— Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Otlmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und eſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Vibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lescpreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Vuches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Sumine hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatret wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Büchen: 6 Bücher: ———— —— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Pek.— Pf. „ ſ 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuröckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Sie hatte abgeſchloſſen mit ihrer Ver⸗ gangenheit, ſie hatte gebrochen mit all den Träumen und Entzückungen ihrer Jugend, und, jung wie ſie war, fühlte ſie ſich dennoch alt und abgeſtorben in ihrem Herzen. Sie glaubte nicht mehr, ſie hoffte und liebte nicht mehr, ſie verlangte vom Leben nichts mehr, als den kurzen Genuß, die raſch vorüberrauſchende Freude, und dann, nach dieſer einen tiefen, traum⸗ loſen Schlaf, um neu geſtärkt zu erwachen zu neuen Freuden und Genüſſen. Sie gehörte jetzt zu den gefeierten Damen des Hofes, man wußte, daß ſie die vertrauteſte Freundin der königlichen Geliebten Barbara von Caſtlemaine war, und man nannte ſie laut die Geliebte des könig⸗ lichen Günſtlings, George Villiers. Grund genug, dieſes ſchöne junge Weib laut zu preiſen und heimlich zu verwünſchen, ihr jede Art der Huldigung darzu⸗ bringen am Hofe, und jede Art der Verleumdung und Schmähung auf ſie zu häufen beim Volk und in der Stadt. Ganz London kannte jetzt ihren Namen, die Einen nannten ſie eine talentvolle Dichterin, die Andern meinten heimlich, ſie ſei nicht Buckingham's, ſondern des Königs Geliebte, die Frauen beneideten ſie. Weil ſie ſchön war und jung, deshalb ſchmäheten ſie ſie, und ſchlugen tugendhaft erröthend die Augen nieder, wenn Aphra an ihnen vorüber kam, und er⸗ zählten dann, ohne zu erröthen, ihren Freundinnen die ſchamloſeſten Geſchichten als Epiſoden aus Aphra's 3 Leben, Epiſoden, welche mit boshafter Schadenfrende erzählt und angehört und weitergetragen, und von Niemandem widerlegt und von Niemandem bezweifelt wurden. Die Männer, die Cavaliere dieſes laſter⸗ haften Hofes, haßten Aphra nicht minder, obwohl ſie ſie anzubeten ſchienen. Sie haßten Aphra Behn, weil ſie den ſcharfen Witz, den beißenden Spott dieſer ſo ſchönen, ſo kalten, ſo überlegenen, jungen Frau fürch⸗ teten, weil es ſie empörte, ihre Liebesbetheuerungen immer mit ironiſchem Lächeln, mit eiskalter Ruhe er⸗ widert zu ſehen, weil ſie Keinem von ihnen das Recht gegeben, ſich ihrer Bevorzugung zu rühmen, und ſich ihren Geliebten zu nennen, und weil Jeder dies für eine unverzeihliche Beleidigung, einen nicht zu recht⸗ fertigenden Hochmuth hielt. Die Herren des Hofes wußten ſehr wohl, daß Aphra nicht die Geliebte des Königs ſei, auch hatten ſie ſich nur eine kurze Zeit mit dem Wahne getäuſcht, daß ſie Buckingham's Ge⸗ liebte ſei, weil ſie in ſeinem Hotel wohnte, und an ſeiner Seite überall erſchien. Aber dieſe Herren waren zu feine Beobachter und Kenner in Allem, was die Liebe betrifft, um nicht bald bemerken zu müſſen, daß zwiſchen Aphra Behn und Buckingham nicht eins dieſer ſchlüpfrigen, leichtgeknüpften, leichtzerriſſenen Verhältniſſe beſtehe, wie ſie damals zum guten Ton der vornehmen Welt gehörten, ſondern daß es ein weit ernſteres, feſtgeſchloſſeneres und ruhigeres Bünd⸗ niß ſei, welches zwiſchen der ſchönen jungen Frau und dem ſchönen jungen Herzog beſtehe. Sie wird ſeine Schweſter ſein, ſagte man zu einander, vielleicht nicht die Tochter ſeiner Mutter, — aber die ſeines Vaters. Ja, dieſe ſogenannte Aphra Behn iſt ohne Zweifel die Schweſter von George Villiers, und daher kommt auch ihre nahe Verwandt⸗ ſchaft mit der Gräfin Caſtlemaine, und daher dieſes zutrauliche und innige Verhältniß des Herzogs und der ſchönen Dichterin. Aphra kannte all' dies Gerede und die Verleum⸗ dungen, welche man über ſie verbreitete. Aber mitten durch den Sturm der Verleumdung und durch das Hohngelächter ihrer Neider ſchritt ſie einher mit ruhigem Blick und mit einem kalten, ſtolzen Lächeln. Sie hatte ſich gepanzert mit ihrer Weltverachtung gegen die Verachtung der Welt, ſie hatte ſich geſtählt mit ihrem Menſchenhaſſe gegen den ſie verfolgenden Haß der Menſchen, ſie wollte nichts mehr, als Rache nehmen an den Menſchen und das Leben genießen wie ein glänzendes, berauſchendes Feſt, bei dem man ſeiner innern Qualen zu vergeſſen ſucht, und die Pein ſeines Herzens unter jubelndem Lachen verbirgt, ſie wollte duftende Blumen in ihr Haar flechten, um darunter die Dornenkrone zu verhüllen, welche ſich tief in ihre Stirn gedrückt, ſie wollte ſich mit Diamanten ſchmücken, um mit ihrem funkelnden Glanz die ſchimmernden Tropfen zu verdüſtern, welche zuweilen in ihren Augen glänzten, ſie wollte ihre junge Geſtalt mit den glän⸗ zenden und roſigen Gewändern der Freude umhüllen, um Niemand wiſſen zu laſſen, daß ſie ſich grenzenlos elend fühle. Zuweilen auch verſuchte ſie es, ſich ſelber zu über⸗ reden, daß ſie glücklich und zufrieden ſei, und daß die Schmerzen, welche ſich in ihr regten, nicht ihre eigenen, individuellen Schmerzen ſeien, ſondern nur diejenigen einer Dichterin, welche ſich ihren Phantaſieen ergiebt, und die Qualen mitempfindet, welche ſie die Geſchöpfe „ ihrer Phantaſie empfinden läßt. Sie nahm Theil an den glänzenden Feſten, welche man unter dem Schat⸗ ten der Nacht in den Gemächern der Gräfin Caſtle⸗ maine feierte, ihre Lippen ſprudelten über von fröh⸗ lichen Scherzen und heitern Neckereien, und dennoch wohnte eine tiefe, unermeßliche Traurigkeit auf dem Grunde ihres Herzens, ſie vermochte ſie wohl zu über⸗ täuben, aber niemals ſie zu ertödten; ſie lebte in ihr inmitten der Feſte, ſie klagte in ihr, während ihre Lippen lächelten. Doch gab es auch für Aphra noch heilige und ſchöne Stunden, Stunden in welchen ſie mit den glänzenden Gewändern und den funkelnden Diamanten auch ihre glänzende Luſtigkeit und ihre funkelnden Blicke von ſich abſtreifte, und mit ernſter Seele und ernſtem Geſicht gleichſam wie umgewandelt erſchien. In dieſen Stunden ihres edleren und höheren Selbſtbewußtſeins war ſie allein. Niemand war bei ihr, als ihr guter Genius, und Niemand ſah ſie, als Gott allein. Das waren die Stunden, in welchen ſie heimlich, von Niemanden begleitet, in den unſchein⸗ baren, dunkeln Gewändern früherer Tage das Hotel des Herzogs von Buckingham verließ, und ſich in die kleine und ſtille Dachkammer begab, welche ſie früher bewohnt, und welche ſie auch jetzt noch ſich gleichſam als ein Aſyl der Ruhe, eine ſtille Inſel des Friedens aufbewahrt hatte. Dort war Alles geblieben, wie es ſonſt geweſen, da ſtand ihr einfaches, ſchmales Bette mit dem weißen Linnenbezug und den ärmlichen Vor⸗ hängen von geſtreiftem Kattun, da hing dieſer kleine, zerbrechliche Spiegel über der alten, wurmſtichigen Kommode, welche einſt ihre wenigen Habſeligkeiten barg, da ſtand ihr einfacher Schreibtiſch mit dem höl⸗ zernen Dintenfaß, Alles war noch wie ſonſt, und 5 — S drunten auch im Garten blühten jetzt wieder die Roſen wie ſonſt, und rauſchten die Bäume, denn faſt ein Jahr war vergangen, ſeit Aphra damals nach London gekommen, ein Jahr, ſeit Karl Stuart als König nach England zurückgekehrt. Vieles hatte ſich geändert ſeit dieſem Jahr, aber dieſes kleine einſame Zimmer war Aphra täglich lieber, es war ihr eine Art Paradies geworden, welches ſie mit ſcheuem und zitterndem Fuße betrat, und in das Niemand ihr folgen durfte, auch Buckingham nicht, dem ſie doch ſonſt ein Recht gegeben, Theil zu haben an ihrem Leben und ihrem Sein. Dort in meiner kleinen Zelle, ſagte ſie zu ihm, dort bin ich nicht Aphra Behn, ſondern Aphra Johnſon, mein Herr Herzog, und dieſes unſchuldige, träumeriſche Kind will nichts mit Ihnen zu thun haben. Es wendet ſich erröthend ab von dem gottesläſternden und ſpöttelnden Wüſtling, welchen Aphra Behn ihren Freund und Bruder nennt, und dem ſie alle ihre ſchlechten und tollen Gedanken ſagt. Aphra Johnſon iſt eine jungfräuliche, kleine Dichterin, welche die Stille ſucht, um zu ſchwärmen und zu träumen und Gott und die Menſchen zu lieben und auf eine Zu⸗ kunft und auf das Glück zu hoffen. Laſſen wir das arme Kind und ſtören wir es nicht, Buckingham. Aber nur ein einziges Mal möchte ich es belau⸗ ſchen, dieſes holde Kind, ſagte Buckingham lachend, ein einziges Mal nur zu ihr ſprechen, um zu erfahren, ob Aphra Johnſon vielleicht ein milderes Herz beſitzt, als Aphra Behn, meine grauſame Freundin! Aphra ſah ihm faſt erſchreckt in die Augen und zog die Stirn in düſtere Falten. S Ich will keine Schlange in meinem Paradieſe haben, ſagte ſie. Hier in dieſen glänzenden Gemächern 26 10 ſind Sie mir ein lieber und willkommener Freund, aber in meiner ärmlichen, kleinen Dachkammer würde ich Sie haſſen und verachten. Bah, das iſt Unſinn! ſagte der Herzog. Aber Dein Wille ſoll geſchehen, heute, wie immer, meine ſchöne Schweſter! Ich werde Dein Dachkammer⸗ Paradies nicht durch meine anlockenden Apfelverkündi⸗ gungen vernichten, und niemals den Baum der Erkenntniß zwiſchen den Gänſeblümchen Deiner Phan⸗ taſieen aufpflanzen! Aber ehe Du heute gehſt, müſſen wir noch eine Staatsrathsſitzung halten, und das Wohl und Wehe dieſer glücklichen drei Königreiche mit einander berathen und überlegen! Gut, ſagte Aphra, indem ſie ſich nachläſſig in einen Divan lehnte, gut, ich bin bereit! Was giebt es heute? Zuerſt, und das iſt das Allerwichtigſte, wir haben kein Geldi Die Kaſſe des mächtigen und höchſt er⸗ habenen Königs von England iſt ſo leer, wie das Herz einer abgeblühten Frau. Wir müſſen vor allen Dingen trachten, den Staatsſchatz zu füllen, denn unter uns geſagt, ein König ohne Geld iſt nur ein ganz bedauernswerthes, kleines Menſchenkind, den Jeder, ſelbſt der Bettler, verlacht und verhöhnt Und was ſoll aus unſern Feſten werden und aus unſern griechi⸗ ſchen Nächten, wenn der König kein Geld hat ſie zu bezahlen! Aphra lachte. Wollen Sie mich zum Finanz⸗ miniſter machen? ſagte ſie. Soll ich als eine Art Jobber ein Mittel erſinnen, wie der Schwindſucht der königlichen Kaſſe abzuhelfen ſei? Und doch— da fällt mir etwas ein! Laßt doch den König eine reiche Parthie machen, gebt ihm eine ſteinreiche Königin, die ihn zu ihrem Erben einſetzt, und für ihren früh⸗ zeitigen Tod laßt Barbara ſorgen. Die wird ſie zu Tode ärgern, und König Karl beerbt dann ſeine Ge⸗ mahlin, um als reicher Wittwer mit Bärbara glücklich zu ſein! Mir ſcheint dieſer Plan gut! Er iſt es auch! ſagte Buckingham nachſinnend. Das Land wünſcht die Vermählung des Königs, um die Thronfolge geſichert zu ſehen, täglich kommen aus allen Städten dieſes höchſt gemüthlichen Reiches Adreſ⸗ ſen an, welche den König beſchwören, dem Lande eine Königin und wo möglich auch zu gleicher Zeit einen Prinzen von Wales zu geben! Aber dies iſt eine höchſt ſchwierige Sache, denn woher gleich eine Köni⸗ gin nehmen, welche nicht allein dem Könige, ſondern auch dem Lande und vor allen Dingen dem Kanzler Hyde und der ſchönen Barbara gefällt. Barbara wird verlangen, daß ihre Rivalin häßlich, der Kanzler, daß ſie die Tochter eines mächtigen Staates ſei, um Eng⸗ lands Einfluß nach Außen zu ſtärken, das Volk will eine höchſt fruchtbare Königin, und Karl Stuart will nicht allein ein ſchönes, ſondern auch ein rechtgläubiges, das heißt, katholiſches Weib, denn unſer guter Karl, wel⸗ cher geſchworen hat, die engliſche Kirche mit Gut und Blut aufrecht zu halten, und welcher täglich in Weſtminſter beten geht, iſt, wie Du weißt, ein treuer Sohn der lleinſeligmachenden Kirche, und Pater Matthews würde es nie verzeihen, wenn ein proteſtantiſches Kukuksei von einer proteſtantiſchen Prinzeſſin in dem königlichen Neſte Karl Stuarts gelegt würde! Woher aber eine katholiſche Prinzeſſin nehmen? Ah bah! ſagte Aphra. Die Prinzeſſinnen ſind alle à deus mains zu gebrauchen. Wenn es ſich um eine Königskrone handelt, beſchwören ſie jeden Glau⸗ ben, den Ihr verlangt! Uebrigens giebt es ja auch 6 12 einige gute katholiſche Prinzeſſinnen. Wir haben da die Prinzeſſinnen von Spanien— Kanzler Hyde iſt für dieſe Parthie, unterbrach ſie Buckingham. Er hatte geſtern wieder eine Unterre⸗ dung mit dem außerordentlichen ſpaniſchen Geſandten. Wir werden die Prinzeſſin, welche Hyde begünſtigt, nicht unterſtützen, ſagte Aphra, ſie wird alſo nicht an⸗ genommen werden. Es giebt noch mehrere Prinzeſ⸗ ſinnen, Gott ſei Dank. Da iſt zum Beiſpiel die In⸗ fantin von Portugal— Und indem Aphra ſo ſprach wandte ſie ihr Ange⸗ ſicht mit einem eigenthümlichen ſchlauen und forſchen⸗ den Ausdruck dem Herzog zu.— Buckingham fühlte ſich ein wenig verwirrt von ihrem ſcharfen, ſpöttelnden Blick, und wandte das Ange ab. Freilich, ſagte er, die Jufantin von Portugal hat Vieles für ſich. Sie iſt jung, und wie man ſagt nicht allzuhübſch, ſie iſt außerdem aber auch gut katholiſch und eine freundſchaftliche Verbindung mit Portugal kann unſerm Seehandel nur günſtig ſein. Und wie iſt es mit ihrem Reichthum? fragte Aphra mit leichtem, ſpöttelnden Ton. Ihr vergeßt die Haupt⸗ ſache, das Geld! Und doch hat ſich das Geld mit der ſpaniſchen Prinzeſſin verbunden. Barbara ſagte mir geſtern, daß der außerordentliche Geſandte, welchen uns Frankreich geſchickt, durchaus eine Heirath mit Spanien vermitteln will, und dem Kanzler Hyde eine Summe von zehntauſend Pfund geboten hat, wenn er dieſe Parthie begünſtige.*) Und dieſer Cato, dieſer großſprecheriſche Tugend⸗ held hat die Summe ausgeſchlagen! rief Buckingham. *) Burnet, history of my own time. Vol. I. pag. 277. — 5 Das iſt ein unverzeihlicher diplomatiſcher Fehler. Man muß Alles nehmen, aber durch kein Geſchenk ſeine Meinung gefangen nehmen laſſen! So nehmt doch das Geld, welches Euch der portugieſiſche Jude Joſe bietet, wenn Ihr die Parthie mit Portugal zu Stande bringt, ſagte Aphra nach⸗ läſſig. Ber Herzog ſah ſie erſtaunt an. Ach, Du biſt alſo allwiſſend, ſagte er, Du weißt Alles, ſchon bevor ich es Dir ſage, Du blickſt in die geheimſten Tiefen meiner Seele, und lieſt darin, was noch nicht einmal geſchrieben iſt! Aber auf Deinem Geſichte, George, ſtand es ge⸗ ſchrieben, daß Du das Geld nehmen willſt, welches Dir der Jude geboten hat! Nun ja, es iſt ſo! ſagte Buckingham. Er hat mir zehntauſend Pfund geboten!²) Soll ich ſie annehmen, Aphra? Nehmt ſie! ſagte ſie ernſt. Eure Kaſſe iſt leer, der König muß daher die Prinzeſſin von Portugal heira⸗ then. Aber ſagt mir, George, iſt dies nicht eine er⸗ bärmliche und verächtliche Welt! Eine Welt der Lüge, des Schachers und der Bosheit? Weiber werden verhandelt wie eine Waare, und aus dem heiligſten Bündniß der Menſchen macht man einen Kaufkon⸗ trakt. Ein Jude iſt der Prieſter, welcher die Ehe zwiſchen einem König und einer Prinzeſſin ſchließt, und der Herzog Buckingham, dem auf der Welt nichts heilig iſt, miſcht ſeine unreinen Hände in die heiligen Dinge, um Vortheil davon zu haben! Geht, geht, *) Burnet ebendaſ. Seecret history of the reign of Char- les IH. By a member of his Private Council. Vol. I. pag. 190. „ — George, es wäre zum Weinen, wenn man nicht beſſer thäte, darüber zu lachen! Und indem ſie ſo ſprach, brach ſie in ein helles, luſtiges Gelächter aus, in welches Buckingham fröhlich mit einſtimmte. Ja, Du haſt Recht, Aphra, ſagte er dann, es iſt eine erbärmliche, aber nichts deſto weniger recht ver⸗ gnügliche Welt, in der ſich immerhin doch allerhand Spaß treiben läßt! Und allerhand Qual empfinden läßt! ſeufzte Aphra. Nein, nein, keine QOual! Wir wollen glücklich ſein, wir wollen die Welt gebrauchen, und die Men⸗ ſchen uns dienſtbar machen! Ueber ihre Thorheiten wollen wir lachen, und für ihre Schlechtigkeiten wollen wir ſie ſtrafen! Ja, das wollen wir, und die Strafe ſoll ohne Ende ſein! rief Aphra mit leuchtenden Augen. Mag alſo der König die portugieſiſche Prinzeſſin heirathen! Weshalb läßt ſie ſich ausbieten, wie eine Waare! Mag ſie es haben! Wir wollen es ihr bezahlen! Du wirſt alſo Barbara meinem Plane geneigt, und ſie zur Einwilligung bereit machen? Ah bah! Ihr iſt es gleichgültig, Wen ihr königli⸗ cher Geliebter heirathet, vorausgeſetzt, daß die zukünf⸗ tige Königin nicht ſchön genug iſt, um ihre Rivalin zu ſein. Nun, wir werden alſo, Dank Deiner Hülfe, meine ſchöne Schweſter, die Prinzeſſin von Portugal zu un⸗ ſerer Königin machen. Ach Aphra, wann aber wirſt Du einwilligen, und Dich zur Königin meines Her⸗ zens machen laſſen? Aphra zuckte die Achſeln. Seid doch zufrieden, George, ganz London zeigt mit Fingern auf mich, und nennt mich Eure Geliebte! Und iſt nicht dies ein unerträglicher Hohn, beneidet zu werden, um ein Glück, welches man nicht genießt, geprieſen zu werden um einen Sieg, den man nicht errungen. Ach Aphra, Du wirſt machen, daß Dein armer George ſeinen ganzen Ruhm verliert, der erſte Spötter dieſes Hofes zu ſein! Du wirſt die Schuld tragen, wenn ich ein ganz ernſthafter, tugendhafter Menſch werde, der auf ſeinen Knieen herumrutſcht, und zu Gott empor heult um Troſt und Erbarmen. Ihr tödtet nicht allein mein Herz, ſondern auch mei⸗ nen Witz! Geng jetzt, ſagte Aphra, indem ſie aufſtand. Ich habe es Euch zuvor geſagt, ich werde nur dem Manne gehören, welchen ich liebe, aber dieſem mit aller Kraft meines Daſeins. Ihr liebt mich alſo nicht?. Nein, ich liebe Euch nicht, ich habe Euch lieb, wie einen Bruder. 5 Aber es iſt unmöglich, daß dies glühende Herz empfindungslos ſei! rief der Herzog, es iſt unmöglich, daß Du zwiſchen dieſen Gewittergluthen der Iugend einhergehſt, ohne ein einziges Mal Dein Herz von dem Blitz der Liebe entzündet zu fühlen! Wen liebſt Du denn, Aphra? Niemand! ſagte ſie ſeufzend. Und glaube mir, George, das iſt ein großes Unglück. Man iſt ſo ent⸗ ſetzlich einſam auf der Welt, wenn man ſich nur für ſich ſelber martert mit dem Leben. Es iſt ſüßer für Andere Qual zu empfinden, als einſam zu ſein und keine Schmerzen zu fühlen. Aber dies ſind Thorhei⸗ ten, Freund, nichts als Weiberlaunen und Grillen! Vergeſſen wir das! Es iſt ein unendlich ſpaßhaftes Ding um das Leben und man könnte Thränen dar⸗ über weinen vor Lachen! Schließe den Handel ab mit dem Juden. Es iſt ein gutes und vortheilhaftes Ge⸗ ſchäft, mein Bruder, und wenn dieſe Ehe zu Stande kommt, ſo iſt es ohne Zweifel Gottes Wille, denn die Ehen werden im Himmel geſchloſſen, wie Du weißt! Ja, ja, auch dieſe Ehe König Karl's mit der portu⸗ gieſiſchen Prinzeſſin wird im Himmel geſchloſſen wer⸗ den, und wenn der Jude Joſs Dir das bedungene Geld gezahlt hat, und wenn Barbara ihren Freund Karl Stuart bewogen hat, die Infantin zu heirathen, und wenn der Prieſter dann, Dank dem Juden Joſé und unſerer Macht über den König, dieſes erhabene Paar einſegnet, dann wird er die Hände fromm in einander falten, die Augen gen Himmel drehen, und ſagen:„was Gott zuſammenfügt, das ſoll der Menſch nicht ſcheiden!“ Iſt's nicht zum Lachen, George? Oder iſt's nicht zum Weinen? IIM. ddrr Jlüchtling. 8. ₰ Mit haſtigen Schritten und mit füßer Beklemmung, als ob ſie einem Glücke entgegeneile, hatte Aphra den Weg nach ihrer ſtillen Dachkammer zurückgelegt. Leicht, wie eine Gazelle, hüpfte ſie die Stiegen hinauf und ſummte ſich leiſe ein kleines, luſtiges Liedchen, das ſie ſo eben auf der Straße gehört. Mit lächelndem Kopfnicken begrüßte ſie ihre Kam⸗ mer, als ſie jetzt durch die kleine, niedrige Thür in dieſelbe eintrat. Ach, welch' ein himmliſcher Frice hier! ſagte ſie leiſe, und ihre Augen wandten ſich mit leuchtenden Blicken zu jedem einzelnen Gegenſtand, der dieſen en⸗ — gen, kleinen Raum erfüllte. Alles war ihr lieb und vertraut, Alles ſprach zu ihr; der Seſſel, auf welchem ſie ſo oft weinend geſeſſen in verzweiflungsvoller Pein, das ſchmale, kleine Bett dort, in welchem ſie manche Nächte ſeufzend durchwacht, der Binſenſtuhl im Fenſter, wo ſie ſo oft geſeſſen und träumend zum Mond empor geſehen, und an ihn gedacht hatte, den allein ſie einſt geliebt! Und hier auf dem Tiſch die Bücher! Eins darunter hatte Oronvoko einmal in ſeiner Hand ge⸗ habt. Es war an einem ſchönen Sommerabend ge⸗ weſen. Sie ſaß unter den rauſchenden Pinien und las in dem Meiſterwerk William Shakespeare's; ſie las von Julien's Liebesgluth und Romeo's Tod er⸗ füllte ſie mit Entſetzen. Die Thränen waren ganz unwillkührlich ihren Augen entquollen, und hatten das Blatt, welches ſie eben aufgeſchlagen, befeuchtet. In dieſem Angenblick war Oronvoko aus dem Gebüſch hervorgetreten, und Aphra ließ das Buch aus ihren Händen gleiten. Oronooko hob es auf, und er blickte in das Buch und ſah die Thränen, welche noch friſch auf dem Papier hingen. Mit einem Blick, vor dem ihr ganzes Herz erbebte, drückte er das Buch an ſeine Lippen und küßte die Thränen fort von dem Papier. Dann reichte er es ihr ſchweigend wieder dar und ging weiter.— An dieſe Scene dachte Aphra jetzt, als ihr Blick ganz zufällig auf das Buch fiel. Wie mit einem Zauberſchlag fühlte ſie ſich wieder zurückverſetzt in jene ſchöne, paradieſiſche Welt ihres Ingendglückes. Alles war vergeſſen, alle Schmerzen hatten aufgehört! Sie war wieder dasgjunge Mädchen von ſechzehn Jahren, nb iebte, welches auf das Glück d den Menſchen vertraute! ieder jenen klaren, heitern — 16— und unſchuldsvollen Ausdruck angenommen, den es damals gezeigt, und ihre Augen ſchwammen in einem füßen und ſchwärmeriſchen Feuer. Sie war ſehr glücklich! Sie hatte die Gegenwart und ihre Erfahrungen vergeſſen, ſie träumte ſich zurück in die Vergangenheit! Plötzlich flog eine Wolke über ihr roſiges Antlitz und der Sonnenblick erſtarb in ihren Mienen. Wie ein dunkles Geſpenſt war das Bild des Lord Banniſters durch ihre Seele geflogen, und vor dieſem Bilde entſchwanden ihre leuchtenden Träume. Jetzt war ſie nicht mehr das junge, unſchuldige Müädchen, welches liebt und träumt, ſondern das ſtolze, zürnende und ſiegreiche Weib, welches Rache geſchwo⸗ ren hat, und bereit iſt, ſie zu erfüllen um jeden Preis! Ihre Stirne verfinſterte ſich wieder, ihre Augen ſprühten in einem düſtern Feuer. Sie litt entſetzlich, denn in ſchauerlichen Bildern zog jetzt ihr ganzes Unglück an ihr vorüber mit allen ſeinen Qualen und ſeinen Freveln. Auf ihrer Stirn ſtanden große Schweißtropfen, und ihre Wangen waren blaß.— Sie ſprang empor und eilte an's Fenſter, um es zu öffnen und in langen Zügen die Luft ein⸗ zuathmen! Still, ſtill, mein Herz, flüſterte ſie hoch⸗ aufathmend, ſchweigt Ihr Stimmen meiner traurigen Erinnerungen! Ich habe mein Gelübde ja erfüllt. Banniſter wird geſtraft werden! Sttill alſo mein Herz! Lebe Deinen Erinnerungen an Oronooko und ſei glücklich! Sie lehnte ſich in's offene Fenſter und blickte lange hinab in den ſtillen kleinen Garten, und es ward wie der Frühling in ihr. Mit heller Stimme ſie ein indiſches Lied, das Imoinda ſie einſt gelehrk, und das Rauſchen der — Bäume begleitete ihren Geſang mit melodiſchen Ak⸗ korden. Allmälig war es Abend geworden, und es begann zu dunkeln. Ich will heute nicht in mein glänzendes Elend zu⸗ rückkehren, ſagte Aphra, ich will hier bleiben und eine ſchöne Nacht berträumen. Aher erſt eſſen, eſſen! Gott ſei Dank, mich hungert einmal wieder! Sie hüpfte zu dem kleinen Wandſchrank hin, und holte aus demſelben das Schwarzbrod und den irdenen Krug mit Butter, welche beide Dinge ſie dort immer in kleinen Vorräthen ſich hielt. Mit einem köſtlichen Lächeln legte ſie beides auf den Tiſch und daneben das große, blinkende Meſſer. Dann holte ſie mit geſchäftiger Eile die meſſingene Theemaſchine hervor, und that aus der papiernen Düte ein wenig Thee hinein. So, und jetzt zum Brunnen und Waſſer geholt! Sie nahm den irdenen Krug und ſprang mit luſtigem Geträller die Stiegen hinab und ſchöpfte ſich Waſſer am Brunnen. Dann ging ſie langſam und ein wenig ächzend unter der ſchweren Laſt die Treppen wieder hinauf. Sie war ein ſeltſames Geſchöpf. Dieſer ſchwere Waſſerkrug, den ſie ſchleppte, erfreute ſie, und es that ihr wohl, ſich anſtrengen zu müſſen. Man fühlt doch einmal, daß man Kräfte hat und arbeiten kann! ſagte ſie, während ſie ächzend empor ſchritt. Die vornehmen Damen, die thun nichts, des⸗ halb ſind ſie immer krank und unzufrieden! Aber wir armen Leute müſſen arbeiten, und uns im Schweiß unſers Angeſichts unſer Brod verdienen, darum ſind wir auch immer geſund und zufrieden! WMit der ihr eigenen, wunderbaren Beweglichkeit — ihres Charakters und der Fähigleit, jede aufwallende Laune im Moment zu einer Wahrheit zu machen, hatte ſie jetzt wirklich die vornehme Dame von ſich abgeſtreift, und ſich zu einem jungen, geſchäftigen Weibe gemacht, der die Arbeit Pflicht iſt und ſüßes Behagen. Endlich waren alle Vorbereitungen getroffen, der Spiritus zuckte mit bläulichen Flammen um die Thee⸗ maſchine und machte das Waſſer ſingen und ziſchen. Es klang Aphra wie leiſes Geiſtergeflüſter und wie ſaufte Schlummerlieder. Sie fühlte ſich unendlich behaglich, unendlich ſtill und ruhig in ihrem Gemüthe. Sie aß und trank und freute ſich ihres frugalen Mahles, und es ſchien ihr, als habe ſie nie etwas Köſtlicheres gegeſſen und getrunken, wie dieſes Brod und dieſen ſelbſtbereiteten Thee. Dann nahm ſie das Buch, das Oronvoko's Hände einſt berührt, und las. 6 Die Nacht brach indeß herein, tiefe Dunkelheit lagerte ſich über die Welt, das Geräuſch der Straßen verſtummte allmälig und machte einer wohlthuenden Stille Platz. Aphra las immer noch. Shakespeare hielt ſie ge⸗ fangen mit ſeinen erhabenen Poeſieen, ſie fühlte nichts als die große und himmliſche Schönheit dieſer Dichtung. Was kümmerte ſie die Nacht und der Abendwind, der durch das offene Fenſter herein rauſchte, und ihr Licht zuweilen flackern und ſich verdunkeln machte. Wie geſagt, ſie hörte und ſah nichts! Sie hörte nicht, wie es ſich da draußen leiſe zu regen begann, und wie ein eigenthümliches, leiſes Ge räuſch plötzlich die tiefe Stille unterbrach. Es als ob die Zweige der hohen Eiche, welche dicht neben ihrem Fenſter ſtand, kniſterten und knackten. Lielleicht war es eine Katze, welche an dem Baum empor klet⸗ terte, vielleicht war's auch nur der Nachtwind, welcher die Zweige ſchüttelte. Aphra hatte gar nichts gehört, ſie las ruhig weiter. Aber das Geräuſch dauerte fort, es kam näher und näher, die Zweige der Eiche beugten ſich und thaten ſich von einander. Ein Menſchenantlitz ſchaute hervor, und ein Paar Augen blickten fragend und forſchend in das ſtille Gemach. Aphra hörte nichts und ſah nichts, ſie las ruhig weiter. Jetzt trat die Geſtalt höher und größer zwiſchen den Zweigen hervor. Man ſah den Dolch in ſeinem Gürtel blitzen, und die Piſtolen, welche im Schein des Lichtes funkelten. Jedenfalls war dieſer junge, räthſelhafte Mann kein Dieb und Räuber, welcher kam, um zu rauben und zu morden, denn ſein ſchönes und edles Angeſicht zeigte Entſetzen und Furcht, und ſeine bleichen Lippen zitterten. Neugierig ſpähete er in das Gemach, dann legte er die Hand auf die Waffen in ſeinem Gürtel. 3 Dieſe Hand triefte von Blut. Jetzt ſchob er ſich weiter vor, und nun mit einem mächtigen Sprunge ſchwang er ſich auf das Fenſter⸗ geſims, und von da hinunter in das Zimmer. Aphra's Händen entſank das Buch, und ein Schrei des Entſetzens drang von ihren Lippen. Still! ſtill flüſterte der junge Mann, welcher neben dem Fenſter auf die Kniee niedergeſunken war. Haben Sie Erbarmen! Seien Sie menſchlich! Retten Sie mich vor meinen Verfolgern! Er faltete die Hände flehend zu ihr hin, Aphra ſah das Blut, das von denſelben heruntertropfte. „ 3⸗ 45 Sie war in entſcheidenden Momenten ein großes und ſtarkes Weib, deshalb hatte ſie auch jetzt ſchnell ihre Kraft und Beſonnenheit wieder gewonnen. Sie haben Blut an Ihren Händen, ſagte ſie. Soll ich einen Mörder bei mir aufnehmen? Es iſt mein eigenes Blut! rief der Fremde, und eine andere Hand als die meine hat mich verwundet! Ach, mein Gott, warum bin ich nicht getödtet worden, es wäre beſſer geweſen! Und doch fürchten Sie für Ihr Leben? fragte Aphra. Doch ſuchen Sie Schutz bei einer ſchutzloſen Fremden? Ja, ich ſuche Schutz! Ich ſuche ein Aſyl für dieſe Nacht! Nur für dieſe Eine Nacht! Nur daß die Scher⸗ gen mich nicht finden, und die feilen Seclaben des Geſetzes mich nicht in den Kerker ſchleppen, wie ſie es ihm gethan! Oh, haben Sie Erbarmen! Sehen Sie! Seit zwei Stunden bin ich auf der Flucht. Wie ein gehetztes Wild bin ich über Dächer und Mauern ge⸗ klettert und hinter mir her die klaffende Meute meiner 8 Wſelge Die Verzweiflung hat mir Kraft gegeben, S immer weiter, immer ſchneller zu rennen. Jttzt, glaube rbarmen! Seien Sie gnädig! Es iſt für Sie keine Gefahr mehr dabei, retten Sie ein armes, geängſtetes Menſchenleben! Aphra hatte ihn, während er ſprach, mit großen und forſchenden Blicken betrachtet, und unwillkührlich fühlte ſie ſich zum Glauben und Vertrauen bewogen. Und glauben Sie, daß ich Sie weniger retten würde, wenn Gefahr dabei wäre? fragte ſie. Stehen ch, hat man meine Spur verloren. Haben Sie daher Sie auf, junger Mann, Sie ſind hier ſicher. Was ein armes, verlaſſenes Weib für Sie thun kann, das ſoll geſchehen! —— Der junge Mann erhob ſich von ſeinen Knieen, und ſtürzte zu ihr hin, um ihre Hand zu faſſen, und ſie an ſeine Lippen zu drücken. Dank! ſtammelte er, Dank! Sie retten nicht allein mein Leben, ſondern, ſo Gott will, noch ein zweites! Er ließ ihre Hand fahren,— ſie war geröthet von Blut. Unwillkührlich ſchauderte Aphra. Sie zeigte ihm ihre Hand und fragte feierlich: Iſt dies Blut in einem edlen Kampfe vergoſſen? In dem edelſten! ſagte er. Dieſes Blut floß für meinen Vater! Er iſt im Kerker und ich wollte ihn befreien! Und er iſt kein Verbrecher? Karl Stuart nennt ihn ſo, ſagte der junge Mann zähneknirſchend, aber Cromwell nannte ihn ſeinen edel⸗ ſten Freund! Ihr habt mir ein Aſyl verheißen, aber jetzt beſinne ich mich! Ich darf es nicht annehmen, denn meine Nähe könnte Euch Unglück, ja, ſogar den Tod bringen! Ihr ſelber ſollt entſcheiden, ob Ihr es„ wagen wollt! Ich bin der Sohn Henry Vane's! Der Sohn dieſes Mannes, welchen Cromwell liebte, und* der mit zu Gericht ſaß über Karl den Erſten. Henry Vane hat muthig damals das Todesurtheil für d königlichen Verbrecher mit unterzeichnet, dafür hat der meineidige Sohn des meineidigen Stuarts meinen Vater eingekerkert, obwohl er feierlich Allen Begnadigung verheißen. Heute Abend machte ich einen Verſuch, meinen Vater zu befreien! Schon hatte ich drei Stäbe des Eiſengitters vor ſeinen Fenſtern durchgefeilt, da entdeckte mich die Wache und machte Lärm. Man ſchoß nach mir, und ehe ich die Mauer des Gefängnißhofes wieder erreichen konnte, hatte ſchon das Schwerdt eines nacheilenden Soldaten mir die Hand verwundet. Jetzt „ * 6 2. — 5. — wißt Ihr, wer ich bin, jetzt wißt Ihr, daß Gefahr dabei iſt, mich aufzunehmen! Denn man wird den Sohn Henry Vane's zum Verbrecher ſtempeln, weil er getrachtet, ſeinen Vater zu befreien, dieſen Vater, den ſie hinrichten wollen als einen Verbrecher, weil er zu Gericht geſeſſen über einem königlichen Verbrecher! Wollt Ihr den Sohn Henry Vane's bei Euch auf⸗ nehmen? Ich will es! ſagte Aphra entſchloſſen. Und ich ſchwöre beim allmächtigen Gott, Ihr ſollt hier ſicher und in Frieden bei mir wohnen, bis für Euch keine Gefahr mehr vorhanden iſt! Ich danke Dir, flüſterte der Fremde, ich danke Dir, mein Gott. Jetzt bin ich frei, und vielleicht werde ich ihn noch retten können. Er brach in ein lautes, convulſiviſches Schluchzen aus, Bäche von Thränen entſtürzten ſeinen Augen, dann erblaßte er und ſank ohnmächtig zuſammen. Aphra neigte ſich über ihn, und aus ihren Augen ſprach ein tiefes und inniges Mitleid. Ach, flüſterte ſie leiſe, eine Menſchenſeele, welche leidet, wie ich gelitten habe. Ein Bruder des Unglücks! Er ſoll mir willkommen ſein, und ich will ihn be⸗ ſchützen, müßte es ſein mit Gefahr meines Lebens! WW. Lady Caſtlemaine. Barbara Villiers, die ſchöne Gräfin von Caſtlemaine war ſeit einigen Tagen ſehr leidend. Sie hatte ſich ganz in das Innere ihrer Gemächer zurückgezogen, und ließ Niemand vor, ſelbſt nicht ihren königlichen Ge⸗ — — liebten, Karl Stuart den Zweiten. Die Folge davon war, daß der Hof ein ſehr trauriges und niederge⸗ ſchlagenes Anſehen hatte, daß man ſeit drei Tagen keine Feſte mehr feierte und keine fröhlichen Gaſt⸗ mähler, und daß der König, um ſeinem Zorn und Ingrimm über dieſe Störung ſeines häuslichen Glückes Luft zu machen, ſich ſeinen Cavalieren ſehr ungnädig zeigte, und dem Kanzler Hyde alle ihm zur Unter⸗ ſchrift vorgelegten Deerete, inſofern ſie die Wohlfahrt und das Glück des Volkes betrafen, ohne Unterſchrift zurückſchickte. Uebrigens kannte man am Hofe ſehr wohl den Grund dieſer Gewitterwolken, welche den Himmel des königlichen Liebesglückes beſchatteten, und wenn der König ſie nicht ſah, ſtanden die Hofherren lächelnd und flüſternd neben einander und theilten ſich ihre Beobachtungen und Bemerkungen mit. So viel ſtand bei ihnen feſt, die ſchöne Freundin des Königs war nicht krank, ſondern es war dies nur ein von ihr erfundenes Mittel, ihn zu quälen, und ihn dadurch ihren Wünſchen, oder, wenn man will, ihren Befehlen geneigt zu machen. Worin beſtanden die Befehle Barbara's an ihren Geliebten? Das war es eben, was die Cavaliere und die Damen und Herren des Hofes ſeit einigen Tagen unausgeſetzt beſchäftigte, und das zu ergründen, ſie ſich abmüheten.. Barbara Villiers war aber in der That nicht krank, obwohl ihre Wangen ein wenig bleicher ſich zeigten, als zu jener Zeit, wo ſie den König zuerſt geſehen. Sie war nicht krank, aber ſie hatte dieſen Vor⸗ wand gebraucht, um den König aus ihrer Nähe zu verbannen. — ——— Er verdiente dieſe Strafe, denn er war ein auf⸗ rühreriſcher Sclave; er hatte ſich geweigert, einen Wunſch der allgebietenden Herrin zu erfüllen. Das war ein unverzeihliches Vergehen! Er hatte mit Feſtigkeit und einem entſchiedenen Nein erklärt, er werde ſich nicht vermählen, denn er wolle ſich nicht in das Joch der Ehe ſchmieden laſſen, und da er Niemand weiter liebe, als ſeine ſchöne Barbara, ſo wolle er auch die portugieſiſche Infantin nicht zu ſeiner Gemahlin machen. Das war das Verbrechen des Königs, er hatte die Ehe mit der portugieſiſchen Prinzeſſin ausgeſchlagen, obwohl ſeine Geliebte ſie gewünſcht hatte! Karl Stuart empfand aber in der That einen faſt unüberwindlichen Widerwillen gegen die Ehe, und daher war es gekommen, daß er, welcher ſonſt mit einer Art zitternder Unterwürfigkeit jeden Befehl Barbara's erfüllte, dieſes Mal den Muth hatte, zu widerſtreben. Sie ſtrafte ihn dafür, das war natürlich, und ſeit drei Tagen hatte der König ſie nicht geſehen, obwohl er mehr als einmal an jedem Tage gekommen war, um vor ihrer verſchloſſenen Thür zu ſtehen, und ſie mit leidenſchaftlichen Liebesvorwürfen anzuflehen, ihm endlich zu öffnen, und ihn wieder zu begnadigen. Eben jetzt war der König wieder da geweſen; mit zitternder Hand hatte er an die verſchloſſene Thüre des Boudoirs geklopft, in welchem Barbara ruhte, und hatte ſie beſchworen, dieſe Qual enden zu laſſen, und ihm die Thüre wieder zu öffnen. Niemals! Niemals! hatte ihm Barbara geant⸗ wortet. Sie ſollen mich niemals wieder ſehen! Gehen Sie! Und wenn Sie jetzt noch ein einziges Wort reden, nur noch eine Sylbe, dann tödte ich mich, das ſchwöre ich beim allmächtigen Gott, und Sie wiſſen, daß ich gewohnt bin, meine Schwüre zu halten! Sie hatte alsdann gehört, wie er ſich langſam und ſeufzend entfernte. Ach, ſagte ſie leiſe, er wird es niemals wieder wagen, ſich mir zu widerſetzen. Ich muß dieſe Strafe bis an's Ende durchführen, und ſeinen Widerſtand und ſeinen Eigenſinn ein für allemal brechen. Er ſoll ſo weich wie Wachs in meinen Händen ſein, und in jede Form ſich fügen müſſen, in die es mir beliebt, ihn anzupaſſen! Ich will, daß er die portugieſiſche Prinzeſſin heirathe, denn ich weiß, daß dieſe mir nicht gefährlich werden kann. Ich will nicht, daß er dieſe armen, als Königsmörder angeklagten Republikaner hinrichten laſſe, denn ich haſſe die Grauſamkeit! Und was ich will, und was ich nicht will, das ſoll Karl Stuart erfüllen müſſen, und ſollte ich ihn zu Tode peinigen! Zuvörderſt will ich jetzt ſeine Strafe ein wenig empfindlicher machen! Ich werde ihm daher anzeigen, daß ich zwar wieder geſund, aber außer Stande bin, ihn zu ſehen, obwohl ich ſonſt Beſuche empfange. Das iſt eine unerhörte Grobheit, und es wird ihn mindeſtens ärgern. Sie ſchrieb mit flüchtiger Hand einige Zeilen an den König und ſiegelte ſie mit dem Siegelring, welchen ſie immer am Finger trug und in welchem ein in einen Onyx geſchnittener Amor ſich befand, der eine Krone unter ſeine Füße trat. Dann klingelte ſie und befahl dem eintretenden Kammerdiener, dies Billet ſogleich zu Sr. Majeſtät zu tragen, und alsdann ihr die Liſte derjenigen Perſonen welche heute perſönlich nach ihrem Befinden gefragt. Dies war eine ſehr lange Liſte und die Namen der * 5 ganzen hohen Ariſtoeratie befanden ſich darauf. Barbara warf ſie mit einem verächtlichen Lächeln bei Seite. Ich nehme jetzt wieder Beſuche an, ſagte ſie. Wer iſt im Vorzimmer? Mehr als funfzig Perſonen, darunter einige Par⸗ lamentsräthe! erwiderte der Diener. Ich will nichts mit ihnen zu thun haben, ver⸗ abſchiede ſie, ſagte Barbara ſtolz. Was für Herren vom Hofe ſind da? Alle Cavaliere des Königs und dann der Ge⸗ neral Monk! Sage dieſen Herren, ich würde ſie morgen empfan⸗ gen, den General Monk aber führe ſogleich herein! Ich bin begierig, was dieſe alte Hyäne von mir will, flüſterte Barbara, und als eben der General hereintrat, rief ſie ihm fröhlich entgegen: guten Mor⸗ gen, Blume der Ritterlichkeit! Seien Sie gegrüßt, Kriegsheld des Völkerglücks und der Unſterölichkeiti Und jetzt helfen Sie mir, General, denn meine Augen ſind trübe, und ich kann nicht erkennen, in welcher Geſtalt Sie erſcheinen! Sagen Sie mir, kommen Sie in Beinkleidern oder im Unterrock? Dieſe Heiterkeit iſt ohne Zweifel ſehr liebens⸗ würdig, ſagte der General mit einem erzwungenen Lächeln. Zum Unglück iſt der arme General Monk ein ſolcher Bettler an Witz und Klugheit, daß er Eure Frage wohl bewundern aber nicht verſtehen kann. Nun, ich meine, kommt Ihr als Generalin, oder als General? ſagte Barbara, indem ſie ſich nachläſſig in den Divan zurückwarf. Und was bedeutet dieſe Frage? Wenn Ihr als General kommt, muß ich mein Herz verſchließen, denn Ihr ſeid gewohnt, überoll als Sieger einzuziehen, wenn Ihr aber als Generalin — kommt, muß ich meine Diamanten und mein Geld verſchließen, denn ſie iſt gewohnt, überall Beute zu machen! General Monk wußte nicht, ſollte er ſich über die ihn betreffende Schmeichelei freuen, oder über den ſcharfen Angriff auf ſeine Gemahlin ärgern. Er machte daher ein ſehr nichtsſagendes Geſicht und mur⸗ melte einige unverſtändliche Worte. 