— — —— Leibbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 4 j. Cduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und Jeſebedingungen. 1. ofensein der Bibliothek. Die Vibliothet ſteht zur GEm. ſt pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8§ Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von . — jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 M 50 Pß M. Pf. 3 „„„„ 6„ 4 3 Auswärtige Abonnenten haben füt Hin⸗ und Zurickſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mü Kupfern c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zertiſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder deferte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer um Erſatß des Ganzen verpflichtet 43 Ausſeihezeit- Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird 3 beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben⸗ 4 * 4₰ Ausgewühlte Werke Trau M. S. Schwartz. Aus dem Schwediſchen. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1864. ——————— Druck der K. Hofbuchdruckerei Zu Guttenberg. Arbeit adelt len Mnn. Ein Bild aus der Wirklichkeit von —— Marie Sophie Schwart. Aus dem Schwediſchen Dr. C. Büchele. i Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1864. 6 Schnell entſchwindet die Stunde für den Taglöhner, — Willſt du den Weg der Natur zum wahren Glücke Höre das erſte Gebot: Arbeit! Träge die Lebenszeit für die Tagdiebe dahinſchleicht. erkennen, indeſſen Leopold. — Werfen wir einen Blick auf die entflohene Zeit von ſechs Jahren zurück, wie kurz erſcheint ſie uns nicht, und doch, wie viele Umwandlungen haben in dieſem Zeitraum geſchehen können!— Oſft genügt ja ein einziger Tag, um während ſeines Verlaufes ein Menſchenleben umzugeſtalten, und für Andere können Jahre verſchwinden, ohne daß ſie eine Ver⸗ änderung mit ſich bringen; man ſollte glauben, die Zeit ſtehe ſtill, ſo gleichen die Tage einander. Nach Verfluß von ſechs Jahren wollen wir den Leſer auf den Schauplatz der in den vorangehenden Blättern geſchilderten Ereigniſſe zurückführen. Die Frühlingsſonne hatte die Erde wieder in Grün gekleidet. Es war ein ſchöner Sonntag im Mai. Die feſtlich geputzten Bauersleute kamen aus der Kirche von Kungsborg. Eine Weile blieben ſie noch auf dem Hügel, wo das Gotteshaus ſich erhob, ſtehen, um über dieß und jenes zu plaudern. Als die Equipage des Grafen Romarhjerta mit dem gräf⸗ e Paare abgefahren war, zerſtreute ſich das Volk. Ein paar andere Wagen hielten auf verſchiedenen Seiten der Kirchhofsmauer. wohlbekannt; er gehörte dem Patron zu Akersnäs. Der andere'war ein Reiſefuhrwerk, welches den Neugierigen einige Fragen an den Kutſcher entlockte. Als ſie jedoch zur Antwort erhielten, es gehöre einem Fremden, der nach Kungsborg wolle, waren ſie zu⸗ frieden geſtellt und ließen ſich nicht weiter abhalten, ihren Heimweg anzutreten. Auf dem jetzt menſchenleeren Kirchhof befanden ſich noch drei Perſonen. Der eine war ein kraftvoller Mann von einigen vierzig Jahren mit einem noch bildſchönen Geſicht, welches von Intelligenz, Güte und Energie zeugte. Er ſtand vor einem hübſchen, mit friſchen Blumen geſchmückten Grabmale. Das einfache Granitkreuz war von einer dickbelaubten Hängebirke beſchattet und mit einem ſchönen Eiſengitter umſchloſſen. Auf das letztere geſtützt, betrachtete er mit einem weh⸗ müthigen und bekümmerten Ausdruck die lächelnden Blumen auf dem Grabhügel. In einiger Entfernung davon, hinter einem dichten Hagedornbuſch verborgen, ſaß eine junge Frau. Mit einem Blick voll Kummer und Zärtlichkeit betrachtete ſie von ihrem Verſteck aus den Mann am Grabe. Sie hatte die zitternde Hand feſt auf das Herz ge⸗ drückt, und Alles gab zu erkennen, daß ſie von einer lebhaften Gemüthsbewegung ergriffen war. RNachdem er einige Augenblicke unbeweglich, die Augen auf den Raſenhügel, welcher ohne Zweifel einen ſeinem Herzen theuren Gegenſtand bedeckte, geheftet, dageſtanden war, entfernte ſich der Mann Der eine war den Bauern aus der Gemeinde — — und nahm ſeinen Weg von dem Kirchhof herab nach einem der daſelbſt harrenden Wagen. Erſt als das Geräuſch der davon rollenden Räder ihr hörbar wurde, verließ die junge Frau auf dem Kirchhof ihren Verſteck. Sie näherte ſich dem Grabe, von welchem jener ſo eben hinweggegangen war, und nahm deſſen Platz ein. Die Augen in Thränen ſchwimmend, las ſie die Inſchrift. Es ſtand weiter Nichts da, als: Helfrid Lange, ſammt dem Jahre, in welchem ſie geſtorben. Seit fünf Jahren ruhte Helfrid hier. Somit war ſie noch in dem⸗ ſelben Jahre, da ſie Jacobo die Hand am Altare gereicht hatte, aus dem Leben abberufen worden. Eine Thräne nach der andern rollte der jungen Dame über die Wangen herab. Mit gefalteten Händen lehnte ſie den Kopf an das eiſerne Gitter. Der leidende, qualvolle Ausdruck in ihren Zügen verrieth einen bittern Schmerz. Es iſt ungewiß, wie lang ſie verſunken in ihre traurigen Betrachtungen, ſtehen geblieben wäre, wenn nicht das Geräuſch haſtiger, raſcher Schritte ſie auf⸗ geſtört hätte. Erſchrocken blickte ſie nach der Seite, woher die⸗ ſelben kamen. Ein junger Mann kam auf dem Pfade heran, welcher an Helfrids Ruheſtätte vorüberführte. Als er eben vorbeigehen wollte, warf er einen Blick auf das Kreuz über dem Grabe und machte, als er des darauf ſtehenden Namens anſichtig wurde, Halt. Die Frau wollte ſich jetzt entfernen; er aber nahm den Hut ab mit den Worten: „Entſchuldigen Sie; weſſen Grab iſt das hier?“ — S —— — ů ůÜ „Die Gattin des Frabrikherrn Lange ruht in demſelben.“ „Ah! Der junge Mann warf einen forſchenden Blick auf die Dame, welche er angeredet hatte, und ſetzte hinzu: „Der Fabrikherr Lange wat ſomit vermählt?“ „Ja, mit Fräulein Romarhjerta,“ antwortete die Dame, machte eine leichte Verbeugung und zog ſich zurück. „Nur ſechs Jahre ſind verfloſſen, ſeitdem ich hier war, und ſo viele Veränderungen,“ dachte der junge Mann. Auch er blieb eine Weile an Helfrids Grabe ſtehen. „Edle, hochgeſinnte Frau,“ fuhr er dann bei ſich ſelbſt fort. „In welcher großen Schuld ſtehe ich nicht bei Dir! Wie manchmal während dieſer ereignißreichen Jahre habe ich nicht gewünſcht, Dich wieder zu ſehen und Dir zu danken! Jetzt— ſeid ihr beide, Du und ſie, die fromme und herzensgute Mutter Inga todt. Friede eurer Aſche! Er ging einige Schritte weiter und blieb wieder vor einem kleinen eiſernen Kreuze ſtehen, worauf„ geſchrieben war: „Hier ruht Inga Bengtſon.“ An dieſem Grab kniete er nieder. Man konnte ſehen, daß er ein ſtilles Gebet flüſterte. Lang verweilte er auf dem Kirchhofe; es war, als ob es ihm ſchwer fiele, ſich von Inga S Grab zu trennen. —— —— 9 Mittag war vorüber, als er von der Heimath der Todten ſich entfernte und in eine Poſtchaiſe ein⸗ ſtieg, welche mit ihrem Poſtillon draußen an der Kirchhofsmauer hielt. „Nach Akersnäs,“ befahl der junge Mann, nach⸗ dem es ihm gelungen war, ſeinen Kutſcher wieder zum Leben zu bringen. II. Im Speiſeſaal zu Kungsborg war an dem oben erwähnten Sonntag eine kleine Geſellſchaft, aus den nächſten Nachbarn beſtehend, verſammelt und ſaß an der Mittagstafel. Stephana, jetzt eine Frau von etlichen vierzig Jahren, hatte von der Zeit eine ſo ſchonende Be⸗ handlung erfahren, daß ſie noch immer ſchön und liebenswürdig genannt werden konnte. Mit jener einnehmenden Anmuth und angebornen Würde, welche ihr ganzes Weſen auszeichnete, machte ſie die Honneurs als Wirthin. Sie ſprach mit Allen und wußte ſtets der Converſation ein ſolches Thema zu Grunde zu legen, welches die ganze Geſellſchaft intereſſirte. Unter den Gäſten befand ſich ein junges Mäd⸗ chen von zwanzig oder einundzwanzig Jahren, klein von Wuchs, mit einem Angeſicht ſo beweglich und lebendig, daß es bei dem erſten Blick frappirte, ob⸗ ſchon die Züge nicht ſchön oder regelmäßig waren. Sie konnte kaum auf den Namen„hübſch“ An⸗ ſpruch machen, aber es lag etwas Originelles und 10 Geiſtvolles in ihrem ganzen Ausſehen, wodurch das Intereſſe gefeſſelt wurde. Es war Olga Callenſtjerna. Sie unterhielt ſich mit dem Architekten Kurt Arelhjelm, deſſen ganze Erſcheinung, Art und Weiſe unverändert geblieben war. Unſer Baumeiſter ſchien ſich für ſeine kleine Nachbarin beſonders zu intereſſiren. Zur Linken von Stephana ſaß der Fabrikherr Lange. Die entſchwundenen ſechs Jahre hatten ſeinem Angeſicht ein noch männlicheres Gepräge verliehen und den Ausdruck von Weichheit, welcher in ſeinen jüngeren Jahren ſich darin zu erkennen gegeben, gänz⸗ lich verwiſcht. Es lag mehr Energie und Kraft in ſeinem Ausſehen; aber auch ein Zug von Strenge, der früher nicht zu entdecken geweſen war. Er trug ſein Haupt mit ruhiger Würde, aber ohne allen Uebermuth. Die wunderbar ſchönen Augen beſaßen noch ihren ſtrahlenden Ausdruck. Es war Jedem deutlich ſichtbar, daß er einen Mann vor ſich hatte, der das volle Bewußtſein ſeiner Ueberlegen⸗ heit in ſich trug. „Nun Olga, wann erwarteſt Du Conſtanze da⸗ heim? fragte Stephana. „Wann?— Ja, wer das wüßte!— Conſtanze ſchrieb in ihrem letzten Briefe: Wann ich komme, iſt gleichgültig, genug, ich komme recht bald. Das war vor vierzehn Tagen,“ antwortete Olga. „Ich glaube, es ſind nahezu ſechs Jahre, ſeitdem Fräulein Conſtanze Sturesjö verließ?“ fiel Kurt ein. „Sie reiste im Frühjahr nach ihrem Einzug daſelbſt ab,“ erwiederte Olga kächelnd. 11 „Und die Herrſchaften haben ſich ſeitdem nicht wieder geſehen?“ „O ja, bei meiner Konfirmation vor fünf Jahren. Ich war damals mit Onkel Romarhjerta's in Stock⸗ holm, weil ich von dem Paſtor primarius Petters⸗ ſon Religionsunterricht erhielt. Seitdem bin ich hier zu Kungsborg bei Tante Stephana geweſen, und Conſtanze hat faſt die ganze Zéit im Auslande zugebracht. Jetzt endlich fühlte ſie ſich vom Heim⸗ weh ergriffen, und darum wird mir die Freude zu Theil, meine Schweſter wieder zu ſehen. „Gedenken die Herrſchaften dann in Sturesjö ihren Wohnſitz zu nehmen?“ „Ganz gewiß. Tante Stephana und ich haben Alles in Ordnung gebracht, ſo daß, wenn Conſtanze eintrifft, ich wohl das liebe Kungsborg verlaſſen werde. Olga ſeufzte, ſetzte aber gleich darauf mit einem muntern Lächeln hinzu: „Ich bin förmlich neidiſch auf den Herrn Archi⸗ tekten der hier bleiben kann, während ich dieſen Ort, in den ich ganz verliebt bin, verlaſſen ſoll.“ „Sie ſind blos in den Ort verliebt?“ „Ach nein, unglücklicher Weiſe auch in Tante Stephana, in Onkel Romarhjerta und in den Fabrik⸗ herrn Lange.“ Kurt lachte und begann mit Olga über ihre Vielſeitigkeit in Bezug auf den Punkt der Liebe zu ſcherzen. Jacobo hatte ſich, während Olga von Conſtanze redete, ſchweigend verhalten. Einer der Gäſte wandte ſich jetzt mit der Frage an ihn. 12 „Haben Sie ſchon, Herr Lange, von der Eiſen⸗ hobelmaſchine gehört, welche ein junger, in England ſich aufhaltender Schwede erfunden hat? Er ſoll in Deutſchland, Frankreich und England ein Patent darauf erlangt haben.