1 3 —————— x. Wihlunchs Rleine Romank. Zweite, neu bearbeitete Ausgabe. Zweiter Theil. Zweiter Band. Altona. Verlag von J. F. Hammerich. 1860. . Zwei Jebenswege. Roman von L. Mühlbach. Zweite, neu bearbeitete Ausgabe. Zweiter Pand. Alltona. Verlag von J. F. Hammerich. 1860. Freiheit. Giſela war frei, war allein mit Gott und der Natur! Mit welchem Entzücken erfüllte ſie die Ein⸗ ſamkeit ihrer Villa. Wie ſüß war dieſe Stille, die ſie umgab, wie ſtärkend dieſer Friede, der in der Lautloſigkeit ihrer einſamen Gemächer ſie an⸗ wehete. Endlich war ſie allein, und nichts ſtörte die Heiterkeit ihrer Seele, kein Gedanke an die Welt, kein Bereuen und Bedauern, kein Schmerz und keine Qual! Singend und jubelnd hüpfte ſie von Gemach zu Gemach, ſo daß Hedwig, die alte Dienerin ihrer Mutter, jetzt die treue Begleiterin ihrer jungen geliebten Herrin, ihr kaum zu folgen vermochte, und nur von ferne, mit Thränen in den Augen, der leichten, hohen Geſtalt nachblickte. „Hedwig, meine gute Hedwig,“ rief Giſela, zu ihr zurück kehrend, und ihre Hand faſſend,„ich 1 Zwei Lebenswege. II. ——— bin nun endlich in meinem Eigenthum! Sieh, das Alles iſt mein, dieſe Divans, dieſe Stühle, dieſe Tiſche, Alles, Alles iſt mein! Es mag altmodiſch ſein und einfach, aber mir erſcheint es ſchön, denn es iſt mein, denn ich kann damit ſchalten und walten! Ach Gott, iſt es nicht ſchöner in einer ſelbſt gebauten Hütte zu wohnen, als in einem Palaſte, der Andern gehört?“ „Aber Sie werden es vielleicht doch bereuen, mein theuerſtes Fräulein, nicht mehr in dem präch⸗ tigen Hötel der Frau Baronin zu wohnen, wo Alles, was Sie umgab, ſo koſtbar und glänzend war. Ich fürchte, Sie werden hier manche Be⸗ guemlichkeiten entbehren müſſen.“ „Was denn, Hedwig? Ich vermiſſe nichts! Was werden wir denn entbehren müſſen, altes Mütterchen?“ „Vorerſt haben Sie keine Equipage.“ „Aber ein paar geſunde Füße, die mich tra⸗ gen ſollen durch Feld und Wald, über Wieſen und Bäche. Und dann, Hedwig, Du vergißt mein Pferd, meinen lieben, ſanften Henno! Oh, der wird ſich hier weit wohler fühlen, als da drinnen in der Stadt, wo ich immer ſo gravitä⸗ tiſch und ernſt, ſo langſam und zaghaft an der Seite meiner Schweſter, gefolgt von Reitknechten, durch die Straßen reiten mußte! Das Alles iſt hier nicht nöthig! Hier bin ich mit meinem Henno allein, und wir reiten langſam und raſch, toll und kindiſch, wie uns gerade die Laune kommt! O mein Gott, wie köſtlich das ſein wird!“ „Aber wenn ſie dann ganz ermüdet und er⸗ ſchöpft heimkehren, dann haben Sie nicht einmal ein weiches Sopha, ſich darauf hinzuſtrecken. Alle dieſe Meubles ſind ſo hart gepolſtert!“ „Bah, was kümmern mich die Polſter! Aber für Dich, alte Hedwig, für Dich wollen wir ein gutes Polſter beſchaffen! Deine alten Glieder ſollſt Du weich und ſanft ſtrecken können, und nicht klagen dürfen über Unbequemlichkeit. Den köſt⸗ lichſten, bequemſten Lehnſtuhl ſollſt Du Dir in W. kaufen!“ „Oh, nicht für mich, theuerſtes Fräulein, nicht für mich war es, daß ich klagte! Ich dachte nur an Sie!“ „Und ich an Dich, mein gutes Mütterchen! Du biſt alt, Du bedarfſt der Pflege, und ſo wie Du für mich geſorgt haſt, als ich ein Kind war und der Pflege bedurfte, ſo will ich nun wieder für Dich ſorgen, Du gutes altes Kind!“ Die alte Hedwig weinte vor Rührung und küßte ihrer jungen geliebten Herrin die Hand. Giſela aber zog ſie in ihre Arme, und ſagte lächelnd:„Du weinſt? Hatte ich alſo nicht Recht, Dich ein altes Kind zu nennen?“ Dann nickte ſie ihr lächelnd zu, und hüpfte, ein Liedchen trällernd, in das anſtoßende S dg ſie hinter ſich verſchloß. 1* Sie wollte allein ſein, ganz allein, um ſich ihrem Jubel, ihrer innern Luſt ungeſtört hingeben zu können. Sie ſtieß das Fenſter auf, und athmete in langen Zügen die köſtliche, kühlende Abendluft, die in ihren dunklen Locken ſpielte und ihre roſigen Wangen fächelte.. Mit unendlichem Wohlbehagen empfand ſie die Stille und den Frieden glückſeliger, ungeſtörter Freiheit, und ſich weit hinaus lehnend in die laue Nacht, ſchaute ſie mit entzückten Blicken auf die liebliche, ſtille Mondſcheinlandſchaft, die ſich zu ihren Füßen ausbreitete. Der Garten, in welchem ihre Villa lag, prangte im erſten friſchen Frühlingsgrün, der Duft der Anemonen und Veilchen zog zu ihr em⸗ por; in dem klaren Waſſer des Teiches, auf dem ſie ganz deutlich die ziehenden Schwäne erkennen konnte, lagerte ſich der Mond in einem langen glänzenden Goldſtreif, und durch die hohen zit⸗ ternden Bäume regte ſich der Wind in leiſem Koſen und Flüſtern, dann und wann übertönt von dem lieblichen Geſang der Lerche, oder dem köſtlichen Summen der Cicaden. Und inmitten dieſes Friedens war Giſela allein, frei und glück⸗ ſelig! Tauſend Stimmen flüſterten und jauchzten in ihr von kommendem Glück, von zu erwarten⸗ der Freude, und nichts war da, was dieſe herr⸗ lichen, geheimen Zuflüſterungen ihrer Jugendluſt ſtörte, nichts, was das Lächeln dieſer friſchen Lippen zerdrückte. Und von nun an begannen für Giſela köſtliche Tage ungeſtörten Genuſſes. Nicht mehr in Ban⸗ den gehalten von Judith's ängſtlicher Sorge, ent⸗ faltete ſich frei und kühn ihr regſamer Geiſt, hob ihre Seele die Fittige zu mächtigem Flügelſchlag und trug ſie zu den Höhen der Begeiſterung, oder ſenkte ſie in die Abgründe der Verzweiflung. Denn die Luſt iſt ſo nahe dem Schmerze verwandt, und wenn Giſela, lauſchend den geheimnißvollen Di⸗ thyramben, in welchen ſich ihr inneres Entzücken ergoß, in Thränen ausbrach, ſo wußte ſie nicht zu ſagen, ob ſie weine vor Glück oder vor Weh. Dieſen innern Zerwürfniſſen zu entfliehen, eilte ſie dann hinaus in den Wald, oder auf die Wieſe, wo ſie ganze Tage verweilte, um Blumen und Pflanzen zu ſammeln zu ernſten botaniſchen Stu⸗ dien, oder ſie beſtieg ihr Pferd, ihren treuen Henno, und ließ in brauſendem Ritt die innere Gewalt ihr ſelber unklarer Gefühle austoben. Und wenn ſie ſo dahin flog, die Luft durchſchneidend, mit blitzenden Augen, mit tief gerötheten Wangen, ihr weißes Gewand flatternd im Winde, dann blieben die Wanderer, welche die Straße daher zogen, verwundert ſtehen, der verſchwindenden Er⸗ ſcheinung nachſehend und nicht wiſſend, ob dieſe nur ein Luftgebilde ihrer Phantaſie, oder ob ſie Wirklichkeit? Aber die Armen in dem nahen Dörfchen und in der Umgegend, die Kinder und die Alten, die kannten dieſe ſchöne Erſcheinung wohl, und wenn ſie ſo raſch ſie vorüber reiten ſahen, da ſchauten ſie mit ſtillen Segnungen und glücklichem Lächeln ihr nach und fragten ſich: zu welchem Kranken, zu welchem Armen und Nothleidenden mag unſer ſchönes Fräulein jetzt wohl eilen, um Hülfe und was mehr iſt, um Troſt zu bringen? Giſela wußte zu geben in dem rechten Geiſte der Liebe, ſie wußte Troſt zu bringen, nicht mit frommen Worten, mit todten Gebeten, ſondern mit dem lebendigen Wort hülfreichen Herzens, und oft genügte der ſanfte, ſchmelzende Ton ihrer Stimme, das holde Lächeln ihrer friſchen Lippen, das ernſte Aufmerken bei jeder Klage, oft genügte die Thräne, die ſie dem Unglück zollte, um Thrä⸗ nen zu trocknen und Hoffnungen in den Unglück⸗ lichen zu wecken. Mit zartfühlendem Takt wußte ſie für jedes Leid den rechten Troſt zu treffen, und wo ſie nicht zu helfen und zu lindern ver⸗ mochte, da konnte ſie doch mit weinen und Mit⸗ leid geben. Bald war ſie rings in der Umgegend bekannt als„das ſchöne Fräulein,“, der Schutzgeiſt der Un⸗ glücklichen,“ und wo es Unglück gab, wo es galt zu helfen und zu tröſten, da eilte man zu Giſela, ihr es anzuzeigen, ſie zur Hülfe herbei zu rufen. Aber Giſela's regſamer Geiſt verlangte nach größerer — —— Thätigkeit, nach einem bedeutenderen Wirkungs⸗ kreiſe. Es genügte ihr nicht, für ſich ſelber zu lernen und zu denken, für ſich allein ernſten Stu⸗ dien ſich hinzugeben, zu malen, zu muſiciren, ſie wollte auch Andere erwecken zum geiſtigen Leben, Anderen offenbaren die köſtlichen Quellen der Wiſ⸗ ſenſchaft und der Kunſt. Ihr verſtändiger Sinn hatte bald in der Nachbarſchaft einige befähigte junge Mädchen mit köſtlichen, friſchen Stimmen aufgefunden, und dieſe begann ſie nun zu unter⸗ richten, ihre Stimmen zu bilden. Und wenn ſie dann täglich mehrere Stunden in der Geſellſchaft dieſer jungen, mit verehrender Liebe ihr ergebenen Mädchen verbracht, dann kehrte ſie mit unendlichem Wonnegefühl in ihre Einſamkeit zurück, und oft durch die Stille der Nacht noch ertönte ihr friſcher, jubelnder Geſang. So vergingen mehrere Wochen in völliger Ab⸗ geſchiedenheit und glücklichem Stillleben. Nur zu⸗ weilen kam Fürſt Lothar, um dieſe Einſamkeit zu unterbrechen, nicht aber ſie zu ſtören. Begann er von ſeiner Weltverachtung, ſo forderte ſie ihn auf, die Natur zu lieben, mit freundlichem Auge auf die köſtliche Landſchaft, die ſie Beide umgab, zu blicken, mit ihm einen Spaziergang durch Feld und Wald zu machen, Blumen ſammelnd und ſich freuend ihrer ſchönen Zeichnung, ihres künſtlichen Baues. Sprach er von ſeiner Verachtung der Menſchen, ſo wußte ſie ihm zu erzählen von ſchönen Zügen der Liebe und des Heroismus, denen ſie hier oft in niederer Hütte bei Armuth und Elend begegnet, oder ſie ſang ihm zur Harfe ſeine Lieblingslieder, ſeine innern Schmerzen be⸗ ſchwichtigend mit ihrem aus der Tiefe der Seele ertönenden Geſang. Aber der Fürſt Lothar war der Einzige, der von W. her ſie zu beſuchen kam; Fürſtin Clo⸗ tilde hatte in moraliſcher Entrüſtung den Bann⸗ ſtrahl gegen das geſchmähete junge Mädchen ge⸗ worfen, und Niemand wagte einem Zorn zu trotzen, der durch Judith's Schmerz und Trauer um die verlorene Schweſter eine ſo gerechte Begründung fand. Giſela vermißte und entbehrte Niemand, und als ſie ihrem väterlichen Freunde von ihrer Lebensweiſe ſchrieb, ſagte ſie: „Ich trinke in langen Zügen die goldene Freiheit dieſes durch nichts beſchränkten und be⸗ grenzten Lebens, und in dieſem Genuß könnte mich der Anblick der Menſchen, der feinen, ge⸗ bildeten Menſchen nur ſtören. Ich mag auch gar nichts zu thun haben mit der Civiliſation und der Cultur, und niemals iſt mir wohler, als wenn der Sturm an meine Fenſter ſchlägt, und die Bäume im Park wie leichte Blüthenſtiele knickt. Vor ſolcher freien ungebändigten Kraft empfinde ich eine tiefe Anbetung, und das Eichkätzchen, das munter von Zweig zu Zweig hüpft, ſcheint mir beneidenswerther, als eine Fürſtin in ihrem Palaſte. Zürne mir deshalb nicht, lieber ſorgender Freund, denke auch nicht, daß dieſer mir innewohnende Durſt nach Freiheit das höchſte, mächtigſte Ge⸗ fühl in mir iſt. Höre vielmehr, gütiger Vater, die Beichte Deiner Tochter, die ſich nach Scla⸗ verei und Unterjochung ſehnt. Siehſt Du, ſo thöricht bin ich, daß ich, mich glücklich nennend, dennoch nach einem fernen Glücke ſeufze und, zu⸗ frieden in der Gegenwart, dennoch goldene Zu⸗ kunftsträume hege, an denen die Gegenwart farb⸗ los verbleicht. Mein Herz liegt noch im Winter⸗ ſchlaf, und unter der kalten Eisdecke deſſelben meine ich das geheimnißvolle Walten eines wer⸗ denden Blüthenlebens zu entdecken und Frühlings⸗ kräfte und Werdedrang zu empfinden. Mein Gott, wann endlich wird ein Sonnenſtrahl dieſe Eisdecke ſchmelzen und den ganzen Liebesfrühling in mir aufthauen laſſen! Wann endlich wird eine geliebte, gebietende Hand mich hernieder reißen von meiner freien, einſamen Höhe, und mich zur Unterwer⸗ fung, zur Demuth, zur Anbetung zwingen! Mein Gott, wann endlich wird die Liebe kommen, mich zu knechten und zur Sclavin zu machen. Ich ſehne mich nach ihr, wie ein König nach der Krönung, welche ihn erſt zum Könige macht. Werde auch ich nicht erſt ganz Weib ſein, wenn mir die Liebe ihre Ketten und ihre Kronen an⸗ gehängt? Mein Gott, ich ſehne mich nach Liebe, wie ſich der Blinde nach dem Sonnenglanz, nach „ Licht ſehnt. Bin ich nicht auch blind, und muß nicht die Liebe kommen mir die Augen zu öffnen und den Staar zu ſtechen! O, wenn Du wüßteſt, Bernhard, wie oft ich ihn rufe, den heiß erſehn⸗ ten, unbekannten Freund, wie oft ich meine Arme ausſtrecke in die Ferne und Weite, hoffend, ſeh⸗ nend, ſeufzend und verlangend, wie oft ich ſeinen Namen ſuche in der Tiefe meines Herzens, und die Sterne um Antwort frage nach ihm! Wie oft ich mit zitternden Händen und erglühenden Wangen ſein Bild mir entwerfe, und es ſchamglühend wieder vernichte! Mein ganzes Daſein liegt in zuckender Erwartung nach dieſer ſeiner Wieder⸗ geburt durch Liebe, durch das zweite edlere Da⸗ ſein, in dem es ſich verlieren, mit dem es ver⸗ ſchmelzen möchte. O mein Gott, wann endlich wird der Geliebte kommen!“— 9n dieſem Augenblicke vernahm ſie vom Hofe her das Geräuſch eines heran galoppirenden Pfer⸗ ves. Sie ſprang auf und trat an's Fenſter. Sie ſah einen ihr unbekannten Mann ſich raſch vom Pferde ſchwingen, und die Zügel dem Diener zu⸗ werfen; Giſela meinte nie eine ſchönere, ſtolzere Geſtalt geſehen zu haben, und als er jetzt, zu ihr aufblickend, den Hut abnahm, ſie zu begrüßen, erſtaunte und erſchrak ſie faſt über die Schönheit dieſes Angeſichtes. Der eintretende Diener mel⸗ dete den Baron Walther. II. Baron Walther. Baron Walther, der nahe Verwandte des verſtorbenen Hofmarſchalls, und von dieſem ge⸗ wiſſermaßen zu Judith's Gegner auserkoren, ge⸗ hörte zu den reichſten und älteſten Familien des Landes, und in dem Ahnenſaal des Stamm⸗ ſchloſſes Walthersburg ſah man über mehreren Portraits der Baroninnen Walther fürſtliche Wap⸗ penſchilder prangen. Auch des jetzigen Barons Mutter war die Tochter irgend eines kleinen deutſchen Fürſten, und nimmer würde ſie zu dieſer Mesalliance ſich verſtanden haben, wäre ſie nicht arm und alternd, der Baron nicht reich und ſchön geweſen. Sie entſchloß ſich alſo ſeufzend, den Fürſten⸗ titel mit dem einfachen Namen Baronin zu ver⸗ tauſchen, aber, dies Opfer einmal gebracht, ließ ſie gleichwohl ihrem Gemahl täglich die Schwere dieſes Opfers empfinden, und beklagte ſie täglich neu ihre verlorne Größe. Der Baron, müde endlich dieſer ſtets ſich er⸗ neuernden Pein, überließ ſeine Gemahlin mit ihrer Klage bald der Einſamkeit, und herzlich froh war ſie daher, als ihr Sohn Walther, der ein⸗ zige Sproſſe dieſer Ehe, ſo weit erwachſen war, um die Klagen ſeiner fürſtlichen Mutter zu ver⸗ ſtehen und auch ſie zu theilen. Süß iſt es, einer geliebten Seele die gehei⸗ men Quellen verborgener Schmerzen zu öffnen, und köſtlich däuchten daher der fürſtlichen Baronin die Stunden, in denen ſie ihrem lauſchenden Sohne erzählte von entſchwundener Herrlichkeit und von der Pracht des väterlichen Hoflagers, in denen ſie ihn anſpornte, ſeinen Ahnen Ehre zu machen, und durch nobles, ſtolzes Betragen der fürſtlichen Abkunft ſich würdig zu zeigen. Für ſie, dieſe ſtolze, glückliche Mutter, war der Sohn ein ebenbürtiger Prinz, und ſie lehrte ihn bald die Anſicht theilen, und dieſer ehrgeizigen Ueberzeugung ſich hingeben. Und dieſer Anſicht gemäß ward die Erziehung dieſes prinzlichen Sohnes geleitet, ſein Hochmuth, ſeine Eitelkeit ſtets wach erhalten und genährt, ſeine geiſtigen Fähigkeiten vernachläſſigt, ſeine glän⸗ zenden geſelligen Talente ausgebildet. Der junge Baron ward ſtolz, hoffährtig und eitel, wie ſeine Mutter, und er glaubte dieſer nur zu willig, wenn ſie, ſtaunend über ſeine Schön⸗ heit, ihm verſicherte, daß Niemand ihm wider⸗ ſtehen, daß, wo er ſich zeige, er Sieger ſein würde, daß er nicht allein der Schönſte, ſondern auch der Weiſeſte, Klügſte und Verſtändigſte ſei; täglich tiefer drang dieſes Gift verzärtelnder Mut⸗ terliebe in des Jünglings Herz, bis es darin alle übrigen Regungen ertödtet und nichts übrig ge⸗ laſſen, als die maßloſeſte Selbſtvergötterung. Der junge Baron Walther, fremd der Welt, aufgewachſen auf dem ſtolzen Stammſchloß ſeiner Väter, umgeben von dienſtbefliſſenen, ſchmeicheln⸗ den Hofſchranzen und Lakaien, mußte ſich, ſtets umräuchert von dem Weihrauch mütterlicher Lob⸗ preiſungen, bald für ein über alle andern Sterb⸗ lichen erhabenes Weſen halten, und einſtimmen in die Vergötterung ſeiner ſelbſt. Er hatte noch nicht die Liebe kennen gelernt, als ſein Herz ſchon der Liebe unfähig geworden, als er nichts mehr zu lieben vermochte, denn ſich ſelber. Der Tod ſeines Vaters machte ihm daher keinen Kummer, denn dieſer Vater hatte niemals ihm den Zoll bewundernder Liebe geſpendet, den ſeine Mutter ihn gewöhnt hatte, zu fordern; er weinte aber, als bald darauf auch ſeine Mutter ſtarb, denn dieſe Mutter hatte die Liebe zu ihm zu einem Cultus erhohen, und er vermißte die Prieſterin, die ſich ſeinem Dienſte geweiht. Aber ſeine Mutter hatte ihm geſagt, daß jedes Weib 14 ihm eine anbetende Prieſterin ſein würde, und weil ihn nach Anbetung verlangte, ſehnte er ſich nun nach der Welt. Durch die Gnade des Für⸗ ſten in ſeinem achtzehnten Jahre mündig erklärt, unternahm der junge Baron ſeinen erſten Welt⸗ gang, beſchloß er zu reiſen. Wäre er arm und unſcheinbar inmitten der Welt erſchienen, ſo würde dieſe ihn ſchnell ent⸗ täuſcht, ihm grauſam und ſchonungslos das Nich⸗ tige ſeiner Selbſtliebe, die Unbedeutendheit ſeiner Perſon, das Lächerliche ſeiner Anſprüche gelehrt haben; aber dieſer junge Baron trat in die Welt mit allem Glanz und Schimmer des Reichthums, in glänzender Equipage, umgeben von reich galo⸗ nirten Dienern, er kam mit allem Stolz eines in⸗ cognito reiſenden Prinzen, man verzieh ihm um ſeines Reichthums und ſeines Glanzes willen den Stolz und Uebermuth, mit dem er auftrat. Seine gleichgültige Kälte erregte die Eitelkeit der Damen, ſein ruhiges, impoſantes Schweigen die Neugierde der Herren. Des Barons weltkluge Mutter hatte ihrem Sohn die große Kunſt, zu rechter Zeit zu ſchweigen, als nützlichſte Lebensregel anempfoh⸗ len, und Baron Walther erfuhr bald, wie Recht ſie gehabt, wie weiſe dieſer Rath. Dieſe ſtolze ſchweigende Ruhe, die gewöhnlich über ſeine edlen, ſchönen Züge ausgebreitet war, verfehlte niemals ihre Wirkung, denn Walther erlernte ſchnell die ſchwere Kunſt, ſein Schweigen impoſant zu machen 15 und das, was er dann nach ſo langem Schwei⸗ gen ſprach, wichtig und bedeutend erſcheinen zu laſſen, eben durch das lange vorhergehende Schwei⸗ gen. Er wußte klug und geſchickt die Mängel ſeiner — wiſſenſchaftlichen Bildung unter dieſem Schweigen zu verhüllen, und wenn bei irgend einer gelehr⸗ ten Streitfrage Jeder ſich in eifrigen Reden er⸗ goß, und er allein ſtumm und lächelnd da ſaß, ſo konnte er ſicher ſein, daß Aller Augen ſich fragend und forſchend nach ihm hin wandten, neu⸗ gierig, endlich auch ſein Urtheil zu vernehmen, und das Reſultat dieſes langen überlegenen Schwei⸗ gens zu hören. Und wenn im Kreiſe der Damen jede Lippe ſich ergoß im Lobe der ſchönen Sän⸗ gerin, die eben ihren Geſang beendet, und Wal⸗ ther allein ſchwieg, ſo wußte er wohl, daß die Schöne nun nach nichts ſo ſehr dürſtete, als ge⸗ rade von ſeinen Lippen ein Lob zu vernehmen. Eine ſtolze Ruhe, eine noble Zurückgezogenheit umgab ſtets ſeine Erſcheinung, und ſchreckte die Vertraulichkeit zurück, indem ſie ſie zugleich wün⸗ ſchenswerth erſcheinen ließ. Von Walther ange⸗ redet, von ihm zum Tanze aufgefordert zu wer⸗ den, erſchien als ein Vorzug, den zu erlangen man ſich anſtrengte, und welcher Triumph glich dieſem, wenn plötzlich dieſer ruhige, ſtolze Blick ſich zu beleben begann, wenn dieſe hoch aufge⸗ richtete Geſtalt ſich anmuthig vorwärts neigte, wenn es ſchien, als habe die Bewunderung des —— ſchönen Weibes, mit dem er ſprach, ſeinen Stolz gebeugt, und ihn aus einem Gebieter zu einem Sclaven gemacht. Wenn es ſchien, ſage ich, denn bei Walther war nichts unwillkürlich oder unüber⸗ legt; er wußte genau jeden Ausdruck ſeines Ge⸗ ſichtes, er war ſich jeder Miene, die er annahm, genau bewußt, und immer war er ſo wie er ſein wollte, und alle die Gefühle und Regungen, die auf ſeinem Antlitz zu leuchten und zu wechſeln ſchienen, waren nichts als Marionetten, mit denen er geſchickt zu ſpielen, die er ſtets in das rechte Licht zu ſetzen wußte. Er hatte die Welt geſucht, um in ihr zu glänzen und angebetet zu werden, und dieſes Ziel, nach dem er ſtrebte, ſchärfte ſein Wahrnehmungsvermögen und lehrte ihn die Mit⸗ tel, zu dieſem Zweck zu gelangen. Egviſtiſch und kalt, ſchweigend und beobach⸗ tend, hatte er ſtets eine Art Uebergewicht über die ihn umgebende handelnde, ringende, käm⸗ pfende und ſchwatzende Menſchheit, lernte er ſchnell ihre Schwächen erkennen und benutzen, und ward er bald eine vollendete männliche Coquette, die mit allen ihr zu Gebote ſtehenden Mitteln um die Gunſt der Menge buhlte. So ausgeſtattet mit Schönheit, Reichthum und Rang, mit glänzenden geſelligen Talen⸗ ten, klug und verſchlagen, die Schwächen der Welt kennend und benutzend, konnte es nicht feh⸗ len, daß Baron Walther überall, wo er erſchien, einen glänzenden und unbeſtrittenen Erfolg er⸗ langte, und dieſer freilich konnte nur dazu die⸗ nen, ſeine Selbſtbewunderung zu erhöhen, und die hohen Begriffe, die er von ſich ſelber hegte, zu ſteigern. Baron Walther ward ein vollkom⸗ mener Roué, ohne aber auch nur ein einziges Mal von dem Taumel der Luſt mit fort geriſſen zu werden, ohne ein einziges Mal ſeiner hohen Würde, ſeiner fürſtlichen Herkunft vergeſſen zu haben. Inmitten aller Genüſſe des Lebens ſtand er da mit ernüchterten Sinnen, mit kalter farb⸗ loſer Phantaſie, und bald begannen dieſe Triumphe ihn zu ermüden und anzuwidern; eine tödtliche Langeweile bemächtigte ſich ſeiner, und verge⸗ bens blickte er umher nach einem Mittel, dieſe zu betäuben, und ihm mindeſtens Zerſtreuung zu geben. Das Leben zeigte ihm vergebens ſeine üppigſten, lockendſten Farben und Bilder, ihm erſchien Alles in das erdrückende einförmige Grau der Langeweile gehüllt, und an der reich beſetzten Tafel der Freude und des Genuſſes hungerte und darbte er umſonſt nach Zerſtreuung und Luſt. Um dieſe Zeit erheiſchte ein ſehr wichtiger Prozeß ſeine Gegenwart in W., und nach lan⸗ ger Abweſenheit kehrte er nun dahin zurück; jetzt erſt lernte er Judith kennen, die durch das bizarre Teſtament ihres Gemahls zu ihm in eine ſo eigene feindliche Stellung gekommen, Zwei Lebenswege. I. 2 und nicht ſobald hatte ihm das Gerücht von Judith's ſchöner ſeltſamer Schweſter erzählt, als er, nach Zerſtreuung ſuchend in der ungewohnten Einöde einer kleinen Stadt, auch eilte, Giſela kennen zu lernen. II. Erſte Liebe. Bald kam Baron Walther täglich zu Giſela, die mit klopfendem Herzen, zitternd, erröthend, Stunden lang eingehüllt in den weißen Muſſelin der Vorhänge, am Fenſter ſtand und ſeiner harrte, und doch, wenn ſie ihn endlich, endlich auf ſeinem ſtolzen, muthigen Pferde heran kommen ſah, ſcheu vom Fenſter zurück eilte, um ihn nicht ahnen zu laſſen, daß ſie ihn erwartet. O, welche ſüße und ſchaurig ſchöne Empfindungen waren es, die in Giſela's Buſen erwachten, mit welcher andächtigen und entzückensvollen Inbrunſt lauſchte ſie dieſen geheimnißvollen Offenbarungen ihres Buſens und faltete die Hände über ihrem Herzen zu begeiſterten Gebeten und jubelnden Lobgeſängen. Wie lange hatte Giſela in ihrem heißen, glü⸗ henden Innern einen Altar errichtet für den unbe⸗ kannten Gott ihres Lebens, wie lange ſchon hatte ſie ihn erwartet, dieſen unbekannten Gott, wie 2* lange ſchon war ſie bereit, ſich ihm zu weihen als Prieſterin und Sclavin; was Wunder, daß nun ihr Herz ihm entgegen flog, daß ſie mit einem zu ſeinen Füßen niedergefallen war. unendlichen Entzücken ihn willkommen hieß, dieſen unbekannten Gott, daß ſie mit ſtaunender Andacht den Schleier von ſeinem Antlitz hinweg genommen 6 ſah, und die Schönheit und Glut deſſelben mit ſüßem Schauer des Entzückens gewahrte. Nicht allgemach war dieſe Liebe in ihr ent⸗ 3 ſtanden, ſie war nicht wie eine Blume Tag für Tag in ihr gewachſen bis zum endlichen Entfalten der Blüthe; nein, wie ein Blitz war ſie in ihr Herz gefahren, zündend hatte ſie dort eine Glut 5 angefacht, die Giſela ſelbſt ein himmliſches Wunder däuchte. Und dieſe Liebe haftete nicht an dem Ein⸗ zelnen, ſie ward nicht genährt durch das Anblicken dieſes ſchönen Angeſichtes, durch das Lauſchen auf den melodiſchen Klang ſeiner Stimme, durch ſeine Worte, ſeine Handlungen, ſie umrankte in unbe⸗ wußtem Selbſtvergeſſen nur ſich ſelber, und Giſela liebte, weil die Liebe in ihr endlich ſo mächtig geworden, daß ihre aufbrauſenden Fluthen mit Gewalt ſich eine Bahn, einen Ausweg ſuchen mußten, ſie liebte den Baron Walther, weil ihr Herz reif war zur Liebe, und weil die volle Frucht dieſer Liebe durch ein unheilvolles Ungefähr grade — Sie liebte ihn, weil ihr ganzes Weſen bereit war zur Liebe, und weil ſie mit jener verſ — deriſchen Großmuth eines edlen, hochherzigen Weibes mit allem Großen und Köſtlichen, was ſie ſelber beſaß, ihn ausſchmückte. Sie lieh ihm von der Fülle und Glut ihres Gemüthes, ſie bekleidete ihn mit der Kraft und Größe ihres eigenen