Leihbibliothekt deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Cdnard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Veih und geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 2 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pſ. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mi. f 6„—*—„ 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu forgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Wertes, ſo iſt der Leſer zum Erfatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 37 — . Wühlbuch's * Rleine Romanr. Zweite, neu bearbeitete Ausgabe. — Elfter Theil. Die Künſtlerin. Altona. Verlag von J. F. Hammerich. nſt ler Roman vpn L. Mühlbach. Zweite, neu bearbeitete Ausgabe. Allona. Verlag von F. F. Hammerich 1860. 6. Erſtes Capitel. Ach, dem Glück, geliebt zu werden, Gleicht kein andres Glück auf Erden, Die geliebte Schäferin Sie allein iſt Königin. Graf Ernſt war von einer Reiſe nach Italien zurückgekehrt, und ſeine frühern heitern Freunde hatten ihn mit Jubel begrüßt. An einen derſelben hatte er den Tag ſeiner Ankunft geſchrieben und ihn gebeten, ihm vorläufig eine paſſende Wohnung zu ſuchen, bis er ſelbſt komme ſein ererbtes Hötel ſich einzurichten, da er geſonnen ſei, für längere Zeit in der Reſidenzſtadt, in der Nähe ſeiner Güter, zuzubringen. Seine Wünſche waren ge⸗ treulich erfüllt worden, und im eleganten hohen Zimmer ſaß der vor wenig Stunden Angelangte im Kreiſe von vier jungen Männern. „Die drei Jahre Deiner Abweſenhei Dich wenig verändert,“ bemerkte Baron ſah theilnehmend und liebevoll in Er Die Künſtlerin. S ſicht,„ich finde Dich kräftiger, mehr zum Manne gereift.“ „Mehr geeignet, die Stütnie des Lebens zu ertragen,“ bemerkte Graf Ernſt mit einem foſt wehmüthigen Lächeln. Nicht doch, nicht doch,“ meinte ein Anderer, *„nehr i den Becher der Fub zu leeren, ie Luſt zu ſch öpfen aus immer reicher⸗ Quelle.— Nein, nein, Du fehlteſt uns in unſerm frohen Kreiſe; nun iſt er erſt wieder vollſtndig. Ha, welch ein Leben ſoll jetzt beginnen!— Und hörſt Du, auf Dich habe ich meine letzte Hoffnung ge⸗ t Du mußt velſführen, was Keinem von uns zelingen wollte, Du mußt ier ſtolze Prima una beſiegen.“ e, ja, ſtimmten die Andern bei.„Du mßt uns rüchen an der ſtolzen Spröden.“ 3 „Und von wem iſt denn die Redes“ fragte Ernſt begierig. Von wem anders, als von der erſten Süngerin und Se hauſpieleri äulein Emilie Minden.“ Ach, von de Wu mir immer ſo begeiſtert ſchriebſt, lieber Carl. Nach Deinem feurigen glanbte ich Deiner Verlobung geger⸗ ſehen zu können.“ ſpricht man nicht gern,“ meinte der it ſchlauem Lächeln, und ſummte t ſchelmiſchen Seitenblicken auf Carl: en ſnen trara, trara“ „Was,“ fragte Ernſt mit kemiſchem Erſtannen, „abgewieſen?“ „Nun ja,“ entgegnete Catt verdrießlich;„es geht mir eben, wie allen Andern,“ betynte er ſtär⸗ ker,„Keiner kann ſich einer Auszeichnung rühmen. Freundlich, aber zurückhaltend gegen Jeden, lockt ſie durch ihre Anmuth und Lieblichkeit unwiderſteh⸗ lich an, ſtößt ſie ab durch ihre froſtige Kälte.“ „Iſt ſie hübſch?“ fragte Ernſt. „Das eben nicht, aber ein ſprechendes, beweg⸗ liches Geſicht, ſchöne Augen, friſche Lippen, klarer Teint und eine ſehr ſchöne Figur.“ „Noch ganz jung?“ fragte Ernſt weiter,„denn ich entſinne mich nicht, vor meiner Abreiſe jemals von ihr gehört zu haben.“ „Sie iſt zuch erſt ſeit zwei Jahren dem Theater gewidiet, und entzückt ſeitdem Alle durch ihren herrlichen Sing, ihr ſchönes Spiel,“ entgeg⸗ nete Cath„Ja, ich möchte faſt ſagen, ich ſehe ſie liebey in Tragödien, als in Opern.“ „Alſo in beiden excellirt ſie?“ fragte Ernſt verwundert. „Ach, in Allem,“ ſagte Carl.„Sie ſpielt das Pianoforte meiſterhaft, ſie malt wie eine An⸗ gelika, tanzt wie—“ „Fanny Elsler,“ unterbrach ihn Ernſt la⸗ chend.—„Wahrlich, das muß ein wunderbares Weſen ſein. Ich bin begierig ſie zu ſehen Laßt uns zu ihr gehen.“ 3 „Gemach, gemach, mein lieber Graf,“ rief Baron S.,—„wahrhaftig, noch immer der Alte, noch dieſelbe Leidenſchaft, dieſelbe Glut. Mein Himmel, das wird ein Feuer werden, wenn dieſer holde Zephyr die ſchlummernde Glut anfacht. Da werden Flammen ſchlagen, Blitze zucken.— Ich ſehe ſchon das ganze Ungewitter heranziehen. — Morgen wollen wir zu ihr gehen.— Sie empfängt nur Morgens von eilf bis zwei Uhr Beſuch, und nie den Einzelnen. Der Salon iſt alsdann Zedem geöffnet, der kommen mag; die Geſellſchaftsdame läßt Zeden eintreten, und erſt wenn mehrere verſammelt ſind, ruft ſie die holde Königin.“ „Und dann iſt es ein Neigen und Kämpfen,“ fiel Wilhelm lachend ein,„Jeder möchte gern der Erſte ſein, ihre Hand zu küſſen, ſie zum Sopha zu führen, nach ihrem Befinden zu fragen.“ „Zetzt lachſt Du,“ ſagte Carl halb ärgerlich, „und keiner ſeufzt mehr bei ihr, wie eben Du.“ „Nun ja, ich leugne nicht, ich liege im Netze, wie alle Uebrigen, und unerhört, wie Alle.“ „Alſo auf morgen,“ ſagte Ernſt,„und ver⸗ geſſen wir jetzt die ſtolze Zauberin, damit nicht Eure Laune ſchwinde. Gedenken wir der Ver⸗ gangenheit und der froh verlebten Stunden.— Wie iſt es, Carl, noch immer nicht Deinen Eigen⸗ ſinn aufgegeben, noch immer das Mädchen ver⸗ ſchmähend, die Dein Papa Dir erwählte?“ „Niemals,“ rief Carl heftig,„niemals eine andere als—“ „Still, ſtill,“ ſagte Ernſt raſch, und ſchloß dem Freunde mit der Hank die geöffneten Lippen. „ſprich ein ſolches Wort nicht aus. Ich denke, meine Freunde, wir ſind Alle darüber einig, eine Schauſpielerin zur Geliebten zu haben, beugt uns ſchon, ihr unſere Hand zu geben, befleckt unſern Stammbaum, bringt keine Ehre.“ „O Ariſtokrat, Ariſtokrat,“ ſeufzte Baron S. mit komiſchem Pathos.„Die Zeiten ſind vorüber, Tänzerinnen und Sängerinnen ſind Jedem eben⸗ bürtig, können ſogar zur königlichen Tafel gezo⸗ zu erlangen.“ „Möglich, daß Einige dieſe Anſichten hegen,“ ſagte Graf Ernſt, und warf ſtolz den Kopf zurück, „ich aber theile ſie nicht. Ich könnte eine Schau⸗ ſpielerin lieben, nimmer ihr meinen Namen geben. Doch, Freunde, wozu dies Geſpräch, es macht uns ernſt, und wir vergeſſen, daß wir unſer Wie⸗ derſehen feiern wollten. He, Heinrich,“ rief er ſei⸗ nem Kammerdiener,„ſorge für Erfriſchung laß eine Bowle bereiten.“ riefen Alle,„Punſch her, Gläſer, laßt uns anſtößen, laßt uns jubeln,— der Freund iſt wieder da!“ Bald ſaßen ſie um die dampfende Bowle im — —— —— S— heiter ſich bewegenden Geſpräche, und der Name . manches ſchönen und gefeierten Mädchens er⸗ tönte, und manche kleine Liebſchaft ward unter dem Siegel der be den horchenden Freunden vertraut.“ „Aber Du,“ ſagte Carl,„Du, lieber Ernſt, ſagſt uns nichts von Deinem Leben, von Deinem Liebesleben insbeſondere. Was iſt aus der ſchönen Biondetta geworden, in die Du gerade verliebt warſt, als ich Dich in Rom verließ?“ „Nichts von der,“ ſagte Ernſt heftig und eine finſtere Wolke des Unmuths überflog ſeine hohe Stirn.— Heftig preßte er dann die Lippen auf⸗ einander und ſchaute ſtumm und ſinnend zur Erde. Auch die Freunde ſchwiegen und dieſe Stille eben ſchien Ernſt aus ſeinen Träumen aufzuſchrecken. Er fuhr ſich leicht mit der Hand über das Ge⸗ ſicht, und ſagte dann, ein Glas ergreifend:„Die ſchöne Emilie ſoll leben!“ „Hoch,“ jubelten die Freunde, und die Gläſer klirrten hell aneinander. „Du würdeſt mich verbinden, liebe Erneſtine,“ ſagte Emilie M., die gefeierte Sängerin, andern Tages zu ihrer Geſellſchafterin,„wenn Du Dich heute bemühteſt, die Herren im Salon allein zu unterhalten. Soeben bekam ich einen Brief von meinem alten Freunde, dem Geheimrath Solau, er bittet mich um eine ungeſtörte Stunde. Ich darf den Freund meiner Kindheit nicht umſonſt bitten laſſen. Vertröſte die Herren auf morgen,“ ſchloß ſie mit halb ſpöttiſchem Lächeln. „Sie werden Sturm laufen, ſich nicht zuftie⸗ den geben, bis ſie Dich geſehen, Emilie, bis ſie ſich an Deinen Reizen erquickt haben,“ ſagte Er⸗ neſtine in gewohntem Pathos. „Ich bitte Dich, laß dieſe Reden—= Du ſo wenig, wie ich, glauben das.— Sage ihnen, ich ſei beſchäftigt mit meiner Rolle für heute Abend, und wolle nicht geſtört ſein.“ „Macht Niemand eine Ausnahme,“ fragte Er neſtine,„auch nicht Graf Carl?“ „Niemand,“ wiederholte Emilie ernſt.—„Horch, es klingelt. Nur der Geheimrath darf zu mir kommen.“ Erneſtine ging hinaus und Emilie blieb al⸗ lein.— Sie war, wie Graf Carl ſie geſchildert, nicht ſchön, aber ein höchſt anziehendes Geſicht. Aus den tiefen, dunklen Augen ſprach Seele und Gefühl, freilich auch etwas Stolz; um die glü⸗ henden Lippen ſpielte ein fröhliches, anmuthiges Lächeln, und die roſigen Wangen, die klare Stirn zeigten, wie wenig von dem Schmerze des Lebens dies junge blühende Weſen noch empfunden. Die volle hohe Geſtalt war ſtolz emporgerichtet und einer Königin würdig, und der Fuß, die Hand von reizender Form und Kleinheit. Zetzt ließen ſich Schritte im Vorſaale verneh⸗ men, die Thür öffnete ſich und ein freundlicher Greiſenkopf ſchaute hinein, und eine muntere Stimme fragte:„darf ich?“ „Gewiß, lieber Solau,“ ſagte Emilie, und reichte dem Eintretenden freundlich die Hand.„Ich bin nur für Sie zu Hauſe und brenne vor Reu⸗ gierde zu wiſſen, was Sie zu mir führt.“ „O über Euch Weiber,— alſo auch Sie, Allerſchönſte und Vortrefflichſte, leiden an dieſer Schwachheit, Sie, ſonſt über alle Schwäche ſo erhaben.“ „Ich bin aber auch nur ein Mädchen,“ lachte Emilie,„und leide an Untugenden, wie nur je ein Mädchen. Doch nennen Sie es Wiß⸗ begierde, nicht Neugierde, und Sie werden mir geſtehen, daß Wißbegierde über allen Tadel er⸗ ¹ haben iſt.“ „Allerdings, Schönſte,“ beſtätigte Solan,„und ich bin jetzt ganz enchantirt von Ihrer edlen— wie war doch das Wort?“ „Wißbegierde, lieber Geheimrath! Und nun ſchnell, ſetzen Sie ſich zu mir aufs Sopha.“ ſpreche mir wenig oder gar keinen Erfolg von meiner erbetenen linterredung. Doch gab ich mein Wort, und muß es löſen. Alſo heraus damit— ich komme mit einem Heirathsantrag.“ „Weiter nichts?“ fragte Emilie enttäuſcht. —————— Sie nahmen Platz und Solau ſagte:„ich ver⸗ „So fragen Sie, aber der, der mich ſendet, hält es für etwas Gro es und Wichtiges. Mein Neffe Ludwig liebt Sie,“ „Ich wußte es,“ ſagte Emilie, ernſter werdend, „und es war mir traurig um Ihretwillen.“ „Und Sie lieben ihn nicht?“ Sie ſchüttelte verneinend das Haupt und ſchwieg. Nach einer kleinen Pauſe nahm Solau wieder das Wort:„Aber, liebſte Freundin, über⸗ legen Sie Alles wohl, ehe Sie mich entſchieden zurückweiſen. Verſuchen Sie es, meinen armen Ludwig mit beſonderer Aufmerkſamkeit zu betrach⸗ ten, er beſitzt einen ſo reichen Schatz von Ge⸗ fühl und Wiſſen. Ich glaube, Sie würden ihn lieben können.“ „Ich aber weiß, daß ich es nicht kann. Ich achte ihn, ja ich könnte ihn lieben als Bruder, nicht aber ſeine Gattin ſein.“ „So darf ich meinem Ludwig keine Hoffnung geben?“ „Liebſter Solau,“ fragte ſie weich, und nahm ſeine Hand, die ſie freundlich drückte,„ſoll ich Unwahrheit ſagen? Sie wollen das gewiß nicht, und jede Hoffnung, hier gemacht, wäre Lüge. Sagen Sie ihm, daß ich ihn achte und hoch ſtelle, daß aber mein Herz ruhig bleibt. Er iſt verſtändig und ruhig, und wird mich leicht ver⸗ ſchmerzen.“ „Das ſagen Sie, weil Sie die Liebe nicht . kennen, liebſtes Fräulein.— Das Vergeſſen und Verſchmerzen iſt gar ſchwer, iſt unmöglich.“ „Nein,“ ſagte Euilie ernſt und richtete ſich ſtolz auf,„nicht unmöglich— wer ernſtlich will, der kann jegliches Gefühl bekämpfen,— denn er iſt ein Menſch, das mächtigſte, höchſte Weſen in der Schöpfung.“ „Und dies Weſen, Gnädigſte, das Löwen zähmte, das das wilde Roß zu bändigen wußte, das der Hyäne Wuth zerbrach, dies ſelbe Weſen unterlag nur zu oft ſeinen eigenen Leidenſchaften. Sollte die gefühlvolle Emilie, die mit ſo hinreißen⸗ der Kunſt die Liebe dauftellt, die Liebe ſingt, allein nicht an ihre Macht glauben?“ „Nein, das ſei fern von mir,“ ſagte Emilie ſchnell, und ihre Wange fürbte ſich höher, und ihr Auge ſtrahlte glühender.„Nein, ich glaube an dieſe Liebe, die freudig in Tod und Elend geht, um des Geliebten willen, die, ſich ſelber vergeſſend, nur in dem Geliebten lebt, von dieſem allein Glück und Unglück empfangen kann. Ich halte mich ſelbſt einer ſolchen Liebe ſogar fähig. Glau⸗ ben Sie mir, wenn ich auf der Bühne ſtehe, und wenn mein Mund die Worte höchſter Liebe und Zärtlichkeit ſpricht, mein Herz fühlt ſie mit. Ich vergeſſe dann, daß es nur Spiel iſt, ich bin dann, was ich nur ſcheine; der Geiſt, der aus mir redet, bemächtigt ſich meines eigenen Geiſtes, und dann liebe ich wirklich ſo heiß, ſo hingebend, wie—“ ———— — „Griſeldis,“ fiel Solau ihr ins Wort,„die Sie ſo wunderbarlich uns darſtellen. Und nun, liebes, holdes Weſen,“ fuhr er mit väterlich zärtlichem Tone fort,„nun ſagen Sie dem alten Freunde, iſt denn das Herz noch wirklich frei?“ „Frei?“ fragte ſie nach einer Pauſe:„Nein, es gehört der Kunſt, und glauben Sie mir, es iſt wohl gut, daß es ſo iſt. Ich fühle zuweilen, daß mich die Liebe, wenn ſie mich packte, vernichten könnte. Ach, laſſen Sie mir dieſe Himmelsruhe,— warum das brennende Feuer, das verſengt, zerſtört? Ich mag noch nicht ſterben. Das Leben iſt ſo ſchön, ſo ſchön der Frühling. Glauben Sie mir, ich habe eine faſt unbeſiegbare Sehnſucht nach meiner lieben Einſamkeit, nach meinem freundlichen kleinen Landgute. Ach, wäre ich erſt dort! Fern von dem Geräuſch der Stadt, von den Menſchen, die mich tödten mit ihrem Lob und ihrer Be⸗ wunderung.“ Sie war aufgeſtanden und ſchritt ſchnell im Zimmer auf und ab. Ihr Auge blickte leuchtend geradeaus, als ſchaue es entzückt in eine ſchöne Landſchaft, ihr Buſen hob ſich höher, ihr Athem ging ſchneller. Der Freund aber, mit dem beweg⸗ lichen Charakter Emiliens ſeit lange vertraut, blickte lächelnd der holden Schwärmerin zu, die jetzt halb ſinnend vor ihm ſtehen blieb. „Laſſen Sie ſich ſagen, lieber Solau,“ ſagte ſie dann faſt flüſternd,„ich werde niemals wieder W ſo glücklich und zufrieden ſein, wiedomgls, als ein armes Babernkins, im d Pan umher ſtreifte, oder mir Blumen ſuchte auf der grünen Wieſe, oder die Gänſe meines Vaters hütend mich gemächlich unter der großen Linde lagerte und meinen ZJubel in Tönen aushauchte, denn Worte hatte ich nicht für denſelben.“ „Und gerade ſo fand Sie mein Bruder, als er nach langer Abweſenheit auf ſein Gut zurück⸗ kehrte. So lagen Sie unter dem Baume und ſangen, und er belauſchte Sie?“ „Ja,“ ſagte Emilie,„Sie wiſſen ja, er liebte nichts mehr, wie eine ſchöne Stimme, und die— ich darf es ſagen, die hat mir Gott verliehen. Sie wiſſen das ja Alles, lieber Solau, wie er meinen Vater bewog, mich ihm zu überlaſſen, wie er mich fürs Theater bilden ließ.“ „Und wie dankbar ſind ihm, dem ſeit Jahren Verſtorbenen, noch Aller Herzen, daß er uns eine ſolche Künſtlerin gegeben!“ „Reden Sie nicht ſo,“ ſagte Emilie in faſt ſtrengem Tone.„Sie erinnern mich,“ fuhr ſie dann weich fort,„an die Schmeicheleien, deren ich bis zum Ueberdruß höre, Sie erinnern mich an die Welt. Ach, und ich träumte ſveben von meinem lieben kleinen Dörſchen, und von der großen, grünen Wieſe, wo ich mir Gänſe⸗ blümchen pflückte. Ach, damals war ich glück⸗ licher.“ — 13— „Und das ſagen Sie, die bewunderte, ge⸗ feierte Künſtlerin?“ fragte Solau, und rückte ihr theilnehmend näher. Sie lächelte bitter.„Glauben Sie mir,“ ſagte ſie,„unter den Triumphen der Eitelkeit, unter dem Weihrauch der Schmeichelei blutet oft mein Herz, und wenn das ganze Haus erbebt von donnerndem Beifallsrufen, und tauſend Stim⸗ men meinen Namen rufen, da dringt mir oft eine Thräne ins Auge, aber es iſt keine Freudenthräne. Meine Stimme, meine Declamation, was dieſe Welt ſchätzt, das iſt ja nicht mein eigentliches Weſen, und nach dieſem fragt Niemand, und doch iſt es etwas werth, mehr werth als meine Ta⸗ lente. Ich habe gerungen und geſtrebt, um dieſe Stufe zu erklimmen, meine ganze Seele dürſtete nach Ruhe, der Gedanke daran erfüllte mich mit einem wahren Delirium der Freude. Ich ver⸗ langte nichts vom Leben als ein Grab, das nicht ſobald vergeſſen würde.“ „Und Sie haben es erlangt,“ fiel Solau be⸗ ſänftigend ihr in das Wort,„ſchon ertönt Ihr Name durch ganz Deutſchland, man preiſt ſie als die erſte Sängerin, die erſte Schauſpielerin. Aus Frankreich und England kommen Schreiben an die gefeierte Sängerin, mit der Bilte ſich dort zu zeigen.“ „Und dennoch,“ entgegnete ſie in ſchmerzlichem Tone,„dennoch bin ich nicht zufrieden, nicht glück⸗ 9 ———— lich. Dennoch war ich es nur damals, als ich unbemerkt in meinem Dorfe lebte, als ich von der Welt nichts verlangte, weil ich nicht wußte, daß es eine Welt gäbe außer unſerm Dorfe. Ach, jene ſchöne, ſchöne Zeit, ſie iſt auf immer verloren!“ Langſam rannen ein paar Thränen über Emi⸗ liens Wangen, und heftiger fuhr ſie fort:„ich werde niemals glücklich ſein, ich bin im Zwieſpalte mit mir ſelber; ein ſtetes unbefriedigtes Sehnen, ein leiſes Klagen in mir, nach einem Etwas, das ich nicht zu nennen weiß.“ „Ach, Liebe,“ unterbrach ſie Solau,„kein Menſch, ſo ſagen die Weiſen, kein Menſch geht durchs Leben, ohne einmal geliebt zu haben,— auch Ihre Stunde wird ſchlagen, und wenn Sie dann allen Stolz, allen Ruhm zu des Geliebten Füßen niederlegen, dann erſt werden Sie glück⸗ lich ſein.“ Sie ſchüttelte heftig den Kopf:„Nein, nein, auch dann nicht. Ich bin nicht geſchaffen, um als demüthiges, liebendes Weib in ſtiller Häus⸗ lichkeit zu leben. Ich habe die Bahn verlaſſen, die enge Grenze überſchritten, die dem Weibe an⸗ gewieſen ward, rückwärts iſt kein Pfad für mich, alſo immer fort, immer raſtlos weiter geſtrebt.— Nein, nein, eine Künſtlerin iſt wenig zu beneiden Der Ruhm, er iſt berauſchend, die Kunſt, ſie iſt beſeligend, aber ſie erfüllen nicht Alles, was man vom Leben hofft. Ach, das ſtille Glück, das häus⸗ liche Beſchäftigungen, das das Walten im eigenen Hausweſen aks Hausfrau gewährt, das iſt mir auf ewig verſchloſſen.“ „Nun, ſo ſuchen Sie es zu erlangen,“ ſagte Solau faſt ungeduldig,„heirathen Sie.“ „Jetzt aber würden mir häusliche Beſchäfti⸗ gungen nicht mehr genügen.“ „Und doch ſehnen Sie ſich darnach?“ „Nein, aber ich beklage, daß ich nicht bin wie Andere,— ſo gehöre ich keinem Geſchlechte an, ſtehe immer zwiſchen Beiden. Zu ſchwach für das Eine, zu ſtark für das Andere, das mich nicht liebt, weil ich es wagte, mehr zu ſein als ein Weib.— Sagen Sie es Niemand, aber ich verachte das weibliche Geſchlecht, dies ſchwache, zagende Geſchlecht, ohne Energie, ohne Feſtigkeit, vergehend und ſich verlierend in den Kleinlichkeiten des Lebens, voll Neid und Mißgunſt. Darum ſtehe ich allein un⸗ ter meinen Mitſchweſtern, ich habe für Keine offe⸗ nes Vertrauen, Keine verſteht mich.“ „Laſſen Sie mich Ihnen Freund und Freundin ſein,“ ſprach der Geheimrath und reichte ihr ernſt und liebevoll die Hand dar.„Vertrauen Sie mir.“ „Und thue ich es nicht?“ fragte ſie ſanft lächelnd, und legte einen Angenblick ihr glühendes Geſicht auf des Greiſes Schulter.„Sie verſtehen mich, denn Sie ſind ein Mann, und ich fühle ſtark und kräftig wie ein Mann.“ „Aber auch glühend, wie ein Weib,“ ſagte Solau.„Und darum,— ſein Sie auf Ihrer Hut,— bewahren Sie Ihr Herz,— es be⸗ darf nur eines Funkens, um die Pulvermine zu ſprengen.“ „Ach, bah,“ ſagte ſie in wegwerfendem Tone, „ich wüßte Niemand, der dieſen Funken in mein Herz ſchleudern könnte, denn das verſtehen Sie doch wohl unter der Pulvermine?“— Solau nickte.—„Und nun vergeſſen Sie allen Unſinn, den ich eben geſprochen,“ fuhr ſie ſchnell erheitert fort,„und laſſen Sie uns ein Wort über meine Rolle für heute Abend ſprechen. Es iſt das erſte Mal, daß ich in derſelben auftrete.“ „Und welche?“ „Herrlich, herrlich,“ lachte Emilie,—„einer meiner Verehrer, und weiß nicht, in welcher Rolle ich ihn heute entzücken werde, und ihn den kalten Norden vergeſſen laſſe und ihn unter Italiens glühenden Liebeshimmel verſetze,— ſo lautete ja die Stelle in der neulichen Recenſion.“—„Laſſen Sie es gut ſein,“ fuhr ſie fort, als Solau den Mund zur Entſchuldigung öffnete,—„Sie ha⸗ ben mir da eine Lehre gegeben, die beſſer iſt, als alle Schmeicheleien. Und wenn heute Abend mich das Heer meiner Bewunderer mit Lob überſchüttet, ſo werde ich ganz ſtill an dieſen Morgen denken.“ „Meines armen Ludwig's Schickſal beſchäftigte mein ganzes Denkvermögen.“ „Still, ſtill davon, lieber Freund, tröſten Sie ihn, laſſen Sie ihn reiſen, nach Italien, nach Rom, da wird er mich vergeſſen. Und nun zu meiner Rolle! Ich bin heute Schauſpielerin. Sie kennen den Stern von Sevilla?“ „Sie werden es dem Geſchäftsmanne nicht übel deuten, wenn er mit Nein antworten muß.“ „Im Gegentheil, das iſt mir angenehm. Sie müſſen ſich nun ſchon drein ergeben, ſich von mir das ganze Stück erzählen zu laſſen, um mir zu ſagen, ob ich es richtig aufgefaßt. Setzen wir uns.— Mit dem ihr eigenen Feuer erzählte und declamirte ſie abwechſelnd ihre ganze Rolle, und begeiſterte den alten Herrn in einem Grade, daß er, trotz ſeines Neffen traurigem Schickſal, be⸗ ſchloß, heute Abend ſeines Lieblings Kunſt zu be⸗ wundern. Die Künſtlerin. Zweites Capitel. uebertreibt auch nicht, Spielt der Natur getreu.„ Hamlet. Das Haus war zum Erdrücken voll. In den Ranglogen ſah man die ganze vornehme Welt der großen Hauptſtadt, ſchöne Mädchen mit glän⸗ zendem Auge und blühender Wange, gewandte Cavaliere, bewaffnet mit Lorgnette und Opern⸗ gucker, die Reize der Frauenwelt muſternd, und manch Auge ſenkte ſich verſchämt vor dem dreiſten denſelben, und das ſtolz gehobene Haupt, der ſieg⸗ reich lächelnde Mund ſchienen zu ſagen:„komme und bewundere meine Schönheit.“ In einer Loge aber, nahe an der Bühne, finden wir unſere jungen Freunde wieder, ungedul⸗ heben würde. Männerblicke, manches Auge aber auch erwiederte. dig die Zeit erwartend, wo der Vorhang ſich er⸗ — — 15— „Es war wirklich ärgerlich,“ ſagte Graf Caul, ſich neben Ernſt niederſetzend,„daß die Minden uns heute ſo entſchieden abwies und uns mit ihrer ſteifen gezierten Geſellſchafterin abſpeiſte.“ Ernſt erwiderte lachend:„In meinem Leben aber ſah ich nicht etwas Aehnliches von Steifheit und Ziererei.“ „Ja wohl, ja wohl,“ ſtimmten die Andern ihm bei,„es iſt wahrhaft komiſch anzuſehen. Man würde es ihr verzeihen, wenn ſie weniger häßlich wäre, aber ſo— insupportable! Kann man et⸗ was Abgeſchmackteres ſehen, als dieſe langen, bis auf die Schulter herabhängenden Locken,— wahr⸗ haftig, ich muß dabei immer an Löwenmähnen denken.“ Mit der Umſchrift noli me tangere, fiel Ernſt ihm ins Wort,„nicht wahr?“ „Richtig,“ lachte Graf Carl,—„aber frei⸗ lich, wäre zwiſchen der Fülle dieſer Locken ein volles blühendes Geſicht, friſche Lippen, helle Au⸗ gen, dann möchten wir ſie wohl einen Heiligen⸗ ſchein nennen und die Löwenmähne zu eines En⸗ gels Glorie umſchaffen.— Und dann die Art, wie ſie ins Zimmer tritt, welche Prätenſion, welche ſuffiſante Anmaßung in ihrer Verneigung.“ „Still,“ fagte Ernſt,„die Ouverture beginnt. Kennſt Du das Stück?“ „Was wird denn gegeben?“ fragte Carl,„ich weiß nur, daß die Minden ſpielt.“ 2 „Hier iſt der Zettel,“ ſagte Baron S., ihm denſelben hinreichend,„der Stern von Sevilla.“ „Fi donc, eine Tragödie,“ bemerkte Carl. „Abgeſchmackte Idee, im jetzigen Zeitalter der Auf⸗ klärungen dergleichen Thränenſtücke zu geben.“ „Ballete, meinſt Du, paſſen beſſer für das Zeitalter der Aufklärungen?“ „Naturellement, mon ami. Kann man etwas Schöneres ſehen, als wenn ſo eine Sylphide im zarten ätheriſchen Gewande mit einer Pirouette aus den Couliſſen hervorhüpft, ſich anmuthig rechts und links verneigt und nun in den entzückendſten Sprüngen und Pas unſere Bewunderung erregt?“ „Was entzückt Dich denn eigentlich dabei ſo ſehr?“ fragte Ernſt lächelnd. „Was mich dabei entzückt,“ erwiderte Carl, und ſah ihn ſtupid an,„nun— eh bien, das Ganze entzückt mich.“ „Ich meines Theils habe nie begreifen können, wie man Stunden lang dies ewige Einerlei von künſtlichen Verrenkungen und Schwenkungen be⸗ wundern kann. Das Gefühl bleibt kalt dabei,— der einfachſte Geſang iſt mir lieber.“ „Gefühl, Gefühl,“ ſpottete Carl,„won dieu; wer ſpricht denn von Gefühl, das iſt ganz aus der Mode. Man ſpricht von Leidenſchaften, von Inelinationen, Paſſionen, aber nicht von Mond⸗ ſchein, von Seufzern, vom Rauſchen in den Bäu⸗ men, in summa nicht von Gefühl. Und mein — Freund, unſere ſchönen Tänzerinnen ſingen auch mit den Füßen, ſchlagen die reizendſten Triller, machen die bewunderungswürdigſten Cadenzen, und wenn ſie das reizende Bein ſo lang und grade ausſtrecken, kann man ein tief gefühlteres Fermate denken?“ Ernſt lachte, und als in dieſem Augenblicke die Muſik ſchwieg und der Vorhang emporrauſchte, bogen ſich Alle weit vor, die ſchöne Emilie zu ſehen. „Alberne Idee,“ murmelte Carl,„ſie iſt noch nicht da, was ſoll das langweilige Geſchwätz?“ Aergerlich wandte er der Bühne den Rücken und lorgnettirte die glänzenden Damenreihen. Ein allgemeines jubelndes Begrüßen, ein don⸗ nerndes Händeklatſchen rief ſeinen Blick bald wie⸗ der zur Bühne zurück. Im glänzenden Anzuge einer Spanierin, mit lang herabwallendem Schleier, hoch und ſtolz, wie eine Königin, die die ihr ge⸗ bührenden Huldigungen empfängt, ſtand Emilie da, den Kopf etwas rückwärts gebogen, ein faſt ſpöttiſches Lächeln um den ſchönen Mund winkte ſie, als wolle ſie Stille gebieten mit der kleinen Hand. „Wie gefällt ſie Dir?“ fragten die Freunde miteinander Graf Ernſt, der, im Anſchauen ver⸗ loren, ihre Frage überhörte. „Der iſt ſchon hin,“ lachte Graf Carl. Und jetzt öffnete Emilie den Mund, und mit 22 dem ganzen Ton der Liebe, der hingebendſten lichkeit begann ſie ihre Rolle: Wie ſchnell die Zeit verrinnt! Schon iſt es iel Du mußt nun fort, mein Ortiz— „Herrliche Stimme,“ flüſterte Graf Ernſt, „da iſt Seele, iſt wirklich Gefühl!“ Und er verwandte kein Auge mehr von der Künſtlerin. Bald aber vergaß er über dem Intereſſe an der Tragödie ſelbſt die Bewunderung der Schau⸗ ſpielerin. Seine ganze Seele ward ergriffen von dieſem herrlichen Meiſterwerke Lopez de Vega's, er dachte nicht mehr, daß ja Alles nur Täuſchung, nur Spiel. Er ſah Alles wirklich ſich ſo begeben, es ward Wahrheit, ward wirkliches Leben. Die wahre Kunſt muß auf den gefühlvollen Menſchen immer dieſen Eindruck hervorbringen, ſie muß uns vergeſſen laſſen, daß ſie die Natur nur darſtellt, nicht wirklich iſt, alles Manierirte ſtößt ab, die höchſte Kunſt wird Natur, und wenn wir über dem Gefühle, üher der Entzückung, die ſolche An⸗ ſchauung der Natur uns gewährt, die Bewunderung ganz vergeſſen über ſolche Meiſterſchaft, dann iſt der Zweck der Kunſt erreicht, und in dieſem Ver⸗ geſſen liegt das höchſte Lob. Sein Herz bebte bei Eſtrella's Schmerz, bei ihrer Todesqual, und ſo ergriffen war er bei der Abſchiedsſcene zwiſchen ihr und Ortiz, daß verſtummt — 23— ihm ſelber unbewußt die Thränen über ſeine Wange rollten. Mit bebender Stimme ſagte Eſtrella Emilie: Ich will dich ja nicht ſehen! mir genügt, Wenn nur auf dieſer Welt ich dich noch weiß— In dieſem Momente blickte ſie zufällig auf. ihr Auge traf Ernſtens Geſicht, und ſie ge⸗ wahrte die herabrollenden Thränen.— Da war es, als ob dies Zeichen wahren Gefühls auch in ihrer Bruſt eine gleiche Quelle öffne, und die Künſtlerin empfand, was ſie anſcheinend nur ſpielte, und mit überſtrömenden Augen, mit erhöhtem Feuer, mit vor Rührung bebender Stimme fuhr ſie fort: Du haſt mich deine Gattin erſt genannt, Ich bin's, ſo hab' ein Recht ich auf dein Leben. Darfſt du die Gattin ſo zur Witwe machen? Es iſt ein Frevel, nein, du darfſt es nicht.— Hier brach ihre Stimme, und mühſam hauchte ſie: DO, du biſt grauſam. Ja, du biſt ein Mörder, Du tödteſt Alles, Alles, was dich liebt!— Und vor dem Gewahren ſo tiefen Gefühls die laute Bewunderung, kei Beifalls 3 8 rufen, kein Händeklatſchen entweihete dieſen höch⸗ ſten Aufſchwung der Kunſt, aber mehr als dieſes lohnte Emilien das tiefe Schweigen im großen Hauſe, das leiſe unterdrückte Schluchzen, die Thrä⸗ uen mancher, die im Geräuſch der Welt ſo ſorg⸗ fältig das Gewand über ihr Herz legten und ſich in dieſem Angenblicke dennoch nicht des Ausbruchs ihrer Gefühle ſchämten. Das Stück war zu Ende, und der ſo lange verhaltene Jubel, die bis dahin ſtumme Begei⸗ ſterung brach nun donnernd hervor. Emiliens Auge aber ſtreifte einen Augenblick zu jener Loge empor, wo der ſchöne Fremde ſtand, deſſen Rührung ſie vorher bemerkt. Und als ihr Ange ſeinem glühend auf ſie gehefteten Blicke he⸗ gegnete, da zuckte ſie leiſe zuſammen und errö⸗ thete tief. „Ich“— ſtammelte Graf Carl und ſah Ernſt verwundert an,—„ich werde zu Stein.— Sie blickt herauf, ſie ſieht Dich an, Ernſt; und er⸗ röthet.— Es wäre ein himmliſcher Spaß, wenn ſie ſich in Dich verliebte!“ Ernſt ſtand auf, ohne zu antworten. „Laßt uns zu ihr in die Garderobe gehen,“ ſagte er dann ſchnell. „Die ſtrenge Schöne nimmt keine Beſuche dort an,“ entgegnete Baron S.,„ſie hat es ſich vom Director ausdrücklich ausbedungen, ein eigenes Garderobezimmer zu haben,— dort macht ſie bei verſchloſſenen Thüren Toilette, und Niemand darf es wagen, dort eindringen zu wollen.“ „Wunderbares Weſen,“ murmelte Graf Ernſt, und träumend ſtieg er die Stiegen hinab, ohne auf die muntern Scherze ſeiner Begleiter zu achten. „Kommt,“ rief jetzt Wilhelm von Halden, „laßt uns ihr eine Serenade bringen, vielleicht gelingt es uns, noch ein freundliches Wort von ihr zu erhaſchen.“ „Ja, laßt ans Muſikanten holen,“ rief Carl, und Alle ſtimmten ihm bei. Vergebens aber ſpielten die Muſici ihre ſchön⸗ ſten, ſchwärmeriſcheſten Stücke, vergebens blickten die jungen Edelleute zu den erhellten Fenſtern der Künſtlerin empor,— keine Hand zog die Gardine fort, kein Auge ſchien neugierig zu forſchen, wer wohl dort unten ſei, keine Stimme ſprach Worte des Dankes für ſo zarke Huldigung. „Sie iſt verzweifelt ſtolz,“ brummte Carl, und Alle gingen verdrießlich in ihre Wohnung zurück. „Wie lange habe ich geſchlafen!“ ſagte Emilie, verwundert nach der Uhr blickend, und dehnte und ſtreckte ſich gemächlich im weichen Bette. ie ſah unendlich reizend aus im kleinen zier⸗ lichen Nachthäubchen, aus dem hervor das reiche dunkle Haar quoll; die Wangen waren höher ge⸗ vöthet vom erquicklichen Schlafe, das Auge glänzte milder und weicher.„Welche wunderbare Träume ich gehabt!“ flüſterte ſie leiſe weiter,„ich ſprach mit dem Fremden, erzählte ihm von meiner Ju⸗ gend, von meiner Heimath.— Wer mochte wohl der Fremde ſein?