4 Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur — von. Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und Geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. ) 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 5 1. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: Mt 1 —— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. kk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und N defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders varauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen S cx — —— — der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——— Rarl der Zweite und ſein Hof. Hiſtoriſcher Woman von L. Mühlbach. Zweite, neu bearbeitete ANusgabe. Zweiter Band. Berlin, 1859. Verlag von' Otto Janke. Zwrites Puch. Die Reſtanration. P Rönig Rarl I. Es war im Mai des Jahres 1660. Der Mai hat von jeher das Privilegium gehabt, der„Wonne⸗ mond“ genannt zu werden, er war es vor zweihun⸗ dert Jahren ſo gut, wie jetzt, obwohl er auch damals ſeine kalten Nächte, ſeine rauhen Tage, und ſeine ſpärlichen oft vom Froſt geſchüttelten und zerſtörten Blüthen hatte! Vielleicht nennen wir in unſerm nor⸗ diſchen Klima den Mai nur um deswillen den„Wonne⸗ monat,“ weil in demſelben bei uns die Dornen blü⸗ hen, und ihre drohenden und verwundenden Stacheln unter milchweißen Blithen verbergen, während wir ſonſt das ganze Jahr hindurch von den Dornen ohne Blüthen zu leiden haben! In dieſem Betracht war der Mai des Jahres 1660 für den Sohn des enthaupteten Königs Karl I. von England in der That ein Wonnemonat. Er hatte bis dahin auf ſeinen Irrfahrten viele Dornen gefunden und wie oft war ſein flüchtender Fuß nicht von ihnen zerriſſen worden; wie oft hatten ſie ſich nicht tief in die Bruſt dieſes gedemüthigten Fürſten eingebohrt, als er bei fremden Höfen Schutz ſuchen und Beiſtand erflehen mußte. Zwar konnte er es nicht leugnen, daß man ihn am Hofe Ludwigs XIv. mit Wohlwollen aufge⸗ nommen und eine ächt Königliche Freigebigkeit an ihm geübt habe; aber gerade das Wohlwollen, das einer Wohlthat ähnlich geſehn, war ein verwundender, tief ſtechender Dorn für das Herz des ſtolzen Prinzen ge⸗ weſen, denn mitten unter den Dankesverpflichtungen, die er ſich auferlegt fühlte, konnte er nie vergeſſen, daß ihm ſelbſt die Königskrone gebühre, und daß drüben, jenſeits des Kanals, ſich ein Land befinde, welches das ſeine geweſen, und das ihm nur durch die Aufruhr⸗That eines empörten Volkes geraubt wor⸗ den. Wie oft haite er dann dieſes Volk verwünſcht, dieſes Volk, welches ſich geſträubt hatte, länger die Tyrannei ſeines Königs Karl's I. zu ertragen, dieſes Volk, welches eines Tages ſich erinnert hatte, daß die Sclaverei und der Despotismus eine Schmach und ein Verbrechen ſei! Viele Jahre lang war der Prinz nichts geweſen, als der Sohn eines Königs, welchen ſein Volk auf das Blutgerüſte geſchleppt hatte, damit er die Ver⸗ brechen ſeiner Regierung mit ſeinem eigenen Blute abwaſche und fühne, er war nichts geweſen, als ein unglücklicher Bettler, welchen ſein Vaterland ausge⸗ ſtoßen und geächtet hatte, und welcher ſein Haupt beugen mußte unter die Schmach, ſtatt eines Königs— von Gottes Gnaden ein Menſch ohne Volkes Gnade zu ſein. Alber jetzt war das engliſche Volk aus ſeinem Freiheitstaumel erwacht. Olivier Cromwell hatte es einzuſchläfern verſtanden, indem er in die Siegeshymnen des Volkes ſeine frommen Pſalmen miſchte, und ſein Triumphgeſchrei in Gebeten zu verſtummen zwang. Das arme Volk war von der Freiheit ſelber betrogen worden. Es hatte die Feſſeln des Königsthums ab⸗ geſchüttelt, aber der Lord Protector hatte ihm dafür die Feſſeln der Bigotterie übergeworfen. Alle dieſe Kämpfe hatten zu keinem Siege geführt, England hatte nur ſeinen Tyrannen gewechſelt, und ſtatt eines Königs hatte es einen Lord Protector, worin der einzige Un⸗ terſchied beſtand. Das ſiegreiche Volk, welches frei ſein wollte, war der Knecht eines Brauerſohnes ge⸗ worden, Olivier Cromwell hatte es unter ſeine Füße getreten. Nichts war beſſer geworden, ſondern die Dinge hatten ſich nur verändert. Unter König Karl hatten die Proteſtanten gezittert, unter Cromwell zitterten die Katholiken. Die Herrſcher haben immer einen merkwürdigen Trieb gehabt, die Völker zur Seeligkeit zu zwingen. König Karl wollte das Volk zwingen katholiſch ſelig zu werden, Cromwell wollte es beugen unter das Joch proteſtantiſcher Se⸗ ligkeit.— Die Seligkeit hatte ſich verändert, aber das Joch war daſſelbe geblieben,— das Volk träumte nicht mehr von Freiheit, es lag nur noch im Halb⸗ ſchlummer der Ermattung, und da es nicht glücklich ſein konnte, trachtete es mindeſtens nach Abwechslung, nach Zerſtreuung.— Olivier Cromwell war geſtorben,— den Tod des Gerechten, ſagten ſeine Freunde,— das engliſche Seepter, welches er mit ſo viel Heuchelei und Ener⸗ gie geführt, es zitterte in den Händen ſeines ſchwachen Sohnes. Richard Cromwell, der Sohn des Protectors, fühlte nicht die Kraft, es zu halten, er zog es vor, dieſes Seepter freiwillig niederzulegen, ſtatt es ſich entwinden zu laſſen. Die Krone lag daher verwaiſet auf ihrem ſammt⸗ nen Kiſſen, das Scepter ruhte trauernd in ſeinem verſchloſſenen Futteral, und das Volk fragte ſich be⸗ troffen; wer wird uns fortan regieren? Wem wer⸗ den wir gehorchen? Wen werden wir unſern Herrn nennen? Zu Breda war es, wo Karl die Abgeordneten des engliſchen Volkes empfing, und aus ihren Händen die 2* Bedingungen, unter denen ſie ſich von Neuem einem königlichen Herrſcher zu eigen geben wollten, entgegen nahm. Dieſe Bedingungen, die beſchränkende Claufeln waren, zeigten aber nur, daß die Nation ſich ſelber ein wenig Freiheit und Selbſtſtändigkeit zu erhalten gedenke. Karl, der Sohn der ſtolzen und hochfahrenden Stuarts, hatte ſich mit verſtellter Milde in ſeinem Antlitz von den Abgeordneten des engliſchen Volkes dieſe Clauſeln aushändigen laſſen, und die Herren verabſchiedet, um ſich, wie er ihnen ſagte, durch Gebet und reifliche Ueberlegung zum Unterzeichnen vorzube⸗ reiten. Aber kaum hatten dieſe Abgeordneten ſich entfernt, als das Lächeln und der Ausdruck der Sanftmuth aus dem Antlitz des Königs verſchwand. Er zog die Augen⸗ brauen in finſtere Falten, und ſeine Lippen murmel⸗ ten leiſe Flüche und Verwünſchungen. Seine Getreuen, welche den Königsſohn begleitet hatten, und ſeine treuen Gefährten im Unglück geweſen, waren im Nebenzimmer verſammelt, und durch die geöffneten Portieren blickten ſie voll ängſtlicher Span⸗ nung in das Zimmer hinein, in welchem König Karl ſich befand. Dicht neben der Thür ſtanden zwei Herren in leiſem Geſpräch mit einander. Es waren der Herzog von York, Karls Bruder, und George Villiers, Herzog von Buckingham. Seht ihn nur an, Hoheit, flüſterte der Letztere, ſeht nur, wie ihm die Nüſtern fliegen, wie ſeine Bruſt ſich hebt, und wie er herum ſtolziert. Wahrhaftig, er gleicht ganz einem edlen Streitroß, das ſich gegen Zaum und Bügel ſträubt! 6 Ja, ja, flüſterte Jacob mit einem feinen Lächeln, er gleicht einem Streitroß, während es weit beſſer ſein würde, wenn er einem Fuchſe gliche, der nichts verräth von Dem, was ihn beſchäftigt. Oh, hört nur, da flucht er wieder, und zwar auf eine ſo heidniſche, unchriſtliche Weiſe! Mögen die Heiligen ihm verzeiheni Und der fromme Herzog, voll heiliger Entrüſtung, machte ſchnell das Zeichen des Kreuzes. Der Herzog von Buckingham neigte ſich dichter an ſein Ohr. Ihr vergeßt, Hoheit, ſagte er, daß unter jenen Cavalieren dort ſich Einige befinden, denen Ihr nicht trauen dürft, und welche digſes Zeichen, mit welchem Ihr Eure Bruſt wappnet gegen die heidniſchen Flüche Eures königlichen Bruders, leicht mißverſtehen könnten. Wahrhaftig, ſie wären im Stande, dem höchſt pro⸗ teſtantiſchen, engliſchen Volle einreden zu wollen, Ihr hättet den Glauben Eurer Väter verlaſſen, und wärt ein Katholit geworden, und Niemand würde mir glauben, wenn ich verſicherte, Ihr wärt ein guter Proteſtant! Aber ſeht nur, dieſes Stirurunzeln Karl's fängt an mir bedenklich zu werden, ich glaube, es wird Zeit ſein, die Wolken ein wenig zu verſcheuchen. Mit einer leichten Verbengung ſich von dem Herzog von York beurlaubend, trat der Herzog von Buckingham in das Gemach des Königs ein. Mit leiſen, unhörbaren Schritten ging er über den Fußteppich hin, und näherte ſich dem König, welcher eben vor dem Tiſche ſtand auf welchem die zur Un⸗ terſchrift bereiten Papiere lagen, die er mit finſtern Blicken betrachtete. Buckingham ſah ihm über die Schulter und ſeine ſrlen Adlerblicke überflogen raſch das beſchriebene apier. 5 Sire, ſagte er dann laut, Ihr könnt dies Papier ohne Bedenken unterzeichnen. König Karl wandte ſich leicht zuſammenſchreckend nach ihm um. Ah, Du biſt's, George Villiers, ſagte er. Freilich, nur von Dir konnte der Rath kommen, ich ſolle dieſes ſchmähliche Blatt unterzeichnen! Dieſes Blatt, welches mir die Hände bindet, und mir alle Macht entreißt, indem es mich gewiſſermaßen unter die Botmäßigkeit des Parlaments ſtellt. Ah, dieſe klugen Herren Par⸗ lamentsräthe, wie fein das ausgeklügelt iſt! Sieh nur, George, ſieh dieſen Paragraphen hier. Oh, ich wette, Du haſt ihn nicht geleſen, denn ſonſt würdeſt Du mir nicht rathen können, zu unterzeichnen. George Villiers las die Zeilen, welche ihm Karl mit dem Finger andeutete, dann ſagte er ruhig: und doch rathe ich Euch wieder, ohne Bedenken zu unter⸗ zeichnen! Ich ſoll verſprechen, den Mord meines Vaters, dieſes königlichen Märtyrers, ungeſtraft zu laſſen, ha, ich ſoll verſprechen, allen Denen Gnade zu bewilligen, welche gegen das Königthum geſündigt! Verſprechen, weiter nichts, Sire, als verſprechen, ſagte Buckingham mit einem ſchlauen Lächeln. Und warum wolltet Ihr Eurem Volke dieſes Alles nicht verſprechen, warum wolltet Ihr ihm nicht geloben, ſeine Privilegien zu ehren, ſeine Freiheit zu ſichern? Weil mich dieſes Volk auf eine ſchmachvolle Weiſe gekränkt und beleidigt hat! rief der König. Weil es ſich mir, ſeinem angebornen König, auf Gnade und Ungnade ergeben muß, wenn ich ihm verzeihen ſoll! Es ergiebt ſich Euch auf Gnade und Ungnade, ſagte der Herzog ruhig. Leſet dieſes Papier noch ein⸗ mal, Sire. Seht, das ſind lauter allgemeine Aus⸗ drücke, da iſt gar nichts Beſtimmtes, nichts Entſchei⸗ dendes! Es ſind Floskeln, Phraſen, weiter nichts, es ſind die Myrthenzweige, mit welchen Eure königliche Braut Britannia ihre Stirn umkränzt, bevor Ihr ſie zu Eurem Weibe, das heißt, zu Eurer Sclavin, macht! Laßt ihr heute noch dieſe Myrthenzweige, Ihr wer⸗ det ſie morgen unter Eure Füße treten. Laßt doch der armen Britannia dieſen Brautjubel und dieſe Freiheitshymnen, es iſt ihr Hochzeitstag. Ach, am Lendemain wird ſie fein ſanft und ſtille werden, das wette ich! Mein königlicher Herr iſt ganz dazu geſchaf⸗ fen, ihr Reſpect und Ehrfurcht vor ſeiner Mannheit einzuflößen! Ich, ihre Privilegien, ihre Freiheiten beſtäti⸗ gen! rief der König, mit der Hand auf das Papier ſchlagend. Es ſind die Hochzeitshymnen, ſage ich Euch, Sire! Mein Gott, dieſes Parlament, es iſt ja ganz voll bräutlicher Demuth und Liebesunterwürfigkeit! Ach, wer das glauben könnte! rief der König achſelzuckend. Ich glaube es nicht nur, ich weiß es, ſagte Buckingham. Eine kleine Geſchichte beweiſt es. Als das Parlament verſammelt war, um die Adreſſe an Euch außzuſetzen, mit der man Euch zurückrufen wollte, waren Alle ſo ſehr erfüllt von dem Glück, Euch wieder zu ſehen, daß man voll Sehnſucht dar⸗ nach, ſich gar nicht die Zeit ließ, lange über die Adreſſe zu berathſchlagen. Man faßte ſie, wie Ihr ſeht, in ganz allgemeinen, vieldeutigen Ausdrücken ab, in ſolchen Phraſen und Redensarten, die Alles bedeuten können, und darum gar nichts bedeuten. Man las dieſe Adreſſe vor, und Jedermann war zufrieden da⸗ mit. Nur Einer erhob ſich und zeigte ſich unzufrieden. „ Dieſer Eine meinte, es ſei nöthig, näher zu beſtim⸗ men, was man unter den Freiheiten und Privilegien, von denen in der Adreſſe geſagt ward, daß Ihr ſie ehren würdet, verſtanden ſei. Er meinte, es möchte ein Comité ernannt werden, welches die Vorſchläge, die man dem König, Eurem Vater, gemacht, und die Coneeſſionen, welche man ihm bewilligt, durchſähe, und darnach die Bedingungen, welche man Euch ſenden wolle, näher bezeichnen könne. Ach, der Elende! murmelte der König. Dieſer Elende, ſagte Buckingham ironiſch, dieſer Elende hielt ſich für einen guten Patrioten. Aber glücklicherweiſe hielt ihn das Parlament nicht dafür. Nur ein Einziger war der Meinung dieſes Sprechers und ſtimmte ihm bei“). Aber dieſe beiden Stimmen wurden übertönt von der Donnerſtimme des General Monk, welcher dem Parlamente mit einem Auſſtande im Heere drohte, wenn man durch Debatten und Ent⸗ werfung neuer Adreſſen Eure Ankunft verzögerte. „Der König bringt weder eine Armee noch einen Schatz mit,“ ſagte er,„er wird uns daher weder ein⸗ ſchüchtern, noch beſtechen können, und es iſt dann, wenn er hier iſt, immer noch Zeit, ihm unſere Be⸗ dingungen zu machen.“*6) Das Parlament ſtimmte ihm bei. Ihr ſeht alſo, Sire, welchen Werth das Parlament auf dieſe Phraſen da legt. Es iſt wahr, ſagte der König beſänftigt, dieſer Monk iſt ein treuer Diener! Das war ſehr weiſe von ihm geſprochen, und leider auch ſehr richtig. Ich habe weder einen Schatz, noch ein Heer! *) Burnet, Hystory of my own time. Vol. I. pag. 68. **) Ebendaſelbſt. Das Heer hat der General Monk! bemerkte Buckingham. Und den Schatz hat das Parlament! ſeufzte der König. Wir müſſen dem General das Heer, und dem Par⸗ lament den Schatz entreißen, rief der Herzog lachend, denn erſt dann werdet Ihr König ſein. Dazu iſt aber vor allen Dingen nöthig, daß Ihr eitt, hinüber zu kommen nach unſerm geſegneten England, Sire, und um hinüber zu kommen, müßt Ihr vor allen Dingen dies elende Blatt hier unterzeichnen. Der König hatte ſeinen Zorn längſt vergeſſen, es lag nicht in ſeiner Natur, den Aerger lange feſtzuhal⸗ ten. Das Vergnügen und die Freude war die Göttin, welcher er diente, wie hätte er da Zeit finden mögen, ſich lange zu ärgern! Du glaubſt alſo, daß mein Volk mich mit Sehn⸗ ſucht erwartet, George? fragte er lächelnd. Wie ich Euch ſage, Sire, mit der Sehnſucht einer Braut, und Ihr macht ihr Verſprechungen, wie man ſie einer Braut zu machen gewohnt iſt. Von ſolchen Verſprechungen wird nichts gehalten, das iſt ein altes Recht! Mein Gott, wenn Jupiter ſeiner hochmüthigen Frau Juno die Treue gehalten hätte, welche er ihr verſprach, dann hätte er niemals nöthig gehabt, ſich in einen Goldregen, einen Stier oder in eine Wolke zu verwandeln. Du haſt Recht, Du haſt Recht, George, ſagte der König lachend. Was ſollte aus den armen Männern werden, wenn ſie alle die Schwüre halten müßten, welche ſie im Liebesbegehren leiſten! Ach, wie viel habe ich ſelber ſchon geſchworen! Schwüre ſind da, um nicht gehalten zu werden, ſagte Buckingham, unterzeichnet alſo! Schwört, allen —— Hochverräthern und Königsmörbern verzeihen zu wol⸗ len, ſchwört es immerhin! Da, Sire, hier iſt die Feder, unterzeichnet! Er reichte dem König die Feder, dieſer nahm ſie mechaniſch an, und bäückte ſich auf das Papier nieder! Mit einem raſchen Feberzug unterzeichnete der König. Ach, George, rief er dann freudig, wir werden alſo nach England zurückkehren, und ich werde wieder ein König ſein! Aber ich fürchte, wir werden uns immer wie⸗ der nach unſerm geliebten Frankreich zurückſehnen! Es waren doch herrliche Tage! Welche Feſte, welche Vergnügungen, und was für ſchöne Weiber! Ganz England hat kein Weib, wie Lncy Walter! Und indem er die Feder, mit welcher er unter⸗ zeichnet hatte, hinlegte, ſagte er: Dieſe engliſchen Frauen ſind ſehr langweilige Geſchöpfe, denn ſie wollen tugendhaft ſein! Oh, ich kenne einige preiswürdige Ausnahmen, rief der Herzog von Buckingham lachend. Gott ſei Dank, es giebt in Alt⸗England noch manches ſchöne Weib, dem die Tugend nichts weiter iſt, als eine Maske, unter welcher ſie ihr ſchönes Antlitz vor dem rauhen Sturme der Verleumdung verbirgt! Du wirſt mich dieſe reizenden Weiber kennen leh⸗ ren, nicht wahr, George? fragte der König bittend. Du wirſt nicht ſo barbariſch ſein, das Vergnügen für Dich allein zu behalten. Werdet Ihr doch die Krone für Euch allein be⸗ halten! ſagte Buckingham lachend.. Ah, Ihr werdet ſie Euch oft genug ein wenig auf⸗ probiren, und mir das Regieren erleichtern! rief der König. Ich gebe Euch Vollmacht dazu, vorausgeſetzt, daß Du mir verſprichſt, mich an Deinen Vergnügun⸗ gen Theil nehmen zu laſſen! Ich verſpreche es! ſagte der Herzog, indem er die dargereichte Hand des Königs an ſeine Lippen drückte. Ah, unn iſt es gut! rief der König aufathmend. Nun habe ich Muth! Wir werden alſo in England nicht nur eine Krone, wir werden auch das Vergnü⸗ gen dort finden! Mit dieſem Troſt im Herzen kann ich meine Königsrolle frendig beginnen. Der Prolog iſt ſchon geſchrieben! ſagte der Herzog, indem er auf das unterzeichnete Papier hindeutete. Jetzt mag das Vorſpiel kommen! Sire, ſo eben iſt eine neue Deputation aus England angelangt. Den verehrlichen Herren Rundköpfen wird es bange um ihre Köpfe und um ihre Religion. Sie haben die beſten ihrer Fanatiker und Prieſter hierher geſandt, um Euren Schutz für ihre Religion anzufleheni Empfangt Sie Sire, und gebt Ihnen einen guten Beweis von Eurer Frömmigkeit. Sie kehren vor Euch nach England zurück, und es iſt gut, wenn Ihr alle Partheien gewinnt, auch die der Proteſtan⸗ ten und Presbhterianer. Ich will meine Königsrolle mit Geſchick ſpielen, ſagte der König, und mit dieſen Rundköpfen ſei der erſte Act eröffnet. Die Scene ſpiele in dieſem Zimmer! Hierher führe mir dieſe Männer Gottes, während ich mich in mein Toilettenzimmer begebe. Laß dieſe würdigen Prieſter leiſe eintreten, ſage ihnen, ich ſchliefe und ſie möchten mich hier erwarten. Dann laß ſie allein, aber huſte drei Mal, damit ich weiß, daß ſie da ſind. In einer halben Stunde Pringe ſie her! Du ſiehſt, George, ich bin ganz frendig, ganz bereit zu handeln! Das verdanke ich Dir! Ah, wir werden „ * — alſo in London auch einige Zerſtreuung und einige hübſche Weiber finden! Und indem er ſo ſprach, durchſchritt der König bas Zimmer, um ſich in das dicht daran ſtoßende Schlafgemach zu begeben. An der Thür blieb er ſtehen, und wandte ſich um. Wie hieß der Patriot, welcher im Parlament die allerliebſte Motion ſtellte? fragte er. Er hieß Sir Matthew Gale! Und der Andere, welcher ihm beiſtimmte? Es war Sir Edward Vane, der Sohn von Sir Richard! Ich werde mir dieſe beiden Namen merken, und bei Gott, dieſe beiden Herren ſollen ſehen, daß ich ein gutes Gedächtniß habe, ſagte der König, indem er den Vorhang aufhob, und in das nächſte Gemach eintrat. II. Verſtellungskünſte. Das Toilettenzimmer, in welches der König ſich begab, verdiente mit Recht dieſen Namen. Es war mit einer Sorgfalt und Eleganz eingerichtet, wie ſie der üppigſten und verwöhnteſten Schönheit würdig geweſen. Nichts fehlte in dieſem Zimmer, was zu der ſorgfältigſten Toilette irgend nöthig ſein konnte. Der große, mit einer weißen Marmorplatte gezierte Tiſch war bedeckt mit kleinen Fläſchchen und Schach⸗ teln, die mit duftenden Pomaden und Salben ange⸗ füllt waren. Daneben ſtanden zierliche Flacons mit —— wohlriechenden Waſſern, und parfümirte Handſchuhe, wie ſie damals nur die Franzoſen in ſolcher Vollkom⸗ menheit liefern konnten. Auf den großen mit Sam⸗ met bezogenen Stühlen lagen die reichgeſtickten ſeide⸗ nen Gewänder, welche der König ſich zu den bevor⸗ ſtehenden Feierlichkeiten hatte anfertigen laſſen, und zu deren Goldſtickerei er ſelber die Zeichnungen geliefert. Auf einer mit reichen Teppichen belegten Eſtrade ſtand das Bett des Königs mit ſeinen ſeidenen mit Spitzen verbrämten Kiſſen und dem goldgeſtickten Baldachin über demſelben. Schlug man den Vor⸗ hang, welcher ſich dicht neben dem Bette befand, zu⸗ rück, ſo trat man in das Badezimmer, deſſen Wände mit reichvergoldeten Spiegeln bedeckt waren, die zu wetteifern ſchienen, um die Geſtalt desjenigen wiederzuge⸗ ben, welcher in dieſem Marmorbaſſin, zu dem man auf einigen Stufen hinabſtieg, ſich baden mochte, oder auf den ſeidenen Polſtern ruhte, die an den Wänden un⸗ ter den Spiegeln umher ſtanden. Wer hätte glauben mögen, daß dieſe mit ſo viel Raffinerie und üppiger Pracht ausgeſtatteten Räume einen Mann beherbergten, welcher flüchtig und geäch⸗ tet von der Gnade fremder Höſe lebte, und nichts be⸗ ſaß, was er ſein eigen nennen konnte! Wer hätte beim Anblick dieſes weichen üppigen Lagers denken mögen, daß auf dieſen ſeidenen Kiffen das Haupt eines armen Verbannten, den die Sorge und der Gram wach hal⸗ ten mußten, ruhen ſollte! Aber freilich, Karl Stuart hatte weniger Sorge und Gram empfunden, als man denken ſollte. Er war nur dann traurig geweſen, wenn er Niemand fin⸗ den konute, der ihm auf ſein Ehrenwort hin eine Summe Geldes vorſtrecken mochte, und wenn er irgend jemals Gram empfunden, ſo hatte die Erinne⸗ Karl II. 2. 2 —— rung an ſeinen enthaupteten Vater ſicherlich nicht die Schuld daran getragen. Karl Stuart, der Fürſt ohne Lund und Volk, liebte und verehrte ſeine eigene Per⸗ ſon zu ſehr um über irgend Etwas ſich lange grämen zu können, was einmal unerreichbar ſchien. So lange er daher ſich ſelber wohl und behaglich fand, ſo lange er Geld genug hatte, um ein angenehmes vergnügliches Leben zu führen, war es ihm ziemlich gleichgültig, ob er nur den Namen eines Fürſten führe, oder die Sor⸗ gen einer Regierung auf ſeine Schultern laden müiſſe. Das Leben zu genießen, ſchien dem leichtſinnigen Sohn der Stuarts das heiligſte und höchſte Gebot, nie durften ſeine Freunde und Diener es daher wagen, ihm anders als mit heiterem Geſicht zu nahen. Nie war daher auch die Sorge und der Gram über die Schwelle des königlichen Toilettenzimmers gedrungen. Ein Machtgebot Karl Stuarts hatte es ihnen beiden verſagt. In dieſem Zimmer durfte man nur dem Vergnügen huldigen und der Freude. Es war das Eldorado, welches Karl Stuart ſich geſchaffen, um der Sorgen des Lebens zu vergeſſen, das Paradies, aus welchem ihn weder das Machtgebot eines Gottes, noch eines aufrühreriſchen Volkes verdrängen konnte. In dieſem Zimmer war er der König und wenn er ſich hier gedemüthigt hatte, ſo war es nur vor der Schönheit geweſen und vor der, welche er liebte. In dieſes Gemach, wie geſagt, begab ſich Karl Stuart, nachdem er Buckingham verabſchiedet hatte. Aber er ſündigte heute gegen ſeine eigenen Gebote, denn ſeine Stirn war umwölkt, und feine Mienen drückten Unruhe und Sorge aus. Mit einer Art Aengſtlichkeit und Scheu ſah er im Zimmer umher, dann durchſchritt er es raſch und eilte die Stufen hinauf die zu ſeinem Lager führten⸗ — Er lüftete leicht die Kiſſen, als ob er ſehen wollte, ob ſich Niemand darunter verborgen, dann ſchlug er den Vorhang zurück und blickte in das Badezimmer. Erſt als er ſich überzengt hatte, daß auch dort ſich Niemand befinde, ſchien er wieder ruhig und zufrieden und ſeine Stirn erheiterte ſich. Leer! ſagte er aufathmend. Sie iſt warhaftig fort! Ich bin von einer ſehr drückenden, ſchweren Laſt be⸗ freit! Dieſer Pater Matthews iſt ein ſehr würdiger Mann! Er vergiebt mir meine Sünden und befreit mich von ihren Folgen! Ah, da klopft er an die ge⸗ he Thür. Das iſt Niemand Anderes, als der ater! Und der König eilte an die geheime Thür, um ſie zu öffnen. Pater Matthews, rief der König dem Eintretenden entgegen. Kommt, und ſagt mir ſchnell, wie es ſteht. Sie iſt alſo gegangen? Sie iſt gegangen! Sie iſt Euch gutwillig gefolgt? Gutwillig? fragte Pater Matthews mit einem ironi⸗ ſchen Achſelzucken. Gutwillig? Ach, ich weiß nicht, ob Karl Stuart das gutwillig nennt!„ Nun, wie iſt ſie denn gegangen? Wir mußten ihr die Hände binden, und ein Tuch n ihren Mund ſtopfen, damit man ihr Geſchrei nicht öre! Arme Sara! ſeufzte der König. Sie wollte alſo durchaus keinen vernünftigen Vorſtellungen Gehör geben? Sie erwiderte auf alle meine Vorſtellungen nur, daß ſie Euch liebe! ſagte der Prieſter mit einem grau⸗ ſamen Lächeln. Ja, ja, dieſe arme Sara! murmelte der König, — in der That, ſie hat mich ſehr geliebt! Zu ſehr, denn ihre Leidenſchaft beläſtigte, ſtatt zu erfreuen, und darum mußte ich ſuchen ihrer los zu werden! Es ſteht geſchrieben:„hütet Euch, daß Ihr kein Aergerniß gebet! ſagte der Pater mit frommem Hände⸗ falten. So Euch ein Glied ärgert, ſo hauet es ab, und werft es von Euch!“ Dieſe Sara war ein Glied, welches Euch ärgerte, Ihr mußtet es alſo von Euch werfen! Die heilige Schrift ſelber befiehlt es! Ich habe alſo nicht geſündigt, indem ich dieſes Mädchen, welchem ich Treue geſchworen, verſtieß? fragte der König ängſtlich. Ihr ſündigtet im Gegentheil gerade nur dann, als Ihr ihr Treue ſchwurt! ſagte der Pater bedächtig. Und doch waret Ihr es damals, der mein ängſt⸗ liches Gewiſſen beruhigte, doch waret Ihr es, welcher mir Abſolution ertheilte für die Sünde, daß ich eine Jüdin liebte. Damals hoffte ich, es würde Eurer Liebe gelingen, dieſe Jüdin zu bekehren, und deshalb durfte ich Euch die Abſolution ertheilen für die Liebe, durch welche ein verirrtes Lamm der Seligkeit konnte gewonnen werden! Karl Stuart lachte. Ach, ſagte er, Ihr hättet wiſſen können, daß in meinen Zuſammenkünften mit der ſchönen Sara ſehr wenig von der Religion die Rede ſein würde! Die Liebe iſt die einzige Religion, welcher in dieſem Zimmer hier gehuldigt wird. Das iſt ein ſehr leichtfertiger Gedanke, ſagte Pa⸗ ter Matthews, indem er ſich bekreuzte. Die Heiligen mögen ihn Euch verzeihen! Sie werden es, wenn Ihr ſie darum bittet! Aber erzählt mir noch von Sara. Jetzt, da es Euch ge⸗ lungen, mich ihrer zu entledigen, ſcheint es mir faſt, — 21— als liebte ich ſie noch! Wie wunderbar doch das Herz des Menſchen iſt! Während der König ſo ſprach, war er damit be⸗ ſchäftigt, vor dem Spiegel ſein Haar zu ordnen, ließ er die lange Liebeslocke, welche er, der damaligen Sitte gemäß, an der linken Schläfe trug, durch ſeine Finger rollen. Erzählt mir von Sara, wiederholte Karl, als der Pater ſchwieg. Die Geſchichte iſt ſehr kurz, ſagte der Pater. Ich begab mich, wie Ew. Hoheit befohlen, hierher, um ihr Eure Botſchaſt auszurichten. Als ich eintrat, ſaß ſie vor dem Spiegel, vor welchem Ihr jetzt ſteht, und war, wie Ihr, damit beſchäftigt, ihre Locken zu ordnen. Sie hat wundervolles Haar, ſagte der König. Ich liebe an den Weibern ſehr das ſchöne Haar. Gott gebe, daß meine nächſte Geliebte nicht daran Mangel leidet. Nun weiter. Als Ihr eintratet?— Sah ſich Sara mit einem freudeſtrahlenden Ge⸗ ſicht nach mir um, denn ſie glaubte, Ihr wärt es, welcher zurück käme. Wo iſt der König? fragte ſie. Ich erwiderte ihr, daß ſie darnach nicht zu fragen hätte. Sara lachte. Ich dächte doch, ſagte ſie, daß ſeine Geliebte wohl darnach zu fragen hätte. Und Ihr wißt es ja, der König liebt mich! Ihr waret es ja, der es mir zuerſt geſagt, Ihr waret es, der mich überredete, ihm mein ganzes Lebensglück zu opfern! Es iſt wahr, ſagte der König, Eurer Ueberre⸗ dungskunſt verdanke ich es, daß Sara die Meine ward. Ihr vergeßt, Hoheit, daß ich es nicht als Prieſter that, ſondern in der Eigenſchaft Eures Kammerdie⸗ ners, als welcher ich bei Euch fungire! Weil man es ſehr übel aufnehmen würde, wenn 7 ich Euch in der Eigenſchaft meines Beichtvaters bei mir hätte! Weil Ihr öffentlich nicht mein Beichtvater ſein könnt, ſeid Ihr mein Geheim⸗Kämmerer. Wir haben das von meinem Vetter Ludwig von Frankreich gelernt. Der hat den Schauſpieler Molière auch zu ſeinen Kämmerer gemacht, um ihn neben ſich haben zu können. Wie Moliere der Kammerdiener Lud⸗ wig's, ſeid Ihr der Kammerdiener Karl Stnart's. Und ich hoffe, daß ich getrenlich meinen Fflichten nachgekommen bin, ſagte der Pater mit frommem Händefalten. Nachdem ich Euch als Prieſter ver⸗ geblich zu überreden geſucht, dieſer ſündigen Liebe zu entſagen, that ich als Kammerdiener meine Fflicht, und ſuchte Euch die Schöne zu gewinnen, welche Ihr liebtet! Und Ihr gewannt ſie mir! Ihr entführtet ſie aus Amſterdam, wo ich ſie kennen gelernt, und brachtet ſie au heimlichen Wegen hierher, und als ihr Vater ihre Flucht erfuhr, fluchte er ihr, und ihre Mutter ſtarb vor Gram. Es iſt eigentlich eine ſehr traurige Geſchichte und dennoch hat Sara niemals darüber ge⸗ klagt, niemals, obwohl ich zuweilen ihre Augen trübe und die Spur der Thränen auf ihren Wangen fand! Ach, Matthews, wenn ich jetzt daran gedenke, finde ich, daß ich der armen Sara Unrecht thue. Sie war ſehr traurig, nicht wahr? Sie wollte nicht an meine Untreue glauben? Nein, ſie wollte nicht daran glauben! Sie ſchüt⸗ telte lächelnd den Kopf und ſagte: Karl Stuart liebt mich! Es iſt keine Stunde her, ſeit er es mir geſagt! Ich bethenerte ihr vergeblich, daß Ihr ſie niemals wieder ſehen wolltet, daß Ihr, im Begriff als König nach England zurückzukehren, dieſe Spielereien, mit welchen Ihr Euch in Eurem Unglücke zu zerſtrenen — 33 geſucht, vergeſſen müßtet, daß es für Euch eine hei⸗ lige Pflicht ſei, dieſer ſündigen Liebe zu entſagen, und daß Ihr geſchworen, Euch für immer von ihr loszu⸗ löſen. Sie war ganz hartnäckig in ihrem Unglauben. Sie ſagte:„Karl kann mich nicht verlaſſen! Ich habe Ihm Alles geopfert, ich bin für ihn die Mörderin meiner Mutter geworden, und um ſeinetwillen bin ich mit dem Fluch meines Vaters belaſtet. Es iſt un⸗ möglich, Karl kann mich nicht verlaſſen!“ Sire, Ihr ſeht alſo, wie nöthig es war, daß Ihr mir ſchriftlich den Befehl ertheiltet, Sara von hier zu entfernen, ſei's mit Güte, oder mit Gewalt! Ich zeigte ihr dieſen ſchriftlichen Befehl; ſie erkannte Eure Handſchrift, und nahm das Papier. Lange ſtarrte ſie es an, und dann, wie in einer Art Wahnſinn, buchſtabirte ſie halblaut jedes einzelne Wort. Es ſchien, ſie konnte nicht leſen, was Ihr geſchrieen. Endlich hattte ſie es begriffen, ſie ſchleuderte das Papier zur Erde und trat es mit den Füßen, indem ſie ſchrie, es ſei eine hölliſche Verleumdung. Ihr hättet das nicht geſchrie⸗ ben, es wäre unmöglich, und ſie würde Euch niemals verlaſſen. Nun, und dann weiter? fragte der König unge⸗ duldig. Pater Matthews zuckte die Achſeln. Weil die Güte nicht helfen wollte, mußten wir Gewalt ge⸗ brauchen, ſagte er. Georg band ihr die Hände und ich wickelte ein Tuch um ihren Mund. Dann trugen wir ſie fort! Lohin? S n Grafen Rocheſter, wie Ihr befohlen hattet, ire. Das heißt, ich werde alſo nicht nöthig haben, ihre Thränen zu ſehen und ihre Vorwürfe zu hören! Aber 24— ich hoffe doch, ſie wird mich nicht verlaſſen, ſondern mich immer lieben. Nein, ſagte der Pater, ſie wird Euch haſſen, denn um ſie zu beruhigen, ſagte ich ihr, daß Ihr längſt ihrer überdrüſſig geweſen, und nur noch eine Gelegenheit geſucht hättet, um Euch ihrer zu entledigen. Das iſt ſehr thöricht von Euch, rief Karl Stuart heftig. Es iſt ein ſo angenehmes Gefühl, zu wiſſen, daß ein ſchönes Weib um uns klagt und ſeufzt, und Ihr bringt mich durch Euren Unverſtand um dieſes ſchmeichelhafte Bewußtſein! Und Ihr, Karl Stuart, Ihr vergeßt, daß Ihr mit dem Prieſter des Herrn redet! ſagte der Pater ſtrenge, indem er ſich hoch aufrichtete und den betroffenen König mit flammenden Blicken betrachtete. Ehrfurcht vor dem Prieſter des Herrn, das iſt die erſte Pflicht jedes katholiſchen Chriſten! Ihr habt ſie verletzt, indem Ihr ſo zu mir redet! Ich ſprach nicht mit dem Prieſter, ſondern mit meinem Kammerdiener! rief der König lächelnd. Ihr werdet nie wieder mit ihm ſprechen, ſagte Matthews ſtolz. König Karl von England, dieſe Rolle iſt zu Ende geſpielt. Ich folgte bis hieher dem Befehl meiner Oberen! Ich duldete die Schmach der Knechtſchaft, und beugte mein Haupt unter die Laſt der Erniedrigung. Der Diener des Herrn mußte ſich zum Diener Eurer Lüſte erniedrigen. Ach es war eine harte Pflicht, welche mir meine Oberen auferleg⸗ ten, aber ich habe ſie getreulich erfüllt. Jetzt iſt das Werk erfüllt, Karl Stuart iſt der allein ſeligmachen⸗ den Kirche durch meinen Einfluß wieder gewonnen, und dies beſeligende Bewußtſein reinigt mich von den Sünden, die ich in Eurem Dienſte habe begehen müſ⸗ ſen. König Karl, dieſe Verabſchiedung Sara's war — 25— die letzte That Eures Kammerdieners Matthew's. In dieſer Stunde nimmt er auf immer von Euch Abſchied. Ob Ihr auch den Prieſter Matthews von Euch ent⸗ fernen wollt, das wird von Euch und Euren Ent⸗ ſchlüſſen abhängen. Ach mein Gott, Ihr werdet mich doch nicht ver⸗ laſſen wollen? rief der König erſchrocken. Wem ſollte ich alsdann meine Sünden beichten, und von wem ſollte ich Abſolution erhalten? Ihr wißt, wie ſehr ich ſtets der Abſolution bedarf! Weil Ihr ſtets wieder aufs Neue ſündigt! ſagte der Pater ſtreng. Ich bin jung und leidenſchaftlich, und ich hatte immer den Troſt, daß mir die Kirche meine Sünden verzeihe, ſagte Karl. Ihr dürft mir dieſen Troſt nicht entziehen. Ihr ſeid es geweſen, der mich in den Schooß der alleinſeligmachenden Kirche zurückgeführt! Wer weiß, welchen Gefahren Ihr mich dadurch aus⸗ ſetzet, denn das engliſche Volk haßt dieſe Religion und blickt mit mißtrauiſchen Augen auf Jeden, der ihr an⸗ gehört! Ach, wenn ſie's erfahren, daß ich ein Katho⸗ lik bin, ſo ſind ſie im Stande, mir das Leben zu neh⸗ men, und mich zu ermorden, wie ſie es meinem Vater gethan! Und der König umfaßte mit krampfhafter Angſt ſeinen Hals mit ſeinen beiden Händen, als fürchte er ihn ſchon von dem Beile des Henkers bedroht. Pater Matthews lächelte verächtlich. Ihr vergeßt, Sire, ſagte er, daß nur durch die Rückkehr in den Schoß der alleinſeligmachenden Kirche Euch die Rückkehr auf den Thron Eurer Vä⸗ ter möglich gemacht worden. Die Krone Englands war der Preis, um welche Ihr Katholik geworden. — Ich verſprach ſie Euch im Namen der Kirche und meines Ordens. Ihr habt ſie mich lange erwarten laſſen! Aber wir haben ſie Euch doch verſchafft! Vergeßt das niemals, König Karl, die Kirche und der mächtige Orden der Väter Jeſu, dieſe beiden heiligen Gewal⸗ ten ſind es geweſen, welche Euch die Krone wieder erkämpften. Gedenkt daran, daß es die Katholiken ſind, welche da drüben in England ſchreien,„es lebe König Karl der Zweite! Heil ihm, dem Sohne des Märthrers!