We⸗ ſens, und war dann entzückt über die Harmonie und Uebereinſtimmung ihrer beiden Naturen. In der vollen Glut und Hingabe ihres eigenen Gemüthes merkte ſie nicht, daß Sie die ſtets Ge⸗ bende, Er der ſtets Empfangende war, und mit Entzücken nahm ſie das entgegen, was er ihr doch nur zurück erſtattete als ihr Eigenthum. Nackt und kalt, arm und gefühllos hatte ſein Herz vor ihr geſtanden; ſie hüllte es mit begeiſterten Liebes⸗ geſängen in die Purpurgewänder und die goldenen Feenſchleier ihres eigenen Herzens, und ſtaunte dann über die nie geahnte Pracht, den unendlichen Reichthum dieſes zweiten Herzens, ohne zu wiſſen, daß nur ſie es war, die dieſen Reichthum und dieſe Pracht gegeben. Wie köſtlich, wie erhaben entfaltete ſich in ihr dies Gefühl der Liebe, welchen mährchenhaften, berauſchenden Duft ſtrömte dieſe plötzlich entfaltete Lotosblume ihres Buſens aus, und doch, wie viele Schmerzen und Qualen waren für ſie auf dem tiefen Grunde des Kelches dieſer Blume verborgen. Noch aber wußte Giſela nichts von Schmerzen und Quslen, nichts von Thränen und Leid. Ihr Leben glich noch einem einzigen hellen Sonnentag, — und eine Wunderwelt des Glückes ſah ſie vor ſich aufgetaucht, eine Welt, in der Alles nur jauchzte und ſang von Liebe. Oh, das war nicht mehr dieſelbe Natur, die ſie umgab, das waren nicht mehr dieſelben Räume, in denen ſie lebte! Alles hatte einen andern Glanz, einen andern Strahlenſchein, Alles funkelte und leuchtete in unberührter Pracht des erſten Schöpfungstages. Die Bäume rauſchten und flüſterten Geſänge der Liebe, die Bäche murmelten, die Vögel ſangen von Liebe und Luſt, Liebe war es, welche die Blumen dufteten, die Winde ſeufzten, Liebe, welche die Sterne leuchten ließ! O mein Gott, und welche geheimnißvollen und köſtlichen Zuflüſterungen machte ihr der Mond, wenn ſie, die ganze Welt um ſich her vergeſſend, in der Stille der Nacht am Fenſter lehnte, oder im Garten langſam auf und ab wandelnd hinauf blickte zu ihm, dem ſtillen und verſchwiegenen Freunde aller Liebenden! Und welch ein Glanz, ein Himmelsſchein war es, der mit geheimnißvollem Weben das Gemach durch⸗ leuchtete, wenn Er an ihrer Seite war, der an den Stellen haftete, wo Er geſtanden, an den Gegenſtänden, die Er berührt und durch ſeine Gegenwart geheiligt hatte! Welche bittere und qualvolle bange Stunden auf dieſen kurzen Feentraum des Glückes folgten, — nimmer kann Giſela die erhabene, bewältigende Glut dieſes Traumes vergeſſen. Das Erinnern daran durchleuchtete ſelbſt noch die Nacht ihrer Qual und ihrer Schmerzen, und welcher Art auch die Leiden waren, die Walther ihr einſt bereitete, immer doch hatte er ſie auch des höchſten irdiſchen Glückes, der entzückendſten Stunden ihres Lebens theilhaftig gemacht! Und freilich mußte ſie groß ſein und gewaltig, dieſe Liebe, da es ihr ſelbſt gelungen war, dem kalten unbeweglichen Herzen Walther's einen flüch⸗ tigen Schimmer zu verleihen, und ihn auf einen Augenblick mindeſtens zu erwärmen mit einem nie geahnten Gefühl des Glückes. Die heißen Wellen ihres Gemüthes überſtrömten und überſtürzten ſo ganz ſein Herz, daß es an dieſer fremden Glut erwärmen, von dieſer fremden Begeiſterung mit fort geriſſen werden mußte. Gewiß war es ſüß und erguicklich, ſo geliebt zu werden, und gewiß verlohnte es der Mühe, Alles zu thun, alle Mittel in Bewegung zu ſetzen, um des vollen Beſitzes dieſer machtvollen Liebe theilhaftig zu werden. Baron Walther ging alſo bereitwillig darauf ein, die erhabene Erſcheinung zu ſein, für welche Giſela ihn ausgab; ſie hatte ihn auf den Altar erhoben, und er beſaß mindeſtens Geſchicklichkeit genug, dieſe Stelle mit Würde und Anmuth zu behaupten; ſie ſang ihm als fromme Prieſterin 2 ihre begeiſterten Lobgeſänge, ſie umgab ihn mit Weihrauch und Opferduft, und er wußte ſich mindeſtens geſchickt ſo zu verhüllen, daß ſie ihren Irrthum nicht merkte, und in dem angebeteten Gotte nicht den kleinlichen Menſchen, den eitlen Schönling erkannte. Wo er den begeiſterten Dithyramben ihrer Liebe nicht zu folgen vermochte mit Worten, da ſchwieg er klug, ſie in ſeinem Antlitz die Antwort leſen laſſend, und weil er ſeine Züge in voll⸗ kommener Gewalt hatte, logen ſie ihr niemals, las ſie immer in denſelben die Antwort, welche ihr die Lippen verſchwiegen. Auch war ihm die Art dieſer Liebe zu über⸗ raſchend und neu, als daß er nicht Alles ſollte anwenden, um ſie ſich zu erhalten. Baron Walther hatte niemals an die Unſchuld und Reinheit der Liebe glauben wollen, und doch ward er jetzt zu die⸗ ſem Glauben gezwungen, doch mußte er erkennen, daß die Unſchuld eine Gewalt beſitze, welche alle unreinen Gedanken und Begierden in ihren Grenzen zu erhalten, jede unziemende Vertraulichkeit zurück zu weiſen vermöchte. Dieſe Gewalt, dieſer Glanz der Unſchuld war es, der überall Giſela's treuer Begleiter war, der ihr folgte auf ihren einſamen Spaziergängen mit Walther, der ſchützend über ihr wachte, immer, wenn er an ihrer Seite war, der ſie in einen Schleier hüllte, den zu zerreißen Walther weder den Muth, noch die Kraft hatte. 3 — 25 Mit ſtrahlenden Augen, mit ſüßem entzückenden Lächeln ruht Giſela heut auf der Raſenbank in dem Halbdunkel dieſer Laube neben dem Geliebten. Köſtliche Stille und ſüßer Friede umgiebt ſie; nur zuweilen ſchlüpft ein Vogel durch das dichte Ge⸗ zweige, ſieht lauſchend und zwitſchernd hinein in die Laube, und fliegt dann weiter, als fürchte er, das köſtliche Zwiegeſpräch der Bebenden zu ſtören; zuweilen auch zittern die Blätter im leiſen Rauſchen des ſeufzenden Windes, gleichſam als theile die Natur die füße Beklommenheit, die Giſela ſeufzen macht in Glück und Schmerz. Fernab von ihnen verklingt das Geränſch der Welt, und keine Erin⸗ nerung an dieſe ſtört den Frieden in Giſela's Bruſt. Aber ſie fühlte ſich wie erdrückt von der Ge⸗ walt ihrer Empfindungen, Thränen füllten ihre Augen, ihr Buſen hob und ſenkte ſich in ſtürmi⸗ ſchem Wallen, und leiſe von ihrem Sitz zu Wal⸗ ther's Füßen nieder gleitend, ſagte ſie:„O mein Gott, wird das Glück einer ſolchen Stunde mich nicht tödten?“ Walther erwiederte nichts, aber ſein ſchönes Antlitz ſchien zu ſtrahlen von innerer Begeiſterung, und, die großen glänzenden Augen aufwärts ge⸗ richtet, ſpielten ſeine Hände mechaniſch in den dunkeln Locken ihres Haares. „Oh, ich verſtehe es wohl, dies beredte Schweigen Deiner Lippen,“ flüſterte Giſela, ent⸗ — zückt zu ihm aufſchauend,„die geheimſten Gedanken Deiner Seele ſtrahlen mir entgegen aus Deinem holden, ſchönen Angeſicht. Rufſt Du den Himmel an zum Zeugen unſeres Glückes? Nein, blicke nicht nach oben, dort oben iſt kein Himmel mehr, Walther! Er hat ſich uns hernieder geſenkt, er umgiebt uns mit ſeinen Luftgebilden, ſeinen Sonnen und Monden, ja, der Himmel iſt bei mir und ich blicke in die Sterne Deiner Augen, und mein Herz rauſchet auf zu frommen Lobgeſängen der Andacht! Ich blicke in Dein Antlitz, und fühle, daß der Himmel ſich mir aufgethan hat. Du küſſeſt meine Locken, Walther? O ich fühle dieſen leichten, linden Kuß bis in das innerſte Mark meines Lebens, und der Himmel da draußen ſenkt ſich hinein in mein Herz, daß es ſo groß wird und weit, wie die Unendlichkeit! Mein Gott, wie konnte ich leben, ehe ich Dich geſehen, wie konnte ich es ertragen, in der Einöde der Welt umher zu gehen, ganz allein und einſam, da Du nicht an meiner Seite warſt! Aber laß Dir ſagen, Geliebter, mein Leben war nur ein Suchen nach Dir, ein ewiges Drängen und Ringen zu Dir, und inmitten der Wüſte, die mich umgab, erſchaute ich mit den Augen meiner Seele in dämmernder Ferne eine blühende, duftende Oaſe, und ich wußte, daß auf derſelben die Liebe mich erwarte und das Glück, ich wußte, daß dort meine Stimme, die bis dahin lautlos in der Wüſte verhallte, ein Echo — 2 finden würde, ein Echo für ſeine Wonnen und ſeine Schmerzen.“ „Warum Schmerzen, Giſela?“ fragte Walther, ſich zu ihr hernieder neigend, ihre klare Stirne zu küſſen.„Was ſprichſt Du von Schmerzen? Die Liebe iſt Glück, Wonne, Entzücken, ſie kennt keinen Schmerz.“ „O mein Gott, ſie kennt keinen Schmerz? Was iſt es denn, was mich in der Fülle des Glückes ſo namenlos betrübt macht? Warum fühle ich oft dieſes ſchauerliche Gelüſte nach dem Tode in der Ueberfülle des Glückes? Warum füllen ſich meine Augen mit Thränen, die nicht blos der Freude, ſondern einem eigenen unerklär⸗ lichen, räthſelhaften Bangen angehören? Warum muß ich, an Dich denkend, oft laut aufſchrei vor innerer Beklemmung und vor innerer Ver⸗ zweiflung des bewältigenden Glückes? Ach ſieh Du lächelſt! Oh, jetzt erkenne ich Dich, Du böſer, neckender Geliebter! Deine Lippe ſprach, was Dein Herz nicht dachte. Du wollteſt mich prüfen, ob ich auch eingedrungen in das innerſte Heiligthum, in den geheimnißvollſten Tempel der Liebe, in welchem dicht neben einander zwei Quellen rauſchen, die eine mit den Thränen des Glückes, die andere mit denen des Schmerzes. Zuweilen berühren ſich dieſe Quellen und verſchlingen ſich zu einem ein⸗ zigen allgewaltigen Strom, und dann zieht ein klagender und jauchzender Geſang durch den Tempel, — und erpreßt den Prieſtern, die am Altare beten, Seufzer der Beklemmung und Angſt, daß ſie nicht mehr zu unterſcheiden vermögen, ob ſie leiden oder entzückt ſind. Nicht wahr, ich habe Dich verſtan⸗ den, und Dein prüfendes Auge lächelt mir Zufrie⸗ denheit? Du kennſt auch dieſe Schmerzen, dieſe Qual des Glückes, dies Uebermaß der Wonne, das zu arm iſt für den Ausdruck, und ſich vom Schmerz ſeine Thränen borgen muß! Aber ſage mir, Geliebteſter, kennſt Du es auch, dies unbe⸗ ſtimmte Sehnen und Suchen? Fehlte ich Dir auch, ehe ich bei Dir war? Sahſt Du auch in Deinen Träumen mein Antlitz vor Dir, riefſt Du nach mir in der Einſamkeit Deiner Bruſt?“ „Kannſt Du zweifeln, Giſela? Wie lange hatte ich Dich ſchon gekannt, ehe ich Dich ſah, wie lange nach Dir geſchrieen in der Oede meiner Seele. Wie lange Dich in allen Ländern, unter allen Himmeln Dich geſucht!“ „Und fandeſt 83 endlich vergraben und ver⸗ ſteckt in dieſem kleinen Winkel der Erde.“ „Mein Genius ging vor mir her, Geliebte, und winkte mir, ihm zu folgen; ja gewiß, ein unerklärliches Etwas hieß mich hieher eilen; es war mir, als ſeien meine Füße beflügelt, um mich raſcher zu Dir zu tragen!“ „Nun aber mußt Du raſten, nun habe ich die Schwingen von Deinen Füßen gelöſt, und wie ich jetzt meine Ar ſie ſchlinge, werden — ſie Dich ewig halten und feſſeln. Ewig! Mein Gott, wie ſchauderte ich ſonſt vor dieſem Wort! Mit welcher troſtloſen Leerheit und Kälte blickte es mich an! Zetzt erſt habe ich es verſtanden! Die Ewigkeit iſt Liebe, und die Liebe iſt Ewigkeit. Engel ſteigen auf und nieder und weben zwiſchen Himmel und Erde eine Brücke, daß beide verbun⸗ den ſind zu Eins, und man in der Unendlichkeit des Himmels die Endlichkeit der Erde nicht mehr erkennen und unterſcheiden kann; dies unbegrenzte Verbundenſein zwiſchen Himmel und Erde, das iſt die Ewigkeit, und ſeitdem ich dies weiß, giebt es für mich keinen Tod mehr! Wer liebt, der kann niemals ſterben, denn er ſchwebt inmitten der Ewigkeit, und das Aufhören des Lebens iſt nur, wie wenn die Nachtigall ihren Geſang verſtummen läßt und ſich aufſchwingt aus dem niedern Ge⸗ ſtrüpp zu höhern, lichtern Sphären. Ach, ich fühle in mir das Flügelſchlagen, das Singen und Jauchzen dieſer unſterblichen Nachtigall, und hier wie dort wird ſie nichts ſingen als Hymnen an Dich, Du meines Lebens köſtlichſtes Gut! Meine Zukunft, mein Engel!“ „Sprich nicht ſo, Giſela, Du machſt, daß ich mich meiner ſchäme. Du biſt ein Engel, mein Engel biſt Du! Ich aber, mein Gott, was kann ich Dir ſein!“ „Mein Alles biſt Du, meine Seele, mein Geiſt, mein Verſtand und mein Leben! Wenn 5 Du ſprichſt, tönen Deine Worte wieder in meiner Bruſt; wenn Du lächelſt, ſcheint es mir, als habe ich in die Sonne geſchaut, und wenn ich an Dich denke, an Deine ſtolze, herrliche Erſcheinung, dann fühle ich, daß Du der König und Herr biſt meines Lebens, meiner Seele, ich Deine Selavin, Dein armes, Dir, meinem Gott, ergebenes Geſch öpf!“ „lind wenn Du Dich täuſchteſt, Giſela, wenn ich, den Du in der Größe Deiner Seele als einen Gott begrüßteſt, nichts weiter wäre, denn ein ſchwacher, ſündiger Menſch?“ „Läſtere Dich nicht ſelbſt,“ rief ſie mit blitzen⸗ den Augen, und nicht merkend, daß Walther abſichtlich ſo ſprach, um durch ſeine anſcheinende Beſcheidenheit ihr Entzücken, ihr Lob auf's Neue anzureizen und zu befeuern.„Läſtere Dich nicht ſelbſt und frevle nicht an Deiner eigenen, erha⸗ benen Seele! Horch, wie der Wind auf einmal in den Zweigen rauſcht, ſiehſt Du, die Natur ſelber iſt erzürnt über die frevelnden Worte ihres Lieblings. Denn ihr Liebling biſt Du, mein Wal⸗ ther! Seit Dein Fuß dieſen Garten betrat, ſcheint es, als dufteten die Blumen noch einmal ſo köſtlich, als ſei das Grün der Bäume grüner, der Himmel tiefer und ſtrahlender. Horch, wie dort die Nach⸗ tigall im dichten Laube ſchlägt! O wäre doch mein Herz eine Nachtigall, daß ſie Dir in be⸗ geiſterten Tönen ihre Liebe ausſtrömen könnte! O mein Gott, wie ſchön iſt doch dieſe Welt! — Du ſchweigſt? Ja, Du haſt Recht, laß uns ſchweigen, die Sprache iſt zu arm für ſolch ein Glück!“ Sie warf ſich in ſeine Arme, er vrückte ſie feſt an ſein Herz, und vielleicht theilte er minde⸗ ſtens in dieſem Moment ihr Entzücken, denn auch er vernahm nicht das leiſe Rauſchen heran nahender Schritte, das Knacken der auseinander gebogenen Zweige; auch er ſah nicht, wie durch das Dickicht der Laubwand hinter ihnen zwei nengierige Augen lauſchend herein ſchauten, und mit höhniſchem Lächeln auf ihre Umarmung blickten. Aber dies dauerte nur einen Moment, dann wurden die Zweige wieder vorſichtig geſch loſſen, und Giſela's Kammermädchen ſchlüpfte fort, leiſe vor ſich hin murmelnd: ſie lieben ſich alſo! Das iſt mir lieb, denn nun habe ich doch endlich der Baronin Judith eine große Neuigkeit zu melden, und gewiß wird ſie mich gut dafür bezahlen. IV. Coguetterie. Mit verhaltenem Zorn empfing Judith die wichtigen Neuigkeiten, welche Giſela's treuloſe Zofe ihr brachte, und lange ging ſie in heftiger Auf⸗ regung, tief ſinnend und nachdenkend in ihrem Gemache auf und ab. „Wieder treffe ich ſie auf meinem Wege,“ murmelte ſie leiſe vor ſich hin,„wieder kommt ſie mir zu entreißen, wonach ich ſtrebe, wieder ſtreckt ſie verlangend die Hände aus nach Dem, was ich mir auserkoren. Oh, jetzt ſoll ſie mich kennen lernen! Es iſt nicht allein, daß ich mich rächen muß, ſie hat mich nun auch angegriffen und ich werde mich zu vertheidigen wiſſen!“ Freilich mußte es Judith bitter empfinden, daß Die, welche ſie haßte, ihr den Gemahl, den ſie ſich auserkoren, zu entziehen drohte. Denn Judith hatte beſchloſſen, den Baron Walther zu ihrem Gemahl zu erheben, für ihn die Freiheit ihres Witwenſtandes aufzugeben, ihm ihr Leben zu weihen. 5 Nicht als ob Baronin Judith, dieſen Beſchluß faſſend, Walther geliebt hätte, als ob ſie bezau⸗ bert worden von ſeiner Schönheit, ſeiner Anmuth. Solche kleinliche Schwächen hatten nimmer die Klarheit ihres Geiſtes getrübt. Aber Judith war es überdrüſſig in dieſer kleinen Stadt zu leben, die Tage in müßiger Ruhe hinzubringen, von jeder Stunde zu wiſſen, was ſie ihr gewähren könne, was ſie von ihr zu erwarten habe. Sie war es überdrüſſig, ſtets nur dieſelben Geſichter zu ſehen, dieſelbe Geſellſchaft, in der Keiner ſich befand, den ſie nicht durchſchaut, der nicht ein Spielzeug in ihrer Hand geweſen. Sie ſehnte ſich nach einem größern Wirkungs⸗ kreis, die ganze Kunſt ihres Weſens zu entfalten, alle Mienen ihrer Coquetterie und ihrer Geſchick⸗ lichkeit in der Intrigue ſpringen zu laſſen; ſie ſehnte ſich nach Thaten, nach Verwickelungen, nach Beſchäftigungen für ihren regen, intrignanten Sinn. In einer großen Reſidenz zu leben, ſich auf's neue umringt zu ſehen von einem Heer von Be⸗ wunderern, inmitten der glänzendſten Geſellſchaft dazuſtehen als die Königin des Feſtes, die Königin der Schönheit und Tugend, das war es, was ihr dürſtender Ehrgeiz verlangte, und um dies Ziel zu erreichen war ſie entſchloſſen, jedes Mittel zu verſuchen, alle Hülfsquellen in Bewegung zu ſetzen. Zuwei Lebenswege. II. 3 Aber wie konnte ſie es erreichen, ſo lange das Teſtament ihres Gemahls ſie an das Elend dieſer kleinen Stadt feſſelte, ſie abhängig machte, die Freiheit ihres Willens lähmte, und alle ihre Wünſche in Banden hielt. Wie konnte ſie es anders erreichen, als indem ſie den Baron Walther, den ihr Gemahl zu ihrem Widerſacher auserkoren, in deſſen Händen ihr ganzes Vermögen, ihre ganze Zukunft log, als indem ſie dieſen für ſich zu gewinnen, aus einem Feind in einen ergebenen Freund ihn zu verwandeln ſuchte? Dies war es, was ſie zu dem Entſchluß bewog, aus dem Baron Walther ihren Gemahl zu machen, und doppelt haßte ſie nun Giſelg, welche dieſem Ziele unwiſſend in den Weg getreten war. Aber i Hinderniſſe waren nicht im Stande, Judith zu erſchrecken, und um ſie aus dem Wege zu räumen, ſch ſie kein Mittel. Sie hatte Baron Walther lange ſchon durch⸗ ſchaut. Mit dem Scharfblick ihrer eigenen Coquetterie ſie die Coquetterie Walther's längſt verſtanden; ſein Schweigen imponirte ihr nicht, ſein Lächeln, ſeine vielſagenden Mienen bezauberten und täuſchten ſie nicht. Mit ihrem kalten, ruhigen Blick hatte ſie in die Tiefe ſeines Weſens geſchaut, und darin alle die Eitelkeit und Selbſtvergötterung, die hohle Aufgeblaſenheit und künſtliche Würde des Barons erkannt. Unter allen andern Umſtänden würde ſie gefrohlockt haben, Giſela einem ſolchen eitlen, kalten Manne ſich in Liebe ergeben zu ſehen, einem Manne, der in der Kälte und Starrheit ſeines Gemüthes nimmer im Stande ſein konnte, ein Weib zu beglücken; aber diesmal verhinderte ihr eigenes Intereſſe ſie, ſich dieſer höhniſchen Freude hinzugeben. Sie mußte und wollte die Gemahlin des Barons werden, das heißt, in dem ſchlimmſten Falle, wenn es auf keine andere Weiſe möglich, das Teſtament ihres verſtorbenen Gemahls unwirk⸗ ſam zu machen. Nicht ſobald hatte ſie dieſen Ent⸗ ſchluß gefaßt, als ſie auch klar ihre ganze Aufgabe durchſchaut und begriffen hatte. Sie ſuchte demgemäß des Barons Eitelkeit zu reizen, ihm durch ihre Gleichgültigkeit und Kälte zu imponiren, ihn anzuziehen durch ihr gänzliches Nichtbeachten ſeiner Perſon. Sie wußte, daß, um ihn zu feſſeln, es weit wirkſamer ſei, ihm keine Aufmerk⸗ ſamkeit zu zeigen, als ihm freundlich und lächelnd entgegen zu kommen; letzteres war er gewohnt, und darum konnte es ihn nicht reizen, nur der Widerſtand konnte im Stande ſein, ihn zu feſſeln, und Judith verſtand vollkommen dieſe Coquetterie anſcheinender Kälte. Für ſie ſchien der Baron Walther gar nicht zu eriſtiren, nicht vorhanden zu ſein; ſie ladete ihn weder in ihren Salon, noch ſchien ſie, wenn ſie ihn in anderen Kreiſen traf, ſeine Gegenwart zu bemerken. Niemals ſah man ſie ihn anblicken, — ſeinen Worten zuhören, niemals einſtimmen 5 in das Lob, das man ſeiner Schönheit, ſeiner Anmuth, ſeinem würdigen Benehmen darbrachte. Sie allein ſchwieg, wenn man ſeine Grazie beim Tanz, die Schönheit und Fülle ſeines Geſanges lobte, und natürlich konnte es nicht fehlen, daß dieſe auffallende Kälte bald das Geſpräch und die Neuigkeit des ganzen Hofes, der ganzen Stadt werden mußte. Aber dies brachte ihr doppelten Gewinn, denn es reizte den Baron, und erhöhete den Ruf ihrer Tugend und die Achtung, die man vor ihrer keu⸗ ſchen, ſtolzen Ruhe hegte. „Wie feſt und ſicher muß ſie daſtehen,“ ſagten ihre Freundinnen,„wenn ſie es ſelbſt verſchmäht, dem Baron Walther die mindeſte Freundlichkeit zu bezeigen. Wie ſtolz und hehr muß eine Tugend ſich fühlen, die jede Gunſt verſchmäht, und ſelbſt dem gefährlichſten Feinde nicht ſchmeichelt.“ „Welch ein nobler Stolz iſt dies,“ ſagten Andere,„ſich nicht einmal um das Wohlwollen Deſſen zu bemühen, der ihre ganze Zukunft gewiſſer⸗ maßen in ſeiner Hand hält, und ſie leicht zu einer Bettlerin machen könnte. Denn wie leicht könnte er, gereizt von ihrer verachtungsvollen Kälte, gegen ſie intriguiren. Wie leicht den Betrug zu Hülfe rufen, ihr ganzes Vermögen ſich zu eigen zu machen.“ „Wie wäre das möglich?“ fragten wieder Andere aus der Geſellſchaft, in welcher dies Ge⸗ — ſpräch ſtattfand, und in welcher alle hoffähigen Familien von W. bei der Oberhofmeiſterin von Zarcho verſammelt waren. „Wie wäre das möglich?“ „Nun, ganz einfach. Das Teſtament beſtimmt, daß die Baronin Judith auf ihrem Landſitz niemals irgend Jemand außer ihren nächſten Verwandten eine Nacht beherbergen darf. Thut ſie dies, und der Baron Walther kann ſie deſſelben überführen, ſo fällt ihr ganzes Vermögen an ihn zurück. Wie leicht wäre es nun, durch irgend eine Intrigue zu machen, daß ſie, ohne es zu wiſſen, einen Gaſt beherbergte, der dann wider ſie zeugte, und dem Baron Walther die Mittel, ſie zu verderben, in die Hand gebe!“ „Das iſt wahr,“ ſagte der Baron von Bender ſinnend und mit hoher Bewunderung gedenkend, welcher Gefahr ſich Judith einſt aus Liebe zu ihm ausgeſetzt. „Ja, die Baronin Judith iſt die Krone aller Frauen,“ rief der Kammerherr von Kranz, der ſeit Wochen vergeblich um Judith ſchmachtete. „Q wie ganz anders, wie erhaben ſteht ſie ihrer Schweſter Giſela gegenüber,“ rief ein An⸗ derer, deſſen zudringlicher Höflichkeit Giſela einſt mit bitterm Spott begegnet war. „Oh, dieſe Giſela,“ riefen Alle,„welchen Kummer bereitet ſie ihrer Schweſter!“ „Kennt Ihr die neueſte Geſchichte von ihr?“ 6 „Nein, nein! Erzählen Sie!“ „Nun, die Baronin Judith, immer noch ein⸗ gedenk ihrer ſchweſterlichen Pflichten, hat an Giſela geſchrieben und ſie aufmerkſam gemacht auf den neuen, unerhörten Scandal, welchen ſie der Welt giebt, indem ſie ihrem jetzigen Liebhaber, dem Baron Walther, zu jeder Zeit des Tages den Zutritt in ihre Villa geſtattet. Sie hat ſie zu⸗ gleich beſchworen, ihr zu ſagen, ob das Gerücht wirklich gegründet ſei, daß der Baron Walther ihr Liebhaber ſei, und wenn dies der Fall, hat ſie ihr angeboten, bis zum Tage ihrer Vermäh⸗ lung in das Haus der Baronin Judith zurück zu kehren, damit der Anſtand nicht länger verletzt würde.“ „Wie großmüthig!“ „Wie erhaben!“ „Und was erwiederte Giſela auf dies edel⸗ müthige Anerbieten?“ „Sie ſchrieb ihr in kurzen Worten zurück, daß Baron Walther allerdings ihr Geliebter ſei, daß ſie aber für das Anerbieten, zu ihrer Schweſter zurück zu kehren, danke, da ſie die Kraft in ſich fühle, allein der Wächter ihrer Tugend zu ſein!“ „Ihrer Tugend! Ha, ha, ha!“ „Wie unverſchämt, es einzugeſtehen, daß er ihr Geliebter iſt!“ „Was werden Sie aber ſagen, meine Herren,“ flüſterte der Kammerherr von Kranz leiſer und vorſichtiger,„was werden Sie ſagen, wenn ich Ihnen erzähle, daß Se. Durchlaucht unſer gnä⸗ diger Fürſt dies Mädchen in Schutz nimmt? Denken Sie, als geſtern die Baronin Judith auf Befehl Ihrer Durchlaucht unſerer Fürſtin das Antwortſchreiben Giſela's vorlas, und die Fürſtin gerechte Worte des Mißfallens zu äußern geruhten, denken Sie, da nahm der Fürſt dies Mädchen gegen ſeine Gemahlin in Schutz! Ja, er nannte es hochherzig, daß ſie dies Liebesverhältniß ein⸗ geſteht, und er meinte, daß nur die Unſchuld ſo ſtolz und kühn zu ſprechen wage!“ „Ja, ja, das hat ſo ſeine eigene Bewandniß,“ ſagte Baron Bender mit einem liſtigen Lächeln. „Wenn ich mich jetzt einiger zufälligen, unwillkür⸗ lichen Aeußerungen der Baronin Indith erinnere, ſo verſtehe ich dieſe große Gnade Sr. Durchlaucht vollkommen. Glauben Sie mir, er iſt ſelbſt nicht unempfindlich gegen die ſchöne Giſela.“ „Und ſie? Das Mädchen?“ „Nun, mein Gott, Sie wiſſen, daß ſie keine Prüde iſt!“ „Ja, bei Gott, Sie haben Recht, jetzt kann ich mir Sr. Durchlaucht Benehmen vollſtändig enträthſeln. Bis zur Ankunft des Barons Walther ritt der Fürſt faſt täglich, nur von einem einzigen Diener begleitet, hinaus auf die Villa des Fräu⸗ leins; ſeit aber dieſer ſchöne Baron dort iſt, hält er ſich ganz zurück gezogen. Natürlich! Er will ihrem Glück nicht hinderlich ſein! Er will den Baron durch ſeine Gegenwart nicht erſchrecken und mißtrauiſch machen.