— Leihbiblivthet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 7 Cdnard Otkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und weſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Nückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Laution. Unbekannte Perſonen müſſen, b ei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: Pf. 1 Mr. 50 Pf 2 Pf. „ 3 Srh„ S 5. Auswärtige Ahonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſekbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Die glühenden Streifen der Abendſonne hüll⸗ ten die Landſchaft wie in ein purpurnes Gewand ein, und warf hier ein magiſches Licht auf die Bananen und die im Abendwind flüſternden Palmen, während dort die Dämmerung ſchon ihre langen Schatten über das Dattelgehölze und die Pinien zu legen begann. Im nahen Palmenwalde ſchnatterten die Papageyen mit lautem ſchrillem Gekreiſch, oft übertönt von dem Geſchrei der Affen, oder dem gluckernden Gelächter der großen Waldtaube des Südens. Das junge Mädchen, das ſich über den Balkon jenes ſtattlichen Gebäudes dort lehnte, ſchaute mit ſinnenden Blicken auf dieſes ſchöne lebensvolle Bild vor ihr. Sie war ſchön und lieblich anzuſchauen; aus ihren blauen Augen leuchtete eine Welt von Un⸗ ſchuld und Ingend, ihr dunkles Haar hing in langen dichten Locken zur Seite ihrer leichtgerötheten Wangen nieder, um ihre purpurnen leicht aufgeworfenen Lippen ſpielte ein jugendfriſches Lächeln. Aber doch fühlte man, daß auch dieſes leuchtende ſonnenhelle Antlitz ſchon geweint, daß ſchon Wolken über dieſe hohe reine Stirn hingezogen. Wenn ſie, wie jetzt, träumeriſch mit holdem Lächeln ihren ſtillen Gedanken ſich hingab, dann glich ſie mit dieſer zarter haften Geſtalt faſt einem Kinde, auf deſſen reiner, von keinem Wölkchen verdüſterten Stirn nur die ſüßeſte, friſcheſte Lebensluſt ſtrahlte. Doch plötzlich konnte der Ausdruck ihres Geſichtes wechſeln, das Lächeln ver⸗ ſchwand von ihren Lippen, die Stirne ward gedanken⸗ voll und trübe, und aus ihren großen Blicken ſtrahlte ein trotziges, ſtürmiſches Feuer. In jenem Moment ein liebliches, zartes Kind, war ſie in dieſem ein volles, glühendes Weib, das mit ſeiner Lebenskraft und ſeiner Lebensgluth dem Schickſal und dem Unglück kühn ſich entgegenzuſtellen ſchien. Sie hatte eben noch gelächelt; jetzt verfinſterte ſich ihre Stirn, und ihre Augen flammten, denn ſie wußte, daß ſie nicht mehr allein war, ſie hatte die ſich nä⸗ hernden Schritte jenes Mannes gehört, der eben aus der offnen Salonthür auf den Balkon trat. Obwohl ſie nicht zu ihm umſchauete, obwohl ſie ſein Kommen gar nicht zu bemerken ſchien, wußte ſie doch an dem zürnenden Schlag ihres Herzens, dem inſtinktartigen Erbeben ihrer Seele, daß der, welcher ihr nahte, ihr verhaßter Verfolger ſei, verhaßt ihr, weil er ſie liebte und ihre Gegenliebe forderte. Das junge Mädchen gab ſich den Anſchein, den hinter ihr Stehenden gar nicht zu bemerken Sie lehnte ſich tiefer über den Balkon, und ſummte ſich leiſe ein engliſches Lied, das von Heimweh und Ver⸗ laſſenheit klagte. Aber er, den ſie ihren Verfolger nannte, er wußte es wohl, daß ſie ihn lange ſchon bemerkt hatte, und ein unheimliches, grauſames Lächeln glitt durch ſeine finſtern Züge, als er wahrnahm, daß ſie ihn nicht beachten wollte. Ich will ſie wenigſtens zwingen, mich zu bemer⸗ chte er mit heimlichem Zorn. Es ſoll nicht ken, da n, daß dieſes ſtolze, übermüthige Kind den mächtigſten und vornehmſten Mann dieſes Landes überſehen darf! Wie zufällig und aus Verſehen ſtieß ſeine Hand an eins der koſtbaren Topfgewächſe, die auf der Ballu⸗ ſtrade des Balkons ſtanden. Mit lautem Gepraſſel flog es hinab und dem dumpfen Getön ſeines Falles folgte ein lautes, ſchrilles Gekreiſch und Geheul mit Schmerzenslauten und Wehegeſchrei untermiſcht. Das junge Mädchen unterbrach ſich in ihrem leiſen Geſange, und wandte ihr Antlitz mit einem ſchaden⸗ frohen Lächeln dem unwillkommenen Störer zu. Sie haben, indem Sie meine Lieblingsblume da ſo eben hinunterſchleuderten, ſich gleich ſelber beſtraft, Herr Gouverneur, ſagte ſie. Es iſt Ihr Lieblings⸗ affe, der Jocko, welcher da ſo fürchterliche Klagetöne ausſtößt. Der fallende Topf hat ihm den Arm ge⸗ troffen. Jedenfalls danke ich ihm das Glück, Ihr Antlitz zu ſehen, Aphra, ſagte der Gouverneur, und das iſt ein Glück, welches nicht zu theuer mit einer zer⸗ knickten Blume und dem Blute eines Affen bezahlt wird. Sie brach in ein lautes, fröhliches Lachen aus. In dieſem Moment war ſie ganz wieder das muth⸗ willige, unbefangene Kind mit den hellen Gazellenaugen und der unwiderſtehlichen Jugendluſt. Der Gouverneur ſchöpfte daraus Hoffnungen, und ſagte fröhlich: Sie lachen über meine wahrſcheinlich etwas veraltete Galanterie, die ſchlecht paſſen mag zu Euren verzärtelten europäiſchen Formen. Aber be⸗ denken Sie, Aphra, daß ich ſeit mehr denn zwanzig Jahren dies Ihr geliebtes Europa nicht geſehen habe, und daher wenig wiſſen kann von den neumodiſ Formen Eurer Routs und Eurer Salons. Ich kiel Sie, das iſt Alles was ich zu ſagen weiß, und dieſe Liebe hat mich zu Ihrem Knechte und Sclaven ge⸗ macht, ſie hat mich ſo ganz Ihnen zu Eigen gegeben, daß ich vor Ihren zürnenden Blicken zittre, wie ein Kind, und daß ein Wort des Beifalls und der Zu⸗ friedenheit von Ihren Lippen mich zu dem Glücklichſten der Sterblichen macht! Ich wüßte nicht, ſagte ſie gelaſſen, daß ich Ihnen jemals ſeit dieſen drei Monaten, die ich gezwungen bin, in Ihrem Hauſe zu leben, ein ſolches Wort geſagt hätte! Es iſt wahr, Sie ſind ſehr grauſam gegen mich! ſeufzte er. Weil Sie es ſo ſehr gegen Andere ſind, rief ſie mit aufflammender Gluth. Sie nennen jede gerechte Strafe, die ich, kraft meiner Amtsgewalt als Gouverneur dieſes Landes, verhängen und vollſtrecken laſſen muß, eine Grauſam⸗ keit! rief der Gouverneur. Oh, Sie ſind nicht grauſam, weil Ihre Geſetze es verlangen, rief ſie, dieſe Grauſamkeit liegt in Ihrer Seele, in Ihrem Blut, und darum fürchte ich mich vor Ihnen, und darum zuckt meine Hand zurück, wenn ſie die Ihre berührt, und darum werde ich Sie niemals kieben, Herr Gouverneur Graf Banniſter. Und das junge Mädchen wandte mit einem Blicke ſtolzer Verachtung ſich ab, um den Balkon zu ver⸗ laſſen. Der Gouverneur faßte heftig ihre Hand und hielt ſie zurück. Wiſſen Sie, ſagte er mit mühſam unterdrücktem Zorn, wiſſen Sie, daß es zum allerwenigſten ſehr unvorſichtig iſt, ſo zu mir zu reden, Aphra? Sie haben Furcht vor mir, ſagen Sie, nun, dann ſollten Sie wenigſtens davor zittern, meinen Zorn zu reizen! Aphra richtete ſich höher auf, ihre Augen flamm⸗ ten, und ein ſtolzes, verächtliches Lächeln trat auf ihre Lippen. Ich fürchte nicht Ihren Zorn, ſondern nur Ihre Liebe, Graf Banniſter, ſagte ſie. Ach, Ihr Zorn! Weshalb ſollte ich zittern vor dem? Es iſt wahr, Sie können mich in Feſſeln legen, Sie können mich martern laſſen, wie Sie es Ihren armen ſchutzloſen Sclaven thun, aber es iſt ſchöner von Ihrer Grau⸗ ſamkeit zu ſterben, als lebend mit Ihrer Liebe ge⸗ geißelt zu werden! Mein Gott, rief der Graf faſt verwundert, wes⸗ halb haſſen Sie mich denn? Weshalb ich Sie haſſe! ſagte ſie mit einem ſchmerz⸗ lichen Lächeln. Schauen Sie umher in dieſem Lande, das einſt vom Himmel mit ſeinem ſchönſten Liebesblick geſegnet zu ſein ſchien, Sie haben dieſes Eden ver⸗ wandelt in eine fluchbeladene Stätte der Greuel, das Paradies iſt geblieben, aber ſtatt der Menſchen haben Sie die Gottheit daraus vertrieben, und die Men⸗ ſchen ſind zurückgeblieben, um mit todeswunden Glie⸗ dern und blutender Bruſt ihre Hände zum Himmel empor zu ringen, und ihn zu fragen: ob denn da droben kein Gott mehr wohne, der ihres Jammers ſich erbarme, und Mitleid habe mit ihrer Qual! Während ſie, ganz glühend von Erregung und ſchmerzlichem Zorn, ſo ſprach, war es lebendig ge⸗ worden auf dem großen Platze, der vor dem Land⸗ hauſe ſich ausbreitete. Die Arbeit des Tages war zu Ende und in einem langen Zuge kehrten die Selaven heim von den fernen Zuckerplantagen, auf denen ſie gearbeitet hatten. Wie ein großer Leichenzug bewegte dieſe dunkle wogende Menſchenmaſſe ſich vorwärks, nur daß ſtatt der Ceremonienmeiſter mit dem ſilbernen 6 Stabe die Aufſeher mit den Peitſchen voran ſchritten. 10 Traurig, geſenkten Hauptes, zogen die Sclaven einher, und wunderbar ſchauerlich tönte der einförmige, me⸗ lancholiſche Geſang, mit welchem ſie ſich naheten. Sie ſingen ein Todtenlied! rief das junge Mädchen entſetzt, ich kenne dieſe Weiſe, Cäſar hat ſie mich ge⸗ lehrt. Es iſt das Klagelied um einen gefallenen Freund. Sie haben alſo wieder einen armen Selaven zu Tode prügeln lafſen? Der Gonverneur begegnete dem zornigen Blicke Aphra's mit ruhigem Lächeln. Miß Aphra Johnſon, ſagte er kalt, ſo lange Sie nicht einwilligen, Ihren Namen zu wechſeln, und ſtatt den Ihren den meinigen anzunehmen, ſo lange kann ich Ihnen nicht das Recht zugeſtehen, über die innern Angelegenheiten meines Haushaltes eine ent⸗ ſcheidende Stimme zu haben. Es iſt wahr, man nennt meine Aufſeher ein wenig hart, grauſam ſogar, aber dafür arbeiten meine Sclaven auch mehr und länger, als die aller übrigen Plantagenbeſitzer, und meine Aecker und Ländereien ſind die ſchönſten und wohlgepflegteſten in ganz Surinam. Sie ſind mit Blut gedüngt! ſagte Aphra ſeufzend. Der Gouverneur zuckte leicht die Achſeln. Wenn das ein gutes Düngungsmittel iſt, ſagte er, ſo thun meine Aufſeher wohl, es dann und wann anzuwenden. Der Zug der Sclaven hatte jetzt den großen Platz vor dem Hauſe erreicht. Aus den Hütten, welche rings denſelben umgaben, ſchlüpften mit freudigem Willkommengruß die Kinder und die Weiber hervor, welche Krankheit oder andere Beſchäftigungen heute von der Feldarbeit fern gehalten. Aber die Heimge⸗ kommenen achteten nicht auf ſie. Fort und fort tönte ihr trauriger Geſang, in welchen die Weiber und Kinder einzuſtimmen begannen, indem ſie traurig ſich den Männern anſchmiegten. Dieſe hatten inzwiſchen einen großen Kreis rings um den Platz geſchloſſen, und ſangen ihr ſchauerlich melancholiſches Klagelied weiter. Wiſſen Sie, wen ſie beweinen? fragte der Gou⸗ verneur das junge Mädchen, welches mit gefalteten Händen, geſenkten Hauptes neben ihm ſtand, und wehmuthsvoll auf die armen Sclaven niederblickte. Sie ſchüttelte verneinend das Haupt. Der Gouverneur betrachtete ſie mit lauernden Blicken. Sie kennen doch den Cäſar, welchen dieſe albernen Schwarzen den König Oronvoko nennen? ſragte er. Das junge Mädchen fuhr, wie von einem furcht⸗ baren Schreck getroffen, empor, und ihre Wangen übergoſſen ſich mit Todesbläſſe. Als aber ihre ent⸗ ſetzten Blicke den lauernden, ſchadenfrohen Angen des Gouverneurs begegneten, faßte ſie ſich ſchnell, und nahm wieder ihre vorige gewohnte Ruhe an. Es wäre ſehr unklug und ſehr unpolitiſch von Ihnen, wenn Sie den Prinzen getödtet hätten, ſagte ſie, denn Sie hätten alsdann gegen Ihren eigenen Vortheil gehandelt. Sie ſagten zuvor, Ihre Sckaven ſeien die fleißigſten Arbeiter! Woher kommt das? Weil der Prinz Oronooko ſie zur Geduld und zum Fleiße ermahnt, und weil das edle Beiſpiel, mit wel⸗ chem er ihnen vorangeht, indem er mit freudigem Muthe ſich den härteſten Arbeiten unterzieht, ſie anſpornt, ihm nachzueifern. Nein, nein, Sie werden niemals den Muth haben, Den zu tödten, deſſen bloßes Daſein ſh die Treue und Ergebenheit Ihrer Selaven ichert! Und wenn ich es nun doch gethan hätte? fragte der Graf, indem ſeine Augen ſie faſt zu durchbohren ſchienen. 4— 2 Aphra erbebte, wie im Fieberfroſt. Ihr Antlitz nahm einen drohenden, faſt wilden Ausdruck an, und ihre Lippen zitterten vor innerer Erregung. Wenn Sie das gethan hätten, rief ſie mit gewal⸗ tiger Stimme, wenn Sie dieſen kannibaliſchen Muth gehabt, dann— Sie unterbrach ſich plötzlich, und ein ſeliges Lächeln flog wie ein Sonnenſchein über ihr Angeſicht. Der ouverneur folgte ihren leuchtenden Blicken, ſie be⸗ erkte weder ſein Beobachten, noch ſein grauſames e Sie blickte immer noch hinunter in den Hof und auf die Sclaven. Dieſe hatten plötzlich inne gehalten in ihrem Geſange, ſie hatten die geſenkten Häupter empor gerichtet, und ihre Augen heſteten ſich auf den, welcher ſo eben in ihren Kreis getreten. Oronooko! flüſterte Aphra unwillkürlich, indem ſie mit einem glücklichen Lächeln zu ihm hinunter blickte. Der Jüngling da unten bemerkte ſie nicht, er durch⸗ ſchritt mit ſtolzen gemeſſenen Schritten den Kreis, während die Neger die Kniee vor ihm beugten, und mit ehrfurchtsvollem Gruß ihn empfingen. Wie ein König war er anzuſchanen, dieſer Negerjüngling. Stolz und Hoheit ſtrahlten von ſeiner Stirn, und ſein Auge war blitzend und hell, wie das Auge eines Adlers. Seine hohe Geſtalt war nur von einem kurzen, vom Gürtel bis zum Knie reichenden Gewande verhüllt, und ließ daher das ſeltene Ebenmaaß ſeiner Glieder und die Schönheit ſeiner Formen erkennen. Der Neger war in die Mitte des Kreiſes getreten, und indem er ſeine raſchen, feurigen Blicke auf die in athemloſem Schweigen ihn umſtehenden Neger rich⸗ tete, begann er anfangs mit leiſer, klagender Stimme, bu immer lauter, immer mächtiger zu ihnen zu reden. — Er ermahnt ſie zur Geduld und Ergebung, ſagte Graf Banniſter, er ſagt ihnen, daß der große Geiſt die beiden Sclaven, welche heute unter der Peitſche geſtorben, lieb gehabt, deshalb habe er ſie zu ſich gerufen. Aber nur die Guten und Fleißigen rufe er, der große Geiſt, deshalb ſollten ſie fleißig ſein und ergeben. 3 Aphra verſtand kein Wort von dem, was der Neger ſprach, aber ihren Ohren erklang es wie Muſik, wie himmliſcher Geſang, und mit angehaltenem Athem lauſchte ſie. 2 Graf Banniſter legte leiſe ſeine Hand auf ihren rm. Aphra, ſagte er mit faſt zitternder Stimme, Aphra, die Sonne ſinkt, und ich habe mir heute ge⸗ ſchworen, daß dieſer Tag nicht zu Ende gehen ſollte, ohne daß er mir die Entſcheidung meines Schickſals brächte. Aphra, wollen Sie ſich entſchließen, meine Gemahlin zu werden? Niemals! ſagte ſie zerſtreut, noch immer hinunter lauſchend in den Hof. Ueberlegen Sie! rief der Gouverneur dringend. Denken Sie an Ihre eigene Lage, an Ihre Verlaſſen⸗ heit! Wie eine fremde Wunderblume ſind Sie an dieſe Küſte geſchlendert, ſchutz⸗ und heimathlos ſind Sie ohne mich, ohne meinen mächtigen Arm. Aber ich, Aphra, ich will Sie zur Gebieterin dieſes Landes erheben, mächtig ſollen Sie ſein, wie eine Königin, und tiefer noch wie dort vor Oronvoko ſollen ſich vor Ihnen die Sklaven im Staube bengen! Und Aphra, bedenken Sie es wohl, Sie ſollen die Schutzgöttin dieſer Sklaven ſein. Sie nennen mich grauſam, wer⸗ den Sie mein Weib, und ich will von Ihnen die Milde und das Erbarmen lernen! Sie klagen meine Sklavenaufſeher der barbariſchen Härte an, werden Sie mein Weib, und zur ſelben Stunde will ich dieſe Ihnen verhaßten Männer zu Tode peitſchen laſſen, und von Ihnen ſoll es abhangen, ihre Stellvertreter zu wählen. Entſchließen Sie ſich, Aphra, legen Sie Ihre Hand vertrauensvoll in die meine, laſſen Sie es mich verſuchen, Ihnen eine glückliche und ſchöne Zukunft zu bereiten. Er hatte, während er mit eindringlichem Flehen ſo ſprach, ihre Hand ergriffen, und hielt ſie feſt in der ſeinen. Sie entriß ſie ihm mit einem Ausdruck des Entſetzens und Abſcheu's. Sie fordern das Unmögliche, rief ſie ſchaudernd. Niemals kann ich das Weib des Mannes werden, den ich verabſcheue, weil er der Mörder und der Henker dieſer armen, verlaſſenen Geſchöpfe iſt, welche doch Menſchen ſind, gleich ihm ſelber, Menſchen, geſchaffen nach dem Ebenbilde Gottes! Nein, niemals kann Aphra Johnſon die Gemahlin des Mannes werden, der durch nichts berühmt geworden, als durch ſeine Grauſamkeit. Denn Sie wiſſen es, Herr Gouverneur, der Dampf des von Ihnen hier vergoſſenen Menſchen⸗ blutes iſt ſchon herüber gedrungen bis nach England, bis zu Cromwell hin, und man ſagt, der Diktator habe geweint, als er die Schilderung Ihrer Grauſam⸗ keiten las! Ja wohl weiß ich das, rief der Gouverneur mit einem rauhen Lachen. Ja, ich weiß, dieſer gütige Sir Olivier Cromwell, welcher ſich in ſtillen Stunden König von England nennt, dieſer weiche gefühlvolle Mann beſchloß meine Abſetzung und ſandte ſeinen Lieb⸗ ling, Ihren Herrn Vater, hierher, um meine Stelle einzunehmen. 8 Aphra's Augen füllten ſich mit Thränen. Oh „ mein geliebter, theurer Vater, flüſterte ſie, warum mußteſt Du ſterben, und Dein Kind einſam und hülf⸗ los zurücklaſſen! Warum mußten Sie auch den kühnen Muth ha⸗ ben, ihn hierher zu begleiten, unterbrach ſie der Gou⸗ verneur. Sie ſehen, Gott, welchen Cromwell und ſeine Conſorten beſtändig als ihren Bundesgenoſſen bezeichnen, dieſer Gott war für mich, und leitete meine Sache! Er machte, daß Ihr Vater ſtarb, als er kaum mit dem Fuß den Boden dieſes Landes betreten, und noch bevor es ihm gelungen, mich abzuſetzen, hatte ihn der Tod ſeiner geträumten Gonverneursherrlichkeit entſetzt. Sie ſehen, Gott iſt für mich, er ließ Sie allein auf dieſer fremdei Küſte zurück, Sie haben Niemand hier, als mich, nehmen Sie mich denn an als Ihren Freund und Gemahl! Aphra's Blicke waren ſchon wieder hinunter ge⸗ richtet in den Hof. Noch immer ſtanden da drunten die Neger, noch immer ſtand Oronvoko in ihrer Mitte und ſprach zu ihnen mit ſeiner klangreichen, ſonoren Stimme, und Aphra fühlte ſich bei dieſen Tönen wie von einem Zauber befangen. Sie ſchweigen, rief der Gouverneur, Sie über⸗ legen alſo, und Sie werden Sich entſchließen, meine Gemahlin zu werden! Niemals! ſagte ſie feſt, indem ſie ſtolz das Haupt zurück warf. Ich verachte Ihre Liebe, und ich ver⸗ werfe Ihre Hand. Eine dunkle Zornesgluth bedeckte das Antlitz des Grafen. Iſt das Ihr letztes Wort? fragte er zähne⸗ knirſchend. Mein letztes! ſagte ſie feſt. Nun wohlan, ſo hören Sie auch das meine! rief 8 — er außer ſich. Ich werde Sie nicht mehr beläſtigen mit meiner Liebe, ich werde Sie nicht mehr bitten, meine Gemahlin zu werden. Aber Sie ſelber ſollen kommen, ſich in meine Arme zu werfen, Sie jſelber ſollen zitternd und mit Thränen mich auf Ihren Knieen anflehen, daß ich Sie zu meinem Weibe erhebe. Sie ſind wahnſinnig, Herr Graf, ſagte Aphra ruhig und ſtolz, und was Sie da hindonnern, ſind prunkende Worte, von denen Sie wohl wiſſen, daß ſie ſich niemals erfüllen werden! Ich bin ein armes, ſchutzloſes Weib, aber ſo lange ich lebe, wird auch meine Ehre mit mir leben, und dieſe wird es niemals leiden, daß Aphra, und könnte ſie ſelbſt ihr Leben da⸗ durch retten, Ihre Kniee umklammert und um Ihre Liebe fleht. Wer aber wird Ihre Ehre ſchützen? fragte der Gouverneur höhniſch. Dieſer Dolch! ſagte ſie ruhig, indem ſie ein Stilet zwiſchen den Falten ihres Gewandes hervorzog. Und ich ſchwöre Ihnen, Sie ſollen dennoch zu meinen Füßen liegen, und um meine Libe flehen! Es giebt kein Mittel, mich zu ſolcher Unwürdig⸗ keit zu erniedrigen! ſagte ſie mit einem ſtolzen, kalten Lächeln. Ein wilder, entſetzlicher Ausdruck durchflog das Antlitz des Gonverneurs. Drohend erhob er den Arm, und zeigte hinunter auf den Platz, wo Oronooko in der Mitte der Sclaven ſtand. Es giebt ein Mittel! ſagte er mit einem wilden Lachen; dann wandte er ſich ab, und verließ den Balkon. Aphra ſchaute ihm unwillkührlich erbebend nach, und ihr Herz erzitterte in ahnungsvollem Grauen. 3 8 6 Sie fühlte ſich in dieſem Moment grenzenlos ver⸗ laſſen, grenzenlos einſam; jetzt war ſie ganz nur das zitternde, ſchüchterne junge Mädchen, das erbebt vor ſeiner Einſamkeit, und die Hand ausſtrecken möchte nach Schutz und Rettung. Sie gedachte ihrer Heimath, von der eine ganze Welt ſie trennte, ihrer Freunde, von denen Niemand bei ihr war, um ſie zu ſchützen und zu erretten. Oh mein Gott, flüſterte ſie zitternd, wann wird das Schiff die Anker lichten, das mich zu meinem ſchönen England zurückführt, und wann wird mein Fuß wieder den heimathlichen Boden betreten? Aber dies ſind thörichte Gedanken, unterbrach ſie ſich plötzlich in ihrem Selbſtgeſpräch. Möchte ich denn jetzt wohl dieſes Land verlaſſen? Und dann? Bin icch denn wirklich ſo einſam und verlaſſen hier? Nein, nein, es war undankbar, Deiner nicht zu gedenken, meine Freundin und Gefährtin. Ach, ich will ſie ſehen,. ſie ſoll bei mir ſein! Und ſich nach der offenen Salonthür hinwendend rief das junge Mädchen laut und mit zärtlichem Ton: Imoinda! Komm her zu mir, meine Imoinda! † II. Sclavin und Herrin. Auf der Schwelle des Salons erſchien eine junge Negerin, die glänzenden Augen mit fragendem Aus⸗ Fdruck auf ihre Gebieterin richtend. Aphra betrachtete ſie ſchweigend, ſie heftete die lächelnden Blicke auf dieſe zarte, und doch zugleich üppige Geſtalt, Feren veizende Formen ſich in nackter Schönheit dem Ange Karl I. 1. — 5. darboten. Ein leichtes, hochaufgeſchürztes Mouſſelin⸗ gewand, das in maleriſchen Falten von den Schultern und dem Buſen herabfiel, und um den zarten Leib mit einer durkelrothen Schärpe befeſtigt war, machte den gann der jungen Negerin aus. Nur um den Arm trug ſie eine goldene Spange, und in dem glänzenden ſchwarzen Haar, das in langen Zöpfen über den Nacken herabfiel war eine kleine Krone von blauen und rothen Federn befeſtigt. Weißt Du, Imvinda, ſagte Aphra nach einer Pauſe, weißt Du, daß Du ſchön biſt, wie— nun, womit vergleiche ich Dich nur ſchnell, Du junge Schönheit des Südens? Deine Schönheit iſt ſo ſeltſamer Art, daß wir europäiſchen Leute erſt nach neuen Ausdrücken dafür ſuchen müſſen. Wenn die Männer unſeres Landes uns preiſen wollen, ſo nennen ſie uns glän⸗ zend, wie der junge Tag, ſtrahlend wie die junge Morgenſonne, weiß wie der leuchtende Schnee, duftig wie eine junge aufblühende Roſe, und was weiß ich, wie ſonſt noch Alles! Aber das paßt Alles nicht auf Dich. Deine Schönheit hat nichts mit dem Tage, und nichts mit der Sonne gemein, und mit dem Schnee könnte man höchſtens Dein Gewand vergleichen, das einen wundervollen Contraſt bildet zu Deiner herrlichen glänzenden Schwärze! Am liebſten möchte ich Dich der Nacht vergleichen, aber die Nächte ſind nicht ſchön, wie Du! Sie ſind ſo voll qualvoller Gedanken, und Du biſt ſo und voll köſtlichen Lächelns! Sie ſind voll ſo fieberhafter Träume, und Du biſt voll ſo unſchuldiger Heiterkeit! Ach ich haſſe die Nächte und ich will Dich ihnen nicht vergleichen, denn Dich liebe ich! 5 Oh, die Nächte können auch ſehr ſchön ſein, flüſter Imvinda leiſe und mit einem reizenden Lächeln, wä) rend ſie ſich zu Aphra's Füßen niederſetzte, die ſich ſinnend und gedankenvoll auf einen Sopha hatte glei⸗ ten laſſen. Glaube mir, Herrin, die Nächte können ſehr ſchön ſein, aber, freilich, es müſſen glänzende Sterne da ſein, welche ſie erleuchten! Meine Sterne ſind untergegangen, ſagte Aphra ſeufzend. Fern von der Heimath, fern von den Freun⸗ den, in einſamer, gefahrvoller Verlaſſenheit ſind für mich die Toge ohne Sonne, und die Nächte ohne Sternenglanz! Ach, Imoinda, weißt Du, weshalb ich indem Du mir ſagſt, daß Du mich liebſt! Ich liebe Dich, gewiß, ich liebe Dich! rief die junge Negerin mit innigem Ton. Aber tröſten kann ich Dich nicht, denn— bedarf ich nicht ſelber des Troſtes? Bin ich nicht fern vom Vaterlande, wie Du, ferne von den Freunden, die mich lieben? Bin ich, die Sclavin, das verkaufte Kind einer fernen Zone, nicht tauſendmal unglücklicher, als Du? Du biſt zum Mindeſten frei, Deine Seele iſt nicht gebunden an das Loos der Knechtſchaft, Du biſt nicht erniedrigt in Deinen heiligſten Menſchenrechten, Du biſt keine Sclavin! Und biſt Du es denn? fragte Aphra vorwurfs⸗ voll. Biſt Du nicht viel mehr meine Freundin, meine Schweſter, als meine Dienerin? 5 Es iſt wahr, Du biſt gütevoll gegen mich, ſagte Imoinda zärtlich, indem ſie die Hand des jungen Mädchens an ihre Lippen drückte, Du biſt freundlich und voll Nachſicht, aber Du kannſt doch von meiner Seele die Bande nicht löſen, welche das Bewnßtſein meiner Sclaverei darum geheftet hat, und von meinem Fuße die Ketten nicht abnehmen, welche ich unſichtbar immer hinter mir herſchleppe, und die meine Seele wund reiben bis zum Sterben. Arme Imoinda, ſeufzte Aphra, Du willſt frei ſein? Wer aber iſt denn frei? Uns alle feſſelt Etwas, und ſei's auch nur das Bewußtſein unſres armen, ohnmäch⸗ tigen Menſchenthums. Ich glaube wohl, es giebt nur Eins, das uns frei macht, und ſtark und groß, das iſt die Liebe, Imoinda! Komm, laß uns von der Liebe plaudern! Recht, wie zwei junge ſchwärmeriſche Mäd⸗ chen, wollen wir uns einander erzählen von unſern Liebesträumen. Komm, nicht zu meinen Füßen iſt Dein Platz! Sie zog Imoinda empor auf den Seſſel neben ſich, und ſie mit ihren Armen umſchlingend, legte ſie ſanft ihr Haupt auf Imoinda's Schulter. Laß uns plandern, Imoinda. Sage mir, ob Du ſchon geliebt haſt, und wie er ſich nennt, der Mann Deiner Liebe? Eine Selavin hat nicht das Recht zu lieben, ſagte die junge Negerin, die Liebe erblüht nur in der Frei⸗ heit! Aber ſie läßt ſich nicht ertödten durch die Scla⸗ verei, rief Aphra, und Du warſt frei, bevor Du Sclavin wurdeſt. Haſt Du keine Liebe mit herüber⸗ genommen aus Deiner Freiheit? Wäre dos nicht ein großes Unglück? fragte Imoinda, indem ſie es vermied, dem fragenden Blicke Aphra's zu begegnen. 2 Nein, ſagte Aphra ſinnend, die Liebe iſt niemals ein Unglück. Sie erlöſt uns, indem ſie feſſelt, ſie macht uns frei, indem ſie uns in Bande ſchlägt, ſie giebt uns das ſeligſte Glück, indem ſie unſer Auge mit Thränen und unſer Herz mit ſeliger Verzweiflun erfüllt. Die Liebe iſt ein götiliches Unglück, und wen man durch ſie ſtirbt, ſo ſtirbt man eines ſeligen Todes! Und das wird mein Loos ſein! flüſterte Jmoinda unbewußt. Du liebſt alſo? fragte Aphra lebhaft. Imvoinda ſchreckte leicht zuſammen, und ihr Blick ſtreifte forſchend das Antlitz ihrer Herrin. Nein, ſagte ſie, ich liebe nicht! Das iſt traurig, ſeufzte Aphra. Wenn Du ſelber liebteſt, würteſt Du mich beſſer verſtehen können, Denn, ſiehſt Du, Imoinda, ich, ich liebe! Und dies Gefühl iſt meine Seligkeit und mein Schmerz, meine Wonne und meine Verzweiflung. Dies Gefühl hat mich den Schmerz um meinen geſtorbenen Vater ver⸗ geſſen gelehrt, es giebt mir Stärke, der zudringlichen Leidenſchoft des Gonverneurs zu widerſtehen, es macht mich groß und ſtark und heldenkühn! Ach für ihn, den ich liebe, könnte ich Alles wagen, Alles auf's Spiel ſetzen, und beim ewigen Gott, ich will es auch! Er ſoll frei ſein und groß, er ſoll das Haupt nicht ſchamvoll auf ſeine Bruſt ſenken, und ſeinen Nacken nicht beugen einer fremden Gewalt, frei wie der Adler ſoll er ſich aufſchwingen können, ungefeſſelt, ungebun⸗ den, ein König der Erde und meines Lebens! Und wirſt Du mir auch ſeinen Namen nennen? fragte Imoinda. Aphra autwortete nicht. Sie ſchlug voll träume⸗ riſchen Glückes den Blick empor zum Himmel, der ſich mit glänzenden Sternen überſäet hatte, während der Mond in purpurner Gluth über dem Pinienhain em⸗ por zu ſteigen vegann. Es war eine wundervolle Nacht, eine Nacht, wie nur der Süden ſie kennt, ſo voll göttlicher Stille und harmwoniſchen Lebens, ſo durchrauſcht und durchduftet von Vogelgezwitſcher und Blüthenduft, ſo voll milden ——— Glanzes und ſanſten Dunkels und erfriſchender Kühle. So hell war es, daß man deutlich jeden Gegenſtand erkennen und in's Auge faſſen konnte, aber dieſe Helle hatte nicht das Verletzende des Sonnenglanzes, ſie that dem Auge wohl, ſtatt es zu ermüden. Aphra ſah nichts, ihr Blick war nach innen gerichtet, und in ihrem Herzen las ſie die geheimnißvolle Geſchichte einer erſten, einer plötzlich entflammten Leidenſchaft. Auch Imoinda ſchwieg, aber ſie blickte nicht träu⸗ mend zum Himmel empor, ſondern ihre weitgeöffneten Augen ſchweiften neugierig und forſchend hinüber zu den Hütten der Neger, welche rings den weiten Platz vor dem Hauſe des Gouverneurs umgaben und in dunklem Schweigen, großen Särgen gleich, ſich am Horizont abzeichneten. Allmölig waren in allen dieſen Hütten die Lichter erloſchen, die armen Sclaven, ſo § ſchien es, hatten Ruhe gefunden nach den Beſchwerden des Tages, und auf ihre Matten ſich ausſtreckend, träumten ſie vielleicht jett von den ſeligen Tagen ver⸗ gangener Freiheit und vergangenen Glückes. Nur dort drüben in jener einzelnen, fernen Hütte ſah man noch das Glänzen eines Lichtes, und dorthin war der Blick der jungen Negerin gerichtet. Hätte Aphra ſie in dieſem Momente angeſehen, ſie hätte nicht gefragt, ob Imoinda liebe, ſie hätte es in ihren Augen, auf ihrer Stirn geleſen, in dieſem ſehnſuchtsvollen Lächeln, in dieſen Seufzern, welche den Buſen der jungen Negerin hoben. Aber Aphra ſah nichts, ſie träumte nur mit offenen Augen, und glänzende Bilder einer Zukunft voll Liebe und Glück zogen an ihrer Seele vorüber. Plötzlich vernahm man aus der fernen Hütte, in welcher das Licht noch nicht erloſchen war, einen lauten, durchdringenden Aufſchrei. Er durchzuckte die beiden an einander ruhenden jungen Mädchen wie mit einem elektriſchen Schlag, Beide erbebten, wie von Einer Be⸗ wegung erfaßt, Beide blickten ſie mit geſpannter Neu⸗ gier und athemloſem Schweigen hinüber nach der Hütte. Dort war wieder Alles ſtill geworden, nur das Licht bewegte ſich hin und wieder, aber in gleich⸗ mäßigen, ſtets ſich wiederholenden Schwingungen. Jetzt wiederholte ſich der Schrei, er klang wie das laute Rufen eines Papagei's, und Aphra athmete er⸗ leichtert auf, denn ſie hatte alſo nichts zu fürchten für den Bewohner jener Hütte dort. Wieder ward Alles ſtill. Auch in der Hütte war das Licht erloſchen. Süßes Schweigen herrſchte rings⸗ um, dort drüben rauſchten die Cedern und Bananen, und von Zeit zu Zeit vernahm man das leiſe Geflöte eines Singvogels, oder das Gekreiſch irgend eines im Traume beunthhigten Affen.