“ und daß ſie es ſind, welche Euch zurück⸗ gerufen. Aber gedenkt auch daran, daß Ihr dafür feierlich auf die Hoſtie geſchworen, die katholiſche Re⸗ ligion vor jeglicher Verfolgung zu ſchützen, und die heilige Kirche ſo hoch zu ſtellen, daß kein verräthe⸗ riſcher Arm ſie erreichen kann! Ich habe das geſchworen, und ich werde Wort halten! ſagte der König ernſt. Aber Ihr habt noch mehr geſchworen! ſagte der Pater leiſe. Entſinnt Ihr Euch noch des Schwurs, welchen Ihr geleiſtet? Ihr legtet die Hand auf die geweihete Hoſtie und ſpracht— Wißt Ihr noch, was Ihr ſpracht? Ehre und Preis der alleinſeligmachenden Kirche, ſagte der König feierlich. Ehre und Preis der katho⸗ liſchen Religion. Ich ſchwöre bei dem ſchmachvoll vergoſſenen Blute meines Vaters, dieſe einzig wahre Religion ſtets heilig zu halten, zu ſchützen und zu ehren, und Alle, welche ihr dienen, und ſich zu ihr be⸗ kennen, ſtets meiner beſondern Gnade und Gunſt wür⸗ dig zu halten. Ich ſchwöre, den Katholiken allezeit ein gütiger Vater zu ſein und ihren Bitten und ge⸗ rechten Forderungen niemals mein königliches Ohr zu — verſchließen! Ihr ſeht, ehrwürdiger Vater, ich habe ein gutes Gedächtniß, und ich kenne meinen Schwur. Aber Ihr habt ihn noch nicht zu Ende geſagt! Wie hieß er weiter? Der König zögerte einen Angenblick, und ſeine Stirne bewölkte ſich. Ihr wißt, flüſterte der Pater leiſe, daß die Ketzer es waren, welche Euren Vater, König Karl den Erſten, auf das Blutgerüſte ſchleppten, und ihn, wie einen gemeinen Verbrecher, von Henkershänden erwürgen ließen. Ich weiß es, rief der König mit zorngerötheten Wangen. Wißt Ihr jetzt auch das Ende Eures Schwurs? Tod und Verdammniß den Feinden der allein⸗ ſeligmachenden Kirche, ſagte der König feierlich. Ich ſchwöre, dieſe Religion der Verdammten niemals zu ſchützen und niemals einem Ketzer Gnade zu bewilligen. Ich ſchwöre, mit Feuer und Schwert die rebelliſchen Ketzer zu verfolgen, und Alles anzuwenden, um ſie auszurotten von der Erde! Ich werde ſtets eingedenk ſein, daß dieſe Ketzer die Mörder meines Vaters ge⸗ weſen; unauslöſchlich wie ihr Verbrechen ſei meine Rache, das ſchwöre ich! Ihr wißt Euren Schwur ganz genau, ſagte Pater Matthews, als der König ſchwieg. Und ich werde ihn erfüllen, wenn Ihr mir ver⸗ ſprecht, mir treu zu ſein, und bei mir auszuhalten, ſagte der König. Dies iſt unmöglich! Das Werk iſt vollbracht; ich habe mein Gelübde erfüllt. Ich bin bei Euch geblie⸗ ben bis zu der Stunde, in welcher Ihr nach England zurückkehrt, um die Krone auf Euer Haupt zu ſetzen. Länger kann und darf ich dieſe unwürdige Rolle nicht mehr ſpielen. Ich kann der Diener Eurer geiſtigen Bedürfniſſe ſein, aber nicht der Diener Eures Leibes. Und doch waret Ihr es! rief der König unge⸗ duldig. Ich war es, weil es keine andere Form gab, in Eurer Nähe zu ſein, ich war es, weil ich zuerſt Eures unbedingten Vertrauens bedurfte, ehe ich daran denken konnte, Euch von dem Wege des Verderbens, auf welchem Ihr wandeltet, zu erretten! Erinnert Euch, daß ich ein Jahr lang Euer Kammerdiener geweſen, ehe Ihr in mir den Prieſter ahntet! Ihr ſaht den Prieſter erſt, nachdem der Kammerdiener Euer ganzes Vertrauen gewonnen! Aber Ihr dürft mich jetzt nicht verlaſſen, ſagte der König. Ich bedarf Eures Rathes! So ernennt mich zu Eurem Rathe und ich bleibe! Ah, rief der König lachend, Ihr wollt einen Titel! Ich will eine Form, unter welcher ich in Eurer Nähe bleiben kann! ſagte der Prieſter ernſt. Nun gut, Ihr ſollt mein Geheim⸗Secretair wer⸗ den! Genügt Euch das? Es genügt! Vorausgeſetzt, daß Ihr in der That mich die Functionen eines Geheim⸗Secretairs erfül⸗ len laßt. Gewiß, ſagte der König ungeduldig. Ihr werdet meine geheime Correſpondenz führen! Ich kenne Euch als verſchwiegen und dienſtbefliſſen, zudem verſteht Ihr gut mit der Feder umzugehen, mit gewand⸗ ten Worten Alles das zu verſchweigen, was verſchwie⸗ gen werden ſoll, und nur das zu verrathen, was Jedermann wiſſen darf. Ja, ja, ihr ſollt meine ge⸗ heime Correſpondenz führen, mit Ausnahme derjeni⸗ gen, welche beſtimmt iſt, von ſchönen Augen geleſen zu werden. Ach, das erinnert mich wieder an die arme Sara, unterbrach er ſich ſeufzend. Ich habe auch ihr manch zärtliches Billet dous geſchrieben. Arme Sara! Sie wird mich einen großen Sünder nennen. Sie wird mir fluchen, wie ihr Vater es ihr gethan. Wißt Ihr, ehrwürdiger Vater, ich habe Furcht vor einem Fluche. Betet für mich, damit dieſer Fluch von mir genommen werde! Ich werde gehen, und für Euch beten! ſagte Pa⸗ ter Matthews, indem er ſich der geheimen Thüre näherte. Noch eins! ſagte Karl. Ich fühle mich beängſtigt und ſorgenvoll. Das macht, Ihr habt heute noch nicht die heilige Meſſe gehört! Ich will ſie hören! Ja, das will ich, das wird mir Erleichterung verſchaffen. Erwartet mich alſo in der Kapelle. Der Prieſter entfernte ſich und Karl Stuart blieb wieder allein. Er ſtand da mit bewölkter Stirn und blickte gedankenvoll vor ſich hin. Dann, nach einer Pauſe, richtete er ſich ſtolz em⸗ por und ſagte lächelnd: ich bin ein ſehr gutmüthiger Thor, mich zu beunruhigen! Es iſt ihre eigene Schuld. Sie hätte weniger leidenſchaftlich, weniger hingebend ſein ſollen. Die Weiber wollen niemals begreifen, daß wir ſie am meiſten lieben, wenn ſie am grauſam⸗ ſten ſind! Dieſe gute Sara, ſie hat mich zu ſehr ge⸗ liebt, und es iſt daher natürlich, daß meine Liebe er⸗ kaltete! Bah, ſie hat ein zu heißes Herz, als daß es auf immer erkalten ſollte! Sie wird ſich zu tröſten wiſſen; vielleicht wird es ihr eine gute Lehre ſein, und ſie wird ein wenig mehr Coquetterie lernen! „ III. Die Ahgeordneten der Anglicaniſchen Rirche. Drinnen in dem anſtoßenden Zimmer ward es lebendig, man hörte das Geräuſch von Fnßiſieten und leiſes Flüſtern und Sprechen. Karl Stuart ſchlich vorſichtig auf den Fußſpitzen zu der Portiere hin, welche das Toilettenzimmer von dem Audienzzimmer trennte. Durch eine an der Seite der Portiere befindliche Spalte konnte er das anſto⸗ ßende Zimmer überſchanen. Zwölf Männer mit ernſten, ſorgenvollen Geſich⸗ tern, in der ſchwarzen Tracht der Prieſter waren in dieſes Zimmer eingetreten, geführt von Buckingham, welcher in ihrer Mitte ſtand, und ſich leiſe mit ihnen unterhielt. Ach, dieſer George iſt ein deliciöſer Schauſpieler, flüſterte der König, indem er mit Mühe das Lachen unterdrückte. Wahrhaftig, er verdreht die Augen und faltet die Hände und näſelt, als wäre er ſelber ein Rundkopf. Ich werde meinen Poſten verlaſſen müſſen, um den ehrwürdigen George Villiers nicht durch mein lautes Lachen zu ſtören. Der König trat leiſe von dem Vorhang zu⸗ rück und ſchlich ſich durch das Zimmer zu ſeinem 3 Lager hin. Da huſtet George zum zweiten Male, flüſterte er, indem er ſich leiſe auf die Kiſſen gleiten ließ. Drinnen hörte man den Herzog von Bucking⸗ ham mit lauter Stimme ſagen: Erlaubt mir jetzt, meine höchſt ehrwürdigen Herren, Euch unſerm könig⸗ — lichen Gebieter zu melden. Ich denke, er wird er⸗ wacht ſein! Die Portiere ward geöffnet, und Buckingham trat in das Toilettenzimmer. Sire, flüſterte er leiſe, indem er an das Beit ſchlich, die Geſandten ſind da! Ich weiß es! Ihr werdet gut thun, ſie ſehr zuvorkommend zu behandeln. Es ſind ſehr mächtige Herren darunter, und wenn Ihr ſie gewinnt, habt Ihr ihre ganzen Ge⸗ meinden für Euch. Zudem glaube ich, daß ſie Euch ein bedeutendes Geſchenk mitbringen! Ein Geſchenk! flüſterte der König, ſich raſch auf⸗ richtend. Ruhig, ruhig, ſagte Buckingham. Ich gehe, ihnen anzuzeigen, daß Ihr noch in tiefem Schlafe liegt! Sr. Majeſtät ſchlummern noch, ſagte der Herzog, als er ſich wieder zu den Abgeordneten der proteſtan⸗ tiſchen Kirche begab. So feſt ſchläft der König, daß er mich gar nicht gehört hat. Das iſt ſehr natürlich. Sr. Majeſtät hat die ganze Nacht gearbeitet, die Liebe zu ſeinen Unterthanen, und die Sehnſucht nach ihnen hat ihn wach gehalten! Es wäre grauſam, ihn in ſeinem Schlummer zu ſtören! Warten wir alſo, bis er erwacht! Der Herzog begann jetzt eine leiſe aber lebhafte Unterhaltung mit den Biſchöfen und Herren, welche von England herüber gekommen waren, um ſich der Geſinnung Karl Stuarts zu vergewiſſern, und ſich zu überzeugen, ob die dunklen und ſchreckensvollen Ge⸗ rüchte, welche den König als einen Abtrünnigen und Papiſten bezeichneten, Wahrheit enthielten. Es konnte keinen beredtern und liebenswürdigern Geſellſchafter geben, als George Villiers, Herzog von 6 — 32— Buckingham es war. Niemand vermochte ihm zu widerſtehen, wenn er bezaubern wollte. Sein ſprudeln⸗ der Witz, ſeine flammende Begeiſterung, ſein anſcheinend ſo gutmüthiges Weſen, verbunden mit der Schönheit und Eleganz ſeiner äußern Erſcheinung, waren ganz dazu geeignet, ihm die Herzen zu gewinnen. Auch widerſtanden ihm dieſe frommen Biſchöfe und Prieſter nicht lange. Mit großen Vorurtheilen gegen ihn waren ſie gekommen, denn die öffentliche Meinung bezeichnete den Herzog von Buckingham als Denjenigen, deſſen Leichtfertigkeit und Sittenloſigkeit dem König ein ſchlim⸗ mes und verführeriſches Beiſpiel geweſen. Aber die frommen engliſchen Abgeſandten überzeugten ſich jetzt zu ihrer freudigen Verwunderung, daß man Bucking⸗ ham Unrecht thue, und daß er ein ſehr frommer und chriſtlich gefinnter Herr ſei! Plötzlich unterbrach ſich der Herzog in einer an⸗ en feurigen Rede zum Lob der proteſtantiſchen irche. Mich dünkt, ich hörte Geräuſch im Zimmer Sr. Majeſtät, ſagte er. Alle horchten. Ja, wahrhaftig, er iſt erwacht, ſagte Buckingham. Er ſpricht. Aber mit wem ſpricht er denn? Mit Gott! ſagte Biſchoff Seymour, welcher dem Vorhang zunächſt ſtand. Ah, dann dürfen wir ihn nicht ſtören, flüſterte der Herzog, indem er ſich leiſe dem Vorhang näherte, und dadurch den Prieſtern ein Beiſpiel gab, das Gleiche zu thun. Mit angehaltenem Athem, mit geſpannter Aufmerk⸗ ſamkeit ſtanden dieſe zwölf ehrwürdigen Herren mit dem Herzog von Buckingham vor dem um den beten zu hören. — 53 Auch war dies Gebet des Königs für dieſe Herren ſehr wichtig, denn es mußte entſcheiden, ob ſie um⸗ ſonſt die Reiſe über das Meer gemacht, ob der König wirklich, wie man ſagte, ein Papiſt, oder ob er ein trener Anhänger der engliſchen Kirche ſei.— Sie ſtanden alſo mit hochklopfendem Herzen und lauſchten, indem ſie die Hände falteten, und in ihren Mienen alle die Feierlichkeit ausdrückten, welche der Moment erforderte. Uebrigens konnte der König die Geſichter Aller ſehen, wenn ſie ihn auch nicht ſehen konnten. Er hatte ſehr geſchickt ſeine knieende Stellung ſo gewählt, daß er durch die ſeitwärts in der Portiére befindliche Spalte das ganze andere Zimmer überblicken konnte. Der König betete; ſeine Worte waren anfangs leiſe und unverſtändlich geweſen, aber im Feuer der Begeiſterung ward ſeine Stimme voller und mächti⸗ ger und auf ſeinen Knieen liegend, erhob er ſeine Arme gen Himmel und rief mit enthuſiaſtiſchem Ton: „Ich flehe zu Dir, mein Vater und Herr, gieb Dei⸗ nem unwürdigen Knechte die rechte Weisheit und Er⸗ kenntniß! Erhalte mein Herz in der Demuth, o Gott. Du haſt mich geprüft durch Leiden und Er⸗ niedrigung! Gieb, daß die Größe und der Glanz des Königthums mich nicht verblende, o Herr, daß der Stolz keinen Eingang finde in meine Seele, und der Uebermuth fern bleibe von meinem Thron. Und vor allen Dingen, o Herr und Gott, flehe ich Dich an, laß mein Herz weich bleiben, und voll vergebender Milde, damit ich niemals im Zorne derer gedenke, welche meinen Vater getödtet, und aus einem König einen Märtyrer gemacht! Laß mich Ihnen verzeihen aus dem vollen Grund meiner Seele! Erhalte mein Far U 2. 3 — 34— Herz tren, daß es niemals wanke in dem beſchwore⸗ nen Glauben, welches der einzig richtige iſt. Dieſer Glaube, es iſt der Glaube meiner Väter, und ich habe ihm Treue gelobt. Gieb mir Kraft und Ge⸗ ſchick, die engliſche Kirche aufrecht zu halten und zu ſchützen und ihre heiligen Glaubensſatzungen, wenn es ſein muß, mit meinem Leben zu vertheidigen. Be⸗ wahre mich vor den Verführern und Schleichern, welche mein Herz zum Abfall verleiten, und mich zu einem abtrünnigen Diener der englichen Kirche, und zu einem Ueberlänfer der katholiſchen Religion machen möchten! Bewahre mich vor den Jeſuiten, und vor allen Denen, welche ihnen gleichen! Für dieſes Alles, mein Herr und Gott, bitte ich um Deine Kraft, und um Deinen Segen! Und wenn Du mit mir biſt, wer ſollte alsdann wider mich ſein?“ Der König hatte ſein Gebet beendet und ſtand auf, und indem er das that, warf er einen verſtohle⸗ nen Blick auf die Prieſter, welche noch immer an dem Vorhang ſtanden. Er konnte zufrieden ſein mit dem Eindruck, den ſein Gebet hervorgebracht. Die frommen Herren, welche anfangs nur aus Neugierde lauſchten, waren alsdann bezaubert und gerührt worden von den Wor⸗ ten Karl Stuarts. Sie hatten einander angeſehen mit freudeſtrahlenden Blicken und einem Lerklärten Lächeln, ſie hatten ſich im Feuer der Begeiſterung die Hände gereicht und einzelne Worte des Entzückens geflüſtert; als aber der König mit ſo klarer Entſchiedenheit ſich als einen Diener der engliſchen Kirche offenbarte, da kannt ihre Freude keine Grenzen mehr. Thrä⸗ nen entſtrömten ihren Augen, und gleichſam um dur den Austauſch ihrer Gefühle ihren übervollen Herzen Luft zu machen, ſanken ſie einander in die Arme 3 und lagen Bruſt an Bruſt gedrückt, während der Kö⸗ nig ſein Gebet beſchloß. Auch George Villiers, Herzog von Buckingham, ſchien von der allgemeinen Begeiſterung mit ergriffen worden zu ſein. Er hatte mit den Prieſtern geſeufzt und die Augen gen Himmel gedreht vor Entzücken, und als die Umarmungen kamen, hatte er jeden die⸗ ſer frommen Herren ſo ſtürmiſch an ſeine Bruſt ge⸗ drückt, daß ſie in dieſen Umarmungen auf einen Mo⸗ ment wenigſtens den Athem verloren. Jetzt, ſagte er dann, meine höchſt ehrwürdigen Herren, jetzt iſt es Zeit, Sr. Majeſtät um eine Audienz zu bitten. Er zog raſch die Portieren zurück und warf ſich vordem Könige auf die Kniee nieder. Gnade, Sire, Gnade! rief er, die Hände zu dem anſcheinend erſtaunten König erhebend. Gnade für uns, die wir als reuige Sünder zu Euren Füßen liegen! Ja, Gnade, Sire! flehten die Abgeordneten der engliſchen Kirche, indem ſie, einem Winke Bucking⸗ hams folgend, vor dem König ein Knie beugten. Karl Stuart näherte ſich ihnen mit jener Anmuth und jenem herzgewinnenden Lächeln, welches ihm eigen und welches ein Erbtheil ſeiner Enkelmutter, der Alles bezaubernden und unglücklichen Maria Stuart war. Weshalb bitteſt Du um Gnade, George, und wer ſind dieſe Herren? fragte der König. Sire, es ſind die Herren Abgeordneten der Angli⸗ eaniſchen Kirche, und wir Alle flehen um Gnade wegen eines großen Verbrechens. Sire, wir haben in Ihrem Zwiegeſpräche mit Gott be⸗ orcht! . 3* — 6— Der König trat einen Schritt zurück. Sie haben mich behorcht, ſagte er mit gutgeſpiel⸗ tem Erſtaunen. Dies iſt in der That ein Vergehen, um welches ich zürnen möchte! Sire, ſagte Biſchof Seymour, der Abgeordnete von London, Sire, Gott ſelber hat es ſo gefügt, daß wir die erhabenen Worte hören ſollten, welche Euer königlicher Mund ſprach, und welche wie Siegesflammen fortan in unſerm Herzen brennen werden. Wir kamen hierher, um Ew. Majeſtät im Namen unſerer Kirche zu begrüßen, und für dieſe Kirche den väterlichen Schutz unſers Königs zu erflehen. Jetzt iſt ſol⸗ ches Flehen überflüſſig geworden. Wir haben das Gebet gehört, welches der König an ſeinen Gott rich⸗ tete, wir haben die Worte gehört:„Gieb mir Kraft, o Herr, die engliſche Kirche aufrecht zu halten und zu ſchützen und ihre heiligen Glaubensſatzungen, wenn es ſein muß, mit meinem Leben zu vertheidigen.“ Sire, mit dieſen ſo erhabenen und ſo tröſtlichen Worten habt Ihr Euch in unſern Herzen einen Altar errich⸗ tet, dieſe Worte, ſie werden das Banner ſein, welches wir vor Euch hertragen, und welche Euch das engliſche Volk mit Freudenthränen entgegenjubeln wird, wenn Euer geheiligter Fuß den Boden Alt⸗Englands be⸗ tritt! Sire, wir empfehlen uns Alle der Gnade Euerer Majeſtät, aber weiter haben wir nichts mehr zu bitten! Karl Stuart reichte ihm freundlich die Hand, und hob ihn empor. Ich ſollte Euch zürnen, ſagte er, denn es liegt etwas ſehr Beſchämendes für einen König in dem Ge⸗ danken, behorcht zu ſein in dem Moment, wo er ſich vor Goitt demüthigte. Oh, ich fürchte, Ihr werdet mich für ſehr verzagt und ſehr kleinlich halten, daß ich ſo wenig auf meine eigene königliche Kraft v — traue, und ſo ſehr des Beiſtandes und Schutzes unſers Herrn bedarf. Nur wer mit Gott und durch Gott handelt, der iſt der wahrhaft Starke! rief der Biſchof begeiſtert aus. In dieſem Sinne werde ich alſo ſtark ſein, ſagte der König, denn„mit und für Gott“ das wird immer mein Wahlſpruch ſein! Aber ſtehen Sie auf, meine Herren, ſtehen Sie auf. Es geziemt Ihnen nicht, vor Dem zu knieen, welcher eben noch ſelber ſein Knie beugte. Kein Menſch ſoll vor dem Andern knieen! Die Prieſter erhoben ſich; als Buckingham ihrem Beiſpiel folgen wollte, drückte der König, welcher ſich ihm genähert hatte, ihn leicht wieder auf ſeine Kniee zurück. Du magſt immer noch knieen, George, ſagte er, denn Du biſt ein arger Sünder. An Dir war es, mich von der Ankunft dieſer Herren zu benach⸗ richtigen! Sire, ich habe meine Fflicht getreulich erfüllt. Dieſe Herren ſind Zeugen, daß ich, nachdem ich ſie hier eingeführt, mich in Euer Gemach begab, um Euch für ſie um eine Audienz zu bitten. Aber Ew. Majeſtät konnten ſie nicht empfangen, weil Sie eben dem holden Schlummergotte Andienz ertheilten. Das entſchuldigt Dich freilich für diesmall ſagte der König. Indem er ſich aber niederbengte, um Buckingham emporzuheben, flüſterte er: Und das Geſchenk? Sire, es wird gleich kommen! ſagte George Villiers leiſe, indem er aufſtand. Wann gedenkt Ihr nach England zurückzukehren? fragte der König die Abgeordneten. „ 36 In dieſer Stunde noch, Sire, das Schiff liegt be⸗ reit, und unſere Gemeinden erwarten uns! Bringt ihnen unſere Grüße, und ſagt ihnen, daß wir ſie als Vater lieben! Und hat Ew. Majeſtät uns weiter keine Befehle zu ertheilen, giebt es keine Beſtellungen, die wir aus⸗ richten können? Keine! Doch, ich wüßte deren viele, ſagte Buckingham lachend. Beſtellt uns bei den Juwelieren eine Krone, bei den Seidenwirkern die ſchönſten Stoffe, und vor allen Dingen, meine Herren, beſtellt dem Parlamente, daß es uns einige Millionen ſende, damit Se. Majeſtät in den Stand geſetzt wird, auf eine wür⸗ dige Weiſe ſeinen Einzug zu halten! Oh, George, Du biſt ein unverbeſſerlicher Schwätzer! ſagte der König, dem Herzog mit dem Finger drohend. Indeſſen hatte der Biſchof Seymour, welchen die engliſchen Herren zu ihrem Sprecher ernannt hatten, das verabredete Zeichen geſehen, welches Buckingham ihm gemacht. Dieſes Zeichen bedeutete: Jetzt iſt es Zeit, Euer Geſchenk anzubringen. Sire, ſagte daher der fromme Biſchof, Sire, wir haben Euch noch um eine Gnade anzuflehen, aber be⸗ vor wir ſie auszuſprechen wagen, müßt Ihr uns Eu⸗ rer königlichen Verzeihung vergewiſſern. Die Diener Gottes ſind meiner Verzeihung ge⸗ wiß! Redet alſo! ſagte der König, indem er mit an⸗ muthiger Nachläſſigkeit ſich auf einen Lehnſtuhl gleiten ließ. Sprecht alſo, meine Herren, was wünſcht Ihr? Sire, ſagte Seymour verlegen, wir wollten Ench bitten im Namen unſerer Gemeinden, aus 30— Händen die erſte Steuer, welche Eure Unterthanen ihrem Könige darbringen, anzunehmen. Eine Steuer? fragte der König. Wir zahlten bisher an Cromwell und an das Parlament, gönnt uns die Freude, die erſten zu ſein, welche jetzt für ihren angeſtammten König ihre Steuer zahlen. Und indem er leicht ein Knie beugte vor Karl Stuart, reichte er ihm ein Käſtchen von Ebenholz dar. Sire, ſagte er, wenn ſich die Thränen der Freude, welche Eure Unterthanen beim Gedanken an Eure Rückkehr weinen, zu Silber verhärten könnten, ſo würdet Ihr in dieſem Käſtchen viele Millionen fin⸗ den! Indeſſen iſt man in dieſer mangelhaften Welt oft gezwungen, ſtatt der That mit dem Willen vor⸗ lieb zu nehmen, und Gott zu danken, wenn dieſer Wille mindeſtens noch gut iſt! Sire, nehmt alſo den Willen für die That an! Was enthält dieſes Käſtchen? fragte Karl Stnart, indem er, ſeiner Neugierde nachgebend, ſeiner wohl affectirten königlichen Würde vergaß, und den Schlüſ⸗ ſel, welcher an einer ſeidenen Schnur an dem Käſt⸗ chen herab hing, in das Schloß ſteckte. Sire, es enthält leider nur fünfzigtauſend Livres! Geld! rief der König, indem er das Käſtchen öffnete, und die darin befindlichen Rollen mit einem Lächeln betrachtete, welchem er den Ausdruck der Melancholie zu geben ſuchte. Geld! wiederholte der König. Ja, Geld, Sire, und wir hoffen, daß Ihr dieſe erſte Steuer, welche Eure Unterthanen Euch freiwillig darbringen, nicht mißachten oder darüber zürnen werdet! Nein, ſagte der König, ich zürne nicht, denn ich weiß, daß das Geld eine dankenswerthe Gabe iſt, und daß Ihr leider in England ſehr gut wißt, woran der arme Karl Stuart Mangel leidet! Und der König, hingeriſſen von ſeinen Erinne⸗ rungen, und wider ſeinen Willen von deren Herb⸗ heit und Bitterniß übermaunt, vergaß einen Augen⸗ blick ſeine Königsrolle, und folgte dem traurigen Zuge ſeiner Gedanken. Seine Stirn verfinſterte ſich, ſeine dunkelblauen Augen ſchienen noch dunkler und blitzender zu werden, und indem er noch immer das Käſtchen mit den Geldrollen betrachtete, ſagte er leiſe und mit einem bittern Lachen: Oh ja, der angeſtammte und recht⸗ mäßige König von England, er hat, Dank ſeinem Volke, ſehr gute Gelegenheit gehabt, den Werth des Geldes kennen zu lernen, und die Münzſorten ſeines Landes mit angſtklopfendem Herzen zu ſtndiren. Ich entſinne mich, daß es Tage gab, in welchem mich der Anblick einer Guinee erbeben machte vor Freude, nicht etwa deshalb, weil ſie mir das wohlgetroffene Bildniß meines Vaters, deſſen Haupt unter dem Henkerbeile gefallen, vergegenwärtigte, ſondern weil ich daran dachte, daß ſich dieſe Guinee in verſchiedene kleine Stücke auflöſen laſſe, und daß man für dieſe ein wenig Nahrung für den hungernden Leib, und ein Lager für die ermüdeten Glieder haben könne! Die geiſtlichen Herren ſtanden in ehrfurchtsvollem Schweigen da, während Karl Stuart ſo ſprach. Der Herzog von Buckingham aber näherte ſich leiſe dem Seſſel ſeines Herrn, voll Beſorgniß, es möchte dieſer, überwältigt von ſeinen Erinnerungen, vergeſſen, dieſe leutſelige und verzeihende Milde zu zeigen, welche die ehrwürdigen Prieſter ſo ſehr entzückt hatte. Er kannte den leichtbeweglichen Sinn Karl Stuarts, er wußte ſehr gut, wie ſchnell und mit welcher ſtau⸗ nenswerthen Schwungkraft er von einem Extrem des Gefühls zu einem anderen überſpringen konnte. Er hatte ihn heute Menſchen haſſen ſehen, welche er geſtern liebte, und morgen Die lieben, welche er heute verwünſchte! Das Herz Karl Stuarts glich dem unergründlichen, unerforſchlichen Meer, welches vom Sturme gepeiſcht, zu jeder Secunde ein anderes Schauſpiel darbietet, und ein anderes Bild enthüllt. Nur Eins gab es, was ewig feſt und unwandelbar auf dem Grunde dieſes Meeres lag, nur Eine Wunde war es, welche niemals in dem Herzen Karl Stuarts verharrſchen wollte,— er hätte es dem engliſchen Volke verziehen, wenn ſie ſeinen Vater getödtet hät⸗ ten, um ihn, den Sohn, auf den Thron zu erheben, aber er konnte es ihm niemals vergeſſen, daß es auch ihn verſchmähen und mißachten und in die Fremde jagen konnte. Das war die ewig blutende Wunde in dem Herzen Karl Stuarts— das engliſche Volk hatte ihn gedemüthigt, und aus dem König von Gottes Gnaden einen flüchtigen, hungernden und durſtenden Menſchenſohn gemacht! Nicht aber bloß vor der Welt war er gedemüthigt worden, ſondern auch vor ſich ſelber. Der Glaube an ſeine Königswürde und ſeine Erhabenheit war von ihm gewichen, ſeit er, ein armes hungerntes Menſchenkind, in den Wäldern ſich verbor⸗ gen, vor ſeinen Verfolgern ſich geflüchtet hatte. Dies war Karl Stuarts, des ſtolzen Sohnes ſei⸗ ner ſtolzen Ahnen, ewig blutende Wunde, und wer nur leiſe mit dem Finger ſie berührte, der konnte ge⸗ wiß ſein, den König in heftigen Zorn, oder in eine grollende, das Schickfal und die Menſchheit verhöh⸗ nende Schwermuth zu verſetzen. Buckingham wußte das, und er fürchtete deshalb, — der König möge ſich hinreißen laſſen von dem Schmerz⸗ gefühl ſeiner Herzenswunde. Er trat alſo näher, um wenigſtens in jedem Augenblick bereit zu ſein, dem König zu Hülfe zu kommen durch irgend eine War⸗ nung, ein leiſe geflüſtertes Wort. Karl Stuart ſtarrte noch immer auf die Geldrol⸗ len hin, und die Prieſter ſtunden immer noch ſtumm, in ehrfurchtsvollem Schweigen umher. Nach einer kleinen Pauſe, in welcher man nur das ſchwere Athmen des Königs und das ewig gleich⸗ mäßige monotone Pickern der Wanduhr gehört hatte, fuhr der König in ſeinem Selbſtgeſpräch fort: ja, ja, ich habe mich über ſolche Guineen gefreut, obwohl ſie mein Herz hätten mit Jammer erfüllen ſollen, weil ſie das Bildniß meines Vaters trugen! Es gab Stunden, in denen ich ſogar mein Anrecht auf die Krone hingegeben hätte für ein Stück dieſes elenden Metalls, welches die Menſchen Gold nennen, denn der elende, gemeine Hunger, der peinigende Durſt hatte meinen Geiſt entnerpt, die Schwungkraft meines Weſens gelähmt! Der Königſohn war ein gehetztes Wild, das nichts mehr verlangte, als eine Höhle, um ſich auszuruhen, und eine Quelle, um daraus zu trin⸗ ken! Ach, das Thier des Waldes war beſſer daran, wie der Königsſohn! Ich klopfte an die Hütten der Menſchen, welche ich nicht mehr meine Unterthanen, ſondern meine Brüder nannte, und geplagt von Hun⸗ ger, bat ich ſie um ein Stück Brod, geſchüttelt von Froſt, bat ich ſie in einem Winkel ihrer Hütte aus⸗ ruhen zu dürfen. Aber die Menſchen hatten kein Mitgefühl für ihren hungernden Bruder, ſie dachten nur an ſich, nur an ihren Vortheil; ihre erſte Frage war, ob ich Geld habe, um die Dienſte zu kezahlen, welche ich von ihnen forderte, und als der Erbe des engliſchen Thrones, der Sohn ſo vieler gekrönter Häupter, dieſe Frage mit Schamröthe auf den Wan⸗ gen, mit angſtſtotternder Stimme verneinen mußte, da verſchloß man mir mitleidslos die Thür und hieß mich hohnlachend weiter gehen! Und ich ging weiter, fuhr der König ganz dieſer traurigen Erinnerung hingegeben, lebhafter fort, ich ging weiter! Aber ich ging nicht mehr zu den Men⸗ ſchen, dieſen kalten, herzloſen Geſchöpfen, ſondern ich ging zu den Thieren des Waldes, und was mir die Menſchen verſagt, das forderte ich von der Natur! Sie war großmüthiger! Sie bot mir eine Quelle dar, um daraus zu krinken, ſie gab mir Wurzeln, um mich zu ſättigen, und endlich ließ ſie mich in dem hohlen Stamm einer Eiche ein Lager finden, um meine mattgehetzten Glieder zu ſtrecken. Das Alles that die Natur für mich, als die Menſchen mich aufgaben, weil ich kein Geld beſaß! Das Geld iſt der Talisman, mit welchem man die Herzen der Menſchen bändigt, oh, mehr als das, mit welchem man Throne erobert und Schlachten gewinnt! Ich verlor die Schlacht von Worceſter, weil ich nicht genug Geld beſaß, um mir ein hinlängliches Heer zu werben, oder weil Cromwell mit ſeinen räuberiſchen Händen meine könig⸗ liche Schatzkammer erbeutet und mit derſelben ſich ein Heer erkauft hatte! Und während Cromwell, Dank meinem Gelde, als triumphirender Sieger in London einzog, ward ich, Dank meiner Armuth, wie ein ge⸗ hetztes Wild in den Wäldern umhergetrieben, und lebte von Wurzeln und Kräutern und dankte Gott, als ich in einem Baumſtamm ein Obdach finden konnte. Ueber mir in dem grünen Gezweige ſchwatzten die Dohlen und flöteten die Lerchen, und die Eichkätzchen hüpften kreiſchend von Aſt zu Aſt, und unter ihnen ſaß die zuſammengekauerte, armſelige Geſtalt eines Menſchen, welchen man einen König nannte, und den Gott beſtimmt hatte, eine Krone auf ſeinem Haupte zu tragen. Das war eine entſetzliche Nacht, und un⸗ ter dem Geſang der Vögel und dem Rauſchen der Bäume ſang mein Herz ſeine traurigen Schmerzens⸗ lieder! Die Nacht verging, der Tag brach an, die Sonne leuchtete empor, ſie machte das Gras und die Blumen und den Stamm der Eiche, in welcher ich ruhte, erglänzen, aber ich wußte nicht, ob es der Thau geweſen oder meine Thränen, welche ihn mit diaman⸗ tenen Tropfen überſäet hatten! Der König ſchwieg und bedeckte ſein Geſicht mit ſeinen Händen. Ein tiefes Schweigen herrſchte. Man ſah auf den Geſichtern der Abgeordneten die tiefe Rührung, von welcher ihr Herz erfüllt war, aber die Ehrfurcht vor der Perſon des Königs verhinderte ſie, dieſer Rührung Worte zu leihen. Plötzlich ließ Karl Stuart die Hände von ſeinem Geſichte gleiten, und ſich mit einem anmuthigen Lä⸗ cheln vor den ihn umgebenden Herren verneigend, ſagte er: Verzeihen Sie mir, wenn ich einen Augenblick Ihrer Gegenwart vergeſſen konnte. Der Anblick die⸗ ſes Geldes, welches Sie mir mit ſo dankenswerther Zartheit anbieten, machte mich zu einem Träumer, welcher rückwärts blickte in die Vergangenheit, ſtatt ſein Auge auf die Zukunft zu richten! Laſſen wir die Vergangenheit vergeſſen ſein, die Zukunft iſt unſer, und ich hoffe, ſie ſoll uns entſchädigen für vergangene Leiden. Meine Herren, ich danke Ihnen von ganzem Herzen für dieſes Geſchenk, und ſeien Sie verſichert, daß ich deren Geber nie vergeſſen werde. Sie können auf meine Dankbarkeit rechnen! Kehren Sie zurück 4 —. nach England und ſagen Sie Ihren Gemeinden, daß ſie meiner Liebe und meines Schutzes gewiß ſein dürfen! Und der König entließ die Deputation mit einem gnädigen Kopfnicken, indem er zugleich George Villiers einen Wink gab, bei ihm zurückzubleiben. Nun, fragte Karl Stuart, als er mit ſeinem Ver⸗ trauten allein war, wie biſt Du zufrieden mit dieſer Vorſtellung? Sire, es war ein koſtbares Luſtſpiel, obwohl es zu⸗ letzt ein wenig an das Tragiſche ſtreifte. Pah, das war die pikante Sauce, mit der ich dieſen Rundköpfen das Gericht meiner Frömmigkeit auftiſchte. Aber die mir zugleich die Augen übergehen machte vor Angſt! Der König lachte, und indem er ſeinen Arm auf des Herzogs Schuiter legte, und ihn leicht an's Ohr zupfte, ſagte er: ich will Dir etwas ſagen, George. Du warſt früher mein Lehrmeiſter in der edlen Schau⸗ ſpielkunſt, und ich habe Dich immer bewundert. Aber jetzt will es mich bedünken, als ob der Schüler ſeinen Lehrmeiſter faſt übertreffen könnte. Du merkteſt alſo nicht, daß ich mit gutem Bedacht dieſe rührende Scene da auf⸗ führte, und dieſen Herren Biſchöſen Thränen ent⸗ lockte? Mein Gott, ſie werden hingehen und ihren Gemeinden Wort für Wort wieder erzählen, was ich ihnen geſagt. Und ganz England wird Thränen des Mitgefühls weinen mit dem unglücklichen Karl Stuart. Das wird dem König Karl Stuart, wenn er ſiegreich in London einzieht, eine Glorie um das Haupt weben und ihn zu einem Märtyrer machen! Alle die ſchönen Damen werden mich bemitleiden, und werden ſich be⸗ mühen wollen, mit ihrer Huld und Güte auch die Rauh⸗ N heit und Strenge meiner Vergangenheit vergeſſen zu machen. Alle die guten Krämerſeelen werden ſich erinnern, daß ich ſo viel Noth gelitten habe, und ſie werden mich entſchädigen wollen, indem ſie mir nicht bloß ihre Herzen, ſondern auch ihre Geldbentel öffnen! Gott gebe, daß auch die Parlamente zu dieſen Krämerſeelen gehören, die ihre Börſen öffnen, ſeufzte Buckingham. Ach, Sire, es giebt doch nichts Lang⸗ weiligeres und Unerträglicheres als dieſe Parlamente, welche ſich unterſtehen wollen, den König zu hofmeiſtern und ihm Geſetze vorzuſchreiben. Bah, wir werden des Parlamentes Herr werden, wie wir Englands Herr geworden ſind! rief der Kö⸗ nig ſtolz. Nur Geduld, Geduld, George! Dieſe Herren Parlamentsräthe ſollen es lernen mir zu ge⸗ horchen! Aber jetzt laß uns gehen! Pater Matthews erwartet uns! Und wird er Eurer Majeſtät verzeihen, daß Ihr dieſen Rundköpfen feierlich Glaubensfreiheit geſchworen? Er hat mir ſchon im Voraus die Abſolution da⸗ für ertheilt! Zur heiligen Meſſe alſo, und höre, George, bete einen Roſenkranz für die arme Sara! Das arme Ding dauert mich! —— In der Frühe des nächſten Morgens be⸗ wegte ſich ein ſtattlicher Zug von Reitern dem Fluſſe zu, auf welchem ein feſtlich geflaggtes Schiff bereit lag. In der Mitte dieſer Reiter befand ſich Karl Stuart, und das Schiff, welches am Ufer lag, erwar⸗ tete nur ihn, um die Anker zu lichten, und nach Eng⸗ land zu ſegeln. Ein Haufe neugierigen Volkes um⸗ ringte den Zug des Königs und Karl Stuart grüßte lächelnd zu beiden Seiten und nannte dieſe ſchmutzigen, brüllenden und jauchzenden Geſellen„ſeine lieben Freunde“, indem er ſie heimlich zur Hölle ver⸗ — wünſchte, weil ſie ihn verhinderten, raſcher das Ufer zu erreichen. Plötzlich ſtockte der Zug ganz und gar. Ein an⸗ derer Volkshaufe wälzte ſich ihm entgegen. Er kam von der Seite des Fluſſes her und ſchritt gerade auf den Zug des Königs heran. Ein Gedränge entſtand, ein Hin⸗ und Herſchieben und Stoßen. Gebt Raum, Ihr guten Leute! ertönte jetzt Bucking⸗ hams vollkräftige Stimme. Raum für Se. Majeſtät den König von England. Gebt Raum Ihr ſelber! rief eine feierliche Stimme zurück. Raum für eine Leiche! Die Todten müſſen ſelbſt den Königen Ehrfurcht einflößen! Es lag etwas Schauerliches, Grauſenerregendes in dieſer feierlichen Anrede, ein herzzerreißender Hinblick auf die Vergänglichkeit alles Erdenglanzes, gegenüber der unvergänglichen Majeſtät des Todes. Karl Stuart erbebte unwillkührlich und ſeine Wange erbleichte. Vielleicht war es eine unheilvolle Ahnung, welche ſein Herz mit unerklärlichem Bangen erfüllte. Seht doch nach, Graf Rocheſter, ſagte er, was für einen Todten man uns da in den Weg ſtellt! Aber Rocheſter vermochte nicht mehr ſich Bahn zu machen durch die herandrängende Menge. Gebt Raum für eine Leiche! tönte fort und fort der feierliche Ruf, und die neugierige Maſſe, welche den Zug des Königs begleitet hatte, trat ſcheu zur Seite, indem ſie zugleich die Reiter nöthigte ſich dicht an die Häuſer zu drängen und anzuhalten. Indeß kam der Zug immer näher. Schweigend, mit jinſtern Blicken, mit ernſtem Stirnrunzeln ſchritten die Männer durch dieſe vom Volke gebildete Gaſſe — hindurch. Der königliche Triumphzug war vergeſſen und verblaßt, und Alles hatte nur noch Ange und Sinn für die Leiche, welche da ihren Triumphzug hielt. Der Jubel und das laute Lärmen war verſtummt, man hörte hier und da Ausrufe des Mitleidens und des Schmerzes, man ſah die Weiber weinen, und die Kinder ſich neugierig herandrängen zu den Männern, welche eine Bahre auf ihren Schultern trugen. Auf dieſer Bahre rahte die Leiche eines jungen Weibes. Ihr marmorblaſſes Geſicht trug die Züge einer erhabenen Schönheit. Beim Anſchauen dieſer edlen marmorbleichen Leiche erinnerte man ſich unwill⸗ kührlich jener Marmorbilder voll unvergänglicher Schön⸗ heit, die der Meißel der Griechen geſchaffen. Aber nur Eins fehlte dieſer griechiſchen Schönheit, die unver⸗ gängliche Heiterkeit! Dieſe Züge, ſie waren erſtarrt im Krampf des Schmerzes, ein Lächeln voll verach⸗ tender Verzweiflung war auf dieſen ſchwellenden Lippen verſteinert, und die finſter zuſammengezogenen Augen⸗ brauen ſchienen einen Fluch auszuſprechen gegen die ganze Welt. Einem Trauerſchleier gleich, umgab das lang von der Bahre herabwallende ſchwarze Haar dieſes Marmorgeſicht, indem es triefend von Waſſer jeden Schritt den die Leiche vorwärts machte, mit einer Thränenſpur bezeichnete. Ein langes weißes Gewand umhüllte die Geſtalt, deren herrliche Formen deutlich unter dieſem, von der Näſſe dicht anſchließenden Ge⸗ wand hervor traten. Die vollen üppig gerundeten Arme waren entblößt, und hingen ſchlaff herab. Es war ein zugleich ſchöner und entſetzensvoller Anblick. Eine Statue der Griechen ſchien von ihrem Poſta⸗ mente herabgeſtiegen, um die Leiden der Menſchheit in ihr Antlitz aufzunehmen, und mit dieſen Leiden wieder zur ewigen Ruhe zu erſtarren. — 49— Indem dieſer Leichenzug ſich näherte, hörte man hier und da aus der Menge rufen: wer iſt es, den Ihr tragt? Woher kommt dieſe Leiche? Und die Männer antworteten ernſt und feierlich: es iſt ein fremdes Weib! Sie kommt aus dem Waſſer! Die Fiſcher haben ſie hervorgezogen! Karl Stuart hatte dieſe Antwort gehört, neugierig blickte er hinüber zu der Leiche, welche eben an ihm vorüberging. Blickt nicht hin, Sire, flüſterte in dieſem Augen⸗ blick George Vielliers, wendet Euer Antlitz ab, Sire, es iſt nicht gut, das zu ſehen! Aber es war zu ſpät, Karl Stuart hatte ſchon geſehen, und er hatte Die erkannt, welche auf der Bahre lag. Der Zufall wollte, daß der Leichenzug gerade, als er vor Karl Stuart angelangt war, Halt machte. Die von der Laſt ermüdeten Träger ſetzten die Bahre nie⸗ der, um einen Angenblick auszuruhen. Karl Stuart ſah das Geſicht des blaſſen Weibes, und es ſchien ihm, als läſe er in jedem Zug ihres er⸗ ſtarrten Angeſichtes eine Verwünſchung für ſich, als ſtände mit Flammenzügen auf dieſer blaſſen Stirn ge⸗ ſchrieben: Fluch Karl Stnart, meinem Mörder! Er blickte ſcheu umher, als fürchte er dieſe Worte auch von den Lippen der Lebendigen zu hören, es war ihm, als vernähme er ſie ſchon, als zeigte man mit Fingern auf ihn hin, auf ihn, den Mörder der un⸗ glücklichen Sara! Der König vermochte es nicht länger zu ertragen. Er gab ſeinem Pferde die Sporen, daß es wie raſend dahin brauſte. Hinter ihm her ertönte das Wehe⸗ geſchrei und die Flüche der zertretenen Menge! König Karl achtete ihrer nicht! Sein Herz war Karl 1I. 2. * 6 voll bitterer Reue, und verzweiflungsvoller Pein, ſeine Lippen zitterten, und vor ſeinen Augen ward es dunkel. Plötzlich ward ſein Pferd angehalten. Es war George Villiers, welcher mit ruhigem, aber feſtem Ton ſagte: nicht weiter, Sire, wir ſind am Ufer des Fluſſes, und Euer Pferd ſoll nicht den Weg gehen, welchen die thörigte Sara eingeſchlagen. Der Herzog ſchwang ſich leicht aus dem Sattel, und dem König den Steigbügel haltend, reichte er ihm die Hand dar. Arme Sara, ſtüſterte der König. George, das war das letzte Opfer unſers Leichtſinns auf dieſer Küſte! Buckingham lächelte. Aber es werden da drüben noch einige andere Opfer bereit ſein, ſagte er, und ich wette, daß ſie Ew. Majeſtät ſchon mit Sehnſucht erwarten. König Karl lächelte jetzt auch und indem er ſtolz das Haupt zurück warf, ſchüttelte er eine Thräne aus ſeinem Auge fort. Du biſt ein unverbeſſerlicher Sünder, ſagte er, und ſelbſt eine Leiche ſpricht vergebens zu Dir von der Vergänglichkeit alles irdiſchen Glanzes. Ich aber, ich werde noch oft inmitten meiner Königsherrlichkeit der armen Sara gedenken. IV. Der Zeneral Monk. Seit langen Jahren hatte man zu Dover nicht einen ſolchen Zuſammenfluß von Menſchen, von Da⸗ men und Herren der vornehmſten Klaſſen ſowohl, als von Männern und Weibern des Volks, von Bettlern und Krüppeln und Diebesgeſindel ſogar geſehen, als am dreißigſten Mai des Jahres 1660. Alle Stände und Gewerke von England hatten ihre Abgeordneten nach Dover geſandt, jede Klaſſe der menſchlichen Geſellſchaft fand hier ihre Repräſentanten, und jeder hatte ſein Feierkleid angezogen und eine Feſttagsmiene über ſein Geſicht gelegt. Durch alle Straßen der kleinen Stadt ſah man die frendig erregten Menſchenmaſſen ſich drängen, während am Strande viele Tauſende in dicht geſchaarten Reihen ſich aufgeſtellt hatten, und bald mit athemloſem Schweigen, balb murrend vor ungeduldiger Erwartung hinaus ſtarrten auf das ſchäumende, und gleichſam vor Ungeduld zitternde Meer. An der feſtlich geſchmückten und beflaggten Lan⸗ dungsbrücke fand das größte Gedränge ſtatt, und kaum gelang es den zu beiden Seiten der Brücke am Ufer aufgeſtellten Soldaten durch Zuruf und Drohung das wüthend vordringende und ſtoßende Volk von dieſer Stelle fern, und eine Gaſſe offen zu erhalten. Hinter den Soldaten ſah man die höchſten Stabsoffiziere und Kronbeamten in Gallauniform aufgeſtellt, und weiter⸗ hin bedeckte eine ganze Wagenburg der herrlichſten und koſtbarſten Equipagen, wie ſie nur immer der Luxus und die Prachtliebe der edlen Lords zu erfinden vermocht, an beiden Seiten das Ufer. In dieſen Equipagen ſaßen die Damen in ihrer höchſten Parüre, in allem Glanz ihrer Schönheit und ihrer Brillanten, mit flammenden Augen, mit hochgerötheten Wangen und einem Lächeln hoffuungsvoller Erwartung Eine unüberſehbare Menge, Kopf an Kopf gedrängt, ſchloß ſich dieſen Equipagen der Vornehmen an. Es war ein ſinnverwirrender Anblich ein ohrenbetänbendes Schauſpiel, dies B 4* N 0 ſen des Meeres, das Geſtampfe und Wiehern der Pferde, das Lachen und Schreien, das Toben und Jauchzen dieſer Menge, die in ewig beweglichen Wellen, wie das Meer, auf und abwogte, eben ſd impoſant, eben ſo erhaben in ſeiner Maſſenhaftigkeit wie dieſes. Wenn das von dem Gedränge und Gewoge er⸗ müdete Auge ſich abwandte, um nach irgend einem Ruhepunkte zu ſuchen, ſo fand es da nur Einen Ge⸗ genſtand, der in ſeiner Stetigkeit und Unveränder⸗ lichkeit der einzig unbewegliche Punkt unter dieſen viel tauſend beweglichen Dingen zu ſein ſchien. Das war ein kleines Haus, welches ſich unmittelbar der Landungsbrücke gegenüber, auf einem kleinen, künſt⸗ lich aufgerichteten Erdhügel befand, und zu welchem man nur gelangen konnte, wenn man den von einem hohen eiſernen Gitter umgebenen großen Vorplatz überſchritten hatte. Zudem waren um dieſes Gitter her zwei Reihen grimmig blickender, vollſtändig be⸗ waffneter Soldaten aufgeſtellt, die mit ihren entblößten Säbeln und den geſchulterten Piken Jedem Reſpect einflößen mußten, der ſich dieſem verſchloſſenen Gitter⸗ thor näherte. Vielleicht war es gerade die Unzugänglichkeit die⸗ ſes Hauſes, vielleicht ein anderer noch wichtigerer Grund, welcher bewirkte, daß man ſich gerade dieſem Hauſe zudrängte und dieſes Gitterthor mit ſehnſuchts⸗ vollen Blicken anſtarrte. Die Leute, welche ſich ihm näherten, nahmen eine feierliche, ehrfurchtsvolle Miene an, und ganz unwill⸗ kührlich ſchienen ſie das Haupt zu neigen, als fürchteten ſie durch ihre aufrechte, ſtolze Haltung dieſes kleine un⸗ ſcheinbare Haus mit den verſchloſſenen Jalouſieen zu beleidigen. Uebrigens waren es faſt nur Leute der vor⸗ N nehmſten Stände, welche ſich dieſem Hauſe näherten, Herren mit glänzenden Uniformen, reich geſchmückt mit Ordensbändern, oder in der Amtstracht irgend eines hohen Staatsamts, Damen, welche in ihren ſilberge⸗ ſtickten Gewändern aus ihren glänzenden Kutſchen her⸗ vorrauſchten, und für das ſchreiende und gaffende Volk nur verächtliche und wegwerfende Blicke hatten. Aber Herrn wie Damen ſtanden immer noch ver⸗ geblich harrend vor dem verſchloſſenen Gitterthor, während Andere, vielleicht beſſer Unterrichtete, ſich mit wichtiger Miene und einem geheimnißvollen Lä⸗ cheln der Rückſeite des Hauſes, welche dem Meere ſo⸗ wohl, als dem Gedränge der Menſchen abgewandt lag, zudrängten. In dieſem Hauſe ſelbſt hatte Alles ein ernſtes und feierliches Anſehen. In dem kleinen, mit Teppichen belegten Vorſaal ſtanden einige reichgallonirte Lvree⸗ bediente ſchweigend, in unbeweglicher Haltung in den Niſchen der Fenſter, während Andere, auf den Zehen ſchleichend, ängſtlich bemüht kein Geräuſch zu machen, hier und da einiges im Zimmer ordneten. Zwei Thü⸗ ren befanden ſich in dieſem Vorſaal. Hinter einer derſelben hörte man fortwährend das Durcheinander von Stimmen und Fußtritten, von Begrüßungen und Abſchiedsworten. Es war dies offenbar das Andienz⸗ zimmer, und wie es ſchien, das Andienzzimmer einer Dame, denn während man zu jeder Minute andere Stimmen hörte, ſo war es nur Eine weibliche Stimme, welche immer auf dieſe verſchiedenen Stimmen erwiederte, und die Begrüßungen mit ihrem hellen, durchdringen⸗ den Accent beantwortete. Von der andern Seite her, hinter der zweiten Thür blieb Alles ſtill und ſchweigend, und die Diener, welche dann und wann verſtohlener Weiſe mit angehaltenem Athem herbeiſchlichen, um an dieſer Thür zu horchen, traten mit unbefriedigten Mienen und verächtlichem Achſelzucken wieder zurück. Es war ein kleines, unſcheinbares Zimmer, in wel⸗ ches man durch dieſe Thür gelangte, Einige hölzerne Stühle, ein mit einer Matratze verſehenes Feldbett und ein mit Papieren bedeckter Tiſch machten das ganze Ameublement dieſes Zimmers aus, wenn man dazu noch einen alten zerfetzten Bettſchirm rechnen will, der auf der einen Seite aufgeſtellt war und einen Winkel deſſelben von dem übrigen Raum abtrennte. Uebrigens entſchädigte der prachtvolle Anblick, den man durch die Fenſter genoß, vollkommen für die Aermlichkeit des Zimmers. Durch dieſe Fenſter konnte man nicht allein das ganze Ufer mit den tanſend und aber tauſend wogenden und drängenden Menſchen ſehen, ſondern man hatte auch einen freien und köſt⸗ lichen Blick auf das Meer, das in ſeiner Unermeßlich⸗ keit und Größe ſich dem Auge darbot, und ſich dort drüben am Horizont mit dem Himmel zu verſchmelzen ſchien. Aber, gleichſam als fürchte man den Contraſt dieſes majeſtätiſchen Anblicks da draußen mit dem düſtern und ärmlichen Zimmer, waren die Jalouſieen faſt ganz herabgelaſſen, ſo daß man nur auf den Knieen liegend und durch die, zwiſchen dem Fenſterbrett, und der herabhängenden Jalouſie gelaſſene Oeffnung her⸗ vorſchielend, ſich der prachtvollen und majeſtätiſchen Ausſicht erfreuen konnte. Indeß hatte man durch dies Arrangement den Vortheil, daß man ſehen konnte, ohne geſehen zu werden, und beobachten konnte, ohne beob⸗ achtet zu werden. Dieſes Vortheils genoſſen alſo die beiden Männer, welche ſich in dieſem Zimmer befanden. Der eine war ein Mann von hoher ſtattlicher, ſogar impo⸗ 55— nirender Geſtalt, in deſſen ernſten Zügen man die Gewohnheit zu herrſchen und zu befehlen leſen konnte. Sein ergrautes Haar umgab in dünnen und ſpär⸗ lichen Streifen eine Stirn, welche mit ihrer eiſernen Feſtigkeit und ihren tief ausgeprägten Linien nnwill⸗ kührlich Reſpect einflößen mußte. Seine dunklen, weit⸗ geſchlitzten Augen erinnerten mit ihren flammenden Blicken und dem aufflackernden Feuer derſelben an die oft beſungenen und geprieſenen Augen eines Adlers, an den auch die ſcharfhervorſpringende gebogene Naſe unwillkührlich gemahnte. Dieſer Mann mit dem gebieteriſchen Blick und der ſtolzen Haltung war Monk, der General der engliſchen Armee, welche ihn anbetete als ihren zugleich gefürch⸗ teten und geliebten Vater, der kühne Feldherr des engliſchen Parlaments, dem er den Titel des„Rumpf⸗ parlamentes“ gegeben, und dem er zu dienen ſchien, indem er doch ſehr gut wußte, daß es vor ihm zit⸗ terte und ſich beugte, wie Eromwell zuweilen heimlich und Karl der Zweite öffentlich vor ihm gezittert hat⸗ ten. Beide wußten ſehr wohl, daß dieſer felſenſtarke und unbezwingliche General mit ſeinem eiſernen Wil⸗ len und ſeiner niemals bezwungenen Kraft das Ge⸗ ſchick Englands in ſeinen Händen halte. Uebrigens war der General Monk in der That niemals beſiegt worden, und das war es, was ihm dieſen ungeheuren und gefährlichen Einfluß auf das Herz jedes Engländers verſchafft hatte. Ueberall war er ſiegreich geweſen, er hatte ſeine Schlachten gegen Karl Stuart, welchen man damals den Prätendenten nannte, gewonnen, indem er ihm bei Dunbar und Worceſter blutige Niederlagen bereitete. Damals hatte er ſich den Feldherrn Cromwells genannt, wie er ſich ſpäter den Feldherrn des Rumpfparlaments nannte, 6 6 und in deſſen Namen den General Lambert bekämpfte und beſiegte, und wie er jetzt vielleicht im Begriff war ſich den Feldherrn des oft von ihm beſiegten Karl Stuarts zu nennen. Neben Monk, welcher mit verſchränkten Armen in der Niſche des Fenſters lehnte, kniete ein junger Mann, eifrig damit beſchäftigt durch das Fernrohr zu blicken, welches man an dem Fenſter befeſtigt und auf das Meer gerichtet hatte. Nun, wie iſt's, Morrice, fragte Monk nach einer langen Pauſe. Siehſt Du immer noch nichts? Nein, gar nichts! Das Schiff hat immer noch nicht ſein Signal verändert?