“ Während man ſich ſo in dem einen Zimmer unterhielt, fand in dem anſtoßenden Gemach eine Unterhaltung anderer Art ſtatt. Dort hatten die Damen einen Kreis gebildet um den in der Mitte des Zimmers ſtehenden Flügel, an welchem der ſchöne Baron Walther ſaß, im Begriff, dem all⸗ gemeinen Flehen nachzugeben und eine Arie zu ſingen. Athemloſes, geſpanntes Schweigen herrſchte in dieſem Gemach und Aller Blicke waren unverwandt auf die des ſchönen Sängers gerichtet, der jetzt mit vollendeter Kunſſerigket eine italieniſche Arie ſang. Nie gab es eine ſchönere, biegſamere Stimme, wie die Walther's, nie hatte man dieſe Arie gefühlvoller, zarter vortragen hören. Auch waren alle Damen außer ſich, nur Judith ſaß mit gleichgültigem Geſicht dem Sänger gegen⸗ über, gedankenlos mit ihrem Fächer ſpielend, ſicht⸗ lich gelangweilt von dieſer langen Arie. Eine Fluth von Lobſprüchen und Schmeicheleien ergoß ſich von ſchönen Damenlippen, als der Geſang beendet war, Judith allein ſagte nichts, und wandte ſich mit irgend einer lauten zeichgiligen Frage an den neben ihr ſtehenden Herrn. Baron Walther, der ſie lange ſchon beobachtete, — ⁸ biß die Lippen feſt auf einander, und ſeine ſchöne Stirne verfinſterte ſich. Durch ein ſeltſames Un⸗ gefähr hatten die Waffen der Coquetterie, mit denen er ſonſt zu kämpfen pflegte, ſich jetzt gegen ihn gewandt, und er mußte leiden durch die⸗ ſelben Mittel, durch die er ſonſt Leiden verurſacht hatte. Er erwiederte auf alle Fragen und Anreden nur zerſtreut, und ſuchte ſich der ſchönen, ſtolzen Baronin Judith zu nähern. Keine dieſer Regungen entging ihr, ſie ſah, wie er ſich allmählig durch die Menge Bahn machte, um zu ihr zu gelangen, und als es ihm jetzt endlich gelungen war an ihre Seite zu gelangen, verdoppelte ſie nur die Lebhaftigkeit ihrer Unterhaltung mit einem ihr ganz gleichgültigen Herrn. Walther verſuchte es mehrmals vergeblich, ſich in die Unterhaltung zu miſchen, Indith ſchien ihn weder zu ſehen noch zu hören. „Baron Walther!“ ſagte endlich Judith's Ca⸗ valier, zurück tretend und ihm Platz machend. „Ah, Baron Walther!“ ſagte ſie mit dem kälteſten, gleichgültigſten Ton, und verneigte ſich kaum. Dann ſetzte ſie das unterbrochene Geſpräch wieder fort. Walther erröthete vor Zorn und Beſchämung, und ſchwur ſich, dieſe ſtolze Schönheit zu beſiegen um jeden Preis. Er unterdrückte des⸗ halb ſeinen innern Zorn, und wandte ſich an Judith mit der unbedeutenden Frage, ob ſie nicht auch — 4— einmal die Geſellſchaft durch ihren Geſang er⸗ frenen wolle! „Ich ſinge niemals,“ ſagte die Baronin kalt. „Sie lieben alſo nicht die Muſik?“ fragte Walther. „Nein, gewiß nicht! Das heißt, nicht dieſe Muſik der Salons, dieſe ſüßliche, ſchillernde Muſik des Glanzes. Aber ein einfaches, kunſtloſes Lied⸗ chen, mit Anmuth und Gefühl vorgetragen, das kann mich entzücken, indeß leider habe ich nur ein einziges Mal ſo ſingen hören!“ „Und wer war es, der ſo ſang?“ fragte Walther haſtig und überzeugt, daß ſie ſeinen Namen nennen würde. „Ein armer Hirtenknabe in den Phrenäen,“ ſagte ſie ruhig,„und nimmer werbe ich dies holde, ſüße Liedchen vergeſſen, das er ſang. Es machte mein Herz beklommen vor Seufzern, und trieb mir Thränen in die Augen! Oh, es war auch ein köſtlicher Anblick, dieſer kräftige braune, in Lumpen gehüllte Knabe mit der Zither im Arm, auf einem Baumſtamm ſitzend, inmitten der glut⸗ vollſten, herrlichſten Landſchaft, dazu die einfache, melancholiſche Weiſe jenes Liedchens, die klagenden, wehmuthsvollen Worte.“ „Mit welchem Feuer Sie noch jetzt jenes Knaben gedenken, meine Gnädigſte,“ ſagte Walther mit einem gezwungenen Lächeln, denn für ihn gab es keine größere Qual, als einem Andern Lob ſpenden zu hören.„Ich bin gewiß, der Knabe war auch ſchön wie ein Engel, nicht wahr?“ „Schön? Deſſen entſinne ich mich nicht mehr, und ich muß geſtehen, daß das auch wenig Intereſſe für mich hat. Die Schönheit erfreut nur mo⸗ mentan, ihr größter Feind iſt die Gewohnheit, welche der Häßlichkeit größter Freund iſt. Man gewöhnt ſich beim öftern Sehen ſo ſehr an die Schönheit eines Geſichtes, daß man derſelben zuletzt gar nicht mehr gewahr wird, wie Einem andrerſeits die Häßlichkeit durch die Gewöhnung zuletzt zur Schönheit werden kann.“ Walther biß ſich die Lippen, daß ſie bluteten, und ſicher würde er von dieſem Augenblick an Judith gehaßt haben, wenn nicht eben dieſe ihre impoſante Unfreundlichkeit und Kälte ihn gereizt und zu ihr hin gezogen hätte. Es war als zöge ein unſichtbarer Zauber, eine magnetiſche Kraft ihn willenlos dieſer granſamen Schönheit nach, und von dieſer Stunde an ward er der Sclave Judith's. Sie zu beſiegen, ſie zu gewinnen, dieſer Gedanke war es, der den Baron Tag und Nact beſchäftigte und endlich ſich aufſchwang zu dem glü⸗ hendſten, leidenſchaftlichſten Verlangen. Die ver⸗ letzte Eitelkeit ſteigerte ſich in ihm zu einer Höhe, die in ihren Symptomen den Leiden einer Leiden⸗ ſchaft zu vergleichen war, nichts aber gemein hatte mit ihren Freuden und ihrem Glück. Vergebens gelobte ſich Walther oft, von nun an Indith zu meiden, und ihrer Kälte ſich unem⸗ pfindlich zu zeigen, vergebens ſuchte er in Giſela's heißer Liebe Erſatz für Judith's Kälte. Immer ſchwebte es vor ihm mit verlockenden, glänzenden Farben, das Bild dieſes ſchönen, ſtolzen Weibes, das ſeinen Liebesſeufzern nur lächelnden Spott, ſeinen Schwüren nur muthwilligen Un— glauben entgegen ſetzte, immer tönte vor ſeinen Ohren dieſe melodiſche, reine Stimme, die niemals für ihn erzittert war in der Ueberfülle der Liebe. Und Judith verſtand es, dieſe Leidenſchaft ſtets wach zu erhalten, ſtets auf's neue zu reizen. Hatte ſie ſich grauſam gezeigt, ſo wußte ſie ihn wieder durch eine anſcheinend unwillkürliche Freundlichkeit zu verſöhnen; hatte ſie ihn mit finſterer Kälte von ſich gewieſen, ſo rief ein leiſes, mildes Lächeln ihn bald wieder zurück; hatte ſie ihn Stunden lang gar nicht zu beachten geſchienen, ſo überraſchte er plötzlich ihren verſtohlenen Blick, der mit innigem Ausdruck auf ihm zu rühen ſchien, aber ſofort von ihm abgelenkt ward, ſobald ihre Augen ſich begegneten. Einmal ſogar hatte ſie, nach⸗ dem ſie ihn vorher mit grauſamer Kälte verſpottet und zur Verzweiflung getrieben, ihm ihre Hand ge⸗ reicht, und dieſe Hand hatte unmerklich in der ſeinen gezittert. Baron Walther nahm dann dieſe wohlbe⸗ rechneten Künſte vollendeter Coquetterie für unwill⸗ kürliche Aeußerungen des Gefühls und hoffte wieder V. Das Conplot. „Was iſt es, das Sie von mir begehren?“ fragte Judith mit ſtolzer Kälte den Baron Wal⸗ ther, der ſie heute um eine Unterredung erſucht hatte. „Sie wiſſen es wohl, was ich begehre, wo⸗ nach ich ſtrebe,“ ſagte er, ihre Hand an ſeine Lippen drückend. „Vielleicht nach dem Beſitz meiner Güter! Oh, gedulden Sie ſich, Baron! Sie werden ſie erlangen. Wie leicht kann es kommen, daß ich auf meiner Villa erkranke, daß der Arzt Nachts zu mir gerufen werden muß, und dann, Baron, haben Sie gewonnen, dann hat die arme Judith Ihnen nichts mehr zu gewähren, und Sie werden um nichts mehr zu flehen kommen!“ Um Alles, Judith, um Alles habe ich zu flehen, um Ihr Erbarmen, um Ihr Mitleid, oh, und um Ihre Liebe!“ „Liebe! Pah, ſprechen Sie das Wort nicht aus! Sie entheiligen es, denn Sie wiſſen nicht, was Liebe iſt!“ „O mein Gott, Sie haben ſie mich kennen gelehrt, die Liebe! Ich leide, ich ſeufze, ich ver⸗ zehre mich in Sehnſucht und Verzweiflung; ich irre die Tage umher in wehmuthsvollen Klagen, ich winde mich die Nächte auf meinem Lager in ver⸗ zweiflungsvoller Pein! Meine Seele ruft nach Ihnen in fieberiſchem Sehnſuchtsdrang, und alle meine Pulſe klopfen nach Ihnen. Und Sie ſagen, ich kenne die Liebe nicht? Aber Sie, Judith, Sie kennen ſie nicht, Ihnen iſt dies beſeligende und vernichtende Gefühl fremd. Ihr Herz iſt kalt und gefühllos, Sie ſind der Liebe unfähig!“ „Der Liebe unfähig,“ wiederholte ſie mit weh⸗ müthigem Ausdruck, und erhob den ſchwärmeriſchen feuchten Blick gen Himmel. Ich, der Liebe unfähig. O mein Gott, zeigt mir nur den Mann meiner Träume, das Ideal meiner ſtillſten, heiligſten Stunden. Zeigt mir den Mann, nach dem meine Seele ſchreit im Schmerz und Glück der Sehn⸗ ſucht! Zeigt ihn mir in ſeiner ſtolzen, göttlichen Schönheit, mit dem gebietenden Blick, der hohen, gedankenvollen Stirn, zeigt mir dieſen Mann, und ich will vor ihm niederfallen, ihn anzubeten, ſeine Kniee zu umklammern, und ihn als meinen Herrn, meinen Gebieter zu preiſen.“ Sie war ſchön, während ſie ſo ſprach. Ihr Wangen brannten im dunkelſten Roth, ihre Augen glühten, etwas ſüß Verlockendes und Stolzes zu⸗ gleich war in ihrem ganzen Weſen. „Und meine Liebe wird Sie alſo nicht be⸗ wegen,“ ſagte Walther glühend und zitternd,„ich bin es alſo nicht im Stande, auch nur den klein⸗ ſten Theil jener Anſprüche zu erfüllen, die Sie an Ihr Ideal machen?“ 3 „Sie? Nein, gewiß nicht!“ fagte ſie kalt, und wie aus füßen Träumen erwachend. „Sie verſtoßen mich alſo für immer?“ „Und wie,“ ſagte ſie im Zimmer auf und ab gehend,„wie können Sie nur wagen, mir von Liebe zu ſprechen? Sie, auf deſſen Lippen noch die Küſſe meiner Schweſter glühen, Sie, der viel⸗ leicht eben erſt ihr ewige Liebe geſchworen, und ihre heißen Schwüre dafür empfangen. Sie ſind ein Meineidiger, und Sie wollen, daß ich Sie achte! Gehen Sie!“ Sie wandte ihm den Rücken und ſchien im Begriff das Zimmer zu verlaſſen. Walther hielt ſie auf. „Sagen Sie mir nur ein einziges Wort, Zudith, ein Wort des Troſtes! Sagen Sie mir, daß Sie mich nicht verachten, daß Sie vielleicht Ihr Herz zur Liebe für mich bewegen können, gebieten Sie, befehlen Sie, daß ich Giſela ver⸗ laſſen ſoll, verſprechen Sie dafür mich anzulächeln, und ich ſchwöre Ihnen jeden Ihrer Wünſche zu — 6 erfüllen mit der Treue und Unterwürfigkeit eines Sclaven!“ „Eine Giſela zu lieben!“ ſagte Judith in verächtlichem Ton,„ein Mädchen, das ich mit Schande belaſtet aus meinem Hauſe vertrieben habe. Ein Weib, das in doppelzüngigem Treu⸗ bruch Ihnen ewige Liebe ſchwört, und zugleich die Geliebte des Fürſten iſt!“ „Das iſt unmöglich!“ rief Walther heftig. „Wer wagt dies zu ſagen, wenn ich, ihre unglückliche Schweſter, mit tauſend Thränen dieſe entſetzliche Wahrheit erkannt habe?“ fragte Judith ſtolz und gebieteriſch. „Dann wehe über ſie!“ rief Walther, zitternd vor Zorn bei dem Gedanken, getäuſcht, hinter⸗ gangen zu ſein. Geben Sie mir Beweiſe, Iudith, Beweiſe!“ „Und was dann?“ fragte Judith, ihn ſcharf beobachtend.„Was werden Sie thun, wenn ich Ihnen dieſe Beweiſe wirklich gebe?“ „Dann ſoll ſie büßen mit der Qual eines ganzen Lebens!“ „So habe ich Sie gern,“ ſagte Judith, ihm ihre Hand reichend,„heute zum erſten Male zwingen Sie mir Achtung ab, Baron. Aber nein, Sie täuſchen mich! Sie ſind wie alle Männer, groß in Worten, und feig zur That. Mordend in Gedanken, und mit ſtumpfer Waffe im Moment der Ausführung.“ „Ich ſage Ihnen,“ rief Walther außer ſich, doppelt gereizt in ſeiner Eitelkeit von Giſela's vermeintlichem Betruge und ZJudith's Lobſprüchen, „ich ſage Ihnen, geben Sie mir Beweiſe und ich werde mich zu rächen wiſſen. Wollen Sie dann, Judith, mein Flehen erhören, wollen Sie dann mir Ihre Hand reichen, und auf immer die Meine werden?“ „Sie fordern viel,“ ſagte Judith mit einem bezaubernden Lächeln die Augen niederſchlagend, „Sie fordern, daß ich mein ganzes Leben Ihnen anvertraue, und Sie wollen nicht einmal meinen Worten glauben und vertrauen. Meine Verſiche⸗ rung genügt Ihnen nicht. Sie fordern Beweiſe! Genügt es Ihnen, wenn ich Ihnen einen Liebes⸗ brief Giſela's an den Fürſten verſchaffe?“ „Vollkommen! Aber nein, Indith, es bedarf keiner Beweiſe! Ihr Wort genügt mir! Zeigen auch Sie mir nun Vertrauen. Entſchließen Sie ſich, mir Ihre Hand zu reichen! Geben Sie end⸗ lich meiner Liebe, meinem Flehen nach! Werden Sie die Meine!“ „Nun wohl, es ſei,“ ſagte Judith mit blitzen⸗ den Augen.„Aber ich fordere eine Probe Ihrer Liebe! Judith iſt zu ſtolz, eine Nebenbuhlerin zu dulden, und nicht eher lege ich meine Hand in die Zhrige, als bis ich an dieſer gerächt, als bis ich dieſe in den Staub getreten habe. Sagen Sie nicht, daß dieſe Nebenbuhlerin meine Schweſter iſt! Zwei Lebenswege. II. 2 Sie hat mich betrogen, wie ſie Sie betrogen hat, und dafür fordere und verlange ich Rache. Man nennt mich kalt, man glaubt mich jeder Leidenſchaft unfähig, aber Eine Leidenſchaft glüht in meiner Bruſt, verzehrt mich mit dem raſenden Drange nach Befriedigung: dieſe Leidenſchaft iſt Rache für erlittene Unbill! Helfen Sie mir dieſe befriedigen, vielleicht, daß ich dann in meinem Herzen noch Raum finde für ſanftere Empfindungen, vielleicht, daß ich dann lerne, Sie zu lieben! Oh, und glauben Sie nicht, daß es eine gewöhnliche Liebe iſt, die ich Ihnen verheiße! O mein Gott, ich fühle in mir die Kraft, eine Liebe zu geben, wie kein anderes Weib auf Erden; an die goldenen Mährchen Ihrer Kindheit, an die entzückenden Träume Ihrer Jünglingsjahre ſollen Sie glauben, wenn Judith Sie liebt, und wie in einem Meer der glutvollſten Leidenſchaft will ich Sie an meinem Herzen begraben.“ „Großes, göttliches Weib!“ rief Walther außer ſich, ihre Hand faſſend. Sie wehrte ihn zurück, und ihn mit einem kalten, faſt verächtlichen Blicke betrachtend, ſagte ſie:„Gemach! Noch ſind wir nicht ſo weit! Zeigen Sie erſt, daß Sie meiner Liebe würdig ſndi“ 3 „Gebieten Sie über mich,“ rief Walther, vor ihr nieder knieend, und ihr Gewand an ſeine Lippen drückend. — „Wohlan, hören Sie mich! Noch heute werde ich Ihnen ein Billet Giſela's an den Fürſten ſenden. Dann, ja dann möge die Rache beginnen! Kein Zug, keine Miene darf Giſela verrathen, daß Sie ihre Falſchheit durchſchaut haben. Zeigen Sie ſich ihr hingebend, zärtlich, machen Sie, daß ſie über Alles Sie liebt. Senken Sie die Liebe zu Ihnen immer tiefer in ihr Herz, damit ſie es deſto ſchmerzlicher empfindet, wenn wir dieſe Liebe aus ihrem Herzen reißen, damit dies Herz an ſolchen Schmerzen langſam verblute. Sprechen Sie ihr von Ihrer baldigen Vermählung, verſchaffen Sie ſich eine Dispenſation der Geiſtlichkeit, damit Sie, wann Sie wollen, die Trauungsceremonie vor⸗ nehmen können. Und nun, Baron, leben Sie wohl! Ich fühle mich erſchöpft, und bedarf der Ruhe!“ Kaum aber hatte Baron Walther ſie verlaſſen, als Zudith zu ihrem Schreibtiſch trat und haſtig zu ſchreiben begann; dann überlas ſie das Ge⸗ ſchriebene und ſagte mit einem grauſamen Lächeln: „Ich denke, dieſer Brief iſt zärtlich genug, und enthält hinlängliche Spöttereien über den Baron, um dieſen eitlen Thoren außer ſich zu bringen. Und wie gut ich Giſela's Handſchrift nachgeahmt habe. Wahrlich, ich muß mich loben, und wenn ich auch mehrere Wochen mit dem Erlernen dieſer Handſchrift hingebracht habe, ſo krönt doch nun auch der Erfolg meine Bemühungen!“ 4* Dem eben vollendeten Briefe fügte ſie ein Billet von ihrer eigenen Handſchrift bei, das nichts enthielt, als die Worte:„Da haben Sie den Be⸗ weis, armer Baron! Ich vermag Ihnen nichts weiter zu ſagen! Ich bin außer mir über ſolchen Abgrund von Verderbtheit und Schlechtigkeit!“ — vl. Letzter Sonnenblick. Die Thüren nach den Garten ſind geöffnet, und die Abendſonne ſendet ihre letzten Strahlen in den Salon, in welchem Giſela an Walther's Seite auf dem Divan ruht.„ Noch ſcheint die Sonne, aber ſchon beginnen die dämmernden Schatten des Abends ſich hernie⸗ der zu ſenken. Wie lange, und der graue Schleier der Nacht bedeckt mit ſeiner undurchdringlichen Hülle alle die hellen und glänzenden Freuden des Tages. Giſela, fürchteſt Du dieſen Schleier nicht, fürchteſt Du nicht dieſe Nacht, welche bereit iſt, alle Helle, alle Glutfarben Deines Tages zu verſchlingen? Ahnſt Du nicht, daß das Glück Dir ſeine letzten Sonnenblicke ſendet, daß Dein Tag ſich zu Ende neigt? Die Nacht wird kommen, arme Giſela, Deine Sonne wird untergehen, und bald wirſt Du um⸗ ſonſt Deine Blicke anſtrengen, noch einen Schim⸗ mer des frühern Glanzes zu gewahren. Thränen werden Deine Augen umdüſtern, die jetzt noch ſo ſtrahlend lächeln, ſo verheißungsvoll winken. Ueber Dir rauſchet und grollt ſchon der Donner des nahenden Gewitters, Du hörſt ihn nicht! In der Ferne zucken ſchon unheilſchwangere Blitze, Du ſiehſt ſie nicht! Du hörſt nur die hol⸗ den Worte, die von des Geliebten Lippen tönen, Du ſiehſt nur ſein ſchönes Angeſicht, aus welchem Glück und Liebe Dir zu lächeln ſcheinen! „Morgen alſo,“ ſagte Walther, ſie an ſich drückend,„morgen wirſt Du auf ewig mein!“ „Ja morgen,“ wiederholte Giſela mit dem vollen Ton der Seele.„O, wenn Du wüßteſt, Geliebter, welch eine Unermeßlichkeit des Glückes dies Wort in ſich ſchließt: Morgen! Dann bin ich Dein für alle Ewigkeit, dann darf ich mein ganzes Daſein zu Deinen Füßen niederlegen, meine Mädchenträume, meine Hoffnungen, meine Un⸗ ſchuld und meine Zukunft, Alles, Alles iſt dann Dein, und hinfort werde ich aus Deinen Händen Alles empfangen, alles Glück und alle Seligkeit!“ „Und wenn ich Dir nun das Unglück gäbe, Giſela?“ fragte Walther mit einem eigenen for⸗ ſchenden Ausdruck ſeiner Züge. „Auch das Unglück ſoll mir willkommen ſein, wenn Deine Hände es mir reichen, Walther,“ rief ſie hochbegeiſtert.„Aber von Dir kann mir kein Unglück kommen. Wie ſich unter König Mi⸗ das Händen Alles, was er berührte, in Gold verwandelte, ſo wird Alles, was Deine Hand mir reicht, ſich mir zum Glück geſtalten müſſen, Du mein Zauberer, meines Lebens Stern! Und dar⸗ um bange ich auch nicht, ob ich Dir Glück geben kann, denn ich weiß, daß ich es werde, die Liebe iſt ſo allmächtig, und wo ſie ſich ganz giebt, da iſt das Glück in ihrem Gefolge. Und ich habe mich Dir ergeben, Walther, mit meiner ganzen Seele bin ich Dein! Da iſt kein Gedanke, kein Wunſch, kein Athemzug, der nicht Dir gehört, und wenn die Zukunft vor mir daliegt wie ein goldener Blumenteppich, ſo weiß ich, daß ich alle dieſe Blumen nur pflücken werde, um daraus einen Kranz zu winden, Dein ſchönes Haupt Dir zu umkränzen! O mein Gott, ich ſchaudere vor dieſer Ueberfülle des Glückes, und faſt bin ich ängſtlich, ob es nicht zuſammen bricht wie ein Ge⸗ bäude, das zu hoch hinein ragt in den Himmel!“ „Schwärmerin,“ ſagte Walther, und Giſela bemerkte nicht das leiſe Hohnlächeln, das um ſeine Lippen ſpielte. „Aber dann wieder,“ fuhr ſie fort,„fühle ich mich ſo ſicher, denn dies Gebäude unſers Glückes, ſo hoch es immer ſei, ruht doch auf ſichern Stützen, und das Vertrauen iſt ſein Funda⸗ ment. Weißt Du, mein Geliebter, das iſt mir Deiner Liebe ſicherſte Gewähr, daß Du mir rück⸗ — — haltslos vertrauteſt, vaß Du den Gerüchten, die die Welt über mich beſchäftigen, kein Gehör ge⸗ geben, daß Du an mich geglaubt! O mein Gott, ich habe alſo recht gehabt, ich habe alſo geſiegt, und die böſe Welt, die mich verdächtigte, ſie kann mich nicht verletzen, ich habe ſie überwunden! Meine Miſſion iſt erfüllt, und wenn ich mit dem erſten Schritt in die Welt mir ſchwur, nimmer die Welt zu fürchten, ſondern ihr kühn die Spitze zu bieten, und nur den Stimmen zu folgen, die in meiner eigenen Bruſt mir gebieten würden, wenn ich, treu dieſem Schwur, der Welt und ihren nichtigen Gebräuchen zum Trotz, nur nach Wahrheit, nicht nach dem Schein ſtrebte und rang, ſo krönt jetzt das ſchönſte Himmelsglück mein Be⸗ mühen! O laß Dir ſagen, Walther, man wollte mich ſchwankend machen in meinem Streben, ſelbſt unſer Fürſt warnte mich davor, und wenn ich mich eine Miſſionairin des freien Willens nannte, ſo meinte er, ich würde bei dieſer Miſſion nichts erringen als eine Dornenkrone, die meine Stirne blutig drücken würde. Oh, wie er ſich geirrt hat! Eine Myrthenkrone habe ich mir erkämpft, und wenn ich in meinen ſtillen Mädchenträumen mir ſchwur, nur den Mann zu lieben, der mir unbedingt vertrauete, der keinem Gerüchte und keinem Weltgeſchwätze, der nur mir, mir allein glaubte, o mein Gott, ſo habe ich das Jeal meiner Träume erreicht, denn Du, Du biſt mein! 5— Du haſt mir vertrauensvoll die Hand gereicht, und die von der Welt Geſchmähete willſt Du zu Deiner Gemahlin machen! O Dank Dir, Dank!“ Sie ſank vor ihm nieder und lehnte ihr Haupt an ſeine Kniee. Walther ſchaute mit einem kalten grauſamen Blicke zu ihr nieder, und unwillkür⸗ lich faßte ſeine Hand nach dem verhängnißvollen Briefe, den Judith als ein ſicheres Zeichen von Giſela's Treuloſigkeit ihm geſandt, und welchen er ſtets bei ſich trug, vielleicht als ein Schild, ſich damit zu waffnen, wenn das Vertrauen zu Giſela ihn zu übermannen drohte. „Der Fürſt alſo warnte Dich?“ fragte Wal⸗ ther.„Du ſahſt ihn alſo oft?“ „Früher kam er faſt täglich,“ ſagte Giſela arglos,„ſeit Du hier biſt, ſah ich ihn weniger.“ Eine dunkle Röthe überflog Walther's Ange⸗ ſicht, und ſeine Stirn legte ſich in tiefe Zornes⸗ falten. Giſela's Worte ſchienen ihm eine Beſtä⸗ tigung ihrer Schuld, und mit grauſamer Ruhe freute er ſich nun des ſichern Racheplans. Ich will ihr Herz zerfleiſchen, dachte er, und um dies zu können, will ich ſie erſt ganz beglücken. Und niemals war Walther glühender, liebe⸗ voller geweſen, wie in dieſer Stunde. Aus ſeiner ſteten Ruhe und Würde hervor gehend, ſchien ſein Weſen einen höhern Aufſchwung zu nehmen, ſeine Seele ſich mit einem heißern, hinreißenden Feuer anzufachen. Worte der Begeiſterung, der Liebe tönten von ſeinen Lippen, und ergoſſen ſich wie ein Glutſtrom in Giſela's Ohr, daß ſie bebte in den ſüßen Schauern der Wonne. Die Sonne war längſt zur Ruhe gegangen, die Abendkühle fächelte und wehte durch die Bäume des Gartens, daß ihr leiſes Rauſchen wie linde Seufzer zu den Liebenden herüber tönte, von fern⸗ her erſcholl das Geläute der Abendglocke, und in langgeathmeten Tönen ließ die Nachtigall im nahen Gebüſch ihren köſtlichen Geſang ertönen. Friede und Stille und köſtliche Wonne ath⸗ mete die ganze Natur, und fand einen Wieder⸗ hall in Giſela's Bruſt, die ſich zu Seufzern des Glückes hob und ſenkte. „Morgen!“ flüſterte ſie leiſe.„Morgen bin ich Dein! Morgen will ich als Dein reines, un⸗ ſchuldiges Weib mich in Deine Arme legen!“ Sie entwand ſich ſeinen Armen und zog die Klingelſchnur, der Diener brachte Licht, und als dies Walther's Antlitz beleuchtete, ſagte Giſela, erſchreckt ſich an ihn ſchmiegend:„O mein Gott, welch eine Thörin ich bin!“ „Und warum nennſt Du Dich ſo?“ fragte Walther hart. „Es ſchien mir einen Moment, als blickten Deine Augen mit dem Ausdruck des Haſſes mich an. Bin ich nicht ein thörichtes Kind? O komm, laß mich Deine Augen ſehen, dieſe holden, glän⸗ zenden Sterne!“ 3 — 55 ½ Sie küßte ſeine Augen, und flüſterte ihm traute Liebesworte zu.„Oh, wie ich ſonſt ſchauderte vor der Ehe,“ ſagte ſie,„wie ſie mir die nüchterne Proſa däuchte, in welcher man alle Täuſchungen und alle Träume der Liebe verſenkte! Zetzt weiß ich, daß es nicht ſo iſt, daß in ihr erſt die wahre Poeſie der Liebe erwacht, das Glück ſeine geheim⸗ ſten Quellen rauſchen läßt, daß es nichts Zarteres, Heiligeres, Erhabeneres giebt, als dieſes Ver⸗ ſchmelzen, dies Sichineinanderverlieren zweier See⸗ len zu Einer, welches eine Offenbarung des Him⸗ mels iſt!“ Walther hatte kaum ihren Worten zugehört, er war zerſtreut und kalt, und eilte jetzt, Giſela Le⸗ bewohl zu ſagen. „Und wann ſehe ich Dich wieder?“ „An der Thüre der Hofkirche erwarte ich Dich, und führe Dich zum Altar.“ „Wie meine Seele dieſer Stunde entgegen jauchzet, und wie zart Du hier meinen geheimſten Wünſchen entgegen kommſt! Du haſt Recht, öffent⸗ lich, inmitten der Stadt, der Menſchen, denen ich entflohen, muß dieſer Bund beſiegelt werden; oh, in der Stunde werde ich einen herrlichen Triumph über ſie feiern, und ihnen alles Böſe verzeihen, was ſie mir thun wollten. Lebe denn wohl, mein Geliebter, morgen mein Gemahl!“ Sie geleitete ihn zur Thür, und eilte dann — — 60— auf den Balcon, um ihm, während er ſein Pferd beſtieg, noch ein Lebewohl zuzurufen. „Lebewohl!“ „Lebewohl!“ Dahin brauſte das Pferd mit ſeinem Reiter. Giſela winkte mit ihrem weißen Tuche ihm den Abſchiedsgruß; allmählig verklingen in der Ferne die Huſſchläge des Pferdes; er iſt ihr entrückt, und während Giſela jetzt den entzückten Blick gen Himmel richtet, fällt langſam ein Stern hernieder, zeichnet eine ſilberhelle Bahn und verſchwindet dann in der Dunkelheit des Horizontes. Durch ein ſeltſames Ungefähr erinnerte ſich Giſela jener Nacht, wo ſie, dem unbekannten, un⸗ genannten Geliebten entgegen ſeufzend, den Him⸗ mel beſchworen, ihr dieſen Geliebten, dieſen Hei⸗ land ihres Lebens zu ſenden. Damals hatte ſie den fallenden Stern gefragt, ob ihr Leben dieſem ſchnell verſchwindenden, glän⸗ zenden Meteore gleichen würde? Jetzt fragte ſie nicht, Glaube und Vertrauen war in ihr, und mit einem ſeligen Lächeln ſagte ſie:„nicht einem flüchtigen Meteore gleicht mein Glück! Nein, es iſt über mir aufgegangen gleich einer ewigen, nie erlö⸗ ſchenden Sonne, und wie eine Sonne durchleuchtet und durchglüht es mein Herz für alle Zeiten!“ Arme Giſela! Du ahnſt alſo nicht, daß Du ihn ſchon genoſſen, Deiner Liebe letzten Sonnenblick? S. Weiberliſt. „Judith, es iſt Alles geſchehen, wie Sie ge⸗ boten haben! Der morgende Tag wird uns rächen an Giſela, oh, und der morgende Tag wird mich zu Ihrem Gemahl erheben!“ „Und mich zu einer Sclavin erniedrigen!“ ſagte ſie mit ſtrengem Ton. „Wie grauſam Sie ſind und wie kalt!“ ſeufzte Baron Walther.„Sie willigen ein mein Weib zu werden, und doch weiß ich nicht, ob Sie mich lieben. Sie ſagen, Sie bringen der Rache dies Opfer, und ahnen nicht, wie ein ſolches Wort mein Herz zerfleiſcht!