“ „Ich habe nicht blos von ihm reden gehört, ſondern noch mehr gethan, ihn als Director meiner Fabrik engagirt,“ antwortete Jacobo.„Er hat ſich längere Zeit in Amerika aufgehalten und dort bei unſerem ausgezeichneten Landsmann, Capitän Erikſon gearbeitet. In Amerika hat er ein Patent auf eine Nähmaſchine erhalten, welche ſehr einfach konſtruirt ſein und ein ungewöhnlich mechaniſches Talent ver⸗ rathen ſoll.“ „Wie heißt er? Ich habe den Namen allerdings in einem techniſchen Journal geleſen, aber er iſt mir wieder entfallen.“ „Jvarſon,“ antwortete Jacobo. „Ein Mann von ſolchen geiſtigen Hülfsmitteln thut unklug daran, naäch Schweden zurückzukehren; er hat eine viel glänzendere Zukunft im Ausland,“ meinte Graf Romarhjerta. „Ich bin entgegengeſetzter Anſicht. Schwedens natürlicher Erwerbszweig iſt unwiderſprechlich die Metallfabrikation; und es liegt im Charakter des ſchwediſchen Volks eine entſchiedene Richtung dahin, Sein vornehmſter Reichthum beſteht ja in Eiſen. Nun wohl, ein Jeder, welcher die Fähigkeit beſitzt, die Verwendbarkeit des Erzeugniſſes aus dieſen ſchwediſchen Goldgruben zu erweitern, muß eine Zu⸗ kunft hier haben. Ein Mann, wie der Ingenieur Jvarſon, wird unbedingt eine ſchöne Carridre in 13 ſeinem Vaterlande machen. Darum habe ich ihm eine Anſtellung bei mir angeboten, als ich hörte, daß er hieher zurückzukehren beabſichtige.“ „Ingenieur,“ wiederholte ein alter Kapitän. „Was iſt er denn eigentlich für ein Ingenieur?“ „Ingénieur mécanique, wie man im Ausland ſagt, oder Civil⸗Ingenieur, wie wir uns aus⸗ drücken.“ Man erhob ſich jetzt vom Tiſche. Stephana bemerkte, zu Jacobo gewendet: „Du haſt doch wohl für den Fall, daß der In⸗ genieur heute nach Ackersnäs kommen ſollte, Ordre gegeben, ihn hieher zu weiſen?“ „Ich ließ ein Billet an ihn zurück, worin ich ihm deine freundliche Einladung mittheilte.“ Man hatte Kaffee getrunken und Olga war eben daran, Jacobo und Kurt mit vielem Humor zu be⸗ ſchreiben, wie ſie in ihren Kinderjahren ſteif und feſt an Geſpenſter geglaubt und wie großen Reſpeckt ſie davor gehabt hätte, mit einigen Offenbarungen aus dem Reiche des Böſen, von welchem ihre Amme ihr ſo wunderbare und glaubwürdige Dinge erzählt, in Berührung zu kommen. Lange und Kurt lachten recht herzlich, und der letztere warf eben die Frage auf, wie ſie von ihrem Aberglauben geheilt worden ſei, als Eklunds grauer Kopf unter der Salonthüre zum Vorſchein kam. Er näherte ſich Jacobo und überreichte ihm eine Karte, indem er hinzuſetzte: „Der Fremde, welcher mir die Karte se erwartet den Herrn Fabrikanten in dem kleinen Vor⸗ zimmer.“ 14 So nannte man ein Gemach, in welches die Gäſte zu Kungsborg gewöhnlich geführt wurden, um ihren Anzug zu ordnen oder zu warten, bis ſie empfangen würden. Jacobo warf einen Blick auf die Karte. Es ſtand darauf;„Ingenieur Jvarſon.“ Olga's lebhafte Augen hatten den Namen gleich⸗ falls geleſen. Sie rief: „Ach, das iſt köſtlich, daß wir hier den halbeng⸗ liſchen Ingenieur zu ſehen bekommen.“ Lange entfernte ſich, und Olga fuhr, gegen Kurt gewendet, fort: „Nun, wie ſtellen Sie ſich, Herr Architekt, dieſes Genie vor?“ „Wahrhaftig, ich habe mir noch kein Bild von ihm gemacht.“ „Nicht! Iſt das möglich? Gleich als ich ſeinen Namen bei Tiſch nennen hörte, hatte ich ihn leib⸗ haftig vor mir.“ „Sie haben eine lebhafte Einbildungskraft,“ er⸗ wiederte Kurt lächelnd.„Nun, wie glauben Sie, daß er ausſieht?“ „Es iſt ein kleiner ſchmächtiger Mann. Alle Genies müſſen klein ſein. Er iſt mager und gelblichbleich. Alle Leute, welche viel denken, müſſen mager und bleich ſein. Nachtwachen und Grübeln zehren am Kör⸗ per. Er hat durchdringende, ſchwarze Augen, dünne Lippen und.. „Ingenieur Jvarſon,“ ertönte Eklunds Stimme. DOlga ſchwieg und drehte ſich haſtig um, den Ein⸗ tretenden ſogleich in Augenſchein zu nehmen. — 15 Gewahrte ſie wirklich ℳ kleinen, magern und bleichen Mann mit einem von Nachtwachen und An⸗ ſtrengungen zeugenden Angeſicht? Nein! Lange führte einen jungen Mann ein von mittlerer Größe, kraft⸗ vollem Körperbau und einem Geſicht voll Jugend⸗ leben und Geſundheit. Die großen, ehrlichen blauen Augen, der dichte, hellbraune Bart und das gelockte Haar machten ſein Ausſehen ſehr vortheilhaft. Ein paar tiefe Falten auf der weißen und hohen Stirne deuteten an, daß das Leben dem jungen Manne nicht immer gelächelt hatte. Der lebhafte und freie Blick verrieth Lebensfriſche und Sorgloſigkeit. Seine Miene war etwas erregt, als er Jacobo zu Stephana und dem Grafen Romarhjerta folgte; aber er benahm ſich gleichwohl mit Leichtigkeit, und ſeine Manieren bewieſen, daß er an das Geſellſchafts⸗ leben gewöhnt war. Jetzt wie immer, wenn ein Fremder Kungsborg zum erſten Mal beſuchte, wurde ſeine ganze Auf⸗ merkſamkeit von Stephana in Anſpruch genommen, welche durch ihre überlegene Bildung, ihre Gewohn⸗ heit, alle möglichen Gegenſtände in der Converſation zu behandeln, ſtets das Intereſſe feſſelte. Während unſer Ingenieur mit der Wirthin ſich unterhielt, ſagte Olga zu Kurt: „Ich kann nicht begreifen, wie es zugeht; aber das Ausſehen des Ingenieurs kommt mir bekannt vor. Beſtimmt habe ich ſeine Augen ſchon früher eſehen, wenn er mir auch ſelbſt nicht zu Geſicht n „Beſtes Fräulein Olga, Sie wollen do wohl nicht ſo weit gehen, zu behaupten, Sie haben ſeine 16 Augen geſehen, ohne auch des Mannes anſichtig ge⸗ worden zu ſein.— Dieſe Einbildung iſt gerade ebenſo zuverläſſig, wie das Portrait, welches Sie von ihm machten, getroffen war.— Finden Sie, daß er dem Bilde, welches Sie von ihm entworfen haben, entſpricht?“ ſetzte Kurt lachend hinzu. „Ach, mein Gott, wer konnte ſich auch ein Genie in ſolcher Geſtalt denken! Er hat ja gar nichts Un⸗ gewöhnliches in ſeinem Aeußern. Sehen Sie nur, er ſchwazt und lacht ganz wie ein anderer Menſch.“ „Wollen Sie denn, daß er ſchweigen und mür⸗ riſch drein ſchauen ſoll?“ „Nein, er ſoll etwas Zerſtreutes*) an ſich haben. Für ein mechaniſches Wunderthier paßt es durchaus nicht, dieſe Sicherheit in ſeinem Benehmen zu haben. Er ſollte linkiſch ſein, ſeinen Hut zwiſchen den Fin⸗ gern herumdrehen, mit den Händen durch die Haare fahren, die verworren ſein müßten, und erſchrocken auf Alles, was Frauenzimmer heißt, hinblicken. Das könnte Achtung vor ihm als einem Genie einflößen.“ Kurt lachte, hatte aber keine Zeit zu antworten. Eklund meldete Fräulein Conſtanze Callenſtjerna. Olga flog förmlich über den Fußboden dahin, und ehe Conſtanze noch die Schwelle überſchritten hatte, lag ſie an der Bruſt der Schweſter. Umarmungen, Bewillkommnungen, Händedrücke und Begrüßungen folgten links und rechts. Alle Gäſte waren Conſtanze von ihrem frühern Aufenthalt in Kungsborg bekannt. ²) Im Tert distré= dem franzöſiſchen autrit 17 Der neuangekommene Ingenieur war der einzige Fremde. Nach dem erſten Begrüßungsſturm ſtellte Ste⸗ phana ihn vor. Conſtanze erkannte den jungen Mann vom Kirchhof und bemerkte: „Wir haben heute einander ſchon getroffen.“ „Ich bedaure nur, daß unſere erſte Begegnung an einem ſo traurigen Orte ſtattfand,“ antwortete er. „Warum nennen Sie ihn traurig?“ „Weil er an erlittene Verluſte erinnert.“ „Aber auch an die Ruhe, welche das Grab birgt.“ Der Ingenieur zog ſich zurück, und Conſtanze nahm zwiſchen Stephana und Olga Platz. Beide betrachteten mit Theilnahme und Ueberraſchung ihr bleiches Angeſicht. Trotz der lächelnden Lippen und der von Freude zeugenden Worten lag Schwermuth in ihrem Blick. Jacobo hatte ohne ein Zeichen von Erregung Conſtanze mit einer artigen Verbeugung begrüßt. Den Reſt des Abends beſchäftigte er ſich beinahe ausſchließlich mit Jvarſon. Conſtanze wurde bald von den verſammelten Damen umringt, welche Fragen über das Ausland machten. Sie konnten unmöglich ihrer Luſt, von Rei⸗ ſen auf Eiſenbahnen und dergl. zu hören, länger widerſtehen. Während Conſtanze genöthigt wurde, die Kleider⸗ tracht der Damen zu Paris und Berlin u. g. O. zu beſchreiben und von allen jenen Kleinigkeiten, welche ſo unendlich ermüdend ſind, Rechenſchaft zu geben, näherte Olga ſich Jacobo, welcher gerade mit dem Grafen Hermann ſprach. Schwartz, Arbeit adelt den Mann. I. 2 18 „Wo habe ich nur die Augen des Ingenieurs Jvarſon geſehen?— Kann Herr Lange mir nicht darüber Auskunft geben?“ fragte ſie. „Die Frage kann unmöglich Jemand anders außer Ihnen beantworten?“ erwiederte Lange. „Mein Gott, ich finde nicht eher Ruhe, als bis ich darüber im Klaren bin, wo ich ſie geſehen habe. Ich weiß mir keinen andern Rath, als daß ich auf den Mann ſelbſt losgehe und ihn ausfrage.“ „Beſtes Fräulein Olga,“ fiel Jacobo ein,„be⸗ ruhigen Sie ſich und laſſen Sie den armen Jvarſon mit Ihrem Forſchungstriebe in Frieden. Die Neu⸗ gierde iſt ein Fehler, den wir zu bemeiſtern ſuchen müſſen.“ „Wollen Sie behaupten, ich ſei neugierig?“ „Unendlich.“ „Ich werde beweiſen, daß Sie Unrecht haben.“ „Auf welche Art?“ „Dadurch, daß ich durchaus nicht auszuforſchen ſuche, wo ich dieſe Augen geſehen habe.“ „Fräulein Olga, Sie verſprechen mehr als ſie halten können.“ „Glauben Sie das, Herr Lange?“ „Ich bin davon überzeugt.“ „Gut, hier haben Sie mein Ehrenwort darauf, daß ich niemals nach Etwas fragen werde, das mich Nichts angeht.— Die Augen des Ingenieurs in⸗ tereſſiren mich übrigens gar nicht.“ „Das wäre ein ſchöner Beweis von Ihrem Siege über ſich ſelbſt,“ entgegnete Lange mit einem heraus⸗ fordernden Lächeln. Es ſah aus, als ob Jacobo Hlga ein wenig reizen wollte, ſo daß ſie aus ge⸗ „ 19 kränktem Ehrgeiz Jvarſon mit ihrer Neugierde in Frieden ließe. Als Conſtanze ſich einen Augenblick von den zu⸗ dringlichen Fragerinnen losgemacht hatte, näherte ſie ſich Kurt. „Es war eine Ueberraſchung für mich, Sie hier zu treffen, Baron,“ ſagte ſie. „Baumeiſter, wenn Sie erlauben,“ verbeſſerte Kurt. „Sie ſind ſich gleich geblieben, merke ich.“ „Vollkommen.“ „Ich habe Ihnen Grüße von Ihrem Bruder auszurichten. Ich traf ihn in Stockholm.“ „Ich danke für den Gruß,“ erwiederte Kurt, „aber ich begreife nicht, wie er dazu kommt, mir der⸗ gleichen zu ſenden. Ich glaubte nicht, daß er von meiner Reiſe nach Kungsborg Etwas erfahren hätte.“ „Er ſendet Ihnen eigentlich auch keinen Gruß, ſondern ich wollte blos damit ſagen, daß wir ein⸗ ander getroffen haben. Er hat, wie ich höre, mit einem Patent in England ein brillantes Geſchäft ge⸗ macht. Nach ſeiner Lebensweiſe zu urtheilen, ſcheint es, daß er damit ein nicht unbedeutendes Vermögen ſich erworben hat.“ „Leider, wenn dem ſo iſt,“ antwortete Kurt in ernſtem Ton. „Warum ſagen Sie leider?