* eihbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cdnard Olkmann in Gieſen, 3 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih und Seſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. hesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: ſ für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Büchen: .—————— auf 1 Monat: TWe f Pf. 2 Wt.— pf. er„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und deſecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer jun Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird 7 beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——— ₰*„ „ v5 x. Wlihlbuch⸗ Rleine Romane. Zweite, neu bearbeitete Ausgabe. Erſter Theil. 3wei Lebenswege. Erſter Band. Altona. Verlag von J. F. Hammerich. 1860. Zwei Jebenswege. Roman 1 von . L. Mühlbach. Zweite, neu bearbeitete Ausgabe. Erſter Pand. Altona. Verlag von J. F. Hammerich. 1860. ———— 4 An Frau Profeſſor Thrresr in Berlin. Wanrt — Zut zweiten Iuklagt. An Frau Thereſe Marx in Berlin. Vierzehn Jahre ſind vergangen, ſeit ich Ihnen dies Buch zueignete und Ihren Namen ihm vor⸗ ſetzte.— Vierzehn Jahre! Wie Vieles iſt ſeitdem anders geworden, wie Vieles hat ſich geändert um uns und in uns! Bin ich doch ſelber auch eine Andere geworden, und dies Buch, das ich damals mit dem Blut meines Herzens geſchrieben, ſchaut mich jetzt als etwas Fremdes, faſt Unheim⸗ liches an, das ich nicht mehr verſtehe, das keinen Theil mehr an mir hat. Und doch gehört es zu mir, bezeichnet einen Moment meiner geiſtigen Entwickelung, meines geiſtigen Strebens, und ich möchte es darum nicht verleugnen, nicht verbergen. Ich bekenne mich zu ihm, und ſchicke dies Buch voll Schmerz und Klage, voll Qual und Thränen hinaus in die Welt, während ich ſelbſt heitern Auges aufblicke zu Gott, und ihm danke, daß er mich linder geführt, wie die arme Heldin dieſes Buches, wie Giſela, daß er mich die Welt nicht haſſen und mißachten gelehrt, ſondern, daß er mir ein ſchönes, reines Glück gegönnt, ein Glück, das die Welt nicht anzutaſten vermag, denn es hat nichts gemein mit ihr, es iſt nicht von dieſer Welt, es ruht in der Liebe und dem Herzen meines theuren Mannes, meiner beiden Kinder, und endlich meiner Freunde! Und zu dieſen vor allen Dingen gehören Sie, meine theure Thereſe! Vierzehn Jahre ſind vergangen, ſeit ich dies Buch ſchrieb. Sie haben Vieles geändert um uns und in uns! Aber die Freundſchaft, die damals ſchon uns verband, die iſt doch unverändert und treu geblieben, die Jahre haben ſie nicht abgeſchwächt, ſondern gekräftigt und geſtählt, und daß wir Vier, unſere beiden Männer und wir, unſere Freund⸗ ſchaft ſo die Stürme und Wandelungen des Lebens überdauern ſehen, das iſt ein ſchönes und erfreu⸗ liches Reſultat dieſer vierzehn Jahre. So nehmen Sie denn zum zweiten Male dies Buch freundlich als das Ihnen geweihete hin von Ihrer Freundin clarn Mundt(L. iu vun, den 2. December 1859. Su— die nn von den Fenſtern abgethaut, um in I. Der TDod. Es war ein ſchöner, heller Wintertag. Die Sonne machte den Schnee in tauſend diamantenen Lichtern funkeln, gab den Straßen und Plätzen ein feſtliches, leuchtendes Anſehen, und durchwob die Bäume mit einer Glorie. Schlitten mit geputzten Schönen und lächeln⸗ den Cavalieren brauſten daher, und unter dem harmoniſchen Geklingel ſilberner Glocken hoben die muthigen Pferde noch ſtolzer ihren edlen Hals. Geſchäftig eilten luſtige Knaben die Straße hinab, um vor den Thoren die Winterfreuden Schlitt⸗ ſchuh laufend zu genießen, und die kleineren Bu⸗ ben warfen einander ſchäkernd und lachend mit zuſammen gerafftem Schnee. Ueberall Luſt und Lachen, Heiterkeit und Froh⸗ ſinn, überall geröthete Wangen, ſei es von der Frende oder von der Kälte; überall hat die Sonne 5 die Zimmer hinein den erſten, wenn auch matten Gruß des nahenden Frühlings zu ſenden. Aber durch die Fenſter jenes ſtattlichen Hauſes dort dringt ſie nicht, denn dieſe Fenſter ſind dicht verhangen, und da drinnen erwartet man nicht den Frühling mit ſeinem neuen Leben, ſondern den Tod mit ſeiner ewigen Ruhe. Die Fenſter ſind dicht verhangen, und in die⸗ ſem ſtillen dunklen Zimmer wird der letzte Act einer Tragödie abgeſpielt, die wir Leben nennen und die reich iſt an großem Leid und tiefem Weh, in welcher der Menſch ſtets der ringende und un⸗ terliegende Held, das Schickſal der Dichter iſt. In dieſes ſtille Gemach dringt kein Laut der Außenwelt, und'wenn zuweilen ein Geränſch die Stille deſſelben unterbricht, ſo iſt es vas leiſe Aechzen eines jungen Weibes, das dort auf ſeide⸗ nen Kiſſen, auf weichem Lager den harten Druck des Lebens ſchwer empfindet in ihrer Bruſt, die nun bald von leichter Erde bedeckt ſein wird. Vielleicht iſt ihr das Leben minder leicht ge⸗ weſen, und ſie hat ihr Hanpt gebeugt unter der Laſt der Welt, gebeugt, bis es zuſammenbrach. Nicht die Krankheit allein hat dieſes jugend⸗ liche Antlitz gebleicht, nicht der nahende Tod hat das Lächeln von dieſer Lihp⸗ geküßt, das Leben hatte ſchon lange dem Tode hier vorgearbeitet und † der Krankheit, es hatte dieſen holden Lippen ihr nommen, und der Tod hatte ſeinen Bruder, den Gram, geſandt, daß er dieſe Blume entblättere und es ihm leichter mache ſie zu pflücken; lang⸗ ſam, langſam hatte der Gram Blatt nach Blatt abgepflückt, bis nichts mehr übrig blieb, als ein gebrochenes Herz, bereit, dem Tode, als dem letz⸗ ten und einzigen Freunde, ſich in die kalten Arme zu ſchmiegen. O wie viele Thränen haben dieſe Augen ge⸗ weint, die jetzt mit ruhigem, klaren Blick dem Tode entgegen ſchauen, wie lebensmüde iſt das ſchöne Haupt geſenkt, über das erſt zwanzig Sommer dahin gegangen, und das doch ſchon dem Grabe ſich entgegen neigt. Aufgelöſt iſt ihr ſchwarzes, langes Haar, und hängt wie ein großer Trauerſchleier über die pur⸗ purnen Kiſſen und die Seiten des Logers hinab, das Antlitz des Kindes beſchattend, das in fried⸗ lichem Schlummer in der Wiege ſchläft, die neben dem Lager der Sterbenden ſteht. Seltſam und ſchauerlich iſt dieſer Anblick. Zwei Geheimniſſe neben einander, das Geheimniß des Lebens und des Todes; hier ein lächelndes Kind an den Pforten des Lebens, und dort ein ächzen⸗ des junges Weib an den Pforten des Todes. Wer von ihnen Beiden iſt der Gewinnende? Iſt es die Mutter, welche bald den Tod um⸗ armen wird, oder iſt es das Kind, das ſchlum⸗ mernd ſeine Arme dem Leben entgegen ſtreckt? Nur der Tod ſelber iſt es, der dies Geheimniß enthüllt, und erſt wenn wir geſtorben, werden wir wiſſen, ob es der Mühe werth war zu leben! Wie aber das Kind ſchlummernd ſeine Arme empor ſtreckte, verwickelten ſie ſich in dem ſchwar⸗ zen Haar des jungen Weibes, das Kind erwachte und ſchlug die Augen auf, und ſpielte lächelnd mit dieſem feinen, dunklen Haar, das ſich über ſein Antlitz breitete und es umgab, wie mit einem Trauerflor. Auf der andern Seite des Lagers ſaß eine Schlummernde, ihr Haupt war zurück geneigt auf die Lehne des Seſſels, und die Nachtlampe, die man vergeſſen auszulöſchen, beleuchtete mit grel⸗ lem Schein das edle jugendliche Antlitz des ſchlum⸗ mernden Mädchens, das manche Nacht ſchon am Lager der Freundin gewacht, und jetzt zuſammen geſunken war vor übergroßer Ermattung. Als aber die Kranke jetzt den Namen: Giſela! rief, richtete ſie ſich empor und neigte ſich mit in⸗ nigem Liebesblick über das Lager. „Hier bin ich, Emma, meine theuerſte Freun⸗ din,“ ſagte ſie mit weichem Ton, und die Kranke ſchlug die Augen auf, und ſchaute lange und mit ſeltſamem Ausdruck in das geliebte Angeſicht ihrer Freundin. ſ. 3 „Giſela,“ ſagte ſie dann kaum hörbar,„ich ſterbe endlich!“ 5 O, welch eine tiefe Klage, welch ein verzweif⸗ lungsvolles Weh lag in dem Ton, mit dem ſie das Wort„endlich“ ſprach, wie viel Lebens⸗ überdruß und Todesſehnſucht in dieſem einzigen Wort! 8 Giſela erwiederte nichts, aber ihre Augen füll⸗ ten ſich mit Thränen, die bald hernieder ſielen und Emma's Antlitz befeuchteten. „O, Du weinſt, Giſela,“ ſagte ſie, und ver⸗ ſuchte zu lächeln,„weinſt Du, weil ich ſterbe?“ „Nein, Emma,“ erwiederte ſie ſanft,„ich weine nur weil ich Dich verliere.“. „Aber Du gönnſt mir den Tod, denn Du liebſt mich,“ flüſterte Emma,„und Du biſt nicht ſo grauſam mich in's Leben zurück zu wünſchen. O mein Gott, das Leben. Seit drei Monaten ſterbe ich jeden Tag, jede Stunde, ohne daß der Tod kam mich zu befreien! Jetzt, Giſela, jetzt iſt er da! Jetzt wird er mir den dunkeln Vorhang von den Augen nehmen, und hinter demſelben wird er mich Den ſchauen laſſen, deſſen Namen meine Lippen nicht nennen durften! Zetzt endlich werde ich wie⸗ der rufen können: Edgar! Edgar! und Niemand wird da ſein, der mir deßhalb zürnt, denn Gott verzeiht der Liebe, was die Liebe ſündigte, und er geht nicht mehr in's Gericht mit einem Herzen, das gebrochen iſt unter den Qualen der Welt.“ Emma ſchwieg in tödtlicher Erſchöpfung und röchelnd nur ging der Athen aus hie hervor. Giſela, über ſie geneigt, weinte leiſe ſtille Thränen, denn ſie dachte, der Tod komme ſchon den letzten Lebenshauch aus dieſer zerfallenen Bruſt zu ziehen und dieſen zuckenden, klagenden Lippen das dunkle Siegel ewigen Schweigens aufzu⸗ Aber Emma öffnete noch einmal die Augen, und dieſe erſchienen jetzt ſtrahlend und hell, und ihr Mund lächelte mit dem Ausdruck ſüßer Be⸗ friedigung. Es ſchien, als ſei ſie ſchon geſtorben, und ihr befreiter Geiſt kehre nur noch einmal zu⸗ rück in dieſe irdiſche Hülle, um Frieden zu geben und zu ſegnen. „Das Leben,“ ſagte ſie mit voller kräftiger Stimme,„das Leben iſt ein böſer, wüſter Traum, und erſt wenn wir aus dem Opinmrauſch dieſes Lebens erwachen, fangen wir an zu leben! Aber welche Schmerzen giebt uns dieſer Traum, welche Qualen erweckt er in unſerer Bruſt! Hier iſt Alles Verderben und Tod, und Alles duftet nach Moder und Verweſung; aber da drüben, jenſeits dieſes Lebens, da ſehe ich ſonnige Thäler, und nimmer erſchallt eine Klage, ein Schmerzensſchrei in jenen Räumen der Freude. Ewiges Lächeln ruht auf jenen Gefilden, und ſelige Geiſter ſchweben daher mit dem ewigen unſterblichen Leben, und ſie win⸗ ken mir, und Edgar breitet die Arme aus! O 3 Edgar!“— Und es ſchien, als wolle ſie entſchwe n zu jenen lichten Räumen, die ſchon ihrem inneren Auge erſchloſſen waren, denn ſie breitete die Arme empor und richtete ſich auf. Aber das Leben hielt ſie noch gefeſſelt mit mächtigen Banden und⸗zog den Griſ der ſchon ſeine Fittige ausgebreitet, zurück zu den Gedanken der Welt; bevor Emma dem Geliebten folgen konnte dort oben, mußte ſie ſich erſt erinnern, daß ſie ihr Kind zurücklaſſe hier unten, und ſie rief mit einem Schmerzensſchrei:„mein Kind, mein armes Kind!“— Dann ſagte ſie ruhig und ent⸗ ſchloſſen:„Giſela, hörſt Du mich?“ „Ich höre!“ „Giſela, komm, reiche mir Deine Hand, Du meine einzige, meine letzte Freundin, und nun ſchwöre in meine Hand, daß Du mein Kind nim⸗ mer verlaſſen und vergeſſen willſt, daß Du, ſo⸗ bald es in Gefahr, neben ihm ſein, und es ſchützen willſt mit Deiner Liebe, daß Du an ſeiner Wiege wachen willſt, wenn es krank, und ihm von ſeiner Mutter erzählen willſt, wenn es geſund iſt! Schwöre mir, daß Du dies Kind meiner Schmerzen lieben und ihm das Leben leicht machen willſt, ſo viel es in Deiner Macht; ſchwöre mir, meiner Tochter dereinſt eine Mutter zu ſein!“ Und Giſela drückte ihre Hand feſter in die er⸗ kaltende Hand ihrer Freundin, und ſagte mit feſtem Ton;„ich ſchwöre es Dir, Emma!“ „Dann darf ich ſterben,“ flüſterte Emma leiſe mit einem glücklichen Lächeln, und lag lange ſtumm und unbeweglich da. Sie ſchien es nicht zu hören, daß die Thür des Nebenzimmers ſich leiſe öffnete, und ein jun⸗ ger Mann vorſichtig ſchleichend zu ihrem Lager trat. Sein Antlitz war bleich und ſeine Züge kämpf⸗ ten und arbeiteten in großer Bewegung, als er auf das junge ſterbende Weib blickte, und ſich erinnerte, daß er ſie einſt ſo ſehr geliebt und daß nicht der Tod, ſondern das Leben ſie getrennt. Biſela blickte forſchend und prüfend in ſein bewegtes Angeſicht, dann ſagte ſie leiſe:„jetzt, nur jetzt laſſen Sie Ihr Herz milde ſein, und gedenken Sie der Zeiten, wo Sie Emma liebten. Zetzt darf nichts in Ihrem Herzen ſein als Verzeihung und Milde!“ „So iſt es auch,“ erwiederte er, und Emma ſchlug die Augen auf, und ſagte ruhig:„lebe wohl, Conrad! Du haſt mir verziehen, ich danke Dir! Liebe meine Tochter, und ſei ihr ein Vater, denn ich ſage Dir, ſie iſt Dein Kind!“ Nun ſank ſie zurück und ächzte laut. Dann trat eine tiefe Stille ein, Giſela und Conrad ſtanden an dem Sterbebett und lauſchten mit angehaltenem Athem auf die immer leiſeren Seufzer der Sterbenden; die im Verlöſchen be⸗ griffene Lampe leuchtete zuweilen höher auf, und warf dann lange dunkle Schatten, während durch eine Spalte zur Seite der Fenſtervorhänge die Sonne jetzt einen hellen Schein durch das Ge⸗ mach zog, der wie ein Lichtſtreifen über das Lager Emma's ſich legte und ihr armes gebeugtes Haupt grell beleuchtete. Wie ſchauerlich war dieſe, nur von dem Kni⸗ ſtern der Lampe unterbrochene Stille, dieſe lange Pauſe des Schweigens. Dann aber hörte man zu gleicher Zeit ein doppeltes Geräuſch. Es war das Kind, das mit dem Haar ſeiner ſterbenden Mutter ſpielte, und munterer geworden, jetzt laut auflachte und kreiſchte mit ſeiner lallenden, kind⸗ lichen Zunge; dazwiſchen vernahm man das lau⸗ tere Aechzen, das letzte Todesröcheln aus der Bruſt ſeiner Mutter, und unter dem Zauchzen ihres Kindes war die Mutter geſtorben. Giſela ſtand lange an ihrem Lager; ſie dachte an dies junge, früh gebrochene Leben, ſie dachte an all die köſtlichen Stunden, die ſie mit dieſer ihrer theuerſten Freundin verlebt, ſie dachte auch an all die Qualen, die Emma erduldet, an all die Thrä⸗ nen, die ſie geweint, ſie dachte an die Vergangen⸗ heit, die ſie mit ihrer Freundin durchlebt, und an die Zukunft, in welcher ſie einſam ſein würde, und ſie ſagte zu ſich ſelber:„wird auch mir das Leben nichts geben, als den Tod? Werde auch ich Blüthe nach Blüthe meines Daſeins verwelken und meine Hoffnungen und Wünſche zerſchellt ſehen an dieſen Klippen und Abgründen der Welt?“ 0 Eine Hand legte ſich leiſe auf ihre Schulter, und dieſe Berührung weckte ſie aus ihrem trüben Sinnen. Es war Conrad von Serming, der Gemahl der geſtorbenen Freundin, der ihr liebevoll be⸗ ſorgt in das ſchöne Antlitz ſchaute.„Sie ſehen bleich aus und leiden, theuerſte Giſela,“ ſagte er theilnahmsvoll,„Sie bedürfen der Ruhe. Drei Nächte haben Sie an dieſem Sterbebette gewacht, jetzt aber müſſen Sie nicht mehr der Todten, ſon⸗ dern der Lebenden gedenken, Sie müſſen ſich ſcho⸗ nen für ihre Freunde. Mein Wagen ſteht ſchon ſeit Stunden angeſpaunt, damit ich, ſobald hier der Tod erfolgt, ſogleich bei Hofe davon die An⸗ zeige machen könnte; geſtatten Sie, daß ich Sie zuvor in Ihre Wohnung führen darf.“ „Sie wollen ſelbſt zu Hofe?“ fragte Giſela mit vorwurfsvollem Ton.„Wie kalt muß das Herz ſein, wenn der Kopf an alle dieſe Kleinig⸗ keiten der Etiquette denken kann.“ Dann neigte ſie ſich über die Todte und küßte ihre Lippen und drückte ihr mit leiſer, ſchonender Hand, als fürchte ſie noch ihren Schlummer zu ſtören, die großen Augen zu, deren Feuer auf immer erloſchen war, und Giſela's eigenen Augen entſtrömten Thränen, die das Geſicht der Ster⸗ benden bethauten. „Lebe wohl, Emma, lebe wohl,“ flüſterte ſie leiſe,„und wenn es eine Ewigkeit giebt, ſo wer⸗ den wir uns dereinſt wiederſehen!“ Nun richtete ſie ſich auf und trocknete ihre Thränen, und bezwang mit kräftigem Willen ihre tiefe Bewegung. „Laſſen Sie uns denn gehen, Herr von Ser⸗ ming,“ ſagte ſie ruhig, ſich feſter in ihren Shawl hüllend, daß er die ſtolzen Formen ihrer ſchönen Geſtalt ganz umſchloß.„Laſſen Sie uns gehen, wir ſind überflüſſig hier, wo der Tod ſein Regi⸗ ment aufgeſchlagen!“ H. Die Schweſtern. „Eine Bitte!“ ſagte Giſela ernſt, als der Wagen vor ihrem Hötel hielt, und Conrad von Serming eilig herab ſprang, ihr beim Ausſteigen behülflich zu ſein.„Eine Bitte! Senden Sie mir jeden Tag Emma's Tochter! Laſſen Sie bei dem geringſten Zufall, der die Kleine betrifft, mich ſofort benachrichtigen. Ich habe verſprochen über das Kind zu wachen wie eine Mutter!“ „O, Sie wollen alſo die Mutter meines Kindes ſein!“ flüſterte Conrad, und ſah ihr mit einem eigenen flehenden Ausdruck in die Angen. Giſela begegnete ſeinen Blicken mit ſtolzer Ruhe und faſt verächtlicher Kälte. Sie erwiederte aber nichts, ſondern neigte ſtumm zum Abſchied ihr Haupt, und trat zurück in ihr Hötel. Sinnend ging ſie die breite glänzende Treppe hinauf und durchſchritt das Vorzimmer, um ſich nach ihren Gemächern zu wenden, als eine Thür ſich öffnete, und eine hohe, weibliche Geſtalt in derſelben erſchien. „Biſt Du endlich da, Giſela,“ ſagte ſie in heftigem, unfreundlichem Ton.„Gefällt es Dir endlich wieder zu kommen, nachdem Du drei Tage und Nächte nicht heimgekehrt?“ „Emma iſt todt,“ ſagte Giſela ernſt,„deß⸗ halb kann ich wieder kommen! Auch fürchte ich nicht, daß Du mich vermißt haſt, Schweſter!“ „Alſo Emma iſt todt,“ erwiederte die Dame ärgerlich,„und dies allein iſt die Urſache, daß Du endlich das thuſt, was Anſtand und Schick⸗ lichkeit längſt von Dir forderten, und in das Haus Deiner Schweſter zurückkehrſt; lebte Emma noch, ſo würdeſt Du vielleicht noch andere drei Nächte bei ihr bleiben!“ „Gewiß,“ ſagte Giſela ruhig,„gewiß würde ich das thun, Judith, denn nicht allein mein Herz, ſondern auch meine Pflicht hätte dies ge⸗ wollt!“ „Deine erſte und einzige Pflicht iſt, Dich den Geſetzen des Anſtandes ſtreng zu fügen,“ erwiederte ihre Schweſter Judith ernſt,„und nicht auf ſo abenteuerliche Weiſe die Welt gegen Dich heraus zu fordern.“ „O, die Welt!“ ſagte Giſela verächtlich,„ich fürchte die Welt nicht, und werde mich nimmer ihren tyranniſchen Anforderungen beugen!“ Sie war ihrer Schweſter in den Salon ge⸗ 3 F folgt, und ließ ſich langſam und erſchöpft auf einen Seſſel gleiten, während ihre Schweſter haſtig auf und ab ging. „O, dieſe Weltverachtung wird Dein Verder⸗ ben ſein, Giſela,“ ſagte ſie heftig,„denn die Welt verzeiht es nimmer, wenn man ſie gering⸗ ſchätzt, und wer ihr Gewicht für leicht hält, dem legt ſie ſich ſchwer auf den Nacken, daß er ohn⸗ mächtig zuſammen bricht unter dieſer Laſt. Die Meinung der Welt, das iſt der Atlas, der unſer ganzes Daſein auf ſeinen Schultern trägt, und uns erhebt oder fallen läßt.“ „Und dieſer Rieſe Atlas iſt nicht klüger, als ſein älterer Bruder,“ ſagte Giſela lächelnd,„beide laſſen ſich mit Schmeichelworten überliſten.“ „Meinſt Du!“ fragte Judith leicht erröthend, und ihre Schweſter mit prüfenden Blicken betrach⸗ tend, als wolle ſie auf ihrem Antlitz ihre innerſten Gedanken leſen.„Und woher, Giſela, kommt Dir dieſe ſeltene Weisheit,“ fuhr ſie dann ſpöttiſch fort,„Dir, die kaum erſt ein Jahr in dieſer Welt lebt?“ „Vielleicht iſt es gerade deßhalb,“ ſagte Gi⸗ ſela lebhaft,„vielleicht iſt es, weil ich, fern von der Welt, in der Stille und Einſamkeit aufge⸗ wachſen bin, daß ich mit unbefangenem, unver⸗ blendetem Auge dieſe Welt betrachte und ihrer Mängel mir bewußt bin! Ihr, die Ihr immer mitten darin geſtanden, Ihr könnt die Mängel ½ — dieſer Eurer großen Welt nicht ſehen, denn die Gewohnheit hat Euren Blick abgeſtumpft, und Euch gilt für ſchön und groß, was mir klein und unbedeutend erſcheint. Vielleicht habe ich Unrecht, vielleicht Ihr! Jeder aber muß ſeiner Ueberzeu⸗ gung folgen, Ihr der Euren, ich der meinen.“ „Das ſollſt Du aber nicht,“ rief Iudith heftig,„das iſt eben was ich von Dir fordere, daß Du Deinen Willen unterordneſt, und Dich dem Hergebrachten und von der Sitte Geheilig⸗ ten unterwirfſt, daß du dieſen Geſetzen der Welt Dich fügſt und ihrem Willen Dich bengſt!“ „Nimmer!“ rief Giſela mit erglühenden Wan⸗ gen,„ich ſage Dir, Schweſter, nimmer wird dies geſchehen! Ich kann mich nicht beugen vor dem, was ich verachte!“ „Mein Gott, und was achteſt Du denn, wenn Du die Welt verachteſt?“ fragte Judith ſpöttiſch. „Mich ſelber, Schweſter,“ erwiederte Giſela ernſt,„und nur was mir ſelber Recht erſcheint, das thue ich, und nur dieſen Stimmen, die in meiner Bruſt rathend oder abrathend zu mir ſprechen, nur dieſen werde ich folgen!“ „Und biſt Du ſo gewiß, daß dieſe Stimmen immer Dir das Rechte zeigen?“ fragte ihre Schweſter heftig,„hältſt Du Deine eigene Ueber⸗ zeugung für ſo unfehlbar, daß Du gewiß biſt das Rechte zu wählen?“ „Gewiß iſt es leichter, Schweſter,“ ſagte Gi⸗ ſela ruhig,„leichter und bequemer, dem Urtheil und der Ueberzeugung Anderer zu folgen, als ſelbſt zu wählen, ſelbſt zu handeln, aber das Be⸗ quemere iſt nicht immer das Beſſere. Ach, und wie viel Verſtellung, wie viel Falſchheit, wie viel Unwahrheiten bedarf es, dieſem Schreckniß zu ge⸗ nügen, das Ihr das Urtheil der Welt nennt. Wie oft müßt Ihr lächeln, wo Ihr zürnen, finſter blicken, wo Ihr lächeln möchtet! Wie oft müßt Ihr einen Schleier über Euer Herz legen, weil es wider den Anſtand iſt, zu zeigen, daß ein Herz in Eurem Buſen klopft, wie oft Eure Seele ver⸗ hüllen unter einem nichtsſagenden Lächeln, und Worte, ſchöne, klingende, geſchmeidige Worte über Eure Gedanken ausbreiten, daß Niemand dieſe erräth! O mein Gott, wie viel Kutkſt bedarf es, um in dieſer Eurer Welt eine Heilige und Unan⸗ gefochtene zu ſein! Ich aber, Judith, ich kann dieſe Kunſt nicht erlernen! Ein Kind der Natur, wie ich es bin, kann ich Eure Formen und Kunſt⸗ ſtückchen nicht begreifen und keinen Schleier über mein Angeſicht ziehen, daß es aufhöre der Spie⸗ gel meiner Seele zu ſein! Frei müßt Ihr mich laſſen, denn in Euren Feſſeln des ſogenannten Anſtands zerbricht mein Weſen, wie die Lerche ſtirbt, wenn ſie gefangen iſt. Frei muß ich ſein können und wahr, auf meinen Zügen ſollt Ihr die Gedanken meines Innern leſen können, und ich will nimmer trachten, ſie Euch zu verbergen, denn Wahrheit iſt das erſte Geſetz meiner Natur, und nichts haſſe ich mehr, als die Heuchelei!“ „Nun gut,“ rief Judith ungeduldig,„mögen. Deine Ueberzeugungen ſein, welcher Art ſie wollen, ſo darf ich, als Deine Schweſter, welche Mutter⸗ ſtelle bei Dir vertritt, welche Dich in ihrem Hauſe aufgenommen, ſo darf ich fordern, daß Du min⸗ deſtens aus Dankbarkeit gegen mich Dich meinen gerechten Anforderungen fügſt, und Alles vermei⸗ deſt, was der Welt ein Aergerniß iſt. Iſt es nicht aber auch empörend, Tage und Nächte lang in dem Hauſe deſſen zu bleiben, von dem alle Welt weiß, daß er Dir den Hof macht?“ „Ich durfte nicht daran denken, daß ich in ſeinem Hauſe, ſondern nur, daß ich in dem Ster⸗ bezimmer meiner Freundin war.