“ Wie von neuen Gedanken angeregt, erhob ſie ſich raſch, hüllte ſich in den bequemen Morgenrock und trat blühend und friſch, wie eine junge Roſe, in Erneſtinens Zimmer, die ihr mit zierlicher Hal⸗ tung, einem graziös ſein ſollenden Lächeln ent⸗ gegentrat. Wunderbar war es anzuſehen, wie dieſe Beiden ſo nebeneinander ſtanden. Emilie mit den hellen Augen, den glühenden Wangen, der hohen königlichen Geſtalt, der ungezwungenen, ſchönen Haltung, Erneſtine von Allem gerade das Gegentheil. Steif und geziert, jede Miene be⸗ rechnet, jede Bewegung wohl überlegt; ſie lehnte, als ſie nun neben Emilie ſaß, die kleine Geſtalt zurück, um die ſchlanke Taille hervorzuheben, ſie ſtreckte unter dem langen Gewande die Spitze des Fußes hervor, um ſeine Kleinheit zu zeigen, ſie hob langſam den Arm und ſtrich ſich mit der fla⸗ chen Hand die ſchon in früher Morgenſtunde lang herabwallenden Locken aus dem Geſicht, um dabei die ſchmale, weiße Hand, die ſchönen blonden Locken bewundern zu laſſen. Emilie ſah mit kaum merklichem Lächeln allen dieſen kleinen Coquetterien zu und verzieh ſie leicht, denn ſie kannte Erneſtine, ſie wußte, daß unter — dieſer ſteifen, gezierten Hülle ein edles Herz ſchlug, das mit ſo dankbarer, inniger Liebe an ihr hing. Noth und Alleinſtehen hatte Erneſtine veranlaßt, aufs Theater zu gehen, doch ihr unſchönes Geſicht hinderte ſie in Allem; vielleicht hatte ſie Talent,— doch ward es nicht geprüft, denn„die Liebhaberin⸗ nen müſſen ſchön ſein,“ ſagte ver Director, ſo fielen ihr die Rollen der Ehrendamen, der Königin⸗ nen zu. Emilie faßte Zuneigung für das ſtets leidende, ſtets ſchweigſame Mädchen, die ohne Klage und Murren ſich allen Anordnungen unter⸗ warf, ſie bot ihr eine Stelle als Geſellſchafterin bei ſich an, unter der Bedingung, daß ſie die Bühne verließe. Freudig willigte Erneſtine ein, und ihre ganze Seele hing bald mit ungetheilter Liebe an ihrer großmüthigen Freundin. Niemand hätte ahnen mögen, welch ein heißes, glühendes Herz in dieſer anſcheinend ſo kalten Bruſt, wie ſie oft abſichtlich ſich in die Steifheit der Ehren⸗ damen und Königinnen hüllte, um darunter ihre Glut zu verbergen. „Wie Du heute ſchön biſt,“ ſagte ſie zu Emilie, und ſpielte mit den hraunen kräuſelnden Haaren, die unter dem Nachthäubchen hervorquollen. 5 Schmeichlerin,“ lächelte Emilie.„Soll ich heute Abend ſo erſcheinen?“ fragte ſie dann. „Als Desdemona? Ja, liebe Emilie. Still, ändere nichts, ich hole Dir den Spiegel, damit Du ſelbſt ſiehſt, ob es gut ſo.“ Und mit ungewohnter Lebhaftigkeit erhob ſich Erneſtine und reichte der Freundin den Spiegel. Dieſe ſchaute lächelnd hinein:„Ja, Du haſt recht, das kleidet mich gut ſo. Nun ja, ſo mag es mein Sterbegewand für heute Abend ſein. „Sprich nicht ſo,“ ſagte Erneſtine, und ſchau⸗ derte flüchtig zuſammen,„nicht ſolche Worte mit lachendem Munde.“ „Kleine Närrin,“ ſpottete Emilie,„wie oft bin ich ſchon geſtorben und dann wieder erwacht vom donnernden Beifallsrufen. Doch nun laß mich ſchnell verſuchen, ob mein liebes Weidenlied⸗ chen auch recht ſchön geht. Gieb mir die Harfe, Erneſtine.“ Und als dieſe ſie ihr dargereicht, ſang Emilie das ſo rührenve, ſo zärtlich klagende Schwanen⸗ lied Desdemona's:„An einer grünen Weide ſaß“. — Sie ſang es voll ſo tiefen Gefühls, voll ſo viel Seele, verſenkte ſich ſelber und ihre Gedanken ſo in die Töne, daß Erneſtine, faſt berauſcht, darüber ganz ihre zierliche, ſteife Haltung vergaß, und in ungekünſteltem Entzücken die Freundin um⸗ armte, als dieſe geendet hatte. „Habe ich es recht gemacht?“ fragte dieſe gü⸗ tig lächelnd, und drückte leicht die rothen Lippen auf den Mund der Freundin. „Ach, Du machſt es immer gut und recht,“ erwiderte dieſe.„Aber, Emilie, nun laß mich Dich ankleiden, Du wirſt Dich erkälten, wirſt heiſer — 29 werden. Sieh,“ ſagte ſie, vor Emilien nieder⸗ kniend und in ihre Hände den kleinen nackten Fuß nehmend,„Deine Füße ſind ganz kalt, laß mich ſchnell ſie bedecken.“ Sie legte ihr warmes Tuch über die roſigen Füße, und ging dann, aus Emiliens Schlafzim⸗ mer den Anzug zu holen. Dieſe ſah ihr mit liebevollen Blicken nach und ſagte leiſe,„ gutes, liebes Mädchen!“ „Wie bringen wir den Morgen hin?“ fragte Emilie, als die Tvilette beendet, das Frühſtück eingenommen war.„Laß mich ſehen. Es iſt jetzt zehn Uhr. Da will ich ſchnell noch ein wenig malen an dem ſchönen Engelskopfe. Iſt's nicht ein herrlicher kleiner Junge, Erneſtined Und dann, ja dann muß ich noch einmal meine Rolle durchgehen.“ „Alſo kömmſt Du heute wieder nicht in den Salon?“ fragte Erneſtine faſt traurig. „Ganz gewiß,“ entgegnete ſie lebhaft,„ weiſe Niemand heute zurück, denn ich erwarte— ich möchte wohl wiſſen.— Sahſt Du,“ fragte ſie dann ſchnell, „ſahſt Du geſtern den ſchönen Mann in der Sei⸗ tenloge, der ſo gerührt ward von meinem Spiel?“ Erneſtine verneinte. „Ich möchte wohl wiſſen,“ fuhr Emilie fort, „wer es war. Nun, das läßt ſich erfahren, er ſtand neben Graf Carl.— Warum errötheſt Du, 30 Erneſtine?“ fragte ſie, und blickte prüfend auf das arme verlegene Mädchen. „Hüte Dich,“ fügte ſie, ſchnell ernſt werdend, hinzu,„hüte Dich vor dem! Er würde Dich ſpielend tödten,— er hat kein Herz.“ Und ehe die Verlegene zu antworten vermochte, war Emilie in ihr Zimmer geſchlüpft, deſſen Thüre ſie hinter ſich ſchloß. Drittes Capitel. Und klar auf einmal fühlt ich's in mir werden, Die iſt es, oder keine ſonſt auf Erden. Schiller. „Werden wir heute Ihr ſchönes Fräulein ſehen?“ fragte Graf Carl, der ſpeben mit Ernſt in den Salon trat, die arme Erneſtine, die, von ſeinem Anblick ſichtlich erſchüttert, zuſammenſchreckte. „Sie wird lommen,“ lispelte ſie dann in ſteifer Etikette,„ſie will heute alle Beſuche em⸗ pfangen.“— Dann die Herren zum Sitzen nö⸗ thigend, ließ ſie ſich ſelbſt mit dem Anſtand einer Fürſtin nieder. „Sie ſind heute bleich, ſchönes Kind,“ ſagte Carl in nachläſſigem, gleichgültigem Tone. Erneſtine ſchwieg, Ernſt ſtand auf, die ſchö⸗ nen Gemälde im Salon zu betrachten. „Diable, das dauert lange, bis unſere ſchöne Emilie kommt,“ ſagte Carl, und lehnte ſich gäh⸗ nend in den Stuhl zurück. Ein kaum merklicher Schmerzenszug legte ſich um Erneſtinens Geſicht, dann fuhr ſie ſich leicht mit der Hand über die Stirn, ließ ſie langſam wieder herabſinken, und als ſie nun antwortete, ſchien ihre Stimme zu erbeben von Gefühl: „Sie müſſen ſich nun ſchon der Qual unter⸗ ziehen, ihrer zu harren.“ Graf Carl ſtutzte über das nie an Erneſtinen bemerkte Beben der Stimme, er ſah ihr forſchend ins Geſicht, rückte dann ſeinen Stuhl näher, und eine ihrer herabhängenden Locken ergreifend und damit ſpielend, ſagte er: „Keine Qual, ſchönes Kind, es ſpricht ſich gut mit Ihnen. Kommen Sie, erzählen Sie mir von ſich, von Ihrem Herzen,— geſtehen Sie, es liebte ſchon einmal.“ Erneſtine aber ſchien ihre alte Rolle wieder zu ergreifen, ihr Geſicht war wieder kalt und ſteif, ſie warf den Kopf mit Würde zurück, erhob ſich dann und ſagte, langſam jede Silbe betonend: „ich gehe, das Fräulein zu holen.“ „Ich glaube,“ ſagte, nachdem ſie hinaus war, Carl zu ſeinem Freunde, und brach in ein helles Gelächter aus,„ich glaube, der kleine blaſſe En⸗ gel iſt in mich verliebt. Parole d'honneur, das wäre ein herrlicher Spaß. Nun, ich werde mich herablaſſen, ihr etwas den Hof zu machen.“ Bald kamen einige andere Herren und Ver⸗ ehrer Emiliens hinzu und ein lebhaftes Geſpräch über die geſtrige Vorſtellung entſpann ſich, an wel⸗ cher Ernſt, noch immer im Anſchauen der Gemälde verſunken, wenig Theil nahm. Zetzt öffnete ſich die Thüre, und:„guten Mor⸗ gen, Göttin— Grauſame, uns ſo lange ſchmach⸗ ten zu laſſen— Wie glücklich macht uns ihr Er⸗ ſcheinen!“— ſo tönte es von allen Seiten der Künſtlerin entgegen. Mit leichtem, freiem An⸗ ſtande, mit fröhlich lächelndem Geſichte verneigte ſich Emilie. „Willkommen, Ihr Herren,“ ſagte ſie dann heiter.„Ich ſtörte wohl ein intereſſantes Geſpräch, es war ſehr lebhaft bei meinem Eintritt. Darf ich wiſſen, wovon die Rede war?“ „Von wem anders, als von Ihnen?“ entgeg⸗ nete Graf Carl.„Wir ſprachen von dem geſtrigen Abende, von Ihrer meiſterhaften Darſtellung.“ „Still, ſtill,“ unterbrach ſie ihn ſchnell.„Sie erinnern ſich nicht der Bedingung, unter der meine Zimmer Ihnen und den Herren,“ hier verneigte ſie ſich anmuthig,„geöffnet ſind?“ „Und welche war dies, Schönſte?“ „Durchaus kein Geſpräch anzuknüpfen über mein Auftreten, das heißt keins, um nur mir einige Schmeicheleien zu ſagen, ich liebe das nicht. Wohl aber würde ich mich freuen, wenn Sie es über ſich wermöchten, mir aufrichtig zu ſagen, wo ich fehlte, damit ich mich zu beſſern ſuchte. Sie ſehen,“ lächelte ſie,„ich bin egviſtiſch.“ Die Künſtlerin. 3 0 in Ihren Zügen regte auch mich höher an,— — „Nun, ſo mache ich ſogleich von dieſer Er⸗ laubniß Gebrauch,“ ſagte Carl mit komiſchem Ernſt.„Ich fand geſtern an Ihrem Spiel etwas Tadelnswerthes.“ Alle ſtarrten ihn an. „Laſſen Sie hören,“ ſagte Emilie freundlich. „Das Ganze war herrlich, entzückend,— Verzeihung, Schönſte, ich vergaß die Bedingungen, unter denen das Paradies geöffnet iſt. Nur die Trennungsſcene ſchien mir tadelnswerth.“ „Und dennoch,“ unterbrach ihn Emilie lächelnd, und einen Augenblick ſtreifte ihr Auge des frem⸗ den Grafen Geſicht,„und dennoch halte ich dieſe Scene für die gelungenſte.“ „Das eben iſt das Tadelnswerthe, Gnädigſte, Sie waren zu hinreißend, zu wahr und gefühl⸗ voll, das greift die Nerven an, lockt Thränen in Augen, die gewohnt ſind, trocken zu ſein. Sehen Sie hier meinen Freund, den Grafen Ernſt von Haltern, den ich die Ehre habe, Ihnen vorzu⸗ ſtellen, der weinte wie ein Kind geſtern, und ſcheint mir heute noch ſo angegriffen, daß er ſtumm iſt.“ „Geſtern erſtaunte ich über die vollendete Künſt⸗ lerin,“ ſagte Ernſt, ſich tief verneigend,„heute be⸗ wundert mein Schweigen die vollendete Schönheit.“ „Ich freue mich,“ entgegnete Emilie verbind⸗ lich,„Ihnen meinen Dank ſagen zu können. Ihr Mitgefühl, der wahre Ausdruck von Theilnahme glauben Sie, eine ſolche Thräne des Gefühls iſt der ſchönſte Lohn und wohl des Dankes werth.“ Ernſt wollte antworten, doch Carl rief da⸗ zwiſchen:„Gott, mein ſchönes Fräulein, rührt Sie das, verpflichtet Sie das zu Dankgefühlen, nun, vous verrez, Bäche von Thränen werde ich heute Abend weinen.“ Emilie ſah ihn ernſt und kalt an, dann ſagte ſie mit wegwerfendem Lächeln:„ich glaube gern, Herr Graf, daß Sie Talent zum Komödienſpielen haben,“ und wandte ſich von ihm ab zu Ernſt. „Sie beſchauten ſich meine Gemälde bei mei⸗ nem Eintritt,— nicht wahr, es iſt manches Gute darunter?“ „Mehr als das, meine Gnädigſte, es ſind faſt alle ausgezeichnete Copien der ſchönſten Floren⸗ tiner Bilder. Ich ſah die Originale und finde ſie kaum ſchöner.“ „Sie waren in Italien,“ fragte ſie lebhaft, „auch in Rom?“ „Lange Zeit, Fräulein, von dort ging ich nach Neapel, Sicilien, Griechenland—“ „Sie waren in Rom,“ rief ſie ſchnell ver⸗ düſtert,„wiſſen Sie, meine Herren, ich ſterbe faſt vor Sehnſucht nach dem ſchönen, ſchönen Rom. Für eine Stunde in dem Coliſeum, dem Capitol gäbe ich Jahre meines Lebens hin. O Roma, Roma, welche Erinnerungen knüpfen ſich an Dich. Jeder Fußtritt geheiligt von großen Erinnerungen, 3* jedes Haus einſt der Wohnſitz eines berühmten Mannes.— Ach, es muß doch etwas Himmliſches ſein um den Ruhm!“ Und das ſagen Sie, Fräulein,“ unterbrach Haltern die Begeiſterte,„kennen Sie doch ſelber dies Himmelsgefühl! Ihr Name drang bis zu mir nach Rom, wie der Name des großen Roms zu Ihnen.“ Sie lächelte faſt mitleidig, als ſie ſagte:„Sie ſagen da Dinge, mein Herr, an die Sie ſelber nicht glauben. Mein Name taucht auf und ver⸗ geht, wie das flüchtige Leuchten einer Sternſchnuppe, während Roms Herrlichkeit, eine leuchtende Sonne, aller kommenden Zeit ſtrahlt. Wit meiner vollen Stimme, meinen rothen Wangen ſchwindet mein Ruhm; Rom bleibt Beherrſcherin der Welt, ob auch in Trümmern.“ „Ja, Trümmer, Sie haben recht, das iſt Alles, was von der Stadt der Cäſaren geblieben. Unter Schutt und zerfallendem Geſteine müſſen Sie das alte Rom ſich ſuchen, die Gegenwart bietet Ihnen keine Erkennungszeichen. Halb zer⸗ trümmerte Säulen, vernichtete Triumphbogen, durch die einſt Roms Feldherren unter dem Zujauch⸗ zen des Volkes einzogen in die befreite Stadt, der tarpejiſche Felſen, das einſame, leere Capitol, dieſe ſagen Ihnen traurig: Hier ſtand einſt Rom!“ „Und dennach kebt es ewig fort,“ ſagte ſie, zob, wie begeiſtert, die ſchöne Hand,„und —— von Jahrhunderten zu Jahrhunderten dringt die Kunde ſeiner Größe, und nach tauſend Jahren ſpricht man, wie heute, von Rom, der Welten⸗ herrſcherin!“ Ernſt lächelte und ſchaute bewundernd auf die Begeiſterte, die mit ſtrahlendem Auge, mit höher gerötheten Wangen vor ihm ſtand und, geradeaus wie in unbegrenzte Ferne ſchauend, die Gegenwart der Herren vergeſſen zu haben ſchien. Graf Carl hatte ſich mißmuthig zurückgezogen und ſchien kaum auf Emiliens Rede zu achten, ſo eifrig war er in die Unterhaltung mit Erneſtine vertieft. Er hatte ſich über die Lehne des Stuhls, auf dem ſie ſaß, gebengt, und flüſterte leiſe und eifrig Worte in ihr Ohr, denen ſie nur zu gern lauſchte. Die anderen anweſenden Herren ſtanden um⸗ her, bald ein Buch ergreifend, bald die Wände anſtarrend, dann wieder lächelnd auf Emilie blickend. Dieſe ſchien wie aus einem Traume zu er⸗ wachen, ſie blickte freundlich umher und ſagte mit ihrer wohltönenden Stimme:„ Verzeihung, meine Herren, daß ich über der großen Vergangenheit die anmuthige Gegenwart vergeſſen kounte. Doch Sie wiſſen,“ lächelte ſie,„ich nehme immer Ihre Nachſicht in Anſpruch. Und nun, meine Herren, ein allgemeines Geſpräch. Her zu mir, Graf Carl, und erzählen Sie mir die on dit des Ta ges. Das weiß Niemand beſſer wie Sie Bald entſpann ſich ein lebhaftes Geſpräch, es ward gelacht und geſcherzt, und oft mußte Emiliens Ernſt den zu laut werdenden Frohſinn dämpfen. So verging unter Scherzen die Zeit und Erneſtine hatte ſchon mehrere Male nach der Uhr geſehen, ehe ſich die Herren anſchickten, ſich von der liebenswürdigen und ſchönen Künſtlerin zu trennen. „Sie ſind heute Abend in der Oper?“ fragte ſie Ernſt beim Abſchied. „Gewiß,“ entgegnete dieſer, und drückte auf die kleine Hand, die ſie ihm darreichte, ſeine glühen⸗ den Lippen. „Nun, ſo werde ich morgen von Ihnen er⸗ fahren, wo ich gefehlt.“ Ernſt erwiderte nichts, aber er ſah ſie mit ſei⸗ nen großen Feueraugen ſo durchdringend und viel⸗ ſagend an, daß Emilie erröthend die Blicke ſenkte. „Ein ſchöner und liebenswürdiger Mann,“ flüſterte ſie dann und trat ſinnend in ihr Cabinet zurück. Und wirklich war er Beides. Eine hohe, edle Geſtalt, eine königliche Haltung, ein edel geform⸗ tes Geſicht, eine hohe Stirn, ein Paar Augen, aus denen Seele und Gefühl ſprach. Manches Mädchenauge wandte ſich verlangend und ſehnend nach dem ſchönen Manne, manches Mutterherz wünſchte den reichen Grafen zum Schwiegerſohne und die Väter meinten wohl, auch ihnen würde der geſcheidte, gelehrte Jüngling als ſolcher gar ſehr willkommen ſein. Graf Ernſt Haltern beſaß aber auch alle Vorzüge feiner, geſelliger und gelehrter Bildung. Er tanzte, ritt, mediſirte und badinirte, wie nur je ein Hofcavalier, er war gefühlvoll und empfindſam bei den Empfindſamen, boshaft bei den Boshaften, anmaßend bei den Anmaßenden, gelehrt bei den Gelehrten,— er war Alles, denn er war im Grunde— Nichts. Die Natur, die ihn ſo reich ausgeſtattet, ihm ſo viele Talente, ſo viele Vorzüge gegeben, ſie hatte nur Eine ihrer Gaben vergeſſen. Sie gab ſeiner Bruſt Gefühle, gab ihr Verſtehen fremder Gefühle, nur kein Herz — denn Leidenſchaft iſt kein Herz! Und dieſe be⸗ ſaß Ernſt, beſaß ſie für das Gute, für das Evle, aber auch für das Laſter. Und mächtiger als Alles war ſein Egvismus, und das Bewußtſein: ich bin ein Graf! Was kümmerte es ihn, ob, ſeiner Leidenſchaft zu fröhnen, ein Menſchenherz vielleicht brach, das er lieben lehrte, er konnte kalt ſolche Qualen ſehen, die er hervorgerufen, und konnte lächelnd vorüber⸗ gehen, denn er war ein Graf, und dieſem über⸗ kommenen Erbe ſeiner vermoderten Vorfahren mehr ſchuldig, ſo wähnte er, als dem glühenden, äch⸗ zenden Leben, das zu ſeinen Füßen in Todesqualen rang, das vielleicht ein Wort ſeines Mundes zum ſeligen Liebesleben aufrichten konnte. Lieb Monde ſich über ſich ſelber täuſchen und vermei⸗ nen, er habe wirklich ein Herz, er liebe wirklich, Er war leivenſchaftlich, aber ohne die tiefe, glühende Leidenſchaft der Liebe, die oftmals zur e ſelber wird. Er konnte vielleicht Wochen, — wenn die Begierde abgeſtumpft, das Verlangen geſti llt, blickte er verwundert auf die Tage fie⸗ beriſcher Aufregung zurück und ſah, daß ſein Herz leer nicht ein Graf! Und warum, arme Emilie, warum mußteſt Du nen, warum mit Deinem ſo heißen, ſo edlen und ſo ſtolzen Herzen gerade vor dieſer Bruſt ohne Herz gen wir, gerade dieſem Deine Liebe geben? Ach, das Antwort, die Liebe ein unauflösliches Räthſel. In ihrem großen Reiche bleibt Alles unenthülltes Geheimniß,— wir können lieben und wiſſen nicht warum, und die Liebe blendet unſer Auge, um⸗ ſtrict unſern Geiſt, und ſo taumeln wir weiter, dem anziehenden Magnete und vergeſſen, daß er kalter, 2 ſpröd aber war, und daß auf dem Grunde deſſelben 8 geſchrieben ſtand, als die Worte: ich bin auf Deinem Lebenswege gerade Dieſem begeg⸗ ſtehen bleiben, warum mußteſt Du, ſo fra⸗ Leben, das ganze Leben iſt eine Frage ohne Abgrunde zu;— wir folgen willenlos dem er Stahl, daß er näher locken, feſthalten, nicht erwärmen kann. iebe, Liebe! tönt es durch die Welt, und bengt ſich und huldigt ihrer Macht, und das Weib giebt ihr ihr ganzes Daſein, ihr ganzes Herz, der Mann nur einen kleinen Platz, und auf gar kurze Zeit, in ſeiner Bruſt. Das Leben mit ſeinen Wechſelfällen beſchäftiget ſeine Seele. Feſt ſteht er da im Sturm der Welt, eine ſtarke Eiche, und leiſe und wie um Schutz flehend, ſchmiegt ſich die ſchwache Liane an den kräftigen Mann, und er duldet ſie zu ſeinen Füßen und ihr grü⸗ nes ſo ſchwaches, ſo zartes und inniges Leben mag ihn ergötzen, mit ſeinem holden Daſein das ſeine verſchönen, der Schutz, den er gewährt, ihm wär⸗ mere Gefühle— er nennt ſie Liebe— einflößen und er freudig mit ſeinen ſtarken Zweigen die Wehrloſe ſchützen, aber der Gipfel, die Krone, das Haupt dieſes Mannes ſtrebt auf zu der Höhe, weiß nichts von der Liane zu ſeinen Füßen, die liebend und ſehnend immer höher rankt und oben gerade die Krone umſchlingen möchte. Unter dieſen Anſtrengungen, unter dieſem vergeblichen Sehnen und Ringen erliegt die zarte Pflanze, ſie iſt in ihren Wurzeln getödtet, ſie welkt und ſinkt, und nichts bleibt von ihr, als Staub. Und wenn nun der Sturm die hohe Eiche rüttelt, und die Krone, die ſo hoch ſtrebt, beugt, die Zweige ſich ſenken, die ſchwache Pflanze zu ſchützen vor dem vernich⸗ tenden Sturme, da erſt gewahrt der Stamm, daß ſie nicht mehr,— und er ſteht einſam, aber hoch und ungebeugt, und eine neue Liane mag kommen, und gleich zärtlich, gleich liebevoll ihn umranken, er wird ihr gleichen Schutz gewähren, er wird aus Mitleid ſie lieben, wie er der erſten gethan, und ſie mag wähnen, daß ſie allein ein Recht an dieſe ſtarke Eiche. Die Eiche ſteht feſt, ob auch der Sturm in ihrem Gipfel brauſt und vielleicht ſeinen ſchönſten Schmuck der Blätter ihm vernich⸗ tet,— ſie weiß, der Sturm wird vorübergehen und die Sonne wieder ſcheinen, und die Sterne wieder leuchten, die Liane aber fühlte erſt ihr Da⸗ ſein, als ſie an den hohen ſtolzen Stamm ſich lehnte,— der Gedanke, der einzige Gedanke ihres Lebens war, an dieſem ſich hinauf zu ranken, ſein Leben zu dem ihren zu machen, und als ihr die⸗ ſes nicht gelang, brach ſie zuſammen. So iſt des Weibes, ſo des Mannes Liebe! Viertes Capitel. D Muſik, Nachklang aus einer entlegenen harmoniſchen Welt, Seufzer des Engels in uns! Wenn das Wort ſprach⸗ los iſt, und die Umarmung und das Auge, und wenn unſere ſtummen Herzen hinter dem Bruſtgitter einſam liegen, ſo biſt nur du es, durch welche ſie ſich einander zurufen und ihre entfernten Seufzer vereinigen in der Wüſte. Jean Paul. unſichtbare Loge. Es war am andern Tage ein gar reges Le⸗ ben im Salon der gefeierten Sängerin. Zeder wollte ſeine Huldigung, ſeinen Dank darbringen für den Genuß der geſtrigen Vorſtellung, Zeder wollte im Namen des Publikums um eine baldige Wiederholung der Desdemona bitten. Die erſten, die geſuchteſten Herren der großen Hauptſtadt hul⸗ digten hier der ſtolzen Künſtlerin, die für Alle ein gütiges, aber kaltes Lächeln hatte. Allmählich hatte ſich der Salon gefüllt, es bildeten ſich einzelne Gruppen; hier ſianden Ei⸗ nige und ſprachen vom Theater, von den Tän⸗ zerinnen, dort lehnten wieder Andere i ——————— und unterhielten ſich über Politik, die neueſten Zeitungsnachrichten, Don Carlos, den Brand des Winterpalaſtes; auf dem Divan an der einen Seite des Salons ſaß Erneſtine in graziös hin⸗ gegoſſener Stellung, ſie ſchien ſich heute mit ihrer Ziererei wie umpanzert zu haben, hatte den Kopf ſtolz zurückgeworfen und ſchien kaum auf den Gra⸗ fen Carl zu hören, der neben ihr ſaß und die hei⸗ terſten Scherzesworte, dann wieder die zarteſten Reden an ſie richtete. Neben ihm ſaßen der Baron S. und Wilhelm von Steuper, die wir Beide ſchon kennen, und hörten lächelnd dem Freunde zu oder ließen zu⸗ weilen ein heiteres Wort mit einfließen. Auf dem gegenüber an der andern Seite des Salons ſtehenden Divan ſaß Emilie im eifrigſten Geſpräche mit vier Herren. Es waren dieſe der Director des Theaters, der erſte Liebhaber, Graf Ernſt und der Geheimrath Solau. „Alſo, meine Herren,“ ſagte Emilie fröhlich, „Sie waren zufrieden. Still, ſtill,“ fuhr ſie ſchnell fort und hob drohend die Hand,„ich weiß, was Sie ſagen wollen.“ Und parodirend ſagte ſie: „Zufrieden, Gnädigſte! Gott, Sie waren hin⸗ reißend, die Welt ſah nie etwas Göttlicheres!“ Alle lachten.—„Sie werden mir geſtehen müſſen, daß ich recht habe,“ fuhr ſie lächelnd fort,„das ſind ſo die gewöhnlichen Phraſen, doch iſſen Sie, ich liebe dergleichen nicht. Wahrheit, * immer nur Wahrheit! Ach, glauben Sie, meine Herren, wenn man täglich mehrere Stunden unter der Maske iſt, ſprechen muß, was man nicht fühlt, oft nicht einmal billigt, und dennoch mit dem An⸗ ſcheine der Natürlichkeit es ſagen muß, da ſehnt man ſich außer dieſer Zeit nach Wahrheit!“ Sie ſchwieg und ein wehmüthiger Zug ſpielte um die roſigen Lippen.— Doch ſchnell erheitert fügte ſie hinzu: „Sie haben über meine Darſtellung Gutes geſagt. Nun aber laſſen Sie uns von der Mu⸗ ſik ſprechen. Wie gefällt Ihnen dieſe?— Ich möchte wohl darüber Ihre Meinung hören. Ant⸗ worten Sie mir der Reihe nach,“ fuhr ſie mit dem Eigenwillen eines verzogenen Kindes fort. „Erſt Sie, Herr Director.“ „Sie wiſſen, Fräulein,“ ſagte dieſer,„ich ent⸗ halte mich jedes Urtheils über die Bühnenſtücke. Man darf nicht kämpfen gegen den Zeitgeiſt. Othello iſt eine ſehr beliebte Oper. „Sie ſind vorſichtig,“ lächelte Emilie, und wandte ſich zum erſten Tenor: „Nach Ihrer Meinung ſollte ich kaum noch fragen, ich weiß, Othello iſt Ihre Lieblingsrolle, und wär's auch nur, um das Vergnügen zu haben, mich zu erwürgen.“ „Und wo ſollte ich dann eine ſo liebliche Des⸗ demona wiederfinden?“ fragte der Angeredete ver⸗ bindlich. Emilie verneigte ſich leicht, und wandte ſich freundlich an Solau. „Nun, beſter Geheimrath, was halten Sie von der Muſik?“ „Was ich davon halte! Gott, Gnädigſte, keine Gewiſſensfragen! Es ſind außerordentlich viel geiſtreiche, ja ſelbſt gefühlvolle Stellen darin. Zuweilen wird man ganz gerührt.“ Emilie lachte.„Sie ſind ſarkaſtiſch, lieber Solau, und tadeln, indem Sie loben. Und Sie?“ fragte ſie den Grafen Ernſt. Dieſer ſchien wie aus einem Traume zu er⸗ wachen, ſo tief war er in ihrem Anſchauen ver⸗ loren geweſen. „Wollen Sie mein aufrichtiges Urtheil?“ „Gewiß, Herr Graf.“ „Ich liebe keine Roſſiniſchen Muſiken.“ „Beſter Graf,“ fiel Solau mit komiſchen Er⸗ ſchrecken ihm in die Rede,„Sie ſind ja ein Barbar.“ „Möglich, lieber Geheimrath, aber ich ſollte Wahrheit reden. ch verlange von der Muſik nichts, als daß ſie zum Gefühl, zur innerſten Seele ſpricht, daß ſie mein ganzes Weſen ergreift, mich packt, wenn ich ſo ſagen darf, mit einer Ge⸗ Schnörkeleien ſind keine Muſik, ich kann die Künſt⸗ 1 lichkeit bewundern, indem ich die entweihete Kunſt klage. Sie haben recht, lieber Geheimrath, es walt, der ich nicht widerſtehen kann. Künſtliche darum, weil er ſo vielſeitig, ſo in jeder Art mei⸗ ſind gefühlvolle Stellen im Othello, aber wem könute das genügen! Sie durchdringen nur wie ein Blitz das dunkle unentwirrte Chaos, ſie leuch⸗ ten und erwärmen nicht, und ſind zu ſelten, um ein klares Anſchauen zu geſtatten.— Wahrhaft ergreifend, das iſt wahr, iſt das Terzett im erſten Acte:„Des Lebens Freuden ſind dahinn. Das iſt ſchön gedacht, herrlich ausgeführt. Und lieblich iſt Desdemona's Schwanenlied. Aber nun, kann man etwas Abſchreckenderes ſehen als das Herum⸗ jagen auf dem Theater in der Scene zwiſchen Othello und Desdemona. ch geſtehe, die ganze Seele entſetzt ſich davor; es war mir immer, als müßte ich hinab, Ihnen zu Hülfe, dieſem kanni⸗ baliſchen Spiele ein Ende machen.“ Emilie nickte raſch einige Male mit dem Kopfe, dann ſagte ſie lebhaft:„ja, ja, Sie haben recht, ich empfinde das auch; es iſt widerlich, die Aeſthe⸗ tik leidet darunter.“ „Ich bitte immer dabei den großen Geiſt Shake⸗ ſpeare's um Verzeihung, daß man es wagte, ſein edles Werk ſo zu verſtümmeln.“ „Sie lieben alſo auch meinen theuren Meiſter William?“ fragte Emilie freudig. „Und wer ſollte ihn nicht lieben?“ entgegnete er lebhaft.„Wer von allen Dichtern vereinigt ſo Tiefe des Gefühls, Klarheit der Anſchauung, und den kräftigſten, herrlichſten Humor. Und ſterhaft, darum wird er auch immer unerreichbar daſtehen, und nicht allein unter den engliſchen Dich⸗ tern, ſondern unter allen Nationen. Wem wollten wir von unſeren deutſchen Dichtern ihm an die Seite ſtellen? Goethe? Gewiß nicht. Er hat Shakeſpeare's durchdringenden Verſtand, möchte ich es nennen, ſeine kräftige Sprache, nicht ſeinen Aufſchwung des Gefühls. Goethe erſcheint mir wie der Geiſt, der über den Waſſern ſchwebt, und mit ruhigem, klarem Blicke prüfend betrachtet, was er geſchaffen. Shakeſpeare taucht ſich entzückt zuweilen ſelber in die Fluthen, ſeine Werke reißen ihn ſelber hin in ihrer Schönheit, er ſchafft nicht allein, er giebt in dem Geſchaffenen ſeine eigene ganze Seele, ſein innigſtes Leben hin, und dennoch ſchwebt ſein Geiſt immer ruhig und beſonnen über Allem, bleibt klar und groß. Schiller hat Shake⸗ ſpeare's Glut, aber ihm fehlt, was ich eben von dieſem ſagte, er verliert ſich ſelbſt an ſein Gefühl. Der zarte, ätheriſche Geiſt, möchte ich ſagen, fin⸗ det Nichts auf der Erde, was ihm genügt, drum ſchwingt er ſich immer auf zur Sonne, und weil er zu hoch fliegt, verliert er zuweilen den Halt⸗ punkt, die Erde ſchwindet ſeinen Blicken,— die Ferne hüllt Alles in ein dunkles trübes Grau, und ſo erſcheint ihm die Welt, denn er ſieht nicht, daß ſie ſchön, blühend iſt. Jean Paul freilich hat Shakeſpeare'ſchen Humor, und auch ſeine Tiefe, ſeine Glut. Doch fehlt ihm wiederum die ſchöne, ergreifende Sprache. Er iſt oft barok, ſeine Gleichniſſe ſind weniger klar, ſind oft gar ſehr geſucht.“ Mit ſichtbarer Theilnahme hatten Alle ihm zu⸗ gehört, beſonders auf Emiliens lebhaften Zügen zeigte ſich das regſte Intereſſe, ihr Auge ſah klar und freudig zu ihm auf, zuweilen nickte ſie ihm Beifall oder flüſterte leiſe:„Ja, ſo iſt es!“ „Und ſagen Sie nichts von Raupach?“ fragte jetzt Solau mit liſtigem Lächeln. „Herrlich, lieber Solau,“ lachte Emilie,„wol⸗ len Sie ihn Goethe und Schiller an die Seite ſetzen?“ „Er hat ſeine Vorzüge, Fräulein,“ betheuerte Solau. Ich litt ſeit einigen Tagen an Schlafloſig⸗ keit, da nahm ich geſtern Abend ſeine Hohen⸗ ſtaufen vor, und ich verſichere Sie, nach einer halben Stunde ſchon fühlte ich es wie Blei in den Augen, ich löſchte das Licht und habe herrlich geſchlafen. Das hat mir bei Gvethe nie gelingen wollen.“ Alle lachten, und Emilie ſagte ſcherzend,— „alſo geben Sie den Raupach'ſchen Stücken nar⸗ kotiſche Kraft?“ „Bleibt immer Kraft, Gnädigſte, alſo immer beſſer wie keine.— Doch nun erlauben Sie mir, daß ich mich empfehle,“ ſagte Solau auf⸗ ſtehend. „Sie wollen ſchon fort?“ fragte Emilie. Die Künſtlerin. 4 „Schon? Sie find ſehr gütig, wir plaudern ſchon einige Stunden, und ſehen Sie, die Geſell⸗ ſchaft fängt an ſich zu verlieren, denn ſie kennt die ſtrengen Geſetze unſerer gebietenden Königin. Es iſt zwei Uhr. Emilie erröthete leicht und reichte Solau freund⸗ lich die Hand zum Abſchied, auch der Director und der Sänger empfahlen ſich. Graf Carl ſaß mit ſeinen Freunden noch immer neben Erneſtine, und Emilie blieb an dieſer Seite des Salons allein neben Ernſt. Sie ſchwiegen Beide, Emilie ſichtlich befangen, Ernſt aber ſah ſie an mit glühenden Blicken; viel⸗ leicht mochte ſie in dieſen Blicken, als ſie das Auge zu ihm erhob, mehr leſen, wie die Lippe hätte ſagen können, denn ſie erröthete tiefer und ſenkte das Auge ſchnell wieder. Ernſt aber überflog mit ſchnellem Blicke den Saal, und als er ſah, daß ſie allein, daß die fröhlich Plaudernden an der andern Seite ihn nicht beachteten, ſagte er leiſe und wie tief bewegt: „Fräulein, Sie haben mich in dieſen Tagen mehr gelehrt, wie lange Jahre.“ „Und wie das?“ fragte ſie, und ihre Stimme zitterte. drückte einen langen Kuß auf dieſe weißen Finger, die in den ſeinen zitterten. * — 50— ₰ Er ſah ſie an und ergriff ihre Hand, 3 Verſtand ſie dieſe Antwort?— Sie entzog . . ihm nicht ihre Hand, ſie ſchien, einem unwider⸗ ſtehlichen Zauber hingegeben, kaum zu wiſſen, daß er ſie noch immer in der ſeinen hielt, ſie begeg⸗ nete ſeinem Blicke, ſie ſenkte nicht mehr ihr Auge, ſie erröthete nicht mehr; groß und ruhig ſchaute ſie ihn an, aber aus ihren Mienen las er es: auch mich haben dieſe Tage viel gelehrt. Dann zog ſie langſam ihre Hand zurück, ſeufzte tief und ſagte ſchnell: „Laſſen Sie uns zu den Uebrigen gehen.“— „Du warſt ja unzertrennlich von der zierlichen Geſellſchaftsdame,“ ſagte Ernſt, als er mit Carl die Künſtlerin verlaſſen und ſie langſam die Straße zur eigenen Wohnung hinabgingen. „Sie iſt in mich verliebt,“ ſagte dieſer trocken, „warum ſollte ich ihr nicht die Freude machen, mich in ihrer Nähe zu ſehen?“ „Aeußerſt großmüthig,“ ſpottete Haltern. „Auch iſt ſie gar nicht ſo übel,“ fuhr Carl fort, ſie hat en vérité einen entzückenden Fuß, eine reizende Hand und einen ſchönen Hals.“ „Du haſt ſie Dir genau betrachtet, wie es ſcheint.“ „Und was ſollte ich Beſſeres thun,“ fragte Carl halb ärgerlich,„Du und der alte Geheim⸗ rath nahmt Emilie ja förmlich gefangen, und ich mag nicht überflüſſig ſein, oder von der ſtolzen Prinzeß ſchnöde Antworten bekommen, wie geſtern.“ 4* „Ja, ſtolz iſt ſie,“ betheuerte Ernſt,„doch liebenswürdig.“. „Das iſt ja eben das Malheur, man ärgert ſich und geht doch wieder hin, um ſich wieder zu ärgern. Hörſt Du, Ernſt, es wäre ein herrlicher Streich, wenn Du dies kalte Herz erwärmteſt, wenn Du ſie einmal die Liebe kennen lehrteſt.“ „Es wäre wohl der Mühe werth,“ meinte Je⸗ ner,„und verſuchen werde ich es auf alle Fälle.“ „Aber, beſter Freund, dann laß ſie ſchmachten, denn ſonſt hört aller Spaß auf. Sei ihr ſo kalt, wie ſie es uns iſt.“ „Das möchte ſchwer ſein, Carl, denn parole qhonneur, ich fühle ſchon jetzt eine Art Herz⸗ klopfen, wenn ich ſie ſehe, und wenn ich's recht bedenke, ſo glaube ich, ich bin auf dem ſchönſten Wege, mich furchtbar zu verlieben.“ Carl lachte.