— Aber das aufmerkſame Ohr Imoinda's vernahm noch ein anderes Geräuſch, ein leiſes, faſt unhörbares Raſcheln, ein vorſichtiges, leiſes Schleichen. Sie hatte das leiſe Knarren der Hüttenthüren ſchon lange vernommen, ſie ſah die Be⸗ wohner derſelben dunklen geſpenſterhaften Schatten gleich aus den Hütten ſchlüpfen. Anfangs ſtanden ſie lauſchend ſtill, dieſe dunklen Geſtalten, dann aber, als aus der Hütte der zweite Ruf erſchallte, warfen ſie ſich zur Erde, und begannen leiſe und geräuſchlos krie⸗ chend ſich fortzubewegen. Einem ſchwarzen wogenden Fluſſe gleich bewegte ſich dieſe dunkle Maſſe dem Walde zu, von Zeit zu Zeit ſtille ſtehend, dann wieder mit erneuerter Schnelle weiter rutſchend. Wenn Aphra ſie gewahr wird, dachte Imoinda, dann iſt Alles verloren. Aber als ſie den forſchenden Blick auf ihre Gebie⸗ terin richtete, begegnete ſie deren Angen, die mit eben ſo forſchendem Ausdruck auf ſie gerichtet waren. Du haſt ſie geſehen? flüſterte Aphra leiſe. Imoinda nickte ſtumm bejahend. Und Du wirſt ſie nicht verrathen? fragte Aphra dringend, indem ſie die junge Negerin feſter in ihre Arme drückte. Ich, meine Freunde, meine Brüder verrathen? flüſterte Imoinda vorwurfsvoll. Ich die Gefährten meiner Leiden einem gewiſſen und martervollen Tode entgegenführen! Ach, meine Herrin— Still, unterbrach ſie Aphra, indem ſie heftig Imoinda's Hand in der ihren drückte, ſtille— ſieh dort hin! Der Mond, der jetzt hell und ſtrahlend über den Bäumen hervorgetreten war, warf ſein volles Licht auf den Platz und die Hütte dort drüben. Deutlich ſah man dort die Thüre ſich öffnen, und eine hohe, dunkle Geſtalt aus derſelben hervortreten. Einen Augen⸗ blick ſtand ſie ſtill, dann ſchritt ſie mit feſtem, ſtolzem Schritte vorwärts.. Er iſt es! flüſterte Aphra mit einem ſeligen Lächeln. Und er wird ſich verrathen durch ſeinen ſtolzen Schritt, murmelte Imoinda. Ach, er kann ſich nicht zur Erde werfen, wie bieſe niedrigen, zitternden Sclaven, ſagte Aphra. Er iſt muthig und kühn, wie ein Löwe, welcher der Gefahr Trotz bietet, und lieber ſtirbt, als ſich demüthiget. Sieh nur, Imoinda, dieſe hohe, königliche Geſtalt, dieſer edle, ſtolze Gang. Ich kann ſein Antlitz nicht erkennen, und doch iſt es mir, als ſähe ich das Leuch⸗ ten ſeines flammenden Adlerblickes, als ſähe ich ſeine in ernſten Gedanken gefurchte hohe Stirn, und das — 5 halb verächtliche, halb mitleidige Lächeln, mit welchem er die Welt zu betrachten pflegt, die Welt, welche ſeine Größe in den Staub getreten hat, und ſeiner Erhabenheit ſpottet, indem ſie den König zu einem Selaven machte! Die Geſtalt war immer näher gekommen, und während ſie jetzt unweit des Balkons vorüberſchritt, ſtreiſte der lange vom Monde geworfene Schatten derſelben einer Wolke gleich an den beiden jungen Mädchen vorüber. Aphra küßte dieſen luftigen Schat⸗ ten, wie er an ihr vorbei glitt, und vann ſich weit über den Balkon hinaus lehnend, ſchante ſie der ent⸗ eilenden Geſtalt mit ſehnſuchtsvollen Seußzern nach. Inmitten der Nacht, durch alle Dunkelheit hin⸗ durch würde ich ihn erkennen, flüſterte ſie, Niemand gleicht ihm, Niemand iſt ſo ſtolz und edel, ſo groß und ſo majeſtätiſch, als er! Aber Du, Imoinda, weißt Du denn, von wem ich rede? Haſt auch Du ihn erkannt? Die junge Negerin öffnete ſchon die Lippen zu einer Antwort, dann ſchien ſie ſich zu beſinnen, und ſenkte ſchweigend das Haupt auf ihre Bruſt. Aphra hatte, ohne auf ſie zu achten, den Blick wieder hinausgewandt und ſtarrte der in der Ferne ſich verlierenden Geſtalt nach. Nun, Du antworteſt mir nicht? fragte ſie dann Haſt Du ihn erkannt? Nein, flüſterte Imoinda kaum hörbar, nein, ich konnte ſein Antlitz nicht ſehen, und alſo weiß ich nicht zu ſagen, wer es war, und von wem Du ſprichſt! Oh ich wußte es wohl, rief Aphra triumphirend, nur die Liebe iſt ſo ſcharfſichtig, denn mit dem Herzen ſieht und weiß ſie die Nähe des Geliebten. Imoinda, 5— 26— der Mann, welcher da eben vorüberſchritt, der iſt es, den ich liebe, für den ich Alles wagen und Alles hingeben, Alles opfern und Alles dulden möchte, es iſt Oronvoko, der Negerfürſt Oronvoko, welchen ihr den Selaven Cäſar nennt! Das junge Mädchen warf ſich mit ſtürmiſcher Gluth in die Arme Imoinda's, welche ſchweigend ſie umfaßte und an ihr Herz drückte. Dann erzählte ihr Aphra mit begeiſterten Worten die Geſchichte ihrer Liebe. Es war eine Geſchichte, wie jedes junge Mädchen ſie erlebt, und von der Jede glaubt, daß ſie nur ihr geſchehen. Sie hatte ſich für den Selaven Cäſar intereſſirt, ſchon ehe ſie ihn kannte, denn man hatte ihr erzählt von dieſem traurigen Schickſal, welches den mächtigen Negerfürſten Oronooko plötzlich zu einem Sclaven gemacht, man hatte zu ihr geſprochen von der Kraſt und Energie, mit welcher er ſein Unglück ertrüge, von der vergötternden Ehrfurcht, mit welcher alle Negerſclaven an ihm hingen, ſie hatte um ihn geweint, noch ehe ſie ihn kannte. Sie hatte ihn ſo tief bemitleidet, daß aus dieſem Mitleid, noch ehe ſie es wußte, die Liebe erblüht war. Denn das Mitleid iſt die beſte Fürſprecherin der Liebe im Herzen der Frauen, und als Aphra ihn endlich geſehen, als ſie in dieſes edle ſchöne Antlitz geſchaut, da war es wie ein Blitz durch ihre Seele gefahren, und ſeine glühenden Blicke hatten in ihrem Herzen eine Flamme entzündet, von welcher Aphra mit der Schwärmerei eines jungen Mäbchens meinte, daß ſie ewig dauern würde. Mit fliegendem Athem und hochgerötheten Wangen erzählte Aphra dies Alles. Mit niedergeſchlagenen Augen, in ſchmerzliches Schweigen verſunken, hörte „ ₰ die junge Negerin ihr zu, und nicht das leiſeſte Zucken ihres Antlitzes verrieth die tiefe Bewegung. ihrer Seele. III. Sclavenliehe. Die beiden jungen Mäbchen ahnten nicht, daß ſie einen unſichtbaren Zeugen dieſer Scene hatten, ſie wußten nicht, daß Graf Banniſter, der Gouverneur von Surinam, leiſe in den Salon geſchlichen war, und ihr Geſpräch belauſcht hatte. Sie konnten nicht den teufliſchen Ausdruck ſeines Geſichtes ſehen, mit welchem er der vorüber gleitenden Geſtalt des Negers nachblickte, noch das höhniſche Lachen hören, das er ausſtieß, als er, leiſe aus dem Salon ſchleichend, jetzt in ſein eigenes Zimmer trat. Ich werde meine Wette gewinnen, murmelte er, dieſes ſtolze Weib ſoll ſich gedemüthigt zu meinen Füßen winden, und um Gnade flehen! Dann wandte er ſich an den Neger, welcher, die Arme über der Bruſt gekrenzt, das Haupt geſenkt, an der Thüre ſtand. Taminko, ſagte er, Du biſt mir treu, nicht wahr? Tren wie der Hund ſeinem Herrn! ſagte der Selave, indem er das Gewand des Gouverneurs an ſeine Lippen drückte. Du ſagſt es, und ich glaube Dir, lachte der Graf, denn ich habe ein mächtiges Schutzmittel gegen Deine . Untrene in meinen Händen. Arme Janka, murmelte der Selave. Ian wohl, arme Janka, rief der Gonverneur. Sie liegt in dem tieſſten meiner Kerker, und büßt mit ualvollen Schmerzen das Verbrechen ihres Ungehor⸗ ſams. Ach, ſie, ein Negerthier, wollte es wagen, meine Liebe zu verſchmähen, ſie hatte den wahnſinnigen Muth, mich aus ihrer Hütte zu ſtoßen und vor dem Angeſicht aller Neger mir Trotz zu bieten! Verzeihe ihr, Herr, bat der Sclave demuthvoll. Wir waren erſt acht Tage verheirathet, und Janka meinte, es ſei ein Verbrechen, einen Andern lieben zu ſollen außer mir! Ich bin kein Anderer, ich bin Euer Herr, der Gewalt über Leib und Seele hat, rief der Gouverneur, und darum büßt Janka ihren Wahnſinn im Kerker, und darum hätte ich ſie zu Tode peitſchen laſſen, wenn Dein Flehen nicht mein Herz erweicht hätte. 3 Du verſprachſt mir, Herr, ihres Lebens zu ſchonen, wenn ich Dir treu, gehorſam und mit blinder Erge⸗ benheit dienen wollte! Ich verſprach es, und ich werde Wort halten. Janka lebt, aber welch ein Leben! In dunkler Kerker⸗ nacht, unter Molchen und Ungeziefer aller Art, vom Hunger faſt verzehrt, der Rücken zerfleiſcht von täglich wieberholten Peitſchenhieben. So lebt Janka, liebſt Du ſie noch? Oh ſehr! ſchluchzte Taminko mit hervorſtürzenden Thränen. Und möchteſt Du ſie nicht von ihrer Qual erlöſen, und in Deine Hütte zurückführen? Ach, dann würde Taminko wieder glücklich ſein! Wenn Janka wieder bei ihm iſt, giebt es kein Unglück und keine Schmerzen mehr! Nun wohl, ich will Dir ein Mittel ſagen, Janka zu befreien! Sprich, Herr, und gälte es meinen Bruder zu er⸗ morden, um Janka zu befreien, ich würd' es thun! Höre alſo! Du liebſt den Selaven Cäſar, welchen Ihr Euren König Oronooko nennt? Ich liebe ihn, gleich meinen Brüdern, ſagte Ta⸗ minko, indem er ehrfurchtsvoll ſein Haupt neigte. Der große Geiſt dort oben hat den Adlerjüngling von ſei⸗ nem Throne geſtoßen, aber er iſt ein Adler geblieben und das niedere Volk der Vögel betet den Gefallenen noch an als ſeinen König. Die Größe bleibt groß, ſelbſt unter dem Staube des Unglücks! Du liebſt den Cäſar alſo ſehr? wiederholte der Gonverneur ſeine Frage. Er iſt, nächſt meiner Janka, mir das Theuerſte auf Erden! Und er vertraut Dir? Er weiß, daß ich ihn nie verrathen könnte. Du wirſt ihn verrathen, und an mich! Niemals, Herr! Du wirſt ihn verrathen, oder Janka's Mörder werden! Höre mich, Taminko. Die Neger ſind in den Wald geſchlichen, ich weiß es, denn ich ſelber ſah ſie von dannen ſchlüpfen. Und ich ſah Orvnooko, k welcher ſie gerufen, ich hörte, wie er ihnen Zeichen gab, ich ſah ihn dem Walde zueilen, in welchem ihn die Neger erwarteten! Arme Neger! murmelte Taminko. Du ſiehſt, ich weiß Alles, fuhr der Gouverneur § fort, und ich könnte, wenn ich wollte, die Aufrührer noch in dieſer Nacht vernichten und beſtrafen. Aber ich will es nicht, denn es gelüſtet mich, das ganze 3 „ Gewebe ihres Verbrechens zu kennen, ſtatt nur einen einzelnen Faden zu zerreißen. Du wirſt gehen, Ta⸗ miuko, und Dich in dieſe Verſchwörung auft 3 laſſen. Du wirſt ſuchen, Dich zu Cüſar's Vertrauten zu machen, und jedes Wort, das er Dir ſagt, und den ganzen Plan ſeiner Verſchwörung wirſt Du mir verrathen. Niemals, Herr, niemals, rief der Neger entſetzt. Oronooko iſt mein Herr und König, ich werde ihn nicht verrathen, und ließeſt Du mich ſelbſt zu Tode martern! Der Gouverneur erwiderte nichts. Er trat ſchwei⸗ gend zu der ſilbernen Klingel und ſchellte. Sofort öffnete ſich eine andere Thür, und ein Diener erſchien auf der Schwelle. John, ſagte der Graf, nimm die Lampe und gehe hinunter in den Kerker, in welchem die Verbrecherin Jonka ſchmachtet. Nimm Deine Peitſche mit den Eiſenſpitzen, und die laſſe hundert Mal über Janka's Rücken tanzen! Hundert Hiebe! ſagte der Sclaven⸗Aufſeher achſel⸗ zuckend. Das wird ſie nicht aushalten, das ſchwäch⸗ liche Ding. Das Fleiſch hängt ſchon in Fetzen von ihrem Rücken. Hundert Hiebe, das iſt zu viel, ſie wird davon ſterben! Sie ſoll auch davon ſterben! rief der Gouverneur mit einem grauſamen Lachen. Dann iſt's gut, dann ſoll ſie ihre hundert Hiebe haben, ehrlich und getreulich, rief der Diener, indem er in das Lachen ſeines Herrn einſtimmte. Der Neger Taminko war wimmernd und am gan⸗ zen Körper zitternd zu Boden geſunken. Jetzt erhob er die Arme, und das von Thränen überfluthete Antlitz zu ſeinem Herrn, indem er um Erbarmen, um Gnade flehte. Der Gouverneur wandte ſich, ohne Taminko zu beachten, an John. Gehe jetzt, und hole Deine Peit⸗ ſche, ſagte er, aber bevor Du hinunter gehſt in Jan⸗ ka's Kerker, melde Dich hier noch einmal. John verneigte ſich und verließ das Gemach. Taminko lag noch immer wimmernd und ſchluch⸗ zend am Boden. Du willſt alſo Janka's Mörder werden? fragte der Gouverneur. Der Selave brach in ein jammervolles Geheul aus, aber er erwiderte nichts. Du willſt Dein Weib, Deine Geliebte ermorden, während Du ſie doch retten kannſt. Höre mich noch einmal, Taminko, gehe hin und mache Dich zum Mit⸗ verſchworenen, und zu Cäſar's Vertrauten, alsdann komme, und theile mir ſeine Pläne und Wünſche mit, das iſt Alles, was ich von Dir fordere. Mein Gott, vielleicht bin ich ſogar geneigt, Cäſar's Wünſche zu erfüllen! Gehorche mir, und Du ſollſt nicht allein in dieſer Stunde noch Janka in Deine Hütte zurück⸗ führen können, ſondern ich ſchwöre Dir auch, daß ich ihr verzeihen, und ihr geſtatten will, nur ihrem Ta⸗ minko guzugehören, und ihn allein zu lieben! Haſt Du mich gehört, Taminko? Ich habe Dich gehört, Herr, jammerte der Sclave, aber ich kann meinen König, welcher mich liebt, und mir vertraut, ich kann ihn nicht verrathen! Dann wird Janka ſterben, ſagte der Gonverneur, ihr Blut komme über Dich! Da bin ich wieder, ſagte John, der in dieſem Augenblicke die Thüre öffnete. Ich habe die Peitſche, ſoll ich jetzt hinuntergehen zu Janka? Ja, und peitſche ſie zu Tode, und dann wirf ihre Leiche den Hunden vor! Gut, ich gehe, Herr! Schon hatte ſich die Thüre faſt hinter John ge⸗ — 32—, ſchloſſen, als ſich Taminko mit einem wilden Sprunge vom Boden erhob, und auf die Thür zuſtürzte. Haltet ein, haltet ein, rief er mit herzzerreißendem Jammerton. Janka ſoll nicht ſterben. Willſt Du ſie vielleicht erretten? fragte John höh⸗ niſch lachend. Ja, ich will es, rief der Sclave mit funkelnden Augen. Sage ihm, Herr, daß er Janka nicht zu Tode peitſchen ſoll, ſage ihm, daß man ſie ruhig und ſanft in meine Hütte trage, damit ich ihre Wunden heilen und ihren Qualen Linderung gewähren kann! Warte noch! befahl der Gouverneur ſeinem ge⸗ treuen John, indem er mit Taminko in ſein Gemach zurücktrat. Du biſt alſo bereit, meinen Befehlen zu gehorchen? Wenn Du mir Janka wieder giebſt! Du wirſt Dich jetzt ſogleich in den Wald begeben, und Dich in die Verſchwörung aufnehmen laſſen? Wenn Du mir Janka wieder giebſt! Du wirſt Cäſar's oder Oronooko's Pläne erfor⸗ ſchen, und Alles, was er Dir vertraut, das wirſt Du mir getreulich hinterbringen? Wenn Du mir Janka noch in dieſer Stunde wieder giebſt! rief der Selave außer ſich in geſteigerter To⸗ desangſt. Der Gouverneur öffnete die Thür. John, ſagte er, nimm zwei meiner Diener und gehe mit ihnen hinab in Janka's Kerker. Nehmt eine Bahre mit, und legt Janka vorſichtig auf dieſelbe. Dann tragt ſie in Taminko's Hütte, ich erlaſſe ihr um Taminko's willen jede weitere Strafe! Stumm und verdrießlich entfernte ſich John. Der Gouverneur wandte ſich an Taminko, der ſchweigend und in ſich gekehrt, geſenkten Hauptes da ſtand. Du wirſt alſo jetzt in den Wald gehen, und mei⸗ nen Befehlen pünktlich gehorſamen? Ich werde gehen, ſagte Taminko feſt, während ein paar Thränen langſam über ſeine Wangen rollten. Ich werde gehen, Herr, und Dir gehorchen, aber Du haſt in dieſer Stunde meine Seele getödtet, und mich zu einem Verbrecher gemacht! Der Gonverneur lachte. Du biſt heute ſehr em⸗ pfindſam, ſagte er. Eile jetzt, Taminko, und vergiß nicht, daß Janka Dich in Deiner Hütte erwartet! Ein Strahl des Entzückens flog über das düſtere Antlitz des Negers. Du haſt Recht, rief er mit wildem Freudenge⸗ kreiſch, Janka wird wieder frei und glücklich ſein. Für Janka will ich meinen König und meine Brüder der⸗ rathen! Und mit einem krampfhaften Lachen ſtürzte Ta⸗ minko aus dem Gemach. Der Gouverneur ſchaute ihm mit ſchadenfrohem Lächeln nach. Gehe nur hin, Taminko, ſagte er leiſe vor ſich hin, gehe, und erlauſche die Pläne Oronooko's, und überliefere ihn mir, damit ich meine Wette ge⸗ winne, und dieſe übermüthige, ſtolze Aphra demüthige, wie ſie es verdient! Was die liebe kleine Janka an⸗ betrifft, ſo werden wir es abwarten, bis ſie wieder geſund iſt! Karl I. 1. 3 Der Sclavenkönig. Aphra hatte die Nacht unruhig auf ihrem Lager durchwacht, denn das Bekenntniß, welches ſie der Re⸗ gerin Imoinda gemacht, dieſes erſte Ausſprechen und Geſtehen ihrer Liebe zu Oronvoko hatte ihr Blut in fieberhafte Gluth gebracht, daß es wie Feuer durch ihre Adern tobte. Mit dieſem Bekenntniß hatte ſie gewiſſermaßen erſt ſich ſelber ihre Liebe zum Bewußt⸗ ſein gebracht und ſich ihr angelobt mit ihrem Herzen und ihrer Seele. Mit dieſem Bekenntniß war ſie erſt ganz Sein geworden, das Eigenthum, die Sclavin des Sclaven Oronvoko. Ich werde niemals einen Anbern lieben, niemals, ſagte ſie in der Stille der Nacht leiſe zu ſich ſelber. Meine Seele ſehnte ſich einem ganzen Menſchen zu begegnen, einen Mann zu lieben, den die Welt noch nicht gezeichnet und nicht gebrandmarkt, in deſſen Seele noch das göttliche Feuer der Wahrheit glühe, der noch empfinden könnte, mit der ganzen Friſche der Urſprünglichkeit. Mein Gott, ich will nicht geliebt ſein, wie die andern Weiber, weil ich nicht lieben werde, wie dieſe! Nein, nein! Mein Herz weiß nichts von dieſer Liebe mit Verklauſulirungen und Hinter⸗ halten, ganz will ich mich geben und mich ſelber ver⸗ lierend, mich ſelber aufgebend will ich mich wieder⸗ finden in dem Einzig Einen, dem ich mein Leben weihe, und dem meine Seele und mein Herz gehört, weil ich ihn liebe! S Aber plötzlich zuckte ſie zuſammen, und ſprang von ihrem Lager empor. Es war ihr, als habe ſie plötz⸗ — lich da drinuen in ihrem Herzen eine Stimme ge⸗ hört, welche leiſe fragte: Und Er? Liebt auch Er dich? Und ſie wußte keine Antwort zu geben auf dieſe Frage! Es war ihr, als wenn plötzlich eine drückende Schwüle das Zimmer erfülle, ſie fühlte ſich beklommen, athemlos. Zum Fenſter eilend, ſtieß ſie die großen Flügel deſſelben zurück, und trank in langen, durſtigen Zügen die gewürzige, friſche Morgenluft. Die Sonne war eben erſt empor gegangen, und ihre purpurnen Strahlen warfen einen wundervollen Glanz über die ganze Landſchaft. Die Blumen und Blätter des Gartens, in welchen ſie hinab blickte, leuchteten mit ihren Thautropfen in brillantenem Feuer, und wie Smaragde und Rubinen glänzten die Coli⸗ bri's, die in den Blüthenkelchen ſich wiegten im Strahle der Frühſonne. Drüben im Walde war es lebendig geworden in den Zweigen und Wipfeln, da war ein Ranſchen und Klingen von Vögelgeſang und Windesſäuſeln, da war das Leben erwacht in ſeiner ganzen Naturfriſche und Fülle. Aphra betrachtete das Alles nicht, in ihrem Her⸗ zen glühte und tobte nur dieſe Eine Frage: liebt er mich? und während ihre ſtolze Seele ſich ſträubte Nein zu fagen, zagte ihr Herz doch in ängſtlichem Bangen. Voll jungfräulicher Schüchternheit und zugleich voll hohen weiblichen Stolzes machte dieſe Ungewißheit ſie zugleich erröthen und erbeben. Zuletzt beſiegte ihre energiſche, kraftvolle Natur dieſes jungfräuliche Zagen. Sie warf ſtolz das Haupt zurück, und hochaufathmend flüſterte ſie leiſe: Ich muß Gewißheit haben, und ſollte mir dies Wiſſen auch den Tod bringen. Aber es litt ſie nicht mehr in dieſem engen, be⸗ 3* — 8 — klommenen Zimmer, wie ein Vogel hätte ſie ſich auf⸗ ſchwingen mögen in die Luft, wie ein Renner hätte ſie die Wüſte durchjagen, wie der Sturmwind die Welt durchbrauſen mögen! In den Wald, in den Wald! ſagte ſie athemlos, indem ſie ſich in ihr leichtes Morgengewand hüllte, und den durchſichtigen Shawl über die Schultern warf. Da draußen iſt Freiheit, Luft, Licht! Dies enge Zim⸗ mer erwürgt mich, es ſchnürt mir die Bruſt zuſammen zum Erſticken. Ja, ich will in den Wald, um mit den Vögeln zu ſingen, und meine Luſt und mein Leid zum Himmel empor zu ſchreien! Unbemerkt verließ ſie das Haus und eilte mit leichtbeflügeltem Schritt dem Walde zu. Welch eine göttliche Kühle und Friſche umgab ſie hier, wie war Alles ſo duftdurchzogen, ſo ſeierlich ſtill und doch voll ſo unendlicher Lebensfülle! Aphra fühlte ſich leicht und frei und glückſelig. Die Nebel, welche ihre Seele umdüſtert hatten, wichen dieſem Glanze der hel⸗ len Morgenſonne, und das ſchwüle Bangen ward hin⸗ weggefächelt von dieſer morgendlichen Kühle. Leicht wie eine Gazelle durchſtreifte ſie den Wald, deſſen große gigantiſche Rieſenbäume ſich über ihr wie hei⸗ lige Domeshallen wölbten. Träumend und ſinnend vorwärts ſchreitend bemerkte ſie anfangs nicht, daß ſie längſt von den gebahnten Pfaden ſich verloren und in das Dickicht des Waldes eingedrungen war. Scheu und entſetzt flohen die Vögel von dannen vor dieſem Störer ihrer Ruhe, unheimlich lachend ſchwangen ſich die Affen auf die niederen Zweige, um beſſer dieſes Menſchenkind zu ſehen, das ben Muth hatte, ſich in ihre Einſamkeit zu wagen, und hier und da raſchelte es zu ihren Füßen, und durch das hohe Gras und die duftenden Moſe ſchoß eine buntſchillernde Schlange von dannen. Aphra ging weiter, unbekümmert um ihren Weg, ſie fühlte ſich leicht und glücklich, und es freute ſie, ſich von dieſen gebahnten Wegen verirrt zu haben. Dieſe gebahnten Pfade, die werden niemals die meinen ſein ſagte ſie, indem ſie erſchöpft am Rande eines kleinen Baches niederſank, der plätſchernd zwiſchen Blumen und Moos dahin zog. Nein, nein, dieſe ge⸗ bahnten Wege ſind nicht für mich, die ſind ſo ſchnur⸗ gerade, und unabſehbar, ſo langweilig und regelrecht, ſo ganz das unbeſtreitbare Recht der Gewöhnlichkeit. Ich will mir ſelber meine Straße ziehen, durch den Wald und die Wüſte hindurch, über Berge und Thä⸗ ler, über Schluchten dahin und an Abgründen vorbei, nur nicht durch die gefahrloſe Ebene, nur nicht in dem ſanften Geleiſe der Gewöhnlichkeit ſoll mein Lebens⸗ weg dahin ziehen! Sie verſank tiefer in ihre Träume, bald waren es Träume eines jungen ſchwärmeriſchen Mädchens, bald die glühenden Phantaſieen eines energiſchen lebens⸗ durſtigen Weibes. Ich will leben, um jeden Preis leben, und wenn leben auch leiden heißt! flüſterte ſie mit flammenden Augen, während ſie ihr Haupt zurückſinken ließ in das ſchwellende Moos, und hinaufſtarrte zu dem kla⸗ ren, wolkenloſen Himmel. Wie lange ſie ſo gelegen, das wußte ſie nicht, ſie fühlte ſich der Gegenwart gleichſam entrückt, ganz auf⸗ gelöſt in ſelige Träume und ſüßes Vergeſſen Plötzlich vernahm ſie einen Schrei, einen lauten, durchdringen⸗ den Schrei, wie ein Blitz ſchoß eine längſt erſehnte und geliebte Geſtalt an ihr vorüber, zugleich empfand ſie einen ſchneidenden Schmerz am Fuße, ſah ſie hoch⸗ aufbäumend eine gewaltige Schlange in den letzten Zuckungen ſich winden. Das Alles war das Werk einer Sekunde, eines Momentes geweſen, fahr ſich ihr nahe, gezogen. und ehe ſie geahnt, daß eine Ge⸗ war dieſelbe ſchon an ihr vorüber⸗ Neben ihr ſtand Cäſar, oder Dronvoko, der Ne⸗ gerſclave, mit ſeinem edlen, ſtolzen Angeſicht, mit ſeinen flammenden, von Augen. Energie und Geiſt leuchtenden Verzeihe, Herrin, daß ich Dir wehe that, ſagte er ſanft, ſieh, mein Meſſer hat Deinen Fuß getroffen, daß er blutet. Aber dieſe Schlange würde Dich ge⸗ tödtet haben, ſie hatte ſchon Deinen Fuß umringelt, und mein Meſſer traf ſie, als ſie ſchon den Giftſtachel nach Deinem Blute Aphra ſprang empor, und dem Sclaven ihre bei⸗ zückte. den Hände darreichend, ſah ſie mit frendeſtrahlendem Angeſicht zu ihm empor. Ohne Dich würde ich jetzt eine Beute des Todes ſein, ſagte ſie, meine Augen würden die Sonne nicht mehr geſehen, meine Bruſt würde dieſe Luft nicht mehr geathmet haben. Oh mein Gott, ein Ungeheuer war in meiner Nähe, der Tod umgab mich ſchon, und ich ahnte es nicht! Wie furchtbar iſt doch dieſer ſchöne Wald, wenn auf jedem Schritte der Tod ur is umlauert. Mit entſetzten Blicken auf die erlegte Schlange hin⸗ 3 ſtarrend, klammerte Scheu ihre zitternden Hände um den nervigten Arm Oronvoko's. Haſt Du ſolche Furcht vor dem Tode? fragte Oro⸗ nooko mit ſchwermüthigem Lächeln. Aphra heftete ihre glühenden Blicke auf des Fra⸗ genden Angeſicht. das junge Mädchen in angſtvoller Ich möchte jetzt nicht ſterben, ſagte ſie, denn mein Leben iſt Dein Geſchenk, und ich möchte nicht wegwer⸗ fen, was Du mir geſchenkt haſt, Oronooko. Der Neger ſchüttelte leiſe das Haupt. Nenne mich nicht Oronvoko, ſagte er, Oronvoko iſt todt, und ſchläft den Schlaf der Erniedrigung und Schmach. Der da lebt, iſt der Sclave Cäſar, ein Thier, das Ihr gekauft habt, Ihr reichen weißen Leute, ein Hund, den Ihr zu Tode peitſchen könnt, wenn's Euch beliebt, Euer Eigenthum zu vernichten. Ich nenne Dich doch Oronooko, rief das junge Mädchen, denn für mich und für uns Alle biſt Du doch der Fürſt und Herr, um ſo größer und könig⸗ licher, weil Du Dein Unglück mit der Würde eines ächten Herrſchers erträgſt. Glaube mir, Oronooko, die Wenigſten Derer, die da herrſchen, ſind Herrſcher, die Meiſten derſelben ſind Selaven, Selaven ihrer Leiden⸗ ſchaſten, ihrer Gelüſte, ihrer Umgebungen. Es mag ſo ſein bei Euch klugen weißen Leuten, ſagte der Neger ſinnend, indem er ſorgfältig Aphra's Taſchentuch um ihren verwundeten Fuß band. In unſerm Lande und bei unſern Völkern iſt nur Der der Herrſcher, welcher verdient es zu ſein, welcher ſich auszeſchnet durch ſeine Tugenden und ſein Verdienſt, und dem man willig gehorcht, weil er zu gebieten verſteht, weil der große Geiſt einen Blitzſtrahl in ſeine Seele und ſeine Augen gelegt, und einen Donner auf ſeiner Zunge gefeſſelt hat, und weil er zu ihm ge⸗ ſprochen hat: gehe hin! Du biſt der Pfeil, den ich abſchieße von dem Bogen meiner Macht, und mit Dir will ich das kleine Gewürme der Erde treffen, daß es zu Deinen Füßen ſich beugt, und Dir dient. Wer eine große Seele iſt, wird Großes vollbringen, wer klein iſt, bleibe in der Niedrigkeit. Ach aber oft wird das Kleine groß, und es gelingt ihm an dem Großen empor zu kriechen und es in den Staub zu werfen. Der Käfer dünkt ſich dann ein Adler, weil er Flügel hat, und der Abdler kriecht wie ein Käfer dahin im Staube, weil ihm die Flügel gebrochen ſind. Auch meine Flügel ſind gebrochen! Oronooko kann die Schwingen nicht mehr heben! Fern von ſeinem Va⸗ terlande kriecht er im Staube dahin! Du möchteſt daheim ſein in Deinem Vaterlande? fragte das junge Mädchen, indem ſie leiſe ihre Hand auf ſeine Schulter legte. Oronvoko ſeufzte, und ſenkte das Haupt auf ſeine Bruſt. Es geziemt dem Mann nicht, zu klagen! ſagte er. Und doch iſt das Mitgefühl der einzige Balſam für große Seelenſchmerzen! flüſterte das junge Mäd⸗ chen, indem ſie ſich dichter an Oronooko's Seite ſchmiegte. Der Neger wandte das Haupt zu ihr hin, und blickte ſie an. Ihre Augen begegneten ſich, und haf⸗ teten lange und forſchend auf einander. Aphra errö⸗ thete und erglühte unter dieſen fragenden und prüfen⸗ den Blicken Dronooko's, welcher auf dem Grunde ihrer Seele zu leſen ſchien, und ihre Seele erzittern machte durch ſein Anſchauen. Was blickſt Du mich ſo unverwandt an? fragte ſie leiſe mit einem glücklichen Lächeln. Dein Antlitz iſt ein goldſchimmerndes Buch, ſoll ich nicht darin leſen? fragte der Sclave. Und was lieſeſt Du darin? flüſterte das junge Mädchen, indem ſie ſchamvoll erröthend das Auge abwandte. Ich leſe darin, daß die weiße Jungfrau Mitleid hat mit dem armen ſchwarzen Selaven, den man mit — 41— treuloſer Verrätherei ſeiner Heimath, ſeiner Hoheit und ſeinem Glücke entführt hat. Oh nur Mitleid? ſeufzte Aphra leiſe. Und was könnte ein freies Weib Anderes em⸗ pfinden für einen Sclaven? Der Vogel, der ſich in die Lüfte aufſchwingt, verachtet den Wurm, welcher verdammt iſt im Staube zu kriechen! Das Mitleid iſt Balſam, aber auch der thut weh, wenn er in eine brennende Wunde fällt! ſagte Oronvoko leiſe, indem er verſtummend den Blick zum Himmel empor richtete. Das junge Mädchen betrachtete ihn lange und voll ſeligen, ſchmerzvollen Glückes. Eine edle, erhabene Trauer ſprach aus Oronvoko's Zügen, eine Trauer, welche über jede Klage erhaben iſt, und nicht des Mitleids begehrt, weil ſie zu groß und heilig iſt. Ach, Aphra hätte vor dieſem edlen ſtummen Antlitz auf die Kniee ſinken und es anbeten, ſie hätte die Arme empor ſtrecken mögen zu dieſem gefeſſelten Pro⸗ metheus, und zu ihm ſagen wollen: ich will der Pfeil ſein, welcher Dich erlöſet von den Geierklauen. Deine Bruſt iſt zerfleiſcht, ich will ſie heilen mit meiner Liebe, Deine Füße ſind wund gerieben von den Ketten der Selaverei, ich will mich unter Deine Füße legen, daß Du ſanft geheſt und weich, ich will die Blume ſein, welche ſich über die Dornen Deines Pfades wirft, der Zephyr, welcher Deine glühende Stirne kühlt, der Sonnenglanz, welcher die Nacht Deiner Schmerzen durchleuchtet. Lege Dein ſchönes Antlitz auf mein Herz, das Dir ein Ruhekiſſen ſein ſoll für Deine Schmerzen, und wenn Dich dürſtet nach Lebensluſt, ſo öffne meine Adern und trinke mein Blut, ich will es frendig vergießen für Dich! Das Alles it Sht dieſem ſchönen edlen Antlit — ſagen mögen, aber die Worte blieben nur in ihrem Herzen und ſie ſprach ſie nur mit ihren Blicken, die leuchtend auf ihm ruhten. Vielleicht verſtand er dieſe Worte nicht, denn er ſchwieg nur und ſeufzte, und ſtarrte empor zum Himmel, und ſaß da in unbeweglichem Schweigen, regungslos, wie ein Marmorbild ſo ſchön und glänzend, wie die Statue eiues trauernden Gottes. Er liebt mich, ich weiß es, daß er mich liebt, ſagte Aphra zu ſich ſelber. Hat er es mir nicht hun⸗ dert Mal geſagt mit ſeinen Seufzern und mit ſeinen Blicken? Wenn ich in den Mußeſtunden der Selaven in Imoinda's Begleitung auf dem Spielplatze der Sclaven erſcheine, ruhen dann ſeine Bicke nicht auf mir und verfolgen mich, wohin ich gehe, mit ſehnſuchts⸗ voller, ſchüchterner Zärtlichkeit? Und wenn ich an den Sonntagen mit Imvinda durch den Wald gehe, weiß er es dann nicht immer ſo einzurichten, daß er uns begegnet, und hat er dann nicht die ſchönſten Blumen⸗ ſträuße geſammelt, die er mir darbietet, ganz Demuth und Anbetung, während er ſie Imoinden ohne ein Wort, einen Blick hinreicht? Oh mein Gott, er liebt mich! Sehe ich ihn nicht jede Nacht, wenn Alles ſchläft, und zur Ruhe gegangen, unter meinen Fen⸗ ſtern ſtehen, und höre ich nicht die leiſen ſehnſuchts⸗ vollen Melodieen, welche er zu mir empor ſingt? Ja, Dronvoko liebt mich, aber ſein Mund wagt nicht, es mir zu bekennen, weil er der Selave iſt, und ih das freie Weib, weil er mir nicht Glanz bieten kann, ſon⸗ dern nur Erniedrigung. Oh mein Gott, er weiß alſo nicht, daß man lieber mit dem Geliebten die Schmach und Schande, als mit dem Ungeliebten die Pracht und Herrlichkeit theilt! Er weiß es nicht, ich aber will es ihm ſagen! 5 Und das junge Mädchen legte mit kühner Ent⸗ ſchloſſenheit ihre Hand auf Oronooko's Schulter, in⸗ dem ſie leiſe und zärtlich ſeinen Namen nannte. Vielleicht hatte Oronvoko in dem Antlitze Aphra's geleſen, wenn er ſie auch nicht anzuſehen ſchien. Da⸗ heim in ſeinem Vaterlande hatte man ihn nicht nur den Adler, den ſiegreichen Löwen genannt, ſondern auch den Sterndeuter und Propheten, weil er es ver⸗ ſtanden, in den Augen die Gedenken der Menſchen zu leſen, und ihre kommenden Thaten aus ihrem Antlitz zu prophezeihen. Oronvoko! wiederholte Aphra leiſe, als er ſtumm blieb bei ihrer erſten Anrede. Jetzt richtete er auf ſie ſeine Blicke, und ſie er⸗ bebte vor dem durchbohrenden Glanze derſelben. Dann ſagte er leiſe: Soll ich der weißen Taube erzählen von dem Unglück des armen Selaven, welcher einſt ein Fürſt war? Will die weiße Frau in die zer⸗ fleiſchte Bruſt eines Kriegers ſehen, dem man den Tomahawk zerbrochen, und den man mit Schlangen⸗ worten verrathen hat? Ja, erzähle mir, Oronooko, erzähle, bat Aphra, indem ſie näher an ſeine Seite rückte. Nenne mich Cäſar! ſagte er dumpf. Nein! Oronooko, mein König, mein Fürſt, mein Herr! V. erſchwundenes Hlück. Wer Oronvoko war? fragte der Selave, indem er mit feierlichem Pathos die Arme gleichſam beſchwörend — —— erhob, und dadurch zugleich Aphra leiſe von ſeiner Seite zurückdrängte. Willſt Du das Geſpenſt des ge⸗ ſtorbenen Helden heraufbeſchwören, daß es wieder lebe und wandle? Nun wohl denn, es ſei! Erwache, Oronvoko, erwache, und wandle einher vor dieſer weißen Taube, daß ſie Dich ſieht mit den Augen ihres Geiſtes und ihre zarten Hände in die Wundmale Deiner Schmerzen lege! Erwache, Oronvoko, erwache! Wie eine feierliche Geiſterbeſchwörung klangen die Worte Oronvoko's, es lag etwas Großartiges und Erhabenes in dem Ausdruck, mit welchem er ſie ſprach, es war das heilige Pathos des Unglücks, die edle Würde eines bezwungenen Schmerzes darin. Als Oronvoko jetzt ſchwieg, wagte Aphra nicht, ihn zu ſtören. Stumm, in geſpannter Erwartung ſaß ſie neben ihm, und blickte mit einer Art ſcheuer Ehrfurcht in dieſes dunkle Angeſicht, das mit ſeiner wunderbaren, ſeltſamen Schönheit ihre Seele wie mit Zanberbanden umſtrickt hatte. Ich öffne meine Augen, und ſie ſehen, ſagte Oronvokv endlich leiſe und ſeine Stimme ſchlug weich und milde, wie eine edle, erhabene Melodie an Aphra's Ohr. Ich öffne meine Augen, und ſie ſehen, wiederholte er, indem er langſam und feierlich eine Hand erhob, und mit aufwärts gerichtetem Haupte in die Ferne und Weite hinſtarrte. Ich ſehe ein wundervolles Land voll Sonnen⸗ glanz und Blüthenduft, ein Land des Glückes und der Schönheit. Das ſilberſchäumende Meer brauſt mit majeſtätiſchem Donner an die Küſte, Cedernbewachſene Berge heben ihre Wipfel empor zu dem glühenden Himmel, aus welchem der große Geiſt herniederſchauet auf dieſes Land, welches er lieb hat, und das der Edelſtein in ſeiner Krone iſt. Oh Du goldenes Land — meiner Heimath, Du Neſt des gefeſſelten Adlers, ich ſehe Dich mit den Augen meiner Seele, und dieſe Augen weinen um Dich, denn dein König iſt ein zittern⸗ der Greis, dem doch der große Geiſt die Weisheit des Alters verſagt hat. Das Haar füllt in ſilbernen Wellen über ſeine Bruſt hernieder, aber in dieſem verſchloſſenen Kaſten ſeines Leibes klopft ein Herz, welches nicht alt werden will, welches tobt wie das Herz eines Jüng⸗ lings, der ſeinen Tomahawk ſchwingt und nach Kampf dürſtet, nach Schlachten, nach Feindesblut und Liebes⸗ luſt! Und den Kampf hat er da draußen auf ſeines Landes Grenzen, die Liebe hat er da drinnen in ſeinem Palaſte, dieſer ſilberhaarige Greis mit dem Jünglings⸗ herzen und der zitternden Geſtalt. Aber was iſt es, was ich jetzt höre? Das iſt Schlachtengeſang und Siegesjubel, mit Schreien und Jauchzen ziehen ſie heran die Kinder des Landes, mit Frendengekreiſche ſtürzen ſie zum Palaſte des Königs. Der ſteht auf dem Balkon und blickt in die Ferne. Was ſieht er dort? Sind es Löwen, die dort heran⸗ ziehen, ſind es Adler, die dort in ſchnellem Fluge ſich nahen? Ja, Löwen ſind es und Adler, denn es ſind die ſiegreichen Krieger, welche heimkehren aus der Schlacht. Wer iſt es, der voran reitet? Wen ſehe ich auf dieſem weißen Kameele, das unter der goldenen Decke ſtolz das Haupt empor wirft? Ein Jüngling iſt es, und ein tapferer, denn ihm voran tragen die Diener die ſcalpirten Häupter von zwanzig Kriegern, welche der Jüngling getödtet mit dem Tomahawlk, der jetzt friedlich ſtill an ſeiner Seite funkelt. Tapfer iſt er, denn die einzige Wunde, welche er erhalten, ſie ſitzt auf der Mitte ſeiner Bruſt, und er » ——„ zeigt ſie lächelnd ſeinem Volke, das ihm entgegenjauchzt, und ihm Siegeslieder ſingt! Jetzt ſchwingt ſich der Jüngling von ſeinem weißen, knieenden Kameele, und wirſt ſich zu Füßen dem Kö⸗ nigsgreiſe, ſeinem Urahn, der ſich ihm naht in ſeiner goldflimmernden Herrlichkeit, umgeben von ſeinen Va⸗ ſallen und Sclaven und gefolgt von den dichtver⸗ ſchleierten Frauen ſeines Harems, welche dem jungen Sieger roſenduftende Kränze zuwerfen. Das Volk ſteht und jauchzet und ſchreit: Heil dem ſiegreichen Löwen, welcher heimkehrt aus gewonnenen Schlachten, Heil dem Adlersjüngling, welcher den Feind bezwang. Ernenne ihn zu Deinem Nachfolger, groß⸗ mächtiger König, denn er verdient es zu ſein! Ihn wollen wir dereinſt unſern König nennen, dem Adler wollen wir uns unterwerfen, dem Löwen wollen wir dienſtbar ſein! Der König ſchließt den Enkel in ſeine Arme und ruft: ſo ſei es! Er ſoll der Erbe werden dieſes Thrones. Begrüßet ihn und neiget Euch vor ihm, Eurem König der Zukunft, werft Euch nieder zur Erde vor dem heimkehrenden Helden, dem Sieger Oronvooko! Ach, ich wußte es, daß Du der Sieger warſt, der Adlersjüngling Oronvoko! rief Aphra triumphirend. Dieſe Narbe da auf Deiner Bruſt, das iſt der un⸗ vergängliche Lorbeer, den Nichts Dir entreißen kann, das iſt des Sclaven Königswappen! Es iſt wahr, Oronooko war ein tapferer Krieger, fuhr der Neger fort. Er war es, und ich darf es ſagen, denn Oronvoko iſt todt, und von ben Begrabe⸗ nen darf man die Wahrheit bekennen. Oronvoko war ein tapferer Krieger, und es freute ihn, daß ſein Volk ihn liebte, und ihn zu ſeinem künftigen König ernannte. —— Das Herz des Kriegers war befriedigt, aber es ſchlug noch ein zweites Herz in der Bruſt Oronooko's, und dieſes zweite Herz iſt voll Unruh und Sorge, denn er hatte ſie noch nicht geſehen, ſie, welche er liebte, ſie, welcher er, bevor er in die Schlacht ging, ſeinen To⸗ mahawk zu Füßen gelegt, daß ſie ihn berühre mit ihren zarten Händen und ihm Glück gäbe, ſie, welcher er heimlich ſich angelobt mit den Schwüren der Liebe, und zu der er geſprochen: willſt Du mein ſein, Du goldbeſchwingter Vogel der Lüfte? Willſt Du zu mir niederſteigen in meinen Käfig, und durch die Wüſte dieſes Lebens mit mir dahin ziehen, auf daß mir dieſe Wiüſte helle werde und ſchön wie ein köſtlicher Garten? Willſt Du das Weib ſein des Kriegers, welcher Dich ſeinen Lorbeer und ſeine Siegespalme nennt und der von Niemand beſiegt iſt außer von Dir?