* Nein, immer noch nicht! Das iſt ein Zeichen, daß Karl Stuart noch zum mindeſten mehrere Meilen von uns entfernt iſt. Wir werden alſo Zeit haben, ein wenig zu ruhen. Lege Dein Fernrohr hin, und laß uns plaudern! Und indem er ſo ſprach, ging der General zu ſei⸗ nem Lager hin, und ſtreckte ſich auf der Matratze aus, während Morrice, ſein Geheim⸗Secretair, dem Winke ſeines Herrn gehorſam, aufgeſtanden war, und ſich einen Schemel neben das Feldbett ſeines Herrn ge⸗ ſchoben hatte. Oh, dieſe Ruhe thut mir wohl, ſagte Monk, indem er ſich gemächlich dehnte. Ich fürchte, ich werde es bald mit einem ſchlimmen und unbezwinglichen Feinde zu thun haben, mit dem Alter nämlich. Dies wäre das erſte Mal, daß der General Monk es mit einem unbezwinglichen Feinde zu thun hätte, ſagte Morrice. Deshalb bin ich auch außer Sorgen. Ihr werdet das Alter bezwingen, wie Ihr die Schotten und die Irländer, Cromwell und das Parlament, Karl Stuart und den General Lambert bezwungen habt! Ja, ich bin überzeugt, ſelbſt der Tod wird es nicht wagen, zu Euch zu kommen, denn er weiß, daß Ihr eben der unbezwingliche Held ſeid! Oh, dann würde ich ja unſterblich ſein! rief Monk mit einer Art Schrecken. Unſterblich ſeid Ihr jeden Falls! ſagte Morrice, indem er die Hand des Generals ergriff und ſie zärt⸗ lich in der ſeinen drückte. So lange man von Eng⸗ land ſpricht, und die Geſchicke der Welt in den Büchern der Geſchichte aufzeichnet, ſo lange wird man auch Eurer gedenken müſſen, und Euren Namen mit Ehren nennen! Wer weiß, wer weiß! ſagte Monk ſinnend. Die Geſchichte ſieht nicht mit den Augen eines Freundes, ſondern mit denen eines ſtrengen und unpartheiiſchen Richters. Mindeſtens ſollte es ſo ſein! Die Ge⸗ ſchichte wird viel aufzuzeichnen haben aus unſerer Zeit, viele Kämpfe, viele Irrthümer und auch, leider, viele Verbrechen! Von Euch wird ſie die letzteren nicht berichten können! rief Morrice. Vielleicht doch! Das größte Verbrechen iſt, wenn man eine Dummheit begeht, und ich fürchte, Morrice, ich habe mich dieſes Verbrechens ſchuldig gemacht. Und Monk ſprang haſtig empor, indem er mit untergeſchlagenen Armen, in heftiger Bewegung, im Zimmer auf und abzugehen begann. Morrice folgte ihm mit den Augen, aber er blieb ruhig auf ſeinem Schemel ſitzen, indem er ſeinen Herrn mit theilnehmenden Blicken betrachtete. Ja, ja, fuhr Monk fort, ich habe mich, trotz mei⸗ nes jahrelangen Nachſinnens, trotz all dieſer Erfah⸗ rungen, welche ich im Laufe meines Lebens an den — 5— Königen und Völkern gemacht, trotz all' der warnenden Stimmen, welche in mir laut waren, ich habe mich dennoch übereilt! Es war eine Schwäche, eine unver⸗ zeihliche Schwäche, dieſen entarteten Sohn ſeiner ent⸗ arteten Väter zurück zu rufen, und aus einem Land⸗ ſtreicher einen König machen zu wollen! Ich warnte Euch, Sir, ſagte Morrice leiſe. Ja! Du warnteſt mich, fuhr Monk heftiger fort, und ich glaubte klüger zu ſein, als Du! Ich ſah, daß das Volk dieſes Interregnums müde war, ich ſah, daß es inmitten ſeiner Freiheit murrte, weil ihm der Götze fehlte, vor dem es ſeine Kniee beugen mußte! Oh, die Völker ſind wie die Kinder, ſie bedürfen eines Götzen oder einer Puppe, um damit zu ſpielen. Man thut ihnen zu viel Ehre an, wenn man ihnen erlaubt ſelbſtſtändig zu ſein, denn in der Selbſtſtändigkeit ver⸗ wildern ſie! England bedurfte jetzt eines Königs, um nicht in die wildeſte Anarchie auszuarten, und darum gab ich ihm einen König. Und ich bleibe dabei, Ihr hättet Euch ſelbſt zum Könige machen ſollen, um England glücklich zu machen! ſagte Morrice. Als ob es ſich der Mühe verlohnte, ein Volk glücklich zu machen! Bah, welch' ein Thor wäre ich geweſen, mir freiwillig alle dieſe Laſten und Bedräng⸗ niſſe des declarirten Königthums aufzuerlegen! Ich zog es vor, dem Volke einen König zu geben, um da⸗ mit zu ſpielen, während ich die Zeit benutze, um zu regieren. Und daran habe ich ſehr wohl gethan! Es iſt ein ſehr gefährliches und ſehr undankbares Ding, König von England zu ſein. Die Autorität des Kö⸗ nigthums iſt geſunken, und das Volk iſt in eine den Königen ſehr gefährliche Schule gegangen, in der es vor Allem gelernt hat: daß die Häupter der Könige nicht feſter ſitzen auf ihren Nacken, als die irgend eines andern ſterblich geborenen Menſchen. Dieſes Volk von England, glaube mir Morrice, es hat keine Ehrfurcht mehr vor der Majeſtät, ſeit es den Blutſtrahl geſehen, der von dem Schaffotte Karls des Erſten empor ſpritzte, und darum wollte ich nicht König von England wer⸗ den. Als ſolcher wäre ich klein geweſen, und jeder ehrſame Brauer der City hätte geglaubt, ein Recht zu haben, mich zu bekritteln, und jede meiner Handlungen zu meiſtern. Aber als General von England ſtehe ich groß, unerreichbar, und unbeſiegt vor ihnen da, und deshalb werden ſie Alle Ehrfurcht vor mir haben, und deshalb wird dieſer Karl Stuart nur eine Ma⸗ rionette in meiner Hand ſein, die ich nach Belieben ſpielen laſſe. Karl wird niemals den Muth haben, ſich mir zu widerſetzen, denn ich bin im Vortheil gegen ihn. Hinter mir ſteht ein kampfbereites ſieggewohntes Heer, welches nur mir allein gehorcht,— hinter ihm ſteht das Exil und der Schatten ſeines enthaupteten Vaters. Karl Stuart wird alſo das thun müſſen, was ich will. Ich werde durch ihn regieren, und wenn das Volk über irgend eine Maßregel murrt, ſo werde ich den Vortheil haben, zu ſagen:„das hat der König gethan!“ während, wenn es zufrieden iſt, wir es ſchon ſo einrichten wollen, daß das Volk ſagt:„Alles Gute kommt uns von Monk! Warum iſt nicht der Ge⸗ neral Monk unſer König!“— Und dieſes Beklagen deſſen, was ich nicht bin, wird die Liebe zu mir immer wach erhalten, und die zu dem Schattenkönige Karl immer mehr abſchwächen! Und dennoch ſchient Ihr vorher Euren Entſchluß zu bereuen! ſagte Morrice nachdenklich. Nur inſofern, als ich gerade Karl Stuart zum Könige gemacht habe! Es iſt ein verderbte entarte⸗ tes Geſchlecht, dieſe Stuarts; und was hat denn dieſer Karl gethan, um unſere Achtung zu verdienen? Wann hat er ſich groß und würdig gezeigt? Er iſt in jeder Beziehung ein ſchlechter Feldherr, denn überall, auf dem Schlachtfelde ſowohl, als in den Kabinetten der Könige, hat er ſeine Schlachten verloren. Er iſt ein ſchlechter Engländer, denn, wie man ſagt, hat er die Reli⸗ gion ſeines Vaterlandes abgeſchworen und iſt ein Papiſt geworden. Er iſt ein ſchlechter Sohn, denn der ſchreckenerregende Tod ſeines Vaters hat ſich nicht wie ein Geſpenſt an ſeine Seite geſtellt, und ihn wach gebal⸗ ten zu ewiger Klage, und S Rachedurſt. Der Sohn ſeines enthaupteten Vaters lebte in Freudenge⸗ lagen und jubelnder Luſt, während der Boden hier noch dampfte von dem vergoſſenen Königsblute, er kehrt zu uns zurück, entnerot, alt vor der Zeit, nicht etwa aus Gram, ſondern ermattet vom übergroßen Ge⸗ nuſſe des Lebens. Und zuletzt noch iſt er ein ſchlechter Menſch, denn er verläßt die, welche ſich ihm ergeben. Aber mein Gott, wenn Ihr dieſes Alles wußtet, warum habt Ihr ihn alsdann zum Könige gemacht? fragte Morrice. Ja, warum habe ich ihn alsdann zum Könige ge⸗ macht? wiederholte der General. Aus menſchlicher Schwäche, Morrice, aus Irrthum, aus Mitleid, viel⸗ leicht auch aus Ermattung. Einen König mußte ich haben, gleichviel welchen, und da nahmen wir Den, welcher uns am nächſten lag. Und war dies in der That der einzige Grund, weshalb ihr Ihn wühltet? fragte Morrice mit einem feinen Lächeln. General Monk lächelte auch, aber es war etwas Gezwungenes, Aengſtliches in dieſem Lächeln. Nun ja, ſagte er, Du weißt, vor Gott und Dir allein habe ich kein Geheimniß, und Ihr Beide kennt den Feldherrn, welcher allein dem General Monk täglich Schlachten abgewinnt, und ihn zu ſchmählichem Rückzug nöthigt. Ja, ja der General Monk, welcher weder vor dem Tod noch vor dem Teufel zittert, der zittert doch vor ſeiner Frau. Nun denn, meine Frau wollte daß Karl Stuart König von England würde! Und weshalb denn gerade dieſer? Weil er das höchſte Gebot gethan, Morrice! Weil er ihr eine Million und einen Brillantſchmuck vom reinſten Waſſer verſprochen hat! Bah, verſprochen! rief Morrice achſelzuckend. Daß Karl Stuart dieſes Verſprechen hält, das iſt meine Sorge, ſagte Monk nachdrücklich. Vielleicht hat meine Frau, dieſe gute Betſy, ganz Recht, daß ſie das Geld zu der einzigen Gottheit gemacht hat, welcher ſie dient, denn es iſt die einzige, welche uns unab⸗ hängig macht von der ganzen Welt, und uns die Menſchen unterwirft! Das iſt es, was ſie mir täg⸗ lich, als ein guter und geduldiger Prediger, wiederholt, und Du ſiehſt, Morrice, ich fange ſchon an, mich ganz und gar ihrer Lehre zuzuneigen! Aber es wäre traurig, wenn dies der einzige Ge⸗ winn wäre, den wir von der Reſtauration Karl Stnarts hätten. Eine Million und einen Brillantſchmuck für Eure Frau! Nein, nein, Morrice, nur Geduld, wir werden auch noch andern Gewinn davon haben! Alle Ehren und Würden dieſes Hofes werden wir für uns aus⸗ beuten, und ſo wie ich für mich die höchſten und ein⸗ träglichſten Stellen reſervire, werde ich auch für Dich zu ſorgen wiſſen. Das erſte, was der König hier zu thun hat, iſt, daß er Dich zum Ritter ſchlägt und S 22 zum Staatsſecretair ernennt. Ich will es ſo, und ich denke, das wird dieſem kleinen Königs genug ſein.*) Aber horch, fügte der General zuſammen⸗ zuckend hinzu, mich dünkt, ich höre Betſy's Stimme! Ja, ſagte Morrice lächelnd, ſie ſcheint den Lakayen im Vorſaal einige Lehren zu geben. Horcht, ſie nennt Euren John ſehr bezeichnend einen Eſel, ach, und wenn ich nicht irre, war das der Klang einer wohl⸗ angebrachten Ohrfeige, um welche ich den armen John in der That nicht beneide! Ah, flüſterte Monk erſchreckend, ich glaube, ſie kommt hieher! Der General trat haſtig an ſeinen Schreibtiſch und gab ſich den Anſchein, als ob er ganz mit der Durchſicht der auf demſelben befindlichen Papiere beſchäftigt ſei. V. Die Heneralin Monk. In der That, General Monk hatte ſich nicht ge⸗ irrt, die Thür ward heſtig aufgeriſſen, und auf der Schwelle erſchien, glühend vor Zorn, mit blitzenden Augen und vor Wuth zitternden Lippen die gefürchtete Gemahlin des Generals, die ſehr gewaltige und ſehr mächtige Lady Eliſabeth Monk. *) Einen Tag nach ſeiner Ankunft ernannte ihn Karl zum Ritter und Secretair, wie Monk es forderte für ſeinen Freund, dem, wie ein engliſcher Geſchichtsſchreiber ſagt,„Monk alle ſeine Vor⸗ haben mittheilte, die er ſonſt vor der ganzen übrigen Welt in undurchdringliches Geheimniß, in Zurückhaltung und Verſtellung verbarg.“ Zwei Dinge gab es, welche allein im Stande waren, Mylady lachen zu machen, das war, wenn man die Frauen„das ſchwache Geſchlecht“ nannte, oder, wenn man in einem Uebermaß heuchleriſcher Galanterie ſie zu dem ſogenannten„ſchönen Geſchlecht“ rechnete. Die erſte dieſer Behauptungen pflegte ſie nur mit einem vieldeutigen, verächtlichen Achſelzucken abzuwei⸗ ſen, auf die zweite aber antwortete ſiet das iſt eine ſchändliche Lüge! Ich habe, Gott ſei Dank, geſunde Augen, und ein geſundes Bewußtſein, und daher iſt es mir ſehr wohlbekannt, daß ich durchaus nicht zu dem ſchönen Geſchlecht gehöre, obwohl ich leider eine Frau bin. Mein Spiegel meint es ehrlich mit mir, und der ſagt mir gerade zu, daß ich ſehr häß⸗ lich bin! Und in der That, dies war keine Uebertreibung. Die Frau Generalin war wirklich ſehr häßlich. Ihre Geſtalt glich einer Binſe, welche es ſich vorgenommen, in den Himmel hinein zu wachſen, und daher zu einer übernatürlichen Länge aufgeſchoſſen war. Uebrigens würde es dem geſchickteſten Menſchenkenner ſchwer ge⸗ worden ſein, dieſe Geſtalt nach den gewöhnlichen Regeln zu beſtimmen. Man wußte durchaus nicht, wo die Beine aufhörten, oder die Taille begann, oder wo die Schultern endigten, um dem Halſe Platz zu machen, das Ganze war nur ein ungeheurer, gerade auslau⸗ fender Strich, auf welchem oben, einem umgekehrten Ausrufungszeichen gleich, der Kopf als ausdrucksvoller Punkt hin⸗ und herſchwankte. Dieſer Kopf war aber mehr viereckig als rund, und Lady Eliſabeth hatte ſelber einmal, als ſie bei guter Lanne war, gemeint, ſie genöſſe der Auszeichnung, daß man mit ihrem Schädel dereinſt nicht Kegel würde ſchieben können, ſondern „ ihn zum Würfelſpiel benutzen müſſe. Uebrigens hatte ſie ein ſehr ausdrucksvolles Geſicht, eine hohe, faſt bis auf den halben Schädel hinaufreichende Stirn, von der ſich dünne, halbergraute Locken zu beiden Seiten der magern, eingefallenen, gelben Wangen hinab⸗ ſchlängelten, eine mächtige, faſt durchſichtige Ablernaſe, und einen Mund, der, wenn ſie ihn zum Lachen öffnete, die Kinder ſchreien machte, und den General ſelber mit dem ungeheuren Gebiß der untadelhafteſten Rieſenzähne von blendender Weiße zuweilen ſchon in eine Art paniſchen Schrecken verſetzt hatte. Ihre großen ſchwarzen Augen hätte man ſchön nennen mögen, wenn nicht ihr ſtets hin und her flackender Blick und das ſtechende Feuer deſſelben ihnen etwas Unheimliches, Abſtoßendes gegeben hätte. Man ſieht alſo, daß es nicht die Schönheit war, durch welche Lady Betſy über ihren Gemahl herrſchte, wie es nicht die Liebe geweſen, welche ihn veranlaßt, ſie zu ſeiner Gemahlin zu machen. Lady Betſy hatte ſich ſeiner bemächtigt, wie der tapfere General es mit mancher Feſtung gethan, das heißt, ſie hatte ihn über⸗ rumpelt, und er kannte den Kriegsgebrauch genug, um ſich ſeinem liſtigen Gegner auf Capitulation zu ergeben. Sie hatte ihn überrumpelt mit den Verſiche⸗ rungen ihrer Liebe, mit der Beſchuldigung, daß ſein zudringliches und nachſtelleriſches Weſen ſie verleitet und verführt habe, und enblich mit der Drohung, daß ſie ihn vor ganz England als den Verführer ihrer Unſchuld und Ehre anklagen, und zur Rechenſchaft ziehen werde.— Der General, um nicht Gegenſtand des öffentlichen Spottes ſowohl, als der Mißbilligung des moraliſchen Cromwell zu werden, hatte es vorge⸗ zogen, ſie lieber freiwillig zu ſeiner Gemahlin zu er⸗ —— ——— — 65— heben, freilich ohne zu ahnen, daß er ſich dadurch zu ihrem Selaven mache!— Und er war ihr Sclave, er zitterte vor ihr, er hatte Furcht vor ihren blitzenden Augen, vor ihren großen Zähnen, vor ihrer gellenden Stimme, vor allen Dingen Furcht vor rieſem ſcharfen, niemals irre zu machenden, niemals zu betrügenden Verſtande der Lady, durch welchen ſie allerdings eine unermeßliche Ueber⸗ legenheit über ihn erlangt hatte. Vor ihren Augen war Alles klar, Alles hell, ſie durchſchaute alle Dinge, und das feinſte Gewebe der Diplomatie wußte ſie eben ſo gut zu entwirren, als ſie den ſichern Blick eines Feldherrn, den ſtets richtig rechnenden Tact eines Mathematikers hatte. Lady Eliſabeth hatte ihrem Ge⸗ mahl ſtets den beſten Rath, die nützlichſten Anweiſun⸗ gen gegeben, und deßhalb kam es, daß er mehr auf ihre Stimme, als auf die ſeiner Generäle hörte, und daß das Parkament ihn nur dann zum Gehorſam ge⸗ neigt fand, wenn Lady Betſy die Beſchlüſſe des Par⸗ laments gebilligt. Wir haben geſagt, daß Lady Betſy plötzlich auf der Schwelle des Gemaches erſchien, in welchem der General mit Morrice ſich befand. Hinter ihr ſah man John, den Kammerdiener Monks, halb ohnmächtig an die entgegengeſetzte Wand ſich lehnend, indem er die geſchlagene Wange mit ſeiner flachen Hand und dem Taſchentuch verbarg. Lady Betſy warf einen raſchen Blick auf ihren Ge mahl, welcher ganz in ſeine Geſchäfte vertieft ſchien, und dann rückwärts zeigend auf John, ſagte ſie mit ihrer lauten, ſchneidenden Stimme: Mein Gemahl, Sie werden die Güte haben, dieſem Schuft da zwan⸗ zig Stockprügel ertheilen zu laſſen. Und warum das, meine Liebe? fragte der General. „ Karl I. 2. 5 — 66— Weil ich es will, Sir! Aber John iſt mir immer ein ſehr treuer Diener geweſen! bemerkte der General ſchüchtern. Nr enn, Sir, wenn Ihnen mein Wille nicht ill ich Ihnen den Grund ſagen, rief Lady ſie näher trat. Dieſer Schuft da hat Ihrem Zimmer hier zu horchen. Ich ich aus meinem Zimmer trat, mit dem Thür hier gelehnt, und wenn ich be⸗ hwichtige Dinge Sie hier mögen ver⸗ ſcheint mir dies allerdings ein ſehr iges echen. Das iſt rief der General, es iſt ein ſehr ſtrafwürdiges Verbrechen. Morrice, Mylady hat Recht, Bohn hat ſeine zwanzig Stockprügel ſehr wohl ver⸗ dient!. Ah, ich wußte es wohl, daß ich Recht habe, ſagte Lady Betſy, indem ſie ſich auf einen Schemel ſetzte. Uebrigens iſt dies nur ſo beiläufig. Ich kam zu ganz anderm Zweck. Mein Gemahl, das Beſuchzimmer iſt ganz angefüllt mit Perſonen, welche mich um eine Audienz bei Euch gebeten. Mein Gott, Ihr wißt, Mylady, daß ich Niemand mehr vor der Ankunft des Königs empfangen will, rief Monk mit mühſam verhehlter Ungeduld. Kann ich dafür, daß die Leute den Portier der Hinterpforte dieſes Hauſes beſtochen haben? fragte die Lady mit imponirender Hoheit, und indem ſie ſich an Morrice wandte, welcher ſich ſeit ihrem Eintritt eifrig damit beſchäftigte, eine Feder zu ſchneiden, ſagte ſie: Sir, Ihr werdet mir wohl die Gefälligkeit erzeigen, dieſe Herrſchaften im Salon auf einige Minuten zu unterhalten, bis Mylord ſie, Einen nach dem Andern, empfangen kann. Morrice blickte auf den General, und da dieſer eine zuſtimmende Bewegung machte, verneigte ſich Morrice, und verließ das Zimmer. Mein Gemahl, ſagte Lady Betſy jetzt, nachdem ſich die Thüre hinter Morrice geſchloſſen, mein Gemahl, Sie werden die Güte haben, dieſe Leute, welchen ich eine Audienz verſprochen, zu empfangen! Aber der König kann jeden Augenblick eintreffen! Grund um ſo mehr, daß Sie ſie ſogleich vor⸗ laſſen! Aber dies iſt unerträglich! rief Monk ungeduldig. Ihr wollt mich wider meinen Willen zwingen, in die⸗ ſem wichtigen Augenblick noch Andienzen zu ertheilen. Es ſind lauter vornehme und reiche Herren, ſagte Lady Betſy lakoniſch, und ihr Beſuch wird ihnen theuer zu ſtehen kommen. Weil ſie wiſſen, daß Sie, mein Gemahl, ganz unbeſtechlich ſind, haben ſie ſich an mich gewandt, und ich darf ſagen, daß Einige mir ſehr be⸗ deutende Anerbietungen gemacht haben! Und was wollen denn dieſe Leute? Was ſie wollen? Der Eine will Baronet wer⸗ den, der Andere Graf, der Dritte Parlamentsrath, der Vierte möchte eine Penſion vom König, weil Cromwell ihn von ſeinem Richteramt abgeſetzt, der Fünfte will den Hoſenbandorden, weil— was weiß ich, weshalb! Und die Damen, mein Gott, die Da⸗ men ſind die unerſättlichſten. Sie wollen Titel für ihre Männer, um dadurch hoffähig zu werden, ſie wollen die Erlaubniß, beim erſten Ball in Whitehall erſcheinen zu können. Jede wittert in ſich eine zu⸗ künftige Königin, und iſt daher bereit, ihren beſten Schmuck herzugeben, um nur ſobald als möglich den König zu ſehen. Die Damen haben mir ſehr hohe 5* 3 Gebote gethan, wenn ich ihre Bitten bei Euch befür⸗ worte! Und wer ſind denn dieſe Leute? Es iſt der Lord Pembroke, und Lord Othelbeck, Viscount Lander und Mylady Sauderſeake. Aber mein Gott, rief Monk, von ſeinem Sitz auffahrend, dies ſind alles Namen, die zur entſchie⸗ denſten Oppoſition des Königs gehörten! Grund um ſo mehr, ſie zu empfangen, denn ſie haben die höchſten Gebote gethan, und ich habe ih⸗ nen zugeſichert, daß Sie, mein Gemahl, Ihre Bitten erfüllen werden! Und worin beſtehen dieſe Bitten? Wie ich Ihnen geſagt, in Titeln, Orden und ——— Stellen. Die kann nur der König bewilligen! 6 Ihr werdet ſie in ſeinem Namen bewilligen;„ wenn er ſie nicht beſtätigt, ſo iſt das nicht Eure Schuld, und ich habe dann jedenfalls mein Geld! Uebrigens verbiete ich Euch, dieſe Dinge an Mr. Morrice zu verrathen. Ihr ſeid ſchwatzhaft wie ein altes Weib, und habt ihm ſchon verrathen, daß ich von Karl Stuart eine Million bekomme. Mein Gott, Sie wiſſen das? fragte der General erſtaunt. John hat Ihnen alſo wieder erzählt, was er hörte. Nein, John hat nichts wieder erzählt, ich habe es in dem ſpöttiſchen Blick des Mr. Morrice geleſen! Dieſe ſichere und durchdringende Entſchiedenheit imponirte dem General, er ſenkte den Blick zu Boden, indem er ſich mit einem leiſen Schauder eingeſtand, Lady Betſy ſei das klügſte und überlegenſte Weib, in ganz England, ſondern in der ganzen Welt. 65 Jetzt, mein Herr, ſagte Lady Betſy, nachdem ſie ſich einen Moment an dieſem Gedanken geweidet, welchen ſie auf der Stirn ihres Gemahls las, jetzt werden Sie die Güte haben, und alle dieſe Leute empfangen! Aber merken Sie wohl auf, nicht Alle, welche mich um eine Fürbitte bei Ihnen gebeten, ha⸗ ben das goldene Zauberwort ausgeſprochen, mit welchem man ſich die Herzen der Menſchen erkauft, und ſich Lebe, Ehre, Glück und Anſehen auf Erben erwirkt. Es ſind auch einige erbärmliche Schlucker darunter, welche es verſtanden haben, ſich durch Liſt oder Gewalt eiuzuſchmuggeln. Sie haben vielleicht ihren letzten Guineen aufgewandt, um den unbeſtech⸗ lichen Cerberus unſerer Hinterpforte zu beſtechen, und jetzt ſind ſie ohne irgend ein weiteres Zaubermittel, außer der Macht ihrer natürlichen Beredtſamkeit, ge⸗ kommen, Euren Schutz in Anſpruch zu nehmen. Die⸗ ſen Leuten werden Sie natürlich nichts bewilligen, ſondern Sie ein für alle Mal abweiſen. Aber wenn ihre Anſprüche auf meinen Schutz ge⸗ recht ſind? wagte der General zu bemerken. Die Lady ſah ihn mit einem vernichtenden Im⸗ peratorblick an, und indem ſie ihr Haupt zurückwarf, ſagte ſie: Auf dieſe höchſt unpaſſende Bemerkung habe ich nur zu erwidern, daß ich nur diejenigen Anſprüche für gerecht erkläre, welche auf eine gegrün⸗ dete Weiſe bei mir unterſtützt worden ſind! Sie wer⸗ den dies, wie ich hoffe, auerkennen! Der General ſenkte den Kopf und ſchwieg. Lady Betſy betrachtete ihn mit einem ſpöttiſchen Lä⸗ cheln. Genug jetzt des leeren Geſchwätzes, ſagte ſie. Es iſt die höchſte Zeit, die Leute zu empfangen. Klingeln Sie alſo, und befehlen Sie dieſem Eſel von John, die Herrſchaften Einen nach dem Andern, ſo wie ſie ſich im Vorzimmer eingezeichnet haben, vor⸗ zulaſſen. Sie werden bei dieſen Audienzen zugegen ſein? fragte Monk ſchüchtern. Ja, und nein! Das heißt, ich werde für die Be⸗ ſucher nicht zugegen ſein, damit es vor ihnen den Anſchein gewinnt, als ob Sie in Ihrem Bewilligen oder Ablehnen nur Ihrer eigenen freien Ueberzeugung und Ihrem unbeſtechlichen Willen folgten. Aber ich werde dennoch zugegen ſein, indem ich hinter dieſem Schirme hier mich verberge! Gut, ſagte Monk ſeufzend, ich werde alſo klingeln. Die Lady hielt ſeine Hand, welche ſich ſchon nach der Klingelſchnur ausſtreckte, zurück. Sie ſind immer noch ſehr unbeſonnen und vor⸗ eilig, ſagte ſie. Vergeſſen Sie nicht, mein Herr, daß. man, um eine Schlacht zu gewinnen, erſt den Plan genau und in ſeinen kleinſten Einzelnheiten muß aus⸗ gearbeitet haben! Woran wollen Sie nun aber er⸗ kennen, welchen von dieſen Bittſtellern Sie abzuwei⸗ ſen, und welchen Sie ihre Geſuche zu bewilligen haben? Ach es iſt wahr, ich vergaß das! ſagte Monk. Sie vergeſſen immer das Nothwendigſte; zu Ihrem Glücke bin ich aber da, um Sie zu erinnern. Nun alſo: Sie wiſſen, daß ich es ſehr gut verſtehe, die Stimme Ihres kleinen Lieblingshundes nachzu⸗ ahmen! Ich werde mit dieſer Stimme Ihnen jedes WMal meine Zeichen geben. Wenn es hinter dem Bettſchirme hier zwei Mal bellt, ſo iſt das ein Zeichen, daß Sie unbedingt zu bewilligen haben, wird einmal gebellt, ſo bewilligen Sie mit Vorbehalt, bleibt aber Alles ſtill, ſo iſt das ein Zeichen, daß Sie entſchie⸗ den und mit der größten Strenge abzulehnen haben! Ich hoffe, Sie haben dies begriffen! Ja wohl, meine Liebe, ſagte der General, und ich werde Ihren Befehlen pünktlich nachkommen! Ich hoffe es! ſagte Mylady ſtolz. Uebrigens wird Niemand ahnen, daß ich es bin, welche hinter dem Schirm verborgen iſt! Sie wiſſen, ich kann mit einer Virtuoſität bellen, welche im Stande wäre, Gott ſelber zu täuſchen, und ihn glauben zu machen, ich ſei nicht die Gemahlin Mylords, ſondern ein Hund der beſten engliſchen Race. Ah, ich werde jetzt einen Hund vorſtellen, und wie mir ſcheint, iſt das keine üble Vorſtellung. Ich kann ſehr gut bellen und mur⸗ ren, und wenn es ſein muß, weiß ich auch meine Zähne zu zeigen und zu gebrauchen, und den Leuten in die Beine zu fahren, wie ein ächter Hund! Indem Lady Betſy ſo ſprach, lächelte ſie auf eine ſo holdſelige Weiſe, daß das ganze blendende Gebiß ihrer Zähne, gleichſam zur Beſtätigung ihrer Worte ſichtbar ward, und den General heimlich erbeben machte. Klingeln Sie jetzt Mylord! befahl Lady Betſy, in⸗ dem ſie hinter den Schirm zurück trat. General Monk gehorchte, und befahl dem mit einer ge ſchwollenen Wange eintretenden John, die Herrſchaften, ſo wie ſie auf der Liſte verzeichnet ſeien, einzuführen. Denn warf er einen ängſtlichen Blick hinüber nach dem Schirm und unterdrückte den leiſen Seußzer, der ſich bei dieſem Blick ſeiner Bruſt ent⸗ ringen wollte. Die Riktſteller. Die Thür öffnete ſich jetzt und auf ber Schwelle derſelben erſchien als der Erſte, welcher die Protection des allmächtigen Generals erflehen wollte, der Lord Pembroke. Er wor einer derjenigen geweſen, welche im Jahr 1648 das Schuldig über das Haupt des unglücktichen Karl Stuart ausgeſprochen, und ihn mit lauten Verwünſchungen zum Tode geführt hat⸗ ten. Dann war er ſtets unter den Freunden und beſondern Vertrauten des Lord Protectors Olivier Crom⸗ well geſehen worden, und während der kurzen Dauer von Richard Cromwell's Regierung war er deſſen einflußreichſter Freund und Berather geweſen, wie er nach deſſen Entſagung die Schaaren des Geuerals Lambert mit ſeinem Anfehen und ſeinem faſt könig⸗ lichen Vermögen unterſtützt hatte. Lord Pembroke hatte alſo mit zu der eifrigſten Gegenparthei der Stuarts gehört, und jetzt kam er, um ſich durch Monk dem neuen Könige empfehlen zu laſſen. General Monk empfing daher dieſen Herrn wit einem ſpöttiſchen Blick und einem geringſchätzenden Lächeln. Lord Pembroke ſah dieſes Lächeln, und verſtand ſeinen Sinn. Sie wundern ſich, Mylord, ſagte er, indem er ſich mit vornehmer Gelaſſenheit auf einen Seſſel glei⸗ ten ließ, Sie wundern ſich, mich bei Ihnen eintreten zu ſehen? Allerdings, Mylord, erwiederte Monk, ich glaubte —— — 73— Sie nicht ſo nahe, da Sie noch kürzlich im Lager des Generals Lambert, meines Feindes ſich befanden. Ich bin immer da, wo meine Gegenwart mir von Nutzen ſein kann! rief der Lord. Ah, Sie glauben alſo, daß ich Ihnen jetzt— Ich glaube, unterbrach Lord Pembroke den Ge⸗ neral, ich glaube, daß Sie jetzt in der That mir von Nutzen ſein können, wenn Sie es nur wollen, My⸗ lord, und dies iſt es gerade, um welches ich Sie erſuchen wollte! Man nennt mich reich, und vielleicht hat man Recht, denn ich muß geſtehen, daß es mir trotz meiner zuweilen etwas ertravaganten Ausgaben dennoch niemals an Geld gemangelt hat. Man nennt mich glücklich, und vielleicht hat man auch hierin Recht, da ich eine ſchöne Frau beſitze, welche ich liebe, und Kinder, die ſchön ſind, wie ihre Mut⸗ ter, und dennoch ihrem Vater gleichen. Aber man thut dennoch Unrecht, wenn man mein Loos benei⸗ denswerth findet. Mich plagt ein Etwas, welches mir Tag und Nacht keine Ruhe gönnt, welches den Frieden meines Herzens untergräbt, und in jeden Becher der Frende ſeinen Wermuthstropfen ſchüttet. Sir, dieſes Etwas iſt der Ehrgeiz! Ich will nicht blos ein glücklicher Familienvater, ein begüterter Edel⸗ mann ſein, ſondern ich will, daß man meinen Namen mit Ruhm und Glanz in der Geſchichte verzeichnet ſehe, und daß man mich dereinſt den unſterblichen Lord Pembroke nenne! General Monk lächelte. Sie haben allerdings es an den mannigſachſten Beſtrebungen, eine Art Unſterblichkeit zu erlangen, nicht fehlen laſſen, ſagte er. Als man Karl den Er⸗ ſten verurtheilte— War meine Stimme eine der lauteſten, welche „ —— das Schuldig ſprach, unterbrach ihn der Lord. Ich ſchrie damals ſo lant, weil ich hoffte, nach dieſem Karl Stuart die Stelle einzunehmen, welche Cromwell nachher zu uſurpiren wußte. Dennoch blieben Sie der Freund des Protectors! Da ich nicht ſelber Protector geworden war, wollte ich mindeſtens ſein einflußreichſter Freund ſein, das iſt ſehr natürlich. Als Cromwell ſtarb, wurden Sie der Freund ſei⸗ nes Sohnes! Der ſich auf meinen Rath und durch meinen Ein⸗ fluß bewegen ließ, das Protectorat niederzulegen! Aber Sie wurden nicht ſein Nachfolger, wie Sie es wahrſcheinlich beabſichtigten, rief Monk lachend. Das Volk war dieſer neuen Komödie überdrüſſig ge⸗ worden, es wollte die Freiheit, und es witterte unter dem Protectorat ein verkapptes, aber nicht minder herrſchſüchtiges und tyranniſches Königthum? Deshalb vereinigte ich mich mit Lambert, um die⸗ ſes aufrühreriſche Volk zu bekämpfen und das Par⸗ lament zu zwingen! Aber ſeit Lambert von mir beſiegt, und von In⸗ gelsby gefangen nach Northampton abgeführt iſt, ſcheinen Sie dieſe Vereinigung aufgegeben zu haben, ſagte Monk. Vollkommen, der gefangene Lambert konnte mei⸗ nen ehrgeizigen Plänen nicht mehr nützen, ich mußte ihn daher aufgeben, und zu Ihnen gehen! Zu mir kommen Sie, weil Sie mich für mächtig halten. Gefetzt aber, dieſe Macht wäre nur eine Täuſchung, und ich wäre ganz ohne Einfluß auf die Entſchließungen des neuen Königs. Was würden Sie in dieſem Falle thun? Ich würde es machen, wie alle die Gentlemen „ und Damen, welche jetzt noch im Vorzimmer auf eine Audienz warten, ſagte Lord Pembroke ruhig, ich würde Ihnen den Rücken kehren und ſchlennig dieſes Haus verlaſſen, um Den außzufinden, welcher außer Ihnen noch die Gunſt und das Vertrauen des Kö⸗ nigs beſitzt. General Monk biß ſich vor heimlichem Aerger die Lippen blutig. Und wiſſen Sie ſchon, zu wem Sie gehen würden? Oh ja, ich würde zum Kanzler Hyde gehen, oder auch zum Herzog Buckingham. Alsdann iſt es alſo eine beſondere Gunſt von Ihnen, daß Sie mich zu Ihrem Fürſprecher gewählt haben? Ich halte es dafür, denn mein Beiſpiel hat eine Menge anderer Bittſteller Ihnen zugeführt. Sie ha⸗ ben dadurch noch immer eine Partei, und dieſe Par⸗ tei erhält Sie mächtig, indem ſie Ihnen eben durch ihr Sollicitiren das Anſehen der Macht verleiht. Wenn wir Alle ſtatt zu Ihnen, zum Kanzler Hyde gingen, ſo würden nicht Sie der Mächtigſte ſein. Denn der allein beſitzt Macht, welchem die öffentliche Meinung die Macht zuſchreibt! Hüten Sie ſich alſo, mit Ihren Bitiſtellern zu brechen, indem Sie ihnen ihre Geſuche verweigern. Sie würden ſich dadurch ſelber ſtürzen, denn wir würden Sie Alle verlaſſen! Und jetzt, rief Monk mit bitterm Ton, jetzt blei⸗ ben Sie bei mir, weil Sie mich zum Werkzeug Ihrer Größe und Ihres Ehrgeizes machen wollen! So iſt es! ſagte der Lord ruhig. Nun, und was ſoll ich für Sie thun? fragte Monk. Ich wünſche Ritter des Hoſenbandordens und Lord⸗Lieutenant von Irland zu werden. Monk ſchnellte von ſeinem Sitze empor und „ uug jetzt, mein Herr, genug Ihrer Unverſchämtheit ſtarrte den verwegenen Bittſteller mit weitaufgeriſſe⸗ nen Augen an. Lord⸗Lieutenant von Irland! rief er mit einem Lachen der Wuth. Wiſſen Sie, My⸗ lord, daß Sie wahrhaft ein Held ſind in der Kühn⸗ heit Ihrer Bitten. Das iſt groß, das iſt erhaben! Der Blutrichter König Karls des Erſten, der Freund Cromwell's, der Berather Richard's, der Adjutant Lamberts, er wünſcht weiter nichts, als Ritter des Hoſenbandordens und Lord⸗Lieutenant von Irland zu werden. Der General brach in ein lautes Lachen aus, dann ſagte er mit vor Wuth zitternder Stimme: Ge⸗ und meiner Langmuth. Der, welcher ſich ſelber und ſeine Grundſütze hundert Mal verrathen, wird immer ein Verräther bleiben, und General Monk kann einen. ſolchen niemals ſeinem König empfehlen! Es hieße † mich ſelber vernichten, wenn ich Leute Ihrer Art als meine Schützlinge anerkennen wollte und es 3 wäre eine Schmach für mich, diejenigen zu begün⸗ ſtigen, welche niemals etwas anderes erſtrebt ha⸗ ben, als die Befriedigung ihres kleinlichen und arm⸗ ſeligen Eigendünkels! 3 Ich habe alſo nichts von Ihnen zu hoffen? fragte Lord Pembroke, indem er aufſtand. Ich glaube, Sie konnten das wiſſen, bevor Sie hieher kamen! rief Monk heftig. In dieſem Augenblick ließ ſich hinter dem Schirm ein lantes Bellen vernehmen. General Monk erblaßte und ſchrak ſichtlich zuſam⸗ men. Er erinnerte ſich ſeiner Gemahlin. Eine Pauſe trat ein, und jetzt ließ ſich zum zwei⸗ ten Male das Gebelle des vermeintlichen Schvoß⸗ hünbchens hören. —* Dies war bas Zeichen, daß dem Bittſteller unbe⸗ dingt ſeine Forderung ſollte bewilligt werden. Monk gedachte der Uebereinkunft mit Lady Betſy und ſeine Lippen bebten, er wußte ſelber nicht, ob vor Wuth oder vor Schwäche. Sie ſchlagen mir alſo mein Geſuch ganz entſchie⸗ den ab? fragte der Lord. Monk ſchwieg und blickte finſter vor ſich hin. Das Gebelle des Hündchens hinter dem Schirm ward lauter und heftiger. Still, Jolly, rief Monk, indem er wüthend mit dem Fuße ſtampfte. wieder. 4. Ich muß es, ſagte Monk, es ſei denn, daß Sie mir ſolche Garantieen bieten, welche die Unterſtützung Ihres Geſuches begreiflich machen. Ich werde Ihnen ſolche Garantieen bieten, rief der Lord mit einem zweidentigen Lächeln. Und worin werden dieſe beſtehen? Dies werde ich ſpäter die Ehre haben, Ihnen zu entwickeln! Für jetzt genügt es mir, wenn Sie mir bis dahin verheißen, mindeſtens nicht gegen mich zu ſein. Wollen Sie die Güte haben, mir dies zu ver⸗ ſprechen? Jolly hinter dem Schirm bellte abermals. Dies kann ich verſprechen, ſagte Monk. Ich werde gegen Niemand ſprechen, alſo auch gegen Sie nicht! Das Erſte, was der König hier zu üben hat, iſt Gnade, und er muß darin groß ſein, und leuchtend, wie die Sonne. Er wird auch Sie in ſeine Ver⸗ zeihung mit aufnehmen! 6 Lord Pembroke näherte ſich der Thür. 4 „ Sie ſchlagen es mir ab? fragte Lord Pembroke Ich danke Ihnen, Mylord, ſagte er. auf Ihr Wort. Ich baue Und Sie thun wohl daran! rief Monk ſtolz, in⸗ dem er den Lord zum Abſchied begrüßte. Kaum hatte ſich die Thüre hinter dem Lord ge⸗ ſchloſſen, als Lady Betſy hinter dem Schirm hervor⸗ ſtürzte. Mylord, ſagte ſie, Sie haben ſich ſehr unverſtän⸗ dig benommen. Es iſt ſehr thöricht, ſich zuerſt mit ſolcher Heftigkeit und Verachtung gegen eine Sache zu erklären, wenn man doch damit aufhören muß, ſich für dieſelbe zu entſcheiden. Ich konnte nicht ahnen, daß Sie dieſen Lord Pembroke, meinen anerkannten Widerſacher begünſti⸗ gen würden! ſagte Monk faſt ſchüchtern. Sie hätten nicht blos ahnen, ſondern wiſſen müſ⸗ ſen, daß Diejenigen, welche am meiſten gegen ſich haben, auch am meiſten dazu thun werden und müſ⸗ ſen, um etwas für ſich zu gewinnen! rief die Lady. Seien Sie alſo auf Ihrer Huth. Gerade Diejenigen, welche bisher als entſchiedene Widerſacher des Königs gehandelt, ſind jetzt die Eifrigſten, ſich ſeiner Gnade zu verſichern, und dies durch Ihre Vermittelung. Um aber Ihre Vermittelung zu erlangen, haben ſie mich um meine Fürſprache bei Ihnen gebeten, und zwar in einer Weiſe, der zu widerſtehen thöricht ſein würde. Sie werden daher beſſer thun, dieſe Leute nicht ganz ſo ſtolz zu empfangen, um nachher deſto leichter einlen⸗ ken zu können. Und jetzt klingeln Sie, und laſſen Sie die Andienzen ihren Fortgang nehmen! Lady Betſy trat wieder hinter den Schirm zurück, und General Monk faßte mit einem leiſen Seufzer nach der Klingelſchnur. Andere Bittſteller kamen, nicht minder verdächtig — 2 und nicht minder dreiſt in ihren Forderungen, als Lord Pembroke. Aber Monk empfing ſie vorſichtiger, leutſeliger und gelaſſener. Er hatte in der erſten Indignation ſeiner Gemahlin vergeſſen gehabt. Jetzt aber erinnerte er ſich ihrer, und das machte ihn ſanft und freundlich. Er ſagte daher je nach dem Bellen ſeines unſicht⸗ baren Hündchens, ſeine Fürſprache entweder unbe⸗ dingt zu, oder doch verſicherte er, unter Vorbehalt, ſeine Gunſt und Protection. Mehr denn zwölf Bittſteller waren auf dieſe Weiſe von Monk empfangen und entlaſſen worden, und immer ſchien er noch nicht am Ende zu ſein mit die⸗ ſen ermüdenden Andienzen.