5 Barbara lachte laut auf. Nun ſehe ich, daß Sie als General gekommen ſind, denn meine Anerkennung Ihrer Gemahlin hat Sie ganz betäubt gemacht. Sie zittern vor ihr, obwohl ſie fern von hier iſt! Das iſt brav, mein General! Den Feind muß man immer fürchten, ſelbſt wenn er nicht da iſt! Und nun ſagen Sie mir, Freund, was verſchafft mir die Ehre Ihres Beſuches? Sie ſah ihn dabei ſo freundlich an, und reichte ihm mit einem ſo köſtlichen Lächeln die Hand dar, daß Monk ihr nicht zu zürnen vermochte, ſondern ihre ſchöne Hand an ſeine Lippen drückte. Sie ſind grauſam, aber immer doch ein Engel, ſagte er. General, lächelte ſie, Sie verſtehen ſich nicht auf Schmeicheleien! Ein Engel iſt jedes Weib, ich will aber mehr ſein, als die übrigen, ich will ein Dämon ſein für Euch Alle! Und jetzt von Geſchäften! Denn General Monk beſucht die Freundin des Königs nicht, um ihr zu huldigen, ſondern um durch ſie auf den König zu wirken! Zur Sache denn! Was giebt es? Vielleicht eine Revolution, wenn der König ſich nicht entſchließt, bald energiſche Maßregeln zu ergreifen! rief Monk feierlich. Nein, lacht nicht, Frau Gräfin! Dieſe Sache iſt ernſthaft! Will der König ſich ſeine Herrſchaft bewahren, ſo muß er die Zügel ſtraffer „ — 3 anziehen. Er muß aufhören mit dem Volke zu lieb⸗ äugeln, er muß die Schuldigen ſtrafen, und die Ver⸗ dienſtvollen belohnen. Hat die Generalin noch nicht genug Titel und Würden, noch nicht genug Geld dem Lande erpreßt? warf Barbara leicht hin. Monk achtete nicht auf ſie. Er fuhr fort: So lange die Verbrechen einer frühern Zeit ungeahndet bleiben, ſo lange wird die Rebellion immer wieder ihr Haupt erheben, weil ſie glaubt, ungeſtraft ſündi⸗ gen zu können. Und die Rebellion iſt überall, in dem Volk, wie im Heer. Sie liegt gewiſſermaßen im Blute jedes Engländers, jeder meint in ſeinem thörigten Unverſtand, er ſei nicht dazu geboren, Unter⸗ than, ſondern ein freier Mann zu ſein! Dies iſt aber ein ſehr gefährlicher Gedanke, welcher uns noch von der unſeligen Republik als Erbſtück überkommen iſt, und den wir vor allen Dingen trachten müſſen, aus⸗ zurotten zum Heil und zur Sicherheit des Königthums! Ah, jetzt verſtehe ich! ſagte Barbara. Es handelt ſich um die ſogenannten Königsmörder! Ihr habt gehört, daß ich den König um Gnade für die Einge⸗ kerkerten gebeten habe, und Ihr ſeid deshalb gekom⸗ men, um mich Staatspolitik zu lehren, und mir be⸗ greiflich zu machen, daß mein eigener Kopf zwiſchen meinen Schultern nicht ſicher iſt, wenn die Köpfe dieſer Republikaner nicht fallen! Mylord, Mylord, hüten Sie ſich! Die Weiber, ſagt man, ſind Tigerin⸗ nen, wenn ſie gereizt werden, und wer bürgt Ihnen, wie weit die Tigerin Barbara von Caſtlemaine geht, wenn ſie einmal Blut gekoſtet hat, und ob ſie nicht alsdann jeden Republikaner ſtrafen will! Sie waren auch ein Republikaner, Mylord. Aber kein Königsmörder, Gräfin! — Es giebt keine Königsmörder in England. Denn Karl der Zweite hat ihnen, als er nach England kam, feierlichſt Vergebung angelobt, und er muß ſein Wort erfüllen. Man ſoll nicht ſagen, daß Barbara ihren Einfluß nur dazu angewendet, um für ſich Glanz und Macht, und Glück und Reichthum zu erlangen, und ſich den Fluch und die Verwünſchungen ganz Englands zuzuziehen. Nein, nein, Mylord, ich will auch einige Segnungen auf mein Haupt ſammeln, und einige Thränen zu trocknen verſuchen! Dies iſt Egoismus, weiter nichts, aber was wollen Sie, Niemand thut das Gute um des Guten willen! Jeder hat dabei ſeinen Nebenzweck, und wenn es auch nur wäre, um ſich mit einigen guten Thaten den Himmel zu erwer⸗ ben, und den großen Gott da droben zu beſtechen, damit er unſere Sünden vergeſſe! Uebrigens, Ge⸗ neral, werden Sie jetzt an meine Krankheit glauben, denn Sie ſehen, ich bin noch ganz ſentimental vor Nervenſchwäche! Aus reiner Sentimentalität will ich nicht, daß dieſe Männer hingerichtet werden, es iſt eine Laune von mir, weiter nichts! Aber ich liebe es, meine Launen erfüllt zu ſehen! Doch der König wird darüber zu Grunde gehen, rief Monk. Ich ſage Ihnen, Gräfin, laſſen Sie dieſe Sorgloſigkeit fahren! Mit dem König werden auch Sie ſtürzen, und das Volk, welches ungeſtraft einen König hat hinrichten dürfen, wird ſich nicht ſcheuen, eines Königs— Barbara unterbrach ihn mit einem lauten Ge⸗ lächter. Sie ſind ſehr drollig, ſagte ſie. Jetzt wollen Sie mich in Schrecken ſetzen, und mir Geſpenſter am hellen Tage zeigen. Nein, nein, ich ſehe klar, meine liebe Generalin! Sie wollen nur deshalb den Tod dieſer 5 ſogenannten Königsmörder, weil der Herzog von York Ihnen drei Tauſend Pfund geboten hat, wenn Sie dies durchſetzen. Ach, Sie erbleichen, Generalin, Sie ſehen, ich habe meine guten Spione, und ich weiß, was geſchieht, ſelbſt wenn ich krank bin. Gehen Sie, Generalin, Sie werden dieſes Geld des edlen fromm⸗ gläubigen Herzogs von York, welcher einige Ketzer auf dem Altar ſeiner Kirche opfern möchte, Sie wer⸗ den es nicht bekommen, denn Barbara will es nicht. Nun noch ein Wort zu Ihnen, General! Ich will Ihnen ein paar Worte im Vertrauen ſagen. Sie ſind gewohnt, Alles vor ſich zittern zu ſehen, ja, zu⸗ weilen ſogar den König, und deshalb haben Sie ge⸗ glaubt, auch ich würde vor Ihnen zittern, und ein einziges Wort würde genügen, um mich Ihren Wün⸗ ſchen geneigt zu machen. Ich aber, ich zittere nicht vor Ihnen, und weshalb ſollte ich auch?: Man ſagt zwar, Sie ſind der König der Armee, und dieſe folgt Ihnen unbedingt! Ich behaupte, daß dies eine Täu⸗ ſchung iſt. Die Armee will ſelbſt nicht dem General Monk meht unbedingt gehorchen. Die Armee iſt republikaniſch! General Monk will ihr daher zeigen, wie man Republikaner beſtraft! Sie ſind eine große Politikerin! rief Monk mit ironiſcher Bewunderung. Ich bin Dilettant, wie der General Monk! ſagte Barbara, aber wir Dilettanten lieben es zuweilen, einige Experimente zu machen, und ich bin jetzt gerade in der Laune dazu! Sie meinen, der Tod dieſer Republikaner iſt nöthig. Ich behaupte, ihr Leben iſt nothwendig, denn der König zeigt dadurch, daß er ſie nicht fürchtet, und wer ſich nicht fürchtet, der ſiegt immer! Aber jetzt, Mylord, genug von dieſen Dingen! Er⸗ zählen Sie mir etwas Fuſtiges. Was macht der 4 Schooßhund ber Generalin? Bekommt er bei Tafel immer noch die beſten Biſſen vor dem General voraus? Wechſelt die Generalin noch zuweilen mit ihm die Rollen und bellt ſtatt ſeiner hinterm Schirm hervor? Genug! ſagte Monk, indem er aufſtand. Meine Warnung iſt vergeblich geweſen. Sie haben nicht meine Bundesgenoſſin fein wollen! Sie werden alſo von heute an einen Feind in mir finden. Sie be⸗ merkten vorher, daß ich mich nicht auf Schmeicheleien verſtände. Daß ich mich aber auf Feindſchaften ver⸗ ſtehe, das habe ich in allen Schlachten bewieſen, denn überall bin ich Sieger geweſen. Nur nicht in den Schlachten mit Ihrer Frau, denn dabei ſind Sie immer geſchlagen worden, ſagte Barbara. Hüten Sie ſich alſo vor Kämpfen mit Frauen, General! Dies iſt mein Rath zum Abſchied! Leben Sie wohl! General Monk hatte das Zimmer kaum verlaſſen, als leiſe an eine andere Thür geklopft ward. Das iſt Aphra, ſagte Barbara lächelnd, und eilte, ihr die Thüre zu öffnen. Nun? fragte Aphra, indem ſie der Freundin die Hand darreichte und ihr zum Divan folgte. Nun, wie ſteht es, wirſt Du meinen Wunſch erfüllen können? Ich will es! ſagte Barbara, und gerade die Schwie⸗ rigkeiten, die ſich mir entgegenſtellen, gerade die ſind es, die mich reizen! General Monk war eben hier? fragte Aphra. Er iſt der Feind Henry Vane's, weil er einſt ſein Freund geweſen! Er fürchtet, Henry Vane könnte ihn mit verderben, deshalb wilt er ihn tödten. Iſt es nicht ſo? Es mag ſein, aber er nannte nicht einen einzelnen Namen! Er will nur die Köpfe aller Königsmörder, Karl I. 3. — und da iſt wohl das Haupt Henrh Vane's mit ein⸗ geſchloſſen! Aber Du wirſt ihn erretten, nicht wahr? ſagte Aphra, indem ſie zärtlich ihren Arm um Barbara's Nacken legte. Du wirſt nicht dulden, daß ein Held, daß ein edler, erhabener Mann hingerichtet werde wie ein gemeiner Verbrecher? Du kennſt ihn alſo, dieſen Henry Vane? Nein; ich habe ihn niemals geſehen! Und dennoch dieſes warme Intereſſe für ihn? fragte Barbara mit einem ungläubigen Lächeln. Aphra ſah ihr ernſt und feſt in's Antlitz. Entſinne Dich unſeres Bundes, ſagte ſie. Wir haben feierlich geſchworen, einander beizuſtehen mit That und Wort, wo und wie wir immer können, und niemals einander zu verrathen und zu verlaſſen. Aber wir haben auch geſchworen: Rache und Tod allen Männern! ſagte Barbara lächelnd. Doch forderſt Du von mir das Leben eines Mannes? Doch nicht um ſeinetwillen, ſagte Aphra, ſondern um einer Fran willen, deren Glück von ſeinem Leben abhängt. Sie iſt ein armes, viel getänſchtes Weib, welches an nichts mehr glaubt, auf nichts mehr hofft, welches nichts mehr liebt, als dieſen einzigen Mann! Ihm hat ſie die letzten Blüthen ihrer Seele geweiht; inmitten eines zerbrochenen, verlornen und vergeudeten Daſeins iſt er der letzte reine Lichtſtrahl, welcher ſie durchleuchtet. Erhalten wir ihr dieſen, damit es nicht ewig Nacht und Dunkel in ihr werde! Sie hatte mit zitternder Stimme, in ſeltſamer Er⸗ regung geſprochen, aus ihren Augen ſtrahlte ein ſanftes Feuer, ihr Antlitz war wie verklärt, ſo licht und 3 ſtrahlend. Du biſt wunderſchön! ſagte Sarer und ich ſue ———— mich, daß ber König Dich jetzt nicht ſieht. Ich würde eiferſüchtig werden! Aber höre, Aphra, Du ſollteſt vor Deiner Freundin kein Geheimniß haben! Weshalb willſt Du mir verbergen, daß Du dieſen Henry Vane liebſt? Höre mich, ſagte Aphra feierlich. Ich ſchwöre Dir bei Allem, was uns Beiden heilig und theuer iſt— Dann ſchwörſt Du bei gar Nichts, unterbrach ſie Barbara traurig. Mir iſt nichts mehr heilig und theuer! Ich ſchwöre Dir bei der Erinnerung an unſere Kindheit und an unſere Jugendträume, ich kenne Henry Vane nicht, ich habe ihn niemals geſehen, und alſo liebe ich ihn auch nicht! Dennoch aber bitte ich für ſein Leben! Und wenn ich es erhalten kann, ſoll es geſchehen, ſagte Barbara. Jetzt aber genug von dieſen Dingen! Sage mir, wie es kommt, daß ich Dich ſeit einer Woche faſt nicht geſehen habe? Du fehlteſt bei unſern nächtlichen Feſten, und Buckingham zuckte die Achſeln, als ich ihn nach Dir fragte, und machte ein höchſt verzweifeltes und geheimnißvolles Geſicht Was giebt es denn? Oh nichts von Bedeutung, ſagte Aphra auswei⸗ chend. Ich habe in dieſen Tagen mehr gearbeitet als ſonſt, bin mehr auf meinem Zimmer geweſen, und der gute Buckingham, ſcheint es, hat ſich ſo ſehr an meine Geſellſchaft gewöhnt, daß er ſich ohne mich in ſeinem Hotel langweilt. Ein ander Mal mehr davon. muß jetzt wieder fort. Aber heut Abend komme ich wieder! In dieſer Stunde ſitzt das Parlament zu Gericht über Henry Vane. Die feigen Memmen wer⸗ den ihn verurtheilen, um ſich dem König gefällig zu * 3 zeigen. Der König muß alsdann das Urtheil beſtäti⸗ gen. Du wirſt ihn daran verhindern, nicht wahr? Ich hoffe es! ſagte Barbara. Du wirſt mir heute Abend ſagen, ob es Dir ge⸗ lungen iſt? Und dafür wirſt Du bei unſern Nachtfeſten heute nicht fehlen? Ich werde kommen! Aphra war kaum gegangen, als der Kammerdiener Barbara's ihr den Lord Williams meldete. Barbara befahl mit einigem Erſtaunen, ihn in den Salon zu führen, wohin ſie ſelber ſich gleich begeben wolle. Was kann dieſer übermüthige Lord von mir wol⸗ len? fragte ſie ſich ſelber. Ich muß mir das über⸗ legen, bevor ich ihn ſehe. Se. Lordſchaft mag ein we⸗ nig warten. Lord Williams iſt der Freund des Kanzlers Hyde, und Beide haben mich bis heute mit einer Verachtung behandelt, welche ich niemals verzei⸗ hen werde! Ach, hätten ſie auf mich geſcholten und mir geflucht, das würde ich Ihnen verzeihen, aber ſie geben ſich das Anſehen, von meiner Exiſtenz gar nichts zu wiſſen, ſie nennen niemals meinen Namen, wenn man ihnen die tollſten Dinge von mir erzählt, ſo thun ſie, als hätten ſie es nicht gehört. Und jetzt plötzlich kommt dieſer Lord Williams zu mir. Jedenfalls wollen ſie alſo durch mich auf den König wirken, und dieſe Nachgiebigkeit von ihrer Seite ſoll mich geneigt ma⸗ chen, auf ihre Pläne einzugehen. Aber dieſer übermü⸗ thige Lord und dieſer tugendſtolze Kanzler ſollen ſich in mir geirrt haben! Was ſie auch erbitten mögen ich werde es zurückweiſen, meine Feinde von geſtern können nicht meine Frennde von heute ſein! So der edle Lord muß ſtehen! ſollen ſie mich wenigſtens als eine treue Feindin ken⸗ nen lernen! Mit ſtolzen Schritten und einem übermüthigen Lächeln auf den Lippen ging Barbara in den Salon, Lord Williams zu empfangen. Lehen oder Tod. Lord Williams befand ſich ſchon in dem Salon. Er kam der Gräfin Barbara von Caſtlemaine mit dem Ausdrucke der tiefſten Hochachtung entgegen und drückte ihre dargereichte Hand an ſeine Lippen, indem er ſich mit theilnehmenden Worten nach dem Befinden der edlen Gräfin erkundigte. Laſſen wir doch dieſe Thorheiten, ſagte Barbara übermüthig. Wozn dieſes Komödienſpiel. Das Befin⸗ den der edlen Gräfin von Caſtlemaine iſt Ihnen höchſt gleichgültig, aber deſto mehr intereſſirt Sie es, zu wiſſen, wie die Laune der Geliebten Kavl Stuarts ſich heute befindet. Ich will Ihnen darüber Auskunft ge⸗ ben! ſagte ſie, indem ſie ſich auf den großen, ſammt⸗ nen Lehnſtuhl ſetzte. Aber, unterbrach ſie ſich ſelber, indem ſie mit anſcheinendem Erſtaunen umher blickte, Das iſt in der That übel. Zum Unglück ſind in meinem Empfangszimmer gar keine Stühle vorhanden. Ich ſiebe es, zuweilen die Königin zu ſpielen, und die Herren und Dam chen ich hier Andienz ertheile, fügen ſich imm in dieſe meine kleine unſchuldige Laune. habe das Recht hier mich nieberzuſetzen, un König kommt, darf er ſich zu meinen Füßen ſetzen. Das Hofgeſinde muß ſtehen! Aber freilich, auf Sie hatte ich dabei nicht gerechnet. Wer konnte auch den⸗ ken, daß der edle, erhabene Lord Williams ſich plötzlich eines Tages erinnern würde, daß ſich in der Welt ein kleines, unbedeutendes Geſchöpf, genannt Barbara Vil⸗ liers, befände, wer konnte ahnen, daß Se. Lordſchaft ſich ſo weit herablaſſen könnte, dieſe Barbara Villiers in ihrer beſcheidenen Wohnung aufzuſuchen, um eine Audienz bei ihr zu erhalten! Wie ſeltſam das Alles iſt! Der tugendhafteſte Lord dieſes Hofes muß ſich endlich doch entſchließen der Geliebten des Königs den Hof zu machen! Es iſt eine verderbte Welt, Mylord, Sie ſollten darüber weinen, ich muß darüber lachen! Und die ſtolze und übermüthige Gräfin Caſtlemaine brach in ein fröhliches Lachen aus. Lord Williams blickte ſie ernſt und vorwurfsvoll an. Es war ihr vollkommen gelungen, ihn zu ärgern, und mit heimlichem Behagen las ſie das in ſeinen Zügen. In der That, es empörte ihn, in dieſer de⸗ müthigen Situation vor ihr ſtehen zu müſſen, vor ihr, die er verachtete, und dennoch— er erinnerte ſich des Zweckes ſeines Beſuches, und zwang ſeinen Aerger hinunter. Das Lachen iſt eine große und ſchöne Kunſt, ſagte er, und Sie ſind Meiſterin derſelben. Ihr Lachen klingt wie Muſik. Es iſt eine köſtliche Melodie darin! Ja, ich lache nach der Melodie:„God save the Kingl' rief ſie, und Sie begreifen, daß dies für die Geliebte des Königs eine ſehr köſtliche Melodie iſt! Der König iſt ſehr glücklich, ein ſo ſchönes Weſen gefunden zu haben, welches ihn wahrhaft liebt, und gewiß Alles thun möchte, um ſein Glück zu erhalten und zu ſichern! ſagte der Lord. 3 —— Jetzt nähern wir uns dem Ziel! dachte Barbara. Ich ſoll das Glück des Königs ſichern! Dies iſt die gewöhnliche Phraſe, mit der die klugen Staatsmänner ihre Manveuvres bei mir beginnen. Wir wollen doch ſehen, worin das Glück des Königs dies Mal beſteht! Laut ſagte ſie dann: Karl Stuart's Glück iſt ge⸗ ſichert, denn ſein Volk liebt ihn! Aber die Liebe des Volkes iſt wechſelvoll! rief der Lord. Es haßt morgen, was es heute kiebte. Deshalb muß der König die Bande, welche ihn an ſein Volk knüpfen, immer mehr verfeſtigen, ſagte Barbara. Er muß ſich vermählen und ſeinem Volke einen legitimen Thronerben geben. Und wenn der König ſich vermählen muß, Gräfin, fragte der Lord, und wenn Sie ſelber voll hoher Weisheit und mit einer bewunderungswürdigen Re⸗ ſignation dies begriffen haben, warum haben Sie ſich dennoch dieſer Verbindung mit der Infantin von Spanien widerſetzt? Warum? Weil der Kanzler Hyde ſie protegirte, und weil der Kanzler mein Feind iſt! Dies iſt ein Irrthum! rief der Lord. Hyde er⸗ kennt ſehr wohl die edlen Vorzüge der Gräfin Caſtle⸗ maine. Und um Ihnen einen Beweis davon zu ge⸗ ben, erklärt er ſich durch meinen Mund bereit, die ſpaniſche Prinzeſſin aufzugeben, und Ihrem Plan einer Heirath mit der Infantin von Portugal nichts entge⸗ gen zu ſetzen, ſondern ſogar ſich mit Ihnen zu ver⸗ binden, um den König vieſem Plan geneigt zu machen. Er erklärt ſich bereit, gut, ſagte Barbara. Aber nun, die Bedingungen, nennt mir die Bedingungen! Denn der Kanzler iſt ein zu guter Geſchäſtsmann, als daß er einen Handel abſchließen ſollte, ohne dabei einen Profit machen zu wollen. 8 willen zu ſtrafen, er darf alſo auch Henry Vane und ſeine Unglücksgefährten nicht verurtheilen! — 45— Hyde macht keine Bedingungen. Er richtet nur eine Bitte an Sie! Und dieſe Bitte, ſie lautet? Sie möchten in ihren edelmüthigen Beſtrebungen verharren, und den König bewegen, das Todesurtheil Henry Vane's nicht zu unterzeichnen! Ah, ſchon wieder Henry Vane! rief Barbara er⸗ ſtaunt. In der That, der ganze Hof beſchäftigt ſich mit dieſem Manne! Nicht blos der ganze Hof, ſagte der Lord, ſondern ganz London, ja, ganz England harrt mit geſpannte⸗ ſter Erwartung auf den Ausſpruch des Königs. Es handelt ſich hier nicht um einige Menſchenleben, Gräfin, es iſt nicht blos die Rede davon, ob das Blut Henry Vane's und der übrigen Angeklagten vergoſſen werde, ſondern es handelt ſich hier um die ganze Zukunft des Königs, um die Stellung, welche er hinfort ſeinem Volk gegenüber einnehmen will. Es handelt ſich darum, ob das Volk in ſeinem König einen wort⸗ brüchigen, meineidigen Menſchenſohn erkennen ſoll, oder ob er ſich bewähren will als ein König von Gottes Gnaden, welcher durch ſeine Tugenden und ſeine Vor⸗ züge die Liebe ſeines Volkes verdient! Die Schwüre eines Königs müſſen heilig ſein, und wo ein König ſein Wort gebrochen, da wird ihn der Fluch des Himmels treffen, und die Verachtung ſeines Volkes 3 wird ſeine Stirne zeichnen! Karl Stuart hat aber 7 ſein Wort gegeben, Niemand um der Vergangenheit Barbara antwortete nicht. Sie blickte finſter vor ſich hin, und in ihrem Innern bekämpften ſich die widerſtreitendſten Gefüble. Vor wenigen Minuten noch war ſie feſt entſchloſſen geweſen, den Angeklagten zu erretten, ſie hatte Aphra ihr Wort gegeben, dies zu thun. Aber ſie wußte damals nicht, daß der Kanz⸗ ler Hyde auch dieſen Wunſch hege. Die Feindſchaft mit ihrem Nebenbuhler in der Herrſchaft über den König war eine zu feſt begründete, als daß ſie dieſelbe jetzt hätte aufgeben ſollen. Zudem ſagte ſie ſich, daß der ſtolze Kanzler glauben würde, es ſchmeichle ihr, daß er ſie mit einer Botſchaft und einer Bitte beehre, und daß, wenn ſie ſich ſeinen Wünſchen geneigt zeige, er denken möchte, ſie ſei von dieſem Beweiſe ſeiner Ach⸗ tung überwunden und voll Erkenntlichkeit für dieſelbe. Auch hätte Kanzler Hyde glauben können, ſie habe nicht den Muth, ſich ſeinem Wunſche zu widerſetzen, nun, da er ihr denſelben mitgetheilt.. Dies Alles bedachte ſie jetzt, und die Folge davon war, daß der Entſchluß, den Angeklagten zu retten, in ihr wankend ward. Wenn ich Aphra nicht mein Wort gegeben hätte, dachte ſie, ſo würde ich ihn fallen laſſen, dieſem übermüthigen Kanzler zum Trotz. Aber dies iſt nur eine Laune Aphra's. Was kümmert ſie der Tod Henry Vane's, da ſie mir feierlich geſchworen, daß ſie ihn nicht liebt, ja, daß ſie ihn niemals geſehen hat. Sie antworten mir nicht? fragte der Lord nach einer langen Pauſe, in welcher er vergebens Barbara's Entſcheidung erwartet hatte. Barbara richtete ihr Haupt empor. Sie lächelte. Sie hatte einen Entſchluß gefaßt. Der Kanzler Hyde verkündet mir durch Euch, daß er meinem Plan in Hinſicht der portugieſiſchen Prin⸗ zeſſin nichts entgegen ſetzen will, ſagte ſie. Wäre dies aber auch der Fall, ſo würde ich meinen Willen den⸗ noch durchzuſetzen wiſſen, denn Ihr müßt wiſſen, My⸗ lord, wenn eine Frau etwas ernſtlich will, ſo iſt ſie — auch immer des Sieges gewiß! Sagt das dem Kanzler Hyde. Er wünſcht ferner, ich ſolle das Herz des Königs erweichen, damit er den Mördern ſeines Vaters ver⸗ zeihe. Das iſt ſehr gefährlich, und deshalb, weil der Kanzler meine Macht über den König kennt, beauftragt er mich damit. Bedenkt wohl, ich ſoll den Sohn ver⸗ mögen, diejenigen nicht zu ſtrafen, welche ſeinen Vater auf das Schaffot gebracht!— Hört jetzt meine Ant⸗ wort, Lord Williams, und es ſoll eine wahre und auf⸗ richtige Antwort ſein. Der Kanzler Hyde hat bis jetzt gethan, als ob er von meiner Exiſtenz keine Ahnung gehabt'); im Gefühl ſeiner ſtolzen Würde einherſchrei⸗ tend, hat er den Wurm nicht bemerkt, der zu ſeinen Füßen kroch! Mit unſerm großen William(ich meine nicht Euch, Mylord!) hat er geſagt:„es giebt ein ge⸗ wiſſes Ding, man nennt es Pech, wer ſolches anfaßt, beſudelt ſich!“ Ich war ihm ein ſolches Pech, und er vermied mich! Jetzt aber, wo er meint, aus dem Pech einen ganz angenehmen Leim machen zu können, um damit das wackelnde Gebäude des Staats zuſammen zu kitten, jetzt erinnert er ſich plötzlich meiner, und ſchickt mir Lord Williams als Geſandten her. Warum dies? Wer etwas bittet, mag ſelber kommen! Sagt dem Lord Kanzler, ich wäre nicht abgeneigt, auf ſeinen Wunſch einzugehen, vorausgeſetzt, daß er ſelber käme, ihn mir vorzutragen. Aber dies kann nicht ſein, Gräfin! rief der Lord. Es iſt unmöglich, daß der Staatskanzler hierher komme, um ſich vor Ihnen zu demüthigen, wie ich es thne. Er empfindet vor Euch die größte Hochachtung und Bewunderung, aber ſeine Stellung verbietet ihm, Euch ſelbſt dieſe darzulegen. Ganz England würde ihn ver⸗ *) Burnet, history of my own time. Vol. I. pag. 273. dammen, denn es wäre eine officielle Anerkennung eines Verhältniſſes, um das man den König wohl be⸗ neiden, das man aber äußerlich niemals billigen darf! Geung! ſagte Barbara aufſtehend. Ihre Lippen zitterten, und ihre Wangen waren blaß. Lord Williams bemerkte zu ſpät, daß er zu viel geſagt. Genug! wiederholte ſie. Ihr werdet beleidigend, Mylord, und Ihr vergeßt, daß dieſes verachtungswür⸗ dige Geſchöpf, welches der Kanzler Hyde nicht kennen darf, wenigſtens Macht genug beſitzt, um ſich für Be⸗ leidigungen zu rächen. Hört jetzt mein letztes Wort! Will der Kanzler das Leben Henry Vane's erretten, ſo mag er ſelber kommen, mich darum zu bitten. Ich will ihn hier erwarten! Drei ganze Stunden will ich ihn erwarten. Iſt er bis dahin nicht gekommen, ſo wird Henry Vane und alle übrigen Hochverräther hin⸗ gerichtet, das ſchwöre ich! Gräfin! rief der Lord. Ihr könnt nicht von der Befriedigung einer ſolchen kleinlichen Eitelkeit ein Men⸗ ſchenleben abhängig machen! Nicht ich werde das thun, ſondern der Kanzler, ſagte ſie. Es koſtet ihm eine kleine Ueberwindung, eine kleine Demüthigung. Wie geſagt, ich erwarte ihn drei Stunden lang! Kommt er, ſo werde ich Alles aufbieten, die Angeklagten zu retten. Kommt er nicht, ſo werden ſie fallen! Das ſagt dem Kanzler! Sie neigte ſtolz den Kopf zum Abſchiedsgruß und verließ dann langſam den Salon, um ſich in ihr Bon⸗ doir zu begeben. Sie war in fieberiſcher Aufregung. Ihre Glieder zitterten, und ihr Athem ging ſchwer aus ihrer Bruſt hervor. Vergeſſen war jetzt Alles, was ſie Buckingham, was ſie Aphra verſprochen hatte. Und hätte ſie daran gedacht, ſo würde es ihren Entſchluß doch nicht wan⸗ kend gemacht haben. Sie war beleidigt worden. Was kümmerte ſie jetzt Aphra's Wunſch, jetzt, da ihr beleidigter Stolz eine Genugthuung verlangte. Dieſer Kanzler Hyde ſoll ſehen, daß ich ihn nicht fürchte, ſagte ſie, mit haſtigen Schritten auf⸗ und ab⸗ gehend. Entweder er kommt zu mir, oder die Häupter der Königsmörder fallen. Was habe ich mit dieſen Verbrechern zu ſchaffen! Mögen ſie fallen. Es giebt der Menſchen ſo viele, und das Leben iſt kein ſo köſt⸗ liches Ding. Sie mögen froh ſein, davon zu kommen! Es iſt nicht meine Sache ſie zu erretten. Aber meine Ehre fordert die Demüthigung dieſes ſtolzen Kanzlers. Ah, er wird kommen, ſagte ſie dann nach einer Pauſe, er wird es thun, um das Leben dieſer Menſchen zu retten. Ich werde endlich den Triumph haben, dem Hof ſagen zu können: der Kanzler Hyde war bei mir. Er hat mir ſeinen Beſuch gemacht! Ah, wie das dieſe ſtolzen Ladies ärgern wird, die ſich heimlich immer dieſer meiner Demüthigung freuen, und ein Vergnü⸗ gen daran finden, mir zu erzählen, was der Kanzler Hyde geſagt, und wie der Kanzler Hyde geiſtreich ſei und liebenswürdig. Dieſen Allen werde ich endlich ſagen können: ich kenne den Kanzler Hyde. Er hat ſich vor mir gedemüthigt, wie Ihr Alle es gethan. Er küßt der Maitreſſe des Königs den Pantoffel, wie Ihr Alle es thut, Ihr Speichellecer und webelnde Hündchen!— Die Zeit verging. Barbara war noch immer in ihrem Boudoir und wartete. Die goldene Pendeluhr zeigte ihr ſchon die zweite abgelaufene Stunde. 5 Die ſtolze Maitreſſe des Königs weinte vor Zorn und Ungeduld. Jetzt endlich hörte ſie einen Wagen in den Hof rollen. Haſtig ſtürzte ſie zum Fenſter. Ein Lächeln des Triumphes überflog ihr Angeſicht. Sie hatte die Equipage des Staatskanzlers erkannt. Indeß war ſie erſtaunt, den meldenden Lakaien immer noch nicht eintreten zu ſehen. Erwartungsvoll blickte ſie nach der Thür,— Niemand kam, Alles blieb ſtill. Der Zeiger rückte langſam weiter, bald war die dritte Stunde faſt abgelaufen. Jetzt klopfte es an die Thür. Sie eilte ſelber, zu öffnen, und Herzog Buckingham trat haſtig ein. Barbara, ſagte er, ich komme Dich zu warnen. Deine, und unſrer Aller Zukunft ſteht auf dem Spiel. Kanzler Hyde iſt beim König! Nun, und was weiter? fragte ſie mit anſcheinender Sorgloſigkeit. Er iſt täglich bei ihm, ſo viel ich weiß. Aber niemals zu dieſer Stunde, und niemals war Dir eine Stunde gefahrvoller! Der König iſt in vollem Zorn gegen Dich wegen dieſes Billets, das übrigens von einer bezaubernden Unverſchämtheit iſt. Aber es hat den König wüthend gemacht. Er ſchwur, Dich niemals wieder ſehen zu wollen. In dieſem Augen⸗ blick kam der Kanzler und begehrte ein geheimes Ge⸗ ſpräch mit dem König. Ganz geheim? fragte Barbara lächelnd. Niemand als ich allein war hinter der Portidre! Hyde willigt darein, daß der König ſeiner Neigung folge, und ſich noch nicht vermähle, vorausgeſetzt, daß der König Henry Vane begnadige! Sich nicht vermähle! rief Barbara. Er will, daß der König unvermählt bleibe. Ah, wir wollen doch ſehen, Mylord, wer hier ſiegen wird. Sie oder ich! Ihr wollt alſo darauf beſtehen, den König zu ver⸗ mählen? Gewiß! Denn nichts befeſtigt meine Macht ſo ſehr, als die drückende Laſt einer aufgezwungenen, recht⸗ mäßigen Gemahlin! Und was nun die Begnadigung der Hochverräther anbetrifft, ſagte Buckingham, ſo wäre es in der That ein Jammer, wenn uns dieſe ungewöhnliche und ſel⸗ tene Beluſtigung ſollte entzogen werden. Das wäre doch einmal eine piquante Zerſtreuung. Ich habe ſchon mit Rocheſter gewettet, wie vieler Hiebe es bedarf, um das Haupt des dickköpfigen Henry Vane vom Rumpf zu trennen. Und Ihr ſollt dieſes Schanſpiel haben, ſagte Bar⸗ bara glühend. Meine Ehre erfordert, daß ich in die⸗ ſem Kampfe ſiege. Hyde hat meine Friedensbedingun⸗ gen verſchmäht, alſo möge er Krieg haben! Das Haupt Henry Vane's muß fallen, und der König muß die Infantin von Portugal heirathen. Sie eilte mit haſtigen Schritten der Thüre zu. Wohin gehſt Du? fragte der Herzog erſtaunt. Zum König! ſagte ſie.—— Der König war allein in ſeinem Zimmer. Kanzler Hyde hatte ihn eben verlaſſen. Den eindringlichen Bitten und Beſchwörungen des weiſen und edlen Staats⸗ mannes war es endlich gelungen, dem König das Ver⸗ ſprechen abzulocken, er wolle das Todesurtheil nicht unterzeichnen, ſondern das königliche Recht der Gnade üben. Kanzler Hyde dagegen hatte verſprochen, die angeknüpften Verhandlungen wegen einer Heirath mit Spanien wieder abzubrechen, und es ganz der freien Neigung des Königs zu überlaſſen, wann er ſich ver⸗ mählen wolle. Der König, wie geſagt, war allein in ſeinem Zimmer. Er war mißmuthig und verſtimmt. Er langweilte ſich, denn Barbara war nicht bei ihm, und wider ſeinen Willen liebte er ſie. Zwei Arme legten ſich plötzlich um ſeinen Nacken, zwei Arme, ſo voll und ſchön, wie nur ſie ſolche be⸗ ſaß. Er wandte ſich haſtig um, und Barbara's ſchönes und glückverheißendes Antlitz leuchtete ihm entgegen. Sie war durch die kleine geheime Pforte gekommen, zu welcher ſie den Schlüſſel beſaß, und hatte ſich leiſe und geräuſchlos ihm genähert. Sie war von einer bezanbernden Schönheit, und der König, welcher ſie drei Tage lang nicht geſehen, war ganz berauſcht von dieſem Wiederſehen. Auch war Barbara niemals ſo glühend und zärtlich, niemals ſo ſchalkhaft und liebreizend geweſen. Der König vergaß alle die überzeugenden und ſtaatsklugen Argumente, mit denen der Kanzler ihn überredet hatte. Er gelobte, Alles zu thun, was Barbara von ihm verlange. Die Maitreſſe hatte über den Staatskanzler ge⸗ ſiegt zum zweiten Mal brach der König ſein geleiſtetes Verſprechen. Am Abend dieſes Tages verließ Aphra in der be⸗ ſcheidenen, bürgerlichen Tracht, welche ſie zu dieſen Gängen immer anzulegen pflegte, das Palais des Her⸗ zogs und eilte nach ihrem Dachſtübchen hin. Sie war anfangs mit haſtigen Schritten gegangen, aber je mehr ſie ſich dem Ziele ihrer Wanderung näherte, deſto zögernder und unentſchloſſener ward ihr Gang. Lang⸗ ſam und ſeufzend ſtieg ſie die Treppen hinauf, und vor der Thür ihrer Kammer angelangt, ſtand ſie ſtill, und lehnte ſich ganz ermattet an die Wand. Sie hatte nicht den Muth, dieſe Thüre zu öffnen. Denn ſie brachte eine traurige und verhängnißvolle Nachricht. Endlich richtete ſie ſich auf, und ihre Züge zeigten Entſchloſſenheit und Ruhe. Er muß dieſen bittern Kelch trinken, ſagte ſie. So will ich es wenigſtens ſein, welche ihn ihm darreicht! Entſchloſſen öffnete ſie die Thür. Von dem Lager richtete ſich ein bleicher, junger Mann empor. Es war derſelbe, welcher in jener Nacht hülfeflehend in Aphra's Zimmer gekommen. Sie hatte ihr Wort gehalten, ſie hatte ihn hier verborgen, und in dem heftigen Nervenſieber, das ihn in ſelber Nacht noch überfallen, und ihn bis jetzt an's Lager feſſelte, hatte ſie ihn gepflegt mit der treuen Sorgfalt einer Schweſter. Ah, endlich kommſt Du, mein hülfreicher Engel! ſagte der junge Mann, indem er ihr mit einem unaus⸗ ſprechlichen Ausdruck beide Hände entgegenſtreckte. Was bringſt Du für Nachrichten? Du ſchweigſt. Ach, ich beſchwöre Dich, ſprich ſchnell. Mein Herz klopft zum Zerſpringen! Wirſt Du die Kraft haben, mich zu hören, Edward? fragte ſie, indem ſie liebevoll einen Arm um ſeine Schulter legte. Sprich! ſagte er athemlos. Aphra neigte ſich dichter zu ihm. Ihre Wange berührte die ſeine, ihre langen dunklen Locken warfen ſich wie ein Schleier über ſein blaſſes Geſicht Edward, ſagte ſie, ich habe alle Hinderniſſe beſiegt. 3 Es iſt mir endlich gelungen, bis zu der ſtolzen Mai⸗ treſſe des Königs zu gelangen. Ich habe mich ihr zu Füßen geworfen, und um das Leben Henry Vane's gefleht. Nun, und ſie?— Der König hat heute Abend das Todesurtheil Deine Vaters unterzeichnet! Ein furchtbarer Schrei drang von Edward's Lippen. Dann war er ſtill, und lehnte ganz ermattet ſein Haupt an Aphra's Buſen. Sie drückte ihn feſter an ſich. Sie ſprachen beide nicht, ſie weinten. Endlich nach einer langen Pauſe ſagte er: Ich will und muß ihn zu retten ſuchen. Ja, ich will ihn ret⸗ ten, und müßte ich ihn vom Schaffot herunter reißen. Oh, ein Sohn iſt ſtark, wenn er für das Leben ſeines Vaters kämpft. Und Du, meine rettende Gottheit, Du meine theure Barbara, wirſt Du mir beiſtehen? Ich werde es, ſagte ſie entſchloſſen. Möge Gott mich verlaſſen in meiner letzten Stunde, wenn ich Dich verlaſſe! VI. Henry Vane. Eine ungeheure Menſchenmenge wogte am zwölf⸗ ten Juni des Jahres 1661 durch die Straßen Lon⸗ dons. Sie hatten Alle ein und daſſelbe Ziel, ſie wandten ſich Alle ein und derſelben Richtung zu, die zerlumpten Bettler ſowohl, als die Damen in ihren glänzenden Caroſſen, und die Herren auf ihren ſchö⸗ nen, reichgezäumten Pferden. Man ſah nur fröhliche Geſichter, man hörte nur heiteres Lachen und muntere Scherzworte. Ganz London feierte heute ein Feſt, und ein um ſo ſchöneres, weil es ein ungewöhnliches war. Man eilte nämlich dem ſeltenen und ergötzlichen Hinrichtung zu, und Jeder drängte K 3. 