— Und das Mädchen, zu welcher Oronooko ſo geſprochen, hatte ſich ſanft wie eine Gazelle an ſeine Seite geſchmiegt, aus den Sternen ihrer Augen floſſen diamantene Tropfen, und ſüß klang ihre Stimme, als ſie leiſe in Oronooko's Ohr flüſterte:„Du ſollſt mein Herr, und ich will Deine Selavin ſein! Du ſollſt mir gebieten, und ich will Dir dienen! Stern meines Lebens, ich bin Dein, denn ich liebe Dich!“ Ach, er hat alſo ſchon eine Andere geliebt! mur⸗ melte Aphra mit ſchmerzlichem Seufzen. Oronooko fuhr fort: wo iſt ſie jetzt, die Brout Oronvoko's? Warum kommt ſie nicht, den Heimkeh⸗ renden zu begrüßen?— Und er fragt es den König, ſeinen Urahn,— der ſenkt die Augen und ſchweigt. Er fragt es die Va⸗ ſallen und Sclaven, und es antwortet ihm Niemand.— Iſt ſie todt? ſchreit Oronooko, indem er, einem — 5 verwundeten Löwen gleich, empor ſpringt. Iſt ſie todt?— Niemand antwortet ihm, nur der greiſe König ſenkt die Augen und ſchweigt. Ach, Oronooko hat nicht geſeufzt, als des Feindes Tomahawk ihm die Bruſt zerſpalten, er hat gelacht und hat laute Siegeslieder geſungen, während das Blut wie ein purpurner Fluß aus ſeiner geöffneten Bruſt hervorſtürzte! Aber jetzt konnte er nicht lachen, denn das war ein Schmerz, wie kein Tomahawk ihn verurſacht, und das war eine Wunde, ſo tief wie ein Grab, ſo breit, wie ſeine ganze Zukunft, eine Wunde, in die alle ſeine kommenden Tage ſich hinabſenkten, um da begraben zu werden! Mein Gott, Du haſt ſie alſo ſehr geliebt? fragte Aphra, indem ſie die gefaltenen Hände krampfhaſt an ihre Bruſt drückte. Oronvoko achtete nicht auf ſie. Er ſtarrte immer noch feſt und unverwandt in die Luſt, und ließ die Bilder der Vergangenheit an ſeiner Seele vorüber⸗ iehen.. Niemand antwortete ihm, ſagte er feierlich. Aber Dronvoko hatte in dem Antlitz des Königs geleſen, wie in einem geöffneten Buche, und Oronooko wußte jetzt, daß es ſein Großvater war, welcher ihm die Braut geraubt, welcher ſie ihm entführt hatte. Erhabener König, wo iſt meine Braut, wo iſt der goldbefiederte Vogel, den ich in den goldenen Käfig meines Palaſtes führen wollte? ſo ſchrie Orv⸗ nooko laut. Der Königsgreis richtete ſich empor, wie ein Ele⸗ phant, aber ſeine Kniee ſchlotterten, er öffnete die Lippen, um zu ſprechen, er wollte brüllen, wie ein —— — Tiger, aber ſeine Stimme zitterte doch, als er rief: Dort iſt der goldbefiederte Vogel! Dort in meinem Palaſte! Du haſt kein Recht mehr auf dieſes Weib, Oronvoko, denn ich habe ſie mir gewählt zu der Ge⸗ mahlin meines Thrones, ich habe ihr den goldgeſtickten Schleier geſandt, und meine Sclaven und Eunuchen haben ſie, welche ich begnadigen will mit meiner Liebe, in meinen Harem getragen. Hüte Dein Herz, daß es nicht mehr an ſie denke, und wahre Deine Zunge, daß ſie verſtumme! Heilig ſei Dir die Gemahlin Dei⸗ nes Königs, das Weib Deines Urahnen und Herrn! Und als der greiſe König ſo ſprach, da ſtürzte Oronooko zur Erde, und der große Geiſt war ihm gnädig, denn er ſenkte einen ſchwarzen Schleier auf ſeine Seele und Oronvoko hoffte, daß es der Tod ſei, denn er mochte nicht mehr leben, er verachtete ein Daſein, das der Verrath ſeines eigenen Ahnherrn zerpflückt und zerriſſen hatte! Du haſt ſie alſo nicht wiedergeſehen? fragte Aphra mit heimlichem Frohlocken. Der Selave warf auf ſie einen ſeiner feurigen, durchdringenden Blicke. Hat die weiße Taube kein Mitgefühl für das Un⸗ glück? ſagte er vorwurfsvoll. Warum ſoll ich es ihr denn ſingen das Lied meiner Schmerzen! Sind Deine Augen verſchloſſen, daß Du Oronvoko's Thränen nicht ſieheſt, und das Blut nicht achteſt, das der Wunde ſeines Herzens entſtrömt? Aphra faßte Oronvoko's Hand, und mit überſtrö⸗ menden Augen flüſterte ſie: Da drinnen in meiner Bruſt fühle ich Deine Schmerzen, Oronvoko, und Deine Qualen durchwühlen mein Herz! Und indem Aphra ſo ſprach, fielen ihre Thränen wie heiße Feuertropfen auf Oronvoko's Hand. Karl II. 1. 4 — 55— Oronvoko zog leiſe ſeine Hand zurück, und mit einer unnachahmlichen Anmuth küßte er Aphra's Thrä⸗ nen von ſeinen Fingern fort. Es iſt das Lebensblut einer edlen Seele, welches ich trinke, ſagte er leiſe, die weiße Taube hat Mitleid mit der Qual des ſchwarzen Adlers, und der große Geiſt möge ſie dafür ſegnen! Erzähle weiter! bat Aphra dringend, Oronooko nickte leiſe mit dem Haupt. Dann ſtarrte er wieder empor zum Himmel und mit leiſer Stimme fuhr er fort: Ich öffne meine Augen und ſie ſehen! Sie ſehen Oronvoko, den der Blitz ſeines Unglücks zu Boden geſchmettert, und den ſeine weinenden Sclaven be⸗ wußtlos auf ſein Lager getragen. Da liegt er mit geſchloſſenen Augen, mit blutleeren Wangen auf dem Tigerfelle, zu ſeinen Füßen liegt der von Feindesblut geröthete Tomahawk und die Siegesbeute. Mit Roſen und Lorbeern und duftenden Alven iſt der Boden beſtreut, aber die Schwingen des Adlers ſind zerſchmettert, die Kraft des Leuen iſt ge⸗ brochen, denn ſtatt des Schlachtenrufes und des Donner⸗ gebrülles gehen Klagen aus ſeinem Munde hervor, und ſeine feuerblitzenden Augen ſind umdunkelt von Thränen.— Wer iſt es, der jetzt ſeinem Lager ſich nähert, der leiſe vor ſeinem Bette ſich niederläßt? Was will dieſes alte verſchleierte Weib mit den liſtigen Blicken? Leiſe neigt ſie ſich zu ihm nieder, ihre Lippen legt ſie dicht an ſein Ohr. Was flüſtert ſie? Es müſſen herrliche Worte ſein, ſo ſüß wie duftender Honig, ſo lind wie das Säuſeln des Windes, denn Oronvoko fühlt davon eine ſanfte Erquickung, und ſeine Schmerzen brennen nicht mehr. Er ſpringt empor von ſeinem ———— 5 Lager und die Blitze kehren zurück in ſeine Augen, und ſeine Lippen lächeln wieder. Er hat die Botſchaft des alten Weibes vernommen, und dieſe Botſchaft ruft ihn zu ſeiner Geliebten hin! Das Weib legt die Finger auf ihren Mund, denn der Schrei des Entzückens darf nicht hervordringen aus dem Korallenſchloſſe ſeiner Lippen, und über ſeine Augen ſenkt Oronvoko den Schleier ihrer Lider, damit Niemand in dieſem Spiegel ſeiner Seele bie Freude ſeines Herzens leſe. Das Weib hebt die Hand empor und winkt ihm. Dann geht ſie leiſe durch das Ge⸗ mach dahin. Oronvoko fliegt empor, er folgt ihr, er geht hinter ihr durch den Garten, er folgt ihr zum ſtolzen Palaſte des ſilberhaarigen Königs. Durch die geheime Pforte tritt er hinter ihr ein, durch die dunkeln Gänge ſchlüpft er leiſe, wie die ge⸗ räuſchloſe Schlange. Niemand hat ihn geſehen, wie er jetzt, hinter dem Weibe ſich bergend, eintritt in ein Gemach mit ver⸗ hangenen Fenſtern, ein Gemach voll Königspracht und Blüthenduft.— Oronooko weiß es, und fühlt es, daß ſie ihm nahe iſt, die Schönheit ſeines Herzens, der goldbefiederte Vogel ſeiner Träume, und zitternd ſinkt er auf ſeine Kniee,— von dem Glücke überwältigt zu werden darf ſelbſt dem Helden geſchehen! Oronooko ſinkt nieder auf ſeine Kniee und wie Feuerſtröme pocht ihm das Blut in den Adern. Siehe, da umfangen ihbn zwei weiche Arme, da hört er die füße Muſik ihrer Stimme, da glüht auf ſeiner Stirn der ſchüchterne Kuß ihrer Lippen. Und er ſchließt ſie in ſeine Arme, er hebt ſie empor vom Boden, die ſüße Laſt ihrer Geſtalt, ſeine Siegesbeute, ſein Heldenglück. Sie weinen und lachen, und freuen ſich ihres Wiederſehens und klagen über 4. 3 — ihr Unglück, und der große Geiſt hat Erbarmen mit ihnen, und läßt ſie ihres Unglücks vergeſſen, und ſie ſich untertauchen in dem Meere des Glückes.— Zit⸗ ternd ſchmiegt ſich das Weib ſeines Herzens an Hro⸗ nooko's Bruſt, und er ſchwört ihr, daß er ſie liebe, und ruſt den großen Geiſt zum Zeugen an, daß er ſie niemals laſſen will.— Was iſt's, das ſie jetzt Beide erbeben macht, was zittert das Weib, wie das flatternde Blatt einer Roſe, warum funkeln Oronvoko's Augen ſo wild und drohend? Sie haben es gehört, das Geräuſch, welches„nahe“ kommt, und immer näher, ſie hören die Fußtritte der Krieger, ſie hören die Donnerſtimme des Königs.— Sronvoko faßt an ſeine Seite, aber ach, der Toma⸗ hawk iſt nicht da! Wehrlos iſt der Krieger, waffenlos! Die Pforten ſpringen auf, wie eine Hyäne ſo wild blickt der König auf das junge Paar, in düſterem Schweigen, mit tückiſchem Lächeln nahen die Eunuchen und Diener des Königs. Ergreift den Verräther! ſchreit der wuthzitternde Greis, und ſeine elenden Sclaven nahen ſich ſeinem Enkel. Der ſchließt die Geliebte an ſeine Bruſt, und ſeine Augen ſchleudern Blitze, und er ſchwört, die zu erwürgen, welche es wagen, die Hand nach ihm aus⸗ zuſtrecken. Feſt wie ein Löwe richtet er ſich auf, und durch die Reihe der zitternden Sclaven macht er ſich Bahn, das Weib ſeiner Liebe in ſeinen nervigten Armen! Aber hinterrücks werfen ſie ſich auf ihn, die feilen Selaven, ſie hängen ſich an ihn, ſie drücken ihn zu Boden mit ſeiner köſtlichen Laſt, mit dem Weibe, das bewußtlos an ſeinem Buſen liegt. Ach, ſie über⸗ wältigen ihn! Mit Ketten belaſtet führt man ihn in den unterirdiſchen Kerker, und ſie in die innerſten Frauengemächer! Armer Oronooko! flüſterte Aphra, armer Freund, wie viel haſt Du gelitten! Die Lippen des Kriegers ſind ſtumm, Oronvoko klagt nicht, er erzählt nur der weißen Taube von den Tagen, welche geweſen! Oronvoko klagte auch nicht, als er im Kerker lag, er verachtete die Quälereien ſeiner Kerkermeiſter, und zu den Drohungen des Kö⸗ nigs lachte er. Schwören ſollte er, das Weib, welches er liebte, niemals wieder zu ſehen, aber Oronvoko ſchwur, lieber den Tod zu erleiden! Man entzog ihm die Nahrung ſeines Leibes, aber Oronvoko ſang Siegeslieder bei den furchtbaren Qualen des Hungers, man ließ giftige Schlangen in ſeinen Kerker, aber Oronooko erwürgte ſie mit der Kraft ſei⸗ ner Hände. Und endlich hatte der große Geiſt Mit⸗ leid mit der Qual eines tapfern Kriegers! Hart wie Fels war das Herz des Königs. Aber voll Mitgefühls war das Herz des Volkes, und es empörte ſich gegen den König, welcher mit tückiſchem Verrath ſeinem Enkel die Braut entriſſen, während er ihn in die Schlacht geſandt, für ſeinen König zu kämpfen und zu bluten. Es empörte ſich gegen den Tyrannen, welcher den Erben ſeines Thro⸗ nes ſchmachten ließ in der Kerkersnacht, weil er nicht mit der Schwäche eines Feiglings dem Weibe, wel⸗ chem er Treue geſchworen, entſagen wollte! Es empörte ſich, und verlangte mit wildem Geſchrei die Befreiung ſeines Lieblings, des Helden Oronooko. Der ſilber⸗ haarige Königsgreis zitterte in ſeinem Palaſte, jam⸗ mernd lagen ſeine Sclaven um ihn her, und von außen vernahm man das Wuthgebrülle des Volkes. Der König, welcher niemals Mitleid gehabt mit An⸗ dern, er hatte jetzt Mitleid mit ſich ſelber, er fürchtete für ſein Leben, und darum gab er Oronvoko frei, und das Volk führte ihn mit Jubelgeſchrei in ſeinen Palaſt, und der König umarmte ihn mit Thränen, und nannte ihn mit angſtzitternder Stimme ſeinen geliebten Enkel, den Erben ſeines Thrones!— Oronvoko war nun wieder frei, er wohnte wieder in ſeinem goldſchimmernden Polaſte, er ruhte wieder auf ſeidenen Kiſſen, er ritt auf ſeinem weißen Kameele, und das Volk jauchzte ihm entgegen und pries ihn mit lauten Worten. Aber Oronooko blieb traurig in ſei⸗ nem Herzen, und das Lachen ſeines Mundes war auf immer verſtummt. Umſonſt durchſpähete er die Lüfte nach ſeinem gold⸗ befiederten Vogel, umſonſt durchirrte er den Palaſt ſeines Urahnen, und forſchte in den Gemächern der Frauen nach dem Weibe ſeines Herzens. Nirgends war ſie zu entdecken, und keiner ſeiner Späher brachte ihm eine Kunde von ihr! Der Schleier der Trübſal legte ſich über Oronooko's Seele und dunkel ward es vor ſeinen Blicken. Er wußte nicht mehr, ob es Tag war, denn er ſah nur eine ewig kalte, fürchterliche Nacht! Der Schmerz ſeiner Seele machte den Helden zu einem Kinde, und mit Thränen warf ſich Oronooko ſeinem Ahnherrn zu Füßen und flehte um Erbarmen, und rang die Hände zu ihm empor und bat, ihm zu ſagen, wo ſie verborgen ſei, das Weib ſeines Herzens. Der König wandte ſich ab und weinte. Iſt ſie todt? fragte Oronvoko. Der König nickte bejahend. Sie iſt geſtorben vor Gram, ſagte er. Oronvoko ſprang wild empor, und zu den Qua⸗ len ſeines Herzens lachte er, und weil es da drinnen in ſeiner Bruſt ſo brannte und glühte, ſchlug er mit den Fäuſten daran, und weil er nicht klagen wollte, * — 5— ſang er tolle Siegeslieder, und ſchrie vor lauter Luſt, und tanzte den wilden Siegesreigen, bis er röchelnd zu Boden ſtürzte.— Der große Geiſt war dem armen Oronooko gnä⸗ dig geweſen, er hatte den Schleier des Irrſinns über ſeine Seele geworfen, damit ſie ihres Kummers ver⸗ geſſen könnte. Das dauerte viele Tage lang, dann erwachte Oronooko, und er ſchämte ſich ſeiner Schwäche. Er ſchwur wieder ein Held zu ſein, und ein Mann, und leiſe nur in der Stille ſeines Herzens zu trauern um Die, welche er geliebt. Er lebte in Freude und Herrlichkeit, er ruhte neben dem König auf ſeidenen Polſtern, und ließ die Selavinnen vor ſich tanzen, er zog mit ſeinen Kriegern hinaus in den Wald und erlegte den Tiger und den muthigen Löwen. Aber ſeine Seele war doch voll Trauer, und ſeine Wangen ſanken ein, während ſeine Lippen lächelten. Aber er ſuchte überall die Freude, und Niemand ſollte wiſſen, daß er Schmerzen empfinde.— Eines Tages ſagten ihm ſeine Diener, ein großes Schiff ſei in den Hafen eingelaufen, und begehre Schutz und gaſtliche Auf⸗ nahme für einige Wochen, weil es gelitten vom Sturm. Der greiſe König ſchüttelte das Haupt, er hatte Miß⸗ trauen gegen die weißen Fremdlinge, er wollte mit ihnen nicht die Pfeife des Friedens rauchen, ihr Fuß ſollte nicht das Ufer betreten. Traue niemals dieſen Weißen, ſagte er zu Oro⸗ nooko, der große Geiſt hat ſie gezeichnet und ließ dieſe Bleichgeſichter ihre edle ſchwarze Farbe verlieren um ihrer Sünde willen. Traue ihnen nicht, denn„ ſie ſind klug wie die Schlangen, und es wohnt nur Verrath auf ihren giftigen Zungen! —— Ach, der König urtheilte ſehr hart über die armen Weißen! rief Aphra lächelnd. Es war zum erſten Male, daß Weisheit von den Lippen des Königs tönte, und darum achtete Oronvoko nicht der Worte ſeines Ahnherrn. Er verlangte nach neuen Zerſtreuungen, nach fremden Geſichtern, nach unbekannten Freuden, und ſo lange bat er den König, bis er nachgab, und den weißen Fremdlingen ge⸗ ſtattete, das Ufer zu betreten, und ſo lange zu bleiben, bis das Schiff ausgebeſſert, und wieder gut gerüſtet ſei zur Weiterreiſe. 3 Das waren luſtige Leute dieſe Weißen! Wie die zu ſingen wußten, und zu tanzen, und was für ſchöne blitzende Waffen, was für wunderbares Geſthnlte hatten ſie nicht, und welche köſtliche Perlen ſchenkten ſie den Weibern, und welche ſcharfe Waffen den Männern. Und welche ſchöne Worte tönten nicht von den Lippen des Capitains, welcher die Sprache des Landes ver⸗ ſtand, und ſie ſüß wie Honig aus ſeinem Munde kommen ließ. Oronooko liebte den Capitain, der ſo ſchön ihm zu erzählen wußte von den Ländern jen⸗ ſeits des Meeres, und den weißen Fremdling nannte er ſeinen Freund und nahm ihn auf in ſeinem Palaſte. Er rauchte mit ihm die Pfeife der Freundſchaſt, und ließ ihn koſten von ſeinem Salze. Der Capitain nannte Oronooko ſeinen Bruder, er ſagte, kein Weib liebe er ſo ſehr, als Oronooko, und tauſend Mal wolle er in den Tod gehen, wenn Oronvoko's Glück davon abhinge! Armer dummer Oronooko, der dem weißen Manne glaubte!— Endlich war das Schiff fertig; der Capitain warf ſich in Oronooko's Arme, und weinte, als er ſagte, daß er jetzt abreiſen müſſe, und beſchwor ihn mit Thränen, ihm endlich zum Ab⸗ ſchied das Glück zu ſchenken, ſein Schiff zu beſuchen. = 5 Er wollte dem Prinzen Oronooko und ſeinen Krie⸗ gern ein Abſchiedsfeſt geben auf ſeinem Schiffe, und da ſollte Alles köſtlich ſein, und glänzend wie in ſei⸗ nem Europäiſchen Vaterlande.— Der greiſe König hatte es niemals erlauben wollen, daß die Kinder ſei⸗ nes Volkes und ſein Enkel Oronvoko das Schiff des Fremdlings beträten, jetzt zum Abſchied gab er den Bitten ſeines Enkels nach, und erlaubte Oronooko mit ſeinen Kriegern zu dem Feſte der Weißen zu gehen, und das Schiff der Fremdlinge zu beſteigen! Oro⸗ nooko's Herz war voll Freude, er kleidete ſich in ſeine reichſten Gewänder, er legte um ſeine Stirne das mit Diamanten beſetzte Stirnband, und als er in der Mitte ſeiner goldfunkelnden Krieger zum Ufer hinritt auf dem ſtolzen Kameele, da blitzten ihre Waffen und ihre Gürtel wie Sterne ſo glänzend und hell, und das Volk rief: Heil Oronooko, unſerm Adler, Heil Dronooko, unſerm niemals bezwungenen Löwen! Jetzt waren ſie am Ufer und ſchwangen ſich von den knieenden Kameelen. Vom Schiffe her donnerten die Kanonen, Oronvoko lächelte ſtolz, denn der Ca⸗ pitain hatte ihm geſagt, das ſei die Art, wie man in Europa die Fürſten begrüße, wenn ſie auf die Schiffe ſtiegen. Rings war das ganze Ufer bedeckt mit Neu⸗ gierigen, und das Meer wimmelte von Kähnen, in denen die reichgeſchmückten Kinder meines Volkes ſaßen. Als Oronvoko mit ſeinen Kriegern das Boot mit den bunten Flaggen beſtieg, welches der Capitain ihm ge⸗ ſandt, da jauchzte das Volk, und wie ein einziger Schrei des Entzückens tönte es von Aller Lippen. Niemals hatte ſich Oronvoko ſo groß und ſo ſtolz ge⸗ fühlt, als in dieſer Stunde, in welcher er ſelbſt ſeiner Geliebten vergeſſen hatte, und nicht gedachte des gold⸗ befiederten Vogels, den er verloren!— Das Boot ſteuerte dem Schiffe zu, Oronooko grüßte und winkte den Freunden, die am Ufer ſtan⸗ den, dann kletterte er, gefolgt von ſeinen dreißig Krie⸗ gern, empor zu dem Schiffe. Da donnerten die Ka⸗ nonen, und der Copitain reichte ihm die Hand dar und nannte ſich glücklich, weil Oronooko gekommen. Vor den Augen des Volkes, das herüber blickte, vor den Augen ſeiner Matroſen und der Krieger, vor den Augen des großen Geiſtes umſchloß er Oronooko mit ſeinen Armen, er nannte ihn ſeinen Freund, ſeinen Bruder, und küßte ihn. Begreifſt Du das, Du weißes Mädchen mit den Taubenblicken, der weiße Mann küßte Oronooko, den er,— aber nein, laß mich erſt Athem holen, damit mir die Bruſt nicht verblute von dieſen Pfeilen der Erinnerung, laß mich Luft ſchöpfen, damit ich Kraft habe, das Entſetzliche zu erzählen. Und der Sclave ſchlug mit ſeinen Händen an ſeine Bruſt und ein convulſiviſches Zittern durchflog ſeine edle ſtolze Geſtalt. Stumm und mit niedergeſchlagenen Augen ſaß Aphra neben ihm. Sie kannte den letzten Theil von 6. Geſchichte, und ſie empfand eine glühende Schzam bei dem Gedanken, daß ein Weißer, daß einer ihrer Landsleute, an dem armen, vertrauenden Schwarzen zum Verräther geworden! Der weiße Mann hatte Oronvoko ſeinen Bruder genannt, ſagte der Neger nach einer Pauſe, und ein bitteres Lächeln ſtand auf ſeinen Lippen, er halte ihm ewige Freundſchaft geſchworen, und als Oronooko zu ihm kam auf ſein bewegliches Haus, da küßte er ihn und nannte ihn ſeinen Freund und Herrn, und pries ſich glücklich, daß der königliche Prinz mit ſeinen Krie⸗ gern zu ihm gekommen. Hronooko war ein unwiſſen⸗ p—— —— — 3 der Knabe; er wußte nicht, daß die weißen Leute im⸗ mer nur dann Honig auf den Lippen tragen, wenn ſie ſtechen wollen, wie die Biene, daß, wenn ſie Ver⸗ rath in ihrem Herzen brüten, ſie mit ihrem Munde immer Liebe ſchwören, und Den küſſen, welchen ſie ermorden wollen. Oronvoko wußte das nicht! Er ver⸗ traute ſeinem weißen Freunde, und legte die Hand in ſeine Rechte und erwiederte den Kuß ſeiner Lippen.— Der Capitain bat ihn und ſeine Krieger, mit ihm hinabzuſteigen in die Kajüte, wo ein glänzendes Gaſtmahl ſie erwarte. Oronooko winkte ſeinen Krie⸗ gern und ſie Alle ſtiegen hinab. Da war eine glänzende Tafel bereit, da ließ man ſich nieder auf weichen Polſtern, und aß die fremd⸗ ländiſchen Speiſen und trank aus großen Bechern den ſchäumenden Wein. Düſterer und immer düſterer ward es vor Oronooko's Blicken, ſchweigſam und ſtille ſaßen ſeine Krieger, geſenkten Hauptes, hochathmend. Oronooko fühlte einen ſtechenden Schmerz in der Bruſt, er meinte, ein Vampyr ſei gekommen, ihm das Blut ſeines Herzens anszuſaugen, er wollte mit der Hand ſeine Bruſt bedecken, aber die Hand war ſteif und be⸗ wegungslos. Oronooko fühlte ſich ſterben, er fühlte eine ſchwarze Decke ſich über ſein Haupt hinſenken, und er ſchloß die Augen.— Der große Geiſt, fuhr der Sclave nach einer Pauſe fort, der große Geiſt wollte Oronooko nicht gnädig ſein,— der Verrath hatte Oronooko die Angen geſchloſſen, aber nach vielen Stunden öffnete der große Geiſt ſie ihm wie⸗ der, damit Oronvoko ſehen ſollte das Entſetzliche! Damit er ſehen ſollte die in Ketten gelegten Krieger ſeines Gefolges, damit er fühlen ſollte ſeine eigene geknebelte Geſtalt und die ſchnell vorwärts rauſchende Bewegung des Schiffes, das ſeit vielen Stunden 65— ſchon den Hafen verlaſſen hatte, und hinaus geſteuert war auf die See. Dronvoko ſah auf den Capitain, der mit in ein⸗ ander geſchlagenen Armen, mit einem grauſamen Lächeln ihm gegenüber ſtand. Er begriff den ſchaudervollen Verrath, er wußte, daß man ihm und ſeinen Kriegern von dem ſchlafbetäubenden Opium in den Wein und die fremdländiſchen Speiſen gemiſcht, um ſich der Wehr⸗ loſen zu bemächtigen, und ſie des Schmuckes zu be⸗ rauben und ihrer Waffen, daß man mit den Gefange⸗ nen hinausſteure auf das Meer, um ſie in fremden Län⸗ dern zu verkaufen als Selaven. Das wußte Oronooko, noch ehe der Capitain es ihm geſagt mit ſpottendem Munde und mit dem Ge⸗ lächter eines Schakals, der ſeine Beute erwürgte! Ja, der weiße Mann ſpottete des armen Schwarzen, wel⸗ chen er überliſtet hatte mit ſeinen Liebesſchwüren und ſeinen Freundſchaftsbethenerungen, mit ſeinen Küſſen und ſeinen Händedrücken. Dronvoko ſchwieg und ſchlang ſeine Qual in ſich und verſchluckte das Feuer ſeiner Wuth und ſeiner Schmerzen. Wehrlos war er und in Banden, wehr⸗ los waren ſeine Krieger, was ſollte das zornige Wort ihm nützen und der ohnmächtige Widerſtand? Nur mit den Blitzen ſeiner Augen ſtrafte Oronvoko den verrätheriſchen Weißen, daß er mit bezwungener Seele den Blick zu Boden ſenkte. Aber die Schmach nicht zu überleben, gelobte ſich Oronooko, und er aß nicht, und trank nicht, vier Tage lang. Doch der Jammer und das Wehegeſchrei ſeiner gefeſſelten Krieger erbarmte ihn. Weil Oronvoko nicht aß, ſchlug man ſie, und weil er nicht trank, peinigte man ſie, daß ihr Blut aus ihren Wunden floß, und ihre Seele ſeufzte in Quaal. — 6 Oronooko bezwang ſich ſelber, er aß und trank, damit man ſeiner Krieger ſchone, er fügte ſich mit Geduld in das Unglück, welches der große Geiſt über ihn verhängt hatte, und er ermahnte die Seinen zur Geduld. Weil ſie nicht kämpfen konnten wie Män⸗ ner, ſollten ſie leiden, wie Männer. Und von den ſchwarzen Kriegern und ihrem Prinzen Oronvoko hat man keinen Schrei und keinen Vorwurf vernommen. Man kann auch ein Held ſein, ohne Schlachten zu ge⸗ winnen. Oronvoko iſt mit ſeinen Kriegern hierher ge⸗ bracht, und als Sclaven hat der weiße Capitain ſie dem engliſchen Gouverneur verkauft. Oronooko ſchweigt und leidet! Und der Neger ſenkte verſtummend ſein Haupt auf ſeine Bruſt. VI. Eine Enttäuſchung. Lange ſtarrte Oronvoko gedankenvoll zu den hohen Bäumen empor, während Aphra ganz mechaniſch einige von den Blumen, die an ihrer Seite blühten, flückte und ſie entblätterte So iſt das Glück! dachte ſie. Wir nehmen es zuerſt in uns auf als eine volle Blüthe, und dann fällt Blatt nach Blatt von ihm ab, bis wir zuletzt nur noch den entblätterten Stengel behalten! Das erſte Blatt aus der Blüthe meines Glücks iſt mit meinem Vater in die Gruft verſunken, und jetzt ſchon iſt ihm das zweite gefolgt. Ich wollte Oro⸗ nooko's erſte Liebe ſein, und werde doch nur die Tröſte⸗ rin ſein können für eine, vielleicht kaum ſchon vergeſſene andere Liebe! Aber ich will es verſuchen, ſein Herz 6— zu heilen, und es wird mir gelingen. Oronooko ver⸗ traut mir, und man vertraut nur denen, welche man liebt. Und will die weiße Taube nichts mehr wiſſen von dem Unglück des armen Negerfürſten und ſeiner Braut? fragte Oronooko jetzt, ſeine großen Augen mit ſeltſamem Ausdruck auf Aphra heſtend. Oh, ſagte Aphra innig, das Unglück ſoll hier enden, Oronvoko, dieſe Tage der Schmerzen ſollen vorüber ſein! Nein nichts mehr von Unglück. Jetzt ſollen die Wunden Deines Herzens heilen und unter dem Sonnenſcheine eines neuen Glückes wirſt Du die dunklen Tage, welche geweſen, vergeſſen lernen! Der Neger warf einen flüchtigen Blick rückwärts. Sein ſcharfes Ohr hatte lange ſchon ſich nähernde Tritte vernommen, und durch das dichte Gebüſche hin⸗ ter ihnen ſahe er jetzt zwei helle glänzende Augen⸗ ſterne hindurch blitzen. Leiſe ſenkte er, gleichſam be⸗ grüßend, die Angenlider, und erhob einen Moment die Hand, als wolle er die verborgene Geſtalt näher winken. Aphra ſah es nicht, ihr Herz war ſo beklommen, und voll ſo ſtürmiſcher Gedanken! Sie ſah nichts als Oronooko; ſie hörte weder das Rauſchen der Bäume, noch das Murmeln des Baches, ſie ſah nicht die Vö⸗ gel, die in dem niedern Geſträuche, wie glänzende Blüthen ſich wiegten, und nicht die blitzenden Käfer, die durch das Gras und das Moos hinſchlüpften. Sie ſah nichts, als Oronooko, ſie hörte nichts, als ihn! Oronvoko ſagte leiſe: Haben denn die weißen Frauen kein Mitgefühl für die Liebe? Will meine Herrin nichts mehr wiſſen von dem Schickſal der Ge⸗ liebten Oronvoko's? — 65 Sagteſt Du mir nicht, ſie ſei geſtorben? fragte Aphra erbleichend. Ich ſagte Dir, daß der König es ſo ſeinem Enkel Oronvoko verſichert! Und ſie war nicht todt? rief Aphra mit angſtzit⸗ ternder Stimme. Höre, was mir einer der Selaven erzählte, der mit der jüngſten Schiffsladung gekommen. Du kenuft dieſen Sclaven, er heißt Taminko, und iſt ein Sohn meines Landes, einſt mein Unterthan, jetzt ein Bru⸗ der meines Unglücks! Taminko erzählte mir von dem goldbefiederten Vogel, welchen Oronvoko liebte. Der Königsgreis hatte von den weißen Männern gelernt! Der Verrath und die Lüge war auf ſeiner Lippe ge⸗ weſen, als er zu ſeinem Enkel ſagte:„Deine Geliebte iſt geſtorben vor Gram!“ Sie war alſo nicht todt? murmelte Aphra. Nein, ſie war nicht todt! Sie lebte unter Thränen und Seufzen! Sie lebte, weil ſie Oronooko liebte, und weil ſie nicht ſterben wollte, ohne ihn noch einmal geſehen zu haben! In einen dunklen Käfig hatte man den goldbefiederten Vogel geſperrt, und der König war ihr eigener Kerkermeiſter, der ſie guälte mit ſeiner Liebe und mit dem Flehen ſeiner Lippen. Sie blieb unbezwungen und ſtolz; ſie ſagte: ich liebe nichts als Oronvoko! Für ihn kann ich ſterben, und das Leben iſt mir nichts ohne ihn!— Und wenn der König ſagte: Oronvoko liebt Dich nicht mehr! Oronooko hat Dich vergeſſen! Dann ſchüttelte ſie ſchweigend das Haupt, und lächelte ſtolz.— Eines Tages nahm der König ihren Arm, und ſagte zu ihr: wenn Du mir ſchwören willſt, kein Wort, keinen Seufzer auszuſtoßen, dann ſollſt Du ſehen, wie Oronvoko nicht trauert um Dich, obwohl ich ihm lange geſagt, daß Du geſtorben ſeieſt! Wenn Du mir ſchwörſt, Dich ihm nicht zu zeigen, und keinen Augen⸗ blick Deinen Schleier zu lüften, dann ſollſt Du ſehen, wie er luſtig iſt, und fröhlichen Herzens!— Sie ſchwur ſtille zu ſein, und ſich durch keinen Laut zu verrathen! Nun führte ſie der König in ein dichtver⸗ hangenes Gemach, und er ſchob leiſe den Vorhang ein wenig zurück, daß man in die große Halle, welche daneben war, hineinblicken konnte. Da funkelte Alles von Gold und Lichterglanz, da waren Roſen auf die Teppiche geſtreut, und Wohlgerüche brannten in ſil⸗ bernen Gefäßen. Auf golddurchwirkten Polſtern lag der Prinz Oronvoko. Ein weißſeidenes, ſilbergeſticktes Gewand umhüllte ſeine dunkle Geſtalt, mit Edelſteinen geſchmückte Sandalen trug er an den Füßen, mit Dia⸗ manten war der Gürtel beſetzt, an welchem ſein To⸗ mahawk hing, und einen vollen Roſenkranz befeſtigte eben eine der ſchönen, halbnackten Sclavinnen in dem Lockenhaar ſeines Hauptes. Oronvoko aber ſchlang einen Arm um ſie, und küßte das Weib, und lachte laut zu den Scherzen ſeiner Freunde, und trank in langen Zügen aus dem goldenen Becher, den eine andere der ſchönen Selavinnen ihm darreichte, und zog ſie zu ſich nieder auf das Polſter, um ſie zu umarmen und zu küſſen.— Der goldbefiederte Vogel, welcher an des Königs Seite ſtand und lauſchte, der wußte nicht, daß Oronooko lachte mit weinendem Herzen und daß ſeine Küſſe kalt waren, wie der Schnee auf den Gipfeln der Berge. Weil ſie das nicht wußte, war ihre Seele voll Kummer, und ohnmächtig ſank ſie in des Königs Arme.— Als ſie erwachte, da waren viele Tage und Wochen vergangen, denn eine mitleidige Krankheit hatte ihre Seele gefangen gehalten, daß ſie nichts wußte von —— ihren Qualen, und der Tod hatte lange gekämpſt mit dem Leben um ihren jungen, ſchönen Leib und ihr ſtürmiſches, edles Herz. Sie blickte wieder voll Bewußtſein umher, und ſie ſah, daß die Geſichter aller Derer, die ſie umgaben, trübe waren und voll Trauer, ſie ſah den König, Augen voll Thrä⸗ nen waren und deſſen Bruſt ſ athmete von Seufzern. Eine unendliche Traurigkeit kam über ſie. Obwohl ſie Oronvoko zürnte, liebt ſie ihn doch und in dem Antlitz des Königs meinte ſie zu leſen, daß er geſtorben ſei. Als ſie mit leiſer zitternder Stimme den König fragte, ob Oronooko geſtorben, da brachen die Diener in ſchmerzliches Geheul aus und der König weinte laut, und erzählte ihr von dem treuloſen Weißen, welcher den Prinzen und ſein Gefolge entführt hatte auf ſeinem ſchnellfüßigen Schiffe.