“ „Weil dieſer ſo leichte Erwerb von Vermögen zur Folge haben wird, daß mein Bruder einem, thätigen Leben entſagt, um ſich dem Wunſche zu überlaſſen, was er ohne Schwierigkeit gewonnen hat, 2* 6 20 als Edelmann zu verſchwenden. Es iſt ein Unglück für einen ſo jungen Mann wie er, und kann ihn leicht ins Verderben führen, aber erlauben Sie, davon abzubrechen. Gedenken Sie nun, Ihren Wohnſitz in Sturesjö außzuſchlagen?“ „Ja, bis auf Weiteres. Ich gleiche den Zug⸗ vögeln, welche man nicht lang an einem und dem⸗ ſelben Orte findet.“ „Immer gleich veränderlich?“ „Launenhaft, meinen Sie,“ entgegnete Conſtanze lächelnd.„Was wollen Sie, daß ich thun ſoll? Ich habe von der Nätur eine unruhige und capriciöſe Gemüthsart erhalten und kann ſomit nicht anders werden. Ich bleibe mir gleich, wie Sie.“ „In Allem?“ Ja.“ „Selbſt in Ihrer Feindſchaft gegen mich? Haben Sie mir die Ereigniſſe in Berkin noch nicht ver⸗ ziehen?“ Kurt betrachtete bei dieſen Worten Conſtanze mit einer beinahe ſpöttiſchen Miene. „Ich habe wenigſtens aufgehört, mich darüber zu ärgern.“ „Sie ſind allzugütig;— das heißt demnach ſo viel, als wir ſind keine Feinde mehr.“ „Nein, ich habe gelernt, daß große Fehler und große Verdienſte neben einander liegen können. Ich betrachte nunmehr Ihren Charakter und Ihre Hand⸗ lungen mit fünfundzwanzigjähriger Erfahrung, und die iſt viel größer, als bei neunzehn Jahren.“ „Gott weiß, ich glaube, daß der Inſtinkt bei neunzehn Jahren ebenſo zuverläßig iſt, wie die Er⸗ 5 e— 21 fahrung mit fünfundzwanzig. Im Allgemeinen läßt ſich von der Erfahrung ſagen, daß ſie eine Tugend iſt, welche uns wenig nützt; wir folgen nicht ihrem Rath, wenn wir es thun ſollten. Der Menſch wird ſelten ſo klug, um die Vergangenheit ſich zur Warnung für die Zukunft dienen zu laſſen. IM. Am folgenden Tage fand eine lange Unterredung zwiſchen Jvarſon und Jacobo ſtatt. Von den Ein⸗ zelnheiten derſelben iſt es überflüſſig, hier Rechenſchaft zu geben. Das Reſultat war, daß der erſtere gegen einen Gehalt von ein paar tauſend Reichsthalern Fabrikinſpektor zu Akersnäs werden ſollte. Zugleich ſchlug ihm Jacobo vor, auch hier in Schweden ein Patent auf die Erfindungen zu nehmen, für welche er ein ſolches im Ausland, wo er es dann verkaufte, erlangt hatte. Er ſollte ſodann die Erlaubniß haben, in Lange's Fabrik dieſe Maſchinen zu fertigen und das Verkaufsrecht und den Gewinn für ſich behalten dürfen. Dieſe Bedingungen waren allzu vortheilhaft, als daß Jvarſon nicht darauf hätte eingehen ſollen. Es wurde ein Kontrakt aufgeſetzt und der neue Werk⸗ meiſter ſollte ſchon am folgenden Tag ſein Amt antreten. Am Abend, während Jacobo auf dem Comptoir arbeitete, wanderte Jvarſon die Straße von der Fa⸗ brik hinab nach Bengts Wohnung. Die Maiſonne lächelte mild der Gde ihren Ab⸗ — 22 ſchiedsgruß zu. Der junge Mann ging langſam und blieb von Zeit zu Zeit ſtehen, indem er ſich die Gegend ringsherum betrachtete. Auf den ſonſt leb⸗ haften Zügen weilte jetzt ein Ausdruck von Weh⸗ muth, gemiſcht mit einem gewiſſen Stolze. Eine Strecke von des Schmieds Wohnung blieb er wie⸗ derum ſtehen. Die kleine Hütte war jetzt in ein ſchönes ein⸗ ſtockiges Wohnhaus, das kleine Gemüſeland in einen Obſtgarten und das Blumenbeet in eine förmliche Roſenpflanzung verwandelt worden. An die Stelle der kleinen grün angeſtrichenen Bank vor dem Hauſe war jetzt eine zierliche Laube mit Stühlen getreten. Auf einem derſelben ſaß ein hochgewachſener Mann, und vor der Treppe ſpielte ein kleines Bürſchchen von drei Jahren. Eine klare, ſchöne Stimme ſang ein heiteres Lied. Das ganze Gemälde hatte etwas im höchſten Grade Anziehendes. Jvarſon betrachtete es lange. Endlich ging er vorwärts. Erſt als er an der Git⸗ terthüre ſtand, bemerkte ihn der Knabe und begann zu rufen: „Vater, Vater, ein fremder Herr!“ Bengt drehte den Kopf um und, als er einen feinen, gutgekleideten Mann gewahrte, ſtand er auf und nahm die Mütze ab. Jvarſon war durch das Pförtchen getreten und auf Bengt zugegangen; dann ſagte er, deſſen Gruß beantwortend: „Ihr ſeid ja Bengt, der Meiſterſchmied zu Akersnäs?“ 23 Die Stimme, womit dieſe Frage geſtellt wurde, klang etwas erregt. „Ja, ja, der bin ich,“ antwortete Bengt und lud den Fremden ein, in das Haus zu treten⸗ „Nein, ich danke; laßt uns hieß bleiben.“ Er ſetzte ſich und fuhr dann „Ich bin der neue Werkmeiſter zu Akersnäs. Da ich ſchon morgen meine Stelle antreten werde, ſo wünſchte ich dieſen Abend noch den Mann kennen ſuh lernen, welcher die Aufſicht in der Schmiede ührt.“ Jvarſon hatte den leichten Sommerhut abge⸗ nommen und fuhr mit der Hand über die Stirne. „Das iſt ungemein freundlich von dem Herrn Werkmeiſter, daß er hieher kommt, um meine Be⸗ kanntſchaft zu machen. Sie ſind noch ein ſehr jun⸗ ger Herr und haben ſich ſchon einen ſolchen Ruf er⸗ worben, daß es nur zu verwundern iſt.“ Bengt betrachtete Jvarſon, welcher, den Kopf auf die Hand geſtützt, daſaß. „Seht mich einmal recht an, Meiſter Bengt, und ſagt mir, ob Ihr mich nicht wieder erkennt,“ rief Jvarſon und richtete den Kopf empor.„Sollte denn eine ſolche Veränderung mit mir vorgegangen ſein, z meine Geſichtszüge Euch nicht mehr erinnerlich ind?“ Bengt heftete mit halb beſtürzter, halb über⸗ raſchter Miene die Augen auf den jungen Mann. „Es iſt ganz unmöglich,“ ſtammelte er.„Nein, Sie ſind nicht.... und doch wieder eine ſolche Aehnlichkeit....“ Der Schmied ſprang auf. 24 „Ja, ſo wahr ich ein ſündiger Menſch bin, es „Jvar,“ ſiel der Fremde ein und ſtreckte ihm mit Rührung ſeine beiden Hände hin.„Ja, mein redlicher Bengt, hier habt Ihr mich wieder. Ich bofe⸗ Euch und Mutter Inga Ehre gemacht zu haben.“ „Und wenn Sie ein noch ſo feiner ſo muß ich, hol mich der und der, Arme ſchließen. Nun, das iſt einmal eine Freude. Denken Sie, wie das meiner Mutter zu Herzen ginge, wenn ſie noch am Leben wäre!“ Es war ein eigenthümliches Schauſpiel, wie der junge elegante Mann ſich dem robuſten Schmiede in die Arme warf. Gewiß iſt, daß vielleicht nie⸗ mals eine treuer gemeinte Umarmung ausgetauſcht wurde, oder daß die Freude des Wiederſehens reiner und wahrhafter als hier war. Als das erſte Entzücken ſich ein wenig gelegt hatte, wollte Bengt ſeine Frau rufen, um ihr Jvar zu zeigen, von dem er mit ihr ſchon ſo viel ge⸗ redet hatte. Jvar hinderte ihn daran. „Es iſt der Wunſch von Patron Lange wie von mir, daß vorerſt niemand von der Identität meiner Perſon mit Jvar Kunde erhalte. Erſt wenn ich meinen Ruf begründet und mich bekannt und ge⸗ achtet gemacht habe, will ich jedermann, der ſich meiner erinnert, ſagen: Das iſt der Jvar, das ver⸗ laſſene Waiſenkind, der eines Verbrechens verdäch⸗ tige und mit Schmach bedeckte Knabe, welchen ihr in Stücke reißen wolltet. Seht, was die Arbeit Herr wären, Sie in meine 25 aus ihm gemacht hat.— Darum, Bengt, nicht ein Wort davon, wer ich bin. Eure Hand darauf.“ Bengt gab ihm einen rechtſchaffenen Handſchlag und rief dann Kerſtin, ſeine Frau, um ſie Jvar vorzuſtellen. Von der Hausflur trat eine junge, hübſche und ſtattliche Frau mit einem Kind auf dem Arm heraus. „Das iſt ſeit vier Jahren mein Weib,“ ſagte Bengt, indem er ſie mit ſtolzem Blick betrachtete. —„Siehſt Du, Kerſtin, das iſt unſer neuer Werk⸗ meiſter, von welchem, wie ich Dir erzählt habe, der Patron ſchon ſo viel geſprochen hat. Der, welcher alle die Erfindungen gemacht hat. Ja, ja, der Herr da iſt ein rechter Mann, das darfſt Du mir glau⸗ ben. Es iſt ein Arbeiter, der zu Etwas taugt! Hole alſo von deinem beſten Bier und ſiehe zu, daß wir unſerem ehrſamen Gaſt ein ordentliches Abend⸗ brod vorſetzen können. Du mußt wiſſen, meine Alte, daß ich ein wenig ſtolz auf den Herrn a bin.“ Bengt rieb ſich vor Vergnügen die Hände. Kerſtin verneigte ſich ganz artig vor dem jungen Herrn, welcher ſie an der Hand nahm, das Kind, das ſie auf dem Arm trug, ſtreichelte und den klei⸗ nen dreijährigen Burſchen, welcher ganz verblüfft über ſeines Vaters Benehmen daſtand und die Ge⸗ ſellſchaft angaffte, auf die Wange küßte. Als Bengt und Jvar wieder allein bei einan⸗ der ſaßen, während die junge Mutter ein Abend⸗ richtete, nahm Jvar wieder lächelnd das bort: „Aber wie iſt es möglich, daß Ihr mich nicht ſogleich erkannt habt, Meiſter Bengt?“ „Als ich Sie zuerſt ſah, kam es mir vor, als wären die offenen und treuherzigen Augen mir be⸗ kannt, aber dieß war auch Alles, denn von einem kleinen, ſchwächlichen Jungen ſind Sie ja zu einem ganzen Mann herangewachſen, und der Bart hat 5 Sie ſo ganz verändert. Herr Gott, ich hätte nie⸗ mals geglaubt, als ich von dem armen weinenden 8 Jvar in Gothenburg Abſchied nahm, von wo Sie die weite Reiſe antraten, daß er, wenn wir uns wieder treffen würden, mein Vorgeſetzter und ein Mann von ſo großem Rufe werden ſollte. Eine ſolche Freude für mich.“ „Nun, es wäre auch eine Schande für mich, wenn ich Euch, Bengt, der mich aufnahm, da ich ganz verlaſſen und beinahe verhungert war, nicht Ehre gemacht hätte. Niemals werde ich vergeſſen,„ wie viel Gutes ich von Euch und Mutter Inga ge⸗ noſſen habe. Die Erinnerung daran hat mich dieſe ſechs Jahre begleitet, welche ſo manche Kämpfe und Lei⸗ den in ſich ſchloſſen; aber was hat das zu bedeu⸗ ten? Wer von Gott Geſundheit und ein paar ſtarke Arme bekommen hat, iſt reich, ſagte mir ein⸗ mal Jemand. Ich bewahrte die Worte in meinem Gedächtniß, und ich habe mein Kapital nicht unbe⸗ nützt vergraben.“ Bengt und Jvar ſprachen mit einander bis tief in die Nacht hinein. Der Erſtere erzählte, wie Gott ſeine Arbeit geſegnet hatte, ſo daß er ſeine Hütte umbauen und in ein hübſches Wohnhaus verwan⸗ deln konnte. Er war nun ein wohl geborgener Ar⸗ 27 beiter, mit einer Schmiedstochter verheirathet, und erfreute ſich der hohen Genugthuung, daß er bei al⸗ len ſeinen Kameraden und im ganzen Kirchſpiel als ein kluger und rechtſchaffener Mann geachtet war. „Wenn ich Euch erzählen höre, Bengt, ſo fühle ich tief die Wahrheit jener Worte: Der Fleiß ge⸗ währt uns das koſtbarſte aller Beſitzthümer, Zufrie⸗ denheit mit uns ſelbſt und Unabhängigkeit von An⸗ dern. Er führt zu Glück im Leben, weil die Früchte, welche wir von ihm erndten, die Produkte unſerer eigenen Arbeit ſind. „Ja, ſo iſt es, und obwohl ich mich nicht ſo ſchön ausdrücken kann, wie Sie, Herr Werkmeiſter, ſo habe ich doch oft, wenn ich unter meinem eige⸗ nen Dach ſaß, gedacht: Das haſt Du dir erarbei⸗ tet, und da fühlte ich mich ſo glücklich und zufrie⸗ den mit meinem Looſe, ſo dankbar gegen Gott!— Wie arm waren wir nicht, ich und meine Mutter, ehe ich in die Fabrik kam. Mein Vater war ein armer Köthner und Frohnknecht geweſen, und es ging ihm ſo elend, daß die Mutter, welche mehre ihrer Kinder aus Mangel und Dürftigkeit dahin ſterben ſah, nicht zugeben wollte, daß ich auch würde, was mein Vater geweſen, ſondern mich bei dem Dorf⸗ ſchmied in die Lehre bringen ließ.