„Nun denn, ſo verliebe Dich,“ ſagte er,„und liebe ſie. Wie lange wird's denn dauern, ſo iſt die Glut verraucht. Ich kenne Dich, höchſtens acht Wochen bleibt ſie eine Göttin, dann wird ſie allmählig etwas menſchlicher, dann wirſt Du fühlen, daß ſie im Grunde doch auch nur ein Erdenkind iſt, wie wir Alle, und dann endlich wirſt Du Dich nach einer andern Göttin umſchauen. Das ſind ſo die gewöhnlichen Sta⸗ dien, cher ami.“ „Der Himmel gebe nur,“ ſagte Ernſt,„daß — 3 die Liebe bei mir nicht ernſthaft wird und mich zu dummen Streichen veranlaßt.“ „Mein Freund, je mehr dumme Streiche, deſto beſſer. Das entzückt die Schönen am meiſten und ſie lieben uns dafür um ſo inniger. Rede Un⸗ ſinn, geberde Dich wie ein Wahnſinniger, ſie ver⸗ zeihen es Dir und finden Dich unwiderſtehlich, wenn Du ſie nur merken läßt, daß allein die Liebe zu ihnen Dich ſo albern gemacht hat. Es giebt nur einen dummen Streich, vor dem Du Dich zu hüten haſt.“ „Und das iſt?“ „Daß Du in der Leidenſchaft, im Sturme der Betheuerungen Dich nicht einmal ſo hoch verſteigſt, der Geliebten Deine Hand anzutragen. Dann biſt Du verloren, denn dies Wort vergeſſen ſie nie, ſie halten Dich damit feſt, und wenn Du auch wieder loskommen kannſt, ſo wird es Dir manche unangenehme Stunde machen. Ich kenne das.“ „Das wäre Wahnſinn,“ ſagte Ernſt,„und das war es auch nicht, was ich meinte. Aber es wäre ſchon albern genug, wenn ich ſie zu mei⸗ ner Geliebten machte.“ Carl blieb ſtehen und ſah ihn erſtaunt an. „Menſch, biſt Du toll? Das ſchönſte, gefeier⸗ teſte Weſen Deine Geliebte, und Du wollteſt Dich nicht glücklich preiſen?“ „Nein, Carl, denn ich verachte alle Weiber. — 5 Indem wir ſie beherrſchen, werden wir dennoch ihre Sklaven, und das entehrt den Mann.“ „Du biſt verwettert ſtolz,“ ſagte Carl, als ſie langfam weiter ſchlenderten. .„Aber ich habe recht, Carl. Zu unſeren Füßen iſt der Platz des Weibes, da müßte es üiegen und um einen Blick flehen, und jedes freund⸗ liche Wort als eine Gnade erkennen. Dann wäre es, wie es ſein müßte. Nun aber ärgert's mich, daß ich ſelber ſchwach genug bin, zu ihnen zu flehen, vor ihnen zu knien.“ „Erſt giebt man ſich den Anſchein, als ob man beherrſcht werde, dann aber beherrſcht man ſelber und ganz im Ernſte. Mein Freund, das iſt der Unterſchied.“ „Du haſt recht, Carl, und das wollen wir Beide thun.“ „Ja, Du haſt es aber beſſer wie ich. Deine glühende, ſtrahlende Sonne iſt beſſer, wie mein ſchmachtender Mondſcheinengel.“ „Chacun à son goüt, lieber Freund. So laß uns lieben und geliebt werden.“ „Ja, Ernſt, und dann weiter fliegen, als fröh⸗ licher Schmetterling von Blume zu Blume.“ Beide lachten. Ja, ſie lachten, und dennoch handelte es ſich um Menſchenherzen, um Lebensglück. Ach, iſt es denn wirklich wahr, daß das Weib nur ein Spielwerk iſt in der Hand des Mannes, das er —— S * zerbricht, wenn es aufhört, ihn zu ergötzen? Iſt denn das Weib nur gemacht, um zu lieben und zertreten zu werden, und muß das ſchönſte Ge⸗ fühl Eurer Bruſt gerade Euch Armen den Unter⸗ gang bereiten? So vergingen Tage und Wochen, und Emilie mochte es ſich kaum ſelbſt mehr verhehlen, daß ſie für Graf Ernſt andere Gefühle hege, wie für alle anderen Männer. Zu ihm nur blickte ſie hin, wenn ſie auf der Bühne ſtand, wenn beim Jubelrufen das Haus erbebte, und ſein Lächeln war ihr ſchönerer Lohn, als alle Huldigungen der Menge. Und mußte nicht ſeine ſo zarte Aufmerkſamkeit, ſeine glühende Verehrung, ſeine aus allen Worten hervorleuchtende Liebe, mußte nicht dies Alles ihr Herz beſtricken? Ihre Seele kannte kein Falſch, ſie glaubte alle Menſchen wahr und aufrichtig, weil ſie ſelber es war; in ihr reines Herz kam nicht der Gedanke der Mög⸗ lichkeit, daß man ſie hintergehen möchte. Sie glaubte, und die erſte Liebe iſt niemals ohne Glauben; ſie achtet ſo hoch, daß das leiſeſte Mißtrauen ihr als eine Sünde erſcheint, und der Glorienſchein ihrer eigenen Gefühle verbreitet einen Himmelsglanz über Alles, was ihr nahe ſteht, und ſo wähnt ſie es ſo ſtrahlend und rein, und ahnt nicht, daß nur ſie ſelber ihm dieſen Schimmer verleiht. Auch mochte Ernſt wohl über ſeine eigenen Gefühle ſich täuſchen, mochte wähnen, er liebe wirklich das ſo ſeltſame, ſo ſtolze und doch ſo de⸗ müthige Weſen, das ſo ſchön, ſo rein vor ihm ſtand, ſo offen und kindlich ihm ins Auge ſah, ſo wahr und offen zu ihm redete, ſo gar nicht ſtrebte, ihre Gefühle ihm zu verbergen, weil ſie nicht ahnete, daß man etwas zu verbergen habe. Er hatte viele Frauen gekannt, er hatte oft, wenn wir ſo ſagen dürfen, oft geliebt, und hatte gelernt, die Frauen zu verachten,— ſie ſelber hatten ihm das ſo leicht gemacht. Nur einmal, einmal hatte er wirklich geliebt, und das war in Ztalien geweſen,— damals wäre er zu retten geweſen, als er ſeine ganze Seele voll ſo viel Vertrauen der ſchönen Bion⸗ detta gab, als er entſchloſſen war, ſein Leben, ſein ganzes Leben ihr zu weihen, als er an das Mädchen glaubte, mit aller Kraft, ja mit letzten Verzweiflung ſeines ſo oft getäuſchten Vertrauens. Damals war ſein Herz allen weichern Ge⸗ fühlen offen, damals hätte er durch ein Weib den Glauben und die Achtung vor dem ganzen Ge⸗ ſchlechte wieder finden mögen, und gerade dieſes Weib verließ ihn, verließ ihn um eines verächt⸗ lichen Menſchen willen, und ſie, die er ſo hoch geehrt, der er aus ſeinem Herzen einen Tempel gemacht, in dem er ſie als Göttin anbeten wollte, — ſie war nichts, als ein gewöhnliches ſchwaches Weib— da verließ ihn der Glaube an das ganze Geſchlecht. Ach, wenn doch dieſe ſchwachen, ge⸗ fühlvollen Weſen, wenn doch dieſe Mädchen, die ſo oft über den Flatterſinn des Mannes klagen, wenn ſie es doch bedenken wollten, daß ſie ſelbſt es ſind, die den Mann zu dem machen, was er iſt, daß ihr Wankelmuth, ihr Unbeſtand ſpäter ihr eigenes Verderben herbeiführen, daß ſie mit ihrem Leichtſinn, mit ihrem Kleinmuth ſich erſt dem Manne verächtlich machen. Wenn ſie doch bedenken wollten, daß ein von ihnen begangener Treubruch Verderben herbeiführt für viele ihrer Mitſchweſtern, und daß die erſte Thräne, die ihr Flatterſinn einſt einem Mannesauge erpreßte, durch tauſend Weiber⸗ thränen gerächt wird. Graf Ernſt hatte das weibliche Geſchlecht ver⸗ achten gelernt, er hatte ſich gelobt, für den Schmerz, den ein Weib ihm gegeben, ſich zu rächen am ganzen Geſchlechte. Und dennoch, wenn er ſo neben Emilie ſaß— denn ſchon hatte ſie ihm erlaubt, außer den Stunden zu kommen, in denen ihr Salon Jedem geöffnet war— wenn ſie ihn mit ihren klaren Augen ſo liebevoll anſah, wenn jedes Wort der Zärtlichkeit von ihm die Röthe des Ge⸗ fühls auf ihre Wangen rief, und er das Pochen ihres Herzens ſah und den fliegenden Athem, und das ſehnende Auge, und das ſüße Lächeln des Mundes, dann zog es, wie ein leiſes Mitleid durch ſeine Seele, und eine Stimme des Gefühls bat in ihm:„vernichte nicht dies reiche, ſchöne Leben!“ Aber Ernſt hörte nicht mehr auf dieſe Stimme, denn ſchon waren ſeine Sinne befangen von Lei⸗ denſchaft für das glühende, ſchöne Weib, nicht für die ſchöne Seele; ſchon fühlte er, daß er Alles, ſelbſt ihr Leben, nicht das ſeine, daran wagen konnte, ſie zu beſitzen, ſchon durchzuckte es ſein ganzes Weſen, wenn ſie im Geſpräche zuweilen ſeine Hand auf ihren Arm legte, oder wenn er dieſe kleine heiße Hand in der ſeinen hielt und das Pulſiren ihrer Finger fühlte. Schon fühlte er zuweilen wie von einer un⸗ widerſtehlichen Gewalt ſich getrieben, dieſe volle, ſchöne Geſtalt mit ſeinen Armen zu unſchlingen, auf dieſe glühenden Lippen ſeinen Mund zu preſ⸗ ſen, und beim Gedanken daran ward ſein Athem ſchneller, ſtürzte das Blut wie Feuer durch ſeine Adern. „Ich liebe ſie wirklich,“ ſagte er dann zu ſich ſelbſt, und beſchwichtigte damit die beſſere, war⸗ nende Stimme in ſich.„Und warum ſollte ich,“ fragte er ſein zuweilen noch ſich regendes Gewiſ⸗ ſen,„warum ſollte ich thörigt genug ſein, ihre Liebe von mir zu weiſen? Was kümmert es mich, was die Welt davon denken mag,— ſie iſt Schauſpielerin, und wann wäre es erhört, vaß eine Schauſpielerin keine Liebhaber hätte, und — 55— warum ſollte man gleich dabei ans Heirathen denken müſſen?“ Und ſein Gewiſſen ſchwieg, und immer mehr überließ er ſich ſeiner Leidenſchaft. Und Emilie? Sie wußte es ſchon, daß ſie ihn liebe, ſo heiß, ſo glühend, wie nur ein Weib lieben kann. An ihn denken, ſich ſeine Blicke, ſeine Worte zu⸗ rückrufen, zu lächeln wie er lächelte, zu denken wie er dachte, alle Dinge mit ſeinen Angen an⸗ zuſehen, das war ihr Glück, ihre Freude. Sie gab ihre ganze Seele an die Liebe hin, ſie unter⸗ warf ſich dieſen ſo neuen, ſo beſeligenden Ge⸗ fühlen ohne Rückhalt, ſie jubelte es laut:„ich liebe ihn!“ „Ich liebe ihn,“ murmelte ſie im Schlafe und erglühte im Traume vor Entzücken,„ich liebe ihn,“ wiederholte ſie, wenn ſie erwachte und Gott dankte, daß der Morgen anbrach, daß die Sonne wieder ſchien, daß die Nacht vorüber, die ſie vom Ge⸗ liebten trennte. „Ich liebe ihn,“ ſagte ſie, wenn ſie mit po⸗ chendem Herzen ſeinen leichten Schritt auf der Treppe vernahm,—„ich liebe Dich!“ ſagten ihre Angen, wenn er neben ihr ſaß, und ſo geiſtvoll, ſo hinreißend ſchön zu ihr ſprach.„Ich liebe ihn,“ ſagte ſie, und preßte die Hand auf ihr Herz und horchte ſeinen verhallenden Schritten, wenn er von ihr ging, und ſtürzte ans Fenſter, ſeiner hohen 60 ſtolzen Geſtalt nachzublicken.—„Er wird mich bewundern, ſich über mich freuen,“ ſagte ſie, wenn ſie Abends ſich ſchmückte für die Bühne, für ihn ernte ich alle dieſe Bewunderung. Und nie hatte ſie ſchöner geſpielt, nie ſchöner geſungen. Sie gab ſich ihrer Liebe hin, nicht mit Seufzern und Thränen, nicht mit Schwärmerei und Schmachten, ſie gab ſich ihr hin mit allem Feuer ihres Her⸗ zens, aller Glut ihrer Gefühle, ſie jubelte vor Luſt. Nun ſchien ihr das Leben erſt ſchön, die Kunſt erſt beglückend, nun hatte ihr Daſein erſt ein Ziel, ihr Streben einen Lohn— ſeine Liebe!— Ob ſie dieſe beſitze? Sie fragte nicht.— Es ſchien ihr ſo natürlich, ihre ſtolze Seele ahnte nicht die Möglichkeit, daß man mit ihr nur ein Spiel getrieben, ſie achtete ihn ſo hoch, wie durfte ſie den Gedanken wagen, daß er ſie täuſchen könnte. Zudem wußte ſie ſo wenig vom Le⸗ ben, hatte ſo wenig in der Außenwelt gelebt. Dieſe nur iſt es, die uns bedächtig, die uns mißtrauiſch macht. Sie hatte anfangs nichts gekannt, als ihr ſtilles Dorf, dann von dem Gutsherrn bemerkt und aus ihrer Dunkelheit her⸗ vorgezogen, war ſie freilich in die Stadt gekom— men, aber in das ſtille Haus des unverheiratheten Gutsbeſitzers Solau; dann ging ihr Leben hin in Anſtrengung und Thätigkeit, die ausgezeichneten! Männer wurden ihr zu Lehrern gegeben, ſie kannte nichts als ihr Studirzimmer, kein Mädchen ihres — Alters, mit dem ſie verkehren konnte, überhaupt kein weiblicher Umgang; ihre einzige Erholung war eine Reiſe nach dem geliebten Gute ihres Wohl⸗ thäters, wo ſie ihre Jugend verlebt hatte. So vergiggen die Jahre des Lernens, und als ihre Erziehung nun vollendet war, betrat ſie, nach dem Wunſche ihres Wohlthäters, die Bühne. Nun lernte ſie Frauen kennen, doch ſie, die nur die Ideale ihrer Bücher kannte, entſetzte ſich vor den Weibern, denn ſie ſah kleinlichen Neid, Miß⸗ gunſt, Ränke und Intriguen, das waren die Trieb⸗ federn ihres Handelns. Sie ſah, wie ſie einander freundlich waren und dennoch ſo ſcharf jeden Feh⸗ ler rügten, ſie ſah, wie ſie den Männern zärtliche Blicke zuwarfen und hinterher ſie verlachten. Dies iſt keine Welt für mich, dachte Emilie, und zog ſich kalt und ſtolz von den Frauen und Mädchen zurück. Sie gab ſich nicht einmal die Mühe, ihre Verachtung ihnen zu verbergen, denn Wahrheit war ihr Streben. Sie ſollen ſehen, daß ich ſie durchſchaue, ſagte ſie ſich ſelbſt, daß ich ſie verachte, damit ſie nicht glauben, daß ich ihnen gleiche. So ſchreckte ſie alle durch ihr ſtreng abge⸗ ſchloſſenes Weſen zurück, und ihre Mitſchweſtern wurden ihre erbitterten Feindinnen. Beſſer ging es mit den Männern, denn dieſe zeigten ſich ihr immer nur von ihrer beſten Seite, der Inſtinet lehrt ſie überdies, einer ſchönen Frau gegenüber ſich gerade ſo zu zeigen, wie die Frau ſie zu ſehen wünſcht und ſie ſich träumt. Emilie aber nahm ihr äußeres Erſcheinen für Wahrheit, denn ſie glaubte ja nicht an Verſtel⸗ lung.— Doch ſie wußte aus ihren Büchern, daß die Männer in einem Punkte in der Liebe. Sie war auf ihrer Hut und beobachtete, und ſo durchſchaute ſie gar bald Alle, weil ſie ruhig und klar war.— Nun aber liebte ſie,— Emilie, wo war nun dein ruhiger Blick? 4 Fünftes Capitel. Ich ſchrieb' es gern in alle Rinden ein, Ich grüb' es gern in jeden Kieſelſtein, Ich ſäet' es gern auf jedes grüne Beet, Mit Kreſſenſamen, der es ſchnell verräth: Dein iſt mein Herz und wird es ewig bleiben! „Ich will heute hinausfahren, Erneſtine, ſieh, wie Alles ſproßt und blüht, der Frühling, der ſchöne Mai läßt mir keine Ruhe, ich muß mein liebes Waldthal wieder ſehen, meine ſchönen Blumen.“ „Soll ich mit Dir fahren?“ fragte Erneſtine. Emilie reichte ihr freundlich die Hand.„Ver⸗ zeih', liebes Mädchen,“ ſagte ſie,„wenn ich Dich bitte, mich allein zu laſſen, nur meine Kammer⸗ frau mag mit mir gehen. Ich bedarf der Ruhe, Einſamkeit, des ſtillen Nachdenkens über mich ſelbſt.“ „Wer bedürfte deſſen nicht,“ ſagte Erneſtine tragiſch. „Laß ſchnell Alles ordnen,“ bat Emilie,„in einer Stunde möchte ich fahren, übermorgen kehre ich zurück.“ In einer Stunde ſaß Emilie im Wagen. Sie athmete leichter und freier, ſie fühlte ſich wieder heiter und glücklich. Ich wußte es wohl, dachte ſie, mir würde beſſer werden in iß und Stille. Ich war ſo trübe, warum war ich das? Und warum eigentlich fahre ich ſo heimlich, ohne irgend Jemand davon zu ſagen.—„Frage nicht, Herz,“ rief ſie dann laut,„ſei ſtille, ſtille.“ Sie hatte ſich den Wagen zurückſchlagen laſ⸗ ſen und dem Kutſcher befohlen, langſam zu fahren, und mit welchem Behagen trank ſie die warme Maienluft! Mit Blicken höchſter Luſt ſchweifte ihr Auge über die grüne Landſchaft, hing an dem jungen Laub der Blätter, folgte dem Vogel, der ſich aufſchwang zu den Wolken. „Könnt' ich mit Dir fliegen,“ rief ſie, und winkte ihm nach, und ihre Bruſt ward ſo voll, ſo weit von Frühlingsluſt und Frühlingsliebe, und dann hielt es ſie nicht mehr und ſie begann zu ſingen. Da war nichts von den kunſtvollen Sätzen der Opernmuſik, keine Coloraturen, keine Verzierungen— es war nur der reine Ausdruck des Gefühls, aus der Seele kamen dieſe Töne, ein Seufzer der Sehnſucht und Liebe. Anfangs ſang ſie ohne Worte, dann aber ſprach ſie es aus, was ſie den Tönen allein bis dahin überlaſſen, und guch hier wieder überließ ſie ſich ihrem freien, Seeh ſchrankenloſen Gefühl, da war kein Metrum, kein Rhythmus, die Worte floſſen von ihren Lippen, ſie wußte kaum, ob ſie ſie ſagte. Es waren kurze Sätze, oft unterbrochen von langen getragenen Tönen, oft faſt ohne Sinn, mindeſtens unverſtänd⸗ lich, Verſe, wie ſie der Augenblick ihr gab und wieder nahm. „Sei mir gegrüßt,“ ſo ſang ſie,„gegrüßt du holdes, lichtes Grün, du ſäuſelnder Wind, der liebend die Wange mir fächelt. Gegrüßt mir du lieblicher Schmelz der duftenden Wieſe, wo die Libelle auf Blumen ſich wiegt und die emſige Biene ſummt. Vor Allem ſei du mir willkommen, tief⸗ blauer Himmel, mit den ziehenden Silberwolken am Tage, mit den leuchtenden Sternen der Nacht.“ „Frühling und o Frühlingserde, wie gleichſt du der Jugend des Menſchen! Da ſproſſen Hoff⸗ nungen gleich jungen Blüthen, da iſt ein reges, glühendes Leben im Herzen, wie in deinem Schooße Natur. Der Keim zum Liebesleben des Sommers, der alle deine Blüthen entfaltet, oh Natur, deine Hoffnungen verwirklichet, oh Herz.“ „Was ſingt ihr Vögelein, was ſäuſelſt du Wind? Liebe, Liebe, ſo tönt euer Lied. Oh ſagt es mir ſchnell, gedenkt er mein und liebt er mich? Flieg zu ihm, du Vöglein, und klopfe an ſein verſchloſſenes Fenſter und fing ihm dein ſchönſtes Lied, flöte mit deiner Silberſtimme ins Herz ihm hinein, ſie liebt dich und dich nur allein Eile Die Künſtlerin. 5 hin zu ihm, du kühlender Wind, lege dich an ſeine edle Stirn, an ſeine männlich geröthete Wange, bring ihm meine Seufzer, oh Zephyr.“ Zetzt unterbrach ſie ſich ſelbſt mit dem lauten Ausrufe:„Da liegt Waldthal, willkommen, will⸗ kommen,“ und ſie klatſchte fröhlich, wie ein Kind, in die Hände und warf den rothen Dächern Küſſe hin. Bald hielt der Wagen, Emilie ſprang leicht wie eine junge Gazelle ins Haus, begrüßte den Verwalter, ließ ſich von ihm berichten über den Ertrag des Winters, und eilte dann in den ſchö⸗ nen Park.— „Wo gehſt Du hin?“ fragte den Grafen Eruſt der Graf Carl, als er ihm von ungefähr auf der Straße begegnete. „Zu wem gehſt Du?“ gab jener die Frage zurück. „Zu Emilie.“ „Zu Erneſtine. Nun, wie ſteht's, mon ami, ſchon Liebesſchwüre gethan?“ „Nein, Carl, aber ſie liebt mich.“. „Delicieuse, und Du ſpielſt den Grauſamen.“ „Nein, Carl, denn ich liebe ſie.“ „Du wirſt doch nicht?“ fragte jener erſtaunt. „Es iſt nun einmal mein Schickſal, Carl, und ich ergebe mich darein Que faire? Zede Stunde, vie ich nicht bei ihr bin, langweilt mich, und bin ich neben ihr, da bin ich ganz düpirt, weiß nichts zu fagen, und bin ſchüchtern wie ein Mädchen.“ 3 „Und ſie? Iſt ſie zärtlich?“ „Dumme Frage! Als ob ich Proben hätte! Ich habe ihr noch kein Wort meiner Liebe geſagt, noch keinen Kuß empfangen.“ „He, he, he,“ lachte Carl,„die Sache wird romantiſch! Nein, mein Theurer, da bin ich ſchneller reüſſirt. Erneſtine iſt wahrhaftig bei näherer Bekanntſchaft ganz angenehm, und zärt⸗ lich, zärtlich wie,— wie— nun, mir will kein Vergleich einfallen, c'est égal.— Doch hier ſind wir vor ihrem Hauſe. Entrez.“ Erneſtine öffnete ihnen ſelbſt die Thür. Carl drückte zärtlich ihre Hand an ſeine Lippen. „Guten Morgen, Schönſte. Sie ſind allein?“ Erneſtine verneigte ſich bejahend, und wandte ſich dann an Graf Haltern mit halbflüſternder Stimme ſäuſelnd: „Fräulein Minden iſt nicht zu Hauſe.“ „Nicht zu Hauſe,“ ſtammelte Jener. „Sie iſt in Waldthal, Herr Graf.“ „Was iſt denn das?“ fragte er ungeduldig. „Ein kleines Gut,“ ſagte Carl,„das ihr der verſtorbene Solau hinterlaſſen hat.“ „Und wann kommt ſie zurück?“ „In drei Tagen, mein Herr.“ „Qui me néglige, me perd,“ flüſterte Carl dem Freunde zu.„Setze nach.“ Dieſer war heftig einige Male aufs und ab⸗ gegangen. 5 „Wie geht der Weg, wie weit iſt es bis da⸗ hin?“ fragte er jetzt. „In vier Stunden biſt Du dort, wenn Du ſcharf reiteſt, mein Diener weiß den Weg, nimm ihn Dir mit.“ „Das nehme ich mit Dank an, aber mein Rappe iſt lahm.“ „So nimm meinen Schimmel, Freund.“ „Du verpflichteſt mich, Carl,— ich bin Dir ſehr dankbar. Du willſt alſo nicht mit mir kom⸗ men?“ „Was ſollte ich denn da?“ fragte Carl,„ich habe hier beſſere Beſchäftigung.“ „So leben Sie wohl, Fräulein, auch Du Carl.“— Und raſch ſtürmte er fort. „Der iſt in Liebe!“ ſagte Carl, ihm nach⸗ blickend. Dann legte er vertraulich ſeinen Arm um Erneſtinens Geſtalt. „Nun, mein ſchönes Kind, und wir?“— Schon ſeit Stunden wär Emilie im Parke. Sie hatte jedes Plätzchen beſucht, das ihr in der Erinnerung heilig und werth geworden, hatte ſich über die Blumen, über das friſche Gras, über Alles gefreut, und wandelte nun ſtill ſinnend in den dunklen Gängen des Parks umher. Allmählig war der Abend herabgeſunken und groß und ruhig ſtieg der volle Mond, eine gol⸗ dene Kugel, hinter den Bäumen hervor und gab dem ſtillen Parke faſt Tageshelle. — In dem ruhigen, ſtillen Lichte des Mondes liegt Etwas, das unwillkürlich unſere Seele zur Wehmuth neigt, unſerm Herzen Erinnerungen giebt, die unter dem Geräuſche des Tages ſchlummerten. Die Stille der Nacht, die klare, todte Helle, dazu das Lispeln in den Bäumen, das leiſe erſterbende, dann wieder hell ertönende Lied der Nachtigall, die im dunkeln Gebüſche ſaß, vor dem Emilie auf der Ruhebank lehnte, alles dies ſtimmte ſie immer weicher, immer ſehnender. „Ernſt, geliebter Ernſt,“ hauchte ſie leiſe, „oh wärſt Du bei mir, könnte ich es Dir ſagen, wie ich Dich liebe!“ Und ſie breitete die Arme aus und wiederholte leiſe ſeinen Namen. Da hörte ſie eilige Schritte ſich nahen, ſah im Monden⸗ ſchein eine hohe Geſtalt zu dem Flatze ſich wen⸗ den, von wo ihr weißes Gewand erglänzte, und eine mächtige, beſeligende Ahnung durchſchauerte ihre Bruſt. Raſch ſprang ſie auf und mit dem Rufe: „Ernſt, biſt Du es!“ ſtürzte ſie dem näher Kommenden in die Arme. „Geliebte, theure Emilie,“ ſprach er unter Küſſen, und drückte ſie ſtürmiſch an ſich,„habe ich Dich endlich, biſt Du endlich mein?“ Sie umſchlang ihn feſter und flüſterte mit dem Tone innigſter Liebe:„mein Geliebter, war ich es nicht lange?“ Und nun hatten ſie keine Worte mehr, nun 765— lagen ſie Herz an Herzen, nun ruhten ſie Lippe an Lippe, miſchten ihre Seuſzer, ſtammelten Laute der Liebe, ohne Sinn, ohne Klang, drückten ſich feſter aneinander, hielten ſich inniger umſchlungen. Und leiſe glitt Emilie aus ſeinen Armen zu ſeinen Füßen nieder, umſchlang mit ihren vollen, ſchönen Armen ſeine Knie, und ehe er Zeit hatte zur Frage,„was thuſt Du?“ rief ſie, wie außer ſich: „Laß mich hier, laß mich zu Deinen Füßen liegen, ſieh, meine ganze Seele iſt Dir unterthan, laß mich Deine Magd ſein, ſei mein Herr, Herr meines Lebens, meiner Gedanken. Du, Du, den ich liebe, mehr als Du es ahnen kannſt, mehr wie ich es ſagen kann, laß mich zu Deinen Füßen liegen. Sieh, es thut dem ſtolzen Herzen ſo wohl, ſo vor Dir ſich zu demüthigen, ſo meinen Kopf an Deine Knie zu drücken und zu ſagen: in Dei⸗ nen Händen liegt mein Leben, liegt mein Tod,— ſchalte mit Deiner Sklavin, Du mein Herr, mein Gebieter.“ Und als er ſie aufheben, als er ſie an ſeine Bruſt ziehen wollte, fuhr ſie fort: „Nein, zieh mich nicht zu Dir empor, Ge⸗ liebter, hier iſt mein Platz. Laß das demüthige, ſchwache Weib zu Deinen Füßen liegen, höre mei⸗ nen Schwur: Dich nur, Dich lieb' ich allein, Dein Wille ſoll mir Geſetz ſein, jeder Wunſch ein Befehl. Ernſt, lieber Ernſt, hörſt Du mich denn?“ „Ob ich Dich höre? Süßes, holdes Weſen,“ ſagte Ernſt, ſelber von Gefühlen übermannt, die ihn ſchwindeln machten von Wonne und Glück, und überwältigt von der tiefen Glut des Mädchens. „Weißt Du es denn, wie lange ich Dich liebe?“ Und er beugte ſich zu ihr hinab, ohne eine Ant⸗ wort zu hören oder zu verlangen, und nun flü⸗ ſterte er heiße, glühende Liebesworte in ihr Ohr, wie nur immer die Leidenſchaft ſie erfinden mag, und nun zog er die Geliebte zu ſich empor und bedeckte ihren Hals, ihr Geſicht, ihr Haar mit ſeinen Küſſen. Und der Wind rauſchte in den Bäumen und der Mond ſchien ſo hell, und die Nachtigall flötete ſo lieblich, und die zwei Lieben⸗ den hielten ſich ſo feſt umſchlungen, als wollten ſie ſich nimmer wieder laſſen, und heiße Thränen rollten ans Emiliens großen, ſchönen Augen, und Ernſt's Seele ward erweicht und gerührt, und in ſein Herz zogen Gefühle, die er ſeit vielen Jahren nicht gekannt. Ihm ward ſo frei und edel, wie in den Tagen, wo er, ein edler, arg⸗ loſer Jüngling, von dem Mädchen ſeiner jungen Liebe den erſten Kuß empfing, und mit einer Wahr⸗ heit, die er vielleicht ſpäter ſelbſt belächeln mochte, ſagte er zu der in ſeinen Armen Ruhenden: „Ich werde Dich immer lieben, Emilie!“ Sie machte ſich frei aus ſeiner Umarmung und lehnte ihr Haupt rückwärts zum Himmel und breitete die Arme weit aus, und mit mächtiger, von tiefer Bewegung angeſchwellter Stimme rief ſie: „Iſt es denn wahr, iſt es wirklich wahr? er liebt mich, er liebt mich!“ Der Mond beleuchtete ihr edles Geſicht, und wer ſie ſo ſah im weißen Gewande, die Arme weit ausgeſtreckt, das Haupt wie in ſeliger Ver⸗ zückung aufwärts gerichtet, der mochte verſucht ſein, an die längſt verklungenen Sagen früherer Zeiten zu denken, und vermeinen, Titania, die Königin der Elfen, habe in der Vollmondsnacht den Elfentanz gethan, und ſei bereit ſich wieder aufzuſchwingen zur Höhe. „O ſag' es mir, laß es mich noch einmal hören,“ flehte ſie,„ich liebe Dich!“ „Holder Engel, ich liebe Dich!“ Da unſchlang ſie ihn noch einmal, drückte einen Kuß auf ſeinen Mund, auf ſein Herz, und ſagte ſchnell,„gute Nacht, Ernſt, morgen ſehen wir uns wieder,“ und leicht wie eine Gazelle eutſchlüpfte ſie. Hinter den Gebüſchen verſchwand ihr weißes Gewand. Ernſt gber irrte noch lange in den Gängen des Parks'umher, den widerſtreitendſten Gefühlen zum Raube. Er liebt das edle Weib mit aller Leidenſchaft, aber auch mit allem Egoismus des Mannes, und unter den Entzückungen der Lei⸗ denſchaft ſchwieg dennoch nicht die Stimme des Stolzes und der Rache, und ſein böſer Dämon flüſterte: „Sie iſt dein, denn ſie liebt dich! die ſtolze, — 73— 6 gefeierte Künſtlerin hat zu deinen Füßen gelegen und deine Knie umklammert.“ Und nun rief ſein Stolz:„wie liebe ich ſie! wie war ſie bezaubernd in ihrer Demuth!“ Langſam ging er dann zum Hauſe zurück. Er ſah noch Licht in den oberen Zimmern, ſah einen Schatten hinter den verſchloſſenen Vorhängen ſich bewegen und blieb ſtehen. „Gute Nacht,“ rief er laut, und ſogleich be⸗ wegten ſich die Vorhänge, öffnete ſich das Fenſter, und ihre ſüße Stimme tönte liebevoll:„gute Nacht!“ Sechstes Capitel. Das Unrecht würde man ihm verziehen haben. Aber er griff die Vorurtheile der Menge, er griff das Intereſſe der privilegirten Stände an, und er wurde verdammt und unter⸗ drückt durch die Leidenſchaft und Macht dieſer ſurchtbaren Gegner alles Guten. Rotteck. Schon waren mehr denn acht Tage vergangen, und noch immer weilten Emilie und Graf Hal⸗ tern in Waldthal.— Auf ſeine Bitte hatte ſie ihren Aufenthalt verlängert, und ſelige Tage des Glückes und der Liebe waren ihnen entſchwunden. Immer inniger, immer rückhaltsloſer gab Emilie ſich ihren Gefühlen hin; kein Gedanke ihrer Seele, der ihm verborgen war, kein Klopfen ihres Her⸗ zens, das ſie ihm nicht gezeigt. Nun erſt ſchien die Welt ihr ſchön, erglänzte ihr die ganze Na⸗ tur, lächelten ihr die Blumen, ſangen ihr die Vö⸗ gel, denn ſie verſtand ihre Stimme, verſtand das Liebesleben der ganzen Natur; ſie hatte in ihrem Herzen geleſen, und auf dem Grunde deſſelben ſtrahlte ſein Bild ihr entgegen. Ihm anzugehören, ihm zu dienen, von ihm abhängig ſich zu fühlen, das Alles war ihr ein Glück, das ſie früher nie geträumt. Und verdiente er nicht ſo ganz dieſen Cultus des jungen glühenden Herzens? War er nicht in ihrer Nähe ſelber ſo von Liebe durchdrungen, von Glück und Wonne, wie die Geliebte, die er in ſeinen Armen hielt, die er an ſein Herz drückte; ſchien nicht ſeine Seele jede Regung ihrer Bruſt zu verſtehen und zu erwiedern, ſchien er nicht jeden ihrer Gedanken zu errathen und zu billigen, ſchien er nicht ſo glücklich, ſo befriedigt, wie ſie ſelber es war?— Ja, zu ſeiner Ehre müſſen wir es ſagen, noch einmal regten ſich in ihm beſſere Ge⸗ fühle. Das edle, das ſo ganz vertrauende Weib, das in ſeinen Armen ruhte, ohne Wunſch, ohne Begehr außer ſeiner Liebe, dies glühende, ſo ſtolze und ſo demüthige Weſen rührte ihn zu einer lange nicht gekannten Weichheit und Milde, und er be⸗ klagte ſie, wenn er der Zukunft gedachte, er fühlte ſogar Gewiſſensbiſſe, wenn er dachte, daß er dies ſchöne Lebén vernichten würde. „Aber wie kann ich es ändern,“ fragte er ſich ſelbſt,„ich liebe ſie und kann ſie nicht auf⸗ geben,— auch wäre das ihr Tod. Ihr meine Hand bieten?“ Als ihm dieſer Gedanke zum erſten Male kam, wies er ihn ſtolz zurück; doch wenn er ihr ins Auge ſchaute, wenn ſie, ſo ganz Gefühl, ſo ganz — 75— Liebe, in ſeinen Armen hing, dann drängte er immer wieder ſich ihm auf. So ward er nach und nach vertraut mit dieſer Vorſtellung, ja gewann ſie am Ende gar lieb. Die Welt, die ſein Herz kältete, die Meinung ſeiner Freunde, die des ſtolzen Grafen Orakel war, drang nicht bis zu ihm in dieſe Einſamkeit. Hier war er noch einmal und zum letzten Mal ganz Gefühl, ganz Seele; auch erhob das Be⸗ wußtſein, ſo geliebt zu werden, ſo heiß, ſo glü⸗ hend, ihn zu einem Entzücken, deſſen er ſich nicht mehr für fähig gehalten, und ſeine ſo geſchmeichelte Eitelkeit gab ſeiner Leidenſchaft neue Nahrung. Es war der Tag vor ihrer nun feſtgeſetzten Ab⸗ reiſe. Eng aneinander geſchmiegt ſaßen ſie auf dem Divan in Emiliens Zimmer. Durch die ge⸗ öffneten Fenſter, die auf den Garten führten, ſchaute der Mond ſtill hinein, leiſe lispelten die Bäume im Abendwinde, und vom nahen Teiche drang das ſo eintönige, ſo melancholiſche Gelispel der Unken. Eine trübe Lampe brannte auf dem Tiſche vor ihnen und beleuchtete mit mattem Däm⸗ merlichte das elegante Zimmer der Künſtlerin. Eine Harfe lehnte in der einen Ecke und die einzelnen herabhängenden und zerriſſenen Saiten zeigten, daß ſie vernachläſſigt worden; auf dem geöffneten Flü⸗ gel lagen Notenblätter, denn Emilie hatte dem Geliebten ſeine Lieblingslieder geſungen, im Fenſter — ſtand die Staffelei mit dem begonnenen Bilde des Grafen. Sie ſaßen nebeneinander, ihr Haupt ruhte an ſeiner Bruſt, und ihr Auge ſchaute wie verklärt auf zu ihm und trank von ſeinen Lippen ſeine Worte, ſeine Liebesſchwüre. Dann kam ein Moment jener Stille, wo das Wort verſtummt und die Lippe, wo Alles Gefühl und Liebe und himmliſches Glück iſt, wo tiefer das Auge dem Auge begegnet, wo die Arme ſich feſter umſchlingen, und die heißen ſchnellen Seuf⸗ zer der glühenden Bruſt allein es ſagen, was in ihr wogt und lebt. „So liebſt Du mich wirklich?“ flüſterte er. Sie ſah ihm frendig und klar ins Antlitz, als ſie erwiederte: „Weißt Du es noch nicht, Ernſt? Theurer, einzig Geliebter, fühlſt Du es nicht, daß ich nichts, nichts liebe außer Dir? Weißt Du nicht, daß das Leben mir nur ſchön iſt um Dich, daß ich Dich liebe, liebe wie meine Seligkeit, ach, Geliebter, mehr wie dieſe, daß ich auch dieſe hingeben könnte um Dich? Weißt Du das Alles nicht?“ Und er, überwältiget, Alles vergeſſend, außer der, die er in ſeinen Armen hielt, drückte ſie feſter an ſeine Bruſt, heißer brannten ſeine Lippen auf den ihren, glühender hafteten ſeine Blicke an ihrem klaren, zärtlichen, aber ruhigen Ange. „Willſt Du die Meine ſein?“ fragte er. „Bin ich es nicht?“ ſagte ſie unſchuldig. „Ja, Geliebte, Du biſt es. Aber willſt Du auch vor der Welt die Meine ſein?“ „Deine Gattin?“ Er antwortete nur mit Küſſen und Liebkoſun⸗ gen, denn die entſcheidende Stunde gab ihm allen Stolz früherer Tage zurück, und es war ihm, als vernehme er das höhniſche Lachen, die ſpottenden Bemerkungen ſeiner Freunde. Sie aber hielt ſeine Zärtlichkeiten für eine ge⸗ nügende Antwort auf ihre Frage, denn ihr reines, großes Herz ahnete nicht, daß man lieben und dennoch täuſchen kann.— Das Weib iſt in der Liebe ganz Liebe: alles Schöne, Edle, Erhabene, was ihre Seele begreifen kann, überträgt ſie auf den Geliebten, ſie ſchmückt ihn mit allen Tugenden eines Ideals, und ſo wird er ihr ſelber zum Ideal, ſo wird er ihre Gottheit, die ſie anbetet, und an der kein Makel. Jeder Zweifel ſchon er⸗ ſcheint ihr eine Sünde,— denn, ach,— ſie hat vergeſſen, daß der Mann nur liebt, um zu ge⸗ nießen, daß die Liebe ihm nur Zerſtreuung, nur Erholung von den Geſchäften des Lebens iſt, und weil ſie ganz liebt, weil ſie kein Opfer kennt, das ſie nicht freudig bereit wäre darzubringen, ſo glaubt ſie von dem Geliebten das Gleiche. Und ſie glitt aus ſeinen Armen, zu ſeinen Füßen nieder, und ſtützte ihr Kinn auf ſeine Knie — 59 und ſchaute ihm lächelnd ins erglühte Antlitz und flüſterte: „Höre mich ruhig an, mein Geliebter. Komm, gieb mir erſt noch einen Kuß, nenne mich noch einmal Deine Blume, Deine kleine Gazelle. Weißt Du, daß ich mich gern ſo von Dir nennen höre?