— Der Kummer aber hatte das Herz des Königs weich gemacht, und der Skorpion ſeines Gewiſſens war wach geworden in ihm. Er erzählte dem goldbefiederten Vogel, daß Oronooko ſie immer geliebt und daß er nur luſtig geweſen aus übergroßer Traurigkeit.— Das Weib Oronvoko's lächelte unter Thränen, und ſagte leiſe: Dronvoko lebt, und er liebt mich! Das Meer iſt nicht ſo groß, daß die Liebe nicht hindurch ſchwimmen könnte. Er nannte mich ſeinen goldbefiederten Vogel, und er ſoll ſehen, daß ich Flügel habe ihm zu folgen! Oronvoko lebt, und darum will ich leben, und ihn ſuchen!— Sage mir, weiße Taube, fragte der Neger, in⸗ dem er ſich mit leuchtenden Augen an Aphra wandte, ſage mir, ob das nicht ein edles Weib war, welches ſo geſprochen? Es war ein Weib, welches Dich liebte, flüſterte Karl I. 1. 5 — das junge Mädchen, und wer Dich liebt, wird für Dich Alles dulden, Alles wagen, denn Du verdienſt eine ganze, hingebende Liebe! Dronooko ſchüttelte lächelnd das Haupt. Kein Mann verdient das, ſagte er. Die Liebe der Weiber iſt eine Gabe des Himmels, für welche der Mann dem großen Geiſte auf ſeinen Knieen danken ſollte! Aber kaß Dir weiter erzählen von dem Weibe, welches Oronvoko liebte! Sie hatte geſagt: ich will leben; und ſie lebte. Wochen und Mongte vergingen, aber ſie hörte nichts von Oronooko. Da lief eines Tages ein Schiff in den Hafen, und mit demſelben kehrte einer von den Kriegern Oronvoko's zurück. Dem war es gelungen der Selaverei zu entfliehen, und ſich zu retten zu den befreundeten Stämmen der Indier. Ein franzöſiſches Schiff hatte ihn aufgenommen, und er kam heim, und erzählte dem Volke und dem jam⸗ mernden König von dem gefangenen Prinzen Oronvoko, welchen man in Surinam den Sclaven Cäſar nenne, und deſſen Haupt gebengt ſei in den Staub der Knechtſchaft. Das Volk weinte, und der König rang die zitternden Hände, aber der goldbefiederte Vogel lächelte und flüſterte: Oronooko lebt! Ich werde Flü⸗ gel haben, ihm zu folgen.— Und als ſie allein war mit Taminko, dem Freunde Oronooko's, da ſagte ſie zu ihm: Oronooko lebt in Surinam, und das franzö⸗ ſiſche Schiff, welches im Hafen liegt, weißt Du, wo⸗ hin es geht?— Taminko ſenkte das Haupt und ſchwieg, denn er hatte das Weib Oronooko's verſtan⸗ 6 den.— Dieſes Schiff geht nach Surinam, ſagte ſie frendig, glaubſt Du nicht, daß es Raum haben wird für das Weib Oronooko's?— Du willſt ihm folgen? fragte Taminko.— Ihm folgen will ich! ſagte ſie ent⸗ ſchtoſſen. Ich will eine Sclavin ſein, und weil ich 3— ihn nicht befreien kann, will ich mit ihm gefangen ſein!— Wenn Du gehſt, werde ich mit Dir gehen! ſagte Taminkv.— Bann gehen wir Beide! rief das junge Weib, und ſie nahm heimlich ihre goldenen Spangen und ihren goldgeſtickten Schleier, und heim⸗ lich ſchlich ſie zur Nachtzeit mit Taminko hinaus aus dem Königspalaſte. Sie konnte eine Königin ſein, aber ſie zog es vor, eine⸗Seclavin zu werden. Ein Boot lag am Ufer, das beſtiegen ſie und ruderten hinüber zu dem fran⸗ zöſiſchen Schiffe, welches ſie muthig erkletterten. Der Capitain fragte ſie durch einen Dollietſcher, was ſie begehrten. Das Weib warf ihren Schleier zurück, und legte die goldenen Armſpangen zu des Capitains Füßen nieder. Du willſt noch heute Nacht mit Deinem Schiffe unſern Hafen verlaſſen? fragte ſie, und als der Ca⸗ pitain es bejahte, da ſagte ſie weiter: Du gehſt nach Surinam? Wohlan, ſo nimm mich mit, und ver⸗ kaufe mich dort als Sclavin an den Gouverneur der Britten! Ich ſchenke Dir dieſe äußere Geſtalt, da⸗ mit Du ſie verkaufeſt!— Und verkaufe auch mich, ſagte Taminko.— Der Capitain lachte laut über die Dummheit der Beiden. Ihr denkt wohl, die Selaverei iſt ein Leben voll Luſt und Wonnes fragte er. Nein, ſagte der goldbefiederte Vogel, die Seclaverei iſt voll Jammer und Schmerzen, das weiß ich! Und dennoch willſt Du eine Sclavin werden? fragte der weiße Mann verwundert. Gerade deshalb! ſagte ſie. Da lachte der Capitain wieder und ſagte: warum ſoll ich nicht Vortheil ziehen von der Dummheit, wenn 5* — ſie ſich mir ſelbſt in die Hände liefert. Und als das Weib und Taminko ihn wieder fragte, ob er ſie mit⸗ nehmen, und ſie verkaufen wolle als Sclaven, da ſagte er: Ja, das will ich! Schwöre mir, rief das junge Weib feierlich, ſchwöre mir, daß Du uns nur an den engliſchen Gouverneur in Surinam verkaufen willſt! Schwöre mir auch bei Deinem Gotte, daß Du es Niemand verrathen willſt, wie ich freiwillig zu Dir gekommen, um eine Selavin zu werden.— Der weiße Mann ſchwur es bei ſeinem Gotte, zu welchem er die Hände empor hob. In derſelben Stunde noch verließ das Schiff den Hafen, und ſegelte fort nach Surinam. Du weißt, daß es hier angekommen, denn Taminko iſt ſeit ſechs Monaten ſchon hier, und er iſt ein Sclavel— Der Neger ſchwieg und blickte verſtohlen hinüber nach Aphrg. Wie eine vom Blitz zerſchmetterte Lilie, ſo bleich war ſie und ſo gramzerriſſen. Ihr Haupt hatte ſie zurückgelehnt an den Stamm des Baumes, unter welchem ſie ſaß; ſchwere Seufzer hoben ihren Buſen, und aus den halbgeſchloſſenen Augen fielen Thränen über die bleichen Wangen hinab. Es iſt zu Ende, ſagte ſie leiſe zu ſich ſelber, die Blüthe meines Glückes iſt gebrochen, ein eirziger Sturm hat ſie entblättert. Fahrt hin meine Träume von Liebe und Wonne, Oronooko liebt eine Anderel DOronooko blickte wieder hinter ſich, und winkte leiſe mit der Hand. Das Gebüſch zertheilte ſich und zwei länzende Augen und ein liebliches ſchwarzes Mädchen⸗ antlitz ward ſichtbar.— Oronooko zeigte auf den Baum, unter welchem Aphra ſaß. Leiſe, unhörbaren Schrittes ſchlüpfte das junge, ſchwarze Weib hinter denſelben. Aphra hörte es nicht,— ſie war zu ſehr mit der Qual ihres eigenen Herzens beſchäftigt, mit dieſen lau⸗ ten und ſchmerzvollen Gedanken, welche ihre Seele beſtürmten und peinigten. Dahin ihre Hoffnungen, ihre jungen Mädchen⸗ träume, dahin alle dieſe ſtolzen hochfliegenden Pläne für die Zukunft! Oh welche ſchöne goldige Träume hatte ſie nicht in der Tiefe ihres Herzens genährt! Den Sclaven hatte ſie befreien, mit ihm hatte ſie fliehen wollen in die Ferne und Weite, und in irgend einer Hütte mit ihm wohnen wollen, ihm hatte ſie ihre Jugend, ihr Leben, alle ihre europäiſchen Anſprüche auf Lebensgenuß mit freudigem Herzen opfern mögen! Und jetzt begehrte er nicht dieſes Opfers, und alle dieſe ſo entzückenden und romantiſchen Bilder verſan⸗ ken vor der rauhen Wirklichkeit! Oronvoko liebte ſie nicht, er liebte eine Andere, und dieſe Andere lebte, ſie war da, um ihn ihr ſtreitig zu machen! Sie iſt alſo hier? Sie iſt mit Taminko hierher gekommen? fragte Aphra leiſe, nach Athem ringend. Oronvoko bejahte. Aber mein Gott, rief Aphra mit faſt zorniger Stimme, wozu dies Geheimniß? Warum wohnt ſie nicht bei Dir in Deiner Hütte, und warum nennſt Du ſie nicht Dein Weib? Darf der Selave wählen, wen er ſein Weib nen⸗ nen will? fragte Oronooko. Hat nicht der Gouverneur ein Geſetz gegeben, daß die Sclaven nur nach ſeinem Willen ſich verheirathen dürfen, und macht es ihm nicht Freude, gerade diejenigen zu vereinen, welche ſich haſſen, und die zu trennen, welche ſich lieben? Ha⸗ ben es die Neger nicht alle gehört, wie er eines Ta⸗ ges ſagte:„dieſe dummen ſchwarzen Thiere bilden ſich noch zuweilen ein, daß ſie ein Herz haben, und lieben — können. Das will ich ihnen austreiben, und darum wäre es Wahnſinn, wenn ich ihnen diejenige, welche ſie begehren, zum Weibe geben wollte. Nur das Weib, welches ich ihnen wähle, darf das ihre werden!“— So hat der weiße Mann geſprochen, und was er ge⸗ ſagt hat, das iſt ein Geſetz, und die ſchwarzen Scla⸗ ven müſſen gehorchen. Oronvoko durfte es alſo nicht wagen, dem Herrn das Weib zu zeigen, welches er liebte, denn dann würde ſie niemals die Seine werden können. Oronooko ſchwieg alſo und wartete. Und eines Tages ließ der große Geiſt ihm einen Stern aufgehen, und Oronvoko ſagte zu ſich ſelber: dieſer Stern wird die Nacht dei⸗ nes Unglückes erhellen! Dieſer Stern wird vor dir herleuchten, wie ein Tag des Glückes! Vertraue die⸗ ſem Stern, und bete zu ihm, daß er dir helfe! Und dieſer Stern verwandelte ſich in ein weißes, ſchönes, junges Weib. Aus einem fernen Lande über das große Meer ſandte ſie der große Geiſt hierher zu Oro⸗ nooko's Hülfe. Das weiße Mädchen ſoll des ſchwar⸗ zen Mannes Engel werden, und ihr ſoll er das Glück verdanken! Du haſt geweint, Du ſchöne weiße Taube? Deine hellen Augen haben Thränen vergoſſen um Deinen Vater? Trockne Deine Augen und ſei ſtille, denn Deines Gottes Segen ruht auf Dir. Er legt das Glück zweier armer, verlaſſener Menſchenkinder in Deine Hände, und in der Freude wohlzuthun, wirſt Du Deiner eigenen Schmerzen vergeſſen! Trockne Deine Augen und ſei ſtille. Während er ſo ſprach, ruhten Oronooko's Augen mit einem unbeſchreiblichen Ausdruck auf dem ſchmerz⸗ zuckenden Antlitz des jungen Mädchens. Eine Art mitleidiger Andacht ſprach aus ſeinen Blicken, und auf ſeinen Vppen ſtand ein ſchmerzliches Lächeln. Ihre von Thränen umdüſterten Blicke begegneten den ſeinen, es lag etwas Magiſches, Bezauberndes in dieſem ge⸗ genſeitigen Anſchauen. In dieſem Moment waren ihre Seelen Eins in Einem Gedanken, verſtanden ſich ihre Herzen ohne Wort und ohne Laut. Unwillkühr⸗ lich ſtreckte Aphra ihm ihre kleine zitternde Hand hin, und Oronooko drückte dieſe mit einem köſtlichen Lächeln an ſeine Bruſt. Sieh, ſagte er dann leiſe, auf Deiner Hand glänzt noch eine Thräne! Laß ſie mich trinken, Du ſchöne weiße Taube, ich habe ſo lange gedürſtet nach einer Thräne des Mitgefühls! Trockne Deine Augen, und ſei ſtille, flüſterte Aphra leiſe in ſich hinein, und jetzt leuchtete es in ihrem Antlitz auf wie Sonnenglanz, und faſt freudig ſagte ſie: ich will Dir beiſtehen, Oronvoko, und wenn es meinen Bitten gelingt, ſo wird der Gonverneur Dir das Weib geben, welches Du liebſt! Ich will Deine Fürſprecherin ſein! Nenne mir alſo den Namen Deiner Geliebten! Der Neger ſah ſie mit tiefforſchenden Blicken an, dann hob er winkend die Hand empor und hinter dem Baume ſchlüpfte die junge Negerin, welche dort verborgen geweſen, hervor, und warf ſich, das Antlitz mit ihren Händen verbergend, zu Aphra's Füßen nieder. Ein Schrei des Entſetzens drang von Aphra's Lippen und mit einer zornigen Geberde ſprang ſie empor. 5 Imvoinda! rief ſie. Imoinda iſt es, welche Du liebſt? 2 Sie iſt es! ſagte Oronooko ſanft, indem er das zitternde junge Weib in ſeine Arme drückte. Ein wildes Lachen tönte von Aphra's Lippen, und mit flammenden Augen blickte ſie auf das vor ihr knieende eng umſchlungene Paar. Verrathen! Betrogen! ſagte ſie zähneknirſchend, indem ſie in verzweiflungsvoller Wuth die Hände rang. Nur Ein Herz, dem ich vertraute, und dieſes Eine verrieth mich! Ach, ich nannte ſie meine Freundin, meine Schweſter, ich machte ſie zur Ver⸗ trauten meiner innerſten Gedanken, und indem ich ihr vertraute, verrieth ſie mich. Und bei der Erinnerung alles deſſen, was ſie Imoinden vertraut, übergoß eine dunkle Röthe der Schaam ihre Stirn und ihr Angeſicht, und Thränen des Zornes blitzten in ihren Augen. Sie weiß, daß ich ihn liebe, dachte ſie, ich ſelber habe es ihr geſtanden, und ſie hatte den grauſamen Muth mich anzuhören, und zu ſchweigen! Ach, wie mag ſie mit ihrem Geliebten gelacht haben über die thörichte Weiße, welche Oronvoko liebte, und die er verſchmähete! Wie ſie das dachte, fühlte ſie ihr Blut wie Feuer durch ihre Adern ſprühen, und ein Sturm des Zornes wirbelte in ihrem Hirn auf. Oh, rief ſie lant und zornvoll, Ihr ſollt nicht lachen über das weiße Mädchen, ich will dieſes tückiſche Lachen in Thränen verwandeln! Ich habe die Macht dazu, und ich will es! Steht auf, und folgt mir! Wir gehen zum Gouverneur! Ach, Ihr thatet Unrecht, auf meine Hülfe zu bauen, ich helfe niemals der Verrätherei! Oronvoko! ſchrie Imoinda, indem ſie ſich feſt an ihres Geliebten Buſen klammerte. Oronooko, blicke ſie an! Sie hat die Augen einer Tigerin, und ſie wird uns erwürgen! Ach, mein Geliebter, warum — 3 haſt Du zu ihr geſprochen. Sagte ich Dir nicht, daß ſie uns nie verzeihen würde? Das ſagteſt Du, rief Aphra hohnlächelnd, das ſagteſt Du, während Du doch ſchwurſt mich zu lieben? Du nannteſt mich Deine Schweſter, und mißtraueteſt mir? Nun wohl, Du ſollſt Dich nicht in mir geirrt haben! Aphra Johnſon verzeihet nicht, ſie rächt ſich! Folgt mir zum Gouverneur! Sie wandte ſich ab, um zu gehen, und winkte den Beiden ihr zu folgen. Da traf ſie ein Blick Oronvoko's, und wie gebannt hafteten ihre Augen auf den ſeinen. Aphra Johnſon rächt ſich nicht, ſie verzeihet, und hilft! ſagte der Selave lächelnd. Aphra ſchwieg und blickte ihn an, und plötzlich entſtürzten Ströme von Thränen ihren Augen. Die Wuth ihres Schmerzes war gebrochen, und eine tiefe, wehmuthsvolle und innige Traurigkeit überkam ſie jetzt. Ihr empörter Stolz hatte ihr Kraft verliehen, jetzt ſank ſie zuſammen in mädchenhafter Schwäche und ihr Haupt in dem hohen Graſe verbergend, winkte ſie abwehrend mit der Hand und flüſterte leiſe: geht! Laßt mich allein! Oronvoko nahm Imoinda's Hand und ging. Bald waren ihre enteilenden Geſtalten hinter dem Gebüſch verſchwunden. Aphra war allein! Sie war ganz allein, denn ſelbſt die Hoffnung hatte ſie verlaſſen, und das Ver⸗ trauen war von ihr gewichen! Sie war allein, und nur der Schmerz war bei ihr und in ihrem Buſen klopfte eine wilde unſagbare Qual. Sie fühlte ſich grenzenlos verlaſſen, grenzenlos einſam, und in der Bitterniß ihres Kummers fragte ſie Gott mit ge⸗ rungenen Händen: warum er mit ſchadenfroher Luſt gerade auf ihr Haupt alles Unglück häufe und alle Qual? Warum er ſie auserſehen zum Spielball alles Erdenleidens!— Wie glückesfroh hatte ſie nicht vor wenigen Monaten erſt England verlaſſen, an der Seite ihres Vaters, mit dem ſie eine glänzende und ehren⸗ volle Stellung hatte theilen ſollen! Dieſem glänzenden Ziele entgegengehend, war er geſtorben und nur ſeine Leiche kam in das Land, deſſen Gouverneur er hatte ſein ſollen! So war ſie, die arme vereinſamte Waiſe, gezwungen worden, den Schutz Deſſen anzunehmen, den ihr Vater hatte verdrängen ſollen, und in dem Hauſe des Gouverneurs zu wohnen, von dem der Ruf ſeiner Wildheit und barbariſchen Grauſamkeit ſchon bis nach England gedrungen war. Und aus dieſer grenzenloſen Verlaſſenheit, aus dieſer angſtvollen Ein⸗ ſamkeit hatte die Liebe und die Freundſchaſt ſie erretten ſollen. Mit der ganzen Gluth eines heißen, leiden⸗ ſchaftlichen Herzens hatte ſie ſich an die Liebe ange⸗ klammert, mit dem ganzen Vertrauen ihres edlen, offenen Charakters hatte ſie der Freundſchaft ſich hin⸗ gegeben. Und Beide hatten ihr gelogen, die Liebe und die Freundſchaft! Einen Mann hatte ſie geliebt, der ihrer nicht begehrte, und einer Freundin hatte ſie ver⸗ traut, welche ihre Nebenbuhlerin war, und ihr Ver⸗ trauen hinnahm, ohne es zu erwidern. Wenn ſie daran dachte, erfüllte ein ſchmerzlicher Zorn ihre ganze Seele, und ſie empfand das glühende, überwältigende Bedürfniß der Rache. Dieſe Rache lag ſo nah, ſie war ſo voll und ganz in ihre Hand gegeben. Aphra durfte nur ein Wort dem Gouverneur ſagen, und Oronvoko war für immer von Imoinda getrennt, und ſie würde die Genugthuung haben, dieſe verrätheriſche Freundin einem andern Selaven in die Arme geworfen zu ſehen! Aphra lachte laut, als ſie das dachte, aber ſie * — 75— erſchrak vor ihrem eigenen Gelächter, das ſchauerlich durch die Stille des Waldes ertönte, und ein ſchnei⸗ dendes, lange nachklingendes Echo wach rief in der heiligen Waldesſtille. ünwillkührlich gedachte ſie jetzt der letzten Worte Oronooko's. „Aphra Johnſon rächt ſich nicht, ſie verzeihet und hilft!“ Das junge Mädchen ſenkte ihr Haupt auf ihre Bruſt und ſeufzte. Er hat mindeſtens Vertrauen zu meinem Herzen, dachte ſie, er hat ſich meiner Großmuth übergeben. Soll ich ihn täuſchen? Wäre ich dann ſeiner würdig und könnte ſtolz und ohne Schaam zu ihm auf⸗ ſchauen? Lange ſaß ſie da, bewegungslos, ſich berathend mit ihren innerſten Gedanken, und horchend auf die Stim⸗ men, welche, oft ſich widerſprechend in Luſt und Wehe, in ihrem Innern laut wurden! Es war ein bitterer und ſchmerzvoller Kampf, ein Kampf des glühenden, rachedürſtenden, in ihrem Stolze gekränkten Weibes, und des liebenden, Alles verzeihen⸗ den, opferbereiten, jungen Mädchens. Zuletzt ſiegte die Liebe. Aphra hob ihr von Thränen überfluthetes Geſicht empor, und faltete die Hände. Trockne Deine Augen und ſei ſtille! flüſterte ſie leiſe, und ein ſchmerzliches Lächeln trat auf ihre Lippen, als ſie ſich erinnerte, mit welchem edlen, erhabenen Ausdruck Oronvoko das zu ihr gefagt. Trockne Deine Angen und ſei ſtille! wiederholte ſie leiſe, indem ſie ihre Hände über ihre Augen legte, und bange aufſeufzte vor innerer Qual. Ich will nicht mehr weinen! ſagte ſie dann laut und eutſchloſſen. Nein, Imoinda ſoll mich nicht — 6 weinen ſehen, und Oronvoko ſoll nicht glauben, daß Aphra Johnſon ſeiner begehrt, und nach ſeiner Liebe ſeufzt! Ich werde hingehen und bei dem Grafen für ſie bitten! Oronooko ſoll ſich nicht in mir getäuſcht haben! Er ſoll das arme weiße Mädchen, das er nicht lieben kann, wenigſtens achten müſſen! Ein ſtarkes Herz. In glühender Haſt eilte Aphra dahin durch den Wald, deſſen Einſamkeit und Schweigen ihr jetzt grauſig und entſetzlich deuchte. Denn in dieſer Einſamkeit war hörte ſie die Stimmen der Schmerzen in ihrer Bruſt flüſtern. Sie mußte unter Menſchen ſein, um dieſe Stimmen zu übertäuben, ſie mußte ihren großmüthigen Entſchluß raſch ausführen, damit er ſie nicht gereue. Sie ſollen glücklich werden, ich will es! ſagte ſie in athemloſer Haſt. Oronvoko hat ſo viel gelitten, es ſoll nicht geſagt werden, daß die, welche ihn liebt, ihm das Glück geben konnte, und es in eigenſüchtiger Eng⸗ herzigkeit nicht that. Was liegt daran, ob mein Herz blutet, wenn es gilt, das Seine zu heilen. Oronooko ſoll glücklich ſein! Ich denke nicht an Imoinda! ſagte ſie erglühend. Ich will es vergeſſen, daß auch ſie durch mich glücklich wird, ſie, die mich verrathen hat. Sie, der ich ver⸗ traute, die ich zu meiner Freundin gemacht, und die ſie allein mit ihrer Qual, und in dieſem Schweigen meine Freundſchaft verrathen, mein Vertrauen hinter⸗ — 3 *. — — — — gangen hat. Mit Einem Wort hätte ſie mein Herz von ſeiner Liebe geſunden laſſen können, ſie hätte frei und offen mir ſagen müſſen:„Oronvoko liebt Dich nicht! Ich bin es, die er liebt!“ Aber ſie hörte meine Geſtändniſſe und ſie ſchwieg, ſchwieg aus Feig⸗ heit! Still, ſtill! Ich will nicht daran denken, damit der Zorn nicht wieder in mir erwache! Oh, ſie ſoll nicht ſehen, was ich leide! Nein, ſie ſoll mich nicht beklagen! Mit lachendem Munde will ich ſie Oro⸗ nooko in die Arme werfen, und keine Muskel meines Geſichts ſoll zucken, wenn er ſie in ſeine Hütte trägt. Aber als ſie das dachte, tönte ganz unwillkührlich von ihren Lippen ein herzzerreißender Schrei und in wilder Verzweiflung rang ſie die Hände. Einen Moment ſtand ſie ſtill, ganz überwältigt von ihren Qualen. Dann warf ſie ſtolz das Haupt zurück, und ſagte entſchloſſen: ich will nicht mehr weinen! Und jetzt an's Werk! ſagte ſie, als ſie aus dem Walde hervortretend, das Haus des Gouverneurs vor ſich liegen ſah.— Niemals war Aphra Johnſon freundlicher und gütevoller gegen den Gouverneur Grafen Banniſter geweſen, als an dieſem Tage. Mit lächelndem Munde hörte ſie ſeinen Liebesverſicherungen zu, und wäh⸗ rend ſie ſonſt ſeine Aufmerkſamkeiten mit ſchneidender Härte abzulehnen pflegte, nahm ſie dieſelben heute mit reizender Nachgiebigkeit an. Der Graf war entzückt. Er hatte das junge Mädchen niemals reizender gefunden. Sie muß Mein werden um jeden Preis! dachte er. Ich will und werde meine Wette gewinnen. Oh, und ſie ſcheint ſchon Furcht zu haben, daß ſie unterliegt. Wie duldſam iſt ſie hente! Iſt es ihr — 76 ½ Herz, das ſich zu mir neigt, oder iſt es nur die Furcht, die ſie ſo freundlich macht? Als er ſich das fragte, blickte er Aphra forſchend an. Sie ſaß neben ihm auf dem niedrigen Polſter, in anmuthigſter Nachläſſigkeit. Auf ihren Lippen ſchwebte ein träumeriſches Lächeln, und ihre feuchten, ſchwimmenden Blicke ſtarrten gedankenvoll in die Luft. In füßes Sinnen ſchien ſie verloren, Graf Banniſter war eitel genug, das zu ſeinen Gunſten zu deuten, und er fühlte ſein Herz höher klopfen vor Luſt und Freude. Sie war ein wundervolles, zugleich üppiges und zartes Weib. Ihre vollen runden Arme waren ent⸗ blößt und ſchienen im Contraſt zu dem ſchwarzen ſei⸗ denen Gewande, das ihre Geſtalt umhüllte, von durch⸗ ſichtiger alabaſterner Weiße. In ihren ſchlanken kleinen Händen hielt ſie eine Cryſtallſchale, die ſie von Zeit zu Zeit an ihre Lippen drückte, um mit dem klaren Quellwaſſer, welches ſie enthielt, ſich bei der glühen⸗ den Hitze Kühlung zu trinken. In dem dunklen Haar, das in langen Locken auf die vollen zarten Schultern niederwallte, hatte ſie eine purpurne Roſe befeſtigt. Ihre Wangen glühten, wie dieſe, und ihr nur von leichtem Flor umhüllter Buſen wogte ſtürmiſch auf und ab. Graf Banniſter ahnte nicht, welche Stürme in der Bruſt des jungen Mädchens tobten. Er meinte, es ſei die Gluth des Tages, welche ihre Wangen glühen machte, und es war doch das Feuer innerer Schmer⸗ zen, das auf ihrem Antlitz brannte; er dachte, es ſei die erwachende Neigung zu ihm, welche ihren Buſen hob, und es war doch nur der innere Kampf und die Furcht vor der kommenden Stunde, welche ſie erbeben machte. Ich will ſprechen! ſagte ſie immerfort zu ſich ſel⸗ ber, und hatte doch nicht den Muth, das entſcheidende Wort auf ihre Lippen zu bringen Oronvoko hofft auf mich, und er ſoll ſich nicht getäuſcht haben, nein, gewiß nicht! Sie fühlte ſich ganz betäubt, ganz überwältigt von dieſen innern Kämpfen. Ihr Kopf, ihre Lippen glüh⸗ ten fieberhaft. Um ſich zu kühlen, ſetzte ſie wieder die eryſtallene Schale an ihre Lippen und trank. Graf Banniſter fand ſie eben von unvergleichlicher Schönheit. Er nahm ihre Hand, und deutete auf die Schale hin. Eine Bitte, Aphra! ſagte er. Bitten Sie! flüſterte ſie, indem ſie zu lächeln ver⸗ ſuchte. Laſſen Sie mich aus dieſer Schale trinken! Sie reichte ſie ihm mit einem anmuthigen Kopf⸗ neigen dar, und er trank. Mein Mund hat auf derſelben Stelle getrunken, die von Ihren Lippen geheiligt war! ſagte er, ihr die Schale wieder darreichend. Es war faſt ein halber Kuß, den Sie mir bewilligten! Was thäten Sie, wenn ich Ihnen einen ganzen Kuß bewilligte? fragte ſie lächelnd, indem ihre Wan⸗ gen wider ihren Willen erbleichten. Fordern Sie, was ich thun ſoll, um zu ſolchem 3 Glück zu gelangen! rief der Graf. Nichts wird mir ſchwer oder unmöglich ſein, wenn ein ſolcher Preis meiner harrt. Das junge Mädchen ſah ihn an, und der Aus⸗ druck ihres Geſichtes änderte ſich. Jetzt ward es wie⸗ der das Antlitz eines kühnen, entſchloſſenen Weibes. Keine Spur mehr von dem Träumeriſchen, Hinge⸗ benden, nichts mehr von dieſem verſchwimmenden Blick, dieſem zitternden Buſen, dieſem glühenden Er⸗ röthen!— Aus ihren großen weitgeöffneten Augen ſprühte ein faſt diaboliſches Feuer, und ihre Lippen umſpielte ein ſpöttiſches Lächeln. So blickte ſie auf den Gouverneur hin, und ſchien mit ihren großen, glänzenden Augen auf dem Grunde ſeiner Seele leſen zu wollen. Er erglühte vor ihrem Anſchauen. Was ſoll ich thun, ſagte er, ſprechen Sie, Aphra, was ſoll ich thun, um mir einen Kuß dieſer himmli⸗ ſchen Lippen zu verdienen? Schwören Sie, mir das zu erfüllen, um was ich Sie bitten will? fragte ſie mit einem reizenden Lächeln. Graf Banniſter fühlte ſich ganz überwältigt von dieſem Lächeln. Ich ſchwöre es! ſagte er. Sie ſchwören, die Bitte, welche ich Ihnen vor⸗ tragen will, heute, in dieſer Stunde noch zu erfüllen? Ich ſchwöre es, bei Allem, was mir heilig iſt! ſagte der Gouverneir. Vorausgeſetzt, daß dieſe Bitte nicht der Art iſt, daß ſie mich von Ihnen trennt! Oh nein, ſagte Aphra mit einem rauhen Lachen, von Ihnen trennt ſie mich nicht! Nein, nein, kein WMenſch iſt da, welcher mich Ihnen entreißen möchte! einer, welcher mich liebt! Und liebe ich Sie nicht? fragte der Graf, indem er es wagte, leiſe ſeinen Arm um ihre Geſtalt zu legen. Ja, Sie lieben mich! ſagte ſie ganz verzweiflungs⸗ voll. Sie fühlte ſich dem Wahnſinn nahe vor innerer OQual al. Jetzt muß ich ſprechen, dachte ſie, ich ſelber werde 8— es ſein, welche Oronooko auf immer von mir trennt, und ihn Imvinda zu Eigen giebt! Sagen Sie mir jetzt Ihre Bitte! bat der Gou⸗ verneur dringend. Sprechen Sie ſchnell, damit ich ſchnell gewähren und meinen köſtlichen Lohn empfan⸗ gen kann! Aphra kämpfte einen letzten, einen entſetzlichen Kampf. Sie rang die Hände und preßte die Zähne feſt aufeinander, um nicht laut aufzuſchreien vor Wuth und Schmerz. Mein Gott, ſo ſprechen Sie doch! ſagte der Gou⸗ verneur. Sie drückte die krampfhaft geballte Hand gegen ihre Bruſt. Ja, ich will ſprechen! ſagte ſie dann ermattet. Hören Sie meine Bitte! Wollen Sie mir erlauben, die junge Negerin Imoinda, welche Sie mir zur Die⸗ nerin gegeben, zu verheirathen? Der Graf lachte. Iſt das Ihre ganze Bitte? ſagte er. Nein, ſagte Aphra entſchloſſen, es iſt nicht meine ganze Bitte! Sie müſſen mir auch geſtatten, für Imoinda den Gatten zu wählen! Sehr gern! Vorausgeſetzt, daß ich ſelber es nicht ſein ſoll! lachte der Gouverneur. Sie ſchwören, meine Bitte zu erfüllen und Imoinda Dem heute noch zum Weibe zu geben, welchen ich ihr zum Gatten beſtimme? Ich ſchwöre es! Und Sie, Aphra, Sie ſchwören, wenn ich es gethan, mir einen Kuß zu gewähren? Ich ſchwöre es bei meiner Ehre! fagte ſie mit einem bittern Lächeln.. Nun, ſo nennen Sie mir den glückſeligen Gatten Karl II. 1. 6 82 Imvinden's! ſagte der Gouverneur, indem er ſich haſtig erhob und die ſilberne Glocke berührte. Nennen Sie ihn ſchnell, damit ich ihn ſogleich dem Sclavenaufſeher, welchen die Glocke herbeiruft, bezeichne! Oronooko! ſagte ſie laut. Der Gouverneur ſtarrte ſie an. Oronvoko? fragte er. Uind Sie wollen, daß er Imoinda heirathet? Ich will es, ſagte ſie mit erzwungener Feſtig⸗ keit, und Sie haben geſchworen, meinen Willen zu erfüllen! Und ich werde Wort halten! Ach, ſehen Sie, da iſt John, mein treuer John! Sie ſollen es ſogleich gewahr werden, Aphra, daß ich Wort halte! So ſprechend, winkte der Graf den eintretenden S Selavenaufſeher näher. Geh ſogleich hinaus, John, ſagte er, und laß Deine Pfeife ertönen, welche dieſe ſchwarzen Neger⸗ thiere herbeilockt. Laß ſie Alle auf dem Hofe ſich ver⸗ ſammeln. Wir wollen eine Trauung vornehmen, das iſt Alles! Geh, John, und daß mir in einer Viertel⸗ ſtunde alle Sclaven beiſammen ſind! Wer ſpäter kommt, wird durchgepeitſcht, hörſt Du? I†ch höre, und werde Alles vollbringen! ſagte John mit ſeinem gewöhnlichen Grinſen, indem er ſich entfernte. Der Gouverneur wandte ſich wieder zu Aphra, welche erſchöpft auf dem Divan lehnte. Wiſſen Sie, ſagte er weich, wiſſen Sie, daß ich Ihnen ein Unrecht abzubitten habe? Ich glaube es wohl, ſagte ſie nachläſſig. Di Männer thun uns Frauen immer Unrecht, und wär's auch nur mit ihren Gedanken. —— — 85— Grade mit meinen Gedanken fündigte ich an Ihnen! ſagte der Gouverneur, indem er Aphra's Hand faßte. Ich glaubte, verzeihen Sie mir dieſen Frevel, Miß Johnſon, ich glaubte, der Neger Oronooko habe mit ſeinen ſeltſamen Schickſalen Ihr Herz gerührt, und aus Mitleid liebten Sie ihn! Aphra fühlte, trotz ihrer niedergeſchlagenen Augen, die durchbohrenden Blicke des Gouverneurs auf ihr ruhen. Ihr Stolz gab ihr Kraft. Sie lächelte. Und gerade, weil ich dieſe Ihre demüthigende Ver⸗ muthung ahnte, ſagte ſie, gerade deshalb habe ich Ihnen dieſe Bitte geſtellt. Wenn ich im Stande wäre, die⸗ ſen Neger zu lieben, würde ich ihn nicht einer Andern überlaſſen! Sie hätten es denn thun wollen, um meinen Argwohn zu tödten, und Oronooko zu retten? ſagte der Gouverneur mit lauernden Blicken. Dronvoko zu retten? rief Aphra. Iſt er denn in Gefahr? Ja, denn Sie begreifen, daß ich ihn hätte zu Tode peitſchen laſſen, wenn meine Vermuthung wahr geweſen, und Miß Aphra Johnſon, welcher ich mein Herz zugewandt, ihn geliebt hätte! junge Mädchen erbebte und ihre Lippen wur⸗ eich. den bleich Ees iſt alſo ein Glück für Oronooko, daß Sie ſich irrten! ſagte ſie. Ja, ein großes Glück. Aber hören Sie, Aphro, wie John's Pfeife die Neger zuſammenruft! Ach, da rennen ſie ſchon von allen Seiten herbei, dieſe neugierigen Thiere! Kommen Sie, laſſen Sie uns auf den Bal⸗ con treten, damit ich die Trauungsceremonie beginne. Mein Gott, geſchieht das ſo raſch? fragte Aphra. Und wo iſt der Prieſter, der ſie einſegnet? 8 6* Der Graf lachte. Ich bin der Prieſter, ſagte er. Oder meinen Sie, daß man dieſe ſchwarzen Thiere wie Menſchen behan⸗ d deln und ſie förmlich einſegnen ſollte? Ach, das würde. ſie ſehr übermüthig machen, und ſie würden zuletzt dahin kommen, zu glauben, daß ſie wirklich Menſchen ſind! Hat man denn jemals gehört, daß man ſeine Hausthiere, ſeine Kühe und Rinder, ſeine Schafe und Büffel von einem Prieſter einſegnen läßt? Man ſperrt ſie in einen Stall zuſammen, das iſt Alles! Und was ſind denn dieſe Neger anders, als meine Haus⸗ thiere! Sie ſind ein Barbar! rief Aphra zornvoll. Aber ein Barbar, der Ihren Willen als ſein Ge⸗ ſetz erfüllt! ſagte der Gouverneur, indem er ihr den Arm bot. Laſſen Sie uns auf den Balcon treten, 6 um dieſe neue Ehe zu verkünden! Aphra nahm ſchweigend den dargebotenen Arm und trat mit dem Grafen hinaus auf den Balcon.— Unten auf dem großen Flatze hatten ſich die Neger mit ihren Weibern und Kindern aufgeſtellt. Wie eine Heerde zitternder Schafe beim herannahen⸗ den Gewitter, ſo ſtanden ſie da, dicht an einander ge⸗ drängt, ihnen zur Seite die Sclavenaufſeher mit den langen Peitſchen in den Händen. Wie vor einem furchtbaren Unwetter zitterten ſie, die Armen, und fragten ſich bang, was dieſes unvermuthete Zuſam⸗ menrufen zu bedeuten habe. Aber als der Gonver⸗ neur auf dem Balcon erſchien, verſtummten ſie Alle,. und blickten ſchen zu dem mächtigen Herrn empor, in deſſen Hand ihr Leben und Sterben ruhte. Eine athemloſe Stille trat ein. Wie ein Donner erhob ſich endlich die Stimme des Gouverneurs über der lauſchenden Menge. — Der Sclave Cäſar trete vor! rief er gebieteriſch. Ein Ausdruck der Angſt und des Entſetzens zeigte ſich in den Mienen der Neger. Dieſe dummen Teufel fürchten, daß ich ihnen ihren Liebling und Feldherrn erwürgen werdel! murmelte der Graf Banniſter mit einem rauhen Lachen. Sehen Sie nur, Miß Aphra, wie ſie zittern, und wie ſcheu ſie Alle rückwärts blicken! Ach, da iſt Cäſar! Er ragt über ihnen Allen hervor. Er iſt ſehr groß, dieſer Cäſar, wer weiß, ob man ihn nicht einſt wird um einen Kopf verkürzen müſſen. Aphra erbebte. Der Gouverneur ſah es und lächelte verſtohlen. Unten auf dem Platze machte ſich Cäſar Bahn durch die Menge. Anfangs drängten ſich die Neger dichter um ihn, als wollten ſie ihn beſchützen mit ihren Leibern, und leiſe flüſterten ſie hier und da Oronvoko einige Worte zu. Aber des Negers gebie⸗ teriſcher Blick hieß ſie bei Seite treten. Er hatte ihr Geflüſter wohl verſtanden. Sie hatten geſagt: ſprich Ein Wort! Gebiete! Denn Du biſt unſer Feldherr und König! Soll der Kampf beginnen? Oronooko erwiederte dieſe Fragen mit einem Kopf⸗ ſchütteln, und ſagte leiſe: es iſt noch nicht an der Zeit!