die Fahrt! ZJetzt endlich, endlich iſt Bartholomä er⸗ reicht, jetzt fährt das Boot unter den bedeckten Schuppen am Ufer, jetzt ſpringt die Dame ams Land, und eilt mit beflügelten Schritten dorthin, wo ſie unter der Linde auf der hölzernen Bank ein zärtlich umſchlungenes Paar ſieht, den Rücken ihr zugewandt. Raſch eilt ſie vorwärts, und mit zärtlichem Liebeston ruft ſie den Namen:„Leontin!“ Erſchrocken, wie von einem elektriſchen Schlage getroffen, flog Leontin von ſeinem Platze empor und ſtarrte nach der geheimnißvollen Erſcheinung hin. Als auch Giſela ihr Haupt dorthin wandte, hörte man unter dem Schleier hervor einen Schrei des Erſtaunens. Dann ſtürzte die Dame näher, dicht vor die Liebenden tretend, warf ſie den Schleier zurück und erbleichend erkannte Giſela— ihre Schweſter Judith. Es war eine fürchterliche Pauſe, die nun eintrat, ein entſetzliches Drama, das ſchweigend hier abgeſpielt — 156— ward! Drei Herzen, mit ängſtlichen Schlägen ge⸗ gen drei angſtgefolterte Buſen ſchlagend! Drei bleiche, von Schmerz und Entſetzen durch⸗ furchte Angeſichter, ſich einander anſtarrend, mit glühenden, durchbohrenden Augen, mit dem Aus⸗ druck des Haſſes, des Erſtaunens! „Das alſo,“ ſagte Judith endlich mit ſchnei⸗ dendem, kalten Hohn,„das iſt Deine Geliebte! Um dieſes Weibes willen verließeſt Du mich, mich, die Dich liebt, mit reiner, hingebender Liebe, Deine verlobte Brant?“ Leontin hatte ſich von ſeinem Schrecken er⸗ holt, er richtete ſich ſtolz auf, und ſagte ruhig: „Dies Verhältniß iſt zerriſſen! Die frühere Ge⸗ liebte des Grafen Walther, die durch geheuchelte Liebe ſich das nachtheilige Teſtament ihres Ge⸗ mahls erſchlich, dies niedrige, buhleriſche Weib kann und wird niemals meine Gemahlin werden.“ Zudith brach in ein lautes, ſpöttiſches Gelächter aus:„Ich ſehe, es iſt meiner Feindin gelungen, mich zu verleumden,“ ſagte ſie dann.„Wohl, alſo wegen dieſer Verleumdungen verließeſt Du mich, um Dich in die Arme eines Weibes zu werfen, die gebrandmarkt daſteht vor der ganzen Welt, auf welche die Kinder mit Fingern zeigen, und ſich einander in die Ohren flüſtern: Das iſt ſie, die Giftmiſcherin, die Maitreſſe des Fürſten Lothar, das iſt ſie, die frühere Geliebte des Grafen Walther; Ja, das iſt Giſela von Waidmann, die Schande — 1 ihres Geſchlechts, die Maitreſſe des Fürſten Lothar, angeklagt als ſeine Giftmiſcherin.“ ſs Ein einziger, furchtbarer Schrei thnte von Leontin's Lippen.„Du lügſt, elendes, heuchleri⸗ ſches Weib, Du lügſt!“ rief er dann, zitternd vor Wuth.„Du wagſt es, einen Engel zu be⸗ ſchimpfen. Zenes verbrecheriſche Weib, von der die Zeitungen uns erzählten, hat nichts gemein mit dieſer reinen, edlen Seele!“ fiẽ „Frage doch ſie ſelber!“ ſagte Indith höh⸗ nend, mit dem Finger auf Giſela deutend. Dieſe ſtand da, ruhig und ſtolz, ihr Auge gen Himmel gewandt, als ob ſie betete, die Wangen von durchſichtiger Bläſſe, die Arme über der Bruſt gekreuzt, als wollte ſie deren ſtürmiſches Wallen ſünftigen. Friede und Ruhe lag auf ihren Zügen; nnn das Unglück da war, ſchien ſie es ſchon über⸗ wunden zu haben. Leontin kniete vor ihr nieder, und ihre Kniee umklammernd flehete er:„Sprich jetzt, meine Ge⸗ liebte, mein Engel! Vernichte dieſe frechen, ſcham⸗ loſen Lügen durch ein Wort, einen Blick! Sieh mich nur an, lächle mir nur, ſchüttle verneinend Dein liebes, ſtolzes Haupt, und ich will Dir auch ohne Worte glauben! Oh, ich glaube Dir, auch ohne Worte, ohne Zeichen. Aber um dieſes lüg⸗ neriſche Weib zu ſtrafen, darum, meine Geliebte, darum ſprich!