—— 2 Leihbibliothet᷑ deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur n vo Eduard Oitmann in Gieſeen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. GLeih und Seſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenymmen.. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe ei welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Ml.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mt.— f. — Wr u 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. 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Die Czarina Fünftes Capitel. Generalgonverneur Arkarow Sechſtes Capitel. Das erſte Begegnen. Siebentes Capitel. Intriguen Achtes Capitel. Das Teſtament Guſtav 8 ur. Ueuntes Capitel. Das Opfer des Herzens Behntes Capitel. Vor dem Verlobungsfeſt Elftes Capitel. Die Kataſtrophe Bwölftes Capitel. Der Tod Seite 27 47 76 98 127 140 157 180 195 2¹0 231 Die letzten Lebenstuge Ratharin M. Erſtes Capitel. Der Günſtling. Seit zwei Stunden harrten die Höflinge auf das Erſcheinen deſſen, dem zu huldigen ihnen das glühendſte Bedürfniß ihres Herzens zu ſein ſchien, auf das Erſcheinen Platon Zoubow's, des Günſtlings der Kaiſerin Katharina! Der große Empfangſaal faßte kaum die Zahl der Herren, die heute, wie jeden Morgen, in die Wohnung Platon Zoubow's gekommen waren, um ſich zu erkundigen, wie der junge Fürſt geruht habe, und welche Zerſtreuungen, welche Erheiterungen er heute befehlen möchte, um nach einem gnädigen Blick einem freundlichen Lächeln zu haſchen, und ſich zu bemühen, durch irgend ein Scherzwort den ſtets gelangweilten jungen Fürſten zu erheitern. Und es waren nicht bloß junge Männer, nicht bloß ſolche, welche noch am Anfang ihres Lebens, ihrer Lauf⸗ 1 1859. V. Die letzten Lebenstage Katharina's II. 10 bahn und ihrer Carriére ſtanden, welche gekommen waren, vor dem Günſtling der Kaiſerin ſich zu beugen, ſondern alle Großen des Hofes, alle Miniſter und Generäle waren da in dem goldfunkelnden Saal des jungen Fürſten Pla⸗ ton Zoubow zu finden, alle Würdenträger des ruſſiſchen Reiches wollten ſich beeifern, demjenigen ihre Ehrfurcht zu bezeigen, der die Macht hatte, entweder ſie noch höher zu heben, als ſie ſchon ſtanden, oder ſie hinab zu ſchleudern in den Staub, aus welchem ſie ſich mit ſo viel Mühe, ſo viel Intriguen und Betrügereien hervorgearbeitet hatten. Freilich es waren da auch verdiente Männer, welche durch wahre Verdienſte, durch wahre Großthaten ſich zu Ruhm und Ehren emporgehoben hatten. Da war Sou⸗ warow, der große Feldherr Katharina's, der noch jüngſt das in ſeiner letzten Freiheitsbegeiſterung zuckende Polen niedergeſchlagen hatte, der ſeiner Kaiſerin die letzten von den beiden frühern Theilungen noch übrig gebliebenen Reſte von Polen erobert hatte. Da war auch Repnin, welcher einſt für Katharina im Namen Potemkin's das ſchöne erſehnte Taurien erobert hatte, und Souwarow's Gehülfe bei der letzten Nieder⸗ ſchmetterung Polens geweſen war. Da ſah man auch Solti⸗ kow, den Kriegsminiſter und frühern Gouverneur der Groß⸗ fürſten, da war Besborodko, der einflußreiche Staatsminiſter Katharina's, und Arkarow, der General⸗Gouverneur von 11 Petersburg, der Mann, den ganz Petersburg mit halblauten Flüchen„die blutdürſtige Hyäne“ nannte, und dem ſelbſt ſeine Freunde nurzitternd nahten, weil ſie nicht ſicher waren, ob er nicht in einer ſeiner blutdürſtigen Stimmungen auch nach ihnen ſeine Krallen ausſtrecken möchte, um ſie aus bloßer Laune zu zerfleiſchen und zu erwürgen. Aber hier in dieſem goldenen, duftigen Vorzimmer des Fürſten Platon Zoubow, hier wollten alle dieſe vornehmen Herren, dieſe berühmten Feldherrn und Staats⸗ männer doch nichts weiter ſein, als die ergebenen, ehr⸗ furchtsvollen Höflinge und Diener dieſes jungen Mannes, der jetzt das ruſſiſche Reich auf ſeinen Händen ſchaukelte, und vor deſſen müden Blicken alle Größe, alle Macht und aller Ruhm ſich in den Staub beugte. Tiefe Stille herrſchte in dem Kreiſe dieſer Höflinge Zoubow's; die Blicke aller dieſer Herrn in den glänzenden Uniformen, mit den diamantenfunkelnden Ordensſternen auf der Bruſt, waren nach jener Thür dort drüben hin⸗ gerichtet, nach dieſer Thür, welcher den Harrenden das Paradies verſchloß. Denn hinter jener Thür war das Cabinet. Zoubow's, dort war er Gebieter dieſer lächeln⸗ den Höflinge, die in ehrfurchtsvollem Schweigen an den Wänden umherſtanden. Und jetzt öffnete ſich dieſe Thür!— Wie eine ein⸗ ⸗ zige, vom Sturmwind gepeitſchte Woge, ſtürzten alle 1* „ Anweſenden vorwärts, und ein glückſeliges Lächeln ſtrahlte von allen Geſichtern, und alle Augen blitzten mit glänzender Freude dem Eintretenden entgegen. Doch man hatte ſich getäuſcht. Nicht der Fürſt war es, welcher da eintrat, ſondern nur ſein Kammerdiener! — Aber doch ſein Kammerdiener! Man konnte doch von ihm erfahren, wie es dem Liebling von ganz Rußland, dem angebeteten Fürſten Zvubow ergehe. Man umringte daher den Kammerdiener, man be⸗ ſtürmte ihn mit Fragen, mit freundſchaftlichen Zurufen, man ſtreckte ihm die Hände entgegen, und bat um einen Gruß, einen Händedruck. Aber Feodor lehnte alle dieſe Liebesbeweiſe mit mür⸗ riſcher Geberde von ſich; er nahm keine der ihm darge⸗ reichten Hände, er erwiederte keine der zärtlichen Anreden, und ſchien alle die beſorgten, angſtvollen Fragen nach dem Wohlergehn ſeines Herrn ganz überhört zu haben. Mit einer brusquen Handbewegung wies er alle die vornehmen Herrn zurück, die ſo eifrig um ſeine Gönner⸗ ſchaft buhlten, und diejenigen, welche ihm im Wege ſtan⸗ den, ohne Rückſicht auf ihren Rang und ihre glänzenden Orden, unſanft zurückſtoßend, ſchritt er bis in die Mitte des Zimmers vorwärts. „Ruhig, Ihr Herrn,“ ſagte er jetzt mit rauher, ge⸗ bieteriſcher Stimme.„Sr. Durchlaucht, der Fürſtzlatyn 13 Zoubow wird ſogleich hier eintreten, aber er läßt den Herren ſagen, daß er ſich das unanſtändige und läſtige Andrängen an ſeine Perſon, das Händedrücken und das zutrauliche Weſen Ein für alle Mal verbittet. Er wird Diejenigen herbeirufen, mit denen er ſprechen will, und es ſoll ſich Niemand einfallen laſſen, zu ihm zu treten und ihn zuerſt anzureden. Die Etiquette verbietet das der Kaiſerin gegenüber, und mein Herr, der Fürſt Platon Zoubow, welcher beinahe Kaiſer iſt, will dieſe Etiquette auch auf ſeine Perſon angewandt ſehen. Stellt Euch alſo ruhig an den Wänden auf, und erwartet, ob Sr. Durch⸗ laucht Euch ſehen will!“ Wie von einem Zauberſchlag getroffen, floß die Menſchenwoge wieder auseinander, und mit feierlichem Schweigen nahmen die Herren ihre Plätze an den Wänden wieder ein. Keiner von ihnen hatte den Muth, dem un⸗ verſchämten Kammerdiener ein Wort der Entrüſtung zu ſagen, Keiner mochte es wagen, auf ſeinem Antlitz nur den Schatten eines Mißmuths zu zeigen. Nur um Feodor's Lippen zuckte ein kaltes, ſpöttiſches Lächeln, und während er mit haſtiger Eilfertigkeit den großen, mit Goldbrocat bezogenen Lehnſtuhl in die Mitte des Saales rollte, murmelte er leiſe:„elende Speichellecker! Als wir arm waren, kannte uns Keiner, jetzt, da wir reich und mächtig ſind—“ 14 Er vollendete ſeinen Satz nicht mit Worten, ſondern nur mit einem Blick unausſprechlicher Verachtung, den er langſam an den Reihen der Höflinge ſeines Herrn dahin gleiten ließ, dann ſchritt er ſtolz gehobenen Hauptes, ohne Gruß, ohne Wort wieder durch den Saal nach der Thür hin, durch welche er gekommen Har. Aber diesmal ſchloß er die Thür nicht wieder hinter ſich zu, ſondern er öffnete ihre beiden Flügel und ſtellte ſich dann in ehrfurchtsvoller, gebeugter Haltung neben derſelben auf. Ein nicht zu unterdrückendes Gemurmel der Begeiſte⸗ rung lief durch den Saal hin, denn dieſe geöffneten Thüren verkündeten das Herannahen der Sonne, den Aufgang eines neuen Tages! Sehnſüchtig wandten ſich alle Blicke ihm zu, Freude ſtand auf allen Geſichtern, aber jetzt auf einmal beugten ſich alle dieſe ſtolzen Rücken, jetzt fielen dieſe ſonſt ſo hochgetragenen Häupter tief auf die Bruſt nieder, jetzt neigten ſich Alle in ehrfurchtsvollen Grüßen, denn die Sonne war aufgegangen, der neue Tag war da,— Platon Zoubow war in den Saal eingetreten. Da ſtand er drüben am Eingange des Saals. Dieſer junge Mann in dem nachläſſigen Morgenanzug, dem gold⸗ geſtickten Schlafrock, den niedergetretenen Pantoffeln, dem wirren, unausgekämmten Haar, dem bloßen, nur von einem ſchmutzigen Hemdkragen locker umgebenen Hals, das war Platon Zoubow, der Liebling Katharina's, und wie 15 ſein Kammerdiener Feodor vorher geſagt,„beinahe der Kaiſer von Rußland.“ Mit müden, nachläſſigen Schritten ging er vorwärts, wie es ſchien, die Herren, die noch immer in ehrerbietiger Verneigung daſtanden, gar nicht gewahrend. Kein einziger Blick aus ſeinen trüben, umſchleierten, blauen Augen traf dieſen reichen glänzenden Kranz ſeiner Höflinge, nicht einmal, während er vorwärts ſchritt zu ſeinem Lehnſtuhl hin, neigte er grüßend ſein Haupt. Seine ganze Theil⸗ nahme ſchien nur dem Affen zugewendet, den er an ſeiner Rechten führte, und dem er ſo eben ſelbſt mit eigenen hohen Händen die Uniform eines preußiſchen Soldaten angezogen hatte. Und Koko, der Affe, ſchien ſich ſeines neuen Standes und Ranges vollkommen bewußt zu ſein, denn mit militairiſcher Würde ſchritt er vorwärts, zuweilen langſam die Hand zu ſeinem Czako erhebend, um die⸗ jenigen, an denen er vorüber ging, mit ſeinem ſoldatiſchen Gruß zu beehren.. Platon Zoubow ſah das, und der Schimmer eines Lä⸗ chelns glitt über ſein bleiches, jugendlich ſchönes Antlitz hin. „Wahrhaftig,“ ſagte er, indem er ſich langſam in den Fautenil nieder warf,„wahrhaftig, mein Affe iſt klüger als alle Menſchen, die ich kenne, und er allein ver⸗ ſteht es noch, mir ein wenig Spaß zu machen. Die andern Menſchen ſind alle ſehr langweilige Affen, und nur mein „ 16 Koko iſt ein kluger Menſch. Komm her, mein Koko, gieb mir einen Kuß!“ Der Affe ſchien ihn verſtanden zu haben, denn er ſprang ſeinem Herrn auf den Schvoß und lehnte ſeinen Kopf zärtlich an Zoubow's Bruſt. „Mein guter Koko,“ ſagte Zoubow ihn ſtreichelnd, „es bleibt dabei, Du biſt der beſte und uneigennützigſte Menſch. Dir iſt es ganz gleichgültig, ob Dein Herr Platon Zoubow ein Fürſt und der Freund einer Kaiſerin iſt. Du würdeſt ihn eben ſo ſehr lieben, wenn er noch der kleine Lieutenant Zoubow wäre, den Niemand kannte, und um den alle die Herren, die jetzt im Staube vor ihm kriechen, ſich damals gar nicht kümmerten. Du biſt kein Höfling, kein Heuchler und Schmeichler, mein Koko, und darum liebe ich Dich, und darum achte ich Dich höher, als die ganze feige Brut, die alle Tage mein Vorzimmer belagert, und mich mit ihren Liebesbetheuerungen und verlogenen Schmeicheleien ſo ſehr langweilt.“ In lautloſem Schweigen, in ehrerbietiger Haltung hatten alle dieſe beſternten, in goldenen Uniformen ſtolzi⸗ renden Herren den Worten Zoubow's zugehört. Nicht Ein Haupt hatte ſich erhoben; wie eine Heerde Schafe, die ein Unwetter über ſich dahin ziehen läßt, ſo geduldig und ergeben ſtanden die Herren Alle da. Zetzt ließ der Fürſt ſeinen Affen von ſeinem Schooß, 17 und ſtieß ihn faſt unſanft zurück.„Geh, Koko, geh,“ ſagte er,„Du findeſt hier viele Spielkameraden im Saal, ſpiele mit ihnen, und verſuche, ob Du kannſt, was mir nie⸗ mals gelingen will, ob Du Dich mit ihnen amüſiren kannſt!“ Der Affe ſprang mit luſtigen Sätzen im Saal um⸗ her. Platon Zoubow aber ſank ſeufzend tiefer in den Lehn⸗ ſtuhl, und ſtreckte mit einem lauten Gähnen die Füße weit von ſich über den türkiſchen Teppich hin. Allgemach ſchien ein ſanftes Wohlbehagen über ihn zu kommen; er lehnte ſein Haupt an die weichen Polſter des Fauteuils, und überließ ſich ſeinem Lieblingsvergnügen, das heißt, er bohrte den kleinen Finger tief in ſeine Naſe, und ſtarrte mit trüben, glanzloſen Augen zum Plafond empor.“ Aus dieſem träumeriſchen Hinbrüten ward er auf Einmal durch einen lauten, durchdringenden Schmerzens⸗ ſchrei geweckt. Platon Zoubow richtete ſich empor, und wandte ſein Haupt nach der Seite hin, von welcher der Schrei ſein Ohr getroffen hatte. Nun brach er in ein lautes, gellendes Lachen aus, und allerdings, der Anblick, der ſich ihm darbot, war ſehr komiſcher und draſtiſcher Art. Dort drüben auf den Schultern des Generals Repnin ſaß Koko und war eifrig bemüht, die Perrücke, welche er dem *Memoires seeretes sur la Russie. Vol. I. S. 277. 18 General abgeriſſen hatte, über ſeinen preußiſchen Czako zu ſetzen. „Recht ſo, mein Koko,“ rief Zoubow,„reiße Du dem Herrn General immerhin den Schleier fort, und laß uns ſein wahres Antlitz und ſeinen kahlen, leeren Schädel ſehen! Aber was iſt denn das, mein lieber General, mir ſcheint, Sie haben da Blut an Ihrer Stirn?“ „Oh, es iſt nichts, Durchlaucht,“ ſagte der General mit einem mühſamen Lächeln,„der liebe Koko hat nur aus Verſehen mit ſeinen allerliebſten Fingern ein wenig meine Stirn gekratzt, als er mir die Perrücke abnahm. Aber wie geſagt, es iſt nichts, ich bin es gewohnt, im Dienſt meiner Kaiſerin mein Blut zu vergießen.“ „Ah,“ rief Zoubow mit ſchnell verdüſterten Mienen, „Du biſt es noch mehr gewohnt, Repnin, im Dienſt Dei⸗ ner Kaiſerin das Blut Anderer zu vergießen. Arg habt Ihr gewirthſchaftet in Polen, Du und der Souwarow, als hätte die große, die gütige Katharina Euch nicht dahin geſchickt, bloß um ihr eine Provinz zu erobern, ſondern um ihr ein Volk zu ſchlachten. Meine Kaiferin hat mir wohl große und ſchöne Landſtriche in Polen geſchenkt, aber was helfen ſie mir, da mir die Menſchenſchlächter Repnin und Souwarow alle meine polniſchen Unterthanen todt ge⸗ 19 ſchlagen haben, und auf meinen neuen Gütern kaum ein Mann zu finden iſt. Ihr habt die Erde von Polen mit Menſchen gepflaſtert. Das iſt freilich ein recht guter, fetter Dünger für den Acker, aber Ihr habt mir keine Arbeiter übrig gelaſſen, um ihn zu bebauen und nutzbar und ein⸗ träglich zu machen. Nun verantworte Dich einmal, Rep⸗ nin, was haſt Du darauf zu erwiedern?“ „Nur dies, Durchlaucht, daß ich, wie es ſcheint, in Polen nichts gethan und nichts geleiſtet, daher auch kein Blut vergoſſen habe,“ ſagte Repnin ernſt und feierlich. „Es iſt wahr, ich bin auf Befehl meiner Kaiſerin mit meinen Truppen nach Polen gegangen, aber ich war zu langſam, ich verſtand mich nur auf die Schlacht, nicht auf das Schlachten, ich habe mir daher auch keine Lorbeeren in Polen verdient, und nicht Ich bin für meine Kriegs⸗ thaten zum Feldmarſchall avancirt.“ „Ah, es iſt wahr,“ rief Zoubow nachläſſig,„unſere allzeit große, allzeit gerechte Kaiſerin überging Dich, und machte den jüngern, Dir untergeordneten General, den Souwarow zum Feldmarſchall. Aber was ſchadet das Dir! Meine gütige Herrin gab doch ſtatt des Feldmar⸗ ſchalltitels Dir ein ſchönes Haus, und damit biſt Du reichlich bezahlt für Dein Nichtsthun. He, Koko, ſetze dem General Repnin ſeine Perrücke wieder auf, denn er iſt dazu geſchaffen, eine Perrücke über ſeinem leeren Schädel 20 zu tragen. Die Perrücke hat bei ihm keine Lorbeern mehr zu zerdrücken. Der Herr Feldmarſchall Souwarow, das iſt der Mann, der ſich in Polen Lorbeern um ſein Haupt gelegt, und meine Güter in eine menſchenleere Wüſte ver⸗ wandelt hat. Sagen Sie doch, Herr Feldmarſchall, warum nahmen Sie nicht mehr Rückſicht auf mein Eigenthum, und ließen wenigſtens meine Bauern am Leben?“ „Herr Fürſt Platon Zoubow,“ ſagte Souwarow, mit einer lächerlichen Grimaſſe vorwärtsſpringend, und ſich faſt bis zur Erde vor Zoubow verneigend,„Herr Fürſt Platon Zoubow, unglücklicherweiſe eriſtirten Ihre Güter noch nicht, als ich auf Befehl meiner Kaiſerin nach Polen zog, um die Revolution zu erſticken, und meiner Kaiſerin ein Land zu erobern, das damals noch von den hochmüthi⸗ gen und aufrühreriſchen Polen als ihr Eigenthum betrachtet wurde. Ich mußte dieſe Polen alſo erſt vernichten, um dann meiner Kaiſerin das eroberte Land zu Füßen zu legen. Sie hat es gnädig aufgehoben, und dem hochver⸗ dienten, edlen und weiſen Fürſten Platon Zoubow ein ſchönes Stück davon gegeben, damit es unter ſeinen Händen zu einem Paradieſe erblühe.“ „Ah bah, zu einem Paradieſe gehören vor allen Dingen einige Adam's und Eva's,“ rief Zoubow mürriſch, „und die haben Sie mir alle ausgerottet, Feldmarſchall, und haben mir meine polniſchen Güter in eine Wüſte ver⸗ 21 wandelt, in der ich nur umhergehen kann, wie Gott Vater in der Welt, bevor er die Menſchen geſchaffen.“ Aber Durchlaucht können eben ſo gut wie Gott Vater die Welt, ſich Ihre polniſchen Provinzen mit neugeſchaffe⸗ nen Menſchen bevölkern,“ rief Souwarow, indem er ſeine kleine, gekrümmte Geſtalt immer näher zu dem Seſſel Zoubow's heranſchob, und ſeine kleinen, ſtechenden, ſchwar⸗ zen Augen mit einem Ausdruck zärtlicher Liebe auf ihn heftete. „Wie kann ich das?“ fragte der Fürſt auffahrend. „Sagen Sie's mir, Feldmarſchall, ſagen Sie mir ein Mittel, wie ich meine polniſchen Güter wieder bevölkern kann, und ich will Ihnen verzeihen, daß Sie ſie entvölkert haben.“ „Nun,“ rief Souwarow mit einem Lachen, das ſein gebräuntes, runzlichtes Antlitz ſeltſam verzerrte,„nun, das Mittel iſt leicht. Sprechen Sie mit unſerer erhabenen, weiſen Czarina, bitten Sie Ihro Majeſtät, daß ſie mich endlich nach dieſem von Gott verfluchten Lande ſchickt, in welchem jetzt die Hölle der Revolution losgelaſſen iſt, und in dem die Menſchen wie wilde Beſtien wüthen gegen Alles was heilig, erhaben und edel iſt! Beſchwören Sie die große Kaiſerin, daß ſie mich nach Frankreich ſendet, damit ich dort die Ordnung wieder herſtelle, wie ich es in. 22 Polen gethan. Dafür verſpreche ich Ihnen, Durchlaucht, daß ich die verwünſchten und von Gott verfluchten Fran⸗ zoſen nicht wie die Polen tödten will. Ich werde ſie bloß zu Gefangenen machen, und wie eine Heerde Schafe will ich ſie aus Frankreich forttreiben, und ſie in Ihre Pro⸗ vinzen nach Polen bringen. Dort wird der Fürſt Platon Zoubow das verwünſchte republikaniſche Geſindel, das jetzt die ganze Welt in Aufruhr bringt, als ſeine Leib⸗ eigenen annehmen, und er wird ſie zur Strafe für ihre Sün⸗ den zu Arbeitern, das heißt zu Menſchen erziehen.“ „Hm,, der Plan iſt gar ſo übel nicht,“ ſagte Zoubow, indem er ſich in ſeinem Fauteuil dehnte, und die Füße weiter von ſich ſtreckte.„Wir haben ſchon lange darüber nachgedacht, die Kaiſerin und ich, wie man das franzöſiſche republikaniſche Geſindel am beſten und ſchnellſten von der Welt vertilgen könnte. Anfangs hielt freilich meine weiſe Czarina dies Franzoſenpack nicht würdig, daß zur Be⸗ kämpfung deſſelben das edle, ſchöne Blut unſerer ruſſiſchen Soldaten ſollte vergoſſen werden. Sie begnügte ſich daher Jahre lang damit, nur die übrigen europäiſchen Fürſten ge⸗ gen das abſcheuliche Frankreich zu hetzen, und gab den Köni⸗ gen von Schweden und von Preußen ſchöne ruſſiſche Rubel, um damit ihre Armeen auszurüſten, und mit ruſſiſchem Geld und ſchwediſchen und preußiſchen Soldaten die Fran⸗ zoſen zu bekämpfen. Aber der König Guſtav von Schweden 23 iſt von feilen Mördern, welche das republikaniſche Gift ſchon eingeſogen hatten, erſchoſſen worden; der König von Preußen aber hat es nicht verſtanden, die franzöſiſche Re⸗ publik zu beſiegen und iſt mit ſeinen Truppen von der franzöſiſchen Grenze heimgekehrt. Wenn alſo Frankreich beſiegt werden ſoll, ſo kann dies nur durch Rußland ge⸗ ſchehen!“ „Nur durch mich,“ rief Souwarow mit funkelnden Augen,„ich kenne den Krieg und er kennt mich, und Gott und die Czarina mögen mir gnädig ſein und mir geſtatten, gegen die Franzoſen zu marſchiren!“ „Ah, Sie nennen den Fürſten Platon Zoubow nicht, Feldmarſchall,“ ſagte Zoubow lächelnd,„doch glaube ich, wird die Czarina Ihnen nicht gnädig ſein, wenn es nicht der Zoubow iſt, und wenn ich nicht will, daß der Feld⸗ marſchall Souwarow nach Frankreich marſchire, ſo wird er daheim bleiben. Ah, mein alter General, das Blatt hat ſich gewendet, und der kleine Lieutenant Zoubow, den der Souwarow früher gar keines Blickes würdigte, den er ſtundenlang in ſeinem Vorzimmer als Wache vor ſeiner Thür ſtehen ließ, der kleine Lieutenant hat jetzt ein Vor⸗ zimmer, in welchem der Feldmarſchall Souwarow recht geduldig ſtundenlang harrt, um ſeinem frühern Lieutenant ſeine Aufwartung zu machen. Nun, Ihrer Protection 3 24 verdanke ich meine Erhebung nicht, Feldmarſchall, Sie haben nichts für mich gethan, und ſo ſehe ich denn nicht ein, warum ich jetzt Etwas für Sie thun ſollte. Weiß nicht, ob wir, die Czarina und ich, nicht lieber den Repnin oder den Soltikow mit einer Armee nach Frankreich ſchicken, oder vielleicht gefällt es mir auch, ſelber das Commando der Armee zu übernehmen, und als der Lieutenant der Czarina dem Herrn Feldmarſchall Souwarow meine Be⸗ fehle zu ertheilen, und ihn dahin zu ſtellen, wo ich will, daß er ſtehen ſoll! Wer kann's wiſſen! Ich weiß nur, daß der General Souwarow niemals etwas gethan hat für den Lieutenant Zoubow und daß dieſer ihm daher gar keine Dankbarkeit ſchuldig iſt!“ „Das iſt wahr,“ rief Souwarow mit ſeiner krähenden Stimme,„der Fürſt Zoubow hat Alles allein ſich ſelber zu verdanken. Er iſt Alles durch ſich ſelber geworden, und keinem lebendigen Weſen hat er Etwas zu verdanken.“ „Das iſt eine Lüge, Souwarow,“ ſagte Zoubow, indem er ſeinen rechten Fuß in die Luft hob, und ſeinen Affen Koko, der zuletzt wieder ſtill zu ſeinen Füßen ge⸗ ſeſſen, auf demſelben ſchaukelte.„Eine Lüge iſt das, Su⸗ warow, denn es giebt doch ein lebendiges Weſen, das den Anſtoß zu meiner Erhebung gegeben hat, und dem ich daher Dank ſchuldig bin. Dieſes lebendige Weſen, das iſt ein Hund,— keiner von Euch, keiner von den menſchlichen 25 Hunden, die jetzt ſo liebenswürdig zu meinen Füßen ſchwenzeln und wedeln, ſondern ein wirklicher, veritabler Hund.“ Souwarow ließ ein lautes, wieherndes Lachen ver⸗ nehmen, und drehte ſich wie ein Kreiſel drei Mal auf dem Abſatz herum.„Ah,“ rief er dann, ſich laut lachend auf die Rücklehne des fürſtlichen Fauteuils ſtützend,„ah, wie humoriſtiſch und witzig unſer ſchöner Fürſt heute iſt. Hören Sie nur, meine Herren, hören Sie, der Fürſt in ſeiner liebenswürdigen Beſcheidenheit will nicht zugeben, daß er ſeine Größe, ſeinen Ruhm und ſeine Macht ganz allein ſich ſelber, ſeinen Talenten, ſeinem Geiſt, ſeiner Liebens⸗ würdigkeit und Schönheit verdankt. Er will in ſeinem göttlichen Humor behaupten, ein Hund, ein wirklicher Hund habe den erſten Anlaß zu ſeiner Größe gegeben.“ Er brach wieder in lautes Lachen aus, in das die Uebrigen ſich beeiferten mit einzuſtimmen. „Ja lacht nur, lacht, Ihr dummen Menſchen,“ ſagte Zoubow, der immer noch den Affen auf ſeinem Bein ſchaukelte.„Ich habe Euch doch die Wahrheit geſagt, und ich will's Euch beweiſen. Ich will Euch die Geſchichte er⸗ zählen, wie ein Hund die Veranlaſſung war, daß der Lieute⸗ nant Platon Zoubow das geworden iſt, was er jetzt iſt. Tretet näher, Ihr Alle, ich erlaube Euch mir zuzuhören.“ 1859. V. Die letzten Lebenstage Katharina's II. 2 26 Die Herren ſprangen und rannten in haſtiger Eil⸗ fertigkeit vorwärts, und ſchloſſen einen dichten Kreis um den Fauteuil, in welchem der junge Mann lag. Jedes Antlitz war geſpannt und erwartungsvoll, Aller Blicke waren mit dem Ausdruck des lebhafteſten Intereſſes auf ihn hingewandt.* * Dieſe ganze Scene, und die herausfordernde, übermüthige Art, mit welcher Zoubow den höchſten Staatsmännern und Würdenträgern zu begegnen wagte iſt hiſtoriſch, und findet Belege in: Memoires secretes sur la Russie, Vol. I. Seite 270 folgende, und Castera: Memoires sur l'Imperatrice Catherine II. Vol. II.— Der Held Souwarow gehörte namentlich zu den demüthigſten und kriechendſten Schmeichlern Zoubow's, und ließ ſich, gleich allen anderen Herren, die unwürdigſte Begegnung von Zoubow lächelnd gefallen. Bweites Capitel. Großfürſt Conſtantin. Platon Zoubow ſchien für den Augenblick dieſe glänzende, beſternte Geſellſchaft, die in feſtgeſchloſſenem Kreiſe ihn umringte und Aug' und Ohr ihm zugewendet hatte, ganz und gar vergeſſen zu haben. Der Affe Kokv ſtand noch immer auf ſeinem Bein, und mit lauter Com⸗ mandoſtimme befahl Zoubow ihm jetzt, verſchiedene mili⸗ tairiſche Stellungen und Evolutionen zu machen. Jede derſelben ward von den zuſchauenden Herren mit einem lauten Ausbruch der Verwunderung belohnt, und man er⸗ ſchöpfte ſich in Ausrufungen der Bewunderung, des Ent⸗ zückens über den talentvollen, genialen Affen Kokv. „Ja,“ ſagte Zoubow, indem er den Affen jetzt von ſeinem Bein auf ſeinen Schvoß ſpringen ließ,„ich glaube, mein Koko verſteht jetzt den preußiſchen Kriegsdienſt ganz 2* 28 gut und iſt daher ganz befähigt, eine Stelle in dem Regi⸗ mente des Großfürſten Paul einzunehmen. Ihr wißt doch, daß der Herr Großfürſt ſich erlaubt, die Armee ſei⸗ ner Mutter, unſerer weiſen, erhabenen Czarina, ſo zu ver⸗ achten, daß er in Gatſchnia ſich ein Regiment Soldaten hält, das er ganz nach preußiſchem Reglement einexercirt hat? Es iſt alſo eine beſondere Aufmerkſamkeit von mir, daß ich den Koko zum preußiſchen Soldaten gebildet habe. Vielleicht mache ich dem Großfürſten die Freude und leihe ihm auf einige Wochen meinen Koko, damit er ihn in ſeinem Regiment als Officier anſtelle und von ihm ſeine Rekruten einexerciren läßt. Das wäre denn mein Gegengeſchenk. Der Fürſt Zoubow leiht dem Großfürſten Paul ſeinen Affen zum Dank dafür, daß er durch ſeinen Hund ſein Glück gemacht. Denn es war ein Hund des Großfürſten Paul, der vor ſechs Jahren mein Glück be⸗ gründet hat. Ich ſtand eines Tages als dienſthabender Officier der Garde in dem kaiſerlichen Palaſt, da ſah ich einen Hund durch die geöffnete Thür des Corridors in den Saal ſchlüpfen. Es war ein häßliches, räudiges Thier, das mich mit Abſchen erfüllte, und deſſen dreiſtes Betreten des kaiſerlichen Palaſtes mich empörte. Der Hund aber ſchien meine Antipathie nicht zu theilen,— er näherte ſich mir auf eine ungeſchliffen zutrauliche Weiſe und richtete ſeine Schnauze mir unverſchämter Dreiſtigkeit immer wie⸗ 29 der nach der hinteren Taſche meines Rockes hin. Nun will ich Euch geſtehen, Ihr reichen Schlemmer, die Ihr Euch jetzt ſo oft an meiner Tafel gütlich thut, daß der Platon Zoubow damals ſo arm war, daß er ſich nicht alle Mal an einem warmen Mittagseſſen ſtärken konnte. Ich hatte daher, als ich meinen Wachtpoſten an jenem Mor⸗ gen bezog, mir in einem Wurſtladen eine Wurſt gekanft, und die nebſt einem Stück Weißbrod in meine Rocktaſche geſteckt. Das ſollte mein Mittagseſſen ſein, wenn ich einen Moment fand, um es unvermerkt zu verzehren.“ „Ah,“ rief Souwarow mit wieherndem Lachen, in⸗ dem er ſeine kleine Geſtalt hin und her ſchwenkte,„ah, und der Hund roch die vortreffliche Wurſt und wollte ſie dem Herrn Lieutenant, deſſen zukünftige Größe er nicht errathen konnte, ſtreitig machen?“ „Richtig, ſo war es; das dumme Thier roch die Wurſt, aber es errieth meine zukünftige Größe ebenſowenig, wie ich ſeine damalige Größe errieth. Wir hatten Beide gar keinen Reſpect vor einander, und ich vertheidigte meine Wurſt gegen die unverſchämte Zudringlichkeit des Hundes mit einigen wohlgeführten Fußtritten, welche bewirkten, daß der Hund blutend und heulend von dannen lief. Ich hatte nun freilich meine Wurſt gerettet, aber ach, dieſe ge⸗ rettete Wurſt hätte mir beinahe nicht bloß meine Stelle, ſondern ſogar das Leben gekoſtet. Denn rathet einmal, ————————— 30 Ihr klugen Staatsräthe, Miniſter und Generäle, rathet einmal, wem der Hund gehörte, den ich blutig geſchlagen?“ „Er gehörte ſicherlich der Czarina,“ krähte Souwarow, „die erhabene Majeſtät ließ den Verbrecher vor ſich kom⸗ men, aber dann hieß es bei Platon Zoubow wie beim Ju⸗ lius Cäſar: veni, vidi, vici.“ „Ah, ſeht doch, der Feldmarſchall iſt unter die Gelehr⸗ ten gegangen,“ rief Zoubow.„Er wird ſich wahrſcheinlich von dem Präſidenten der Akademie der Wiſſenſchaft, der hochgelahrten Frau Gräfin Daſchkow, in den Gelehrten⸗ ſtall aufnehmen laſſen wollen, um auch noch den Ruhm der Gelehrſamkeit mit in ſein Grab zu nehmen! Aber dies Mal haben Sie doch fehl geſchoſſen, mein Herr Akademiker der Zukunft; es war nicht der Hund meiner edlen, erhabenen Kaiſerin. Die Czarina hat genug an dem Menſchengeſindel, das ſie umwedelt, und ſie hält ſich keine anderen Hunde. Aber da der Souwarow es nicht errathen hat, wem der Hund gehörte, ſo wird es auch kein Anderer wagen, und ich muß daher nur Euren liebenswürdigen Strohköpfen ein Licht anzünden. Es war der Hund des Großfürſten Paul, den ich blutig geſchlagen hatte, und der Hund war heulend und ſchreiend mit ſeiner blutigen Schnauze zu ſeinem Herrn gelaufen. Nun entſtand ein wildes Fluchen und Schreien im Palaſt, und durch die Corridore daher vernahm ich die zornige Stimme des 31 Großfürſten, welcher ſchrie:„Wo iſt der Verbrecher, der mir meinen Hund gemißhandelt hat? Alles, was mir ge⸗ hört, Alles, was ich liebe, wird gemißhandelt und verfolgt. Ich habe einen Hund, den ich liebe, und man will ihn tödten. Wo iſt der Officier, der das gewagt hat? Man führe ihn mir her, er ſoll exemplariſch beſtraft werden.“*) — Ein kalter Schauer durchrieſelte meine Glieder, und ich fühlte, daß ich verloren ſei, denn erſt geſtern hatte der Großfürſt einen anderen Officier, deſſen wild gewordenes Pferd gegen den Schimmel des Großfürſten anrannte, mit Knutenhieben für das Verſehen ſeines Pferdes beſtraft, dann den Officier nach Sibirien geſchickt und das Pferd tödten laſſen. Ich wollte fliehen, mich verbergen, aber ach, ſchon öffnete ſich die Thür, die von dem Grofßfürſten geſandten Häſcher, welche mich fangen ſollten, ſtürzten herein, und dicht hinter ihnen auf dem Corridor vernahm ich die donnernde Stimme des Großfürſten. Ich ſchien verloren, denn die Kerle packten mich ſo heftig, daß ich nicht einmal mehr Zeit hatte, meinen Degen zu ziehen, entweder um mich zu vertheidigen oder um mir den Tod zu geben. Sie riſſen mich vorwärts nach der Thür hin, in welcher ſoeben der Großfürſt mit zornrothem Antlitz *) Des Grofßfürſten eigene Worte. Siehe: Memoires secretes sur la Russie. Vol. I. S. 334. 32 erſchien. Er ſtreckte mir die beiden geballten Fäuſte ent⸗ gegen und ſchrie:„Ich will Dich lehren, meinen Lieblings⸗ hund zu mißhandeln. Führt ihn fort. Hundert Knutenhiebe werden ihn lehren, künftig meine Hunde mit mehr Reſpect zu behandeln.“— Ich ſchrie laut auf vor Schmerz und Wuth; ich fühlte, daß ich wahnſinnig werden würde bei dem erſten Knutenſtreiche, der meinen Rücken berührte.— In dieſem Moment öffnete ſich da drüben die Thür, und die Kaiſerin, ſtrahlend in Hoheit und Milde, leuchtend wie die Sonne, welche die Nacht in den ſtrahlenden Tag ver⸗ wandelt, die Kaiſerin erſchien auf der Schwelle. Der Schrei meiner Verzweiflung hatte ihr Ohr getroffen und ſie war, dem Zuge ihres großmüthigen Herzens folgend, in den Vorſaal gekommen, um nach dem Unglücklichen zu forſchen, deſſen Schrei ſie vernommen. Ein Strahl ihrer ſonnigen Augen traf mein bleiches, ſchmerzverzerrtes Ant⸗ litz traf meine Seele, daß ſie die Kraft fand, dem Körper zu gebieten. Meine Arme ſchleuderten wie leichte Federn die vier Häſcher zurück, die mich fortſchleppen wollten ich ſtürzte zu der Kaiſerin hin, umklammerte ihre Kniee und ſchrie:„Czarina, rette Deinen Sclaven vor der Schande und der Knute!“— Sie ſchaute zu mir nieder mit einem langen, ſeltſamen Blick, ihre wunderbar leuchtenden Augen ſchienen in der Tiefe meines Herzens zu leſen, meines Herzens, in welchem ſchon ſeit lange die Czarina als ein⸗ — zige Göttin lebte und herrſchte. Ein glänzendes Lächeln überflog einer Morgenröthe gleich ihr himmliſches Geſicht, und mit ſanfter Stimme ſagte ſie:„Fürchte nichts, ich werde Dich beſchützen, wenn Du es verdienſt.“—„Er hat keine Gnade verdient,“ ſchrie der Großfürſt,„er hat Strafe verdient, und ich will ihn ſtrafen! Er ſoll es büßen, daß er meinen Hund blutig geſchlagen hat. Dafür ſoll er jetzt geſchlagen werden, daß ſein elendes Blut den Rücken in Strömen herunterläuft!“—„Das ſoll nicht geſchehen,“ rief die Kaiſerin gebieteriſch.„Das Blut eines Hundes iſt nicht ſo viel werth, als das Blut eines Menſchen, und wenn der Großfürſt es ſchon für ein Verbrechen hält, daß man einen Hund geſchlagen, ſo iſt es ein todeswürdiges Verbrechen, einen Menſchen zu ſchlagen.— Warum ſchlugſt Du den Hund des Großfürſten?“ fragte ſie dann, ſich tiefer zu mir neigend.—„Ich ſchlug ihn, weil er mich angriff,“ ſagte ich,„aber ich wußte nicht, daß es der. Hund des Großfürſten ſei.“—„Und Du würdeſt ihn nicht geſchlagen haben, wenn Du gewußt hätteſt, daß dies Thier dem Großfürſten gehörte?“—„Ja,“ ſagte ich leichten Muthes,„ich würde ihn doch geſchlagen haben, denn das Thier griff mich an und ich vertheidigte mich.“ — Der Großfürſt ſchrie laut auf vor Wuth. Meine er⸗ habene Kaiſerin aber lächelte und ſagte:„Das iſt eine Antwort, die mir wohlgefällt, denn ſie beweiſt mir, daß der * 34 junge Lieutenant meiner Garde ein muthiges Herz hat. Stehe auf, Platon Zoubow, der Großfürſt vergiebt Dir, und er wird ſich erinnern, daß Du von heute an unter meinem beſonderen Schutze ſtehſt. Um das aller Welt zu beweiſen, wirſt Du heute an der kaiſerlichen Tafel Theil nehmen und während des ganzen Tages den perſönlichen Dienſt bei mir haben.“— Der Großfürſt, kaum im Stande ſeinen Zorn zu bezähmen, verließ den Saal, ich aber dankte meiner Kaiſerin mit Thränen des Entzückens für die Gnade, die ſie mir bewieſen, und die glühenden Worte meiner Begeiſterung beleidigten ſie nicht.— Ihr ſeht alſo, ich habe Euch die Wahrheit geſagt, ein Hund hat den erſten Anlaß zu meiner Größe gegeben. Das Uebrige freilich, das Uebrige habe ich allein gethan,“ fuhr Zoubow mit einem faden Lächeln fort,„und wenn meine erhabene Czarina ihren getreuen Diener und Freund, den Platon Zoubow, ſeit ſechs Jahren mit ihrer Gunſt beehrt, ſo verdanke ich das Mir ſelbſt allein und der grenzenloſen und unerſchütterlichen Anbetung für meine Kaiſerin. Dieſe Anbetung erfüllt ſo ganz und gar mein Herz, daß darin gar kein Raum mehr bleibt, irgend etwas Anderes zu lie⸗ ben oder anderen Menſchen ein Stückchen von meinem Herzen zu geben. Laßt es Euch daher nie einfallen, zu glauben, daß ich irgend Jemand von Euch liebe oder hoch⸗ ſchätze, oder auf Eure Zuneigung und Ergebenheit baue. Ich verachte Euch Alle, Alle, denn ich kenne Euch, ich weiß, daß, wenn die Sonne meines Glückes erlöſchen ſollte, Keiner von Euch bereit ſein würde, mir auch nur das kleinſte Licht zu bringen, um meine Nacht zu erhellen; ich weiß, daß Ihr Alle mich verlaſſen würdet, wenn ich nicht mehr der allmächtige Günſtling der Czarina wäre. Aber ich weiß auch, daß es Ein lebendiges Weſen giebt, das mich an jenem Schmerzenstage eben ſo treu und zärt⸗ lich lieben würde, als es mich heute liebt. Wundert Euch alſo nicht, wenn ich dies Weſen mehr liebe als Euch Alle. Komm her, Koko, komm zu mir, mein treuer Freund in der Noth, mach' Dich nicht gemein mit den treuloſen Menſchen, halte mehr auf Deine Ehre, mein Koko, und behandele die Menſchen nicht als Deines Gleichen, ſon⸗ dern halte ſie Dir möglichſt vom Leibe.“ Er zog den Affen auf ſeinen Schooß und küßte und liebkoſete das Thier. Als ehrerbietige, ſchweigende Zu⸗ ſchauer ſtanden die Generäle, Miniſter, Staatsräthe, Fürſten und Grafen umher. Niemand wagte die Stille durch ein Wort zu unterbrechen oder auf die übermüthige Rede des Fürſten etwas zu erwiedern. Auf einmal ward die Stille durch die laute Stimme des Kammerdieners unterbrochen, der an der Thür erſchien und mit feierlichem Tone rief:„Se. kaiſerliche Hoheit, der Großfürſt Conſtantin!“ 36 Eine allgemeine Bewegung entſtand in dem Kreiſe, der den Lehnſeſſel des Fürſten umgab; dem erſten Impuls ihrer Ehrerbietung folgend, traten die Herren einen Schritt zurück, als ſchienen ſie ſich beeifern zu wollen, den Großfürſten ehrerbietig willkommen zu heißen. Aber ein gebieteriſches:„Bleibt hier!“ des Fürſten Zoubow feſ⸗ ſelte ſie an ihre Stelle. Zoubow lag noch immer in ſeinem Lehnſtuhle und ſpielte mit ſeinem Affen; er ſchien die Ankündigung des Kammerdieners gar nicht beachtet zu haben; er ſchien es auch nicht zu hören, daß jetzt leiſe Schritte ſich näherten, daß eine jugendlich friſche Stimme ihn mit heiterm Wort begrüßte. Nun machte ein junger Mann ſich haſtig Bahn durch den Kreis der Herren und eilte lachenden, heitern Ange⸗ ſichts zu dem Lehnſeſſel hin. „Guten Morgen, theuerſter Fürſt,“ rief er, ihm die Hand entgegenſtreckend. Aber Zoubow nahm dieſe Hand nicht und ſielie ohne ſeine Stellung zu verändern, ruhig mit ſeinem Affen weiter. „Ah, Sie ſind es, Grofßfürſt Conſtantin, ſagte er dann nach einer Pauſe! mit vollkommenſter Gelaſſenheit. „Ich wundere mich, was Sie ſo früh bei mir wollen.“ „Nun, daſſelbe, was alle dieſe anderen Herren auch 37 wollen,“ rief der junge Großfürſt lachend;„ich will dem edlen Fürſten Zoubow meinen Reſpect beweiſen und ihn meiner Liebe verſichern.“ „Aber wenn Sie deshalb kamen,“ ſagte Zoubow, ſich wie in größter Erſchöpfung dehnend und ſtreckend, „wenn Sie bloß deshalb kamen, um mir Ihren Reſpect zu beweiſen, ſo begreife ich nicht, weshalb Sie auf eine ſo wenig reſpectvolle Weiſe zu mir eintreten.“ „Wie denn, was meinen Sie, mein theurer Fürſt?“ fragte der Großfürſt ängſtlich und erſchrocken.„Womit hätte ich gegen den ſchuldigen Reſpect gefehlt?