— Dann winkte er mit der Hand, und die Ne⸗ ger traten ehrfurchtsvoll an beiden Seiten zurück, und bildeten ſo eine Gaſſe, durch welche Oronooko hoch aufgerichteten Hauptes einherſchritt. Taminko wird mir ſagen, was Cäſar mit dieſen Negern ſprach! murmelte der Gouverneur. Hier bin ich, Herr! rief Oronvoko mit klarer Stimme, indem er ſich tief verneigte, und aus der Reihe der Sclaven hervortrat. Und wo iſt die Sclavin Imoinda! rief der Gou⸗ verneur. Sie trete vor, und ſtelle ſich dem Cäſar an die Seite. Ein freudiges Gemurmel erhob ſich unter den Negern, und ihre Geſichter erhellten ſich. Ach ſie errrathen meine Abſicht, und wie es ſcheint, ſind ſie zufrieden mit meiner Wahl! ſagte der Gou⸗ verneur. Sehen Sie nur, Miß Aphra, wie ſchüch⸗ tern und ſittſam da Ihre Sclavin heranſchleicht. Man ſollte wahrhaftig meinen, ſie halte ſich für ein junges Mädchen, welches ihrem Geliebten entgegengeht. Aphra antwortete nicht, ſie hatte Mühe, das di welches ſie auf ihre Lippen gerufen, feſtzu⸗ halten. Hier bin ich, Herr! ſagte die ſanfte Stimme Imoinda's. Cäſar, nimm die Hand Imvinda's! rief der Gou⸗ verneur, und als Beide, verſtohlen ſich zulächelnd, ihre Hände in einander gelegt, fuhr er fort: Von die⸗ ſer Stunde an iſt die Selavin Imoinda das Weib des Selaven Cäſar. Er mag ſie in ſeine Hütte füh⸗ ren, ſie iſt ſein. Wir Alle ſind Zeugen! Dieſe Ehe iſt geſchloſſen! Während der Gouverneur ſo ſprach, blickte er ver⸗ ſtohlen ſeitwärts auf Aphra hin. Sie achtete nicht auf ihn. Sie ſchaute ſtarr hin⸗ unter auf das endlich vereinte Paar, das, ſeine Augen zu ihr empor gewandt, dankbar ihr zulächelte. Die Worte des Gouverneurs, mit denen er das Sclavenpaar vermählte, tönten in Aphra's Ohren wie ein Verdammungsurtheil ihrer ganzen Zukunft. Sie fühlte Thränen in ihr Auge dringen, und als der Gouverneur die Worte ſprach:„Imoinda iſt das Weib des Selaven Cäſar“, vermochte ſie dieſe Thränen nicht — mehr zurückzuhalten. Sie wandte ſich nur rückwärts, um ſie Niemand ſehen zu laſſen. Dem aufmerkenden Auge des Gouverneurs je⸗ doch waren ihre Bewegung und ihr Weinen nicht ent⸗ gangen. Sie liebt ihn alſo! dachte er. Weshalb giebt ſie ihn denn auf? Aber Aphra hatte ſich ſchon wieder umgewandt. Anſcheinend ſich mit ihrem Tnche Kühlung zufächelnd, hatte ſie mit demſelben die Thränen von ihren Wan⸗ gen abgetrocknet. Sie lächelte wieder, aber in ihrem Herzen brannte ein wilder verzweiflungsvoller Schmerz. Die Ceremonie war beendet.— Glückwünſchend umringten die Neger das neue Ehepaar. Cäſar, nimm Dein Weib und trage es in Deine Hütte! rief der Gouverneur. Der Selave zögerte. Er warf einen ſchüchternen, angſtvollen Blick zu Aphra empor. Aphra's ſtolze Seele errieth, was in Oronooko's Buſen vorging. Er will mich ſchonen, ſagte ſie leiſe zu ſich ſelber. Imoinda hat ihm geſagt, daß ich ihn liebe, und er will mich nicht zum Zeugen ſeines Glückes machen, er will nicht in meiner Gegenwart ſeine Geliebte um⸗ armen! Oh, er ſoll ſehen, daß er ſich geirrt hat, er ſoll es erkennen müſſen, daß ich gar nicht leide! Und ſie neigte ſich über den Balcon und rief mit ihrer hellen zugleich gebieteriſchen Stimme: Imoinda, nimm den Arm Deines Gatten, und folge ihm! Möge der Himmel Euch ſegnen! Oronvoko ſchien nur auf dieſes Wort des jungen Mädchens gewartet zu haben; er hob jetzt ſein Weib in ſeinen Armen empor und drückte ſie feſt an ſeine Bruſt, dann wandte er ſich um, und ſchritt mit ſei⸗ ner füßen Laſt im Arm über den Platz dahin. Die Neger folgten ihm mit lautem Triumphgeſchrei bis zu ſeiner jenſeits des Platzes am Rande des Waldes ge⸗ legenen Hütte. Hier machten ſie Halt. Durch ihre Reihen hindurch ſchritt Oronvoko mit ſeinem Weibe im Arm. Noch einmal grüßte er ſeine zu beiden Seiten ſtehenden Freunde, dann trat er mit Imoinda in ſeine Hütte ein. Die Thür ſchloß ſich hinter ihnen. Die Ceremonie war beendet. Imoinda iſt jetzt das Weib Oronooko's! ſagte der Gouverneur, indem er leiſe mit der Hand Aphra's Schulter berührte. Sie empfand dieſe Berührung nicht. Sie ſtarrte noch immer hinüber zu der jetzt verſchloſſenen Hütte. Ihre Bruſt war ohne Athem, ihre Wange ohne Farbe, und in ihren ſonſt ſo ſtrahlenden Blicken war das Feuer erloſchen. Sie war halb bewußtlos; ſie wußte kaum noch, daß ſie litt. Der Gouverneur lächelte ſpöttiſch. Er nahm Aphra's Hand und drückte ſie an ſeine Lippen. Sie ſchreckte zuſammen, und blickte ihn an, wie aus einem Traume erwachend. Was wollen Sie? fragte Sie mit rauher Stimme. Der Gouverneur lächelte noch immer. Meinen verſprochenen Lohn will ich! ſagte er. Ich habe Ihre Bitte erfüllt. Imoinda iſt das Weib Oro⸗ nooko's. Jetzt erwarte ich meine verheißene Beloh⸗ nung. Und er reichte Aphra ſeinen Arm, den ſie ganz mechaniſch annahm. Dann folgte ſie ihm in den Salon⸗ Der Gouverneur ſchloß die Thüren, die zum Balcon „———— 8 führten, und ließ die ſeidenen Gardinen niederfallen. Aphra erwachte aus ihrer Schmerzbetäubung. Was machen Sie da? rief ſie mit gerunzelter Stirn, indem ſie ſich ſtolz emporrichtete. Sie haben mir den höchſten irdiſchen Lohn, Sie haben mir einen Kuß verſprochen, ſagte der Gouver⸗ neur ſchmeichelnd. Selbſt die Sonne darf dieſen hei⸗ ligen Moment nicht ſehen, denn ſelbſt ſie würde mich beneiden! Aphra lächelte verächtlich, und ging ſtolzen Schrit⸗ tes zu den Vorhängen, die ſie mit einem Ruck em⸗ porzog. Ich denke, ſagte ſie, die Sonne wird nicht neidiſch ſein auf einen Kuß, der nichts als die Unterſchrift eines geſchloſſenen Vertrages iſt. Ach, Sie wollen einen Wermuthstropfen in den Becher meiner Freude gießen! ſagte der Gouverneur. Ohne Aphra Zeit zu einer Antwort zu laſſen, näherte er ſich ihr und legte ſeinen Arm um ihren Nacken. Ich verlange meine Belohnung, ſagte er halb bit⸗ tend, halb gebieteriſch. Aphra blickte ihn mit einem kalten, ſtolzen Lächeln an. Nehmen Sie ihn! ſagte ſie verächtlich, indem ſie ſ das Haupt rückwärts ſenkte, und die Angen ſchloß. Nein, ſagte er, Sie haben verſprochen, mir einen Kuß zu gebenz freiwillig, freudig muß es geſchehen. Niemals, ſagte ſie ſchaudernd, ich kann es dulden, daß Sie einmal meine Lippen berühren, um dem Con⸗ tract, den wir vorher geſchloſſen, ſein Siegel aufzu⸗ drücken. Aber ich würde mich ſelbſt entehren, wenn ich Ihnen ein Opfer darbrächte, das ich nur dem Mann, welchen ich liebe und achte, weihen kann. Miß Johnſon! rief der Gouverneur, indem er aufſprang, und ſich ihr drohend gegenüber ſtellte. Miß Johnſon, hüten Sie wohl Ihre Zunge! Sie ſagten es ſelbſt, Sie ſind in meiner Gewalt! Hüten Sie ſich, daß ich von dieſer Gewalt nicht Gebrauch mache! Aphra Johnſon warf ihr Haupt ſtolz zurück. Ach, Sie meinen, ich werde jetzt zittern, ſagte ſie. Denken Sie beſſer von mir! Ihre ſo ſehr gerühmte Gewalt über mich wird bald zu Ende gehen! Nur noch wenige Wochen, Sie wiſſen es, und das Schiff, welches mich und meinen unglücklichen Vater hierher brachte, kommt wieder zurück. Mit dieſem Schiffe kehre ich wieder heim nach England, und dort will ich zu vergeſſen ſuchen, was ich hier ſah, vorausgeſetzt, daß Sie von jetzt an Ihren armen gepeinigten Sclaven ein milderer und gütigerer Herr ſein wollen. Und wenn ich das nicht ſein will? fragte der Gouverneur mit einem höhniſchen Lachen. Wenn ich ein ſolcher Thor nicht ſein will? Dann, ſagte ſie mit flammenden Zornesblicken, dann werde ich meinen Landsleuten in England eine Geſchichte erzählen, die Geſchichte eines Mannes, der ſeinen Namen mit blutigen Lettern in die Reihe der Barbaren eingezeichnet, und der mit ſeiner Grauſam⸗ keit und ſeiner Tyrannei den Namen der Menſchheit ſchändet! Hören Sie auf, rief der Gouverneur zähneknir⸗ ſchend. Hören Sie auf, oder ich möchte ſonſt in der That vergeſſen, daß Sie eine Waiſe ſind und des Gaſtrechts genießen unter meinem Dache! Hören Sie auf, oder ich möchte ſonſt vergeſſen, daß ich Sie liebe, und mich nur noch erinnern, daß Sie mich beleidigen. Erinnern Sie ſich immerhin daran! ſagte ſie verächtlich. Ihr Zorn iſt ehrenvoller für mich, als Ihre Liebe! Der Graf unterdrückte das zornige Wort, das ſich auf ſeine Lippen drängte. Ein gewaltſames ſpöttiſches Lächeln trat auf ſeine Lippen. Ich werde niemals vergeſſen, daß Sie ein Weib ſind! ſagte er, ſich tief vor ihr verneigend, und zwar ein ſehr ſchönes Weib. Uebrigens, Miß Johnſon, ſollen Sie dieſer Stunde gedenken! Ich habe Ihnen geſchworen, Sie zu demüthigen, ich habe mit Ihnen gewettet, daß Sie meine Kniee umklammern und um Gnade flehen ſollen! Ich werde meinen Schwur hal⸗ ten, und meine Wette gewinnen! Niemals! ſagte ſie mit ihrem kalten, ſtolzen Lächeln. Der Gouverneur verneigte ſich ſchweigend mit einem ſpöttiſchen Ausdruck, und verließ dann langſam das Gemach. VIII. Das Ceſtament. Aphra hatte es über ſich gewonnen, äußerlich wie⸗ der ruhig und heiter zu erſcheinen. Wenige Tage hatten genügt, um ihr ihre äußere Haltung und Ruhe wieder zu geben. Sie hatte das Lächeln wieder auf ihre Lippen gezwungen, ſie hatte es über ſich ver⸗ mocht, heiter zu erſcheinen, und Niemand konnte ahnen, daß ſie in der Stille der Nacht mit gerungenen Hän⸗ den auf ihrem Lager lag, und das Kiſſen, auf wel⸗ chem ihr Haupt ruhte, mit heißen Thränenſtrömen be⸗ thauete! In der Stille der Nacht klagte ſie über ihr „ — grauſames Geſchick, welches ſie hinausgetrieben in die Fremde, welches ſie zwang, die Gaſtfreundſchaft eines Mannes anzunehmen, den ſie haßte und verabſcheute, der ſich eine Art Berühmtheit erworben durch ſeine wilde Grauſamkeit und Barbarei. Und dieſer Mann wagte es, ſie zu lieben, ſie, welche überdies den Schmerz einer unerwiderten und betrogenen Liebe in ihrem Herzen trug! Aber Aphra war eine ſtolze Seele, ſie würde lie⸗ ber geſtorben ſein, als irgend Jemand ihre Schmerzen ahnen zu laſſen. Ihr Stolz machte ſie ſtark und mäch⸗ tig. Wenn der Morgen kam, trocknete ſie die Thrä⸗ nen von ihren Wangen, und rief das Lächeln wieder auf ihre Lippen zurück. Es galt, Alle zu täuſchen, den Gouverneur ſowohl, als Oronvoko und Imoinda! Dieſe beſonders! Ihr hatte ſie ihre Liebe geſtanden, und Imoinda, die beglückte Nebenbuhlerin, hatte ſie durch ihr Schweigen verrathen! Oh, Imoinda ſollte ſehen, daß dieſe Liebe nur eine Laune war, ein Haſchen nach Zerſtreuung, nach Beſchäftigung!— Gleich am Tage nach ihrer Verbindung mit Oro⸗ nooko, ließ Aphra Imoinden zu ſich rufen. Mit lächelndem Gruße ſchritt ſie der ſchüchtern Eintretenden entgegen, und indem ſie ihr die Hand darreichte, ſagte ſie heiter: laß uns die Vergangenheit vergeſſen, Imoinda! Ich habe es bereits gethan, und ich bin Dir eigentlich Dank ſchuldig! Du weckteſt mich aus einem Traum! Dieſe tödtliche Einſamkeit hatte meinen Geiſt eingeſchläfert, und weil ich nicht mehr denken konnte, wollte ich wenigſtens lieben, und weil Niemand Anders da war, bildete ich mir ein, Oro⸗ nooko zu lieben. Ich danke Dir, daß Du mich aus dieſem thörichten Wahn geweckt haſt. An der Freude, die ich über Euer Glück empfinde, ſehe ich, daß ich +— —— „— — Oronooko niemals anders liebte, als mit jenem Mit⸗ leid, welches man ſtets dem edlen Unglück zollt. Und nun nichts weiter davon! Gieb mir Deine Hand! Es ſoll Alles wieder ſein, wie ſonſt! Nur daß Du Abends, wenn Oronvoko heimkehrt von der Arbeit, in ſeine Hütte gehſt und bei ihm bleibſt bis zum Morgen! Das iſt die einzige Veränderung! 6 Imoinda drückte die dargereichte Hand Aphra's an ihre Lippen und blickte ihr tief in die Augen. Dann ſchüttelte ſie leiſe das Haupt. Es iſt doch nicht mehr wie ſonſt, ſagte ſie weh⸗ müthig. Ich leſe in Deinen Blicken, Herrin, und darin geſchrieben, daß Du mich nicht mehr iebſt! Dann haſt Du falſch geleſen! ſagte Aphra und verſuchte zu lächeln. Aber jetzt zu etwas Anderm! Sprechen wir nicht mehr davon! Imoinda war alſo wieder Aphra's Dienerin und Begleiterin, nur die Nächte und Abende gehörten Aphra allein, und nur in dieſen ſtillen, unbeobachteten Stunden weinte ſie, überließ ſie ſich ihrem bittern Schmerzgefühl. Am Tage war ſie heiter und ihr glänzender Witz, ihre niemals getrübte Laune, ihre überlegene Ruhe imponirte dem Gouverneur, indem es ihn zugleich unwiderſtehlich feſſelte. Es war wenige Tage nach Oronooko's Verbin⸗ dung. Imoinda hatte ſchon ihre Herrin verlaſſen, und ſich in die Hütte ihres Gatten begeben. Aphra, welche bis dahin mit Imoinda und dem Gouverneur geſcherzt und gelacht hatte, zog ſich jetzt auf ihr Zim⸗ mer zurück. Sie war allein und unbeobachtet, ſie hatte nicht mehr nöthig, die ſeufzenden Liebesklagen des Gouver⸗ neurs mit ſchneidenden Witzesworten zu erwiedern, und Imoinda's Blicken mit Lächeln zu begegnen. Sie war allein. Das Lächeln verſchwand von ihren Lippen, und ihre Stirn ward gedankenvoll und trübe. Erſchöpft warf ſie ſich auf den Divan und blickte ſinnend vor ſich hin. Ein leiſes Klopfen an der Thür ward hörbar. 8 Aphra ſtand auf und ſeufzte. Selbſt dieſe Einſamkeit iſt nicht mehr mein! ſagte ſie bitter, und ſchritt zur Thüre hin, um ſie zu öffnen. Dann trat ſie erſchrocken einen Schritt zurück, und ihre Wangen übergoß eine dunkle Röthe. Vor der Thüre ſtand Oronookv. Darf ich eintreten? fragte er. ¹ 1 Aphra winkte ihm ſtumm, näher zu treten, und ſetzte ſich dann ganz überwältigt auf den Polſtern nieder. Dronvoko ſtand vor ihr, in demüthiger Stellung, und ſah ſie mit flehenden Blicken an. Wird die weiße Jungfrau dem Sclaven verzeihen, daß er es wagt, zu ihr einzutreten? fragte er leiſe, und bei dem Ton dieſer weichen melodiſchen Stimme fühlte Aphra ihr Herz ſich zuſammenziehen in krampf⸗ haftem Schmerz. Oronvoko iſt willkommen! ſagte ſie, indem ſie auf einen Seſſel neben ſich deutete. Der Selave ſchüttelte verneinend das Haupt und blieb in ſeiner demüthigen Haltung. Ich hätte früher kommen ſollen, Dir zu danken für Deine Großmuth! ſagte er. Weshalb! rief Aphra mit einem bittern Lächeln. Ihr hattet mich vergeſſen! Das begreift ſich! Das Glück macht immer egviſtiſch. Der Sclave erwiederte nichts, aber er ſah Aphra 1 — 36 an, und aus ſeinen Blicken ſprach eine ſo tiefe, ſchmerz⸗ volle Trauer, daß Aphra ſich davon bewegt fühlte. Die weiße Taube zürnt mir! flüſterte er langſam, und ſenkte ſein Haupt auf ſeine Bruſt. Aphra fühlte die Thränen in ihre Augen dringen, aber ihr Stolz hielt ſie zurück, und um nicht weich zu ſein, ward ſie ſpöttiſch und grauſam. Was kümmert Dich die Taube, ſagte ſie. Die Tauben ſind keine goldbefiederten Vögel, und nur an ſeinen goldbefiederten Vogel denkt Oronvoko! Das war Oronvoko's heilige Pflicht! ſagte der Neger feierlich. Doheim in ſeinem Vaterlande hatte der Fürſt Oronooko dem goldbefiederten Vogel ge⸗ ſchworen: Du ſollſt mein Weib ſein, und mein ganzes Leben will ich Dir weihen! Das hatte er zu ihr geſagt, und was ein Mann geſprochen hat, das hat er geſprochen, und daran muß er halten bis zu ſeinem Tode!— Oronvoko iſt ein Sclave geworden, aber ſeine Seele iſt frei, und was ſie als Pflicht erkannt hat, das muß ſie vollbringen! Der gold⸗ befiederte Vogel iſt um Oronooko's willen in die Sclaverei gegangen, er hat Oronvoko das Opfer ſeiner Freiheit und ſeines Glanzes gebracht, und Oronooko giebt dafür, was er geben kann, ſich ſelbſt, ſein ganzes Leben, ſein armes entblättertes Daſein! Und ſein edles großes Herz, welches mehr werth iſt, als eine Königskrone! rief Aphra erglühend. Oronvoko giebt, was er geben kann! wiederholte er lakoniſch und blickte ſie an. Es war für Aphra ſtets etwas Zauberhaftes, Unwiderſtehliches in den Augen Oronvoko 8. Sobald ſeine Blicke auf ihr ruhten, fühlte ſie ſich wie ver⸗ wandelt, ganz demuthsvoll, ganz überwunden.— Aber was war es, das heute aus ſeinen Augen zu ihr ſprach? Was las ſie in dieſen feſt auf ihr ru⸗ henden Blicken? Es war eine ſtumme Sprache, aber Aphra ver⸗ ſtand ſie doch. Ein Zittern durchflog ihre Glieder, und ihr Antlitz lenchtete auf wie in einer überirdiſchen Freude. Sie ward bleich. Das Blut verließ ihre Wangen, und ſtrömte zum Herzen hin, daß es ſtür⸗ miſch pochte, und ihr den Athem verſetzte. Es war ein Moment des Glückes, aber plötzlich kam ihr ein Gedanke, und legte ſich wie Mehlthau über ihre aufblühende Freude. Imoinda hat ihm geſagt, daß ich ihn liebe! dachte ſie, und Oronooko will mich tröſten. Er will ſich den Anſchein geben, als habe er gegen Imoinda nur eine Pflicht erfüllt, eine Pflicht, von der ſein Herz nichts wiſſe. Ach, Oronooko iſt ſehr groß⸗ müthig! Er will Balſam auf mein verwundetes Herz legen, indem er mich will glauben machen, daß ich es eigentlich bin, die er liebt. Es iſt eine Komödie, ich durchſchaue ſie, und ich will keine Rolle darin übernehmen! Und das junge Mädchen warf ſtolz ihr Haupt zurück und ſchüttelte die langen ſchwarzen Locken von ihrer Stirn fort, indem ſie es vermied, den noch immer auf ihr ruhenden Blicken des Negers zu be⸗ gegnen. Imoinda wird zürnen, wenn ihr geliebter Gatte ſo lange von ſeiner Hütte ferne bleibt, ſagte ſie fröhlich. Und Dich wird Deine Sehnſucht zu ihr treiben. Das begreift ſich! Liebende haben immer Sehnſucht, wenn ſie getrennt ſind! Warum brachteſt Du alſo Imoinda, meine theure Freundin, nicht mit Dir? 5 Weil ich Dich allein ſprechen wollte, ſagte der Neger feſt. Aphra lachte. Ich denke nicht, daß wir etwas Geheimes miteinander zu ſprechen haben! ſagte ſie mit erzwungener Fröhlichkeit. Ich meinestheils habe keine Geheimniſſe anzuvertrauen, denn ich habe keine! Aber ich! flüſterte Oronvoko. Höre mich alſo, Du weiße ſchöne Taube. Oronvoko hat Niemand auf der Welt, dem er glaubt, außer Dir, Niemand außer Dir, dem er den koſtbaren Schatz ſeines Ge⸗ heimniſſes anvertrauen könnte! Sage mir, Du weißes Mädchen mit der ſtolzen Seele und dem ſonnenhellen Blick, ſage mir, wenn Einer von Deinen weißen Brü⸗ dern den Tod ſich nahen fühlt, was thut er dann? Wendet er das Auge ab von dem was ſein iſt, und läßt der Willkür Alles, was er hat? Nein, er macht ſein Teſtament, und ſetzt ſeine Erben ein! Und was ihm am Theuerſten iſt, wem giebt er das? Dem, den er am Meiſten liebt! Denke alſo, ſagte Oronvoko feierlich, denke, ich ſei Einer Deiner weißen Brüder, der den Tod ſich nahen fühle! Das Theuerſte, was ich beſitze, 2 will ich alſo Dir vermachen! Oronvoko! rief Aphra erbebend. Höre mich! Ich will Dir ein Geheimniß an⸗ vertrauen! Er knieete vor ihr nieder, und ſich dicht an Aphra's Ohr neigend flüſterte er: In dieſer Nacht verlaſſen alle Neger ihre Hütten und ziehen aus in den Wald. Nicht, um zu berathen, ſondern um zu handeln! Die Stunde der Entſcheidung iſt gekommen! Die Neger wollen keine Hunde, ſie wollen Männer Karl II. 1. 7 ſein! Sie ſammeln ſich im Walde und von dem Walde ziehen ſie aus in geſchloſſenen Reihen, wie frei gewordene Männer! So wollen ſie kommen, und Rache nehmen an dieſem weißen Tyrannen, welcher Menſchen behandelt wie Hunde, und die ſchwarzen Männer ſeine Hausthiere nennt! Die Stunde der Rache iſt da! Die ſchwarzen Männer wollen keine Thiere mehr ſein! Sie wollen ſterben als Männer, oder leben als Sieger! Aber weißt Du, daß ein Wort dieſes entſetzlichen Geheimniſſes Euch Allen den Tod bringt? ſagte Aphra zitternd. Wenn ich den Gouverneur nur ahnen laſſe, daß Ihr die Abſicht habt, Euch zu empören, ſo ſeid Ihr verloren! Du wirſt es ihn nicht ahnen laſſen! ſagte Oronvokv. Ihr wollt meine Landsleute, meine weißen Brüder ermorden! Dieſe blutgierigen Barbaren ſind nicht die Brüder der weißen Taube. Die Geier und die Tauben haben keine Gemeinſchaft miteinander. Aber Ihr werdet unterliegen! rief Aphra hände⸗ ringend. Ihr habt keine Waffen, keine Feuergewehre. Mein Gott, ſie werden ſich Eurer bemächtigen und Euch furchtbar ſtrafen! Du ſagſt, wir haben keine Waffen? Haben wir nicht unſere Arme, und die langen Meſſer, mit denen wir das Zuckerrohr ſchneiden? Was nützen Euch die Meſſer? Ihr könnt ſie nur in der Nähe gebrauchen. Die Feuergewehre treffen weithin. Ihr Pulver wird endlich auch verſchoſſen ſein, aber die Meſſer bleiben ſcharf! Ueberlegt es noch einmal! flehte Aphra. Nur * dieſe Nacht verhaltet Euch noch ruhig. Beſinnt Euch — noch, ob Ihr dies ungeheure Wagniß unternehmen wollt! Was beſchloſſen iſt, das iſt beſchloſſen! ſagte der Neger feierlich. Der große Geiſt möge richten zwiſchen den ſchwarzen Männern und ihren weißen Peinigern. Und wenn Ihr unterliegt? Dann ſterben wir! Der Tod iſt beſſer als die Sclaverei! Und Eure Weiber, Eure Kinder? Ziehen die mit Euch? Nein! Die Weiber und die Kinder gehören nicht in die Schlachtenreihen der Männer. Sie bleiben daheim in den Hütten und ſchlafen. Iſt der Sieg unſer, dann wollen wir ſie wecken mit unſern Sieges⸗ liedern, wenn wir unterliegen, dann mögen auch ſie ſterben! Weiß Imoinda um Euren Plan? Nein! Wir haben beſchworen, ihn keinem Weibe zu verrathen. Ihre Angſt und ihr Klagen iſt wie das Feuer, welches das ſtählerne Herz der Männer er⸗ weichen will! Imoinda weiß nichts, denn ſie iſt ein Weib! Und ich? fragte Aphra mit einem glücklichen Lächeln. Du haſt geſchworen, Dein Geheimniß keinem Weibe zu verrathen, und Du ſogſt es mir? Oh Du! Du biſt kein Weib! Oronvoko neigt ſich vor Dir und betet Dich an, denn Du biſt ſein guter Engel! Und indem er ſo ſprach, neigte der immer noch knieende Neger ſein Haupt tiefer und küßte ihre Füße. Du biſt Oronooko's Engel! wiederholte er. Aphra fühlte ihr Herz beben in ſeliger Freude. Sie ſaß ganz ſtumm, ganz unbeweglich. Er halte mit ſeinen Armen ihre Füße umſchlungen, ſein Haupt — 100— ruhte an ihren Knieen. Ganz mechaniſch ſpielte ihre Hand in ſeinem langen, wundervollen Haar, das wie eine Löwenmähne über ſeinen ſtolzen Nacken und das lichte weiße Gewand niederfiel. Es war ein ſchönes pikantes Bild, dieſes herrliche, zugleich zarte und üppige Weib, von deſſen weißem, durchſichtigem Angeſicht die höchſte Freude und Liebes⸗ gluth ſtrahlte, und dieſer vor ihr knieende Neger, deſſen Antlitz man nicht ſehen konnte, aber deſſen Geſtalt mit ihrer vollendeten Schönheit und Harmonie man dem indiſchen Hercules vergleichen mochte. Sie waren Beide ſtumm, als fürchteten ſie, durch irgend ein Wort, eine Bewegung den Zauber dieſes ſeligen Momentes zu zerſtören. Plötzlich ließ ſich draußen, dicht unter Aphra's Fenſtern, ein leiſer, zitternder Geſang vernehmen. Es war eine weibliche Stimme, und ſie ſang mit innigem Ton das Klagelied der Neger. Oronvoko richtete langſam ſein Hanpt empor, und lauſchte. Aphra neigte ihr Haupt auf ihre Bruſt und ſeufzte. Sie waren Beide aus ihrem Traume erwacht, und der Moment des Glückes war vorüber. Es iſt Imvindal ſagte Oronvoko leiſe. Imoinda! wiederholte Aphra, und ihre Stimme erloſch in einem ſchmerzvollen Seufzer. Oronooko ſtand auf. Ich muß gehen! ſagte er. Wie ſagteſt Du doch, Du ſchöner weißer Engel? Wenn Einer Deiner Brütder ſtirbt, ſo macht er ſein Teſtament, und das Theuerſte, was er hat, das giebt er Dem, den er am meiſten liebt? War es nicht ſo? — 6 Aphra nickte ſtumm bejahend, und ihre Augen füllten ſich mit Thränen. Du wirſt nicht ſterben! flüſterte ſie, indem ſie ihm die Hand darreichte. Oronvoko nahm dieſe Hand und drückte ſie an ſein Herz. Dann ſchwiegen ſie Beide. Von unten herauf ertönte noch immer Imoinda's Stimme, ſie ſang noch das Klagelied der Neger. Schauerlich, wie eine Todtenklage drang es in Aphra's Ohr. Von finſteren Ahnungen überwältigt, drückte ſie Oronvoko's Hand feſt in der ihrigen und flüſterte: gehe nicht, Oronooko! Bleibe hier! Da draußen erwartet Dich der Tod! Ich muß gehen! ſagte der Neger feſt. Oronvoko . iſt kein Sclave mehr, er iſt ein Mann, und er will wieder ein Held werden! Wenn da draußen der Tod iſt, ſo muß Oronooko gehen und ihn beſiegen! Aber bevor er ſtirbt, will er ſein Teſtament machen! Das Theuerſte, was er hat, giebt er dem, den er am meiſten liebt! Höre alſo, Du weiße Taube! Ich gebe Dir mein Weib, ich gebe Dir Imoinda, welche aus Liebe mir gefolgt iſt über das Meer, Imoinda, den goldbefiederten Vogel, welcher aus Liebe ſeine Flügel entfaltet hat, und durch die Lüfte zu mir her⸗ geflogen iſt, um mit mir in den traurigen Käfig der Selaverei zu kriechen! Ich gebe Dir Imoinda! Wenn ich ſterbe, ſo iſt ſie mein Vermächtniß an Dich, und Du wirſt es hoch halten, und beſchützen, Du wirſt es niemals vergeſſen, daß Imoinda eine Heldin war aus Liebe zu Oronvoko! Du wirſt ſie beſchützen als die Wittwe des armen Sclaven, welcher einſt König war. Draußen tönte noch immer Imoinda's Stimme, welche das Klagelied der Neger ſang.— Dieſer trau⸗ rige Geſang bildete gewiſſermaßen die Begleitung zu den Worten Oronooko's, und erhöhte nur noch die wehmuthsvolle Feierlichkeit dieſes Augenblickes. Will die weiße Taube mir ſchwören, daß ſie mein Vermächtniß heilig halten will? fragte Oronooko. Daß ſie das Weib Oronooko's ſchützen will gegen die Grau⸗ ſamkeit des weißen Tyrannen? Ich ſchwöre es Dir bei dem Geiſte meines Va⸗ ters! rief das junge Mädchen feierlich. Gleich in dieſer Stunde noch will ich Imoinda zu mir rufen, und keinen Augenblick will ich von ihrer Seite wei⸗ chen. Siegſt Du, ſo mag Deine Gattin den Sieger begrüßen, und wenn Du unterliegſt, ſoll ſie meine Schweſter ſein! Ich danke Dir! ſagte der Neger innig. Das Teſtament iſt gemacht, jetzt kann Oronooko gehen! Noch nicht! Noch nicht! flüſterte Aphra athemlos. Mein Gott, wenn Du nicht ſiegteſt, wenn ſie Dich übermannten, wenn ſie Dich tödteten! Nein, bleibe noch, bleibe, Oronvoko! Dieſe Stunde gehört noch dem Leben, gehe nicht in den Tod, Oronvoko! Und das junge Mädchen ſchmiegte ſich zitternd an Oronooko's Seite. Weiße ſchöne Taube, zitterſt Du für den armen Negerſclaven? fragte Oronvoko mit bewegter Stimme. Wenn ſie Dich tödteten! wiederholte Aphra ver⸗ zweiflungsvoll, indem ſie ihr Haupt an ſeine Bruſt lehnte. Oronvoko drückte ſie leiſe an ſich, und richtete ſeine von Glück und Rührung ſtrahlenden Blicke gen Himmel. Seine Lippen bewegten ſich leiſe, vielleicht betete er. Ein wunderbarer Glanz leuchtete aus ſei⸗ nen edlen ausdrucksvollen Zügen. Es war dies das . letzte Aufflackern der Abendſonne. Dann erloſch die⸗ — 103— ſer Glanz, und in ſeinem dunklen Antlitz ward es Nacht. Oronooko neigte ſein Haupt und drückte einen lei⸗ ſen Kuß auf Aphra's Haar. Lebe wohl, flüſterte er, lebe wohl! Aphra blickte empor, und ſah ihn an, ihre großen Augen waren von Thränen umdüſtert. Lebe wohl! ſagte ſie mit dem Muthe der innern Verzweiflung. Sie reichten ſich die Hände und ſtanden ſtumm nebeneinander. Plötzlich ſchwieg da unten der Geſang, das Klage⸗ lied der Neger war zu Ende. Dieſes Verſtummen erinnerte Oronvoko wieder an Imoinda. Sie iſt mein Vermächtniß! flüſterte er. Ja, ſo ſei es! ſagte Aphra feierlich. Dann durchſchritt Oronooko das Gemach, um ſich zu entfernen. Aphra ſagte kein Wort, ſie ſuchte ihn nicht aufzuhalten. Sie war nicht mehr das junge Sten Mädchen, ſondern das kühne, entſchloſſene eib.* An der Thür ſtand Oronvoko noch einmal ſtill, und wandte ſich um. An der Stelle, wo er ſie ver⸗ laſſen hatte, ſtand Aphra; ſie war ganz unbeweglich, ſie athmete kaum. Ihre Arme hatte ſie feſt in ein⸗ ander geſchlungen, ihr Haupt war kühn empor gerich⸗ tet, um ihre halbgeöffneten aufgeworfenen Lippen ſpielte ein verächtliches Lächeln, und ihre auf Oro⸗ nooko gerichteten Augen ſprühten in Feuerglanz. Sie war eine Heldin, welche ſich kühn dein Schickſal ent⸗ gegen ſtellt, ſtatt ſich von ihm unterjochen zu laſſen, und lieber den Dolch in ihre eigne Bruſt ſtößt, als um Gnade fleht! — 104— Oronvoko neigte ſein Hanpt und grüßte ſie mit ſeinen Augen. Lebe wohl! ſagte ſie feſt.— Die Thür ſchloß 2 3 ſich hinter ihm. Aphra blickte im Zimmer umher. Er war fort, wirklich fort! Sie war allein! Sie ſank auf ihre Kniee nieder und betete, und Ströme von Thränen entſtürzten ihren Augen. IX. Die Empörung. Auch der Gouverneur hatte ſich noch nicht zur Ruhe begeben. Er befand ſich in ſeinem Arbeitska⸗ binet, und vor ſeinem mit Papieren bedeckten Tiſche ſitzend, war er eifrig mit Schreiben beſchäftigt. Hinter ihm, an die Wand zurückgelehnt, mit ſchlaff herabhängenden Armen, ſtand der Neger Taminko. Seine Miene drückte Angſt und Entſetzen aus, ſeine Wangen waren von Thränen überfluthet.— Die Thür, welche von dem Kabinet in den an⸗ ſtoßenden Empfangsſalon führte, war geöffnet, und durch dieſelbe konnte man gewahren, wie dieſer Salon ſich nach und nach immer mehr mit den weißen Beamten und den Sclaven⸗Aufſehern des Gonver⸗ neurs füllte. Alle dieſe Männer waren ſtark bewaff⸗ net, und ihre Züge drückten eine trotzige Entſchloſſen⸗ heit und zugleich eine grauſame Freude aus. Sie ſchienen nur der Erlaubniß ihres Herrn zu harren, um mit ihren Waffen Jeden, der ſich ihnen in den Weg ſtellen mochte, niederzumetzeln.. —— — 105— Der Gouverneur ſaß noch immer und ſchrieb. Plötzlich hielt er inne, und wandte ſich an Ta⸗ minko, der in troſtloſeſter Niedergeſchlagenheit an der Wand lehnte. Welche Stunde iſt für den Auszug beſtimmt? fragte er. Die zehnte Stunde! flüſterte Taminko düſter. Und wo wollen ſie ſich ſammeln? Im Walde, auf einem Allen bekannten Platze, wo kürzlich die Bäume ausgerodet ſind. Und von dort aus wollen ſie hierher ziehen? Ja, ſo ſagt' ich! Dann ſoll dieſes Haus in Brand geſteckt werden, und den Negern der benachbarten Colonien das Zei⸗ chen des errungenen Sieges ſein, damit auch ſie los⸗ brechen. War's nicht ſo? So war es! Und was, ſagſt Du, wollte man mit mir beginnen? Taminko ſchwieg. Ein krampfhaftes Zittern machte ſeine Geſtalt erbeben. Der Gouverneur ſahe ihn mit einem wilden Blicke an. Janka iſt nicht mehr in Deiner Hütte. Weißt Du das? fragte er drohend. Ja, ich weiß es, Herr! rief der Neger mit herz⸗ zerreißendem Jammerton. Sie iſt wieder in ihren Kerker zurückgebracht! Weißt Du, weshalb? Der Neger ſchwieg und rang die Hände in ſtum⸗ mer Qual. Janka iſt in ihren Kerker zurückgekehrt, weil Ta⸗ minko es wollte, ſagte der Gouverneur mit entſetzlichem Ton! Janka iſt wieder eine Gefangene, weil Taminko ſeinen Schwur gebrochen, und ſeinem Herrn nicht — 106— die ganze Wahrheit geſagt hat. Wenn Taminko nicht Alles bekennt, wird Janka in dieſer Stunde noch zu Tode geprügelt werden. Ein entſetzlicher, herzzerreißender Schrei drang von Taminko's Lippen. Herr, ich will Alles bekennen! murmelte er dumpf. Seine Kniee brachen unter ihm zuſammen, und mit einem lauten Aechzen ſank er zur Erde. Nun alſo bekenne! befahl der Gouverneur. Was ollen dieſe dummen Thiere mit mir beginnen? N Janka ſoll nicht ſterben! flüſterte der Neger leiſe, † gleichſam um ſich damit Muth einzuflößen; dann ſagte er laut und entſchloſſen: Mitten im Walde iſt ein Scheiterhaufen errichtet! Oh, man wollte mir die Ehre anthun, mich zu verbrennen! rief der Gonverneur lachend. Das iſt ſehr beluſtigend, in der That! Dieſe lieben Neger hofften aus mir einen ſaftigen Braten für ihre lü⸗ ſternen Magen zu bereiten! Ich werde mir das mer⸗ ken! Und was wollte man mit meinen Dienern be⸗ ginnen? Scheiterhaufen iſt groß! ſagte Taminko la⸗ oniſch. Ah, ich verſtehe! Es ſollte ein Feſtmahl für die ganze edle Verſammlung geben! Nun, ſagte der Gou⸗ verneur, indem er aufſtand, wir wollen dieſen Thie⸗ ren ein Feſt bereiten, ein wahres Götterfeſt! Er winkte ſeinem getreuen John, welcher ſchon lange an der Thür geſtanden, und die Seehe ſlhen Herrn erwartet hatte! John, fragte er, iſt Alles bereit? Alles, Herr Graf. Die Gewehre ſind geladen, die Pulverſäcke gefüllt. Und die Bulldoggen, hat man ſie hungern laſſen? — 107— Seit geſtern ſchon! Sie winſeln vor Hunger, und werden wie toll losbrechen auf das Negerfleiſch! Taminko lag am Boden und wimmerte laut. Man ſoll ſie zuſammen koppeln und bereit halten, befahl der Graf. Aber erſt auf meinen perſönlichen Befehl werden ſie losgelaſſen! Dies wird nur im höchſten Nothfalle geſchehen, denn unglücklicher Weiſe koſtet dieſes Negerfleiſch Geld, und es iſt mein eige⸗ nes Hab und Gut, was ich da zerfleiſche! Ah, wenn dies nicht wäre, welch eine Luſt würde es nicht ſein, dieſe ſchwarzen Teufel zu Tode hetzen zu ſehen! Ja, es wäre ein wundervolles Treibjagen! rief John mit wieherndem Lachen. Leider können wir es nicht genießen, denn, wie geſagt, dieſe ſchwarzen Teufel koſten Geld! ſagte der Gouverneur. Wir werden ſie alſo durch die Furcht zu überwältigen ſuchen und ſie ſchonen, indem wir nur zum warnenden Beiſpiel an ihrem Häupt⸗ ling eine wohlverdiente Strafe üben! Das iſt auch der Grund, weshalb ich dieſen Aufſtand nicht vor ſei⸗ nem Beginnen unterdrückei Dieſe dummen Thiere ſollen ſehen, wie ihr Herr ſtraft! Glanbe mir, John, der Schrecken und die Furcht wird ihnen das Gehirn für immer austrocknen, und ſie werden es nie wie⸗ der wagen, ſich zu empören! Ich glaub's wohl! grinſte John. Die Neger⸗ thiere ſind furchtſam wie die Haſen, und vor der Peitſche ſchrumpſt ihr bischen Verſtand gänzlich zu⸗ ſammen. Peitſche ſie alſo! rief der Gouverneur mit einem grauſamen Lachen. Sie bedürfen keines Verſtandes, ſondern nur der Hände und Füße, um zu arbeiten! Aber horch, da ſchlägt es zehn Uhr. In einer Stunde beginnt die Comödie! Sobald die Neger den Wald erreicht haben, brechen wir auf, und umzingeln den Verſammlungsplatz. Dann auf mein erſtes Com⸗ mando legt ihr an und feuert in die Luft, das wird ſie ſinnlos machen vor Schrecken. Das Uebrige wird ſich finden! Nur im höchſten Nothfalle darf das Blut meines Eigenthums vergoſſen werden! Und jetzt fort mit Euch Allen Vergeßt Eure Peitſchen nicht, meine Herrn Aufſeher, und Sie, meine Herren Offiziere, hal⸗ ten Sie ſich bereit, in einer Stunde brechen wir auf! Du, Taminko, eile zu Deinen kriegsluſtigen Freunden! Und höre, wahre Deine Zunge, daß ſie verſchwiegen iſt. Ein Wort der Warnung, und Janka ſtirbt unter der Peitſche! Oh, ich werde ſchweigen, Herr, ſagte Taminko, in⸗ dem er ſich langſam erhob. Ich werde lachen und vergnügt ſein, damit ſie nichts merken! Er lachte laut auf, aber es war ein wahnſinniges, entſetzliches Lachen. Nun, ich denke, wir werden dieſe Nacht allerliebſte Abenteuer erleben, ſagte der Gouverneur, als er allein war. Ja, wahrhaftig, dieſer kleine Auſſtand unterbricht doch ein wenig das ewige Einerlei unſerer Tage! Und dann, wie wird ſich meine ſtolze und kenſche Miß Aphra Johnſon äugſtigen um den edlen hochherzigen Prinzen Oronooko! Ach ich hoffe, daß ich jetzt endlich meine Wette gewinnen werde. Aphra wird meine Kniee umklammern, und um Gnade flehen, denn ich bin davon überzeugt, Haß ſie dieſen romantiſchen Sela⸗ ven Cäſar liebt. Sie wird ihn alſo retten wollen! Ich kann mir jetzt leicht darüber Gewißheit verſchaf⸗ ſen! Ich habe nur nöthig hinzugehen, und ihr mitzu⸗ theilen, was dieſe Nacht geſchehen ſoll! Wir werden ja ſehen, wie ſie dieſe Neuigkeit aufnimmt! So ſprechend, begab ſich der Gouverneur nach dem Corridor, welcher zu Aphra's Zimmer führte.