“ Sie ſchien ihn kaum zu hören, ihr aufwärts —56— gewandter Blick ſchien in den fliegenden Wolken zu leſen, ſo ſtarr war er auf ſie gerichtet, ſo me⸗ chaniſch folgte er ihnen. „Ich frage Dich im Namen Deiner Mutter,“ ſagte Judith mit jener heuchleriſchen Feierlichkeit, die ihr zuweilen eigen war,„ich frage Dich, biſt Du nicht jene, wegen Giftmordes angeklagte Gi⸗ ſela von Waidmann?“ Giſela's Blicke ſenkten ſich, ſie hatte in den Wolken geleſen, daß ihr Verhängniß erfüllt ſei, und jetzt ſchaute ſie auf Judith mit einem Blicke unausſprechlichen Mitleids, tiefen, wehmüthigen Er⸗ barmens.— Sie hatte überwunden, der Kampf war vorüber, ſie dachte nicht mehr an ſich. Athemlos, zitternd und angſtvoll, ſah Leontin zu ihr empor. Giſela blickte ihn lange und forſchend an, und ſie ſah in ſeinen Zügen Angſt und Zweifel, Sorge und Pein, nicht jenes unerſchütterliche Vertrauen, das er ihr oft geſchworen, und ein bitteres, me⸗ lancholiſches Lächeln umſpülte ihre Züge. „Biſt Du nicht jene angeklagte Giſela von Waidmann?“ wiederholte Judith ihre Frage. Giſela richtete ſich ſtolzer und höher auf, dann ſagte ſie mit lauter, voller Stimme:„Ich bin es, Judith, bin Deine Schweſter Giſela!“ Ein dumpfer Schrei tönte von Leontin's Lip⸗ pen, dann ſprang er empor, zitternd, mit wuth⸗ blitzenden Augen, ſein ganzes Antlitz leuchtend in — 159— wildem Zorn. Mit roher Gewalt ſtieß er Giſela fort, und die Arme drohend erhebend, rief er: „So ſei verflucht, Lügnerin, verflucht mit Deinem engelreinen Antlitz, das eine ſchändliche Lüge iſt, Du Giftmiſcherin.“ Giſela blickte ihn ruhig und ſtolz an.„Armer Leontin,“ ſagte ſie dann mitleidsvoll,„armer Leontin!“ Aber der Schmerz, die Qual, die furchtbare Aufregung raubte ihm die Sinne, ohnmächtig ſtürzte er zur Erde, und Judith, neben ihm knieend, nahm ſein Haupt in ihren Schvoß, es mit Thrä⸗ nen benetzend und mit tauſend zärtlichen Namen ihn rufend. Giſela blickte mit ruhigem Auge auf dies Bild vor ihr; die Arme in einander geſchlagen, das Haupt ſtolz aufgerichtet, ſtand ſie da. Dann ſagte ſie:„Tröſte ihn, Judith! Dich aber fordere ich dereinſt vor Gottes Richterſtuhl!“ Ein feierlicher, tief erſchütternder Ausdruck lag in dem Ton, mit dem ſie dieſe Worte ſprach, und in dem aufwärts gerichteten Arm. Dann warf ſie einen langen, letzten Blick auf Leontin, und ſchritt, hoch aufgerichtet und ruhig dem Hauſe zu. Mit ruhiger Stimme forderte ſie von der Wirthin des kleinen Jagdſchloſſes Bartholomä ein Zimmer, und als ſie dies erreicht, ſchloß ſie es hinter ſich zu. — 260— Ob ſie gelitten? Ob ſie geweint? Ob ſie noch einen furchtbaren Kampf gekämpft mit ihrer Liebe? Wir wiſſen es nicht! Sie war allein mit Gott und ihrem Herzen, und kein menſchliches Ohr hat ihre Klagen vernommen, kein menſchliches Auge ihre Qual, ihre Thränen geſehen! Stolz und groß hüllte ſie ſich in ein tiefes, undurchdringliches Geheimniß, und nur die Engel haben