3 S——— . Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cduard Oktmann in Gießen, . Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und Geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet e wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: S für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr.— f. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung 3 der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Lavenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder deferte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihereit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feftgeſeßzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und † —˙————— Ausgewählte Wlerke von Frau M. S. Schwartz. 3 A us dem Schwediſchen. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1864. Druck der K Hofbuchbruckerei Zu Guttenberg. Irbeit aelt len Mmn. Ein Bild aus der Wirklichkeit von Marie Sophie Schwartz. Aus dem Schwediſchen von Dr. C. Büchele. Erſter Band. . Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. „Es gibt keinen menſchlichen Zuſtand, der nicht ein Triumph über unzählige Schwierig⸗ keiten iſt.“ Geijer. »Verſüße die Ruhe durch Arbeit.“ Lontier. „Ein ſtarker Strom mit eig'nen Wogen Geht durch das Meer— Tegnér. An das Geländer des Dampfſchiffes Gauthiod, welches auf der Heimreiſe von einer ſeiner Fahr⸗ ten nach Lübeck begriffen war, ſich lehnend, ſtand eine junge Dame von edelm Ausſehen. Mit einem Blick voll tiefer Rührung betrachtete ſie den ſchönen Kanal von Birgerſtad, auf dem man eben in Stock⸗ holm einlief. „Die Metropole Ihres Vaterlandes hat wirklich eine wunderſchöne Lage,“ äußerte ein Mann von etlichen dreißig Jahren, welcher hinter ihr ſtand. „Unbeſtritten! Von meinem theuren und lieben Vaterland kann man ſagen: Es iſt arm, aber ſchön.“ Jetzt, da ich es nach einer Abweſenheit von ſo vie⸗ len Jahren wieder ſehe, fühle ich mich tief er⸗ griffen.“ „Ja, für Sie, Fräulein Helfrid, muß es eine wahre Freude ſein, ſich wieder daheim zu wiſſen. Wo wir auch außerhalb des Vaterlandes uns nie⸗ derlaſſen, oder Wohnung machen, immerdar gibt es in unſerem Innern eine geheime Ecke, wo man 4 dem Orte ſehnt, an welchem unſere Wiege tand.“ „Demnach ſehnen Sie ſich, Herr Lange, nach Amerika?“ „Zuweilen ergreift mich allerdings der Wunſch, die Orte wieder zu ſehen, wo ich meine Kindheit zubrachte, aber es iſt und bleibt ein leerer Wunſch.“ „Warum? Sie ſind ja reich genug, um ihn ver⸗ wirklichen zu können.“ „Und wenn ich auch dieſem meinem Verlangen Folge leiſtete, welchen wirklichen Genuß, welche wahr⸗ hafte Befriedigung würde ich damit gewinnen? Für's Erſte würde ich ganz zwecklos viele Zeit verſchwen⸗ den, und dieſe iſt ein Kapital, uns anvertraut, um damit gut hauszuhalten. Für's Zweite würde ich Niemand von denen wiederfinden, welche ich in der Jugend liebte, und welche mir die Heimath ſo werth und theuer machten. Es wäre eine Wallfahrt zu dem Grabe der Vergangenheit. Wir ſollen im All⸗ gemeinen auch keinen andern Wünſchen nachgeben, als ſolchen, die einen Nutzen mit ſich bringen.“ „Die Jahre haben Sie nicht verändert,“ ſagte Helfrid lächelnd,„Sie ſind heute noch derſelbe ſpar⸗ taniſche Republikaner, wie vor acht Jahren.“ „Und ich hoffe, ein ſolcher ſtets zu bleiben.“ Es entſtand eine Pauſe, welche Helfrid Romar⸗ hierta mit den Worten unterbrach: „Welches ſonderbare Spiel des Schickſals, daß wir nach ſo vieljähriger Trennung hier an Bord zuſammentreffen ſollten. Wie viel hat ſich nicht innerhalb dieſer Zeit verändert!“ — —— „Das iſt wahr, und dennoch kann man ſagen, daß Alles ſich gleich geblieben iſt.“ „Erinnern Sie ſich noch, Herr Lange, einer unſe⸗ rer letzten Unterredungen vor meiner Abreiſe, da⸗ mals, wo wir beide uns ein beſtimmtes Ziel für unſer Leben ſetzten?“ „Ganz wohl, und ich will gern glauben, daß wir beiderſeits noch immer auf die Erreichung dieſes Zieles ausgehen. Sie ſind heute nicht mehr daſſelbe Fräulein Helfrid, wie damals, als ich vor acht Jah⸗ ren Ihnen Lebewohl ſagte. Sie haben dieſe Zeit angewendet, um den Schatz Ihrer Kenntniſſe zu vergrößern und Herz und Verſtand auszubilden.“ „Das iſt allerdings geſchehen; aber ich kann doch noch nicht ſagen, daß ich am Ziele angekommen bin.“ „Es iſt auch ein Ziel, dem Sie Ihr Leben lang eben nur nachſtreben ſollen; denn wir können nie⸗ mals auf Erden von uns ſelbſt ſagen: Nun habe ich meine moraliſche und intellektuelle Vollkommen⸗ heit erreicht. Mit jedem Schritt, welchen wir auf dieſer Bahn vorwärts thun, erkennen wir deutlicher, wie nothwendig es iſt, auf derſelben niemals ſtille zu ſtehen. Wir dürfen niemals ermüden oder uns der Meinung hingeben, genug gethan zu haben. Wer nicht vorwärts geht, der geht rückwärts. Das iſt ein Geſetz, welches in der ganzen Ordnung der Natur ſeine Gültigkeit hat.“ „Ach ja, das was wir wirken können, iſt ja immer noch ſo wenig im Verhältniß zu dem, was wir dem Schöpfer ſchuldig ſind. Ihnen, Herr Lange, iſt es inzwiſchen gelungen, durch Arbeit und Thä⸗ tigkeit eine ökonomiſche und ſociale Unabhängigkeit zu erringen und ſich zu einem det Auserwählten der Geſellſchaft zu machen.“ „Dieß, Fräulein Helfrid, iſt zu viel geſagt. Ich habe durch meine Arbeit nur das gewonnen, was jeder rechtſchaffene Arbeiter verdienen muß, nämlich Unabhängigkeit und Achtung.“ „Jeder Arbeiter, ſagen Sie?— Nein, der welcher ſich ein Anſehen erworben hat, dergleichen 2 Sie, wie ich höre, mit Recht genießen, muß unbe⸗ dingt von Eltern abſtammen, die einer gebildeten 3 Geſellſchaftsklaſſe angehört haben.“ „Oh, Sie ſind noch eine ebenſo große Ariſtokra⸗ tin wie früher.“ † „Ich hoffe in dieſer Beziehung auch niemals andern Sinnes zu werden.“ „Sie verachten alſo die Kinder des Volkes 2“ „Von Verachtung kann keine Rede ſein, ſondern ⸗ ich ſehe ſie nur als Leute an, die einer unveredel⸗ ſi ten Race angehören. Roh in ihren Neigungen, Gedanken und Gefühlen, können ſie nichts Hohes, 3 Edles und Großes zu Tage fördern.“ 3 „Aber ihre Naturankagen ſind doch den unſern gleich. Sie ſind von Gott mit Seelen begabt, aus denſelben Elementen zuſammengeſetzt. Es iſt nur deren unglückliche Stellung im Leben, welche ſie ver⸗ hindert, in demſelben Maße wie diejenigen, welchen 6 ein glücklicheres Loos gefallen iſt, ſich auszubilden und zu veredeln. Bedenken Sie, daß aus der Hütte„ des Köthners und Bauern die Mehrzahl unſerer größten Geiſter hervorgegangen iſt.“ „Wir wollen hier nicht von jenen Phänomenen in der Welt des Genie's ſprechen, welche eine Aus⸗ mögen abſprechen, den Menſchen zu adeln.“ nahme von der Regel machen, ſondern von denen, welche durch Arbeit ſich einen Weg bahnen ſollen. In dem Urtheil über die verſchiedenen Geſellſchafts⸗ kaſſen werden wir übrigens wohl niemals zuſammen⸗ ſtimmen,“ bemerkte Helfrid lächelnd.„Wollen Sie zum Beiſpiel behaupten, daß es Ihnen, wenn Sie das Kind eines einfachen Arbeiters geweſen wären und nicht Eltern gehabt hätten, welche Ihnen eine gute Erziehung gegeben, einzig und allein durch Ihre Arbeit möglich geworden wäre, ſich zu einem ſo angeſehenen Mann zu machen, wie Sie jetzt ſind?“ „Möglich, daß es auf eine ſolche Weiſe bedeu⸗ tend ſchneller gegangen iſt, als es ſonſt der Fall geweſen wäre; aber, wenn Gott mir dieſelben An⸗ lagen geſchenkt hätte, ſo würden ſie auch unbedingt, wofern ſie nicht durch ſchlechte Gewohnheiten zerſtört worden wären, ſich eine gewiſſe Geltung verſchafft haben. Durch meine Arbeit hätte ich mir früher oder ſpäter Unabhängigkeit verſchafft.“ „Das beſtreite ich nicht; aber dieſe Unabhän⸗ gigkeit hätte ſich Ihren geringern Anſprüchen akkom⸗ modirt und wäre nicht das geworden, was ſie jetzt iſt. Außerdem wären Sie als ein rechtſchaffener Mann ſicherlich achtungswerth geweſen, aber Sie hätten nicht, wie jetzt, die Arbeit geadelt.“ Fräulein Helfrid, wie können Sie es wagen, eine ſo unrichtige Anſicht auszuſprechen, wie die⸗ jenige, daß der Menſch die Arbeit adle, während er ja eigentlich erſt durch dieſe ſich Achtung verſchafft. Ihrer Anſicht nach wollen Sie der Arbeit das Ver⸗ 10 „Dem einfachen Arbeiter einen höhern Menſchen⸗ werth zu geben, wollen Sie ſagen.“ „Ein achtjähriger Aufenthalt in Frankreich und England iſt alſo nicht im Stande geweſen, Ihre Vorurtheile umzuſtoßen?“ „Es handelt ſich nicht um Vorurtheile, ſondern es iſt eine einfache Thatſache, daß der Menſch eine Schule der Veredlung durchmachen muß, wenn ſei⸗ nen Anlagen wie ſeinen Arbeiten die Kraft zukom⸗ men ſoll, ihn auch in moraliſcher Hinſicht auf eine höhere Stufe zu erheben.“ „Darin haben Sie Recht; aber wenn in der Bruſt des armen Hinterſaßen ſich der Keim zu einer höhern Entwicklung findet, ſo wird ebenderſelbe ihn zwingen, ſich der Arbeit zuzuwenden, damit er aus ſeinem rohen Zuſtande heraustreten kann.“ „Einzelne Beiſpiele hievon kommen allerdings vor, machen aber keine Regel aus, ſondern weichen von der gewöhnlichen Ordnung ganz und gar ab. Gott weiß, ob nicht auch in dem Innern dieſer Aus⸗ nahmsmenſchen noch ein rohes Element zurückgeblie⸗ ben iſt, welches zur Folge hat, daß ſie den ange⸗ bornen Adel der durch mehrere Generationen hin⸗ durch verbeſſerten Klaſſen ſich nicht zu eigen machen.“ „Das ſind eben die Vorurtheile, Fräulein Helfrid, welche der Menſchheit zum Unheil ausgeſchlagen ſind und noch ausſchlagen. Durch ſie entſteht die verkehrte Anſicht, daß der Mann durch ſeine Stellung im Leben, ſeine Beziehungen, Verhältniſſe u. ſ. w. dem Beruf, welchen er wählt, im Fall derſelbe in das Gebiet der Gewerbe fällt, einen höhern Charak⸗ ter verſchaffen ſoll. Der Handwerker wird, als einer 11 niedrigern Schichte der Geſellſchaft angehörig, gering geachtet.“ „Aber, mein Gott, Sie wollen doch nicht, daß derjenige, der mit den Händen ganz mechaniſch ar⸗ beitet, auf die gleiche Stufe mit demjenigen geſtellt werde, welcher ſich mit der Arbeit des Denkens be⸗ ſchäftigt, oder mit dem, welcher.. Helfrid ſtockte. Jacobo Lange fiel, ohne auf dieſe Zögerung weiter zu achten, ein: „Wo ein Menſch durch ſeine Arbeitſamkeit Nutzen ſchafft, da muß er geachtet werden, und dieß um ſo mehr, wenn er mit äußern ungünſtigen Verhältniſſen zu kämpfen gehabt hat. Ja, ich bin vollkommen überzeugt, daß im Fall einer von meinen Arbeitern durch Ordnung und Fleiß eines Tags es ſo weit bringen ſollte, wie ich, Jedermann denſelben viel höher ach⸗ ten müßte, als mich, der ich eine Erziehung genoſ⸗ ſen und mancher Vortheile mich zu erfreuen gehabt habe, wodurch meine Bemühungen erleichtert wur⸗ den. Ja, ich gebe zu, ich mag nicht einmal ein paſſendes Beiſpiel abgeben, um den Beweis zu füh⸗ ren, daß die Arbeit es iſt, welche dem Mann ſeinen Adel verleiht, ſofern mir materielle Hülfe zu Theil wurde und ich allerdings von geringen aber doch nicht ganz armen Eltern abſtamme. Um Sie von der Richtigkeit meiner Anſicht zu überzeugen, müßten wir einen Mann ſuchen, welcher von ſeiner Geburt an arm und verachtet, durch ſeine Arbeit und die Kraft ſeines Geiſtes ſich eine Achtung zu erwerben weiß, welche viel höhern Werth hat als die ererbte.“ „Es wird Ihnen ſchwer fallen, einen ſolchen Mann zu finden,“ entgegnete Helfrid und entfernte ſich von Jacobo. Dieſer blieb eine Weile ſtehen und ſchaute in das Waſſer hinab, indem er bei ſich ſelbſt murmelte: „Der Sieg der geſunden Vernunft iſt ſchwer; aber im Kampfe mit alten, verroſteten Vorurtheilen kann er nicht ausbleiben.“ Einige Minuten ſpäter landete das Dampfboot an der Schiffbrücke, wo Helfrid Romarhjerta und Jacobo Lange von dem Bruder der erſtern, Grafen Hermann und deſſen Gattin Stephana willkommen geheißen wurden. . In der Schmiede, an der Kapitänsſtraße ſtand ein ſtämmiger, ſtark gebauter Schmied und hielt ein Eiſen in das hochauflodernde Feuer, deſſen Flamme durch einen Blasbalg unterhalten wurde, welchen zwei Lehrlinge in Bewegung ſetzten. Der eine derſelben war ein ſchlanker Junge von ſechzehn Jahren. In einiger Entfernung davon be⸗ fanden ſich zwei Geſellen. „Nun, Du Schlingel, warum läſſeſt Du Erik allein an dem Blasbalg ziehen, ſo daß er beinahe ſtill ſteht?“ rie ſtämmige Schmied, welcher das Eiſen in's Feue „O Himmel, Meiſter, ich war bloß in Ge⸗ danken,“ antw e der ſchlanke Burſche uner⸗ ſchrocken. „Ah ſo, Du denkſt;— ich hätte beim Teufel Luſt, — 8 13 Dich einmal auf den Amboß zu legen und platt zu hämmern wie einen Nagelkopf, damit ich nur nichts von deinen Gedanken zu hören brauche! Höllenele⸗ ment, worüber haſt Du zu denken? Ein Schmied braucht Arme und Fäuſte, das iſt Alles.“ Meiſter Thorsſon hatte inzwiſchen das Eiſen glühend gemacht und ging damit zum Amboß. Die beiden andern Arbeiter begannen jetzt darauf loszu⸗ ſchlagen, daß die Funken rings herum ſprühten. Mittlerweile ließ der Junge ſeine Hände auf das Schurzfell ſinken und ſah ihnen zu. Als das Eiſen fertig geſchmiedet war, wandte ſich der Meiſter wieder zu dem Lehrling mit den Worten: „Was ſtehſt Du jetzt wieder da und ſperrſt das Maul auf, Du Faulenzer?“ „Ich grüble über Etwas nach.“ „Das iſt Jvar's gewöhnliches Tagewerk,“ fiel einer der Geſellen ein. „Wenn Du es ſo forttreibſt, ſo kannſt Du dar⸗ über einmal verhungern,“ meinte der Andere. „O, das wird Er nie zu ſehen bekommen. Paß' Er nur auf, daß ich nicht eines Tags ein Burſche von ganz anderem Korn werde, als Er, Stangbom,“ antwortete Jvar, indem er ihm hinter dem Rücken eine lange Naſe machte. „Du ein Burſche von anderem Korn als ich?“ erwiederte Stangbom, ſich mit ſtolzer Miene zu Jvar umdrehend;„für dieſes Wort verdienteſt Du eigent⸗ lich Eins hinter die Ohren, damit Du Dir es merk⸗ teſt. Sieh einmal, dein Leben lang bringſt Du es nicht dahin, ſolche Schmiedearbeit zu liefern, wie ich. Als ich in dem Inſtitut arbeitete, erklärte der Di⸗ rector, der doch ſonſt an Allem etwas auszuſetzen hatte, es wäre ihm noch nie Jemand meinesgleichen vorgekommen, ſo ſchön und gut habe ich ihm ge⸗ ſchmiedet.“ „Und dennoch hat er Dir die Thüre gewieſen,“ fiel Meiſter Thorsſon ein. „Hi, hi, hi,“ kicherte Jvar,„das wird er bei mir nicht thun, wenn ich dahin komme.“ „Jetzt ſchweig' und geh' wieder an den Blas⸗ balg, ſo daß ich ein gutes Feuer bekomme,“ ſprach der Meiſter. Jvar gehorchte, entledigte ſich aber ſeiner Pflicht ſo ſchlecht, daß ſein Kamerade abermals die ganze Laſt der Arbeit zu tragen bekam. „Ich glaube, der Teufel iſt in den Jungen ge⸗ fahren,“ rief Meiſter Thorsſon;„Du legſt ja gar nicht Hand an.“ „Ihr habt Recht, Meiſter; das kommt aber da⸗ her, daß ich unaufhörlich auf denſelben Gedanken gerathe.“ „Nun, was iſt denn das für ein Gedanke? Her⸗ aus mit dem Lumpenzeug, das Dir im Kopfe ſteckt; vielleicht kannſt Du dann arbeiten.“ Der Meiſter ſtemmte die Arme in die Seite und ſtellte ſich vor Jvar hin. „Ach, lieber Meiſter, ich dachte nur daran, wie entſetzlich dumm der Blasbalg eingerichtet iſt, wie albern Ihr ſeid, mit einem ſo einfältigen Ding euch zu befaſſen, und wie die ganze Schmiede da ein elendes Loch iſt.“ 15 „Satansjunge, willſt Du eine Tracht Prügel? Bin ich, dein Meiſter, dumm?“ „Ja, ja, da will es allerdings hinaus, ſönſt hättet Ihr nicht euer Lebtag' mit dieſem elenden Zeug euch begnügt. Seht, Meiſter, wenn Ihr klug geweſen wäret, ſo hättet Ihr auch nicht geglaubt, daß aller Verſtand in den Armen läge.“ „Daran dachteſt Du alſo, Du Lümmel?“ rief der Meiſter und machte eine drohende Bewegung. „Ach nein, das war es eigentlich nicht, ſondern ich überlegte mir nur, wie ſich der Blasbalg auf eine ganz andere Weiſe in Bewegung ſetzen ließe, ohne daß man daneben ſtehen und daran zerren muß, bis Einem der Athem ausgeht. Ja, ja, bei mir ſitzt die Arbeit im Kopf; ich kann mir vor⸗ ſtellen, wie das ganz anders ſein ſollte; aber das begreift Ihr nicht, Meiſter.“ „Nun, und wie ſollte es denn ſein? Du willſt wohl, daß der Blasbalg ſich von ſelbſt in Bewe⸗ gung ſetze, damit Du nur daſtehen und zuſehen dürfteſt?“ „Nein, es ſollte auf eine andere Weiſe geſchehen; man könnte ja zum Beiſpiel mittelſt einer Kurbel auf ihn wirken.“ „Narrenpoſſen, Junge; willſt Du jetzt an deine rbeit gehen?“ „Herr Jemine, da kommt ein Leichenzug. Ihr erlaubt mir doch, einen Augenblick hinauszuſprin⸗ gen und ihn anzuſehen? Stangbom ſteht da und thut nichts; er kann ja einſtweilen den Blasbalg ziehen.“ Im nächſten Moment war Jvar aus der Werk⸗ ſtätte und auf der Straße. „Das iſt gewißlich wahr, Meiſter, daß Ihr viel zu nachſichtig gegen den Jungen ſeid,“ meinte Stangbom.„Den lieben langen Tag thut er ſo viel wie nichts, und ein Hansnarr wie der Junge ſollte doch mehr arbeiten, als ein anderer ehrlicher Menſch.“ „Was Millionen Teufel ſpricht Er da, Stangbom? Ich würde recht daran thun, Ihm dieſe Worte zu gedenken. Mit dem Jungen habe ich allein zu thun, ſorge Er für ſich ſelbſt und lege Er ſeiner ſündi⸗ gen Zunge den Zügel an, das ſage ich Ihm, ſonſt könnte ich Luſt bekommen, es wie der Director am Inſtitute zu machen, das heißt, Ihn zum Teufel ſchicken.“ Meiſter Thorsſon war jetzt aufgebracht, und da wußten ſeine Arbeiter nur zu gut, daß es nicht an⸗ ging, nur noch eine einzige Sylbe zu ſagen, denn es konnte dann wohl geſchehen, daß ſeine Worte von einer noch nachdrücklichern Zurechtweiſung begleitet waren. Unter tiefem Schweigen ging die Arbeit ihren Gang. Die Hammerſchläge des Meiſters ſchallten ſtärker und ſchneller, als wenn er in ſeiner norma⸗ len Stimmung war. Nach Verfluß einer Stunde kam Jvar zurück. Er ſah jetzt ganz bekümmert aus und bemerkte nicht, daß auf des Meiſters Angeſicht Zorn und Drohung geſchrieben ſtanden. „Iſt es auch recht und in Ordnung, auf ſolche Weiſe davonzulaufen?“ fragte der Meiſter und 17 faßte Jvar am Kragen.„Was denkſt Du denn für ein Lumpenkerl zu werden, daß Du Dir einbildeſt, man dürfe ſeine Zeit nur ſo elend verſchleudern? Ich will Dir meiner Seele das Denken, Faulenzen und Herumſchwärmen aus dem Leibe klopfen.“ Mit dieſen Worten ergriff der Meiſter einen Stock, welcher neben ihm ſtand, und hob ihn gerade empor, um ihn recht gründlich auf Jvars Rücken fallen zu laſſen, als dieſer rief: „Meiſter Thorsſon, Ihr habt mich noch nie ge⸗ ſchlagen, und Ihr wißt, daß ich Euch dennoch ge⸗ horche. Laßt es jetzt auch bleiben, und ich ver⸗ ſpreche, Euch nicht ſo bald wieder zu erzürnen.“ Der Meiſter ließ den Jungen los und ſagte: „Warum ſoll ich Dich denn gerade jetzt nicht züchtigen?“ „Darum, weil ich von einem Grabe komme. Als ich heimging, kam ich mir ſelbſt wie ein Tauge⸗ nichts vor, der Fuch weder große Freude gemacht, ch irgend einen Nutzen gebracht hat, obwohl Ihr — außerdrd ntlich gut gegen mich geweſen ſeid, und an Der Knabe ſchwieg. „Nun?“ „Und dann fiel mir ein, daß heute mein ſech⸗ zehnter Geburtstag iſt.“ Der Knabe ſah bei dieſen Worten mit ſeinen großen, klaren, blauen Augen, die jetzt in Thränen ſchwammen, zu dem Meiſter auf. „Es ſind heute zehn Jahre, daß Ihr mich auf⸗ genommen habt,“ fuhr Jvar fort und faßte die große, breite Hand des Schmieds.„Gott ſegne Schwartz, Arbeit abelt den Mann. I. 2 18 Euch dafür, daß Ihr ſo liebevoll gegen mich ge⸗ weſen ſeid.“ Thorsſon ſchleuderte den Stock weit von ſich weg und ſchüttelte Jvars Hand, die er etwas unſanft drückte, indem er rief: „Der Teufel hole die ganze Schmiede, wenn Du nicht dennoch ein braver Junge biſt, und der Teufel hole mich ſelbſt, wenn ich nicht einen tüchtigen Ar⸗ beiter aus Dir mache. He, Burſchen, ich gebe euch für den Reſt des Tages frei. Es wäre unrecht, wenn ich mit Jvar nicht ſeinen Geburtstag feiern wollte, wie ſich's gebührt. III. In demſelben Hauſe, wo ſeine Schmiede ſich be⸗ fand, hatte Meiſter Thorsſon auch ſeine Wohnung, welche aus zwei Zimmern und einer Küche beſtand, und hier wollen wir nunmehr den Leſer einführen Das äußere Zimmer war ziemlich groß, durch zwei Fenſter erhellt, aber ſehr nieder. Die Geräth⸗ ſchaften beſtanden aus einem braunangeſtrichenen Sopha mit Lederüberzug und desgleichen Stühlen⸗ Zwiſchen den Fenſtern war ein Lampengeſtell ſtatt eines Spiegels angebracht, und darunter hatte ein Brettſpieltiſch ſeinen Platz. Außerdem entdeckte man noch eine große vergoldete Pendeluhr über dem 3 pha, und geradeüber an der Wand eine kleine Kom mode von Birkenholz. Der Boden war mit Mattel von grobem Zeug belegt, und über dem Ganzen ——— —+ — ſ 19 ruhte ein Geiſt der Sauberkeit, welcher ihm das Ge⸗ präge häuslicher Behaglichkeit gab. Das innere Zimmer war klein und die ganze Möblirung deſſelben beſtand aus einer weißangeſtri⸗ chenen Bettſtelle und dito Sopha, ein paar altmo⸗ diſchen Lehnſtühlen und einem Schranke mit einem kleinen Einſchlagſpiegel darauf. Als Meiſter Thorsſon in Begleitung von Jvar eintrat, ſaß eine ältere, ſauber gekleidete Frau, am Spinnrocken beſchäftigt, im äußern Zimmer. Sie ſchaute von ihrer Arbeit auf und ſagte in ſcharfem + Ton: „Es kann doch noch nicht Veſperzeit ſein.“ Und dabei warf ſie einen Blick auf die Standuhr. „Ach nein, liebe Greta; aber deßhalb können wir doch heraufkommen,“ antwortete der Meiſter, während er an der Thüre die Holzſchuhe auszog.„Es iſt ſo, aber Sie muß wiſſen, daß Jvar heute ſechszehn Jahre alt wird, und darum denke ich, ihm und mir ein kleines Ertra⸗Vergnügen zu geſtatten.“ „Das iſt alſo etwas ſo Wichtiges, ob dieſer Gelbſchnabel da geboren worden iſt oder nicht. Mir dünkt, man ſollte dieſen Tag eher vergeſſen, als ſei⸗ ner gedenken, ſo ſchmachvoll iſt er,“ entgegnete Greta, indem ſie einen nicht ſehr freundlichen Blick auf Jvar richtete.„Es wäre wahrhaftig beſſer geweſen, wenn er niemals das Tageslicht erblickt hätte, und Er darf nicht glauben, Thorsſon, daß ich ihm irgend etwas Anderes als Häring und Kartoffeln zum Abendbrod geben werde. Es iſt gar nicht nöthig, ſich einzubilden, daß ich wegen einer ſolchen Brut viel Umſtände machen werde.“ 2* 20 „Nun ſchweigt Sie mir, Greta, oder hol' mich dieſer und jener, Sie bekommt von dem neuen Kleide, das ich Ihr verſprochen habe, nie Etwas zu ſehen. Ich habe Ihr geſagt, Sie ſoll mir den Jun⸗ gen in Frieden laſſen, und ich will, daß man mir gehorche.“ „Ja, das verſteht ſich, die Baſe ſeiner ſeligen Frau wird immer gegenüber von dem Bettelbuben Unrecht haben; ſo iſt es dieſe zehn Jahre her ge⸗ weſen, und ſo bleibt es, bis.... „Greta, Sie kann Ihr böſes Maul nicht halten. Aber darauf kann Sie ſich verlaſſen, ich dulde nicht, daß es länger ſo fort geht. Nein, gewiß nicht.— Geh' jetzt in die Küche, Jvar, und waſche Dir den Ruß ab, und dann gehen wir unſeres Wegs. Vor dem Weibsvolk kann man doch, der Teufel hol' mich, niemals Frieden haben.“ „So, ſo; aber daraus wird Nichts, daß er in die Küche gehen und ſich dort waſchen ſoll,“ rief Greta, deren Kopf in Folge des Zorns von einer Art nervöſen Zitterns ergriffen worden war, und ſprang von ihrem Spinnrocken auf.„Ich habe wohl darum gefegt und geſcheuert, daß der Faulen⸗ zer da mir nachher wieder neue Mühe verurſachen ſoll. Höre, Jvar, wenn Du dich unterſtehſt, dahin zu gehen, ſo ſollſt Du es mit mir zu thun haben.“ „Bin ich nicht Herr in meinem Hauſe, wie?“ rief Thorsſon aufgebracht. 3 „In der Küche nicht, denn da führe ich das Regiment. Oder kann Er ſich ſein Eſſen ſelbſt be⸗ reiten? Oder kann Er ſich ein Hemd waſchen Kann Er ſich ein Stück Kleid flicken oder ſonſt etwa n 21 Ordentliches anfangen? Das möchte ich wohl fragen. Aber dabei bleibt's; ſo lang Er mich hier im Hauſe hat und ich die ſchwerſte Laſt tragen muß, wird Nichts daraus, daß der Junge da an einem Wochen⸗ tag in meine rein geputzte Küche gehe und ſich da⸗ ſelbſt waſche; gerade als ob ich nicht genug zu ſchleppen und zu arbeiten hätte, daß ich noch hinter einem ſolchen Taugenichts mit dem Scheuerlappen herfahren muß!“ Greta hatte im gellendſten Diskant geſprochen; derſelbe war indeſſen am Schluß in's Tremolirende und Weinerliche übergegangen. „Das alte Weibsbild verführt einen läſterlichen Spektakel, aber ich laſſe mich von einer ſolchen Eule nicht erſchrecken; darum ſoll Jvar ſogleich in die Küche gehen und ſich ſauber machen. So, geh' Du nur, mein Junge.— Ich glaube gar, der Burſche weint!“ brach der Meiſter aus, als ſeine Augen auf Jvar fielen, welcher ſich mit den Händen vor dem Geſicht auf einen Stuhl geſetzt hatte.„Was ſind das für Dummheiten, kümmere Dich den Teufel um das, was Greta in ihrer Bosheit ſchwazt.“ „Ich ſei boshaft, ſagt Er!“ ſchrie Greta, und fuhr mit der Schürze vor die Augen,„Ich, die ich Ihm zwölf Jahre lang ſeine Haushaltung beſorgt habe. Ich, die „Jett iſts aber aus,“ entgegnete Thorsſon und ſchlug mit der geballten Fauſt auf den Tiſch. „Jetzt iſt's genug, ſage ich. Laß' Sie mich und Jar in Frieden und gebe Sie ihm den Küchen⸗ ſchlüſſel. Begreift Sie, Greta, daß ich Gehorſam haben will?“ 22 „Nein, Meiſter, ich kann ja wohl in die Schmiede gehen und mich dort waſchen. Laßt Greta die Küche für ſich behalten.“ Und ehe Thorsſon oder Greta nur ein Wort ſprechen konnten, war Jvar zur Thüre hinaus und klapperte mit ſeinen Holzſchuhen die Treppe hinunter. Thorsſon ging, ohne etwas weiter zu ſagen, in 1 innere Zimmer und ſchlug die Thüre hinter ich zu. „Ach, wenn ich einmal den Buben in meine Ge⸗ walt bekäme,“ murmelte Greta,„ich würde ihn für alle die Stunden des Verdruſſes, die ich von ihm gehabt habe, bezahlen.“ Dabei drehte ſie an ihrem Spinnrad mit ſo ver⸗ zweifelter Geſchwindigkeit, daß der feine Wollfaden unaufhörlich abriß, und dieß gab ihr nur neue Veranlaſſung, über Jvar und alle die Leiden, die ſie um ſeinetwillen ausgeſtanden hatte, ſich noch her⸗ ber auszulaſſen. Nach Verfluß einer Stunde öffnete ſich die Thüre, und heraus trat Meiſter Thorsſon im Sonntagsan⸗ zug und friſch raſirt. Er ging auf Greta zu und ſprach mit einer Stimme, die nichts weniger als mild war: „Ich will Ihr hiemit erklären, daß es mit mei⸗ ner Geduld zu Ende iſt, und daß ich Ihr Regiment nicht länger dulde. Wenn Sie nicht wie ein Menſch ſich auff ühren und mich und meine Leute ſo behan⸗ deln will, wie ich befehle, ſo kann Sie hingehen, wo der Pfeffer wächst, das heißt, ich ſchaffe Sie in's Armenhaus und gebe noch einen kleinen Zuſchuß zu Ihrem Unterhalt; aber bei mir iſt's aus und vor⸗ 23 e bei Sie hat jetzt meine Meinung gehört, ich füge he nur noch bei, wenn Sie ſich noch einmal unterſteht, gegen Jvar grob zu ſein, weil er ein Waiſen⸗ et kind iſt, ſo ſoll Sie ſehen, daß es wie im Tanze nd nach dem Armenhaus geht. Und übrigens möchte r. ich doch wiſſen, mit wem Ihre Baſe anders verhei⸗ in rathet war, als mit einem ehemaligen Waiſenkinde, er und weſſen Brod Sie ſelbſt ißt, als das eines Wai⸗ ſenkindes.“ e⸗ Mit dieſen Worten verließ Thorsſon das Zim⸗ ür mer und ging hinab in die Schmiede. Als er vom m Pofe aus in dieſelbe trat, ſah er Jvar noch in dem⸗ ſelben Zuſtand wie zuvor, da Greta's Wortſchwall r⸗ ihn zur Thüre hinaus getrieben, ungewaſchen und in en ſeinen Werkſtattskleidern vor dem Blasbalg ſtehen, ue mit welchem er ſich emſig zu ſchaffen machte. ie„Was zum Teufel, Jvar, biſt Du denn noch nicht angezogen und was treibſt Du da für Zeugs?“ „D Himmel, Meiſter, Ihr ſeid ſchon fertig,“ e, rief Jwar, welcher bei Thorsſon's Stimme zuſam⸗ n menfuhr und ganz verlegen war. „Aber was haſt Du denn gethan, daß Du mit er deinem Putz noch nicht fertig biſt?“ „Lieber Meiſter, als ich hieher kam, war es mir i nicht recht wohl zu Muthe. Greta's Worte, um t welche ich mich ſonſt nicht kümmere, thaten mir weh. ch Zum erſten Mak dünkte es mir, es ſei doch hart, ſie anhören zu müſſen. Als ich mich dann ſo nie⸗ derſetzte, um darüber nachzudenken, wie wunderlich die Menſchen ſind, daß ſie ſo viel Böſes reden, u war ich, ſo zu ſagen, ein wenig betrübt, glaube ich.“ 24 „Ja, ja, aber ich ſehe es noch, daß Du geweint haſt, Du Einfaltspinſel.“ „Deßhalb bin ich noch kein Einfaltspinſel; aber geweint habe ich, und deſſen ſchäme ich mich nicht. Es ging auch bald vorüber, denn als ich die Augen auf den Blasbalg warf, da kamen wieder die Ge⸗ danken über mich, wie man denſelben auf eine leich⸗ tere Art in Bewegung ſetzen könnte, und ſeht Ihr, Meiſter, wenn ich ſo in's Grübeln gerathe, da ver⸗ geſſe ich Alles um mich her und fühle mich froh.“ „Hm, hm,“ ſagte der Meiſter mit nachdenklicher Miene.„Kleide Dich jetzt ſchnell an;— wir wollen uns einen vergnügten Abend machen,“ ſetzte er nach einer Pauſe hinzu. Eine Weile hernach wanderte Thorsſon und ſein Lehrjunge zu Cläs an der Ecke. Anfänglich gin⸗ gen ſie ſchweigend neben einander her. Endlich äußerte Thorsſon:„Der Teufel weiß, wie es kommt; aber es will nicht recht gehen, mich in eine beſſere Stimmung zu verſetzen. Ich glaube wahrhaftig, das alte Weib daheim hat mich dermaßen geärgert, daß es mir ganz wirr im Kopfe wurde.— Wie ſteht es mit Dir? Du ſiehſt auch nicht ſehr munter aus; und doch habe ich beſchloſſen, uns einen luſti⸗ gen Abend zu machen. Nun, zum Kuckuck, willſt Du immer das Maul ſo hängen laſſen?“ „Liebſter Meiſter, mit meinem kecken Muthwillen iſt es ganz vorüber, und es iſt mir um's Herz, als wäre es ſo voll darin, daß es gar nicht Raum genug hat.“ „Nun, dann wird es wohl am beſten ſein, daß 25 Du es einmal von Dir gibſt. Laß hören— viel⸗ leicht werden wir dann heiterer.“ „Ihr wißt, Meiſter, daß ich kein ſo gar ordent⸗ licher Junge bin, und auch nicht ſonderlich arbeit⸗ ſam. Ich war immer guter Dinge und habe mir aus den Worten Anderer, ſo wie aus meinen eigenen Knabenſtreichen nicht viel gemacht, ſondern über Alles gelacht.“ „Nun, nun, daran iſt gerade nichts Böſes, und ich habe Dich immer wegen deiner muntern Laune gern gehabt.“ „„Heute nun ſtand ich ſo da und hörte dem Prieſter zu, welcher den Todten zur Beſtattung ein⸗ ſegnete, und er redete von den Kindern, welche der⸗ ſelbe hinterließ, wie verlaſſen ſie waren, und noch vieles Andere— da dachte ich auch daran, wie verlaſſen ich ohne Euch wäre, und es that mir im Herzen weh, wenn ich überlegte, wie wenig Nutzen ich Euch ſchaffe, wie träge ich geweſen bin, und wie undankbar. „Was iſt das für ein dummes Geſchwäz, Jvar?“ „Meiſter Thorsſon, es iſt Alles wahr, und als mir dann einfiel, daß heute mein Geburtstag wäre, beſchloß ich, Euch zu ſagen, daß Ihr hinfort mehr Freude und Nutzen an mir haben ſolltet.“ „Und da kam ich Dir mit dem Stock entgegen, armer Junge,“ erwiederte Thorsſon, indem er Jvar mitleidig anſah. nIch hatte Schläge verdient, und Greta hat ganz Recht, wenn ſie behauptet, ich ſei ein Taugenichts.“ „Rein, dus iſt eine verdammte Lüge!“ „Und als Ihr meinen Geburtstag feiern wolltet, ——————— 26 da war es, als ob ſich mir das Herz im Leibe umdrehte, und ich wäre gern.....“ „Was?“ „O Himmel, Euch um den Hals gefallen. Ihr ſeid immer gut gegen mich geweſen, und als Greta heute ſo ſchalt, da begriff ich recht gut, daß wenn ich auch mein rötheſtes Herzblut für Euch gäbe, dieß nicht mehr wäre, als was Ihr von mir zu verlangen das Recht habt. Euresgleichen, Meiſter, werde ich mein Leben lang nicht mehr treffen.“ „Was ſchwazeſt Du da für Peterſilien, Junge? Ich gut gegen Dich geweſen, ich? Nein, beim Blitz, nicht ſonderlich,“ erwiederte Meiſter Thorsſon, der ſich ſeiner Rührung nicht erwehren konnte. „Es iſt doch ſo. Als ich in die Schmiede hin⸗ unter kam, da fragte ich mich, wer wohl möglicher Weiſe meine Eltern geweſen ſein mochten, und warum ich ſie niemals gekannt habe. Bei dieſer Frage begannen meine Thränen zu rinnen. Es war recht dumm, denn mein rechter Vater hätte niemals beſſer an mir handeln können, als Ihr, Meiſter.“ „Eitel Geſchwäz, Du Schlingel!“ „Sagt mir jetzt, Meiſter, nur Eins, warum Ihr ſo brav und gut gegen mich ſeid, obwohl alle an⸗ dern das Gegentheil ſind. Zudem habt Ihr mich allezeit angehalten, Gott, die Wahrheit und das Rect zu ehren und zu lieben. 4 as ſollſt Du erfahren, wenn wir bei Cläs an ven Ecke unſer Abendbrod zu uns nehmen; aber die Wahrheit zu ſagen, ich dächte nicht, daß Du bei mir viel Freudentage haſt.“ „Nicht!“ rief Jvar, und ſeine klaren, blauen ⸗ r r 27 Augen begannen zu funkeln.„Ja, ganz gewiß, und wer anders ſagt, der lügt. Ich habe es gehabt wie ein Prinz.“ „Ein verdammt ſchwarzer Prinz,“ meinte der Meiſter lachend. Inzwiſchen waren ſie bei Cläs angelangt, und Thorsſon begehrte ein beſonderes Zimmer und ein flottes Abendeſſen für zwei Perſonen. Während der Meiſter und der Lehrling mit ge⸗ ſundem Appetit nach den Speiſen griffen, nahm Thorsſon das Wort: „Du willſt wiſſen, warum ich Dich minder hölliſch behandelt habe, als Andere thaten. Damit Dir das beſſer in den Kopf geht, will ich Dir meine Lebens⸗ geſchichte erzählen. Sie iſt allerdings nicht von großartiger Bedeutung, aber Du und ich, wir wer⸗ den einander hernach doch beſſer verſtehen.“ „Wo ich eigentlich von Anfang meine Lebens⸗ jahre zubrachte, weiß ich nicht. Das Erſte, was noch recht klar vor meinem Gedächtniß ſteht, iſt, daß man mich eines Tags in eine große Stadt nahm und daſelbſt in ein hohes Haus führte. Ich war damals krank und blieb dort. Man brachte mich in einen Saal, worin mehrere Betten ſtanden. Dann kam eine lange Zeit, von welcher ich mich Nichts entſinnen kann, weil ich von einem hitzigen Fieber befallen war.“ „Als ich meine Geſundheit wieder erlangt hatte, kam ich unter eine große Menge Kinder, welche ſämmtlich gleich gekleidet waren. So nahte das Weihnachtsfeſt heran, und in den vielen und großen Sälen wurden Weihnachtstiſche gedeckt, und wir alle 28 bekamen mancherlei Spielſachen ſammt Weihnacht⸗ brod. Wir tanzten zuſammen und es ging recht luſtig dabei her. Viele fremde Leute waren gekom⸗ men und ſahen uns dabei zu.“ „Es war die einzige Freude, welche meine Kind⸗ heit mir darbot. Bald nach Weihnachten kam eine alte Frau und nahm mich aus den warmen und geräumigen Zimmern, wo ich es bisher ſo gut ge⸗ habt hatte, fort. Sie führte mich in eine kleine elende Hütte. Es war gleich nach dem Reujahr, und ich mochte damals, wie ich mir vorſtelle, ſechs Jahre alt geweſen ſein.“ „Wie ich es nun hatte, davon läßt ſich nicht viel ſagen. Ich fror, hungerte und bekam tüchtig Schläge. Meine Pflegemutter nährte ſich damit, daß ſie Holz am Hafenplatze verkaufte, und ich folgte ihr dahin, um ein oder das andere Scheit wegzu⸗ ſchnappen und heim zu ſchleppen; ging auch wohl mit einem Korb am Arme auf den Märkten herum und bot meine Dienſte den Leuten an, die Etwas nach Haus tragen laſſen wollten. Meine eigentliche Aufgabe war, die Höckerinnen und die Fiſchweiber zu beſtehlen.“ „So vergingen einige Jahre, und es war mir in⸗ deſſen ſo ſchlimm gegangen und ich hatte ſo viel Schlechtes mit angeſehen, daß alle Ausſicht für mich vorhanden war, ein eben ſo großer Böſewicht zu werden, wie alle dieſe Menſchen, welche mich um⸗ gaben.“ „Eines ſchönen Tags erhielt meine Pflegemutter Beſuch von der Polizei. Sie hatte einen Diebſtahl begangen und wurde in's Gefängniß geführt. Mich t⸗ ht e d ne r, ht ig it, te U⸗ hl m as he er zu m er hl ich 29 brachte man wieder in das Waiſenhaus zurück. Nur zwei Tage war ich daſelbſt, als ein ſtarkgebauter Mann mich auf's Land führte. Er war Schmied auf einem Hüttenwerke. Ich hatte damals das eilfte Jahr zurückgelegt, aber ſah ſchwächlich und elend aus, konnte noch nicht leſen und taugte lediglich zu Nichts.“ „Meiſter Broms war hart und ſtreng, beſtrafte jeden Fehler mit einer Tracht Hiebe, ließ aber dabei ſeinen Leuten genügende Nahrung zu Theil werden. Des Sonntags wurde ich in die Schule geſchickt. Arbeiten mußte ich, daß mir oft die Kraft dazu ganz und gar ausging, und ſicher hätte er), der für ſeine Perſon nicht wußte, was Müdigkeit war, mir allzuviel zugemuthet, wäre nicht ein Geſelle dage⸗ weſen, welcher Mitleiden mit mir hatte.“ „Am Anfang beſtahl ich Meiſter und Geſellen, bekam aber dafür dermaßen Prügel, daß ich mehre Tage mich nicht rühren konnte; und einmal, als ich einige Aepfel genommen, hätte er mich beinahe todt⸗ geſchlagen, ſo wüthend war er. Gut wirkte es je⸗ doch; denn von dieſem Augenblick an vergriff ich mich nie wieder an Etwas, das nicht mir gehörte.“ „Selten ſprach er freundlich, ſondern ſchrie und brüllte beſtändig; aber gerecht war er. Dieß machte, daß ich, der nur ſeine Strenge ſah, ihn fürchtete und beinahe haßte. Ich glaubte, er ſei der Teufel leib⸗ haftig, und wünſchte ſehr oft, ihn einmal unter meine eigenen Fäuſte zu bekommen.“ „Die Zeit verging. Früher ein kleiner Wicht, war ich durch ſtrenge Arbeit und genügende Nah⸗ rung ein großer und ſtarker Burſche geworden. So Beichte vorbereiten ſollſt?“ fiel Olle ein. ſollte ich zum heiligen Abendmahl vorbereitet wer⸗ den. Als Meiſter Broms mit mir den Paſtor, nach⸗ dem derſelbe mich eingeſchrieben hatte, verließ, ſagte er: „Du wirſt nun zwei Tage in der Woche hin⸗ gehen und indeſſen ſollſt Du doch von mir zu eſſen bekommen, damit Du Dich die andern vier Tage tüchtig rühren und doppelt arbeiten kannſt.“ „Ich war an keine Freundlichkeit gewöhnt; denn die Frau des Schmieds war nicht beſſer als er, das heißt, beide gaben mir ordentliche Nahrung und Kleidung, aber mit Schlägen und Scheltworten zeig⸗ ten ſie ſich gleich freigebig. Ich hatte jedoch das Jahr zuvor gehört, wie ſie mit Thränen und Er⸗ mahnungen ihre Tochter begleiteten, als dieſelbe ſich zum heiligen Abendmahl vorbereiten ſollte, und wie ſie von dem Wort des Herrn mir ihr redeten.“ „Dieß hatte zur Folge, daß ich den Meiſter und ſeine Frau als wirklich böſe Menſchen betrachtete, da ſie für mich am heutigen Tage nicht ein einzi⸗ ges Wort der Art hatten. Auf dem ganzen Heim⸗ weg grübelte ich darüber nach, und als ich zu Hauſe ankam, ſagte ich zu dem Geſellen, dem langen Olle, demſelben der mich oft davor gerettet hatte, daß ich nicht ganz in Stücke geſchlagen wurde: „Weiß Er, Olle, wenn ich einmal ein rechter Kerl werde, will ich den Meiſter ſo zeichnen, daß er ſein Leben lang an ſeine Gottloſigkeit gegen mich denken ſoll.“ „Wie, Thor, mit ſolchen Gedanken kommſt Du vom Paſtor und zu einer Zeit, wo Du Dich zur 31 „Das iſt einerlei; ich habe niemals gelernt, viel auf die Beichte zu halten,“ erwiderte ich. „Am Abend, als die Arbeit zu Ende war, und Hlle und ich auf dem Boden über der Schmiede unſer Nachtlager auffuchten, ſetzte ſich Olle an mein Bett und las mir aus der Bibel vor. Da wurde es mir ganz ſeltſam um's Herz. Ich hatte wohl den Pfarrer und den Meiſter in der Bibel leſen hören, aber Olle machte das ganz anders, und als er eine Zeit lang geleſen haite, ſprach er mit mir von Gottes Wort. Ich dachte nach, bis ich über dem, was ich gehört hatte, einſchlief, und den Tag darauf arbeitete ich mit mehr Eifer als gewöhnlich.“ „Olle ſchmiedete, ſang und war munter. Ich empfand gegenüber von dem Meiſter ſolche Furcht und Bitterkeit, daß mir die Arbeit niemals Freude machte, und oft wunderte es mich, wie Olle mit dem Leben ſo zufrieden war, daß er allezeit ſingen und pfeifen konnte. „Als ich an demſelben Tag Olle ſingen hörte, bekam ich Luſt, es auch ſo zu machen, und als ich in der beſten Arbeit war und ein Eiſen glühend machte, ſtimmte ich keck in den Geſang ein.“ „Der Meiſter wandte ſich zu mir herum und ſagte: „Beim Teufel, ich glaube, Thor ſingt.“ „Da lief es mir wie kaltes Waſſer über den Rücken, und ich dachte: „Nun wird es wieder Prügel geben.“ „Und ſofort ſchwieg ich ſtill. „Ah, lieber Thor,“ nahm Olle das Wort,„der Meiſter meinte nicht, daß Du ſchweigen ſollteſt. Es iſt ihm wohl bekannt, daß die Arbeit noch ſo leicht von ſtatten geht, wenn man dazu ſingt.“ „Der Meiſter ſagte Nichts, aber von dieſem Tage an ſang ich ganz unerſchrocken bei der Arbeit. Dieſe war mir jetzt nicht mehr eine ſchwere Laſt, mit der ich mich aus Furcht vor Schlägen dahin ſchleppte, ſondern Etwas, wobei ich mich recht wohl befand.“ „Olle, welcher die gute Wirkung von ſeinen Wor⸗ ten und von der Bibel bemerkte, ging von dieſem Tage an niemals zur Ruhe, ohne daß er mir ein Kapitel aus der heiligen Schrift vorlas. Siehſt Du, Jvar, wenn ich ein rechtſchaffener und braver Ar⸗ beiter bin, ſo habe ich es ganz und gar dem from⸗ men Olle zu danken, welcher mich Gottesfurcht und Genügſamkeit lehrte.“ „Das Merkwürdigſte von Allem war, daß der Meiſter und ſeine Frau auch freundlicher zu werden anfingen. Je mehr ich Luſt und Freude an der Arbeit fand, deſto leichter wurde ſie auch, und wenn ſie leicht wird, geht ſie auch ſchnell von der Hand. — Etwas, worauf der Meiſter, der ſelbſt ein tüch⸗ tiger Arbeiter war, großen Werth legte.“ „Nachdem ich zum heiligen Abendmahl gegan⸗ gen war, blieb ich noch einige Jahre bei Meiſter Broms. Während dieſer letztern Zeit gelangte ich auch zur Erkenntniß, daß der harthändige Schmied auch ein braver Mann war, und daß er manche Untugend mir aus dem Leibe zu klopfen gehabt hatte. Als ich Geſelle wurde, verließ ich ihn, und da gab er mir einen Bleipfennig zur Erinnerung daran, was ich für ein Kind geweſen.“ Er ſetzte dabei die Worte hinzu: cht ge eſe er te, or⸗ em ein u, r⸗ nd der en er nn nd. ch⸗ n⸗ ter ied che abt ind ng 33 „Du gehſt jetzt in die Welt, Thor, und kommſt in mancherlei Verſuchungen. Erinnere Dich dann, daß dein Meiſter einen ehrlichen Arbeiter aus Dir machen wollte, und bedenke, daß das Einzige, was deine Eltern Dir außer dem Leben gaben, dieſes Zeichen war, welches ſo viel ſagen ſollte, als ſie wollen auch ſpäterhin nichts von Dir wiſſen. Be⸗ weiſe deßhalb, daß Du ein braver Mann werden kannſt, obſchon weder Vater noch Mutter ſich um Dich kümmerten; es wird Dir immer zur Ehre ge⸗ reichen, daß Du dennoch Dich vorwärts zu bringen vermocht haſt.“ „Ich habe ſeitdem gearbeitet, bin fleißig und ehrlich geweſen, habe mein Auskommen gefunden, eine gute Frau bekommen und die Schrift in Ehren zu halten geſucht. Niemals habe ich in Erfahrung gebracht, wer meine Eltern waren, niemals einen Verwandten gehabt, ehe ich mich verheirathete, nie⸗ mals eine Heimath gehabt, ehe ich mich ſelbſt häus⸗ ich niederkieß. Gott hat meine Arbeit geſegnet, und als ich Meiſter wurde, beſchloß ich, ein Kind aus dem Waiſenhaus zu mir zu nehmen und es zu einem rechtſchaffenen Arbeiter zu machen. Ich dachte, iehſt Du, Jvar, da der Herr ſein Gedeihen zu mei⸗ nem Werke gab, ſo wäre es meine Pflicht, die Frucht davon nicht blos zu meinem Vortheil, ſondern auch zu Nutz und Frommen von einem Andern anzu⸗ wenden, beſonders da ich ſelbſt keine Kinder hatte. Daß ich ein Weſen nicht mißhandeln konnte, welches ebenſo einſam und verlaſſen in der Welt daſtand, wie ich ſelbſt hineingeworfen worden, war natürlich. ch hatte in meinen Kinderjahren von harter und Schwartz, Arbeit adelt den Mann. I. 3 ſtrenger Behandlung genug gelitten, und darum gelobte ich mir vor meinem Gewiſſen, gegen Dich ſo gut als möglich zu ſein.“ „Du warſt ſechs Jahre alt, als ich Dich von der Frau, welche Dich erzog, wegnahm. Du hatteſ es ſehr ſchlecht bei ihr gehabt; dieß kam aber mehl von ihrer großen Armuth, als von ihrer Bosheit her.“ „Jetzt, mein lieber Jvar, weißt Du, warum ic nachſichtiger als Andere geweſen bin. Es hat ſei nen Grund darin, daß wir beide, Du und ich, Kin der deſſelben Unglücks ſind. Ich bin allerdings nu ein einfacher Arbeiter, aber deſſen ungeachtet habl ich oft mit Wehmuth angeſehen, wie eine Mut ter ihr Kind liebkost, oder wie ein Vater an Sonn tagen es bei der Hand nimmt und mit ihm fort geht, um demſelben irgend eine Freude zu machen Es erregt ein ſo bitteres Gefühl im Menſchen, wen! man ſich ſelbſt ſagen muß: Du hoaſt niemals we der Vater noch Mutter, Verwandte oder Namen ge habt.— und ſihſt Du, deßhalb wäre ich minde ſtens ein Teufel geweſen, wenn ich es für Dich nich ſo einzurichten geſucht hätte, daß Du es nicht eben ſo ſchwer bekämeſt, wie ich es in meiner Kindhei gehabt habe.“ Während Jvar auf die Worte ſeines Meiſter hörte, vergaß er Eſſen und Trinken und ſaß, del Kopf auf die Hand geſtützt, in tiefen Gedanken de Als Thorsſon ausgeredet hatte, ſah Jvar ihm auf und ſtammelte mit bewegter Stimme: „Ihr ſeid ein wahrhaft tüchtiger Mann, Meiſtet ſowohl gerecht als gut. Ja, das ſage ich für g wiß, und werde ich nicht ein ebenſo braver Maß 35 wie Ihr, ſo bin ich eurer Güte niemals werth ge⸗ weſen. Herr Gott, Meiſter, wie ſoll ich Euch genug⸗ ſam dafür ſegnen, daß Ihr mich ſo liebevoll behan⸗ delt habt! Ich verſtehe jetzt, daß es deßhalb ge⸗ ſchehen iſt, weil Ihr ein ſo gottesfürchtiges Herz habt. Sagt, Meiſter, was ſoll ich thun, um Euch Freude zu machen und einigen Nutzen zu bringen?“ „Arbeiten! Wir Kinder ohne Eltern, ohne Namen und ohne Heimath, wir haben, außer der heiligen Schrift, einen Freund, einen Tröſter, einen Retter, und das iſt— die Arbeit.“ Jvar ſaß eine Weile ſchweigend da, als ob er über dieſe Worte nachdächte; darauf ſprach er: „Ihr habt Recht, Meiſter, aber es geht mit mir ſehr ſonderbar zu; denn wenn ich des Morgens in die Schmiede hinuntergehe, ſo bin ich feſt entſchloſ⸗ ſen, recht fleißig zu ſein; aber, ſeht Ihr, es geht mit dieſem Vorfatz immer auf ein Richts aus. Helfe ich ein Wagenrad beſchlagen, ſo denke ich nach, wie das Rad auch anders gemacht werden könnte, oder wie es ſich als Triebrad anwenden ließe, und ſo ommen mir Dampfmaſchinen und viele derartige Dinge in den Kopf, was mich von der Arbeit ab⸗ zieht und weit aus der Schmiede hinwegführt. Wiſſet, Meiſter, es iſt gerade ſo, als ob ich an nichts Anderes, als an Mechanik und Maſchinen enken könnte. Von dergleichen träume ich Tag und Nacht, und in müßigen Stunden kann ich da⸗ ſitzen und alle dieſe wunderlichen Grübeleien abzeich⸗ nen. Könnte ich doch dieſer Dummheiten mich entſchlagen, daß ich ein ebenſo wackerer Arbeiter 3* 36 würde, wie Ihr; aber ich weiß nicht, wie ich es anfangen ſoll. Könnt Ihr mir helfen?“ „Nein, ich nicht; aber ich habe von einem Herrn reden hören, der uns einen guten Rath zu geben vermag. Du biſt wohl dazu geboren, ein viel beſſerer Arbeiter zu werden, als dein Meiſter, wie ich mir vorſtelle, und dieß würde mir große Freude machen. Doch davon morgen; jetzt wollen wir eſſen. Merke Dir wohl, Jvar, daß der Arbei⸗ ter einen heitern Sinn und friſchen Muth haben muß, ſonſt bleibt er ſaumſelig ſein Leben lang.“ „O, was das anbelangt, ſo leide ich daran kei⸗ nen Mangel,“ verſicherte Jar lachend, und fort waren alle ernſten Gedanken. IV. Am folgenden Morgen wanderte Meiſter Thors⸗ ſon im Sonntagskleide mit ſeinem Lehrling nach den technologiſchen Inſtitute, wo er mit dem Director eine lange Unterredung hatte. Aber dieſe führte zu keinem günſtigen Reſultat für Jvar, denn er konnk hier unmöglich eintreten, ohne gewiſſe Vorkenntniſſt zu beſitzen, von welchen bei ihm noch keine Rede war Thorsſon fühlte ſich ganz niedergeſchlagen; aber während er mit Jvar nach Hauſe ging, erwog e bei ſich, daß er dem Rathe des Directors ge mäß darauf bedacht ſein müßte, den Knaben in ein mechaniſche Werkſtätte zu bringen. 3 3 Als Jvar und der Meiſter ſich umgekleidet hat ten, gingen ſie in die Schmiede hinab. Das Erſt em tor nte iſſe at ber et in t 37 was Jvar that, war, daß er ſich unter die Thüre ſtellte und zu dem Hauſe gegenüber aufſchaute. An einem der Fenſter im erſten Stock war ein Mädchen von eilf bis zwölf Jahren ſichtbar. Sie ſaß dort über ein Buch geneigt, worin ſie aufmerk⸗ ſam las. „Nun, Jvar, was zum Teufel gaffſt Du da hinauf?“ „Das geht Dich Nichts an,“ brummte Jvar und eilte an den Blasbalg, welchen er mit großem Eifer in Bewegung ſetzte. „Ha, ha, ha!“ lachte Stangbom,„habt Ihr, Meiſter, einen größeren Narren geſehen, als Jvar? Seht nur, wie er darauf losarbeitet, ohne daß ein Funken Feuer da iſt?“ Ein wenig beſchämt, ging der Knabe ſeines Wegs; der Meiſter aber ſagte bloß: „Laß Er Jvar nur ungeſchoren; er bleibt nicht lang mebr ſein Kamerade in der Schmiede.“ „Gedenkt der Meiſter ſich ihn vom Halſe zu ſchaffen?“ „Ich gedenke ihn in eine beſſere Werkſtätte zu hicken, wo er Etwas lernen kann.“ ⸗ Den ganzen Tag hatte Jvar viel unter der Thüre der Schmiede zu ſchaffen, und immer flogen ſeine Augen zu dem Fenſter hinauf, wo das Mäd⸗ chen ſeinen Platz hatte und las. „„Herr Gott, wie ſie ſo fleißig leſen mag,“ dachte Jwar.„Man kann ja das Geſicht von ihr gar nicht ſehen, und doch thut das Einem ſo gut. Den gan⸗ zen Sommer iſt ſie fort geweſen, und jetzt ſteckt ſie beſtändig den Kopf in das unerträgliche Buch. Ich möchte nur wiſſen, ob ſie immer ſo ſitzen bleibt?— Wird es auch ſo geſchehen, wenn ich nicht mehr hier bin? Es ſind nun fünf Jahre, ſeitdem die Leute da gegenüber wohnen, ſo daß wir, die Kleine und ich, alte Bekannte ſind, und doch kennen wir einan⸗ der nicht, denn ſie hat es nie der Mühe werth er⸗ achtet, zu mir herabzuſehen.“ „Jvar!“ ließ ſich die Stimme des Meiſters ver⸗ nehmen,„komm' daher und geh' mir zur Hand.“ Jvar gehorchte. „Dachteſt Du jetzt auch, während Du dort ſtan⸗ deſt, über Dampfmaſchinen nach?“ „Nein, daran dachte ich nicht.“ „Woran denn?“ O Himmel, an das Fräulein, da gegenüber, welches dort ſitzt und liest.“ „So, das läſſeſt Du, hol' mich der Teufel, woh bleiben. An Mädchen willſt Du denken, das leide ich ganz und gar nicht.“ „Lieber Meiſter, das iſt doch nicht gefährlicher als an Knaben zu denken. So etwas iſt in der Schrift nicht verboten.“ „Aber ich verbiete es Dir, beſonders wenn es ſich um ein ſo feines Zierpüppchen handelt, wie je nes, das zu den Vornehmen gehört. Mit ſolchen Volk iſt es nur eitel Plunder.“ „Wie der Meiſter auch redet„ erwiederte Juſ und wurde feuerroth;„ſie wäre eitel Plunder, ſie“ „Jetzt wirſt Du wohl daran thun, zu ſchweigen ſage ich Dir.„Sie heißt Callenſtjerna und gehö ſomit zu einer Klaſſe, welche Du nicht einmal an zuſehen das Recht haſt; ſo denken ſie wenigſtens 3 te er, ohl ide her der je en var e2 en al 89 Nein, Junge, beſchwere Dich nicht mit dergleichen Kleinwaare in der Werkſtätte deiner Gedanken, denn es würde nur zum Unglück für Dich ausſchlagen.“ Mittags, als man bei Tiſche ſaß, klagte Meiſter Thorsſon über ſtarkes Kopfweh, und anſtatt, wie gewöhnlich gleich nach der Mahlzeit wieder in die Werkſtätte zu gehen, begab er ſich auf ſein Zimmer und legte ſich nieder, indem er zu Jvar ſagte: „Wenn ich ſchlafen kann, ſo wird es ſchon vor⸗ über gehen.“ Jvar hatte noch niemals ſeinen Meiſter über irgend ein Unwohlſein klagen gehört, und ſo kam es, daß er ſich ganz beklommen fühlte, als er ſich ſo allein in dem Saale ſah, wie man gewöhnlich das große Zimmer nannte. Er blieb am Fenſter ſtehen, und wunderliche Ge⸗ danken ſtiegen in ſeiner Seele auf. Das Begräb⸗ niß, welches er Tags zuvor mit angeſehen hatte, kam ihm wieder in's Gedächtniß und erweckte die Vorſtellung in ihm, daß auch der Meiſter ſterben könnte, und daß er, Jvar, dann ganz verlaſſen in der Welt daſtände. Aus dieſen trüben Betrachtungen wurde er durch den Fall eines ſchweren Körpers, der auf dem Boden aufſchlug, emporgeſchreckt. Ivar fuhr zuſammen, denn das Geräuſch kam aus dem Zimmer des Meiſters. Im nächſten Augen⸗ blick war er an der Thüre, und riß dieſelbe auf. Der Meiſter lag ausgeſtreckt auf dem Boden vor dem Schrank. Jwar ſtürzte auf ihn zu und rief ihn bei ſeinem Namen. am Sarge ſeines redlichen Meiſters, deſſelben Mei⸗ 40 Thorsſons Geſicht war ganz verzerrt, und er ſah furchtbar entſtellt aus. Auf das Rufen und Schreien des Knaben ſtürzte auch Greta herein, und als ſie den Schmied ſo leb⸗ los daliegen ſah, vergaß ſie ganz und gar, auf Jvar zu ſchelten, daß er ſie ſo erſchreckt hatte, ob⸗ gleich dieß die eigentliche Urſache geweſen, warum ſie hereinkam. „Spring' ſogleich zu dem Doctor hier nebenan!“ ſagte Greta,„und ſchicke die Geſellen aus der u Schmiede herauf, daß man ihn in's Bett ſchaffen kann— er hat einen Schlag bekommen.“ 4 Bei dieſen Worten ſtürzten Jvar die Thränen n aus den Augen. Er eilte zum Zimmer hinaus. Während er zu dem Arzte lief, wiederholte er un⸗ aufhörlich: „Der Meiſter hat einen Schlag bekommen; Gott im Himmel, helfe mir!“ Der arme Jvar! Drei Tage nachher ſtand er 0 ———— ſters, der ihm ein ſo guter und milder Vater ge⸗ weſen war, von dem er nie etwas Anderes als die freundlichſte Behandlung erfahren hatte, und in deſſen Herzen ſich ſo viele wahrhafte und wirkliche Tugen⸗ 8 den fanden. Wie hatte er Jvar nicht gelehrt, alle ſeine Zuverſicht und ſein Vertrauen auf Gott zu ſetzen, wie war er ihm nicht mit dem Beiſpiel der Arbeitſamkeit, der Gerechtigkeitsliebe und Redlichteit u vorangegangen. Nie hatte Jvar ihn der Unmäßig keit huldigen ſehen; nie hatte er Jvar ein anderes als gutes Vorbild durch ſeine nüchterne und gottes⸗ fürchtige Lebensweiſe gegeben. 5 — 41 Thorsſon war im Verlauf ſeiner kurzen Krank⸗ heit ohne Bewußtſein geweſen, ſo daß er auch kein Teſtament machen konnte. Einige Augenblicke vor ſeinem Tod erlangte er die Sprache wieder, und da begehrte er, daß man nach einem Notar ſchicken ſollte; aber ehe dieſer ankam, ſchlug ſeine letzte Stunde. Er hatte Jvar ſeine goldene Uhr, welche über dem Bett hing, gegeben, indem er mit matter und undeutlicher Stimme ſagte: „Armer Junge, vergib deinem Pflegevater, wel⸗ cher nie daran dachte, daß.. daß er ſo ſchnell wegſterben würde.... und nunmehr Dich ſo ver⸗ laſſen muß. Gott ſei... mit Dir Ver⸗ giß nicht... deinen Meiſter.... ehre ihn da⸗ durch daß Du ein tüchtiger Arbeiter wirſt.“ Allein, ohne Heimath, ohne Namen, ohne Schutz, ohne alle Mittel, fand der wüſte Novemberabend, an demſelben Tag, da der Meiſter beerdigt wurde, Jvar noch am Grabe ſeines Pflegevaters. Greta, Thorsſons einzige rechtmäßige Erbin, hatte Jvar auf ganz beſtimmte Weiſe zu erkennen gegeben, daß er nicht länger als bis nach der Beer⸗ digung im Hauſe zu verbleiben hätte. Unbeküm⸗ mert darum, wohin er ſich wenden würde, hegte ſie blos einen Wunſch, nämlich den, ihn los zu werden und auf ſolche Art an dem verhaßten Waiſenhaus⸗ jungen Rache zu nehmen. Der Wind fuhr über die Gräber dahin und rauſchte durch die entlaubten Baumkronen auf dem Kirchhofe, aber Jar war gefühllos dafür und ſaß 42 auf dem zugeworfenen Grabe, den Kopf auf di Hände geſtützt, in ſeinen Kummer gänzlich verſunken und Alles außer dieſem vergeſſend. Wie lange er ſo ſitzen geblieben wäre, iſt un gewiß, wenn ihn nicht ein kräftiger Schlag auf di Schulter aus ſeinen düſtern Grübeleien geweckt hätt⸗ der von folgenden Worten begleitet war: „Das geht nicht an, Jvar, daß Du bei einel ſo verdammten Wetter länger hier auf dem Grab ſitzen bleibſt.“ „Ah, Er iſt es, Stangbom,“ ſagte Jvar un erhob ſich. „Beim Teufel, ich bin es, und obwohl wir beid keine ſonderlich gute Freunde geweſen ſind, ſo wän es doch, wie mir dünkt, recht ſchade um Dich,“ ſagl Stangbom mit einem verſchmitzten Lächeln, welche mitleidig ausſehen ſollte.„Ich würde Dir gern eins Dienſt jeiſten, und darum wollte ich Dich frag ſchlechte Hütte theilen willſt. Ich werde michen einem andern Platze umſehen, und da kann es ſi ja leicht fügen, daß Du eben daſelbſt auch ein W terkommen findeſt. Nun, ſo ſage ſchnell, ob Di mein Vorſchlag anſteht?“ Jvar reichte Stangbom die Hand, ohne eil Antwort zu vermögen, ſo gerührt war er. „Der Teufel hole mich, iſt das nicht eine Schand daß ein Junge wie Du ſich hier ſo abhärmt un winſelt! Jetzt komm, wir wollen einen tüchtige Schnaps zu uns nehmen, das ſtärkt den Körper u gibt der Seele Leben.“ ob Du, jetzt ohne Heimath, bis auf Weiteres, — en i die te en he n id äu g ne en in a ſit Un Di in de un ge un 43 Stangbom nahm Jvar am Arm und zog ihn mit ſich fort. P Drei Tage darauf las man in den Zeitungen Folgendes: „Donnerſtag, den vierzehnten November, iſt die unverheirathete Frauensperſon Greta Sjöberg, in ihrer Wohnung, Kapitänsſtraße Nr.— auf Ladu⸗ gardsland ermordet gefunden worden. Aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach iſt der Mord zwiſchen zehn und eilf Uhr Nachts begangen worden. Aus dem Ver⸗ ſchluß der Ermordeten ſind der angeſtellten Unter⸗ ſuchung zufolge nachſtehende Gegenſtände verſchwun⸗ den: eine goldene Uhr, zwei ſilberne Becher, ein halb Duzend ſilberne Löffel, mit T. J. bezeichnet, ein goldener Ring mit einem rothen Karneol, zwei glatte Goldringe ſammt einer kleinen Summe Gel⸗ des. Der Mörder hat bei ſeiner Flucht einen Holz⸗ ſchuh, und einen, aus einem gekrümmten Nagel ver⸗ fertigten Dietrich zurückgelaſſen. Mit Bezug darauf, und um die Entdeckung des Mörders herbeizuführen, hat das Gericht eine Belohnung von ſechsundſechzig Reichsthalern, zweiunddreißig Schilling Banko für denjenigen ausgeſetzt, welcher zuverläſſige, zur Auf⸗ findung des Mörders führende Nachweiſungen zu geben im Stande iſt.“ Einige Zeit darauf las man wieder: „Dank der Thätigkeit und dem Eifer unſerer Polizei iſt es jetzt gelungen, dem Urheber des gräß⸗ lichen Mordes in der Kapitänsſtraße auf die Spu zu kommen. Der Mörder iſt ein ſechszehnjährige Schmiedsjunge, Namens Jvar, welcher Pflegeſohn des Verwandten der Ermordeten, des Schmiedmei ſters Thorsſon, geweſen iſt.“ „Der auf der Bahn des Laſters leider ſchon ſo weit vorgeſchrittene Jüngling hat vor dem Polizei⸗ gericht mit gewöhnlicher Frechheit und unter erher⸗ chelten Thränen ſein Verbrechen geläugnet, unge⸗ achtet ſehr dringende Gründe und Beweiſe gegen ihn ſprechen. Es befand ſich nämlich in ſeinem Beſi ein blutiges Meſſer und ein Dietrich; außerdem we ren ſeine Kleider mit Blut befleckt. Da jedoch füt jetzt keine nähere Aufklärung erzielt werden konnte ſo iſt die fernere Unterſuchung ſammt Zeugenver hör auf morgen verſchoben, und der junge, abe verhärtete Mörder wieder in's Gefängniß gebrach worden, um allein mit ſeinem Gewiſſen die Quale der Reue und Furcht zu erleiden.“ Das Polizeiverhör und die darauf folgende Kui minalverhandlung bezüglich des Mordes an Grei Sjöberg beſchäftigte einige Wochen das Publikun von Stockholm und ſelbſt die Zeitungsleſer im Lande Der deßhalb angeklagte Jvar wurde ein Gegenſtank allgemeinen Abſcheu's; denn als die nähern Detail bekannt wurden, fand man es ganz entſetzlich, dal er, noch ein Kind an Jahren, ſich des Mordes einé Frau ſchuldig gemacht haben ſollte, welche zehl Jahre lang ſo viel als eine Pflegemutter für ihl geweſen war. Das unglückliche Opfer des Morde beſchrieb man in allen Zeitungen als ein Muſto von Güte und Frömmigkeit, während man Alles u ger hn ei⸗ 45 aufbot, um Jvar als einen entarteten und von Kind⸗ heit an bösartigen Knaben zu ſchildern. Indeſſen verlor das Intereſſe ſich ſchnell, da man trotz aller Unterſuchung keinen entſcheidenden Beweis gegen Jvar aufzufinden, oder dem früheren Schmied⸗ geſellen Stangbom— welcher jetzt verſchwunden war— auf die Spur zu kommen vermochte. Man ſprach alſo nicht mehr davon; aber inzwi⸗ ſchen blieb Jvar im Kerker. Endlich, nach Verfluß eines Jahres, nachdem er alle Grade von Leiden und Mißhandlung im Ge⸗ fängniß durchgemacht hatte, wurde er aus Mangel an Beweis für unſchuldig erklärt und auf freien Fuß geſetzt, jedoch mit dem Geheiß von Seiten des Gerichts, ſich einen Dienſt auf dem Lande zu ſuchen, ſeines Verbleibens in der Hauptſtadt nicht ſein önnte. An demſelben Tag, da Jvar aus dem Arreſt entlaſſen wurde, finden wir ihn wieder auf Thors⸗ ſons Grab ſitzend. Ueber die bleichen, beinahe gelben Wangen ran⸗ nen unaufhaltſame Thränen, und ſein ganzes Aus⸗ ſehen zeugte von dem Elend des Gefängniſſes und einem innern, hoffnungsloſen Schmerz. Seine Hände ruhten gefaltet auf dem Knie, und der Kopf war auf die Bruſt geſunken. Der Laut einer friſchen Kinderſtimme, welche an ſein Ohr ſchlug, bewog Jvar endlich, aufzuſchauen. „„Warum weinſt Du ſp ſehr? Biſt Du hungrig?“ Vor ihm ſtand ein Mädchen von zwölf bis drei⸗ zehn Jahren, klein von Wuchs und mager. Ihre uge waren noch unentwickelt und ermangelten jedes Gepräges von Schönheit, mit Ausnahme von ei paar lebhaften und ausdrucksvollen Augen und dun kelbraunem, von Natur gelocktem Haare. Da Mädchen war gut gekleidet und befand ſich unt der Obhut einer älteren Dienerin, welche einiß Schritt rückwärts ſtand. Veim Anblick des Mädchens erhob Jvar ſich haſti und nahm ſeine Mütze ab, welche er in große Verlegenheit zwiſchen den Fingern drehte, währen er zur Antwort gab: „Das Fräulein iſt ſehr gut, daß es nach m nem Kummer fragt; der iſt ſehr groß, denn me Pflegevater iſt todt und ich bin darum recht unglüt lich geworden.“ „Wie heißeſt Du?“ fragte das Mädchen. „Ich heiße Jvar und bin mehrmals bei de Fräuleins Eltern geweſen, um Schlöſſer anzuſchlagen „Ja, lieber Gott, deßhalb kann ich mich no nicht erinnern, wer Du biſt, denn auf Schmied' jungen gebe ich keine Acht,“ erwiederte das Mädch' lachend. Jvar wurde blutroth; er hatte ſo oft ſeine W beit und Alles vergeſſen, um auf der Thürſchwel von der Schmiede zu ſitzen und ſie anzuſehen, wö rend ſie am Fenſter ſpielte oder arbeitete, oder au über die Straße ging, daß er es für ausgema annahm, ſie müſſe unwillkürlich ihn gleichfalls wi der erkennen. „Wer war denn ſein Pflegvater?