— Aphra lag noch immer auf den Knieen und betete, als draußen an ihre Thür geklopft ward, und des Gonverneurs Stimme um Einlaß bat. Das junge Mädchen ſprang entſetzt empor und ihrem erſten Schrecken nachgebend, blickte ſie angſt⸗ voll umher, als ſuche ſie noch eine Zuflucht gegen den gefürchteten Feind Oronvoko's. Der Gonverneur klopfte zum zweiten Male. Vielleicht weiß er Alles! dachte das junge Mäd⸗ chen. Vielleicht kann ich dann noch Oronvoko warnen! Dieſer Gedanke gab ihr Muth und Stärke; mit ruhiger und entſchloſſener Miene ging ſie hin und öffnete dem Gouverneur. Verzeihung, theuerſte Miß Aphra, ſagte Graf Ban⸗ niſter mit ſeinem einſchmeichelndſten Ton. Verzeihung, wenn ich ſtöre. Aber iſt es meine Schuld, wenn Sie mich immer begierig machen nach Ihrer Geſellſchaft. Ich komme daher, Sie um eine Gnade zu bitten! Es iſt ein wundervoller Abend. Genießen wir ihn zuſammen auf dem Balcon, und da will ich Ihnen auch aus Dankbarkeit eine luſtige Geſchichte erzählen! Er weiß Alles! dachte Aphra. Oder vielleicht auch vermuthet er nur Etwas, und will mich aushorchen! Mit ungewöhnlicher Freundlichkeit reichte ſie dem Gouverneur ihre Hand dar. Sie haben da einen ſehr ſchönen Einfall gehabt, Herr Graf, ſagte ſie heiter, einen ſehr romantiſchen, ſentimentalen Einfall. Kommen Sie, wir wollen die Sterne betrachten, und die Zephyre unſere Wange fücheln laſſen! Kommen Sie, wir wollen romantiſch ſeufzen, und Minnelieder ſingen! Aphra faßte ſchon den Arm des Gouverneurs, um mit ihm zu gehen. Aber plötzlich blieb ſie ſtehen,— ein entſetzlicher Gedanke machte ſie er⸗ zittern! Während ſie auf dem Balcon waren, konnte das ſcharfe Auge des Gouverneurs die Neger erblicken, wenn ſie ſich in den Wald begaben! Dann wäre Oronvoko verloren! dachte ſie, und ſich mit übermenſchlicher Kraft zuſammen raffend, ſagte ſie lächelnd: aber mir fällt eben ein, daß Sie ſich heute erſt über meine Grauſamkeit, wie Sie es nannten, beklagten, weil ich die Abende immer einſam. auf meinem Zimmer zubrächte. Ich will Ihnen be⸗ weiſen, daß ich ein ſehr gutherziges Geſchöpf bin! Wir wollen alſo dieſen Abend auf meinem Zimmer zubringen. Und das junge Mädchen warf ſich mit reizender Nachläſſigkeit auf den Divan, indem ſie dem Gouver⸗ ner winkte, neben ihr Platz zu nehmen. Der Gouverneur war entzückt über ihre Freund⸗ lichkeit, er konnte dem Reiz ihres verlockenden Lächelns nicht widerſtehen. Er ſetzte ſich an ihre Seite, und nahm ihre Hand, die er an ſeine Lippen drückte. Es war das erſte Mal, daß Aphra ſie ihm nicht entzog. ch muß ihn hier aufzuhalten ſuchen! dachte ſie. Kenne ich nicht meine Gewalt über ihn? Ich werde alſo von meinen Waffen Gebrauch machen! Sie ſind ein Engel, ſagte der Gouverneur, ja wahrlich, ein Engel! Es giebt nichts Reizenderes, als dieſe ſchöne kleine Hand. Sie iſt das Seepter, mit dem Sie regieren! Nur daß mir die Unterthanen fehlen! ſagte ſie. Ich zum Beiſpiel, bin ich nicht Ihr Unterthan? Ah, alſo Sie ſind mein Unterthan! Dann habe ich das Recht, Ihnen zu befehlen, nicht wahr, und Sie müſſen blindlings gehorchen, ganz blindlings, und — 111 ohne zu murren, ganz wie ein ächter Unterthan, nicht wahr? Das iſt ganz natürlich! Nun alſo, mein Herr Unterthan, erzählen Sie mir ſchnell die luſtige Geſchichte, von der Sie vorhin ſprachen. Ich bin entſetzlich neugierig! Erzählen Sie alſo. Des Grafen Stirn umwölkte ſich. Sie ſind ſehr grauſam! ſagte er. Ich hatte in Ihrer Nähe ſchon dieſe ganze Geſchichte vergeſſen, und jetzt müſſen Sie mich aus dieſem füßen Selbſt⸗ vergeſſen wecken. Die Geſchichte! Die Geſchichte! rief Aphra mit der Ungeduld eines verwöhnten Kindes. Oh, es iſt in der That eine Geſchichte zum Todt⸗ lachen! Hören Sie alſo! Aber Sie müſſen mir ver⸗ ſprechen, ernſthaft zu bleiben, und nicht zu lachen! Ich verſpreche es. Denken Sie, meine ſchwarzen Hausthiere haben den romantiſchen Einfall bekommen, Menſchen ſein zu wollen, wahre, veritable Menſchen! Sie haben unter ſich einen Bund geſchloſſen, deſſen Haupt dieſen Schwarzen weiß gemacht hat, die Neger wären durch⸗ aus nicht geboren, Sclaven zu ſein, ſondern freie ſelbſtſtändige Menſchen, befähigt, zu denken, zu leben, zu arbeiten, juſt wie ihre weißen Herren! Was ſagen Sie zu dieſer Idee, Miß Johnſon? Ach, ich vergaß, Sie ſind eine Philanthropin, und Sie werden alſo vielleicht dieſe romantiſchen Negerideen gut heißen! Wer weiß! ſagte Aphra mit einem ſchelmiſchen Lächeln. Aber erzählen Sie weiter! Was bezwecken die armen Sclaven mit dieſem Bund? Die Freiheit! Denken Sie dieſen Göttergedanken. — 112— Die Neger wollen ſich die Freiheit erkämpfen, und in dieſer Nacht noch ſoll das geſchehen! In dieſer Nacht noch! rief Aphra mit dem Anſchein des Entſetzens. Ja, in dieſer Nacht. Horch, da ſchlägt es halb neun Uhr! In einer halben Stunde verlaſſen alle Neger ihre Hütten, und ſchleichen ſich in den Wald zu dem im Voraus beſtimmten Sammelplatz. Dort ſtellen ſie ſich in Reih und Glied und ziehen mit ihren langen Meſſern hierher, gerade auf meinen Palaſt zu! Aphra ſank wie vernichtet auf die Kiſſen des Di⸗ vans zurück. Ihre Wange war erblaßt, ſie athmete ſchwer. Er weiß Alles! dachte ſie. Oronooko iſt verloren! Weiter, weiter! ſagte ſie dann laut und athemlos! Wie bleich Sie geworden ſind, Miß Aphra! ſagte der Gouverneur mit einem hämiſchen Lächeln. Wirk⸗ lich, man ſollte meinen, Sie hätten ſchon jetzt Furcht vor dieſen Negerthieren, und doch kennen Sie noch nicht den ganzen Umfang ihrer Pläne. Sie marſchiren alſo, wie geſagt, hierher, ſie holen mich, der ich ganz friedlich und unbeſorgt ſchlummere, von meinem Lager, ſie knebeln meine Diener, und ſchleppen uns in den Wald, nachdem ſie zuvor dieſen Palaſt in Brand ge⸗ ſteckt. Im Walde angelangt werden wir Alle auf einen ſchon bereit ſtehenden Scheiterhaufen geworfen, dieſer wird angezündet, und eine Viertelſtunde ſpäter werden die köſtlichen Braten für die Sieger bereit ſein. Aber das iſt ja entſetzlich! rief Aphra, zitternd und todtenblaß. Wie köſtlich Ihnen dieſe Furcht ſteht! ſagte der Gouverneur, indem er ihre Hand küßte. Und iſt dieſe Furcht nicht natürlich? fragte Aphra. Sie erzählen mir, daß man uns dieſe Nacht überfallen — 113— und tödten wird, und Sie wundern ſich, daß ich bei dieſer Nachricht zittere! Ich ſagte nicht, man wird uns tödten, ich ſagte nur, man will es, und zwiſchen dieſem Wird und Will iſt Gott ſei Dank noch eine weite Kluft! Wenn ich ihn nicht warnen kann, iſt Oronooko verloren! dachte Aphra. Dann fragte ſie, anſcheinend beruhigt: Sie haben alſo Vorkehrungen getroffen? Mußte ich nicht als getreuer Paladin für die Sicher⸗ heit meiner Dame ſorgen? Beruhigen Sie Sich, ich kannte dieſe Pläne ſeit drei Tagen, und die nöthigen Vorſichtsmaßregeln ſind getroffen. Oh, welch ein Glück! rief Aphra. Nicht wahr, welch ein Glück! Wir können ganz ruhig ſein, und uns an dieſer kleinen Negerrevolte von ganzem Herzen beluſtigen! Die Offiziere meines kleinen Stabes, meine Leute, Diener und Sclaven⸗ auſſeher ſind alle vollſtändig bewaffnet und gerüſtet, und warten nur noch auf mich, um aufzubrechen. Wir ziehen in den Wald, wir umſtellen den Verſammlungs⸗ platz, und ehe dieſe kühnen Neger ahnen, daß man ſie belauſcht, ſind ſie ſchon umzingelt, umgarnt, und dann wird ein Schauſpiel beginnen, ſo ſchön und pikaut, wie nur die feurigſte Andaluſierin es ſich wünſchen mag. Welch ein Schauſpiel? Denken Sie, ſchöne Miß, welch einen köſtlichen Einfall ich da gehabt habe. Sie wiſſen, ich beſitze einige Koppeln der herrlichſten Bulldoggen⸗ Dieſe guten Thiere haben ſeit vierundzwanzig Stunden keine Nahrung bekommen, und Sie können denken, daß ſie raſend ſind vor Hunger. Meine Bulldoggen werden meine Elephanten ſein! Sie begleiten uns in den Wald, und wenn wir die Neger umſtellt haben, werden Sau I. 1 8 — 114— die hungrigen blutdürſtigen Bulldoggen auf ſie losge⸗ laſſen. Zugleich geben wir aus unſern Hinterhalten Feuer und helfen damit meinen guten Doggen. Denken Sie nun das Entſetzen dieſer dummen ſchwarzen Teufel, wenn ſie zu gleicher Zeit von den Hunden zerriſſen, und von unfern Flinten zerſchoſſen werden. Es wird ein köſtliches Vergnügen ſein! Aber das iſt unmöglich! rief Aphra. Das kann nicht Ihr Ernſt ſein! Oh nein, es war nur ein Scherz, aber ein grauſamer, blutdürſtiger Scherz, der meine Seele ſchaudern macht. Nein, nein, es iſt mein Ernſt, und ich verſpreche mir viel Vergnügen davon. Sie wollen Menſchen von Hunden zerreißen laſſen? Verzeihung, nicht Menſchen, ſondern Neger, meine wohlbezahlten Hausthiere! Ich ſtelle eine Hetzjagd an, wie man es in dieſem glücklichen Andaluſien alle Tage thut. Dort nimmt man Stiere und Menſchen, ich nehme Hunde und Neger. Worin beſteht denn da der Unterſchied. Entſetzlich! Fürchterlich! ſagte Aphra ſchaudernd. Hunde aushungern zu laſſen, um ſie auf Menſchen zu hetzen! Ach, Herr Graf, das iſt ein Gedanke, um welchen Sie der Teufel beneiden würde! Sie ſchmeicheln mir, und werden mich eitel machen! ſagte er lächelnd. Aber ich vergeſſe in Ihrer holden Nähe ganz, daß die Zeit des Aufbruchs gekommen iſt, und daß meine Soldaten und Diener mich erwarten. Ich muß Sie alſo verlaſſen, Miß Aphra, wenn Sie mir nicht etwa das Glück erzeigen wollen, mich zu begleiten! hatte kaum gehört, was er ſagte. Ihre Seelè, ihr ganzes Denkvermögen war vor Eutſetzen und Furcht wie erſtarrt. 5 Als der Gouverneur eine Bewegung machte, um aufzuſtehen, umklammerte ſie krampfhaft ſeinen Arm. Nein, Sie werden nicht gehen! ſagte ſie bebend. Dieſes Alles war nur ein Scherz, eine luſtige Ge⸗ ſchichte, wie Sie ſagen, Ach, es machte Ihnen Freude, mich zu ängſtigen. Sie ſehen, ich bin furchtſam, wie eine Gazelle. Ihr Scherz iſt Ihnen alſo gelungen, Sie haben mich zittern gemacht! Jetzt iſt's vorbei, jetzt dürfen Sie über mich lachen! Ja, wir wollen lachen, und plaudern! Wie unglücklich ſich das trifft! ſagte der Gouver⸗ neur, indem er verſuchte, ſeinen Arm von ihren Händen frei zu machen. Es iſt das erſte Mal, daß Miß Aphra mir das entzückende Anerbieten macht, den Abend mit mir zu verplaudern, und ich darf es doch nicht annehmen! Dieſe Negergeſchichte iſt keine Erfindung von mir. Sie iſt wahr, und wirklich. Sie begreifen alſo, daß ich gehen muß! Wie, es iſt Ihr Ernſt, Sie wollen dieſe Neger behandeln, wie die wilden Thiere? Sie wollen Ihre Hunde auf ſie hetzen? Gewiß, das will ich! Es iſt das beſte Mittel, die Hunde ſatt und die Neger vernünftig zu machen! Laſſen Sie mich alſo gehen! Es iſt die höchſte Zeit! Und der Gouverneur, deſſen Arme Aphra frei gegeben, ſtand auf und nahm ſeinen Hut. Sie wollen gehen? fragte Aphra. Ich will gehen! Und ich ſage Ihnen, Sie werden es nicht thun! rief Aphra trotzig. Ich wüßte nicht, wer mich verhindern wollte! Ich! rief das junge Mädchen kühn und entſchloſſen. Zur Thüre eilend ſchob ſie mit einem raſchen Ruck 5 8* 116 den Riegel vor, und zog den Schlüſſel ab, den ſie in den Falten ihres Kleides verbarg. Jetzt, ſagte ſie mit einem köſtlichen Lächeln, indem ſie ſich ſtolz aufrichtete, und ſich gegen die verſchloſſene Thür lehnte, jetzt werden Sie nicht gehen, mein Herr Graf. Dieſe Thüre iſt verſchloſſen, und mit meinem Leben will ich ſie bewachen. Ich ſage Ihnen, Sie müſſen mich ermorden, bevor Sie dieſe Thüre öffnen können! Sie ſah wundervoll aus. Ihre Wangen glühten, ihre Bruſt hob ſich ſtürmiſch, ihre Augen ſprühten Blitze, und um ihre feſtgeſchloſſenen Lippen ſpielte ein Lächeln des Triumphes. Die Arme hatte ſie über die Bruſt gekreuzt, und ſo, ſich an die Thüre lehnend, ſtand ſie unbeweglich, trotzig da. Genng des Scherzes, Miß Aphra! ſagte der Gou⸗ verneur. Oeffnen Sie dieſe Thür, ich bitte! Nein! rief ſie mit einem ſtolzen Lachen. Ich muß fort! Die feſtgeſetzte Stunde iſt dal Jetzt verlaſſen die Neger ihre Hütten, und ziehen in den Wald. Mögen ſie es! Aber, Sie vergeſſen, was dieſe Neger beſchloſſen haben! rief der Graf ungeduldig. Sie wollen hierher kommen, hierher nach meinem Palaſte, um uns zu überfallen! Mögen ſie es! wiederholte Aphra. Sie werden uns überfallen, und dieſes Haus in Brand ſtecken! Mögen ſie es! ₰ Aber Sie ſprechen im Wahnſinn! ſchrie der Gou⸗ verneur mit dem Fuße ſtampfend. Ich ſage Ihnen, daß man uns Alle vernichten, verbrennen will. Und ich, ich ſage Ihnen, daß dies die gerechte . Vergeltung Ihrer Sünden und Verbrechen iſt! rief das junge Mädchen feierlich. Ich ſage Ihnen, daß Gottes Langmuth endlich erſchöpft iſt, und daß er ſich dieſer Neger bedient, um Sie zu ſtrafen für Ihre fluchwürdigen und grauſamen Verbrechen! Denn furchtbare, entſetzliche Verbrechen haben Sie begangen! Mit frevelndem Muthe haben Sie Menſchen zu Thieren erniedrigt, und ihre Würde und ihre Rechte mit Füßen tretend, haben Sie Gott geläſtert in ſeinem ſchönſten und heiligſten Werke! Der Tag des Gerichtes iſt ge⸗ kommen! Dieſe armen zertretenen Geſchöpfe erinnern ſich, daß ſie immer noch Menſchen ſind, ſie ſtehen auf mit der ganzen Kraft der entweiheten zürnenden Men⸗ ſchenwürde, ſie erheben ſich und ſie werden furchtbar ſein in ihrem ſtrafenden Zorn! Ach, Herr Graf Banniſter, dieſe ſchwarzen Hausthiere ſind Männer geworden und ein Held führt ſie an. Er kommt, um Sie zu ſtrafen, zittern Sie! Genug! Genug! rief der Gouverneur, und ein wilder Zorn leuchtete in ſeinem Antlitz auf. Ich habe, wie Sie ſehen, die ganze Galanterie eines ächten Rit⸗ ters an Ihnen bewährt, Miß Aphra. Ich habe Sie zu Ende ſprechen laſſen, ich habe Sie nicht unter⸗ brochen in Ihrer beleidigenden und ſchmähenden Rede. Ich werde ſogar ſuchen Alles, was Ihre Worte Krän⸗ dendes enthalten, zu vergeſſen. Aber weiter darf dieſer Scherz nicht gehen. Jetzt werden Sie die Güte haben, dieſe Thür zu öffnen! Nein! Ich werde ſie nicht öffnen. Sie werden mich tsdten müſſen, um dieſe Schwelle zu überſchreiten! Und das junge kühne Weib lehnte ſich feſt und ſtolz gegen die Thür. Mein Gott, Sie wollen alſo, daß wir Alle ver⸗ loren ſind? Meine Leute wagen es nicht, ohne mich — 118— auszuziehen und die Neger zu bekämpfen! Sie werden Schuld ſein an unſerm Tode! Ich werde dadurch die armen Neger, ich werde Oronooko gerettet haben! rief ſie mit flammenden Blicken. Ach, Oronvoko! ſchrie der Gouverneur mit lautem Hohngelächter. Ihn wollen Sie retten? Sie lieben ihn alſo! Ja, ich liebe ihn! rief ſie. Werden Sie es nun noch wagen wollen, dieſe Thür zu überſchreiten? Ah, Sie lieben ihn! Und Sie werden ihn den⸗ noch nicht zu retten vermögen! Meine Hunde ſollen ihn zerreißen! Ich will es nicht! Ah, Sie wollen es nicht! Nun, wir wollen ſehen, weſſen Wille der mächtigſte iſt! Und mit drohenden Blicken, zitternd vor Zorn, trat der Graf auf die Thür zu. In demſelben Moment zog Aphra einen Dolch aus ihrem Buſen hervor. Sie hob ihn hoch in ihrer Rechten, und ſich ſelber wie ein ſchützender Schild gegen die Thür lehnend, rief ſie mit lauter froh⸗ lockender Stimme: Ich bin mächtiger als Sie, denn ich habe meinen Dolch! Noch einen Schritt, und ich durchbohre Sie! Verdammt! brüllte der Gouvernenr. Und ich bin ohne Waffen! In dieſem Moment hörte man die große Uhr, welche auf dem kleinen Thurme des Schloſſes ange⸗ bracht war, mit langſamen, dröhnenden Tönen die Stunde verkünden. Es iſt neun Uhr! ſchrie der Gouverneur. Ja, neun Uhr! rief Aphra triumphirend. Neun Uhr! Jetzt ſammeln ſich die Schaaren Ihrer Richter! — 119 Sie werden kommen, um Sie für Ihre Verbrechen zu ſtrafen! Die Stunde des Gerichtes iſt da! Zittern Sie, Graf Banniſter! Der Gonvernenr warf einen wilden, zornigen Blick im Zimmer umher. Dann haftete ſein Auge auf dem geöffneten Fenſter, und ſeine Züge hellten ſich auf. Sie wollen mir alſo dieſe Thür nicht öffnen? fragte er Aphra. Nein! rief ſie entſchloſſen.. Ich müßte alſo Gewalt brauchen, ich müßte mich Ihrer bemächtigen, ich müßte Sie mit meinen rohen Händen anpacken. Das wäre ſehr ungalant, ſehr unritterlich! Ich verzichte alſo darauf! Ach, er verzichtet! ſagte ſie mit einem glücklichen Lachen. Ich will Alles nur Ihrer Güte verdanken! Ich bitte Sie, und ſei es zum letzten Male, Miß Aphra, öffnen Sie mir dieſe Thür! Niemals! Das iſt Ihr letztes Wort? Mein letztes! Nun gut! Dann muß ich mir ſelber helfen! Und der Gouverneur löſte ruhig und gelaſſen die breite ſilberne Schärpe ab, welche er zweimal um ſeine Taille geſchlungen hatte und deren lang herabhängende Enden ihm bis auf die Füße hinab reichten. Dieſe Schärpe iſt ſehr lang und ſehr ſtark! ſagte er. Aphra ſah ihm mit ſtummem Entſetzen zu. Der Gouverneur näherte ſich dem Fenſter, das er aufſtieß und um deſſen Rahmen er das eine Ende der Schärpe befeſtigte. Dann näherte er ſich wieder dem jungen Mädchen, und ſich mit einem ironiſchen Lächeln vor ihr verbeu⸗ gend, ſagte er mit ſpottendem Ton: Miß Aphra, Sie — 120— bewachen die Thür als eine wahre Heroine, und ich zolle Ihnen meine gerechte Bewunderung! Da ich aber nothwendiger Weiſe dieſes Zimmer verlaſſen muß, um meine aufrühreriſchen Neger zur Ruhe zu hetzen, ſo muß ich mir leider einen Ausweg ſuchen! Meine Schuld wird es nicht ſein, wenn fortan alle meine Freunde mit Neid und Mißgunſt auf mich blicken, und mich den Glücklichſten der Sterblichen nennen, weil man mich zur Nachtzeit aus dem Fenſter Ihres Zimmers klettern ſah. Ach, man wird mich ſehr be⸗ neiden! Und Ihnen allein danke ich dieſen Triumph! Ohne eine Antwort abzuwarten, verbeugte er ſich noch einmal und näherte ſich dem Fenſter. Mit einem Satze ſtand er auf der Brüſtung. Dann ſchlang er ſeinen Arm um die Schärpe. Leben Sie wohl, Miß Aphra! ſagte er ſpöttelnd, indem er an der Schärpe hinabzugleiten begann. Aphra hatte ihm mit ſprachloſem Entſetzen, bleich * und ſtarr wie eine Marmorſtatue zugeſehen. Aber ehe ſie, in rathloſer Angſt, in vernichtendem Schrecken, Zeit gehabt, ſich zu faſſen, war der Gouverneur ſchon verſchwunden.— Mit einem wilden Aufſchrei raffte ſie ſich empor. Er iſt fort! jammerte ſie laut. Er geht, um die Hunde auf Oronvoko zu hetzen! Einen Moment ſchien ſie ganz überwältigt, ganz zerbrochen von ihrer Qual. Plötzlich aber richtete ſie ſich en ihre Augen leuchteten, ihre Wangen glühten wieder. Ich will ihn retten, oder mit ihm ſterben! rief ſie begeiſtert. Fort! Fort, hin zu ihm! Und möge Gott meinen Füßen Flügel, und meiner Stimme die Stärke des Sturmwinds verleihen! K Die vergebliche Warnung. Die Neger waren im Dickicht des Waldes verſam⸗ melt. Es war ein wunderbares Nachtſtück, dieſe vie⸗ len dunklen Geſtalten, beleuchtet von dem hellen Schimmer des Mondes, der durch die hohen Bäume hervorblickend, hier und da flackernde Linien und Figuren auf die Gruppen der Schwarzen warf, Ein⸗ zelne derſelben mit hellem Glanze beleuchtend, und wieder Andere in dem tiefſten Schlagſchatten der Bäume verbergend. Mehrere Hundert Sclaven hat⸗ ten ſich eingefunden. Mit ihren langen Meſſern wa⸗ ren ſie gekommen, um unter Oronvoko's Anführung ſich die Freiheit zu erkämpfen. Oronvoko ſtand in ihrer Mitte. Seine ganze Erſcheinung trug den Ausdruck der kühnen Entſchloſ⸗ ſenheit, der mannhaften Begeiſterung. Seine Augen leuchteten und um ſeine Lippen ſchwebte ein ſiegver⸗ kündendes Lächeln. Seine ganze Geſtalt ſchien größer noch und erhabener geworden, jede Muskel derſelben war geſpannt, jede Fiber zuckte in Kampfesluſt. Die Laſt der Knechtſchaft ſchien von ihm abgelöſt, und Oronvoko hob ſein Haupt hoch empor, denn er war wieder ein Mann geworden. Niemals hatte er ſich ſtolzer, glücklicher gefühlt, als in dieſer Stunde. Der überzeugenden Macht ſeiner Rede war es gelungen, dieſe von Unglück und Qual verdumpften Menſchen aus ihrer Erſtarrung und ihrem Blödſinn aufzurütteln, und ſie zu dem vernichtenden Bewußtſein ihrer Scla⸗ verei und ihres Elends zu erwecken. Er hatte ſich — 122— zu der Seele ihrer Seele gemacht, ſie dachten mit ſei⸗ nen Gedanken und litten an ſeinen Schmerzen. Sie waren lebloſe Geſtalten, und ſeine Beredtſamkeit war der Galvanismus geweſen, der dieſen entſeelten Kör⸗ pern ein augenblickliches trügeriſches Leben eingehaucht. Das wußte Oronvoko nicht, er hielt dieſes Leben für ein wirkliches, dieſe augenblickliche Lutieens des Schmerzgefühls und der Empörung für todesmuthige Begeiſterung, und deshalb glaubte er an den Sieg. Er blickte umher in dem Kreiſe ſeiner Brüder, und ſah Aller Augen auf ſich gerichtet, Aller Auf⸗ merkſamkeit ſich zugewandt, nur Taminko ſtand an ſeiner Seite, zitternd, mit niedergeſchlagenen Augen. Aber Oronooko achtete nicht auf ihn, ſeine edle Seele ahnte weder den Verrath ſeines Freundes, noch die künſtlich übertünchte Feigheit der Neger. Er war voll Glauben und Zuverſicht; weil er ein Held war, glaubte er an die heldenhafte Mannheit ſeiner Brüder. Freunde, Gefährten des Unglücks, ſagte er mit ſeiner ſchönen, klangreichen Stimme, der große Geiſt blickt auf uns hernieder, und er will, daß die ſchwarzen Männer den Schleier der Traurigkeit von ſich wer⸗ fen, und in hellem Glanze des Sieges einherſchreiten. Der große Geiſt hat geſagt:„ich blicke hernieder von meinem Himmel, und ich ſehe meine ſchwarzen Söhne, welche leiden und weinen in erdrückendem Elend. Ich will nicht, daß Männer weinen und ihren Nacken beugen unter das Joch. Ich habe die Männer ge⸗ ſchaffen, daß ſie ihr Haupt ſtolz emportragen, und aufrecht gehen, ich habe ſie geſchaffen, daß ſie frei ſein ſollen und herrſchen, ich habe die Frauen ge⸗ ſchaffen, daß ſie gehorſam ſind und ſich beugen. Aber meine ſchwarzen Söhne ſind keine Weiber, ſie ſollen daher nicht weinen! Meine ſchwarzen Söhne ſind — 123— keine Hunde, ſie ſollen daher nicht dulden, daß man ſie geißelt, und ſchlägt, wie das Vieh. Die Peitſche iſt für die Hunde, aber nicht für meine ſchwarzen Söhne, welche ich zur Freiheit geſchaffen habe.“ „Ja, ja, die Peitſche iſt für die Hunde und nicht für uns!“ ſchrieen die Neger in wilder Begeiſterung. Oronooko fuhr fort:„Und als der große Geiſt das geſagt, hat er gelächelt, und ſeine ſegnende Hand ausgeſtreckt über uns, welche er leiden und weinen ſah! Da iſt es helle geworden in unſern Häuptern, und der Tag iſt hereingebrochen über unſere umdü⸗ ſterte Seele. Da haben wir uns aufgerichtet aus dem Staube und die Sclaven ſind wieder Männer gewor⸗ den! Und wir ſchütteln die Schande von unſern Soh⸗ len, und wir heben das Haupt wieder empor zu dem großen Geiſte, welcher eben aus ſeinem Himmel auf uns hernieder blickt, zu ihm ſprechen wir:„„wir haben Deine Stimme gehört! Ueber Deinen ſchwarzen Söhnen iſt der Donner Deiner Rede aufgegangen, und in ihre Seelen iſt der Blitz Deines Segens hineingefahren. Wir haben Deine Stimme gehört, welche zu uns ſagte: meine ſchwarzen Söhne ſollen nicht weinen, wie Weiber, ſie ſollen kämpfen wie Männer! Wir haben es gehört, und wir kommen! Wir kommen, um Rache zu nehmen an unſern Tyrannen! Wir kommen, um zu ſtrafen und zu ſiegen, wir kommen, wie die Adler, welche mit ausgebreiteten Schwingen ſich hernieder⸗ laſſen, um dem blutdürſtigen Tiger die Augen aus⸗ zuhacken, daß er das Lamm nicht mehr ſieht, welches er erwürgen wollte!““ Ja, wir kommen wie die Adler, welche dem blutdürſtigen Tiger die Augen aushacken! brüllte der Chor der Neger in wilder Begeiſterung, und mit — 124— ihren ſtarken muskelkräftigen Armen ſchwangen ſie die glänzenden, zweiſchneidigen Meſſer empor. Auf alſo, auf, meine Adler, auf zum Siege! Ent⸗ faltet Eure Schwingen, ſtürmt hernieder auf den blut⸗ dürſtigen Tiger! Erwürgt ihn, zerreißt ihn! Auf zur Rache und zum Siege. Ein wildes Triumphgeſchrei ertönte, aber mitten durch daſſelbe hindurch vernahm man plötzlich einen lauten durchdringenden Schrei, und ehe die ſchnell verſtummten Neger ſich von ihrem Erſtaunen erholt hatten, ſah man die Geſtalt eines Weibes in fliegen⸗ der Haſt ſich nahen. Ein ſchwarzes Gewand umhüllte ſie, ihr ſchwarzes aufgelöſtes Haar flatterte im Winde, ihr Antlitz war marmorbleich, ihre Bruſt wogte ſtür⸗ miſch empor vom eiligen Lauf, ihre Angen glühten von einem wilden, faſt wahnſinnigen Feuer.— Mit unwiderſtehlicher Gewalt machte ſie ſich Bahn durch die dicht an einander gedrängten Neger. Jetzt ſtand ſie an Oronooko's Seite, und inmitten ihres Jammers durchflog ein Strahl des Entzückens ihre Züge, daß ſie ihn noch lebend wiederſah. Höre mich, Hronvoko, ſchrie ſie lant mit durch⸗ dringendem Ton, hört mich, Ihr armen ſchwarzen Männer, es iſt Alles verrathen! Nur die eiligſte Flucht kann Euch retten! Der Gouverneur weiß ſeit drei Tagen ſchon Eure Pläne, und er hat Alles vor⸗ bereitet, Euch zu vernichten! Flieht, flieht, ſo weit Euch Eure Füße tragen. Der Gonverneur, ſage ich Euch, weiß Alles! Der Gouverneur weiß Alles! Wir ſind verloren! murmelten die eben noch ſo muthigen Neger, und das Entſetzen und die Furcht malte ſich auf Aller Zügen. Nein, ſage ich Euch! ſchrie Oronvoko, nein, der — 125— Gouverneur weiß nichts! Die weiße Tgube iſt furcht⸗ ſam, und darum rettet ſie ſich zu den Adlern, daß ſie ſie ſchützen! Auf, Ihr ſchwarzen Männer, auf zum Siege! Erhebt Eure Waffen und ſchwört dem großen Geiſte, daß Ihr Männer ſein wollt. Alles blieb ſtill, keine Hand erhob ſich, keine Lippe öffnete ſich,— die Männer waren wieder Selaven geworden! Oronooko, höre mich! flehte Aphra in athemloſer Pein. Habe Erbarmen mit Dir ſelbſt, Erbarmen mit Deinen Brüdern, ſtürzt Euch nicht tollkühn in den Abgrund. Habt Mitleid mit Eurem eignen Jam⸗ mer! Ich glaube wohl, daß es zu ſpät iſt zur Flucht, unterwerft Euch, kehrt zurück in Eure Hütten, werft dieſe Meſſer von Euch, welche Eure Ankläger ſind! Noch iſt es Zeit, noch iſt der Gonverneur nicht hier mit ſeinen Soldaten, die auf Euch ſchießen ſollen, noch iſt er nicht hier mit ſeinen Hunden, welche Euch zerreißen ſollen. Der Gouverneur kommt! Er will uns zerreißen laſſen von ſeinen Hunden, heulten die Neger mit ſchlotternden Knieen, und hier und da ſah man Einige ſich zur Erde werfen, Andere ihre Meſſer von ſich ſchleudern, hier und da auch ſchlichen ſich leiſe Einige davon, oder kletterten empor auf die hohen Bäume, um dort Schutz zu ſuchen gegen den furchtbaren Gon⸗ vernenr. Oronvoko ſchaute mit einem Ausdruck des Ent⸗ ſetzens im Kreiſe umher, dann haftete ſein troſtloſer Blick auf Aphra, welche athemlos, halb ohnmächtig an ſeiner Seite lehnte. Du giebſt uns Allen den Tod! flüſterte er. Ich nannte Dich meinen Engel, und jetzt biſt Du mein Todesengel! 8 — 126— Nein nein! ſchrie ſie, ſich feſt an ihn klammernd. Du ſollſt nicht ſterben! Um Dich zu retten, bin ich gekommen, um Deinetwillen biete ich der Schande Trotz und dem Hohn der Welt! Nein, Oronvoko darf nicht ſterben, und Du biſt verloren, ſage ich Dir, wenn Du Dich nicht unterwirfſt. Der Gouverneur hat mir Alles entdeckt, aus ſeinem Munde habe ich ſeinen ganzen Plan erfahren. Oronooko, er hat ge⸗ ſchworen, Euch Alle zu vernichten. Sie wollen Euch nicht tödten, wie man Männer tödtet, nein, von ihren Hunden wollen ſie Euch zerreißen laſſen! Ein furchtbares Jammergeſchrei ertönte ringsum, wie das Geheul der Verdammten klang es durch den der es mit grauenvollem Echo zurück tönen ließ. Unterwerft Euch alſo, unterwerft Euch! flehte Aphra. Ihr kennt die Schleichwege dieſes Waldes. Schweigend macht Euch von dannen! Auf unbekann⸗ ten Pfaden ſchleicht heim in Eure Hütten. Wenn dann der Gouverneur mit ſeinen Soldaten und ſei⸗ nen Hunden kommt, dann wird Niemand hier ſein, den er erwürgt, und er wird ſagen: ich habe mich geirrt, meine Neger ſind treu! Sie ſchlafen in ihren Hütten! Ein Verräther hat mich betrogen! Eilt, alſo, eilt, denn noch iſt es Zeit! Laßt uns fliehen! Laßt uns heimkehren! Der Gouverneur will uns erwürgen! Macht Euch von dannen! ſchrieen die Neger in wildem Entſetzen durcheinander. Oronooko's Stimme übertönte das Geheul und Gewirre. Wir haben geſchworen, Männer zu ſein, rief er. Laßt uns denn ſterben als Männer! — 127— Nein, wir wollen nicht ſterben! ſchrie die angſt⸗ zitternde Menge. Du hatteſt uns geſchworen, daß wir Sieger ſein ſollten, Du hatteſt nicht geſagt: der Gou⸗ verneur wird kommen, und ſeine Hunde werden Euch zerreißen! Tödtet alſo den Gonverneur! rief Oronooko mit Donnerſtimme. Erwürgt ſeine Hunde, damit ſie Euch nicht zerreißen können. Auf, nehmt Eure Meſſer! Laßt uns dem Feind entgegenziehen! Und mit Löwenkühnheit richtete Oronvoko ſich auf, indem er ſich von Aphra's umſchlingenden Armen frei zu machen ſuchte. Ich ſage Dir, es iſt Alles umſonſt! Alles vergeb⸗ lich! Jeder Widerſtand wird Eure Lage nur noch verſchlimmern. Sie ſind Euch überlegen! Sie haben Feuergewehre, ſie haben ihre Hunde! Nichts als Un⸗ terwerfung kann Euch noch retten! Seid alſo gnädig gegen Euch ſelber, ſeid— Plötzlich ſah man es aufblitzen im Gebüſch, und dem ſchnellen Feuerblitz folgte der dröhnende Knall von abgeſchoſſenen Gewehren. Zugleich vernahm ma das wüthende Geheul der Hunde. Es iſt zu ſpät! kreiſchte Aphra, indem ſie ihre Arme feſt um Oronvoko's Nacken legte. Die Neger hatten ſich Alle heulend und wimmernd zur Erde geworfen, ſie waren nichts mehr, als eine zitternde bewegliche Maſſe. Oronooko allein ſtand aufrecht wie ein Fels in ihrer Mitte. Eine lautloſe, entſetzliche Stille herrſchte einen Moment. Plötzlich ertönte die Stimme des Gouverneurs. Ergebt Euch! ſchrie er. Ergebt Euch, Ihr ſchwar⸗ zen Thiere, oder ich laſſe die Hunde los! Die Neger lagen bewegungslos, wie eine ein⸗ — 128— zige, todte Maſſe da. Die Stimme ihres gefürch⸗ teten Peinigers hatte ihren letzten Menſchenmuth ge⸗ brochen. Aphra riß ſich empor aus Oronooko's Armen. Ich will Euch retten! ſtammelte ſie und mit ent⸗ ſchloſſenem Schritt wandte ſie ſich der Seite des Ge⸗ büſches zu, von welcher man die Stimme des Gou⸗ verneurs vernommen hatte. Wieder trat eine tiefe Stille ein. In der Mitte der bewegungslos am Boden liegenden Neger ſtand Oronvoko, wie aus Erz gegoſſen, unbeweglich, mit ſtarrem Blick, eine unendliche Traurigkeit in ſeinen Zügen. Nichts regte ſich, und nur undeutlich vernahm man aus dem Gebüſche her die Stimmen Aphra's und des Gouverneurs, welche in lebhaftem Geſpräch begriffen ſchienen. Endlich nach einer langen Pauſe trat Aphra wie⸗ der hervor, und zu Oronvoko hineilend, rief ſie laut: Hört mich, Ihr ſchwarzen Männer. Hört, was Euer gütiger Herr Euch verkünden läßt! Er hat meinen Bitten, meinen Thräuen nachgegeben. Er will Euch verzeihen, und die Verirrung dieſer Nacht vergeben! Alles ſoll vergeſſen werden, wenn Ihr ſogleich auf⸗ ſteht, und Euch ſtill in Eure Hütten ſchleicht. Aphra's Worte waren kaum verhallt, als plötzlich wieder Leben und Bewegung in die am Boden lie⸗ genden Neger kam. Sie löſten ihre krampfhaſten, gegenſeitigen Umſchlingungen, und richteten ſich lang⸗ ſam, zitternd von der Erde auf. Gnade! Gnade! flehten ſie mit jammernder Stimme. 