“ 5 „Die Welt aber wird daran denken,“ rief Judith heftig. „So mag ſie es,“ erwiederte Giſela ruhig, „und mag ſie ſich erinnern, daß man nur dann die Welt nicht ſcheut, wenn man nichts zu ver⸗ bergen hat, und daß man ſelten ſchuldig iſt, ſo lange man es verſchmäht, den Schein zu Hülfe zu rufen.“ Judith ſchien einen Augenblick in Verwirrung zu gerathen, und wieder ruhte ihr Auge prüfend auf dem Angeſicht ihrer Schweſter. Giſela be⸗ merkte es nicht, und fuhr unbefangen fort:„Und Zwei Lebenswege. I. 2 dann, Judith, wenn die Welt mir zürnt, biſt Du dann nicht da, ſie mir zu verſöhnen? Du, die man das Muſter aller Tugenden nennt?“ „Aber man wird an mir ſelber zweifeln und irre werden,“ ſagte Judith noch immer grollend, „wenn Du fortfährſt, Dich und mich ſo zu com⸗ promittiren! Verſprich mir mindeſtens, Giſela, in der Zukunft mehr über Dich zu wachen und be⸗ dachtſamer zu ſein!“ „Ich kann nichts verſprechen,“ ſagte ſie, leicht das Haupt ſchüttelnd,„nichts, wovon ich weiß, daß ich es nicht halten kann! Und ſchlüge Emma ihre lebensmüden Augen wieder auf und riefe nach mir, ſo würde ich an ihr Lager eilen, ob auch die ganze Welt auſſtände, mich zurück zu halten!“ „Abſcheulich!“ rief Judith außer ſich. „Emma war meine Freundin,“ fuhr Giſela ruhig fort,„und wahre Freundinnen ſind ſo ſel⸗ ten, daß jede Minute, die man an ihrer Seite iſt, ein Gewinn für das Leben genannt werden kann! O meine arme Freundin! wer anders als die Welt hat ihr Herz vor der Zeit gebrochen, dieſe harte, mißtrauiſche Welt, die ich von Grund meines Herzens verabſcheue!“ „So gehe in ein Kloſter,“ rief Iudith. „Nein, ich will leben und das Leben ge⸗ nießen, aber auf meine Weiſe,“ ſagte Giſela. Ein Beſuch ward gemeldet, und Giſela war 3 froh, daß ihr geſtattet ward, ſich in ihre Ge⸗ mächer zurück zu ziehen. „Wohl mir, hier iſt es einſam und ſtill,“ 3 ſagte ſie, ganz erſchöpft zuſammen ſinkend,„bis hierher werden ſie mich mindeſtens nicht verfol⸗ gen mit ihren kleinlichen Aengſten und Sorgen!“ MI. Baronin Indith. Baronin Judith war Giſela's einzige Schwe⸗ ſter, mehr noch, ſie war ihre einzige Verwandte; das Schickſal hatte hier zwei weibliche Weſen an einander gekettet und zur Neigung gezwungen, zwei Weſen, deren Wege außerdem eine ganz ent⸗ gegengeſetzte Richtung hätten einſchlagen mögen, und deren Neigungen ſich ſtets nur feindlich be⸗ rühren zu können ſchienen. Verſchieden im Alter, viſchieit im Charakter und der Geſinnung, verſchieden in allen ihren Wünſchen und Gedanken, war nichts, was dieſe beiden ungleichen Weſen an einander band, nichts, als dieſe äußere Feſſel zufälliger Verwandtſchaft, welche ſelten, und nur in den glücklichſten Fällen, etwas Anderes iſt, als eine Zwangsjacke, die den Schrei des Unwillens, des Zorns, die Haß und Widerwillen, Gleichgültigkeit und Abneigung zu⸗ rück drängt, gewaltſam zurück in die Bruſt, und uns nöthigt, aus unſerm Geſicht eine Larve zu machen, die Freundlichkeit und Liebe, und nichts als Liebe zeigt. Denn den Bruder, die Schweſter, welche ein blindes Geſchick an Deine Seite ge⸗ ſtellt, nicht lieben, nennt die Welt ein Verbrechen. Die Tyrannei der Verwandtſchaft war es, welche Judith und Giſela verband und zur Liebe nöthigte. Die Kinder Eines Vaters, Einer Mut⸗ ter, die Kinder Einer Liebe, war doch dies das Einzige, was ihnen gemeinſchaftlich angehörte, was ſie Beide ihr Eigen nannten. Unfern von der kleinen Reſidenzſtadt, in wel⸗ cher ſie jetzt wohnten, auf dem reizend belegenen Landſitz ihrer Aeltern hatten die beiden Schweſtern die Tage ihrer erſten Kindheit verlebt, aber nicht gemeinſam, ſondern eins nach dem andern, denn Judith zählte ſchon faſt zehn Jahre, als Giſela geboren ward, und ſo hatten ſie nicht einmal ge⸗ meinſame Erinnerungen froh verlebter Kinderjahre, glücklicher Kinderſpiele. Wenige Jahre nach Giſela's Geburt war ihr Vater, der Baron von Waidmann, geſtorben, ſeine Vermögensumſtände in einer Zerrüttung zurück laſſend, die ſeiner Witwe um ſo erſchütternder war, je weniger ſie ein ſolches Ungemach voraus geſehen und geahnt hatte. Die köſtliche, auf das Geſchmackvollſte eingerichtete Villa mußte verkauft und verlaſſen werden, mit ihr der Leizende, im großartigſten Styl angelegte Park. Die Equipagen, die Dienerſchaft, die reichen Livreen, das Alles verſchwand, und begleitet von ihren beiden Kindern und einer einzigen treuen, alten Magd bezog die Baronin Waidmann ein einſames kleines Jagdſchloß mitten im Walde, das Einzige, was ihr, außer einem kleinen, kaum zum ausreichenden Capital, aus den Tagen früheren Glanzes geblieben war. Dieſer Wechſel war der erſte Lebensſchmerz der damals zwölfjährigen Judith geweſen. Sie hatte nicht geweint bei dem Tode ihres Vaters, den ſie nur gefürchtet, nimmer geliebt hatte; ihr Herz war ungerührt geblieben bei dem Abſchied von den ſchönen Gartenplätzen, die ihre kindiſchen Spiele und Freuden geſehen, von den Dienern, die weinend ihr die Hand zum letzten Gruße dar⸗ reichten und unter Thränen das Schloß verließen, in welchem ſie, Dank dem milden, freundlichen Walten der Baronin, nur Gutes genoſſen. Aber als die ſtattlichen Equipagen fortgeführt, als die koſtbaren Meubles verkauft waren, da weinte Ju⸗ dith und warf ſich troſtlos in die Arme ihrer Mutter. „Oh,“ ſagte ſie ſchluchzend und zitternd vor Schmerz,„von nun an werden wir alſo, wie das geringſte Bauermädchen, zu Fuße auf der Straße gehen, und gleich dieſem demüthig bei Seite treten müſſen, wenn irgend eine Equipage daher kommt.“ Vergebens waren die freundlichen Troſtesworte 23 ihrer Mutter, Judith's Herz blieb unempſfindlich für die Zeichen mütterlicher Vebe und Theilnahme, und wenn ſie es über ſich vermochte, hinfort nicht mehr zu klagen, ſo geſchah dies weniger aus Schonung für ihre leidende unglückliche Mutter, als aus einem ihr inne wohnenden Stolz, der ihr verbot, da zu klagen, wo jede Klage frucht⸗ los ſei. Iudith lernte ſchweigen, aber der Kummer, nach außen hin erſtickt, fraß ſich um ſo tiefer in ihr Inneres, und zerſtörte dort, gleich einem wü⸗ thenden Feuer, die letzten Blüthen ihrer Kindlichkeit und Jugendfriſche. Indith war plötzlich erwachſen und gereift, trotz ihrer zwölf Jahre, ſie floh die Kinderſpiele und die Jugendluſt, und das heitere Lachen der zweijährigen Giſela erregte in ihr einen geheimen Widerwillen gegen das Kind, das mit ſeinen hellen Augen ſo heiter und glücklich in die Welt hinein ſchaute, und nichts begriff von dem, was es verloren. Zudith aber begriff und verſtand dieſen Verluſt täglich nen, und jeder Tag erbitterte ihr Herz mehr und mehr. So zogen langſam die Jahre über ihrem Haupte dahin, ſie hatte aufgehört ein Kind zu ſein, ſie war heran gereift zur Jungfrau, aber ihren Wangen fehlte die Roſenblüthe der Jugend, ihren Lippen das ſanfte Lächeln junger Mädchen; ſie waren oft feſt auf einander gepreßt, als dränge 2— ſie gewaltſam irgend einen Schrei des Zorns oder des Unwillens zurück, ihre Wangen waren von einer durchſichtigen Bläſſe, und auf ihrer hohen von dunklen Locken beſchatteten Stirn wohnte nur Unmuth und Stolz. Sie hatte es gelernt mit Worten zu ſchweigen über ihren Kummer, aber ihr bleiches Antlitz ſprach für ſie, und bei jeder neuen Entbehrung, die Judith mit ſtillem Ingrimm„Demüthigung“ nannte, bei jedem neuen Anlaß, der ſie an ihre Armuth und Dürftigkeit erinnerte, blitzten Judith's Augen im Feuer des Zorns und gekränkten Stolzes. Hatte ihre ſanfte, ſtill ergebene Mutter es zuweilen verſucht, dieſen Schmerz ihrer jungen Tochter zu ſänftigen und ihr Herz zu erweichen zu milderen Gefühlen, ſo waren dieſe Verſuche nur die Veranlaſſung geweſen, daß Inudith ſich mehr und mehr von ihrer Mutter zurück zog, und mit einer Art überhebender Verachtung heimlich meinte, ihre Mutter begreife weder der Tochter edlen Schmerz, noch habe ſie Sinn für die tiefe und ungerechte Kränkung ihrer Ehre. Reichthum und Anſehen, das nannte Judith Ehre, und ſie begriff weder die edle Reſignation ihrer Mutter, noch das kindliche Lächeln ihrer Schweſter Giſela. Oh, wie verwundete vas Jauchzen und Lachen dieſes Kindes ihr Herz, und wie vft floh ſie vor dieſem Lächeln in die Stille ihres kleinen Gemaches, oder in die Einſamkeit des Waldes, — 35 ſich nieder werfend unter den hohen Bäumen und unter ihrem Rauſchen endlich ihrem Grimm, ihrem verhaltenen Zorn Worte gebend, und in bittere Klagen und Verwünſchungen ausbrechend gegen ihr Geſchick. Aber in minder aufgeregten Stimmungen waren es andere Gefühle, die Judith hinein lockten in die Stille und das Schweigen des Waldes. Wie ſchön ließ es ſich träumen in dieſer Waldeinſamkeit, und wie lieblich begleiteten die Bäume mit ihrem Rauſchen und Flüſtern die geheimen Geſänge ihres Herzens! Judith hatte auch ihre jugendlichen Träumereien, aber dieſe bezogen ſich alle auf die Welt, und wenn ſie mit hochklopfendem Herzen und blitzenden Augen ſich den Gemahl dachte, den die Zukunft ihr bringen ſollte, ſo malte ſie ihn nicht mit jenen glänzenden Farben der Schönheit und des Lichts, mit denen ſonſt junge Mädchen gewohnt ſind ihr„Ideal“ zu verklären, ſo träumte ſie nicht von all den herrlichen Eigenſchaften, von den hohen Tugenden, die ihn ſchmückten, von der Jugend und Schönheit, die er beſitzen müſſe, ſo erröthete ſie nicht in jugendlicher Sehnſucht und in Liebesverlangen, ſondern ſie ſagte mit einem ſtolzen Lächeln:„Und mag er ſein wie er will, mag er häßlich ſein und ungeſtaltet, wenn er nur vornehm iſt. Wenn er alt iſt, nun um ſo beſſer, ſo wird er nicht verlangen, daß ich ihn liebe, und mir wird dieſe — Heuchelei erſpart; mag er alt und auch häßlich ſein, wenn er nur vornehm iſt und reich, wenn er mich nur einführt in die Welt, in die glänzende, ſchöne Welt!“ Und bei dem Gedanken an dieſe ſchöne Welt, unter welcher Judith nichts weiter verſtand, als die ſogenannte große Welt der Salons, bei dieſem Gedanken durchflog ein freudiges Zittern die edle Geſtalt des jungen Mädchens, und ihre bleichen Wangen färbten ſich, ihre Lippen lächelten, denn nun zogen glänzende Bilder der Zukunft an ihrer Seele vorüber; ſie ſah ſich inmitten ihres ge⸗ ſchmückten Salons, umringt von demüthigen Ver⸗ ehrern, in koſtbarer, fürſtlicher Toilette, ſie ſah alle Augen der Männer bewundernd auf ihr ruhen, ſah den ſchlecht verhehlten Neid und Zorn der Damen. Die Gegenwart mit ihren Entbehrungen war vergeſſen, und erſt wenn ſie bei dem lauten Ruf des Entzückens, der von ihren Lippen drang, zuſammen ſchrak vor ihrer eigenen Stimme, erſt Wirklichkeit geweſen. Dieſe Träume aber nun zur Wirklichkeit zu machen, das war es, was unabläſſig Zudith's Gedanken beſchäftigte, was ihrer Jugend die Heiter⸗ keit, ihrem Munde das Lächeln nahm. Daß die Zukunft ſich ihren Wünſchen gemäß geſtalten werde, das ſchien ihr unzweifelhaft gewiß, ſie glühte nur, dann erwachte ſie aus ihren ſeligen Träumen, und erinnerte ſich mit Schaudern, daß ſie nicht dieſe Zukunft ſchon Gegenwart zu nennen, ſie fragte nur jeden Tag ſich ſelber:„Wann endlich wird Der kommen, der mir Reichthum und Glanz giebt?“ ſie zweifelte aber niemals, daß er kommen werde. War es vielleicht ihr ſtarker Wille, der das Schickſal zwang, ihr zu dienen und zu gehorchen, wie der ſtrenge Blick des Menſchen den Löwen zähmt, daß er ſich ſchweigend und gehorſam ſchmiegt an die Füße des Menſchen? Sie hatte noch nicht ihr achtzehntes Jahr er⸗ reicht, als ein Zufall den reichen alten Hofmar⸗ ſchall aus der nahen kleinen Reſidenzſtadt mit ihr bekannt machte. Die Kühle und Friſche des Waldes hatte den alten Herrn gelockt, ſeinen Wagen zu verlaſſen und zu Fuß durch den Wald zu wandeln, während ſein Wagen am Ausgang deſſelben ſeiner harrte. Judith lag verſunken in ihre Zukunfts⸗ träume unter einer Eiche, als ſie den alten Herrn, auf deſſen Bruſt Ordenskreuze glänzten, langſam daher ſchreiten ſah. Da rief Alles in ihr:„Das iſt Er! das iſt Dein Gemahl!“ Sie ſchien aber den Hofmarſchall, der ſie jetzt mit freudiger Ueber⸗ raſchung durch ſeine Lorgnette betrachtete, gar nicht zu bemerken, und blickte träumeriſch hinauf in die Wolken, ſanft und anmuthig hingelagert in das Gras. Wie oft hatte ſie dieſe Stellung verſucht, wenn in ihren Phantaſieen es ihr geſchienen, als würde der Gemahl ſie ſo zum erſten Male ſehen,— wie viele andere Stellungen noch hatte ſie geprüft, wie ſehr hatte ſie alle Möglichkeiten überlegt, wie und wo ſie von ihm zuerſt geſehen werden könnte. Ueberraſchend konnte ihr ſein Erſcheinen nimmer kommen, ſie war in jeder Stunde ſeiner gewärtig, immer kampfgerüſtet, immer die Pfeile ihrer Blicke bereit haltend, ihn zu verwunden. Gleich den muthigen und gefürchteten Kriegern des Alterthums legte ſie niemals die Rüſtung und die Waffen ab, um nimmer von dem Feinde, den ſie beſiegen wollte, überraſcht zu werden. Zetzt alſo war er endlich da, ihr künftiger Gemahl, ſie hatte ihn ſo lange erwartet, ſie war ſeines Kommens ſo gewiß geweſen, deshalb konnte ſie ſo ruhig ſein; ſie blickte hinauf gen Himmel, und ihre Augenlider zuckten nicht einmal, auf ihren Lippen ſpielte nur gerade das Lächeln, das ſie für dieſe Situation ſich eingeübt, und lang⸗ ſam und ruhig ging der Athem aus ihrer Bruſt hervor. Und einige Schritte von ihr, halb verſteckt hinter einem Baume, um die ſchöne Träumende nicht zu ſtören, ſtand der alte Hofmarſchall, noch immer nach der ſchönen Geſtalt des Mädchens hinblickend durch ſeine goldene Lorgnette, und ganz trunken vor Entzücken über dieſe ſtolze, glänzende Schönheit. Dazu rauſchten die Bäume und flüſterte es in den Zweigen, in denen muntere Waldvögel zwit⸗ ſcherten, und durch welche hier und da die Sonne — goldene Glanzpuncte ſtreute, durch ihr helles Licht die Schatten vertiefend. Wald und Stille umgaben ſie, und gleich dem Zäger, der hinter dem Baume verſteckt jede Bewegung der argloſen Beute mit achtſamem Auge verfolgt, ſo ſtand der alte Hofmarſchall, während Zudith anmuthig und ſchlank wie ein Reh im Graſe ruhte und mit glänzenden Angen ganz un⸗ befangen ſchien. Aber dieſe Scene dauerte ihr zu lange, ſie eilte ſie zu beenden. Ihre Augen ſenkten ſich, und jetzt ſchien ſie den Lauſcher zu gewahren. Sie ſchreckte zuſammen, und ein leiſes Ach! entfloh ihren Lippen. Dann ſprang ſie auf und wollte entfliehen. Aber der entzückte alte Herr trat ihr mit fle⸗ henden Entſchuldigungen entgegen, er nannte ſei⸗ nen Namen und führte ſein Alter als einen Sicherheitsgrund für Zudith an. „Man wird mich für Ihren Urgroßvater hal⸗ ten,“ ſagte er lächelnd, und Judith ſchüttelte ver⸗ neinend das Haupt; das ſchmeichelte dem alten Herrn, und als das ſchöne Mädchen trotz ſeines Alters ihn dennoch zu fürchten und zu fliehen ſchien, machte ihn der Gedanke ſtolz, daß er alſo noch gefährlich ſein könne, ungeachtet ſeiner weißen Haare. Er erbat die Gunſt, Judith mindeſtens zu ihrer Wohnung geleiten zu dürfen, und als ihm dies geſtattet worden, wandelten ſie beide langſam weiter. Aber es lag nicht in Judith's Plan, dies tete-k-töte ſo ſchnell zu beenden, und ſich immer den Anſchein gebend, als eile ſie ſchnell und ängſtlich dem Hauſe zu, führte ſie ihn anf weiten Umwegen durch den Wald, ihm durch lebhafte, geiſtvolle Unterhaltung ſeine Ermüdung und Erſchöpfung ver⸗ geſſen machend. So war die Bekanntſchaft eingeleitet, und bald legte die kluge Judith immer engere, immer dichtere Fäden um den alten Herrn; ſie umſtellte ihn mit ſichern Netzen, ſie ſchmeichelte ſeiner Eitelkeit, ſie lockte ihn durch ihre vielverſprechenden, glänzenden Blicke, ſie ſeufzte, wenn er ging, ſie bebte, wenn er ihre Hand faßte, und ſchlug die Augen nieder, wenn er es wagte, ſeinem Entzücken über ſie Worte zu geben. Dank all dieſen klug angewandten Mit⸗ teln war Judith im Lauſe weniger Wochen die Braut des glücklichen Hofmarſchalls, der in ſtol— zer Wonne meinte, eine Eroberung gemacht zu haben, während er es war, der erobert worden. Judith jauchzte vor Glück und Stolz, und ob⸗ wohl ſie ihren alten geckenhaften Verlobten ver⸗ abſchente, warf dies auch nicht den leiſeſten Schat⸗ ten auf ihre ſonnenhelle Zukunft und beunruhigte ſie nicht. Das Ziel war erreicht, was kümmerte es ſie, durch welche Mittel! — Nach wenigen Monden ward ſie des Hofmar⸗ ſchalls und Barons von Wimprecht Gemahlin, und als ſie an der Hand des Gemahls die Kirche ver⸗ ließ, als ſie vor derſelben den eleganten, mit vier köſtlichen Pferden beſpannten Reiſewagen gewahrte, auf deſſen Wagenthür die vereinten freiherrlichen Wappen prangten, da zitterte dieſe Hand, die doch nicht gezittert, als ſie ſie zum ewigen Bunde in die Hand des Greiſes gelegt. Ohne Thränen nahm ſie Abſchied von ihrer Mutter und Schweſter; ihr Herz ſchlug nur in Freude, denn jetzt endlich waren dieſe Feſſeln der Armuth von ihr geſunken, und die Welt ſollte ihre glän⸗ zendſten Bilder vor ihr entfalten. Der Mode gemäß wollte das junge Paar erſt eine größere Reiſe unternehmen, bevor ſie ihren bleibenden Wohnort in der kleinen Reſidenzſtadt W. aufſchlugen, und der Fürſt hatte freundlich geſinnt ſeinem Hofmarſchall auf drei Jahre Urlaub ertheilt. Erſt nach dieſer Zeit wollte Judith dem Hofe, der Geſellſchaft vorgeſtellt werden, denn ihr ſcharfer Verſtand ſagte ihr, daß noch manches an ihrer Weltbildung fehle, und daß, um eine glänzende Stellung in der Geſellſchaft einnehmen zu können, ſie erſt eine vollendete Weltdame werden müſſe. Dieſer Gedanke erſetzte bei ihr das höhere In⸗ tereſſe für wiſſenſchaftliche Beſtrebungen; ſie war lernbegierig, nur aus dem einzigen Grunde, um mit dem Erlernten ſpäter glänzen zu können. Pa⸗ ris und Rom, London und Wien wurden von dem jungen Ehepaar beſucht, und überall war ZJudith bemüht, ihrem Geiſte ein höheres Verſtänd⸗ niß der Kunſt und Wiſſenſchaft zu geben. Sie lernte an den Gemälden und Statuen, die ſie be⸗ wunderte, in den Bibliotheken und Muſeen; ſie beſchäftigte ſich mit den nenern Sprachen, und als ſie dieſe inne hatte, wandte ſie ſich den alten zu; bald war es ihr Stolz, den Horaz und Virgil in der Urſprache leſen zu können, und für alle auf⸗ gewandte Mühe fühlte ſie ſich entſchädigt, wenn irgend ein berühmter Gelehrter dieſe ihre hohe und gründliche Gelehrſamkeit bewunderte, eine Gelehr⸗ ſamkeit, die ſie ſich nur mit der bitterſten Lange⸗ weile zu eigen gemacht. Bald hatte ſie in Rom, wo ſie ſich längere Zeit aufhielten, den Triumph erlangt, die berühm⸗ teſten Männer in ihrem Salon um ſich verſam⸗ melt zu ſehen, ſich von den Männern der Wiſ⸗ ſenſchaft„die gelehrte Frau,“ von den Malern „die Künſtlerin,“ von allen ihren Anbetern aber „die ſchönſte Frau der Welt“ nennen zu hören. Den beiden Erſteren verzieh der Hofmarſchall dieſe Anbetung ſeiner Frau, die Letztern aber, die Anbeter, haßte er von Grund ſeiner Seele, und oft verlangte er mit eiferſüchtiger Heftigkeit, ſeine Gemahlin ſolle dieſe aus ihrem Salon verbannen. Hierzu aber war Judith am allerwenigſten geneigt. und als der Hofmarſchall ihr heftige Vorwürfe —— — 33— machte, als er ſie eines Liebesverhältniſſes mit dem ſchönen Grafen Oskar beſchuldigte, fragte ſie ihn mit kalter Ruhe, ob er es nicht natürlich finde, daß auch ihr Herz endlich erwache und in Liebe erglühe! „Sie lieben mich alſo nicht?“ fragte ihr Ge⸗ mahl bebend vor Schmerz und Zorn.„Sie ha⸗ ben mich alſo nie geliebt, auch damals nicht, als Siemirzitternd und erröthend Ihre Liebe geſtanden?“ „Und wie konnten Sie glauben, theuerſter Baron,“ ſagte Zudith ruhig und kalt,„wie konn— ten Sie glauben, daß dies mein Ernſt ſei? Wie durften Sie eine ſolche Unnatur nur denkbar hal⸗ ten! Ein junges unſchuldiges Mädchen von acht⸗ zehn Jahren ſollte einen alten, hinfälligen Greis lieben können! Mein junges heißes Blut ſollte für Sie haben erglühen, mein Herz für Sie klop⸗ fen können! Denken Sie beſſer von mir, Baron, und geſtehen Sie zu, daß mein Herz mindeſtens zu unverdorben iſt, um ſo freveln zu können ge⸗ gen die Geſetze der Natur.“ „Mein Gott, und Sie wagen mir das Alles zu ſagen?“ fragte der Hofmarſchall mit weinerlicher Stimme. „Warum ſollte ich es nicht wagen?“ fragte Judith, ihn verächtlich betrachtend und ſpöttiſch lächelnd über ſeinen ohnmächtigen Zorn.„War⸗ um ſollte ich Ihnen, der Sie mir am nächſten ſtehen, mir am innigſten verbunden ſind, war⸗ um ſollte ich Ihnen nicht mein Inneres unver⸗ Zwei Lebenswege. I. 3 hüllt zeigen, Sie ſonder Scheu in meine Seele blicken laſſen? Ach, man muß in der Welt ſo viel heucheln, ſo viel Verſtellung üben, daß man es dankbar erkennen inuß, wenn es uns einmal geſtattet iſt, die Wahrheit zu ſagen.“ Sie nahm dabei eine ſo klagende, empfindſame Miene an, daß der Hofmarſchall, empört über die Grauſamkeit und Jronie dieſes Weibes, keine Worte fand für ſeinen Zorn, und ſich krampfhaft an den Lehnſeſſel anklammerte, in welchem ſein Podagra ihn gefangen hielt. Judith lachte laut über ſeine ſeltſamen Bewe⸗ gungen und Zuckungen, und fragte mit anſchei⸗ nender Theilnahme:„aber Sie leiden, beſter Ba⸗ ron? Mein Gott, Sie machen mich ängſtlich, denn in Ihrem hohen Alter iſt auch das kleinſte Unwohlſein gefährlich und kann leicht tödtlich werden.“ „Quälen Sie mich nicht länger, Judith,“ ſchrie der Hofmarſchall außer ſich.„Sie kennen meine Angſt vor dem Tode, Sie wollen mich ermorden, Judith, Sie wollen meinen Tod!“ „Und warum ſollte ich den wollen?“ ſagte ſie mit eiſiger Kälte.„Im Gegentheil, es iſt ganz bequem, einen alten ſtumpfen Gemahl zu haben, der gewiſſermaßen der Tugendmantel einer jungen ſchönen Frau iſt. Sehen Sie, theurer Freund, das bedachte ich, als ich Ihnen meine Hand reichte, und darum bezwang ich den Widerwillen, den der Gedanke mir einflößte, Ihre Gemahlin zu ſein!“ „Gut, gut,“ ſchrie der Baron,„Sie ſollen dieſen Widerwillen nicht länger bezwingen dürfen. Ich werde Ihnen bereitwillig die Hand zur Tren⸗ nung reichen; ja, noch heute werde ich ein Geſuch um Scheidung einreichen!“ „Das wollen Sie thun?“ fragte Juvith, ihm näher tretend und ihn mit zornig blitzenden Au⸗ gen hetrachtend.„Sie wollen es wagen, ſich von mir zu trennen? Sie wollen das Gelächter des Hofes, das Geſpött der ganzen Welt werden, Sie wollen der Welt es verrathen, daß Sie ein alter Geck waren, der es für möglich hielt, daß ein junges ſchönes Mädchen ihn liebe, und ber jetzt zu der Einſicht gekommen, daß ſie ihn haßt und ver⸗ achtet? Sie wollen einſam ſterben und unbeweint, umringt von gekauften Dienern, die Sie langſam vergiften, ja die Sie vielleicht ermorden werden, nachdem ſie Ihnen Alles geraubt und geſtohlen, was Sie beſitzen?