4 — mit ungeduldiger Haſt vorwärts, voll Angſt, er möchte zu ſpät kommen, und alſo dieſes ſchönen und ſeltenen Anblicks entbehren müſſen. Es war alſo ein fröhliches Drängen und Treiben, eine ſeltene und luſtige Feſtlichkeit. Tauſende und aber Tauſende füllten den großen Platz vor Newgate. Tri⸗ bünen waren errichtet, auf denen die ſchönen und reich⸗ geputzten Damen der City ihre thener bezahlten Sitze hatten. Eine ganze Mauer von Equipagen, auf deren ſammtenen Polſtern die hochgebornen Ladies ſich wieg⸗ ten, faßte den Platz ein. Aus den Fenſtern der Häuſer blickten Kopf an Kopf gereiht die bevorzugten und viel⸗ beneideten Sterblichen hervor, welche hier ihre Wohnun⸗ gen hatten, oder welche reich genug waren, um ſich für dieſe Stunde ein Fenſter hier miethen zu können. Und inmitten dieſes Gewühles und dieſer feſtlich geputzten Menge erhob ſich drohend und unheimlich das Schaffot. Man hatte es auf derſelben Stelle er⸗ richtet, wo das Schaffot geſtanden, auf welchem König Karl der Erſte ſeine Irrthümer und Vergehen mit ſeinem Leben und ſeinem fallenden Haupt hatte ſühnen müſſen. Dieſelbe Stelle, welche Karl's des Erſten Blut getrunken, ſollte geröthet werden von dem Blute derer, welche den Muth gehabt, den König zum Tode zu verurtheilen. Das Gewühl auf dem Platze ward immer dichter, und die beiden jungen Frauen, welche ſich Arm in Arm durch die Menge drängten, konnten nur ſehr langſam und mühſam vorwärts dringen. Von Zeit zu Zeit indeſſen ſchienen ſie abſichtlich ſtille zu ſtehen, um einige leiſe bedeutungsvolle Worte mit irgend Einem aus der Menge, den ſie kennen mußten, zu flüſtern. Dieſe Worte waren immer deſſelben Inhalts. Sie fragten überall:„Seid Ihr bereit?“ Die war immer gleichlautend dieſelbe:„Wir ſind bereit, und werden ihn durchlaſſen.“ Zehnmal hatten die beiden jungen Frauen dieſe Frage gethan, und immer hatten ſie dieſelbe befriedi⸗ gende Antwort bekommen. So waren ſie allmälig vorwärts gedrungen, und befanden ſich jetzt ganz in der Nähe des Schaffots. Ein Zittern durchflog die Glieder der Einen dieſer beiden Frauen, und ſie faßte ängſtlich den Arm ihrer Begleiterin, um nicht umzuſinken. Es iſt grauenvoll anzuſehen, Barbara, flüſterte das junge Weib. Du hatteſt Recht, mich zu warnen! Oh, ich bin in der That ein furchtſames Weib geworden, und die Manneskraft iſt auf ewig in mir gebrochen! Ich möchte ſterben, Barbara! Aphra flüſterte leiſe: Still, Edward, ſtill! Deine Stimme verräth Dich! Neige Dein Haupt mehr, da⸗ mit ſie Dein Antlitz nicht ſehen. Es paßt wenig zu den Weiberkleidern, und doch war es nöthig, dieſe Verkleidung zu wählen. Ein Weib wird weniger beobachtet, als ein Mann. Siehſt Du, man läßt uns ruhig hier nahe am Schaffot ſtehen! Und hoffſt Du, daß unſer Plan gelingen werde? fragte Edward. Laß uns noch einmal Alles überlegen, ob nichts vergeſſen, ob Alles wohl bedacht iſt. Die Freunde ſind bereit, ſagte Aphra. Wir haben ſie ja geſehen, und ſie werden, wie wir verabredet haben, dem Fliehenden ſeinen Weg bahnen, und ihn in ihre Mitte nehmen. Sie werden ihn bis zur Themſe führen, dort liegt das Boot bereit, welches ihn zu dem franzöſiſchen Schiffe führen ſoll. Dieſes Alles iſt richtig, das aber fragt ſich nur, ob Henry Vane ſelber bereit den Plan einzugehen, und ob man eine günſtige Gelegenheit finden wird, ihm denſelben mit⸗ zutheilen. Ich habe Drei ſeiner vertrauteſten Freunde damit beauftragt, ſagte Edward. Ohne Zweifel werden ſie ihm Alles mittheilen, denn ſie haben es mir mit einem feierlichen Eide gelobt. Nur das wollte keiner unter⸗ nehmen, ihm das Piſtol zu geben. Die elenden Mem⸗ men, ſie ſcheuen die Gefahr für ſich ſelber, wenn es mißlingt! Aber es wird gelingen, nicht wahr, Barbara, es iſt unmöglich, daß ſie meinen edlen Vater wie einen gemeinen Verbrecher hinrichten? Nicht wahr, wir wer⸗ den ihn erretten? Wir wollen es hoffen, ſagte die ſogenannte Bar⸗ bara ſeufzend. Aber horch, da beginnt ſchon der Trommelwirbel! Muth, mein Edward, Muth! Du wirſt Deinen Vater wiederſehen, und ſo Gott will, wirſt Du ihn retten. Nein, Barbara, ich will ihn nicht ſehen, bevor ich ihn gerettet habe! Sein Anblick würde mich ohnmäch⸗ tig machen. Ich will nur den entſetzlichen Menſchen ſehen, welcher das edle Haupt meines Vaters mit ſei⸗ nem Beile treffen will. Und im Augenblick, wo er den Arm erhebt zu der fluchwürdigen That, ſoll meine Kugel ihn treffen! Es iſt Zeit, daß wir unſere Plätze einnehmen, ſagte Aphra. Du bleibſt hier ſtehen, ich nähere mich dem Schaffot. Sie nickte ihm zu, und drängte ſich dann weiter vorwärts. Indeß war das Trommelgewirbel immer näher gekommen. Wie ein Donner rollte es heran, und die Menge wandte die neugierigen Blicke der Straße zu, welche von Newgate hieher führte. Man ſah da ein Detachement Soldaten in ihren blutrothen leene 1 —— 53— dann kam ein Prieſter der engliſchen Kirche, an deſſen Seite einige reichgekleidete Herren gingen und hinter denen wieder eine Abtheilung Soldaten folgte. Wo war denn der Karren mit dem Verbrecher im Armenſünderhemde, und dem ganzen luſtigen Apparat von Kuhhäuten und Armenſünderglöcklein, und Sarg und Sterbegewand? Barbara Villiers hatte doch etwas thun wollen für den Mann, für welchen Aphra Behn gebeten, ſie hatte alſo den König bewogen, daß er dem Verurtheilten geſtatte, in dem Schmucke ſeiner ritterlichen Tracht zur Hinrichtung zu gehen. Es war dies gewiß ein ſehr hoher Beweis der königlichen Milde und Gnade, aber das Volk murrte darüber, und ſchüttelte unwillig die Köpfe, und die empfindſamen Damen bedauerten laut, daß ihnen das ganze, ſo lang erſehnte Schauſpiel verloren gehen, und daß man das Armenſünderhemde und all' den rühren⸗ den Apparat, der zu einer feierlichen Hinrichtung durch⸗ aus erforderlich ſei, entbehren ſolle. Langſam kam der Zug vorwärts. Vor den trom⸗ melwirbelnden Soldaten wich Alles ehrererbietig zurück und bildete eine breite offene Gaſſe bis zum Schaffot hin. Durch dieſe Gaſſe zogen die Soldaten und der Prieſter mit den ihn begleitenden Herren dahin. Jetzt hatte man das Schaffot erreicht. Die Sol⸗ daten mit ihren Trommeln ſtellten ſich zu beiden Seiten deſſelben auf. Der Prieſter mit den ihn begleitenden Herren ſtieg die Stufen des Schaffots hinauf. Ihnen folgte der Henker mit dem Beil auf der Schulter, das in dem hellen Sonnenlicht unheimlich leuchtete und funkelte. Aller Angen waren auf Dieienigen gerichtet, welche ſich auf dem Schaffot befanden. Niemand achtete auf Aphra, Niemand ſah, wie ſie ſich immer mehr der Rückſeite des Schaffots näherte, und plötzlich unter den weiten Falten der Draperie verſchwand. Hinter dieſer Draperie verborgen, holte ſie haſtig einen Stahl und Feuerſchwamm aus ihrem Buſen hervor, und ſuchte an dem mitgebrachten Kieſel Feuer anzuſchlagen. Es war ein gefahrvolles und gewagtes Unternehmen. Aber ſie zitterte nicht, ihr Antlitz war ruhig und heiter. Sie hatte es Edward verſprochen, zu der Befreiung ſeines Vaters mitzuwirken. Sie hielt ihr Verſprechen und achtete nicht der Gefahr. Während ſie unterhalb des Gerüſtes ſich ſo be⸗ ſchäftigte, unterhielt ſich oben auf demſelben Henry Vane mit ſeinen Freunden. Der Prieſter verſuchte ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich zu lenken, indem er ihn aufforderte zu beten, und die Gnade des Herrn anzuflehen. Henry Vane lächelte. Frommer Herr, ſagte er, die Gnade Gottes anzuflehen iſt jetzt entweder zu früh oder zu ſpät. Erlaubt mir noch einige Worte des Abſchieds an meinen Freund Murray. Er wandte ſich an ſeinen Begleiter, und fragte leiſe Du glaubſt alſo wirklich, daß er hier iſt? Er iſt hier. Ich erkannte ihn an dem verabredeten Zeichen. Er iſt in Weiberkleidern, in denen er das Piſtol verborgen hat. Mein guter Edward! ſagte Henry. Er dauert mich. Er iſt ſo jung und hoffnungsreich, daß er ſeinen Wunſch, mich zu retten, mit der Möglichkeit verwechſelt. Aber überlegt es noch einmal, Vane, ſagte Murray. Vielleicht wäre es dennoch möglich. Henry Vane ſchüttelte lächelnd das Haupt. Es 3 iſt unmöglich, und Du weißt es ſo ſicher, wie ich ſelber, Murray. Blicke um Dich her, ſiehe die Reihen dieſer Soldaten, welche die Stufen des Schaffots bewachen. Das emporlodernde Feuer wird ſie vertreiben. Denn Du weißt, daß ein unter dem Schaffot verbor⸗ gener Freund dieſe leicht entzündliche Draperie in Brand ſtecken wird in demſelben Augenblicke, in wel⸗ chem der Schuß fällt, mit welchem Dein Sohn den Henker tödtet. Und wenn er ihn nicht trifft, Murray, wenn ſeine Hand zittert, und er fehl ſchießt? Und ſelbſt, wenn er träfe, würde Edward verloren ſein. Die Umſtehenden würden ihn ergreifen! Sieh ſie an, dieſe Menſchen. Sie haben ſich Alle in blutgierige Tiger verwandelt, und ſie würden Den zerreißen, der ihnen dieſe Beute, mit welcher ſie auf eine Viertelſtunde ihre Langeweile vertreiben, entreißen wollte. Nein, nein, es iſt nichts mit dieſem Plan! Er iſt phantaſtiſch und unausführ⸗ bar. Seine Ausführung würde nur meinem Edward das Leben koſten, und mich nicht retten. Aber ohne Zweifel wird er ſchießen, auf Eure Zuſtimmung rechnend. Ich werde ihn daran verhindern! Ich hoffe, er ſteht nahe genug, um meine Stimme zu hören. Seht dorthin! Jenes Weib auf dem Laternenpfahl, das iſt er! Nein, nein, ich will nicht hinblicken. Sein Anblick würde wider meinen Willen den Wunſch in mir er⸗ regen, zu leben, und wenn ich ihn anſehe, wäre ich vielleicht ſo ſchwach, Edward's Leben in Gefahr zu ſetzen, und auf ſeinen Plan einzugehen. Wenn Ihr das wollt, ſo müßt Ihr zwei Mal hintereinander den Arm emporheben. Das iſt das Ziichen. In demſelben Angenblick wird er ſchießen, und während hier der Brand beginnt, ſtürzt Ihr Euch 56 drüben vom Schaffot herunter und eilt in das Men⸗ ſchengewühl. Ueberall ſind Freunde bereit Euch zu ſchützen und weiter zu fördern. Ich warte! ſagte der Henker mit rauher Stimme. Iſt dieſe lange geheime Unterredung, die noch dazu ganz geſetzwidrig iſt, endlich zu Ende? Freund, ſagte Vane lächelnd, Ihr würdet nichts dawider haben, wenn ich mich mit Euch ſo lange im Geheimen unterhielte, um Euch anzugeben, wo ich meine Schätze, deren Erbe Ihr ſein ſolltet, verborgen hätte. Was ich Dieſem da anvertraue, betrifft auch einen Schatz, denn ich ſprach von meinem Sohn. Ihr werdet doch einem Vater ſo viel Zeit geſtatten, um ſeinem Sohne die letzten Abſchiedsgrüße zu ſenden? Indeß war die Ungeduld des Volkes, und das Verlangen nach dem ſo ſehnſüchtig erwarteten Schau⸗ ſpiel immer größer geworden. Ein Murren der Un⸗ zufriedenheit durchlief die Menge, es ward mächtiger und ſtärker mit jeder Sekunde und wuchs endlich zu einem donnerähnlichen Gebrülle an. Wo iſt Henry Vane? ſchrie und brüllte man von allen Seiten. Welches iſt der Verurtheilte? Welcher von den Herren auf dem Schaffot iſt Henry Vane? Wir wollen ihn ſehen! Er ſoll ſich uns zeigen! Henry Vane unterbrach ſich in ſeinem Geſpräch mit Murray, und trat lächelnd bis an den Rand des Schaffots vor. Sein edles Antlitz, ſeine hohe und ſtolze Geſtalt, der Ausdruck erhabener Ruhe in ſeinen Zügen imponirte der tobenden Menge. Das Schreien verſtummte, Jeder blickte ſtaunend und mit einer un⸗ 3 willkührlichen Regung des Mitgefühls auf dieſen in der Fülle der Geſundheit und ſtolzeſter Lebenskraft da⸗ ſtehenden Mann, welchem doch die nächſte Minute ſchon den Tod bringen ſollte. * — 57— Henry Vane verneigte ſich mit edlem freien An⸗ ſtand vor dem ſtaunenden Volk. Sie wünſchten den Verurtheilten zu ſehen, ſagte er, ich habe die Ehre es zu ſein! Ich bin Henry Vane!*) Und indem er jetzt ſeine Stimme lauter und voller erhob, fuhr er fort: Ich darf hoffen, daß es hier unter der Menge auch für mich einige Freunde giebt. Zu dieſen meinen Freunden will ich reden. Hört mich, meine Freunde, und beherzigt das Wort eines Ster⸗ benden! Sterben will ich, und ich verlange und for⸗ dere von Euch, daß Ihr mich nicht daran hindert. Mein Fluch über den, welcher es verſucht, meinen Tod zu hindern, mein Segen dem, welcher mich in Ruhe von hinnen ſcheiden läßt! Sterben will ich, denn ich bin es ſatt, das elende Komödienſpiel dieſes Lebens mit anzuſehen, ich bin es ſatt, ein entartetes Volk zu ſehen, welches ſich vor einem Tyrannen— Donnerndes Trommelgewirbelunterbrach hier Vane's Rede, und übertäubte den Laut ſeiner Stimme. Er lächelte, und ſagte ruhig zu Murray: So gefährlich iſt ein freies Wort, daß man ſelbſt einem Sterbenden nicht geſtatten will, ſeine Meinung zu äußern! An's Werk! An's Werk! ſagte der Henker, indem er ſich Henry Vane näherte. Ja, an's Werk, ſagte er ruhig. Ich bin müde, und will ſchlafen gehen! Kommt, guter Freund. Ihr müßt heute mein Kammerdiener und Friſeur ſein. Schneidet mir das Haar aus dem Nacken fort, damit Euer Beil gleich die rechte Stelle treffe. Indeß ſtand Edward noch immer da und harrte des Zeichens. Seine Rechte hielt das unter den Klei⸗ *) Seeret history of the reign of Charles II. etc. Vol. I. pag. 130. dern verborgene Piſtol. Er hatte die Worte ſeines Vaters vernommen, und jedes derſelben war mit Cent⸗ nerſchwere auf ſein Herz gefallen, und hatte es erſtar⸗ ren gemacht. Sein Vater wollte ſterben, er hatte Dem ſeinen Fluch hingeſchleudert, welcher ihn daran verhin⸗ dern wollte, und Dem ſeinen Segen gegeben, welcher ihn in Frieden ziehen ließ. Edward fühlte nicht die Kraft, dem Willen ſeines Vaters zu trotzen. Aber er hoffte noch immer, dieſer werde ſeinen Entſchluß ändern, er erwartete noch immer, das verabredete Zeichen zu ſehen. In athemloſer Angſt ſtarrte er nach dem Schaffot hin. Er ſah alle die entſetzlichen Vorbereitungen. Er ſah wie das Haar ſeines Vaters von dem Henker ab⸗ geſchnitten ward, er ſah, wie ſein Vater ſich ſeines Oberkleides entledigte. Er ſah ihn niederknieen— und immer noch nicht das verabredete Zeichen! Jetzt war er entſchloſſen, ſelbſt dem Willen ſeines Vaters zu trotzen, und den feilen Henkersknecht, welcher ſeinen Vater ermorden wollte, zu tödten. Er hob ſchon die Hand mit dem Piſtol empor— Ein qualvoller Gedanke machte ihn erſtarren. Wie, wenn er den Henker verfehlte, und ſtatt deſſen ſeinen Vater tödtete? Sie ſtanden Beide ſo nahe neben ein⸗ ander, und, war es Abſicht oder Zufall, Henry Vane ſtellte ſich immer mit ſeiner breiten herkuliſchen Geſtalt auf die Seite des Schaffots, auf welcher ſein Sohn ſtand, und bildete ſo gleichſam eine Schutzmauer für den Henker. Durfte Edward die Gefahr wagen, ſeinen Vater zu tödten? Als er ihn jetzt niederknieen ſah, war er auch dazu entſchloſſen! Beſſer er ſtirbt von der Hand ſeines Sohnes, als von Henkers Hand! dachte Edward. Ich will ſterben, denn ich bin des Lebens ſatt! — 59— rief in dieſem Moment Henry Vane's Donnerſtimme über den Platz hin. Mein Segen Dem, der mich in Frieden ſterben läßt. Ich will ſterben, damit mein unſchuldig vergoſſenes Blut die Rachegeiſter wecke über den meineidigen König, damit— Zum zweiten Male ward ſeine Stimme von dem Wirbel der Trommeln übertönt.“) Edward's Angen füllten ſich mit Thränen— aber ſeine Hand ſetzte den Hahn des Piſtols in Ruhe. Aphra ſtand noch immer hinter der Draperie des Schaffots verborgen, und harrte des verabredeten Zeichens. Sie hatte rings in die Falten der ſchwarzen Draperie eine geſchwefelte Schnur befeſtigt und mit dem glimmenden Schwamm in der Hand war ſie be⸗ reit, dieſe zu entzünden. Ihre Seele war voll Trauer und Angſt, denn ſie glaubte nicht an ein glückliches Gelingen, ſondern nur an gewiſſes und ſicheres Ver⸗ derben für ſie Alle. Aber Edward hatte es gewollt, er hatte ſie mit Thränen beſchworen, ihm beizuſtehen. Jedenfalls war dies der einzig mögliche Plan geweſen. Sie hatte da⸗ her eingewilligt, und war bereit ſich zu opfern. Sie harrte alſo noch immer auf das Signal— Ueber ihr indeß ward es lebendiger, während das Volk plötzlich verſtummte— Eeine tiefe Stille trat ein,— ein Schauder durch⸗ rieſelte Aphra's Geſtalt. Was bedeutet dieſe Stille? Sie empfand ein ahnungsvolles Grauen. Plötzlich hörte ſie einen dumpfen Schlag,— dann einen durchdringenden, herzerſchütternden Schrei— Sie hatte Edwards Stimme erkannt— Alles ver⸗ geſſend, warf ſie den glimmenden Schwamm zur Erde, *) Burnet. Vol. I. pag. 271. 6 und ſtürzte hervor.— Sie hatte einen glücklichen Mo⸗ ment getroffen, Niemand achtete auf ſie— Jeder blickte auf das Schaffot hin, denn der Henker hatte fehlge⸗ ſchlagen, er hatte Henry Vane verwundet, aber nicht getödtet— Er erhob das Beil zu einem zweiten Schlag— In dieſem Augenblick rief eine laute, durchdrin⸗ gende Stimme: Fluch über den meineidigen König, den Mörder meines Vaters! Aphra ſtürzte vorwärts, zu Edward hin. Schon hatte man ihn ergriffen, und drohende Fäuſte erhoben ſich gegen ihn. Sie warf ſich muthig der Menge entgegen. Habt Erbarmen für meine arme Marie! ſagte ſie flehend. Laßt ſie los, Ihr guten Leute. Rührt ſie nicht an! Ihr Verſtand iſt geſtört. Erbarmen mit meiner armen wahnſinnigen Schweſter! Ein lautes, triumphirendes Bravogeſchrei ertönte ringsum. Der Henker hatte mit dem zweiten Schlag das Haupt Henry Vane's vom Rumpf getrennt. Er hob es empor, und zeigte es dem jauchzenden Volk. In dieſem Moment ſah man von dem Schaffot eine Rauchſäule empor wirbeln, und aus dem Falten⸗ wurf der Draperie ſchlugen lichte Flammen empor. Der glimmende Schwamm, den Aphra hingeworfen, hatte gezündet,— in wenigen Minuten ſtand das ganze Schaffot in lichten Flammen. Eine furchtbare Verwirrung entſtand. Alles drängte fort von dieſem hell emporſchlagenden Feuer. Nur mit Lebensgefahr gelang es dem Prieſter und dem Henker das brennende Schaffot zu verlaſſen. Die Leiche Henry Vane's ließ man zurück. 8 Der Wind ſchlug in die Flammen, und trieb die brennenden Funken über den Platz hin. Sie erfaßten — 6— hier und da die Kleider und entzündeten ſo neue Feuer und neue Gefahr. Man hörte nichts als Angſtgeſchrei und Jammer⸗ gekreiſche. Jeder drängte rückwärts. Die Wagen und Reiter eilten raſch von dannen. Die Menge ſtürzte ihnen nach. Bald war der ganze Platz leer. In der Mitte deſſelben erhob ſich die majeſtätiſche glühende Feuer⸗ ſäule, in welcher Henry Vane's Leiche verbrannte. Dieſes Feuer, welches die Leiche des Vaters ver⸗ zehrte, rettete den Sohn. Inmitten der allgemeinen Angſt und Verwirrung hatte Niemand mehr daran ge⸗ dacht, Edward feſthalten zu wollen. Aphra's flehenden und verzweiflungsvollen Bitten war es gelungen, den faſt Beſinnungsloſen mit ſich fortzuziehen, und ihn unangefochten in ihre ſtille Dach⸗ kammer zu bringen. VI. Der Warner. Ganz England jubelte vor Entzücken und Luſt. Ueberall bereitete man Feſte und Ehrenpforten vor. Der König hatte endlich den Bitten ſeines Volkes nach⸗ gegeben, er wollte ſich endlich vermählen. In wenig Tagen erwartete man die Ankunft der portugieſiſchen Prinzeſſin, welche, Dank der Geldnoth des Herzogs Buckingham und dem diplomatiſchen Schachergeiſt eines Juden, als Königin den Boden von England betreten ſollte. Das Volk fühlte in der That eine große und aufrichtige Freude über dieſe Vermählung, welche die — Dynaſtie ſichern und zugleich, wie die gutmüthigen Bürger und Familienväter hofften, den König die Freuden der Häuslichkeit und der Ehe ſollte kennen lehren, um ihn dadurch dieſem ſtürmiſchen und wüſten Leben, welches er bisher geführt, zu entziehen. Die Papiſten freuten ſich doppelt dieſer Vermählung. Man wußte, daß die Infautin von Portugal eine ſehr ſtreng⸗ gläubige Katholikin, und hoffte daher, daß ſie den König bewegen könne, endlich die Maske fallen zu laſſen, und ſich öffentlich zu der allein ſeligmachenden römi⸗ ſchen Kirche zu bekennen. Ein ſolches Bekenntniß hieß aber zugleich die Verfolgung der Proteſtanten und Pres⸗ byterianer zu einem Geſetz erheben, und das war es, wonach die Katholiken ſich voll chriſtlichen Eifers ſehnten. Wie geſagt, das Volk war voll Jubel über die Vermählung des Königs, aber Karl Stuart ſah nur mit finſterm Ingrimm ſeiner jungen Gemahlin ent⸗ gegen. Vergebens hatte der Lord Argyle, einſt der treueſte Freund Karl's des Erſten, und von dieſem ſeinem Sohne empfohlen, als ein Mann, dem er ſtets vertrauen und unbedingt gehorchen ſolle, vergebens hatte dieſer ihn beſchworen, ſeiner Gemahlin mindeſtens mit den äußern Zeichen der Liebe und Achtung ent⸗ gegen zu treten. 4 Der König antwortete mit einem trotzigen Lächeln: Ich erfülle Euren Wunſch und vermähle mich mit ihr. Aber wie dieſe Ehe ſein wird, ob gut, ob ſchlimm, das müßt Ihr ſchon meinem eigenen Ermeſſen überlaſſen. Jedenfalls, Sire, werdet Ihr die junge Königin nicht gleich bei ihrem Eintritt in Whitehall auf das Tödtlichſte beleidigen wollen? fragte Lord Argyle mit einiger Schüchternheit. Der König ſah ihn fragend an, und erwiderte nichts. Ich meine, Sire, ſagte Argyle ganz leiſe, Ihr werdet Eurer jungen Königin das große und königliche Opfer bringen, Eure ſchöne und reizende Freundin aus Whitehall zu entfernen? Der König zog die Stirn in finſtere Falten. Laßt es jetzt genug ſein mit dieſem Predigerton, Argyle, rief er ungeduldig. Genug der Quälerei, daß ich jeden Sonntag Euren langweiligen Pfaffen zuhören, und dabei zur Erbauung meines vielgeliebten tölpelhaften Volkes ein höchſt ernſthaftes Geſicht ſchneiden muß. In meinen Gemächern will ich damit verſchont bleiben. Bis hieher ſollt Ihr mich nicht verfolgen mit Eurer Moral und Euren Regierungsſorgen! Seid zufrieden, daß ich Eurem Freunde Hyde und Euch freie Hand laſſe mit meinem vielgeliebten England zu ſchalten, wie es Euch beliebt, aber Ihr müßt dafür auch dank⸗ bar ſein, und den König nicht auch regieren wollen! Der König iſt unverantwortlich, zum guten Glück, laßt ihn daher leben, wie es ihm beliebt! Der König iſt nicht unverantwortlich, ſagte Argyle kühn, er iſt nicht unverantwortlich, obwohl die Ge⸗ ſchichte uns lehrt, daß viele Könige unverantwortlich gehandelt und gelebt haben. Aber der Fluch der Völker iſt ihnen in das Grab gefolgt, und die Geſchichte hat ſie gerichtet. Der König iſt Gott und ſeinem Volke Rechenſchaft ſchuldig für jede Handlung ſeines Lebens! Ah bah, ſeinem Volke! ſagte der König verächtlich, indem er ſeine Locken über ſeinen Finger kräuſelte. Möglich, daß Gott den Königen einmal Antwort ab⸗ fordern darf auf ſeine Fragen, aber das Volk? Puh, mir graut davor. Wie könnte dieſe ſtinkende, faule Maſſe, genannt Volk, dieſes alberne, hundewedelnde Gewürm, welches, wenn ich ihm den Fuß auf den Nacken ſetze, noch entzückt iſt von meiner königlichen Huld, wie könnte die, ſage ich, es wagen, einen König zur Rechenſchaft zu ziehen. Sire, rief Argyle mit glühenden Blicken, Sire, es giebt Völker, welche nicht ganz dem Bilde gleichen, welches Ihr da von ihnen entwerft! Es giebt Völker, welche, ſtatt ſich unter das Joch zu beugen, und, wie Ihr ſagt, hundewedelnd zu gehorchen, ſich wie gereizte Tiger erheben, und Denjenigen tödten, welcher es ge⸗ wagt, ſie zu Hunden erniedrigen zu wollen. Ihr ſprecht von meinem Vater! ſchrie der König, indem er mit bleichen, zitternden Lippen aufſprang, und ſich dicht vor dem Lord hinſtellte. Sire, ich ſpreche von Eurem Vater! ſagte Argyle ruhig, und ich thue es, um Euch zu warnen. Dieſer Boden hat das Blut eines Königs getrunken, und glaubt mir, König Karl, Ihr thut wohl, Euch deſſen zuweilen zu erinnern, nicht um den Tod Eures Vaters zu rächen, ſondern um von dem Unglück deſſelben Euch belehren zu laſſen. Dankt es der Erinnerung an meinen Vater, daß ich Euch ungeſtraft anhöre! rief der König zitternd vor Zorn. Der greiſe Lord Argyle lächelte mit einem Ausdruck unendlicher Hoheit und Milde. Sire, ſagte er, und wüßte ich, daß Ihr noch heute mich wolltet ermorden laſſen, ich würde dennoch ſprechen, wie ich geſprochen habe! Denn die Wahrheit iſt das Licht der Erde, und ſelbſt die Könige dürfen nicht mehr im Dunkeln wan⸗ deln. Die Könige ſind von ihren Wolkenthronen her⸗ abgeſtoßen, und die Völker wiſſen, daß ſie Menſchen ſind. Deshalb müſſen die Könige Mißbilligung und Warnung anhören, wie jeder andere Menſch. Ich habe Euren Vater geliebt, Sire, denn er beſaß ein edles und urſprünglich großes Herz, er war ein guter — 65— . ⸗ Menſch. Was er als König verbrochen und gefrevelt, das hat er auf dem Schaffot gebüßt. Sprechen wir nicht weiter davon! Ich habe den Vater geliebt, des⸗ halb will ich den Sohn warnen. Ich will Euch war⸗ nen, König Karl von England, daß Ihr Euch nicht in übermüthigem Stolze größer dünken wollt, als es einem Menſchenſohne ziemt. Seid Eins mit Eurem Volk, dann nur ſeid Ihr in Wahrheit groß. Wähnt nicht, daß Ihr berufen ſeid, über eine Horde von Knechten zu gebieten, ſondern erinnert Euch ſtets, daß es ein Volk von freien Männern war, welches Euch zu ſich berief, nicht um Euch ſelaviſch zu dienen, ſondern um in Euch das Organ und die ſichtbare Verkörperung ſeines eigenen Willens zu finden. Seid Ihr jetzt fertig, Mylord Argyle? fragte der König mit mühſam unterdrückter Wuth. Nein, König Karl, ich bin noch nicht fertig, ſagte Argyle feierlich. Ich leſe in Euren Mienen, daß dies das letzte Mal iſt, daß ich zu Euch ſpreche, und darum will ich frei und ohne Scheu Alles ſagen, was mir auf dem Herzen brennt. Kein anderer Mund als der meine wird es wagen; ich aber habe es Eurem Vater geſchworen, Euch dereinſt in der Stunde der Gefahr die Wahrheit zu ſagen,— dieſe Stunde iſt gekommen, ich halte Wort! Sire, Ihr ſteht an einem Abgrund, weichet rückwärts, oder Ihr ſeid verloren! Traut nicht den Schmeichlern und den Lügnern, welche Euch ſagen, daß das Voik Euch noch liebt. Nein, es beginnt ſchon zu murren, und Euch feindlich anzublicken. Wißt Ihr weshalb? Das Volk will ſeinen König ehren können, es verlangt von ihm, daß er vor allen Dingen ſich ſelber überwinde und ihnen vorangehe auf dem Wege der Pflicht und der Tugend. Weil es Euch ſo hoch erhoben, will das Volk, daß Ihr auch erhaben ſeid Karl II. 3. 5 — 66 . F über ſeine Fehler. Wie aber wollt Ihr, Karl Stuart, verlangen, daß Euer Volk in Euch ehre einen König, wenn es in Euch doch nur den ſündigen Menſchenſohn ſieht, welcher jedem Laſter fröhnt! Mylord! ſchrie der König mit donnernder Stimme, indem er aufſprang, und ſich drohend vor den Greis hinſtellte. 5 Sire, ſagte er ruhig, ich weiß, daß Ihr eben in Eurem Herzen mein Todesurtheil unterſchrieben habt. Ich verlange daher das letzte Recht jedes Verurtheil⸗ ten, ich verlange das Recht der letzten freien Rede! Ich weiß, Ihr werdet mein Blut vergießen, aber ich ſage Euch, dieſes Blut wird nicht zu Eurem Segen vergoſſen werden, und mit meinem Blute wird das Blut Henry Vane's und Murray's und ſeiner Freunde Blut um Rache gen Himmel ſchreien. Genng! ſchrie der König. Ich will endlich von dieſem wahnſinnigen Schwätzer befreit ſein! Sire, rief Argyle, indem er ein Knie beugte und ſeine Hände flehend zu dem König emporhob, Sire, habt Erbarmen mit Euch ſelber! Kehrt um, da es noch Zeit iſt! O, Sire, Ihr ſteht am Anfang einer neuen Lebensbahn, ſeid groß, ſeid gut, ſeid menſchlich warm! Entfernt von Euch alle die elenden Schmeichler und Schmrotzer, und vor allen Dingen, Sire, belei⸗ digt Eure junge Gemahlin nicht, ſondern entfernt die Frau, deren Baſein ein fluchwürdiger Hohn der heili⸗ gen Ehe iſt, trennt Euch von Barbara Palmer! Steht auf! ſagte der König mit der kalten Ruhe, welche er zuweilen in Monenten des heftigſten Zorns annahm, wenn ſein empörtes Gemüth irgend einen feſten Entſchluß gefaßt hatte. Steht auf, Mylord Ar⸗ gyle, wiederholte er, und jetzt klang ſeine Stimme faſt gütig und weich. Ihr ſeid ein treuer Diener meines —55— Vaters geweſen, ich vergebe Euch um Eurer Treue willen. Ich werde Eure Worte nicht vergeſſen,— vielleicht war Euer Nath gut. Ich will es mir über⸗ legen! Ihr wollt die Gräfin Caſtlemaine entfernen, Ihr wollt die junge Königin nicht zwingen ſie zu empfan⸗ gen? fragte Lord Argyle mit flehendem Ton. Ueber des Königs Antlitz flog ein Lächeln, aber es war ein tückiſches, grauſames Lächeln. Ich verſpreche Euch, die Gräfin von Caſtlemaine ſoll entfernt werden, ſagte er. Lord Argyle's Augen füllten ſich mit Thränen. Nun kann ich in Frieden ſterben, denn das Glück Englands iſt geſichert, ſagte er. Ich habe ſeinen König geſehen, welcher das ſchwerſte der Opfer gebracht, welcher ſich ſelbſt überwunden hat! Geht jetzt, Mylord, ſagte der König, laßt mich allein. Ihr begreift, daß nach einem ſolchen Sturm mein Herz der Ruhe bedarf! Kaum hatte der edle Lord das Zimmer verlaſſen, als das Antlitz des Königs einen anderen Ausdruck annahm. Seine Züge zeigten jetzt all die Wuth, den Hohn und die Verachtung, die er wirklich empfand, und die er nur für einen Moment mit dem ihm eignen Schpieleriuleit unterdrückt hatte. klingelte haſtig und befahl, den Herzog Buckingham und Grafen Rocheſter zu rufen. Als die beiden Favoriten kamen, fanden ſie den König blaß, mit ſtieren Blicken und verſchränkten Ar⸗ men im Zimmer auf⸗ und abſtürmend. George und Richard, gut, daß Ihr da ſeid, ſagte er, ich verlange einen Dienſt von Euch! Von Dir zuerſt, Rocheſter. Du kennſt alle geheimen Intriguen, 5* — 68 alle Schleichwege, alle verborgenen Verbrechen dieſes Hofes. Iſt es nicht ſo? Ich glaube, ſagte Rocheſter lachend. Es iſt für„ mich ein ſehr pikantes Vergnügen, die geheimen Ver⸗ brechen der ſogenannten Gerechten auszuſpüren und die verborgenen Laſter der angeblich Tugendhaften zu erforſchen. Ich will Dir einen Tugendhaften nennen, den Du erforſchen und deſſen Laſter Du entdecken ſollſt, ſagte der König. Ich meine den Lord Argyle! Lord Argyle! rief Graf Rocheſter faſt erſchrocken. Sire, das iſt der Einzige, welcher bis jetzt meinen Nachforſchungen Trotz bieten konnte. Ich habe auch nicht das kleinſte Verbrechen an ihm entdecken können. So erfinde eins, mein Freund, ſagte Karl Stuart. Aber ein gutes, ſtarkes Verbrechen, welches im Stande iſt, den Lord Argyle auf das Schaffot zu bringen.* Auf das Schaffot! riefen die beiden Lords entſetzt. Auf das Schaffot, wiederholte der König ruhig. Dieſer Elende hat es gewagt, mich, ſeinen König, auf das Tödtlichſte zu beleidigen. Er muß alſo ſterben! Ja, er muß ſterben! rief Rocheſter, und das Ver⸗ brechen wird ſich finden. Ach, wir werden alſo wieder eine Hinrichtung haben. Wir dankbar werden Euch die Damen ſein, Sire, ſie ſprechen noch mit Entzücken von der Hinrichtung der Hochverräther. Argyle iſt auch ein Hochverräther! ſagte der König⸗ Er muß alſo fallen!“*) Und jetzt, George, ein Wort mit Dir. Ich habe dieſem Argyle mein Wort gegeben,„ . *) Lord Argyle ſiel wirklich als ein Opfer der königlichen Rache. Er ward angeklagt, Theil gehabt zu haben an der Hinrichtung Karl's des Erſten, vbwohl er, wie ſeine Freunde, das Gegentheil beweiſen konnte. Das Parlament war ſchon im Begriff, ihn für völlig un⸗ ſchuldig zu erkiären, als General Monk, vom König oder vom — 665 die Gräfin Caſtlemaine vom Hofe für immer zu ent⸗ fernen. Ich will alſo mein Wort halten. Es ſoll an dieſem Hofe keine Gräfin von Caſtlemaine mehr geben. Ah, George, welch ein einfältiges Geſicht Du machſt! Du begreifſt alſo nichts? Gott iſt groß, ſagte der Herzog lachend, er ſchuf Euch nach ſeinem Bilde, und Ihr wundert Euch, daß ich Euch nicht begreife, Sire. Indeſſen begreife ich eins! Gott ſchuf aus meiner Couſine ein ſchönes Weib, Ihr aber ſeid größer als Gott; dieſer ſchuf nur ein Weib, Ihr aber könnt aus Weibern Gräfinnen, und aus Gräfinnen Herzoginnen machen! Ah, Du haſt mich alſo errathen, rief der König lachend. Ja, wir wollen die Gräfin zu einer Herzogin verklären! Herzog von York beſtochen, dem Parlamente Privatbriefe, welche Lord Argyle früher an ihn geſchrieben, übergab, in denen er den König Karl I. einen Verbrecher, und vie Republik als das einzigſte Heil der Völker bezeichnete. Auf dieſe Briefe hin verurtheilte ihn das Parlament, indem es ihn zugleich der königlichen Gnade an⸗ empfahl. Aber der König übte keine Gnade. Er war beleidigt, alſo mußte Argyle ſterben. Aber nicht zufrieden mit dieſer Strafe, wollte der König noch in dem Sohn das Verbrechen ſeines Vaters, dieſes Verbrechen, einem König die Wahrheit geſagt zu haben, ſtrafen. Auch der junge Lord Argyle ward daher des Hochverraths angeklagt. Indeß konnten ſeine Richter ihn nicht ſchuldig finden, und ſagten dem König: Es iſt nichts in ſeinen Worten oder Tha⸗ ten, was ihn zu einem Verbrecher macht!„Aber könnte man keinen Hochverrath daraus machen?“ fragte der König.(Histoire secrdte des Regnes des Roix Charles Ij. et Jaques II. Cologne. 1690. pag. 15— 17). Der Sohn ward angeklagt, wie ſein Vater, und wie dieſer hingerichtet.„So ſtrafte es der König, daß ein Weiſer ihn zur Tugend ermahnt hat!“(Der geile Ammon Karl M. Flug⸗ ſchrift aus dem Jahre 1684).