“ „Sie ſind ein Thor, ein Schwärmer,“ ſagte ſie kalt.„Mein Gott, ſind Sie in Ihrem blu⸗ menbekränzten Leben noch nicht dieſer nichtigen Entzückungen der Liebe überdrüßig geworden? Haben Sie noch nicht genug vernommen von Seuf⸗ zern und Liebesklagen, von Jubel und Eiferſucht?“ .. 6 „Dies Alles fand ich oft, ohne daß ich es begehrte, aber nun ich es vermiſſe, begehre ich es. Judith, ſagen Sie ein einziges Mal, daß Sie mir gut ſind, daß nicht blos die Rache, daß auch die Liebe Sie in meine Arme führt! Judith, ein Mal dies Wort geſprochen, und ich will es wie einen köſtlichen Schatz in meinem Herzen be⸗ graben, und nimmer von Ihrem Stolz verlangen, es zu wiederholen. Nur ein Mal, Zudith, laſſen Sie mich es hören! Sehen Sie mich hier zu Ihren Füßen! Ich kniee vor Ihnen, wie man vor Gott knieet, und bete zu Ihnen um ein Wort der Gnade!“ „Mein Gott, Sie wiſſen alſo nicht, daß Sie ſelber meine Zunge gebunden, und mir dies Wort unmöglich gemacht? Wird der Tyrann an die Liebesſchwüre ſeiner Sclavin glauben, die ein Wort von ihm dem Tode übergeben kann, dem Hunger⸗ tode oder der Schande vielleicht? Und wird nicht dieſe arme, gefeſſelte, abhängige Sclavin eher ſterben, als bekennen, daß ſie liebt, da ihre Liebe mißdeutet, da ſie mit dem Eigennutz verwechſelt werden kann? Oh, Sie wollen mich glauben machen, daß Sie mich lieben, und verſtehen doch nicht einmal die tiefe Wunde meines gekränkten Herzens, Sie wiſſen nicht einmal, daß die Liebe nur dann beglücken kann, wenn ſie aus freier, reiner Wahl ſich ſelber giebt?“ „Sprechen Sie weiter, weiter,“ ſagte Vuihe 3 „ — als Judith jetzt ſchwieg,„ſprechen Sie weiter, daß ich Sie verſtehe, Sie begreife!“ Judith blickte lange mit ſchwimmenden, träu⸗ meriſchen Augen gen Himmel, dann ſagte ſie mit weicher, zitternder Stimme:„Ich hörte einſt er⸗ zählen von einem Sultan, der eine ſeiner Scla⸗ vinnen liebte. Ein Mädchen aus Cireaſſien, ſchön und jung und heißen Herzens. Er hatte ſie dem Vaterlande, den Freunden, er hatte ſie der Hei⸗ math entzogen, er hatte das willenloſe Weib ſei⸗ ner Freiheit beraubt, und ſie zu ſeiner Sclavin gemacht. Sie klagte nicht, man ſah ſie niemals weinen, aber ihr Antlitz erbleichte, das Feuer ihrer Augen erloſch, und wenn ein Lächeln um ihre Lippen ſpielte, war's nur ein ſchmerzliches, verſagendes. Vielleicht war's dieſer ſtumme, leiſe Schmerz, der den Sultan rührte, vielleicht war's ihre Kälte, die ihn zur Liebe zwang,— er liebte ſie, und der ſtolze Sultan flehte um Liebe, um Erhörung, um Erbarmen, um Gnade zu der armen, gefeſſelten Selavin. Sie aber zitterte und ſchwieg, eine Thräne ſogar füllte ihre Augen; die erſte Thräne, ſeit ſie gefangen war. Es war die Thräne des gekränkten weiblichen Stolzes, ſie glaubte, der reiche, freie, allmächtige Sultan ſpotte der armen gefangenen, ſchwachen Sclavin. Sprich nur ein Wort der Liebe, flehte er. Konnte ſie es ſprechen, konnten ihre keuſchen Lippen die Liebe ſo entheiligen, daß ſie ein Wort ſprachen, welches man dem Eigennutz entriſſen glauben konnte. Und wieder flehte der Sultan: ſprich ein Wort der Liebe, und ich ſchenke Dir Deine Freiheit, ich er⸗ hebe Dich zur erſten Sultanin des Harems, und theilen ſollſt Du mit mir meinen goldenen Thron, meine Macht und meinen Reichthum.“ „Und was erwiederte die Selavin?“ fragte Walther, glühend vor Leidenſchaft auf das ſchöne Weib blickend. „Sie neigte ihr Haupt und ſchwieg,“ fuhr Ju⸗ dith fort,„das erflehte Wort trat nicht auf ihre Lip⸗ pen. Da ergrimmte der Sultan in wildem Zorn und wüthend rief er: ſprich dies Wort der Liebe, oder heute noch fällt Dein Haupt von Henkers Hand.“ „Und die Sclavin?“ fragte Walther athemlos. „Sie neigte ihr Haupt und ſchwieg. Da winkte der erzürnte Sultan ſeinen Dienern, ſie packten das ſchöne, ſtolze Weib, und ſie bot lächelnd und mit kalter Ruhe ihre Arme dar, die Ketten anzulegen. Doch dieſer Anblick erweichte des Sul⸗ tans Herz, er ſchämte ſich ſeines Zornes, und wieder flehte er: ſprich nur Ein Wort der Liebe! Sie aber ſah ihn ſtolz und ruhig an und neigte ihr Haupt und ſchwieg. Zu heilig und zu hoch war ihr die Liebe, als daß die Furcht ihr ein Ge⸗ ſtändniß hätte entreißen ſollen.“ „Ha, jetzt verſtehe ich!“ rief Walther plötz⸗ lich aufſpringend und Judith mit leuchtenden, triumphirenden Blicken betrachtend.„O welch ein blöder Thor ich war, Sie nicht früher be⸗ griffen zu haben, herrliches, ſtolzes Weib, ge⸗ feſſelte, ſtolze Sclavin. Zürnen Sie mir nicht, daß ich Sie unterbrochen, ZJudith, ich muß fort, ſogleich, auf der Stelle! Wenn ich wiederkehre, ſollen Sie mir den Schluß dieſer Geſchichte er⸗ zählen!“ Er küßte mit ſtürmiſcher Glut ihre Hand und eilte fort. Judith aber ging mit großen ſtolzen Schritten im Gemache auf und ab. Dann und wann verzog ein höhniſches, ſchadenfrohes Lächeln ihr Geſicht, und leiſe flüſterte ſie:„es wird ge⸗ lingen! Ich werde ſiegen! Ich werde nicht nöthig haben mich an dieſen eitlen Thoren zu ketten! Ich werde frei werden, ohne mich in neue Eheketten zu ſchmieden.“ Dann trat ſie zum Spiegel und prüfte ihr Geſicht, ihren Anzug.„Meine Augen könnten noch dunkler glühen und leuchten,“ flüſterte ſie leiſe, „je mehr ſie brennen, verſengen ſie ihm den Ver⸗ ſtand. Ich muß ihn raſend machen vor Leiden⸗ ſchaft und Glut!“ Sie ging zu ihrem Toilettentiſche und nahm aus einem verborgenen Schubfach einen feinen Pinſel und ſchöne chineſiſche Tuſche. Nun zog ſie mit ſicherer Hand leicht und fein einen Streif neben den untern Augenwimpern, und ſofort ſchien es, als brannten und glühten ihre Augen im feurigen, leidenſchaftlichen, üppigen Schmelz.„Das 5 Zwei Lebenswege. I. 5 iſt gut,“ flüſterte ſie leiſe,„er wird mir nicht widerſtehen; und wenn auch die Luft draußen ihn abgekühlt und ihm ein wenig Nachdenken zurück⸗ gegeben hat, ich werde ihn dennoch beſiegen.“ Eine Stunde war vergangen, als das Heran⸗ rollen und Halten eines Wagens Walther's Rück⸗ kehr verkündete. „Mein Gott, wo waren Sie nur?“ rief Ju⸗ dith dem Eintretenden entgegen, ihm zum erſten Male freiwillig die Hand hinreichend. „Bei meinem Geſchäftsführer,“ ſagte Walther lächelnd und ihre Hand an ſein Herz drückend. Dann blickte er zu ihr auf, ihre Augen begegne⸗ ten ſich, und was er in Zudith's Blicken geleſen, mußte erfreulicher Art ſein, denn ein leiſes Ach! tönte von Walther's Lippen, zitternd vor Glut und Verlangen ſank er vor ihr nieder und drückte ſein Haupt an ihre Kniee. „Mein Gott, was machen Sie?“ fragte ſie wie beklommen, und neigte ſich, gleichſam einer innern Bewegung nachgebend, zu ihm nieder. Unwillkürlich, ſchien es, legten ſich ihre Arme um ſeinen Hals, unwillkürlich zog ſie ihn empor, ſeine Lippen näherten ſich den ihren,— da ſchien ſie zuſammen zu ſchrecken, ſie floh zurück und rief „Niemals! Niemals!“ Walther führte ſie zum Divan, und zu ihren Füßen ſich niederſetzend ſagte er:„Erzählen Sie mir nun ihre Geſchichte zu Ende — ———————————— 6 „Ach, die Geſchichte!“ ſagte ſie wie aus einem Traum erwachend.„Wo waren wir ſtehen ge⸗ blieben, Baron?“ „Die Furcht vor dem Tode konnte der ſchönen Sclavin nicht ein Wort der Liebe entreißen!“ „Nein!“ ſagte Judith träumeriſch,„Sie war bereit zum Tode! Aber des Sultans Augen füll⸗ ten ſich mit Thränen, er winkte ſeinen Dienern, die grauſame Selavin frei zu geben, er löſte ſelbſt die Feſſeln von ihren Armen ab; zitternd vor Wehmuth und Schmerz winkte er ihr fort zu gehen und flüſterte: geh, Du biſt frei! Kehre heim zu Deinen Brüdern, Deinen Freunden, heim in Dein Vaterland und erzähle von einem Sultan, der Dich liebt und deſſen Herz Du gebrochen!“ „Und die Sclavin?“ „Sie ging nicht! Eine himmliſche Wonne ſtrahlte von ihrem Angeſicht, und mit vor Glück zitternder Stimme fragte ſie: Du ſchenkſt mir die Freiheit? Ich bin alſo nicht mehr eine Sclavin, eine Gefangene?— Der Sultan ſagte leiſe:„nein! Du biſt frei! Kann nichts Dich beglücken, als die Freiheit, ſo nimm ſie hin! Du liebſt mich nicht, wohlan ſo gehe!“— Er verhüllte ſein Haupt, um nicht zu ſehen, daß ſie ihn verließ. Da fühlte er ſeine Kniee leiſe umfangen, ſeine herabhängende Hand von heiſſen Thränen bethaut, da flüſterte eine ſüße Stimme:„ich liebe Dich! Hörſt Du, ich liebe Dich! Was die gefangene Selavin zu ſagen ſcheute, das freie Weib darf es Dir ſagen: ich liebe Dich!“— Iſt's wahr, iſt's möglich? rief der Sultan, den Mantel von ſeinem Antlitz ziehend. Da lag ſie vor ihm, mit ſtrahlenden, glühenden Augen, mit dem holdeſten Lächeln zu ihm auf⸗ blickend, und leiſe wiederholend:„ich liebe Dich! Was konnte Dir die Liebe einer Sclavin geben? O hätteſt Du ſolcher Liebe einer Gefeſſelten, vor Furcht Zitternden trauen mögen, hätteſt Du ihr jemals vertrauen, ihr jemals glauben können? Die Liebe duldet keinen Zwang. Frei will ſie ſich geben, frei empfangen ſein. Du gabſt mir meine Freiheit, Du löſteſt meine Feſſeln, da nimm ſie zurück, die Freiheit, ich mag ſie nicht, denn ich liebe Dich! Frei⸗ willig nenne ich mich Deine Sclavin, Dich meinen Herrn, denn die Liebe iſt es, die mich unterjochte. Dir will ich dienen, Dir gehorchen, mein Herr und mein Gebieter ſollſt Du ſein, vor Dir will ich knieen, ſetze den Fuß auf meinen Nacken, thue Alles, Alles, was Du willſt, ich wehre Dir nicht, denn ich liebe Dich, und ich darf es ſagen, denn ich bin frei!“— Das iſt meine Geſchichte, Baron,“ ſagte ZJudith nach einer Pauſe, tief auf⸗ athmend. „Ich habe ſie verſtanden,“ rief Wolther, und zog ein zuſammen gefaltetes Papier aus ſeiner Bruſt hervor.„Ich auch nannte Sie grauſam und* hartherzig, und ich bedachte nicht, daß ein grau⸗ ſamer, thranniſcher Wille Sie in Banden hielt, — daß Sie die Seclavin eines barbariſchen Teſtamen⸗ tes waren, zu deſſen Vollſtrecker man mich ge⸗ macht, daß man mich auserkoren zu dem Spion Ihrer Thaten, daß man Alles gethan, mich von Ihnen gehaßt und gefürchtet zu machen. Hier iſt das Teſtament, Judith, und ſo zerreiße ich es!“ Der Schall des zerreißenden Papiers ertönte vor Judith's Ohren wie das jubelnde Siegeslied ihrer wieder gewonnenen Freiheit, und faſt fühlte ſie Dankbarkeit gegen Walther, der ihr die Frei⸗ heit wieder gab in dieſer Stunde. Sie reichte ihm ſtrahlenden Auges die Hand.„Ich danke Ihnen, Walther. Morgen wird die befreite Scla⸗ vin als freies Weib Ihnen Antwort geben! Mor⸗ gen,“ ſagte ſie leiſe zu ſich ſelber,„morgen ſoll er büßen für all die Mühe, die es mich gekoſtet, endlich von ihm meine Freiheit zu erlangen!“ VIII. Warnung. Der Tag war angebrochen, der Tag, von welchem Giſela das Glück ihrer ganzen Zukunft erwartete. Früh hatte ſie ſich vom Lager erho⸗ ben, und war hinabgegangen in den Garten, um in der Stille, in dem heiligen Schöpfungs⸗ frieden der Natur Gott zu danken für ihr Glück⸗ Giſela war fromm in ihrer Weiſe; ſie liebte es nicht, in die ſogenannten Gotteshäuſer zu gehen, um dort dem ſchrillenden, kreiſchenden Geſang einer zuſammen gewürfelten Gemeinde, dem ſchein⸗ heiligen Sermon eines ſogenannten Dieners des Herrn beizuwohnen; deſto mehr aber zog es ſie oft hinaus in das große Gotteshaus der Schöpfung. Dort war ihr das Rauſchen der Bäume wie der feier⸗ liche Geſang einer heiligen Gemeinde, und Alles pre⸗ digte und rief ihr zu von Gottes urelementlicher Näh Die Blume, die am Wege ſtand, der Thau⸗ tropfen in ihrem Kelche, der glänzende Käfer zu ihren Füßen, der Schmetterling, der ſich auf den Geſträuchen wiegte, der Vogel, der in den Zwei⸗ gen ſang, Alles verkündete ihr Gottes erhabene Ge⸗ genwart, und inmitten dieſes großen Bethauſes der Natur ſtiegen ihre heißeſten, inbrünſtigſten Gebete zu Gott empor. Sich der Natur erfreuen, die tnospende Blüthe, den ſingenden Vogel zu grüßen, heiter zu ſein und glücklich, Frieden und Nuhe zu fühlen in eigener Bruſt, das nannte Giſela ein Gott wohlgefälliges Gebet, und ſie ſagte:„deſſen freut er ſich mehr, als des zerknirſchten Hände⸗ faltens, des Weinens und Bereuens, mehr als des thatenloſen, traurigen Anflehens.“ Aber heute konnte ſie gar nicht zu dieſer in⸗ nern, ſeligen Ruhe gelangen, und der Friede wollte nicht einziehen in ihre Bruſt. Doch fühlte ſie ſich glücklich, und dies unwillkürliche Bangen war ihr ſelber räthſelhaft und unerklärlich. Viel⸗ leicht war es die Einſamkeit, die ſie bedrückte, vielleicht empfand ſie ſchmerzlich ihr gänzliches Alleinſtehen. Es war heute ihr Ehrentag, ach, und Nie— mand war da, ſie freundlich zu begrüßen, kein⸗ zarte mütterliche Hand wird den bräutlichen Kranz auf ihre Stirne drücken, kein liebendes Auge wird ſie ſegnen zu dieſem feierlichen Kirchgang. Als Giſela dies dachte, füllten ſich ihre Augen mit Thränen, die ſchnell ihr ſchönes Antlitz über⸗ flutheten. „Niemand, Niemand iſt da, der mich liebt,“ flüſterte ſie leiſe,„und wenn ich heute in der menſchengefüllten Kirche ſtehe, wird unter der Menge kein Auge mich mit Theilnahme begrüßen, nur neugierigen, forſchenden Blicken werde ich begeg⸗ nen; o mein Gott, was that ich denn, daß Nie⸗ mand mich liebt? Schlug nicht mein Herz der ganzen Welt, der ganzen Menſchheit entgegen, fühlte ich nicht jedes Unglück, jede Freude wieder⸗ hallen in meiner Bruſt? Was that ich denn, daß man mein Herz zurück ſtößt, und mich flieht und verachtet?“ „Oh,“ ſagte ſie dann nach einer Pauſe,„wie undankbar bin ich. Und wenn die ganze Welt mich haßt und flieht, Er liebt mich ja, Er wen⸗ det ſich nicht von mir. So will ich denn in ihm die ganze Menſchheit lieben, und wenn Er an meiner Seite iſt, wird es mir ſein, als liebe mich die ganze Menſchheit.“ Sie richtete ſich auf, ſie ſtärkte und tröſtete ſich an dieſem Gedanken, und wenn nun noch Thränen in ihren Augen ſtanden, ſo waren es Thränen der Freude, des Glückes. Sie war nicht mehr allein, nicht mehr ein⸗ ſam, die Blumen ſchienen ſie lächelnd zu begrüßen, die Vögel ihr jubelnde Brautlieder zu ſingen, und der leiſe rauſchende Wind brachte ihr mit flüſtern⸗ den Seufzern den Segen ihrer dahin gegangenen Mutter. Das raſche Heranrollen eines Wagens weckte ſie aus dieſen Phantaſieen. Giſela eilte dem Hanſe zu. Wer konnte es ſein, der zu ihr kam? Hatte vielleicht eine ihrer frühern Bekanntinnen heute ihrer gedacht, und kam, ſie zu begrüßen? War es, o war es viel⸗ leicht ihre Schweſter, die ſich mit ihr zu verſöhnen kam? Giſela beſchleunigte ihre Schritte bei dieſem Gedanken. Heute hatte ſie in ihrem Herzen nur Raum für Liebe, für Vergebung, ſie fühlte die wärmſte, ſchweſterliche Neigung in ihrer Bruſt wieder aufthauen und ſie ſagte:„ſicher iſt es In⸗ dith! Sie hat meinen geſtrigen Brief, in dem ich ihr meine heutige Vermählung anzeigte, erhalten und verſtanden, ſie kommt, um mich zum Altar zu geleiten.“ Da trat ihr plötzlich vor der Schwelle ihrer Villa Fürſt Lothar entgegen, und ſie erſchrak vor dem traurigen, ernſten Ausdruck ſeines Geſichtes. „Sie, mein Fürſt, und zu dieſer Stunde?“ fragte ſie bebend. Er bot ihr ſchweigend den Arm, und geleitete ſie in ihre Gemächer. „Giſela,“ ſagte er:„ich komme Sie zu war⸗ nen! Kehren Sie um, armes, betrogenes Kind, kehren Sie um, noch iſt es Zeit! Vertrauen Sie nicht ſeinen gleißneriſchen Worten, ſeinen heuchle⸗ riſchen Liebesſchwüren. Sie ſind verrathen, ſind betrogen!“ „Sie wiſſen alſo nicht, mein Fürſt, daß heute mein Vermählungstag iſt?“ ſagte Giſela mit froh⸗ lockender Stimme.„Sie wiſſen nicht, daß ſchon die nächſte Stunde mich zu der Gemahlin deſſen macht, den ich liebe, dem ich vertraue?“ ₰ ich weiß ich weiß, unglückliches Mädchen, ich weiß, daß man Ihnen dies geſagt, aber man täuſcht Sie! Dunkle, geheimnißvolle Gerüchte dran⸗ gen leider erſt heute an mein Ohr, und erzählten mir von doppeltem Treubruch. Man ſagt, Ju⸗ dith, Ihre Schweſter, nicht Sie, werde heute Walther's Gemahlin!“. „Eine leicht verzeihliche Verwechſelung,“ ſagte Giſela mit Lächeln.„Gerüchte lügen immer. Walther wünſchte unſere nahe Verbin⸗ dung geheim zu halten, und ſo giebt das Errathen dieſes Geheimniſſes allen Muthmaßungen Raum.“ „Giſela, laſſen Sie dieſe Zuverſicht fahren,“ rief der Fürſt faſt flehend,„hören Sie die Worte eines treuen Freundes! Werden Sie mißtrauiſch, armes, junges Mädchen! Ich ſage Ihnen, es iſt Judith, die heute Walther's Gemahlin wird, ich, der Fürſt, gebe Ihnen mein Wort darauf!“ „Und wären Sie der heilige Geiſt ſelber,“ rief Giſela glühend,„ich würde Ihnen dennoch nicht glauben, ich würde dennoch ihm vertrauen und ihn lieben. Und was überhaupt giebt Ihnen das Recht, ihm zu mißtrauen, was that er, daß man —5 es wagt, ihn ſolchen Verrathes zu beſchuldigen. Ja, mein Fürſt, vaß man es wagt! Walther iſt ein Edel⸗ mann wie Sie, und Sie beſchimpfen ſeine Ehre, indem Sie ihn ſolcher Treulofigkeit zeihen! Sie be⸗ ſchimpfen auch mich, indem Sie es verſuchen, ihn mir zu verdächtigen! Ich frage Sie, was giebt Ihnen ein Recht dazu? Wie wollen Sie mir die Wahrheit dieſer Verleumdung beweiſen? Ich würde Ihnen nicht glauben, und hätten Sie es aus ſei⸗ nem eigenen Munde vernommen, ich würde es Ihnen nicht glauben, und hätten Sie ſelbſt den Ehecontract mit einer Andern geleſen, ich würde ſagen, daß es eine Täuſchung, ein Irrthum ſei!“ „Armes, thörichtes Weib! Sie wollen es nicht anders! Wohlan, ich muß Ihnen die volle Wahr⸗ heit ſagen! Vernehmen Sie denn, ich habe dieſen Ehecontract geleſen; vor einer Stunde hat man ihn mir zur Unterſchrift gebracht!“ Giſela taumelte zurück, Marmorbläſſe bedeckte ihre Wangen und ihr Herz ſchien ſtill zu ſtehen im Krampf des Schreckens. Dann richtete ſie ſich empor, und ein holdes Lächeln verklärte ihre Züge. „Es muß ein Irrthum ſein,“ ſagte ſie ruhig, „ein Schreibfehler vielleicht des Schreibers, der den Contract aufgeſetzt. Vielleicht auch that er es, um mich zu prüfen! O gewiß, er wußte es, daß man kommen würde mich zu warnen, ja, er wollte ſehen, ob mein Vertrauen unerſchütterlich — ſei und feſt, ob ich Keinem glaubte, als ihm allein. Ja, Ja, darum ließ er mich verſuchen! Das iſt es! Oh! wie will ich ihn verſpotten mit dieſer ſchlechten Prüfung,“ ſagte ſie immer hefti⸗ ger, ſich ſelbſt überwindend zu künſtlicher Fröhlich⸗ keit,„oh, wie will ich ihn verlachen mit dieſer ſchlecht angelegten Liſt. Zu denken, ich würde einem ſolchen Mährchen glauben, eine Stunde vor der Vermählung noch ihm mißtrauen! Das iſt komiſch. Lachen Sie, mein Fürſt, lachen Sie mit mir! Sehen Sie, ich bin ganz zuh ganz, ich lache!“ Und ſie lachte, aber es war ein herzzerreißen⸗ des trauriges Lachen, das des Fürſten Herz beben machte in tiefem Mitgefühl. und dann,“ fuhr ſie, plötzlich wieder nach⸗ denklich werdend, fort,„dann ſollte auch unſere Vermählung ein Geheimniß bleiben. Ha, das wird es ſein! Zudith wird geſtattet haben, ihren Namen ſtatt des meinen hin zu ſchreiben, damit Alles ein Geheimniß bleibe. Ja, ſo iſt es, ich weiß es jetzt, ſo iſt es! Sie ſehen alſo, mein Fürſt, daß Sie ſich irrten, Sie ſehen auch, daß ich Ihren Irr⸗ thum nicht theile! Sie haben meinen Gemahl verleumdet, ich verzeihe es Ihnen um der Theil⸗ nahme willen, die Sie für mich hegen. Zetzt aber iſt es Zeit zur Trauung, Zeit, daß ich mein Hoch⸗ zeitsgewand anlege und den Brautkranz auf mein Haupt ſetze! Leben Sie alſo wohl, mein Fürſt!“ — „Giſela, mein Gott, es iſt alſo Ihr Ernſt? Sie wollen ſich nicht warnen laſſen; Sie wollen nicht hören, unglückliches Mädchen? Sie wollen nicht auf die Stimme Ihres Freundes hören, und unbeſchützt wollen Sie Ihre Bruſt dem Feinde darbieten? Mein Gott, was thue ich nur, dies argloſe Kind zu überzeugen? Giſela, glauben Sie mir, gehen Sie nicht! Oeffnen Sie lieber ſelbſt die Adern Ihrer Herzens, ehe denn Sie es von Andern zerfleiſchen laſſen! Warum der Welt ein Schauſpiel geben, da Sie ſtill und ungeſehen verbluten können? Glauben Sie mir, die Welt kennt kein Mitleid, und ſelbſt, indem ſie mit uns weint, hohnlacht ſie noch unſerer Schmerzen. Fol⸗ gen Sie mir, Giſela, gehen Sie nicht, treten Sie zurück, da es noch Zeit iſt!“ Der tiefe, eindringliche Ton des Fürſten, die Seelenangſt, die ſich auf ſeinen Zügen malte, machte Giſela's Herz erſtarren in ahnungsvollem Weh. Aber es war nur einen Augenblick, daß ſie ſchwankte, dann ſagte ſie gefaßt und ruhig: „Sei es Irrthum oder Wahrheit, ich muß den⸗ noch gehen! Ich gab mein Wort, ihm zu ver⸗ trauen, ich muß es löſen! Es ſoll nicht von mir geſagt werden, daß ich Dem mißtrauete, der mir durch kein Wort, keine Handlung Anlaß dazu ge⸗ geben hat, daß ich den Glanben verlor an die Welt, an die Menſchen! Die Liebe iſt eine ewige Wahrheit, wer will es wagen, ſie eine Lüge zu — ſchelten? Meine Miſſion muß erfüllt werden, hin⸗ gehen ſollte ich in die Welt, ihr zu predigen von der rechten Liebe, dem rechten Vertrauen, hin⸗ gehen ſollte ich: ſonder Schen das Rechte zu thun! Ich gab mein Wort, dieſen Mann zu lie⸗ ben und ihm zu vertrauen, ſo muß ich es halten! Er rief mich zum Altar, ich muß ihm folgen. Und wäre es wirklich, wie Sie ſagen, ſo muß ich dennoch gehen, dieſen Kelch zu leeren, den die Hand Deſſen, welchem ich ewige Liebe geſchworen, mir reicht! Leben Sie alſo wohl, mein Fürſt!“ „Nein, nicht alſo,“ ſagte dieſer feſt, als er Giſela ſo unerſchütterlich und entſchloſſen ſah. „Nicht alſo, Giſela; wollen Sie durchaus dieſen Gang wagen, wohlan, ſo geleite ich Sie! Min⸗ deſtens werden Sie dann nicht allein ſein in der Stunde der Gefahr, und mein Arm wird bereit ſein Sie zu halten und zu vertheidigen!“ Giſela dankte ihm mit einem matten Lächeln und ging ſich anzukleiden. Bald erſchien ſie wie⸗ der, die ſchönen ſchlanken Glieder umhüllt vom weißen Atlasgewande, den lang herabwallenden Schleier im dunklen Haar befeſtigt, bleich und ſchön, einen erhabenen Ausdruck in ihren Zügen, ſo ſtand ſie vor dem Fürſten, der mit Blicken in⸗ nigſter Theilnahme ſie betrachtete. „Sie ſind in dieſer Stunde vielleicht mein einziger Freund auf der ganzen Welt,“ ſagte ſie feierlich, darum müſſen Sie mir auch jetzt den — Dienſt der Liebe thun. Da, hier iſt mein Braut⸗ kranz, ſetzen Sie ihn auf mein Haupt.“ Sie reichte ihm mit zitternden Händen den Kranz dar, und ihre Blicke begegneten ſich. Der Fürſt las in ihren Augen den feſten, unerſchütterlichen Entſchluß ihrer Seele, deshalb ſuchte er nicht mehr ſie zu überreden. Schweigend nahm er den Kranz und drückte ihn in Giſela's Haar, aber ſeine Thränen benetz⸗ ten ihn. „So weihe ich Dich denn ein, Du Braut der Schmerzen,“ ſagte er feierlich, ſeine Hand wie ſegnend auf ihr Haupt legend.„Mit dieſer Stunde ſcheideſt Du von Deiner Jugend, Deinem Glücke, von Deiner Liebe! Ich weihe Dich zur Qual des Lebens! Die Dornenkrone ruht ſchon in Deinen Locken, und die nächſte Stunde wird Deine Seele kreuzigen! Sei ſtandhaft, und wenn Du die Welt nicht mehr lieben kannſt, ſo lerne ſie bemitleiden! Haſſe ſie nicht, aber verachte ſie!“ Giſela ſchauderte.„Das alſo iſt mein Segen zu dieſer Stunde!“ flüſterte ſie leiſe, und einen Augenblick ſchien ſie zuſammen zu ſinken unter der Laſt innerer Angſt. Ein lauter, ängſtlicher Schrei rang ſich aus ihrer Bruſt hervor, dann raffte ſie ſich zufammen, ihre irrenden Augen ſchweiften wie ſuchend umher, jetzt hafteten ſie auf dem Bilde ihrer Mutter dort. Es ſchien ihr zu lächeln, ihr zuzuwinken. Sie ſtürzte nieder vor dieſem Bilde, — und die Arme zu ihm empor ſtreckend rief ſie: „Mutter! Meine Mutter!“ Still ward es nun, denn Giſela betete! Sie betete das erſte Gebet eines angſtbewegten, ver⸗ zweifelnden Herzens. Der Fürſt begriff die Feierlichkeit dieſes Mo⸗ ments, in welchem eine Seele geweihet ward zum Schmerzenspfade des Lebens, und wie er auf die knieende, vom wallenden Schleier umhüllte Geſtalt des Mädchens blickte, ſchien ſie ihm die verkör⸗ perte Geſtalt ſeiner eigenen Jugend und Hoffnung. * FX. Die Trauung. Die Pferde ſtampfen den Boden, der Bediente harrt am Schlag, die Treppe des Hauſes iſt mit Blumen beſtreuet, mit Teppichen belegt. Auf dem Hausflur harrt die Dienerſchaft, weinend vor Rührung.„Seht, da kommt Giſela an der Hand des Fürſten die breite Treppe hernieder. Seht, wie bleich ſie iſt und wie ſchön!“ „Es lebe unſere ſchöne Herrin!“ rufen die Diener.„Es lebe die glückliche Braut!“ Wie Giſela ſich freundlich dankend neigt, füällt der Brautkranz von ihrem Haupt und über das Geländer der Treppe hinunter auf den Boden. Die heitern Geſichter der Diener werden ernſt, die gute alte Hedwig weint. „Das iſt ein böſes Omen,“ flüſtern die Diener, „der Kranz iſt vom Haupt der Braut gefallen!“ Hedwig hebt ihn auf, da fallen auch ihre Thränen auf den Kranz. Zwei Lebenswege. II. 6 „Hedwig, Hedwig, weint nicht. Es iſt ein böſes Zeichen, wenn Thränen auf den Braut⸗ kranz fallen!“ Giſela nimmt den Kranz aus Hedwig's Händen, und reicht ihn wieder dem Fürſten dar. „Kehren Sie um, Giſela, noch iſt es Zeit!“ „Nein, mein Fürſt, es muß ſein!