“ „Dadurch, mein kleiner, lieber Großfürſt, daß Sie meinen Kammerdiener verleitet haben, gegen die Sitte und Etiquette meines Hauſes zu fehlen. Ich bin es nicht ge⸗ wohnt, daß diejenigen, welche Morgens in meinen Sa⸗ lon kommen, um mir aufzuwarten oder um etwas zu er⸗ bitten, daß dieſe ſich ankündigen und anmelden laſſen, als wären ſie die Sonne, welche ſich herablaſſen will aufzu⸗ gehen. Sie haben aber, denke ich, meinem Diener befohlen, Sie anzumelden?“ „Es iſt wahr, ich that das,“ ſagte der Großfürſt verlegen.„Es geſchah nur aus Gewohnheit, theuerſter Fürſt, nur—“ „Dieſe Gewohnheit,“ unterbrach ihn Zoubow gelaſ⸗ ſen,„dieſe Gewohnheit wird meinem Kammerdiener 38 Petrowitſch ſehr theure Zinſen tragen, denn ich werde ihn gleich heute aus meinem Dienſte jagen. Ich liebe es nicht, wenn meine Diener Jemand Anderes höher reſpectiren, und vor Anderen mehr Ehrfurcht bezeigen, als vor mir; es ſei denn, daß die Czarina ſelber ihrem ergebenſten Die⸗ ner, dem Platon Zoubow, die Gnade erzeigte, ſeine Ge⸗ mächer zu betreten. Sie iſt die Sonne Rußlands und die Sonne meines Herzens; wo ſie erſcheint, da muß ſich Alles bengen und unterwerfen, auch der Platon Zoubow, der nichts iſt und nichts ſein will, als der treueſte und zärtlichſte Sclave der Kaiſerin. Aber wo die Kaiſerin nicht iſt, da bin ich der Herr, und—“ „Und ſelbſt wenn die Kaiſerin da iſt, ſind Sie ein wenig immer noch der Herr,“ rief der Großfürſt lächelnd, „und wir Alle ſind Ihre Selaven, wenn Sie uns nicht die Ehre erzeigen, uns Ihre Freunde zu nennen. Aber Sie haben mich hoffen laſſen, Fürſt, daß Sie mir dieſen ehrenvollen Titel bewilligen wollten, und ich rechne dar⸗ auf, denn Sie wiſſen es, Freund, ich liebe Sie, nicht weil ie der Herr ſind über uns Alle, ſondern weil Sie der Platon Zoubow ſind, der geiſtvolle, geniale, edle und lie⸗ benswürdige Fürſt Zoubow.“ Der Fürſt richtete ſich langſam empor, und die bei⸗ den Hände auf die Seitenlehnen ſeines Fauteuils aufge⸗ 39 ſtützt, blickte er ſtarr und forſchend in das lächelnde, freund⸗ ſelige Antlitz des jungen Großfürſten. „Sie ſchmeicheln mir, weil Sie etwas von mir wol⸗ len,“ ſagte Zoubow nach einer Pauſe.„Ja, Sie wollen mich um Etwas bitten, ich ſehe es an Ihrer forcirten Freundlichkeit, die nicht in das Geſicht des jungen Con⸗ ſtantin paßt und ſich da ausnimmt, wie eine verirrte Roſe, die irgend ein hämiſcher Wind auf einen Dorn der Stech⸗ palme hingeſchleudert hat. Wenn Sie lachen, Großfürſt Conſtantin, dann wollen Sie entweder einen Menſchen umbringen, oder Sie haben Jemand umgebracht und ver⸗ langen Abſolution.“ „Ah, wie liebenswürdig witzig und ſarkaſtiſch unſer lieber Fürſt heute wieder iſt,“ rief der junge Großfürſt mit einem lauten Lachen.„Fahren Sie fort, mein lieber Fürſt, denn Sie ſind unwiderſtehlich, wenn es Ihnen be⸗ liebt zu ſcherzen. Bei Gott, es iſt ein Glück für mich, daß ich kein Mädchen bin, ich würde Ihrem Liebreiz nicht widerſtehen können, ich würde ſterben vor Gram, wenn mich der Fürſt Zoubow nicht lieben wollte. Sie meinen alſo, ich habe Jemand umgebracht und ich ſei gekommen, um von Ihnen Abſolution für meine Mordthat zu erfle⸗ hen? O nein, nein, mein lieber Fürſt, wenn irgend Je⸗ mand in Gefahr iſt, umgebracht zu werden, ſo bin ich es, denn dieſes elende Volk meiner Gläubiger iſt hinter mir. her wie eine wüthende Meute, die täglich bereit iſt, mich zu zerreißen.“ „Das iſt es alſo,“ ſagte Zoubow gelaſſen,„der er⸗ habene Enkel der Kaiſerin Katharina, der Sohn des ſtol⸗ zen Großfürſten Paul, will ſich den Anſchein geben, als müſſe er in Armuth und Elend vergehen und habe Furcht vor ſeinen Gläubigern. Ich wette aber, Hoheit, daß Ihre Gläubiger noch mehr Furcht vor Ihnen haben, und daß Niemand von ihnen es wagt, Ihr Hotel zu betreten, aus Angſt um ſeine Zähne und ſeine geraden Glieder. Man weiß ja, welche ſtarke Arme und Fäuſte der Großfürſt Conſtantin hat, man kann ſich jeden Tag auf dem Exereir⸗ platze überzeugen, wie vortrefflich ſein Stock und ſeine Fauſt nicht bloß die Rekruten, ſondern auch die Officiere zu erziehen verſteht. Ich denke mir alſo, Sie werden Ihre Gläubiger eben ſo gut einexerciren, als Ihre Soldaten.“ „Aber Sie wiſſen doch, daß meine erhabene Groß⸗ mutter, die Czarina, ſolche Exercitien durchaus nicht gut heißen will, und daß ſie ſogar mich erſt kürzlich drei Tage in Arreſt geſchickt hat, weil ich einem dummen Officier, der ſeine Rekruten ſchlecht eingeübt hatte, ein paar Stock⸗ ſchläge gegeben hatte? Der Soldat läßt ſich aber nicht an⸗ ders erziehen, als mit dem Stock, und ich möchte wohl wiſſen, was aus der Disciplin werden ſollte, wenn die 41 Knute nicht einige Grundzüge derſelben auf dem Rücken unſerer Soldaten einzeichnete.“ „Ja, ja, die Knute iſt das Alpha und das Omega Rußlands,“ ſagte Zoubow achſelzuckend,„und Sie, Herr Großfürſt, Sie ſind der richtige Sohn Ihres Vaterlandes und Ihres Vaters. Unglücklicherweiſe iſt die Kaiſerin, unſere allergnädigſte Herrin, nicht Ihrer Anſicht, ſie will ihre Ruſſen zu Menſchen erziehen, und ſtatt der Knute will ſie in ihrem Reiche die Vernunft herrſchen laſſen. Gott erhalte unſere gnädige Kaiſerin!“ „Und Gott erhalte unſeren theuren, geliebten Fürſten Zoubow!“ rief der Großfürſt, indem er ſich niederneigte und den Fürſten, der noch immer ſich nicht aus ſeinem Lehnſtuhl erhoben hatte, innig umarmte. „Lieber Fürſt,“ ſagte er dann mit leiſer Stimme, „haben Sie auch meine Vitte nicht vergeſſen? Haben Sie bei meiner Großmutter, der Czarina, für mich ein gutes Wort eingelegt?“ „Richtig, jetzt fällt mirs ein, weshalb Sie gekom⸗ men ſind, Hoheit,“ rief Zoubow lachend,„jetzt weiß ich, was das liebe Schmeicheln und Kralleneinziehen und Streicheln zu bedeuten hatte. Ja, es iſt wahr, Sie hat⸗ ten mich um etwas gebeten und ich hatte Ihnen verſpro⸗ chen, mich bei der Czarina für Sie zu verwenden. Nun 1859. V. Die letzten Lebenstage Katharina's II. 3 42 ja, ich habe mein Verſprechen nicht vergeſſen, ich habe mit der Kaiſerin geſprochen.“ „Sie haben mit ihr geſprochen, Sie guter, theurer Fürſt!“ rief Conſtantin freudig und ſeine Arme zum zwei⸗ ten Male um des Fürſten Nacken ſchlingend.„Sie haben mit ihr geſprochen, das heißt, Sie haben mir verſchafft, um was ich vergeblich flehte, und was die Kaiſerin mir, ihrem Enkel, verweigerte. Aber der Fürſt Zonbow iſt all⸗ mächtig, er braucht nur Wollen und es geſchieht, er braucht nur die Hand auszuſtrecken—“ „Und die hunderttauſend Rubel, welche der Groß⸗ fürſt Conſtantin haben möchte, liegen darin,“ unterbrach ihn Zoubow, indem er ſeine Hand langſam in die große Taſche ſeines Schlafrockes verſenkte.„Da,“ fuhr er fort, indem er die Hand wieder hervorzog, und dem Großfür⸗ ſten ein zuſammengefaltetes Papier darreichte,„da iſt eine Anweiſung auf die Staatskaſſe, von der höchſt eignen Hand der Kaiſerin unterzeichnet. Sie haben nur nöthig ſie vorzuzeigen und man wird Ihnen das Geld aus⸗ zahlen.“ „Wahrhaftig,“ rief der Groffürſt freudig,„es iſt eine Anweiſung auf hunderttauſend Rubel. Ach, mein theurer Fürſt, Sie ſind der mächtigſte und großmüthigſte Menſch in Rußland, Sie haben mich auf ewig zu Ihrem Schuldner gemacht.“ —— — 43 „Nun, dann bin ich gewiß, daß Sie mich niemals bezahlen und Ihre Schuld der Dankbarkeit an mich ab⸗ tragen werden,“ ſagte Zoubow achſelzuckend.„Aber halt, da ſehe ich Jemand, den ich ſchon lange erwartete, und den ich ſofort in wichtigen Angelegenheiten ſprechen muß.“ Er erhob ſich haſtig von ſeinem Sitz und eilte mit freundlichem Gruß dem Herrn entgegen, der ſo eben in den Saal eingetreten war, und ohne ſonderliche Zeichen von Ehrerbietung und Devotion, mit dem leichten und ungezwun⸗ genen Weſen eines Hofmannes ſich dem Fürſten näherte. Ah, mein lieber Baron von Armfelt,“ rief Zoubow lebhaft,„endlich ſind Sie da. Seit drei Tagen erwarte ich Sie mit der Ungeduld eines jungen Mädchens, das ihrem Liebhaber ein erſtes Rendezvous bewilligt hat. Wo waren Sie nur ſo lange, Baron? Weshalb machten Sie ſich unſichtbar?“ „Ich werde die Ehre haben, das Eurer Durchlaucht zu erzählen,“ ſagte Baron Armfelt, mit einem raſchen Seitenblick auf die Anweſenden. Zoubow verſtand dieſen Wink und ſich mit mehr⸗ maligem, ſchnellem Kopfnicken nach allen Seiten hinwendend, rief er:„Die Audienz iſt beendet, leben Sie wohl, meine Herren, leben Sie wohl! Ich habe Geſchäfte. Verzeihen 3* ——————— ———— 44 Sie, Großfürſt Conſtanlin, aber der Dienſt meiner Kai⸗ ſerin geht ſelbſt dem Vergnügen vor, mit Ihnen zu plau⸗ dern. Ueberdies haben Sie ja den Zweck Ihres Beſuches erreicht, und werden mir daher nicht zürnen, wenn ich Sie verlaſſe. Kommen Sie, mein lieber Baron von Armfelt, laſſen Sie uns in mein Kabinet gehen!“ So ſprechend nickte er dem Großfürſten noch einmal flüchtig zu und nahm dann den Arm des Barons, um ihn mit eiligem Schritt nach der Thür ſeines Kabinets hinzu⸗ führen. Der Affe Koko folgte ſeinem Herrn mit einigen wohlgelungenen Purzelbäumen, und trat hinter den beiden Herren in das Kabinet ein. Großfürſt Conſtantin ſchaute dem Fürſten mit einem freundlichen Lächeln nach, aber nicht ſobald hatte die Thür ſich hinter ihm geſchloſſen, als das Lächeln aus ſeinen Zügen verſchwand, und einem zornigen Ausdruck Platz machte. Aber der Großfürſt unterdrückte doch den wilden Fluch, der ſchon auf ſeinen Lippen zitterte, durcheilte haſtig, die ehrerbietig ſich verneigenden Herren mit einem raſchen, ſtolzen Kopfnicken begrüßend, den Saal, und ſchritt die mit koſtbaren, türkiſchen Teppichen belegte Treppe hinunter, um ſich zu ſeinem Wagen zu begeben. Vor der Pforte des Pallaſtes ſtand, oder vielmehr kniete ein alter Mann mit langem, weißem Bart, das bleiche, abgezehrte Angeſicht umfloſſen von den ſilbernen Locken, die ſpärlich und dünn 45 von ſeinem Scheitel niederfielen. In ſeinen zitternden Händen hielt er ſeinen Hut hoch empor, mit lauter Stimme den Großfürſten um eine Gabe anflehend. Conſtantin ſchleuderte mit einer Verwünſchung den Hut des Bettlers fort, und ſeine Fauſt traf mit einem ſo harten, wohl⸗ gezielten Schlag das Geſicht des Greiſes, daß ihm das Blut aus Naſe und Mund hervorquoll, und er halb beſin⸗ nungslos zuſammenſank. Ohne den Wimmernden eines weitern Blickes werth zu halten, ſchritt der Großfürſt vorwärts, und ſprang in ſeinen Wagen. Nun erſt, als das Cabriolet dahin rollte, und das Geräuſch der Räder ſeine Worte unhörbar machte, nun erſt wagte er es, dem in ihm tobenden Zorn Worte zu geben. „Elender Bube, der es wagt, mir mit ſolcher Unver⸗ ſchämtheit zu begegnen,“ murmelte er ingrimmig.„Und ich mußte es dulden, ich durfte nicht den Fauſtſchlag, den ich eben dem Bettler gegeben, und der eigentlich Zoubow gehörte, in ſein verdammtes, fades Stutzergeſicht nieder⸗ ſchleudern, mußte es mir ſogar gefallen laſſen, von dieſem Buben Geld und Gefälligkeiten anzunehmen. Bei Gott, iſt es nicht eine himmelſchreiende Schande, daß der Enkel der Kaiſerin ſich beugen muß vor ihrem Günſtling, einem ehemaligen kleinen Lieutenant ohne Rang, Verdienſt und Würdigkeit, daß der Sohn des zukünftigen Kaiſers einem ſolchen Menſchen den Hof machen und ihm ſchmeicheln muß, um durch ſeine Fürſprache Geld zu erpreſſen von der Kaiſerin, die ihre Günſtlinge mit verſchwenderiſcher Groß⸗ muth beſchenkt, während ſie ihre Enkel in geizigem Miß⸗ muth faſt darben läßt, und ihnen nur das Nothdürftigſte giebt?“ Aber Geduld, dies wird ein Ende nehmen, die Kaiſerin kann ja nicht ewig leben, und dann, wenn mein Vater Kaiſer iſt, dann wird für mich der Tag der Rache und der Vergeltung kommen, und bei Gott, ich will blutige Rache nehmen an dieſem Zoubow, Rache dafür, daß ich genöthigt war, von ihm dieſe hunderttauſend Rubel anzu⸗ nehmen. Rache! Rache!“ Und der Großfürſt hieb ſo wüthend auf ſein Pferd ein, daß es hoch aufbäumte und ſein Rücken von blutigen Striemen bedeckt war, als es in wildem Lauf mit ihm durch die Straßen von Petersburg dahin jagte. * Meémoires secretes sur la Russie. I. S. 278. Drittes Capitel. Baron von Armfelt. „Nun ſprechen Sie, Freund,“ ſagte Platon Zoubow, als er mit dem Baron von Arnfelt in ſein Kabinet ein⸗ getreten war.„Sagen Sie mir, wo Sie waren, und was es zu bedeuten hat, daß Sie mir ſeit drei Tagen unſichtbar waren. Mein Gott, ſo ſprechen Sie doch!“ „Entſchuldigen Sie, Fürſt, bevor ich ſpreche, muß ich ſehen,“ ſagte Baron Armfelt mit einem feinen Lächeln, indem er ſich leicht vor dein Fürſten verneigte. Dann ging er ſchnellen, unhörbaren Schrittes nach den Fenſterniſchen hin, um die ſchweren ſeidenen Vorhänge, welche dieſelben verhüllten, zurück zu ſchlagen, und mit ſpähendem Auge in die Vertiefungen zu ſchanen. Von den Fenſtern wandte er ſich den Thüren zu, an die er prüfend ſein Ohr legte, dann beugte er ſich nieder, und blickte unter die Divans und Polſterſtühle. 48 Fürſt Zoubow hatte ihm ſchweigend und mit heiterm Lächeln zugeſchaut.„Bei Gott, Baron,“ ſagte er dann, indem er ſich auf den Divan warf,„Sie ſind ein ſehr vorſichtiger Mann. Aber ich muß Ihnen doch ſagen, es thut mir leid, daß Sie mir mißtrauen, und erſt mein Zimmer unterſuchen, bevor Sie mit mir ſprechen.“ „Durchlaucht,“ ſagte der Baron ernſt,„ich mißtraue nicht Ihnen, ſondern Ihren und meinen Feinden, und ich weiß, daß dieſe überall ihre Spione und Aufhorcher haben.“ „Sie haben ſich indeß jetzt vollkommen überzeugt, daß es in dieſem Zimmer wenigſtens keine Spione und Aufhorcher giebt? Sie haben Alles unterſucht?“ „Verzeihen Sie, Durchlaucht, noch nicht Alles!“ „Nun, und was fehlt denn noch?“ „Ich habe Ihren Affen, den liebenswürdigen Koko, noch nicht gegrüßt!“ „Wie, Baron,“ rief Zoubow laut lachend,„Sie glau⸗ ben, mein lieber Koko könnte ſich dazu hergeben, der Spion unſerer Feinde zu ſein?“ „Nein, Durchlaucht, von Ihrem Koko glaube ich das nicht, aber ſo wie es Wölfe in Schafskleidern giebt, ſo könnte es auch Menſchen in Affenkleidern geben. Er⸗ lauben mir daher Eure Durchlaucht, den Affen, der ſich da auf ſo ſeltſame Weiſe hinter dem Divan verkrochen hat, erſt* einen Moment anzuſchauen.“ —————— 49 „He, Koko, hierher, mein Liebling,“ rief Zoubow, und ſofort ſprang der Affe mit einem lauten Freudenſchrei hinter dem Divan hervor, um mit den drolligſten Caprio⸗ len ſeinen Herrn zu umarmen und zu küſſen. „Ich danke Eurer Durchlaucht,“ ſagte Armfelt lächelnd, „ich habe mich jetzt vollkommen überzeugt, daß kein Menſch, kein Spion in dieſer Affenhaut ſteckt, ſondern, daß dies der wirkliche Koko iſt, ſo ganz würdig, mit der Liebe und dem Vertrauen Eurer Durchlaucht beehrt zu werden. Jetzt darf ich reden, denn ich bin ſicher, mit Eurer Durchlaucht allein zu ſein. Und jetzt will ich Ihnen alſo auch ſagen, wo ich in dieſen drei Tagen geweſen bin, Fürſt. Ich war in Kronſtadt, Durchlaucht, und ich hatte da eine Zuſam⸗ menkunft mit einem Freunde, der eigens von Schweden herübergekommen war, um mir einige wichtige Neuigkeiten aus meinem geliebten Vaterlande zu bringen.“ „Wichtige Neuigkeiten,“ rief Zonbow ungeduldig. „Aber auch gute Neuigkeiten, Freund?“ „Ja, in gewiſſem Betracht auch gute Neuigkeiten, Durchlaucht. Der Widerſtand, den der Regent von Schwe⸗ den, der Herzog von Södermanland, ſo lange dem Willen ſeines Mündels, des jungen Königs Guſtav Adolf, ent⸗ gegenſetzte, ſcheint jetzt endlich erſchöpft, oder der Regent ſcheint ſeine Abſichten geändert zu haben. Genug, der Regent willigt darein, daß die Verlobung des jungen 50 Königs mit der Prinzeſſin von Meckleuburg rückgängig gemacht werde. Er hat den Vorſchlag angenommen, wel⸗ chen Mecklenburg, Dank den geſchickten Negociationen des Barons von Budberg, gemacht hat, die Verlobung des jungen Paares aufzuheben, und dem König während ſeiner Minderjährigkeit keine Braut auszuſuchen, ſondern ihm bei ſeiner Majorennität die freie Wahl zu laſſen. Der König Guſtav Adolf iſt alſo nicht mehr der Verlobte der Prinzeſſin von Mecklenburg, ſeine Hand iſt frei.“ „Das heißt,“ rief Zoubow freudig,„das heißt, ſeine Hand gehört jetzt der Großfürſtin Alexandrina, denn nun, da wir, Dank Ihren guten Rathſchlägen, Ihren fein er⸗ ſonnenen Intriguen, es dahin gebracht haben, den Willen des Regenten, des Herzogs von Södermanland zu brechen, und die verwünſchte Verlobung, mit der er uns ein Paroli biegen wollte, rückgängig zu machen, nun zweifle ich auch gar nicht, daß wir unſer Ziel erreichen, daß wir die Ver⸗ bindung des Königs von Schweden mit der Großfürſtin Alexandrina zu Stande bringen werden.“ „Ich zweifle auch nicht mehr daran, Durchlaucht,“ ſagte Armfelt mit einem feinen Lächeln,„denn— ich habe Ihnen noch die wichtigere Neuigkeit mitzutheilen— denn der König von Schweden iſt bereit, die ſo oft wiederholte Einladung der Kaiſerin Katharina anzunehmen, und ihr in Petersburg ſeinen Beſuch zu machen.“ 51 „Wie?“ rief Zoubow, indem er von dem Divan emporſprang, und zu Armfelt hineilend, ſeine beiden Arme auf deſſen Schultern legte und ihn in athemloſer Erwar⸗ tung anſchauete.„Wie, der König kommt hierher? Es iſt kein Scherz, was Sie mir da ſagen? Der König Guſtav Adolf von Schweden kommt hierher?“ „Es iſt voller, heiliger Ernſt, der König kommt hierher. Er will ſeine edle Beſchützerin, die Kaiſerin Katharina, überraſchen, und endlich will er heimlich und unbemerkt die Großfürſtin Alexandrina ſehen, ehe er von ihr geſehen und gekannt wird.“ „Wahrhaftig ein Stück Romantik, wie man ſie ſonſt nur in Romanen findet,“ rief Zoubow lachend.„Aber das wird der Czarina grade gefallen, denn ſie liebt ſehr die Romantik in der Liebe, und dieſer unſchuldige Roman der beiden jungen Herzen erinnert ſie an die reizende Un⸗ ſchuldspoeſie von Paul und Virginie. Oh, das iſt eine herrliche Nachricht, die Sie mir da bringen, Freund. Die Pläne der Czarina reifen der Vollendung entgegen, denn der König von Schweden kommt nach Petersburg!“ „Und er kommt nicht allein,“ ſagte Armfelt bedeu⸗ tungsvoll,„der Regent von Schweden, der Herzog von Södermanland begleitet ihn!“ Zoubow ſah den Baron einen Moment mit weit⸗ 52 geöffneten, ſtarren Blicken an, und brach dann in ein lautes, ſchallendes Gelächter aus. „Ah,“ rief er fröhlich,„das iſt ſuperb, das wird die Czarina lachen machen. Der Herzog von Södermanland, der erbitterte Gegner Rußlands, der Mann, der ſeit Jahren fortwährend Intrignen gegen Rußland geſponnen, der uns beſchuldigte, Mörderhände gegen ihn gedungen zu haben, der kommt jetzt ſelber hierher, um ſich beſiegt und demüthig zu den Füßen der Czarina nieder zu legen. Der Iltis wagt ſich in die Höhle des Löwen und fürchtet nicht, von ihm zerriſſen zu werden, obwohl er da einen Mann gegenwärtig findet, den er vor ganz Europa ſeinen Mörder genannt hat, obwohl er Sie hier findet und weiß, daß die Czarina Sie unter ihren beſondern Schutz geſtellt hat.“ „Aber grade, daß er mich hier findet, mag für den Herzog von Södermanland ein Beweggrund geweſen ſein, hierher zu kommen,“ ſagte Baron Armfelt traurig.„Der Herzog haßt mich, denn er weiß, daß ich einige ſeiner Ge⸗ heimniſſe kenne, er weiß, daß ich ihn eines todeswürdigen Verbrechens anklagen könnte, und in ſeiner Furcht vor mir hat er ſich des Lieblingsausdrucks Briſſot's erinnert: „les morts ne parlent pas.“ Auch mich ſollte der Tod am Sprechen verhindern, deshalb ſuchten mich ſeine Mörder ſchon in Schweden, deshalb ſandte er mir ſeine Häſcher nach Neapel nach, deshalb klagte er mich, als er ſah, daß 53 es mir immer gelang, ſeinen Mördern und Häſchern zu entgehen, vor ganz Europa an, einen Mordverſuch auf ihn gemacht zu haben, und forderte alle Kabinete Europas zur Auslieferung des Verbrechers auf.“ „Aber die großmüthige Czarina, welche nicht an Ihre Schuld glaubte, und Ihren Haß gegen den Herzog von Södermanland theilte, die edle Katharina ließ Ihnen Schutz und Aufnahme in Rußland anbieten. Sie gab Ihnen hier in Petersburg Ehrenſtellen, Rang und Würden und beglückte Sie mit ihrem Vertrauen. Dennoch kommt der Herzog hierher, dennoch fürchtet er nicht, hier Dem⸗ jenigen zu begegnen, den er ſeinen Mörder nennt.“ „Er weiß, daß nicht Ich es bin, welcher ſein Gewiſſen mit einem Morde belaſten könnte,“ ſagte Baron Armfelt ſtolz.„Sein Gewiſſen aber trägt leicht an einer ſolchen Laſt, und wenn er hierher kommt, ſo mag er denken, daß er hier vielleicht einen Arm kaufen könnte, der mich ſicherer und feſter packte, als es ſeinen Dienern bis jetzt ge⸗ lungen iſt.“ „Ah,“ rief Zoubow,„der Herzog wird es nicht wagen, Sie jetzt noch anzugreifen, Baron, denn Sie ſind jetzt gewiſſermaßen ein Unterthan Rußlands. Sie ſtehen in ruſſiſchen Dienſten, ſind General in der Suite der Kaiſerin, nehmen öfter an den Miniſterberathungen Theil, tragen zwei hohe ruſſiſche Orden auf Ihrer Bruſt, und empfangen 54 von der Kaiſerin glänzenden Ehrenſold. Nein, nein, der Herzog von Södermanland wird es nicht mehr wagen, Sie anzugreifen, denn der Baron von Armfelt iſt nicht mehr ſein Unterthan, iſt kein Schwede mehr, ſondern ein Ruſſe.“ „Ja, ich bin ein Ruſſe,“ risf Armfelt begeiſtert, „mein Herz und meine Seele, mein Leib und Leben gehören der edlen Kaiſerin, welche in ihrer Großmuth und Liebe ſich ves armen jungen Königs und ſeines aus ſo vielen Wunden blutenden Landes erbarmen und Guſtav Adolf befreien will von den Ketten, mit denen der elende, ver⸗ brecheriſche Herzog von Södermanland ihn zu feſſeln und zu unterjochen geſucht hat.“ „Freut mich, Sie ſo ſprechen zu hören,“ ſagte Zou⸗ bow, ſich vergnügt die weißen mit Brillantringen ge⸗ ſchmückten Hände reibend,„freut mich, daß Sie jetzt Rußland für Ihr Vaterland erklären, daß Sie alſo ein Ruſſe ſind. Denn alsdann darf ich Ihnen offen und rück⸗ haltlos vertrauen, und Ihnen alle unſere Pläne mittheilen.“ „Das dürfen Sie, Fürſt, und Sie können gewiß ſein, daß Sie ſtets in mir den treuen und gehorſamen Diener und Unterthan der Kaiſerin finden werden.“ „Ich will Ihnen einen Beweis davon geben, daß ich dies thue,“ ſagte Zoubom,„ich will offen und rückhaltlos mit Ihnen von der Zukunft reden. Kommen Sie, laſſen 55 Sie uns Platz nehmen, wir wollen eine geheime Conferenz mit einander halten. Ich ernenne Sie hiermit zu meinem Geheimen Rath und Miniſter, was ungefähr eben ſo viel ſagen will, als daß Sie der Geheime Rath und Miniſter der Czarina ſelber ſind. Ich will Ihnen ſagen, was wir mit Schweden beabſichtigen, und Sie ſollen uns durch Ihre Klugheit, Ihr diplomutiſches Talent und durch Ihre weitreichenden Verbindu zen in Schweden helfen, unſere Abſichten zu erfüllen.“ „Das will ich, und das werde ich,“ rief Baron Arm⸗ felt glühend.„Laſſen Sie mich Theil nehmen an Ihren Plänen, auf meinen Eifer, ſie auszuführen, dürfen Sie bauen.“ „Und ich bane darauf, und vertraue Ihnen,“ ſagte Zoubow,„und zum Beweis davon will ich jetzt ein offenes und ehrliches Wort mit Ihnen ſprechen. Ich will Sie in mein Herz ſchauen laſſen, Freund, und Sie ſollen ſehen, daß nicht Alles darin Roſenſchimmer und Glückeswonne iſt. Nein, nein, ich bin nicht ganz der heitere, ſorgloſe Glückspilz, für den die dumme Welt mich hält, weil ich ihr ein übermüthiges und fröhliches Antlitz zeige, und weil ich den elenden Schmeichlern und Höflingen den Fuß auf den Nacken ſetze. Während ich nichts zu ſehen ſcheine, als meine eigene Herrlichkeit und Schönheit, ſehe und höre ich doch Alles, während ich mit nichts beſchäftigt ſcheine, als 1 1 56 mit der glückſtrahlenden, mächtigen Gegenwart, denke ich doch ſehr häufig an die Zukunft, und verſenke meine Ge⸗ danken in die Vergangenheit, um von ihr zu lernen. In der Gegenwart da ſtehe ich freilich als der Herrſcher und Gebieter, aber in der Vergangenheit ſehe ich Andere, die es vor mir waren, und ihre Macht und ihre Größe ver⸗ loren, weil ſie es nicht verſtanden ſie zu bewahren. Und in der Zukunft da ſehe ich Etwas, was meine Seele mit Grauſen erfüllt, da ſehe ich den Tod Katharina's.“ „Gott erhalte der edlen Kaiſerin ein glänzendes, langes Leben,“ ſagte Armfelt innig. „Ja, Gott erhalte es ihr,“ ſeufzte Zoubow,„aber,— kommen Sie näher zu mir her, Armfelt, legen Sie Ihr Ohr dicht an meine Lippen, damit die Wände nicht hören, was ich Ihnen ſagen will,— aber Katharina wird alt, oh mein Gott ſo alt und blaſirt. Ihr Herz iſt todt, nur ihre Sinne leben noch. Katharina wird nicht bloß alt, ſie langweilt ſich auch, und ich fürchte zuweilen, ſie könnte mich bei Seite ſtoßen, wie ein Spielzeug, deſſen ſie über⸗ drüßig geworden iſt, und nach einem neuen Amüſement, einem neuen Spielzeug ſuchen. Ich muß mich daher ſelber bemühen, ihr ein Spielzeug zu geben, einige neue Glanz⸗ lichter über ihr ödes, gelangweiltes Leben zu werfen, und ihren Geiſt zu beſchäftigen, damit ihr Herz wieder ein wenig munter wird, und einige Zärtlichkeit für mich fühlt.“ 6 57 „Oh, welch ein feiner und kluger Herzenskündiger Sie ſind,“ rief Armfelt erſtaunt,„wie weiſe und vorſichtig Ihre Beobachtungen ſind.“ „Mein Freund, ich ſagte Ihnen ja, daß ich in die Vergangenheit geſchaut habe, um von ihr zu lernen. Und da habe ich für mich einen großen und beredten Lehrmeiſter gefunden. Dieſer Lehrmeiſter, ſoll ich Ihnen ſagen, wer das iſt? Es iſt Potemkin, der große, der mächtige Po⸗ temkin, der auch dann noch ſeine Macht und ſeinen Einfluß bewahrte, als er nicht mehr der Günſtling der Czarina war. Das kam aber daher, daß Potemkin die Kaiſerin durchſchaut, daß er erkannt hatte, welches allein die große, nie ermattende, nie erkaltende Leidenſchaft der Czarina war, die Leidenſchaft des Ehrgeizes. Ja, Katharina, welche die Liebe nicht mehr liebt mit ihrem Herzen, ſie liebt den Ehrgeiz, den Ruhm mit ihrer Seele, und wer ihren Ehr⸗ geiz zu beſchäftigen weiß, der hat das Zauberband ge⸗ funden, mit dem er die Czarina auf immer an ſich feſſelt. Potemkin hatte es gefunden, und dies war das große Geheimniß ſeiner Macht. Ich habe dies aus ſeinem eigenen Munde, es iſt das Vermächtniß, welches er mir gegeben hat, als wir uns zum letzten Male ſahen. Oh, ich entſinne mich dieſer Stunde noch ſo deutlich, als wäre ſie heute geweſen. Es war bald nach dem Siege über die Türken, und dem Fall von Ismail, als Potemkin nach Petersburg 1859. V. Die letzten Lebenstage Katharina's II. 4 „ gekommen war, um ſein Heldenhanpt von der Czarina mit neuen Lorbeern ſchmücken zu laſſen. Katharina hatte dem ſiegreichen Oberfeldherrn, dem Potemkin, die glänzendſten Feſte gegeben, und oft genug hatte ſie in Gegenwart ihres einſtigen Günſtlings den gegenwärtigen Günſtling, mich, den Platon Zoubow, ganz zu vergeſſen geſchienen. Das glänzende Licht, welches Potemkin ausſtrömte, hatte mich ganz und gar in den Schatten geſtellt, und ich war daher traurig und unglücklich, ſo lange er da war. Potemkin's Flammenaugen, welche Alles ſahen, hatten auch meinen ſtillen Kummer geſehen, und in meiner Seele geleſen. An dem Tage, an welchem er ſich bei der Czarina verabſchiedete, um zur Armee zurück zu kehren, winkte er mich bei Seite, und ſeinen Arm um meinen Nacken legend, flüſterte er in mein Ohr:„Junger Mann, ich habe Mitleid mit Ihren Schmerzen, und da es möglich iſt, daß entweder die Krank⸗ heit, die in meinen Gliedern tobt, oder eine feindliche Kugel mich bald von hinnen nimmt, ſo will ich Ihnen zum Abſchied als mein Vermächtniß einen guten Rath ertheilen! Suchen Sie nicht bloß das Herz der Czarina, ſondern mehr noch ihren Geiſt zu beſchäftigen. Schauen Sie um⸗ her nach einem neuen Taurien, mit dem Sie den Ehrgeiz der Czarina beſchäftigen und ihr Herz an Sie feſſeln⸗ Glauben Sie mir, Taurien, das eroberte Taurien und das noch zu erobernde Stambul, das ſind die Bundesgenoſſen, 59 die mir geholfen, meinen Einfluß auf die Czarina und meine Macht zu bewahren. Ich kann Ihnen mein Taurien nicht abtreten. Suchen Sie daher für ſich nach einem neuen Taurien, das Sie dem Ehrgeiz Ihrer Löwin Ka⸗ tharina als Lockſpeiſe hinwerfen. Dann drückte er mir mit ſeinem wunderbaren, vieldeutigen Lächeln die Hand und eilte zu der Czarina, um von ihr den letzten Abſchied zu nehmen, und ihr zu verſprechen, ſie ſolle nach einem Jahre in das von ihm eroberte Conſtantinopel ihren Ein⸗ zug halten.“ „Ein Verſprechen, das er indeß nicht hat erfüllen können,“ ſagte Armfelt achſelzuckend.„Potemkin, vor dem ganz Rußland, ſogar die Kaiſerin zitterte, der alle ſeine Feinde beſiegte und in den Staub trat, Potemkin ſollte nun auf ſeinem Wege nach Conſtantinopel doch einem Feinde begegnen, den er nicht beſiegen konnte, und der nicht vor ihm zitterte. Dieſer Feind, das war der Tod! Der grauſame, unerbittliche Tod ſchleuderte den mächtigen Koloß von ſeiner Höhe hernieder in den Staub und machte ſeinen Rieſenplänen ein Ende.“ „Und Potemkin der Taurier, der Held, der Günſt⸗ ling, er ſtarb in einem Graben an der Landſtraße,“ ſeufzte Zoubow.„Ein Stein war ſein Sterbekiſſen, der harte Lehmboden ſein Todtenbett und nur ſeine Nichte, die neben ihm knieete, und der Kutſcher, der auf der Landſtraße mit. 60 der Equipage hielt, waren Zeuge ſeines letzten Todes⸗ ſeufzers.“ Ah, Freund, es iſt ſchauerlich ſo zu ſterben, ſchauerlich, daß ein ſo glänzendes, herrliches Leben ſo aus⸗ laufen kann in Staub und Niedrigkeit. Mir grauet davor, ſo oft ich daran denke, wie vor einem Geſpenſt, das ſeinen drohenden Arm nach mir ausgeſtreckt hat. Aber mein Schickſal kann entſetzlicher und grauſenvoller noch ſein, wie das des Potemkin. Er bewahrte ſich Macht und Ehre bis zum Grabe, und nur der nahende Tod zwang den ſtolzen Sterblichen ſich zu beugen, und warf ihn in den Staub. Mich aber kann der Tod niederſchmettern und in den Staub treten, ohne daß er nach meinem Leben trachtet! Bei lebendigem Leibe kann er mich hinſchleudern in den Schmutz der Landſtraße und den Koth der Gewöhnlichkeit. Er hat nur nöthig die Stirn der Czarina zu küſſen, und ich bin verloren!“ „Sie müſſen daher vorbauen,“ flüſterte Armfelt, „müſſen Ihre Zukunft mit ſo hohen Mauern umſchanzen, daß Sie hinter denſelben gegen alle Wechſelfälle ſich ſichern können.“ „Ich baue an dieſen Mauern, baue immer daran,“ rief Zoubow,„trage Stein nach Stein dazu heran, und „Siehe Theodor Mundt„Der Kampf um das ſchwarze Meer.“ S. 268. 61 ich hoffe, ſie ſollen hoch genug werden, um mich zu ſchützen. Dieſe Mauern, das ſind meine Schätze, mein Gold, meine Brillanten, meine Güter, meine Reichthümer. Das ſind die Steine, aus denen ich mir meine Schutzmauer für die Zukunft errichte, und ſie iſt, Dank der Freigebigkeit der Kaiſerin, und meiner Geſchicklichkeit, ſchon ziemlich hoch emporgeſtiegen. Ich werde nach dem Tode der Czarina, wenn man mir meine Ehrenſtellen, Würden und Orden nimmt, wenigſtens noch meine Reichthümer behalten, und das iſt eben ſo viel werth, als Ehrenſtellen und Orden. Aber die größere Gefahr iſt, mich aufrecht zu halten bis zum Tode der Kaiſerin, den Gott noch lange und weit hinausſchieben möge. Doch ich ſagte es Ihnen ſchon: Katharina langweilt ſich; ſie verlangt nach Zerſtreuung, nach neuem Anreiz, nach neuer Lockſpeiſe für ihren Ehr⸗ geiz. Ich habe daher das Vermächtniß, welches Potemkin mir gegeben, wohl überlegt, ich habe geſucht nach einem neuen Taurien, mit welchem ich den Ehrgeiz der Czarina beſchäftigen wollte.“ „Und Sie haben Ihr Taurien gefunden?“ fragte Armfelt lebhaft. „Ja, ich habe es gefunden, dies neue Taurien, das ich der Löwin Katharina als Lockſpeiſe hinwerfen will. Dies mein Taurien, das iſt Schweden.“ „Schweden!“ rief Baron Arnfelt entſetzt, indem er 62 von ſeinem Sitz emporſprang, und mit faſt drohendem Antlitz ſich hoch emporrichtete. Aber dies dauerte nur einen Moment, dann nahmen ſeine Züge wieder ihren heitern, ruhigen Ausdruck an, und ſeine Lippen, die der Schreck, der Schmerz zuſammengepreßt hatte, öffneten ſich jetzt zu einem lauten, herzlichen Lachen. „Eine wundervolle, geniale Idee, Fürſt,“ ſagte er, nachläſſig wieder in ſeinen Lehnſtuhl zurückſinkend.„Sie wollen Schweden zu Ihrem Taurien machen, Sie wollen die Czarina anreizen, ſich Schweden zu erobern, das heißt, die Nordſee, die Oſtſee, das Kattegat, die Niederlande, das heißt die Seeherrſchaft.“ „Ich ſehe, Sie haben einen kühnen, weitſchauenden Blick,“ rief Zoubow,„und Sie errathen Rußlands Zu⸗ kunft. Aber laſſen Sie uns nicht ſo weit in die Ferne ſchauen, ſondern bleiben wir zuerſt bei dem Nächſten, Er⸗ reichbarſten, bei Schweden ſtehen! Ja, Schweden iſt mein Taurien, ich habe die ehrgeizigen Wünſche der Kaiſerin auf Schweden hingelenkt, ich habe meiner Annakonda dieſen neuen Leckerbiſſen gezeigt, und ſie wird ihn erfaſſen und in ihrer Umſchlingung ihn erdrücken.“ „Ihre Annakonda wird alſo niemals geſättigt,“ ſagte Armfelt lächelnd.„Sie hat die Krim verzehrt, ſie hat jetzt zum zweiten und dritten Mal ſich an Polen geſättigt, und Sie meinen, daß ſie ſchon wieder der Speiſung bedarf?“ 63 „Je, ſie bedarf derſelben, und Schweden wird ihr zur Mahlzeit dienen! Schweden und Finnland die ſind für Rußland eben ſo nothwendig, wie Taurien, wie das ſchwarze Meer und die Türkei. Wenn die Türkei das Fußgeſtell Rußlands iſt, ſo ſind Finnland und Schweden ſeine Arme, die es bedarf, um über das Meer hinüber zu greifen, die engliſche Bulldogge an der Schnauze zu packen, und ſie zu erwürgen. Laſſen Sie uns vorerſt bei Schweden ſtehen bleiben, mein Freund, denn Schweden iſt ſchon lange die geheime Sehnſucht Rußlands geweſen. Es war ein Feuer, das immer unter der Aſche brannte, und das ich nur zu helleren Flammen angefacht habe, damit Katha⸗ rina ſich daran ihr Herz erwärmen könne. Schweden, das iſt das Zauberwort, mit dem ich ſie aus der Langeweile der Gegenwart errette, mit dem ich ihre Phantaſie beflügele, ihrer ermattenden Seele wieder Schwingen verleihe. Seit Jahren beſchäftigen wir uns mit dieſen Plänen, und wenn auch nur langſam, ſo ſind wir doch unſerm Ziel näher gekommen. Schweden muß ſich der Obermacht Rußlands beugen, es muß eine ruſſiſche Provinz werden.“ „Und der König von Schweden?“ „Nun, den belaſſen wir vorläufig als Vicekönig Ruß⸗ lands, als Statthalter der Kaiſerin dort. Das dumme Volk mag ihn immer noch ſeinen König nennen, was liegt daran, wenn Rußland doch die Herrſcherin, die Geſetzgeberin ————————————— iſt, und der König das Joch der Dienſtbarkeit auf ſeinem Nacken trägt. Dies Joch aber müſſen wir ihm anlegen, und dazu müſſen und ſollen Sie uns helfen, Baron Armfelt.“ „Und dazu werde ich Ihnen helfen,“ rief Armfelt lebhaft.„Ich ſagte Ihnen ſchon, ich bin ein Ruſſe ge⸗ worden mit meiner Geſinnung, meinen Gedanken, ich habe vergeſſen, daß Schweden mein Vaterland iſt, denn Schwe⸗ den hat mich ausgeſtoßen, verbannt, es hat mir bis an die äußerſten Grenzen Europas Mörder nachgeſandt, und nur Katharina's Großmuth hat mich vor denſelben ge⸗ ſchützt und behütet. Katharina hat dem Umherirrenden eine Heimath, dem Bettler ein Obdach, dem Verſtoßenen ein Vaterland wieder gegeben. Katharina iſt meine Kaiſerin. Ich aber werde gehorſam und willig Alles thun, was einem treuen Unterthan geziemt, der ſeinem Vaterland und ſeinem Herrſcher in unveränderlicher, hin⸗ gebender Liebe ſein Herz, ſeine Seele, ſein Leben geweiht hat. Das ſchwöre ich bei dem großen, allmächtigen Gott da droben, und möge er mich in Schmach und Elend ſtürzen, wenn ich meinem Schwur jemals untreu werde!“ Und während Baron Armfelt ſo ſprach, ſtrahlte ſein Antlitz von Muth und Energie und ein wunderbares, begeiſtertes Feuer glänzte in ſeinen großen, dunkeln Augen.. 65 „Wir nehmen Ihren Schwur an, ja wir nehmen ihn an, und wir rechnen auf Ihre Treue,“ ſagte Zoubow.„Die Kaiſerin und ich haben alles Vertrauen zu Ihnen, und wir wiſſen, daß Sie unſere Pläne nicht verrathen werden, weil es in Ihrem Vortheil liegt, es nicht zu thun.“ „Durchlaucht, Sie werden nicht ſo klein von mir denken, daß ich um meines perſönlichen Vortheils willen mich der Kaiſerin zu ihrem treuen Diener ſchwöre.“ „Ja, ich denke ſo von Ihnen, mein Lieber, aber ich denke nicht, daß dies„klein von Ihnen denken“ heißt. Was ſollte den Menſchen in ſeinem Thun und Laſſen denn anders treiben, als ſein perſönlicher Vortheil? Ich weiß es wohl, daß es Einige giebt, welche ſich für Ideen und Principien begeiſtern, und ihnen ihr perſönliches Wohl opfern, aber das ſind entweder Narren, die nicht ihres Verſtandes mäch⸗ tig ſind, oder Betrüger, die ſich in ihren Plänen verrechnet haben, und nachher für Seelengröße ausgeben, was vorher nur falſche Combination war. Der vernünftige Menſch bedenkt ſeinen perſönlichen Vortheil und er handelt dem⸗ gemäß. Ich finde es daher ganz begreiflich, daß Sie der Kaiſerin und mir, daß Sie Rußland mit Eifer und Treue dienen wollen, denn wenn Sie's nicht thäten, wären Sie verloren. Ein Verrath an unſern Plänen, ein geringerer Eifer uns zu dienen, eine entdeckte Zweideutigkeit oder In⸗ trigne würde Sie entweder nach Sibirien bringen, oder 66 die Czarina würde Sie als Gefangenen an den Herzog von Södermanland ſchicken, und Sie wiſſen wohl, daß der ſich nicht geniren würde, Sie trotz Ihres Adels und Ihrer Verdienſte an den Galgen zu hängen, weil Sie, wie er ſagt, ihm nach dem Leben getrachtet. Dagegen aber wiſſen Sie auch, daß, wenn Sie in dieſer Angele⸗ genheit uns treu und eifrig dienen, unſere Pläne fördern und uns helfen, unſer Ziel zu erreichen, Sie der Aner— kennung und Dankbarkeit der Czarina gewiß ſein können, und von ihr reichlichen Lohn erndten werden. Sie wären alſo ein Thor, wenn Sie die günſtige Gelegenheit nicht zu Ihrem Vortheil benutzten, und die Orden und Titel, und den goldenen Lohn, der Ihrer harrt, nicht zu ergreifen ſuchten.