— Er fühlte ſich er⸗ ſchöpft und abgeſpannt, beſchämt und zornig zugleich über ſich ſelber und über dieſe unwürdige Komödie. Aber der General Monk, welcher gewohnt war, mit unerſchrockenem Muth dem Tode in's Auge zu ſehen, deſſen Augenlider nicht zitterten beim Donner der Ka⸗ nonen, er fühlte doch nicht die Kraft, ſeiner Gemahlin zu widerſtehen, und die Audienzen zu verweigern, welche ſie bewilligt hatte. Er klingelte daher abermals und befahl John, einen neuen Beſuch einzuführen. Die Thür ward geöffnet und eine ſchwarzge⸗ kleidete, verſchleierte Dame trat ein. Sie blieb ſchüch⸗ tern an der Thüre ſtehen, und indem ſie ihre gefal⸗ tenen Hände an die Bruſt drückte, ſchien ſie nach Athem, nach Faſſung zu ringen. Es war etwas ſo Rührendes, ſo Ergreifendes in dieſem ſtummen Flehen, in dieſer angſtvollen Bitte, daß General Monk ihr nicht zu widerſtehen vermochte. Er näherte ſich daher der Dame, und indem er ihr einen Seſſel anbot, ſagte er mit ſanfter Stimme: „ — 80— Haben Sie keine Furcht, Madame! General Monk hat niemals dem Unglück ſeine Theilnahme verſagt, und wie es ſcheint, ſind Sie unglücklich. Sie tragen Trauerkleider, Madame? Ja, ſagte ſie mit leiſer Stimme, ich trauere um meinen Vater, Mylord! Ich bin eine Waiſe! General Monk fing ſchon an, ſich für dieſe Un⸗ glückliche zu intereſſiren. Obwohl er ihr Geſicht nicht ſehen konnte, ſo meinte er doch, ſie miiſſe ſchön ſein, weil ſie ſich ſo ängſtlich verhülle, und jung war ſie gewiß, denn nur die jungen Mädchen nennen ſich, im Gefühl ihrer Verlaſſenheit eine Waiſe. Ah, Sie ſind eine Waiſe, ſagte daher General Monk in mitleibsvollem Ton. Armes Kind, ich be⸗ klage Sie, und wenn es in meiner Macht ſteht, Ihnen nützlich zu ſein, ſo rechnen Sie auf mich! Mylord, ſagte die Verſchleierte, und jetzt hatte ihre Stimme etwas Stolzes, Gebieteriſches, Mylord, ich bin nicht gekommen, um für mich zu betteln. Ich würde lieber ſterben, als von der Gnade Ande⸗ rer leben. Ich bin jung und geſund, und meine Hände wie mein Kopf ſind zur Arbeit tüchtig. Ich ſagte nicht, daß ich es wagen wollte, Ihnen eine Unterſtützung anzubieten, ſagte Monk, der ſich immer lebhafter für die Unbekannte zu intereſſiren be⸗ gann. Ich erklärte mich nur bereit, mich Ihnen nütz⸗ lich zu zeigen, wenn ich es kann! Sie können es! So fordern Sie! Mylord, ſagte die Dame, indem ſie ſich erhob, und ſich Monk näherte, Mylord, ich fordere nur Ge⸗ rechtigkeit! Monk lächelte. Das iſt übel, ſagte er, eine Gnade läßt ſich leichter gewähren, als Gerechtigkeit! ⸗ 5 Deshalb komme ich zu Ihnen, weil Sie in die⸗ ſem Lande der Mächtigſte und Angeſehenſte ſind, rief die Dame, und weil ich von Ihnen die Gerechtigkeit als eine Gnade erflehen muß! Indem ſie ſo ſprach, ſchlug ſie den Schleier zu⸗ rück, welcher ihr Geſicht verhüllte, gleichſam als wollte ſie ihren Worten mehr Kraft und Wirkſamkeit ver⸗ leihen durch den Anblick ihres Angeſichtes. Dieſes Angeſicht war in der That wohl im Stande, zu beſtechen und den Bitten geneigt zu machen, welche dieſe purpurrothen Lippen ausſprechen mochten. Es war ein edles Antlitz, voll Jugendreiz und Anmuth, aber es war dennoch eine Schönheit voll Ernſt und Feierlichkeit, es fehlte ihr der bezaubernde Schmelz der Farben, der hinreißende Glanz der Heiterkeit. Dieſe ſtolze Schönheit mit den edel gezeichneten Zü⸗ gen, den bleichen, farbloſen Wangen und der impo⸗ ſanten Ruhe ihrer Züge, erinnerte mehr an die Antike und an den Marmor, als an das Leben. Man dachte bei ihrem Anblick mehr an die Statuen des Phidias und Liſipp, als an die lebensvollen, liebe⸗ glühenden heißblütigen Schönheiten, wie ſie uns Ti⸗ tians hinreißender Pinſel gemalt. Ihr Antlitz, wie geſagt, war bleich, nur ihre Lippen waren von einer dunklen, köſtlichen Purpurfarbe, ihre Mienen waren kalt und ruhig, aber in ihren großen dunklen Au⸗ gen konnte man leſen, daß die Leidenſchaft nur auf dem Grunde dieſes großen, unergründlichen Meeres ſchlummere, welches man Herz nennt, und daß es vielleicht nur eines leiſen Anſtoßes bedürfe, um ſie zu erwecken und das Feuer ihrer glänzenden Blicke zu vernichtenden Blitzen anzufachen. Mylord, wiederholte die Dame, ich fordere Gerech⸗ tigkeit! Karl I. 2. 6 Und welcher Art iſt dieſe? fragte Monk ganz ge⸗ blendet von ihrer impoſanten Schönheit. Die junge Dame lächelte bitter, und neigte einen Moment ſchweigend das Haupt auf ihre Bruſt. Dann richtete ſie den Blick wieder empor, und jetzt war er energiſch und kühn, leuchtend von Muth und Willenskraft. Mylord, ſagte ſie, ich weiß, Sie werden meine Bitte ſehr kleinlich, ſehr unbedeutend finden. Sie, welcher vor dem Anfang eines neuen welthiſtoriſchen Drama's ſteht, Sie, in deſſen Händen das Schickſal eines ganzen Volkes liegt, und der gewohnt iſt mit Kronen zu ſpielen, wie andere Menſchen mit Würfeln, Sie werden es ohne Zweifel ſehr gering, ſehr klein⸗ lich finden, wenn aus dieſem Volke, das Sie in ſeiner Geſammtheit beglücken wollen, ſich die Stimme einer Einzelnen erhebt, und zu Ihnen ſchreit um ihr per⸗ ſönliches Glück, um ihre perſönliche Freiheit. Aber bedenken Sie, Mylord, daß jeder Einzelne eine Welt in ſeinem Buſen trägt, eine Welt von Gedanken, von Gefühlen, von Glück und von Unglück, und daß jedes Individuum ein Glied iſt dieſes Volkes, das Sie be⸗ glücken wollen. Ich bin eine Tochter dieſes Landes, deſſen Beſchützer Sie find. Sire, ich fordere meinen Antheil an Ihrem Schutz! Und was fordern Sie? Meine Freiheit! rief ſie mit lauter energiſcher Stimme. Monk lächelte. Wie mich dünkt, macht man Ihnen dieſe nicht ſtrei⸗ tig, ſagte er. Dieſes Zimmer iſt kein Gefängniß! Und dennoch bin ich hier wie überall gefangen⸗ denn ich ſchleppe die unſichtbare Kette meines Galeeren⸗ thums mit mir, wohin ich auch gehe! Mylord, ich 3 fordere die Freiheit meiner Seele, die Ungebundenheit meines Schickſals, ich fordere meine Selbſtſtändigkeit, und das Recht, mir ſelber mein Glück oder mein Un⸗ glück zu ſchaffen! Wer verweigert Ihnen dies Recht? fragte Monk. Mein Gatte! ſagte ſie tonlos. Ah, Sie ſind vermählt! rief Monk mit einem ſar⸗ kaſtiſchen Lächeln. Ja, ich bin vermählt! ſagte ſie, und ich will es nicht mehr ſein. Ich will Ihnen nicht erzählen, wie das Alles gekommen! Das paßt nicht für Sie! Was kümmert den General Monk das Unglück einer Frau! Aber dieſes Unglück iſt das Loos aller Frauen Eng⸗ lands, wir tragen alle dieſelben Feſſeln, wir leiden an denſelben Martern! Mylord, erleichtern Sie uns dieſe! Sie wollen eine neue Welt begründen, fangen Sie damit an, daß Sie die unnatürlichen Geſetze der alten zerreißen! Machen Sie frei, was unfrei war. Olivier Cromwell war ein Tyrann, und nur ein Tyrann kann ſagen:„die Ehe ſoll unauflöslich ſein, und kein Menſch auf Erden kann ſie löſen!“ Cromwell hat das ge⸗ ſagt, eben weil er ein Tyrann war, welcher die Men⸗ ſchen als Maſchinen, als todte Glieder ſeines Willens betrachtete, weil er keine Ehrfurcht hatte vor menſch⸗ licher Größe, und vor menſchlicher Schwäche; aber Karl Stuart iſt ein edler Menſch, und er wird gütig ſein! Sie ſtehen ihm zur Seite, und Sie werden ihn lehren, die Menſchheit zu ehren, und ſie ſelber in ihren Irr⸗ thümern zu beſchützen! Indem ſie ſo ſprach, blickte ſie mit flehendem Aus⸗ druck in das Antlitz Monk's. Aber ſie ſah keine Theilnahme in dieſem Angeſicht, ſondern nur ein leiſes, ironiſches Lächeln. Ah, ſagte ſie mit einer Art verzweiflungsvollen * 6* Zornes, Sie lachen über mich und mein Begehren, welches Ihnen vielleicht phantaſtiſch und thöricht ſcheint. Ich frage Sie aber, Mylord, wenn ich jetzt zu Ihnen täme und ſagte: General Monk, Sie ſind groß, Sie ſind mächtig und der König wird thun, was Sie be⸗ gehren. Ich flehe alſo zu Ihnen um Gnade! Man hat mich zum Tode verurtheilt, man will mich lebend auf das Rad flechten. Retten Sie mich, machen Sie, daß der König mich begnadigt, und mir das Leben ſchenkt. Sire, wenn ich mit dieſer Bitte zu Ihnen käme, würden Sie das natürlich und dem Momente anpaſſend finden? Ich würde das ſehr natürlich finden! ſagte Monk. Nun denn, mein General, dies iſt meine Bitte, und ſie iſt alſo eine natürliche! Man hat mich zum furchtbarſten, entſetzlichſten Tode verurtheilt, zum Tode der Sclaverei, man will mich lebendig auf das Rad der Schmerzen flechten, nur daß es nicht mein Körper, ſondern meine Seele iſt, welche man morden will! Ich ſchreie alſo zu Ihnen um Gnade, um Erbarmen, und indem ich es thue, ſpreche ich für alle die gemarterten, zertretenen, in den Staub geſchlenderten Seelen, welche man Weiber nennt! Mylord, geben Sie uns unſere Frei⸗ heiten wieder, welche Cromwell uns geraubt hat. Wir müſſen wenigſtens das Recht haben, das Unglück von uns abſchütteln zu können, wenn wir auch vielleicht nicht befähigt ſind, das Glück zu finden! Sire, es ſeufzen ſo viele Unglückliche unter den Feſſeln ehe⸗ licher Sclaverei. Nehmen Sie dieſe Feſſeln weg, geben Sie ein Geſetz, welches dieſe Bande ſprengt, indem es anerkennt, daß die Ehe gelöſt werden kann, daß ſie es muß, wenn die Herzen und die Seelen ſich geſchieden haben. Geben Sie ein ſolches Geſetz, und Sie werden damit der Ehe ihre Heiligkeit und der Liebe ihre Freiheit wiedergegeben haben! Es heißt die Ehe entheiligen, wenn man ſie zu einer unauflöslichen Kette macht, welche ſelbſt dann nicht zerſprengt werden darf, wenn ſie uns nur an eine Hölle der Schmerzen angeſchmiedet hat, es heißt die Liebe zu einer Seclavin erniedrigen, wenn man ſie zwingen will zu bleiben, wo ſie nicht ſein will. Oh Mylord, ſeien Sie alſo barm⸗ herzig, ſeien Sie menſchlich. Geben Sie den Frauen ihre Würde wieder! Dulden Sie es nicht, daß man ſie zu Selaven erniedrige! Sie war ſchön, während ſie ſo ſprach. Ihre Angen ſchoſſen Blitze des Zornes, ihre Lippen zitter⸗ ten, und die vorher ſo bleichen, ſo durchſichtigen Wan⸗ gen überzog eine ſanfte Röthe, welche ſie unendlich reizend machte, indem ſie ihrer Schönheit Wärme und Glanz verlieh. General Monk blickte mit heimlicher Bewunderung in ihr edles ſchönes Angeſicht, aber auf ihre flehenden Worte, und die glühende Beredtſamkeit ihrer Augen erwiederte er nichts. Seit dieſe ſchöne Frau mit ſo energiſchem Feuer von dem Unheil der Ehe ſprach, hatte er ſich er⸗ innert, daß ſeine Frau ſich hinter dem Schirme be⸗ fand, und jedes ſeiner Worte, jede ſeiner Bewegungen überwachte. Er hatte ſich ferner ſeiner Uebereinkunft erinnert, und mit einer Art ängſtlicher Spannung lauſchte er auf irgend ein Zeichen des unſichtbaren Lieb⸗ lingshundes. Aber Alles blieb ſtumm, auch nicht das leiſeſte Gebelle ließ ſich vernehmen, nicht das leiſeſte Zeichen der Gewährung und Zuſtimmung Die arme Bittende gehörte alſo nicht zu Denen, welche es verſtanden hatten, ſich Lady Betſy geneigt zu machen. Sie war olſo verurtheilt, denn da Jolly nicht bellte, bedeutete das: dieſe Bittſtellerin iſt mit „ * einem unbedingten und entſchiedenen Nein abzu⸗ weiſen. Nun? fragte ſie nach einer Pauſe in athemloſer Spannung. Sie ſagen mir kein einziges Wort? Sie wollen alſo eben ſo erbarmungslos ſein, wie alle die Richter, an welche ich mich gewandt habe, wie mein Gemahl, den ich faſt auf meinen Kuieen beſchworen habe, mich frei zu geben? Sie haben alſo nicht ver⸗ ſtanden, daß es ſich um mein Leben, um das Heil meiner Seele handelt, und daß ich eine zum Tode Verurtheilte bin, welche um ihr Leben jammert? Oh Mylord, es iſt eine alte heilige Gewohnheit, daß jeder neue Herrſcher den Anteitt ſeiner Regierung mit einem Gnadenact bezeichnet, indem er allen Denen, welche zum Tode verurtheilt ſind, das Leben ſchenkt, und ihnen Amneſtie bewilligt. Kraft dieſer heiligen Gewohnheit erflehe ich jetzt Gnade für mich und für mein ganzes Geſchlecht! Mylord, möge der König uns eine Am⸗ neſtie verleihen, indem er dieſes ſchmachvolle Ehegeſetz löſt, und geſtattet, daß ſich diejenigen ſcheiden, welche nichts mehr bindet als die äußere Form, als der äußere Zwang. Es iſt ein gefährliches Ding, welches Sie da for⸗ dern! ſagte Monk achſelzuckend, indem er einen ängſt⸗ lichen Blick nach dem Schirm hinüberwarf. König Karl der Zweite kann nicht gleich bei ſeinem Kommen ein Geſetz geben, welches vielen frommen Seelen ein Beweis ſein würde, daß diejenigen Recht haben, welche ihn des Leichtſinns, ja vielleicht ſogar der Gottloſigkeit anklagen. Es hieße der Nation ſagen, daß ihr König keine Achtung vor dem Heiligen, dem bis dahin als recht und ſitilich Anerkannten hat, daß er— Der laute Schall eines Kanonenſchuſſes, welcher das Haus erzittern und die Fenſter klirren machte, unter⸗ — brach hier den General, zugleich ward die Thür heftig aufgeriſſen, und Morrice ſtürzte herein. Mylord, rief er, das Signalſchiff hat ſeine Zeichen gegeben König Karl nähert ſich der Küſte Monk eilte an's Fenſter und blickte ſpähend hinaus auf das Meer, und auf das Schiff, welches am Ho⸗ rizont ſichtbar war. Grüne und blaue Flagge! ſagte er dann. Es iſt richtig. Dies bedentet, daß das Schiff des Königs ſchon ſichtbar ward, und in kurzer Zeit hier ſein muß! ien wir alſo hinunter zum Landungsplatze. und Sie geben mir keinen Troſt, keine Hoffnung? rief die Fremde mit vor Angſt zitternder Stimme. Monk zuckte die Achſeln. Ich kann es nicht, ſagte er. Ein tiefer und ſchmerzvoller Seufzer drang von ihren Lippen. Dann ließ ſie den Schleier fallen, und indem ſie ſich ſtumm verneigte, wandte ſie ſich lang⸗ ſam der Thür zu. Monk faßte ihre Hand. Einen Augenblick noch, ſagte er. Wenn es mög⸗ lich iſt, wenn es geſchehen kann, ohne Gefahr für die Autorität des Königs und für die Heiligkeit der Ehe ſelbſt, dann, ich verſpreche es Ihnen, werde ich Ihrer Bitte gedenken und Ihres Schmerzes mich er⸗ innern. Sie ſollen alsdann die Erſte ſein, welcher man die Feſſeln abnimmt, unter deren Schwere Sie ſeufzen. Sagen Sie mir alſo Ihren Namen, damit ich Sie benachrichtigen kann. Sie blieb auf der Schwelle ſtehen, und indem ſie ſich langſam umwandte, ſagte ſie matt: ich fürchte, Sie werden mich niemals benachrichtigen. Aber ich will Ihnen dennoch meinen Namen ſagen, damit, wenn Sie einſt meinen Tod erfahren, Sie ſich er⸗ innern mögen, daß Sie es waren, der mich vom Tode hätte erretten können. Mein Name iſt Aphra Behn, und Olivier Cromwell's Freund, Nathangel Johnſon, war mein Vater! Ohne eine weitere Antwort abzuwarten, neigte ſie leiſe das Haupt, und entfernte ſich dann mit lang⸗ ſamen, ermatteten Schritten. Ich glaubte in der That, dieſe Unverſchämte würde niemals wieder das Zimmer verlaſſen! ſagte Lady Betſy, indem ſie hinter dem Schirm hervortrat, und ihrem Gemahl einen zornigen Blick zuwarf. Sie ſind in der That ſehr gütig, ſehr nachſichtsvoll und zuvor⸗ kommend gegen ſolche unverſchämte Weiber! Aber ermahnten Sie mich nicht ſelbſt zur Freund⸗ lichkeit und Milde? fragte Monk. Mylady ſtampfte wild mit dem Fuß und zog die Augenbrauen in finſtere Falten. Hatte ich etwa das Zeichen gegeben? fragte ſie. Warum konnten Sie ihr alſo nicht ohne Weiteres die Thüre zeigen? Weil es ſich nicht geziemt, den Damen die ge⸗ bührende Achtung zu verſagen Vorzüglich, wenn dieſe Damen jung und ſchön ſind! rief Lady Betſy. 2 Sie wiſſen es wohl, daß Jugend und Schönheit gerade nicht die Dinge ſind, welche mich feſſeln kön⸗ nen, ſagte Monk, indem er ſeinen Mantel umwarf, und ſich zum Gehen anſchickte. Ah, Sie wollen damit auf meine Häßlichkeit an⸗ ſpielen, rief Lady Betſy. Sie wollen damit ſagen, daß es nicht meine Jugend und meine Schönheit war, welche Sie reizte und beſtimmte, mir Ihre Hand zu geben! Ah Mylord, ich danke Gvtt, daß ich weder jung noch ſchön bin! Dank meiner Häßlichkeit werde ich — das Glück haben, mich niemals von ihrer Seite ge⸗ riſſen zu ſehen, ſelbſt wenn Sie ſelber es wünſchten, und mich auf den Markt führten— Dank meiner Hüäß⸗ lichkeit würde Niemand das kleinſte Gelüſte haben mich zu kaufen! Ah, Mylord, ich bin alſo eine un⸗ bezahlbare, unſchätzbare Waare! Und Mylady brach in ein fröhliches Lachen aus. Aber General Monk achtete nicht auf ſie. Mit haſtigen Schritten verließ er das Haus, und eilte an den Landungsplatz, um dort den König willkom⸗ men zu heißen, deſſen Schiff eben mit vollen Segeln daher kam. VI. Der heimkehrende Rönig. Karl Stuart ſtand, mit verſchränkten Armen an den Maſt gelehnt, auf dem Verdeck des Schiffes, und ſchaute mit leuchtenden Blicken auf die Küſte Alt⸗Eng⸗ lands hin, welche in immer deutlichern Umriſſen aus dem Nebel hervortrat. Eine frendige Rührung ſprach aus ſeinen Zügen, und in ſeiner Seele war eine tiefe und heilige Be⸗ wegung. Vielleicht, wäre er jetzt allein geweſen mit ſich und ſeinem Gott, vielleicht, daß dann die beſſern und edleren Gefühle in dieſem Sohne der Stnarts die Oberhand gewonnen, und daß er, bewegt von der Bedeutſamkeit dieſes Moments, ſich der Tugend und der Gerechtigkeit angelobt hätte. 5 Aber der König war umringt von ſeinen erge⸗ benen Freunden und Cavalieren. Unfern von ihm ſtand ſein Bruder, der Herzog von York, im eifrigen, aber leiſen Geſpräch mit der ſchönen Katharina Hyde, von welcher das Gerücht ſagte, daß ſie die rechtmäßige Gemahlin des Herzogs ſei. Dieſes Paar freilich war ſo ſehr mit ſich ſelber beſchäftigt, daß es weder auf das Volk am Ufer, noch auf den König achtete. Aber es waren da die Cavaliere des Königs, es war da der Kanzler Hyde, Katharinens Vater, welcher an der Seite des Königs ſtand, und mit aufmerkſamen Blicken das Antlitz des Königs beobachtete, während George Villiers, der Herzog von Buckingham, an der andern Seite des Königs ſtehend, wiederum bald den Kanzler, bald das flüſternde Liebespaar mit ſeinen blitzenden Augen zu prüfen ſchien. Es war ba der Graf Rocheſter, welcher es verſtanden, durch ſein wüſtes und ausſchweifendes Leben ſich eine Art Ruhm zu erwerben. Neben dem Grafen ſtand der Dichter Shad⸗ well, der Freund Rocheſters und der treue Anhänger des Königs, welchem er ſogar in die Verbannung ge⸗ folgt war. Der König war alſo nicht allein, und während er nichts ſah als die ſich nähernde Küſte, ſahen und beobachteten ſeine Cavaliere nichts als ihn, das auf⸗ ſteigende Geſtirn des Tages, welches immer größer und immer leuchtender ward, je mehr ſie ſich dem Ufer und alſo dem Throne, dem Glanze und der Macht näherten. Ah, flüſterte Karl Stuart leiſe, und ſeine naſſen Blicke ſtarrten hinüber zum Lande, ah, mein Vater⸗ land, ich ſehe dich alſo wieder, ich werde alſo wieder eine Heimath haben. Mein treuer Hyde, begreiſſt Du i— 7— — 5— das, wir werden wieder daheim ſein, kein Flüchtling, kein Verbannter, ſondern ein König! Ein König, vorausgeſetzt, daß der General Monk und das Parlament Euch erlaubt, wirklich ein König zu ſein, ſagte Buckingham, ohne dem Kanzler Zeit zu einer Antwort zu laſſen. Aber Karl Stuart achtete nicht auf ihn. Er blickte nur immer nach dem Ufer hin, und ſein Antlitz leuchtete von Stolz und Freude. Der Kanzler Hyde näherte ſich ihm noch mehr, und indem er dem voreiligen und ſarkaſtiſchen Herzog einen ſtrafenden Blick zuwarf, ſagte er mit ernſter Stimme zum König: Ja, Sire, wir werden wieder eine Heimath haben, Dank Eurer Beharrlichkeit und Eurem Volke, welches Euch ruft! Hört nur, Sire, wie ihr Freudengeſchrei zu uns herübertönt, und wie ſie Euch entgegen jubeln, Euch, ihrem Könige, ihrem neuen Vater, welchen ſie lieben wollen, als Eure Kinder. Ihr glaubt alſo, Kanzler, daß ſie mich wirklich lie⸗ ben? fragte Karl Stuart ſinnend. Würden ſie Euch ſonſt zurückgerufen haben? fragte der Kanzler. Ja, es iſt wahr, ſagte der König, weshalb ſonſt hätten ſie mich gerufen! Ich hatte ihnen nichts zu bieten, weder Geld noch Macht, ich war ein Bettler, ſogar an Hoffnungen arm! Die Liebe Eures Volkes will Euch reich machen, ſagte Hyde ernſt, Sire, gedenkt daran, und lohnt es Enrem Volk mit Liebe! Ja, ich will ſie lieben, meine Engländer! rief Kark Stuart, indem er mit einem entzückten Lächeln dem Freudenjubel lanſchte, welchen der Wind vom Ufer zu ihnen herüber trug. „ Aber wenn Ihr es auch liebt, dieſes gute, zärtliche engliſche Volk, ſo mißtrauet ihm immer doch ein we⸗ nig, Sire, ſagte Buckingham mit ſeinem ſarkaſtiſchen Lächeln, indem er ſich gleichfalls dem König mehr näherte, und auf unmerkliche Weiſe ihn vom Kanzler Hyde zu entfernen ſuchte. Das Mißtrauen wäre in dieſem Falle ein Ver⸗ brechen, rief dieſer lebhaft. In der echten und wah⸗ ren Liebe muß jedes Mißtrauen untergehen. Buckingham zuckte die Achſeln. Simſon hat auch wahr und echt geliebt, ſagte er, und darum eben konnte die ſchöne Delila ihn verrathen und den Lö⸗ wen zähmen. Das Mißtrauen iſt der Vater der Sicherheit! Trauet dieſer Delila alſo nicht, mein königlicher Simſon, und Ihr werdet immer ſtark ſein! Ach, horcht nur, horcht, Sire, wie ſie das Meer über⸗ tönen mit ihrem Frendengeheul. Sie ſind noch nicht heiſer geworden, die guten Leute, es ſind noch dieſel⸗ ben kräftigen Stimmen, es iſt noch daſſelbe Freuden⸗ gebrüll, welches ich damals hörte, als ſie den edlen Märtyrer, Euren Vater, Sire, ermordeten! Karl Stuart ſchreckte empor, wie aus einem Traum erwachend. Seine Augen nahmen einen blitzen⸗ deren, ſtechenderen Ausdruck au, und die Röthe ver⸗ ſchwand von ſeinen Wangen. Wehe Euch, Mylord, ſagte der Kanzler feierlich, wehe Euch, daß Ihr ſolche Erinnerungen weckt. Der König hat gelobt, zu vergeſſen und zu vergeben! Laßt das Begrabene begraben ſein! Dieſe edle Sentenz paßt leider nicht ganz, ſagte Buckingham, denn leider iſt König Karl der Erſte nicht begraben, wie ein König begraben ſein muß. Seine Mörder haben ihn verſcharrt, und Ihr wollt „ —— 7— — 55— ſeinem edlen Sohne rathen, ihn zu vergeſſen, ihn, ſeinen hingeſchlachteten Vater? Ruhig, George, ruhig, ſagte der König. Du haſt Recht! Dieſes Voik iſt eine Delila, aber ich will ein ſtarker Simſon ſein, welcher ihr widerſteht! Ich werde meinen Vater begraben, und ſeinen Tod an ſeinen Mördern rächen! Sire, Ihr habt Eurem Volke Verzeihung ange⸗ lobt! rief der Kanzler lebhaft. Meinem Volke, aber nicht den Mördern meines Vaters! ſagte der König. Dieſe Mörder, ha! ich werde ſie ſuchen, und zu finden wiſſen! Hört nur, wie ſie ſchreien, Eure guten Kinder! ſagte Buckingham, als jetzt eine neue Salve des Ju⸗ belgeſchreis zu ihnen herüber drang. Der König zog die Stirn in finſtere Falten, und indem er ſich mit einem verächtlichen Lächeln um⸗ wandte, ſagte er: Laß ſie nur ſchreien, George. Ihr Jauchzen rührt mich nicht mehr! Du haſt Recht! Mit dieſem ſelben Freudengekreiſch begrüßten ſie einſt das fallende Haupt meines Vaters! Einige Minuten ſpäter landete das Schiff an der feſtlich geſchmückten Brücke, und unter dem Donner der Kanonen, unter dem unermeßlichen Jubelgeſchrei des Volkes betrat der König den engliſchen Boden an der Hand ſeines Bruders, des Herzogs von York. Aber König Karl blickte weder auf die jauchzende Menge, noch auf die im Glanze ihrer Schönheit ſtrahlenden Damen, welche ihm ihre Tücher entgegen ſchwenkten. Einer erſten, unwiderſtehlichen Regung nachgebend, ſank er auf ſeine Kniee, indem er den Herzog mit ſich niederzog. Hand in Hand knieten die königlichen Brüder, und unter dem Jubel des Volkes, welches mit naſſen Augen und ſtrömenden Thränen auf dieſes knieende Königspaar hinblickte, neigten ſie beide ihr Haupt zur Erde, und küßten den heimathlichen Boden. Das Freudengeſchrei verſtummte. Von Einem Gefühl, von Einem Gedanken hingeriſſen, ſanken dieſe Tauſende plötzlich, dem Beiſpiele ihres Königs fol⸗ gend, auf die Kniee nieder“), um mit ihrem Könige ſich zu vereinen in dem heiligſten und erhabenſten Ge⸗ danken,— in dem Gedanken an Gott! Stille herrſchte ringsum Nur das Meer ließ zu dieſem Gottesdienſte des Volkes die feierlichen Orgel⸗ klänge ſeiner rauſchenden Wellen vernehmen. Mit ſtrahlendem Glanze trat die Sonne hervor und be⸗ leuchtete dieſes ſeltene, ſo wundervolle, ſo tief ergrei⸗ fende Schauſpiel,— dieſes ſilberglänzende Meer und dieſes Ufer, bedeckt mit einem knieenden Volke, das für ſeinen König und für ſich ſelber vom Himmel Gnade erfleht! Das Volk, wie geſagt, betete für ſeinen König. Dieſe Tauſende, ſie hoben die von Thränen der Rührung feuchten Blicke gen Himmel und mit ihren zitternden Lippen flehten ſie den Segen Gottes hernieder auf das Haupt Karl Stuarts, ihres Königs. Für wen aber betete der König in der Mitte ſei⸗ nes Volkes? Er ſenkte ſein Haupt, und küßte den Boden. Seine Lippen zitterten, und ſeine Augen glühten. Es war kein Gebet, welches ſeine Lippen flüſter⸗ ten, ſondern nur ein Schwur! Inmitten ſeines Volkes knieend, ſchwur der Kö⸗ nig mit einem feierlichen Eide, Rache zu nehmen an *) Secret history of the Reign of King Charles II. By a member of his court. Vol. I. pag. 68. „ ——,— ſeinem Volke, Rache für den Tod ſeines Vaters, Rache für ſeine eigene jahrelange Noth, für ſeine Demüthigungen und ſeine Kränkungen, und niemals zu ruhen und niemals zu raſten, bis er dem Volke vergolten, was es ihm gethan!*) Dann neigte er ſich leiſe zu ſeinem Bruder hin. Du beteſt? flüſterte er. Ich bete zur Madonna und zu den Heiligen, ſagte der Herzog feſt. Ich flehe zu ihnen, daß ſie mir Kraft verleihen, mein Gelübde zu erfüllen, der allein ſeligmachenden Kirche Eingang zu verſchaffen in die⸗ ſem Lande und die Ketzer zu vernichten! Und dabei darfſt Du auf mich rechnen, flüſterte der König, denn dieſe Ketzer ſind nicht allein die Mörder unſers Vaters, ſondern auch die aufrühreri⸗ ſchen Rebellen, welche mich, ihren angeſtammten Herrn, verſtoßen, und aus dem mir von Gott zugefallenen Lande vertrieben haben. Fluch und Rache alſo über dieſes Volk. Und nachdem er leiſe ſo geſprochen, erhob ſich der König von ſeinen Knieen und dankte mit einem bezau⸗ bernden Lächeln dem Volke, welches er eben verflucht hatte, und grüßte mit frendigem Neigen des Kopfes die Menge, welche ihm zujauchzte und ihn laut den geliebten Vater,„den Beglücker Englands“, den er⸗ ſehnten Herrn, den Vielgeliebten, den Erhabenen nannte. Dann wandte er ſich lächelnd an Buckingham. Ach, ſagte er, wenn man dieſes Jauchzen und dieſe Lobſprüche und dieſe Liebesäußerungen hört, ſollte man da nicht meinen, es habe nur an mir ge⸗ *) Histoire secrdte des regnes des roix Charles II. et Jacques II. GCologne 1690. pag. 37. 55— legen, daß ich nicht ſchon lange hier und ſchon lange König ſei?*) Sire, es iſt eine Maſſe feiler Sclaven, ſagte Buckingham lachend, ſie pfeifen heute dies Lied und morgen ein anderes! Von nun an will ich ſie lehren, nach meiner Pfeife zu tanzen, flüſterte der König. Still, Sire, da kommt Monk, und ſo lange er ein Heer hinter ſich hat, müßt Ihr ihm freundlich ſein! In der That es war Monk, der mächtige Gene⸗ ral, der geliebte Befehlshaber eines ſtarken und kriegs⸗ luſtigen Heeres, und er nahete ſich dem König mehr mit der Ruhe und der ſtolzen, ſichern Haltung eines Verbündeten, als mit der Ergebenheit und Unterwür⸗ figkeit eines Unterthans. Sire, ſagte er, indem er leicht ein Knie beugte, Sire, ich habe mich mit Euch verbunden, um dieſem armen Volke ſein Glück und ſeinen Frieden wie⸗ der zu geben. Glück und Frieden erwarten wir von Euch! Heil daher unſerm König, Heil Karl dem Zweiten! Heil unſerm König! ſchrie und jauchzte das Volk, während Karl Stuart mit ſeiner anmuthigen Freund⸗ lichkeit dem General die Hand darreichte, und ſich den Anſchein gab, als habe er nichts von den ſtolzen Worten des Lords vernommen, ſondern nur den Ausdruck der Ergebenheit und Liebe in ſeiner Anrede gefunden. Wir danken Euch, General, ſagte er, für dieſe Verſicherung Eurer Treue und Ergebenheit. Wir danken Euch, daß Ihr Vertrauen habt zu unſerer *) Karl Stuarts eigene Worte: Seecret history Vol. I. pag. 82. „ —— — Regierung und unſerer königlichen Weisheit. In der That, wir ſind gekommen, um unſerm Volke Frieden und Glück zu bringen und es zu entſchädigen für die Bedrückung und das Unglück, unter welchem meine armen Unterthanen ſo viele Jahre hindurch geſeufzt haben! Auf jetzt, meine Herren, zu Pferde, wir wol⸗ len nach London reiten. Der König ſchwang ſich mit ritterlicher Anmuth auf das prächtig geſchmückte Roß, welches man ihm vorgeführt, und winkte dem General und ſeinen Cava⸗ lieren, ihm zu folgen. Es war ein langer, ein ununterbrochener Triumph⸗ zug, dieſer Ritt des Königs von Dover nach Canter⸗ bury. Ueberall begleitete ihn das Jubelgeſchrei des Volkes, überall waren Ehrenpforten errichtet, und an jeder derſelben waren Deputationen aufgeſtellt, welche den König mit langen, ſalbungsvollen Reden empfin⸗ gen, und ihn als das aufſteigende Geſtirn eines neuen ſchönen Tages willkommen hießen. Erſchöpft, ermattet und bis zum Tode gelang⸗ weilt von dieſen Ehrenbezeugungen und dieſen Reden langte der König endlich in Canterbury an, und zog ſich in die für ihn auf das prachtvollſte ausgeſchmückte Wohnung zurück. Endlich, endlich werden wir Ruhe haben! ſagte er, indem er ſich hochathmend in einen Seſſel gleiten ließ, und Buckingham, welcher ihn allein in ſein Ka⸗ binet hatte begleiten dürfen, näher winkte. Endlich, George, ſind wir dieſer läſtigen Comödie und dieſes gnädigen Zähnefletſchens überhoben. In der That, ich fürchte, mein Geſicht wird niemals ſeine gehörigen Formen wieder annehmen, und meine Züge ſind für immer in dieſem krampfhaften, ſtereothpen Lücheln ſtehen geblieben, das ich jetzt faſt zwei Stun⸗ Karl M. 2. 7 —— den hindurch auf meinen Lippen habe feſthalten müſſen! Mit dem Ihr aber bewunderungswürdig ſchön wart! ſagte Buckingham. . Bah, ſchön! rief der König, indem er die lange Liebeslocke, welche an der rechten Seite ſeiner Schläfe herabhing, durch ſeine Finger gleiten ließ. Schön, Georg! Ich denke, ein König bedarf keiner Schönheit! Venn er ſie aber beſitzt, dann iſt er ein Gott, denn ihm fehlt nichts zu ſeiner Vollkommenheit! Doch, mir fehlt etwas! ſeufzte der König. Mir fehlt etwas ſehr Wichtiges zu der Vollkommenheit eines Gottes! Mir fehlt eine Göttin! Ach, ich wußte nicht, daß ein Gott verheirathet ſein müßte! rief Buckingham lachend. Verheirathet, nein, gewiß nicht, und möge uns der Himmel vor einer Gemahlin bewahren, aber uns da⸗ für eine Göttin zuführen, eine Venus an Liebreiz, eine Juno an Stolz. Und eine Minerva an Weisheit! ergänzte George. Nein, nur keine Weisheit, lachte der König. Ich haſſe die Weisheit. Und doch, Sire, ſeid Ihr ſelber die Ausſtrahlung göttlicher Weisheit, ſagte Buckingham mit ernſter, feier⸗ licher Miene, indem er einen Schritt zurücktrat, und ſehr geſchickt die Haltung und die Manieren General Monks anzunehmen wußte. Der König lachte laut. Vortrefflich, in der That vortrefflich! ſagte er. Du gleichſt auf ein Haar dieſem langweiligen, prahle⸗ riſchen Schwätzer Monk, das iſt ſein Geſicht, ſeine Haltung, ſeine näſelnde Stimme. Ach, höre auf, George, höre auf, ich könnte Dich ſonſt mit ihm ver⸗ wechſeln, und mir einbilden, ſeine erlauchte Langwei⸗ ligkeit ſei neben mir! Bah, er iſt ein Unverſchämter. * * — 4 Haſt Du gehört, George, mit welcher frechen An⸗ maßung er es wagte, ſich mir gleich zu ſtellen! Er will ſich mit mir verbinden, er, der Unterthan, mit ſei⸗ nem König! Ah, wir werden uns dieſer Worte er⸗ innern, und ihn zu ſtrafen wiſſen für ſeinen Ueber⸗ muth. Aber erſt dann, Sire, erinnert Euch ſeines Ueber⸗ muthes, wenn Ihr ſeines Muthes nicht mehr bedürft, und wenn kein Heer mehr hinter ihm ſteht! Es iſt mein Heer, welches hinter ihm ſteht! Bis jetzt iſt es leider das Heer des Generals MWonk, ſagte Buckingham achſelzuckend, und deshalb hat Monk Recht, er iſt für den Augenblick nicht Euer Diener, ſondern Euer Verbündeter! Ich werde ihn zu demüthigen wiſſen, ſagte der König zähneknirſchend. Er ſoll mir büßen für ſeinen ebermuth, er— In dieſem Augenblick ward die Thüre aufgeriſſen und General Monk erſchien auf der Schwelle. Verzeihung, Sire, ſagte er, indem er haſtig ein⸗ trat, und gerade auf den König zuging, Verzeihung, Sire, daß ich unangemeldet bei Euch eintrete! Oh, für Euch bedarf es keiner Meldung, rief der König lächelnd, Ihr ſeid ſtets willkommen. Ueberdieß giebt es für Euch ſo viel zu thun, ſagte Monk, daß keine Zeit übrig blieb zu ſolchen läſtigen Formalitäten! Vor der Thüre ſtehen die Behörden von Canterburh, um Euch ihre Aufwartung zu machen. Ihr mißt ſie empfangen, Sire! Alsbann müßt Ihr in den Dom gehen, wo die Geiſtlichkeit und die Ein⸗ wohner Canterbury's ſich zu einem feierlichen Dank⸗ gottesdienſte verſammelt haben. Alsdann werbet Ihr Geheimrathsſitzung halten müſſen, zu welcher ich die erſten Parlamentsräthe aus London habe kommen laſſen, — — 100— und zuletzt, Sire, werdet Ihr wohl die Gnade haben, noch einige Stunden mit mir zu arbeiten! Und wann, Mylord, ſagte der König gereizt, wann werden wir Zeit haben, nach London zu gehen? Dies wird erſt in zwei Tagen geſchehen können! ſagte Monk. In zwei Tagen, am neunundzwanzigſten Mai! Ihr werdet dadurch dieſen Tag zu einem dop⸗ pelten Feſttag machen für Euer Volk, weil es zugleich Euren Geburtstag zu feiern hat. Ach, das iſt ein großer, ein bedeutungsreicher Tag, beſonders für Euch, Sire! Ihr feiert nicht allein den Tag Eurer Geburt, ſondern auch Eurer Wiedergeburt, welche aus einem armen, umherirrenden Flüchtling einen König macht! Der König erblaßte vor Zorn und zog die Stirn in finſtere Falten. Hinter ihm ſtand Buckingham, und während der König ſchon die Lippen öffnete, um ſeinem Zorn Worte zu geben, daß ein Heer hinter ihm iſt! Schont ihn alſo! Karl Stuart athmete hoch auf und vermöge einer ungeheuren Selbſtüberwindung rief er das Lächeln wieder auf ſeine Lippen zurück. Ihr habt Recht, Mylord, ſagte er, es wird ein Wir wollen London auf meinen Geburts⸗ Trefft darnach alle nöthigen Vorkeh⸗ ſchöner und bedeutungsvoller Tag ſein! alſo meinen Einzug in tag feſtſetzen. rungen! Sie ſind ſchon alle getroffen, ſagte Monk. Ihr ſeid ein Prophet, ein Daniel, rief Bucking⸗ ham lachend, Ihr wißt die Dinge ſchon im Voraus, und ehe der König, unſer Herr, ſeine Befehle verkündet, hat Euer prophetiſcher Geiſt ſie ſchon errathen und Ihr habt gehorcht, bevor der König ſprach. Welch B ein wundervoller Gehorſam iſt dies! flüſterte der Herzog leiſe: Bedenkt, Sire, — 101— Monk lächelte ſarkaſtiſch, und indem er ſtolz das Haupt zurück warf, ſagte er: Ihr übereilt Euch mit Eurer Bewunderung, mein Herr Herzog, General Monk iſt ſehr wenig an Gehorſam gewöhnt. Leiſe, leiſe, Mylord! ſagte Buckingham. Sprecht dieſe majeſtätiſchen Worte leiſe aus, damit nicht etwa Lady Betſy, Eure ſchöne, geiſtreiche und gebieteriſche Gemahlin ſie höre! Herzog! rief Monk auffahrend, indem er vor Zorn erblaßte. Buckingham antwortete auf ſeine wüthenden Blicke mit einem heitern Lachen. Keine Furcht, Mylord, ſagte er. Ich gebe Euch mein Ehrenwort, daß ich keins dieſer ſtolzen Worte Eurer erlauchten Gemahlin verrathen will. Wir wollen Eure ganze Rede aus Freundſchaft vergeſſen, nicht wahr, Ew. Majeſtät. Ja, wir wollen ſie vergeſſen! ſagte der König mit mühſam verhehlter Freude über dieſe Demüthigung des ſtolzen Generals. Jetzt aber, mein Herr, laſſen Sie uns gehen, die Deputation zu empfangen, und alsdann zur Kirche!