“ Und er lächelte auch und ſpielte mit ſeinen Händen in ihren braunen Haaren, und beugte ſich herab, ihre Augen zu küſſen, und ſagte zärtlich: „Meine ſchlanke Gazelle, mein ſanftes Reh mit den klaren hellen Augen, wie biſt Du mir ſo lieb, ſo theuer, wie lieb' ich Dich!“ „Wirklich?“ fragte ſie neckend, denn die höchſte Glückſeligkeit der Liebe, das höchſte Bewußtſein der⸗ ſelben giebt der Seele Luſt zu Scherz und Neckerei. „Und nun komm, gieb mir Deine lieben Hände, daß ich ſie an meine Lippen drücke, und nun höre mir zu!“ „Ich wußte es, mein Geliebter, daß Du mir Deine Hand bieten würdeſt, denn ich kenne Dich und weiß, daß Du immer edel und großmüthig denkſt.“ Ihre argloſe Seele bemerkte nicht ſeine augen⸗ blickliche Befangenheit, das flüchtige Errölhen, das einen Moment ſeine Züge überflog, bemerkte nicht, daß ſeine Augen ſich vor den ihren ſcheu zu Bo⸗ den ſenkten. „Nun,“ fragte er beklommen,„und was er⸗ widerſt Du?“ 60— „Ich will nur Dein Herz, nicht Deine Hand.“ Ernſt bebte zuſammen vor freudigem Schrecken, — ſie nahm es für das Erſchrecken gekränkter Liebe. „Zürne mir nicht,“ flehte ſie,„höre mich ruhig an. Ich habe viel darüber nachgedacht alle dieſe Tage, denn ich wußte, daß Du dieſe entſcheidende Frage thun würdeſt und mußteſt. Wozu aber unter uns dieſe Formen, dieſe Aeußerlichkeiten. Liebſt Du mich nicht ſo wie ich bin?“ „Gewiß, mein geliebtes Mädchen!“ „Nun ſiehſt Du, mein Ernſt, ich würde aber nicht mehr ſo ſein, wenn ich Deinen Namen trüge, wenn ich Deine Gemahlin wäre. Du liebſt mich, das ſeltſame, außergewöhnliche Weib, die Künſt⸗ lerin, Du erlaubſt als ſolcher mir manches, was Du an Deiner Gemahlin nicht billigen könnteſt.“ „Emilie,“ ſagte er im Tone des Vorwurfs. „Still, ſtill, unterbrich mich nicht. Du magſt Dich darüber jetzt täuſchen, denn Du liebſt mich. Ich darf mich nicht täuſchen, denn ich liebe Dich. Nur wenn es mir vergönnt iſt zu bleiben, wie ich eben bin, frei von jedem Zwang, jeder Feſſel, nur dann kann ich mir meine Freudigkeit bewah⸗ ren, nur dann bleiben, was ich bin. Die Formen der Convenienz, ſie paſſen nicht für mich, und würde es Dich nicht ſchmerzen, zu ſehen, wie Deine Gemahlin gegen dieſelben verſtößt? Die hochgeborneren Gräfinnen würden mit Stolz auf — 83 mich herabblicken, ich, das arme Bauernkind, das nichts iſt, wenn es nicht mehr Künſtlerin iſt, und würdeſt Du es gern ſehen, wenn der Name Dei⸗ ner Gemahlin auf den Zetteln ſtände und Deine gräfliche Gemahlin auf der Bühne?“ „Nimmermehr,“ rief Haltern heftig. „Nun alſo, lieber Ernſt, was bin ich aber dann? Die Fflichten der Häuslichkeit ſind mir fremd, ſind mir unangenehm. Niemals verkehrte ich mit Frauen, Männer leiteten meine Erziehung, bildeten meinen Geiſt, lehrten mich denken und empfinden,— aber keins der weiblichen Talente ward an mir gebildet.— 9ch weiß kaum, wie man die Nadel führt, noch weniger verſtehe ich etwas von häuslicher Einrichtung und Wirthſchaft; Du würdeſt oft erröthen um Deiner unwiſſen⸗ den Gemahlin willen, und meine eigenen Unter⸗ gebenen würden mich verlachen. Ich ſelbſt würde das empfinden, würde mich bedrückt und nicht hei⸗ miſch fühlen, würde nicht mehr heiter ſein; dann würdeſt Du Dein Haus fliehen und um unſer Glück wäre es geſchehen.“ „Du malſt mit dunklen Farben,“ ſagte Ernſt lächelnd. „Beſſer gleich im rechten Lichte, als wenn die Farben ſpäter nachdunkelten, Geliebter.— Nein, mein Ernſt, Emilie Minden iſt zu ſtolz, ſich an einen Plätz zu drängen, den ſie nicht würdig aus⸗ füllen kann. Ich kann Deine Gemahlin nicht ſein!“ Die Künſtlerin. 6 „So willſt Du mich verlaſſen,“ fragte er ſchmerzlich, und drückte ihren Kopf zwiſchen ſeinen beiden Händen und hob ihr Geſicht zu ſich auf, und preßte einen langen Kuß auf ihre rothen Lippen. „Dich verlaſſen?“ fragte ſie befremdet,— „nein, mein Ernſt, laß mich bleiben, was ich bin, Deine Geliebte.“ „Emilie,“ rief Haltern,„haſt Du bedacht, was Du da ſprichſt?“ „Ich habe es,“ ſagte ſie ruhig.„Höre mich an. Als Gemahlin könnte ich Dich nicht glück⸗ lich machen, würde ich es ſelber nicht ſein, hörte ich auf zu ſein, was ich jetzt bin, und gerade ſo liebſt Du mich doch. Und warum wollten wir uns beide denn um ein Glück bringen, das wir ja ſo leicht haben können. Wenn ich Deinen ſo großmüthigen Vorſchlag annähme, ſo könnteſt Du glauben, es gelüſtete mich nach Rang und Titeln.“ „Nein, Du edles, großes Herz, das würde ich nimmer glauben.“ Sie ſchloß ihm mit ihrer kleinen weißen Hand den Mund und ſagte lächelnd: „Still, Du Schwätzer.— Zetzt freilich wür⸗ deſt Du es nicht denken, aber Deine Freunde, ſpäter Du ſelbſt. Und wozu dieſe lähmenden Feſſeln, wozu ſich in Ketten ſchmieden, wenn die Freiheit daſſelbe uns gewährt, was wir durch dieſe Keiten zu erlangen ſtrebten? Oder wie, mein 1 2 Freund, ſollteſt Du wirklich glauben, daß die Hand des Prieſters, der ein Menſch iſt, wie wir, oft auf einer weit niedrigeren Bildungsſtufe ſteht, daß dieſe den Bund zweier Herzen, die einander lieben, erſt ſegnen und heiligen könne? Ach, lieber Ernſt, wenn die Liebe, die Treue erſt herabſinkt zu einer ſtrengen Pflicht, wenn ſie gefordert werden kann, nicht mehr freie Gabe iſt, dann wird ſie nicht mehr dankbar erkannt, und'in der Ruhe und Ge⸗ wißheit des Beſitzes erkaltet ſie.— Nein, mein Geliebter, die Ehe iſt geiſtig und keines Prieſters Hand vermag ſie zu ſchließen, nur das Herz kann ſie binden und löſen. In dem Augenblicke, als ich Dir meine Liebe geſtand, und gelobte, ſie Dir zu bewahren, in dem Augenblicke ward ich Dein Weib, Du mein Gatte. Fühlteſt Du anders?“ „Nein, meine Emilie, ich fühlte wie Du, und daß ich Dich nimmer laſſen könnte.“ „Lieber, lieber Ernſt,“ ſagte ſie zärtlich und küßte ſeine Hand, die ſie noch in der ſeinen hielt. Dann fuhr ſie fort: „Nein, mein lieber Ernſt, laß uns eine Ehe ſchließen, die nur aus uns ſelbſt entſprungen, nur in uns ſelber ihre Geſetze hat. Der Altar, auf dem wir unſere Gelübde niederlegen, ſei unſer eigenes Herz, unſer Gewiſſen allein der Richter, der uns binden oder löſen kann. Ach, wie Man⸗ cher ſchleppt ſich am Joche der Ehe hin, mit blu⸗ tenden Gliedern, todesmatt, das Leben wird ihm 6* eine Laſt und eine Qual.— Ein Wort könnte ihn glücklich machen und frei, und dennoch ſcheut er ſich davor um des Aufſehens willen, und trägt lieber, bis er verzweifelnd zuſammenſinkt.“ Sie war aufgeſtanden und ging mit raſchen Schritten im Gemach umher,— ſie ſchien ſich kaum zu erinnern, daß der Geliebte ihr ſo nahe, ihre Bruſt hob ſich höher, und wie eine Seherin, deren Auge hinausblickt in die Zukunft, ſo ernſt und verzückt ſchaute ihr Auge. „Nur, wenn das freie Weib zum freien Manne tritt und ſich mit ihrer Liebe und ihrem Herzen voll Glauben und Vertrauen zu ſeinen Füßen niederlegt,“ rief ſie,„wenn ſie aus freier Wahl ſich ihm ergiebt, ihm dient, ſich ihm unterthänig fühlt, und nur wenn der Mann es ſo erkennt, wenn nichts ſie aneinander bindet, als ihr freies Wort, wenn wir keines Prieſters mehr bedürfen, keiner Zeugen, keiner Gotteshäuſer, nur dann erſt iſt die Liebe, was ſie ſein ſoll, und auch die Ehe, nur dann erſt kann die Menſchheit glücklich ſein, venn alsdann iſt ſie frei. Da ſchleppen ſich dieſe Thoren nebeneinander hin ihr ganzes Leben, weil ſie einmal in Uebereilung und Wahn ein Ja ge⸗ ſprochen,— ihre Täuſchung iſt hin, ihr Glück entflohen, vielleicht fanden ſie ein anderes Weſen und fühlten, nur mit dieſem kann ich glücklich ſein! Sie können es nicht erlangen, denn es bindet ſie ihr Wort.— Das Herz, von dem allein die Liebe 6 kommt, das allein den Schwur der Treue ſprechen ſollte, das Herz weiß nichts mehr von dieſer Ehe und verblutet unter den Feſſeln.“ „Aber, Geliebte,“ fragte Ernſt, und zog die Glühende zu ſich nieder,„würdeſt Du nicht mit Deiner Lehre der Untreue das Wort reden?“ „Gewiß nicht,“ ſagte ſie ſchnell,„dann erſt könnte ein wahres Liebesleben ſein. Dann erſt, wenn die, welche die Liebe allein zuſammenführte, es wüßten, daß auch dieſe allein ſie aneinander bindet, dann erſt würden ſie ſtreben, dieſe Gefühle zu erhalten. Jeder würde dem Andern liebevoll und gefällig ſein, um nur ſeine Liebe ſich zu be⸗ wahren, und die Furcht, dieſelbe durch ſein eigenes Betragen zu verſcherzen, würde den Mann milde und nachgebend, die Frau demüthig und ſtets liebe⸗ voll erhalten. Doppelt würden die Mütter ihre Kinder lieben, die nur die Liebe ihnen gab, und zärtlicher würde der Vater ſorgen für die Kinder ſeines Weibes, an der er nicht zweifelte, weil ſie freiwillig ſein Weib und es keiner Täuſchung be⸗ darf.— O Ernſt, wenn es ſo wäre und wenn das Wort der Menſchheit heilig, heilig wie ein Eidſchwur, und wenn es keiner Eide und keiney⸗ äußeren Ehe mehr bedarf, dann ſind wir, was wir ſein ſollten, Menſchen, dann feierten wir in Wahrheit unſere goldene Zeit!“ „Und willſt Du ſo mein Weib ſein?“ frägte — — 86 Ernſt bebend, und preßte ſeine Lippen auf ihre ſchöne Stirn. Sie ſah ihn an mit einem Blicke ſo voll Ver⸗ trauen, ſo voll Liebe und Hingebung, daß er, hingeriſſen von ihren Empfindungen, ſie ſelber zu theilen glaubte, und ſie mit einer Liebe an ſeinen Buſen drückte, die in dieſem Augenblicke mehr war als Leidenſchaft und Sinnenrauſch. Dann richtete ſie ſich auf und reichte ihm ernſt und feierlich ihre Hand hin, und ihr großes Auge blickte ernſt und ruhig: „Da haſt Du mich,“ ſagte ſie feierlich,— „ich bin Dein!“ Siebentes Capitel. Des Menſchen Wille iſt ſein Glück. Schiller. „O nicht ſo raſch, mein Geliebter! Befiehl dem Kutſcher langſam zu fahren. Sieh, ſchon tauchen dort am Horizonte die Thürme der Stadt auf, jede Minute nimmt uns unfer ſtilles Glück.“ „Geht denn das Glück nicht mit uns, Emilie? Halte ich es nicht in meinen Armen, drücke ich es nicht an mein Herz? Biſt Du nicht mein Glück, Emilie, ich nicht das Deine?“ „Ja, Du biſt mein Glück, Du biſt mein Le⸗ ben, Ernſt.— Und dennoch, Geliebter, bangt mir vor der Stadt, vor der Trennung.“ „Trennung,“ wiederholte Haltern befremdet.— „Will meine Emilie mich verlaſſen?“ 6 „Sind wir nicht getrennt,— durch lange, . lange Straßen getrennt. Bedarf es nicht ganzer Stunden, ehe Du zu mir aus Deiner Wohnung gelangſt?“ Ernſt zog ſie an ſeine Bruſt, ſtumm, wortlos. Vielleicht regte ſich in ſeiner Bruſt eine warnende Stimme, vielleicht war es nur der Strom der Leidenſchaft, der ihn der Sprache beraubte. So rollten ſie dahin im leichten Wagen, innig aneinander geſchmiegt, Emilie ganz Hingebung, ganz Liebe, Ernſt voll Wonne, voll Triumph, voll Leidenſchaft. „Geliebte, würdeſt Du eine Bitte erfüllen?“ „Und Du kannſt noch fragen, Ernſt?“ Er neigte ſich dicht an ihr Ohr, er umſchlang ſie feſter und flüſterte: „Willſt Du bei mir wohnen?“ „Ob ich will, Ernſt? Biſt Du nicht mein Herr, mein Gebieter, iſt nicht Dein Wunſch mir Befehl, mein Ernſt? Ja, ich will bei Dir woh⸗ nen,— morgen, heute ſchon.“ „Das wollteſt Du, Geliebte, Du wärſt bereit zu dieſem Opfer?“ Sie ſah ihn verwundert an. „Ein Opfer nennſt Du das?“ fragte ſie ernſt. Dann legte ſie leiſe ihre Hand auf ſeine Schulter und ihm mit wunderbarer Ruhe ins Auge blickend, ſagte ſie:„Ernſt, für mich giebt es nichts, was ich nicht freudig Dir opfern könnte, denn, hörſt Du, ich liebe Dich, und in der Liebe giebt es nur ein Opfer, das iſt der Geliebte ſelber.— Nein, nein,“ rief ſie heftig und ihre Augen erglänzten in Thränen,„Dich aufgeben, Dich 5 7 miſſen, das vermöchte ich nicht,— nun nicht mehr!“ Ein halb ſpöttiſches, halb mitleidiges Lächeln (vielleicht war es beides) unzuckte einen Augen⸗ blick des Grafen Geſicht, dann ſagte er zärtlich: „Und niemals werde ich Dich laſſen, Emilie.— Komm, trockne Deine Thränen und laß uns von freudigeren Gegenſtänden ſprechen.“ Und ſie, allen ſeinen Wünſchen gehorſam, trocknete ſchnell die weinenden Augen und lächelte ihm wieder, und fragte:„Nun, wodon wollen wir ſprechen?“ „Von Deiner neuen Wohnung, Emilie,“ ſagte er.„Du weißt, ich beſitze ein großes Hoͤtel und bewohne es allein. Du beziehſt die Bel⸗Etage, ich wohne unten. Heute noch läſſeſt Du Deine Meubles dorthin bringen. Iſt es Dir ſo recht?“ Sie legte lächelnd ihren Kopf auf ſeine Schul⸗ ter und ſagte zärtlich: „Befiehl nur immer, es iſt ſo ſüß Deinen Befehlen zu gehorchen.“ „Aber wünſcheſt Du es anders?“ „Ich wünſche nichts, als Dich zu ſehen, bei Dir zu ſein!“ So rollten ſie auf dem Wege zur Stadt da⸗ hin, ach— bald war dieſe erreicht.—„ Emilie, Du hatteſt recht, Dein ſtilles Glück war ent⸗ ſchwunden, ſo kehrt es Dir niemals zurück.“ Erneſtine empfing die Freundin nicht mit der Freude, welche dieſe erwartet hatte. Mit allem Cere⸗ — 90 moniell angenommener Etiquette trat ſie ihr ent⸗ gegen, ihre Wange war noch bleicher wie ge⸗ wöhnlich, ſie ſenkte das Auge zu Boden und ging ſtumm Emilien voran in das Zimmer. „Und haſt Du kein freundliches Wort für mich,“ fragte hier Emilie, und erſchrak über Erne⸗ ſtinens Bläſſe.„Freuſt Du Dich nicht, nach ſo langer Trennung mich wieder zu ſehen?“ „So langer Trennung?“ fragte Erneſtine dumpf, und ſetzte dann leiſe hinzu:„mir iſt, als wärſt Du erſt geſtern gegangen.“ „Du biſt ſo ſeltſam,“ ſagte Emilie verdrieß⸗ lich, und wandte ſich in ihr Cabinet zu gehen. Auf der Schwelle aber kehrte ſie wieder um und ſagte ſchnell: „Höre, Erneſtine, wir ziehen noch heute hier fort. Beſtelle Leute, Alles fortzubringen, laß meine Kammerfrau meine Sachen ordnen, und womög⸗ lich ſchnell.“ „Und wohin ziehen wir?“ fragte Erneſtine ahnend. Wie eine aufgehende Sonne des Glückes über⸗ flog es Emiliens Geſicht, und mit dem Tone des innigſten Entzückens ſagte ſie:„In Graf Haltern's Hötel.“— Und als Erneſtine etwas erwidern wollte, winkte ſie leicht mit der Hand und trat in ihr Cabinet zurück. Erneſtine aber murmelte leiſe:„Dann biſt Du auch verloren,“ und preßte, wie in Verzweiflung, — 5— beide Hände an die Bruſt, und ſchwankte langſam hinaus, die nöthigen Befehle zu ertheilen.— „Alſo ſieht man Sie endlich einmal wieder, Holdſeligſte,“ ſagte Solau, in Emiliens Salon tretend, in dem ſie auf dem Sopha lehnte. „Willkommen,“ rief dieſe freundlich und ſtreckte ihm lächelnd die ſchöne Hand entgegen. Setzen Sie ſich zu mir, lieber Solau.“ „Aber wiſſen Sie, liebes Fräulein, daß es grauſam war, ſo lange uns zu verlaſſen. Alle Ihre Verehrer, ich an ihrer Spitze, waren total in Verzweiflung. Da war ein förmliches Sturm⸗ laufen alle Tage hierher,— immer vergeblich, die holde Philomele hatte die Stadt verlaſſen und ſang dem Haine und dem dunklen Flieder⸗ gebüſch ihr Lied.“ „Sie wiſſen, Philomele ſingt nie ſchöner als in der Einſamkeit, unter dem Schatten des Ge⸗ ſträuches,“ lächelte Emilie. „In der Einſamkeit?“ ſagte Solau,—„doch will es mich bedünken, daß Philomele nicht ſo gar einſam war. Der Graf Haltern—“ „War bei mir,“ unterbrach ſie ihn ruhig, „und iſt erſt heute mit mir zurückgekehrt.“ Solau war plötzlich ernſt geworden, ſein Mund lüchelte nicht mehr, und mit dem Tone väterlicher Beſorgniß fragte er jetzt: „Und bedachten Sie nicht, Emilie, wie ſehr ein ſolches Beiſammenſein auffallen müßte?“ 92 „Ich wußte nicht, daß er kommen würde. Vielleicht hätte ich ſonſt Erneſtine mit hinausge⸗ nommen.“ „Vielleicht, ſagen Sie. Und was bedeutet„ denn,“ fragte er befremdet,„dieſe Zerſtörung in Ihren Zimmern, die Gemälde ſind von den Wän⸗ den verſchwunden, auch die Stühle und Tiſche fehlen hier.“ „Ich verlaſſe dieſe Wohnung, lieber Freund.“ „Wie, ſo plötzlich, und wohin gehen Sie?“ „In das Hötel des Grafen Haltern.“ „Emilie, nein um Gottes willen, das werden Sie nicht thun,“ rief Solau erſchreckt. „Gewiß werde ich es thun,“ ſagte ſie beſtimmt, „und ſchon in einer Stunde bin ich dort.“ Solau ging ſchnell einigemal im Zimmer auf und nieder, dann ſetzte er ſich neben Emilie, faßte ihre Hand und ſagte tief bewegt: „Ueberlegen Sie, Emilie, handeln Sie nicht ſo ſchnell. Bedenken Sie, armes, ſorgloſes We⸗ ſen, bedenken Sie, daß dieſer Schritt, den Sie im Begriff ſind zu thun, über Ihr ganzes Leben entſcheidet. Sie erlanbten mir einſt Freundesrechte, Hlaſſen Sie mich dieſelben jetzt in Anſpruch nehmen. Hören Sie den Freund, Sie dürfen nicht von hier fort gehen.“ Sie erhob ſtolz das Haupt,—„Niemand iſt Herr meiner Handlungen, als der, den ich ſelbſt mir als ſolchen erwählt.“ „Sagen Sie das nicht, Emilie,“ ſagte er dringender.„Die Künſtlerin iſt nicht Herrin ihrer ſelbſt. Die Welt kennt ſie, richtet ſie.“ „Die Welt,“ entgegnete ſie faſt verächtlich. „Mein Freund, wer gewohnt iſt jeden Abend ihr Lob und ihr Beifallsjauchzen zu vernehmen, der ſtumpft dagegen ab.“ „Gegen das Lob, ich geſtehe es Ihnen zu, nicht aber gegen den Tadel. Und Sie, ſtets ſo züchtig, ſo ſittſam, Sie, die Bewunderte, die Ge⸗ feierte, Sie könnten ſo handeln?— Nein, nein, antworten Sie mir noch nicht, hören Sie mich erſt. Ueberlegen Sie Alles wohl. Noch iſt es ja Zeit, noch können Sie zurücktreten.— O bedenken Sie, wie Sie dann auf einmal Ihr ganzes bis⸗ heriges Leben vernichten, das ſo frei von allem Tadel. Um Phrer ſelbſt willen treten Sie zurück von dieſem Vorſatz.“ „Wie, Solau, kennen Sie mich denn ſo we⸗ nig, halten Sie mich für ſo ſchwach, daß ich unter⸗ laſſen könnte, was ich zu thun für recht halte, und nur weil es der angenommenen Sitte wider⸗ ſpricht?“ „Aber die Sitte iſt ein heiliges Geſetz, und ungeſtraft hat Niemand noch es verletzt. Bedenken Sie, die ſpöttelnden Blicke, die höhniſchen Be⸗ merkungen, die auch über Sie und bis zu Ihnen dringen werden. Werden Sie, ſo ſtolz der Welt gegenüber, das ertragen können?“ „Und warum ſollte denn die Welt ſo hart mich richten? Wer mich kennt, wirklich kennt, der weiß, daß ich unedler Handlungen nicht fähig bin, wer mich nicht kennt, nun— deſſen Beifall, Lob oder Tadel kann mir gleichgültig ſein.“ „Nein, Emilie, das darf es nicht, einem Mäd⸗ chen nicht. Ach, wenn die Pſyche erſt mit rauher weltlicher Hand berührt und der Aetherſtaub ihrer Flügel abgeſtreift iſt, dann hat ſie ihren ſchönſten Schmuck verloren, iſt der Glanz ihrer Farben er⸗ blindet.— Um Ihrer ſelbſt willen, thun Sie nicht ſo, Ihr Herz würde vergehen unter der Laſt des Spottes, der Verachtung und auch der eigenen Vorwürfe.“ „Beurtheilen Sie mich nicht, lieber Freund, nach andern Weibern,— ich darf es wohl ohne Stolz bekennen, ich gehöre nicht zu dieſen; warum mich einzwängen in die engen Feſſeln, wenn ich frei ſein kann?“ „Ach, in dieſer geträumten Freiheit ſind Sie mehr unfrei, wie in den Feſſeln.“ „Und dann auch,“ unterbrach ſie ihn raſch, und ſah ihm ernſt und klar ins Auge—„ich habe Ihnen ein Bekenntniß zu thun. Ich liebe Haltern und die Liebe ſcheut kein Opfer.“ „Warum aber dies Opfer? Warum können Sie nicht ſeine Gattin ſein?“ „Weil ich verweigerte es zu ſein,“ ſagte ſie ſtolz,„Sie kennen meine Grundſätze über die Ehe, ich darf und kann nicht, was ich ſo lange als recht aufſtellte, nun durch meine eigenen Hand⸗ lungen widerlegen. Die Ehe iſt gut, ſie muß ſein für die gewöhnlichen Menſchen. Wir Beide ge⸗ hören nicht zu dieſen. Laſſen Sie es uns der Welt zeigen, das Ideal einer Liebe, einer Ehe.“ „Armes, edles Weſen, wie bitter werden Sie enttäuſcht werden. Ach, daß ich es Ihnen ſagen muß, Sie ſind hier abermals im Irrthume,— Graf Haltern iſt nicht, wofür Sie ihn halten.“ „Still,“ ſagte ſie ſtürmiſch und richtete ſich hoch und ſtolz auf,„kein Wort des Tadels über ihn, Niemand darf es verſuchen, ihn in meinen Augen herabſetzen zu wollen.“ „Sie wollen ſich nicht helfen laſſen,“ ſagte Solau ſchmerzlich,„und mit offenen Augen eilen Sie dem Abgrunde zu. Ihr edles, argloſes Herz kennt nicht Welt, noch Menſchen; Sie vertrauen, und das wird Ihr Unglück ſein.“ „Nein, lieber, väterlicher Freund, Vertrauen beglückt immer, und alle Menſchen wären gut, wenn ſie nur einander nicht mißtraueten. Sie ſagen, ich kenne die Menſchen, die Welt nicht.— Ich will ja auch nichts von dieſer, ich will ja nichts als den Geliebten, und die Welt kann ihn mir nicht rauben.“ „Doch wird ſie es. O Sie kennen noch nicht den mächtigen Einfluß, den die Stimme und das Urtheil der Welt auf den Mann ausübt, wie empfänglich für ihr Lob, wie empfinblich er gegen ihren Tadel iſt. Die Welt wird Ihnen den Ge⸗ liebten rauben! Und mögen Ihre Principien noch ſo edel, mag ihr ganzes übriges Leben noch ſo keuſch und ſittſam ſein, nie wird die Welt Ihnen verzeihen, daß ſie es wagten, gegen ihre einmal herkömmlichen Gewohnheiten zu handeln. Sie wird ſich mit bleierner Schwere an Ihre Füße heften und Sie hinabziehen in den Staub, und Sie hindern, dem Geliebten nachzueilen.— Und wenn Sie denn wirklich lieben, theure Freundin, ſo ver⸗ bergen Sie mindeſtens dies Verhältniß, meiden Sie die Oeffentlichkeit.“ Emiliens Wangen rötheten ſich höher, und heftig erwiderte ſie:„nimmermehr,— dann würde ich zu erkennen geben, daß ich in meinen eigenen Handlungen etwas fände, was das Licht ſcheuen müßte. Was man verbirgt, iſt ſicher nicht ohne Tadel,— zur Lüge bin ich zu ſtolz. Nein, mein Freund, frei und ſonder Scheu muß und werde ich der Welt es zeigen, daß ich ihn liebe, und eben dieſe Offenheit mag ihr beweiſen, daß ich nichts zu verbergen habe. Und dann bin ich ſtets gewohnt geweſen, nur mein eignes Gewiſſen als Nichter meiner Handlungen anzuerkennen, nicht die Welt. Dieſe urtheilt nach dem Scheine. Wenn die Schale nur glatt und fein,— nach dem Kerne fragt ſie nicht. Und mag ſie dann an meine Liebe ihr ſcharfes Schwert der Mediſance und — 97— Verleumdung legen,— mir wird das Bewußt⸗ ſein genügen, das Rechte gethan und gewollt zu haben.“ „Der Himmel laſſe es immer ſo ſein,“ ent⸗ gegnete Solau tief bewegt.—„Ich kann Sie nicht überzeugen, ich ſehe es wohl, darum laſſen Sie uns davon ſchweigen.“ „Jo, mein Freund,“ ſagte Emilie und reichte ihm lächelnd die Hand dar,„laſſen Sie uns dar⸗ über ſchweigen. Aber nehmen Sie meinen innig⸗ ſten Dank für Ihre väterliche Theilnahme, und ſein Sie verſichert, daß ich dieſe Stunde nie ver⸗ geſſen werde.“ Müöchten Sie derſelben ſtets gedenken, mit dem Gefühle, daß ich falſcher Meinung war, dann bin ich zufrieden. Iſt dem aber nicht ſo, und er⸗ kennen Sie einmal die Irrthümer der jetzigen Zeit, bedürfen Sie einer Stütze, eines Freundes, dann rufen Sie mich und ich werde kommen. Bis dahin leben Sie wohl, Emilie.“ „Wied“ fragte ſie faſt ſchmerzlich.—„Sie wollen fort?“ „Nein, Emilie, aber nie betritt mein Fuß Ihre neue Wohnung. Jeden Abend, wenn Sie auf der Bühne ſtehen, werde ich im Theater ſein und aus Ihren Augen, Ihrem Spiele ſelbſt ſehen, ob Sie noch glücklich, noch zufrieden ſind,— zu Ihnen kommen kann ich nicht. Es widerſtreitet meinen Grundſätzen. Sie legen die Ihrigen klar dar, Die Künſtlerin.. laſſen Sie es mich ſo mit den meinigen thun.— Und nun, leben Sie wohl, Emilie.“ Sie hatte ſich von ihm abgewandt und blickte zum Fenſter hinaus, ſtumm und ernſt; als ſie ſich aber wieder umwandte, ſtanden in ihren ſonſt ſo hellen Augen große Tropfen, und mit faſt erſtick⸗ ter Stimme ſagte ſie: „Leben Sie wohl!“— Dann aber überwand ſie ſich ſchnell, fuhr ſich leicht mit dem Tuche über die Augen und ſagte:„Sie haben mich ganz trübe gemacht, lieber Freund, ach, und ich bin ja ſo glücklich,— doch wieder zitterte ihre Stimme, die Rührung, die ſie hatte bekämpfen wollen, drang mit verdoppelter Gewalt hervor, ſie lehnte ganz erſchöpft ihren Kopf an des Greiſes Schulter und ſchluchzte laut. Auch er war tief gerührt, leiſe legte er die Hand auf ihre klare Stirn und ſagte:„der Herr ſegne Sie und verleihe Ihnen alles Glück, das Ihre edle Seele verdient, Ihr glühendes Herz ſich erträumt.“ Dann ging er ſchnell hinaus. Emilie aber ſah ihm lange wehmüthig und ſinnend nach, und vielleicht ſagte eine finſtere und ſchmerzliche Ahnung ihr, daß er wahr geſprochen! Emiliens Sachen und Meubles waren alle ſchon nach ihrer neuen Wohnung gebracht, Er neſtine mit der Kammerfrau hingegangen, ſie 3 ordnen. Emilie wollte erſt nach dem Theate dorthin fahren, und ging nun, den Wagen erw chie tend, der ſie zum Opernhauſe führen ſollte, im vollen Theater⸗Anzuge in den verödeten Gemächern umher. Sie ſollte heute Abend als Julia in Shakeſpeare's Romeo und Zulia erſcheinen, dieſem Meiſterwerke voll glühendem Liebesleben mit Zta⸗ liens tiefblauem Himmel, ſeinen Orangendüften, ſeinen Myrthenhainen, ſeinen ſingenden Nachti⸗ gallen und toſenden Vulkanen. Wunderbar war es anzuſehen, wie ſie im vollen Ballanzuge der erſten Scene in den öden Räumen umherwandelte. Tiefer Ernſt lag auf ihrer hohen Stirn, ihr ſo anmuthiges Lächeln ſpielte nicht mehr um ihren Mund, und ihr Auge ſtrahlte von tieferen Erre⸗ gungen, als denen der Heiterkeit und des Scherzes. Von Zeit zu Zeit blieb ſie ſtehen und warf einen langen, ſchwermüthigen Blick um ſich her, gleich⸗ ſam als wolle ſie noch einmal den Anblick der geliebten Räume, in denen ſie ſo lange glücklich geweſen, tief in ſich hinein ſchließen, und ihre Lippe murmelte leiſe: „Lebe wohl!“ „Hier war ich glücklich,“ flüſterte ſie dann wieder,—„werde ich es immer ſein? Wie, oder könnte Solau wirklich recht haben.“— Trübe ſtarrte ſie einen Angenblick vor ſich nieder, und es ſchien faſt wie ein Schmerz durch ihre Seele zu ziehen, aber nur einen Moment,— dann richtete ſie hoch und kräftig ihr Haupt empor, ihr Blick war ſtolz und königlich, und laut ſagte ſie: 7½ — 00 „Nein, nimmermehr! Ich will ja das Edle, das Gute, und dieſes wird mich nicht täuſchen. Mag das Leben mir Schmerz und Trübſal brin⸗ gen, Du wirſt mir bleiben, mein Ernſt, und an Deiner Bruſt trotze ich allen Stürmen. Du und die Kunſt, Ihr verlaßt mich nicht!“—— Jetzt rollte unten ein Wagen vor und der Be⸗ diente zeigte ſich erwartend an der Thür. „Alſo iſt es Zeit,“ murmelte ſie leiſe, hüllte ſich langſam in ihren Shawl und wandte ſich, hinauszugehen.— Aber auf der Schwelle blieb ſie ſtehen, und warf noch einmal einen langen Abſchiedsblick auf die verödeten Gemächer, ein lei⸗ ſer Seufzer hob ihren Buſen, dann aber, wie gefaßt, trat ihr Fuß kühner und kräftiger auf, ſtrahlte ihr Auge muthiger, und mit jenem ſeligen Lächeln, das nur beglückte Liebe verleiht, ſtieg ſie in den Wagen. Achtes Capitel. Nur Liebe iſt der Liebe Lohn. Halm, Griſeldis.— Wieder waren in der Seitenloge ganz nahe an der Bühne Graf Haltern's Freunde ver⸗ ſammelt und erwarteten ungeduldig die Ankunft deſſelben. „Er kommt gewiß,“ ſagte Graf Carl,„denn ſeine Schöne ſpielt heute Abend und da wird und darf er nicht fehlen. Auf Ehre, Freunde, ich renne vor Verlangen, ſeine Abenteuer mit der ſtolzen Schönheit zu hören. Beichten muß er, Freunde, haarklein muß er bekennen.“ „Ich zweifle,“ meinte Baron S.,„daß er es thun wird. Ich traf ihn vor einer Stunde im Prater und wollte ihn necken mit ſeiner neuen Liaiſon, er machte aber ein verwettert unſchuldiges Geſicht, das ſehr deutlich ſagte: ich will Dich nicht verſtehen,— ich ſchwieg, denn wenn einer in Liebe iſt, muß man delicat mit ihm umgehen.“ ——————— — 102— Graf Carl lachte.„Das giebt ſich,“ ſagte er, „und iſt im Grunde nur noch der Einfluß der Landluft, die er ſeit zehn Tagen eingeſogen,— aber ſtill, da kommt er!“ Ernſt trat ſoeben in die Loge ein, und die Freunde bewillkommneten ihn herzlich. „Sieh da, Ernſt, haben wir Dich endlich wieder?“ „Willkommen, Freund.“ „Noch lebend, ſchmachtender Adonis?“ So ſchallte es dem Grafen entgegen, der, herz⸗ lich die Hand der Freunde drückend, ſich ohne Ant⸗ wort auf ſeinem Sitze niederließ. Carl ſetzte ſich neben ihn und fragte:„Nun, Bruderherz, wie iſt Dir's ergangen?“ „Still,“ ſagte Ernſt,„das Stück beginnt.“ Und mit ungetheilter Aufmerkſamkeit richtete er das Auge auf die Bühne. Mercutio's herrliche Erzählung von Frau Mab, die in„ihrer kleinen Nuß,“ von Herrn Eichhorn oder Meiſter Wurm gemacht, über die Schlafen⸗ den dahinfährt, war beendigt, die Scene im Ballſaale begann, und jetzt trat Emilie auf die Bühne. Da war ein Rufen, ein Willkommenſchreien, ein Händeklatſchen, da flogen Kränze und Blumen⸗ ſträuße.— Emilie, der Liebling der Theaterfreunde, war ja zehn Tage unſichtbar geweſen. Auf der Fünſtlerin Seele aber ſchien das, 58 ——— Jubelrufen, dieſe laute Aeußerung des Beifalls und der Liebe einen tiefen Eindruck zu machen. Sie ſah wie verklärt aus, ganz Dank, ganz Wonne, in ihren Augen erglänzten Thränen der reinſten, ſeligſten Freude, ſie verſuchte zu ſprechen, aber die tiefe Rührung ſchloß ihr den Mund. Unausſprechlich reizend war ihr Anblick, das von der Glut der Freude ſtrahlende Geſicht, die hohe, kühne Geſtalt in dem leichten italiſchen Anzuge. Ueber ihren vollen weißen Arm hingen die Kränze, die ſie ſoeben empfangen, in beiden Händen hielt ſie köſtliche Blumenſträuße, auf die ſie liebevoll hinabblickte. „Meinen innigen Dank,“ ſtammelte ſie endlich, „für ſo viel unverdiente Liebe.“ Und aufs neue und ſtürmiſcher brach der Jubel los, und das Haus erzitterte von den donnernden Freudenrufen. Da hob Emilie ſtolz und groß das Haupt empor, blickte ſtrahlend wie eine Königin umher,— der ſo laute, ſo glän⸗ zende Triumph beglückte das Herz der Künſtlerin, ſättigte ihren Ehrgeiz. Aber das Herz des Wei⸗ bes war mächtiger als Künſtlerſtolz, und als ihr Auge dem Auge des Geliebten, das voll Freude auf ſie gerichtet war, begegnete, war über der Liebe der Stolz vergeſſen. Sie hob einen Angen⸗ blick, wie begrüßend, die weiße Hand, ein ſeliges Lächeln überſtrahlte ihre Züge und ihr trunkenes Herz ſagte:„Der Geliebte ſoll meinen Triumph nicht nur ſehen, er ſoll ihn theilen.“ Und mit der dem liebenden Weibe ſo eigenen Kühnheit und Schwärmerei trat ſie bis nahe an den Rand der Bühne an die Seite, an der Hal⸗ tern's Loge an das Theater ſtieß; einen Augenblick ſtand ſie hier ſtill, Alles ſchwieg, athemlos der kommenden Scene harrend. Und nun ſchwand aus Emiliens Zügen aller Stolz, nur Liebe preitete ſich über dieſelben, und' mit der ganzen Unterwürfigkeit und Demuth eines Weibes dem gebietenden Gemahle gegenüber, neigte ſie ihr Haupt und legte die Kränze und Sträuße vor Haltern's Loge hin. Sie war ſo bezaubernd in ihrer Demuth, ſo reizend, als ſie, gleichſam wie aus einer Verzückung erwachend, jetzt tief er⸗ öthend zurücktrat, und mit geſenkten Augen da⸗ ſtand, daß über dem Entzücken und der Bewun⸗ derung die Seltſamkeit der Scene für den Augen⸗ blick vergeſſen ſchien, und dreimaliges Hoch von allen Lippen ertönte. Emilie aber, wie unwillig und ermüdet von ſo anhaltendem Jubel, winkte leicht mit der Hand, begann ihre Rolle und das Stück ging nun ohne Unterbrechung weiter. Hoch klopfte Haltern's Bruſt, als ſeine Ge⸗ liebte, ſie, die ihn ſo glühend, ſo rückhaltlos liebte, ſo ſtrahlend und ſtolz, ſo jubelnd begrüßt, daſtand, — — — 105 und er ſagte ſich ſelber, daß ſie wohl würdig, die Geliebte eines Grafen zu ſein. „Ach, ſie iſt des höchſten Ranges würdig,“ flüſterte ſein Herz, und ſeine Augen folgten allen ihren Bewegungen, und die Glut der Leidenſchaft glühte auf ſeinen Wangen, brannte in ſeinen Augen. Als Emilie, dir ſtolze, gefeierte Künſtlerin, ſo ganz nur liebendes Weib, ihm alle ihre Triumphe darbrachte, der ganzen verſammelten Welt es zeigte, wie ſie ihn liebe, da fühlte er ſeine Bruſt ge⸗ ſchwellt von Gefühlen des Stolzes, der Freude, des Entzückens, und was er der Ungeliebten zum Verbrechen würde gemacht haben,— das ſchien ihm bei der leidenſchaftlich Geliebten die höchſte Tugend. Es war ihm, als müßte er aufſtehen, zu ihr eilen, ſie in ſeine Arme, an ſein Herz drücken; unwilllürlich hatte er ſich erhoben, als Carl ihn leiſe wieder auf ſeinen Sitz zog. „Was willſt Du thun,“ flüſterte er,„bedenke, daß Aller Augen auf Dich gerichtet ſind,— die Scene iſt ohnedies ſchon großartig und lächerlich genug; verhalte Du Dich mindeſtens ruhig, und vergiß nicht, daß Du wieder in der Welt biſt.