5 Sie bitten um Gnade! ſchrie Oronooko, indem er verzweiflungsvoll die Arme gen Himmel erhob. — — — 129— Sie bitten um Gnade, flüſterte Aphra, ſich zu ihm neigend. Auch Du, Oronooko, wirſt Dich unterwer⸗ fen, und um Gnade flehen! Niemals! rief er verächtlich. Oronvoko will ſter⸗ ben! Der Tod wird ihm ſüß ſein! Oronvoko wird leben! flehte Aphra. Nein! Nein! rief er, indem er wie in einer Art Verzückung die Arme noch immer gen Himmel erho⸗ ben hatte. Oronvoko wird leben! wiederholte Aphra. Auch im Dulden bewährt ſich der Held! Sprachſt Du nicht einſt ſo zu mir, Oronooko? Bewähre Dich, mein Held, mein König. Sieh dieſe armen, zitternden Ge⸗ ſchöpfe! Ihr Leben ruht in Deiner Hand, denn der Gonverneur hat geſchworeu, nur dann ihnen Gnade widerfahren zu laſſen, wenn Du, der Anführer und Herr dieſer Selaven, Dich ihm unterwirfſt, und Ge⸗ horſam gelobſt! Gnade! Gnade! jammerten die Sclaven. Entſcheidet Euch ſchnell! rief der Gonverneur aus dem Gebüſch hervor. Falle auf Deine Kniee nieder, und flehe um Gnade, denn nur alsdann will ich die⸗ ſen Negern vergeben! Mögen ſie ſterben! rief Oronvoko verächtlich. Es ſind Memmen, wozu ſollen ſie leben! Die Neger heulten und wimmerten laut. Und ich? flüſterte Aphra. Soll auch ich ſterben? Denn ich ſage Dir, Oronooko, und ich ſchwör's beim Geiſte meines Vaters, wenn Du ſtirbſt, tödte ich mich! Und Imoinda? Soll auch ſie ſterben? Sie iſt in der Gewalt des Gouverneurs, und er wird ſie langſam zu Tode martern, wenn Du Dich nicht unterwirfſt, wenn Du Dich tödteſt, Oronooko! Ach, ich habe alſo nicht einmal das Recht zu ſter⸗ Karl II. 1. 9 ben! ſeufzte Oronvoko, indem er langſam ſeine Arme herabfallen ließ, und ſein Haupt auf ſeine Bruſt neigte. Es iſt nicht genug zu leiden! Ich ſoll mich ſelber erniedrigen, und in den Staub werfen! Denke an Imoinda! flüſterte Aphra. Und an mich! ſetzte ſie kaum hörbar hinzu. Ich werde mich unterwerfen! ſagte er troſtlos, ge⸗ brochenen Herzens. Gerettet! Ihr ſeid gerettet! rief Aphra laut. Oro⸗ nooko unterwirft ſich. Er will um Gnade flehen! Du weißt nicht, daß Du mir den Pfeil des To⸗ des in's Herz ſtößeſt! murmelte Oronooko. Ihr ergebt Euch alſo! ſagte der Gouverneur, in⸗ dem er, gefolgt von ſeinen Offizieren und den ange⸗ koppelten Hunden, aus dem Gebüſch hervortrat. Ah, Ihr ergebt Euch Miß Aphra Johnſon hat für Euch gebeten, darum verzeihe ich Euch, ſtatt Euch von mei⸗ nen Hunden zerreißen zu laſſen, wie ich es beſchloſſen. Miß Aphra hat für Euch gebeten, und ich habe ihr geſchworen, Euch zu verzeihen, und Euch die Strafe zu erlaſſen. Aber wie, Oronvoko knieet noch nicht? Er fleht nicht um Erbarmen! Nieder auf Deine Kniee, Du ſtolzes Thier, oder beim ewigen Gott, meine Hunde ſollen Euch Alle zerreißen! Oronvoko ſank langſam, den verzweifelnden Blick gen Himmel gewandt, zur Erde nieder. Gnade! Gnade! murmelte er mit todesblaſſen Lippen. Der Gouverneur blickte mit einem grauſamen, ſpöttiſchen Lächeln zu ihm nieder, dann ſagte er, jedes Wort betonend, langſam und feierlich: Miß Aphra Johnſon hat für Dich gebeten! Ich habe ihr geſchww⸗ ren, Dich ungeſtraft in Deine Hütte und zu Deinem Weibe heimkehren zu laſſen, und ich werde es thun! —— — 131— Gehe alſo! Geht Ihr Alle! Und möge dieſe Nacht Euch zur Warnung dienen! Ein zweites Mal werde ich nicht verzeihen! Einige Minuten ſpäter war der Platz leer. Die Neger waren heimgekehrt in ihre Hütten, froh, ſo leichten Kaufes davongekommen zu ſein. Auch Oronvoko hatte ſich entfernt, denn Aphra hatte ihn an ſein Weib Imvinda erinnert, welches da⸗ heim ſeiner harre. Aphra aber ſtand noch auf der Stelle, an wel⸗ cher Oronvoko ſie verlaſſen. Ihr Herz war ſchwer und kummervoll, ſie wußte kaum weshalb, da der Sturm und die Gefahr anſcheinend doch beſiegt war. Aber ihre Seele bebte vor ungewiſſen Schreck⸗ niſſen, und unheilsvolle Ahnungen ängſtigten ſie. Miß Aphra! ſagte der Gouverneur, indem er mit ehrfurchtsvoller Verbeugung zu ihr heran trat. Miß Aphra, ich weihe Ihnen meinen Zoll gerechter Be⸗ wunderung, denn ſie haben dieſe Nacht gekämpft wie eine Löwin, welcher man ihr Junges rauben will! Aber jetzt laſſen Sie uns ruhen von unſern Helden⸗ thaten! Erlauben Sie, Ihnen meinen Arm zu bie⸗ ten, um Sie nach Parambahouſe zurückzuführen. Sie legte ſchweigend und faſt mechaniſch ihren Arm in den ſeinen. Es brauſ'te vor ihren Ohren, ſie war ſich keines beſtimmten Gedanken, keines Wollens bewußt! Wie im Traume, mit halbgeöffneten Augen, mit zitternden Lippen, mit hochklopfendem Herzen ging ſie an der Seite des Gouverneurs dahin, ſchweigend, in das Leere ſtarrend, lautlos. Plötzlich unterbrach dieſer die Stille. WMWiß Aphra, Sie haben mir heute einen großen, 9* — 132— einen unberechnenbaren Dienſt geleiſtet! ſagte er lächelnd. Ihrer Güte und Ihrem Heldenmuthe verdanke ich es, daß ich nicht gezwungen war, mein Eigenthum, mein theuer bezahltes Negerfleiſch zu zerreißen! Uebrigens darf ich Ihnen jetzt bekennen, daß ich nur ſehr un⸗ gern und im höchſten Nothfalle zu dieſem Gewaltmit⸗ tel meine Zuflucht genommen hätte! Ich rechnete ein wenig auf Ihr mildes Herz, und auf den Einfluß, welchen Sie auf den romantiſchen Prinzen Dronvoko haben! Sie ſehen, ich habe mich nicht verrechnet! Oh, ich bin ein guter Rechner! Ich weiß nicht allein, wie großmüthig und beredtſam Miß Aphra Johnſon iſt, ſondern auch, wie viel das Negerfleiſch mich koſtet. Dies Alles war alſo nur ein nichtswürdiges Spiel! ſagte Aphra verächtlich, indem ſie weiter ſchritt. Wieder ſchwiegen Beide. Dann ſagte der Gou⸗ verneur, und diesmal war ſeine Stimme drohend und wild: Noch Eins, Miß Aphra Johnſon! Bemerkten Sie den feinen ünterſchied, den ich bei meinen Verſprechungen machte? Zu den Negern ſagte ich: ich will Euch ver⸗ zeihen, und Euch die Strafe erlaſſen! Zu Oronooko hingegen ſagte icht ich will Dich ungeſtraſt in Deine Hütte heimkehren laſſen! Nichts weiter! Aphra blickte erſtaunt, entſetzt in das von wilder Schadenfrende leuchtende Antlitz des Gouverneurs. Was wollen Sie damit ſagen? fragte ſie athemlos. Der Gouverneur ſchwieg einen Augenblick, dann ſagte er feierlich: Ich will damit ſagen, daß ich dem Neger Cäſar Oronvoko nur verſprochen habe, ihn un⸗ geſtraft bis nach ſeiner Hütte gehen zu laſſen. Aber in ſeiner Hütte werden meine Sclkavenaufſeher ihn fin⸗ den, und von dort werden ſie ihn abholen, um Gericht über ihn zu halten. Ich verzeihe meinen armen Ne⸗ — 133— gerthieren, aber niemals verzeihe ich Dem, der es verſuchte, die ſchwarzen Thiere zur Empörung aufzu⸗ reizen, und ihnen einzubilden, daß ſie Menſchen ſeien! Xl. Die Hinrichtung. Die Nacht des Entſetzens und der Schreckniſſe war zu Ende. Es war wieder Tag geworden, und aus den Hütten traten die Selaven hervor, um ſich zur gewohnten Arbeit nach den Zuckerplantagen zu verfügen. Aber die Aufſeher, welche ſchon lange in der Mitte des großen Platzes ſich verſammelt hatten, ver an drei Seiten von den Hütten der Sclaven und an der vierten Seite von Parambahouſe, dem Palaſte des Gonverneurs, begrenzt ward, dieſe Aufſeher mit den langen Peitſchen und den grimmigen Geſichtern verhinderten ſie daran. Es ſoll heute kein Arbeitstag ſein, ſagten ſie. Wenigſtens kein gewöhnlicher. Se. Excellenz, der Herr Gouverneur, will Euch heute ſelber gnädigſt Eure Arbeit anweiſen. Erwartet ihn alſo, und was er Euch befiehlt, das werdet Ihr vollbringen! Verhaltet Euch ruhig und wattet! In dumpfem Schweigen, beklemmt von tödtlicher Angſt, ſtanden die Neger vor ihren Hüttenthüren. Sie wagten nicht zu ſprechen, nicht einander anzuſehen, leblos, Bildſäulen gleich ſtanden ſie da, bewacht und beobachtet von den Aufſehern.— Die Sonne ſtieg höher und höher, ſie branute auf den unbedeckten Hänptern der Sclaven. Sie blieben — 134— unbeweglich, und harrten mit zitternder Angſt ihres grauſamen Herrn. Endlich nach langen Stunden der Erwartung ſchien es plötzlich, als wenn ein elektriſcher Schlag ſie Alle im ſelben Moment durchzuckte. Sie ſchoſſen zuſammen, wie vor einem entſetzlichen Schreckniß, und ihre Lippen zitterten. Der Gouverneur war auf den Balcon getreten. Niemand von den armen Sclaven hatte den Muth gehabt, zu dem Balcon empor zu blicken, aber ſie hatten die Thür des Salons ſich öffnen, ſie hatten den Schritt des Grafen gehört, und ſie fühlten es jetzt, daß ſein Blick voll tödtlichen Haſſes auf ihnen ruhte. Ihre Häupter ſanken tiefer auf ihre Bruſt, und ihre Kniee ſchlotterten. Der Gouverneur ſtand auf dem Balcon, und er blickte ſie an. Das wußten ſie. 2 Endlich ſprach er, und ſeine Stimme klang ihnen wie der Donner des Weltgerichtes. Oeffnet Eure Ohren, und hört, ſagte der Gouver⸗ neur. Mitten im Walde iſt ein großer Scheiterhaufen errichtet. Ich will nicht wiſſen, wer ihn errichtet hat, und für wen. Aber ich will nicht, daß er in meinem Walde ſtehe. Ich will, daß er in der Mitte dieſes Platzes errichtet werde. Geht alſo, ihn hier aufzu⸗ richten. Eilt in den Wald, und tragt die Holzſcheite hierher. In einer Stunde muß es gethan ſein! Fort! Kaum war der letzte Ton dieſer harten, gebieteri⸗ ſchen Stimme verklungen, als die Neger in eilendem Lauf ſich von dannen machten, und dem Walde zu⸗ ſtürzten. Die Aufſeher folgten ihnen mit ihren Peitſchen. Der Gouverneur trat von dem Balcon zurück. — 135— In einer Stunde beginnt das Luſtſpiel! ſagte er mit hartem Lachen. Mühſam, keuchend unter der Laſt der ſchweren Holzſcheite traten nach kurzem Verweilen die Sclaven wieder aus dem Walde hervor. Sie ſchleppten das Holz auf die Mitte des Platzes und ſtapelten es in regelmäßigen Lagen über einander auf. Sie waren ſchweigſam, voll dumpfen Entſetzens; nur wenn ſie an einander vorübergingen, warfen ſie ſich ſchene und ängſtliche Blicke zu und flüſterten leiſe: Warum iſt Oronvoko nicht unter uns? Wo iſt Oronooko? Aber Keiner wußte Antwort zu geben auf dieſe Frage, und mit bitterem Seufzen gingen ſie weiter, wieder in den Wald hin, und wieder zurück zu dem Platze, mit großen Holzſcheiten belaſtet.— Die Stunde war vorliber,— in der Mitte des Raumes erhob ſich drohend und entſetzlich anzuſchauen der Scheiterhaufen, welchen die Sclaven aufgerichtet. Für wen war er beſtimmt? Wer war verdammt unter den Folterqualen des Feners ſein armes Leben auszuhauchen? Für wen waren die Marterwerkzeuge, welche dort auf dem Tiſche, neben dem Scheiterhaufen, ausgebreitet waren? Was ſollten dieſe fürchterlichen Zangen, welche in den Kohlenbecken lagen, und all⸗ mälig ſich glühend roth zu färben begannen? Das fragten ſich die Neger mit ihren entſetzten Blicken, aber nicht mit ihren Lippen. Schweigend umſtanden ſie den Scheiterhaufen, ſchaudernd vor Angſt. Ueber ihnen, vom Balcon hernieder, ertönte die Stimme des Gouverneurs. Der Scheiterhaufen iſt errichtet! Führt den Ver⸗ Precher herbei, auf daß er ſeine Strafe erleidel — 136— Während zwei der Aufſeher ſich entfernten, wandte ſich der Graf Banniſter an ſeinen getrenen John, welcher hinter ihm ſtand. John, ſagte er, ich gehe jetzt, Miß Aphra zu holen. Erſt wenn ich mit ihr auf den Balkon hinaus trete und die nöthigen Worte geſprochen habe, giebſt Du das Zeichen, dem Verbrecher das Tuch abzunehmen, welches ihn verhüllt. Alsdann beginnen die Arbeiten mit den Zangen. Und höre weiter! Gehe hinab und ſtelle Dich dem Balcon gerade gegenüber. Wenn Miß Aphra mir zu Füßen fällt, werde ich Dir ein Zeichen geben. Dann unterbrecht Ihr die Tortur, und ich gehe mit Aphra in den Salon. Wenn ich bald darauf einen Moment auf dem Balkon erſcheine, dann befiehlſt Du den Sclaven, ein lautes Vivat zu ſchreien, und darauf ſetzt Ihr Eure Tortur fort. Wenn ich alsdann das Fenſter öffne, und mit dem Tuche winke, zündet Ihr den Scheiterhaufen an. Haſt Du das Alles wohl begriffen, John? Wohl begriffen, und werde es wohl ausführen, ſagte John mit ſeinem gewöhnlichen Grinſen, indem er ſich eilig entfernte.— Der Gouverneur verließ den Salon, und begab ſich zu Aphra. Er fand ſie bleich und erſchöpft auf dem Divan liegend. Sie war noch in den Kleidern, welche ſie dieſe Nacht getragen, ihr Haar hing in wilden Locken über ihren entblößten Nacken herab. Die Hände hatte ſie über die Bruſt geſaltet, ihre Augen blickten weit⸗ geöffnet, ſtarr zu der Decke des Zimmers empor. Sie lag wie in einer Betäubung, aber ihre Seele wachte, und in ihrem Herzen waren wilde, unheilsvolle Ge⸗ danken.— Sie war zauberhaft ſchön in dieſer nachläſſigen — Stellung, in dieſem ungeordneten Anzug.— Der Gouverneur ſtand vor ihr und ſchien ihre ſchöne Ge⸗ ſtalt verſchlingen zu wollen mit ſeinen gierigen, lüſter⸗ nen Blicken. Aphra achtete nicht auf ihn. Sie hatte ihn kom⸗ men hören, abed was kümmerte ſie ſein Gehen und Sie ſahv ihn nicht an, ſie beachtete ihn gar nicht. Miß Aphra Johnſon! ſagte der Graf mit Fiter⸗ v würfigem Ton. X Sie antworketd uſcht, ſit wantterkeindn Blick zu K 6 ihm hin. 8 N Das Antlitz des Gouverneurs verzog ſich zu eine S boshaften Lachen. Miß Aphra, ſagte er, ich komme, mich nach Ihrem Befinden zu erkundigen, und Sie zu bitten, mir zu einem intereſſanten Schauſpiel Ihre Gegenwart zu ſchenken. Werden Sie die Gnade haben, mir zu folgen? Wieder antwortete ſie nicht, aber aus ihren Mienen ſprach eine tödtliche Verachtung. Sie wollen mir alſo nicht folgen? fragte der Gon⸗ verneur. Doch, glaube ich, würde dieſes Schauſpiel für Sie von Intereſſe ſein. Oronooko ſpielt darin die Hauptrolle. Oronvoko! rief Aphra, indem ſie raſch empor ſprang, und mit dem Ausdruck der Angſt den Gouverneur anſtarrte. Was ſagten Sie von Dronooko? Ich ſagte, daß er in dem Schauſpiel, zu welchem ich Sie einlade, die Hauptrolle ſpielen wird. Und wo wird dieſes Schauſpiel ſtattfinden? Auf dem Vorplatze! Wir werden es vom Balcon aus genießen können. Kommen Sie, kommen Sie! ſagte ſie heftig, indem S — 138— ſie mit unwiderſtehlicher Gewalt den Arm des Gou⸗ verneurs ergriff und ihn haſtig mit ſich fortzog. In Todesangſt durcheilte ſie die Corridore. Ihre Füße berührten kaum den Boden, ihre Bruſt war ohne Athem, ihre Angen brannten. Alles an ihr drückte Erwartung und fieberhafte Ungeduld aus. Jetzt hatten ſie den Salon erreicht, jetzt traten ſie auf den Balcon hinaus. „ Ein Schrei des Entſetzens rang ſich von ihren Lippen, als ſie den Scheiterhaufen erblickte und die in dumpfer Trauer umherſtehenden Selaven. Was ſollen dieſe furchtbaren Marterwerkzeuge, und wer iſt unter jener ſchwarzen Decke verborgen? fragte Aphra den Gouverneur. Er antwortete nicht, aber er legte ſeine Hand ſo feſt um ihren Arm, daß ſie ſich ihm nicht entwinden konnte, und an ſeine Seite gebannt war. Dann richtete er ſich ſtolz empor, und über den ˙ Platz hin erſchallte ſeine gefürchtete Donnerſtimme. Hört mich, Ihr Selaven, ſagte er. Dieſe Nacht habt Ihr Euch zuſammengerottet zu einem furchtbaren, wahnwitzigen Verbrechen. Ich hätte Euch Alle dafür vernichten, und unter meine Füße treten können. Aber ein Engel kam, für Euch um Gnade zu bitten. Miß Aphra Johnſon hier verdankt Ihr es, daß Ihr noch lebt. Gerührt von ihrem Flehen habe ich ihr verſprochen, Euch nicht zu ſtrafen. Nur einen habe ich ausgenommen von der allgemeinen Verzeihung, nur für dieſen Einen habe ich Miß Aphra Johnſon keine Gnade bewilligt. Ihn allein muß ich ſtrafen, denn er allein iſt es, der Euch verführte. Er war das Haupt Eures Verbrechens! Ich ſtrafe das Haupt und ſchone des Körpers, und ſtatt Euch Alle zu züchtigen, wie Ihr es verdient, will ich nur an Einem Gerechtigkeit üben. Seine Qualen ——— — 139— mögen Euch ein warnendes Beiſpiel ſein! Enthüllt den Verbrecher! Die ſchwarze Decke ward von dem Verhüllten ab⸗ genommen,— ein dumpfes Aechzen drang von den Lippen der Sclaven. Sie hatten ihn Alle erkannt, ihn, ihren Fürſten, ihren Anführer und Herrn, den Prinzen Oronookv. Herrlich war er anzuſchauen. Seine wundervolle Geſtalt ſchien größer noch und gebieteriſcher, ſeine Arme hatte er feſt ineinander geſchlungen, ſein Haupt war ſtolz empor gerichtet, und ſein edles Antlitz leuchtete von Muth und Energie. Es war nicht das Antlitz eines Verbrechers, ſondern eines ſiegreichen Helden, welcher den Tod unter ſeine Füße getreten hat. Oronooko, es iſt Oronvoko! murmelte Aphra ganz betäubt, ganz gelähmt. Ja, Oronookoi ſagte der Gouverneur. Ich hatte ihm verſprochen, ihn ungeſtraft in ſeine Hütte heim⸗ kehren zu laſſen, und das iſt geſchehen. Aber jetzt verlangt die Gerechtigkeit ein Opfer, und ich werde es bringen! Der Gouverneur erhob die Hand, und winkte ſeinen Dienern. Sofort ſtellten ſich die Aufſeher mit ihren erhobenen Peitſchen neben den Reihen der zitternden Seclaven auf. Wer es wagt, ſich zu regen, oder den Platz zu verlaſſen, oder einen Laut von ſich zu geben, der wird auf der Stelle zu Tode gepeitſcht, ſagten ſie. Vier grimmig blickende halbnackte Männer näher⸗ ten ſich Sronooko, der immer noch mit verſchränkten Armen ſtolz und ruhig daſtand. Hierher, hierher! brüllten ſie ihm entgegen. Hierher zu dem Tiſche, wo wir Dir und Deinen Gliedern — 140— eine Luſtbarkeit bereitet haben! Hierher zu unſern F welche vor Verlangen glühen, Dein Fleiſch zu oſten! Sie wollten ihn anpacken und zu dem Tiſche mit den Marterwerkzengen führen. Oronooko ſagte gebieteriſch: Niemand wage es, mich anzurühren! Ihr ſeht ja, daß ich gehe! Mit feſten Schritten trat er zu dem Tiſche, die Zangen und Meſſer und Schrauben, welche auf dem⸗ ſelben ausgebreitet waren, mit einem ſchnellen, prü⸗ fenden Blicke muſternd. Ach, Ihr wollt mich tödten? ſagte er mit feſter, ruhiger Stimme. Der Herr Gouverneur iſt ein ſehr gütiger Herr, ich danke ihm, daß er mich zum Tode begnadigt! Wir wollen Dich tödten, ſagten die Henkersknechte mit wildem Lachen. Aber bevor Du brateſt, wollen wir noch ein wenig mit Dir ſpielen!. Was wollt Ihr thun? Wir wollen Dir mit dieſen ſcharfen Meſſern die Ohren abſchneiden und Deine Naſe, wir wollen mit dieſen glühenden Zangen Dir das Fleiſch von Deinen Gliedern zwacken. Thut es, ſagte der Neger ruhig, thut es, aber zu⸗ vor habe ich eine Bitte. Wollt Ihr ſie erfüllen? Sprich ſie aus! Den Sterbenden erfüllt man ihre letzte Bitte! Gebt mir eine Pfeife, und füllt ſie mit köſtlichem Ta⸗ back. Oronvoko will rauchen, eine Pfeife des Frie⸗ dens mit ſeinen vier Freunden, welche ihn tödten. Die Knechte lachten laut auf, und indem ſie ihm eine Pfeife darreichten, ſagten ſie: Du wirſt nicht lange rauchen. Unſere Künſte werden Dir die Luſt —— — 141— dazu vertreiben, und wenn man ſchreit vor Qual, kann man nicht rauchen! Oronvoko blickte ſie mit verächtlichem Lächeln an. Schreien die weißen Männer, wenn ſie Qualen erdulden? fragte er. Gewiß, das thun ſie! Dann ſind die weißen Männer feige Weiber! ſagte Oronooko, indem er die angezündete Pfeife an ſeine Lippen führte. Beginnt jetzt Euer Werk. Oro⸗ nooko will rauchen! Und große Dampfwolken ausſtoßend bot Oronooko den Henkern ſeinen Arm dar. Sie nahmen dieſen Arm und umgaben ihn mit eiſernen Schrauben,— ſie ſchroben ſie feſter und feſter zuſammen,— das Blut ſpritzte empor, und man hörte das Knacken der zerſplitternden Knochen. Oronooko rauchte ruhig weiter,— die vor An⸗ ſtrengung und Blutgier zitternden Henker griffen zu neuen Schrauben und Zangen.— Während dies ſich unten auf dem Platze begab, ereignete ſich oben auf dem Balkon eine andere Scene. Mit ſtarren Blicken, mit todesbleichen Wangen, in einem Krampf des Entſetzens erſtarrt, hatte Aphra Anfangs ganz betäubt den Dingen, welche da unten ſich begaben, zugeſehen. Als Oronvoko an den Tiſch mit den Marterwerk⸗ zeugen trat, durchflog ein convulſiviſches Zittern ihre Geſtalt. Mein Gott, mein Gott, jammerte ſie leiſe. Laſſen Sie dieſes Schauſpiel enden, Herr Gouverneur. Es iſt wieder einer Ihrer grauſamen Scherze, ich weiß bas wohl, aber ſehen Sie nur, dieſe armen Sclaven zittern, und auch ich, ich zittere. Sie können alſo zu⸗ frieden ſein. Sie haben uns Allen ein ſchreckenvolles Entſetzen eingeflößt. Enden Sie jetzt, Herr Gouver⸗ neur, enden Sie! Und wer ſagt Ihnen, Miß Aphra Johnſon, daß dies nur ein Scherz iſt? fragte der Gouverneur mit grauſamer Ruhe. Ich bin ſehr geſonnen, vor Ihnen ein ernſtes Schauſpiel aufzuführen! Mein Gott, ſie erheben ſchon die Zangen! kreiſchte Aphra. Dann blickte ſie, wie in einer Erſtarrung, hin⸗ unter. Ihre Augen erweiterten ſich, ſie traten hervor aus ihren Höhlen, ihre halbgeöffneten Lippen waren blan geworden, und von ihrer marmorweißen Stirn floſſen große Schweißtropfen nieder. Oronvoko's Blut ſpritzte hoch empor aus ſeinem zerfleiſchten Arm. Dieſer dunkelrothe Strahl erweckte ſie aus ihrem Todeskrampf. Erbarmen, Gnade! flehte ſie mit gerungenen Hän⸗ den und hervorſtürzenden Thränen. Der Gonvernenr betrachtete ſie mit einem grau⸗ ſamen Lächeln. Sie ſind wunderſchön in dieſer reizenden Verwir⸗ rung! ſagte er. Aphra ſtarrte wieder hinunter zu Oronvoko. Ihre Augen waren wie gebannt an dieſes entſetzliche Schau⸗ ſpiel, ſie konnte den Blick nicht abwenden, ſie mußte ſehen, ſehen, was ihre Seele mit Verzweiflung und Schauder erfüllte, und ſie faſt wahnwitzig machte vor Entſetzen. Sie ſah ſein Blut fließen, ſie hörte das Krachen des zerſplitternden Armes, ſie ſah, wie man die Koh⸗ lenbecken mit den glühenden Zangen näher herbeiholte. Ein furchtbarer Jammerſchrei rang ſich von ihren Lippen. Entſetzt ſchauten die Sclaven auf, ſich ſcheu — 143— umblickend nach dem Kühnen, welcher es gewagt, dieſen Schrei auszuſtoßen. Aber Niemand von ihnen wagte es, zu dem Balcon empor zu blicken. Ach, jetzt werden ſie ihm das Fleiſch mit dieſen glühenden Zangen abzwacken! ſagte der Gouverneur ruhig. Gnade! Gnade! ſchrie Aphra, und Alles ver⸗ geſſend, nur ihrem Jammer und ihrer Qual gehor⸗ chend, warf ſie ſich zur Erde, und umklammerte des Grafen Knie. Gnade für Oronooko! flehte ſie mit herzzerreißen⸗ dem Ton. Seid barmherzig, ſeid menſchlich, laſſet die Gnade walten! Habt Erbarmen mit Oronvoko! Ich Erbarmen? lachte der Gouverneur. Hat mir Miß Aphra nicht oft geſagt, ich ſei ein Tyrann, ein empfindungsloſer Barbar? Sie ſollen Recht haben, Aphra, ich will keine Barmherzigkeit üben! Gnade! flehte Aphra. Sein Sie barmherzig, ich will Sie nie wieder grauſam ſchelten! Ich will an Ihre Güte glauben und an Ihre Menſchlichkeit! Ich will Sie ſegnen und Sie lieben! Mich lieben? Sie wollen mich lieben? fragte er, indem er ſich zu ihr neigte. Sie ſah zu ihm empor. Ein Gedanke durchzuckte ſie, ein Rettungsgedanke für Oronooko. Ja, ich will Sie lieben! ſagte ſie.. Jetzt liegt Oronvoko's Leben oder Sterben in Ihrer Handi ſagte der Gouverneur feierlich. Sie wandte das Haupt wieder hin zu Oronooko. Die glühenden Zangen lagen nicht mehr auf den Kohlenbecken, ſie waren in den Händen der Henker, Snn Fleiſch hing in Fetzen von ſeiner Bruſt herab. — 144— Aphra ſchlug ihre Hände vor ihr Geſicht. Sie konnte dieſen furchtbaren Anblick nicht ertragen. Und ich, ich kann ihn retten! murmelte ſie dumpf. Ja, Sie können ihn retten, ſagte der Gouverneur, indem er ſie ſanft emporhob, und ſie, die faſt ſinnlos Alles mit ſich geſchehen ließ, hinein geleitete in den Salon. Aphra, ſagte er hier, indem er ſie ſanft auf die Polſter des Divans gleiten ließ, Aphra, ſchenken Sie mir Ihre Liebe, ſagen Sie, daß Sie mir angehören wollen und Oronvoko ſoll nicht mehr leiden! Oronooko ſoll nicht mehr leiden! wiederholte ſie ganz mechaniſch. Dann plötzlich leuchtete ihr Antlitz auf in überirdiſcher Freude, ſie ſprang empor, und ſtand ſtolz und ſtrahlend vor Begeiſterung dem Gou⸗ verneur gegenüber. Herr Gouverneur Graf Banniſter, ſagte ſie feier⸗ lich, Sie werden Oronvoko's Leiden enden laſſen! Sie wollen alſo mein ſein? fragte er. Ich will Oronooko retten um jeden Preis! rief ſie, aber indem ſie jetzt in das von Liebe und Schaden⸗ freude leuchtende Antlitz des Grafen ſah, ſchauderte ſie und ihre Wange erbleichte. Oh mein Gott, ſagte ſie, die Hände ringend, es iſt ſehr grauſam, meine Verzweiflung ſo wucheriſch und unedel benutzen zu wollen. Sein Sie barmherzig, laſſen Sie aus der Großmuth Ihres eigenen Ent⸗ ſchinſſes die Gnade walten! Haben Sie Mitleid mit der Verzweiflung einer armen Waiſe, Mitleid mit Oronvoko! Und auf's Neue warf ſie ſich nieder, und umſchlang ſeine Kniee. Er bückte kalt und ruhig zu ihr nieder. Haben Sie ſelber doch Mitleid mit Oronookv, ſagte er. Sie allein können ihn retten, und jede Mi⸗ — 145— nute vergrößert ſeine Qual. Ach, wie viel Blut mag iin unſer unnöthiges Schwatzen hier ſchon gekoſtet haben. Sie ſprang empor, zitternd, todesbleich. Oronvoko ſoll nicht mehr leiden, nein, nein, ich will es nicht! rief ſie wild. Gehen Sie, verbieten Sie dieſen Henkern, ihn zu martern! Sie wollen mich alſo nicht mehr von ſich ſtoßen? Mein Gott, eilen Sie doch, Oronooko zu retten! Jede Minute bringt ihm neue Schmerzen! Eilen Sie! Der Gouverneur trat hinaus auf den Balcon und erhob winkend die Hand. John, rief er hinunter, erinnere Dich meiner Be⸗ fehle! Ich begnadige Oronvoko! Ein weithinſchallendes, jubelndes Vivatrufen der Selaven ertönte. Der Gouverneur trat vom Balcon zurück und ſchloß die Thüren. Hören Sie dieſes Jubelgeſchrei? fragte er. Es ſind die Sclaven, welche über die Begnadigung Oro⸗ nooko's jauchzen. Sie ſehen, Madonna, ich habe Ihren Befehl erfüllt. Oronooko leidet nicht mehr!— Oronvoko leidet nicht mehr! rief Aphra, und mit einem Ausdruck des Entzückens ſank ſie nieder auf ihre Kniee. Mein Gott, mein Gott, ich danke Dir, rief ſie, ihre Arme gen Himmel erhebend. Du haſt mich be⸗ gnadigt und geſegnet! Denn ich habe Oronvoko retten können!— John war der Befehle ſeines Herrn eingedenk ge⸗ weſen.— Als der Gouverneur auf dem Balkon er⸗ ſchien, erinnerte er ſich, daß dies das Zeichen ſei, wenn die Sclaven Vivat rufen ſollten.* Er wandte ſich daher zu ihnen hin, und rief mit Karl II. 1. 10 — 146— drohendem Ton: Macht Eure Mäuler auf, und brüllt ein Vivat! Der Herr Gouverneur giebt Oronooko frei. Brüllt alſo Vivat, Ihr Hunde! Niemals wurde einem Befehle willfähriger ge⸗ horcht. Sie hatten Alle dieſe Worte des Gouverneurs gehört:„Ich begnadige Oronvoko.“ Ihr Herz war voll Jubel und Frende, und aus der Fülle ihres Her⸗ zens brachten ſie ihrem gütigen Herrn ein Lebehoch. Verwundert hielten die Henkersknechte inne in ihrer ſchandervollen Blutarbeit. Er iſt begnadigt? fragten ſie John. Da ſagte dieſer lachend: Begnadigt zu neuen Martern. Nehmt neue Zangen und neue Schrauben, und fahrt fort in Eurer allerliebſten Beſchäftigung! Ein unzufriedenes Murren machte ſich in den Reihen der Selaven hörbar. Aufſeher, gebraucht Eure Peitſchen! Dieſe Thiere knurren! ſchrie John. Und während die Aufſeher mit unbarmherziger Wuth auf die armen Neger einhieben, fuhren die Henker fort in ihrer entſetzlichen Arbeit. Oronooko rauchte ruhig weiter. Nicht Einmal hatte er gezuckt, kein Seufzer, kein Schrei war über ſeine Lippen gegangen. Mit ſtrahlendem Angeſicht, die Blicke gen Himmel gewandt, ſtand er da, und zu den Bemühungen der ſchweißtriefenden Henker lã⸗ chelte er. Zetzt, Herr Prinz ohne Gefühl, ſchrieen ſie, jetzt wollen wir neue Mittel verſuchen, Eure Pfeife aus⸗ gehen zu machen. Ihr habt lange genug geſtanden. Setzt Euch doch; Eure Füße ſind nackt, wir wollen Euch Stiefel anziehen! Oronvoko ließ ſich ruhig auf den hölzernen Sche⸗ mel nieder, den ſie herbeigetragen. — 147— Jetzt wollen wir ihm ſpaniſche Stiefel anziehen! Und ſie ſchoben ſeine Füße in die eiſernen Stiefel, und zwängten oben hinein den hölzernen Keil. Oronooko lächelte noch. Er machte eine Bewegung, als wollte er den Arm heben, aber dieſer gab ſeinem Willen nicht mehr nach. Er war zerſchmettert. Oro⸗ nooko vermochte nicht mehr die Hand empor zu he⸗ ben, um die Pfeife aus ſeinem Munde zu nehmen. Er öffnete die Lippen und ließ die Pfeife fallen. Dann begann er zu ſingen. Mit voller kräftiger Stimme ſang er die Todten⸗ klage ſeiner Heimath; die Neger hoben die Häupter empor und lauſchten mit angehaltenem Athem und mit überſtrömenden Augen. Immer gewaltiger, im⸗ mer machtvoller erſchallte die Stimme Oronooko's; weithin tönte ſie über den Platz, und erfüllte das Herz der armen Selaven mit Entzücken und Ver⸗ zweiflung. Hronooko's Antlitz ſtrahlte in überirdiſcher Schön⸗ heit, plötzlich ging er in eine heitere jauchzende Me⸗ kodie über, und mit vor Begeiſterung ſtrahlenden Blicken ſang er: Ueber das Thal der Leiden ſchwingt ſich der Adler empor! Tief unten liegt es da zu ſeinen Füßen, das Thal voller Jammer und Qualen. Das Auge des Adlers ſieht es nicht mehr. Ueber die Noth ſchwingt er ſich empor, und über den Schmerz iſt er erhaben. Aufwärts blicket ſein Auge, das unermeßliche Blau durchdringet ſein ſtrahlender Blick, und er entfaltet ſeine Schwingen und hebt ſich empor zu dem Himmel. Tief unten zu ſeinen Füßen läßt er die Welt! Er blickt zu ihr nieder und lächelt, und mit ſeinem Lächeln ſagt er zu ihr: Lebewohl!— Er klagt nicht um ſie, und wie ſollt' er auch klagen! Für wen iſt 10* — 148— die Welt ein Thal des Entzückens? Für Würmer, welche verſtehen im Staube zu kriechen und im Staube ihre Nahrung zu ſuchen; für die Schlange, welche die un⸗ ſchuldige Gazelle erdrückt, und von ihrem Blute ſich nährt; für den Vampyr, welcher dem Argloſen das Blut aus der keuchenden Bruſt ſaugt, für dieſe Alle iſt die Welt ein Paradies. Nicht für den Adler! Er iſt über dieſe Erde dahin geflogen! Was hat er geſehen? Er hat geſehen, daß die Guten weinen, und die Böſen triumphiren, er hat geſehen, daß kein Herz wohnt in dem Buſen der Menſchen, kein Herz für Anderer Leiden und für Anderer Glück, kein Herz voll Milde und voll erbarmungsreicher Liebe. Er hat geſehen, daß die Menſchen böſe ſind und voll Tücke, daß das Unglück ihrer Brüder ſie freut, und daß ſie lachen zu den Qualen, welche ſie Andern bereitet. Er kam hernieder zur Welt, der Adler der Lüſte, er kam, um die Menſchen zu lieben, aber als er mit ſeinem Blicke voll Kraft in ihre Herzen geſchaut, hat er aufgehört, ſie zu lieben, und zu ſeiner Seele hat er geſprochen: Wie ſollt' ich Die lieben, welche nur haſſen! Wie ſollt' ich Denen vertrauen, welche nut mißtrauen! Wie ſollt' ich Denen mein Herz eröffnen, welche das ihre verſchließen vor jeder Wahrheit und vor jedem Mitgefühl. Einen Golt nur kennen die Menſchen, es iſt der Gott des Eigennutzes! Ihm dienen ſie mit raſtloſem Eifer, und nur wenn zu ihm ſie beten, iſt Wahrheit auf ihren Lippen. Dieſer Gott iſt ein grauſamer Gott, er treibt die, welche ihm dienen, zum Haß und zur wilden Blutgier, er zwingt ſie, mit lachendem Munde das Blut ihrer Brüder zu vergießen, und die Unſchuld zu erwürgen, die Tugend mit Füßen zu treten, und dem Laſter zu dienen! Sie können es nicht — 149— ändern, die armen, ſchwachen Menſchen! Sie dienen ihrem Gotte, und ihr Gott iſt der Eigennutz! Der Adler wendet ſein Haupt weg von dieſer Welt voller Greuel. Er ſchwingt zu dem Himmel ſich auf, er ſteigt empor zur Sonne. Da droben wohnt der große Geiſt, der öffnet dem Adler die Arme, der drückt ihn an ſein Herz, in den Sonnen ſeiner Augen hängen Thränen, die fallen als funkelndes Geſchmeide auf die Stirne des Adlers, und indem der große S ihn an ſein Herz drückt, ſagt er mit zärtlichem on: Komm her an meine Bruſt, komm, um zu ruhen und zu vergeſſen! Du haſt genug gelitten und genng geduldet. Da drunten auf der Erde wohnt der Schmerz, hier oben weilt ewige Freude. Da drunten wohnt die ewige Lüge, hier oben iſt die ewige Wahrheit! Voll Glanz iſt ſie, und voll ſtrahlender Ruhe; komm, ihr in's Antlitz zu ſchauen, und aus ihren Brüſten zu trinken, und im Genuſſe zu vergeſſen, was Du ge⸗ litten auf Erden!