“ „Nun denn, ja, ich ergreife ihn,“ ſagte Armfelt, dem Fürſten ſeine Hand darreichend.„Hier meine Hand, ich biete Ihnen meine Seel le, meine Gedanken, mein Leib und Leben, und Sie geben mir dafür Orden, Titel und Gold. Der Handel iſt abgeſchloſſen! Der ſchwediſ ſche Baron, General von Armfelt, verwandelt ſich in den ruſſiſchen Leibeigenen der Czarina und des Fürſten Zoubow. Er bricht mit ſeiner Vergangenheit und erwartet Alles von der Zukunft! Nun aber, theuerſter Fürſt, ſprechen Sie! Theilen Sie mir Ihre Pläne mit, ſagen Sie mir, was ich zu thun habe.“ 67 „Das Wild zu ſtellen, damit wir es erlegen können. Sie waren der vertraute Freund von dem Vater des jetzigen Königs von Schweden, von dem unglücklichen Guſtav, den Ankarſtröm's Kugel erlegte. Dieſe Freundſchaft des Vaters giebt Ihnen ein Recht auf das Vertrauen des Sohnes!“ „Und ich glaube, daß ich mich dieſes Vertrauens rühmen darf. Der junge König Guſtav Avolf liebt mich, und vertraut mir. Das iſt es gerade, was mich in den Augen des Regenten ſtrafbar machte, und weshalb er mich, da ſeine Mörder mich verfehlt hatten, als Geſandten nach Neapel ſchickte, um mich von dem König Guſtav Adolf zu entfernen. Der König weinte, als ich damals von ihm Abſchied nahm, und als er mich zum letzten Lebewohl um⸗ armte, flüſterte er: gehen Sie, weil es ſo ſein muß. Aber ſobald ich majorenn bin, rufe ich Sie wieder, dann werden Sie mich nicht mehr verlaſſen.“ „Sehr gut,“ rief Zoubow, ſich vergnügt die Hände reibend.„Sie werden alſo dieſe Liebe, die der junge König Ihnen weiht, benutzen, Sie werden ihm begreiflich machen, daß der Herzog von Södermanland ihn vom Thron ſtoßen will, um ſich auf denſelben zu ſetzen, daß der Regent des⸗ halb mit England ein Bündniß zu ſchließen trachtet, weil er hofft, mit Hülfe Englands ſein Ziel zu erreichen. Sie müſſen dem jungen König begreiflich machen, daß er ſein ——————— Land und ſeinen Thron nur dadurch erretten und erhalten kann, daß er ſich ganz und gar an Rußland anſchließe, die Kaiſerin Katharina zu ſeiner Schutzpatronin mache, und unbedingt ihren Rathſchlägen und ihren Wünſchen ſich unterordne.“ „Es wird nicht ſchwer ſein, ihm dies begreiflich zu machen,“ ſagte Armfelt.„Ich werde den König daran erinnern, daß ſein Vater, nachdem er damit begonnen, gegen die Kaiſerin Katharina Krieg zu führen, damit ge⸗ endet hat, die Czarina als ſeine edelſte Freundin und Bun⸗ desgenoſſin zu lieben, und daß er der Meinung war, Schweden könne nur durch ein Bündniß mit Rußland groß werden, wachſen und gedeihen.“ „Sie werden den König daran erinnern, daß der König Guſtav III., ſein Vater, in dem Friedenstractat mit Rußland ſich mit der Kaiſerin Katharina dahin ge⸗ einigt hat, daß ſein Sohn und Nachfolger eine der Enke⸗ linnen der Czarina zu ſeiner Gemahlin, das heißt, zur Königin von Schweden machen ſolle. Sie werden ihm ſagen, daß es für ihn eine Ehrenpflicht ſei, das gegebene Wort ſeines Vaters einzulöſen, und um die Großfürſtin Alexandra zu werben. Denn ich will Ihnen geſtehen, die Vermählung ihrer Enkelin Alexandra mit dem König von Schweden iſt eine Lieblingsidee der Kaiſerin. Sie beſchäftigt ſich Tag und Nacht damit, ſie würde den als 69 ihren Feind haſſen und ſtrafen, der ihr ſagte, daß dieſe Partie nicht zu Stande kommen werde, ſie wird den, der den König anfenert, bald um die Großfürſtin zu werben, als ihren Freund belohnen. Denn ihre Enkelin mit dem König von Schweden vermählen, heißt für die Kaiſerin ebenſo viel, als Schweden zu einer Domaine Rußlands machen. Die Kaiſerin Katharina hat dem König Guſtav III. gelobt, ſich ſeines Sohnes anzunehmen, wenn er ſtürbe, und ſie wird ihren Schwur erfüllen, ſie wird ſich ſeines Sohnes ſo ſehr annehmen, daß ſie ihn nach und nach von der Laſt des Regierens befreien und dieſe Laſt auf ihre edlen und würdigen Schultern nehmen wird. Es kommt alſo Alles darauf an, dem jungen König eine glühende Liebe für die Großfürſtin Alexandra einzuflößen, eine Liebe, die ſo ſehr ſeinen Kopf und ſein Herz beſchäftigt, daß er darüber Alles vergißt, alle Bedingungen bewilligt, die man ihm vorlegt, ehe man ihm erlaubt, der Gemahl der Großfürſtin zu werden. Es iſt Ihre Aufgabe, Baron, dem jungen König, wenn er hierherkommt, dieſe Liebe einzublaſen.“ „Dazu wird es Meiner nicht bedürfen,“ ſagte Arm⸗ felt lächelnd.„Die Schönheit, die Unſchuld und Anmuth der Großfürſtin wird mächtiger zu dem Herzen des Königs reden, als alle meine Anpreiſungen es vermöchten. Er wird die Großfürſtin lieben, ich zweifle nicht daran. Er wird in ſeiner Liebe bereit ſein, alle möglichen Bedingungen zu erfüllen, ſelbſt wenn ſie ſeinen Stolz beugen und ihn abhängig machen könnten.“ „Sie gl unte aber doch, daß es unmögliche Be⸗ dingungen geben könnte? Solche, welche der König ver⸗ weigern könnte?“ „Es giebt nur Eine ſolche unmögliche Bedingung, Durchlaucht. Es iſt dieſe: wenn man von dem König von Schweden fordern wollte, er ſolle eine Prinzeſſin zu ſeiner Gemahlin machen, welche ſich nicht zu der Landes⸗ religion bekennt, ſondern der griechiſchen Kirche auch als Königin von Schweden noch angehört.“ „Ah, ich ſehe, Sie ſind ein feiner und wohlberech⸗ nender Diplomat,“ ſagte Zoubow lachend,„Sie errathen unſere geheimſten Gedanken, und legen wie ein kühner Arzt den Finger auf die Stelle, welche uns ſchmerzt. Ja, ja, das iſt unſere wunde Stelle! Wir wiſſen, daß das Grundgeſetz Schwedens dem König verbietet, eine Ge⸗ mahlin zu wählen, welche nicht der reformirten Kirche an⸗ gehört, aber wir wiſſen auch, daß die Großfürſtin Alexandra niemals die heilige Religion ihres Vaterlandes und ihrer Familie verleugnen darf. Nein, nie würde Katharina ein⸗ willigen, ihrer Enkelin die Demüthigung und Schmach aufzuerlegen, daß ſie ihren Gott, ihre Religion verleugnet, und ihren Glauben abſchwört, um ſich damit eine K zu erkaufen.“ 71 „Aber hat nicht die Kaiſerin ſelber dies gethan, be⸗ vor ſie die Gemahlin des Großfürſten Peter ward? Haben nicht die jungen Gemahlinnen der Großfürſten Alexander und Conſtantin auch ihre Kirche verlaſſen und ſich zur griechiſchen Religion bekannt?“ „Mein Lieber, das waren auch kleine deutſche Prin⸗ zeſſinnen, die ſich glücklich ſchätzen mußten, um ſolchen Preis ſich zu ruſſiſchen Großfürſtinnen erhoben zu ſehen! Aber eine ruſſiſche Prinzeſſin muß über ſolche Demüthi⸗ gung erhaben ſein. Rußland, welches dem ganzen Europa Geſetze vorſchreibt, Rußland kann nicht dulden, daß eine ſeiner Fürſtinnen ſich den Geſetzen eines andern Landes füge. Guſtav Adolf von Schweden muß einwilligen, daß ſeine Gemahlin ihrer Religion treu bleibe, daß ſie unbe⸗ hindert in Stockholm ihre griechiſche Kapelle habe und dieſelbe beſuche, um ihrem Gott zu dienen.“ „Es iſt unmöglich, daß der König dies bewillige,“ rief Armfelt.„Das Grundgeſetz Schwedens verbietet es, und außerdem iſt der König perſönlich ein ſehr eifriger und frommer Reformirter, der ſeiner Kirche mit größter In⸗ nigkeit anhängt.“ „Um ſo größer iſt das Verdienſt deſſen, der ihn über⸗ redet, dennoch ſeiner Gemahlin Religionsfreiheit zu ge⸗ währen. Dies Verdienſt wird das Ihre ſein, Herr Graf Armfelt. Ah,“ rief Zoubow laut lachend,„ſehen Sie da, wie gewiß ich Ihres Sieges bin! Ich nenne Sie ſchon mit dem Titel, welcher der Ihre werden wird an dem Tage, an welchem wir die Vermählung des Königs von Schweden mit der Großfürſtin Alexandra, trotz ihrer Religion feiern werden. Ja, an jenem Tage wird die große Katharina den Baron von Arnfelt zum Grafen von Armfelt machen, und ſie wird ihm ein Landgut mit tauſend Seelen ſchenken, damit er Grundbeſitzer und ſomit ein wirklicher Ruſſe werde. He, Baron, haben Sie den Muth, den Grafentitel, das Landgut und die tauſend See⸗ len auszuſchlagen?“ „Nein, ich habe nicht den Muth dazu,“ ſagte Arm⸗ felt raſch.„Sie haben Recht, der Menſch muß zuerſt ſeinen perſönlichen Vortheil bedenken und überlegen. Hier meine Hand, Fürſt Zoubow, ich werde allen meinen Ein⸗ fluß bei dem König von Schweden anwenden, um ihn zu gewinnen, und ſeinen Widerſtand zu beſiegen, und ich zweifle nicht, daß es mir gelingen wird, denn Guſtav Adolf liebt mich, weil ich für ihn die lebendige Erinnerung an ſeinen Vater bin!“ „Wir ſind alſo einverſtanden,“ rief Zoubow, die Hand des Barons herzlich in der ſeinen drückend.„Sie übernehmen die Rolle, die ich Ihnen zugedacht, und ich zweifle Aicht an Ihrer Geſchicklichkeit, ſie würdig durchzu⸗ führen. Die Sache wäre ſomit abgemacht, und wir haben ———————— 73 nicht mehr nöthig, uns mit dieſen langweiligen, politiſchen Erörterungen den köſtlichen Lebensgenuß zu umdüſtern, und uns die Langeweile auf den Hals zu hetzen. Ach, die Langeweile, das iſt das graue Geſpenſt, das immer hinter uns ſteht, und das mir immer einen Todesſchreck einjagt, wenn es ſich der Czarina nähert. Sie werden mir jetzt helfen, es zu verjagen, ja, Sie werden mir helfen, meine edle Kaiſerin glücklich und froh zu machen. Ich will Sie jetzt gleich dafür belohnen, ich will Sie zur Kaiſerin füh⸗ ren, und Sie ſelber ſollen ihr die ſchöne Botſchaft mit⸗ theilen, welche Sie mir gebracht. Sie ſelber ſollen der Czarina ſagen: daß der König von Schweden nach Peters⸗ burg kommt! Warten Sie, ich eile in meine Garderobe, um ein wenig Toilette zu machen, und dann wollen wir zu meiner Katharina gehen! In fünf Minuten bin ich wieder bei Ihnen. Mein lieber Koko mag Ihnen bis dahin Geſellſchaft leiſten.“ rnickte dem Baron freundlich zu, und dem Affen mit den Spitzen ſeiner Finger einen Kuß hinwerfend, ſchritt er haſtig durch das Kabinet nach der Thür, welche in ſein Garderobezimmer führte. Baron Armfelt ſah ihm nach mit einem Blick voll Zorn und Haß.„Elender Bube,“ murmelte er,„elender Bube, welcher vermeint, mich kaufen zu können, damit ich zum Verräther werde an meinem Vaterland und meinem 1859. V. Die letzten Lebenstage Katharina's II. 5 König, und welcher in ſeinem blödſinnigen Hochmuth mich für Seinesgleichen, für eine elende, gemeine Selavenſeele hält. Aber es iſt gut, daß es ſo iſt, und daß ſie mir hin⸗ länglich vertrauen, um mir alle ihre Pläne zu verrathen. Ich muß eine Zeitlang gemeinſchaftliche Sache machen mit den Feinden meines Vaterlandes. Gleich dem Brutus muß ich mein Vaterland zu verrathen ſcheinen, um es deſto ſicherer erretten zu können. Du aber, Gott, Du ſchaueſt in mein Herz, und Du wirſt demjenigen helfen, der, treu ſeinem Vaterland und ſeinem König, ſein Leben und ſeine Ehre für ſie in die Schanze ſchlägt. Aber ſtill, ſtill, mein glühend Herz, verrathe Deine Gedanken nicht, denn die Wände könnten Dich belauſchen! He, Koko, komm her zu mir, mein reizender Freund, komm und mache einmal das Meiſterſtück, welches Dein edler Herr Dich gelehrt. Hörſt Du, Koko, mache einmal das Hahnengeſchrei, krähe doch wie Souwarow, wenn er vor ſeinem Zelt ſtehend, ſein Heer aus dem Schlaf weckt und zum Appell ruft. Hörſt Du, Koko, krähe einmal, wie Souwarvw.“ Der Affe ſtellte ſich mit einer komiſchen, militairiſchen Grandezza dem Baron gegenüber und mit lautem, ſchmet⸗ ternden Ton ließ er drei Mal hintereinander ein mächtiges „Kikeriki!“ vernehmen. Armfelt begleitete dieſes Hahnengeſchrei mit einem fröhlichen Lachen, und in der raſch geöffneten Thür da 75 drüben erſchien jetzt Fürſt Zoubow in ſeiner goldgeſtickten Uniform, die Bruſt mit Orden geſchmückt. Ganz Ent⸗ zücken und Begeiſterung ſchlug er die von Brillantringen funkelnden Hände in einander und rief:„Bravo, Koko, bravo! Du ſollſt uns zur Kaiſerin begleiten, und wir wollen Dich als Feldmarſchall Souwarow bei ihr an⸗ melden laſſen. Kommt, meine Herren Armfelt und Koko, kommt! Wir gehen zur Czarina!“ 5* biertes Capitel. Die Czarinu. Die Kaiſerin hatte ſo eben ihre Miniſter, mit denen ſie gearbeitet, entlaſſen, und trat jetzt aus dem großen Sitzungszimmer in ihr Arbeitskabinet zurück. Sie be⸗ fand ſich heute in einer ungewöhnlich aufgeregten Stim⸗ mung, das bezeugte die Bleiche ihrer Wangen und das Zucken und Beben ihrer Lippen, das bezeugten die flam⸗ menden Zornesblicke, die ſie zuweilen auf die gedruckten Blätter heftete, welche ſie aus dem Conferenzzimmer mit in ihr Kabinet gebracht hatte, und die ſie jetzt mit einer wilden Bewegung auf den Tiſch ſchleuderte. „Sie brennen in meinen Händen wie glühende Koh⸗ len, dieſe franzöſiſchen Zeitungen,“ ſagte ſie mit lauter, grollender Stimme.„Ich that Unrecht, nachdem ich es drei Jahre lang vermieden, von dieſer franzöſiſchen Re⸗ 77 publik zu hören, mir jetzt wieder die Zeitungen ſenden zu laſſen. O, ich hoffte ſo ſehr, darin einen Schimmer von Troſt, ein Zeichen zur Beſſerung zu finden, zu leſen, wie dieſe Republikaner, nachdem ſie das Königthum zerfleiſcht, den edlen König und die Königin erwürgt haben, ſich jetzt ſelber mit ihren blutigen Zähnen zerfetzen, ſich einander ſelber anfallen und erwürgen. Aber nein, nein, ich irrte mich, ſie leben in Eintracht und Ruhe! Aus den blutigen Orgien der Schreckensjahre iſt eine wohlgeordnete, nüch⸗ terne Republik hervorgegangen! Die Mörder des König⸗ thums ſind die Geſetzgeber einer ganzen Nation geworden, und Europa duldet dies, und Europa hat nicht den Willen oder die Kraft, das ſiegreiche Vordringen dieſer elenden republikaniſchen Armee zu hindern. Oh mein Gott, ich muß es erleben, daß die Armee der blutigen Republik durch ihre Siege und ihre Heldenthaten die Welt in Er⸗ ſtaunen ſetzt, ich muß es dulden, daß ſie ſich Länder und Provinzen erobern, daß faſt ganz Italien ſchon von ihnen erobert und in Beſitz genommen worden. Ich muß es hören, wie die Völker ihre Fürſten verjagen, und jauchzend dieſem jungen franzöſiſchen General Bonaparte huldigen, der ihnen, wie er ſagt, die Freiheit, Gleichheit und Brü⸗ derlichkeit bringt. Ich ſehe die Welt, die ich begründet, in ihren Grundfeſten angegriffen, die Throne zuſammen⸗ ſtürzen, die Völker eins nach dem andern angeſteckt werden von der Peſt dieſer revolutionären Freiheitsideen, und ich kann's nicht hindern, muß meine Hände müßig in den Schooß legen, oder kann ſie nur zum Himmel erheben, und ihn anflehen, daß er uns helfe und behüte. Denn wir haben keine Kraft mehr! Katharina iſt nicht mehr die Geſetzgeberin, die Herrſcherin, ihre Worte haben nicht mehr die Gewalt, die Welt zu erſchüttern, ſie finden keinen Wiederhall mehr in den Kabinetten Europas. Die großen Männer, die mich verſtanden, die mit mir arbeiteten und dachten für das Wohl und Glück Europas, ſie ſind dahin gegangen. Der große Friedrich, der große Joſeph, die großen Staatsmänner Kaunitz und Potemkin, ſie Alle hat der Tod erfaßt, und die nach ihnen gekommen, begreifen mich nicht. Ich bin allein! Allein!“ Und dieſes„Allein“ entrang ſich ihrer Bruſt wie ein lauter Schmerzensſchrei und trieb in ihre Augen Thränen, die jetzt langſam, wie von der Schnur gelöſte Perlen, über ihre Wangen niederrollten. Mit großen Schritten, mit hochathmender Bruſt ging ſie haſtig einige Male auf und ab, dann blieb ſie vor der Marmorbüſte ſtehen, die da auf dem Caminſims vor dem großen Venetianiſchen Spie⸗ gel ſtand, und ihre Züge nahmen einen ſchmerzlichen Aus⸗ druck an. „Auch Du haſt mich verlaſſen, Potemkin,“ ſagte ſie mit klagender Stimme, indem ſie, ſanft ſtreichelnd, ihre 79 Hand an die Wange des Marmorantlitzes legte.„Ach, warum haſt Du das gethan, Gregor, warum haſt Du nicht ausgeharrt an der Seite Deiner Kathinka? Du hatteſt ein großes Herz und einen ſtarken Geiſt, Du ver⸗ ſtandeſt meine innerſten Gedanken, und die geheimſten Wünſche meines Ehrgeizes, die wußteſt Du zu errathen und zu befriedigen. Was für große Pläne haben wir nicht zuſammen erſonnen und ausgeführt! Wie leuchtete Dein machtvolles Auge voll Begeiſterung und Gluth, wenn wir zuſammen neue Eroberungen, neue Schlachten über⸗ legten. Oh Potemkin, mein Taurier, warum biſt Du nicht bei mir geblieben? Warum haſt Du mich einſam und allein gelaſſen? Du haſt mich geliebt, Du haſt mich verſtanden, und für Dich war ich nicht bloß die mächtige Kaiſerin, welche Schätze und Ehre und Macht zu ver⸗ ſchenken hat, ſondern auch ein Weib, deſſen Liebe, deſſen Beſitz Dich mit allen Gluthen der Begeiſterung entzündete. Aber Du haſt mich verlaſſen, und nichts iſt mir von Dir geblieben, als dieſes kalte Antlitz hier, das meine Thränen und meine Seufzer nicht mehr zu beleben vermögen. Dich habe ich geliebt, Potemkin, und ſeit Du dahingegangen, ſuche ich mit nie raſtender Sehnſucht vergeblich nach Liebe, nach Glück und Genuß. Aber ſtill, keine Klagen,“ ſagte ſie, raſch von der Büſte zurücktretend, und einen ſcheuen Blick durch das Kabinet werfend,„wenn mein ſchöner und guter Zoubow mich hörte, würde er ſehr unglücklich, ſehr traurig ſein, und das ſteht ſeinem ſchönen, friſchen Jüng⸗ lingsantlitz gar nicht gut. Fort, Ihr Erinnerungen, fort! Auch die Gegenwart hat ihre Rechte, und die Zukunft will bedacht ſein, aber mit der Vergangenheit wollen wir uns nicht mehr einlaſſen, fort mit ihr, fort!“ Wie ſie ſich jetzt umwandte, um wieder auf und ab zu wandeln, fiel ihr irrendes Auge ganz zufällig auf jene andere Marmorbüſte, welche dort drüben auf marmorner Conſole an der Wand prangte, und welche das ſcharfge⸗ zeichnete, ſarkaſtiſche Antlitz Voltaire's ihr entgegenlächeln ließ. Mit einem wilden Zornesausruf ſprang Katharina, einer gereizten Löwin gleich, zu dieſer Büſte hin. „Voltaire,“ rief ſie mit lauter, zorniger Stimme, „Voltaire, Du biſt es, welcher all dies Unheil angeregt hat, Du allein! Du haſt die Revolution in den Geiſtern und Köpfen der Menſchen entzündet, und von da hat ſie ſich niederwärts in ihre Herzen und ihre Arme geſenkt. Voltaire, Du biſt der Vater der Revolution, und wie ich undert, ſo verabſcheue ich Dich jetzt, und wie ich in dieſer Stunde mit meiner Vergangenheit die letzte Ab⸗ rechnung gehalten und mit ihr gebrochen habe, ſo breche ich auch mit Dir! Fort von mir, fort, ich will Dein ſt geliebt, ſo fluche ich Dir jetzt, und wie ich Dich 81 Antlitz nicht mehr ſehen, ich verbanne Dich aus meinen Gedanken! Fort!“ Sie ſtreckte ihre beiden Arme hoch empor, nahm mit übergewaltiger Kraft die Büſte von ihrem Poſtament her⸗ nieder, und ſchleuderte ſie mit einer ihre ganze Geſtalt durchzuckenden Bewegung weithin in die Ecke des Ge⸗ maches.* „Ah,“ rief ſie dann faſt frendig, indem ſie ſich hoch aufrichtete,„es iſt mir, als hätte ſich meine Bruſt von einer ſchweren Laſt erleichtert. Ich athme wieder frei, ſeit ich das Satyrgeſicht da nicht mehr ſehe. Und nun keine Klagen mehr und keine Seufzer. Richte Dich auf, Katharina, ſei wieder Du ſelbſt, gedenke der Zukunft und ſei freudig. Denn die Zukunft verſpricht Dir eben ſo Großes, als Dir die Vergangenheit ſchon geleiſtet hat! Oh, ich war ungerecht in meinem Schmerz, ich verleugnete um der Vergangenheit willen die Gegenwart. Mit Po⸗ temkin habe ich einſt die Krim und das ſchöne Taurien erobert, aber mit Zonbow werde ich Schweden erobern. Er kommt ja hieher, der kleine König von Schweden, und wir werden ihn einfangen in goldenen Netzen. Wir wollen ihn ſo ſehr betäuben mit Feſten und Genüſſen, daß er wie *Hiſtoriſch. Siehe: Theodor Mundt:„Der Kampf um das ſchwarze Meer,“ S. 271, u. Memoires secrets sur la Russie. 126 Rinald Alles vergeſſen ſoll in den Zaubergärten der Ar⸗ mide. Aber nicht ich will ſeine Armide ſein. Das iſt eine Rolle, die ich meiner kleinen Alexandra aufbehalten habe, und ich denke, ſie wird ſie meiſterhaft ausführen. Mein Gott, ſie iſt ſo ſchön, ſie wird, ſie muß ihn bezau⸗ bern, und auch ſie wird ihn lieben, ich bin davon über⸗ zeugt, ich— Ah, wir wollen ſie einmal prüfen, ſie ſoll ſein Bild ſehen—“ Sie nahm die goldene Handklingel und ſchellte heftig. „Die Großfürſtin Alexandra ſoll zu mir herkommen,“ befahl ſie dem eintretenden Kammerhuſaren.„Wer iſt ſonſt im Vorzimmer?“ „Majeſtät, es ſind da der General⸗Gouverneur von Petersburg, Graf Arkarow, der Feldmarſchall Souwarow und die Malerin Madame Lebrun.“ „Arkarow und Souwarow ſollen warten, die Malerin Lebrun ſoll gehen. Ich habe ſie nicht rufen laſſen, ich will ſie nicht empfangen!“ „Nein, ich will ſie nicht empfangen,“ wiederholte Katharina, als ſie wieder allein war,„ich will nicht ge⸗ malt werden, ich will nicht, daß die Welt ſehe, daß ich alt geworden bin! Was auch meine Höflinge ſagen mögen, der da, mein Spiegel, ſagt mir die Wahrheit!“ Sie ſchritt raſch zu dem großen Spiegel hin, und betrachtete lange dieſes bleiche, welke Angeſicht, dieſe von — 83 Runzeln durchfurchte Stirn, die mit einer grollenden Falte die Naſe beſchattete, dieſe welken Lippen, deren Wölbung zerfallen war, weil ſie nicht mehr von den zwei Reihen blendend weißer Zähne aufrecht gehalten wurden, die einſt den Mund der Czarina geſchmückt hatten. Ein Schauer durchlief die ganze Geſtalt Katharina's, als ſie dieſes alte, zerfallene Antlitz betrachtete, und ein Seufzer, der mehr einem Aechzen glich, entwand ſich ihrer Bruſt. „Wie ein Geſpenſt ſchaut mich das alte Weib da aus dem Spiegel an,“ ſagte ſie leiſe,„ich glaub's nicht, und kann's nicht glauben, daß dies mein Antlitz iſt. Mein Gott, was mich da anſtarrt, das iſt eine Greiſin, welche dem Grabe zuſchwankt, und ich, ich fühle mich noch ſo jung, ſo lebensfriſch. Mein Herz iſt noch ſo voll Feuer und Gluth. Nein, nein, dies Herz, welches ſich nach Liebe ſehnt, und die Liebe verſteht und begreift, dies Herz gehört keinem alten Weibe an. Ich bin noch nicht alt, denn ich fühle mich noch nicht alt! Ich will noch nicht ſterben, denn ich habe noch ſo Vieles zu thun im Leben, und ich fühle die Kraft, noch Vieles zu vollbringen! Aber,“ fuhr ſie mit einem ſanften Lächeln fort,„ich will doch ein wenig dem Alter, welches da außen auf meinen Wangen hockt, zu Hülfe kommen, und ihnen etwas mittheilen 84 von der Jugend meines Herzens! Es ſieht mich ja Keiner hier, und Keiner kann mich verrathen!“ Sie trat wieder zu der Büſte Potemkin's, die auf dem Kaminſims ſtand. Mit raſcher Hand hob ſie dieſelbe ein wenig empor, und zog unter derſelben zwei kleine ſil⸗ berne Doſen hervor. „Kommt, Ihr Roſen, kommt,“ flüſterte ſie leiſe, in⸗ dem ſie den Deckel der einen Doſe aufſchlug,„zaubert etwas Frühling über mein Angeſicht.“ Nun nahm ſie die in der Doſe enthaltene Baumwolle, betupfte ſie mit der Schminke und fuhr leiſe mit kunſtge⸗ übter Hand über ihre Wangen hin. Und das bleiche, alte. Weib begann jetzt zu verſchwinden, und aus dem Spiegel lächelte der Kaiſerin eine vergnügte Frau von kaum mehr denn fünfzig Jahren entgegen, beſonders als ſie jetzt die zweite ſilberne Doſe öffnete, und mit der darin befindlichen Tuſche, die ſie etwas angefeuchtet, dem kühnen Bogen ihrer Augenbrauen ein wenig Schwärze verliehen, und leiſe und raſch einen kleinen ſchwarzen Strich unter die Augen⸗ wimpern gezogen. Katharina betrachtete ſich dann mit einem Ausdruck ſtiller Befriedigung, und ſchob raſch ihre Zauberbüchschen der Jugend, von denen ſie vermeinte, daß Niemand ihr Daſein ahne, vorſichtig wieder unter die Büſte Potemkin's. „Potemkin,“ flüſterte ſie lächelnd,„Du haſt im Leben alle S 85 meine Geheimniſſe gewußt, Du ſollſt ſie auch nach dem Tode noch kennen dürfen, Du allein!“ Ein leiſes Klopfen an der Thür machte die Kaiſerin raſch von der Büſte zurücktreten.„Nur herein, meine kleine Alexandra,“ rief ſie, der Thür zuſchreitend, welche ſich eben öffnete, und auf deren Schwelle die edle, reizende Geſtalt eines jungen Mädchens erſchien. Zögernd und mit einem ſüßen Lächeln, das wie ein Sonnenſtrahl ihr liebliches Antlitz verklärte, blieb ſie in dem Rahmen der Thür ſtehen, bis die Kaiſerin dicht zu ihr heran geſchritten war und ihr beide Hände entgegen⸗ ſtreckte. Nun ſchritt ſie raſch vorwärts, und halb die Kniee beugend, drückte das ſchöne junge Mädchen die Hände der Kaiſerin an ihre Lippen. „Nicht ſo, meine Alerandra, nicht ſo,“ ſagte Katha⸗ rina gütevoll,„für Dich bin ich nicht die Kaiſerin, ſon⸗ dern nur die Großmutter, welche Dich liebt. In meine Arme, meine Alexandra, an das Herz Deiner Mama!“ Sie ſchloß das junge Mädchen mit ſtürmiſcher In⸗ nigkeit an ihre Bruſt, und drückte einen langen Kuß auf ihre hohe, von blonden Locken umwallte Stirn. „Weißt Du, weshalb ich Dich rufen ließ, Kind?“ fragte die Kaiſerin dann, indem ſie die Großfürſtin nach dem Divan zog. „Ew. Majeſtät, meine gnädige Großmama, ließen mich rufen, um mir die Freude zu gönnen, Sie zu ſehen,“ ſagte Alexandra mit lieblichem, ſchmeichleriſchem Ton. „Meine gnädige Großmama weiß wohl, daß für mich der Tag erſt dann ſonnenhell und klar wird, wenn ich in Ihr evles und prächtiges Antlitz geſchaut und mich Ihrer Gnade verſichert habe.“ „Oh Schmeichlerin, haſt Du die Phraſen der Höf⸗ linge gelernt?“ fragte Katharina faſt vorwurfsvoll. Die Großfürſtin blickte erſchrocken zu ihr auf.„Ew. Majeſtät glauben nicht an meine Liebe?“ fragte ſie traurig. „Ja, ich glaube Dir,“ rief die Kaiſerin,„und es wäre ein Verbrechen, an den Worten meines Unſchulds⸗ engels zweifeln zu wollen. Ich will Dir aber ſagen, Kind, weshalb ich Dich rufen ließ. Nicht um Dir, ſondern um mir eine Freude zu machen. Mein Herz ſehnte ſich nach Deiner friſchen Stimme, nach Deinen roſigen Wangen, nach Deinem Antlitz voll Jugend, Unſchuld und Seelen⸗ reinheit. Ich bedarf zuweilen Deines Anblicks, um mich daran zu ſtärken für das elende, wüſte und unerquickliche Getreibe, das mich umgiebt, um in der winterlichen Oede dieſes Palaſtes einen Hauch des Frühlings, einen Blüthen⸗ duft der Jugend einzuathmen. Du lächelſt, Alexandra! Was iſt's, das Dich lächeln macht?“ „Der Gedanke, daß Ew. Majeſtät, deren ganzes edles Herz in Frühlingsgluth prangt, deren Seele voll 6 87 ewiger Jugend iſt, daß Eure Majeſtät außer Sich ſelber ſuchen, was Sie in Sich ſelber am Schönſten beſitzen.“ „Und ich bleibe dabei, meine Alexandra iſt doch eine kleine Schmeichlerin,“ ſagte Katharina lachend, indem ſie die Großfürſtin von dem Tabouret auf ihren Schooß zog, und zärtlich mit ihren langen, blonden Locken ſpielte. „Weißt Du, daß Du eigentlich ſchon viel zu groß biſt, um ſo wie ein kleines Kind auf meinem Schooß zu hocken?“ fragte die Kaiſerin ſcherzend.„Ja, wahrhaftig, ich bemerke jetzt eben, daß Du ſchon eine ganz erwachſene Prinzeſſin biſt, die alle Tage daran denken kann, ſich zu vermählen.“ „Oh Großmama,“ ſagte Alexandra tief erröthend, „ich denke aber gar nicht daran, ich bin ja erſt fünfzehn Jahr!“ „Das iſt die ſchönſte Zeit um ſich zu vermählen,“ rief Katharina lebhaft.„Ich war kaum älter wie Du, als ich mich vermählte. Freilich,“ fuhr ſie ſchnell umdüſtert fort,„meine Vermählung war nicht unter einem glücklichen Stern geſchloſſen, und ſie hat mir viel Thränen, viel Schmerzen und Verzweiflung gekoſtet. Aber Du ſollſt glücklicher werden, wie Deine Großmutter es war. Du ſollſt nur dem Manne vermählt werden, den Du liebſt, Dein Herz ſoll ſeine freie Wahl haben. Sag', mein Kind, hat es ſchon ein wenig gewählt? Fühlt dies junge Mäv⸗ — 88 chenherz ſchon ein wenig von der Beklemmung, der Unruhe und Bangigkeit, welche die Boten der Liebe ſind?“ „Nein,“ flüſterte Alexandra verwirrt und mit nieder⸗ geſchlagenen Augen,„nein, Majeſtät, ich— ich—“ „Ich habe nicht den Muth die Wahrheit zu ſagen,“ unterbrach ſie die Kaiſerin lächelnd.„Aber die kleine, ver⸗ ſchämte Perſon wird ihrer Großmutter ſchon erlauben müſſen, ein wenig in ihrem Herzen zu leſen. Und das habe ich gethan, und allerlei kleine Geheimniſſe habe ich darin entdeckt. Aber halt, wir wollen dies Herz einmal prüfen! Ich habe da geſtern mehrere Bilder erhalten. Es ſind die Portraits einiger jungen Fürſten, welche es wagen möchten, um die Großfürſtin Alexandra zu werben, und ſehr glücklich ſein würden, wenn ich ihnen dazu die Erlaubniß ertheilen würde. Du ſollſt Dir dieſe hübſchen Geſichter anſchauen, und mir ſagen, welches von ihnen Dir am Beſten gefällt.“ Die Kaiſerin erhob ſich raſch, und zu ihrem Schreib⸗ tiſch hineilend, nahm ſie aus demſelben einen Rahmen, in welchem neben einander mehrere Miniaturen befeſtigt waren. „Komm her, meine kleine Alexandra,“ ſagte ſie lä⸗ chelnd,„betrachte Dir einmal dieſe jungen Männer, und dann ſage mir, welchem Du Dein liebes, unſchuldiges Herz weihen könnteſt.“ 89 Die Prinzeſſin nahm hocherröthend den dargereichten Rahmen, und heftete ihre tiefblauen Augen mit einem langen, ſinnenden Blick auf dieſe vier Bilder, welche junge änner in goldgeſtickten Uniformen mit jugendlichen, lächelnden Geſichtern darſtellten. Jetzt haftete ihr Auge auf dem letzten dieſer Portraits, das einen jungen Mann von kaum mehr als achtzehn Jahren darſtellte. Ein ernſtes, edles Angeſicht, die großen, dunkeln Augen voll ſchwärme⸗ riſchen Feuers, die hohe, etwas ſchmale Stirn gedankenvoll und ſchön, die Naſe leicht gebogen und edel geformt, der feingeſchnittene Mund feſt geſchloſſen, die Oberlippe leicht umſchattet von einem zierlichen, ſchwarzen Bart, die durchſichtig bleichen Wangen eingerahmt von einer Fülle dunkler Locken, die von dem Haupt faſt bis auf die Schul⸗ tern niederfielen. „Nun, meine Alexandra?“ fragte die Kaiſerin nach einer Pauſe, in welcher ſie das junge Mädchen lächelnd beobachtet hatte.„Wirſt Du mir jetzt ſagen, welcher von dieſen jungen Herren Dir am beſten gefällt?“ Alexandra warf einen Blick, der um Vergebung, um Gnade zu flehen ſchien, auf die Kaiſerin, dann deutete ſie leicht mit dem roſigen Zeigefinger auf das Bild des jungen Mannes hin, und eine tiefe Purpurgluth überflog ihr ganzes Angeſicht. 1859. V. Die letzten Lebenstage Katharina's II. 6 90 „Der da iſt's?“ rief Katharina freudig.„Sag', meine Alexandra, den da könnteſt Du lieben?“ Die Großfürſtin legte haſtig den Rahmen auf den Tiſch, und warf ihre Arme um den Hals der Kaiſerin.⸗ „Ja,“ flüſterte ſie, ihr glühendes Antlitz an Katha⸗ rina's Schulter bergend,„ja, Großmutter, ihn könnte ich lieben.“ „Und ihn darfſt Du lieben,“ ſagte die Kaiſerin,„ihn wünſche ich, daß Du liebſt, daß Du heiratheſt! Denn dieſer junge Mann da mit dem intereſſanten, bleichen Geſicht, dem ſchwermuthsvollen Lächeln, den dunkeln Augen voll ſüßer Geheimniſſe, dieſer junge Mann, der meiner Alexan⸗ dra am Beſten gefällt, das iſt grade der, den ich Dir zum Gemahl beſtimmt habe, das iſt der junge König von Schweden!“ Ein Zittern durchflog die ſchlanke Geſtalt des jungen Mädchens, und ihr Herz klopfte ſo ſtürmiſch, daß Katha⸗ rina es empfand.„Weshalb zitterſt Du?“ fragte ſie milde. „Weshalb verbirgſt Du Dein liebes Antlitz? Nein, meine Alexandra, richte Dein Antlitz empor, ſchlage Deine Augen nicht nieder; Du darfſt Gott und der ganzen Welt Deine Liebe bekennen, denn Deine Kaiſerin und Deine Groß⸗ mutter billigt ſie. Das war's, meine Tochter, weshalb ich Dich hierher rufen ließ, ich wollte Dein Herz prüfen, ich wollte wiſſen, ob es bereit iſt, die Liebe zu empfangen, 91 und ſeinen Herrn willkommen zu heißen. Und jetzt, da es ſo iſt, jetzt will ich Dir ſagen, weshalb ich Dich weiter noch rufen ließ: Alexandra, der König Guſtav Adolf von Schweden kommt hierher!“ „Wie?“ rief die Prinzeſſin lebhaft, ihr Haupt raſch emporrichtend.„Er kommt hierher?“ Die Kaiſerin nickte lächelnd. Alexandra ſtieß einen leiſen Schrei des Entzückens aus, und ihre beiden Hände in einander faltend, die leuchtenden Augen gen Himmel gewandt, ſagte ſie leiſe und mit bebender, beklommener Stimme:„mein Gott, er kommt! Ich werde ihn alſo endlich nicht mehr bloß in meinen Träumen, ſondern in Wirklichkeit ſehen!“ „Du liebſt ihn alſo ſchon?“ fragte Katharina. „Oh, ſage es mir, verbirg mir Dein Herz nicht, ſondern bedenke, daß es mich erfreut, wenn Du mir Alles ſagſt, wenn Du mich Theil nehmen läßt an Deinen Empfin⸗ dungem Sag' alſo, Alexandra, Du liebſt den jungen König von Schweden?“ „Ja,“ rief Alexandra mit ſchwärmeriſcher Begeiſte⸗ rung,„ja, ich liebe ihn! Seit ich denke, ſeit ich empfinde, liebe ich ihn. Dieſe Liebe iſt mit mir aufgewachſen; Alles was groß, was ſchön, was gut und edel iſt, das knüpft ſich für mich an ſeinen Namen, und jetzt, ſeit ich ſein Bild 6* 92 geſehen, jetzt weiß ich, daß ich niemals einen andern Mann lieben kann, lieben werde, als ihn allein!“ „Oh, wie ſchön ſteht meiner Alexandra dieſe Begei⸗ ſterung, dieſe Gluth,“ rief die Kaiſerin gerührt.„Jetzt fühle ich, mein Kind, daß Du Blut von meinem Blut, Geiſt von meinem Geiſt biſt, denn ich verſtehe Dein Em⸗ pfinden und Deine Begeiſterung, Deine Gluth findet ein Echo in meinem Herzen. Oh, ſo habe auch ich einſt geliebt, ſo war auch ich einſt ſelig, voll himmliſchen Jauchzens, voll wehmüthiger Luſt. Das iſt vorüber, vorüber, die Träume ſind ausgeträumt, und meine Stirn, welche einſt ſo durchſichtig klar und unſchuldig war, wie die meiner Alexandra, die iſt jetzt beſchattet von Sorgen und Enttäu⸗ ſchungen und der Schmerz des Lebens hat ſeine unver⸗ gängliche Runenſchrift darauf verzeichnet. Aber Du ſollſt noch träumen und genießen, mein Kind, Du ſollſt noch glücklich ſein. Ja, der junge König von Schweden kommt hierher, in wenigen Tagen ſchon wird er hier ſein. Bereite Dich alſo vor, ihn zu empfangen, berathe Dich mit Deinen Frauen über Deine Toilette, prüfe am Spiegel, welche Blumen, welcher Schmuck Dich am ſchönſten kleidet, ver⸗ ſuche hundert Toiletten, um zu erforſchen, welche am meiſten geeignet iſt, Dich bezaubernd darzuſtellen.“ Das junge Mädchen ſchüttelte lächelnd ihr Haupt. „Nein,“ ſagte ſie ſanft,„nein, theuerſte Mutter, ich werde 93 das Alles nicht thun. Er ſoll mich ſehen, wie ich bin, einfach und ohne Schmuck.“ „Oh Zugend, edle, ſtolze Jugend,“ rief die Kaiſerin gerührt,„ich vergaß Deine Macht und Deine keuſche Siegesgewißheit. Ja, Du haſt Recht, Alerandra, ich ver⸗ gaß, daß Du noch nicht eine Frau biſt, welche der Toilette bedarf, ſondern ein Mädchen, welches den ſchönſten Schmuck auf ihrer klaren Stirn trägt, den Schmuck der Unſchuld und der Anmuth. Bewahre ihn Dir noch lange, mein Kind, und um ſo ſchöner wird dann die Krone ſtrahlen, welche Dein königlicher Geliebter über dieſem Schmuck be⸗ feſtigen wird.“ „Sie glauben alſo, meine theure Kaiſerin, daß er mich lieben wird?“ fragte Alexandra ſo leiſe und ſchüch⸗ tern, daß Katharina ſie kaum verſtand. „Glaubſt Du, daß er unempfindlicher ſein könnte, wie Du es biſt?“ fragte die Kaiſerin lächelnd.„Wie iſt es gekommen, daß Du den jungen König liebſt, da Du ihn nicht kennſt, da Du heute zum erſten Mal ſein Bild geſehen haſt?“ „Oh, man hat mir ſo Vieles und ſo Schönes von ihm erzählt,“ ſagte die Großfürſtin lächelnd,„man hat ihn mir geſchildert als den edelſten, ſchönſten und an⸗ muthigſten Cavalier, als einen König, der ſeine Krone ſchmückt, ſtatt von ihr geſchmückt zu werden.“ 94 „Nun, und ſo wird man auch ihm von Dir erzählt haben, als von dem edelſten, ſchönſten und anmuthigſten. Mädchen,“ ſagte Katharina heiter,„als von einer Prin⸗ zeſſin, welche eine Krone ſchmückt, ſtatt von ihr geſchmückt zu werden, und ſo wird ſich die Liebe in ſein Herz ge⸗ ſchlichen haben, wie in das Deine, und die Sehnſucht, das Ideal ſeines Herzens zu ſehen, treibt ihn hierher.“ „Oh Majeſtät, Sie ſpotten meiner,“ flüſterte Ale⸗ randra beſchämt. „Nein, wahrlich, ich ſpotte nicht,“ rief Katharina lebhaft.„Ich hoffe und glaube, daß es die Sehnſucht ſeines Herzens iſt, welche den jungen König hierher führt, daß er kommt, um von mir die Hand meiner Enkelin, der Großfürſtin Alexandra, zu begehren. Und ich ſage Dir, meine Tochter, ich bin geneigt, ihm ſeine Bitte zu gewäh⸗ ren. Du ſollſt Königin von Schweden werden, aber unter Einer Bedingung.“ „Nennen Sie dieſe Bedingung, Majeſtät, und ich werde Ihnen ſchwören, daß ich ſie erfüllen will, denn Sie wiſſen wohl, daß ich als gehorſame Tochter von Ihnen meine Befehle empfange.“ „Nun denn, meine Bedingung iſt, daß Du mir ſchwörſt, als Königin von Schweden immer noch die Groß⸗ fürſtin von Rußland zu bleiben, nie andere Intereſſen zu 95 haben, als die Intereſſen Rußlands, nie andern Zwecken zu dienen, als denen Deines Vaterlandes.“ „Ich ſchwöre das Eurer Majeſtät, ſo wahr mir Gott helfe.“ „Schwöre mir ferner, daß Du auch als Königin von Schweden ſtets den Befehlen Deiner Großmutter, Deiner Kaiſerin gehorſam bleiben willſt, und in Allem was die Politik betrifft, genau nur ſo handeln und auf Deinen Gemahl einwirken willſt, wie ich es Dir vorzeichnen werde.“ „Ich ſchwöre das Eurer Majeſtät,“ ſagte Alexandra lächelnd.„Ich verſtehe mich ſo wenig auf die Politik, daß ich es Eurer Majeſtät ſtets als eine Wohlthat danken werde, wenn Sie mich belehren, und mir den Weg zeigen werden, den ich gehen ſoll. Ich ſchwöre aber Eurer Ma⸗ jeſtät noch einmal und aus voller Seele, daß ich genau Ihren Befehlen gehorchen werde, nicht bloß in Allem, was die Politik betrifft, ſondern auch in Allem, was Eure Majeſtät mich ſonſt würdigen wollen, mir zu ſagen.“ „Ich nehme Deinen Schwur an,“ ſagte Katharina feierlich,„und es wird ein Tag kommen, an welchem Du ihn erfüllen wirſt. Wir ſind alſo einig. Königin von Schweden, gehe hin und harre Deiner Zukunft, ſie wird ſich Dir darſtellen in der Geſtalt eines ſchönen Jünglings und einer goldenen Krone, und man muß geſtehen, daß 96 ein junges Mädchen mit einer ſolchen Zukunft ſehr wohl zufrieden ſein kann.