“ ch, nur zu ſchnell erinnerte ſich Haltern daran; er ſetzte, ſich nieder mit dem für einen Weltmann ſo beſchämenden Bewußtſein, ſeinen Gefühlen die Herrſchaft eingeräumt und ſich da⸗ durch zum Gegenſtande der Spöttereien gemacht zu haben. Und nichts verträgt ein ſtolzes Gemüth weniger, als eben ſolche Spöttereien, und um dieſe zu vermeiden, opfert er in Augenblicken der Auf⸗ regung die edleren Gefühle ſeines Herzens. Man ſoll nicht glauben, dachte Ernſt, daß ich ſo ganz in Liebe befangen bin, man ſoll ſehen, daß ich geliebt werde, nicht daß ich liebe. Haltern vermochte es über ſich, in den leicht⸗ fertigen Ton ſeiner Freunde einzugehen, er hörte nicht mehr auf die Stimme des Bedauerns in ſeiner Bruſt, er übertäubte mit Scherzen ſein mahnendes Gewiſſen, und Emilie, die er in der Einſamkeit des Landlebens zu einem höheren We⸗ ſen, einem Engel erhoben, war ihm nun nur noch ein glühendes, ſchönes Weib, das er brannte, an inen Buſen zu drücken, mit ſeinen Küſſen zu be⸗ decken, das zu betrüben, zu hintergehen er ſich nun nicht mehr ſcheuete. „Sie ſpielt magnifique,“ ſagte er jetzt lächelnd, „man hört an ihrer Sprache, an ihrem tiefen in⸗ nigen Tone, an ihrer Glut, daß ſie liebt.“ „Und zwar Dich,“ ſagte Carl. Ernſt antwortete nicht, er lehnte ſich auf ſei⸗ nen Sitz zurück und ein triumphirendes Lächeln überflog ſein Geſicht. „Sieh, wie ſie zärtlich iſt,“ flüſterte Baron S.,„wahrhaftig, es wird einem ganz warm da⸗ bei,— es muß ein Göttergefühl ſein, das ſchöne — 107— Weib ſo in ſeinen Armen zu halten. Was m ſt Du, Haltern?“ „O ja,“ ſagte Ernſt und gähnte,„es iſt Ftiaſt⸗ 8„Spaßhaft,— das ſcheint mir mehr als das.“ „Eh bien, lieber Freund, verſuche es doch, auf daß Du ſelber urtheilen tannſt.“ „Was,“ ſagte Carl,„Freund, Du bieteſt Deine Geliebte uns dar?“ „Wenn es Euch gelingt, ihr Liebe einzuflößen,“ antwortete Ernſt, und dehnte ich nachläſſig auf ſeinem Sitze.„Uebrigens,“ fuhr er gleichgültig fort,„bezweifle ich das, denn ſie liebt mich ſo heiß, wie nur eine Julie lieben kann.“ „Und biſt Du nicht eiferſüchtig, Ernſt?“ „Eiferſüchtig,“ wiederholte er mit verächtlichem Tone und richtete ſich ſtolz auf.„Mein reri ich würde über mich ſelber erröthen, wäre ich ſo kleinlicher Schwäche fähig. Nicht, als ob ich an ihre Treue glanbte, die Weiber ſind alle wankel⸗ müthig. Aber ich denke, ſie wird ſo leicht keinen Liebhaber finden, der ihr Graf Haltern erſetzen und ihn verdunkeln könnte.“ „Donnerwetter, lieber Ernſt, Du biſt belei⸗ digend ſtolz,“ ſagte Carl empfindlich. „Möglich, mein Lieber, biſt Du anderer Mei⸗ nung, ſo verſuche es bei der ſchönen Künſtlerin.— Und nun lebt wohl, meine Freunde.“ * „Du willſt ſchon fort,“ fragte Wilhelm,„wo⸗ hin denn ſo eilig?“ Ernſt war aufgeſtanden, jetzt richtete er ſich ſtolz empor, und nie vielleicht liebte er Emilie ſo heiß wie in dieſem Moment, wo ſie ſeinem Stolze einen ſo glänzenden Triumph bereiten ſollte. „Ich gehe in mein Hötel, Emilie Minden zu empfangen,“ ſagte er gleichgültig. „Was,“ rief Carl faſt laut,„ſie will Dich beſuchen?“ „Beſuchen? 7 mein Freund, ſie wird bei mir wohnen.“ Alle ſahen ihn einen Augenblick wie erſtarrt an. „Bei Dir wohnen?“ ſtammelte Carl. „Nun ja, mon ami. Ich denke doch, es iſt nicht ſo gar auffallend, daß ich meiner Geliebten eſnt, bei mir zu wohnen“ Meenſch,“ ſagte der Baron,„Du biſt auf Ehre zu ſtolz. Und wie iſt es Dir gelungen, das ſitſame Mädchen dazu zu vermögen?“ „Sehr einfach— ich ſagte ihr, daß ich es wünſchte.“ „Und Deine Wünſche ſind ihr Befehl?“ „Das ſcheint mir ſehr natürlich, lieben Freunde, und wehe ihr, wenn es nicht ſo wäre. Bon Soir, mes amis.“ ſchmückt, hohe Kerzen brannten in allen Räumen und ſchöne Blumen dufteten in herrlichen Vaſen Emiliens Zimmer waren geordnet und ge — Graf Ernſt Haltern ging prüfend in den Ge⸗ mächern umher. „Sie haben Alles ſehr ſchön geordnet,“ ſagte er zu Erneſtine, die ſichtbar erſchöpft neben ihm ging.„Ich danke Ihnen. Sie ſehen ſehr bleich, liebes Fräulein, ich glaube, Sie thäten beſſer, ſich zur Ruhe zu begeben.“ „Ich glaube es ſelber,“ hauchte ſie kaum hörbar.„Doch bedarf Emilie vielleicht noch meiner.“ „Nicht doch,“ ſagte Ernſt, zich werde ſie ſchon entſchuldigen, auch iſt ja die Kammerfrau da.“ „So empfehle ich mich Ihnen,“ ſagte Erne⸗ ſtine mit künſtlicher Verneigung, und ging hinaus. Ernſt war nun allein, ſein Auge überflog noch einmal Alles im Salon, dann öffnete er eine kleine Thür und trat in dieſelbe hinein. 5 Es war dies Emiliens Boudoir, und Ernſt hatte daſſelbe nach dem Geſchmacke ſeiner Gelieb⸗ ten mit neuen Meubles verſehen und ſchmücken laſſen. Köſtliche ſeidene Tapeten bedeckten die Wände, an deren einer ein weicher, ſeidener Divan hinlief; in einer Ecke ſtand eine elegante Pſyche, in der andern lehnte eine koſtbare neue Harfe. Dem Divan gegenüber aber ſtand ein geöffneter Flügel, deſſen ſeltſame Bauart ihn als ein neues Kunſtproduet bezeichnete. Im Bücherſchranke ſtan⸗ den wohlgeordnet in zierlichen Bänden Emiliens Liehlingswerke, und im Fenſter eine kunſtooll ge⸗ arbeitete Staffelei, daneben ein Malkaſten voll der ſchönſten Farben, eine von der Decke herabhängende Ampel verbreitete ein mattes Dämmerlicht. Ernſt prüfte noch einmal Alles, lächelte dann wohlgefällig und trat zum Tiſche, auf dem ein rothes Käſtchen und ein Brief lagen, dieſen nahm er und ſagte lächelnd:„ſie ſchlägt es aus, ſonſt würde ich es ihr nicht anbieten.“ Da vernahm er das Rollen eines Wagens, er hielt vor ſeinem Hötel, und Ernſt eilte hinab, ſeine Geliebte 3 mpfangen. An ſeinem durchſchritt Emilie dann die neuen Räume. Aber ſie ſah ſie kaum, ſie war ja wieder bei ihm, hörte ja wieder den ſüßen Ton ſeiner Stimme, was kümmerte ſie nun die Außenwelt. Jetzt betraten ſie das Boudoir, und Emilie inniger an ſich vrückend, ſagte Ernſt: „Erlaube mir, Geliebte, Dir hier einen kleinen Beweis, nicht meiner Liebe, aber meines Wunſches Dir eine Freude zu bereiten, zu geben.“ Sie hob das Haupt von ſeiner Bruſt und blickte umher. „Iſt dies Dein Zimmer?“ fragte ſie, denn über der Freude, ſeine Stimme zu hören, hatte ſie kaum vernommen, was er ſagte. „Nein, meine Emilie, das Deine.“ „Das Alles haſt Du gethan für mich?“ ſagte ſie zärtlich und blickte umher.„Aber, mein Ernſt, . „das iſt zu viel,“ fuhr ſie dann faſt traurig fort, „warum das?“ „Ich wollte Dir eine Freude machen.“ Sie neigte ſinnend das Haupt, dann ſagte ſie und drückte Ernſtens Hand, die ſie in der ſeinen hielt, an ihre Lippen:„ein zärtliches Wort von Dir erfreut mich mehr, wie alle dieſe Geſchenke.“ Ernſt zog, wie zürnend, die Stirn in Falten, und ſagte faſt hart:„ſo verſchmähſt Du mein Geſchenk?“ Sie blickte erſchreckt zu ihm auf und antwor⸗ tete, ſchnell ſeinen Unmuth errathend:„nein, Ge⸗ liebter, und ich nehme es mit freudigem Danke an.“ Und um ihm nun eine Freude zu machen, ging ſie im Zimmer umher und äußerte bei jedem einzelnen Gegenſtand eine jubelnde Luſt, die ſie nicht empfand. „Und das Alles haſt Du bedacht?“ ſagte Emilie, und dieſer Gedanke beglückte ſie mehr wie die reichen Geſchenke. „Gewiß, meine Emilie.“ „Wie danke ich Dir, mein Ernſt.“ Sie umſchlang ihn und preßte ihre Lippen auf ſeinen Mund. Dann führte Ernſt ſie ſanft zu dem Tiſche, auf dem noch immer unbeachtet das Käſtchen und der Brief lag. „Was iſt das?“ fragte Emilie, und griff nach dem Papiere.—„An mich?“ ſagte ſie verwundert und entfaltete es, und las halblaut: 1 1 „Ich, Ernſt Graf von Haltern, bin zu jeder Stunde bereit, wenn meine geliebte Emilie Min⸗ den es wünſcht, mit ihr vor den Altar zu treten, ihr durch Prieſterwort meinen Namen zu geben, und ſo eine Verbindung, die mich beſeligt, öffent⸗ lich anzuerkennen.“ „Was ſoll mir das?“ fragte Emilie faſt zürnend. „Es ſoll Dir eine Beſtätigung ſein, daß, wenn ſich einſt Deine Anſichten änderten, ich verpflichtet bin, mein Wort, das ich Dir hier ſchriftlich ge⸗ geben, zu löſen.“ Emilie antwortete nichts, aber ſtatt aller Worte nahm ſie das Papier, zerriß es und ſtreute ie Stückchen umher.— Ernſt ſah ihr lächelnd zu, ihn überraſchte es nicht, denn er hatte es vorausgeſehen. Wehe mir, ſagte Emilie dann feierlich, „wenn ich ſchwach genug wäre, zu ſolchen Mit⸗ teln meine Zuflucht zu nehmen, wehe Dir, wenn es ſolcher Verſchreibungen bedürfte, um Dich an Dein Wort zu mahnen.“ „Und was iſt denn das?“ fragte ſie, und er⸗ faßte das rothe Käſtchen. „Oeffne es nur,“ ſagte Ernſt, und ſchlang ſeinen Arm um die Geſtalt Emiliens. Der Deckel flog auf und ein köſtlicher Brillant⸗ ſchmuck ſtrahlte Emilien entgegen. 3 Aber kein Laut der Freude kam über ihre Lippen, ſie trat einen Schritt zurück und ſagten — 113— „willſt Du mich denn erdrücken mit Deinen Gaben? Was ſollen mir dieſe Steine?“ „Du ſollſt Dich für mich damitſchmücken, Emilie!“ „Bedarf ich denn des äußeren Schmuckes für Dich?“ fragte ſie, und ohne eine Antwort abzu⸗ warten, fuhr ſie fort:„verzeihe, mein Geliebter, wenn ich Dich bitte, dieſe koſtbaren Steine zurück⸗ zunehmen. Du haſt mir ſchon ſo Vieles gegeben, daß ich ganz traurig bin; dieſen Schmuck darf ich nicht nehmen, wenn ich meine Heiterkeit nicht verlieren will. Es demüthigt mich,— meine Liebe würde dann eine Pflicht, keine freie Gabe mehr ſein.— Du hätteſt mich dann erkauft,“ ſagte ſie kaum hörbar, und ein paar große Thränen rannen langſam über ihre Wangen. Ernſt fühlte ſchnell, er habe des ſtolzen Mäd⸗ chens Zartgefühl verletzt, er ſchloß ſie an ſein Herz und küßte die Thränen von ihren Wangen. Er nannte ſie mit den zärtlichſten Liebesnamen, und beſchwor ſie, ihm zu verzeihen, ihn zu lieben, ihm zu lächeln. Und ſie, ſtets ſeinen Wünſchen gehorſam, lä⸗ chelte wieder. Dann trat ſie zum Flügel, die Töne rollten gleich Perlen unter ihren ſchönen Fingern hin und entzückt jubelte ſie:„Köſtlich, welch ein Ton, welch eine Kraft.“ Sie ſprang auf, um den Geliebten zu umfaſ⸗ ſen, um ihm zu danken für das herrliche Geſchenk. 8 Die Künſtlerin. Daun wieder hüpfte ſie ans Fenſter und kniete nieder neben dem Malkaſten, und las mit kindi⸗ ſcher Neugierde jeden Zettel an den Farbenbläschen. „Du lieber, lieber Ernſt, nichts haſt Du vergeſſen, alle Farben ſind da. O wie will ich malen, wie ſchön. Dich will ich malen. Nicht wahr, ich darf doch,“ fragte ſie fröhlich und ſchmiegte ſich liebkoſend, wie ein Kind, das um eine Gabe bittet, an ihn. „Du darfſt Alles, Alles, was Du willſt,“ ſagte er bezaubert von ſo viel Liebreiz und Anmuth. „Weißt Du,“ ſagte ſie, und ſchlang beide Arme um ſeinen Nacken,„als Du vorhin die Stirn run⸗ teſt, und ſo ernſt und finſter ſprachſt, da fühlte ch, daß ich Dich fürchten könnte.“ Das Weib muß immer den Mann fürchten,“ lächelte er. „Aber auch lieben?“ fragte ſie und drückte ihre Lippen auf ſeine Augen. Lieben vor allen Dingen, mein holdes, lie⸗ c bes Weib.“ Neuntes Capitel. Glücklich willſt du ſein in dieſem Leben? Armes Herz, wie kannſt du ſolchem Wahn, Solcher eitlen Hoffnung dich ergeben, Du dem Schmerze ewig unterthan? Hoffen kannſt du, und in Strahlenſchimmer Kannſt du tauchen deinen Liebestraum— Aber glücklich werden,— nimmer, nimmer, Höchſtens nur erringen leeren Schaum. Altes Lied. Glücklich willſt Du ſein in dieſem Leben?— Und iſt nicht das Leben ſo ganz gemacht, um glücklich zu ſein? Lacht nicht uns die ganze Natur, grüßt nicht uns der Himmel mit ſeinem tiefen Blau, gehört nicht uns Alles, was athmet, was zu unſeren Füßen blühet und lebt? Emilie war glücklich! Emilie liebte, ſie glaubte ſich geliebt! Wie lächelte ihr die Erde, der ſie lächelte, wie war ihr das Leben ſo ſchön! So vergingen Wochen in ungetrübtem Glücke, in einer Seligkeit, für welche die Erde keine Worte hat. Ganz in 6 lebend, dem Einen, dem Geliebten, war ih ganzes Daſein nur ein Denken an ihn, ein Seufzen nach ihm. Sie fühlte ſich ihm ergeben mit ihrer Seele, mit ihrem Leben, ſein Wille war ihr Geſetz, ſie, die ſtolze, die gefeierte Künſtlerin war ihm gegen⸗ über nur das demüthige, liebende Weib.— Und* Ernſt?— Noch immer liebte er ſie.— Der Cul⸗ tus, der dieſes heiße, glühende Herz ihm weihete, rührte ihn, ſchmeichelte ſeiner Eitelkeit. Aus einem Menſchen ſah er ſich ſelber zu einem Ideale ver⸗ klärt, und die Eitelkeit trieb ihn, ſich auf dieſer Höhe zu bewahren. So war er ihr gegenüber immer noch der glühende Liebende, der edle, geiſt⸗ volle Mann. Zudem war es nicht das Herz allein, das bei ihr ſeine Befriedigung fand. Emilie war geiſt⸗ voll, war unterrichtet; ein bloßes Liebesleben würde ihn ermüdet haben, würde nicht einmal auf Wochen befriedigend geweſen ſein.— Wir haben ſchon geſagt, er war geiſtvoll, hochgebildet, voll der regſten Theilnahme für alles Wiſſenſchaftliche, er war feurig, und mit jenem Inſtinete begabt, der leichter die Gefühle Anderer erräth, als die eigenen ausſpricht, und ſo erſcheint er, was er nicht iſt, gefühlvoll. Er beſaß eine hinreißende Beredſamkeit, weil er ſelber niemals ſo ganz ergriffen war von einem Gegenſtande, daß dies ſeine klare Denkkraft ge⸗ hemmt und ihn verhindert hätte, ſeinen vermeint⸗ lichen Gefühlen ſchöne Worte zu geben. — Emilie, dies ſo ſeltſame, ſo außerordentliche Weſen intereſſirte ihn,— ſie war ihm eine neue Erſcheinung, ſo ganz anders, als Alles, was er bis jetzt gekannt,— ſie gab ihm zu denken, er liebte es hinein zu ſchauen in dieſe Seele, die ſich niemgls ihm verhüllte, er konnte ſogar oft die heißeſten Liebesworte ihr ſagen,— nicht weil er ſie empfand, ſondern nur um auf ihrem Geſichte, auf ihren beweglichen Zügen den Eindruck, den ſeine Worte hervorbrachten, zu beobachten. Auch beneideten ihn ſeine Freunde,— die wahre Liebe zieht ſich zurück in Einſamkeit und Stille, iſt ſich ſelber genug, der Egvismus aber will glänzen, bedarf der Triumphe, will das, was er Sein nennt, bewundert ſehen von der Menge, deren Lob in ſeinen Augen erſt den wahren Werth verleiht. Emiliens Künſtlerruhm ſchmeichelte ſeiner Ei⸗ telkeit, er liebte es, die bewunderte, gefeierte Künſt⸗ lerin auf der Bühne zu ſehen, und mit ſtolzem Lächeln ſich ſagen zu können:„dies ſtolze, dies be⸗ rühmte Weib iſt mein, mein Eigenthum, ich ver⸗ mag es, ihrem Auge Feuer, ihrer Lippe Lächelu zu geben, ich vermag es, dieſe Wangen zu blei⸗ chen, ihren Frohſinn zu vernichten. Und ich werde es einſt!“ flüſterte es leiſe in ihm,— aber er horchte nicht auf dieſe Stimme. Er gedachte nicht der Zukunft, er wollte nur in der Gegenwart le⸗ ben, um den Augenblick zu genießen. — 118— Die Zukunft wird ſchon kommen,“ ſagte er, „und wenn ſie da iſt, weiß man auch, wie man ſie zu nehmen hat.“ Die trivialen Reden ſeiner leichtfertigen Freunde hatten ſeiner Liebe auch das wenige Beſſere, was vielleicht noch daran haftete, genommen, und er vermochte es ſchon, in ihre frivolen Witzeleien einzuſtimmen, und über ein Verhältniß zu lächeln, deſſen Seltſamkeit die ganze Stadt in Erſtaunen ſetzte. Die jüngeren Männer beneideten ihn, die älteren Männer meinten, es wäre ihm wohl nicht u verdenken, die Frauen und Mädchen zeigten ihm ein ſtolzes Lächeln, und fanden es anſtößig, mit einem Manne viel zu verkehren, der ſo aller Sitte Hohn ſprach. Ernſt lachte in ſeinem Herzen und ſagte:„rümpft nur immer Eure vornehmen Näs⸗ chen, im Grunde wärt ihr Alle gar gern in ſo romantiſcher Lage,— wenn nur die Welt es nicht erführe,— aber gegen keine von Euch möchte ich meine Emilie vertauſchen.“ Noch immer war um die Mittagsſtunde Alles, was zur vornehmen Männerwelt gehörte, in Emi⸗ liens Salon verſammelt,— ſie die Seele aller Geſpräche, und ihre Heiterkeit belebte und er⸗ freute Alle. Ernſt fehlte nie an ihrer Seite und Emilie verſuchte es nicht einmal in Gegenwart Anderer ihre Liebe zu verbergen. Sie wandte ſich im Geſpräch immer an ihn vorzugsweiſe, fragte ihn um ſeine Meinung, ver⸗ ſuchte die ihrige dieſer unterzuordnen, ſie nannte ihn oft ſcherzend:„mein Gebieter, mein Herr,“ und zog ſeine Hand mit der Demuth einer Sklavin an ihre Lippen, oder kniete vor ihm, während er ru⸗ hig lächelnd auf dem Divan ſaß. „Aber Fräulein,“ ſagte Graf Carl bei einer ſolchen Scene zu ihr,„wie können Sie nur ſo demüthig und unterthänig ſein gegen meinen Freund, während Sie allen Ihren Anbetern mit einer ſo ſtolzen Ruhe entgegentreten.“ Sie lachte;„das iſt wohl nicht ſo gar ſchwer zu ſagen. Meine Anbeter ſind mir gleichgültig, dieſen hier liebe ich,“ ſagte ſie und blickte lä⸗ chelnd zu Ernſt auf, deſſen Hand ſie in der ſei⸗ nen hielt. „Wenn nun aber einſt dieſe Gefühle vergehen und Sie wieder ganz nur die ſtolze Künſtlerin ſind, werden Sie nicht dann Ihrer ietigen De⸗ muth ſich ſchämen?“ „Die Gefühle vergehen?“ wiederholte ſie und ſah ihn groß und befremdet an,—„kann denn die Liebe vergehen?“ Carl antwortete nicht, aber er ſah auf Ernſt, und einen Augenblick umzog beider Lippen ein leiſes ſpöttiſches Lächeln,— Emilie ſah es nicht, und noch immer vor dem Geliebten kniend, ſagte ſie: „Sag' ihm Ernſt, daß das nicht ſein knn!“ Dieſer aber beugte ſich zu ihr nieder, drückte leicht einen Kuß auf ihre Stirn und ſagte:„laß ihn nur reden, Emilie, wie kann man Den über⸗ zeugen, der ſich nicht will überzeugen laſſen.“ Dann ſtand er auf und führte Emilie zur Harfe,—„komm, Emilie, Du wollteſt uns heute das ſchöne Lied noch einmal ſingen aus der ge⸗ ſtrigen Oper.“ Während ſie ſang, winkte er den Freund in eine Fenſterniſche und flüſterte:„rede nicht ſo zu ihr, Carl, Du darfſt ſie nicht betrüben. Sie ahnt nicht die Möglichkeit, daß es jemals anders ſein könnte, laß ihr ihren Glauben von der Ewig⸗ keit der Liebe.“ „Aber wie lange,“ fragte Carl,„ſoll denn dies romantiſche Spiel noch währen? Man füängt an, Dir ernſtliche Vorwürfe zu machen wegen dieſes ſo öffentlichen Verſtoßes, man ſpricht in den Salons ſpottend über Deine Laiſon, und Mancher tadelt Dich, daß Du der ſo Unbeſcholtenen ihre Ehre befleckſt.“ t Ernſt lachte kurz und verächtlich:„Du ſprichſt ja wie ein Moraliſt.“ „Nein,“ ſagte Carl,„lieber Freund, ich ſpreche nicht von mir. Parole d'honneur, ich würde nicht anders handeln, vielleicht noch weniger edel, wie Du. Du überhäufſt ja Deine Schöne mit Ge⸗ ſchenken.“ „Rein,“ ſagte Ernſt,„ ſie geſtattet es mir nicht, — ſo wie ich wünſchte. Es wäre mir lieber, wenn ſie Alles das nähme, was ich ihr geben möchte— mein Gewiſſen wäre dann beruhigt, und ich würde es jetzt ſchon als eine kleine Sühne der Schmer⸗ zen betrachten, die ich ihr einſt machen muß.“ „Keine Elegien,“ lieber Ernſt,„ſie erfüllt ja ihre Beſtimmung. Schauſpielerinnen, Sängerin⸗ nen, Tänzerinnen gehören uns, wir lieben ſie, ſo lange es uns gefällt, und verlaſſen ſie, wenn wir ihrer überdrüſſig.“ Ernſt faßte heftig ſeine Hand:„rede nicht ſo,“ ſagte er feſt,„ſie iſt mehr werth, als alle dieſe flachen Weſen, von denen Du ſprichſt.“ „So liebſt Du ſie wirklich?“ „Ja,“ ſagte Ernſt nach kurzem Stillſchweigen, —„ich liebe ſie.“ „Du biſt ein Thor, Ernſt. Aber Du wirſt doch nicht Dich bethören laſſen, ihr Deine Hand zu geben.“ Ernſt ſchüttelte heftig den Kopf:„ſie würde ſie ausſchlagen.“ „Was,“ fragte jener erſtaunt,„wie meinſt Du?“ „Das verſtehſt Du nicht,“ ſagte Ernſt trocken, und ſetzte dann nach augenblicklichem Stillſchwei⸗ gen hinzu:„Nein, mein Freund, ich weiß es wohl, es wird die Zeit kommen, wo ich ſie nicht mehr liebe, wo ich ihre Nähe meiden, ſie vergeſſen werde. Pber daß es ſo iſt, ſieh Carl, das trübt oft meine Heiterkeit.“ — 122— „Aber, mort de ma vie„ſagte Carl ſtupid, „was willſt Du denn? Heirathen willſt Du ſie nicht, und machſt Dir doch Vorwürfe, ſie zu verlaſſen?“ „Sieh ſie an,“ ſagte Ernſt leiſe,„iſt ſie nicht ſchön und glühend in Leben und Luſt? Sieh ihre edle Geſtalt, voll Anmuth und Kraft. Sage Carl, iſt ſie nicht ſchön?“ „Ja, ja, ſie iſt bezaubernd. Aber was ſoll das?“ „Carl,“ ſagte Ernſt leiſe,„ich werde ihr Mör⸗ der ſein, das weiß ich,— und mich jammert ihrer. Es giebt Stunden, wo mich das Gefühl vernichtet, ihr für alle ihre Liebe nur einſt Schmerzen zu geben, ihr Leben zu vernichten.“ „Nun ſo thue es nicht,“ ſagte Carl ungeduldig. „Ich kann es nicht ändern,“ erwiderte Ernſt. „Sie wird nie meine Gattin werden,— ja, ich verdient.— Bis aber jene Zeit kommt, ſoll ſie glücklich ſein, darum Carl, kein ſolch trübes Wort zu ihr, thue es nicht, aus Freundſchaft für mich. So lange ich ſie liebe, ſoll ſie lächeln, und von mir allein ſollen ihr ihre Thränen und ihre Schmerzen kommen.“ bald vergeſſen wird, wie Du ſie. „Nimmermehr,“ rief Ernſt faſt laut,„ſie wird — werde ſie verlaſſen, aber ſie hätte ein beſſeres Lvos „Du biſt ein Schwärmer, Ernſt. Wer weiß, ob Du Dich tänſcheſt, ob ſie nicht Dich eben ſo mich nie vergeſſen, wird Niemand lieben als mich— — — doch ſtill, der Geſang iſt zu Ende, ſieh, ihr Auge ſucht mich. Laß uns zu ihr gehen.“ S Und mit der ganzen Glut ſeiner Beredſamkeit dankte er ihr für ihren ſchönen Geſang, von dem er— ach, keinen Ton vernommen.— Der Sa⸗ lon war allmählig leer geworden, die Beſuchen⸗ den hatten ſich entfernt, und auch Carl war gegangen. Emilie aber ſaß noch immer vor der Harfe, die Hände nachläſſig im Schooße ruhend, blickte ſie ernſt und ſtill vor ſich hin, als ſänne ſie über traurigen Gedanken. Als aber Ernſt ſeinen Arm um ihren Hals legte und, ſie feſter an ſich ziehend, einen Kuß auf ihre Lippen drückte, war ſchnell alles Trübe aus ihren Mienen geſchwunden und mit jenem un⸗ nachahmlichen Lächeln, das nur die Liebe verleiht, blickte ſie ihn an und flüſterte zärtlich:„lieber, lieber Ernſt.“ „Und warum warſt Du ſo trübe, Emilie?“ fragte er, ſich neben ſie ſetzend. „Ach, es war einfältig, Ernſt, wozu darüber ſprechen.“ „Ich wünſchte aber es zu wiſſen.“ „Nun, ich dachte noch an Deines Freundes Worte, der meinte, daß unſere Liebe könnte. Wäre es möglich, Ernſt?“ ängſtlich, und klammerte ſich, wie zage an ihn an. — 124— Er aber ſagte faſt ſtreng;„warum ſo thö⸗ richten Gedanken Dich hingeben? Lieben wir uns nicht?“ „Ja, mein Geliebter, o laß es immer ſo ſein. Sieh, wie eine finſtere Wolke überflog es mein Gemüth und mir ward trübe und bange,— mir ward, als ſollte ich Dich verlieren,“ hauchte ſie unter Thränen und barg das Haupt an ſeiner Bruſt. Graf Ernſt aber ſagte heftig:„keine Thränen, Emilie, ich liebe das nicht.“— Und ſie trocknete ſchnell ihre Augen, und ihm die Hand hinreichend, fragte ſie weich:„zürnſt Du mir?“ Die Unterwürfigkeit, die Demuth rührte ihn, und ſeine Liebkoſungen, ſeine Küſſe ſagten ihr, daß er ſie liebe. „Ich muß Dich nun verlaſſen,“ ſagte Hal⸗ tern dann, und machte ſich ſanft los aus ihren Armen. „Und wohin gehſt Du, mein Geliebter?“ fragte ſie klagend. „Zu Hofe, Emilie, ich bin zur Tafel geladen.“ „O ſchon wieder zu Hofe, warum lehnſt Du es nicht ab, Ernſt?“ „Und warum, meine Geliebte? Können wir uns nicht lieben und doch das Leben genießen warum um unſerer Liebe willen uns alle andere Freude verſagen? Wir bleiben uns ja, ſind ein⸗ — 123— ander gewiß, und ſchließen nach kurzer Trennung uns um ſo zärtlicher in die Arme.“ „Du haſt recht,“ ſagte ſie leiſe, und ſenkte das Haupt. „Auch Du ſollteſt mehr Zerſtreuung ſuchen, Emilie, mehr Geſellſchaft ſehen.“ Sie ſah ihn groß an:„Ich, lieber Ernſt, wozu das? Ich bedarf keiner Geſellſchaften. Wenn Du bei mir biſt, ſehe und höre ich nur Dich, und biſt Du fern, dann denke ich an Dich, male oder ſtudire meine Rollen.— Keine Geſellſchaften, Geliebter. Oder, fragte ſie demüthig, willſt Du es?“ „Nein, nein, Emilie, handle ganz, wie es Dir gefällt,— und bleib mir gut,“ ſagte er, und ſchloß ſie in die Arme. Dann ſchied er. Sie aber blickte ihm noch lange nach, horchte auf ſeine verhallenden Schritte, und beide Hände an die Lippen legend und dann weit ausſtreckend, als wollte ſie ihm ihre Küſſe nachſenden, flüſterte ſie;„wie liebe ich Dich, mein Ernſt!“ In dieſem Augenhlick öffnete ſich leiſe die Thür und Erneſtine, geiſterbleich, trat langſam herein. „Was fehlt Dir, Liebe,“ fragte Emilie, erſchreckt von ihrem Ausſehen. „Mir? O gar nichts, liebe Emilie,“ entgeg⸗ nete ſie tonlos. „Gar nichts,— das iſt die Antwort, die Du ſeit acht Wochen mir giebſt, und doch biſt Du ſo — 126— verändert, doch finde ich Dich oft mit verweinten Augen, doch biſt Du ſo blaß und leidend.“ „Das wird vorübergehen,“ ſagte Erneſtine. Nein, nein, liebes Mädchen, das wird nicht vorübergehen, wenn Du Dir nicht willſt helfen laſſen.— Komm, Erneſtine,“ bat ſie und umfaßte ſie liebevoll,„ſage mir, was Dich bedrückt. Du weißt, ich liebe Dich; klage mir, was Dir fehlt. Glaubſt Du, daß ich es ſeit meiner Rückkehr aus Waldthal nicht bemerkt habe, wie ganz verändert Du biſt? Warum Dich vor mir verbergen? Bin ich nicht Deine aufrichtige Freundin?“ „Und Erneſtine, ihren Liebkoſungen nicht län⸗ ger widerſtehend, verhüllte mit beiden Händen das Geſicht, und ſchluchzte unter Thränen:„ Emilie, warum ſoll ich ſprechen, warum meine Schande Dir geſtehen?“ „Deine Schande,“ ſagte ZJene, und trat be⸗ fremdet einen Schritt zurück. Erneſtine aber ſank vor ihr nieder,„ja ich bin eine Elende, eine Verlaſſene,— o Emilie, ich bin namenlos elend.“ „Faſſe Dich,“ ſagte Emilie, und zog ſie zu ſich⸗ empor und neben ſich auf den Divan,„er⸗ zähle mir, was Dich bedrückt.“ Erneſtine reichte ſtatt aller Antwort ihr ein Papier hin und ächzte kaum hörbar:„lies das,— es wird Dir Alles erklären.“„ Emilie las: hen.— Dies mein letztes Wort. Trockne Deine — 12 „Verſchone mich endlich mit Dein talen Liebesklagen, und merke es Dir, letzte Mal, daß ich ſie beantworte. hältſt Du ſie uneröffnet zurück. Unmöl teſt Du thöricht genug ſein zu glauben, Dich jemals liebte. Nein, mein blaſſe Graf Carl von Erbach wahrhaft zu feſſeln, gehören glühendere Farben, ſchönere Augen, lebhafterer Geiſt.— Schweige mit Deinen Klages und erinnere Dich dankbar der ſeligen Stunden, die Du mit mir verlebteſt.— Du haſt die Freude und das Glück genoſſen, trage nun auch ohne Klage die Folgen. Zum Abſchied meinen guten Rath, beherzige ihn wohl: eine Schauſpielerin, zumal wenn ſie häßlich iſt, ſollte nie unſeren Schwüren glauben.— Die Blumen, die auf of⸗ fenem Felde blühen, für jeden ſichtbar, für jeden erreichbar, werden vom vorübereilenden Schmetter⸗ ling flüchtig benaſcht, weil ſie eben da ſind,— auch findet er ſie vielleicht einen Augenblick lieb⸗ lich— aber nicht länger,— denn, mein Kind, ſo ein prächtiger, ſchöner Schmetterling iſt ſtolz— er mag nicht haben, was er mit jedem Inſekte, mit jedem widrigen Wurme theilen muß, und von der Blume, die für Alle blüht, fliegt er fort zu der ſchönen ſtolzen Blume, die, im ſtillen pracht⸗ vollen Treibhauſe vom Gärtner ſorgſam gepflegt, nur denen ſich zeigt, die es verdienen, ihr zu na⸗ — 128— ein ſchmachtender Engel,— wenn ſie nd, wirſt Du Niemand mehr gefallen.“ Graf Carl von Erbach. igend faltete Emilie das Papier zuſam⸗ eine glühende Röthe des Zorns flog Geſicht— dann murmelte ſie leiſe:„es n elender, treuloſer Menſch, ich wußte das ſt.— O Erneſtine, warum wollteſt Du mir cht glauben, als ich Dich warnte? Sagte ich Dir nicht, er hat kein Herz?“ „Ja, Du haſt recht,“ ſchluchzte Jene,„wohl mir, hätte ich Dir geglaubt.— Verachteſt Du mich nicht, Emilie?“ „Ich Dich verachten, armes Kind?— Du haſt geglaubt und vertraut— das thuen alle gute Menſchen,— wäreſt Du weniger gut, würdeſt Du mißtrauiſch geweſen ſein. Deine hingebende, glaubende Liebe ſollte ich verachten? Erneſtine, nur wer ſich ſelber entehrt, kann verächtlich ſein,— was Dir geſchehen, entehrt den, der Dich betrog, der Dein Vertrauen tänſchte.“ Erneſtine weinte laut und rief:„O Gott, was aber ſoll mit mir werden?— Nein, nein, ich vermag dieſe öffentliche Schande nicht zu er⸗ tragen. Auch Du mußt mich verlaſſen, Emilie, Du darfſt mich nicht bei Dir haben.“ „Ich Dich verlaſſen?“ fragte ſie, und zog Erneſtine inniger an ihr Herz.„Nein, liebe Freun⸗ din, Emilie verläßt nur, was ihrer unwürdig. Du biſt es nicht,— ich achte Dich jetzt höher vielleicht wie jemals.— Du haſt vertraut, Du haſt geliebt,— Dein Unglück war es, was Dich dieſem ſchlechten Manne entgegenführte,— und ich ſollte Dich verlaſſen, weil Du unglücklich?“ „O Du biſt immer groß, immer edel,“ ſagte Erneſtine. „Nein, Erneſtine, ſchätze nicht zu hoch, was nur meine Pflicht iſt. Was thue ich denn? Bin ich nicht in gleicher Lage?“ fragte ſie weich.„Liebe ich nicht, wie Du? Daß mein Geliebter edler, meiner Liebe würdiger, das iſt ja nicht mein Ver⸗ dienſt, iſt ja eine Gnade nur des Himmels. Und nun trockne Deine Thränen, ſei gefaßt und muthig. Erhole Dich auf Deinem Zimmer, ich werde zu dem Grafen ſenden, ich muß ihn ſprechen.“ Die Künſtlerin. Zehntes Capitel. Ich habe geträumt und bin erwacht, Die Bilder ſind alle verſchwunden. Aus meinem Himmel bin ich erwacht, und habe die Hölle gefunden. Tromlitz⸗ „Sie haben befohlen?“ ſagte Carl und trat in Emiliens Salon. Sie hieß ihn ſtumm mit leichter Verbeugung willkommen. „Wiſſen Sie,“ fuhr er fort und zog zärtlich ihre Hand an ſeine Lippen,„wiſſen Sie, Schönſte, daß ich noch ganz faſſungslos bin über das uner⸗ wartete Glück, das mir zu Theil wird? Sie wollen mich ſehen, mich ſprechen, und noch dazu treffe ich Sie allein, ohne den feurigen Liebhaber, der Sie blind und taub macht gegen uns Alle.“ „Ernſt iſt bei Hofe,“ ſagte Emilie kurz. „Vortrefflich,“ frohlockte Carl,„und da woll Sie mir ein ſtilles Stündchen ſchenken, wolle endlich, endlich geſtatten, meiner Liebe Worte zu geben. Wollen mir ſagen, daß Sie Ihre frühere 131 Grauſamkeit bereuen, und endlich meiner treuen Liebe Gehör geben.“ Sie ſah ihn verächtlich an und fragte kurz: „Ernſt iſt Ihr Freund?“ „Ja gewiß,“ ſagte er gleichgültig,„und mein theuerſter Freund.“ „Und dennoch ſprechen Sie mit mir, der Ge⸗ liebten Ihres Freundes, von Liebe?“ fragte ſie ſtreng. Carl lachte:„Warum dieſe Rolle, Holdſeligſte? Wir ſind nicht auf der Bühne. Wozu haben Sie mich denn herbeſchieden, wenn Sie mich nicht lieben?“ „Ich Sie lieben,“ ſagte ſie mit kurzem, ver⸗ ächtlichem Lachen—„denken Sie beſſer von mir, Graf Carl. Von ganz anderen Dingen wollte ich mit Ihnen reden,— von Erneſtinen.“ 4 „Hat Ihnen die alberne Thörin einige Liebes⸗ klagen geſungen?