— Beim allmächtigen Gott, rief der König, als er nach einigen Stunden ermattet und erſchöpft aus der Kirche zurückkehrte, wo er drei verſchiedene Predigten hatte anhören müſſen, beim allmächtigen Gott, George, ich fange an, es zu bereuen, daß ich wieder König geworden bin! Es iſt eine jammervolle, erbarmungs⸗ würdige Exiſtenz. Ein Leben ohne Erquickung und Ruhe. Wie viele entſetzliche Reden habe ich nicht ſchon im Lauſe dieſes Tages anhören, wie viel ab⸗ ſcheulichen, verhaßten Geſichtern habe ich nicht ſchon zulächeln, wie oft habe ich nicht ſchon meine Indignation und meinen Zorn unterdrücken müſſen, und lächeln — 102— ſtatt zu zürnen. Ach, ich wollte König ſein, um fre zu ſein, und jetzt ſcheint es mir, als ſei ich jetzt ein Selave meines eigenen Königthums! Denke Dir, George, zwei Tage, zwei Ewigkeiten in dieſer jammer⸗ vollen kleinen Stadt, zwei Tage dem Patriotismus und Jubel dieſer Kleinſtädter ausgeſetzt! Aber dann, Sire, dann ein feierlicher Einzug in London! Und was dann weiter? fragte der König muthlos. Ah, dann beginnt ein herrliches Leben! Wir werden unſere Kämpfe und unſere Intriguen haben, wir wer⸗ den Hinrichtungen feiern und die Prahlhänſe ſtürzen, wir werden Verſchwörungen unterdrücken. Aber wenn es deren nicht giebt? So erfinden wir uns einige, und beſchuldigen damit Diejenigen, welche wir bei Seite geſchafft wünſchen! Aber wenn man ihre Unſchuld entdeckt? Dafür laßt Eure Richter ſorgen! Es iſt nichts ſchwerer, als an einem Unſchuldigen ſeine Unſchuld er⸗ kennen! Wer einer Verſchwörung verdächtigt wird, der iſt derſelben ſchon halb überführt. Wir wer⸗ den alſo unſere Hochverräther und unſere Verſchwö⸗ rer haben, unſere Cabalen und Palaſt⸗Intriguen. Und dann, Sire, rechnet Ihr denn dieſes Schauſpiel für nichts, dieſes Schauſpiel, wie man ein tolles Roß zähmt und es zu einem geduldigen Lamme macht. Welches Roß? fragte der König zerſtreut. Das tolle, ungebändige Roß, welches man Volk nennt. Ach Sire, Ihr werdet es zähmen, und ihm die Sporen in die Seiten ſtemmen, daß es blutend und ſchreiend vor Schmerz in Euch ſeinen Herrn erkennt. Ja, ich will es zühmen, ſagte Karl zühneknirſchend, ———, ——, — v — 103— und es ſoll mir bluten für all' die Langeweile, welche ich heute erdulde, für alle die Demüthigungen, welche ich ſo lange erlitten! Ach, hört nur, wie ſie ſchon wieder ſchreien, ſagte Buckingham, an's Fenſter tretend. Die ganze Straße iſt mit Menſchen angefüllt. Zeigt Euch Eurem Volke, Sire, tretet hinaus auf dem Balcon! Verdammtes Volk! murmelte der König, indem er die Thüre zurück ſtieß, und auf den Balcon hin⸗ aus trat. Unermeßliches Jubelgeſchrei erfüllte die Luft, und der König neigte ſich nach allen Seiten, dann winkte er mit der Hand, Ruhe gebietend. Alles ſchwieg. Ueber die athemlos lauſchende Menge hin ertönten die Worte des Königs. Dank, tauſend Dank, ſagte er, Dank für Eure Liebe, welche hinfort der koſtbarſte Schatz meines Lebens ſein wird. Die Liebe des Volkes iſt der Edelſtein in meiner Krone, welche ich nicht von der Gnade Gottes, ſondern von der Gnade meines Volkes empfangen habe. Ich war ein Heimathloſer, Ihr habt mir eine Heimath gegeben. Ihr habt mir das Haus meiner Väter wieder geöffnet und in Eure Mitte komme ich, nicht als Euer Herr, ſondern als Euer Vater, nicht als Euer König, ſondern als Euer Mitbürger, als der erſte Diener dieſer heiligen Geſetze, welchen ich als der Sohn dieſes Landes Gehorſam geſchworen. Es war nicht eine Krone, um welche ich warb, ſondern es war die Liebe meines Volkes! Daß mir dieſe ge⸗ worden, dafür Gott meinen Dank, dafür— Hier ſchien die Stimme des Königs vor Rührung zu brechen. Er verneigte ſich noch einmal nach allen Seiten und trat dann, gleichſam überwältigt von n Gefühlen, vom Balcon zurück. — 104— Gut geſpielt, hoffe ich, ſagte der König, während er unter dem raſenden Jubelgeſchrei des Volkes, wel⸗ ches noch immer in jauchzender Entzückung zu dem Balcon empor ſtarrte, ſich lachend auf den Divan warf. Sehr gut geſpielt, nicht wahr, George? So gut, daß ich mir einen Augenblick einbildete, es ſei Wahrheit, Sire! Der König ſeufzte. Weißt Du, George, ſagte er, inmitten all' dieſer abgeſchmackten Lügen von der Liebe ſehne ich mich unausſprechlich nach ein wenig Wahr⸗ heit, nach ein wenig Zerſtreuung! Gab ich Euch nicht ſchon in Breda mein Wort, daß ich Euch hier ein wenig anmuthige Zerſtreuung und einige allerliebſte pikante Schönheiten entdecken würde? Und weißt Du deren ſchon? fragte der König lebhaft. Noch nicht! Aber ich habe bereits an einen bewähr⸗ ten jungen Freund in London geſchrieben, und wenn Ew. Majeſtät es mir erlauben möchten, ſo gehe ich ſelber heute noch nach London! Ach, ſeufzte der König, Du willſt mich verlaſſen? Du willſt mich dieſe zwei Tage hindurch der nagenden Langeweile und der troſtloſen Einſamkeit überliefern? Auch Rocheſter iſt ſchon nach London und Sidley iſt mit ihm! Ich werde alſo ganz allein ſein! Ich werde Niemand haben, als den langweiligen Monk, um mit ihm zu regieren, und die abgeſchmackten Deputationen, welche mir Reden halten, bei welchen ich ſie zu allen Teufeln und mich ſelber meinetwegen wieder in die hohle Eiche wünſche, welche ich einſt bewohnte! Ach, dieſe hohle Eiche wird Euren getreuen Unter⸗ thanen fortan ſehr heilig ſein, ſie wird das Symbol — 105— ihrer Liebe zu Euch ſein! ſagte Buckingham. Aber im Ernſt, Sire, ich gehe nur um Euretwillen nach London. Ihr bedürft der Zerſtreuung, und wenn denn dieſes Volk Eure ganzen Tage in Beſchlag nimmt, um Euch mit ſeiner Liebe zu langweilen, mein Gott, ſo müßt Ihr wenigſtens die Nächte für Euch haben, und beim Glanze der Kerzen und des funkeln⸗ den Weines und der brennenden Augen ſollt Ihr Euch erheitern und entzücken. Ach, ich fürchte ſehr, dies Alles werden nur ſchöne Träume ſein! ſeufzte der König. Niemand wird mich mehr lieben! Die arme Sara iſt todt, und ſie allein hat mich wahrhaft geliebt! Die arme Sara hat Euch zu ſehr geliebt, Sire, darum gerade verließet Ihr ſie ja. Denn die allzu⸗ große Liebe iſt langweilig. Ich gehe nach London, um Euch eine Erheiterung zu ſuchen. Einen Kreis von geiſtreichen Freunden und pikanten Frauen. Sire, die Schönheit, die Grazie, die Schalkhaftigkeit, der Ueber⸗ muth und die Coquetterie muß bei unſern Feſten neben Ew. Majeſtät den Vorſitz führen. Es iſt genug, wenn Sie ſich bei den Parlamenten und mit Monk ärgern. Im Innern Ihrer Gemächer ſollen Sie die Freude, das Genie, die Schönheit bereit finden Ew. Majeſtät zu erheitern. Ah, Du malſt mir da ein Ideal! rief der König ganz begeiſtert. Es iſt unmöglich eine ſolche Herrlich⸗ keit zu finden! Was giebt mir Euer Majeſtät, wenn ich ſie den⸗ noch finde? Fordere, George, fordere! Willſt Du Schätze? Belagere das Parlament, und nimm ſie Dir! Willſt Du eine Armee? Tödte General Monk und heirathe ſeine Wittwe. Ach Du ſiehſt, wie arm ich bin! Du — 106— bieteſt mir ein Ideal, und ich habe nichts, womit ich es Dir lohnen kann! Sire, und rechnet Ihr Eure Liebe für nichts? Ich fordere nichts als Eure Liebe und eine Stelle, welche mich an Eure Perfon feſſelt! Schaffe mir ein Paradies im Innern meiner Ge⸗ mächer, und ich mache Dich zum erſten Miniſter meiner Krone! Euer Wort darauf? Mein Ehrenwort! Nun wohl, Sire. Erlaubt mir alſo, daß ich nach London eile! In zwei Tagen ſeid auch Ihr dort. Unter dem Geläute der Glocken werdet Ihr Euren Einzug halten, dann werdet Ihr, ſo ſteht es im Pro⸗ gramm, welches uns Monk gab, dann werdet Ihr die Deputationen des Adels, des Parlaments, der Bürger⸗„ ſchaft empfangen, und ihren Reden zuhören! Entſetzlich! ſeufzte der König. Dann iſt feierlicher Gottesdienſt in allen Kirchen Londons, und eine Kirche in jedem Viertel werdet Ihr beſuchen und eine Predigt hören. Dann endlich zieht Ihr Euch in Eure Gemächer zurück. Und in dieſen Gemächern? fragte der König. Dort ſollt Ihr das Glück finden und die Freude und geiſtreiche Männer und liebenswürdige Frauen. Geh nach London, George, geh! Je früher Du dort biſt, deſto mehr Hoffnung habe ich, daß Du Alles findeſt, was wir bedürfen! Ach, gebe Gott, daß ich Dir erſt Dein Miniſterdiplom ausgefertigt hätte! 3 Sire, ich werde es erlangen, oder ſterben! rief der Herzog, indem er ſich beurlanbte. Der König ſchaute ihm mit einem freudigen Lä⸗. cheln nach, und überließ ſich ſeinen reizenden Zukunſts⸗ träumen. —— * ———— — 107— Alsbann nahm er eine ernſthaſte Miene an und ließ den Pater Matthews rufen, um eine ſtille Meſſe zu hören, und die Abſolution für die Sünden des heu⸗ tigen Tages zu empfangen. VII. Aphra Rehn. Mit troſtloſem, zerriſſenem Herzen hatte Aphra, welche ſich jetzt nicht mehr, wie vor einem Jahr in Surinam Aphra Johnſon, ſondern Aphra Behn nannte, das Cabinet des General Monk verlaſſen. Sie hatte ſehr viel gelitten in dieſem Jahr, ihr Herz war um ſo viele Illuſionen ärmer, ihr Kopf war um ſo viel bittere und ſchmerzvolle Wahrheiten reicher geworden. Früher, in jenen ſchmerzlich füßen Tagen ihrer erſten Liebe hatte das Unglück für ſie noch ſeinen Roſenſchimmer und ſeine Poeſie gehabt. Es war mindeſtens ein außergewöhnliches, ein romantiſches Unglück geweſen. Es war ein Negerfürſt, ein Held und ein Märtyrer zugleich, um welchen ihre Thränen floſſen. Wie ein Gedicht Schehezeradens war dieſe ganze Geſchichte ihrer erſten Liebe, und ihres erſten Leids in ihr Herz eingetragen. Aber jetzt war es ein ganz proſaiſches Elend, wel⸗ ches ſie bedrückte, und ein ganz gemeines und gewöhnli⸗ ches Unglück war es, welches ihre Seele mit Jammer und Zorn zugleich erfüllte. Sie krankte an dem Unglück einer Ehe, und vieſes eheliche Unglück, es gab ihr nicht einmal Emotionen — 108— und himmelſtürmende Verzweiflung, ſondern es ver⸗ wundete ſie nur Tag um Tag, Stunde um Stunde mit kleinlichen Nadelſtichen, es rieb nur ganz langſam ihr Herz wund, ſtatt es zu zerreißen, es prickelte ſie nur mit ganz kleinen unſcheinbaren Dornen, ſtatt ſie mit einem einzigen Dolchſtoß zu tödten. Sie blutete daher langſam und ungeſehen aus tauſend kleinen Wunden ihre Lebenskraft aus, und ſtatt eines einzigen großen Schmerzes, welcher in ſeiner Schwere zugleich etwas Erhebendes beſitzt, hatte ſie nur tauſend kleine Leiden, die ihre Energie zerdrückten, und ihre Seele lähmten. Aber ſie hatte noch die Kraft nicht unglücklich ſein zu wollen, nicht unthätig die ermatteten Hände in ein⸗ ander zu falten, und zu Gott zu beten, daß er den Tod ſende, um ſie zu erlöſen. Sie wollte ſich ſelber erlöſen, ſie wollte leben und in der Würde des Menſchenthums leben! Sie hatte ſich alſo aufgerafft aus ihrer Ermattung, feſt entſchloſſen Alles zu verſuchen, zu jedem Mittel ihre Zuflucht zu nehmen, welches im Stande ſein könnte die Feſſeln ihrer Sclaverei zu zerſprengen. Jetzt kehrte ſie matten Herzens, mit zertrümmerten Hoffnungen von ihrem Beſuch bei Monk zurück. In einer Art Betäubung machte ſie ſich Bahn durch das Menſchengewoge, und ſchlug den Weg nach der Stadt Dover ein, in welcher ſie mit ihrem Gatten ein kleines unſcheinbares Haus bewohnte. Langſam, faſt inſtinetartig verfolgte ſie ihren Weg; ihre Seele war voll ernſter, troſtloſer Gedanken, und mächtige energiſche Entſchlüſſe begannen ſich in ihrer Seele zu regen. 5 Ich will nicht mehr unglücklich ſein, ich will nicht! 3 ſagte ſie endlich ganz entſchloſſen, und ihr Antlitz —, ——,— — 109— nahm einen tapfern und kühnen Ausdruck an. Mag das Aergſte über mich herein brechen, mag er mich tödten, es iſt immer noch beſſer, als ſo zu leben! Sie beſchleunigte ihre Schritte und ſtand bald vor einem kleinen Hauſe mit verhangenen Fenſterläden. Dies Haus war das ihrige. Leiſe öffnete ſie die Thür und trat ein, dann blieb ſie auf den Hausflur ſtehen und lauſchte. Ein verworrenes Geſchrei von zürnenden und fle⸗ henden Stimmen drang von der obern Etage zu ihr herab. Aphra zögerte nicht länger. Mit haſtigen Schrit⸗ ten eilte ſie die Stiegen hinauf, und erſt auf der oberſten Stufe hielt ſie inne, nach Athem ſchöpfend. Jetzt hörte ſie die Stimmen ganz in der Nähe. Ich befehle Dir, mir die Wahrheit zu ſagen, ſchrie eine rauhe männliche Stimme. Bekenne ſogleich, wo iſt Deine Herrin! Herr, beim allmächtigen Gott, ich weiß es nicht! antwortete die ſchluchzende, angſtzitternde Stimme eines Weibes. Bekenne, oder ich erwürge Dich! brüllte der An⸗ dere! Dann vernahm man das Gepolter haſtiger Schritte, und zugleich ein lautes und ängſtliches Hülfegeſchrei. Aphra nahm ihre ganze Kraft zuſammen und ſchritt vorwärts. Mit entſchloſſener Hand öffnete ſie die Thür, hin⸗ ter welcher man das Geſchrei vernahm, und ehe die Beiden, im Zimmer befindlichen Perſonen ihre Gegen⸗ wart ahnten, ſtand ſie auf der Schwelle und hatte die Thür wieder hinter ſich geſchloſſen. Es war eine Scene der Unordnung und des Schreckens, welche ſich jetzt dem Auge Aphra's darbot. — 110— Auf dem Fußboden lagen Bücher, zerbrochene Flaſchen, Kleidungsſtücke und zerriſſene Papiere in wilder Un⸗ ordnung umher, und inmitten dieſes Chaos ſah man ein blaſſes junges Weib mit aufgelöſtem Haar, mit gerungenen Händen knieend da liegen, während ein Mann mit hereuliſcher Geſtalt und rohen wilden Zü⸗ gen ſie empor zu reißen ſuchte, und wilde Drohungen und Flüche ausſtieß. Du ſollſt belennen, ſage ich, ober ich tödte Dich! ſchrie der Mann. Wohin iſt mein Weib gegangen? Herr, ich weiß es nicht! jammerte das Weib. Nun denn, Du willſt alſo ſterben, brüllte der Mann. Aphra hielt ſeinen ſchon erhobenen Arm auf, und indem ſie ſeinen zornigen, wilden Blicken mit ernſter Ruhe begegnete, ſagte ſie: es bedarf keiner Drohungen, und keines Mordes. Kitth wußte in der That nichts von meinem Ausgang, ſie konnte daher nichts bekennen, und wenn Sie ſie erwürgt hätten, würde das wahr⸗ ſcheinlich ihre Lippen nicht zu einem Bekenntniß geöffnet haben. Es lag etwas ſo Imponirendes, Ueberlegenes in ihrer Erſcheinung, in ihrer ſtolzen ruhigen Haltung, daß dieſer zornige, wilde Mann ſich unwillkürlich da⸗ von gefeſſelt und bezwungen fühlte. Er ließ den Arm des Mädchens fahren, und ſagte mit weniger heftigem Ton: ach, Sie wagen es alſo, wieder dieſes Haus zu betreten? Und warum ſollte ich es nicht wagen? frogte Aphra ruhig. Weil ich Ihnen befohlen hatte, nicht ohne mich je⸗ mals auf der Straße zu erſcheinen, weil es mein ern⸗ ſter und ſtrenger Wille iſt, daß Sie nur in meiner — Si die Schwelle dieſes Hauſes überſchreiten ſollen. Aphra machte eine heftige Bewegung und ihre Wangen bedeckte eine ſchnelle Röthe. Aber ſie raffte ſich wieder zuſammen, und gewann es über ſich ruhig und beſonnen zu bleiben. Kitty, ſagte ſie, ſich an das weinende und zitternde junge Mädchen wendend, Kitty, Du kannſt gehen. Der Herr ſoll von mir ſelber erfahren, wohin ich gegangen bin. Begieb Dich jetzt in mein Zimmer, und ordne meine Kleider und Alles, was man zu einer Reiſe bedarf. Geh jetzt, mein Kind! Jetzt, mein Herr, ſagte Aphra, als Kitty das Zim⸗ mer verlaſſen hatte, jetzt ſind wir allein, und wenn Sie jetzt zu wiſſen verlangen, wohin ich gegangen war, ſo werde ich es Ihnen ſagen! Das iſt in der That erſtaunlich gütig von Dir! ſagte der Mann mit einem rauhen Lachen. Du willſt alſo wirklich die Güte haben, meinen Befehlen zu ge⸗ horchen, und Dich über Dein unanſtändiges und ge⸗ ſetzwidriges Betragen zu rechtfertigen. Aphra zuckte die Achſeln und lächelte verächtlich. Ich bedarf keiner Rechtfertigung, ſagte ſie, denn es iſt weder unanſtändig noch geſetzwidrig, was ich that! Aber ich werde Ihnen dennoch den Zweck meines Weggehens ſagen, wenn Sie erſt alles das angehört haben, was ich Ihnen zuvor noch zu ſagen habe! Sollte man nicht meinen, rief Capitain Behn, wahrlich, ſollte man nicht meinen, es ſei eine Königin, welche ſich herabließe, mit mir zu ſprechen, während es doch mein Weib, meine Dienerin und Sclavin iſt! Es mag ſein, daß in den Ländern, in welchen Sie zu leben gewohnt ſind, die Ehe nichts weiter iſt, als ein rechtmäßiger Kaufkontract, durch welchen der Maun — 112— ſich eine Selavin erhandelt, ſagte ſie verächtlich. Dem Himmel ſei Dank, wir ſind aber nicht in dieſen Ihren gelobten Ländern, ſondern in dem freien und glückli⸗ chen England, in welchem die Rechte des Individuums anerkannt werden, ſelbſt wenn dieſes Individuum ein Weib iſt. Dies ſind ſehr ſchöne und ſehr hochtönende Redens⸗ arten, ſagte Capitain Behn achſelzuckend, Redensarten, welche doch nicht verhindern können, daß ich Dich mit einem Strick um den Hals auf den Markt führen und verkaufen kann, wenn es mir ſo beliebt! Und ich bitte Sie ſehr, dies zu thun, ſagte Aphra mit ſtolzer Ruhe. Ich würde alsdann mindeſtens doch nicht mehr Ihnen angehören! Auch werde ich mich wohl hüten, Dich dahin zu führen, rief ihr Gatte lachend. Du weißt, daß ich Dich liebe, Aphra! Und indem er ſich ihr näherte, und ſie voh und gewaltſam an ſich zu ziehen ſuchte, fuhr er fort: Du weißt, Aphra, daß die Eiferſucht, mit der ich Dich zu⸗ weilen beläſtige, daß dieſe Ausbrüche eines wilden und heftigen Temperamentes doch immer nur aus meiner übergroßen Liebe zu Dir entſpringen. Aphra ſtieß ihn mit Heftigkeit zurück, und ihn mit flammenden Blicken anſehend, ſagte ſie: Es iſt genug jetzt dieſer ewigen Lüge. Sagen Sie in dieſer Stunde wenigſtens die Wahrheit, bekennen Sie es unverhohlen, daß Sie mich nie geliebt haben. In der letzten Stunde unſers Beiſammenſeins ſollte wenigſtens Wahr⸗ heit zwiſchen uns ſein. Wie denn, mein Engel, in der letzten Stunde? rief ihr Gatte mit einem lauten, höhniſchen Lachen. So lange Du lebſt, werde ich nicht von Dir laſſen! Sie werden es, denn ich will es! ſagte ſie ent⸗ — 113— ſchloſſen. Sehen Sie mich immerhin ſtaunend und verwundert an. Ich habe endlich auf dem Grund meines Herzens meine Kraft wieder gefunden, ich bin endlich von der großen Erlahmung geneſen, welche meinen Geiſt niederdrückte. Meine Seele iſt wieder geſund geworden, und dieſe Seele ſchreit in mir nach Glück und Freiheit. Ach, Sie haben mich lange zwölf Monate hindurch ruhig und geduldig an der Kette ſchleppen ſehen, welche Ihr Betrug mir angeſchmiedet. Sie haben mich ohne Murren das Haupt in das Joch beugen und Ihren Launen gehorchen ſehen! Das macht, mein Herr, ich war krank, zum Tode krank, „ und ich hoffte von ihm meine Erlöſung. Ich hielt es nicht mehr der Mühe werth, um das Glück zu kämpfen, und ich unterwarf mich. Ja, mit der Ge⸗ duld einer Selavin unterwarf ich mich Ihren Launen, Ihrein Uebermuth und Ihrer Rohheit. Sie haben niemals eine Klage von meinen Lippen gehört, und wenn Sie zuweilen in meinen Augen die Spuren vergoſſener Thränen erblickt, ſo waren dieſe Thrä⸗ nen niemals um die Gegenwart mit ihrem erbärmli⸗ chen Unglück gefloſſen, ſondern um eine Vergangenheit, ſtrahlend von einem erhabenen und heiligen Unglück! Und dann, ich will Ihnen dieſe Schwäche bekennen, ich glaubte noch eine Zeitlang an die Lüge ihrer Liebe; in dieſem Glauben hatte ich Ihnen den Betrug verziehen, durch welchen ich Ihr Weib geworden, und in ihm fand ich Entſchuldigung für Ihre Eiferſucht, die mit ihrem wilden Zorn mich Tag und Nacht guälte, für die Gefangenſchaft ſogar, in welcher Sie mich hielten, und deren unerbittlicher Kerkermeiſter Sie waren. Aber jetzt, mein Herr, jetzt weiß ich, daß dieſes Alles nur eine Maske war, hinter welcher Sie Ihr eigentliches Weſen verhüllten, weil Sie, vielleicht Karl II. 2. 83* — 114— unbewußt, noch eine Art Schamgefühl vor ſich ſelber hatten. Jetzt weiß ich, daß in Ihrem Herzen nur ein einziges Gefühl mächtig iſt, und daß in dieſem alle andere Gefühle untergehen. Sie lieben weder Gott, noch die Natur, noch die Welt, noch die Menſchen, Sie lieben nichts als das Geld! Nicht, weil Sie mich liebten, ſuchten Sie mich zu erwerben, ſondern weil Sie Verlangen trugen nach dem kleinen Erbtheil meines Vaters, und nicht aus Eiferſucht geſchah es, daß Sie mich wie eine Gefangene hielten, und mir jeden Reiz und jede Annehmlichkeit des Lebens ver⸗ ſagten, es geſchah aus Geiz! Ah, Sie ſchlagen die Augen nieder, Sie ſehen, ich habe Sie durchſchaut, und Sie dürfen jetzt immer die Maske fallen laſſen! Nun, und wenn Du wirklich Recht hätteſt, ſagte er mit einem rauhen Lachen, wenn Du alſo wirklich hin⸗ ter dieſe Maske geſchaut, welche ich aus Aufmerkſam⸗ keit für Dich getragen, welch ein Vortheil erwächſt Dir daraus? Du weißt nun alſo, daß ich mir eine große und ernſte Lebensaufgabe geſtellt, daß ich näm⸗ lich reich werden will, reich, um jeden Preis, durch jedes Mittel! Ja, durch jedes Mittel! rief Aphra, indem ſie ihn mit drohenden Blicken betrachtete. Schweig, rief er gebieteriſch. Ich habe Dich mit der Geduld eines Heiligen angehört, Du wirſt auch mich jetzt zu Ende kommen laſſen! Du weißt alſo, daß es in der That nicht das Uebermaß meiner Liebe war, welches mich zu der kleinen Liſt begeiſterte, durch welche Du mein Weib geworden, und ich leugne nicht, daß ich ein wenig lüſtern war nach dem Ver⸗ mögen, welches Du das kleine Erbtheil Deines Va⸗ ters nennſt, und welches doch in der That groß genug iſt, um mit beſcheidenen Anſprüchen davon leben zu — 115— können! Aber ich will nicht mit beſcheidenen An⸗ ſprüchen leben, ſondern ich will reich ſein, ich will Schätze um mich häufen, ich will reich genug ſein, um alle meine Launen befriedigen zu können. Ah, für Geld hat man Alles, Rang und Anſehen, Macht und Würde, und alles dieſes will ich mir erobern, alles dieſes ſoll Mein ſein! Ich will einen Palaſt, der mein Wappen trägt, ich will eine Schaar be⸗ treßter Diener, welche zu meinen Füßen liegen, ich will nicht mehr der Capitain des Königs, ſondern der Beſitzer einer eigenen Yacht ſein, und wenn ich in See gehe, ſo ſollen es meine eigenen Matroſen ſein, mit welchen ich mein Schiff bemanne, und ſie ſollen meine Farben tragen, die Farben meines Wap⸗ pens! Denn ich werde ein Wappen haben, ein ſchönes, ſtolzes, adeliges Wappen, welches ich über dem Portal meines Herrenſchloſſes aufhänge; ich werde mir eine Baronie kaufen, Dank meinen Schätzen, und man wird mich nicht mehr Capitain Behn, ſondern Behn, den reichen Behn, den Esquire Behn nennen! Se⸗ hen Sie, Madame, das iſt die Zukunft, welche ich mir erträume, und von der Sie geſtehen müſſen, daß ſie nicht ganz ohne Reiz iſt! Wenn ich Dir das bisher verbarg, ſo geſchah es, weil ich Deinen roman⸗ tiſchen Sinn kenne, und weil ich ſehr gut wußte, daß Du Dich leichter darein fügen würdeſt, von der Eifer⸗ ſucht eines Liebenden tyranniſirt zu werden, als Dich einem Willen zu unterwerfen, der ernſtere und ſchö⸗ nere Zwecke verfolgt, als den Beſitz eines Weibes. Man kann ſich ſehr viel leichter ein ſchönes Weib, als einen bedeutenden Reichthum erwerben, und ein hübſcher Schatz iſt ſchneller gefunden als goldene ätze! Es iſt gut, ſagte Aphra, als ihr Gatte jetzt ſchwieg 8⸗ — 116— und ſich behaglich lächelnd und ſichtlich zufrieden mit ſeinem wohlgeſetzten Speech auf dem Divan ausſtreckte, es iſt Alles gut, und wir wollen darüber nicht ſtreiten! Nur das ſteht feſt, daß dies durchaus der letzte Tag unſeres Zuſammenlebens ſein muß. Wie ich Ihnen ſagte, meine Seele iſt geneſen von ihrer Krankheit und Schwäche, und da es mir nicht vergönnt geweſen iſt, zu ſterben, ſo will ich leben und meines Lebens genießen in der Freiheit meiner Selbſtſtändigkeit! Worte, ſehr ſchöne Worte! rief ihr Gatte achſel⸗ zuckend. Nur daß dieſe Worte niemals Thaten wer⸗ den können. Du biſt ein Weib, und damit iſt Deine Selbſtſtändigkeit vernichtet, und Deine Freiheit be⸗ graben! Die Geſetze ſchützen mich in meinen Rechten, und kraft dieſer Geſetze mußt Du Dich meinem Willen fügen, und meiner Autorität Dich unterwerfen! Ich will nicht! rief Aphra erglühend. Ich will frei ſein, ſagte ich Ihnen, und wie Sie nur nach dem Einen, nur nach Geld ſtreben, und wie Ihnen jedes Mittel zu dieſem Streben Recht iſt, ſo verlange und dürſte auch ich nur nach Einem Ziel, nur nach meiner Freiheit! Was Alles habe ich nicht erduldet, was habe ich nicht erlitten in dieſem Jahr meiner Knecht⸗ ſchaft! Wie furchtbar bin ich nicht erwacht aus der ſchönen Täuſchung einiger kurzer Tage. Ich kam zu Ihnen auf Ihr Schiff als eine vereinſamte Waiſe, als ein armes Mädchen ohne Verwandte, ohne Freunde, ohne Schutz. Sie verriethen mein Vertrauen. Sie belogen mich! Sie haben es mir ja jetzt geſtanden. Sie liebten nicht mich, ſondern mein bischen Geld und nach dieſem allein ſtrebten Sie. Aber es nützt nichts davon zu ſprechen. Schweigen wir davon! Mögen dieſe Dinge todt und begraben ſein. Wir wollen nur von Dem noch ſprechen, was Noth thut! — 117— Capitain Behn, Sie verlangten zu wiſſen, wohin ich gegangen ſei. Nun wohl, ich will es Ihnen ſagen! Ich war zu dem General Monk gegangen, ihn um eine Gnade anzuflehen! Und darf man fragen, was für eine Gnade dies ſein ſollte? fragte ihr Gatte. Ich verlangte von ihm als eine Gnade, was das natürliche Recht jedes vernunftbegabten Weſens ſein muß. Ich verlangte, nicht verdammt zu ſein zu einer Gemeinſchaft mit einem Menſchen, welchen ich ebenſo ſehr hoſſe als verachte! Ich vermuthe, dieſer Menſch, welchen Du haſſeſt und verachteſt, bin ich! ſagte ihr Gatte mit einem lauten Gelächter. Es giebt auf Erden noch Einen Menſchen, welchen ich eben ſo ſehr verachte! ſagte Aphra. Aber diesmal ſprach ich nur von Ihnen, und ich verlangte eine Scheidung! Nun, und was erwiderte der General? Aphra antwortete nicht ſogleich. Sie ſenkte ihr Haupt auf ihre Bruſt und ſeufzte tief. Dann ſagte ſie leiſe: Der General verweigerte meine Bitte! Capitain Behn lachte laut auf vor Vergnügen. Du ſiehſt alſo, mein Schätzchen, ſagte er, daß keine Erdenmacht Dich von mir trennen kann. Dein Leben iſt unauflöslich an das meinige gekettet, und nur der Tod kann Dich mir entreißen! Aphra warf auf ihn einen langen, durchdringen⸗ den Blick. Sie haben vielleicht die Wahrheit geſpro⸗ chen, ſagte ſie, nur fragt es ſich,„ob der Tod zu Ihnen oder zu mir kommt, und wen von uns Beiden er zuerſt bezwingt! Laſſen Sie es nicht auf dieſe Frage ankommen! Zum letzten Mal, ſeien Sie erbarmungs⸗ voll! Laſſen Sie mich frei! — 118— Niemals! rief ihr Gatte! Niemals, ſage ich Dir! Weßhalb auch! Fühle Dich immerhin unglücklich, was liegt daran! Ich liebe es, mein Weib weinen zu ſehen, und wenn Du zitterſt im Gefühl Deiner Scla⸗ verei, ſo fühle ich dadurch nur um ſo ſtolzer, daß ich Dein Herr bin! Und Dein Herr will ich ſein und bleiben! Und ich ſage Ihnen, daß ich Sie niemals als meinen Herrn oder meinen Gatten anerkennen will, rief Aphra, ich ſage Ihnen, daß dies die letzte Stunde unſers Beiſammenſeins iſt, daß ich die Schwelle dieſes Zimmers überſchreiten will, um frei zu ſein, um dieſes Haus für immer zu verlaſſen, und hinfort kein anderes Geſetz, als das meines eignen Willens anzuerkennen! Wahnſinn! rief ihr Gatte achſelzuckend. Ich ver⸗ biete Dir, dieſes Zimmer zu verlaſſen, und jetzt wollen wir einmal ſehen, ob Du es wagen wirſt, meinen Be⸗ fehlen zuwider zu handeln. Jetzt wollen wir es ſehen! rief Aphra, indem ſie mit ruhigen und ſtolzen Schritten ſich der Thür näherte. Capitain Behn ſprang mit einem Ausruf des Zornes empor. Wage es nicht, dieſes Zimmer zu verlaſſen, oder ich ſchlage Dich nieder! ſchrie er. Und Sie, wagen Sie es nicht, noch einen Schritt vorwärts zu thun, oder ich erſchieße Sie, wie man einen tollen Hund erſchießt, um ſein eigenes Leben zu retten! rief Aphra, indem ſie, ſich rückwärts an die Thür lehnend, ein Piſtol aus ihrer Bruſt hervorzog und es auf ihren Ggtten richtete. Der Capitain taumelte entſetzt einen Schritt rück⸗ wärts und ſtarrte Aphra mit weitaufgeriſſenen Augen an. Dann brach er plötzlich in ein lautes Lachen aus. Oh, rief er, Thor der ich war, mich von ſolcher „ — 119— Weibercomödie fangen zu laſſen! Dieſes Piſtol iſt nicht geladen! Es iſt geladen, ſagte Aphra, und ſo wahr ein Gott lebt, bei dem erſten Schritt vorwärts, bei dem erſten Ruf um Hülfe ſchieße ich es auf Sie ab! Sie iſt im Stande Wort zu halten, murmelte Behn, indem er ſich ganz leiſe auf einen Stuhl glei⸗ ten ließ. Aphra's Augen leuchteten vor frendigem Stolz. Ach, ſagte ſie, Sie haben Furcht, Sie zittern! Und Sie haben Recht, es zu thun! Zwiſchen uns kann nur der Tod noch entſcheiden, und in der Kraft der Verzweiflung fürchte ich jetzt weder für mich den Tod, noch für Sie einen Mord! Sehen Sie mich an, Sie kennen mich, und Sie wiſſen, daß ich Wahrheit ſpreche! Ich ſagte Ihnen, dieſe Stunde muß uns ſcheiden,— ſie wird es! Wählen Sie, auf welche Weiſe! Ich habe Sie um meine Freiheit angefleht, jetzt fordere ich ſie von Ihnen, und wenn Sie mir dieſelbe nicht ge⸗ währen, tödte ich Sie! Und indem Aphra ſo ſprach, hob ſie wieder den Arm mit der geladenen Piſtole gegen ihren Gatten empor. Er las in ihren glühenden Augen, in ihren ent⸗ ſchloſſenen Mienen, daß ſie Wahrheit ſprach. Und ich habe keine Waffen, ſchrie er, die Fäuſte ballend. Aphra lachte laut. Ah, ſagte ſie, der grimmige Capitain Behn, der ſtolze Tyrann erzittert jetzt vor ſeinem Weibe! Es giebt noch einen Gott der Rache, an ihn glaube ich! Und jetzt Capitain Behn, laſſen Sie uns capituliren! Sie beſiegt, ich ſtelle Ihnen meine Bedingungen! — 120 Dies ertragen zu müſſen, und ſie nicht ſtrafen zu können! ſchrie ihr Gatte, außer ſich vor Zorn. Gott iſt gerecht! ſagte Aphra feierlich. Hören Sie meine Bedingungen! Ich will nicht, ich will nicht! Aphra fuhr ruhig fort: Sie entſagen mir für immer! Sie verpflichten ſich mit einem feierlichen Eide, niemals ſich mir wieder zu nähern, niemals mich aufzuſuchen, niemals mit mir zu ſprechen, Sie ſchwören, mich nicht mehr als Ihr Weib, ſondern als eine Fremde zu betrachten, und es zu vergeſſen, daß wir uns jemals gekannt haben! Capitain Behn hatte kaum auf ſie gehört. In finſterm Nachdenken ſtarrte er vor ſich hin, und gleich⸗ ſam um ſich von ſeinen eignen qualvollen Gedanken zu befreien, ſagte er leiſe: und alle meine ſchönen Träume für die Zukunſt zerſtört! Denken zu müſſen, daß ich ein ganzes Jahr umſonſt gelebt habe! Denn ſie wird ihr Vermögen wieder haben wollen, ſie wird mir keinen Heller davon laſſen! Ich werde ein armer Mann ſein! Nein, und ſollte ich ſterben, es iſt beſſer, als dieſe Schmach zu dulden! Und mit einem wilden Satz ſprang er auf Aphra zu. Ruhig, Capitain Behn, ruhig! ſagte ſie, indem ſie ihm das Piſtol entgegen hielt. Ich gebe Dir Dein Geld nicht wieder, ich thue es nicht! ſchrie er, wild mit den Füßen ſtampfend. Aphra ſchwieg. Sie blickte mit ernſtem, forſchen⸗ dem Auge auf ihren Gatten hin. Sie kannte hin⸗ länglich dieſe jähzornige, wilde Natur, um zu wiſſen, daß, einmal dieſe erſte Beſtürzung überwunden, er toll⸗ kühn genug ſein würde, ſelbſt der Mündung eines ge⸗ ladenen Piſtols zu trotzen. Und dieſes Piſtol konnte verſagen, der Schuß konnte, anſtatt ihn zu tödten, ihn „ nur verwunden! Und dann,— Aphra war ein Weib, und nach dieſer erſten Aufregung einer bis auf das Höchſte geſteigerten Verzweiflung, ſchanderte ihr jetzt vor einem Morde, den ſie vor wenigen Minuten noch vielleicht entſchloſſen geweſen, zu begehen. Sie ſah jetzt ein anderes Auskunftsmittel, ſie fühlte in ſich die Kraft, es zu ergreifen. I†ch will frei ſein, um jeden Preis! ſagte ſie ent⸗ ſchloſſen. Capitain Behn, achten Sie wohl auf meine Worte! Ich will frei ſein um jeden Preis! Handeln wir alſo! Sie haben das Recht mich zu verkaufen, nun wohl, verkaufen Sie mich an mich ſelber! Capitain Behn riß die Augen auf, und ſtarrte ſie an. Nehmen wir an, ſagte Aphra faſt heiter, nehmen wir an, dies ſei der Markt von Woolwich und mit einem Strick um den Hals hätten Sie mich dorthin geführt, um mich zu verkaufen. Ich, Capitain Behn, ich habe Luſt zu Ihrem Weibe, ich will ſie ufen! Ich biete Ihnen mein ganzes Vermögen als Kauf⸗ geld an! Was ſagſt Du da? rief ihr Gatte erſtaunt. Du wärſt im Stande Dein ganzes Vermögen aufzugeben. Ich will mir meine Freiheit und meine Menſchen⸗ rechte erkaufen! Kein Preis iſt zu hoch dafür! Aber wovon willſt Du leben? fragte Behn, mit einem natürlichen Anflug von Mitgefühl. Ich werde arbeiten! ſagte ſie ſtolz. Die Arbeit iſt das neue Evangelium, welches mich erlöſen und mir Glück bringen ſoll! Sorgen Sie nicht um mich, ich werde niemals etwas von Ihnen begehren. Glauben Sie, daß ich entſchloſſen bin, lieber Hungers zu ſter⸗ ben, als Ihr Weib zu bleiben! Laſſen Sie uns alſo ſchnell ſein! Nehmen Sie meinen Kaufkontract an? — 122— Sie geben mir meine Freiheit, ich Ihnen mein Ver⸗ mögen! Sind Sie es zufrieden? Ich bin es zufrieden! Vorausgeſetzt, daß hier kein Betrug ſtattfindet! Setzen Sie ſich, und ſchreiben Sie! ſagte Aphra mit einem verächtlichen Lächeln. Capitain Behn ſetzte ſich und nahm die Feder. Was ſoll ich ſchreiben? fragte er ganz freundlich, nur mit dem Gedanken an Aphra's Vermögen be⸗ ſchäftigt. Schreiben Sie: Ich Endes⸗Unterzeichneter, Capitain Theophilus Jephta Behn, bekenne und beſchwöre hier⸗ durch, daß ich am heutigen Tage mein Eheweib Aphra, kraft des mir zuſtehenden Rechtes eines freien Britten, auf den Markt geführt und ſie verkauft habe für den Kaufpreis von— fügen Sie die Summe hinzu. Sie werden das beſſer wiſſen, als ich. Wie hoch be⸗ läuft ſich mein Vermögen? es in Allem neuntanſend dreihundert und vierzig Pfund Sterling! Schreiben Sie alſo: für die Summe von 9340 Pfund verkauft habe an den Herrn— 6 Nun? ſagte Capitain Behn, als Aphra ſchwieg. Nun, Du ſtockſt? Ich hoffe, der Handel iſt Dir nicht wieder leid geworden? Du willſt ihn doch nicht rück⸗ gängig machen? Raſch, ſage irgend einen beliebigen Namen. Jack oder Bopp, Benn oder John, was Du willſt! Alſo— verkauft habe an den Herrn— Oronvoko! ſagte Aphra mit einem käſtlichen Lächeln. Das iſt ein wunderlicher Name! Ich hörte ihn niemals! lachte der Capitain, während er ihn ſchrieb. Jetzt dictire weiter! Aphra zerdrückte leiſe eine Thräne in ihrem Auge, „ — 123— und fuhr fort: Ich erkläre alſo, daß ich mich hiermit geſetzlich und rechtsgültig von meinem Eheweib ge⸗ trennt habe, und hinfort keine Anſprüche mehr an ſie habe. So wenig, als ſie jemals von mir irgend eine Hülfe oder Unterſtützung zu beanſpruchen hat! ſagte Behn, indem er ſeine Worte eifrig niederſchrieb. So, ſagte er dann, ich dächte, das wäre klar und bündig, und Niemand kann es mißverſtehen! Der Handel iſt geſchloſſen! Jetzt laſſen Sie uns zum Friedensrichter gehen, und dieſen Kontract gerichtlich aufſ etzen und beglau⸗ bigen! ſagte Aphra. Ja, laß uns ſchnell zum Friedensrichter gehen, und die Sache beendigen! ſagte der Capitain, indem er den Kontract feſt an ſich drückte und ſeiner Gattin den Arm bot. Sie lehnte ihn mit einer ſtolzen Handbewegung ab, und ging vor ihm her die Treppe hinunter.— Nach einer Stunde kehrten ſie vom Friedens⸗ richter zurück, der, nach einigen, mit vollgewichtigen Goldſtücken beſeitigten Einwendungen wegen der Nicht⸗ anweſenheit des Käufers, Herrn Oronooko, den Kauf⸗ kontract beglaubigt hatte. Kitty, gehorſam den Befehlen ihrer Gebieterin, hatte deren Koffer gepackt, und Alles zur Reiſe vor⸗ bereitet. Ich begleite Sie doch? fragte das Mädchen ängſtlich und mit Thränen. Aphra ſchüttelte traurig das Haupt. Niemand darf mich begleiten! ſagte ſie. Niemand geht mit mir, als meine Erinnerungen. Ich bin arm, Kitty, ich habe Dir nichts zu bieten! Und ich verlange nichts, rief die Hand ihrer Herrin an ihre Lippen drückend. Ich will ja nur bei Ihnen ſein! Ich will für Sie arbeiten, ich will für Sie ſorgen, und Sie pflegen, wenn Sie krank ſind, wie Sie mich gepflegt haben, als ich krank war. Oh mein Gott, ich will ja nichts, als Sie lieben, und Ihnen dienen! Nein, ſagte Aphra, ich bedarf jetzt der Einſamkeit, des ungeſtörten Alleinſeins. Ich muß mir ein neues Leben begründen, ich kann nicht die Verpflichtung für ein anderes auf mich nehmen. Aber höre, Kitty, ſobald ich es vermag, werde ich Dich rufen! Wirſt Du dann kommen? Und wäre ich am Ende der Welt, ich werde kom⸗ men! rief Kitty. Ich hoffe, Du ſollſt bald von mir hören! ſagte Aphra, indem ſie das Mädchen umarmte. Der Wagen iſt da, um Sie nach London zu bringen! rief Capitain Behn, indem er haſtig in's Zimmer trat. Ich habe Ihnen eine ſehr bequeme Futſche ausgewählt, und die ganzen Reiſekoſten bezahlt. Aphra dankte mit einem ſtummen Kopfneigen. Kitiy, ſchaffe jetzt meinen Koffer hinunter in den Wagen! Ich werde ihr helfen! rief der Capitain, indem er geſchäftig das eine Ende des Koffers ergriff. Wie leicht das iſt! ſagte er. Und das iſt Alles? Ja, Alles, ſagte Aphra. Es ſind meine Kleidungs⸗ ſtücke, weiter nichts! Aber das iſt zu wenig! rief Behn, mit groß⸗ müthiger Freigebigkeit. Sie wiſſen, das wenige Silberzeng, welches wir beſitzen, gehört Ihnen. Es iſt auf Ihren Namen geſtempelt! Ich werde es Ihren Sachen hinzufügen! Ohne Aphra's Antwort abzuwarten, eilte Behn „ — 125— zu dem Wandſchrank, und holte eine lederne, mit Meſſing beſchlagene Kaſſette hervor, welche das Silber⸗ zeng enthielt, und gleichſam als fürchte er, ſeine groß⸗ müthige Wallung ſich verfliegen zu ſehen, ſtürzte er damit hinunter zu dem Wagen. Aphra blieb allein. Mit einem trüben Blicke überflog ſie noch einmal das Gemach, in welchem ſie ſo viel gelitten, ſo viel erduldet hatte, und an ihrem innern Auge zogen, flüchtigen Nebelbildern gleich⸗ die Tage, welche geweſen, vorüber. Wie viel Demüthi⸗ gungen, wie viel Schmach und Erniedrigung hatte ſie nicht hier erfahren, wie viel hatte ſie nicht ge⸗ litten von der Tyrannei und der Eiferſucht ihres Gatten,— dort, dort auf jener Stelle hatte ſie vor ihm auf den Knieen gelegen, und mit gerungenen Händen, mit überſtrömenden Augen ihn um ihre Freiheit angefleht. Und er hatte ſie lachend in ſeine Arme emporgezogen, und ſie geküßt, während ſie ihn verwünſchte. Aphra erbebte, als ſie daran dachte, und legte ihre Hände vor ihr erglühendes Geſicht. Ich werde dieſe Schmach niemals vergeſſen, und niemals aus meinem Leben verſchwinden machen! flüſterte ſie ganz überwältigt. Aber dann richtete ſie ſich entſchloſſen auf, und hob ihr Haupt ſtolz empor. Ich will nicht mehr unglücklich ſein! ſagte ſie. Hinweg mit den Thränen. Ich will leben und ar⸗ beiten. Jetzt iſt Alles bereit! ſagte Kitty traurig, indem ſie mit dem Capitain zurückkam. Lebewohl denn, mein Kind, und vergiß nicht, daß ich dich rufen werde! ſagte Aphra ruhig, dem Mädchen die Hand reichend. Sie näherte ſich der Thür, als — 126— Capitain Behn, der bis dahin ſchweigend mit nieder⸗ geſchlagenen Augen dageſtanden, zu ihr trat. Ich hoffe, wir ſcheiden als Freunde! ſagte er. Als Freunde! erwiederte ſie ruhig, indem ſie ſtolz, und ohne ihn anzuſehen, an ihm vorüberſchritt. Und ich bleibe dabei, ſie iſt wahnſinnig geworden! murmelte Behn, indem er Aphra nachblickte. Iſt es nicht Wahnſinn, ihr ganzes Vermögen hinzugeben, und ganz bettelarm und jämmerlich in die Welt zu gehen! Nicht einmal zu handeln verſuchte ſie, und ich glaube, ich wäre auch mit Drei Vierteln ihres Vermögens zu⸗ frieden geweſen! Ja, wahrhaftig, es kam nur auf ſie an, ſich ein paar tauſend Pfund zu erhalten, und ſie mir abzuhandeln. Sie hat es nicht gethan, das iſt ihre eigene Schuld. Ich habe mir keine Vorwürfe zu machen! Nein, gar keine! Jedenfalls aber habe ich da ein ſehr glückliches Geſchäft gemacht! Ein Ver⸗ mögen gewonnen, und eine Frau verloren! Das iſt ein doppelter Gewinn! Draußen rollte ſo eben der Wagen fort, und von unten vernahm man das Wehegeſchrei Kitty's. Sie iſt fort! ſagte der Capitain, und trat mit einem vergnügten Lachen an das Fenſter, um dem Wagen nachzuſehen!