ihre Thrä⸗ nen, ihre Seufzer gezählt! Während Giſela mit Qualen und Schmerzen in der Einſamkeit rang, fuhr das Boot, in wel⸗ chem Indith gekommen, wieder über den See zu⸗ rück nach dem Wirthshaus am Ufer. Aber Fu⸗ dith war nicht allein in demſelben. Der immer noch ohnmächtige Graf Leontin befand ſich neben ihr in dem Kahn, und indem Judith ihre leuch⸗ tenden, triumphirenden Blicke auf ſein leiſe zucken⸗ des, bleiches Angeſicht heftete, flüſterte ſie:„Jetzt iſt er Mein, und nichts auf der Welt ſoll ihn mir wieder entreißen!“ . XIII. Der Abſchied vom Leben. Stunde nach Stunde war vergangen, der Mittag war längſt vorüber, der Abend dämmerte . herauf, und es begann zu dunkeln, als Giſela ihr Zimmer öffnete und nach der Wirthin rief. Dieſe eilte ſchnell herbei. Giſela befahl, ihr Licht, Papier und Tinte zu bringen, und als dieſe mit dem Verlangten herbei eilte, erſtaunte ſie, die Zeugin dieſer Morgenſcene, vor der wunderbaren, heiligen Ruhe, die über das Antlitz 4 bleichen Fremden verbreitet war. Giſela dankte der Wirthin lächelnd, und bat, ſie wieder allein zu laſſen. Sie verſchloß wieder die Thür, und ſetzte ſich um zu ſchreiben. Ihre Hand zitterte i mit feſter Hand ſchrieb 1e Giſela an Leontin. „Armer Freund! Du leideſt, und ich, Deine Giſela, ich kann Dir timn Troſt geben! Oder Zu III. 11 — 162— iſt es Dir ein Troſt, zu hören, daß ich unſchul⸗ dig bin, daß meine Hand nicht jenes Verbrechen beging, deſſen man mich angeklagt, daß ich nicht die Geliebte, ſondern in reiner Neigung die Freun⸗ din des Fürſten Lothar war? Iſt es Dir ein Troſt, zu wiſſen, daß ich un⸗ ſchuldig bin an Allem, deſſen man mich beſchul⸗ vigt? Einſt, Leontin, verwünſchteſt Du die Welt, und doch, armer Jüngling, biſt Du ihr Sclave! Einſt war meine Liebe mächtig genug, Dich der Welt zu verſöhnen, und jetzt giebſt Du mich auf, um der Meinungen dieſer Welt willen! Aber Du haſt Recht, und ich darf Dir nicht zürnen! Wenigen iſt es gegeben, mit unerſchüttertem Muthe die Welt zu verachten, und nur ſich ſelber zu folgen, nur auf ſich ſelber zu bauen, und dieſe Wenigen— ſie werden unterliegen! Die Welt wird ſie unter ihre Füße treten und ſie zerreißen. Die Welt kennt kein Erbarmen, und ihren Vorurtheilen muthig die Stirne bieten, heißt ſie zum Kampfe herausfordern, zum Kampf auf Leben und Tod! Ich, mein Freund, habe dieſen Kampf be⸗ ſtanden! Es ward mir geboten, hinaus zu gehen in die Welt, und ihr ein Beiſpiel zu geben, von der wahren Freiheit, ein Beiſpiel, an dem ſie er⸗ kennen möge, daß die Unſchuld erhaben iſt über — 163— jedes Zagen und jede Anfechtung, daß ſie weder die Verleumdung, noch die Bosheit fürchtet. Aber ach, die Freiheit iſt nicht von dieſer Welt, — meine Unſchuld ward zur Schuld, und meine Kühnheit zum Verbrechen. Die Welt hat mich geſteinigt, weil ich die Welt nicht fürchtete, ſie hat mich ausgeſchrien als Ver⸗ brecherin, und doch war mein einziges Verbrechen, ihren Satzungen nicht gehorcht, ihren Beſchrän⸗ kungen mich nicht unterworfen zu haben. Die Welt hat geſiegt; matt gehetzt von ihren Verfolgungen, mit wunder Bruſt, mit beſtaubten Füßen ſinke ich zuſammen, unvermögend, mich weiter zu ſchleppen. Armer Leontin! Du wirſt dieſen Schmerz über⸗ winden, denn