“ fragte er gleichgültig. „Schweigen Sie,“ ſagte ſie ſtreng,„ich will in meiner Gegenwart kein ſolches Wort über meine Freundin hören.“ „Freundin,“ ſpottete Zener,„können der bleiche Mond und die glühende Sonne in Freund⸗ ſchaft ſein?“ Sie überhörte ſeine Frage und ſagte:„Erne⸗ ine liebt Sie.“ „Das weiß ich,“ ſagte er kalt. „Sie hat Ihnen vertrant.“ 8 erhaben, iſt groß,“— ſagte er bezüglich. — 13— „Ihre eigene Schuld,“ unterbrach er ſie. Ungeduldig ſtampfte Emilie mit dem kleinen Fuße.„Sein Sie ernſthaft, mein Herr Graf, es handelt ſich hier um die Ehre, um das Lebens⸗ glück eines armen, ſchutzloſen Mädchens.“ „Ehre,“ wiederholte Carl lachend,—„eine Künſtlerin wie Sie, ſollte ich meinen, verſpottete ſolche kleinliche Anſichten! Was iſt Ehre?“ „Ich will es Ihnen ſagen,“ ſagte ſie heftig, „Ehre iſt Alles, was unſerer Würde als Menſch nicht entgegen, hochherzig handeln, edel denken, den Unterdrückten helfen, die Schwachen beſchützen, Vertrauen verdienen, das bringt Ehre.“ „Sie ſind hinreißend, eine wahre Pythia,“ unterbrach er ſie ruhig.„Doch ſetzt mich Ihre Rede in Erſtaunen.— Ich hätte aus Ihrem ſchö⸗ nen Munde andere Worte erwartet. Zum Bei⸗ ſpiel: um der Liebe willen die Ehre opfern, iſt —,—.— „Ich verſtehe Sie, mein Herr, und ſage Ihnen,— was die Welt Ehre nennt, iſt ein ganz ander Ding, als was ich meine. Können Sie aber Ihr Betragen gegen Erneſtine vor Ihrem Gewiſſen rechtfertigen?“„ „Gott, Theuerſte, in der Liebe ſchweigt das Gewiſſen.— Warum war ſie ſo thöricht, mir zu glauben? Ein Blick in den Spiegel hätte ſie überzeugen können, daß ich ſie nicht liebe.“ „O,“ ſagte Emilie, und ging ſchnell im Sa⸗ — 133— lon auf und ab,„o wie verachte ich Sie. Alſo ein Spiel nur trieben Sie mit dieſem liebenden Herzen, und keinen Augenblick empfanden Sie die Liebe, die Sie der Armen gelobten? Wie wenig, Graf, verdienten Sie die hohe Meinung, die Ernſt von Ihnen hegt.“ Carl lachte und ſagte:„ich will Ihnen ein Geheimniß ſagen, Ernſt iſt nicht beſſer, wie ich.“ „Unterſtehen Sie ſich,“ unterbrach ſie ihn hef⸗ tig,„meinen Geliebten ſo zu beſchimpfen. Er Ihnen gleichen!— O wie die Nacht dem Tage, die Tugend dem Laſter, der Edelmuth der Niedrig⸗ keit,— ſo gleicht Ihnen Ernſt.“ Carl erhob ſich raſch vom Divan, auf dem er bis jetzt gleichmüthig gelehnt, er erbleichte und ſagte kurz:„mort de ma vie, Sie werden be⸗ leidigend. Wer giebt Ihnen das Recht, ſo zu mir zu ſprechen?“ „Erneſtinens Unglück,“ fuhr ſie immer wär⸗ mer fort,„die um Hülfe flehende Verſtoßene giebt mir ein Recht. Sie haben ſie betrogen, hinter⸗ gangen, ſie weint, ſie härmt ſich ab, ihre Thrä⸗ nen klagen Sie an,— das giebt mir ein Recht, zu Ihnen zu reden. Herr Graf, ſein Sie edel, ſein Sie Ihres Freundes würdig, verſöhnen Sie, was Sie entzweiten, geben Sie der Armen ihre Ehre wieder, halten Sie, was Sie verſprochen, ſein Sie ihr Gatte.“ 2 „Das habe ich niemals verſprochen,“ ſagte er heftig,„nie iſt ein ſolches Wort über meine Lippen gekommen, ſie lügt, wenn ſie das ſagt.“ „Sie ſind ein Elender,“ ſagte Emilie verächt⸗ lich.„Sie unterſcheiden ſcharf. Sie ſprachen ihr von Liebe,— iſt das nicht ein Verſprechen ſie zu ſchützen, immer ihr treu zu bleiben?“ „Nein, nein,“ entgegnete er, faſt lachend über Emiliens Unerfahrenheit,„nein, das iſt ganz et⸗ was Anderes.“ „Ich bin nicht an ſie gebunden,“ erwiderte er ungeduldig.„Ich habe nichts verſprochen.— Sie leidet, was Tauſende ihres Gleichen zu leiden haben. Sie hätte klüger ſein ſollen und vorher bedenken, ehe ſie mir vertraute.“ „Sie rechnen es ihr zum Verbrechen, daß ſie Ihnen vertraute, Graf! Sollte ein ſolches Ver⸗ trauen Sie nicht ehren?“ „Ehren?“ lachte er.—„Das Vertrauen einer leichtgläubigen Schauſpielerin ehrt mich nicht.“ „Genug, mein Herr,“ ſagte Emilie ſtolz und ruhig.„Ich ſehe, Sie ſind elender noch, wie ich glaubte. O wie beklage ich Erneſtine, daß ſie die edelſten Gefühle ihres Herzens verſchwendete an einen Elenden.“ „Mein Fräulein!“ rief Carl faſt drohend. 2 „Mein Herr!“ entgegnete ſie muthig.„Nun, was wollen Sie? Es geziemt Ihnen ſo vor mir zu ſtehen, mit dieſer drohenden Miene, nicht wahr?“ Doch ehe Carl Zeit hatte zur Antwort, öff⸗ nete ſich die Thür und Erneſtine, geiſterbleich, mit verſtörten Zügen, ſtürzte herein. Keine Spur ihres früheren ſteifen Weſens, die tiefe innere Glut hatte die Schneedecke äußeren Ceremoniells durch⸗ brochen,— ſie war ganz Gefühl, ganz Weib.— Schnell ergriff ſie Carl's beide Hände, und faſt vor ihm niederſinkend, ächzte ſie:„Laß genug ſein, antworte ihr nicht. Beſchimpfe nicht auch ſie.“ „Die Scene wird immer intereſſanter,“ ſagte er mit höhniſchem Lachen, und machte ſich frei von Erneſtinens Händen,—„ich bin begierig auf das Ende.“ „Das Ende,“ entgegnete ſie und fuhr ſich mit der Hand über das bleiche Geſicht,—„das Ende wirſt Du bald erfahren.“ Emilie trat zu ihr, und legte ſanft die Hand auf ihre Schulter:„komm, Erneſtine,“ bat ſie. „Nein, nein,“ ſagte ſie faſt tonlos.„Laß mich noch einen Augenblick hier. Ich muß ihm einmal noch Alles ſagen. Dann zu ihm ſich wen⸗ dend, fuhr ſie fort:„Carl, Sie wiſſen es, wie ich Sie liebte, wie grenzenlos ich Sie liebte.— Ach, Sie waren ja der Erſte, der zu dem armen, verlaſſenen Mädchen von Liebe ſprach,— ver⸗ mutheten Sie es, Carl? Ich wußte ja, daß ich ſo häßlich war,— warum ließen Sie mich glauben, daß ich Ihnen dennoch gefallen könnte? Warum flüſterten Sie in mein Ohr Liebesworte, warum lehrten Sie mich lieben, wenn Sie mich nur verderben wollten?“ Und als ſie ſah, daß er antworten wollte, fuhr ſie heftiger fort;„warum zeigten Sie der Verödeten, daß die Welt ſo ſchön und das Leben, ich hatte mich ja drein ergeben, einſam und ungeliebt zu ſein, warum öffneten Sie mir das Paradies, was that ich Ihnen denn, daß Sie mich verderben mußten?“ Und in fieberiſcher Aufregung ſank ſie vor ihm nieder und ſchrie mit Jammertönen:„Carl, tödte mich, nimm mein Le⸗ ben, aber verlaſſe mich nicht.“ Emilie vermochte nicht länger ihre Rührung zu bergen und weinte laut, Carl aber trat zurück von der Knienden, und mit dem ruhigen Lächeln eines vollendeten Weltmanns ſagte er:„die Scene verdient gemalt zu werden. Laſſen Sie mich nach⸗ ſinnen, wer iſt denn jetzt der beſte Maler? Ach, — ich weiß ſchon.— Erlauben Sie, wandte er ſich an Emilie, daß ich dem Diener klingle und ihm befehle, ſo ſchnell als möglich den Maler zu rufen?“ Emilie ſah ihn verächtlich an und trat feſten Schrittes zu Erneſtinen:„komm, Du Arme,“ bat ſie ſanft und verſuchte ſie aufzuheben,„erniedrige Dich nicht vor ihm, Du entwürdigſt Dich.“ Sie aber ſchrie krampfhaft:„nein, nein, zieh mich nicht fort, ich ſehe ihn niemals wieder. Sieh ihn an, Emilie, ſieh, wie er ſchön iſt. Gieb mir die Hand; Carl, weißt Du, wie oft Du mit die⸗ — ſer Hand in meinen Locken ſpielteſt und ſagteſt, daß ſie ſchön ſeien? Emilie, er liebte mich, ge⸗ wiß er liebte mich. Carl, ſprich zu mir, nenne mich wieder Deine Sylphide, Deine Blume. Sieh mich an, Carl, weißt Du, wie oft Du mit Dei⸗ nen Augen tief in die meinen ſahſt und ſagteſt, Du ſäheſt Dein Bild darin, und wie Du dann meine Augen küßteſt? Ja, Du liebſt mich, ich weiß es. Ach, was iſt es ſchön, ſo geliebt zu ſein!“ ſchrie ſie und brach in ein konvulſiviſches Lachen aus. „Sie raſet,“ ſagte Carl, und blickte ängſtlich umher. Emilie aber erwiderte kalt:„es iſt Ihr Werk, mein Herr. Sehen Sie das arme verlaſſene We⸗ ſen, das in troſtloſem Jammer zu Ihren Füßen liegt. Dieſe Thränen werden einſt in Ihrer Sterbe⸗ ſtunde auf Ihrer Seele brennen.“ Erneſtine hatte ſie gehört, ſie richtete ſich ſchnell auf und flüſterte ſchaurig:„nein, nein, er ſoll nicht ſterben. Leben, damit ich lebe. Nein, weine nicht, Emilie, es it gar zu troſtlos, weinen zu müſſen.— Ich kann es nicht mehr.— Sieh mich nicht ſo zürnend an, Carl, ich werde nie wieder zu Dir ſprechen. Nie, nie,“ kreiſchte ſie. Dann aber wieder ſtill, faßte ſie ſeine Hand und preßte ſie auf ihre Augen.—„Es iſt genug,“ ſagte ſie tonlos und mit jener Ruhe, die das Uebermaß des Leidens ſtets in uns erzeugt,„es iſt genng. Carl, ich danke Dir für alle Liebe, die Du mir einſt gewährt. Lebe wohl!“ Dann wandte ſie ſich, um hinauszugehen, kehrte aber noch einmal zu⸗ rück, ruhig und würdevoll. Sie legte beide Hände auf Carl's Schultern und blickte ihm feſt ins Auge, das er wie beſchämt niederſchlug.— Ihr Blick war ruhig und klar, ſie war faſt ſchön zu nennen in ihrem großen Schmerze; es war einer jener Momente, wo die ganze Seele in die Züge tritt und ſie veredelt und verſchönt. „Carl,“ ſagte ſie feſt,„ich werde Sie einſt dort oben wiederſehen,— damit Sie einſt ruhig ſterben können, ſage ich Ihnen,— ich vergebe Ihnen.“ Dann ſanken ihre Arme nieder, ſie beugte das Haupt,— der erhabene Moment war vorüber, der ganze Erdenſchmerz packte wieder ihre Bruſt und mühſam ſchwankte ſie hinaus. Einen Augenblick ſtand Carl ſinnend und ver⸗ wirrt, mit niedergeſchlagenen Augen,— er ſchreckte empor, als Emilie jetzt ſagte: „Sie vergab Ihnen, Gott wird es nicht. Gehen Sie jetzt,— betreten Sie nie wieder meine Schwelle, und laſſen Sie ſich ſagen, daß meine tiefſte Verachtung einen Elenden, wie Sie es ſind, begleiten wird.“ Ohne Gruß verließ ſie hoch aufgerichtet d Carl blickte ihr nach, dann ſchüttelte er ſich — leicht, ſagte ingrimmig:„das ſoll das ſtolze Weib büßen!“ und verließ den Salon. Emilie aber ging, Erneſtinen aufzuſuchen. Sie fand ihre Zimmerthür verſchloſſen und hörte ſie drinnen laut ſchluchzen.„Es iſt gut, daß ſie weint,“ ſagte ſie leiſe zu ſich ſelbſt,„das wird ihren Schmerz lindern.“ Dann ging ſie in ihr Boudvir zurück, und heftig auf und nieder gehend, überdachte ſie noch einmal den erlebten Auftritt, und aufs neue empörte ſie das Betragen des Grafen. In dieſer aufgeregten Stimmung fand ſie Ernſt, als er zurückkehrte, und auf ſeine Frage erzählte ſie ihm umſtändlich den Hergang der Sache. „O Ernſt,“ ſchloß ſie dann ihre Erzählung und lehnte ſich zärtlich an die hohe Geſtalt des Geliebten,„wäre es möglich, daß ich Dich noch inniger lieben könnte, ſo thäte ich es nach dieſer Stunde. Wie edel, wie groß erſcheinſt Du neben dieſem Treuloſen.“ „Richte nicht zu ſtreng, Emilie,“ ſagte er, und drückte leicht einen Kuß auf ihr dunkles Haar,— „es war auch wirklich thöricht von dem Mädchen, ihm zu glauben.“ „Und warum ſollte ſie nicht?“ fragte Emilie, „wie konnte ſie denken, daß alle ſeine Liebesſchwüre nur Lüge, daß er nichts von dem wirklich empfand, was er zu empfinden vorgab?“ „Liebes Kind,“ ſagte er faſt mitleidig lächelnd, 140 „wenn alle Schwüre treu gemeint wären, da wür⸗ den nie mehr Thränen verlaſſener Liebe geweint, da müßte am Ende auch die Dichtkunſt untergehen. Sappho hätte nicht geſungen, wäre ſie nicht ver⸗ laſſen; Bhron's ſchaurige, düſtere Lieder wären nicht, hätte das Mädchen ſeiner erſten Liebe ihn nicht um eines Andern willen aufgegeben. Die Thränen, der Liebe geweint, tragen hohe Frucht, begeiſtern zu edlen Thaten, ſind oft wie der Zauberſpruch, der das Verzauberte löſt, und ſo entwickelt ſich nach einem ſolchen Schmerze oft erſt das glänzende Genie, deſſen Daſein wir bis da⸗ hin kaum ahnten. Vielleicht iſt es auch ſo bei Erneſtinen. Alsdann müßte ſie ihm ſogar noch dankbar ſein.“ Emilie ſah ihn befremdet an, dann erwiderte ſie faſt traurig:„wenn aber erſt alle Hoffnungen zerſtört, alle Blüthen des Glücks gebrochen werden müſſen, um ein ſolches Genie, wie Du es nennſt, zu entfeſſeln, dann iſt es nicht mehr erfreulich, weder für ſich, noch für andere. Der Schmerzens⸗ ſchrei, die Klage der Verzweiflung kann erſchüt⸗ ternd, tief ergreifend ſein, aber nicht wohlthuend, und verfehlt ſo den Zweck alles Schönen, das erheitern, uns klar und ruhig und freudig machen ſoll, nicht aber fieberiſch aufregen. Mein Freund, ich möchte um ſolchen Preis nicht Berühmtheit erlangen.“ „Dn haſt ſie ohnedies,“ ſagte Ernſt, und drückte ſie feſter an ſich,„durch ganz Deutſchland ertönt Dein Name belobt und bewundert. Ha, und daß dies Weſen, dieſe Stolze, Gefeierte, daß dies ſchöne Weib mir gehört, das macht meine Bruſt höher ſchwellen, macht mich oft trunken von Stolz und Glück.“ „So iſt es,“ fragte ſie bebend,„nur darum, daß Du mich liebſt?— Sage mir,“ fuhr ſie dringender fort,„würdeſt Du mich nicht lieben, wenn ich ſtill und zurückgezogen lebte, wenn die Welt nichts von mir wüßte, ſage, würdeſt Du mich vrn nicht lieben?“ „Ich liebe Dich ſo wie Du biſt, warum uns quälen über das, ſein könnte und nicht iſt.“ Sie ſenkte traurig das Haupt und ſagte weh⸗ müthig:„ach Ernſt, ich ahne zuweilen, daß Du mehr in mir die gefeierte Künſtlerin liebſt, wie das liebende Mädchen.“ Haltern lachte:„warum trennen, was zuſam⸗ men gehört? Gerade ſo, wie Du biſt, liebe ich Dich. Ein Gran mehr von dem einen oder dem andern, und Du biſt meine Emilie nicht mehr.“ Enilie antwortete nichts, aber ran⸗ nen ein paar Thränen über ihr Geſicht, ſie wandte ſich ſchnell ab, dieſe zu verbergen, denn Ernſt liebte ja keine Thränen— und ſagte dann ſchnell heiter werdend:„da ſind auch Briefe gekommen aus Berlin vom Grafen B..., dem General⸗In⸗ tendanten. Er bietet ein Engagement nächſten Winter. Werden wir es annehmen? Mein Contract hier iſt zu Ende.“ „Ich dächte, wir gingen auf einen Winter dorthin,“ ſagte Ernſt nach kurzem Beſinnen.„Du kennſt Berlin nicht und ſo wird es Dich auf einen Winter ſchon unterhalten. Mit dem Frühlinge können wir ja zurückkehren, wenigſtens muß ich es, da meine Güter meine längere Abweſenheit verhindern.“ „Nun alſo auf einen Winter,“ ſagte Emilie freudig,—„wir wollen es annehmen. Wir ſind jetzt im September, zum erſten November müſſen wir dorthin. Alſo nur noch wenige Wochen ſind wir hier.— Ach, könnte ich ſie mit Dir ganz ſtill in Waldthal verleben.“ „Und warum nicht, Emilie? Ich muß Dich ohnedies auf acht Tage verlaſſen, um. auf eins meiner entfernten Güter zu gehen.“ „Und ich ſoll nicht mit Dir gehen?“ fragte ſie. „Nein, Geliebte, es iſt dort nicht von der Art, daß Dir der Aufenthalt angenehm ſein könnte, auch ſind es nur wirthſchaftliche Angelegenheiten, die meine Gegenwart dort verlangen. Dieſe wür⸗ den mich demnach den ganzen Tag von Dir ent⸗ fernt halten.“ „Du wärſt doch aber in meiner Nähe,“ ſagte ſich zärtlich an ihn ſchmiegend, und fügte b hinzu„nimm mich mit Dir.“ nein,“ ſagte er faſt ungeduldig.„Wir ſie — 143 müſſen ſchon in dieſe kurze Trennung uns fügen. Ich will Dich den Anſtrengungen einer ſolchen Reiſe nicht unterziehen.“ „Wenn ich es aber gern thue,“ fragte ſie ſchüchtern. „So wünſche ich es nicht,“ entgegnete er kurz, und fügte, ſich beſinnend, zärtlicher hinzu:„es wäre eigennützig, wollte ich dies Opfer annehmen. Die wahre Liebe vergißt über der Geliebten ſich ſelber, ſie fragt nicht, was ihr erfreulich, nur was der Geliebten wohlthuend.“ Emilie ſeufzte, ohne zu antworten. Zum erſten Male genügten ihr die Worte des Geliebten nicht mehr, ſchien ihr der Ton ſeiner Stimme weniger weich, weniger liebevoll, zum erſten Male ahnete ſie, daß ſie nicht ſo geliebt würde, wie ſie ſelber liebe. Schnell aber unterdrückte ſie dies bange Gefühl, und mit der Demuth einer Sklavin ſeine Hand an ihre Lippen ziehend, ſagte ſie:„Ich gehe alſo nach Waldthal. Wann ſoll ich reiſen?“ „Morgen muß ich fort.“ „Alſo morgen auch ich. Wie lange bleiben wir?“ „Acht Tage, Geliebte.“ Sie nickte leicht mit dem Kopfe.„Gut,“ ſagte ſie, ich werde es heute dem Director ſagen. Nun aber muß ich fort aufs Theater. Begleiteſt Du mich?“ „Kannſt Du fragen, meine ſüße Emilie? Du Egmont iſt mein Lieblingsdrama,“ — 144 „Alſo darum,“ ſagte ſie leiſe und ihre Stimme zitterte in Thränen. Ernſt legte die Stirn in Falten und ſagte heftig: „Du biſt heute ſentimental, Emilie, wozu das?“ „Ach, verzeihe,“ ſagte ſie ſchnell und vörſuchte heiter zu ſein,„Erneſtinens Schickſal hat mich ſo trübe geſtimmt. Ich will ſchon wieder fröhlich ſein.“ Und mit der ihr eigenen Beweglichkeit des Charakters ging ſie ſchnell von ſo düſterer Stim⸗ mung zu heiteren Scherzen über.. Sie war ſo liebreizend in dem Beſtreben, den Geliebten zu verſöhnen, ſo ſchön mit der von in⸗ nerer Anſtrengung höher gerötheten Wange, daß Ernſt ſolchem Zauber immer wieder aufs neue ſich hingegeben fühlte, und daß die Triumphe, die ſie denſelben Abend noch auf der Bühne erntete, ihm eine verdiente Huldigung ihrer Anmuth ſchienen und ſein Herz mit einer ſtolzen Frende erfüllten. Elftes Capitel. Ich ſpreche ſtill zur Lieb' im Herzen, Wie Blume zu der Sonne Schein: Du giebſt mir Luſt, du giebſt mir Schmerzen, Dein leb' ich und ich ſterbe dein! Rückert. Bei ihrer Rückkehr vom Theater trat Emilien ihre Kammerfrau ängſtlich entgegen. „Was fehlt Dir, Luiſe?“ fragte Emilie er⸗ ſchreckt. „Ach,“ ſtotterte das Mädchen ängſtlich,„Fräu⸗ lein Erneſtine iſt immer noch in ihrem Zimmer eingeſchloſſen und drinnen iſt es ſo ſtill,— ich habe ſchon mehrere Male gerufen und keine Ant⸗ wort erhalten.“ Ohne zu antworten ging Emilie an die Thür der Freundin. Aber auch ihr Rufen, ihr Bitten war ohne Erfolg, Alles blieb lautlos und ſtill. Mit bangen Ahnungen eilte Emilie zu Ernſt, um ſeinen Rath bittend. „Laß uns alles Aufſehen vermeide ſagte Die Künſtlerin. 6 8 — 146— dieſer,„wir wollen durch Deine Zimmer gehen, gewiß hat ſie die Tapetenthür, die von Deinem Schlaf⸗ zimmer in ihr Gemach führt, nicht verſchloſſen.“ Auf des Geliebten Arm geſtützt, denn ſie zit⸗ terte vor Angſt und Schrecken, gelangte ſie zu der Thür,— ſie gab ihrem Drucke nach und ſie ſtanden in Erneſtinens Gemach, das nur ſpärlich durch eine dem Erlöſchen nahe Lampe erhellt ward. Als ſich aber ihre Augen an dies Dämmerlicht ge⸗ wöhnt hatten, ſtieß Emilie einen Schrei des Ent⸗ ſetzens aus, denn auf dem Bette lag die ſtarre, bleiche Erneſtine. Sie ſtürzte zu ihr hin, ſie legte ihre Hand auf Erneſtinens Bruſt,— das Herz in derſelben ſtand ſtill, die Schläfen waren feucht und kalt. „Sie iſt todt,“ ſagte Emilie dumpf und ohne 4 Thränen, und das Entſetzen hatte ihre Wangen bleich gemacht. Auch Ernſt war näher getreten, und er be⸗ ſtätigte Emiliens Vermuthung. „O jetzt iſt Dir wohl,“ ſagte Emilie dann weich und wollte leiſe einen Kuß auf Erneſtinens blaue Lippen drücken. Ernſt aber wies ſie heftig zurück.„Was willſt Du thun,“ fragte er entſetzt, „könnte nicht ein Tropfen des tödtenden Giftes an ihren Lippen kleben und auch Dich tödten?“ Und es war, als ob der Anblick der Todten die Liebe zu Emilien in ihm noch erhöhte,— ach, vielleicht war es das dumpfe Bewußtſein, daß 1 — 17— auch er bald Todesſchmerzen über diejenige herbei⸗. rufen möchte, die jetzt ſo ſchön, ſo voll Leben, ſo roſig vor ihm ſtand. Mit einem Gemiſch von Liebe und Verzweif⸗ lung drückte er ſie an ſein Herz und überhäufte ſie mit Liebkoſungen. Und Emilie vergaß über der Zärtlichkeit des Geliebten ſogar auf Momente die gemordete Freundin. Wunderbar und ſchaurig faſt war der Contraſt dieſes Liebelebens und der ſtarren Leiche. Trübe erhellte die verlöſchende Lampe das weite Zimmer, zuweilen mit ihrem helleren Aufflackern noch einmal die bleichen, entſtellten Züge der Todten beleuchtend, während vor verſelben Emilie noch im vollen glänzenden Bühnenſchmucke in der Umarmung des Freundes ſtand.— Zetzt machte ſie ſich los und mit leiſem Vorwurfe zieh ſie ſich und den Geliebten der Theilnahmloſigkeit an dem traurigen Ende der Armen. Sie ſchellte nach Licht, und als dieſes nun das Gemach heller erleuchtete und ſie nun deutlicher die Leiche ſehen konnte, brach ſie in lautes Weinen aus. 46 Endlich gelang es Ernſt ſie zu beruhigen und ſie auf zwei Briefe aufmerkſam zu machen, die auf dem Tiſche lagen. Sie waren beide ohne Adreſſe, Emilie entfaltete ſie und las: „Wenn Du dieſe Zeilen lieſeſt, Carl, iſt wirk⸗ lich die Geſchichte, auf deren Ausgang Du be⸗ gierig warſt, zu Ende,— ich bin dann hingegan⸗ gen in ein Land, von wannen noch Keiner zurück⸗ 10 — kehrte.— Vielleicht wirſt Du in dem Augenblicke, da Dir dies Blatt meinen Tod ſagt, mich auf⸗ richtiger lieben, als jemals während meines Le⸗ bens, denn ich werde Dir nun nicht mehr läſtig ſein. Du wirſt nicht mehr meine verweinten Au⸗ gen ſehen, nicht mehr meine Klagen hören.— Ach, freilich wirſt Du meinem Tode keine Thräne weinen,— auch nicht eine Thräne für mein zerbrochenes Leben! Carl, verdiente ich das für alle Liebe? Vielleicht ſogar wirſt Du lachen und dies Blatt zerreißen und ſagen: eſie iſt eine Thö⸗ rin! Sie hätte ſich tröſten ſollen und fröhlich ſein. Eine Schauſpielerin hat nichts zu verlieren, hat keine Ehre.— Carl, Schande und Schmach hätte ich freudig ertragen um Deinetwillen, aber daß Du mich vergeſſen und verlaſſen, Carl, daß Du mich verhöhnen konnteſt,— das tödtet mich. Ehe ich Dich kannte, ehe Du mich Dich lieben lehrteſt, konnte ich die Einſamkeit und Oede mei⸗ nes Herzens ertragen,— ach, ich kannte ja nicht die Vebe, nicht die Seligkeit, die dieſe uns giebt. Warum lehrteſt Du ſie mich kennen? Warum ſlüſterteſt Du heiße Liebesworte in mein Ohr und ſchwurſt, mich immer zu lieben? Carl, bin ich nicht ein Menſch, wie Du, empfinde ich nicht heiß und glühend wie Du? Regte es ſich nicht wie Mitleid in Deiner Bruſt, als Du mich ſo willen⸗ los, gleich dem ſchwachen Wurme, der zu Deinen Füßen ſein niedriges Leben dahinbringt, vor Dir ſahſt,— warum gingſt Du nicht vorüber, warum das Alles?— Ich für in in den 14— mußteſt Du mich zertreten?— Du ſchwebteſt wie die Sonne über meinem traurigen nächtlichen Da⸗ ſein und erhellteſt es zur Tageshelle. Der Einſamen gabſt Du Liebe und mit ganzer Seele klammerte ſie ſich an Dein Herz.— Wie ſoll ich nun leben, auf ewig in finſterer Nacht,— ach, ſe iſt doppelt ſchrecklich, grauſig nach einem Blüthentage.— Lebe wohl!— ich weiß es, dieſe Zeilen werden die letzte(Wrnz an mich ſein, und dies Ge⸗ fühl macht meinen Tod doppelt herbe. O Carl,— Niemand wird Dich lieben, wie ich es that!“ „Der Elende verdient es kaum, dieſen Brief zu leſen,“ ſagte Emilie unter Thränen, und nahm dann das andere Blatt und las: „Meine theuerſte, meine einzigſte Freundin! Zürne mir nicht,— ich kann nicht anders. Du würdeſt Dich e nach ſolchem Schmerze, würdeſt ihn beſiegen,— ich bin zu ſchwach,— ich muß ihm unterliegen.— Vieles könnte ich Dir nun noch ſagen. Wie lange ich ihn gelicbt der mich jetzt tödtet, wie ich abſichtlich unter fer Hülle meine innere Glut verbergen mußte, ach, ich wußte ja, ich die Häßliche, die Unbedeu⸗ tende verſpatte werden mit meiner Liebe zu dem ſchönen reichen Grafen.— Ich könnte Dir ſagen, wie er mir Liebe log, wie ich ſeinen Wor⸗ ten vertrauete, weil ich ihn liebte.— Aber wozu — 150— Emilie,— eine ſüße Wehmuth ergreift mich bei dieſem Gedanken, und meine Thränen fallen auf dies Blatt,— es ſind die letzten. Bald wird das Gift— das einzige Erbtheil meines Vaters, der auch durch ſolches ſein Leben endete— durch meine Adern fließen und ich werde nicht mehr ſein. Du aber, Emilie, nimm von der Sterbenden den innigſten Dank für Deine treue Freundſchaft. Du allein im Leben haſt mich geliebt und mich gedul⸗ det. Emilie, ich drücke im Geiſte dankend Deine Hände an meine Lippen, und Dir wird mein letz⸗ ter Gedanke gehören!“ n der Frühe des nächſten Morgens hielten zwei Reiſewagen vor dem Hötel des Grafen Hal⸗ tern. Emilie und Ernſt wollten zur ſelben Stunde die Stadt verlaſſen,— dem Leichencommiſſarius war die Sorge für das Begräbniß Erneſtinens übertragen worden, die Koffer waren gepackt, Alles zur Abfahrt gerüſtet. Aber es war, als könnten die beiden Liebenden, die in inniger Umarmung nbeneinander ſtanden, ſich nicht zur Trennung eentſchließen. Werden wir uns wiederſehen, ſo wie wir uns verließen?“ fragte er ſeufzend. „Gewiß, gewiß, mein Ernſt,“ ſagte ſie lä⸗ chelnd.„Wir beide werden uns nimmer ändern.“ Aber es war, als ob dies edle Vertrauen, diefe Zuverſicht eine finſtere Ahnung in der Seele des Grafen erzeugte, eine Thräne trat in ſein Auge, und mit wilder Glut preßte er ſeine heißen Lippen auf ihre Augen, ließ ſie aus ſeinen Armen, um ſie anzuſehen und immer wieder an ſein Herz zu drücken. „Ernſt, mein theurer Ernſt,“ fragte ſie,„liebſt Du mich?“ „Bis zum Wahnſinn,“ ſtammelte er, und die Reue, die in dieſem Momente ſein Herz beſchlich und ihm wärmere Gefühle gab, hielt er wirklich für Liebe.— Und immer heißer wurden ſeine Um⸗ armungen, und nun, wie im überwallenden Ge⸗ fühle, ſtürzte er vor ihr nieder und umſchlang ihre Knie. „Emilie,“ rief er,„ſieh mich zu Deinen Füßen, es iſt das erſte Mal, daß ich vor einem knie: Emilie, ich liebe Di „Weiß ich das nicht?“ fragte ſie und mit dem ganzen Austruce von Liebe in ihren klaren Zügen ſich zu ihm nieder und legte ihre ſchöne Hand auf ſeine Stirn. „Emilie,“ fragte er wieder,„würdeſt Du mich lieben, ſelbſt wenn ich Dich verlaſſen hätte?“ „Wie kannſt Du ſo fragen?“ ſagte ſie mit einem unſchuldigen Lächeln,„wie kannſt Du Dinge, die unmöglich ſ. als möglich darſtellen?— Nein, mein Ernſt, Du verläßt Deine Emilie nicht. Sieh, und wenn Du ſelbſt es ſagteſt, ich würde Dir dennoch nicht glauben, ich kenne Dich beſſer, wie Du Dich ſeiber Nein, mein Geliebter kann 152—— —* Herz,“ ſagte ſie und legte ihre weiße Hand auf ſeine Bruſt,„dies Herz kann nur für Edles ſchla⸗ gen, iſt rein wie die Gottheit.“ Und ſtumm, überwältigt von ſo viel Glauben und Liebe, verbarg Ernſt das Haupt in ihrem Schvoße. „Und nun laß uns ſcheiden,“ ſagte ſie, über der tiefen Bewegung des Geliebten ihre eigene Wehmuth vergeſſend, und ſelber ſtark, weil ſie ihn uns wieder.“ Da ſtand Ernſt plötzlich gefaßt und ruhig auf, und an ſeinem Arm ging Emilie die Treppe hinab an den Wagen. Er hob ſie hinein, noch einmal drückten ſich ihre Hände, hafteten ihre Blicke in⸗ einander,— dann rollte der Wagen fort. Ernſt ſah ihm nach, und dann ſich umwendend, und auch ſich zur Reiſe rüſtend, murmelte er leiſe: „Sie iſt verloren!“ „Und muß es ſein,“ ſagte eine Stimme neben ihm. Unbemerkt von ihm war Carl zu ihm ge⸗ treten. Die beiden Freunde ſahen einander an und ihre Blicke ſchienen ſich zu verſtehen. Ein dämoniſches Lächeln flog über Carl's Züge. „Eine iſt geſtorben, die andere wird ſterben,“ ſagte er achtlos. Haltern aber ſchüttelte ernſt das Haupt:„Nein,“ nie etwas thun, was ihm Unehre macht. Dies ſtark machen wollte.„In acht Tagen ſehen wir — nicht hinderlich zu ſein.“ ſagte er,„ſie iſt kräftiger, ſie wird den Schmerz beſiegen und darum doppelt elend ſein.“ Carl lachte.„Wahrhaftig, cher ami, Du ſiehſt ganz traurig aus über den Abſchied von Deiner Charmanten. Ich hätte nicht geglaubt, daß Dich die Liebe ſo weich machen könnte.“ „Sie thut es auch nicht,“ entgegnete Ernſt und hob ſtolz das Haupt, und jede frühere Be⸗ wegung war aus ſeinen Mienen verſchwunden. Sie gingen in Ernſt's Zimmer.„Du willſt verreiſen?“ fragte Carl. „Ich muß auf eins meiner Güter.“ „Und hätte es nicht Zeit bis morgen? Ich weiß, Du biſt auch beim Fürſten L. zum Kug Balle geladen.“ „Ich habe es ausgeſchlagen.“ „Du mußt hingehen, Freund. Die ſchöne Gräfin Cäcilie von Koller iſt dort.“ „Wie,“ fragte Ernſt haſtig,„dieſelbe, die Du mir geſtern im Theater zeigteſt?“ „Richtig, ſie erſcheint heute zum erſten Male wieder in Geſellſchaft nach dem Tode ihres Man⸗ nes. Vraiment, ſie iſt entzückend; eine reizende junge Witwe, um ſo reizender, weil ſie 4000 Tha⸗ ler jährlicher Einkünfte hat. Wahrhaftig, Ernſt, das wäre eine Deiner würdige Gemahlin. Ver⸗ ſuche Dein Glück, und urtheile von der Größe meiner Freundſchaft, wenn ich Dir verſj — 154—„ „Großmüthiger Freund,“ ſagte Ernſt lachend, „dafür muß ich Dir wohl einen gleichen Freund⸗ ſchaftsbeweis bei der Fürſtin H. geben?“ „Errathen, mein ſchlauer Graf. Die habe ich mir auserſehen, und zwar ganz ernſthaft.— Mort de ma vie, mir wird aber ganz unheimlich, wenn ich daran denke. Ach, Ernſt, müſſen wir unſer edles Haupt wirklich ins Ehejoch bengen?— Wäre ſie nicht ſo reich „Und hätteſt Du nicht ſo viel Schulden, unter⸗ brach ihn Ernſt, ſo mirbeſt Du Dir nicht die alte häßliche Fürſtin wählen.“ „Ja mein Freund,“ ſagte Carl mit tragiſcher Miene, das harte Schickſal zwingt mich dazu. Es iſt eine bittere Arznei, aber ſie hilft.“ „Wenn die Pillen gar zu herbe und ſchlecht, 1 pflegen die Herren Doctoren ſie zu vergolden, da merkt man nichts vom böſen Geſchmacke. Und ich ſollte denken, die Deinen ſind hinlänglich ver⸗ gelwe 14 „Ja, aber es bleiben doch immer noch Pillen,“ meinte Carl.„Doch halt, ehe ich's vergeſſe. Was hat denn mein blaſſer Engel hier gethan? Ich bekam geſtern einen hochtrabenden Sterbebrief.“ „Sie hat ſich vergiftet,“ ſagte Haltern ernſt. Einen Moment erbleichte Carl, dann aber ſagte er gleichgültig:„es war eigentlich das Klügſte, was ſie thun konnte, und ich bin herzlich froh, daß ich ihrer reitiges Klagen überhoben bin.“ — 155— „Du ſollteſt ernſthaft ſein,“ ſagte Sen „die Sache verdient es.“ „Warum,“ lachte Carl,„dergleichen bin ich gewohnt. Man Sütlt von Seen, die alle Jahre ein Menſchenleben als S Opfer verlangen, ſo iſt es mit mir. Dies iſt in drei Jahren die dritte.—— Höre, Ernſt, bleibe hier, gehe heute auf den Ball. Du wirſt es nicht bereuen. Die Gräfin iſt ſo ſchön, wie reich, und zum Ueberfluß auch geiſtvoll. Sie müßte Dir gefallen.“ „Man ſagt, ſie ſei kokett.“ „Eh bien, ſie iſt eine Dame. Komm mit, liebſter Freund, ſie intereſſirt ſich für Dich. Dein abſonderliches Verhältniß zur ſchönen Schauſpielerin erregt allgemeine Theilnahme. Man verdammt Dich, verlacht ſie, aber Jeder möchte doch gerne den ſchönen Grafen kennen, der ein ſolches Wun⸗ der von Tugend, wie Emilie Minden bis dahin war, für ſich gewinnen konnte. Du ſahſt mich geſtern in der Gräfin ihrer Loge, ſie fragte mich, ob Du im Theater, S bat mich Dich ihr zu Lien und als es geſchehen, meinte ſie hold lä⸗ chelnd, es ſei der Minden nicht eben zu verar⸗ gen, vaß ſie Dich liebe.“ „Sehr ſchmeichelhaft,“ ſagte Ernſt ſtolz. „Nun, und Du gehſt den Ball? Im Vertrauen geſagt, Ernſt, ich habe ihr geſagt Du glühteſt vor Lrrien ½ S z ma⸗ chen.„Stellen Sie ihn mir auf dem morgenden Balle des Fürſten vor? ſagte ſie darauf.“ „Aber es geht nicht,“ ſagte Ernſt, ſchon nach⸗ gebend. „O Du fürchteſt Emiliens Zorn,“ warf Carl leicht hin. „Ernſt erhob ſtolz das Haupt: ich fürchte Niemand, am wenigſten eine, die mir unterthänig, — ich werde kommen.“ „Brav, mein ſchöner Graf,“ jubelte Carl und ſchüttelte des Freundes Hand. „So entſchuldige mich einen Augenblick,“ ſagte Ernſt.„Ich gehe hinaus, meinen Dienern den geänderten Entſchluß zu ſagen. Ich fahre mor⸗ gen erſt.“ „Und Du fährſt auch morgen noch nicht,“ flüſterte Carl mit ſpöttiſchem Lachen, als Ernſt ihn verlaſſen.— Die ſchöne Witwe wird ſchon klug genug Dich umſtricken. Ihre Reichthümer liegen im Monde,— ich würde ſonſt kein Eſel ſein, ſie einem Andern zu laſſen. Ich bemerkte es geſtern ſchon, ſie hat es auf meinen reichen Freund angelegt.— Schöne Gräfin, er ſoll Dir werden.— Und er hob wie drohend die Hand empor und flüſterte weiter:„Ich habe Rache ge⸗ ſchworen, ſtolze Emilie, und Du ſollſt ſie em⸗ pfinden.