“ ſiel die ah Dienerin ein. 3 „Thorsſon, deſſen Schmiede gerade den Fenſten der Herrſchaft gegenüber ſich befand.“ 4 ei un nte nig ſti oß ten me nei lüt en⸗ no ed⸗ che NV vel vät au wit al ſter 47 „Herr Jeſus, Fräulein Olga! Das iſt ja der Lehrling, welcher die Jungfer Greta ermordet hat!“ rief die Dienerin, faßte das Mädchen erſchrocken am Arme und zog ſie von ihm weg, als fürchtete ſie, er könnte derſelben etwas Uebels anthun. Olga ſchauderte bei dieſen Worten, ſah Jvar mit einem Ausdruck kindlichen Entſetzens an und folgte der Dienerin. Jvar wußte ſelbſt nicht, wie ihm geſchah, ſo weh ward es ihm ums Herz. In ſtummer Verzweiflung legte er die Hände über der Stirne zuſammen und murmelte: „Gott Vater, hilf mir Unglücklichen!“ VI. Am folgenden Morgen wanderte Jvar mit ſei⸗ nem Bündel auf dem Rücken durch eines der Thore, gleichviel welches, zur Stadt hinaus. Sein frühe⸗ rer Frohſinn war verſchwunden. Mit ſchwerem Schritt und ſcheuem Blick ſetzte er ſeinen Weg fort. Wo er ſein Brod finden ſollte, das wußte er nicht; er hatte nur einen klaren Gedanken, den, daß er weit, weit von der Hauptſtadt hinweg wollte. Wir wollen ihm nicht Schritt für Schritt folgen, nicht von allem dem Mißgeſchick erzählen, welches dem armen, von der ganzen Welt verlaſſenen Kna⸗ ben widerfuhr. Zwei Wochen war er umhergeirrt, ohne irgend einen Platz als Schmiedelehrling zu finden. Schüch⸗ tern und ungewohnt, um Almoſen zu bitten, hatte meinen Wohlthätigkeit ſeine Zuflucht genommen Jetzt war er den ganzen Tag zwecklos umherg⸗ wandert, ohne irgendwo bittend an eine Thüre ge klopft zu haben. Es war ein heller, milder Decembertag, kurz vo Weihnachten. Die Sonne war zur Ruhe gegange und die kurze Winterdämmerung lag über die Erd ausgebreitet. Jvar, halb todt vor Müdigkeit und Hunger hatte ſich auf einen Stein geſetzt. Neben ihm lah ſein kleines Bündel. Er ſtützte die Arme auf di Kniee und verbarg ſein Angeſicht in den Händen Vollkommen unempfindlich für das Gemälde, welche ſich vor ihm ausdehnte, war Jvar mit Geiſt un Körper in vollkommene Hoffnungsloſigkeit verſunken Vor ihm lag eine große Feldfläche, an dere Ende zahlreiche Gebäude, darunter verſchiedene m hohen Dampfeſſen, ſich erhoben. Der ganze klein Ort, Stadt, Flecken oder Dorf, wie man ihn nenne mochte, war ringsum von Wald umſchloſſen. Ueber die ſchneebedeckte Fläche fielen die Schal ten immer größer und größer, bis ſie endlich mi der Abenddämmerung verſchmolzen. Am Firmamel entzündete ſich ein Stern nach dem andern, und al alle Lichter der Nacht dort in ihrem vollen Glan ſtrahlten, trat auch der Mond hervor, vleich un kalt, leuchtend wie ein König, von ſeinem Hofe un⸗ geben. Mit königlicher Freigebigkeit übergoß er die Gegend mit ſeinem Silberfluß. Rundherum herrſchte vollkommene Stille, und der einzige Laut, welcher dos 4 er nur, wenn der Hunger ihn antrieb, zu der allge ge en g vo ger rd et la di en hei n en re m in ie at ni en al nd m⸗ die hte 49 Schweigen unterbrach, war das dumpfe Rauſchen eines fernen Waſſerfalls. Unvermuthet ließen ſich raſche Tritte im Walde hören, und eine friſche, muntere Stimme ſang: „Wohlan, laß' Sorgen fahren, Sie ſind zur Bürde blos; Zufriedenheit bewahren, Das iſt ein glücklich Loos.“ Bei dem Ton dieſes fröhlichen Liedes fuhr Jvar zuſammen, ohne jedoch ſeine Stellung zu verändern. Inzwiſchen war der Sänger näher gekommen. lötzlich ſchwieg er, und eine helle Stimme rief: „Hallo! Was biſt Du für ein Schelm? Sitzeſt Du da und warteſt auf die Elfenkönigin?“ „Ich bin ein wandernder Schmiedelehrling, wel⸗ cher Arbeit ſucht,“ antwortete Jvar und hob den Kopf in die Höhe. Es lag in der Stimme deſſen, der ihn angeredet hatte, Etwas, das dem Knaben Vertrauen einflößte. „Wer da ſuchet, der findet,“ antwortete der Sän⸗ ger.„Du ſcheinſt jedoch nicht gefunden zu haben, was Du ſuchſt. Du darfſt aber nicht glauben, daß ein Nagel auf den erſten Hammerſchlag fertig iſt; er muß noch oft auf dem Amboß umgedreht wer⸗ den. Nun warum ſiteſt Du da, um ſo kläglich zu flennen?“ „Ich wußte nicht, wohin ich mich wenden ſollte, um ein Obdach zu finden.“ „Und deßhalb ließeſt Du das Waſſerwerk ſpie⸗ en? Wenn Du ſonſt keine Sorge haſt, ſo komm nur mit mir; ich kann Dir ſchon Etwas zu eſſen Schwartz, Arbeit adelt den Mann. I. 4 geben, und auch ein Nachtlager, wenn's daran fehl Alſo vorwärts und heim zu mir.“ Damit ſchritt er raſch vorwärts, indem er ſ nen Geſang wieder anſtimmte: „Ein Schmied hat keine Sorg' im Haus, Er treibt ſie durch die Eſſe aus.“ „Nun, Burſche, biſt Du da,“ rief er, ſich unte— brechend, und ſchaute rückwärts.„Ci zum Teufl ich glaube, Du haſt keine Beine bei Dir. Du bi meiner Seele, nicht überfüttert, merke ich.“ Damit trat er auf Jvar zu, welcher nur m größter Mühe einige Schritte zu gehen vermocht Ehe Jvar nur ein Wort zu ſprechen im Stand war, hatte der rüſtige Schmied ihn auf ſeine Schu tern genommen, worauf er ſeine Wanderung m ebenſo raſchem Schritt fortſetzte, während er ga munter ſagte: „Du biſt mir ein ſchwacher Schmied; Du wieh ja nicht mehr als ein vierzölliger Nagel. Ich möch nur wiſſen, wie ein ſolcher Wicht einen Hammer führen vermag. Wahrſcheinlich haſt Du niemal etwas Anderes gethan, als den Blaſebalg g zogen. Nun, nun, die Sache wird ſich ſcho machen, wenn Du nur erſt mit Fleiſch und Karte t feln wieder gefeſtigt biſt.— Was Millionen Han merſchläge, ich glaube, der Schlingel ſtirbt mir! rief er und blieb ſtehen. Jvar, welchen er auf dem Rücken trug, hatt alle Muskelſpannkraft verloren und hing ſchwer un ſchlaff auf den breiten Schultern. 3 „Aha!“ murmelte der Schmied, als er dem „——— — — ſei tet mi ben den Puls gefühlt hatte,„er hat das Bewußt⸗ ſein verloren. Ich kann mir denken, daß er Nichts zu eſſen bekommen, und ſo iſt er faſt verhungert. Da läßt ſich ſchon abhelfen.“ Mit dieſen Worten marſchirte er raſch vorwärts bis zu den vielen Häuſern, welche auf der andern Seite der Ebene ſichtbar waren. Hier trat er mit ſeinen Bürde in eine kleine, neugebaute Wohnung und legte ſie auf das Bett nieder, welches in der ge⸗ räumigen Stube ſich befand. Darauf ſchlug er Feuer und betrachtete Jvar näher. „Hu! Der ſieht ja aus, wie wenn er ſchon eine Leiche wäre. Da muß etwas Stärkendes her, um dem armen Jungen wieder Leben einzu⸗ blaſen.“ Geſagt, gethan; im nächſten Augenblick hatte der Schmied auch Jvar ein ganzes Glas Wermuth⸗ branntwein eingeflößt, welches die gewünſchte Wir⸗ kung hervorbrachte. Der Junge kam wieder zu ſich und machte da⸗ bei ſo wunderliche Geberden, daß der muntere Schmied zu lachen anfing. Eine Stunde ſpäter wurde ein Topf mit Kar⸗ toffeln vom Feuer gehoben, worauf Jvar und ſein Wirth ſich am Herde niederließen und beide mit gutem Appetit zugriffen. Nachdem ſie ſich geſättigt hatten, brachte der Schmied einen Krug Bier herbei, zündete ſich eine kleine Pfeife an und ſagte, indem er Jvar den Krug reichte: „Na, trink und erzähle mir dann, was Du eigentlich für ein Kumpan biſt, wie Du auf Irr⸗ 4* 52 wege gekommen, und was Du anzufangen gedenkſt Siehſt Du, ich heiße Bengt und wohne mit meine Mutter zuſammen, einer frommen alten Frau, welch eben in die Stadt gefahren iſt, um Mundvorräth einzukaufen. Uebrigens bin ich Schmied und arbeit in Lange's Fabrik, ſo daß Du, wenn Du ein bro ver Junge biſt, vielleicht hier ein Unterkommen fin den kannſt. Wir haben einen trefflichen Herrn, da darfſt Du glauben. Er gibt jedem, der Etwas leiſten verſteht, gern Arbeit.“ Jvar erzählte wahrheitsgetreu ſeine Lebensſchic ſale. Als er zu Greta's Ermordung kam, umwöll ſich Bengt's Angeſicht, und er betrachtete Jvar mi ſcharfem Auge, während er ſagte: „Das iſt eine häßliche Geſchichte, und wird in mer einen Flecken auf deinem Charakter hinterlaſſe Höre, Junge, haſt Du in dieſer ſchmutzigen Wäſch auch ein Stück gehabt, ſo kannſt Du nicht verlon gen, daß ein ehrlicher Menſch ſich um Dich bekün mern ſoll.“ Jvar ſah Bengt mit einem ſo reinen und ofſ⸗ nen Blick an, daß derſelbe von wirklicher Unſchub Zeugniß gab. So dachte der Schmied wenigſtens „Niemals hätte ich an der Aſche meines todt⸗ Meiſters mich ſo verſündigen können. Nein, Gol allein weiß, daß ich vollkommen ſchuldlos bin,“ ſag der arme Knabe. „Hm, hm!“ ſtieß Bengt zwiſchen den Rauchwo ken hervor und ſchwieg eine Weile, während ſeine Augen auf Jvar heftete. Endlich rief er: „Du ſiehſt mir nicht wie ein Miſſethäter u W ſ⸗ u n ot gi 53 um ſo ſchlimmer für Dich, wenn Du es wäreſt. Ich will das Gegentheil glauben. Es iſt beſſer, von ſeinem Nebenmenſchen Gutes, als Böſes zu denken. Geh' nun und lege Dich dort in's Bett;— ich will die Nacht auf der Bank zubringen— nun, nun, keine Einwendungen.“ Jvar ließ ſich dieß nicht zweimal ſagen, ſondern kroch in das Bett. Nachdem er ein ſtilles Gebet zu Gott geſtammelt hatte, ſchlief er feſt ein. Bengt ſaß noch lange da und ſchürte das nie⸗ dergebrannte Feuer. Als die letzte Kohle erloſch, ſtand er auf, indem er bei ſich ſelbſt ſagte: „Der Patron wird auch ein Wort bei dem Jun⸗ gen mitreden.“ Seine Augen fielen auf Jvars bleiche, abge⸗ zehrte, aber kindlich reine Züge. Der Knabe ſchlief ganz ruhig. „Der Teufel ſelber dürfte ſich nicht unterſtehen, von dem armen Burſchen etwas Schlimmes zu den⸗ ken. Ich habe, hol' mich der und der— nicht das Herz, ihn wieder fortzujagen. Es gehe, wie es wolle, er ſoll bei mir bleiben.“ VII. Einige Tage darauf war Weihnachten. In Bengt's ſauberer, aber äußerſt dürftiger Stube war der Bo⸗ den mit fein gehackten Tannenzweigen beſtreut und Alles hübſch hergerichtet. Eine ältere Frau war an dem Herde beſchäftigt, wo ein munteres Feuer flackerte und ſeinen Schein 54 über das ganze Zimmer warf. Von Zeit zu Zeit flogen ihre Blicke nach der Uhr, und dann wieder nach dem Bett hinüber. Hinter den zugezogenen Gardinen hörte man die Athemzüge eines Schla fenden. Draußen fiel ein Schnee, aber ohne Kälte und Wind. „Ich möchte nur wiſſen, wann mein Junge kommt,“ ſprach die Alte bei ſich ſelbſt und rührte in einem großen Topf.„Nun, er wird wohl bal mit den Medikamenten für den armen Knaben in Bette wieder hier ſein. Dafür ſoll er auch an den heutigen geſegneten Abend etwas recht Gutes auf den Tiſch bekommen.“ Ein Seufzer ließ ſich von dem Bette her ver nehmen. Die Alte ſchlich ſich hin und zog die Vorhänge auf die Seite. rar lag in tiefem Schlafe, aber ſein Geſich war von Fieber geröthet. S „Armes Kind,“ ſagte Inga, Bengt's Mutter und betrachtete denſelben mitleidig.„Der hat auch keine Heimath gehabt und keine ehrlichen Eltern welche an ſeiner Wiege zu Gott beteten; darum iſ es ihm ſo ſchlimm ergangen.“ Die Alte faltete die Hände und ſprach ein ſtilles Gebet. Darauf zog ſie die Vorhänge wieder zu und kehrte an den Herd zurück. Draußen ließ ſich eine helle Stimme vernehmen welche ſang: Am Abend von der Arbeit zieh' Ich heim zum trauten Herd, ge te m m 1 ⸗ t er ich iſt es nd en, 55 Da iſt mir nach des Tages Müh' Die Ruhe gar ſo werth. Ehe der Geſang noch zu Ende war, öffnete Mutter Inga die Thüre und rief: „Gott ſei gelobt, daß Du wieder da biſt, lieber Bengt, damit wir an dieſem Tag des Herrn bei⸗ ſammen ſein können.“ „Ich danke Dir, Mutter,“ erwiederte Bengt, in⸗ dem er der Alten zärtlich die Wange ſtreichelte. Er ſah froh und vergnügt aus. „Wie ſteht es mit dem Knaben? Es würde mir viel leichter um's Herz ſein, wenn er wieder geſund wäre.“ „Gott wird ſchon helfen, wenn nur das geſchieht, was der Doctor ſagt.“ Bengt trat zu dem Bette. Als er ſich über den kranken Jwar neigte, ſah derſelbe auf. „Wie geht es mit Dir,“ fragte Bengt und fuhr Jvar mit ſo liebevoller Theilnahme über das Geſicht, als ob der Knabe ihm angehörte. „Ach, ich glaube, mir iſt ſchon etwas beſſer,“ antwortete derſelbe. „Biſt Du im Stande, Dich aufzurichten und ein⸗ zunehmen?“ Nachdem dieß gethan war, legte Mutter Inga Jvar's Kiſſen ſo, daß er ſitzen konnte, worauf ſie einen Weihnachtstiſch deckte, Brod darauf legte und einen Chriſtbaum dazu ſtellte. Als dieß bewerkſtel⸗ ligt war, nahmen Bengt und Mutter Inga Platz an dem Tiſche; dann ſchlug der Erſtere ein Kapitel in der Bibel auf und las es mit klarer und lauter Stimme vor. 56 Während des Leſens rannen Jvar langfam di Thränen über die Wangen. Er dachte an ſeiner verſtorbenen Meiſter, und wie er Bengt ſo ſah und hörte, kam es ihm vor, als hätte er den Heimge gangenen vor ſich. Nach dem Leſen ſang Bengt einen Pſalm, und als dieß geſchehen war, wurde Fiſch und Grütz aufgetragen. Mutter Inga pflegte Jvar mit einer Zärtlichkei als ob er ihr eigenes Kind geweſen wäre, und in den Feiertagen ſaß Bengt daheim und las den kranken Jvar und der Mutter vor. Es lag etwas Schönes und einfach Rührende in der Art und Weiſe, wie die ſchlichte Schmieds familie das Weihnachtsfeſt beging. Ein Geiſt des Friedens und des Segens ruhte auf dieſem kleine Hauſe, wo Genügſamkeit, Fleiß, Eintracht und Frömmigkeit ihren Wohnſitz aufgeſchlagen zu habel ſchienen. Jvar erholte ſich allmälig, ſo daß er mit Ein tritt des neuen Jahrs das Bett verlaſſen hatte aber er war ſo bleich und mager, daß Mutter Inge zu ſagen pflegte, es würde ein halbes Jahr vergehen ehe er es nur ſo weit brächte, einen Hammer halté zu können. Bis zur Wiederkehr ſeiner Kräfte ſollt er daheim bleiben und ihr im Hauſe an die Hand gehen. Des Abends beſchäftigte er ſich mit Hol ſchnitzereien und da machte er kleine Mühlen, Wägel und dergleichen. Wenn Bengt ſah, womit er ſi unterhielt, ſagte er: „Du haſt viel Gewandtheit in der Hand un wirſt mit der Zeit ein tüchtiger Drechsler werden die ten m g ind ite gen ſi und 57 Eines Tags, als er für Mutter Inga etwas Kleinholz zum Backen holen ſollte, wartete ſie lang vergebens auf ſeine Rückkehr. Fürchtend, er möchte wieder krank geworden ſein, ging ſie hinaus in den Schuppen, um zu ſehen, was aus ihm geworden wäre. Sie fand ihn auf einem Holzklotze ſitzend und damit beſchäftigt, allerlei wunderliche Figuren auf dem Erdboden zu zeichnen. „Aber, liebes Kind, was denkſt Du, ſo dazuſitzen und zu ſpielen, während ich warten muß?“ ſagte Mutter Inga halb erzürnt. „Ach, liebſte Mutter, ſeid nicht böſe; ich habe mich ganz vergeſſen. Wenn nur Bengt mich bald in die große Werkſtätte mitnähme; das würde mich ſehr freuen.“ „Nun, das wird ſchon geſchehen; aber ſieh', der Doctor ſagte, Du ſeieſt noch ein ſo ſchwächliches Ding, und darum wollten wir, Bengt und ich, Dich noch zu Hauſe behalten, ſo lang es kalt iſt. Du biſt kein ſo kräftiger Burſche, wie mein Bengt, und darum mußt Du Dich in Acht nehmen.“ Als nun Bengt nach Hauſe kam, redete Jvar mit ihm über die Möglichkeit, ihn in die Fabrik zu begleiten. Einige Tage hernach bat er denſelben ſo flehentlich, ihm daſelbſt Arbeit zu verſchaffen, daß er endlich das Verſprechen von ihm erhielt, mit dem Patron Lange zu reden. VIII. Die Mittagsſtunde hatte geſchlagen und die Fabrik⸗ gebäude von Akersnäs boten ein ſehr lebhaftes Ge⸗ 58 mälde. Die Höfe derſelben waren mit Leut en a gefüllt. „Höre, Bengt, komm' und ſing' uns eines deine Lieder,“ riefen einige rußige Schmiede dieſem zu welcher ſeine Mütze abgenommen hatte und mit do groben Händen ſich das Haar glatt ſtrich. „Da müßt ihr wohl ſelbſt in's Zeug, wenigſten heute,“ antwortete Bengt und lachte, daß ſein ganz Reichthum von geſunden und weißen Zähnen zun Vorſchein kam.„Ich gedenke dem Patron Eins vor zuſingen, und da fällt beim Teufel Richts für euch ab“ Nachdem er dieſen Beſcheid gegeben, ging u mit feſtem Schritt über den Hof und nahm den Weh zu dem ſchönen Wohnhauſe des Fabrikherrn Jacobt Lange. „Ich möchte mit dem Herrn Patron etwas gal Beſonderes reden,“ ſagte Bengt, als er vor Jacobt in dem Comptoir ſtand. Lange ging in ein Zimmer, welches links vo dem Comptoir lag, und winkte Bengt, ihm zu folgen Mit großer Unerſchrockenheit führte der Schmie ſein Vorhaben aus und erzählte, wie er Jvar g troffen, und Alles, was ihm dieſer ſelbſt von ſeine Lebensſchickſalen geſagt hatte. Jacobo hörte ihn ſchweigend an. Als der Schmie zu Ende war, bemerkte er: „Dein Schützling, Bengt, empfiehlt ſich nich ſonderlich, wenn er in eine ſo gräßliche Geſchichts wie die Ermordung der alten Frau, verwickelt ge weſen iſt. Es fragt ſich nun, ob ich einen ſolche jungen Menſchen unter die Zahl meiner unbeſchol tenen Lehrlinge aufnehmen darf. Du ſelbſt kannt ne zu den en tze un or e ob au ob oon en ien g ten ied icht e g hen ob nſ 59 doch nicht für den Jungen bürgen, dazu kennſt Du ihn allzu wenig, und haſt ihn nur unter ſo unglück⸗ lichen Verhältniſſen geſehen, daß es ſein eigener Vortheil gebot, Dir eine gute Seite ſeines Charak⸗ ters zu zeigen.“ „Herr Patron, mag der Knabe Mitwiſſenſchaft von dem Mord gehabt haben oder nicht, ſo iſt er im ſchlimmſten Falle hiezu verführt worden, und ſo weit ich bis jetzt ihm in's Herz geſehen habe, iſt daſſelbe in gutem Zuſtande. Im Uebrigen iſt er ſchutzlos und unglücklich, das heißt, man darf nicht die Hand von ihm abziehen und ihn zum Verderben für ſich und Andere in die Welt hinausſtoßen. Wenn ein Gerechter ſiebenmal fällt, ſteht er auch wieder auf, ſagt die Schrift, aber kein Gerechter kann auf⸗ ſtehen, wenn Alles ihn verſtößt. Deßhalb ſcheint es mir, daß ich den Jungen behalten muß, da er mir einmal in den Weg gekommen iſt, und ſo denke ich, daß der Herr Patron ihm auch Arbeit geben muß.“ „So?“ entgegnete Jacobo lächelnd;„aber biſt Du gewiß, daß die Arbeiter ihn unter ſich dulden werden, im Fall ſie erfahren, daß er bei einem ſo gräßlichen Verbrechen betheiligt war? Ich fürchte, ſie werden, da ſie alle mehr oder minder ſtolz auf ihren guten Namen ſind, ſo übel gegen den Jungen geſtimmt werden, daß ſie ihn die ganze Laſt ihres Widerwillens fühlen laſſen. Mit dem beſten Willen von der Welt werde ich ihn gegen den Ausbruch derſelben nicht ſchützen können.“ „Ich ſollte doch meinen, Herr Patron, Bengt Bengtsſon genieße ſo viel Reſpekt, daß er den Kna⸗ —— 60 ben zu ſchützen vermag, wenn ich erkläre, daß mir angehört. Ich möchte doch den ſehen, welcher Luſt dazu hätte, es auf einen Streit mit mir an⸗ kommen zu laſſen. Es hat ſomit keine Gefahr bo der Sache, und wenn der Herr Patron nichts Schlin meres einzuwenden weiß, ſo ſollte Jvar wohl Arbei finden, denke ich. Chriſtlich wäre es gerade nich Nein zu ſagen, das iſt meine Meinung, Hen Patron.“ Jacobo überlegte eine Weile. Bengt ſetzte ſich auf einen Stuhl neben d Thüre, um abzuwarten, welchen Beſchluß ſein Fabri herr faſſen würde. Ehe jedoch Lange ſein Stillſchwe gen brach, trat einer der Buchhalter ein und ſagte „Baron Axelhjelm wünſcht mit dem Herrn Po tron zu ſprechen.“ „Baron Arelhjelm, wer iſt das?“ fragte Jacolt und ſah den Buchhalter verwundert an. „Es iſt ein Zögling des technologiſchen Inſtituts welchen Graf Romarhjerta empfohlen hat.“ „Ah ſo,“ entgegnete Jacobo, und ein Ausdru des Mißvergnügens flog über Lange's Angeſicht „Laſſen Sie ihn hereinkommen.“ Bengt blieb ſitzen und dachte: „Ich will doch ſehen, ob der Baron nicht dail beiträgt, daß Jvar in die Werkſtätte kommt; den weiß ich wirklich, von welchem Schrote der Patrol iſt, ſo wird er nach der Unterredung mit jenen Burſchen beſſer für meine Worte empfänglich ſein Es gelüſtet mich in der That, zu hören, wie de vornehme Vogel ſingt. Wie des Patrons Weiſ lautet, das weiß ich wohl.“ m o in e iſe 61 Weiter kam Herr Bengt in ſeinem ſtillen Mo⸗ nologe nicht. Eintrat ein junger Mann, gut ge⸗ kleidet, mit einer gewiſſen Sicherheit in Haltung und Manieren. Er trug den Kopf auf eine Weiſe, welche er ſelbſt gewiß als in vollkommener Ueber⸗ einſtimmung mit dem äußern Charakter eines Edel⸗ manns befindlich anſah. Er machte Herrn Lange eine artige Verbeugung und warf Bengt einen ſchiefen Blick zu. „Willkommen, Herr Arelhjelm,“ ſagte Jacobo und reichte ihm die Hand.„Romarhjerta wünſcht, daß ich Sie in meine Werkſtätte aufnehme, und aus Freundſchaft für ihn bin ich von meiner beſtimmten Regel, keine Kinder vornehmer Leute als Arbeiter zuzulaſſen, da ſie ſelten Etwas taugen und noch ſel⸗ tener gute Kameradſchaft mit den Andern halten wollen,— dießmal abgewichen. Ich habe verſprochen, eine Ausnahme mit Ihnen zu machen, und hoffe, Herr Arelhjelm, daß Sie mir keine Urſache geben, es zu bereuen.“ „Beim Teufel, der Patron haut auf den feinen Herrn ordentlich los; und der ſieht ſo roth im Geſicht aus, als ob er gerade vom Feuer käme.“ „Mein Onkel, der Graf Romarhjerta, ſagte mir, ich würde Werkaufſeher werden,“ fiel der junge Baron ein, deſſen Angeſicht bei Lange's Worten eine höhere Färbung angenommen hatte. „Das hat er wohl kaum ſagen können, denn ich habe nur verſprochen, Sie als Zögling anzuneh⸗ men, ohne daß Sie eine Bezahlung zu entrichten hätten; im Gegentheil, Sie werden ſolche erhalten, wenn Sie einige Uebung in der Arbeit erlangt ha⸗ 62 ben. Sie ſind im Uebrigen erſt ein junger Mann von zwanzig Jahren und können ſomit keine An⸗ ſprüche auf die Stelle eines Werkmeiſters in einer ſo großen Fabrik wie die meinige machen. Dazu ſind Kenntniſſe erforderlich, Einſicht und Erfahrung, die erſt erworben werden müſſen. Wenn der Platz, welchen ich verſprach, Ihnen nicht behagt, ſo können Sie Ihren Oheim davon unterrichten, im andern Fall kann Herr Arelhjelm jederzeit eintreten.“ „Was mein Onkel für mich angenommen hat, kann mir nur genehm ſein,“ antwortete der junge Edelmann. „Wie es Ihnen beliebt.— Haben Sie Kungs⸗ borg beſucht?“ „Ich komme von dort und werde dieſen Nach⸗ mittag dahin zurückkehren.“ „Gut! Dann treffen wir uns dort heute Abend, und morgen haben Sie wohl hinlänglich ausgeruht, um in der Werkſtätte an die Arbeit zu gehen.“ Jacobo reichte ihm die Hand und nickte ihm einen Abſchiedsgruß zu. Axelhjelm verbeugte ſich, und als er das Zim⸗ mer verließ, ſchleuderte er Bengt einen Blick wirk⸗ lichen Haſſes zu. „Ei, das iſt ein ſchlechter Fiſch zum Schuppen,“ dachte Bengt.„An mir hatte er kein ſonderliches Wohlgefallen, wie aus dem Blick, den ich bekam, deutlich zu erſehen war. Aber das kümmert mich nicht. Es kann noch geſchehen, daß ich ihn verthei⸗ digen muß, den Thoren, wenn er mit den Kamera⸗ den, die nicht alle mit ſich ſpielen laſſen, in Händel geräth.“ „Nun, woran denkſt Du, mein lieber Bengt?“ fragte Jacobo, der jetzt vor dem Schmied ſtand. „O Himmel, es kam mir nur vor, als hätten Sie den Schützling des Grafen ſehr bereitwillig aufgenommen, während dagegen noch unentſchieden iſt, was dem meinigen für ein Loos zu Theil wird. Natürlich, ich bin nicht Herr zu Kungsborg, und deßhalb wird wohl Jvar ohne Arbeit ausgehen. Aber das behaupte ich feſt, daß der Junge daheim bei mir um ein Bischen beſſer iſt als der feine Baron, und der Herr Patron wird das noch ſelbſt erfahren. Ich ſpüre ſo, daß der vornehme Arbeiter der Fabrik mehr Aergerniß geben wird, als alle die übrigen dreihundert. Mit dieſen Worten erhob ſich Bengt. Jacobo war während der etwas freimüthigen Rede des Schmieds im Zimmer auf⸗ und abgegangen. Da er ſeine Wanderung ſtillſchweigend fortſetzte, ſo nahm Bengt noch einmal das Wort. „Mit Verlaub, Herr Patron, darf ich Jar in die Werkſtätte mitnehmen? Ich werde es ſchon ſo zu richten wiſſen, daß er meiner Empfehlung Ehre macht.“ Jacobo blieb ſtehen und ſprach beinahe ſtreng: Warum ſagteſt Du, ich würde dem jungen Burſchen den Eintritt verweigern, weil Du nicht Beſitzer von Kungsborg wäreſt?“, „Ach, ich wollte nur dem Herrn Patron zu Ge⸗ müth führen, daß derjenige, welchen der Schmied Bengt in ſeinen Schutz genommen hat, viel übler daran iſt, als einer, für welchen der Graf ſich ver⸗ wendet.“ „Was den Jungen betrifft, ſo ſollſt Du heute Abend, ehe Du nach Hauſe gehſt, meine Antwort er⸗ ete halten,“ bemerkte Jacobo, indem er Bengt zunickte, obwohl nicht ſo freundlich wie ſonſt. „Sie ſind doch nicht böſe, Herr Patron?“ fragte wen und ſah den Fabrikbeſitzer mit offenem Blick an. „Nein! „Aber unzufrieden ſind Sie beſtimmt, Herr Pa⸗ tron, und das thut mir ſehr leid, denn ich würde den letzten Funken meines Lebens für Sie geben. Wenn Bengt alſo etwas Dummes geſagt hat, ſo.. „Sollte ich daran gewöhnt ſein,“ ſiel Jacobo lã⸗ chelnd ein.„Du haſt Dich ében einmal zu frei aus⸗ geſprochen, und ſomit lebe wohl.“ Mehenieſen Worten gab Lange den Arbeiter ei. nen leichten Schlag auf die Schulter und verließ das Zimmer. Der Schmied dachte, als er in die Werkſtätte zu⸗ rückkehrte: „Ich bin ein ſakramentiſch unbedachtſamer Lüm⸗ mel, daß ich mein Maul nicht halten kann, ſondern immer den Hammer am unrechten Ort aufſetze. Ein Mann wie der Fabrikherr findet ſich nicht mehr, und doch ſpreche ich ſo dumm gegen ihn heraus; aber warte nur, mein lieber Bengt, ich werde wahrhaftig den Kitzel aus dir heraus klopfen.— Gott ſegne un⸗ ſern Patron und behüte ihn. Ein rechtſchaffener und trefflicher Mann iſt er, und darum wird er auch geehrt und geliebt. Wehe dem, der ihm nicht Ach⸗ tung und Reſpekt beweiſen wollte; dem ſchlüge ich den Hirnſchädel ein.“ Einen ganz andern Monolog hielt Evert Axelhjelm, —— S N S* 65 als er in einem Wagen des Grafen Romarhjerta von Akersnäs nach Kungsborg fuhr. „Dieſer elende Emporkömmling, der ſo ſtolz auf ſein Geld iſt, wagt mich mit ſolchem Uebermuth zu behandeln.— Ah! Ich fühle ſchon, wie ich ihn von ganzer Seele haſſen und verabſcheuen werde.— Ich — Kamerade mit ſeinen Arbeitern! Ich, von ſeinen Schmieden als ihresgleichen betrachtet?“ Bei dieſem Gedanken traten dem jungen Baron Thränen des Zorns und gekränkten Stolzes in die Augen. „Iſt es nicht ſchon Unglück genug, daß ich arm bin, ohne dieſe ſchrecklichen Demüthigungen?— O, wenn ich daran denke, daß ich, ein Axelhjelm, unter rohen Schmieden arbeiten ſoll, ſo ſterbe ich vor Kum⸗ mer und Verdruß. Und wer iſt Schuld daran? Ja, eben der Onkel. Haben meine Eltern mir auch kein Vermögen hinterlaſſen, ſo hätte er, der Couſin meiner Mutter, mir doch eine andere Erziehung ge⸗ ben und für mich eine andere Laufbahn wählen können, als diejenige iſt, in welche ich jetzt trete. Für die Koſten, welche er mit mir nach dem Tode meiner Eltern gehabt hat, bin ich ihm keinen Dank ſchuldig, denn er iſt ſo reich, daß dieß für ihn ſo viel als nichts ausmacht. Und ich Thor, der ich mir einbildete, daß ich auf dieſem Wege ſchneller zu Reichthum gelangen würde, weil ich ein Edelmann bin. Ich wollte das Handwerk durch meinen Namen erhöhen, und nun ſchützt dieſer Name mich nicht einmal vor einer ſo rohen Behandlung, wie die, welche ich ſo eben erfahren.“ Schwartz, Arbeit adelt den Mann. J. 5 66 IX. „ In dem großen Kamin des untern Salons zu Kungsborg flackerte ein munteres Feuer und warf ſeinen Schein über daſſelbe Zimmer, wo Stephana ſo oft über ihren Kummer gebrütet hatte, und wo ſie hernach einen ſo reichen Lohn für ihre Liebe und ihre Leiden fand. Auf demſelben kleinen Sopha, auf welchem ſie ſaß, als Graf Hermann ihr ſeinen erſten Beſuch machte, finden wir ſie auch heute. Fräulein Helfrid Romarhjerta hatte in einiger Entfernung von Stephana auf einem Fauteuil Platz genommen und ſchaute gedankenvoll in die lodernde Flamme. Graf Hermann ging im Zimmer auf und ab. „Axelhjelm war mit ſeinem Beſuch bei Jacobo nicht ſonderlich zufrieden,“ bemerkte Stephana, welche ihrem Gemahl auf ſeiner Promenade mit den Augen folgte.„Er bat mich, bei ſeinem geſtrengen Onkel ein gutes Wort für ihn einzulegen, und der junge Herr ſah ſo betrübt aus, paß Stephana hielt inne und lächelte. „Daß Du Dich verſucht fühlteſt, auf ſeine Seite überzugehen. Hüte Dich, Stephana,“ ſetzte der Graf hinzu und erhob drohend den Finger;„ich könnte ſonſt gar leicht auf den Glauben gerathen, daß Du nur eine ſtrenge Republikanerin geweſen, als es galt, mich zu plagen.“ 16 „Still, mein Freund, Du weißt ja nicht, was — — — 8— 67 ich ſagen wollte. Du haſt mich mitten im Satze unterbrochen.“ „Nun, ſo laß hören,“ erwiederte der Graf, in⸗ dem er ſich neben Stephana ſetzte und ſeinen Arm um ihren Leib legte.„Du brachſt ab mit einem . „Er ſah ſo betrübt aus, daß ich anfing....“ „Zu weinen!“ „Ganz und gar nicht; ich lachte und bat ihn, ſich um Gottes willen nicht lächerlich zu machen.“ „Immer dieſelbe grauſame Frau!“ rief Hermann, ihre Hände mit Küſſen bedeckend. Hier wurden ſie von Jacobo Lange unterbrochen, welcher gerade eintrat. Nachdem er gegrüßt hatte, ſagte der Graf lachend: „Du biſt doch ein Menſch ohne Herz und Gefühl, mein lieber Lange. Bedenke, einen Baron Axelhjelm auf ſo grauſame Weiſe zu behandeln, wie Du heute gethan haſt. Der junge Herr erſtickte faſt vor Aerger, als er hieher zurückkam.“ „Was ſollte ich machen? Da Du deinen Pro⸗ tegé durchaus bei mir und unter meinen Schmieden haben willſt, ſo muß er es ſich auch gefallen laſſen, als einer der Unſerigen betrachtet zu werden. Er⸗ innere Dich, daß der Stahl gehärtet werden muß.“ „Und der Hochmuth gebeugt,“ fiel der Graf mit Ernſt ein.„Es iſt beſſer, Axelhijelm lernt ſchon in der Jugend, daß Arbeit keine Schande iſt, anſtatt, wie ich, dieſe Kenntniß nachholen zu müſſen, wenn er ein Mann geworden iſt. In paſſendere Hände als die deinigen konnte er alſo nicht kommen.“ „Sehr ſchmeichelhaft,“ verſicherte vtngei 4 68 „aber ich fürchte, der adelige Arbeiter wird mir recht viel Verdruß machen.“. „Das hat weniger zu bedeuten, wenn Du nur einen Mann aus ihm machſt,“ fiel Stephana ſcher⸗ zend ein. „Was halten Sie, Fräulein, von ſolchen Freun⸗ den?“ fragte Jacobo, indem er ſich neben Helfrid niederließ.„Der eine nöthigt mir einen hochmüthi⸗ gen jungen Menſchen auf, deſſen Ausſehen von allem Anderen, nur keinem geſunden Menſchenverſtand Zeugniß gibt, und die andere beglückwünſcht mich zu dieſer Unannehmlichkeit, ſofern es mir nur ge⸗ lingt, aus dem jungen Herrn einen braven Mann zu machen.“ „Das beweist nur, daß Ihre Freunde Ihr Be⸗ ſtreben, Nutzen zu ſchaffen, wohl kennen. Ich kann jedoch meines Bruders. Handlungsweiſe in Bezug auf Evert Axelhjelm nicht billigen.“ „Ah! Sie finden es unrecht, daß er einen Baron zu einem Handwerker gemacht hat.“ „Eine andere Laufbahn hätte für Arelhielm allerdings gewählt werden können,“ bemerkte Helfrid. „Und welche denn?“ fragte Graf Hermann. „Cvert beſitzt durchaus kein Vermögen; zum Stu⸗ diren fehlt es ihm an Neigung; aber dagegen hat er wirklich Anlage für die Mechanik. Ich bin feſt überzeugt, daß er auf dieſem Wege eine ſchöne Carridre machen und ſich Unabhängkeit ſchaffen kann, wozu er es als Militär nie gebracht hätte. Geſtehe, Helfrid, daß es etwas Erniedrigenderes, als von der Gnade ſeiner Verwandten leben zu müſſen, für einen jungen und geſunden Mann nicht gibt.“ ———— 69 „Das iſt wahr, aber doch ſollte er von der Ar⸗ beit in der Werkſtätte befreit bleiben.“ „Und warum?“ fragte Jacobo, indem er ſeine klaren Augen auf Helfrid mit einem ſo eigenthüm⸗ lichen Ausdruck heftete, daß dieſelbe die Farbe wech⸗ ſelte.„Man muß ſelbſt die Arbeit verſtehen, ehe man ſie für Andere anordnen kann.“ „Bei einem Widerſacher wie Sie muß ich immer⸗ dar weichen, weil es mir an Argumenten fehlt,“ antwortete Helfrid lachend.—„Uebrigens haben wir den Delinquenten hier,“ ſetzte ſie hinzu, als der junge Baron eintrat. Jacobo begrüßte Evert Axelhjelm freundlich, in⸗ dem er ſagte: „Morgen werde ich wohl zwei Neulinge in un⸗ ſere Werkſtätte bekommen— Sie und einen andern jungen Menſchen, welchen ich eben heute angenommen habe. Ich hoffe, daß meine neuen Arbeiter mir alle Ehre machen.“ Das Wort Arbeiter wurde mit einem eigenthüm⸗ lichen Accent ausgeſprochen und rief auf Evert's Wangen eine höhere Farbe hervor. Als Jacobo ſich wieder zu Helfrid ſetzte, ſagte ſie mit gedämpfter Stimme: „Sie ſind unbarmherzig!“ „Und warum? Iſt es das Wort Arbeiter, wel⸗ ches für meine Unbarmherzigkeit Beweis gibt?“ „Ja! Warum gerade eines Ausdrucks ſich be⸗ dienen, welcher, wie Sie wiſſen, etwas Demüthigen⸗ des in ſich ſchließt?“ „Weil ich nicht begreifen kann, wie dieſes Wort demüthigen kann. Der, welcher ſich davon verletzt 70 fühlt, iſt ein unverſtändiger Thor, welcher keine Vor⸗ ſtellung von dem wirklichen Werth des Lebens hat.“ Inzwiſchen war Stephana zu Jacobo und Hel⸗ frid getreten, und als der Erſtere aufhörte, fiel ſie ein:„Mein lieber Jacobo, es iſt verg eblich, Helfrid mit unſern republikaniſchen Ideen verſöhnen zu wollen. Bei ihr ſind die Begriffe von dem höhern Werth des Adels ſo tief eingewurzelt, daß ſie einen roman⸗ tiſchen Anſtrich erhalten haben und als wahr und richtig ihrer Huldigung werth geachtet „Und ich achte die Ueberzeugung j viel zu ſehr, als daß ich ſie umſtoßen werden.“ edes Menſchen möchte,“ be⸗ merkte Jacobo, ſtand auf und begann ein Geſpräch mit dem Grafen Hermann. Helfrid's Blick folgte ihm und Stephana dachte: „Hinter ihrem ariſtokratiſchen Stolz ſucht Helfrid ſich gegen eine Liebe zu verſchanzen, welche die Jahre nicht auszutilgen vermocht haben. eitler Verſuch!“ Was für ein „Ich kann Euch eine Neuigkeit berichten, welche gewiß für Alle Intereſſe hat,“ rief der Graf.„Ich habe heute den Kauf von Sturesjö, d des Barons R., für Rechnung der Fr em Beſitzthum äulein Callen⸗ ſtierna abgeſchloſſen. Schon kommendes Frühjahr werden ſie das Gut beziehen.“ „Das iſt in jeder Hinſicht eine an genehme Nach⸗ barſchaft,“ bemerkte Stephana.„Die älteſte der Mädchen, Conſtanze, ſoll dem Teſtamente ihres Vaters zufolge ſchon mit einundzwanzig Jahr erklärt werden.“ „Ja, ſo lautet die Willensverfügun Callenſtjerna. Der Alte war ein ſehr origineller en für mündig g des Generals e h 1 3 * er rs ö 16 et 71 Kauz und hatte ſehr eigene Ideen. Er konnte ſich unmöglich mit dem Gedanken verſöhnen, daß ſein älteſtes Kind ein Mädchen war, und darum räumte er ihr dieſelben Vorzüge und Gerechtſame ein, als ob ſie ein Knabe geweſen wäre. Uebrigens hat er ſeinen Kindern eine brillante Erziehung geben laſſen, und was Conſtanze betrifft, ſo beſitzt ſie eine vielſeitige Bildung.“ „Iſt die älteſte ſchon mündig?“ fragte Jacobo. „Nein, ſie iſt erſt neunzehn Jahre alt, betheiligt ſich aber bereits an der Verwaltung von ihrem und ihrer Schweſter Vermögen, ſo daß ſie einige Erfah⸗ rung in Geſchäftsangelegenheiten haben muß.“ „Etwas Männliches muß ein ſolches Mädchen in ihrer Art und Weiſe unwillkürlich bekommen,“ meinte Helfrid. „Und warum? Iſt es denn ſo weiblich, in dem, was das praktiſche Leben betrifft, vollkommen un⸗ erfahren zu ſein?“ fragte Jacobo. „Wir denken uns wenigſtens ein ſanftes und holdes Frauenweſen nicht an einem Pulte vor einem Kaſſenbuch ſitzend, damit beſchäftigt, die Zinſen ihres Kapitals und den Ertrag ihres Beſitzthums zu be⸗ rechnen, von Geſchäftsaffairen, pekuniären Vortheilen und dergleichen völlig in Anſpruch genommen.“ „Sie gefallen ſich alſo darin, in derſelben eine unverſtändige Närrin zu ſehen, welche keinen Be⸗ griff davon hat, wie Geld verwaltet werden muß, und aus lauter Unwiſſenheit ſich betrügen läßt.“ „Herr Lange, ihre Freiheitsideen werfen zuletzt alle beſtehende Ordnung über den Haufen,“ rief Helfrid. „Nicht die Ordnung, wohl aber die Vorurtheile. Wenn nun zum Beiſpiel Fräulein Conſtanze Cal⸗ lenſtjerna nicht ein Mannweib, ſondern ein ganz einfaches, kluges und praktiſch verſtändiges Mädchen iſt, dann, Fräulein Helfrid, habe ich Recht, und Sie haben Unrecht.“ „Mag ſein; aber ich fürchte, daß gerade Con⸗ ſtanze für meine Behauptung zeugen wird.“ Das Geſpräch erhielt nun eine andere Wendung, und nach einer Weile verabſchiedete ſich Jacobo. X. Am Morgen darauf machte Evert Axelhjelm ſein Debut in der Feilwerkſtätte von Lange's Fabrik. Die Arbeiter betrachteten den feinen Herrn mit ſchie⸗ — Blicken, und die jüngeren derſelben ſchienen ein ſonderliches Vergnügen an ſeinem ſtolzen und hoch⸗ fahrenden Ausſehen zu haben, aber Niemand äußerte ein Wort. Unten in der Schmiede erſchien Bengt, begleitet von einem blaſſen, ſchmächtigen Jungen, welcher mit neugierigen Blicken Alles um ſich herum betrachtete. „Was iſt denn das für ein Menſchenkind, das Du bei Dir haſt?“ fragte ein Schmied. „Ein Lehrling, welchen der Patron angenommen hat, und der unter meiner Aufſicht auf den Trieb ſoll,“ antwortete Bengt. „Der ſieht nicht gerade aus wie ein Grobſchmied; woher iſt er?“ „Von Stockholm.“ 73 So, ſo. Die Schmiedslehrlinge in Stockholm müſſen prächtige Burſchen ſein, da ſie ſchon mit ſechszehn Jahren Mörder werden. Ich möchte nur wiſſen, was aus dem Böſewicht geworden iſt, der ſeine Pflegemutter um's Leben gebracht hat. Man hat Nichts weiter von der Sache reden hören.“ „Er iſt freigeſprochen worden.“ „Freigeſprochen!“ riefen mehrere der Schmiede. „Das iſt wohl nicht möglich,“ meinte einer der ältern,„da müßte es ja weder Geſetz noch Gerech⸗ tigkeit im Lande geben. Verlohnt es ſich dann der Mühe, ein ehrlicher Arbeiter zu ſein, wenn ſolche Schurken frei ausgehen?“ Während dieſes Geſprächs ſtellte Jvar ſich an den Ambos. Er wechſelte unaufhörlich die Farbe. „Geh' Du nur an deine Arbeit, langer Anders,“ fiel Bengt ein,„und laß den armen Burſchen in Frieden, welcher auf einen bloßen Verdacht hin an⸗ geklagt und ein ganzes Jahr gefangen gehalten wurde. Richtet nicht, ſo werdet ihr nicht gerichtet werden.“ Bengt ſtand bei ſeinen Kameraden in allgemei⸗ ner Achtung und war überdieß Meiſterſchmied, ſo daß die Andern gewöhnlich ſeinem Worte Gehorſam leiſteten. Auf Jvar hatten dieſe Aeußerungen einen ſo niederſchlagenden Eindruck gemacht, daß er die Ar⸗ beiter mit ſcheuem Blick betrachtete. Gegen Mittag kam Jacobo in die Schmiede. Er ging auf Jvar zu, welcher jetzt am Feuer ſtand und ſagte, indem er einen durchdringenden Blick auf das Angeſicht des Knaben heftete: 74 „Du wirſt bis auf Weiteres unter Bengt's Auf⸗ ſicht arbeiten, und wenn Du Dich brav aufführſt, ſo gebe ich Dir vielleicht einen Platz auf der Feil⸗ werkſtätte oben— ſobald ich gehört habe, daß Du anſtellig biſt.“ Jvar ſah zu Jacobo empor, und es lag Etwas in dem offenen Blick des Knaben, was ihm gefiel. Mit unſicherer Stimme gab er zur Antwort: „Ich werde mir Mühe geben, die Zufriedenheit des Herrn Patrons zu erwerben.“ Er arbeitete fleißig und wandte ſeine Freiheit dazu an, ſich in der Werkſtätte umzuſehen. An einem ſchönen Frühlingstage ſaß er auf dem Hofe, mit dem Vorhaben und in der Einbildung zu eſſen; aber ſtatt deſſen beſchäftigte er ſich damit, daß er Figuren in den Sand zeichnete. Der Knabe war ſo ſehr in ſeine Arbeit vertieft, daß er gar nicht wahrnahm, wie Jemand neben ihm ſtand und aufmerkſam ihn beobachtete. Wenn er mit einigen Figuren fertig war, ſtützte er das Kinn auf die Hand und betrachtete ſie ſehr genau; darauf machte er wieder einige neue Striche. So fuhr er fort, bis die Glocke wieder zur Arbeit rief. Bei dieſem Laut fuhr er zuſammen und ſchaute auf. Vor ihm ſtand Jacobo. Der Knabe erhob ſich und nahm die Mütze ab⸗ „Womit beſchäftigſt Du Dich?“ fragte Lange und heftete den Blick auf die im Sande ausgeführ⸗ ten Zeichnungen. „Ach, Herr Patron, das war ein bloßer Ge⸗ danke, welchen.... welchen...., ich ſchon lang mit mir herumgetragen habe,“ ſtammelte Jvar und 75 wollte die Figuren mit ſeinem Holzſchuh verwiſchen; aber Jacobo wehrte es ihm. „Zerſtöre dieſe Arbeit nicht, ſondern ſage mir vielmehr, welcher Gedanke es war, dem Du eine ſo abſonderliche Form gegeben haſt.“ „Ach, ich dachte bloß, ob man nicht für eine kleine Schmiedewerkſtätte einen Blaſebalg machen könnte, welcher durch ein Getriebe in Bewegung zu ſetzen wäre. Da meinte ich, es müßte etwa ſo aus⸗ ſehen.“ Es entſtand eine Pauſe, während welcher Lange die Zeichnung im Sande betrachtete. „Dein Eſſen liegt unberührt da,“ nahm er dann wieder das Wort und deutete auf das neben Jvar befindliche Mittagsbrod.„Warum haſt Du es nicht zu Dir genommen?“ „Wenn dieſe Gedanken da kommen, ſo vergeſſe ich alles Andere,“ antwortete Jvar und ſchaute dem Fabrikherrn in das ſchöne Angeſicht;„daher geſchieht es auch, daß ich oft läſſig bin.“ „Jvar, wo zum Teufel ſteckſt Du denn?“ er⸗ tönte Bengts wohlbekannte Stimme. „Geh' jetzt an deine Arbeit, und wenn Feier⸗ abend eintritt, kannſt Du zu mir auf mein Comp⸗ toir kommen.“ Jacobo nahm ſeinen Weg nach der Feilwerkſtätte. Er trat ganz unbemerkt ein und hörte den Werk⸗ meiſter mit ziemlicher Heftigkeit gegen einen der Arbeiter ſich ausſprechen. Lange blieb ſtehen, um zu vernehmen, um was es ſich handelte. „Glaubſt Du wirklich, der Patron ſehe gut dazu, wenn Du in den Zwiſchenſtunden da bleibſt und für Arxelhjelm da pfuſcheſt, und dieſer dann, was Du gemacht haſt, bei dem Poatron für ſeine Arbeit aus⸗ gibt? Begreifſt Du nicht, Jönsſon, daß dieß ein Betrug iſt, deſſen Du Dich ſchuldig machſt? Ich werde deßhalb die ganze Sache dem Patron melden.“ „Ach, Herr Werkmeiſter ſchweigt nur heute noch; ich werde es nicht mehr thun,“ meinte Jönsſon; „aber ſeht, Herr Werkmeiſter Ihr müßt wiſſen, daß Herr Axelhjelm mich gut bezahlt hat, und da glaubte ich die paar Stüber auf ehrliche Weiſe verdient zu haben. Uebrigens iſt ju Herr Axelhjelm vornehme⸗ rer Leute Kind, und es iſt wohl unvernünftig von dem Patron, zu verlangen, daß ein ſolcher Fant gleich uns andern arbeiten ſoll.“ „Aber auf dieſe Weiſe lernt Axelhjelm niemals arbeiten; außerdem dünkt mir, er ſollte ſich ſchämen, hinzuſtehen und ſich deſſen zu rühmen, was Jöns⸗ ſon gemacht hat.“ „Aber, lieber Werkmeiſter, er macht es gerade ſo, wie der Patron. Der rühmt ſich auch deſſen, was wir arbeiten. Wenn man ſagt: Was Lange für ſchöne Arbeit macht, ſo lügt man; denn es ſind ſeine Arbeiter, welche ſie fertigen.“ „Geh' jetzt an dein Geſchäft, Jönsſon. Ich werde den Patron aufſuchen, um ihm zu ſagen, welche Schelmſtücke da vorgegangen ſind.“ Die beiden Sprechenden drehten ſich um und ſahen ſich Jacobo gerade gegenüber. Dieſer äußerte gegen Jönsſon: „Hüte Dich, mit deinen alten Kniffen und Pfiffen wieder anzufangen; denn Du kannſt dann ſchneller, 77 als Du glaubſt, von hier fortkommen. Um deiner Frau und Kinder willen habe ich bis jetzt bei deinen Winkelzügen Nachſicht gehabt, aber baue nicht allzu⸗ ſehr auf meine Langmuth. Hinfort werde ich ein wachſames Auge auf Dich haben.“ Areljhelm erhielt einen ſcharfen Verweis dafür, daß er ſich eine ſolche Stümperei erlaubt hatte. Am folgenden Tag erhielt Jvar einen Platz oben in der Feilwerkſtätte. In kurzer Zeit gelangte er durch ſeinen Fleiß und durch das lebhafte In⸗ tereſſe für ſeine Arbeit bei Lange in beſondere Gunſt, zu nicht geringem Aerger von Arelhjelm, welchen Jacobo ſehr ſtreng hielt. Zu beſtimmten Stunden in der Woche beſuchte Jvar mit den geſchicktern Arbeitern den Zeichnen⸗ ſaal, um hier unter Anleitung des aufgeſtellten Lehrers ſich auszubilden. Selten hatte ein Lehrling ſich durch mehr Fleiß und Luſt zur Arbeit ausgezeichnet, als Jvar. Nie war er bei irgend einem Knabenſtreich betheiligt; nie miſchte er ſich in die Spiele Anderer, nie be⸗ ſuchte er Tanzplätze und andere Vergnügungen. Wenn Bengt ausgegangen war und ſich eine Erholung vergönnte, ſaß Jvar daheim, über eine ſelbſtverfertigte Zeichnung gebückt, oder in einem Buche leſend. Zuweilen führte er ſogar nach Zeich⸗ nungen, welche er von dem Patron erhalten, Mo⸗ delle in Holz aus. Still und ſchweigſamer Natur, ſuchte er nicht die Geſellſchaft der andern Lehrlinge, ſondern blieb ganz für ſich. Von der muntern, oft übermüthig heitern Gemüthsart, welche ihn, da er noch bei Meiſter Thorsſon war, kennzeichnete, war 78 nichts mehr übrig geblieben. Der Verluſt des ge⸗ liebten Pflegevaters und die darauf folgenden un⸗ glücklichen Ereigniſſe ſammt der langen Kerkerhaft hatten den heitern, unbedachtſamen und muthwilli⸗ gen Knaben in einen ſtillen, ſcheuen, die Einſamkeit ſuchenden Träumer verwandelt, welcher nur für ſeine Arbeit und für ſeine unentwickelten Ideen lebte. So verging die Zeit, und den Frühling löste der Sommer ab. Indeſſen bemerkten weder Jvar noch Bengt, daß, je mehr der Erſtere in der Gunſt des Patrons ſtieg, deſto weniger die andern Lehr⸗ linge ihn leiden konnten, welche mit Neid die Be⸗ vorzugung ſahen, die dem Neuling zu Theil wurde. Allmälig verbreitete ſich die Abneigung gegen Jvar bis unter die Arbeiter, ſo daß auch dieſe ihn mit feindſeligen Augen betrachteten. An der Spitze derjenigen, welche einen wirklichen Widerwillen ge⸗ gen den„Goldjungen“ des Patrons, wie Jvar ge⸗ nannt wurde, faßten, ſtand Jönsſon. Axelhjelm, welcher ſich weder durch Fleiß noch Brauchbarkeit auszeichnete, wurde dagegen deren Günſtling, und während ſie in der Stille Jvar allen möglichen Verdruß zu machen ſuchten, boten ſie an⸗ dererſeits Alles auf, um dem Erſtern die Arbeit zu erleichtern. Jvar, viel zu unerfahren und von ſeiner Arbeit in Anſpruch genommen, ochtete nicht auf die Stim⸗ mung um ihn herum. Der Einzige, deſſen Feind⸗ ſeligkeit er bemerkte, war Arxelhjelm, weil dieſer ihm fortwährend bei dem Werkmeiſter Verdrießlichkeiten zu erregen ſuchte. 79 So ſtanden die Dinge, bis ein Vorfall den Ar⸗ beitern erwünſchte Gelegenheit geben ſollte, ihrer Abneigung gegen Jvar Luft zu machen. XI. An einem ſchönen Vormittag zur Zeit des Vor⸗ ſommers machten Stephana und Hermann einen Beſuch zu Akersnäs. Sie gingen in die Werkſtätte hinauf, und während der Graf mit Arxelhielm redete, wurde Stephana's Aufmerkſamkeit von einem der jungen Lehrlinge an⸗ gezogen. Der Ausdruck von Kummer und Sanft⸗ muth in ſeinen Zügen erweckte Theilnahme, und als er einmal aufſah, bemerkte ſie, daß etwas In⸗ telligentes in ſeinem Blick lag. „Wer iſt der Knabe dort?“ fragte Stephana den Werkmeiſter. „Ein junger Lehrling, Namens Jvar, welcher erſt einige Monate ſich hier befindet,“ antwortete der Werkmeiſter.. Am Abend kam Jacobo in Begleitung von Axelhjelm hinüber nach Kungsborg. Die Damen ſaßen unter den Linden im Garten. Nachdem man eine Weile über verſchiedene Gegen⸗ ſtände geplaudert hatte, äußerte Stephana, gegen Jacobo gewendet: „Woher haſt Du den jungen Menſchen, welcher in derſelben Werkſtätte, wie Axelhielm arbeitet?“ „Du meinſt Jvar?“ fragte Jacobo. „Ja. Sein Ausſehen hat etwas Ungewöhnliches.“ 80⁰ Evert war im Geſpräch mit Fräulein Helfrid begriffen und wollte eben von Fräulein Callenſtjerna reden, als Jvars Name, von Stephana's Lippen kommend, ſeine Aufmerkſamkeit feſſelte. Er horchte mit geſpanntem Intereſſe auf das, was Jacobo ſa⸗ gen würde. „Es iſt auch ein ungewöhnlich anſtelliger und kluger Junge,“ antwortete Jacobo.„Er hat ganz beſondere Schickſale gehabt und iſt in eine ſehr gräß⸗ liche Geſchichte verwickelt worden.“ „Wie ſo? Woher kam er?“ Jacobo ſenkte die Stimme, aber Axelhjelm ſpitzte die Ohren, damit ſeine Antwort ihm nicht entginge. „Er kam von Stockholm,“ hörte Evert jetzt Ja⸗ cobo ſagen,„und iſt kein Anderer, als jener Schmieds⸗ junge, welcher wegen Theilnahme an der Ermordung der alten Frau, wovon man damals in allen Zei⸗ tungen las, ins Gefängniß geſetzt worden war.“ „Ach, Jacobo, das ſieht Dir ganz gleich, den Unglücklichen in deine Obhut zu nehmen. Mir iſt es immer vorgekommen, als wäre èr unſchuldig ge⸗ weſen.“ „Das Verdienſt davon gebührt nicht mir, ſon⸗ dern meinem Meiſterſchmied Bengt, welcher ihn auf⸗ nahm und mir hernach keine Ruhe ließ, bis der Knabe in die Werkſtätte kam.“ „Haſt Du wirklich Bedenken getragen, ihm Ar⸗ beit zu geben?“ fragte Stephana mit einem lächeln⸗ den Blick auf Jacobo.„Erlaube mir, daß ich es bezweifle.“ „Du haſt Unrecht, Stephana; ich fühlte eine wirkliche Abneigung, Jvar unter meine Leute, bei 81 der hohen Meinung, die ſie von ſich ſelbſt haben, aufzunehmen. Ein Zweifel in Bezug auf ſeine Un⸗ ſchuld bleibt immer auf ihm ruhen, und es iſt un⸗ gewiß, ob ich recht gethan habe. Der Knabe iſt als Fremdling wie Neuling bei den Andern nicht gern geſehen. Dazu trägt nicht wenig bei, daß er von der Natur mit ungewöhnlichen mechaniſchen Talen⸗ ten, welche ihn weit über ſeine Kameraden ſtellen, ausgeſtattet iſt. Käme es nun zu ihrer Kenntniß, daß es derſelbe Lehrling iſt, welcher mit in jener Mordgeſchichte ſteckte, ſo fürchte ich, daß ſie Jwar ihren Abſcheu nur allzu ſchwer empfinden laſſen würden.“ „Aber dem kannſt Du durch deine Klugheit vor⸗ beugen. Bedenke, wenn Du eines Tags aus die⸗ ſem Naturgenie etwas Außerordentliches machen könnteſt, welche Genugthuung es für Dich ſein würde.“ „Das iſt allerdings ſehr wahr; aber nichts deſto weniger hat ſeit einiger Zeit eine eigenthümliche Gährung unter den Arbeitern um ſich gegriffen. Bengt, Jvars Beſchützer, welcher früher wegen ſei⸗ nes redlichen Charakters, ſeiner heitern Gemüthsart und um ſeiner Lieder willen der Liebling von Allen geweſen, iſt jetzt der Gegenſtand eines geheimen Grolls geworden. Nicht blos ich, ſondern ſelbſt der Werkmeiſter hat dieß bemerkt. Seitdem ich als Fabri⸗ kant mich aufgethan habe, iſt mir kein Zeichen eines ſolchen Mißvergnügens vorgekommen. Es iſt das erſte Mal, daß ich ſo Etwas wahrnehme.“ Graf Hermann, welcher von einer Fahrt nach Sturesjö zurückkehrte, unterbrach das Geſpräch. „Ich habe Briefe erhalten, welche mir melden, Schwartz, Arbeit adelt den Mann. I. 6 82 daß wir heute noch Kurt Axelhjelm, Everts Bruder, erwarten können. Er ſoll als Baumeiſter ſämmtliche Reparaturen und hernach die Aufführung weiterer Gebäude vom Hüttenwerk übernehmen.“ XII. Später am Abend hielt unten am Gitterthor ein Poſtwagen, aus welchem ein junger Mann ſprang. Er gab dem Poſtillon Befehl, mit ſeinen Koffern und dergl. nach Sturesjö zu fahren. Er ſelbſt nahm einen einfachen Nachtſack zur Hand und wandte ſich nach dem Hauptgebäude von Kungsborg. Auf dem Hofe aber begegnete ihm der alte Hausmeiſter Eklund, welcher ihn mit dem Hut in der Hand begrüßte und agte: „Vermuthlich ſind Sie der Herr Baron Axelhjelm, den der Herr Graf heute Abend erwartet.“ „Der Baumeiſter Arelhjelm,“ verbeſſerte der junge Mann. „Darf ich den Herrn Baron vielleicht auf ſein Zimmer führen und ihn hernach auch dem gnädigen Herrn Grafen anmelden?“ fragte Eklund und winkte einem Bedienten, dem Baron den Nachtſack abzuneh⸗ men; aber dieſer lehnte es lächelnd ab, indem er verſicherte, daß er recht wohl im Stande wäre, die leichte Bürde ſelbſt zu tragen. Als Kurt in ſeinem Zimmer auf dem linken Flü⸗ gel allein gelaſſen ward, warf er ſich auf einen So⸗ pha, indem er murmelte: „Mein Gott, was das für Ceremonien ſind! Ich — cc ie 83 hätte gedacht, Onkel Romarhjerta wäre ſo klug ge⸗ worden, wie andere Menſchen zu leben, ohne allen dieſen Anhang von beſſern und ſchlechtern Knechten. Nun werde ich wohl einen ſchwarzen Frack und eine weiße Halsbinde anlegen müſſen, um bei dem gnä⸗ digen Herrn Grafen und deſſen Frau Gemahlin meinen Beſuch zu machen.“ Bei dieſen Worten begann er aber recht herzlich zu lachen und ſetzte dann hinzu: „Nein, dazu bleibt mir nicht einmal Zeit genug.“ Damit ſprang er auf, zog einen kurzen ſchwarzen Rock aus dem Nachtſack und wollte, nachdem er eine kleine, nach der Reiſe erforderliche Toilette gemacht hatte, eben in jenes Kleidungsſtück ſchlüpfen, als die Thüre aufging und Graf Romarhjerta bei ihm eintrat. „Willkommen, mein lieber Kurt! Wenn Du den Staub von Dir abgeſtreift haſt, ſo ſollſt Du mir hinauf zu meiner Frau folgen.“ Einige Augenblicke hernach trat der Graf in Be⸗ gleitung von Kurt in den untern Salon, wo Alle verſammelt waren. Kurt Axelhjelm war ein junger Mann von etli⸗ chen zwanzig Jahren, hoch und ſtark gebaut, mit breiten Schultern und gewölbter Bruſt. Seine Ge⸗ ſichtszüge waren mehr derb als ſchön. Das raben⸗ ſchwarze, glatte und glänzende Haar war von der hohen Stirne zurückgeſtrichen. Die tiefliegenden, dunkelbraunen Augen hatten einen ſcharfen, lebhaften Ausdruck, welcher im Verein mit dem ſtrengen Zug um den Mund ſeinem ganzen Ausſehen ein Gepräge 5 84 von Kälte und Strenge gab. Er trug weder Schnurr⸗, noch Kinn⸗, ſondern nur Backenbart. Seine Kleidung wie ſein ganzes Weſen zeichnete ſich durch den höchſten Grad von Einfachheit aus. Dabei zeigte er nicht die mindeſte Aehnlichkeit mit ſeinem Bruder Evert, welcher beinahe weibliche, aber bildſchöne Geſichtszüge beſaß. Nachdem der Graf den ältern Axelhielm Ste⸗ phana vorgeſtellt hatte, wandte er ſich zu Helfrid: „Du haſt ja Kurt ſeit euren Kinderjahren nicht mehr geſehen; ſomit fällt es Dir gewiß ſchwer, ihn wieder zu erkennen.“ Nach geſchehener Vorſtellung erfolgten von beiden Seiten einige Höflichkeitsphraſen, worauf der junge Architekt Jacobo und ſeinen Bruder begrüßte. Als dieß vorüber war, nahm er ganz ungenirt neben Stephana Platz und bemerkte mit einem Lä⸗ cheln, welches gleich einem Sonnenſtrahl ſein Ange⸗ ſicht erhellte: „Ich kann von Amerika grüßen, denn es ſind erſt zwei Monate, ſeitdem ich das Land der Republik verlaſſen habe. Vielleicht iſt aber ein Gruß von dort nichts Willkommenes mehr für die Frau Grä⸗ fin Romarhjerta, welche wahrſcheinlich ihre Sympa⸗ thien für die Heimath der Freiheit vergeſſen hat.“ „Ich bin heute noch daſſelbe Kind der Republik, wie vor zehn Jahren, als ich Amerika verließ, und was noch mehr iſt, ich habe einen Gatten, der meine Anſichten theilt.“ „Wirklich? Meiner Mutter Geſchlecht war ſonſt für eine ſo freie Denkart nicht bekannt.“ „Wahr,“ fiel der Graf lachend ein;„aber wenn ——— 85 die ariſtokratiſchen Ideen mit der Vernunft und dem Herzen in Streit gerathen, ſo müſſen ſie das Feld räumen.“ „Beſonders wenn ſie eine ſo ſchöne Frau, wie meine Tante, zur Widerſacherin haben,“ erwiederte Kurt, deſſen Blick mit einem unverkennbaren Aus⸗ druck von Bewunderung auf Stephana's ſchönem Angeſicht weilte. „Sie können nur kurze Zeit ſich in Amerika auf⸗ gehalten haben,“ fiel Stephana ein. „Warum glauben Sie das?“ „Weil Sie ſchmeicheln.“ „Die Wahrheit iſt keine Schmeichelei, Tante. Ich will das ſogleich beweiſen. In Boſton hatte ich von Ihnen ſo viel reden gehört, daß ich die Ueberzeu⸗ gung gewann, Sie würden durchaus keine ſo einneh⸗ mende Frau ſein, wie man behauptete. Gewöhnlich iſt es mit dem Lobe ebenſo wie mit dem Tadel— es übertreibt.“ „Sehr wahr. Laſſen wir jedoch dieſen Gegen⸗ ſtand und erzählen Sie mir von dem lieben Boſton.“ „Sogleich; nur will ich vorher noch mit meiner Vertheidigung bezüglich der Schmeichelei ſchließen. — Als ich vor Ihnen ſtand, Tante, fand ich zum erſten Mal in meinem Leben, daß das Lob viel zu wenig in Bezug auf Ihre Schönheit geſagt hatte. — Rach dieſer Erklärung ſtehe ich Ihnen zu Dien⸗ ſten, um Alles mitzutheilen, was Sie von Boſton zu wiſſen wünſchen.“ Während man ſehr lebhaft über Amerika ſich beſprach und Alle dafür ſich zu intereſſiren ſchienen, ſaß Evert ſtill und in einen Fauteuil zurückgelehnt 86 da. Sein Angeſicht hatte einen Ausdruck des Triumphs. Der Abend verging ganz angenehm; und als die kleine Geſellſchaft ſich trennte, waren Kurt und Ja⸗ cobo, trotz des etwas zurückhaltenden Weſens von letzterem, ſehr gute Freunde geworden. Beim Souper ſagte Graf Hermann zu Ste⸗ phana: „Warum ſprichſt Du mit Kurt nicht per Du, Stephana?“ Ehe Stephana noch antworten konnte, fiel Kurt ein: „Beſter Onkel, ich fürchte, es würde mir allzu warm ums Herz werden, im Fall meine junge Tante Du ſagte.“ „Um ſeinen Muth zu erproben, muß man der Gefahr entgegengehen,“ antwortete Stephana lachend, „und darum wirſt Du mir zu gut halten, wenn ich dem Rath deines Oheims Folge leiſte.“ Als Hermann und Stephana ſich im Salon allein befanden, äußerte er gegen dieſelbe: „Du haſt auf Kurt ganz denſelben Eindruck ge⸗ macht, wie auf mich, als ich Dich in dieſem Salon zum erſten Mal ſah. Bedenke, wenn er es ebenſo ſchwer fände, deinem magiſchen Einfluß auf Herz und Verſtand zu entfliehen.“ „Unmöglich, mein Hermann; Dich liebte ich, und mein Zweck war, dein Herz zu gewinnen. Die All⸗ macht meiner treuen und ſtarken Liebe war es, welche mir Einfluß über Dich gab. Es war mein Herz, welches zu Dir redete.“ Als Kurt ſich allein auf ſeinem Zimmer befand, Das kann ich wahrhaftig nicht ſagen, aber Eins weiß 87 begann er darin auf- und abzugehen, während er bei ſich ſprach: „Ich bin ſchon ein Dutzendmal verliebt geweſen, das iſt eine unbeſtreitbare Wahrheit; aber ich glaube doch, niemals eine Frau getroffen zu haben, die einen ſolchen Eindruck auf mich gemacht hätte, wie meines Oheims bezaubernde Frau.— Iſt ſie denn wirklich ſo ſchön?— Oder was iſt in dieſem Angeſicht, in allen ihren Bewegungen, das augenblicklich entzückt? ich: ſie hat mich ſo behert, daß ich mich förmlich vom Schwindel bedroht fühlte. Bah! Morgen iſt der Rauſch vorüber, und dann kommt ſie mir ganz gewöhnlich vor. Bis Dato weiß ich von mir, daß ich nie eine Frau zweimal mit denſelben Gefühlen geſehen habe. Gewöhnlich iſt es ſo gegangen, daß wenn ich am Abend bis über die Ohren verliebt ein⸗ ſchlief, ich am Morgen erwachte, ohne das Ideal wieder zu finden, für welches ich zuvor gebrannt hatte. Ich habe dann Alles zuſammen unter der Arbeit des Tages vergeſſen.“ „Arbeit!“ wiederholte er und blieb vor dem geöffneten Fenſter ſtehen.„Das iſt die Geliebte, für welche ich glühe. Arbeit, das iſt mein Reichthum, meine Ehre, mein Glück, mein Leben. Die Liebe iſt ein Zeitvertreib der Thoren, paßt aber nicht für einen Mann meiner Gemüthsart, für welchen Wirkſamkeit und Arbeit Alles iſt.— Es liegt ein entzückender Genuß in dem Gedanken, daß ich— der arme Sohn eines armen Edelmanns— die Unterſtützung meiner Familie von mir geworfen und von meinem ſieb⸗ zehnten Jahre an mich ſelbſt und noch ein anderes Weſen verſorgt habe.— Ich bin Niemand zu Dank verpflichtet. Was ich bin, das bin ich durch mich ſelbſt. Ich habe gefroren und gehungert, es iſt mir übel ergangen, das iſt wahr; aber ich habe deſſen ungeachtet mir Bahn gebrochen und mir Kenntniſſe und Brod verſchafft. Welches ſchöne und ſtolze Ge⸗ fühl liegt in dem Bewußtſein, ſich durch eine un⸗ endliche Menge von Schwierigkeiten hindurchgearbei⸗ tet zu haben.“ Er ſchloß das Fenſter und ging zu Bette. Stephana ward über den Träumen von der Zu⸗ kunft vergeſſen, und Kurt ſchlief endlich ein, wäh⸗ rend ſeine Phantaſie ſich mit Entwürfen und Pla⸗ nen zu den neuen Wirthſchaftsgebäuden in Sturesjö beſchäftigte. XIII. Schweigend und in Gedanken vertieft, hatte Evert den Weg von Kungsborg nach Akersnäs zurückge⸗ legt. Jacobo hatte nur einige Bemerkungen zum Lobe Kurts gemacht, worauf Evert ſehr einſilbige Antworten gegeben, und dann war das Geſpräch ganz verſtummt. Bei der Ankunft zu Hauſe trennten ſich Jacobo und ſein Zögling. Der Erſtere zog ſich unmittelbar auf ſein Zimmer zurück, aber Cvert begab ſich, an⸗ ſtatt daſſelbe zu thun, auf einem Nebenweg zu den Wohnungen der Arbeiter. Der Abend war ſchon ſo weit vorgeſchritten, daß die Nacht ihm die Hand zum Abſchied reichte. 89 Auch herrſchte eine vollkommene Stille rings in der Fabrik und in den Wohngebäuden. Die arbeitende Bevölkerung war, müde von des Tages Laſt und Hitze, zur Ruhe gegangen. Als Evert auf allen möglichen Seitenwegen bis zur Wohnung des Feilers Jönsſon, welche jenſeits der Fabrik lag, gelangt war, klopfte er ſehr ſtark an das Stubenfenſter. Eine ſchwache Frauenſtimme fragte, wer da wäre. „Sagt Jönsſon, er ſolle herauskommen; einer ſeiner Kameraden habe ihm etwas Nothwendiges zu ſagen,“ antwortete Evert mit leiſer Stimme. Einige Augenblicke vergingen, worauf Jönsſon unter der Thüre erſchien. „O Himmel— der— der Herr Baron!“ ſtam⸗ melte der Arbeiter. „Komm' mit mir in den Wald hinein, ich habe Etwas mit Dir zu reden.“ Nach einem Geſpräch von etwa einer Stunde kehrte Jönsſon in ſeine Wohnung, Evert nach Akers⸗ näs zurück. Der erſte der Arbeiter, welcher ſich am Morgen vor dem äußern Gitterthor einfand, war Jönsſon. Er war eine halbe Stunde vor den Andern gekom⸗ men, und nachdem er ſich überzeugt hatte, daß die Fabrik noch nicht geöffnet war, ſetzte er ſich auf einen Stein vor dem großen Gitterthor, welches in den innern Hof führte. Er pfiff ſorglos ein Lied⸗ chen und ſah aus, als hätte er ſich nur zufällig vor der Zeit hier eingefunden. Allmälig erſchien auf der breiten Straße, welche zu der Fabrik führte, ein Arbeiter nach dem andern. 90 „Was zum Teufel, Du ſchon hier?