— Als mein Va⸗ ter ſtarb, ſollten wir, die Mutter und ich, von dem, was ich verdiente, unſern Unterhalt beſtreiten; aber das war höchſt ungenügend. Da kam der Patron hieher und gründete die Fabrik. Alle arbeitsfähi⸗ gen Leute bekamen bei ihm vollauf zu thun, und ſo auch ich.— Nach ſechzehnjähriger Arbeit bin ich Be⸗ ſiter dieſes Hauſes, habe mir eine Frau beigelegt und finde mein reichliches Auskommen für mich und die Meinigen.“ Als Jvar ſpät in der Nacht heimkehrte, nahm er den Weg nach dem Waſſerfall, wo er in einem verzweifelten Augenblick das Gelübde gethan hatte, ſich durch Arbeit eine unabhängige Stellung und Anſehen zu verſchaffen. Sechs Jahre waren ſeitdem vergangen. Er ſtand jetzt in einem Alter von vier⸗ undzwanzig und hatte es ſchon weiter gebracht, als er damals zu hoffen gewagt. Er verweilte lang daſelbſt und ſchaute auf das rauſchende Gewäſſer, welches über den Felſen hinab in die Tiefe ſtürzte. Während aber das Auge dem Waſſerfall folgte, traten alle Betrachtungen über das Leben zurück, und ſeine Aufmerkſamkeit wurde ganz und gar von dem Gedanken in Anſpruch genommen, wie man einen ſo ſtarken Waſſerdruck auf ein kleines Rad anwenden und damit eine große Fabrik in Bewe⸗ gung ſetzen könnte. Den Kopf voll von dieſer neuen Idee, kehrte er nach Akersnäs zurück. P Den Tag darauf trat Jvar ſein Amt als Werk⸗ meiſter in derſelben Fabrik an, aus welcher er ſechs Johre früher vor der Verachtung und dem Abſcheu ſeiner Kameraden hatte entfliehen müſſen. Es war ein eigenthümliches Gefühl für ihn, als er, begleitet 29 von Lange, dieſelben Werkſtätten, welche inzwiſchen da und dort durch Anbau vergrößert worden wa⸗ ren, wieder betrat. Die meiſten der Arbeiter waren Jvar bekannt. Er erinnerte ſich ihrer nur allzu wohl, aber ihnen war es unmöglich, in dem ausgebildeten und,ſtark gebauten Mann, mit dem dichten Barte unðs e von Geſundheit und Kraft zeugenden Angeſicht, den blaſſen, ſchmächtigen, ſchweigſamen, zaghaften und bartloſen Jüngling wieder zu erkennen. Der letz⸗ tere war ein ungebildeter Lehrling, von ſeinem Un⸗ glück niedergebeugt, ſeiner Ueberlegenheit unbe⸗ wußt; der erſtere dagegen war ein junger Mann, welcher durch Arbeit und Selbſtbildung ſeine gei⸗ ſtigen Fähigkeiten entwickelt hatte und zu einem klaren Bewußtſein von dem Werthe derſelben ge⸗ langt war. Alle Arbeiter betrachteten ihn mit ſchweigender Bewunderung; denn aus öffentlichen Blättern war ihnen von den Erfindungen, die er gemacht hatte, zu Ohren gekommen. Nichts flößt bei unſern Mitmenſchen größere Ach⸗ tung ein, als wenn wir dem Berufe, welchem wir angehören, Ehre machen. Der roheſte Arbeiter bückt ſich tiefer vor einem geſchickten Kameraden, als vor einem mittelmäßigen. Es liegt in der Natur des Menſchen, ſeine Huldigung dem wahren Ver⸗ dienſte, wie ſehr ſich auch der Neid dagegen ſträu⸗ ben mag, darzubringen. Einen Werkmeiſter zu bekommen, der ſchon ei⸗ nige ungewöhnliche Erfindungen gemacht hatte, und deſſen Name ſowohl in ſchwediſchen als ausländi⸗ ſchen Zeitungen geſchrieben ſtand, war etwas unge⸗ mein Ehrenvolles, meinten die Arbeiter. Als ſie Jvar mit ſeinem herrenmäßigen Ausſehen gewahr wurden, dünkte ihnen, die Fabrik und ſie ſelbſt müßten dadurch, daß ſie einen ſolchen Director hät⸗ ten, beträchtlich in der Achtung ſteigen; ſo wurde Jvar mit großer Höflichkeit und Freundlichkeit von allen ſeinen frühern Widerſachern begrüßt. Jacobo begegnete ſeinem jungen Werkmeiſter mit wirklicher Freundſchaft und ſprach mit ihm, wie wenn er ſein jüngerer Bruder geweſen wäre. Nach dem Mittagsmahle fragte er Jvar, ob er ihm nach Kungsborg Geſellſchaft leiſten wolle. Jvar ſah zerſtreut aus und antwortete ausweichend. „Ich glaube, der Gedanke an Kungsborg ver⸗ ſtimmt Dich ſchon, mein lieber Jvarſon?“ ſagte Jacobo. „Um Vergebung, ich habe gar nicht an Kungs⸗ borg gedacht. Ich muß aufrichtig bekennen, daß ich eine Frage beantwortete, ohne dieſe ſelbſt oder meine Antwort zu bedenken.“ „Ja, wahrhaftig, das hörte man deinen Worten auch an. „Ich muß mich mit demſelben Ausdruck, deſſen ich mich bediente, wenn mein erſter Meiſter mir wegen meiner Trägheit Vorwürfe machte, entſchul⸗ digte: Ich dachte nach.— Jetzt wie damals ſtand eine unfertige Idee vor meiner Seele. Bis es mit dieſer klar wird, könnte ich mich leider oft einer ſolchen Zerſtreuung ſchuldig machen.“ „Geſtattet Dir dieſelbe, mich nach Kungsborg zu begleiten?“ 31 „Ganz gewiß.“ „Wenn ich mich recht entſinne, warſt Du mit Fräulein Olga Callenſtjerna, ehe Du von Akersnäs weggingeſt, ein wenig unzufrieden. Vielleicht iſt es Dir unangenehm, mit ihr zuſammenzutreffen. „Ganz und gar nicht. Sie war ein unbedacht⸗ ſames Kind, welches von dem Unheil, das ihre Worte anrichteten, keinen Begriff hatte. Ich dagegen war ein unverſtändiger Knabe, daß ich mich darüber ärgerte. Fräulein Olga iſt für mich nichts weiter, als ein gewöhnliches Mädchen, und ihr Anblick macht mir weder Freude noch Verdruß.“ „In dieſem Fall fahren wir um ſieben Uhr heute Abend ab.“ Jacobo ging in das Comptoir hinunter, und Jvar in die Werkſtätte. Den ganzen Nachmittag wurde Jvar von dem Gedanken an Olga geplagt. Alle die bittern Augen⸗ blicke, welche das junge Mädchen ihm als Knabe verurſacht hatte, ſtanden klar vor ſeiner Erinnerung und weckten all den Gram, den er empfunden hatte, gleichſam zu neuem Leben. Er machte alle die ſchmerz⸗ lichen Augenblicke, die er durch Olga gehabt hatte, wieder durch. Jvar ſtaunte ſelbſt darüber, daß dieſe Erinne⸗ rungen in ſeiner Seele ſolchen Verdruß erregen konnten. Er hatte ja in dieſen Jahren eifriger und beharrlicher Arbeit alle dieſe Nebendinge ganz ver⸗ geſſen. Wenn einmal das Andenken daran vor ſeine. Seele trat, ſo war es immer ein Sporn geweſen, der ihn zu neuen Anſtrengungen trieb. Jetzt verhielt es ſich ganz anders. Er empfand nun den unwiderſtehlichen Wunſch, dem Mädchen zu beweiſen, wie ungemein gering ſie in ſeinen Augen war. Es lag Etwas von Rachgier in ſeinen Ge⸗ danken. Er wollte ihr nichts Böſes thun, aber er wünſchte ſie demüthigen zu können.— Es war dieß, mein lieber Leſer, wir geben es zu, ein Zug, der Jvar wenig Ehre machte; aber du wirſt nicht haben wollen, daß ich ihn beſſer mache, als er iſt. Er war allerdings nicht frei von menſchlichen Fehlern und Schwächen. V. Als es ſieben Uhr geſchlagen hatte, rollte Ja⸗ cobo's Wagen auf dem Wege nach Kungsborg dahin. „Du wünſcheſt alſo,“ ſagte Lange,„nicht einmal die Romarhjertas ſollen erfahren, daß Du mit Jvar ein und dieſelbe Perſon biſt?“ „Jo, ſofern ſie mich nicht wieder erkennen, was ich jedoch kaum glaube. Der Graf und die Gräfin haben mich ja nur einige Mal geſehen.“ „Aber Fräulein Olga grübelte ſehr darüber nach, wem Du gleich ſeheſt, und wo ſie deine Augen ſchon vor ſich gehabt habe.“ 4 „So— ſie iſt allzu gütig, ſich mit mir zu be⸗ ſchäftigen.“ Ohne daß Jvar es merkte, lag ein Anſtrich von Bitterkeit in dem Ton, womit dieſe Worte ausge⸗ ſprochen wurden. Jacobo antwortete Nichts, aber auf ſeinem An⸗ 33 geſichte ſtand zu leſen, daß er die Gefühle, wovon Jvar beherrſcht wurde, ſehr wohl begriff. Zu Kungsborg wurde Jvar von Stephana mit zuvorkommender Freundlichkeit empfangen; auch Graf Hermann bewies ihm die Achtung und das Wohl⸗ wollen, wodurch der ältere Mann immer den jüngern, der im Beſitze ausgezeichneter Eigenſchaften iſt, zu ehren pflegt. Jacobo fand zu ſeiner nicht geringen Verwun⸗ derung Conſtanze noch zu Kungsborg. Er grüßte artig, aber kalt und beſchäftigte ſich im Uebrigen nicht mit ihr. Jvar dagegen leitete ein Geſpräch mit Conſtanze ein, welches ſich um Reiſen drehte. „Sie haben das Vaterland⸗der Kunſt und Poeſie beſucht,“ ſagte er;„ich dagegen die Heimath der Proſa. Ich geſtehe aufrichtig, daß Italien für mich nichts Lockendes hat, Es kommt mir wie eine Ruine vor. Man muß rückwärts und nicht vorwärts blicken, wenn man dort verweilt.“ „Da hört man, daß Sie längere Zeit in England geweſen ſind, wo ſich alles Intereſſe um Induſtrie und Befriedigung materieller Bedürfniſſe concentrirt,“ antwortete Conſtanze. „Aber in dieſem Streben nach Vervollkommnung im Materiellen liegt gerade der Fortſchritt der Seele,“ iel Stephana ein.„Betrachte einmal eine jener aſchinen, von welchen Du mit ſo großer Gering⸗ ſchätzung ſprichſt, und Du mußt zugeben, daß Genie, ja ſogar Etwas von Poeſie darin liegt. Sie zeugen von dem Reichthum des Menſchengeiſtes. Welche Unendlichkeit von Verſuchen und welche Anſtrengungen der Denkkraft haben dieſelben nicht gekoſtet. Man Schwartz, Arbeit adelt den Mann. I. 3 wird unwillkürlich zur Bewunderung des Glücklichen gezwungen, in deſſen Seele ein Strahl von jenem göttlichen Lichte, das wir Genie nennen, gefallen iſt.“ „Uebrigens,“ bemerkte Jacobo,„darf man nicht vergeſſen, daß, je größer die Leichtigkeit wird, auf verſtändige und ſchnelle Weiſe die Waaren für unſere täglichen Bedürfniſſe zu produciren, deſto mehr Zeit zur höheren geiſtigen Entwicklung des Menſchen übrig bleibt.“ „Die Bedürfniſſe mehren ſich aber auch mit der Leichtigkeit ihrer Befriedigung,“ äußerte Conſtanze mit etwas unſicherer Stimme und ohne die Perſon, mit welcher ſie ſprach, anzuſehen. „Wahr, aber gerade in dieſer ewigen Wieder⸗ geburt liegt eine göttliche Weisheit, welche bewirkt, daß der Menſch in Allem nach größerer Vollendung ſtreben ſoll. Seine Gewohnheiten, ſeine Genüſſe und Bedürfniſſe wachſen nicht; aber ſie wechſeln die Ge⸗ ſtalt, und die Veränderung erzeugt auch neue Be⸗ ſtrebungen.“ Jacobo redete, ohne ſeine Worte direct an Con⸗ ſtanze zu richten. Das Geſpräch ging noch eine Weile in dieſem Geiſte fort, bis Kurt einfiel: „Die Poeſie wird wohl am Ende das Feld räumen müſſen, denn ſie iſt nichts weiter, als ein Ueberreſt aus den Zeiten der Barbarei. Als es dem Menſchen an Kenntniſſen und Thatſachen fehlte, um ſich darauf zu ſtützen, war die Phantaſie ſeine einzige Weisheitsquelle. Dichtungen und Träume dienten zum Erſatz für die Vernunft. In demſelben Maaße, als ſein Verſtand ſich aufklärte, wurde die „ 35 Dichtung zur Seite gedrängt und verlor allen Werth. Wenn wir zu einer vollkommenen intellektuellen Ent⸗ wicklung gelangen, werden Poeten und Romanſchrift⸗ ſteller verſchwinden.“ „Iſt der Herr Archikekt ein ganzer Wilder?“ fiel Olga ein, welche ihm mit ſehr ausdrucksvollem Ge⸗ berdenſpiel zugehört hatte;„die Poeſie iſt ja das Schöne im Leben, und ſo lang das Schöne exiſtirt, wird auch ſie beſtehen.“ „Ja, ſie, aber nicht die Poeten. Wir werden einmal ſo weit kommen, daß wir die Poeſie in der Wirklichkeit ſuchen und nicht glauben, daß ſie ſich nur in den Ausſchweifungen einer zügelloſen Phantaſie findet.