“ „Und ich bin es auch,“ rief Alexandra lächelnd,„und ich danke Eurer Majeſtät, meiner edlen, theuren Groß⸗ mutter, daß ſie mir dieſe Zukunft hervorgezaubert hat. Oh, mein ganzes Leben ſoll nichts ſein als Dank, als Liebe, als Gehorſam für meine erhabene Kaiſerin, meine geliebte Großmutter.“ Sie faßte mit glühendem Ungeſtüm die beiden Hände der Kaiſerin und preßte ſie an ihre Lippen. „Ich glaube Dir, mein Kind, ich glaube Dir, und vertraue Dir,“ ſagte Katharina freundlich.„Aber jetzt geh, meine Alexandra, die Stunde des Glücks und der Vertraulichkeit iſt vorüber. Ich darf nicht länger die gute Großmutter ſein, welche auf die ſchüchternen Liebesbekennt⸗ niſſe ihrer Enkelin horcht. Ich muß wieder die Kaiſerin ſein, welche für ihr Land und ihr Volk arbeitet und denkt und ſorgt, daß kein Staub und Schatten auf ihre Krone fällt, und daß ihre Unterthanen durc ſie empfangen, was ſie ſelber nicht hat: das Glück und den Frieden! Lebe wohl, meine Alexandra, lebe wohl und träume von Deiner Zukunft!“ Sie drückte einen letzten Kuß auf die glühende Stirn Alexandra's, und geleitete dann das junge Mädchen bis —,— 97 zu der Thür des kleinen Corridors, der zu den Gemächern der Großfürſtinnen führte. WMit einem ſanften Lächeln ſchaute die Kaiſerin der Großfürſtin nach, bis die Thür ſich hinter der ſchlanken Geſtalt der Prinzeſſin geſchloſſen, dann hob ſie langſam die Blicke zum Himmel empor, und etwas wie eine Thräne glänzte in ihren Augen. „Oh Zugend,“ flüſterte ſie leiſe,„welch' ein ſüßes Mährchen von Liebe und Glück zauberſt Du hervor, und wie holdſelig iſt es, ihm zu lauſchen! Aber jetzt iſt's ge⸗ nug! Ich muß arbeiten, arbeiten!“ Sie trat zum Tiſch und ſchellte heftig. „Der Generälgouverneur Graf Arkarow ſoll herein kommen!“ befahl ſie dem eintretenden Kammerhuſaren. Fünftes Capitel. Generalgouverneur Arkarow. Einige Minuten ſpäter trat Graf Arkarow in das Kabinet der Kaiſerin, welche ſich auf dem großen Fauteuil niedergelaſſen hatte, und die tiefen Verbeugungen des Grafen mit einem kaum merklichen Kopfnicken erwieverte. „Arkarow,“ befahl Katharina mit ſtolzer, gebieteri⸗ ſcher Stimme,„komm hierher, ſo nahe, daß ich Dein Geſicht ſehen kann.“ Der Graf beeilte ſich, dem Befehl der Czarina zu gehorchen, und ſtellte ſich dicht hinter dem Schreibtiſch auf, neben dem die Kaiſerin ſaß. Katharina ſchaute lange und prüfend in das fahle, düſtere Antlitz des Grafen, deſſen kleine, ſchwarze Augen, deſſen feſt zuſammengepreßter Mund mit den ſchmalen, 99 blutloſen Lippen, deſſen niedrige, breite Stirn für ſie wie ein Buch war, in dem ſie zu leſen verſtand. „Arkarow,“ ſagte die Kaiſerin nach einer Pauſe, „weißt Du, weshalb ich Dich zum Generalgouverneur von Petersburg ernannt habe?“ „Damit ich die Böſen belauern und erforſchen, das Verbrechen beſtrafen, den Uebelthäter zur Rechenſchaft ziehen ſoll,“ ſagte Arkarow ernſt. „Richtig,“ rief die Kaiſerin, langſam mit dem Kopfe nickend,„Du ſollſt die Uebelthäter ausfindig machen, und dem Verbrechen nachgehen auf ſeinen geheimnißvollen Wegen, um es an das Licht hervorzuziehen, um ihm dann das Haupt vom Runipf abzuſchlagen.“ „Aber das Verbrechen ſteht oft ſo hoch, daß ich es nicht wagen darf, meine Hand nach ihm auszuſtrecken,“ ſagte Arkarow, ſeine Stirn in düſtere Falten legend. „Niemand ſteht in Rußland ſo hoch, daß ihn das Geſetz und mein Wille nicht herabziehen könnten in den Staub,“ rief Katharina lebhaft.„Haſt Du mir etwas zu berichten, Arkarow, ſo ſprich, ſprich ohne Furcht. Es ge⸗ lüſtet mich, endlich von Dir zu hören, und zu erfahren, daß Du mein Vertrauen rechtfertigen kannſt. Denn ich geſtehe Dir, ich fing ſchon an, irre an Dir zu werden, Arkarow. Du ſcheinſt milde wie ein Lamm, und es iſt ein Tiger, den ich an Dir haben wollte. Denn einen Tiger brauche ich, um meine Ruſſen in Ordnung zu halten, um ſie zu ſchützen vor den aufrühreriſchen, verderblichen Ideen, die wie verpeſtete Luft von Frankreich herüber wehen, und meine Ruſſen krank machen in ihres Herzens innerſtem Grunde. Einen Tiger brauche ich, der das Blut nicht ſcheut, und den Verwünſchungen und Flüche blöd⸗ ſinniger Thoren nicht irre machen auf ſeinem Wege des Rechtes und des Geſetzes. Und man ſagte mir, daß ich an Dir einen ſolchen Tiger der Gerechtigkeit finden würde. Als Du noch Gouverneur von Twer warſt, kamen täglich Klagen und Bittſchriften von dort zu mir her, in denen man Dich als ein wildes Thier ſchilderte, das mit einem Herzen von Stahl und einem Ohr von Marmor das Ver⸗ brechen verfolgte und beſtrafte, und in denen man als eine Gnade von mir erflehte, das Gouvernement von Deinem überall Verbrechen witternden Auge zu befreien. Da ſagte ich mir:„das iſt ein Mann, den ich hier in Petersburg gebrauchen kann. Denn hier in Petersburg, hier giebt es überall Verrath und Verbrechen. Es ſchleicht wohl unter Schleiern und Mänteln umher, und ſtellt ſich äußerlich gar ſittſam und unſchuldig an, es ſchlüpft mit lächelnden Augen und liebedrückender Hand durch die Säle meines Palaſtes, und erſcheint wohl in ehrbarer Geſtalt, und hüllt ſich in den Mantel der Treue und Ergebenheit. Aber ich ahne doch ſeine Nähe, ich fühle ſeinen gifthauchenden 101 Athem auf meiner Wange, ich höre die Hyänenſchritte, mit denen es mich umſchleicht, und den Moment erlauert, um mich zu erwürgen. Ich will den Arkarow rufen, den Mann ohne Mitleid, das wilde Thier mit der feinen Spürnaſe, die auf Verbrechen abgerichtet iſt, und ſtets das Wild richtig zum Schuß ſtellt.“ Das Alles ſagte ich mir, und ich ließ Dich hierher berufen, Arkarow, ich be⸗ willigte den Bewohnern des Gouvernements Twer die erflehte Gnade, ich befreite ſie von der Geißel, wie ſie Dich nannten, und nahm dieſe Geißel hierher nach Petersburg, damit ſie die Böſen austreibe aus meinem Palaſt und meiner Reſidenz, und die Verbrecher züchtige und ſtrafe. Aber ich habe mich in Dir getäuſcht, wie ich fürchte. Seit vier Wochen biſt Du hier, biſt Du Generalgouverneur von Petersburg und ich höre noch nichts von entdeckten Verbrechen und Du haſt mir noch nichts gemeldet von Complotten und Verſchwörungen, von denen ich doch weiß, 6 daß ſie exiſtiren, Du haſt mich noch vor keiner Gefahr ge⸗ warnt, und doch weiß ich, daß die Gefahr immer hinter mir herſchleicht, daß ſie mich immer verfolgt, und ſtets mit verborgenen Abgründen und heimlichen Dolchen mich bedroht. Nun alſo rede, Arkarow, ſuche Dich zu rechtferti⸗ gen, oder ich ſende dem Gouvernement von Twer ihre Geißel zurück, als einen elenden Strick, den ich nicht ein⸗ mal zum Schlagen und zum Binden gebrauchen konnte.“ 102 „Ich könnte wohl Vielerlei ſagen und reden,“ ſagte Arkarow düſter,„aber das Reden bringt oft Gefahr, und das Warnen ſtößt oft den Warner ſelbſt in den Abgrund, vor dem er Andere erretten wollte. Der glatte, parquet⸗ tirte Boden des Kaiſerpalaſtes bedroht Jedermann mit dem Ausgleiten und Fallen; in meinem Gouvernement von Twer ſtand ich auf rauhem Boden, und va ſtand mein Fuß feſt, da war mein Schritt ſicher und beſtimmt.“ „Er ſoll es auch hier ſein,“ rief die Kaiſerin,„ſicher und beſtimmt darfſt Du vorwärts ſchreiten, ohne Furcht vor dem Fallen! Ich verbürge es Dir.“ „Verſprechen Eure Majeſtät mir, daß ich ungeſtraft Alles ſagen, Jedermann anklagen, Jedermann, er ſei wer er ſei, beſchuldigen darf, ohne fürchten zu müſſen, das Herz Eurer Majeſtät zum Zorn zu reizen, wenn auch der Verſtand der Kaiſerin mir Recht geben muß?“ „Ich verſpreche es Dir, Arkarow. Du kannſt frei und unbehindert reden, Du darfſt Jedermann anklagen und beſchuldigen.“ Nun denn, ſo will ich reden, ſo will ich anklagen,“ rief Arkarow mit einem Ton wilder Freude.„Ja, Eure Majeſtät hat Recht, das Verbrechen umſchleicht die er⸗ habene Geſtalt Eurer Majeſtät, und Gefahren öffnen der Czarina ihre Abgründe auf jedem Schritt, den ſie thut.“ „Ah, ich wußte es, ich wußte es,“ murmelte Katharina, 103 indem ſie ganz zerbrochen in den Lehnſtuhl zurückſank, „meine ſchlimmen Ahnungen haben mich alſo nicht be⸗ trogen!“ „Nein, Sie haben Eure Majeſtät nicht betrogen,“ ſagte Arkarow rauh.„Eure Majeſtät haben Feinde, welche in die Vergangenheit zurückdenken, und in die Zukunft hinein ſchauen.“ „Was überdenken ſie in der Vergangenheit?“ „Die Art, wie Eure Majeſtät auf den Thron ge⸗ langten.“ „Weshalb ſchauen ſie in die Zukunft?“ „Um zu ſehen, ob ſie nicht wiederholen könnten, was in der Vergangenheit möglich geweſen.“ „Das heißt, ſie wollen mich ermorden,“ rief Katha⸗ rina, von ihrem Lehnſtuhl emporſpringend,„das heißt, ſie haben eine Verſchwörung gebildet, um mich vom Thron zu ſtoßen!“ „Ich ſage nicht, daß die Sache ſchon ſo weit gediehen iſt,“ ſagte Arkarow gelaſſen,„daß die Verſchwörung ſchon vollſtändig beſteht, aber ſie wird vorbereitet, ſie iſt noch im Wachſen, im Blühen, eines Tages wird ſie Früchte tragen.“ „Giftfrüchte, an denen ich ſterben werde!“ „Nein, Giftfrüchte, welche wir mit der Gewalt des Sturmwindes von den Bäumen ſchütteln werden, daß 104 ſie Denen das Haupt zerſchmettern, welche ſie gepflanzt haben.“ „Ach, Arkarow,“ rief die Kaiſerin mit flammenden Blicken,„wenn dieſer Tag gekommen iſt, wenn ich Dich als rächenden Sturmwind meine Feinde zerſchellen ſehe, werde ich Dich belohnen, wie es einer Kaiſerin geziemt, und der Graf Arkarow wird ſich in einen Fürſten und einen Millionair verwandeln. Aber jetzt ſprich, jetzt ſage mir Alles; bebe vor keinem Wort, vor keinem Namen zurück. Ich bin gefaßt darauf, Alles zu hören, und kein Name wird mich in Verwunderung ſetzen.“ „Nun denn, Eure Majeſtät, ich bin bereit, Alles zu ſagen. Ich bebe vor keinem Wort zurück, ja, ich wage es ſogar, Eure Majeſtät an Ihre Vergangenheit zu erinnern.“ „An meine Vergangenheit,“ ſagte Katharina er⸗ ſchauernd.„Von welcher Zeit, von welchem Tage willſt Du ſprechen, Arkarow?“ „Von dem Tage, an welchem Eute Majeſtät den Thron Rußlands beſtiegen, von dem Tage, an welchem der Kaiſer, Ihr Gemahl— ſtarb.“ Ah, es war ein unglücklicher Tag,“ murmelte die Kaiſerin langſam, wie vor einem Schreckbild die Augen ſchließend. „Nein, es war ein glücklicher Tag,“ rief Arkarow begeiſtert,„denn dieſer Tag gab Rußland eine große 105 Kaiſerin, eine weiſe Regentin. Nur verzeihen mir Eure Majeſtät, die Großmuth Ihres Herzens ließ Sie an dieſem Tage einen edelmüthigen Fehler begehen.“ „Was für einen Fehler?“ fragte die Kaiſerin erſtaunt. „Den Fehler, daß Eure Majeſtät die Regierung übernahmen, nicht als freie, ſelbſtſtändige Kaiſerin, ſondern nur als Regentin, im Namen Yhres minderjährigen Sohnes, Eure Majeſtät hätten bedenken ſollen, daß Ihre Worte nicht wie die der anderen Menſchen im Winde verwehen, ſondern daß ſie ſich eingraben in die Geſetzes⸗ tafeln, und daß man ſie daher noch viele Jahre, nachdem ſie geſprochen ſind, noch leſen und über ſie nachdenken kann.“ „Und mein Sohn, der Großfürſt Paul, lieſt ſie und denkt über ſie nach, nicht wahr, das willſt Du ſagen?“ rief Katharina ſtürmiſch. „Ich glaube, daß er es thut, ich glaube, daß er ver⸗ meint, der Thron, welchen Eure Majeſtät mit ſo viel Ruhm und Hoheit umſtrahlt haben, dieſer Thron gehöre eigentlich ihm, und er ſei rechtmäßiger Weiſe ſeit ſeiner Majorennität Kaiſer von Rußland.“ „Ah, ich will ihn lehren, dies zu vermeinen,“ rief Katharina, mit einem wilden Zornesausdruck ihre beiden zur Fauſt geballten Hände drohend emporſchleudernd,„ich will ihm beweiſen, daß ich, und ich allein die rechtmäßige 7 1859. V. Die letzten Lebenstage Katharina's II. Kaiſerin von Rußland bin! Nein, das große Werk, welches ich geſchaffen, ſoll nicht unter den thörichten Händen meines Sohnes zerbrechen, Rußland ſoll nicht wieder in die Bar⸗ barei zurückfinken, ſo lange ich da bin es zu ſchützen. Oh, Gott, Gott, warum legteſt Du mir die Strafe auf, dieſen Narren, welchen ich haſſe, welchen ich verachte, meinen Sohn, meinen Nachfolger nennen zu müſſen! Arkarow, gieb mir ein Mittel an, ihn zu ſtürzen. Beweiſe mir, daß er ein Verſchwörer iſt, ein Aufrührer, und bei Gott, ich werde ihn zur Rechenſchaft ziehen, ich werde ihn vernichten.“ „Ich werde Eurer Majeſtät das Mittel angeben, ſobald die Frucht der Verſchwörung gereift iſt. Noch ſind wir nicht am Ziele und wir müſſen vorſichtig ſein, um es zu erreichen. Der Großfürſt Paul hat kluge Rathgeber und Freunde, und ſie lehren ihn bedächtig ſein, und den Boden erſt geſchickt unterminiren, bevor er ihn in die Luft ſprengt. Zuerſt will man die öffentliche Meinung ge⸗ winnen, will das Volk gegen Eure Majeſtät aufregen, will die Gemüther mit Haß und Zorn erfüllen, und ſie Eurer Majeſtät abwendig machen. Dazu bedient man ſich der Brochüren, die, man weiß nicht wie und woher, plötzlich in der ganzen Stadt verbreitet werden, der Carricaturen, die an Einem Tage, in Einer Stunde, in allen Häuſern in zierlichen Briefcvuverts abgegeben werden, dazu ſchreibt man einzelne fliegende Blätter, die in tauſend um tauſend —— 107 Abſchriften durch ganz Petersburg aus der Luft nieder⸗ wehen, und wie Schnee auf die Straße niederfallen.“ „Beweiſe!“ rief Katharina, welche jetzt auf einmal ihre Ruhe, ihre ſtolze Haltung wieder gewonnen hatte. „Laß mich Beweiſe ſehen, Arkarow! Zeige mir etwas von dieſen Brochüren, dieſen Carricaturen, dieſen fliegenden Blättern.“ „Hier, Majeſtät, hier ſind meine Beweiſe,“ ſagte Arkarow, indem er ein kleines Packet aus ſeinem Buſen hervorzog, und es vor der Kaiſerin auf den Schreibtiſch hinlegte. „Was enthält dieſes Packet?“ fragte Katharina, ohne es zu berühren. „Eine Brochüre, eine Carricatur und ein gedrucktes, fliegendes Blatt.“ Die Kaiſerin nahm mit einem raſchen Griff das Packet, zerriß den Umſchlag, heftete einen Moment ihre flammenden Blicke auf den Inhalt deſſelben, und zog dann zuerſt die Brochüre hervor. „Reiſe nach Moskau,“ las ſie laut, auf das Titel⸗ blatt ſchauend.„Was enthält dieſe Brochüre?“ „Einen wüthenden Ausfall auf den Despotismus und auf diejenigen Regenten, welche ſich unterſtehen, ihre Unterthanen als Sclaven zu betrachten, und von ihnen unbedingten Gehorſam zu fordern. Leſen Eure Majeſtät 108 hier nur dieſe Stelle. Der Verfaſſer hat da eine Art von Allegorie geſchrieben, in welcher er den Stolz und die thörichte Hoheit eines von ehrloſen Schmeichlern umgebenen Despoten ſchildert. Belieben Eure Majeſtät zu leſen, was auf Seite ſiebenundzwanzig geſchrieben ſteht.“ „Lies Du es, Arkarow,“ ſagte die Kaiſerin, ihm die Brochüre darreichend. Der General⸗Gouverneur nahm mit einer tiefen Ver⸗ beugung die Brochüre aus den Händen der Kaiſerin, und ſchlug die bezeichnete Seite auf. Dann begann er zu leſen: „Ich trete ein in Zarskve⸗Celo; ich werde überraſcht von der entſetzlichen Hede und Stille, welche hier herrſcht; Alles ſchweigt, Alles zittert; hier iſt die Wohnung des Despotismus, und—“* „Genug, genng,“ unterbrach ihn Katharina mit zor⸗ niger Stimme,„nenne mir den Verräther, der dieſe Bro⸗ chüre geſchrieben, damit ich ihn ſtrafen kann, damit ich ihn lehre, daß auch er ſchweigen und zittern ſoll.“ „Eure Majeſtät, der Autor dieſer Brochüre iſt der Baron Radiſcheff.“ „Wie, Radiſcheff?“ fragte Katharina faſt ſchmerzlich. „Radiſcheff, den ich habe erziehen laſſen, den ich zum Di⸗ rector der Douane ernannt habe?“ *Siehe: Reiſe nach Moskau von Radiſcheff. „————— 109 „Ja, dieſer ſelbe Radiſcheff, den Eure Majeſtät mit Wohlthaten überhäuft haben, der auf Eure Majeſtät Koſten zwei Jahre im Auslande geweſen iſt, um dort ſeine höhere Bildung zu empfangen, dem Eure Majeſtät nach ſeiner Rückkehr ein ehrenvolles und einträgliches Amt gaben, er hat dieſe Brochüre geſchrieben.“ „Und er ſoll dafür büßen, daß er es that,“ ſagte Katharina ſtrenge.„Ich will ihm das revolutionaire Gift, das er in Frankreich eingeſogen, ſchon wieder aus⸗ preſſen. Ihm thut zu ſeiner Geneſung eine Luftverände⸗ rung nothwendig. Er ſoll ſie haben, ich will ihn heilen von ſeiner revolutionairen Krankheit. In dieſer Stunde noch wirſt Du hingehen, Radiſcheff zu verhaften und ihn vor Gericht zu ſtellen. Den Richtern aber ſagſt Du, daß ich ihnen befehle, den Uebelthäter zu zehn Jahren nach Sibirien zu verbannen, in die ödeſte, einſamſte Gegend, damit er erkennen möge, daß es noch einſamere und ſchwei⸗ gendere Orte giebt, als Zarskoe⸗Celo, wo der Despotis⸗ mus wohnt.“ * Radiſcheff ward wirklich wegen dieſes Werks, und namentlich wegen der oben angeführten Zeilen verhaftet, angeklagt, und wie Ka⸗ tharina befohlen, auf zehn Jahre nach Sibirien verbannt. Er erbat ſich als einzige Gnade die Erlaubniß, noch einmal ſeine Gattin und ſeine Kinder umarmen zu dürfen. Es ward ihm bewilligt, daß, indem man ihn aus dem Gefängniß brachte, um ihn auf der Kibitke nach 110 „In einer Stunde wird Radiſcheff verhaftet, in vier Tagen wird er auf dem Wege nach Sibirien ſein,“ ſagte Arkarow ruhig.„Wollen Eure Majeſtät jetzt die Gnade haben, dieſe Carricatur zu betrachten? Nur muß ich im Voraus um Verzeihung bitten, daß ich es wage, eine ſo unzüchtige und unanſtändige Zeichnung vor die erhabenen Augen Eurer Majeſtät zu bringen.“ „Gieb,“ ſagte Katharina achſelzuckend,„laß mich die Carricatur ſehen.“ Sibirien zu transportiren, der Schlitten fünf Minuten an den Ufern der Newa anhalten, und daß ſeine Frau dort zu ihm treten und ihm Lebewohl ſagen dürfe. Radiſcheff ward alſo aus ſeinem Gefängniß gebracht, und der Schlitten hielt mit ihm an der Newabrücke. Drüben am jenſeitigen Ufer langte eben ſeine Gattin mit ihren Kindern an. Aber in demſelben Moment ward die Brücke aufgezogen, um ein Schiff hindurch paſſiren zu laſſen, und während dies geſchah, waren die fünf bewilligten Minuten verfloſſen. Radiſcheff flehte vergeblich, daß man ſeine Abreiſe nur ſo lange verzögern möge, bis die Brücke wieder niedergelaſſen, oder bis ſeine Frau ein Boot gefunden, um herüber zu kommen. Man verweigerte es, und vor den Augen ſeiner Gattin, deren Wehklagen von dem andern Ufer herübertönten, ward er mit Gewalt in die Kibitke gebracht, die im Galopp mit ihm davon jagte. Die Brochüre, wegen der er verurtheilt worden, ward confis⸗ eirt und verbrannt. Aber einige Exemplare derſelben waren doch ſchon in das Publikum gekommen, und wurden mit ſolcher Begierde geleſen, daß Mancher, um ſie nur eine Stunde leihweiſe zu erhalten, dafür die Summe von fünfundzwanzig Rubel bezahlte. Siehe: Mé⸗ moires secrets sur a Russie. Vol. II. S. 189 ff. —— 111 Sie nahm das Blatt und heftete ihre Blicke auf die Zeichnung, aber während ſie dieſelbe anſchauete, ergoß ſich eine glühende Röthe, halb vielleicht der Scham, halb dem Zorn angehörend, über ihre Wangen. Und allerdings, dieſe Carricatur bot der Kaiſerin ſowohl zum Erröthen, wie zum Zorn hinlängliche Gelegenheit dar. Sie ſelber, die Kaiſerin, war auf derſelben dargeſtellt in Situationen und Umgebungen, welche den geheimnißvollen Feſten an⸗ gehören mochten, die Katharina allwöchentlich mit ihren Vertrauten in der Eremitage zu begehen pflegte, aber die in dieſer Carricatur zur höchſten Unanſtändigkeit und Lächerlichkeit verzerrt erſchienen. „Das iſt eine Blasphemie, nicht gegen mich, aber gegen alle Schaam und alle Sitte,“ rief die Kaiſerin, die Carricatur mit dem Ausdruck des Abſcheues von ſich ſchleu⸗ dernd.„Wer gewagt hat, das zu zeichnen, iſt auch jedes andern Verbrechens fähig, denn deſſen Hand ſich nicht ge⸗ ſträubt hat bei dieſem Werk, die wird ſich auch nicht ſträu⸗ ben, wenn es gilt, einen Mord zu vollführen. Wehe alſo dem, der dies gezeichnet hat. Ich werde ihn ſtrafen im Namen der Moral, der Sitte und der Ehrbarkeit. Kennſt Du ihn, Arkarow?“ „Majeſtät, ich kenne ihn.“ „So nenne mir ſeinen Namen,“ rief die Kaiſerin, „und noch in dieſer Stunde ſoll er ſeine Strafe empfangen. 112 Nenne ihn, Arkarow! Du zögerſt? Nein, nein, fürchte nichts. Nenne mir den Verwegenen, und wer er auch ſei, ich ſtrafe ihn!“ „Majeſtät, es iſt kein Mann, der die Verwegenheit und die Schamloſigkeit gehabt, dies zu zeichnen. Zwei Damen, zwei Ehrenfräulein Eurer Majeſtät haben ge⸗ meinſchaftlich dieſe Carricatur gezeichnet und erdacht.“ „Zwei Ehrenfräulein!“ rief Katharina entſetzt.„Ar⸗ karow, ſei auf Deiner Huth! Ich habe Dir erlaubt, Je⸗ dermann anzuklagen, aber ich werde eine ſtrenge Richterin auch gegen Dich ſein, wenn Du falſch anklagſt.“ „Ich klage nicht falſch an,“ ſagte der General⸗Gou⸗ verneur mit vollkommener Ruhe.„Die beiden Ehren⸗ fräulein Eurer Majeſtät, die Gräfinnen Bouttourlin und Elmyt haben dieſe Carricatur gezeichnet. Hier, Majeſtät, haben Sie die Gnade, dieſes kleine Billet zu leſen, das von den beiden Damen unterzeichnet iſt, und in welchem die Gräfinnen ſich beide als die Künſtlerinnen, welche jene Carricatur gezeichnet, bekennen, indem ſie ein Exemplar davon ihrer Freundin überſenden.“ „Es iſt wahr,“ rief Katharina, nachdem ſie das dar⸗ gereichte Briefchen geleſen,„kein Zweifel iſt mehr möglich. Die Beiden ſind die Thäterinnen. Und ich liebte ſie, und ich vertraute ihnen! Sie waren die Bevorzugteſten meiner Ehrenfräulein, ich überhäufte ſie mit Gunſtbezeugungen — 113 und Geſchenken. Oh, man muß ſein Herz verhärten, wenn man das Unglück hat, eine Herrſcherin zu ſein. Und ich will mein Herz verhärten und ertödten. Keine Gnade, keine Vergebung für die ſchamloſen Uebelthäterinnen. Ich werde ſie ſtrafen und richten, ich gab Dir mein Wort darauf, und ich werde es erfüllen. Noch heute werde ich alle Damen und Ehrenfräulein meines Hofes zuſammen berufen, und Du, Arkarow, wirſt mir zwei tüchtige, mit Ruthen bewaffnete Männer herbeiholen. Wir wollen dieſe ſchamloſen Kinder züchtigen, wie ſie es verdienen, wir wollen ſie mit Ruthen peitſchen laſſen, im Beiſein aller Damen, und auch Du ſollſt Zeuge ſein.“* „Ich danke Eure Majeſtät für dies Vertrauen und dieſe Gnade,“ ſagte Arkarow mit einem ſtolzen Lächeln. „Nun bleibt nur noch mein drittes Beweisſtück zu prüfen, dieſes fliegende Blatt hier, von dem geſtern Morgen tau⸗ * Die beiden Gräfinnen wurden wirklich in Gegenwart aller Damen des Hofes zur Strafe für die von ihnen angefertigte Carricatur und wegen einiger von ihnen verfaßter ſathriſcher Lieder mit Ruthen bis auf's Blut gepeitſcht, und dann mit Schimpf und Schande vom Hofe ausgeſtoßen. Das hinderte aber nicht, daß Beide bald darauf glänzende und reiche Heirathen machten. Als Vermählte erſchienen ſie wieder bei Hofe, wurden von der Kaiſerin gütig aufgenommen und waren ſpäter bei Hofe ſehr mächtige und einflußreiche Damen. Siehe: Mémoires sur 1a Russie II. S. 393.. 114 ſende von Exemplaren auf den Straßen von Petersburg ausgeſtreut waren! Meine Agenten haben ſie aufgeſam⸗ melt, und jetzt durchſuchen ſie alle Häuſer und alle Woh⸗ nungen, um zu erforſchen, ob vielleicht doch noch hier und dort ſich ein Exemplar finden läßt.“ „Ah, ich ſehe es wohl, Du biſt ein eifriger und ge⸗ ſchickter Diener,“ rief die Kaiſerin freudig,„ich werde Dich belohnen, wie Du es verdienſt. Aber was ſteht in jenem fliegenden Blatt? Lies es mir vor, denn ich mag nichts mehr heute ſehen oder leſen. Der Schmerz und der Zorn haben meine Augen getrübt. Lies Du alſo, Arkarow!“ „Majeſtät, ich fürchte, daß meine Zunge ſich ſträuben wird, dieſe verruchten Worte zu leſen. Schon die Ueber⸗ ſchrift zeugt von der Verwegenheit des Inhalts:„Die kaiſerlichen Aſſignaten ſind kaiſerliche Diebſtähle. Die kaiſerlichen Bank⸗Billets ſind kaiſerliche Lügen.“ „Nun in der That,“ ſagte Katharina mit einem ge⸗ zwungenen Lächeln,„der Anfang verſpricht viel. Lies weiter, Arkarow!“ Arkarow verneigte ſich und las:„Ruſſen, ſeid auf Eurer Huth, trauet den neuen Bank⸗Billets nicht, welche die Czarina geſchaffen. Sie verſteht es gar wohl, Billets zu Rendez⸗vous zu ſchreiben, aber den Billets, die ſie auf den Staatsſchatz ausſchreibt, denen müßt Ihr mißtrauen, denn das ſind eitel Lügen und Betrügereien. Dieſe Bank⸗ * 115 Billets ſind der letzte verzweifelte Verſuch, die kaiſerlichen Kaſſen zu füllen auf Koſten Derer, welche noch albern und leichtgläubig genug ſind, dem Wort und der Unterſchrift der Kaiſerin zu vertrauen. Die Kaiſerin hat in ihrer Papierfabrik in Zarskve⸗Celo für ſechsmalhundert Millio⸗ nen Papier⸗Aſſignaten machen laſſen, die Ihr als baares Geld annehmen mußtet, für welche aber in der kaiſerlichen Schatzkammer kein Metallwerth zu finden war, denn die Günſtlinge, die Hofleute und Schmeichler haben alles baare Geld an ſich geriſſen, Katharina giebt ihnen Alles und läßt ihrem Volk nur Papier. Ihr habt den Betrug der Aſſignaten eingeſehen, und ſie ſind daher von hundert auf zwanzig gefallen, und Niemand nahm ſie mehr. Aber Zoubow braucht Geld, um für ſeine neuen polniſchen Beſitzungen Seelen zu kaufen, und da der Günſtling Geld gebraucht, hat Katharina ein anderes Mittel erſonnen, ihre Ruſſen zu betrügen, um den Günſtling zu bereichern. Sie hat Bank⸗Billets erfunden, und mit dieſen Bank⸗ Billets bezahlt ſie Euch, die Ihr Forderungen an die kai⸗ ſerlichen Kaſſen habt, die Ihr der Kaiſerin Lieferungen macht, für ſie arbeitet, für ſie Euch müht. Aber mit dieſen Bank⸗Billets werdet Ihr Euch ruiniren! Es ſteht zwar geſchrieben, daß dieſe Billets nach Ablauf eines Jahrs bei den kaiſerlichen Kaſſen ſollen eingelöſt werden. Aber ſie werden nicht eingelöſt, ſie werden im Lauf dieſes Jahrs annullirt. Und Ihr, Ihr armen gläubigen Ruſſen, Ihr ſeid abermals betrogen. Die Finanzen ſind zerrüttet, der Staatsbanquerott ſteht vor der Thür, und während Ka⸗ tharina ihren Günſtlingen Millionen giebt, verhungert ihr Volk.““ Die Kaiſerin ſtieß einen Schrei der Wuth aus und hob drohend ihre Hand empor.„Weiter,“ rief ſie dann athemlos, keuchend vor innerer Aufregung.„Weiter!“ „Majeſtät, es geht nicht weiter. Nur hier unten iſt noch bemerkt, daß bald ein anderes Blatt zur Belehrung des Volks über die zerrütteten Finanzen vom Himmel herniederflattern wird.“ „Vom Himmel,“ ſagte Katharina heftig,„ſelbſt den Himmel wollen dieſe elenden Verſchwörer in ihre Kreiſe hineinziehen! Selbſt Er ſoll gegen mich Complotte machen. Oh Gott, Gott, duldeſt Du es denn, daß man mich, Deine Stellvertreterin auf Erden, verläumdet und beſchimpft, daß man mich eine Betrügerin, eine Diebin zu nennen wagt? Iſt das mein Dank dafür, daß ich für Rußland Ruhm und Ehre gewonnen, daß ich ihm Provinzen und Länder erobert habe? Das mein Dank für alle Gefahren, die ich beſtanden, für alle Arbeit, alle Mühe, alle ſchlaf⸗ loſen Nächte? Man verleumdet, verhöhnt, verſpottet *Memoires secrets etc. Vol. III. S. 59. 117 mich, man will mich meinem Volk verhaßt machen, und den Ruhm und die Ehre, die ich mir erworben, die will man mir verunglimpfen und mit Staub bewerfen. Arka⸗ row, jetzt ſage mir, wer hat dies geſchrieben, wer hat dieſe Unthat erſonnen?“ „Majeſtät, ich weiß noch nichts Beſtimmtes, ich ahne, ich vermuthe nur.“ „Und was vermutheſt Du?“ „Daß dieſes ſchändliche Schriftſtück aus Gatſchina kommt!“ „Von meinem Sohn?“ rief Katharina frohlockend. „Ach beweiſe mir das, überliefere mir dieſen Verbrecher, daß ich ihn überführen, ihn zur Rechenſchaft ziehen kann, und Du wirſt an mir eine ewig dankbare Schuldnerin haben. Beweiſe mir, daß der Großfürſt dies gemacht hat, oder vaß es auf ſeinen Befehl geſchrieben worden, und Rußland iſt gerettet, denn niemals darf der Hochverräther an ſeiner Kaiſerin den Thron Rußlands beſteigen. Be⸗ weiſe! Beweiſe!“ „Majeſtät, noch giebt es keine Beweiſe, welche ge⸗ nügend wären, welche überführen könnten. Ich habe nur Vermuthungen, bin nur moraliſch überzeugt, aber kann nicht anklagen. Nur hat mir einer von des Großfürſten Kammerdienern, der in meinem Sold ſteht, gemeldet, daß der Großfürſt ſeit einigen Tagen viele gedruckte Papiere N 118 in ſeinem Kabinet gehabt habe, und daß, ſeit dieſelben ſich dort befänden, Niemand in das Kabinet, zu dem der Groß⸗ fürſt immer den Schlüſſel bei ſich trägt, eintreten dürfte.“ „Und Du fandeſt keinen Schlüſſel und keine geſchickte Hand, welche die verſchloſſene Thür öffnen konnte?“ „Ich fand in dieſer Nacht eine ſolche Hand, aber das Kabinet war leer, keine gedruckten Papiere fanden ſich darin,— aber ſie fanden ſich geſtern Morgen in den Straßen von Petersburg ausgeſtreut. Einen Menſchen attrappirten meine Agenten, wie er oben aus dem obern Stockwerk eines leerſtehenden, im Bau begriffenen Hauſes dieſe Papiere ausflattern ließ. Sie verhafteten ihn und führten ihn zur Wache. Es war ein Leibeigener des Groß⸗ fürſten Paul, einer ſeiner Lieblings⸗Reitknechte.“ „Man muß dieſen Menſchen zwingen, die Wahrheit zu bekennen,“ rief die Kaiſerin glühend. „Er wollte nichts bekennen, Majeſtät, er antwortete auf keine Fragen, keine Vorſtellungen. Er blieb ſtumm trotz aller Drohungen, aller Bitten!“ „Die Knute wird ihn reden machen!“ „Nein, Majeſtät. Dieſer treue Diener ſeines Herrn hat, um nicht zu reden, ſich in ſeinem Gefängniß erhängt.“ „Ach, mein Sohn hat ſolche treue Diener, die für ihn zu ſterben wiſſen,“ ſeufzte Katharina.„Und dieſe Treue — ————— 119 rettet alſo den Großfürſten? Wir können ihm nichts be⸗ weiſen? Ihn keiner Schuld zeihen?“ „Jetzt nicht, Majeſtät, aber bald vielleicht! Warten wir das verſprochene Erſcheinen des zweiten fliegenden Blattes ab. Ich habe den Großfürſten umſtellt mit Auf⸗ paſſern und Spähern. Alle ſeine Diener ſind jetzt in meinem Sold, alle ſeine Vertrauten habe ich erkauft, und jeden Morgen werde ich von zehn verſchiedenen Spionen, die Alle Einer von dem Daſein des Andern nichts wiſſen, meine Berichte empfangen über das, was der Großfürſt am Tage zuvor gethan, geſagt, geſprochen und gedacht hat.“ „Gut, warten wir es ab,“ ſagte die Kaiſerin auf⸗ athmend.„Ich verſpreche Dir, geduldig zu ſein, nur laß mich am Ende meiner Geduld dieſen Narren, der ſich ein⸗ bildet, Anſprüche auf den Thron von Rußland zu haben, als einen Hochverräther, einen überführten Verbrecher finden! Paul iſt mein Sohn, aber ich bin nicht bloß ſeine Mutter, ſondern ich bin vor allen Dingen Kaiſerin, und ich muß mein Land und mein Volk davor bewahren, daß es in die Hände eines Narren? fällt, der in blödſin⸗ niger Thorheit zerſtören würde, was ich ſo mühſam auf⸗ * Die Kaiſerin nannte ihren Sohn, wenn ſie von ihm ſprach, nie anders als:„der Narr“,„der Blödſinnige“ und machte niemals Hehl aus dem Haß, den ſie gegen ihn empfand. Siehe: Mémoires secrets. II. 183. 6 120 gebaut. Hilf mir alſo, die Mittel herbeizuſchaffen, um Rußland vor der Gefahr zu erretten, welche mein Land bedroht. Und jetzt verlaſſe mich, Arkarow, wir haben genug heute gearbeitet, ich fühle mich erſchöpft und bedarf der Ruhe. Geh, Arkarow, ich bin mit Dir zufrieden, und ich freue mich, daß ich mich nicht in Dir getäuſcht habe. Du biſt in Wahrheit der Tiger, deſſen ich bedarf, das wilde Thier mit der feinen Spürnaſe, die alle Verbrechen wit⸗ tert und das Wild zu ſtellen verſteht. Drei Verbrecher haſt Du heute geſtellt, und will's Gott, wirſt Du bald auch den vierten uns einfangen. Geh jetzt, verhafte Ra⸗ diſcheff, und laſſe die beiden Ehrenfräulein peitſchen. Ich bin mit Dir zufrieden, Arkarow, ſehr zufrieden.“ Sie reichte mit einem bezaubernden Lächeln dem Gra⸗ fen ihre Hand dar, welche dieſer, auf die Kniee nieder⸗ ſinkend, an ſeine Lippen drückte. Dann ſprang er empor und ſchob ſich, rückwärts gehend, nach der Thür hin, tief⸗ gebeugt, demuthsvoll und unterwürfig, wie ein Sclave. Katharina, immer noch lächelnd, blieb in der Mitte des Zimmers ſtehen, bis die Thür ſich hinter Arkarow geſchloſſen hatte, dann verſchwand das Lächeln aus ihren Zügen, und mit dem Ausdruck tiefer Erſchöpfung und Seelenpein ſank die Kaiſerin in ihren Fauteuil zurück. „Ueberall Verrath, überall Gefahr,“ murmelte ſie, „und mein Sohn, mein eigener Sohn iſt ès, der mir nach dem Leben trachtet. Er will meine Krone, er will meinen Thron. Aber, ſo wahr ein Gott da droben iſt, ich will ihm nicht abtreten, was Mein iſt, was ich mir mit ſo viel Mühe, mit ſo vielen Vorwürfen meines Gewiſſens er⸗ worben habe, auf das ich ein Recht habe durch meine Tha⸗ ten! Nein, nein, ich bin die Kaiſerin von Rußland, und ich will es bleiben, ſo lange ich athme! Wehe, wehe dieſem Manne, der es wagt, die Hand nach meiner Krone aus⸗ zuſtrecken! Er hat kein weiteres Recht auf dieſelbe, als daß er der Sohn ſeines Vaters, der Sohn meines Ge⸗ mahls iſt. Oh, ich haſſe den Sohn, wie ich den Vater gehaßt habe, und wenn es ſein muß, und wenn es kein anderes Mittel giebt, Rußland und Mich zu erretten, ſo werde ich dem Sohn thun, wie ich dem Vater gethan, ſo — Still,“ unterbrach ſie ſich ſchauernd,„ſtill! Kriecht zurück in Eure Höhle, Ihr Schlangen meiner Erinnerung, wacht nicht wieder auf, ſchlaft, ſchlaft, Ihr Schlangen. Aber ach, die Höhle, in der Ihr ſchlaft, das iſt mein Herz, und die Nahrung an der Ihr zehrt, und die Euch lebendig hält, das iſt mein Blut! Ah, wie Ihr oft bohrt und ſaugt an mir in der Stille der Nacht, Ihr Schlangen meiner Erinnerungen, wie weh Ihr mir oft thut, daß meine Seele aufſchreien möchte zu Gott um Erbarmen, ſo wie Er da⸗ mals aufgeſchrieen hat um Erbarmen, als ſeine Mörder ihn packten. Schweigt, Ihr Schlangen, ſchweigt! ch 8 1859. V. Die letzten Lebenstage Katharina's II. habe eine nothwendige ſchwere That geſühnt durch dreißig Jahre voll Ruhm, voll Siege und großer Thaten. Ich habe Rußland groß gemacht, und will es noch größer machen. Ich habe ſeine Grenzen erweitert, nach Weſten, nach Süden und nach Oſten, und auch im Norden von Europa will ich ſeine Grenzen erweitern. Ich will Rußland die Nordſee erobern, wie ich ihm das ſchwarze Meer erobert habe, und—“ „Kathinka! Meine Kaiſerin! Kathinka, wo biſt Du?“ rief draußen jenſeits des kleinen Corridors eine laute, jauchzende Stimme. „Das iſt Zoubow,“ ſagte Katharina aufathmend, und indem ihr Blick zu der Büſte Potemkin's hinüber ſchweifte, flüſterte ſie:„oh, Potemkin, warum biſt Du es nicht, der mich ſeine Kathinka nennt, und mich zu ſich ruft?“ Eben ſprang die kleine Tapetenthür da drüben auf, und Zoubow erſchien in derſelben, freudeſtrahlenden An⸗ geſichts. Mit ausgebreiteten Armen eilte er zu der Kaiſerin hin, und vor ihr auf die Kniee niederſinkend, ſeine Arme um ihre Geſtalt legend, blickte er ſie lächelnd, glückſtrah⸗ lend an. „Wie ſchön Du biſt, Platon,“ ſagte Katharina, ihn anſchauend,„wie der Gott Apollo, der ſiegſtrahlende, glänzt Dein jugendlich Angeſicht.“ 123 „Und zwei Siege komme ich meiner Kaiſerin zu ver⸗ künden,“ ſagte Zoubow, die Hände der Czarina an ſeine Lippen drückend.„Ein Courier iſt ſo eben angelangt. Valerian Zoubow, mein tapferer Bruder, hat mit Deiner Armee einen glänzenden Sieg über die Perſer errungen, und iſt triumphirend eingezogen in das eroberte Derbent.“ „Ah, Dank Dir, Platon, Dank,“ rief Katharina, einen glühenden Kuß auf Zoubow's Stirn drückend.„Dieſe Nachricht iſt eine Million werth, und ich gebe ſie Dir! Du darfſt ſie Dir morgen auszahlen laſſen.““ „In Bankbillets, Kathinka?“ „Nein, in Gold, mein Zoubow, denn für ſo goldene Nachricht kann man nur goldenen Dank haben. Doch auch Deinen Bruder, meinen ſiegreichen General, dürfen wir nicht vergeſſen. Wir wollen ihn belohnen, wie er es verdient.“ „Er iſt in der Schlacht verwundet worden,“ ſeufzte Zoubow.„Nur einige kurze Zeilen von ſeiner Hand habe ich empfangen.“ „In dieſer Stunde noch ſoll mein eigener Chirurg abreiſen, um Valerian Zoubow zu pflegen,“ rief die Kai⸗ ſerin lebhaft.„Ein Courier ſoll ihn begleiten, und dieſer wird meinem tapfern Valerian Zoubow den St. Andreas⸗ orden, den Titel eines Generals en Chef und hundert 8* 124 Millionen Rubel zur Beſtreitung ſeiner Krankheitspflege überbringen.“ „Hundert Millionen Rubel,“ ſagte Zoubow gedanken⸗ voll,„das iſt allerdings ein ſehr großmüthiges und köſtliches Geſchenk, aber ich fürchte, Sie werden meinen armen Bruder nicht der Verzweiflung und dem Schmerz ent⸗ reißen, die beide ihn faſt verzehren, und um derentwillen er den Tod in der Schlacht ſuchte.“ „Er hat Kummer, mein tapferer Valerian, und ich, ſeine Kaiſerin, kann ihm nicht helfen?“ „Du kannſt ihm helfen, Czarina, wenn Du es willſt.“ „Ich will es! Sag', Platon, was iſt es? Weshalb trauert der Bruder meines Lieblings?“ Platon Zoubow legte ſeine Arme dichter um Katha⸗ rinen's Taille, und mit einem Ausdruck unendlicher Zärt⸗ lichkeit zu ihr aufſchauend, zog er ihre Hände an ſeine Lippen und bedeckte ſie mit Küſſen. Dann legte er die Hände Katharinen's über ſeine Augen, gleichſam als einen Schleier, der ſeine Verwirrung und Scham verhüllen ſollte, und flüſterte leiſe:„Mein armer Bruder Valerian hat Schulden, große, ungeheure Schulden gemacht, und ſeine Gläubiger hetzen ihn zur Verzweiflung.“ „Ah, Schulden, weiter nichts,“ rief Katharina achſel⸗ zuckend.„Wir werden ſie bezahlen, das iſt Alles!“ 125 „Aber ich ſagte Dir ſchon, Kathinka, ſeine Schulden ſind ungeheuer.“ „Ich werde ſie bezahlen. Wie hoch beläuft ſich die Summe?“ „Er hat mir geſchrieben, daß ſeine Schuldenlaſt ſich jetzt auf fünfhundert Millionen Rubel beläuft.“ „Fünfhundert Millionen!“ rief Katharina erſchrocken. „Das iſt freilich viel, ſehr viel und— immerhin, Valerian Zoubow hat mir Derbent erobert, das iſt mehr werth als elendes Geld. Nein, ſieh mich nicht ſo traurig und angſt⸗ voll an, mein Platon. Der Courier wird meinem ſieg⸗ reichen General Valerian Zoubow nicht hundert, ſondern ſechshundert Millionen Rubel überbringen.