“ ſagten ſie zu Jönsſon, als ſie ihn erblickten. Die Worte, welche zur Erwiederung darauf folg⸗ ten, beſtimmten ſie zu bleiben. Darauf wurde einige Augenblicke überlegt, und dann begaben ſie ſich zur Arbeit. Aber auf ihren ſonſt frohen und freimüthi⸗ gen Mienen weilte jetzt ein Ausdruck ſtark ausge⸗ prägten Mißvergnügens. Am Abend, als die Arbeit zu Ende war, ver⸗ ſammelten ſich die Arbeiter in Gruppen auf dem Hof und unterredeten ſich mit gedämpfter Stimme. Daß etwas Beſonderes im Anzug war, konnte man leicht bemerken. Der, welcher jedoch nicht darauf achtete, auch ſich unter die Anderen nicht miſchte, war Bengt, der ſogleich, wie gewöhnlich, ſich nach Haus be⸗ ab. Nach einer Weile trennten ſich die Arbeitergrup⸗ pen mit der ſtillſchweigenden Uebereinkunft, ein paar Stunden ſpäter auf dem großen Felde innerhalb des Waldes ſich wieder einzufinden. Bei Einbruch der Nacht ſah man zwei Perſonen Akersnäs verlaſſen. Die eine ſchlich von dem Sei⸗ tenflügel hinweg, die andere kam aus dem Haupt⸗ gebäude. Die letzterwähnte folgte in einigem Ab⸗ ſtande jener, welche von dem Flügel aus abgegan⸗ gen war. Beide ſchlugen den Weg nach der Wieſe im Walde, dem verabredeten Sammelplatze ein. Die⸗ ſelbe wurde ſonſt von den Bauern Sommers auch als Tanzplatz benützt. Als die beiden Wanderer hier ankamen, fanden —— 91 ſie den Platz ſchon von Arbeitern angefüllt. Der, welcher zuerſt gekommen war, ſtellte ſich mitten in den Kreis der Verſammlung; der andere hielt ſich hinter einem Buſch verborgen. Darauf hörte man eine etwas ſchwache Stimme zu den Arbeitern ſprechen; aber der ſtille Beobachter hinter dem Buſch ſtand allzu fern, um den Sprecher zu verſtehen. Eines oder das andere Wort gelangte jedoch zu ſeinen Ohren. Dieſe gaben zu erkennen, daß der Zweck der Rede war, den Leuten zu be⸗ weiſen, wie ihr Principal eigentlich derjenige wäre, welcher Verbindlichkeiten gegen ſie hätte, nicht aber ſie gegen ihn u. ſ. w. Ebenſo erhaſchte der Horcher einige Worte über ſchlecht bekannte Kameraden und dergleichen. Als die Rede zu Ende war, entſtand ein un⸗ deutliches Gemurmel, worauf man auseinander ging. Der Redner und zwei Arbeiter blieben jedoch einige Augenblicke noch zurück, nachdem die Andern ſchon fort waren. Zwiſchen dieſen drei wurde noch eine ſtille Berathung gepflogen, welche derjenige, der in der Verſammlung das Wort geführt hatte, mit der Bemerkung ſchloß: „Jetzt legt es ſo an, Jönsſon und Erik, daß ihr den Wicht aus der Werkſtätte wegbringt; ſonſt kann ich euch zum Voraus ſagen, daß er in wenigen Monaten euch beide, die ihr die geſchickteſten Feiler bei Lange ſeid, ausgeſtochen hat. Ihr ſeht wohl ſelbſt, welches ungewöhnliche Geſchick er hat und welche Bevorzugung der Galgenvogel ſchon jetzt ge⸗ nießt. Eines ſchönen Tags wird er einen eben ſo hohen Taglohn wie ihr erhalten. Mir dünkt, ihr 92 habt euch allzu willkürlich behandeln laſſen, da ihr nicht längſt auf einem höhern Lohn, wozu ihr beide volles Recht habt, beſtanden ſeid. Jetzt iſt die Zeit, nicht zu dulden, daß man euch einen Sträfling zum Kameraden gibt, welcher eines ſchönen Tags euch das Brod aus den Händen reißen wird.“ „Seien Sie unbeſorgt, Herr,“ antwortete der, welcher Erik hieß.„Der Patron ſoll meiner Seele hinfort nach unſerer Pfeife tanzen. Sie haben uns die Wahrheit aufgedeckt; ſo werden wir denn künftig auf unſerem Recht beſtehen, und zum Anfang muß der elende Burſche fort. Auch die Andern werde ich wohl dieſelbe Melodie ſingen laſſen, wie ich. Die einzigen, welche ſchwer herumzubringen ſein wer⸗ den, ſind die Schmiede; aber Jönsſon nimmt ſie wohl auf ſich.“ „Ich werde es nicht fehlen laſſen, ſie unter die Feile zu nehmen. Ich hege ohnedieß noch einen ge⸗ linden Groll auf den Patron, ſeitdem er, bezüglich meines Lohnes, die Einrichtung getroffen hat, daß jedesmal die Hälfte des Wochenverdienſtes meiner Frau ausbezahlt werden ſoll. Mache ich mir dann und wann eine frohe Stunde in der Schenke, ſo iſt das jedenfalls meine Sache und geht den Patron Nichts an, ſollte ich glauben.“ „Was mich anbelangt, ſo kann ich dem Patron nicht verzeihen, daß er in dem Streite zwiſchen mir und Bengt dieſem Recht gab; ebenſo bin ich deß⸗ halb ärgerlich auf ihn, daß er dieſen Bengel zum Meiſterſchmied gemacht hat; es kann nicht ſchaden, wenn Herr und Schmied gleichzeitig gezüchtigt wer⸗ den. Ich ſollte doch glauben, daß ein Mann wie —— 93 ich, der Haus und Hof ſammt Gütern beſitzt, mehr gelten müßte, als ein ſolcher Hammerſtiel, wie Bengt, der Nichts hat, als was er täglich verdient.“ „Ganz richtig, und ſo verlaſſe ich mich darauf, daß ihr ſolche Landſtreicher wie Jvar nicht länger als Kameraden duldet.“ Mit dieſen Worten trennte ſich das Triumvirat. Die beiden Arbeiter nahmen ihren Weg jeder nach ſeiner Wohnung; derjenige, welchen ſie als Herrn titulirt hatten, wanderte durch den Wald nach Akersnäs zurück. Allein er war noch nicht weit gekommen, ſo er⸗ hielt er einen leichten Schlag auf die Schulter. Er drehte ſich haſtig um und rief: „Herr Lange!“ Jacobo, denn dieſer war es, ſtand vor dem jungen Mann mit einer Miene, als ob er Nichts gehört oder geſehen hätte. „Woher kommen Sie, Axelhjelm?“ fragte er in ſeinem gewöhnlichen Tone.„Ich glaubte, Sie lägen um dieſe Zeit auf dem Ohr und ſchliefen. Ein Ar⸗ beiter darf ſich die Ruhe nicht verſagen, um Nachts im Mondſchein herumzuſchwärmen.“ Evert hatte die Faſſung ganz und gar verloren. Er wußte nicht, wie er Jacobo's Worte nehmen ſollte— ob dieſelben eine Ironie in ſich ſchlöſſen, hinter welcher er das, was er wußte, zu verbergen ſuchte, oder ob er wirklich von dem, was geſchehen war, keine Kenntniß hatte. Da Arelhielm vor Ueberraſchung und Verwir⸗ rung keine Antwort gab, begann Jacobo wieder: „Sie ſcheinen verlegen darum zu ſein, was Sie 94 mir auf die Frage, wo Sie geweſen ſind, ſagen ſollen. In dieſem Fall laſſen Sie es nur bleiben; aber in der Eigenſchaft als Ihr Principal will ich Ihnen einen Rath geben: ein junger Mann darf ſich niemals in dergleichen nächtliche Abentener ein⸗ laſſen, welche ihn, zur Rechenſchaft aufgefordert, in Verlegenheit ſetzen. Die Werke der Nacht müſſen von der Art ſein, daß ſie das Tageslicht nicht zu ſcheuen haben.“ „Ich verſichere Sie, daß.....“ ſtammelte Evert. „Sie brauchen Nichts zu verſichern,“ fiel Jacobo ein.„Sie ſind mir keine Rechenſchaft ſchuldig; aber ich fordere von jedem meiner Arbeiter ein geordnetes und ſittliches Leben. Dieſe Forderung wird um ſo größer, je mehr Bildung dem einzelnen Individuum zu Theil geworden iſt. An den rohen Menſchen kann man nicht dieſelben Anſprüche in Bezug auf Ur⸗ theil und Unterſcheidungsgabe machen, wenn es ſich um Recht und Unrecht handelt, wie an den, welcher eine Erziehung genoſſen hat.“ Es entſtand eine Pauſe. Evert hätte gern Jacobo gefragt, wie es käme, daß er ſelbſt mitten in der Nacht ſo da draußen wäre. Nachdem er eine Weile ſich die Sache über⸗ legt und dabei der Hoffnung, ihn mit der Antwort in Verlegenheit zu bringen, Raum gegeben hatte, ſagte er endlich ganz dreiſt: „Aber Sie ſelbſt, Herr Lange, haben eine nächt⸗ liche Promenade gemacht, und die meinige kann ebenſo unſchuldig ſein wie die Ihrige.“ „Daran zweifle ich nicht,“ erwiederte Jacobo mit einer eigenthümlichen Schärfe im Ton,„und gewiß ———— 95 werden Sie das zugeben, wenn ich Ihnen ſage, daß mein Spaziergang durch den Ihrigen veranlaßt worden iſt.“ Lange ſchwieg und pfiff einen Marſch.. Evert war völlig verblüfft. War Lange ihm nachgegangen? War er bei der Zuſammenkunft der Arbeiter gegenwärtig geweſen? Wenn es ſich ſo verhielt, wie war es dann möglich, daß er mit ſol⸗ cher Ruhe ſprechen und gegen Evert kein einziges Wort, welches darauf hindeutete, äußern konnte? Jacobo unterbrach das Stillſchweigen. „Der Grund; warum ich Sie ſo ſpät aufſuchte, war, daß ich einen Brief von dem Fabrikbeſitzer K. erhielt, und zwar wegen der Dampfmaſchine, welche morgen abgeſendet werden ſoll. Ich kam dabei auf den Gedanken, daß Sie mitgehen ſollten, um bei der Aufſtellung derſelben behülflich zu ſein. Sie erlangen auf ſolche Weiſe Uebung in dergleichen Arbeiten, und lernen, wie es dabei hergeht. Schlag vier Uhr Morgens reiſen Sie ab.“ Dieſe letzten Worte wurden in eigenthümlich be⸗ fehlendem Tone ausgeſprochen. SAber ich „Sie werden mir ſicherlich Rechnung dafür tra⸗ gen, daß ich Ihnen Gelegenheit gab, Ihre Gedanken auf etwas praktiſch Nützliches zu wenden. Die Ar⸗ beit iſt der beſte Ableiter für unſere ſchlimmern Ge⸗ ſinnungen. Sie ſind bereits einundzwanzig Jahre alt und müſſen mit Ernſt an die Laufbahn denken, die vor Ihnen liegt. Nur dann führt ein Beruf zu Glück und Unabhängigkeit, wenn wir mit Eifer und wahrem Intereſſe denſelben umfaſſen.“ 96 Der Reſt des Wegs wurde, ohne weiter ein Wort zu wechſeln, zurückgelegt. Als ſie zu Akers⸗ näs ankamen, ſah Jakobo auf ſeine Uhr und ſprach: „Sie haben zwei Stunden, ſich zu richten. Für heute Nacht müſſen Sie auf die Ruhe verzichten. Schlag vier Uhr erfolgt die Abreiſe.“ XIV. Am folgenden Morgen bot der äußere Hof der Fabrik zu Akersnäs einen ganz eigenthümlichen An⸗ blick dar. Er war mit Arbeitern angefüllt, welche ſich hier offenbar in der Abſicht, Jemand zu erwar⸗ ten, verſammelt hatten. Sie brauchten auch nicht lang zu harren, denn bei dem Laut einer ſchönen und klangvollen Stimme, welche ein munteres Lied⸗ chen ſang, murmelten ſie: „Da kommt er.“ Und herein in den Hof trat Bengt, gefolgt von Jvar. Bei dem Ablick beider verwandelte ſich das Gemurmel in ein drohendes Geſchrei. Der Feiler Erik, der„große Erik“ genannt, weil er der ver⸗ möglichſte unter den Arbeitern war und darum in hohem Anſehen unter ihnen ſtand, trat vor und ſtellte ſich Bengt und Jvar in den Weg. „Nun, Kameraden, haltet ihr Rath über irgend eine Luſtbarkeit, worüber ihr meine Meinung hören wollt, da ihr hier ſo verſammelt ſeid?“ rief Bengt, und ſah ſich mit freimüthigem Blick ringsum. „Ah, lieber Bengt,“ nahm Erik das Wort,„Du brauchſt den Mund nicht ſo voll zu nehmen. Wir 97 können auch eine Tanzunterhaltung und dergleichen anſtellen, ohne vorher deine Meinung darüber hören zu müſſen. Auf alle Fälle will ich Dir jagen, daß es ſich jetzt um etwas Anderes handelt. Es gelüſtet uns, mit Dir Abrechnung zu halten. Stimme alſo deinen Ton herab, das rathe ich Dir.“ „Ah ſo, Du ſingſt in dieſer Melodie. Nun, mir auch recht. Ich getraue mir ein ebenſo guter Schmied zu ſein, wie Du, Erik; wenn Du alſo wie⸗ der mit mir anbinden willſt, ſo bin ich noch Manns genug, um Dir aufzuwarten, wie ich ſchon früher einmal gethan habe.“ „Es iſt jetzt nicht von Dir und mir die Rede, ſondern von Dir und dem Zuchthäusler, welchen Du in die Fabrik geſchafft haſt. Glaubſt Du, wir, lauter rechtſchaffene und ehrliche Arbeiter, wollen Kameraden mit einem Mörder, einem Spitzbuben ſein, wie der Burſche da, den Du dem Patron auf⸗ gebürdet haſt?“ „Einem Mörder!“ riefen die, welche hinter Bengt ſtanden und zu ſeinen Kameraden in der Schmiede gehörten. „Ja, ja, Kameraden, Jvar iſt derſelbe Lehrjunge, welcher auf eine ſo ſchreckliche Weiſe ſeine Pflege⸗ mutter um's Leben gebracht hat. Bengt theilte wohl den Raub, möchte ich.... Der Satz war noch nicht ausgeſprochen, als Bengt's muskulöſe Hand augenblicklich auf den Sprechenden niederfiel. Dieß war das Signal zu einem ällgemeinen Tumult. Die gegen Jvar aufgehetzten und neidi⸗ Schwartz Arbeit abelt den Mann. 1. 7 98 ſchen Arbeiter und Lehrlinge ſchrieen wild durch einander: „Bengt hat Erik wegen des Galgenvogels ge⸗ ſchlagen; wir wollen dem Elenden und Bengt mit die Streiche heimgeben.“ „Holla, was iſt das für ein Treiben!“ ließ ſich eine Stimme mitten unter dem aufgeregten Volke, das ſich von allen Seiten um Bengt und Jvar her⸗ umdrängte, vernehmen. Der Letztere hatte ſchon verſchiedene Püffe erhalten, und der Erſtere hatte mehrere ausgetheilt, um ſich und den Jungen zu vertheidigen. Der Laut der ſchönen, aber ſtrengen Stimme wirkte augenblicklich. Die zum Schlag erhobenen Arme ſenkten ſich, das Schreien und Lärmen ver⸗ ſtummte, denn der Fabrikherr ſtand mitten unter ihnen. „Was ſoll das heißen?“ fragte Jacobo und ſah ſich rings um.„Sind es die Arbeiter von Akers⸗ näs, welche ſich einen Angriff, ſo Viele gegen Einen, erlauben?“ Zur Antwort auf dieſe Frage erhoben ſich alle Stimmen. Jedoch nur ein einziges Wort in dieſem Lärm zu unterſcheiden, war unmöglich. Jacobo rief alſo mit kräftiger Stimme: „Still!“ Dem Befehl wurde Folge geleiſtet. „Tritt Du vor, Erik Mattſon. Du führteſt ſo eben das Wort; ſprich, um was es ſich handelt. Ihr ondern ſchweigt!“ „Ja, Herr Patron, ſprach Erik und trat keck vor, indem er ſeine Mütze abnahm.„Wir wollen den 99 Herrn Patron fragen, ob wir nicht immerdar als unbeſcholtene Leute bekannt geweſen ſind.“ „Das ſeid ihr.— Auch weiß jeder von euch allzuwohl, daß ich keine andern Leute haben will, als ſolche, die in dieſem Rufe ſtehen. In dieſer Hinſicht bin ich ſtreng geweſen.“ „Wir wiſſen, daß Sie es geweſen ſind, und darum ſind wir um unſern guten Namen beſorgt. Ueberall in dem Kirchſpiel ſtehen die Arbeiter von Akersnäs in gutem Anſehen; darum wollen wir kei⸗ nen übel berüchtigten Menſchen unter uns haben,“ antwortete Erik und ſetzte ſeine Mütze mit trotziger Miene wieder auf. „Nun, wer wagt vorzutreten und zu behaupten. Bengt ſei übel berüchtigt?“ rief Jakobo in ſtrengem Ton.„Wenige unter euch gibt es, die ſich rühmen können, in Allem von ſo untadelhaften Sitten zu ſein, wie Bengt, oder einen ſo ordentlichen Lebens⸗ wandel zu führen, wie er, und dennoch war euer Anfall gegen ihn gerichtet.“ „Deßhalb, Herr Patron, weil er dieſen Burſchen, oder vielmehr Spitzbuben, der im Kerker geſeſſen iſt und einen Mord begangen hat, in die Fabrik brachte.“ „Von wem redeſt Du?“ fragte Jacobo und ſah Erik feſt an. „Ich meine Jvar, welcher an ſeiner Pflegemutter einen Mord begangen hat. Da nun Bengt denſelben empfahl, ſo hat er ſich zum Fürſprecher eines ſchlech⸗ ten Menſchen gemacht und iſt folglich ſelbſt ſchlecht. Wer mit Mördern umgeht, iſt Jesgleichen 1n da⸗ 100 her kommt es, daß wir ſolche Kameraden nicht haben wollen.“ „Biſt Du nun fertig?“ fragte Jacobo und kreuzte ruhig die Arme über die Bruſt. Lange's ſonſt mil⸗ des und friſches Angeſicht war bleich geworden. Das Weiche in ſeinem Ausdruck war verſchwunden. Aus dem ſtrahlenden Auge leuchtete feſte und unbeugſame Entſchloſſenheit und auf der hohen Stirne weilte ein Gepräge von Strenge. Erik, welcher dem Fabrikherrn in's Geſicht ſah, merkte, daß der Patron durchaus nicht in der Stim⸗ mung war, mit ſich ſpielen zu laſſen, weßhalb er auf Jacobo's Frage in etwas herabgeſtimmtem Tone antwortete: „Ja, ich habe meine und meiner Kameraden Meinung geſagt, will aber blos noch hinzuſetzen, Herr Patron, daß Sie, wie wir wohl begreifen, Nichts davon wiſſen konnten, was für eine Kanaille Jvar war, und daß blos Bengt Sie betrogen hat.“ „Bengt hat hier, wie immerdar, rechtſchaffen ge⸗ handelt; ich wußte demnach, daß Jvar des Mordes an der alten Frau angeklagt; aber ich wußte auch, daß er von dem Geſetz freigeſprochen war. Der Knabe war alſo unſchuldig und darum habe ich ihn angenommen. Unglück iſt nicht daſſelbe wie Ver⸗ brechen, und das hat mich zu dem Verſuch beſtimmt, aus ihm einen braven Arbeiter zu machen.“ „Wir glauben nicht an ſeine Unſchuld! Wir wollen ihn nicht unter uns haben! Er muß fort aus der Fabrik!“ ſchrie es rund um Lange herum. „Still!“ rief Lange wieder mit ſtarker Stimme. „Ich habe euch nun meine Erklärung abgegeben, 101 und fordere, daß ihr an die Arbeit geht. Der Erſte, welcher noch ein Wort der Unzufriedenheit äußert, erhält ſeinen Abſchied. Ich bin bisher ein gerechter Fabrikherr geweſen, und darum verlange ich auch Gehorſam. „Aber, Herr Patron, wir möchten zuerſt wiſ⸗ ſen....“ fiel Erik ein und trat Lange einen Schritt näher. „Ihr habt mein Wort gehört;— heute Abend ſprechen wir weiter davon.“ Gewöhnt, zu gehorchen, gingen ſie; aber die Un⸗ zufriedenheit ſtand in jeder Miene zu leſen. Bengt folgte ſeinen Leuten in die Schmiede. Jvar blieb allein, unbeweglich und leichenblaß ſtehen. „Du kommſt mit mir auf das Comptoir,“ ſagte Lange. In der Schmiede hörte man an dieſem Tage kein munteres Lied von Bengt; auch das ſonſtige heitere Geplauder der Schmiede war verſtummt. Nicht ein Wort wurde zwiſchen ihm und ſeinen Ka⸗ meraden gewechſelt. Als die Glocke läutete und ſomit die Mittags⸗ ſtunde angerückt war, ſchickte Bengt ſich an, die Schmiede zu verlaſſen, wurde aber von einem der Arbeiter zurückgehalten, welcher ſagte: „Bengt, Du biſt erzürnt über uns, aber Du haſt Unrecht. Wir wollen noch gute Kameraden mit Dir ſein, obſchon jener Burſche, den man hätte hängen ſollen uns nicht anſteht; aber wenn der Patron ſich einmal für ihn verbürgt, ſo mag er ja wohl bleiben. Wir wiſſen Alle, daß Du ein braver Kerl und Ka⸗ 102 merade biſt, der ſich aus Mitleid jenes Wechſelbalgs angenommen hat; deßhalb denken wir, Du ſollteſt teinem Groll gegen uns Raum geben.“ „Nein, mit der Freundſchaft zwiſchen uns iſt es aus,— das will ich euch ſagen. Als der große Erik mich beſchuldigte, mit Jvar den Raub getheilt zu haben, da ſchwiegt ihr, und als ſie über den Knaben und mich herfielen, da bliebt ihr ruhig ſtehen. Das vergißt Bengt nicht ſo bald. Es kann ja wohl geſchehen, daß ich nicht mehr mit Kerlen Freund ſein will, welche zuſehen, wie zwei von einem ganzen Haufen angegriffen werden.“. Mit dieſen Worten warf Bengt ſeine Mütze auf den Kopf und ging. Das war mehr, als die Andern ertragen konnten. Bengt zu verlieren, welcher ſo ſchöne Lieder ſang, welcher immer der Fröhlichſte und Dienſtfertigſte von Allen war, das konnte die Bevölkerung von der Schmiede nicht verſchmerzen. Sie verſammelten ſich alſo um einen großen Amboß und hielten Rath mit einander. „Nun, Jungen, macht ihr gemeinſchaftliche Sache mit uns und beſchließt ihr gleichfalls, nicht eher an die Arbeit zu gehen, als bis der Patron dieſen Jvar zum Teufel geſchickt hat. Wir ſind übereingekommen, die Arbeit einzuſtellen, wenn der Patron ſich den Lümmel nicht vom Halſe ſchafft.“ „Damit wollen wir Nichts zu ſchaffen haben. Hat Bengt ſich des Jungen angenommen, ſo iſt derſelbe unſchuldig. Pir vertrauen in dieſem Fall auf den Patron und auf Bengt,“ antwortete einer der Schmiede. 103 „Uebrigens ſcheint mir,“ ſetzte ein junger Arbeiter hinzu,„brauchen wir in der Schmiede uns an dem, was ihr vorhabt, nicht zu betheiligen; ich glaube vielmehr, wir thun beſſer daran, uns von eurer Stänkerei fern zu halten.“ „So denke ich auch,“ bemerkte ein Dritter.„Wenn wir eine ſolche Thorheit begingen, wie Jönsſon will, ſo wäre die Folge davon, daß wir ſelbſt uns des täglichen Verdienſtes beraubten.“ „Wenn die Arbeit ſtill ſteht, ſo verliert der Patron ſo furchtbar dabei, daß er davon den Ruin haben kann. Denn nur von uns und durch uns hat er ſeinen Reichthum.“ „Und wir haben unſer Auskommen von ihm.“ „Auskommen, ja; aber er wird reich von unſe⸗ rer Arbeit, und das iſt mehr. Darum muß er thun, wie wir wollen; denn ohne uns iſt er doch Nichts,“ meinte Jönsſon. „Das kann Alles wahr ſein; aber er iſt auch ein ungemein gerechter und wackerer Fabrikherr.“ „Und ich ſollte glauben, daß wir auch tüchtige Arbeiter ſind,“ entgegnete Jönsſon und warf ſich in die Bruſt.„Er kann keine beſſern Leute für ſeine Fabrik auffinden. Wenn er gerecht iſt, ſo kommt es daher, daß er es nicht wagen darf, anders zu ſein. Wir ſind auch Kerle und machen unſer Recht geltend.“ „Was das anbelangt, ſo haben wir uns deßhalb noch nie zu beſchweren gebraucht.“ „Ihr gedenkt alſo, euch einen Mörder als Ka⸗ meraden aufladen zu laſſen?“ „Ah, damit hat es keine Gefahr. Behält ihn der Patron, ſo iſt er ganz gewiß auch kein Mörder.“ 104 „Ihr ſeid doch recht vernagelt. Begreift ihr denn nicht, daß der Patron den Wicht nur behält, um uns damit einen Poſſen zu ſpielen?“ „Wenn dem ſo wäre, ſo hätte der Patron es ſchon früher thun können,“ fiel ein älterer Schmied ein. „So bildeſt Du dir ein, du Eſel,“ entgegnete Jönsſon;„aber ich, der ich tiefer in der Sache ſehe, weiß, daß der Patron mittelſt des Burſchen Jeder⸗ mann glaublich machen will, ulle ſeine Arbeiter ſeien Sträflinge und können ſomit anderwärts keinen Platz finden, ſehen ſich alſo genöthigt, bei dem Patron für einen geringern Taglohn zu arbeiten. Ich ſage euch daher, behält der Patron den Jvar, ſo liegt eine teufliſche Liſt darunter, und das Klügſte, was wir thun können, iſt, daß wir ihn zwingen, ſich in unſern Willen zu fügen. Sollen wir uns etwa von einem Herrn unterdrücken laſſen, welcher durch unſere Arbeit zu Vermögen gelangt iſt? Nein, er muß lernen, daß er die Verpflichtung hat, was recht und billig iſt, uns zu leiſten.“ „So möchte es wohl ſein, aber wir glauben nicht an das, was Du ſagſt. Wir wollen Bengt hören.“ „Ja freilich, ihr habt geringere Ambition, als wir andern in der Fabrik. Ich hätte aber nicht ge⸗ ſerrt: daß die Schmiede ſich ſolchergeſtalt hudeln ießen.“ „Was die Ambition betrifft, ſo liegt uns unſere Ehre ebenſo ſehr am Herzen, wie euch, und darum halten wir zum Patron, welcher immer auf der Seite des Rechtes geſtanden iſt.“ Und dabei verblieb es. —— 105 Xv. Die Sommerſonne neigte ſich zum Untergang, als die Arbeiter von Akersnäs der Aufforderung von Lange zufolge ſich in dem äußern großen Hofe verſammelten. Auf den mehr oder minder energi⸗ ſchen Geſichtern weilte ein Ausdruck des Trotzes, welcher deutlich einen gefaßten Entſchluß zu erken⸗ nen gab. Von den Uebrigen getrennt, ſtanden Bengt und die Schmiede. Als alle verſammelt waren, trat Jakobo mitten unter ſie. Das Antlitz des jungen Fabrikherrn trug noch denſelben ſtrengen und feſten Ausdruck wie am Morgen. Mit ſtarker Stimme fragte er: „Ihr habt erklärt, daß ihr nicht mit Jvar zu⸗ ſammen arbeiten wollt; iſt es nicht ſo?“ „Ja, Herr Patron, das iſt wahr, und feſter als je iſt nunmehr unſer Beſchluß. Hat der Herr Pa⸗ tron einen guten Namen von uns gefordert, die wir ſchon ſo lang in der Fabrik ſind, ſo verlangen wir daſſelbe von den Kameraden, welche er uns gibt.“ Es war Erik, welcher das Wort führte. „Wenn einer von euch einen Sohn hätte,“ be⸗ gann Jacobo ruhig und ernſt,„welcher durch un⸗ glückliche Verhältniſſe in einen ſolchen Criminalpro⸗ ceß verwickelt worden wäre, würdet ihr dann mich einer unrechten Handlung zeihen, wenn ich ihm Ar⸗ beit gäbe?“ „Das iſt aber nicht derſelbe Fall mit einem 106 ſolchen Landſtreicher, welcher niemals ehrliche Eltern gehabt hat, und deſſen Wandel ſo ſchmählich gewe⸗ ſen iſt, daß ihn Niemand an dem Orte, wo er frü⸗ her ſich aufhielt, in Dienſt nehmen wollte.“ „Wenn er keine Eltern gehabt hat, ſo iſt dieß nur ein Grund mehr, Mitleid gegen ihn zu empfin⸗ den, beſonders da ich vollkommen überzeugt bin, daß er unſchuldig iſt. Als Chriſt und Menſch bin ich verpflichtet, dem von der ganzen Welt verlaſſe⸗ nen und unglücklichen Jüngling Arbeit und Schutz zu geben. Ich hoffe, ihr alle habt ſo viel Gefühl von Menſchlichkeit und Barmherzigkeit, daß ihr nicht fordert, ich ſolle ihn fortjagen, ohne daß er Ausſicht hat, ſich fortzubringen, und ihn ſomit der Gefahr ausſetzen, durch Noth und Elend auf die Bahn des Laſters und Verbrechens getrieben zu werden. So lang Jvar einer guten Aufführung, eines redlichen und gottesfürchtigen Wandels ſich befleißt, wird er bei mir bleiben, das iſt mein feſter Entſchluß.“ „Der Herr Patron hat Recht,“ riefen die Schmiede. „In dieſem Fall kann ſich der Herr Patron nach andern Leuten umſehen,“ fiel Erik ein.„Wir haben uns vorgenommen, wofern Sie Jvar nicht den Ab⸗ ſchied geben, nicht mehr in der Fabrik zu arbeiten. Entweder muß der Burſche auf der Stelle fort, oder die Fabrik ſteht ſtill. Das iſt unſer Wille.“ „Folgt demſelben,“ antwortete Jacobo mit un⸗ veränderte Ruhe;„das ſtößt meinen Entſchluß, Jvar zu behalten, nicht um.“ Ein dumpfes Gemurmel der Mißbilligung und Unzufriedenheit ging durch die Reihen der verſam⸗ 107 melten Arbeiter; aber ohne ſich dadurch ſchrecken zu laſſen, rief Lange den Werkmeiſter. „Die Fabrik wird geſchloſſen und bleibt geſchloſ⸗ ſen, bis ich mir neue Leute verſchafft habe.“ Damit wandte er ſich gegen das Gitterthor, welches in den innern Hof führte. Einige der Keck⸗ ſten traten vor und wollten ihm den Weg verſper⸗ ren; aber Jacobo ſah ſie ruhig an und ſagte blos: „Macht Platz!“ Dieſe Worte wurden von den Schmieden wie⸗ derholt. Bengt öffnete die Thüre und Jakobo ging lang⸗ ſam hindurch. „Morgen erhaltet ihr den rückſtändigen Lohn für die Tage, welche ihr in dieſer Woche noch gearbeitet habt,“ bemerkte Lange, indem er ſich umdrehte. Das Gemurmel war verſtummt. „Soll die Schmiede auch geſchloſſen werden?“ fragte einer der dortigen Arbeiter, die Mütze ab⸗ nehmend. „Nein, ihr könnt immerhin morgen arbeiten,“ erwiederte Lange.. „Mit Verlaub, Herr Patron, ich möchte mit Ih⸗ nen ein paar Worte unter vier Augen reden,“ bat Bengt, als Jacobo an ihm vorüber ging. „Komm' mit auf das Comptoir,“ lautete die Antwort. Die Thüre zu dem Fabrikhof wurde hierauf ver⸗ ſchloſſen und verriegelt. Bei dem Geräuſche davon hörte man ein dum⸗ pfes Gemurmel, welches jedoch ſchnell wieder erſtarb. 108 Erik erhob ſeine Stimme und ſprach zu den Andern: „Laßt uns jetzt nach Hauſe gehen. Ich denke, der Patron wird ſich bis morgen beſinnen. Ich will doch ſehen, wie er es anfangen wird, im Fall er fremde Arbeiter hieher bringt. Ich hoffe, wir werden dem Patron noch begreiflich machen, daß es nicht ſo leicht angeht, Leute wie wir auf ſolche Art zu behandeln. Kann er ohne uns ſein, ſo kön⸗ nen wir auch ohne ihn ſein, und wahrlich, andere Arbeiter wird er nicht anzunehmen wagen.“ Damit machte ſich ein Jeder auf den Weg nach Hauſe. Auf dem Comptoir mit Bengt angekommen, ſagte Jacobo halb lächelnd, halb ernſt: „Nun, Bengt, ſiehſt Du, daß ich Recht hatte, als ich Bedenken trug, deinen Schützling aufzuneh⸗ men? Ich würde viel klüger gethan haben, wenn Jvar auf eine andere Weiſe zu helfen geſucht ätte.“ „Ach, Herr Patron, ich erkenne wohl, daß ich alle dieſe Verwirrung angerichtet habe, und darum komme ich auch, um dem Herrn Patron zu ſagen, daß es nunmehr meine Pflicht iſt, Jvar mit mir zu nehmen und an einem andern Orte Arbeit zu ſuchen. Gott weiß, daß es nicht mein Wille gewe⸗ ſen iſt, zu einer ſolchen Zänkerei Veranlaſſung zu geben, und ich bitte den Herrn Patron deshalb um Verzeihung. Meine Strafe iſt, daß ich mit dem armen Knaben von hier fortgehe. Wenn wir weg 109 ſind, werden auch die Kameraden ſich ſo wieder be⸗ nehmen, wie ſich's gebührt. Es geht aber nicht wohl, wenn Jvar bleibt.“ „Bengt, Du kennſt deinen Herrn ſchlecht, wenn Du glaubſt, ich werde Jvar jetzt verlaſſen, nachdem ich ihn einmal in Arbeit genommen habe. Du und er, ihr bleibt. Eine Nachgiebigkeit in dieſem Au⸗ genblick gegenüber von den Leuten würde zur Auf⸗ löſung aller Ordnung führen, ſo lang ſie unter An⸗ leitung der Aufwiegler handeln. Sie müſſen er⸗ kennen und einſehen, daß ſie ſich auf einen unrech⸗ ten Weg haben verlocken laſſen.“ „Aber, Herr Patron, wenn die Leute in ihrer gereizten Stimmung ſich eine Gewaltſamkeit erlau⸗ ben würden.“ „Sei ruhig, mein lieber Bengt, und gehe heim zu deiner Mutter. Jvar bleibt bei mir, bis dieſe ärgerliche Geſchichte zu Ende iſt.“„ XVI. Kurz hernach fuhr Jacobo hinüber nach Kungs⸗ org. Als er die Fabrikgaſſe paſſirte, ſtanden hier und da Gruppen von Arbeitern und hielten Rath mit einander. Auf den Geſichtern der Meiſten lag ein deutlicher Ausdruck von Zweifel und Mißvergnügen; dennoch grüßten ſie höflich, als Lange vorüberkam. Als Jacobo in den Salon zu Kungsborg trat, fragte Stephana; * 110 „Was iſt geſchehen? Du ſiehſt ſehr aufge⸗ regt aus.“ „Herr Lange iſt todesbleich,“ fiel Helfrid ein. „Hat Sie ein Unglück betroffen?“ „Kein Unglück, wohl aber eine kleine Wider⸗ wärtigkeit,“ antwortete Jacobo.„Meine Leute ha⸗ ben mir die Arbeit aufgekündigt.“ Er erzählte, was geſchehen war. „Ah!“ rief Helfrid;„da haben Sie nun einen Zug von dieſem Volk, das Sie ſo warm vertheidi⸗ gen und für das Sie ſo viele Freiheit haben wollen. Glauben Sie wirklich, daß Vernunft, Wahrheit oder Gerechtigkeit in deren Benehmen liegt? Wilde, ſo⸗ bald eine ihrer Leidenſchaften in Bewegung kommt, ſuchen ſie bei dem mindeſten Schein von Freiheit ſie zu mißbrauchen. Das ſind Ihre Arbeiter, welche Sie zu denſelben Rechten und zum Genuß derſelben Achtung in der Geſellſchaft, wie die andern Stände, erheben wollen. Wird dieſes Ereigniß Sie nicht das Thörichte ſolcher Träumereien lehren?“ „Ganz und gar nicht; im Gegentheil hat das Benehmen meiner Arbeiter mir mehr als je bewie⸗ ſen, daß die Leute, ſobald ſie einmal. ein klares Bewußtſein von ihrer Menſchenwürde haben, die⸗ ſelbe auch hoch ſchätzen. Zwiſchen ihnen und mir beſteht ein Streit, welcher ſich um die Begriffe von Recht und Gerechtigkeit dreht. Sie ſehen Jvar als einen übelbeleumdeten jungen Menſchen an, mit dem ſie keine Gemeinſchaft haben wollen. Ich dagegen betrachte ihn als einen Unglücklichen, welchen ich dadurch, daß ich ihm Mittel zur Arbeit gebe, auf den rechten Weg zurückführen will. Meine Arbeiter 111 haben ſich ſämmtlich durch Fleiß und ein ordentliches Leben ein allerdings mäßiges, aber vollkommen ſorg⸗ loſes Auskommen verſchafft. Dieſe durch eigene An⸗ ſtrengung erwerbene Exiſtenz hat ſie auch gelehrt, ſich felbſt zu achten, ſo daß ſie mit ſchlechten Kame⸗ raden nicht in Berührung kommen wollen. Denken Sie recht ernſtlich über die Sache nach, Fräulein Helfrid, ſo müſſen Sie zugeben, daß dieſer Hand⸗ lungsweiſe ein wahres, moraliſches Princip zu Grunde liegt. Sie haben damit mir nur ſagen wollen: Du, der Du von uns gute Sitten forderſt, wirſt uns auch für den Charakter der Perſonen, welche Du uns zu Kameraden gibſt, verantwortlich ſein. Wir ſind nicht Sclaven, die ſich nach Willkür behandeln laſſen, ſondern freie Arbeiter, welche nicht einem Herrn dienen wollen, den ſie unrecht handeln ſehen.“ „Aber, mein Gott, in dieſem Fall haben Sie Un⸗ recht gehandelt, daß Sie den armen Jungen nicht 8 ſeinem Schickſal überließen und dem Willen Ihrer Leute gehorchten. Ihren Freiheitsideen nach ſind dieſelben ja nicht ſchuldig, auf ihren Herrn zu ach⸗ ten und nach ihm ſich zu richten. Geſtehen Sie, daß dergleichen Anſichten zur Auflöſung aller menſch⸗ lichen Ordnung führen. Will Jedermann befehlen und Niemand gehorchen, ſo iſt Erbitterung und Un⸗ glück eine natürliche Folge hievon.“ „Fräulein Helfrid, in einer Republik ſtehen Alle unter dem Geſetz und gehorchen ihm als dem Höch⸗ ſten. Beamte und Regierende ſind nichts Anderes, als Repräſentanten oder Werkzeuge des Geſetzes, und als ſolche geachtet. Man gehorcht ihnen ſo lang, als ſie ſeibſt getreulich den Vorſchriften des 112 Geſetzes Folge leiſten— aber wozu dieſe Worte: Sie und ich, wir werden ja niemals über dieſen Gegenſtand gleich denken. Was hingegen Ihren Einwurf betrifft, daß ich Unrecht habe, im Fall meine Arbeiter Recht hätten, ſo muß ich einwenden: daß die Leute fürs Erſte nicht nach dem Impulſe ihrer eigenen Rechtsbegriffe gehandelt, ſondern den Einflüſterungen von Perſonen, welche von egoiſtiſchen Leidenſchaften geleitet werden, Gehör gegeben ha⸗ ben. Eine Nachgiebigkeit von meiner Seite, unter ſolchen Verhältniſſen, wäre eine Feigheit, denn ich bin vollkommien überzeugt, daß ſie ſelbſt eines Tags mir Recht geben werden. Ich würde ihnen als Chriſt ein ſchlechtes Beiſpiel vorgehalten haben, wenn ich aus Furcht vor dem mich treffenden Verluſt Jvar preisgegeben hätte. Im Uebrigen, da ich weiß, daß ich ſtets redlich gegen meine Leute gehandelt, und ſelbſt allen den Forderungen nachkomme, welche ich an ſie ſtelle, ſo habe ich auch, wie das Geſetz, ein Recht, Gehorſam zu fordern. Hätte ich bei dieſem erſten Verſuch, meine Leute zu Willkür⸗ handlungen zu verleiten, nachgegeben, ſo wären die Aufwiegler ſchon morgen im Stande geweſen, mir neue Vorſchriften zu machen, ganz nach deren per⸗ ſönlichem Intereſſe.— Wenn dagegen die Leute klar einſehen. daß ſie ſich in Bezug auf meine Hand⸗ lungsweiſe gegen Jvar irre leiten ließen, ſo werden ſie wieder zur Arbeit zurückkehren. Eben der Um⸗ ſtand, daß ich nicht anders gehandelt habe, als ich ſollte, bringt es mit ſich, daß ich mich nicht nach ihnen richten darf.“ „Aber inzwiſchen können Sie der Rohheit dieſer 113 Menſchen bloßgeſtellt ſein. Vielleicht werden ſie unter dem Ausbruch ihrer gereizten Gefühle ſich nicht ſcheuen, zu Gewaltthätigkeiten und Mißhand⸗ lungen gegen denſelben Herrn zu ſchreiten, dem ſie ſeit Jahren die Verbeſſerung ihrer moraliſchen wie ökonomiſchen Zuſtände zu danken haben.“ „Beruhigen Sie ſich, mein Fräulein; der red⸗ liche Arbeiter kann ſich eines Irrthums oder einer Uebereilung ſchuldig machen, ſo gut wie wir alle; aber viel weniger als andere kommt er in Verſu⸗ chung, eine niedrige oder grauſame Handlung zu begehen. Wenn unter dieſen dreihundert auch fünf⸗ zig ſich fänden, welche hiezu im Stande wären, ſo würden die andern zweihundert und fünfzig die er⸗ ſten ſein, die mich vertheidigten. Gerade unter dem Volke finden wir die meiſten unverdorbenen Rechts⸗ begriffe.“ „Aber dadurch ließen ſich die Leute doch nicht von einer ſo unedeln Handlung wie der Angriff auf Bengt und Jvar abhalten.“ „Wer von uns, mein Fräulein, hat nicht einmal einem unedeln Eindruck nachgegeben, beſonders wenn er von Andern dazu angetrieben worden iſt; aber ſeien Sie verſichert, daß dieſe redlichen und arbeit⸗ ſamen Menſchen dieß nicht thun werden, wenn ſie ihren Irrthum einſehen.“ „Es kann aber der Fall eintreten, daß ſie ſich vergehen, bevor ſie zu dieſer Einſicht gelangen.“ „Das iſt möglich, aber doch minder glaublich. Thun ſie das, ſo ſind ſie durch falſche und verkehrte Vorſtellungen dazu verleitet worden.“ Schwartz, Arbeit abelt den Mann. 1. 8 114 „Verleitet!“ wiederholte Stephana, welche die ganze Zeit ſchweigend dageſeſſen war. „Ja, daß Jemand vorhanden iſt, der ſie auf⸗ hetzt, das weiß ich. Die Gährung, welche ſeit eini⸗ ger Zeit unter den Leuten herrſcht, gab mir Veran⸗ kaſſung, daß ich der Wahrheit auf die Spur zu kom⸗ men ſuchte.“ Stephana's und Jacobo's Augen begegneten ſich. Beide ſchienen von demſelben Gedanken ergriffen. Stephana rief jedoch gleichſam zum Einwurf gegen denſelben: „Unmöglich, er iſt noch zu jung.“ „Gerade die Jugend ſpielt am häufigſten mit Elementen, deren Stärke ſie nicht kennt. Sie verſteht nicht, zu welchen Extremen die menſchlichen Leiden⸗ ſchaften führen können.“ Jacobo erhob ſich und reichte Stephana die Hand zum Abſchied; dann wandte er ſich zu Helfrid und ſagte lächelnd: „Leben Sie wohl, Fräulein Helfrid! Sie ſind bleich. Rührt dieſer Schrecken von meinen Arbei⸗ tern her?“ „Ihre gegenwärtige Stellung beunruhigt mich.“ „Dieß kommt daher, daß Sie in dieſen niedrigen Leuten nur einen rohen und wildgeſinnten Pöbel ſehen. Seien Sie verſichert, es iſt noch niemals eine Grauſamkeit von dem Volke begangen worden, ohne von Seiten der Machthaber hervorgerufen wor⸗ den zu ſein. Glauben Sie meinen Worten. Sie werden ſich einmal genöthigt ſehen, denſelben Recht zu geben.“ 11⁵ Jacobo führte Helfrids Hand an ſeine Lippen, dann entfernte er ſich. Geraume Zeit ſaßen ſie und Stephana ſchwei⸗ gend da; endlich bemerkte Helfrid: „Biſt Du ſo ruhig in Bezug auf die Ereigniſſe zu Akersnäs?“ „Ja; Jacobo kennt die Menſchen, mit welchen er zu thun hat, und wird in Folge dieſer Kenntniß ſie wieder ganz zur alten Ordnung zurückführen.“ „Du biſt glücklich, daß Du mit ſolcher Ruhe an die Gefahr denken kannſt, welche Lange bedroht,“ ſiel Helfrid ein und trat an das Fenſter.„Ich gäbe viel darum, wenn dieſe Nacht vorüber und Hermann daheim wäre, damit er doch Jemand hätte, der ihm beiſtehen könnte, im Fall er deſſen bedürfte.“ Die Stimme der ſtolzen und ruhigen Helfrid zitterte. XVII. Die von Helfrid ſo gefürchtete Nacht ging ganz ruhig vorüber, ohne daß Etwas, das einer unruhi⸗ gen Stimmung glich, zu verſpüren war. In den Wohnungen der Arbeiter herrſchte Ruhe und Stille. Am Morgen wurden die beiden großen Gitter⸗ thore zu dem äußern und innern Fabrikhofe wie ge⸗ wöhnlich geöffnet. Bengt und ſeine Schmiedekameraden fanden ſich ein, mußten aber wieder umkehren, da Jacobo er⸗ klärte, die ganze Fabrik bliebe für heute geſchloſſen. Gegen Mittag kamen die andern Arbeiter in dem Hofe aufmarſchirt. An der Spitze derſelben ſtand Groß⸗Erik. 8 116 Jacobo ſaß im Comptoir und ſchrieb. Bei dem Geräuſch, welches ſie machten, warf er einen Blick durch das Fenſter und ſagte zu dem Werkmeiſter, welcher im Comptoir ſich befand: „Haben Sie die Güte, Herr Abrink, ſich zu er⸗ kundigen, was die Leute wollen. Melden Sie ihnen, ſo viel ihrer Raum haben, können ſie hereinkommen, um ihren Lohn in Empfang zu nehmen.“ Als der Werkmeiſter auf die breite Treppe hin⸗ austrat, riefen die Arbeiter ihm entgegen: „Wir wollen mit Herrn Lange ſelbſt reden.“ „Da müßt ihr in das Comptoir gehen,“ ant⸗ wortete der Werkmeiſter.“ Groß⸗Erik, der ſeit dem geſtrigen Tag ſich als eine höchſt bedeutende Perſon und als den Haupt⸗ mann der Andern betrachtete, erwiederte ganz trotzig: „Nein, wir wollen nicht in das Comptoir, ſon⸗ dern der Patron ſoll zu uns herauskommen. Das iſt doch nicht zu viel begehrt, ſollte ich glauben.“ Der Werkmeiſter kehrte in das Comptoir zurück, kam aber zum Erſtaunen von Erik und der Verſamm⸗ lung wieder heraus, ohne Lange bei ſich zu haben, und gab die Erklärung ab, wer mit dem Herrn Pa⸗ tron ſprechen wollte, müſſe zu ihm hineingehen. „Der Herr Patron hält ſich alſo für zu gut, zu uns zu kommen; das fehlte noch; ſo ſtolz ſieht er auf diejenigen herab, von deren Arbeit er lebt. In dieſem Fall werden wir wohl hineinmüſſen und ihm Raiſon beibringen. Ich will vorangehen, um ihm zu ſagen, was euer Wille iſt.“ Damit ſtieg Erik, begleitet von denen, welche 117 gleich ihm ſich an die Spitze der Bewegung geſtellt hatten, die Treppe hinauf. Als ſie in das Comptoir traten, ſaß Lange vor einem hohen Pult und ſchrieb. Er ſah von der Ar⸗ beit auf und ſprach mit ruhiger Stimme: „Ihr kommt wohl, um euren Lohn in Empfang zu nehmen?“ Darauf ſetzte er, zum Kaſſier gewendet, hinzu: „Hier ſind die Liſten; haben Sie die Güte, den Leuten zu zahlen, was ihnen zukommt.“ „Was das anbetrifft, ſo werden wir darüber bald im Klaren ſein,“ antwortete Erik;„aber wir haben noch ein anderes Wort mit Ihnen zu reden, Herr Patron.“ „Ich ſollte meinen, daß zwiſchen euch und mir Alles beſprochen und geſchloſſen iſt. Wenn ihr her⸗ ausbekommen habt, was eure Forderung beträgt, ſo ſind wir geſchieden. Ihr ſollt hernach auch euer Zeugniß von mir erhalten.“ „Oho, Herr Potron; ſo leicht geht es nicht, uns zu verabſchieden. In dieſer Sache haben wir auch ein Wort mitzuſprechen.“ „In welcher Sache?“ fragte Jacobo, indem er aufſtand und ſich mit ernſter Miene und hoch empor⸗ gerichtetem Haupte vor ſie hinſtellte. „In der Sache mit unſerem Abſchied.“ „Sobald ihr alle euren Lohn erhalten habt, werde ich euch von dem, was ich beſchloſſen habe, Mitthei⸗ lung machen. Geſtern gabt ihr euren Willen zu er⸗ kennen. Bis jeder von euch ſein Recht gefunden, hatte ich Nichts zu ſagen. Ihr kennt mich hinrei⸗ 6 118 beh um zu wiſſen, daß ich feſt an meinem Worte halte.“ Ein dumpfes Gemurmel ließ ſich unter den im Comptoir befindlichen Arbeitern, welche gewiſſerma⸗ ßen die Rädelsführer ausmachten, vernehmen; aber, wie Lange ſelbſt geſagt, ſie kannten ihn allzu gut, um nicht zu wiſſen, daß er nichts Anderes thun würde, als was er erklärt hatte. Erik hielt ſich jedoch für mächtig genug, um noch einen Verſuch zu wagen und dadurch Lange zu be⸗ ſtimmen, ſich nach ihm zu richten. Nach einem Schweigen von einigen Sekunden äußerte er: „Die Sache ſteht aber nun ſo, daß wir zuerſt Alles zwiſchen uns und dem Patron ins Klare ge⸗ bracht haben möchten, ehe wir unſern Lohn in Em⸗ pfang nehmen.“ „Das heißt, Du möchteſt es; aber, mein lieber Frik, ich bin nicht derſelben Meinung, und deßhalb wirſt Du wohl dießmal Dich in die Umſtände fügen müſſen. Nimm alſo deinen Lohn und glaube nicht, daß Du mit Trotz oder Drohungen nur einen Fin⸗ ger breit mich von dem abbringen kannſt, was ich als recht und billig anſehe.“ „Der Herr Patron ſollte keine ſo ſtolzen Worte machen,“ fiel Frik ein;„denn wenn es zu einem Zuſammenſtoß käme, ſo könnten wir Sie zwingen, Ihren Ton etwas herabzuſtimmen; wir ſind unſerer viele, der Patron iſt ganz allein.“ „Nun, und was weiter? Sollte ich Gewalt von euch zu befürchten haben?“ rief Jacobo, indem er vortrat und ſich mitten unter ſie ſtellte.„Glaubſt — ——— 119 Du, es gebe einen Einzigen unter deinen Kamera⸗ den, der ſich hiezu verlocken ließe? Nein! Hätte ich euch einer Gewaltthätigkeit fähig gehalten, würde ich meine Maßregeln getroffen haben, um mich zu ſchützen. Nun kannte ich euch viel zu gut als doß ich einen Augenblick Etwas hätte fürchten ſollen. Den beſten Beweis von meinem Vertrauen ſeht ihr darin, daß ich mit dem Kaſſier allein hier bin.“ Jacoho ſchwieg, und die verſammelten Arbeiter traten nach einander zu dem Kaſſier, um ihren Lohn in Empfang zu nehmen. Erit blieb allein unbeweglich ſtehen, während er mit einem eigenthümlich halsſtarrigen Ausdruck Lange's ſchönes und ruhiges Angeſicht betrachtete. Ohne Erik weiter zu beachten, nahm Lange ſei⸗ nen Platz wieder ein. Als Alle ihren Lohn erhalten hatten, reichte der Kaſſier auch Erik den ſeinigen, indem er ſagte: „So, Erik, quittirt hier auf der Liſte.“ „Das kann ſchon geſchehen, um zu beweiſen, daß ich nicht beſſer als die Andern ſein will; aber das wird nicht viel helfen, wenn wir nun zu der Erklä⸗ rung kommen. Ich bin wohl der Mann dazu, unſer Recht zu behaupten, wenn es darauf ankommt.“ „Haben alle erhalten, was ihnen gebührt?“ er⸗ tönte Jacobo's Stimme. Der Kaſſier bejahte die Frage. Lange ſtand auf und ging auf die Treppe hinaus. Der ganze Hof war von Arbeitern angefüllt, welche warteten, was weiter kommen würde. Ein großer Theil hatte bereits zu überlegen angefangen, 120 daß ſie ſich zu einem ſehr unklugen Schritt hatten verleiten laſſen. Der Anblick Jacobo's, welcher ſtets gut und ge⸗ recht gegen ſie geweſen war, erweckte bei denen, die ſich völlig hatten verleiten laſſen, Etwas wie Reue. Lange fragte die verſammelten Arbeiter, ob ſie ihn einer Ungerechtigkeit anzuklagen, oder ob er in irgend einer Beziehung ſich gegen ſie vergangen hätte. Dieſe Fragen wurden allgemein dahin beantwor⸗ tet, daß ſie ihm Nichts zur Laſt legen könnten. Die Einzigen, welche nicht einſtimmten, waren Erik und Jönsſon. Sie verhielten ſich ſchweigend. „Nun wohl, wenn ich in Allem meine Pflicht gegen euch erfüllte, ſo habt ihr Nichts mir vorzu⸗ werfen, und dennoch gabt ihr die Erklärung ab, in meiner Fabrik nicht mehr arbeiten zu wollen. Die Urſache, die ihr vorbringt, iſt, daß ich einen unglück⸗ lichen, verlaſſenen und entblößten Jüngling, deſſen Lebensſtellung im höchſten Grad beklagenswerth iſt, als Arbeiter angenommen habe. Ich bin vollkom⸗ men überzeugt, daß jeder von euch, gleichwie Bengt, wenn er Jvar, halbtodt vor Hunger und der Ver⸗ zweiflung unterliegend, getroffen hätte, gerade ſo wie dieſer gehandelt, das heißt, Arbeit für den Knaben geſucht haben würde. Ihr habt mich zwingen wol⸗ len, den armen Jungen auf die Straße hinauszuwer⸗ fen, darum weil er in einen häßlichen Kriminalpro⸗ ceß verwickelt war. Ihr habt euch dabei nicht Zeit genommen, zu unterſuchen, ob Jvar ſeinen Sitten und ſeinem Charakter nach ein braver oder ſchlechter Menſch wäre. Ich habe einmal zu ihm geſagt: So ————„———— 121 lang Du Dich rechtſchaffen und ehrlich aufführſt, ſollſt Du bei mir bleiben. Dieſes mein Verſprechen werde ich auch halten. Was mich aber verwundert und geſchmerzt hat, iſt, daß meine Arbeiter, nachdem ſie ſo viele Jahre bei mir geweſen ſind, ſo wenig Vertrauen zu ihrem Fabrikherrn bewieſen, welcher daſſelbe doch niemals verwirkt hat. Da nun Friede und Eintracht nicht ſtattfinden kann, wo das Ver⸗ trauen aufhört, ſo muß ich euch meinen Beſchluß erklären, die Fabrik ſo lang zu ſchließen, bis ich mir neue Leute verſchafft haben werde. Geſtern wolltet ihr mich nicht zum Principal haben, darum weil ich ein Werk der Barmherzigkeit geübt; heute bin ich es, der euch nicht mehr zu Arbeitern haben will. Ihr ließet euch gegen mich aufwiegeln, und ich kann nie mehr Vertrauen zu euch hegen. Wir ſind ſomit ge⸗ ſchieden.“ Jacobo wollte ſich zurückziehen. Eine Grabesſtille herrſchte einige Sekunden unter den verſammelten Arbeitern, aber bei der Bewegung, welche Lange machte, riefen mehrere unter ihnen: „Herr Patron, wir ſind viele Jahre hier in der Werkſtätte geweſen und verdienen nicht, auf ſolche Art verabſchiedet zu werden, weil wir nicht mit dem übel berüchtigten Jungen Gemeinſchaft haben wollten.“ „Herr Patron, es kann nicht Ihr Ernſt ſein, daß Sie neue Arbeiter annehmen wollen; wir haben uns ja ſtets rechtſchaffen und fleißig betragen.“ Der Lärm, welcher ſich nun erhob, machte es unmöglich, ein Wort zu unterſcheiden. „Still Kameraden,“ ſchrie Erik;„ich will es bei dem Herrn Patron ſchon noch dahin bringen, daß er 122 eurem Begehren Gehör gibt. Das wäre zum Teu⸗ fel recht hübſch, wenn wir wegen des Galgenvogels Jvar außer Arbeit kämen. Nein, daraus wird ge⸗ wiß Nichts.“ Mit dieſen Worten ſtieg Erik zu Jacobo hinauf und ſtellte ſich ihm in den Weg. „Herr Patron,“ begann er, beide Arme in die Seite ſtemmend,„wollen Sie uns wieder in Arbeit nehmen und Jvar fortſchicken? Wir fragen jetzt zum letzten Mal, und ich rathe dem Herrn Patron, zu thun, was billig iſt, ſonſt....“ „Drohen taugt bei mir Nichts. Du haſt erhal⸗ ten, was Dir zukommt, und brauchſt für Niemand das Wort zu führen, als für Dich ſelbſt. Ein Jeder kann für ſich ſelbſt ſprechen. Was Dich und Jöns⸗ ſon betrifft, ſo kommt ihr niemals mehr, verſtehſt Du, in meine Werkſtätte. Ihr habt Alles gethan. um eure Kameraden irre zu leiten. Geh' mir deß⸗ halb aus dem Wege, bevor meine Geduld zu Ende iſt.“ Jacobo betrachtete bei dieſen Worten den ſtäm⸗ migen Arbeiter mit ſtrengem Blick. „Ihr Andern geht nach Hauſe und überleget euch, wie jeder für ſich zu handeln hat. Merkt wohl, daß ihr ſelbſt gewünſcht habt, euren Abſchied zu er⸗ halten.“ „Nein, Herr Patron,“ rief es rings um Jacobo herum,„wir wünſchen nichts Höheres, als bei Ih⸗ nen zu bleiben; wir wollen blos wiſſen, ob es wahr iſt, daß Sie unſern Taglohn herabzuſetzen ge⸗ denken.“ „Habe ich das jemals gethan?“ —— 123 „Nein, gewiß nicht, Herr Patron; aber.. „In ſolchem Fall wäre es ja bei euch geſtanden, von mir zu gehen, wenn ich es gethan hätte.“ Jacobo ging wieder in das Comptoir hinein. „Das ſage ich beſtimmt,“ rief einer der Arbei⸗ ter und ging die Treppe hinauf.„Ihr andern mögt auf Eriks und Jönsſons Worte hören; aber ich thue das einmal nicht länger, ſondern gehe zu dem Patron und bitte ihn, mir zu verzeihen, daß ich mich bei der Meuterei betheiligt hatte. Was er ſagte, iſt richtig— hätte ich, wie Bengt, den armen Teufel, den Jvar, ſo elend geſehen, ſo wäre ich ihm auch zu Hülfe ge⸗ kommen, und hätte er auch zehn alte Weiber todt⸗ geſchlagen. Man kann einmal nicht härter ſein, als das Eiſen ſelbſt. Wenn der Patron ſagt, daß er unſchuldig iſt, ſo iſt es klar, daß es ſich auch ſo verhält. Ueberdieß iſt Bengt ein tüchtiger und bra⸗ ver Burſche, der niemals mit Herrenleuten unter einer Decke geſpielt, oder darauf geachtet hat, wenn man Schlimmes von dem Patron redete. Ich für meinen Theil ſage: Gott ſegne den Patron!“ Dieſer Aufruf wurde jetzt von einer großen Zahl der Arbeiter wiederholt; darauf drängten ſie ſich, ſo viel ihrer Platz hatten, in das Comptoir, um Lange zu bitten, ſie wieder in Arbeit zu nehmen und das Geſchehene zu vergeſſen. Jacobo antwortete, ſie ſollten ſich die Sache erſt noch überlegen; er ſelbſt bedürfte noch der Bedenk⸗ zeit u. ſ. w. „Lieber ſchließe ich die Fabrik einen ganzen Mo⸗ nat, ehe ich Arbeiter behalte, die ſich aufwiegeln laſſen,“ war Jacobo's letztes Wort gegen ſie. . ———— 124 Still und verſtimmt wanderten ſie nach Bengts Wohnung, ohne Erik und Jönsſon weiter ihr Ohr zu leihen. Die meiſten hatten Weib und Kind und wußten nur allzu wohl, daß ſie weit von der Hei⸗ math hinwegziehen müßten, um Arbeit zu erhalten, und doch ſchwerlich einen ſolchen Herrn, wie Lange finden würden, welcher überall ſo gut bekannt war, daß er mit größter Leichtigkeit wieder Arbeiter be⸗ kommen konnte. Das Ende davon, daß der nüchterne Verſtand zur Beſinnung wieder erwachte, war Reue über das ganze Thun. Der gegen Bengt und Jvar erregte Neid war vor dem perſönlichen Intereſſe, welches mächtiger redete, verſchwunden. Bengt war nun, wo man ſeiner bedurfte, in der Gunſt geſtiegen. Erik, Jönsſon und die Hartnäckigſten, welche nun die Minorität ausmachten, trennten ſich von den übrigen, um für ſich rathzuſchlagen. Dieß dauerte jedoch nicht lang, denn der eigene Vortheil ſtand auf dem Spiele. Am folgenden Tag kamen die Arbeiter von Akersnäs ganz demüthig und baten um Vergebung⸗ Bengt war jetzt ihr Fürſprecher. Jacobo ließ die Werkſtätten öffnen und es kam Alles wieder auf den alten Fuß. Erit und Jönsſon hatten ſich nicht ſehen laſſen. XVIII. An demſelben Tage, da die Streitigkeiten zu Akersnäs beigelegt wurden und Alles wieder zu ſei⸗ —— ————————————————— +—— 125 ner vorigen Geſtalt zurückkehrte, erhielt Jacobo einen Beſuch von dem Grafen Hermann, welcher ſich von der Lage der Dinge unterrichten wollte. Während der Unruhen ſelbſt war er verreist geweſen und hatte bei ſeiner Heimkehr durch Stephana und Helfrid Kunde davon erhalten. Jacobo erwähnte des Antheils, den Arxelhjelm dabei gehabt hatte, mit keinem Worte. „Du kommſt wohl heute Abend hinüber nach Kungsborg?“ ſagte der Graf beim Abſchied.„Ich habe jetzt meine neuen Mündel dort. Ueberdieß ver⸗ langt es meine Frau und meine Schweſtern gar ſehr. Dich zu ſehen. Helfrid beſonders hat keine geringe Unruhe wegen des Ausgangs hier empfun⸗ den.“ k Jacobo verſprach zu kommen. Am Abend fand er ſich auch wirklich ein. Im Salon befanden ſich zwei fremde Perſonen. Die eine, ein ungewöhnlich hochgewachſenes Mädchen von ſchlankem und doch kräftigem Bau, ſtand am Piano und blätterte in einigen Notenheften. Sie trug ihren Körper und den Kopf mit einer ganz eigenthümlichen Würde. Wollte man ihr Ausſehen nach den Regeln der Kunſt beurtheilen, ſo war ſie ganz und gar nicht ſchön, und dennoch hatten dieſe Züge etwas gleichzeitig Feſſelndes, Hriginelles und Einnehmendes. Sie wurde auch allgemein das ſchöne Fräulein Callenſtjerna genannt. Die Stirne war nicht hoch, aber voll; die Au⸗ gen, von unbeſtimmter, graulichblauer Farbe, lagen tief und waren nicht ſonderlich groß, hatten aber einen ſo ſchwärmeriſchen und dabei ehrlichen Aus⸗ 126 druck, daß ſie ſchön heißen konnten. Die Naſe, ge⸗ rade und etwas groß, gab den übrigen Zügen ein faſt männliches Gepräge. Der kleine, ſchön geformte Mund zeugte von Entſchloſſenheit, welche jedoch gänzlich verſchwand, wenn ein friſches, jugendliches Lächeln die Lippen kräuſelte. Das Haar war hell⸗ braun und die Geſichtsfarbe friſch. Ihre ganze Er⸗ ſcheinung frappirte ſchon bei dem erſten Anblick und hielt die Aufmerkſamkeit an dieſe Perſon ge⸗ bunden. Allein an einem der Fenſter ſtand ein noch ganz junges Mädchen, oder ein Kind, klein von Wuchs, mit unentwickelten Zügen und, wie alle Mädchen ihres Alters, eher häßlich als ſchön, mit Ausnahme von ein Paar lebhaften, intelligenten blauen Augen, welche auf eine vor andern reich begabte Seele zu ſchließen geſtatteten. Als Eklund, ſeiner alten, eingewurzelten Ge⸗ wohnheit zufolge, Herrn Lange und Axelhielm an⸗ meldete, drehte ſich Conſtanze ſchnell um, legte die Notenhefte bei Seite und warf einen forſchenden Blick auf die Eintretenden. „Hier unſere nächſte Nachbarin, wenn Sturesjö völlig eingerichtet iſt“ ſagte der Graf zu Jacobo, als er Conſtanze vorſtellte.„Sie wird in ein paar Jahren das große Hüttenwerk mit den dazu gehöri⸗ gen Gütern allein zu verwalten haben, und deßhalb muß ſie bei mir in Kungsborg eine Zeitlang blei⸗ ben, um ſich mit dem Hüttenweſen und der Land⸗ wirthſchaft bekannt zu machen.“ Graf Hermann lächelte ſchelmiſch. „Der Onkel beliebt zu ſcherzen,“ fiel Conſtanze 4—— —— 127 heiter ein.„Ich beabſichtige nur, die Einkünfte von Sturesjö zu verzehren. Daß ſie ſo reichlich als möglich ausfallen, iſt die Sorge meines Verwalters.“ Mit dieſen Worten ſetzte ſie ſich auf einen kleinen Sb. Jacobo nahm auf einem Stuhl daneben latz. „Iſt der junge Mann dort der Architekt, welcher Sturesjö umſchaffen ſoll?“ fragte ſie den Grafen und deutete auf Evert. „Nein, das iſt der Bruder Kurt. Der hier ſoll Mechaniker werden.“ „So! Dann wird er wohl auch nach Amerika gehen, um ſich in ſeinem Berufe auszubilden;“ entgegnete Conſtanze, während ein feines ironiſches Lächeln um ihre Lippen ſpielte, welches ſie unge⸗ mein anziehend machte. „Er braucht keine ſo weite Reiſe zu machen,“ erwiederte der Graf lachend,„denn er iſt für jetzt Arbeiter bei einem Amerikaner.“ Der Graf entfernte ſich. „Das will wohl heißen, Baron Axelhielm arbeitet bei Ihnen,“ ſagte Conſtanze zu Jacobo gewendet. „Ja, mein Fräulein. Aber ich verſtehe wirklich nicht, warum Sie mit einem Ausdruck von Jronie über eine mögliche Reiſe Axelhjelms nach Amerika ſich äußerten. Ich glaube, daß es für Perſonen mit hohen Begriffen von ſich ſelbſt, von ihrem Namen und Rang keine beſſere Schule gibt, um alle dieſe alten Ideen von ſich abzuſtreifen, als Amerika. Dort gilt nur der Adel der Tüchtigkeit.“ Und dieſer ſollte in der ganzen Welt gelten; aber gerade darum glaube ich, daß derjenige, welcher wirklich einen ſolchen Adelsbrief beſitzt, ſein Vater⸗ land nicht zu verlaſſen braucht, um in der Fremde ein Glück zu ſuchen, welches er mit ſolchen Eigen⸗ ſchaften in der Heimath erringen kann, während er derſelben gleichzeitig Nutzen ſchafft. Das wirkliche Verdienſt hat Pflichten gegen das Vaterland und beſitzt nicht das Recht, dieſes darum zu beſtehlen. — Aber,“ ſetzte Conſtanze hinzu,„Sie können ſich vielleicht nur mit Mühe eines Lächeln über meine phantaſtiſch vaterländiſchen Ideen enthalten.“ Hier wurde das Geſpräch durch Eklunds Stimme unterbrochen, welcher abermals meldete: „Baron Kurt Arelhjelm.“ Conſtanze drehte den Kopf, um den Eintretenden in Augenſchein zu nehmen, aber kaum waren ihre Augen auf ihn gefallen, ſo wechſelte ſie die Farbe. Jacobo bemerkte, daß ein leichtes Zittern durch ihren ganzen Körper lief, und daß ſie einige Augenblicke außer Standes war, ihre Bewegung zu beherrſchen. Kurt war, ohne einen Blick weder rechts noch links zu werfen, auf Stephana zugegangen und hatte ihr mit ſichtbarer Lebhaftigkeit die Hand geküßt. Erſt nachdem er Helfrid gegrüßt hatte, wandte er ſich zu Conſtanze, welche der Graf ihm vorſtellte. Als Kurts Blick auf die junge Dame fiel, welche vor ihm ſtand, ſchien ihr Anblick einen großen Ein⸗ druck auf ihn zu machen; es war, als erkenne er ihre Züge wieder, ohne ſich doch recht klar erinnern zu können, wann oder wo er ſie geſehen hätte. Kurt war jedoch keiner von denen, welche die Ungewißheit liebten, und deßhalb ſuchte er ſich zu⸗ ————————— — —— 129 erſt zu überzeugen, wo er mit Conſtanze zuſammen⸗ getroffen wäre. „Es kommt mir vor, als hätten wir uns ſchon früher getroffen,“ begann er,„wiewohl ich mich nicht beſinnen kann, wann es geſchah.“ „Sie haben Recht, wir ſahen einander wirklich ſchon früher,“ erwiederte ſie. Ihr Ton war kalt und ſtolz. „Wo?“ fragte Kurt, indem er ſie mit ſcharfem Blick betrachtete.„Es iſt, als ob Ihre Züge mir ein beſonderes Ereigniß ins Gedächtniß zurückrufen wollten, und doch....“ „Können Sie es nicht wieder finden?“ fiel Con⸗ ſtanze ein. Ihre Miene blieb dabei unverändert. „Nein! Ich ſuche vergeblich unter allen den Begebenheiten, welche mir im Leben vorgekommen ſind. Wollten Sie meinem Gedächtniſſe nicht zu⸗ rechthelfen, indem Sie mir ſagen, wo wir einander geſehen haben.“ „Gern. Es war in Berlin vor zwei Jahren. Mehr brauche ich nicht beizufügen.“ Jetzt war es an Kurt, die Farbe zu wechſeln, und er antwortete kalt: „Sie brauchen in der That nicht beizufügen: Unter den Linden', oder Hotel Rom', das Wort Berlin genügte mir.“ Es entſtand eine Pauſe. „Singen Sie?“ fragte Conſtanze plötzlich mit wiedergefundener Faſſung. „Nein!“ Schwartz, Arbeit abelt den Mann. 1. 9 „Wie ſchade! Womit ſoll man ſich denn die Zeit im Winter vertreiben?“ „Von mir geſchieht es mit Aufführung der neuen Fabrikgebäude in Sturesjö, von Ihnen mit Veran⸗ ſtaltung von Feſten und Bällen. Uebrigens bin ich ja Baumeiſter und nicht Sänger.“ Kurt ſprach in ſeinem gewöhnlichen, etwas nach⸗ läſſigen Ton.“ „Herr Lange iſt Fabrikant, aber dieß hindert ihn nicht, auch Sänger zu ſein.“ „Darum, weil ihm die Natur Stimme gegeben hat. Wäre dieſelbe eben ſo freigebig gegen mich geweſen, ſo würde ich mir die Zeit auch mit Geſang verkürzt haben, wenn auch nicht in Sturesjö.“ „Sie ſind nicht ſehr artig.“ „Mit Ihrer Erlaubniß, meine Abſicht war blos, zu erklären, daß ich in Sturesjö wichtigere Dinge zu thun hätte, als zu ſingen.“ Kurt erhob ſich, ergriff ſeinen Hut und trat vor Stephana, um ihr Lebewohl zu ſagen. „So ſchnell? Bleibſt Du nicht hier?“ fragte Stephana. „Heute Abend nicht.“ Einen Augenblick darauf ſprengte er in vollem Galop auf dem Weg nach Sturesjö dahin. Es ſah unruhig in der Bruſt des jungen Mannes aus. „Warum,“ ſprach er bei ſich ſelbſt,„mußte der Anblick dieſes jungen Mädchens meinem Gedächtniß ein Ereigniß zurückrufen, das mir beinahe in Ver⸗ geſſenheit gekommen war und mich an eine Thorheit erinnert, welche— doch gleichviel welche. Ich bin gerade in der Stimmung, Alles zu zermalmen, was ——FDHGHᷓ,k,——— 131 dazu dient, mir die Vergangenheit zu vergegen⸗ wärtigen, und mir nun zeigt, welch ein großer Thor ich geweſen, und welch ein erbärmlicher Narr ich jetzt bin.“ Seine Gedanken führten ihn zu Stephana. „Bin ich ſo eingenommen für Stephana, daß ſie auf mein Herz mehr als eine andere Frau zuvor einwirkt? Hinweg daher mit der Zauberin und an die Arbeit. Hätte das Schickſal mir ein armes Maädchen, gleich entzückend und wahrhaft weiblich, in den Weg geführt, ſo würde ich aus meiner Ar⸗ beit Gold gemacht haben, um es ihr zu Füßen legen zu können; nun gewinne ich mir blos Ehre damit.“ „Die Lieb' iſt reine Narrethei: Direkt zur Hölle fährt Wer auf der Mädchen Faſelei Und Liebesgirren hört.“ ſang eine friſche, muntere Stimme, und ein hoch⸗ gewachſener Schmied kam Kurt entgegen. Das friſche, offene Angeſicht des Sängers zog auf den erſten Blick an. Als er an Kurt vorbeikam, zog er die Mütze ab und ſagte: „Guten Abend!“ Kurt hielt ſein Pferd an. „Biſt Du Arbeiter zu Akersnäs?“ fragte er. „Ja, ja, allerdings,“ antwortete Bengt. „Du ſcheinſt mit deinem Loos recht zufrieden und vergnügt zu ſein da Du ſo munter ſingſt.“ „O, der Arbeiter iſt ſtets zufrieden, wenn er guten Willen und gute Arbeit hat. Mißvergnügen und Sorgen kommen in ſeinem Gemüth u nicht recht auf. Dieſe ſind Feinde des Fleißes und der Genügſamkeit.“ „Wie heißeſt Du?“ „Bengt; dort ſteht meine Hütte; ſie iſt gerade kein Schloß, aber wenn ich das Leben habe, ſo ſoll ſie mit der Zeit größer werden.“ Bengt lüftete wieder die Mütze und ſetzte ſingend ſeinen Weg fort. Kurt ließ ſein Pferd in leichtem Trabe gehen. Weg waren alle Gedanken an die Vergangenheit, an Liebe und an Stephana. Seine ganze Seele war wieder dem Leben zugekehrt, welches vor ihm lag, der Bahn, die er eingeſchlagen hatte, dem Ziele, das er zu erreichen ſtrebte. Als er an Akersnäs vorbeiritt, fielen ihm die Worte des Schmieds ein: meine Hütte iſt nicht groß, aber ſie wird, wenn ich das Leben habe, größer werden. Dieſe Fabrik war von Anfang an auch unbedeu⸗ tend geweſen, und jetzt lag ſie, mitten in einer ſchwach bevölkerten Gegend, wie eine kleine Stadt da, wo Hunderte von Menſchen durch Fleiß und Arbeitſam⸗ keit ihr Auskommen fanden. Als Kurt in den Hof von Sturesjö einritt und der verfallenen Gebäude anſichtig wurde, lächelte er verächtlich und murmelte: 8 „Akersnäs iſt durch z und Induſtrie aufge⸗ baut worden; Sturesjö haben Ueppigkeit und Müßig⸗ gang zerſtört. Es gibt nur eiis Größe, vor der man die Kniee beugen kann, und dieß iſt die Arbeit. Durch ſie ſoll dieſes Eulenneſt hier in eine Stätte für Loben und Thätigkeit umgeſtaltet werden. Aber ——— 133 in weſſen Hände wird es dann übergeben? In die einer Frau, welche vom Leben keinen andern Begriff hat, als daß es dazu da iſt, ſich Vergnügen zu ſchaffen. XIX. Während Kurt ſeine Betrachtungen über das Le⸗ ben machte, waren Bengt und Jrar bei Mutter Inga eingetreten, welche eben im Begriff war, das Abend⸗ brod aufzutragen. „Der Herr ſegne Dich, mein liebes Kind,“ rief Mutter Inga Jvar entgegen.