“ Iudith hatte hier mit grauſamer Klugheit des Hofmarſchalls größte Furcht und Sorge zum ampf wider ihn herauf beſchworen, und ſie lächelte jetzt, als ſie ihn auf ſeinem Seſſel ſich winden ſah in furchtharen Qualen, ihn laut äch⸗ zen hörte in entſetzlicher Angſt. „Sie wollen das einzige Herz, welches es treu mit Ihnen meint, verſtoßen,“ ſagte ſie dann 36 mit weicher zitternder Stimme,„Sie wollen ſich trennen von Der, die allein auf Erden Theilnahme für Sie fühlt, allein mit Thränen wirklicher Rüh⸗ rung an Ihrem Sterbebette ſtehen und Ihnen weinend die Augen zudrücken wird?“ Der Hofmarſchall ächzte laut und ſtreckte fle⸗ hend die Hände empor, als wolle er Judith um Schonung und Erbarmen bitten. Sie aber fuhr erbarmungslos fort:„nun wohlan, ſo ſei es denn! Ich werde Sie verlaſſen! Ich will Ihnen nicht mehr zur Laſt fallen durch meine Gegenwart! Nun wohl, mein Herr, ich gehe! Ich werde, arm, wie ich war, zurückkehren in die Einſamkeit und den Frieden meines väter⸗ lichen Hauſes, und nimmer ſollen Sie wieder von der armen verſtoßenen Judith hören!“ Hier ſchien ihre Stimme in Thränen zu er⸗ ſticken, und mit einem tiefen Seufzer wandte ſie ſich der Thür zu. Judith kannte ihren Gemahl, ſie kannte ihre große Gewalt über ihn und ſeine thörichte Lei⸗ denſchaft zu ihr; ſie wußte, daß ſie Alles wagen dürfe, um das zu erreichen, was ſie wünſche, und ſie hatte dieſe Scene heute abſichtlich herbei⸗ geführt, um ihr Verhältniß zu dem Gemahl ihren Abſichten gemäß zu beſtimmen und feſtzuſtellen. Denn in der That bedrückte es ſie, das Spiel und die Heuchelei einer zärtlichen Gattin, die ſie vor der Welt ſo gut auszuführen wußte, auch bis in die innerſten Gemächer ihres Hauſes fortſetzen zu müſſen, und auch den Hofmarſchall ſelbſt an ihre Zärtlichkeit für ihn glauben zu laſſen. Als ſie ſich jetzt der Thür zuwandte, ſchrie der Hofmarſchall laut auf vor Angſt und Schreck. „Judith, Du willſt mich verlaſſen,“ rief er angſt⸗ voll, und fand die Kraft, ſich aus ſeinem Seſſel aufzu⸗ richten und zu ihr zu eilen.„Indith,“ wiederholte er, ihre Hand faſſend und ſie ängſtlich zurückziehend von der Thür, an der ſie lehnte,„Judith, Du darfſt, Du ſollſt nicht gehen. Du biſt mein Weib, und ich als Dein Gemahl, ich befehle Dir, mich nicht zu verlaſſen!“ „Muß ich nicht gehen, da Du mich verſtoßen haſt?“ fragte ſie ſchluchzend. „Bleibe, bleibe, meine Judith,“ flehte er, „ich war ein Wahnſinniger, als ich das ſagte. Ach, Du weißt es wohl, daß ich es nicht vermag, mich von Dir zu treunen; Du weißt es wohl, daß eine Scheidung von Dir mich tödten würde. Denn Du weißt es, Indith, daß ich Dich anbete, daß jeder Blick von Dir mich entzückt, daß es mir ſchöner ſcheint, von Dir gemißhandelt zu werden, als Dich nicht ſehen zu ſollen. Indith, Judith, Du weißt es, daß ich nicht leben kann, ohne Dich!“ Und der Hofmarſchall, ſein Alter und ſein Podagra vergeſſend, ſank nieder vor ſeinem Weibe, — die mit einem grauſamen Lächeln zu ihm hernieder blickte. Dann wimmerte er laut, denn der phyſiſche Schmerz machte ſich jetzt in ſeiner ganzen Heftig⸗ keit fühlbar, und zu den Füßen ſeines Weibes krümmte er ſich in entſetzlicher Qual. Judith ſchaute kalt und lächelnd ſeinen Leiden zu, und erſt als er mit Jammertönen ſie beſchwor, ſich ſeiner zu erbarmen und ihn aufzurichten, erſt dann reichte ſie ihm die Hand, zog ihn empor, und geleitete den Greis, der bei jedem Schritt laut aufſchrie vor Schmerz, zu ſeinem Seſſel. „Sie wiſſen nun,“ ſagte ſie dann ernſt und ruhig,„Sie wiſſen nun, wohin es führt, wenn Sie Zwiſt mit mir ſuchen, und ich rathe Ihnen, dies zu vermeiden, denn jede ſolche Aufregung bringt Sie dem Tode um einige Schritte näher.“ „Oh, ſprich nicht mehr vom Tode,“ wimmerte der Baron,„ſage mir, daß Du bei mir bleiben, daß Du mich nicht verlaſſen willſt.“ „Nun wohlan, ich will bleiben, aber nur, wenn Sie in meine Bedingungen willigen,“ ſagte Judith, ihm das Kiſſen zurecht rückend, um ihm zu zeigen, wie ſehr er ihrer bedürfe. „Sage, was Du willſt, ich willige in Alles,“ rief der Baron. „So laſſen wir denn dies unnatürliche Ver⸗ hältniß aufhören, das heißt, nicht vor der Welt, ſondern nur in der Einſamkeit unſerer Gemächer. —— 39— Sie werden künftighin nicht mehr Anſprüche machen auf die Zärtlichkeit einer Gattin, und ich werde nicht mehr die Qual haben, Ihnen Gefühle zu heucheln, die ich unmöglich empfinden kann! Wir gewinnen Beide dabei; denn Sie, indem Sie eine Sie verabſcheuende Gemahlin verlieren, finden dafür eine Tochter, die Sie lieben und verehren wird, und deren heißeſter Wunſch es iſt, Ihre Tage durch treue Pflege zu verlängern; und ich, ſtatt eines gehaßten Gemahls, finde einen Vater, dem ich ohne Rückhalt jeden Gedanken, jede Re⸗ gung meiner Seele vertrauen kann, und der mir rathen und mich ſchützen wird, wo ein eiferſüch⸗ tiger Gemahl nur zürnen konnte. Und um Ihnen gleich einen Beweis zu geben, wie ſehr ich Ihnen vertraue, geſtehe ich Ihnen ohne Rückhalt, daß ich den Grafen Oskar wirklich liebe und von ihm geliebt werde.“ Der alte Hofmarſchall fuhr in ſeinem Seſſel empor, als habe eine Natter ihn verwundet. Zudith fuhr fort:„Ich ſtelle dieſe meine Liebe unter Ihren Schutz, mein Freund und Vater, Sie ſollen mir rathen, wie ich dies ſchöne Ver⸗ hältniß, das viel zu erhaben iſt, um von den Zungen der Menſchen beſudelt zu werden, dieſer böſen und verleumderiſchen Welt entziehen kann. Sie werden mir geſtatten, ſeine Briefe unter Ihrer Adreſſe zu empfangen, und ihm die meinen in Ihrem Namen zu ſenden. Sie werden mir ferner erlauben, ihn hier in Ihrem Zimmer zu empfan⸗ gen, und die Güte haben, ſich, ſo lange er bei mir iſt, durch jenes kleine Cabinet ſo lange in mein Zimmer zu verfügen, bis ich Sie bitte, wieder zu uns zu kommen.“ „Zu viel, das iſt zu viel,“ ächzte der Baron. „Nichts iſt zu viel, um meinen Ruf vor der Welt rein und unbefleckt zu erhalten, und Sie werden mir beiſtehen, mir den Ruf einer tugend⸗ haften Frau zu bewahren! Denn dies iſt mein höchſter Stolz, weil man es ſo ſelten findet, daß ein Weib ſchön iſt und doch tugendhaft, und daß die junge Gemahlin eines alten gichtkranken Greiſes ihm dennoch in keuſcher Treue ergeben bleibt. Dies aber, will ich, ſoll die Welt von mir glauben, und das ſoll alle die Damen, die mich beneiden um meine Schönheit und meinen Geiſt, das ſoll ſie alle zur ohnmächtigen Wuth reizen, daß ſie ſelbſt meinen Ruf rein und unangetaſtet finden, und ihre giftigen Reden an meiner Tugend ab⸗ prallen, wie ein Pfeil an einem undurchdringlichen Panzer. Ich will nicht blos geliebt und bewundert, ich will auch beneidet werden! Sie ſehen, mein Vater, ich bin offenherzig, wie nur immer eine Tochter es gegen ihren Vater ſein kann, wenn ſie ihn liebt und ihm vertraut. Ich bitte Sie auch, mir niemals Ihren Rath zu entziehen, und mich zur Ruhe und Ueberlegung zu ermahnen, wenn meine Leidenſchaft für Oskar mich zur Unbedacht⸗ — ſamkeit hinreißen ſollte.“„Dafür,“ fuhr ſie fort, ohne ihres Gemahls ſchmerzliches Seufzen zu beachten,„dafür werde ich Ihnen vor der Welt ſtets eine liebende Gattin ſein; auf meinen Arm gelehnt ſollen Sie jede Geſellſchaft betreten, und ſtets wird meine Hand bereit ſein Sie zu führen und zu ſtützen, ſtets mein Mund Ihnen zu lächeln und freundliche Worte zu ſagen. Aber, Baron, Sie ſeufzen ſo ſchwer! Haben Sie Schmerzen? Soll ich Ihnen dies Kiſſen unter Ihren kranken Fuß ſchieben?“ Von dieſem Tage an geſtaltete ſich ihr Ver⸗ hältniß zu dem Gemahl Judith's Wünſchen gemäß. Der Hofmarſchall, befangen von einer Leidenſchaft, die den ſchwachen Greis taub machte gegen alle Anforderungen der Ehre, und ſtets fürchtend, Judith möchte bei dem geringſten von ihm ge⸗ zeigten Unwillen ihn für immer verlaſſen, wagte es nicht, gegen ihre Wünſche oder Befehle zu handeln, und ward der dienſtbare Sclave ſeines ſchönen Weibes, der Vermittler ihres Liebesver⸗ hältniſſes mit dem Grafen Oskar. Niemand ahnte, daß die ſchöne, tugendhafte Baronin Judith in den Zimmern ihres Gemahls täglich ihren Geliebten empfing, und der Ruf 8 ihrer ſtolzen, reinen Tugend blieb unangetaſtet. Wie ſehr aber ſchmeichelte es dem Grafen, dieſe keuſche Tugend, dies reine, heilig kalte Herz zur Liebe bewogen, ihre ſtolze Seele gezwungen ————— zu haben, ſich ihm hinzugeben wider ihr eigenes Wollen, wie ſehr war er bemüht, der Baronin durch die größte Vorſicht, durch die größte Heilig⸗ haltung ihres Verhältniſſes das Opfer, das ſie ihm aus Liebe gebracht, zu lohnen! Mit welcher Ehrfurcht ſprach er von ihr, mit welcher ſcheuen und ergebenen Achtung be⸗ gegnete er ihr vor der Welt, um ſich durch ſolche Beſcheidenheit wieder einer jener entzückenden und berauſchenden Stunden, die er Iudith verdankte, theilhaftig zu machen. Judith, die ſchöne, die gefeierte, die tugendhafte Iudith hatte ihm unter Thränen, unter Zittern und Erröthen geſtanden, daß ſie ihn liebe, daß für ihn das Eis ihres Herzens zum erſten Male aufgethaut und erwärmt ſei, und Graf Oskar glaubte entzückt an die ſüße Fabel einer erſten Liebe. Denn bei ZJudith war dies nichts als eine Fabel, ein reizender Feen⸗ traum, der ſie eine Zeit lang unterhielt und be⸗ ſchäftigte, der ihr das Vergnügen bereitete, die Welt zu mhſtificiren, und ſie nöthigte, ſtets ihren Geiſt anzuſtrengen, um neue Mittel zur Täuſchung der Welt und zur Bewahrung ihres Geheimniſſes zu erſinnen. Judith war keiner Liebe fähig; ihr Herz blieb kalt und ungerührt wie ihre Seele, ſie war frei von jenen ſüßen und entzückenden Gefühlen, von jener ſchwärmeriſchen Hingabe und Gluth, die ſonſt das Weib, auch das verderbteſte an den Mann feſſeln, den ſie liebt. — 4— Judith konnte durch nichts überraſcht werden, ſelbſt nicht durch eine Leidenſchaft; mißtrauiſch und zur Intrigue geneigt, wie ſie ſelber es war, glaubte ſie auch nimmer bei Andern an eine wirk⸗ liche Hingabe. Mit prüfenden Augen, Schritt vor Schritt, folgte ſie des Grafen Liebe zu ihr, prüfte ſie ſeine Worte, ſeine Blicke, und verglich ſie mit denen früherer Tage, und ſchon lange, bevor Graf Oskar ahnte, daß ein Wechſel ſeiner Gefühle möglich ſei, ſchon lange zuvor wußte Judith an einzelnen kleinen untrüglichen Zeichen, daß ſeine Liebe zu ihr im Erkalten ſei. Judith hatte niemals das Mährchen einer ewigen, nie verſiegenden Liebe geglaubt, und des⸗ halb überraſchte ſie jetzt ihres Liebhabers Wankel⸗ muth nicht, und viel weniger noch machte es ihr Schmerz. Sie auch hatte dies Monate lang dauernde Verhältniß lange als eine Laſt und Bedrückung gefunden, und die Liebesverſicherungen des ſchönen Grafen hatten ihr lange ſchon nichts Anderes gegeben als Langeweile. Wenn ſie dennoch die Rolle einer begeiſterten, glühenden Liebenden weiter ſpielte, ſo geſchah dies, weil Judith einen Bruch mit dem Grafen, von ihr ausgehend, fürchtete; ein von ihr verlaſſener Liebhaber konnte leicht ihr Feind werden und als ſolcher Geheimniſſe ver⸗ rathen, die ihrer keuſchen Tugend gefährlich werden konnten. — Indith war zu klug, um ſich in ſolche Gefahr zu wagen. Als ſie mit heimlicher Freude gewahrte, daß Graf Ookar's Liebe ſchon über den Höhe⸗ punct hinaus und im Abnehmen ſei, ſchien ſich ihre Leidenſchaft für ihn nur zu verdoppeln; nie⸗ mals war ſie voll Feuer und Anbetung, voll hingebender Zärtlichkeit geweſen. Aber was Graf Hokar ſonſt eine Seligkeit gedäucht, das ſchien ihm jetzt eine Laſt, und nicht ohne ein leiſes Hohnlächeln ſah Zudith ſeine Bemühungen, ihr ſeine heimlichen Seufzer, die Langeweile zu verbergen, die er ſeinerſeits bei den dithyrambiſchen Ergüſſen ihrer Zärtlichkeit empfand. Ihr ſpähendes Auge hatte längſt den Gegenſtand der neuen Neigung des Grafen er⸗ kannt, und ſie war emſig bemüht, den Grafen Oskar in die Nähe ſeiner neuen Angebeteten zu bringen; ſie machte ſie zu ihrer Freundin, ſie lud ſie in ihr Haus, ſie wußte ein öfteres Alleinſein dieſer Beiden klug und anſcheinend abſichtslos zu veranſtalten, und während ſich ihre Liebe zu dem Grafen zu verdoppeln ſchien, ſeufzte dieſer über ihr argloſes, hingebendes Vertrauen. Indeſſen gingen die Verhältniſſe ihren gewöhn⸗ lichen Gang; Graf Oskar hatte jetzt lange genug vor der ſchönen Adelaide geſeufzt, um endlich vor ihr von ſeiner Liebe ſprechen zu können und von ihren Lippen das beglückende Ja zu empfangen, und da Adelaide nicht allein jung und ſchön, 3 ſondern auch reich und unverheirathet war, ſtand nichts des Grafen Wunſch, ſie zu ſeiner Gemahlin zu machen, entgegen, nichts als ſein Verhältniß zu Judith. Graf Oskar faßte einen kühnen verzweifelnden Entſchluß, er wollte Judith die Wahrheit geſtehen; ſie kam ihm zuvor; ohne Vorwürfe, aber mit dem Ausdruck des tieſſten Schmerzes ſagte ſie ihm, daß er ſie nicht mehr liebe, daß er ſein Herz einer Andern zugewandt; unter ſtrömenden Thränen zeigte ſie ſich bereit, ihr eigenes Glück und ihre Liebe dem Geliebten zum Opfer zu bringen, und der Graf, tief ergriffen von dem Edelmuth dieſes erhabenen Weibes, ſchwur ihr ewige Dankbarkeit und nie wankende Freundſchaft. Judith hatte ihren Zweck erreicht, ſie hatte den Geliebten verloren, aber einen Freund an ihm gefunden, der nicht allein nimmer ihr früheres Verhältniß zu ihm verrathen, ſondern der ſie ſelber noch ehren und achten, und ſtets zu ihrer Vertheidigung bereit ſein mußte. Sie fühlte ſich ganz ſtolz und glücklich, und verkündete bald ihrem ſchwachen, weinenden Gemahl das Geheimniß einer zweiten Liebe. Indeß war auch der noch um ein Jahr ver⸗ längerte Urlaub des Hofmarſchalls abgelaufen; der Hofmarſchall hatte dieſe Zeit mit unendlichem Verlangen herbei geſehnt; es ſchien ihm, als würden die alten gewohnten Verhältniſſe ihm neues Glück —— bringen, als würde Zubith in der Stille der kleinen, wenig bewegten Stadt ihn wieder lieben, ſei es auch nur deshalb, weil dort ihrem Herzen keine andere Nahrung geboten würde. Aber Iudith ſchauderte vor dieſer kleinen Stadt, deren Eintönigkeit und Lebloſigkeit ihr ſchon bei dem Gedanken daran ein geheimes Grauen ver⸗ urſachte; ſie wandte ihren ganzen Einfluß auf, ſie bat, ſie flehte, ſie zürnte und ſchalt ſo lange, bis ihr Gemahl nachgeben und um ſeine Entlaſſung aus der Hofcharge nachſuchen mußte. Der Hofmarſchall war troſtlos; dieſer Hofdienſt, dieſe kleinlichen Sorgen der Etiquette hatten ſonſt ſeine Tage ausgefüllt, ihm Beſchäftigung und Ge⸗ danken gegeben, hatten ihm, mindeſtens in ſeinen eigenen Augen, eine hohe Wichtigkeit verliehen, und jetzt befahl ſeine Gemahlin, dieſem Allen auf immer zu entſagen. Es war fürchterlich, aber unabwendbar, und mit einem Todesſchmerz in der Bruſt, zitternd und weinend, ſchrieb der Hofmarſchall an ſeinen Fürſten und bat um ſeine Entlaſſung. Noch hoffte er im Geheimen, dieſelbe werde ihm nicht bewilligt, ſeine Stelle werde durch Nie⸗ mand würdig können erſetzt werden, und der Fürſt werde ihm ſchleunige Rückkehr befehlen; als aber eine gnädige Entlaſſung aus dem Dienſte kam 5 da fühlte der Hofmarſchall ſein Herz brechen, und halb ohnmächtig ſank er zuſammen. — Judith triumphirte; doch dieſe Freude ſollte von kurzer Dauer ſein. Der Lebensmuth ihres Gemahls war gebrochen; die Hoffnung einer Rück⸗ kehr in die Heimath, zu den Pflichten ſeines Amtes hatte ihn bisher aufrecht erhalten. Mit dem Er⸗ löſchen derſelben ſchwand auch ſein Muth und ſeine Kraft, und bald mußte Judith von den Aerzten vernehmen, daß ſeine Tage gezählt, der Faden ſeines Lebens abgelaufen ſei. Sie empfing dieſe Nachricht anſcheinend mit tiefem Schmerzgefühl, und wich nicht von dem Bette ihres leidenden Gemahls, durch treue, uner⸗ müdliche Pflege Bewunderung und Ehrfurcht er⸗ regend. Auch empfand ſie in der That mindeſtens keine Freude über den nahe bevorſtehenden Tod ihres Gemahls, der ihr, wie ſie es ſelber nannte, ein ſo bequemer, undurchdringlicher Tugendmantel, in dem ſie alle ihre Leidenſchaften verhüllen konnte. Aber andererſeits bot ihr dieſe tödtliche Krankheit des Gemahls einen bedeutenden Vortheil anderer Art. Sie hatte lange ſchon darauf geſonnen, ſich ihres neuen und in ſeiner Liebe zu ihr leider unerſchütterlichen Freundes zu entledigen; jetzt war dies Mittel gefunden. Sie ſchwur dem Freunde eine ewige Liebe, zugleich aber eine ewige Trennung. Sie ſagte ihm unter ſtrömenden Thränen, daß an dem Bette des ſterbenden Gemahls ihr Gewiſſen erwacht und ſie zum Bewußtſein ihrer Schuld gekommen ſei. —% Dieſe Trennung von dem Manne„ihrer erſten und einzigen Liebe“ ſollte ein dem Sterbenden dargebrachtes Sühnopfer ſein, das zu bringen ſie in die Hand ihres Gemahls gelobt. Der Abſchied von dem Freunde war erhaben und von erſchüt⸗ ternder Wirkung, und er ſchied von ihr mit einer Ehrfurcht und Bewunderung, die an Vergötterung grenzte. Nun war Judith zufrieden, und ſie ſah dem Tode des Gemahls mit um ſo mehr Gleichmuth entgegen, als das Teſtament, in welchem derſelbe ſie zur Univerſalerbin ſeines ganzen großen Ver⸗ mögens ernannte, bereits ſeit längerer Zeit ge⸗ macht war. Sie war für den Gemahl ganz Liebe, ganz Aufmerkſamkeit, ſie wich nicht von ſeinem Lager; denn konnte er nicht in einer Art Rache noch jetzt das Teſtament umſtoßen und ihr einen Theil ſeines Vermögens entziehen? So lange er unter der Herrſchaft ihrer Blicke, wagte er es nicht, das wußte ſie wohl, und deshalb wich ſie nicht von ſeinem Lager, deshalb ſuchte ſie jetzt ihm den Gedanken an den Tod in weite Ferne zu rücken und ihn zu überreden, daß ſeine Krankheit durchaus nicht tödtlicher oder gefährlicher Art ſei. Aber es ſchien, als wenn der Hofmarſchall jetzt weniger als ſonſt ihren Worten vertraue; er lächelte ungläubig bei den Verſicherungen ſeiner baldigen Geneſung, ja, er war überhaupt ſeit — ſeiner durch Judith's Wunſch herbeigeführten Dienſt⸗ entlaſſfung weniger beſorgt, ihre Zufriedenheit zu erlangen und ihr zu gehorchen; er betrachtete ſie oft mit finſtern, übelwollenden Blicken, und wagte es ſogar, ihr zuweilen leiſe Vorwürfe zu machen. „Wären wir nur in die Heimath zurück ge⸗ gangen, in die ſchöne freundliche Stadt W.,“ ſagte er finſter,„dann würde ich geſund ſein und ſtark in der Ausübung meiner Pflicht!“ Zudith erwiderte ungeduldig und dieſer ewigen Klagen müde:„Wie kann man aber ſo thöricht ſein, in einer ſo kleinen Stadt, an einem ſo unbedeu⸗ tenden Hofe leben zu wollen! Solch ein Aufenthalt iſt ja eine wahre Galeerenſtrafe!“— „Wirklich, ſcheint Dir das ſo!“ ſagte ihr Ge⸗ mahl ſinnend, und verfiel in ein langes Schweigen. Dann befahl er den Notar zu rufen und ihm das Käſtchen zu reichen, in welchem ſich eine Abſchrift ſeines bei den Gerichten niedergelegten Teſtamentes befand. Er befahl dies in Gegenwart des Arztes und der Diener; Judith konnte nicht widerſprechen, und der Notar ward gerufen. Als er kam, verlangte der Hofmarſchall mit ihm allein gelaſſen zu werden, und als er, nach einer kurzen geheimen Unterredung mit dem Notar, Judith wieder an ſein Lager rief, ſtand ein zufriedenes, wohlgefälliges Lächeln auf den Zügen des Ster⸗ benden. „Es geht zu Ende, Iudith,“ ſagte er matt, Zwei Lebenswege. I. 4 „und bald wirſt Du nicht mehr zu fürchten haben, mit mir Dich in einer kleinen Stadt vergraben zu müſſen; ich allein werde begraben und eingeſargt, und Du wirſt in den großen glänzenden Städten ein glückliches Leben führen. Nicht wahr, Judith, Du haſſeſt dieſe kleinen Städte, und Du würdeſt es für eine Galeerenſtrafe halten, in einer ſolchen leben zu müſſen?“ Seine Geiſteskräfte nehmen ſichtlich ab,“ ſagte Judith, ohne dem Gemahl zu antworten, leiſe zum Arzte,„er ſpricht ſchon wie im Delirium!“ Der Arzt prüfte den Puls und beobachtete die röchelnde Bruſt. „Sie haßt alle kleinen Städte,“ lallte der Sterbende,„es iſt ihr eine Galeerenſtrafe, in einer kleinen Stadt zu leben!“ Dann durchflog ein hämiſches grinſendes Lachen ſein Geſicht, und in dieſer Grimaſſe erſtarrten ſeine Züge. Die kleinen grauen Augen, erſt mit dem Ausdruck höhniſcher Freude auf Zudith geheftet, blieben ſtarr und wurden allgemach glanzlos,— der Puls ſtockte, der Athem verſtummte,— der Hofmarſchall war geſtorben, und Judith eine Witwe, aber eine bange, zagende, die Eröffnung des Teſta ments fürchtend, und doch dieſen Act beſchleunigend, um nur mindeſtens Gewißheit zu haben. Sie war alleinige Erbin der Reichthümer ihres Gemahls, aber dieſer Erbſchaft hatte der Hof⸗ mgrſchall eine beſchränkende Clauſel hinzugefügt; 5 dieſe Clauſel war, daß Judith ſofort in die kleine Reſidenzſtadt W. abreiſe, und dieſelbe niemals verlaſſe, niemals einen andern Wohnort wähle. Unter dieſer Bedingung blieb ſie Univerſalerbin; aber weigerte ſie ſich, dieſelbe zu erfüllen, oder machte ſie jemals eine Reiſe, die ſie länger als acht Tage von W. entfernt hielt, ſo ſollte das ganze Vermögen einem nahen Verwandten anheim fallen, Judith aber nur eine unbedeutende Rente ausgezahlt werden. Dieſem Verwandten, dem Baron Walther, war eine Abſchrift dieſer Teſtamentsclauſel ſofort von dem Notar zugeſchickt worden, da der Hofmarſchall den Baron Walther zugleich verpflichtete, über die genaue Erfüllung dieſer Bedingungen zu wachen, und bei der erſten Verletzung derſelben ſofort die Erbſchaft in Beſitz zu nehmen. Judith war außer ſich vor Schmerz und Zorn, ſie fluchte dem kaum begrabenen Gemahl, deſſen kleinliche Rache ihr die ungeheuerſte Tyrannei ſchien, und der ſie gewiſſermaßen zu einer Gefangenen für ihr ganzes Leben, oder zu einer Bettlerin gemacht. Welchen von dieſen beiden Unglücksfüllen ſie wählen ſollte, darüber war ſie keinen Angen⸗ blick in Zweifel; wie Cäſar meinte ſie, es ſei beſſer in einer kleinen Stadt die Erſte, als in einer großen die Dritte zu ſein, und demgemäß leiſtete ſie den vom Hofmarſchall befohlenen Eid in die Hände des Notars, und ſchwur, niemals — die kleine Reſidenzſtadt W. zu verlaſſen und höch⸗ ſtens einmal im Jahr ſich einige Tage von dort zu entfernen. Nur der Aufenthalt auf den Gütern des Ba⸗ rons war ihr außerdem geſtattet worden, doch unter der Bedingung, daß niemals irgend ein fremder Beſuch dort von Judith durfte empfangen werden, Niemand als die nächſten Verwandten eine Nacht dort verweilen durften. Auch das Vergehen gegen dieſe Clauſel ſollte den Verluſt der Erbſchaft nach ſich ziehen, und wieder war Baron Walther beauf⸗ tragt, über die ſtrenge Erfüllung dieſer Satzungen zu wachen.— Schon in einer Friſt von einigen Wochen ſollte Judith in W. ſein; Zorn und Ingrimm im Herzen, reiſte ſie ab. „Man muß das Leben nehmen, wie es ſich gerade giebt,“ ſagte ſie dann, ſich getröſtend, „überall giebt es doch Menſchen, und wo Men⸗ ſchen ſind, verlohnt es ſich ſchon der Mühe zu herrſchen.