— Einſam und verlaſſen, arm und hülflos ging Aphra hinaus in die Welt. Aber ſie war unverzagten muthigen Herzens. Sie lehnte ſich zurück in die Ecke des Wagens, deſſen Rollen ihr wie das Wiegenlied einer verheißungsvollen Zukunft erklang. Bald lag die Stadt hinter ihr, und in der Ferne verklang das Freudengeſchrei, mit welchem man den Triumphzug König Karl's geleitete. Die Landſtraße war einſam und verlaſſen. Alles war öde und ſtill um ſie her, und in dieſem Schweigen erwachten in — 127— Aphra's Herzen wieder die ſchmerzlichen und qual⸗ vollen Stimmen, deren Flüſtern ſie bis dahin mit ſo energiſchem Willen unterdrückt hatte. Jetzt fand ſie nicht mehr die Kraft, ſie zum Schweigen zu bringen. Der Wagen rollte weiter und weiter. Bald er⸗ reichten ſie einen Wald mit ſeiner köſtlichen Stille und ſeinem erquicklichen Grün. Die Vögel ſangen, die Bäume rauſchten, die Sonne blickte luſtig durch die Zweige, und malte ſeltſame Geſtalten auf den gelben Sand, durch welchen der Wagen langſam ſich eine Bahn zog. Der Himmel war glänzend und blau,— die ganze Natur ſchien zu lächeln und auf⸗ zuathmen in friedlicher Ruhe. Und inmitten dieſer Stille und dieſes Friedens fuhr ein einſames, verlaſſenes junges Weib dahin, ohne Troſt für die Zukunft, ohne Troſt für die Ver⸗ gangenheit. Der Wagen rollte weiter. Aphra hatte ihr Haupt in die Kiſſen zurückgelehnt und weinte bitterlich. VIII. Die Jugendfreundinnen. Ganz London war in ſeſtlicher Bewegung, denn endlich war der große, denkwürdige Tag gekommen, den man ſo lange mit Sehnſucht erwartet hatte, es war der Geburtstag des Königs und der Tag ſeines Einzugs in London. Alle Straßen, durch welche der Zug kommen mußte, waren daher vom frühen Morgen an mit wogenden Menſchenmaſſen angefüllt, alle Fenſter dicht — 128— beſetzt mit geſchmückten Frauen, die im Glanz der Schönheit und der Juwelen ſtrahlten, ja, ſelbſt die Dächer hatte man abgedeckt, und da ſah man ganze Schaaren jubelnder Knaben auf⸗ und abklettern, um ſich den ſchönſten und bequemſten Standpunkt auszu⸗ wählen. Dieſe ſo mit Menſchen angefüllten Straßen boten einen merkwürdigen Anblick dar,— bei dem erſten Gewahren dieſer unzähligen Menſchenmaſſe, dieſer tauſend und tauſend niemals ſtille ſtehenden, niemals raſtenden Menſchen, bei ihrem lauten Sprechen und Schreien, das dann und wann ſich in ein finſteres Gemurmel dämpfte, und dann wieder zu lautem Don⸗ nergebrauſe empor ſchnellte, bei dieſem Allen hätte man Anfangs glauben mögen, es ſei eine aufrühreriſche, in tobender Wuth entfeſſelte Menge, welche die Straßen beſetzt hielt und England mit einer neuen Revolution bedrohe. Aber dem widerſprach das feſtliche Anſehen aller dieſer Häuſer, dem widerſprachen die grünen mit Fahnen und Symbolen geſchmückten Triumphbogen, die in regelmäßigen Zwiſchenräumen die Straßen durchſchritten, dem widerſprachen die grünen Kränze auf den ſchönen Häuptern der Franen an den Fen⸗ ſtern, und die grünen Zweige in den Händen der Männer. Es war durchaus keine Revolution, ſondern ein Feſt des Friedens, welches man feierte, und die grü⸗ nen Kränze, die Laubgewinde und Zweige, die Guir⸗ landen an den Hänſern, ſie waren nur eine Liebes⸗ demonſtration, mit welcher das glückliche Volk ſeinen neuen König begrüßen wollte. Ein ganzer Eichen⸗ wald hatte übrigens den Schmuck ſeiner jungen, unter der Maienſonne eben erſt entſproſſenen Blätter und Zweige hergeben müſſen, um das große London für „ — 129— einen Tag in einen künſtlichen Eichenhain zu verwan⸗ deln, denn dieſes ſo zärtliche, ſo gehorſamsdurſtige Volk hatte ſich plötzlich einer Geſchichte erinnert, welche es vor wenigen Monaten noch mit triumphirendem Lachen erzählte, und die ihm jetzt unendlich rührend erſchien. Das war die Geſchichte von dem in einer Eiche ſchlummernden Königsſohn, die Geſchichte von Karl, welcher nach der Schlacht bei Worceſter ſich vor der Ver⸗ folgung ſeiner Feinde vierundzwanzig Stunden lang in dem hohlen Stamm einer Eiche verborgen hielt. Man hatte daher Eichenlaub zu den Trophäen dieſes Sieges des Königthums erwählt“) und indem man den König dadurch zu ehren meinte, vergaß man, daß er dadurch zugleich an ſeine größte und ſchmählichſte Niederlage erinnert ward. Ein König, welchem keine andere Zuflucht, kein anderer Schutz geblieben, als der hohle Stamm einer Eiche! Wo waren damals alle dieſe Unterthanen, welche ihn jetzt ſo ſehnſüchtig erwarteten, und ſo glühend liebten? Es gehörte übrigens ſehr viel Ausdauer, ſehr viel Geduld zu dieſem Feſttage. Mit dem Anbruch des Tages hatte man ſich ſchon auf den FPlatz begeben und ſich ſeinen Standpunkt wählen müſſen, und doch war vorauszuſehen, daß der König erſt um die Mit⸗ tagszeit in London eintreffen könne. Die Leute auf den Straßen und den Dächern mußten daher in der unbeguemſten Stellung viele Stunden lang unter der Gluth der Sonnenſtrahlen des glücklichen Momentes harren, wo es ihnen vergönnt ſein würde, den König an ſich vorüber reiten zu ſehen, und ſie blickten des⸗ halb mit nicht geringem Neide zu den bevorzugten Inhabern der Fenſter und Balcone empor, welche *) Secret history Vol. I. pag. 66. Karl II. 2. — 130— von dort aus in behaglicher Ruhe den Einzug des vielgeliebten Königs erwarten konnten. Eins dieſer Fenſter war ganz leer. Niemand zeigte ſich an demſelben. Die glücklichen Beſitzer deſſel⸗ ben hatten ſich von demſelben zurückgezogen, um in dem behaglichen und reizenden Zimmer, das von dem Fenſter beleuchtet ward, auszuruhen und zu plaudern. Vielleicht würde Mancher dieſer, auf der Straße har⸗ renden jungen Männer gern den ganzen Einzug König Karls darum gegeben haben, dafür einen unbelauſchten Blick in dieſes Zimmer werfen zu können, und die drei jungen Frauen zu beobachten, welche in demſelben ſich befanden. Sie waren alle Drei von bewunderungs⸗ würdiger Schönheit, und doch hatte ihre Schönheit ſo wenig Aehnlichkeit mit einander! Es ſchien, als habe die Natur ſich in ihrer Vielſeitigkeit daran ergötzt ſich drei Modelle zu bilden, die jede in ihrer Art für vollendete Schönheiten gelten konnten, und doch gar nichts mit einander gemein hatten. Indem man ſie ſah, mußte man ſich unwillkürlich der drei Göttinnen erinnern, welche einſt um den Apfel der Schönheit geſtritten, und man hätte den glücklichen Paris benei⸗ den mögen, welcher unter ihnen wählen konnte. Paris aber fehlte hier, und vorläufig wenigſtens waren Minerva, Juno und Venus allein. Die eine dieſer Frauen, die mit dem edlen bleichen Geſicht, mit der hohen denkenden Stirn, mit den tief⸗ dunkeln ernſten Augen, und den geſchloſſenen und doch ſo beredten Lippen erinnerte allerdings an die Bildniſſe der Göttin Minerva, und ihre zahlreichen Verehrer haben Aphra Behn oft die Minerva des glücklichen Englands genannt. Dieſes andere junge Weib, mit der hohen ſtolzen Geſtalt, die eben ſo üppig als edel war, mit der er⸗ „ ———— — 131— habenen Schönheit ihres Geſichtes, mit dem ſtolzen Blick ihrer glänzenden Augen, mit dem ſiegreichen Lächeln um die feinen dunkekrothen Lippen mochte man füglich der Juno vergleichen, und wie oft iſt nicht die ſchöne Barbara Palmer, die nachherige Her⸗ zogin von Cleveland mit dieſem Vergleich gelangweilt worden! Und endlich, wer hätte es nicht wagen mögen, dieſes dritte junge Weib kühnlich der Venus, der ſchaumentſtiegenen Göttin zu vergleichen! Es war eine eben erſt entfaltete Blüthe der Schönheit, ein junges Mädchen von kaum ſechszehn Jahren, ſtrah⸗ lend in dem zauberhaften Liebreiz der Unſchuld und Ingend. Eine ſchlanke Geſtalt, deren volle und köſt⸗ liche Formen dieſes loſe, flatternde, hier und da ver⸗ ſchobene Gewand nicht verbergen konnte, ein roſiges Antlitz, das eben ſo ſehr von Liebreiz als Schelmerei ſtrahlte, zwei brennende Augen, die wie in einem Meer von Feuer zu ſchwimmen ſchienen und ein Mund, deſſen volle üppig aufgeworfenen Lippen be⸗ ſtändig von einem kecken und lieblichen Lächeln um⸗ ſpielt wurden, welches reizende Grübchen in dieſe zarten, von durchſichtiger Röthe angehauchten Wangen drückte. Wie geſagt, man mochte dieſes junge Weib ſehr füglich einer Venus vergleichen, und wie viel geſchah das nicht, und wie viel pflegte Eleonore Gwyn nicht zu lachen, wenn das Heer ihrer Anbeter dieſes Gleichniß immer und immer wieder anzubringen wagte. Es waren alſo Aphra Behn, Barbara Palmer und Elevnore Gwyn, welche in dieſem Zimmer bei⸗ ſammen waren. Sie hatten ſo eben mit einem klei⸗ nen Dejeuner ſich von der Anſtrengung des Wartens geſtärkt, und ruhten jetzt neben einander auf dem Divan. 9* — So, ſagte Eleonore, indem ſie ihre Taſſe auf den Tiſch ſetzte, dieſe Chocolade hat mich geſtärkt. Jetzt kann König Karl immerhin kommen. Ich bin unge⸗ heuer neugierig ihn zu ſehen. Mein Herz zappelt nach ihm, wie ein Fiſch im Waſſer, oder wie ein junges Küchlein, welches ſich aus dem Ei befreien will. Ich ſage Euch, ich bin ungeheuer begierig auf den jungen König. Oh, ich auch! rief Barbara Palmer. Ich finde, die Zeit ſchlich niemals ſo langſam, als heute! Und erwartet Ihr denn ſo viel von ihm? fragte Aphra mit einem leiſen Lächeln. Gewiß! rief Eleonore. Sehr viel erwarte ich von ihm! Luſt und Freude, Vergnügen und Glanz wird er mit ſich bringen! Das ganze Leben wird von jetzt an ein unausgeſetztes Feſt ſein, und man wird nichts zu thun haben, als zu lachen, und ſich des Daſeins zu freuen! Ja, mit König Karl wird ein neues Zeitalter be⸗ ginnen, ſagte Barbara, ein Zeitalter der Frauen. Wir werden jetzt die Mächtigen, die Allvermögenden ſein, denn man ſagt, daß König Karl keine Bitte verwei⸗ gern kann, welche ein Weib ihm zu Füßen legt. Vorausgeſetzt, daß dieſes Weib ſchön iſt! ergänzte Aphra mit ſpöttiſchem Ton. Wir ſind es, Gott ſei Dank! ſagte Barbara ſtolz. Gott, der arme König! ſeufzte Eleonore mit tra⸗ giſchem Pathos. Wie viele Bitten wird er mir zu bewilligen haben! Und Dir nicht auch, Barbara? Ich werde ſuchen, nicht zu bitten, ſondern zu befehlen! Ah, immer die ſtolze Königin! Und Du Aphra? Ich werde weder bitten, noch befehlen. König — 133— Karl iſt ein Mann, und ich mag nichts mit den Män⸗ nern zu ſchaffen haben! Ah, Du biſt eine Männerfeindin, lachte Eleonore. Mein Gott haſt Du denn ſo viel Trauriges erlebt von den Männern? Möge Dein guter Engel Dich bewahren, daß Du nicht erlebſt, was ich erlebt habe! ſagte Aphra ſchwermüthig. Warſt Du ſo ſehr unglücklich? fragte Barbara theilnehmend. Oh ſehr! ſeufzte Aphra mit einem herzerreißenden Ausdruck. Du ſollteſt uns das erzählen, ſagte Eleonore, während ſie ihre langen braunen Locken durch ihre zarten kleinen Finger gleiten ließ. Das wäre doch eine Zerſtreuung, eine Erheiterung für dieſe ewig langen Stunden. Ja, Nelly, hat einen guten Einfall, rief Barbara. Wir haben mindeſtens noch fünf Stunden Zeit. Die können wir nicht beſſer ausfüllen, als indem wir uns einander mittheilen, was wir erlebten in dieſer Zeit, in welcher wir uns nicht geſehen. Und das iſt eine lange Zeit! Zwei volle Jahre! Denkt doch nur! Zwei Jahre ſind es, ſeit wir von einander Abſchied nahmen und die Penſionsanſtalt der guten und lang⸗ weiligen Madame Hunters verließen! Zwei Jahre ſind eine lange Zeit, und man kann ſehr viel darin lernen und erleben! Gewiß, ſagte Aphra, man kann ſogar darin zu ſterben lernen, indem man lebt. Ah bah, ſterben! rief Leonore mit einem fröhlichen Lachen. Ich will lernen zu leben, das Sterben wird ſich ſchon von ſelber finden. Aber jetzt laßt uns unſere Geſchichten erzählen. — 134— Ja, laßt uns erzählen! ſagte Barbara. Wir waren, obwohl nicht ganz gleich an Jahren, doch in der Penſion immer die beſten und treueſten Freun⸗ dinnen. Wißt Ihr noch, wie wir am Tage unſerer Abreiſe uns feierlich ſchwuren einander treu zu blei⸗ ben bis zum Tode, und uns alle Jahre einander aufzuſuchen und zu ſehen? Ach, Du haſt nicht Wort gehalten, Aphra! Du haſt zwei ganze Jahre vergehen laſſen, ohne auch nur einmal zu ſchreiben, und auch jetzt iſt es nur der Zufall, welcher mich Dich finden ließ! Denke Dir, Nelly, ich begegnete ihr geſtern auf der Straße; ich erkannte ſie gleich, und ſie, die Treu⸗ loſe, wollte mir ausweichen. Ich war ſo traurig, ſagte Aphra, und Du ſtrahlteſt von Glück und Heiterkeit, darum wollte ich Dich ver⸗ meiden! Mein Kind, das Antlitz einer Frau darf niemals die Wahrheit verkünden! Das meine log vielleicht in jener Stunde. Jedenfalls hätte das Dich nicht hin⸗ dern dürfen. Selbſt wenn ich glücklich wäre, würde ich mir doch ein warmes Mitgefühl für meine Freundin bewahrt haben! Aber ich mußte Dir faſt mit Dro⸗ hungen und mit Gewalt das Verſprechen abdringen, mich zu beſuchen, und den heutigen Tag bei mir zuzubringen. Aber Du ſiehſt, ich bin gekommen! ſagte Aphra. Und ich auch! rief Nelly, obwohl Du mich eigentlich nicht eingeladen hatteſt. Aber ich dachte daran, welch' eine ſchöne Ausſicht man von dieſem Fenſter hier haben müßte, und da bekam ich plötzlich eine ſo gewaltige Sehnſucht nach Dir, daß ich durch⸗ aus Dich aufſuchen und heute zu Dir kommen mußte! Aber wir ſchweifen immer wieder ab von unſerm — 135— Plan. Wir wollen uns einander unſere Schickſale er⸗ zählen! Du, Barbara, biſt die Aelteſte, fange an! Die Stirn der jungen Frau umwölkte ſich einen Augenblick. Nun, ſagte ſie, bei neunzehn Jahren iſt man immer noch nicht alt. Aber immer doch älter als bei achtzehn, und ſechs⸗ zehn Jahren, lachte Nelly. Du biſt alſo immer doch die Aelteſte, und haſt daher den Vorrang. Aphra bemerkte die leichte Verſtimmung Barbara's. Es ſind nicht die Jahre, ſondern die Erfahrungen, welche alt machen, ſagte ſie mit einem ſanften Lächeln. Ich bin daher die Aelteſte unter Euch, denn ich habe am meiſten gelitten. Ich werde alſo anfangen! Aber recht wahr, recht aufrichtig! rief Nelly. Keine Rückhalte, keine Winkelzüge! Ich lüge niemals, ſagte Aphra ſtolz. Hört alſo! Und mit leiſer, zitternder Stimme begann ſie ihnen zu erzählen von der Vergangenheit. Aber bald hob ſich ihre Stimme zu höherer Begeiſterung, bald glüh⸗ ten ihre Wangen, zitterten ihre Lippen, und ihre Augen füllten ſich mit Thränen. Sie ſprach jetzt von Oronooko; all' dieſe ſo lang zurückgehaltenen Erinnerungen, all' dieſe Luſt und all' dieſe Schmerzen, ſie traten jetzt wie ein glühendes, er⸗ habenes Gedicht auf ihre Lippen, ſie gewannen in ihren Worten Farbe und Geſtalt und lebten wieder auf als Wirklichkeit. Sie konnte von Oronvoko ſprechen, ſie konnte wieder ſeinen Namen nennen, dieſen Namen, welcher ein ganzes Jahr lang ſtumm in ihrem Herzen begra⸗ ben gelegen, ſie konnte von ihrem kurzen Glück er⸗ zählen, und von ihren langen, qualvollen Schmerzen. Es war ein Troſt nach ſo langem Schweigen, es war — 136— eine ſüße Genugthuung, dieſen beiden Frauen zu er⸗ zählen von ihrer Liebe, und ſie weinen zu ſehen! Denn ſie weinten mit ihr! König Karl war auf ei⸗ nen Moment vergeſſen mit dem ganzen Gefolge ſeiner Cavaliere, vergeſſen über dem Negerfürſten Oronooko. Getragen von ihrer Begeiſterung und ihren Erin⸗ nerungen erzählte ihnen Aphra. Aber allgemach er⸗ loſch der Feuerſtrom ihrer Rede. Ihre Stimme ſtockte, ihre Wangen bedeckten ſich mit Todtenbläſſe, ihr Ant⸗ litz nahm einen finſtern, ernſten Ausdruck an. Es war nicht mehr Schmerz, ſondern Zorn, was aus ihren Mienen ſprach, wie ſie jetzt in ihrer Erzählung bis zu dem Moment gekommen war, als ſie Surinam verließ, und auf das Schiff des Capitain Behn ſich begab, um nach England zurückzukehren. Erſchöpft lehnte ſie ſich zurück und verſtummend legte ſie langſam ihre beiden Hände über ihr Angeſicht. Erzähle weiter! ſagte Nelly, indem ſie ſich mit ihren Locken die Thränen trocknete. Ich zittere vor Mitleid und Erwartung. Barbara legte ſchweigend ihren Arm um Aphra's Nacken und küßte ſie leiſe auf die Stirn. Erzähle doch weiter! wiederholte Nelly ungeduldig. Aphra ließ langſam die Hände von ihrem Antlitz gleiten, das jetzt farblos war und kalt. Ja, ſagte ſie, ich will weiter erzählen. Ich will die Scham überwinden, und Euch mein ganzes Unglück klagen! Ich nahm alſo Abſchied von dem Grabe Oronoo⸗ ko's, und von Capitain Behn geleitet, betrat ich ſein Schiff. Wollt Ihr wiſſen, wer Capitain Behn war? Er war der Freund meines Vaters, welcher ihm einſt das Leben gerettet, indem er ſein eigenes Leben dabei wagte, er war der nahe Verwandte meiner Mutter, — 137— welche ihn einſt geliebt hatte, und nur gezwungen von ältern Verpflichtungen ſich vermählte. Ihr ſeht, die zarteſten und feſteſten Bande knüpften ihn an unſere Familie, ich durfte ihm daher wohl vertrauen, und ich that es. Krank und matt, wie ich war, ließ ich mich von ſeinen Armen hinauftragen auf das Verdeck und hinab in die Cajütte. Ich nahm ſeine Pflege und ſeine Liebe an, wie man die Pflege und die Liebe eines Vaters aunehmen würde, und er konnte mein Vater ſein, dieſer Mann mit dem ergrauenden Haar und den erſchlafften Zügen. Ach, unterbrach ſie Barbara, jetzt ſehe ich Alles. Dieſer alte Mann hatte ein junges Herz und er liebte Dich!— Joa, er liebte mich, und er ſagte es mir, und weil ich ſeine Liebe nicht erwidern konnte, gerieth er in eine wilde Aufregung, und ſchwur, ſterben zu wollen, wenn ich nicht ſeine Hand annähme. Gott, ich möchte wohl einmal ſo geliebt werden! rief Nelly die Hände zuſammenſchlagend. Ich wußte ſchon, was man von dergleichen Schwü⸗ ren zu halten hat, fuhr Aphra fort, und ich verlachte ihn daher, und ſagte ihm ſpottend, er werde wohl Kraft haben ſeine Liebe zu ertragen und zu überleben. Er ward tiefſinnig und ſtill, bleicher und ſchweigſamer wie ſonſt ſchien er mich einige Tage zu vermeiden, und mir auszuweichen. Dann aber kam er gar nicht mehr aus ſeiner Cajüte, und der Arzt benachrichtigte mich daß Capitain Behn ernſthaft erkrankt ſei. Es vergin⸗ gen Tage, in denen ich nichts von ihm ſah, nichts von ihm hörte, als die Berichte des Arztes, welcher mir den Zuſtand des Kranken als einen ſehr gefähr⸗ lichen, vielleicht todtbringenden ſchilderte. Eines Mor⸗ gens aber ſah ich die Matroſen in flüſternden Gruppen — auf dem Verdeck zuſammen ſtehen und ich erfuhr, daß der Capitain Behn wahrſcheinlich dieſen Tag nicht überleben würde, daß er ſelber es wiſſe und den Wunſch geäußert habe, bevor er ſein Teſtament mache, mich noch einmal zu ſehen. Ich eilte an ſein Sterbe⸗ lager; obwohl ich ihn bleich und erſchöpft fand, wun⸗ derte ich mich doch über die Klarheit ſeines Auges, die Unverfallenheit ſeiner Züge. Ich ſuchte ihn daher zu tröſten, indem ich die feſte Hoffnung ausſprach, er werde geneſen. Der Arzt, welcher an ſeinem Bette ſtand, ſchüttelte traurig das Haupt. Nein, ſagte er, täuſchen wir uns nicht! Capitain Behn hat von mir die Wahrheit verlangt, und ich habe ſie ihm ſagen müſſen: Es iſt keine Hoffnung mehr! Und ich werde Sie allein und verlaſſen auf dieſer Welt zurücklaſſen müſſen! ſeufzte der Capitain, und indem er dann plötzlich meine Hände ergriff und mich flehend anſah, fragte er: Aphra, wollen Sie die letzte Bitte eines Sterbenden erfüllen? Wollen Sie mir in mein Wellengrab den ſüßen Troſt mitgeben, für Sie geſorgt zu haben, ſo viel ich vermochte? Ich verſprach jede ſeiner Bitten zu erfüllen. Entſchließen Sie Sich alſo, meinen Namen anzu⸗ nehmen, und die Gattin eines Sterbenden zu werden, flüſterte der Capitain mit brechender Stimme. Sie werden dann wenigſtens den Titel einer Wittwe führen, was Ihnen das Recht giebt, frei und unabhängig zu leben, und ich werde das Recht haben, Sie zur Uni⸗ verſalerbin meines kleinen Vermögens zu ernennen. Ich ſträubte mich anfangs, dann aber gab ich den Bitten nach, welche der Sterbende mit der letzten Kraft ſeines verhauchenden Lebens an mich richtete. Der Schiffsgeiſtliche ward gerufen, und Capitain Behn „ — 139— dietirte ihm ſein Teſtament, in welchem er mich zu ſeiner Erbin ernannte. Wie ich Sie zu meinem Erben ernenne, falls Sie mich überleben ſollten, ſchaltete ich ein, indem ich den Prediger bat, auch dieſes niederzuſchreiben. Capitain Behn lächelte matt, und widerſetzte ſich nicht. Eine halbe Stunde ſpäter war das Teſtament un⸗ terzeichnet und die Trauung vollzogen! Und ſomit biſt Du alſo verheirathet! rief Barbara. Und daraus machteſt Du uns ein Geheimniß. Ich war verheirathet! ſagte Aphra. Alſo Wittwe! rief Nelly Gwyn. Das nenne ich Glück haben! Es giebt keinen beneidenswertheren Stand, als den einer Wittwe! Dein Capitain hat wirklich ſehr großmüthig an Dir gehandelt! Dich erſt zur Erbin einzuſetzen, und dann zu ſterben, das iſt wahrhaft erhaben! Er ſtarb aber nicht, ſagte Aphra, ſondern er genas, und nach dreien Tagen geſtand er ſelber mir mit la⸗ chendem Munde, daß dies nur eine zwiſchen ihm und dem Arzt verabredete Comödie geweſen. Capitain Behn war gar nicht krank geweſen, aber der Betrug hatte mich zu ſeinem Weibe gemacht, und das war es, was er wolle. Ach, das iſt ein köſtlicher Spaß! rief Nelly, indem ſie in ein lautes Gelächter ausbrechend, ſich vom Di⸗ van empor ſchwang und in toller Luſtigkeit im Zim⸗ mer umher hüpfte. Dein Mann gefällt mir, und wenn ich jemals das Glück habe, ihm zu begegnen, ſo werde ich ihm zum Lohn für dieſen köſtlichen Spaß einen Kuß geben. Somit, ſagte Barbara, indem ſie Aphra's Hand — 140— theilnahmsvoll drückte, ſomit biſt Du noch immer die Gattin dieſes Mannes, welchen Du nicht liebſt? Aphra ſchüttelte ſtolz das Haupt. Nein, ſagte ſie, ich würde einer ſolchen Schmach den Tod vorgezogen haben. 6 Aber wie denn? Dein Gatte lebt, und er iſt nicht mehr Dein Gatte? Ihr habt Euch alſo freiwillig ge⸗ trennt, da Ihr, Dank dem edlen und erhabenen Ge⸗ ſetze Cromwells, nicht gerichtlich geſchieden werden könnt? Zum Glück kann man dies Geſetz umgehen, ſagte Aphra. Es iſt wahr, dies Geſetz verſagt den Weibern das erſte und natürlichſte Recht, das Recht, den zu fliehen, welchen man haßt, aber es kann dem Manne nicht das alte Recht entreißen, ſeine Frau zu verkan⸗ fen. Ich habe mich meinem Gatten abgekauft, und kraft dieſes Kontrakts habe ich mit meinem Vermögen mir die Freiheit meiner Perſon erkauft. So daß Du alſo jetzt ganz arm und mittellos biſt? fragte Nelly. Arm, aber nicht mittellos! ſagte Aphra. Ich fühle da in meinem Kopf ein Etwas, welches mich vor der Armuth bewahren wird. k Und außerdem biſt Du ſchön, das iſt ein ſehr mäch⸗ tiges Mittel gegen die Armuth! Es iſt aber ein Mittel, von dem ich nicht Gebrauch zu machen denke, ſagte Aphra ſtolz. Aber meine Geſchichte iſt jetzt beendet. Nun, Barbara, laß uns die Deine hören! Meine Geſchichte! ſeufzte⸗ Barbara Palmer. Ach, dieſe Geſchichte iſt weder romäntiſch, noch erhaben, ſie iſt nur reich an Thränen, welche noch immer geweint werden, an Seufzern, welche man unter einem Lächeln verbirgt, an Verwünſchungen, welche man niemals ausſpricht, ſondern ſtatt deren man eine ſtolze Ruhe — 141— und eine erhabene Gleichgültigkeit heuchelt. Seht mich an, betrachtet mich ganz genau, und nun ſagt mir, ob ich ſchön bin! 3 O, ſehr ſchön! ſagte Aphra mit dem Ausdruck der Bewunderung. 8 So ſchön, lachte Nelly, daß, wenn ich nicht mit meiner Schönheit ziemlich zufrieden wäre, ich die Deine haben möchte. Ihr findet mich alſo ſchön, und Ihr ſeid doch nur Weiber! ſagte Barbara. Ich bin ſchön, und ich be⸗ ſitze dennoch nicht die Kunſt, meinem Gatten zu ge⸗ fallen. Dies iſt ein ſchmachvolles, ein entwürdigendes Bekenntniß, ich weiß es, aber das Bewußtſein davon hat ſich mit meinen Thränen ſo tief in mein Herz eingeätzt, daß ich darüber ganz das Gefühl meiner Scham verloren habe! Mein Mann liebt mich nicht, und ich,— ich glühe, von ihm geliebt zu werden! Ach, was Alles habe ich nicht verſucht, um dieſes Herz mir zuzuwenden, wie viele Künſte der Coquetterie, der Zärtlichkeit habe ich nicht angewendet, um dieſe Liebe mir zu erobern, welche mir täglich begehrenswerther ſchien, je mehr ſie ſich von mir entfernte. Vergebens, daß ich mich für ihn ſchmückte, für ihn lächelte, für ihn nur athmete und lebte, vergebens, daß ich beveit war, ihm jede Stunde meines Daſeins, jedes Klopfen mei⸗ nes Herzens, jeden Gedanken meiner Seele zu wid⸗ men, ich habe es nicht einmal vermocht, ihm irgend ein Zeichen des Beifalls, irgend ein Lächeln, irgend. eine Spur der Theilnahme abzugewinnen! Ich mag lächeln oder weinen, er wird ſtets ſeine gleichgültige, kalte Ruhe bewahren, dieſe Ruhe, von der ich zuweilen eglaubt habe, daß ſie mich wahnſinnig machen müßte, dieſe Ruhe, welche ihn niemals verläßt, ob ich ihm mit höhniſchem Lachen oder mit hingebender Zärtlich⸗ — 142— keit, mit finſterm Unmuth oder mit ſchalkhafter Heiter⸗ keit entgegen trete. Ich habe dieſes Alles verſucht, ich habe alle Mittel angewendet, welche die erfindungs⸗ reiche Liebe einer Frau erſinnen mag, und ſie Alle ſind doch wirkungslos geblieben. Er wird es mir niemals verzeihen, daß er, um einem unter unſern Vätern feſtgeſtellten Uebereinkommen zu genügen, mir ſeine Hand angeboten, und daß ich ſeine Hand ange⸗ nommen habe! Indem Barbara ſo ſprach, entſtürzten Thränen ihren Augen, und ſie lehnte ihr Haupt wie zerbrochen an Aphra's Schulter. Armes Herz, ſagte Aphra milde, Du haſt Dich verblenden laſſen von Deiner Liebe, und in dieſer Verblendung haſt Du nicht die rechten Mittel ange⸗ wendet, um Dir die Liebe Deines Gatten zu erwerben, und Deine Vergebung von ihm dafür zu erhalten, daß er nur durch ſeinen Vater gezwungen Dir ſeine Hand gab. Du wollteſt ihn mit Deiner Liebe gewinnen, Du hätteſt ihn aber durch die allen Frauen innewoh⸗ nende Coquetterie Dir erobern müſſen. Es iſt nicht genug, daß man die Liebe im Herzen trägt, man muß ſie auch zu pflegen verſtehen. Begreift Ihr, was ich ſagen will? Ich begreife nichts, ſagte Nelly lachend, denn ich habe dieſen langen Speech gar nicht angehört. Du biſt mir zu gelehrt, Aphra. Aber ich, ich begreife! murmelte Barbara ſinnend. Eins begreife ich auch, ſagte Nelly, indem ſie noch immer vor dem Spiegel allerhand zierliche Stellungen verſuchte, und ihr eigenes Bild mit Lächeln begrüßte. Eins begreife ich auch, nämlich, daß Ihr Beide ſehr wenig Theilnahme und Rückſicht für mich zeigt, denn Keine von Euch hat noch daran gedacht, meine Ge⸗ „ — 143— ſchichte erfahren zu wollen, und doch habe ich die Eure mit ſtandhafter Geduld und bewunderungswür⸗ diger Ruhe angehört. Ach Du, Du haſt noch gar keine Geſchichte! ſagte Aphra lachend. O doch, nur hat ſie vor der Eurigen den Vorzug voraus, daß ſie nicht ſo lang, und Gott ſei Dank, nicht ſo thränenreich iſt. Meine Geſchichte iſt kurz und einfach. Ich war die Tochter eines reichen Kaufman⸗ nes als ich in die Penſionsanſtalt kam, und als ich dieſelbe verließ, war ich eine arme Waiſe, deren Va⸗ ter ſich das Leben genommen, weil er Banquerot ge⸗ macht. Eine Mutter hatte ich niemals gekannt, ſie war geſtorben, als ſie mich gebar. Ich hatte alſo Niemand, der ſich meiner erbarmte, ich war ganz hülflos und verlaſſen. Arme Nelly! O ja, arm war ich, aber ich hatte ein fröhliches Herz und einen unverzagten Sinn, und ich war und bin immer noch reich, denn ich bin jung und bin ſchön, und das iſt ein Capital, welches mir eines Ta⸗ ges Zinſen tragen wird! Ich hüllte mich in den Stolz meiner vierzehn Jahre, und beſchloß durchaus nicht unglücklich zu ſein. Getreu dieſem Entſchluß verkaufte ich meine letzten ſeidenen Kleider, und ſchaffte mir da⸗ für das pikante und ſehr kleidſame Coſtüm einer Oran⸗ genverkäuferin an, dann kaufte ich mir eine gute An⸗ zahl Orangen, die ich in einem ſehr zierlichen Korbe auf meinem Kopf durch die Straßen trug.*) Ein Orangenmädchen, rief Barbara mit dem Aus⸗ druck des Entſetzens. Wußteſt Du das nicht? Und ich war doch ein *) Burnet: history of my own time. Vol. I. pag. 340. — Jahr hindurch das berühmteſte Orangenmädchen, und die gefeierteſte Straßenſchönheit in ganz London. Nie⸗ mand wußte ſo durch die Straßen zu tänzeln, und den Korb auf dem mit Blumen geſchmückten Kopfe zu balanciren, und mit ſilberheller Stimme ſchalkhafte Lieder dabei zu ſingen, als ich. Ja, ich muß das wiſſen, denn meine Anbeter haben mir es oft genng geſagt, und ich hatte keinen Grund ihnen nicht zu glauben! Aber eben, weil ich Ihnen glaubte, konnten mich ihre zärtlichen Zuflüſterungen, und ihre verliebten Beſchwörungen niemals verlocken, und ich habe immer zu mir geſagt:„ich bin viel zu ſchön für Euch, und Ihr ſeid mir viel zu unbedeutend. Ich kann Euch weder mein Herz, noch meine Liebe, noch meine Per⸗ ſon ſchenken, denn ich erwarte einen Prinzen, um ihn zu lieben, um ihm mein Herz und meine Perſon zu weihen, nur ein Prinz wird Nelly Gwyn's Geliebter!“ — Nun, weil ich auf der Straße keinen Prinzen fand, habe ich die Straße verlaſſen, und bin Schauſpielerin geworden. Das iſt jetzt etwas Pikantes, weil es neu iſt, weil alle die Herren ganz außer ſich ſind vor Entzücken, dieſe Rollen verliebter Prinzeſſinnen, und ſeufzender Schäferinnen nicht mehr von den derben Geſtalten und den rauhen Kehlen der Männer geſpielt zu ſehen, ſondern von wirklichen, und zwar von hüb⸗ ſchen Frauen. So bin ich denn Schauſpielerin, heute Abend Prinzeſſin, und morgen Abend Bettlerin, heute ſehr ſtolz und morgen ſehr demüthig, heute zärtlich und morgen kalt und gefühllos. Ah, es iſt ein luſti⸗ ges Leben, das Leben einer Schauſpielerin. Nur leider, meinen Prinzen habe ich noch immer nicht gefunden, aber freilich, bis heute gab es in London keinen Prin⸗ zen und daher kommt es, daß ich Euch gar keine Lie⸗ besgeſchichte zu erzählen habe, auch nicht den kleinſten — 145— Roman! Mein Herz erwartet noch immer ſeinen Prinzen, und ich denke mir, daß er nicht mehr lange wird auf ſich warten laſſen. Die Männer ſind einmal doch die Herren unſeres Geſchickes. Von ihnen kommt uns unſer Glück! Oder auch unſer Unglück! ſeufzte Barbara. Gott hat es nicht ſo gewollt, aber die Thorheit der Welt, die Schwäche der Weiber und der Stolz der Männer haben es dahin gebracht, ſagte Aphra. Laßt es uns nicht dulden, rief Nelly in fröhlichem Uebermuthe. Laßt uns die Herrſchaft und Tyrannei der Männer nicht anerkennen. Laßt uns einen Bund gegen ſie ſtiften, einen Bund gegen die Männer! Laßt uns ſchwören Rache zu nehmen an den Männern, in⸗ dem wir, ſoviel an uns iſt, ſie martern und quälen, und ihnen alle die Schmerzen zurückgeben, welche ſie und ihr Geſchlecht den Weibern zugefügt! Ja, laßt uns einen Bund ſtiften, ſchwört, ſchwört ewigen Krieg den Männern! Rache an den Männern für die unterdrück⸗ ten Rechte der Frauen! Schwört! Und während Nelly mit komiſchem Pathos und feierlicher Stimme ſo ſprach, hatte ſie die beiden Arme gen Himmel erhoben, als wolle ſie dieſen zum Zeugen ihres Schwurs anrufen und ſeinen Segen erflehen für ihre Thaten der Rache. Sie war reizend anzuſehen in dieſer Stellung, mit dieſen glühenden Wangen, und dieſen von Heiterkeit und Lebensmuth ſprühenden Augen, reizend mit dem boshaften und doch ſchelmiſchen Lächeln um die vollen glühenden Lippen. Die beiden Frauen aber achteten nicht auf Nelly's Schönheit, ſie dachten nur an die Worte, welche ſie geſprochen, und welche in ihrem Herzen gezündet hatten. Ja, laßt uns einen Bund ſtiften gegen die Männer, Karl II. 2. 10 — 146— ſagte Aphra glühend, eine heilige Cabala der Rache. Wo wir einer Frau begegnen, welche leidet, da wol⸗ len wir verſuchen, ſie zu tröſten, ſie zu heilen und zu erretten. Die Ehre, die Freiheit, das Glück und die Liebe, das iſt es, was man den Frauen entwandt hat, dies Alles laßt uns wieder erkämpfen! Ja, einen Bund wollen wir ſtiften gegen die Männer, rief Barbara glühend, einen Bund gegen die Männer, welche es niemals ehrlich meinen, als wenn ſie uns betrügen wollen, und welche uns nie⸗ mals mehr verachten, als wenn ſie uns anzubeten ſcheinen. Ach, ich haſſe die Männer, und ich möchte ſie Alle vernichten, Alle. Und ich auch! rief Aphra. Und ich! ſagte Nelly. Ausgenommen meinen Prin⸗ zen, für den bitte ich um Gnade, die Andern überlaſſe ich Euch. Und wir wollen ſie quälen und martern, und wir wollen lachen zu ihren Schmerzen, und ſie verhöhnen mit ihren Liebesſchwüren! Wollen wir das? Ja, das wollen wir! So laßt uns denn ſchwören, tren an einander zu halten zu dieſem Werke der Rache, einander beizu⸗ ſtehen und uns hülfreich zu ſein, um es zu erreichen. Wer zu unſerm Bunde gehört, der ſei unſere Schwe⸗ ſter, und wir ſind verpflichtet, ihr zu dienen und zu helfen, ſo viel wir vermögen. Und hört jetzt das Zei⸗ chen unſeres Bundes! Die linke Hand auf das Herz gelegt, die beiden erſten Finger der Rechten wie zum Schwur empor gehoben, das ſei das Zeichen unſeres Bundes, und die Parole ſei:„Alles für die Frauen.“ Wollt Ihr das? Ja, ſo ſei es, riefen Aphra und Barbara. So kommt und laßt uns die Hände in einander — 147— legen! So! und jetzt laßt uns ſchwören, treu zu ſein unſerm Bunde, und treu zu halten an unſerm Schwur. Wir ſchwören es! Wir ſchwören, die Männer zu ſtrafen, und die Weiber zu rächen! Und jetzt geht hinaus und lehret alle Völker! rief Nelly feierlich. Dann warf ſie, unvermögend ihre Rolle länger zu behaupten, ſich auf einen Seſſel und brach in ein lautes, fröhliches Gelächter aus! Das iſt ein prächtiger Scherz, ſagte ſie, ein Scherz, bei dem man weinen muß vor Lachen! Geſteht aber, daß ich wundervoll geſpielt habe, und daß ich es wahrlich verdiene tragiſche Rollen zu ſpielen. Hatte ich nicht ganz das Angeſicht eines Dämons, und war nicht etwas hinreißend Erhabenes und Feierliches in meiner ganzen Beſchwörung. Ach, wer uns geſehen, der ſollte meinen, dieſes Alles wäre Wahrheit geweſen, und wir hätten im Ernſt ſo geſchworen! Ich habe im Ernſte und in der Wahrheit geſchwo⸗ ren! ſagte Aphra. Und ich auch! rief Barbara. Nelly betrachtete ſie einen Augenblick mit verwun⸗ derten, ſtaunenden Blicken, dann ließ ſie abermals ihrer tollen Laune freien Lauf, indem ſie wieder mit ihrer ſilberhellen Stimme zu lachen begann. Nun, ſagte ſie dann, wenn es Euer Ernſt iſt, dann ſoll es auch der meine ſein! Krieg alſo allen Män⸗ nern, nur bitte ich um Gnade für meinen Prinzen, für meinen Prinzen der Zukunft nämlich! Und für mich! ſagte eine männliche Stimme hinter ihnen. 5 Die Frauen ſtießen einen lauten Schrei aus und blickten ſich erſchrocken um nach der Urſache der uner⸗ warteten Störung. 10* — 148— IX. Der Einzug des Rönigs in London. Gnade für den Verbrecher, welcher Sie zu er⸗ ſchrecken wagte, ſagte der in einen großen Mantel gehüllte Fremde, indem er ſich anmuthig auf ein Knie niederließ. Die Frauen hatten ſich ſchweigend und ängſtlich aneinander geklammert, und blickten halb entſetzt, halb neugierig auf den kühnen Frevler hin, welcher es wagte, ihre Einſamkeit zu unterbrechen. Man konnte ſein Antlitz nicht erkennen, denn ein großer breitge⸗ ränderter Hut beſchattete ſeine Stirn, und den Unter⸗ theil des Geſichts verhüllte eine jener kleinen ſchwarzen Halbmasken, wie ſie damals Mode waren für die Perſonen der Ariſtoeratie, wenn es ihnen bequem dünkte, nicht erkannt zu werden. Nehmen Sie Ihre Maske ab, mein Herr! ſagte endlich Barbara Palmer, indem ſie in der Würde ihres gekränkten Hausrechts ihren Muth wieder fand. Nehmen Sie Ihre Maske ab, und ſagen Sie mir, wer es wagen durfte, Sie hier einzulaſſen, während ich doch meinen Dienern befohlen, Niemand hier den Eintritt zu geſtatten? Ich habe Bopp auseinandergeſetzt, daß ich, als der nahe Anverwandte und Couſin meiner ſchönen Muhme Barbara Villiers, verehelichte Miſtreß Palmer, daß ich, ſage ich, jedenfalls eine Ausnahme mache. Bopp hat meine Auseinanderſetzungen verſtanden, und ſomit bin ich hier, ſagte der Unbekannte, indem er die „ — 149— Maske abnahm und den Mantel zur Erde nieder⸗ fallen ließ. Ah, George Buckingham! rief Barbara lächelnd, dann verfinſterten ſich plötzlich ihre Mienen, und mit einem leiſen Ton des Unwillens ſagte ſie: In der That, Herr Herzog, ich erwartete Sie heute nicht mehr! Unſerm Geſpräch von geſtern zufolge, durfte ich annehmen, Sie hätten keine Veranlaſſung, mich heute mit Ihrem Beſuch zu beehren. Ein Herzog, wir haben da einen Herzog! rief Nelly mit komiſchem Erſtaunen. Ja, einen Herzog, ſagte George Villiers, aber leider keinen Prinzen von Geblüt! Aber verzeihen Sie, meine Damen, wenn ich es wagte, Sie zu ſtören! Ich komme in einem wichtigen Geſchäft, welches keinen Aufſchub leidet, und ich muß ſogar Ihren Zorn auf mich nehmen, indem ich es wage, Ihnen meine ſchöne Couſine auf eine kurze Zeit zu entführen. Ohne eine Antwort Barbara's abzuwarten, nahm Buckingham ihre Hand und führte ſie, welche ge⸗ dankenvoll und ſinnend halb unbewußt ihm folgte, in das anſtoßende Gemach. Barbara ſchien erſt aus ihrem Nachſinnen zu er⸗ wachen, als die Thür, welche ſie von ihren Freun⸗ dinnen trennte, ſich hinter ihr ſchloß. Sie richtete ſich hoch empor, und ſagte ſtolz und kalt: Wird es Ihnen jetzt belieben, mir dieſen ſelt⸗ ſamen Ueb erfall zu erklären, und mir begreiflich zu machen, mit welchem Rechte Sie heute wieder in dieſes Haus kommen, das zu vermeiden ich Sie geſtern auf das dringendſte gebeten hatte? Der Herzog lächelte. Schöne Barbara, ſagte er, ich bin bereit Alles, was Sie nur bitten können, als einen unumſtößlichen Befehl entgegen zu nehmen, nur 150 in dieſem einzigen Falle mußte und durfte ich unge⸗ horſam ſein! Ich werde die Schwelle dieſes Hauſes nicht verlaſſen, bevor Sie nicht meinem Flehen nach⸗ gegeben und die dringenden Bitten des Mannes, welcher mich hergeſandt, erfüllt haben. Das heißt, ſagte Barbara, Sie wollen mich mei⸗ ner Ehre und meiner Pflicht auf immer abwendig machen! Ich weiß nicht, was meine ſchöne Coufine unter dieſen hochtrabenden Worten„Ehre und Pflicht“ ver⸗ ſteht, ſagte George Villiers, indem er nachläſſig mit der goldenen Kette ſpielte, welche auf ſeiner Bruſt hing. Jedenfalls ſind es aber andere Begri e, als die Euer ſchöner und ruhmwürdiger Gema mit dieſen Worten verbindet. Ich ſah ihn eben im Vorbei⸗ gehen in einer Taverne ſitzen. Er war in der Tracht eines Matroſen, und die beiden Orangenmädchen, welche neben ihm hockten, ſtarben faſt vor Lachen über ſeine wundervollen, draſtiſchen Witze, und die köſtlichen Lieder, welche er ſang, und die durchaus keine Schamröthe auf ihre Wangen trieben. Barbara's Augen glühten, und eine dunkle Röthe bedeckte ihr Antlitz. Sie ſahen ihn alſo, und er⸗ kannten ihn? fragte ſie tonlos. Nicht ich allein, ſondern ganz London weiß es, welcher Schmach und Demüthigung Euer Gatte Euch täglich unterwirft. Niemand wird ſich daher wun⸗ dern, wenn Ihr Euch endlich in edlem Frauenſtolz aufrichtet, und Rache nehmt an dem Verräther! Barbara's Antlitz war bleich geworden, und ihre Augen füllten ſich mit Thränen. Aber ſie kämpfte ſie mit Gewalt wieder zurück. Ich will Rache nehmen an ihm! ſagte ſie feſt und entſchloſſen. — 151— Und es ſoll eine ſüße und köſtliche Rache ſein! rief der Herzog. Eine Rache, welche von Brillanten funkelt und ſich in Sammt und Seide hüllt, eine Rache, welche eine Grafenkrone auf das Haupt meiner ſchönen Couſine ſetzt, und ein ganzes Königreich als Schemel unter ihre Füße bringt! Barbara ging hochathmend mit mächtigen Schritten im Gemach auf und ab. Ich will es verſuchen, ich will es! ſagte ſie leiſe für ſich hin. Er hat mich aufs Aeußerſte gebracht. Ganz London kennt bereits meine Schmach. Ah, man ſoll mich weder bemitleiden, noch über mich lachen können! Ich will das Gelübde er⸗ welches ich vorhin geleiſtet. Ich will Rache üben! th rief plötzlich der Herzog, Barbara's Selbſt⸗ geſprich unterbrechend. Mir war es, als hörte ich Trompetenſtöße. Ja, ſchon wieder jetzt. Es kommt näher, und näher! Der König hält ſeinen Einzug. In wenigen Minnten wird er hier iſe kommen! Erlauben Sie, ſchöne Barbara, daß ich Sie an das Fenſter führe. Vielleicht, daß Karl Stuart's Augen uns erblicken! Ja, laſſen Sie uns zu den Damen zurückkehren! Ah, dieſe Damen, ſagte der Herzog. Wer ſind ſie, wie heißen ſiez Es ſind wundervolle Geſchöpfe, und in der That, die blaſſe erhabene Schönheit mit den vulkaniſchen Augen könnte ſelbſt mein ausge⸗ branntes Herz noch in Flammen ſetzen. Wie heißt ſie denn? Es iſt Aphra Behn! Und die Andere? Dieſer Schmetterling mit dem füßen Lächeln, in welchem tauſend kleine Teufel ſpielen? Das iſt Nelly Gwyn! Ah, ich will mir doch die beiden Namen außzeichnen! „ * 152— Er trug die Namen in ſein Notizbuch ein, dann bot er ſeiner Couſine den Arm und führte ſie in das anſtoßende Gemach zu den Damen zurück. Schon hörte man jetzt ganz in der Nähe das Blaſen der Fanfaren, und das Jubeln des Volkes, welches überall auf ſeinem Wege durch die Stadt den König mit lautem Vivatrufen begrüßte und ihn willkommen hieß. Sie kommen, ſie kommen! jubelte Nelly, welche mit zitternder Ungeduld neben Aphra und Barbara im Fenſter lehnte, während der Herzog, ſich hinter ſie geſtellt hatte, und Aphra mit ſtrahlenden Blicken betrachtete. S Sie kommen! Seht, ſchon kommen die Fah en⸗ träger um jene Straßenecke dort, wie prachtvoll dieſe Fahnen ſind! Und ſchaut nur den Zug dieſer Ritter, welche prächtige Pferde, ach und welch' ſchöne Reiter! Wie ihre Gürtel funkeln von Juwelen und Edel⸗ ſteinen. Ah, und jetzt dieſe ſteifen und gepuderten Herren Parlamentsräthe, wie lächerlich die ſich aus⸗ nehmen hinter den ſchönen Cavalieren, ich muß gäh⸗ nen, wenn ich ſie nur anſehe! Aber jetzt wird es luſtig, ſeht nur, da kommen die Gewerke mit ihren Emblemen und Fahnen und ihren Spaßmachern und Narren! Hei, welche Purzelbäume die machen, und welche prachtvolle Geſichter die ſchneiden! Und wie ehrbar und gravitätiſch dieſe Herren Schuſter und Schneider anzuſehen ſind, und wie ſie ihre Bäuche in die Luft ſtecken vor lauter Feierlichkeit, und wie ſie die Unterlippe hängen laſſen, und die Naſenflügel auf⸗ ſperren vor lauter heiligem Eifer! Aber jetzt, ſtill, laßt uns die Hände falten, und beten, denn ſeht nur, da kommt die Geiſtlichkeit! Die Herren da mit den glänzenden Vollmondsgeſichtern und den wundervollen „ — 153— Perrücken, mit den breiten Schultern, und den über dem Ränzlein gefalteten Händen, das ſind die Männer Gottes, das ſind die, welche uns das Heil des Him⸗ mels verkünden und uns verſichern, daß die Erde nur ein Jammerthal, ein Vorhof der Hölle oder des Himmels ſei. Gott ſei Dank, jetzt ſind ſie vorüber, und jetzt wird's luſtig, denn ſeht nur, dicht hinter den Männern Gottes kommen die ſchönen Kinder dieſer Welt, die ſchönen Jungfrauen unſerer höchſt keuſchen und züchtigen Stadt. Das gefällt mir, das iſt höchſt ſinnig und tief gedacht! Hinter den Prieſtern die keuſchen Jungfrauen, jetzt ſollte es mich gar nicht wundern, wenn hinter dieſen Veſtalinnen der edle und erhabene König Karl— Ein donnerndes Jubelgeſchrei unterbrach jetzt Nelly's luſtiges Geplauder. Alles ſchrie und jauchzte, und ſchwenkte die Hüte, und wehte mit den grünen Eichenzweigen. Der König! rief Herzog Buckingham feierlich. Seht, Barbara, ſeht ihn nur. Neigt Euch vor, meine ſchöne Barbara, damit er Euch ſehen kann! Seht, jener ſchlanke Mann dort auf dem weißen, ſich bäu⸗ menden Pferde, das iſt König Karl! Ah, wie bleich er iſt, und wie matt das Lächeln, welches er auf ſeine Lippen gebannt hat. Barbara, Ihr werdet ihn anders ſehen, und ſchöner, jetzt beherrſcht ihn ein mächtiger und entſetzlicher Feind, der König lang⸗ weilt ſich! Der König langweilt ſich, ſagte Aphra bitter, er langweilt ſich, während ſein Volk ihm ſeine Liebe ent⸗ gegenjaucht. In der That, die Züge des Königs waren trübe und ermattet. Dieſes ewige Schreien und Jauchzen des Volkes, welches er jetzt von der Frühe des Mor⸗ — 154— gens an hatte hören müſſen, es hatte endlich ſeine Ohren betäubt, dieſes Lächeln, welches er ſeit ſeinem Ausmarſch von Canterbury bis jetzt hatte auf ſeine Lippen bannen müſſen, es hatte ſeine Geſichtsmuskeln endlich krampfhaft angeſpannt, und die ewigen Will⸗ kommensreden, mit welchen man ihn an jedem Triumph⸗ bogen empfing, und ihn nöthigte, in der brennenden Sonnenhitze, mit unbedecktem Haupte auf ſeinem bäu⸗ menden Pferde auszuharren, das Alles hatte den König ermüdet und fing ſchon an ihn zu erzürnen, und mit Abſcheu zu erfüllen. Zudem hatte er ſo eben in der Nähe die Thürme des Towers erblickt, und er hatte ſich dabei erinnert, daß ganz nahe bei dem Tower der Platz ſich befand, auf welchem man ſeinen Vater hingerichtet, und daß diejenigen, welche ihm jetzt entgegen jauchzten, eben ſo gebrüllt hatten, als man ſeinen Vater auf das Schaffot führte. Als er das dachte, erblaßte der König vor Zorn, und die Lippen feſt aufeinander preſſend, ſetzte er dem Pferde die Sporen in die Seiten, daß es hoch auf⸗ bäumte und in wilden Sätzen vorwärts ſprang. Ein Aufſchreien des Entſetzens unterbrach jetzt einen Augenblick das Jauchzen der Menge, man ſtob auseinander, man rief und ſchrie, und Jeder bückte ſein Haupt, um es vor den Hufen des wilden Pferdes, welches den König trug, zu erretten. Eine grenzenloſe Verwirrung entſtand, Alles drängte rückwärts, bald hörte man angſtvolles Schreien und Winſeln, bald vernahm man lautes Fluchen und den Weheruf der zu Boden Getretenen, der Erſtickenden, welche die angſtgepeitſchte Menge erdrückte, und die Sinkenden dann unter den Füßen zerſtampfte. Aber niemals gab es einen gewandteren und 6 Reiter, als den König Karl⸗ und indem er — 155— ſeinem ſchäumenden Roß die Sporen in die Seiten ſetzte, daß es blutend hoch aufſprang vor Schmerz, ſagte er zu ſich ſelber:„ſo wie dieſes Pferd will ich auch das Volk bezähmen, unb es ſoll die Sporen meiner Füße fühlen!