“ „An dem Tage, wo die Welt zu einem ſolchen Verſtandeshoſpital würde, da wäre ich Gott dankbar dafür, wenn ich aus derſelben abſcheiden könnte. Das Leben müßte ja zu einer ordentlichen Laſt werden. Ja, ich geſtehe es, die abſcheulichen Sophismen des Herrn Architekten haben mir förmlich übel gemacht. Es iſt gräßlich zu denken, die Menſchen könnten ſolche Naturaliſten werden, daß ſie einzig und allein in der Wirklichkeit Leben und Weſen haben.“ „Frinnere Dich, was ein ausgezeichneter franzö⸗ ſiſcher Denker ſagt,“ fiel Hermann lachend ein. Ver⸗ nunft fängt gewöhnlich an, wo die Phantaſie auf⸗ hört; die erſtere geht immer gerade aus, wo die lettere den möglichſt großen Umweg nimmt.— Cs liegt eine große Wahrheit in dieſen Worten. Folg⸗ lich muß die Menſchheit durch den totalen Sieg der⸗ Vernunft über die Phantaſie gewinnen.“ „Onkel,“ rief Olga heftig,„iſt es möglich, daß Du in vollem Ernſt ſo ſprichſt?“ „ 3 „Ja, gewiß, mein Kind, wenn man wie ich das Un⸗ glück hat, nur Proſaiſt zu ſein, und nicht Poet wie Du.“ Olga erröthete, und Jvar, welcher nicht ein ein⸗ ziges Mal ſich an ſie gewendet hatte, ſagte nun mit einer gewiſſen Ironie im Tone: „Das Fräulein iſt alſo Dichterin?“ Olga ſah auf, heftete ihre Augen auf ihn und ant⸗ wortete mit einem Ausdruck von Wahrheit und Würde: „Der Onkel beliebt zu ſcherzen. Man iſt darum noch kein Dichter, daß man eine lebhafte Einbildungs⸗ kraft hat. Ich fühle eine warme Sympathie für Dichter, das iſt Alles. Der ironiſche Ausdruck verſchwand von Jvars Lippen, und er bemerkte in gleichgültigem Ton: „Alle jungen Damen ſympathiſiren mit den Dichtern.“ Er wandte ſich nun an Conſtanze mit einer Frage in Bezug auf Rom. Einige Minuten darauf ſchlug Stephana eine Promenade vor. Der Abend war herrlich, und der Vorſchlag fand allgemeinen Beifall. Die Damen entfernten ſich, um ihre Hüte und Mantillen zu holen. Jacobo blieb inzwiſchen ganz allein auf der Veranda. Conſtanze, welche zuerſt fertig war, kam auf die⸗ ſelbe hinaus, ohne zu ahnen, daß Jemand da war. Sie trug einen einfachen Schäferhut auf dem Kopf. Als ſie Jacobo gewahr wurde, blieb ſie einen Augen⸗ blick ſtehen, trat aber dann ſchnell an das Geländer vor und ſagte: „Ich fürchtete, die Letzte zu ſein, finde aber zu meiner Ueberraſchung, daß ich die Erſte bin.“ 37 Sie ſchaute zu Jacobo auf. Er ſtand vor ihr, den Blick auf ihren Hut geheftet. Conſtanze er⸗ röthete. Vor ihrer Erinnerung ſtand der Augenblick, wo ſie die Feder von einem ſolchen heruntergenommen hatte, weil ſie nicht nach Jacobo's Geſchmack geweſen war. Es ſagte ihr Etwas, daß auch er jenes Abends gedachte. „Entſchuldigen Sie, mein Fräulein, ich hörte nicht auf das, was Sie ſagten,“ äußerte Lange zur Erwiederung auf Conſtanze's Worte.„Ich erinnerte mich ſo lebhaft einer vor etlichen Jahren vorgefallenen Scene auf dieſer Veranda hier, daß ich die Gegen⸗ wart darüber vergaß. Man ruft ſich zuweilen gern die Thorheiten ins Gedächtniß zurück, welche einſt unſerer Einbildung geſchmeichelt haben.“ „Thorheiten?“ wiederholte Conſtanze. „Thorheit, Fräulein Callenſtjerna, iſt Alles, was nicht auf dem Grunde der Vernunft beruht.— Ge⸗ ſtatten Sie, daß ich rauche?“ Er ſtellte lächelnd dieſe Frage und nahm eine Cigarre heraus. Es lag Etwas in dem Ton, das Conſtanze ver⸗ wundete. Sie vermochte nicht zu antworten, ſon⸗ dern nickte blos bejahend mit dem Kopf. „Wie gefällt Ihnen das Wiederſehen der ſchwe⸗ diſchen Fichtenwälder, nachdem Sie ſo viele Jahre in einem mildern Klima mit einer mehr lächelnden und feſſelnden Natur verweilt haben?“ fragte Ja⸗ cobo, indem er ſich an einen der Pfeiler lehnte. „Mein Vaterland iſt und bleibt mir immer der ſchönſte Fleck der Erde,“ erwiederte Conſtanze, welche ſich bemühte, den gleichgültigen Ton anzunehmen, womit eine Converſation zwiſchen fremden Perſonen geführt wird. Die Andern kamen nun auch zum Vorſchein. Jacobo eröffnete die Promenade, indem er an Con⸗ ſtanze's Seite dahinwanderte. „Haben Sie auf Ihrer Reiſe nach Italien auch Avignon beſucht?“ fragte Jacobo. „Ja, allerdings; aber warum kommen Sie darauf?“ „Das weiß ich wahrhaftig kaum; aber beim Anblick dieſes Baches hier kam mir die Quelle von Vaucluſe in den Sinn.— Waren Sie dort?“ „Ich würde es mir nie verziehen haben, wenn ich es verſäumt hätte, nach jenem Orte zu wallfahrten, welchen Petrarca's Liebe zu Laura unſterblich gemacht hat. Es iſt dort, als ob das Murmeln der Quelle noch davon erzählte, wie zärtlich Petrarca liebte, und wie innig Laura ihn anbetete.“ „Seltſam, man hat beinahe vergeſſen, wo Ale⸗ rander ſeine Siege gewonnen hat; aber man reist noch zu der Stelie, wo Petrarca mit ſeiner Geliebten ſchwärmte. Welche unerhörte Macht über die Ein⸗ bildung beſitzt nicht die größte Thorheit des Lebens. Das bloße Wort Liebe ſchließt etwas Magiſches in ſich, welches die Aufmerkſamkeit feſſelt und von nützlichen Intereſſen abzieht. Wie viel Zeit und Kraft verſchwendet man nicht an dieſes Gefühl, welches oft genug mehr einem Traumbild vor unſerer Phantaſie gleicht, als etwas Wirkliches iſt, das aus dem Herzen hervorgegangen.“ Er drehte ſich nun um, rief Kurt herbei und bat ihm ſeine Cigarre zum Anzünden zu leihen. Durch Ihre Schweſt es ein großer Fehler 39 dieſes Manöver wurde er der Nothwendigkeit über⸗ hoben, Conſtanze's Kavalier zu ſein. Olga hatte bei dem Beginn der Promenade feſt beſchloſſen, mit dem Ingenieur nähere Bekanntſchaft zu machen. Das junge Mädchen hatte einen von jenen Charakteren, welche allen Hinderniſſen zum Trotz das, was ſie ſich einmal vorgenommen haben, auszuführen trachten. Als ſie die Treppe won der Veranda hinabſtiegen, wandte ſie ſich an Jvar mit den Worten: „Wie gefällt Ihnen die Gegend von Kungs⸗ borg?“ Die Frage war direct an Jvar geſtellt und mußte ſomit auch von ihm beantwortet werden. Genug, Olga führte allmälig die Converſation auf andere Gegenſtände, von welchen ſie glaubte, ſie würden ihn intereſſiren, ſo daß er ſich bei ihr ganz gut unterhielt. Sein Benehmen war jedoch im höchſten Grad zurückhaltend. „Es wundert mich,“ bemerkte Jvar einmal im Laufe des Geſprächs,„daß Sie, mein Fräulein, nicht er auf deren Reiſen in fremde Länder begleitet haben, Für einen ſo wißbegierigen Geiſt, wie den Ihrigen, follte ein ſolcher Ausflug ſehr ver⸗ führeriſch ſein.“ „Dieſelbe Bemerkung wie Sie haben mir ſchon viele meiner Bekannten gemacht. Wahrſcheinlich iſt in meiner Gemüthsart, daß Alles, was nicht ſchwediſch iſt, für mich ein höchſt unbedeutendes Intereſſe hat. Es war ein paar Mal davon die Rede geweſen, ob ich nicht mit Con⸗ ſtanze reiſen ſollte; aber der bloße Gedanke, mei⸗ 40 nen lieben heimathlichen Boden zu verlaſſen, hatte etwas Widerſtrebendes für mich. Ich zog es vor, hier in meinem Vaterlande herumzureiſen, hiſto⸗ riſche Orte zu beſuchen und an jedem derſelben ſo lang zu verweilen, daß ich mich in die Ereigniſſe, welche daſelbſt vorgefallen waren, hineinverſetzen konnte. Ich habe in ſolchen Augenblicken mit de⸗ nen, welche jene Orte unſterblich machten, Freude und Leid empfunden.“ „Sie ſchwärien ſomit für die Frinnerung an die Vorzeit und die Sagenwelt?“ Der Ton, womit dieſe Worte geſprochen wur⸗ den, hatte etwas Geringſchätziges, was Olga frap⸗ pirte und ſogar aufreizte. Sie blickte deßwegen Jvar ſcharf an und antwortete: „Ja, ich gebe zu, daß ich unſere hiſtoriſchen Er⸗ innerungen liebe; aber Sie ſcheinen nicht ſehr viel darauf zu halten?“ „Das iſt wahr; ich bin ein Kind der Arbeit, der Wirklichkeit, und ich gehe deßwegen auch nicht gern rückwärts, ſondern lieber vorwärts. Die Ge⸗ ſchichte hat für mich keinen andern Werth, als ſo weit ich aus derſelben lerne, wie viel und was vor uns in Beziehung auf Kultur ausgerichtet worden iſt. Man muß nothwendig wiſſen, wie weit unſere Vorgänger gekommen ſind, damit wir ſie nicht blos einholen, ſondern noch größere Fortſchritte zu ma⸗ chen ſuchen.“ „Sie ſind aber noch allzu jung, Herr Inge⸗ nieur, um ſolche Greiſenideen zu hegen,“ fiel Olga ein. „Verzeihung, Sie haben Unrecht. Das ſind —— 41 keine Greiſenideen, ſondern ſie enthalten nur die Anſicht vom Leben, welche ein Arbeiter haben muß.“ „Und warum? Sollte die Poeſie des Lebens nothwendig für ihn mit dem Bann belegt ſein?“ „Ganz und gar nicht; aber er verfolgt ein an⸗ deres Ziel, als Sie. Ich zum Beiſpiel habe, ſo lang ich zurückdenken kann, mein Leben in einer Schmiede und in Werkſtätten zugebracht. Mein ganzes Knabenalter und meine erſte Jugend iſt un⸗ ter der Beſchäftigung verfloſſen, aus Rohſtoffen nütz⸗ liche Dinge für die Bedürfniſſe unſeres Lebens her⸗ vorzubringen. Ich habe bei Zeiten mich daran gewöhnt, ſelbſt die gröbſten Arbeiten zu ſchätzen, mit Vewunderung geſehen, was der Menſchengeiſt und Menſchenhände ſchaffen können. Das bewirkt, daß ich die Poeſie welche in der Materie liegt, am höchſten ſchätzen muß, während Sie dagegen, von Ihrer erſten Kindheit mit Mährchen aufgezogen und einem träumeriſchen Gefühlsleben überlaſſen, keine andere Poeſie als die, welche von der Phan⸗ taſie ausgeht, verſtehen. Mir kommt dieſe wie ein ſchöner Wahnſinn vor.“ Olga hatte, während er ſprach, ihre Augen un⸗ verwandt auf ihn geheftet. Als er ſchwieg, ging ſie eine Weile dahin, ohne ein Wort zu erwiedern. Jvar begann hierauf, von der Umgegend und der⸗ gleichen zu reden. Von Zeit zu Zeit richtete ſie einen fragenden Blick auf ſein Angeſicht. Ihre Ant⸗ worten wurden immer einſilbiger und endlich wan⸗ derten ſie ſchweigend neben einander her. Als Jacobo und Jvar am Abend Kungsborg verließen, wandte ſich Olga mit der Frage an Ste⸗ phana: „Nun, Tante, wie gefällt Dir der Ingenieur?“ „Sehr wohl. Das iſt ein Burſche nach meinem Geſchmack,“ erwiederte Stephana;„ein Kind aus dem Volk, das durch ſich ſelbſt geworden, was es iſt. Und nun, wie gefällt er meiner kleinen Olga?“ fuhr Stephana fort, indem ſie dem Mädchen auf die Wange klopfte. Hlga ſchlang ihren Arm um Stephana's Leib und rief mit jener excentriſchen Lebhaftigkeit, welche nicht einmal Stephana, ſo ſehr ſie auch darauf hin⸗ arbeitete, ihr abzuthun vermocht hatte: „Er kommt mir vor wie ein Dämon. Er ent⸗ zückt mich, und dennoch möchte ich ihn verab⸗ ſcheuen.“ „Kindereien, meine liebe Olga. Der junge Mann hat gar nichts Dämoniſches an ſich und ſucht auf keine Weiſe zu entzücken oder einzunehmen.“ „Nein, das weiß Gott. Wären wir ſchon frü⸗ her mit einander zuſammengetroffen, ſo würde ich glauben, er habe einen alten Groll gegen mich— von der Art iſt ſein Benehmen.“ „Als ein Kind des Volks hat er beſtimmt eine natürliche Abneigung gegen Alles, was Adel heißt.“ „Aber, mein Gott, ich kann doch nichts dafür, daß ich von Adel bin,“ entgegnete Olga übellau⸗ nig,„und es iſt doch recht hart, wenn das Volk einen Widerwillen gegen etwas hat, woran mun ſelbſt unſchuldig iſt.“ „Das ſieht aus, als ob Du ein ungemeines Ge⸗ 43 wicht darauf legteſt, daß der junge Mann Geſchmack an Dir finde,“ fiel Conſtanze ein. „Ja gewiß; ich wünſche von ganzem Herzen, ihm zu gefallen.