(Secret history of the Reign of Charles II. Vol. I. pag. 173). Burnet, history of my own time Vol. 1 pag. 199. VII. Die Rönigin. Zwei Tage ſpäter hielt die junge Königin ihren Einzug in London. Der König war ihr bis Wincheſter entgegen gegangen, und ſeine Schönheit, ſeine Liebens⸗ würdigkeit, das gut geheuchelte Entzücken, welches er bei dieſem erſten Begegnen mit ſeiner jungen und un⸗ ſchuldigen Gemahlin zur Schau trug, alles dieſes machte, daß ihm das Herz der Infantin mit einer wahren und innigen Neigung entgegen flog. Sie fühlte ſich ſehr glücklich, ſehr zufrieden an der Seite des königlichen Gemahls, ſie vergaß ſogar die ſtrengen Lehren ihres Beichtvaters, welcher ihr befohlen, bei ihrem Einzug in London nichts weiter zu denken, als* daß ſie die Königin eines verbrecheriſchen Volkes von Ketzern geworden, und daß es ihre Aufgabe ſei, die Ketzer zu züchtigen, des Königs Gemüth ihnen zu ver⸗ ſchließen, und zu machen, daß der König ſie als Ver⸗ brecher ſtrafe. An Alles dieſes dachte die junge Königin Katharina nicht. Sie fand den König ſehr ſchön und vergaß ihrer Gelübde, ſie hatte ihrem Beichtvater geſchworen, Niemand zu lieben, außer Gott, aber ſie fühlte, daß Karl Stuart vielleicht im Stande ſein möchte, ſogar Gott aus ihrem Herzen zu verdrängen. Deshalb em⸗ pfand ſie auch ein ihr ſelber nnerklärliches Gefühl des Zornes, wenn ſie daran dachte, daß man ihr geſagt, der König wolle neben ihr noch eine andere Geliebte haben, und es gäbe noch ein anderes Weib, welches Anſprüche habe auf dieſen ſo jungen, ſo ſchönen und bezaubernden Mann. Ich werde dieſe Andere nicht dulden, ſagte ſie ſich ſelbſt, ich werde dieſes Weib niemals in meine Nähe kommen laſſen. Ich werde ihr vor aller Welt meinen Zorn und meine Verachtung zeigen, wenn ſie ſo frech ſein ſollte, ſich in meine Nähe zu wagen. Aber ſie wird es nicht, es iſt unmöglich! Nicht wahr, Ines, ſagte ſie zu ihrer Kammerdame, als ſie endlich in Whitehall angelangt, mit dieſer in ihrem Toilettenzimmer allein war, nicht wahr, Ines, die Gräfin Caſtlemaine wird heute nicht bei der großen Cour zugegen ſein? Es iſt unmöglich, daß der König mich ſo ſehr beſchimpfe? Niemand weiß mir hierüber Auskunſt zu geben, ſagte Ines. Seit drei Tagen hat die Gräfin Whitehall verlaſſen und Niemand weiß, wo ſie ſich aufhält. Der König hat ſie verſtoßen, das iſt ganz einfach, rief Katharina mit ſtolzer Freude. O, wie glücklich bin ich, Ines! Ich will gar nicht mehr an dieſe Frau denken, welche ich haſſe, obwohl ich ſie nicht kenne. Komm, ſchmücke mich. In einer Stunde muß ich be⸗ reit ſein. Der König wird mich alsdann in den Thron⸗ ſaal führen, um mir die Damen des hohen Adels vor⸗ zuſtellen, und vor allen Dingen mir meine Pallaſt⸗ damen zuzuführen. Ich freue mich darauf, ſie kennen zu lernen. Sie Alle ſollen mir vom Könige erzählen. Und jetzt, Ines, ſei eine Zanberin, mache, daß ich heute ſchön genug bin, um alle die Ladies zu verdunkeln. Es giebt auf der Welt nichts Schöneres als meine Königin! rief Ines begeiſtert. Katharina lächelte zufrieden, denn ſie glaubte ihr. Man hatte ihr ſo oft von ihrer Schönheit, ihrer An⸗ muth und Grazie geſprochen, daß niemals ein leiſer Zweifel darüber in ihr aufkommen konnte. Niemand war da geweſen, welcher ihr geſagt, daß — ————— ſie weder ſchön, noch anmuthig ſei, daß ihre Geſtalt unanſehnlich und dürftig, ihre Augen glanzlos und trübe, ihre Haut gelb und ihr Lächeln kalt und me⸗„ lancholiſch ſei. Arme Katharina! Mit ſolchem Aus⸗ ſehen ſie der ſchönen üppigen Barbara entgegen⸗ treten: In dem Thronſaale hatte ſich indeß die hohe Ariſto⸗ kratie Alt⸗Englands verſammelt, alle Damen der baute volée waren gekommen, der jungen Königin zu huldi⸗ gen. Es war ein prachtvoller Anblick, die Reihen dieſer Frauen zu ſehen in ihrer glänzenden Schönheit und ihren glänzenden Toiletten. Welch ein Vergnügen für den König, dieſe Reihen zu durchwandern, und von Allen begrüßt zu werden mit reizendem Lächeln und leuchtenden Blicken. Auch ſchien er heute ungewöhnlich heiter. Man hatte ihn niemals fröhlicher lachen und dreiſtere Scherze machen gehört, und dennoch vermißte* man heute diejenige, welche ſonſt des Königs ſtete Be⸗ gleiterin zu ſein pflegte. Noch war die Gräfin Caſtle⸗ maine nicht in dem Saal. Wo war ſie? Hatte der König ſie in der That entfernt? Das war es, was den Hof beſchäftigte, und als der König jetzt den Thronſaal verließ, um ſich zu ſei⸗ ner Gemahlin zu begeben und ſie hierher zu führen, da flog es wie ein Blitz von Mund zu Munde: wo iſt die Gräfin? Niemand wußte Auskunft zu geben. Der Herzog von Buckingham ſtand in einer Fenſter⸗ niſche und lächelte,— er allein kannte das Geheimniß der Abweſenheit Barbara's. Der König wird endlich ihrer überdrüſſig ſein ſagte Lady Aurora. Ich habe niemals ſeinen Geſchmack für dieſe hölzerne Schönheit begriffen. ——, — 5 Er wird ſich endlich dieſes laſterhaften Verhältniſſes ſchämen, ſagte die Herzogin Richmond, von der man wußte, daß ſie ſich vergeblich abgemüht, die Stelle Barbara's einzunehmen. Wir werden alſo endlich der entſetzlichen Qual überhoben werden, dies ſchamloſe Weib neben uns dulden zu müſſen, rief eine Andere, und Alle ſtimm⸗ ten ihr bei, und alle diejenigen, welche ſich ſonſt vor Barbara bis zur Erde gebengt und ihre Schönheit bewundert, und ihren Witz geprieſen hatten, Alle wa⸗ ren jetzt bereit, ſie zu ſchmähen und ihr Andenken zu verwünſchen. Es iſt eine jammervolle und verächtliche Race, dieſes Menſchengeſchlecht, dachte George Villiers, und ich bin froh darüber. Wie langweilig würde es nicht ſein, wenn alle dieſe Weiber tugendhaft und fromm und keuſch und ſittig wären. Die Engel ſind ein lang⸗ weiliges Geſchlecht, ich lobe mir dieſe verſchmitzten und verbuhlten kleinen Teufelchen. Plötzlich wurden die Flügelthüren geöffnet, und der Ober⸗Ceremonienmeiſter mit dem goldenen Stabe trat in den Saal. Die Damen ſtellten ſich zu beiden Sei⸗ ten auf, hinter ihnen die Herzoge und Lords mit den reichbeſternten Gewändern. Und inmitten dieſes glän⸗ zenden Kreiſes, inmitten dieſer von Diamanten fun⸗ kelnden und von Schönheit glänzenden Frauen erſchien der König, an ſeinem Arm eine kleine ſchwächliche Ge⸗ ſtalt, faſt erdrückt unter der Laſt ihrer Juwelen und ihres Putzes— das war die Königin! Nie ſah man die ſchönen Damen reizender und bezaubernder lächeln, als indem ſie ſich jetzt bis zur Erde verneigten vor dem kleinen gelben, magern Weibe, welches ſie ihre„junge, ſchöne Königin“ nannten. Dieſes Lächein war ein Lächeln des Triumphes, denn alle dieſe Schönen wußten es jetzt, daß Katharina von Portugal ihnen niemals gefährlich werden könne. Indeß, Katharina trug eine Krone, das machte ſie immer noch ſchön und beneidenswerth, das machte, daß die Männer ſie ſogar hübſch und das Lächeln bezau⸗ bernd fanden, mit welchem ſie am Arm ihres Gemahls die Reihen der Damen durchwandelte. Es iſt wahr, dieſes Lächeln ward immer heller und lichter, je mehr der Damen ihr vorgeſtellt wurden, und je mehr ſie die Gewißheit erlangte, daß die gefürchtete und gehaßte Gräfin Caſtlemaine ſich nicht unter ihnen befände. Sie athmete erleichtert auf, als die letzte Dame ihr genannt ward, und ein roſiger Schimmer flog über das blaſſe Antlitz der jungen Königin. Sie hatte alſo keine Nebenbuhlerin— Barbara von Caſtlemaine war nicht am Hofe. Plötzlich wurde die Thüre weit geöffnet und eine wundervolle Frauengeſtalt erſchien in derſelben. Katha⸗ rina ſtaunte ſie an, ſie hatte nie etwas Schöneres und Prachtvolleres geſehen. Welch' ein reiner Styl in der Schönheit dieſes edlen Kopfes. Wie majeſtätiſch die kleine goldene Herzogskrone auf der erhabenen Stirn thronte, wie die Angen glühten und Blitze ſchoſſen wie ſtolz das Lächeln dieſes Mundes, wie prachtvoll die Formen dieſer Schultern und Arme, und wie üppig und ſtolz die hohe, majeſtätiſche Geſtalt. Ein dunkelrother Sammetmantel, mit Hermelin verbrämt war mit diamantenen Spangen auf ihren Schultern befeſtigt, und hing in ſchweren Falten zur Erde niede das weiße Atlaskleid war mit Gold und Perlen geſtick Hals und Buſen zierten Spangen von Brillanten, und der große Fächer, den ſie in der Hand hielt, funkelte von Diamanten und Rubkinen. Es war ein prach volles Coſtume, aber was waren alle dieſe Brillanten —,— und Rubinen gegen das Funkeln dieſer Augen und gegen die Purpurgluth dieſer ſchwellenden Lippen. Katharina von Portugal empfand bei ihrem An⸗ blick einen ſtechenten Schmerz, ſie wußte nicht wes⸗ halb, und ſie mußte doch immer wieder hinſtarren auf dieſes glänzende Frauenbild. Auch die Geſichter der übrigen Damen hatten ſich verfinſtert, das Lächeln war aus ihren Zügen verſchwunden, ſie blickten zur Erde. Einen Moment ſtand das ſchöne Weib unter der Thür, ihr leuchtender Blick durchflog den Saal, und haftete für eine Sekunde auf dem Antlitz Katharinens. Dann lächelte ſie ſtolz und ſchritt vorwärts. Ihre Hoheit, die Herzogin von Cleveland! rief der Ober⸗Ceremonienmeiſter, als ſie vorwärts ſchritt,— ein Gemurmel des Erſtaunens durchflog den Saal, die Damen verneigten ſich tief vor der ſchönen Her⸗ zogin, aber ihre Mienen waren finſter und verächtlich. Die junge Herzogin achtete deſſen nicht, ſie ging weiler, während von dem andern Ende des Saales der König ihr entgegenſchritt. In der Mitte des Saales blieb die Herzogin ſtehen, grade unter dem rieſigen Kronleuchter, der mit ſeinen hundert funkeln⸗ den Kerzen ſie wie ein Meer von Licht umfloß, und ihre herrliche Geſtalt mit Glanz und Pracht umgab. Jetzt trat der König dicht zu ihr heran und reichte ihr ſeine Hand dar. Es war ein herrliches Paar,— Katharina fühlte ſich einer Ohnmacht nahe. Frau Herzogin von Cleveland, ſagte der König, erlaubt, daß ich Euch meiner Gemahlin vorſtelle, als die erſte ihrer Kammerdamen. Und indem er dieſe ſchöne Hand feſt in der ſeinen drückte, führte er die Herzogin zu der Königin hin. Niemals hatte man eine ſchönere und ſtolzere Her⸗ — zogin, niemals eine demüthigere und unbedeutendere Königin geſehen. Wie ſie jetzt einander gegenüber ſtanden, und die Herzogin ſich tief bis zur Erde verneigte, fühlte Jeder, daß ſie dennoch die Königin ſei, und daß Katharina von Portugal ihr niemals die Krone würde ſtreitig machen. Majeſtät, ſagte die Frßin Majeſtät, Ihr ſeid meine Gebieterin, und Ihr ſollt niemals eine ergebe⸗ nere und treuere Dienerin gehabt haben, als Euere Pallaſtdame, die Herzogin von Cleveland! Es war etwas Stolzes, Höhnendes in dem Ton, mit welchem ſie dieſe Worte ſprach, Katharina fühlte das, aber ſie hatte dieſer imponirenden Erſcheinung gegenüber alle Haltung verloren. Sie ſchlug die Blicke zu Boden vor dieſen leuchtenden, flammenden Augen. Ich werde niemals den Muth haben, Euch etwas zu gebieten, Herzogin, ſagte die Königin ſchüchtern, Ihr werdet daher niemals zu gehorchen haben! Das iſt übel, Majeſtät! rief die Herzogin, das Gehorchen wäre für mich etwas ſo Neues und Unge⸗ wohntes, daß ich es wohl einmal verſuchen möchte! Dies war in der That eine ſehr ſtolze und unge⸗ wöhnliche Sprache, einer Königin gegenüber. Katha⸗ rina empfand einen namenloſen Schrecken, ſie blickte auf ihren Gemahl, dieſer lächelte. Ihr habt Eure erſte Pallaſtdame noch nicht be⸗ grüßt, wie es die Etiquette evfordert, flüſterte er leiſe, Ihr müßt ihr die Hand reichen, und ſie auf die Stirne küſſen. Die Königin beeilte ſich, dieſem Befehl ihres Ge⸗ mahls zu genügen, und indem ſie die Stirne der Her⸗ zogin küßte, dachte ſie: alle dieſe Frauen möchte ich küſſen und umarmen aus Dankbarkeit, weil Keine von — ihnen die Gräfin von Caſtlemaine iſt; o, ich liebe ſie alle von ganzem Herzen, nur dieſe Eine haſſe ich, nur dieſer Einen könnte ich niemals meine Hand reichen! Sie ſprach lange und freundlich mit der ſchönen Herzogin, an deren piquanter und leuchtender Unter⸗ haltung ſie ein wunderbares Gefallen fand. Die Herren und Damen ſtanden in ehrfurchtsvoller Entfernung, und lauſchten mit ſtiller Andacht auf das Geſpräch des königlichen Paares mit der Herzogin. Indeſſen hatte der König endlich auch die andern fünf Pallaſtdamen der Königin vorgeſtellt, dann kamen die Cavaliere und die hohen Ordensritter, welchen die Ehre des Handkuſſes gebührte. i Die Herzogin von Cleveland hatte ſich einen Augen⸗ blick in eine Fenſterniſche zurückgezogen, und ſprach mit dem Herzog von Buckingham, den ein gebieteri⸗ ſcher Wink ihres Fächers zu ihr gerufen. Und was ſagt Ihr zu der jungen Königin? fragte George Villiers. Sie zuckte leicht die Achſeln. Sie mag beten gehen, ſagte ſie, das iſt für ſie das Beſte, und wir wollen ſie daran nicht hindern. Aber wißt Ihr, George, dieſe ſteifen Formen der Etiquette fangen an mich zu en⸗ nuhiren, und ich finde es höchſt langweilig, die her⸗ zogliche Hermelinswürde immer hinter mir herzuſchlep⸗ pen. Ich werde ſie abſchütteln, und ein wenig Toll⸗ heit in die erhabene Langweiligkeit bringen. Seht nur die Ladies und Herzoginnen an, ſie möchten mich Alle vergiften mit ihren Blicken, ſie ärgern ſich fürchterlich. Wie luſtig das iſt, George. Nur die kleine Königin ſcheint nicht zu wiſſen, wer ich bin. Ich werde es ihr ſagen, es wird mich beluſtigen, ihr erſtanntes Geſicht zu ſehen, und mich an ihrer ſchaudernden Verachtung zu weiden! Komm, George, Du ſollſt dabei ſein! Sie lehnte ſich leicht auf den Arm des Herzogs, und trat mit ihm zu der Gruppe, in deren Mitte das königliche Paar ſich befand. Sire, ſagte ſie, indem ſie leicht und anmuthig mit ihrem Fächer ſpielte, Sire, Ihr müßt mein Fürſprecher ſein bei Ihrer Majeſtät, meiner jungen Königin. Ich will ſie um eine Gnade bitten! Ihr bedürſt keiner Fürſprache, Herzogin, ſagte die Königin lächelnd. Sprecht immerhin, Ihr ſeid der Gewährung gewiß! Ihr habt es gehört, König Karl, und der ganze Hof iſt Zeuge, ſagte die Herzogin, unſere junge Kö⸗ nigin will mir die Gnade bewilligen, um die ich ſie bitten werde. Und indem ſie leicht ein Knie vor der Königin beugte, fuhr ſie fort: ich erſuche Ihre Majeſtät um die Gnade, mir mein Wappen auszuwählen. Katharina ſah ſie fragend und verwundert an, und die Damen machten ein ſehr verlegenes Geſicht. König Karl aber lächelte. Ich verſtehe Euch nicht, Herzogin. Ich ſoll Euch ein Wappen auswählen? Nun ja, ein recht ſchönes, herzogliches Wappen. Ihr ſollt gnädig beſtimmen, was für Zeichen ich in meinem Wappen tragen, und welche Ungehener ich als Schildhalter benutzen ſoll. Ich wäre ſehr für eine Löwin und einen Känguru. Was meint Ihr, König Karl, ein Känguru, welcher ſich majeſtätiſch auf ſeinem Schweife wiegt, wäre ein ganz vortrefflicher Schild⸗ halter für mein junges, herzogliches Wappen. Und dazu eine Löwin, eine ſpringende, kampfbereite Löwin, die muß dabei ſein, ich fühle einige Verwandtſchaft mit ihr, und deshalb will ich eine Löwin in meinem Wappen haben. O, Sire, es war nicht ſchön von —,— — Euch, daß Ihr mir eine Herzogskrone ohne ein Her⸗ zogswappen gabt. Wir werden jetzt viele Mühe damit haben! Es iſt ſehr leicht aus einer Gräfin ein Herzo⸗ gin zu machen, aber es iſt ſehr ſchwer, ein ſchönes, herzogliches Wappen zu erfinden! Ihr werdet die Gnade haben, nicht wahr, Frau Königin? Katharina war bleich geworden, ihre Füße zitterten, ſie fing an zu errathen. Und wie kommt es, daß Ihr bis jetzt kein Wappen habt, Frau Herzogin? fragte ſie tonlos. Die Herzogin ſpielte wieder mit ihrem Fächer. Wie das kommt, Majeſtät? ſagte ſie. Mein Herzog⸗ thum liegt noch in den Windeln, und lallt noch ſeine erſten Kindheitslaute, es iſt noch viel zu jung, um ein Wappenſchild zu ſchleppen. Ihr müßt die Gnade haben, es über die Taufe zu heben, damit die junge Herzogin von Cleveland es vergeſſe, daß ſie geſtern noch Gräfin von Caſtlemaine war!— Die Königin ſtieß einen Schrei aus, und hielt ihr Tuch vor ihr erbleichendes Angeſicht. König Karl runzelte d'ie Stirn. Was bedeutet dies, Madame? ſagte er rauh, indem er ungeſtüm die Hand der Königin ergriff. Das bedeutet, daß Ihre Majeſtät Naſenbluten hat, wie jedes andere ſterbliche Weib, ſagte Barbara ruhig. Auf mein Zimmer, lallte die Königin, ich will auf mein Zimmer! Ich ſterbe! Und ſie ſank ohnmächtig in die Arme ihrer Staats⸗ dame Ines de Marvilleres.*) Die Königin hat ſehr ſchwache Nerven, ſagte Bar⸗ bara mit einem verächtlichen Achſelzucken zu George Villiers. *) Secret history vol. I. pag. 447. —— Und Ihr ſeid ein hölliſcher Engel an Bosheit! flüſterte er. Man hatte indeß die Königin in ihre Gemächer„ gebracht. Als ſie ſich wieder erholte, und die Augen aufſchlug, war Niemand bei ihr, als Ines und ihr Beichtvater Pater Abrantv. Die Königin richtete ſich langſam empor, und ſah mit ſtieren Blicken umher. Wo bin ich? fragte ſie, während Ines und der Pater ſich leiſe hinter den ſammtnen Vorhang des Bettes zurückzogen, und ſie, unbemerkt von ihr, be⸗ lauſchten. 2 Wo bin ich? wiederholte ſie leiſe. Weshalb hat man mich allein gelaſſen? Ich habe geſchlafen und einen fürchterlichen Traum gehabt. Mir träumte von einem wunderſchönen, ſolzen Weibe, welches mich verhöhnte,* und mich— Mein Gott, war denn dies ein Traum? fragte ſie dann ganz laut. Der Pater winkte Ines ſich zu entfernen, dann trat er langſam vor. Nein, ſagte er mit ſtrengem Ton, nein, Katharina von Portugal, es war kein Traum. Es iſt Wahr⸗ heit. Eure Nebenbuhlerin ſtand Euch gegenüber, und ſie verhöhnte Euch.. Ja, jetzt weiß ich es, ſchrie die junge Königin, indem ſie von ihrem Lager empor fuhr. Jetzt weiß ich Alles. Sie verhöhnte mich, und mein Gemahl lächelte dazu. Ich habe es geſehen, er lächelte, und dieſes Lächeln war es, welches mein Herz zerriß! Sie rang die mit Brillanten geſchmückten Händ und weinte bitterlich. Der Prieſter heftete auf ſie ſeine ſtrengen, durch dringenden Blicke. So ſtraft Gott diejenigen, welche ihn verlaſſen und vergeſſen! ſagte er feierlich. Ihr wart eine Sünderin und der Herr züchtigte Euch. Das iſt gerecht! O, mein Gott, was habe ich denn verbrochen? fragte ſie bebend. Weshalb dieſe fürchterliche Strafe, welche mein Herz zerreißt, und mich leiden macht? Weshalb? Weil Ihr Euer Herz abwendet von dem, welcher allein darin wohnen ſoll! Weil Ihr über dem Menſchen Eures Gottes vergaßt, weil Euch das Ge⸗ ſchöpf theurer war, als der Schöpfer! Es iſt wahr, ich liebe meinen Gemahl, murmelte ſie erröthend. Ihr liebt ihn, und hattet doch auf die Hoſtie ge⸗ ſchworen, Niemand zu lieben, als Gott allein, Niemand zu vertrauen, als Gott und ſeinen geheiligten Prieſtern. Ja, es iſt wahr, Und dennoch, mein Vater, iſt es denn ein Verbrechen, ſeinen Gemahl zu lieben? Für Euch iſt es ein Verbrechen, ſagte der Prieſter, für Euch, die erhabene Tochter der allein ſeligmachen⸗ den Kirche, welche Euer Gemahl in frevelndem Ueber⸗ muth öffentlich zu verleugnen wagt, während er im Geheimen zu ihr betet. Katharina, ich verbiete Euch, Den zu lieben, welcher vor der Welt als ein Ketzer erſcheint, ich befehle Euch, den zu haſſen, welcher nicht den Muth hat ſeinen Glauben zu bekennen, und die Ketzer zu verfolgen, wie ſie es verdienen. Der Fluch der Kirche falle auf Euer Haupt, wenn Ihr meine Befehle mißachtet! Sie ſank wie zerbrochen vor ihm in die Knie. Er⸗ barmen, Erbarmen, flehte ſie. Nehmt dieſen Fluch zurück. Ich will gehorchen. Ich will Niemand lieben, als Gott allein! hr ſagt es, und Ihr werdet dennoch wieder Euren Schwur brechen! Karl II. 3. . Nein, nein, ich werde gehorchen, ich werde ſtets daran denken, daß dieſes ſchöne Weib ſeine Geliebte iſt, und dann werde ich den Muth haben, ihn zu haſſen. Ja, ich werde ihn haſſen, mein Vater, und Niemand lieben, als Gott! Bekehrt den König, ſagte er gebieteriſch. Führt ihn als renigen Sohn in den Schooß der Kirche, macht, daß er vor der ganzen Welt ſeinen Glauben bekenne, dann dürft Ihr ihn lieben! O, mein Gott, und wenn mir dies mißlingt? fragte ſie weinend. Dann ſeid Ihr ein zu ſchwaches Werkzeug in der Hand Gottes, und ich verdamme Euch! Den König von England zu bekehren, und ſeinen Willen ſo zu lenken, daß er ſich entſchließe, die Rechtglänbigen zu belohnen, und die Ketzer zu beſtrafen und auszurotten, das iſt Euere Aufgabe, Königin! Wehe Euch, wenn Ihr ſie nicht erfüllt! Ich werde ſie erfüllen, mein Vater, ſchluchzte ſie. Meiner Liebe, meiner Angſt und meinem Flehen wird es gelingen, meinen Gemahl zu einem öffentlichen Be⸗ kenntniß zu bewegen! K Schwört es, kein Mittel unverſucht zu laſſen! Ich ſchwöre es! Und wenn Euch dies nicht gelingt, ſo werdet Ihr wenigſtens ihn zur Verfolgung der Ketzer bewegen! Schwört das! Ich ſchwöre es! Und jetzt, mein Vater, habt Er⸗ barmen mit mir, gebt mir Euren Segen, und befreit mich von der Sünde! Und die Königin, noch immer knieend, verbarg ihr von Thränen überfluthetes Angeſicht in ihren Händen, 1 und erwartete zitternd die Abſolution des Prieſters. 3 83 Er blickte mit einem ſtolzen, triumphirenden Lächeln zu ihr nieder. Nein, ſagte er, Ihr ſeid heute der Gnade nicht theilhaftig, denn der Teufel hatte Gewalt über Euch und Euer Herz war nicht bei Gott. Betet, Katharina, betet, durchdringt Eure Seele mit Zerknirſchung und Euer Herz mit frommem Jammer, dann ſoll Euch morgen der Segen des Herrn zu Theil werden! Bis dahin, bereuet! Sie wimmerte laut auf, während der Prieſter mit ſtolzen Schritten das Gemach verließ. Still war es jetzt um ſie her. Von dem nahen Tanzſaal herüber drangen die lockenden Töne einer luſtigen Tanzmuſik und erfüllten Katharina's Herz mit unausſprechlichem Jammer. In den hohen Königs⸗ ſälen da drüben war alles Glanz und Pracht, da feierte man die Vermählung des Königs, und hier in ihrem einſamen Gemach lag die junge Königin auf ihren Knieen und weinte bitterlich. VIII. Schöne Fräume. Sie waren Beide allein. Die Fenſter nach dem Garten waren geöffnet, und man hörte das Rauſchen der Bäume von da draußen, ſonſt war Alles ſtill. Aphra ſaß auf dem binſengeflochtenen Lehnſtuhl, und ſpielte träumeriſch lächelnd in dem dunkeln Haar Edwards, der zu ihren Füßen auf dem kleinen Schemel 3 ſaß und ſein Haupt an ihre Knie lehnte. Sie hatten ſich Beide ſo viel zu ſagen, ſo Viel, 6* 8— daß es keine Worte dafür gab. Deshalb ſchwiegen ſie Beide, aber ihre Herzen ſprachen zu einander, und welche Geſpräche waren dies! Wie viel Unſchuld und Entzücken, wie viel Wonne und Zerknirſchung, wie viel ſelige Luſt und weinende Freude in dem ſtillen Zwiegeſpräch dieſer beiden Herzen! Es war ein kleines, unſcheinbares Gemach, in welchem ſie ſich befanden, aber ihnen ſchien es ein glänzender Feenpalaſt zu ſein. Goldene Blumen ſproßten da, und lächelnde Genien ſchwebten in den Kelchen und flüſterten und ſangen ihnen duftende, ſüß berau⸗ ſchende Lieder, und ſie lauſchten Beide mit einem ſeli⸗ gen Lächeln, und ſahen einander an, und nickten ſich zu. Sie kannten ſich Beide erſt ſo kurze Zeit, und dennoch ſchien es ihnen, als wären ſie immer miteinan⸗ der geweſen, ihre Seelen waren nur einige kurze Erden⸗ jahre getrennt geweſen, aber jetzt hatten ſie ſich wieder⸗ gefunden, um ſich niemals wieder zu verlieren. Das dachten ſie Beide. Sie wußten Beide ſo wenig von einander, und doch war kein Zweifel in ihnen, ſie glaubten, ſie kann⸗ ten, ſie liebten einander! Er war der Sohn Henry Vane's, des Hingerich⸗ teten. Seine Familie war geächtet, das Wappen ſeines Hauſes war zerbrochen, die reichen Beſitzungen ſeiner Familie vom Staate eingezogen. Er war jetzt arm, ohne Namen, und ein Preis war auf ſein Haupt ge⸗ ſetzt. Sollte Sie ihn deshalb weniger lieben? Sie war die verwaiste Tochter eines vornehmen Hauſes. Sie mußte von ihren Talenten leben, und von dem, was ſie erlernt hatte in glücklichern Tagen. Jetzt war ſie Vorleſerin der alten, wunderlichen Her⸗ zogin Buckingham, der Mutter von George Villiers. Die Hälfte des Tages mußte ſie dort ſein, und auch —,, die Nächte verbrachte ſie bei der Herzogin, um, wenn dieſe wachte, ſie wieder in Schlummer zu leſen. Von dem Gehalt, was ſie dafür bekam, davon lebte ſie, da⸗ von erhielt ſie ihren kleinen Hausſtand. Sie mußte oft ganze Tage auswärts ſein im Dienſt der Herzo⸗ gin, ſie war dürftig und ärmlich gekleidet. Sollte er ſie deshalb weniger lieben? Ihr Schickſal glich ſich ſo ſehr, ſie waren Beibe ſo einſam und verlaſſen, Beide arm und verwaist, Beide, wie zwei losgelöste Blüthen, vom Wirbelwinde des Lebens machtlos hierhin und dorthin getrieben! Was Wunder, daß ſie, als ſie ſich fanden, einander umklammerten, um einander zu ſchützen und emporzu⸗ richten, um ſich zu tröſten und zu lieben? Sie hatten ſo lange mit einander geweint, bis ſie endlich mit einander wieder gelächelt hatten. Jetzt war Alles vergeſſen, Alles überwunden. Ed⸗ ward weinte nicht mehr um ſeinen hingemordeten Vater, und Barbara Johnſon nicht mehr um ihre Mutter. Vater und Mutter, Freunde und Geſchwiſter, Alles hatten ſie wiedergefunden in ihrem gegenſeitigen Glück. Ihre Thränen waren untergegangen in dem rauſchen⸗ den Strom der Liebe. Und was für entzückende Melodieen rauſchte dieſer Strom nicht in ihr Ohr! Fort wollten ſie aus London, wo Edward ſich gleich einem Verbrecher verbyr mußte, den Staub dieſer großen Stadt, wo 2 um kärglichen Lohn ihre Tage verkaufen mußte, v ſie von ihren Füßen* ſchütteln. Nach irgend einem ſtillen, grünen Thal wollten ſie flüchten, wo Niemand ſie kannte, und ſollte es in einem ſolchen Thal nicht eine Hütte geben, in der zwei glückliche Menſchenkinder der Welt vergeſſen, und Eins an des Andern Herzen den — 5 Traum dieſes Lebens zu Ende träumen könnten? Eine Hütte, umrankt von wildem Wein, inmitten eines klei⸗„ nen ländlichen Gartens mit dunkeln Lauben und ſchat⸗ tigen Gängen, und vielleicht einem kleinen rauſchenden Waſſerfall in der Mitte des runden Grasplatzes. Nach⸗ tigallengeſang in den Fliederbüſchen, Blumenduft von den zierlichen Beeten, ein bhuer Himmel und eine ungeſtörte Einſamkeit, um unbelauſcht ſich immer und immer wiederholen zu können, wie ſehr ſie ſich liebten, wie glücklich ſie ſeien. Das war Alles, was ſie von der Zukunſt begehrten, und weshalb ſollte ihnen der Himmel dieſes beſcheidene Glück nicht gewähren? In einigen Tagen ſchon wollten ſie fort, weit, weit fort in das grüne Dorſetſhire, wo es ſo ſchöne Thäler gab, und ſo verborgene Plätze, daß Niemand ſie da entdecken konnte. Doch aber hatten ſie vorher noch eine heilige Pflicht zu erfüllen. Edward mußte von ſeiner Mutter Ab⸗ ſchied nehmen, er mußte ihr ſagen, daß er noch lebe, und daß ſie nicht mehr um ihn weinen ſolle. Sie hatte bei einer ſtillen Predigerfamilie auf dem Lande eine Zuflucht gefunden, das wußte Edward, denn dort war ſie ſchon geweſen, als er nach London ging, um ſeinen gefangenen Vater zu befreien. Seine Mutter hatte ihn geſegnet, und als er ſie zum letzten Male umarmte, hatte er geſagt:„Entweder rette ich meinen Vater oder ich ſterbe mit ihm!“ Deshalb mußte ſeine Mutter jetzt um ihn weinen, wie um ſeinen Vater, und dennoch lebte er und war glücklich. Wie hätte er ſeine Mutter ſollen weinen laſſen, da er ſo glückli war! Es wäre aber ſehr gefährlich geweſen, von ſei⸗ nem Daſein und von ſeinem Glück zu ſchreiben, er zog es alſo vor, ſelber zu ſeiner Mutter zu gehen, und von ihr Abſchied zu nehmen. Aber nicht wahr, Du wirſt bald zurückkehren? ſagte Aphra, als er jetzt zu ihren Füßen ſaß, und ſie ſein dunkles Haar durch ihre Finger gleiten ließ. Nicht wahr, Edward, Du wirſt bald kommen, mich zu er⸗ löſen aus dieſem Käfig, damit wir als zwei luſtige Vögel durch die Welt fliegen? In drei Tagen bi jch wieder bei Dir, ſagte er zärtlich. Ach, he unendlich lang werden mir dieſe drei Tage ſein. Die Liebe zu Dir hat jedes andere Gefühl in meinem Herzen ertödtet, und wenn ich daran denke, daß ich Dich drei Tage nicht ſehen ſoll, ſo ſcheint mir, es wäre beſſer, meine Mutter weinte um mich als um einen Geſtorbenen, und ich ſchlöſſe Dich feſt in meine Arme, um keine Stunde ohne Dich zu ſein! Nein, gehe, ſagte ſie. Es muß furchtbar ſein, um Dich zu weinen, Edward. Drei Tage gehen vorüber. Wir wollen uns auf das Wiederſehen freuen! Und dann, Barhara, dann werden wir uns nie⸗ mals wieder trennen! Niemals wieder, Edward! Dann wirſt Du mein Weib! O, mein Gott, wenn ich dies denke, dann ſchwindelt es vor meinen Angen, und es iſt mir, als könnte ich ſterben vor Seligkeit. Sage mir, Barbara, daß es kein Traum iſt, daß Du mein Weib werden, daß Du mich ewig lieben willſt! Ewig, Edward! Wie ſüß das klingt, Barbara, und wie kurz mir dieſe Ewigkeit ſein wird, welche ich zu Deinen Füßen durchlebe. Nicht zu meinen Füßen, ſondern an meinem Her⸗ zen, Edward! Nein, zu Deinen Füßen, Barbara, denn Du biſt meine Königin, und ich will nichts ſein, als Dein Sclave. O, zuweilen ſcheint es mir, als ſeieſt Du in Wahrheit eine Königin! Wenn Du mich anſchaueſt mit dieſen ſtolzen, leuchtenden Blicken, wenn Du durch das Zimmer gehſt mit dieſer hohen, majeſtätiſchen Ge⸗ ſtalt, dann denke ich, daß Du eine Königin biſt, welche einmal die phantaſtiſche Laune gehabt, ſich zu verklei⸗ den, um als armes Weib das Herz des Bettlers zu gewinnen, und aus bloßer, ſtolzer Luſt mit ſeinem Glück und ſeiner Liebe zu ſpielen. Er ſah ſie nicht an, ſonſt würde er geſehen haben, wie bleich ſie plötzlich ward, und wie das Lächeln von ihren Lippen wich. Sage mir, daß es nicht ſo iſt, Barbara, fuhr er fort, ſage mir, meine ſchöne, königliche Blume, daß Du keine verkleidete Königin biſt, und daß Du nicht nur zum Scherz mit meinem Herzen geſpielt haſt, um es nachher zu verrathen und unter Deine königlichen Füße zu treten! Sie überflog mit einem raſchen, prüfenden Blick ſein Antlitz, um in ſeinen Mienen zu leſen, ob ſeine Worte irgend eine verſteckte Abſicht, irgend einen Ver⸗ vacht verriethen. Aber ſein ſchönes Antlitz war klar und heiter, wie ſonſt.— Aphra lächelte wieder, und indem ſie ſeine Hand an ihren Buſen drückte, ſagte ſie zärtlich: ich bin eine Königin, wenn Du mich liebſt, Edward, und wenn Dein Herz mein iſt, dann wird unſere Hütte für mich ein köſtlicher Pallaſt ſein! Dann ſprachen ſie von ihrer Zukunft, von dieſem ſüßen und bezanbernden Stillleben, welches ſie ſich er⸗ obern wollten, von dieſem Paradieſe ohne Schlange, in das ſie ſich retten wollten vor der kalten und eiſi⸗ gen Welt! Aber Aphra's Antlitz war nicht mehr ſo klar und hell wie zuvor, eine Wolke lag auf ihrer Seele,— Edward's Worte, die er zuvor geſprochen, hatten ſie aus ihrer ſüßen Sorgloſigkeit aufgeſcheucht. Inmitten ihrer köſtlichen und bezaubernden Träume hatte ſie ſich der Wirklichkeit erinnert! Sie ſtand auf. Ich muß fort, ſagte ſie. Es dunkelt ſchon, und ich habe verſprochen, heute früher als ſonſt zu kommen. Die Herzogin iſt krank, und wird dieſe Nacht wenig ſchlafen. Ich werde ihr daher vorleſen müſſen! Ach, ich haſſe dieſe Herzogin, ſeufzte Edward, ich verabſcheue dieſe ſtolze, vornehme Dame, welche das Recht hat, Dich von mir zu entfernen, und ſogar Dir den Schlaf Deiner Nächte zu rauben. Ach, dieſe übermüthigen Vornehmen, welche vermeinen, mit Geld ſei Alles abgethan, für Geld könnten ſie Alles erkaufen, ſelbſt den Schlaf des Armen! Schilt mir nicht die Herzogin! ſagte Aphra lächelnd. Ihrer Güte werden wir es doch verdanken, daß wir ſtill und ſorglos in unſre Paradieſeshütte uns flüchten können. Von ihr kommt meine Ausſtattung, weißt Du! Edward's Geſicht verfinſterte ſich. Und ich bin ſo arm und zerbrochen, daß ich dies annehmen muß, ſagte er zähneknirſchend. Ich bin ein Bettler, welcher von den Almoſen ſeiner Geliebten leben muß! Du läſterſt, Edward, ſagte ſie zärtlich. Werde ich nicht von Deiner Liebe leben, und von dem Glück, das Du mir bereiteſt! Und was iſt denn dieſes arm⸗ ſelige Geld, das kaum ausreichen wird, uns die Hütte zu kaufen, von der wir träumen. Ah, wir werden beide zu arbeiten haben, Edward, wir werden unſern Garten beſtellen, und unſer Gemüſe pflanzen, und unſern Acker bauen, und unſere Kühe auf die Weide treiben, als echte Bauersleute. Wirſt Du dann Deinem Liebchen zu Gefallen ſo tief herabſteigen, Du —— vornehmer Herr Baronet, wirſt Du, welcher Herr ſo großer Güter iſt, wirſt Du nicht ſpotten über unſere kleine, beſcheidene Bauernhütte? Du biſt ein Engel, ſagte er, ich verſtehe Dich wohl! Du willſt mich an meine Vergangenheit erinnern, um mich die Gegenwart vergeſſen zu machen. Du nennſt mich den Herrn reicher Güter, um mich nicht daran denken zu laſſen, daß ich Alles von Dir empfange. Aber Du vergißt, Barbara, daß ich keinen Namen habe, daß der König mein Wappenſchild zerbrochen hat. Du vergißt, daß ich keine Güter mehr habe, und daß der König mich zu einem Bettler gemacht hat! Horch! unterbrach ihn Aphra, hörteſt Du nicht da ein Geräuſch an der Thür? Mir war es, als hörte ich ein leiſes Rauſchen, als ob Jemand ſich gegen dieſe Thür lehne? Hörteſt Du nichts? Nichts! ſagte er. Die Bäume da draußen rauſchen, das wird Dich erſchreckt haben! Nein, es war dort an der Thür, ſagte ſie. Laß uns ſehen, ob Jemand dort iſt! Sie nahmen das Licht und leuchteten hinaus. Niemand war zu ſehen. Es iſt, wie ich ſagte, das Geräuſch kam vom Garten her, ſagte Edward. Wer auch ſollte uns hier belauſchen? Du vergißt, das ein Preis auf Dein Haupt ge⸗ ſetzt iſt! Oh mein Gott, welche Qual werde ich er⸗ dulden dieſe fürchterlichen drei Tage lang! Aber Du verſprichſt mir, Edward, Dich nicht zu verrathen, und immer auf Deiner Huth zu ſein? Ich verſpreche es Dir! Und Du wirſt die Frauenkleider wieder anlegen, nicht wahr? I†ch werde es thun! —— — 91— So lebe wohl! Oh, mein Gott, ich möchte ſter⸗ ben, Edward, mir iſt, als würden wir uns niemals wiederſehen! Sage ein Wort, Barbara, ein einziges Wort, ſage, daß ich nicht gehen ſoll, und ich bleibe! Nein, gehe, es iſt eine heilige Pflicht. Sie muß erfüllt werben! Sie warf ſich in ſeine Arme, und drückte ihn krampfhaft an ihr Herz. Ich bleibe, ich kann nicht von Dir gehen. Mein Gott, drei Tage ſind drei Ewigkeiten! ſagte Edward. Sie riß ſich los, und ſah ihn an mit einem Blick voll Schmerz und Liebe. Lebe wohl! ſagte ſie. Lebe wohl! Wir müſſen ſcheiden! Drei Tage, drei kurze Tage! Lebe wohl! Sie blickte ihn nochmals an, es war ihr, als ob eine Saite in ihrem Herzen zerſpringe, ſie fühlte einen namenloſen Schmerz. Sie hätte aufſchreien mögen vor Qual, aber ſie überwand ſich. Haſtig riß ſie die Thür auf, und ſtürzte fort. Barbara! Barbara! rief Edward. Kehre um, bleibe noch! Nein, nein, ſagte ſie, wir ſehen uns ja wieder! Sie hielt ihr Tuch vor ihren Mund, um nicht laut zu ſchluchzen, und verließ das Haus. Als ſie kaum die Stiege verlaſſen, ſchlüpfte hinter einem Mauervorſprung neben Edward's Thür eine dunkle, männliche Geſtalt hervor, und eilte gleichfalls die Treppe hinunter. Dieſe Geſtalt ſchlug dieſelbe Straße ein, welche Aphra hinunter eilte, ſie war immer hinter ihr, ſie ging immer denſelben Weg, und wenige Minuten, nachdem Aphra den Palaſt des Herzogs von Buckingham betreten, ſchlüpfte auch dieſe duntle räth⸗ ſelhafte Geſtalt durch die Hinterpforte in das Schloß. 7 — 0 Aphra hatte nichts geſehen. Sie zog ſich in ihr glän⸗ zendes Schlafgemach zurück, aber nicht um zu ſchlafen, ſondern um zu weinen, und deſſen zu gedenken, den ſie liebte. Der Derräther. Es war am Tage nach Edwards Abreiſe. Aphra war in ihrem ſchönen, mit ſinniger Pracht ausgeſtat⸗ teten Boudoir. Sie ſaß vor dem großen venetianiſchen Spiegel und ließ ſich von ihrer Kammerfrau das Haar ordnen. Auf dem Toilettentiſch neben ihr lagen künſt⸗ liche Blumen und funkelnde Schmuckgegenſtände, da⸗ neben viele zierlich gefaltete, duftende Briefchen. Aber dieſe waren unerbrochen. Aphra hatte an Allen nur die Handſchrift und das Siegel betrachtet, dann hatte ſie ſie verächtlich bei Seite geworfen. Ihre getreue Betſy, welche Aphra, eingedenk ihres Verſprechens, jetzt wieder zu ſich gerufen, befeſtigte eben die langen Haarzöpfe mit dem goldenen Kamm über Aphra's Stirn, und als ſie dann einige von den Blumen, die auf dem Tiſche lagen, nahm, um ſie in Aphra's Haar zu befeſtigen, berührte ſie, wie von un⸗ gefähr, einen der Briefe, daß er zur Erde fiel. Betſy hob den Brief auf, und reichte ihn ihrer Gebieterin dar. Dieſen Brief mindeſtens ſollten Sie leſen, gnädige Frau! ſagte ſie. Er kommt vom Grafen Dorſet. Er war ſelber hier, und brachte ihn. Ah, dieſer ſtolze Braf liebt Euch ſehr. Er war ganz unglücklich, Euch in drei Tagen nicht geſehen zu haben! ———— ,— — 93— Er iſt ein Narr! ſagte Aphra verächtlich. Aber ich ſah nie eine zärtlichere Liebe, fuhr Betſy fort. Weil er weiß, daß Sie gütig gegen mich ſind und mir vertrauen, hat er mir ſein ganzes Herz geöffnet. Ach, Miſtreß, er wünſcht nichts, als daß Sie Sich ent⸗ ſchließen möchten, ſeine Hand anzunehmen, und ſeine Gemahlin zu werden! Ich, die Gemahlin eines Grafen Dorſet! rief Aphra ſtolz. Und iſt dies nicht ein ehrenvoller Antrag? Der Graf iſt einer der reichſten Herren des Hofes, der König liebt ihn, die Damen beten ihn an! Sie allein, meine liebe Herrin, Sie allein ſind kalt und grauſam gegen ihn. Und doch wäre es ſehr ehrenvoll, wenn Sie ſich entſchließen könnten, eine vornehme und reiche Gräfin zu werden! Gieb mir den Brief! ſagte Aphra. Betſy reichte ihr den Brief und fragte freudig: Sie wollen ihn alſo leſen, und ihm antworten? Ja, ich will ihm antworten, und Du ſollſt ihm die Antwort bringen! Sie nahm den Brief, und zerriß ihn, ohne ihn geleſen zu haben. Das iſt meine Antwort! ſagte ſie. Betſy ſeufzte. Dies iſt nicht wohlgethan, ſagte ſie, Sie hätten ſich entſchließen ſollen, den reichen Grafen zu heirathen. Was hilft es Ihnen, liebe gnädige Frau, ſo ſtreng und grauſam zn ſein, da doch ganz London— Betſy ſtockte und ſchwieg verlegen— Da doch ganz London weiß, daß ich ein Liebes⸗ verhältniß mit dieſem Grafen Dorſet habe, ergänzte Aphra, ja ein Verhältniß nicht allein mit dieſem Grafen, fondern mit allen dieſen Mylords und Gent⸗ lemen, deren Briefe da liegen. Nicht wahr, Betſy, das iſt es, was man in London von mir ſagt? Man nennt mich die Geliebte des ganzen Hofes! Iſt es nicht ſo? Man thut Ihnen Unrecht! ſeufzte Betſy. Ach, ich muß immer weinen, wenn ſie von Ihnen ſprechen, und Sie eine kalte, herzloſe Dame ſchelten, welche Jedem lächelt, Jedem freundlich iſt, der ihr große Geſchenke macht. Und ich muß immer dazu ſchweigen! Sie haben mich ſchwören laſſen, es den Verleumdern nicht zu ſagen, daß ſie lügen und einen Engel ſchmä⸗ hen. Das iſt ſehr hart, ſehr grauſam für mich, welche Sie liebt! Aphra legte mit einem ſanften Lächeln ihre Hand auf Betſy's Schulter. Gutes Kind, ſagte ſie, Dein Streiten würde Dir nichts helſen, denn die Menſchen, welche mich verhöhnen, würden Dir dennoch nicht glauben! Und haben ſie anſcheinend nicht Recht, Betſy? Lächle ich nicht allen dieſen Herren, und erlaube ich ihnen nicht hierher zu kommen, um mir die langweilige Geſchichte ihrer Liebe zu erzählen? Und nehme ich nicht all dieſe reichen und koſtbaren Geſchenke an, welche ſie mir bringen? Aber zu welchen edlen Zwecken! Muß ich nicht jeden Tag von den Brillanten und Perlen zu den Juwelieren tragen, und den Erlös derſelben unter die Armen vertheilen? Ach, ich darf es Niemand ſagen, daß dieſe reichen Geſchenke nur angenommen werden, um damit arme, von ihren Männern verlaſſene Frauen, und fleine, von ihren Vätern verleugnete Kinder zu erhalten und zu ernähren! Und nicht einmal in Ihrem Namen darf ich alle dieſe reichen Gaben vertheilen, immer im Namen des Herrn Edward! Wer iſt denn dieſer große und erhabene Edward, zu dem alle dieſe von Euch getröſteten Armen, wie zu einem Engel, — flehen, und den ſie mit Freudenthränen ſegnen? O, ſagt mir, Miſtreß, wer iſt denn dieſer Herr Edward? Ueber Aphrass Antlitz flog ein verklärtes Lächeln. Dieſe Armen haben Recht, ſagte ſie, er iſt ein Engel! Und Sie lieben ihn? Nein, Betſy, Engel liebt man nicht, man betet ſie an! Und als habe die bloße Erinnerung an ihn ge⸗ nügt, ihr alles Andere außer ihm verhaßt zu machen, ſtand Aphra auf, und löſte die Blumen aus ihrem Haar. Geh, ſagte ſie, laß mich allein! Nimm alle dieſe Briefe, und wenn Du ſie geleſen, verbrenne ſie. Du kannſt mir morgen ihren Inhalt ſagen! Geh jetzt! Und ſage John, daß er hinüber geht zum Herzog, und mich entſchuldigt. Ich werde heute nicht bei Tafel erſcheinen, weil ich unwohl bin, und der Ruhe bedarf. Das ſoll John dem Herzog ſagen! Geh Betſy. Betſy raffte ſeufzend die duftenden, zierlichen Briefe zuſammen, und indem ſie das Bondvir verließ, ſagte ſie leiſe: Sie iſt ſo ſtolz und ſo gut, ſo tugendhaft und edel, und doch wird ſie von Allen verwünſcht, und jedes noch ſo gemeine Weib glaubt das Recht zu haben, ſie ſchmähen zu dürfen! Aphra war alſo allein, allein, um an ihn zu denken, mit ihm zu ſprechen, von ihm zu träumen! Wie ſich dieſe Liebe ſo mächtig, ſo glühend, ſo überwältigend ſtark in ihr Herz geſchlichen, das war ihr ſelber ein Räthſel, aber ſie forſchte nicht nach deſſen Auflöſung. Sie wußte nur, daß ſie ihn grenzenios liebe, und daß in dieſer Liebe all ihr Haß, ihre Welt⸗ verachtung, ihr Rachedurſt untergegangen war.