„Du kannſt nicht glauben, was ich dieſe Tage her für Herzensangſt ausgeſtanden habe. Ich glaubte wahrhaftig während der Zeit, da Du bei dem Patron verweilteſt, es wäre ganz leer ohne Dich. Nun iſt Alles wieder wohl und gut, verſteht ſich.“ Mit dieſen Worten ſtreichelte die Alte Jvar liebe⸗ voll die Wange. „Ihr ſeid viel zu gut gegen mich, Mutter Inga,“ ſagte Jvar,„und ſeht, ich glaube, wenn Gott nicht wüßte, daß ich frei von aller Theilnahme an Greta's Tod bin, ſo hätte er mich niemals in ſo gute Hände, wie die eurigen und die des Patrons kommen laſſen. — Ach, Mutter Inga, dieß war eine harte Zeit, denn man fühlt es ſo ſchwer, für einen Auswürfling zu gelten, der Uebels gethan hat. Dieſe Prüfung hat mich gelehrt, was ich Gott, Bengt, Euch und dem Patron ſchüldig bin.“ „Sprich' jetzt nicht davon, ſondern laß' uns in dem Wort des Herrn leſen und dann zu Abend eſſen; 134 hernach kann Bengt noch ein Lied ſingen, um uns damit eine Unterhaltung zu machen. Du mußt immer daran denken, Jvar, daß der Menſch weder auf Speiſe und Trank, noch auf irgend eine Freude ein Recht beſitzt, ehe er ſein Herz vor Gott gebeugt hat.“ Während der Mahlzeit mußte Bengt Bericht dar⸗ über erſtatten, wie Alles in der Fabrik abgelaufen war. „Nun, Gott ſei Lob und Dank, daß es wieder in Ordnung iſt,“ ſagte Mutter Inga mit einem an⸗ dächtigen Seußer.⸗ „Was das onbelangt, ſo glaube ich nicht, daß Alles wieder ſo ganz iſt, wie es geweſen. Es ſind noch mehrere Arbeiter da, welche ſich dumme Gedanken in den Kopf geſetzt haben. So lang es noch Je⸗ mand gibt, der das Feuer anbläst, ſo lang erlöſcht es nicht.“ „Aber ich habe früher doch niemals von ſo dunmem Zeug gehört. Die Leute von der Fabrik haben ja zu allen Zeiten den Patron, welcher der beſte aller Fabrikherren iſt, geehrt und geliebt.“ „Das würde auch meiner Seele Jeder noch thun, wenn nicht..... „Lieber Junge, ſo ſing' doch aus.“ „Ja, ſeht, es iſt Jemand da, welcher ſie auf ein⸗ fältige Gedanken bringt, und ſo lang dieſer Jemand in der Werkſtätte weilt, bleibt es immer ſchlimm. Ich will nicht den Angeber ſpielen und darum nenne ich keinen Namen.“ „Aber wenn ein Unglück geſchehen ſollte, ſo wäre es doch nicht recht von Dir, wenn Du nicht ſagteſt, was Du weißt,“ meinte die Mutter. ——— ——— 135 „Ah, ich glaube, der Patron iſt ſchon auf der⸗ ſelben Fährte, wie ich, und wird den Knäuel gehörig zu entwirren wiſſen. Aber einen verteufelten Rumor mag es geben. Der Patron kann recht ſtreng ſein, wenn er will. Nun, Mutter, reden wir nicht mehr von der Sache.“ Die Mahlzeit war vorüber und Bengt ſetzte ſich hinaus vor das Häuschen. Jvar ſtreckte ſich der Länge nach auf dem Boden aus und ſchaute zu dem klaren Abendhimmel hinauf, während Bengt die nachfolgenden ſchönen und haftvollen Strophen Dahl⸗ gren's*) ſang? Ich hör' meinen Schatz, Den Hammer er ſchwinget, Das rauſchet, das klinget, Das dringt in die Weite Wie Glockengeläute Durch Gaſſen und Platz. Am ſchwarzen Kamin Da ſitzet mein Lieber, Doch geh' ich vorüber, Die Bälge dann ſauſen, Die Flammen aufbranſen Und kodern um ihn⸗ Mutter Inga hörte ihrem Sohn zu und lächelte jedesmal, ſo oft ihre Augen auf ſein offenes, hüb⸗ ſches Angeſicht fielen. Niemand hatte bemerkt, daß eine ganze Geſell⸗ ſchaft in der Richtung von Kungsborg herkam. 6) Vielmehr Uhland's, welche Dahlgren kopirt hat. A. d. U. 136 Es war ein ungewöhnlich herrlicher Abend; die Sonne hatte ſich zur Ruhe begeben und warf einen hellen Purpurſchimmer auf die Wohnung des Schmieds mit dem kleinen Kohlgärtchen und dem prunkenden Roſenbeete. Bei dem Laut von Bengt's Stimme machten die Promenirenden Halt. Er gab natürlich und mit einer gewiſſen Energie die maleriſchen Worte wieder. Als der Geſang verſtummte, ſagte eine der Da⸗ men, ein junges hochgewachſenes Mädchen: „Welches Gepräge von Wahrheit in der Art und Weiſe, wie er ſang! Ich muß dem Sänger danken.“ Sie eilte den Andern voraus. „Ich danke für das Lied,“ ſprach ſie freundlich; „ach, ſingt es mir noch einmal.“ „Ach, Herr Jeſus, die Herrſchaft von Kungsborg!“ rief Mutter Inga und erhob ſich ſchnell. „Bleibt ruhig, Mutter,“ ſagte Stephana und nickte der Alten zu. Jvar war mit ſolcher Haſt aufgeſprungen, daß er beinahe wieder umgefallen wäre. „Nun, Bengt, willſt Du Dein Lied nicht noch einmal ſingen?“ fragte Jacobo. „Das verſteht ſich, Herr Patron,“ antwortete Bengt und ſtimmte die Weiſe von Neuem an. Fvar blieb wie verſteinert ſtehen. Sein Auge war auf Olga gefallen, und er ſtarrte ſie an, als ob ſie ein Wunderthier wäre. Olga dagegen hüpfte leicht wie eine kleine Elfe im Graſe herum und pflückte Blumen. Hiebei kam ſie nun Jvar näher und immer näher. 137 ſie endlich dicht bei ihm ſich befand, ſah ie auf. Jvar zog ſich zur Seite und machte eine Ver⸗ beugung. Einen Moment ſchaute Olga ihn an; dann ſprang ſie mit Schauder auf ihre Schweſter zu und rief: „Conſtanze, Conſtanze, der Burſche der die alte Frau ermordet hat iſt hier. Ach, mein Gott, wie bin ich erſchrocken!“ Mit dieſen Worten ſchlang Olga ihre Arme um die Schweſter und drückte ſich feſt an ſie. „Was fehlt Dir, meine kleine Olga?“ fragte Conſtanze, indem ſie dem Mädchen die Wange ſtreichelte. „Sieh' dort den Burſchen, welcher die alte Greta ermordet hat!“ Wiederum warf Olga einen Blick auf Jvar; dann ließ ſie Conſtanze los und ſprang davon. Olga's Flucht veranlaßte die Andern, nach eini⸗ gen freundlichen Worten gegen Mutter Inga, Bengt und Jvar, gleichfalls nach Kungsborg umzukehren. Jvar ſtand an einen Baum gelehnt. Als die Fremden fort waren, fuhr er mit der Hand über die Stirne und wandte ſich dann zu Bengt herum. Der bekümmerte, weichlich träumeriſche Ausdruck, welcher gewöhnlich auf ſeinem Angeſicht lag, war verſchwunden. Ein Zug des Trotzes und der Energie ſpiegelte ſich in demſelben. Er ſagte zu Bengt: „Ich möchte nur wiſſen, ob ich mein Lebenlang als Greta's Mörder angeſehen werde.“ 138 „Das vergißt ſich, wenn Du nur ſonſt arbeitſam und brav biſt,“ antwortete Bengt. „Ja, ich will ihnen beweiſen, daß ich ein ehr⸗ licher Menſch bin, und hinfort ſo arbeiten, daß ich eines Tags ein geachteter Mann werde— und zwar gegenüber von denſelben Leuten, die ſich nun gering⸗ ſchätzig von mir abwenden.“ „Topp! Du ſprichſt, wie es ſich für einen wackern Jüngling mit reinem Gewiſſen eignet und gebührt,“ rief Bengt und bekräftigte ſein Wort mit einem Handſchlag. Von dieſem Abend an war Jvar völlig verändert. Er arbeitete mit einem Eifer und einem Leben, wor⸗ aus hervorging, daß ſeine frühere Jugendfriſche wie⸗ der ganz zurückgekehrt war. Er träumte nicht mehr mit dem Kopf in den Händen; zeichnete nicht mehr Figuren in den Sand, ſondern beſchäftigte ſich ſo raſtlos, als ob er es allen Andern zuvorthun wollte. Des Abends las oder zeichnete er. Er dachte nur daran, das, was ihm oblag, ſchnell und gut in Aus⸗ führung zu bringen und ſich ſomit eine Geſchicklich⸗ keit zu erwerben, welche ihn um ſo ſchneller zu einem höhern Verdienſt berechtigen würde. Gab es viel zu thun, ſo war Jvar immer der Erſte, welcher ſich erbot, einige Stunden über die Zeit zu arbeiten. Einmal ſagte Bengt: „Höre, Jvar, Du mußt Dir ein wenig Ruhe gönnen, ſonſt arbeiteſt Du Dich zu Tode. Komm' am Sonntag mit auf den Tanzboden und gönne Dir einige Unterhaltung. Einer kleinen Luſtbarkeit bedarf es mitunter; das iſt das Gewürz auf die Speiſe, und die Arbeit geht dann um ſo leichter.“ „—— 139 Jvar antwortete mit einem heitern Lächeln: „Ach, lieber Bengt, ich bedarf des Tanzes nicht, um mich zu vergnügen. Meine Unterhaltung iſt die Arbeit. Sie habe ich zum Tanz aufgeboten und nach dem Ballet mit ihr habe ich meine muntere Laune wieder gewonnen.“ Und dabei verblieb es. Wenn Jvar nicht in der Werkſtätte war, wo er bis Sonnenuntergang zu ver⸗ weilen pflegte, ſaß er daheim bei Mutter Inga. XX. Drei Wochen verfloſſen, ohne daß Kurt in Kungs⸗ borg ſich ſehen ließ, obwohl er beinahe täglich da⸗ hin eingeladen wurde. Er entſchuldigte ſich damit, daß ſeine Zeit ihm jetzt nicht geſtatte, Ausflüge zu machen u. ſ. w. Es ſah auch wirklich aus, als ob Kurt beſchloſſen hätte, ſich nicht einen Augenblick Ruhe oder Er⸗ holung zu gönnen, ſo unaufhörlich war er vom Morgen bis zum Abend beſchäftigt. Nur ein ein⸗ ziges Mal geſchah es, daß er nach Akersnäs hin⸗ überritt; aber auch dieß gehörte zu den Ausnahmen. Er war in Sturesjö wie feſtgewachſen und zwang Alles um ſich herum zur Thätigkeit. In der dritten Woche, an einem ſchönen Juli⸗ morgen, während Kurt eben im Begriff ſtand, ſeinen Leuten einige Befehle auszutheilen, ließen ſich Huf⸗ ſchläge in der Allee vernehmen, und gleich darauf 140 galopirten zwei Pferde in den Hof, jedes ſeine Rei⸗ terin tragend. Es waren Stephana nnd Conſtanze. Als Kurt die Augen auf ſie warf, wechſelte er die Farbe, beeilte ſich jedoch, ſie zu begrüßen. Wenn der Berg ſich hartnäckig weigert, zu Mu⸗ hamed zu kommen, ſo kommt Muhamed zum Berge. Du haſt Kungsborg vergeſſen und darum ſuchen wir Dich auf.“ „Das beweist die Fruchtloſigkeit des Beſtrebens, einer Gefahr zu entfliehen, der man ſich einmal unterwerfen muß,“ antwortete Kurt lächelnd und half Stephana aus dem Sattel.„Sie ſucht uns auf, wenn wir am ſiherſten ſind, daß es uns ge⸗ lungen ſei, ihr zu entrinnen.“ Kurt wandte ſich nun zu Conſtanze, um ihr eben⸗ falls vom Pferde zu helfen; aber es war zu ſpät, das junge Mädchen ſtand ſchon auf dem Boden. „Von welcher Gefahr ſprichſt Du?“ fragte Ste⸗ phana, welche Kurts Arm genommen hatte und mit ihm über den Hof ging. „Von der Gefahr, Sie zu ſehen, meine Tante. Ich wollte ihr entfliehen und nun... Kurt ſprach mit leiſer Stimme und warmem Blick. Beides entging jedoch Stephana, welche ſich nach Conſtanze umgedreht hatte, die zurückgeblieben war und die in der Reparatur befindlichen Gebäude be⸗ trachtete. „Wie gefällt Dir die junge Beſitzerin von Stu⸗ resjö?“ fragte ſie. Kurts Blick richtete ſich auf Conſtanze. —— 141 „Sie hat ein ſtattliches Ausſehen,“ antwortete er ganz gleichgültig. „Es kommt mir immer wie eine Profanation al⸗ terthümlicher Gebäude vor, wenn wir ihnen eine neue äußere Geſtalt zu geben ſuchen,“ bemerkte Con⸗ ſtanze, als ſie ſich Stephana und Kurt genähert hatte.„Es würde mir viel beſſer gefallen haben, wenn dieſes alte Sturesjö auch ſein alterthümliches Ausſehen bewahrt hätte. Es iſt ja zur Hälfte eine Ruine, und es wäre wahrhaft romantiſch geweſen, in derſelben als ſolchen ſeine Wohnung zu nehmen.“ „Wenn aber dieſer Phantaſie Genüge geleiſtet worden wäre, ſo würde aus dem ganzen Schloß in ein paar Johren eine vollkommene Ruine geworden ſein, wo Sie gar nicht hätten wohnen können.“ Er führte die Damen die verfallene Treppe mit ihren himmelhohen Stufen hinaus und in einen mit zerriſſenen Goldledertapeten ausgeſchlagenen Saal— das einzige Gemach in dem Hauptgebäude, welches von der Reparatur unangetaſtet geblieben war. Die Möbel beſtanden aus einigen altmodiſchen Stühlen mit mottenzerfreſſenem Ueberzug und aus einem Sopha von derſelben Beſchaffenheit. Die ho⸗ hen, mit kleinen Scheiben verſehenen Fenſter, welche auf den dicht verwachſenen Park gingen, ließen ein höchſt ſpärliches Tageslicht in dieſen großen und dü⸗ ſtern Raum fallen. Conſtanze blieb auf der Schwelle ſtehen, blictte um und bemerkte dann halb lächelnd, halb ernſt: „Das ſieht aus wie ein Geſpenſterneſt.“ — 142 „Ja, beſonders wenn man bedenkt, daß Sturesjö urſprünglich ein Kloſter war.“ „Was ſagen Sie?“ rief Conſtanze, indem ſie ſich raſch umdrehte und die Augen auf Karl heftete. „Die eigentlichen Ueberreſte des Kloſters, welche am Ende des Parks lagen, habe ich abtragen laſſen.“ „Wie, mein Herr, es waren alſo Ruinen vorhan⸗ den, als Sie an die Reparatur gingen?“ „Ja, und dieſelben waren nicht unbedeutend; nun aber ſind ſie dem Erdboden gleich gemacht. Auf dem ſoliden Grunde grauen Felsſteins wollen wir die Hochofengebäude aufführen.“ „Ach, Herr Architekt, das heißt doch wirklich einen ſolchen Ort entweihen. Ich bin tief betrübt darüber, daß man mich der Freude beraubt hat, eine Kloſterruine auf meinem Grund und Boden zu be⸗ ſizen. Ich begreife wahrhaftig nicht, von welchem Stoff man geſchaffen ſein muß, um Etwas zerſtören zu können, was auf eine ſo magiſche und entzückende Weiſe zu unſerer Phantaſie redet.— Gewiß ſind Sie Materialiſt,“ ſetzte ſie verächtlich hinzu. „Ich bin Architekt, mein Fräulein, und Nichts weiter,“ erwiederte Kurt gelaſſen. „Dann iſt Ihr Beruf, aufzubauen und nicht nie⸗ derzureißen,“ entgegnete Conſtanze, indem ſie an ein Fenſter trat und es öffnete. „Oft iſt es erforderlich, niederzureißen, damit man aufbauen kann. Das Alte muß dem Neuen Platz machen— eine zweckloſe Ruine einem nützli⸗ chen und Gewinn bringenden Hochofen.“ „Phantaſtiſche Träumereien dem wirklichen Nu⸗ 143 tzen,“ fiel Stephana ein.„Das Ganze gewinnt im⸗ mer durch eine ſolche Umwälzung.“ „Weil der Nutzen höher anzuſchlagen iſt, als das Vergnügen, und darum hoffe ich, die Damen werden mir geſtatten, ſie auf einige Augenblicke zu verlaſſen. Ich muß den Leuten Befehle geben, ſonſt ſtehen ſie unthätig da.“ Conſtanze blieb eine lange Weile, nachdem Kurt den Saal verlaſſen hatte, unbeweglich ſtehen. „Nun, Conſtanze,“ nahm endlich Stephana das Wort,„wollen wir nicht einen Gang durch dieſe alte Spelunke machen, um zu ſehen, wie ſie ſich aus⸗ nimmt, ehe ſie eine neue Geſtalt erhält? „Weißt Du, Stephana, woran ich ſo eben dachte?“ fragte Conſtanze, ſich umdrehend. „Vermuthlich an ſpukende Nonnen, welche in Pro⸗ ceſſion vorüberzogen, oder an Burgfrauen und Rit⸗ ter, welche Nachts um die zwölfte Stunde in dieſen düſtern Räumen ein Gelage hielten.“ „Das iſt recht hart von Dir,“ antwortete Con⸗ ſtanze lachend,„daß Du Dich immerdar über meine Geſpenſtermanie luſtig machſt. So geht es, wenn man wie Du in einem Lande erzogen worden iſt, welches keine Geſchichte hat. Man verliert dann die Achtung vor....“ „Geſpenſtern, ganz richtig. Aber wir kommen von dem Gegenſtande deines Nachſinnens ab. Nun, woran dachteſt Du?“ „Daß mein Baumeiſter der unausſtehlichſte Menſch auf Erden iſt; daß dein Mann der einzige ange⸗ nehme Mann iſt, den ich ſeit meiner Ankunft hier getroffen habe.“ 144 „Das war viel zum Anfang. Warum iſt Kurt unausſtehlich?“ „Darum, weil er— Achtung vor Nichts hat. Der Anblick des Menſchen iſt mir verhaßt.“ Conſtanze warf ſich auf einen Stuhl und fuhr mit der Hand über die Stirne. „Nun, das iſt eine bloße Grille, welche gleich allen andern verſchwindet. Und wenn er auch in Ungnade gefallen iſt, ſo haben wir ja einen ganzen Schwarm junger Männer, welche Dir in Kungsborg den Hof machen.“ „Sage lieber, meinem Gelde, ſo kommſt Du der Wahrheit näher.“ „Von Jacobo Lange kannſt Du das doch nicht ſagen?“ „Für ihn bin ich eine Curioſität, welche er ſtu⸗ diren will. Sprich mir nicht von dieſem Manne— er iſt ein Pedant, eine Species Vollkommenheit, welche ſich ſelbſt anbetet. Ich verabſcheue Vollkom⸗ menheiten, denn ſie finden ſich im wirklichen Sinn nicht, ſondern ſpielen nur die Rolle davon. Er iſt überdieß ſo verſtändig, daß er langweilig ſo unan⸗ ſtößig, daß er unerträglich, ſo unerreichbar, daß er abſcheulich wird.“ „Du ſcheinſt alles Mögliche gethan zu haben, um ſeine Geduld und ſeinen Verſtand auf die Probe zu ſtellen, da Du eine ſo reiche Erfahrung Dir er⸗ worben haſt,“ antwortete Stephana lachend.„Du haſt indeſſen den Kapitän D., den Baron G. und den Grafen J., welche ſämmtlich darauf Anſpruch machen, liebenswürdige Männer zu ſein.“ „Beſte Stepbana ſchweige mir nur ſtill. Wenn 145 dieſe Herren ſelbſt darauf Anſpruch machen, Männer zu ſein, ſo darfſt Du doch wohl niemals ihnen die⸗ ſen Namen geben. Sie ſind ja Nichts als Narren. Uebrigens mögen ſie alle zuſammen Thoren, Pedan⸗ ten oder Tölpel ſein, mir geht alles Intereſſe an den Herren der Schöpfung ab. Sie kommen mir vor, als wären ſie nur da, um uns zu betrügen. Sie machen unſere natürlichen Feinde aus.“ Conſtanze lachte jetzt recht herzlich. „Hüte Dich, daß nicht ein Tag kommt, wo Du deinen Ausfall gegen die Männer bereueſt.“ „Du meinſt alſo, daß ich mich verlieben könnte?“ rief Conſtanze indem ſie Stephana mit einem her⸗ ausfordernden Blick betrachtete. „Allerdings.“ „Dann geſchieht es gewiß nicht hieſigen Orts. Eher kann die Sonne ſich in dieſe alten Tapeten verlieben, als ich in die Prachtexemplare, von wel⸗ chen Du geredet haſt.— Ach, Stephana,“ ſetzte ſie traurig hinzu,„einmal habe ich ein menſchliches We⸗ ſen ſo lieb gehabt, daß mir gewiß niemals ein Mann ſo theuer, wie jenes werden kann. „Du meinſt Anna. Wielki?“ „Ja,“ antwortete Conſtanze und verſank einen Augenblick in tiefe Gedanken. Ihr Angeſicht gab zu erkennen, daß ſie düſterer Art waren. Nach Ver⸗ fluß einiger Minuten ſchüttelte ſie den Kopf, um dieſe trüben Bilder zu verjagen. Dann ſprang ſie auf und rief munter: „Laß uns die Zimmer in Augenſchein nehmen! Ich vermuthe, wir werden uns an Mauergerüſten ſtoßen und mit Kalkſtaub bedecken, aber was thut's Schwartz, Arbeit adelt den Mann. I. 10 146 es gibt eine ganze Maſſe. kleiner Unannehmlichkeiten zu überwinden. Außerdem habe ich dabei das Ver⸗ gnügen, mich über das Genie meines Baumeiſters zu ärgern. Gewiß beabſichtigt er, dieſes lange, große Gemach nach modernem Geſchmack mit franzöſiſchen Tapeten, leichten und eleganten Verzierungen aus⸗ zuſchmücken, welche ausſehen, als ob ſie ſich ganz unerwartet hieher verirrt hätten und mit betrübter Miene fragen: warum ſind wir hier?— Um ſo beſſer, ich erhalte dadurch Etwas, das mir während des langen Winters unaufhörlich einen Anreiz gibt. Die Furcht, es möchte ſich die Langeweile einſtellen und zur Thürhüterin in meiner Behauſung werden, bleibt dadurch ausgeſchloſſen.“ „Du bildeſt eine höchſt eigenthümliche Zuſam⸗ menſetzung verſchiedener Elemente, meine liebe Con⸗ ſtanze,“ bemerkte Stephana, während ſie ihre Pro⸗ menade durch die in der Reparatur begriffenen Zim⸗ mer antraten.„Launenhaft, unbeſtändig unverträg⸗ lich, eigenwillig in... „All meinem Thun, willſt Du ſagen. Ah, Ste⸗ phana, Du verderbſt die Leute nicht durch Artig⸗ keiten.“ „Du unterbrachſt mich, ſonſt hätteſt Du geſehen, daß das Porträt getreu war.“ „In dieſem Fall bitte ich Dich, fortzufahren. Du ſagteſt zuletzt ich wäre eigenwillig in... „In deinen Worten und deinem äußern Beneh⸗ men; aber in deinem Innern biſt Du aufrichtig, gut und anſpruchslos.“ „Gott weiß, ob Du jetzt nicht ſchmeichelſt,“ ant⸗ wortete Conſtanze mild.„Ich bin nicht gut und — 147 lang nicht ſo anſpruchslos, als ich ſein ſollte.— Ah, was iſt das?“ Conſtanze befand ſich in einem kleinen Eckzimmer, deſſen Wände aus Täfelwerk beſtanden, das mit allerlei farbigem Holze eingelegt war. Ein junger Arbeiter war in dieſem Gemache mit Ausführung dieſer kunſtreichen Boiſerie beſchäftigt. „Das iſt ein Zimmer, welches von dem Stamm⸗ vater des Barons K. als Schlafzimmer benützt wurde,“ antwortete Kurt's Stimme hinter Conſtanze. „Das Wandgetäfel iſt ein Kunſtwerk aus der Zeit Friks XIV.*), und deßhalb bin ich der Meinung ge⸗ weſen, daß es reſtaurirt werden müſſe. Sie erſehen hieraus, daß ich doch kein ſolcher Vandale bin, als es Ihnen beliebt hat, mich zu betrachten.“ „Dieſes Schlafzimmer wird eine Erinnerung an die Vergangenheit, und da träume ich von.... „Unterdrückung und Adelsherrſchaft,“ fiel Kurt ein. „Sie ſprechen gegen den Adel?“ fragte Con⸗ ſtanze und ſah ihn verwundert an.—„Sie, ein Ba⸗ ron Axelhjelm,“ ſetzte ſie mit Nachdruck hinzu. „Sie belieben zu ſcherzen, unter den Arbeitern gibt es keine Barone, und ich bin mit Leib und Seele ein Arbeiter.“ Conſtanze begann davon zu reden, wie ſie dieſes Zimmer einrichten und nach dem Muſter der Vorzeit möbliren würde. Sie war ſo ganz und gar davon in Anſpruch genommen, daß ſie für nichts Anderes Gedanken hatte. ³) Sohn und Nachfolger Guſtav Waſa's, 1560 N d. U. 40 148 Nachdem Stephans und ſie in Begleitung von Kurt die Gemächer, den Park und den Platz, wo die Ruinen geſtanden waren, in Augenſchein genom⸗ men hatten, wurden die Pferde vorgeführt, und die beiden Damen begaben ſich auf den Rückweg nach Kungsborg. „Dieſen Abend rechnen wir auf deine Geſell⸗ ſchaft,“ ſagte Stephana.„Du weißt, daß wir Gäſte haben und daß die Jugend tanzen wird.“ „Ich werde erſcheinen.“ „Du biſt willkommen!“ ſchloß Stephana, ließ dem Pferde den Zügel ſchießen und ſprengte in vol⸗ lem Galop davon. Conſtanze war ſchon voraus. „Seltſames Spiel des Schickſals,“ dachte Kurt, als er ihnen nachſah.„Die Eine entzückt meine Seele, während der Anblick der Andern gleichzeitig mich quält, reizt und intereſſirt. Ich möchte wün⸗ ſchen, daß es in meiner Macht ſtände, dieſes ſtolze Mädchen zu beugen, welches ein Recht zu haben glaubt, mich zu verachten, und weßhalb?“ Kurt brach in ein lautes Gelächter aus und ſetzte hinzu: „Weil ich vierundzwanzig Stunden verliebt ge⸗ weſen bin in— ihre Freundin.“ XXI. Als Kurt etwas ſpät am Abend zu Kungsborg ankam, war es voll Göſte. Die jungen Leute tanz⸗ ten bereits. Ein munterer Walzer war im vollen 5 Gang. —— —— ,— ————— 149 Er blieb unter der Saalthüre ſtehen und betrach⸗ tete die Tanzenden. Unter dieſer Schaar von blü⸗ henden und lächelnden Mädchen, welche an ihm vor⸗ überflogen, heftete ſich ſeine Aufmerkſamkeit beſonders auf ein Kind, welches leicht wie eine Sylphide und mit einem Ausdruck wahrhafter Luſt in dem Wirbel des Tanzes ſchwebte. Für ſie ſchien alles Andere vergeſſen, außer der Freude, welche der Augenblick ihr ſchenkte. Es war Olga Callönſtjerna. „Welche Unähnlichkeit und dennoch welche Aehn⸗ lichkeit zwiſchen dieſen beiden Schweſtern,“ dachte Kurt. In dieſem Augenblick war der Walzer zu Ende. Die Menge der Tanzenden ſchwärmte hinaus auf die Terraſſe, um ſich abzukühlen. „Du tanzeſt wohl auch?“ ſagte Helfrid, indem ſie auf Kurt zukam. „Mit ganzer Seele, und deßwegen gedenke ich die⸗ jenige von den Damen zu engagiren, welche am meiſten Vergnügen daran findet.“ „Das heißt, mich,“ erwiederte Helfrid lächelnd. Kurt betrachtete ſie einen Augenblick und ant⸗ wortete dann lachend: „Du biſt allzu majeſtätiſch für ein thörichtes Vergnügen.“ Mit dieſen Worten ging er auf die Terraſſe hin⸗ aus. Er begrüßte im Vorbeigehen Conſtanze, welche mit Jacobo in einem Geſpräch begriffen war, und ſuchte dann Olga auf. Wir wollen horchen, was Conſtanze und Jacobo mit einander zu reden haben. Das Angeſicht des letztern hatte einen ungewöhnlich lebhaften Ausdruck. 150 „Sie wollen demnach behaupten, es ſei keine Pedanterie, daß Sie nicht tanzen?“ bemerkte Con⸗ ſtanze. „Ganz gewiß; ich ſchmeichle mir, in keiner Hin⸗ ſicht ein Pedant zu ſein,“ entgegnete Jacobo, deſſen ſtrahlende Augen auf das bezaubernde Angeſicht des jungen Mädchens geheftet waren, worin ſich alle wechſelnden Gefühle einer beweglichen Seele abſpie⸗ gelten. „Geſtehen Sie, Herr Lange, daß Sie ſich ſelbſt für fehlerlos halten? Sofern nun Pedanterie ein Fehler iſt, können Sie natürlicher Weiſe nicht damit behaftet ſein.“ „Sie halten mich alſo für eigenliebig?“ „Ja, ungemein?“ äußerte Conſtanze in einem eigenthümlichen, ſcherzhaften und doch nachdrückli⸗ chen Ton. „Aus welchem Grunde? Liegt Etwas in mei⸗ nem Benehmen, was ihnen Anlaß hiezu gibt?“ Alles!— Sie ſind ja eine Vollkommenheit in Phren eigenen und aller andern Augen, außer in den meinigen.“ Jacobo wechſelte die Farbe, konnte ſich aber nicht enthalten zu lächeln. „Ich verſichere Sie, es iſt ein Irrthum von Ihnen, und die Zukunft wird es beweiſen, wenn Sie mich erſt näher kennen lernen.“ „Die Zukunft hat immer das für ſich, daß ſie noch nicht vergangen iſt; und deßhalb appelliren wir an ſie, wenn die Gegenwart uns in Verlegenheit ſetzt. Eigenliebe iſt ein großer Fehler, ſomit für Sie unmöglich zu erkennen.“ 6 151 „Erlauben Sie mir, mich gegen Ihre Anklage, als tanze ich aus Pedanterie nicht, zu verthei⸗ digen.“ „Gern! Aber ich weiß zum Voraus, welchen Grund Sie anführen werden. Es iſt irgend ein Gelübde, ein edler Vorſatz, ein großes Opfer u. ſ. w.“ „Ganz unrichtig. Für's Erſte finde ich keine Freude am Tanze, und für's Zweite habe ich nie⸗ mals tanzen gelernt. Das Letztere iſt eine Folge des Erſtern, oder auch umgekehrt. Im Allgemeinen thue ich nicht gern etwas, das ich langweilig finde.“ „Eine achtungswerthe Gewohnheit, welche beweiſt, daß Sie von ganzer Seele Egoiſt ſind.“ „Die nächſte Tour gehört mir,“ ertönte die Stimme des Barons** neben Conſtanze, und den nächſten Augenblick war ſie wieder im Wirbel des Tanzes. Jacobo blieb an einen Baum gelehnt ſtehen, ohne darauf zu achten, daß zwei Augenpaare ihn aufmerkſam betrachteten. Das eine Paar gehörte Helfrid. Ihr Blick hing feſt an feinen Zügen, mit einem bekümmerten Aus⸗ druck, als ob ſie eine ſchmerzliche Entdeckung ge⸗ macht hätte. Das andere Paar gehörte Evert, welcher an einem Fenſter des Salons ſtand und auf die Terraſſe hinaus ſah. In ſeinen Augen lagen Groll und Reid. Evert hatte zu Conſtanze eine jener heftigen und plötzlichen Neigungen gefaßt, welche die Gefühle der erſten Jugend kennzeichnen, und daraus ſelbſt in ſeiner Phantaſie eine große Leidenſchaft gemacht, welche durch ihre Stärke die Kraſt beſitzen ſollte, 152 6 Conſtanze anzuziehen. Er betrachtete ſeinen Erfolg als eine ausgemachte Sache, und auf den Grund davon malte er ſich eine glänzende Zukunft an der Seite der ſtolzen, ſchönen und reichen Conſtanze. Der Spiegel ſagte Evert jeden Morgen, daß er ein hübſcher Burſche wäre, und die Eigenliebe verſicherte ihn, daß er einnehmende Manieren beſäße— lauter Eigenſchaften, welche verdienten, daß er durch eine Verbindung mit Conſtanze von dem ſchauerlichen Geſchick, ſich ſein Leben lang in Werkſtätten herum⸗ treiben zu müſſen, befreit würde. Anderthalb Wochen hatte er ſeinen Neid gegen Jvar, ſeine Abneigung gegen Jacobo, ſeinen miß⸗ glückten Aufwieglungsverſuch u. ſ. w. über dem Ge⸗ danken an Conſtanze vergeſſen. Jeden Abend nach geſchloſſener Arbeit begab er ſich von Akersnäs nach Kungsborg und brachte ſeine Zeit daſelbſt zu. Conſtanze war ihm mit einer Freundlichkeit begegnet, welche der thörichte junge Mann für eine Auszeich⸗ nung nahm. Jacobo dagegen war mit Conſtanze beinahe beſtändig in Fehde geſtanden, Etwas, das Evert glücklich machte und ſein Herz mit Freude erfüllte. Dieſen Abend, da getanzt werden ſollte, worauf Evert ſich ſo ſehr gefreut hatte, war er gleichwohl von einem doppelten Mißgeſchick betroffen worden. Für's Erſte hatte Conſtanze ihm noch keinen einzigen Tanz vergönnt, und zweitens hatte er die ſchreckliche Tortur ausſtehen müſſen, ſie zwiſchen den Tänzen ſich faſt ausſchließlich mit Lange beſchäftigen zu ſehen. Mit zwanzig Jahren iſt man zu Kraftäußerun⸗ gen, wenigſtens in Gedanken, ſehr geneigt, und —ſ; S—— — — ———— * 153 Evert hätte Jacobo gern vernichtet mit— ſeinen Blicken. Jacobo ſeinerſeits, welcher durch ſeinen wirklich ungewöhnlichen Charakter, durch ſein Streben nach höherer menſchlicher Entwicklung ſich die eigene und Anderer Achtung erworben hatte, wurde durch die Worte von Conſtanze überraſcht und verletzt. Ohne eigenliebig zu ſein, beſaß er doch ſo viel Selbſtge⸗ fühl, um ſich ſeiner Ueberlegenheit vollkommen be⸗ wußt zu ſein. Er war im Laufe ſo vieler Jahre ein Gegenſtand der Bewunderung für ſeine Freunde geweſen, ſo daß er ſich nicht des Tages erinnern konnte, wo er ein mißbilligendes Wort zu hören be⸗ kommen hätte.— Und nun trat ganz plötzlich ein junges Mädchen auf, welches ihn während ihrer kurzen Bekanntſchaft unaufhörlich einer ganzen Maſſe von Fehlern an⸗ klagte und ganz dreiſt erklärte, daß er durchaus nichts Vollkommenes wäre. Obſchon ſein Verſtand ihm gebot, über dieſen Ausfall zu lächeln, konnte er, unerklärlich genug, eine Empfindung des Aergers nicht unterdrücken.— Es verdroß ihn, daß Conſtanze ihn ganz ſo be⸗ handelte, als ob er ein gewöhnlicher eingebildeter Narr geweſen wäre. Er, welcher Andere durch ſeine Ueberlegenheit beherrſchte und ſo ſtolz auf die Ach⸗ tung war, die er genoß, fühlte ſich plötzlich durch die Worte eines unerfahrenen Mädchens aus dieſem ruhigen Bewußtſein herausgeriſſen. Während Jacobo mit ſeinem Innern, welches etwas aus gewöhnlichen Gleichgewicht gerückt 154 worden, zurecht zu kommen ſuchte, hatte der Tanz ſeinen Fortgang genommen. Als Conſtanze wieder auf die Teraſſe trat, fand ſie Jacobo noch an demſelben Orte ſtehend. Sie ging auf ihn zu und ſagte: „Geſtehen Sie, daß Sie ſich tief verletzt fühlen.“ „Wodurch?“ 65 „Durch meine Worte. Ich ein junges Mädchen, wage Ihnen. einem Mann von etlichen dreißig Jahren, mit dem von der ganzen Welt ausgeſtellten Diplom der Vollkommenheit, zu erklären, daß Sie Fehler* haben, daß Sie eigenliebig, pedantiſch und egoiſtiſch ſind. Dieß kann nicht anders als Sie verdrießen.“ Jetzt lächelte Jacobo, wie man bei den Worten eines verzogenen Kindes zu thun pflegt. „Fräulein Conſtanze, Sie konnten und können mich durch Ihre Ausfälle nicht verletzen. Es iſt eine„ Laune von Ihnen, ſich mit meiner Unvollkommenheit zu beſchäftigen und mich wo möglich zu reizen. Sie möchten den Triumph gewinnen, meine Eigenliebe verwundet zu haben. Ich würde Ihrer Behauptung nur eine Sanktion geben, wenn Ihre Worte dieſe Wirkung hervorbrächten. Nur der ärgert ſich über einen Anfall, welcher ſich davon getroffen fühlt.“ „Wiſſen Sie, Herr Lange, was Sie jetzt be⸗ weiſen?“ „Eine Wahrheit, welche Sie minder angenehm finden.“ „Ganz und gar nicht, ſondern bloß, daß Alles bei Ihnen kalte Berechnung iſt. Damit es nicht ausſehe, als ob Sie ſich von meinen Worten ge⸗ 155 troffen fühlten, nehmen Sie dieſelben mit ſcheinbarer Ruhe auf.“ „Sie haben die gewöhnlichen Fehler der Jugend und Unerfahrenheit, Fräulein Conſtanze.“ „Und die ſind?“ „Streng und übereilt zu urtheilen.“ „Das Letztere kann man Ihnen wenigſtens nicht zur Laſt legen, Herr Lange. Ich würde eine hohe Meinung von Ihnen faſſen, wenn ich den Ausbruch eines heftigen Gefühls, einerlei ob edel oder unedel, zu ſehen bekäme. Das heißt, ich möchte Sie einmal dieſes Gewand von Vollkommenheit, womit Sie ſich angethan haben, und welches beſtimmt ſowohl hef⸗ tige Leidenſchaften als menſchliche Schwachheiten verbirgt, abwerfen ſehen.“ „Nachdem Sie dieſen Wunſch ausgeſprochen ha⸗ ben, können Sie lang warten, bis ich, in Ihrer Ge⸗ gaptt befindlich, das Gefühl eine Rolle ſpielen aſſe.“ Conſtanze ſah ihn an. Jacobo's ruhige Miene, worin zugleich ein Zug von nachſichtiger Güte ſich kund gab, reizte ſie. Nicht einmal die Freude war ihr vergönnt, in ſeinem Angeſicht auch nur die Spur irgend einer Gemüthsbewegung zu entdecken. Conſtanze wollte ſich entfernen; Jacobo hielt ſie zurück, denn in demſelben Momente fielen ſeine Augen auf das Fenſter, wo Evert ſtund. Der Blick des jungen Mannes verrieth ſo viel Grimm, daß das ganze Antlitz davon Zeugniß gab. „Fräulein Conſtanze, da Sie den Ausdruck un⸗ gezügelten Gefühles lieben, ſo müſſen Sie ſolchen, 156 wie er in Axelhjelms Miene jetzt zu leſen iſt, nach Ihrem Geſchmack finden. Betrachten Sie ihn.“ Mit dieſen Worten entfernte er ſich. In dem phantaſtiſch unruhigen Kopf des jungen Mädchens wälzten ſich binnen einer Sekunde tauſend Plane durcheinander, auf welche Art ſie dieſen„Hei⸗ ligen,“ wie ſie Jacobo nannte, ſeiner Glorie beraubt ſehen könnte. Kurt kam und engagirte ſie für den nächſten Walzer; ſelbſt Evert fand ſich ein, um ſie daran zu erinnern, daß er auch da war— etwas, das bei Conſtanze beſtimmt ganz in Vergeſſenheit gekommen wäre, wenn Lange ſie nicht auf ihn aufmerkſam ge⸗ macht hätte. Bei ſeinem Anblick fühlte ſie ſich erzürnt darüber, daß Jacobo den zügelloſen Geſichtsausdruck des jun⸗ gen Mannes als den Typus ihres Geſchmacks be⸗ trachtet hatte. Es kam Conſtanze vor, als ob ſie die ganze Welt verabſcheute, ſo durch und durch mißvergnügt fühlte ſie ſich. In der nächſten Minute war ſie darüber ungehalten, daß das Geſpräch mit dem „Pedanten“ Lange im Stande ſein ſollte, ſie um ihre gute Laune zu bringen. Sie wollte ganz und gar nicht an ihn denken, ſie wollte ganz und gar nicht übler Laune ſein. Nein, heiter wollte ſie ſein und das auch vor aller Welt beweiſen. Während des Walzers mit Kurt war ſie auch eitel Sonnenlicht und ſo einnehmend, daß das leicht entzündbare Herz unſeres jungen Baumeiſters in helle Flammen gerieth. Nach Beendigung des Walzers ließen ſie ſich auf 6 „4 157 einer Bank im Garten nieder. Die Neidiſchen be⸗ haupteten, Conſtanze kokettire, aber ſie hatten Un⸗ recht. Dieß war ein Fehler, welcher dem ſtolzen, edelherzigen Mädchen nie zur Laſt gelegt werden konnte. Die Eingebung des Augenblicks, das In⸗ tereſſe des Moments— dieß war für ſie Alles. 6 Sie handelte nach Impulſen, nicht nach Berechnung. Ihre Gedanken und Gefühle waren im Grundton edel, und eben darum fiel es ihr niemals ein, daß man ihre Handlungen mißdeuten könnte. „6 Mit ihrer wechſelnden Gemüthsſtimmung über⸗ legte ſie nicht, daß es Andern ſchwer fallen würde, die Lebhaftigkeit und Beweglichkeit ihrer Phantaſie, ſo wie die Ideen und Einfälle, welche davon aus⸗ gingen, zu verſtehen. Jetzt zum Beiſpiel, da man der Meinung war, „ſie handle aus Gefallſucht, fand ſich kein Gedanke daran in ihrer Seele. Sie wollte ihren unbehag⸗ lichen Gefühlen entfliehen; darum ſuchte ſie eine Zerſtreuung im Geſpräche mit Kurt, deſſen Geſell⸗ ſchaft ſie ſonſt nicht beſonders liebte. Als ſie ſpäter Unterhaltung darin fand, wich ſie ihr auch nicht mehr aus. Sie bemerkte nicht, daß Jacobo's Blicke ihr folgten, da ſie ſich vorgenommen hatte, gar nicht nach der Seite, wo er ſich befand, hinzuſehen. Sie tanzte mit Evert, ohne ſich an deſſen knaben⸗ hafte Ausbrüche von Eiferſucht zu kehren. Sie tanzte noch einen Walzer mit Kurt, ohne an die hämiſchen Deutungen der Tadelſucht zu denken. WMit Beharrlichkeit wich ſie jedoch Jacobo aus, ein Benehmen, welches dieſem nicht entging. XXII. Mitternacht war vorüber, als die Gäſte Kungs⸗ borg verließen. Jacobo und Evert Axelhjelm ſaßen beide ſtill und ſinnend, jeder in eine Ecke der leich⸗ ten Chaiſe zurückgelehnt. Jacobo's Gedanken dreh⸗ ten ſich beinahe ausſchließlich um Conſtanze und Helfrid. „Was iſt es nur an dieſer Conſtanze, was mich intereſſirt?“ fragte er ſich ſelbſt.„Sie iſt nicht das Ideal einer Frau, welches meine Phantaſie ſich malt; nicht das holde, ſüße und einnehmende Weſen, wel⸗ ches ich in Stephana onbetete— ebenſo wenig das edle, hohe und ſiolze, das bei Helfrid auf mich ein⸗ wirkt. Helfrid,“ wiederholte er bei ſich,„es war einmal eine Zeit, wo ich an die Möglichkeit dachte, meine Hoffnungen auf Dich zu bauen. Ich glaubte, an deiner Seite einen Troſt für die Vergangenheit finden zu können. Ich hoffte, ihr Glück gründen zu können, aber es war blos ein thörichter Traum. Helfrid's Stolz ſammt der Zeit hat ihre Liebe ab⸗ geſchwächt und ſie getödtet. Sie würde eher ſterben, als an der Seite eines Bürgerlichen ein Glück ſuchen. Und vielleicht iſt es gut ſo. Mein Herz kann nicht lieben, und was ſollte das edle Mädchen mit dem dürftigen Ueberreſt davon? Sie iſt etwas Beſſeres werth. Und dennoch hätte ſie vielleicht nie einen Mann gefunden, der ſo geneigt geweſen wäre, für ihr Glück zu arbeiten, als ich. Zwiſchen ihr und mir ſteht unſer gegenſeitiger Stolz. Jacobo Lange ——— 159 iſt nicht der Mann, welcher eine Frau zur Gattin nimmt, die ſich einbildet, eine Mesalliance ge⸗ ſchloſſen zu haben. Was iſt wohl die Frau für mich?— Ein Blatt aus dem großen Buch der Menſchheit; aber nichts weiter. Freud und Leid der Liebe hat ausgeſpielt, und das ernſte Ziel, welches ich meinem Leben geſteckt habe, iſt hinfort Alles für meine Seele. Dieß nennt das Mädchen Pedanterie! Ich bin in ihren Augen ein eigenliebiger Narr, weil ich nicht gern ein Thor ſein will. Und doch lag in ihrer Art und Weiſe, mir dieß Alles zu ſagen, eine Ehrlichkeit, die mir gefiel.“ Während dieſes Monologs auf Seiten Lange's wurde von Evert ein anderer gehalten. Den Blick beharrlich auf Jacobo's ruhiges und ſchönes Angeſicht geheftet, dachte er: „Wie verabſcheue ich dieſen Menſchen! Er und mein Bruder kommen mir vor, als wären ſie meine natürlichen Feinde. Sie ſtellen ſich meinem Glück unaufhörlich in den Weg. Sie richten ihre Wünſche auf denſelben Gegenſtand, wie ich.“ Ein tiefer Seufzer hob die Bruſt des jungen Mannes und beſtimmte Jacobo, die Augen auf ihn zu richten. „Ich glaube, die Luft von Kungsborg iſt Ihnen nicht ſehr heilſam,“ ſagte Jacobo. „Im Gegentheil, dort hole ich mir wieder Luſt und Liebe zur Arbeit,“ erwiderte Evert.„Bei Onkel und Tante kann man ja ſo viele gute Lehren einthun.“ Es lag eine verſteckte Ironie in ſeinem Ton. „Ja, im Fall man ſie auf ſeine Handlungen 160 anwendet. Sie gehören jedoch unter die Zahl derer, welche lieber den Eingebungen ihrer Leidenſchaften, als der Stimme der Vernunft und Moral Folge leiſten. Sie werden manchen ſchweren Kampf im Leben zu beſtehen haben, bevor Sie erkennen, welche unrichtige Bahn Sie eingeſchlagen. Ein Glück, wenn Sie nicht durch Ihre gegenwärtige Selbſtſucht auch Andere in's Unglück ſtürzen. Sie haben allzu frühe angefangen, mit den menſchlichen Leidenſchaften zu ſpielen und dieſelben als Mittel zur Befriedigung Ihrer eigenen Wünſche zu benützen. Hüten Sie ſich, einmal Haß und Neid das Wort führen zu laſſen; der Ausgang könnte leicht minder glücklich ſein, als bei Ihrem erſten Verſuch. Ich bringe dieſe Warnung jetzt an, weil ich heute Abend in Ihrem Angeſicht Gemüthserregungen geleſen habe, welche viel zu heftiger Natur zu ſein ſchienen.“ XXIII. Nachdem alle Gäſte ſich entfernt hatten, finden wir Helfrid und Stephana auf der Veranda ſtehend. „Niemals habe ich Herrn Lange ſo lebhaft, wie heute Abend geſehen. Conſtanze ſchien ihn in hohem Grade zu intereſſiren,“ äußerte Helfrid, indem ſie ſich über das Geländer neigte. „Eine Weile verhielt es ſich allerdings ſo,“ ant⸗ wortete Stephana,„aber hernach wich er ihr aus.“ „Deßhalb, weil ihre Worte ihn verletzt hatten,“ fuhr Helfrid fort, mit ihrer Kette ſpielend, und ſuchte eine gleichgültige Miene anzunehmen.„Conſtanze —,——— S 161 iſt beſtimmt diejenige, welche einmal ſein Herz in Flammen ſetzen wird.“ „Möglich; es liegt wirklich etwas Reizendes und Bezauberndes in ihr; aber ein Unglück wäre es für Jacobo, ſein Herz an dieſes bewegliche Weſen zu hängen, welches unaufhörlich Gefühle und Nei⸗ gungen wechſelt. Sein Seelenfrieden wäre dadurch verſpielt.“ „Gott weiß es, ſeine Ruhe bedarf ihrer Unruhe. Gegenſätze ſuchen gewöhnlich einander auf. Was Conſtanze betrifft, ſo würde er eine ausgezeichnete Frau aus ihr machen; denn ein im Grunde edlerer Charakter als ſie iſt ſchwer zu finden.“ „Zugegeben; und doch liegt in dieſer Leichtig⸗ keit, jedem Eindruck nachzugeben, eine angeborene Unſtetigkeit, die auch in Flatterhaftigkeit ausarten kann. Merke wohl, Jacobo beſitzt unter ſeiner ru⸗ higen und vernünftigen Außenſeite ſehr heftige und ſtarke Gefühle. Wäre der Gegenſtand ſeiner Nei⸗ gung ein ſo phantaſtiſches Weſen, welches blos in der Exaltation des Augenblicks lebt, liebt und fühlt, einen Tag für eine Idee leidet und ſchwärmt, welche es den andern Tag um einer neuen willen vergißt, ſo würde er namenlos unglücklich werden.“ „Du haſt Unrecht, Stephana. Für's Erſte iſt Conſtanze kein ſo veränderliches Geſchöpf. Ich weiß dieß beſtimmt. Sie iſt anhänglich und treu, mit einem Herzen von Gold und einem Charakter von Stahl. Für's Zweite gibt ihr der Wechſel in ihrer Phantaſie immerdar neue Ideen ein und ruft jene eigenthümliche Zauberkraft hervor, welche ſie nie⸗ mals einförmig werden läßt. Aber da ſtehe ich Schwartz, Arbeit abelt den Mann. I. 11 162 und ſchwatze mit Dir, ſo daß Hermann am Ende unruhig wird.“ Helfrid reichte Stephana die Hand zum Abſchied. „Eine Frage, ehe wir ſcheiden,“ ſagte Stephana und hielt ihre Hand feſt. „Es gibt Fragen, Stephana, welche man niemals thun darf. Gute Nacht!“ 3 Mit dieſen Worten entfernte ſich Helfrid. XRIV.„ Am folgenden Nachmittage waren Graf Hermann und alle Uebrigen, mit Ausnahme von Conſtanze, nach Akersnäs gefahren. Aus Caprice weigerte ſie ſich mitzugehen und brachte die ganze Zeit einge⸗ ſchloſſen in ihrem Zimmer zu. Gegen Abend empfand ſie ein unwiderſtehliches Bedürfniß, friſche Luft zu ſchöpfen. An die Stelle des Gefühls von Unruhe, Reizbarkeit und Mißver⸗ gnügen, welches ſie den ganzen Tag beherrſcht hatte, war jene unerklärliche Schwermuth getreten, unter welcher die Jugend ſo oft leidet. 16 Um dieſen Druck der Melancholie abzuſchütteln verließ ſie ihren freiwilligen Kerker und wanderte langſam durch den Park dem Strande zu. Dort angekommen, ſetzte ſie ſich auf einen Stein und folgte mit dem Blick den raſtlos forteilenden Wogen⸗ Sie hatte ihren Hut abgenommen und der Wind ſpielte mit den hellbraunen Locken. Sie glich einer Jungfrau des Mittelalters, welche daſaß und auf. — 163 die Rückkehr des Geliebten wartete; denn in ihrem Auge lag Trauer und Sehnſucht. „Wer euch folgen könnte, ihr fliehenden Wogen,“ flüſterte Conſtanze in wehmüthigem Ton.„Aber ach! ihr flieht und ich bleibe.“ In dieſem Augenblick ſtimmte ein Vogel ganz nahe bei ihr ſein Lied an. Conſtanze hörte lächelnd zu. Als er ſchwieg, fiel ſie mit heller Stimme, gleichſam zur Antwort ein: „Sing', kleiner Vogel, auf grünem Zweig', Zwitſchre für mich deine Weiſe u. ſ. w. „Dank, Fräulein Conſtanze,“ ließ ſich jetzt eine Stimme dicht neben ihr vernehmen. Sie drehte ſchnell den Kopf um. Es war Kurt. Er ſaß in geringer Entfernung von ihr auf einem umgeſtürzten Baumſtamm und rauchte ſeine Cigarre. „Ah, Sie hier!“ rief Conſtanze und ſtand raſch auf, mit einem Ausdruck des Mißvergnügens. „Laſſen Sie ſich durch mich nicht ſtören. Ich werde mich ſogleich entfernen, im Fall meine Gegen⸗ wart Ihnen läſtig iſt; aber warum ſollte ſie dieſes? Können wir nicht eine Weile hier mit einander plaudern? Man empfindet zuweilen eine Sehnſucht, mit einem andern Weſen ſeine Ideen auszutauſchen. Und wäre der Menſch noch ſo proſaiſch, könnte er an einem ſo ſchönen Sommerabend zu ſchwärmen ſich geneigt fühlen. Er empfindet das Bedürfniß, ſeine Gedanken in Worte zu kleiden. Deßhalb würde ich es Ihnen Dank wiſſen, wenn ſie blieben.“ „Jedem Andern als Ihnen würde ich gern zu 11 ½ 164 Willen geweſen ſein; aber mit Ihnen wäre es mir unmöglich. Ueber meine Lippen würden nur bittere Worte kommen. Mein Gedächtniß erinnerte mich heute Abend allzu lebhaft an..... Conſtanze hielt an. „An was?“ fragte Kurt, ſie anſehend. „An Berlin.“ „Ach, mein Gott, kann eine ſolche Kleinigkeit Sie gegen mich verſtimmen?“ rief Kurt lächelnd, „Geſtehen Sie, der ganze Vorfall iſt von der Art, daß man eher darüber lachen, als ſich ärgern ſollte.“ „Herr Arelhjelm, Sie ſind unverzeihlich leicht⸗ ſinnig.“ „Möglich, daß Sie Recht haben. Ich disputire nicht gern, aber ich kann Sie auf Ehre und Glauben verſichern, daß man mehr als erlaubt Pedant ſein müßte, um das Abenteuer nicht heiter zu finden.“ „Dann bin ich wirklich pedantiſch. Ah! wenn ich bedenke, daß... Conſtanze unterbrach ſich und ſetzte dann ſtolz hinzu: „Doch warum davon reden? Vielleicht wiſſen Sie zu Ihrer eigenen Ehre nicht, wie viel Unheil Ihr Leichtſinn angerichtet hat. Und wenn Sie es wüßten, würden Sie bei Ihrem Charakter es doch nicht verſtehen.“ Conſtanze neigte den Kopf zum Abſchied und entfernte ſich. Kurt ließ ſie gehen. Während er ſich damit unterhielt, kleine Steine ins Waſſer zu werfen, ent⸗ wickelte ſich in ſeinen Gedanken folgender Monolog: 165 „Ich glaube bei meiner Ehre, ſie will mir bie Vorſtellung beibringen, ich habe ein Herz zermalmt.“ Er lächelte.„In dieſem Fall wäre es ein leicht gewonnenes und zermalmtes Herz geweſen. Die ganze Liebesgeſchichte umfaßt einen Zeitraum von— vierundzwanzig Stunden. Eine ſolche Fieberphantaſie in der Welt der Gefühle geht gewöhnlich, wie ſie kommt, indem ſie weder Schmerz, noch Sehnſucht, noch Erinnerung zurückläßt. Das Mädchen iſt ro⸗ mantiſch, und darum muß ſie um ihrer Freundin willen etwas ungeheuer Großes aus der Lappalie machen. Der Gewinn dabei iſt außerdem, daß ſie einen Grund bekommt, mich zu haſſen. Wenn eine Frau nicht von Liebe ergriffen iſt, muß ſie verab⸗ ſcheuen. Reiche uud beſchäftigungsloſe Damen müſ⸗ ſen nothwendig etwas zur Zerſtreuung haben. Aber ich bin doch allzu gutmüthig geweſen, daß ich ſie um ſo wohlfeilen Preis ziehen ließ. Bei meiner Ehre, ich bin gezwungen, Revanche zu nehmen.“ hurt ſtand auf und ſchlug einen Seitenweg ein, ſo daß er mit Conſtanze wieder zuſammentreffen konnte, was ihm auch wirklich glückte. „Sie ſehen, das Schickſal will nicht, daß unſere Wege ſich trennen, da ſie jetzt wieder zuſammenſtoßen,“ bemerkte Kurt, die Mütz abnehmend.„Uebrigens ſind Sie mir Revanche ſchuldig.“ „Wofür?“ „Für Ihre Anklage, als ob ich leichtſinnig wäre.“ „Sie gaben es ſelbſt zu.“ „Ich ſprach nur von der Möglichkeit, und dieß war ein negatives Zugeſtändniß. Jedoch wünſchte ich nicht von mir zu ſprechen, ſondern von Ihnen. 166 Sie haben eine Anklage gegen mich erhoben; erlauben Sie darum, daß ich jetzt eine Frage an Sie ſtelle. Sagen Sie mir, Fräulein Conſtanze, welchen Namen wollen Sie Ihrem Benehmen von geſtern geben? Zuerſt beſchäftigten Sie ſich ausſchließlich mit Herrn Lange, dann nehmen Sie an ihm Anſtoß Gott weiß weßhalb, und erweiſen mir ein Wohlwollen, ebenſo unverdient wie Ihre Abneigung. Hätte ich geſtern an Ihre Liebenswürdigkeit geglaubt, ſo wäre ich heute verloren geweſen. Somit, bin ich leichtſinnig, ſo Sie Kurt hielt an. „Warum fahren Sie nicht fort?“ fragte Con⸗ ſtanze in übermüthigem Ton. „Weil ich Sie zu verletzen fürchte.“ „Ueberflüſſige Furcht, mein Herr, Sie können mich nie verletzen.“ Kurt wechſelte unwillkürlich die Farbe. „Nun wohl,“ hob er mit erzwungenem Lächeln wieder an,„ſo ſind Sie launenhaft.“ „Das iſt eine Beſchuldigung, welche ich hörte, ſo weit ich zurückdenken kann, und ich gewinne und ver⸗ liere dabei Nichts, daß Sie dieſelbe wiederholen. Auch kann es mir nicht einfallen, gegenüber von Ihnen meine Handlungsweiſe zu rechtfertigen. Wenn Sie meine Heftigkeit für Liebenswürdigkeit nehmen, ſo iſt es Ihr Fehler, nicht der meinige. Ich habe niemals die Abſicht gehabt, Ihnen zu gefallen. Und nun, mein Herr, glaube ich, daß unſere Wege ſich wieder ſcheiden.“ Kurt betrachtete ſie mit ernſtem Blick. Er nahm 6* 167 die Mütze ab und ſagte in ebenſo ſtolzem Tone, wie ſie: „Fräulein Conſtanze, unſere Wege bleiben hin⸗ fort für immer geſchieden. Glauben Sie mir, von meiner Seite ſollen dieſelben nie wieder zuſammen⸗ treffen.“ WMit dieſen Worten verbeugte er ſich kalt und ging. „Ich hoffe nun, der Zudringlichkeit dieſes Man⸗ nes ein für alle Mal los zu ſein,“ dachte Conſtanze. „Hätte er den mindeſten Takt, ſo würde er ſelbſt einſehen, daß ich ihn verachten muß, auch wenn ich in der Geſellſchaft auf einen Augenblick ſein abſcheu⸗ liches Thun gegen Anna vergeſſen kann.“ XXV. Als die Andern ſpät am Abend von Akersnäs zurückkehrten, war Conſtanze bereits zu Bette gegan⸗ gen. Sie ſtellte ſich, als ob ſie ſchliefe, als Hlga und deren Gouvernante, Manſell Debré, ins Zim⸗ mer traten, und obwohl die Schweſter ſie anrief, rührte ſich Conſtanze nicht von der Stelle. „Still, Olga,“ ſagte die Gouvernante,„Fräulein Conſtanze ſchläft.“ „Ach, das iſt verdrießlich,“ erwiederte Olga,„und ich hätte ihr doch ſo viel zu ſagen. Herr Gott, bonne amie, eine himmliſche Unterhaltung haben wir gehabt, und was iſt der Lange für ein ſchöner und angenehmer Mann! Es war Jammerſchade, daß Conſtanze nicht däbei geweſen. So denke ich jetzt, 168 obwohl weder ich, noch ſonſt Jemand ſie vermißte, ſo lang man in Akersnäs war. Aber warum fand ſich der Architekt dort nicht ein? Das hat mich ge⸗ wundert. Können Sie mir es ſagen, bonne amie?“ „Es war keine Einladung. Wir kamen ja, ohne daß Herr Lange ſelbſt davon wußte.“ „Das iſt wahr, aber Baron. von Stahlham⸗ mer iſt ja auch hingekommen, und da glaube ich, Baron Kurt hätte auch dabei ſein können.“ So plauderte Olga, bis ſie ausgekleidet war, und dann ſchlief ſie den ruhigen und geſunden Schlaf eines Kindes. Conſtanze dagegen konnte kein Auge zuthun. Es kam ihr vor, als ob Jemand daſtände und unauf⸗ hörlich ihr zuriefe:„Weder ich, noch Jemand anders vermißte ſie.“ Dieſe Worte marterten ſie, ſo daß der Schlaf ſie floh. Sie fühlte ſich erbittert gegen ſich ſelbſt, daß ſie Gewicht auf die Worte legte, gegen Olga, doß ſie dieſelben ausgeſprochen, gegen die Gouvernante, daß ſie dieſelben gehört hatte. XXVI. Einige Tage darauf, als Jacobo zu Kungsborg einen Beſuch machte, äußerte er gegen Conſtanze: „Das Fräulein wollte Akersnäs nicht die Ehre zu Theil werden laſſen, als die Romarhjerta's dort⸗ hin fuhren. Galt dieſe Ungnade der Fabrik, oder deren Eigenthümer?“ „Von der Fabrik konnte keine Rede ſein, da ich ———— 169 dieſelbe niemals geſehen habe, und der Eigen⸗ thümer.. Conſtanze lächelte. „Iſt ein ſo eigenliebiger Pedant, daß Sie ihn weder Ihrer Gnade, noch Ungnade werth halten. War es nicht ſo?“ „Ach nein; ich dachte blos, er genieße eines ſo allgemeinen Anſehens, daß er über die Ehre des Be⸗ ſuchs von einem unbedeutenden Mädchen erhaben iſt. Mein Ausbleiben konnte ſomit weder verletzen, noch erfreuen, und darum folgte ich meiner Laune und blieb daheim.“ Conſtanze ſah bei dieſen Worten unendlich kalt und ſtolz aus. „Wiſſen Sie, was ich tief beklage, wenn ich Sie ſehe?“ fragte Jacobo, indem er das junge Mäd⸗ chen mit einem Ausdruck von Wohlwollen betrachtete. „Daß ich ein recht unvollkommenes Ding bin, mit Fehlern und Schwachheiten behaftet, die Ihnen fremd ſind.“ „Fehler und Schwachheiten haben wir alle.“ „Auch Sie?“ Conſtanze ſprach dieſe Worte in einem eigenthüm⸗ lichen, aufreizenden Ton aus. „Ja, gewiß, aber laſſen wir das. Von Ihnen wollte ich reden.“ „Oder vielmehr über das, was Sie von mir denken.“ „Ich habe in den fünf oder ſechs Wochen, ſo weit unſere Bekanntſchaft bis jetzt dauert, achtzehn oder zwanzig Mal mit Ihnen geſprochen. Nun wohl, ich habe es nie gethan, ohne zu denken: wie ſchade, 170 doß dieſes reichbegabte Mädchen keine Mutter ge⸗ habt hat. Ihre Mutter ſtarb ja, da Sie noch ſehr klein waren.“ Ueber Conſtanze's eben noch ſo ſtolzes und ſpöt⸗ tiſches Angeſicht legte ſich ein Ausdruck von Weh⸗ muth, während ſie antwortete: „Meine Mutter ſtarb, als ich fünf Jahre alt war.“ „Ein Mädchen kann einen ſolchen Verluſt nie⸗ mals tief genug beklagen. Die Mutter iſt es, welche ſie zur Frau in des Wortes ſchönſter Bedeutung heranbildet. Ein Vater, ſei er noch ſo zärtlich, kann eine Tochter niemals recht faſſen.“ „Das iſt eine ſchwere Anklage gegen den Vater,“ entgegnete Conſtanze.„Ich wage jedoch zu behaup⸗ ten, daß ſie nicht ganz gerecht iſt.“ „Ich habe niemals ein blos von dem Vater er⸗ zogenes Mädchen geſehen, das nicht in ihrem gan⸗ zen Weſen etwas Männliches gehabt hätte.“ „Herr Lange, wollen Sie damit ſagen, daß ich unweiblich ſei?“ „Wenn man Sie ſieht oder hört, denkt man un⸗ willkürlich an eine Jeanne d'Arc oder an die Ama⸗ zonen des Mittelalters,“ entgegnete Jacobo und ent⸗ fernte ſich. Conſtanze ſah ihm nach und dachte mit zorn⸗ erfülltem Herzen: „Eine häßlichere Beſchuldigung hätte man nicht gegen mich erheben können. Sie war wirklich ver⸗ letzend. Bin ich denn meinen Manieren nach jenes Unding von einem Halbweibe? Oder war die ganze Beſchuldigung nur eine Rache dafür, daß ich zu ſagen gewagt hatte, er ſei eigenliebig?“ „ 171 Conſtanze fand den Salon, den Garten, ganz Kungsborg zu eng für ihre aufgeregten Gefühle. Sie wollte dem Anblick von Jacobo und allen An⸗ dern ausweichen. Es ärgerte ſie, ihn mit Helfrid beſchäftigt zu ſehen. Die Luft wurde ihr drückend. Wie verabſcheuenswerth war ihr nicht Jacobo in dieſem Augenblick aufwallenden Gefühls! Es reizte ſie zu wirklichem Zorn, als Evert ſich näherte. Ehe der junge Mann den Mund öffnete, ſtand Conſtanze haſtig auf und verließ den Salon. Das arme Mädchen, wie war ſie ſo unbekannt mit der menſchlichen Natur, um Evert für allzu ge⸗ ring anzüſehen, als daß er in ſeiner verwundeten Eigenliebe ein gefährlicher Feind ihres Glücks wer⸗ den könnte.— Giige Augenblicke, nachdem Conſtanze den Salon verlaſſen hatte, ſah Jacobo ſie nach dem Park hin⸗ unter wandern. Olga ſprang in wilder Ausgelaſſenheit nach einem gütite Schmetterling im Garten herum. Als es ihr gelungen war, denſelben zu fangen, ſtieß ſie einen Freudenſchrei aus und kam, denſelben leicht an den Flügeln haltend, auf Jacobo zugelaufen. „Sehen Sie nur, wie ſchön er iſt!“ „Aber noch ſchöner, wenn er in Freiheit iſt,“ antwortete Jacobo.„Die Flügel ſind es, welche ſeine Schönheit ausmachen, und dieſe ſind ihm zur Rage, wenn er keinen Gebrauch davon machen ann.“ Olga ſah Jacobo einige Sekunden an; darauf ließ ſie den Schmetterling los und rief: „Meine beſchwingte Freude, fliege fort! Fliege 172 frei und froh und ſchaukle Dich auf den Strahlen der Sonne; wie glücklich biſt Du, Flügel zu beſitzen, die ich entbehren muß!“ Mit einem Blick voll Wehmuth folgte das Kind dem freigelaſſenen Gefangenen. „Ach! wer doch fortfliegen könnte,“ ſetzte ſie träu⸗ meriſch hinzu,„und dann wiederkommen, um aus⸗ zuruhen für eine neue Himmelfahrt.“ Leicht wie ein Vogel eilte ſie wieder zurück hin⸗ unter in den Garten. „Ein ſonderbares Kind,“ bemerkte Jacobo, zu Helfrid gewendet. „Es iſt eine reiche, poetiſche, aber noch unent⸗ wickelte Natur. Bei beiden, ihr und Conſtanze, fin⸗ det ſich etwas im höchſten Grad Romantiſches; bei Olga iſt dieß jedoch ſo überwiegend, daß es den Grundton in ihrer ganzen Gemüthsart ausmacht.“ „Sie haben Recht; aber wie manchen bittern Schmerz verbirgt nicht das Leben für ein ſolches Ge⸗ müth? Ehe es mit der Wirklichkeit vertraut wird, hat ein ſolches Herz aus tauſend Wunden geblutet, ſo daß ihm die Friſche ſeiner Gefühle abhanden ge⸗ kommen iſt. Die erſte Hälfte des Lebens von einem ſolchen Weſen geht damit hin, daß es ſeine Kräfte an ideale Träume und exaltirte Entzückungen ver⸗ ſchwendet; die andere damit, daß es ſich mit einem Daſein ausſöhnt, welches ſeinen hohen Begriffen vom Leben in keiner Weiſe entſpricht. Erſt am Rande des Grabes hat es durch die Erfahrung gelernt, daß man das Glück in der Wirklichkeit, nicht blos in der Einbildung ſuchen muß; aber da kommt der Tod und bläst das Lebenslicht aus.“ 173 „Eine wahre, aber traurige Schilderung vom Leben des Schwärmers; und doch, wie liebenswürdig und bezaubernd ſind nicht ſolche Kinder.“ „Sie gleichen, wie einer unſerer ausgezeichnetſten Schriftſteller von ſich ſelbſt äußerte, auf einem Vul⸗ kan angelegten Gärten. Sie ſind üppig und frucht⸗ barer als andere; aber ſie bergen die eigene Ver⸗ nichtung in ihrem Schooße.“ Während Helfrid und Jacobo über ſolche ernſte Gegenſtände Reflexionen machten, wanderte Conſtanze ihren Weg dahin. Der milde Abendwind umſpielte ſie ſchmeichelnd und küßte alle disharmoniſchen Ge⸗ fühle hinweg. „Ich habe Luſt, den Sänger aufzuſuchen; es wird mir Freude machen, ſeine friſche und ſchöne Stimme zu hören.“ Conſtanze machte es jetzt wie immer; ſie ließ Entſchluß und That auf einander folgen. Nach einigen Augenblicken befand ſie ſich vor Bengt's Wohnung. Die Stubenthüre ſtand offen; aber Niemand ließ ſich ſehen. Sie blieb unentſchloſſen davor ſtehen, und an ihr Ohr ſchlug eine Stimme, welche in kla⸗ rem. deutlichem Tone folgende göttliche Worte las, welche wir Chriſten ſo leicht vergeſſen: „Kannſt Du ſagen zu deinem Bruder; halt, ich will Dir den Splitter aus deinem Auge ziehen, und ſiebſt nicht den Balken in deinem eigenen Auge? Du Heuchler, ziehe zuerſt den Balken aus deinem Auge; darnach ſiehe, wie Du den Splitter aus dei⸗ nes Bruders Auge zieheſt.“*) * Cv. Matth. 7, 4. 5. A. d. U. 174 Mit erregten Gefühlen hörte Conſtanze zu. Es kam ihr vor, als ob die Worte gerade für ſie ge⸗ ſchrieben wären. Hatte ſie ſich nicht dieſen Abend verletzt gefühlt, weil man ihr einen Fehler vorge⸗ halten, und wie leicht ſah ſie ſelbſt die Fehler an Andern. Als das Leſen aufhörte, blieb das Mädchen un⸗ beweglich ſtehen, um der Stimme in ihrem Innern Gehör zu geben. Chriſti Geiſt hatte ihr ſtolzes Herz ſo mild geſtimmt. Sie hätte gern Jacobo wegen ihres Ausfalls um Entſchuldigung gebeten und ihm gedankt, daß er ihre Aufmerkſamkeit auf einen Feh⸗ ler gerichtet, der ſo ſehr in die Augen fiel. Eine Empfindung der Demuth und wahren Reue erfüllte ihre Bruſt, und ſie erkannte bei ſich, daß ſie nicht immer geweſen war, was ſie ſein ſollte, nämlich eine wirklich ſanfte Frau. Hätte Jacobo in dieſem Augenblick Conſtanze geſehen, wie ſie mit demüthig geſenktem Haupte und dem weichen Geſichtsausdruck daſtand, es wäre ihm nicht möglich geweſen, zu ſagen, ſie gleiche einer Amazone. Das Geräuſch von Tritten in der Stube be⸗ ſtimmte ſie, ſich ein wenig zurückzuziehen. Dieß ge⸗ ſchah gerade zu rechter Zeit; denn Bengt kam, eine kleine Pfeife rauchend, heraus. „O Himmel, Sie, Fräulein hier!“ rief der Schmied, die Mütze abnehmend.“ „Guten Abend, Meiſter Bengt; ich komme hie⸗ her, um Euch ſingenPzu hören,“ ſagte Conſtanze in mildem Ton und reichte ihm ihre weiße Hand. „Ach, für ein ſo feines Fräulein taugt meine 175 Stimme nicht,“ antwortete Bengt;„aber will das Fräulein nicht Platz nehmen?“ Conſtanze ließ ſich auf der kleinen, grün ange⸗ ſtrichenen Bank vor dem Häuschen des Schmiedes nieder. „Wie ſchön dieſe Arbeiterwohnungen ſind,“ ſagte ſie.„Dieſelben ſehen ja aus wie neu.“ „Ja, ja, ſie ſind auch erſt erbaut, ſeitdem Patron Lange zu Akersnäs ſeinen Wohnſitz aufſchlug. Er ließ gleichzeitig mit der Fabrik auch die Arbeiter⸗ wohnungen aufführen, damit die Leute nicht mehr in elenden Baraken leben müßten.“ „Iſt dieſe hier auch von Herrn Lange erbaut?“ „Nein; ſehen Sie, Fräulein, das ging alſo: anfänglich wohnte auch ich dort bei der Fabrik, in einem der Häuſer, welche für die Arbeiter beſtimmt ſind; aber als ich mir von meinem Verdienſte eine kleine Summe zurückgelegt hatte, da ſagte der Pa⸗ tron: Bengt, Du mußt deine Erſparniſſe dazu an⸗ wenden, Dir ein eigenes Haus zu bauen. Ein Ar⸗ beiter lernt den Werth der Arbeit erſt recht kennen, wenn er ſich dadurch ein eigenes Dach über dem Kopf und ein eigenes Stück Land verſchafft hat.“ Das war ein ſehr verſtändiges und heilfames Wort. Als mein Haus ſo fertig da ſtand und wir, meine Mutter und ich, hier ſaßen und zum erſten Mal unter einem eigenen Dach das Wort des Herrn laſen, da ſchwoll mir das Herz in der Bruſt und ich hatte— ich ſchäme mich faſt es zu ſagen— gute Luſt, vor Freude und Dankbarkeit zu weinen wie ein Kind.— Wenn ich Abends von der Arbeit heimkehre und den Rauch hier aus dem Schornſtein ſ 176 aufſteigen ſehe und denke: die Hütte da haſt Du Dir durch deine eigene Arbeit erbaut, ſo wird mir die Mühe des Tages ſo lieb, und dann ſegne ich unſern Fabrikherrn, welcher in dieſe arme Gegend gekommen iſt, um uns ein Mittel zur Verſorgung an die Hand zu geben. Ueberdieß hat er durch gutes Beiſpiel und verſtändige Einrichtungen Wohlſtand, Sittlichkeit und Glück rings um ſich, wo vorher nur Armuth und Elend herrſchte, geſchaffen. Das Fräu⸗ lein muß nämlich wiſſen, daß alle hörigen Leute zu Akersnäs von dem Patron in Arbeiter verwandelt worden ſind; und jetzt gibt es nicht mehr ſo viele halbverhungerte Familien wie ehedem. Die Herren⸗ leute müſſen in ihren Forderungen menſchlich ſein, dann hat man auch keinen ſolchen Ueberfluß an Ar⸗ men mehr. Unſer Patron, der auch an das Volk dachte, iſt aber auch ein Mann, der ſeinesgleichen nicht hat. Als die gnädige Gräfin zu Kungsborg zuerſt hieher kam, da ging ſie auch in den Woh⸗ nungen der Arbeiter herum und hielt das Weibsvolk zur Ordnung und Sauberkeit an, und dadurch kam ein ganz anderes Leben hier auf. Gottes Segen hat dieß Alles herbeigeführt. Aber wahr iſt es auch, daß ſich nirgends ein ſolcher Herr findet, ſo geehrt und angeſehen wie unſer Patron.“ Conſtanze war ſtillſchweigend dageſeſſen und hatte Bengt zugehört. „Sind alle Arbeiter mit ihrem Fabrikherrn ſo zufrieden wie Ihr?“ fragte ſie. „Ja, faſt alle; aber das Fräulein begreift wohl, daß unter ſo Vielen immer auch ſolche ſind, welche keinen Gefallen daran finden, wenn ſie ein nüchternes 177 Leben führen ſollen; Andere halten ſich für mehr, weil ſie reiche Bauernſöhne ſind und von ihren El⸗ tern einmal ein Erbe zu erwarten haben. Dieſe meinen, der Patron ſei zu gütig gegen uns, die wir nichts haben, als was wir durch unſere Arbeit ver⸗ dienen. Sie wollen, daß der Patron ihnen mehr als uns bezahle. Das bewirkt, daß ſie zuweilen übler Laune ſind; aber ſehen Sie, da braucht er nur herauszukommen und mit ihnen zu reden, ſo iſt Alles wieder recht. In den zehn Jahren, ſeit der Patron ſich hier niederließ und ich bei ihm bin, hat ſich niemals Mißvergnügen gezeigt, außer vor einiger Zeit.