“ Nur muß er zufrieden ſein, ſie in Bankbillets zu empfangen. Aber ein ſo tapferer Soldat wird die Schuldner ſchon zu zwingen wiſſen, ihm die Papierbillets in Gold umzuſetzen.“ „Du biſt ein Engel der Großmuth und der Güte,“ rief Zoubow, die Kaiſerin mit leidenſchaftlicher Gluth in ſeine Arme drückend.„Ich danke Dir, Kathinka, ich danke Dir mit jedem Schlag meines Herzens, mit jedem Athem⸗ zug meines Lebens. Und nun höre Du, Geliebte, höre den zweiten Sieg, den ich Dir zu melden habe. Deinen Sieg über die Diplomatie, Deinen Sieg der Zukunft. *Hiſtoriſch. Siehe: Mémoires Secrets. Vol. F 317 126 Kathinka, ſchau mich an, damit ich in Deinen himmliſchen Augen Deine Freude leſen kann. Kathinka, ein zweiter Courier iſt gekommen. Der König von Schweden iſt in Kronſtadt gelandet, er wird noch heute in Petersburg ein⸗ treffen.“ Katharina ſprang von ihrem Lehnſeſſel empor, und ein Ausdruck triumphirender Freude verklärte ihr Ange⸗ ſicht.„Der König von Schweden kommt,“ rief ſie.„Du haſt Recht, Zoubow, das iſt ein zweiter Sieg. Jetzt iſt Schweden mein! Ich werde meinem Rußland die Nordſee erobern.“ —— Sechstes Capitel. Das erſte Begegnen. Die großen, von Gold und Spiegelſcheiben ſtrahlen⸗ den Säle des kaiferlichen Palaſtes waren weit geöffnet. Der ganze Hofſtaat der Kaiſerin hatte ſich in denſelben verſammelt, und in dem großen Thronſaal befand ſich die Kaiſerin, umgeben von ihrer Familie, und den Groß⸗ würdenträgern ihres Hofes. Katharina, die übervolle Geſtalt umhüllt mit gold⸗ geſtickten Gewändern von griechiſchem Schnitt, ein mit Brillanten und Perlen geſticktes Barret von Purpurſammet auf dem Haupt, ſaß auf dem goldenen Thronſeſſel unter dem Baldachin von purpurrothem Sammet. Ihr zur Rechten ſtand ihr Sohn, der Großfürſt Paul, mit mürri⸗ ſchem, verdrießlichem Geſicht, ihr zur Linken die beiden Söhne des Thronfolgers, die Großfürſten Alexander und 128 Conſtantin, die Augen mit lebhafter Theilnahme nach den großen, noch verſchloſſenen Flügelthüren da drüben hin⸗ gerichtet. Aber nur die Gemahlin des Großfürſten war anweſend, die jungen Grofßfürſtinnen ſollten auf ausdrück⸗ lichen Befehl der Kaiſerin ſo lange in ihren Gemächern bleiben, bis eine Botſchaft der Czarina ſie in den Thron⸗ ſaal beriefe. Katharina's Antlitz ſtrahlte vor Glück und Luſt, ein Ausdruck ſtolzer Freude leuchtete von ihrer hohen Stirn, ſprach aus dem Lächeln, das ihren Mund umſpielte, leuchtete aus ihren kühnen, machtvollen Augen. Jetzt, in dieſer Stunde, war ſie nicht die alte Frau von mehr als ſechzig Jahren, nicht die Greiſin, ſondern eine vollkräftige Matrone, eine Frau von funfzig Jahren, glühend von Lebenskraft und fehr wohl noch im Stande, die Herzen der Männer zu erobern, nicht bloß als Kaiſerin, ſondern auch als Frau. Vielleicht war Katharina ſich deſſen bewußt, vielleicht war es deshalb, daß ihre flammenden Blicke ſich wieder und immer wieder auf Platon Zoubow hefteten, der in glänzender Uniform, die Bruſt mit brillantenen Ordensſternen bedeckt, dicht neben dem Thronſeſſel der Kaiſerin, zur Seite der jungen Großfürſten ſtand. Jetzt neigte Katharina ihr ſtolzes Haupt näher zu ihrem Günſtling hin.„Platon,“ ſagte ſie leiſe,„Dir danke ich den Triumph dieſer Stunde, denn Du warſt es, 129 der meine Gedanken auf Schweden heftete, der mir, trotz aller Hinderniſſe, die Möglichkeit zeigte, dieſe lang erſehnte Vermählung meiner Enkelin Alexandra mit dem König von Schweden dennoch zu erreichen. Jetzt ſtehen wir am Ziel, und Deine Kaiſerin ſagt Dir ihren Dank. Dich ernenne ich hiermit zu meinem Bevollmächtigten, um mit dem Geſandten Schwedens wegen des Heirathscontractes zu berathen, und was Du ſagſt, das werde ich gut heißen, und was Du verſprichſt, das werde ich erfüllen, denn mein Vertrauen zu Dir iſt ſo groß, wie meine Liebe! Aber ſtill, ſtill jetzt, da öffnen ſich die Thüren! Der große Moment, der Rußland ein neues Königreich erobert, iſt gekommen!“ Katharina nahm von ihrem Günſtling mit einem letzten Winken ihrer Augen Abſchied, und wandte ihre Blicke hinüber nach den großen Flügelthüren, die ſich eben geöffnet hatten, und auf deren Schwelle der kaiſerliche Oberceremonienmeiſter mit dem goldenen Stabe in der Hand erſchienen war. Mit langſamen, feierlichen Schritten näherte er ſich jetzt dem Thron der Kaiſerin, und ein Knie beugend, ſagte er mit lautſchallender Stimme:„Eure Majeſtät, der Graf von der Haga und der Graf von Waſa ſind von Schweden herüber gekommen, um der erhabenen Kaiſerin von Ruß⸗ land ihre Huldigung darzubringen, und bitten jetzt Eure Majeſtät um eine Audienz.“ 130 „Sage dem Grafen von der Haga, und ſeinem Oheim, dem Grafen von Waſa, daß ſie mir von Herzen willkommen ſind, und daß ich ſie bitte, hier einzutreten,“ rief Katharina, ſich von ihrem Thronſeſſel erhebend. Der Oberceremonienmeiſter richtete ſich von ſeinen Knieen empor, und eilte wieder durch den Saal nach der Thür hin, deſſen beide Flügel er weit öffnete. Aller Angen waren jetzt dieſer Thür zugewandt, Zeder blickte mit athemloſer Neugierde auf den jungen Mann hin, der ſo eben die Schwelle überſchritt und in den Saal eintrat. Es war dies ein Jüngling von kaum achtzehn Jahren; ſeine ſchlanke und zugleich kräftige Geſtalt war gekleidet in eine hellblaue Uniform mit gelben Revers, ſein braunes Haar hing in langen Locken zu beiden Seiten ſeines edel⸗ geformten Angeſichts, ſeiner von ſanfter Röthe angehauch⸗ ten Wangen nieder; ſeine großen, dunkeln Augen flammten von Jugendfeuer und Entſchloſſenheit, und um ſeinen fein⸗ geſchnittenen, von einem kleinen, ſchwarzen Schnurrbart beſchatteten Mund ſpielte ein weiches, mildes Lächeln. Mit edlem, leichtem Anſtand, unbekümmert um die vielen auf ihn gehefteten Augen, ganz harmlos und unbefangen durchſchritt der junge Mann den Saal und näherte ſich dem Thron. Jetzt, als er nur noch wenige Schritte von ihr ent⸗ fernt war, ſtieg die Kaiſerin die beiden, mit Purpurſammet v 4 131 belegten Stufen, die zu dem Thronſeſſel führten, hernieder, und ging dem jungen Manne mit freundlichem Lächeln entgegen. „Ich heiße den Grafen von der Haga mit meinen Lippen nicht allein, ſondern auch mit meinem Herzen will⸗ kommen,“ ſagte die Kaiſerin, indem ſie dem Jüngling ihre Hand darreichte. Er beugte vor ihr leicht und anmuthig das Knie, und wollte die dargereichte Hand an ſeine Lippen ziehen. Aber Katharina duldete es nicht. „Nein,“ rief ſie lebhaft,„ich werde es nicht vergeſſen, daß der Graf von der Haga ein König iſt.“ „Nun,“ ſagte der König Guſtav Adolf lächelnd, „wenn Eure Majeſtät es mir nicht als Kaiſerin erlauben wollen, ſo geſtatten Sie mir, Ihnen die Hand zu küſſen, als einer Dame, der ich ſo viel Ehrfurcht und Bewunde⸗ rung ſchulde.“* Er neigte ſich raſch über Katharina's Hand und drückte einen glühenden Kuß auf dieſelbe.„Und jetzt,“ ſagte er dann, ſich wieder aufrichtend,„jetzt mögen Eure Majeſtät mir gnädigſt erlauben, Ihnen meinen Oheim, den Grafen von Waſa, vorzuſtellen.“ *Des Königs eigene Worte. Siehe: Mémoires secrets sur la Russie. I. S. 13.* Er deutete mit einer leichten Bewegung ſeiner Hand auf die kleine, gedrungene Geſtalt dieſes Herrn hin, der hinter ihm ſtand, und trat ein wenig zur Seite, um ihm Raum zu geben, vor der Kaiſerin ſeine tiefe, ehrfurchts⸗ volle Verbengung zu machen. Katharina betrachtete ihn mit einem eigenthümlichen, ſpöttiſchen Lächeln, ſie reichte ihm zögernd und langſam die Hand dar, und ſträubte ſich nicht, als der Herzog die kaiſerliche Hand ehrfurchtsvoll an ſeine Lippen drückte. „Herr Graf von Waſa,“ ſagte ſie dann mit eigen⸗ thümlicher Betonung,„ich werde ſuchen es zu vergeſſen, daß der Graf von Waſa ſonſt der Herzog von Söderman⸗ land war.“ „Auch ich, Majeſtät, werde ſuchen die Vergangenheit zu vergeſſen,“ erwiederte der Herzog freundlich.„Alle Wolken, die ſich zwiſchen Rußland und Schweden auf⸗ gethürmt hatten, ſind verſchwunden und ein reiner, unge⸗ trübter Himmel leuchtet über uns, die wir gekommen, mit aufrichtigem Herzen der evlen Kaiſerin unſere Huldigung darzubringen.“ „Ja, der Himmel leuchtet ſtrahlend über mir, jetzt, da ich das Glück habe, den König von Schweden an mei⸗ nem Hofe zu begrüßen,“ rief Katharina begeiſtert.„Und jetzt, Herr Graf von der Haga, jetzt will ich Ihnen alle die Sterne zeigen, welche an meinem Himmel leuchten. Dieſe 133 hier ſind meine beiden Enkel, die Großfürſten Alexander und Conſtantin. Komnt hierher, meine Kinder, umarmt den Grafen von der Haga, und bittet ihn, daß er Euch ſeine Freundſchaft ſchenke.“ Die beiden jungen Großfürſten näherten ſich dem König, der ihnen lebhaft entgegen ſchritt, und ſie innig umarmte. „Ich bin hierher gekommen mit einem Herzen, in welchem Raum iſt für die Freundſchaft und die Liebe,“ ſagte Guſtav Adolf,„und ich biete den beiden Großfürſten eine Stelle in meinem armen Herzen an.“ „Ich werde ſuchen, mich dieſes Glückes würdig zu machen,“ ſagte der Großfürſt Alexander herzlich,„bis jetzt bin ich Ihr Bewunderer, und es wird von Eurer Majeſtät abhängen, ob Sie mich ſpäter noch Ihrer Freundſchaft werth halten wollen.“ „Ich, mein Herr Graf von der Haga,“ ſagte Con⸗ ſtantin in ſeiner brusquen Weiſe,„ich verſtehe mich nicht darauf, ſchöne Worte zu drechſeln, wie mein Herr Bruder. Ich ſage Ihnen nur, daß Sie mir gefallen, und daß ich wünſche, Ihnen nicht zu mißfallen. Wenn dies aber un⸗ glücklicher Weiſe doch ſein ſollte, ſo dürfen Sie es mir nicht zur Laſt legen, ſondern wir müſſen darüber den lieben Gott anklagen, der mich geſchaffen, und meine Groß⸗ mutter, die mich verzogen hat.“ Die Kaiſerin lachte.„Sehen Sie da dieſen Intri⸗ guanten,“ ſagte ſie,„dieſen Intrignanten, der den lieben Gott und ſeine Kaiſerin für ſeine Unarten verantwortlich machen, und ſich ſelber als einen Engel der Unſchuld dar⸗ ſtellen will.“ „Und ſehen Sie hier den Vater dieſer jungen Männer,“ ſagte eine rauhe Stimme neben ihr,„ſehen Sie den Groß⸗ fürſten Paul, der leider von ſeiner Mutter, der Kaiſerin, vergeſſen, und der nicht der Ehre für würdig gehalten wird, Eurer Majeſtät vorgeſtellt zu werden. Ich ſtelle mich Ihnen alſo ſelbſt vor, und ich biete Ihnen meine Hand, um Sie der Großfürſtin, meiner Gemahlin, prä⸗ ſentiren zu können.“ Der König Guſtav Adolf nahm die dargereichte Hand des Großfürſten Paul, und folgte ihm zu der Großfürſtin. Katharina ſah ihnen mit düſtern Blicken nach, und ſich an Zoubow wendend, ſagte ſie ſeufzend:„Platon, ich ſprach vorher von den Sternen meines Himmels, ach, aber mein Sohn ſteht an demſelben wie ein düſterer Nebelflecken, der mir Sonne, Mond und Sterne verdunkelt.“ .„Die Kraft Deiner ſonnigen Augen wird aber dieſen Nebelflecken durchdringen, und ihn verſchwinden machen,“ flüſterte Zoubow ſo leiſe, daß nur die Kaiſerin ihn ver⸗ ſtehen konnte. Ein ſtolzes, ſtrahlendes Lächeln flog über das Antlitz der Kaiſerin, und mit dieſem Lächeln wandte ſie ſich jetzt wieder dem jungen König zu, der ſich Katha⸗ rinen näherte, während die Großfürſtin ſich mit dem Herzog von Södermanland unterhielt. „Sire,“ rief Katharina heiter,„ich wollte Ihnen die Sterne meines Himmels zeigen, und Sie wundern Sich ohne Zweifel, daß deren ſo wenige ſind.“ „Madame,“ ſagte der König ſich leicht verneigend, „ſeit ich Eurer Majeſtät gegenüber ſtehe, wundere ich mich über gar nichts mehr, aber ich bewundere! Eure Majeſtät haben mir einen Himmel gezeigt, und ich ſehe an demſelben eine ſo ſtrahlende Sonne, daß meine Augen faſt geblendet ſind von ihrem Glanz.“ „Aber ich will Ihnen beweiſen, daß in dem Himmel meines Hofes auch einige ſchöne Engel wohnen,“ rief Ka⸗ tharina heiter.„Ja, Herr Graf, Sie haben meine Sterne geſehen, jetzt ſollen Sie auch die Engel ſchauen, die auf dieſen Sternen wohnen. Gehen Sie, Frau Oberhof⸗ meiſterin, bitten Sie in meinem Namen die drei Groß⸗ fürſtinnen, hierher zu kommen.“ Die Oberhofmeiſterin verneigte ſich und näherte ſich rückwärts ſchreitend, der kleinen Tapetenthür da drüben⸗ Die Kaiſerin wandte ſich wieder dem König zu. „Sire,“ ſagte ſie,„jetzt will ich mir erlauben, Ihnen ein Räthſel aufzugeben, und ein wenig Ihr Herz zu prüfen. Die drei Großfürſtinnen, welche erſcheinen werden, ſind die Gemahlinnen meiner Enkel, und deren Schweſter, meine Enkelin Alexandra. Sie kemnen keine dieſer drei Damen, nicht wahr?“ „Nein, Majeſtät,“ ſagte der König lächelnd,„da ich bis heute niemals im Himmel geweſen, iſt es mir auch noch nicht vergönnt geweſen, die Engel von Angeſicht zu ſchauen.“ „Ah, Sie wiſſen gut zu antworten, Sire,“ rief Ka⸗ tharina heiter,„und ich zweifle nicht, daß Sie auch mein Räthſel löſen werden. Sehen Sie aber dorthin, da kommt mein Räthſel!“ Sie deutete hinüber nach der Tapetenthür, die ſich eben wieder geöffnet hatte, und in deren Rahmen jetzt ein gar ſchönes und anmuthiges Bild ſich zeigte. Drei junge Frauen ſtanden da, Hand in Hand, die edlen Geſtalten umfloſſen von weißen, duftigen Gewändern, das lockige Haar mit Roſenkränzen geſchmückt, die ſchönen, jugend⸗ friſchen von Anmuth, Unſchuld und Güte ſtrahlenden Ge⸗ ſichter mit einem bezaubernden Lächeln der Kaiſerin zu⸗ gewandt. „Sire,“ ſagte Katharina jetzt, auf dieſe liebliche Gruppe hindeutend,„da ſind meine drei Engel, meine drei Enkelinnen. Jetzt errathen Sie, welche von den Dreien iſt meine Enkelin Alexandra? Vir geben Ihnen fünf Minuten Zeit ſich zu entſcheiden!“ 137 „Hatte ich nicht Recht, zu ſagen, daß ich mich hier über nichts mehr wundere, ſondern nur bewundere!“ flüſterte der König.„An dieſem Hofe, Eure Majeſtät, giebt es gar keine Wunder mehr, und der chriſtliche und der mythologiſche Himmel fließen hier in Eins zuſammen. Eure Majeſtät verſprachen mir drei Engel zu zeigen, und dieſe Engel ſind zugleich drei Grazien.“ „Nun, Herr Graf, löſen Sie das Räthſel. Wer von den drei Grazien iſt meine Enkelin Alexandra?“ Der König ſchwieg und blickte mit einem ſeltſamen, träumeriſchen Lächeln hinüber nach den lieblichen Geſtalten der Großfürſtinnen. Jetzt ruhte ſein Auge auf der mitt⸗ leren der drei Damen, ihre Blicke begegneten ſich, ſofort übergoß eine glühende Purpurröthe das holde Antlitz der jungen Dame, und fand einen Wiederſchein auf den vorher ſo bleichen Wangen des Königs. „Wollen mir Eure Majeſtät erlauben, die Groß⸗ fürſtin Alexandra zu begrüßen?“ fragte er raſch. „Ich erlaube Ihnen ſogar, ihr die Hand zu küſſen, Sire! Gehen Sie alſo zu ihr!“ Der König verneigte ſich vor der Kaiſerin, und ſchritt langſam durch den Saal dahin. Ein athemloſes Schwei⸗ gen herrſchte ringsum, Aller Augen waren auf den König gerichtet, und wandten ſich von ihm den drei Großfürſtin⸗ nen zu, die bebend, erröthend das Nahen des jungen Königs 1850. V. Die letzten Lebenstage Katharina's II. 138 erwarteten. Selbſt Katharina fühlte ihr Herz höher klopfen in Ungeduld, und als jetzt der König den Großfürſtinnen gegenüberſtand, und ſich tief vor ihnen verneigte, that die Kaiſerin raſch einige Schritte vorwärts, faſt geängſtigt von der Spannung dieſes Momentes. Der König Guſtav Adolf aber, nachdem er den drei Großfürſtinnen ſeine ehrerbietige Verneigung gemacht, trat jetzt näher zu ihnen heran, und vor dieſem in der Mitte der beiden Andern ſtehenden jungen Mädchen ſich tief verneigend, ſagte er mit ſanfter, bebender Stimme: „Ich bitte die Großfürſtin Alexandra, mir gnädigſt zu geſtatten, ihre Hand zu küſſen.“ Die Kaiſerin ſtieß einen Schrei des Entzückens aus, dem das Beifallsgemurmel des ganzen Hofes als Echo diente. Mit freudeſtrahlenden Blicken ſchaute die Kaiſerin hinüber nach der lieblichen Gruppe, nach dem jungen Mädchen, das in ſüßer Verwirrung, lächelnd, erröthend, die großen, glänzenden, blauen Augen in Thränen ſchwim⸗ mend, da ſtand; nach dem jungen Manne, der die zitternd dargebotene Hand des Mädchens an ſeine glühenden Lippen preßte, und verwirrt und erröthend, wie Alexandra ſelber, ihre Hand in der ſeinen feſthielt, ganz unbekümmert um die Etiquette, um die Kaiſerin und den ganzen Hof. „Er iſt wundervoll,“ flüſterte Katharina,„ich ſelbſt bin faſt ſchon verliebt in ihn, wie ſollte es Alerandra 139 nicht ſein.“ Aber wir wollen den jungen Liebesleuten zu Hülfe kommen, und ihrer Verwirrung ein Ende machen.“ Und ſie ſchritt mit jugendlicher Haſt zu dem jungen Paar hin.„Herr Graf von der Haga,“ ſagte ſie lächelnd, „Sie haben in der That mein Räthſel gelöſt, und die Großfürſtin Alexandra erkannt. Zum Lohn dafür erlaube ich Ihnen heute Abend mit meiner Enkelin den Hofball zu eröffnen, und für den ganzen Abend ihr Cavalier zu bleiben. Jetzt aber bitte ich Sie, mir den Arm zu reichen. Wir wollen in den Speiſeſaal gehen, denn es iſt eine gute, alte ruſſiſche Sitte, daß man mit dem neu gewonnenen Freunde das Salz und Brot theilt, als Zeichen des neuen Bundes und der neuen Freundſchaft. Kommen Sie, Sire, das Salz und Brot erwartet uns!“ *Der Kaiſerin eigene Worte. Siehe: Mémoires secrets ete. E13 9* Siebentes Capitel. Intriguen. Seit vierzehn Tagen herrſchte am Hofe zu Peters⸗ burg nur Jubel und Freude, ſeit dieſen vierzehn Tagen, daß der junge König von Schweden dort anweſend war, folgten Feſte auf Feſte, ſtrahlten alle Geſichter von Hei⸗ terkeit und Luſt, ſchien Jeder nur darauf bedacht, neue Feſte zu erſinnen, auf eine neue überraſchende Art dem allgemeinen Entzücken Ausdruck zu geben. Die Verlobung des jungen Königs von Schweden mit der Großfürſtin Alexandra war jetzt das laute Ge⸗ heimniß des Hofes, Jedermann ſprach davon wie von einer nicht mehr zu bezweifelnden Thatſache. Man bezeichnete ſchon den Tag, an welchem die feierliche, öffentliche Ver⸗ lobung ſtatt finden ſollte, man wußte, daß Zoubow von der Kaiſerin den Auftrag erhalten hatte, mit dem ſchwediſchen 141 Geſandten, Grafen von Steding, den Heirathscontract abzuſchließen, und leiſe und lächelnd flüſterte man ſich zu, daß die Kaiſerin ſelbſt die Mühe auf ſich genommen, das junge, ſchüchterne Liebespaar dreiſter zu machen, und daß neulich in ihrem Kabinet der König Guſtav Adolf der jungen Großfürſtin Alexandra den erſten Liebeskuß habe geben dürfen. Und dies Alles war in der That kein müßiges Ge⸗ ſchwätz des Hofes, dies Alles war Wahrheit. Katharina ſtand am Ziel ihrer Wünſche. Der ſo lange vevfolgte Plan ſollte gelingen, dieſe von ſo vielen Widerwärtigkeiten be⸗ drohte Verbindung ſollte endlich zu Stande kommen, der Heirathscontraet war ſchon entworfen, und die beiden Be⸗ vollmächtigten hatten ſich faſt über alle Artikel geeinigt. Aber Ein Artikel war noch übrig geblieben; dieſen Einen Artikel hatten der Geſandte des Königs und Zou⸗ bow, der Bevollmächtigte der Czarina, nicht zu entſcheiden gewagt, den hatten ſie der Weisheit der Kaiſerin zur allei⸗ nigen Entſcheidung anheim gegeben. Dieſer Eine Artikel betraf das Glaubensbekenntniß der künftigen Königin von Schweden. Das Reichsgrund⸗ geſetz von Schweden verlangte, gleich dem Reichsgrundgeſetz von Rußland, daß die Gemahlin des Herrſchers zu der Religion des Landes ſich bekenne. Noch keine Fürſtin hatte den Thron Rußlands beſtiegen, welche nicht der 142 griechiſchen Kirche angehörte, jede der deutſchen Prinzeſ⸗ ſinnen, welche den Großfürſten ſich vermählt hatte, war zuvor, ihrer Religion entſagend, in die Gemeinſchaft der griechiſchen Kirche aufgenommen worden. Selbſt die Kai⸗ ſerin Katharina hatte als junge Prinzeſſin von Zerbſt dem Glauben ihrer Väter entſagt, und die Religion des ruſſiſchen Reichs angenommen, um die Gemahlin des Großfürſten Peter werden zu können.— Aber Schweden forderte von ſeinen Königinnen dieſelbe Ehrfurcht vor der Religion des Landes. Schweden wollte nur eine zur lutheriſchen Kirche ſich bekennende Königin, wie Rußland nur eine der griechiſchen Kirche angehörende Fürſtin in ſein Fürſtenhaus aufnehmen konnte. Das war es, was die Kaiſerin beunruhigte, was einen Schatten auf ihre Stirn warf, als ſie heute in früher Morgenſtunde ſich allein in ihrem Kabinet befand. Sie hatte ſo eben eine wichtige Conferenz gehabt, ſie hatte den Archimandriten zu ſich beſchieden, und hatte ihn gefragt, ob es zuläſſig ſei, daß eine ruſſiſche Prinzeſſin der griechiſchen Kirche entſage, und der Politik gehorchend, ihren Glauben abſchwöre. Aber der Archimandrit, ſtatt, wie die Kaiſerin es gehofft, eine beſtimmte Antwort zu geben, hatte ernſt und ſchweigend den Auseinanderſetzungen der Kaiſerin zugehört, und ſtatt aller Antwort hatte er geſagt:„Eure Majeſtät 143 iſt allmächtig! Sie kann Alles, was ſie will!“ Dann hatte er ſich tief vor der Czarina verneigt, und ohne die Erlaubniß Katharina's abzuwarten, hatte er das Gemach verlaſſen.* Das war es aber nicht, was die Kaiſerin gewollt und gewünſcht hatte. Ihr wäre es willkommen geweſen, wenn der Archimandrit mit dem glühenden Eifer der Orthodoxie es für eine unzuläſſige Sünde erklärt hätte, daß eine Prin⸗ zeſſin des heiligen ruſſiſchen Reichs ihrer Religion ungetren werde, um irdiſcher, weltlicher Rückſichten willen. „Ich will nicht, daß eine Tochter Rußlands den Geſetzen eines andern Landes ſich beuge,“ hatte ſie mit flammendem Stolz zu Platon Zoubow geſagt.„Meine Pläne erfordern es, daß eine echte Ruſſin auf dem ſchwe⸗ diſchen Thron ſitze, daß ſie dort der griechiſchen Religion eine Kirche weihe, und daß ſie begleitet werde von Popen und Kaplänen, welche wohl geeignet ſind, die Intereſſen ihrer Kirche und unſers Reiches im fremden Lande zu wahren und aufrecht zu halten. Ich werde daher ortho⸗ doxer ſein, wie der Archimandrit der orthodoxen griechiſchen Kirche. Alexandra wird ihrer Religion nicht ungetren werden dürfen, vielmehr müſſen wir alle Mittel in Be⸗ wegung ſetzen, um den jungen König dahin zu bringen, * Theodor Mundt: Der Kampf um das ſchwarze Meer. S. 316. 144 daß er unſern Wünſchen nachgiebt und ſeiner Königin erlaubt, ihrem Glauben treu zu bleiben.“ „Und das wird, wie ich glaube, gar keine Schwierig⸗ keiten haben,“ ſagte Zonbow ſorglos,„denn der König iſt voll glühender Liebe für die ſchöne Braut, die Du ihm gegeben, und Du weißt wohl, Kathinka, wir Verliebten haben niemals die Kraft und den Willen, dem Weibe, das wir lieben, zu entſagen, ſelbſt wenn wir wüßten, daß dieſe Liebe uns den Tod geben müßte.“ Er ſchlang ſeine Arme mit einer leidenſchaftlichen Zärtlichkeit um den Nacken der Kaiſerin und drückte einen glühenden Kuß auf ihre Stirn. „Schwärmer, verliebter Thor,“ ſagte Katharina, ihn ſanft zurückſtoßend.„Laß uns von ernſthaften Dingen reden, Platon. Wir müſſen dieſe Angelegenheit heute ordnen, denn ich habe das Verlobungsfeſt auf übermorgen angeſetzt, und übermorgen muß es daher ſtatt finden. Mich quält und martert dieſe Ungewißheit, meine Seele drängt der Entſcheidung entgegen, und ich muß endlich Gewißheit haben, ob wir unſer Ziel erreichen, ob Schweden uns angehören wird.“ „Du wirſt Dein Ziel erreichen, Czarina, zweifle nicht,“ ſagte Zoubow ſchmeichelnd,„Schweden wird Dir ange⸗ hören, denn Nichts kann dem Zauber Deiner Blicke wider⸗ ſtehen, und Völker und Länder ſinken beſiegt zu Deinen 145 Füßen hin, wenn Du die Hand nach ihnen ausſtreckſt. Ich will noch einmal zum Grafen Steding fahren, und mit ihm dieſen Artikel beſprechen. Er hat um ſeinetwillen heute Morgen eine Unterredung mit dem König gehabt, und wir werden von ihm erfahren, was der junge Verliebte denkt und will. Auch mit Armfelt will ich mich noch ein⸗ mal berathen. Er iſt unſern Intereſſen ganz ergeben, und Du haſt an ihm einen treuen und zuverläſſigen Diener.“ „Geh Du zu Steding,“ rief die Kaiſerin lebhaft, „mir aber ſende Armfelt her. Ich will ſelbſt mit ihm reden, und ſeinen Rath hören!“ „Als ob meine Katharina von irgend Jemand auf der Welt des Rathes bedürfte, als ob ihre Weisheit nicht Alles zu ergründen vermöchte,“ ſagte Zoubow achſelzuckend. „Aber ich gehe, Deine Befehle zu erfüllen, und in fünf Minuten ſoll Armfelt bei Dir ſein, denn er iſt zum guten Glück in meiner Wohnung und ich werde ihn Dir ſchicken.“ Er grüßte und küßte die Kaiſerin zärtlich zum Ab⸗ ſchied, aber während er dann das Kabinet verließ und raſch die kleine Wendeltreppe hinabſtieg, die zu den Zimmern des Günſtlings führte, ſeufzte er tief in ſich hinein:„mein Gott, welch eine Marter iſt es doch, den Liebhaber dieſer alten Frau, welche meine Großmutter ſein könnte, ſpielen, und zwar mit ſolcher Naturwahrheit ſpielen zu müſſen, daß der Schein der Wahrheit zum Verwechſeln ähnlich ſieht!“ 146 Eine Viertelſtunde ſpäter trat der Baron Armfelt in das Kabinet der Kaiſerin ein. Katharina, erſchöpft von den vielen Feſten, matt von der fortgeſetzten Anſtrengung, heiter, jugendfriſchen und frohen Geiſtes zu ſein, Katharina lag auf dem Divan, und ihr Haupt an die Kiſſen gelehnt, begrüßte ſie den Eintretenden nur mit einem raſchen Wink ihrer Hand. „Kommen Sie hierher, General, ſagte ſie,„ganz nahe, damit ich Ihr Antlitz ſehen kann, denn ich liebe es, Diejenigen anzuſchauen, mit denen ich mich berathe. Worte ſchmeicheln, heucheln und lügen oft, aber die Mienen ſagen die Wahrheit.“ „Eure Majeſtät werden dann, wie ich hoffe, finden, daß meine Worte mit meinen Mienen übereinſtimmen,“ erwiederte Armfelt ruhig. „Man ſagt mir, daß ich auf Sie zählen kann, daß Sie treu und zuverläſſig ſind,“ rief Katharina, ihre blitzen⸗ den Augen mit einem forſchenden Ausdruck auf ihn heftend. „Treu und zuverläſſig zu ſein iſt keine Tugend, ſon⸗ dern nur eine Pflicht, und ich verdiene kein Lob dafür, daß ich dieſe Pflicht erfülle.“ „Wahrlich, Sie wiſſen ſo gut zu antworten, wie Ihr junger König,“ rief Katharina. „Majeſtät, der König Guſtav Adolf von Schweden iſt nicht mehr mein König, ich bin der Unterthan Eurer 147 Majeſtät, und die große Katharina nenne ich meine Kaiſerin.“ „Und ich will Ihnen beweiſen, daß ich Vertrauen zu meinem neuen Unterthan habe! Sie ſollen mir Ihren Rath, Ihren Beiſtand leihen.“ „Alle meine Kräfte, mein Leib und Leben iſt zu Dienſten Eurer Majeſtät.“ „So ſagen Sie mir zuerſt wahr und aufrichtig: was halten Sie von dem jungen König von Schweden?“ „Ich halte ihn für einen jungen, liebenswürdigen Mann, dem nur Eine Eigenſchaft fehlt, um vollkommen zu ſein.“ „Welche Eigenſchaft?“ „Die Selbſtſtändigkeit, Majeſtät. Der junge König hat ſich zur Abhängigkeit gewöhnt, er wird ewig unſelbſt⸗ ſtändig ſein, er wird ſich ewig von Andern leiten und lenken laſſen.“ „Dann würde es nur darauf ankommen, dieſem jungen, ſchwanken Rohr eine edle und ſichere Stütze zu geben,“ rief die Kaiſerin heiter. „Gewiß, Majeſtät, das wäre die Hauptſache. Man müßte verſuchen, dem König, ſobald er majorenn wird, eine beſſere Stütze zu geben, als es der Herzog von Söder⸗ manland iſt. Der Regent hat Schweden an den Rand des Verderbens geführt, es bedarf einer mächtigen und ſtarken Hand, um den König und ſein Land npnene zurück zu ziehen.“ „Und was nennen Sie den Rand des Verderbens für Schweden? Erklären Sie mir das!“ rief Katharina, indem ſie ſich ein wenig mehr aufrichtete, und den Ober⸗ körper auf den Ellenbogen ſtützend, mit geſpannten Mienen auf Armfelt hinblickte. „Ich nenne es für Schweden Verderben und Unglück, daß der Regent es ſeinem wahren, natürlichen Freund ab⸗ wendig machen, und ſeinen wahren, natürlichen Feinden verbünden will. Der natürliche Freund Schwedens iſt Rußland, wie ſeine natürlichen Feinde England, Däne⸗ mark und Frankreich ſind. Man kann nur mit ſeinen Nachbarn ein wirkſames Bündniß ſchließen, aber wenn man ſich dieſen zum Feinde macht, und ſeine Freunde in der Ferne ſucht, ſo wird der benachbarte Feind, wenn er mächtig iſt, ſeinen Nachbar beſiegen, ehe ſeine fernen Freunde daran gedacht haben, ihm zu Hülfe zu eilen. Es iſt alſo ein ſchwerer politiſcher Fehler, daß der Herzog von Södermanland Bündniſſe mit England, Dänemark, Frank⸗ reich und Holland ſucht, um ſich bei ihnen Sicherung gegen Rußland zu ſchaffen, ſtatt daß er ſich mit Rußland ver⸗ bünden müßte, um mit dieſer Macht vereint, England zu beſiegen, und die Nordſee zu erobern.“ „Ah, ich ſehe, wir verſtehen uns, und ich darf auf 149 Sie zählen,“ rief Katharina, indem ſie ſich ganz aufrichtete. „Sie fühlen, daß es die Aufgabe Schwedens iſt, der Freund, der Bundesgenoſſe Rußlands zu ſein.“ „Um dereinſt der Vaſall, der Unterthan Rußlands zu werden, um in Rußland aufzugehen,“ ſagte Armfelt leiſe. Katharina blickte zu ihm auf mit einem ſtrahlenden Lächeln.„Sie haben Recht,“ rief ſie,„ſo muß es, und ſo wird es ſein! Rußland hat ſeine Füße auf das ſchwarze Meer geſtellt, es muß ſeine Bruſt an die Oſtſee lehnen, und mit ſeinen mächtigen Armen die Nordſee beherrſchen.“ „Schweden hat die natürliche Beſtimmung, der Arm Rußlands zu ſein.“ „So iſt es, und da Rußland kein Krüppel ſein darf, ſo verlangt es ſeinen Arm,“ rief Katharina heiter.„Aber wie wird es ihn erhalten?“ „Man bittet Schweden um ſeine Hand, und dann nimmt man nachher ſeinen Arm,“ ſagte Armfelt lächelnd. „Die Hand giebt man der ſchönen Großfürſtin Alexandra, und man giebt ihr kräftige und weiſe Freunde mit, die ſtark und klug genug ſind, den Arm zu faſſen und zu erbeuten.“ „Sie ſind ein ſcharfſichtiger Diplomat, und ich ſehe, daß Sie unſere Pläne durchſchaut haben,“ rief Katharina. „Alſo keine Hinterhalte mehr, keine Verſtellung. Ja, das iſt mein Plan, ja, Alexandra ſoll die Vermittlerin ſein . — — 150 zwiſchen Rußland und Schweden, ſie ſoll den Grundſtein legen zu dem Bau, den ich mir in Schweden aufrichten will, ſie ſoll der Herold ſein, der den Schweden das ſieg⸗ reiche Nahen Rußlands verkündet, der Fourier, der für uns das Quartier beſtellt. Und darum iſt es nothwendig und unerläßlich, daß Alexandra, die Königin von Schweden, eine ruſſiſche Prinzeſſin bleibe, daß ſie Schweden an die Oberherrſchaft Rußlands gewöhne, und in Schweden unſerer heiligen, griechiſchen Religion die erſte Kirche erbaue.“ „Das Reichsgrundgeſetz Schwedens verlangt indeſſen, daß ſeine Fürſten und Fürſtinnen zu der Religion des Landes ſich bekennen.“ „Man muß dieſes Geſetz umſtoßen,“ rief Katharina ungeduldig. „Man muß es mindeſtens zu umgehen ſuchen,“ ſagte Armfelt ruhig. Die Kaiſerin ſeufzte und heftete ihre Augen auf Armfelt's ruhiges, lächelndes Geſicht.„Ah, das iſt ein guter Rath, den Sie mir da ertheilen,“ ſagte ſie,„man muß das Geſetz zu umgehen ſuchen. Aber wie fängt man das an?“ „Man ſucht von dem König zu erlangen, daß er nicht auf einen öffentlichen Glaubenswechſel ſeiner Braut beſteht. Man ſagt ihm, dies ſolle in der Stille, ganz ohne Aufſehen 8 151 geſchehen, man müſſe es den fanatiſchen Ruſſen nur ſo lange verſchweigen, bis die Königin von Schweden nach ihrer neuen Heimath abgereiſt ſei. Der König liebt ſeine Braut, er wird daher gern geneigt ſein, ihr jeden unan⸗ genehmen, öffentlichen Eclat zu erſparen, und das Ver⸗ ſprechen, die Großfürſtin ſolle heimlich zur lutheriſchen Kirche übertreken, wird ihm genügen.“ „Und man läßt es alsdann bei dem Verſprechen be⸗ wenden,“ rief Katharina,„und da geſchehene Dinge nicht mehr zu ändern ſind, ſo wird der König von Schweden es ſeiner jungen, geliebten Gemahlin wohl verzeihen, wenn ſie ihm in einer vertraulichen Stunde bekennt, daß ſie ihrem Glauben eben ſo treu geblieben iſt, als ſie es ihrer Liebe ſein wird.“ „Man muß dem jungen König begreiflich machen, daß es ehrenvoller für ſeine Gemahlin iſt, wenn ſie nicht darein willigt, ihre Religion wie einen Handſchuh zu wechſeln, und daß es beſſer iſt, dieſe Punkte in dem Hei⸗ rathscontract ſo wenig als möglich feſtzuſtellen.“ „Im Gegentheil, ich will dieſen Gegenſtand in dem Contract ganz feſt geordnet ſehen,“ rief Katharina lebhaft. „Ich will ausdrücklich feſtgeſetzt ſehen, daß die Großfürſtin Alerandra ihre eigene Kapelle, ihre Prieſter und die freie Ausübung ihres Gottesdienſtes habe.“ „Um dies zu erlangen, muß man nur ſo vorſichtig 152 ſein, dieſen Paragraphen erſt dann in den Contract zu ſetzen, wenn der König nicht mehr im Stande iſt, ihn zurück zu nehmen. Der Fürſt Platon Zoubow hat mir geſagt, daß die beiden Bevollmächtigten morgen dem König von Schweden den Contractentwurf zur Genehmigung vorlegen wollen, bevor er zur Ausfertigung gelangt, und daß übermorgen der ausgefertigte Contractentwurf der Kaiſerin und dem König zur gemeinſamen Unterſchrift vorgelegt werde. Man läßt alſo aus dem Contractentwurf die betreffende Clauſel fort; wenn der König dieſen ge⸗ nehmigt hat, ſchiebt man ſie in den ausgefertigten Con⸗ tract ein, und—“ „Und dann,“ unterbrach ihn die Kaiſerin lebhaft, „dann legt man dem König erſt ſehr ſpät, erſt kurz vor der Ceremonie der öffentlichen Verlobungsfeier den Contract zur Unterſchrift vor, ſo daß ihm nicht Zeit bleibt, ihn noch einmal durchzuleſen. Das war es doch, was Sie ſagen wollten?“ „Ja, Majeſtät, das war es. „Und ich bin damit und glaube, bus dieſer Plan gelingen wird. Ich danke Ihnen, General, Sie ſind in Wahrheit ein treuer und zuverläſſiger Rath⸗ geber; ich werde Sie belohnen, wie Sie es verdienen. Aber erſt müſſen wir unſer Ziel erreichen, und Sie ſollen uns dazu behülflich ſein! Sie, General von Armfelt, 153 beauftrage ich, ſich zum König Guſtav Adolf zu begeben, und ſein Gemüth ſo zu ſtimmen, daß er nicht auf dem öffentlichen, feierlichen Religionswechſel beſteht. Sie wer⸗ den ihn prüfen, und ergründen, Sie werden ſeiner Unſelbſt⸗ ſtändigkeit zu Hülfe kommen, und ſie zu unſerm Vortheil zu lenken wiſſen. Sie waren der Freund und der Ver⸗ traute ſeines Vaters, und das wird Ihnen auch das Ver⸗ trauen des Sohnes ſichern.“ „Ich danke Eurer Majeſtät für die Auszeichnung, die ſie gnädigſt mir erweiſen wollen. Nur ſtellt ſich leider dieſem Plan ein Hinderniß entgegen. Der König empfängt mich nicht. Ich habe mich täglich um eine Audienz be⸗ worben, aber täglich hat er mir erwiedern laſſen, daß er für mich nicht zu ſprechen ſei. Ich habe mich ſchriftlich an ihn gewandt, aber er hat mir meine Briefe mit dem Bemerken zurückgeſchickt, daß er von mir keine Briefe empfange. Ich habe mich Morgens zur Audienzſtunde des Königs in das Geſandtſchaftshotel begeben, um wenig⸗ ſtens bei einer allgemeinen Audienz mich dem König vor⸗ zuſtellen, allein die Wachen vor der Thür des Andienzfaales haben mich zurückgewieſen, indem ſie ſagten, es ſei aus⸗ drücklicher, königlicher Befehl, den Baron von Armfelt nicht in den Audienzſaal zu laſſen.“ „Der Haß des Herzogs von Södermanland iſt alſo noch immer ſehr leidenſchaftlich und thätig,“ ſagte die 1859. V. Die letzten Lebenstage Katharina's II. 10 —————— ——— x 154 Kaiſerin gedankenvoll.„Denn nicht wahr, Sie ſind doch der Meinung, daß dies Alles nur von dem Regenten aus⸗ geht, daß er es iſt, der Sie um jeden Preis von dem jungen König fern zu halten ſucht, weil er Ihren Einfluß auf ihn fürchtet?“ „Es iſt möglich, daß nur der Regent die Veranlaſſung iſt, aber es kann auch ſein, daß der König ſelber mich nicht ſprechen will, und mir abgeneigt iſt. Der junge König iſt ein glühender Patriot, und er hält mich für einen Rene⸗ gaten.“ „Ich will Ihnen die Gelegenheit geben, zu dem König zu gelangen, und ihn ohne Zeugen zu ſprechen,“ ſagte die Kaiſerin raſch.„Ich habe dem König verſprochen, ihm heute die Briefe ſeines edlen Vaters, welche dieſer einſt in Bezug auf die Vermählung ſeines Sohnes und meiner Enkelin an mich gerichtet hat, zu überſenden. Aber ich hatte dem König gleich geſagt, dieſe Briefe ſeien mir ſo werth und theuer, daß ich ſie ſofort wieder zurück haben müſſe, und einen meiner Kammerherrn beauftragen werde, ſo lange zu warten, bis Seine Majeſtät die Briefe, die mein Kammerherr nur in des Königs eigene Hände legen dürfe, geleſen habe. Ich ſende Sie nun mit den Briefen zu dem König, und da ich geſagt, ich werde die Briefe durch einen meiner Kammerherrn ſenden, ſo ernenne ich Sie hierdurch zu meinem Kammerherru. Man ſoll Ihnen das Patent noch heute ausfertigen und überſenden. Still, keinen Dank! Nicht der Titel iſt es, der den Mann ehrt, ſondern der Mann ehrt den Titel! Hier iſt das Packet! Ich habe dieſe ſchönen Briefe des edlen Königs Guſtav heute ſelbſt ausgeſucht, und in dieſem Packet verſiegelt. Sehen Sie, es ſteht ſogar ſchon darauf:„Von dem Ueber⸗ bringer in des Königs eigene Hände niever zu legen.“ Sie ſind alſo der Ueberbringer! Dieſes kleine Packet wird der Talisman ſein, welcher Ihnen die Pforten des königlichen Kabinets öffnet. Nehmen Sie!“ Baron Armfelt nahm das Packet, und drückte einen ehrfurchtsvollen Kuß auf die Hand, welche es ihm dar⸗ reichte. „Gehen Sie jetzt, mein Herr Kammerherr,“ ſagte die Kaiſerin mit einem gnädigen Kopfneigen.„Bringen Sie dem König von Schweden meine Grüße, und ſagen Sie ihm, daß die Kaiſerin von Rußland ihn eben ſo zärtlich liebt, wie ihre Enkelin Alexandra.“ „„Gelobt ſei Gott,“ murmelte Armfelt, als er mit raſchen Schritten das kaiſerliche Palais verlaſſen und ſeinen Wagen beſtiegen hatte, der ihn nach dem ſchwediſchen Geſandtſchaftshotel fahren ſollte, in welchem der König reſidirte„Gelobt ſei Gott, ich habe meinen Zweck er⸗ reicht, ich habe mir den Weg geebnet, um zu dem König zu gelangen, und die verſchloſſenen Thüren zu öffnen. Ich 10* 156 kenne die Pläne Rußlands, und ich werde dem König be⸗ weiſen, daß ich wirklich, wie die Kaiſerin Katharina ſagt, ein treuer und zuverläſſiger Diener bin! Der König hat dem ſchwediſchen Baron Armfelt eine Audienz verweigert, er wird ſie dem kaiſerlichen Kammerherrn bewilligen. Ich werde den König endlich ſehen, ich werde ihm allein gegen⸗ über ſtehen. Möge Gott und die Erinnerung an mein Vaterland meiner Zunge Beredtſamkeit geben.