“ So kam ſie nach W., und erſt dort erinnerte ſie ſich, daß ſie ſeit Jahren ohne alle Nachricht von ihrer Mutter und Schweſter ſei. Iw. Giſeln. In der Stille und dem Frieden des kleinen Waldſchlößchens waren indeß Giſela's Kinderjahre wie lichte Morgenträume dahin gezogen. Bewacht und behütet von den zärtlichen Augen ihrer Mutter, inmitten der ſtillen, heitern Natur lebte ſie ſchöne, glückliche Kinderjahre in und mit der Natur. Heiter ſingend wie die Lerche ſchweifte ſie durch den Wald, der Eidechſe nachlaufend, die im Gebüſch dahin raſchelte, nach dem Schmetterlinge jagend, der immer weiter und weiter ſie hinein lockte in das Dickicht des Waldes, oder Blumen ſammelnd, um ihrer Mutter einen Strauß zu bengen. Der Wald war ihre Welt, er unſchloß all ihre Freuden, ihre Luſt; ihrer Mutter abe gehörte ihre ganze Liebe, dieſe war ihr Freundin, Schweſter, Lehrerin, und dieſen Schutzgeiſt ihres Daſeins ſollte Giſela ſo frühe ſchon verlieren. Wenige Monate nach Judith's Verheirathung erkrankte die Baronin plötzlich, und bald war keine Hoffnung mehr zu ihrer Wiederherſtellung. — Die Baronin ſelbſt fühlte ihr nahes Ende, und als der Arzt auf ihr dringendes Flehen ihr dies beſtätigt, befahl die Baronin, ihr den Pfarrer des nahen Gutes, welches ſonſt das ihre war, zu rufen. Allerlei wunderliche Gerüchte erzählte man ſich von dieſem; man wollte wiſſen, daß er ein Jugendfreund der Baronin, und eben ſo reich als vornehmer Abkunft geweſen, daß er, als die Baronin wider ihren Willen von ihren Aeltern zu einer Heirath gezwungen, lange in tödtliche Schwermuth gefallen, und dann alle ſeine Reich⸗ thümer und Würden verſchmähend, ſich dem geiſt⸗ lichen Stande gewidmet habe, der ihm eheloſes Leben zur Pflicht machte. Es war ihm gelungen, als Prediger auf dem Gute des Barons angeſtellt zu werden, und ſo ſah er deſſen ſchöne Gemahlin häufig; man erzählte aber, daß der Baron endlich die Leidenſchaft ſeines Pfarrers bemerkt und ihm von Stund ai unterſagt habe, ſein Haus zu betreten. Ob die Baronin dieſe Leidenſchaft des Pfarrers Bernhard getheilt, das wußte Niemand zu ſagen, das hatte ſie vielleicht ſich ſelber niemals zu ge⸗ ſtehen gewagt. Aber jetzt in ihrer Todesſtunde gedachte ſie ſeiner, und als er bleich und zitternd jetzt an ihr Sterbebette trat, da ſtreckte ſie ihm beide Arme entgegen, und er warf ſich laut ſchluchzend an das Herz, das er nur beſitzen ſollte, indem er es verlor. Sie waren allein, Niemand als Gott ver⸗ nahm die Worte, die ſie leiſe einander ſagten, Niemand ſah das ſelige Lächeln, das auf den Lippen der Sterbenden ſchwebte, Niemand den Kuß, den ſie mit der letzten Kraft ihres ſchwin⸗ denden Lebens dem Freunde auf die bebenden Lippen drückte. Dann rief ſie ihre Tochter, und als Giſela weinend vor Angſt und Weh, und doch nichts wiſſend von Tod und Trennungsſchmerz, an das Lager trat, da legte ihre Mutter mit einem unaus⸗ ſprechlichen Blick die Hand ihrer Tochter in die Hand ihres Freundes. „Mein Vermächtniß, Bernhard,“ flüſterte ſie leiſe, und ſank dann zurück in die Kiſſen, um nimmer ſich wieder aufzurichten. Ihre auf den Freund gerichteten Augen verblichen allgemach, und als Bernhard ſich über ſie neigte, ſah er, daß kein Leben mehr in dieſer ruhenden Geſtalt ſeiner Freundin war. Er drückte Giſela an ſein Herz und weinte laut; aber als er des Kindes Jammer ſah, ver⸗ ſtummte er und ſuchte ſie zu tröſten mit dem göttlichen Troſt der Liebe, denn ſchon liebte er das Kind, das ſeiner Freundin Vermächtniß war, mit der Liebe eines Vaters; er liebte ſie doppelt, weil ſie, ſo jung noch, ſchon eines Schmerzes fähig war, und weil ſie Tage lang weinte und ſchrie nach ihrer Mutter. — F Nach vollendetem Begräbniß nahm Bernhard das Kind mit ſich in ſeine Pfarrwohnung, die in einem lieblichen Thale, inmitten eines köſtlichen Gartens belegen war, und von nun an widmete er alle ſeine Zeit und ſeine Gedanken der Erziehung ſeiner Tochter Giſela. War ſie ſonſt allein im Walde umher geſtreift, den Vögeln und den Blumen nachzuſpüren, ſo hatte ſie jetzt einen treuen und unermüdlichen Gefährten gefunden, der für ſie ſelber zum Kinde ward, und ſtets neue Spiele, neue Vergnügungen erſann, und der, indem er mit ihr ſpielte und ſchäkerte, zugleich ſie belehrte und bildete. Das Lernen ſollte ihr kein Zwang, keine läſtige Arbeit ſein; Bernhard verſtand es, in dem Kinde den Drang nach Wiſſen zu wecken und die Lernbegierde ſtets wach und friſch zu erhalten. Spielend und ſchäkernd unterrichtete er ſie, bis das herangewach⸗ ſene Kind ſelber ernſter ward, und in ernſter Be⸗ ſchäftigung ſeine Freude fand. Unter dem Schatten der Bäume, die ſonſt ihre heitern Spiele geſehen, laſen ſie jetzt zuſammen die großen Dichter des Alterthums, oder theilte Giſela dem Freunde ihre Gedanken, ihre Fragen und Zweifel mit, und fand ſtets ein williges Ohr, ſtets Belehrung und Aufmunterung. Mit väterlicher Freude ſah Bernhard ſich Giſela's Weſen täglich ſchöner und kräftiger ent⸗ falten, und ihren Geiſt erwachen zu immer größerer — Kraft und Regſamkeit. Ihr aber einen feſten, männlichen Charakter zu geben, das war es, worauf er ſeine größte Sorge richtete, was er zum Zielpuncte aller ſeiner Beſtrebungen machte; die ſchmerzlichen und bittern Erfahrungen ſeiner Jugend hatten ihn gelehrt, daß auch ein Weib der Stärke bedarf. „Hätte die Baronin mehr Stärke und Kraft gehabt,“ ſagte er ſich,„hätte ſie den Muth ge⸗ habt, dem Willen und Befehl ihrer Aeltern zu widerſtehen, ſo wäre ſie nicht die Gemahlin des ihr verhaßten Barons geworden, ſo wäre ſie das Weib deſſen geworden, dem ſie ewige Liebe ge⸗ ſchworen; nun aber war ſie das Opfer geworden des älterlichen Willens und hatte ſich weinend dem unterworfen, was ſie ſelbſt als ein Unglück erkannte!“„Giſela ſoll niemals müſſen, immer nur wollen,“ ſagte er,„ſie ſoll einen freien Willen haben und den Muth, dieſem und nur dieſem allein zu folgen!“ Getreu dieſem Grundſatz, ſuchte er Giſela nimmer zu irgend Etwas zu überreden, befahl er ihr niemals, forderte niemals von ihr Gehorſam und Unterwerfung, ſondern gab Alles ihrem Ver⸗ ſtande, ihrer eigenen Erkenniniß anheim. Nicht als ob er ſich dadurch zum Sclaven ihres Willens und ihrer Launen gemacht, als ob er ihrem Willen geſtattet, auszuarten in Eigenſinn, er ſuchte nur ihren Geiſt ſo zu lenken und zu bilden, daß ſie ſelber das Richtige und Beſſere ſtets erkennen und wählen mußte, und irrte ſie dennoch zuweilen in der Wahl, ſo ließ er ſie ſelber die Folgen ihres Zrrthums tragen und ſie zur Erkenntniß gelangen eben durch den Irrthum. „Thue recht, und ſcheue Niemand!“ das war der Wahlſpruch, den er täglich ihr wieder⸗ holte, bis er ſich mit unauslöſchlichen Zügen ihrem Gemüthe eingeprägt, bis er zur Richtſchnur ihres ganzen Weſens geworden, bis ſie an ihm lernte das Urtheil der Welt zu verachten und nur dem zu folgen, was ſie ſelbſt für das Rechte erkannt. Aber Bernhard that mehr; er lehrte ſie nicht blos das Urtheil der Welt verachten, er lehrte ſie die Welt ſelber haſſen; er flößte ihr ein von dem Haß, den er ſelber gegen die Welt, die er geflohen, im Herzen trug, und war Giſela's weiches, jugendliches Gemüth auch des Haſſes noch nicht fähig, ſo doch der Geringſchätzung, und bevor ſie die Welt kannte, lernte ſie ſchon ſie verachten und ihr mißtrauen. Nun erſt triumphirte Bernhard, denn nun ſchien es ihm, als ſei Giſela gegen die Welt gewaffnet mit einem undurchdringlichen Panzer, und als könne die Welt ihr nichts anhaben, weil Giſela ihrer nicht achtete. „Nur hüte Dich, Giſela,“ ſagte er ihr oſft, zhüte Dich, die Welt zu verwechſeln mit dem Leben! O das Leben iſt ſchön und köſtlich, und 5 Du ſollſt und mußt es genießen in ſeiner ganzen Fülle und Herrlichkeit. Der aber genießt es erſt recht, der ſich in dem Genuß nicht ſtören läßt durch die Welt, und ſtets nur dem folgt, was das Rechte und Beſſere iſt. Die Welt, die Du verachten ſollſt, das iſt die Maſſe der Menſchheit mit ihren Vorurtheilen und Irrthümern, ihren Sitten und Unſitten, von dieſen Dich zu befreien, das ſei der Triumph Deines Weſens; Dich über⸗ haupt innerlich frei zu halten, Giſela, das ſei Dein höchſter Stolz!“ Giſela's Augen leuchteten höher auf, wenn er ſo ſprach, und mit ſtolzem Lächeln ſagte ſie: „Thue recht, und ſcheue Niemand!“ So hatte ſie ihr vierzehntes Jahr erreicht, als ihre heimgekehrte Schweſter ſich plötzlich ihrer erinnerte und ſie zu ſich forderte. Bernhard hatte dieſen Ruf lange ſchon erwartet, lange gefürchtet, weil er ihm ſein geliebteſtes Kleinod raubte, und vielleicht ſogar auf immer entfremdete. Aber hätte er auch Giſela veranlaſſen können, dieſem Ruf ihrer Schweſter zu widerſtehen, er würde es dennoch nicht gethan haben, denn Giſela mußte hinaus in das Leben, ihre Jugend, ihre Schönheit, ihr heißer Sinn ſollte nicht vergraben werden in der Oede des Pfarrhofes, und nicht ſollte ſie beſtimmt ſein, unter dem Schatten der Ruhe ihre Tage dahin zu träumen. „Gehe hin, Giſela,“ ſagte Bernhard, mühſam * 65 ſeine Thränen unterdrückend,„gehe hin und lerne leben, entbehren, leiden, überwinden, kämpfen und ſiegen! Denn viel Kampf iſt es, der Deiner wartet, aber Du darfſt nicht fliehen und nicht verzagen, Du mußt ringen nach dem Sieg, und Du darſſt all der Wunden, welche die Welt Dir ſchlagen wird, nicht achten, denn Du biſt da, um die Welt zu beſiegen und Dir das volle ganze Leben zu erobern. Eine Miſſionairin ſollſt Du ſein des freien Willens, und lehren ſollſt Du die Welt ſich in den Staub zu beugen vor einer Tugend, die ſo keuſch iſt, ſelbſt des Flitterſtaates und äußeren Scheins nicht zu bedürfen! Gehe, mein Kind, und zeige der Welt, daß das Weib keine Sclavin iſt, ſondern eine Freigeborene!“ Giſela warf ſtolz ihr jugendliches Haupt zurück. Sie begriff und verſtand ſchon die hohe Sendung, zu der Bernhard ſie beſtimmt, und in ihrem vierzehnjährigen Herzen war die hei⸗ ligſte Begeiſterung und Gluth, dieſer Sendung zu genügen. „Ich will gehen, mein Vater, ich will gehen, um mir das Glück zu erobern,“ ſagte ſie,„und mit der Welt will ich kämpfen um die Welt!“ Judith hatte ihren eigenen Reiſewagen geſandt, ihre Schweſter abzuholen, und Giſela's weniges Gepäck war ſchnell geordnet, nichts ſtand ihrer Abreiſe entgegen. Mit unausſprechlichem Wehegefühl nahm Giſela 3 Abſchied von Garten und Haus, von Thal und Berg, von all den Plätzen, an denen die köſtlichen Erinnerungen glücklicher Stunden hafteten, und als ſie dann zum letzten Lebewohl in den Armen ihres väterlichen Freundes ruhte, als ſeine Thränen ihr Antlitz bethauten, da brach ſie in lautes, ſchmerz⸗ volles Weinen aus. Bernhard drückte ſie an ſich, eine Ahnung überkam ihn, als würde Giſela da draußen nimmer das Glück finden, das ſie ſuche; es war ihm, als müſſe er ſie feſt halten, ſie nimmer von ſich laſſen, als müſſe er ihr zurufen:„Bleibe hier!“ Hätte er geſprochen, Giſela wäre nimmer ge⸗ gangen, ſie erwartete vielleicht nur dieſen Ruf, aber Bernhard drängte gewaltſam dies entſchei⸗ dende Wort zurück, und Giſela's Schickſal war entſchieden. Sie wandte ſich der Thür zu, als Bernhard, gefoltert von innern Zweifeln und Qualen, ſie noch einmal an ſein Herz zog. „Giſela, mein Kind,“ flüſterte er leiſe,„ver⸗ gieb mir, wenn ich vielleicht zu ſchwach war, Dir die rechte Straße zu zeigen. Zürne mir nicht, wenn Du unglücklich wirſt und unterliegſt in dem Kampfe mit der Welt!“ Biſela küßte ihn, und fand nicht Kraft zur Erwiederung. Ungeſtüm verließ ſie das Gemach und ſchwang ſich in den bereit ſtehenden Wagen. Nun noch einen letzten vollen Blick auf das geliebte Haus, auf den Freund, der weinend in der Pforte dieſes Hauſes ſteht, auf das ſtille Thal— dahin brauſen die muthigen Pferde, noch ſieht ſie das Haus, noch das weiße Tuch, mit dem Bernhärd ihr den Abſchiedsgruß winkt; dann verſchwindet Alles in Ferne und Nebel, und dem Paradies ihres unſchuldigen Glückes iſt Giſela auf ewig entriſſen und entfremdet. Nimmer kann ſie es wieder ſo betreten, als ſie es verließ,— die Roſſe fliegen und jeder Schritt entfernt ſie weiter von ihrer Kindheit und Jugend, bringt ſie näher dem Glück und dem Weh des Lebens!—— Judith empfing anſcheinend mit innigſter Freude ihre Schweſter, aber es befremdete ſie, Giſela minder herzlich und liebevoll zu finden. „Und liebſt Du mich auch recht?“ fragte ſie. „Ich hoffe, ich werde Dich lieben,“ ſagte Giſela, ihr tief in die Augen ſehend.„Aber wie ſollten wir uns jetzt ſchon lieben können? Die lange Entfremdung ſteht noch hemmend zwiſchen uns!“ Judith fühlte ſich verlegen, dieſem kalten, ruhigen Weſen gegenüber. Sie hatte ein von Glück und Dank überſprudelndes Kind erwartet, das ſich ihr hingeben würde in begeiſterter Liebe und Dankbarkeit, dem ſie die Freiheit und Erlöſung 3 aus bedrückender Sclaverei gebracht; ſie war ganz darauf vorbereitet, dieſen Dank zu empfangen, und dieſe Liebe zu dulden. Aber mit Erſtaunen fand ſie ein ſchönes, ruhiges Mädchen, deſſen prüfender verſtändiger Blick einen über ihre Jahre gereiften Geiſt verriethen. Dies bedrückte ſie, und gern hätte ſie Giſela ſogleich wieder zurück geſandt in den ſtillen Pfarrhof. Mindeſtens ſann ſie raſch auf ein Mittel, ſie wieder von ſich zu entfernen, und dies war bald gefunden. Mit Worten der innigſten, ſchweſterlichſten Liebe ſagte ſie Giſela, daß ſie mit Schmerzen an ihr den Mangel aller Weltbildung gewahre, daß ihre ſchlummernden Talente geweckt, ihre Fähigkeiten angeregt, daß ſie, mit einem Wort, gebildet werden müſſe, und ihr deshalb der Aufenthalt in einer berühmten Erziehungsanſtalt der fernen großen Reſidenz nothwendig ſein werde. Giſela willigte mit Freuden in dieſen Vor⸗ ſchlag. Sie ſelber fühlte das Bedürfniß und den Drang, den Mängeln ihrer Bildung nachzuhelfen, und das zu ergänzen, was bis jetzt unangebaut geblieben. Bernhard hatte ihr einen Charakter gegeben, er hatte ihr das Verſtändniß der Alten geöffnet, und ſie in gewiſſer Hinſicht zu einer Gelehrten gemacht, welche die griechiſchen und lateiniſchen Claſſiker ohne Schwierigkeit in der Urſprache las; er hatte ihr den Lauf der Geſtirne, die Geſetze der Mathematik und Phyſik kennen gelehrt, er hatte ihrem Geiſte eine gewiſſe männliche, gründ⸗ liche Bildung verliehen, aber dieſer fehlte der „ weibliche, leichte, zarte Flitterſtaat, es fehlten die Blumen und Kränze, es fehlte der Aufputz einer zeitgemäßen, geſelligen Bildung. Giſela konnte weder franzöſiſch und engliſch ſprechen, noch muſi⸗ ciren, und als ihr Judith dies vorwarf, ſagte Giſela mit einem ruhigen Lächeln:„Das läßt ſich erlernen!“— So reiſte ſie wenige Tage nach ihrer Ankunft ſchon wieder ab. Ihrem väterlichen Freunde Bernhard ſchrieb ſie:„Man will mich jetzt zu einer Biene machen, die von allen Bune der Wiſſenſchaft ſich den Honig ſchöpft und die Süßigkeit erbeutet. Gut, ich will fliegen, denn ich fühle meine Seele ſich regen mit mächtigem Flügelſchlag,— ich will mein ganzes Leben lang eine Biene ſein und den ſüßen, den köſtlichen Honig des Lebens ge⸗ nießen, und eine Biene darf nichts fürchten; hat ſie nicht gegen alle Anfechtungen und Bedrückungen einen Stachel, ſich zu vertheidigen? Was der Biene ihr Stachel, das ſei mir ein feſter Wille, ein unerſchütterlicher Muth,— beides danke ich Dir,— und mag meine Seele ſich auch erheben zum freieſten, höchſten Fluge, mag ſie hinwieder ſchlaff und muthlos, krank und lebensmatt die Schwingen ſenken, immer trägt ſie auf dieſen Schwingen die Inſchrift, die Du ihnen einge⸗ graben:„Thue recht, und ſcheue Niemand!“ Giſela blieb zwei Jahre in der Erziehungs⸗ anſtalt, und benutzte ſie einerſeits mit eiſernem Fleiß und nie ſchwindender Luſt die dort ihrem Geiſt gebotene Nahrung, ſo fand auch ihr Herz dort andrerſeits den herrlichſten, ſchönſten Gewinn. Die Geſpielin ihrer erſten Kinderjahre, Emma von Bernſtedt, fand ſie dort wieder, und bald ver⸗ band die tiefſte, heiligſte Freundſchaft dieſe beiden heißen, jungen Herzen, ſie alle Entzückungen und Begeiſterungen einer erſten Liebe ahnen laſſend. Süß und köſtlich waren die Monate, die ſie mit einander verlebten, und um ſo bitterer der Schmerz, als dann, ein Jahr bevor Giſela nach W. zurückkehren wollte, der eiſerne Wille ihrer Aeltern Emma dorthin zurück rief, um ſie einem ihr unbekannten ungeliebten Manne zu verhei⸗ rathen. Sie ſchwuren einander ewige Freundſchaft, und wir haben geſehen, daß ſie dieſe gehalten bis zum Tode. Mit ihrem vollendeten ſechszehnten Jahre kehrte Giſela, bereichert an Wiſſen und Kenntniſſen, aber in ihrem Charakter und Gemüth dieſelbe, nach W. zu ihrer Schweſter zurück. Nicht ohne einen leiſen Schreck ſah Judith ihre in Schönheit und Jugend ſtrahlende Schweſter. neben ſich, und ganz im Vollgefühl ihrer eigenen Herrlichkeit und Größe mußte ſie ſich dennoch ge⸗ ſtehen, daß Giſela ihrer Jahre lang in W. behaup⸗ teten Alleinherrſchaft gefährlich werden könne. Zwei Lebenswege. I. 5 — ů ˙ ů“ũůFvbvb — Faſt mit einer Art Freude that ſich Indith dies Geſtändniß, denn ſofort fühlte ſie die Spring⸗ kraft und Energie ihres Weſens wieder erwachen, und ihren Tagen einen neuen Reiz, einen neuen Zweck erblühen. Ihre Trinmphe waren an dieſem kleinen Hofe ſchon lange ohne Kampf, ohne Widerſtand geweſen, und dieſer Sieg ohne Feind fing an ihr langweilig zu werden. Sie war es zufrieden, nun endlich eine Feindin ſich gegenüber zu ſehen, und wenig kümmerte es ſie, daß dieſe Feindin ihre eigene Schweſter. Immer doch war es ein Weib, deren Jugend und Schönheit, deren Anmuth und Geiſt ſie zum Kampf heraus forderte, gegen die es der Kabalen und Intriguen, der verſteckten Fehde, des geheimen Krieges und der öffentlichen Zuneigung bedurfte, die ihr zu denken und zu handeln gab, der zu ſchaden und die zu vernichten eine Aufgabe war, und die Judith, indem ſie ſie vernichtete, dennoch beweinen konnte. Mit dem erſten Kuſſe, den ſie ihrer wiedergekehrten Schweſter Giſela auf die Lippen drückte, that ſie zugleich das Gelübde der Feindſchaft und des Kampfes, knüpfte ſie den erſten Faden an zu dem Netze, in welchem ſie Giſela zu ihrer Gefangenen machen wollte. V. Die kleine Reſidenzſtadt W. Seit einem Jahr alſo war Giſela jetzt, aus der Erziehungsanſtalt zurückgekehrt, bei ihrer Schweſter in W., der Reſidenz und Hauptſtadt des kleinen Fürſtenthums R. Aber wißt Ihr was das heißt, eine kleine Reſidenzſtadt, wißt Ihr überhaupt, was das heißt, in einer kleinen Stadt leben? Kennt Ihr einen Kleinſtädter im vollen, beglückenden Gefühl ſeines Werthes? O, lernt ihn kennen, um ihn zu be⸗ neiden, denn in der That, Niemand iſt ſo benei⸗ denswerth als ein Kleinſtädter. Niemand in Euern großen Städten iſt wie Er, ſich ſeines Werthes ſo ganz bewußt, denn niemals kann er ſich in der Maſſe verlieren und collectiv genannt werden; jeder iſt da der Einzige in ſeiner Art. Der Hof⸗ bäcker weiß, daß er der beſte Bäcker iſt, ebenſo der Hofſchneider, der Hoffriſeur, und ebenſo gut wie er wiſſen es alle übrigen Einwohner der Stadt, und reſpectiren ihn als den Beſten! Der Miniſter weiß, daß nach dem Fürſten kein Einziger ihm gleich ſteht; ſtolz nennt er ſich, wie Preußens großer König,„der Einzige,“ und ſeine Gemahlin fürchtet niemals den Platz auf dem Sopha zu verlieren, denn Niemand iſt da, der ihn ihr ſtreitig machen könnte. Und vom Miniſter bis zum Hof⸗ ſchuſter iſt jeder für ſich der Einzige, und jeder kennt des Andern Vortrefflichkeiten ſowohl wie ſeine Fehler, und verkleinert die erſtern und beſpöttelt die letztern, um ſich zu erheben, und jeder weiß vom Andern. Es iſt eine große Fa⸗ milie, in der nichts geſchehen kann, ohne daß ſämmtliche Stadtvettern und Stadtbaſen daran Antheil nehmen. Und was geſchieht, woran nimmt man An⸗ theil? Sind es etwa die großen Fragen des Tages, die politiſchen Ereigniſſe fremder Länder? Was kümmern dieſe den Kleinſtädter? Seine Stadt iſt ſeine Welt, was außer der⸗ ſelben vorgeht, iſt ihm unwichtig und kleinlich, und er belächelt Euch mitleidig, wenn Ihr daran Antheil nehmt, und wenn Ihr ſeufzet, weil die Zeitungen den Kleinſtädtern erſt mehrere Wochen alt zugehen! Die Verhandlungen in den badiſchen oder batriſchen Kammern kommen gar nicht in Betracht gegen das, was geſtern der Herr Miniſter auf der Reſſource, oder der Herr Bürgermeiſter im adligen Club ſagte; man trägt getreulich ihre — 5 Worte von Haus zu Haus, und ſchon nach wenigen Stunden ſind ſie der ganzen Stadt bekannt, hat jeder ſie vernommen. Was aber der Herr Miniſter oder der Herr Bürgermeiſter, oder der Herr Pfarrer, oder ſonſt Einer der Notabilitäten der Stadt ſagt, das iſt dem Kleinſtädter wichtig und entſcheidend, dagegen kommt keine andere Meinung auf, und ſei es die der größten und berühmteſten Gelehrten, Dichter oder Künſtler der Welt. Im vollen, ſichern Gefühl ſeines eigenen Wer⸗ thes imponirt dem Kleinſtädter nichts, giebt es für ihn keine Autvritäten außerhalb ſeiner Stadt, und der größte Mann wird für ihn erſt groß, wenn der Herr Bürgermeiſter ihn anerkannt hat. Von den Dichtern ſchätzt er gewöhnlich nur die Todten, nur die, denen längſt Denkmäler geſetzt ſind, die von der Nation auerkannt ſind,— die werdenden Größen, die Lebenden, ſind für ihn keine Größen,— Goethe und Schiller, Jean Paul und Wieland läßt er gelten, aber die Schriftſteller der Gegenwart ſind ihm gleichgültig, wenn nicht gar verächtlich, denn die Schriftſteller der Gegen⸗ wart ſprechen für den Fortſchritt, für die Bewe⸗ gung, ſie wollen Manches verändert, Manches abgeſtellt, Manches verbeſſert wiſſen; das ſcheint aber dem Kleinſtädter ein Verbrechen, eine kindiſche Neuerungsſucht. Alles iſt, ſo wie es iſt, ſo vortrefflich und ſchön, —— wozu ſoll es geändert werden? Er leidet nicht, wozu alſo ſchreien die Leute? Er hat noch nie eine Conſtitution vermißt, wozu alſo fordern ſie die Leute? Nichts aber erſcheint ihm verächtlicher, als wenn nun gar einer ſeiner Brüder, ein Klein⸗ ſtädter, den Druck dieſer Verhältniſſe nicht länger ertragend, ihnen entflieht, und in einer großen Stadt ein Aſyl ſucht, oder gar ſelber das Wort ergreift, und ſeinen Jammer und ſein Weh, ſeine Luſt und ſeine Freude hinein ruft in die Welt. Den großen Geiſt, der aus ihrer Mitte hervor⸗ gegangen, den verachten die Kleinſtädter von Grund ihres Herzens, und gleich dem Tiſchler, der bei der Prozeſſion ſich vor dem hölzernen Cruzifir nicht verbeugte, und auf die Frage ſeines Nach⸗ bars erwiederte:„Wie ſoll ich mich verbeugen vor dem Heiland, der noch vor acht Tagen als Birnbaum in meinem Garten ſtand?“ gleich dieſem ſagen ſie:„Wie ſoll ich Reſpect haben vor dieſem Schriftſteller, den ich noch als kleinen Jungen habe herum laufen ſehen, deſſen Aeltern ich kenne, und der als Junge eben ſo dumm und faul war, wie alle übrigen Jungen?