“ Der Kranz iſt befeſtigt, Giſela nickt ihren Dienern den lächelnden Abſchiedsgruß. Nun ſteigt ſie in den Wagen. Da haftet ihr Schleier an irgend einem Haken des Wagens und zerreißt. Und wieder flüſtert die Dienerſchaft:„das iſt ein böſes Zeichen. Der Brautſchleier iſt zerriſſen.“ Der Fürſt macht den Schleier los. „Kehren Sie um, Giſela, noch iſt es Zeit!“ „Nein, mein Fürſt, es muß ſein!“ Dahin brauſt der Wagen; die Diener ſchauen ihm ernſt und ſchweigend nach; ſie weinen nicht mehr, ſie jubeln nicht mehr; ſie ſind voll Angſt und Schrecken. Weiter, weiter rollt der Wagen im raſchen Lauf. Ha, was iſt das? Warum ſtockt die Fahrt? Eins der Pferde iſt geſtürzt. Kutſcher und Bediente haben lange zu thun, es wieder aufzurichten, die zerriſſenen Zügel wieder in Ordnung zu bringen. „Kehren Sie um, Giſela, noch iſt es Zeit!“ fleht der Fürſt diesmal dringender, ängſtlicher, denn ſchon fahren ſie in die Stadt ein. „Nein, mein Fürſt, es muß ſein!“ flüſtert Giſela, aber ihre Wange iſt bleich wie der Tod, und ſie zittert. Da! Zetzt hält der Wagen an der offenen Kirchthür. Sie ſteigen aus, der Fürſt reicht ihr die Hand und führt ſie in die Kirche. Sie iſt gedrängt roll Menſchen. Oh, mit welchen Blicken ſie Alle auf Giſela ſchauen, wie ſie flüſtern und lächeln! Da, da iſt der Altar. Die Kerzen flammen, Weihrauch durchzieht die Luft. Ah, der Prieſter hat noch nicht die Stufen des Altars betreten. Man ſcheint noch zu warten. Auf wen wartet man, da doch dort in jenem Seſſel die feſtlich geſchmückte Braut ſitzt, feſtlich geſchmückt, wie Giſela, die zweite Braut? Mein Gott, zwei Bräute? Wo ſind denn die beiden Verlobten dieſer Bräute? Jetzt nähert ſich Walther der am Arm des Fürſten zitternden Giſela. Sein Auge blitzt in wil⸗ der Schadenfreude; daß der Fürſt an ihrer Seite, iſt ihm eine neue Beſtätigung ihrer Schuld. Giſela lächelt ihm entgegen; nun ſie ihn ſieht, fürchtet ſie nichts mehr! Arme Giſela! „Ich danke Ihnen, daß Sie kommen,“ ſagte Walther mit lauter, harter Stimme,„ich danke Ihnen, Giſela, daß Sie Zeugin ſein wollen mei⸗ ner Vermählung mit der Baronin Zubth Wer Schneſter!“ — 8 Ein einziger Schrei tönte von Giſela's Lippen, und mit wilden Blicken ſtarrte ſie in die kalten, höhniſchen Züge Walther'“s. Dann riß ſie den Kranz und den Schleier aus ihrem Haar, und warf es zu ſeinen Füßen nieder. Kein Wort, kein einzig Wort tönte von ihren Lippen, aber ihre Augen blitzten in Zorn und Verachtung, und ein ſtolzes, geringſchätzendes Lä⸗ cheln ſpielte um ihren todesbleichen Mund. Der Fürſt ſagte, ſich mit unterdrücktem Zorn an Walther wendend:„Es iſt hier nicht der Ort zu weitern Erörterungen. Ich werde Sie aber zur Rechenſchaft fordern, Sie ſind ein Nichts⸗ würdiger, ein elender Betrüger, der mit dem Herzen eines unſchuldigen Mädchens ein ſchändliches Spiel getrieben!“ „Durchlaucht wollen verzeihen, wenn ich Ihre Worte nicht begreife,“ erwiederte Walther kalt. „Durchlaucht mögen beſſer als ich davon unter⸗ richtet ſein, ob Fräulein Giſela unſchuldig iſt oder nicht; ich weiß nur, daß Ew. Durchlaucht ſelber meinen Heirathscontract mit der Baronin Judith unterzeichnet haben!“ „Aber der Prieſter hat ſchon die Stufen des Altars beſtiegen. Iſt Ihnen gefällig, ſchöne Schwä⸗ gerin, dieſen Seſſel einzunehmen und Zeuge meiner Vermählung zu ſein?“ Giſela blickte ihn an, ruhig und kalt, keine Thräne trat in ihr Auge, ſie hätte ſich ermordet, wenn jetzt in dieſer Stunde ihr Muth, ihre Kraft ſie verlaſſen. Es gelang ihr ſogar zu lächeln, doch vor dieſem Lächeln erbebte ſelbſt Walther und wandte ſich ab. Giſela aber nahm ruhig ihren Sitz ein. Die Orgel begann, und unter dem Schall dieſer rufenden Töne traten Judith und der Baron Walther zum Altar. Jetzt tiefe Stille, und nun die Anrede des Prieſters an das Brautpaar. Schon hat Walther die Frage des Prieſters, ob er die Baronin Judith als ſeine Gemahlin empfangen, ſie als ſolche lieben und ehren wolle, mit einem lauten„Ja,“ beant⸗ wortet. Als jetzt dieſelbe Frage an Judith gerichtet ward, ſchien ſie zu zögern, und dann ſagte ſie laut und feſt:„Nein!“ Eine allgemeine Beſtürzung, ein Gemurmel des Staunens, der Verwunderung machte ſich hörbar. Der Prieſter verließ den Altar, ſich bekreu⸗ zigend und leiſe Gebete murmelnd, die Damen umringten Indith, ſelbſt Fürſtin Clotilde näherte ſich ihr und fragte ſie nach dem Grunde dieſer unerwarteten Weigerung. Walther war wie zerbrochen auf einen Seſſel niedergeſunken, und hatte, laut ächzend, ſein Ge⸗ ſicht mit ſeinen Händen bedeckt. Giſela allein ſaß ruhig da, mit einem ſtolzen, kalten Ausdruck auf die verwirrte Scene vor ihr ————* 86— blickend und durch kein Zeichen Freude oder Ver⸗ wunderung verrathend. „Nein,“ ſagte Judith jetzt laut, daß ihre Stimme durch die ganze Kirche wiederhallte, „nein, ich kann nicht meine Hand einem Manne geben, der ein Verräther iſt, det meiner eigenen Schweſter dieſelben Schwüre gab, die er mir ge⸗ leiſtet! Ich wußte das nicht! Man hatte mich gewarnt, man hatte mir geſagt, daß er Giſela liebe, aber er ſchwur, daß es eine Verleumdung ſei. Fürſtin, ein Weib, wenn es liebt, iſt ſo ſchwach im Mißtrauen, und darum glaubte ich ihm. Aber als ich Giſela, meine Schweſter, mit dem bräutlichen Kranze geſchmückt in die Kirche treten ſah, als ſie dieſen Kranz zu Walther's Füßen niederwarf, da erkannte ich die entſetzens⸗ volle Wahrheit. Wie könnte ich nun meine Hand in die Hand dieſes Meineidigen legen, der meine Schweſter mit mir betrog. O meine Schweſter, meine arme, unglückliche Schweſter,“ fuhr ſie fort, ſich Giſela nähernd und ihre Hände ergreifend, „o Giſela, Du Kind meiner Mutter, um Deinet⸗ willen entſage ich gerne jedem Glück. Dir, wie mir, hat er Liebe geſchworen. Nimm ihn hin, er ſei Dein! Du liebſt ihn, alſo wirſt Du ihm verzeihen. Die Liebe iſt ſo groß im Verzeihen! Nimm ihn hin! Du ſollſt weder meine Klagen, noch meine Thränen ſehen. In dieſer Stunde noch verlaſſe ich für immer dieſe Stadt! Lebe wohl!“ Sie legte ihre Arme um Giſela's Nacken, und dann flüſterte ſie leiſe in ihr Ohr:„Sagte ich Dir nicht, daß Du an mir eine unverſöhnliche Feindin habeſt? Eine Feindin auf Leben und Tod? Ich beredete Walther, Dir dieſen Schimpf zu bereiten! Geh jetzt, ich bin gerächt!“ Als die Fürſtin dieſe lange innige Umarmung der beiden, lange getrennten Schweſtern ſah, weinte ſie heiße Thränen inniger Rührung, und leiſe flü⸗ ſterte ſie:„Welch eine edle Seele iſt die Baronin Judith! Seht, wie ſie ihrer verirrten, verführten Schweſter ſich erbarmt!“ „Oh, eine große, erhabene Seele!“ flſterten die Hofdamen und le Giſela aber ſtieß ihre Schweſter unſanft zurück, und ſah ſie mit Blicken unausſprechlicher Verach⸗ tung an. „Alſo noch immer haſſeſt Du mich?“ fragte Judith, wie im tiefſten Schmerzgefühl.„O Giſela, das habe ich nicht um Dich verdient!“ Die Fürſtin aber zog Judith an ihr Herz und küßte ſie. Baron Walther hatte dieſe allgemeine Auf⸗ regung und Verwirrung benutzt, ſich leiſe zu ent⸗ fernen. Raſch ſtieg er in ſeinen bereit ſtehenden Reiſewagen, in welchem er an Zudith's Seite im Triumph hatte von dannen fahren wollen, und auf einen ſtummen Wink ſeiner Hand ſchlug der Kutſcher in die Pferde, daß der Wagen trn dahin flog. Auch Judith verließ jetzt, begleitet von den Segenswünſchen der Fürſtin und ihrer Damen, die Kirche, an deren andere Ausgangsthür ſie auch ihren Reiſewagen beordert hatte. Allmählig ward die Kirche leer, nur Giſela ſaß noch immer, wie in todesähnlicher Erſtarrung, ſtolz und ernſt da. Der Fürſt, der ſeine Gemahlin zu ihrem Wagen geleitet, kehrte jetzt zu Giſela zurück. Leiſe berührte er ihren Arm:„Wär's nun nicht beſſer geweſen, Giſela,“ ſagte er mitleidsvoll,„wenn Sie meiner Warnung folgten?“ „Nein,“ ſagte ſie ruhig,„dieſe Stunde hat für immer den Schmerz in mir ertödtet und die Liebe ausgeriſſen! Müßte ich mich nicht ſelbſt verachten, wenn ich um ihn nur Eine Thräne vergießen könnte? Oh, ich bin gefaßt und ruhig! Ganz ruhig!“ Sie ſtand auf und reichte dem Fürſten ihre Hand. Dann plötzlich tönte ein wildes Lachen von ihren Lippen, und bewußtlos ſank ſie zu⸗ ſammen. X. Giſela an den Pfarrer Herrmann. „Haſt Du nicht in dieſer Zeit oft in der Dämmerſtunde des Abends eine Stimme ver⸗ nommen, die mit ängſtlichem Tone nach Dir rief, mein Vater? Iſt Dir nicht in Deinen friedlichen Träumen, dieſe unterbrechend, eine bleiche Geſtalt erſchienen, mit verwildertem Blick, mit herab⸗ hängendem Haar, Verwünſchungen ſtammelnd in ohnmächtiger Qual des Schmerzes, und dazwi⸗ ſchen nach Dir ſchreiend um Troſt und Beiſtand? Dieſe Geſtalt, es war die meine, Herrmann, dieſe Stimme, welche nach Dir rief, es war die meine! Inmitten des Leidens und der Verzweiflung haben, wie man mir ſagt, meine Lippen fortwährend den Namen Herrmann gerufen! Es gab alſo doch eine Stelte in meinem Herzen, wohin die Krank⸗ heit nicht gedrungen, und wo das Bewußtſein, die Erinnerung nicht vernichtet worden! Dein Name, mein Vater, lebte alſo lebendig und ge⸗ ſund in meiner Bruſt! Zertreten, vernichtet, ſchrie meine Seele nach Dir! Warum kamſt Du nicht? Warum hörteſt Du nicht die verzweiflungsvoll rufende Stimme Deiner Tochter? Man ſagt mir, der Fürſt habe zweimal Eilboten an Dich abgeſandt. Vater, warum kamſt Du nicht? Oder zürnſt Du Deiner allzuſchwachen Tochter, weil ſie, ſtatt dem Schmerze ruhig die Bruſt darzubieten, zu⸗ ſammen ſinkt? Mein Gott, Du weißt nicht, un⸗ ſchuldiger, edler Mann, wie viel ich ſchon lächelnd gelitten und geduldet! Du, ferne der Welt, arglos ihrer Tücke, ahnſt nicht, mit wie grauſamer Luſt die Welt eine Bruſt zu zerfleiſchen weiß, und ein Herz zu brechen! Nicht plötzlich, nicht auf einmal, nicht wie ein großes Naturereigniß verheerend und zerſtörend, nein, langſam, Tag für Tag, Stunde um Stunde zerrt und reißt die Welt an einer Menſchenbruſt, bis allgemach das ganze ſchöne Gebäude der Hoff⸗ nungen und Jugendträume zerbröckelt iſt, und in elenden Trümmern um uns her liegt! Mein Vater, ſolche Trümmer ſind es, die mich umgeben, ein ganzes Jeruſalem iſt mir zerſtört worden, der Heiland iſt gekreuzigt, ſoll ich nicht weinen und klagen, da doch Jeremias, der Prophet, jammern durfte über den Trümmern? Eine verſunkene Stadt, ein verſunkenes Glück, Beides iſt ein entſetzensvoller Anblick! Ein großer Kirchhof, auf welchem in der Stille der Nacht die Seele troſtlos umher irrt und unter den Trümmern ſucht nach einer Erinnerungsblume der Vergangenheit, und nichts findet, als Staub und Aſche! Herrmann, Staub und Aſche! Die ſtolzen Gebäude des Glückes zuſammen gefallen, ein elender, wüſter Haufen, ein großes Grab, das in die Zukunft hinein ragt, Alles überſchattend und verdunkelnd. Entſinnſt Du Dich noch jener Stunde, in welcher Du mich ſegneteſt für die Welt und das Leben, in welcher Du mich hinaus ſandteſt, um zu leiden, zu kämpfen und zu ſiegen? In welcher Du mich nannteſt„eine Miſſionairin des freien Willens, welche der Welt zeigen ſolle, daß das Weib nicht eine Selavin, ſondern eine Frei⸗ geborne?“ Ach, mein Vater, ich habe dieſe Worte zu einer Standarte gemacht, welche ich vor mir her trug am Tage des Kampfes! Ich habe gekämpft und gerungen, und dieſe Standarte war der Schild, hinter welchem ich oft meine blutende Bruſt ver⸗ barg, um ungeſehen ihre Lebenskraft ausſtrömen zu laſſen! Dann kam ein Tag, ein entſetzensvoller Tag, an welchem ein geliebter Feind mit hinter⸗ liſtiger Bosheit mein innerſtes Leben verwundete; in der Pein jener Stunde entſank das ſchützende Banner meinen Händen, und blutend, wehrlos ſank ich zuſammen, bis auf den Tod verwundet! Ich wollte, Vater, daß ich geſtorben wäre an jenem Tage. Ihr hättet mit kriegeriſchen Ehren mich begraben können, denn meine Wunden hatten alle nur mein Haupt und meine Bruſt getroffen, ich hatte Stand gehalten inmitten des Kampfes, ich war nicht geflohen, nur zuſammen gebrochen; und auf dem Banner, für welches ich kämpfte, hättet Ihr mich begraben können! Warum ſtarb ich nicht, Herrmann? Warum hat meine Jugend mit ihrer Lebenskraft dieſe klaffenden Wunden geſchloſſen, daß ſie nach außen mindeſtens vernarben? Soll ich auf's neue leiden, auf's neue dulden, auf's neue in die Schlacht gehen?— Oh, mein Vater, laß mich ein entſetzensvolles Geheimniß in Dein Ohr flüſtern! Ich habe keinen Muth mehr, ich bin feig geworden! Ich ſehne mich nach einer Zufluchtsſtätte, in der ich aus⸗ ruhen könnte und geſunden! Ich bin gelähmt, zum Kampfe unbrauchbar! Wo iſt denn dieſe Stätte, wo die armen Invaliden des Lebens Hülfe finden und Troſt, die Stätte, über deren Thür mit goldenen Buch⸗ ſtaben zu leſen iſt: Laeso et invicto militi, und wo die verwundeten, aber unbeſiegten Krieger der Welt, des Lebens, des Schmerzes ausruhen können? Wo iſt ſie für mich anders, als bei Dir, mein Vater? Mit beſtaubten Füßen, mit zer⸗ — — 93— ſchlagener Bruſt, matt gehetzt von dieſem Gange durch die Welt, komme ich zu Dir zurück. Leihe mir Deinen Arm, mich darauf zu ſtützen, laß mich Worte des Troſtes hören, trockne meine Thränen, lehre mich ſtill ſein und ſtark im Dulden! Nein, nichts mehr von der Welt! Du weißt nicht, was ich gelitten habe! Du kennſt nicht dieſen troſtloſen Jammer, das Ideal, für das man in ſeinem Herzen einen Altar errichtet, herunter geriſſen zu ſehen, und es erkennen zu müſſen als ein elendes, todtes Machwerk, welches nur durch die Ueberfülle unſerer eigenen Phantaſie belebt ward. Das Ideal zuſammen geſchrumpft zu einer ſchaudervollen Mißgeſtalt, unter dem Königs⸗ mantel das zerfetzte Gewand eines Gauners! Das iſt ſchlimmer als Tod und Trennung, denn es iſt ein ewiges Verlieren! Das iſt der vernichtendſte Schmerz, weil man ihn nicht einmal beweinen, weil man für dieſe Wunde nicht einmal den Troſt als lindernden Arzt herbei rufen darf, weil man über die zertretene Bruſt ein kaltes Lächeln der Verachtung decken muß, und nicht geſtehen darf, daß man leidet! Mein Gott, es wäre mir beſſer geweſen, einen Mörder, einen Räuber zu lieben; auch das Ver⸗ brechen hat ſeine Größe und ſeine Helden, die man bewundern, die man lieben, für die man ſündigen kann! — Aber einen elenden, charakterloſen, nichtswür⸗ digen Schwächling geliebt zu haben, der nicht einmal des Haſſes werth iſt, der nur verdient ver⸗ achtungsvoll mit dem Fuße fort geſtoßen zu werden, das iſt eine Erniedrigung, eine Schmach! Still, laß mich ſchweigen! Ich habe nicht Eine Thräne um ihn geweint, ich habe ihm nicht. geflucht. Nicht einmal einer Verwünſchung iſt er werth! O Himmel und einem Solchen die edelſten Freuden, die höchſten Entzückungen verdanken zu müſſen!⸗ Denn ich war glücklich, Herrmann, begreifſt Du das? Glücklich, indem ich einen Nich tnien liebte! 85 Tröſte mich, Vater, um dieſer Verirrung willen, laß mich zu Deinen Füßen ausruhen, und Dich fragen, wie es kommen konnte, daß ich die Erbärmlichkeit nicht von der Erhabenheit zu unterſcheiden ver⸗ mochte! O, laß mich zu Dir kommen! Sage nicht, Vater, daß ich bleiben ſoll in⸗ mitten der Welt! Sieh, ich ſchaue um mich her, und ſehe nichts als Trümmer und Leichenſteine, kaunſt Du wollen, daß ich auf Grabhügeln mir ein Haus baue, um darin zu wohnen? O, lehre mich die Welt vergeſſen,— ich habe keinen Muth mehr, gegen ſie zu kämpfen, laß mich entfliehen, bevor ein neuer Kampf beginnt! Denn ich fürchte, mein Vater, das Leben in d Welt iſt nichts als ein ewiges Kämpfen geg 5 die Welt! Mir wenigſtens ſagt es eine unheils⸗ volle Ahndung, daß ich in der Welt nimmer das Glück finden werde. Laß es mich in der Einſamkeit ſuchen, bei Dir, mein Vater! O, mein Herz ſchlägt ganz frendig und jugendfriſch bei dieſem Gedanken! Ich werde zu Dir zurückkehren, ich werde die lieben Nänne wieder ſehen, die Dein waltender Geiſt belebt und verſchönt! Ich werde in Dein mildes, väterliches Antlitz ſchauen, Troſt und Frieden zu ſchöpfen aus Deinem Blick! Wenn ich in Dein liebes Haus trete, ſo wird hinter mir die Welt verſinken in Meer des Vergeſſens, und nur zuweilen, in den ſtillen Dämmerungsſtunden werden wir aus dem Meer herauf geheimnißvolles Glockenläuten vernehmen, und ich will Dir ſeltſame Mährchen erzählen von der verſunkenen Stadt, in der ich einſt weilte, Mährchen, die Dein Herz ſchaudern machen, und vor denen Du Dich fromm bekren⸗ zigen wirſt, unſchuldiger Vater, Mährchen, welche uns die Einſamkeit Deines ſtillen Pfarrhofes als den höchſten irdiſchen Segen werden erſcheinen laſſen, und die Abgeſchiedenheit als das einzig mögliche irdiſche Glück O, wie ſchtn wird es ſein, wieder an Deiner Hand durch Feld und Wald zu ſchweifen, mit Dir in die Hütten der Armuth zu treten, um Troſt zu bringen und Hülfe; mit Dir auf leichtem Kahne die hellen Waſſer des Sees zu ſchwimmen, um im ausgeworfenen Netze die zappelnden Fiſche zu fangen! Laß ſie mich recht ausmalen dieſe Idylle des Glückes, nach der meine Seele ſich ſehnt, wie nach einem Labetrank, die meinen über⸗ reizten Sinnen ſein wird wie ein lindernder, küh⸗ lender Balſam! Komm, laß uns hier am Teich die ſchnattern⸗ den Enten mit hingeworfenen Brocken zu uns heran locken, und uns ihres ſchillernden, glänzenden Halſes freuen, und nun gieb mir Deinen Arm, mein Vater, daß wir weiter wandeln, tiefer hinein in das grüne, lauſchige Dickicht des Waldes, weiter wandeln bis zu jener großen majeſtätiſchen Eiche, welche die Geheimniſſe und Mährchen vergan⸗ gener Jahrhunderte aus ihrem rauſchenden Laube flüſtert! Kennſt Du ſie noch, Vater, dieſe Eiche, unter der wir den Homer einſt laſen, und den Horaz? Komm, ziehe ihn wieder hervor, den kleinen, ab⸗ gegriffenen, in Leder gebundenen Horaz, lies mir ſeine köſtlichen Oden, ich höre Dir zu, mit ganzer Seele, mit ungetheiltem Ohr! Nun dämmert der Abend, wir ſtehen auf und gehen heimwärts. Der letzte Sonnenblick vergoldet die kleinen Fenſter von den Hütten des Dorfes, durch welches wir jetzt langſam dahin wandeln. Die Bewohner ſtehen vor der Thür, und wenn Du mit Deinem milden Lächeln ſie grüßeſt, tönt ihr Gegengruß wie ein Segen über Dich, und — ihre Blicke folgen Dir mit dem Ausdruck verehren⸗ der Liebe! Laß uns in die Hütten treten! Friede wohnt in ihnen, Genügſamkeit und Einfalt des Herzens! Wir hören ihren kunſtloſen Erzählungen zu, wir leihen ihren Klagen ein williges Ohr, wir beantworten ihre Fragen nach irgend einem, ihre Wirthſchaft, ihren Haushalt betreffenden wichtigen Gegenſtande, wir ertheilen ihnen Rath und Troſt. Dann gehen wir heim, unſer einfaches länd⸗ liches Mahl einzunehmen, bei welchem Hedwig und der alte Conrad an unſerm Tiſche nicht fehlen; ſ ſinge ich Dir zur Harfe Deine Lieblings⸗ lieder, bis Deine lieben Augen ſich nach Ruhe ſehnen! Oh, und welch ſüßer, erquicklicher Schlaf wird ſich nach einem ſo friedlichen Tage auf uns herab ſenken! Siehſt Du, Herrmann, das iſt mein Zukunfts⸗ traum, meine Hoffnung! Sage mir nun, daß Du mich willkommen heißeſt! Giſela.“ ₰ Zwei Lebenswege. II. Pfarrer Herrmann an Giſela. „Nein, Giſela, meine Tochter, nein, Du darfſt nicht kommen, Du darfſt die Welt ni verlaſſen, Deine Jugend würde Dich verkl und bald würdeſt Du erröthend vor Dir ſ Dich verbergen wollen und Deiner Feigheit ſchämen. Blicke auf, mein Kind, höre die tauſend Stim⸗ men, mit welchen das Leben Dich ruft und die Welt! Verſchließe Dein Ohr auch nicht den flü⸗ ſternden Stimmen der Hoffnung, ſage nicht, daß die Wunden Deines Herzens nicht geſunden können. Du biſt jung, und die Jugend iſt ein geheimniß⸗ voller, lindernder Balſam, welcher alle Schmerzen heilt! Du meinſt, den Kelch des Lebens bis auf die Hefe geleert zu haben,— ſetze ihn noch einmal an Deine Lippen, und mit Erſtaunen wirſt Du finden, wie viel Freude und Süßigkeit noch auf ich — 9 dem Grunde deſſelben zurück geblieben; denn dieſer Kelch iſt unerſchöpflich, und bietet immer neue Er⸗ quickung und immer neue Pein. Die Zeit, mein Kind, hat zwei Flügel; der eine verwiſcht unſere Leiden, der andere trocknet unſere Thränen, und in der Seele, welche der Schmerz ſo eben tödlich getroffen, ſingt bald wie⸗ der das Glück ſeine Jubelhymnen. Harre alſo und hoffe, denn der Schmerz iſt ſo vergänglich, wie die Freude! Deine Miſſion iſt noch nicht vollendet, gehe hin, ſie zu vollen⸗ den; ſchüttle den Staub von Deinen Füßen und achte nicht der Dornen, welche das Schickſal Dir auf Deinen Weg geſtreut hat. Das Leben hat noch Anſprüche an Dich, eile ſie zu erfüllen, und ſage nicht, daß Du ſchon, bevor noch die Hälfte des Weges zurückgelegt iſt, ermatteſt. Dies wäre eine Läſterung Deiner eige⸗ nen Natur, welche berufen iſt zu großen Thaten und zu großen Schmerzen! Oder meinſt Du etwa, Kind meiner Seele, ich hätte für Dich auf Glück gehofft, als ich Dich hinaus ſandte in die Welt? Meinſt Du, die Liebe hätte mich ſo verblendet, daß ich glaubte, die Welt werde Deiner edlen Seele lohnen durch Freude? Ach, nur die kleinlichen, ergebenen, demüthig ſchwachen Menſchen, welche ſchweigend und ſchmei⸗ chelnd der Welt ſich unterordnen, nur dieſe dürfen 100— hoffen auf Freude und Glück. Beides aber flieht ewig die ſtarken, edlen Naturen, welche, ſtatt ſich zu unterwerfen, mit aufgerichtetem Haupte, kühn und duldensmuthig die Schranken durchbrechen wollen, von denen ſie gehemmt werden! Solche ſtarke, edle Natur iſt die Deine! Gehe hin, und erfülle Deine Beſtimmung! Leide wieder, hoffe wieder, ringe wieder nach Glück, es muß ſich doch zuletzt Deinem Kämpfen ergeben, und wenn Du es endlich errungen, wird es köſtlicher Art ſein! Glaubſt Du nicht, daß der Krieger, welcher nach langer blutiger Schlacht ausruht unter dem ſchattigen Delbaume, mehr den Genuß der Ruhe kennt, als der friedfertige Schäfer, welcher niemals den Schatten verlaſſen, niemals in das Feuer der Sonne getreten? Urtheile, wie ſtark meine Liebe zu Dir ſein muß, wenn ich die Kraft beſitze, Dei⸗ ner Gegenwart zu entſagen, und mir den Troſt Deiner Nähe freiwillig zu entziehen! Oh, einen Augenblick lang unterlag ich dieſer Verſuchung, Deine verführeriſche Schilderung unſeres Zwie⸗ lebens berauſchte mich, und ich breitete in ſehn⸗ ſuchtsvoller Vaterliebe meine Arme nach Dir aus! Aber dann erinnerte ich mich Deiner machtvollen, ſtarken Natur; Gott giebt nur denen eine ſolche mächtige Seele, welchen er auch viel zu leiden, viel zu kämpfen giebt! Dann bedachte ich, daß Du Deiner Beſtimmung nicht entfliehen, die Waffen nicht von Dir werfen könnteſt, ohne Dich ſelber zu verachten, und daß dieſe Selbſtverachtung der einzige Schmerz iſt, welchem Deine Kraft unterliegen müßte! Du willſt zu mir in die Einſamkeit fliehen? Glaube mir, Kind, bald würde dieſe Einſamkeit ſich Dir bevölkern mit finſtern Geſtalten und Geſpenſtern der Erinnerung, denen zu entgehen, die zu tödten Du in der Einſamkeit keine Kraft und keine Waffen haſt. Die Starken leiden in der Einöde mehr, als inmitten der Welt und des Lebens. Die Kraft zum Leiden und zum Glück in ſich zu fühlen, und in müßigem Hindämmern thatenlos zu vegetiren, nicht einmal unglücklich zu ſein, die Tage abzuſpinnen, ohne mindeſtens aus dieſem Ge⸗ ſpinnſt ſich ein Leichentuch weben zu können, glaube mir, das iſt die furchtbarſte Qual! Wolle nicht ſie kennen lernen! Lege den Harniſch wieder an, nimm die Stand⸗ arte wieder in Deine Hand und trage ſie hinaus zur Schlacht, nicht blos um Dir das Glück zu erkämpfen, ſondern um das Unglück zu beſiegen! Dies ſei Deines Lebens Ziel! In der Einſamkeit meines Pfarrhofes würdeſt Du verkümmern, beſſer iſt es, an wirklichem Kummer zu verbluten inmitten der Welt! Nur dem Alter iſt es erlaubt, die Waffen zu ſtrecken, nur dieſem erſchließ ſich die Einſamkeit 5 — 102— als ein Hospital, in dem ſie ihre müden Glieder ſtrecken und ausruhen mögen! Ach, aber ſelbſt noch dem Alter giebt die Ein⸗ ſamkeit Schmerzen und Weh! Glaube dies Dei⸗ nem Vater, welcher dieſer Leiden geheime Quelle oftmals rauſchen hört in der Stille ſeines Pfarr⸗ hofes! Nicht alle Schmerzen ſchreien; es giebt viele Leiden, die umher gehen mit heiterer, ruhiger Stirn, viel Traurigkeit, die niemals geweint hat, viele Herzen, die ihre Thränen trinken! Die Reſignation iſt eine ſchwer zu erringende Tugend, Dir, meine Tochter, iſt ſie unmöglich, Du kannſt nur leiden oder glücklich ſein, niemals reſignirt,— darum mußt Du inmitten der Welt bleiben, darum iſt die Einſamkeit Deines Lebens gefährlichſter Feind, und darum darf ich Dich nicht zu mir rufen! Nein, bleibe, Giſela, bleibe und kämpfe! Liebe nicht die Welt, aber verachte ſie auch nicht, erſchließe Dein Herz der Menſchenliebe, und verſenke in ſolcher allgemeinen Liebe die Einzelliebe, welche Dich täuſchte und betrog. Dann, aber nur dann allein kannſt Du ſiegen! Und ſiegen mußt Du! Darum reiche ich auf's neue den Schild Dir dar; Aut! Aut! Mit dieſem Schlachtruf des alten Sparta's ſegne ich auf's neue Dich ein zur Schlacht! Thuserecht, und ſcheue Niemand! ——— 103 Gieb der Welt ein Beiſpiel unerſchrockenen Muthes, unerſchütterlicher Wahrheitsliebe! Hülle Dich niemals in die Schleier der Lüge, birg Dein Haupt niemals unter die Larve der Verſtellung! Habe den Muth, wahr zu ſein! Dies iſt Deine Miſſion; gehe hin ſie zu erfüllen! Herrmann.