“ Als aber in dieſem Moment das Volk, von der ritterlichen Gewandtheit des Königs entzückt, und endlich einſehend, daß keine Gefahr mehr vorhanden, in lautes Vivatbrüllen ausbrach, verneigte der König ſich lächelnd nach allen Seiten hin. Gerade unter dem Fenſter, an welchem Barbara mit ihren Freundinnen ſtand, hatte die ganze Scene ſtattgefunden, und in athemloſer Angſt, in Be⸗ wunderung und Entſetzen, hatten die Frauen ihr zu⸗ geſehen. Das iſt prächtig, das iſt wundervoll, rief Nelly. Ach, ich wollte, das wäre mein Prinz! Aber ſeht nur, ſeht,— der König blickt zu uns herauf! In der That, das irrende, gelangweilte Auge des Königs hatte ſich ganz zufällig zu dem Fenſter empor gewandt, aber als er dort oben die drei ſchönen Frauen gewahrte, kam plötzlich Leben und Bewegung in ſeine erſchlafften Züge. Seine Augen flammten höher auf, ſein Lächeln war kein gezwungenes mehr, Alles an ihm athmete Freude und Glück. Das entzückte Volk ſagte zu einander: ſeht nur wie es ihn freut, wenn wir Vivat ſchreien, wie er ſelig uns anlacht. Laßt uns ihn auf's Neue entzücken. Laßt uns brüllen, Vivat, Vivat der König! Diesmal vernahm Karl Stuart kaum dieſes Ge⸗ ſchrei, er blickte noch einmal empor zu dem Fenſter, ſein flammendes Ange ſchien ſich gar nicht abwenden zu können von Barbara Palmer und er geſtand ſich, er habe niemals ein ſchöneres Weib geſehen. Plötzlich — 6— gewahrte er nebr den Kopf eines Mannes. Dieſer lächelte ihm verſtohlen zu, und zeigte auf Barbara. Des Königs ſcharfer Blick hatte ſeinen Freund George Villiers erkannt, und nun leuchtete ſein Antlitz vor Entzücken. Er hob grüßend die Hand empor, dann verneigte er ſich tief vor den Damen und ſprengte vorwärts! Nun, wie finden Sie den König? fragte Buckingham. Wundervoll! rief Nelly. Er iſt ſchön! ſagte Barbara ſinnend. Und Sie, was ſagen Sie zu dem König? fragte⸗ der Herzog, ſich an Aphra wendend, welche ſinnend abſeits ſtand, und Barbara's Angeſicht mit ernſten, prüfenden Blicken beobachtete. Nun, ſchöne Dame, was meinen Sie, wird Karl Stuart das ſchöne Eng⸗ land glücklich machen? Aphra ſchüttelte langſam ihr Haupt. Nein, ſagte ſie, der König hat kein Herz für ſein Volk. Er hat nur ein Herz für die Frauen. Das Jubelgeſchrei des Volks langweilte ihn, und als er uns ſah, erheiterte ſich ſein Geſicht. Barbara wandte mit einem leichten Erröthen ſich ihrer Freundin zu, ihre Blicke begegneten ſich und Barbara las in Aphra's forſchenden Augen, daß ſie errathen ſei. Sie nickte ihr zu und lächelte. Aphra legte leiſe die Hand auf ihre Schulter, und indem ſie ſich dichter an ihr Ohr neigte, flüſterte ſie: Gedenke unſeres Schwurs. Barbara, Du wirſt mächtig ſein und groß, laß Dich niemals hinreißen von Leidenſchaft Eitelkeit, behalte immer Dein — 157— Ziel vor Augen, Rache allen Männern! Dies ſei unſer Wahlſpruch und das ſei mein Lebewohl! Und indem ſie ſo ſprach, küßte ſie Barbara und drückte ſie innig an ihr Herz. Armes Weib, flüſterte ſie leiſe: Man wird Deinem Namen fluchen, und Dich ſteinigen und Nie⸗ mand wird Erbarmen haben mit Dir! Niemand wird es zugeſtehen, daß Dein eigener Gatte Dich in Schuld und Schmach hineingetrieben! Sie werden ihn beklagen, und Dich verurtheilen! Und Du? fragte Barbara. Ich werde Dich auch beklagen, aber ich werde Dich lieben! Lebewohl jetzt, Dein Schickſal ruft Dich! Sie drückten ſich noch einmal die Hände, dann verließ Aphra langſam das Gemach, um ſich in ihre Wohnung zu begeben. Nelly hatte nichts geſehen von dem, was im Zimmer vorging, ſie lehnte noch immer im Fenſter und machte ihre launigen und ſchalkhaften Bemerkun⸗ gen über die jetzt vorbeiziehenden Hoſeavaliere des Königs. Aber Herzog Buckingham hatte jedes Wort Aphra's vernommen, und ihre ſtolze und ernſte Weiſe, ver⸗ bunden mit dem leidenſchaftlichen, faſt fanatiſchen Aus⸗ druck ihres Geſichts hatte einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht. Barbara, ſagte er, Sie werden mir helfen, dieſes wundervolle junge Weib zu gewinnen. Das werde ich nicht thun, denn ich will nicht, daß ſie unglücklich werde, ſagte Barbara. Mein Gott, weshalb glauben Sie denn, daß ich ſie unglücklich machen würde? Weil ich Sie kenne, Herzog, und weil Sie ganz — 158— dazu geſchaffen ſind, eine Frau in Verzweiflung zu bringen, entweder durch Ihre Kälte, wenn dieſes Weib das Unglück hat, Sie zu lieben, oder durch Ihre leidenſchaftliche Zudringlichkeit, wenn ſie Vernunft genug beſitzt, Sie zu verabſcheuen. Nein, nein, wollen Sie durchaus ſich ein Herz erobern, ſo neh⸗ men Sie ſich dieſen ſchönen Schmetterling, unſere kleine Nelly da! Mich nicht, oh um's Himmels willen, was habe ich mit einem Herzog zu ſchaffen, rief Nelly lachend. Nein, Herr Herzog, ſparen Sie Ihr Feuer und Ihre Zärtlichkeit für ein empfänglicheres Herz auf. Barbara nennt mich einen Schmetterling, und zur rechten Stunde erinnert ſie mich daran, daß ich Flügel habe! Ich muß weiter flattern, denn der Zug iſt jetzt vorüber, und ich muß ſogleich in die Theater⸗ probe, wenn ich nicht will, daß der ſtrenge und unerbittliche Director Davenant mich in Strafe ver⸗ urtheilt! Alſo adieu, meine liebe, ſtolze Königin Barbara, und adieu, mein Herr Herzog, welchen die Kinder und die Narren den König aller Witzbolde nennen! Sie nickte ihnen leicht und lächelnd einen Abſchieds⸗ gruß zu, warf ihren Shawl über die nackten Schul⸗ tern und hüpfte lachend und tänzelnd aus dem Zim⸗ mer, während ſie mit lauter, fröhlicher Stimme rief: Halloh! Wo iſt mein Prinz! Eine Orange für mei⸗ nen Prinzen!— Lady Caſtlemaine. Barbara war jetzt allein mit dem Herzog. Eine augenblickliche Pauſe trat ein, dann ſagte Buckingham: Jetzt geht der König nach Weſtminſter, um ſein Gebet zu verrichten, und einige näſelnde, langweilige Prieſter anzuhören, dann hat er dieſelbe Ceremonie in St. Paul zu erdulden, und wenn er endlich in Whitehall ange⸗ langt iſt, muß er ſeinen Hofſtaat die Revue paſſiren laſſen. Erſt wenn dies Alles überwunden iſt, darf er ſich in ſeine Gemächer zurückiehen. Darüber wer⸗ den noch ſechs Stunden vergehen. Sie haben alſo noch ſechs Stunden Zeit ſich zu ſchmücken, von Ihrer Vergangenheit Abſchied zu nehmen, und Ihr Haus zu beſtellen! Barbara hatte gar nicht auf ſeine Worte geachtet. Ihr ſcharfes Ohr hatte im Vorzimmer Schritte ver⸗ nommen, und mit dem Inſtinct eines liebenden Weibes hatte ſie dieſe nur zu wohl erkannt. Hören Sie, ſagte ſie raſch und leiſe, es iſt mein Gemahl, welcher kommt! Ich kenne ſeinen Schritt, und ich will jetzt Alles zur Entſcheidung bringen! Er ſoll von mir die ganze volle Wahrheit vernehmen, und ich ſage Ihnen, Herzog, leſe ich in ſeinen Mienen auch nur den kleinſten Zug des Bedauerns oder der Liebe, bricht unter dieſer rauhen Eishülle endlich einmal ein heller, erwärmender Sonnenblick hervor, dann iſt es nichts mit Ihren Vorſchlägen und Plä⸗ nen, und ich bleibe bei ihm, ſelbſt auf die Gefahr hin, von ganz London für eine Wahnſinnige gehalten zu werden! — 160— Und wenn er gleichgültig bleibt? Dann, nun dann ſage ich mich los von ihm, und folge Ihrem Ruf. Aber hören Sie, er nähert ſich der Thür! Treten Sie hinter den Vorhang hier. Er ſoll glauben, daß ich allein mit ihm bin! Sie drängte mit eilender Haſt den Herzog hinter den Vorhang, welcher die in einer Niſche aufgeſtellte Statue der Venus verhüllte, und nachdem ſie ſich überzeugt, das Niemand ihn dort entdecken könne, warf ſie ſich nachläſſig auf den Divan hin. In dieſem Augenblick ward die Thür geöffnet und ein junger Mann trat langſam in das Zimmer. Sein Antlitz war blaß und trug den Ausdruck der höchſten Erſchöpfung und Abſpannung, aber dennoch war dies Antlitz von einer bewunderungswürdigen Schönheit. Jeder Zug deſſelben durchaus edel und erhaben, das Auge von einem tiefen, durchdringenden Feuer, die hohe, majeſtätiſche Stirn leicht umwölkt und umdüſtert, und um den ſchön geformten Mund ein Lächeln der tiefſten Verachtung, das ſchmerzlich und verzweiflungs⸗ voll zugleich war. Barbara ſah ihn an, und fühlte ihr Herz geſchwellt von wehmuthsvoller Trauer. Wie ſchön er iſt, ſagte ſie ſich ſelber, und denken zu müſſen, daß dieſes ſchöne Bild nur eine Tänſchung iſt, eine Götterform, die nichts als eine ſchmutzige Seele birgt! Guten Morgen, Barbara, ſagte der junge Mann, indem er ſich in einen Seſſel warf. Barbara erwiederte nichts. Sie blickte ihn nur an, und ihre Angen füllten ſich mit Thränen. Ich finde es ſehr unartig, daß Du meinen Mor⸗ gengruß nicht erwiederſt, ſagte ihr Gatte rauh. Es iſt dies eine Art des Benehmens, wie man ſie in den „ 16 gemeinſten Schenken nicht findet, und wie kein Matroſe ſie von ſeinem Weibe duldet! Ich zweifle nicht, daß Du ſehr genau weißt, was in den Schenken und bei Matroſen Brauch und Sitte iſt, ſagte Barbara ſeufzend, aber dies läßt ſich nicht auf andere Lebensverhältniſſe übertragen. Wenn ich Deinen Morgengruß hätte erwiedern ſollen, müßteſt Du ihn mir vor ſechs Stunden geſagt haben. Jetzt iſt es Mittag. Aber Du warſt wieder dieſe Nacht nicht daheim, Alfred, und meine Augen ſuchten Dich heute Morgen wie immer vergeblich. Geſchäfte, Barbara, Geſchäfte, ſagte ihr Mann nachläſſig. Uebrigens verbitte ich mir dieſes Spioniren und Aufpaſſen durchaus. Mein Gehen und Kommen kümmert Dich gar nicht, und es iſt läſtig, immer beobachtet zu werden! Schilt nicht, Alfred, und ſei nicht böſe, weil ich wünſchte, Dich zu ſehen, bat Barbara mit ſanftem Ton, und indem ſie aufſtand und ſich neben ihn ſetzte, fuhr ſie fort: Höre mich an, Alfred, und ich bitte, ſchenke mir auf einige Momente Deine volle Aufmerkſam⸗ keit, denn dieſe Stunde entſcheidet über meine ganze Zukunft, über mein ganzes Leben, nein, mehr als das, über meine Seligkeit! Dieſe Stunde trennt mich auf ewig von Dir, oder ſie vereint mich mit Dir für immerdar. Dann wünſchte ich, daß ſie das Erſtere thut, ſagte er rauh. Du biſt ſehr grauſam, ſeufzte Barbara, Du haſſeſt mich alſo! Das heißt, ich liebe Dich nicht, und das wußteſt Du, bevor ich mich mit Dir vermählte. Ich ſelber hatte Dir geſagt, daß ich nur, um dem Willen meines Vaters zu genügen, nur, weil dieſer ſonſt mich ent⸗ Farl I. 2. — 162— erben wollte, Dir meine Hand gab. Dennoch willigteſt Du ein, mein Weib zu werden. Du hätteſt mich retten können, ich ſagte es Dir! Sobald Du Dich weigerteſt, meine Gattin zu werden, waren alle Schwie⸗ rigkeiten gelöst, war mein Vater mit mir ausgeſöhnt, und hatte kein Recht, mich einen widerſpenſtigen Sohn zu nennen. Wie geſagt, mein Schickſal lag in Deinen Händen, Du hätteſt mich glücklich machen können, in⸗ dem Du Dich mir verſagteſt, aber Du zogſt es vor, mich auf ewig zu vernichten. Ich werde Dir dies niemals verzeihen! Und hatte ich nicht, gleich Dir, den Zorn eines Vaters zu fürchten? Mußte ich nicht meinem Vater gehorchen, wie Du dem Deinen? Bah, Dein Vater würde Dich nicht enterbt haben. Ich fürchtete nicht den väterlichen Zorn, ſondern die Enterbung! Und dann, ſagte Barbara, war es auch Dein Vater ſelber, welcher mich bat, ja, ich darf es ſagen, welcher mich mit Thränen beſchwor, zu Deinem Heil, wie er es nannte, Dein Weib zu werden! Ah bah, die Väter wiſſen niemals das Heil ihrer Kinder richtig zu ermeſſen! Eine gezwungene Ehe kann niemals ein Glück bringen, ſondern immer nur Verderben! Barbara ſeufzte, dann ſagte ſie mit leiſer und zit⸗ ternder Stimme: Und dann, Alfred, mein eigenes Herz drängte mich, Dein Weib zu werden! Ich war ſo kindiſch, ich glaubte, meiner Liebe könnte es gelingen, Dich zu verſöhnen und endlich eines Tages mir Bein Herz zu erwerben. 3 Der junge Mann brach in ein lautes und ſpöttiſches Gelächter aus, aber er antwortete nichts. Ich weiß jetzt, daß dies ein Irrthum iſt, fuhr — 163— Barbara fort, indem ſie mit ihren großen, durch⸗ dringenden Augen das Antlitz ihres Gemahls beob⸗ achtete. Du haſt mir jetzt ſo oft geſagt, daß meine Nähe Dir verhaßt iſt, daß ich Dir endlich wohl glauben muß. Du haſt meiner Thränen, meines Fle⸗ hens und Bittens ſo oſt geſpottet, daß ich jetzt weder mehr weinen, noch auch Dich bitten will, bei mir zu bleiben. Das würde auch ganz nutzlos ſein, ſagte ihr Gatte lachend. Ich bin nicht der Mann, der ſich durch Weiberthränen erweichen läßt. Uebrigens worüber haſt Du Dich zu beklagen? Du haſt wider meinen Willen mein Weib werden wollen, gut, Du biſt es geworden! Und worin beſchränke ich Dich jetzt? Laſſe ich Dir nicht in allen Dingen Deine Freiheit, ja, ver⸗ banne ich mich ſogar nicht aus meinem eigener Hauſe, und ſuche mir anderswo einige Zerſtreuung und Er⸗ heiterung, nur um Dich nicht zu ſtören? Wer würde mich hindern können, wenn es mir gefiele, meine Freunde und Freundinnen in mein Haus einzuladen, und ihnen ſo rauſchende und luſtige Feſte zu geben, wie es mir behagte. Nun, warum thue ich es nicht? Nur aus Rückſicht für meine Frau Gemahlin, welche ſtatt dies dankend anzuerkennen, mich mit ihrer wei⸗ nerlichen Unzufriedenheit beläſtigt! Ich werde Dich niemals mehr beläſtigen! ſagte Barbara ſtolz. Magſt Du Deinen Vergnügungen nachgehen, ich werde mir die meinen ſuchen, nur werde ich ſie in einer andern Sphäre finden! Die Deinen blühen in Schenken und Tavernen, die meinen werden wenigſtens in reinern und minder übelriechen⸗ den Sphären ſein! Wo denn? fragte ihr Mann gleichgültig. — 164— Am Hofe! Am Hofe unſeres jungen und ſchönen Königs. Und das nennſt Du eine reinere Sphäre, als die Tavernen? fragte ihr Mann mit lautem Lachen. Man muß ſehr unſchuldig ſein, um das zu glauben. Uebri⸗ gens, da wir einmal auf dem Wege der vertraulichen Mittheilungen ſind, wie kommſt Du an den Hof? Mein Vetter, der Herzog von Buckingham, wird mich dem König noch heute vorſtellen. Das heißt, Dein Vetter hat Dich dazu auserſehen, des Königs Freundin und Geſellſchafterin zu ſein? Ich glaube, ſo iſt es! ſagte Barbara, indem ſie in athemloſer Spannung das Antlitz ihres Gemahls beobachtete. Aber dieſes Antlitz blieb ruhig und unbe⸗ wegt, keine Muskel deſſelben zuckte, nichts an ihm ver⸗ rieth eine Spur von Zorn oder Aufregung. Ja, ich ſoll die Geſellſchafterin des Königs werden, und ich will es, wenn anders Du nichts dagegen ein⸗ zuwenden haſt, ſagte Barbara zitternd, mit faſt verſa⸗ gender Stimme. Ich? fragte er verwundert. Was könnte ich dage⸗ gen einzuwenden haben? Ich maßte mir, ſo viel ich weiß, niemals das Recht an, Deine Handlungen zu kritiſiren und zu tadeln, wie Du die meinigen! Gehe immerhin an den Hof, und werde die Freundin des Königs. Das wird mir in der That viel Spaß ma⸗ chen, und ich werde mir zuweilen die Ehre geben, Dich zu beſuchen, um meine Frau Gemahlin in ihrem Glanz und ihrer Pracht zu ſehen. Barbara ſeufzte und ſenkte matt das Haupt auf ihre Bruſt. Er hat ſelbſt kein Ehrgefühl mehr, mur⸗ melte ſie leiſe. 2 Du willſt alſo, daß ich gehe? rief ſie dann mit fieberhafter Heftigkeit. Selbſt die Ehre Deines Na⸗ — 165— mens gilt Dir nichts mehr? Oh Alfred, ich beſchwöre Dich, ermanne Dich! Reiße mich zurück von dem Ab⸗ grund, an dem ich ſtehe, und in welchen ich hinab⸗ ſinken werde, wenn Deine Hand mich nicht hält. So ſinke denn in den Abgrund, ich halte Dich nicht, ſagte ihr Gatte kalt und ruhig. Barbara ſchrie laut auf vor Zorn und Schmerz. Sie war außer ſich, mit gerungenen Händen, ächzend und ſeufzend lief ſie, wie gefoltert von raſender Pein im Zimmer auf und ab, und ihre zitternden Lippen murmelten einzelne, abgebrochene, unverſtändliche Worte. „Dann plötzlich blieb ſie vor ihrem Gatten ſtehen, welcher ihr mit ſtumpfem Lächeln zugeſehen. Schweigend, mit blitzenden Augen ſtarrte ſie ihn an. Dann warf ſie das Haupt ſtolz empor, und noch bebend vor innerer Aufregung, aber gekräftigt zugleich von edler Entrüſtung ſagte ſie verächtlich: Es ſeil ich habe nichts mehr zu ſchaffen mit Dir. Du haſt mein Herz, welches in krampfhafter Angſt nach Dir ſchrie, Du haſt dieſes Herz, welches Dich liebte, verſtoßen! Wehe über Dich! Ich mache Dich verantwortlich für meine Zukunft. Auf Dich meine Schande und meine Erniedrigung, und jeder Fluch, mit dem man mich verfolgen wird, und jede Verwünſchung, die man an meinen Namen heftet, auf Dich falle es zurück. Du haſt meine Seele zertreten, ſie wird zu Gott empor ſchreien um Erbarmen, und Gott wird mir verzeihen, und Dich verdammen! Das iſt mein Lebewohl! Ich bin ſo lange eine Bettlerin geweſen, welche um ein wenig Liebe und Menſchlichkeit flehte, jetzt will ich eine Königin ſein, und ich will herrſchen, und die ganze Welt zu meinen Füßen ſehen!§ Mit ſtolzen Schritten durcheilte ſie das Gemach und ſchlug den Vorhang zurück, welcher den Herzog verbarg. — 166— Treten Sie jetzt hervor, Herr Herzog, ſagte ſie. Ich bin jetzt bereit, Ihnen zu folgen! Und daran werden Sie ſehr wohl thun, Barbara, ſagte George Villiers, indem er die Hand ſeiner Con⸗ ſine ergriff. Kommen Sie, laſſen Sie uns ſo ſchnell als möglich zum König eilen. Sie werden an ihm nicht nur einen Geliebten finden, ſondern auch einen Ritter, welcher Ihre Ehre zu vertheidigen wiſſen wird gegen jeden Buben, und ſei dieſer Bube auch Ihr eige⸗ ner Gemahl! Oder der Herzog von Buckingham, ſagte Barba⸗ Wa's Gatte, indem er ſich gemächlich auf dem Seſſel ſtreckte. Sie ſind nicht im Stande mich zu beleidigen! rief der Herzog ſtolz⸗ Ich bin mit Ihnen ganz in demſelben Fall! ſagte Alfred Palmer ruhig. Uebrigens ſehne ich mich jetzt nach Ruhe. Ich will ſchlafen, und ich bitte meine höchſt ehrenwerthe Frau Gemahlin, dieſes Haus jetzt ſo bald als möglich zu verlaſſen. Gute Nacht alſo! Und wenn wir uns einſt wiederſehen, ſo wird das ein luſtiges guten Morgen ſein. Aber für jetzt gute Nacht, gute Nacht! Gute Nacht! ſagte Barbara tonlos, indem ſie ganz zerknickt und zerbrochen ſich auf des Herzogs Arm lehnte, und auf ihn geſtützt, langſam das Zimmer verließ.— Einige Tage ſpäter unterſchrieb der König zwei Ordonnanzen. Die erſte dieſer Ordonnanzen ernannte George Villiers, Herzog von Buckingham, zum gehei⸗ men Staatsminiſter und königlichen Oberſtallmeiſter, die andere machte den ſehr ehrenwerthen Herrn Alfred Palmer zum Grafen von Caſtlemaines) wegen ſeiner aus⸗ *) Secret history of Charles Second, by a member of the Court. Vol. I.— Burnet, history of my own time. „ — 167— gezeichneten Verdienſte, und der Treue, welche er dem Königshauſe immer bewieſen. Barbara Palmer war alſo jetzt die hochgeborene Gräfin von Caſtlemaine und bewohnte eine prachtvolle Wohnung in der Nähe von Whitehall. XI. Erinnerungspoeſie. Aphra hatte alſo ihr Ziel erreicht, ſie war nicht mehr die Selavin ihres Gatten, ſie war frei, Herrin ihrer ſelbſt und ihres Geſchicks. Sie hatte in London nach einem kleinen, ſtillen und einſamen Zimmer geſucht, und das Glück war ihr darin günſtig geweſen, indem es ſie bald finden ließ, was ſie ſuchte. Es iſt wahr, das Haus, welches ſie bewohnte, lag in einer abgelegenen, düſtern Straße, und das Zimmer, welches ihr der Beſitzer des Hauſes für ziemlich hohen Zins vermiethete, war unter dem Dach belegen, indeß war es doch ein freundliches klei⸗ nes Gemach mit friſchen, grünen Wänden, mit zierli⸗ chem Hausgeräth und mit einer niedlichen Ausſicht nach einem von Blüthen und Bäumen duftenden und rauſchenden Garten. Aphra hatte ſich ſchnell eingerichtet in ihrer neuen Wohnung Mit glücklicher, echt weiblicher Geſchicklichkeit hatte ſie Alles ſo geordnet und geſtellt, daß ihr Zimmer ſogar einen Anſtrich von Eleganz gewonnen, und daß es in ſeiner zierlichen Einfachheit und Sauberkeit einen wohlthuenden Eindruck machte. Dann hatte ſie das Silberzeug, welches ihr Gatte in einer Art Großmuth — 168— ihr als das Einzige ihres ganzen Beſitzthums gelaſſen, aus dem Beſteck hervorgeholt, und war damit lachen⸗ den Muthes ausgegangen, um es beim nächſten Gold⸗ ſchmied zu verkaufen. Gerade von dieſem Gange zu⸗ rückkehrend, war es geweſen, daß ihr Barbara Palmer begegnete, und ſie dieſer in ihre Wohnung folgte.— Jetzt kehrte ſie zurück von ihrem Beſuch, und mit freudiger Haſt betrat ſie wieder ihr kleines, niedriges Zimmer. Ah, ſagte ſie leiſe, indem ſie mit lieblichem Kopf⸗ nicken umherſchaute und ſich ganz erſchöpft auf den kleinen Divan ſetzte, ah, jetzt wird mir wieder leicht und wohl. Ich habe gar nichts zu ſchaffen mit der Welt, die Einſamkeit iſt meine Frende, und ſie allein kann mich erquicken und tröſten. Und jetzt, ſagte ſie dann mit einem reizenden Lächeln, indem ſie eine kleine gefüllte Börſe aus der Taſche ihres Kleides hervorzog, jetzt will ich vor allen Dingen meine Reichthümer zählen, und mir darnach meine Zukunft einrichten. Dreißig Pfund! Das iſt mein ganzes Beſitzthum, aber es iſt genug für's Erſte, es ſchützt mich zwei Monate vor Mangel, und bis dahin werde ich mir neues Geld verdienen, und mir eine neue Zukunft begründet haben. Ach, und welch' eine Zukunft. Eine Zukunft voll Glanz, Ruhm und Ehre. Ganz England ſoll meinen Namen kennen und preiſen. Da ich keine durch Liebe beglückte Frau ſein kann, ſo will ich mindeſtens eine berühmte Frau werden, und weit über das Grab hinaus ſoll mein Name leuchten und glänzen! Als ſie ſo ſprach, ſtrahlten ihre Augen in dem Glanz der Begeiſterung, und ein hohes Roth bebeckte ihre Wangen, aber plötzlich erloſch dieſes vorüber⸗ * — 169— gehende Leuchten, und eine tiefe Trauer ſprach aus ihren Zügen. Sie ſenkte ihr Haupt auf ihre Bruſt, und ihre Stimme klang ſchmerzvoll und klagend, als ſie ſagte: Dennoch wird es mir füß ſein, zu ſterben, und ich hoffe auf das Grab; es ſoll mich umſchlingen, wie die Arme eines Geliebten! Und werde ich denn im Grabe meinen Geliebten nicht wieder finden? Schlummre, mein Oronooko, ſchlummre nur weiter in Deinem kalten und einſamen Grabe! Nur wenige Jahre noch, wenige Jahre, dann ſteige ich zu Dir nieder, mein Oronooko, dann komme ich, um Dir zu erzählen von der tollen Welt und ihren vergifteten Freuden, aber auch, mein Geliebter, um Dir zu ſagen, wie ich Deinen Mord gefühnt, und die Menſchen geſtraft habe für Alles das, was ſie Dir und mir gethan! Schlummre nur, ſchlummre nur, ich will Deinen Namen verklären, daß alle Welt ihn kennen und zu Deinem Grabe wall⸗ fahrten ſoll, wie zu dem heiligen Tempel eines Heros oder eines Heiligen. Das iſt die Aufgabe meines Lebens, und ich werde ſie erfüllen, ſo wahr ich Aphra heiße, und die Kraft und das Genie eines Dichters in mir fühle! Noch ganz durchglüht von all' dieſen auf ſie ein⸗ ſtürmenden Gedanken ſprang ſie empor, und richtete ſich ſtolz auf. Ich will ſchreiben! ſagte ſie ganz laut nnd be⸗ geiſtert. Das Schickſal hat mich zu einer Dichterin beſtimmt, ich fühle es, ich weiß es. Ich will alſo mein Geſchick erfüllen, ich will eine Dichterin werden! Das Diadem der Schmerzen iſt ſchon auf meine Stirn gedrückt, der Stern des Unglücks leuchtet ſchon auf meinem Haupte, und ich habe ſchon die Taufe der Thränen empfangen, mit welchen mein Dämon mich geweiht hat zu einer Dichterin. Denn nur durch Schmerzen und Todesqualen entringt ſich dem Men⸗ ſchen der Dichter, und nur durch die läuternden Flammen der Erdenpein führen uns die Pfade zu dem Tempel der Poeſie. Es ſage daher Niemand, er ſei ein Dichter, wenn er nicht zuvor ſein Herz hat zerſchellen gefühlt an den Klippen, mit welchen das Leben uns umgiebt, und wenn er nicht ſeine Seele hat zerbrechen gefühlt von unverſchuldeten oder ſelbſtgeſchaffenen Schmerzen! Das Genie wird ge⸗ boren, aber um es zu wecken, bedarf es des Un⸗ glücks und der Pein! Ich fühle, daß es in mir erwacht iſt; es tagt in mir wie eine Morgenröthe, und der Memnonsſäule gleich klingt und ſingt es in mir erwärmt von dem Glanz dieſer neuen Morgen⸗ ſonne. Jetzt will ich ſchreiben, und möge Gott mir dazu gnädig ſein. Und ſie ſchrieb! Sie nahm mit zitternder Hand die Feder, aber es war ihr, als ob ein Feuerſtrom aus ihrem Herzen, und ihrem Kopf in ihre Hand empor ſchoß, ſie hatte ein Gefühl, als ob es um ſie flüſtre und rauſche mit niemals gehörten Geiſter⸗ ſtimmen, als ob eine Pforte in ihrer Bruſt ſich auf⸗ thue, um ganz neue Geſtalten, ganz neue Anſchauun⸗ gen, ganz neue Bilder daraus hervor zu laſſen. Sie dachte Gedanken, welche ſie niemals gedacht, ſie fühlte ſich durchglüht von Gefühlen, welche ihr ganz neu, ganz fremd waren, eine wunderbare Frendigkeit und zugleich eine himmelſtürmende Wehmuth war in ihr! Es war eine heilige Stunde,— Aphra vernahm die erſten Offenbarungen ihres Dichtertalents, und ſie ſchrieb nieder, was die unſichtbaren Geiſter in ihrer Bruſt ihr zuflüſterten. Sie fühlte ſich gleich⸗ ſam als das willenloſe Werkzeug einer höhern, ſie „ — 171— beherrſchenden und überwältigenden Macht, und ſie ſchrieb, nicht weil ſie wollte, ſondern weil ſie mußte, weil eine zauberhafte Gewalt ihr die Feder führte und ihr befahl, Alles das zu ſagen, was ſie ihr heißen würde! Viele Stunden ſaß Aphra ſo und ſchrieb. Als end⸗ lich dann die Feder ihrer Hand entſank, als ſie er⸗ ſchöpſt ſich zurücklehnte auf ihren Seſſel, da mußte ſie mindeſtens ſich ſelbſt bekennen, daß dies nach langen und verzweiflungsvollen Wochen und Monaten die erſte Stunde des reinen und ungetrübten Glückes geweſen. Mit einer Art frommen Wahnſinns hob ſie ihre Arme zum Himmel empor, und ihre Augen leuchteten von einem überirdiſchen Glanze. Ich danke Dir Gott! ſagte ſie laut, ich danke Dir, Oronooko, mein Geliebter, denn Du warſt bei mir in dieſer Stunde und ich fühlte den Hauch Deines Athems auf meiner Stirn!—— Aber jetzt fühlte ſie ſich dem Erſticken nahe vor innerer Aufregung, jetzt hatte ſie ein Gefühl, als müßten die Adern ihrer Bruſt zerſpringen, und ihr ganzes Leben zerfließen, und ſich verduften in dieſen Schauern der Begeiſterung. Die Luft dieſes Zimmers bedrückte ſie, ſie rang nach Luft, nach Athem; zum Fenſter ſtürzend, öffnete ſie dies, und lehnte ſich weit hinaus, um ihr Antlitz, ihre Stirn vom Winde kühlen zu laſſen. Da hörte ſie plötzlich ihren Namen rufen, ein Zucken durchflog ihre Glieder, und es war ihr, als ob eine kalte Hand ſich über ihr Herz lege. Ihre heilige Einſamkeit war durchbrochen, die Phantaſiegebilde, welche ſie begeiſtert, entſchwanden mit ihr, und Aphra fühlte ſich der Wirklichkeit wiedergegeben. — 172— Langſam und mit finſterm Blick wandte ſie ſich um. Hinter ihr ſtand George Villiers, Herzog von Buckingham. Sie ſah ihn ſtolz und zürnend an, und mit einem eiskalten Lächeln erwiederte ſie ſeinen Gruß. Aber der Herzog ließ ſich von ihrem Zürnen und ihrer Zurückhaltung nicht einſchüchtern. Verzeihen Sie, ſagte er, verzeihen Sie, daß ich es wage, ſo ganz unangemeldet zu Ihnen zu kommen. Ich wundere mich nicht, daß Sie unangemeldet kommen, ſondern daß Sie überhaupt da ſind, ſagte ſie mit impoſanter Ruhe, und ich darf mir wohl eine Er⸗ klärung ausbitten über das, was Sie zu mir führt. Der Herzog ſah ſie mit leuchtenden Blicken an, ſie ertrug dieſen Blick, und ſchlug vor dieſen durch⸗ bohrenden, forſchenden Augen die ihren nicht nieder. Es war gleichſam ein Kampf der Blicke, bei welchem ſie Beide ihre Seelen durchſchauten, und auf dem Grunde ihrer Herzen laſen. Sie iſt ſtolz und kühn, und ſie trotzt den Männern, dachte er. Aber ich werde ſie demüthigen! Er iſt hochmüthig und unverſchämt, dachte ſie, und er verachtet die Weiber genugſam, um Jede für eine leicht zu erobernde Beute zu halten. Aber ich will ihn züchtigen und ſtrafen! Erlauben Sie, daß ich meine Frage wiederhole, ſagte ſie dann laut. Was führt Sie zu mir, Herr Herzog? Die Liebe! ſagte der Herzog mit jener dreiſten Unverſchämtheit, wie ſie damals bei den Herren des Hofes Mode war, und wie ſie George Villiers am franzöſiſchen Hofe gelernt hatte. Die Liebe führt mich zu Ihnen, meine ſchöne Aphra, wiederholte er, indem er ſich tief verneigte, „ — 173— und Aphra's Hand ergriff, um ſie an ſeine Lippen zu führen. Jetzt wird es einen Sturm geben, dachte er, jetzt wird dieſe ſtolze Schöne zürnen, und mich verwün⸗ ſchen. Und wenn ſie ausgetobt hat, dann wird die Sonne ſcheinen, und ich werde ihre Verzeihung er⸗ halten. Aber diesmal hatte ſich der kluge und in der Schule der Galanterie gebildete Herzog in ſeinen Ver⸗ muthungen geirrt. Aphra zürnte weder, noch verwünſchte ſie ihn, ſondern ſie brach in ein lautes, liebliches Gelächter aus. Das überraſchte den Herzog; erſtaunt blickte er in ihr von Uebermuth und Heiterkeit ſtrahlendes Angeſicht. Mein Gott, ich ſage Ihnen, daß ich Sie liebe, und Sie lachen dazu? Und muß ich nicht lachen, wenn Sie doch ſo un⸗ glaublich komiſch find, mein Herr Herzog? fragte ſie. Sie ſehen, ich habe einen fröhlichen Sinn, und ich lache, wenn man mir luſtige Mährchen erzählt! Und iſt dieſe Geſchichte von Ihrer Liebe zu mir nicht ein allerliebſtes Mährchen? Ah, ſie will Betheuerungen, zärtliche Liebesver⸗ ſicherungen, dachte er. Nun wohl, die können ihr werden. 5 Er begann mit hinſtrömender Beredtſamkeit ihr zu erzählen von dem tiefen und unauslöſchlichen Eindruck, den ſie auf ihn gemacht, und wie er Barbara mit Thränen beſchworen, ihm zu geſtehen, wo ſie wohne, damit er ihr folgen könne, um ihr zu ſagen, daß er auf ewig ihr angehöre. Genug, genug, mein Herr! unterbrach ihn Aphra lächelnd. Wir ſpielen hier ein umgekehrtes Spiel. — 174— Sie machen hier die Schehezerade, und ich den ge⸗ langweilten Sultan! Ein anderes Mährchen, meine ſchöne Schehezerade, dieſes hier hat mich in der That gelangweilt, und ich zittere für Ihren Kopf, wenn Sie kein anderes und beſſeres wiſſen. In der That, Sie ſind ein wundervolles Weib, ſagte Buckingham, indem er, unwillkührlich von ihrem ſpöttiſchen Frohſinn mit fortgeriſſen, in ihr Gelächter einſtimmte. Aber Aphra nahm jetzt wieder eine ernſte und ſtolze Haltung an. Sie ſehen, mein Herr Herzog, Ihre geniale Un⸗ verſchämtheit imponirt mir nicht, ſagte ſie, und ich weiß ihr mit der ihr gebührenden Jronie zu begegnen. Jetzt aber frage ich Sie in allem Ernſte, mit welchem Rechte konnten Sie es wagen, ſo unaufgefordert und ungerufen zu mir einzudringen? Es iſt dies eine Art der Beleidigung, wie ich ſie weder gewohnt, noch ſie zu dulden geneigt bin, und ich fordere deshalb eine Rechtfertigung von Ihnen, wie ſie jeder Ehren⸗ mann einer Dame ſchuldet. Der Herzog überlegte einen Augenblick, dann ſagte er mit kecker Entſchloſſenheit: eine ſolche Rechtfertigung kann ich Ihnen nicht geben, vielmehr ergebe ich mich Ihnen auf Gnade und Ungnade, und geſtehe, daß ich einen unverzeihlichen Fehler begangen habe. Meine Conſine Barbara erzählte mir von Ihrer Vergangen⸗ heit, und mein Herz ſchlug hoch vor Freude und Er⸗ wartung bei dieſer Erzählung. Ich glaubte in Ihnen jenes Weib gefunden zu haben, nach dem ich lange vergeblich ſuche, jenes freie, ſtolze und gebieteriſche Weib, welches den Muth hat die Vorurtheile der Welt zu verſpotten, und ihren eigenen Weg zu gehen. Deshalb kam ich her, um zu Ihnen zu ſagen: laſſen Sie uns unſere Exiſtenzen mit einander vereinen, thei⸗ len Sie mit mir die Macht meines Namens und meiner Stellung, und ich will mit Ihnen die Macht Ihrer Schönheit und ihrer Siegerkraft theilen. Vereint werden wir Beide die ganze Welt beherrſchen, und ganz England unter unſere Füße treten, getrennt müſſen wir Beide unverſöhnliche Feinde ſein, welche ſich ewig bekämpfen werden, um einander zu vernich⸗ ten. Laſſen Sie uns daher gemeinſam handeln, und wir werden unſerer Erfolge gewiß ſein! Und wer ſagt Ihnen, daß ich nicht auch ohne Sie meiner Erfolge gewiß bin? fragte Aphra. Ihre Armuth, ſchöne Dame, denn verzeihen Sie, durch Barbara weiß ich von dieſer wundervollen und unvergleichlichen That, durch weiche Sie ſich von Ih⸗ rem Gatten befreit! Ich weiß daher, daß Sie arm ſind, und ich ſage Ihnen, ſo lange Sie arm ſind, werden Sie Ihr Ziel nicht erreichen. Sie wollten frei ſein, und ſind doch nur der Einen Knechtſchaft ent⸗ ronnen, um unwiderbringlich der andern zu verfallen. Die Armuth iſt die härteſte und demüthigendſte Scla⸗ verei! Ich werde nicht arm bleiben, ſagte Aphra mit leuchtenden Angen, ich werde reich werden durch meine eigne Kraft, nicht durch unwürdige Mittel der Intri⸗ gue und Koketterie, ſondern durch die Arbeit, durch die Kraft meines Geiſtes! Der Herzog folgte der Richtung ihrer Blicke, und ſah das auf dem Tiſche liegende Papier. Ah, Sie haben geſchrieben! ſagte er. Sie wollen von Ihrem Geiſte leben! Armes junges Weib, dies iſt ein Irrthum, welchen Sie bald bitter bereuen wer⸗ den! Wenn man den Pegaſus zu einem Karrengaul für den Brodwagen des Lebens erniedrigen uß, ſo 76 ſind ihm die Flügel bald für immer gelähmt. Beden⸗ ken Sie das wohl, und nun hören Sie, was ich Ihnen zu ſagen habe! Barbara hat mir Alles erzählt, ich kenne Sie alſo ganz, ich leſe auf dem Grunde Ihres Herzens, und ich ſage Ihnen: Folgen Sie mir, wer⸗ den Sie meine Schweſter, meine Freundin. Unſere Seelen ſind geſchaffen, um ſich zu verſtehen, und wie ich Ihnen ſchon ſagte, vereint zu gemeinſamer Kraft werden wir Beide ganz England beherrſchen! Folgen Sie mir alſo! Hören Sie, die Glocken von St. Paul verſtummen, die Ceremonien ſind zu Ende, jetzt geht der König nach Weſtminſter. Nun nur noch kurze Zeit, und er hat aufgehört den ernſten König zu ſpielen, und wird wieder ein glücklicher und froher Menſch ſein, und die ſchöne Barbara Pal⸗ mer als ſeine Göttin begrüßen. Folgen Sie mir, und Barbara iſt bereit, Sie als ihre Schweſter dem König und dem Hofe vorzuſtellen. Aphra ſchüttelte ſtolz das Haupt. Barbara's Wege ſind nicht die meinen, ſagte ſie. Es iſt möglich, daß wir uns einſt auf unſern Pfaden bege und daß ich dann ſagen muß: Barbara hatte Recht, und ich war eine Thörin, durch geiſtige Kraft und perſönliches Verdienſt Das erlangen zu wollen, was Barbara mit ihrem Lächeln und mit ihren leuchtenden Augen viel bequemer erreichte. Ich will alſo nicht mehr nach Idealen jagen, ſondern ich will werden, was Barbara iſt.“ Wenn ich einſt ſo ſprechen muß, dann, Herr Herzog, werde ich Ihrer gedenken und Sie rufen. Bis dahin geben Sie mich auf, und laſſen Sie uns unſere getrennten Wege wandeln. Niemals! ſagte er. Sie ſollen mich überall auf Ihrem Wege finden! Dann ſind Sie wenigſtens ſicher nicht auf Schleich⸗ — 177— wegen zu gehen, ſagte ſie mit einem feinen Lächeln, indem ſie ſich zum Abſchied verneigte. Der Herzog faßte ihre Hand, und drückte ſie an ſeine Lippeu. Ich verlaſſe Sie jetzt, aber ich kehre wieder. Sie können mich aus dieſem Zimmer ver⸗ bannen, nun wohl, ſo werde ich wie ein treuer Hund, auf Ihrer Schwelle Wache halten, und der Stunde harren, wo Sie mich zu Sich rufen, denn rufen wer⸗ den Sie mich, das weiß ich, und ich werde dann an Ihrer Seite ſein, um Sie niemals zu verlaſſen! Gehen Sie! ſagte ſie müde und erſchöpft. Er verneigte ſich vor ihr, und verließ dann lang⸗ ſam das Gemach. Aphra blickte ihm lange nach. Allmählich glühten ihre Wangen höher auf, und ein wildes, dämoniſches Feuer blitzte aus ihren Augen. Er wird wiederkommen, ſagte ſie mit einem ſtol⸗ zen Lächeln. Ja, er wird wiederkommen, und mein Hronvoko wird ſein Opfer haben! Dann trat ſie wieder zum Tiſch, um zu ſchreiben. Aber es war vergeblich. Der Genins war von ihr gewichen, die Erde hatte ſich in ihre Gedanken ge⸗ miſcht, wie hätte ſie da zu dichten vermocht! Sie ſenkte das Haupt und ihre Thränen fielen nieder auf das Papier, auf dem ſie ihre erſte Dichtung begonnen. Karl II. 2. 12 6=. Armuth bezwingt. Ein ſchönes, ſtilles und arbeitvolles Leben begann jetzt für Aphra. Ein Leben voll der reinſten Freuden und der erhabenſten Genüſſe. Sie dichtete, ſie folgte dem innern Ruf ihrer Seele, und ſchrieb das nieder, was ſie durchglühte, und unter dieſen köſtlichen Be⸗ ſchäftigungen verging ihr die Zeit. Sie war voll tapferen Muthes, ſie ſcheute keine augenblickliche An⸗ ſtrengung oder Entbehrung, denn ihr Auge war auf die Zukunft gerichtet, und ſie wiederholte ſich immer wieder: ich will berühmt werden und mächtig und reich! Ein Dämon für alle Männer, eine Schweſter für alle unterdrückten Weiber! Sie arbeitete daher mit Rieſenkraft, und ſchon nach wenigen Wochen war ihr erſtes Werk beendet, hatte ſie ihr ſo berühmt gewordenes Buch:„Das Leben und die Schickſale des Negerfürſten Oronooko“ vollendet.