— Plötzlich verſtummte Oronvoko's Geſang, ſeine gen Himmel gerichteten Blicke wurden ſtarr, auf ſei⸗ nen halb geöffneten Lippen ſtand ein Lächeln,— es war das Lächeln des Siegers, welcher den Tod über⸗ wunden hat.— Er ſingt nicht mehr! ſagte einer der Henker. Er iſt kalt und ſteif! rief der Andere. Die vier Knechte trugen die zerbrochene Geſtalt Oronooko's auf den Scheiterhaufen. In ſitzender Stellung befeſtigten ſie ihn auf demſelben, und gleich⸗ ſam beſchämt über ihre eigene Grauſamkeit warfen ſie ein ſchwarzes Tuch über die entſtellte Leiche. Nur ſein Haupt ragte aus dem Tuche hervor— ruhig und ſtill war ſein Angeſicht— das Lächeln — 150— ſtand noch auf ſeinen Lippen, der Tod hatte es auf ihnen feſtgebannt, ſeine Angen waren noch immer gen Himmel gerichtet, aber ihr Feuer war erloſchen. Die Henker wollten die Baumwollenballen anzün⸗ den, welche zwiſchen den Holzſcheiten aufgeſtapelt waren. John hinderte ſie daran. Se. Exellenz, unſer gnädiger Herr wird das Fen⸗ ſter öffnen, und uns das Zeichen geben! ſagte er. Wir müſſen alſo warten! Ja, wir müſſen alſo warten! ſagten die Henker, indem ſie mit John zu den Fenſtern emporblickten.— Dieſe Fenſter waren noch immer geſchloſſen. Wo blieb der Gouverneur? Er war noch immer im Salon und Aphra war bei ihm. Sie hatte es geduldet, daß er ſich neben ihr nie⸗ derſetzte und ihre Hände küßte. Als er ſie dann ge⸗ fragt, ob ſie ſich jetzt entſchließen wolle, ſeine Gemah⸗ lin zu werden, da hatte ſie laut und feſt mit einem Ja geantwortet. Aber wie ſie das eben geſagt, erhob ſich der Gonverneur von dem Divan, auf welchem er neben ihr geſeſſen, und ſchaute mit einem kalten, ſcha⸗ denfrohen Lächeln zu ihr nieder. Miß Aphra Johnſon, ſagte er, eines Tages ver⸗ höhnten Sie mich um meiner Liebe willen! Sie ſchwu⸗ ren, lieber zu ſterben, als die Meine zu werden. Erinnern Sie ſich jenes Tages? Ich erinnere mich! ſagte ſie ruhig. An jenem Tage gelobte ich Ihnen, Sie für dieſe Grauſamkeit zu ſtrafen! Ich ſchwur Ihnen mit einem feierlichen Eide, Sie ſollten eines Tages meine Kniee umklammern, und um Gnade, um Erbarmen flehen. Ich ſchwur Ihnen, Sie ſollten zu meinen Füßen lie⸗ — 15— gen, winſelnd und jammernd, und meine Liebe als ein Gnadengeſchenk annehmen. Miß Aphra Johnſon! Mein Schwur iſt erfüllt, Sie haben jammernd zu meinen Füßen gelegen, Sie haben meine Kniee um⸗ klammert, und um Erbarmen gefleht, und Sie haben ſich freiwillig entſchloſſen, meine Gemahlin zu wer⸗ den: Miß Aphra Johnſon, ich habe meine Wette ge⸗ wonnen. Sie haben Ihre Wette gewonnen! ſagte ſie kalt und gelaſſen. Ich nehme Sie an zu meinem Gemahl! Ich habe Oronooko gerettet! Wer weiß? ſagte der Gonverneur achſelzuckend, indem er an eins der Fenſter trat, und es öffnend, mit ſeinem Taſchentuch hinabwinkte in den Hof.— Aphra ſaß noch immer bewegungslos, mit ſtar⸗ ren Blicken auf dem Divan. Plötzlich ward das Gemach von einem dunkelro⸗ then blendenden Scheine erhellt,— entſetzt ſchaute Aphra empor, eine glühende Feuerſäule zeigte ſich da draußen ihren Blicken. Sie ſtürzte zum Fenſter hin, und mit athemloſem Eutſetzen blickte ſie hinab. Der Scheiterhaufen brannte. Mit glühenden Zun⸗ gen umleckten die lodernden Flammen die Geſtalt Bronvoko's, aber noch ließen ſie ſein Haupt frei, und dieſes von dunkelrothem Glanze angehauchte Antlitz leuchtete von einer erhabenen, wundervollen Schönheit. Aphra ſtand, und blickte hinab. Sie ſah die Flammen, welche ſeine Geſtalt umhüllten, ſie ſah das Haupt Oronvoko's, welches wie ein Phönix über den Flammen ſchwebte. Sie ſah Alles, ſie wußte Alles. Aber ſie blieb ſtarr und bewegungslos. Der Schrek⸗ ken hatte ihre Zunge gelähmt, und ihre Glieder erſtar⸗ ren gemacht. „ Die Flammen ſchlugen höher und gewaltiger empor, bald das Antlitz Oronvoko's wie in einen Goldſchleier einhüllend, bald ſich zertheilend, daß es wieder her⸗ vortauchte in ſeiner Marmorruhe. Plötzlich vernahm man da unten einen gellenden, durchdringenden Schrei. Aus einer der Hütten ſtürzte ein junges Negerweib hervor. Vergebens ſuchte der ihr folgende Sclavenauſſeher ſie aufzuhalten. Mit übernatürlicher Kraft entwand ſie ſich ihm, wie ein Pfeil flog ſie dahin, ihre Füße berührten kaum den Boden. Jetzt nahete ſie ſich dem Scheiterhaufen, das Feuer übergoß ſie mit goldenem Glanze,— ſie ging nicht mehr,— ſie flog, ſie hob ſich empor, leuchtend, ein goldbefiederter Vogel! Ihre Arme zertheilten die Flammen, ſie ſtürzte hinein in die Gluthen, und als der Wind jetzt einen Moment die Flammen zertheilte, ſah man das Haupt Oronvoko's, und über daſſelbe geneigt, es umrankend mit ihren Armen, die Geſtalt ſeines Weibes, des goldbefiederten Vogels! Imvinda! ſchrieen die Selaven. Haltet ſie auf! Reißt ſie aus dem Feuer! ſchrie der Gouverneur. Es war zu ſpät. Wer mochte es wagen, dieſe Flammen zu zertheilen, in dieſes Feuermeer ſich hin⸗ ein zu ſtürzen! Wer anders, als die Liebe! Die Flammen ſchlugen höher und höher empor, der Hofraum ſtrahlte im Purpurglanz, und am Him⸗ mel leuchtete es auf wie glänzende Fackeln. Die Sclaven, übermannt von Entſetzen und Schmerz, waren auf ihre Kniee gefallen, und angen mit dumpfen Tönen das Todtenlied. Jetzt ward ihre Stimme wie von einem Donner⸗ gebrülle übertönt, die Flammen ſchlugen brauſend und — 153— ziſchend höher empor zum Himmel,— der Scheiterhaufen war eingeſtürzt,— das glühende Grab zweier Lie⸗ benden! Die Neger ſangen mit ſchluchzender Stimme noch immer ihr Todtenlied. Oben am Fenſter ſtand Aphra und blickte hinab. Das Geräuſch des einſtürzenden Scheiterhaufens, die zum Himmel aufſteigende Lohe erweckte ſie aus ihrer Erſtarrung. Sie wandte ſich langſam um, und ging mit un⸗ hörbaren Schritten zu dem Fenſter, an welchem der Gouverneur ſtand. Leiſe legte ſie ihre Hand auf ſeine Schulter. Er kehrte ſich zu ihr hin und blickte ſie an, aber es ſchauderte ihn vor dieſem Angeſicht. Ihre Wan⸗ gen waren blutlos, ihre Lippen von einem tödtlichen Blau, ihre weitgeöffneten Angen glühten von einem übernatürlichen, wahnſinnigen Feuer. Sie hob die Hand empor und zeigte hinunter auf die brennende Feuermaſſe. Das ſind unſere Hochzeitsfackeln! ſagte ſie mit rauher Stimme. Wehe über Dich, der ſie angezün⸗ det. Wehe dem Mörder Oronvoko's! Fluch über den Verräther, welcher das Weib belog, das ihm vertraute. Ich fordere Dich dereinſt vor den Richterſtuhl Gottes, und Oronvoko wird Dein Ankläger ſein! Miß Aphra! rief der Gouverneur entſetzt. Wie ſeltſam Sie mich anſtarren! Mein Gott Sie lachen? Was bedeutet dies Lachen? Das bedeutet, daß ich ſröhlich bin, und daß heute mein Hochzeitstag iſt! rief ſie. Oh, oh, es wird ein herrliches Leben ſein! Aber einſt werde ich ſterben, und auch Sie werden ſterben! Und da droben wer⸗ — 154— den wir Alle uns wiederſehen, und Gott wird Sie richten! 6 Und mit einem lauten Aechzen ſank ſie bewußtlos zuſammen. XII. Die Heimfahrt. Eine lange gefahrvolle Krankheit hatte ſeit jenem Schreckenstage Aphra an ihr Lager gefeſſelt. Aber dieſe Krankheit war für ſie wie ein Reitungsengel ge⸗ weſen, denn ſie hatte ihr das Bewußtſein geraubt, und ſie der fürchterlichen Gegenwart entrückt. Viele Tage und Wochen waren vergangen, ohne daß ſie es ahnte. In ihren Phantaſieen war ſie glücklich, denn in ihnen war ſie an Oronooko's Seite. Für ſie war er nicht geſtorben, er lebte, er war da, dicht an ihrer Seite! Er ſah ſie an mit ſeinen glänzenden Augen, ſeine Hand ruhte in der ihren, und mit lächelnden Lippen, erröthend vor Glück, er⸗ zählte ihm Aphra von ihrer Liebe. Dann lauſchte ſie den holden Bekenntniſſen ſeines Herzens, und Thrä⸗ nen der Wonne entſtürzten ihren Augen, wenn er ihr ſagte, daß er nur ſie allein liebe, und daß kein an⸗ deres Weib, keine Imoinda ihr ſein Herz ſtreitig mache! Es war ein herzzerreißender Anblick, dieſe abge⸗ zehrte, zerfallene Geſtalt zu ſehen, wie ſie mit aufge⸗ löſtem Haar und zitternden Gliedern auf ihrem Lager* lag, das Antlitz geröthet von der Gewalt des Fiebers, die eingeſunkenen Augen leuchtend vor Wonne, und ———— — 155— die ſchmalen, ſchmerzlich verzogenen Lippen umſpielt von einem Lächeln unſchuldiger Coquetterie. Sie war ſehr glücklich, ſie wußte nichts von ihren Leiden und ihren Schmerzen, ſie war ſehr glücklich, denn Oronvoko war bei ihr, und er liebte ſie. Aber es kam ein Tag, ein grauſamer, entſetzlicher Tag, da wich das Fieber von ihr, da verſchwanden die beglückenden Phantaſieen, und aus ihren beſeeligen⸗ den Träumen erwachte Aphra zu der ſchreckensvollen, entſetzlichen Wirklichkeit! Oronvoko war nicht mehr bei ihr,— ſie erinnerte ſich ſeines Todes, ſeiner Fol⸗ terqualen, ſie erinnerte ſich Deſſen, der ihn hingemor⸗ det und ſie betrogen hatte! Ein herzzerreißender Schrei tönte bei dieſen erſten klaren Erinnerungen von ihren Lippen. Dann ward ſie ſtill, ſchweigend; ohne Klage ließ ſie Alles mit ſich geſchehen, ohne zu murren nahm ſie die ihr gereichten Arzueien, ohne zu ſeufzen duldete ſie die entſetzlichſten Körperſchmerzen. Nur ſaß ſie ſtundenlang in ihrem Bette aufgerichtet, die abgemagerten Arme über der eingefallenen Bruſt gekreuzt, ſtarr vor ſich hin blickend, und nur dann und wann einzelne Klagelaute, oder halb unterdrückte Worte der Verwünſchung ausſtoßend. Was ging in dieſen Stunden troſtloſen Hinbrü⸗ tens in ihr vor? Niemand wußte es, denn Aphra verſchmähte es, gegen irgend Jemand ihrer Umgebung ihre Gedanken zu verrathen. Nur einmal, als man ihren gelähmten Fuß mit glühenden Eiſen brannte, und ihre treue Krankenwär⸗ terin ihre Standhaftigkeit im Leiden bewunderte, ſagte Aphra mit einem köſtlichen Lächeln: Ich freue mich, einen Theil von dem zu leiden, was Oronvoko litt! Es war das erſte und einzige Mal, daß ſie Oro⸗ nookos Namen nannte, und indem ſie es that, ward — 156— ſie bleich wie eine Lilie, und der Athem ſtockte in ihrer Bruſt. Der Hausarzt des Gonverneurs, welcher mit un⸗ ermüdlicher Sorgfalt Tag und Nacht an ihrem Lager gewacht, erklärte es für ein Wunder Gottes, daß ſie die furchtbare Gewalt dieſer Gehirnentzündung und dieſe Lähmung ihrer Glieder überwunden habe. O ja, ſagte Aphra, es iſt auch ein Wunder, aber vielleicht hat der Teufel mehr Antheil daran, als Gott! Auf Erden iſt der Tenfel viel mächtiger, als Gott! Ich glaube nur noch an den Teufel! Wenn es einen Gott der Güte gäbe, wie könnnte er das Entſetzliche Alles dulden, was geſchieht! Nein, für die Guten giebt es keinen Gott! So müßten wir uns ja Alle dem Teufel überge⸗ ben! rief der Arzt lachend. Wenn wir klug ſind, thun wir es, ſagte ſie ge⸗ laſſen. Endlich war ſie ſo weit wieder hergeſtellt, daß ſie das Lager verlaſſen, und auf den Arm ihrer Wärte⸗ rinnen geſtützt, im Zimmer auf und abgehen konnte. Am Spiegel vorübergehend, ſtreifte ihr Blick zu⸗ fällig das Glas. Sie ſah da ein fremdes, abgezehrtes Geſicht mit großen matten Augen, mit eingefallenen Wan⸗ gen und blutloſen, ſchmalen Lippen. Entſetzt, grau⸗ ſend, wie vor einem Geſpenſt, ſtarrte ſie dieſe Er⸗ ſcheinung an, dann erhob ſie langſam die Hand, und auf dieſes Spiegelbild hindentend, fragte ſie ihre Wär⸗ terin: Bin ich das? Als dieſe bejahete, lächelte Aphra, und verſank wieder im Anſchauen ihrer ſelbſt. Plötzlich wandte ſie ſich um, und ſagte mit feſter, ruhiger Stimme: ich bin jetzt bereit, den Gouverneur zu empfangen. — 15 Bis dahin hatte ſie ihn niemals ſehen wollen; ſelbſt wenn ſie in ihren beglückenden Fieberphantaſieen lag, hatte ſein Name genügt, ſie plötzlich zur Raſerei, zu wilder Verzweiflung aufzuſtacheln. Und jetzt wollte ſie ihn ſehen!. Die Krankenwärterin war gegangen, den Grafen zu rufen. Aphra ſtand noch immer und betrachtete im Spie⸗ gel ihr eigenes Bild, und eine Art frendiger Genug⸗ thuung ſprach aus ihren Zügen beim Anblick dieſer bleichen, abgezehrten Züge, welche die ihren waren. Die Thür ward leiſe und vorſichtig geöffnet, und der Gouverneur erſchien auf der Schwelle. Sie ſah ihn im Spiegel, und während ſie ihn betrachtete, nahmen ihre Züge den Ausdruck eines tödtlichen, tiefernſten Haſſes an. Dann wandte ſie ſich langſam nach ihm um. Er erſchrak, als er die Veränderung gewahrte, welche wenige Wochen der Krankheit an ihr hervor⸗ gebracht. Sie lächelte bitter. Ach, ſagte ſie ruhig, Sie erſchrecken, Herr Graf! Sie glauben zu der jungen, blühenden Miß Aphra Johnſon gerufen zu werden, zu ihr, welche Ihnen einſt ſchön und liebenswerth erſchien, ſo liebenswerth, daß Sie ſelbſt Verrrath und Mord nicht ſcheuten, um zu ihrem Beſitz zu gelangen! Das iſt vorüber! Sehen Sie mich an! Dieſe Aphra, welche Sie liebten, die Sie zu Ihrer Gemahlin machen wollten, dieſe Aphra lebt nicht mehr! Sie haben ſie getödtet, und ſie ruht jetzt neben einem edlen Märtyrer, den Sie gemordet haben! Was übrig geblieben, iſt ein Geſpenſt der Vergangenheit, weiter nichts! Aber ich ſage Ihnen, dieſes Geſpenſt wird Ihnen zuweilen in Ihren Träu⸗ men erſcheinen, die Erinnerung an dieſes Geſpenſt wird Sie zuweilen aus Ihrem Schlafe aufſchrecken, daß Sie ſich ruhelos auf Ihrem Lager wälzen! Die⸗ ſes Geſpenſt des hingemordeten jungen Mädchens, es wird immer neben Ihnen ſtehen, es wird Sie niemals verlaſſen, und einſt vor dem Throne Gottes wird es neben Oronooko ſtehen, und Beide werden Sie auch dort noch anklagen! Erſchöpft, kedesmatt ſank ſie auf einen Seſſel. Der Gouverneur ſtand tief erſchüttert vor ihr. Wider ſeinen Willen hatte ihre rührende Erſcheinung, ihr todesblaſſes Geſicht und der feierliche Klang ihrer Stimme ihn tief gerührt. Er ſuchte ſich dieſer Rüh⸗ rung gewaltſam zu entwinden. Es iſt wahr, ſagte er mit erzwungener Heiterkeit, Sie haben Recht, mir zu zürnen, denn vielleicht bin ich ein wenig Schuld daran, daß Ihre Schönheit einen kleinen Stoß erlitten hat. Aber Geduld, das ſind nur die Folgen der vorübergehenden, durch meine Schuld veranlaßten Krankheit. Sie werden ſich wie⸗ der erholen, und ſchon nach wenigen Wochen wird Ihre Schönheit wieder in voller Blüthe ſtrahlen! Oh ja, ſagte ſie, ich werde mich wieder erholen, ich werde wieder glänzende Augen und rothe Wangen bekommen, aber da drinnen in meiner Bruſt iſt Etwas geſtorben, was niemals wieder aufathmen wird, und das Sie als ſeinen Mörder anklagt! Und was wäre dies geſtorbene Etwas? fragte der Gouverneur lächelnd. Aphra ſagte feierlich: Es iſt meine unbefleckte Seele; es iſt mein Glaube an die Menſchheit. Sie haben mich gelehrt, die ganze Menſchheit zu verachten, und wie ſollte ich die Menſchen lieben können, welche Sie zu ihren Brüdern zählen. Sie haben meine Selbſt⸗ 2 ———— — 159 achtung mit höhnendem Fuße zertreten, denn wie könnte ich mir jemals dieſe Schmach verzeihen, daß ich jammernd zu Ihren Füßen lag, und Ihre Kniee umklammernd, Sie um Gnade anflehte! Denn ich ſage Ihnen, Graf Banniſter, ich werde mich rächen, und Sie haben an mir eine Feindin auf Leben und Tod! Fürchten Sie jetzt nicht, daß ich vor Ihnen in Klagen ausbrechen werde! Ich gehöre nicht zu den Weibern, welche um das Geſchehene klagen, ſondern zu denen, welche ſich rächen! Haben Sie mich blos rufen laſſen, um mir dies zu ſagen? fragte er düſter. Ja, rief ſie, es würde mir ſonſt die Bruſt zer⸗ drückt haben, ich mußte es Ihnen ſagen, bevor ich Sie verlaſſe! Es iſt alſo wirklich wahr? Sie wollen mich ver⸗ laſſen? rief der Gonverneur, unwillkürlich zuſammen⸗ ſchreckend. Aphra ſah es, und lächelte verächtlich. Sie wiſſen, jagte ſie, das Schiff, welches ich ſo lange erwartete, und das mich und meinen ſterben⸗ den Vater damals hierher brachte, es iſt von ſeiner großen Reiſe hierher zurückgekehrt, und geht von hier direct nach London. Vor einer Stunde war der Ca⸗ pitain bei mir, er war ein Freund meines Vaters! Unter ſeinem Schutze kehre ich zurück nach London, — morgen mit dem Aufgang der Sonne lichtet das Schiff die Anker! In einer Stunde begeve ich mich an Bord. Aber dies iſt unmöglich! rief der Gonverneur mit ſeltſam bewegter zitternder Stimme. Sie vergeſſen, daß Sie mir gelobt haben, meine Gemahlin zu werden! Mein Gelöbniß iſt verbrannt auf Oronvoko's Schei⸗ terhaufen! ſagte ſie feierlich. 6 Und Sie vergeſſen, daß Sie kaum vom Kranken⸗ lager erſtanden, daß Sie todesmatt ſind! Ich werde auch auf dem Schiffe ein Lager haben, um zu ruhen! Aber dieſe Reiſe! Mein Gott, dieſe Anſtrengung wird Sie tödten! Dann wird man mich in das Meer hinabſenken, und ich werde beim Gebrauſe der Wogen auf Co⸗ rallen ſchlafen! Sie ſind alſo unabänderlich entſchloſſen, zu gehen? Unabänderlich! Schweigend, in heftiger innerer Bewegung, ging der Gouverneur einige Male im Zimmer auf und ab. Dann blieb er plötzlich vor Aphra ſtehen und blickte ſie an. Seine Züge hatten ſich ſeltſam verän⸗ dert, ein ſanfter, faſt demüthiger Ausdruck war über ſie ausgebreitet. Aphra, ſagte er mit leiſer Stimme, Aphra, ich kann Sie nicht ſcheiden ſehen! Dieſer Augenblick macht mir klar, was ich bis dahin ſelber nicht wußte, nicht wiſſen wollte. Aphra, ich vermag nicht ohne Sie zu zu leben! So ſterben Sie! ſagte ſie kalt. Nein, ich will leben, durch Sie, in Ihnen! rief er lebhaft. Ich will leben, um wieder gut zu machen, was ich an Ihnen verbrach. 36 will leben, uutjeben Tag, um jede Stunde mir Ihre Verzeihung, Ihre Liebe zu erkämpfen! Ja, auch Ihre Liebe! Deun Sie ſollen mich lieben, Aphra, ich will es, und ich habe einen ſtarken Willen, und jetzt ſage ich Ihnen, ich will Ihrer Liebe würdig werden! Sie ſollen mich ſtets un⸗ terwürfig und gehorſam finden, Sie ſollen mich leh⸗ ren, milde zu werden und mitleidsvoll! Sie ſollen mein guter Engel werden! Oh, glauben Sie wir nur, — 161— Aphra, ich bin nicht ganz der gefühlloſe Barbar, für den Sie mich halten! Ich habe auch gelitten! Mein Gott, welche Qualen habe ich erduldet während der langen, entſetzlichen Wochen Ihrer Krankheit. Und ich durfte nicht einmal an Ihrem Lager ſein. Selbſt inmitten Ihrer Fieberphantaſieen hatten Sie das Be⸗ wußtſein meiner Nähe, und Sie verwünſchten mich, ach, Sie fluchten mir mit einer Stimme, welche mein Herz zerriß. Dann floh ich in mein Zimmer, zerriſ⸗ ſen von Reue, gefoltert von Verachtung. Ach, wie viele Nächte habe ich durchwacht, mit gerungenen Hän⸗ den, weinend! Ja, Aphra, Sie haben mich die Thrä⸗ nen kennen gelehrt. Ich habe um Sie geweint, Thrä⸗ nen der Angſt, der Verzweiflung, der Selbſtverach⸗ tung. Und wenn ich, beſchämt über meine eigene Unmännlichkeit, meine Thränen trocknete, dann iſt eine wilde, tödtliche Angſt über mich gekommen, und in der Verzweiflung dieſer raſtlos nagenden, niemals ver⸗ ſtummenden Gewiſſensbiſſe habe ich Sie vor mir zu ſehen geglaubt, Sie mit dieſem wahnſinnigen Lächeln und dieſer Todesruhe, als Sie damals zu mir ſag⸗ ten:„ich fordere Dich vor den Richterſtuhl Gottes, und Oronooko wird Dein Ankläger ſein!“— Ach⸗ dieſe Worte, ſie ſind niemals vor meinen Ohren ver⸗ klungen, ich höre ſie Tag und Nacht, ſehe ſie, wohin ich blicke! Auf dem Kiſſen, auf welchem ich ruhen will, auf dem Papier, auf dem ich ſchreiben will, auf dem Buche, in dem ich leſen will, ſie ſind überall, wohin ich blicke, ich möchte ſie mit meinem Blute fort⸗ waſchen, und kann doch kein Jota von ihnen ver⸗ wiſchen, denn ſie ſind in meinem Hirn, in meinem Herzen eingebrannt! Und der Gonverneur, überwältigt von ſeiner in⸗ Karl II 1. 6 nern Bewegung, bedeckte laut ſchluchzend das Geſicht mit ſeinen Händen. Eine Pauſe trat ein, eine lange, athemloſe Pauſe. Ah, ſagte Aphra endlich, und ihre Stimme war ruhig und kalt, ah, Herr Graf, ich bin gerächt, denn jetzt lieben Sie mich! Ja, ich liebe Sie! rief er glühend, indem er zu ihren Füßen niederſtürzte. Haben Sie Erbarmen mit mir! Dieſe Gefühle erſticken mich! Dieſes Alles iſt mir ſo neu, es iſt eine neue Welt, die ſich in mir aufthut, und wie ein Trunkener taumele ich umher, ohne Rath, ohne Halt. Mein Gott, ich habe niemals geliebt, Aphra, Sie ſind meine erſte Liebe! Ein ſchneidendes, höhniſches Lachen drang von Aphra's Lippen, aber ſie erwiderte nichts. Ja, Sie ſind meine erſte Liebe, fuhr der Graf immer leidenſchaftlicher fort. Ich habe nichts gewußt von dieſer Sehnſucht und dieſer ſüßen, athemloſen Beklemmung, nichts von dieſen unwillkührlichen Thrä⸗ nen und dieſer angſtvollen Spannung, nichts von der Reue und von Gewiſſensbiſſen! Ich habe mich ſelber verloren! Retten Sie mich, Aphra, denn Sie allein, Sie können es! Er blickte flehend zu ihr empor, ſie begegnete ſeinen Augen mit einem Blicke unverſöhnlichen Hafſes. Ich will Ihnen etwas ſagen, Herr Graf Banniſter, ſagte ſie. Wenn Sie jetzt am Rande eines Abgrun⸗ des ſtänden, und es bliebe mir nur die Wahl, entwe⸗ der zu retten oder mit Ihnen in den Abgrund hinuüterzuſtürzen, ſo würde ich lieber in der Tiefe zerſchellen, als Sie retten, ſo würde ich lieber zer⸗ ſchmettert werden, als Ihnen meine Hand, oh nur die Spitze eines Fingers hinzureichen! Oh ſehen Sie, ſagte er zitternd, ſo erbarmungs⸗ — — 163— würdig, ſo demüthig bin ich geworden, daß ſelbſt dieſe Worte mich nicht mehr erzürnen und ermannen können, daß ſie mich nur noch ſchmerzen, ſtatt mich zu empö⸗ ren! Ich liebe Alles an Ihnen, Aphra. Ich liebe dieſe Grauſamkeit, dieſe Verachtung. Ja, mit Ihrer Kälte, mit Ihrem Hohn haben Sie mein Herz gewon⸗ nen. Ich ſchwur mich zu rächen für Ihre grenzen⸗ loſe Verachtung. Und Sie haben es mit der Blutgier eines Tigers gethan! Aber als ich das that, war es doch nur, weil ich meinem Haſſe folgte, der nur aus grenzenloſer Liebe entſprang, indem ich zu triumphiren ſchien, war ich doch nichts als der Sclave, der ſich durch ſein eigenes Verbrechen immer feſter an Sie kettete Meine Liebe hat mich zu einem Mörder und Verbrecher gemacht, das bannt mich unauflöslich an Sie. Und das wird der Dämon ſein, welcher Ihr Leben zermartern ſoll! Denn ich, ich werde Sie niemals lieben, ich werde Ihnen niemals verzeihen! ſagte Aphra. Nun wohlan, ſo verzeihen Sie mir nicht! So über⸗ häufen Sie mich mit Ihren Vorwürfen, ſo erdrücken Sie mich mit Ihrer Verachtung, ich will es ſchwei⸗ gend aufnehmen, und mich unterwerfen. Nur bleiben Sie! Nur laſſen Sie mich Ihr Antlitz ſehen und Ihre Stimme hören. Nur verlaſſen Sie mich nicht! Selbſt die Verwünſchungen von Ihren Lippen werden, indem ſie mein Herz zerreißen, mir dennoch ſüß ſein, denn ich werde mindeſtens Ihre Stimme hören, welche die Verwünſchungen ausſpricht! Aphra hatte ihm ſchweigend zugehört. Ein wun⸗ derbarer Ausdruck war in ihren Zügen, eine ſanfte Röthe übergoß ihre Wangen, und ihre Augen, welche 11* — 164— ſie gen Himmel gewandt hatte, ſtrahlten in überirdi⸗ ſchem Glanze. So hätte mich mein Herz dennoch nicht betrogen, ſagte ſie andächtig, als der Gouverneur ſchwieg. Es giebt da droben einen Gott, welcher das Böſe rächt und den Verbrecher ſtraft! Ach, an dieſen Gott will ich glauben, an dieſen Gott allein. Es giebt keinen Gott der Güte, aber es giebt einen Gott der Rache! Aphra, flehte der Gouverneur, ſein Sie barmher⸗ zig, haben Sie Mitleid mit mir! Entſchließen Sie ſich, meine Hand anzunehmen und meine Gemahlin zu werden. Niemals! Oh ſagen Sie das nicht! Werden Sie mein Weib, und wenn Sie es nicht aus Mitleid thun wollen, nun wohl, ſo thun Sie es aus Rache; werden Sie meine Gemahlin, um mich als Selaven unter Ihre Füße zu treten, um mich zu martern und zu quälen und Rache zu üben! Ja, martern Sie mich, nur verlaſſen Sie mich nicht! Nur werden Sie meine Gemahlin! Niemals! rief ſie ſtolz. Niemals kann Aphra Johnſon den Namen des Mannes tragen, welcher DOronvoko mordete. Ueberlegen Sie, Aphra, es gilt das Heil meiner Seele! Und vielleicht auch das meiner Seele, ſagte ſie faſt wehmüthig. Denn indem ich in dieſer Stunde dem Mitleid und Erbarmen meine Seele verſchließe, werde ich auf ewig die ſanften und ſonnigen Pfade des Glückes verlaſſen, und mein Leben wird voll entſetz⸗ licher Schmerzen ſein. Ich werde ein Herz von Stein in meinem Buſen tragen, und mit meinem letzten Athem⸗ zuge noch werde ich Ihnen fluchen, denn Sie ſind es, der mein Herz erſtarren machte. Oh, ich weiß, es — 165— giebt glückliche, bevorzugte Naturen, welche von dem ünglück ſanft gemacht werden, und milde Naturen, welche wie weiches Wachs ſich biegen unter dem Feuer ihrer Schmerzen, und ſtatt in dieſem Feuer ſich zu verhärten, ganz weich werden, und verzeihen und Er⸗ barmen üben! Das ſind die Naturen der Gnade,— ich gehöre nicht zu ihnen! Mein Herz iſt wie Stahl, und in den Gluthen meiner Schmerzen verhärtet es ſich immer mehr, und wird ſtarr und glänzend und unerweichbar. Eine tiefe, entſetzliche Verzweiflung iſt in mir. Sie wird niemals aufhören, niemals enden! Ich werde ſie zu übertänben ſuchen mit rauſchender Luſt und lauter Freude, ich werde zu der Liebe und zu dem Glücke meine Zuflucht nehmen, um ſie zu er⸗ ſticken, ich werde lachen, um dieſes Schreien meines Herzens nicht zu hören, ich werde überall dem Glück nachjagen, aber ich werde es doch niemals finden, und zuletzt werden alle dieſe Stimmen ſchweigen, und nur die Verzweiflung allein werde ich noch hören, und die wird mich tödten! Und dieſes Alles, Herr Graf Ban⸗ niſter, ſagte ſie düſter, dieſes Alles wird Ihr Werk ſein! Sie haben mein ganzes Daſein vergiftet, denn Sie haben mir den Glanben genommen, den Glauben an die Welt, an die Menſchen, den Glauben an Gott ſogar! Graf Banniſter antwortete nichts, er hatte ſein Haupt verhüllt und weinte. Aphra lachte, und während ihre Züge eine ſchmerz⸗ liche, verzweiflungsvolle Trauer ausdrückten, ſagte ſie mit erzwungener Fröhlichkeit: Ich werde fortan das Leben immer nur leicht nehmen und darüber lachen! Wehe Denen, welche verſuchen, es ernſt zu nehmen! Sie müſſen wahn⸗ ſinnig werden, oder ſterben, oder ſich in eine unzu⸗ — 166— gängliche Höhle flüchten und Einſiedler werden. Ja, ja, wenn man die Menſchen betrachtet, wie ſie heu⸗ cheln und ſich einander verrathen, und ſich Liebe ſchwören, indem ſie ſich meuchlings erwürgen, wie ſie ſich einander überall Hinderniſſe in den Weg legen, indem ſie betheuern, ſich einander den Pfad ebnen zu wollen, ſo muß man lachen. Ah, wer wäre im Stande, dies ernſthaſt zu nehmen, und nicht den Verſtand darüber zu verlieren! Nein, nein, es iſt nur zum Lachen! Schwüre der Treue, der Uneigennützigkeit, Verſicherungen der Liebe, des Erbarmens,— ah, ich werde darüber lachen, denn ich weiß, was das Alles werth iſt! Ja, über die Menſchen werde ich lachen, und mich ihrer erlogenen Tugend freuen, aber das Leben werde ich ernſt neh⸗ men, ſehr ernſt. Das Leben gleicht einer Schachpartie, welche ich gegen alle Menſchen und alle Menſchen gegen mich ſpielen! Es iſt eine Partie auf Leben und Tod, und wer die feinſten und überlegenſten Züge thut, der gewinnt ſie! Ach, ich werde mich bemühen, das Schach dieſes Lebens mit Geſchick zu ſpielen und die, welche mich verlieren laſſen, zu vernichten! Ich werde alſo gegen die ganze Menſchheit ſpielen, und die ganze Menſchheit wird gegen mich ſpielen! Das iſt die Aufgabe meines Lebens! Weiter nichts! Die Aufgabe des Weibes iſt, Andere glücklich zu machen! ſagte der Graf bittend. Ah, Sie ſchwärmen, rief Aphra mit einem bit⸗ tern Lachen. Gehen Sie, ich habe eine andere Auf⸗ gabe zu erfüllen. Ich will mich ſelber glücklich machen! Das iſt vas erſte und heiligſte Geſetz der Natur, und der erſte Schritt zu dieſem Ziel iſt, daß ich Sie auf immer verlaſſe! Sie wollen alſo wirklich gehen? ſchrie der Gou⸗ verneur mit gerungenen Händen. —— —— — Ja, wirklich und unabänderlich! ſagte ſie ſtolz. Die Stunde iſt um, und hören Sie nur die Schritte, welche den Corridor durchſchallen. Es iſt Capitain Behn, welcher kommt mich abzuholen! Ach, ſie verläßt mich! rief der Graf, indem er ganz überwältigt auf den Divan niederſank. Ja, ich verlaſſe Sie! ſagte ſie ſtolz. Aber ich werde doch immer bei Ihnen bleiben, ich werde im⸗ mer das Geſpenſt ſein, welches an Ihrem Lager wacht, welches den Nächten ihren Schlaf, und dem Tage ſeine Ruhe nimmt. Sie werden niemals wieder eine ungetrübte Freude, niemals wieder einen Lebens⸗ genuß haben. Ach ſelbſt die blutigen Freuden der Grauſamkeit werden Ihnen vernichtet ſein, denn Sie werden nicht einmal mehr die Kraft haben ein Tyrann zu ſein! Die Liebe zu mir wird der Dämon ſein, wel⸗ cher Sie unabläſſig martert, und ſo wird Oronooko doch gerächt werden! Sie ſah wundervoll aus. Ihre Wangen brann⸗ ten, ihre Augen ſprühten Zornesfunken, die Krankheit und die Schwäche ſchien von ihr gewichen. Sie war ſtolz und erhaben, glühend und mächtig anzuſchauen. Sie fühlte ſich durchglüht von einem energiſchen Feuer, der Strom eines neuen Lebens brannte in ihren Adern. Aber es war nicht mehr das Angeſicht eines jungen, ſchwärmeriſchen, liebenden Mädchens; das junge Mädchen war auf immer geſtorben, und aus ihrer Aſche war ein glühendes, weltverachtendes, rache⸗ durſtiges Weib emporgeſtiegen! Sie wollen mich verlaſſen, rief der Gouvernenr verzweiflungs. Ich aber kann nicht ohne Sie leben, ich folge Ihnen! O ja, Sie werden mir folgen! ſagte ſie ſtolz. Ihre Liebe wird Sie mir nachziehen, immer mir nach! — 168— Sie werden mich niemals vergeſſen, und ich werde Ihnen niemals verzeihen. Mein Haß iſt die Kette, welche Sie an mich feſſelt, Sie werden ewig ſuchen 4 ſie zu zerreißen, bis ſie endlich vor Verzweiflung ſter⸗ ben. Dann wird Oronvoko gerächt ſein! Ja, ich werde Ihnen folgen, überall hin, durch die ganze Welt! ſchrie der Graf, indem er ihre Hand faßte. Sie ſtieß ihn langſam, aber mächtig zurück. Folgen Sie mir immerhin, ſagte ſie. Aber ich verbiete Ihnen, daſſelbe Schiff zu beſteigen, mit wel⸗ chem ich nach London zurückkehre!— Und ſich an den Officier wendend, welcher eben eintrat, ſagte ſie: Herr Capitain Behn, ich bin bereit. Laſſen Sie Ihre Leute kommen, meine Sachen ab⸗ zuholen, und auch mich wird man leider tragen müſſen, denn meine Füſſe ſind ſo ſchwach, daß ſie zuſammenbrechen! Ich werde Sie ſelber tragen, und es wird die. ſchönſte Blume ſein, welche jemals an meiner Bruſt geglänzt, ſagte Capitain Behn, indem er Aphra em⸗ 1 por hob.— 16 In der Frühe des andern Morgens lichtete das ₰ Schiff die Anker. Aphra ſtand an den Maſt gelehnt, ihr ſchönes Ant⸗ litz war ſanft geröthet von den erſten Strahlen der aufgehenden Sonne. Sie blickte hinüber nach dem Lande, deſſen verſchwimmende Ufer allmälig am Ho⸗ rizonte ſich zu verlieren begonnen, und ihre Lippen flüſterten leiſe: Lebe wohl, Oronooko! Wohl Dir, daß Du ge⸗ ſtorben biſt, und wehe mir, daß ich noch lebe. Aber ſo lange ich lebe, werde ich Dich lieben! Lebe wohl, Oronvoko! Auf Wiederſehen dort oben!— Ende des erſten Bandes. 4½ . Druck von C. Guthſchmidt& Comp in Berlin, Lindenſtr. 81. iſſſſ 8 9 10 11 12 3 14 15 16