“ XII. Freundesrath. Der Brief ihres väterlichen Freundes vernich⸗ tete Giſela's letzten Troſt, ihre letzte Hoffnung. Aber indem er ihr die einzige Zufluchtsſtätte ver⸗ ſchloß und ihr die Flucht unmöglich machte, fühlte ſie ſchon auf's neue den Muth in ſich erwachen und ſie athmete auf, wie nach langer Bedrückung und Pein. So fand ſie der Fürſt, der heute wie alltäg⸗ lich kam, ſie in ihrer Villa zu beſuchen. „Jetzt ſind Sie geneſen, Giſela,“ ſagte er, ſie betrachtend,„Ihr Auge leuchtet wieder in gewohn⸗ ter Glut, und auf Ihrer Stirn glänzen muthige Gedanken. Sie haben aufgehört krank zu ſein und lebensmatt. Sie ſind endlich wieder die ſtarke, muthige Giſela!“ Sie reichte ihm Herrmann's Brief dar und ſagte mit einem matten Lächeln:„Die Mittel zur Flucht ſind mir abgeſchnitten! Es bleibt mir alſo — 105— nichts übrig, als Stand zu halten. Das Schiff, das mich fernab tragen ſollte von der Welt, iſt mir verbrannt, es ſteht mir kein Rückweg mehr offen, und um nicht ermordet zu werden, muß ich mich mindeſtens vertheidigen.“ „Sie haben mehr zu thun, als dies,“ ſagte der Fürſt, und ſeine Züge nahmen einen ernſten, feierlichen Ausdruck an.„Sie haben ſich zu rä⸗ chen, Giſela! Wollen Sie vergeſſen, junges Mäd⸗ chen, daß die Welt Sie unter ihre Füße getreten hat, daß die Menſchen mit dem Stachel der Ver⸗ leumdung Sie getroffen und Ihnen unheilbare Wunden geſchlagen haben?“ „Nein, nimmer werde ich dies vergeſſen,“ rief Giſela, tief erröthend.„Nimmer kann die Er⸗ innerung daran in meiner Seele erlöſchen, aber in meinem Innern iſt kein Raum für das Gefühl der Rache!“ „Sie werden die Süßigkeit dieſes Gefühls tennen lernen, Giſela, warten Sie nur, bis die Welt auf's neue Sie verwundet, dann werden Sie in der tiefen Pein Ihrer Seele geheimnißvolle Stimmen flüſtern hören von Vergeltung und Rache, und dieſes Flüſtern wird Ihnen ſein, wie das Wiegenlied, mit dem Sie Ihre Schmerzen zum Schlummer einwiegen! Glauben Sie mir, man leidet nicht mehr, wenn man die Mittel kennt, ſich für Leiden zu rächen. Die Menſchen haben Ihr Glück vernichtet, rächen Sie ſich an der Menſchheit!“ — „Wie kann ich das? Was kann der Einzelne gegen die Menge?“ „Viel, Alles! Wenn er der Menge mit dem ungetrübten Blick der Erfahrung, der Kälte ent⸗ gegen tritt. Indem Sie darauf denken, Andern Leiden zu bereiten, werden Sie ſich ſelbſt über das Leid erheben, und unverwundbar werden!“ „Nein, nein. Beſſer iſt es zu leiden, als An⸗ dern Schmerzen zu geben. Oh, tauſendmal lieber den Tod in der eigenen Bruſt, als den giftigen Pfeil auf ein fremdes Herz abdrücken!“ „Wie thöricht, wie ſchwach! Lernen Sie doch endlich, Giſela, lernen Sie doch den Haß! Glau⸗ ben Sie nicht, was Ihnen Ihr frommer Vater da ſagt. Es iſt nicht genug, die Welt nicht zu lieben, man muß ſie verachten, erſt dann kann man lernen ſie zu benutzen und ſich dienſtbar zu machen. Erſt wenn man den Schmerz in ſich er⸗ tödtet hat, erſt dann kann man hoffen, glücklich zu werden. Das Leben iſt eine ſtachlichte Frucht, und erſt wenn wir an den Stacheln die Bruſt uns blutig geriſſen, werden wir zu dem Kerne ge⸗ langen können, deſſen Süßigkeit zu koſten. Die Thoren greifen immer nach neuen Früchten und ſchlagen ſich neue Wunden, der Weiſe läßt die Früchte von Andern brechen, Andere ſich die Sta⸗ cheln in die Seele drücken, und nimmt nur den Kern für ſich! Und glauben Sie nicht, daß man es Ihnen dankt, wenn Sie ſelbſt thun, was Sie —— von Andern können thun laſſen! Glauben Sie nicht, daß man Ihrer Großmuth den Dank der Liebe bringen wird! Nur wer die Welt verachtet, dem ergiebt ſie ſich, nur wer ſie haßt, kann hoffen, daß ſie um ſeine Liebe buhlt.“ „Nein, nein,“ rief Giſela,„es giebt noch Edelmuth und Liebe, es giebt noch Treue und Er⸗ barmen in der Welt. Laſſen Sie mir dieſen Glau⸗ ben, mein Fürſt, laſſen Sie mich der Welt auf's neue vertrauen.“ „Um auf's neue zu leiden,“ unterbrach ſie der Fürſt faſt unwillig.„Ihnen iſt alſo nicht zu hel⸗ fen! Sie wollen alſo wie ein unwiſſendes Kind wieder mit dem Schwerte ſpielen, an welchem Sie ſchon einmal Ihre Bruſt verwundeten!“ „Nein, dies will ich nicht, aber ich kann nicht die Spitze dieſes Schwertes gegen eine fremde Bruſt richten, weil ich die Schmerzen ſolcher Wunden kenne. Oh, meine Seele iſt noch nicht erkaltet, ſie ſchlägt noch warm der Menſchheit entgegen, ſie trägt dieſer noch die unerſchütterliche Kraft des Vertrauens entgegen. Verrathen und getäuſcht, wie ich bin, ſoll man doch nicht ſagen können, daß ich die Menſchheit entgelten laſſe, was der Einzelne an mir verbrach. Solch ein Verrath, ſolch eine Hinterliſt iſt nicht das Gewöhnliche, das Alltägliche, es iſt eine entſetzensvolle Aus⸗ nahme!“ Noch immer, noch immer dieſen Glauben an — 10 die Menſchheit!“ rief der Fürſt erſchrocken.„Mein Gott, Sie wollen alſo Ihre Augen nicht öffnen!“ „Ich will ſie öffnen, um nach Glück zu ſuchen!“ „Ich ſagte Ihnen ſchon, wie allein Sie es finden können. Rächen Sie ſich an der Welt, haſſen Sie die Menſchheit, aber lieben Sie, wenn es Ihnen vergönnt iſt, den Einzelnen!“ „Oh, mein Herz iſt alt geworden und ver⸗ ſteinert! Nicht den Einzelnen vermag es zu lieben, nur das Univerſum, das All kann es umfaſſen.“ „Pah, das Herz einer Frau wird niemals alt! Ein Veſuv iſt im Leben jedes Menſchen, man muß es nur verſtehen, aus der Lava Vor⸗ theil zu ziehen und den glühenden Strom erkalten zu laſſen, um ihn zu einem Boden zu benutzen, aus dem neue Blumen uns ſproſſen, neue Früchte uns reifen. Dieſe Lava iſt heiß und verſengend über Ihr Herz hingefloſſen, und ſtatt dieſe ſchützende Decke ſich zu erhalten, wollen Sie mit eigener Hand ſie fortbrechen, um Ihr Herz auf's neue der Pein zu entblößen! Oh, lernen Sie doch weiſe ſein und klug! Blicken Sie umher und ſehen Sie, wie wenig die Welt verdient, daß man ſie liebe! Oeffnen Sie endlich Ihre Angen, und Sie werden finden, daß nur Die hienieden ſiegen, welche mit den Waffen der Liſt, der Bosheit oder des Haſſes kämpfen. Zur Liſt und Bosheit aber ſind Sie zu groß, wohlan, ſo bleibt Ihnen der S Benutzen Sie ihn!“ — 109— „Und das ſagen Sie mir,“ fragte Giſela weich, „Sie, meiner Verlaſſenheit einziger Freund? Sie, der allein ſich meiner erbarmte, der allein der Verrathenen, Verlornen die ſchützende Hand dar⸗ reichte?“ „Eben, weil mich Ihrer Jugend, Ihrer Un⸗ ſchuld erbarmt, ſage ich es Ihnen, weil ich Theil⸗ nahme, innige Theilnahme für Sie fühle, eben darum iſt es, daß ich Sie warne! Das iſt nicht die wahre Freundſchaft, welche einen Vorhang vor dem entſetzensvollen Abgrund zieht, ſondern die, welche, indem ſie ihn uns zeigt, uns warnt. Oh, mich erbarmt Ihrer Jugend, ſchönes, unglückliches Mädchen, und indem ich auf Sie blicke, iſt es mir als ſchaue ich rückwärts auf meine eigene Jugend; auf's neue rauſcht der blutige Strom vergan⸗ gener Schmerzen an mir vorüber, und die Er⸗ innerung ſingt mir auf' neue Klagelieder bit⸗ teren Wehes. Ich war jung, ich war unſchuldig, wie Sie; wie Sie vertrauete ich der Welt, und ward betrogen, meine Liebe verrathen, mein Herz gebrochen; das Vertrauen mit roher, mörderiſcher Hand aus meiner Seele geriſſen. Wie Sie ſank ich zuſammen unter der Laſt der Schmerzen, und flehete um den Tod. Aber, wäs wollen Sie, die Seele ſtirbt nicht vor Kummer, und der Körper richtet ſich wieder auf nach jedem Leid. Kein Schmerz iſt ewig, und nach einem furchtbaren Kampf der Pein und der Verzweiflung erwachte — 110— ich wieder. Aber Alles um mich her war verän⸗ dert; die Gebete meiner Seele waren erhört, die ſchöne Decke der Tänſchung war von meinen Au⸗ gen genommen, und ich ſah endlich Alles, wie es wirklich iſt, ich hatte mir mindeſtens für meine Leiden die Erkenntniß der Wirklichkeit errungen. Die Ideale waren von mir abgefallen, unter der Hülle der Schönheit ſah ich das Skelett, das dieſe ſtützte, unter lächelnden Wangen den grinſenden Todtenkopf, unter dem Duft der Blumen roch ich den Modergeruch der Verweſung, und unter dem blühenden, lächelnden Leben ſah ich den ewigen, unabwendbaren Tod. Alles welkt, Alles vergeht, nicht der Erdball allein ſchwingt ſich in ewigen Kreiſen, auch das Leben rollt und windet ſich auf und ab, ewig daſſelbe und ewig anders, ewig wechſelnd zwiſchen Freud und Veid, heute uns Blumengefilde zeigend, morgen die Wüſte, heute uns Entzücken, morgen uns Verzweiflung gebend. Seit ich dies weiß, leide ich nicht mehr, werde ich nicht mehr getäuſcht, denn ich weiß, daß es überall nur Täuſchung und ewigen Wechſel giebt!“— „Ach, aber ſolch Wiſſen iſt trauriger Art,“ ſeufzte Giſela, und ſenkte ihr Haupt auf ihre Bruſt⸗ „Beſſer getäuſcht werden, als mit ernüchterten Sinnen keiner Täuſchung mehr fähig ſein!“ „Wie hat Ihnen,“ fragte der Fürſt ſtreng, „wie hat Ihnen die Welt Ihren Glauben gelohnt? Sie verſpottet Sie um Ihres Vertrauens, Sie ver⸗ ———————— höhnt Sie um Ihrer Leichtgläubigkeit willen! Das iſt Ihr Lohn, Giſela; ſelbſt die Beſſern wenden ſich verachtungsvoll lächelnd von Ihnen, und wenn Sie durch die Straßen gehen, zeigt man mit Fin⸗ gern nach Ihnen, und flüſtert und lacht. Und warum dies Alles? Weil Sie, ſtatt zu täuſchen, ſich täuſchen ließen, weil Sie, ſtatt zu überliſten, überliſtet wurden, weil Sie, ſtatt die Welt zu dü⸗ piren, von der Welt düpirt wurden, weil endlich Sie unſchuldig und atglos genug waren, an Un⸗ ſchuld und Wahrheit zu glauben. Laſſen Sie es genug ſein! Verſchmähen Sie es, noch länger ein Spielwerk der Welt zu ſein! Hüllen Sie ſich in Ihre Erfahrungen, und machen Sie daraus ſich einen Panzer, der Sie vor neuer Täuſchung ſchützt! Laſſen Sie die Vergangenheit ſtets an Ihrer Seite wachen, dann dürfen Sie hoffen, daß Ihre Schmer⸗ zen mindeſtens nicht vergeblich waren, ſondern, daß Sie Ihnen Früchte tragen für die Zukunft. Rich⸗ ten Sie das zertretene Herz empor, und machen Sie daraus eine Warnungstafel, die Sie vor neuem Leid bewahrt, machen Sie aus den zerknickten Blü⸗ then Ihres Gl lices ſich ein Kiſſen, um Ihr mü⸗ des Haupt darauf zu ruhen, und auf Rache zu ſinnen gegen die Welt!“ Giſela ſenkte ihr Haupt auf ihre Bruſt und ant⸗ wortete nichts; ſie fühlte ſich zerbrochen, vernichtet. 5 zu klagen, gewahrten ſie nicht, wie argwöhniſche den Wünſchen ſeines Vaters ſo gehorſamen Sohne XIII. Intriguen. Während ſich das innigſte Freundſchaftsver⸗ hältniß zwiſchen Giſela und dem Fürſten täglich feſter knüpfte, während es ihnen einen gegenſeitigen Troſt und Genuß gewährte, ſich ihre Schmerzen und Leiden, ihre Täuſchungen und Hoffnungen Späherblicke ſie umlauſchten, ahnten ſie nicht, daß jedes Kommen des Fürſten, jedes längere Ver⸗ weilen in der Villa genau angemerkt und getreu⸗ lich des Fürſten glühendſter Feindin verrathen ward. Dieſe Feindin aber war niemand anders, als die Fürſtin Clotilde, des Fürſten eigene Gemahlin. Als ſie ſich entſchloß, der Werbung des ver⸗ ſtorbenen Fürſten für ſeinen Sohn nachzugeben und dem Fürſten Lothar ihre Hand zu reichen hatte ſie es gethan, weil ſie meinte, in dem jungen auch einen eben ſo gehorſamen und ihren Wünſchen — 113— unterthänigen Gemahl zu finden, weil es ihr be⸗ quem däuchte, die Ehe gleichſam als Tugendmantel über ihren Wandel auszubreiten und unter dieſer ſichern Hülle unbehindert und frei das Leben zu genießen, verbotene Freuden zu erhaſchen. Nicht ohne Schrecken aber war es, daß Fürſtin Clotilde dieſe geträumte eheliche Freiheit ſchwinden, und ſtatt des gefälligen Gemahls den ſtrengſten Eheherrn an ihrer Seite ſah, der es ſogar gewagt ihr zu drohen, von dem ſie bald erkennen mußte, daß er jede Beleidigung ſeiner Ehre zu rächen und zu ſtrafen wiſſen würde. Fürſtin Clotilde hätte dieſe Strenge dem lie⸗ benden Gemahl vielleicht verziehen, und ihre weib⸗ liche Eitelkeit ſchmeichelte ihr anfangs mit der Zu⸗ flüſterung, daß die Liebe der Grund ſolcher Strenge ſei. Aber bald mußte ſie erkennen, daß dem nicht ſo ſei, und daß Fürſt Lothar, gleichgültig gegen ihre Liebe, gegen ihre Zärtlichkeit, nicht verlange, ſich ihr Herz, ſondern nur ſich ſeine Ehre zu bewahren. Vor dieſem Tyrannen ſeiner Ehre hatte Für⸗ ſtin Clotilde an jenem Tage gezittert, an jenem Tage, als, des Fürſten dunklen, finſtern Drohun⸗ gen zufolge, ſeine Gemahlin ihren jungen, ſchönen Beichtvater plötzlich entlaſſen hatte, und weil ſie von nun an den Gemahl fürchtete, haßte ſie ihn bald. Sie hatte in der Ehe die Freiheit gewollt, und fand ſtatt deſſen nichts als drückende Sclaverei Zwei Lebenswege. I. 8 „ ſie hatte in dem Gemahl den gefälligen Unter⸗ gebenen geſucht, und fand ſtatt deſſen den gebie⸗ teriſchen Herrn, vor dem ſie zitterte. Sie hatte Frömmigkeit und Tugend nur als eine Larve, eine verhüllende Lüge über ihr Antlitz legen wollen, und ihr Gemahl zwang ſie, dieſe Larve zur Wahrheit und Wirklichkeit zu machen. Fürſtin Clotilde war nicht das Weib, ſolche Tyrannei zu dulden. Sie ſchwur, dieſe Feſſeln abzuwerfen, von dieſer Laſt ſich zu befreien, und mit geſchickten, ſichern Händen ordnete ſie bald die Fäden zu einem Gewebe von Intrigue und Liſt, in dem ſie dereinſt den Gemahl zu fangen hoffte. Ihre Späher und bezahlten Creaturen wußten die Unzufriedenen im Lande bald aufzuſpüren, und Dank der ſtrengen Gerechtigkeitsliebe, der nner⸗ ſchütterlichen Strenge des Fürſten gab es Deren genug unter ſeinen Unterthanen. Fürſt Lothar verachtete die Welt und die Men⸗ ſchen, aber er ſtrebte ihre Uebel zu verbeſſern, ihre 3 Wunden zu heilen; doch nicht immer wußte er dies mit linder, ſchonender Hand zu thun. Er 3 war gerecht, aber nicht milde, das Verdienſt groß⸗ müthig belohnend, das Vergehen unnachſichtig be⸗ ſtrafend, fehlte ſeiner Großmuth die Anmuth, ſeiner Strenge das Erbarmen. Traurige und unheilsvolle Erfahrungen hatten ſein Herz erkältet gegen die Menſchheit; er begehrte weder ihre Liebe, noch war er es im Stande, Liebe zu geben, und wenn alle Regententugenden auf ſeinem Haupte vereinigt waren, fehlie ihm die größte, die heiligſte, fehlte ihm die Gnade. Fürſt Lothar verzieh niemals; das Vergehen war ihm ein Vergehen, er löſte es ab von dem Menſchen, der es begangen, und ſtrafte das Ver⸗ gehen, nicht den Menſchen; gleicherweiſe wußte er in dem verdienſtvollen Manne nur das Ver⸗ dienſt zu belohnen, ohne daß aber der Mann ſelber dadurch gewann. Er hatte für die, welche er gerechterweiſe ſtrafte, niemals den Troſt des Mitleids oder der Hoff⸗ nung; für die, welche er gerechterweiſe belohnte, niemals das Lächeln der Gewogenheit, und der Beſtrafte wie der Belohnte fühlten ſich von ſeiner ſtrengen, ernſten Nähe bedrückt und gedemüthigt. Wie eine eiſerne Gottheit ſchwebte er über der Menſchheit, in gleichen Schalen Schuld und Strafe, Verdienſt und Lohn abwiegend, mit eiſernem Arm, mit eiſernem Blick, niemals lächelnd, niemals zür⸗ nend, unerſchütterlich, unergründlich. Gleich dem Schwert des Damolles ſchwebte die Erinnerung an ihn über dem Haupte jedes ſeiner Unterthanen, und Jeder fürchtete das Herab⸗ fallen dieſes Schwertes, Jeder haßte den Arm, der es hielt. Denn die Furcht iſt die Schweſter des Haſſes, und der ſtolze Menſch verzeiht nie⸗ mals Dem, vor welchem er zittert. Fürſt Lothar haßte die Schmeichler und die Höflinge, er hatte dies niedrige, kriechende Gewürm mit ſtolzem Fuß⸗ tritt von ſich geſtoßen, nicht bedenkend, daß ein verachteter Höfling ein gefährlicher, im Dunkeln ſchleichender Feind iſt, eine Blindſchleiche, die un⸗ ter dem Schatten der Nacht geräuſchlos heran ſchleicht und mit giftigem Stachel ſticht. Ein Höf⸗ ling verzeiht nichts ſchwerer, als wenn ſein Fürſt es wagt, ſich von ihm nicht beherrſchen zu laſſen, als wenn er, unempfindlich gegen ſeine Schmei⸗ chelworte und Heuchelei, den Muth hat, dieſen nicht zu folgen, ſondern frei ſeine eigene Straße zu gehen. Die zurück geſtoßenen Schmeichler und Höflinge flüchteten ſich zu den Füßen der Fürſtin Clotilde, und dieſe verſtand es, ihnen zu ſchmeicheln, ſie zu benutzen, ſie ſich blindlings ergeben zu machen, indem ſie ſich den Anſchein gab, ihnen blindlings zu folgen. Sie hatte für jede Zuflüſterung ein williges Ohr, für jede Klage ein mitleidiges Bedauern, für jede vom Fürſten verhängte Strafe eine Thräne des Erbarmens, ſie wußte für jeden Verurtheilten, im Angeſichte des ganzen Hofes gnadeflehend an den Fürſten ſich zu wenden, wohl wiſſend, daß er nimmer Gnade gewähren würde, und daß ihr ver⸗ ebliches Flehen nur dazu dienen könnte; ſeine Härte und ihr Erbarmen greller In das Licht zu ſtellen, ihn gehaßt und ſie noch mehr beliebt zu — Sie beſuchte die Hütten der Armuth, ſie weinte und betete mit den Kranken und Unglücklichen, und zeigte ſich vor Allen Denen mild, welche des Für ſten gerechte Strenge geſtraft. Bald ſammelte ſich eine Schaar Unzufriedener um die milde, edle Fürſtin, alle Feinde Lothar's waren die Freunde Clotildens, und die Fürſtin lieben, hieß ſo viel, als den Fürſten haſſen. Denn die Fürſtin machte im Kreiſe ihrer Vertrauten und Ergebenen kein Hehl mehr daraus, daß ſie die unglückliche Gemahlin eines tyranniſchen Gemahls, ſie klagte mit Thränen in den Augen ihren Ge⸗ treuen ihr großes eheliches Unglück, ſie wußte ſich ſelbſt als ein liebendes, zurück geſtoßenes, verlaſſenes eih darzuſtellen, ſie wußte ihren Haß als die natürliche Folge ihrer verrathenen Liebe zu erklären, und ſelhſt indem ſie ihm fluchte und ihm Rache ſchwur, ſchien ſie noch um ihn zu n den Verluſt ſeiner Liebe zu beklagen. Sehr willkommen war ihr daher des Gemahls ſichtliche Bevorzugung der ſchönen Giſela, welche ihr als eine Beſtätigung ſeiner von ihr mit Thrä nen geklagten Untrene gelten muſite, und die Ty rannei des Fürſten, die Trene i Gemahlin nur noch anſchaulicher machte. Deshalb ließ ſie genau jeden Schritt des Für⸗ ſten überwachen, deshalb zählte ſie jeden ſeiner Beſuche bei Giſela, und wußte dieſe ihren Ge⸗ treuen mit den gehäſſigſten Farben zu ſchildern. Für ſie war Giſela vie erklärte Geliebte ihres Gemahls; ſie ſo zu nennen, paßte in ihre ehr⸗ geizigen, egoiſtiſchen Plane, und wenig tümmerte es die fromme, edle Fürſtin, ob dabei eines un⸗ ſchuldigen Mädchens Ehre verloren ginge; der Schein war für ſie, und Fürſtin Clotilde kannte die Welt genug, um zu wiſſen, daß der Schein die größte Macht auf Erden ſei, daß er genüge, um Throne wanken, Könige zittern zu machen, daß er genüge, um Ehre zu nehmen und zu geben. Bald wußte die beleidigte fürſtliche Gemahlin die Klagen über ihre gekränkte Frauenehre zu wür⸗ zen mit gehäſſigen Erzählungen von dem anmaßen⸗ den Stolz Giſela's, von ihrer Habſucht und Ehr⸗ begierde, und den Fürſten durch das gehäſſige Licht, in welchem ſie ſeine ſogenannte Geliebte darſtellte, noch mehr verhaßt und gefürchtet, ſich noch mehr zu einer Märtyrerin und Dulderin zu machen. So ſtand ſie inmitten ihrer Getreuen als die gekränkte weibliche Unſchuld und Tugend, um Schutz und Beiſtand flehend, und dafür ewige Dankbar⸗ keit und ſüßen Lohn mit glänzenden Blicken ver⸗ heißend. Und was ängſtlich verſchwiegen in der Stille ihrer Gemächer berathen und beſchloſſen ward, wußten treue und geſchickte Unterhändler unter das Volk zu verbreiten. Bald verband ein gemeinſamer Plan, eine ge⸗ meinſame Verſchwörung alle Unzufriedenen, und die Erblande der Fürſtin waren es vorzüglich, in denen — —— die Unzufriedenheit, ſo wie die Verſchwörung ihren Herd und ihre Zuflucht hatte. Die früheren, der Fürſtin allein botmäßigen Unterthanen empfanden den Contraſt der männ⸗ lichen Strenge und Gerechtigkeit gegen die frühere weiche Milde und Willkür um ſo empfindlicher, und ſehnten ſich zurück nach dem frühern Regi⸗ ment, unter dem man Alles erlangen, Alles er⸗ flehen und erſchmeicheln konnte, wo man nicht zu fürchten, nur zu hoffen hatte. Auf dieſe Ergebenheit ihrer Unterthanen, auf dieſe Sehnſucht nach dem frühern Weiberregiment baute Fürſtin Clotilde ihren Plan. Sie wollte wieder frei, wieder unabhängig wer⸗ den, ſie wollte nicht mehr ſelaviſch zittern vor dem gehaßten Gemahl, ſie wollte wieder die unum⸗ ſchränkte Herrin ihrer Tugend und ihrer Unter⸗ thanen ſein, und endlich wollte ſie ſich rächen an dem ſchönen Gemahl, der ſie verſchmäht und den ihre Sinnlichkeit begehrt hatte. Aber es bedurfte großer Anſtrengungen, es bedurfte großer Mittel, um endlich dieſe Plane verwirklichen zu können. Oh, wie viele Schmei⸗ chelworte, wie viel Lächeln, wie viel Freundlichkeit mußte verſchwendet werden, um die Zahl ihrer An⸗ hänger immer mehr zu vergrößern, und doch mußte Fürſtin Clotilde ſich geſtehen, daß die ed⸗ leren und bedeutenderen Männer gegen ſie, daß, ob ſie auch den Fürſten nicht liebten, ſie ihn doch zu achten ſich gedrungen fühlten, und daß ſie Manns genug waren, um die ſtrenge Herrſchaft eines Mannes dem willkürlichen, launenhaften Re⸗ giment einer Frau vorzuziehen. Fürſt Lothar hatte die Günſtlinge ſeiner Ge⸗ mahlin von den bedeutendern Stellen entfernt, und ſie durch ſtreng rechtliche, unbeſtechliche Männer zu erſetzen gewußt; wenn ihn die verdrängten Höf⸗ linge haßten, wollten die, welche er an ihrer Statt berufen, mindeſtens nicht gegen ihn conſpiriren, und ſo hatte der Fürſt immer einen bedeutenden Theil ſeiner Unterthanen für ſich. Aber vielleicht waren es dieſe Schwierigkeiten, welche der Fürſtin Muth doppelt anfenerten und ihr das Ziel doppelt wünſchenswerth machten. Sie ſtreute Geld und Gunſt mit vollen Händen aus, und geheime Boten flogen hin und her an ihre Getreuen, die an allen Orten wirken und werben mußten zu dem großen Ziel der Befreiung. XIV. Die Verſchwörung. Auf den Straßen der fürſtlichen Reſidenz war heute eine ungewöhnliche Bewegung, trotz der ſpä⸗ ten Abendſtunde und des in Strömen herab praſ⸗ ſelnden Regens. Ueberall begegnete man Gruppen von Männern aus dem Volk, die ſingend und ſchreiend daher zogen, während vergeblich andere, ſauber und feiner gekleidete Männer ſie zur Ruhe und Vorſicht ermahnten. 3 Die Stadt ſchien indeß ruhig, und wenn hie und da an den allmählig dunkel werdenden Fen⸗ ſtern irgend ein verſpäteter Hausbewohner erſchien, ſo meinte er in dieſem jubelnden, ſingenden Schwarm nur einen Trupp fröhlicher Landleute zu ſehen, wie ſie oft in W. zu ganzen Schaaren Mor⸗ gens in die Stadt kamen, um dann nach einem Tage des Genuſſes und der Schwelgerei Abends ſingend heim zu ziehen in ihre Dörfer. Auffallen aber mußte es dem aufmerkſamer Beobachtenden, daß dieſe Haufen, ſich ſtets ver⸗ größernd, heute nicht dem Thore ſich zuwandten, fondern Alle, wie auf Verabredung, den Weg nach jener Seite einſchlugen, in welcher, auf einem mäßigen Hügel vor der Stadt, das fürſtliche Reſi⸗ denzſchloß lag. Auch der Geſang verſtummte all⸗ gemach, und ſchweigend oder leiſe flüſternd rollte dieſer ſtets anwachſende Menſchenknäuel weiter. Aber auch im Schloſſe ſchien noch Alles wach und munter, die Fenſter ſowohl in den Gemächern des Fürſten, als auch in denen der Fürſtin waren erleuchtet, und in beiden wurden ernſte Berathun⸗ gen gepflogen. WDer Fürſt ſtand am Fenſter und ſchaute hinaus nach jener Gegend, von welcher der dunkle Volks⸗ haufen heranzog, dann wandte er ſich raſch zu den beiden hinter ihm ſtehenden Herren und ſagte ruhig:„Der Moment iſt gekommen, meine Herren, in welchem wir zu handeln haben! Sie ſehen, daß mein finſteres Mißtrauen, wie Sie meinen wohl⸗ begründeten Verdacht zu nennen beliebten, gerecht⸗ fertigt iſt. Schon zieht der Pöbel heran, um mei⸗ ner tugendhaften Gemahlin großmüthig die Hand zu bieten, damit Sie ſich aufſchwinge auf den un⸗ beſchränkten Thron, von welchem ich zuvor herab geſtoßen werden ſoll. Hören Sie das dumpfe Ge⸗ murmel, das wie das ferne Brauſen des Meeres ertönt? Auf, meine Herren, laſſen Sie uns han⸗ veln! Sie, General von Wilm, durchziehen mit„ 123— einer Compagnie die Stadt, und verhaften Jeden, der ſich nicht gutwillig in Ruhe fügt; Sie, Haupt⸗ mann von Sellhorſt, beſetzen alle Ausgänge des Schloſſes mit doppelten Wachen, die Gewehre ſollen ſcharf geladen werden, aber, wenn möglich, vermeiden Sie Gewaltthätigkeiten. Nun fort, meine Herren!