“ Conſtanze plauderte noch eine Weile mit Bengt. Er gab ihr über Alles Auskunft, was die Fabrik betraf. Sie erfuhr, daß Lange eine Bibliothek ein⸗ gerichtet hatte, aus welcher jeder Arbeiter Bücher und Zeitſchriften entlehnen und nach Haus nehmen durfte. Er hatte ſomit auch für deren Aufklärung geſorgt. Er ſah zugleich darauf, daß jede Arbeiter⸗ familie eigenthümlich ſolche Bücher beſaß, welche dazu dienten, den Sinn für Religion und Sittlichkeit zu wecken. Lange handelte nach dem engliſchen Grundſatz, daß keine ökonomiſche Verbefferung ein Gewinn iſt, wenn ſich ihr nicht moraliſche Veredlung und Ver⸗ ſtandesbildung beigeſellt. Die Sonne hatte ihr Angeſicht im Schooße des Weſtens verborgen und die Abendröthe ihren Man⸗ tel über das Himmelsgewölbe gebreitet, als Con⸗ ſtanze gedankenvoll von der einfachen Wohnung des Schmiedes heimzog. Schwartz, Arbeit abelt den Mann. 1. 12 178 Was ſie da gelernt hatte, gab ihr Stoff zu Be⸗ trachtungen. Wenn dieſer Mann, welcher durch ſeine Thätigkeit neben ſeinem eigenen das Glück und Aus⸗ kommen ſo Vieler gegründet hatte, ſtolz auf ſich ſelbſt war, ſo beſaß er volles Recht dazu. Worauf darf man ſtolz ſein, wenn nicht auf das Gute und Nütz⸗ liche, das man ausrichtet? Ihn hatte ſie der Pe⸗ danterie und Eigenliebe angeklagt, weil er den Ernſt des Lebens höher ſchätzte, als deſſen Thorheit. Da⸗ durch hatte er ſich die Achtung und das Anſehen, worin er ſtand, erworben. Als ſie dann ihr eigenes zweckloſes Leben über⸗ dachte und mit dem ſeinigen verglich, warf Conſtanze zum erſten Mal in ihrem Leben die Frage auf: „Was iſt es, worauf Du eigentlich ſtolz biſt?“ Der Hufſchlag eines Pferdes ſtörte ſie in dieſer Selbſtprüfung. Ein Reiter kam auf ſie zu. Es war Jacobo. Als er in ihre Nähe gelangt war, hielt er das Pferd an und ſprang ab. „Man iſt zu Kungsborg unruhig über Ihre lange Promenade, mein Fräulein, und Alle haben ſich insgeſammt auf den Weg nach Sturesjö begeben. Man glaubte, ſie wären auf den Einfall gekommen, dorthin zu gehen.“ Augenblicklich waren die milden Eindrücke weg⸗ geblaſen, und wieder erhob ſich ein eigenthümliches, zornerfülltes Gefühl bei Jacobo's Worten:„Alle insgeſammt.“ Das hieß ſo viel als: Alle außer ihm. Conſtanze antwortete: „Ich weiß wahrhaftig nicht warum Alle insge⸗ ſammt ſich aufmachen ſollten, um mich zu ſuchen. 179 An einem ſo heitern, ſchönen Sommerabend hätte mein Ausbleiben Niemand beunruhigen dürfen.“ „So dachte ich auch, beſonders da nun Jeder⸗ mann Ihre Gewohnheiten kennen muß. Ueberdieß war ich verſichert, daß man Sie auf dem Wege nach Sturesjö nicht treffen würde, ſo wie ich keinen Au⸗ genblick zweifelte, daß ich Sie auffinden würde.“ „Sie wollen doch nicht behaupten, daß Sie gleich⸗ falls mich zu ſuchen ſich vorgenommen hätten?“ „Ganz gewiß, ſonſt würde ich nicht dieſen Weg eingeſchlagen haben.“ Es entſtand eine Pauſe. Jacobo's letzte Worte hatten den Zorn wieder verweht, welcher durch die erſten erregt worden war. „Und aus welchem Grunde glaubten Sie, daß ich den Weg hier eingeſchlagen hätte?“ „Ich ſah Sie durch den Park gehen. Das Uebrige ſagte mir mein Inſtinkt.“ „Und Sie ließen die Andern nach Sturesjö hin⸗ überſtreifen?“ „Der Abend war ſo ſchön, daß ſie wohl dieſe Promenade auf ſich nehmen konnten. Ich wünſchte Sie allein zu treffen.“ Jacobo ſagte dieß in ſeinem gewöhnlichen Ton, und obwohl Conſtanze fühlte, daß ſie erröthete, äußerte ſie keine Sylbe auf dieſe offene Erklärung. „Es kam mir vor,“ nahm Jacobo wieder das Wort,„als ob es Ihnen und mir am Abend leich⸗ ter würde, uns gegenſeitig recht zu verſtehen, als zu einer andern Zeit.“— Jacobo betrachtete ſie mit einem freundlichen und milden Blick.—„Wenn 12* 180 man ſo ganz allein mitten in einem dicken Walde herumwandert, iſt es, als ob Alles zur Aufrichtig⸗ keit ermunterte, und man fühlt das Bedürfniß, der geſellſchaftlichen Convenienz den Abſchied zu geben, um einige Minuten wirklich wahr zu ſein.“ „Ja, warum nicht?“ rief Conſtanze in heiterem Ton.„Einander die Wahrheit zu ſagen, während man von himmelhohen Fichten und zwitſchernden Vögeln umgeben iſt, kann wohl für einen Augen⸗ blick ſeinen Reiz haben. Es iſt wenigſtens Etwas, das von der Alltäglichkeit abweicht. Ich verſichere Sie, daß ich mir ein wirkliches Vergnügen davon verſpreche.“ „Unbegreifliches Mädchen,“ dachte er und ſchritt eine Weile ſchweigend an ihrer Seite dahin.„Als ſie mir begegnete, lag ein ſo milder und ernſter Ausdruck in ihrem Blick, dann nahm dieſer etwas Kaltes und Stolzes an, und jetzt— erſcheint er gedankenlos und munter. Welches ſind wohl die Grundelemente in dieſer beweglichen Seele?“ Conſtanze, welche vergeblich wartete, daß er den Anfang machen würde, ſah zu Jacobo auf und ſagte: Herr Lange, wie ſteht es mit unſerer Aufrichtigkeits⸗Converſation?“ „Gut, hoffe ich,“ erwiederte Jacobo lächelnd. „Sie waren es, die mich von Ihnen ſelbſt abbrachte. Sie ſind ſo vielſeitig, daß man von Zeit zu Zeit inne halten und überlegen muß, um ſich nicht ganz verwirren zu laſſen.“ „Ich bin nicht vollkommen und kann ſomit ſchwer⸗ 181 lich von denen Verzeihung erhalten, welche auf jene Eigenſchaft Anſpruch machen.“ Conſtanze konnte ſich nicht enthalten, einen ironi⸗ ſchen Ton in dieſe Worte zu legen. „Dank, mein Fräulein; durch dieſen kleinen An⸗ fall helfen Sie mir auf den Gegenſtand. Sagen Sie mir, warum Sie mit einer ſo conſequenten Bit⸗ terkeit diejenigen Punkte bei mir angreifen, wo Sie meine Schwächen ſuchen? Ich habe Sie niemals verwundet oder beleidigt. In keinem Fall bin ich mir ſomit bewußt, dieſe Abneigung von Ihrer Seite verdient zu haben. Wären Sie eine Kokette, wie dem aber nicht iſt, ſo könnte ich glauben, daß Sie durch dieſe kleinen Ausfälle meine männliche Eigen⸗ liebe reizen und ſomit mein Intereſſe an Ihre Per⸗ ſon feſſeln wollen; aber dieß iſt ein Verdacht, deſſen Gegenſtand Sie niemals werden können.— Die Urſache muß ſomit anderswo geſucht werden.“ „Sie haben Recht; ſie liegt nicht in der Gefall⸗ ſucht, ſondern in der Furcht, mich von Perſonen ein⸗ nehmen zu laſſen, welche den Schein der Vollkom⸗ menheit an ſich tragen.— Ich frage: Welche Schwächen verbirgt dieſe ſchöne Maske? Ehe ich ſie aufgedeckt habe, kann ich mich nicht enthalten, offen zu zeigen, daß ich nicht blind an den Werth einer Münze glaube, deren Gehalt ich nicht geprüft habe. Dieß, Herr Lange, iſt eine Erklärung meines Betragens gegen Sie.“ „Sie ſind alſo mißtrauiſch?“ „Ja. Aus Furcht, betrogen zu werden, bin ich oft ungerecht. Dieß war ich auch gegen Sie.“ Conſtanze ſprach dieſe letzten Worte in demüthi⸗ — gem und ſanftem Ton. Sie war wirklich reizend, als ſie Jacobo die Hand reichte und hinzuſetzte: „Verzeihen Sie mir.“ „Ach, Fräulein Conſtanze, in dieſem Augenblick möchte ich Ihnen Etwas zu verzeihen haben,“ ant⸗ wortete Jacobo, indem er ihre Hand mit Wärme drückte.„Es war, glauben Sie mir, nicht ein Vor⸗ wurf, nicht ein Wunſch, daß Sie mich um Verzeihung bitten ſollten, was meine Frage veranlaßte, ſondern nur das Bedürfniß, zu erfahren, aus welcher Quelle Ihr Benehmen floß. Uebrigens haben Sie vielleicht mit einigen Ihrer Ausfälle Recht gehabt. Ich bin in der That eigenliebig. Der Beweis liegt darin, daß Ihre Worte mich im Stillen gekränkt haben, ohne dieß anerkennen zu wollen. Ich betrachtete mich über dergleichen Anſchuldigungen erhaben.“ „Herr Lange, wer wie Sie aus Nichts eine kleine Welt von Thätigkeit und Wohlſtand geſchaffen hat, der beſitzt ein Recht, an ſich ſelbſt zu glauben.“ „Ach, mein Fräulein, laſſen Sie uns nicht da⸗ von reden. Die Eigenliebe iſt eine Schwäche, welche Niemand zu hegen berechtigt iſt, aber von welcher es äußerſt ſchwer hält, uns zu befreien. Das Lob nährt ſie, ohne daß wir darauf Acht geben. Und nun, Fräulein Conſtanze, wollen Sie mir als neuem Freund die Hand geben? Es würde meinem Herzen wohl thun, wenn Sie mich als ſolchen betrachten wollten.“ „Wünſchen Sie, Herr Lange, eine Amazone zur Freundin zu haben?“ fragte Conſtanze lachend. L Was wollen Sie? Ich habe, unerklärlich genug, ——— 183 eine große Schwäche für Sie. Nun, wollen Sie nicht, daß wir Freunde werden?“ Conſtanze reichte ihm die Hand. „Meine Achtung, Herr Lange, werden Sie ſtets beſitzen; meine Freundſchaft iſt, wie ich ſelbſt, ein leichtbewegliches Ding.“ „Aber nicht ein unbeſtändiges. Der Grundzug Ihres Innern muß von Gold ſein. Ich mag das gern glauben.“ Sie waren inzwiſchen vor Kungsborg angelangt. XXVII. Es verging einige Zeit, während welcher Jacobo beinahe jeden Abend zu Kungsborg ſich einfand. Es hielt nicht ſchwer, zu errathen, welches der Magnet war, der ihn dahin zog; denn ſeine ganze Aufmerk⸗ ſamkeit war Conſtanze zugewendet. Helfrid ſagte Nichts, aber ſie gab auf die Wir⸗ kungen Acht, und oft ſtahl ſich ein Seufzer aus der verſchloſſenen Bruſt des ſtolzen Mädchens. Auch Stephana ſeufzte und dachte mit Wehmuth daran, daß ihre Wünſche in Bezug auf Jacobo und Helfrid zunichte werden ſollten. Indeſſen behielt eine jede ihre Wahrnehmungen für ſich ſelbſt. Kurt beſuchte Kungsborg ſeltener und vermied es dann, mit Conſtanze in Berührung zu kommen. Sein Intereſſe war zwiſchen Stephana und Olga getheilt. Letztere, mit ihrer höchſt eigenthümlichen und 184 phantaſtiſchen Gemüthsart, gleichzeitig mit einem reifen Verſtande und kindlicher Auffaſſung begabt, beſaß etwas ſo Originelles, daß er an ihr Unterhal⸗ tung fand, ohne ſich die Sonderbarkeiten in ihrem Charakter recht erklären zu können. Conſtanze theilte ihr Wohlwollen zwiſchen Evert und Jacobo, obwohl die Gaben ſehr ungleich aus⸗ fielen. Man bemerkte leicht, daß ſie, ſelbſt unter den Ausbrüchen ihrer Launen, doch ſtets ein großes Vertralen. zu Jacobo's Ueberlegenheit bewies und ſelten ſich Etwas geſtattete, was er ihrer Meinung nach mißbilligen mochte. Das ganze Benehmen des jungen Mädchens bewies, daß Jacobo der Mann war, zu welchem ſie emporblickte, während Evert ein Jüngling war, den ſie mit Herablaſſung be⸗ handelte. So zum Beiſpiel fiel es ihr niemals ein, Jacobo zu bitten, ihren Shawl zu tragen, oder ein Glas Waſſer zu holen u. ſ. w.; mit einem ſolchen Auf⸗ trag wandte ſie ſich ſtets an Evert. Conſtanze hatte mitunter die ſonderbarſten Ein⸗ fälle, und dann war es allezeit Evert, welcher die⸗ ſelben ausführen oder bewerkſtelligen ſollte, nicht Jacobo. Eines Tags wandelte ſie die Laune an, die ein⸗ heimiſchen Muſcheln zu ſammeln. Sogleich erhielt Evert den Auftrag, dieſem Einfall Genüge zu leiſten. Früh am Morgen und ſpät am Abend wanderte er an den Strand hinaus, watete ins Waſſer und klet⸗ terte auf Klippen, bis er eine kleine, recht ſchöne Sammlung zu Stande gebracht hatte. Als ſie dieſelbe erblickte, hatte ſie große Freude — — X 185 daran, und der junge Evert genoß die Gunſt, ihr dieſelbe ordnen zu helfen, als Anhang zu einer grö⸗ ßern und koſtbarern ausländiſchen Sammlung, in deren Beſitz ſie vorher war. Aber kaum hatte ſie dieſe Arbeit angefangen, als das Intereſſe für das Muſchelſtudium vorüber war, und die ganze Herrlichkeit wurde in einen Schrank verwieſen. Sie war nunmehr von einem brennenden Ver⸗ langen ergriffen worden, ſich ein Herbarium anzu⸗ legen. Evert mußte nun in Feld und Wald herum⸗ ſtreifen, um Pflanzen zu ſammeln. Nach einigen Tagen erklärte Conſtanze, die Bo⸗ tanik wäre ihr verhaßt; ſtatt deſſen beabſichtige ſie, Mineralogie zu ſtudiren. Den erſten Sonntag, da Evert frei hatte, ging es nach den nahegelegenen Gruben, um Conſtanze Erzſtufen zu einem Minera⸗ lienkabinet beizuſchaffen. Jacobo hatte mit Aufmerkſamkeit Conſtanze's Thun verfolgt; oft wenn ſie mit einem der lächelnd⸗ ſten Blicke Evert einen Auftrag gab, umwölkte ſich Jacobo's Stirne und die hellen, ſtrahlenden Augen verfinſterten ſich. Ohne daß weder Conſtanze, noch irgend Jemand es argwohnte, beobachtete auch Kurt alle ihre Hand⸗ lungen und nahm Notiz davon. Wenn er mit Olga ſpielte, ſcherzte oder in einem belehrenden Geſpräch begriffen war, hatte er nur Augen und Ohren für Conſtanze, und oft, wenn ſie ſich Everts zum Voll⸗ ſtrecker ihrer bizarren Ideen bediente, kräuſelte ein verächtliches Lächeln die Lippen des jungen Mannes. 186 Er behielt jedoch die Rolle eines ſtummen Zu⸗ ſchauers bei. An dem obenerwähnten Sonntag, als Evert ſich auf einen Streifzug nach Mineralien begeben hatte, war Diner zu Kungsborg. Baron., der frühere Beſitzer von Sturesjö, welcher jetzt Stahlhammer bewohnte, war zugleich mit mehreren andern Nachbarn eingeladen. Als Jacobo ſich von Akersnäs nach Kungsborg begeben wollte, ließ er nach Evert fragen, erhielt aber zur Antwort, daß der Baron ſchon früh am Morgen nach den Gruben von N. aufgebrochen wäre. „Wieder einer Laune von Conſtanze zu lieb,“ dachte Jacobo und ſtieg in ſeinen Wagen. Als das Mittagsmahl orüber war, ſtreifte die Geſellſchaft im Garten umher. Jacobo näherte ſich Conſtanze und fragte ſie: „Können Sie mir vielleicht angeben, warum Arelhjelm ſich heute nach den Gruben von N. bege⸗ ben hat?“ „Vermuthlich, um mir einige Mineralien anzu⸗ ſchaffen,“ antwortete ſie gleichgültig. „Haben Sie, mein Fräukein, einen Augenblick bedacht, wie viel Zeit Arelhjelm an die Befriedigung ihrer Launen verſchwendet?“ Es war das erſte Mal, ſeitdem ſie einander die Hand als Freunde gereicht hatten, daß Lange ſich eine direkte Bemerkung gegenüber von Conſtanze er⸗ laubte. „Zeit!“ wiederholte ſie lächelnd.„Ob er ſeinen Sonntag damit verſchwendet, in Geſellſchaft junger Leute Lappalien zu treiben, oder nach den Gruben 187 von N. zu fahren, iſt meiner Meinung nach ganz daſſelbe. Ich glaube ſogar, eine Reiſe nach den Gruben iſt eine geringere Verſchwendung, da er ſich immerhin dabei einige nützliche Kenntniſſe ein⸗ thun kann.“. „Glauben Sie, daß er aus Intereſſe für die Mi⸗ neralogie oder zum Gewinn nützlicher Kenntniſſe dorthin gefahren iſt?“ „Das will ich nicht behaupten.“ „Welchen Beweggrund werden Sie dann ſeiner Fahrt unterlegen?“ „Das Wohlgefallen daran, mir eine Freude zu machen.“ „Und warum ſollte er Wohlgefallen daran haben?“ „Herr Lange, Sie ſtellen ein ordentliches Ver⸗ hör, in Fragen und Antworten eingetheilt, mit mir an.“ „Glauben Sie, daß ich Ihr Freund bin?“ Dieſe Frage wurde mit einem wärmeren Accent, als die andern geſtellt. „Wieder eine Frage. Nun wohl, ich glaube es,“ antwortete Conſtanze, indem ſie ihn lächelnd anſah. Sie war ſo liebenswürdig mit ihren wunderbar ſchönen und tiefen Augen, daß Jacobo ſein Herz etwas ſchneller als gewöhnlich ſchlagen fühlte. Er fühlte ſich verſucht, den Gegenſtand des an⸗ gefangenen Geſprächs fallen zu laſſen; dießmal war es aber nicht blos der Gerechtigkeitsſinn, ſondern ein minder edler Antrieb, welcher ihn beſtimmte, fortzu⸗ fahren. „Wenn Sie mich für einen Freund halten, wer⸗ den Sie dann auch die Warnung recht verſtehen, 188 welche ich Ihnen geben will; werden Sie dieſelbe ohne Mißvergnügen aufnehmen?“ „Und wenn ich ſie auch übel nähme, was mehr? Sie wiſſen ja, daß ich nicht eine Viertelſtunde bei einer und derſelben Stimmung beharre,“ erwiederte Conſtanze lachend. „Für mich iſt es ſtets eine Qual, Sie ſo unauf⸗ hörlich wechſeln zu ſehen. Ich würde mich glücklich ſchätzen, wenn Sie minder unbeſtändig wären.“ Lange's Stimme hatte etwas Schmeichelndes, welches die Roſen auf Conſtanze's Wangen hervor⸗ riefen. Es entſtand eine kleine Pauſe. Jacobo unterbrach ſie, indem er in ſeinem ge⸗ wöhnlichen klaren und ruhigen Ton ſagte: „Axelhjelm iſt in Sie verliebt, Fräulein Con⸗ ſtanze. Jede kleine Gunſt nimmt er als eine Auf⸗ munterung, oder als einen Beweis, daß Sie nicht gleichgültig gegen ihn ſind. Er iſt erſt zwanzig Jahre alt. Sie ſind ſeine erſte Liebe. Alles dieſes zuſam⸗ mengenommen, macht, daß Sie vorſichtig ſein müſſen und nicht unbedachtſam mit ſeiner Neigung ſpielen dürfen. Unter ſolchen Umſtänden kann die Einbil⸗ dung eines Jünglings leicht den Charakter von Lei⸗ denſchaft annehmen. Er iſt ſchon ſo ausſchließlich davon beherrſcht, daß ſowohl Arbeit, als alles An⸗ dere zurückſtehen muß, wenn es ſich darum handelt, einen Einfall von Ihnen auszuführen. Auf dieſe Weiſe verſchwendet er Zeit und Ruhe an Launen, welche bei Ihnen eben ſo ſchnell verſchwinden, als entſtehen.“ Conſtanze ſchwieg ſtill. 189 „Haben meine Worte Sie entzürnt?“ „Nein, Herr Lange; im Gegentheil, ich danke Ihnen.“ Conſtanze erhob ſich ſchnell und verließ ihn. Von dieſem Tage an bezeigte Conſtanze Evert eine eiskalte Freundlichkeit. Von kleinen Aufträgen hörte man Nichts mehr; ebenſo wenig von Geſprä⸗ chen, welche eine Folge davon geweſen waren. War man auswärts und machte eine Promenade, ſo trug ſie ihren Shawl ſelbſt; wollte ſie Waſſer haben, ſo erhielt ein Diener Befehl, ihr ſolches zu holen, und kam ihr irgend eine Laune in den Sinn, ſo wurde Evert ſtreng verboten, ihr den Gegenſtand ihres Wun⸗ ſches zu verſchaffen. Ein paar Mal that er es trotz des Verbots, aber dann nahm ſie den angebotenen Dienſt nicht an. Zu Anfang betrachtete Evert Conſtanze's Beneh⸗ men als eine Caprice, die vorübergehen würde; aber als er ſie gegen Jacobo gleich freundlich ſah und bemerkte, daß ſie gegen ihn weder Kälte, noch Ab⸗ ſes an den Tag legte, erwachte Everts Eifer⸗ ucht. Sonderbar, daß junge Leute ſo leicht von dieſem Uebel befallen werden und es oft als den ſicherſten Beweis von der Stärke und Beſtändigkeit ihrer Liebe betrachten. Was Evert betraf, ſo beſaß er einen jener nei⸗ diſchen und auf dem Grunde egoiſtiſchen Charaktere, welche furchtbar werden, wenn ſich der Erfüllung von ihren Wünſchen Etwas in den Weg ſtellt. Seine Eiferſucht, einmal gegen Lange geweckt, nahm ein um ſo feindſeligeres Gepräge an, als ſeine Seele 190 von Neid erfüllt war. Der von Lange verwundete Hochmuth tobte wild in ihm auf und ſteigerte ſeine Gefühle dermaßen, daß ſie im Verein mit der Eifer⸗ ſucht, welche er empfand, leicht in einen brennenden Haß übergehen konnten. XXVIII. Während Conſtanze ein Gegenſtand war, um welchen ſich Eiferſucht und Liebe drehten, lebte Olga ein Leben für ſich. Die Vormittage, welche die Mar⸗ terſtunden des jungen Mädchens ausmachten, waren durch den Unterricht bei Mademoiſelle Debré in An⸗ ſpruch genommen. Schlug die Glocke drei, war der Augenblick der Befreiung da, und Olga ſprang wie eine Wilde aus dem Zimmer der Gouvernante hin⸗ unter in den Garten, um nach der Tortur, die ſie ausgeſtanden zu haben behauptete, wieder frei auf⸗ zuathmen. Olga bezeichnete das Lektionszimmer mit dem Namen der„Pönitenzzelle“. War Mittag vorüber, entzog ſie ſich aller Auf⸗ ſicht. Nur in dieſer Zeit fühlte ſie ſich des Lebens bewußt. Sie ſtreifte in Feld und Wald herum, oder ſie legte ſich hin und träumte, mit dem Blick den forteilenden Wolken folgend. Ein ander Mol ſaß ſie da, in die Lektüre einer Geſpenſtergeſchichte oder einer Erzählung aus dem Mittelalter vertieft. Eines Tags, als ſie ſich abermals auf eine freie Stunde Mamſell Debré's Aufſicht und Conſtanze's zärtlicher Unruhe entzogen hatte, vertiefte ſie ſich in 191 den Wald. Auf einem kleinen Seitenweg angelangt, erblickte ſie in der Ferne ein kleines Haus. Kaum hatte ſie es zu Geſicht bekommen, ſo wollte ſie auch wiſſen, wie es ausſah. Als ſie eben dieſem Wunſch nachgeben wollte, wurde ihre Aufmerkſamkeit durch ein heftiges Schluch⸗ zen gefeſſelt, welches von der andern Seite eines großen Buſches, der im Wege ſtand, ſich verneh⸗ men ließ. Sie hörte eine Kinderſtimme ſagen: „Ach, Gott, wie unglücklich bin ich! Das geht niemals gut. Ich getraue mich gar nicht heim zur Mutter; es wird ſie ſo betrüben. Herr Jeſus, hilf mir!“ Auf dieſen Ausruf der Verzweiflung folgte wie⸗ derum heftiges Schluchzen. „Lieber Janne, Du mußt nicht ſo verzagen,“ ſagte eine andere Stimme.„Für Unglück kann NRie⸗ mand, und es war ein Unglück, daß Du das Geld verlorſt. Ich will von meinen Sparpfennigen neh⸗ men und Dir gleich jetzt einen Theil des Verlorenen geben. Das Uebrige ſollſt Du etwas ſpäter erhal⸗ ten, aber Du brauchſt gar nicht zu ſagen, daß ich es war, der Dir geholfen hat.“ „Du biſt ſo gar gut gegen mich, lieber Jvar,“ antwortete die Kinderſtimme, um Vieles ruhiger und ohne Schluchzen.„Wer ſollte ſo Etwas von Dir glauben, Dir, der Du ſo gottlos ſein und ſo viel Böſes gethan haben ſollſt.“ „Jvar, der Mörder,“ murmelte Olga, und im nächſten Augenblick war ſie auf der andern Seite des 192 Gebüſches, wo ſie Jvar und einen Knaben von etwa zehn Jahren fand. Olga ging entſchloſſen auf den kleinen Janne zu und ſagte: „Du ſollſt Nichts von dem Jungen da annehmen, denn es würde Dir nur Unglück bringen.“ Olga war in ſolcher Angſt, daß ihre Stimme zitterte; aber ſie hielt es für ihre Pflicht, das arme Kind vor der Berührung mit Jvar zu ſchützen. Hatte ihre Amme nicht erzählt, wie ſie mit eigenen Augen Jwar zu der ermordeten alten Frau hatte hineinſchleichen ſehen? u. ſ. w. Ueberdieß hatte Nora auch erklärt, der Schmied wäre gleichfalls keines natürlichen To⸗ des geſtorben, ſondern Jvar hätte auch hiebei die Hand im Spiele gehabt. Nachdem Olga und Jvar auf dem Kirchhofe zu⸗ ſammengetroffen waren, hatte Nora, ihre Amme, Olga mit den empörendſten Geſchichten von dem ſchrecklichen Schmiedejungen, welcher unbegreiflicher Weiſe wieder auf freien Fuß geſtellt worden war, unterhalten. Das Mädchen hatte, ſchaudernd vor Entſetzen, und mit einem zugleich peinlichen und doch unwider⸗ ſtehlichen Intereſſe der Mordgeſchichte zugehört, welche die Phantaſie der Amme auftiſchte, und wobei ſie Jvar die Hauptrolle zutheilte. Das Reſultat davon war, daß dieſer für Olga zu einem Gegenſtand wurde, welchen ſie in ihrer Einbildung mit den gräßlichſten Farben ausmalte. Gott weiß, ob das phantaſtiſche Mädchen in dem heimlichſten Winkel ihrer Phantaſie ihn nicht mit Hörnern und Bocksfüßen ausſtattete.— Genug, als 193 ſie den Namen Jvar hörte und vernahm, wie er ſich heimlich einem bekümmerten Kinde zu helfen erbot, ſtiegen augenblicklich in ihrem productiven Gehirn alle möglichen Gräßlichkeiten als Folgen für das Kind auf, wenn es Jvars Hülfe annehmen würde. Olga ſah es darum als eine hohe und edle Be⸗ ſtimmung an, das unerfahrene Geſchöpf vor jeder Berührung mit Jvar ſchützen zu können, und ſich ſelbſt zur Märtyrerin für dieſen Zweck zu machen. Daß etwas recht Furchtbares eintreffen müßte, da⸗ von war Olga vollkommen überzeugt. Doch kehren wir wiederum zum Schauplatz von Olga's Auftreten zurück. Bei dem Laute ihrer Stimme hatte Jvar ſich umgedreht. Ohne ſich Zeit zur Unterſuchung zu nehmen, ob der Blick, welchen er auf ſie richtete, von Grauſamkeit zeugte, dachte Olga: „Herr Gott! Jetzt ſtellt er gewiß ein Unheil an.“ „Warum will das Fräulein Janne Schrecken vor mir einflößen?“ fragte Jvar.„Ich habe ja dem Fräulein nie Etwas zu Leide gethan.“ Ohne zu antworten, war Olga auf Janne zuge⸗ treten, welcher mit weit offenem Munde und Thrä⸗ nen auf den Wangen da ſtand und ſie anſtarrte. Sie faßte ihn an der Hand mit den Worten: „Komm', fort von hier!“ Und dabei zog ſie den Knaben mit ſich fort. Jvar rührte ſich nicht vom Fleck. „Wo wohnt deine Mutter?“ fragte Olga mit halberſtickter Stimme.*) *) Im Text: mit dem Herzen in der Kehle. A. d. U. Schwartz, Arbeit abelt den Mann. I. 13 194 „Dort ſteht ihr Haus; aber ich will nicht heim!“ rief der Knabe und blieb ſtehen.—„Ich habe alles Geld von der Mutter verloren,“ ſetzte er weinend hinzu. Olga ſah furchtſam nach Jvar zurück, welcher noch unbeweglich daſtand. Sie verſicherte den Kna⸗ ben, ſie würde ihm das verlorene Geld geben, unter der Bedingung, daß er kein Wort mehr mit Jar ſpräche. Das vierzehnjährige romantiſche Mädchen fühlte ſich recht ſtolz darauf, die Rolle einer Beſchützerin zu ſpielen. Nachdem es ihr gelungen war, das Kind zu be⸗ ruhigen, begleitete ſie daſſelbe in ſein Haus, und dort entwickelte Olga ihre ganze Beredtſamkeit, um dem Knaben Verzeihung auszuwirken, und verſprach ſeiner Mutter, den Verluſt zu erſetzen. Olga fühlte ſich in ihrem Innern ſo froh, als die Alte und der Knabe ihr dankten und ſie ſegne⸗ ten, daß ſie niemals ſo glücklich geweſen zu ſein ſich einbildete. Ihrer Meinung nach hatte ſie in doppelter Hinſicht ein gutes Werk gethan. Sie hatte ja auf ihre eigene Gefahr hin Janne der gefährlichen Geſellſchaft von Jvar entriſſen. 3 Nach der Freude kam jedoch der Gedanke an den Heimweg, und da fühlte Olga ihren Muth ſchwin⸗ den. Jvar konnte ja in dem Walde im Hinterhalt liegen. Dieß fiel ihr ein, während ſie vor dem Hauſe ſtund. Sie blieb ſtehen; aber einen Augen⸗ blick darauf ſetzte ſie ihren Weg fort, feſt entſchloſſen, der Gefahr zu trotzen. Sie wollte und ſollte ſich nicht fürchten. 195 Mit dieſem Vorſatz marſchirte ſie weiter, während ſie in ihrer Phantaſie den ergreifendſten Roman von ihrer Heimfahrt ſich entwarf. Olga war zu ihrer großen Verwunderung durch den ganzen Wald gegangen, ohne von Jvar auch nur einen Schatten zu ſehen. Sie fühlte einiges Mißvergnügen darüber, daß ſie ſomit um die ganze Scene kommen ſollte, welche ſie ſich ſo lebhaft aus⸗ gemalt hatte. Als ſie die Hand an das eiſerne Gitterthor des Parks legen wollte, wurde es von einem Knaben geöffnet. Wen hatte ſie vor ſich?— Jvar. Olga war nahe daran, bei ſeinem Anblick vor Schrecken außzuſchreien. „Das Fräulein braucht ſich nicht zu fürchten,“ ſagte Jvar.„Ich gedenke weder dem Fräulein, noch ſonſt Jemand etwas Uebles zu thun; aber ich wollte blos ſagen, daß es nicht recht iſt, dem Kinde und andern Leuten vor mir bange zu machen. Das Fräulein kann den Patron Lange, bei welchem ich arbeite, fragen, ob ich ein gefährlicher Menſch bin. Das Fräulein will mir doch nichts Böſes damit zu⸗ fügen, daß es ſolche Dinge ausſagt, von denen es gar Nichts weiß?“ Olga betrachtete Jvar bei dieſen Worten. Als er ſchwieg, ſprang ſie mit beflügeltem Schritt an ihm vorüber, ohne ein Wort zu erwiedern. Er ſah eine Weile mit bekümmertem Ausdruck ihr nach; dann warf er das Gitter heftig zu und murmelte: 43* 196 „Mein Meiſter hatte Recht, es iſt nichts als Elend mit dem Adelsvolke. Hu, wie ſchlecht ſie ſind!“ Langſam kehrte Jvar nach Hauſe zurück; Olga eilte zu Nora hinauf. „Herr, mein Schöpfer, was fehlt Ihnen, mein Herzchen!“ rief Nora, als Olga die Thüre aufriß und in das Zimmer ſtürzte, als ob eine ganze Schaar von Verfolgern ihr auf den Ferſen wäre. „Liebe, gute, theure Nora! Du kannſt nicht glauben, was ich für einen ſchrecklichen Vorfall er⸗ lebt habe,“ rief das Mädchen und ſchlang die Arme um den Hals der alten Frau.„Ich begreife ſelbſt nicht, wie ich noch am Leben bin.“ „Was in aller Welt ſagen Sie, mein Kind? Sind Sie vielleicht den Klauen eines reißenden Thie⸗ res entronnen?“ „Viel, viel ſchlimmer; ich bin dem Mörder be⸗ gegnet, dem Jungen, welcher die alte Greta und den Schmied todtgeſchlagen hat, und von welchem Du mir ſchreckliche Dinge erzählt haſt.“ Und nun erzählte Olga das ganze Ereigniß. Nora lobte ihre Handlungsweiſe und ermahnte ſie, ſich ſorgfältig vor dem Jungen in Acht zu neh⸗ men, welcher ihrer Anſicht zufolge in directer Ver⸗ bindung mit dem böſen Feinde ſtand. Ja, Nora wußte, daß es eine Stelle in dem Walde gab, wo der Satan ſelbſt ſein Spiel trieb. Olga, mit ihrer durch und durch phantaſtiſchen Gemüthsart, horchte mit geſpanntem Intereſſe auf jedes Wort, welches ihr Stoff zu ängſtlichen Träu⸗ mereien gab.* Die abergläubiſche und beſchränkte Amme hatte 197 durch ihre Mährchen und Geſpenſtergeſchichten Olga's Phantaſie unaufhörliche Nahrung gegeben. Wie oft ſaß nicht das Mädchen da, den Kopf auf die Hände geſtützt und über ein Buch geneigt, träumend von Elfentanz und Sommernächten, und ſo lebhaft wurde dabei ihre Vorſtellung, daß ſie ſich einbildete, die Worte im Buche verwandelten ſich in kleine, lebende Weſen, welche von Blumen umgeben, vor ihr auf den Blättern herumtanzten. In einem andern Augenblick waren ihre Gedan⸗ ken wieder von grauenvollen Geſtalten, ſchwarzen Geſpenſtern und gefährlichen Kobolden erfüllt. Olga konnte ihre Einbildungskraft ſo aufregen, daß ſie nicht um ſich zu blicken wagte, aus Furcht, eine von jenen ſchrecklichen Erſcheinungen ganz in ihrer Nähe zu entdecken. Nora's Einfluß auf Olga hätte im höchſten Grade unheilbringend werden können, wenn nicht das junge Mädchen zuerſt in ihrem Verſtande, als derſelbe zur Reife gelangte, einen Widerſacher gefunden hätte, welcher ihre Phantaſie von der falſchen Richtung, die ſie eingeſchlagen hatte, abzubringen im Stande war. Fürs Zweite ſollten auch die Umſtände dazu beitragen, ſie aus der Vezauberung, in welcher Nora's Geſpenſtergeſchichten ſie gefangen hielten, herauszu⸗ reißen und ihre Phantaſie höhern und edlern Gegen⸗ ſtänden zuzuwenden. Der kleine Janne wurde Olga's Schützling. Sie gab ihm und ſeiner Mutter all ihr Taſchengeld, ſchenkte dem Knaben überdieß ein neues Teſtament, einen Katechismus und ein Gebetbuch, unter beſtän⸗ digen Ermahnungen, ja keinen Umgang mit Jvar 198 zu unterhalten oder eine Gabe von ihm anzunehmen. In ihrer Herzensgüte und Unerfahrenheit bedachte Hlga nicht, daß ſie mit ihrem Eifer, Janne zu ret⸗ ten, Jvar viel Böſes anthat. Janne ſeinerſeits bekam ſolche Furcht vor Jvar, daß er, ſobald er ihn nur anſichtig wurde, aus Lei⸗ beskräften zu laufen begann, um ihm zu entfliehen. Janne vertraute es überdieß den Nachbarskindern an, und bald war Jvar der Schrecken und das Ent⸗ ſetzen der ganzen heranwachſenden Bevölkerung. Der ſchlummernde Widerwillen, welcher bei den Arbeitern theils durch Lange's Vertheidigung, theils durch Jvars eigenes Verhalten beſchwichtigt worden war, entbrannte jetzt bei den Kindern und wurde durch ſie allmälig auch bei den Eltern und in der Fabrik zu Akersnäs wieder ins Leben gerufen. Köhler⸗Janne und ſeine Mutter hatten zu ihrer Nachbarin geſagt, die Herrſchaft vom Edelhof habe Janne verboten, mit dem gottloſen Menſchen, dem Jvar, zu reden. Als dieß bekannt wurde, ſah man Jvar für ein wahres Ungeheuer an, vor dem Jedermann fliehen müßte. Dazu kam, daß Jönsſon und Erik, welche außer Arbeit waren, gleichfalls das Ihrige thaten und bei jeder Gelegenheit gegen Jvar loszogen. Nachdem dieſer Gegenſtand wieder aufs Tapet gekommen war, ließ ſich mit Leichtigkeit vorausſehen, daß früher oder ſpäter ein neuer Ausbruch erfolgen mußte. Eines Tags äußerte Bengt gegen Jvar: „Der Teufel weiß, was unſere Kameraden ſich — 199 wieder gegen Dich in den Kopf geſetzt haben, aber erbittert ſind ſie. Vielleicht kommt es daher, daß Du niemals an ihren Luſtbarkeiten Theil nimmſt.“ „Ach nein, lieber Bengt, das iſt nicht der Grund. Käme ich auch auf einen ihrer Tanzböden, ſo fiele für mich nichts als eine Tracht Prügel davon ab.“ „Ich fürchte, daß ſie auf Unheil gegen Dich ſinnen; aber ich werde ſchon hören, was ſie im Schilde führen.“ XXIX. Am letzten Auguſt, dem Jahrestage der Eröff⸗ nung der Fabrik von Akersnäs, gab Lange immer ſeinen Leuten ein Feſt. Er hatte es ſo jedes Jahr gehalten. Auf dem äußern Hofe war ein Zelt zum Tanze aufgeſchlagen, in dem innern war Alles zur Be⸗ wirthung eingerichtet. Alle Arbeiter mit Frauen, Töchtern oder Bräuten ſammt allen Hüttenwerksleu⸗ ten von Kungsborg waren eingeladen. Graf Romarhjerta und die Nachbarn rings herum kamen auch, um Zuſchauer bei dieſem. Volksfeſte zu ſein, welches von dem Amerikaner, wie man Lange nannte, gegeben wurde. Der Himmel war hell und wolkenlos, und die Sonne ſchien mild und lächelnd hernieder auf das zum Feſt gerichtete Akersnäs. Heute öffnete es ſeine Thore dem Vergnügen. Es war ein ſchöner Anblick um alle dieſe Werk⸗ ſtätten, mit Kränzen verziert, und dieſe Gitterthore, 200 mit Laub⸗ und Blumenguirlanden geſchmückt, ſo daß ſie wie Ehrenpforten ausſahen. Rund um den Tanzplatz waren Bänke aufgeſchla⸗ gen, um zwiſchen dem Tanzen ausruhen zu können. Als es fünf Uhr ſchlug, kamen alle Arbeiter mit ihren Frauen und Angehörigen in den Hof herein⸗ marſchirt, während die Muſik, welche Lange von der nächſten Stadt beſtellt hatte, einen Marſch ſpielte. Darauf folgten die Hüttenleute von Kungsborg. Lange empfing ſie und wurde mit einem Lebehoch begrüßt. Eine Weile hernach begann der Tanz, welcher immer von Jacobo mit der Tochter oder Frau eines der älteſten Arbeiter eröffnet wurde. Nachdem der Anfang einmal gemacht worden war, bedurfte es keines Antriebs zur Freude mehr. Sie fand ſich von ſelber ein. Das Volk iſt wie ein Kind— ſeine Freude iſt wahr wie ſein Schmerz; ſeine Begriffe ſind nicht verkünſtelt, ſondern natürlich und von unverdorbenen Gefühlen ausgehend. Wie manche der feinen Damen oder Canaliere rümpfen nicht die Raſe oder lachen hinter ihrem Taſchentuch, wenn ſie ſehen, wie das Volk ſich be⸗ luſtigt. Iſt denn wirklich dieſes Bauernmädchen in ihrem Feſttagsgewande und dieſer junge Burſche in ſeinem groben Biberrock ſo lächerlich? Die Freude ſtrahlt aus jedem Zuge. Was iſt es denn, das ein Lächeln erweckt? Etwa, daß ſie nicht nach gewiſſen Regeln wie Marionetten ohne Seele und Leben, wie ein paar ausſtaffirte Thoren mit ſtereotypen Mienen gegen einander anhüpfen? Wenn wir Sonntags einen Tanzboden auf dem 201 Lande beſuchen, wo die jungen Leute der Gegend ſich nach den wenig melodiſchen Tönen einer Schlüſ⸗ ſelharfe luſtig machen, finden wir gleichwohl mehr Befriedigung für Herz und Gefühl, als bei dem Anblick eines glänzenden Balls in der Hauptſtadt. Auf dem Tanzboden finden wir Freude, wahrhaft und wirklich. Wenn auch ein oder der andere min⸗ der polirte Ausdruck im Taumel der Luſt den Lippen entſchlüpft, ſo liegt dennoch meiſtentheils mehr wahres moraliſches Gefühl in dem Herzen, welches unter dem groben Kittel klopft, als in dem, welches unter dem feinen ſchwarzen Rock pulſirt. Der Eigner des letztern redet viel zierliche Worte, welche ſich in die Seele, an welche ſie gerichtet ſind, wie ein tödtliches Gift einſchleichen. Mit Lüge auf den Lippen und Trug im Herzen flüſtert der Welt⸗ mann ſeine Artigkeiten der Frau zu, welche das Unglück hat, ihm zu gefallen. Mit unverſtellter Ehr⸗ lichkeit und ohne verkünſtelte Phraſen fragt der Bauer ſein Mädchen, ob ſie ihn haben will, und wenn ſie Ja ſagt, ſo drehen ſie ſich mit verdoppelter Freude im Tanze herum, ohne zu berechnen, ob ihre Bewe⸗ gungen Beifall finden werden. Sie denken bloß an die Wonne des Augenblicks und fühlen ſich deßhalb glücklich und vergnügt. Alles, was jung war, tanzte zu Akersnäs. Es erregte daher Aufmerkſamkeit, als man ſah, daß Jvar, an die Schranke, welche den Tanzplatz ein⸗ ſchloß, gelehnt, den bloßen Zuſchauer machte. Die lebhafte Miene des jungen Burſchen bewies, daß dieſes Schauſpiel ihn intereſſirte. „Warum tanzeſt Du nicht?“ fragte Lange ver⸗ 202 wundert, daß Jvar bei einem Vergnügen, welches mit dem Geſchmack der Jugend ſo vollkommen über⸗ einſtimmte, ſich mit dem Zuſehen begnügte. Jvar drehte verlegen ſeine Mütze. „Glaubſt Du, es ſei nicht luſtig, zu tanzen?“ „O ja, ich kann mir wohl denken, daß es luſtig iſt, aber.....“; er heftete die Augen auf Jacobo, ſie ſtanden voll Thränen. „Rede aus, mein Junge,“ ſagte Lange, indem er ihm über den Kopf ſtrich. „Wenn ich zu einem der Mädchen da käme und wollte ſie um einen Tanz bitten, ſo würde ſich gewiß nicht eine dazu erniedrigen. Deßhalb, Herr Patron, laſſe ich es bleiben.“ Scham, Verdruß und Schmerz ſtanden auf dem Angeſicht des Jünglings zu leſen. „Und dieß iſt der Grund, warum Du nicht tanzeſt?“ „Ja, Herr Patron.“ „Gut.“ Damit entfernte ſich Lange und trat auf Stephana welche eben mit Mutter Inga ſprach. Jacobo hörte, wie letztere eben ſagte: „Ich verſichere Sie, gnädige Frau Gräfin, jedes Wort, das ich ſage, iſt eine ſonnenklare Wahrheit. Das kleine Fräulein iſt es, welches durch ſeine Aeuße⸗ rungen gegen Kohlenpeters Frau und Knaben es dahin gebracht hat, daß die jungen Leute und Kinder im Dorfe gegen den armen, frommen Knaben ſo aufgebracht ſind. Der alte Widerwille gegen ihn iſt wieder erwacht, und jetzt will keines von den Mädchen mit Jvar tanzen.“ zu 203 „So will ich ihnen beweiſen, daß ich mich nicht für erniedrigt halte, mit ihm zu tanzen,“ erwiederte Stephana.„Seid ruhig, Mutter Inga, euer Schütz⸗ ling ſoll noch einmal ein ganz beliebter Mann wer⸗ den. Was Olga in ihrer kindiſchen Unbeſonnenheit geſprochen hat, das ſoll ſie wieder zurücknehmen.“ Stephana klopfte Mutter Inga auf die Schulter und ſah ſo innig gut und mild aus, daß Kurt, welcher in einiger Entfernung davon ſtand und ſie betrachtete, bei ſich ſelbſt ſagte: „In dem Herzen dieſer Frau wohnt beſtimmt ein Engel von Güte. Ich würde viel darum geben, um nur in ihrem Blick den Ausdruck einer an mich gerichteten Bitte zu leſen.“. Jacobo blieb noch eine Weile ſtehen und ſprach mit Mutter Inga; indeſſen ging Stephana zu Jvar hin und ſagte: „Nun, mein Junge, warum tanzeſt Du nicht?“ „Frau Gräfin, ich habe Niemand, der mit mir tanzt.“ Jvar ſah die ſchöne Frau mit einem ſchüchternen Ausdruck jugendlicher Bewunderung an. „Du haſt mich ja noch nicht dazu aufgefordert,“ antwortete Stephana mit einem ſo unbeſchreiblichen aufmunternden Lächeln, daß Kurt wahren Neid auf den glücklichen Jvar, welcher der Gegenſtand ihres Wohlwollens war, empfand. „Ach, mein Gott, ich wagte nicht.“ſtam⸗ melte Jvar, über Stephana's Freundlichkeit ganz verwirrt. In dieſem Augenblick wurde eine Bauernpolka 6. 204 aufgeſpielt. Stephana reichte Jvar die Hand mit den Worten: „Nun, da Du weniger Muth haſt als Bengt, welcher eben mit mir tanzte, ſo fordere ich Dich auf.“ Im nächſten Augenblick umfaßte Jvar die ſchlanke Geſtalt und drehte ſich ganz raſch mit der ſchönen Gräfin im Kreiſe herum. Kurt tanzte mit einer blühenden Schmiedstochter, friſch, froh und roſenroth wie die neuerwachende Hoffnung. Ob ſie häßlich oder jung, ſchön oder alt war, daran dachte er nicht. Alle ſeine Gedanken waren an dieſem Abend auf Stephana concentrirt. Er beneidete Alles und Jedes, das mit ihr in Berührung kam, und doch hatte er noch nicht ein Wort nmit ihr gewechſelt oder ſich ihr genähert. Einmal während der Polka, da Stephana eben ausruhte und der Zufall Kurt mit ſeiner Dame in ihre Nähe führte, flüſterte er: „Glauben Sie wirklich, Tante, daß der Knabe das Glück, welches er jetzt genießt, zu ſchätzen weiß? Ein Glück, welches den Neid eines Heiligen, wie viel mehr eines Menſchen erwecken könnte.“ „Du haſt Recht; Jvar hat den ganzen Abend noch nicht getanzt, deßhalb muß er ſich jetzt darob glücklich ſchätzen.“ Was lag in Stephana's milder Stimme, das ſo beſtimmt jede weitere Verfolgung dieſes Themas verbot? Kurt konnte ſich ſelbſt keine Rechenſchaft davon geben; er fühlte nur, daß ein einziges Wort der Galanterie weiter für ihn eine reine Unmöglich⸗ keit wäre. Als die Polka zu Ende war, zog Jvar ſich hin⸗ 205 ter die Andern zurück, um recht ungeſtört ſeine Be⸗ trachtungen anſtellen zu können. Auf allen vier Ecken des Hofs waren Lauben errichtet. Ohne darauf Acht zu geben, war Jvar einer derſelben nahe gekommen. Er hörte plötzlich Lange's klare Stimme ſich alſo ausſprechen: „Es gibt nur ein Mittel, Fräulein, Ihre Schuld gegen Jvar wieder gutzumachen, und dieß iſt, daß Sie dieſen Abend mit ihm tanzen und ſo den Leu⸗ ten den Beweis geben, wie Ihre Worte nichts zu bedeuten haben⸗ Sie ſind ihm zu dieſer Genug⸗ thuung verpflichtet.“ „Ich ſoll mit ihm tanzen?“ antwortete eine un⸗ ſichere und beinahe weinerliche Stimme mit einem Ausdruck des Entſetzens.„Herr Lange, alles Andere will ich thun; aber von dem Jungen mich berühren zu laſſen, da würde ich mich wahrhaft unglücklich fühlen! Hu! Es kommt mir vor, als ob ich von ſeinen Händen beſchmutzt würde. Guter, beſter Lange, ich kann nicht.“ Jvar meinte ſie weinen zu hören. „Aber ich habe ja dem Fräulein geſagt, daß Jvar vollkommen unſchuldig iſt,“ bemerkte Lange ernſt. „Ach ja; ich will es glauben; aber er iſt doch im Gefängniß geſeſſen, mit Mördern zuſammen ge⸗ weſen und.... und.... ich kann es nicht zugeben, daß er mich anfaßt. Durchaus nicht. Es ſchaudert mir, wenn ich nur daran denke.“ „Bedenken Sie, Fräulein, daß Sie ihn von dem Widerwillen der Leute, welcher in jedem Fall früher oder ſpäter ihn ſchwer treffen muß, retten können. 206 Dieſer ſchöne Zweck iſt wohl werth, daß das Fräu⸗ lein eine Grille bezwingt.“ „Herr Lange,“ ſprach eine andere Stimme mit mildem Ernſt;„es kann hier nichts ſonſt in Frage kommen, als daß Olga wieder gut machen muß, was ſie in ihrem kindlichen Unverſtand gefehlt hat. Ich beklage nur tief, daß ich nicht früher von dem gan⸗ zen Ereigniß erfahren habe. Komm' nun, Olga, Du ſollſt zuerſt mit Jvar tanzen, hernach thue ich es.“ Aus der Laube trat Conſtanze, die todesblaſſe Olga an der Hand führend. Vergebens fragte man nach Jvar; er war nicht da und kam auch den gan⸗ zen Abend nicht wieder zum Vorſchein. Lange und Conſtanze ſuchten ihn überall. Die letztere ſchickte ſogar nach Bengt's Hauſe, um zu ſehen, ob er dort wäre; aber nein, man traf ihn nirgends. Auf Conſtanze's Angeſicht weilte ein Ausdruck von Unruhe, als ſie Jacobo im Garten traf und zum ſiebenten Male die Frage wiederholte: „Haben Sie ihn noch nicht aufgefunden?“ „Rein,“ antwortete Jacobo und ſetzte, Conſtanzes Hand faſſend, hinzu:„Ich danke Ihnen für das Inter⸗ eſſe, das Sie dem armen Jungen beweiſen, und für den Zug wahren Rechtsgefühls, welches Sie an den Tag legten! Ach, Fräulein Conſtanze, Sie wiſſen nicht, wie glücklich mich das machte.“ Jacobo drückte ſchnell ihre Hand an ſeine Lippen und legte dann ihren Arm in den ſeinigen. Es entſtand eine augenblickliche Pauſe, während welcher ſie die Stufen zu der Terraſſe hinaufſtiegen⸗ Conſtanze unterbrach ſie mit den Worten: — 207 „Glaubten Sie denn, ich ſei aller höhern, edlern und ernſtern Gefühle bar, daß dieſer natürliche Zug von Menſchlichkeit Ihre Verwunderung erregte? Ich hätte geglaubt, daß Sie beſſer von mir dächten.“ „Wir fühlen uns immerdar glücklich, wenn wir die Kundgebung von Eigenſchaften ſehen, womit wir in unſerer Vorſtellung die Perſon ſchmückten, welche den größten Theil unſerer Gedanken in Anſpruch nimmt.“ „Herr Lange, wollen Sie mir wirklich zur Laſt legen, daß ich Ihre Gedanken in Anſpruch nehme?“ fragte Conſtanze, indem ſie einen ſcherzhaften Ton anzuſtimmen ſuchte; ihrer Stimme gebrach es aber an der gewöhnlichen Sicherheit. a Dieſes einzige Wort wurde auf eine Weiſe aus⸗ geſprochen, welche Conſtanze gewiſſermaßen nöthigte, zu ihm aufzuſehen. Eine Sekunde begegneten ſich ihre Blicke. Was der ſeinige ausdrückte, das mag Freja wiſſen; uns iſt nur ſo viel bekannt, daß auf Con⸗ ſtanze's Wangen Roſen, friſch und warm, brannten. Schweigend gingen ſie über den Hausflur und dann hinaus zu den Tanzenden, Als Conſtanze Jacobo's Arm fahren ließ, flü⸗ ſterte ſie: „Dank für dieſen Augenblick!“ „Er liebt ſie,“ dachte Helfrid, deren Augen in dieſem Augenblick auf Jacobo ſielen. Sie drückte unbemerkt die Hand auf das Herz, deſſen Stürme, Schmerzen und Kämpfe ſie ſo tief begrub, daß nicht 208 einmal ein Wechſel der Farbe Etwas davon auf dem ſtolzen, edeln Angeſicht zu erkennen gab. „Wenn ſie dieſen Lumpenkerl liebte,“ dachte Evert und näherte ſich Conſtanze,„ſo brächte ich ihn um!“ Man muß bedenken, daß man in Everts Jahren ſeine Gedanken und Gefühle immerdar in die Super⸗ lativform kleidet. Die Handlungen ſtimmen damit niemals überein. Den nächſten Tanz gewährte das Fräulein Evert zu nicht geringer Freude deſſelben, obwohl er es in ſeinem Knabenübermuth im höchſten Grade gemein fand, ſich mitten unter Schmieden und dergleichen Volk herumzudrehen. Er wagte jedoch nicht, ein Wort darüber zu äußern, aus Furcht, Conſtanze zu mißfallen, welche ihn immer verlachte, wenn er mit Etwas dergleichen angerückt kam. Daß er jetzt das Glück genoß, mit Conſtanze zu walzen, hatte er durchaus nicht, wie er glaubte, ſeiner eigenen Liebenswürdigkeit zu danken, ſondern ganz einfach dem Umſtande, daß Conſtanze ſich ſo glücklich und froh fühlte und ſomit die erſte Bitte, welche an ſie geſtellt wurde, auch erfüllte, ohne darauf Acht zu geben, daß dieſelbe von Evert aus⸗ ging. Ihr freundliches Lächeln bezog Evert auf ſich, und alle ſeine Beſorgniſſe waren damit hinwegge⸗ blaſen. Seiner Anſicht nach war es ja auch nicht möglich, einen Menſchen wie Lange einem jungen und ſchönen Baron Axelhjelm vorzuziehen. Somit wiegte er ſich in ſüßen und ſchmeichelnden Illuſionen aller Art. 5 209 XXX. Wir wollen inzwiſchen Jvar aufſuchen. Nachdem er Olga's Weigerung, mit ihm zu tanzen, gehört hatte, ſchlich er ſich unbemerkt hin⸗ weg. Als er zum Thore der Fabrik hinaus war, begann er zu rennen, als fürchtete er, von Jemand verfolgt zu werden. Er ſchlug den Weg nach dem Wald ein und machte am Fuße eines brauſenden Waſſerfalls, der zwiſchen zwei Klippen hernieder⸗ ſtürzte, Halt. Hier warf er ſich ins Gras und drückte die krampfhaft geballten Hände an die Schläfe, als ob er das ſtarke Schlagen der Pulſe damit hemmen wollte. Eine lange Weile lag er ſo da, unvermögend, klar zu denken oder zu fühlen, ſo heftig war der Schmerz, welchen er empfand. Endlich ſtand er auf, ſetzte ſich auf einen Stein und ſchaute auf das wild rauſchende Waſſer, wel⸗ ches die Ufer mit ſeinem Schaum beſpritzte. Die Sonne war untergegangen, und die Dämmerung breitete ihre Schatten über den hohen Fichtenwald aus. Der wilde Schmerz in der Bruſt des Knaben ſchmolz hinweg und nahm ein wehmüthiges Gepräge an. Er erhob den Blick zum klaren Himmelsgewölbe, wo der Auguſtmond ruhig und mild über den Gipfeln der Bäume aufſticg. Jwar empfand einen unwiderſtehlichen Drang, ſeine Gedanken und Gefühle in Worte zu kleiden, Schwartz, Arbeit adelt den Mann. 1. 14 210 und der Qual, welche in ſeiner übervollen Bruſt wohnte, Luft zu machen. „O Gott, gibt es denn keine Gerechtigkeit auf Erden?“ fragte er und ſtreckte die Hand gegen den Mond aus, als wollte er von dieſem eine Antwort auf ſeine Frage begehren.„Du weißt, wie unſchul⸗ dig ich an jeglicher böſen That bin, und doch— doch werde ich von dieſer gräßlichen Anklage dar⸗ niedergedrückt. Iſt es denn vergebens, daß ich zu Dir betete, dem Vater der Verlaſſenen? Was habe ich wohl dieſem Kinde zu Leide gethan, welches ich ſo lieb hatte, ſeitdem ich ein kleiner Knabe war und vor des Meiſters Schmiedethüre ihren Spielen zu⸗ ſah?— In Gedanken war ſie immer meine Ge⸗ ſpielin und ich hätte weit, weit gehen können, nur um ſie zu ſehen, und jetzt— jetzt iſt ſie es, welche mich zu einem Gegenſtand des Abſcheu's macht und die Bosheit dieſer Menſchen gegen mich anreizi.— Herr Gott! welche ſchlimmen und bittern Gefühle ich jetzt hege. Ich möchte ſie in irgend einer Gefahr ſehen, wie ſie die Hände nach mir ausſtreckt und mich um Hülfe bittet.— Ah! dann, dann würde ich mich rächen? Wie verabſcheue ich dieſes Mädchen? Warum ſollte ſie mir meine Freude nicht laſſen? Ich war ſo glücklich nach dem Tanze mit der Frau Gräfin. Ich dachte: ein eben ſo prächti⸗ ger Mann will ich werden, wie der Patron. Wenn ich arbeite und ſtudire, ſo daß ich eben ſo viel lerne wie er, ſo gelange ich auch zu demſelben Anſehen und kann eine Fobrik und Freunde bekommen, ſo wie er. Die Worte der Gräfin hatten Alles ſo licht in mir gemacht. Alles kam mir als möglich vor, ——— — 211 und ich dachte mich bereits Olga gegenüber als ih⸗ resgleichen, durch die ſchönen Vorſätze, die ich faßte. — Jetzt— jetzt ſind ſie alle wieder fort. Mein Glaube an Erfolg, Alles iſt verſchwunden. Es gibt kein Mittel, womit ich den unverdienten Schatten Verbrechens, der auf mich gefallen iſt, vertilgen önnte.“ Jvar ſchwieg und verbarg das Angeſicht in den Händen, als ob er von ſeinen eigenen Gedanken zermalmt wäre. „Doch, mein Junge, es gibt eines, wodurch man alles Böſe hier in der Welt überwindet, ſo lang uns Gott die Geſundheit erhält, und das iſt — Arbeit.“ Dieſe Worte wurden von einer männlichen Stimme neben Jvar ausgeſprochen. Erſchrocken ſchaute er auf. Kurt Axelhjelm ſtand an ſeiner Seite. „Die ſchwerſte Sorge, der bitterſte Schmerz, die tiefſte Erniedrigung, die äußerſte Armuth haben alle ein und daſſelbe Heilmittel, und das iſt die Arbeit. Sie läßt uns die Sorge vergeſſen, heilt den Schmerz, erhebt Dich aus der Erniedrigung und reißt Dich aus der Armuth. Wenn Gott Dir einen geſunden Körper und ein Paar ſtarke Arme gegeben, ſo hat er Dir die Fähigkeit gegeben, zu— arbeiten. In dieſem einzigen Wort liegt eine ganze Zukunft von Unabhängigkeit, Anſehen und Glück. Riemand iſt ſo gering, daß er nicht dadurch ſich aus dem Nichts zur Selbſtſtändigkeit und Achtung erheben könnte.“ Kurt ſprach mit Wärme und Jvar hörte auf ſeine Worte, als ob ſie eine ſchöne, wohllautende Muſik wären.. 14* 212 Nach einem kurzen Stillſchweigen nahm Kurt wieder das Wort: „Du biſt in Lange's Fabrik?“ „Jd. „Und der Schützling von dem Schmied Bengt?“ „Ja, ich bin bei Bengt,“ antwortete Jvar. „Die Natur hat Dir ungewöhnliche Fähigkeiten verliehen. Dein Herr zeigte mir ein kleines Modell, welches Du erfunden haſt.“ Jrars Angeſicht klärte ſich auf. Ein Ausdruck von Freude flog über die eben noch umwölkten Züge. Kurt fuhr fort: „Wer eine ſolche Arbeit machen kann und einen Fabrikherrn hat, wie Du, der iſt ein Wicht, wenn er klagt. Die Vorſehung hat Dich ſehr reich ge⸗ macht. Nur friſchen Muth, frohen Sinn und Be⸗ harrlichkeit, und Du mußt mit der Zeit ein ausge⸗ zeichneter Mann werden. Laß die Arbeit deinen Troſt, deine Freude, dein Lebensziel werden, und Du wirſt eines Tags finden, daß ſie Dich reichlich belohnt. Gute Nacht, mein Junge! Geh nun heim und wirf alle traurigen Gedanken in den Waſſerfall⸗ Düſtere Gedanken taugen nicht für die friſche und ſtarke Seele eines jungen Arbeiters, wo Freude und Hoffnung die Mühe leicht machen ſollen. Wir treffen einander bald wieder. Nimm Du Dir Bengt zum Vorbilde, ſo wirſt Du Kraft erlangen zur Erreichung deines Zieles.“ Kurt klopfte zum Abſchied Jvar auf die Schulter und entfernte ſich dann pfeifend auf einem Fußwege, welcher nach Sturesjö führte. Eine Weile blieb Jvar noch ſitzen. Dann 213 er ſeine gefalteten Hände zum Himmel und rief: „Höre mein Gelübde, Du himmliſcher Vater: ich will nicht ruhen, bis ich durch meine Arbeit den Schimpf verwiſcht habe, welcher mir jetzt anklebt. Stehe Du mir bei, Du Vater und Freund der Ver⸗ laſſenen!“ Ein paar Tage hernach war Sonntag. Bengt, Mutter Inga und Jvar waren in der Kirche ge⸗ weſen, die beiden Erſtgenannten begaben ſich zu einem Verwandten in dem benachbarten Kirchſpiel; Jvar, der ihnen nicht Geſellſchaft leiſten wollte, ging heim. Der Fußweg von der Kirche führte durch den Wald von Kungsborg und an der Kungſa vor⸗ über, wie wir den kleinen Fluß nennen wollen, wel⸗ cher in einiger Entfernung von Akersnäs mehre grö⸗ ßere und kleinere Waſſerfälle bildete. Als Jvar an das ſtill und klar dahinfließende Waſſer gelangte, ſetzte er ſich nieder. Die Luft war ſo herrlich und die Septemberſonne ſchien ſo mild auf die ruhige Landſchaft herab. Alles um ihn herum war friedlich und ſabbattäglich. Er hatte gar keine Luſt, ſich von dem ſchönen und ſchmeichelnden Gemälde, welches er vor ſich ſah, loszumachen. Plötzlich wurde die Stille durch zwei friſche und jugendliche Stimmen unterbrochen. Jvar drehte den Kopf herum und ſah, wie zwei 214 Mädchen aus dem Wald heraus geſprungen kamen und den Weg nach dem Stege einſchlugen, welcher über den Fluß gelegt war. In der Vorderſten erkannte er ſogleich Olga. Die Andere war die jüngere Tochter des Barons F., in gleichem Alter wie Olga. „Liebe Olga,“ rief Fräulein F.,„ich fürchte, wir bekommen einen Verweis, daß wir auf eigene Fauſt ſo lang fort bleiben.“ „Ach, Lapperei,“ antwortete Olga, vor ihrer Spielkamerädin hertanzend.„Wir ſind ja nur nach Heideblumen im Walde ausgeweſen; wenn wir nun über den Steg gehen, ſo liegt der Park auf der andern Seite, und da ſind wir daheim.“ Olga warf ſich ins Gras am Ufer des Fluſſes⸗ indem ſie mit munterer Stimme hinzuſetzte: „Tripple Du nur hinüber, während ich meine ſchönen Heideblumen ordne.“ Fräulein X. blieb bei ihr ſtehen. „Süße, liebe Olga, wo haſt Du das ſchöne Mähr⸗ chen geleſen, das Du mir erzählteſt? Ich möchte es mir gern kaufen. Treibe nicht länger deinen bos⸗ haften Scherz, ſondern ſage mir endlich, wo man es zum Leſen bekommen kann.“ „Ich verſichere Dich, daß es für Dich nicht zu kaufen iſt, wie ich Dir ſchon zweimal wiederholt habe.“ Bei dieſen Worten ſtreckte ſich Olga ganz aus⸗ gelaſſen im Graſe aus. „Wenn Du es aber nicht geleſen, ſo haſt Du es wohl erzählen hören? Von wem kommt es her?“ „Ja, wenn Du das wüßteſt; aber ſieh, das iſt 215 mein Geheimniß. Willſt Du über den Baumſtamm dort marſchiren, den man einen Steg zu nennen pflegt?“ „Nicht eher, als bis ich weiß, wo Du dieſes Mährchen aufgefiſcht haſt. Es war in Verſèn, und demnach haſt Du es leſen müſſen, um es auswendig zu lernen.“ „Ach, mein Gott! wie biſt Du ſo einfältig! Begreifſt Du denn nicht, daß ich es aus meinem eigenen Kopf genommen habe? Um nicht bei Dir allzu viel Langeweile zu haben, machte ich das Ding ſo zuſammen. Jetzt geh voran, und Du wirſt dann ſehen, wie ich gleich einem Sturmwind hinter Dir herkomme. Das iſt etwas ungemein Luſtiges, über den Steg hinzuſpringen. Es kommt mir vor, als flöge ich über den Waſſerſpiegel hin, und als ob die Waſſernixen mir aus der Tiefe zunickten.“ „Wie Du ſo närriſch ſchwatzeſt! Ich fürchte mich ein wenig, wie ich hinüber kommen werde.“ Fräulein A. begann ganz vorſichtig und langſam ihre Wanderung anzutreten. „Du gehſt ja wie eine Katze, welche die Pfoten ſich naß zu machen fürchtet,“ bemerkte Olga lachend. An der Stelle, wo Olga im Graſe ausgeſtreckt lag, befand ſich ein großer und dichter Haſelbuſch. Auf der andern Seite davon ſaß Jvar, vor ihren Blicken ganz verborgen. Als Fräulein. glücklich auf das andere Ufer gelangt war, ſtieß Olga ein lautes Hurrah aus, ſprang dann auf und eilte mit beflügelten Schritten auf den ſchlüpfrigen Steg, indem ſie rief: 216 „Nun komme ich wie der Wind, wenn er über die Wogen fährt!“ In demſelben Moment ließ ſich ein doppelter Angſtſchrei und der Fall eines Körpers ins Waſſer vernehmen. „Herr Jeſus! Olga! Hülfe! Hülfe!“ begann Fräulein L. zu ſchreien und ſprang den Park hinauf. Der Strom hatte Olga bereits eine Strecke weit nach dem weiter unten befindlichen Waſſerfall hin⸗ weggeführt, aber mit ein paar raſchen Armbewe⸗ gungen war der Jüngling an ihrer Seite. Einige Augenblicke darauf ſtanden beide, Olga und ihr Retter, am Lande. Als der erſte Schrecken vorüber war, betrachtete ſie denjenigen, welcher ſie aus der Gefahr gerettet hatte. Sie erkannte Jvar und rief voll Beſtürzung: „Ach, mein Gott! Ihr habt mich gerettet!“ Olga verbarg ihr Angeſicht in den Händen. „Ja, Fräulein, meine Hände ſind es, welche Sie aus dem Waſſer gezogen und die Ihrigen angefaßt haben, um Sie dem Tode zu entreißen.— Ganz dieſelben Hände, die Sie nicht anrühren wollten, aus Furcht, verunreinigt zu werden. Sie hätten ein gutes Werk thun können, wenn Sie mit mir getanzt haben würden, aber Sie wollten nicht. Ich möchte wiſſen, was jetzt Ihr Schickſal wäre, wenn ich Sie nicht hätte anrühren wollen. An dem Abend, als Sie gegenüber von dem Patron ſich weigerten, mit mir zu tanzen, bat ich Gott, Sie in irgend eine Gefahr gerathen zu laſſen, ſo daß Ihr Wohl von mir ab⸗ hängig würde.— Gott hat mich erhört. Ich habe Ihnen das Leben geſchenkt. Sie ſind mir keinen —————— . 217 Dank ſchuldig, denn ich habe das Böſe, das Sie mir anthaten, mit einem guten Werke bezahlt.“ Jvar ging über den Steg zurück auf die Seite, wo er ſeinen Rock gelaſſen hatte. Als die Leute von Kungsborg, mit der erſchrockenen, beinahe halb⸗ todten Conſtanze an der Spitze, an den Fluß herun⸗ terkamen, fanden ſie Olga weinend und durchnäßt, aber völlig unverſehrt. Auf die Frage, wie ſie aus dem Waſſer heraus⸗ gekommen wäre, antwortete ſie blos, ein junger Burſche habe ihr geholfen. XXXII. Am folgenden Abend hielt eine kleine Droſchke vor Bengts Wohnung. Auf dem Bock befand ſich der Kutſcher des Grafen Romarhjerta. Drinnen ſaß Olga ganz allein. Bengt hatte ſo eben ſein Abend⸗ brod verſpeist und rauchte jetzt ſeine Pfeife. Als er Olga ſah, umwölkte ſich ſein ſonſt ſo heiteres Angeſicht, und als ſie auf ihn zukam, grüßte er ſie mit einer nicht ſehr freundlichen Miene. „Iſt Jvar daheim?“ fragte Olga mit etwas unſicherer Stimme. Nein, er iſt noch in der Fabrik,“ lautete die Antwort. „Ich hatte einen Auftrag an ihn. Olga's ſeelenvolle Augen ſchauten wie bittend den Schmied an, aber er würdigte ſie keines Blicks. Er erwiederte bloß in wenig aufmunterndem Tone: „So, ſo.“ 218 „Jvar hat mir geſtern einen großen Dienſt ge⸗ leiſtet, begann Olga wieder. „Schon recht; da hat er mehr gethan, als ich an ſeiner Stelle gethan hätte.“ „Deßhalb möchte ich ſo gern ihm eine Belohnung dafür geben,“ fuhr Olga fort, indem ſie ein Porte⸗ monnaie herauszog.„Wollt Ihr nicht dieſe Bank⸗ note Jvar überliefern? Mein Vormund hat ſie mir für Jvar gegeben.“ Olga reichte Bengt eine Fünfzigreichsthalerbant⸗ note, aber er ſchob ſie beiſeite. „Was hat Jvar denn gethan?“ fragte er. „Er hat mich vom Tode des Ertrinkens gerettet.“ „Und dafür will das Fräulein ihn bezahlen?“ „Allerdings,“ antwortete Olga und ſenkte ein wenig den Kopf. „Behalten Sie Ihr Geld, Fräulein; Jvar nimmt es nicht an. Sie haben ihm ſo viel Böſes zugefügt, indem Sie den Köhler⸗Janne auf die Einbildung brachten, Jvar wäre ein Mörder, daß Sie es niemals wieder gut machen können.“ „Meine Amme hat es geſagt,“ ſtammelte Olga, welcher bei dem Gedanken, einem Menſchen Böſes gethan zu haben, Thränen in die Augen traten. „Wenn des Fräuleins Amme Unwahrheiten ſchwatzt, ſo ſollten Sie dergleichen nicht nachſagen um einem armen Burſchen Ruf und Ehre zu ſtehlen.“ Bengt war ordentlich ergrimmt. Hätte er dem Antrieb ſeines Herzens folgen dürfen, ſo würde er gewiß dem kleinen Fräulein eine Tracht Stoctſchläge angeordnet haben. 219 „Wollen Sie Jvar nicht das Geld geben?“ fragte Olga weinend. „Nein, das will ich nicht; und Jvar nimmt es auch nicht. Das Fräulein kann mit der Lehre von mir nach Hauſe fahren, daß man nicht Alles glauben darf, was man Böſes redet, und daß nicht alle Dienſte mit Geld ſich bezahlen laſſen.“ Olga fuhr tief betrübt im Herzen wieder ab. Die Worte des Schmieds hatten einen tiefen Ein⸗ druck auf ſie gemacht. Als ſie nach Kungsborg kam, ſuchte ſie Conſtanze auf, anſtatt wie gewöhnlich zu Nora zu gehen und ihr von dem, was geſchehen, Bericht zu erſtatten. Bisher war Nora ausſchließlich ihre Vertraute geweſen. Die ihr fanatiſch ergebene Amme ſah mit Reid auf Jedermann, der Olga Freundſchaft bewies. Conſtanze war ihr immer ein Dorn im Auge ge⸗ weſen, aber ſie wagte ihre Abneigung nicht laut werden zu laſſen, da Conſtanze die Mächtigere war. Im Stillen dagegen that ſie Alles, um Olga von ihrer Schweſter fern zu halten, welche ſonſt leicht an einer Liebe hätte Theil nehmen können, auf welche Nora ein ausſchließliches Recht zu beſitzen glaubte. Weit in die Nacht hinein ſaßen die beiden Schwe⸗ ſtern bei einander und plauderten zuſammen. Olga erzählte Alles, was Jvar betraf, und Conſtanze hörte mit Schmerz, welch' eine große Rolle ein Vorurtheil ſelbſt in der Seele eines Kindes ſpielen und wie viel Bö⸗ ſes daraus hervorgehen kann. Es hielt ſchwer, wie⸗ der gut zu machen, was Olga, von ihrer Phantaſie und Nora's Einflüſterungen verleitet, angexichtet hatte; das ſah Conſtanze wohl. Um jedoch die 220 Schweſter zu tröſten, verſprach ſie, wo möglich das Schlimme wieder zum Guten zu kehren, und beru⸗ higt durch dieſes Verſprechen ſchlief Olga ein. Nachdem die Schweſter ſich zur Ruhe begeben hatte, blieb Conſtanze noch ſitzen und ſchaute träu⸗ meriſch in die Herbſtnacht hinaus. Vor ihrer Seele ſtand der Abend von der vorigen Woche, und es war ihr, als ſähe ſie ein Paar ſtrahlende Augen, welche warm und zärtlich in die ihrigen ſchauten. „Noch einmal will ich dieſen Ausdruck in ſei⸗ nem Blicke ſehen,“ flüſterte ſie und drückte die glü⸗ hende Wange an die Fenſterſcheibe. XXXIII. Den Tag darauf machte Conſtanze einen Beſuch bei Bengt, um wo möglich zu ſühnen, was ihre Schweſter verbrochen hatte; aber dieß war keine leichte Sache. Mutter Inga meinte, es wäre am beſten, die Zeit wirken zu laſſen. Mit Gottes Hülfe würde noch Alles gut gehen, ſofern Niemand die ſchlimmen Gedanken anſchürte. Am Abend, als Jacobo nach Kungsborg kam, ſagte er mit einem eigenthümlichen Lächeln zu Con⸗ ſtanze: „Ich habe Sie auf einige Wochen eines Anbeters beraubt und tomme, mir Ihre Vergebung für dieſe meine Grauſamkeit zu erbitten.