— Dennoch täuſchte ſie ſich nicht, ſie machte ſich keine IFlluſionen, ſie glaubte nicht an eine Ewigkeit dieſes neuen Glückes, ſie ſagte nur: es iſt das glänzende Abendroth eines herrlichen Tages. Wenn die Sonne unterge⸗ gangen, werde ich ſterben! Sie nahm jeden Tag dieſer glückſeligen Liebe wie ein köſtliches Wunder hin, und an jedem Morgen ſagte ſie zu ſich: dies kann der letzte Tag ſein. Heute kann er aufhören mich zu lieben, denn er kann erfah⸗ ren, wer ich bin! Und an jedem Abend lächelte ſie, und dankte Gott, daß er ihr noch einen Tag des Glücks und der Liebe gegönnt. Was hätte ſie jetzt nicht darum gegeben, die arme, unbekannte, verwaiſte Barbara Johnſon zu ſein, für welche Edward ſie hielt! Sie verlangte keine Rache mehr für ihre zertretene Vergangenheit, für ihre hingemordete Jugend, ſie war mit der Welt verſöhnt durch die Liebe, und von dieſer wollte ſie ihr Glück empfangen! Deshalb mußte ſie fort aus London, fort von die⸗ ſem üppigen, verbuhlten Hofe, der ſie immer noch feſſelte und hielt, in deſſen Nähe alle die jungen Frühlingsblüthen einer keuſchen, züchtigen Liebe ver⸗ dorren mußten. Sie liebte Edward, ſie liebte ihn als die wieder emporgeſtiegene Sonne eines neuen Tages; ihre ganze Vergangenheit war ausgelöſcht, ſelbſt Oronooko war vergeſſen in dieſer Liebe zu Edward. Aber um für Edward das junge unſchuldige, liebende Mädchen, die Barbara Johnſon, welche er anbetete, bleiben zu können, mußte ſie fort mit ihm aus London! Er durſte nicht erfahren, wer ſie ſonſt geweſen! Um Alles das, um welches die Andern ſie liebten, würde er ſie haſſen, Alles, was die Andern an ihr prieſen, würde er verdammen, das wußte ſie. * 3 —— — Er war ſo jung, ſo rein, ſo unſchuldig und erhaben, er liebte in ihr das Ideal der Weiblichkeit und Jung⸗ fräulichkeit, ſie war für ihn nicht blos die ſchönſte und geiſtreichſte ſondern auch die unſchuldigſte und keuſcheſte rau! Aphra Behn würde er verachtet haben, Barbara Johnſon betete er an! Sie war alſo jetzt allein, und ſie dachte an ihn, ſie träumte von dem köſtlichen Wiederſehen, welches ſie nach zwei Tagen feiern wollte, und was ſie dachte und träumte, das geſtaltete ſich in ihr ganz von ſelbſt zu einem Gedichte. Sie hatte weiter nichts zu thun, als zu dem Tiſch zu treten, und es niederzuſchreiben. Während ſie ſchrieb, öffnete ſich ganz leiſe die Thür und Herzog Buckingham trat ein. Sein Angeſicht war finſter, und auf ſeiner Stirn ſtanden drohende Wolken. Er blickte mit einem zürnenden Ausdruck hinüber nach Aphra, welche ihn nicht gehört hatte, dann ließ er ſich leiſe auf einen Lehnſeſſel nieder, und wartete mit ineinander geſchlagenen Armen auf die Beendigung dieſes Schreibens. Aphra legte die Feder weg, und indem ſie noch einmal das beſchriebene Blatt überflog, wiederholte ſie leiſe und lächelnd die letzte Strophe ihres Gedichtes: Wie die Wogen, auf und nieder Wallt mein Buſen zu Dir hin, Und mein Herz ſingt Jubellieder, Wenn ich wieder bei Dir bin! Sehr poetiſch und ſehr ſchön! ſagte der Herzog mit einem ſarkaſtiſchen Lächeln. Aphra wandte ſich, ohne zu erſchrecken, langſam und ſtolz nach ihm um. Ah, Sie ſind da, Herzog! ſagte ſie. Ja, ich bin da, meine ſchöne Aphra, trotz Deines Karl II. 3. 7 ₰ . — 26 Verbotes bin ich da, und bitte meine erhabene und geiſtreiche Schweſter, daß ſie auf einige kurze Sekunden von dem Parnaſſus herniederſteige, um dem höchſt irdiſchen und höchſt fündhaften George Villiers eine kurze Unterredung zu geſtatten! Sie ſind ſehr aufrichtig über Sich ſelber! ſagte Aphra, indem ſie ſich ihm gegenüber ſetzte. Und was haben Sie mir zu ſagen? Ohne Zweifel hat Ihnen John geſagt, daß ich heute allein ſein wollte, es muß alſo etwas ſehr Wichtiges ſein, was den galanten Herzog veranlaßt, den Wunſch einer Dame zu mißachten. Es iſt auch etwas ſehr Wichtiges! ſagte der Herzog, denn es betrifft Sie ſelber, meine theure Schweſter! Ah, mich! Dann laſſen wir es unerörtert, ich bitte! Ich bin durchaus nicht begierig, einige Neuigkeiten über mich zu hören! Wieder einige neue Liebesver⸗ hältniſſe, von denen man ihnen erzählt hat, nicht wahr? Hat man mich wieder einmal mit irgend einem Lord durchgehen laſſen, haben ſich wieder einige Weiber um meinetwillen vergiftet, oder ſind von mir vergiftet worden, wie jüngſt die Lady Peterſon, die an den Pocken ſtarb? Nun, was iſt es für eine Neuigkeit? Davon nachher! ſagte der Lord. Zuvörderſt er⸗ lauben Sie mir nur die Frage: wie kommt es, daß Sie ſich ſo häufig unſern Hoffeſten entziehen, und in dieſe romantiſche Dachkammereinſamkeit flüchten, wohin Niemand, ſelbſt nicht Ihr Bruder George, Ihnen fol⸗ gen darf? Das kommt daher, weil ich anfange, Eure Feſte ſehr fade, und Eure Geſellſchaften ſehr langweilig zu finden, und weil es mir ſcheint, als wäre ich immer noch in beſſerer Geſellſchaft, wenn ich allein, als wenn ich unter dieſen Mylords und Ladies bin! Sie ſind alſo immer ganz allein in dieſer Dach⸗ ——,———— —— ,————— —————,—— —,————— kammer? fragte Buckingham, indem er ſie ſpöttiſch anlächelte. Aphra las in ſeinen Zügen, daß er einen Theil ihres Geheimniſſes kenne. Sie ſagte daher anſcheinend ganz ruhig: nein, ich bin nicht ganz allein dort, mein lieber Herzog! Und wer, wenn ich fragen darf, iſt bei Ihnen? Mein Geliebter! ſagte ſie gelaſſen. Der Herzog fuhr entſetzt empor, und ſtarrte ſie an. Sie geſtehen alſo ein, daß Sie einen Geliebten haben? Ich wüßte nicht, weshalb ich das leugnen ſollte; ich habe Niemand das Recht gegeben, der Richter meiner Handlungen zu ſein! ſagte ſie lächelnd. Sie wagen es, mir dies zu bekennen, rief der Herzog zähneknirſchend, und Sie zittern nicht vor meinem Zorn? Sie fürchten nicht, daß ich endlich dieſer Langmuth und dieſer Nachgiebigkeit überdrüſſig werden möchte? Sie richtete ſich ſtolz empor, ihre Augen flammten, ihre Wangen waren bleich und farblos. Sie ſind wahnſinnig, Herr Herzog, ſagte ſie kalt. Schicken Sie nach Ihrem Arzt, und legen Sie ſich zu Bette! Aphra, rief Buckingham drohend, reizen Sie mich nicht länger! Ich habe ertragen, was ſich ertragen läßt. Ich habe dieſe Rolle angenommen, welche Sie mir aufgezwungen, ich habe meiner Liebe zu Ihnen Schweigen auferlegt, und mich darein ergeben, nur Ihr Bruder zu ſein, während mich ganz London Ihren Geliebten nennt. Aber Sie hatten mir mindeſtens ein rückſichtsloſes Vertrauen zugeſichert, und wenn ich über Ihre Grauſamkeit klagte, hatten Sie mir wenigſtens den Troſt gegeben, daß Sie, wenn auch nicht mich, doch auch Niemand Anders liebten! — ——— — 100— Und als ich Ihnen das ſagte, ſprach ich die Wahr⸗ heit, Herzog! ſagte Aphra, und indem ſie dann plötzlich einen heitern Ton annahm, fuhr ſie fort: Aber, George, laſſen Sie doch dieſe Maske eines empörten Tyrannen fallen, die Ihnen durchaus nicht zuſagt. Fühlen Sie denn nicht dieſe Lächerlichkeit, einer Frau Vorwürfe zu machen, weil ſie unglücklicherweiſe ihr Herz nicht zwin⸗ gen kann, Sie zu lieben? Was wollen Sie, es iſt nicht meine Schuld, daß mein Herz Ihrer nicht begehrte, und daß ich in Ibrer Nähe niemals etwas Anderes empfand, als die Zuneigung einer Schweſter! Wäre es anders geweſen, dann würde ich, wie ich es Ihnen verheißen, Ihnen offen meine Liebe bekannt, und in der Wahrheit das geweſen ſein, wofür die Welt mich hielt, Ihre Geliebte, Herzog! So aber, da das Herz ſich nicht zwingen läßt, und es thörigt ſein würde, über Dinge zu ſprechen, welche nicht ſind, laſſen Sie uns davon abbrechen, George! Wir Beide werden uns immer bleiben, was wir uns ſind, treue und aufrich⸗ tige Freunde, und das iſt in dieſer jammervollen und tückiſchen Welt ſehr viel! Ich danke für dieſe Faſtenſpeiſe der Liebe! ſagte Buckingham finſter. Ich bin kein ascetiſcher Prieſter, und Sie ſind keine heilige Juugfrau, keine aufgeputzte, hölzerne Madonna, vor welcher der Prieſter auf ſeinen Knieen umher rutſcht, und mit ſtotternder Lippe Liebes⸗ gebete ſtammelt, welche er ſelber als Sünde verdammt! Rein, nein, meine ſchöne Madonna, wir Beide find von Fleiſch und Blut, und die Gluth des Lebens ſtürmt durch unſere Adern! Aber dieſe Gluth in meinen Adern ſtürmt nicht für Sie, Herzog! ſagte Aphra ſtolz. Ich werde alſo nie⸗ mals die Ihrige ſein können, denn ich liebe Sie nicht! Der Herzog war bleich geworden vor Zorn, und ——— ————— — 101— ſeine Lippen zitterten. Er fühlte in dieſem Moment einen tödtlichen Haß gegen dieſes kalte und ſtolze Weib, welches ihm mit ſo rückſichtsloſer Offenheit entgegen trat, und heimlich in ſeinem Herzen ſchwur er ſich, Rache zu nehmen an dieſer Frau, welche es wagte, ihm zu trotzen und ihn zu verſchmähen! Sie werden dieſe Stunde bereuen, Aphra! ſagte er. George Villiers läßt ſich nicht ungeſtraft ver⸗ höhnen! Und Aphra Behn läßt ſich niemals zu dem zwin⸗ gen, was ſie nicht will! rief Aphra ſtolz. Das werden wir ſehen! ſagte der Herzog höhniſch. Erlauben Sie deshalb noch eine Frage! Werden Sie heute Abend zu Barbara gehen? Es iſt ein Feſt an⸗ geſagt, und die Damen werden im Coſtume griechiſcher Göttinnen erſcheinen. Werden Sie dabei ſein? Nein! Ich bin leidend, und bedarf der Einſamkeit! Das thut mir leid! ſagte Buckingham, indem er nachläſſig mit ſeiner goldenen Kette ſpielte. Sie wer⸗ den alſo nicht die luſtige Geſchichte anhören können, welche ich dem erſtaunten Hofe erzählen will. Die Geſchichte einer ſchönen, vornehmen Dame, welche, als Magd verkleidet, ihre reiche Wohnung verläßt, und heimlich zu einem Dachkämmerlein ſchleicht, wo ein namenloſer, unbärtiger Knabe Endymion dieſe keuſche Diana erwartet! Ach, es iſt eine luſtige Geſchichte! Und der Herzog brach in ein lautes Gelächter aus, in welches Aphra einſtimmte. Aber vergeſſen Sie auch nicht auf dieſem reizenden Bilde ſich ſelber als gehörnter Aktäon anzubringen, rief ſie lachend. Und dann, wie der Hof erſtaunen wird, bei dieſer Gelegenheit zu erfahren, daß Diejenige, welche man ſo lange Ihre Geliebte nannte, niemals dieſer zweideutigen Ehre theilhaftig war, und daß Sie — 102— unerhört geſeufzt haben, Herzog! Ja, Sie haben Recht, das iſt ſehr luſtig, ſehr ſpaßhaft! Aber laſſen Sie uns jetzt ernſthaft ſein! Wir müſſen Abſchied nehmen, denn Sie haben die Verſprechungen gebrochen, unter denen ich mich mit Ihnen zu leben entſchloß, Sie haben unſere Stellung zu einander vernichtet, und meinen Aufenthalt in Ihrem Hauſe unmöglich gemacht. Leben Sie daher wohl, Herzog! In dieſer Stunde noch ver⸗ laſſe ich Sie! Das werden Sie nicht thun! Und weshalb nicht? fragte ſie glühend. Weil ich es nicht will! ſagte er kalt. Weil ich von Ihnen fordere, daß Sie hier bleiben, und daß Sie den Feſten beiwohnen, für welche ich bereits Ihre Gegenwart zugeſagt habe. Weil, wenn Sie dies ver⸗ weigern, ich dem Könige ſagen werde: Aphra Behn iſt nicht bei unſern Feſten, weil ſie verlarvt zu andern Feſten ſchleicht, ſie iſt nicht in meinem Pallaſte, weil ſie aus London entfliehen will, entfliehen mit einem Menſchen, welchen das Geſetz als einen Verbrecher verfolgt, und auf deſſen Haupt die Gerechtigkeit einen Preis geſetzt hat. Sie will entfliehen mit einem Kna⸗ ben ohne Namen, ohne Familie, ohne Ehre; den Sohn eines Hingerichteten nennt ſie ihren Geliebten! Jetzt war es an Aphra zu erbleichen und zu zittern. Sie hatte ein Gefühl, als ob ein Dolch ſich in ihr Herz einbohre, und ſie wußte, daß ihr Glück in dieſer Stunde vernichtet ward. Aber es war nur ein flüch⸗ tiger Augenblick, daß ſie an ſich ſelber dachte,— dann erinnerte ſie ſich, daß Edward bedroht, daß ſein Ge⸗ heimniß verrathen ſei, daß ſein Leben in Gefahr ſchwebe! Dies Bewußtſein brach ihren Stolz, dies machte ſie weich und milde dieſem frechen, triumphirenden Her⸗ zog Buckingham gegenüber. Sie faltete die Hände —— — — — 103— und ſagte flehend: Sie werden nicht ſo grauſam ſein, George, Sie werden nicht einen Unſchuldigen ver⸗ rathen, deſſen einziges Verbrechen iſt, der Sohn ſeines Vaters zu ſein. Sie werden Den nicht dem Henkerbeil überliefern, deſſen ganze Schuld darin beſteht, daß er ſeinen Vater vom Schaffot erretten wollte! Ich würde ihm dieſes Verbrechen verzeihen, ſagte Buckingham, wenn er nicht das größere Verbrechen begangen hätte, mir Ihr Herz zu entziehen. Aber dies werde ich niemals vergeben, und dafür will ich Rache nehmen! Edward Vane iſt dem Henker ver⸗ fallen, und er wird ſterben, wenn Aphra Behn ihn nicht erretten will! Und was ſoll ich thun? Schwören Sie mir, nicht aus London zu ent⸗ fliehen, ſondern nach wie vor in meinem Palaſt zu wohnen, und ganz wie ſonſt bei unſern Hoffeſten zu erſcheinen. Das iſt Alles, was ich fordere! Schwören Sie mir dies, und ich will Ihnen den kleinen Roman in der Dachſtube gönnen. Bleiben Sie immerhin für dieſen ſchwärmeriſchen Knaben die keuſche, jungfräuliche und verwaiſte Barbara Johnſon, vorausgeſetzt, daß Sie dabei niemals aufhören, die Aspaſia unſerer Feſte zu ſein, und vor der Welt als die Geliebte Buckinghams zu gelten! Spielen Sie am Tage die rührende Ko⸗ mödie dieſer erhabenen und ſchmärmeriſchen Liebe, vor⸗ ausgeſetzt, daß wir Sie Abends bei Barbara wieder⸗ finden als dieſer anbetungswürdige Dämon, welcher mit übermüthiger Laune und lächelndem Spotte Alles verhöhnt und derlacht, und an keine Liebe glaubt und an keine Treue! Und wenn ich dieſe Bedingungen nicht erfülle? fragte Aphra traurig. Dann wird nach zwei Tagen der heimkehrende — 104— Edward Vane gefangen genommen, und nach acht Tagen hingerichtet werden! Aphra blickte den Herzog feſt und prüfend an. Sie las in ſeinen Mienen, daß es ihm Ernſt war mit ſeiner Drohung, zudem kannte ſie ſeinen grauſamen Sinn, wußte ſie, daß er vor keinem Mittel zurück bebte, wenn es galt, ſeinen Rachedurſt zu befriedigen. Nun? fragte Buckingham, als ſie noch immer ſchwieg. Werden Sie ſich entſchließen, Ihren Ge⸗ liebten zu retten? Wollen Sie meine Schweſter bleiben, und London nicht verlaſſen, und mich zu Barbara be⸗ gleiten? Wollen Sie Edward Vane retten? Ich will es! ſagte ſie tonlos. Sie wollen wie ſonſt mit mir leben und ſein? Meine Freundin und Schweſter, welche in meinem Palaſte wohnt, und meine Sorgen, wie meine Freu⸗ den theilt? Ich will es! wiederholte ſie ruhig und kalt, indem ſie langſam ihre Hand auf ihr Herz legte. Es war ihr, als ſei da eine Saite zerſprungen, die Melodie ihres Glückes zerriſſen. Dann iſt Edward Vane gerettet! ſagte Buckingham. Ein Lächeln flog wie Sonnenſchein über Aphra's Angeſicht. Buckingham ſah es, und ſeine Stirn ver⸗ finſterte ſich. Edward iſt gerettet, ſagte ſie leiſe, und ich werde wenigſtens den Troſt haben, ſeine Retterin zu ſein. Aber vergeſſen Sie nicht, Aphra, daß ſeine Ret⸗ tung ſich an eine Bedingung knüpft! Sie werden bei keinem unſerer Hoffeſte fehlen, Sie werden mir nie⸗ mals das Glück verweigern, mich zu Barbara zu be⸗ gleiten! Nein, niemals! ſagte ſie. Ich nehme mein Geſchick an, und werde es erfüllen! Ich bin eine Gefangene — 105— in meinen eigenen Schlingen! Ich wollte frei und ungefeſſelt ſein, deshalb trotzte ich der Welt, und er⸗ laubte jedem Buben, mich zu verhöhnen, und meinen Namen zu brandmarken, und jetzt iſt das freie Weib die Selavin ihrer eigenen Schuld! Es iſt eine Ge⸗ rechtigkeit dort oben, und auch Du wirſt ſie eines Tages fühlen, George Villiers! Ich weiß, daß Du in dieſer Stunde meine Zukunft vernichtet, und mein Leben gebrochen haſt. Oh, ich hätte noch wieder gut und froh, und unſchuldig und glücklich ſein können, die Liebe hatte mich wieder entſündigt und geheiligt. Du biſt ein grauſamer Henker, George, Du legſt mein Herz auf das Schaffot und mordeſt es! Fürchte die Vergeltung, Herzog Buckingham, ſie wird Dich, wie mich ereilen! Dies iſt in der That ſehr tragiſch und fürchterlich! ſagte der Herzog, aber es würde noch fürchterlicher ſein, wenn ich Dich entbehren müßte, Aphra! Mag alſo dereinſt die Vergeltung kommen, vor der Hand biſt Du mein, das genügt! Und jetzt laß uns dieſe Tragi⸗Komödie vergeſſen, und wieder das treue Ge⸗ ſchwiſterpaar von ehemals ſein! Dieſe hochtragiſchen Scenen ermatten ſehr, ich will mich ein wenig zu Deinen Füßen ausruhen! Und der Herzog nahm mit liebenswürdiger An⸗ muth auf dem kleinen Schemel zu ihren Füßen Platz. Sie fühlte einen tödlichen Haß, ſie hätte ihn er⸗ würgen mögen, aber ſie bezwang ſich und lächelte. Er ſollte es mindeſtens nicht ſehen, wie grenzenlos ſie durch ihn litt. Sie wollte ihn jetzt täuſchen, um ihn dereinſt ſtrafen zu können. Plaudern wir! ſagte der Herzog. Ja, plaudern wir! wiederholte Aphra. Vor allen Dingen, Dein erfinderiſcher Kopf muß — 106— wieder Rath ſchaffen! Die Kaſſe des Königs und Barbara's iſt wieder leer, und das Parlament will kein Geld mehr bewilligen! Laßt doch den König eine zweite Frau nehmen! ſagte Aphra. Aber Du vergißt, daß die Bigamie verboten iſt, und daß die Königin lebt! So vergiftet ſie, und macht den König zu einem Witwer, damit Ihr wieder einen Heirathskontrakt machen könnt! ſagte Aphra ironiſch. Vielleicht wird es Euch dieſe Iſabelle Dank wiſſen, daß Ihr ſie auf Einen Schlag tödtet, ſtatt ſie Tag um Tag mit Nadel⸗ ſlichen zu ermorden! Vergiftet ſie, ſage ich, und dann laßt den gütigen Gott da droben, und irgend einen wucheriſchen Seelenverkäufer hier unten irgend eine neue Ehe ſchließen für unſern guten König! Der Plan iſt nicht übel, aber er iſt langwierig, und wir bedürfen ſchneller Hülfe! Könnte man nicht einige reiche Banquiers des Hoch⸗ verraths anklagen, und ihr Vermögen einziehen? Du biſt heute ſehr ſarkaſtiſch! ſagte George Villiers, Deine Augen glühen wie Dolche, welche mich und die ganze Welt durchbohren möchten! Aber Du biſt ſchön wie ein Engel, und ich bete Dich an um Deines wun⸗ dervollen Zornes willen! Aber höre, Aphra, ich weiß ein Mittei, dem Könige Geld zu ſchaffen. Du mußt uns dabei unterſtützen! Du weißt, es ſind franzöſiſche Unterhändler hier, welche den König bewegen möchten, Dünkirchen an Frankreich zu verkaufen! Und da der König Geld gebraucht, ſagte Aphra, ſo wird er ohne Zweifel darein willigen, ſeine Unter⸗ thanen zu verkaufen. Dazu bedarf es meiner Hülfe nicht! Nein, aber zu dem Feſte, mit welchem wir den — — 107— Verkauf feiern wollen, damit Karl Stuart in berau⸗ ſchender Luſt ſeine Gewiſſensbiſſe ertränke, denn er hat noch zuweilen Gewiſſensbiſſe. Wir wollen ihn daher mit Feſten zerſtreuen! Du wirſt dabei ſein, nicht? Ich werde nicht fehlen. Dein Wort darauf? Mein Wort darauf! Und wann wird dies Feſt ſtattfinden? In zwei Tagen! Aphra ſeufzte. In zwei Tagen gerade, wenn Edward zurückkehrt! dachte ſie. Der Herzog ſtand auf, und indem er Aphra's Hand an ſeine Lippen drückte, ſagte er: Jetzt verlaſſe ich Dich, denn ich erinnere mich, daß meine ſchöne Schweſter heute allein ſein wollte! Ich verbanne mich alſo. Aber heute Abend, nicht wahr, da ſehen wir uns wieder? Gewiß! Als der Herzog das Zimmer verlaſſen, und Aphra wieder allein war, warf ſie ſich in verzweiflungsvollem Schmerz auf den Divan. Sie rang die Hände, ſie weinte und klagte laut, denn ſie wußte es wohl, daß mit ihrem Bleiben in London ihr Glück vernichtet ſei. Edward würde ſie nicht mehr lieben, wenn er erfahren, wer ſie war, das wußte ſie! Und eines Tages würde er es erfahren, deſſen war ſie gewiß, und deshalb weinte ſie. Aber endlich bezwang ſie ihren Schmerz, und ihre Züge nahmen wieder ihre gewohnte Ruhe an. Was verſchuldet iſt, muß getragen werden, ſagte ſie ſtolz, und ich will nicht den ſchwachen Seelen gleichen, welche über das Unabänderliche jammern und klagen. Mag das Unglück kommen, ich erwarte es! Bis dahin aber will ich glücklich ſein. Buckingham hatte Aphra mit anſcheinender Freund⸗ . — 108— lichkeit verlaſſen, aber in ſeinem Herzen war dennoch ein tiefer Groll. Alle die ſtolzen und abweiſenden Worte, welche ſie zu ihm geſprochen, brannten in ſei⸗ ner Seele, und wie ſie, ſagte auch er:„Ich werde mich zu rächen wiſſen!“— Er klingelte ſeinem vertran⸗ ten Diener und begab ſich mit ihm in ſein Bondvir. Bopp, ſagte er, Du biſt treu und verſchwiegen, ich weiß es, und deshalb verlange ich einen Dienſt von Dir! Begieb Dich ſogleich an das Thor von Heymarket, und bringe dem Thorwärter dies Papier. Es iſt ein vom König unterzeichneter Befehl, Niemand das Thor paſſiren zu laſſen, ohne ihn um ſeinen Na⸗ men zu fragen. Du bleibſt bei dem Thorwart, und achteſt auf jeden Namen, doch läßt Du Alle paſſiren. Wenn aber ein junges Bauermädchen kommt, welches ſich Barby John nennt, und aus dem Dorf Fielding kommt, dann hältſt Du ſie an, und läßt Dich in ein Geſpräch mit ihr ein. Vielleicht wirſt Du finden, daß dieſes Bauermädchen Barby John eine etwas männ⸗ liche Stimme hat, und daß ihr Kinn nicht ganz ſo glatt iſt, wie wir es an einer ſchmucken Dirne lieben, aber Du wirſt Dir den Anſchein geben, dies nicht zu bemerken, ſondern Du wirſt ein ganz geheimnißvolles Geſicht machen, und zu ihr ſagen:„ich ſoll Euch Grüße bringen von Barbara, und Ihr ſolltet Euch um keinen Preis in die Dachkammer wagen, ſondern dem Rathe des Freundes, welcher Euch Beide retten will, folgen.“ Merke Dir dieſe Worte genau, Bopp, und wenn Du ſie geſprochen, dann überreichſt Du dem Mädchen ein Briefchen von mir; fragt ſie, woher es kommt, dann antworteſt Du: aus dem Hotel Buckingham!— Jetzt weißt Du Alles! Mache Deine Sache geſchickt, und Du kannſt auf eine Belohnung rechnen! 09 Und wo iſt der Brief, den ich übergeben ſoll? fragte Bopp. Ich werde ihn ſogleich ſchreiben. Warte! Der Herzog trat an den Tiſch und ſchrieb:„Man hat Ihren wahren Namen und Ihre Zufluchtsſtätte entdeckt, und die Polizei, welche Sie ſelber nicht fand, hat Ihre junge Freundin Barbara fortgeführt. Auch Ihnen droht Gefängniß und Unheil! Doch giebt es ein Mittel, Sie zu retten! Sie kennen die Freundin, welche Barbara beſchützt, und bereit war, Ihre beider⸗ ſeitige Zukunft zu ſichern. Dieſe Freundin iſt auch jetzt bereit, Sie Beide zu retten. Folgen Sie daher dem Ueberbringer dieſer Zeilen! Vielleicht wird es alsdann möglich ſein, alle Gefahr zu beſeitigen, und den Plan einer Entfernung aus London möglich zu machen. H. v. B.“ Da iſt der Brief, ſagte der Herzog, indem er das Papier zuſammen faltete, und es mit dem herzoglichen Wappen ſiegelte. Du giebſt ihn ihr, nachdem Du die bezeichneten Worte geſprochen. Ohne Zweifel wird Dir Barby Johnſon folgen, wenn ſie dieſe Zeilen ge⸗ leſen, und Du führſt ſie alsdann zu mir. Nun, ſagte der Herzog lächelnd vor ſich hin, als Bopp ihn verlaſſen hatte, nun, ich denke, die Romantik meiner holden Schweſter Aphra wird an dieſer kleinen Intrigue ſich den Todesſtoß holen, und Aphra wird einſehen, daß es nicht wohlgethan iſt, ihren lieben Bruder, den Herzog von Buckingham, zu reizen. X. Der Verkauf Dünkirchen's. Zwei Tage ſpäter hatte der König den Kaufkontrakt von Dünkirchen unterſchrieben. Vergebens hatte ihn der gerade in London anweſende deutſche General von Schomberg beſchworen, ſich dieſen wichtigen Grenz⸗ punkt nicht entreißen zu laſſen, vergebens hatte dieſer berühmte Feldherr ihm auseinandergeſetzt, daß weder Frankreich, noch auch Spanien, welches auch Anſprüche auf Dünkirchen machte, jemals im Stande ſein wür⸗ den, mit Waffengewalt dieſer wohlvertheidigten Feſtung ſich zu bemächtigen“), vergebens hatte der Kanzler Hyde dem Könige das Unehrenhafte eines ſolchen Verfahrens vorgeſtellt, welches darin liege, eine engliſche Stadt, und engliſche Unterthanen an eine fremde Nationalität zu verkaufen, und Menſchen, gleich einer Heerde Vieh, einer fremden Nationalität unterthänig zu machen! Der König hatte ihm lächelnd erwidert: Ich muß Dünkirchen verkaufen, denn ich muß den Staat vor ſeinem Bankerott erretten. Wehe uns, daß es dahin gekommen iſt, rief der Kanzler vorwurfsvoll, wehe, daß wir unſere Ehre, unſere Grenzen aufgeben müſſen, um unſere Schulden zu bezahlen! Der König, um ſeinen tief traurigen und nieder⸗ geſchlagenen Miniſter zu tröſten, und nicht von einer langen Strafpredigt beläſtigt zu werden, nahm eine ſehr gutmüthige Miene an, und fuhr fort: Und wenn *) Burnet. Vol. I. p. 286. — 111— wir einen kleinen Theil unſers Beſitzthums opfern, um das Ganze zu erhalten, iſt das nicht weiſe und gut gehandelt, Hyde? Wir geben ein Stückchen Land fort, um das ganze Land zu retten; Dünkirchen fällt, damit England gerettet ſei! Dem Vaterlande wollen wir geben, was wir dem Vaterlande zu nehmen ſcheinen! Dieſes Geld, welches wir für den Verkauf Dünkirchens bekommen, gehört nicht mir, ſondern dem Volke, und ihm ſoll es erhalten bleiben. Es ſoll einen Staats⸗ ſchatz begründen, und im Tower deponirt werden. Nur zum Wohl unſeres Landes und Volkes ſoll es verwendet werden! Mein königliches Wort und meinen Handſchlag darauf! Der Kanzler nahm die Hand, welche der König ihm reichte, und drückte ſie an ſeine Lippen. Sire, ſagte er gerührt, jetzt habt Ihr geſprochen, wie ein edler und weiſer König, und ich danke Euch für den Troſt, welchen Ihr mir gegeben! Es iſt immer ein Schmerz, Dünkirchen aufgeben zu ſollen, aber Ihr thut es mindeſtens zum Wohle Eures Volkes, und nicht um eigenen Vortheils willen! Und der Kanzler entfernte ſich ganz vergnügt, um dem Parlament im Namen des Königs dieſe ſeine Entſchließung mitzutheilen. Der König blickte ihm lächelnd nach, und rieb ſc vergnügt die Hände. Hyde iſt ein alter Narr, ſagte er, er glaubt jedes Wort, was ich ihm ſage, und hält es ſür ein Evan⸗ geliun. Dann ließ er ſeinen neuen Staatsminiſter, Herzog Buckingham, zu ſich rufen, um ihm jetzt ſeine definitive Entſchließung mitzutheilen. George, ſagte er, ſchließe in meinem Namen mit dem Agenten Frankreichs den Kaufkontrakt über Dün⸗ — 112— kirchen ab. Der Zuſtimmung des Parlaments ſind wir gewiß, und auch Kanzler Hyde iſt mit dem Verkauf verſöhnt, ſeit er weiß, daß ich das Kaufgeld im Tower als Staatsſchatz deponiren will. Ich gab ihm mein Wort darauf, dies zu thun! Buckingham ſah ihn erſtaunt und zweifelnd an. Sire, ſagie er, Ihr ſprecht für mich in Räthſeln. Was iſt dies für ein ſeltſames, unerhörtes und höchſt wunderliches Ding, genannt der Staatsſchatz? Wenn ich der Kanzler Hyde wäre, würde ich Dir antworten: der Staatsſchatz iſt der Nothpfennig der Nation, welchen der König, als Banquier ſeines Volkes, zu ſammeln und zu verwahren hat! Gott ſei Dank, daß Ihr nicht der Kanzler Hyde ſeid! rief Buckingham. Und was ſagt mein König über den Staatsſchatz? Ich ſage mit unſerm königlichen Bruder von Frank⸗ reich:„Der Staat bin ich,“ und alſo, was dem Staat gehört, gehört mir, und was der Staat erſpart, hat der König erſpart,— der Staatsſchatz iſt der Königs⸗ ſchatz, der König hat das Recht, frei zu ſchalten mit ſeinem Eigenthum, und ſein Reich, mit ſeinen Städten und Dörfern und mit all dieſem liebenswürdigen ſtin⸗ kenden Pöbel, welches Pyde„Nation“ nennt, iſt das Eigenthum des Königs! Ein wahres und ein weiſes Wort, Sire, rief der Herzog lachend. Diejenigen ſind Hochverräther, welche anders denken, und in aufgeblaſenem Stolze vermeinen, Gott habe den Menſchen geſchaffen, damit er frei ſei, Gott hat ihn geſchaffen, damit er Unterthan ſei; Volk iſt Staatseigenthum, und wenn Ihr wollt, Staats⸗ ſchatz, weiter nichts! Und Du biſt ein Juwel dieſes meines Staats⸗ ſchatzes, ſagte der König. —— Faßt mich nur immerhin in Gold! rief Buckingham lachend. Ich bedarf deſſen eben ſo ſehr, als meine Muhme Barbara! Es iſt wahr, ſagte Karl Stuart ſinnend, wir be⸗ dürfen ſehr des Geldes. Unſere ſchöne Herzogin ver⸗ langt durchaus einen neuen Brillantſchmuck, der den. der Königin übertreffe, und verdunkele. Ich möchte ihr dies Verlangen gern gewähren, aber woher das Geld nehmen? Sire, wird nicht Dünkirchen verkauft? Aber ich gab Hyde mein Wort, den Kaufpreis als Staatsſchatz im Tower zu deponiren, und nur in Zeiten äußerſter Noth es anzugreifen. So deponirt es heute, und morgen iſt die Zeit der äußerſten Noth gekommen. Aber dieſes anmaßende Volk, welches ſich einbildet, ein Recht zu haben, die Handlungen ſeines Königs zu bekritteln, wird es nicht wieder ein unſinniges Geſchrei erheben, und brüllen, daß ich, ſein König, es um ſeinen Schatz betrüge? Sire, ſagte Buckingham leiſe, dem iſt leicht abzu⸗ helfen. Wir legen das Geld öffentlich im Tower nieder, und bringen es gleich darauf heimlich wieder heraus. Dann ſind beide Parteien befriedigt! Das Volk iſt glücklich, weil es ſich im Beſitz eines reichen Staats⸗ ſchatzes glaubt, und wir ſind glücklich, weil wir im Beſitz des Geldes ſind! Und wenn das Volk eines Tages die Wahrheit erfährt, und ſich wundert über den leeren Staatsſchatz, dann werden wir ihm mit einem ſehr ernſthaften, und ſehr feierlichen Geſichte ſagen: der Staatsſchatz iſt deshalb leer, weil wir die Millionen zum Wohle unſers Landes verbrauchten, weil wir die Armen unterſtützen, die Verhungernden ernäh⸗ Karl II. 3. 8 — 114— ren, die Frierenden kleiden mußten. Wir gaben Alles hin zum Wohle unſers Volkes! Es iſt wahr, ſagte der König, auf dieſe Weiſe könnte ich mein Wort, das ich dem Kanzler gab, erfüllen, und doch des Genuſſes dieſer Millionen theilhaftig werden! Wir deponiren am hellen Tage das Geld im Tower, und holen es während der Dunkelheit der Nacht wieder fort, und ſolches thun wir aus königlicher Güte, um die irrigen und kindiſchen Anſichten und Begriffe des Volkes zu ſchonen, obwohl wir in unſerm Rechte handelten, wenn wir frei und offen nähmen, was uns gehört!— Laß alſo dieſe franzöſiſchen Unterhändler kommen. Wir wollen noch heute den Kaufkontrakt unterzeichnen. Ich denke, die Anzahlungsſumme wird hinreichen, um Barbara einen Brillantſchmuck zu kau⸗ fen, und für einige Wochen unſern Feſten einen er⸗ neuerten Glanz zu verleihen! An demſelben Tage unterſchrieb der König den Kaufkontrakt, welcher eine ſeiner ſchönſten Grenzfeſtun⸗ gen in die Hände Frankreichs überlieferte. Er ſchwur dabei, daß dieſe ſo erworbenen Millionen im Tower deponirt, und nur bei außerordentlichen Gelegenheiten angegriffen werden ſollten*)! Aber dieſer Schwur war ein leeres Wort! Dünkirchen ward verkauft, und all das dafür gezahlte Geld ward augenblicklich unter die Maitreſſe und ihre Creaturen vertheilt**)! *) To make the pusiness go the easer the king promised, that he would lay up all the money in the Power; and that it should not be touched but upon extraordinary occasions. Burnet. history of my own time. Vol. I. pag. 287. **) Dunkirk was sold. And all the money, that was paid lor it, was immediately squandred away among the Mistress and her creatures.(Ebendaſelbſt.) Xl. Die Enttäuſchung. Während der Hof ſich anſchickte, dieſes Feſt zu begehen, während Aphra Behn mit innerer Verzweif⸗ lung und äußerem Lächeln von ihren Dienerinnen ſich ſchmücken ließ, wanderte Edward Vane als Bauer⸗ mädchen verkleidet in das Thor von Heymarket ein. Sein Herz war voll Freude und Luſt, denn er gedachte ihrer, welche er liebte, und von welcher er jetzt nur noch wenige Minuten getrennt ſein mußte. Der Kindespflicht hatte er Genüge gethan, jetzt durfte er ganz ſeiner Geliebten ſich weihen, und wie wollte er ſie lieben, wie wollte er ſie bewahren vor jedem rauhen Sturm des Lebens, wie wollte er ſie ſchützen vor jeder Sorge und vor jedem Schmerz! Ihr Gatte und Vater, ihr Geliebter und ihr Bruder wollte er ſein, Alles, was ſie verloren, ſollte ſie in ihm wie⸗ derfinden, Alles, was er verloren, ſollte er von ihr empfangen, und ſo das Glück Eins dem Andern gebend und es von ihm empfangend, wollten ſie un⸗ auflöslich verbunden ſein in Dankbarkeit und Liebe. Mit ſolchen Gedanken war es, daß Edward in das Thor von London einſchritt, als er ſeinen Weg plötzlich von dem über die Straße gelegten Schlagbaum ge⸗ hemmt ſah, und die rauhe Stimme des Thorwärters ihm gebot, Auskunft zu geben über das Woher und Wohin, über Stand und Namen. Ich komme von Fielding und kehre nach London b Edward ruhig, mein Name iſt Barby ohn 8* — 116— Sofort trat Bopp aus dem Hauſe des Thorwarts hervor und näherte ſich. Barby John! ſagte er, ich habe mit Euch zu reden! Und er trat mit ihm durch den von dem Thor⸗ wärter geöffneten Schlagbaum. So redet ſchnell, ſagte Edward, denn ich habe Eile, und Ihr müßt wiſſen, jede Minute der Ver⸗ zögerung iſt mir eine Million werth. Ihr ſprecht zu feurig für ein junges Landmädchen, ſagte Bopp leiſe, und indem er ſeine Hand auf Ed⸗ wards Schulter legte und ihn zum Stehen veranlaßte, flüſterte er leiſe: Ich ſoll Euch grüßen von Barbara und Ihr ſolltet Euch um keinen Preis in die Dach⸗ kammer wagen, ſondern dem Rathe des Freundes, welcher Euch Beide retten will, folgen! Wer iſt dieſer Freund? fragte Edward ſtaunend und mißtrauiſch. Das werdet Ihr vielleicht aus dieſem Briefe er⸗ ſehen, ſagte Bopp, indem er Edward den Brief des Herzogs darreichte. Von wem kommt dieſer Brief? fragte Edward. Er kommt aus dem Hotel Buckingham! Edward nahm den Brief und erbrach ihn. Dann las er ihn mit der größten Aufmerkſamkeit, ſorgſam ſpähend, ob nicht irgend ein Wort, eine Wendung ihm vielleicht einen tückiſchen Verrath, einen böswilligen Feind enthüllen möchte. Es iſt vielleicht eine Falle, welche man mir ge⸗ legt, um mich ohne Geräuſch einzufangen, dachte er, man hat mich ausſpionirt, und iſt bedacht darauf, mich gutwillig in's Gefängniß zu bringen! Indeß, je aufmerkſamer er den Brief las, deſto ungegründeter ſchien ihm dieſer Verdacht. Nur einem Freunde konnte ſeine Geliebte ihre Pläne für die Zu⸗ — 117— kunft vertraut, nur ihm konnte ſie mitgetheilt haben, daß er heute nach London zurückkehre, damit ſie ihn warnen laſſe. Und wer konnte dieſer Freund anders ſein, als die Herzogin von Buckingham, bei der Bar⸗ bara ſich ja jeden Tag befand, und der ſie vertraute. Zudem war der Brief unterzeichnet: H. v. B. Her⸗ zogin von Buckingham! und geſiegelt mit dem Herzog⸗ lichen Wappen!