“ „Aber, Du haſt ihn ja erſt zweimal geſehen.“ „Nun, und dann? Bedarf es wirklich mehr, als einen Menſchen einmal zu ſehen, um Sympathie zu fühlen?“ „Das heißt, Olga bedarf nicht mehr, um in Flammen zu gerathen. Heute Abend brennt ſie für den Ingenieur, aber morgen hat ſie ihn für einen Andern vergeſſen,“ bemerkte Stephana.„So lang das Fieber dauert, möchte ſie in der Welt das Oberſte zu unterſt kehren, um ſich beliebt zu machen; aber zum Glück pflegt das ſchnell vorüber⸗ zugehen.“ „So ſprichſt Du, Tante!“ „Olga geräth ſomit leicht in Flammen?“ fragte Conſtanze. „Ungemein!“ verſicherte Stephana.„In dieſem Fall habt ihr große Aehnlichkeit mit einander. Doch muß ich zugeben, daß Olga Dich noch übertrifft, Conſtanze.“ „Aber es iſt doch abſcheulich, Dich ſo ſprechen zu hören, Tante. Für wie Viele habe ich denn ſchon gebrannt?“ „Für Unzählige! Die ganze Nacht würde nicht hinreichen, wenn ich alle aufzählen wollte; alſo ſchlaft wohl! Ich wette darauf, daß der Ingenieur morgen vergeſſen iſt.“ Stephana küßte Olga auf die Stirne, reichte Conſtanze die Hand und verließ das Zimmer. 44 Olga dachte bei ſich: „Ich möchte wiſſen, ob die Tante Recht hat! Läugnen läßt ſich nicht, daß ich leicht in Entzücken gerathe. Ei, ei, wenn ich niemals ordentlich ver⸗ liebt werden könnte!“ V. Es wurde beſchloſſen, daß Conſtanze und Olga während des Mittſommers in Kungsborg bleiben ſollten, da Graf Romarhjerta auf einige Wochen in Geſchäftsangelegenheiten nach England reiſen mußte. Einige Tage nach dem oben beſchriebenen Abend wurde die Reiſe wirklich angetreten. Stephana und Olga begleiteten ihn bis nach Gothenburg. Con⸗ ſtanze fuhr unterdeſſen nach Sturesjö und ſollte nach Kungsborg zurückkehren, wenn die Andern wiederkämen. In Akersnäs verlief Alles in ſeinem gleichmä⸗ ßigen Gang und mit noch mehr Leben und Energie als früher. Der junge Werkmeiſter ſchlug, wie die Leute in der Fabrik ſich ausdrückten, tüchtig drauf los, ſowohl wenn es das Anordnen eines Geſchäfts, als das Selbſtarbeiten betraf. Wenn die Werk⸗ ſtätte Abends geſchloſſen wurde, konnte es wohl geſchehen, daß er noch lang in die Nacht hinein über ſeinen Zeichnungen daſaß. Er gönnte ſich weder Raſt noch Ruhe. Eine neu verſchriebene Drehbank war erſt kürzlich aufgeſtellt worden; zwei neue Bohr⸗ maſchinen ſollten ihr zugleich mit der von Jvar er⸗ fundenen Eiſenhobelmaſchine nunmehr folgen. 45 Bei allen dieſen Arbeiten konnte man ſehen, wie er ſich mit Leib und Seele dafür intereſſirte, daß es damit vorwärts ginge und daß ſie in gehörigen Stand geſetzt würden. Oft legte er ſelbſt Hand da⸗ bei an, und durch ſeine Lebhaftigkeit und ſeinen Ei⸗ fer elektriſirte er die Andern. Bengt pflegte zu ſagen: „Es iſt, als ob tauſend Teufel in den Werk⸗ ſtätten ihr Weſen trieben, ſeitdem wir den neuen Werkmeiſter bekommen haben. Er hat ein ſolches Feuer unter den Arbeitern angefacht, daß es nach allen Seiten Funken ſprüht.“ „Ja, ja, ſo iſt es,“ antwortete dann ein alter Feiler,„das iſt Raiſon, und er legt nicht die Hände in den Schooß, wenn es ſtreng geht, ſondern greift ſelbſt an. Feilen kann er wie ein ganzer Kerl.“ Genug, alle Arbeiter waren ihm gut, und der Grund davon lag vornehmlich darin, daß er in den Werkſtätten und unter ihnen nichts als Arbeiter war, und dieß mit ſo ganzem Herzen, daß es den Andern Freude machte, es nur mitanzuſehen. Bengt war in Gedanken förmlich ſtolz auf ſei⸗ nen Schützling, und Jacobo fühlte ſich wahrhaft zu⸗ frieden, wenn er den jungen Mann ſah, welcher trotz aller Widerwärtigkeiten und Kümmerniſſe ſich durch ſeine Arbeit, ſeinen Fleiß und ſeine Beharr⸗ lichkeit Bahn gebrochen hatte. Die Augenblicke, welche Jvar der Arbeit abſteh⸗ len konnte, widmete er der Lektüre, aber da die. Zeit dazu im Allgemeinen ſehr kurz zugemeſſen war, ſo wählte er hiezu niemals andere als wirk⸗ lich lehrreiche Bücher. Jacobo hatte alles Reue, 46 was in Bezug auf Maſchinenkunde herauskam, und dieß wurde von Jvar mit Begierde verſchlungen. Eines Abends, nachdem die Arbeit in der Werk⸗ ſtätte geſchloſſen war, trat Jacobo bei ihm ein und ſagte: gMein lieber Jvarſon, es iſt nun eine ganze Woche, daß Du nicht aus der Fabrik hinausgekom⸗ men biſt, und doch haben wir ſo herrliche Früh⸗ lingsabende gehabt. Es thut ſich nicht, daß Du Dich ſo unbändig deiner Arbeitsleidenſchaft hin⸗ gibſt; Du ſollteſt Dir doch ein wenig frei machen. Willſt Du nicht dieſen Abend ein wenig mit mir ausreiten?“ „Reiten?“ rief Jvar lachend.„Ich bin noch niemals auf ein Pferd gekommen.“ „Iſt es möglich?“ „Ganz gewiß; ich bin immer zu arm und zu be⸗ ſchäftigt geweſen, als daß ich Zeit gehabt hätte, an dergleichen Zerſtreuungen zu denken.“ „Nun wohl, dann ſollſt Du hier reiten lernen! Ich habe mehre Pferde im Stall.“ „Wenn Sie erlauben, ſo möchte ich es damit noch anſtehen laſſen. So lange ich nicht eine ge⸗ wiſſe Idee, welche mir jetzt im Kopf herumgeht, herausgearbeitet habe, iſt es mir unmöglich, irgend eines Vergnügens froh zu werden. Meine größte Freude iſt für jetzt, mit jener mich zu beſchäftigen.“ „Du willſt alſo auch keinen Spaziergang ma⸗ chen?“ „Wenn ich ihm entgehen könnte, wäre es mir am liebſten,“ antwortete Jvar. Jacobo entgegnete lachend, daß er in ſolchem 47 Fall keine andere Wahl habe, als ihn ſeiner Idee zu überlaſſen.“ Eine Weile hernach galoppirte Lange davon. Dann lenkte er in einen ſchmalen Waldweg ein, wo das Pferd nur Schritt für Schritt gehen konnte. Jacobo gab ſich dem Wohlbehagen hin, welches der Abend mit ſeiner milden Luft, ſeiner lächelnden Sonne und dem Concert der Vögel in der Seele hervorrief. Gott allein weiß, wo und bei wem die Gedanken des kraftvollen Mannes weilten. Gewiß iſt, daß ſeine Miene von melancholiſcher Stimmung Zeugniß gab. Durch ſchnelle Hufſchläge, welche im⸗ mer näher und näher kamen, wurde er in ſeinen Betrachtungen geſtört. Es dauerte nicht lang, ſo ſah er ein Pferd mit ſeiner Reiterin im wildeſten Galopp heranſprengen. Wie im Sturmwind flo⸗ gen ſie an ihm vorüber. „Mein Gott, Fräulein Conſtanze!“ rief er er⸗ ſchrocken. „Um Gottes willen, folgen Sie mir nicht,“ rief Conſtanze vorbeiſchießend ihm zu;„mein Pferd würde dadurch nur noch ſcheuer.“ Die letzten Worte drangen kaum mehr zu ſeinen Ohren. Er gab ſeinem Pferde den Sporn und ritt mitten in das Gebüſch quer durch den Wald hin⸗ ein, um der erſchrockenen Conſtanze wieder in den Weg zu kommen und ihr Beiſtand zu leiſten. Seine Berechnung war ganz richtig, denn als Jacobo auf ſolche Weiſe an eine Krümmung des Wegs gelangte, hörte er wieder das Nahen von Hufſchlägen, aber ſie waren ſchon minder ſchnell. Er war abgeſtiegen und hatte ſich am Wege 48 hingeſtellt, um Conſtanze's Ankunft zu erwarten. Sobald er ſie erblickte, wurde ihm klar, daß ſie ihr Thier bemeiſtert hatte. Er hörte, wie ſie dem mit Schaum bedeckten Pferde freundlich zuredete, und ſah, wie ſie ihm auf den Hals klopfte. Als ſie ſo bis zu Jacobo kamen, machte das Pferd wieder einen Satz, wie es ihn am Wege ſtehen ſah; aber Lange faßte es am Zügel und zwang das zitternde Thier, ſtillzuſtehen. Dann reichte er Conſtanze die Hand mit den Worten: „Laſſen Sie mich Ihnen aus dem Sattel helfen. Sie können und dürfen dieſen Schlingel nicht mehr reiten.“ Conſtanze gehorchte, aber in dem Augenblick, da ſie auf dem Boden ſtand, machte das Pferd wieder einen Satz und begann mit den Hinterbeinen aus⸗ zuſchlagen. Jacobo ſagte lächelnd: „Am beſten wäre es, ſeine Mucken austoben zu laſſen, aber damit würde ihm nicht geholfen; deßhalb muß ich es lehren, ſeinem Herrn zu gehorchen.“ Lange brachte es wieder zur Ruhe; dann führte er es zu ſeinem Pferd und band es an einen Baum. Jacobo wandte ſich nun zu Conſtanze: „Welche Unvorſichtigkeit, allein und auf einem ſo ſchlecht dreſſirten Pferde, wie dieſes, auszureiten.“ „Ich habe es ſchon mehrmals geritten, und es iſt allerdings etwas unartig geweſen, aber nicht ſo wie heute. Es kam daher, daß es ſcheu wurde.“ Jacobo fragte nicht, warum. Er ſchien ein wenig genirt dadurch, daß er ſich ſo allein mit Conſtanze mitten in einem großen Wald befand. ——— 49 „Das Fräulein darf auf dieſem wilden Thier nicht heimkehren,“ nahm er wiederum das Wort, indem er ſeine Befangenheit hinter einem ſcherzhaften Ton zu verbergen ſuchte. „Ich darf nicht!“ wiederholte Conſtanze lächelnd. „Ich bin ja mündig und demnach meine eigene Herrin.“ „Ganz gewiß; aber ſo eben war Ihr Pferd auch ſein eigener Herr und nahm Sie trotz Ihres Wider⸗ ſtandes mit ſich fort. Für jetzt bin ich es, denn ich habe durchaus nicht im Sinn, zu geſtatten, daß Sie ſich den Einfällen dieſes vierbeinigen Despoten aus⸗ ſetzen.“ „Dann bleibt mir wohl Nichts übrig, als eine halbe Meile zu Fuß zu wandern, um nach Hauſe zu kommen.“ „Obwohl Amerikaner, will ich mich doch einer ſolchen Unhöflichkeit nicht ſchuldig machen, da ich ein Pferd zum Anbieten habe.“ Jacobo ſprang über den Graben und ging zu den beiden Thieren, welche ſich ganz freundſchaftlich an einander rieben. Bei Lange's Anblick ſpitzte Conſtanze's Pferd die Ohren, verhielt ſich aber den⸗ noch ruhig. Nach einigen Minuten hatte Jacobo ſie umgeſattelt. Conſtanze ſaß an dem begrasten Rande des Wegs und ſah ihm zu, während er mit dieſer Veränderung beſchäftigt war. Es würde ſchwer halten, von ihren Empfindungen Rechenſchaft zu geben, da ſie⸗ unaufhörlich die Farbe wechſelte. Als Alles fertig war, koſtete es ihn wieder große Schwartz, Arbeit adelt den Mann. AM. 4 Mühe, Conſtanze's Pferd, das von Neuem Luſt be⸗ kam, ungeberdig zu werden, in Zucht zu halten. „Kann das Fräulein ohne meine Beihülfe in den Sattel kommen? Ich fürchte, daß ich den Tollkopf hier nicht fahren laſſen darf.“ Conſtanze verſicherte, daß ſie ſeines Beiſtandes nicht bedürfe, und im nächſten Augenblicke ſaßen beide zu Pferde. Es fehlte jedoch nicht viel, ſo wäre Jacobo aus dem Sattel geworfen worden. Ein minutenlanger Kampf entſpann ſich zwiſchen dem Reiter und dem Pferde, welcher ſehr bedenklich ausſah. Conſtanze hielt ihr Pferd an und blieb leichen⸗ blaß ſitzen. Sie wagte kaum zu athmen, aus Furcht, durch einen einzigen Laut das unlenkſame Thier noch wilder zu machen. Endlich, als es zur Einſicht ge⸗ kommen war, daß es ſeinen rechten Mann gefunden, hielt es für gut, dem Zügel zu gehorchen. „Nun glaube ich, können wir den Heimweg an⸗ treten,“ ſagte Jacobo, indem er im Trabe auf Con⸗ ſtanze zukam. „Mein Gott, was habe ich für einen Schrecken gehabt,“ rief ſie. „Warum? Hielten Sie mich für einen ſolchen Wicht, daß ich ein widerſpenſtiges Pferd nicht zu be⸗ herrſchen vermöchte?“ „Auch der geſchickteſte Reiter hat nicht immer Macht über ſein Roß.“ „Da haben Sie Recht; aber dieſes hier war ich entſchloſſen zu züchtigen. Mit einem andern Pferd hätte ich mir nicht ſo viel Mühe gegeben.