“ Schweigend und ſich tief verneigend entfernten ſich die Herren, und der Fürſt blieb allein. Ei⸗ nen Augenblick noch lauſchte er aus dem Fenſter, dann ging er mit ſtolzen Schritten im Gemach auf und ab, und eine Miene des Triumphes und Hohns zugleich durchflog ſeine Züge. „Oh,“ flüſterte er dann,„ich werde alſo wie der frei ſein; nicht mehr wird dieſe Heuchlerin an meiner Seite ſein, nicht mehr bin ich gezwungen, ihr mit dem Anſchein der Achtung und Höflichkeit zu begegnen. Ich kann ihr alſo endlich all mei⸗ nen Haß, meine Verachtung zeigen, ſie von mir ſtoßen, gleich dem eklen Gewürm, das ſich gift⸗ geſchwollen heran ſchleicht. Oh, dies iſt ſüß! Endlich einmal die Rache, die volle Rache walten zu laſſen, den flüſternden Stimmen in meiner Bruſt endlich wieder Gehör geben, den vollen Be⸗ cher meines Grimmes endlich einmal ausſchütten zu können auf dies verhaßte Haupt, daß es trieft von dem Erguſſe meines Zorns. Bah, endlich alſo wieder ein Dankopfer meines Haſſes! Endlich! Hörſt Du mich, Cordelia! Hörſt Du? Wache auf aus Deinem Grabe, ſchaue mit Deinen ſüß verlockenden, dämoniſchen Augen in dieſer Stunde zu mir her, und lache, wie Du ſonſt zu lachen pflegteſt! Ein Opfer, ein neues Opfer, das ich Dir darbringe! Und Dich, und immer wieder Dich ſtrafe ich in jedem Weibe, denn jedes Weib iſt eine Heuchlerin!“— Seine Augen blitzten, und mit heftiger Hand riß er an einem Vorhang an der Wand, daß dieſer zurück flog, ächzend, wie mit einem Seufzer. Ein ſchönes, verlockendes Portrait ward ſichtbar, eine ruhende, leicht verhüllte Ge⸗ ſtalt, deren üppige, herrliche Formen der glühen⸗ den Phantaſie eines Titian entſproſſen zu ſein ſchienen; das dunkle Haar hing aufgelöſt über den ſchönen, entblößten Buſen, das rückwärts geſun⸗ kene Haupt ruhte auf ſammtnem Kiſſen, und die ſchwimmenden, ſüß träumeriſchen Augen ſchienen ſehnſuchtsvoll in die Ferne zu blicken nach dem Geliebten, welchem die vollen Arme ſich entgegen ſtreckten in heißem Verlangen.— Der Fürſt be⸗ trachtete das Bild lange und ſchweigend.„Schlange, niedrige, erbärmliche Schlange!“ flüſterte er, und zog den Vorhang wieder zu.„Und jetzt zur Fürſtin,“ ſagte er dann laut, und rief dem im Nebengemach harrenden Kammerdiener, ihm den fürſtlichen Hermelinmantel und das mit Orden decorirte Staatsgewand zu bringen. In den Gemächern der Fürſtin hatten ſich inzwiſchen die Vornehmſten und Erſten der Ver⸗ ſchworenen verſammelt. Mitten unter ihnen ſtand die Fürſtin im reichen fürſtlichen Gewande, Haupt und Bruſt ſtrahlend im Schmuck köſtlicher Brillan⸗ ten. Sie war beſchäftigt, ihren neuen Hoſſtaat zu ordnen, und ihren Günſtlingen den Lohn ihrer Treue zu ſpenden. „Baron Hofhelm, ich ernenne Sie zu meinem Oberhofmeiſter an der Stelle des Oberhofmeiſters von Zarbig, der mit meinem Gemahl in's Exil wandert. Graf Sittenburg, Sie ſind von heute an mein erſter Kammerherr, Sie, meine Grafen von Bardolph und Schlichting, ſind meine Staats⸗ miniſter, und haben überall mir Ihren Rath zu ertheilen! Sie, mein lieber Doctor Sanft, ſind von heute an mein erſter Leibarzt. Zur Erin⸗ nerung an dieſen großen, ewig denkwürdigen Tag wollen wir einen eigenen Hausorden ſtiften, zu deſſen Groß⸗Comthur ich Sie ernenne, Graf Wetterhorſt! Der Orden ſoll heißen['ordre pour la üdelité, und wird in ſechs Klaſſen getheilt. Von der unterſten Klaſſe vertheilen Sie heute an alle diejenigen, welche uns treu waren und ge⸗ horſam. Empfangen Sie hiermit die Inſignien dieſes neuen Ordens!“ Graf Wetterhorſt ließ ſich mit einem Ausruf des Entzückens vor ſeiner gnädigen Gebieterin auf ein Knie nieder, und küßte das blauſeidene Or⸗ densband mit der brillantenen Schleife, das ſie ihm umhing. „Und nun, meine Herren, auf zur That,“ rief die Fürſtin.„Sobald unſere Getreuen unten am Schloßthor angelangt ſind, eilen Sie, Graf Wetter⸗ horſt, mit einem Theil dieſer Schaar in die Ge⸗ mächer des Fürſten, und nehmen ihn gefangen. Vor den Fenſtern hat dann das Volk meinen Na⸗ men zu rufen, und zu ſchreien, daß es die Gewalt⸗ herrſchaft des Fürſten nicht länger dulden, daß es nur mich als ſeine unumſchränkte Gebieterin hinfort anerkennen will. Sofort werde ich auf dem Balcon erſcheinen und meinem Volke ſchwören.“— Die Fürſtin verſtummte plötzlich, und ſchante erbleichend nach der Thür, Aller Blicke folgten ihr, ein Gemurmel des Entſetzens ward hörbar, Angſt und bleicher Schrecken malte ſich auf allen Ge⸗ ſichtern. In der geöffneten Thür ſtand Fürſt Lo⸗ thar im glänzenden fürſtlichen Ornat, mit ſpöt⸗ tiſchen Blicken die Scene vor ihm betrachtend, ſeine Lippen umſpielt von jenem leiſen, kalten Lächeln, das die Höflinge kannten und fürchteten, weil es nur in den Momenten höchſter Erregung ſich im Antlitz des Fürſten zu zeigen pflegte. Seine hohe, ſtolze Geſtalt imponirte ſelbſt der Fürſtin, und vor ſeinen flammenden, durchbohrenden Blicken ſchlug ſie verwirrt das Auge zu Boden. Unvorbereitet war dieſe Erſcheinung des Ge⸗ mahls ihr gekommen, und traf ſie deshalb auch unvorbereitet. 6 Dem Fürſten war ſein Plan gelungen; er hatte — 127— Schritt vor Schritt mit aufmerkendem Auge dieſen Intriguen ſeiner Gemahlin zugeſchaut, nichts war ihm entgangen, nichts ihm ein Geheimniß geblie⸗ ben, aber er hatte, ein Meiſter in der Verſtellung, ganz arglos und nichts ahnend ſich gezeigt, um im rechten Momente deſto ſicherer zu treffen. Zetzt trat der Fürſt vor und mit einer grau⸗ ſamen Höjlichkeit ſich vor ſeiner Gemahlin ver⸗ neigend fragte er:„Was gedenken Ew. Durch⸗ laucht denn zu ſo ungewohnter Stunde Ihrem Volke zu ſchwören? Sie ſchweigen, Gnädigſte, und Ihre um Sie verſammelten Getreuen ſchlagen verwirrt die Augen nieder? Wie, auch Sie, Graf Wetterhorſt, den doch die Gnade Zhrer fürſtlichen Durchlaucht ſoeben erſt, wie ich ſehe, mit einem ſeidenen Bande decorirt hat? Nehmen Sie ſich in Acht, Graf, daß es ſich nicht zuſammen dreht zu einer ſeidenen Schnur. Das könnte Ihnen leicht gefährlich werden! Aber, warum zittern Sie, meine Herren? Fürchten Sie, daß ich Ihnen zürne, weil Sie meiner Gemahlin erſt ſo ſpät zu ihrem Namenstag Ihre demüthigen Glückwünſche dar⸗ brachten? Dachten Sie vielleicht, ich hätte ihn vergeſſen, den Namenstag meiner Gemahlin? Sie ſehen, daß ich, obwohl ſpät, dennoch nicht zu ſpät gekommen bin, ihr meinen Glückwunſch darzubrin⸗ gen! Dieſer Tag iſt ein Tag der Freude, und darum laſſen Sie mich einen Augenblick vergeſſ daß ich der Fürſt und Herr dieſes Landes bin, mich nur zu erinnern, daß ich der glückliche Gemahl der gefeierten Königin des Tages bin! Die Glücklichen bedürfen keiner Zeugen, deshalb laſſen Sie uns allein, meine Herren! Gehen Sie, Sie ſind entlaſſen!“ „Entlaſſen, ſage ich,“ rief der Fürſt mit don⸗ nernder Stimme, als die Herren zaudernd, un⸗ ſchlüſſig da ſtanden. Aber es lag eine ſolche Gewalt und Energie, eine ſolche Hoheit in der Stimme, dem Blick, der ganzen Erſcheinung des Fürſten, daß Niemand ihm zu trotzen wagte; ſchweigend, gedemüthigt von den flammenden Blicken des Gebieters, entfernten ſich die Herren, und bald war das Gemach ſtill und leer. Mit ſtolzem Lächeln ſchauete der Fürſt auf die ſich Entfernenden, Haß und Verachtung malte ſich in ſeinen Zügen, und ſchweigend ging er einige Male im Gemache auf und ab. Die Fürſtin war bebend auf den Divan ge⸗ ſunken, und folgte, zitternd vor Furcht, jeder Be⸗ wegung ihres Gemahls. Als er aber jetzt ſeinen Blick zu ihr hin wandte, ſchauderte ſie vor dem tiefen, ingrimmigen Zorn, der aus dieſem Blick zu ihr ſprach, und ein leich⸗ ter Schrei entfuhr ihren Lippen. Der Fürſt trat näher und faßte mit Ungeſtüm ihre Hand.„Sie zittern, Durchlaucht,“ ſagte er dann, ihre Hand fortſtoßend und ſich mit ver⸗ ſchränkten Armen vor ſeine Gemahlin ſtellend. 129— „Sie zittern jetzt,“ ſagte er,„und waren doch vor wenigen Minuten noch ſo kühn und heldenmü⸗ thig. Zittern Sie für Ihre Getreuen, fürchten Sie, daß ich dieſe ſtrafen werde wegen der Ihnen be⸗ wieſenen Treue? Beruhigen Sie ſich, ich will Nie⸗ mand erkannt haben, Niemand. Ein Haupt nur trifft mein Zorn und meine gerechte Strafe, und dies Eine Haupt allein muß fallen!“ „Und dies Haupt?“ hauchte die Fürſtin athemlos. „Es iſt das Deine!“ rief der Fürſt.„Es iſt das Haupt eines elenden, heuchleriſchen Weibes.“ „Mein Gott, Sie wollen doch nicht—“ „Dich ermorden? Ja, das will ich! Oder meinſt Du etwa, ich ſei Thor genug, die lang erſehnte Stunde der Rache ungenützt vorüber rau⸗ ſchen zu laſſen? Meinteſt Du, dieſe Jahre der Schmach und Schande hätten den Groll in mir ertödtet? Meinteſt Du, der betrogene Gemahl werde die Langmuth ſo weit treiben, auch dies⸗ mal wieder ſeine Augen zu verhüllen und zu ſchweigen? Oh, ich war nicht blind, Madame, ich ſah alle dieſe Intrignen ſich entſpinnen, aber ich wehrte ihnen nicht, denn in dem Netz, das Sie ſelber ſpannen, wollte ich Sie fangen und Sie erſticken!“ „Gnade! Gnade!“ ſtammelte die Fürſtin. Ihr Gemahl ſchaute auf ſie mit Blicken tödt⸗ lichen Haſſes.„Keine Gnade, Madame, Si 9 Zwei Lebenswege. II. wiſſen, mein Ohr iſt der Gnade verſchloſſen, und hört nur die Stimme der Gerechtigkeit. Und, beim Himmel, Gerechtigkeit ſoll Ihnen werden! Das Haupt der Hochverrätherin gegen Ihren Für⸗ ſten und Herrn ſoll und wird fallen. Die Be⸗ weiſe Ihres Verbrechens ſind in meinen Händen. Hier, die Briefe an Ihre Verſchwornen, hier das Schreiben an den Pabſt um Trennung unſeres Ehebündniſſes. Madame, ich bin ein zu zärtlicher Gatte, um in dieſe Scheidung willigen zu können, da das Wohl meines Landes die Vergrößerung meiner Staaten erheiſcht. Unſere beiden verein⸗ ten Länder bleiben mein, und ich bin Ihr Erbe, erhabene Gemahlin. Ich werde den Trauerflor um Sie tragen, und Meſſen für das Heil Ihrer Seele zu leſen befehlen.“ Die Fürſtin war außer ſich. Sie kannte den unbeugſamen Sinn ihres Gemahls hinlänglich, um an keine Vergebung zu glauben, aber die Liebe zum Leben war mächtiger, als dieſe Ueber⸗ zeugung, und laut ſchluchzend warf ſie ſich zu den Füßen ihres Gemahls, um Gnade, um Er⸗ barmen flehend.. „Nur mein Leben, nur um dieſes flehe ich! Tödten Sie mich nicht! Mein Gott, Sie werden ein ſchwaches Weib nicht tödten wollen, das um ihr Leben, wie um die höchſte Gnade fleht! Sie denken zu erhaben, um Ihre Hände mit dem Blute eines Weibes beflecken zu können.“. „Wie elend! Wie klein!“ ſagte der Fürſt zu ihr niederblickend.„Sie hat nicht einmal den Stolz einer Verbrecherin, ſie iſt nichts als ein heimtückiſches Weib. Das Diadem iſt von ihrer Stirn gefallen, und unverhüllt zeigt ſich das Haupt einer gemeinen Intriguantin. Gehen Sie, Sie ſind nicht einmal werth zu ſterben, denn es fehlt Ihnen ſogar die Größe der Schlechtigkeit, Sie ſind ganz gemein, ganz niedrig und gewöhnlich! „Sie ſchenken mir alſo das Leben?“ rief die Fürſtin freudig. „In einer Stunde verlaſſen Sie W., um Ihre neue Reſidenz, das Bergſchloß Hohenhaus, zu beziehen. Sie werden es niemals verlaſſen, und ein⸗ mal das Thor hinter Ihnen geſchloſſen, öffnet es ſich nur für Ihre Leiche.“ „Alſo eine Gefangene auf Lebenszeit!“ mur⸗ melte die Fürſtin. „Es ſteht Ihnen frei, dies Schickſal abzu⸗ wenden. Hier iſt Gift! Ein Tropfen aus dieſer Phiole macht Sie für immer frei!“ „Geben Sie, geben Sie her,“ rief die Für⸗ ſtin, ihre Hand nach dem Fläſchchen ausſtreckend. Der Fürſt reichte es ihr dar, und ſagte: „wollen Sie mich dennoch zur Achtung zwingen?“ Sie ſteckte die Phiole in ihren Buſen.„Ich danke Ihnen,“ ſagte ſie kalt,„Sie haben mir mindeſtens ein Mittel zur Befreiung gegben„das 3 9 132 ₰ ich benutzen kann, wenn die Gefangenſchaft zu ſchwer auf mir laſtet.“ „Sie wollen alſo leben! Nun wohl!“ Der Fürſt öffnete die Thür des Vorzimmers, wo General Salhaus ihn erwartete. „Der Reiſewagen der Fürſtin ſoll vorfahren. Eine Compagnie Dragoner begleitet ſie nach Ho⸗ henhaus. Iſt Alles bereit?“ „Alles, Durchlaucht!“ „Sie haften mit Ihrem Kopf für die Gefan⸗ gene, General!“ „Durchlaucht können auf mich zählen! So lange ich lebe, entkommt die Gefangene nicht!“ „Gut, leben Sie wohl!“ „Der iſt mein Begleiter?“ fragte die Fürſtin zitternd. „General Salhaus iſt Ihr Gefangenwärter. Ach, Sie erbleichen. Ja wohl, der General hat Ihnen Ihre jüngſte Untreue noch nicht verziehen, zärtliche Clotilde, und aus Ihrem Liebhaber iſt er Ihr Feind geworden. Aber, jetzt laſſen Sie uns enden! Ich höre das Heranrollen Ihrer Equi⸗ page. Der General iſt bereit, Ihnen den Arm zu bieten und Sie zum Wagen zu geleiten!“ „Mein Gott, Sie werden doch nicht verlan⸗ gen, daß ich in dieſer Toilette“— „Und warum nicht? Die Nacht iſt mild und angenehm, auch habe ich befohlen, Ihnen Mäntel und Decken in den Wagen zu legen. Dies Prunk⸗ gewand iſt zu einem Einzug in die neue Reſidenz ganz paſſend, und ſteht Ihnen vortrefflich, er⸗ lauchte Clotilde!“ „Und ohne Begleitung meiner Damen?“ „Die Kammerfrau folgt Ihnen nach mit Jh⸗ rem Beichtvater, dem ehrwürdigen Pater Thomas.“ „Gönnen Sie mir mindeſtens eine Minute des Alleinſeins, der Erholung!“ „Wohl, ich bewillige Ihnen eine Viertelſtunde! Leben Sie alſo wohl, Fürſtin, wir werden uns nicht wieder ſehen. Hinfort ſind unſere Wege ge⸗ trennt für immerdar. Möge Ihr Ende ein fried⸗ liches ſein!“ Er verneigte ſich leicht, und ſchritt dann ſtolz und hoch aus dem Gemach. Die Fürſtin ſah ihm mit einem ſtechenden Blicke tödtlichen Haſſes nach. „So wahr ich Clotilde heiße, das ſollſt Du büßen!“ ziſchelte ſie leiſe.„Das Leben iſt mein, und Du gabſt mir das Mittel zur Rache in die Hand! Nicht ich, ſondern Du ſollſt dereinſt von dieſem köſtlichen Gifte trinken!— Oh, nur Ge⸗ duld, Geduld, ich werde mich zu rächen wiſſen! Für jetzt Ruhe und Ergebung! Aber mindeſtens kränken kann ich ihn ſchon jetzt,“ fuhr ſie haſtig fort.„Ja, beſchimpft ſoll ſie werden, ſeine Ge⸗ liebte, dieſe Giſela!“. Sie riß eiligſt ein Stück Papier aus ihrem Portefeuille und ſchrieb mit Bleiſtift:„Nach der — 134— „ Villa Giſeka's! Nehmt Rache an der Maitreſſe, die mich in die Verbannung ſchickt!“ Sie hatte kaum dieſe Worte geendet, als der General eintrat, um mit kalter Höflichkeit ihr den Arm zu bieten und ſie zum Wagen zu geleiten. Die Fürſtin reichte ihm mit eiuem holden Lä⸗ cheln die Hand. Sie ſchien ganz gefaßt und ruhig, und kein Zug ihres Antlitzes verrieth die Bewegung ihres Innern. Durch die Corridore dahin ſchreitend, ſuchte ſie ein unbefangenes Geſpräch mit ihrem Begleiter anzuknüpfen, während ihre Augen dabei ſuchend und ſpähend umher irrten. ZJetzt entdeckte ſie, hinter einem Pfeiler verborgen, einen ihrer vertrauteren Verſchworenen. Sie ließ verſtohlen das kleine zu⸗ ſammengefaltete Papier zur Erde fallen, und ging weiter. Die Soldaten traten in's Gewehr, als die Fürſtin im Schloßthor erſchien. Berittene umga⸗ ben, Fackeln tragend, den Wagen, den die Für⸗ ſtin jetzt unter dem Wirbeln der Trommeln und dem Schmettern der Fanfaren beſtieg. Das äußere Schloßthor flog auf, und umge⸗ ben von den Dragonern brauſte der Wagen über die Schloßbrücke dahin. Oben ſtand der Fürſt am Fenſter und ſchaute dem Zuge nach mit einem eigenen, ſeltſamen Aus⸗ druck ſeiner Züge. Als nach und nach der Glanz der Fackeln in der Ferne verbleichte, das Geräuſch — 135— des rollenden Wagens verſtummte, ſchloß er klir⸗ rend das Fenſter und ſagte, in ſein Kabinet zu⸗ rücktretend, mit einem triumphirenden Lächeln:„ich bin gerächt! Eine Lüge mindeſtens weniger an meinem Hofe!“ Der Tumult. Giſela war allein; ſie ſtand auf dem Balcon und blickte ſinnend hinauf zum Himmel, an dem Tauſende leuchtender Sterne blinkten und die ru⸗ hende Welt mit mattem Dämmerlichte erhellten. Die kühle Nachtluft that ihr wohl, die Stille erquickte ihr Gemüth, und in dem Frieden dieſer Einſamkeit fühlte ſie die werdende Geſundheit ihrer Seele wie eine troſtreiche Erfriſchung. Sie hatte ſo lange gekämpft mit dem Traum des vergan⸗ genen Glückes, bis ihr das Erwachen aus dieſem Traum nicht mehr wie ein Unheil, ſondern wie eine Segnung erſchien; ſie hatte mit kräftiger Hand die unheilsvolle Blüthe der Liebe aus ihrem Herzen geriſſen und der Schmerzen nicht geachtet. Mit feſtem Auge war ſie hinabgeſtiegen in die Vergangenheit, hatte ſie jeden Tag, der ge⸗ weſen, geprüft und durchlebt, jede Miene, jedes Wort Walther's ſich vergegenwärtigt, und dann — ſagte ſie mit ſtolzer Ruhe:„er iſt ein Elender, ein Heuchler! Ich darf niemals um ihn klagen, niemals mehr ſeiner gedenken! Ich werde ihn ver⸗ geſſen!“ Die Erinnerung an Walther's Perfidie war ihr gewiſſermaßen der ſchwere Stein, mit dem ſie die Leiche ihrer Liebe hinabſenkte in das Meer des Geweſenen, damit ſie nie wieder hervortauchen könnte an die Oberfläche der Gegenwart. Einmal dieſe Leiche begraben warf ſie den Trauerflor und den Schmerz von ſich, und be⸗ ſchloß wieder zu leben, zu kämpfen, zu ringen nach Glück. Sie ſchüttelte den Staub von ihren Füßen, und beſchloß weiter zu gehen, nicht zu achten der Beſchwerlichkeit des Weges, der Schmerzen ihrer verwundeten Seele, ſondern durch die Ueberwin⸗ dung ihrer Schwäche ſich Geſundheit und Ruhe zu erkämpfen. Sie fühlte in ſich den ewigen, heiligen Drang nach Glück, die Berufung, einzig nach dieſem zu ſtreben und nimmer in dem Suchen zu verzagen. Ihre urkräftige, volle Natur war nicht beſtimmt, in kränkelndem Schmerze zu ver⸗ kümmern, ſie mußte in neuem Werdedrang immer wieder ſtreben nach der Vollkraft der Gefundheit. Giſela konnte nur unglücklich oder glücklich ſein; für ſie gab es nicht dies unter Seufzern und Klagen hingejammerte Vegetiren, dies lange troſt⸗ loſe Dulden. Der Sturm des Schmerzes mußte ſie entweder zerbrechen, oder ſie richtete ſich höher und ſtolzer auf, ihn zu beſiegen durch die Kraft ihres Willens. Als Giſela das Unglück von ſich geworfen, forſchten ihre ſich belebenden Augen nach dem Glück, ſtreckte ſie ihre noch von der Pein zitternden Hände in hoffendem Verlangen der Zukunft entgegen, und rief mit heißer Seele nach Thaten und Käm⸗ pfen, ſich das Glück zu erobern. Wie ſie jetzt auf dem Balcon ſtand, und träu⸗ mend gen Himmel blickte, ſagte ſie leiſe:„Herr⸗ mann hatte Recht! Meine Seele iſt nicht beſtimmt langſam zu erlöſchen, ungeſehen zu verſchwinden. Die Welt ruft mich, das Leben hat Anſprüche auf mich, es ruft mich mit tauſend verlockenden Stimmen, es zeigt mir in meinen Träumen die glänzendſten, köſtlichſten Farben und umgaukelt mich mit reizenden Bildern der Zukunft. Und dieſe Stimmen, dieſe Bilder können mir nicht lügen, dieſe Hoffnungen mich nicht täuſchen. Ich kann's nicht glauben, daß das Leben eine Lüge iſt, eine Täuſchung, und dem Ringen nach Glück muß end⸗ lich die Wahrheit der Erfüllung ſich ergeben. O mein Gott, drängen nicht alle meine Kräfte, alle meine Sinne ſich hin zum Glück, breiten ſich meine Arme nicht von ſelbſt entgegen dieſem glänzenden Ziele, und ſingt nicht meine Seele in heiligen Symphonieen dieſer lange erſehnten, lang erkämpf⸗ ten Sonne entgegen? Und ich ſollte verzagen, ich mit meinen achtzehn Jahren ſollte den Snpf auf⸗ — geben und die Hoffnung! O nein! Die Welt iſt ſo ſchön, das Leben ſo köſtlich, mein Herz drängt ſich entgegen dieſer Welt, dieſem Leben, dieſer Menſch⸗ heit, der meine Liebe, meine Jugend, meine Kraft gehört, und an der ich nimmer zweifeln will! Aber was iſt das!“ unterbrach ſie ſich ſelbſt, „war's mir doch, als hörte ich in der Ferne ru⸗ fende, ſchreiende Stimmen? Ha, wie ſich dort der Himmel röthet! Was bedeutet dieſer Schein?“ Als Giſela aufmerkend, horchend nach jener Gegend hin blickte, von wo das Geräuſch ertönte, erinnerte ſie ſich, daß ihr Fürſt Lothar heute mit einem eigenen geheimnißvollen Lächeln geſagt, ſie ſolle dieſen Abend ſeiner gedenken, es ſei heute für ihn ein wichtiger, entſcheidender Tag. Doch wolle er ihr das Weitere erſt dann mittheilen, wenn ſein Plan geglückt. „Sicher iſt es der Fürſt,“ ſagte Giſela,„und er kommt, mir irgend eine wichtige Nachricht mit⸗ zutheilen. Ja, gewiß, denn jetzt ſehe ich deutlich, daß es Fackeln ſind, die dieſen hellen Schein ver⸗ urſachen, auch kommt das Geräuſch näher und näher, und zieht ſich offenbar auf dem Wege nach meiner Villa hin!“ Sie horchte wieder, und meinte jetzt das Ge⸗ ſchrei und Rufen vieler Stimmen zu vernehmen; es erklang wie das Brauſen und Wogen eines Meeres, es wälzte ſich näher und näher. Schon konnte ſie deutlich die Fackeln unter⸗ ſcheiden, ſchon gewahrte ſie eine große, dunkle, verworrene Maſſe, die wie in einem einzigen Knäuel ſich heran wälzte, ſchon konnte ſie das Kreiſchen, das wilde Schreien einzelner Stimmen unterſchei⸗ den, ja ſie meinte ſogar ihren Namen rufen zu hören, begleitet von einem rohen, wilden Ge⸗ lächter. Giſela erbleichte, und einer ihr ſelber uner⸗ klärlichen, dumpfen Beängſtigung nachgebend trat ſie zurück vom Balcon und ſchloß die Thüren nach demſelben. Dann blickte ſie angſtvoll, zitternd durch das Fenſter. Immer näher, immer wilder ertönte das Schreien und Rufen, immer näher heran wälzte ſich die unheilsvolle Menſchenmaſſe, und jetzt ſtürz⸗ ten mit bleichen Angſtgeſichtern die Diener herein, berichtend, daß Hunderte von ſchreienden, fluchen⸗ den Minnern und Weibern heranſtrömten, und daß man ſie deutlich ſchreien höre: wir wollen ihr die Fenſter einſchlagen, alle Fenſter! Die alte Hedwig umklammerte zitternd und weinend die Füße ihrer geliebten Herrin, die Die⸗ ner ſtanden unſchlüſſig und zitternd da, aber unter dieſer allgemeinen Beſtürzung und Angſt fand Giſela ſchnell ihre Ruhe und Faſſung wieder. „Schnell verſchließt die äußere Hofthüre,“ befahl ſie mit lauter Stimme,„macht die Hunde von ihren Ketten los!“ —— Die Diener ſtürzten von dannen, und bald hörte man die Hofthüre mit lautem Knarren in's Schloß fallen. Giſela athmete erleichtert auf und die alte Hedwig ſtammelte ein inbrünſtiges Dankgebet.— Draußen aber war der Lärm, das Schreien und Toben, das Kreiſchen und Lachen immer näher, immer deutlicher geworden, man hatte jetzt augen⸗ ſcheinlich die äußere Mauer des Hofes erreicht, und Giſela unterſchied das einzelne Rufen und Schreien. „Fort mit dieſer elenden Buhlerin!“ „Pfui, über dieſe Maitreſſe des Fürſten!“ Ein Schrei des Entſetzens tönte von den Lip⸗ pen Giſela's, ſie mußte ſich an der Lehne eines Seſſels halten, um nicht umzuſinken. Sie war wie betäubt, wie vom Blitz zerſchlagen bei dieſer neuen Schmach. Aber das Gefühl ihrer Unſchuld, ihrer weib⸗ lichen Würde ſiegte über dieſe augenblickliche Schwäche, und mit einem ſtolzen, verächtlichen Lächeln richtete ſie ſich empor. Indeſſen hörte man deutlich kräftige, gewaltige Hiebe gegen die Hofthür, dazwiſchen wildes Fluchen und Schreien, rohe Schimpfworte, die ſich an Gi⸗ ſela's Namen knüpften. Jetzt ein lautes Krachen, ein triumphirendes Geſchrei und Lachen— die Hofthür war erbrochen, und in gräßlichem Tumult ſtürzte die wilde Rotte in den innern Hof. — — 142— „Iſt die Hausthüre verriegelt?“ fragte Giſela kalt und ruhig. Die Diener bejahten. „So laßt uns geduldig warten, ob Hülfe kommt,“ fuhr Giſela fort, aber Niemand ver⸗ nahm ihre Worte, der furchtbare Tumult da drunten machte ſie unhörbar. Es war ein einziger brauſender Strom des Aufruhrs, eine einzige überfluthende Welle der Empörung, in der man kein einzelnes Geräuſch und Schreien mehr unterſcheiden konnte. Die Hunde bellten, die Menſchen ſchrieen und kreiſchten, dazwiſchen das laute, heftige Klopfen an die Hausthür, das Klirren der Fenſter, das Flie⸗ gen der Steine, und zu alle dieſem die angſt⸗ vollen Gebete der alten Hedwig und der wenigen Diener. Jetzt flog ein großer Stein klirrend durch die Scheiben, und ſiel zu Giſela's Füßen nieder. Die Diener brachen in ein wildes Angſtgeſchrei aus, das man unten vernommen haben mußte, denn nach augenblicklicher Stille erſchallte jetzt ein lautes Triumphgeſchrei. „Dort iſt ſie, in dem Zimmer da oben.“ „Laßt uns alle Fenſter einwerfen!“ „Ja alle, alle!“ 5 „Tretet hier in dieſe Ecke neben den Se ſtern,“ befahl Giſela ruhig,„hier kann kein Stein 4 uns treffen!“ —- Zitternd folgten ihr die Diener. Nun flog Stein auf Stein durch die klirren⸗ den Scheiben, und allmählich verſtummte das Bel⸗ len der Hunde. „Sie haben die Hunde erſchlagen!“ jammerte Hedwig.„O mein Gott, und die Schläge an die Hausthür werden immer ärger, immer hef⸗ tiger.“ „Zetzt ein lautes, donnerndes Krachen, ein furchtbares Jubelgeſchrei.“ „Die Thür iſt erbrochen, wir ſind verloren!“ ſagte Giſela dumpf.„Geht, verbergt Euch, Hed⸗ wig, Carl, Johann! Eilt auf den Boden. Nie⸗ mand wird Euch dort finden, denn man ſucht nur mich!“ S Die Diener entfernten ſich zögernd, nur Hrd⸗ wig erklärte, ihre junge Herrin nimmer verlaſſen zu wollen. Indeß wälzte ſich der Menſchenſtrom immer näher heran. Schon hörte man ſie die Stiegen hinauf poltern. „Soll ich die Lichter auslöſchen?“ fragte Hedwig. „Nein,“ ſagte Giſela,„man ſoll ſehen, daß ich nicht zittere.“ „O, allmächtiger Himmel, ſie kommen, ſie ſind ſchon im Vorzimmer,“ ächzte die alte Hed⸗ wig, auf ihre Kniee niederſinkend. „So will ich ihnen entgegen gehen,“ ſagte — Giſela mit dem Stolz einer Königin, und ſchritt durch das Gemach der Thür zu. Doch in dieſem Augenblick ward die Thür aufgeriſſen, und wilde männliche Geſtalten zeigten ſich in derſelben. Sie drangen mit lautem, rohen Geſchrei in das Gemach, als aber Giſela ihnen ſo ſtolz und ruhig entgegen trat, verſtummten ſie, und traten unwillkürlich einen Schritt zurück. Was ſucht Ihr hier?