— Nein es konnte kein Verrath ſein, dieſer Brief enthielt eine wohlgemeinte Warnung, und bei der Herzogin ſollte er Rettung finden für ſich und Barbara! 3 Guter Freund, ſagte Edward entſchloſſen, ich folge uch! So kommt hier um die Ecke, ſagte Bopp, ein Wagen ſteht ſchon bereit für uns! Wäre dies dennoch eine Falle? dachte Edward, indem er zögernd hinter Bopp den Wagen beſtieg. Nach Buckingham Palaſt! ſagte Bopp zu dem Kutſcher. An der linken Hinterpforte haltet Ihr! Edward fühlte ſich beruhigt. Es war keine Täu⸗ ſchung. Sie fuhren in der That nach Buckingham Palaſt. Aber es war nicht die Herzogin, welche Sir Ed⸗ ward Vane empfing, ſondern ihr Sohn, der berühmte Günſtling des Königs, der Herzog von Buckingham, George Villiers. Edward hatte ſtets einen widerwilligen Haß gegen dieſen Favoriten des Königs empfunden. Auferzogen in den ſtrengen Tugendbegriffen der Presbyterianer, der Sohn eines ernſten, edlen, faſt ascetiſchen Vaters, hatte man den Kuaben gelehrt dieſes üppige Getreibe der zu verachten und zu verwünſchen. Edward Vane en Knabenjahre unter Cromwell's Regierung fielen, war erzogen als ein ſtrenger und keuſcher Re⸗ — 118— publikaner, und in dieſer Geſinnung hatte der unge⸗ rechte und ſchmachvolle Mord ſeines Vaters den zum Bewußtſein gekommenen Jüngling nur beſtärken kön⸗ nen. Er war daher unter dem neuen Königthum ein begeiſterter Republikaner geblieben, und er hing dieſen jetzt verpönten Ideen um ſo glühender an, je mehr dieſes neue Königthum ſich ihm verächtlich zeigte, und der Hof König Karl's des Zweiten ihm als die Pflanzſtätte aller Laſter und üppiger Verbrechen, als der Sitz des treuloſen Verrathes, der ſchmachvollen Wortbrüchigkeit erſchien! Der Sohn des hingerichteten Republikaners würde es ſich ſelber als eine Schmach angerechnet haben, wenn er jemals den Hof des Königs betreten hätte, er würde lieber geſtorben ſein, als von dem König eine Gnade, und ſei es ſelbſt das Leben ſeiner Mutter zu erbitten!— Edward Vane empfand daher einen unüberwindlichen Abſchen gegen Alles, was mit dem Hofe zuſammenhing. Er war bereit geweſen zu der Herzogin von Bucking⸗ ham zu gehen, von der Barbara ihm geſagt, daß ſie niemals den Hof beſuchte, daß ſie, wie alle Gutge⸗ ſinnten, das Treiben deſſelben im tiefſten Herzen ver⸗ achte, und daß ſie mit ihrem eigenen Sohn niemals ein Wort mehr wechsle. Aber jetzt war es nicht die Herzogin, ſondern ihr laſterhafter Sohn, welchem er gegenüberſtand. Wie konnte von dieſem ihm irgend ein Rath, eine Freundes Warnung kommen? Ich bin verrathen, dachte Edward, meine Ahnung trog mich nicht! Ich bin in die Falle gegangen, welche man mir gelegt.. Er erwiderte daher die freundliche Begrüßung des Herzogs mit einem faſt verächtlichen ni und fragte, indem er dem Herzog das ihm zebene Schreiben hinhielt: kommt dieſer Brief von Euch, Herzog? Er kommt von mir, ſagte George Villiers. Dann iſt alſo kein Wort deſſelben wahr, ſagte Edward ſtolz, und mir bleibt daher nichts weiter übrig, als mich in mein Schickſal zu ergeben! Ihr habt recht, es iſt kein Wort dieſes Briefes wahr, rief der Herzog lachend. Ich ſehe, Ihr wißt ein wenig von meinen Tugenden, junger Mann, und Ihr ſeid kühn genug, mir eure ſonveraine Verachtung in's Geſicht zu ſchleudern. Das gefällt mir, ich liebe die Kühnheit, und ehre ſie ſelbſt an meinen Feinden. Und Euch rechne ich zu meinen Feinden! Ihr wißt, daß ich der Sohn Henry Vane's bin, ſagte Edward, es iſt ſehr natürlich, daß der Günſtling des Königs ven Sohn des edlen Republikaners ſeinen Feind nennt! Oh, ich ſehe, Ihr habt dennoch ein wenig Achtung vor mir, da Ihr mich zum Mitwiſſer eines gefähr⸗ lichen Geheimniſſes macht! Ihr wißt es wohl, daß man auf Euren Kopf einen Preis geſetzt hat, Ihr wißt aber auch, daß George Villiers Euch niemals verrathen kann! Nein, nein, es iſt nicht wegen Eures Vaters, und nicht wegen Eurer republikaniſchen Ideen, die mich von Herzen beluſtigen, daß ich Euch meinen Feind nenne, ſondern es geſchieht aus ganz perſön⸗ lichen Gründen! Darf ich dieſe erfahren? Ich will ſie Euch ſagen, und jetzt mindeſtens dürft Ihr darauf rechnen von mir die volle Wahrheit zu hören. Ich will Euch ſagen, weshalb Ihr mein Feind ſeid: weil Ihr mein Nebenbuhler ſeid, das iſt ganz einfach! Edward's Augen richteten ſich mit flammendem — 120— Ausdruck auf den Herzog. Das iſt ein Irrthum, ſagte er. Edward Vane kann niemals der Nebenbuhler eines Herzogs Buckingham ſein, denn er wird niemals das Weib lieben, welches der Herzog liebt! Und doch thut er's und zwar ſehr bedeutend! rief George Villiers lachend, und deshalb habe ich ver⸗ möge einer kleinen Liſt den höchſt tugendhaften und keuſchen Republikaner Edward Vane zu dem höchſt laſterhaften und unkeuſchen Buckingham gebracht, um ihm zu ſagen: ſeid ſo gütig, mein erhabener Römer⸗ jüngling mit Eurer ſehr klaſſiſchen Tugend, ſeid ſo gütig, und ſucht Euch eine andere Geliebte, als gerade die meinige. Unſere Geſinnungen ſind ſo ſehr ver⸗ ſchieden, weshalb alſo ſollten unſere Geliebten die⸗ ſelben ſein! Edward Vane erröthete vor Zorn und Unwillen. Herr Herzog, ſagte er, ich bitte, Euch zu erinnern, zu wem Ihr ſprecht! Ich weiß das ſehr wohl! Ich ſpreche zu einem jungen Mann, der eines Abends in eine Dachkammer flüchtete, gerade als meine Geliebte, einer romantiſchen Laune zufolge in niedriger Verkleidung in eben dieſer Dachkammer war. Seitdem iſt dort ein allerliebſter Roman aufgeführt, und es gefiel meiner phantaſtiſchen Geliebten, dort als ſchutzloſe Waiſe Eure kenſche und tugendhafte Liebe zu erwiedern. Ich habe ihr dieſe romantiſche Grille gegönnt, und ſie niemals gehindert, vielmehr haben Eure empfindſamen Plaudereien und Tändeleien, welche mir meine Freundin getrenlich hinterbrachte, mich ſehr beluſtigt. Aber jetzt, wo Aphra, welche Ihr Barbara nennt, die Laune ſo weit treibt, die Sache ernſthaft nehmen, und auf einige Zeit wirklich London mit Euch verlaſſen e um, wie ſie mir ſagte, dieſe romantiſche Idylle ganz — 121— zu Ende zu ſpielen, jetzt iſt es Zeit, Euch ein wenig die Wahrheit zu ſagen. Ihr müßt wenigſtens wiſſen, wer dieſe ſchutzloſe und unſchuldige Waiſe iſt, welche Ihr anbetet! Sie iſt ein Engel, deſſen Name beſudelt wird, wenn Ihr ihn auf Eure unreinen Lippen nehmt! rief Edward glühend. Ah, Herr Herzog, Ihr meint, ich ſolle dieſes wohlerſonnene Mährchen glauben, welches Ihr mir da erzählt! Ihr irrt Euch, Mylord! Ihr habt mir die Wahrheit verſprochen, jetzt will ich ſie Euch ſagen! Ihr habt dieſes junge, ſchöne Mädchen, welches Eure leidende Mutter pflegt, eines Tages geſehen, und Eure lüſternen Augen ſind bezaubert worden von ihrer erhabenen Schönheit, deren Reinheit ſelbſt den Laſterhaften Ehrfurcht einflößt. Ihr habt, wie Ihr dies zu thun pflegt, ſie verfolgt, und ſeid ſo durch Horchen und Schleichen, vielleicht auch durch die Redſeligkeit Eurer Mutter, der Mitwiſſer unſerer Geheimniſſe geworden, und jetzt, weil es Euch nicht gelungen iſt, die Tugend und die Unſchuld Barbara's zu verführen, jetzt wollt Ihr mindeſtens ihr Glück untergraben, und ſie von ihrem Geliebten trennen! Ihr verleumdet, weil Ihr Euch rächen wollt! Buckingham ſchüttelte lächelnd den Kopf. Welch ein unerſchütterlicher Glaube iſt dies! ſagte er. Ihr müßt ſehr tugendhaft ſein, um einen ſo ſtarken Glau⸗ ben an Weibertugend haben zu können. Es thut mir leid, Euch dieſen rauben zu müſſen. Indeſſen, Ihr habt Recht, wir Beide können niemals daſſelbe Weib lieben, deshalb laßt ab von meiner Geliebten, und ſucht Euch einen andern Tugendengel, den Ihr an⸗ beten mögt. Ihr wußtet nicht, was Ihr thatet, indem Ihr die Geliebte Buckingham's zu Eurer Madonna machtet. Ihr betet in ihr ein junges Mädchen an, — 122— welches Ihr Barbara Johnſon nennt. Soll ich Euch ſagen, wie ſie wirklich heißt? Thut es, Herr Herzog, ſagte Edward, der trotz ſeiner namenloſen, innern Angſt ſich dennoch äußerlich zur Ruhe zwang. Barbara Johnſon heißt in Wahrheit: Aphra Behn. Aphra Behn! rief Edward Vane mit dem Aus⸗ druck des Entſetzens. Der Herzog lachte. Ich ſehe, ſagte er, die allzeit geſchäftige Fama hat Euch ein wenig unterrichtet mit den Tugenden und den gläuzenden Vorzügen der ſchönen und berühmten Aphra Behn. Sie iſt nicht blos ein wundervoll ſchönes Weib, ſondern auch eine Dichterin, und ſie hat mit Euch einen allerliebſten, kleinen Roman geſpielt. Das iſt Alles. Aphra Behn, wiederholte Edward ganz vernichtet, dieſe Frau, welche ganz London kennt als die Geliebte Buckingham's. Aber dies iſt unmöglich! rief er dann laut. Es wäre ein Verrath, dies zu glauben, ein Verrath an der Unſchuld Barbara's. Ihr lügt, Ihr lügt, Herr Herzog, aber Ihr ſollt wiſſen, daß ich Euch nicht glaube, daß es Euern Verleumdungen nicht ge⸗ lingt, mich zu bethören. Und wenn ich Euch überzeugende Beweiſe gebe? Beweiſe! Irgend ein neuer Betrug. Wenn ich Euch Barbara Johnſon in ihrer wahren Geſtalt als Aphra Behn, als meine Geliebte, als die Freundin der Herzogin von Cleveland, als die Genoſſin der Hoffeſte zeige? Werdet Ihr mir dann glauben? Es lag eine erſchreckende, überzeugende Sicherheit in dem Weſen des Herzogs. Edward fühlte ſein Herz erſtarren, und eine dumpfe Verzweiflung bemächtigte ſich ſeiner. Er ſenkte ſein Haupt auf ſeine Bruſt und ächzte laut. — 123— Wollt Ihr Eure Barbara in ihrer wahren Geſtalt als Aphra Behn ſehen? fragte Buckingham. Edward richtete ſein Angeſicht empor. Große Schweißtropfen ſtanden auf ſeiner Stirn, ſeine Wangen waren bleich und ſeine Lippen zitterten. Wäre er allein geweſen, würde er vielleicht geweint und ſich ganz ſeiner ſtürmiſchen, jugendlichen Verzweiflung über⸗ laſſen haben. Aber jetzt hielt ſein Stolz ihn aufrecht; dieſer verhaßte Herzog durfte nicht ſehen, wie gräßlich er litt, und wenn Barbara wirklich das Weib war, für welches Ludihham ſie ausgab, dann wäre jede um ſie vergoſſene Thräne eine Beſchimpfung für Edward geweſen. Er ſagte daher ruhig: Ich will ſie ſehen. Aber ich habe eine Bedingung. Nennt ſie. Wenn, wie ich es hoffe, Eure Worte eine ver⸗ leumderiſche Täuſchung ſind, wenn ich Eure Geliebte nicht kenne, dann werdet Ihr gegen mich die Pflicht eines Edelmannes erfüllen, und mit dem Degen in der Hand Euch mir ſtellen, damit ich in Eurem Blute die Schmach ſühne, welche Ihr meiner Geliebten angethan. Sehr verbunden, lachte der Herzog. Indeß, mein Wort als Edelmann, ich ſtelle mich! Wie aber, wenn Ihr wirklich in Aphra Behn Eure Barbara Johnſon erkennt? Werdet Ihr mir verſprechen, in dieſem Falle Euch von ihr zu trennen? Es bedarf keines ſolchen Verſprechens, ſagte Edward verächtlich. Ich habe nichts gemein mit einer Buhlerin. Ihr gebt mir alſo Euer feierliches Wort, Euch alsdann von ihr zu trennen, und dieſer Liebe zu ent⸗ ſagen, ſelbſt wenn Euch Aphra um Eure Verzeihung aufleht? 24— Ich würde ſie ermorden, wenn ſie es wagte! Aber genug jetzt, genug! Laßt die Entſcheidung kommen. Zeigt mir Eure Geliebte. Ich will ſie Euch zeigen im Glanz eines königlichen Feſtes, Ihr ſollt Barbara Johnſon in ihrer wahren Geſtalt ſehen. Aber dazu bedarf es einer Verkleidung. Seid Ihr bereit dazu? Ich bin es. Ich kann Euch nicht als Cavalier zu dieſem Feſte führen, denn man könnte an der Aehnlichkeit mit Eurem Vater. müßt daher es Euch gefallen laſſen, unter der Maske eines Dieners zu erſcheinen. Dieſe Verkleidung wird Euch ſchützen. Seid Ihr's zufrieden? Zeigt mir die Wahrheit. Alles Uebrige iſt mir gleich. Dann bitte ich Euch, in das nächſte Zimmer zu gehen. Dort findet Ihr einen vollſtändigen Anzug. Es iſt heute olympiſches Götterfeſt. Ihr werdet daher das Coſtüme eines griechiſchen Schäfers anlegen, denn Ihr werdet als Endymion eine keuſche Diana zu be⸗ dienen haben. Und dieſe keuſche Diana ſoll Euch wecken aus dem Göttertraum voll Unſchuld und Liebe, den Ihr auf meine Koſten in der Dachkammer mit Eurer Barbara, meiner Aphra, geträumt habt. XII. Das Hoffeft. Dünkirchen war verkauft, die Gelder waren an Barbara ausgeliefert, ſie hatte einen prachtvollen Brillantſchmuck vom Könige bekommen, und ſie war — 125— ihm dafür ſehr freundlich und gütig geweſen⸗ Man wollte dieſes glückliche Ereigniß daher feiern, und das Feſt dieſer Nacht ſollte alle frühern übertreffen an Glanz und Ueppigkeit, es ſollte den König wie mit einem Zauber umſpinnen, und in dieſem Zauber be⸗ fangen, ſollie er alle die Forderungen bewilligen, welche Barbara und die Günſtlinge an ihn richteten, und welche er bei ruhiger Ueberlegung verweigern mochte. Es war dies die gewohnte, und niemals fehlſchlagende Art, wie man den König zwang, zu bewilligen, was ſeine leichtſinnigen und verbrecheriſchen Favoriten von ihm verlangten. Am Tage unter den weiſen Rath des Kanzlers ſich bengend, konnte es kommen, daß der König aus einer Art Furcht der Selbſterhaltung, und weil ihm Hyde warnend zur Seite ſtand, die unſinnigen und extravaganten Anſprüche Barbara's nicht anerkennen wollte, aber Nachts bei den bezau⸗ bernden Feſten, willigte der König in Alles, was ſeine Geliebte und ſeine Günſtlinge von ihm forderten. Der König hatte ſich auf Hyde's Rath geweigert, in dieſes heimliche Bündniß mit Frankreich einzugehen, welches Barbara, auf Buckingham's Wunſch, ihm vor⸗ geſchlagen, er hatte ſich geweigert, ſeinem Bruder, dem Herzog von York, zu befehlen, daß er ſich öffentlich zur katholiſchen Kirche bekenne, welches Barbara, auf ihres Beichtvaters Wunſch ihm vorgeſchlagen.— Des⸗ halb feierte man heute ein glänzendes Feſt, damit der König bewillige, was Barbara verlangte. Aphra haite ſich nicht geſträubt, dem Feſte beizu⸗ wohnen, auch durfte ſie es nicht, denn würde ihre Weigerung nicht ihrem Edward gefährlich werden, und hatte Buckingham nicht geſchworen, nichts zu verrathen, wenn ſie bei dieſem Feſte erſchiene? Sie hatte daher ſich mit ſchmerzlichem Seufzen darein ergeben, Edward heute bei ſeiner Heimkehr nicht zu begrüßen, und in einem Briefe hatte ſie ihn benachrichtigt, daß die Krankheit der Herzogin ſie an ihr Bette feſſele, und ſie erſt morgen früh zu ihm kommen könne. Morgen alſo, nach dieſem nächtlichen Feſte, ſollte ſie ihn wiederſehen. Das war ihr Troſt, ihr heim⸗ liches Entzücken, das machte ihre Wangen glühen, und ihre Augen leuchten! Sie ſollte ihn wiederſehen, und durch dieſes Opfer, welches ſie ihm heute brachte, hatte ſie ihm ſein Leben gerettet. Er ſollte das nicht ahnen, er durfte es niemals wiſſen, wie viel ſie um ihn litt in Angſt und Zagen und verzweiflungsvollem Schmerz, ſie aber wußte es, und ſie liebte ihn doppelt heiß, weil ſie ſo grenzenlos um ihn litt, ſie liebte ihn, wie der Verurtheilte die letzte Stunde, welche ſeiner Hinrichtung vorhergeht, liebt, und ſich an ſie anklam⸗ mert, ſie liebte ihn, wie der Erblindende den letzten dämmernden Lichtſtrahl, welcher der ewigen Nacht vorhergeht! Und mit dieſer reinen und heiligen Liebe im Herzen ſchmückte ſie ſich zu dem Feſte, welches Bar⸗ bara dem König gab. Sie war ſo glücklich in dem Gedanken des nahen Wiederſehens mit Edward, daß ſie aller Sorgen und aller Angſt vergaß, ſie wußte nur das Eine: er war wieder da!— Weg alſo mit allen Sorgen und aller Noth! Sie wollte heiter, ſie wollte ſchön ſein, und wenn er ſie auch nicht ſah, ſo war es doch für ihn, daß ſie ſich ſchmückte. Zuweilen freilich empfand ſie eine tödtliche Angſt, fühlte ſie ihr Herz wie von einem Krampf des Entſetzens zuſammen gezogen, und wenn ſie daran dachte, daß ihr ſchöner Traum der Zukunft vernichtet, daß ſie nicht mit Ed⸗ ward aus London entfliehen durfte, dann hätte ſie laut auſſchreien mögen vor Schmerz, dann hätte ſie die — 127— duftenden Blumen, welche Betſy eben in ihrem Haar befeſtigte, zerpflücken, dieſe durchſichtigen, flimmernden Gewänder zerreißen mögen, welche ihre Geſtalt nicht verhüllten, aber ſie wie mit einem Wolkenſchleier um⸗ gaben! Aber ſie dachte daran, daß ſie, um Edward zu retten, bei dieſem Feſte ſein müſſe, und ſie lächelte wieder. Es war ein entſetzliches Gemiſch von raſen⸗ dem Schmerz und entzückender Freude in ihr, ſie ſühlte ſich wie betäubt, ſie hätte jauchzen und weinen, die Hände ringen und doch lachen mögen. Sie war wie berauſcht, ſchon ehe das Feſt begann,— ſie ſtand vor dem Spiegel, und betrachtete ſich in dieſem glän⸗ zenden und verlockenden Coſtüme der Diana, welche ſie heute bei dem Götterfeſte darzuſtellen hatte; ſie ge⸗ ſtand ſich ſelber, daß ſie ſchön ſei in dieſem Coſtüme, und doch füllten ſich ihre Augen mit Thränen. Aber ſie lachte laut auf, damit der Herzog, welcher hinter ihr ſtand, ihre Thränen nicht ſehen ſollte, und mit einem übermüthigen Scherzeswort hing ſie ſich an den Arm Buckingham's, um mit ihm nach dem Palaſte der Herzogin von Cleveland zu fahren.* Es war in der That eine olympiſche Götternacht! Das war nicht mehr London, nicht mehr ein gewöhn⸗ licher europäiſcher Palaſt. Man war im Olymp, auf dem griechiſchen Götterſitze. Von Gold und Brillan⸗ ten leuchteten die Wände, und von Sternen blitzte der tiefblaue Himmel. Es war eine Verzauberung, ein Märchen, aber ein Märchen, für welches die Herzogin von Cleveland dem Decorateur viertauſend Pfund ge⸗ zahlt hatte!²) Ringsum zwiſchen Korallenriffen und Felswänden und goldenen Säulen waren Grotten von Blumen, welche ihre beranſchenden Düfte durch die *) Mistoire seerète etc. pag. 130 — 128— Luft aushauchten, Springbrunnen von aromatiſchem Waſſer rauſchten in den Grotten, ſchwellende Raſen⸗ plätze ladeten zur Ruhe ein,— und inmitten dieſes Raumes ſtand die von goldenen und ſilbernen Ge⸗ ſchirren blitzende Tafel. Und Götter und Göttinnen lagerten umher und labten ſich an dem goldglänzenden Wein und dieſen köſtlichen Speiſen. Wie ſchön dieſe Coſtüme, wie reizend die Geſtalten dieſer Göttinnen, wie edel und ſchön dieſe Juno Barbara, und wie ver⸗ führeriſch dieſe Diana Aphra, wie lieblich verlockend dieſe Göttinnen alle, und endlich dieſe Götter! Welche Ma⸗ jeſtät auf der hohen Stirn dieſes Zeus Karl Stuart, und welche Grazie in der Geſtalt dieſes Apoll Buckingham, wie gut Rocheſter den Vulkan zu ſpielen und mit der ſchönen Venus Lady Shrewsbury zu grollen wußte! Man trank und lachte, und die würzigen Speiſen reizten den Gaumen, und die üppigen Scherze reizten die Lachluſt. Alle Geſichter glühten, alle Augen blitz⸗ ten, man ſchlürfte den Wein aus den goldenen Po⸗ kalen, und horchte mit berauſchten Sinnen auf die Liebeslieder und Dithyramben, welche Apoll ihnen ſang. Alles war Entzücken und Luſt, und ſelbſt die Diener und Pagen wagten es, dieſe zu theilen. Sie lüfteten hier und da die Masken, welche ſie, dem eingeführten Gebrauch gemäß, bei dieſen Feſten tragen mußten, da⸗ mit der König nicht wußte, wer ihn Nachts bedient, und vielleicht vor irgend einem ſeiner Diener am Tage zu erröthen habe. Sie lüfteten, wie geſagt, ihre Mas⸗ ken hier und da und zeigten ihre glühenden, jugend⸗ lichen Geſichter. Nur der Page, welcher hinter dem Seſſel der Göttin Diana ſtand, nur er behielt ſeine Maske. Unbeweglich ſtand er da, ganz bezaubert, wie es ſchien von dieſem entzückenden Götterfeſte. Bezau⸗ bert war er, aber es war ein entſetzlicher, ein fürchter⸗ — 129— licher Zauber! Er ſah da ein wundervolles Weib, hinreißend und himmliſch ſchön, es war Aphra und Barbara, ein Engel und ein Teufel, er betete ſie an und verabſcheute ſie, er hätte ſie erwürgen und doch entzückt zu ihren Füßen niederſinken mögen! Zuweilen zweifelte er noch, daß es wirklich Barbara ſei, es war eine ganz andere, nur die äußere Erſcheinung glich ihr, jedes Wort, jede Miene, jede Bewegung war an⸗ ders,— er wollte ſich überreden, daß es nur eine äußere Aehnlichkeit ſei, nichts weiter, Aphra Behn konnte ſeiner Barbara gleichen, aber ſie ſelber war es nicht, nimmermehr! Dann erinnerte ihn irgend ein Ton, ein Wort doch wieder, daß ſie es wirklich ſei, — es waren ihre Augen, ihr Lächeln, ſie war es, er kannte ſie, und doch war ſie ihm fremd.— Er ſchwur ſich, dieſe Qual bis an's Ende zu ertragen, geduldig auszuharren, und zu prüfen, ob ſie es wirklich ſei! Er wußte es wohl, und in einer Art wahnſinniger Verzweiflung wollte er ſich immer noch überreden, daß ſie eine andere ſei.— Unbeweglich ſtand er hinter ihrem Seſſel, und bei jedem ihrer Worte fühlte er es wie einen Dolchſtoß in ſeinem Herzen. Man jauchzte zu ihren Scherzen, man jubelte zu ihren Liedern,— Edwards Herz begann zu erſtarren, er hätte umſinken, er hätte ſchreien, er hätte ſie erwürgen mögen, aber er vermochte es nicht. Er war ganz betäubt, ganz bewegungslos, ein diaboliſcher Zauber, ein Krampf des Schmerzes hielt ihn aufrecht. Er ſchrie nicht, er weinte nicht, er fluchte ihr nicht, er ſah Alles und hörte Alles, und ſtand ganz ruhig, ganz ſtarr, die eis⸗ kalten Hände um die Lehne ihres Seſſels gekrampſt. Das Feſt ging weiter. Immer lauter tobte die Luſt, immer rückhaltloſer ergab man ſich ihr. Die Masken ab! Laßt uns unſere Göttinnen in Karl I. 3. 9 — 130— unverhüllter Schönheit ihres Antlitzes ſehen! befahl der König. Die Göttinnen gehorchten, die Masken fielen von ihren Angeſichtern. Ein kauter, gellender Schrei ertönte, eine entſetzte Stimme rief: Sie iſt es! Dann hörte man ein dum⸗ pfes Geräuſch, wie als ob ein Menſch zur Erde falle. Was giebt's? fragte der König erſchrocken. Es iſt nichts! ſagte George Villiers. Ein Page iſt ohnmächtig geworden, weiter nichts. Er vermochte den Glanz der Götterſchönheit nicht zu ertragen, es hat ihn von Sinnen gebracht! Zwei andere Diener hoben den ohnmächtigen Ed⸗ ward auf, und einem derſelben flüſterte der Herzog zu: Jetzt, bevor er noch erwacht iſt, bringt ihn in die Dachkammer, welche ich Dir bezeichnet habe, Bopp, und hörſt Du, legt ihn da auf das Bett, und bindet ſeine Arme feſt, damit er nicht fortläuft! Der Hof vergaß dieſes Intermezzo über dem An⸗ blick der herrlichen Göttinnen. Das Feſt ging weiter, Alles war Jubel und Ent⸗ zücken, nur Aphra war traurig und ſtill gewor⸗ den. Vor ihren Ohren tönte noch immer dieſer herz⸗ zerreißende Schrei, noch immer glanbte ſie dieſe Worte zu hören: ſie iſt es! Dieſe Worte, welche als eine namenloſe Wehklage ausgeſtoßen wurden! Der Glanz der Lichter betäubte ſie jetzt, dieſes Lachen erſchien ihr wie Hohn und Spott. Leiſe ſchlich ſie ſich fort. Niemand bemerkte ihr Gehen, nur Buckingham ſah es, und mit triumphi⸗ rendem Lachen ſagte er zu ſich ſelber: die Rache iſt erfüllt! Sie geht jetzt, um die letzte Scene in dieſer Tragi⸗Komödie zu ſpielen. Dieſer phantaſtiſche Ne — 131— publikaner wird ſie verſtoßen, das iſt gewiß, und dann wird ſie ſich mir in die Arme werfen! Edward erwachte endlich aus ſeiner Betäubung, und mit Erſtaunen umherblickend, fand er ſich in ſei⸗ nem ſtillen Zimmer wieder. Er athmete erleichtert auf, und wie ein neuer Lebensſtrom erfüllte ein un⸗ ermeßliches Entzücken ſeine Seele. Ach, ſagte er zu ſich, dieſes Alles iſt nur ein Traum geweſen, ein fürchterlicher, entſetzlicher Traum! Ermattet von dem weiten Weg bin ich hier auf das Lager geſunken, und ſtatt Barbara zu erwarten, bin ich eingeſchlafen, und habe mich martern laſſen von einem Traum! Aber wo bleibt Barbara? Weshalb iſt ſie nicht hier? Er wollte ſich aufrichten, und vermochte es nicht. Seine Arme waren an die Pfoſten des Bettes an⸗ gebunden. Was bedeutete dies? Weshalb hatte man ihn gefeſſelt? Und was bedeutete die Kleidung, welche er jetzt erſt an ſich gewahrte! Wie ein Blitzſtrahl ſchoß jetzt die ganze entſetzens⸗ volle Wahrheit durch ſeine Seele,— jetzt erſt war er ganz erwacht, jetzt wußte er Alles, und dieſe grauen⸗ vollen Stunden, welche er eben durchlebt, ſtanden in ihrem fürchterlichen Glanze wieder vor ihm. Er ſah dieſes Weib, welches er geliebt als ſeinen Engel, und welche er jetzt verabſcheuen mußte! Sie hatte ihn betrogen, ſchmachvoll, entſetzlich betrogen! Und er konnte nicht einmal ſie ſtrafen, ſie erwürgen um ihres Verbrechens willen! Gebunden lag er auf dieſem Lager, auf dem er ſonſt nur mit Entzücken ihrer ge⸗ dacht! Ach, Buckingham hatte ſich vollſtändig gerächt, es war nicht genug geweſen, daß er ſie geſehen in all ihrer Entwürdigung, er ſollte ſie jetzt noch — 132— wiederſehen in ihrer lügneriſchen Unſchuld, und noch einmal ſein Herz zerreißen laſſen von ihrem Anblick! Sie wird kommen, dachte Edward; nicht ahnend, daß ich ſie geſehen, wird ſie kommen, um ihre roman⸗ tiſche Komödie weiter zu ſpielen! Das hat Buckingham gewußt, und deshalb hat er mich feſſeln laſſen! Und ich muß es ertragen, ich muß dieſe Qual dulden. Wie ein gefeſſelter Knabe liege ich hier, und werde ſie nicht einmal tödten können, wenn ſie kommt! Er knirſchte mit den Zähnen, er ſchrie, er brüllte vor Wuth. Dann bemächtigte ſich ſeiner eine dumpfe Verzweiflung, er ward ruhig und gelaſſen, und er überredete ſich ſelber, daß er den Schmerz ſchon über⸗ wunden habe! Aber als er jetzt Schritte auf dem Gange, als er ſie der Thür ſich nähern hörte, da erſtarrte ſein Herz, und eine Eiſeskälte durchrieſelte ſeine Glieder. Jetzt ſterbe ich! dachte er ganz zufrieden. Die Thür öffnete ſich,— Edward lag wie erſtarrt, bewegungslos auf ſeinem Lager, aber er ſah ſie ein⸗ treten, es war Barbara, ſeine Barbara, ſie trng ihr gewohntes, unſcheinbares Kleid, und einfach und züch⸗ tig, wie ſonſt, war ihr Anzug. Ihr Antlitz war bleich und farblos, angſtvoll blickte ſie umher. Jetzt gewahrte ſie ihn, jetzt flog ſie zu ſeinem Lager. Plötzlich erſtarrte ihr Fuß und ſie blieb ſtehen. Edward in der Kleidung eines königlichen Pagen! Sie wußte Alles, ſie begriff Alles! Und ſie ſank nicht um, ſie weinte nicht! Das Langgefürchtete, das Entſetzliche, es war jetzt da, die Stunde der Entſchei⸗ dung machte ſie ruhig und kalt. Mit feſtem Schritte trat ſie zu dem Lager, und neigte ſich über ihn hin. — Edward, flüſterte ſie, Edward, ſei willkommen, mein Geliebter! Und wenn Du mir auch den Tod bringſt, ich heiße Dich dennoch willkommen! Er erwiderte nichts. Unbeweglich lag er da, ſein Antlitz war bleich, wie das ihre, aber ſeine Augen ruhten auf ihr mit dem Ausdruck des glühendſten Haſſes. Sie fühlte ihr Herz wie durchbohrt von ſeinen flammenden Blicken, und dieſe Todtenſtille machte ſie ſchaudern. Edward, ſagte ſie, ſprich nur ein einziges Wort, laß mich nur einmal Deine Stimme hören, und ſei es auch nur, um mich zu verdammen! Es iſt beſſer, als dieſes fürchterliche Schweigen! Sprich zu mir, mein Edward. Erlöſe meine Seele aus dieſer fürch⸗ terlichen Qual! Er ſtarrte ſie an mit ſeinen durchbohrenden, von tödtlichem Haſſe flammenden Blicken, aber er blieb ſtumm. Sprich nur ein einziges Wort, flehte ſie, ein ein⸗ ziges Wort des Abſchieds, Cdward. Denn ſcheiden müſſen wir, ich weiß es! Du wirſt Deiner Barbara niemals verzeihen, daß ſie Dir ihr Unglück und ihr Elend verbarg, Du wirſt fortan immer nur in ihr Aphra Behn erblicken, welche die Welt gezeichnet hat als eine Verlorne! Ich könnte mich vielleicht recht⸗ fertigen, Edward, ich könnte Dir beweiſen, daß ich rein bin von all dieſer Schuld, welche die Welt mir aufgebürdet, aber ich will es nicht! Was hülfe das Beweiſen, wenn das Vertrauen fehlt. Wenn Du nicht an mich glanbſt, dann hilft es nicht, Dich zu über⸗ zengen; wenn Deine Liebe nicht ſo ſtark iſt, daß ſie ſelbſt vertraut nach dieſen Scenen, welche Du dieſe Nacht geſehen, wenn Du unter dem glänzenden und üppigen Bilde dieſer Aphra Behn nicht Deine demü⸗ — 134— thige, ſtille und ſittſame Barbara wiederfinden und nicht erkennen willſt, daß dies der Grund und Kern ihres Weſens iſt, dann, Edward, hilft es nicht, Dich überzeugen zu wollen! Alſo ſprich zu mir, mein Ge⸗ liebter! Sage nur ein Wort, ſage nur: bleibe! Und ich werde zu Deinen Füßen niederſinken, und ich werde Dich lieben, wie man eine Gottheit liebt, und ich werde Dir dienen als Deine Magd, als Deine Sclavin, welche keinen Willen hat, als den Deinen, welche nichts will und nichts begehrt, als unter dem Sonnenſchein Deiner Blicke zu leben, und mit der ganzen Liebeskraft ihres Lebens das Deine zu ver⸗ ſchönern! Sie ſchwieg und neigte ſich athemlos über ihn. Sie lauſchte auf eine Antwort. Sage zu mir, daß ich bleiben ſoll! flehte ſie noch einmal. Er blieb ſtumm, und ſah ſie an mit ſeinen flam⸗ menden Blicken, und mit dieſen Blicken verdammte er ſie, das fühlte ſie. Aber jetzt erſt gewahrte ſie, daß er gefeſſelt war. Sie zog einen Dolch aus ihrem Buſen hervor und zerſchnitt die Bande, welche ſeine Arme feſſelten. Edward richtete ſich empor, und verließ langſam das Lager. Und jetzt, ſagte Aphra ruhig, indem ſie ihm den Dolch darreichte, jetzt tödte mich, wenn Du mir nicht verzeihen kannſt! Edward nahm den Dolch und ſchwang ihn hoch empor. Seine Züge arbeiteten und zuckten, Haß und Wuth tobte in ſeinem Herzen. Er fühlte eine wahn⸗ ſinnige Luſt bei dem Gedanken, dieſen Dolch tief in ihr Herz zu bohren, und ſie zu ſtrafen für ihr Ver⸗ brechen. L — Vielleicht hatte Aphra in ſeinen Zügen dieſe Ge⸗ danken geleſen,— unwillkürlich ſank ſie auf ihre Kniee nieder, und indem ſie ruhig und klar zu ihm empor blickte, ſagte ſie: tödte mich, Edward, ich bitte Dich darum! Es iſt wahr, ich habe Dich getäuſcht! Strafe mich alſo, Edward, vernichte dieſe Schlange, welche Dein edles und großes Herz verwundet hat! Tödte mich! Edward fühlte ſich entwaffnet von ihrem Anblick, er fühlte ſeinen Zorn ſchwinden vor dieſem Gefühl des namenloſen Schmerzes. Mit einem Ausdruck des Entſetzens warf er den Dolch von ſich und ſtürzte der Thür zu. Sie flog empor von ihren Knieen, und hielt ihn auf, und indem ſie ſich ſelbſt an die Thür lehnte, welche er zu öffnen verſuchte, ſagte ſie laut: nein, Edward, Du darfſt mich ſo nicht verlaſſen! Ich will von Deiner Hand ſterben oder Deine Vergebung er⸗ halten. Ich will noch einmal Deine Stimme wieder hören, Edward! Dieſes Schweigen macht mich wahn⸗ ſinnig! Nein, nein, ich öffne dieſe Thür nicht! Sprich wenigſtens zu mir, befiehl es mir, fluche mir, aber ſprich! Wohlan denn, ſagte er ſtolz und kalt, hinweg von dieſer Thür, Aphra Behn, und zum Abſchied nimm meinen Fluch, Du heuchleriſches Weib! Sie trat von dieſer Thür zurück,— ein Seufzer rang ſich aus ihrer Bruſt hervor, aber ſie war ſtumm. Er blickte ſie noch einmal an, kalt, verächtlich, dann öffnete er die Thür. Edward! ſagte ſie tonlos, Edward, tödte mich doch! Ich leide ſo ſehr! Er blieb ſtehen, und blickte zu ihr um. Sein — 136— Herz war zerriſſen von verzweiflungsvoller Qual, das machte ihn hart und grauſam. Tödte mich, wiederholte ſie, ich leide ſo ſehr! Nein, ſagte er, lebe! Das ſei Deine Strafe! Leide ich nicht? Und dennoch will ich leben, um in jeder Stunde Dir zu fluchen! Jetzt war er fort,— ſie hörte ſeinen Schritt auf der Treppe,— ſie ſtand und lauſchte,— er verhallte mehr und mehr,— jetzt war Alles ſtill! Er iſt forti kreiſchte ſie laut, dann ſank ſie be⸗ wußtlos zuſammen. KIL Die Freundinnen. Wochen waren vergangen. Aphra hatte wieder das Lager verlaſſen, ſie war geneſen von einer gefährlichen Krankheit, ihre Fieberphantaſieen, die Schauer der Angſt und Verzweiflung waren von ihr gewichen, ſie war wieder ruhig geworden und gefaßt. Sie hatte den letzten Traum des Glückes ausgeträumt, jetzt war ſie für immer erwacht aus dieſen ſüßen Täuſchungen, welche ſie einſt umgaukelt hatten! Für ſie gab es kein Glück mehr, nicht einmal das der Illuſion! Sie hatte ſich losgelöſt von allen Illu⸗ ſionen und allen Vorurtheilen, ſie hatte frei ſein wollen von allen Banden, und indem ſie deshalb alle dieſe Bande zerriſſen, welche ſie in und mit der Welt zu⸗ ſammenhielten, hatte ſie ſich damit losgelöſt von allem dem, was ſie auf dem Grunde ihres Herzens ſelber liebte und begehrte. Sie hatte die Welt verachtet, und — 137— fühlte doch jetzt, daß ſie ihrer Achtung nicht entbehren konnte, ſie hatte der Liebe geſpottet, und war ihr doch mit ihrer ganzen Lebenskraft unterlegen.— Sie hatte der Vorurtheile der Welt und Sitte geſpottet, und dieſe hatten ſich an ihr gerächt, denn von dem Vor⸗ urtheil und dem Gerede der Welt war ihr Glück und ihre Liebe gemordet worden, und die Geiſter, welche ſie heraufbeſchworen, ſie hatten wider ſie gezeugt, und ſie gerichtet. Aber ſie nahm jetzt ihr Geſchick an; mit einer Art entſchloſſenen Trotzes richtete ſie ſich auf, ſagte ſie zu ſich ſelber: ich will nicht mehr unglücklich ſein! Ich will nicht mehr weinen! Es iſt Alles gut ſo wie es iſt, und das Klagen ändert nichts! Weshalb alſo klagen? Das Leben iſt ein luſtiges Ding, und luſtig will ich es genießen! Und keinen Schritt will ich ihr nachgeben, dieſer erbärmlichen Menſchheit! Ich will nicht winſeln um Gnade und Erbarmen, ich will nicht als reuige Magdalena die Verzeihung der Tu⸗ gendhaften erflehen, und bei den Splitterrichtern bet⸗ teln gehen! Nein, ich verachte die Welt, und ich will frei ſein von ihren Vorurtheilen, aber auch rein von ihren Verbrechen! Gott, welcher über mir wacht, der allein ſoll mein Richter ſein, er allein! Ob der Men⸗ ſchen Zungen mich verdammen, das gilt mir gleich. Der Menſch iſt im Krieg mit den Menſchen, und wo er ihnen einen Vortheil abgewinnen kann, da thut er es, und wenn ſie ihn in's Unglück geſtürzt haben, dann lachen ſie und freuen ſich ihres Werkes! Ueber mich ſoll Niemand mehr lachen können, aber ich werde und will noch über ſehr viele Menſchen lachen! Und mich ſoll Niemand weinen ſehen, aber freuen wird es mich, die Thränen zu ſehen, die ich andern Augen erpreſſe! Und jetzt will ich heiter ſein, immer heiter! Was thut es, ob mein Herz leidet, Niemand wird es wiſſen, und ich werde ſo lange fröhlich ſein, bis dieſe brennende Qual in meiner Seele gelindert iſt! Sie hielt ſich ſelber Wort, ſie war in der That immer heiter, immer ſcheinbar glücklich, immer die anſcheinende Geliebte des Herzogs von Buckingham. Sie wohnte nach wie vor in ſeinem Palaſt, und lebte mit ihm in geſchwiſterlicher Vertraulichkeit. Treu dem Schwur, den ſie ſich ſelber geleiſtet, ließ ſie ihn auch nichts von ihrem geheimen Kummer ahnen. Mit lachendem Munde reichte ſie ihm die Hand, nachdem ſie geneſen. George, ſagte ſie, ich danke Dir. Du biſt mir ein guter Arzt geweſen, Du haſt mich geheilt von meinen idylliſchen Fieberphantaſieen, und obwohl dieſe Arznei etwas herbe war, danke ich Dir doch! Es nützt nichts, an die Liebe zu glauben, eines Tags betrügt ſie uns doch! Sie iſt eine flatternde Gauklerin mit trüge⸗ riſchem Sirenengeſang, aber wir wollen unſere Ohren mit Wachs verkleben, dann hören wir nichts von ihrem Zauberliede! Du haſt es für mich übernommen, George, Du haſt meine Ohren verklebt, ich danke Dir, mein Bruder! Aber ich wünſchte, dies nicht gethan zu haben, ſagte George Villiers lachend, oder mindeſtens eine kleine Stelle in Deinem Ohr vffen gelaſſen zu haben, damit mein Liebesgeflüſter mindeſtens Eingang finden könnte! Sie ſchüttelte mit einem muthwilligen Lächeln den Kopf. Es iſt umſonſt, ſagte ſie, es iſt Alles verklebt, und dieſes Wachs ſchmilzt nicht, denn die Sonne ſcheint nicht mehr! Ich habe mein Herz begraben, aber es wachſen keine Blumen auf dieſen Gräbern, und wenn es wäre, — 139— ſo müßten ſie doch verdorren, denn ich habe keine Thränen, um ſie damit zu begießen. Dieſe Weiber⸗ ſchwäche iſt von mir abgefallen, jetzt bin ich ein Mann geworden, und die Männer haben kein Herz für die Liebe, und ſo auch ich nicht! Wenn Du ein Mann geworden biſt, rief der Herzog, ſo wird mich das zu einem Weibe machen, denn ich werde weinen wie ein Weib, weil ich meine Geliebte verloren! Man kann nicht verlieren, was man niemals be⸗ ſeſſen! ſagte ſie. Aber jetzt, da ich ein ſtarker Mann bin, ſind wir noch inniger verbundene Freunde. Wir haben in unſerm Bunde das Weib ganz zu vergeſſen, und um ſo dauernder wird unſere Freundſchaft ſein! Ah, und jetzt eben fällt mir ein, daß ich noch eine Frage an Dich richten wollte! fuhr ſie ganz gleich⸗ gültig fort, indem ſie ſich vor dem großen Spiegel niederließ, und ihre Locken ordnete. Eine Frage! ſagte Buckingham empfindſam Mein Herz richtet in jeder Stunde eine Frage an Dich, Du aber giebſt niemals Antwort! Weil mein Herz Deine Frage nicht hört, George! Aber höre jetzt, lieber Freund, was iſt denn aus dieſem jungen Manne geworden, Deinem Schützling, Herzog? Ich habe deren ſo viele, daß ich nicht weiß, von welchem Du ſprichſt? ſagte Buckingham. Sie neigte ſich tiefer zu dem Spiegel hin, an⸗ ſcheinend, um ihren Anzug zu ordnen. Nun, ſagte ſie ruhig, ich meine den jungen Edward Vane. Hat man ihn verhaftet oder lebt er noch? Buckingham hätte viel darum gegeben, jetzt ihr Antlitz ſehen zu können, aber ſie war ſo ſehr beſchäf⸗ — 140— tigt mit ihrer Toilette, ſie hatte ihr Haupt rückwärts gewandt, um die Falten ihrer Schleppe zu ordnen. Ah, Edward Vane! rief er. Nun, er lebt und iſt glücklich und zufrieden, ſo viel ich weiß! Ich war ihm eine Genugthuung ſchuldig für die kleine Ueber⸗ raſchung, die ich ihm bereitet. O, es war eine allerliebſte Ueberraſchung! ſagte Aphra lachend, indem ſie dem Herzog ihr Antlitz zu⸗ wandte. Edward lebte, und die Freude, welche ſie darüber empfand, ſtrahlte aus ihren Zügen, aber ſie ſuchte ſie unter ihrem Lachen zu verbergen. Eine köſt⸗ liche Ueberraſchung, in der That, wiederholte ſie, ein Faſtnachtsſpiel, bei welchem ein verlornes Wellkind ſich als heilige Jungfrau verkleidet hatte. Das iſt die ganze Geſchichte; aber ich vergeſſe darüber Deinen Schützling. Wie kommt es, daß man ihn nicht ge⸗ fangen genommen? Weil ich, wie geſagt, ihm eine Genngthuung ſchuldig war. Ich habe beim König ſür ihn gebeten! Er iſt begnadigt und die Hälfte ſeiner Güter iſt ihm zurückerſtattet worden! Das iſt ſehr großmüthig gehandelt gegen den Sohn eines Hochverräthers, deſſen Schädel neben Eromwell's Schädel auf der Mauer Londons ſteht!