“ Die großen Fragen des Tages ſind für ſie keine Fragen, und Eure Kämpfe, Eure Schmerzen, Eure Seüfzer und Thränen belachen ſie. Dagegen bekümmern ſie ſich ſehr ernſthaft um Alles, was in der Stadt. geſchieht, und kennen und wiſſen ⸗ überhaupt von ihren Freunden Alles und Zedes; ihre Einnahmen und Ausgaben werden ſtreng con⸗ trolirt, und wehe ſelbſt der Frau Bürgermeiſterin, wenn ſie ein ſeidenes Kleid zu viel hat,— die ganze Stadt wird ſie verdammen. Wehe vor allen aber denen, die es wagen, ſich gegen die Geſetze und Sitten der Kleinſtädter aufzulehnen; wehe denen, die es wagen, ſo zu leben, wie es ihnen gefällt und zweckmäßig erſcheint, und wenig darnach fragen, was die Kleinſtädter„an⸗ ſtändig“ nennen. Dieſe ſind verloren, denn ſie haben die ganze Stadt wider ſich! Es beleidigt den Herrn Bürgermeiſter, wenn Du es wagſt, um drei Uhr zu eſſen, während er ſchon um zwölf Uhr zu Tiſche ſitzt; es kränkt die Frau Pfarrerin, wenn Du erſt um ſieben Uhr zu ihrem Theezirkel kommſt, während die übrigen Gäſte ſchon um fünf Uhr kamen, und alle jungen Mädchen treten ſcheu und erröthend vor Dir zurück, wenn an einem öffentlichen Orte oder auf der Straße ein junger Mann mit Dir geſprochen, ohne daß den folgenden Tag Verlobungskarten geſchickt ſind.— Aber nun gar, wenn dieſe kleine Stadt zugleich die Reſidenzſtadt eines Fürſten iſt! Dann iſt der Hof die Achſe, um die ſich Alles dreht, welche die Zungen Aller in Bewegung ſetzt; dann entſcheidet das Lächeln des Herrn oder der Herrin über Deinen Werth, und ihr Stirnrunzeln zieht Dir allgemeine Verachtung zu.„Der Fürſt ——— ſagt, die Fürſtin ſagt,“ das ſind die Orakelſprüche, und was der Fürſt und was die Fürſtin ſagt, das erfährt ſofort die ganze Stadt, das ganze Land, und Wem der Fürſt gelächelt, und Wem die Fürſtin gezürnt, das geht wie ein Lauffeuer durch das Land, und ſchafft Dir Anerkennung oder Verachtung!—— Mitten in dieſe kleinliche, aber gefährliche Welt einer kleinen Reſidenzſtadt kam Giſela; Giſela mit ihrem heißen, furchtloſen Herzen, ihrem kühnen Sinn, ihrer Wahrheitsliebe, mit ihrem Wahlſpruch „Thue recht, und ſcheue Niemand.“ Sie kam mit ihrer freien, großen Seele, mit dem Bewußtſein ihrer Unſchuld, nichts verbergend und ſcheuend, ſelbſt keine Vorurtheile, nur nach Dem handelnd, was ſie als das Rechte erkannt, und wenig darnach fragend, ob dieſes„Rechte“ nicht verſtieß gegen die Anſtandsregeln und ſtren⸗ gen Sittlichkeitsgeſetze der Stadt und des Hofes. Denn der Hof hielt ſehr auf den äußern Anſtand und die Etiquette; die Fürſtin verzieh es niemals, wenn Jemand gegen dieſe Regeln ſündigte, ſie war unerbittlich ſtreng gegen jedes Lächeln, jede freie Aeußerung ihrer Hofdamen, ſie kritiſirte mit eiſerner Schärfe das Betragen aller Damen, und fand oft, ſelbſt in den unſchuldigſten Dingen, Zweideutigkeiten und Unanſtändigkeiten. Dies war freilich natürlich, denn Fürſtin Clotilde wußte am Beſten, wie leicht und gewandt man unter dem Schein der Unſchuld das Gegentheil derſelben verbergen, und wie bedeutſam und gewichtig ein Lächeln ſein könne. Sie kannte die Schuld ſo genau und darum beargwöhnte ſie ſo leicht die Unſchuld; ſie wußte, daß man bei jedem Schritte auf dem glatten, ſchlüpfrigen Boden des Hofes fallen könnte, und darum erſchien ihr Jede als eine im Fallen Begriffene. Fürſtin Clotilde war jung geweſen, und hatte ihre Jugend zu genießen verſtanden. Sie hatte es ſogar verſtanden, ſich das Glück der Jugend noch länger als die Jugend ſelber zu erhalten, und mit vierzig Jahren ſich einen zweiten Gemahl zu gewinnen, der mehr denn zwanzig Jahre jünger als ſie war und für ein Ideal an Schönheit, Geiſt und Güte galt. Freilich kannte Prinz Lothar ſie nicht, als er auf den Wunſch ſeines Vaters einwilligte, ſich der reichen fürſtlichen Witwe zu vermählen, die ſeinem Hauſe das benachbarte Fürſtenthum als Morgengabe dar⸗ brachte. Sein Vater hatte ihm nach Rom, wo der Prinz ſich damals aufhielt, gemeldet, daß er für ihn um die Hand der Fürſtin Clotilde ge⸗ worben, und daß ſie ſeine Braut ſei. Prinz Lothar hatte ſich ſchweigend gefügt, und den Intereſſen ſeines Landes ſein Herz zum Opfer dargebracht. Bald nach der Verlobung des Prinzen erkrankte ſein Vater. Kuriere flogen nach Rom, wo Erb⸗ prinz Lothar ſich aufhielt; ſie riefen den Sohn an das Bett ſeines Vaters, auf den Thron von Furchen durchzogenes Antlitz, in ihre dunkel ſeiner Väter, und der gehorſame Sohn folgte ſofort dieſem Rufe. Er reiſte Tag und Nacht, und gelangte noch früh genug nach W., um den Segen ſeines Vaters zu empfangen, und in ſeine Hand mit heiligem Eide zu geloben, ſofort die Fürſtin Clotilde zu ſeiner Gemahlin zu machen. Und der Fürſt Lothar hielt, was der Erbprinz Lothar verſprochen. Kaum waren die Trauerklänge um den Tod des Fürſten verhallt, als Hochzeits⸗ jubel und Vermählungsfeierlichkeiten angeordnet wurden, und der junge Fürſt nach der Reſidenz ſeiner Braut eilte, ſeiner Braut, die er noch nie geſehen. Denn ſeit ſeiner früheſten Jugend war, dem Willen ſeines Vaters gemäß, Lothar fern von ſeiner Reſidenz geweſen, um in der Ferne ſeine Erziehung und Ausbildung zu erhalten, um das Leben und die Welt kennen zu lernen, und an königlichen Höfen ſich zu bilden für den fürſtlichen Hof und Thron.„Der Erbprinz,“ ſagte der weiſe Fürſt,„ſoll das Leben genießen und die Welt, damit er dereinſt als Fürſt das Leben und die Welt kennt, und nur an ſeine Pflichten als Fürſt und Landesherr denkt. Darum mag ſich Lothar als Menſch und Jüngling jetzt austoben, um ſo weiſer wird er nachher ſein als Fürſt.“— Fürſt Lothar alſo hatte nie ſeine Braut geſehen, und nicht ohne Schrecken ſchaute er jetzt in ihr bleiches, blitzenden Augen, gewahrte er ihre verfallene, ab⸗ gemagerte Geſtalt. Aber er war zu ſehr Herr ſeiner Selbſt, um dieſen Schrecken nicht unter einem verbindlichen Lächeln verbergen zu können, und mit der Ruhe und dem Muthe eines Helden ſprach er, mit ſeiner fürſtlichen, reich geſchmückten Braut vor dem Altar der Schloßkapelle ſtehend, das feierliche Ja, das ihn auf immer mit der um zwanzig Jahre älteren Fürſtin Clotilde verband. Am andern Tage hielten die Neuvermählten ihren feierlichen Einzug in die Reſidenzſtadt W., und die Abgeordneten aus dem Lande der Für⸗ ſtin Clotilde legten den Eid der Treue zu den Füßen ihres neuen Herrſchers nieder. Die tugend⸗ hafte, fromme Fürſtin Clotilde herrſchte nun in ihrem neuen Lande und mit ihr ward die Tugend Mode am Hofe und in der Stadt W., und wo die Sünde und Leidenſchaft wandelte, war ſie doch umhüllt mit einem dichten, undurchſichtigen Schleier, und hatte ſie ihre Hände fromm gefaltet zum Gebet. Und alle Welt glaubte an die Tugend der Fürſtin Clotilde, nur ein Einziger nicht, nur der Fürſt Lothar, ihr Gemahl, glaubte weder an ihre Tugend, noch an ihren frommen Sinn, und wenn er ihr vor der Welt mit Zuvorkommenheit und Achtung begegnete, und ſie ehrte als ſeine Ge⸗ mahlin, ſo wußte die Fürſtin doch nur zu gut, kann!“ 15 — 76— wie wenig ſie das Herz dieſes Gemahls ihr Eigen⸗ thum nenne, ſo ahnte ſie doch, daß ſie in ihm einen ſtets beobachtenden, ſtets aufmerkenden heim⸗ lichen Feind habe, der ſich weder durch ihre frommen Blicke, noch durch ihre Tugend beſtechen laſſe, und der ſie beargwöhne ſelbſt in der Stille ihrer Ge⸗ mächer. Fürſtin Clotilde, die nimmer vor einem Men⸗ ſchen gezittert, zitterte vor ihrem Gemahl, vor ſeinen dunkeln, blitzenden Augen, vor ſeiner kühnen Stirn, vor ſeinem kalten, prüfenden Blick und dem ironiſchen Lächeln, das oft ſeine Lippen umzog. Seltſame Gerüchte waren bis zu ihr gedrungen, Gerüchte, die von der einſtigen glühenden Vebe des Erbprinzen Lothar und einer ſchönen Römerin erzählten, und von der furchtbaren Rache, die er an ihr genommen, als er ſie ungetreu erfunden. Waren dieſe Gerüchte nun übertrieben oder wahr? Das verlangte die Fürſtin zu wiſſen, und lachend erzählte ſie deshalb dem Gemahl dieſe Geſchichte, die ſie„ein romantiſches Mährchen“ nannte. Aber wie entſetzte ſie ſich, als ſie den Fürſten plötzlich erbleichen und zittern ſah, als er mit wilder Heftigkeit ihren Arm packte, und mit einem Blick, den ſie nimmer wieder vergeſſen konnte, ſagte:„Hüten Sie ſich, Fürſtin, jemals zu er⸗ fahren, daß ſolch ein Mährchen Wirklichkeit werden — „Mein Gott,“ ſagte ſie kerudt„Sie glauben doch nicht, mein Gemahl, daß ich „Cir ſehr tugendhafte bin?“ unter⸗ brach er ſie mit einem ſpöttiſchen Lachen.„ Gewiß, das ich, und ich rathe Ihnen, mir dieſen Glauben zu bewahren. Wollen wir über der Vergangenheit den Schleier ruhen laſſen, den Ihre frommen Hände darüber ausgebreitet, aber die Zukunft, Fürſtin, die Zukunft ſei klar und hell, und wehe Ihnen, wenn ich jemals einen dunkeln Fleck in derſelben erblicke. Alles wandelt hienieden, nur die Ehre nicht, und die beleidigte Mannesehre kann nur mit Blut rein gewaſchen werden. Merken Sie ſich das, meine tugendhafte Gemahlin!“ Nach dieſen Worten hatte er ſie plötzlich ver⸗ laſſen, und die Fürſtin ſtand lange noch ſinnend und tief in ſich gekehrt da; dann ſchellte ſie ihrem Kammerdiener und befahl ihren Beichtvater zu rufen, den jungen, ſchönen Domherrn, der ſeit einigen Wochen am fürſtlichen Hofe verweilte. Der Beicht⸗ vater erſchien, und die Fürſtin hatte mit ihm eine lange, geheime Conferenz. Eine Stunde nach derſelben verließ der junge geiſtliche Herr das Schloß und die Stadt, um nie wieder daſelbſt zu erſcheinen. Der ganze Hof war erſtaunt, und vermißte den ſchönen, geiſtreichen, frommen Mann; nur der Fürſt allein ſchien ſeine Abweſenheit nicht zu bemerken, und fragte nie nach ihm. Aber als nach einiger Zeit die Nachricht —— eintraf, er ſei in ein Trappiſtenkloſter eingetreten, und die Fürſtin, anſcheinend abſichtslos, dies ihrem Gemahl erzählte, ſagte dieſer mit einem bedeutungs⸗ vollen Lächeln:„Es iſt gut für ihn, daß er das Gelübde ewigen Schweigens abgelegt!“— Heute war bei Hofe ein großes Feſt, denn es war der Fürſtin Namenstag, und Alles, was durch Rang und Geburt zu dieſem Vorzug be⸗ rechtigt war, in den fürſtlichen Sälen verſammelt. Mit herablaſſender Freundlichkeit wandelte das fürſt⸗ liche Paar unter den Gäſten auf und ab, jedem Ein⸗ zelnen freundliche Worte ſagend und die Antworten mit huldvoller Güte entgegen nehmend. „Ich vermiſſe die Baronin Judith und ihre ſchöne Schweſter!“ ſagte die Fürſtin Clotilde, umher blickend, zu der Oberhofmeiſterin von Zarchv. „Vielleicht fürchten ſie einen Verweis von Eurer fürſtlichen Durchlaucht,“ erwiederte die Dame mit einem geheimnißvollen Lächeln, das die Neugierde der Fürſtin nur um ſo mehr reizte. „Und hätte ich Grund, ihnen zu zürnen?“ fragte die Durchlaucht raſch. Die Oberhofmeiſterin zuckte die Achſeln.„Fräu⸗ lein Giſela verachtet bekanntlich jede Form und Sitte,“ ſagte ſie,„und ſie ſinbe es daher ganz in der Ordnung, daß ſie drei Nächte an dem Krankenbette der jetzt verſtorbenen Baronin Emma von Serming zubrachte, drei Nächte mit deren Gemahl dort wachte.“ — 79— N „Das iſt ja entſetzlich, Gräfin,“ rief die Fürſtin,„mit dem Baron von Serming, der ihr ſo auffallend den Hof machte?“ „Sie behauptet, es nur aus Liebe zu ihrer Freundin gethan zu haben,“ ſagte die Oberhof⸗ meiſterin achſelzuckend. Die Damen lächelten und ziſchelten unter einander:„Man kennt ſolche Liebesdienſte! Mein Gott, ſie hält uns doch nicht für ſo einfältig, an eine Freundſchaft zu glauben, welche ſogar Nachtwachen nicht ſcheut?“ „Dieſer Vorwand iſt eben ſo ungeſchickt als unglaublich!“ „Und die Baronin Judith duldete ein ſolches rückſichtsloſes Betragen?“ fragte die Fürſtin. „Sie hat ihre Schweſter beſchworen, dies zu unterlaſſen,“ ſagte die Oberhofmeiſterin;„Euer Durchlaucht kennen den ſtrengen Sinn der Baronin, und können daher ermeſſen, welche Qualen ſie erduldet, wenn ſie ihre ſchöne, halsſtarrige Schwe⸗ ſter ſo abſichtlich ihrem Verderben entgegen eilen ſieht!“ „Oh, es giebt nichts Rückſichtsloſeres, als dieſe Giſela,“ ſagte ein alterndes, häßliches Fräu⸗ 3 lein, welches Giſela die Schuld beimaß, daß man ſie niemals mehr zum Tanze aufforderte. „Sie iſt eben ſo ſtolz als hochmüthig,“ ſagte eine Andere,„und verachtet jeden, der anderer Meinung iſt als ſie.“ — * „Oh, noch vor einigen Tagen hörte ich ſie ſagen,“ bemerkte eine Dritte,„das Urtheil der Welt ſei ihr ziemlich gleichgültig, ſie ſcheue es nicht, und werde auch niemals ſuchen es zu be⸗ ſtechen.“ „Das iſt ja eine unerhörte Frechheit,“ rief eine Vierte, die freilich Grund hatte, das Urtheil der Welt zu ſcheuen. Der Fürſt hatte, in einer Fenſterniſche ſtehend, lächelnd dem Geſpräche zugehört. „Was ſagen Sie zu dem Betragen dieſer jungen Dame?“ fragte ihn jetzt die Fürſtin. „Sie wird mich durch ſolche Etourderieen zwingen, ihr den Hof zu verbieten!“ „Gewiß werden Sie nicht ſo grauſam ſein,“ erwiederte ihr Gemahl,„nicht ſo grauſam, ſie des Vorzugs zu berauben, an Ihnen das Vorbild aller Tugend und Sitte zu bewundern! Fräulein Giſela mag tadelnswerth ſein, ſicher aber iſt ſie nicht ſchuldig, denn die Schuld, meine Damen, vermeidet den Schein! Ach ſehen Sie, da kommen unſre beiden Damen,“ fuhr er fort, nach der Thür deutend, durch welche ſoeben das Schweſterpaar in den Saal trat. Der Fürſt ſchritt ihnen entgegen und begrüßte ſie auf das Huldvollſte, und nie hatte man ihn, den man gewohnt war„den Unempfindlichen“ zu nennen, ſo aufmerkſam gegen eine Dame geſehen, wie er es heute gegen Giſela war. Nie aber auch war dieſe ihm ſchöner und lieb⸗ licher erſchienen, als jetzt, wo ſie unbefangen und lächelnd inmitten der Damen ſtand, die kurz zuvor ſie ſo bitter angefeindet, und jetzt ſie ſo freundlich begrüßten. Er bewunderte dieſe hohe, ſtolze Geſtalt, dieſe reine, edle Stirn, dies holde, durchſichtige Ange⸗ ſicht, das jeden Gedanken ihrer Seele durchſchim⸗ mern ließ, und faſt hatte er Mitleid mit dieſen hellen, klaren Augen, die ſo glänzten im innern jugendlichen Feuer. Er ſetzte ſich zu ihr, und den Arm leicht auf die Lehne ihres Seſſels legend, ſagte er:„Sie ſind zu kühn, Giſela, Sie müſſen die Furcht lernen!“— „Und das rathen Sie mir, Durchlaucht,“ er⸗ wiederte ſie lächelnd,„Sie, der keine Gefahr und keinen Tod ſcheut?“ „Sie haben Recht, ich ſcheue nicht den Tod, aber das Leben!“ „Und ich liebe es!“ ſagte ſie innig.„O mein Gott, was hoffe ich nicht Alles vom Leben, wie viel Glück, wie viel Luſt und Entzücken ſoll es mir noch bringen!“ „Und das Unglück? Sie vergeſſen, daß ſelbſt das glücklichſte Leben reich iſt an Schmerz und Kummer und Noth! Und die Enttäuſchungen? Sie vergeſſen, daß das Leben reich iſt an Falſch⸗ heit und Haß.“ Zwei Lebenswege. I. 6 * — 32— ½ „Aber auch an Treue und Liebe,“ ſagte Giſela raſch. „Sie glauben das? Wie jung Sie noch ſind, Giſela! Sie glauben noch an dies Mährchen? Sie wiſſen noch nicht, daß die Liebe nichts iſt, als ein ſchöner Traum, aus dem wir ſehr bald zum Erwachen aufgeſchreckt werden? Und die Treue?— O, Sie machen mich lachen, junges Mädchen, mit dem romantiſchen Wort Treue auf den Roſenlippen.“ „Nein,“ rief Giſela,„nein, nicht auf den Lippen, ſondern im Herzen trage ich dies Wort, und ich weiß, daß es eine Wahrheit iſt!“ „Es giebt keine Wahrheit hienieden,“ entgegnete der Fürſt,„Alles iſt Lüge, ich ſage Ihnen, Alles! Lernen Sie mißtrauen, junges Mädchen, dann können Sie hoffen, mindeſtens Ruhe zu erlangen. Lernen Sie den Zweifel, in dem Zweifel liegt die einzige Wahrheit, die große Wahrheit des Nichts! Sie glauben an die Liebe? Sie werden ſie der⸗ einſt verwünſchen! Sie glauben an die Treue? Sie werden ſie dereinſt vergeblich in Ihrem eigenen Herzen ſuchen!“ „Sie glauben alſo an nichts mehr?“ fragte Giſela, und ſchaute theilnahmsvoll in das edle Angeſicht des Fürſten, über das ſich ein Ausdruck finſtern Haſſes gebreitet.„Doch Fräulein,“ ſagte er bitter,„ich glaube, aber ich glaube nur an die Lüge, und dieſer Glaube iſt eine ewige Wahrheit!“ ——— ——— 85— „Sie haſſen alſo die Menſchen?“ „Ich liebe ſie mindeſtens nicht, und Sie werden es machen wie ich, wenn Sie mur erſt öfter zum Märtyrer Ihres Edelmuthes geworden, nur erſt öfter gelitten haben um Ihrer Tugenden willen, nur erſt öfter kühn der Welt getrotzt, und dafür Undank und Schmähung erduldet haben! Schon iſt der Anfang gemacht, und glauben Sie mir, dieſe Nächte, welche Sie an dem Bette Ihrer Freundin wachten, werden Ihnen noch manche ſchlafloſe Stunde bereiten!“ „O, Niemand wird wagen, dies zu miß⸗ deuten,“ ſagte Giſela,„Niemand wird die Liebe zu meiner Freundin beargwöhnen!“ „Man hat es gewagt, junges, argloſes Mädchen, und alle dieſe ſchönen Damen, die Ihnen eben ſo freundlich lächelten, hatten kaum erſt das Wort der Verdammniß über Sie ge⸗ ſprochen.“ „Sie ſind grauſam, mein Fürſt,“ ſeufzte Giſela ſchmerzvoll,„warum wollen Sie Mißtrauen in mein Herz ſchlendern?“ „Weil,“ ſagte er leiſe,„weil Sie das einzige Weſen an dieſem Hofe ſind, Giſela, das Einzige, welches noch keine Sünde und Schuld auf ſich 4e und weil mich Ihre Unſchuld erbarmt. Ich möchte Sie uſſuen, damit Sie zur Schlacht gerüſtet ſin, ich möchte Ihnen einen Panzer Sie verwundet werden!“ 6* — „Aber die Waffen auch, die Sie mir reichen, verwunden ſchmerzvoll.“ „Beſſer iſt es, ſich ſelber tödten, als getödtet werden. Kein Held wird auf dem Schaffotte ſterben wollen. Die Welt aber baut für jede Heldenſeele ein Schaffot, um auf demſelben mit grauſamer Luſt ſie zu Tode martern zu können. Mit dem erſten Schritt in's Leben haben wir die erſte Stufe zu dem Schaffot beſtiegen, und dann iſt das ganze Leben nur ein Kampf gegen die Welt, ein Kampf, ob wir das Schaffot beſteigen müſſen, oder ob wir als Sieger auf die erſte Stufe wieder hinnnter ſchreiten.“ „Und was dann, was dann, wenn uns dieſes gelungen?“ fragte Giſela athemlos. „Dann bleibt uns vielleicht noch die Kraft hie und da einer andern Seele unſern rettenden Arm zu leihen, und ihr herab zu helfen von die⸗ ſem Schaffot.“ „Dies wäre unſers Daſeins ganzes Ziel?“ „So iſt es! Und darum, Giſela, reiche ich Ihnen meine Hand! Glauben Sie mir, Sie haben ſchon mehr als eine Stufe überſchritten. Kehren Sie um! Wozu der Menge ein Schauſpiel geben! Sterben Sie einſam, nur in Sich, laſſen Sie die Welt nichts ſehen von ihren Todesqualen. Mein Gott, warum gerädert werden vor der Welt, wenn man ruhig auf dem Bette ungeſehener Lei⸗ den ſterben kann? Glauben Sie, Giſela, nicht Der . beherrſcht die Welt, der ihr Trotz bietet, ſondern nur Der, welcher ihr mißtrauet und in jedem Lächeln eine Schlinge ſieht, unſer Glück darin zu fangen. Nimmer wird es Ihnen gelingen, die Welt zu beherrſchen, denn die Schuld iſt klüger als die Unſchuld, und ſie kennt die Klippen, an denen ſie geſcheitert iſt. Um die Welt beherrſchen zu können, muß man ſchuldig ſein der Sünde e Welt, und um aus dem Gift ſich ein Heilmittel machen zu können, muß man die Eigenſchaften des Giftes geprüft und erkannt haben. Wer ſich der Welt giebt, wie er iſt, den hält ſie für einen Heuchler, und nur dem Heuchler wird ſie Glau⸗ ben ſchenken, denn dieſer wird es verſtehen, ſie zu düpiren und ihren Schwächen zu ſchmeicheln!“ „O,“ ſagte Giſela,„verderben Sie mir nicht dieſe ſchöne Welt; ſie iſt ſo voll Sonnenſchein und Liebe. Sie ladet ſo köſtlich ein zum Genuß und zur Freude. Laſſen Sie mich genießen und mich freuen. Ich glaube noch, daß wir berufen ſind glücklich zu ſein!“ „Holde, ſchöne Thörin,“ ſagte der Fürſt, „Sie ſind alſo nicht zu überzeugen! Sie wollen alſo der Welt Trotz bieten? Und heute, wie immer zu Ihnen, waren meine Worte nutzlos?“ „Nein,“ ſagte ſie mit einem freundlichen Lächeln,„nicht nutzlos, denn an den dunklen Far⸗ ben, mit denen Sie die Welt gemalt, ſehe ich erſt, wie hell und köſtlich doch die Welt iſt!“ VI. * Das kranke Kind. Eine heftige Krankheit hatte, wenige Wochen nach dem Tode der Mutter, Emma's junge Tochter heimgeſucht, und Conrad von Serming, treu ſei⸗ nem Verſprechen, ſogleich Giſela davon Nachricht gegeben. Dieſe ſchwankte nicht einen Augenblick, was ſie zu thun habe. „Ich muß gehen, und das Kind meiner Freun⸗ din pflegen, wie eine Mutter,“ ſagte ſie zu Judith. „Das iſt unmöglich,“ rief dieſe entrüſtet,„das kannſt, das darfſt Du nicht thun. Das hieße jeder Sitte, jedem Schicklichkeitsgeſetze ſpotten!“ „Und dennoch werde ich es thun,“ erwiederte Giſela ruhig,„denn ich habe es in die Hand meiner ſterbenden Freundin gelobt, ihrem Kinde Mutter zu ſein, und es ſoll nicht geſagt werden, daß ich den Schwur gebrochen, welchen ich frei⸗ willig geleiſtet! Ich weiß es wohl, ich werde durch dieſe Handlung mich einige Tage zum Geſpräch des Hofes und der Stadt machen, aber ich fürchte das nicht, denn mein Wille iſt rein, und da ich fühle, daß ſo zu handeln meine Pflicht iſt, darf ich die ganze Welt nicht ſchenen. Die Edlen und Guten werden dennoch fühlen, daß ich Recht habe, und, Judith, ſollte ich die Unedlen fürchten?“ „Sie nickte mit einem holdſeligen Lächeln ihrer Schweſter den Abſchiedsgruß zu, und eilte dann raſchen Schrittes an das Lager des kranken Kinggs. Zudith ſchaute ihr lange ſchweigend nach, Und als der Schall ihrer Schritte verhallte, durchflog ein Ausdruck der Schadenfreude und des Triumphes ihre Züge.„Geh nur hin,“ ſagte ſie leiſe,„eike nur Deinem Verderben entgegen, es wird Dich früh genug erreichen! Verachte nur das Urtheil der Unedlen, dann wirſt Du bald genug vergeblich nach den Evlen ſuchen, die Dich vertheidigen. Trotze nur auf Deine Unſchuld und Reinheit; das iſt ein Verbrechen, welches die Welt Dir nimmer verzeiht! O wie ich ſie haſſe, dieſe Giſela mit ihrem kühnen Tugendmuth, vor dem ich zuweilen innerlich mich beſchämt fühle und erniedrigt. Sie muß, ſie ſoll fallen! Dieſer Stolz muß beſiegt werden, o, und zu meinen Füßen ſoll dies ſtolze Kind umſonſt flehen um Erbarmen und Troſt! Sie iſt meine natürliche Feindin, und ſüß ſoll es mir ſein, ſie in den Staub zu beugen und meinen Fuß auf ihren Nacken zu ſetzen.“ Ein Beſuch ward gemeldet, und ſofort nah⸗ men Zudith's Züge einen andern Ausdruck an; vorher kalt und ſpöttiſch, waren ſie jetzt weich und freundlich, und mit einem ſchwermüthigen Lächeln ſchritt ſie der n von Zarcho ent⸗ gegen. „O Sie kommen mir wie ein Himmelstroſt, theuerſte Freundin,“ ſagte Indith, die Dame an i Herz drückend. „Mein Gott, Theuerſte, es iſt doch kein Un⸗ lück geſchehen?“ „O Giſela!“ ſeufzte die Baronin mit verge⸗ hender Stimme, und ſchon entſtürzten Thränen ihren Augen. „Sie hat Ihnen doch nicht ſchon wieder Kum⸗ mer bereitet?