“ fragte Giſela mit lauter Stimme. Indeß war die angenblickliche Beſtürzung ſchon überwunden, und mit wildem Lachen rief der erſte der Eingedrungenen:„Dich ſuchen wir, ſchönes Püppchen! Ja, Dich,“ rief ein Anderer,„die ſchändliche Geliebte Fürſten!“ Inzwiſchen war die ganze Rotte in den Saal eingedrungen, mehr denn hundert Menſchen füll⸗ ten das Gemach, und nur ein kleiner Raum noch trennte Giſela von ihren wilden, fluchenden Geg nern. Immer weiter rückwärts gedrängt ſtand ſie jetzt an die Wand gelehnt, rings umgeben von dem wilden Haufen roher, trunkener Menſchen. „Mein Gott,“ rief Giſela, angſtvoll und mit ſchwindendem Muthe,„was habe ich Euch denn gethan, daß Ihr mich beſchimpfen wollt?“ „Sie frägt noch, was ſie gethan hat, ſeht doch, wie unſchuldig ſie iſt!“ „So eine ſchändliche Ehebrecherin!“ treiſcht — ein taumelndes, trunkenes Weib,„ſie thut, als wüßte ſie gar nicht, daß es eine Sünde iſt, die Maitreſſe unſeres Fürſten zu ſein! Aber wir wol⸗ len ſie's lehren!“ „Ja, das wollen wir! Sie ſoll es wiſſen, daß es ſchändlich iſt, unſere Fürſtin anzuklagen und ihr den Fürſten abwendig zu machen!“ „Sie iſt eine Buhlerin, nichts weiter! Graf Salm hat es uns eben noch geſagt, als er uns erzählte, dies Püppchen ſei dran Schuld, daß man die Fürſtin gefangen genommen hat. Unſere gute Fürſtin, die immer an die Armen dachte!“ „Ja, es iſt ſchändlich! Sie hat's beim Für⸗ ſten durchgeſetzt, daß er ſeine Gemahlin verſtoßen und verbannt hat!“ „Das iſt ſchändlich!“ „Niederträchtig!“ „Leute, Männer, hört mich!“ rief Giſela mit mächtiger Stimme.„Beim allmächtigen Gott ſchwöre ich Euch, ich bin unſchuldig! Ich wußte nichts von dem Unglück der Fürſtin! Bei Gott, ich bin unſchuldig!“ ½ „Ja, ja, ſo reden die ſchmucken Weiber im⸗ mer, wenn ſie beſtraft werden ſollen,“ ſchrie einer der Kerle mit rohem Lachen. „Sie ſtellen ſich immer ſo unſchuldig an,“ kreiſchte ein Weib mit flatterndem Haar. „Aber wir laſſen uns nicht betrügen, ſie iſt ſchuldig, Graf Salm hat es uns geſagt, als er 10 Zwei Lebenswege. IMI. uns Geld gab, auf die Geſundheit unſerer Fürſtin zu trinken.“ „So hat Graf Salm gelogen,“ rief Giſela feſt,„beim Andenken an meine Mutter ſchwöre ich Euch, ich bin unſchuldig!“ „Seht, ſie wagt es noch den Grafen zu be⸗ ſchimpfen, ſie nennt ihn einen Lügner!“ „Sie iſt eine freche Perſon!“ „Die Maitreſſe des Fürſten!“ „Sie iſt Schuld an den vielen Auflagen! Dafür ſchafft ſie ſich all die ſchönen Sachen an!“ „Kommt, wir wollen Alles zerſtören!“ „Ja, das wollen wir!“ Schon war die Menge im Begriff dieſem neuen Vorſchlag zu folgen, der Raum um Giſela ward weiter, ſie begann wieder zu hoffen. „Das wollen wir nachher thun,“ ſchrie das frühere Weib, die ſich zu einer Art Heerführerin des Zuges aufgeworfen.„Zuerſt laßt uns die Maitreſſe beſtrafen!“ „Ja, das wollen wir, das wollen wir!“ „Kommt, wir wollen ſie in den Hof zum Brunnen ſchleppen. Wir wbllen ſie taufen mit Waſſer, das niedliche Püppchen,“ ſchrie das Weib. Ein lautes, wieherndes Lachen begrüßte dieſen Vorſchlag. „Das iſt ein prächtiger Einfall, das wollen wir thun.“ Schon ſtreckten die Hände ſich aus, Giſela zu . ———,————— —— ,—̃———— erfaſſen, ſchon fühlte ſie ihre Schulter von rauher 8 Fauſt berührt, und befahl ihre Seele dem Him⸗ mel, als eine laute, mächtige Stimme plötzlich rief:„was geht hier vor? Zurück, oder es koſtet das Leben!“ „Der Fürſt!“ jauchzte Giſela mit lauter Stimme. „Der Fürſt!“ murmelte die wilde Rotte, zu⸗ rück taumelnd, und in plötzlichem Schreck aus der Trunkenheit zum Bewußtſein erwachend. Zetzt machte der Fürſt ſich Bahn durch die Menge, die willig und ſcheu vor ihm zurückwich, denn draußen an der geöffneten Thür bemerkte man Soldaten mit blinkenden Schwertern. Aber minder furchterregend noch däuchte ihnen dies, als das Antlitz des Fürſten, der jetzt, neben Giſela ſtehend, und grell beleuchtet von den Lampen des Kronleuchters mit bleichem, wuthblitzenden Geſicht, mit flammenden Augen nuf die zurückweichende Menge blickte. „Bei Gott, beim allmächtigen Gott, das ſollt Ihr büßen,“ rief er mit donnerndem Ton, und die, welche ihn kannten, ſahen mit Schrecken die hoch aufgeſchwollenen Adern ſeiner Stirn, ein Zeichen ſeines furchtbaren Zornes. Wie ein Held des Alterthums, jede Sehne zitternd, jede Muskel angeſpannt, Zorn und Verachtung, Haß und Rache in allen Zügen, ſchaute er mit glühenden, verächt⸗ lichen Blicken auf die Menge, während ſeine kräf⸗ 103 148 tige Hand ſich wie ſchützend und ſegnend auf Gi⸗ ſela's Haupt legte. Es war ein ernſter, gewaltiger Moment, ein tiefes, feierliches Schweigen. „Wer ſich rührt, der iſt des Todes!“ rief dann der Fürſt.„Soldaten, herein! Major Wen⸗ drich, alle Anweſenden ſind Ihre Gefangenen!“ Und während der Major mit ſeinen Soldaten vorrückte, trug der Fürſt Giſela, die matt und kraftlos in ſeinen Armen hing, in das anſtoßende Gemach.— Hier legte er ſie leiſe auf den Di⸗ van nieder. „Oh,“ flüſterte ſie leiſe,„Sie haben mir das Leben erhalten, aber ich danke es Ihnen nicht!“ Nun ſank ſie zuſammen in tiefe Ohnmacht. Der Fürſt ſchaute lange in ihr bleiches, ſchönes Angeſicht.„Armes, unglückliches Weib,“ flüſterte er leiſe,„es ſoll Dir alſo keine Pein und keine Schmach erſpart werden! Dein Herz ſchlug auf's neue der Welt entgegen, und auf's neue verſtößt ſie Dich, Du trugſt auf's neue Hoffnung und Liebe der Menſchheit entgegen, und wieder lohnt ſie Dir mit Haß und Verachtung. Wirſt Du nun endlich lernen der Welt zu fluchen und die Men⸗ ſchen zu haſſen? Wird ſich Dein Herz dem Miß⸗ trauen erſchließen, Deine Seele dem Haſſe ſich öffnen? Wehe, wehe Dir, wenn es nicht ſo iſt, wenn Dein Mund keine Flüche, Dein Herz keine Verwünſchungen und keine Rache lernt! O Du 8 ———— ——,——— „———— — 149— armes, geſteinigtes Kind, laß mich über Dich weinen, denn Dein Jammer iſt grenzenlos!“ Und er neigte ſich über die Ohnmächtige, und Thräne nach Thräne fiel hernieder auf ihr bleiches Antlitz. Die alte Hedwig, die, vom Fürſten nicht be⸗ achtet, ihm gefolgt war, ſtand mit gefaltenen Hän⸗ den da, in heiliger Andacht vor den Worten des Fürſten. Als ihr mühſam unterdrücktes Schluch⸗ zen dem Fürſten ihre Anweſenheit verrieth, ſchaute er auf, und ſofort war jede Rührung aus ſeinem Angeſicht verſchwunden, ſeine Züge hatten ihre hohe, ſtolze Ruhe wieder erlangt, und mit feſter Stirne befahl er:„mein Wagen ſoll vorfahren! Das Fräulein kann in dieſem verwüſteten Hauſe nicht verweilen! Ich nehme ſie mit zur Stadt! Ihr folgt uns, Hedwig!“ Dieſe ſtürzte hinaus des Fürſten Befehle zu vollziehen. „Noch immer beſinnungslos,“ flüſterte der Fürſt, ſich wieder über Giſeka neigend.„Das iſt gut, ſie entgeht dadurch dem Kampf mit ihrem Zartgefühl. Holdes, ſüßes Kind, von dieſer Stunde an wird mein Auge über Dir wachen und Dich behüten. Du ſollſt in mir den Freund und Vater finden, der Dich beſchützt!“ Er küßte leiſe ihren bleichen Mund, und trug ſie dann auf ſeinen Armen hinunter zum Wagen. Rvr. Neue Lebenswege. Es war am Morgen nach dieſer Kataſtrophe. Giſela ſaß bleich und matt in einem Lehnſeſſel; vor ihr ſtand der Fürſt. Er hatte ihr von der Verſchwörung der Fürſtin und von ihrer Verhaf⸗ tung erzählt, und Giſela ſagte, als er geendet, matt das Haupt ſchüttelnd:„doch begreife ich noch nicht, wie man mich in Zuſammenhang mit dieſer Verſchwörung bringen, wie man mich ſtrafen konnte für die gerechte Strafe der Fürſtin?“ Der Fürſt ging einige Male im Zimmer ſchwei⸗ gend auf und ab, dann blieb er vor Giſela ſtehen, und ſagte ſanft:„es iſt jetzt nicht der Augenblick, Sie zu ſchonen! Sie müſſen mit klarem Blick Ihr ganzes Leben überſchauen, um über Ihre Zukunft entſcheiden zu können! Glaubten Sie denn, armes, unglückliches Kind, daß man es Ihnen ungeſtraft verzeihen würde, größer, edler zu ſein, als die Menge? Glaubten Sie, daß die rohen Hände der — — Welt nicht empor reichten zu der Höhe, auf wel⸗ cher Sie ſtanden? Oh, man hat ſich aus der Verleumdung eine Brücke gebaut, um zu Ihnen zu gelangen, um Sie hinab zu reißen in den Staub und Wuſt der Erde, um Sie zu beſchim⸗ pfen mit dem Schmutz niedern Verdachtes! Man kennt hienieden keine Schonung und kein Erbar⸗ men, und über die Edelſten und Größten ruft die Welt noch immer ihr: Steiniget, Steiniget! Das wußten, das bedachten Sie nicht, als Sie mir geſtatteten, Sie täglich zu ſehen, mich Ihrer Iugend, Ihres reinen Sinnes zu freuen!“ „Oh,“ ſeufzte Giſela,„es iſt alſo wahr, was ich geſtern von rohen Stimmen rufen hörte, man hält mich— Sie verſtummte, und ſenkte matt ihr Haupt auf ihre Bruſt. Eine Pauſe trat ein. „Man hält Sie für meine Geliebte, für meine Maitreſſe,“ ſagte dann der Fürſt in bitterm, iro⸗ niſchen Ton. Man glaubt weder an die Uneigen⸗ nützigkeit meiner Freundſchaft, noch an die Rein⸗ heit Ihres Weſens. Was wollen Sie, die Welt iſt einmal ſo gemacht! Was ſie nicht begreifen kann, das verachtet, das beſudelt ſie, um ſich end⸗ lich erhaben über das beſchimpfte Erhabene zu fühlen! Haben Sie bei der Menſchheit gebaut auf. Vertrauen, auf Glauben? Haben Sie gemeint, die Welt gewinnen zu können durch die Wahrheit, die Freimüthigkeit Ihrer Seele? Hrben geglaut — 152— ſich ſicher ſtellen zu können gegen ihre Angriffe, wenn Sie mit entblößtem Haupte, mit unverhüll⸗ ter Bruſt ſich vertrauensvoll ihr naheten? Armes, betrogenes Kind, wie ſehr haben Sie die Menſch⸗ heit überſchätzt, wie ſehr über die Welt ſich ge⸗ täuſcht! Glauben Sie mir, mehr denn die Hälfte Derer, welche die Welt, mit Unehre und Schande bedeckt, aus ihren Kreiſen und ihrer Gemeinſchaft verſtoßen hat, vor welchen die Menſchheit wie vor einem Schandpfahl augenniederſchlagend vorüber⸗ geht, mehr denn die Hälfte dieſer Armen, Ver⸗ ſtoßenen, Verunehrten, mehr denn die Hälfte die⸗ ſer, ſage ich, war rein und ſchuldlos, und die Welt hat ſie belaſtet mit ihrer eigenen Sünde und Schande. Dieſe Märtyrer mußten die Sünde der Welt auf ſich nehmen, und fallen als Opferlamm der allgemeinen Schuld! Oh, die Menſchheit iſt kleinlich und ohne Glauben, und in der Bequem⸗ lichkeit geiſtigen Müßigganges ſteinigt ſie die Un⸗ ſchuld, weil ſie die Schuld Steine gegen dieſe Unſchuld erheben ſieht! Glauben Sie, unter Tau⸗ ſenden iſt kaum Einer, der ein freies, ſelbſtſtän⸗ diges Urtheil hat, und alle Andern ſprechen es ihm nach, und ſchwören auf ſein Urtheil, weil ihnen dies bequemer iſt, als ſelbſt zu prüfen, zu erwägen, weil vereint mit der allgemeinen Mei⸗ nung ſie weniger Angriffen und Kämpfen ausge⸗ ſetzt ſind, als wenn ſie es wagen, ein freies, ſelbſtſtändiges Urtheil zu haben. Wir lachen über — 2 — —— — 153 den ſpaniſchen Edelmann, der zwanzigmal die Ge⸗ fahren eines Duells ertrug, und der geladenen Piſtole ſeiner Gegner gegenüber die größere Er⸗ habenheit der Werke des Cervantes gegen die des Calderon behauptete, und der, als er endlich beim zwanzigſten Duell von Kugeln durchbohrt zuſam⸗ men brach, geſtand, daß er weder den Calderon, noch den Cervantes geleſen!“ „Wir lachen über dieſe Geſchichte, aber ſie enthält eine traurige, unheilsvolle Wahrheit, und ſo wie jener ſpaniſche Edelmann urtheilen noch jetzt Tauſende und aber Tauſende, ohne das zu kennen, was ſie verdammen, nur mit dem Unter⸗ ſchied, daß ſie ihr Ligen Blut nicht dafür hinge⸗ ben, ſondern das Blut Derer vergießen, die ſie verdammen!“ „Und giebt es,“ rief Giſela angſtvoll,„giebt es denn hienieden keine Gerechtigkeit?“ „Gerechtigkeit? Blicken Sie umher? Wo wol⸗ len Sie dieſe finden unter der Menſchheit? Selbſt in der Geſchichte iſt keine Gerechtigkeit. Wie manchen Thyrannen hat ſie mit dem Lorbeer des Ruhms gekrönt, wie manchen Edlen in der Ver⸗ geſſenheit begraben. Die Welt urtheilt nur nach dem Schein, und Sie wollen noch bauen auf Ge⸗ rechtigkeit? Oh, armes, edles Kind, ſchauen Sie doch umher, und ſehen Sie, wie die Welt iſt, und nicht, wie ſie ſein ſollte. Das Schlechte muß kämpfen gegen das Edle, um nicht von dieſem be⸗ — 154— ſiegt zu werden, und ſo muß das Schlechte mäch⸗ tiger ſein, als das Gute, denn es hat tauſend Waffen, mit denen es kämpfen kann. Die Verleum⸗ dung, die Falſchheit, die Heuchelei, die Frechheit und die Lüge, das ſind die Trabanten des Schlech⸗ ten. Was aber hat das Gute dieſem entgegen zu ſetzen? Nichts, als ſich ſelbſt und die Wahrheit! Und Sie wollen, daß es mit dieſen ſchwachen Kräften ſiegen ſoll über den mächtigen Feind? Sie wollen, Sie glauben das, Giſela? Armes Weib, folge dieſem Wahn nicht länger, oder er wird ein Schwert ſein, an dem Du verbluteſt!“ „O mein Gott,“ ſeufzte Giſela,„wie traurig iſt aber dann die Welt!“ „Sie iſt auch traurig, Giſela, und dem Edlen bleibt nichts, als über ſie zu weinen, und in der ſtillen Zelle ſeines Herzens das entſagende Daſein eines Einſiedlers zu führen, abgewandt der Menſch⸗ heit. Dieſe fürchtend, dieſe fliehend, wie der hei⸗ lige Antonius vor den Lockungen der Dämonen! Oh beſſer, beſſer, ſich dieſen Lockungen gegenüber ſelber zu geißeln, als zerfleiſcht zu werden von ihnen, beſſer unter dem härenen Gewande der Entſagung zu entbehren, als inmitten des Ge⸗ nuſſes enttäuſcht zn werden. Sie weinen, Unglück⸗ liche? Erheben Sie Ihr Haupt, junges Mädchen, nein, keine Thränen mehr für die Erbärmlichkeit dieſer Welt. Verachten Sie, verwünſchen und haſſen Sie dieſe Welt, aber beweinen Sie ſie nicht. Es war ein ſchöner Muth, mit dem Sie hinaus tra⸗ ten aus dem ſtillen Frieden Ihrer Kindheit, mit dem Sie Ihre Unſchuld und Seelenreinheit der Menſchheit entgegen trugen, und nichts von der Welt forderten, als dieſe anzuerkennen, und ihr die Freiheit ihrer Exiſtenz zu gönnen! Es war ein ſchöner Muth, ſage ich, aber er war thöricht. Denn hienieden ſiegt nicht der Muth der Wahr⸗ heit, ſondern die Feigheit der Lüge, und man glaubt nicht an das unverhüllte Angeſicht, ſondern an die künſtliche Maske. Die Wahrheit hält man für Frechheit und Tänſchung, und die Lüge, die mit geſchminkten Wangen und demüthigem Kopf⸗ neigen einher tritt, dieſe Lüge und Falſchheit be⸗ grüßt man als die Wahrheit. Und deshalb, Gi⸗ ſela, iſt es thöricht, der Welt gegenüber in un⸗ verhüllter, göttlich nackter Wahrheit zu erſcheinen. Die Lüge wird verſchämt die Augen ſenken, ſie wird die heilige Nacktheit, welche ſie nicht be⸗ greift, ausſchreien als Schamloſigkeit, und ſofort werden Tauſende einſtimmen in dieſen Ruf, denn indem man die Schamloſigkeit verdammt, ſteht die eigene Tugend höher und ungefährdeter da, als wenn man es wagt, ſie mit einem andern Namen zu nennen und ſie zu vertheidigen. Und dies iſt Ihr Verbrechen, Giſela, daß Sie geſündigt haben gegen den Schein, ein Verbrechen, welches die Welt niemals verzeiht!“ „O mein Gott, es iſt alſo wahr,“ rief Gi⸗ — 156— ſela ſchwermuthsvoll,„wahr, daß hienieden die Lüge allein ſiegt und die Falſchheit!“ „Es iſt ſo, Giſela!“ „Und man verdammt mich, man ſchmäht mich, weil ich den Muth hatte, wahr zu ſein,“ fuhr 5 ſie in edlem Zorne fort.„Ich habe der Welt ein ganzes Herz voll Vertrauen und Liebe entge⸗ gen getragen, und ſie verſchmäht meine Liebe, ſie macht mein Vertrauen zu einer Waffe gegen mich; ich habe an die Menſchheit geglaubt, und ſie ſtößt mich zurück, mich ſchmähend und mit Schande überhäufend. Dies iſt entſetzlich! Und Sie,“ fuhr ſie fort, ſich mit flammenden Augen zum Fürſten wendend,„Sie wußten dies, und warnten mich nicht?“ „Ich warnte Sie, Giſela, aber Sie hörten nicht!“ „Sie wußten, daß man Ihre Beſuche bei mir verdächtigte,“ rief ſie zornig,„und dennoch kamen Sie Tag um Tag, und ſtempelten dieſe elenden Vermuthungen meiner Schande durch Ihr. Kommen mit dem Stempel der Wahrſcheinlichkeit?“ „Ich wußte es,“ ſagte Fürſt Lothar ruhig, „und dennoch kam ich, Giſela. Verloren waren Sie dennoch, und, armes Kind, war es nicht beſſer in dem Schiffbruch Ihres Glückes Ihnen 5 den einzigen Freund zu bewahren, ſtatt Sie allein untergehen zu laſſen? Seit Sie die Kühnheit ge⸗ habt, Ihre Schweſter zu verlaſſen, und allein 1 — 157— dieſe Villa zu bewohnen, ſeit dieſem Moment hatten Sie gebrochen mit der Welt. Denn dieſe ver⸗ zeiht es nicht, wenn das Weib die Feſſeln zerreißt, mit denen es gebunden iſt, und es wagt, zur Freiheit der Exiſtenz ſich zu erheben. lind als Sie dies wagten, Giſela, als Sie die Ketten der Convenienz und der weiblichen Sclaverei zerriſſen, um die Freiheit eines menſchlichen, Gott gleichen Weſens für ſich in Anſpruch zu nehmen, als Sie dies wagten, Giſela, da neigte ich mich vor Ihnen in Anbetung, aber ich wußte, daß Sie verloren waren! Ich ſah umher, und ſah, daß Sie nir⸗ gend einen Freund, eine Stütze hatten, und da gelobte ich mir, dieſer Freund zu ſein, deſſen Sie bedurften!“ „Edler Mann!“ rief Giſela mit Thränen in den Augen, ihm die Hand hinreichend. „Schlagen Sie dies nicht höher an, als es verdient, Giſela, denn nicht das Erbarmen allein war es, das mich zu dieſem Gelübde bewog, und indem ich mich zu Ihrem Beſchützer aufwarf, ſtellte ich mich ſelber unter Ihren Schutz. In⸗ mitten der Welt, die ich verachte und haſſe, in⸗ mitten der elenden, heuchelnden Menſchheit er⸗ ſchienen Sie mir wie die köſtliche, mährchenhafte Blüthe einer lang von mir bezweifelten Welt. Ihre holden Züge trugen das Gepräge einer Un⸗ ſchuld und Reinheit, an die ich längſt nicht mehr geglanbt, und indem ich vor Ihrem Antlitz als — 158— vor dem Heiligenbilde einer reinen Seele ſtand, betete ich Sie an, obwohl ich für Sie zitterte. Meine Jünglingsträume kamen Sie zu verwirk⸗ lichen, und dieſe verlornen Träume durfte ich nun nicht mehr belächeln, denn ſie waren als Wirk⸗ lichkeit in's Leben getreten. Das unſchuldige, reine Weib, an deſſen Daſein ich lange ſchon nicht mehr geglaubt, ſtand vor mir, und ich durfte meine Jugend nicht mehr mitleidig beklagen, ich durfte mir ſagen:„nicht an das Unmögliche haſt Du geglaubt!“ So floh ich mit meiner Weltverach⸗ tung, mit meinen Schmerzen und verlornen Ide⸗ alen unter den Schutz Ihres unſchuldigen Lächelns, Ihrer muthigen Seele, und Sie gaben mir einen Theil meiner verlornen Jugend, meiner zerriſſenen Träume zurück.“ „Oh,“ ſagte Giſela unter Thränen lächelnd, „ſo war mein Leben doch nicht umſonſt und nutz⸗ los! So habe ich denn einen kleinen Theil meiner Sendung erfüllt!“ „Und Sie ſind berufen, das Höchſte zu leiſten und zu erfüllen! Haben Sie nur den Muth, es zu wollen! Einſt, Giſela, warnte ich Sie vor der Welt, bat ich Sie, klug Ihr Weſen zu umhüllen, und der Welt zu geben, was der Welt iſt, indem Sie ſich fügten den Bedingungen dieſer Welt. Sie haben mit der Welt gebrochen, wohlan, ſo haben Sie nun auch den Muth, über dieſen Ab⸗ grund, der Sie von ihr trennt, keine Brücke 5 S — 159— ſchlagen zu wollen. Verachten Sie das Urtheil der Menſchen und hören Sie nicht auf dieſe ſchreien⸗ den, Sie verhöhnenden Stimmen! Seien Sie groß, und erheben Sie ſich über der Schande zu einer Höhe, in der Sie von ihr nicht mehr berührt werden! Hätten Sie weniger Seelenſtärke, weni⸗ ger Kraft, ſo würde ich Ihnen rathen, in ein Kloſter zu gehen. So aber ſind Sie berufen, zu wirken und zu handeln, den Staub von Ihren Füßen zu ſchütteln, der Beſchwerlichkeiten des We⸗ ges nicht zu achten, und weiter zu gehen. Erhe⸗ ben Sie Ihr Haupt, Giſela, Sie können es, denn Sie ſind rein. Schreiten Sie mit ſicherm Fuß hinweg über den Schmutz der Verleumdung, und achten Sie ſeiner nicht, ſo wird kein Atom deſſel⸗ ben an Ihren Füßen haften!“ „Und wohin, wohin ſoll ich gehen?“ rief Giſela ſchmerzvoll,„haben Sie ſelber nicht mir geſagt, daß in der Welt das Glück nirgends zu finden iſt?“ „In der Welt nicht, Giſela, aber im Leben! Das Glück iſt da, aber nicht im Geräuſch der Welt, nicht inmitten der Menſchen müſſen Sie es finden wollen! Suchen Sie aber unter der Aſche Ihres Herzens nach dem ewig glühenden Funken der Hoffnung auf Glück! Ach, das Glück iſt eine Frucht, die von tauſend Schalen des Unglücks umgeben und umhüllt iſt, ein geheimnißvoller Kern, von dem erſt alle dieſe ſtachlichten Schalen des Unglucks abgelöſt ſein müſſen, ehe ſie ſich unſerm Genuſſe darbietet. Und dies gefährliche Glück, zu deſſen Erlangung es vieles Muthes bedarf, dies Glück zu erkämpfen, ſind Sie berufen!“ „Sehen Sie mich an, mein Fürſt,“ ſagte Giſela mit wehmuthsvollem Lächeln,„meine Hände ſind zerfleiſcht an dieſer ſtachlichten Schale des Unglücks, die ich durchbrechen wollte, um das Glück zu erlangen, ſehen Sie, meine Bruſt iſt wund ge⸗ riſſen an dieſen Stacheln, und mein Herz ver⸗ blutet! Wie wollen Sie, daß ich weiter gehe und immer wieder ſuche und nirgends finde!“ „ Schauen Sie auf, Giſela, laſſen Sie das Selbſtbewußtſein Sie ſtärken und erheben, und retten Sie ſich aus der Wüſte der Welt zu der ſtillen grünen Inſel des Glückes, die wie eine Haſe daraus hervor ſteigt. Hier die Hand Ihres treuen Freundes! Bieten wir der Welt Trotz, ſchließen wir einen Bund gegen die Welt. Sie ſollen mein Troſt ſein und meine Zuflucht, dieſes Landes guter Engel. Hören Sie auf, die Men⸗ ſchen zu lieben, aber erbarmen Sie ſich der Menſch⸗ heit! Zu dieſem edlen Werke wollen wir uns ver⸗ bünden. Und Großes, unendlich Großes können Sie wirken, wenn Sie nur den Muth haben, zu wollen! Ich bin jung und vertrauend geweſen, wie Sie, bin getäuſcht und verrathen, wie Sie, aber anders ging ich aus dieſen Kämpfen und Täuſchungen hervor!“ — „Es giebt eiſerne Naturen,“ fuhr er fort, „welche die Jugend und das Glück mit einem vor⸗ übergehenden Glanze vergoldet, aber denen die Reibung der Welt nur das Metall läßt, aus dem ſie geſchaffen. Aber es giebt auch goldene Na⸗ turen, und unter dem Frottiren des Unglücks und der Welt erglänzen dieſe in ewigem, unver⸗ änderlichen Glanze der Reinheit und Schönheit. Sie gehören zu den Letztern, ich zu den Er⸗ ſtern! Laſſen Sie uns dieſe beiden Metalle ver⸗ einen, geben Sie meiner eiſernen Natur von dem Goldglanz Ihrer weichen Seele, laſſen Sie das weiche Gold Ihres Weſens ſich verhärten an der Eiſenkraft des meinen. Und ſo in dieſer Verſchmel⸗ zung laſſen Sie uns handeln und wirken für das Wohl und Glück Derer, die das Schickſal zu meinen Unterthanen gemacht hat! Die Welt nennt unſere Namen in innigſter Gemeinſchaft; und ſtiege Gott ſelber hernieder, Ihre Unſchuld zu beſtäti⸗ gen, die Menſchen würden ihm nicht glauben! Wohlan denn, verſuchen wir nicht, dieſe beweiſen zu wollen, oder den Schein zu vermeiden. Blei⸗ ben Sie bei mir, Giſela! Ich liebe Sie wie meine Tochter, meine Schweſter, wohlan, nehmen Sie mich an zu Ihrem Bruder, ſeien wir Geſchwi⸗ ſter und Freunde, und erwarten wir, ob die Zeit die Aſche unſeres Herzens wieder zu entzünden vermag, und ob die Flamme, die wir erſtorben glauben, wieder in urelementlicher Kraft hervor⸗ Zwei Lebenswege. II. 1 —— ſchlagen kann aus unſerm Herzen, und wenn Dem einſt ſo iſt, Giſela, o, dann mögen dieſe Flam⸗ men über unſerm Haupte zuſammenſchlagen, und der Phönir unſeres Glückes aus der Aſche empor⸗ ſteigen!“ „Ja, ſo ſei es,“ rief Giſela mit ſtrahlenden Augen, mit glühenden Wangen.„Ja, ſo ſei es, mein Freund, mein Bruder, meines Lebens ein⸗ ziger Halt. Mag die Welt mich verdammen, ich höre ſie nicht mehr, und das Urtheil der Menge gilt mir gleich. Sie haben mich geſteinigt, als ich unſchuldig war, wehe über ſie, wenn ſie mich ſchuldig machen. Sie haben mich verdammt, als ich ohne Sünde war, wehe über ſie, wenn nun die Sünde an mir haftet. Ich bleibe bei Ihnen, Lothar, mag die Welt mich höhnen und verachten, ich höre ſie nicht mehr. Frei will ich mein Haupt erheben, und das Hohnlächeln der Menſchen ſoll meine Bruſt unverwundbar finden. Der Kampf mit der Welt ſei denn auf's neue begonnen, auf's nene trete ich in die Schranken, zu kämpfen ge⸗ gen das Vorurtheil und den Schein! Nein, noch bin ich nicht beſiegt, noch glaube ich an den Sieg der Wahrheit, und fürchte weder die Welt, noch die Menſchen. Thue recht, und ſcheue Nie⸗ mand, das ſei und bleibe mein Wahlſpruch! Und Recht iſt es, den Wirkungskreis anzunehmen, den Sie mir bieten, und zu dem Wohl Ihrer Unter⸗ thanen zu wirken und zu handeln mit Ihnen ver⸗ eint! Und weil es Recht iſt, ſo ſoll es ſein, und weil ich allein ſtehe und verwaiſt, ſo thue ich Recht, die Freundeshand des Bruders anzuneh men, die Sie mir bieten! Ja, Sie ſind mein Bruder, und Sie als Schweſter zu lieben, das ſei hinfort meine einzige Tugend!“ „Ach,“ ſagte der Fürſt, ſie an ſein Herz ziehend,„die Menſchen haben das Wort Tugend falſch verſtanden! Sie haben es zu einem Schreck bild gemacht, vor dem die roſigen, lebensvollen Wangen erbleichen und das Lächeln untergeht in dem Zittern der Furcht. Gott aber hat es an⸗ ders gemeint— Tugend iſt glücklich ſein! Laß uns ſtreben nach dieſer Tugend, Giſela, meine Schweſter!“ Ende des zweiten Bandes. rockhaus in Leipzig. B Pruc von 5 A. ſifſſiſſiſſſiſſſſſſſiſiſſſiſſſſſſnnſn 6 7 8 9 10 13 12 13 1 5 4 1