“) ſagte Aphra ruhig. Aber horch, da ſchlägt die Uhr die neunte Stunde! Es iſt Zeit, zu Barbara zu gehen. Erwarte mich hier, ich gehe nur, meinen Shawl zu holen! 6 Sie ging in ihr Toilettenzimmer. Da war ſie enblich einen Moment allein, da konnte ſie endlich ſich einen Augenblick der Freude überlaſſen, welche ihre ganze Seele durchglühte. Er lebte, er war frei, das *) Secret history ete. Vol. I. pag. 162. — 141— Schwerdt hing nicht mehr über ſeinem Haupte, er war dem Leben, dem Glücke wiedergegeben. O, mein Gott, ich danke Dir, ich danke Dir! flü⸗ ſterte ſie leiſe. Jetzt iſt Alles gut, denn Edward wird wieder glücklich ſein! Sie war wunderſchön in dieſer freudigen Erre⸗ gung, mit dieſen glühenden Wangen und dieſen leuch⸗ tenden Augen. Wenn König Karl ſie ſo geſehen hätte, er würde ſehr entzückt geweſen ſein. Dieſes ſo übermüthige und ſtolze, ſo herausfordernde und lockende und doch ſo unnahbare und kalte Weib reizte ihn, und weil ſie ſeine königlichen Seufzer ſtets nur mit heiterem Scherz und farkaſtiſchem Spott erwiderte, fand er zuletzt, daß es an ſeinem Hofe keine ſchönere und begehrenswerthere Frau gäbe, als Aphra Behn, und daß es ſich wohl der Mühe verlohne, um ihren Beſitz zu werben, und Alles daran zu ſetzen, ſie zu gewinnen. Selbſt die ſtolze und ſorgloſe Barbara mußte dies Mal die ſichtbare Aufregung ihres königlichen Geliebten bemerken, und zum erſten Male fühlte ſie ſich beun⸗ ruhigt von dem Wankelmuth des Königs. Aphra allein kann mir gefährlich werden, ſagte ſie zu ſich ſelber. Sie iſt nicht nur ſchön, ſondern ſie hat Geiſt, und das iſt viel gefährlicher als Schönheit. Der König liebt es, ihr zuzuhören, ihre Unterhaltung reizt ihn, und ſelbſt ihr oft grauſamer und beißender Witz, mit dem ſie ihn verſpottet, erzürnt ihn nicht. Das Beſte wird ſein, ich ſpreche offen mit Aphra, und das noch heute, vor unſerm Feſte. Ich muß wiſſen, ob ſie mir treu iſt. 2 Am Abend kam Aphra, und als Barbara ſie ein⸗ treten ſah in dem ſilberdurchwirkten Gewande, mit dem vollen Roſenkranz in den dunkeln Locken, dachte — 142— ſie: ich begreife es vollkommen, daß Karl ſie liebt, ſie iſt wunderſchön! Dann warf ſie einen flüchtigen Blick hinüber in den Spiegel. Ein befriedigtes Lächeln flog über ihr Angeſicht, ſie hatte gefunden, daß ſie nicht minder ſchön als Aphra ſei. Setze Dich zu mir, Aphra, ſagte ſie, wir wollen plaudern. Es iſt ſo ſelten, daß wir einen Augenblick ruhigen Beiſammenſeins haben. Dieſer alberne Hof und dieſe langweiligen Feſte nehmen alle Zeit in An⸗ ſpruch, und trennen ſogar uns Beide. Weißt Du, Aphra, ich habe zuweilen eine unüberwindliche Sehn⸗ ſucht nach der Einſamkeit! Aber Du mußt ihr nicht nachgeben, Liebe! ſagte Aphra. Die Einſamkeit iſt unſere größte Feindin, denn ſie ſtreift die Maske von unſerm Angeſicht und zeigt uns die Wahrheit! Ach, Barbara, die Wahr⸗ heit iſt ein ſehr trübes und trauriges Ding, und wenn wir ſie anſehen, füllen ſich unſere Augen mit Thränen! Wir bedürfen der Feſte und der rauſchenden Zer⸗ ſtreuungen, um lachen zu können und uns glücklich zu fühlen. Wenn wir allein ſind, werden wir weinen, und das macht die Augen trübe. Du haſt Recht, Aphra, ich ſehne mich nach der Einſamkeit, und doch fliehe ich ſie. Für mich muß das Leben wie ein einziger Champagnerrauſch ſein, es wäre fürchterlich, wenn man eines Tages niüchtern würde und mit ruhigen Sinnen um ſich her blickte. Wenn all dieſer Flitterſtaat und dieſer glänzende Tand, mit dem wir uns das klappernde Gerippe des Lebens künſtlich verhüllt haben, einmal abfiele, wär's nicht grauſig, Aphra? Und während ſie ſo lehnte die ſtolze un mächtige Geliebte des nigs ihr Haupt wie zer⸗ — 143— brochen auf Aphra's Schulter. Dieſe legte zärtlich ihren Arm um Barbara's Nacken. Verſcheuche die trüben Gedanken, Barbara, ſagte ſie. Richte Dich auf und ſei ſtark. Erinnere Dich immer, daß Du die mächtigſte und größte, die beneidetſte Frau von ganz England biſt! Ja, und auch die geſchmähteſte und verrufenſte, Aphra! Es iſt wahr, die Ladies und Herzoginnen blicken mit Neid auf mich, und die ſtolzen Lords neigen ſich vor mir bis zur Erde, mein Vorſaal iſt ſtets ge⸗ füllt mit Leuten jeden Standes, welche demüthig um eine Andienz flehen, und die Dichter geben ſich Mühe, den Schimpf meines Namens unter dem Purpur⸗ mantel lobhudelnder Schmeichelworte zu verbergen, aber ich weiß, daß dies Alles eine große, entſetzliche Lüge iſt, und daß, wenn ich eines Tages falle und meine Macht verliere, die ganze erbärmliche Meute meiner jetzigen Schmeichler und Bewunderer kläffend über mich herfallen, und mich jauchzend zerfleiſchen würde! Du mußt daher niemals Deine Macht aufgeben, niemals! Du mußt Deinen Freunden dieſen Triumph nicht gönnen. Die Freunde, Barbara, die ſind es, welche ſich heimlich am innigſten freuen, wenn uns ein Unglück heimſucht. Du mußt Deine Gewalt da⸗ her ſo befeſtigen, daß nichts ſie erſchüttern kann. Du mußt aus Deinem König einen Sclaven machen! O, das thue ich auch, und ich quäle meinen Sclaven, daß er zuweilen wahnſinnig werden möchte. Das iſt mein einziges Vergnügen, meine einzige Freude! Ich martere den König und quäle ihn, und gerade deshalb vielleicht liebt er mich.*) Ich, ich liebe *) Die Leidenſchaft des Königs für die Herzogin von Cleve⸗ land und ihr launenhaftes Betragen gegen ihn brachte den König ihn nicht, und dennoch muß ich ihn eiferſüchtig be⸗ wachen. Denn Du haſt Recht, Aphra, ich darf meinen Freunden dieſen Triumph nicht gönnen, von dem König verlaſſen zu werden. Und meine Macht iſt in Gefahr. Wer gefährdet ſie? Du ſelber! ſagte Barbara. Der König liebt Dich. Barbara ſchmiegte ſich feſter an Aphra an. Ich will Dir eine Grille bekennen, ſagte ſie, ich bin eifer⸗ ſüchtig auf Dich, und es wäre mir ſo traurig, wenn ich Dich einſt haſſen müßte als meine Nebenbuhlerin. Aphra lächelte trübe. Armes Kind, ſagte ſie, ich werde keines Weibes Nebenbuhlerin mehr ſein. Mein Herz iſt geſtorben! Aber das iſt eine ſchlimme Krank⸗ heit, Barbara, und Du darfſt ſie nicht Herr über Dich werden laſſen. Denn um den König zu beherrſchen, mußt Du einen freien und kalten Blick haben. Die Eiferſucht aber trübt das Auge. Rette mich alſo, Aphra, denke unſeres Bundes! Haben wir nicht gekobt, Eine der Andern beizuſtehen? Aphra, ich mahne Dich an Deinen Schwur. Der König liebt Dich! Und er wird mich morgen vergeſſen, wenn er mich nicht mehr ſieht. Aber er wird Dich morgen wiederſehen. Nein, ich werde London verlaſſen. Und wohin willſt Du gehen? Wohin mein Dämon oder mein Engel mich führt. Wer kann's wiſſen? Vielleicht in ein Kloſter, vielleicht oft in eine ſolche Aufregung, daß er gar nicht Herr ſeiner ſelbſt und zu jedem Geſchäft und zu jeder Geiſtesarbeit unfähig war, weshalb er alle Staatsgeſchäfte dem Lord Clarendon(Hyde) über⸗ ließ. Burnet. Vol. I. pag. 150. — 145— in's Meer, oder in einen Abgrund! Jedenfalls gehe ich, denn Du, Barbara, ſollſt um mich nicht leiden. Ach, Aphra, Du liebſt mich alſo! rief die Herzo⸗ gin gerührt, und indem ſie die Freundin feſt an ihren Buſen drückte, entſtürzten Thränen ihren Angen. Ach, ſagte ſie, dies iſt doch ein ſchönes Glück nach ſo vielem erbärmlichen Unglück. Denn nicht wahr, Aphra, Du läßt Dich von dieſem Glanz und dieſem Flitter nicht täuſchen. Du weißt, wie es wirklich iſt. Sage mir, Aphra, wofür hältſt Du mich? Für grenzenlos unglücklich! Und Du mich, Barbara? O, ich Dich auch, Aphra! Sie ſanken ſich einander in die Arme und weinten bitterlich. Es war ein ſeltſamer Anblick, dieſe beiden Frauen zu ſehen in der Blüthe der Schönheit und dem üppigen Stolz der Jugend, in glänzenden Ge⸗ wändern, geſchmückt mit Brillanten und Blumen, und Beide weinend, Beide ſo unglücklich, ſo tief be⸗ klagenswerth. Aber dies iſt Thorheit! ſagte Barbara dann, in⸗ dem ſie ihre Augen mit dem goldgeſtickten Baſchentuch trocknete. Wir wollen nicht weinen, Aphra, und wes⸗ halb weinen wir denn?. Du hoſt Recht, ſagte Aphra, das Leben iſt ein ſo luſtiges Ding, laß uns darüber lachen! Ja, das wollen wir! Mein König ſoll es büßen, daß ich geweint habe. O, ich will ihn raſend machen, denn er iſt ein Ver⸗ brecher, welcher mich von meiner einzigen Freundin trennnt. Aber wohin gehſt Du? Sage es mir. Aber halt, rief ſie plötzlich, jetzt weiß ich es. Du gehſt nicht in ein Kloſter und nicht in's Grab, nein, nein, Du gehſt nach Holland als heimlicher Geſandter Sr. Majeſtät des Königs von England. Nein, Aphra, Karl MI. 3. 10 —— lache nicht, es iſt mein Ernſt! Du gehſt nach Holland. Ach, wer hätte glauben ſollen, daß dieſe langweilige Politik doch zu etwas nütze ſei! Der König hat heute Miniſterrath gehalten, daher meine Weisheit. Höre alſo, Du weißt, wir haben Waffenſtillſtand mit Hol⸗ land, aber man fürchtet, daß die vereinigten Staaten dieſen nur zu neuen Rüſtungen benutzen werden. Des⸗ halb ſoll ein außerordentlicher Geſandter nach Holland geſchickt werden, um mit de Witt zu unterhandeln und wo möglich ihn über ſeine Pläne auszuforſchen. Sie wiſſen noch Niemand, der verſchwiegen, klug und ge⸗ ſchickt genug wäre, um dieſe Botſchaft übernehmen zu können⸗ Aber ich, ich weiß Jemand, Du biſt es! Du gehſt nach Holland als Geſandter! Willſt Du? Und weshalb nicht? ſagte Aphra. Ich werde da Alles wieder finden, was ich hier verlaſſe, die Men⸗ ſchen wer dort ſein, wie hier, voll Bosheit und Tücke, voll kleinlichen Neides und erbärmlichen Stol⸗ zes, einander übervortheilend wo ſie können, und ſich verleumdend und zerfleiſchend aus Freundſchaft! Wes halb ſollte ich alſo nicht gehen? Aber wird der König es auch wollen? Ach der, ſagte Barbara, der muß wollen!— Und Aphra ward in der That zur außerordent⸗ lichen Geſandtin im Haag ernannt. Man übertrug ihr die ſchwierige diplomatiſche Sendung, den klugen und von keinem Staatsmann an Verſchlagenheit übertrof⸗ fenen de Witt auszuforſchen, genau zu beobachten, welcher Art ſeine Abſichten ſein möchten, und ob es ihm in der That Ernſt ſei mit dem geſchloſſenen Waffenſtillſtand). Sie erhielt außerdem ihre geheimen *) The lifes ok ihe Poeis Great Britain and neland B Mr. Cibber and bther Hands. Vol. M. pag. 19— 23. — 147— Inſtructionen. Während ſie öffentlich Englands Ge⸗ neigtheit zu neuem Kriege zu verkünden hatte, ſollte ſie es heimlich ihr Augenmerk ſein laſſen, durch alle Künſte der Ueberredung es dahin zu bringen, daß Holland den geſchloſſenen Waffenſtillſtand in einen vollſtändigen Frieden umwandele, und denſelben dem König von England antrage.. Es iſt wahr, die engliſche Nation wollte keinen Frieden mit Holland, und das Parlament hatte fünf Millionen Pfund zu dem Kriege mit Holland bewilligt. Es waren dazu neue Steuern ausgeſchrieben, und das Volk hatte gläubig und gutwillig dieſe Steuern be⸗ zahlt. Man hatte dem Könige von England dieſe fünf Millionen Pfund Sterling gegeben, um damit neue Kriegsſchiffe auszurüſten, und der König hatte dieſes Geld zum Theil in ſchwelgeriſchen Gelagen ver⸗ praßt und zum Theil es ſeiner Geliebten und ſeinen Favoriten gegeben*).— Während das Volk auf ſeine neue Flotte hoffte, für welche es ſein Geld gegeben, war der Staatsſchatz, Dank der Verſchwendungsluſt des Königs, leer**). Deshalb ſollte Aphra Behn nach Holland gehen, deshalb mußte man um jeden Preis Frieden haben! *) Burnet. Vol. I. pag. 422. **) Ebendaſelbſt. XIV. Die eſandtin. Seit langer Zeit hatte in Antwerpen nichts ſo großes Aufſehen gemacht, als die Ankunft des außer⸗ ordentlichen Geſandten, welchen der König von Eng⸗ land hinüber geſandt, um mit de Witt den Frieden von Holland zu vermitteln. Man erzählte ein ſelt⸗ ſames, unerhörtes Mährchen über dieſen Geſandten, man ſogte, er ſei kein ehrwürdiger, gravitätiſcher Di⸗ plomat mit geheimnißvollen Mienen und grouem Bart, ſondern ein wunderſchönes, junges Weib mit offenen, freien Zügen, und einem heiteren, durchaus nicht diplomaliſchen Lachen. Jeder wollte ſich durch eigenen Augenſchein überzeugen, ob dieſes Mährchen wirklich Wahrheit geworden, und daher kam es, daß das Hotel der engliſchen Geſandtſchaft ſtets umlagert war von einer neugierigen Menge, welche andächtig zu den Fen⸗ ſtern empor blickte, und bei jedem weiblichen Geſichte, welches ſich da droben zeigte, begierig fragte: iſt ſie das? Iſt das die Lady Behn? Und endlich eines Tages ſollte die Neugierde der guten Antwerpner befriedigt werden. De Witt und de Ruyter waren Beide von Amſterdam herüber ge⸗ kommen, um den neuen Geſandten perſönlich zu be⸗ grüßen. Sie hatten ſich in das Hotel der engliſchen Geſandtſchaft begeben, und waren mehrere Stunden dort geblieben, und jetzt, am Tage nach dieſem Be⸗ ſuche, ſollte der Geſandte dem Statthalter de Witt ſeinen officiellen Gegenbeſuch machen. Es war dies das erſte Mal, daß er ſich öffentlich zeigte, man mußite — 149— heute mit Beſtimmtheit die Wahrheit erfahren nnen.— Der Wagen des Geſandten ſtand ſchon vor der Thür des Hotels, und man bemerkte mit Vergnügen, daß es eine halboffene Kutſche ſei, welche geſtartete, daß man die darin Sitzenden ganz genau und deutlich ſehen konnte. Wenn dieſer Geſandte wirklich ein Weib iſt, ſagten die Leute lächelnd zu einander, dann iſt ſie ganz gewiß ſchön, ſonſt würde ſie nicht den Muth haben, ſo zu erſcheinen. Aber ſtill jetzt, ſtill, ſeht, wie die Diener rennen, den Kutſchenſchlag zu öffnen, laßt uns hinſehen! In der That, die Thür des Hotels öffnete ſich jetzt. Eine hohe, weibliche Geſtalt erſchien in der⸗ ſelben. Ihr jugendliches Antlitz leuchtete von Stolz und Energie, ihre hohe Stirn war mit einem Bril⸗ . lantreif geſchmückt, der faſt die Geſtalt einer Krone hatte Ueber dem weißen Atlaskleide trug ſie einen Mantel von purpurrothem Sammet, den ſie feſt um ſich geſchlungen hatte, als wolle ſie in ihm ſich ver⸗ hüllen vor dieſem athemlos ſie anſtarrenden Volk. Ihre Wangen waren bleich und farblos, aber durch⸗ ſichtig und zart wie Alabaſter, nicht die gelbliche Bläſſe der Krankheit; ihre großen dunklen Augen glühten von einem tief innerlichen Feuer, und um ihre pur⸗ purnen Lippen ſchwebte ein leichtes, ſpöttiſches Lächeln. So ſtand ſie einen Augenblick unter der Thür und wandte langſam und ſtolz das Haupt zu beiden Seiten hin, verwundert über die Menge, welche ihren Wagen umlagerte; dann ſchritt ſie vorwärts und beſtieg den Wagen. Wie ſie jetzt ſo erhöht über den Andern ſchwebte, glich ſie in der That einer Königin, welche, auf ihrem hrone ſtehend, die Huldigungen ihres Volkes empfängt. — 150— Sie war wunderſchön, ſtolz und anmuthig, erhaben und lieblich zugleich. Das Volk, welches ſich jetzt von ſeinem Erſtaunen“ erholte, brach in ein lautes Freudengeſchrei aus, und ſchwenkte jubelnd die Mützen. Aphra verneigte ſich mit einer unnachahmlichen Grazie nach allen Seiten hin. Eine ſtolze Freude und Genugthuung ſchwellte ihr Herz und trieb ein leichtes, zartes Roth auf ihre Wangen, das ihre Schönheit noch leuchtender machte. Langſam fuhr ſie durch die Menge, welche überall ſie jubelnd empfing; es war wie ein Triumphzug, bei welchem man die Schönheit und Jugend als Königin begrüßte. Aphra hatte ſich nie ſo ſtolz und glücklich gefühlt, gls an dieſem Tage, und heimlich ſagte ſie zu ſich ſelber: ich ſehe, es giebt doch noch eine Befriedigung und einen Genuß in dieſer jammervollen Welt. Man muß nicht geliebt ſein wollen, ſondern bewundert, und weil man denn im Leben nicht glücklich ſein kann, ſo muß man bei dem befriedigten Stolz einige Genug⸗ thuung ſuchen. Eine neue Saite ertönte in ihrem Herzen, in wel⸗ chem ſo viele andere zerſprungen und zerriſſen waren. Der Ehrgeiz war in ihr erwacht, und ihr ganzes Weſen glühte jetzt, dieſen zu befriedigen. Man hatte ſie für befähigt gehalten, dieſe ſchwie⸗ rige Miſſion nach Holland zu übernehmen. Einem Weibe hatte man Klugheit, Beſonnenheit und Ver⸗ ſchlagenheit genug zugetraut, um vas zu Stande zu bringen, woran die ſtaatsklugen Diplomaten verzwei⸗ felten. Sie war berufen worden, um endlich das Vorurtheil der Männer, welches die Frauen von jeder geiſtigen Berufsthätigkeit entfernte, zu widerlegen, um — 151— zu beweiſen, daß das Weib mit denſelben Fähigkeiten, derſelben Geiſteskraft und Energie von der Natur ausgerüſtet, und daß Gott ſie nicht dazu verdammt, die Sclavin des Mannes zu ſein, ſondern daß ſie das gleichberechtigte, gleichbefähigte, denkende Weſen, welches Gott an die Seite des Mannes geſtellt, als die ihm ebenbürtige Ergänzung ſeines Selbſt. Das war die Aufgabe, welche Aphra Behn ſich geſtellt, indem ſie dieſe Miſſion nach Holland über⸗ nommen, und dieſe Aufgabe, welche ſie eine heilige nannte, trachtete ſie mit der ganzen Kraft ihres We⸗ ſens zu erfüllen. Aber freilich, die allgütige Natur hatte ihr eine große und ſiegreiche Waffe gegeben, mit der ſie die ihr Widerſtehenden bekämpfen konnte. Dieſe Waffe das war ihre Schönheit und ihre Jugend, dieſes zwei⸗ ſchneidige Schwert, mit welchem ſie Wunden austheilte, welche ſie niemals heilen wollte. Sie nahm mit kalter Beſonnenheit und überlegener Ruhe alle die Huldigungen entgegen, welche man ſich beeiferte ihr darzubringen, und ihr ſpöttiſches Lächeln, ihre ſtets ſich gleich bleibende Kälte brachte die alten und die jungen Mhynheers,— ſie Alle huldigten ihr, zur Verzweiflung. Nur bei Einem machte ſie eine Ausnahme, nur ihm kam ſie ſtets entgegen mit einem gütigen Lächeln, und ob allein mit ihm in ihrem Bondoir oder in der Mitte der glänzenden Feſte, welche die reichen Ant⸗ werpner Kaufleute ihr gaben, immer hatte ſie für ihn ein freundliches Wort, ein entgegenkommendes Lächeln. Es war daher ſehr natürlich, daß ſeine neidiſchen Ne⸗ benbuhler den ſchönen und reichen Herrn Van der Albert den begünſtigten und glücklichen Liebhaber Aphra's nannten, und mit giftiger, verleumderiſcher — 152— Zunge von den glücklichen und köſtlichen Abenteuern erzählten, welche ſie ſelber ſchon zuvor mit dieſer ſchönen und leichtfertigen Frau erlebt. Aber Aphra hatte bei dieſem von ihr begünſtigten Van der Albert weder daran gedacht, daß er ſchön, noch daß er reich ſei, ſondern ſie hatte ſich nur erin⸗ nert, daß er der Freund und Günſtling des Statt⸗ halters de Witt und der geheime Staatsſeeretair ſei. — Und während er warb um ihre Liebe erinnerte ſie ſich in ſeiner Nähe ſtets nur daran, daß ſie die Ge⸗ ſandtin Englands, und daß ſie eine diplomatiſche Sen⸗ dung zu erfüllen habe, daß ſie mit Krieg drohen und dennoch den Frieden zu Stande bringen ſollte. Es war ihr gelungen, mindeſtens ſchon einige vor⸗ theilhafte Zugeſtändniſſe für England zu erhalten, man hatte ſich geeinigt betreffs der überſeeiſchen Beſitzungen, an denen Holland und England die gleichen Anſprüche machten. Ein für England vortheilhafter Vertrag war zu Stande gekommen, Aphra hatte ihn vermittelt, und dafür Dank und Anerkennung von England empfangen. Aber der Friede mit England war dennoch immer nicht feſtgeſetzt, und trotz der freundſchaftlichen Ver⸗ ſicherungen des Statthalters, trotz Van der Alberts Betheuerungen ſagte ihr ſcharfes und ſtets wachſames Auge ihr doch, daß man ihr etwas zu verbergen trachte, und daß ſich vielleicht hinter dieſer anſcheinen⸗ den Freundſchaft und Aufrichtigkeit irgend ein kleiner Schlupfwinkel verberge, in dem man die geheimen Abſichten Hollands verhülle.— Sie hatte de Wit's zweifelndes Lächeln geſehen, als ſie von der Macht und Stärke der engliſchen Flotte geſprochen, ſie hatte Zeichen des Einverſtändniſſes zwiſchen dem Statthalter und Van der Albert bemerkt, als ſie Beide ihr ver⸗ ſicherten, Holland erkenne die Uebermacht Englands — 153— an, und werde ſich zu allen Friedensbedingungen bald willig zeigen. Sie fühlte, daß hinter dieſen Worten irgend ein Geheimniß, ein Plan ſich verbarg, und ſie war ent⸗ ſchloſſen, dieſen zu ergründen um jeden Preis. Sie war daher von jetzt an gegen Van der Albert von der abſtoßendſten Kälte, dem grauſamſten Hohn, ſie überſah und verleugnete ihn in der Geſellſchaft und geſtattete ihm nie mehr den Zutritt in ihr Bou⸗ doir.— Sie hatte richtig gerechnet; dieſe Kälte, ſtatt ihn abzuſtoßen, zog ihn nur an, machte ſeine Liebe nur noch heißer und glühender, und ſteigerte ſie end⸗ lich zu der höchſten und innigſten Leidenſchaft. Jeden Morgen kam er, um von Aphra eine Zu⸗ ſammenkunft zu begehren, und jeden Morgen antwortete ihm der Diener mit derſelben unerſchütterlichen Ruhe, Lady Behn empfange heute Morgen keine Beſuche. Sie ſei beſchäftigt und habe dringende Briefe nach England zu ſchreiben. Endlich eines Morgens war es zu Ende mit Al⸗ berts Geduld und Mäßigung. Er drängte den Diener bei Seite und ſagte entſchloſſen: Miſtreß Behn iſt zu Hauſe; ich werde und will ſie daher ſehen! Glühend vor Aufregung und Zorn öffnete er die Thür zu ihrem Boudoir.— Vielleicht hatte ſie ſeinen Schritt erkannt oder von ſeinem Kommen gewußt. In dem reizendſten Negligée lag ſie auf dem Divan, ganz verſenkt, wie es ſchien, in die Lectüre des Buches, welches ſie in der Hand hielt. Albert fühlte ſich entwaffnet von ihrem Anblick. Sie ſchien ihm nach ſo langer Trennung doppelt ſchön und zauberiſch, und wie ſie jetzt von ihrem Buch empor und ihn mit erſtaunten, zürnenden Blicken an⸗ ſah, ſtürzte er zu ihr hin, und vor ihr niederknieend — 154— flehte er um Vergebung für ſeine Kühnheit, um Er⸗ barmen für ſeine Liebe. Sie richtete ſich ſtolz empor und wollte ſich ſchwei⸗ gend entfernen.— Van der Albert hielt ſie auf, er bat, er beſchwor ſie ſo lange, ihn nicht zu verlaſſen, ihn endlich anzuhören, daß Aphra gerührt ſchien von ſeinem Flehen, und ſich entſchloß, ihn anzuhören. Und Albert erzählte ihr die lange Geſchichte ſeiner Liebe, dieſer ſo glühenden und zugleich ſo tugendhaften Liebe, welche vor allen Dingen darnach ſtrebte, durch den Segen der Kirche geheiligt zu ſein und die Be⸗ rechtigung der Ehe zu empfangen. Als er ihr ſeine Hand anbot, flog ein Ausdruck des Zorns über Aphra's Geſicht, und ihre Augen leuchteten höher auf. Sie bezwang ſich ſchnell und nahm wieder ihre ruhige, lächelnde Miene an. Ich habe geſchworen, mich niemals wieder zu ver⸗ heirathen, ſagte ſie. Und wie, wäre es nicht thörigt, mit ſehenden Augen und wiſſenden Sinnen ſich in einen Abgrund zu ſtürzen? Wäre es nicht ſchmachvoll, freiwillig ſich Ketten anſchmieden zu laſſen, und ſeine Freiheit von ſich zu ſchleudern, um eine mißhandelte Selavin zu werden? Nicht meine Sclavin, meine Herrin und Königin ſollen Sie ſein! ſagte Albert. Sie lachte höhniſch. So reden die Männer alle, bevor ſie uns bethören, ſagte ſie; wehe den Armen, welche ihnen glauben! Ihr ſeid Alle Verräther, Alle, Sie ſowohl, als alle die übrigen! Oder wollen Sie mich glauben machen, daß Sie niemals ein Weib ver⸗ rathen, und niemals ein Frauenherz gebrochen haben? Er ſchwur es mit heiligen Eiden, er ſchwur, daß ſie ſeine erſte Liebe ſei, und wieder blitzte ein finſterer „ — 155— Zorn durch Aphra's Züge, und wieder beherrſchte ſie ſich und lächelte. Die Schwüre der Männer ſind wie das fallende Laub der Bäume, ſagte ſie, der Wind verweht ſie beide und macht ſie unſichtbar. Mein Gott, was ſoll ich nur thun, damit Sie mir glauben? rief Albert verzweiflungsvoll. Sie blickte ihn mit ihrem ſüßeſten Lächeln an. Ach, mein Gott, ſagte ſie, ich glaubte Ihnen ſo gern, ich zwinge mein Herz zu zweifeln, weil die traurigen Erfahrungen mich gelehrt, daß der Zweifel das erſte Evangelium der Menſchen ſein muß! Geben Sie mir Beweiſe Ihrer Liebe, überzengende, ſchlagende Beweiſe, und ich glaube, und mein ſchwaches und thörigtes Herz fliegt dem Ihren entgegen, und iſt glücklich, ihm glauben zu können. Albert war außer ſich vor Entzücken. Fordre von mir, ſagte er glühend, gebiete, was ich thun ſoll! Was iſt es, womit ich Dich überzeugen kann? Und wäre es Schmach und Verrath, ich bin bereit dazu, denn ich will nichts, nichts, als Dich beſitzen, Dich meine Geliebte nennen! Ich weiß nichts zu fordern, ſagte ſie, aber nicht ohne die größten Beweiſe Ihrer Liebe werde ich die Ihre! Bedenken Sie das wohl! Das Weib giebt dieſen Beweis der Liebe, indem ſie durch die Ehe ſich frei⸗ willig in Ketten ſchmiegt, und ihre Freiheit aufgebend, ſich dem unterordnet, welchen ſie liebt. Aber was opfert denn der Mann in der Ehe? Er bleibt ſrei, während das Weib ſich in Feſſeln ſchlägt. Er opfert nichts, alſo iſt es kein beſonderer Beweis Ihrer Liebe, daß Sie mir Ihre Hand anbieten. Geben Sie mir einen andern Beweis, wenn ich Ihnen glauben ſoll! Albert hatte nachdenkend und tiefernſt da geſtanden, — 156— jetzt erhellte ſich plötzlich ſein Geſicht, und ſeine Züge nahmen einen heitern Ausdruck an. Und wenn ich Ihnen ein Geheimniß mittheile, das ich geſchworen treu zu bewahren, weil es das Wohl unſeres Staats betrifft, wenn ich Ihnen einen Plan mittheile, den mir der Statthalter vertraut, und der, wenn ich ihn Ihnen vertraue, gerade durch Sie ver⸗ eitelt werden könnte? Würden Sie einen ſolchen Vater⸗ landsverrath aus Liebe für einen Beweis meiner Liebe halten? Sie wiegte ſinnend und lächelnd ihr ſchönes Haupt. Das wäre vielleicht ein überzeugender Beweis, und einem ſolchen Manne, der mir auf dieſe Weiſe ſeine Ehre und ſein Gewiſſen anvertraute, dem würde ich meine Hand reichen, denn dies wäre ein Beweis, daß er ſein Weib ſo hoch ſchätzet, daß er ſie Theil haben läßt an ſeinem höchſten Gut, an ſeiner Ehre, und daß er ihr ſo grenzenlos vertraut, um ſelbſt ein beſchwornes Geheimniß mit ihr theilen zu wollen. Sagen Sie mir dies Geheimniß, und ich ſchwöre es, an demſelben Tage noch werde ich die Ihrige! Wohlan, ſagte Van der Albert entſchloſſen, wollen Sie mir ſchwören, morgen mein Weib zu werden, ſo ſage ich Ihnen morgen dieſes Geheimniß, welches meine Ehre in Ihre Hand legt. Aphra lächelte und ſchwieg einen Augenblick. Dann legte ſie ihre Hand auf Alberts Schulter, und indem ſie ihm mit einem innigen Ausdruck in die Angen ſah, flüſterte ſie leiſe: So laſſen Sie denn morgen den Prieſter kommen, daß er mich zu Ihrer Gattin mache! In derſelben Stunde, in welcher Sie mir Ihr Ge⸗ heimniß ſagen, folge ich Ihnen zum Altar. Albert jauchzte laut auf vor Entzücken und wollte ſie in ſeine Arme ſchließen. — 157— Sie wehrte ihn zurück und ſagte lächelnd: Morgen Abend kommt der Prieſter, welcher mich zu Ihrer Gattin macht. Sie ſollen aus ſeinen Händen eine keuſche und züchtige Braut als Ihr Weib empfangen. Jetzt aber verlaſſen Sie mich! Treffen Sie die Vor⸗ kehrungen zur Hochzeit, und daß Sie bis morgen Abend nicht wieder hieher kommen. Es ſind die letzten Stunden meiner Freiheit, ich will ſie benutzen, um mich vorzubereiten zu dieſer langen Sclaverei. Gehen Sie, gehen Sie, Albert, morgen Abend ſehen wir uns wieder, und für Ihr Geheimniß tauſchen Sie ſich eine Gattin ein. Sie drängte ihn ſanft zur Thür und ſchob ihn hinaus. Als ſie allein war, verfinſterten ſich ihre Züge, und mit zuſammengepreßter Lippe murmelte ſie: Elender! Ich werde Dein Geheimniß erfahren, und Dich ſtrafen! Dann ging ſie raſch zu einer andern Thür, und öffnete diefe. Hinter derſelben lag ein junges Weib auf ihren Knieen, mit gerungenen Händen, mit auf⸗ gelöſtem Haar, ihr bleiches Antlitz überfluthet von Thränen. Aphra hob ſie ſanft empor, und führte ſie zu einem Seſſel hin. Sie drückte das Haupt der Weinenden an ihren Buſen, und ließ ihren Schmerz gewähren. Arme Catalina, ſogte ſie, Sie hörten alſo Alles? Alles! rief ſie ſchluchzend. Er verrieth, er verleug⸗ nete mich, welcher er ewige Treue geſchworen, welcher er tauſend und tauſend Mal gelobt, mich zu ſeiner Gattin zu machen. Weinen Sie nicht mehr, ſagte Aphra, ſondern laſſen Sie uns daran denken, ihn zu ſtrafen! Ich danke es Ihnen, daß Sie zu mir kamen, und mir Ihr Unglück und Ihre Kränkung anvertrauten. Sie 3 — 158— ſollen an mir eine trene Freundin finden, und will's Gott, werde ich das Werkzeug ſein, dieſen Verräther zu ſtrafen. Auf morgen Abend iſt die Trauung feſt⸗ geſetzt. Laſſen Sie uns daher die Hochzeitskleider und den Brautſchleier bereiten. Weinen Sie nicht mehr, Catalina, morgen Abend iſt die Trauung, und die Kerzen werden ſehr trübe, und der Schleier wird ſehr undurchdringlich ſein. Und Albert's liebendes Herz wird nicht ahnen, wer ſich unter dem Schleier birgt. XV. Die Strafe des Verräthers. Endlich war die von Van der Albert ſo ſehr er⸗ ſehnte Stunde gekommen, die zur Trauung feſtgeſetzte Stunde. Er hatte ſein Haus bereitet, ſeine Gattin, dieſe ſchöne reizende Frau, zu empfangen, um welche ganz Antwerpen ihn beneiden würde, und welche der und koſtbarſte Luxusartikel ſeines Hauſes ſein ollte. In dem großen, mit Blumenfeſtons verzierten Salon waren die Geſchenke aufgeſtellt, mit welchen er ſeine junge Gemahlin willkommen heißen wollte, und die Alle ſehr reicher und koſtbarer Art waren. Van der Albert freute ſich noch einmal an dem An⸗ blick des herrlichen Brillantſchmuckes und der koſt⸗ baren, türkiſchen Shawls, mit welchen er die ſtolzen Schultern ſeiner jungen Gemahlin ſchmücken wolite, dann eilte er fort nach Aphra's Hotel. Sie war in ihrem Boudoir, und empfing ihn mit einem halb ſchwermüthigen, halb glücklichen Lächeln. * — 159— Sie war wundervoll in dem weißen Atlasgewande mit dem Kranze von weißen Roſen im Haar. Albert fühlte ſich ganz bezaubert von ihrem Anblick, und in⸗ dem er ihre Hand an ſeine Lippen drückte, ſagte er: Du gleichſt ganz einer Veſtalin in Deinem wunder⸗ vollen Brautanzug, und wenn ich Dich anſehe, über⸗ fällt mich die Furcht, dieſe ſchöne und ſtolze Veſtalin möchte ſich niemals herablaſſen, mein Weib zu werden⸗ Komm alſo, Geliebte, komm zum Altare, und gieb mir dort die Gewißheit, daß Du Mein ſein willſt! Er wollte ſie mit ſich fortziehen. Sie wehrte ihn ſanft zurück. So darf ich Dir nicht zum Altare folgen, ſagte ſie, das iſt wider die Sitte meines Vaterlandes. Du haſt mich oft einen Engel genannt, nun, ich bin wenig⸗ ſtens eine engliſche Braut, und die gehen ſehr züchtig zum Altare. Und wie denn? fragte Albert, indem er ſie ganz glücklich anſchauete. Die Braut, welche vor Gott ſteht, verhüllt ſich⸗ vor den Menſchen! ſagte Aphra, indem ſie vom Tiſche einen langen, weißen Shawl nahm, und damit ihr Haupt und ihre ganze Geſtalt einhüllte. Aber dieſer Schleier iſt ganz undurchſichtig, ſagte Albert unwillig. Er verhüllt mir Dein ſchönes Antlitz. Nicht einmal Deine Augen kann ich ſehen. Du darfſt es auch nicht, ſagte ſie. Ihr Männer ſeid leichtfertige Geſchöpſe, und ſo lange Ihr Eure Braut liebt, würdet Ihr über ihrem Anblick Gottes vergeſſen. Deshalb hülle ich mich in meinem Schleier, damit Du mich gar nicht ſiehſt, und nicht nachher den Vorwand haſt, zu ſagen: ich habe nicht vor Gott ge⸗ Dir treu zu ſein, denn ich dachte nicht an ott. — 160— Sie hüllte ſich noch dichter und feſter in den langen, weißen Schleier, der mit leichten, maleriſchen Falten ihre ganze Geſtalt umfloß, und ſie in der That den edlen antiken Geſtalten der Veſtalinnen ähnlich machte. Jetzt kann ich Dich gar nicht mehr herausfinden aus dieſen Umhüllungen, ſagte er. Aber Du weißt doch, daß ich darunter ſtecke, rief ſie lächelnd. So komm jetzt, und laß uns zum Altar gehen. Er wollte ſie fortziehen, ſie folgte ibm anfangs, dann blieb ſie ſtehen, und indem ſie den Schleier zu⸗ rückwarf, ſagte ſie: mein Gott, und das Wichtigſte vergeſſen wir! Ach, Albert, ich fühle es wohl, die Liebe hat mein Herz bethört, und es ſcheint, als ob ich ſchon ohne Beweiſe Dir vertraue. Aber ich muß conſequent ſein; bevor wir zum Altar gehen, mußt Du mir Dein Geheimniß ſagen. Ich will es, ſagte er, und Du ſollſt daran erkennen, wie grenzenlos ich Dich liebe. Komm, ſetze Dich auf den Divan, ich will zu Deinen Füßen niederknieen, und Dir in's Ohr flüſtern, was Niemand auf der Welt hören unb wiſſen darf, außer Dir. Er knieete vor ihr nieder und legte ſeinen Arm um ihre Geſtalt, ſie neigte ſich zu ihm nieder. Es war eine lange Geſchichte, die er ihr in's Ohr flüſterte. Während er ſprach, erblaßte Aphra mehr und mehr, und ein Zittern durchflog ihre Glieder. Mein Gott, ſagte ſie, als er ſchwieg, wenn dies gelingt, dann ſind wir verloren. Nein, England iſt verloren, nicht wir, denn Du darfſt es nicht vergeſſen, daß Du von bieſe Stunde an eine Holländerin biſt. Es iſt wahr, England iſt verloren, ſugte ſie, indem ſie angſtvoll die faltete, und ihr Haupt auf 8 — 161— Bruſt ſenkte. Dann nach einer Pauſe richtete ſie ſich wieder empor aus ihrem ſchmerzlichen Sinnen, und reichte Albert die Hand dar. Ich danke Dir, ſagte ſie, dies iſt in der That ein Beweis Deiner Liebe, denn es iſt ein großes und gefährliches Geheimniß, welches Du mir da mitgetheilt haſt. Ich muß ganz vergeſſen, daß ich eine Engländerin bin, um mich nicht zum Tode betrübt dadurch zu fühlen. Aber ich werde es vergeſſen, denn ich liebe Dich! So komm, Geliebte. Der Prieſter harret unſerer! Komm! Nein, ſagte ſie traurig, nicht ſo kann ich zum Altare gehen! Meine Seele iſt verwirrt, und keine Spur heiliger Andacht iſt in ihr. Gönne mir eine Minute der Einſamkeit, damit ich mein Gemüth ſammle. Wenn ich wieder komme, dann gehen wir ſogleich. Aber Du darfſt nicht mit mir reden, kein Wort! Bis ich das Gelübde geſprochen, gehört meine Seele Gott. Sie nickte ihm lächelnd zu und zog ſich in das Nebengemach zurück. Albert blieb allein, und er dachte daran, wie ſehr er ſie liebe, wie ſchön ſie ſei, und vor allen Dingen, wie ſehr ihn alle ihre andern Bewerber beneiden würden. Er war ſehr ſtolz darauf, vor dieſen Allen den Vorzug erhalten zu haben, und künftig der Ge⸗ mahl der ſchönſten Frau in Antwerpen zu ſein. Jetzt öffnete ſich die Thür, und ſie kehrte zurück. Sie war wieder ganz eingehüllt in den weißen un⸗ durchſichtigen Schleier der ihrem Geliebten ihr Antlitz und ſogar ihre Augen verbarg. Schweigend legte die verhüllte Braut ihren Arm in den ſeinen,— ſie verließen das Bondoir und traten in den anſtoßenden Salon, der für heute in eine kleine geſchmackvolle Kapelle war umgewandelt worden. Ein Karl II. 3. 