“ Mit der liebenswürdigſten Freundlichkeit und Anmuth empfing die ſchöne Gräfin auf dem Balle — 157— den reichen Grafen Haltern, ihre Schönheit im⸗ ponirte in ihr Geiſt feſſelte ihn. Sie war Welt⸗ dame, war geſcheidt, und überdies hatte ſie die Abſicht zu gfeden, Eindruck zu machen. Und wenn ein ſchönes kluges Weib gefallen will, wider⸗ ſteht ihr kein Mann. „Si⸗ iſt es würdig, meinen Namen zu tra⸗ gen,“ ſagte Ernſt ſich ſelbſt, als er ſpät in der Nacht vom Balle heimkehrte.„Und muß ich mich denn vermählen, um einen Erben meines verlö⸗ ſchenden Namens zu haben, um ein Haus zu machen, meiner würdig, nun, ſo ſei es die ſchöne⸗ ſtolze Gräfin Koller.“ Aber es zog, wie ein tiefes Weh durch ſeine Bruſt, als er jetzt Emiliens gedachte, und das Haupt auf ſeine Hand geſtützt, hoben tiefe Seuf⸗ zer ſeine Bruſt. 2 „O warum biſt Du mir nicht erſchienen,“ dachte er,„vor vielen Jahren, damals, als mein Herz noch warm und vertrauensvoll ſchlug. Da⸗ mals, wie ich noch an die Ewigkeit der Liebe glaubte! Ehe noch die Welt ſich um meine Bruſt legte, und alle beſſern Gefühle vernichtete, ehe noch eines Weibes Untreue mich das Geſchlecht verachten lehrte! Ach Emilie, und warum liebſt Du mich nun ſo heiß und ſo wahr? Du liebſt mich und ich werde Dich verderben!“ Und leiſe und Fehen klopfte die Reue an ſein Herz und wollte es erweichen,— da tauchte aus der Tiefe deſſelben der Gräfin ſchönes Bild hervor, und Ernſt ſagte laut: „Mag es denn ſein! Sie ſelber hat ſich ihr Verderben bereitet! Ihre hohen Ideen von der Liebe und der geiſtigen Ehe paſſen nicht für die Welt, und iſt es meine Schuld, daß ich ein Kind bin dieſer Welt, und mich nicht kann zu ihrer Höhe? RNein, Eniie, vielleicht hätte ich Dich immer geliebt, wenn Du meines Ranges würdig, wenn Du meine Gattin geweſen, vielleicht hätte die Unabänderlichkeit ſolchen Bundes meine Neigung gefeſſelt; die Freiheit läßt alle Wünſche frei, wer nicht ſehen ſoll, wenn er ſehen kann, dem müſſen die Augen verbunden werden.“ Aber alle dieſe Betrachtungen vermochten es dennoch nicht ganz ſein Gewiſſen zu übertäuben, und ſo war ſein Erinnern an die ſchöne Cäcilie nicht ohne den herben Beiſatz ſeines ſtrafenden Be⸗ wußtſeins. Auch hinderte ſein Stolz ſein ſchnelles Unter⸗ liegen. S viele lagen anbetend und ſchmachtend z der ſchönen Gräfin Füßen, Graf Haltern durfte icht zu dieſen gehören,— er mußte ihr zeigen, daß ſie ihm zwar gefallen, nicht aber ihn unter⸗ ichen könnte. Er hatte es einmal geſagt, er wolle reiſen, und ob nun die Gräfin bei einem Beſ — 159— geſellſchaft beizuwohnen, ob ſie ſeine abſchlägige Antwort auch mit einem halb unterdrückten Seuf⸗ zer erwiederte. Er blieb feſt, und fuhr ab, und ſich ſtolz im Wagen zurücklehnend ſagte er ſich ſelbſt:„Graf Haltern iſt nicht der Sklave eines Weibes. Ich will herrſchen, nicht beherrſcht werden.“ Emilie war indeſſen in Waldthal angelangt, und lebte ſtill und einſam in der ſtillen großen Natur. Wie es in ihrem Innern war, mögen wir am Beſten aus einigen Stellen ihrer Briefe zeigen, die ſie an Ernſt ſchrieb, ohne ſie abzu⸗ ſchicken, nur um ihm zu ſchreiben. Emilie an Ernſt. „Erſt wenige Stunden bin ich hier, mein ein⸗ zig geliebter Freund, und ſchon ſchreibe ich Dir. — Warum, und was will ich Dir eigentlich ſa⸗ gen?— daß ich Dich liebe?— Du weißt es, — daß ich Dein gedenke? Du weißt es!— Und doch möchte ich es Dir immer und immer wieder⸗ holen, es iſt ſo ſüß es Dir zu ſagen! Meine Worte werden Dich nicht erreichen,— wohin ſollte ich ſie ſenden? Sie würden viellei anlangen, während Du ſchon auf der Ri biſt. Und dennoch, alberne Emilie, ſchreibſ O laß mich ſchreiben. Mir iſt, als ſagte ich 2 Alles, was meine Feder hier ſchreibt. Ich träume Dich an meine Seite,— Du biſt neben mir, Deinen Arm um meinen Nacken geſchlungen, mei⸗ — 160— nen Kopf auf Deine Schulter gelehnt, flüſterſt Du: ich liebe Dich, meine Geliebte!— O ich höre wohl Deine Stimme, dieſe ſüße Stnn meinem Ohre ſo ſchöne Muſik!— Komm, mein Ernſt, ſieh mir ins Auge— Dein Bild allein iſt darin, komm, ſchlinge Deinen Arm feſter um meine Geſtalt, drücke mich an Dein Herz!— Ach, Ernſt, ich fühle nicht Deinen Kuß,— ich bin allein. Ach wäre auch die Liebe ein Traum, wie Deine Nähe es war? Wie furchtbar müßte ein Erwachen nach ſolch em Himmelstraum ſein! — Arme Erneſtine, wie mußteſt Du unglücklich ſein. O, mein Geliebter, nur wer ſelber liebt, vermag es wohl zu ermeſſen, das Elend ſolchen Verlaſſenſeins! Für den Geliebten in den Tod gehen, das iſt nicht ſchwer, aber leben, und Den verachten, dem man die ſchönſten, reinſien Gefühle des Herzens geweiht, das iſt wohl der Erde bit⸗ terſtes Leid. Wohl mir, daß ich es nie werde kennen lernen!— Als ich heute neben Erneſtinens Leiche ſtand, und gedachte, was ihr den Tod gab, Ernſt, da fühlte ich erſt den wahren Umfang meines Glückes, fchle mich ſelber groß in dem Bewußtſein, von einem ſo Edlen geliebt zu wer⸗ den.— Ach könnte ich dies Glück verdienen, wäre ich ganz Deiner Liebe würdig!— Theures, lie⸗ bes Herz, weißt Du es wohl, daß Du mein ein⸗ zig Glück? Du und meine Kunſt! Ihr gehört zuſammen, ſeid untrennbar, ſeid Eins. Und * 5 11— muß es nicht ſo ſein?— Die Kunſt muß uns das Leben verklären, muß die Seele läutern, beruhigen und kräftigen, eine höhere Anſchauung des Daſeins verſchaffen, aber wir müſſen ſie beherrſchen, wenn ſie etwas ſein ſoll, ſelbſt unſere Ideale ſind an Regeln und Formen gebunden,— in der Liebe, der wahren Liebe ſchwindet Alles, jedes Nachdenken, jede Form, und nur wenn wir unſer ganzes Herz ihr zu eigen geben, nichts wollen als lieben, wenn wir ſie unſere Seele, unſer Herz, unſer ganzes Empfinden durchdringen laſſen, wenn wir ſie in uns wirken und ſchaffen laſſen, dann ſchafft ſie auch aus uns etwas, und tritt ins Leben wiederum gls Kunſt. Und ſo möchte ich die Liebe die höchſte Potenz der Kunſt nennen. Von ihr aus geht alle Begeiſterung, alle Poeſie, denn die Liebe iſt höchſte Begeiſterung, und dieſe iſt die Mutter der Kunſt. Das wußten auch die Alten wohl. Was war es, was die kalte ſchöne Galatea belebte, ihrem Auge Feuer, ihrem Munde Lächeln gab? Die Liebe war's! Vor ihrem Flehen ſchwand ihre Kälte, und was ohne Seele war, belebte ſich,— die Liebe flehete, und bei ſolchem Flehen blieb ſelbſt der Marmor nicht ohne Empfinden. Und wer gab uns des alten Athens Göttergeſtalten? Die Liebe war's, Aspaſia mußte da ſein, um einen Phidias zu be⸗ geiſtern, und keine Leda, keine Venus hätte Klea⸗ nides geſchaffen, wenn nicht die Liebe zur ſchönen Die Künſtlerin. 8* Lais ſeine Hand geleitet. Du wirſt mir einwen⸗ den: das iſt nicht die wahre Liebe, die durch das Anſchauen der äußeren Geſtalt ihre Begei⸗ ſterung nährt und empfängt.— Ich aber ſage Dir, es iſt dennoch wahr. Durch das Auge entſteht zuerſt die Liebe, die äußere Erſcheinung beſticht das Auge und giebt dem Herzen den erſten Eindruck. Doch allerdings, wenn nicht die Seele der Form entſpricht, wenn es nur eine ſchöne Büſte, eine ſchöne Statue, wenn ihr der Götter⸗ funken fehlt, und unſer brünſtiges Flehen keinen Geiſt in die ſchöne Form ruft, dann allerdings bleibt es beim bloßen Wohlgefallen; aber wenn nun eine ſchöne Seele in dieſem ſchönen Körper, wenn unſer Auge eMtzückt iſt, und unſer Herz be⸗ friedigt, wenn der Geiſt, der in die Züge tritt, von dieſen keine Schönheit empfängt, ſondern ſie ihnen giebt, dann iſt die wahre Liebe denkbar.— Man ſaget, auch der Häßlichſte kann ſchön ſein durch den Geiſt, der aus ihm ſpricht, kann geliebt werden.— Wehe, wenn es nicht ſo wäre! Aber begeiſtern kann eine ſolche Liebe nicht,— ſie hat mehr von der Freundſchaft in ſich, wir müſſen erſt durch den Verſtand unſer Herz überführen laſſen, daß in dieſer unſchönen Hülle eine edle Seele, werth geliebt zu ſein, wohne, und, mein Freund, der Verſtand begeiſtert nie! Eine ſolche freunt ſchaftliche Liebe oder beſſer liebende Freun kann uns zu edlen Thaten erheben, nimme zu und dachte an Dich, und dachte, daß Du mein einzig Lebensglück, die Sonne meines Daſeins. Und mir ward das Herz ſo voll und groß, und ich weinte! Aber nicht vor Wehmuth, auch nicht vor Sehnſucht, die Fülle des Gefühls erpreßte mir dieſe Thränen. Es giebt Stunden, die über alles Beſchreiben erhaben ſind, wo wir gleichſam allem Irdiſchen entrückt uns fühlen, wo wir nichts ſind als Seele, einziges, großes Gefühl!— In ſolchen Stunden ſchwindet Raum und Zeit, und alle Formen. Und ſo warſt Du mir nahe, Ge⸗ liebter, und ſo empfand ich Deine Nähe, und gab mich dieſem Zauber hin rückhaltlos. O was habe ich Dir nicht Alles da geſagt von der Un⸗ wandelbarkeit meiner Liebe, ünd wie durch Dich mir erſt das Leben klar geworden, und wie durch Dich ich es nun begreife, warum wir leben, warum wir Menſchen da ſind.“ „In der Stunde verſtand ich auch den großen, erhabenen Geiſt,— die Menſchen gaben ihm einen Namen, und nannten ihn Gottheit— er ſprach zu mir aus ſeiner großen, liebenden Natur, und aus meinem eigenen Herzen. Liebe nur recht, flüſterte es in mir, weihe nur dieſem Gefühle Dein ganzes Daſein, dann haſt Du Deine Be⸗ ſtimmung erfüllt, dann biſt Du groß und anch ut Liebe weht vurch die ganze Natur, lebt in der Blume, in der Pflanze, und alle Welt dreht — 166— ſich um Liebe, dieſe gab ihnen Daſein, und dieſe muß ſie erhalten.“ Liebe, ew'ge Himmelsblüthe, Holde, Zarte, Hocherglüh'te! Schönſter Harmonienklang! Dir, du Gipfel alles Strebens, Dir, du Balſam alles Lebens, Dir ertöne mein Geſang. Schönſte in des Lebens Garten, Ewig möcht' ich deiner warten, Nimmer dir entfremdet ſein! Möcht' in deinem Götterfühlen Ewig lodern, nie erkühlen, Möcht', wie du, unſterblich ſein! Dich, der alle Adern brennen, Nimmer kann ich dich verkennen, Liebe wohnt ja überall: In der Knospe Balſamdüften, In des Weltalls weiten Lüften Fühlt' ich deinen Wiederhall. In der Lerche lieblich Schwirren, In des Täubers zärtlich Girren Wie in Philomelens Lied. In des Bechers murmelnd Rauſchen, In des Wildes liſtig Lauſchen, Das vor dir allein nicht flieht, In der Sterne blinkend Flimmern, In des Mondes ruhig Schimmern, In der Sonne Feuermacht. In des Jünglings kühn Verlangen, In dem Sehnen, in dem Bangen, In der Adern Fieberglut. In der Jungfran ſel'gem Lächeln, In der Wangen Roſenfächeln, * In des Buſens Wogenfluth. Alles athmet deine Lüfte, Alles deine Balſamdüfte, Alles, Alles huldigt dir. Würden Welten noch geboren, Hätteſt du ſie nur erkoren, Und geopfert würde dir. Liebe, hehre gottgeſandte, Traute Freundin, nie Verkannte, Balſamreiche Tröſterin. Mutter aller wahren Frenden, Du des Schmerzes und der Leiden Ewig feſte Dulderin. Führe mich, du Glutenhelle, Führe mich zu deiner Quelle, Labe mich an deiner Bruſt. Gieb mir, Holde, deine Bande, Gieb ſie mir zum Unterpfande, Daß du mich erkoren haſt. Und nun, gute Nacht, Du Holder, Lieber. Schlafe ſanft, träume ſüß und wenn Dir im Traume mein Bild erſcheint, o, möchte es Dir dann ſagen, wie heiß ich Dich liebe!“ „Weißt Du wohl, mein Geliebter, daß ſelbſt dieſe Trennung mir Genuß gewährt? Mir iſt, als gehörteſt Du in der Stille und Einſamkeit mir noch inniger, wie im Gewühle der Welt. Und ob Dich auch mein Arm nicht umſchließt, ob ich Licht in Dein liebes Auge ſehe,— was braucht uch der äußeren Erſcheinung— in meinem Berzen wohnt Dein Bild, und wird es ewig — 168— wohnen. Das Zuſammenſein mit Dir, ſo berau⸗ ſchend in Luſt, ſo reich an Entzücken, läßt mich kaum zu dem Bewußtſein meines ganzen, großen Glückes kommen,— man erkennt erſt alles Schöne, alles Beglückende, wenn man es entbehren muß,— ſo weiß auch ich erſt jetzt, was ich an Dir habe,— jetzt, da ich Dich miſſen muß! Ich lebe in der Vergangenheit und Zukunft, die Gegenwart exiſtirt nicht für mich, und ſo empfinde ich ſie auch nicht. Ich konnte nicht ſchlafen die verfloſfene Nacht. Immer, wenn ich die Augen ſchloß, ſtandeſt Du vor mir, hörte ich Dich zu mir ſprechen,— Lieb⸗ ſter, konnte ich da ſchlafen?— Schnell ſtand ich wieder auf, hüllte mich feſter in mein und öffnete das Fenſter. O wie war es ſo ſchön, ſo bezaubernd in der großen ſchlummernden Natur! Eine heilige Wehmuth, ein tiefer Friede zog durch meine Bruſt,— ich trank mit langen Zügen die linde ſchöne Luft. Der Mond ſtand da, wie das ſtille ruhige Auge einer Gottheit über der beweg⸗ ten Erde, erhaben über allen Schmerz und alles Bangen der Erde, und um ihn eine Zahl von Sternen, groß und klein. Und ich beugte mein Haupt weit zurück, und verſenkte ganz den Blick in dieſe flimmernden, ſtrahlenden Welten,— und je länger ich hinſchauete, deſto mehr Sterne er⸗ glänzten mir, und ſchienen mich freundlich will⸗ kommen zu heißen. Und ſuchend flog mein Auge — —— umher, bis ich ihn fand, meinen Lieblingsſtern, den Sirius, mit ſeinem rothen ſtrahlenden Lichte. Ernſt, wenn Platv Wahrheit geſprochen, und wir auf Sternen ein höheres Daſein beginnen, dann wird gewiß einſt meine Seele zum Sirius ſich aufſchwingen, und dort Wohnung finden,— ich fühle ein unendliches Verlangen nach dieſem Sterne, ihn ſuch' ich immer zuerſt, und freue mich immer wieder ſeines Anblicks! O könnte ich dort einſt wohnen, aber mit Dir! Denn ſelbſt der Himmel könnte mir keine Freuden gewähren, ohne Dich!— Ihr, meine ſchönen Sterne, wie ſchautet ihr ſo freundlich mich an, und ſchient mich zu grüßen, und mir zu lächeln. Ich blickte nach dem Gürtel des Orion, ich ſah den Schwan, die Silberbruſt an die ſich ſanft ſchlängelnde Milchſtraße gelehnt, es ſtrahlte mir der Anker als glänzende Hoffnung, es blickte mich die Venus mit Liebesaugen an, es flog der Adler, des Ruhmes Vogel, mit dem ſtol⸗ zen Etvile am Halſe mir vorüber, es breitete die Taube ihr ſanftes Geflügel aus, es erglänzte mir Berenicens ſilbernes Haar, es glühte und flammte der Regulus, es winkte mir liebend Capella. H ich konnte mich nicht ſatt ſehen an dieſen Myriaden von Welten, von denen wir nichts wiſſen,— kaum etwas ahnen; unvwandt ſchaute ich auf, und begrüßte jeden neuen Stern, der mir auf⸗ tauchte mit freudigem Rufe.— Zuweilen flogen ſtill und heimlich und ſchnell und leuchtend Stern⸗ — 170— ſchnuppen von einem Sterne zum andern, und er⸗ ſchienen mir wie Boten der Liebe. Vielleicht, daß ein paar Seelen, die ſich lieben, dieſe fernen Sterne bewohnen, und ſo ihre Grüße einander ſenden! Da rauſchte es höher in den Bäumen,— es war der Nachtwind, der ſie fächelte, und mein Blick glitt hinab, vom Himmel zu dem dunklen ruhenden Garten, in deſſen Teiche der Mond einen langen Silberſtreifen zog. Alles Leben war erſtorben,— Friede lag über der Erde, und Ruhe und ſeliges Schweigen der Liebe! Und Friede kam auch in meine Bruſt, und leiſe, als wolle ich die ruhende Nacht nicht wecken aus ih⸗ rem Schlummer und ihrem Liebestraume, ſchlich ich mich zu meinem Lager,— und nun entſchlum⸗ merte ich, und ſelbſt im Schlafe umgaukelten mich noch leuchtende Sterne!— Ach, zwei Sterne giebt es, die ſtrahlen mir ſchöner, als alle die andern bort oben, zwei dunkle Sterne mit nie wechſelndem Feuer.— Deine Augen ſind es, Ge⸗ liebter. Ihr meine beiden ſchönen Sterne, meine Planeten, erglänzt mir immer, verhüllt euch nicht vor dem unbedeutendern Weſen. Die Planeten ſtrahlten nicht ſo ſchön, zeigten nicht die kleinern Firſterne uns ihre Größe um ſo hervorſtechender. — Du biſt mein Stern,— ich der Deine, und die Sternſchnuppen, die Boten von Stern zu Stern?—— „ „Heute habe ich den ganzen Tag im Zimmer verbracht, das Regenwetter hielt mich gefangen. Doch war ich nicht einſam, Du warſt bei mir, und meine Kunſt. Vormittags malte ich, und zwar an einem Bilde meiner eigenen Phantaſie. Ich ſage Dir nichts davon, Du ſollſt es erſt vollendet ſehen. Geliebter, es iſt doch etwas Göttliches um die Malerei, man fühlt ſich mit dem Pinſel in der Hand ſelber ſchaffend,— ja ſelber Schöpfer,— darum liebe ich auch faſt mehr die Malerei als die Muſik. Das Reich der Töne iſt unſichtbar, erſchließt ſich nur dem Geweiheten, und mit verklungenem Geſange ver⸗ hallt ſeine Macht, die Schwingungsknoten des Herzens und des Sandes ſtehen ſtill, ſo wie die Töne enden, die ihnen Leben, Bewegung und Form verliehen. Was die bildende Kunſt ſchaffte, ſteht auf der äußeren Welt ſichtbar da, über Menſchenalter hinaus, iſt Jedem zugänglich,— und die wahre Kunſt ſoll allgemein ſein, dem Hohen wie dem Niedern faßbar. Das iſt es auch, was mir den Muth gab, auf den Bretern zu erſcheinen vor der gaffenden, aus den verſchiedenartigſten Stoffen zuſammengewürfelten Menge. Es war mir nicht um Beifall, oder Lohn,— ich that es um die Kunſt, ich fühlte mich berufen, ihr zu dienen, und durfte nicht an⸗ ſtehen, ihr jegliches Opfer zu bringen, jegliches, auch das der mädchenhaften Schüchternheit,— die Kunſt überwand Alles,— ihr gab ich all mein Empfinden. Und mit raſtloſem Eifer ſtrebte ich nun allen meinen Fflichten zu genügen,— ich wollte begeiſtern, nicht für mich,— für meine Gottheit, meine Kunſt,— und der Jubel der Menge, das Beifallsjauchzen, nicht mir galt es,— der Gottheit gehörte es, deren Prieſterin ich bin. Doch nur Jungfrauen war es vergönnt, das hei⸗ lige Feuer im Tempel der Göttin zu nähren, es erloſch, wenn ſie einem ſterblichen Weſen ihre Ge⸗ fühle weiheten, und im Erlöſchen vernichtete es die Abtrünnige. So ſangen die Alten— ich weiß es beſſer,— die Liebe fachte das Feuer höher an, und heller flammte es auf, und be⸗ glückender; was ich gelernt, ſeit ich Dich kenne und liebe, iſt mehr, als was ich ſonſt bis dahin in jahrelangem Streben mühſam errang, und ſo ſchreckt mich nicht der alten Mythe trüber Sinn. — Könnte ich Dir nur das entzückende Gefühl ſchildern, wenn nun die todte Leinwand ſich be⸗ lebt, wenn ein Auge uns anblickt, ein Mund uns lächelt, und wir fühlen, und jauchzen: das iſt mein Werk! Und iſt es nicht etwas Wunderbares um die Malereid Der Pinſel gleitet dahin über die Leinwand, und wenige Linien bilden Leben, trauriges oder freudiges, je nach der Verſchieden⸗ heit des Striches.— Eine Linie aufwärts gezogen am Munde, ein gerundeter Strich an der Naſe giebt Lachen, umgekehrt Weinen. Und ein Auge — 173— blickt uns an, voll Seele, voll menſchlicher Seele, und ſpricht uns von dem Geiſte, der hinter dieſer weißen Bruſt ruhet. Und wo iſt denn dieſer Geiſt? Ein weißes Pünktchen iſt's, das wir dem Auge geben, ohne dieſes iſt es todt und trübe. O welche wunderbare Folgerungen könnte man hier machen auf den Geiſt des Menſchen! Woraus beſteht er? Aus Faſern und Kügelchen des Ge⸗ hirns, und aus dem Gehalt deſſelben an Fett, Eiweißſtoff, Schwefel und Phosphor,— ſagen unſere Doctoren, und ſuchen uns zu beweiſen, daß das geiſtige Leben nur durch die höchſte Entwicke⸗ lung des Gehirns ſeine eigene höchſte Entwickelung erlangen kann. Der Wahnſinnige, ſagen ſie, iſt geiſtig todt, weil Blutreiz oder ſonſtige Einflüſſe die Funktionen des Gehirns alieniren, der Cretin iſt geiſtig todt, weil ſein Gehirn mangelhaft ge⸗ bildet iſt. Alſo wäre der Geiſt eine fleiſchliche Maſſe, und weiter nichts? Aber kann er ewas Eigenes, Selbſtthätiges, für ſich Beſtehendes ſein? Iſt er nicht wirklich ganz abhängig vom Körper, von den phyſiſchen Zuſtänden? Wer wollte wohl in einem Trunkenen noch etwas von dem gött⸗ lichen Geiſte ſehen? Und doch, wenn die Wirkung des Weins verdampft, erlangt der Geiſt ſeine volle Thätigkeit wieder. Wie alſo,— Wein en⸗ det geiſtiges Leben? Oder Jemand erhält durch einen Schlag eine Erſchütterung ſeiner Gehirn⸗ atome— ſo hört die Fähigkeit zu denken auf. 3 Wäre aber der Geiſt etwas Abſtractes, rein Göttliches, ſo dürfte er nie durch körperliche Zu⸗ ſtände getrübt werden.— Durchſchneidet man Jemand die Pulsadern, und läßt ihn verbluten, ſo ſtirbt er, und mit dem rauchenden Blutſtrahle flieht die Seele davon. Liegt ſie im Blute, oder im Gehirne? Was iſt Geiſt, was iſt Seele?“— „Morgen, morgen, mein Ernſt, morgen bin ich wieder bei Dir. Holder, Lieber, Einziger, mor⸗ gen habe ich Dich wieder, höre ich wieder Deine liebe Stimme, ſehe wieder in Dein liebes Auge! Ach, ich kann nichts denken, als morgen!— O Gott, welche Seligkeit gewährt das Leben! Mir iſt oft ſo bange ums Herz,— mir iſt, als müßte ich plötzlich dies Glück miſſen.»Noch Keinen ſah ich fröhlich enden, auf den mit immer vollen Händen, die Götter ihre Gaben ſtreun!«— O nein, Du Geiſt dort oben, Du, der Urquell aller Liebe, Du wirſt mir mein Glück nicht ent⸗ reißen, das Du ſelber mir gegeben. Es kann nicht, kann nicht ſein! Die Erde iſt ja gemacht, um darauf glücklich zu ſein, um zu lieben! Nein, mein Geliebter, ich drücke Dich feſt an mein Herz, nichts ſoll Dich mir entreißen. Das Glück bleibt uns treu, wenn wir nur treu bleiben, und— wir werden es.— Klopft nicht Dein Herz höher bei dem Gedanken an morgen? Ernſt, laſſe mir — den ſüßen Glauben, daß jede Frage meiner Bruſt — — 175— Antwort findet in der Deinen, daß, wenn mein Herz voll Sehnſucht ruft: Ernſt! das Deine ant⸗ wortet: Emilie!— Es iſt wahr, die Liebe iſt voll Egoismus und Härte. Siehſt Du, es würde mich beglücken, zu wiſſen, daß Du voll Sehnſucht, voll ſchmerzlichen Verlangens meiner gedenkſt, daß die Tage Dir langſam und freudelos vergehen ohne mich, — ſollte ich nicht eigentlich wünſchen, daß Du heiter und ſorglos wäreſt ohne die peinigende Sehnſucht?— Ich kann's nicht, mein Geliebter,— zu ſolcher Höhe ſchwingt ſich meine Liebe nicht auf! Weißt Du, Ernſt, daß ich ganz übernommen bin von dem Gedanken, morgen, wirklich morgen Dich wieder zu ſehen?— Ich kann nicht mehr ſchreiben, die Luſt, die Freude läßt mir keine Ruhe, ich eile hinaus in den Garten, beſuche noch einmal alle Plätze, wo ich mit Dir einſt war,— warte, laß mich nachrechnen,— wie lange iſt es her, ſeit wir hier waren? Im fünften Monate! Die ſchöne, liebe Zeit, wie ſchnell iſt ſie verronnen! Was be⸗ ginne ich nun mit dieſen Blättern? Verbrennen?— o nein,— ich bringe ſie Dir mit, und Du lieſeſt ſie und ſiehſt daraus, wie ich ſtets Dein gedacht,— doch, nicht wahr, das weißt Du ohnedies?“ Zwölftes Capitel. Auf ihrem Grabe da ſteht eine Linde, Drin pfeifen die Vögel und Abendwinde. Und drunter ſitzt auf dem grünen Platz Der Müllerknecht mit ſeinem Schatz.— Die Winde die wehen ſo lind und ſo ſchaurig, Die Vögel die ſingen ſo ſüß und ſo traurig, Die ſchwatzenden Buhlen, die werden ſtumm, Sie weinen, und wiſſen ſelbſt nicht warum. Heine. Graf Haltern war ſchon einen Tag vor der feſtgeſetzten Zeit zurückgekehrt,— er wußte ſelbſt nicht den Grund ſolcher Eile, mindeſtens ſcheute er ſich darüber nachzudenken. Auch vermied er es, ernſthaft über ſein Verhältniß zu Emilien zu ſin⸗ nen.„Die Sachen mögen eben gehen wie ſie wollen,“ ſagte er zu ſich ſelber.„Emilie wird vielleicht die Abnahme meiner Liebe bald wahr⸗ nehmen und ſich ſelbſt zurückziehen. Doch nein, rief ſein Stolz, das darf nicht ſein! Verſchmäht darf ein Graf Haltern nicht werden oder verlaſſen. Von mir muß die Trennung ausgehen.— Viel⸗ leicht, lockte ſeine Eitelkeit, vielleicht läßt ſie es ſich gefallen, Deine Geliebte zu ſein, und bleibt Dir, trotz der hochgräflichen Gemahlin.— Ha, welch ein Triumph,— eine ſchöne Gemahlin, eine ſchöne, berühmte Geliebte!— Ich muß es er⸗ reichen,“ rief er laut, und ſchritt heftig im Zim⸗ mer auf und ab.„Ich muß meine Macht verſuchen; wenn Emilie mich wirklich liebt, wird ſie mir bleiben. Und ſie ſoll mich lieben/ ſo lieben, daß ſie auch dies Opfer mir bringt!“— Seine Bruſt hob ſich höher, ſein Auge leuchtete ſtolzer und ein leichtes, ſiegreiches Lächeln zuckte um ſeine Lippen. —„O,“ flüſterte er,„wenn ich ſie bitte, wenn ich zu ihr flehe, da widerſteht ſie mir nicht! Sie iſt ſo weich, ſo nachgebend in ihrer Liebe!“ Rührte ihn dieſer Gedanke nicht? Regte es ſich nicht wie Mitleid in ſeinem Herzen? War denn keine Stimme, die ihn warnte, nicht ſo das edle, große Herz mit kalter Ruhe zu brechen?— Ach, Eitelkeit und Stolz übertäubten jedes andere Gefühl! „Ich will zu ihr gehen,“ ſagte er dann und machte ſchnell Toilette.„Ich will liebenswür⸗ dig, bezaubernd ſein, ſie ſoll mich lieben! Und morgen kommt Emilie, und hat ſie mich bis jetzt geliebt, da ſoll ſie mich nun anbeten,— dann wird * mir nichts abſchlagen.— Und nun fort zur Gräfin!“ Schon griff er nach ſeinem Hute, da rollte Die Künſtlerin. 12 — 178— unten ein Wagen, hielt vor der Thür.— Ernſt trat ans Fenſter. „Es iſt Emilie,“ ſagte er ärgerlich, und doch klopfte ſein Herz lauter und freudiger, und doch konnte er nicht ſein Verlangen beherrſchen,— es zog ihn hin zu ihr. Er ſtürzte hinaus.— Sveben trat ſie in die Hausthür. „Ernſt,“ rief ſie,— und er hatte die Arme geöffnet, und ſie ruhte an ſeinem Herzen, ſelig, ſtumm, und immer feſter drückte er ſie an ſeine 3 Bruſt, und immer heißer preßte er ſeinen Mund auf ihre Lippen. Alles, Alles war vergeſſen, und noch einmal umarmten ſich über ihnen die Geiſter der Liebe.— Er zog ſie in ſein Zimmer und zu ſich nieder auf den Divan. Sie ſprachen nicht,— ſie fragte nicht einmal, warum auch er ſchon hier. Sie wußte nur, ſie hatte ihn wieder, er war wie⸗ der neben ihr,— wozu auch fragen. Sie legte ihre Hand auf ſein Herz und fragte: 5 „Schlug es für mich?“ „Weißt Du es nicht?“ ſagte er ſgelud. „O wohl, mein Ernſt!“ Und ſie neigte ſich an ſeine Bruſt, und blickte lächelnd zu ihm auf. „Emilie!“ rief er. „Still,“ ſagte ſie, und drückte leicht ihre Hand auf ſeinen Mund.„Still, ſprich nicht! Ich muß Dein Geſicht ſehen, ob noch jeder Zug unverän⸗ dert.— Ja, die Stirn, ſie iſt noch frei und hoch und klar, wie ſonſt. Das Auge,— es leuchtet noch und blickt mich zärtlich an, wie ſonſt, und— ſiehſt Du, mein Bild iſt darin. Die Naſe, ſagte ſie, und fuhr ſchäkernd mit dem Finger über die⸗ ſelbe hin, ach dieſe ſchöne Naſe. Und der Mund,— er iſt noch ſo heiß, ſo glühend, wie ſonſt.— Ja, Du biſt es, Du ſo wie Du warſt. Und nun ſprich,— daß ich Deine Stimme höre!“ — Ernſt lächelte und ſchwieg. „Du willſt nicht?“ fragte ſie.„Hat Dich meine Berührung verzaubert? Warte nur, ich werde Dich erlöſen.“— Und ihn unmſchlingend, preßte ſie ihn feſt an ihr Herz. „Theure, Einzige,“ ſtammelte er unter Küſſen, „Dich lieb' ich, Dich allein!“ Und er ſprach Wahrheit in dieſem Augenblicke, — er liebte ſie wirklich! Ach, warum mußte die Welt, warum mußte Eitelkeit und Stolz ihn Dir wie⸗ der entreißen, Emilie! O hätteſt Du fliehen können, fliehen, weit fort von der Welt, hätteſt Du Dich mit ihm verbergen können in die Einſamkeit und Stille Deines freundlichen Waldthales,— viel⸗ leicht, vielleicht wäre er Dir dann geblieben! „Und nun ſage mir, Geliebter, wie kommt es, daß ich Dich ſchon hier finde?“ fragte ſie. „Die gleiche Frage gebe ich zurück.“ „Du haſt recht, mein Ernſt. Es hielt mich nicht länger in Waldthal. Schnell war mein Ent⸗ ſchluß geſaßt,— ich eilte Fück. Es ſchien mir, 125 als ſei ich Dir näher hier, mein Ernſt, und ich 180— dachte es mir ſchön, Dir morgen bewillkommnend entgegenzutreten. Da haſt Du meine Gründe. Und Du?“ „Könnte mich etwas Anderes hergezogen ha⸗ ben?“ fragte er. „O mein Geliebter,“ jubelte ſie,„kann wohl ein größerer Einklang der Seelen gedacht werden. Selbſt unſere Gedanken ſind Eins, wie unſere Seelen es ſind!“ Und wieder umfaßten ſie ſich innig und feſt. Sie bemerkten es nicht, wie ſich die Thür leiſe öffnete und Graf Carl haſtig eintrat. Sein lautes Lachen ſchreckte ſie auf. „Delicieuse, mein Freund,“ rief Carl und machte Emilien eine halb ſpöttiſche Verbeugung. „Du biſt unverbeſſerlich, immer ein zärtlicher Adonis. Ich ging vorüber und hörte von Deinem Diener, daß Du ſchon zurückgekehrt, da wollte ich Dich fragen, ob Du mich nicht zur Gräfin Koller begleiten willſt, ſie hat Soirée heute Abend.“ Ernſt war aufgeſtanden und hatte ſich ärger⸗ lich abgewandt. Es verdroß ihn, daß Carl ihn als zärtlichen Liebhaber überraſchte, ja er ſchämte ſich faſt vor dem ſpöttelnden Freunde. Emilie aber konnte den Anblick des Mörders ihrer Freundin, der ſo heiter und ſorglos daſtand, nicht ertragen. Ich gehe hinauf,“ wandte ſie ſich an Ernſt, „Du kommſt wohl ſpäter zu mir.“ Ernſt murmelte einige Worte, die ſie nicht ver⸗ ſtand, und Emilie ging. „Aber ſage mir, Menſch, wie kannſt Du noch immer ſo thöricht ſein?“ fragte Carl lachend. „Ich bin Niemand Rechenſchaft ſchuldig über mein Betragen,“ entgegnete Ernſt kalt. „Allerdings, mon ami. Aber wenn Du die Gräfin heimführen willſt, mußt Du ein ſo an⸗ ſtößiges Verhältniß aufgeben.“ „Anſtößig?“ ſagte Ernſt mit kurzem Lachen. „Die Welt nennt es ſo, lieber Ernſt. Wäre ſie nur Deine Geliebte, ah ca, da würde man es dulden. Aber daß ſie in Deinem Hötel wohnt, ganz öffentlich, als hätte ſie nichts zu ſcheuen,— das verdrießt die Welt.— So lange die Sünde ſich verhüllt, findet ſie Entſchuldigung, man rech⸗ net es ihr an als Scham,— tritt ſie ans Tages⸗ licht, verdammt man ſie.“ „Du biſt Philoſoph geworden,“ ſpottete Ernſt. —„Hörſt Du Collegia bei der reichen Fürſtin?“ „Ja und bei der Freundſchaft, Ernſt. Glaube mir, es wäre beſſer, Du brächeſt ſchnell mit Emilien.“ „Du wirſt mir ſchon überlaſſen müſſen, ſelber mein Beſtes zu bedenken,“ ſagte Ernſt kurz. „Begleiteſt Du mich zur Gräfin?“ fragte Carl verdrießlich und fügte ſchnell hinzu:„aber nein, verzeihe die alberne Fragr, wie könteſt Du heute es wagen,— Enmilie würde zürnen.“ — 182— Ernſt's Geſicht überflog eine dunkle Glut. „Wagen? Wie ich es wagen könnte?“ fragte er zürnend. Carl ſah ſpöttiſch lächelnd ihn an und reizte dadurch den Stolzen nur noch mehr. „Du wirſt ſehen, ob ich es wagen kann,“ ſagte er.„Warte einen Augenblick, ich kehre ſo⸗ gleich zurück, um mit Dir zu gehen.“ Schnell eeilte er fort zu Emilien. Sie ſaß ernſt und ſinnend in ihrem Cabinete, — bei ſeinem Anblicke ſchreckte ſie empor.— „Du da?“ fragte ſie zärtlich. „Ich muß Dir für heute Lebewohl ſagen, Emilie; Geſchäfte rufen mich fort.“ „Verreiſen willſt Du?“ fragte ſie erſchreckt. „Nicht doch, Emilie, ich muß,— doch nein, ich will Dir die Wahrheit ſagen. Ich gehe auf den Ball zur Gräfin Koller.“ „Dn?“ fragte ſie ungläubig lächelnd.„O geh, Du wrillſt mich necken.“ „Nein, nein, ich muß. Die Ehre fordert es.“ „Die Ehre?“ fragte ſie. „Carl meinte,“ fuhr Ernſt fort,„ich würde es nicht wagen, ihn zu begleiten, Du würdeſt zürnen.“ „Und Deines Freundes Meinung gilt Dir mehr, als das Beiſammenſein mit mir nach langer Trennung?“ fragte ſie erbleichend. „Sprich nicht ſo,“ ſagte er faſt verdrießlich, küßte leicht ihre Stirn und eilte wieder fort. 8 m Emilie ſank wie vernichtet zuſammen.„Iſt es möglich?“ hauchte ſie leiſe,„das war mein Ernſt,— iſt er wirklich fort?“ Stumm faltete ſie die Hände, ihr Auge ſtarrte zur Erde und Leichenbläſſe überzog ihr Geſicht. Gleich dem vom Blick des Baſilisken getroffenen Vögelchen, das feſtgebannt iſt an dieſen furchtbaren Blick, und nun mit gelähmten Flügeln, wie be⸗ zaubert, das Verderben vor ſich ſehend, ohne Willen ihm zu entrinnen, bebend, nicht mehr wei⸗ chen kann, ſo ſaß ſie da, ohne Bewegung, wie ein bleiches, todtes Marmorbild. Dann löſte ſich der Krampf, langſam rollten einige Thränen über ihr Geſicht, floſſen dann ra⸗ ſcher und raſcher, und nun brach ſie in lautes Weinen aus. Aber mit der Gewalt des Schmer⸗ zes ſchien auch ihr Unmuth zu ſchwinden. „Warum weine ich?