“ „Sie rennt in ihr Verderben, und meine Hand iſt zu ſchwach ſie zu halten! Ich kann nichts als flehen und bitten, und ihr von Leidenſchaft be⸗ fangenes Ohr iſt taub gegen meine ſchweſterliche Mahnung! Denken Sie,“ fuhr ſie mit leiſer Stimme fort, als fürchte ſie ſich ſelber, das Ent⸗ ſetzliche zu verrathen,„denken Sie, Theuerſte, daß Giſela abermals in das Haus des Barons Ser⸗ ming gegangen iſt, um das angeblich erkrankte Kind zu pflegen!“ „Welch eine unerhörte, ſchamloſe Frechheit,“ rief die Oberhofmeiſterin erſchreckend. „Ihre Leidenſchaft hat ſie völlig blind gemacht gegen Anſtand und Sitte.“ — 789— „Sie liebt alſo wirklich den Baron leiden⸗ ſchaftlich?“ und, wie ich fürchte, uner⸗ wiedert. Theuerſte, welche Qualen ſind dies! Man Giſela verdammen, und mich mit ihr, und unſer Ruf, das heiligſte Beſitzthum einer Frau, wird befleckt, vernichtet werden!“ „O fürchten Sie dies nicht, Geliebteſte,“ rief die Oberhofmeiſterin.„Ihre hohe Tugend iſt unantaſtbar und kann durch nichts gefährdet wer⸗ den. Wir Alle kennen Sie ja als ein Muſter der Tugend und Sitte. Aber dieſe Giſela freilich werden Sie aus Ihrem Hauſe entfernen müſſen.“ „Das kann, das darf ich nicht. Ich bin ihre Schweſter, ſie hat Niemand auf der Win, außer mir! Wer ſoll ſich ihrer erbarmen, wenn die eigene Schweſter ſie verſtößt? Nein, nein, und müßte ich auch mit ihr zu Grunde gehen, ich darf ſie nicht 2 „Welch ein Engel ſind Sie!“ rief die Ober⸗ hofmeiſterin mit Thränen wirklicher Rührung, Ju⸗ dith an ihr Herz drückend.„H wie ſehr ver⸗ dienen Sie von aller Welt geliebt und verehrt zu werden. Aber ſorgen Sie nicht, man ſoll ihre edle Aufopferung und Schweſterliebe nicht miß⸗ deuten dürfen. Noch heute werde ich unſerer edlen Fürſtin Alles erzählen!“ „Aber wird dies nicht meiner armen Schweſter noch mehr ſchaden? O, thun Sie es nicht,. will lieber es ertragen, daß die Fürſtin auch mich für ſchuldig hält, als daß ſie, mich beklagend, Giſela doppelt zürnt.“ „Mein Gott, welch ein edles Herz, wie groß⸗ müthig und erhaben. Welch ein Vorbild hat Gi⸗ ſela an Ihnen, und wie wenig weiß ſie dies zu erkennen!“ Judith ſchlug beſchämt die Augen nieder, und die Oberhofmeiſterin entfernte ſich bald, um der Verbrechen Giſela's und die Großmuth Judith's zu erzählen. Nach wenigen Stunden war dies das Geſpräch der Stadt und des Hofes, und indem man Giſela verdammte, pries man ihre edle, tugendhafte Schweſter. Giſela ſaß indeß am Bette des kranken Kin⸗ des, mit Mutterzärtlichkeit jede Bewegung deſſel⸗ ben bewachend und behütend, und in jeder Vier⸗ telſtunde ihm die Arzeneien reichend und die Eis⸗ umſchläge erneuernd, welche der Arzt angeordnet. Die Nacht brach herein, und kein Schlaf kam in ihre Augen; Niemand wollte ſie die Pflege dieſes kranken Kindes anvertrauen, denn der Arzt hatte geſagt:„iſt es noch möglich ſie zu retten, ſo kann dies nur durch die genaueſte Befolgung 5 meiner Vorſchriften geſchehen,“ und Giſela wollte daher ſelber die Befolgung derſelben überwachen. Vergebens flehte Conrad ſie an, ihm nur auf einige Stunden die Pflege der Kleinen zu über⸗ nach Neuigkeiten verlangenden Fürſtin dies neue tragen, und zu ruhen. Giſela ſagte:„ich habe meiner Emma geſchworen, ihrem Kinde Mutter zu ſein, und eine Mutter darf nicht weichen vom Bette ihres kranken Kindes. Auch wiſſen Sie, daß in dieſer Nacht die Kriſis eintreten wird, wie uns der Arzt verſichert, und können Sie wollen, daß ich ſchlafe, während das Kind vielleicht ſtirbt, oder zum Leben erwacht? Laſſen Sie mich daher ungeſtört wachen, und begeben Sie ſich zur Ruhe.“ „Nimmermehr,“ rief der Baron, zärtlich ihre Hand faſſend,„ich werde neben Ihnen wachen. Wie können Sie wollen, daß der Vater ſchläft, während Giſela als holde Mutter an dieſer Wiege wacht?“ Sie ſah ihn ſtolz und ruhig an, und entzog ihm ihre Hand.„Bringen Sie meine Sorgfalt für dies Kind, ich bitte, nicht in Beziehung mit Ihrem Verhältniß zu demſelben,“ ſagte ſie ernſt. „Ob Sie wachen oder ſchlafen wollen, das gilt mir gleich, ich fordere nur, daß Sie dies Zimmer verlaſſen!“ „Giſela, Sie könnten das fordern, und warum?“ „Weil ich es will!“ ſagte ſie mit der Ruhe einer Königin, und der Baron wagte nicht ihr zu widerſtreiten. Schweigend küßte er ihre Hand und entfernte ſich. Giſela aber ſetzte ſich neben die Wiege als unermüdete Wächterin, und in der tiefen Stille der Nacht zog die Zukunft und Ver⸗ gangenheit in wechſelnden Bildern an ihr vorüber. Und wie, dachte ſie, wie wird die Zukunft ſich mir geſtalten? Werde ich das Glück finden, das ich mit all meinen Sinnen, das ich mit der ganzen Kraft meiner Seele ſuche? Oder werde ich an den Klippen des Lebens zerſchellen, wie die arme Mutter dieſes Kindes? Und war nicht Emma, obwohl unglücklich, dennoch beglückt in dem Gefühl ihrer Liebe? O mein Gott, ſie hat viel geweint, aber ſie war doch ſelig im Schmerz, ſie hatte doch ein großes, erhabenes Unglück zu beweinen. Und wenn wir denn, wie Fürſt Lothar ſagt, wirklich nur auf der Welt ſind, um zu kei⸗ den, o ſo wünſche ich mir nur ein recht großes, überwältigendes Leid, das, wie eine brauſende La⸗ wine, gleich mein ganzes Glück zerſchellt. Nur nicht ſterben an der kleinen misère des Daſeins, die das Herz langſam zermürbelt, anſtatt es auf Einen Schlag zu zerbrechen!— Aber ich, ich hoffe noch auf Glück, meine Pulſe alle klopfen darnach, und meine Hände ſtrecken ſich aus, das Leben zu erfaſſen, und das Glück, meine Seele ſchreit darnach! Wie ein Kind nach der Mutter⸗ bruſt, ſo dürſtet mich nach dem Glück, dem Leben, nach Freiheit!— Freiheit! Wo werde ich die finden? Die unbeſtrittene, unangefochtene Freiheit des Wollens und Handelns, der That und des ſen kleinlichen Rückſichten und Befürchtungen. Das Kind in der Wiege warf ſich unruhig Gedankens? Mein Gott, ſie tödten mich mit die⸗ — 95— 4 hin und her und ächzte laut. Giſela ſtand auf, und erneuerte⸗ den Eisumſchlag und flößte dem Kinde Arzenei ein. Dann neigte ſie ſich über die Wiege, und beobachtete die ächzende Kleine; es ſchien ihr als färbe ein leichtes Roth des Kindes Wangen, und als gehe der Athem ruhiger aus der röchelnden kleinen Bruſt hervor. Als die Kleine dann wieder eingeſchlummert war, ſetzte ſich Giſela wieder leiſe auf den Seſſel neben der Wiege. Der Morgen begann bereits zu dämmern, und die Stunde war nicht mehr fern, in welcher die vom Arzt erwartete Kriſis eintreten ſollte. Giſela harrte ihr angſtvoll entgegen, und dieſe Stunde, welche über Leben und Tod entſchei⸗ den ſollte, erfüllte ihr Herz mit geheimniß⸗ vollem Grauen. Mächtige und große Gedanken regten ſich in ihrer Seele, und in ihrem Herzen betete ſie heilige Gebete des Lebens. Ihre Ge⸗ danken waren bei Gott, und darum überhörte ſie es, daß leiſe, leiſe ſich die Tapetenthüre hinter ihr öffnete, und Conrad herein ſchlich. Erſt als er ihren Arm berührte, ſchreckte ſie zuſammen und ſprang auf. „Was wollen Sie hier?“ fragte ſie ſtreng. „Verzeihung, Giſela,“ bat er mit weicher, flehender Stimme.„Ich konnte keine Ruhe finden, und keinen Frieden. Mein Herz klopfte in un⸗ ausſprechlichem Sehnen nach Ihnen, es drängte mich in dieſer Stunde Ihnen mein ganzes Herz zu offenbaren, und Ihnen zu ſagen, daß ich Sie unausſprechlich liebe!“ „Dieſe Stunde iſt übel gewählt zu ſolchem Bekenntniß,“ ſagte Giſela ſtreng. „Jede Stunde iſt geheiligt durch meine Liebe zu Ihnen, ja Giſela, ſo heiß, ſo mächtig iſt dieſe Liebe, daß ſie jedes andere Gefühl in mir zurück⸗ drängt, und ſelbſt jede Angſt um mein leidendes Kind in mir erdrückt.“ „Sie ſind ein ſchlechter Gatte geweſen, und ſind ein ſchlechter Vater,“ erwiederte Giſela. „Sie wußten nicht die Liebe des edelſten Weibes ſich zu verdienen, und doch werben Sie ſchon wieder um Liebe, während noch der Trauerflor um die erſte Gemordete an Ihrem Arme prangt.“ „Ich konnte Emma's Herz nicht gewinnen, denn ich liebte ſie nicht,“ rief Conrad ſtürmiſch, „Dich aber Giſela, Dich liebe ich, und darum werde ich auch Dich gewinnen und erobern!“ „Nimmer, nimmermehr! Keine Regung in meiner Seele ſpricht für Sie, und mein Herz wendet ſich ſchandernd von Ihnen ab.“ „O, Ihre Lippen ſprechen nur ſo grauſame Worte,“ ſagte er kühn und zuverſichtlich.„Ihr Herz, Giſela, iſt minder grauſam, minder hart. Das weiß ich, das fühle ich, das ſagte mir lange ſchon eine frohe Ahndung, und dieſe Ahndung hat mich nicht betrogen, denn Giſela, die junge, 5 die ſchöne Giſela iſt, die Welt und die Verleum⸗ dung nicht fürchtend, in mein Haus gekommen, m mein Kind zu pflegen. O, darum, Giſela, umhülle mir Dein Herz nicht mehr, laß es in dieſer ſchönen Stunde frei ſich offenbaren, wie ich es längſt erkannt habe in ſeiner heiligen Gluth und Stärke!“ „Er glaubt, daß ich ihn liebe!“ rief ſie ent⸗ ſetzt und erbleichend, und ihre ganze Geſtalt durch⸗ flog ein Zittern.„Mein Gott, er glaubt, daß ich ihn liebe!“ wiederholte ſie dann mit verächt⸗ lichem Ton, und maß den Baron mit glühenden, durchbohrenden Blicken.„Wie konnten Sie wagen dies zu glauben?“ fragte ſie dann haſtig,„wie konnten Sie denken, ich würde die Schwelle Ihres Hauſes betreten, wenn ich Sie liebte? O, mein Gott, iſt denn die Welt ſo ſchlecht, daß ſie nicht einmal mehr an weibliches Zartgefühl glaubt? Wie entartet müßte aber das Weib ſein, das ſonder Scham das Haus Deſſen betritt, den ſie liebt, das ſich ihm ungeſucht entgegen trägt?— Gehen Sie, Sie ſind ein Thor, ein eitler Narr, der es nicht einmal verdient, daß ich mich um ihn erzürne!“ „Giſela, hüten Sie ſich, mich zu reizen,“ rief der Baron drohend, und bei Giſela's be⸗ ſchämenden Worten in wilden Zorn gerathend. „Hüten Sie ſich, mich zu reizen, oder Sie ſollen — mindeſtens die unſinnige Keckheit bereuen, mit der Sie in dies Haus gekommen ſind!“ „Ha, Sie wollen mir drohen?“ fragte ſie mit blitzenden Augen, und ſich kühn empor rich⸗ tend.„Sie wollen mich ſchrecken? Gehen Sie, Sie ſind ein Thor, und ich fürchte Sie nicht!“ „Das ſollſt Du bereuen,“ rief er außer ſich, und auf ſie zuſpringend, umfaßte er ſie mit wil⸗ der Heftigkeit.„Giſela, ſtolze, ſchöne Giſela,“ ſagte er glühend und zitternd,„Giſela, ich liebe Dich, und Du mußt die Meine werden, denn hörſt Du es, Mädchen, ich liebe Dich, und ich will Dich beſitzen. Ich fürchte nichts, ſelbſt nicht Deine zornigen Augen, Giſela, und nicht Deine höhniſchen Worte! Dieſe Lippen, dieſe köſtlichen, glühenden Lippen will ich küſſen, ja, bei Gott, das will ich!“ Sie hatte ſich vergebens ſeinen Armen zu ent⸗ winden geſucht; als ſich aber jetzt ſeine Lippen den ihren näherten, gab der Zorn ihr Rieſen⸗ kräfte, ſie entriß ſich ſeinen Armen, daß er athem⸗ los rückwärts taumelte. „Sie verlaſſen dies Zimmer, oder ich rufe nach Hülfe,“ ſagte ſie mit vor Zorn erſtickter Stimme.— Conrad aber ſank vor ihr nieder auf ſeine Kniee.„O, Verzeihung, Verzeihung, Giſela, ich war ein Raſender, daß ich es wagte Ihnen zu drohen, die Leidenſchaft, die Beſchä⸗ mung riß mich hin! Haben Sie Mitleid mit meiner Liebe, mit meinem Schmerz, Erbarmen mit meiner Pein!“ Während ſeiner heftigen Worte war die Ein⸗ gangsthür leiſe geöffnet, und der Arzt erſchien in derſelben. Mit einem ſpöttiſchen, verächtlichen Lächeln blickte er auf dieſe unerwartete Gruppe, dann trat er ſtill zurück und ſchloß die Thür wieder. Aber Giſela hörte das leiſe Knarren der Thür, ſie ſah den letzten ſpöttiſchen Blick des Arztes; ſchnell ſprang ſie zur Thür, und eilte dem Arzte nach, der ſchon im Begriff war, die Stiegen wie⸗ der hinab zu gehen. „Warum traten Sie nicht ein?“ fragte ſie zzornig, ſeinen Arm faſſend und ihn mit ſich zu⸗ rück ziehend zu dem Krankenzimmer.„Warum wollen Sie wieder fort, ohne das Kind geſehen zu haben, das zu ſehen Sie doch kamen?“ Den Arzt beleidigte der harte, zornige Ton ihrer Frage; er war gefaßt, ſie als eine um Schweigen und Vergeſſenheit Flehende vor ſich zu ſehen, und dieſer würde er vielleicht großmüthig Schweigen gelobt haben; aber es empörte ihn, daß ſie noch den Muth hatte ihn ſo zu fragen, und den Stolz ihrer beleidigten Jungfräulichkeit nahm er für ſchamloſe Dreiſtigkeit. „Ich zog mich zurück,“ fagte er rauh,„weil es mir ſchien, als habe ich die rechte Thür ver⸗ fehlt. Ich wollte in ein Sterbezimmer, und kam zu der Schäferſtunde eines zärtlichen Paares.“ Zwei Lebenswege I. Ein einziger Schrei des Entſetzens tönte von Giſela's Lippen, dann zog ſie den Arzt raſcher ſich nach in das Zimmer. „Sagen Sie dieſem elenden Menſchen da,“ rief ſie zitternd vor Zorn dem Baron zu,„ſagen Sie ihm, daß er kein Recht hat mich zu beleidi⸗ gen. Retten Sie vor ihm meine Unſchuld, und ich will Ihnen Alles verzeihen!“ „Bemühen Sie ſich nicht, Herr Baron,“ ſagte der Arzt kalt,„ich würde meinen Augen doch mehr glauben, als Ihren Worten, und dem edlen Fräulein da kann es ja gleichgültig ſein, was ein elender Menſch über ſie denkt. Auch bin ich nicht gekommen, hier die Reinheit und Erha⸗ benheit Ihrer überirdiſchen Liebe zu bewundern, ſondern um dem unglücklichen Kinde wo möglich meine Hülfe zu bringen.“ Er neigte ſich über die Wiege, und prüfte lange den Puls des Kindes.„Das Kind iſt todt, ſagte er dann, ſich aufrichtend,„es be⸗ ginnt ſchon zu erkalten, Sie, meine zärtliche Pfle⸗ gerin, werden ſeinen Todesſeufzer in Ihrer Lie⸗ besentzückung überhört haben!“ Noch einen zornigen Blick auf Giſela werfend, verließ er ſtolzen Schrittes das Gemach, um in glühendem Zorn ſich zu rächen für Giſela's ſtolze Worte und ſeinen lauſchenden Patienten die Scene dieſes Morgens zu erzählen. Giſela aber war wie vernichtet, erſtarrt im tödtlichen Schreck; ſie weinte nicht, ſie ſeufzte nicht⸗ ſie ſchien ganz gefaßt und ruhig, aber ihre feſt auf einander gepreßten Lippen, ihr wogender Bu⸗ ſen verriethen den innern Sturm, und ihre glü⸗ henden Augen waren mit dem Ausdrucke wilden Zornes auf den Baron geheftet. Dieſer fühlte ihren Blick und wagte es doch nicht, demſelben zu begegnen. Geſenkten Hauptes ſtand er vor ihr, unſchlüſſig was er ſagen, was er thun ſollte. „Giſela, hören Sie mich,“ wagte er endlich leiſe zu ſagen. Sie unterbrach ihn heftig:„Schweigen Sie, nennen Sie nicht meinen Namen!“ Dann ſchritt ſie zu der Wiege des Kindes, und als ſie ſeine kalte Stirn küßte, fiel eine Thräne aus ihrem Auge auf dieſelbe.„Lebe wohl, Du Kind meiner Freundin,“ ſagte ſie leiſe, „ich küſſe Dich in Liebe, ob ich auch viel werde um Dich leiden müſſen! Lebe wohl! Grüße Deine Mutter!—“ Dann hüllte ſie ſich in ihren Shawl und ſchritt ſtolz, ohne Conrad noch eines Blickes zu würdigen, aus dem Gemach. 72 VII. Die Werbung. Eine dumpfe Traurigkeit folgte dieſen ſtürmi⸗ ſchen Aufregungen in Giſela's Bruſt. Sie fühlte ſich troſtlos und verlaſſen, und ihr froher Muth war gebrochen. Was hatte ſie in dieſer Nacht erfahren, wie hatte man gewagt, zu ihr zu reden, zu ihr, der Stolzen, leicht Verletzten! Mein Gott, und ſie hatte alle dieſe Beſchämungen dulden, alle dieſe Beleidigungen hinnehmen müſſen, ſie hatte keine Strafe, keine Waffe, ſich für ſolchen Schimpf zu rächen, keine Mittel, ſich zu reinigen von ſolcher Schmach! Fort und fort tönten Con⸗ rad's beleidigende Liebesworte, tönte des Arztes bitterer Spott vor ihren Ohren, und die Purpur⸗ röthe der Scham, und die Bläſſe des Zorns wechſelten auf ihren Wangen. Sie fürchtete nicht die gehäſſigen Zungen der Welt, ſie dachte gar nicht an dieſe, nur an die Beleidigungen, die ſie erduldet hatte, und ſie weinte vor Zorn und Schmerz.„Mein Gott, trägt denn die Schuld der Unſchuld Züge,“ ſagte ſie zitternd,„und ſind die Menſchen denn ſo kurzſichtig, die eine nicht von der andern unterſcheiden zu können? Iſt denn die Sünde und das Laſter nicht der Art, daß es zu leſen iſt auf dem Angeſicht? Warum glauben denn dieſe Menſchen ſo leicht an meine Schuld, warum wird es ihnen ſo ſchwer, an die Unſchuld zu glauben?“ Judith ſtörte ſie in dieſem finſtern und weh⸗ muthsvollen Hinbrüten, Iudith, die mit trium⸗ phirendem Lächeln und blitzenden Augen, mit from⸗ men Tugendſprüchen und vor Freude klopfendem Herzen kam, Giſela den ganzen Zorn einer ge⸗ kränkten, tugendvollen Schweſter zu zeigen, und mit grauſamer Luſt ihr alle die Gerüchte, die Vermuthungen, die Vorausſetzungen zu wiederho⸗ len, welche Hof und Stadt beſchäftigten, und Gi⸗ ſela zum Geſpött und Gelächter der Welt machten. Giſela ſuchte ſich nicht zu vertheidigen, ſie war ſtumm allen dieſen Anklagen gegenüber, und Judith hatte mindeſtens nicht die Freude zu wiſſen, ob ſie ihrer Schweſter Kummer bereite, ob die Pfeile, welche ſie mit grauſamem Hohn auf ihr Herz richtete, es ſicher und ſchmerzvoll trafen. Giſela lächelte verächtlich, als Indith ihr ſagte, alle Welt ſei überzeugt, ſie ſei nur aus Liebe zu dem Baron, und nicht um Emma's, nicht um des Kindes wil⸗ len in Conrad's Haus gegangen, und als Judith, — 103— „Die Liebe!“ ſagte er, ſich zuſammen raffend, und diesmal wagte er es, ihren Blicken zu be⸗ gegnen.„Ja, Giſela, die Liebe zu Ihnen führt mich her, und zu Ihren Füßen will ich um Ver⸗ gebung flehen für meine Schuld.“ Er knieete vor ihr nieder und küßte ihr Ge⸗ wand. „Stehen Sie auf,“ ſagte ſie, einen Schritt zurück tretend,„ſtehen Sie auf, und erinnern Sie mich nicht mehr an dieſe entſetzliche Nacht. Jedes Erwähnen derſelben iſt eine neue Kränkung.“ „Sie wollen mir alſo nicht verzeihen?“ fragte er, gehorſam ſich erhebend von ſeinen Knieen. „O Giſela, nicht dieſen ſtrengen Blick! Meine Hoffnung, meine Liebe zerſchellt an ſolchem Blick. Sehen Sie mich gütig an, Giſela, denn ein volles, unbegrenztes Vertrauen verdient mindeſtens keinen Zorn; ſolcher Art aber iſt mein Vertrauen zu Ihnen, denn ich komme, von Ihnen das Glück meiner Zukunft zu erbitten, und wenn dies Glück für mich nur darin beſteht, Ihnen mein ganzes Leben weihen zu können, ſo flehe ich Sie an, zu ſolchem Glück mir Ihre Hand zu reichen und die Meine zu werden!“ „Niemals!“ ſagte ſie ernſt und feierlich,„nie⸗ mals kann ich einem Manne meine Hand reichen, der meine einzige Freundin tödtete, zweimal ſie tödtete in ihrem Geliebten! Denn Emma iſt ge⸗ ſtorben durch Sie, Ihr Edelmuth war es, der ſie ganz empört über ſolche Unempfindlichkeit, hinzu⸗ fügte, daß der Arzt erklärt habe, das Kind ſei nur durch Giſela's Vernachläſſigung geſtorben, nur weil ſie ſeine Verordnungen nicht pünktlich erfüllt, weil Giſela, ſtatt dieſen nachzukommen, und auf das Kind zu achten, mit Conrad von ihrer Liebe geplaudert, nur da hatte Judith den Triumph, ein ſchmerzliches Zucken in dem Antlitz Giſela's zu gewahren, und befriedigt mit dieſem Erfolg verließ ſie ihre Schweſter, um in den Armen ihrer Freundinnen bittere Schmerzensthränen zu weinen über ihrer armen Schweſter„unvorſichtige Leidenſchaft.“ Sie war kaum gegangen, als Conrad von Serming ſich bei Giſela anmelden ließ. Giſela zuckte zuſammen, als der Diener ſeinen Namen nannte; ſie wollte befehlen, ihn abzuwei⸗ ſen, aber der Baron, vielleicht dieſe Antwort ahnend, war dem Diener auf dem Fuße gefolgt, und ſtand jetzt vor ihr. Giſela winkte ſchweigend dem Diener, ſich zu entfernen, und ſie war nun allein mit dem Baron. Eine lange Pauſe trat ein, und wie Giſela ſo ſtolz und ernſt, ſo bleich und ſchön ihm gegen⸗ über ſtand, da fühlte er allen ſeinen Muth ſchwinden, und ſein Herz klopfen in unendlicher Liebe. „Was führt Sie zu mir?“ fragte ſie endlich mit ſtrengem hartem Ton. — 104— mordete, Ihr Edelmuth, der ſo voll Grauſamkeit war und voll Rohheit, an dieſem Edelmuth iſt Emmals ſchönes, heißes Herz zerſchellt! Oder meinen Sie, daß es für ſie nicht eine in jeder Minute ſich erneuernde Qual, eine nie endende Folter war, dem Manne, den ſie verwünſchte, dankbar ſein zu ſollen und ihn preiſen zu hören von allen Lippen? O, beſſer wäre es geweſen, ſie in eine Wüſte zu verſtoßen, denn in der Wüſte durfte ſie doch weinen um den verlornen Geliebten, in die Wüſte hinein durfte ſie doch ſeinen Namen ſchreien, und wenn er auch nimmermehr dieſem Rufe folgen, nimmer aus dem Grabe zu ihr eilen konnte, ſo vernahm ſie doch dort ihre eigene, ihn rufende Stimme. Aber Sie verlangten eine härtere Strafe, und Ihrer Rache hingen Sie den Mantel der Großmuth um. Unter Ihren gütigen Blicken, Ihrem verzeihenden Lächeln haben Sie dies arme Weib erdrückt, und mit dem Vergeſſen ihrer Schuld haben Sie Emma zu Tode gemartert.“ „Sie ſind grauſam, Giſela,“ rief Conrad ſie unterbrechend.„Und was konnte ich anders thun, als vergeſſen, nachdem ich geſtraft hatte? War nicht ihr Geliebter im Kampf mit mir gefallen, war nicht die Schuld geſühnt? Und war nicht Emma mein Weib, trug ſie nicht meinen Namen? Nimmer durfte die Welt die verachten, die meinen Namen trug, und doch würde die Welt, wenn ich mein Weib verſtieß, den Stab über ſie gebrochen haben!“ — 105— „Die Welt, die Welt,“ rief Giſela verächt⸗ lich,„o wie viele Opfer find ſchon dieſer Welt gefallen, wie viele Herzen verblutet und zerſchellt an dieſem Fels!— Gehen Sie denn hin, Sie, der Sie das lieblichſte Weib der Welt geopfert, gehen Sie, und fordern Sie Ihren Lohn!“ „Ich will und kenne keinen andern Lohn, als ie Hand, ie „Nie die Ihre wird,“ unterbrach ſie ihn raſch. „Giſela, iſt dies Ihr letztes Wort?“ „Es iſt mein letztes!“ Eine Pauſe trat ein; Conrad ſtarrte gedan⸗ kenvoll und wie mit einem Entſchluſſe ringend, vor ſich hin, während Giſela auf und ab gehend ungeduldig ſeine Entfernung erwartete. „Giſela,“ ſagte er dann, entſchloſſen ihr näher tretend,„Giſela, ich beſchwöre Sie, ent⸗ ſcheiden Sie nicht ſo raſch. Um Ihrer Selbſt willen, ſchlagen Sie meine Hand nicht aus, legen Sie ſie in die Ihre, und geben Sie mir dadurch ein Recht, Sie der ganzen Welt gegenüber ver⸗ theidigen und der Verleumdung kühn die Spitze bieten zu dürfen. Um Ihrer Selbſt, um der Welt willen, ſtoßen Sie mich nicht zurück. Ja, Sie ſind es ſich, ſind es Ihrem Rufe ſchuldig, meine Gemahlin zu werden. Sie wiſſen nicht—“ „Ich weiß Alles,“ unterbrach ſie ihn ſchmerz⸗ voll lächelnd,„ich weiß Alles, was die Welt über mich ſagt, denn ich habe eine treue, zärtliche — 106— Schweſter, welche liebevoll dafür ſorgt, daß ich Alles erfahre. Aber dies ſchreckt mich nicht, und nimmer könnte ich aus Furcht vor der Welt in eine Ehe willigen, welche nicht durch die Liebe geheiligt worden! Sie ſollen mich nicht feig finden und kleinmüthig. Ich trotze der Gefahr, denn ich weiß, was ich will, und wonach ich ſtrebe! Kühn das Rechte wollen, und die Welt nicht ſcheuen, das iſt die Deviſe meines Lebens, und es ſoll nicht geſagt werden, daß ich, inmitten des Kampfes, feig den Kampſplatz verlaſſen und mich unter die Zuſchauer gemiſcht habe! Ich ſehe wohl, Sie meinen es gut mit mir, in Ihrer Art, aber Ihre Art iſt nicht die meine, und niemals können unſere Wege zuſammen führen. Laſſen Sie uns denn Jeder ſeine Straße ziehen, und wenn wir uns auf irgend einem Kreuzwege hegegnen, ſo ſei es nur, um uns flüchtig zu begrüßen, und weiter zu gehen!