“ Conſtanze, welche ſich Everts niemals erinnerte, als wenn ſie ihn ſah, ſchien ganz verwundert. „Wen meinen Sie?“ fragte ſie. 221 „Axelhjelm.— Ich habe ihn verſchickt, um eine große Dampfmaſchine aufzuſtellen, und das wird ihn längere Zeit beſchäftigen. Der arme Junge! er war völlig in V als er abreiſen mußte, ohne Ihnen noch Lebewohl ſagen zu können.“ Wieder lächelte Jacobo. „Wenn Sie über ſeine Verzweiflung lächeln kön⸗ nen, ſo wird dieſelbe wohl nicht von ſo tiefer Natur geweſen ſein.“ „Tief?— Nein; aber für den Augenblick war ſie dennoch ſehr groß. Wir älteren Leute lächeln über die aufflammende Luſt oder Betrübniß der Jugend, wie über kindiſche Dinge; aber wir haben Unrecht. Oft kann das von der Einbildung erregte Gefühl ebenſo viel Schmerz verurſachen, als eine wirkliche Leidenſchaft. Ich hätte Axelhjelm den Kummer er⸗ ſparen können, von Ihnen ſcheiden zu müſſen, aber ich that es nicht.“ „Sie ſprechen in Räthſeln, Herr Lange.“ „Wirklich? Wenn dem ſo iſt, ſo kommt es daher, daß wir uns im Salon befinden, umgeben von Baron X. und drei Ihrer Anbeter. Die Aufrichtigkeit iſt ein Kind der Repnblik und gedeiht nicht in vornehmer Geſellſchaft. Sie liebt die freie Luft.“ „Laſſen Sie uns alſo in den Garten gehen,“ ant⸗ wortete Conſtanze lachend. „Sehr gern; aber was werden Ihre Anbeter ſagen?“ Sie mögen ihren Abſchied eingeben.“ ₰ Jacobo und Conſtanze gingen auf die Lernjſ hinaus. 222 „Nun?“ begann Conſtanze, als ſie ſich geſetzt hatten. „Was wünſchen Sie?“ „Aber, mein Gott, Sie hatten mir ja Etwas zu ſagen.“ „Ich!“ rief Jacobo und ſah ganz verwundert aus. Lahrhaftig, ich begreife Sie heute Abend nicht!“ e entgegnete Conſtanze.„Sie ſind ganz anders als ſonſt.“ „Das Beiſpiel iſt anſteckend. Ich bin jett faſt täglich bei Ihnen. Sie ſind den einen Tag nie dieſelbe wie den andern.— Ach, Fräulein Conſtanze, es gibt Augenblicke, wo ich wünſchte, das Schickſal hätte uns niemals zuſammengeführt. „Wenn es dieß war, was Sie mir ſagen wollen, ſo muß ich geſtehen, daß es eine ganz amerikaniſche Artigkeit iſt.“ „Was halten Sie von Evert Axelhjelm?“ fragte Jacobo ganz ernſt, ohne auf Conſtanze's Bemerkung eine Antwort zu geben. „Was ich von dem jungen Menſchen halte?“ rief Conſtanze und begann zu lachen.„Was wollen Sie mit dieſer Frage?“ „Eine aufrichtige Antwort.“ „In vollem Ernſt?“ eie fragen ſo feierlich, als ob es ſich um WMenſchen Wohl oder Weh handelte,“ „Fräulein, beantworten Sie meine Sug u richtig, ich bitte Sie darum.“ „Nun wohl, ich denke weder gut noch 223 von ihm. Er iſt ein junger Menſch, ein Kins in meinen Augen, und ſonſt Nichts.“ „Er iſt älter als Sie.“ „Möglich. Mir kommt er jedoch von gleichem Alter wie Olga vor.“ „Ich habe Sie einmal vor dieſem Jüngling, vor dieſem Kind in Ihren Augen gewarnt.“ „Und ich habe die Warnung befolgt.“ „Bis auf einen gewiſſen Grad— ja; aber Sie haben nicht beachtet, daß dieſes Kind eine heftige Neigung zu Ihnen gefaßt hat, daß er ſeine Hoff⸗ nungen für die Zukunft, ſeine Vorſtellungen von Glück an Ihre Perſon geknüpft hat. Sie ſind ein Gegenſtand, um welchen alle ſeine Träume ſich be⸗ wegen.— Sie nehmen ſeine Artigkeiten an, ohne auf deren Bedeutung ein Gewicht zu legen. In ſolcher Weiſe muntern Sie ihn auf. Können Sie ſein Gefühl nicht erwiedern, ſo...... „Herr Lange, haben Sie eine Sekunde denken können, daß... Conſtanze fühlte ſich ſo verletzt, daß ſie gar nicht ausreden konnte. „Daß Sie ihm Ihr Herz ſchenken könnten? Nein. Hätte ich ſo Etwas mir auch nur einmal vorſtellen können, ſo wären Sie nicht die Perſon geweſen, für welche ich Sie anſah.“ Jacobo ſchwieg. „Was war aber dann Ihre Meinung?“ „Eine ernſte Warnung. Dieſer Jüngling, ſo un⸗ bedeutend er Ihnen erſcheint, hat Leidenſchaften, wild und zügellos, aber von kalter Berechnung begleitet⸗ Dieß bewirkt, daß, wenn Sie ihn im Mindeſten auf⸗ muntern, derſelbe, ſobald er in ſeinen Hoffnungen getäuſcht wird, ſich in einen furchtbaren Feind ver⸗ wandelt. Erwägen Sie das wohl. Er iſt Egoiſt und herzlos. Für ihn gibt es nur ſein Selbſt und dann erſt die übrige Welt, die auch nur um ſeinetwillen da iſt. Und nun, laſſen Sie uns nicht mehr von der Sache reden. Was ich geſagt habe, iſt mehr, als ich hätte ſagen ſollen. Nur Frauen ohne Herz ſpielen mit den Gefühlen Anderer.“ Wenig ahnte Conſtanze, als ſie jetzt, das Herz mit ſo vielen verheißungsreichen Hoffnungen erfüllt, da ſaß, daß Jacobo einmal und in ganz anderem Ton dieſe Worte wiederholen würde. Welch ein Glück für uns Sterbliche, daß wir nicht in die Zu⸗ kunft ſehen können. „Ich danke Ihnen, Herr Lange,“ antwortete Conſtanze, indem ſie ihm die Hand reichte.„Sie haben edelmüthig mich vor einer Gefahr gewarnt, auf welche ich ſelbſt nicht Acht gegeben habe.“ „Edelmüthig,“ wiederholte Jacobo mit etwas unſicherem Ton.„Dießmal habe ich Ihr Lob nicht verdient. Meinen Worten und meiner Handlungs⸗ weiſe lag Egoismus zu Grunde. So vollkommen Ihrer unwerth auch Axelhjelm meiner Anſicht nach ſein mag, ſo hat es mich dennoch verdroſſen und gepeinigt, wenn er ſeine glühenden Blicke auf Sie heftete.“ Jacobo erhob ſich, indem er in ſcherzendem Ton hinzufügte: „Jetzt will ich Ihren Anbetern nicht länger zu deren Qual im Wege ſtehen.“ Damit kehrte er in den Salon zurück. 225 Conſtanze blieb ſitzen. Ihr Herz ſchlug auf's Heftigſte, und ihr ganzes Innere glich einem Chaos aufgeregter Gefühle. Ein einziger Eindruck ſtand klar vor ihrer Seele, nämlich, daß ſie ſich glücklich fühlte. Hätte man ſie gefragt, worüber, ſo wäre ihr die Beantwortung der Frage ſchwer gefallen. Lang blieb ſie jedoch nicht allein; im nächſten Augenblick war ſie von ihren aufwartenden Rittern umgeben. Nach dem Souper machte man eine Promenade. Conſtanze hatte einen kleinen Schäferhut mit einer langen Feder auf dem Kopf. „Wenn ich eine Dame mit einem ſolchen Thea⸗ terhut ſehe, denke ich unwillkürlich an eine Kunſtrei⸗ terin,“ ſagte Jacobo. „Was iſt denn an meinem Hute, das ihn thea⸗ traliſch macht?“ fragte Conſtanze. „Die Feder.“ „Mißfällt ſie Ihnen?“ „Aufrichtig geſagt, ja!— Nun bin ich ganz ge⸗ wiß ohne Rettung in Ungnade gefallen,“ ſetzte er lächelnd hinzu. Conſtanze antwortete Nichts, ſondern nahm die E ab und ſetzte dann den Hut wieder auf den Kopf. 5 „Fräulein Conſtanze,“ rief Jacobo, dießmal in vollkommen aufgeregtem Tone.„Was haben Sie gethan?“ „Meine Achtung vor Ihrem Urtheil bewieſen,“ flüſterte ſie. Jacobo drückte ihre Hand an ſeine Lippen. Schwartz, Arbeit adelt den Mann. I. 15 „Haben Sie Dank, auch wenn es blos eine au⸗ genblickliche Laune war.“ „Sie glauben alſo, daß Alles bei mir nur eine Ausgeburt meiner Launen ſei?“ „Ich muß es glauben,“ erwiederte Jacobo, in⸗ dem er die Hand, die er bisher in der ſeinigen ge⸗ halten hatte, fahren ließ, und ſetzte dann hinzu:„Was iſt unſer Glück anders, als eine angenehme Laune der Schickſalsgöttin?“ Die übrige Geſellſchaft kam jetzt auch auf die Veranda heraus, wo dieſe kleine Scene ſtatttgefunden hatte, ohne daß Jemand Zeuge davon geweſen war. XXXIII. Fleißiger als jemals beſuchte Jacobo jetzt Kungs⸗ borg, und ſehr oft geſchah es, daß der eifrige und thätige Mann ſich zeitiger einfand, als er ſonſt von den Comptoirgeſchäften und Werkſtätten ſich loszu⸗ machen pflegte. Sein erſter Blick fiel immer auf Conſtanze. Er ſpielte jedoch nicht die gewöhnliche, langweilige Rolle des ſeiner Schönen nicht von der Seite weichenden Anbeters; vielmehs geſchah es ſehr oft, daß er einen ganzen Abend nur im Lauf der allgemeinen Conver⸗ ſation mit ihr zu ſprechen kam. Wenn Kurt zu Kungsborg war, ſo unterhielt er ſich faſt ausſchließlich mit dieſem. Das Geſpräch drehte ſich dann um Amerika und führte zu kleinen Debatten zwiſchen Helfrid und den Herren. Eines Abends hatten Kurt, Hermann und Jacobo 227 mit vielem Eifer die letzte Präſidentenwahl discutirt. Stephana und Helfrid hatten ſich auch daran be⸗ theiligt. Conſtanze verhielt ſich ſtill. Als die Debatte zu Ende war, wandte ſich Ja⸗ cobo an ſie mit den Worten: „Wenn von Amerika die Rede iſt, bleiben Sie immer ſtumm. Geſchieht dieß aus Vorurtheil gegen das Land der Freiheit?“ „Aus Unwiſſenheit,“ antwortete ſie lächelnd. „Ich habe hundertmal verſchiedene Werke über Ame⸗ rika angefangen, aber ſie immer um eines andern willen wieder bei Seite gelegt.“ „Das wiederum ſeinerſeits einem dritten Platz machen mußte,“ entgegnete Jacobo lachend. „Oft iſt das allerdings vorgekommen. Eine Idee wird ſo leicht von einer andern abgelöst.“ „Bei Ihnen, das iſt wahr. Es wäre jedoch ſchlimm mit der Welt beſtellt, wenn alle Menſchen in dieſem Falle Ihnen glichen. Dann würde Alles angefangen, aber Nichts vollendet.“ „Sie haben bis zu einem gewiſſen Grade Recht. Ich glaube jedoch, daß jeder Menſch einen beſtimmten Beruf hat; aber daß es auch eines gewiſſen An⸗ ſtoßes von außen bedarf, um in Wirkſamkeit zu treten. Ehe dieſe Umwälzung in unſerem Innern ſtattfindet, wird die Seele von dem Winde der Ideen ohne Steuer und Compaß dahin getrieben.“ „Ja, im Fall es uns an Principien mangelt.“ „Ah! Herr Lange, Sie wollen ſomit behaupten, daß ich ohne Principien ſei?“ „Ja, Sie handeln nach Impulſen. Darum herrſcht auch ſelten Harmonie und Ausdauer in Ihren 15* 228 Vorſätzen. Sie und Fräulein Helfrid ſind in dieſem Fall zwei Gegenſätze. Sie folgt in Allem beſtimmten Principien; ſie würde eher ſterben, als davon ab⸗ weichen.“ Conſtanze wechſelte die Farbe und erhob ſich mit den Worten: „Was kennen Sie denn von mir? die Außenſeite, das iſt Alles.“ Sie entfernte ſich raſch von ihm. Es war zum erſten Mal ſeit langer Zeit, daß Conſtanze eine Miene des Mißvergnügens gegen Jacobo blicken ließ. Er ſah ihr mit einem eigenthümlichen, überraſch⸗ ten Blick nach, blieb aber an ſeinem Platz und be⸗ gann mit Helfrid zu ſprechen. Während des Soupers kam ein heftiges Gewitter mit Regen, Sturm und Donner zum Ausbruch. So⸗ gleich ſchickte ſich Lange an, heimzufahren. „Aber, lieber Lange, der Himmel iſt kohlſchwarz,“ bemerkte Graf Hermann;„und ich kann unmöglich die Nothwendigkeit einſehen, daß Du fortgehſt. Du ſetzeſt dich blos der Gefahr aus, den Hals zu brechen.“ Jacobo erwiederte, er könne und dürfe unmöglich von der Fabrik fern ſein, wenn ein Unglück geſchähe, und damit gab er Befehl, anzuſpannen. Während er darauf wartete, näherte er ſich Con⸗ ſtanze, um ihr Lebewohl zu ſagen. „Sie ſind ein wirklicher Egoiſt,“ ſagte ſie,„daß Sie den Bitten Ihrer Freunde widerſtehen und aus eitel Eigenſinn einen unvernünftigen Entſchluß in Vollzug ſetzen können. Das nennen Sie nach Principien handeln?“ „Ja, und ich würde mich ſelbſt gering achten, 229 wenn ich durch ein wenig Donner und Regen mich abhalten ließe, auf der Stelle zu ſein, wohin meine Pflicht mich ruft.“ „Glauben Sie wirklich, daß Jemand anders, als Sie ſelbſt, Ihnen Recht gibt?“ „Ich glaube, daß es Alle thun; wenigſtens Je⸗ dermann, der Grundſätze hat.“ Jacobo lächelte bei dieſen Worten. Conſtanze erröthete. „Helfrid vor allen Dingen, nicht wahr?“ ſagte ſie endlich mit einem kalten und ſtolzen Blick. „Beweis dafür iſt, daß Fräulein Helfrid nicht mit einem Wort zum Bleiben mich zu überreden ſuchte. Leben ſie wohl, Fräulein Conſtanze.“ Jacobo reichte ihr die Hand zum Abſchied, aber Conſtanze that, als merke ſie es nicht. „Leben Sie wohl! Sie ſind alſo zufrieden mit ſich ſelbſt? Sie haben den Triumph, Ihre Freunde in Angſt zu laſſen.“ „Wozu dieſe Bitterkeit? Sie ſind ſelbſt ein allzu edler Charakter, um meine Handlungsweiſe nicht richtig aufzufaſſen. Ein freundliches Wort und Ihre Hand zum Abſchied.“ Es lag etwas Weiches in Jacobo's Stimme, aber Conſtanze hörte nicht darauf. Sie wurde von Gefühlen beherrſcht, welche ihr Alles, nur nicht Milde und Freundlichkeit einflößten. Sie verbeugte ſich deshalb blos und ſagte: „Leben Sie wohl, Herr Lange.“ Einige Minuten darauf ſaß Lange in ſeinem Wagen, der in die ſchwarze Nacht hineinfuhr, welche einzig von den dicht auf einander folgenden Blitz⸗ 230 ſtrahlen erhellt wurde. Er war ganz gleichgültig gegen das Gewitter; ſeine ganze Seele war zu Akers⸗ näs und erfüllt von der Beſorgniß, es möchte ein Unglück geſchehen, ehe er zur Stelle wäre. Gerade als er an dem Fabrikthore vorfuhr fühlte er ſich mit Rieſenkraft auf den Boden des Wagens niedergeworfen, und dabei empfand er einen ſo hef⸗ tigen Druck auf die Bruſt, daß er einige Minuten die Beſinnung verlor. Als er wieder zu ſich kam, wurde er von einem ſtarken Feuerſchein geblendet. Erſchrocken raffte er ſich auf. Der Wagen, worin er ſich befand, hielt ſtill. Die Pferde waren vom Blitz getroffen worden. Der Kutſcher begann auch, ſich wieder zu erholen, denn er hatte, gleich Lange, das Bewußtſein verloren. Eine der Arbeiterwohnungen ſtand in lichten Flam⸗ men. Es war ein ſchrecklicher Anblick. Der Sturm erhöhte das Drohende der Gefahr, und im erſten Moment ſah Lange keine Rettung, weder für die andern Arbeiterwohnungen, noch für die Fabrik. Aber nur eine Sekunde überließ er ſich dieſem dü⸗ ſtern Eindruck; im nächſten Augenblick war er von Leuten umringt und an der Spitze der Löſcharbeiten. XXV. Azurblau und klar war der Himmel am folgenden Morgen, Die Septemberſonne zog ſo glänzend und lächelnd an dem wolkenfreien Himmelsgewölbe dahin, unbewußt des Entſetzens und der Zerſtörung, welche die entflohene Nacht in ihrem Schooße mit ſich gebracht 231 hatte. Die noch vom Regen durchnäßten Bäume flimmerten im Sonnenlicht, wie wenn ſie mit Tau⸗ ſenden von Diamanten überſäet wären. Der Sturm war vorüber, und der Wind lag noch ſchlummernd in den Armen des Morgens. Nur das Meer verrieth den Aufruhr der Nacht, indem es mit einem klagenden Seufzer gegen den Strand anſchlug. Alles ſchlief noch zu Kungsborg, als Conſtanze auf den Balkon hinaustrat, wie um die prächtige Himmelskönigin zu begrüßen; aber unbegreiflicher Weiſe ſchenkte ſie ihr nicht einen Blick, ſondern ließ die Augen in dem weiten Raume hinſchweifen, als ob ſie in der Ferne den Gegenſtand, welchen ſie ſuchte, entdecken wollte. Plötzlich wurde ihre Aufmerkſamkeit durch einen Reiter gefeſſelt, welcher durch die Allee heranſprengte und vor dem großen Gitterthore anhielt. Sie hörte ihn gegen einen der Diener äußern: „Ich ſoll dieß ſogleich dem Herrn Grafen über⸗ geben“ Mit dieſen Worten ſtreckte er einen Brief hin. „Der Herr Graf iſt noch nicht aufgeſtanden,“ antwortete Eklund, der jetzt auch zum Gitterthor herabgekommen war. 5„Das macht Nichts, er muß ihn ſogleich erhalten, Was er weiter ſagte, verſtand Conſtanze nicht; wohl aber gelangte ein Ausruf des Dieners wieder an ihr Ohr: „Ein ſolches Unglück! das muß der Herr Graf ſogleich wiſſen! Herr Gott, daß ſo etwas in Akers⸗ näs geſchehen ſollte!“ Eklund marſchirte mit haſtigen Schritten über den Hof, ohne auf Conſtanze's Anruf zu hören. Die Worte Akersnäs und Unglück verurſachten ihr eine ſolche Angſt, daß ſie unmöglich länger auf dem Balkon bleiben konnte. Sie eilte die Treppe hinunter, um ſich Kunde davon zu verſchaffen, was vorgefallen war; als ſie aber bei dem Gitterthor anlangte, ſah ſie, wie der Bote von Akersnäs gerade in geſtrecktem Trab davon eilte, und Niemand von der Dienerſchaft war ſichtbar. Sie kehrte in das Haus zurück und begab ſich in den untern Salon, in der Hoffnung, dort Eklund zu treffen. In dieſem Augenblick gewahrte ſie, wie Graf Hermann eilig ſich durch den Garten begab und den Weg nach dem Stall nahm. Einige Minuten ſpäter vernahm ſie den Hufſchlag eines Pferdes, welches ſich ſchnell von dort entfernte. Irgend ein Unglück war wirklich geſchehen aber welches? Conſtanze's Herz ſchlug gewaltſam. In ihren Ohren ertönten Jacobo's Worte: „Ihre Hand und ein freundliches Wort zum Ab⸗ ſchied!“ Im Laufe einer halben Stunde machte Conſtanze alle die Qualen durch, welche von Furcht und Un⸗ gewißheit geſchaffen werden können. Endlich wurden ſie unerträglich. Sie trat zum Glockenzug und läu⸗ tete. Eklund erſchien unter der Thüre. „Iſt die Frau Gräfin aufgeſtanden?“ fragte ſie. „Nein, ſie hat noch nicht geklingelt.“ „Wohin fuhr der Graf?“ 233 „Nach Akersnäs.“ Conſtanze preßte die Hände zuſammen, um ſo viel Macht über ihre Stimme zu gewinnen, daß ſie mit ſcheinbarer Ruhe noch eine Frage ſtellen konnte. „Iſt etwas Schlimmes vorgefallen?“ „Ich weiß es nicht,“ antwortete Eklund aus⸗ weichend. „Sie wiſſen es gewiß!“ rief Conſtanze, jetzt nicht mehr im Stande, ihre Ruhe zu behaupten.„Sie haben mit dem reitenden Boten geſprochen, welcher hier ankam.“ „Fräulein, er hatte einen Brief an den gnädigen Herrn Grafen, mehr iſt mir nicht bekannt,“ erwiederte der Alte in beſtimmtem Ton und machte eine tiefe Verbeugung, worauf er ſich zurückzog. „O mein Gott, was iſt vorgefallen, das man ſo zu verheimlichen ſucht!“ Conſtanze war in voller Verzweiflung. Belfrid trat jetzt in den Salon. Conſtanze eilte ihr entgegen, uneingedenk der Erbitterung, welche ſie geſtern Abend empfunden hatte, und rief: „Sage mir aus Barmherzigkeit, was hat ſich für ein Ungkück dieſe Nacht zu Akersnäs ereignet?“ „Der Blitz hat daſelbſt eingeſchlagen,“ antwortete Helfrid mit vollkommen ruhiger Stimme, obwohl ihre Lippen bleich waren. „Was ſagſt Du, Helfrid?“ rief Conſtanze, ſie am Arm faſſend.„Und er?“ Ob Helfrid dieſe letzte Frage nicht hörte oder ſich nur ſo ſtellte das wiſſen wir nicht. Sie er⸗ wiederte ganz kalt: „Herrn Lange's Pferde ſind getödtet worden und 234 ein Arbeiterwohnhaus iſt niedergebrannt. Die übri⸗ gen ſind durch Lange's Geiſtesgegenwart gerettet.“ „Er iſt alſo unverſehrt?“ fragte Conſtanze tief aufathmend. „Ich hoffe es. „Du hoffſt es! Weißt es alſo nicht?“ „Nein! Niemand als Hermann kennt den Inhalt des Billets, welches er erhielt.“ Helfrid fuhr mit der Hand über die bleiche und kalte Stirne. „Nicht einmal Stephana?“ „Sie iſt in Unkunde über das ganze Ereigniß,“ erwiederte Helfrid.„Hermann hat der Dienerſchaft verboten, Etwas vor ſeiner Rückkehr zu ſagen.“ Helfrid ſetzte ſich auf einen Fauteuil und beugte den Kopf auf die Lehne zurück. Wäre Conſtanze von allen den unruhigen, qualvollen Gedanken, welche ſie beſtürmten, nicht ſo ganz in Anſpruch genommen ge⸗ weſen, ſie hätte in Helfrids bleichem und unbeweg⸗ lichem Angeſicht einen ſo tiefen Schmerz leſen können, daß dadurch der Umlauf des Bluts gehemmt zu ſein ſchien. Während die Angſt von Conſtanze ſich in jedem Zug abſpiegelte und ſie in unaufhörlicher Un⸗ ruhe hin und hertrieb, ſaß Helfrid, zu ſtolz, um der Qual, die ihr Inneres verzehrte, Luft zu machen, wie verſteinert da. Ein paar Stunden ſpäter kam Hermann zurück. Conſtanze beſtürmte ihn mit Fragen, worauf ſie die Antwort erhielt, daß Lange am Leben ſei, zwei ſeiner Arbeiter bei den Bemühungen zu löſchen ſolche Ver⸗ letzungen erhalten haben, daß der eine davon ſchon verſchieden ſei, der Andere im Sterben liege. 235 Weder dieſen noch den folgenden Tag ließ ſich Jacobo zu Kungsborg ſehen. Das Warten wurde Conſtanze endlich allzu lang. Eines Morgens fragte ſie Stephana: „Haſt Du nicht die Abſicht, nach Akersnäs hin⸗ überzufahren? Es kommt mir unbegreiflich vor, daß nicht gleich nach dem Unglücksfall dieß gethan ha „Hermann wollte es nicht.“ „Aber der Onkel iſt ja faſt alle Tage dort.“ „Weil Jacobo ſeiner Hülfe bedarf. Heute habe ich jedoch beſchloſſen, ſie zu überraſchen. Haſt Du Luſt, mich zu begleiten?“ fragte ſie Conſtanze. „Ach ja!“ „Nun und Du, Helfrid?“ ſetzte Stephana hinzu, indem ſie einen freundlichen und theilnehmenden Blick auf ihre Schwägerin heftete. „Ich bleibe daheim.“ Als der Wagen in dem Hofe von Akersnäs hielt und der erſte Buchhalter erſchien, um zu öffnen, fragte Stephana: „Nun, wie ſteht es hier?“ „D, Gott ſei Dank! der Herr Patron iſt wieder wohl und außer aller Gefahr, aber wir haben das Schlimmſte gefürchtet. Nach dem ſchweren Schlag auf den Kopf war er ſo lang bewußtlos, daß es ausſah, als ob er todt wäre.“ Conſtanze blieb bleich und unbeweglich ſitzen. Stephana ſtieg aus dem Wagen. „Liegt Herr Lange im Bette?“ fragte Stephana weiter. „Heute iſt er zum erſten Mal wieder auf. Die 236 Frau Gräfin trifft ihn und den Herrn Grafen im Salon.“ „Komm', Conſtanze!“ rief Stephana und ging voran. Beim Eintritt fanden ſie Jacobo auf einem Sopha halbliegend ausgeſtreckt, ungewöhnlich bleich. Graf Hermann ging ihnen entgegen. „Die weibliche Neugierde hielt es nicht länger aus,“ bemerkte der Graf und hob drohend den Fin⸗ ger gegen Stephana. „Ich wollte hieher, um die Wahrheit zu erfah⸗ ren,“ antwortete ſie. Jacobo erhob ſich und kam gleichfalls auf ſie zu⸗ Als Conſtanze ihm die Hand reichte, ſprach ſie mit leiſer Stimme: „Ich bin hieher gekommen, um Sie um Ver⸗ gebung zu bitten. Können Sie mir mein Benehmen bei unſerem letzten Abſchied verzeihen?“ „Der Anblick von Ihnen hat es ſelbſt bis auf die Erinnerung verwiſcht,“ erwiederte Jacobo und drückte warm ihre Hand. Nur kurze Zeit verweilten die Damen zu Akersnäs. XXXVI. Nach einigen Tagen war Lange ſo weit wieder hergeſtellt, daß er ſich zu Kungsborg einfand. Er fand Konſtanze allein im Salon. Sie eilte ihm mit einem Ausdruck wahrer und ungemiſchter Freude entgegen und rief, indem ſie ihm ihre beiden Hände reichte: 237 „Wie froh ich bin, Sie wieder in Kungsborg, zu ſehen, kann ich Ihnen gar nicht ſagen.“ „Ach! Fräulein Conſtanze, Sie ahnen nicht, wie glücklich Ihre Worte und Ihr Willkomm mich machen! O, ſagen Sie noch einmal, daß es Sie freut, mich zu ſehen!“ Jacobo beugte ſich nieder zu ihr und ſah ſie an. „Brauche ich es zu wiederholen?“ fragte ſie. „Nein!“ erwiederte Jacobo, indem er ſie ſanft an ſich zog und ſeine Lippen auf ihre Stirne drückte. „Baron Evert Axelhjelm!“ meldete Eklund in ſeinem gewöhnlichen ceremoniöſen Ton. Jacobo drückte noch einmal Conſtanze's Hand in der ſeini⸗ gen, dann wandte er ſich gegen den Eintretenden. Evert's Augen blitzten, als er Conſtanze und Jacobo allein bei einander ſah. „Der Herr Baron iſt alſo ſchon von ſeiner Reiſe zurückgekehrt?“ „Schon“ war alſo das Wort, womit ſie ihn nach einer Abweſenheit von drei Wochen begrüßte. Evert hatte die Hoffnung genährt, ſie würde die Zeit während ſeiner Entfernung lang finden, und nun kam ſie ihm mit einem Ausruf entgegen, wel⸗ cher deutlich das Gegentheil zu erkennen gab. Graf Romarhjerta's Eintritt zwang Evert, ſeine Aufmerkſamkeit dieſem zuzuwenden. Er mußte Re⸗ chenſchaft geben, wie er ſeinen Auftrag ausgeführt hatte. Nachdem er bezüglich hierauf ſeine Schuldig⸗ keit erfüllt hatte, nahm Stephana ihn in Beſchlag, und nach ihr ließ Helfrid ſich neben dem jungen Mann nieder. Kurz, er fand keine Zeit, Conſtanze 238 ein einziges von allen den bittern Dingen zu ſagen, welche er in Gedanken für ſie in Bereitſchaft hatte und in ihrer Wirkung als ſo bedeutſam betrachtete. Das Blut kochend vor Wuth und Eiferſucht, mußte er Kungsborg verlaſſen. Während die„Drachen,“ wie er im Stillen Ste⸗ phana und Helfrid nannte, ihn mit ihrem Geſpräch marterten, mußte er zuſehen, wie Jacobo auf eine ganz vertrauliche Weiſe mit Conſtanze ſcherzte. Vor Wuth hätte er erſticken mögen! Die ganze Nacht brütete Evert über einen recht ſchrecklichen Racheplan gegen beide, Jacobo und Con⸗ ſtanze. Am Morgen wurde er auf's Unangenehmſte durch ein Billet von dem Grafen Hermann über⸗ raſcht, welches die Aufforderung enthielt, ihn auf eines von ſeinen Gütern, eine Meile von Kungsborg, wo eine Dampfmühle errichtet werden ſollte, zu be⸗ gleiten. Somit war ihm Conſtanze und die Ausführung ſeiner Rachepläne wieder in die Ferne gerückt. Wie verwünſchte er nicht von ganzer Seele das Schickſal, welches ihn arm geboren werden ließ; denn dieſes Unglück war es ja, welches ihn in Abhängigkeit verſetzte und ihm die Nothwendigkeit auferlegte, ſich wider ſeinen Willen von dem Gegenſtand ſeiner Wünſche zu entfernen. Während er ſich zur Reiſe ankleidete, dachte er: „Koſte es, was es wolle; ich muß aus dieſer Abhängigkeit heraus. Ich muß auf die eine oder andere Weiſe reich werden. Dieſe Arbeiterrolle ſteht mir nicht an!“ 239 XXXVII. Nach ſeiner Heimkehr von Kungsborg wanderte Jacobo lange Zeit in ſeinem Zimmer auf und ab. Der unaufhörlich wechſelnde Geſichtsausdruck bewies, daß des Mannes kalter und nüchterner Verſtand mit dem Gefühl in Streit gerathen war. Endlich nach einer ununterbrochenen Promenade von ein paar Stunden ſetzte er ſich an den Schreibtiſch und begann einen Brief folgenden Inhalts: „Fräulein Conſtanze! „Sie wünſchten von mir Copins Vorleſungen zu erhalten. Hiemit überſende ich Ihnen dieſelben. „Eine ſo einfache Handlung wie dieſe, denken Sie, brauchte nicht von einem Briefe begleitet zu werden. Ganz richtig;— aber ich mußte an Sie ſchreiben und darum benütze ich die Gelegenheit, um dieſe Zeilen dem Buche beizugeſellen. „Ich mußte ſchreiben! Das iſt das rechte Wort. eine Vernunft ruft laut:„ſchreibe nicht;“ und doch habe ich die Feder ergriffen, um Ihnen zu ſagen, was Sie ſchon lange wußten. „Die feinfühlende Frau beſitzt im Allgemeinen eine ſo ſchnelle Auffaſſungsgabe, daß ſie die Bedeu⸗ tung eines Schweigens, einer Geberde, eines Blicks verſteht. Sie, Conſtanze, beſitzen insbeſondere dieſen Scharfſinn. Sie haben ſomit längſt verſtanden, daß ich Sie liebe. „Ich liebe Sie!— Sehen Sie, ich glaubte nie⸗ mals, daß ich dieſe drei Worte noch einmal gegen eine Frau ausſprechen würde; und doch habe ich ſie 240 jetzt geſagt. Die Liebe zu Ihnen hat ſich in mein Herz eingeſchlichen, ohne daß ich ihr einen Platz daſelbſt laſſen wollte, ohne doß ich ſelbſt auch nur einmal fürchtete, eines Tags würde ich aus meiner Sicherheit erwachen und mich ſo ernſtlich und tief gefeſſelt finden daß mein Glück und mein Frieden in Ihre Hände gelegt wäre. „Mehrere Stunden lang habe ich mein Schickſal noch überdacht. Ich habe gefragt, ob ich der Mann bin, den Sie lieben ſollten, und ob Sie auch eine Frau für mich ſind. Die kalte Vernunft hat auch dieſe beiden Fragen mit Nein beantwortet. „Ich, mit meiner ernſten Gemüthsart, bin nicht der Mann, den Sie auf die Dauer lieb haben können. Sie, veränderlich wie der Himmel eines Apriltags, immerdar wechſelnd und immerdar neu;— Ihnen muß ich einförmig vorkommen. „Wenig excentriſch, und noch weniger ſchwär⸗ meriſch, ſind meine Gefühle ſtark und tief. Sie ent⸗ ſproſſen nicht dem Boden der Phantaſie, ſondern ſchlagen Wurzel im Herzen. So wie ich Sie heute liebe, warm und heilig, werde ich Sie das ganze Leben hindurch lieben, im Fall Sie meine Gattin werden; nur mit dem Unterſchied, daß ich jetzt ohne einen Schatten von Bitterkeit den Verluſt von Ihnen ertragen könnte, weil noch kein Verſprechen mich be⸗ vollmächtigt, von der Zukunft zu träumen. Aber wenn ich eines Tages, nachdem Sie mir das Recht zu glauben und zu hoffen gegeben hatten, entdeckte, daß Ihre Liebe nur ein Blendwerk Ihrer Phantaſie, oder eine Laune geweſen, wodurch Sie verleitet wurden, mit meinem Herzen zu ſpielen, ſo würde ich 241 ſtreng und vielleicht hart ſein. Es würde mir an Kraft gebrechen, zu verzeihen.“ „Ich weiß, daß Sie jetzt mich lieben. Ich habe es in Ihrem Blick geleſen; in Ihrem Thun geſehen; aber iſt dieſes Gefühl ein wirkliches, oder blos eine augenblickliche Phantaſie, welche die Geſtalt der Liebe angenommen hat? Dieſe Frage habe ich mir gethan, ohne eine Antwort darauf zu wagen. „Erſt ſeit Kurzem kenne ich Sie. Drei Monate ſind ja kaum eine Sekunde Zeit! Und dennoch liebe ich Sie ſo innig, ſo unbegrenzt, daß ich trotz Allem, was mich davon abhalten ſollte, jetzt meine Zukunft in Ihre Hände zu legen im Begriff bin. „Sie ſind reich! Das iſt ſogleich eine Eigen⸗ ſchaft, die ich niemals bei der Frau hätte finden mögen, welche ich zu meiner Gattin wählen wollte. Sie ſind von altem Adel. Ach! Conſtanze, ein Re⸗ publikaner, wie ich, muß das Mädchen ungemein lieben, welchem er, trotz der hochadeligen Abkunft, ſeine Hand bietet. „Meine Liebe hat ſomit ſelbſt über meine Grund⸗ ſätze geſiegt. Vernunft, Stolz— Alles hat weichen müſſen, und ich höre blos auf die Stimme des Her⸗ zens— dieſes Herzens, welches Sie mit einer unerklärlichen Zaubermacht ganz und gar beherrſchen. „Sie ſind nicht meine erſte Liebe. Nein, ich habe ebenſo innig und vielleicht noch inniger geliebt. Das war mit einem jungen, übervollen Herzen, da die Seele in ihrer Abondanz von Leidenſchaft ſchwelgt. „Jetzt iſt es das ernſte und ſtarke Gefühl des gereiften Mannes, welches ich Ihnen biete. Können Schwartz, Arbeit adelt den Mann. I. 6 242 und werden Sie es annehmen? Ich weiß es nicht; aber das weiß ich, daß es ſeit dem geſtrigen Tage mir unmöglich wäre, Sie wieder zu ſehen, bevor ich Gewißheit erhalten habe, ob die Gegenwart nur ein verlockendes Trugbild iſt, welchem die Zukunft nicht entſpricht. Ehe Ihre Antwort an mich gelangt iſt, ſehen wir einander nicht. „Noch ein Wort: bedenken Sie wohl, daß es ein Handwerker iſt, welcher Ihnen, dem reichen und ſtol⸗ zen Fräulein Callenſtjerna, ſeine Hand bietet. Ueber⸗ legen Sie es wohl! Mein Adel heißt— Arbeit. „Welche Antwort Ihr Herz auch geben mag, ſo wünſche ich, daß, ſo lange Sie in Kungsborg ver⸗ weilen, Niemand von dem, was zwiſchen uns vorge⸗ fallen iſt, Kenntniß erhalte. Eines Tags werde ich Ihnen den Grund dieſes Begehrens mittheilen. „Nun leben Sie wohl, Fräulein Conſtanze! Be⸗ ſchließen Sie über meine Zukunft. Einmal habe ich Ihnen mein Leben angeboten; aber zum zweiten Mal werde ich es nicht thun. Wie auch Ihr Ur⸗ theilsſpruch ausfallen mag, immer verbleibe ich Ihr ergebener Jacobo Lange.“ XXXVIII. Am folgenden Morgen, während der Wagen mit dem Grafen Romarhjerta und Evert davon rollte und immer weiter ſich von Kungsborg entfernte, ſaß Conſtanze eingeſchloſſen in ihrem Zimmer und ſtu⸗ dirte Jacobo's Brief. Lilien und Purpurflammen 243 wechſelten während des Leſens auf den Wangen der Jungfrau. Als ſie fertig war, blieb ſie eine Weile unbeweglich ſitzen und ſchaute auf den Brief. Sie drückte die Hand feſt auf das Herz. „Es iſt alſo keine Täuſchung, ſondern eine Wahr⸗ heit, daß dieſer Mann, ſo hoch über allen Andern ſtehend, mich liebt,“ flüſterte ſie. Wiederum wurde der Brief durchleſen. „Wie ſagt er mir das?“ fragte ſie dann im Stillen, nachdem ſie an dem Schluß deſſelben war. „Ja, mit einer Ruhe und mit einem Ernſt, der mich zugleich erſchreckt und entzückt.“ Sie legte die Hände zuſammen und ſtützte den Kopf darauf. An ihrem freudeſtrahlenden Geſichte erkannte man, daß ſie Gott dankte. Nur einige Augenblicke verharrte ſie in dieſer Haltung, dann ſprang ſie auf und ſetzte ſich hin, um den Brief zu beantworten. Dieſer lautete folgendermaßen: „Oft und viel habe ich mir den Augenblick ge⸗ träumt, wo der Mann, der meinem Herzen theuer werden ſollte, mir ſeine Liebe erklärte.— Ich dachte mir dieſe Erklärung warm, glühend und excentriſch. Ein Echo meines eigenen Innern. Hinreißend durch ihre Uebertreibung, unwiderſtehlich durch ihre Stärke und Leidenſchaft. „Dieß, Herr Lange, war meine Vorſtellung von den Gefühlen des Mannes, den ich lieben würde.— Und nun? Sie haben meinen ſchönen Roman zer⸗ ſtört, Blatt für Blatt entzwei geriſſen und aus mei⸗ nem Gedächtniß, was darin geſchrieben ſtand, beinahe vertilgt. 16* 244 „Ein ſchwärmeriſches, launenhaftes und excentri⸗ ſches Mädchen, wurde ich vom Zufall in dieſes dü⸗ ſtere Kungsborg geführt, wo der Geiſt der unglück⸗ lichen Gunilla noch umgeht und ſpuckt.— An dieſem unheimlichen Orte, wo ruheloſe Geiſter weilen, ſollte man vor der Liebe vollkommen ſicher ſein.— Habe ich nicht Recht? Ich bildete mir es ein; aber ich betrog mich. Sie und ich, wir trafen zuſammen. Ich fühlte ſchon beim erſten Anblick, daß ich Sie verabſcheuen ſollte.— Ich wurde Ihre Feindin, und war damit— verloren. „Sie wiſſen, daß ich Sie nun liebe. Ich habe es jedoch niemals geſagt. Sie haben es in meinem Blick geleſen.— Nun wohl, glauben Sie dem Blick; er lügt nicht. Iſt dieſes Gefühl eine Wirklichkeit? — Mein Herr, Conſtanze liebt nicht mit der Phan⸗ taſie, ſondern mit dem Herzen.— Mein Herz ge⸗ hört Ihnen, und wird niemals, merken Sie wohl, ich ſage niemals, einem Andern angehören. „Sie haben früher geliebt, leidenſchaftlicher, in⸗ niger. Ich beneide diejenige, welche ſo von Ihnen geliebt wurde. Ich bin glücklich und ſtolz auf die Liebe, welche Sie mir ſchenken. „Wenn das Schickſal mein Glück zerſplittern und mich Ihrer Liebe berauben ſollte, ſo werde ich nie⸗ mals mich einem andern Mann hingeben. Alles, was mein Herz Edles, Stolzes und Mächtiges be⸗ ſitzt, iſt in dem Gefühle vereint, welches ich für Sie hege. Die Kraft der Seele hält eine ſolche Ver⸗ ſchwendung nicht mehr als einmal im Leben aus. Darum— ſind Sie der Erſte, den ich auf Erden geliebt habe und lieben werde. 245 „Braucht Conſtanze noch mehr zu ſagen? Nein! Jacobo weiß, daß die Frau, welche er mit ſeiner Liebe beehrt, ſtolz iſt, ſich nennen zu dürfen ſeine Conſtanze.“ Und als der Abend kam, wer war es da, der trotz der Finſterniß des Oktoberabends, trotz Re⸗ gen und Sturm auf dem Wege nach Kungsborg dahin ſprengte, wenn nicht Jacobo?— Wer war es, der mit einem ganzen verheißungsvollen Himmel von Liebe und Glüceligkeit im Blick ihm entgegen⸗ kam und ihn willkommen hieß, wenn nicht Con⸗ ſtanze? Der Gott der Liebe hatte beſchloſſen, daß Jacobo gerade eintreten ſollte, während ſie allein war. Nur einige Minuten befanden ſie ſich allein, aber dennoch ſchloſſen dieſelben ſo viel wahres Glück in ſich— gefangen genommen von der Sekunde und hernach auf ewig in der unergründlichen Tiefe der Vergan⸗ genheit hinweggeführt. Schließen zwei Menſchen, wenn auch nur unter vier Augen, ein ſolches Bündniß, ſo beſchleicht die andern eine eigenthümliche Verſtimmung. Es iſt als ob der Inſtinkt ſie fühlen ließe, daß Etwas vorge⸗ gangen. Sie wiſſen nicht, was es iſt, aber ſie ah⸗ nen ein Geheimniß.* So war es auch mit den Bewohnern von Kungs⸗ borg. Die ſonſt ſo muntere, muthwillige Olga ſaß ſtumm und zuſammengekauert in einem Fauteuil. Stephana hatte ſich in einen Shawl gewickelt und erklärte, Hermanns Reiſe koſte ſie alle Lebenswärme. Helfrid arbeitete fleißiger als gewöhnlich, und äu⸗ 246 ßerte von Zeit zu Zeit ihr Mißvergnügen über das Brüllen des Sturmwindes. Mamſell Debré hatte ſich gar nicht eingefunden,— ſie ſchützte Zahn⸗ weh vor. Jacobo ſuchte allerdings dieſes oder jenes Ge⸗ ſpräch auf die Bahn zu bringen, aber ohne Erfolg. Er war ganz ungewöhnlich zerſtreut. Sein Auge verirrte ſich unaufhörlich zu Conſtanze, und wenn er ihrem Blick begegnete, ſo kam er von dem Gegenſtand der Unterhaltung ganz ab. Conſtanze fädelte unaufhörlich ihre Sticknadel ein, vergaß aber dabei ſtets, auf das Auge derſel⸗ ben zu ſehen, ſo ſehr war ſie von ein paar andern in Anſpruch genommen, welche ſie ganz bezauberten. „Herr Gott, wie langweilig ſeid ihr!“ rief Ste⸗ phana, als das Geſpräch zum dritten Mal ins Sto⸗ cen gerieth.„Wäre es nicht ſo elendes Wetter, ich ſchickte gewiß nach Kurt.“ „Baron Kurt Axelhjelm,“ ertönte Eklunds Stimme von der Thüre her. Einen Augenblick darauf trat Kurt mit ſeinem gewöhnlichen raſchen und hurtigen Schritt ein. 3 „Gott ſei gelobt, daß Du kommſt!“ rief Ste⸗ phana ihm entgegen.„Ich wünſchte eben, das Wet⸗ ter möchte weniger ſchlecht ſein, damit ich nach Dir ſchicken könnte.“ „Dann gehe ich ſogleich wieder heim, nur um des Glücks zu genießen, von Ihnen, Tante, vermißt zu werden.“ „Du thuſt beſſer daran, zu bleiben und uns die unerträglich langſame Zeit todtſchlagen zu helfen. Ich bin nahe daran, vor Langeweile zu ſterben.“ 247 „Und wenn ich dableibe?“ „Dann werde ich mich bemühen, zu leben, im Fall Du nicht ebenſo gründlich langweilig biſt, wie Jacobo.“ „Wie, er langweilig?“ rief Kurt lachend.„Bei meiner Ehre, eine ſolche Anklage gegen ihn höre ich zum erſten Mal.“ „Ich erkläre daſſelbe,“ fiel Jacobo ein.„Die Anklage iſt auch ungerecht. Stephana iſt übler Laune, weil Romarhſerta verreist iſt, und findet folglich alle andern ennuyant.“ „Wir wollen die Tante zu zerſtreuen ſuchen,“ äußerte Kurt und ließ ſich auf einem Fauteuil neben Stephana nieder, während er deklamirte:„Draußen brüllt der Sturm, der Regen ſtürzt in Strömen von dem rabenſchwarzen Himmel, ausziehen alle Kobolde und Waldgeiſter, um Tod und Verderben um ſich herum zu verbreiten. Apropos wegen der Geiſter,“ uuterbrach er ſich plötzlich,„als ich da am Kirchhofe heiritt, fiel mir die Sage von der— ſchen Fa⸗ engruft ein.“ Iſt das eine Geſpenſtergeſchichte?“ rief Olga, wie aus einer Betäubung erwachend. „Eine der allerſchlimmſten.“ „Erzählen Sie dieſelbe,“ bat Olga. „Ja, das wäre jetzt ganz paſſend,“ meinte Stephana. „Ich habe die Geſchichte zwar ſchon gehört, aber ſie iſt mir aus dem Gedächtniß entſchwunden. Der Abend eignet ſich ſo ganz für dergleichen Erzählungen. Aus der ſchalen Stimmung, welche auf der Seele laſtet, muß man durch das eigenthümliche, oft pein⸗ 248 liche Intereſſe, womit wir den unglaublichſten Volks⸗ ſagen zuhören, herausgeriſſen werden.“ Im Kamin brannte ein luſtiges Feuer und man gruppirte ſich um daſſelbe herum. Ein Tiſch mit Obſt, Nüſſen und Wein wurde davor hingeſtellt, und nachdem Kurt durch ein Glas Traubenſaft ſich vor⸗ bereitet hatte, begann er folgende Erzählung. „Auf dem Kirchhof von Kungsby befindet ſich, wie Jedermann weiß, eine der Familie T. zugehörige Gruft. Sie iſt auf einer Anhöhe erbaut, gerade vor dem Haupteingang zu der Kirche. „Nun erzählt die Legende, daß der Hügel, wo⸗ rauf ſie erbaut iſt, urſprünglich ein ſogenannter Ge⸗ ſchlechtshügel war, worauf der Stammvater der Familie F. beigeſetzt wurde, nachdem er wacker im Dienſte Odins darauf hingearbeitet hatte, ſich einen Ehrenſitz im Saale der Walhalla zu verſchaffen. Die Sprößlinge des heidniſchen Kämpen gingen im Laufe der Zeit zum Chriſtenthum über, ſo daß die Kreuzzüge begannen, Ritter Göran ʒ. gleich ſich aufmachte, um bei der Befreiung Jeruſa mitzuhelfen. „Als nach ſchweren Kämpfen und keinem Siege der Ritter von dem Kreuzzuge heimkehrte, ließ er auf dem heidniſchen Geſchlechtshügel des Stammvaters für ſich und ſeine Familie eine Gruft aufführen. Sie wurde durch Meſſen eingeweiht, und Ritter Göran hoffte, eine friedliche Ruheſtätte daſelbſt zu finden. Der Ritter hatte zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter, die ſchöne Jungfrau Ragnhild. Um neben der Freiſtätte für ſeine irdiſchen Ueberreſte ſich 249 zugleich eine freundliche Aufnahme bei den Heiligen zu verſchaffen, wenn ſein Geiſt vom Körper getrennt würde, beſchloß er ſeine ſchöne Tochter zur Braut Chriſti zu machen. In dem heiligen Schooße des Kloſters ſollte das reine und unſchuldige Mädchen jeden Tag für die Seligkeit ihres Vaters beten, und ſomit würde es nicht fehlen, daß er Vergebung ſeiner Sünden erhielte, beſonders da das Kloſter Sturesjö bei der Einkleidung ſeiner Tochter reich begabt wurde. „Aber ſiehe, die junge Ragnhild hatte einen Herz⸗ geliebten und wollte ihn nicht gern verlaſſen, um in einem Kloſter zu verſchmachten, und deßwegen ver⸗ goß ſie während ihrer Novizenzeit Ströme von Thränen. An demſelben Tag, da man die Gruft mit Meſſen und Geſang zu einer Heimath des Frie⸗ dens weihte, wurde die weinende und verzweifelnde Ragnhild als Nonne eingekleidet. „Wie das erſte Jahr von Ragnhilds Nonnenzeit erging, davon weiß die Sage Nichts zu berichten; doch behauptet man, ſie ſei allmälig ruhiger geworden und habe ſich dem Anſchein nach vollkommen in ihr Schickſal ergeben. Die Urſache zu dieſer Umwand⸗ lung lag nach der Erklärung der Andächtigen darin, daß die heilige Jungfrau ſelbſt ſich Ragnhild geoffenbart hatte. Die minder Gläubigen flüſterten, ihr Geliebter finde ſich jeden Abend im Kloſtergarten ein und treffe hier mit der Braut Criſti zuſammen.— Wie dem nun auch ſein mag, ſo ſtarb während dieſer Zeit Ritter Göran. Mit Pomp und Staat wurde er in der koſtbaren Gruft beigeſetzt. „In der Nacht darauf gab es ein entſetzliches Leben auf dem Kirchhof; die Todten kamen alle⸗ 250 ſammt aus ihren Ruheplätzen hervor. Es entſpann ſich ein gewaltiger Streit, da der heidniſche Kämpe ſeinen den Göttern Walhalla's abgefallenen Ver⸗ wandten, des chriſtlichen Ritters Grab nicht auf ſei⸗ nem Geſchlechtshügel haben wollte. „Am Morgen fand man die Mauer der Gruft niedergeworfen. Sie wurde von Ritter Görans Sohn wieder erbaut und mit Weihwaſſer beſprengt; aber ſiehe da, als ſie fertig war und die Leiche des Rit⸗ ters abermals hineingebracht wurde, ging es gerade wieder ſo. Der alte Kämpe erſchütterte den Boden ſo heftig, daß die Gruft einſtürzte. Somit mußte ſie zum dritten Mal aufgebaut werden. „Als ſie nun vollendet war, fragte Ritter Görans Sohn den Abt des Kloſters, welcher ein hochgelehr⸗ ter Herr war, um Rath, wie man es anzuſtellen habe, um den Platz von dem Schatten des ergrimm⸗ ten Heiden zu befreien, damit die rechtgläubigen Ritter des Kreuzes dort ungeſtört ruhen durch Gebet und Faſten darnach zu ſtreben, damit er von Gott erleuchtet würde, was des Herrn Wille wäre und wie man den leidigen Verſucher beſiegen könnte, welcher durch den Heiden ſeinen Neid über dieſe heilige Stätte zu erkennen gebe. „Der Abt hatte noch keine Offenbarung erhalten, als Ragnhild ſich in Begleitung der Aebtiſſin bei ihm einfand. Sie erzählte, ihre Schutzheilige habe ihr im Traume offenbart und verkündet, daß man ihres Vaters Leichnam in der fertigen Gruft an einem Donnerſtag Abend um neun Uhr unter den Geſängen der Meſſe beiſetzen; und daß hernach ſie, Der Abt verſprach, ſich die Sache zu überlegen, 251 Ragnhild, die Nacht einſam in der Gruft unter Kaſteiungen und Gebet zubringen ſollte, nachdem ſie vorher einen durch Weihwaſſer geheiligten Roſen⸗ ſtrauch am Eingang derſelben gepflanzt hätte. „Am folgenden Tag erfuhr man, was Gott dem Abt offenbart hatte. Er gab die Erklärung ab, der Herr habe, durch ſeine Gebete bewogen, durch enbilbs Schutzheilige ſeinen Willen verkünden aſſen. „Unter Weihrauch. Geſang und Meſſe wurde die Leiche des Ritters Donnerſtag Abends um neun Uhr in die Gruft gebracht. Bei Sonnenuntergang hatte Ragnhild, gefolgt von einer Proceſſion ſingender Nonnen, den heiligen Roſenſtrauch an der Thüre der Gruft gepflanzt. Als alle Ceremonien beendet wa⸗ ren, ließ man Ragnhild zurück, um durch Andacht und Gebet den Schutz der heiligen Jungfrau herab⸗ zurufen. „Während der Nacht brach ein furchtbares Ge⸗ witter aus, die Leute rings herum dachten mit Angſt an die arme Beterin. Als es im Kloſter zwölf Uhr ſchlug, ſahen die Wächter, wie ein furchtbarer Kämpe gleich einem Sturmwind vorbeiritt und eine weiß⸗ gekleidete Frauengeſtalt mit hinwegführte. Sein Roß hatte flackernde Feuerflammen zur Mähne, und aus ſeinen Hufen und Nüſtern ſprühten Funken hervor. „Nach dieſer ſchrecklichen Kunde eilte man zu der Gruft; ſie ſtand unverſehrt da, aber Ragnhild war verſchwunden. Jetzt war die Sache klar. Der erzürnte Kämpe hatte ſie zum Sühnopfer genommen. Sie hatte dem Schatten ihres Vaters Ruhe und 252 Frieden erkauft, indem ſie ſich ſelbſt der ewigen Qual weihte.“ Mit gefalteten Händen, bleichen Wangen und bebendem Herzen hatte Olga der Erzählung zuge⸗ hört. Man konnte ſagen, ihre Augen hingen an den Lippen des Sprechers, ſo geſpannt war der Ausdruck, womit ſie jedes Wort vernahm. Als Kurt ſchwieg und die Hand nach ſeinem Weinglas ausſtreckte, äußerte Jacobo lächelnd: „Eine ganz vortreffliche Geſchichte, welche den Beweis liefert, wie leicht es geht, den Fanatismus zum Deckmantel für ein Liebesabenteuer zu be⸗ nützen.“ „Ja, Ragnhilds Liebhaber ſpielte die Rolle des Geiſtes, als er Gelegenheit fand, die Schöne zu entführen, und ich würde es an ſeiner Stelle ebenſo gemacht haben.“ „Davon bin ich vollkommen überzeugt,“ fiel Con⸗ ſtanze ein. „Ich danke Ihnen ſehr für Ihre gute Meinun von mir,“ erwiederte Kurt mit einer ſpöttiſchen Ver⸗ beugung. „Iſt denn denn die Geſchichte ſchon aus?“ fragte Helfrid.„Ich erinnere mich, daß noch eine weitere Volsſage über die T.ſche Familiengruft exiſtirt.“ „Wirklich?“ rief Olga;„ich bitte, Herr In⸗ genieur, theilen Sie dieſelbe noch mit.“ „Gern. Sie lautet folgendermaßen.“ „Jede Nacht ſieht man Ragnhild an der Thüre der Gruft beten, und ſo oft wieder ein neuer Ab⸗ kömmling der Familie hier begraben wird, kommt der alte Kämpe in voller Rüſtung, die ſchöne Ragn⸗ en Ritt. Wohin derſelbe geht, wagt 2 253 hild mit ſich führend, heraus und macht einen wil⸗ Niemand zu ſagen. Mon hört aber dabei das Schluchzen und Klagen derſelben. „Unter den Bauern, welche in der Nachbarſchaft der Kirche wohnen, gibt es wohl Niemand, der nicht behauptete, Ragnhild neben dem Roſenſtrauch in Gebet auf den Knieen liegend geſehen zu haben. Jede Donnerſtagnacht iſt man gewiß, ſie dort zu fin⸗ den. Der Aberglaube behauptet, daß wenn eine Jungfrau in einer Donnerſtagnacht zwiſchen zwölf und drei Uhr den Muth hätte, ſich allein an die Gruft zu begeben, von dem geweihten Roſenſtrauch neun Zweige abzupflücken und ebenſo viele Vater⸗ unſer zu beten, ohne ſich von irgend Etwas, das ſie ſehen oder hören möchte, ſtören zu laſſen,— Ragn⸗ hild der Macht des alten Kämpen entriſſen würde und ihr Geiſt in Frieden neben dem Ritter, ihrem Vater, ruhen könnte.“ „Nun, und hat noch Niemand verſucht, dem Geiſt der armen Ragnhild Ruhe zu verſchaffen?“ fragte Olga ganz ernſthaft. „Man behauptet natürlich, daß ſchon mehre Ver⸗ ſuche gemacht worden, aber alle für die Unterneh⸗ merinnen unglücklich ausgefallen ſind,“ antwortete Kurt lachend. Es entſtand eine lebhafte Diskuſſion über Aber⸗ glauben u. ſ. w. und die Zeit verging ſo ſchnell, daß Jedermann überraſcht war, als Eklund das Souper ankündigte. „Haſt Du wirklich die Abſicht, Dich heute Abend noch nach Hauſe zu begeben?“ fragte Stephana, als Jacobo ſich anſchickte, Abſchied zu nehmen.„Der Regen kann die Fabrik nicht ertränken, ebenſo der Sturm ſie nicht umblaſen; ſo denke ich alſo, könnteſt Du wohl hier bleiben.“ „Nein, ich danke! Ich reite heim,“ antwortete Jacobo; dann trat er zu Conſtanze und bemerkte: „Vielleicht kommt es Ihnen auch wieder als Halsſtarrigkeit vor, daß ich mich nach Hauſe begebe. Wenn es ſich ſo verhielte, wäre Ihr Mißfallen eine Wolke an dem ſonnenklaren Himmel der Gegen⸗ wart.“ „Die ſchlimmen Gedanken der Vergangenheit ſind hinfort mir fremd. Wir ſehen Sie morgen Abend wieder.“ „Ich danke!“ XXXIX. Am nächſten Donnerſtag war die Luft klar und friſch. Als der Abend kam, leuchteten die Sterne glänzend an dem dunkeln Gewölbe des Octoberhim⸗ mels. Graf Romarhjerta war von ſeiner kurzen Reiſe heimgekehrt, und in Folge davon hatte man ſich dieſen Abend ungewöhnlich früh getrennt. Die Thurmuhr ſchlug eilf, als Jacobo von Evert beglei⸗ tet die Allee von Kungsborg hinauffuhr. 4 Helfrid verweilte länger als die Andern im Sa⸗ lon, wo ſie an einem der Fenſter ſtand und in die dunkle Nacht hinausſchaute. Die Lichter im Kron⸗ leuchter waren ausgelöſcht, und das große Gemach wurde nur ſpärlich von einer Lampe erhellt. 255 Plötzlich wurde ihre Aufmerkſamkeit durch ein Kniſtern in dem abgefallenen Laub auf der Terraſſe angezogen. Sie verſuchte in der Finſterniß zu unter⸗ ſcheiden, was oder wer es wäre. Haſtig ſchlüpfte eine Geſtalt an dem Fenſter vorbei: Helfrid er⸗ kannte Olga. Sie warf ſchnell einen Mantel um die Schul⸗ tern und ging hinaus, um zu ſehen, wohin Olga noch ſo ſpät unterwegs wäre. Helfrid folgte der vor ihr hinſchwebenden lichten Geſtalt durch den Park und bis zu der kleinen Ortskirche, welche in einiger Entfernung davon lag. Vor dem Kirchhofthore angelangt, fand Olga es verſchloſſen. Leicht wie ein Reh ſtieg ſie über die niedrige Mauer, mit welcher der Ruheplatz der Todten umgeben war. Als ſie auf der andern Seite herunterſprang, ſah ſie ſich von Gräbern umringt. Olga blieb einen Augenblick unbeweglich ſtehen. Ihr Herz ſchlug heftig. Nur mit Mühe vermochte ſie Athem zu holen. Die dunkle Racht breitete ihre Schatten über das Reich der Todten, und die alte Kirche, welche urſprünglich eine Kloſterkapelle gewe⸗ ſen, ſtand düſter und ehrfurchtgebietend gleichſam als Wache über den Gräbern da. Stumm und kalt ſchien ſie die Nachtwandlerin zu fragen, wie ſie es wage, in den Bereich davon einzudringen. Ein lei⸗ ſes Zittern ging durch die Bäume und erzeugte einen Laut, der einem ſtillen Seufzer glich. „Ich werde niemals den Muth haben, einen Schritt weiter zu gehen,“ flüſterte das kleine Mäd⸗ chen und faltete die Hände. Sie ſtammelte ein 256 inniges Gebet. Dieß flößte ihr Stärke ein und ſie murmelte ein andächtiges:„Gott beſchütze mich!“ Hierauf ging ſie ſtillen und leichten Schritts auf die L— ſche Gruft zu. Raſch ſtieg ſie den Hü⸗ gel hinauf und ſtand nach einigen Augenblicken vor dem bedeutungsvollen Strauch. Gerade als ſie die Hand ausſtreckte, um mit dem Abbrechen der neun Zweige zu beginnen, ließ ſich ein Seufzer vernehmen. Er kam aus dem Innern der Gruft. Olga ſchauderte und zog die Hand zurück. Mit verhaltenem Athem lauſchte ſie. Alles war wie⸗ der ſtill. „Ach, es iſt meine eigene Einbildung, welche mich erſchreckt!“ dachte ſie und ſtreckte von Neuem die Hand aus, zog ſie aber haſtig zurück. Eine Stimme aus der Gruft ſprach deutlich die Worte: „Nein, nimm' das nicht.“ „Gott Vater, ſteh mir bei und gib mir Muth!“ ſtammelte Olga und ſank auf die Kniee nieder. In demſelben Augenblick öffnete ſich die Thüre der Gruft und in dem Eingang ward eine dunkle Geſtalt ſichtbar. Sie kam langſam näher. Olga ſtürzte mit einem Schrei beſinnungslos zu Boden. Die Geſtalt blieb ſtehen. „Was war das?“ flüſterte eine Stimme hin⸗ ter ihr. „Ich weiß es nicht— es war ein unheimlicher Laut Wenn „Schwatz' keine Dummheiten, es war ja eine Menſchenſtimme. Laß' uns nachſehen.“ , 257 Aus der Gruft trat noch eine andere Geſtalt. Der, welcher zuletzt kam, ging an ſeinem Kamera⸗ den vorbei ſ auf Higa zu. „War es nicht, wie ich ſagte, daß der Schrei von einem Menſchen herkam? Hier liegt ein Kind in Ohnmacht. Vermuthlich glaubte das Mädchen, es ſei der Ritter A. oder die ſchöne Ragnhild an der Thüre der Gruft ihr erſchienen. Um ſo beſſer; die Erzählung davon paßt vortrefflich zu unſerem Abenteuer.“ Dabei brach der Mann in ein Gelächter aus. „Wir müſſen indeſſen nachſehen,“ ſetzte er hinzu, „ob die Kleine noch Jemand bei ſich hat. Schließe die Thüre und laß uns den Kirchhof durchſuchen.“ Alſo redend entfernten ſich die Beſucher der Gruft und ließen Olga hilflos liegen. Einige Minuten, nachdem ſie ſich um die Gruft herumgeſchlichen und auf der entgegengeſetzten Seite den Hügel hinabgegangen waren, kam eine Frauen⸗ geſtalt zum Vorſchein, beugte ſich zu Olga nieder und rieb deren Schläfe und Pulſe, um ſie in's Le⸗ ben zurückzurufen— eine Bemühung, welche lange Zeit fruchtlos blieb. Endlich kam das Mädchen wieder zu ſich und ſchlug die Augen auf. Als ſie in der Finſterniß eine Frauengeſtalt über ſich gebückt ſah, rief ſie erſchrocken aus: ei Chriſtus, beſchütze mich! Es iſt Ragn⸗ i „Nein, liebe Olga, es iſt Helfrid,“ antwortete eine milde aber unſichere Stimme. Schwartz, Arbeit adelt den Mann. I. 17 „Biſt Du mir gefolgt?“ fragte das Kind leb⸗ haft und erhob ſich. „Ja, ich war unruhig über die ſeltſame nächt⸗ liche Wanderung,“ flüſterte Helfrid. „Herr Gott, darum iſt mir's auch ſo ſchlimm ergan⸗ gen. Kein Menſch ſollte davon wiſſen.— O! ich bin ſo betrübt, ſo unglücklich!“ ſetzte ſie hinzu und brach in lautes Schluchzen aus. „Still,“ flüſterte Helfrid und zog das kleine Mäd⸗ chen an ſich. Es lag Etwas in dem Ton, womit dieſes„ſtill“ geſprochen wurde, was Olga Furcht einflößte und ſie zu augenblicklichem Gehorſam ver⸗ anlaßte.“ Das Geräuſch von Schritten ließ ſich wieder ver⸗ nehmen. Helfrid war leiſe, Olga mit ſich ziehend, hinter einen Buſch gekrochen. Die Schritte kamen näher und flüſternde Stim⸗ men wurden deutlich. „Du haſt keine Spur von einem lebenden We⸗ ſen geſehen?“ fragte eine ungewöhnlich weiche Stimme. „Nein!“ „Vielleicht ſollten wir hinaufſteigen und ſehen, ob das Mädchen noch dort liegt.“ „Sind Sie von Sinnen? das hieße ja gerade die Einbildung des Mädchens zerſtören.— Nein, laſſen Sie uns gehen.“ Damit gingen ſie vorüber. Als der Laut ihrer Schritte erſtarb, erhob ſich Helfrid langſam. Sie zitterte ſo heftig, daß ſie mit Mühe ſtehen konnte. 259 „Hörteſt Du, was ſie ſprachen?“ fragte ſie Olga, welche unbeweglich blieb. „Nein, Helfrid, ich hörte Nichts,“ ſtammelte die Kleine und begann laut zu weinen.„Das war recht entſetzlich. Hu, wie fürchte ich mich!“ „Bemühe Dich, ein Bischen ruhig zu werden,“ bat Helfrid und ſetzte ſich auf die Stufen der Gruft. „Wir müſſen noch einige Augenblicke hier ver⸗ weilen.“ „Nein, nein, laß uns gehen! Gute, gute, geliebte Helfrid, laß uns gehen, ſonſt kommen die ſchreck⸗ lichen Geſpenſter wieder. Ich ſterbe gewiß, wenn ich ſie noch einmal ſehe.“ Helfrid blieb unbeweglich, wie wenn ſie Nichts von dem, was Olga ſagte, gehört hätte. Sie nahm das Mädchen und zog es an ſich, als ob ſie daſſelbe beſchützen wollte. Olga weinte wieder und bat, mit ihr fortzugehen. Endlich, nach Verfluß einer langen Weile, erhob ſich Helfrid und ſie wanderten nach Hauſe. Olga bat Helfrid innig, Niemand Etwas zu ſa⸗ gen, daß ſie auf dem Kirchhofe geweſen, und erhielt zuletzt das Verſprechen, zu ſchweigen. XL. Am folgenden Tage herrſchte eine gewiſſe Ver⸗ ſtimmung der Gemüther zu Kungsborg. Helfrid war bleich und ſchweigſam. Olga lag krank und hatte heftiges Fieber. Conſtanze ſaß bei der Schwe⸗ ſter und pflegte ſie mit einer Zre ie 260 ihrem Herzen Ehre machte. Man konnte in jedem Zuge von Konſtanze leſen, wie ſehr ſie ihre Schwe⸗ ſter liebte, und wenn man jetzt ſah, wie ſie mild und ſchmeichelnd durch ihre Worte und ihre Für⸗ ſorge dem lebhaften Kinde Ruhe und Geduld einzu⸗ flößen ſuchte, ſo erſchien ſie unbeſchreiblich liebens⸗ würdig. Olga, welche mehr von ihrer Erinnerung an die Nacht, als von Fieber und Kopfweh litt, warf ſich unruhig auf ihrem Lager hin und her und brach von Zeit zu Zeit in Schluchzen aus. Olga's ganzes Benehmen mußte unerklärlich vor⸗ kommen; aber Konſtanze ſuchte bloß durch Wort und Geſpräch ſie zu beſchwichtigen, ohne ſich auf Vorſtel⸗ lungen oder Fragen einzulaſſen, welche nur dem von Fieber und Gemüthsbewegung angegriffenen Kinde zur Plage gereicht hätten. Drei Tage vergingen ſo. Am vierten war Olga beſſer und lag angekleidet auf dem Sopha. Es war ein ſchöner Sonntag im Oetober. Die Romarhjer⸗ tas waren in die Kirche gefahren. Helfrid hatte auf Olga's dringende Bitten Kon⸗ ſtanze's Platz bei ihr eingenommen. Auf die be⸗ weglichſte Weiſe überredete ſie Konſtanze, eine kleine Promenade zu machen. Es war deutlich, daß ſie mit Helfrid allein ſein wollte. Konſtanze fühlte auch ein lebhaftes Bedürfniß, friſche Luft zu ſchöpfen. Schon ganze drei Tage hatte ſie Jacobo mit Auge geſehen, und nun war es ſo leer in ihr. Langſam wanderte ſie durch den Wald und bis 261 vor Bengts Häuschen. Der rüſtige Schmied mit ſeinem Geſang und ſeiner heitern Laune, aus wel⸗ cher ſo viel Lebensfriſche hervorleuchtete, war ein beſonderer Günſtling von Konſtanze geworden. An der kleinen gemuthlichen Wohnung, welche von der herrlichſten Herbſtſonne beſchienen wurde, angelangt, fand ſie Jvar auf der Schwelle ſitzend, in die Lektüre eines Buches vertieft. „Iſt Bengt und Mutter Inga daheim?“ fragte Konſtanze. „Nein, ſie ſind in der Kirche,“ lautete die Ant⸗ wort, welche in etwas mürriſchem Tone abgegeben wurde. Konſtanze ſetzte ſich auf die kleine grün ange⸗ ſtrichene Bank, welche noch vor der Thüre ſtand. „Was lieſeſt Du da für ein Buch?“ „Ein Name; es iſt von einem Herrn, der Onkel Adam heißt. Das Buch iſt gerade für mich.“ „Warum iſt es denn für Dich mehr, als für Jemand anders?“ „Weil ich noch keinen Namen habe, ſondern erſt mit der Zeit mir einen erwerben muß.“ „Armer Junge!“ „Warum ſprechen Sie ſo, Fräulein? Mir ver⸗ ſchlägt es Nichts, daß ich mir erſt einen Namen ſchaffen muß; es dünkt mir, jeder Menſch iſt ver⸗ pflichtet, dieſes zu thun. Nein, da gibt es Dinge genug, die weit ſchwerer zu tragen ſind.“ Jvar ſchlug ſein Buch zu. „Und welcher Art ſind dieſe?“ „Die Ungerechtigkeit und Härte der Menſchen,“ antwortete Jvar und ſah die junge Dame mit her⸗ ausforderndem Blick an.„Zum Beiſpiel Alles, was des Fräuleins kleine Schweſter von mir zu wiſſen vorgibt, und was die Leute für wahr halten. Ich habe mich über mein Unglück ſehr gegrämt; aber ſehen Sie, nun thue ich es nicht mehr. Mutter Inga ſagt: der, welcher Gottes und ſein eigenes Zeugniß für ſich hat, daß er unſchuldig iſt, bedarf nichts weiter, und ich habe beides.“ Konſtanze fand ſich im höchſten Grad für den jungen Menſchen intereſſirt. Jacobo's Beſchreibung von ihm ſtand lebhaft vor ihrer Seele. „Du ſcheinſt ein wenig aufgebracht über meine Schweſter,“ bemerkte Konſtanze lächelnd. „Das kann ihr wohl gleich ſein, da ich nur ein armer Schmiedsjunge bin; aber ſehen Sie, wahr iſt es doch, daß je höher die Leute ſich anſehen, deſto weniger Herz ſie haben. Mein ſeliger Meiſter hatte ganz Recht wenn er ſagte: Das vornehme Volk hat niemals unverfälſchtes Eiſenwerk in ſeinem Herzen, und darum muß man ihm nicht glauben.“ Jvar hatte ſich wieder auf die Schwelle geſetzt. An der lebhaften Farbe auf ſeinen Wangen merkte man nur allzu wohl, daß der Zorn in ihm kochte. „Nun, und von wem glaubſt Du denn, daß er un⸗ verfälſchtes Eiſenwerk in ſeinem Herzen habe2“ „Von dem Arbeiter,“ erwiederte der junge Menſch und heftete ſeine klaren, blauen Augen auf Kon⸗ ſtanze.„Sehen Sie, die haben alles, was ſie ihr eigen nennen, durch ſich ſelbſt und ihrer Hände Arbeit.“— „Aber, mein Junge, ich glaube gehört zu haben, daß ſie nicht ſehr freundlich gegen Dich geweſen ſind.“ — 263 „Das iſt etwas ganz Anderes und kommt da⸗ her, daß ſie nicht wiſſen, wozu ich tauge. Wenn ich ihnen dieß bewieſen habe, ſo werden ſie Achtung genug vor mir empfinden. Aber ſo iſt es nicht mit den Vornehmen. Wenn wir das Leben für dieſel⸗ ben wagen, ſo glauben ſie genug gethan zu haben, wenn ſie uns ein wenig Gold hinwerfen.“ „Woher haſt Du ſolche Ideen bekommen?“ fragte Konſtanze. „O, die habe ich in meinem Unglück mir zu eigen gemacht. Als ich herumwanderte und Arbeit ſuchte, war es immer in den Herrenhöfen, daß man mich anſchnauzte; oft jagte man mich davon, nach⸗ dem man mir einen Biſſen zugeworfen hatte; aber ſo machten es die Bauern nicht. Dieſe behandelten mich immerdar freundlich und mitleidig. Uebrigens, wer nahm mich zuerſt auf? Nun, ein Arbeiter, mein erſter Meiſter. Von wem lernte ich Gott und den Nächſten lieben? Wem habe ich es heute zu dan⸗ ken, daß ich nicht verhungert bin, daß ich Arbeit und Frieden habe? Auch einem Arbeiter. Von Herrenleuten iſt mir niemals etwas Gutes wider⸗ fahren.“ „Nicht, und dein Principal, Herr Lange?“ „Iſt auch ein Arbeiter. Er hat wie ich mit Schmieden, Feilen, und Drechſeln angefangen. Er iſt nur durch ſeine Arbeit das geworden, was er iſt: ein Herr, vor welchem auch die Vornehmen Kompli⸗ mente machen.“ Wiederum entſtand ein Pauſe, welche Konſtanze mit den Worten unterbrach: „Welche Plane haſt Du für die Zukunft?“ 264 „Mir einen Namen zu gewinnen, ebenſo geehrt, wie derjenige des Patrons.“ lächelnd. „Warum ſollte es mir nicht durch Fleiß und Du willſt hoch hinaus,“ bemerkte Konſtanze Anſtrengung möglich ſein, es ebenſo weit zu brin⸗ gen, wie er? Und wenn dieß mir in der Zukunſt gelingt, dann muß ich einen höhern Werth beſitzen, als derjenige, welcher Namen und Geld nur ererbt hat. Wenn ich aus Nichts mit meinen Händen mir beides verſchaffe, dann habe ich ein größeres Recht auf Anſehen und Achtung, als derjenige, welcher dieſes alles von ſeinen Eltern überkommen hat. So zum Beiſpiel iſt unſer Patron viel mehr als der Graf auf Kungsborg, und Bengt ein tüchtigerer Bur⸗ ſche als der Axelhjelm, welcher meint, ſein Name müſſe die Arbeit machen, während Bengt dieſelbe wirklich verrichtet. Mutter Inga iſt eine beſſere Chriſtin als des Fräuleins Schweſter. Die erſtere hat mir geholfen, und die letztere...“ Jvar ſtockte. „Hat von Dir Hülfe erhalten.