die Welt hat noch Reiz für Dich! Sie wird mit tauſend Liebesarmen ſich Dir entge⸗ genſtrecken, ſie wird mit verlockendem Liebesblick Dir lächeln, und in Dein Ohr verführeriſche Ver⸗ heißungen murmeln. Glaube ihr, ergieb Dich ihrem füßen Taumel, genieße ihre Freuden! Man kann auf Erden nichts Beſſeres thun! Aber— fürchte die Welt! Wolle nicht ſie beherrſchen, ſondern nur ihr dienen, um ihr Lächeln buhlen, um ihre Zufrie⸗ denheit flehen! So kannſt Du, indem Du ſie anbeteſt, ſie beherrſchen! Armer Leontin, vergiß mich und verzeihe es mir, daß Du mich liebteſt! Das Erinnern an — 164— mich wird Dir ſein wie ein finſterer Traum, wie die Schneeflocken eines vergangenen Winters! Möch⸗ ten ſie aufthauen unter den Thränen des Mit⸗ leids, die Du, mir nicht mehr zürnend, meinem Andenken einſt weiheſt! Lebe wohr!“ Als Giſela dieſen Brief geendet, ſank ſie kraftlos zurück, und ein krampfhaftes Schluchzen drang aus ihrer Bruſt hervor. Sie lehnte ſich zurück, und rang mit ihrer Qual. Aber bald war ſie wieder ruhig und gefaßt. Abermals ergriff ſie die Feder und ſchrieb: Giſela an den Pfarrer Herrmann. „Verzeihung mein Vater! Ich habe das Ban⸗ ner beſchimpft, das Du in meine Hand gelegt, und meine Hände ſind nicht würdig, es länger zu tragen. Siehſt Du das Blut, das daran klebt? Es iſt mein Blut, und jetzt ſinke ich zuſammen, unfähig, weiter zu gehen!— Weißt Du noch, mein Vater, als ich, Abſchied nehmend, vor Dir kniete, als Du mich ſegneteſt für die Welt mit dem Worte:„Thue Recht und ſcheue Niemand! Mein Vater, dieſer Segen iſt mir zum Fluch geworden, an dem ich verblutet bin! Es iſt ein gefährlich Wort, und haſt Du ein Kind, das Du liebſt und es hinausſchicken willſt in die Welt, ſo gieb ihm nicht dies Wort als Begleiter mit. Segne es lieber mit dem Spruch: afürchte die Welt, und nur, wenn ſie Dir es geſtattet, thue das Rechte! Sie verzeiht Dir eher ein Verbrechen, als den Muth, ihr zu trotzen!“— Liebſt Du aber Dein Kind recht, ſo ſchließ es ein in Deiner Kammer, ſo verbirg es vor den Menſchen, denn es iſt ihm beſſer mit wilden Thieren zu ſpielen, als mit der Welt, und die Thiere ſind großmü⸗ thig gegen die Welt. Der Löwe, ſagt man, ſchont der Unſchuld, die Welt aber zerfleiſcht ſie! Und was ſoll ich mit dieſer troſtloſen Wahrheit, erkauft mit meinem Blute, was ſoll ich hienieden? Mein Muth iſt gebrochen, meine Kraft gelähmt. Mein Vater, zürne nicht Deinem ſchwachen Kinde, weil es jetzt unterliegt! Und höre, höre die Bitte Deiner Tochter, das Vermächtniß, das ich Dir zurücklaſſe! Es iſt der Mann, den ich liebe, der Graf Leontin! Zürne ihm nicht, daß es ihm an Muth fehlt, der Welt zu trotzen, und mir zu vertrauen! Was willſt Du, er iſt noch ſo jung, ſo wenig geſtählt gegen den Schmerz, und dann auch bin ich nicht ohne Schuld gegen ihn. Hätte ich, ich ſelbſt den Muth gehabt, ihm die traurige Geſchichte meiner Vergangenheit zu erzählen, vielleicht, daß er mir vertrauet, daß er um mich Alles verlaſſ en hätte. Aber ich ſchwieg, und dies Schweigen, das erſte Zugeſtändniß, das ich aus Furcht der Welt gemacht, dies Schweigen war mein Unrecht! Das iſt das Entſetzliche, daß die Welt unſere Wahrhaftigkeit beſiegt und uns zur Lt zwingt! — 166— Er mußte mich für ſchuldig halten, weil ich nicht mehr den Muth hatte, wahr zu ſein! Und darum, zürne ihm nicht! Zetzt noch flucht er mei⸗ nem Andenken, aber es wird eine Zeit kommen, wo er mir verzeiht, wo er um mich weint, wo er ſehnend die Arme nach mir ausſtreckt und fühlt, daß ich ihn unausſprechlich geliebt habe. Wenn dieſe Zeit gekommen, dann eile zu ihm, dann nimm ihn an Dein Herz und tröſte ihn, bringe ihm meinen Segen, und ſage ihm, daß ich ihn ewig, ewig liebe! Giſela.