“ „O, möchten Sie mir mindeſtens immer mit dieſem kühnen Muth, mit dieſer ungeſchwächten Kraft begegnen!“ „Ich hoffe es,“ rief ſie lächelnd.„Die Welt ſoll meinen Muth nicht beugen und mir die Flü⸗ gel meines Geiſtes nicht verſchneiden. Frei und ungehindert will ich mich aufſchwingen, und wenn ich dann ausruhe auf Felsgipfeln und köſtlichen Höhen, dann gilt es mir gleich, ob mich die Welt verſpottet, und ihr Hohnlachen dringt nicht zu mir empor.“ — 107— „Möchte es ſo ſein,“ ſagte Conrad wehmü⸗ thig,„möchten Sie niemals Ihren Muth zu be⸗ reuen haben! Mit dieſem Wunſche ſcheide ich von Ihnen, um in weiter Ferne Ihrer zu gedenken! In dieſer Stunde noch verlaſſe ich W. und wahr⸗ ſcheinlich auch Deutſchland für immer!“ „Sie thun wohl daran,“ ſagte Giſela,„und ich beneide Sie faſt um das Glück, ſo frei und ungehindert hinein treten zu dürfen in das Leben, und die unbegrenzte Weite ſich erobern zu können durch Ihren Willen! Leben Sie wohl!“ Sie reichte ihm ihre Hand, und als er ſie an ſeine Lippen drückte, fielen ſeine Thränen auf dieſe geliebte ſchöne Hand. Er ſtammelte noch einige unverſtändliche Worte des Abſchieds, und entfernte ſich eilig. Denſelben Tag noch reiſte er ab. „Wiſſen Sie ſchon, theuerſte Baronin,“ fragte die Oberhofmeiſterin von Zarcho andern Tages Judith,„wiſſen Sie ſchon, daß der Baron von Serming geſtern plötzlich abgereiſt iſt?“ Judith bejahte mit einem mitleidsvollen Achſel⸗ zucken. „Und ahnen Sie nicht, weshalb er dies ge⸗ than? Man ſagt, er ſei kurz zuvor bei Ihrer Schweſter geweſen, ja, man geht ſogar ſo weit zu behaupten, der Baron habe ihr ſeine Hand angeboten, und der Schmerz, weil ſie dieſe aus⸗ geſchlagen, treibe ihn fort.“ „*— „O, wollte Gott, es wäre ſo, wie Sie ſagen,“ ſeufzte Judith, die Augen gen Himmel ſchlagend, bis ſie ſich mit Thränen erfüllten.„Wollte Gott, nicht Giſela, ſondern Serming hätte den Schmerz verſchmäheter Liebe zu ertragen, und er wäre geflohen, nicht um ihrer Liebe auszuweichen, ſon⸗ dern ihrer Gleichgültigkeit!“ „Wie, Sie glauben alſo, daß er flieht vor Giſela's Zärtlichkeit, und um nicht zu einer Hei⸗ rath gezwungen zu werden?“ „Leider, leider iſt es ſo!“ ſeufzte Judith, ihr Tuch an ihre Augen führend und bitterlichſt wei⸗ nend.„Leider hat meine arme Schweſter den Schmerz verſchmähter Liebe zu ertragen, und ſieht den Räuber ihres Herzens ihr entfliehen! Aber, theuerſte Freundin, nur das tiefſte Leid erpreßte mir dies Geheimniß. Sie werden es hoffentlich treu bewahren.“ „Können Sie zweifeln!“ rief die Oberhofmei⸗ ſterin aufſtehend, denn ſie hatte Eile, der Fürſtin dieſe neue Nachricht zu überbringen.„Können Sie zweifeln, geliebteſte Freundin, an meiner Ver⸗ ſchwiegenheit?“ Dank dieſer Verſchwiegenheit wußten nach we⸗ nigen Stunden ſchon Hof und Stadt die Ge⸗ ſchichte von Giſela's unerhörter Leidenſchaft, und des Barons grauſamer Kälte, von ihrem Schmerz und ſeiner Flucht, und mit freudigem Hohnge⸗ lächter nannten die jungen Damen Giſela„die ſchöne, von ihrem Aeneas verlaſſene Dido.“ Ju⸗ dith triumphirte, und erzählte Giſela mit anſchei⸗ nendem Mitleid alle dieſe beleidigenden Gerüchte und Benennungen. Sie war aber außer ſich vor Zorn, als Giſela mit einem ruhigen Lächeln ſagte: „wohl, ſo hat man doch Unterhaltung am Hofe und in der Stadt!“ VIII. Die Ueberraſchung. Der Frühling begann ſeine erſten Schöpfer⸗ träfte an den ſproſſenden Blüthen und Blättern zu entfalten, und dieſe Zeit pflegte Judith auf ihrem nahen ſchönen Landſitz zu verleben. Dem Teſtamente ihres Gemahls zufolge durfte Judith Niemand außer ihren nächſten Verwandten dort empfangen. Aber dies gerade ſchien Judith eine Sicherung, um den kleinen Roman, den ſie mit dem jungen Herrn von Bender ſpielte, un⸗ geſtört zu Ende zu führen. Wie ſehr mußte der junge leidenſchaftliche Mann ſich von ihr geliebt glauben, wenn ſie um ſeinetwillen ſich ſo großer Gefahr ausſetzte und ihr Vermögen wagte, um ihn ungeſtört zu ſehen. Mit ſchweſterlicher Liebe ſchlug ſie Giſela dieſe Reiſe vor, als ein Mittel, ſich dem läſtigen Ge rede der Welt, den Anfeindungen, dem Geſpött zu entziehen, und Giſela, dankbar für ſo viel ſchonende, zarte Berückſichtigung, nahm freudig dieſen Vorſchlag an. Die beiden Damen reiſten ab, um einige Wochen auf dem Landſitz zuzubringen. Herr von Bender nahm Urlaub zu einer größeren Reiſe, und verließ ebenfalls⸗W., aber nicht um, wie ſeine Aeltern wähnten, dem Süden zuzueilen, ſondern um auf Umwegen gleichfalls auf däs Landgut der Baronin Zudith ſich zu begeben. WDort langte er, als Jäger verkleidet, glücklich an, und von nun an ſah man Baronin Judith alltäglich weite einſame Spaziergänge unterneh⸗ men, auf denen Niemand ſie begleitete, als der Jäger, der in ehrfurchtsvoller Entfernung ſeiner ſchönen Herrin folgte, bis das Dickicht des Wal⸗ des ſie aufnahm. Dieſe romantiſche Liebesaventüre ergötzte die Baronin ungemein, und ſicher war ſie keinem ihrer frühern Liebhaber ſo hold und gewährend geweſen, wie dem jungen verkleideten Grafen, der zu ihren Füßen ſchwur, ewig ihr Diener und Knecht zu ſein. Indith glaubte ihm nicht, aber ſie wußte, daß er ſelber es glaubte, und ſie lächelte gütevoll über dieſen thörichten Wahn eines unerfahrenen Kindes. So vergingen glückliche Tage der Liebe und des Genuſſes, und in dem holden Frieden der erwachenden, grünenden Schöpfung fühlte auch Giſela ſich bald wieder in ihrem Innern geheilt und geneſen. — 112— Kein Zwieſpalt, kein Zweifeln und Bangen war mehr in ihr, ſie fühlte ſich wieder Eins und zufrieden in ſich, und ihre Seele jauchzte wieder auf in freudigem Sehnen nach dem Leben, nach dem Glück. Sie lächelte zu Judith's Ermah⸗ nungen, ſie lächelte zu all den finſtern Erzählun⸗ gen, welche ihr dieſe freigebig ertheilte, und in welchen ſie ſchonungslos ihr alle die Gerüchte mit⸗ theilte, die über Conrad von Serming und Giſela in dem ganzen kleinen Fürſtenthum Z.... ver⸗ breitet waren, und deren Urſprung Niemand beſſer kannte, als Judith ſelber. Es war am Abend nach ſolch einem Tage, in welchem Judith nicht aufgehört, ihrer Schweſter ſtrenge, keuſche Tugendpredigten zu halten, und ſie zu ermahnen, durch keine Unvorſichtigkeit der Welt Anlaß zu erneuerter Aufmerkſamkeit zu geben, als Giſela, die ſich ſchon auf ihr Zimmer zurück gezogen hatte, von heftigem Zahnſchmerz geplagt in ihrem Zim⸗ mer auf und ab ging. Sie erinnerte ſich, in dem Salon ein als„ wirkſam empfohlenes Mittel gegen dies Leiden ge⸗ ſehen zu haben; ſie wußte genau die Stelle, an der es ſich befand, und, gequält von entſetzlichen Schmerzen, beſchloß ſie, ſich dies Medicament aus dem Salon zu holen. Raſchen, lautloſen Schrittes, vorſichtig, um ihre Schweſter nicht zu ſtören, von der ſie meinte, daß ſie ſich ſchon in ihr Schlaf⸗ zimmer zurück gezogen, öffnete Giſela die Thür des — 113— Salons und— fand ihre Schweſter auf dem Divan ſitzend, vor ihr auf den Knieen den Herrn von Bender. Einen Augenblick ſtand Giſela ſprachlos vor Schreck, dann brach ſie in ein lautes, fröhliches Gelächter aus, daß ZJudith entſetzt emporſchreckte und wie betäubt die noch immer lachende Giſela anſtarrte. Aber dies dauerte nur einen Moment, dann 3 hatte ſie alle ihre Kraft und Ruhe wieder ge⸗ wonnen. Mit raſcher Hand verlöſchte ſie das Licht, und als tiefe Dunkelheit ſie umgab, geleitete ſie den Geliebten nach der Tapetenthür, durch welche dieſer eilends entſchlüpfte; dann warf ſie ſich auf den Divan zurück, und nun ſchellte ſie heftig. 3 „Was willſt Du thun, Judith,“ fragte Gi⸗ ſela,„wozu Deine Leute rufen, ſollen ſie Dich auch ſehen, wie Du—“ „Wie ich“ unterbrach ſie Zudith,„niemals Ruhe vor Dir habe, wie Du mich ſelbſt in mei⸗ ner ſtillen Einſamkeit und meinen ſtillen Betrach⸗ tungen ſtörſt.“ „Ich Dich geſtört?“ fragte Giſela ganz er⸗ ſtarrt über ſo viel Frechheit.„Judith, beſinne Dich, Du warſt nicht einſam, Du—“. „Zch war es,“ rief Judith heftig, während ihre Kammerfrau mit Licht herbei eilte. 6 Giſela erwiederte nichts; ſie heftete ihre großen Zwei Lebenswege. J. 8 —— — — „ glühenden Augen forſchend auf das Antlitz ihrer Schweſter, und ſchauderte innerlich vor dem Aus⸗ druck vollkommener Ruhe, der aus ihren Zügen ſprach. Sie wich dem Anblicken ihrer Schweſter nicht aus, und als ſich ihre Augen begegneten, verrieth kein Zucken ihrer Augenwimpern ihre in⸗ nere Unruhe. Giſela erbebte, und ein Schauer durchrieſelte ihre Glieder, ſie lehnte ſich matt an die Wand, denn es dunkelte vor ihren Augen. Es war ihr, als verlöre ſie in dieſem Moment ein theures Be⸗ ſitzthum, als ſei ſie plötzlich gänzlich vereinſamt und verlaſſen. Und verlor ſie nicht in dieſer Stunde ihre letzte Verwandte, ihre einzige Schwe⸗ ſter, der ſie vertrauet, an die ſie geglaubt, wenn ſie auch nicht ſie geliebt hatte? Nicht die Scene, welche ſie vorher erſchaut, nicht dieſe war es, die ſie von ihrer Schweſter trennte, ſondern der jetzige Moment. Daß Judith liebte, daß ſie ihren Ge⸗ liebten heimlich bei ſich ſah, das hätte Giſela ver⸗ ziehen, aber die Frechheit, die unerhörte Heuchelei ihrer Schweſter,— das war es, was ſie ent⸗ ſetzte. Sie blickte ſchaudernd plötzlich in einen Ab⸗ grund von Trug und Täuſchung, und mußte er⸗ kennen, daß Judith's ganzes Weſen nichts ſei, als eine einzige große Lüge!. „Leuchte dem Fräulein in ihr Zimmer, Ka⸗ roline,“ befahl Iudith mit feſter Stimme,„ihr — 115— * iſt unwohl geworden, und deshalb eilte ſie zu mir, um Beiſtand und Hülfe zu erbitten.“ Giſela winkte der Kammerfrau zurück zu blei⸗ ben, und verließ langſam, ihre Blicke feſt auf Judith gerichtet, das Gemach. In furchtbarer Aufregung ging ſie dann in ihrem Zimmer auf und ab; kein Schlaf kam in ihre Augen und unter den Schmerzen und Käm⸗ pfen ihrer Seele begrub ſie ihre verlorne, auf immer verlorne Schweſter. Sie verſcharrte die Liebe zu ihr unter die Erinnerungen ihrer Jugend, aber ſie beweinte ſie nicht. Ihr Herz war plötz⸗ lich erkaltet und erſtarrt, denn die Verachtung hatte die Trauer aufgezehrt in ihrer Bruſt. Aber ſie fühlte nun, daß ſie es nicht vermochte, mit dieſer ihr geſtorbenen Schweſter ferner die Ge⸗ meinſchaft jedes Tages zu theilen, daß ihr jeder Tag eine erneuerte Qual, eine Pein bringen würde. Denn Giſela's feuriges Gemüth war der Gleichgültigkeit unfähig, ſie kannte, vielleicht zu ihrem eigenen Verderben, nichts von jenem Juſtemilien der Ge⸗ fühle, bei welchem man ſo bequem und glücklich zu leben pflegt. Wo ſie geliebt hatte, da konnte ſie ihre Liebe nicht abſchwächen zu freundlicher Gleichgültigkeit, nicht unter einem freundlichen Lächeln die Kälte ihres Herzens begraben. Giſela war beſonnen und kalt, ehe ſie liebte oder haßte; aber hatte eins vieſer Gefühle erſt ihr Herz erfaßt, dann glich es einem Feuerſtrom, 8* — „ einem Gluthmeer, das entweder herrliche Blüthen treiben oder Verwüſtung und Tod bringen mußte. Giſela fühlte, daß Judith täglich ſehen von nun an Judith haſſen bedeuten würde, und ſie, die noch nicht die Gewalt der Liebe in ſich erprüft hatte, ſchauderte nun vor der Gewalt des Haſſes, die ſie plötzlich in ſich erkannte. Aber es war nicht ohne ein Gefühl von Zu⸗ friedenheit und Stolz, daß ſich Giſela dieſer Ge⸗ walt bewußt ward; ihr Herz hatte bis jetzt einer ruhigen unbewegten See geglichen, und mit einer Art heiliger Scheu gewahrte Giſela jetzt bei dem erſten Sturm es ſich erheben zu mächtigem Wo⸗ genſchlag und in urelementlicher Kraft gähnende Abgründe und ſchäumende Höhen bilden. „Oh,“ ſagte ſie, durchſchauert von ganz neuen Empfindungen,„ich kann haſſen mit meinem ganzen ungetheilten Weſen, alſo werde ich auch lieben können, ſo heiß und glühend, ſo mein gan⸗ zes Daſein verſchlingend. O mein Gott, wo bleibt denn die Liebe, daß ſie mir Entzücken und Qual, Jubel und Thränen bringe. Meine Seele ſehnt ſich nach der ihr verwandten zweiten Seele, der ſie ſich ergeben, in die ſie ſich verlieren, mit der ſie Eins ſein könnte durch alle Ewigkeit! Mein Gott, wo bleibt denn die Liebe, welche mir das Glück bringen ſoll?“ Und das glühende Kind breitete in ſehnſüch⸗ tigem Verlangen ihre Arme aus, und ihre ſchwim⸗ 117 menden, glänzenden Augen blickten gen Himmel, als erwarte ſie, daß ihr von dort der Heiland ihres Lebens hernieder ſteigen ſollte. Wie ſie ſo daſtand in ſehnſüchtigem Schauen, fiel langſam ein leuchtender Stern hernieder, eine glänzende Bahn beſchreibend, und dann zerplatzend zu einem todten, unſcheinbaren Nichts. Giſela ſeufzte und fragte ſich ſelbſt: wird es ſo ſein mit meinem Glück, wird es nichts ſein als ein glänzendes Meteor, das, wenn es verſchwun⸗ den, die Nacht nur um ſo dunkler erſcheinen läßt? IX. Die Trennung. Nicht ohne Zagen ſah Giſela des andern Ta⸗ ges dem Begegnen mit ihrer Schweſter entgegen. Sie wagte es nicht, wie ſie ſonſt gewohnt war, in den Salon hinab zu gehen, ſondern hielt ſich ſtill in ihrem Zimmer, Judith's Beſchließungen und Plane ruhig erwartend. Dieſe aber war keinen Augenblick unentſchloſſen, welche Rolle ſie hier zu ſpielen habe. Sie wußte, daß ihr die geſtrige Scene Vermögen und Ruf rauben konnte, ſobald dieſelbe bekannt würde, aber ſie wußte auch, daß Giſela nimmer ſie verrathen würde, daß ſü⸗ edelmüthig genug, in keinem Falle das finſtere Geheimniß dieſer Nacht zu enthüllen. Und einmal dieſe Ueberzeugung gefaßt, beſchloß Judith, weder mit Bitten, noch mit Verſprechun⸗ gen ſich Giſela zu nähern, ſondern ſich durch un⸗ erſchütterliches Leugnen dieſe Demüthigung zu er⸗ ſparen. ——— — Aber dieſe Demüthigung, die ſie äußerlich ver⸗ bergen wollte, empfand ſie doch in ihrem Innern; es gab nun doch ein Weſen, das ſich hinfort we⸗ der von ihren tugendhaften Worten, noch von ihrem frommen Händefalten würde täuſchen laſſen, ein Weſen, das in ihr Inneres geſchaut, und auf dem Grunde deſſelben all dieſe mühſam verbor⸗ genen Leidenſchaften und Intriguen erkannt hatte. Daß dies Weſen ihre Schweſter war, kam dabei nicht in Betracht, Indith ſchwur ſich ewige glühende Rache, ſie ſchwur ſich, das Mädchen, das ihr feindlich und hemmend im Wege ſtand, zu verderben, es koſte, was es wolle. Ihre Augen glühten in wildem Haſſe, und ihr Athem ging ſtürmiſch aus ihrer Bruſt hervor, als ſie mit krampfhaft geballten Händen dieſen finſtern Schwur der Rache ausſtieß, und ihrer Schweſter ewigen Haß gelobte. Aber Indith war Meiſterin in der Verſtel⸗ lung; als ſie bald darauf in Giſela's Zimmer trat, war ihr Geſicht heiter und klar wie immer, und mit liebevollem Lächeln reichte ſie ihrer Schwe⸗ ſter die Händ. „Und nun ſage mir,“ fragte ſie dann in leichtem neckendem Ton,„ſage mir, Giſela, was für ein finſterer Traum hat Dich geſtern erſchreckt und geängſtigt, daß Du ſogar bei mir Schutz da⸗ gegen ſuchteſt?“ „Ja, in der That, es war ein finſterer Traum,“ — 120 ſagte Giſela, ſie ernſt und ſtolz anblickend,„ein Traum, in dem ich Dich als eine gleisneriſche Schauſpielerin, eine glänzende Lüge ſah, ein Traum, in dem alle Flittern der Tugend, mit denen Du Dich vorher ſorgſam behängt hatteſt, von Dir abfielen, und Du in aller Häßlichkeit des enthüll⸗ ten Laſters vor mir ſtandeſt.“ „In der That, das muß ergötzlich geweſen ſein,“ ſagte Judith mit ruhigem Lächeln.„Es war Recht von Dir, Giſela, daß Du ſogleich zu mir eilteſt, um Dich durch meinen Anblick zu überzeugen, daß jenes ſchaudervolle Bild nur ein Traum geweſen.“ „Judith!“ rief Giſela mit dem Ausdruck des Entſetzens und der Empörung. „Schweſter!“ ſagte Judith, ruhig den Blick zu ihr hin wendend. Ihre Augen begegneten ſich, feſt und durch⸗ dringend ſahen ſie lange ſchweigend einander an. Aber Giſela vermochte den Blick dieſer großen heuchleriſchen Augen nicht länger zu ertragen, ſie fühlte ſich beſchämt, gedemüthigt, ſo entſetzensvoller Frechheit gegenüber, und ſeufzend ſenkte ſie die Augen zu Boden. Ein ſchnelles triumphirendes Lächeln flog durch Judith's Züge. Sie hatte geſiegt, mit ihrer Ruhe und Unerſchütterlichkeit geſiegt über ihrer Schwe⸗ ſter gerechten Zorn, ſie, die Schuldige, hatte einen Triumph gefeiert über die Mitwiſſerin ihrer Schuld. Aber nur einen Augenblick war es, daß ihre Züge dieſe Gedanken ihrer Seele ausdrückten, dann nahm ihr Antlitz wieder ſeinen ruhigen, heitern Ausdruck an, und ihre Hand auf Giſela's Schul⸗ ter legend, ſagte ſie theilnahmsvoll:„Du biſt krank, Giſela, Deine Wangen glühen, und Deine Augen leuchten in Fiebergluth.“ „Ich fürchte, der Traum dieſer Nacht hat mich krank gemacht,“ ſagte Giſela,„ich fürchte auch die Wiederkehr dieſes Traumes, der mich leicht in dieſen Mauern wieder beſchleichen könnte, und deshalb werde ich dieſelben heute noch ver⸗ laſſen!“ „Ich kam eben, um Dir vorzuſchlagen, mit mir nach der Stadt zurück zu kehren,“ ſagte Judith. „Wohl, ich nehme dieſen Vorſchlag an, und ſo möge denn dieſe Fahrt unſere letzte gemein⸗ ſchaftliche ſein!“ „Wie, Du wollteſt—“ „Mich von Dir trennen will ich mich, um nicht wieder ſo böſe Träume zu haben, und um, un⸗ gehindert von Deinen frommen und tugendhaften Worten, meinen Neigungen und Wünſchen leben zu können.“ „Und wer, meinſt Du, wird Dich unter ſeinen Schutz nehmen, und Dir zugleich geſtatten, Deinen eben ſo abenteuerlichen als anſtößigen Neigungen zu folgen?“ — 122— „Die Gräfin Benno iſt eine fromme, tugend⸗ hafte Dame, ſie war die Freundin unſerer theuren Mutter; an ſie werde ich mich wenden.“ „Sie wird Dich nicht aufnehmen!“ „Nun wohl, ſo werde ich allein wohnen in der vom Oheim mir kürzlich vererbten Villa.“ „Wie, Du wollteſt es wag Sitte, aller Tugend Hohn zu junges ſiebenzehnjähriges Mädchen, wollteſt ſo ſehr allen Anſtand mit Füßen treten, um—“ „Ich bitte Dich, Schweſter,“ unterbrach ſie Giſela,„laß dieſe Reden von Tugend und Sitte, ſie klingen mir in Deinem Munde wie Hohn. Ich ſage Dir, ich werde den Muth haben, meinen Plan auszuführen.“ „Wohl, ſo thue es denn,“ ſagte Judith hef⸗ tig.„Greife nur mit kindiſchem Uebermuth in die Speichen der Räder Deiner Zukunft, Deine Hände werden daran zerſchellen, und mit Deinem Blute wirſt Du büßen müſſen für ſolche Frevelthat.“ „Beſſer in ehrlichem Kampfe fallen, als ſiegen durch Tücke und Liſt!“ „Die Welt iſt kein Kampfplatz, auf dem mit ehrlichen Waffen geſiegt werden kann, nur mit vergifteten Schwertern wird da der Kampf ge⸗ führt um das Glück, und nur wer betrügt, der ſiegt.“ „Dann begrüße ich Dich als Siegerin,“ ſagte Giſela mit ruhiger Kälte. — 123— Aber Judith fühlte jetzt ihren Haß die ange⸗ nommene Ruhe überwältigen, und mit ſeiner Gluth ihren Gleichmuth beſiegen. Zudem war der Schleier Giſela gegenüber von ihrem Antlitz geriſſen, und da ihr kein Verhüllen und Verbergen mehr möglich, war ihr jede nutz⸗ loſe Verſtellung nur läſtig und zwängend. Sie pflegte ſich nur zu verſtellen, ſo lange die Ver⸗ ſtellung Zweck und Nutzen hatte; war aber dieſes nicht der Fall, dann enthüllte ſie mit einer bei⸗ ſpielloſen Frechheit ihr ganzes Innere, und man mußte erſtaunen über die rohen Gewalten, die bis dahin ſo geſchickt verborgen geweſen unter ſo lieb⸗ licher Hülle. Sie ließ alſo jetzt die Maske der Anmuth und Freundlichkeit von ihrem Antlitz gleiten, und ihre Züge trugen nun den Ausdruck finſtern Zorns, wilder Rache. So mit blitzenden Augen, mit glühenden Wangen, mit feſt auf einander gepreß⸗ ten Lippen ſtand ſie vor Giſela, die mit einer Art muthigen Trotzes ihr lächelnd in das zornige An⸗ geſicht ſchaute. „Ah, endlich alſo ſehe ich Dein wahres Antlitz,“ ſagte Giſela dann,„endlich zeigſt Du Dich mir, wie Du biſt.“ „Ja, und endlich jetzt ſollſt Du erfahren, was ich für Dich empfinde,“ rief Judith mit einem grauſamen Lachen.„In dieſer Stunde mindeſtens ſollſt Du Dich nicht über Mangel an — 124— Wahrheit zu beklagen haben, in dieſer Stunde ſollſt Du in meine Seele ſchauen, und auf dem Grunde derſelben all den Haß, die Verachtung leſen, die ich für Dich empfinde. Ja, ich haſſe Dich, und von dem erſten Augenblick, wo ich Dich ſah, wo ich meinen Schweſterkuß auf Deine Lippen drückte, von dieſer Sekunde an haßte ich Dich!“ „Indasküſſe!“ ſagte Giſela verächtlich. „Albernes Kind, zu glauben, daß man in der Welt andere Küſſe giebt und empfängt! Albernes Kind, zu glauben, daß meine Lippen Dir Wahr⸗ heit ſprachen, wenn ſie Dir ſchweſterliche Liebe ge⸗ lobten. Sieh mich an, Giſela, mit ſolchem Blick des Haſſes hat meine Seele immer auf Dir ge⸗ ruht, und wenn meine Arme Dich umfingen, ſpä⸗ heten ſie zugleich nach einer Stelle, wo Du am empfindlichſten zu verwunden! Jedes Weib iſt die natürliche Feindin der andern, und an dieſe Feind⸗ ſchaft nicht glauben, heißt der Welt und den Weibern Hohn ſprechen! Du haſt mich aber ver⸗ höhnt mit Deinem kühnen Muthe, der keck der Welt Trotz bieten und ſie durch Wahrheit beſie⸗ gen wollte, wo wir nur durch Fleiß und Kunſt uns jeden Triumph erkaufen können. Mit einem Lächeln, mit thatenloſer Ruhe wollteſt Du ein Diadem von meinem Haupte reißen, das zu er⸗ obern ich meinen Nächten den Schlaf, meinen Tagen die Ruhe genommen, um deſſentwillen ich jede Wurzel der Natur aus meinem Herzen ge⸗ riſſen, und es zu einem künſtlichen Garten gemacht, in welchem keine andere Blüthe, als die mit mei⸗ nem Willen aufgeblüht iſt.“ „Giftpflanzen tragen ſtets die glänzendſten Blü⸗ thenkronen,“ warf Giſela verächtlich hin. „Laß nur Dein Herz erſt recht krank werden, dann wirſt Du ſolche Giftpflanzen als willkom⸗ menes Heilmittel begrüßen! Mit der Wahrheit und Unſchuld iſt es hienieden nicht gethan, und weil Du die Welt erobern wollteſt mit dieſen ein⸗ fachen Waffen, während ich meine Jugend, mei⸗ nen Frieden daran geſetzt, mit den kunſtvollen Waffen der Täuſchung die liſtige Welt zu über⸗ liſten, weil Du mir trotzteſt mit Deinem offenen Viſir, unter dem man Dein Antlitz erkennen konnte, darum haßte ich Dich, darum werde ich Dich ewig haſſen! Oh, glaube mir, ich hätte Dich lieben können, ich hätte mit Dir meine Freuden, meine Genüſſe, meine Qualen und meine Luſt theilen können; Arm in Arm hätten wir auf dem unbe⸗ lauſchten Feldlager ausruhen mögen von dem Kampf da draußen, ich hätte Dir vertrauen kön⸗ nen, wärſt Du mit geſchloſſenem Viſir, mit un⸗ durchdringlicher Maske zu mir getreten, um in mein Ohr das Loſungswort zu flüſtern, an dem hienieden die zerſtreute Schaar der Verbündeten, nach Glück Suchenden ſich erkennt, das Loſungs⸗ wort: Verſtellung und Intrigue. Oh, ich hätte zu ewigem Frieden, zu feſtem Bunde Dir meine Hand gereicht, ich hätte Dir mitgetheilt von meinen Erfahrungen, ich hätte Dich zu meiner Schülerin gemacht, und Dich die ſchwere Kunſt, die Welt zu beſiegen, gelehrt! Aber Du wollteſt nicht den Frieden, ſondern den Krieg. Du kamſt zu mir nicht mit verborgenem Dolch, ſondern mit vorgeſtreckter Lanze. Sieh zu, daß die Waffe ſich nicht gegen Dich kehrt, und Du nicht verbluteſt an dem Schwert, mit welchem Du ſiegen wollteſt!