“ „Und daher kam ſie und wollte mir Geld ge⸗ ben. Für den Reichen iſt es leicht, zu bezahlen, aber ſchwer, zu danken. Ich will weder das Eine noch das Andere von des Fräuleins Schweſter haben.“ Konſtanze erhob ſich, um zu gehen. „Du ſollſt für deine Worte bedankt ſein; Du weißt nicht, wie viel Wahrheit darin liegt.“ Sie nickte dem jungen Menſchen zum Abſchied zu und kehrte nach Hauſe zurück. 265 XLI. Einige Tage darauf befand ſich Olga wieder vollkommen wohl. Die Bewohner von Kungsborg waren wie gewöhnlich im untern Salon verſammelt; aber weder Lange noch Kurt unter ihnen. Der er⸗ ſtere war in Geſchäftsangelegenheiten nach der Stadt gereist, und wurde nicht vor einem oder zwei Ta⸗ gen erwartet. Der letztere hatte ungemein noth⸗ wendig in Sturesjö zu thun; denn Konſtanze wünſchte, am Schluſſe des Octobers dorthin über⸗ zuſiedeln. Gvert hatte ſich, getreu ſeiner Gewohnheit, neben Konſtanze niedergelaſſen und betrachtete ſie mit Blicken, welche er ſelbſt für unwiderſtehlich hielt. „Wie Sie ſo fleißig ſind, Fräulein Konſtanze,“ äußerte er mit dem allerſüßeſten Accente. Er war, außer dem Grafen Hermann, der einzige Kavalier zu Kungsborg, weil keiner der Ritter, welche Kon⸗ ſtanze den Hof machten, ſich eingefunden hatte. „Das iſt ein Vorhalt, den man Ihnen nicht machen kann,“ antwortete Konſtanze ziemlich un⸗ gnädig. „Ach! Sie wiſſen nicht, wie ich den ganzen Tag arbeite, um am Abend die Genugthuung zu haben, mich einige Minuten Ihres Anblicks zu er⸗ freuen.“ Cvert war nicht gewohnt, von Liebe zu reden; ſo kam es, daß er anhielt und erröthete. Er fühlte ſich zum erſten Mal in den Banden derſelben, und obwohl viel Einbildung dabei mitunterlief, war die Neigung zu Conſtanze dennoch das ſtärkſte Gefühl welches er bis jetzt empfunden hatte. „Wenn das Vergnügen an meinem Anblick nach Ihrem Fleiße geſchätzt werden ſoll, ſo kann es nicht ſehr groß ſein.“ „Fräulein Konſtanze, Sie ſind ſehr ſtreng.“ „Möglich; aber wenn dem ſo iſt, ſo geben Sie ſelbſt Urſache dazu.“ „Und auf welche Weiſe?“ fragte Evert und wurde roth wie eine Erdbeere. Konſtanze erhob die Augen von der Arbeit, um ſich zu überzeugen, ob die Andern ſie hören könn⸗ ten. Da ſie fand, daß Helfrid, Hermann und Ste⸗ phana in einem lebhaften Geſpräch begriffen waren, nahm ſie wieder das Wort: „Sie ſprachen vor einigen Tagen Ihren tiefen Abſcheu aus vor dem Berufe, den Sie gewählt ha⸗ ben. Sie wünſchten, das Schickſal hätte Ihnen Vermögen gegeben, daß Sie der Nothwendigkeit überhoben wären, Ihr Leben unter rohen Arbeitern hinzuſchleppen. Der welcher ſo redet, kann unmög⸗ lich ſeine Arbeit mit Eifer umfaſſen.“ „Aber bedenken Sie doch, daß ich, Baron Axel⸗ hjelms Sohn, ganz andere Anſprüche an das Leben haben könnte, als die Wirklichkeit mir vergönnt hat. Ich bin nicht zu einem Fabrikarbeiter beſtimmt. Das Bedürfniß, die Noth hat mich zu dieſem trauri⸗ gen Looſe gezwungen.“ „Iſt Ihr Bruder nicht auch Baron Axel⸗ hielms Sohn? Er ſcheint ſich nicht für unglück⸗ lich oder durch ſeine Stellung erniedrigt zu halten.“ „Er und ich, wir ſind allzu verſchieden an Ge⸗ ———— 267 nüthsart und Charakter, als daß wir unter dem⸗ ſelben Geſichtspunkt beurtheilt werden könnten. Ach, Fräulein Konſtanze, haben Sie noch nie daran ge⸗ dacht, was es heißen will, einen glänzenden Namen zu haben und durch Armuth zu deſſen Erniedrigung gezwungen zu werden?“ „Erniedrigung! Arbeit erniedrigt niemals; oder glauben Sie, daß Herr Lange erniedrigt iſt?— Gibt es wohl im Umkreiſe mehrer Meilen einen Mann, der einer ſolchen Achtung genießt, wie er?“ „Vergleichen Sie ihn nicht mit mir; er hat ſich aus niedrigem Stande durch ſeine Arbeit emporge⸗ ſchwungen. Ich dagegen habe einen höhern Platz mit einem niedrigern vertauſcht, um— niemals zu werden, was meine Vorväter waren.“ „In dem, was Sie da ſagen, iſt nur ein Punkt, wobei Sie Recht haben, nämlich daß man Sie nicht einen Augenblick mit Lange vergleichen darf. Eine Parallele würde allzu ungünſtig für Sie aus⸗ allen.“ Konſtanze arbeitete eifrig fort. Grerts Angeſicht verrieth, daß ein wilder Kampf in ſeiner Seele vorging; nach einem augenblicklichen Stillſchweigen beugte er ſich vor und ſagte mit ge⸗ dämpfter Stimme:. „Würde Fräulein Konſtanze wirklich ſo mit mir geſprochen haben, wenn ich Beſitzer von Sturesjö wäre?“ „Ja gewiß, im Fall Sie, wie eben jetzt, davon ſprächen, daß die Arbeit erniedrige. Ich achte einen alt⸗ adeligen Namen hoch, ja ſo hoch, daß es mir dünkt, der⸗ jenige, welcher im Beſitz eines ſolchen iſt, habe größere Pflichten gegen die Geſellſchaft, als Andere, und müſſe ſich durch das Nützliche, Gute und Wohlthä⸗ tige, was er ausrichtet, vor ihnen auszeichnen. Der Adel iſt durchaus kein Diplom für die Faulenzerei.“ Konſtanze ſchwieg, und Evert lehnte ſich ſchwei⸗ gend in ſeinen Seſſel zurück. „Um Ihre Achtung zu gewinnen, wäre ich im Stande, ſelbſt die Schmiede für ein Paradies zu halten,“ begann er wieder nach einer langen Pauſe. „Wiſſen Sie, Baron, ich ſprach dieſer Tage mit einem jungen Menſchen, welcher zu Akersnäs arbei⸗ tet. Er hat weder Bildung noch intellektuelle Er⸗ ziehung irgend einer Art erhalten. Er hatte bloß gelernt, Gott zu fürchten und die Arbeit zu lieben; aber ich lernte im Geſpräch mit ihm mehr, als mein Leben lang geſchehen iſt. Er iſt Ihr Kamerade. Sie ſollten ihn zu Ihrem Freunde machen.“ „Sein Name?“ Evert konnte kaum dieſe Frage hervorbringen, ſo aufgeregt war er. Den Namen, welchen Kon⸗ ſtanze nennen würde, ahnte er; aber es war, als wollte er denſelben von ihren Lippen ausgeſprochen hören, um das Recht zu haben, den, welcher ihn trug, von ganzem Herzen zu verabſcheuen. — „Er heißt Jvar,“ ſagte Konſtanze. Sie fügte mit einem beinahe freundlichen Blick auf vert hin⸗ zu:„Eignen Sie ſich ſeine Liebe zur Arbeit an, und Sie werden eines Tags in meiner und der Ach⸗ tung Anderer hoch ſtehen.“ Hätte Konſtanze einen Blick in Everts Herz wer⸗ fen können, ſo würde ſie vor der Wirkung ſeiner Worte zurückgebebt ſein. Armer Jvar, das Lob, — 269 welches ſie Dir ertheilte, verſchaffte Dir einen ge⸗ häſſigen und unverſöhnlichen Feind für das ganze Leben. Konſtanze hatte, ohne es zu wiſſen, durch ihre Lobſprüche auf Lange und Jvar einen Haß zu voller Reife gebracht, welcher bisher in Everts Her⸗ zen Wurzel getrieben hatte. Völlig unvermögend, ſeine wilden und heftigen Empfindungen zu beherr⸗ ſchen, erhob er ſich haſtig und trat an das Fenſter, wo er in die Dunkelheit hinausſchaute, mit Gedan⸗ ken, ſo ſchwarz wie die Oktobernacht. „Ach! daß ich doch den Tag erlebte, wo ich dieſe beiden zermalmen könnte,“ ſprach Evert bei ſich ſelbſt. „Dieſer Jvar, den man mir vorzuziehen wagt, deſſen Arbeit beſprochen und geprieſen wird, was iſt er wohl? Ja, ein elender Waiſenhausjunge, ein Dieb und Räuber, den man aus Barmherzigkeit aufge⸗ nommen hat und unter ſich duldet. Dieſen gemei⸗ nen Wicht, verlangt ſie, ſoll ich mir zum Exempel und Vorbild nehmen. Ha! ſtolze Konſtanze, Du ſagteſt, daß zwiſchen mir und Lange keine Verglei⸗ chung ſtattfinden könnte, weil ich dabei verlieren würde. Warte, warte, die Zeit wird kommen, wo er dabei verlieren ſoll. XLII. Einige Tage ſpäter kam Jacobo von ſeiner Reiſe zurück. Freudeſtrahlend fand er ſich zu Kungsborg ein, um dort von einem verheißungsvollen Lächeln begrüßt zu werden. Es war das erſte Mal, daß Evert jetzt Konſtanze und Lange nach dem Austauſch ihrer Erklärungen argwöhniſchen Blicke der Eiferſucht zu beobachten, um die Gefühle zu entdecken, welche ſie einander nahe brachten. Jedermann konnte dieß ſehen, ob⸗ ſchon ſie ihr Geheimniß für ſich behielten. Evert empfand Etwas, wie Raſerei, als er den Blick erhaſchte, womit Konſtanze Jacobo die Hand zum Gruße reichte. Für ihn lag in demſelben ein Hohn auf alle ſeine Hoffnungen von der Zukunft. Reichthum, Glück und Anſehen, Alles wurde ihm durch dieſen verhaßten Jacobo geraubt. Sollte er wirklich mit verſchrenkten Armen zu⸗ ſehen, wie ihm dieß genommen wurde, ohne einen beiſammen ſah. Man brauchte ſie nicht mit dem Verſuch zu machen, einen ſo koſtbaren Raub dieſem Glücksritter aus den Händen zu reißen? Was war wohl Jacobo anders, als ein Aben⸗ teurer, welcher ſich von Vaterland und Verwandt⸗ ſchaft losgeriſſen hatte, um ſein Glück in fremden Ländern zu machen? Ein Emporkömmling, der früher Gott weiß was geweſen? Nein, ein ſo unwürdiger Menſch ſollte Konſtanze nicht bekommen. Koſte es, was es wolle, Evert mußte ihm dieſen Schatz entreißen. Würde er auch ſelbſt gezwungen, auf ihren Beſitz zu verzichten, ſo wollte er wenigſtens niemals Zeuge davon ſein, daß Jacobo in den Beſitz des Glückes gelangte, das er ſich geträumt hatte. Während der egoiſtiſche junge Mann dieſe wenig ehrenhaften Gedanken in ſeinem aufgeregten Gehirn herumwälzte, hatten einige Nachbaren, und unter ihnen Kurt, ſich eingefunden. — —— —. 271 Bei ſeinem Eintritt ging Konſtanze ihm entge⸗ gen und ſagte mit einem freundlichen Lächeln: „Nun, Herr Baumeiſter, wann kann ich in mein eigenes Heimweſen überſiedeln?“ Kurt ſah ſie ganz verwundert an. Sie pflegte ihn ſonſt nicht anzureden. Es war ſeit ihrem Zu⸗ ſammentreffen im Park faſt beiſpiellos, daß ſie es mit einem freundlichen Lächeln that. „Den erſten November wird Sturesjö fertig ſein, um ſeine Herrin zu empfangen,“ antwortete Kurt. Er entfernte ſich von ihr und trat auf Ste⸗ phana zu. „Den erſten November alſo?“ flüſterte Jacobo Konſtanze zu, jedoch nicht leiſe genug, denn die Worte wurden von Gvert aufgefangen. Aus dem eigenthümlichen, bedeutungsvollen Ton ſchloß er ganz richtig, daß ein Doppelſinn in denſelben lag. „Geſtehen Sie zu,“ äußerte Konſtanze gegen Jacobo,„daß es ganz unbedingt denen glauben heißt, an welche man nicht einmal eine Frage rich⸗ tet; in deren ausgeſprochenen Wunſch man ſich viel⸗ mehr ganz und gar fügt.“ „Könnten Sie mir wirklich mißtrauen, Kon⸗ ſtanze?“ fragte Jacobo, indem er ſich über ihre Stuhllehne neigte. Der Gott der Liebe allein weiß, iu der Blick enthielt, den ſie mit einander wech⸗ elten. „Aber niemals werde ich doch den Grund für den beſondern Wunſch, daß erſt nach meinem Abgang von Kungsborg unſere Verbindung bekannt gemacht werden ſoll, zu wiſſen bekomme?“ 272 wäre mir ſchmerzlich.“ „Nein, ich begehre Richts. Uebrigens wäre der gegenwärtige Augenblick für ein ſolches Vertrauen auch nicht geeignet. Ich warte, bis es mir, auch ohne Erinnerung von meiner Seite zu Theil wird. Es liegt ein ſtolzes und ſchönes Gefühl darin, an den zu glauben, der unſerem Herzen theuer iſt.“ „Wird dieſer Glaube auch unerſchütterlich blei⸗ ben, oder iſt er bloß eine Ausgeburt augenblicklicher Eingebung?“ „Wiederum derſelbe Zweifel an meiner Beſtän⸗ digkeit?“ „Aufrichtig geſprochen, Konſtanze, es kommt mir zuweilen vor, als ob ich unaufhörlich fürchtete, aus einem entzückenden Traume zu erwachen. Ich wage nicht an mein Glück zu glauben. Ich erwarte jeden Augenblick, daß es ſich in Unglück verwandeln werde. Es liegt in Ihrem ganzen Seelenleben etwas ſo Bewegliches und Wechſelvolles, daß ich niemals in dieſes Zimmer trete, ohne zu denken: werde ich wohl heute dieſelbe Konſtanze wieder finden, welche ich geſtern verließ*“ „Nun wohl, bin ich mir ungleich geweſen?“ fragte Konſtanze, indem ſie den Kopf etwas zur Seite neigte und ihn mit einem gewinnenden Lä⸗ cheln anſah. „Nein, das ſind Sie gewiß nicht geweſen, ge⸗ liebte Konſtanze; aber es ſind bis jetzt auch erſt einige Tage, kaum zwei Wochen vergangen. Sie ſind bis jetzt noch nicht zu einem klaren Bewußtſeyn „Begehren Sie nicht, daß ich es jetzt ſage. Es unſerer gegenſeitigen Stellung gekommen, welche 273 überdieß noch durch dieſen freiwilligen Zwang etwas Schmeichelndes für Ihren romantiſchen Sinn erhal⸗ ten hat. Aber wenn dieſer verſchwindet und Alles den Reiz der Neuheit verloren hat, wie wird es dann? Manchmal ertönt eine deutliche Warnung in meinem Ohr und flößt mir Mißtrauen gegen die Zukunft ein.“ „Sie verdienen nicht glücklich zu ſein, wenn Sie ſich die Gegenwart durch unheilverkündende Vorſtel⸗ lungen von der Zukunft verbittern. Wir Menſchen ſind ja Kinder des Augenblicks, welche nur unſer Daſein im Momente haben. Wenn er durchlebt iſt, begräbt man ihn im Schooße der Vergangenheit, und die geheimnißvollen Räthſel der Zukunft liegen vor uns wie ein unermeßliches Chaos. Wir thun Unrecht, wenn wir uns das Einzige, das wir haben, die Gegenwart verbittern. Erinnern Sie ſich, was ein ausgezeichneter Dichter ſagt: Wir begehen all⸗ gemein einen großen Fehler hier im Leben, daß wir, wenn das Glück in ein Haus kommt, es durch unſere Befürchtungen ſo ſehr beunruhigen, bis es nicht mehr bleiben kann; und wenn das Unglück ſich dagegen einſtellt, ſo beunruhigen wir dieſes viel zu wenig, als daß es ſeinen Platz verlaſſen möchte.“, Sie reichte Jacobo die Hand, indem ſie hinzu⸗ etzte: „Glauben Sie, daß mein wechſelvolles Aeußere ein getreues Innere bergen kann. Die Zukunft wird niemals das Gegentheil beweiſen.“ Jacobo drückte die kleine weiche Hand und— ſagte ganz daſſelbe, was Tauſende vor ihm geſagt haben. Schwartz, Arbeit abelt den Mann. 1. 18 Das Wörterbuch der Liebe iſt im Allgemeinen ſehr einförmig. In allen Ländern und Geſellſchafts⸗ klaſſen beginnen und ſchließen Verliebte mit:„Dich liebt' ich beſtändig, Dich lieb' ich noch heut' und werde Dich lieben in Ewigkeit.“ In Ewigkeit? Es liegt eine Wahrheit in dieſem unwahren Ausdruck. Die Liebe an und für ſich iſt ewig; aber die Menſchen, welche dieſelbe empfin⸗ den, ſind in ihren Gefühlen und in ihrem ganzen Sein den Geſetzen der Veränderlichkeit unterworfen.“ Es ſollte Muſik gemacht werden und Lange über⸗ redete Helfrid, ein Duett mit ihm zu ſingen. Konſtanze blieb in der Fenſtervertiefung ſitzen. Während des Duetts betrachtete ſie Helfrid und Lange. genommen, den ſonſt ſo ſtolzen Zügen vollkommen fremd. Sie war in dieſem Augenblick unbeſchreib⸗ lich ſchön, Etwas das Konſtanze's eiferſüchtiges Herz förmlich marterte. Als Jacobo, ehe ſie ein neues Duett begannen ſich zu Helfrid hinneigte und mit lächelnden Lippen ihr einige Worte zuflüſterten, welche Helfrid gleich⸗ falls ein Lächeln entlockten, kam es Konſtanze vor, als würde es ihr weh ums Herz. Als der Geſang zu Ende war, kam Jacobo wie⸗ der zu Konſtanze und ſagte: Das Angeſicht der erſtern hatte während des Geſangs einen warmen und lebhaften Ausdruck a⸗ „Sie habe ich höchſt ſelten ſingen hören; wollen Sie mir nicht dieſes Vergnügen bereiten?“ „Bitten Sie mich nicht, ich bin zum Singen — N — 275 nicht aufgelegt,“ antwortete Konſtanze in einem bei⸗ nahe mürriſchen Ton. Setphana und alle andern beſtürmten ſie mit Bitten; aber Konſtanze weigerte ſich, indem ſie er⸗ klärte, daß ſie nicht dazu disponirt wäre;— und dieſe Erklärung wurde in ſo beſtimmtem Tone ge⸗ geben, daß Jedermann die Fruchtloſigkeit weiterer Verſuche, ſie zu überreden, einſah. Man zog ſich deßhalb zurück, etwas mißvergnügt über die Art und Weiſe, wie ſie ihre Weigerung zu erkennen gab. Jacobo nahm wieder ſeinen Platz neben Kon⸗ ſtanze ein, welche das Kinn auf die Hand geſtützt, in die Finſterniß hinausſchaute, ohne ein Wort zu ſprechen oder zu thun, als ob ſie Jakobo nur be⸗ merkte. „Was iſt denn das für ein Windſtoß geweſen, welcher die Freude fortgeblaſen und in lauter Schat⸗ ten verwandelt hat?“ fragte Jacobo, wie es Kon⸗ ſtanze vorkam, mit einem Anklang von Unzufrieden⸗ heit in ſeiner Stimme. „Warum haben Sie mich nicht zuerſt zum Sin⸗ gen aufgefordert? Wenn mein Geſang Ihnen ſo großes Vergnügen gewährte, ſo würde ich nicht in zweiter Linie zu ſtehen kommen,“ bemerkte Konſtanze, ohne i Frage direct zu beantworten. „ ſo Dieß war Alles, was er ſagte. Sein Ausſehen war ſehr ernſt geworden. „Wünſchen Sie, daß ich ſinge?“ „Sonſt hätte ich Sie nicht gebeten, es zu thun.“ „Bitten Sie mich noch einmal.“ 1 276 Jacobo neigte ſich nahe zu Conſtanze hin und ſagte in leiſem, aber beſtimmtem Ton: „Ich wiederhole niemals eine und dieſelbe Bitte zweimal.“ „Nicht einmal, wenn ſie an mich gerichtet iſt?“ „Nicht einmal dann?“ Es trat eine Pauſe ein. „Sie ſind mißlaunig,“ nahm Conſtanze nach einer Weile wieder das Wort. „Conſtanze, es iſt noch keine Stunde her, daß Sie mir ſagten, Sie haben einen feſten und uner⸗ ſchütterlichen Glauben an mich, und doch. Jacobo ſah ſie an. „Verzeihen Sie! Meine einzige Entſchuldigung liegt in Méry's Worten: Die Liebe iſt eine ver⸗ abſcheuenswerthe Leidenſchaft; ſie gibt ſo häßlichen Rath ein. Wahrſcheinlich kommt dieß daher, daß alle Liebe aus Eigenliebe herſtammt.“ „Conſtanze, Sie beſitzen wirklich ein hochgeſinntes Herz! Ich danke Ihnen für dieſe Ihre Worte. Ich werde ſie getreulich bewahren.“ „Und Sie ſind nicht unzufrieden?“ „Unzufrieden, wenn ich Sie anbete?“ Conſtanze erhob ſich und ſagte mit einem un⸗ nachahmlichen Lächeln: „Was ſoll ich jetzt ſingen?“ „Sie haben ja ſo eben die vereinten Bitten der Andern zurückgewieſen.“ „Was weiter? Ich ſinge nicht für jene, ſondern für Sie.“ „Und alle Anmerkungen, welche eine Folge davon ſein werden, da ein Jeder das Recht zu haben 277 glaubt, Sie für launenhaft zu halten; fürchten Sie dieſes Urtheit nicht?“ „Nein, es iſt von keiner Bedeutung gegen die Gewißheit, Ihnen eine Freude zu machen.— Nun, mein Herr, was wünſchen Sie zu hören?“ „Wähle aus deinem eigenen Herzen“ flüſterte Jacobo Im nächſten Augenblick ertönten einige ſtarke Accorde vom Piano her. Aller Blicke wandten ſich dorthin. Conſtanze ſpielte eine phantaſtiſche Introduction und ſang dann mit klarer, voller und melodiſcher Stimme Danſtröm's ſchönes Lied:„Ich weiß wohl, was, ich weiß wohl wem.“ Es lag etwas höchſt Eigenthümliches in ihrem Vortrag. Er vereinigte ein glühendes Gefühl mit einem hohen Grad von Energie und Leben. Es lag Seele Herz und Charakter in ihrem Geſang, und eben dieß verlieh ihm eine eigene Zaubermacht über ihre Zuhörer. Sie beherrſchte durch ihre öne. Glücklicher als je verließ Lange dieſen Abend Kungsborg. Die ganze Seele voll Erbitterung ſaß Evert an ſeiner Seite, als ſie heimfuhren. Ohne daß Conſtanze oder Jacobo es argwohnten, hatte Evert, der ganz nachläßig auf dem Sopha, welcher an dem Pfeiler zwiſchen den Fenſtern ſich befand, zurückgelehnt ſaß, jedes Worr gehört, welches zwiſchen ihnen geſprochen worden war. Das Blut brannte ihm in den Adern, und ein niedriger Plan nach dem andern ging ihm durch den Kopf. Um dieſes, wie er wähnte, auf 278 den Trümmern des ſeinigen erbaute Glück zu ver⸗ nichten, wollte er das Aeußerſte wagen. Die verwundete Eigenliebe iſt, ſelbſt in Schaf⸗ kleider gehüllt, eine Tigerin. Um den Stich, den ſie erhalten, zu rächen, zerſplittert ſie ohne Erbarmen das Glück Anderer. XLIII. Der Zufall, dieſes unerklärliche Etwas, das eine ſo große Rolle im Leben ſpielt, ſollte Evert zu Hülfe kommen und ihm die Mittel an die Hand geben, Zwietracht und Mißtrauen zwiſchen Conſtanze und Jacobo auszuſäen. Miß Jane Smith, welche ſeit der Wiederverei⸗ nigung von Stephana und Hermann bei Lange Haushälterin und Vorſteherin ſeiner Oekonomie ge⸗ weſen, bezeigte immerdar großes Intereſſe an Allem, was ſich in Kungsborg zutrug, beſonders da ſie ſich nicht die Zeit nahm, öftere Beſuche in dieſer ihrer frühern Heimath zu machen. Zugleich fühlte ſich Jane, wie alle alten, unverheiratheten Frauen, von welcher Farbe ſie auch ſein mögen, unbeſchreiblich erfreut, wenn ſie nur ſchwatzen oder ſchwatzen hören konnte. Cvert Axelhjelm hatte ſchon bei ſeiner Ankunft in Lange's Haus dieſe guten Eigenſchaften bei Jane entdeckt und durch ſeine Erzählungen, wenn er von Kungsborg und andern Orten kam, ſich die ganze Gunſt der Halbblutdame erworben. Etwas, das dem berechnenden jungen Mann mehre Vortheile in dem häuslichen Leben verſchaffte. —— — 5— 279 Da Jacobo Niemand, am wenigſten die redſelige Dame in das, was in den Werkſtätten vorging oder was ſeine Affairen und Privatverhältniſſe anbetraf, einweihte, ſo war Jane vollkommen unbekannt mit der Rolle, welche Evert bei den Unruhen in der Fabrik geſpielt hatte. Das Reſultat davon war, daß Evert zum be⸗ ſondern Günſtling von Jane erhoben wurde. Den Abend nach dem obenbeſchriebenen war eine große Geſellſchaft nach Stahlhammer eingeladen. Gvert beſchloß, Jacobo dorthin nicht zu begleiten. Es mangelte ihm die Kraft, Konſtanze nach der ge⸗ machten Entdeckung wieder zu ſehen, ehe ſich ihm irgend eine Ausſicht darböte, den ihm geſpielten Be⸗ trug zu rächen. Es war natürlich, daß er ſich für betrogen anſah, um einen vernünftigen Grund zu ſeiner Sache zu haben. Als Jacobo abgegangen war, begab ſich Evert zu Jane hinauf und nahm ein Buch mit, um ſie zu fragen, ob er ihr vorleſen ſollte. Sie war durch eine Verrenkung des Fußes gehindert worden, ſich gleichfalls bei dem Baron K. einzufinden. Jane fand Everts Benehmen ſo ſchön, daß ſie ſich ganz gerührt fühlte, weßhalb ſie auch den jungen Mann mit Obſt und verſchiedenen eingemachten Früchten bewirthete. Während Evert auf ſie und das Bakwerk ein⸗ hieb, brachte er das Geſpräch auf Jacobo. Ehe Jane ſelbſt wußte, wie es zuging, war ſie in vollem Zuge, alles was ſie von dem„prächtigen Jungen“, wie ſie Lange immer benannte, irgend wußte, zu erzählen. Evert hörte ſehr aufmerkſam zu, in der Hoffnung, Etwas in dem verfloſſenen Leben des Mannes zu finden, was ihm Anlaß geben könnte, denſelben bei Konſtanze zu ſtürzen. Aber leider enthielt Alles was Jane ſagte, nur eine fortgeſezte und unerſchöpfliche Lobrede, zugleich mit der Beſchreibung, wie er aus dem Nichts zu Unabhängigkeit und Wohlſtand ſich emporge⸗ ſchwungen habe, wie er in allem ſeinem Thun und Laſſen ein rechtſchaffener und ungewöhnlicher Menſch geweſen. Gvert ſeufzte tief, da er bei der Fluth dieſer Lobesergießungen ſich in ſeiner Rechnung betrogen ſah.„Das iſt doch unbegreiflich, daß ein ſo aus⸗ gezeichneter Mann wie er unverheirathet geblieben iſt und keine glänzende Partie gemacht hat,“ fel Evert endlich ein. Jane nahm dieſe Worte wie eine förmliche Be⸗ leidigung gegen Lange auf, und es war ihre Pflicht, die Unſtatthaftigkeit davon zu beweiſen. In einem Athem erzählte ſie nun, wie viele reiche Mädchen in Jacobo verliebt geweſen, ſo daß er hätte nur wählen dürfen; wie er aber kalt und gleichgültig gegen alle geblieben. „Ich könnte Ihnen einen Beweis davon anführen, daß Jacobo ſelbſt hier in Schweden ein ganz un⸗ gewöhnliches und, wie Sie ſagen, vornehmes Mäd⸗ chen haben konnte. Uebrigens iſt die Sache noch nicht entſchieden, und es kann ſehr wohl geſchehen, daß Sie eines ſchönen Tages noch mit zur Ver⸗ lobung fahren. Aus einer Neigung, welche ſo zehn 281 Jahre gedauert hat, kann am Ende doch Ernſt werden.“ „Was meinen Sie, Miß Jane?“ fragte Evert, welcher Anfangs glaubte, ſie ſpiele auf Conſtanze an. „Es iſt allerdings nicht recht, davon zu reden, aber bei Ihnen, einem wirklichen Gentleman, macht das Nichts. Sie werden mein Vertrauen nicht miß⸗ brauchen. Ich meine nämlich die Liebe Jacob'os und Helfrids. Dieſe Neigung iſt ſehr alt und entſtand bald nach ſeiner Ankunft hier. Die Mutter, die ſelige Gräfin, war ein ſo hochmüthiges Stück von einer Frau, daß niemals, ſo lang ſie lebte, von einer Heirath die Rede ſein konnte. Als ſie ſtarb, reiste Helfrid mit ihrer verehlichten Schweſter ins Ausland und blieb acht Jahre weg. Jacobo wollte nicht gern eine vornehme Dame zur Frau haben, kann man ſich denken; und man wollte ver⸗ ſuchen, ſich gegenſeitig zu vergeſſen, aber es ging nicht. Nun werden Sie aber ſo gut als ich ver⸗ ſtehen, was es für ein Magnet iſt, der ihn unauf⸗ hörlich nach Kungsborg zieht. Beide, der Graf und Stephana, warten, mit Ungeduld, daß es zu einer Verlobung kommen würde, und wahrſcheinlich ſteht das auch nicht ſehr lange mehr an.“ Wenn Jane Evert das allerkoſtbarſte Geſchenk überreicht haben würde, ſie hätte ihm keine größere Freude machen können, als mit dieſer Mittheilung. Im Augenblick war ſein Plan fertig. Er hatte ge⸗ ſehen, wie Conſtanze ihre heitere Stimmung verlor, als Jacobo mit Helfrid ſang. Er hatte hernach gehört, wie ſie gegenüber von Lange geſtand, daß ſie eiferſüchtig wäre u. ſ. w. 282 Uebereilt und excentriſch, wie ſie war, bedurfte es bei derſelben nur einiger Worte, um ihren Ver⸗ dacht zu entzünden und ſie zu beſtimmen, in einem Ausbruch ihrer gereizten Gefühle Worte auszu⸗ ſprechen, welche Lange's„Hochmuth“ verwundeten. Das Band zwiſchen ihnen wurde dadurch zeriſſen und blieb es auch, wenn Jemand hernach auf ge⸗ ſchickte Weiſe das Mißtrauen und das Mißverſtänd⸗ niß anblies. „Das iſt ja eine wahre Schändlichkeit,“ dachte Evert, als er am Abend ſich allein in ſeinem Zimmer befand,„in die Eine verliebt und mit ihr heimlich verſprochen zu ſein und den Liebhaber bei der Andern zu ſpielen. Ah! ich verſtehe, Helfrids Vermögen iſt nur unbedeutend, Conſtanze dagegen iſt reich. Der moraliſirende Pedant verſteht ſich auf's Spe⸗ kuliren, da er es für keinen Raub achtet, eine Treu⸗ loſigkeit zu begehen, wenn ſein Vortheil es erheiſcht. Aber dießmal will ich im Namen des Rechtsgefühls ſeine Berechnung zu nichte machen. Es iſt nur eine Pflicht, die ich erfülle.“ So raiſonirte Evert mit ſeinem Gewiſſen und war mehr als glücklich darüber, für ſeine wenig ehrenhafte Handlungsweiſe einen Scheingrund zu haben. XLIV. Einige Tage ſpäter war der gewöhnliche Geſell⸗ ſchaftskreis zu Kungsborg verſammelt. Sobald Ja⸗ cobo angelangt war, ſagte Helfrid: 283 „Ich möchte, Herr Lange, einige Worte mit Ihnen reden.“ Sie traten in ein kleines Kabinet, welches an den Salon ſtieß und deſſen Thüre gerade gegenüber von dem Spiegel ſich befand, vor welchem Conſtanze ihren Platz hatte. Wenn ſie die Augen von ihrer Arbeit erhob, konnte ſie Jacobo und Helfrid ſehen, welche auf einem kleinen Sopha ſaßen. Ihr Geſpräch wurde in wenigen Minuten ſehr lebhaft. Aus den ausdrucksvollen Geberden konnte ein ſcharfer Beobachter leicht den Schluß ziehen, daß Helfrid um Etwas bat, das Jacobo verweigerte. Einmal ſah Conſtanze, wie er Helfrids beide Hände faßte, und dabei hatte ſein Geſicht einen Ausdruck von Zärtlichkeit und Bewunderung. Sie war durch die Betrachtung dieſer Mimik ſo ſehr in Anſpruch genommen, daß ſie ganz ſchweigend daſaß, ohne nach irgend etwas Anderem zu fragen. Unzufriedene, unfreundliche und bittere Gefühle ſtiegen in ihrer Bruſt auf. Sie litt unter dieſem langen Geſpräch, und ſie hätte viel darum gegeben, um der Qual, welcher ſie ausgeſezt war, ſich ent⸗ ziehen zu können. Wie ſchön war nicht Helfrid; wie ſehr intereſſirte ſich Jacobo allem Anſchein nach für ſie! Ach! er hatte ſie ſelbſt ganz gewiß während dieſer Unter⸗ redung mit Helfrid vergeſſen. Stephana und Hermann ſpielten Schach und achteten nicht auf Conſtanze's Stillſchweigen oder die lange Unterhaltung zwiſchen Helfrid und Jacobo. Olga hatte die„Frithjofs⸗Sage“ zur Hand ge⸗ nommen, welche von ihr gewiß ſchon ein Duzendmal 284 durchgeleſen worden war, aber deſſen ungeachtet ſtets den Reiz der Neuheit behielt. Evert ſaß gleichfalls ſtumm wie Conſtanze da, ſcheinbar damit beſchäftigt, in einigen Stahlſtich⸗ heften zu blättern; aber ſeine Augen weilten nicht auf denſelben, ſondern bald auf dem Spiegel, bald auf Conſtanze's Zügen, welche getreulich alle die Gefühle, wovon ihre Bruſt erfüllt war, wiedergaben. Daß er in ſolcher Nähe bei ihr ſaß, daß er über⸗ haupt im Zimmer ſich befand, war Etwas, das Konſtanze völlig vergeſſen hatte. Auch fuhr ſie heftig zuſammen, als Evert ihr mit leiſer Stimme ins Ohr flüſterte: „Wie es ſcheint, geht, was Miß Jane prophe⸗ zeiht, in Erfüllung, daß wir nämlich bald die Ver⸗ lobung zwiſchen Helfrid und Herrn Lange feiern werden.“ Conſtanze drehte ſich haſtig um. Ihr Angeſicht war todesbleich. „Was ſagen Sie da?“ fragte ſie. „O, ich ſagte, daß es nicht zu früh wäre, wenn Herr Lange und Helfrid ſich verlobten— nach einer zehnjährigen, gegenſeitigen Neigung.“ „Wer hat geſagt, daß Helfrid und Herr Lange Neigung zu einander haben?“ Dabei warf Conſtanze Evert einen ſtolzen Blick zu. „Wer?“ entgegnete er lachend.„Ich könnte antworten, alle; das wäre jedoch eine etwas viel⸗ umfaſſende Autorität. Darum citire ich nur eine von allen, nämlich Mamſell Smith. Aber das weiß Fräulein Conſtanze, die Freundin von Helfrid, ge⸗ wiß beſſer als ich. Die Vereinigung zwiſchen ihr 285 und Lange macht ja einen von Tante Stephana's Lieblingswünſchen aus. Schade nur, daß Helfrid kein Vermögen beſitzt. Wahrſcheinlich iſt es dieß, was Lange abgehalten hat, ſich längſt ſchon mit ihr zu vermählen. Ein ſo kluger und berechnender Mann wie er, bedenkt ſich wohl, ehe er einen ſolchen Schritt thut.— Bei ſeinem Aeußern und bei ſeinen Fähig⸗ keiten kann er natürlich auf ein reiches Mädchen Anſpruch machen. Schade indeſſen um Helfrid, welche ihn ſo lang und ſo treu geliebt hat.“ Evert nahm ein Heft auf und zeigte Conſtanze einen der Stahlſtiche, während er ein Langes und Breites darüber zu reden begann. Conſtanze hörte nicht, was er ſagte, ſondern ſaß einige Sekunden ganz verſteinert da. Dann erwachte ihr natürliches Mißtrauen. Sie erinnerte ſich an Jacobo's Wunſch, daß, ſo lang ſie noch zu Kungsborg verweilte, ihre Verbindung ge⸗ heim gehalten werden ſollte. Die Erklärung dieſes Wunſches war jetzt deut⸗ lich. Wenn ſie ſo an Jacobo's ruhigen Brief dachte, ſo frei von jedem Ausdruck der Leidenſchaft, konnte ſie nicht begreifen, wie ſie nicht ſogleich gemerkt hatte, daß Alles von kalter, jedes Gefühls erman⸗ gelnder Berechnung eingegeben war. „Ach! So vernünftig ſpricht man nicht, wenn man liebt,“ flüſterte der Zweifel. Sie hatte an dieſe kalten Worte geglaubt, weil ſie daran glauben wollte, weil ſie ihn liebte, und ſie hatte ſelbſt ver⸗ geſſen, daß ſie reich war. Jetzt, jetzt verſtand ſie Alles! Er wollte Zeit haben, um mit Helfrid zu brechen, bevor er ſich mit 286 ihr verlobte. Er verkaufte ſeine Liebe zu der Erſtern für das Gold, welches Conſtanze beſaß. Wenn das Mißtrauen erwacht, greift es wie eine Peſtſeuche um ſich und zerſtört und tödtet alle Wahrheit, Vernunft und Gerechtigkeit. Bei Conſtanze's lebhafter, leichtbeweglicher und für Eindrücke ſo offener Phantaſie bedarf es nur eines Sandkorns, um es in einen Berg zu ver⸗ wandeln. Im Laufe weniger Augenblicke hatte ſie durch eine bittere Vorſtellung nach der andern ihre Ge⸗ fühle ſo exaltirt, daß ſie den Mann durch ihre Ver⸗ achtung zermalmen wollte, welcher auf eine ſo egoiſti⸗ ſche Weiſe zwei Frauenherzen aufgeopfert und ſie zu einem Spielball ſeiner Berechnung gemacht atte. Mitten unter dieſem Sturm von Schmerz, Zorn, Verachtung und Eiferſucht hatte ſich Jacobo erhoben und kam in Begleitung von Helfrid heraus. Auf beider Angeſicht weilte ein eigenthümliches Gepräge von Schwermuth. Jacobo fuhr ſich mit der Hand über die Stirne, um die Wolke zu verjagen, welche ſich darauf gelagert hatte, und ſchritt vor, um neben Conſtanze Platz zu nehmen. Als er ſich an ihre Seite ſetzte, war es Con⸗ ſtanze, als müßte ſie vor Zorn erſticken. Das Blut ſtürzte ihr in die vorher noch ſo bleichen Wangen, und die Hand zitterte ſo heftig, daß ſie kaum die Nadel halten konnte. Sie wandte ſich geradezu von ihm ab und zu Evert, mit welchem ſie zu ſcherzen und ganz leb⸗ haft zu plaudern begann. 287 Conſtanze fühlte das unwiderſtehliche Bedürfniß, durch irgend einen Ausbruch ihrem Schmerz Luft zu machen. Sie wählte das bei Frauen gewöhn⸗ liche Mittel, durch hyſteriſches Lachen und konvul⸗ ſiviſche Munterkeit die Qual, welche ihr Herz er⸗ füllte, wo möglich abzuleiten. Jacobo betrachtete ſie mit einem Ausdruck des Erſtaunens. Ihr ganzes Benehmen war völlig ver⸗ ſchieden von dem, wie es ſonſt zu ſein pflegte. Die muthwillige, ungezügelte Heiterkeit gehörte ganz und gar nicht zu ihrer Gemüthsart, und war Etwas, dem ſie ſich ſonſt niemals überließ. Als Lange bemerkte, daß Conſtanze es augen⸗ ſcheinlich vermied, nach der Seite zu ſehen, wo er ſaß, wandte er ſich zu Kurt, welcher in die Lektüre der mit der Poſt angekommenen Zeitungen vertieft war; und begann mit ihm über politiſche Ereigniſſe zu ſprechen. Jacobo äußerte ſich mit ſeiner gewöhnlichen Ruhe und gab jetzt wie immerdar, der Unterhaltung Leben und Intereſſe, ſo daß der Graf und Stephana ihr Spiel vergaßen und an der Konverſation gleichfalls Theil nahmen. Je lebhafter aber das Geſpräch der Andern ſich geſtaltete, deſto einſilbiger wurden Conſtanze's Scherze und verſtummten endlich ganz. Evert konnte ihr nicht ein einziges Wort mehr entlocken. Sie ſaß ſchweigend da, und die Thränen wollten ſich zwiſchen den geſenkten Augenlidern hervordrängen; ſo ver⸗ wundet und unglücklich fühlte ſie ſich bei der Wahrneh⸗ mung, daß Jacobo ſo vollkommen ſich gleich blieb, 288 obwohl er deutlich hatte bemerken müſſen, daß ſie in ihrem Benehmen gegen ihn verändert war. „O, wie blind war ich, daß ich nicht längſt ſchon eingeſehen habe, wie er mit mir ſpielte. Könnte er eine ſolche Gleichgültigkeit gegen mein Benehmen an den Tag legen, wenn in ſeinem Herzen auch nur ein Funken' von Liebe ſich fände? Nein, er hat ſich meine Leichtgläubigkeit, meine Schwäche, meine Bewunderung ſeiner ſcheinbaren Ueberlegenheit zu Nutzen gemacht. Er hat mich zum Opfer ſeines ſchändlichen Eigennutzes auserſehen. O Gott! mich, die ich ihn ſo innig, ſo grenzenlos, ſo vertrauensvoll liebte!“ Conſtanze beugte ſich tiefer auf ihre Arbeit nieder; ſie fühlte, daß die Thränen ſich mit Gewalt hervor⸗ drängten, und fürchtete, es möchte Jemand dieſe Perlen, welche von unſäglichem Schmerz ausgepreßt wurden, entdecken. Zwei Perſonen gewahrten ſie dennoch, obwohl keiner von beiden es ſich merken ließ, nämlich Jacobo und Evert. Evert fühlte ſein Herz von Eiferſucht und Raſerei ergriffen. Jacobo dagegen empfand eine tiefe Theil⸗ nahme und Wehmuth. Er ſtand auf, trat zu dem Piano, nahm dort einige Muſikhefte, welche er bei ſeinem Eintritt in den Salon dort hingelegt hatte, und wandte ſich damit zu Conſtanze, indem er mild und freundlich äußerte: „Ich erhielt geſtern Abend dieſe neuen Lieder aus der Hauptſtadt zugleich mit einer Sendung Bücher. Erlauben Sie, daß ich mir die Freiheit nehme, ſie 289 Ihnen zu überreichen, da Sie die Gabe beſitzen, die Gedanken des Komponiſten auf die ſeelenvollſte Weiſe wiederzugeben. Wollen Sie, Fräulein Conſtanze, mir die Freude machen und dieſelben von mir an⸗ nehmen?“ Hätte Conſtanze in dieſem Augenblick aufgeſehen, wäre ſie dem Blick aufrichtiger und wirklicher Liebe begegnet, welchen Jacobo auf ſie heftete, ſo würden gewiß alle ihre Zweifel geſchwunden ſein. Aber ihr Blick war auf die Arbeit geheftet. Bei dem Laut von Lange's Stimme, als er zu ihr ſprach, erröthete ſie. Die Thränen trockneten auf den Wangen, ſo viel Bitterkeit erfüllte ihr Inneres. „Ihre Wahl, Herr Lange, iſt auf eine ganz un⸗ rechte Perſon gefallen, wenn Sie die Noten mir ſchenken wollten. Gewiß war es Helfrid, für welche Sie dieſelben beſtimmten.“ „Ich verſichere Sie, daß ein ſolcher Mißgriff von mir nicht begangen werden konnte,“ antwortete Lange mit Lächeln.„Nehmen Sie meine geringe Gabe an?“ „Nein!“ Conſtanze erhob ſich und ſetzte mit gedämpfter Stimme hinzu,„ich nehme niemals das an, was mit Recht einer Andern zukommen muß. „Aber Conſtanze, wie ſoll ich mir Ihr Benehmen erklären?“ fuhr Jacobo noch immer in zärtlichem Tone fort und betrachtete ſie mit einem Blick voll ißvergnügen. „Wie es Ihnen beliebt!“ antwortete Conſtanze und ließ ihn ſtehen. Schwartz, Arbeit adelt den Mann. 1. 19 290 Jacobo warf die Notenhefte in das lodernde Kaminfeuer. „Was machſt Du da?“ rief Kurt. „Ich gebe dem Feuer ſeinen Raub,“ antwortete Jacobo. In demſelben Augenblicke äußerte Evert mit lauter und klarer Stimme gegen Conſtanze, welche ſich an das Piano geſetzt hatte: „Haben Sie, mein Fräulein, ſchon Joſephſons neueſte Lieder gehört?“ „Nein; ſie ſind ſo neu, daß ſie ſich noch nicht hieher verirren konnten,“ antwortete Conſtanze. „Vielleicht kann ich die Ehre haben, ſie dem Fräulein morgen zuzuſtellen. Ich habe dieſelben mir verſchafft, um des Glücks willen, der erſte zu ſein, der ſie Ihnen anbietet.“ „Ich danke, Baron Axelhjelm; es wird mir ein Vergnügen ſein, dieſe Artigkeit von Ihnen anzu⸗ nehmen.“ Conſtanze wußte kaum, was ſie ſagte. Vor ihrer von Argwohn und Zweifel der Eiferſucht erregten Seele ſtand nur ein Gedanke klar, daß ſie Jacobo ebenſo tief verwunden wollte, als ſie ſich ſelbſt ver⸗ wundet fühlte. Lange hörte Alles. Sie nahm von Arelhjelm dieſelben Lieder an, welche ſie von ihm ablehnte⸗ Sie hatte Jacobo zu verwunden gewünſcht, und es war ihr gelungen. Ihr Benehmen war von der Art, daß es nicht einmal als Ausbruch der Eiferſucht entſchuldigt werden konnte;— die einzige Erklärung, welche Jacobo davon ſich zu geben vermochte. 3 * e 291 Stolz und ſeiner Ueberlegenheit ſich zur Genüge bewußt, ſah Jacobo den jungen Axelhjelm als einen viel zu unwürdigen Rivalen an, als daß er ſich dem Schein ausſetzen wollte, nur einen Augenblick mit ihm zu wetteifern. Obwohl er ſich eines giftigen Stichs der Eiferſucht in ſeinem Innern nicht ganz erwehren konnte, ließ er ſich doch durch Nichts in der Welt beſtimmen, dieß Conſtanze zu zeigen. Als er und Evert am Abend nach Akersnäs zurückkehrten, war das Herz des Letzteren von der größten Schadenfreude erfüllt. Gleich der erſte Angriff war ihm ja über Erwarten gelungen. Con⸗ ſtanze hatte ſich vergeſſen, und er glaubte Lange hinlänglich zu kennen, um verſichert zu ſein, daß es ihm ſchwer fallen würde, ihr zu verzeihen, was ſie heute Abend gethan hatte. Cvert war ſehr aufgeräumt und begann ſogar ſelbſt ein Geſpräch mit Lange, was er im Allge⸗ meinen ſtets vermied. Während der ganzen Heim⸗ fahrt war er ungemein redſelig. Jacobo, der an ſich nicht ſonderlich mittheilſam gegenüber von Cvert war, ſchien gleichwohl dieſen Abend mehr als ſonſt zur Konverſation geneigt. Warum?— Ach, mein Gott, unſer lieber Jacobo war ganz und gar kein Heiliger, ſondern mit ganz menſchlichen Fehlern be⸗ haftet. Dazu gehörte eine empfindliche Eigenliebe, und dieſe hätte ihm niemals geſtattet, Andere von der empfangenen Wunde Etwas merken zu laſſen, beſonders wenn er argwohnte, daß es Jemand gab, der ſich darüber freute. Jacobo's Menſchenkenntniß und ſcharfe Beob⸗ achtungsgabe ſagte ihm ſogar, daß Sre bei dem 292 von Conſtanze an den Tag gelegten Benehmen die Hand im Spiel hatte. Kein Schmerz in ſeinem Innern hätte groß genug ſein können, um über den ſtolzen Lange ſo viel zu vermögen, daß er dem jungen Mann den Triumph eingeräumt hätte, davon Kenntniß zu bekommen. Als ſie in Akersnäs anlangten, dachte Axelhjelm mit Bitterkeit: „Wahrhaftig, ich glaube, dieſer verdammte Burſche iſt ganz unverwundbar. Mir ſelbſt unbewußt, habe ich vielleicht nicht Unrecht gehabt, wenn ich behauptete, er liebe Conſtanze nicht. Es wäre wirklich undenk⸗ bar, daß er ſo ruhig und heiteren Gemüthes ſein könnte, wenn er dieß thäte,— nach einem Benehmen gegen ihn, wie das ihrige. In ſeiner Seele gibt es nur ein Intereſſe, und das iſt die Fabrik⸗ Fürwahr eine reizende Perſönlichkeit, um ſich darein zu verlieben. Evert ging zur Ruhe, zufrieden mit ſich ſelbſt und dem Erfolg, den er bei ſeinen Bemühungen, Zwietracht auszuſäen, davon getragen hatte. Als Jacobo allein in ſeinem Zimmer war, wan⸗ derte er daſelbſt auf und ab. Die ruhige Maske wurde nun abgeworfen, und das wirklich ſchöne An⸗ geſicht war ſo bleich, daß es ſchwarze Schatten um die Augen herum erhielt. „Ich Thor,“ dachte Jacobo,„daß ich Glück und Frieden auf einen Windſtoß in den Launen dieſes unbeſtändigen Mädchens ſetzte. Wie konnte ich einen Augenblick die irrige Meinung nähren, die Liebe beſitze das Vermögen, ihrem Charakter Feſtigkeit und ihren Neigungen und Gefühlen eine bleibende Rich⸗ 293 tung zu geben? Wie hat ſie mich nicht durch Züge von Hochſinn und wirkliche Seelengröße ent⸗ zückt. Sollte es möglich ſein, daß Alles blos ein Blendwerk der Eingebung des Augenblicks geweſen? Unmöglich!— Und doch, ſollte wirklich irgend eine Unzufriedenheit, oder eine Gefühlsaufwallung ſo viel über ſie vermocht haben, um mich auf eine Weiſe zu behandeln, wie es heute Abend geſchehen, wenn ſie mich wirklich liebte, wie ich ſie?— Nein!— Aber wenn ſie bei ihrer lebhaften Gemüthsart von Eiferſucht beherrſcht wurde, dann...... Jacobo's Gedanken nahmen jezt eine für Con⸗ ſtanze entſchuldigende Wendung. Er liebte ſie allzu ſehr, um nicht irgend Etwas aufzuſuchen, das ihr ſeinem Stolze gegenüber einigermaßen zur Recht⸗ fertigung gereichen mochte. Wie laut und warm aber auch das Herz für ſie redete, ſo regte ſich nicht minder lebhaft der verwundete Hochmuth und flüſterte: „Laß ſie nicht ſehen, daß die Schwäche deines Herzens dieſe Aufführung verzeiht, ſondern ſie ſoll fühlen, daß Du nicht ein Mann biſt, geſchaffen, um dem Winde von Frauenlaunen zu folgen, wenn es ſich um deine heiligſten Gefühle handelt.“ XLV. Am Abend, nachdem Lange, Evert und Kurt Kungsborg verlaſſen hatten, war Graf Hermann in as Bureau hinabgegangen, um noch einige Briefe ſeiten, welche am nächſten Morgen abgehen ollten. 294 Stephana blieb im Salon zurück, um ſeine Rück⸗ kehr abzuwarten; Helfrid und Olga hatten ſich auf ihre Zimmer begeben; Conſtanze leiſtete Stephana Geſellſchaft. Sobald Helfrid ſie verlaſſen hatte, wandte ſich Conſtanze zu Stephana mit den Worten: „Helfrid war wohl auch nicht älter als ich, als ſie Liebe zu Herrn Lange faßte?“ Stephana, welche über einem Buche ſaß, worin ſie blätterte, ſah haſtig auf. „Wer hat Dir denn geſagt, daß Helfrid über⸗ haupt Herrn Lange liebe?“ „Das iſt ja ganz gleichgiltig. Genug, daß ich es weiß.“ „Konnte wohl Jacobo.... „Die Aufrichtigkeit ſo weit treiben, willſt Du ſagen,“ fiel Konſtanze ein.„Nein, meine beſte Stephana, Herr Longe hat Richts geſagt; übrigens ſind wir, er und ich, noch nicht ſo genau bekannt daß er mich zur Vertrauten ſeiner Reigungen und Gefühle machen ſollte, oder daß ich mich hiezu her⸗ geben möchte.“ Conſtanze's Ton war kalt und ſtolz. Stephana lächelte. „Ich bin deine Vertraute nicht, und habe auch weder ein Recht noch einen Anſpruch auf deine Auf⸗ richtigkeit, aber ich möchte doch gern wiſſen, ob Du in Vezug auf Dich und Lange eben die Wahrheit „Was meinſt Du?“ fragte Conſtanze und heftete einen ſtolzen Blick auf die Gräfin. „Ich meine, daß Du entweder unbe⸗ 295 dachtes und kokettes Mädchen biſt, oder daß zwiſchen Dir und Joacobo eine gegenſeitige Zuneigung ſtatt⸗ finden muß; ſonſt wäre dein Betragen gegen ihn unerklärlich.“ „Du haſt alſo geglaubt, daß er und ich. „Daß ihr einander liebtet?— Ja!“ „Und Du haſt geſchwiegen,“ rief Conſtanze. „Du haſt es mit anſehen können, wie er Helfrid aufgab, ſie einem ganzen Leben endloſer Qual weihte, und Du biſt nicht hingegangen und haſt zu ihm Keſaat Conſtanze war ſo heftig aufgeregt, daß ſie nicht fortfahren konnte. „Was?“ fragte Stephana. „Daß er ſchlecht, niedrig und verabſcheuenswerth handelte.“ „Conſtanze, mäßige Dich und ſprich um Gottes willen ruhig! Jacobo iſt ja vollkommen frei, im Beſitze vollen Rechtes, zu lieben weu er will, ſelbſt wenn ſeine Wahl in meinen Augen minder glücklich für ihn ſelbſt erſchiene.“ „Kann er frei ſein, wenn er an Helfrid gebunden iſt? Oder willſt Du deine Parteilichkeit ſo weit treiben, daß Du die Wahrheit von Helfrids Nei⸗ gung in Abrede ziehſt? Sie iſt ein allzu ſtolzes Mädchen, um einen Mann zu lieben, welcher ſie nicht wieder liebt.“ „Ich laſſe mich auf keine Erklärungen bezüglich eines Gegenſtands ein, worüber ich nicht berechtigt bin mich zu äußern; aber ich kann mich mit meiner eigenen Ehre dafür verbürgen, daß Jacobo frei iſt.“ „Ich begehre dieſe Buͤrgſchaft nicht, denn die 296 ganze Sache iſt mir vollkommen gleichgültig. Ich hätte jedoch von der Frau meines Vormundes er⸗ wartet, daß ſie ſich nicht durch ihre Freundſchaft für Lange verleiten ließe, von Recht und Wahrheit ab⸗ zuweichen. Du, Stephana, weißt ſo gut wie ich, daß Helfrid ſeit vielen Jahren an ihn gebunden war. Du haſt ſelbſt ſchon manches Jahr eine Ver⸗ bindung zwiſchen ihnen innig gewünſcht. Sage mir alſo, was kann Dich beſtimmen, die Thatſache davon zu läugnen?“ „Ich läugne Nichts und gebe Nichts zu. Die ganze Sache iſt nicht der Art, daß ich darüber zu urtheilen habe. Wahr iſt, daß ich von ganzem Herzen wünſchte, Helfrid und Jacobo möchten ein Paar werden, denn er kann niemals eine paſſendere Frau für ſich finden; ſie niemals einen Mann, der ihrer würdiger wäre; aber..... 2 „Er iſt jetzt frei, und folglich ſteht weder Dir noch irgend Jemand anders das Recht zu, in die Sache einzugreifen, willſt Du beifügen. Mag ſein, daß er es juridiſch betrachtet iſt; aber vor dem Ge⸗ wiſſen und der Moral keineswegs.“ Conſtanze erhob ſich, indem ſie hinzuſezte: „Warum davon reden? Herr Lange iſt mir eine ganz gleichgültige Perſon und es geht mich Richts an, wie er mit ſeinem Gewiſſen zurecht kommt. Gute Nacht, Stephana.“ Sie drückte der Gräfin die Hand und entfernte ſich, ohne daß Stephana ſie zurückhielt. „Es würde mich ſchmerzen, wenn Jacobo ernſtlich an ſie gefeſſelt wäre,“ dachte Stephana.„Sie iſt nur dazu geſchaffen, durch die Leichtigkeit, womit e 3 297 ſie Eindrücke in ſich aufnimmt, ihn unglücklich zu machen.“ Der Eintritt des Grafen Hermann in den Salon ſtörte Stephana in allen weitern Betrachtungen. XLVI. Am folgenden Tage war Geſellſchaft bei einem der Nachbarn. Conſtanze ſchützte Unpäßlichkeit vor, und blieb zu Hauſe. Sie war in ihrem Innern ſo tief unglücklich, daß ſie Jacobo nicht wiederſehen wollte. Der Anblick von ihm kam ihr wahrhaft ſchmerzlich vor. Ein paar Tage vergingen, während welcher ſie ſich auf ihrem Zimmer hielt. Von Olga wußte ſie, daß Lange nach Kungsborg gekommen, und daß er, nach ihrer Schweſter Ausſage, heiter und ſich voll⸗ kommen gleich geweſen war. Konſtanze glaubte, das Herz müſſe ihr vor Zorn und Schmerz brechen, bei dem Gedanken, wie ſie ſo gar Nichts für ihn war, daß er ſie nicht einmal bei ihrer Abweſenheit vermißte, ſondern ſich der Freude hingab, bei der Frau zu ſein, an welche er durch ſeine Neigung gefeſſelt war, die er aber aus ſchmutz⸗ gem Eigennutz zu verlaſſen im Begriff ſtand. Endlich, am vierten Abend nach ihrem letzten Zuſammentreffen, entſchloß ſich Conſtanze, hinab zu gehen. Sie war bei ihrem Eintritt in den Salon „ungewöhnlich bleich, und ihr ganzes Aeußere ſprach von einem Leid, welches ihrem vorgeblichen Uebel⸗ befinden allen Schein von Wahrheit gab. 298 Conſtanze's erſtes Leiden hatte ſo deutliche Spuren zurückgelaſſen, daß ſich leicht begreifen ließ, der Schmerz würde im Stande ſein, die Roſen der Ge⸗ ſundheit und Jugendfriſche, womit ſie jetzt geſchmückt erſchien, völlig zu zerſtören. Sie war eine jener Naturen, welche dem Kummer nicht erliegen, weil ſie zu viel Elaſticität der Seele beſitzen, aber bei denen er im Herzen ſitzt und daran nagt, ohne den Lebensfaden zerreißen zu können. Wenige Augenblicke, nachdem ſie ſich auf einen kleinen Sopha niedergelaſſen hatte, langte Kurt mit einigen Herren an; bald nach ihnen kam auch Evert, aber ohne Jacobo. „Kommt Herr Lange dieſen Abend nicht?“ fragte einer der Herren denſelben. „Ich weiß es nicht,“ antwortete Evert;„Herr Lange iſt heute Morgen nach Z. gereist und war noch nicht zurück, als ich von Hauſe abging.“ „Ein verteufelt wackerer Burſche, unſer lieber Amerikaner,“ bemerkte der Oberſt D.„Haben die Herren ſchon gehört, wie er ſich gegen die Wittwen und Kinder von den Arbeitern benahm, welche bei dem een des Blitzes ihr Leben verloren?“ „Nein!“ „Er läßt den Wittwen den Wochenlohn, den ihre Männer in der Fabrik hatten, ſo lang die Kinder noch Nichts zu ihrer Verſorgung beitragen können⸗ Iſt das nicht honnett?“ Dieſe Einleitung gab das Signal zu einem all⸗ gemeinen Lobliede. Jedermann hatte irgend einen ſchönen Zug von Lange oder ein nützliches Werk, das er ausgeführt hatte, zu erzählen. . 299 Es wollte mit den Lobeserhebungen, die an Everts Ohr wie eine hölliſche Muſik ſchlugen, gar kein Ende nehmen. Er ſah, wie Conſtanze mit ge⸗ ſpanntem Intereſſe zuhörte. Er begann zu fürchten, die Wirkung davon möchte den Eindruck mildern, welchen ſeine Geſchichte auf ſie gemacht hatte. Deß⸗ halb wandte er ſich mit den Worten zu ihr: „Es iſt eine Freude, von Herrn Lange ſprechen zu hören. Es geſchieht ſtets mit Ruhm und Preis. Er iſt auch ein unbeſchreiblich liebenswürdiger Mann. Als wir das letzte Mal von hier wegfuhren, war er ungewöhnlich aufgeräumt, und da ſprach er mit mir von der Erweiterung ſeiner Fabrik, welche er auszuführen beabſichtigte, wenn ihm ein größeres Umtriebskapital zu Gebot ſtünde. Sein höchſtes Intereſſe iſt die Fabrik.“ Vonſtanze gab keine Antwort; aber ſie wechſelte die Farbe und gedachte mit Bitterkeit: „Durch mich glaubte er wohl dieſes Umtriebs⸗ kapital zu erhalten; ich würde ihm ſomit nur als Mittel dienen, ſein höchſtes Intereſſe— die Er⸗ weiterung der Fabrik zu befriedigen.“ Konſtanze hätte gern über ſich ſelbſt und den Mann, welchen ſie liebte, geweint. Als ſie erwog, daß ſie für ſein Herz ſo gar Nichts war, daß er die Rolle des Liebenden geſpielt hatte, um ihre heiligſten Gefühle verführeriſch an ſich zu ziehen, da ſlogen ihre Pulſe mit wachſender Heftigkeit, ſo groß war ihre Entrüſtung. Mitten unter dieſer Aufregung ihres Gemüths trat Lange ein. Als ſein Name von Eklunds Lippen ertönte, 300 flog Conſtanze's Blick ihm zu und begegnete dem ſeinigen. Jacobo war bleicher als gewöhnlich. Der Schat⸗ ten einer Wolke lag auf der hohen, klaren Stirne; aber ſonſt war ſein Ausſehen unverändert. Die Augen leuchteten eben ſo klar und ſtrahlend wie gewöhnlich, obſchon ſie dunkler zu ſein ſchienen. Nach den erſten Höflichkeitsbezeugungen ſtand er vor Conſtanze. Als ſie merkte, daß er ſich näherte drehte ſie ſich zu Evert um und begann munter mit ihm zu ſcherzen, indem ſie ſich ſtellte, als ſähe ſie Lange gar nicht. „Guten Abend, Fräulein Conſtanze,“ ſagte Jacobo. Obwohl er ſein ganzes Selbſtbeherrſchungsvermögen aufbot, um ſeiner Stimme einen gleichgültigen Aus⸗ druck zu geben, lag doch Etwas in dem Accente, das Conſtanze fühlbar machte, daß es in ſeinem Innern nicht ſo ruhig ausſah, wie in ſeinem Aeußern. Mit der wilden Freude des Schmerzes faßte ſie dieſe Entdeckung auf, um ihm einen Stich zu verſetzen, der in gewiſſem Maaße der Qual, welche ſie ſeii erlitt, das Gleichgewicht halten ſollte. Ohne den Kopf umzudrehen, antwortete ſie: „Guten Abend, Herr Lange.“ Dann ſetzte ſie ihr Geſpräch wieder mit Evert fort, in der Erwartung, dieſe Stimme, ihr ſo theuer und doch ſo verhaßt, weiter zu hören. Sie irrte ſich. Einen Augenblick blieb Jacobo wirklich ſtehen; darauf entfernte er ſich, und einige Minuten ſpäter ſah Conſtanze ihn gerade ſich gegenüber auf einem Sopha neben Stephana ſitzen, in einem lebhaften ie ie e it e e n t. 301 Geſpräch mit ihr, Kurt Arxelhjelm und ein paar andern Herren begriffen. Conſtanze war es, als ob ſie bei dem Anblick dieſer unerſchütterlichen Ruhe erſticken müßte. Sie fühlte einen wahnſinnigen Drang, auf irgend eine Art eine Eruption herbeizuführen. Koſte es was es wolle, ſie mußte ihn gerade jetzt erfahren laſſen, daß ſie durch ſeine vorgebliche Vollkommenheit weder geblendet noch irre geleitet wäre. Als eine kleine Pauſe im Geſpräch entſtand, er⸗ hob ſie den Kopf von ihrer Arbeit und ſagte: „Herr Lange, iſt es wirklich wahr, was man von dem Amerikaner behauptet, daß er kein anderes In⸗ tereſſe, als das des Geldes beſitze? Ihre Augen leuchteten wie Blitze. Jacobo wandte ſich zu ihr um und warf dem eraltirten Mädchen einen Blick von ſo viel Güte zu, daß es ſchien, als wollte er ſie damit bitten, doch zur Beſinnung zu kommen. Dann antwortete er ganz ruhig: „Sie vergeſſen, mein Fräulein, daß ich ſelbſt Amerikaner bin und daß es mir ſomit ſchwer fällt, mich über meine Landsleute zu äußern. Ich glaube jedoch, ohne daß ich der Parteilichkeit beſchuldigt werde, verſichern zu dürfen, daß dieſes Urtheil ein unge⸗ rechtes iſt.“ „Aber in Ihrem Heimathland iſt die Ehe doch nur eine Geſchäftsſache und nicht weiter. Man wählt ſich ein reiches Mädchen, wenn man zum Bei⸗ ſpiel ſeinen Handel, oder ſeine Fabrik zu erweitern im Sinne hat.“ Ein leichtes Zucken in Lange's Augenlidern gab S 302 zu erkennen, daß ſie dießmal eine empfindliche Sain in ſeinem Innern angeſchlagen hatte. „Da haben Sie gewiß Unrecht,“ erwiederte er ganz gleichgültig.„Ich glaube, daß die Amerikaner weniger als irgend eine andere Nation ſich dieſes Fehlers ſchuldig machen.“ Er wandte ſich zu Stephana mit der deutlichen Abſicht, das unterbrochene Geſpräch wieder fortzu. ſetzen; aber Conſtanze, welche ſich durch ſeine une⸗ ſchütterliche Kälte nur gereizt fühlte, hätte eher Kungsborg über ihrem Haupte zuſammenſtürzen laſſen, als daß ſie davon abgeſtanden wäre, ihn aus derſelben mit Gewalt aufzurütteln. „Beabſichtigt Herr Lange auch wieder nach Ame⸗ rika zurückzukehren?“ fragte ſie in einem Ton, welchet Stephana beſtimmte, nach ihr hinzuſehen, ſo un⸗ natürlich ſcharf erklang er. „Nein, Fräulein Conſtanze, das iſt nicht meine Abſicht.“ „Ich hätte doch geglaubt, daß Sie, wie jeder andere ausländiſche Glücksritter, wieder in Ihre Heimath zurückkehren würden, nachdem Sie die ſchwe⸗ diſche Leichtgläubigkeit genugſam ausgebeutet hätten?“ „Conſtanze!“ rief Graf Hermann und erhob ſich von ſeinem Platze. Bei Conſtanze's Worten war Jacobo zuerſt das Blut heftig gegen den Kopf geſchoſſen; aber einen Augenblick darauf wurde er ſo bleich, daß ſein Ange⸗ ſicht eine bläuliche Farbe annahm. In ſeinen Augen funkelte es, und Conſtanze, welche ihren kalten, ſiol⸗ zen Blick auf ihn geheftet hatte, erlangte die Genug⸗ thuung, ein Paar Sekunden lang den Ausdruck einer 303 heftigen Gemüthserregung in dieſen ſonſt ſo ruhigen Zügen ſich abſpiegeln zu ſehen. Bei Graf Hermanns Ausruf und Geberde fiel Jacobo kalt ein: „Beſter Romarhjerta, lege kein ſo großes Ge⸗ wicht auf des Fräukeins Worte. Nur eine zufällig bei ihr entſtandene üble Laune hat ihr dieſelben diktirt.“ Lange's Ton verrieth das Nachſichtige der Ueber⸗ legenheit. „Aus welchem Grunde betrachten Sie das, was ich geſagt habe, als einen Anfall übler Laune, und nicht als das, was es wirklich iſt, meine Ueber⸗ zeugung?“ Conſtanze fühlte ſich ſo aufgereizt, daß ſie die nweſenheit der Fremden, welche Zeugen von dieſem Auftritt waren, ganz vergaß. „Conſtanze, ich denke, Du ſollteſt Herrn Lange Dank wiſſen, daß er deinen unzarten Ausfall ſo aufnimmt,“ bemerkte Graf Romarhjerta in zurecht⸗ weiſendem Tone. „Ich verſichere Dich, Onkel, daß ich Herrn Lange's Nachſicht gar nicht bedarf,“ entgegnete Conſtanze ſtolz. „Darin hat das Fräulein vollkommen Recht. Von einer Nachſicht kann durchaus nicht die Rede ſein.— Wenn man im Allgemeinen ſpricht, ſo darf das Individuum niemals das, was geſagt wird, auf ſich beziehen.“ Jacobo ſtand auf, und es trat einige Augen⸗ blicke ein peinliches Stillſchweigen ein. Stephana machte indeſſen demſelben ſchnell ein Ende, indem ſie ein neues Geſpräch einleitete, in welches Lange ſogleich ſich einmiſchte. Conſtanze ſaß ſchweigend da, wie erwachend aus ihrer Beſinnungsloſigkeit. Sie bereute ihren Ausfall, und eine innere Stimme rief ihr unaufhörlich zu: „Von einer Nochſicht kann nicht die Rede ſein.“ Diejenigen von den Herren, welche ihre Hoffnungen auf Conſtanze ſetzten, warteten ihr an dieſem Abend mit Artigkeiten auf, um ſie nach der erlittenen Nie⸗ derlage zu zerſtreuen und ihr dieſelbe vergeſſen zu machen. Conſtanze ſchwatzte, lachte und zeigte ſich im höchſten Grade animirt; aber ihr Lachen klang er⸗ künſtelt, ihre Sprache hatte etwas Unnatürliches, und man bemerkte leicht, daß ſie nicht in normaler Ge⸗ müthsſtimmung war. Auch dieſer Abend, ſo unendlich lang und pein⸗ lich er für Conſtanze war, nahm ein Ende, und Jedermann machte ſich auf den Heimweg. Jacobo war weder der erſte, noch der letzte, welcher Kungs⸗ borg verließ, ſondern nahm zugleich mit den Andern Abſchied. Nun waren ſie fort, und Conſtanze ſah ſich end⸗ lich allein auf ihrem Zimmer, wohin ſie ſich eilig zurückgezogen hatte, um den moraliſchen Vorſtellungen von dem Grafen Romarhjerta zu entgehen. Als ſie ihre Thüre verſchloſſen hatte, warf ſie ſich auf den Sopha nieder und brach in wildes Schluchzen aus. Mag die Nacht in ihrem Schooße den ſelbſtge⸗ ſchaffenen Kummer des jungen Mädchens begraben! Sie iſt ja ſeit Jahrhunderten die ſtille Vertraute aller Betrübten und Zeugin ſo vieler Schmerzens⸗ ausbrüche geweſen! 305 XLVII. Den Tag nach dem obenbeſchriebenen Vorfall reiste Jacobo in Geſchäften nach der Hauptſtadt. Jar hatte ihn begleiten müſſen, denn Bengt hatte ihn darauf aufmerkſam gemacht, daß die Stimmung in der Fabrik gegen Jvar ſich wieder ſehr feindſelig geſtaltet hatte. Lange fürchtete deßhalb, es möchte in ſeiner Abweſenheit ein Ausbruch ſtattfinden, und ſo nahm er den jungen Menſchen mit ſich. Conſtanze hatte ſich mehrere Tage lang im Geſell⸗ ſchaftszimmer zu Kungsborg nicht ſehen laſſen. Sie ſchützte Kopfweh vor. Stephana ging allerdings zu ihr hinauf, fand aber ſogleich, daß das Uebel nicht von phyſiſcher Art war. Ueberdieß verrieth ihr ganzes Benehmen eine ſolche Zurückgezogenheit, daß Stephana leicht erkannte, Conſtanze wünſche allein zu ſein. Der Auftritt mit Lange hatte zugleich einen nicht geringen Grad von Mißbilligung bei Stephana und Hermann erregt, was zu gleicher Zeit auch eine Kälte gegenüber von Conſtanze zur Folge hatte. So verging eine Woche. Helfrid hatte ſich jeden Tag bei Conſtanze eingefunden, um mit ihr einige Augenblicke zu plaudern; aber dieſe verſchanzte ſich hinter ihrer Würde dergeſtalt, daß Helfrid bei ihrem ſtolzen Herzen ſich nicht geneigt fand, ihre Freund⸗ lichteit an ſie zu verſchwenden⸗ Nachdem Conſtanze ſieben ganze Tage es ſo ausgehalten hatte, begann der Schmerz den Panzer, womit der Stolz ſie umkleidet, allmälig zu ſchmelzen, Söhwartz, Arbeit avelt den Mann. 1. 20 306 und ſie empfand ein unwiderſtehliches Verlangen Etwas von Jacobo zu hören. Sein Name war die ganze Zeit nicht ein einziges Mal genannt worden, weder von ihr noch vor Helfrid. Sie wußte ſomit davon, daß er verreist war, gar Nichts. Alles, wovon ſie Kunde hatte, war, daß er in der Zwiſchenzeit in Kungsborg nicht ſicht⸗ bar geweſen; dieß hatte Olga ihr mitgetheilt. Am achten Tage nahm ſie ihre Arbeit mit ſich und ging zu Helfrid. Der Graf und die Gräfn hatten Beſuch bei einem der Nachbarn gemacht. Etwas verwundert betrachtete Helfrid Conſtanzes kummervolles Ausſehen. Der dunkle Schatten unter den Augen gab zu erkennen, daß ſie in den letzten Tagen manche bittere Thräne vergoſſen hatte. Helfrid war allzu feinfühlend, um mit einen einzigen Wort ihre Verwunderung über dieſen Be ſuch zu äußern. Sie verſtand, daß irgend ein inne⸗ licher Schmerz die Urſache von Conſtanze's auffallenden Benehmen war. „Der Onkel und Stephana ſind heute Vormittag verreist, glaube ich?“ begann Conſtanze: Nach dieſer Einleitung kam das Geſpräch uf Reiſen im Allgemeinen und auf den Aufenthalt in fremden Ländern. Plötzlich bemerkte Conſtanze: „Was war denn die Urſache, daß du ſo lang in Auslande verweilteſt?“ Die Frage kam Helfrid ſo quer in den Weg, daß ſie erröthend antwortete: „Ich hatte keine andere Urſache, als meine Nei⸗ gung, in England zu bleiben und dieſe große Nation n es d. 3 in . er en m e⸗ k⸗ m 9 uf in „ 307 kennen zu lernen. Ueberdieß habe ich ja meine ältere Schweſter dort verheirathet. „Das iſt wahr.— Du kannteſt ja Herrn Lange ſchon vor deiner Abreiſe?“ Konſtanze ſah Helfrid an, welche auch jetzt die Farbe wechſelte. „Ja ich kenne ihn von der Zeit an, da er nach Schweden kam.“. „Geſtehe, Helfrid, daß Du in deinem Herzen den ollkommenheitsapoſtel tief verachteſt, welcher das Gute aus Berechnung übt, und welcher betrügt und heuchelt, wenn er es, ohne Furcht ertappt zu werden, thun kann. An deiner Stelle würde ich ihn ver⸗ abſcheuen.“ „Aus welchem Grunde?“ fiel Helfried lebhaft ein.„Ich kenne keinen edleren Mann, als Herrn Lange, und ich verſtehe wahrhaftig nicht, wie Du dich auf ſolche Weiſe über ihn äußern kannſt.“ „Du verſtehſt es nicht!“ rief Conſtanze glühend roth.„Aber ich verſtehe es. Kannſt Du wirklich ſagen, daß der Mann edel iſt, welcher ſein Gelübde verräth und mit dem Frauenherzen ſpielt?“ „Aber wem hat er denn ſein Gelübde gebrochen, und welches Frauenherz hat er verrathen?“ „Helfrid, Helfrid, wozu dieſes Doppelſpiel, da ich doch Alles weiß? Glaubſt Du wirklich, damit ſein Glück bereiten zu können, ſo täuſcheſt Du dich. Niemals wird er durch mich glücklich, das kann i Dir heilig verſichern.