— Ihm alſo war ihre erſte ſchriftſtelleriſche Thätigkeit geweiht, ihm hatte ſie die erſten Blüthen ihrer Poeſie gewidmet, und wie ſie in ihrem Herzen ihm ein Denkmal errichtet, wollte ſie auch vor der gan⸗ zen Welt ihm ein heiliges Monument ihrer Liebe aufbauen. Und dieſes ewige Gedenken an ihn, dieſes leben⸗ dige Erinnern aller jener entſetzlichen und doch zu⸗ gleich köſtlichen Tage, welche ſie mit Oronooko erlebt, es zerriß ihr Herz mit täglich ſich erneuernden Qualen und erfüllte ſie doch zugleich mit einer tiefen und heiligen Wehmuth. Das Edelſte, was ſie auf Erden gekannt und geliebt, das war geſtorben, und was „ — 179— zurück geblieben, durchglühte ſie mit Haß und Ver⸗ achtung. Ich ſchlafe jetzt, ſagte ſie oft zu ſich ſelber, ich ſchlafe! Aber wenn ich erwache, dann wehe allen Denen, welche ich auf meinem Wege finde! Indeß war, wie geſagt, ihr Werk vollendet, und Aphra dachte daran, es dem Druck zu übergeben. Es war nicht blos der Drang nach Ruhm, es war ſogar die Sorge um die Exiſtenz, welche ſie dazu nöthigte. Ihre geringe Baarſchaft ging zu Ende, nur noch wenige Wochen, und ſie war ganz erſchöpft. Vergebens daß Herzog Buckingham ſie täglich beſchwor, von ihm eine Unterſtützung anzunehmen. Aphra ſchüttelte ſtolz und abwehrend das Haupt. Ich würde lieber ſterben, als von irgend Jemand eine Unterſtützung annehmen, ſagte ſie, was ich bin, das will ich lediglich durch mich ſelbſt ſein, im Guten ſowohl, wie im Böſen. Und muß ich denn wirklich eines Tages eine Unterſtützung beanſpruchen, nun wohl, ſo werde ich bei mir ſelber eine Anleihe machen! Aber mich, Aphra, mich werden Sie zu Ihrem Schatzmeiſter ernennen? fragte der Herzog. Sie ſehen, daß ich trotz all' des Böſen, welches die Welt von mir ſagt, dennoch mindeſtens treu bin, treu meinem Herzen und meinem Wort. Ich ſehe wenigſtens, daß Sie eigenſinnig ſind, ſagte Aphra lächelnd. Es iſt eine Grille von Ihnen gerade mich zu lieben, und dies nur aus dem ein⸗ zigen Grunde, weil ich Sie durchaus nicht liebe! Aber Sie werden mich lieben, Aphra! Ich ſage Ihnen, unſere Seelen ſind für einander geſchaffen, Sie werden mich lieben! Niemals! Es iſt möglich, daß ich Ihnen eines 12* — 180— Tages das Gegentheil verſichere, aber wenn Sie klng ſind, werden Sie mir alsdann nicht glauben, ſondern Sich deſſen erinnern, was ich Ihnen heute ſage: ich werde Sie niemals lieben! Ah, Sie fangen an, mir nachzugeben, ſagte der Herzog triumphirend. Sie räumen alſo doch ſchon die Möglichkeit ein, daß Sie mich eines Tages Ihrer Liebe verſichern werden? Es iſt möglich, daß es in meine Plane paßt. Oh, oh, dies ſind feine Hinterhalte, hinter denen Sie ſich verſchanzen wollen, Sie werden ſich mir aber doch auf Gnade oder Ungnade ergeben müſſen! Sie geſtehen alſo mindeſtens doch zu, daß wir Feinde ſind, die ſich im Kampfe gegenüber ſtehen? fragte Aphra mit einem feinen Lächeln. Jeder Mann und jedes Weib ſind in Feindſchaft mit einander, rief der Herzog lachend. Es iſt eine Diſſonnanz, welche nur die Liebe aufzulöſen vermag! Oder der Haß! ſagte Aphra ernſt.— Indeß ſchien es, als ſolle der Herzog dennoch Recht behalten mit ſeinen ſchlimmen Prophezeihungen und als ſolle es Aphra nicht gelingen durch ſich ſelber, und durch ihre eigene Kraſt ſich ihre Zukunft zu gründen. Ihr erſtes Werk, dem ſie den Titel Hronooko gegeben, war vollendet, es kam nur darauf an, es der Oeffentlichkeit zu übergeben. Aber hier traf ſie auf unerwartete Klippen und Hemmniſſe. Was ſie geſchrieben als edelſte Ausſtrömung ihres innerſten Weſens, das mußte ſie jetzt zu einer Waare erniedrigt ſehen, um welche man handeln und feilſchen, an der man dingen und mäkeln wollte. Vergeb ns ging ſie, mit geknickter Seele, beſchämt und zerbrochen von einem Buchhändler zu dem andern hin Niemand war geneigt, dies Unternehmen zu „ — 8— wagen, und das erſte Werk eines unbekannten Autors, und zumal einer Frau zu verlegen. Es iſt immer ein übles Ding um die Frauen⸗ Literatur, ſagte der eine, die Frauen wollen nichts davon wiſſen, weil ſie dieſes Hervortreten einer ihrer Schweſtern mit Neid erfüllt, welchen ſie klüglich unter der Form gekränkter Tugend verhüllen, und die Män⸗ ner wiederum lachen über die ſchriftſtellernden Frauen, weil ſie in ihrem Stolz vermeinen, nur den Männern ſei das Tolent und das Recht gegeben zu dichten und die Erzengniſſe des Geiſtes zu ſchaffen! Ich meines⸗ theils verlege nie etwas von Frauen! Und nachdem Aphra zwei Tage lang alle dieſe Demüthigungen, dieſe oft mit Spott und Hohn, oder mit Schmeicheleien begleiteten Verneinungen, und Weigerungen erduldet, als ſie dieſen ganzen dornen⸗ vollen Pfad eines Autors, der für ſein erſtes Werk einen Verleger ſucht, durchlaufen war, da kehrte ſie todesmatt in ihre Wohnung zurück. Ein tiefer, ſchmerzlicher Groll war in ihr, eine verzweiflungspolle wilde Trauer. Ich bin ein Weib, das iſt mein ganzes Unglück, ſagte ſie. Man hat uns Frauen Alles genommen, ſelbſt das Recht des geiſtigen Schaffens! Wenn wir es wegen, eigene Gedanken, eigene Gefühle, eigene Anſchauungen zu haben, dann ſchreit alle Welt: ein Sacrilegium, ein Sacrilegium! Ein entartetes Weib! Eine Frau, welche die Frechheit hat, ein denkendes Weſen ſein, und es den Mäunern gleich thun zu wollen! Ich aber, ich will es den Männern gleich thun! rief ſie dann mit energiſcher Kraft. Ich will frei ſein und ungebändigt! In dieſer Stunde reiße ich mich los von all' dieſen beengenden Formen des Herkom⸗ . — 182— mens und der Schicklichkeit, in dieſer Stunde breche ich mit all' den Satzungen, in die man die Frauen eingezwängt hat. Ich will kein Weib mehr ſein, ſon⸗ dern ein freies, fühlendes, denkendes und handelndes menſchliches Geſchöpf! Ich will das Recht haben meinem eigenen Willen gemäß zu leben, ich will nicht fragen: ſchickt ſich das? ich will nicht mehr bangen um das Urtheil der Welt! Frei und kühn will ich der Stimme meines Herzens, den Eingebungen meines Geiſtes folgen, der Wahrheit will ich dienen, die Wahrheit ſoll mein Gewiſſen, und die einzige Rich⸗ terin meiner Handlungen ſein, und nur das, was nicht beſtehen kann vor der innern Wahrheit, das allein werde ich eine Sünde nennen, weiter nichts! Ich will leben, wie es mir gefällt, ich will ſein und mich kleiden, wie es mir gefällt, ich will den Stolz haben, kühn der ganzen erbärmlichen und kleinlichen Welt entgegen zu treten und ihr zu ſagen: ich verachte Dich, und wenn Du mich verſpotteſt, ſo lache ich dazu! Niemand hat ſich meiner erbarmt, als ich un⸗ glücklich war, ich bin allein der Schöpfer meines Glückes geweſen, und Gott allein und mich ſelber erkenne ich als den Richter meiner Thaten an! Und nun giebt es für mich keine Furcht mehr, und kein weibliches Zagen! Ich will ein Weib ſein, um zu lieben, und ein Mann, um zu denken! Aber wenn mich die Tugendhaften eine Sünderin ſchelten, ſo ſollen mich wenigſtens die Sünder tugendhaft nennen! Und jetzt auf und an's Werk! Ich will zu Barbara gehen! Aber ehe ſie ging ſetzte ſie ſich hin und ſchrieb an den Herzog von Buckingham. „Mein Herr Herzog, ſo lautete ihr Brief, die Stunde iſt gekommen, welche Sie vorhergeſehen! Ich — 183— rufe Sie an meine Seite, ich nehme den Beiſtand an, welchen Sie mir bieten, das heißt, ich will Ihre Freundin, Ihre Schweſter ſein! Merken Sie wohl, Ihre Schweſter! Jedes Wort, jede Anforderung Ihrerſeits, welche darüber hinausgeht, trennt mich augenblicklich von Ihnen, und macht, daß ich aus Ihrer Freundin Ihre unverſöhnliche Feindin werde. Vergeſſen Sie das niemals! Ich folge der freien Wahl meines Herzens, und dieſes Herz erkennt Sie als einen Freund an! Die Welt wird mich vielleicht Ihre Geliebte nennen, wir werden beibe dazu lachen und ſchweigen, und während man glaubt, daß wir von Liebe ſchwärmen, werden wir als zutrauliches Geſchwiſterpaar vielleicht von Politik ſprechen, und Staatspläne mit einander verhandeln. Wäre ich zu⸗ fällig ein Mann, ſo würde Niemand etwas dagegen haben, wenn wir in einem Hauſe mit einander lebten, nun wohl, wir Beide werden vergeſſen, daß ich ein Weib bin, und ich werde den Muth haben zu handeln, wie ein Mann!— Ich werde alſo Ihre Schweſter ſein und in geſchwiſterlicher Eintracht und Freundſchaft werden wir mit einander leben!“ XV. Das Rudget. Einige Monate waren vergangen ſeit der Rücktehr des Königs. Das Volk hatte ſeinen Freudenjubel über das neu erſtandene Königthum noch immer nicht ausgetobt. Es feierte noch immer Feſte, es trank, iubelte und jauchzte zu Ehren ſeines Königs. Es — 184— taumelte zu ſeines Königs Ehre von einem Bacchanal zum andern. Die Nüchternheit und der ruhige Lebensgenuß ſchien für immer verbannt, das Volk folgte dem Bei⸗ ſpiel des Königs und ſeines Hofes, es ſchwelgte von Gelagen zu Gelagen, und da es ſeinen König in frecher Luſt aller Moral und aller Sitte Hohn ſprechen ſah, ſolgte es ſeinem Beiſpiel und ſündigte und betrog und läſterte und profanirte alles, was edel und heilig, was tugendhaft und erhaben. Der fromme und gelehrte Biſchof Burnet ſelber ſagt von dieſer Zeit:„Mit der Reſtauration des Königs bemächtigte ſich der Nation der Geiſt einer extravaganten, überfluthenden Freude, die in ihrem Gefolge eine gänzliche Miß⸗ achtung der Tugend und Frömmigkeit hatte. Alles ging unter in Feſten und Trinkgelagen, die wie ein wilder Strom alle drei Königreiche überflutheten und alle Moral und Sitte untergruben. Unter dem Vor⸗ wand, die Geſundheit des Königs zu trinken, überließ man ſich überall großen Unordnungen und Schwel⸗ gereien, und was die Religion anbetrifft, ſo gaben einerſeits die hypokritiſchen Frömmler, andererſeits die ehrlichern, aber nicht minder verderblichen Enthuſiaſten den Spöttern wahrer Frömmigkeit hinlänglichen und wohlbegründeten Stoff zum Geſpött und profanem Lachen.“*) Während das Volk ſich ſo der tollſten Schwelgerei und der roheſten Luſt überließ, ergab ſich der König mit ſeinem Hofe einem nicht minder tollen und aus⸗ ſchweifenden Lebenswandel. Aber alsdann ſchien ihn die Reue und das Bewußtſein ſeines Leichtſinns zu überkommen, ihn heimzuſuchen und zu martern inmitten ſeiner Feſte. Von den Feſtgelagen ſah man ihn daher *) Burnet, history of wy own time. Vol. I. pag. 149. „ — 185— ſich erheben, um zur Kirche zu gehen, und die von Aufregung zitternden Hände zum Gebet zu falten, zu einem Gebet, von welchem ſein Herz nichts wußte, das ſeine Zunge lallte, um durch dies Gebet in öffent⸗ lichem Gotteshaus ſeinem Volk zu beweiſen, daß er treu und fromm an den Lehren und Geſetzen der eng⸗ liſchen Kirche hange. Aber wenn er Morgens in Weſtminſter gebetet, und dem Biſchof mit feierlichem Eide gelobt, tren der engliſchen Kirche, ſie allein zu vertheidigen und zu erheben, ſo lag er Abends vor ſeinem katholiſchen Beichtvater auf den Knieen, um mit noch feierlicherem Eide zu geloben, Alles zu thun zur Unterdrückung der engliſchen Kirche und zur Er⸗ hebung der alleinſeligmachenden katholiſchen. Aber nicht dies allein war es, was er dem Beichtvater ver⸗ ſprechen mußte. Pater Matthews mahnte ihn immer auf's Neue daran, daß der König geſchworen alle Die zu ſtrafen, welche ihrem rechtmäßigen König ungetreu, dem Regiment Cromwells als eifrige Anhänger zu⸗ gethan geweſen. Der Pater hatte immer anzuklagen, immer Beſtrafung für irgend einen Republikaner oder Rundkopf zu fordern. Er forderte die Beſtrafung im Namen der Religion oder der Liebe des Sohns für den hingemordeten Vater, und König Karl gewährte ſie, um dafür Vergebung und Ablaß für ſeine Sünden zu erhalten. Statt der verſprochenen Amneſtie wurden alſo täglich Unterſuchungen eingeleitet gegen ſolche, welche Cromwell gedient und der Republik ſich mit freudigem Herzen ergeben hatten. Einmal ſolche Befehle gegeben, vergaß ſie der König bald wieder und kümmerte ſich wenig darum, ob ſie ausgeführt wurden. Es wäre ſonderbar und lächerlich, ſagte er zu Buckingham, als er eines Mor⸗ gens noch ganz erſchöpft von dem Bacchanal der ver⸗ — 186— floſſenen Nacht auf ſeinem Ruhebette lag, in der That, George, es wäre ſehr lächerlich, wenn ich mir die Mühe geben wollte, für das Volk zu arbeiten. Es hat mir Mühe und Arbeit und Verſtellung genug ge⸗ koſtet, wieder zu meiner Krone und zu meinem Rechte zu gelangen, da ich ſie aber erlangt habe, wäre ich jetzt nicht ein Thor, noch weiter mich zu bemühen für dieſen Pöbel, welchen ich mein geliebtes Volk nen⸗ nen muß?. Und wofür hätten wir denn unſern höchſt weiſen und höchſt bedächtigen Kanzler Hyde, nein, Lord Clarendon wollte ich ſagen, da es Ew. Majeſtät ein⸗ mal beliebt hat dieſen Folianten voll ſtrotzender Ge⸗ lehrſamkeit zu einem Lord zu machen, ſagte George Villiers. Mögen Se. näſelnde Lordſchaft immerhin in Actenſtanb und in Staatsgeſchäften wühlen und über dem Neſte hocken, in welchem er ſeine volksbeglücken⸗ den, kosmopolitiſchen Eier ausbrütet, während Ew. Majeſtät in glänzendem Adlerflug über die Welt hin⸗ ſchweben.. Der König ſeufzte. Ach, George, es giebt Etwas, was meinen Flug zu hemmen vermag. Dieſes Etwas quält mich, nicht weil es da iſt, ſondern weil es nicht da iſt. Ich habe kein Geld! Clarendon, der Herr Staatskanzler, muß Euch welches verſchaffen, rief Buckingham. Aber er will nicht, George, begreifſt Du, er ver⸗ weigert es mir, er hat den frechen Muth mir zu ſagen, er wiſſe nicht, woher er ene neues Geld nehmen ſolle, wenn die Summen, welche das Parlament mir bewilligt, ſchon wiederum erſchöpft wären! Aber dies iſt ein unwürdiger und erniedri⸗ gender Gebrauch, es iſt eine Schmach, den König, den Herrn des Landes, ſo gewiſſermaßen von der Gnade — 187— und dem Geiz ſeines Parlamentes abhängig zu machen! Hat es doch faſt den Anſchein, als ſei der König nur ein Diener des Staats, und ſtehe im Solde ſeines Volkes! Es giebt ſogar einige freche und gottesleugneriſche Individuen, welche behaupten, dem ſei ſo, ſagte George Villiers mit boshaftem Lächeln. Man wagt es in der That hier und da, zu behaupten, der König ſei um des Volkes willen da, und nicht das Volk um des Königs willen. Dieſe tollen Wahnfinnigen gehen ſo weit, Euch einen Beamten des Volkes zu nennen. Aber dies muß anders werden! rief der König die Stirne runzelnd. Ich werde eine ſolche Schmach nicht länger dulden! Nenne mir die Frevler, welche es wagen, ſo zu ſprechen, und bei meiner mir von Gott allein verliehenen Krone, ich werde dieſem auf⸗ rühreriſchen Volke mit ihren fallenden Köpfen be⸗ weiſen, daß ich diejenigen als Hochverräther ſtrafe, welche ihren König den Beamten ſeines Volkes nennen! Und wenn dieſe übermüthigen Hochverräther Euch denn mit ihren unverſchämten Mäulern wirklich ihren Beamten nennen, nun, ſo ſollten ſie mindeſtens Euch eine anſtändige, jährliche Beſoldung, und nicht dann und wann eine beliebige Gratification geben! Ja, Du haſt wahrhaftig Recht, ſagte der König, mögen ſie mich immerhin vorläufig mit dieſem ſchmäh⸗ lichen und entwürdigenden Spottnamen benennen, vor⸗ ausgeſetzt, daß ſie mich in ihrem Sinne alſo anſtändig beſoldeten. George Villiers war einen Augenblick nachdenklich und ernſt, dann ſagte er: wir müſſen dieſen dick⸗ mäuligen, harthörigen, unempfindlichen alten Gaul, genannt Parlament ſo leiten, daß er dies thut! Ah, das wird unmöglich ſein, ſeufzte der König. — 188— Du ſagſt ſelbſt, das Parlament iſt ein unempfindlicher, hartmäuliger Gaul! Es giebt kein Mittel, ihn zu lenken! Doch, doch, wo die Sporen nicht helfen, da nützt oft die Schmeichelei. Wollen wir dieſe alſo anwenden! Ich habe da einen allerliebſten kleinen Plan; was verſpricht mir Ew. Majeſtät, wenn ich ihn glücklich zum Ziele führe? Alles, was Du willſt, George! Nun wohl, ich mache mich anheiſchig, daß das Parlament in ſeiner nächſten Sitzung Euch einen Jahresgehalt ausſetzen ſoll, und wenn ich dies erreiche, dann wird mir mein erhabener König die Gnade be⸗ willigen, um die ich ihn anflehen werde! Das verſpreche ich Dir, George, ſo wahr ich König bin! Und ich werde Euch dieſes Parlament geſchmeidig machen! Hört alſo meinen Plan, mein Herr und König.—— In Folge der zwiſchen König Karl und Buckingham getroffenen Verabredungen ſah man bald die königlichen Läufer durch die Straßen der City Londons eilen, und wo ſie vorüber kamen, da ſchauten die Bürger ihnen nach, und flüſterten einander mit feierlichen Mienen zu: der König, ſcheint es, giebt heute ein Diner, und am Ende hat er gar die hohe Gnade und ladet den Lord Mayor dazu ein! „Wirklich, der König hatte dieſe hohe Gnade. Er labete den Lord Mayor und einige reiche Juweliere, welche im Unterhaus Sitz und Stimme hatten, er ladete ferner die Lords Primroſe und Tweedale, welche des Königs heftigſte Opponenten im Ober⸗ hauſe waren, er ladete ferner eine große Anzahl der Oppoſitionsmitglieder des Unterhauſes zu einem Diner „ — 189— in Whitehall ein, und trotz ihrer Oppoſition fühlten ſich alle dieſe Herren ſehr geſchmeichelt von der un⸗ erwarten königlichen Gnade und beeilten ſich zur feſt⸗ geſetzten Stunde, genau mit dem Glockenſchlag ſieben Uhr Abends, zum befohlenen Diner beim König zu erſcheinen. Karl Stuart empfing ſie mit ſeinem gnädigſten und huldreichſten Lächeln, er reichte Jedem dieſer wackern und hochherzigen Volksvertreter, welche ſo oft und ſo energiſch geſchworen:„nur die Rechte des Volkes ſeien heilig und unantaſtbar, und nur dem Volk wollten ſie ihr Blut und Leben weihen“, die Hand dar, und duldete es ſogar nicht, daß ſie dieſe Hand ehrerbietigſt an ihre Lippen drückten. Nein, nein, ſagte Karl Stuart mit ſeiner bezau⸗ bernden Leutſeligkeit, beſchämt mich nicht, edle Herren, indem Ihr mir, Euerem ergebenſten und verpflich⸗ tetſten Diener, die Hand küßt! Ich kenne ſehr wohl unſer Verhältniß zu einander! Euch danke ich Alles, was ich bin, Euch danke ich es, daß ich nicht mehr der arme Flüchtling Karl Stuart bin, ſondern der glückliche und hochgeehrte König von England, der König eines Volkes, welches ich liebe mit der ganzen Kraft eines Vaters und eines Bruders zugleich, und dem ich nicht ein Herr und Gebieter, ſondern ein Diener und Freund ſein will. Ein verklärtes Lächeln breitete ſich über die ernſten und ſtrengen Züge der Herren Parlamentsmitgliedgt und ſelbſt Lord Primroſe, vormals der glühend Anhänger Cromwell's und der Republik, ſelbſt Der geſtand ſich heimlich in ſeinem Herzen, daß eine be⸗ zaubernde und überwältigende Kraft in den freund⸗ lichen Worten eines Königs liege, und daß man ein an den Maſt gebundener Odyſſeus ſein müſſe, um — 190— dem lockenden Syrenengeſang der königlichen Huld widerſtehen zu können. Der König bemerkte den günſtigen Eindruck ſeiner Worte ſehr wohl; er warf einen triumphirenden Blick hinüber nach Buckingham, welcher in einer Fen⸗ ſtervertiefung ſtand, und dem König mit leiſem Kopf⸗ nicken zulächelte. Setzt Euch, meine Herren, ſagte der König, und ein Staunen der Bewunderung und des Entzückens bemächtigte ſich Aller, als man ſah, wie der König ſelber einen Stuhl ergriff, und ihn dem greiſen Lord Primroſe hinſchob. Pies war ein unerhörter, niemals dageweſener Beweis königlicher Herablaſſung, auch trieb es dem Lord Primroſe Thränen in die Augen; ganz überwältigt ergriff er die Hand des Königs und führte ſie an ſeine Lippen. Sire, ſagte er mit vor Rührung zitternder Stimme, Sire, Eure Gnade tödtet mich faſt mit dem Uebermaß des Entzückens. Ich werde Euch dieſe Huld und dieſe Herablaſſung niemals vergeſſen, und mögen Euch die Thränen in meinen Augen beweiſen, wie tief ich durchdrungen bin von Dankoarkeit und Rührung. Der König machte ein erſtauntes Geſicht. Und weshalb denn ſolltet Ihr mir dankbar ſein, Mylord? fragte er. Mein Gott, iſt es nicht ganz natürlich, daß ich in Euch das Alter und die Weisheit ehrend, Euch meine Ergebenheit beweiſe, ſo viel ich nur kann? Wir ſ ja hier nicht in feierlicher Amtsſitzung, wo man der Form wrillen ſich noch den Anſchein giebt, als ob man den König noch als ein bevorzugtes, übermenſchliches Weſen betrachte, den König, welcher doch nichts iſt, als ein armes, ſchwaches und irrendes Menſchenkind, gnadenbedürftig, wie alle andere Men⸗ ſchen und zur Sünde leicht verlockt, wie alle Andern. * 1.— Wir ſind hier unter Freunden, und da giebt es keinen König und keine Unterthanen, ſondern nur Brüder, und was, Gentlemen, was ſind wir denn Alle weiter, als die Diener und Beamte des Volks? Ich minde⸗ ſtens, ich ſetze meinen größten Stolz und meine größte Ehre darein, mich Beamten des Volkes zu nennen, und nicht anders kann ich dieſe mir übertragene Kö⸗ nigsgewalt verſtehen, als daß mir mein Volk damit die Verpflichtung auferlegt, ihm alle Kräfte meines Geiſtes und alle Liebe meines Herzens zu freudigem Dienſte zu weihen, und ihm ein unbeſtechlicher, uner⸗ müdlicher Beamter zu ſein! Ein Beamter! rief Buckingham mit lautem Lachen. Sire, Ihr ein Beamter des Volkes! Wo iſt denn Euer Gehalt? Sire, ich wiederhole meine Frage, wie hoch beläuft ſich der Gehalt, welchen das Volk Euch als ſeinem Beamten zahlt? Der König nahm eine ernſte Miene an und run⸗ zelte die Stirn. Still, George, ſeid ſtill mit Euren farkaſtiſchen und vorlauten Bemerkungen, ſagte er. Ihr ſeid ein un⸗ verwüſtlicher Spötter, der ſelbſt die heiligſten Gefühle nicht unangetaſtet läßt. Aber ich habe dennoch Recht! murrte Buckingham, und ich finde es durchaus unpaſſend, daß Ihr darbt, während Euer Volk ſchwelgt und praßt! Still! befahl der König. Ich darbe nicht, und bis jetzt, hoffe ich, ſeid Ihr noch immer geſättigt worden an meiner Tafel! O ja, ich bin oft ſatt von Eurer Tafel, ehe ich aufgehört habe, hungrig zu ſein! ſagte Buckingham lachend. Der König lachte auch. Verzeiht ihm, meine Herren, ſagte er, Herzog Buckingham hat ſich durch — ſeine Treue und Liebe zu mir einmal das Recht er⸗ worben, immer zu ſein und zu ſprechen, wie es ihm beliebt! Wir wollen nicht weiter auf ihn achten, ſon⸗ dern mit einander plaudern, bis man uns zur Ta⸗ fel ruft! Dann, fürchte ich, können wir bis zum jüngſten Tage plaudern, ſagte Buckingham, und wir werden heute ſo wenig ein Diner bekommen, als an jenem Tage, wo Ihr uns in jenem kleinen ſchottiſchen Dorf n dreitägigem Faſten ein ſplendides Mahl von Eiern und Schwarzbrod verſprochen hattet, wovon wir aber nur das Letztere bekamen. Ach, dies iſt eine köſtliche Geſchichte, an welche Du mich da erinnerſt, rief der König lachend. Die muß ich Ihnen erzählen, meine Herren! Herzog Buckingham ſtreckte ſich gemächlich auf einen Lehnſtuhl aus und ſpielte mit den Diamantrin⸗ gen an ſeinen kleinen und zierlichen Händen. Seine Rolle war beendet, er hatte jetzt vorläufig nichts wei⸗ ter zu thun, als zuzuhören, denn jetzt begann der König das unermüdliche und reiche Thema ſeiner Vergangenheit, und er erzählte den lauſchenden und mit geſpannteſter Aufmerkſamkeit zuhörenden Herren die allerreizendſten und rührendſten Geſchichten von ſeinem früheren abentheuerlichen Leben, von den Ge⸗ fahren, welche er beſtanden, von den Entbehrungen, welche er erduldet, und wie er das Alles mit freu⸗ digem Muth und unerſchütterlichem Humor überwun⸗ den habe. Karl war ein Meiſter in der Kunſt des Erzählens, und wer daher das Glück hatte, ſeine Geſchichten zum erſten Male zu hören, mußte davon bezaubert werden. Die Herren, welche heute beim König verſammelt wa⸗ ren, kannten in der That keine dieſer Geſchichten, und „ — 195— lemen, ein König iſt immer ein armer Mann, der von der Gnade ſeines Volkes lebt, und ich meinestheils bin ſchon zufrieden, wenn mein gutes Volk mir, ſtatt Reichthümer und Schätze, ſeine Liebe ſchenkt. Das iſt der köſtlichſte Edelſtein in meiner Krone, ich verlange keine andern. Wenn mich aber meine Armuth betrü⸗ ben könnte, ſo wäre es deshalb, weil ich Euch nicht würdiger bei mir aufnehmen, und Euch nicht meine Achtung durch irgend ein Geſchenk und ein Andenken beweiſen kann. Es iſt ſo ſüß zu geben, aber ich bin arm, und kann Euch nichts geben, als nur meine Liebe.*)“ Und iſt es nicht herzzerreißend uud entzückend zugleich, einen König ſo ſprechen zu hören, fragte Buckingham. Geduld, nur Geduld, Herzog, flüſterte Lord Prim⸗ roſe. Es iſt wahr, wir haben etwas wieder gut zu machen! Mein Wort darauf, duß es geſchehen ſoll! Puh, ſagte der König, als er endlich wieder mit Buckingham allein war, dies war eine ſehr angreifende und entwürdigende Comödie! Die Ihr aber wie ein Gott geſpielt habt! Aber die mich wüthend gemacht hat, indem ich ſie mit Lächeln herunter ſpielte, George! Ach, mit wel⸗ chem albernen Hochmuth die Herren es ruhig an⸗ hörten, daß ich mich ſo weit vor ihnen erniedrigte, mich einen Beamten des Volkes zu nennen. Ich hatte bei all' dieſen abſcheulichen, demüthigen Phraſen zu⸗ weilen ein Gefühl, als müßte ich die Fauſt erhelen, und ſie dieſen aufgeblaſenen Sir John Beefſteaks in das breite Antlitz ſchlagen, zum echten Beweis meiner 3(Des Königs eigene Worte.) Secret history of the Court of Charles II. Vol. I. pag. 62. 13* — 196— königlichen Demuth und beſcheidenen Zerknirſchung. Dieſe dummen Kerle hatten wirklich die Unverſchämt⸗ heit, meinen Worten Glauben zu ſchenken, und ſich von mir alles Ernſtes überzeugen zu laſſen, ich ſei in der That nichts weiter als ein Beamter und Diener des Volks! Aber ſie werden dieſen Glauben theuer bezahlen! ſagte George Villiers. Du glaubſt alſo, daß ſie mir ein Jahrgeld aus⸗ ſetzen werden? Ich bin davon überzengt, und Ew. Majeſtät wer⸗ den ſich erinnern, daß Sie mir dann eine Gnade be⸗ willigt haben! Einige Tage ſpäter trat Buckingham mit triumphi⸗ rendem Angeſicht in das Zimmer des Königs. Sire, ſagte er, ich komme ſo eben aus dem Par⸗ lament. Ich habe mein Wort gelöſt. Ihr habt Euer Budget, aber wir, Eure trenen Diener und Anhänger, wir haben gekämpft wie Löwen, obwohl ich zugleich geſtehen muß, daß das Haus ſich ſehr willig zeigte. Lord Primroſe, welcher, Dank Eurer ihm bewieſenen Herablaſſung, jetzt aus einem verſtockten Republikaner ein dienſtergebener Royaliſt geworden, Lord Primroſe brachte die Motion ein, und ich unterſtützte ſie. Nach⸗ dem wir geſprochen, wurde die Bill nur einmal raſch geleſen und dann einſtimmig angenommen.“) Aber die Hauptſache! Du vergißt die Hauptſache! Wie hoch beläuft ſich die Summe, welche, wie dies hochfahrende Parlament ſich anszudrücken beliebt,„man mir bewilligt hat?“ Sire, Ihr habt eine Rente von 40,000 Pfund Sterling! *) Burnet history of my own time. Vol. I. pag. 188. —— — — 197— Das iſt wenig! rief der König. Aber es iſt mehr, als jemals ein König von England erhalten hat!“) Sire, ich habe mein Wort gelöſt, ich habe Euch zu einem Jahrgehalt verholfen. Das will ſagen, George, daß ich jetzt auch mein Wort löſen ſoll. Sprich alſo, was willſt Du von mir forden? Was ſoll ich Dir bewilligen? Sire, weiter nichts, als daß Ihr die Gnade habt, mir zu erlauben, daß ich Euch eine Dichterin vorſtel⸗ len darf, und daß Ihr geruhen wollt, Euch von dieſer ihr neueſtes Werk vorleſen zu laſſen! Ich ſoll mir von einem Dichter ſeine Werke vor⸗ leſen laſſen! rief der König entſetzt, indem er vor Schreck erblaßte. Biſt Du toll geworden, George, oder gehſt Du darauf aus, mich durch die Langeweile zu tödten? Sire, ich ſprach nicht von einem Dichter, ſondern von einer Dichterin, und zwar von einer jungen und ſchönen Dichterin! Ah, dies iſt etwas Anderes! ſagte der König auf⸗ athmend. Aber iſt es nicht genug, daß ich ſie empfange, muß denn durchaus geleſen werden? Sire, Ihr gabt mir Euer Wort, meine Bitte zu erfüllen! Nun wohl, ich werde es halten, und dieſe Dichte⸗ rin ihr Werk vorleſen laſſen! Wann? Morgen Abend! Aber wie heißt denn die Dich⸗ terin? Aphra Behn, Sire! Und ſie iſt ſchön, ſagſt Du? Sehr ſchön, und ich liebe ſie! *) Ebendaſelbſt. — 198— Bah! Das iſt Unſinn! Buckingham ſpielt mit den Weibern, aber er liebt ſie nicht! Und das iſt ein Glück, ſonſt würde ich zuweilen eiferſüchtig ſein auf Deine allzugroße Vertraulichkeit mit Deiner ſchönen Muhme Barbara. Alſo auf morgen Abend, George! Morgen Abend bringe mir dieſe Dichterin Aphra Behn mit ihrem Manuſeript, und der Himmel gebe, daß dieſes letztere nicht zu lang iſt! Und der König begab ſich zu ſeiner ſchönen Ge⸗ liebten Barbara, Gräfin von Caſtlemaine. Sie hatte ihn ſeit vielen Tagen ſehr viel leiden gemacht durch ihr Schmollen und ihre niemals zu berechnenden Lau⸗ nen. Heute empfing ſie ihn mit einem hinreißenden Lächeln. Du weißt gewiß ſchon, daß ich Dir gute Botſchaft bringe, ſagte der König, indem er ſie umarmte. Wir haben das Budget! Was kümmert mich das Budget! ſagte Barbara zärtlich, was frage ich nach Geld und Schätzen, weun mich Karl Stuart liebt! Du biſt ein Engel! rief der König, indem er ihr zu Füßen ſank. Gut, ſagte Barbara lächelnd, Ihr ſollt heute an meiner Seite das Glück und das Paradies finden! Aber hört, Karl, wenn ich liebenswürdig ſein ſoll, müßt Ihr es auch ſein, und mir eine Bitte erfüllen. Nenne ſie, mein Engel, nenne ſie!— Ihr müßt mir verſprechen, Euch von mir einen Dichter vorſtellen zu laſſen, und ihm zu geſtatten, daß er Euch eins ſeiner Werke vorlieſt! König Karl ſprang von ſeinen Knieen empor, und ſagte ſchaudernd: Aber ſeid Ihr denn heute Alle raſend mit Euren Dichtern, und iſt denn dies eine Epidemie, welche die Dichter befallen hat, daß ſie „ —— —— — 199— mir durchaus ihre furchtbaren Manuſeripte vorleſen wollen? Sire, dies iſt ein ſehr intereſſantes Manuſeript, und ich habe Thränen vergoſſen, indem ich es las. Zudem, fügte Barbara ſchmeichelnd hinzu, indem ſie ihr Haupt an die Bruſt des Königs lehnte, zudem bitte ich Euch darum, Karl, denn es gilt eine edle und erhabene Seele zu tröſten und aufzumuntern, und einem wirklichen Dichter Muth einzuflößen! Nun wohl, ich werde auch dieſen Dichter noch an⸗ hören! ſagte der König ſeufzend. Der Himmel allein mag wiſſen, wozu mir dieſe Prüfung auferlegt wor⸗ den! Wie heißt denn dieſer abſcheuliche Dichter, wel⸗ cher ſogar macht, daß ich in Deiner Nähe noch etwas Anderes denken muß, als an Dich ſelber? Sire, es iſt kein Dichter, ſondern eine Dichterin, und ihr Name iſt Aphra Behn! Ah, Aphra Behn, dann werde ich für's Erſte nur Ein Mannſcript zu hören haben! Uebrigens fange ich an, neugierig zu werden auf dieſe Aphra Behn, und ich bin's zufrieden, daß ſie ſo bald als möglich komme! Morgen alſo, morgen ſoll die Vorleſung ſein. Dann haben wir übermorgen nicht mehr davor zu zittern, und könten unſern Abend beſſern Vergnügungen wid⸗ men. Damit will ich mich morgen während der Vor⸗ leſung tröſten! Die Vorleſung. Am nächſten Abend verſammelte ſich in den Ge⸗ mächern der ſchönen Barbara von Caſtlemaine eine glänzende Geſellſchaft. Der höchſte Adel, ja ſelbſt die ſtolzeſten und tugendhafteſten Damen verſchmäheten es nicht bei dieſen Soirsen der königlichen Geliebten zu erſcheinen und derjenigen ihre Ehrfurcht zu bezeigen, welche, wenn auch nicht den Titel, doch die Macht einer Königin beſaß, und deren gnädiges Lächeln oder unwilliges Stirnrunzeln bedeutender und gefährlicher war, als das des Königs ſelber, denn man wußte ſehr wohl, daß Barbara immer herrſchte und regierte, der König aber nur dann, wenn Barbara es ihm er⸗ laubte.— Heute Abend alſo hatte es der königlichen Ge⸗ liebten gefallen, ſtatt der rauſchenden Feſte eine geiſt⸗ reiche Soirse zu geben. Wir wollen dieſen hocherlauchten Ladies, und dieſen tugendhaften Herzoginnen, welche mich im Herzen verwünſchen, während ſie ſich bis zur Erde vor mir neigen, wir wollen ihnen zeigen, daß wir nicht bloß lachen, ſondern auch ernſt und geiſtreich ſein können, ſagte Barbara. Wir wollen ihren Lordſchaften, die bei jedem zweideutigen Wort ſittſamlichſt erröthen, und dadurch unzweideutig ihr ſehr gutes Verſtändniß der leiſeſten Anſpielung beweiſen, heute die Mühe ſolchen Erröthens erſparen, und heute Abend einmal eine Aspaſia ſein. Gebt mir alſo ein dunkles Ge⸗ wand, ich will mir das Anſehen einer Matrone geben, 3 — 201— und George Villiers ſogar ſoll vor meinem reinen und ernſten Antlitz, und vor dem höchſt tugendhaften Ausdruck meines Geſichtes zurück beben! Die ſchöne Barbara erſchien alſo in ber Geſell⸗ ſchaft in durchaus ſittſamer und einfacher Kleidung, aber ſelbſt ihre heſtigſten Neiderinnen mußten ge⸗ ſtehen, daß ſie niemals ſchöner und bezaubernder ge⸗ weſen, als in dieſen dunklen enganſchließenden Ge⸗ wändern, welche die Friſche und Zartheit ihres reizen⸗ den Angeſichtes und die Schönheit ihrer Geſtalt nur noch mehr hervortretan ließen.— Neben Barbara ſah man eine junge Fremde eben ſo ſittſam gekleidet, eben ſo ſchön, aber in ganz anderer Weiſe. Ihre Schön⸗ heit hatte zugleich etwas Ernſtes und Imponirendes, es lag etwas zugleich Stolzes und Kaltes in ihren Blicken, es ſchien, dieſe feſtgeſchloſſenen, feinen Lippen hätten niemals gelächelt, und auf dieſer hohen Stirn könnten immer nur ernſte und kühne Gedanken thronen. Der ſeltſame Contraſt dieſes Ernſtes und dieſer im⸗ poſanten Ruhe mit der großen Jugendlichkeit des ſchönen Antlitzes machte einen bezaubernden Eindruck, und Jeder fragte in geſpannter Erwartung nach dem Namen dieſer ſchönen räthſelhaften und imponirenden Erſcheinung. Barbara aber führte ſie gerade zu dem Seſſel hin, auf welchem der König ſaß. Sire, ſagte ſie, ich ſtelle Ihnen hier meine Freundin vor, die Dichterin Aphra Behn. Ich empfehle ſie Ihrer Gnade, und für jedes Zeichen der⸗ ſelben werde ich Ihnen danken, als ob es mir ge⸗ ſchehen. Zudem iſt Miſtreß Aphra Behn eine nahe Verwandte meines Hauſes— Und auch des meinen, unterbrach ſie Buckingham, indem er näher trat. Wir Beide, Sire, die Gräfin — 202 Caſtlemaine und ich, wir werden alſo das Recht ha⸗ ben, unſere ſchöne Couſine ſo lange zu beſchützen, als es ihr gefällt, unſeres Schutzes zu bedürfen. Um Aphra's Lippen ſpielte ein ſtolzes und ver⸗ ächtliches Lächeln, aber ſie erwiederte nichts. Ah, mein lieber George, ſagte der König, wer unter dem Schutze der Muſen ſteht, bedarf unſerer nicht, und es iſt daher nicht die Dichterin, welche um unſere Gnade zu bitten hat, ſondern wir um die ihre. Die Könige bedürfen der Dichter Und die Dichter bedürfen der Könige! ſagte Aphra mit ihrer ſonoren, wundervollen Stimme. Sie be⸗ dürfen ſo ſehr der Könige, daß ſie in der Republik ſterben und zu Grunde gehen! Nichts von Republiken jetzt, ſagte Barbara. Du haſt mir verſprochen uns vorzuleſen, und der König hat ſeine Zuſtimmung gegeben. Leſen wir denn!— Man ſetzte ſich alſo, und Aphra las. Es lag ein wunderbarer Zauber in ihrem Ton, in ihrer ganzen Erſcheinung. Ihre Stimme klang anfangs ſchüchtern und leiſe, allmälig erhob ſie ſich mehr, von der Ge⸗ walt ihrer eigenen inneren Erregung getragen. Mit einem ſüßen Beben las ſie anfangs Oronvoko's Na⸗ men, und eine Purpurröthe übergoß dabei ihre Wan⸗ gen. Das machte ſie reizend ſchön, und der König flüſterte der neben ihm ſitzenden Barbara zu:„Ich wette, ſie hat den Prinzen Oronvoko geliebt!“ Gewiß, denn ſie hat ſo viel um ihn gelitten, ſagte ſie, und man liebt am meiſten Den, um welchen man leidet! Aber laſſen Sie uns hören, Sire! Aphra las immer weiter, und ihre Augen glühten, und ihr Buſen wogte, ſie empfand jedes Wort, ſie durchlebte noch einmal jeden Moment der Vergangen⸗ heit, ihre Augen ſchoſſen Flammen; wenn ſie Banniſter's — 203— erwähnte, dann klang ihre Stimme wie ein Donner und über ihr Antlitz zuckten die Blitze eines könig⸗ lichen, erhabenen Zorns. Es war nicht mehr eine Vorleſung, ſondern eine Darſtellung, eine dramatiſche Scene; in geſpannter Erwartung, athemlos lauſchend ſaß der König, und in den Augen der Damen ſah man Thränen blinken bei dieſer ſo einfachen und ſo rührenden Erzählung von Oronvoko's und Imoindens Liebe. Dieſe Liebe hatte Aphra in beſcheidenem Selbſt⸗ vergeſſen zum Mittelpunkte ihres Buches gemacht, ſich ſelber kaum erwähnend und dennoch wußte und ſah Jeder an der Gewalt ihrer Bewegung, an dem Ton ihrer Stimme, an dem Leuchten ihrer Augen, daß ſie ihn grenzenlos geliebt, und grenzenlos um ihn ge⸗ litten! Es war ein ſüß verſchleiertes Geheimniß, das doch durch jedes Wort ihres Buches verrathen ward und nur dazu geeignet war, noch mehr Intereſſe für die Dichterin zu erregen. Stunden vergingen, und immer noch hörte man Aphra mit derſelben geſpannten Aufmerkſamkeſt zu. Es war dies eine ganz neue, niemals dageweſene Erſcheinung. Der üppige, nur in rauſchenden Feſten ſich begeiſternde König und ſein Hof war heute wie bezaubert; es war gewiſſermaßen der Contraſt dieſer zarten Dichtung zu der ſchwelgeriſchen und wüſten Gegenwart, welcher ſie Alle entzückte. Es war ein Ausruhen von den ſtürmiſchen Feſtgelagen, eine füße Idylle inmitten der rauſchenden Weltfreuden, es war, als ob man einen Moment den glänzenden Ballſaal mit ſeinen trüben Dünſten, ſeiner erſtickenden Hitze und ſeinem künſtlichen Lichtglanz verlaſſen hätte, um in der Friſche und Kühle der Natur unter dem Sternenhimmel Gottes Athem zu ſchöpfen und aus⸗ zuruhen in der Stille und dem Frieden der Schöpfung. — 204— Man hatte ſich ſo ſehr gewöhnt nur die leidenſchaftliche und glühende Sprache der Liebe zu vernehmen, daß man jetzt mit einer Art wehmüthigen Erſtaunens dieſer Erzählung von einer ſo reinen, naturvollen und hei⸗ ligen Liebe zuhörte. Dieſe keuſche und züchtige Liebe rührte Alle, weil ſie ibnen fremd, weil es neu war, inmitten dieſes glänzenden und verbuhlten Hofes eine ſolche Sprache zu vernehmen. Zudem lag in Aphra's Weſen etwas Bezauberndes, Hinreißendes, ihr ganzes Antlitz flammte und leuchtete. Sie hatte ein Gefühl, als erfülle ſie in dieſer Stunde eine Miſſion Gottes, und ſie ſagte zu ſich ſelber:„Das Denkmal für Oronvoko iſt vollendet, und ganz England wird es ſehen und bewundern!“ Aber je mehr ſie ſich dem Schluſſe näherte, deſto gewaltiger ward ihre Bewe⸗ gung, ſie vermochte kaum noch zu leſen, ihre er⸗ bleichenden Lippen ſträubten ſich die Qualen, welche Oronvoko gelitten, auszuſprechen, ihre Augen ſprühten Flammen, und plötzlich ganz hingeriſſen, ganz über⸗ wältigt von ihrer innern Zornesgluth ließ ſie das Buch ihren Händen entſinken und ſich bleich und ſtolz emporrichtend, ſagte ſie mit ernſter und feierlicher Stimme:„Sire, Oronvoko iſt gemordet worden, und ſein Mörder lebt noch. Er lebt, geehrt und gefürchtet als Euer Statthalter in Surinam. Sire, dieſer Mord ſchreit um Rache, und dieſes Blut muß geſühnt werden! Ich fordere die Beſtrafung Banniſter's!“ Und ich gewähre ſie! ſagte der König, Banniſler ſoll nach England zurückgerufen werden, und wehe ihm, wenn er ſich nicht vertheidigen kann! Die Dichterin Aphra Behn aber möge Ihrem König er⸗ lauben, daß er ihr dankt, für dieſen neuen und ſelte⸗ nen Genuß, welchen Sie uns gewährt. Wahyrlich, hätte ich nicht dieſes beneidenswerthe Glück König — 205— von England zu ſein, dann möchte ich wohl Oronooko geweſen ſein, das heißt nicht der gemordete, ſondern der von Imoinda geliebte Oronvoko! Aber ich fürchte, wir Alle, meine Herren, würden die Liebe eines ſolchen Engels nicht verdienen! Wir ſind Barbaren und Vandalen, wir weißen Männer im Vergleich zu dieſem ſchwarzen Helden!—— Strahlend vor innerer Befriedigung, vor ſtolzem Glück kehrte Aphra an dieſem Abend heim. Sie hatte als Dichterin ihren erſten Triumph gefeiert, und von einem König war ihr Lob und Anerkennung ge⸗ zollt. Aber nicht daran dachte ſie, als ſie ſich jetzt noch einmal im Geiſt die Scenen dieſes glanzvollen Abends zurückrief. Sie erinnerte ſich nur, daß der König ihr zum Lohn für ihre Vorleſung die Beſtrafung Banniſters verſprochen hatte. An das offene Fenſter tretend blickte ſie empor zu dem geſtirnten Nachthimmel und rief: Oronooko! Ich grüße Dich! Oronooko, ich habe meinen Schwur erfüllt, ich habe Dich gerächt! Schluß des zweiten Bandes. Druck von C. Guthſchmidt& Comp. in Berlin, Lindenſtr. 81. ſſſiſiſſſſſſſſſſſſiſſtſſſſſſſſſſſſſiſſſiſſſſſ 8 9 10 11 12 13 1 8 16 17 4 1