“ „Ich fürchte weder die Welt, noch Eure ver⸗ gifteten Waffen,“ rief Giſela feſt und kühn.„Das Glück läßt ſich nicht erobern, es ſenkt ſich mit ſtillem Gottesfrieden in unſere Seele, und nur, wer gläubig zu ihm betet, dem erſcheint es, dem ergiebt es ſich!“ „So ſagen die Narren und die Kinder, kluge Leute wiſſen es beſſer. Gehe denn hin mit dieſem thörichten Wahn; er wird Dich bald zu Abgrün⸗ den führen, an denen Du mit gerungenen Hän⸗ den, mit fliegendem Haar umſonſt nach Rettung und Hülfe ſchreieſt.“ „Ich werde nicht ſchreien, aber mit feſtem Ver⸗ trauen mir über den Abgrund eine Brücke ſchlagen, über welche die Hoffnung mich ſicher leiten ſoll!“ „Aber bedenke,“ rief Judith mit wildem La⸗ chen,„bedenke, daß ich hinter Dir bin, bereit Dich hinab zu ſtoßen in den Abgrund. Bedenke, daß Du von nun an eine Feindin in mir haſt, die nicht eher ruhen wird, als bis ſie verblutend, 8 — 127 zuckend in ungeheurem Lebensſchmerz Dich zu ihren Füßen ſieht! Bedenke, daß Du es gewagt haſt, mich in einem Traumbilde zu ſehen, deſſen Er⸗ innerung ich aus Deinem Herzen reißen will und werde, wenn auch Dein Herz dabei verbluten müßte. Bedenke, daß ich es nimmer dulden werde, vor Dir zittern zu müſſen; ein gefährliches Ge⸗ heimniß mit mir theilen, heißt den erſten Schritt zum Verderben gethan haben. Bedenke dies, und daß ich Dir das Traumbild dieſer Nacht nimmer verzeihen kann. Du haſt den Kampf gewollt, wohlan, er ſoll Dir werden! Hinfort wirſt Du mich überall auf Deinen Wegen finden, überall, wo Du eine Blume des Glückes pflücken möchteſt werde ich da ſein, ſie zu zerſtören; überall, wo Du ierſt möchteſt, werde ich da ſein, Dich zu vertreiben, denn unſere Feindſchaft iſt eine Feindſchaft auf Leben und Tod, und denke nicht, daß ich dies in einer Stunde meines Lebens ver⸗ geſſen werde! Trotze nur auf Deine Unſchuld, eile nur kühn hinein in die Welt, zeige nur Deine glänzenden Waffen, ſie werden machtlos ſein gegen den Scorpion der Verleumdung, den ich Dir nachſchicken, mit dem ich überall hin Dir folgen will! Und nun,“ ſagte ſie mit einem höhniſchen Lachen,„nun hoffe ich, biſt Du zufrieden mit meiner Aufrichtigkeit. Ich habe Dir offen geſtan⸗ den, daß ich gegen Dich kämpfen werde, ſieh nun zu, wie Du Dich vertheidigen kannſt!“ „Ich nehme den Kampf an,“ ſagte Giſela mit leuchtenden Augen,„und ich fürchte weder Deine Drohungen, noch fürchte ich die Welt. Iſt das Leben der Art, daß nur Liſt und Lüge den Sieg erringen kann, ach, wer möchte dann noch kämpfen um ſolch armſeliges Leben. Ich aber glaube es nicht; ich vertraue dem Leben, der Zukunft, der Welt, und ich will hingehen in die Welt, und die Miſſion erfüllen, mit der ich geſandt worden.“ „Ein weiblicher Meſſias der Unſchuld und des Glückes,“ ſagte Judith höhnend,„man hat aber den Meſſias gekreuzigt!“ „Mag es ſo ſein, wenn nur die Lehre ſiegt, die Lehre, daß die Unſchuld und die Wahrheit allein Glück, Friede und Heiterkeit giebt! Und an dieſe Lehre glaube ich, und in dieſem Glauben will ich hingehen mit unverhülltem Herzen, und meine Bruſt offen allen Entzückungen des Lebens darbieten. Das Rechte wollen und die Welt nicht fürchten, mit Wahrheit ringen nach Glück, das ſei mein Ziel!“ „Mit dem es Dir gehen wird, wie dem Pro⸗ pheten Moſes auf dem Berge Sinai. Als er hinun⸗ ter blickte in das gelobte Land, da ſtarb er, und gleich ihm hat noch Keiner das gelobte Land des Glückes und der Unſchuld betreten, ſein Anblick tödtet!“ Giſela ſenkte ihr Haupt auf ihre Bruſt und erwiederte nichts. X. Die fromme Gräfin. Es war am Morgen nach jenem unheilvollen Geſpräch der beiden Schweſtern, als Judith befahl, ſofort ihre Reiſeequipage vorfahren zu laſſen. „Der Kampf beginnt,“ ſagte ſie, ſpöttiſch. lachend,„Giſela ſoll mindeſtens erkennen, daß ſie es mit einer Meiſterin zu thun hat. Ich muß es nun vor allen Dingen zu einem Eclat bringen, Jedermann muß wiſſen, daß ich mich von ihr losſage, und auf ewig mit ihr breche. Und wer wird ſich dann ihrer annehmen wollen, wenn ich, die eigene Schweſter, ſie aufgebe? Sie hofft auf die Gräfin Benno? Ich muß doch dieſe auf angemeſſene Weiſe vorbereiten!“ Und Judith ſetzte ſich und ſchrieb:„Mit zer⸗ brochenem, kummervollen Herzen wende ich mich an Sie, theuerſte Gräfin! Sie waren die treue Freundin meiner Mutter, Sie werden Theil nehmen an meinem Leid! Giſela's rückſichtsloſes, aller Zwei Lebenswege. I. — Sitte widerſtrebendes Betragen macht es mir un⸗ möglich, ſie länger in meinem Hauſe zu dulden, und wie ſehr auch meine ſchweſterliche, nie zu untergrabende Liebe mir zuflüſtert, das Kind meiner Mutter nicht von mir zu ſtoßen, ſo darf ich doch den Zuflüſterungen meines zu weichen Herzens nicht Gehör geben, nicht ein Mädchen, das ich nicht beſſern, ſondern die mich nur verderben kann, an meiner Seite dulden! Oh, könnte ich mit ihr in eine Einöde flüchten, ich würde dann den Mantel Alles verzeihender Liebe über Giſela'sarmes ver⸗ irrtes Herz decken, und nimmer von ihr laſſen. Aber inmitten der Welt, ſelber irrend noch und ſchwach, ſelber jung noch und den Gefahren aus⸗ geſetzt, darf ich, kann ich nicht Alles wagen, meinen Ruf, meine Ehre auf's Spiel ſetzend, Giſela in meinem Hauſe dulden, um vielleicht von ihrer Seite nichts dafür zu erlangen, als Undank und offenkundige Schande. Aber es ſoll nicht geſagt werden, daß mein Herz der Schweſter er⸗ kaltet und unzugänglich geworden. Sie will ſich, um Aufnahme flehend, an Sie wenden. Oh, er— barmen Sie ſich ihrer! Und wenn ich von Ihrem nicht zu täuſchenden ſtarken Geiſte nicht fordern darf, daß Sie die ſchönen Redensarten von furcht⸗ loſer Tugend und Weltverachtung, mit denen Giſela Sie zu gewinnen ſtreben wird, glauben, ſo hoffe ich doch von Ihrem edlen, großen Ge⸗ müthe, daß Sie vielleicht Muth und Stärke genug beſitzen, um dem Urtheil der Welt, dem Zorn einer tugendhaften Fürſtin ungeachtet, dies arme verirrte Kind großmüthig bei ſich aufzunehmen. Sie können wagen, was ich nicht darf, Ihr Ruf iſt unerſchütterlich, und nichts kann Ihnen die Gunſt unſerer edlen Fürſtin rauben. Zu Ihnen flehe ich daher, erbarmen Sie ſich!“— „Dieſer Brief wird und muß wirken,“ ſagte Zudith, das Billet zuſammen faltend.„Ich kenne die Gräfin Benno gut genug, um zu wiſſen, daß ſie es weder wagt dem Zorn der Fürſtin zu trotzen, noch daß ſie den Muth hat, ein Mädchen bei ſich aufzunehmen, das ich verſtoße.— Ein ähnliches Bjllet, an die Oberhofmeiſterin Zarcho gerichtet, wird dieſe Sache bald publik machen, und der Fürſtin als willkommene Neuigkeit dienen.“— Nachdem die Baronin auch dies geſchrieben, ſagte ſie mit blitzenden Augen:„Dies für Deinen Stolz, Giſela, oh, wir werden ihn wohl zu demüthigen wiſſen!“— Dann beſtieg ſie ihre Equipage, befahl einen Wagen für Giſela bereit zu halten, und eilte nach der Reſidenz, wo ihr Kammerdiener die beiden Briefe ſogleich den Damen einhändigen mußte. Nach wenigen Stunden, Dank den Bemü⸗ hungen von Judith's Freundinnen, war die Nach⸗ richt von dem Zerwürfniß der beiden Schweſtern in der ganzen Stadt bekannt, und als die leid⸗ tragenden, neugierigen Freundinnen zur Baronin — 132— Judith eilten, fanden ſie dieſelbe aufgelöſt in Thränen und Schmerz. „Oh, fragt mich nicht, was uns getrennt, welches die Urſache meiner Thränen,“ ſagte ſie mit zitternder Stimme,„niemals, nein, niemals ſoll dies finſtere Geheimniß über meine Lippen kommen. Schont mein ſchweſterliches Herz! For⸗ dert nicht, daß ich ſelber Euch Giſela's Schande erzähle. Ihr müßtet ja auch mich verachten, wenn ich dies könnte!“ Aber dies kluge geheimnißvolle Schweigen konnte natürlich nur dazu dienen, den ſeltſamſten und ſchauervollſten Vermuthungen Raum zu geben, und bald liefen die fabelhafteſten, entſetzlichſten Gerüchte umher, die von den, Giſela's Schönheit haſſenden Damen, von den, Giſela's Kälte kennenden Herren nur zu gern und bereitwillig geglaubt wurden. Und dies Alles nicht ahnend, mit heiterer Ruhe und roſigem Antlitz kam Giſela nach der Stadt zurück. Sie dankte in ihrem Herzen der Schweſter für dies zarte, ſchonende Betragen, nicht zu verlangen, daß ſie, nach der Scene des geſtrigen Tages, mit ihr in demſelben Wagen nach der Stadt führe. Oh, ſie ahnte nicht, wie gut Judith dieſen gewonnenen Vorſprung zu benutzen gewußt; ihrem offenen, ſtolzen Sinne war jede Intrigue unbe⸗ kannt, und als ſie den ihr hingeworfenen Hand⸗ ſchuh auſhob, meinte ſie nur, Angeſicht gegen An⸗ ————— ————— — 133— geſicht mit unverhüllten Waffen im offenen Kampfe ſich zu ſtellen. In W. angekommen, eilte Giſela zur Gräfin Bennv. Dieſe Dame, bekannt wegen ihrer chriſtlichen Frömmigkeit und Liebe, die Wohlthäterin der Armen, reich, vornehm und unabhängig, war die vertrauteſte Freundin von Giſela's Mutter geweſen und war bis jetzt den Töchtern ihrer Freundin ſtets mit zuvorkommender Liebe begegnet. Sie hatte, als Giſela zu ihr eintrat, ſoeben wieder Judith's Brief geleſen, und empfing dem⸗ gemäß Giſela mit ruhiger, abſtoßender Kälte. Giſela ſagte:„Theuerſte Gräfin, Sie haben oft geklagt, keine Tochter zu beſitzen, Niemand, der Ihnen nahe ſteht. Ich klage, daß ich keine Mutter habe, keine Mutter, der ich gehorchen, der ich mich unterordnen, der ich meine Tage, mein Leben widmen kann! Oh, wollen Sie mir dieſe Mutter ſein, Gräfin? Wollen Sie mich annehmen zu Ihrer Tochter?“ Der Ausdruck veinſter Liebe ſtrahlte aus ihrem Antlitz, als ſie der Gräfin jetzt mit einem herz⸗ gewinnenden Lächeln die Hand darreichte. Die Gräfin aber nahm dieſe Hand nicht an, ſie trat einen Schritt zurück, und ſagte kalt:„Sie haben ein ſehr heißes Herz, Fräulein, aber ich fürchte, es wird in demſelben nicht mehr Raum ſein für kindliche Liebe, und ich zweifle, ob ich in — dem meinen für Sie die Liebe einer Tochter finden kann!“— „Oh, ich will Sie lieben mit aller Kraft meiner Seele,“ ſagte Giſela demüthig,„ich habe ja Niemand weiter hier, den ich lieben könnte.“* „Und Ihre Schweſter, die edle, tugendhafte Baronin Judith?“ fragte die Gräfin ſtreng. „Wir ſind getrennt auf immer!“ ſagte Giſela traurig.„Fragen Sie mich nicht, Gräfin, was uns trennte! So Vieles giebt es auf Erden, das begraben werden muß unter den Schatten unſerer Seele,— auch dieſer Schmerz muß ſchwei gend in mir verbluten. Darum aber komme ich zu Ihnen, darum aber breite ich ſehnend nach Ihnen meine Arme aus! Ich bin allein auf der Welt, Niemand, der die Waiſe liebt, nirgends eine Heimath,— geben Sie mir eine Mutter, geben Sie mir eine Heimath, Gräfin! Eine Waiſe, die Tochter Ihrer Freundin iſt es, die zu Ihnen fleht! Schützen Sie mich vor den Verleumdungen der Welt. Wer wird es noch wagen mich zu ſchmähen, wenn Sie mich Ihre Tochter nennen, wenn Sie mir geſtatten, an Ihrer Seite* zu gehen?“ „Aber wenn man es wagte? Wenn—“ „Niemand wird es,“ unterbrach ſie Giſela. „Und wenn es wäre, ſo weiß ich doch, daß Sie, die edle, fromme Frau, die Welt nicht fürchten, wo es gilt, eine gute That zu thun!“ — — 35 „Sie irren ſich, Fräulein,“ ſagte die Gräfin mit ſchneidender Kälte,„ſo weit geht meine Welt⸗ verachtung nicht. Man kann Gott lieben und nach Tugend ſtreben, ohne die chriſtliche Liebe und Demuth ſo weit zu treiben, um Anderer Sünden willen ſich dem Geſpötte der Welt aus⸗ ſetzen zu wollen. Den Armen und Leidenden beizuſtehen, das erfordert die chriſtliche Liebe, aber nicht iſt uns befohlen, Denen eine Stätte zu bereiten, die durch Irrthum und Schuld das Unglück über ſich herauf beſchworen!“ „Das alſo,“ rief Giſela, ſich ſtolz aufrichtend, und die Gräfin mit flammenden Augen betrachtend, „das alſo iſt die chriſtliche Liebe, dies fromme Hände⸗ falten, dies demüthige Beten und Kaſteien, es iſt weiter nichts als eine ſchöne Larve, die man vor ſein Angeſicht hält, um darunter ſeine Furcht vor der Welt und den Menſchen zu verbergen! Sie lieben Gott nur, um ſeines Schutzes ſicher zu ſein; Sie falten nur die Hände zum Gebet, um ſie nicht öffnen zu dürfen zur That der Liebe und Menſchlichkeit! Sie ſtoßen eine Seele, die in tiefer Noth um Liebe zu Ihnen ſchreit, mit roher Kälte von ſich, und wenn Sie dann der ſchreienden phyſiſchen Noth von Ihrem Ueberfluſſe und Ihrem Gelde geben, ſo meinen Sie genug gethan zu haben, ſo nennen Sie das eine That der Liebe! Gehen Sie, Gräfin, ich bettle nicht mehr um Ihr Herz, denn Sie haben kein Herz und keine Liebe, Sie haben keine Gottesfurcht, ſondern nur Men⸗ ſchenfurcht! Sie können Ihre Arme nicht dem Unglück öffnen, Sie können nur Ihre Hände öffnen, um zu geben, was ſich geben läßt, Sie haben nichts als Geld!“ „Sie wagen es, ſo zu mir zu ſprechen?“ rief die fromme Gräfin zornglühend.„Wer giebt Ihnen ein Recht dazu?“. „Mein Unglück und meine Unſchuld,“ ſagte Giſela ſtolz.„Sie haben es gewagt an meiner Unſchuld zu zweifeln, Sie haben nicht den Muth, an dieſe Unſchuld zu glauben, und indem Sie ſchonungslos mich der Sünde zeihen, fordern Sie von mir Schonung? Gehen Sie, Gräfin, ich habe Sie hochgeachtet, deshalb kam ich zu Ihnen. Ich hielt Sie erhaben über die Kleinlichkeit der Menge, deshalb wollte ich Sie ehren durch mein Vertrauen, durch mein Flehen und meine Bitte. Denn wo das Unglück bittet um Beiſtand und Schutz, da erniedrigt es nicht ſich, da erhebt und ehrt es nur Den, zu dem es bittet und den es der Gewährung fähig hält.“ „Ich bin Ihnen Dank ſchuldig für dieſe Ehre,“ ſagte die Gräfin mit ſpöttiſchem Lachen.„Aber da mein Haus keine Beſſerungsanſtalt iſt, ſo kann ich Sie nicht aufnehmen!“ „Gräfin!“ rief Giſela mit drohendem Ton, der Dame einen Schritt näher tretend und ſie mit ſtolzen, glühenden Blicken betrachtend.„Gräfin, — 13— wagen Sie es nicht mich zu ſchmähen, Ihre Schmähung fällt auf Ihr eigenes Haupt zurück!“ „Aber nein, nein,“ fuhr ſie dann nach einer Pauſe fort,„Sie ſind eine fromme Dame, ein Muſter der Tugend, Niemand wird es wagen Sie zu ſchmähen! Was thut es, daß Sie Ihr Herz dem Erbarmen verſchließen, in Ihrer Seele nicht Raum„ haben zur Großmuth und Liebe, Sie ſind doch eine fromme Dame, ein Muſter der Tugend! Was thut es, daß Ihnen die Menſchenliebe fehlt, wenn es Ihnen nur nicht an der ſogenannten chriſtlichen Liebe gebricht; was thut es, daß Sie eine Seele von ſich ſtoßen, wenn Sie nur dem Bettler Ihre Thüre öffnen!“ „Es iſt genug,“ rief die Gräfin,„verlaſſen Sie mich!“ In dieſem Augenblick begannen draußen die Glocken zur Meſſe zu läuten. Giſela ſagte: „Ja wohl iſt es genug, und ich werde Sie verlaſſen, damit Sie zum Gottesdienſte eile können! Hören Sie, die Glocken rufen ſchon zum Gebet. Leben Sie wohl, Gräfin, und beten Sie. Ich verlange aber nicht, daß Sie mich einſchließen in Ihr Gebet, 5 Sie werden es auch nicht, denn ich weiß es wohl, daß die fromme Gräfin Benno von heute an meine unver⸗ ſöhnliche Feindin iſt!“ Stolzen Schrittes verließ ſie das Gemach, und ſich ihres harrenden We zu be⸗ dienen, wandelte ſie langſam zu Fuß die Straße hinunter nach dem Hötel ihrer Schweſter. Wunderbar war es anzuſehen, dies ſchöne ſchlanke Mädchen mit dem holden, bleichen Ange⸗ ſicht, wie ſie langſam und ernſt, gleich einer Königin in ſtolzer Würde, dahin ſchritt. Auch ſchien ſie es nicht zu bemerken, daß überall an br Häuſern ſich neugierige Geſichter zeigten, daß man die Fenſter öffnete, um ihr nachzuſchauen mit Blicken hämiſcher Neugierde. Sie war weder befangen, noch zaghaft, ſie empfand wohl dieſe ihr nachfolgenden Blicke, ſie hörte wohl die Fenſter ſich öffnen, aber ſie ſuchte weder durch dreiſtes Anſchauen zu bra⸗ viren, noch wollte ſie den Blicken ſich zagend verbergen. Sie war nur voll unbefangenen, beſcheidenen Ernſtes. In ihrem Zimmer angekommen ließ ſie ſich langſam und ganz erſchöpft von dieſen innern Stürmen auf einen Seſſel gleiten. Sie war be⸗ tüubt, erſtarrt, aber ſie hatte keine Klage und eeinen Schmerz, nur tiefe Verachtung und unend⸗ licher Haß gegen die Welt, zugleich unerſchüt⸗ terlicher, trotziger Muth war es, der ſich in ihr regte. Das Eintreten ihres Dieners ſchreckte ſie auf. Er kam, um den Fürſten Lothar zu melden. Dieſer trat ein, und als ſie dann allein waren, betrachtete er lange ſchweigend das i —— ——— ——— 1— — 139 Mädchen, das ihm wie eine im Sturm ſchwan⸗ kende Lilie erſchien. „Habe ich nicht Recht gehabt, Giſela,“ ſagte er mit milder, tief bewegter Stimme,„nicht Recht, Sie zu warnen vor der Welt? Aber Sie glichen dem Kinde, das lachend mit dem Feuer ſpielt, bis es ſich ſeine jungen, wallenden Locken daran verſengt. Giſela, Sie ſpielten mit einem Feuer, das in Einer Stunde die Jugendblüthe Ihres ganzen Daſeins verſengen und Ihr glänzendes Haar in einen weißen Aſchenhaufen verwandeln konnte! Dies war nicht Muth, es war Toll⸗ kühnheit! Habe ich alſo nicht Recht gehabt, Sie zu warnen?“ „Nein, nein,“ rief Giſela ſtürmiſch und mit überſtrömenden Angen,„nein, Sie hatten dennoch nicht Recht, Sie dürfen nicht Recht haben! Die Lüge, die Verſtellung kann nicht des Glückes Schöpferin und Hüterin ſein, nein, nein, die Wahrheit wird dennoch immer hienieden den Sieg davon tragen!“ „Blicken Sie um ſich, junges Mädchen, und ſehen Sie, daß es nicht ſo iſt! Warum nicht den Muth haben, die Augen zu öffnen, wenn Sie doch den Muth haben, der Welt zu trotzen? Warum mit geſchloſſenen Angen den Schreckniſſen begegnen, denen Sie doch ſo muthvoll Ihre junge entblößte Bruſt dargeboten?— Schauen Sie auf, kühnes, trotziges Kind, blicken Sie umher, und — 140— Sie werden aller Orten nur hämiſchen, ſchaden⸗ frohen Geſichtern, nur ſpöttiſchem Lachen, nur neugierigem, mitleidsloſem Anblicken begegnen! Sie ſind tugendhaft, und doch wagt man es Ihre Tugend zu verdächtigen, Sie ſind unſchuldig, und doch ſchuldig befunden, Sie haben nach dem Guten geſtrebt, und doch nur das Schlechte, Unedle, Gemeine zu ſich heran gezogen!“ „Warten Sie, warten Sie auf das Ende, der Kampf iſt erſt im Beginnen, und indem ich zu unterliegen ſcheine, kann ich noch ſiegen! Noch bin ich unverwundet und meine Füße wenden ſich noch nicht zur Flucht!“ „Und gerade dieſen muthigen Trotz wird Ihnen die Welt nimmer verzeihen! Aber noch, Giſela, noch können Sie ſie verſöhnen. Verachten Sie die Welt, aber zeigen Sie es ihr nicht, hüllen Sie Ihren Stolz in den Mantel der Demuth, Ihre Ueberlegenheit in den Schein der Unter⸗ werfung. Geben Sie ſich den Anſchein der Flucht, ſo wird man Ihnen Ihren Muth verzeihen, und unter dem Anſchein des Unterliegens werden Sie ſiegen! Beargwöhnen Sie Alles, aber geben Sie ſich den Schein der Argloſigkeit; folgen Sie in allen Ihren Handlungen nur Zhrer eigenen Ueber⸗ zeugung, aber hören Sie jeden Rath der ſich weiſe dünkenden Freunde, und ſcheinen Sie dieſem Folge leiſten zu wollen.“ „Nein,“ ſagte Giſela feſt,„ſolch einem Glück der Perfidie ziehe ich das Unglück vor. heit, und das Glück iſt doch nur der Lüge Preis! Mein Gott, es wird mir ſo leicht, glücklich zu ſein, es bedarf dazu ſo wenig. Ein wenig Freiheit, ein wenig Luft und viel Liebe in meiner eigenen Bruſt, mein Gott, ich verlange kein anderes Glück! Und dies iſt ſo leicht zu bewahren!“ „Sie meinen das? Ach, holdes, thörichtes Kind, ſo lange man liebt, iſt man ſeiner eigenen Thorheit Gefangener, und nur der iſt frei, der aller Liebe Feſſeln von ſeinem Herzen abgeſtreift, und ſein Auge gelehrt, klar zu blicken! Hoffen Sie nicht auf Freiheit, ſo lange Sie noch hoffen auf Liebe!“ a „Nun wohl,“ ſagte Giſela mit einem köſtlichen Lächeln,„ſo ſoll mir die Selaverei willkommen ſein!“ „Sie ſind unverbeſſerlich, ich ſehe, ich kann Ihnen nicht helfen und nicht rathen! Aber dieſe Zeit wird kommen und dieſe Stunde wird ſchlagen! Ich werde Sie nicht bewahren können vor Schmerzen, aber ich werde Sie lehren können, die Schmerzen zu beſiegen!“ „Aber warum dieſen ieen Glauben, warum dieſe traurige Vorherſagung? O mein Gott, kann es denn nicht ſein, daß das Glück min lächelt?“ „Es wird Ihnen lächeln, wie« Schlange dem Vöglein, das ſie verſchlingen will, lächelt. Sie wollen das Glück ſich erringen durch Wahr⸗ 1— doch nur beſiegt durch den Haß! Aber dies ſcheint Ihnen heute noch undeutlich und unwahr,— der Tag wird kommen, wo Sie mich verſtehen, Giſela! Sie verſchmähen es, ſich gegen das Leid zu ſchützen, ich werde Sie alſo im Leid nur noch heilen und gegen den empfundenen Kummer Ihnen Arzeneien reichen können. Aber nehmen Sie mindeſtens eine Warnung. Folgen Sie nicht den Ermahnungen Ihrer Schweſter, dieſe iſt Ihre Feindin, Ihre grauſame, unverſöhnliche Feindin, denn Sie ſind unſchuldig, und ZJudith ſieht an Ihnen, was ſie verloren hat!“ „Mein Gott, Sie wiſſen alſo—“ „Daß Judith eine ſchöne Schauſpielerin iſt, ja, das weiß ich,“ ſagte der Fürſt mit einem ſpöttiſchen Lächeln.„Dies ſetzt Sie in Erſtaunen? Ich ſehe, Judith hat ſich auch vor Ihnen be⸗ währt als kluge Schauſpielerin. Davon ein ander Mal!— Morgen iſt meiner Gemahlin Namenstag. Erſcheinen Sie zur Cour?“ „Ich denke, nein! Es iſt beſſer, ſich ſelbſt zurück zu ziehen, als zum Rückzug gezwungen zu werden!“ „Ah, Ga, dies iſt ſchön! Ich ſehe, Sie ſtehen ſchon am abefang der Weltklugheit,— vielleicht, daß Sie ſchnelle Fortſchritte machen in der Kunſt glücklich zu ſein. Sie haben Recht, gehen Sie nicht an den Hof! Ihnen dies zu rathen, kam ich!“ Sie wollen es erkämpfen durch Liebe, und es wird — „Ich danke Ihnen,“ ſagte Giſela, dem Fürſten ihre Hand darreichend, welche dieſer an ſeine Lippen drückte. Dann theilte ſie ihm ihren Entſchluß mit, fo nicht mehr im Hauſe ihrer Schweſter, ſon⸗ de ihrer Villa vor der Stadt zu wohnen. „Man würde dies natürlich finden,“ ſagte der Fürſt,„wenn Sie eine junge Witwe wären; da Sie aber ein junges Mädchen ſind, wird man es Ihnen nie verzeihen!“ „So mag man es nicht thun,“ ſagte Giſela ungeduldig,„was kümmert mich der Beifall einer ſo thörichten Welt, die nur nach dem Schein ver⸗ dammt und preiſt!“ „Der Schein!“ rief der Fürſt,„das iſt der Götze, dem die Welt huldigt, das goldene Kalb, vor dem ſie anbetend niederſinkt! Alles, Alles hie nieden iſt Schein, und Sie wollen ſo thöricht ſein, junges Mädchen, nicht zu buhlen um den Schein?“ Ende des erſten Bandes. S F — — 3 =S 8 — 2 ruck von F. A. D 3 14 6 17 12 1