“ „Und warum eben mit dieſem?“ 51 „Weil es das Ihrige iſt.“ Es entſtand eine Pauſe; und ſchweigend ritten ſie in friſchem Trab eine Strecke dahin. Endlich hob Jacobo wieder an: „Wollen Sie mir einen Wunſch erfüllen?“ fragte er. „Das kommt darauf an, was er betrifft.“ „Fräulein Callenſtjerna braucht nicht zu befürchten, daß Lange Etwas von ihr begehrt, was ſie nicht be⸗ willigen kann.“ „Davon bin ich völlig überzeugt.“ „Nun wohl, mein ganzes Begehren bezieht ſich auf unſere Pferde. Ich wünſche, daß Sie tauſchen und mich das Ihrige behalten laſſen.“ „Aber bei einem ſolchen Tauſche würden Sie ja verlieren.“ „Ich thue es auch nicht, um zu gewinnen. Es iſt nicht Alles Eigennutz, was von mir kommt.“ Conſtanze biß ſich in die Lippen. „Ihr Pferd iſt von edlerer Race, als das meinige, und überdieß ein ſittſames Thier.“ „Was mehr; es iſt nun einmal meine Laune, das Getreue gegen das Unbeſtändige zu vertauſchen. Es wäre nicht das erſte Mal, daß ich einen ſolchen Handel einginge.“ „Herr Lange!“ „Was befehlen Sie?“ Er ſah Conſtanze kalt an. Sie wandte den Kopf ab und ſchwieg. „Nun, willigen Sie in mein Begehren?“ fragte er nach einer Weile. „Ich fühle mich wirklich verſucht, es abzuſchlagen.“ „Aber Sie thun es nicht.“ 4* 52 Jacobo ſagte dieß ſo beſtimmt, daß die Sache damit abgemacht ſchien. In dieſem Augenblick kamen ſie auf die Land⸗ ſtraße heraus, wo ein Jockei ein ausgezeichnet ſchönes Reitpferd hielt, neben welchem ein junger Mann ſtand. Jacobo hörte ihn ſagen: „Biſt Du gewiß, daß das Pferd nicht durchging?“ Vermuthlich gelangte das Geräuſch, welches Con⸗ ſtanze's und Jacobo's Pferde verurſachten, zu den Ohren des jungen Mannes, denn er wondte ſich plötzlich um. Bei ſeinem Anblick zog Jacobo haſtig die Zügel an; der junge Mann warf ihm einen boshaften Blick zu und nahm den Hut mit einer eigenthümlich ſtolzen und ſichern Bewegung ab. Jacobo beantwortete den Gruß dadurch, daß er mit der Reitgerte ſeinen Hut berührte, und ga⸗ lopirte weiter. „War es Axelhjelm, an dem Ihr Pferd erſchrack?“ fragte Jacobo, zu Conſtanze gewendet. „Ja, er ſprang ſo ſchnell von dem ſeinigen ab, daß das meinige davon ſcheu wurde.“ „Wann iſt er nach Kungsborg gekommen?“ „Das weiß ich nicht, denn ſeit des Onkels Ab⸗ reiſe bin ich zu Sturesjö geweſen.“ Der Anblick von Cvert Arelhjelm ſchien Lange ganz und gar verwandelt zu haben. Auf dem ganzen Weg ſprach er beinahe kein Wort mehr. In der Allee, welche nach Sturesjö führte, an⸗ gekommen, nahm er Abſchied von Conſtanze, hätte aber beinahe ſein Pferd nicht herumgebracht. Wie⸗ derum entſtand ein wilder Kampf, welcher indeſſen, 53 wie der erſte, mit dem Sieg des Reiters ſchloß. Jacobo nahm ſeinen Weg an Kungsborg vorüber, wo er Kurt aufſuchte, der in voller Arbeit an der Planzeichnung zu den neuen Gebäuden war, welche Romarhjerta zu Kungsborg und Furuhof errichten laſſen wollte. Nachdem er und Lange einander begrüßt und eine Weile über die Zeichnung geſprochen hatten, fragte der letztere plötzlich: „Wann kam Gvert hieher?“ „Hieher?“ wiederholte Kurt.„Hier iſt er nicht, ſondern bei Baron x.; dieſer hat ihn eingeladen, den Sommer bei ihm zuzubringen.“ „So? Womit beſchäftigt er ſich denn jetzt? „Damit, daß er das Geld verputzt, welches er für ſein Patent eingenommen hat.“ „Auch eine Arbeit. Und wenn dieß abgethan iſt, was beabſichtigt er dann anzufangen?“ „Sich zu verheirathen, vermuthe ich. Das iſt immer ein Ausweg, zu welchem dergleichen Burſche wie mein Bruder ihre Zuflucht nehmen. Sie haben keinen Begriff von der Erniedrigung, welche darin liegt, eine Frau zu nehmen und ihr ſeine Exiſtenz zu verdanken. Wer gleich Evert Abſcheu vor der Arbeit hat, iſt und bleibt ein Unglück für ſich ſelbſt und Andere.“ „Haſt Du nicht Luſt, mich nach Akersnäs zu be⸗ gleiten?“ fragte Jacobo, der augenſcheinlich in dü⸗ ſterer Stimmung war. „Warum nicht, wenn Du einen Augenblick warten willſt?“ VII. Ein paar Tage darauf waren Stephana und Olga wieder von Gothenburg zurückgekehrt, und Olga hatte ihren Wohnſitz wieder in Kungsborg genommen. Man befand ſich am Schluſſe des Monats Mai: die Luft war ungewöhnlich warm, weßhalb die Da⸗ men auf dem Hofe unter den großen Linden Platz genommen hatten.. „Man muß zugeben, daß Kungsborg und die Um⸗ gegend eine ganz eigene Gattung von Männern auf⸗ zuweiſen hat,“ ſagte Olga mit einer halb ärgerlichen halb ſcherzhaften Miene und ſah von ihrer Arbeit auf. „Wie meinſt Du das?“ fragte Conſtanze. „Ich meine, daß es alle zufammen wahre Per⸗ rückenſtöcke ſind; und zwar mit dem Onkel anzufangen“ „Wie beliebt Dir?“ unterbrach ſie Stephana. „meinen Hermann nennſt Du einen Perückenſtock?“ „Allerdings thue ich das, ſüße Tante. Mit dem Onkel anzufangen, ſo hat er nur Sinn für ſein Hüt⸗ tenwerk, ſein Eiſen, ſeine Aecker, ſeine Saaten, ſeine Pferde, ſeine Häuſer, ſeine Hinterſaßen und— ſeine rau.— „Du hätteſt doch mit der Frau anfangen ſollen,“ meinte Stephana. „Ganz und gar nicht. Das Beſte hebt man bis zuletzt auf. Was kann man wohl von einem ſolchen Mann Intereſſantes verlangen? mit aller Achtung vor dem Onkel, iſt er meiner Anſicht nach doch herzlich trivial, liebe Tante.“— 4 55 Olga ſchlang bei dieſen Worten den Arm um Stephana, welche drohend den Finger hob. „Werde um Gottes Willen nicht böſe; ich ver⸗ ſpreche Dir kein Wort mehr davon zu ſagen, wie langweilig der Onkel iſt, ſondern gehe ſogleich zu dem andern Kavalier über, welcher ſich zu Kungsborg befindet, dem unvergleichlichen Kurt. Sage mir, iſt der Mann nicht unerträglich? Ich frage blos.“ „Olga, Olga, was fagſt Du? Es ſind ja kaum vier Wochen her, daß Du ordentlich für ihn brannteſt,“ fiel Stephana ein. „Beſte, gnädige Tante, das geſchah in den erſten Tagen ſeines Hierſeins, da er noch neu war. Nun finde ich ihn gerade ſo unterhaltend wie einen von den Ziegelſteinen, womit er ſeine Häuſer baut. Hu, er iſt, gelinde geſprochen, unerträglich. Hat er für etwas Anderes Sinn, als für Häuſer, Lehm und Mörtel und für Arbeiten, wobei der Schweiß aus allen Poren dringt? Ueberdieß wartet er einem ar⸗ men Menſchen immerdar mit infamen Redensarten über unſer geſchäftsloſes Leben und dgl. auf. Ich möchte nur wiſſen, warum der Mann ſo unſinnig arbeitet. Er muß doch auch ohne dieſes Jagen und Treiben ſich verdienen können, was er braucht.“ „Aber er will unabhängig werden und ſich ein kleines Vermögen ſammeln, was ſich nicht ſo leicht machen läßt, wie Du dir einbildeſt. „Gnade, liebe Tante, verſchone mich mit dieſer Arbeitsphiloſophie; ich erhalte ſchon genug davon, wenn Kurt mich aus der Ferne anſieht. Kommen vollends Herr Lange und der Ingenieur dazu, ſo verſichere ich, daß meine Ohren mit dem geſegneten Parliren über Wirklichkeit, materielle Poeſie und Ehre der Arbeit ganz vollgepfropft werden. „Biſt Du bereits für den Ingenieur erkaltet?“ fragte Conſtanze, welche nicht umhin konnte, über Olga's Herzensergießungen zu lachen. „Ich bin ja über eine ganze Woche in Gothen⸗ burg geweſen und habe ihn während dieſer Zeit nicht geſehen;— aber wer kommt denn da,?“ rief ſie plötzlich und ſah in die Allee hinunter.„Ach, mein Gott, das iſt ja eine ganz ungewöhnliche Figur. Gleich etwas Neues. Wer kann es ſein?“ Vor dem Gitterthor hielt der Ankommende mit ſeinem Pferde und ſprang ab. Bei Olga's Ausruf hatte Conſtanze ihren Blick auch dorthin gerichtet und erkannte Evert Arelhjelm. Ihre Wangen erhielten eine friſchere Farbe. Sie beugte ſich tiefer auf ihre Zeichnung nieder. „Wer kann es ſein?“ wiederholte Stephana und betrachtete den Ankömmling durch ihre Lorgnette. „Von weitem geſehen, nimmt ſich der Mann ſehr prächtig aus; aber wenn er hieher kommt, gehört er wohl auch zu den gewöhnlichen Arbeitskomman⸗ danten, denke ich mir. Welch ein Glück, wenn ſich einmal ein heiterer und geiſtvoller Müßiggänger hieher verirrte!“ Das Gitterthor öffnete ſich, und der elegante Mann lenkte ſeine Schritte direkt auf die Damen zu. „Evert Axelhjelm,“ rief Stephana, als er näher kam.„Das iſt ja ganz ſchön, daß man Dich ſieht. Willkommen! Sie reichte ihm mit einem freundlichen Lächeln die Hand, welche er mit wirklicher Galanterie an ſeine 57 Lippen führte, während er mit einigen gewählten und verbindlichen Worten ſeine Freude über das Wiederſehen Stephana's zu erkennen gab. Minder wortreich, aber bedeutungsvoller war der Gruß, welcher auf Conſtanze's Antheil fiel. Ge⸗ gen Olga verbeugte er ſich ganz fremd. Auf Stephana's Frage, ob er das junge Fräu⸗ lein nicht wieder erkenne, antworte er, verbindlich lächelnd: „Vermuthlich Fräulein Olga, obwohl es mir un⸗ möglich war, in der jungen, einnehmenden Dame das kleine Mädchen wieder zu erkennen, welches ich das letzte Mal geſehen habe. „Ich kann daſſelbe ſagen,“ fiel Olga ein.„Der Baron iſt ſo verändert, daß ich unmöglich errathen konnte, Sie ſeien Evert Arxelhjelm. „Der Bart verändert uns Männer immerdar, ſo daß wir bei reifern Jahren gewöhnlich nichts mehr von dem Jüngling in unſerer äußern Erſcheinung an uns haben.“ Evert nahm Platz und richtete mit der ganzen Gewohnheit und dem Takt eines Weltmanns ſeine Worte ausſchließlich an Stephana. Mit ausgeſuch⸗ ter Einfachheit berichtete er von den vergangenen Jahren, ſowie von ſeinem kurzen Aufenthalt in Eng⸗ land und Amerika. Ganz ohne Stolz und Eitel⸗ keit ſprach er von dem Patent, womit er viel Geld verdient hatte, ſowie von ſeiner nunmehr vortheil⸗ haften ökonomiſchen Stellung. Stephana ſowohl als Olga waren erſtaunt dar⸗ über, wie ſehr er ſich zu ſeinem Vortheil verändert hatte. Anſtatt wie früher ein eingebildeter Junge zu ſein, der nur allzu deutlich merken ließ, daß er ſich im Beſitz aller möglichen ausgezeichneten Eigen⸗ ſchaften wähnte, war er ein angenehmer und wirk⸗ lich liebenswürdiger junger Mann mit einem faſt bildſchönen Aeußern geworden. Der dichte, dunkle Bart gab ſeinem Angeſicht ein Gepräge von Männ⸗ lichkeit, das ihm ſonſt gefehlt hatte, und die leb⸗ haften Augen zeigten für den, welcher die Tiefe der⸗ ſelben nicht genauer erforſchte, einen Ausdruck von Geiſt, wodurch ſein Aeußeres noch mehr gewann. Olga fand ihn ganz entzückend und war im höch⸗ ſten Grade von Bewunderung ſeiner angenehmen und feinen Manieren ergriffen. Nachdem er als artiger und dankbarer Neffe von Allem, was die gnädige Tante intereſſiren konnte, Bericht erſtattet hatte, wurde das Geſpräch bald allgemein, und Olga betheiligte ſich daran mit ihrer gewöhnlichen Lebhaftigkeit. Plötzlich wurde die heitere Unterhaltung von Olga's Kammerjungfer geſtört, welche halb weinend zu ihr hereingeſprungen kam. Olga's Kanarienvogel war in den Garten ge⸗ flogen. Augenblicklich eilte Olga fort. Kurz her⸗ nach hatte Eklund der Frau Gräfin etwas Beſon⸗ deres zu ſagen, ſo daß auch Stephana ſich entfernen mußte. Als Conſtanze ſich allein mit Evert ſah, erhob ſie ſich, um ebenfalls zu gehen; aber ſie wurde von ihm mit den Worten zurückgehalten: „Bleiben Sie, ich bitte. Sie dürfen doch nicht vor Aller Blicken hier zu erkennen geben, daß Sie mich fürchten. Glauben Sie wirklich, ich ſei Jahre 59 lang Ihnen gefolgt, ohne daß ich beſchloſſen habe, in dieſem Kampfe den Sieg davon zu tragen? Kön⸗ nen Sie mir ſagen, warum Sie mich verabſcheuen?