“ Achtes Capitel. Das Teſtament Guſtav's III. 1 König Guſtav Adolf befand ſich allein in ſeinem Kabinet. Er hatte ſo eben eine letzte Conferenz mit dem Grafen Steding und dem Fürſten Zoubow gehabt, und auf die Anfrage des Fürſten Zoubow, ob der König darauf beſtehe, daß die Großfürſtin öffentlich zur lutheriſchen Re⸗ ligion übertrete, hatte der König geantwortet, daß er ein ſolches Opfer nicht begehre, daß es genüge, wenn der Ueber⸗ tritt der Großfürſtin ganz in der Stille geſchehe. Daran dachte der König jetzt, als er allein war, und indem er daran dachte, hatte er ſeine Blicke auf das Mi⸗ niaturportrait der Großfürſtin Alexandra geheftet, das, ein Geſchenk der Kaiſerin Katharina, an einer feinen venetia⸗ niſchen Kette um ſeinen Hals hing. „Sie iſt ſchön,“ flüſterte der junge König, dieſes ſo 158 liebliche, ſo verlockende Portrait mit den glänzenden Augen eines Liebhabers betrachtend,„ja, ſie iſt ſehr ſchön, meine Alerandra, aber ſie iſt eben ſo gut, als ſie ſchön iſt, und eben ſo klug, als ſie gut iſt. Oh, ſie wird mir und meinem Lande Heil und Glück bringen, und meine Schweden wer⸗ den ſie lieben, wie ich ſie liebe. Ja, ich liebe ſie, und— nun was giebt's?“ unterbrach ſich der König, als die Thür ſich leiſe öffnete und ein Lakai hereintrat. „Sire,“ ſagte der Lakai ehrfurchtsvoll,„es iſt ein Herr da, welcher Ew. Majeſtät dringend zu ſprechen be⸗ ehrt.“ „Was für ein Herr? Doch nicht wieder der Baron Armfelt?“ „Ich kenne den Baron Armfelt nicht, Sire. Aber der Herr, welcher im Vorſaal ſteht, kommt von Ihrer Majeſtät der Kaiſerin.“ „Ah, von der Kaiſerin,“ rief der König lebhaft. „Was will er?“ „Er hat mir befohlen, Ew. Majeſtät zu melden: der Kammerherrder Kaiſerin bringe das bewußte Packet, und habe Befehl, es nur in die Hände Ew. Majeſtät niederzulegen.“ „Ich weiß, ich weiß,“ ſagte der König haſtig.„Oeffne die Thüren, laß den Kammerherrn der Kaiſerin eintreten, und gieb Befehl, daß, ſo lange dieſer Herr ſich hier in meinem Kabinet befindet, Niemand in daſſelbe eintreten darf.“ Der Lakai trat in den Vorſaal zurück, der junge König ſchob das Portrait ſeiner Braut in ſeinen Buſen, und haſtig aufſtehend, um dem Boten der Kaiſerin entgegen zu gehen, ſagte er:„Die Briefe! Ich werde alſo endlich dieſe Briefe meines theuren Vaters leſen, ich werde ſehen, daß er meine Vermählung mit der Großfürſtin gewünſcht hat, daß ich für dieſelbe ſeinen Segen und ſeine Zuſtimmung habe. Ach, wie ſehnt ſich mein Herz dieſen Briefen entgegen!“ Der Kammerherr der Kaiſerin trat ſo eben in das Kabinet ein, und machte dem König eine tiefe, ceremonielle Verbeugung. Der Lakai ließ hinter ihm die Thür in's Schloß fallen, der König und der Kammerherr waren jetzt allein. „Sie bringen mir die Briefe meines Vaters?“ fragte der König haſtig, den Kammerherrn gar nicht anſehend, die Blicke auf das kleine Packet gerichtet, das dieſer in der Hand hielt. in „Ja, Sire, ich bringe Ew. Majeſtät dieſe Briefe,“ ſagte der Kammerherr, aber er gab die Antwort auf dieſe Frage, welche der König in franzöſiſcher Sprache an ihn gerichtet, in ſchwediſcher Sprache. Der König ſchrak leicht zuſammen, und hob die Augen von dem Packet zu dem Angeſicht des Ueberbringers empor. „Baron Armfelt,“ rief er heftig, und eine glühende Röthe des Zorns überflog einen Moment ſein Angeſicht. ⸗ 160 „Ja, Baron Arufelt, welcher endlich ſo glücklich iſt, ſeinen König zu ſehen, und ihm ſeine Huldigung darzu⸗ bringen,“ ſagte Armfelt lebhaft, indem er ſich vor dem König auf ein Knie niederließ und die königliche Hand er⸗ greifen wollte, um ſie an ſeine Lippen zu drücken. Aber Guſtav Adolf trat einen Schritt zurück.„Man hat Ihnen alſo nicht geſagt, mein Herr, daß ich Sie nicht ſehen, nicht ſprechen will?“ fragte er. „Ja,“ ſagte Armfelt fanft,„man hat es mir geſagt, aber ich habe es nicht geglaubt. Ich habe gedacht, daß ein ſo ſtrenger Befehl nicht von meinem gnädigen König, ſondern nur von dem Herzog von Södermanland aus⸗ gehen könne.“ „Darin haben Sie geirrt,“ rief der König barſch. „Ich ſelber gab den Befehl. Es ſtand mir nicht an, mit einem Treuloſen, einem Verräther, einem Renegaten zu⸗ ſammen zu kommen.“ „Oh, meine Feinde haben alſo doch den Sieg über mich davon getragen,“ ſagte Armfelt traurig.„Sie haben mir das Vertrauen meines Königs abwendig gemacht, ſie haben mich ihm als einen Treuloſen und Abtrünnigen ver⸗ dächtigt.“ „Und daß Sie dies ſind, davon giebt der Titel, mit welchem Sie ſich hier einführen, gültiges Zeugniß. Sie ſind Kammerherr der Kaiſerin von Rußland, das heißt, 161 Sie haben Ihr Vaterland, hre Religion, Ihren König abgeſchworen, Sie haben die Fahne verlaſſen, welcher Sie ewige Treue gelobt, Sie haben Ihren Gott verleugnet, Sie ſind ein Ruſſe geworden! Nun wohl, mein Herr, ich, welcher im Begriff bin, eine ruſſiſche Prinzeſſin zu heirathen, ich werde den Ruſſen niemals meine Achtung, meine Anerkennung verſagen, nur müſſen dieſe Ruſſen keine Verräther, keine Mörder ſein!“ „Eure Majeſtät glauben alſo an dieſe elende Be⸗ ſchuldigung des Herzogs von Södermanland? Sie glauben, daß ich ſo ehrlos, ſo feig und verruchtgeweſen, Mörderhände gegen das Leben des Regenten von Schweden zu kaufen?“ „Ich glaube es, weil der Herzog Sie angeklagt hat, ohne daß Sie ſich zu rechtfertigen verſuchten, ich glaube es, weil ich den ſchwediſchen Baron Armfelt, den ich als Geſandten nach Neapel geſchickt, hier in Petersburg als ruſſiſchen General, als Kammerherrn der Kaiſerin wieder⸗ finde, ohne daß ich ihn aus meinen Dienſten entlaſſen habe, ohne daß er von den gegen ihn erhobenen Beſchul⸗ digungen ſich gereinigt hat. Waren Sie wirklich un⸗ ſchuldig, mein Herr, ſo hätten Sie nach Schweden kommen müſſen, um Ihre Ankläger der Lüge zu überführen.“ „Um den Mördern in die Hände zu fallen, welche der Herzog von Södermanland gedungen, mich zu tödten, den Mördern, welchen ich in Neapel nur durch die Flucht ent⸗ gangen bin, denen ich in Stockholm aber ſicherlich nicht ent⸗ gangen wäre, denn der Herzog haßt mich, weil er mich fürchtet, er muß mich vernichten, weil ich ihm gefährlich bin, weil ich ſeine Geheimniſſe kenne. Ich bin ſein lebendiges Gewiſſen, und indem er mich tödtet, will er ſein Gewiſſen ertödten.“ „Ah, ſtatt ſich zu vertheidigen, klagen Sie an,“ rief der König geringſchätzend.„Genug, mein Herr! Sie ſind hier eingetreten als der Kammerherr der Kaiſerin, welcher von ſiner Herrin eine Botſchaft an mich auszu⸗ richten hatte. Nun wohl, entledigen Sie ſich Ihres Auf⸗ trags und dann gehen Sie!“ „Nein, ich bin hier eingetreten als der treue und ehr⸗ erbietige Diener meines Königs, Sire,“ ſagte Armfelt mit einem Adel des Ausdrucks, der dem König wider ſeinen Willen imponirte.„Ich bin hier eingetreten als ein Mann, den der König Guſtav III. ſeiner Freundſchaft würdigte, dem er ſo ſehr vertraute, daß er ihn zum Mit⸗ glied des Regentſchaftsrathes ernannte. Sire, dieſe Briefe Ihres Vaters haben mir die Thüren geöffnet, welche Ihr Wille mir verſchließen wollte! Bei dem edlen und theuren Namen Ihres Vaters, bei dem Andenken an den unglück⸗ lichen König, deſſen Tod noch nicht gerächt iſt, deſſen wahre Mörder leben, obwohl Ankarſtröm hingerichtet ward, deſſen wahre Mörder ich kenne, und die mich vernichten wollen, weil ſie mich fürchten, bei dem Andenken an das Blut Guſtav's III. fordere ich von dem Sohn meines königlichen Freundes, daß er meine Rechtfertigung anhöre.“ „Nun wohl,“ ſagte der junge König tief erſchüttert, „ich höre Sie an! Sie ſollen den Namen meines Vaters nicht vergeblich angerufen haben, ſuchen Sie ſich zu recht⸗ fertigen, und wenn es Ihnen gelingt, wird es meinem Herzen wohl thun.“ Er ſetzte ſich auf den Divan und winkte Armfelt, auf dem ihm gegenüberſtehenden Tabouret Platz zu nehmen. „Sire,“ ſagte Armfelt,„Eure Majeſtät haben mich angeklagt, Sie haben mich einen Verräther, einen Mörder genannt. Erlauben Sie mir, daß ich die erſtere Anklage erſt ſpäter beantworte, erſt dann, wenn ich Eure Majeſtät überzeugt habe, daß ich kein Mörder bin, erſt dann, wenn der Geiſt Ihres Vaters, der ohne Zweifel in dieſem er⸗ habenen Moment bei uns iſt, einen Schimmer des Ver⸗ trauens, das er zu mir hegte, in Ihre Seele hat leuchten laſſen, wenn Ihr großmüthiges Herz mir hat Gerechtig⸗ keit widerfahren laſſen, und Eure Majeſtät erkannt haben, daß Derjenige, welchen der König Guſtav III. bis zum letzten Augenblick ſeines Lebens geliebt hat, daß Der ſich nicht ſo weit erniedrigen konnte, um ſeine Hände mit einem Mord beflecken zu wollen, daß Der niemals ſeinem Vater⸗ land und dem Sohn ſeines angebeteten Königs untren werden konnte. Sire, oh öffnen Sie mir doch Ihr Herz, „ haben Sie Vertrauen zu mir, und wäre es auch nur des⸗ halb, weil Ihr Vater mich geliebt hat!“ „Es iſt wahr,“ ſagte Guſtav Adolf gedankenvoll, „mein Vater hat Sie ſehr geliebt, und obwohl man mich in jenen unglücklichen Tagen, die ſeinem Tode vorauf⸗ gingen, ganz fern von meinem Vater hielt, weil man ſagte, die Gemüthsbewegung könne ſeinen Tod beſchleunigen, obwohl man mich dieſe ſechs fürchterlichen Tage lang ge⸗ wiſſermaßen als Gefangenen in meinen Zimmern bewachte, ſo habe ich doch erfahren, daß Sie bis zum letzten Mo⸗ ment bei meinem Vater geweſen, daß er in Ihren Armen ſeinen letzten Seufzer ausgehaucht, daß Sie es waxen, der ihm die Angen zugedrückt. Ja,“ fuhr der König fort, immer mehr ſich ſeinen Erinnerungen hingebend,„ja, man hat mir das erzählt; ſo ſtreng es auch Jedermann verboten war, mir Nachricht über dieſe Unglückstage zu geben, ich habe es doch erfahren, und ich habe mich oft verwundert gefragt, warum der König, mein Vater, nicht in dieſen Tagen ſeinen nächſten und natürlichſten Freund, den Herzog von Söder⸗ manland, an ſeiner Seite hatte. Warum der Bruder des Königs nicht die Liebeswache an ſeinem Bette hielt?“ „Sire, ich bin im Stande, Ihnen darüber Aufklä⸗ rung und Antwort zu geben. Wollen Eure Majeſtät es mir erlauben?“ „Sprechen Sie,“ ſagte der König, der, ganz hingegeben 165 den Erinnerungen an ſeinen Vater, gar nicht mehr daran dachte, daß Derjenige, der zu ihm ſprach, noch kurz zuvor ihm als Verräther und Mörder erſchienen war.„Sprechen Sie, Baron.“ „Ich will es,“ ſagte Armfelt feierlich,„zuvor aber ſchwöre ich bei dem heiligen Andenken an Ihren königlichen Vater, daß das, was ich ſagen werde, die heilige, lautere Wahrheit iſt. Möge der Zorn des Himmels mich zer⸗ ſchmettern, wenn ein unwahres Wort, eine falſche Be⸗ ſchuldigung ſich über meine Lippen wagen ſollte! Eure Majeſtät fragen, weshalb der König auf ſeinem Schmer⸗ zenslager nur mir und einigen Getreuen ſeine Pflege an⸗ vertraute? Warum er ſeinen Bruder, den Herzog von Södermanland, nicht an ſeinem Bett die Liebeswache halten ließ? Sire, der König Guſtav fürchtete die Liebeswache ſeines Bruders!“ „Er fürchtete ſie?“ fragte der König erſtaunt. „Ja, Sire, und dies iſt keine leere Vermuthung, keine bloße Annahme von mir, ſondern der König ſelber hat es mir geſagt. Es war am erſten Abend nach ſeiner Verwundung, der Arzt hatte den erſten Verband angelegt, und die äußerſte Ruhe und Schonung des Leidenden an⸗ empfohlen. Graf Eſfen und ich ſaßen allein an dem Bett des Königs, der zu ſchlafen ſchien. In dieſem Moment hörte man im Nebenzimmer die Stimme des Herzogs von 166 Södermanland, der in lautem, ſchmerzlichem Ton mit dem Arzt ſprach, und von ihm verlangte, daß er ihn, den Her⸗ zog, bei dem königlichen Patienten die Nacht wachen laſſe. Der König erbebte, und öffnete auf einmal ſeine Augen. Seine klaren, glänzenden Blicke ruhten auf mir, mühſam erhob er die rechte Hand ein wenig von der Bettvecke, und ganz leiſe flüſterte er:„neigen Sie ſich zu mir, raſch!“— Ich ſtand alſo auf, und neigte mich über das Bett des königlichen Märtyrers nieder, ſo dicht, daß ſeine Stirn meine Wange, ſeine glühenden Lippen mein Ohr be⸗ rührten.“ „Und was ſagte Ihnen mein Vater?“ fragte Guſtav Adolf, deſſen Athem fieberhaft und keuchend aus ſeiner Bruſt hervorging. „Er ſagte:„laſſen Sie mich nicht allein mit ihm, blei⸗ ben Sie bis zum Tode oder zu meiner Geneſung an meinem Bett. Laſſen Sie mich nicht allein mit ihm, denn er wäre im Stande, mich zu erdroſſeln, da der erſte Mordverſuch nicht geglückt iſt.“ „Ah, meine Ahnung, meine fürchterliche Ahnung,“ ſagte der junge König, ſeine Hände vor ſein todesbleiches zuckendes Antlitz legend. Aber dann, gleichſam erſchreckend vor den Worten, die der Schmerz ſeiner Seele erpreßt hatte, ließ er ſeine Hände wieder niedergleiten, und ſagte, 167 ſeinen Schmerz bekämpfend:„vielleicht war dies nur eine Folge des Fiebers; vielleicht ſprach der König dieſe entſetzlichen Worte, ohne es zu wiſſen, es waren nur Bil⸗ der ſeiner überreizten Phantaſie, welche ihn umgaukelten.“ „Nein, Sire, der König ſprach ganz vernünftig und beſonnen, er phantaſirte gar nicht, ſondern mit ſeinem ſtarken, vollkräftigen Geiſt beherrſchte er das Fieber, wie er ſeine fürchterlichen Schmerzen beherrſchte.“ „Sie glauben, daß mein Vater Schmerzen litt? Man ſagte mir, daß er wunderbarer Weiſe gar keine Schmerzen empfunden, daß er nie geklagt habe.“ „Nein, er hat nie geklagt, der ſtolze, ſtarke Mann, der noch auf ſeinem Todtenbette ein König ſein wollte, über irdiſche Schmerzen erhaben, deſſen großmüthiges Herz ſeinen trauernden Freunden das Bewußtſein ſeiner Qua⸗ len verbergen wollte. Aber Gott hat gewollt, daß ich Zeuge ſein ſollte ſeiner Schmerzen, und daß ich ſeinem Sohn ein Beiſpiel geben ſollte von der großen und wahr⸗ haft königlichen Seelenſtärke ſeines königlichen Vaters. Ja, Sire, der König litt furchtbare Schmerzen, denn der Schuß Ankarſtröm's hatte die edelſten Theile ſeines Kör⸗ pers getroffen, und die Piſtole des Mörders war mit Nagelköpfen und Nagelſpitzen geladen geweſen, die ſich tief in das Fleiſch eingebohrt hatten, und aus der Wunde nicht — 168 entfernt werden konnten.“ Aber wie ich Eurer Majeſtät ſchon ſagte, der König beherrſchte mit klarem Geiſt das Fieber ſowohl, als ſeine Körperſchmerzen. Einmal indeß ſchien er zu ermatten; es war am dritten Tage ſeines Lei⸗ dens, als wir zum erſten Mal einen Ton der Klage und des Jammers von den Lippen des edlen Dulders vernah⸗ men. Dieſer Ton machte unſere Wangen erbleichen, und trieb Thränen in unſere Augen. Der König ſah es, und ſofort zwang er ſeine zitternden Lippen zu einem Lächeln, und verſicherte uns, daß dieſer kleine Schmerzensanfall ſchon vorüber, daß er jetzt wieder, wie immer, ganz ſchmerz⸗ los ſei. Dann nach einer kleinen Weile, in welcher er ruhig und ſtill da gelegen, forderte der König alle Anwe⸗ ſenden auf, das Zimmer zu verlaſſen. Er wolle allein, ganz allein ſein, ſagte der König, Niemand ſolle bei ihm bleiben, denn er wolle ſchlafen, und bei der Ueberreiztheit ſeiner Nerven ſtöre ihn ſchon der leiſeſte Athemhauch, ſchon das Gefühl der Nähe eines Andern, und er wolle ver⸗ ſuchen, zu ſchlafen. Es ſollten alſo Alle hinausgehen, und erſt nach einer Stunde ſollten wir wieder in das Krankenzim⸗ mer eintreten. Alle Anweſenden zogen ſich daher zurück, *Lebensbeſchreibung des Generals Baron Guſtav Moritz von Armfelt. Mitgetheilt in den„Zeitgenoſſen.“ Dritte Reihe. Vierter Band. Heft XXKI. S. 122. 170 hören konnte, dann ſtieß der König einen herzzerreißenden Klageton aus, und mit bebenden Lippen ſagte er:„Gott ſei Dank! Ich bin allein, und Niemand hört meine Kla⸗ gen!“ Und nun, Sire, nun klagte der König. Seufzer, Schmerzenslaute, wie ich ſie nie gehört, drangen von ſeinen Lippen, welche jetzt Worte der Verzweiflung ausſtießen, und dann Gebete des Jammers zu Gott empor ſandten, die den Himmel anfleheten, dieſen fürchterlichen Martern ein Ende zu machen. Dann wieder brach der König aus in rührende Klagen über ſeinen frühen Tod, in Klagen, welche uns Beide, die wir hinter dem Schirm auf den Knieen lagen, und unſere Hände gegen unſere Lippen geballt hat⸗ ten, um unſer Schluchzen zu unterdrücken, das Herz wie mit Dolchen durchwühlten. Aber mitten in ſeinen Klagen um das Leben, flehte der König, von entſetzlichen Schmerzen gefoltert, wieder um den Tod, und ſeine Worte erſtarben in Wimmern und wildem Geſtöhn. Das dauerte eine ganze Stunde, eine Stunde, in welcher ich Jahre der Qual durchlebte, in welcher mein Haar erbleichte, und die Freu⸗ digkeit meines Herzens für immer erſtarb. Dann, als die im Zimmer des Königs befindliche Pendule die volle Stunde anſchlug, verſtummte der König auf einmal in ſeinen Klagen, und ſagte leiſe:„die Stunde iſt vorüber. Ich muß wieder ſtark ſein.“ Wenige Minuten ſpäter öff⸗ neten wir die Thür, und uns den Anſchein gebend, als 3 171 kämen wir, da die Stunde abgelaufen, wieder aus dem Vorſaal herein, traten wir an das Bett des Königs. Er reichte uns mit einem ſanften Lächeln ſeine Hände dar und ſagte ich habe wirklich dieſe ganze Stunde herrlich ge⸗ ſchlafen, und ich fühle mich recht ſehr geſtärkt und erquickt davon.“* „Oh, mein Gott, mein Gott,“ ſeufzte Guſtav Adolf, das Antlitz von Thränen überfluthet,„welch' ein großer, edler Geiſt wohnte in dieſem königlichen Körper! Oh, werde ich meinem Vater jemals gleichen, werde ich die Schmerzen dieſer Erde jemals überwinden können, wie er es that?“ „Sie werden es, Sire, denn der Geiſt Ihres Vaters wohnt in Ihnen, und ſein Segen ruht auf Ihrem Haupte.“ „Sein Segen,“ ſeufzte der König ſchmerzvoll.„Mein Vater iſt geſtorben, ohne mir ſein letztes Lebewohl zu ſa⸗ gen, ohne noch einmal ſeine Hand ſegnend auf mein Haupt zu legen. Nur an dem erſten Tage ſeines Leidens, we⸗ nige Stunden, nachdem die fürchterliche That geſchehen, ließ der König ſeine Gemahlin und mich an ſein Bett ru⸗ fen, um von uns Abſchied zu nehmen und uns zu ſegnen, denn er glaubte damals, daß er in der nächſten Stunde noch ſterben werde. Nachher habe ich ihn nicht wieder *Hiſtoriſch. Siehe:„Der Mohr“ von Cruſenſtolpe. Th. VII. 11* ——— — 172 geſehen, und erſt, nachdem er ſein Leben ausgehaucht, ließ man mich zu der Leiche meines Vaters, um ſein kaltes Antlitz mit Thränen zu bethauen, und auf ſeinen ſtarren Lippen die letzten Küſſe ſeiner Vaterliebe zu ſuchen. Sie aber, Armfelt, Sie waren Zeuge von der Sterbeſtunde meines Vaters. Erzählen Sie mir davon. Wiederholen Sie mir, was der König in den letzten Momenten ſeines Lebens gethan, geſprochen hat.“ „Sire, der König beſchäftigte ſich, ſobald man ihm geſagt, daß er nur noch wenige Stunden zu leben hätte, aus⸗ ſchließlich mit dem Wohl ſeines Landes und ſeiner Familie. Er hatte in einem früher gemachten und ſeit drei Jahren ſchon bei dem königlichen Hofgericht niedergelegten Teſta⸗ ment den Herzog Karl von Södermanland, im Fall ſeines Todes vor der Volljährigkeit des Königs, zum Regenten ernannt. Jetzt auf einmal erklärte der König, er wolle in einem Codicill dieſe Beſtimmung zurücknehmen, und nicht der Herzog, ſondern ein Reichsrath ſolle die Regent⸗ ſchaft übernehmen. Aber wir beſchworen ihn um der Ehre des königlichen Hauſes willen, dies nicht zu thun, weil dadurch der Verdacht des Volkes, welches den Herzog ganz laut der Theilnahme an der Mordthat beſchuldigte, neue Nahrung erhalten würde. Der König gab unſern Grün⸗ den nach, und entſchloß ſich, dem Herzog die Regentſchaft zu laſſen, ihm aber durch einen Regentſchaftsrath die Hände 173 zu binden. Die Beſtimmungen für den Regentſchaftsrath wollte er in einem Codicill feſtſetzen, und er ließ daher den Staatsſecretair Schröderheim und zwei ſeiner Schreiber zu ſich rufen, um ihnen das Codicill zu diktiren, das er dann mit feſter Hand im Beiſein der Zeugen unterzeich⸗ nete und unterſiegelte. Aber dieſe große Anſtrengung hatte die letzten Kräfte des Sterbenden aufgezehrt, das anhaltende Sprechen hatte den Tod, der ſo lange auf ſeine Beute gelauert, näher herbei gerufen. Der König ließ alle ſeine Freunde, die in dieſen Tagen bei ihm geweſen, an ſein Bett treten und nahm in rührenden, zärtlichen Worten von ihnen Abſchied. Zuletzt reichte er mir die Hand, und im Beiſein aller Andern ſagte er:„Schwören Sie in meine Hände, meinem Sohn dieſelbe Anhänglich⸗ keit und Treue zu bewahren, die Sie mir verſprochen haben.“— Ich ſchwur es in die kalte Hand des Sterbenden. Er lächelte, und die Augen gen Himmel wendend, ſagte er: Armes Kind! Es bedarf der Freunde. Sie werden ſein Freund ſein, wie Sie der meine waren, und Sie wer⸗ den niemals ſeine Intereſſen verlaſſen, nicht wahr?— Meine Augen ſtrömten von Thränen über, mein Herz ſchlug ſo heftig, daß ich nicht zu antworten vermochte, und meine Lippen auf die zitternden Hände des Königs drückte. Sire, ſagte ich endlich, Sire, ich werde meinem jungen König treu ſein und ihm dienen, wie ich es Ihnen gethan. 174 Aber werde ich auch immer die Kraft und Gelegenheit dazu haben?— Immer, erwiederte der König mühſam, ich habe meine Vorkehrungen getroffen, ich— Seine Stimme ſtockte, der Tod hatte ſchon den erſten Kuß auf ſeine Lippen gedrückt.— Sire, rief ich, ſoll ich die Königin und die königliche Familie rufen?— Nein, antwortete er, noch nicht, ich bin ſo müde, ich will etwas zu ſchlafen verſuchen. Und der König neigte ſein Haupt zurück; ein Seufzer tönte von ſeinen Lippen, dann ward Alles ſtill— der König war todt!“* Guſtav Adolf neigte ſein Haupt auf ſeine Bruſt, aus der ein tiefes, ſchmerzliches Stöhnen hervorging.„Und das Codicill?“ fragte er dann nach einer langen Pauſe, ſich wieder aufrichtend. „Sire, das Codicill ward am Todestage des Königs, in Gegenwart des Herzogs und ſeines Conſeils vorgeleſen. Dieſem Codicill zufolge ſollte Schröderheim, Graf Eſſen und ich den Regentſchaftsrath des Herzogs bilden, und nichts ſollte während der Minderjährigkeit des Königs ohne unſere Zuſtimmung und Billigung geſchehen, auch ſollte der Herzog nicht das Recht haben, Einen von uns von der Regierung zu entfernen.“ Dieſe Erzählung iſt genau nach dem Bericht Armfelt's. Siehe: Zeitgenoſſen. 175 „Aber wie kam es, daß man dies Codicill nicht zur Ausführung brachte?“ fragte der König lebhaft. „Sire, der Herzog wußte es durch einen Gewalt⸗ ſtreich zu verhindern. Er hatte, während Schröderheim das Codicill vorlas, ſich in heftiger Bewegung von ſeinem Sitz erhoben, und war unruhig und mit düſterm Angeſicht auf⸗ und niedergegangen. Dann war er vor dem großen Kamin, in welchem man ein großes Feuer angezündet hatte, ſtehen geblieben, und hatte, während Schröderheim das Codicill zu Ende las, finſter in die lodernden Flammen geſtarrt. Jetzt, nachdem die Vorle⸗ ſung zu Ende war, trat eine lange, feierliche Pauſe ein, daun auf einmal ſagte der Herzog: es find harte Bedin⸗ gungen, welche mir der ſelige König da auferlegt hat, aber es verſteht ſich von ſelbſt, daß ich ſie erfüllen werde. Schrö⸗ derheim, geben Sie mir die Schrift, ich muß mich mit eigenen Augen überzeugen, daß das Alles ſo geſchrieben ſteht.— Schröderheim reichte ihm das Codicill, und der Herzog, noch immer dicht vor dem Kamin ſtehend, begann zu leſen. Auf einmal ſtieß er einen tiefen und ſchmerz⸗ lichen Seufzer aus, und die Arme, gleichſam überwältigt von Kummer, ſinken laſſend, rief er: oh, mein Bruder, Du haſt mir gemißtrauet, mir, der ich Dich ſo grenzenlos liebte, daß ich— Er ſchwieg, und ein Schreckensruf tönte von ſeinen Lippen. Und in der That, es war wohl Grund 176 dazu, denn in ſeinem Kummer hatte er das Codicill ver⸗ geſſen, das er in der Hand hielt; es war ſeinen zitternden Händen entglitten, und war grade mitten in die lodernden Flammen hinein gefallen. Wir ſtürzten herbei, der Herzog ſelber ergriff eine Feuerzange und wollte das Papier her⸗ ausziehen, aber ſeine Bemühungen hatten grade die ent⸗ gegengeſetzte Wirkung, das Codicill ſank tiefer in die Flammen hinein, und bald war es in Staub zerflattert. Nun wandte ſich der Herzog zu uns um, die wir entſetzt, unentſchloſſen da ſtanden. Meine Herren, ſagte er, ein unglücklicher Zufall hat gewollt, daß das Codicill meines Bruders verbrannt iſt, und wir es daher nicht mit dem Teſtament des Königs veröffentlichen können. Aber die Worte dieſes Codicills ſtehen in meinem Herzen geſchrieben, und ich werde Alles getreulich erfüllen, was mein Bruder in dieſem Codicill von mir gefordert hat.? Aber an dem⸗ ſelben Tage ſchon übernahm der Regent ſelbſtſtändig die Regierung; des Codicills ward nicht mehr gedacht, viel⸗ mehr ertheilte der Regent uns Allen, die wir die Regent⸗ ſchaft hatten bilden ſollen, Aufträge, die uns ſofort aus Stockholm entfernten, und als wir uns weigerten, nannte er uns Aufrührer, Rebellen, und drohte uns mit Gefäng⸗ *Siehe: Theodor Mundt: Der Kampf um das ſchwarze Meer. S. 305. Armfelt's Lebensbeſchreibung, S. 132, und„der Mohr von Cruſenſtolpe.“ Th. VII. 177 niß und Anklage, wenn wir nicht ſofort ihm, dem Re⸗ genten des Landes, gehorchten. Wir hätten nur nöthig gehabt, an das Volk, welches den Herzog haßte und ver⸗ wünſchte, zu appelliren, einen Aufſtand herbeizuführen, und wir würden den Regenten geſtürzt, uns an deſſen Stelle geſetzt haben. Aber wir wollten unſer geliebtes Vaterland nicht den Gefahren einer Revolution ausſetzen, wir, die Freunde des gemordeten Königs, wollten der Na⸗ tion ein Beiſpiel geben, daß man ſich dem Geſetz unter⸗ werfen müſſe um jeden Preis, und ſeine perfönlichen Wünſche und Anſprüche dem Vaterland zum Opfer dar⸗ bringen müſſe. Wir unterwarfen uns alſo, und nahmen unſer Schickſal an. Ich ging nach Deutſchland, mit dem Auftrag, den Höfen von Preußen und Sachſen den Tod des Königs und die Thronbeſteigung ſeines Sohnes zu annonciren. In Berlin erhielt ich ein Schreiben, welches mir meine Ernennung zum Geſandten in Neapel brachte, und mir befahl, augenblicklich dahin abzureiſen. Ich ge⸗ horchte, und ging nach Neapel. Aber dem Zorn des Her⸗ zogs war noch nicht Genüge geſchehen. Alle Mitglieder des Regentſchaftsrathes, wie das Codicill ſie bezeichnet hatte, mußten vernichtet und unſchädlich gemacht werden. Graf Eſſen ſtarb eines plötzlichen Todes; wie man ſagte, hatte auf der Jagd eine unvorſichtige Kugel ihn getroffen. Schröderheim ward der Unterſchlagungen angeklagt und 178 eingekerkert. Mich wollte man durch den Dolchſtoß eines neapolitaniſchen Banditen beſeitigen, und da dies nicht gelang, ſollte ich verhaftet, und nach Stockholm geſchleppt werden. Ein ſchwediſches Schiff landete im Hafen vovn Neapel, der Befehlshaber deſſelben begab ſich zu den neapolitaniſchen Behörden, und trug auf meine Verhaf⸗ tung und Auslieferung an. Aber ich hatte mächtige und einflußreiche Freunde, ſie benachrichtigten mich zu rechter Zeit und brachten mich auf ein ruſſiſches Schiff, das, ſowie ich an Bord war, die Anker lichtete. So kam ich hierher nach Petersburg, und hierher wagte mein Feind mir nicht ſeine Verfolger nachzuſenden, denn mich ſchützte die mäch⸗ tige Hand der Kaiſerin. Sire, und jetzt frage ich Sie bei dem Andenken an Ihren Vater, bei der Liebe, die er mir geſchenkt, glauben Eure Majeſtät noch, daß ich es geweſen, welcher Mörderhände gedungen, welcher dann, da ihm die finſtere That nicht geglückt, ſich mit Rußland verbunden habe, um ſein Vaterland zu verderben?“ „Nein,“ ſagte der König feierlich,„ich glaube es nicht mehr. Ich ſpreche Sie frei von der Anklage des Mordes, und— mein Hetz ſträubt ſich, zu glauben, daß der treue und geliebte Unterthan meines Vaters ſeinen Glauben, ſein Vaterland und ſeinen angeſtammten König ſollte aufgegeben haben, um einer fremden Macht zu dienen und einer andern Religion Treue zu ſchwören.“ —— 179 „Sire, ich danke Ihnen für dieſes gnädige Wort,“ rief Armfelt, vor dem König ein Knie beugend und deſſen Hand an ſeine Lippen drückend.„Ja, aus der Tiefe meiner Seele danke ich Eurer Majeſtät, und hier zu Ihren Füßen liegend, ſchwöre ich Eurer Majeſtät, daß ich nie⸗ mals aufgehört habe, Ihr treuer und ergebener Unterthan zu ſein, daß ich ewig des Schwurs eingedenk geweſen, den ich in die Hand des ſterbenden Königs gelobte: ſeinem Sohn meine Treue und Anhänglichkeit zu bewahren, und niemals ſeine Intereſſen zu verlaſſen.“ „Ich glaube es Ihnen,“ ſagte der König tiefbewegt, „ich leſe in Ihren Zügen, daß Sie die Wahrheit ſprechen. Stehen Sie auf, Freund meines Vaters, es ziemt Ihnen nicht, vor mir zu knieen, vor mir, der noch ſo jung iſt, und ſo ſehr des Rathes und der Stütze bedarf.“ „Sire,“ ſagte Armfelt ſich erhebend,„die Stütze werden Eure Majeſtät in Ihrem eigenen männlichen und thatkräftigen Geiſt finden; aber um Eurer Majeſtät einen ½ Rath zu geben, um Sie vor einer großen Gefahr zu war⸗ nen, deshalb bin ich hierher gekommen. Wollen Eure Majeſtät meinen Rath annehmen und meine Warnung empfangen?“ „Sprechen Sie,“ ſagte der König,„der Geiſt meines Vaters giebt Ihnen das Recht dazu, und macht es mir zur Pflicht, Sie anzuhören!“ Ueuntes Capitel. Das Opfer des Herzens. „Wohlan mein König, ſo hören Sie mich,“ ſagte Armfelt feierlich.„Sire, Sie haben mich einen Verräther genannt, und es iſt wahr, der Anſchein ſpricht wider mich. Ich habe in Rußland Schutz gefunden vor den Verfolgun⸗ gen des Regenten von Schweden, ich trage die Uniform eines ruſſiſchen Generals, ich bin heute von der Kaiſerin zu ihrem Kammerherrn ernannt. Hohe ruſſiſche Orden ſchmücken meine Bruſt, und die Kaiſerin würdigt mich der Ehre, mich in manchen Regierungsangelegenheiten zu Rathe zu ziehen. Sie hat mich zu ihrem geheimen Vermittler zwiſchen Rußland und Schweden ernannt, und ich habe die Correſpondenz geführt, und die Intrigue geleitet, deren Reſultat war, daß der junge König von Schweden, trotz der frühern leidenſchaftlichen Feindſeligkeit des Regenten, 181 des Herzogs von Södermanland, nach Petersburg kam, um die Hand der Großfürſtin Alexandra zu werben.“ „Ah,“ ſagte der König mit einem ſanften Lächeln, „ich werde Ihnen alſo meine ſchöne Braut, Ihnen mein häusliches Glück zu danken haben.“ „Sire,“ fragte Armfelt traurig,„Eure Majeſtät lieben alſo die Großfürſtin Alexandra?“ „Ja,“ rief der König,„ich liebe ſie, und ich darf mich nicht ſcheuen, es zu bekennen, denn mir iſt ein Loos beſchieden, welches das Schickſal ſelten den Fürſten ge⸗ währt, ich werde diejenige, welche mein Herz gewählt hat, meine Gemahlin nennen; die Intereſſen der Politik und des Herzens ſind dies Mal in einem ſeltenen Einklang.“ „Ich wollte, daß Eure Majeſtät die Wahrheit ſprä⸗ chen,“ ſeufzte Armfelt,„daß die Intereſſen der Politik Ihnen wirklich geſtatteten, die Prinzeſſin, welche Ihr Herz gewählt hat, zu Ihrer Gemahlin zu machen.“ „Wie?“ rief der König erbleichend.„Sie ſcheinen jetzt daran zu zweifeln? Sagten Sie mir denn nicht ſo eben, daß Sie es ſind, welcher die Verhandlungen geleitet, in deren Folge ich hierher gekommen bin?“ „Ich ſagte es, und es iſt ſo! Ich ließ mich von Rußland täuſchen, wie ſelbſt der ſtarke und durchſchauende Geiſt Ihres edlen Vaters ſich von ihm täuſchen ließ. Denn Sie wiſſen es, Sire, auch der König wütnſchte dieſe Ver⸗ 182 bindung mit einer Enkelin der Kaiſerin Katharina, mit der Großfürſtin Alexandra. Sie werden in dieſem Packet hier, das Ihnen die Kaiſerin geſandt, das Schreiben finden, welches Guſtav III. noch auf ſeinem Todtenbette an die Kaiſerin richtete, in welchem er die Czarina beſchwört, ſeinem Sohn eine Freundin und Beſchützerin zu bleiben, und die zwiſchen den beiden Souverainen verabredete Ver⸗ bindung des jungen Königs mit einer ruſſiſchen Prinzeſſin aufrecht zu erhalten.“ Ich war zugegen geweſen, als der König dieſen Brief ſchrieb, und ich hielt es daher für meine heiligſte Pflicht, alle meine Kräfte aufzubieten, um die letzten Wünſche des ſterbenden Königs, meines geliebten Herrn, zur Ausführung zu bringen. Möge Gott mir dieſen Irrthum verzeihen, denn es war nur die Treue und die Liebe, welche mich ſündigen ließ.“ „Ich verſtehe Sie noch immer nicht,“ ſagte der König beklommen.„Sie ſagen, daß die Verbindung mit einer ruſſiſchen Prinzeſſin meines Vaters ſehnlicher Wunſch ge⸗ weſen, Sie rühmen Sich, daß es Ihren Bemühungen ge⸗ lungen, trotz der feindſeligen Geſinnung meines Oheims, des Regenten, eine Annäherung Schwedens und Rußlands, und meine Hierherkunft zu bewirken, und doch beklagen * Lebensbeſchreibung Armfelt's. Zeitgenoſſen. S. 133. 183 Sie, daß es ſo iſt, und ſprechen von Irrthümern und Täuſchungen? Wie geſagt, ich verſtehe Sie nicht.“ „Eure Majeſtät werden mich nur zu bald verſtehen,“ rief Armfelt.„Sire, es droht Ihrem Vaterland, es droht Ihnen ſelber Gefahr, und Rußland iſt es, von dem dieſe Gefahr ausgeht!“ „Was ſagen Sie da?“ fragte der König erſchauernd, und mit düſtern Mienen auf Armfelt hinblickend. „Ich ſage, daß Ihr Vaterland von Ihnen ein Opfer fordert, daß der König der Liebe des jungen Mannes ent⸗ ſagen muß, um ſeiner Pflicht als Herrſcher genug zu thun. Ich ſage, daß ich ein halbes Jahr lang ſchon den ſchlimmen Abſichten Rußlands auf der Spur bin, daß ich, um den Intereſſen meines Königs zu dienen, mich hier in Peters⸗ burg zum Spion, Horcher und Heuchler gemacht habe, daß ich die Maske eines ruſſiſchen Renegaten trage, weil ich mein ehrliches Schwedenangeſicht nicht zeigen durfte, weil ich Rußlands Abſichten erſpähen, ſeine Pläne und In⸗ triguen ergründen wollte. Und es iſt mir, Dank meiner Verſtellungskunſt, Dank meinen Mühen und ihrer ſtolzen Sicherheit, gelungen, Alle zu täuſchen, Alle an meine Aufrichtigkeit und Dienſtwilligkeit glauben zu machen. Sire, jetzt, vor Ihnen, darf ich meine Maske abwerfen, vor Ihnen habe ich nicht nöthig, als ein Renegat, ein Abtrünniger da zu ſtehen. Gott will endlich mit einem ⸗ 184 ſtatten, meinem Vaterland und meinem König nützlich zu ſein. Sire, ich kam hierher als der Kammerherr der Kai⸗ ſerin Katharina, jetzt aber bin ich nur noch der treue Unterthan meines Königs Guſtav Adolf. Die Kaiſerin hatte mir, ihrem Kammerherrn, befohlen, Eurer Majeſtät zu ſagen, daß die Kaiſerin von Rußland Sie eben ſo zärt⸗ lich liebt, wie ihre Enkelin Alexandra; ich aber, der treue Unterthan Eurer Majeſtät, ich ſage Ihnen, daß die Kaiſerin von Rußland Schweden eben ſo zärtlich liebt, wie ſie Polen, wie ſie die Krim geliebt hat, das heißt, daß ſie Schweden an ſich reißen, es erobern will, wie ſie es mit Polen, mit der Krim gethan hat.“ Der König ſprang auf, und ſeine Wangen, welche vorher ſo bleich geweſen, überzogen ſich jetzt mit einer glühenden Röthe. „Können Sie beweiſen, was Sie da ſagen?“ fragte er heftig und mit faſt drohendem Ton. „Sire, ich kann es, und ich will es. Ich werde Eurer Majeſtät dieſe ganze Intrigue Rußlands enthüllen, ich werde Ihnen zeigen, welches die Abſichten Rußlands ſind, und durch welche Mittel man hoffte, ſein Ziel zu erreichen.“ Und mit flammender Beredtſamkeit, mit aller Kraft der Wahrheit und der Ueberzeugung enthüllte Armfelt jetzt Strahl des Glückes mein Leben verklären, er will mir ge 185 vor dem König das ganze Gewebe dieſer politiſchen In⸗ trigue, durch welche Katharina hoffte, allgemach Schweden zu erobern, berichtete er dem König ſeine ganze letzte Unter⸗ redung mit der Kaiſerin, in welcher ſie ihm ſo offen und rückhaltlos ihre Zukunftspläne mitgetheilt hatte. Der König hatte ihm mit geſpannter Aufmerkſamkeit zugehört, oft ihn unterbrechend mit einer Frage, einem Ausruf des Zorns, der Ueberraſchung. Jetzt, als Armfelt ſchwieg, ſtand Guſtav Adolf auf, und ging mit haſtigen Schritten, das Haupt auf ſeine Bruſt geneigt, auf und ab. „Sire,“ rief Armfelt hochathmend, glühend vor Er⸗ regung,„Sire, ich habe Ihnen jetzt gezeigt, welche Ge⸗ fahren Sie und Ihr Reich bedrohen. Retten Sie alſo Sich, retten Sie Ihr Königreich! Denn Sie ſehen es wohl, die Gefahr iſt dringend, um ſo dringender, da es den Ränken, den Intriguen Rußlands gelungen iſt, ven Herzog von Södermanland für ſich zu gewinnen, und ihn zum Bundesgenoſſen ihrer Pläne zu machen. Oh Sire, Sie ſtehen am Rande eines Abgrundes, treten Sie zurück, ehe eine frevelnde Hand Sie hinunter ſtößt. Begegnen Sie der Intrigue mit einer Intrigue, fangen Sie den im Dunkeln geführten Hieb mit Ihrer Klinge auf, retten Sie Sich!“ „Aber was ſoll ich thun?“ fragte der König bewegt. „Was kann ich anders thun, als auf meiner Huth zu ſein, 1859. V. Die letzten Lebenstage Katharina's II. 12 —————————— 186 und dieſen Plänen der Kaiſerin, da ich ſie kenne, mit männlichem Willen entgegentreten? Oh! Katharina ſoll ſehen, daß der König von Schweden, wenn er auch einer ruſſiſchen Prinzeſſin ſich vermählt, doch nie Vafall Ruß⸗ lands wird, ſondern, daß er ein unabhängiger, ſelbſtſtän⸗ diger Souverain bleibt.“ „Sire, wird er es auch dann noch bleiben, wenn ſeine Geliebte, ſeine Königin eine Vaſallin Rußlands iſt?“ „Das wird meine Gemahlin nicht ſein,“ rief der König heftig.„Alexandra wird mit ihrem reinen und edlen Sinn begreifen, daß es die heilige Pflicht einer Königin von Schweden iſt, nur den Intereſſen des Landes ſich zu weihen, deſſen Krone ſie trägt, deſſen Herrſcherin ſie iſt.“ „Sire, die Großfürſtin Alexandra wird das nicht begreifen, denn ſie darf es nicht mehr. Sie hat der Kai⸗ ſerin Katharina mit einem heiligen Schwur gelobt, daß ſie auch als Königin von Schweden immer noch die Groß⸗ fürſtin von Rußland bleiben, daß ſie nur den Intereſſen Rußlands dienen, und unbedingt in Allem den Befehlen und Rathſchlägen der Kaiſerin ſich unterwerfen will.