“ Als Giſela dieſen Brief vollendet, war die Nacht bereits hereingebrochen. Sie ſiegelte und adreſſirte die beiden Briefe, und ſie auf dem Tiſche liegen laſſend, verließ ſie ihr Zimmer. Im Hauſe war Alles ſtill, nur die Magd ſaß ſchlummernd auf dem Hausflur. Giſela ging, leicht und geräuſchlos, einem Schatten gleich, an ihr vorüber, und verließ das Haus. Es war eine finſtere, ſtürmiſche Nacht. Der pfeifende Wind jagte dunkle Wolken am Monde vorüber, daß er zuweilen gänzlich ver⸗ ſchwand, zuweilen, die Wolken durchkämpfend, mit grellem, kalten Licht die Gegend beleuchtete. Brauſend ſchlugen die Waſſer des See's an's Ufer, zuweilen im Widerſchein des Mondes grell aufleuchtend, dann wieder tief dunkel hinbrauſend. Dunkel und ſchwarz, gleich ernſten Rieſenwäch⸗ 167 tern, umgaben drüben die ſteilen Felswände das brauſende Waſſer. Schwebenden, geflügelten Schrittes eilte Giſela dem Ufer zu, mit geſchickten Händen löſte ſie eins der Boote von der haltenden Kette, und es be⸗ ſteigend und mit einem feſten Rucke abſtoßend vom Ufer, überließ ſie das Boot dem Spiel der Wogen. Eben trat der Mond aus den Wolken hervor, und beleuchtete ein wunderbar phantaſtiſches Bild: den brauſenden, in hohen Wellen ſich aufbäumen⸗ den See, und ſchaukelnd auf ſeinem Rücken hin und her geſchleudert das kleine Boot, darin knieend, die Arme über der Bruſt gekreuzt, das Autlitz auf⸗ wärts gekehrt, die weiße Geſtalt Giſela's, vom Mondlicht wie von einer Glorie umfloſſen. Selbſt die Wogen ſchienen Mitleid zu haben mit dem bleichen, ſtillen, widerſtandloſen Mädchen, ſelbſt der Sturm ſchien ſich zu legen, koſend und ſtill trugen die Wogen den Kahn abwärts, mitten hinein in die Fluth. Nur zuweilen hoben ſich einzelne Wellenhäupter, wie lüſtern, nach der ſchönen Beute empor, und leckten hinein in das Boot, nur zuweilen plätſcher⸗ ten ſie, wie in ſüßem Gekoſe mit ihrer bleichen, ſtillen Braut, heran zu Giſela; dann zogen ſie murmelnd weiter, ihren Schweſtern zu erzählen von der ſchönen Beute, die ihrer harre. Giſela lag immer noch auf ihren Knieen, die Arme über der Bruſt gekrenzt, inbrünſtig betend. 6 Aber jetzt ſchien der See, ſchien der Sturm wie aus augenblicklicher, ſfüßer Ueberraſchung zu chen. Der Sturm jagte ſchwarze Wolken über den Mond, und in dunkle Nacht hüllte ſich die Erde, hochauf bäumten ſich die Wogen, brauſend und ziſchend, heulend und klagend, und es jammerte und pfiff in den Schluchten der Felſen, gleich einem Schrei des Entſetzens, der Todesangſt. Jetzt brach der Mond wieder hervor unter den Wolken, und beſchien den hoch aufſchäumenden See, die brauſenden Wogen, die wie in tänzelndem Spiel das Boot herüber und hinüber warfen— aber das Boot war leer! ſſſmmſ 3 14 15 16 1 . 8 9 10 11 12 1