“ fragte ſie ſich ſelber. „Verdient mein Ernſt ein ſolches Mißtrauen? Liebt er mich nicht? Hatte er nicht recht?— Ja gewiß, gewiß, er mußte ſo handeln, ſeine Ehre fordert es. Man ſoll nicht glauben, daß ich ihn beherrſche.— Er hak recht,“ ſagte ſie dann ganz freudig, und ich danke es ihm, daß er nicht ſchwach war, ſeiner Liebe nachzugeben, wo es ſeine Ehre galt.“ So entſchuldigte ihr edles, vertrauensvolles Herz den, den ſie liebte. Als Ernſt nach einigen Stunden zurückkehrte, — 184— als er ſie mit verdoppelter Zärtlichkeit an ſein Herz drückte, gleichſam als wolle er durch leiden⸗ ſchaftliche Liebkoſungen den gemachten Schmerz ihr vergüten,— da dachte ſie nicht mehr der vergan⸗ genen trüben Stunden, und innig an ihn ge⸗ ſchmiegt, ſprach ſie zu ihm von ihrem Glück und ihrer Liebe. Ach, und dennoch war dies Glück ihr für im⸗ mer entflohen. Ernſt war nicht immer mehr hei⸗ ter und liebevoll, ſein Gewiſſen war es, was ihn marterte. Sein Herz war von Natur edel, und wenn er ſie, die er vernichten wollte, ſo ſtrahlend von Glück vor ſich ſah, wenn er ſich ſagen mußte, daß ihre große Seele auch nicht eines Funkens von Argwohn fähig wäre, dann fühlte er alle Qualen der Reue und des Mitleids, und in dem Beſtreben dieſe zu unterdrücken, zu betäuben, ſtürzte er ſich immer tiefer in Schuld und Vergehen. Und wie ein finſterer Dämon ſtand Carl ihm zur Seite, durch ſeinen Hohn, ſeinen Spott ihn immer mehr von Emilien vertreibend, durch die Erzählung von Cäcilits glühender Leidenſchaft für Haltern ſeiner Eitelkeit ſchmeichelnd und ihn ſtachelnd zum Siege über ſie. In dieſem Zwieſpalte ſeiner Seele verlor ſich ſeine Heiterkeit,— er war oft neben Emilien ſtill, oft finſter und mürriſch. Umſonſt ſuchte ſie durch Zärtlichkeiten ihn zu echeitern, durch Witz und Scherz die Falten ſeiner † Stirn zu verſcheuchen,— es wollte ihr nicht im⸗ mer gelingen,— ſo ward auch ſie trübe und ſtill, und weinte oft in der Einſamkeit bittere Schmer⸗ zensthränen. Doch hütete ſie ſich wohl, ihn dieſe ſehen zu laſſen.„Ich mag Dich nicht weinen ſehen,“ hatte er einſt geſagt, und ſo hatte ſie für ihn ſtets ein freundliches Lächeln und heitere Worte. Er aber dachte: ſie ſieht meinen Unmuth und meine finſtere Stirn, und dennoch kann ſie heiter ſein und lachen und ſcherzen. So täuſche ich mich wohl, und ihre Liebe mag nicht ſo gar tief ſein.— So entfernte er ſich immer mehr,— denn wenn die Liebe nicht mehr dieſelbe iſt, mißverſteht man ſich ſo leicht! So verging die Zeit; ſchon ſprach man öffent⸗ lich von des reichen Grafen Bewerbung um die ſchöne Gräfin Cäcilie Koller, und man erzählte ſich ſogar, Haltern habe ihr ſeine Hand angetra⸗ gen, ſie aber habe entgegnet:„nur wenn die Schauſpielerin Ihr Haus verläßt und Sie auf immer ſich losſagen von ihr, nur dann gehört Ihnen meine Hand.“ Wird er es thun, wird er es nicht thun?— dieſe große Frage beſchäftigte die Damen und Herren in den Salons, und durch⸗ lief bald auch die Reihen der ehrſamen Bürgersleute. Emilie ahnte von dem Allen nichts. Sie liebte ihren Ernſt noch immer mit derſel⸗ ben Liebe, ſie ahnte nicht einmal, daß ſie die Ur⸗ — 186— ſache ſeines Unmuthes,— ſie vertrauete, denn— ach, ſie liebte. Ernſt fühlte ſich verlegen und bedrückt neben ihr, und ſuchte durch verdoppelte Liebkofungen es ihr zu verbergen, er war zärtlich und liebevoll,— wie ſollte ſie ihm nicht glauben! Es war nur noch wenige Tage vor der feſt⸗ geſetzten Abreiſe,— ſchon war Alles zu derſelben bereitet, die nöthigen Vorkehrungen getroffen. Emilie hatte ſich in ihr Boudvir zurückgezogen und ſtu⸗ dirte an der Rolle der Julia. Sie wollte mit ihrer Lieblingsrolle ſcheiden und ſie ſo vollkommen als möglich ausführen,„denn,“ ſagte ſie lächelnd zu Ernſt,„ſie ſollen mich nicht ohne Bedauern ſcheiden ſehen.“ Unmuthig ging Ernſt in ſeinem Zimmer auf und ab,— er kam ſoeben von der Gräfin, nie war ſie ihm ſo ſchön, ſo liebenswürdig erſchienen, wie eben heute. Er hatte ſie um einen Kuß, um die endliche Zuſage ihrer Hand gebeten.„Sagen Sie mir,“ hatte ſie ernſt ihm erwidert,„daß die Minden nicht mehr bei Ihnen, und heute noch bin ich mit meinem Leben die Ihre.“ „Sie geht fort von hier in wenigen Tagen,“ hatte er erwidert. Sie aber hatte ſtolz ihr Haupt erhoben, mit glühenden Angen ihn angeſehen und dann ge⸗ ſagt:„alsdann hätte der Zufall, nicht Ihr Wille Sie von ihr getrennt, und wer bürgt mir dafür, — 8 daß Sie nicht bald, meiner überdrüſſig, der Schau⸗ ſpielerin nacheilen würden? Nein, Sie müſſen öffentlich und entſchieden mit ihr brechen, von Ih⸗ nen muß der Bruch ausgehen, Sie müſſen ihr zeigen, daß Sie ſie verſchmähen,— nur dann bin ich die Ihre. Aber mit einer Schauſpiele mag ich den Platz in Ihrem Herzen nicht theilen Hören Sie mein letztes Wort. Bringen Sie mir morgen die Gewißheit, daß die Minden von Ihnen ſelbſt Ihre Bewerbung um meine Hand erfahren hat, und augenblicklich bin ich bereit, mit Ihnen vor den Altar zu treten,— bleibt es bis mor⸗ gen, ſo wie es iſt, ſo werde ich nimmer die Ihre.“ Und mit einer ſtolzen Verbeugung hatte ſie ſich entfernt. Gerade dieſer Stolz hatte ihr inniger noch ſein Herz gewonnen,— denn ſie glich ihm ſelber da⸗ rin.„Ein ſo ſtolzes Weib wird eine treue Gattin ſein,“ ſagte er, und ahnte nicht, daß die liſtige Dame ihn längſt durchſchaut, und daß ſie wohl erkannt, wie ſehr ihn ein ſolches Benehmen an ſie feſſeln mußte. Unmuthig und geplagt von Vorwürfen und unbeſtimmten Plänen ging er auf und ab. „Eine öffentliche Erklärung verlangt ſie,“ ſagte er;„wie ſoll ich die ihr geben?— Wenn doch jetzt Carl käme, wenn er mir rathen könnte!“ Da trat, als hätte er des Freundes Verlangen errathen, Carl zu ihm ein. „Gut, daß Du da biſt,“ rief Ernſt ihm freu⸗ dig entgegen, und erzählte ihm ſchnell das Geſpräch mit der Gräfin. k „Und was willſt Du thun?“ fragte Carl. „Ich weiß es nicht,“ ſagte Ernſt unmuthig. „Willſt Du Emilien begleiten?“ „Dumme Frage.“ „Alſo willſt Du bleiben und Emilien ver⸗ laſſen?“ Ernſt erbleichte und ſeufzte ſchwer. „Ach, wenn die ſtolze Gräfin Dich eben ge⸗ ſehen.— Höre Freund, ſo geht das nicht. Du mußt Dich ernſt entſcheiden und dann handeln wie ein Mann.“ „Ich bin entſchieden,“ ſagte Ernſt feſt. „Zu bleiben?“ Ernſt nickte ſtumm. „So ſag' es Emilien.“ „Ich vermag es nicht,“ ſagte Ernſt heftig. „Carl, wenn ſie mit ihren klaren Angen mich ſo zärtlich, ſo vertrauensvoll anſieht, ſich ſo zärtlich an mein Herz ſchmiegt, dann fühle ich mich un⸗ fähig ſie zu tödten, zu vernichten.“ „Du biſt ein Thor,“ lachte Jener.„Sl ich es ihr ſagen?— Oder,— ja das geht.— Oeffentliche Erklärung verlangt die Koller?“ „Ja,“ ſagte Ernſt dumpf. „Nun höre gen Plan.“ Und mit beredten Worten begann elben ihm auszumalen. Anfangs ſträubte ſich Ernſt.„Sie wird topt niederfallen,“ meinte er. „Oho,“ lachte Carl,„die Weiber ſchwören alle Tage, daß ſie ſterben werden, und weinen und lachen immer luſtig weiter.“ „Nun, ſo mag es ſein,“ ſagte endlich Ernſt. „Beſorge das Nöthige. Zch gehe zur Gräfin.“ So ſchieden ſie. Nach einer Stunde kehrte Ernſt zurück, heiter und zufrieden, wie es ſchien. Er ging nachden⸗ kend in ſeinem Zimmer auf und ab, dann ath⸗ mete er ſchwer auf und ſagte:„es iſt mir, als ob eine ſchwere Laſt von meiner Seele gefallen. Ich bin ganz ruhig, nun Alles entſchieden iſt. Sie wird ſich tröſten.— Und da ich ſie morgen nun auf immer verlaſſen muß, ſo will ich den heutigen Abend noch einmal mit ihr verleben,— ſie ſoll noch einmal glücklich ſein!— Hch will ſie verlaſſen, ſie aber ſoll mich lieben!“ Und er ſaß neben ihr auf dem Divan, und er hatte einen Arm um ihre Geſtalt gelegt, zärt⸗ lich tändelnd ſpielte die andere Hand in ihren dunkelen Locken und er flüſterte zärtliche Liebes⸗ worte in ihr Ohr.— Die Lampe warf ein mat⸗ tes Dämmerlicht ins Gemach,— um ſie her war es ſo ſtill, ſie waren ſo allein, ſo einſam, ſie waren ſo ſtumm, ſie preßten ſo heiß Lippe an Lippe, ſie hefteten ſo tief Blick an Blick,— ach ſie waren ſo glücklich.* Gerfaßte ſein In⸗ — neres wie ein Wahnſinn, wie eine Raſerei, es tobte in ihm wie verzehrende, vernichtende, mör⸗ deriſche Glut,— es war die Verzweiflung, die Reue, die Qual innerer Vorwürfe. Ich möchte ſie morden, dachte er, und legte wie prüfend ſeine Finger um ihren Hals.— Sie ſah von ſeiner Bruſt zu ihm auf und lächelte, und ſeine Finger löſten ſich wieder— ach, ſie war ſo vertrauens⸗ voll!— Ich könnte jetzt ihr Alles ſagen, dachte er wieder, ich könnte ſie todt zu meinen Füßen liegen ſehen, ich könnte die Bruſt ihr öffnen und ſehen, ob ihr Herz noch ſchlägt. O, in dieſem Momente könnte ich Alles wagen, und doch lieb' ich ſie bis zur Raſerei. Wohlan, ſo will ich ſchweigen, nur dieſen Abend noch ihr Geliebter ſein. Laut ſagte er nun, und ſeine Stimme war gepreßt von innerer Bewegung: „Sprich zu mir, meine Geliebte,— ich liebe Deine Stimme, jeder Ton derſelben bebt durch meine Seele.“ „Soll ich Dir ſagen, daß ich Dich liebe?“ Er lächelte, aber ein Krampf packte ſeine Bruſt und er antwortete nichts. „Geliebter,“ flüſterte ſie,„ich gedachte eben jenes Abends, des erſten Abends, den ich hier mit Dir verlebte. Wir ſaßen auch ſo nebeneinan⸗ der beim matten Lampenlichte. Mein Ernſt, Monde ſind ſeitdem vorübergezogen, der Frühling, der Sommer mit ſeinen Blüthen iſt entſchwunden, der Spätherbſt treibt die Blätter von den Bäumen,— in uns aber iſt es Frühling geblieben, keine Blume unſeres Herzens iſt gebrochen.— Wäre es mög⸗ lich, könnte man noch inniger lieben, wie ich Dich damals ſchon liebte, ſo möchte ich ſagen, es iſt ſo. Mehr noch, inniger noch gehört Dir meine Seele, iſt eins mit der Deinen. Fühlſt Du nicht auch ſo?“ „Ich fühle auch ſo,“ ſagte er mechaniſch ihr nach, und wußte kaum, was ſie geſagt. ₰ „O mein Ernſt,“ ſagte ſie dann wieder mit den ſüßeſten Liebestönen,„könnte ich Dir nur ein⸗ mal, einmal ſagen wie glücklich ich bin, durch Dich es bin. So ſelig, daß ich oft fürchte, es muß enden, dies Glück.— Schilt mich, ſage mir, daß ich eine Thörin bin.— Du liebſt mich ja, und wirſt mich immer lieben!“ Ernſt lachte kurz und trocken:„ich werde Dich immer lieben,“ ſagte er, und ſeine Stimme war hart und rauh. „Weißt Du,“ ſagte ſie, und zog zärtlich ſeine Hand an ihre Lippen,„weißt Du, daß ich Dich auch lieben würde, ſelbſt wenn Du mich vernich⸗ teteſt? O ich fühle es, ich würde Dir Alles, Alles vergeben, ich würde zufrieden ſein, wenn ich nur zu Deinen Füßen ſterben könnte. Ster⸗ ben, durch Dich,— ach, es muß ſo ſüß ſein für Dich zu leiden!“ Ernſt wollte ſprechen, er vermochte es nicht, — 192— es preßte ſeine Bruſt,— ſein Herz ſtand ſtill, ſein Geſicht erblaßte, und krampfhaft ſchloſſen ſich ſeine Hände. Er ſah mit brennenden Augen auf die herab, die voll inniger Liebe das Geſicht an ſeinem Buſen barg und die Zerſtörung ſeiner Züge nicht gewahrte. Dann lächelte er, aber es war ein grauſames Lächeln. Es ſagte,—„ich will Dich opfern, ich will Dich tödten, ich will es, denn ich liebe Dich nicht mehr,— einer Andern gehört mein Herz.“ Dreizehntes Capitel. Ich beſaß es doch einmal, Was ſo köſtlich iſt, Daß man doch zu ſeiner Qual Nimmer es vergißt! Goethe. Andern Tages um die Mittagsſtunde war Emilie im Salon, umringt von vielen Herren, die Alle gekommen waren, von der ſchönen und gefeier⸗ ten Künſtlerin Abſchied zu nehmen. Sie empfing ſie Alle mit freundlicher Anmuth, wußte Jedem etwas Angenehmes zu ſagen. Auch der Baron S. und Wilhelm von... waren zu⸗ gegen und ſchienen etwas zu erwarten, denn ſie blickten oft nach der Thür, dann nach der Uhr und flüſterten miteinander.„Weißt Du denn, was Carl eigentlich bezweckte?“ „Nein,“ ſagte der Baron,„er bat mich nur, um dieſe Stunde hier zu ſein und alle Bekannte zu veranlaſſen, auch hier zu erſcheinen. Er wolle uns einen himmliſchen Spaß bereiten.“ Die Künſtlerin. 13 — 194— „Aha, da kommt er,“ unterbrach ihn der An⸗ dere,„und Haltern mit ihm.“ Emilie erhob ſich raſch vom Divan und eilte dem Geliebten entgegen.—„Wo warſt Du ſo lange?“ fragte ſie zärtlich,— dann aber erſchrak ſie, denn ſie gewahrte die Todesbläſſe ſeines Ge⸗ ſichtes.—„Biſt Du krank?“ fragte ſie in der höchſten Angſt. Er ſchüttelte mit dem Kopf und blieb ſtumm, — dann war eine augenblickliche Pauſe, Alles trat näher und ahnte, daß hier eine wunderbare, ſeltſame Scene folgen mußte. „Erlauben Sie,“ ſagte da plötzlich Carl, und trat einen Schritt näher auf Emilien zu,„erlau⸗ ben Sie, daß ich Ihnen meine Ehrfurcht bezeige, Schönſte der Schönen. Ueber den bleichen Freund haben Sie mich vergeſſen.“ „Wirklich, ich ſah Sie nicht,“ ſagte ſie, und verwandte kein Auge von Haltern's bleichem Ge⸗ ſichte, der ſie nicht zu ſehen ſchien. Und doch, mein Fräulein, bringe ich Ihnen eine Neuigkeit, und auch Ihnen, meine Se „Eine Neuigkeit?“ fragten Alle, und drängten ſich näher heran. Emilie hatte Ernſts kraftlos herabhängende Hand ergriffen und wollte ſie an ihre Lippen ziehen. „Laß das,“ ſagte er rauh. Verwundert ſah ſie ihn an. „Hören Sie meine Neuigkeit, Schönſte, Graf Ernſt von Haltern hat ſich ſoeben verlobt mit der Gräfin von Koller.“ Emilie lächelte verächtlich:„Sie ſind in hei⸗ terer Stimmung, mein Herr,— der Huwor ſteht Ihnen wohl.“ „Ich ſcherze nicht,“ entgegnete er feſt,—„darf ich Ihnen dieſe Karte anbieten?“ Sie nahm ſie, blickte darauf hin, dann fih gend n une auf Ernſt. Dieſer ſchlug das Auge nieder. Alles war ſtumm— Alle fühlten die furcht⸗ bare Größe dieſes Moments,— nur St lächelte. 8 Emiliens Hand ſank herab, die Karte fiel zur Erde, und ſo ſtill war Alles umher, daß das Fallen derſelben faſt ſchaurig laut klang, und Emilie davor erſchrak. Sie trat hoch und ſtolz auf Ernſt zu, ſie legte ihre Hand auf ſeine Schulter und blickte forſchend, aber ruhig ihm ins Auge.„Iſt es wahr?“ fragte ſie laut. „Es iſt wahr,“ ſagte er, und ſeine Stimme bebte. Sie ſchrie nicht auf, ſie weinte nicht, aber ihr Geſicht ward bleich wie Marmor und S Sa Geſtalt erbebte. Sie taumelte zurück,— ihr Auge ſ um⸗ her,— es traf auf Carl. 13* — 196— „O,“ ſagte ſie zornig und faßte krampfhaft ſeine Hand,„Sie haben ihn mir entriſſen.“ Schönſte, Sie ſchwärmen,“ ſagte er und lachte höhniſch,„nein, er ſelbſt entriß ſich Ihnen.“ „Er jelbſt?“ fragte ſie tonlos. Und ſie ſtürzte zu ihm hin und ſie ſank vor ihm nieder, und mit herzzerreißender Stimme„ t⸗ ſie:„O ſag', daß es nur ein Spiel war! Du wollteſt nur ſehen, ob ich Dich liebe, wollteſt das an meinem Erſchrecken ſehen. Ach, Ernſt, es war ein böſes, ein grauſames Spiel, aber ich will nicht murren! O Ernſt, nicht wahr, es kann nicht ſein?“ Es lag etwas Herzzerreißendes in dieſem unerſchütterlichen Vertrauen, in dieſem Lächeln! Manches Auge wandte ſich ab, und manches, noch ſo ſehr in Weltluſt befangene Herz tadelte bitter des Grafen Härte, der jetzt mit ruhiger Stimme ſagte: „Nein, Emilie, glaube mir, es iſt wahr. Sieh doch die Karte an, die ſagt Dir Alles.“ „Alſo wahr,“ murmelte ſie und hob mechaniſch die Karte vom Fußboden auf und überflog ſie— dann ſchien ſie Alles begriffen zu haben,— ſie hob ihr Haupt, es war ernſt und ſtolz, ſie rich⸗ tete ihre Geſtalt auf und ſtand da wie eine zür⸗. nende Königin. „Es iſt gut ſo,“ ſagte ſie, und ſelbſt ihre Stimme zitterte nicht,—„es iſt gut ſo.— Du biſt frei, Ernſt, völlig frei.“ † die Oeffentlichkeit paßte. Aber man hat gedacht,“ 197— Dann ging ſie ſchweigend einigemal auf und ab, es ſchien, als wolle ſie mit Gewalt ihre Ge⸗ fühle beherrſchen. Auch gelang es ihr; die dunkle Glut ihrer Wangen verlor ſich und ihr Athem ging wieder ruhig, und als ſie nun ſprach, war ihre Stimme klar und feſt. „Lebe wohl, Ernſt,“ ſagte ſie und trat ihm näher,„lebe wohl, und mögeſt Du nie mit Reue dieſer Stunde gedenken.— Ich beklage Dich,— Du haſt Dich ſelber verloren, nicht ich Dich. Denn ſiehſt Du, der Ernſt, den ich liebte, das biſt Du nie geweſen,— das weiß ich nun.— Der, den ich liebe, den werde ich immer lieben, ich ſchwur es ihm geſtern, meinem Geliebten.— Dieſer Ernſt hier, das iſt nur Ihr Freund,“ wandte ſie ſich zu Carl, der ohne Scheu ihrem Blicke begegnete.„O, um Alles möchte ich nicht an Ihrer Stelle ſein, Herr Graf, denn— ich ſage Ihnen, Sie ſind ein Ungeheuer.“ „Vielleicht ein bezaubertes?“ fragte Carl— „verſuchen Sie, mich zu erlöſen.“ Sie ſah ihn verächtlich an,— dann gleitete ihr Blick zu den Herren, die Alle vor dieſem Blicke das Auge ſenkten, als wollten ſie es ihr erſparen, in ihrem Auge ihr Mitgefühl zu leſen. „Meine Herren,“ ſagte ſie mit der Würde und Hoheit einer Fürſtin,„man hat Sie hier zu Zengen einer Scene gemacht, die wohl nicht für lachte ſie bitter,„daß eine Schauſpielerin es ge⸗ wohnt ſei, vor der Menge zu weinen und zu kla⸗ gen, daß ihr Schmerz immer nur Bühnenſpiel.— Gehen Sie denn, meine Herren,“ fuhr ſie fort und richtete ſtolzer ſich auf,„gehen Sie denn und verkünden Sie das Wunder, daß Sie auch außer der Bühne eine Schauſpielerin weinen ſahen, heiße Thränen, und daß ſie ſo natürlich klagte und jammerte, wie jedes andere menſchliche Weſen.— Und nun dächte ich, wäre dieſe Scene lang genug, und man wird mir erlauben, mich zurückzuzie⸗ hen.— Noch einen Blick warf ſie auf Ernſt,— einen Blick, vor dem er erbebte; ſie bemerkte es und lächelte bitter, dann ging ſie hohen, feſten Schrittes zur Thür, verneigte ſich noch einmal und verſchwand. Stumm blickten Alle ihr nach,— es war, als neigten ſich ihre Seelen bewundernd vor ei⸗ nem ſo edlen, großen Schmerze— dann wandten ſich aller Augen auf Ernſt, der wie vernichtet an dem Divan lehnte. Aber die auf ihn gerichteten Blicke riefen ihn zurück in die Gegenwart, ſtolzen Schrittes trat er in die Mitte des Salons und ſagte ruhig: „Meine Herren, Sie werden mir morgen Mittag die Freude machen, meine Gäſte zu ſein Feier meiner Verlobung.“ Emilie aber war in ihr Boudoir gegangen, hatte die Thür hinter ſich verſchloſſen und ſank † —— — 199— nun wie vernichtet auf einen Seſſel. Krampfhaft hob ſich ihr Buſen und ihr Auge war ſtarr und thränenlos. Sie hatte keine Erinnerung, keine Gedanken, ſie war betäubt von dem erſchütternden Schlage. Der erſte Krampf ging vorüber, und nun kam ihr die Erinnerung, und— nun weinte ſie. Ströme von Thränen rannen unaufhaltſam über ihr bleiches Geſicht, ſie gab ſich ganz ihrem Schmerze hin, ſie ließ austoben ihre innere Qual, ſie ſchloß ihr Auge nicht in weibiſchem Zagen vor dem über ſie hereingebrochenen Unglück,— ſie ſchaute kühn es an und gab ihm ihre Bruſt hin, darin Wohnung zu nehmen. Nur große Seelen haben die Fähigkeit recht unglücklich zu ſein, oder auch recht glücklich, weil ſie allein auch großer und bewältigender Ein fähig ſind. Emilie war glücklich geweſen mit ganzer Seele,— ſie mußte nun unglücklich ſein mit ganzer Seele. Doch ſie war auch ſtark, ſie beſaß einen kräf⸗ tigen Geiſt, ſie kämpfte mit dem Schmerze und ſie bezwang ihn. Nachdem das Weh aus ihr ge weint, richtete ſie ſih auf an ihrer Kraft. Sie trocknete ihre Augen, ſtand auf und ging feſten Schrittes auf und ab. Zuweilen wohl noch ho⸗ ſchwere, bange Seufzer ihre Bruſt, ſie unter⸗ drückte ſie;„ich will ruhig ſein,“ flüſterte ſie und hob ſtolzer das Haupt. Dann trat ſie zum Spie⸗ gel, und als ſie ihr bleiches Antlitz, die rothge⸗ weinten Augen ſah, lächelte ſie— ach, es war ein ſo ſchmerzliches Lächeln. So lächelte einſt Arria, als ſie mit der Todeswunde in der Bruſt dem Geliebten den Dolch reichte und ſprach: Paete, Paete, non dolet. So lächelte einſt der ſtolze Römer, als er die Hand in die Glut hielt und rief:„ein Römer ſcheut keinen Schmerz!“— Nur Heldenſeelen haben dies Lächeln— aber wer es ſieht, dem treibt es Thränen in das Auge.— dieſer, die Vorſtellung für heute Abend abzuſagen und Alles zur Abfahrt bereit zu halten. Wir fahren heute noch,“ ſagte ſie ruhig.— Als ſie aber ſah, daß die Dienerin, verwundert ſie an⸗ blickend, ſprechen wollte, winkte ſie ihr ungeduldig, ſie zu verlaſſen. Sie war nun wieder allein, ſie jebie ſich und ſchrieb. 3 Emilie an Ernſt. „Zürne mir nicht, Ernſt, daß ich Dir noch einmal ſchreibe,— es war mir Bedürfniß,— ich mußte Dir ſagen, daß ich Dir verzeihe, Alles verzeihe. O, ich kenne Dich, ich weiß, daß eine Zeit kommen wird, in der Du bitter bereuen wirſt, was Du mir gethan. Ernſt, Mann, den ich geliebt, wie nur ein Weib es vermag, für dieſe Zeit ſage ich Dir: es iſt kein Groll in Sie ſchellte nach ihrer Kammerfrau, und befahl meinem Herzen! Nein, Dich beklage ich! Nun weiß ich Alles, nun verſtehe ich Alles! Dein fin⸗ ſteres Stirnrunzeln, Deine trübe Stimmung der letzten Wochen. Armer Ernſt, was litt wohl Deine Seele im Kampfe der Liebe und— des Stolzes.— Siehſt Du, Ernſt, ich verſtehe Dich, und weil ich das thue, verzeihe ich Dir! Jch ſage Dir, ich weiß, daß Du mich liebſt, mich nie vergeſſen wirſt,— was uns Beide trennt, das iſt die Welt und— der Graf!— Dein Stolz konnte ein Verhältniß nicht ertragen, das die Welt tadelte, und dem Stolze,— dem Grafen, mußte der Ernſt, der mich liebte, unterliegen.— Ich habe ein gefährlich Spiel geſpielt, ich wagte, wie der kühne Schiffer, auf ein einziges Fahrzeng all mein Glück, der Sturm aber trieb es hinaus in das offene Meer,— mir iſt es verloren, und ich ſtehe da,— einſam und arm!— Ja, Ernſt, ganz arm an Hoffnungen und Lebensluſt! Und ich war doch ſo reich,— ich war ſo glücklich! Ach, daß der Menſch ſich nicht genügen läßt an dem, was er einſt beſeſſen, daß er nicht leben kann von der Erinnerung, und von ihr zehren in trauriger Gegenwart!— Ich weiß es wohl, ich werde wieder ruhig werden, aber niemals wieder glücklich. O Ernſt,— iſt es nicht traurig, ein lauges ödes Leben vor ſich zu ſehen, ohne Glück? — Ich könnte dies Leben enden, Hunderte haben es vor mir gethan und werden es thun. Aber es iſt eine Schwäche,— ich würde dann wider⸗ rufen, was ich durch mein ganzes Leben behaup⸗ tete, daß der Menſch höher ſtehen ſoll, wie das Schickſal, daß er dieſes beherrſchen ſoll, nicht ſich beherrſchen laſſen.— Ich ſage Dir aber, es iſt ſchwer, ſehr ſchwer zu leben, dem Unglücklichen hat der Tod etwas ſo Lockendes, er iſt das ſtille Aſyl, in das er flüchten möchte vor allen Stür⸗ men. Aber es iſt eine Erniedrigung ſeiner Selbſt, ſeiner Würde als Menſch. So nehme ich es denn an, dies Leben ohne Freude und ohne Luſt, ſo nehme ich es denn an und will nicht zagen und murren! Im ſtolzen Uebermuthe wollte ich mich erheben über die Welt, wollte zweien Göt⸗ tern dienen,— der eine mußte ſinken vor dem andern.— Vor dir, meine Kunſt, lege ich nun mein blutendes Herz nieder, du allein ſollſt Woh⸗ nung darin haben— wirſt du die Wunden heilen, welche die Liebe mir ſchlug?— Ja du wirſt es,— aber die Narben werden nicht verharſchen. Nein, ſie ſollen es auch nicht! Ich will nicht vergeſſen, daß ich einſt glücklich war, ich will ſchwelgen in der Erinnerung, und zu den vergangenen Zeiten ſagen: weicht nicht von mir, bleibt bei mir, denn auch in der Erinnerung noch ſeid ihr die Wonne meines Lebens! Ja, Ernſt, ſo werde ich Dein Bild in meinem Herzen tragen, ſo wird es nim⸗ mer aus demſelben weichen!— Der Menſch em⸗ pfindet nur einmal jungfräulich für Schmerz und — 203— Freude, und auch für die Liebe.— Ich werde keine zweite Liebe haben! Ich glaubte einſt an die Ewigkeit der Liebe,— nun aber weiß ich, daß ſie enden kann, und daß man es überleben kann, — ſollte ich noch einmal mich ihren Entzückungen ihren Qualen und Täuſchungen hingeben?— Nein Ernſt,— es iſt vorbei, Du warſt meine erſte Liebe, und wirſt auch die letzte ſein! Und wenn mein Herz ſich einſam fühlt und verlaſſen, wenn es weint und klagt nach Dir, dann will ich flüchten in deine Arme, Kunſt, und du wirſt mich tröſten und mir Muth geben!— Eine große Be⸗ ſtimmung iſt mir geworden, dich ſollte ich ver⸗ herrlichen, deine Prieſterin ſollte ich ſein, dein Feuer ſollte ich hüten. Aber ich nährte noch eine andere Flamme,— du ſtrafteſt es.— Nun kehre ich zu dir zurück mit blutender Bruſt, todesmatt, nimm mich wieder auf, heile mich,— lehre mich nicht vergeſſen, aber ruhig ſein und das Leben ertragen!— Lebe wohl, Ernſt,— ich rufe es Dir zu aus voller, aus bewegter Seele! Noch ein⸗ mal lehne ich mich im Geiſte wie ſonſt an Deine Bruſt, und blicke in Dein liebes Geſicht, das die Sonne meines Lebens war— ſie iſt mir unter⸗ gegangen und in mir iſt es Nacht!— Lebe glück⸗ lich,— laß Deine Tage nicht getrübt werden durch mein Bild, denke an mich, wie Du einer Wolke gedenkſt, die einſt über Deinen Himmel zog und ihn einen Angenblick trübte, der Wind — 0 trieb ſie weiter— es war nicht Deine Schuld! Eine Bitte richte ich an Dich,— Du wirſt ſie der Scheidenden nicht weigern. Nimm von mir mein liebes Waldthal als eine Erinnerung an mich. Und wenn Du in dem ſtillen Garten biſt und auf dem Platze, wo ich einſt ſo ſelig, ſelig neben Dir ſaß, und wenn der Mond ſcheint, wie damals, und die Nachtigall flötet, und der Wind lispelt, wie damals,— dann gedenke mein,— ich weiß, Du wirſt es thun! Aber nicht denke meiner mit Vorwürfen und Reue. Nein, Ernſt, es iſt Alles gut ſo. Wir waren gleich zwei Ster⸗ nen, die einander begegnen auf ihrer Bahn nach den ewigen Geſetzen der Natur. Einige Augen⸗ blicke berühren ſie einander, ſcheinen eins zu ſein, und heller und ſtrahlender funkelt das Licht der beiden Vereinten,— aber ihre Beſtimmung treibt ſie voneinander, dieſelben Geſetze, die ſie verei⸗ nigten, trennen ſie auch wieder, und ſie müſſen weiter ziehen auf der bezeichneten Straße,— das Verhängniß treibt ſie. Und nach Jahrhunderten mag der Moment wieder kommen, ſie mögen wie⸗ der einander begegnen, ſie mögen einander er⸗ kennen und ſich dieſes Wiederſehens freuen!— Laut ruft es in meiner Bruſt,— auch wir wer⸗ den uns wiederſehen einſt in der Ewigkeit! Ja, es giebt eine Ewigkeit! Und wenn man es früher auch nicht wußte, ſo weiß man es, nachdem man weinte. Ich ſage Dir, wir werden uns wieder⸗ — — 205— ſehen. Und wenn den ſeligen Geiſtern ein Er⸗ innern vergönnt iſt an die Leiden und Frenden der Erde, dann werde ich dort oben Dir ſagen, wie ich es jetzt ſage: Es war doch ſchön, daß ich Dich kennen lernte, ach— ein Augenblick des Glückes und der Liebe iſt nicht zu theuer erkauft mit einem ganzen Leben voller Thränen!“ Emilie an Solau. „Sie hatten recht, mein theurer, mein väter⸗ licher Freund,— o warum glaubte ich nicht Ihren Worten!— Ich bin einſam,— meine Seele ruft nach Ihnen, kommen Sie zu der Ver⸗ einſamten! Sie hatten recht,— aber auch ich! Und jenes hohe Jeal, das ich in mir trage,— es wird nicht immer ein Traum der Phantaſie bleiben, es wird einſt ins Leben treten und wird die Menſchheit beglücken und ſie auf eine Stufe erheben, von der aus die jetzige Zeit klein und unbedeutend zu ihren Füßen liegt, und ſie werden nicht faſſen können, daß ſie die Höhe vor ſich hatten und im niedrigen Thale ſo lange geblie⸗ ben!— Aber noch werden Jahrhunderte vergehen bis zu jener Zeit,— daß ich jetzt und nicht dann lebe, das iſt mein Unglück,— mein Schickſal. So bin ich eine Märtyrerin meines Glaubens. Ich werde ihn nicht aufgeben, wäre er auch die Ur⸗ ſache meines Todes. Socrates trank den Gift⸗ becher unverzagt,— er widerrief nicht um körper⸗ 206 licher Leiden willen, was ſeine Seele als wahr erkannt; Huß duldete des Feuertodes Qualen und ſang unter ſeinen Martern das Lob ſeines Glau⸗ bens!— Auch ich dulde Todesqualen,— aber ich widerrufe nicht.— Sie gingen in den Tod für ihren Glauben,— ich werde leben,— ach, und das iſt ſo ſchwer!— Aber ich will muthig und gefaßt ſein,— Sie ſollen Ihre Freundin Ihrer würdig ſehen,— ich will den Schmerz be⸗ ſiegen, ich will ſtark ſein. O welche Kraft liegt in der Seele des Menſchen, wenn er ſie nur an⸗ wenden will, wenn er nur den göttlichen Funken in ſich nicht verkennen will! Ich habe meine Kraft erprobt, und nun weiß ich, daß ich leben kann, daß auch in mir ein Theil jenes erhabenen Gei⸗ ſtes, den wir Gott nennen; nun weiß ich, daß wir auch der Leiden bedürfen, um uns zu kräf⸗ tigen und zu erheben. Wer niemals recht weinte, wird niemals frei ſich über das Irdiſche erheben können,— unter Thränen glänzt uns die Welt, die Menſchen und die Gottheit.— IHch reiſe heute noch und weiß, ſie werden vorher noch zu mir kommen!“ Der Wagen ſtand bereit, Alles war zur Abreiſe fertig, aber Emilie kam noch immer nicht. ſie das Hanpt auf ihre Hand geſtützt, ihr Geſicht war geiſterbleich, die Augen blickten zu Boden und langfam vollten ein paar Thränen unter den Sie ſaß in ihrem Bondoir; ſchwermüthig hatte * — langen Wimpern hervor und ſielen nieder auf den Buſen, der von ſchweren Seufzern ſich hob. Sie konnte ſich nicht losreißen, die vergan⸗ genen ſchönen Tage zogen wie die Geiſter längſt Verſtorbener an ihrer Seele vorüber, und jeder gab ihr einen neuen Schmerz. Jetzt öffnete ſich leiſe die Thür und Solau trat ein. Er ſtand einen Augenblick ſtill unter der Thür, und blickte mit tiefem Mitleid auf Emilie, die, ganz in ihren Schmerz verſunken, ſein Kommen nicht bemerkte. Dann trat er näher und ſagte leiſe:„Emilie!“ Sie erſchrak nicht,— in ihrer Seele war keine Kraft mehr dazu— langſam hob ſie das Auge, aber als ſie Solan erkannte, zuckte es in ihren Zügen,— der Schmerz trat in dieſelben, ſie erhob ſich, ſie umſchlang mit beiden Armen den Greis und hauchte unter Thränen: „Mußten wir uns ſo wiederſehen!“ „Armes, unglückliches Kind!“ ſagte Solau und ſtreichelte zärtlich ihre Wange. „Nennen Sie mich nicht unglücklich,“ ſagte ſie eilend,„beklagen Sie mich nicht,— ich werde dann laut ausbrechen in Schmerz.— Das darf nicht ſein.“— Sie legte ihre Hände wie beru⸗ higend auf das Herz und ſchwieg. Dann reichte ſie Solau die Hand und ſagte: „o wie danke ich Ihnen, daß Sie kamen, daß Sie mich noch einmal Ihr liebes, treues Geſicht ——— 5— ——— 2 — 208— ſehen laſſen. Ich mußte es ſo lange miſſen.— Sie haben mich nicht vergeſſen, Sie haben mir Ihre Theilnahme bewahrt.“ „Niemand wird Sie vergeſſen, der Sie einmal kannte,“ ſagte er gerührt. Sie bebte leicht zuſammen.„Sagen Sie das nicht,“ flüſterte ſie,— er, der Einzige, den ich— doch nein, nicht davon wollen wir ſprechen.— Ich muß fort,— der Wagen ſteht bereit, laſſen Sie uns Abſchied nehmen.“ „So wollen Sie fort, allein in dunkler Nacht?“ Sie lächelte wehmüthig:„Ich bin nicht allein! Die Geiſter meiner entſchwundenen Tage werden mit mir ziehen!— Kommen Sie,“ ſagte ſie dann faſt ängſtlich,„noch eine Minute, und ich habe nicht mehr die Kraft zu gehen.“ Mit fieberiſcher Eile hüllte ſie ſich in ihren Shawl und auf Solau's Arm gelehnt verließ ſie das Zimmer.— Langſam gingen ſie die Treppe hinab, aber mit jedem Schritte ſchien ihre Kraft ihr Athem.„Alſo das letzte, letzte Mal betritt mein Fuß dieſe Stufen! O, es iſt furchtbar.— Nein, ſehen Sie mich nicht ſo ängſtlich an, ich habe Kraft, o Rieſenkraft.“— Sie richtete ſich ſtolz auf und ging feſten Schrittes die Treppe hinab.— Zetzt kamen ſie an Haltern's Thür vor⸗ über. Emilie ſtand ſtill, ſie zog ihre Hand aus zu ſinken, ſie bebte, und ſchwer und ſchnell ging Solau's Arm und blickte nach der Thür. Ein —— —————— ſſſ ſiſſſſſſſſiſtiſſſſiu 3 1 8 1 7 . 8 9 10 11 12 1 4 1 6 1 E