“ Guſtav Adolf ſtieß einen dumpfen Schrei aus, ſeine Hand faßte ganz unwillkürlich nach dem Portrait, das er an ſeiner Bruſt verborgen hatte, ein kalter Schweiß ſtand in großen Tropfen auf ſeiner Stirn. 187 „Wenn dies wahr iſt, ſo bin ich verloren,“ murmelte er.„Aber nein, dies kann nicht ſein, es iſt eine Verleum⸗ dung. Katharina würde, wenn ſie dies wirklich von ihrer Enkelin gefordert hätte, bei dieſer Scene keine Zeugen haben zugegen ſein laſſen, ſie würde ein ſo gefähtches Geheimniß Niemanden mitgetheilt haben.“ „Sire, Eure Majeſtät wiſſen wohl, daß die Kaiſerin Katharina kein Geheimniß vor dem Fürſten Platon Zoubow hat. Ihm vertraute ſie, unmittelbar nachdem die Prinzeſſin den Schwur geleiſtet, dies Geheimniß an, und Zoubow theilte es mir, den er für ſeinen Vertrauten und Helfershelfer hält, voll triumphirender Freude mit.“ „Sie ſind alſo von der Wahrheit dieſer Ausſage überzeugt?“ fragte Guſtav Adolf, indem er mit dem ſpitzenbeſetzten Batiſttaſchentuch ſich die Stirn trocknete, und damit raſch über ſeine Augen fuhr.„Sie glauben alſo, daß Alexandra wirklich geloben konnte, auch als Königin von Schweden noch Ruſſin zu bleiben, und den Befehlen der Kaiſerin Katharina zu gehorchen?“ „Sire, ich ſchwöre Ihnen beim Geiſte Ihres Vaters, daß ich von der Wahrheit dieſer Ausſage überzeugt bin, daß Zoubow mir nur wiederholt hat, was er als Freuden⸗ botſchaft ſo eben unmittelbar von der Kaiſerin erfahren hatte. Die junge Großfürſtin iſt indeß zu entſchuldigen, denn die Kaiſerin ſagte ihr, nur unter der Bedingung, 12* 188 daß Alexandra dieſen Schwur leiſte, werde ſie zu einer Verbindung der Prinzeſſin mit Eurer Majeſtät ihre Ein⸗ willigung geben. Eure Majeſtät ſehen alſo wohl, daß die Großfürſtin zu entſchuldigen iſt, da ſie Euke Majeſtät liebt!“ „Nein,“ rief Guſtav Adolf heftig,„nein, ſie iſt nicht zu entſchuldigen, denn wenn ſie mich wahrhaft liebte, könnte ſie in Nichts willigen, das ſie von mir im innerſten Weſen und Denken trennt, und ihr Sein und Thun dem meinen entfremdet. Aber ſie wird dieſem verrätheriſchen Schwur ungetren werden, ſie wird erkennen, daß ein ſolcher Schwur ein Verbrechen iſt an ihren heiligſten Pflichten. Die Kö⸗ nigin von Schweden wird ein ganz anderes Weſen ſein, als die Großfürſtin von Rußland, denn die Königin von Schweden wird eine andere Religion, ein anderes Vater⸗ land, eine andere Heimath, eine andere Liebe haben, als die Großfürſtin von Rußland.“ „Nein, Sire, die Königin von St wird keine andere Religion haben, als die Großfürſtin von Rußland, ſie wird der griechiſchen Religion treu bleiben, und ihren Glauben nicht abſchwören.“ „Das heißt, nicht öffentlich, nicht vor der Welt. Ich habe darin dem Wunſch der Kaiſerin nachgegeben, ich verlange nicht, daß die Prinzeſſin öffentlich zur lutheriſchen Kirche übertrete, ſondern mein Volk wird nur daran, daß 189 die Königin bei allen öffentlichen feſtlichen Ceremonien erſcheint, und dem ſonntäglichen Gottesdienſt in unſerer Kirche beiwohnt, erkennen, daß ſeine Königin zu der Re⸗ ligion unſers Landes ſich bekennt.“ „Sire, Ihr Volk wird dieſe Ueberzeugung nicht ge⸗ winnen können, es wird vielmehr ſehen, daß die Groß⸗ fürſtin ſich eine griechiſche Kirche erbaut, daß ſie ihre Popen und Capläne mit ſich bringt, daß ſie in Schweden wie in Rußland dem griechiſchen Cultus angehört.“ „Das iſt nicht wahr, das iſt nicht möglich,“ rief der König heftig.„Ich habe dem Fürſten Zoubow darüber meine entſchiedenen, unumſtößlichen Anſichten mitgetheilt, ich habe ihm mein Ultimatum gegeben.“ „Und morgen werden Eure Majeſtät den Entwurf zu dem Heirathscontract erhalten, und leſen, und Sie werden nicht Ein anſtößiges Wort, keinen Paragraphen darin finden, der nicht genau das enthielte, was Eure Majeſtät verabredet haben. Aber übermorgen, wenige Minuten vor der zur Verlobung feſtgeſetzten Stunde, wer⸗ den Eure Majeſtät den ausgefertigten Contract zur Unter⸗ ſchrift erhalten und Eure Maſeſtät werden ohne Zweifel nicht mehr Zeit finden, ihn durchzuleſen. Thäten Sie es, ſo würden Sie finden, daß dieſer Contract ſich bei der Ausfertigung um einen Paragraphen vermehrt hat, und daß dieſer Paragraph der zukünftigen Königin von Schweden freie und unbehinderte Ausübung ihrer Religion, eine griechiſche Kirche und deren Popen bewilligt.“ „Wie? Man könnte wagen, auf dieſe Weiſe abge⸗ ſchloſſene Verträge zu fälſchen?“ rief der König entſetzt. „Sire, es iſt nicht das erſte Mal, daß Rußland das gewagt hat,“ ſagte Armfelt lächelnd.„Fragen Sie den unglücklichen König von Polen, fragen Sie den bejam⸗ mernswürdigen Chan der Krim, Sahim, fragen Sie die zertretenen Völker der Tartarei, fragen Sie die Türkei, ob Rußland ſeine Verträge hält, wenn das Brechen oder Fälſchen derſelben ihm Vortheil bringt. Nein, Sire, die Kaiſerin Katharina bebt vor keinem Mittel zurück, das ihr zur Ausführung ihrer Pläne nothwendig erſcheint. Es iſt ihr lang gehegter Plan, Schweden zu erobern, ſie wird daher nicht eine Intrigue verſchmähen, welche ihr auf ſo leichte Weiſe den Weg nach Schweden ebnet, und ihr das Recht giebt, die erſte ruſſiſche Kirche auf ſchwediſchem Bo⸗ den zu bauen. Sire, ich beſchwöre Sie alſo, treten Sie zurück von dem Abgrund, jetzt, da es noch Zeit iſt, ver⸗ ſchließen Sie Ihr Ohr den Lockungen der Sinne, faſſen Sie einen raſchen, kühnen Entſchluß!“ „Mein Gott, mein Gott,“ flüſterte der König mit zitternden Lippen, mit Thränen in den Augen,„ich liebe Alexandra, und es iſt mir, als ob mein Herz brechen müßte, wenn es ihr entſagen ſollte.“ ——————— —————— B 191 „Sire, entſagen Sie Ihrer Liebe! Legen Sie Ihr Herz auf dem Altar des Vaterlandes nieder, und Sie werden Ihre erſte königliche That gethan, Sie werden einen größern Sieg errungen haben, wie ein Feldherr, der eine ſiegreiche Schlacht geſchlagen hat.“ „Und dann,“ fuhr der König, gleichſam zu ſich ſelber ſprechend, fort,„dann iſt es jetzt auch ſchon zu ſpät, noch zurück zu treten. Die Verlobung iſt bereits feſtgeſetzt, der ganze Hof iſt davon benachrichtigt; es hieße die Großfürſtin beſchimpfen, wenn ich jetzt auf einmal mich weigern wollte, mein Wort zu erfüllen und dieſe Verbindung einzugehen, die ich bisher als das Glück meiner Zukunft betrachtet habe.“ „Es wird aber Ihre Krone, Ihr Volk beſchimpfen, Sire, wenn Sie eine Verbindung eingehen, welche den Geſetzen Ihres Landes Hohn ſpricht, welche Sie mit In⸗ triguen, Unwahrheiten und Heucheleien umgiebt, Sie in eine falſche Stellung bringt zu Ihrem Volk ſowohl, wie zu Ihrer Gemahlin. Sire, die Geſetze Ihres Landes ver⸗ bieten es Ihnen, eine Prinzeſſin zur Königin von Schwe⸗ den zu machen, welche ſich nicht zur lutheriſchen Kirche bekennt, die Regeln der Klugheit und Politik verbieten es Ihnen, einer Prinzeſſin ſich zu vermählen, welche niemals mit ihrem Herzen und ihrer Geſinnung dem Volk ange⸗ hören wird, deſſen Königin ſie ſein wird, die feierlich gelobt ————— 192 hat, einer fremden, auswärtigen Macht zu dienen, einem fremden Willen ſich zu unterwerfen. Sire, im Namen Ihres Volkes, im Namen der Politik und Religion, und endlich im Namen Ihres edlen Vaters, deſſen Geiſt Sie umſchwebt, deſſen Auge Sie ſchaut, im Namen Ihrer Zu⸗ kunft beſchwöre ich Sie, entſagen Sie dieſer Verbindung, laſſen Sie Sich nicht umgarnen mit den Netzen, welche man hier für Sie ausgeſtellt, zerreißen Sie dieſelben mit einem kühnen, thatkräftigen Entſchluß. Kehren Sie heim nach Schweden, Sire, wählen Sie eine andere Braut, ſchließen Sie andere Allianzen ab, verbinden Sie Sich mit England, mit Dänemark, mit Holland, mit Frankreich ſogar, nur nicht mit dieſer ländergierigen, ehrgeizigen, ränkeſüchtigen Kaiſerin Katharina!“ Der König antwortete nicht. Er ging mit großen, haſtigen Schritten auf und ab, zuweilen hoch aufächzend, zuweilen ſich mit dem Taſchentuch die feuchte Stirn trock⸗ nend. Dann, nach einer langen Pauſe blieb er vor Arm⸗ felt ſtehen, und nickte mit einem ſchmerzlichen Lächeln ihm zu. 1,36 danke Ihnen, Baron,“ ſagte er,„Sie haben Ihre Pflicht als Unterthan, als Freund und Diener meines Vaters und deſſen Sohnes getreulich erfüllt, Sie haben mich vor der Gefahr gewarnt, und mir Ihren Rath ertheilt. Was auch jetzt kommen möge, Sie mindeſtens 193 haben Ihre Pflicht erfüllt, und wenn, wie Sie ſagen, und wie ich gern glauben möchte, der Geiſt meines Vaters in dieſer Stunde bei uns geweſen, ſo wird er geſehen haben, daß Sie den Schwur erfüllten, den Sie in die Hand des ſterbenden Märtyrers gelobt, daß Sie meinen Intereſſen gedient haben. Aber ich warne Sie, Baron, Sie ſpielen hier ein gefährlich Doppelſpiel. Sie dienen mir, und er⸗ ſcheinen doch als der Diener und Anhänger Rußlands. Wenn die Kaiſerin Katharina erkennt, daß Sie gewagt haben, ſie zu hintergehen, daß Sie ihr gegenüber nur eine Maske getragen, ſo wird ihr Zorn auflodern, und ich werde nicht im Stande ſein, Sie vor demſelben zu ſchützen, denn Sie ſtehen noch in ruſſiſchen Dienſten, ſind alſo ruſſiſcher Unterthan.“ „Sire,“ rief Armfelt glühend,„möge ich zu Grunde gehen, wenn nur Eure Majeſtät und Schweden gerettet werden. Oh, mein König und mein Herr, ſagen Sie mir, daß Sie Sich, daß Sie Ihr Reich erretten wollen. Nicht wahr, Sie wollen es? Sie erkennen, daß hier ein Opfer nothwendig iſt, und Sie ſind edlen und ſtarken Herzens bereit, dieſes Opfer zu bringen?“ „Ich werde es mir überlegen,“ ſagte der König ſeuf⸗ zend.„Ja, ich werde mit Gott, meinem Gewiſſen und auch meiner Liebe zu Rathe gehen. Ich werde es mir überlegen! Gehen Sie jetzt, Baron! Ich bedarf der Ein⸗ 5 194 ſamkeit, ich muß allein ſein mit Gott und meinen Ge⸗ danken! Bringen Sie als der Kammerherr der Kaiſerin Katharina Ihrer Herrin meinen ergebenſten Dank für die mir überſandten Briefe, und ſtellen Sie ihr dieſelben wieder zurück. Hier ſind ſie“ „Aber Eure Majeſtät haben ſie noch nicht geleſen?“ „Ich will ſie auch nicht leſen, Armfelt. In jenen Briefen ſpricht mein Vater von ſeinem lebhaften Wunſch einer Verbindung ſeines Sohnes mit einer Großfürſtin von Rußland. Aber als er das ſchrieb, gehörte mein Vater noch zu den Lebenden, das heißt zu den Irrenden! Jetzt, wo er als ſeliger, verklärter Geiſt mich umſchwebt, jetzt ſind alle Irrthümer von ihm abgefallen, und vielleicht wird er in der Einſamkeit zu meinem Herzen in einer an⸗ dern Sprache reden, wie ſie jene Briefe enthalten! Laſſen Sie mich auf die Sprache meines verklärten Vaters und auf meine eigenen Gedanken lauſchen! Gehen Sie!“ Behntes Capitel. Vor dem Verlobungsfeſt. Das Ziel war alſo erreicht, heute am Abend des einundzwanzigſten Septembers, heute ſollte die Verlobung des Königs von Schweden mit der Großfürſtin Alexandra ſtattfinden. Der ganze Hof war davon benachrichtigt, der ganze Hof hatte Befehl, in voller Gala in dem großen Thronſaal des Winterpalaſtes zu erſcheinen, denn dort ſollte die feierliche Verlobung des fürſtlichen Brautpaares ſtattfinden. Die Kaiſerin, welche ſich gleich ihrer Enkelin Alexandra im tauriſchen Palaſt befand, wollte ſich um die feſtgeſetzte Stunde mit der königlichen Braut, der kaiſer⸗ lichen Familie und ihrem Hofſtaat in den großen Gala⸗ equipagen, mit Begleitung von tauſend Fackelträgern von dem tauriſchen Palaſt nach dem Winterpalais begeben, und durch dieſen glänzenden Hochzeitszug ſollte ganz 196 Petersburg die Kunde von dem frohen Familienereigniß, und dem Glücke der Kaiſerin erhalten. Katharina, welche in der letzten Zeit es vorgezogen hatte, unter den langen, faltenreichen, griechiſchen Gewän⸗ dern ihre ſtets zunehmende Corpulenz zu verbergen, Katha⸗ rina hatte heute indeß es für angemeſſen gehalten, die reiche ruſſiſche Nationaltracht anzulegen. Sie hatte auch der Großfürſtin Alexandra befohlen, heute, in der Stunde, in welcher ſie dem König eines fremden Landes ſich ver⸗ mähle, doch dem Volk, welches um ſie trauern werde, ein er⸗ freuliches Zeugniß davon zu geben, daß ſie in ihrem Herzen noch immer die Tochter Rußlands geblieben, und deshalb an ihrem Ehrentage die Tracht ihres Landes tragen wolle. Die Toilette der Kaiſerin war vollendet, und ſeit langer Zeit hatte die Kaiſerin ſich nicht in ſo ſtrahlender Pracht gezeigt, wie an dem heutigen Tage. Das lange Untergewand von blauem Sammet war überſäet mit den köſtlichſten Brillanten, die auf dem blauen Grunde wie vom Himmel herniedergefallene Sterne funkelten und leuchteten. Das eng anſchließende, nur bis an die Knie reichende Obergewand von purpurrothem Sammet, war an ſeinem untern Rande und an den Aermeln mit einer breiten Einfaſſung des koſtbarſten Pelzwerks verſehen, und über dieſelbe hin lief eine Stickerei aus Perlen, Smarag⸗ den und Rubinen zuſammengeſetzt. Das über der Bruſt 197 zuſammengeknöpfte bis zum Halſe heraufreichende Leibchen war mit eben ſolcher Stickerei geziert, und als Knöpfe deſſelben dienten Diamanten von ungeheurer Größe. Ein kleines mit Brillanten, Perlen und Smaragden geſticktes Käppchen bedeckte das Haupt der Kaiſerin und ſeitwärts an demſelben prangte ein Buſch von Reiherfedern, der an dem Käppchen durch eine Agraffe der größten und aus⸗ erleſenſten Brillanten befeſtigt war. Indeß zu dieſem zugleich ſo koſtbaren und originellen Anzug wollte das Antlitz der Kaiſerin wenig paſſen. Sie hatte in dieſem Koſtüm vor dreißig Jahren das Entzücken und die Begeiſterung ihres Volkes erregen können, aber damals war ſie jung und ſchön geweſen, und jetzt— Katharina wandte ſich mit einem ſchmerzlichen Seuf⸗ zer von dem Spiegel ab, der ihr geſagt hatte, was ihre Hofleute, was ihr eigenes Herz ihr gern verſchweigen wollten. Der Spiegel hatte ihr geſagt, daß ſie eine alte Frau geworden, und daß die Schminke auf ihren Wangen und auf ihrer Stirn die Rurzeln nicht mehr verdecken konnten, welche das Alter da hinein gezeichnet. Aber ſie würde keinem Menſchen gerathen haben, ihr das zu wiederholen, was ihr Spiegel ſagte. Je mehr ſie die Unbequemlichkeiten des Alters empfand, deſto mehr bemühte ſich die Kaiſerin jung zu erſcheinen, und Niemand ahnen zu laſſen, daß ſie die Laſt der Jahre auf ihren 198 Schultern fühle. Sie hatte daher auch bei dieſen zu Ehren des Königs von Schweden veranſtalteten Feſtlichkeiten ſtets ein heiteres Angeſicht, ein freudiges Lächeln gezeigt, ſie war lebhaft, leicht beweglich, und ſtets angeregt er⸗ ſchienen. Aber heimlich hatte ſie dieſe Feſte, dieſe langen Nachtwachen, welche ihre Kräfte aufzehrten, verwünſcht, und nur der Energie ihres Willens hatten ihre zitternden und erlahmenden Füße gehorchen müſſen. Doch dies war ein Geheimniß zwiſchen ihr und ihrem Körper, und keine Menſchenſeele ahnte ihre Hinfälligkeit und ihr Alter. Das dachte Katharina, und darum empfand ſie einen bittern Schmerz, als ihr jetzt ihr Spiegel ſagte, daß ihr Antlitz ihr Geheimniß verrathe, daß das Lächeln ihres Mundes nicht mehr das Erlöſchen ihrer Angen, die Falten auf ihrer Stirn zu überſtrahlen vermöge. „Ich will noch etwas mehr Schminke auflegen,“ ſagte Katharina leiſe zu ſich ſelber,„denn die Schminke erhöht den Glanz der Augen, und hier, hier unter dem Augenlid da ziehen wir einen feinen, ſchwarzen Strich, wie es mich Potemkin gelehrt, der den ſchönen Sultanin⸗ nen dies Geheimniß abgelauſcht.“ Sie legte neue Schminke auf und umzog mit ſicherer Hand ihre Augenlinien, dann betrachtete ſie ſich wieder im Spiegel.. 199 „So, das hat geholfen,“ ſagte ſie zufrieden.„Die Augen glänzen, die Roſen blühen auf den Wangen, ich bin wieder jung, wieder glücklich, und meine Stirn hat ſo wenig Runzeln, wie mein Herz!“ Sie ſchellte heftig; das bedeutete, daß die Damen der Kaiſerin, welche allemal nach der Beendigung der Toilette ihre Herrin auf eine Viertelſtunde verlaſſen mußten, weil die Kaiſerin alsdann ihr Geſicht Toilette machen ließ, daß die Damen jetzt wieder in das Toiletten⸗ zimmer eintreten durften. Katharina empfing ſie mit einem triumphirenden Lächeln, welches den erfahrenen Damen als ein Befehl erſchien, Ihrer Majeſtät die Bewunderung und das Ent⸗ zücken auszudrücken, das ihre wundervolle, in unverſieg⸗ barer Schönheit ſtrahlende Jugend in ihnen errege. Katharina nahm dieſe enthuſiaſtiſchen Lobeserhebungen ihrer Damen mit ruhiger, ſtolzer Gelaſſenheit hin, als einen ſchuldigen Tribut, deſſen Darbringung ihr ganz gerecht und natürlich erſcheine. „Es iſt uns heute etwas geſchehen, was wir ſeit langen Jahren nicht von uns rühmen konnten,“ ſagte die Kaiſerin dann, auf die große Pendule blickend.„Wir ſind eine halbe Stunde vor der zum Feſt angeſetzten Zeit fertig geworden, und ſtatt Andere warten zu laſſen, müſſen wir heute warten. Wahrlich, es ſcheint, daß mein unge⸗ 200 duldig Herz Sympathie fühlt für das junge Liebespaar, und daß es der Stunde vorauseilt, um ſich deſto früher das Glück zu erobern. Aber wir wollen unſerm Herzen nicht nachgeben, wir wollen uns genau an das Feſtpro⸗ gramm halten, und erſt um acht Uhr uns in das Winter⸗ palais begeben. Suchen wir uns alſo die Zeit zu vertreiben. Gräfin Potocka, kommen Sie hierher! Da ſind neue Zeitungen aus Deutſchland und England angelangt, und da Sie, als eine bewunderungswürdige Gelehrte, dieſer beiden Sprachen mächtig ſind, ſo ſollen Sie uns ein wenig vorleſen. Hier, Gräfin, zuerſt die deutſche Zeitung. Ich habe da einen Artikel geſehen, welcher die Ueberſchrift trug:„Der König von Schweden in Petersburg.“ Laſſen Sie uns alſo hören, was man in meinem einſtigen Vater⸗ land von dieſem Beſuch unſers ſchönen, jungen Königs denkt, der nun bald mein geliebter Enkel ſein wird.“ Frau Gräfin Potocka nahm mit einer tiefen Ver⸗ beugung das Zeitungsblatt aus der Hand der Kaiſerin entgegen. Katharina ließ ſich auf den großen Fauteuil niedergleiten, der in der Mitte des Zimmers ſtand, hinter ihr, in einem weiten Halbkreiſe, ſtanden die ſchönen, in köſtlicher Tpilette ſtrahlenden Damen der Kaiſerin; ihr gegenüber, allein und abgeſondert von den Uebrigen, die Gräfin Potocka, die Favoritin der Kaiſerin, das Zeitungs⸗ blatt in der Hand haltend, und nur auf das Zeichen 201 7 harrend, um anzufangen. Als ihr die Czarina daſſelbe mit einem raſchen Wink ihrer Hand gegeben, las die Gräfin:„Am Hofe zu Petersburg iſt jetzt ein neuer Stern aufgegangen, der Vielen ſo hell erſcheint, daß ſie ihn ſogar eine Sonne nennen möchten. Dieſer Stern, das iſt der junge, ritterliche König von Schweden, der nach Peters⸗ burg gekommen, um der erhabenen Kaiſerin zu huldigen, deren Ruhm die ganze Welt erfüllt, und deren Größe ſelbſt ihre Feinde und Neider nicht hinwegleugnen können. Die Kaiſerin hat ſich dem jungen König ſehr huldvoll be⸗ wieſen, ſie giebt ihm täglich die glänzendſten Feſte, was um ſo mehr zu bewundern iſt, da—“ „Nun?“ fragte die Kaiſerin, als die Gräfin Potocka ſich plötzlich unterbrach,„nun, was ſtocken Sie auf einmal, meine Liebe? Weshalb ſehen Sie ſo verwirrt und ver⸗ legen aus?“ „Majeſtät, weil ich fühle, daß ich zu viel Vermeſſen⸗ heit gehabt, als ich es unternahm, Eurer Majeſtät deutſch vorzuleſen,“ ſagte die Gräfin verlegen.„Jetzt ſehe ich, daß ich dieſer ſchweren Aufgabe doch nicht gewachſen bin, daß ich ſehr ſchlecht leſe, weil ich leſe, ohne zu verſtehen, ohne zu wiſſen, was ich leſe. Ich bitte daher Eure Ma⸗ jeſtät um Entſchuldigung und um Gnade. Vielleicht gelingt es mir mit dem Engliſchen beſſer, und wenn mir Eure Majeſtät erlauben möchten—“ 1859. V. Die letzten Lebenstage Katharina's II. ¹³ 202 „Oh,“ unterbrach ſie Katharina,„es ſcheint im Gegen⸗ theil, daß Sie das Deutſche nur zu gut verſtehen, Gräfin, und daß Sie da etwas gefunden haben, was Sie mir ver⸗ ſchweigen möchten. Geben Sie mir das Blatt. Ich will ſelber leſen, was Ihnen ſo unlesbar erſcheint.“ Sie nahm das von der Gräfin ihr dargereichte Zeitungsblatt und überflog es mit haſtigen Blicken. Dann auf einmal brach ſie in ein helles Lachen aus. „Ah, meine Damen, hören Sie nur, was da zu leſen iſt, und was unſere gute, kleine Potocka ſo verſchüchtert hat,“ rief die Kaiſerin.„Der fürchterliche Satz, den meine kleine Senſitive nicht zu Ende leſen konnte, lautet alſo: „Die Kaiſerin giebt dem König täglich die glänzendſten Feſte, was um ſo mehr zu bewundern iſt, da“— nun geben Sie wohl Acht, meine Damen,—„da die Kaiſerin ſeit einiger Zeit ſehr hinfällig und ſchwach geworden, und ſich nur gewaltſam noch aufrecht erhält!“ Nun, meine Damen, was ſagen Sie dazu?“ Die Damen ließen ſtatt aller Erwiederung einen lauten Lachchor erſchallen, der gewiſſermaßen als ein melo⸗ diſches Echo des kaiſerlichen Lachens ertönte. „Das iſt wundervoll,“ ſagte die Fürſtin Laſinska, „was dieſe Deutſchen für ſuperkluge und weitſichtige Leute ſind! Sie ſehen aus weiter Ferne, was hier in der Nähe kein Menſch erkennen kann.“ 203 „Sie ſehen, was nicht iſt,“ rief die Gräfin Krapoll lachend,„oh, die Deutſchen ſind gar kluge Leute, ſie hören das Gras wachſen, und verſtehen, wie die Auguren der alten Römer, die Zeichen zu deuten, und in ihnen zu er⸗ kennen, was kein anderer Sterblicher erkennen kann. Wenn zum Beiſpiel unſere gnädige Kaiſerin in der letzten Zeit jugendfriſcher und geſundheitſtrahlender denn je geweſen iſt, ſo bedeutet das den Auguren, daß die Kaiſerin hinfällig und ſchwach geworden, wenn Ihro Majeſtät auf ihren ſchönen, ungebengten Schultern mit aller Grazie und An⸗ muth die ſchwere Laſt des Ruhms, auf ihrem ſtrahlenden Junohaupt die übereinandergehäuften in vielen Schlachten eroberten Lorbeerkränze trägt, ſo erſcheint es den klugen Deutſchen, als wäre die Kaiſerin kaum noch im Stande ſich aufrecht zu halten. Ach die klugen, dummen, kurz⸗ ſichtigen Deutſchen, die—“ „Meine Damen,“ rief Katharina lebhaft,„nichts gegen die Deutſchen, denn ich werde es nie vergeſſen, daß ich ſelber eine Deutſche bin. Aber es iſt wahr,“ fuhr ſie mit einem leiſen Lächeln fort,„die guten Deutſchen ſind ein wenig pedantiſch, und da ſie zufällig mein Geburtsjahr kennen, ſo meinen ſie, ich müßte durchaus hinfällig und ſchwach ſein, und werden es mir gewiß ſehr übel nehmen, wenn ich ihre klugen Berechnungen zu Schanden mache. Aber ſie wiſſen nicht, daß das Leben einer Frau ſich nicht 13* 204 nach dem Kalender beſtimmen läßt, daß man oft in weni⸗ gen Tagen um Jahre altert, daß man dann aber wieder Jahre wie Tage dahin flattern ſieht, und aus ihnen wieder neue Jugend ſich durchſtrömen fühlt. Das macht, wir Frauen leben mit dem Herzen, und wer unſer eigentliches Alter kennen lernen will, der muß in unſer Herz ſchauen, und deſſen Narben zählen können.“ „Und wer das Glück haben könnte, in das Herz Eurer Majeſtät zu ſchauen,“ rief die Gräfin Potocka,„der würde da gar keine Narben, alſo gar kein Alter ſchauen. Das macht, Eure Majeſtät haben niemals Wunden em⸗ pfangen, ſondern nur Wunden ausgetheilt, und daher kommt es, daß die ewige Jugend auf Ihrem Antlitz und in Ihrem Herzen thront.“ „Es iſt wahr,“ ſagte die Kaiſerin lächelnd,„ich fühle noch nichts von der Hinfälligkeit und Schwäche, von welcher die Zeitung da ſpricht, und wenn die meint, daß ich mich nur mühſam aufrecht halte, ſo fühle ich im Gegen- theil, daß ich niemals mein Haupt freudiger und ſtolzer erhoben habe, wie in dieſen Tagen. Das macht, ich ſehe meine geliebte Alexandra das Glück der Liebe empfinden, und dieſes Anſchauen macht mich ſelber wieder jung und glücklich. Ah, da ſchlägt es ſieben Uhr, die Zeit iſt da! Ich bitte Sie, Frau Oberhofmeiſterin, rufen Sie mir die Großfürſtin Alexandra hierher. Ich will ſie ſehen und 205 von dem Kinde Abſchied nehmen, das ſich nun in eine Braut verwandeln wird. Sie, meine Damen, bitte ich, ſich in den Salon zu unſern Cavalieren zu begeben, und uns dort zu erwarten.“— Die letzte der Damen hatte noch nicht die Schwelle des Zimmers überſchritten, als die Großfürſtin Alexandra durch die entgegengeſetzte Thür eintrat. Sie ſah ſchön aus in dieſem reizenden und zugleich glänzenden, ruſſiſchen Coſtüm, das ihr die Kaiſerin heute zum Brautſtaat geſandt hatte, und das ſchon an ſich von wunderbarer Schönheit war. Das Untergewand von wei⸗ ßem Sammet war mit Silber geſtickt, und reich verziert mit den herrlichſten Silberſpitzen, die in ihrer Zartheit und Durchſichtigkeit einen wunderbaren Contraſt bildeten zu dem ſchweren, weißen Hermelin, der das Oberkleid von weißem Sammet einfaßte. Die Stickerei über dem Pelz⸗ beſatz war aus Perlen, leichten Silberranken und Brillanten wie von Feenhänden zuſammengefügt, Brillanten und Perlen bildeten die Knöpfe des eng anſchließenden Mieders, das die ſchöne, zarte und doch volle Büſte der Prinzeſſin auf das wundervollſte hervorhob. Ihr blondes Haar, das in langen, dicken Locken zu beiden Seiten ihrer reinen, durchſichtigen Stirn niederrollte, war oberhalb derſelben von einem aus Diamanten und Perlen beſtehenden Diadem zuſammengefaßt, das mit Perlenſchnüren hinterwärts an 206 dem reizenden mit Brillanten überſäeten weißen Sammet⸗ barett befeſtigt war, welches das lange Haar der Prinzeſſin kaum zu bergen vermochte. Aber ſchöner noch und ſtrahlender als dieſes Coſtüm war das Antlitz der Prinzeſſin, dieſes von Jugend, Schön⸗ heit, Unſchuld und Glück ſtrahlende Antlitz, heller noch als alle Brillanten ihres Gewandes leuchteten ihre großen, ſeelenvollen Augen, ſchöner noch als alle Perlen waren die zwei Reihen Perlenzähne, die zwiſchen ihren lächelnden Purpurlippen hervorglänzten. „Ah, meine Alexandra, wie ſchön Du biſt,“ rief die Kaiſerin, ganz verloren in das Anſchauen des lieblichen, jungen Mädchens, das mit einem reizenden Ausdruck von Verſchämtheit und Freude ihr gegenüber ſtand.„Ja wahr⸗ lich, Du ſiehſt aus, wie eine weiße Taube der Unſchuld und Liebe, die eben vom Himmel hernieder geflattert kommt. Nun, mein theures Kind, möge keine rauhe Menſchenhand Dir Deine zarten Flügel brechen, oder Dein weißes Unſchuldsgefieder verletzen. Ach, es iſt we— nigen Frauen vergönnt, ſich fleckenlos und rein zu erhalten, und nicht von dem Staub und Schmutz dieſer Welt be⸗ rührt zu werden. Möge ein gütiges Schickſal Dir ver⸗ ſtatten, glücklich zu ſein.“ „Oh, gewiß, meine theure, geliebte Kaiſerin,“ flüſterte Alexandra mit Thränen in den Augen,„ich werde glücklich 3 — 207 ſein, denn Ihr Segen ruht auf mir, und Ihre Wünſche und Gedanken begleiten mich!“ „Ja, meine Wünſche und Gedanken begleiten Dich, mein Kind,“ ſagte die Kaiſerin, ihre Hand auf die Schulter Alexandra's legend, und ihr forſchend in die Augen ſchauend. „Aber werden auch Deine Gedanken niemals Deine Kaiſerin, Deine Großmutter vergeſſen? Wirſt Du immer eingedenk bleiben, daß ich Dich nicht bloß nach Schweden ſende, um dort eine glückliche Königin zu ſein, ſondern um dort auch als ruſſiſche Großfürſtin eine Miſſion zu er⸗ füllen?“ „Ich werde deſſen eingedenk ſein, Majeſtät, ich werde ſtets mich bemühen, die Freundſchaft zwiſchen meinem Vaterland und Schweden aufrecht zu erhalten, und alle Mißverſtändniſſe, welche dieſe ſchöne Freundſchaft trüben möchten, hinweg zu räumen.“ Ein leiſes, ſpöttiſches Lächeln glitt über das Geſicht der Kaiſerin hin.„Du biſt noch ſehr jung und unerfahren, mein Kind,“ ſagte ſie,„Du verſtehſt noch zu Deinem Glück nichts von den Künſten der Politik und den Intri⸗ guen und Lügen der Diplomatie. Ich habe Dir deshalb meinen Rath und meine Leitung zugeſagt, und Du haſt mir mit einem feierlichen Schwur gelobt, immer meinen Rath zu befolgen, und ſtets meinen Wünſchen gemäß zu handeln. Du haſt mir ferner gelobt, auch als Königin 208 von Schweden immer noch Großfürſtin von Rußland zu ſein, und ſtets die Intereſſen Rußlands höher zu ſtellen, als alle andern Intereſſen. Alexandra, wirſt Du dieſer Schwüre immer eingedenk bleiben?“ „Ich werde ihrer eingedenk bleiben, Majeſtät,“ ſagte Alerandra, aber mit beklommener, zitternder Stimme. „Und ſchwörſt Du mir, daß Du niemals Deinem Gott, und Deiner Kirche ungetreu werden, niemals, was man Dir auch ſagen, wie man Dich auch zu überreden ſuchen ſollte, niemals die heilige griechiſche Religion ver⸗ laſſen willſt?“ „Ich ſchwöre das, bei Allem was mir heilig iſt, bei Allem, was ich liebe,“ rief Alexandra, und dies Mal war ihre Stimme voll edler, frendiger Begeiſterung.„Ja, ich ſchwöre, Niemals meinem Gott, meiner Religion und meiner Kirche ungetren werden zu wollen.“ „Gott und Deine Kaiſerin haben Deinen Schwur empfangen,“ ſagte Katharina feierlich.„Und nun, mein Kind, laß uns gehen. Die Stunde des Glückes iſt für Dich gekommen.“ Sie reichte der Prinzeſſin ihre Hand und geleitete ſie in den großen Saal, in welchem die kaiſerliche Familie, und der ganze Hofſtaat der Kaiſerin verſammelt war. Katharina grüßte die jungen Großfürſten und deren Ge⸗ mahlinnen mit einem freundlichen Kopfnicken, den Groß⸗ 209 fürſten Paul, Alexandra's Vater, mit einem Stirnrunzeln, und einem finſtern, drohenden Blick, ſeine Gemahlin mit einem flüchtigen Wink der Hand, und empfing die tiefen, ehrfurchtsvollen Begrüßungen ihres Hofes mit ſtolzer Gleichgültigkeit. Dann gab ſie dem Oberceremonienmeiſter ein Zeichen, die Thüren flogen auf, und man begab ſich nach den Equi⸗ pagen, die vor dem großen Portal des Schloſſes vor⸗ gefahren waren. Ringsum in einem weiten Kreiſe ſtanden die tauſend Fackelträger, und dieſe hellen Wachsfackeln verbreiteten Tageshelle über den rieſengroßen Platz, auf dem, Kopf an Kopf gedrängt, eine ungeheure Menſchen⸗ menge des kaiſerlichen Zuges harrte. Jetzt bei dem Er⸗ ſcheinen der Kaiſerin erfüllte ein unermeßliches Jubelgeſchrei die Luft, und tauſend und abertauſend Stimmen riefen: „Es lebe unſere Kaiſerin! Es lebe unſere Mutter, unſere gute Mutter!“ Katharina hörte es, und ein Lächeln verklärte ihre Züge.„Ach,“ ſagte ſie ſtolz,„es iſt doch ſchön, Kaiſerin zu ſein!“ Elftes Capitel. Die Kataſtrophe. In dem großen Thronſaal des Winterpalaſtes war bereits ſeit einer Viertelſtunde die Kaiſerin mit der Groß⸗ fürſtin, ihrer ganzen Familie und dem ganzen Hofſtaat gegenwärtig, und noch immer war der König von Schwe⸗ den, der junge Bräutigam, nicht erſchienen. die Kaiſerin dies nicht auffällig zu finden ſchien, wagte Niemand über dieſe geringe Zuvorkommenheit des jungen Königs eine ſpöttelnde Bemerkung zu machen. Nur die Großfürſtin Alexandra ſchaute zuweilen mit einem fra⸗ genden, angſtvollen Blick nach der Thür hin, und der Fürſt Platon Zoubow beobachtete ängſtlich das Angeſicht der Kaiſerin, denn es ſchien ihm, aks ſähe er auf demſelben, trotz ihres Lächelns, einen düſtern, zornigen Schimmer⸗ Ein raſcher Wink ſeiner Augen rief ſeinen Vertrauten 211 und Geheimſecretair, den Baron Markow, an ſeine Seite. „Geh, und ſieh was es giebt, mahne den König zur Eile,“ flüſterte er ihm zu. Markow wand ſich eilig durch die Reihen der gold⸗ glitzernden Höflinge dahin, und verſchwand aus dem Sagl. Einmal die Thür des Saales hinter ſich geſchloſſen, ſtürzte Markow wie ein gehetztes Wild vorwärts, die Treppen hinunter, warf ſich in den Wagen, und ſchrie dem Kutſcher zu, ſo raſch als die Pferde zu laufen vermöchten, nach dem ſchwediſchen Geſandtſchaftshotel zu fahren. In wenigen Minuten war das Hotel erreicht, Mar⸗ kow ſprang aus dem Wagen, und durch die Schaar der gaffenden Diener hindurch ſtürzte er die Treppe hinauf, und trat in den Vorſaal. Dort waren die Cavaliere des Königs und die Herren von der ſchwediſchen Geſandtſchaft ſchon ſeit einer Stunde verſammelt, des Königs harrend, der immer noch nicht erſchien, der ſeit zwei Stunden ſchon mit dem Regenten, ſeinem Geſandten Baron von Steding und dem ruſſiſchen Miniſter Besborodko, der ihm den Heirathscontraet zur Unterſchrift gebracht hatte, in ſeinem Kabinet ſich befand. Beſtürzung und Schrecken malte ſich auf den Geſichtern der Cavaliere, Niemand wagte ſeinen Gedanken, ſeinen 212 Befürchtungen Worte zu geben, oder ſich dieſes lange Zö⸗ gern des Königs zu erklären. „Haben Sie die Güte, mich Seiner Majeſtät zu melden,“ ſagte Baron Markow, ſich an den Kammerherrn des Königs wendend.„Ich komme im Namen Ihrer Ma⸗ jeſtät der Kaiſerin.“ Der Kammerherr zuckte die Achſeln.„Ich muß be⸗ dauern,“ ſagte er laut,„aber Seine Majeſtät haben be⸗ fohlen, Niemanden zu melden, Niemanden in das Kabinet eintreten zu laſſen, ſo lange er mit den Herren dort be⸗ ſchäftigt iſt. Aber eilen Sie, mein Herr,“ fuhr der Kam⸗ merherr dann leiſe und haſtig fort,„es gehen ſchlimme Dinge hier vor, der König ſcheint andern Sinnes ge⸗ worden zu ſein, vielleicht, wenn Sie den Fürſten Zoubow hierher riefen—“ Markow hörte nicht mehr, er war ſchon aus dem Saal hinaus, hinunter zu ſeinem Wagen geſtürzt und jagte jetzt im brauſenden Galopp wieder nach dem Win⸗ terpalais zu. Die Scene in dem großen Thronſaal war, als Mar⸗ kow wieder in denſelben eintrat, immer noch dieſelbe. Die Kaiſerin ſtand noch immer in der Mitte des Saals, hoch⸗ aufgerichtet und ſtolz, nur das Lächeln war von ihren Lippen verſchwunden, und ihre Blicke waren ſtarr auf die 213 große Thür hingerichtet, die noch immer vor der Geſtalt des Königs ſich nicht aufthun wollte. Die Großfürſtin Alexandra ſtand noch immer neben ihrer Mutter, und ſchien aufmerkſam auf deren leiſe geflüſterte Worte zu lauſchen, nur waren die Roſen auf ihren Wangen erblaßt, und ſie war kaum noch im Stande, die Thränen zurückzuhalten, die ſich in ihre Augen drängten. Die Damen und Cavaliere ſtanden in einzelnen Gruppen umher, und jetzt wagten ſie es ſchon, ſich halb⸗ laute Bemerkungen zuzuflüſtern über das ungalante Be⸗ nehmen des„kleinen Königs,“ der es wage, die Kaiſerin von Rußland warten zu laſſen. Durch dieſe flüſternden, ſpöttelnden Höflinge drängte ſich jetzt der Fürſt Platon Zoubow hindurch und näherte ſich der Thür, an welcher Markow ihn erwartete. „Nun, was giebt's?“ fragte er haſtig. „Kommen Sie hinaus, Fürſt,“ flüſterte Barvn Mar⸗ kow, indem er Platon Zoubow raſch durch die geöffnete Thür ſchob, und ſich hinter ihn her drängte. „Sie müſſen zum König von Schweden,“ ſagte Mar⸗ kow jetzt haſtig.„Nein, ſtehen Sie nicht ſtill, fragen Sie nicht, ſondern kommen Sie raſch vorwärts. Es geht Etwas vor, und der Cavalier des Königs rieth mir, Sie ſogleich zu rufen. So, da ſind wir am Wagen! Steigen Sie ein, Fürſt, und machen Sie Ihre Sache gut, bringen 214 Sie den König, oder Ihre eigene Zukunft iſt gefährdet, denn der Zorn der Kaiſerin wird fürchterlich ſein!“ Er ſchlug die Wagenthür zu, und befahl dem Kutſcher, in geſtrecktem Galopp nach dem ſchwediſchen Geſandt⸗ ſchaftshotel zu fahren. Zoubow hatte ſich noch kaum von ſeinem Staunen und Schrecken erholt, als der Wagen ſchon ſein Ziel er⸗ reicht und der Lakai ſchon den Schlag geöffnet hatte. Aber die letzten drohenden und beängſtigenden Worte Markow's tönten noch immer vor Zoubow's Ohren und mahnten ihn zur Beſonnenheit, zur raſchen That. Haſtig eilte er daher in das Hotel, die Stiegen hin⸗ auf, und trat in den Vorſaal des Königs. Die Cavaliere empfingen ihn mit einem freudigen Lächeln, und ſchienen freier zu athmen, ſeit ſie die hohe, reichgeſchmückte Geſtalt des ruſſiſchen Fürſten erblickten. Graf von Flemming, der dienſtthuende Kammerherr, näherte ſich eilig dem Fürſten, deſſen Wink ihn an ſeine Seite gerufen. „Sagen Sie, was geht hier vor?“ fragte Zoubow angſtvoll.„Weshalb zögert der König?“ „Durchlaucht, ich weiß es nicht,“ flüſterte der Graf, „nur habe ich des Königs Stimme noch nie ſo laut und zornig gehört, wie heute, und einzelne Worte, die zu mir herſchallten, laſſen mich vermuthen, daß es ſich um reli⸗ 215 giöſe Bedenken des Königs handelt, die bei dem Heiraths⸗ contract zur Frage gekommen ſind.“ „Ah, er hat den eingeſchobenen Paragraphen geleſen,“ ſagte Zoubow zu ſich ſelber.„Wollen Sie die Güte ha⸗ ben, mich Seiner Majeſtät zu melden, Herr Graf?“ „Der König hat ſtreng befohlen, Niemand zu mel⸗ den,“ ſagte der Graf,„indeß will ich, um Eure Durchlaucht zu genügen, dem Zorn meines Königs trotzen, und Sie, den Abgeſandten der Kaiſerin von Rußland, melden.“ Er verneigte ſich raſch vor dem Fürſten, und ver⸗ ſchwand hinter der Portière, welche die gegenüberliegende Thür verhüllte. Die Cavaliere näherten ſich jetzt dem Fürſten, und in leiſem Geflüſter beſchworen Sie Zoubow, Alles anzu⸗ wenden, um ein Unglück zu verhüten, um das Fehlſchlagen dieſer ſo erſehnten Vermählung des Königs mit der Groß⸗ fürſtin zu verhindern. Freilich, ſie Alle hatten ſchon gehofft auf die Titel, Orden, Beförderungen und Geſchenke, mit denen die Kaiſerin Katharina in verſchwenderiſcher Großmuth die Vermäh⸗ lung ihrer Enkelin feiern werde, und für dieſe jungen Ca⸗ valiere wäre es daher ein völliger Fehlſchlag geweſen, wenn ſie all dieſen gehofften Herrlichkeiten hätten entſagen und mit leeren Händen nach Schweden zurückkehren ſollen. Jetzt ward die Portière da drüben heftig zurückge⸗ 216 ſchlagen, und in der offenen Thür erſchien der König mit bleichem, aber entſchloſſenem Antlitz, hinter ihm ſah man den Herzog von Södermanland, die Herren von Steding, Besborodko und Flemming, deren Geſichter Unruhe und Schrecken verriethen. Der König hielt ein zuſammengerolltes Papier in der Hand, und ſeine ſchlanken, weißen Finger hatten ſich mit ſo heftigem Druck um die Rolle gelegt, daß ſie in der Mitte dicht zuſammengedrückt war. Stolzen, haſtigen Schrittes, ohne die tiefe Verneigung Zoubow's nur mit einem Nicken ſeines Hauptes zu erwidern, trat der König vor und ging bis in die Mitte des Saals, während ſeine Begleiter mit düſtern Blicken neben der Portiére ſtehen blieben. „Herr Fürſt Platon Zoubow,“ ſagte der König mit klarer und ruhiger Stimme,„Sie haben mich als Abge⸗ ſandten der Kaiſerin Katharina um eine Audienz bitten laſſen. Ich weiß, was Sie mir zu ſagen haben, und ich will Ihnen hier in Gegenwart all dieſer Herren, welche mit mir von Schweden herüber gekommen ſind, in Gegen⸗ wart des ruſſiſchen Miniſters, Grafen Besborodko, der mir den Heirathscontract zur Unterſchrift vorgelegt hat, meine Antwort geben. Herr Fürſt, ich habe da in dem Heirathscontract einen Paragraphen geleſen, welcher ſich in dem mir geſtern von Ihnen vorgelegten Entwurf —————— 217 nicht befand. Hätte er ſich aber in demſelben befunden, ſo würde ich Ihnen ſchon geſtern geſagt haben, was ich Ihnen jetzt ſage: Durchlaucht, ich kann nicht meine Ein⸗ willigung geben zu dieſem Paragraphen, ich kann nicht mich verpflichten, daß die Königin von Schweden der grie⸗ chiſchen Religion angehöre, daß ſie in Stockholm ihre Kirche, ihre Popen und Capläne, und ihren öffentlichen Gottesdienſt habe. Ich kann dieſe Bedingung des Con⸗ tractes nicht erfüllen, die Geſetze meines Landes verbieten es mir!