11¹ magiſches Dämmerlicht herrſchte in dieſem Raum, in deſſen Mitte ein kleiner Altar ſich erhob. Neben dem⸗ ſelben ſtand der Prieſter im vollen Ornat, hinter ihm die Chorknaben mit dem Weihrauchfaß, zur Seite die Brautzeugen. An einem Tiſche ſeitwärts ſaß der Notar mit dem ansgefertigten Contract. Dahin begab ſich Albert mit ſeiner Braut. Er unterſchrieb zuerſt, dann ſie.— Nun traten ſie zum Altar, und der Prieſter begann die heilige Handlung. Er ſegnete ihre Ehe, und legte ihre Hände in einander zu ewigem, unauflöslichem Bunde. Die Ceremonie war zu Ende. Schweigend, wie ſie gekommen, verließ die Braut am Arm ihres Gatten die Kapelle, und kehrte mit ihm zurück in das Boudoir. Jetzt, Geliebte, biſt Du Mein für ewig und im⸗ merdar, flüſterte Albert, indem er ſie leidenſchaftlich in ſeine Arme ſchloß. Sie lehnte ganz zerbrochen ihr Haupt auf ſeine Schulter, und weinte laut. Weinſt Du, Geliebte, weil ich jetzt ein heiliges Recht auf Dich habe? Nein, ich weine, weil ich ſo ſelig bin, und weil ich Dich ſo grenzenlos liebe. Wie? Was bedeutete dies? Das war nicht Aphra's Stimme, es war eine andere, nicht eine fremde, aber es war nicht die Stimme Aphra Behn's. Mit einer ungeſtümen Bewegung riß er den Schleier von ihrem Antlitz fort, dann trat er entſetzt zurück, und ein Schrei des Zorns entfuhr ſeinen Lippen. Die Braut war auf ihre Kniee geſunken, und hob ihre gefaltenen Hände und ihr von Thränen über⸗ fluthetes Angeſicht flehend zu ihm empor. Catalinal murmelte er entſetzt. Ja, Deine Catalina, ſagte ſie weinend, Deine — 163— Catalina, welche Dich liebt, und welche kein anderes Loos begehrt, als Dir ihr ganzes Leben zu weihen! Oh, vergieb mir, Albert, vergieb mir dieſen Betrug, zu welchem die Liebe und die Verzweiflung mich ver⸗ leitete. Sie nahm ſeine herabhängende Hand und bedeckte ſie mit ihren Thränen und ihren Küſſen. Unten rollte eben mit lautem Gedonner ein Wagen aus dem Hof des Hotels. Albert erwachte aus ſeiner dumpfen Betäubung. Er ſtieß die Knieende zurück, und ſtürzte zum Fenſter hin. Es iſt ihr Wagen! ſchrie er zähneknirſchend. Sie hat mich heimtückiſch verrathen, ſie iſt eine elende Betrügerin. Nein! ſagte Catalina, welche ſich von ihren Knieen erhoben hatte. Nein, ſie iſt ein edles und großes Weib, welches ſich weder von dem Reichthum, noch von den glühenden Schwüren eines Meineidigen verlocken ließ, welches es für eine heilige Aufgabe hielt, Der⸗ jenigen beizuſtehen, welcher Bu geſchworen, daß ſie Dein Weib ſein ſollte, und welche ſich mit ihrer ganzen Seele Dir ergeben hat! Es ſoll Niemand in meiner Gegenwart meine Retterin ſchmähen dürfen. Und indem ſie ein verſiegeltes Papier aus ihrem Buſen zog, fuhr Catalina fort: hier iſt ein Brief Aphra's, mit dem ſie Dir ihr Lebewohl ſendet. Lies ihn! Ich gehe indeß zu meinem Knaben. Wenn Du geſammelt genug biſt, dann komme, um Dein Weib und Dein Kind in Dein Haus zu führen. Meine Ehre und die Ehre meines Sohnes bedurfte dieſer Genugthuung. Langſam und ſtolz verließ das junge Weib das Zimmer. Albert blickte ihr nach mit dem Ausdruck des Zorns, und ein wilder Fluch trat auf ſeine Lippen. — 164— Lange ging er in heftiger Bewegung auf und ab. Allmälig ward ſein Antlitz wieder ruhig, und er fühlte ſich geſammelt genug, Aphra's Brief zu leſen. Er erbrach das Siegel und las; „Dies ſchreibt Aphra Behn, das ungefeſſelte Weib dem gefangenen und beſtraften Mynheer Van der Albert: Sie ſind ein Verräther, welcher geſtern zu meinen Füßen lag und mit heiligen Eiden mir ſchwur, daß Sie niemals ein Weib betrogen, niemals ein Weib unglücklich gemacht. Und während Sie ſo ſchwu⸗ ren, lag im Nebenzimmer ein junges Weib auf ihren Knieen, mit aufgelöſtem Haar, mit gerungenen Händen, weinend in unermeßlichem Schmerz. Sie hörte die Schwüre des Meineidigen, und es waren dieſelben Schwüre, welche er ihr ſonſt geleiſtet. Dieſes Weib hieß Catalina, ſie war eine ſchutzloſe Waiſe, welche der reiche Herr Van der Albert ungeſtraft verführen und verlaſſen konnte, weil es kein Geſetz gab, welches ihn zwang, der Entehrten ihre Ehre wiederzugeben, indem er ſeinen Schwur hielt, und ſich ihr vermählte. Cata⸗ lina war zu Aphra Behn gekommen, weil ihr das Gerücht erzählt, daß ſie jetzt die Geliebte Van der Albert's, und weil ſie dieſe neue Geliebte beſchwören wollte, ihr beizuſtehen, und den Treuloſen ihr wieder zuzuführen. Aphra Behn ſchwur es; ſie ſchwur, den Verräther zu ſtrafen, welcher Beides zugleich verrathen, ſein Vaterland und ſeine Geliebte! Ich habe mein Wort gehalten, Catalina iſt Ihr Weib, und ſo Gott will, wird ſie Sie ſtrafen, indem Sie an Ihnen Rache nimmt für alle ihre Schmerzen und ihre vergoſſenen Thränen. Ich aber kehre nach England zurück, um, wenn es ſein kann, mein Vaterland zu retten von der Gefahr, mit welcher Ihr es bedroht. Denn Sie müſſen wiſſen, Mynheer Van der Albert, die Vater⸗ * — 165— landsliebe iſt wie die Sonne, ſie geht überall mit uns, ſie iſt es, welche in unſer Herz leuchtet, und es er⸗ wärmt und es durchglüht mit einem heiligen Feuer. Dieſe Sonne allein war es, deren erwärmende Strahlen mich in Eurem kalten, feuchten und geiſtig verwäſſerten Holland aufrecht erhielt, dieſe Sonne ſtärkte mich und gab mir Kraft, die kleine Komödie mit Ihnen aufzu⸗ führen, mit der ich Ihnen das wichtige Geheimniß entlockte, deſſen Daſein ich ahnte, das ich aber nicht anders zu ergründen vermochte, als indem ich mit Euch ſpielte, wie es die Katze mit dem Mäuslein thut. Dieſelbe Sonne, welche mich hergebracht, treibt mich jetzt zurück; ich gehe, um mein bedrohtes Vaterland zu warnen. Beſchuldigen Sie mich nicht des Mein⸗ eides! Ich habe nicht geſchworen, das Geheimniß zu bewahren, welches Sie mir verrathen ſollten, und hätte ich es gethan, ich würde meinen Schwur brechen, und darin ein wenig Ihnen und allen Männern gleichen*). Aphra Behn. *) Dieſe Intrigue Aphra Behu's mit Van der Albert und die Art, wie ſie von ihm ein für England wichtiges Staatsgeheimniß entlockte, iſt keineswegs eine erdichtete, ſondern ganz getreulich ihrer Biographie entnommen. Herr van der Albert war übrigens nicht der Einzige, welcher Aphra Vehn, während ihres Aufenthaltes in Holland huldigte und ihr ſeine Hand anbot, obwohl er der Einzige war, den ſie begünſtigte, und mit dem ſie in einem innigen Freundſchafts⸗ verhältniß lebte. In einem Briefe, den ſie aus Antwerpen an eine Freundin nach London ſchrieb, ſchildert ſie ihr einen andern Anbeter folgendermaßen:„Er iſt zwei Mal ſo alt, wie Albert, dazu etwas verwachſen und häßlich. Sein Name van Bruin, und Albert ſelber führte ihn als ſeinen Oheim bei mir ein. Dieſer alte Herr batte mich noch nicht oft beſucht, als ich ſchon bemerken mußte, welchen Eindruck meine Augen auf ſein leicht in Flammen geſetztes, trockenes Herz machten. Indeſſen wagte er es nicht, ſich mir zu offenbaren, ſondern ſprach immer nur verſtohlen von einem alten, ſehr reichen Herrn, deſſen Herz ich gewonnen, und der nichts ſehnlicher wünſche. als mir ſeine Hand und ſeine Reichthümer anbieten zu dürfen. Er — 166— fragte mich, ob dieſer Herr einige Hoffnung auf Erhörung hätte. Ich erwiderte ihm, daß ich mich wundern müſſe, einen Freund Albert's, von dem er doch wiſſe, daß dieſer um mich werbe, ſo ſprechen zu hören, daß übrigens, wenn überhaupt die Liebe eine Leidenſchaft ſei, für welche ich jemals empfänglich ſein könnte, ich mich doch niemals entſchließen würde, einen alten Mann, wie reich er immer ſein möge, zu heirathen. Deſſenungeachtet empfing ich am nächſten Tage folgende intereſſante Epiſtel.“ Hier fügt Aphra Behn einen in franzöſiſcher Sprache geſchriebenen Brief ein, der allerdings komiſch und ſeltſam genug iſt. Herr van Bruin ſchreibt ibr darin, er hätte oft geſtrebt, ihr den Sturm ſeines Herzens mitzutheilen, und mit ſeinem Munde die Wälle ihrer Zuneigung zu erſtürmen; aber zurückgeſchreckt von der Stärke ihrer Fortifica⸗ tionen, habe er ſich entſchloſſen, einen regelmäßigen Plan zu ver⸗ folgen, ſie in einer weitern Entfernung anzugreifen, und zuerſt zu verſuchen, was ein Bombardement mit Briefen thun könnte Vielleicht könnten dieſe Kartätſchen der Liebe in ihre Augen dringen, dann in der Mitte ihrer Bruſt zerſpringen, die Außenwerke ihrer Abneigung niederſchlagen, und das Magazin ihrer Grauſamkeit in die Luft ſprengen, wodurch ſie dann zu einer Capitulation genöthigt werden könnte, und ſich auf vernünftige Bedingungen ergeben müßte. Als⸗ dann vergleicht er ſie mit einem ſtolzen Schiff, welches nach Indien unter Segel ſei, ihre Locken ſind die Wimpeln, ihre Stirn iſt das Vordertheil des Schiffes, ihre Angen ſind die Kanonen, ihre Naſe iſt das Ruder.— Aphra ſchrieb ihm eine ſehr heitere und witzige Antwort. Sie verſpottet ihn in dieſem Briefe, daß er eine ſo wenig profitable Reiſe mit dem Weſtindienfahrer Aphra Behn unternehmen wolle, und ſcherzend rechnet ſie ihm alle dazu nothwendigen Aus⸗ gaben vor, als da ſind: Bänder und Hauben für ihre Wimpel, Diamantringe, Armbänder und Perlenſchnüre für ihre Kanonen zum Angriff und zur Vertheidigung, Seide, Batiſt, Sammt und Cambric für ihren Rumpf. Zuletzt räth ſie ihm ganz entſchieden ab, in ſeinen Jahren die Reiſe zu unternehmen.(Cibbert's Life of the Poets. Vol. III. p. 22.) XVI. Der Rrand der Flotte. Ganz London war in Trauer verſenkt, überall war die Freude verſtummt. Und London hatte wohl Grund zur Trauer. Nachdem die Peſt mit fürchterlicher Ge⸗ walt in ſeinen Mauern gewüthet, und über hundert tauſend Einwohner hinweg gerafft hatte“), war das Feuer gekommen, um diejenigen zu vernichten, welche die Peſt verſchont hatte. Der größte Theil Londons war eine Beute dieſes Feuers geworden, ganze Straßen, ganze Stadtviertel wurden in Aſche gelegt, und auf den Ruinen ihrer niedergebrannten Häuſer ſaßen Tauſende hungernder, wimmernder Unglücklichen, denen das ver⸗ heerende Element ihre Habe geraubt, und die als Bettler über dem Schutthaufen ihres Glückes weinten. Niemand wußte, wie dieſes Feuer entſtanden war, das aber wußte man, daß kein Zufall es angefacht, ſondern, daß es eine wohlüberlegte und durchdachte That geweſen. Eine That der Rache, ſagte man. Die Katholiken hätten dieſes Feuer angezündet, um die verruchten Ketzer zu vernichten. So viel ſtand feſt, daß, wenn ſelbſt das Feuer zufüllig ausgekommen geweſen, die Bosheit und Tücke daſſelbe benutzt, und ſein verheerendes Umſichgreifen begünſtigt hatte. Denn als man die durch alle Straßen Londons laufenden Waſſerröhren beim Ausbruch des Feuers öffnete, fand man kein Waſſer darin, und bald erfuhr man, daß ein Diener des Herzogs von York *) Burnet. Vol. I. pag. 180. — 168— am Tage zuvor in Islington, wo alle die, London durchlaufenden, Waſſerröhren ausmündeten, geweſen, die Hähne, durch welche das Waſſer in die Röhren einlief, zugeſchroben, und die Schlüſſel mit ſich ge⸗ nommen hatte. Es vergingen alſo mehrere Stunden, bevor man nach Jolington geſchickt, und mit Gewalt die Pforten, welche zu dem Röhrenbaſſin führten, ge⸗ ſprengt hatte, und mehrere Stunden, bevor das Waſſer alsdann nach London floß. In dieſer Zeit aber hatte das Feuer ſo raſend um ſich gegriffen, daß alle Ver⸗ ſuche zu löſchen, vergeblich erſchienen*). Ganz London, wie geſagt, trauerte, und die Freude war verſtummt in London. Aber nicht in Whitehall, nicht in dem Palaſt des Königs. Dort ſang die Frende ihre Jubellieder, dort herrſchte Fröhlichkeit und Luſt. Die Peſt und die Feuersbrunſt war nicht in den Königspalaſt gedrungen, und auch die Geldnoth war verſchwunden, ſeit König Karl von dem König von Frankreich, Ludwig XVI. eine Penſion bezog, als Belohnung für ſein, mit Frankreich abgeſchloſſenes Bündniß**). Man feierte heute bei Hofe den Namenstag der Herzogin von Cleveland, und der König hatte befohlen, dieſen Tag doppelt feſtlich zu begehen, damit Barbara ſich nicht etwa beeinträchtigt fühle durch ſeine neue Neigung zu der reizenden Nelly Gwyn. Auch zeigte ſich Barbara in allem Glanz und allem Stolz ihrer Schönheit, funkelnd von Brillanten und leuchtend von Uebermuth und Luſt. So ſchön war ſie, daß ſelbſt Nelly Gwyn ihr nicht gefährlich werden konnte, und daß der ganze Hof ſie pries als die unüberwindliche Juno des großen und erhabenen Zeus. *) Burnet. Vol. I. pag. 389. *) Burnet. Vol I. pag. 630. — 169— Der König ſaß zwiſchen Barbara und Nelly, er war ſehr glücklich, ſehr heiterer Laune. Er ſtimmte ein in die heitern Lieder, welche Buckingham gedichtet, und welche nichts anderes waren, als eine, den bibli⸗ ſchen Pſalmen nachgedichtete, ſchamloſe Verſpottung dieſer heiligen Lieder*). Man ſang dieſe Lieder und dieſe herrliche„Litaney“ mit einem wahrhaft jubelnden Entzücken, und König Karl ſchwur mit vor Lachen weinenden Augen, George Villiers ſei der größte Dichter und der größte Maler ſeines Jahrhunderts, und Nelly Gwyn, welche eben eins dieſer Lieder mit dem Anſtand und in der Manier der jungen, frommen Königin geſungen, die größte Schauſpielerin Alt⸗ Englands. Der Wein floß in Strömen, und die Wangen glühten, und die brennenden Lippen ſtotterten leicht⸗ fertige Scherze, welche man mit lautem Lachen be⸗ grüßte und mit Lorbeerkränzen belohnte, die als Preis der kühnſten Scherze heute Abend ausgetheilt wurden. Immer höher ſteigerte ſich die Luſtigkeit, man wagte Alles, weil man nichts mehr zu wagen hatte, und vom König ſelber dazu aufgefordert, ſang man ihm endlich die tollen und ſarkaſtiſchen Spottlieder, welche das Volk von London zur Ehre des Königs ſang, in denen er als der„Old Nick'“ verhöhnt und verſpottet ward“**), und in welchen die blutigen Thränen und die ver⸗ zweiflungsvollen Flüche des unglücklichen Volks ſich in beißender Heiterkeit und ſcharſſchneidendem Witz zerſetzt hatten. König Karl hörte ſie mit jubelndem *) Dramaturgie oder Theorie und Geſchichte der dramatiſchen Kunſt. Von Theodor Mundt. Zweiter Band. S. 207. **) Granger, Biographical history of England. Vol. IV. pag. 96. Entzücken an, und der ganze Hof lachte und freute — 170— ſich, als plötzlich ein Page es wagte, in den Feſtſaal einzudringen, und allem Verbot ungeachtet zu der Herzogin von Cleveland eilte. Er überreichte ihr ein beſchriebenes Papier, welches ihm ſo eben eine Dame gegeben, indem ſie ihn be⸗ ſchworen, es ſogleich an Lady Barbara zu geben. Das Wohl Englands hänge davon ab. Barbara nahm dies Papier und las, dann neigte ſie ſich lächelnd zum König hin. Sire, ſagte ſie, ich habe um eine Gunſt zu bitten. Dieſer Brief iſt von Aphra Behn, und ſie beſchwört mich darin, ihr ſo⸗ gleich eine Unterredung mit Euch zu verſchaffen. Es betreffe das Heil des Vaterlandes. Bah! ſagte der König. Dieſer Saal hier iſt mein Vaterland. Das Uebrige geht mich nichts an! Wir haben unſere Geſetze, und die müſſen geachtet werden; iſt es aber nicht ein ſehr wichtiges Geſetz, daß dieſe Abende durchaus nicht durch ein ernſtes Wort dürfen geſtört werden? Laßt alſo unſere ſchöne Miß Aphra immerhin eintreten, vorausgeſetzt, daß ſie mir als ſchönes Weib und nicht als Geſandtin kommt. Führt Miſtreß Aphra herein, befahl Barbara dem Pagen, indem ſie ſelber ſich erhob, ihrer Freundin entgegen zu gehen. Jetzt öffnete ſich die Thür und Aphra Behn trat ein. Sie war bleich und erſchöpft, und aller Hofſitte zum Trotz, war ſie nicht in ſchimmernden Ballkleidern, ſondern in dunkeln Reiſegewändern. Sie reichte Bar⸗ bara die Hand und zog ſie mit ſich fort zum Könige hin. Sire, ſagte ſie, verzeiht das Ungehörige meines Erſcheinens. Ich habe ſo eben das Schiff verlaſſen und ich komme ſogleich zu Euch, weil das, was ich Euch zu ſagen habe, die höchſte Eile erfordert. Wolle der Himmel, daß ich nicht zu ſpät komme, daß es noch in meiner Macht ſteht, ein großes Unglück zu verhüten. Ich wollte früher hier ſein, aber ein furcht⸗ barer Sturm hielt mich auf, und hat faſt unſer Schiff zerſchellt“). Gönnt mir daher ſchnell eine Unterredung, damit ich Euch eine wichtige und dringende Mittheilung mache! Und weshalb eine geheime Unterredung, Aphra? ſagte Nelly Gwyn, indem ſie in luſtigen Sprüngen Aphra Behn umtanzte. Wir alle ſind ſehr neugierig auf die Mittheilung, und was Du unſerm Old Nick zu ſagen haſt, das dürfen wir Alle hören! Iſt es nicht ſo, Nick? Der König lachte. Sie hat Recht, ſagte er. Wir wollen uns als Staatsrath conſtituiren, und unſern höchſt feierlichen Geſandten anhören! Setzt Euch, meine Herren, legt die Guitarren bei Seite und ver⸗ geßt auf eine Minute unſere ſchönen Lieder. Jetzt ſind wir bereit, Euch anzuhören, Geſandter aus Holland! Sire, ſagte Aphra, was ich Euch zu ſagen habe, klingt wie ein Mährchen, und dennoch verbürge ich es Euch mit meinem Leben, daß es eine Wahrheit iſt! Die Holländer, um Euch zu einem für ſie vortheilhaf⸗ ten Frieden zu zwingen, wollen unſere Schiffe ver⸗ brennen. Morgen Nacht um die Mitternachtsſtunde ſoll es geſchehen. 3 Der König brach in lautes Lachen aus. Dies iſt in der That ein luſtiges Mährchen, und es gehört ein heiliger Kinderſinn dazu, um es zu glauben, ſagte er. Die Holländer wollen unſere Schiffe verbrennen, die letzten erhabenen Trümmer unſerer Flotte! Ah, die Holländer ſind luſtige Leute, und ſie wiſſen nicht, *) Cibber, Vol. III. pag. 20. — 172— daß der Eingang in die Themſe mit einer eiſernen Kette verſperrt iſt! Sie wiſſen es, Sire, und ſie wollen dieſe Kette zerſprengen! Nun, und wenn auch, meinen ſie denn, daß unſere Matroſen keine Augen haben und ſich gutwillig in die Luft ſprengen laſſen? Die Nacht iſt dunkel und die Matroſen ſchlafen! Man will brennende Pechkränze in das Tauwerk ſchleu⸗ dern und Vitriol auf die Segel ſpritzen. Sire, ich beſchwöre Euch, glaubt meinen Worten! Mit Gefahr meines Lebens bin ich gekommen, Euch dieſe wichtige Nachricht zu bringen! Noch iſt es Zeit! Noch könnt Ihr retten! Sendet Eilboten hinunter nach Chatam, wo unſere Schiffe liegen, gebt Befehl, daß ſie ſogleich die Themſe herauf hierher ſegeln, laßt den Fluß mit vierfachen Ketten verſperren, und die Ufer mit Ka⸗ nonen beſetzen, um jedes Nähern eines holländiſchen Schiffes zu verhindern. Thut dies, und wir ſind ge⸗ rettet! Der König betrachtete ſie mit lächelnder Bewunde⸗ rung. Sie ſind der reizendſte Diplomat und der ſchönſte Kriegsminiſter, den ich jemals geſehen, ſagte er. Wollte Gott, daß alle dieſe langweiligen und un⸗ erträglichen Herren Staatsminiſter und Parlaments⸗ räthe Euch glichen, dann wäre das Regieren ein höchſt erbauliches Ding. Aber ſo iſt es ſehr langweilig, und Ihr werdet nicht verlangen, daß ich dieſes Feſt unter⸗ breche, um mit Regierungsſorgen die Zeit zu vergenden! Aber, Sire, England iſt in Gefahr, und jede Minute des Aufſchubs vergrößert die Gefahr! Karl Stuart lachte. Ihr feid eine Dichterin, ſagte er, und Ihr habt da ein allerliebſtes Mährchen erfun⸗ den, um unſerm Feſte eine neüe pikante Würze zu ge⸗ — 173— ben. Wir ſollen uns einbilden, auf einem Vulkan zu tanzen! Nun wohl, um ſo luſtiger werden wir tan⸗ zen, und wir danken Euch für dieſen köſtlichen Scherz, mit dem Ihr uns zum Wiederſehen begrüßt! Füllt Eure Becher, Mylords, und leert ſie mit mir auf das Wohl unferer Dichterin, der liebreizenden und holden, der übermüthigen und witzigen Aphra Behn! Sie ſtießen an und tranken und jubelten in er⸗ neuerter Luſt. Vergebens war es, daß Aphra immer auf's Neue den König beſchwor, ihr zu glauben und ſeine Vorkehrungen zu treffen, und mindeſtens ſeine Miniſter zuſammen zu rufen! Der König glaubte ihr nicht, er nannte Aphra's Mittheilung einen tollen Spaß, mit dem ſie ihn erſchrecken wolle, weiter nichts!*) Ihr ſollt aber ſehen, daß Karl Stuart ſich nicht vor Geſpenſtern fürchtet und an keine Mährchen glaubt! rief er endlich laut lachend. Meine Damen und Her⸗ ren: Wir verlängern unſer Feſt! Statt dieſer einen Nacht bleiben wir noch eine Nacht und noch einen Tag beiſammen, bis der Schreckenstermin abgelaufen iſt, den unſere geiſtreiche Dichterin zur Kataſtrophe ihres Mährchens feſtgeſetzt hat! Der Hof empfing dieſe Nachricht mit lautem Jubel. Nelly Gwyn hüpfte auf den Tiſch, und in tollem Uebermuth ſprang ſie umher zwiſchen den goldenen Pokalen und den klirrenden Flaſchen. Lord Rocheſter ſpielte dazu auf der Guitarre eine luſtige Melodie, und der König klatſchte entzückten Beifall zu dem graciöſen Eiertanz der ſchönen Tänzerin. Noch einmal verſuchte Aphra den König andern Sinnes zu machen! Er glaubte ihr nicht“**)! Und *) Cibber, Vol. III. pag. 22. **) Cibber, Vol. III. pag. 21. — 174— als ſie immer noch in ihn drang, wandte er faſt un⸗ willig ſich von ihr ab, indem er achſelzuckend zu ihr ſagte: Unſere Dichterin ſcheint in der That an das Märchen zu glauben, welches dieſe Mynheers einem leichtgläubigen Weibe angedichtet! Aber ſie ſollen ſe⸗ hen, daß es nicht lauter Weiber in England giebt, und z wir ihre Geſpenſter nicht fürchten! Laßt uns luſtig jein, luſtig, meine Herren, und zur Strafe dafür, daß Miß Aphra Behn unſer S geſtört, darf ſie daſſelbe nicht verlaſſen; ſie iſt ſo ernſthaft geworden in Holland. Sie ſoll bei uns wieder das Lachen erlernen und den Frohſinn. Wir verurtheilen ſie, unſer Feſt nicht zu verlaſſen, Jeder habe ein wach⸗ ſames Auge auf ſie! Miſtreß Aphra Behn iſt unſere Gefangene bis morgen Nacht, und wenn alsdann un⸗ ſere Schiffe nicht brennen, dann iſt ſie verpflichtet, Jedem von uns einen Kuß zu geben! So ſoll es ſein, jubelten die Herren. Nelly hüpfte herbei und drückte einen vollen Lorbeerkranz auf Aphra's Stirn und legte eine Guitarre in ihre Arme! Singe, Aphra, ſinge! Das Leben iſt ſo luſtig und die Menſchen ſind ſo tolle Narren! Sing' uns ein Bedlamslied, uns Bedlamskindern der Freude! Aphra ſtand da geſenkten Hauptes, eine tiefe Trau⸗ rigkeit ſprach aus ihren Mienen. Ihr wollt mir alſo nicht glauben, Sire? fragte ſie. Ich kann nicht glauben, was nicht glaublich iſt, rief der König lachend. Aphra richtete ſich auf; in ihren Augen ſtanden Thränen, aber ſie ſchüttelte ſie fort, ſie zwang ihren Zorn und ihre Indignation zu ſchweigen, und aus innerer Verzweiflung raffte ſie ſich jetzt auf zu einer ſeee krankhaften Heiterkeit. Sie griff in die Saiten, und es freute ſie, als* — 175— klirrend zerſprangen unter ihrem krampfhaften Griff. Es war ihr eine Art Erleichterung, eine Auslaſſung ihres innern Zorns. Sie nahm eine andere Guitarre, und begann eine luſtige Weiſe. Auf ihrem bleichen, edlen Angeſicht leuchtete eine ſarkaſtiſche Freude, ein ſpöttiſches Lächeln ſtand auf ihren Lippen, und ihre Augen flammten und blitzten in verachtendem Zorn.— Sie lachte und ſang, aber ihre Seele war voll Trauer, ein Lorbeerkranz bedeckte ihr Haupt, aber ein Dor⸗ nenkranz hatte ihr Herz zerfleiſcht, und es verbluten gemacht! Und man ſang und lachte, und ſcherzte und jauchzte zwei Tage lang! Plötzlich hörte man draußen heftiges Schreien und Rufen! Feuer! Feuer! ſchallte es durch die Straßen. Jetzt klopfte es an die Pforten des Saals. Der Herzog von Albemarle kam und verlangte den König zu ſprechen. Man ließ ihn ein. Sire, ſagte er zitternd und bleich, ich habe Euch ein fürchterliches Unglück zu melden. Eine frevelnde Hand hat den letzten Reſt unſerer Flotte vernichtet! Die Holländer haben es gewagt, die Ketten zu ſprengen, ſie ſind in die Themſe geſteuert und haben unſere Schiffe in Brand geſteckt! Aller Augen wandten ſich auf Aphra hin. Sie ſtand da, ſtolz aufgerichtet, ein Lächeln des Triumphes in ihrem edlen, bleichen Angeſicht. Der König unterdrückte den heimlichen Aerger, den er empfand, und ſagte ruhig: Brennt es wirklich? Tretet nur zum Fenſter, Sire, der ganze Himmel leuchtet in dunkelrother Gluth! Alle unſere Schiffe brennen! Nun, wenn ſie ſchon ſo weit ſind, dann bleibt — 176— uns nichts weiter übrig, als ſie brennen zu laſſen, unſere Thränen können ſie nicht mehr löſchen, ſagte der König. 2 Aber das Volk iſt in wilder Wuth und Angſt, Sire. Die letzte Hoffnung eines erneuerten Wohl⸗ ſtandes verbrennt mit dieſen Schiffen! Zeigt Euch wenigſtens Eurem unglückſeligen Volk, beruhigt es durch Euren Anblick, tröſtet es mit Eurer Theilnahme! 7 Nein, rief der König, ich gehe nicht. Ich ſende Euch als meinen Boten mit innigſten Liebesgrüßen an mein Volk. Sagt ihm, ich liebte es, ſagt ihm, was Ihr wollt, nur ſtört uns nicht länger! Der Herzog entfernte ſich, und das Feſt nahm ſeinen Fortgang, und der ganze Hof pries mit ent⸗ zückten Worten dieſe edle und heldenmüthige Selbſt beherrſchung des Königs. Man nannte es groß und. erhaben und göttlich ſchön, daß der König lachen konnte und ſcherzen, während Englands Schiffe ver⸗ brannten, und die letzte Quelle ſeines Wohlſtandes hinab ſank in's Meer*)! Es gab nie etwas Erhabeneres und Stolzeres, ſagte Buckingham in ſeiner ſarkaſtiſchen Weiſe. Ihr gleicht dem größten der römiſchen Kaiſer! Nero ſang als Rom verbrannte, ſingt, ſingt, König Nero von England, Ihr habt Grund, fröhlich zu ſein, denn unſere Schiffe leuchten als Fackeln zu unſerm Feſt! Am andern Tage aber ritt der König, begleitet von ſeinen Miniſtern und den ehrwürdigſten und beim Volk am wenigſten verhaßten Herren ſeines Hofes durch die noch in Aſche und Trümmern liegende Stadt, und mit hinreißender Freundlichkeit und einem überzengenden *) Burnet. Vol. I. p. 421. Ansdruck von Wahrheit, verſicherte er den Bürgern: er lebe und athme nur für ihr Glück, und er wolle leben und ſterben mit ſeinem heißgeliebten Volke*)! V Schluß. Aphra Behn hielt Wort. Sie lebte hinfort nur noch dem Vergniügen und der Zerſireuung, und obwohl König Karl ſie bat, als ſeine Geſandtin nach Holland zurückzugehen, um die Friedensbedingungen ſo günſtig als möglich für England zu machen, lehnte ſie es doch feſt und entſchieden ab. Sie wollte ſich nicht noch einmal der Gefahr ausſetzen, daß man ihren Worten nicht glaubte, und um ihrer Nachrichten willen ſie verlachte, und ſie verachtete die Menſchen zu ſehr, um ſich um ihretwillen noch mit Gefahren und Mühen belaſten zu wollen. Sie hatte dem Glück entſagt, ſie ſuchte und ver⸗ langte nichts mehr als Zerſtreuung und Genuß. Sie ſtürzte ſich in Feſte aller Art, ſie wollte vergeſſen, ſie wollte die heimlichen Qualen ihrer Seele betäuben. Immer aber blieb auf dem Grunde ihres Herzens ein niemals zu beſchwichtigender Schmerz, eine nimmer endende Klage. Was that ſie nicht Alles, um dieſe zu übertäuben, und dennoch wollte es niemals gelingen! Ob ſie auch lachte und fröhlich ſchien, die Klage in ihr blieb immer wach, ob ihre Lippen auch überſpru⸗ *) Burnet, history of my own time. Vol. I. pag. 423. Karl I. 3. 12 „ — 178— delten von heitern Scherzen und übermüthigen Witzes⸗ worten, der Schmerz in ihr verſtummte niemals. Sie war eine freie Frau, und dennoch lag ſie gefeſſelt in unzerreißbaren Banden, denn ſie war unglücklich. Sie hatte ſich losgelöſt von allen Vorurtheilen, deshalb ſchwebte ſie jetzt vereinſamt mit ihren von der Welt unverſtandenen und geſchmäheten Ideen im All umher. Aber es gab endlich für ſie doch einen Troſt und eine Zuflucht, ſie war nicht bloß ein Weib, ſie war auch eine Dichterin, und ſie flüchtete ſich zu der Poeſie. Was in ihr klagte und jammerte, daß ließ ſie heilen von dem Wunderbalſam der Begeiſterung, und min⸗ deſtens während ſie ſchrieb, verſtummte in ihr die Klage und der Schmerz. Sie gab ihre Seele der Dichtkunſt hin, und em⸗ pfing von ihr das göttliche Schauen deſſen, was nicht iſt, und dennoch niemals aufgehört hat zu ſein, die himmliſchen Offenbarungen deſſen, was dem Men⸗ ſchenohr niemals erklingt und durch das All der Schöpfung ewig doch fortklingt in hehren und ent⸗ zückenden Melodieen. Was ihr die Liebe nicht hatte gewähren können, das gab ihr die Poeſie. Ruhe und Gennß, heitere Stunden und glückliche Phantaſieen. Sie gab ihr mehr als das, ſie gab ihr Ruhm! WAphra war nicht mehr eine glückliche Frau, aber ſie war eine berühmte Frau. Sie ſchrieb mit unend⸗ licher Leichtigkeit, ſie ſchrieb, was ſie empfand, und was ſie durchglühte. Sie ſchrieb die Wahrheit ihres Herzens in ihre Bücher hinein, und weil man die innere Wahrheit ihrer Dichtungen fühlte, fanden ſie auch Anklang in Aller Herzen. Ihre Lieder wurden in wenig Jahren zehnmal neu aufgelegt und ver⸗ griffen, ihr Roman„Oronooko“ war das Entzücken aller Ladies und Miſtreſſes, und gab dem bekannten Dichter Southern den Impuls zu ſeiner beſten Tragödie„Oronvoko“, welche er faſt wörtlich Aphra's Roman entnommen hat. Ihre dramatiſchen Arbeiten erſchienen auf allen Bühnen, und das Publikum war immer auf's Neue entzückt von dem heitern Witz, dem leichten und anmuthigen Dialog, der ſpannenden In⸗ trigne dieſer Komödien*). Ueberall feierte man ſie als die talentvollſte Frau, die geiſtreichſte Dichterin, und ganz England ſtimmte ein in das Lobgedicht, welches Charles Cotton, ein zu jener Zeit gefeierter Gelegenheitsdichter auf Aphra Behn gemacht, und das man damals wegen ſeines eleganten *) Aphra Behn hat ſiebenzehn Dramen geſchriehen. 1.2. Der Räuber, oder der verbannte Cavalier, Komödie in zwei Abtheilungen. 3. Der Liebhaber aus Holland, Komödie. 4. Abdelazer, oder des Mohren Rache. Tragödie. 5. Der junge König. Tragi⸗Komödie. 6. Die Rundköpfe. Komödie. 7. Die Erbin in der Stadt. Komödie. 8. Der Stadtnarr. Komödie. 9. Der falſche Graf, oder ein neuer Weg, ein altes Spiel zu ſpielen. Komödie. 10. Die glückliche Wahl, oder eines Aldermans Gewinn. Komödie. 11. Die gezwungene Ehe. Tragi⸗Komödie. 12. Sir Patient Fancy. Komödie.(Der einge⸗ bildete Kranke). 13. Die hochmüthige Witwe. Tragi⸗Komödie. 14. Die erheuchelte Courtiſane. Komödie. Dieſe wird für Aphra Behn's gelungenſtes Drama gehalten, und ward 40 Mal hinter⸗ einander auf dem königlichen Theater aufgeführt. Sie iſt im Druck erſchienen 1679, und NRelly Gwyn zugeeignet). 15. Der Mondkaiſer. Farce. 16. Der verliebte Prinz. Komödie. 17. Der jüngere Bruder. Komödie. Ihre Romane ſind: 1. Oronvoko, oder der königliche Sclave. 2. Die ſchöne Buhlerin. 3. Die Nonne. 4. Ines de Caſtro. 5. Die Uhr für Liebende. 6. Der Damenſpiegel.(Letztere Beide ſind keine Romane, ſondern eigentlich eine dialogiſirte Philoſophie der Liebe.) Der Lnh Irrthum. 8. Der Hof des Königs von Bantam. 9. Die Abentheuer der ſchwarzen Lady. 1 * — 180— Styls bewunderte, obwohl wir es heut etwas geziert und geſchraubt finden möchten. In Wortgetrener Ueberſetzung lautet es: 7 Manch Einer ſchreibt wohl Manches gut und iſt in Anderm ſchlecht, Nur Deine Kraft wird allen Themata's gerecht. Des Soecus und Kothurnus Weiſ' iſt Dir bekannt, In beiden biſt gleich anmuthsvoll Du und ge⸗ wandt, Doch, Aphra, wenn von Lieb Du ſchreibſt, ſo wetzet Dort Amor ſeine Pfeil', wo Du die Feder ſetzeſt. Solch anmuthsvolle Wort' beſtrahlten nie Papier, Wie Dein Geſchlecht ſo gleichend i Aber was halfen ihr alle dieſe Verherrlichungen und dieſe Triumphe, ſie lächelte darüber und verach⸗ tete ſie. Sie haite auf den Grund aller Dinge ge⸗ ſehen, und überall hatte ſie unter verlockenden Blumen nur Verweſung und Tod gefunden. Es war ihr Alles zuſammengeſchrumpft zu einer großen Lüge! Die Liebe und das Glück, die Wahr⸗ heit und die Tugend. Sie glaubte an nichts mehr, denn ſie hatte keine Illuſionen mehr. *) Some hands write some things well, are elsewhere lame, But on all themes vour power is the same. Of Buskin and of Suck you know the Pace . And tread in both with equal skill and grace. But when you write of Love, oh Aphra, then Love dips his arrows, where you whet your pen. Such charming lines did never paper grace Soft as vour Sex, and smooth as beauty's face! (Longbaine. Account of the english Pramat. Poets.) — 181— Sie hoffte auf nichts mehr,— nur noch auf den Tod! Und der kam endlich, ſie zu erlöſen. Sie ſtarb, noch bevor ſie das vierzigſte Jahr erreicht hatte, aber ſie war alt in ihrem Herzen, ſie hatte Alles durchlebt, alle Freuden und alle Leiden, es war ihr nichts mehr geblieben, kein Vergnügen ſogar und keine Hoffnung. Sie war überſättigt von Allem, ſogar von dem Schmerz und ſogar von dem Ruhm! Zu Weſtminſter begrub man ſie feierlichſt, und die berühmteſten und ausgezeichneteſten Dichter Eng⸗ lands und die größten Herren des Hofes folgten ihrem Sarge. Zu Weſtminſter ſieht man noch heute ihre Gruft, und auf derſelben ſtehen folgende Worte: Here lies a proof, that wit can never be Defence enough against mortality. (Hier lieget der Beweis, daß Klugheit nie genügt Uns zu vertheidigen, wenn uns der Tod beſiegt.) Auch König Karl der Zweite ſollte ſein Grab noch in England finden. Aber er war der Letzte der Stuarts, dem es beſchieden, auf dem Thron zu ſterben. Doch lange ſchon vor ſeinem Ende war die Liebe des Volks zu ihm erloſchen, und Niemand klagte um ihn bei ſeinem Tode, denn König Karl hatte es nicht ver⸗ ſtanden, die Liebe, welche das Volk dem heimgerufenen Sohn des unglücklichen Carl des Erſten ſo glühend entgegengetragen, zu bewahren. Er hatte ſein Gelübde, das er ſeinem Volke geleiſtet, nicht erfüllt, er hatte England nicht glücklich gemacht. Aber um ſo getreu⸗ licher hatte er das Gelübde erfüllt, das er dem Pater Mathews gegeben. Er verfolgte die Proteſtanten, und errichtete Scheiterhaufen für die Republikaner. — 182— Er ſelber indeß, König Karl der Zweite, ſollte die blutige Erndte der von ihm ausgeſtreneten Saat des Böſen nicht mehr erleben. Er ſtarb nach zwanzig⸗ jähriger Regierung eines friedlichen Todes. Sein Bruder, der Herzog von York, folgte ihm als Jacob der Zweite auf den Thron von England. Aber mit ihm ſollte die Herrſchaft der Stuarts enden. Das Volk erhob ſich gegen den papiſtiſchen König, der in grauſamer Wuth die Proteſtanten verfolgte, und in den Tod jagte; es erhob ſich und verjagte den König, ſeine Gemahlim und ſeinen Sohn. Es rief den Schwager des Königs, Wilhelm von Oranien, und deſſen Ge⸗ mahlin, die Schweſter Karl's und Jacob's, nach England und der König Wilhelm ſollte dem armen England endlich das Glück wiedergeben, welches das entartete Geſchlecht der Stuarts ihm nicht zu geben vermochte.— Das Geſchlecht der Stuarts aber ver⸗ loſch in Nacht und Vergeſſenheit. König Jacob war mit ſeiner Gemahlin nach Frankreich entflohen. Dort lebte er, und dort ſtarb er. Sein Sohn, der ſoge⸗ nannte Prätendent, verſuchte vergeblich, den Beiſtand und die Hülfe der Höfe für ſich aufzurufen. Er ſprach von England, das er nie geſehen, immer nur als von ſeinem Reiche, er nannte die Engländer„meine Unterthanen“, und liebte es, die Einkünfte zu berech⸗ nen, die er jährlich als rechtmäßiger König von England zu verzehren haben würde. Aber England wollte nichts von ihm wiſſen, es wollte ihm weder eine Krone, noch ein Jahrgeld geben, und der„Prä⸗ tendent“ mußte ſich endlich entſchließen, als gewöhn⸗ licher Menſch zu leben. Er ging nach Italien, kaufte ſich dort eine Beſitzung und nannte ſich nach ihr Graf Albani. Sein Sohn und Erbe war auch der Erbe 4 4 — 183— ſeiner Prätenſionen. Er war vermählt mit einer Gräfin Stolberg, die ihn, gemartert von ſeiner Eiferſucht und ſeinen Launen, verließ, und als die edle Freundin des Dichters Alfieri bekannt iſt. Mit dem Grafen Albani erloſch das Geſchlecht der Stuarts. Ende des dritten und letzten Bandes. Druck von C. Guthſchmidt& Comp. in Berlin, Lindenſtr. 81. ſiſſſſſſſſſſiſſſſſſmſſinſſi 6. 8 9 10 11 12 13 14 15