— Wenn Du ſeine Partei himmſt, ſo verleugneſt Du die Wahrheit und machſt Dich zu ſeiner Mitſchuldigen.“ 20* „Conſtanze, Du ſprichſt in Räthſeln,“ ſagte Hel⸗ frid mit Würde. „O mein Gott!“ rief Conſtanze, die Hände zu⸗ ſammenſchlagend.„Wie iſt es möglich, mit dieſer Kaltblütigkeit an einen Menſchen zu denken und von ihm zu ſprechen, der Dir ſo viel Uebels zugefügt hat!— Siehſt Du denn nicht, ahnſt Du denn nicht, daß er im Begriff ſteht, Dich zu betrügen?“ „Mich betrügen?“ Was meinſt Du?— Um mich betrügen zu können, müßte ich ein Recht auf ihn haben.“ Helfrids ganzes Aeußere zeigte einen ſo wahren und natürlichen Ausdruck der Ueberraſchung, daß Conſtanze ſie mit Beſtürzung anſah. Zum erſten Mal erhob ſich in dem erxaltirten Gehirn des jungen Mädchens der vernünftige Ge⸗ danke: „Wenn es nicht wahr wäre, was Evert geſagt 5 hatu Alles Blut ſtrömte ihr nach dem Herzen. Koſte es was es wolle, ſie mußte nun Gewißheit haben. Sie ergriff alſo Helfrids Hände und ſagte mit einem unmöglich zu beſchreibenden Ausdruck: „Helfrid, antworte mir ehrlich und aufrichtig⸗ als ob Du vor Gott ſtändeſt, hat Lange Dich ge⸗ liebt?— Zaudere nicht, die Wahrheit zu ſagen, ich bitte Dich darum.“ 23 „Warum ſollte ich zaudern?“ erwiederte Helfrid, indem ſie Conſtanze mit ihren offenen und ehrlichen Augen betrachtete.„Hätte er mich geliebt, ſo würde ich mit Stolz es anerkennen, weil ich dann gewiß ſeine ——— „—— 309 Gattin geworden wäre; aber er hat niemals Liebe gegen mich gehegt.“ „Iſt das wirklich wahr?“ „Sehe ich aus, als ob ich eine Unwahrheit ſpräche?“ Einige Minuten ſah ihr Conſtanze ins Geſicht. Man konnte ſagen, jede Linie in demſelben trage das Gepräge der Wahrheit. Nach dieſer etwas langen Prüfung ließ Con⸗ ſtanze Helfrids Hände los und ſtieß einen tiefen Seufzer aus. „Ich danke!“ war Alles, was ſie ſagte. „Nun mußt Du mir auch eine Frage erlauben; was hat Dir Anlaß zu einer ſolchen Vermuthung gegeben?“ „Man hat mir geſagt, daß ihr, Du und Lange, ſeit vielen Jahren durch zärtliche Bande an einander geknüpft wäret.“ „Man?— Wen meinſt Du mit dieſem Wort?“ „Ich will meinen Gewährsmann nicht nennen.“ „Das iſt auch einerlei, da die ganze Geſchichte eine Erdichtung iſt, welcher nicht einmal ein Schein von Wahrheit zu Grunde liegt.“ Helfrid nahm ein Buch und fragte Conſtanze, ob ſie ihr einige Zeilen aus Schillers„Don Carlos“ vorleſen ſollte. Während des Leſens ſaß Conſtanze in ihrem Seſſel zurückgelehnt da und überdachte mit Entſetzen, wie blind ſie ſich von dem Eindruck des Augenblicks hatte dahin reißen laſſen. Ohne zu prüfen und zu unterſuchen, hatte ſie ihr Glück zerſtört und es ſchon im Keime vernichtet. 310 Eine traurige Ahnung ſagte ihr daß es mehr als ſchwer halten würde, Jacobo zu beſänftigen. Als ſie am Abend allein in ihrem Zimmer ſich befand, rang ſie verzweiflungsvoll die Hände und rief unter lautem Schluchzen: „Wie habe ich nicht in meiner Heftigkeit mich gegen ihn vergangen! Wie konnte ich ſo verblendet ſein und glauben, was Evert ſagte! Hatte Jacobo mich nicht vor den ſchlimmen Leidenſchaften dieſes jungen Mannes gewarnt, und ich, ich ſtürzte ge⸗ dankenlos in den Abgrund, an welchen er mich ſo geſchickt zu führen wußte!.... Gleich heftig und unüberlegt, wie ſie in ihrem Mißtrauen geweſen, war ſie jetzt in dem Verlangen, zu ſühnen, was ſie verbrochen hatte. Die Tage ver⸗ floſſen ihr wie Jahrhunderte, ſo endlos lang waren ſie. XLVIII. Eine Woche nach Lange's Abreiſe war Sturesjö vollendet und des Empfangs ſeiner jungen Herrin gewärtig; dieſe blieb aber noch immer zu Kungsborg, unter dem Vorwand, ſie wolle nicht eher dahin überſiedeln, als bis ſie von ihrer Freundin, Anna Wielki, welche den Winter in Sturesjö zubringen ſollte, Antwort erhalten hätte. Eines Tags äußerte Kurt gegen ſie: „Nun, Fräulein Conſtanze, wann ziehen Sie nach Sturesjö?“ „Das ſteht wohl noch einige Wochen an,“ ant⸗ wortete Conſtanze. 311 „Aber warum haben Sie denn mich und die Arbeiter beinahe zu Tode geplagt, um Alles der⸗ maßen zu beſchleunigen, daß es bis auf einen be⸗ ſtimmten Tag in Ordnung ſein ſollte?“ „Weil ich auf den erſten des Monats meinen Aufenthalt dort nehmen wollte. Nun hat es keine Eile, da der Onkel und Stephana mir erlauben, hier zu bleiben.“ Kurt betrachtete ſie einen Augenblick mit einem gemiſchten Ausdruck von Jronie und Ernſt. „Sie ſind ein gefährlich launenhaftes Weſen,“ flüſterte er.„Wehe dem Mann, welcher ſeine ſchön⸗ ſten Hoffnungen auf Sie baut!“ Er ahnte nicht, welche verwundbare Stelle in Conſtanze's Seele er berührt. Everts Ankunft bewog Conſtanze, die Geſellſchaft zu verlaſſen. Sobald er ſichtbar wurde, ging ſie aus dem Zimmer: ein Benehmen, welches ſie ſeit dem Geſpräch mit Helfrid beobachtete. Die erſte Woche im November war zu Ende ge⸗ gangen, und noch war von Lange nicht eine Spur zu ſehen. Man erwartete ihn nun jeden Augenblick. Eines Tags, als die Sonne ungewöhnlich klar auf den erſten Schnee herabſchien, der ſchon eine leichte Schlittenbahn bildete, lud Graf Hermann ſeine Damen ein; mit ihm auszufahren. Die Ein⸗ ladung wurde von Allen angenommen, außer Con⸗ ſtanze, welche daheim blieb. Einſam mit ihren traurigen Gedanken, ihrer raſtloſen Unruhe und Furcht, wanderte ſie in dem Salon auf und ab. FPlötzlich blieb ſie ſtehen. Von dem Vorzimmer ertönte eine nur allzu wohl be⸗ kannte Stimme, welche ſich gegen Eklund alſo ver⸗ nehmen ließ: „Sie erwarten alſo den Herrn Grafen bald wieder zu Hauſe?“ „Ja, ſie wollten nur eine Strecke durch den Wald fahren, wo die Bahn am beſten iſt.“ „Gut, dann werde ich warten, ehe ich vollends heimreiſe.“ Eklund wußte nicht, daß Conſtanze im Salon war; er ſchlug die Thürgardine zurück, und Jacobo trat ein. Erſt nachdem dieſelbe hinter Lange ſich geſchloſſen hatte, gewahrte er Conſtanze, welche bleich und zitternd daſtand und ſich auf eine Stuhllehne ſtützte. Einen Augenblick blieb er zögernd ſtehen, dann aber ging er auf ſie zu und ſagte: „Ich hörte von Eklund, daß Romarhjerta mit ſeiner Geſellſchaft bald zurückkommen würde; darum gedachte ich, ſie hier abzuwarten. Ich glaubte nicht, Sie in Kungsborg zu treffen.“ „Wäre dieß der Fall geweſen, ſo würden Sie vorübergefahren ſein,“ bemerkte Conſtanze mit zittern⸗ der Stimme. „Allerdings würde ich es vermieden haben, hieher zu kommen.“ Seine Augen waren finſter und ſein ganzes Weſen eiskalt.“ Conſtanze näherte ſich ihm einige Schritte. „Ich habe eine Bitte an Jacobo,“ ſagte ſie, einen bittenden Blick auf dieſes ſtolze und ſchöne Angeſicht heftend. „Fräulein Callenſtijerna kann unmöglich den Glücksritter Lange um Etwas zu bitten haben.“ 313 Conſtanze's lebhafte und bewegliche Seele konnte dieſe Kälte nicht länger aushalten. Sie faßte ihn am Arm und rief mit jenem innigen Ton, welcher der wahrhafte Ausdruck jedes heftigern Gefühls iſt. „Ich weiß, daß ich tief und ſchrecklich den Mann beleidigt habe, welcher mir ſeine Liebe erklärte, und dem ich von ganzer Seele zugethan bin. Ich weiß und erkenne, daß er allen Grund der Welt hat, er⸗ bittert zu ſein; aber ich flehe um Vergebung. — Ach! Ich war ſo namenlos unglücklich durch den Zweifel, den man in meiner Seele geweckt hatte, daß ich nicht wußte, was ich that oder redete. Je inniger man liebt, deſto größer iſt in ſolchem Fall die Erbitterung. Sagen Sie, Jacobo, daß Sie Conſtanze verzeihen!“ „Sie ſind mir zu keiner Entſchuldigung ver⸗ pflichtet,“ antwortete Lange mit derſelben Kälte. „Nicht dieſe Kälte, aus Barmherzigkeit. Sie leſen ja meine Reue in meinem verſtörten Aus⸗ ſehen!“— Mit einem Ausdruck des Schmerzes ſetzte ſie hinzu. „Sie haben mich niemals geliebt, wenn Sie mit Sie begangenen Uebereilung nicht Nachſicht haben önnen.“ „Ich Sie nicht geliebt!“ rief Jacobo heftig und wandte ſich ihr zu. Der ruhige Ausdruck in ſeiner Miene war vollkommen verſchwunden. Conſtanze hatte einmal geäußert, ſie wünſche nur einmal in ſeinem Angeſicht die Regung einer gewalt⸗ ſamen Leidenſchaft zu ſehen, einerlei ob edel oder ſchlecht, wenn es nur Etwas wäre, das von ſeiner gewöhnlichen Vollkommenheitsmanie abwiche. Jetzt 314 ſah ſie ihren Wunſch erfüllt. In Jacobo's Zügen ſpiegelte ſich der heftigſte Zorn ab, ſeine Augen waren ſchwarz und blitzend geworden. „Ah! Mein Fräulein,“ ſetzte er mit Bitterkeit hinzu,„Sie werden nie verſtehen, wie ich Sie ge⸗ liebt habe; merken Sie wohl, ich ſage: habe,“ das iſt nun vorüber. Ich kann die Frau nicht lieben, welche ich nicht hochachte, und ich kann die nicht hochachten, welche ohne Herz iſt.“ „Halten Sie ein,“ unterbrach ihn Conſtanze mit bebender Stimme. „Nein, Sie müſſen mich hören, bovor wir auf immer ſcheiden.“ „Jacobo, aus Gnaden nicht dieſen Ton!“ bat Conſtanze ſchluchzend. „Ja, Sie haben Recht, ich bin nahe daran, mich zu vergeſſen; aber wenn ich daran denke, wie hoch ich Sie anbetete, fühle ich, wie mein Inneres ſich empört. Sie wiſſen nicht, unbedachtſame Frau, welches Herz Sie unter Ihre Füße getreten haben,“ fuhr er fort und faßte ihre Hand, ließ ſie aber ſogleich wieder los. Er machte einen Gang durch das Zimmer. Con ſtanze ſank weinend auf einen Sopha nieder. Nachdem Jacobo einige Mal im Salon auf und ab geſchritten war, blieb er vor Conſtanze ſtehen und nahm in vollkommen kaltem Tone wieder das Wort: „Ich begehre nicht zu wiſſen, welchen Impulſen Sie gehorchten, als Sie vor einer ganzen Geſell⸗ ſchaft den Mann beſchimpften, dem Sie ein paar Wochen zuvor die warme und heilige Verſicherung der Liebe gegeben hatten und auf deſſen Ehre Sie 315 ein blindes Vertrauen zu ſetzen behaupteten. Wenn Sie mir auch die Eingebungen, wovon Sie ſich leiten ließen, erklären wollten, ſo würde ich nicht bleiben, um Sie anzuhören. Dieſelben beſäßen nicht die Kraft, Sie zu entſchuldigen. Selbſt wenn Sie an meiner Ehre, an meinem Herzen und meinem Charakter zweifelten, hätten Sie nicht das Recht gehabt, auf Grund dieſes Zweifels, ohne wirkliche Urſache, mich vor Andern zu beleidigen. Wußten Sie denn nicht, daß mein Herz, ſo ſchwach es auch vor Ihnen war, Sie vor meinem gekränkten Stolze nicht würde rechtfertigen können? Und wenn ich auch im Stande wäre, dieſen Schimpf zu vergeben und zu vergeſſen, glauben Sie wirklich, daß ich je⸗ mals mein Herz einer Frau ſchenken könnte, welche mich vor einem Knaben zu demüthigen ſuchte, während Sie gedankenlos ſeine ungezügelte Leidenſchaft aufmunterte und ſich zu der elenden Rolle einer Kokette erniedrigte, um mein Inneres zu zerfleiſchen? Nein! Es ſind nur Frauen ohne Herz, welche mit den Gefühlen Anderer ſpielen;— und Sie, Sie haben leichtſinnig mit dem Arxelhjelms geſpielt und das meinige mit Füßen getreten.— Nun, Fräulein Callenſtjerna, laſſen Sie uns beiderſeits vergeſſen, daß es eine Zeit gegeben hat, da wir für einander etwas mehr als Fremdlinge waren. Der amerikaniſche Abenteurer war nicht ein Mann, geſchaffen für Ihre Launen. Er iſt zu ſtolz auf das, was er durch ſeine Arbeit geworden, um ſeine Gedanken und Gefühle an eine Frau zu hängen, welche darauf hinzudeuten gewagt hat, daß ſie des Glaubens ſei, ſeine aufrichtige Liebe ſtütze ſich auf einen Grund des Eigennutzes.“ Conſtanze hörte, wie ſeine Schritte auf dem Boden ſich entfernten, ohne daß ſie ſich von der Stelle rührte. Als ſie das Geſicht aus ihren Händen er⸗ hob, war er fort. Am ſolgenden Tag verlegte ſie über Hals und Kopf ihren Wohnſitz von Kungsborg nach Sturesjö. XLIX. Einige Tage ſpäter fand ſich Baron F. bei Ja⸗ cobo zu Akersnäs ein. Sein Erſcheinen wurde dadurch verurſacht, daß er die Entdeckung eines Diebſtahls, der in ſeiner Familiengruft begangen worden war, gemacht hatte. Wann dieſer Diebſtahl verübt wurde, vermochte der Baron nicht anzugeben. Er wandte ſich deßhalb an Lange, weil Thüren zur Gruft in deſſen Gießerei gefertigt und im Monat September an Ort und Stelle eingeſetzt worden waren. Nun hatten die Diebe mit Hülfe eines Nachſchlüſſels ſich Eingang in die Gruft verſchafft. Der natürliche Schluß war, daß man dem Dieb unter Lange's Arbeitern nachſpüren müßte. Der Baron wünſchte eine Unterſuchung und gab Lange zu verſtehen, daß er an die geſetzliche Auto⸗ rität ſich zu wenden geſonnen ſei. Er drang darauf, * den Namen des Arbeiters zu erfahren, welcher das Schloß und den Einſatz der Thüren unter der Hand gehabt hätte. Lange erklärte, daß er ſich für all die Arbeiter, welche ſich jetzt in der Fabrik befänden, verbürgen 317 könne; daß er aber ſeiner Pflicht gemäß und zum Beweis von deren Unſchuld ſogleich in Gegenwatt des Barons den Vorfall unterſuchen wolle. Bei dem erſten Wort von dem Diebſtahl und dem Argwohn, den der Baron gegen die Leute der Fabrik gefaßt hatte, brach ein ſolches Gemurmel des Unwillens aus, daß der hochgeborne Edelmann froh war, davon zu kommen. Inzwiſchen wurde eine genaue Unterſuchung unter den Arbeitern von Lange ſelbſt angeſtellt, ohne jedoch zu einem Reſultat zu führen. Diejenigen von ſeinen Schloſſern, welche das Schloß unter den Händen gehabt hatten, waren alle im beſten Rufe ſtehende Arbeiter, gegen welche unmöglich ein Verdacht er⸗ hoben werden konnte. Die ganze Unterſuchung von Lange wurde mit einem Ausdruck der Unzufriedenheit aufgenommen. Es bedurfte der ganzen Macht, welche er über ſeine Leute beſaß, um einem Ausbruch derſelben vor⸗ zubeugen. Rund herum murmelte man: „Das haben wir dem Zuchthäusler Jvar zu danken. Deßhalb, weil ein ſolcher Böſewicht hier iſt, hat man uns andere im Verdacht, ſeinesgleichen zu ſein. Es iſt Niemand anders, als er, welcher den Diebſtahl begangen hat. Nach der zu keinem Reſultat führenden Unter⸗ ſuchung beſchloß Lange, zu dem Baron zu fahren und ihm zu erklären, daß die Anklage gegen ſeine Leute falſch wäre, und ihn zu gleicher Zeit zu er⸗ ſuchen, es auf keine amtliche Unterſuchung ankom⸗ men zu laſſen, da dieſelbe einen Ausbruch unter den 318 Arbeitern hervorrufen würde, deſſen Folgen ſich ſchwer vorausſehen ließen. Dabei wünſchte Lange zu erfahren, auf welchen Grund hin er eigentlich ſo beſtimmt behaupten könnte, daß der Dieb unter ſeinen Leuten wäre. Der Baron zeigte Lange ein anonymes Schrei⸗ ben, welches an ihn gekommen war und ihm Ver⸗ anlaſſung gegeben hatte, die Gruft zu unterſuchen. Daſſelbe lautete folgendermaßen: „Es iſt ein Diebſtahl in der Familiengruft des Barons X. begangen worden, wovon der Herr Ba⸗ ron ſich ſelbſt überzeugen kann. Die Diebe gehören zu den Arbeitern in Lange's Fabrik.“ Jacobo betrachtete die verſtellte Handſchrift ſehr genau und fragte den Baron, ob er ihm das Bil⸗ let nicht auf ein paar Tage überlaſſen wollte. Der Baron bat ihn, es mitzunehmen, im Fall er der Meinung wäre, daß er dadurch dem Diebe auf die Spur kommen könnte. Zugleich verſprach er, bis auf Weiteres die Verweiſung der Sache an das Gericht noch zu unterlaſſen. „Ich habe allerdings den Bezirkspolizeibeamten ſchon aufgefordert, die Sache in die Hand zu neh⸗ men,“ ſetzte er hinzu,„aber ich will heute noch an ihn ſchreiben und ihn erſuchen, vorläufig keine wei⸗ tern Schritte zu thun.“ angelangt war, ſtieß er auf einen Reiter, welcher in vollem Galopp daher ſprengte. Als Lange in der Nähe von Akersnäs wieder 319 Es war der erſte Buchhalter. „Gott ſei gelobt, daß Sie kommen, Herr Pa⸗ tron,“ rief er Lange entgegen,„In der Fabrik herrſcht ein ſchreckliches Leben. Die Leute ſind in vollem Aufruhr. Der Bezirkspolizeiinſpektor iſt an⸗ gekommen, um eine Unterſuchung mit denen anzu⸗ ſtellen, welche an dem Schloß zur Gruft gearbeitet und hat gedroht, die Schloſſer in Arreſt zu etzen.“ Mehr hörte Jacobo nicht; er befahl dem Kut⸗ ſcher, zuzufahren. An dem Thor der Fabrik angekommen, fand er die Gitterthüren zu dem Eingang von den aufge⸗ regten Arbeitern geſperrt. Anſtatt geradeaus zu gehen, ſchlug er einen Seitenweg ein, ſchritt rings um die ganze Fabrik herum und durch ein in der Gartenmauer angebrachtes Pförtchen, welches er dop⸗ pelt hinter ſich verſchloß. In ſeiner Wohnung begegnete er auf der Haus⸗ flur dem Werkmeiſter welcher ihm erzählte, daß er nur mit großer Mühe den Polizeiinſpektor noch in das Wohnhaus hereingebracht und dann die Zu⸗ gänge zu demſelben ſammt dem Gitterthor zum in⸗ nern Hof verſchloſſen hätte; daß dieſes aber jetzt von Arbeitern beſtürmt würde, welche drohend die Auslieferung Jvars verlangten. „Wo iſt der Knabe?“ „Ich habe ihn weggeſchafft, antwortete eine Frauenſtimme hinter ihm. Er drehte ſich um. Es war Helfrid. „Ich habe ihn und die vor Schrecken halbtodte Miß Jane über den Fluß und in meine Equipage, welche auf der andern Seite hielt, bringen laſſen.“ Sie hier, Fräulein Helfrid!“ rief Jacobo. „Ja, man ſuchte Sie in Kungsborg, und ich eilte hieher, in der Hoffnung, etwas Gutes ausrichten zu können, was ich auch gethan habe, da es mir ge⸗ retten. der Lärm im äußern Hofe nahmen überhand. „Nein, ich bleibe,“ antwortete Helfrid beſtimmt, „thun Sie Ihre Pflicht und vergeſſen Sie, daß ich hier bin.“ „Aus Barmherzigkeit, Fräulein Helfrid, verlaſ⸗ ſen Sie Akersnäs,“ bat Jacobo.„Ich kann Sie allen den Schreckniſſen, die Sie hier vielleicht durch⸗ zumachen hätten, nicht ausſetzen.“ „Herr Lange, ich würde ſterben, wenn Sie mich zwängen, Akersnäs jetzt zu verlaſſen.“ Jacobo ſah ihr ias Angeſicht und ſagte dann: „Es geſchehe, wie Sie wollen.“ Dann wendete er ſich zu dem Werkmeiſter mit den Worten: „Schnell, laſſen Sie uns das Gitterthor öffnen; ich werde ſie ſogleich beruhigen.“ „Herr Patron, bedenken Sie, die Leute ſind wahnſinnig.“ „Keine Einwendungen!“ ſagte Jacobo mit be⸗ fehlender Stimme; darauf ſchob er die Riegel lungen iſt, Jvar vor der Raſerei des Volkes zu Aber jetzt, jetzt werden Sie ſich entfernen, erwie⸗ derte Jacobo, und Angſt und Ungeduld waren auf ſeinem Angeſicht zu leſen, denn das Geſchrei und 321 zurück und öffnete die Thüre, welche in den innern Hof führte. „Machen Sie jetzt die Gitterthore auf!“ befahl er dem Werkmeiſter. Der Laut ſeiner Stimme wirkte wie ein Zau⸗ berſchlag; das wilde Geſchrei hörte auf, und man murmelte: „Der Herr Patron ſelbſt!“ Die Gitterthore wurden geöffnet, und die Maſſe ſtrömte herein gegen den Eingang des Hauſes. Als ſie bis zu der Treppe gekommen war, wo Jacobo ſtand, rief er: „Halt! Erſt ſagt an, was ihr wollt, bevor ihr weiter geht! Ihr habt in meiner Abweſenheit meine Wohnung angefallen und die Thüren zu ſprengen gedroht. Was bedeutet eine ſolche Aufführung? Wahrhaftig, die Arbeiter von Akersnäs machen ſich auf eine Weiſe bekannt, daß ich mich ſchämen muß, ihr Principal zu heißen.“ Jacobo ſtand mitten auf der Treppe vor dem Eingang zum Hauſe. Er ſah aus, als ob er feſt entſchloſſen wäre, jedem den Weg zu verſperren, der mit Gewalt eindringen wollte. „Wir wollen den Schurken, den Jvar, heraus⸗ haben!“ ſchrieen hundert Stimmen.„Er iſt bei dem Patron verſteckt; wir laſſen uns nicht länger hu⸗ Der Patron ſoll uns die Canaille heraus⸗ geben.“ Die rußigen und geſchwärzten Arbeiter drängten ſich gegen die Treppe vor. „Zurück! Nicht einen Schritt weiter,“ ſprach Schwartz, Arbeit adelt den Mann.. 21 322 Lange.„Mit Gewalt glaubt ihr doch nicht, daß ich euch einbrechen laſſe.“ „Will der Patron uns Jvar herausgeben,“ fragten die, welche an der Spitze ſtanden. „Nein!“ „Nun wohl, ſo müſſen wir ſelbſt ſuchen, ihn zu bekommen.“ „Wollt ihr bei eurem Fabrikherrn einen Haus⸗ friedensbruch begehen?“ fragte Lange kalt und kreuzte die Arme über der Bruſt. Unter dumpfem Gemurmel zogen ſie ſich zurück. „Um euch die Reue über eine ſolche Gewaltthat und mir die Scham über ſolche Arbeiter zu erſpa⸗ ren, räume ich euch das Recht ein, meine Wohnung zu durchſuchen; aber ich erkläre euch zum Voraus, daß ihr den, welchen ihr ſuchet, nicht finden werdet.“ Jacobo begab ſich in den großen Saal, wo Hel⸗ frid, mehr einer Bildſäule als einem lebenden We⸗ ſen gleichend, ſtand. Einige Sekunden zögerten die Arbeiter, aber ein paar Stimmen vom Hofe her, welche, wie Jacobo alsbald erkannte, Jönsſon und Erik angehörten, riefen: „Glaubt ihm nicht; er hat den elenden Wicht irgendwo verſteckt.“ Gleich einem Strom ſtürzten ſie nun in und durch das ganze Haus. Jeder Winkel, jede Ece wurde durchſucht, vom Dachboden bis zum Keller. Die Dienſtboten hatten ſich in den Garten und in den Pavillon geflüchtet, indem ſie es Jacobo und dem Werkmeiſter überließen, nach beſtem Belieben ſich gegen das aufgeregte Volt zu vertheidigen. — — 323 Helfrid hatte ſich in eine Fenſtervertiefung hin⸗ ter die herabgelaſſenen Gardinen zurückgezogen. Ja⸗ cobo ſtand vor denſelben, ſo daß Niemand zwiſchen ihn und Helfrid treten konnte. Als die Arbeiter zu⸗ rückkamen, murrend darüber, daß ſie den, welchen ſie ſuchten, nicht gefunden hatten, ſagte Jacobo: „Ihr wollt wiſſen, wo Jvar iſt. Nun wohl, ich habe ihn fortgeſchafft;— wohin, davon habe ich keine Luſt euch in Kenntniß zu ſetzen; genug, er be⸗ findet ſich nicht in Akersnäs. Jwar hat meine Werk⸗ ſtätte auf immer verlaſſen, da ich leider nicht die Macht beſitze, ihn gegen die Bosheit und Verfol⸗ gung ſeiner Kameraden zu ſchützen.“ „Glaubt ihm nicht,“ hörte man wieder dieſelben Stimmen rufen. Bei dem Laute derſelben bedeckte eine Flamme des Zorns Jacobo's Angeſicht, und er rief: „Schweigt, ihr beide, die ihr nicht mehr in der Fabrik ſeid und folglich kein Wort zu ſprechen habt. Mit denen, welche noch bei mir in Arbeit ſtehen, habe ich zu reden, und denen ſage ich: Jvar iſt vom heutigen Tage an nicht mehr in Akersnäs. Seid ihr zufrieden, oder was wollt ihr noch mehr?“ Wir wollen den abſcheulichen Schimpf, als ob wir bei dem Diebſtahl in der Gruft des Barons F. betheiligt geweſen wären, von uns abgewiſcht ha⸗ ben. Es iſt die Pflicht des Herrn Patrons, unſere hre zu ſchützen,“ antwortete ein älterer Arbeiter, welcher an der Spitze ſtand.„Der Kronvogt hat gedroht, mich und die andern Schloſſer in Arreſt zu ſtecken. Etwas der Art wollen wir nicht dulden, ſondern der Herr Patron ſoll uns davor bewahren, 324 nachdem er uns den Galgenſtrick auf den Hals ge⸗ laden, der uns in Unfrieden gebracht hat und, wenn man der Sache auf den Grund kommt, gewiß der Dieb iſt. Der Patron hat ihn auf die Seite ge⸗ ſchafft und uns ſomit bei dieſer ſchändlichen An⸗ klage im Stich gelaſſen.“ „Eine Anklage, die durch euer gegenwärtiges Benehmen ſehr wahrſcheinlich wird. Ihr habt einen Hausfriedensbruch bei eurem Fabrikherrn zu begehen beabſichtigt. Das ſpricht nicht für eure Unſchuld, ſondern beweist nur, daß ihr wilde und unbeſon⸗ nene Menſchen ſeid. Jedermann, welcher davon reden hört, wird euch für Arbeiter ohne Ambition und Sinn für das Recht halten. Was den Dieb⸗ ſtahl anbelangt, ſo ſoll jeder Verdacht gegen euch ausgetilgt werden, denn der Schimpf, welcher gegen eine Fabrikbevölkerung gerichtet iſt, fällt auf den Herrn zurück. Ich glaube übrigens zu wiſſen, von wem oder von welchen der Diebſtahl begangen worden iſt.“ Die letzten Worte ſprach Jacobo mit gehobener Stimme und mit mehr Nachdruck, als die andern. Eine völlige Stille trat jetzt ein. Nach einet Pauſe nahm Lange wieder das Wort. „Geht jetzt insgeſammt nach Hauſe; morgen wollen wir.... „Kameraden, man hat euch für Narren; er iſt dort hinter der Gardine verſteckt. Seht ihr nicht, wie ſie ſich bewegt,“ ſchrieen einige Stimmen und unterbrachen Lange. Ehe er Zeit hatte, ein Wort zu fagen oder eine 325 Bewegung zu machen, ſtürzten ſie heran und ſchleu⸗ derten ihn auf die Seite. In demſelben Augenblick warf ſich eine Frau zwiſchen ihn und die Frevler und rief: „Schämt ihr euch nicht, Hand an euern Fabrik⸗ herrn zu legen?“ Die wilde Rotte machte bei ihrem Anblick voll Beſtürzung Halt. „Wollt ihr nach dieſer Beleidigung von hinnen gehen?“ fragte Jacobo. Etwas beſchämt über ihre eigene Handlungs⸗ weiſe, zogen ſie ſich durch die Thüre zurück. Der Augenblick, welcher auf dieſen Auftritt folgte, als Jacobo und Helfrid ſich allein befanden, war einer von denen, wo man mit unausſprechli⸗ cher Dankbarkeit fühlt, daß eine drohende Gefahr vorüber iſt. Jacobo konnte gleichwohl zu Helfrid nicht mehr ſagen als:„Ich danke!“ denn der Werkmeiſter ſtürzte mit den Worten herein: „Sie haben die Schmiede in ihrer Werkſtätte eingeſperrt und begeben ſich nun dahin, um ihren Grimm darüber, daß ſie Jvar nicht finden konnten, an Bengt auszulaſſen.“ „Das darf und wird nicht geſchehen,“ rief Lange und eilte nach der Thüre. „Aus Barmherzigkeit, bleiben Sie!“ bat Hel⸗ frid und faßte ſeinen Arm.„Man wird Sie zuletzt in Stücke reißen.“ „Theures, bewundernswürdiges Mädchen, ich den rechtſchaffenen Bengt vor ihrem Wahnſinn retten.“ 326 Mit dieſen Worten drückte er ihr warm die Hand und ſprang die Treppe hinab in den Hof. Der Werkmeiſter hatte Recht gehabt; ſie ſchlu⸗ gen wirklich den Weg nach der Schmiede ein. Aber ſie waren noch nicht bei derſelben angelangt, als Jacobo ſich mitten unter ihnen befand. Das Wort; „der Patron!“ aus dem Munde derer, welche ihn zuerſt erblickten, beſtimmte ſie, Halt zu machen. „Iſt dieß der Weg nach euern Wohnungen?“ fragte Jacobo mit ſeiner laut ſchallenden Stimme. „Wollen die Arbeiter von Akersnäs ihren Ruf ſo vollſtändig beflecken, daß ſie einen Kameraden vor⸗ ſätzlich überfallen und mißhandeln? Der, welcher es wagt, einen Schritt weiter gegen die Schmiede zu thun, iſt ſogleich aus meinem Dienſte. Meine Geduld iſt jetzt erſchöpft. Geht darum, ſo lang es noch Zeit iſt, nach Hauſe zurück, ſonſt iſt es zwi⸗ ſchen mir und euch für immer aus. Bisher habe ich bei euern Unordnungen Nachſicht walten laſſen, weil ſie durch die Vorſtellung, eure Ehre ſei ange⸗ griffen, veranlaßt wurden; aber jede Gewaltthat gegen einen von euern Kameraden ſchließt eine Nie⸗ derträchtigkeit in ſich, welche ich nicht zu verzeihen geſonnen bin.— Gebt die Schlüſſel zu der Schmiede her und erinnert euch, daß ich Gehorſam verlange“ Die Vernunft beſitzt immer ihre Macht und übt dieſelbe gewöhnlich auch bei und unter einem unru higen Volkshaufen aus. Dieß zeigte ſich auch ſogleich. Einer der Arbeiter übergab Lange die Schlüſſel. Als er ſie in Empfang genommen, ſagte er: „Morgen treffen wir uns wieder, und dann ſoll ——— 327 Baron 4 ſeine Anklage gegen die jetzigen Arbeiter von Akersnäs zurücknehmen.“ „Gut, Herr Patron!“ riefen mehrere Arbeiter, und darauf zerſtreute ſich der Volkshaufen. LI. Als Lange in ſeine Wohnung zurückkehrte, fand er Helfrid bleich und zitternd, an das Gitterthor ge⸗ lehnt, welches nach dem äußern Hof führte. Die Elaſticität des Geiſtes war bei dem ſtolzen Mädchen in demſelben Maße gewichen, als die Gefahr ſich verminderte. Die Spannung, worin ihre Gefühle ſich bisher befunden, hatte einer nervöſen Erſchlaffung Platz gemacht. Sie vermochte ſich kaum zu rühren. Die großen hellblauen Augen ſtanden voll Thränen. „Wie ſteht es mit Ihnen, Fräulein Helfrid?“ fragte Jacobo, indem er ihre Hände faßte und un⸗ ruhig in das bleiche Angeſicht ſchaute.„O mein Gott, ſo große Selbſtaufopferung um meinetwillen. Nie, nie werde ich dieſen Zug der Seelengröße von Ihrer Seite vergeſſen.“ Er legte ihren Arm in den ſeinigen und führte ſie in den Salon hinauf. Nachdem ſie ſich wieder etwas geſammelt hatte, ſagte Jacobo: „Ich muß Sie auf einen Augenblick verlaſſen, um mich des Urhebers von dieſem Auftritt zu ver⸗ ſichern, ſo daß er nicht von Neuem durch ſein Wort die unbeſonnenen und leichtgläubigen Leute aufwiegelt. Geſtatten Sie mir alsdann, Sie nach Kungsborg zurückzugeleiten. Ach, Fräulein Helfrid, jür die Hin⸗ 328 gebung, welche Sie mir heute bewieſen, würde ich Gefahren von weit größerer Bedeutung, als die eben überſtandenen, bekämpfen.“ Helfrid lächelte matt. Es war ihr ums Herz, als ob darin Etwas auseinander geriſſen wäre. Der Schrecken, den ſie erduldet, hatte, ſo ſchien es, ſie bis ins Innerſte getroffen. Nur ſchwer und matt pulſirte das Leben in ihrer Bruſt. Jacobo verließ das Zimmer, kehrte aber nach einigen Augenblicken wieder, indem er einen Schlüſſel in die Weſtentaſche ſteckte. Sein Ausſehen war ſtreng und hart. „Sie haben Axelhjelm gefangen geſetzt?“ ſagte Helfrid in traurigem Ton. „Woraus ziehen Sie einen ſolchen Schluß?“ fragte Jacobo, indem er neben ihr Platz nahm. „Daraus, daß er, wie ich weiß, an den Verfol⸗ gungen gegen Jvar Theil genommen hat. Was iſt Ihre Abſicht mit dem unglücklichen jungen Mann?“ „Bedauern Sie ihn?“ fragte Jacobo mit fun⸗ kelnden Augen.„Ach, Fräulein Helfrid, mit einem gewöhnlichen Arbeiter, welcher ſich ſolcher Dinge, wie dieſer Bube ſchuldig gemacht hat, würden Sie kein Mitleid gehabt haben.“ Jacobo zog den anonymen Brief heraus, welchen er von Baron. erhalten hatte, und reichte ihn Helfrid. „Wer, glauben Sie, iſt der Verfaſſer dieſes Schreibens?“ Helfrid betrachtete eine lange Weile die verſtellten Buchſtaben; dann ſah ſie erſchrocken zu Lange auf. Ihre Augen begegneten ſich, und er ſprach mit einem 329 bittern Ausdruck, indem er den Brief zuſammen⸗ knitterte. „Sie haben recht gerathen; aber beruhigen Sie ſich, hätte er noch mehr Miſſethaten begangen, ſie würden doch alle zwiſchen mir und ihm geblieben ſein, darum, weil er Ihr Verwandter iſt. Fort muß er indeſſen, wofern ich nicht durch ſeine Einwirkung alle meine Leute verdorben ſehen ſoll. Gezüchtigt ſoll er jedoch werden, aber privatim durch mich. Sein Schutzengel ſind Sie; denn niemals werde ich Ihnen einen Schmerz verurſachen. Mein ganzes Leben würde ich aufopfern, wenn ich Ihnen damit eine Freude machen könnte.“ „Ich glaube Ihnen, Herr Lange,“ erwiederte Helfrid mit traurigem Lächeln;„und ich danke Ihnen für die Nachſicht, welche Sie meinem jungen Ver⸗ wandten angedeihen laſſen. Aber nun wollen wir nach Kungsborg zurückkehren, ſonſt könnten ſie dort unruhig werden. Gewiß ſind Stephana und Her⸗ mann von ihrem Ausflug wieder heimgekommen.“ Jacobo gab den Domeſtiken, die ſich wieder ein⸗ gefunden hatten, Befehl, einen Wagen einſpannen zu laſſen. Die Dämmerung war ſchon eingebrochen, und als Helfrid und Jacobo in den Wagen ſtiegen, herrſchte bereits Finſterniß.. Während Lange und Helfrid warteten, bis die Pferde eingeſpannt waren, ſchlich eine dunkle Geſtalt von der Gartenſeite her gegen das Haus. An einem der Fenſter angelangt, huſtete ſie dreimal. Sogleich wurde jenes geöffnet. „Kommen Sie?“ fragte die Geſtalt. „Ich bin eingeſchloſſen.“ 330 „Laſſen Sie ſich durch das Fenſter herab.“ „Nein, das würde mich bloßſtellen. Er weiß Alles. Morgen beabſichtigt er die Schuldigen zu nennen.“ Das Fenſter wurde haſtig wieder zugeſchlagen. Im Garten ließ ſich der Laut von Stimmen verneh⸗ ſe Die dunkle Geſtalt ſtand neben der Hecke am Fluſſe. Die Ankommenden waren Bengt und einige Schmiede, welche den Auftrag erhalten hatten, im Umkreiſe des Hauſes und der Fabrik Wache zu hal⸗ ten, während Lange mit Helfrid nach Kungsborg fuhr. Einige Augenblicke darauf rollte ein Wagen von Akersnäs hinweg. Es ging raſch auf dem breiten, ebenen Wege fort, obwohl es finſter war. Jacobo ſaß ſchweigend, in eine Wagenecke zurückgelehnt. Helfrid war von dem Schrecken, den ſie durchgemacht hatte, noch ſo heftig aufgeregt, daß ſie unaufhörlich eine neue Gefahr fürchtete. Alles ging jedoch gut ab, bis ſie an eine Anhöhe im Wald kamen, wo ſie hinaufmußten. Helfrid's Herz ſchlug jetzt unruhig. Sie lehnte ſich aus dem Wagen hinaus, um in der Finſterniß zu erſpähen, ob irgend etwas Beunruhigendes ſich zeige. Plötzlich glaubte ſie zwei Geſtalten dicht an dem Wagen zu bemerken. Sie ſtrengte ihre Augen an und unterſchied wirklich zwei Männer. Sie hielten ——— ſich ein wenig hinter dem Wagen. Augenblicklich ſtand es bei Helfrid feſt, daß es auf Lange abgeſehen war; ſie beſchloß alſo, ſeine Aufmerkſamkeit nicht auf dieſelben zu lenken, ſondern ſich zu ſtellen, als wäre ſie allein im Wagen. Sie — —— 31 ſtreckte demnach den Kopf durch das Wagenfenſter, hinaus und ſagke zu dem Kutſcher mit lauter Stimme: „Fahre ein wenig ſchneller!“ „Was wünſchen Sie?“ ſiel Lange ein, welcher bei dieſen Worten aus ſeinen Gedanken erwacht war. „Still, ich bitte Sie,“ flüſterte Helfrid und drückte ihm die Hand. Sie behielt ihre Stellung mit dem Kopf am Wagenfenſter bei. Als der Kutſcher die Peitſche hob, um die Pferde tüchtig anzutreiben, ſprang einer der Männer vor, mit den Worten: „Nicht von der Stelle, bis wir wiſſen, wer da drinnen ſitzt.“ Der Andere legte die Hand an den Wagenſchlag und riß ihn auf. Augenblicklich fühlte Helfrid ſich von einem ſtarken Arm in den Wagen hineingezogen, und Jacobo drängte ſich zwiſchen ſie und den geöff⸗ neten Wagenſchlag. „Was wollt ihr?“ fragte Lange. Auf dieſe Frage erfolgte keine Antwort; aber Helfrid ſah, wie der Kerl den Arm hob; in ſeiner Hand hielt er etwas Blinkendes. Ohne zu bedenken, was ſie that, warf ſie ſich zwiſchen den erhobenen Stahl und Jacobo. Sie fühlte einen heftigen Schmerz in der einen Seite und verlor die Beſinnung. In demſelben Augenblick machten die Pferde einen gewaltigen Satz. Der welcher ſie anhielt, wurde dabei zu Boden geworſen. Der Kutſcher verſetzte ihnen zudem noch einen kräf⸗ tigen Hieb, ſo daß ſie, dadurch heftig aufgeſchreckt, in wildem Galopp davonjagten. Der, welcher den 332 Meſſerſtich gegeben, wurde gleichfalls über den Hau⸗ fen geworfen. Die Räder des Wagens gingen ihm über die Beine, und ſeinem Kameraden über den Kopf. Am Tage darauf trug das Ausſehen aller Be⸗ wohner von Kungsborg bis zu dem niedrigſten Die⸗ ner herab das Gepräge der Niedergeſchlagenheit. Der große Salon ſtand leer, und auf dem Hofe hielten zwei Wagen, beide Aerzten gehörig. Helfrid lag in einem heftigen, mit Delirium ver⸗ bundenen Fieber. Sie hatte einen tiefen Meſſerſtich in die Seite erhalten, und man fürchtete, ihr Leben nicht retten zu können. Weinend ſaß Stephana an ihrer Seite. Ganz außer ſich vor Verzweiflung, hatte Jacobo die Nacht in und neben dem Krankenzimmer zugebracht. Es war, als ob ſeine ganze Seele ſich an Helfrid gefeſſelt fühlte. Für alles Andere war er unempfindlich. Conſtanze fand ſich auf erhaltene Nachricht von dem Unglück zu Kungsborg ſogleich ein, um mit Ste⸗ phana die Pflege von Helfrid zu theilen. Daß ſie im Zimmer verweilte, war Etwas, das Jacobo gar nicht bemerkte. Seine Augen hingen feſt an den Zügen der Kranken. Tage und Nächte vergingen, ohne daß er mehr als auf flüchtige Augenblicke Akersnäs beſuchte. Wenn er nicht drinnen bei der Kranken ſein konnte, 333 ſaß er im Vorzimmer, und man ſah ihm am Geſicht an, daß alle ſeine Gedanken drinnen bei ihr waren.“ Oft wenn Conſtanze's Augen auf ſeinem bleichen und verſtörten Antlitz weilten, hätte ſie vor Schmerz darüber weinen mögen, daß ſie nicht mehr das Recht als Freundin ihm zuzuſprechen und ihn zu tröſten. Eines Abends, als ſie in einen Fauteuil zurück⸗ gelehnt in Helfrids Krankenzimmer ſaß und Jacobo betrachtete, dachte ſie: „Wie glücklich iſt Helfrid, welche mit ihrem Leben ihn beſchüzt hat und nunmehr alle ſeine Gedanken und Gefühle in Anſpruch nimmt. Ein Weſen, das er ewig bewundern und beweinen wird, während ich meinerſeits ein Gegenſtand der Verachtung und des Abſcheus für ihn bin. O! wie gerne möchte ich nicht das Loos mit ihr, der Sterbenden, vertauſchen!“ Eines Abends, als Stephana Conſtanze überredet hatte, zur Ruhe zu gehen, ſaßen ſie und Jacobo allein bei Helfrid, welche den ganzen Tag in ſchwerem Delirium gelegen war. Gegend Abend war ſie ruhiger geworden und in einen todesähnlichen Schlum⸗ mer verfallen. Jacobo und Stephana verhielten ſich unbeweglich und ſtill, um ſie nicht zu ſtören. Plötzlich flüſterte ſie mit jenem eigenthümlichen Accent, welcher das Fieber kennzeichnet: „Nun werde ich ſterben, mein Lebenslämpchen iſt ausgebrannt; aber ich will Dir die Geſchichte meines erzens erzählen.— Jacobo,“ flüſterte ſie mit keu⸗ chender Stimme,„weißt Du, wie innig, wie treu dieſes Herz Dich geliebt hat, welches nun hrechen, 334 brechen wird für Dich? das war ein ſchöner, ein herrlicher Tod! Sterben für Dich! Verſtehſt Du, was das heißen will? Verſtehſt Du, was ich in dieſen Jahren der Verſtellung und Hoffnungsloſigkeit gelitten habe? Ich habe ſo gelitten, daß es mir war, als riſſe man Stück für Stück mir von dem Herzen!—“ Sie begann zu weinen.„Welche Marter habe ich nicht in meiner Bruſt verborgen, wenn ich Dich ſie lieben ſah, der Du dein Herz ſchenkteſt. O Jacobo! Jacobo! der Tod iſt barmherzig, der mich aus dem Abgrund der Qual erlöst, welcher ich hier im Leben verfallen war. Ich ſage Dir es jetzt, da ich zu Gott gehe, denn jetzt wirſt Du einſehen, daß der Tod mein einziges Glück war. Ich habe ja in dieſen langen Jahren nicht aufgehört, Dich zu lieben. Als wir einander wieder trafen, warſt Du meinem Herzen theurer, als da wir uns trennten. Ich fühlte mich ſtolz auf Dich.—“ Sie fuhr mit den zitternden Händen an die brennende Stirne, indem ſie mit Schmerz hinzuſetzte: „Um nur eine Stunde deinen Namen zu tragen, hätte ich gern mein Leben hingegeben, und doch, doch beſaß ich den Muth, mich hinter Standesvorurtheilen zu verſchanzen, welche längſt aus meinem Innern verſchwunden waren. Mein ſtolzes Herz konnte es nicht ertragen, daß Du deſſen Geheimniß kennen ſollteſt. Hinter einer Unwahrheit ſuchte ich es zu verbergen.... Ich Arme, wie bin ich von allen Martern der Eiferſucht, von allen Plagen der Ver⸗ zweiflung verzehrt worden... Je länger Jacobo auf dieſe unfreiwillige Klage ——— —— So lang die Gefahr drohend war, vergaß man der 335 lauſchte, deſto zerknirſchter war ſein Ausſehen. Er dachte mit Schmerz: „Dieſes edelgeſinnten, erhabenen Mädchens Herz habe ich beſeſſen und dennoch eine Andere geliebt. O Gott! gib Helfrid dem Leben wieder, damit ich meine Schuld dieſem armen Engel bezahlen kann!“ Er erhob ſich und verließ das Krankenzimmer. Stephana war nun wieder allein die Vertraute der noch immer phantaſirenden Helfrid. „Gott Vater!“ flüſterte Stephana mit gefalteten Händen,„laß ſie ſterben, oder ſchenke ihrem reichen, warmen Herzen das Glück und den Frieden, deſſen ſie ſo lang entbehrt hat!“ LIII. Das Leben iſt launenhaft. Zuweilen findet es ſeine Luſt daran, mit dem Tode Gerade und Unge⸗ rade zu ſpielen und den Senſenmann um ſeine Beute zu betrügen. So auch jetzt. Helfrids Fieber minderte ſich allmälig, die Wunde heilte, und ſie erkannte ihre Umgebung wieder und konnte mit matter und ſchwacher Stimme zu ihnen reden. Es hatte ſomit den Anſchein, als würde ſie von ihrem Schmerzenslager ſich wieder erheben und ins Leben zurückkehren. So hoffte man. Auch Jacobo hoffte, obwohl er jetzt höchſt ſelten das Mädchen im Krankenzimmer zu ſehen bekam. 336 Konvenienz; aber als dieſelbe ſich entfernte, nahm der vergeſſene Deſpot ſeinen Platz wieder ein. Die dunkeln Schatten der Verzweiflung, welche ſo lang auf Jacobo's Antlitz geweilt hatten, erhellten ſich, und mit einem Blick von Vertrauen und Hoff⸗ nung betrachtete er Helfrid, wenn es ihm vergönnt wurde, ſie zu ſehen. Es ſchien, als ob Helfrid im Verlaufe ihrer Krank⸗ heit mit allen ſeinen höhern und edlern Intereſſen verwachſen, als ob ſie für ſein Leben unentbehrlich geworden wäre. Er nahm ſeine Thätigkeit und ſeine frühern Ge⸗ wohnheiten wieder auf, traf aber zeitiger als gewöhn⸗ lich Nachmittags in Kungsborg ein und brachte die Abende damit zu, daß er Helfrid vorlas, als ſie ſo weit geneſen war, um auf einem Sopha in ihrem äußern Zimmer liegen zu können. Bisweilen ſprach er mit ihr vom Sommer und von einer dann vor⸗ zunehmenden Reiſe nach Dalekarlien, bei welcher ſie und die Romarhjertas ihm Geſellſchaft leiſten ſollte. Bei dergleichen Reden lächelte Helfrid und ant⸗ wortete: „Die Zukunft iſt ein Räthſel, das wir nicht; kennen. Wir dürfen nicht darauf rechnen.“ Ueber die Vorfalle zu Akersnäs war nicht ein Wort gewechſelt worden. Eines Tags fragte Hel⸗ frid Hermann, was aus Jvar geworden wäre. „Den ſchickte Jacobo nach Gothenburg, um von dort mit einem Emigrantenſchiff am letzten November nach Amerika abzugehen. Der Kapitän iſt ein per⸗ ſönlicher Bekannter und Landsmann von Lange, und ſeiner Obhut wurde der junge Menſch anwertraut. — * 337 Der Kapitän erhielt den Auftrag, bei ſeiner Ankunft in Neu⸗York Jvar einem dort anſäßigen Schweden zu übergeben, welcher ſeinerſeits ihn nach der Fabrik“ bringen ſollte, an welche Lange denſelben empfohlen hatte, und wo Jvar mit aller Sicherheit auf einen Platz rechnen durfte.“ „Aber warum ſchickte Lange ihn ſo weit von ſeinem Vaterland hinweg?“ fragte Helfrid⸗ „Weil der junge Menſch Jacobo ſelbſt darum bat, ihm nach Amerika zu verhelfen. Er hatte weder Eltern noch Verwandte hier und wollte nicht in einem Lande bleiben, wo er als eine einer Mordthat ver⸗ dächtige Perſon gebrandmarkt war. Mit ſeiner ge⸗ wöhnlichen Klugheit, Umſicht und Freigebigkeit er⸗ füllte Lange den Wunſch des jungen Menſchen, ſelbſt überzeugt, daß Jvars rechter Platz in Amerika wäre. Dort würde er beſtimmt ſein Glück machen und Er⸗ folg gewinnen, beſonders da er nicht, wie die meiſten Auswanderer, als Bettler anfangen müßte.“ „Alſo ſind es ſchon ganze drei Wochen, daß er von Gothenburg abgereist iſt?“ Jd. „Und wo iſt Evert?“ fragte Helfrid weiter. „Der ſoll in Lange's Auftrag verreist ſein,“ er⸗ wiederte Hermann in einem Ton, welcher bewies, daß er mit Axelhjelm's Benehmen gegen Lange völlig unbekannt war. „Und in der Fabrik iſt ſeit jenem abſcheulichen Tage Alles ruhig geweſen?“ „Ja. Der Mordverſuch an Lange und die Ge⸗ fahr, worin Du ſchwebteſt, erregte ſolche Erbitterung und Empörung, daß die Urheber des Verbrechens Schwartz, Arbeit abelt den Mann. I. 22 ſicherlich in Stücke geriſſen worden wären, wenn nicht das Schickſal ſelbſt es auf ſich genommen hätte, ſie zu beſtrafen.“ „Auf welche Weiſe?“ „Sie wurden von Lange's Wagen in demſelben Augenblick überfahren, als der eine von ihnen Dir den Meſſerſtich gab, welcher Jacobo beſtimmt war. Der Kutſcher hatte, als einer der Burſchen den Pferden in die Zügel fuhr, auf dieſe ſo losgepeiſcht, daß ſie ganz toll wurden, ſich bäumten und über den, welcher ſie hielt, hinwegſetzten. Er war auf der Stelle todt, denn das Wagenrad war ihm über den Kopf gegangen. Dem andern wurden beide Beine zermalmt, und er ſtarb einige Tage darauf am kalten Brande.“ „Wer waren die Unglücklichen?“ „Jönsſon und Erik. Beide waren gleich bei den erſten Unruhen aus der Fabrik entfernt worden, und auch jetzt ſpielten ſie wieder die Hauptrolle. Im Gewahrſam des erſtern fand man auch den Nach⸗ ſchlüſſel, womit die F.'ſche Gruft geöffnet worden, und einen Theil des goldenen Degengriffs, wel⸗ cher von der Leiche der alten Excellenz, die dort beigeſetzt iſt, geraubt worden war. Somit iſt aller Wahrſcheinlichkeit nach der verſtorbene Jönsſon der Dieb, ohwohl man trotz der genaueſten Unterſuchung in ſeinem Hauſe und bei ſeinen alten Eltern Nichts weiter von den geraubten Koſtbarkeiten zu finden vermochte.“ „Und ſein armes Weib und ſeine Kinder?“ „Für die ſorgt Jacobo.“ Helfrid fühlte ſich matt, und der Graf verließ ſe. 339 Sie lag mit geſchloſſenen Augen da. Stephana glaubte, ſie ſchliefe, und deßhalb ſtörte ſie Niemand. Helfrid überdachte im Stillen die verfloſſenen Freigniſſe, und eine innere Stimme ſagte ihr, daß Arelhjelm durchaus nicht verreist ſei, ſondern daß Lange dieß nur vorgegeben habe. Ein paar Abende ſpäter als Jacobo kam, fand er Helfrid zum erſten Mal ſeit ihrer Krankheit in einem Armſtuhl. Nachdem ſie ſeine Fragen über ihre Geſundheit beantwortet hatte, ließ ſie die Hand welche er gefaßt, in der ſeinigen ruhen, während ſie, in mildem und ſanftem Tone fragte: „Wie ſteht es mit Evert?“ „Gut.“ Jacobo ließ ihre Hand los und lehnte ſich in den Seſſel zurück. Stephana und Conſtanze waren im äußern Ka⸗ binet. Jacobo und Helfrid befanden ſich demnach allein. „Wo iſt er?“ fragte Helfrid weiter. „In Akersnäs, wo er bis auf Weiteres mein Gefangener iſt. Wären Sie geſtorben, dann....“ Jacobo blickte düſter vor ſich hin. „Was wäre dann geſchehen?“ „Ich hätte den Elenden dem Gericht übergeben. Sie wiſſen nicht, wie verrucht er iſt; doch weßhalb davon reden? Es iſt mir unmöglich, mit kaltem Blut an ihn zu denken. Ich will mich nicht in Ihrer Gegenwart von allen den bittern Empfindungen beherrſchen laſſen, welche meine Seele erfüllen.“ „Herr Lange, hegen Sie wirklich Freundſchaft für mich?“ 22* 340 „Welche Frage! Freundſchaft, Bewunderung und unbegrenzte Ergebenheit iſt es, was ich für Sie fühle.“ „In dieſem Fall werden Sie mir verſprechen, was ich jetzt von Ihnen begehre. Sie werden mir eine Bitte nicht abſchlagen können.“ „Nein, niemals. Und ſollte dieſe Bitte auch das Opfer deſſen in ſich ſchließen, was mir auf Er⸗ den das Höchſte iſt.“ „Wohlan, ſo überreden Sie meinen Bruder, Evert nach England zu ſchicken, und verſprechen Sie mir. Ihres Theils alles das Böſe zu vergeſſen, das er Ihnen angethan hat. Sie müſſen es vergeſſen, ohne Rückſicht darauf, ob ich lebe oder ſterbe.“ Jacobo faß ſchweigend da, mit einer finſtern Wolke auf der Stirne. Als Helfrid eine lange Weile ver⸗ geblich darauf gewartet hatte, daß er Etwas ſagen würde, begann ſie wieder. „Sie antworten nicht. Habe ich ein ſo großes Opfer begehrt, daß Sie es mir nicht bringen wollen?“ Jacobo ſah ſie lang an und ſagte dann langſam und mit Nachdruck: „Sie ahnen nicht, welchen Kampf es koſtet, da⸗ von abzuſtehen, dieſen Wurm zu zertreten, der mit ſeinem giftigen Stachel mich verwundet hat. Sie haben nicht den leiſeſten Begriff davon, wie viel Böſes er mir angethan hat; Sie verſtehen nicht, was es heißen will, ihn in meinen Händen zu haben und ungeſtraft loszulaſſen. Nur Ihnen, der ich mehr als mein Leben ſchuldig bin, werde ich ein ſolches Opfer bringen.“ „Nein! Sie hätten es doch nicht gethan, weil 341 Sie in allem Ihrem Thun ein wahrer Chriſt zu ſein ſich beſtrebt haben.“ „Beſtrebt— ja; aber ich habe auch ein menſch⸗ liches Herz, und dieſes „Wird vergeben und vergeſſen.— Nun, geben Sie mir Ihr Verſprechen?“ Helfrid ſtreckte ihm die Hand hin. Jacobo er⸗ griff ſie und ſagte, ſie an ſeine Lippen führend: „Sie haben mein Wort darauf, daß ich ſchein⸗ bar Axelhjelms Riederträchtigkeit vergeſſen werde; aber nun habe ich eine Bitte an Sie; wollen Sie dieſe unhören?“ Helfrid lächelte zur Antwort. „Werfen Sie Ihre Standesvorurtheile von ſich und reichen Sie mir Ihre Hand. Sie erröthen, Hel⸗ frid. Hören Sie mich an!— Es war eine Zeit, und ſie iſt ſchon lang verſchwunden— wo Ihr junges Herz mit Hilfe der Phantaſie ſich mir zu⸗ wandte. Damals blutete das meinige noch aus einer allzu friſchen Wunde. Sie reisten ab. Erſt nach vielen Jahren ſah ich Sie wieder. Ich glaubte, der Aufenthalt im Auslande würde Sie von Ihren Vorurtheilen emancipiren und die Anſichten beſei⸗ tigen, die zwiſchen Ihnen und mir ſtanden. Ich hatte ſogar die Ueberzeugung, daß mein eigenes Herz niemals wieder jene heftigen und gewaltſamen Gefühle empfinden würde, welche wir mit dem Na⸗ men Liebe bezeichnen.“ Jacobo fuhr ſich mit der Hand über die Stirne. „Sie täuſchten ſich,“ fiel Helfrid ein. „Sie haben Recht; aber dieſe letzte Verirrung iſt vorüber.“ 342 „Und warum?“ „Fräulein Helfrid, laſſen Sie uns nicht davon reden. Ich bitte Sie. Glauben Sie mir, wenn ich ſage: ſie iſt vorüber und kann ſich niemals er⸗ neuern.“ Jacobo ſprach dieß in ſo feſtem und ſtrengem Ton, daß Helfrid ſchwieg. Dann fuhr er fort. „Die Ereigniſſe, welche zu Akersnäs ſtattgefunden haben, lehrten mich, wie hoch Sie über Andern ſte⸗ hen, durch Ihren ehrenfeſten, jeder Selbſtverleugnung fähigen Charakter. Ich fühlte, daß mein rechter Platz zu Ihren Füßen wäre. Es kommt mir jetzt vor, als ob alle die Anwartſchaften auf Glück, die ich in der großen Lotterie des Lebens verloren habe, mir wieder erſetzt würden, wenn Sie mir Ihre Hand reichten und mir Ihr Herz ſchenkten.— Helfrid, theure, bewunderte Helfrid, Sie, die Sie für mich Ihr Leben aufopfern wollten, reichen Sie mir Ihre Hand, und das Daſein des einſamen Arbeiters wird dann ihm ſelbſt noch zur Freude gereichen.“ „Sie lieben Conſtanze,“ flüſterte Helfrid. „Hören Sie mich an! Ich werde niemals, ver⸗ ſtehen Sie, niemals der Frau, welche einmal mich zu verunglimpfen gewagt hat, meine Hand und mein Herz bieten, und liebte ich ſie auch mit der wildeſten Leidenſchaft. Ueber meinen verwundeten Stolz kann mein Herz niemals das Scepter führen. Mein Ge⸗ fühl für Conſtanze iſt und bleibt todt. Wollen Sie, Helfrid, mir nun den Troſt, das Glück gönnen, den⸗ ken zu dürfen: Einmal biſt Du wirklich geliebt worden!“ —„Ach, es gab Augenblicke während Ihrer Krank⸗ 343 heit, wo ich bei mir ſelbſt ſagte: Wenn Gott ſie, wenn auch nur auf kurze Zeit dem Leben zurückgäbe, und ich in dieſer kurzen Zeit ſie meine Gattin neh⸗ nen dürfte, ſo würde ich gern ſterben, glücklich, in das Grab das Bewußtſein mitnehmen zu dürfen, daß ich eine ſolche Gattin beſeſſen habe.“ Auf Helfrids bleichen Wangen entzündete ſich die Flamme der holdeſten Röthe. Mit einer uner⸗ klärlich ruhigen Stimme antwortete ſie: „Dieſen Abend kann und will ich Ihnen keine Antwort geben; aber morgen.— Ach! mein Freund, ſetzte ſie weich hinzu,„welchen Schatten von einem Menſchenleben begehren Sie. Verlaſſen Sie mich jetzt.“ Als Jacobo von Helfrid wegging, wechſelte er einige Worte mit Stephana, welche er allein noch traf; darauf ſagte er ihr Lebewohl und ging durch die große Gemäldegallerie, welche man paſſiren mußte, um zu Helfrids im obern Stockwerk gelegenen Zimmern zu gelangen. Einige Lichter an dem mittelſten Kron⸗ leuchter erhellten das Dunkel daſelbſt. Jacobo war gedankenvoll hindurchgewandert und befand ſich eben vor dem großen Kamin, als eine Frau ihm ent⸗ gegentrat. Es war Conſtanze. Sie ſtand mitten unter dem Kronleuchter, wo die Lichter brannten, ſo daß der Schein davon auf Conſtanze's Züge fiel. Daß ſie lebhaft aufgeregt war, gab ſich auf den erſten Augenblick zu erkennen; deſſen ungeachtet trug ſie ihren Kopf mit Würde, und eine mit Mühe erkämpfte Ruhe herrſchte in dem Laut ihrer Stimme, als ſie begann: 344 „Entſchuldigen ſie, Herr Lange; aber ich wünſchte einige Worte mit Ihnen zu reden.“ Jacobo machte eine kalte Verbeugung, zum Zeichen, daß er ihres Wunſches gewärtig ſei. „Der junge Areihjelm hat, wie man ſagt, auf irgend eine Art ſich Ihren Zorn zugezogen und mag denſelben auch verdient haben. Ich wollte nun ein gutes Wort für ihn einlegen und Sie bitten, dem Fehlenden Ihre Vergebung zu ſchenken. Ich ſehe mich hiezu um ſo mehr veranlaßt, als— als — ich vielleicht die indirekte Urſache zu ſeinem Ver⸗ gehen bin.“ Nicht eine Muskel rührte ſich in Lange's Ange⸗ ſicht. Er ſtand vor Conſtanze vollkommen kalt. „Hat er das Fräulein aufgefordert, ihm bei mir das Wort zu reden?“ „Ja! In einem Briefe an mich hat er um meine Fürbitte angeſucht und die Motive zu ſeinem Fehl⸗ tritt bekannt. Er hat mich auch auf die beweg⸗ lichſte Weiſe gebeten, bei Ihnen auszuwirken, daß er zu Akersnäs bleiben dürfe, damit nicht Onkel Romarhjerta Etwas von ſeinem Vergehen erfahre.“ „So, ſo! Hat er dem Fräulein auch entdeckt, worin dieſes Vergehen beſtand?“ „Nein!“ „Nun ja, es iſt auch an ſich gleich; denn ich muß ſeine Bitte, bei mir bleiben zu dürfen, beſtimmt abſchlagen. Er ſoll fort, und dieß, ſobald es ge⸗ ſchehen kann.— Wünſcht das Fräulein mir noch Etwas weiter zu ſagen?“ „Herr Lange,“ begann Conſtanze wieder, und dießmal mit zitternder Stimme;„aus Mitleid mit —— 345 mir, die ich ſonſt immer mich anklagen müßte, Arxel⸗ hjelm zu ſeinen übereilten Handlungen Anlaß gegeben zu haben, behalten Sie den armen, reuevollen Jungen bei ſich! Ich bitte Sie darum. Schicken Sie ihn jetzt fort, ſo wird er gewiß ein verlorner Menſch!“ „Sie irren ſich. Bleibt er da, ſo iſt nichts von ihm zu hoffen, das iſt auch ſonſt nicht ſonderlich der Fall. Darum iſt jede Bitte in dieſer Hinſicht vergeblich. Das Einzige, wozu ich mich verbindlich machen kann, iſt, was ich bereits Fräulein Helfrid verſprochen habe, nämlich zu verſchweigen, was er gethan hat, und es ſo zu richten, daß er ſo bald als möglich in ein anderes Land kommt. Dort wird er vielleicht ernſtlich lernen, ſeinen zügelloſen Begierden zu ſteuern.“ Jacobo verbeugte ſich und wollte gehen. „Er droht, Hand an ſich ſelbſt zu legen, im Fall er nicht zu Akersnäs bleiben dürfte,“ rief Conſtanze. „Wer die Abſicht hat, dergleichen zu thun, droht nicht damit. Erlauben Sie, mein Fräulein, daß ich Sie bitte, kein weiteres Wort in dieſer Sache zu verlieren.“ Lange entfernte ſich. Conſtanze blieb unbeweglich ſtehen. Sie lauſchte noch auf jeden ſeiner Schritte. Als ſie hörte, daß die Thüre der Gallerie hinter ihm ſich ſchloß, fiel ſie mit einem erſtickten Schluchzen auf die Kniee nieder. Von der Wand her ſchaute das Portrait der Gräfin Gunilla auf ſie hernieder, mit einem ſo milden Blicke, daß ſie die arme Weinende zu be⸗ klagen ſchien. „O, dieſer Mann hat ein Herz von Granit! Er 346 wird mir niemals, niemals verzeihen,“ dachte Con⸗ ſtanze in Verzweiflung. Hätte Conſtanze das Herz der Männer im Allge⸗ meinen beſſer gekannt, ſo wäre ſie gar nicht verſucht geweſen, zu hoffen, daß Jacobo ihr die Wunde, welche ſie ſeinem Stolze verſetzt hatte, verzeihen würde. Alles kann der Mann verzeihen, nur nicht eine Verletzung ſeiner Eigenliebe. In dieſem Fall ſind ſie alle gleich, der edelſte, wie der ſelbſtſüchtigſte, und Jacobo machte keine Ausnahme davon. LIV. Den Tag darauf hatte Helfrid eine lange, ge⸗ heime Unterredung mit den Aerzten. Als dieſelben wieder abgegangen waren, fand ſich Conſtanze ein und blieb allein bei ihr ſitzen. „Jetzt biſt Du ſo wohl,“ äußerte Conſtanze nach einiger Zeit,„daß ich ohne Furcht nach Sturesjö zurückkehren kann. Ich beabſichtige heute Nachmittag dahin abzureiſen.“ Es iſt mehr als freundlich von Dir geweſen, Conſtanze, daß Du dich ſo für mich aufgeopfert haſt,“ erwiederte Helfrid und reichte ihr die Hond. Conſtanze erhob ſich und trat näher. „Theuerſte Helfrid, was braucht es davon zu reden. Um Gottes willen, mache von einer ſolchen leinigkeit nicht ſo viel Aufhebens.“ „Conſtanze,“ fuhr Helfrid mit tiefem Ernſt fort, „ſieh' mir einmal gerade in's Geſicht und beantworte mir eine Frage.“ — — 347 „Gern,“ erwiederte Conſtanze und ſchaute Hel⸗ frid mit offenem Blicke in die großen, dunkelblauen Augen. „Liebſt Du Lange?“ Schneller als ein Gedanke, faßte Conſtanze den Entſchluß, die Frage verneinend zu beantworten. Sie warf den Kopf mit einer ſtolzen Bewegung zurück, und die erhöhte Farbe auf ihren Wangen nahm den Charakter der Zornesröthe an, als ſie entgegnete: „Ich habe Herrn Lange weder geliebt, noch werde ich ihn je lieben. Er iſt ein Mann, der ganz und gar nicht für mich taugt.“ Helfrid betrachtete ſie eine lange Weile ſchwei⸗ gend. „Ich beklage Dich; denn entweder haſt Du jetzt eine Unwahrheit geſagt, oder den ganzen Herbſt hindurch eine Deiner unwürdige Komödie geſpielt. In beiden Fällen biſt du bedauernswerth.“ Es entſtand eine Pauſe, die von Stephana unter⸗ brochen wurde, welche mit neuen Zeitungen eintrat, um ſie Helfrid vorzuleſen.„ Am Nachmittag reiste Conſtanze nach Sturesjö ab, ſo daß Jacobo bei ſeiner Ankunft in Kungsborg ſie nicht mehr antraf. Einige Tage ſpäter ſandte Graf Hermann den jungen Fvert nach Gothenburg. Von hier ſollte derſelbe ſo bald als möglich nach England abgehen. Am Weihnachtsabend war Helfrid beinahe voll⸗ kommen hergeſtellt. Die Bewohner von Sturesjö und Stahlhammer, welche eine Einladung nach Kungsborg erhalten hatten, wurden durch den Grafen Romarhjerta von der erfolgten Verlobung zwiſchen ſeiner Schweſter und dem Fabrikherrn Lange in Kenntniß geſetzt. Gewiß dachte Jedermann, daß Helfrid eher aus⸗ ſähe, als ſollte ſie ſich dem Tode verloben, anſtatt mit einem jungen, ſchönen Mann ſich zu vermählen, ſo bleich und abgezehrt war ſie; aber alle hofften zugleich, die Blumen der Geſundheit würden auf den vom Schnee des Leidens bedeckten Wangen wieder erblühen. Einen Monat nach der Verlobung führte Jacobo das ſtolze Fräulein Romarhjerta als ſeine junge Gattin nach Akersnäs heim. Ende des erſten Bandes. 6 In unſerem Verlage ſind erſchienen und durch alle Buchhandlungen zu beziehen: Dumus, Alexander, ausgewählte Romane. Jedes Bändchen koſtet 2 Sgr.— 6 kr. rh. Die beiden Dianen, 16 Bändchen.— Königin Margot, 10 Bdch.— Die Fünfundvierzig, 15 B. — Iſaak Laquedem, 5 Bdch.— Olympia von Cleves, 15 Boch.— Eine Tochter des Regenten, 7 Bdch.— Ange Pitou, 12 Bdchn.— Die Gräfin Charny. 32 Bdchn.— Das Brautkleid, 3 Bdch.— Eine corſiſche Familie, Geſchichte eines Todten, Gabriel Lambert, 4 Bdch.— Der Baſtard von Mauleon, 11 Bdch.— Tauſend und ein Geſpenſt, 13 Bdch.— Die ſchwarze Tulpe, 4 Bdchn.— Die Taube, 2 Bdch.— Gott lenkt, 17 Bdch.— Gott und Teufel, 7 Bdch.— Der Pfarrer von Aſhburn, 11 Bdch.— El Salteador, 5 Bdch.— Catharine Blum, 4 Bdch.— Abenteuer eines Schauſpielers, 4 Bdch.— Ingenue, 14 Boch.— Der Page des Herzogs von Savoyen, 14 Bdch.— Die Mohikaner von Paris, 25 Boch.— Salvator, 47 Boch.— Heinrich IV., 6 Bdch.— Der Haſe meines Groß⸗ vaters, 3 Bdch.— Der Wolfsführer, 8 Bodch.— Die Genoſſen Jehu's, 15 Bdch.— Die Gräfin von Verrue, 10 Bdch.— Meiſter Adam, der Ca⸗ labreſe, 3 Bdch.— Karl der Kühne, 10 Bdch.— Die Wölfinnen von Machecoul, 30 Boch.— Das Horoskop, 12 Boch.— Black, 12 Bdch.— Horaz' Memoiren, 14 Bdch.— Garibaldi's Memoiren, 15 Bdch.— Der Pechvogel, 8 Bdch. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. In unſerem Verlage ſind erſchienen und durch alle Buchhandlungen zu beziehen: Biographien berühmter Erfinder und Entdecker der Reuzeit. Erſter Band: Georg Stephenſon, 2. Auflage. 80. 32 Bogen mit einem Holzſchnitt. Zweiter Band: James Watt, 21 Bogen mit 8 Holzſchnitten. Preis in engliſchem Einband mit Goldſtempeln jeder Band Thlr. 1— fl. 1. 45 kr. Sicherlich ſind die Anfänge und Endziele der jetzigen Induſtrie⸗Epoche nie großartiger aufgefaßt worden, als dn beiden vorſtehenden Biographien. Wo ließe ſich auch dem Scharfſinne und der Beharrlichkeit eines James Watt, eines Georg Stephenſon gleich Großes an die Seite ſtellen! So unwiderſtehlich iſt der eigenthüm⸗ liche Reiz welcher dieſe Lebensbeſchreibungen umgibt, daß jeder Roman daneben erblaßt. Der Geiſt, ſtets in die Schranken des wirklichen Lebens gebannt, gewinnt an innerer Spannkraft, der Charakter des Jünglings wird geſtählt durch ſo edle Beiſpiele; und endlich ſind über das innere und äußere Leben der beiden großen Männer ſo viele und intereſſante Aufſchlüſſe gegeben, 15 dieſe Biographien als endgültige angeſehen werden önnen. Nicht leicht wird es ein Buch geben, das geeigneter wäre, die ſtrebfame Jugend unſeres deutſchen Vater⸗ landes auf der Bahn praktiſcher Bildung zu befeuern und zu edlem Nacheifer anzuſpornen, als obige Bio⸗ graphien. Grzählungen „ Hermann Kurz, Verfaſſer von„Schiller's Heimathjahre.“ Neue vermehrte Sammlung. 3 Bände eleg. broch. à Band Thlr. 1.— fl. 1. 36 kr. Inhalt: Eine reichsſtädtiſche Glockengießerfamilie. — Wie der Großvater die Großmutter nahm.— Das Wittwenſtüblein.— Bergmärchen.— Das weiße Hemd. — Den Galgen! ſagt der Eichele.— Die Zaubernacht. — Das Schattengericht.— Das Arkanum.— Die blaſſe Apollonia.— Neun Bücher Denk⸗ und Glaubwürdig⸗ keiten.— Wiederfinden.— Ein Herzensſtreich.— Das Horoſcop.— Das gepaarte Heirathsgeſuch.— Der Feu⸗ dalbauer.— An der Wiege.— Ein Donnerwetter im Hornung.— Jugenderinnerungen. Jeder Band bildet ein ſelbſtſtändiges Ganzes und wird einzeln verkauft. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. In unſerm Verlage iſt ferner erſchienen und durch alle Buchhandlungen zu beziehen: Allgemeine Geſchichte der Literatu. Ein Handbuch von Johannes Scherr. Zweite, umgearbeitete und erweiterte Auflage. 37 Bogen Lex.⸗80. broch. Thlr. 2. 6 Sgr.— fl. 3. 36 kr. Der Herr Verfaſſer ſagt in der Vorrede zu dieſer Auflage:„Mein Buch erſcheint in ſeiner zweiten Auf⸗ lage weſentlich umgeſtaltet. Nur wenige Seiten dürften ganz unverändert geblieben ſein. Manche Abſchnitte ſind neu geſchrieben, das Ganze iſt erweitert und ver⸗ vollſtändigt, überall wurde nachgebeſſert, durchgehends der Ton zu objectiv⸗ruhigem Vortrag geſtimmt und in Folge deſſen alles nicht zur Sache Gehörige ſtrengſtens ausgemerzt. Auch iſt die zweckdienliche Verbeſſerung eines Regiſters angebracht worden.“ Der ungewöhnliche Anklang, den dieſes Buch in ſeiner erſten Auflage gefunden hat, läßt uns erwarten daß das Publikum dieſe zweite, in angedeuteter Weiſe verbeſſerte Auflage gleich günſtig aufnehmen werde. Stuttgart. Jranchh'ſche Verlagshandlung ———— — ſſſiſſſ 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 2— .