“ „Sire, ich beſchwöre Sie, geben Sie nach,“ ſagte Zoubow,„thun Sie es um der Kaiſerin, um der Groß⸗ fürſtin Alexandra willen, welche Beide Sie ſeit einer Stunde faſt im Thronſaal erwarten. Haben Sie Nach⸗ ſicht, Sire, mit dem Alter der Kaiſerin, mit der Jugend der Großfürſtin. Wollen Sie gnädigſt nicht Beide dem Geſpött, dem Hohn von ganz Europa Preis geben, indem Sie jetzt, in der letzten Stunde noch zurücktreten. Sire, handeln Sie als Cavalier, der dem Drang ſeines Herzens ein Opfer darbringt! Unterſchreiben Sie den Contract!“ „Streichen Sie, der Bevollmächtigte der Kaiſerin in dieſer Angelegenheit, ſtreichen Sie dieſen Paragraphen fort,“ ſagte der König.„Laſſen Sie es bei unſerm geſtrigen Entwurf, und ich unterzeichne, und ich eile ſogleich in das Winterpalais, um mich Ihrer Majeſtät zu Füßen zu wer⸗ 14 1859. V. Die letzten Lebenstage Katharina's II. 218 fen, und ihre Verzeihung zu erflehen, für mein ungebühr⸗ liches Zögern. Durchſtreichen Sie alſo dieſen Paragraphen, Durchlaucht.“ „Sire, ſo weit reicht meine Macht nicht,“ ſeufzte Zoubow,„ich darf es nicht wagen, mich wider den Willen meiner Monarchin aufzulehnen.“ „Und ich, mein Herr,“ ſagte der König ſtolz,„ich darf es nicht wagen, mich wider die Geſetze meines Landes auf⸗ zulehnen. Ich unterzeichne nicht, und ich frage Sie, mein Oheim, Sie, meine Herren, ich frage Sie Alle, ob Sie mir wirklich rathen können, daß ich, der König eines lu⸗ theriſchen Landes, unſern Geſetzen zuwider, eine Königin neben mir auf dem Thron haben kann, welche öffentlich einer andern Kirche angehört, zu einer andern Religion ſich bekennt?“ „Herr Herzog,“ rief Zoubow, ſich dem Herzog von Södermanland nähernd,„ich beſchwöre Sie, helfen Sie mir den König zu erbitten, ſagen Sie Seiner Majeſtät, daß jede Weigerung in dieſer Stunde eine perſönliche Be⸗ leidigung für die Kaiſerin iſt, und daß die Czarina nicht gewohnt iſt, Beleidigungen hinzunehmen. Sagen Sie dem König, daß das Heil Schwedens, daß Krieg und Frieden von ſeinem Entſchluß abhängt.“ Der Herzog nickte lebhaft mit dem Kopf, und trat 2¹9 näher zu dem König hin.„Sire,“ ſagte er,„ich bitte Sie, bedenken Sie wohl, welche Verantwortlichkeit Sie auf ſich laden.“ „Ich bedenke das, und darum kann ich nicht anders handeln,“ ſagte Guſtav Adolf feſt. „Sire,“ fuhr der Herzog leiſer fort,„Schweden blutet noch aus tauſend Wunden, die der letzte Krieg mit Rußland ihm geſchlagen. Wollen Sie dieſen Wunden nicht noch eine neue Wunde hinzufügen, denn dieſe Wunde könnte tödtlich werden. Ich rathe, ich bitte, ich beſchwöre alſo: unterſchreiben Sie, Sire!“ „Unterſchreiben Sie, Sire,“ riefen Zoubow und Besborodko, und ſelbſt die ſchwediſchen Herren ſtimmten in dieſen lauten, flehenden Ruf ein. Der König ließ ſeine Augen mit einem langen, trau⸗ rigen Blick an dieſen Herren dahin gleiten, und jetzt hafte⸗ ten ſie auf dem Antlitz des Grafen Flemming, welcher, der Letzte in der Reihe der Cavaliere, da drüben neben Besborodko ſtand. Dieſe Augen des Königs ſchienen zu fragen, ob Alle ihn verlaſſen, Alle ſich wider ihn wenden wollten. Graf Flemming verſtand dieſe ſtumme Frage ſeines Königs, und er entſchloß ſich, ſie als Hofmann und als Patriot zugleich zu beantworten. „Sire,“ ſagte er laut,„ich werde niemals wagen, 14* 220 von Eurer Majeſtät etwas zu erbitten, was gegen die Ge⸗ ſetze Schwedens verſtößt.““ „Ah, da iſt doch wenigſtens Ein Mann, Ein treuer Schwede,“ rief der König freudig.„Graf Flemming, ich danke Ihnen, und ich werde Ihnen dieſe Stunde nie ver⸗ geſſen! Sie aber, Herr Fürſt Zoubow, kehren Sie zurück zu Ihrer Souverainin. Sagen Sie ihr, daß, wie ſehr auch mein Herz dabei bluten möge, mein Gewiſſen es mir nicht erlaubt, dieſen Contract zu unterzeichnen, oder jemals mich einer Frau zu vermählen, welche nicht meine, und die Religion meines Landes theilt.“ „Sire,“ rief Zoubow,„ich wage dennoch—“ „Es iſt genug,“ unterbrach ihn der König, indem er ſich haſtig der Thür ſeines Kabinets näherte,„genug und übergenug. Ich unterzeichne nicht, ich kann nicht und ich will nicht! Das iſt mein feſter, unabänderlicher Entſchluß! Leben Sie wohl!“** Er trat raſch zurück in ſein Kabinet, drückte die Thür hinter ſich zu, und ſchob den Riegel vor. Aber einmal jetzt in dieſem Kabinet, und allein, nicht mehr beläſtigt von Zeugen, ſank der König auf einen Seſſel nieder, er⸗ laubte er dem Schmerz, der ſeine Bruſt durchwühlte, auf *Hiſtoriſch. Siehe: Mémoires secrets. Vol. I. S. 25. ** Des Königs eigene Worte. Siehe: Ebendaſelbſt. ſein Angeſicht zu treten, und in Seufzern, in Thränen, in Klagen ſich Luft zu machen. Nur Gott, und vielleicht der Geiſt ſeines Vaters waren bei dieſem jungen König, der heute den erſten Schritt gethan auf der langen Leidensſtation, die er in der Zukunft durchwandeln ſollte, der heute ſeinem Thron und ſeinem Volk das erſte ſchwere Opfer dargebracht hatte, und deſſen Seele in Schmerzen rang. Große Thränen rollten lang⸗ ſam über ſeine Wangen nieder, und die Augen gen Him⸗ mel wendend, flüſterte er mit ſchmerzuckenden Lippen: „mein Gott, mein Gott, ich leide ſehr! Mein Herz krampft ſich zuſammen in meiner Bruſt! Gieb mir Kraft, daß ich ausharre und nicht ermatte. Und Du, mein Vater, Du, welcher auch gelitten und gerungen, Du bitte für mich und ſchaue ſegnend nieder auf Deinen Sohn, der ſeiner Kö⸗ nigspflicht ſein Herz opfern muß!““ *Guſtav Adolf III. kehrte wenige Tage nach dieſer Kataſtrophe nach Schweden zurück und vermählte ſich im nächſtfolgenden Jahr (1797) mit der Prinzeſſin Friederike von Baden, einer Schweſter der Gemahlin des Großfürſten Alexander. Indeß der König war weder in ſeiner Ehe, noch in ſeiner Regierung glücklich, und im Jahre 1809 ward er durch eine Palaſtrevolution, an deren Spitze ſein Oheim, der Herzog von Södermanland, ſtand, für ſich und ſeine Leibeserben des Throns für verluſtig erklärt. Der Hetzog von Södermanland hatte alſo endlich ſein Ziel erreicht, und beſtieg als König Karl XII. den Thron von Schweden. Der entthronte König begab ſich mit ſeiner 222 Die Kaiſerin Katharina verweilte mit ihrer Familie und den Hofſtaaten noch immer in dem großen Thronſaal und harrte noch immer auf die Ankunft des Königs. Aber ſie ſtand jetzt nicht mehr aufrecht in der Mitte des Saals, ſondern ſie hatte ſich, geſtützt auf den Arm der Großfürſtin Alexandra, nach ihrem Thronſeſſel begeben, und war, kaum noch im Stande, ihre tödtliche Erſchöpfung zu verbergen, auf denſelben niedergeſunken. Ihre kalte, zitternde Hand hielt krampfhaft den zarten Arm der Prinzeſſin umſchlun⸗ gen, und von Zeit zu Zeit richtete ſie an Alexandra, welche bleich und bebend, mit Thränen in den Augen neben ihr ſtand, und gleich ihr, immer und immer wieder ihre Blicke nach der Thür hinwandte, halblaute Worte des Troſtes und der Beruhigung, an die indeſſen ſie ſelber nicht mehr glaubte, und die keinen Eindruck auf das gequälte Herz der Prinzeſſin machten. Der Großfürſt Paul ſtand neben ſeiner Gemahlin und ſchien ſich mit boshafter Schadenfreude, ganz unbe⸗ kümmert um den Seelenſchmerz ſeiner Tochter, an dieſer demüthigenden Niederlage ſeiner kaiſerlichen Mutter zu Gemahlin und ſeinen vier Kindern nach Deutſchland, ließ ſich aber ſchon 1811 von ſeiner Gemahlin ſcheiden und lebte ſeitdem unter dem Namen Obriſt Guſtavſon ein ſtilles, verborgenes Leben. Er ſtarb im Jahr 1842. Seine Enkelin iſt die jetzige Kronprinzeſſin vvn Sachſen. 223 ergötzen, während die beiden jungen Großfürſten, ſeine Söhne, kaum von ihren Gemahlinnen beſchwichtigt und zurückgehalten werden konnten, und laut erklärten, ſie wür⸗ den von dem König von Schweden Genugthuung fordern für dieſe ihrer Schweſter angethaene Beleidigung.— Die Damen und Cavaliere flüſterten leiſe mit einander, wagten aber, da die Kaiſerin noch immer ſchwieg, nicht ihrer Ent⸗ rüſtung laute Worte zu geben, ſondern ließen nur ihren Zorn aus den Blicken ſprechen, die ſie auf die Thür hef⸗ teten, durch welche der König eintreten mußte. Jetzt endlich öffnete ſich dieſe Thür, aber es war nicht der König, welcher da eintrat, ſondern der Fürſt Platon Zoubow. Ein athemloſes Schweigen entſtand in dem Saal, ſelbſt die Großfürſten verſtummten mit ihren zornigen Dro⸗ hungen, ſelbſt das ſpöttiſche Lächeln verſchwand aus dem Antlitz des Großfürſten Paul. ZJedermann fühlte und wußte, daß die endliche Entſcheidung nahe, aller Augen folgten daher dem Fürſten Zoubow, der haſtig den Saal durchſchritt und ſich von der Rückſeite her, dem Thron⸗ ſeſſel der Kaiſerin näherte. Zetzt ſah man Zoubow ſich zu der Kaiſerin nieder⸗ neigen, ſah man, wie die Groffürſtin Alexandra, in dieſem Augenblick der Entſcheidung aller Etiquette vergeſſend, ihr 224 Haupt lebhaft nach dem Fürſten Zoubow hinwandte, um zu vernehmen, was er der Kaiſerin ſagen möchte. Nun ſprach Zoubow, an das Ohr der Kaiſerin ge⸗ neigt, einige ſchnelle, haſtige Worte. Ein doppelter Schrei ertönte, ein Schrei der Wuth von den Lippen der Czarina, ein Schrei des Schmerzes von den Lippen der Großfürſtin. Ohnmächtig ſank Alexandra in die Arme ihrer herzu⸗ eilenden Mutter, flammend vor Zorn ſprang Katharina von ihrem Thronſeſſel auf, und ihr Arm hob ſich drohend empor, und ihre bleichen, bebenden Lippen öffneten ſich ſchon zu einer Verwünſchung. Aber die Kaiſerin hielt ſie mit der Kraft ihres energiſchen Willens zurück, ſie ließ den halb erhobenen Arm wieder an ihrer Seite niederſinken, und zwang ſich zur Ruhe. Ein Wink ihres Hauptes, ihrer gebieteriſchen Augen rief den Ober⸗Ceremonienmeiſter herbei. „Herr Fürſt von Lieven,“ ſagte die Kaiſerin mit lauter, nur ein wenig bebender Stimme,„man meldet mir ſo eben, daß der König Guſtav Adolf von Schweden plötz⸗ lich erkrankt und deshalb außer Stande iſt, hier zu er⸗ ſcheinen. Wir müſſen daher die beabſichtigte Feſtlichkeit um einige Tage verſchieben, bis Seine Majeſtät wieder hergeſtellt iſt. Sagen Sie dies meinem Hof, und melden Sie den Damen und Herren, daß ich ſie für heute ent⸗ laſſe.“ 225 Der Ober⸗Ceremonienmeiſter eilte, den Hof zu be⸗ nachrichtigen, und bald ſah man die glänzende Menge in eiliger Haſt, mit verwirrten, erſchrockenen Mienen ſich nach den weit geöffneten Ausgangsthüren zudrängen, während die noch immer ohnmächtige Prinzeſſin Alexandra, von ihrer Mutter und ihren Hofdamen durch eine Seitenthür in die kaiſerlichen Wohnzimmer gebracht ward. Ihr Va⸗ ter und ihre Familie folgten ihr dahin. Nur die Kaiſerin, Zoubow, Besborodko, Markow und einige der vertrauten Miniſter blieben in dem Thron⸗ ſaal zurück. „Jetzt ſprecht,“ rief die Kaiſerin mit zornbleichen Lippen,„Jjetzt ſagt mir Alles. Iſt es wahr, iſt es mög⸗ lich, daß der König mir ſolchen Schimpf anzuthun wagt? Er will nicht unterſchreiben, ſagt Ihr? Er wagt es, die von mir ihm dargebotene Hand meiner Enkelin auszu⸗ ſchlagen?“ „Ja, er wagt es,“ ſagte Zoubow düſter.„All meine Vorſtellungen, meine Bitten waren vergeblich. Der König blieb feſt und unerſchütterlich dabei, er werde dieſen Ehecontract nicht unterzeichnen, er werde nicht einwilligen, daß ſeine Gemahlin der griechiſchen Religion treu bleibe.“ „Man muß ihn zwingen, ſein Wort zu erfüllen,“ rief Markow.„Der König iſt zu weit gegangen, er darf nicht mehr zurücktreten.“ 226 „Es iſt wahr, er darf nicht mehr zurücktreten,“ ſagte Zoubow entſchloſſen.„Wir dürfen ihm nicht erlauben, unſere erhabene Czarina zu beleidigen. Katharina, ich beſchwöre Dich, ſprich! Befiehl mir, daß ich hingehen, daß ich dieſen hochmüthigen Knaben verhaften ſoll, der es wagt, meiner edlen Kaiſerin zu trotzen, und ich, ganz allein, ohne Gefolge, ohne Waffen gehe hin, und mitten aus dem Kreiſe ſeiner Höflinge hole ich Dir den König und bringe ihn hierher, daß er zu Deinen Füßen Vergebung und Gnade erflehe.“ Katharina dankte dieſer prahleriſchen Rede ihres Günſtlings mit einem flammenden Blick. Sie wollte lächeln, aber ſie vermochte es nicht, ſie fühlte es wie einen Krampf in ihrem Herzen, ein unnennbares Wehegefühl, ein Gefühl, wie ſie es nie gekannt, und das zugleich der Beſchämung und der Reue angehörte, überkam ſie, und ſie hatte kaum noch die Kraft, den Thränen zu wehren, die in ihre Augen traten. In dieſem Augenblick öffnete ſich die Thür, und einer der Kammerherren trat herein mit einem Brief in der Hand, den der Herzog von Södermanland an die Kaiſerin ſandte. Katharina nahm ihn, und heftete ihre Augen auf die Adreſſe, aber die Buchſtaben verſchwammen vor ihren Augen, das Papier zitterte in ihrer Hand. Sie reichte 227 es mit einem Seufzer dem Fürſten Zoubow dar, und be⸗ fahl ihm, den Brief zu öffnen, und ihr den Inhalt vorzu⸗ leſen. Zoubow erbrach das Siegel, und das Papier aus⸗ einander faltend, las er:„Euer Majeſtät, erlauben Sie mir, Ihnen denjenigen zu nennen, welcher meinen Neffen, den König Guſtav, gegen Eure Majeſtät aufgehetzt, und ihn beſtimmt hat, Ihren Intentionen Widerſtand entgegen zu ſetzen. Es iſt der Baron von Armfelt.“ „Armfelt!“ rief die Kaiſerin, mit einem Schrei der Wuth vorwärts ſtürzend, einer Tigerin gleich, welche im Begriff iſt auf ihren Feind zu ſtürzen, und ihn zu zer⸗ fleiſchen. „Armfelt! Schafft mir Armfelt! Verhaftet ihn! Verhört ihn! Er iſt ein Verräther, und bei Gott, er ſoll mir ſeinen Verrath büßen! Dem Himmel ſei Dank, daß ich einen Menſchen gefunden habe, an dem ich mich rächen kann! Eilt, eilt, verhaftet Armfelt, ehe es ihm gelingt zu entfliehen! Ich muß dieſen Menſchen haben, er ſoll mir büßen für den Schmerz, die Schmach dieſer Stunde! Er ſoll—“ Sie ſtockte, trat taumelnd einige Schritte rückwärts, und fuhr mit ihren beiden Händen nach ihren Augen. „Mein Gott,“ ſagte ſie ächzend,„was ſind das für Blitze, und welche Dolche durchſchneiden mein Gehirn? 228 Zoubow, Deinen Arm, führe mich fort, ich glaube, ich ſterbe!“ Zoubow nahm die zuſammenſinkende Kaiſerin in ſeine Arme, und trug ſie in ihre Gemächer, während Thränen der Angſt und des Entſetzens ihm über die erbleichten Wangen rollten. Markow aber eilte von dannen, um den Befehl der Kaiſerin zu erfüllen, und Arnfelt zu verhaften.— Baron Armfelt hatte ſeine Wohnung nicht verlaſſen. Als Markow, gefolgt von den Beamten der Polizei bei ihm eintrat, fanden ſie ihn an ſeinem Schreibtiſch ſitzen, und eifrig an einem angefangenen Brief ſchreiben. Er ſtand auf, um Markow mit ſeiner gewohnten, ruhigen Höflichkeit zu begrüßen.„Herr Baron,“ ſagte er mit vollkommener Gelaſſenheit,„ich erwartete Ihren und den Beſuch dieſer Herren, nur kommen Sie um eine Vier⸗ telſtunde früher, als ich berechnet hatte. Ich habe daher auch dieſen Brief an die Gräfin Rudenſtöld noch nicht vollendet. Ich bitte alſo, daß Sie mir erlauben, dies jetzt zu thun, denn ich wünſchte dieſen Brief mit dem Schiff abgehen zu laſſen, mit welchem der König von Schweden morgen in ſeine Staaten zurückkehrt.“ „Ah, Sie wiſſen alſo ſchon, daß er dies thun wird?“ rief Markow.„Man hat Sie alſo nicht falſch beſchuldigt. Sie ſind es, welcher den König von Schweden beſtimmt 229 hat, der Kaiſerin zu trotzen, und ſie auf das Tödtlichſte zu beleidigen?“ „Ich habe meinem jungen König nur die Gefahren gezeigt, welche ihn hier bedroheten,“ ſagte Arufelt ruhig, „ich habe ihn beſchworen, ſich nicht zu verſündigen gegen ſein Vaterland und die Geſetze ſeines Reiches. Aus der Tiefe meiner Seele danke ich Gott, daß der König auf meine Worte gehört und der machtvollen Veruchung wi⸗ derſtanden hat.“ „Sie werden aber jetzt den Richtern der Kaiſerin Antwort geben müſſen, wenn man Sie der Verrätherei und des Hochverraths beſchuldigt!“ „Ich bin Unterthan des Königs von Schweden, ich habe gehandelt, wie es meine Pflicht war,“ ſagte Armfelt ruhig.„Niemand wird mich deshalb der Verrätherei be⸗ ſchuldigen können.“ „Wir werden ſehen,“ rief Markow ingrimmig.„Kom⸗ men Sie, mein Herr, folgen Sie uns! Der Wagen ſteht bereit, der Sie bis auf Weiteres nach der Feſtung Kaluga bringen ſoll.“ * Baron von Armfelt ward ohne Verhör und Urtheil an dem⸗ ſelben Tage, an welchem der König von Schweden Petersburg verließ, verhaftet, und nach Kaluga gebracht. Man bemächtigte ſich ſeiner Papiere und überlisferte dieſe dem Regenten, Herzog von Söderman⸗ land. Dieſer ließ nun, geſtützt auf dieſe Papiere, in Stockholm jenen 230 Prozeß gegen Armfelt anhängig machen, deſſen Grauſamkeit und Un⸗ gerechtigkeit zu ſeiner Zeit ganz Europa mit Abſcheu und Entſetzen erfüllte. Baron Armfelt ward in contumaciam zum Tode verur⸗ theilt, ſeine Geliebte, die Gräfin Rudenſtöld, ward ihrer Titel und ihres Namens beraubt, auf öffentlicher Schandbühne geſtäupt und auf Lebenszeit in's Zuchthaus gebracht.— Dem Baron Armfelt gelang es indeß, aus Kaluga zu entfliehen und ſich nach England zu retten. Nachdem der König Guſtav Adolf ſelbſtſtändig die Regierung über⸗ nommen, befahl er eine Reviſion des Prozeſſes, und die Folge davon war daß das Urtheil annullirt und die Angeklagten für ſchuldlos der ihnen angeſchuldigten Verbrechen erklärt wurden. Baron Armfelt ward in alle ſeine Titel und Würden wieder eingeſetzt, ebenſy die unglückliche Gräfin Rudenſköld.— In den Jahren 1806 und 1807 befehligte Armfelt einen Theil der ſchwediſchen Armee, die in Pom⸗ mern ſtand, ſpäter, als der König Guſtav Adolf ſeines Thrones ent⸗ ſetzt ward, zog auch Armfelt ſich in die Verborgenheit zurück. Bald indeß drohte ihm neue Gefahr, man beſchuldigte den Baron von Armfelt, eine Verſchwörung angezettelt zu haben, um den Sohn Guſtav Adolf's, Guſtav, auf den Thron von Schweden zu ſetzen. Der König Karl XIII. erließ einen Verhaftsbefehl gegen Armfelt. Es gelang ihm, ſich zu retten und nach Rußland zu entfliehen, wo ihn Kaiſer Alerander zum Gouverneur von Finnland ernannte. Als ſolcher ſtarb Baron Armfelt im Jahr 1830. 3wölftes Capitel. Der Tod. Sechs Wochen waren vergangen, ſeit jenem unter⸗ brochenen Verlobungsfeſt, und Niemand am Hofe Katha⸗ rinen's ſchien ſich mehr dieſes unangenehmen Ereigniſſes zu erinnern, das man unter Feſten und Blumen begraben hatte. Selbſt am Tage nach jener Kataſtrophe hatte bei der Kaiſerin ein glänzender Ball ſtatt gefunden, und nicht allein Katharina, ſondern ſogar der König von Schweden war auf demſelben erſchienen. Nur hatte Katharina den König, den ſie bis dahin mit ſo vieler Emphaſe ihren jungen, ſchönen Liebling genannt, gar nicht zu bemerken geſchienen, und ohne ihn nur zu grüßen, war ſie mehrmals an ihm vorübergeſchritten. Aber auf den König ſchien dieſes Nichtgewahren der Czarina gar keinen Eindruck zu machen. Das ſanfte, traurige Lächeln, mit dem er in den 232 Ballſaal eingetreten war, ſtand noch immer auf ſeinem Angeſicht, voll ruhiger Freundlichkeit unterhielt er ſich mit den Mitgliedern der kaiſerlichen Familie, und ſchien es ebenſo wenig zu bemerken, daß Alexandra auf dem Ball nicht anweſend war, als daß die Großfürſten mit kalter, ſtolzer Gleichgültigkeit kaum eine einſilbige Antwort auf ſeine Fragen hatten. Dann als der Tanz begann, näherte er ſich der Ge⸗ mahlin des Großfürſten Alexander, und forderte ſie zum Tanze auf. Sie hatte nicht den Muth es ihm zu verwei⸗ gern, denn ſeine Augen ruhten mit ſo flehendem Ausdruck auf ihr, daß ſie Mitleid empfand mit dieſem jungen Manne, deſſen bleiche Wangen ſeine geheimen Schmerzen verriethen. Sie tanzten alſo zuſammen. Dann in einer Pauſe wandte der König ſich näher zu der Großfürſtin hin.„Ich beſchwöre Sie, Fürſtin,“ ſagte er leiſe,„haben Sie Er⸗ mit mir, haben Sie Mitleid mit meiner Qual. Sagen Sie mir, was macht die Großfürſtin Alexandra?“ „Sie iſt krank, Sire,“ flüſterte die Großfürſtin, „krank vom vielen Weinen.“ „Und ſie zürnt mir, nicht wahr? Sie kann es nicht verzeihen, daß die Pflicht meiner Krone mir höher ſtand, als die Liebe meines Herzens?“ „Nein, Sire, ſie zürnt Ihnen nicht, ſie hat verziehen, aber ſie leidet.“ 8 „Oh, ſagen Sie ihr, daß ich mehr, tauſend Mal mehr leide, ſagen Sie ihr, daß ich meine Nächte in Thrä⸗ nen, meine Tage in Verzweiflung hinbringe. Sagen Sie ihr, daß ich in dem Zorn meines Schmerzes meinem Gott gezürnt, daß ich das Schickſal verwünſcht habe, welches. mich zwingt, der einzigen Liebe meines Lebens zu entſagen. Sagen Sie ihr, daß mein Leben hinfort trübe und dunkel ſein wird, denn ſie war der einzige Stern, welcher es durchſtrahlte, und—“ „Ihro Majeſtät die Kaiſerin läßt die Frau Groß⸗ fürſtin zu ſich entbieten,“ meldete der eilig heranſchreitende Oberceremonienmeiſter, und die Großfürſtin zerdrückte ſchnell die Thränen in ihren Augen, grüßte den König mit einem ſanften, mitleidsvollen Blick und entfernte ſich. Wenige Minuten ſpäter hatte der König den Ball⸗ ſaal verlaſſen, und am andern Tage war er abgereiſt.— Sechs Wochen, wie geſagt, waren ſeitdem vergangen, und Niemand dachte mehr an jenes unglückliche Ereigniß, am allerwenigſten aber die Kaiſerin Katharina. Wenige Tage hatten genügt, um ihr ihre ſtolze Ruhe, ihre erhabene Siegesgewißheit wieder zu geben. „Man wird auf einen neuen Plan ſinnen müſſen, ſagte ſie zu Platon Zoubow,„man wird einen andern Weg einſchlagen müſſen, um nach Schweden zu gelangen, und da wir es nicht durch die Liebe erobern konnten, ſo 7 müſſen wir ſuchen, es mit dem Haß zu beſiegen. Warten 1859. V. Die letzten Lebenstage Katharina's II. 15 wir nur! Der König iſt jung und feurig, er wird ſich vielleicht recht bald einmal hinreißen laſſen, unſern Ge⸗ ſandten, dem ich befohlen, ein recht ungeſchliffenes und brusques Weſen anzunehmen, dafür ſeine königliche Unzu⸗ friedenheit fühlen zu laſſen. Der Geſandte wird ſich dann bei mir über eine ihm vom König zugefügte Beleidigung beklagen, und die Gelegenheit iſt da, um unſere Truppen marſchiren zu laſſen, und von dem König von Schweden blutige Genugthuung zu fordern.“ Katharina wartete alſo auf dieſe Gelegenheit und ſchien heiterer und vergnügter, als ſie es ſeit langer Zeit geweſen. Nur ihre Füße wollten ſie nicht mehr tragen und ſelbſt die Bäder aus dem Waſſer des ſchwarzen Meeres, die ſie täglich gebrauchte, wollten ihnen nicht mehr ihre alte Kraft und Stärke wieder geben.* Aber Katharina verbarg ſelbſt vor ihren Vertrauten, ſelbſt vor Zoubow, die immer zunehmende Schwäche ihrer Füße, ſie klagte nicht über Hinfälligkeit und ſelbſt ihren Leibärzten mochte ſie nicht ſagen, daß ſie ſich leidend fühle. Sie wollte die Krankheit und das Alter ſo gut be⸗ ſiegen, wie ſie die Tataren und die Polen beſiegt hatte, wie ſie Schweden zu beſiegen hoffte. Nein, von keiner Krankheit, keinen Schmerzen und keinen Leiden wollte dieſe ſtarke Seele ſich beugen laſſen, * Kampf um das ſchwarze Meer. Von Theodor Mundt. S. 321 —— —— 235 ſie ſcherzte und lachte, ſie gab Feſte und berief ihre Ver⸗ trauten zu den myſtiſchen Feſten, welche in der Eremitage ſtatt fanden. Auch heute, am achten November, hatte die Kaiſerin ihren Freunden in der Eremitage ein Feſt gegeben. Aber früher als ſonſt, ſchon um ſieben Uhr Abends hatte ſie ſich zurückgezogen, weil ſie, wie ſie ſagte,„vom vielen Lachen Kopfweh bekommen habe.“ „Ich will ſchlafen,“ ſagte ſie,„um morgen deſto friſcher und heiterer zu ſein. Gute Nacht alſo, meine Freunde, gute Nacht!“ Und ſie zog ſich in ihre Gemächer zurück. Aber ſie hatte kaum ihr Kabinet betreten, als der dienſtthuende Kammerherr den Generalgouverneur von Petersburg, Gra⸗ fen Arkarow, meldete, der Ihro Majeſtät in einer dringenden Angelegenheit zu ſprechen verlange. Katharina befahl, ihn eintreten zu laſſen, und ging ihm lebhaft einige Schritte entgegen. „Du ſiehſt heiter aus, und Deine Augen blitzen wie die eines Tigers, der eine Beute entdeckt hat,“ ſagte die Kaiſerin lächelnd. „Wahrlich, Eure Majeſtät verſtehen es, in den Augen der Menſchen zu leſen,“ rief Arkarow.„Ja, ich habe eine Beute entdeckt, und ich hoffe, daß Eure Majeſtät mit mir zufrieden ſein werden.“ „Nun, was giebt's?“ fragte Katharina, auf den 158 * Divan niederſinkend.„Laß hören, Arkarow, was haſt Du entdeckt?“ „Eure Majeſtät entſinnen Sich, daß der Verfaſſer jenes famöſen fliegenden Blattes ein zweites Blatt über den Zuſtand der Finanzen verſprochen hatte?“ „Ja, ich entſinne mich, Arkarow, und es ſcheint mir, daß dies Blatt viel Zeit bedarf, um zu wachſen.“ „Majeſtät, es iſt da, und ich bringe es Eurer Majeſtät.“ „Dh, es iſt da,“ rief Katharina heftig.„Gieb es mir! Oder nein, lies es mir vor, denn ich weiß nicht, meine Augen ſind trübe, und ich fühle da einen ſeltſamen Druck im Kopf. Lies, Arkarow, lies!“ Arkarow zog ein Blatt Papier hervor, und begann zu leſen:„Ein neues Blatt weht der Sturmwind des göttlichen Zorns vom Himmel zu Euch hernieder, zu Euch, Ihr armen Ruſſen, die Ihr weint und leidet, die Ihr verhungert und verzagt! Ich will Euch heute ſagen, wes⸗ halb Ihr verhungert, und welche Abgründe das Geld ver⸗ ſchlungen haben, das man Euch mit ſo viel Steuern und Auflagen erpreßt. Dieſe Abgründe, das ſind die Fa⸗ voriten der Kaiſerin. Ja, die Favoriten haben Rußland ruinirt und elend gemacht, denn hört: die Kaiſerin Katha⸗ rina hat an ihre Favoriten Alles in Allem genommen nicht mehr und nicht weniger als achtundachtzig Millionen, achtmalhundert und zwanzigtauſend Rubel gegeben.“ — 237 Katharina ſtieß einen Schrei der Wuth aus, ihre Hand ballte ſich krampfhaft zuſammen, und ihre Stirn legte ſich in finſtere Falten.„Weiter,“ rief ſie, als Arka⸗ row ſich unterbrach,„weiter! Ich höre! Lies alſo!“ Arkarow las weiter:„Aber Ihr ſollt nicht glauben, daß ich Euch da nur eine willkürliche Summe nenne, daß ich anklage, ohne beweiſen zu können. Nein, nein, ich will Euch ſagen, wer dieſe Millionen bekommen hat, und auf welche Weiſe ſie die Großmuth der Kaiſerin unter ihre Favoriten vertheilt hat. Hört nur: Die fünf Brüder Orloff haben erhalten: fünfundvierzigtauſend Bauern und an Ländereien, Paläſten, Edelſteinen und Silberzeug ſieben⸗ zehn Millionen. Waſielitſchikoff, der Gardelieutenant, bekam in zwei Monaten ſiebentauſend Bauern, geſchätzt auf ſechsmalhunderttauſend Rubel, dazu an Paläſten, Brillanten und Silberzeng zuſammen fünfmalhundertund⸗ zehntauſend Rubel an Werth, zuſammen eine Millivn und einmalhundertundzehntauſend Rubel.— Potemkin aber erhielt allein funfzig Millionen,“ die—“ „Still,“ rief die Kaiſerin mit zornblitzendem An⸗ geſicht.„Ich habe genug gehört. Zetzt, Arkarow, jetzt nenne mir den Verbrecher, damit ich ihn ſtrafen, damit ich ihn zermalmen kann.“ „Majeſtät, ich wage nicht, ihn zu nennen, aber viel⸗ *Siehe über die Geſchenke der Günſtlinge: Vis de Catherine II., Imperatrice de Russie. Vol. IHI. S. 452. 238 leicht errathen ihn Eure Majeſtät. Ich entdeckte die Druckerei, in welcher man in der vergangenen Nacht dieſes Blatt druckte. Ich ließ das Haus in aller Stille umſtellen, ließ dann leiſe und geräuſchlos öffnen, ſchlich mit meinen Leuten zu dem mir bezeichneten Arbeitsſaal und trat, bevor noch irgend Jemand unſere Anweſenheit vermuthete, in den Saal ein. Man war noch in voller Arbeit, der Setzer ſtand noch vor dem Setzkaſten und ſetzte, das Manuſeript lag vor ihm. Mit einem Sprung war ich neben ihm, er⸗ faßte das Mannuſeript dieſes famöſen zweiten fliegenden Blattes, und habe jetzt die Ehre es Eurer Majeſtät zu bringen.“ Die Kaiſerin nahm es mit einer lebhaften Hand⸗ bewegung, und betrachtete die Schrift mit glühenden Blicken. Dann auf einmal ſchoß ein Ausdruck ſo wilden, dämoniſchen Triumphes über ihr Antlitz hin, daß ſelbſt Arkarow erbebte. „Ah,“ rief ſie mit lautem Jubelton,„das iſt die Handſchrift meines Sohnes, des Großfürſten Paul!“ „Jo, ſie iſt es,“ ſagte Arkarow gelaſſen.„Es iſt die Handſchrift des Großfürſten.“ „Und ich habe alſo meine Beweiſe in Händen,“ rief Katharina,„ich kann ihn des Hochverraths überführen. Ich habe das Recht, ihn zu ſtrafen, und bei Gott, ich will es! Nein, der Hochverräther kann nicht der Erbe meines Thrones ſein. Dieſer blöde Narr, welcher ſeit dreißig —— —— —— 239 Jahren meine Qual, meine Marter iſt, welcher mich ſtets an Denjenigen erinnert, den ich auf Erden am Meiſten gehaßt habe, an ſeinen Vater, dieſer Sohn Peter's wird jetzt endlich ſeine Strafe empfangen. Ich werde ihn der Thronfolge für verluſtig erklären! Oh, Dank Dir, Arka⸗ row, Dank Dir, denn Du haſt mir das Mittel gegeben, Rußland zu retten, es den Händen eines Narren zu ent⸗ reißen. Nein, ich will nicht, daß Rußland zu Grunde gehe, denn ich liebe Rußland. Ich bin es, die Rußland groß gemacht, und man ſoll nicht ſagen, daß mein Sohn wieder zerſtören durfte, was ſeine Mutter aufgebaut! Ich kam hierher nach Rußland, arm und ohne Ausſteuer, aber Rußland hat mich mit Liebe aufgenommen, es hat mich zur Kaiſerin gemacht, und ich habe ihm dafür gedankt, wie eine Kaiſerin danken muß. Ich habe mir eine Aus⸗ ſteuer verdient, und dieſe Ausſteuer habe ich Rußland gegeben. Die Krim und Polen, das iſt die Ausſteuer, die ich Rußland ſchenke,“ und jetzt will ich mein Werk voll⸗ enden, jetzt will ich Rußland erretten von den wahnſinnigen Händen, die wieder verſchleudern würden, was ich zuſam⸗ mengebracht. Mein Sohn Paul ſoll nicht den Thron beſteigen, den ich groß gemacht. Er iſt ein Hochverräther, und ich will ihn beſtrafen! Hier iſt der Beweis gegen ihn.“ „Es giebt noch mehr Beweiſe, Majeſtät,“ ſagte * Katharina's eigene Worte. Siehe: Mémoires sur laRussie. Vol. I. S. 49. Arkarow gelaſſen.„Es iſt mir gelungen, einer Verſchwö⸗ rung auf die Spur zu kommen, die unter den Officieren einiger Regimenter beſteht, und deren Zweck iſt, den Großfürſten Paul mit Gewalt auf den Thron zu ſetzen. Ich habe einige der Verſchworenen verhaftet, und mich ihrer Papiere bemächtigt. Hier ſind dieſe Papiere, und Eure Majeſtät werden daraus erkennen, daß der Groß⸗ fürſt Paul der Mittelpunkt dieſer Verſchwörung iſt, und daß in Gatſchina die geheimen Zuſammenkünfte der Ver⸗ ſchworenen ſtattfinden.“ „Gieb mir die Papiere, ich will ſelbſt leſen,“ ſagte Katharina lebhaft. Arkarow reichte ſie ihr dar, die Kaiſerin las die Papiere mit geſpannter Aufmerkſamkeit, und während des Leſens ward ihr Angeſicht wieder ſtiller und die Wolken verſchwanden von ihrer Stirn. „Es iſt kein Zweifel,“ ſagte ſie dann vollkommen ruhig,„es iſt eine Militairverſchwörung und Paul iſt das Haupt dieſer Verſchwörung. Nun höre, Arkarow! In dieſer Nacht läßt Du alle die Verſchworenen, die auf dieſer Liſte ſtehen, verhaften, und giebſt wohl Acht, daß Niemand von ihnen Mittel finde, den Großfürſten zu benachrichtigen. Dann erſt, wenn Alle verhaftet ſind, wenn Niemand da iſt, um zu Gunſten des Großfürſten und um ihn zu be⸗ freien, vielleicht eine Militairrevolte zu machen, dann begiebſt Du Dich hinaus nach Gatſchina und verhafteſt „ 241 den Großfürſten, und bringſt ihn heimlich hierher nach Petersburg.“ „Dazu bedarf ich einer ſchriftlichen Ordre Eurer Majeſtät,“ ſagte Arkarow. „Verhafte erſt die Uebrigen, dann komme wieder, und melde mir, daß es geſchehen. Ich werde Dir dann die ſchriftliche Ordre geben. Nun eile, Arkarow! Dieſe Nacht noch muß Alles vollbracht werden, und morgen werde ich im feierlichen Miniſterrath meinen Enkel, den Großfürſten Alexander, zu meinem Nachfolger ernennen. Geh, Arkarow, und kehre bald zurück!“ Sie entließ den Grafen mit einer gnädigen Hand⸗ bewegung und klingelte nach ihrem Kammerherrn. „Wenn Graf Arkardw kommt, ſo darf er ſogleich unangemeldet hier eintreten,“ ſagte ſie.„Bis dahin aber ſoll Niemand, unter welchem Vorwand es auch ſei, mich ſthren. Ich will ſchlafen!“ „Ja, ich will ſchlafen,“ murmelte Katharina, als ſie allein war,„ſchlafen, um Kräfte zu ſammeln zu dieſer neuen großen That, der letzten vielleicht, die ich zu Rußlands Glück vollenden kann. Nein, Paul ſoll nicht mein Erbe ſein, er ſoll nicht dieſen Thron beſteigen, den ich mit Blut mir erworben habe, den ich vertheidigen will gegen den Sohn, wie ich ihn gegen den Vater vertheidigt habe! Ich— ha, was iſt das,“ unterbrach ſie ſich auf einmal,„welch ein ſurchtbarer Schmerz! Mein Kopf, oh weh, weh, mein Kopf!“ 1859. v. Die letzten Lebenstage Katharina's II. 16 242 Sie ſprang von ihrem Sitz empor, ſie wollte Hülfe rufen, aber ihre Lippen verſagten ihr den Dienſt, der Schmerz krampfte ſie zuſammen, ſie wollte die Klingel erfaſſen, und ſchellen, aber ihre Hand hob ſich nicht, ſie hing ſchwer an ihrer Seite nieder, ſie wollte,— nein, ſie wollte nichts mehr!—— Zwei Stunden ſpäter trat Arkarow mit triumphi⸗ rendem Antlitz in das Kabinet der Kaiſerin. Vorſichtig und leiſe ſchlug er die Portière zurück, denn man hatte ihm geſagt, daß die Kaiſerin ſchliefe, und daß nur Er ſie wecken dürfe, vorſichtig that er einige Schritte vorwärts, dann aber ſtieß er einen Schrei des Entſetzens aus, tau⸗ melte zurück, ſprang dann nach der Thür hin, riß ſie auf und ſchrie um Hülfe. Nun ward es lebendig in dem vorher ſo ſtillen Ge⸗ mach der Kaiſerin, nun öffneten ſich alle Thüren, und die Damen und Cavaliere ſtürzten herein. Da, in der Mitte des Gemaches, da, dieſe langhin⸗ geſtreckte, röchelnde, zuckende Geſtalt, die da auf dem Fuß⸗ boden liegt, mit leichenfahlem Angeſicht, mit gebrochenen Augen, das iſt die⸗Kaiſerin, das iſt die große Katharina! Ein zuckender Wurm, den das Schickſal unter ſeine Füße getreten, eine ausgebrannte Lampe, deſſen Licht der Tod mit einem Hauch ſeines Mundes ausgeblaſen! Geſtern noch eine allmächtige Kaiſerin, heute eine arme, machtloſe Sterbende! 243 Aber nein, ſie war noch nicht todt, ſie regte ſich noch! Man rief die Aerzte, man ſandte Eilboten nach Gatſchina an den Großfürſten, man rief die kaiſerliche Familie, man rief auch Platon Zoubow herbei. Sie kamen Alle, ſie umſtanden mit ſtummen Entſeen dieſe röchelnde, bewegungsloſe Geſtalt, die da auf der Erde lag, und die man nicht anzurühren, nicht aufzuheben wagte, aus Furcht, ſie durch die Berührung zu tödten. Platon Zoubow weinte, der Großfürſt Paul ſchaute finſter aber gelaſſen drein, und gab ſeine Befehle, und ordnete Alles an zu der großen Ceremonie ſeiner Thronbeſteigung, und zur Leichenfeier ſeiner Mutter. Aber ſie lebte noch, ſie hörte vielleicht ſogar ſeine Worte! Der Schlagfluß hatte ihr die Zunge und die Glieder gelähmt, aber vielleicht waren ihre Sinne wach, vielleicht hörte ſie, die Lebende, die Befehle, welche ihr Sohn mit ſo ruhiger Sicherheit für ihre Leiche gab! Stunde auf Stunde verging, und die Kaiſerin lebte noch! Die Nacht war vergangen, und der folgende Tag, und Katharina lebte immer noch, lag noch immer auf dem Fußboden da, unbeweglich, ſtarr, eine athmende Leiche. Aber auf einmal jetzt kam wieder Leben und Bewegung in ihre Glieder. Sie zuckte mit der Hand, ſie öffnete ihre Augen. Platon ſtieß einen Schrei des Entzückens aus. Viel⸗ ich waren die Bemühungen der Aerzte nicht vergeblich 16* 244 geweſen, vielleicht hatten dieſe ſtarken Eſſenzen, mit denen ſie ihre Stirn, ihre Füße gerieben, die Kaiſerin gerettet. Ja, ſie lebte, ſie blickte umher, erſt auf Zoubow, dann auf den Großfürſten Paul. Nun durchzuckte es wie ein Blitz ihre Geſtalt, nun flammte ein Strahl des Lichts in ihren Augen auf, nun öffnete ſie die Lippen, als wolle ſie ſprechen, aber— kein Wort kam hervor,— ihre Zunge war gelähmt! Endlich tönte ein gellender, furchtbarer Schrei von ihren Lippen, die Augen, welche ſtarr und un⸗ verwandt auf den Großfürſten, ihren Sohn, gerichtet ge⸗ weſen, verloren dieſen letzten Blitz des Zorns, mit dem ſie ſich entflammt hatten, die Geſtalt dehnte und ſtreckte ſich, — dann war Alles vorüber! Katharina war todt,“ und Paul war Kaiſer von Rußland! S Katharina II. ſtarb am 9. November 1796. Mit ihrem Tode erloſch das Glück des Fürſten Platon Zoubow. Der Kaiſer Paul et ihn ſeiner Aemter, und ließ ihm eine mehrjährige Reiſe in das Ausland anrathen. Platon Zoubow begab ſich alſo nach Deutſch⸗ und machte in Karlsbad durch ſeinen verſchwenderiſchen Aufwand und ſein übermüthiges Benehmen viel Aufſehen. In zudringlichſter Weiſe machte er einer der ſchönen Töchter des Herzogs von Kurland den Hof, und erklärte laut, daß er ſie heirathen werde. Der Herzog von Kurland beſchwerte ſich darüber in Petersburg, und Platon Zou⸗ bow erhielt vom Kaiſer den Befehl nach Rußland zurück zu kehren, und ſich ein für alls Mal auf ſeine Güter zurück zu ziehen. Dort t Platon Zoubow 1820. Endr. Leipzig, Druck von Gieſecke& Deyrient. — 3 14 15 16 17 18 ſſſ 8 9 10 11 12 1 —* 3