“ Evert lehnte ſich über ihre Zeichnung, als ob er in deren Betrachtung vertieft wäre. „Ich glaubte, mich doch deutlich genug bei un⸗ ſerem letzten Zuſammentreffen in Stockholm erklärt zu haben. Alle weiteren Worte zwiſchen uns ſind überflüſſig.“ Wiederum erhob ſich Conſtanze. „Haben Sie die Güte und bleiben Sie ruhig ſizen. Was hilft es auch, wenn Sie mir jetzt ent⸗ fliehen? Wenn Sie heute nicht anhören, was ich zu ſagen habe, werde ich Sie morgen oder an einem andern Tage doch dazu zwingen.“ Conſtanze nahm wieder Platz. Evert fuhr fort: „Warum glauben Sie, daß ich hieher, an dieſen abſcheulichen Ort gekommen bin?“ „Vermuthlich, weil es Ihnen Unterhaltung macht.“ „Unterhaltung!“ rief Evert bitter lächelnd.„Ha, wenn Sie ahnten, wie bitter ich dieſen Ort haſſe, ſo würden Sie klar einſehen, wie mächtig das Ge⸗ fühl iſt, das mich hieher getrieben hat. Ich mußte in Ihrer Nähe ſein. Ich mußte Sie ſehen, den Laut Ihrer Stimme hören, auch wenn Sie eitel verletzende Worte zu ſagen hätten, und endlich mußte ich an Ihrer Seite ſein, um mich zwiſchen Sie und jeden Mann zu werfen, der Ihr Herz an ſich feſſeln möchte. Ha! Conſtanze, wie iſt es möglich, mit ſolcher Beharrlichkeit einer Liebe wie der meinigen Widerſtand zu leiſten? Treu und ſtark, hat ſie Al⸗ 7„ 3 ——— a lem getrotzt, ſelbſt Ihrem Abſcheu. Ein ſo mächti⸗ ges und glühendes Gefühl ſollte doch die Kraft be⸗ ſitzen, Liebe einzuflößen.“ „Ja, wenn der Mann, welcher es hegt, Achtung erwecken könnte. Man liebt den nicht, welchen man verachtet.“ „Hüten Sie ſich, Fräulein, mich unaufhörlich zu reizen. Haben Sie ſich im Laufe dieſer Jahre nicht ſo viel Menſchenkenntniß erworben, um zu begreifen, daß es gewagt iſt, die ſchlimmern Gefühle bei einem Menſchen, wie ich bin, zu erwecken? Sie vertrauen allzu blindlings auf Ihre Macht über mich. Sie haben Unrecht; ich bin ein gefährlicher Feind. Was berechtigt Sie übrigens, mich zu verachten?“ „Alles!“ Das Geräuſch von Schritten beſtimmte Evert, aufzuſtehen. Es war Kurt, welcher ſich näherte. Auch Con⸗ ſtanze drehte ſich nach dem Ankommenden um. „Wären Sie ein junger Mann, wie Ihr Bru⸗ der,“ bemerkte Conſtanze,„ſo könnte ich trotz Ihrer Fehler Achtung vor Ihnen haben, denn ich wüßte, daß Sie ſich wohl unüberlegter, aber niemals ſchlech⸗ ter Handlungen ſchuldig machen könnten.“ Fvert, welcher ſeinen Bruder niemals hatte lei⸗ den können, warf ihm einen finſtern Blick zu, als ſie einander die Hand reichten. Kurt nahm einen Gartenſtuhl und ließ ſich neben Conſtanze nieder, während er das Auge auf die Zeichnung richtete. „Wie können Sie, mein gnädiges Fräulein, Ihre Zeit an dergleichen Lappalien verſchwenden? Bei 61 Gott, ich würde niemals einen Bleiſtift in die Hand nehmen, wenn ich verurtheilt wäre, dergleichen Bäum⸗ chen, Gebüſche und Häuſerchen hinzukritzeln.“ „Sie ſind nicht ſehr artig,“ erwiederte Con⸗ ſtanze lächelnd.„Ein wohlerzogener Cavalier ge⸗ räth in Entzücken, wenn er die Zeichnung einer Dame erblickt, und wäre dieſelbe auch noch ſo ſchlecht.“ „Mein Bruder macht keinen Anſpruch auf gute Erziehung,“ fiel Evert ein.„Er iſt ein Arbeiter und weiter nichts. Auf Maurergerüſten lernt man keine Lebensart.“ Kurt ſprang raſch auf, warf einen Blick auf den Bruder und begann dann herzlich zu lachen, wäh⸗ rend er erklärte, dergleichen kleine Ausfälle müßten auf die Zeit verſpart werden, wo ſie mit einander allein wären; denn es gehöre nicht recht zum guten Ton, ſie in Gegenwart einer Dame auszumachen. Stephana ſchloß ſich ihnen jetzt auch wieder an, und etwas ſpäter fuhr ein kleiner Wagen die Allee herauf. Es war Jacobo's Droſchke. „Da haben wir Herrn Lange und den Inge⸗ nieur,“ rief Olga. Evert biß ſich auf die Lippen, behielt übrigens ſeine leichte und ungenirte Haltung bei. „Was iſt das für ein Ingenieur?“ fragte er Olga. 2 heißt Jvarſon und iſt Aufſeher in Lange's Fabrik.“ Inzwiſchen hatten Jacobo und Jvar ſich genä⸗ hert. Kalt und beinahe hochfahrend war der Gruß, womit Lange den von Grvert erwiederte. Als die Gräfin Jvar und Evert einander vorſtellte, warf der Erſtere dem Baron einen herausfordernden Blick zu, welcher ſeinerſeits Jvar fixirte, als ob er mit ſei⸗ nem Blicke irgend ein Geheimniß ausſpüren wollte. Jvar ſchien jedoch durch dieſe Forſchung ſich nicht im Mindeſten beſchwert zu finden, ſondern ſetzte ſich auf die andere Seite von Conſtanze, mit welcher er und Kurt ein Geſpräch begannen. Olga machte ſich in die Nähe des liebenswür⸗ digen Barons, welcher den Reiz der Neuheit hatte, von Poeſie, Sagen und ſchönen Künſten redete— lauter Dinge, welche für Olga Intereſſe hatten. Der Abend verging ſcheinbar angenehm, obſchon die meiſten Perſonen von der Geſellſchaft für ſich im Einzelnen von minder angenehmen Gefühlen und Gedanken erregt waren. Kurt ärgerte ſich über ſeinen Bruder, und Jvar wurde von Bitterkeit beim Anblick ſeines Jugend⸗ feindes beherrſcht. Bei Evert ſah es im Innern ſchwarz wie die Nacht aus, und Jacobo's Verdruß über ihr Zuſam⸗ mentreffen brachte auch dieſen um ſeine gute Laune. Stephana und Olga waren die einzigen Perſo⸗ nen, welche nicht hinter der trügeriſchen Maske der Artigkeit und Convenienz unbehagliche Empfindun⸗ gen verbargen. Evert, mit einer unerſchütterlichen Dreiſtigkeit begabt, näherte ſich Jvar während des Soupers mit den Worten: „Ihr Ausſehen, Herr Ingenieur, kommt mir ſo bekannt vor, daß ich beinahe darauf ſchwören möchte, wir haben einander ſchon früher getroffen. Wo aber und wann, vermag ich nicht mich zu erinnern.“ 63 „Möglich, daß wir einander ſchon geſehen ha⸗ ben,“ antwortete Jvar kalt. Die beiden jungen Männer betrachteten einander einige Augenblicke auf eine Weiſe, welche ſo ziem⸗ lich einer ſtillſchweigenden Kriegserklärung glich. „Haben Sie längere Zeit im Ausland zuge⸗ bracht, Herr Ingenieur?“ fragte Evert in ſeinem ge⸗ wöhnlichen Geſellſchaftston. „Ja, mehrere Jahre.“ „Sie kamen von England?“ „Ja, vor einigen Wochen,“ lautete Jvars lako⸗ niſche Antwort. Evert begann jetzt, von den engliſchen Maſchi⸗ nenfabriken und von den großartigen Anlagen in dieſem Induſtriezweige zu reden. Er drückte ſich dabei mit einer Sicherheit aus, welche den Mangel an wirklicher Sachkenntniß erſetzte. Jvar antwortete höchſt einſilbig, und Olga ſchien es, als ob er gegen den artigen und kenntnißreichen Baron recht unhöflich wäre. Nachdem Evert das Geſpräch mit Jvar ſo lang, als es ſeine Klugheit ihm vorſchrieb, unterhalten hatte, wandte er ſich zu Olga, welche ſcherzend be⸗ merkte: „Der Herr Baron hat mich ziemlich erſchreckt.“ „Wie ſo?“ „Weil Sie auch anfingen, von Fabriken und der⸗ gleichen zu reden. Ich war der Hoffnung, in Ihnen einen Mann zu finden, der an etwas Anderes, als. an dieſe ewigen Fabrikintereſſen zu denken hätte. „Ich beſchäftige mich aus Gründen der Ver⸗ nunft, und nicht aus Liebhaberei mit denſelben,“ antwortete Evert. Jvar warf einen mitleidigen Blick auf Olga und wandte ſich dann von ihr ab. VIII. Tage und Wochen vergingen nach dem oben be⸗ ſchriebenen Abend, ohne etwas Bemerkenswerthes mit ſich zu bringen. Jacobo fuhr dann und wann nach Kungsborg; zuweilen begleitet von Jvar, wel⸗ cher ſich die Sympathie von Conſtanze und Ste⸗ phana immer mehr gewann. Es ließ ſich mit Leich⸗ tigkeit erkennen, daß er der beſondere Günſtling dieſer beiden Damen war. Dieſe Freundlichkeit hatte zur Folge, daß der junge Ingenieur allmählig öfter kam, und es geſchah nicht ſelten, daß er ſich ſogar einfand, ohne von Ja⸗ cobo begleitet zu ſein. Der, welcher dagegen täglich in Kungsborg er⸗ ſchien, war Evert. Angenehm, heiter und artig, wurde er von Olga gern geſehen und von Stephana freundlich empfangen, obwohl er bei letzterer lange nicht ſo gut angeſchrieben ſtand wie Jvar. Inzwiſchen war es unmöglich, aus Everts Art und Weiſe den Schluß zu ziehen, daß Conſtanze den Magnet ausmachte, welcher ihn dorthin zog. Nach ſeinem erſten Auftreten daſelbſt ſprach er höchſt ſel⸗ ten mit ihr und beſchäftigte ſich ausſchließlich mit Olga, welche auch mit Freuden ſeine verbindliche Artigkeit aufzunehmen ſchien; und oft weilte ihr 65 Blick mit Wohlgefallen auf ſeinem ſchönen Angeſicht. Es ſah aus, als ob Evert etwas mehr als eine vor⸗ übergehende Flamme werden ſollte, ſo völlig war Olga für ihn intereſſirt und eingenommen. Ihr Entzückungsfieber für Jvar ſchien wie weggeblaſen, und es geſchah ſehr häufig, daß ſie und er während eines Beſuches von ihm nicht ein Wort mit einan⸗ der wechſelten. Kurt blieb ſich gleich, er arbeitete friſch drauf los, ſcherzte gern und hielt ſich auf Spaziergängen, oder wenn er den Abend bei den Damen zubrachte, vorzugsweiſe an Conſtanze's Seite. Seltſamer Weiſe hatte Conſtanze ihre frühere heitere Laune wieder gewonnen, und man ſah ſie lachen und ſcherzen wie ehedem, ohne daß es erkün⸗ ſtelt herauskam. Allerdings war ſie noch ebenſo bleich, und das Auge behielt in ſeinem Hintergrund immerdar jenes Gepräge von unterdrückter Schwermuth, aber ſeitdem ſie mit Jacobo das Pferd getauſcht, hatte ſie ihre ſonſtige Art und Weiſe wieder angenommen. Conſtanze gehörte nicht zu der Gattung der milz⸗ ſüchtigen Leute. Wurde ſie von irgend einem Kum⸗ mer betroffen, ſo ſuchte ſie denſelben zu verſcheuchen. Um ihrem Schmerz zu entfliehen, hatte ſie Jahre lang ſich in fremden Ländern aufgehalten; aber dieß war ein allzu ungenügendes und unvollſtändiges Heilmittel für ihre Herzenswunde. Dieſe paſſiven Zerſtreungen durch Wechſel des Gegenſtandes, dieſe mancherlei Freuden und Beluſtigungen hatten nicht weiter vermocht, als ihre Gedanken auf Augenblicke in Anſpruch zu nehmen oder ihre Gefühle zu feſſeln. Schwartz, Arbeit abelt den Mann. II. 5 66 Dann reiste ſie in Gegenden, die um ihrer Na⸗ turſchönheit willen bekannt waren, nach dem lächelnden Florenz, nach dem entzückenden Neapel, nach dem ſagenreichen Rom.. Hier aber, umgeben von Allem, was zu den zärtlicheren Gefühlen ihrer Seele ſprach, fühlte Con⸗ ſtanze die Herzenswunde von Neuem bluten, und ſie wurde von der Sehnſucht ergriffen, den Mann wieder zu ſehen, deſſen Bild unaufhörlich ſie verfolgte; und ſie kehrte in das Voterland zurück, um ſeines An⸗ blickes zu genießen und zu fühlen, daß das Leben ohne ihn leer und öde war. Das Wiederſehen war namenlos bitter geweſen. Conſtanze fühlte deutlicher als je, daß Jacobo zwi⸗ ſchen ſich und ihr eine unüberſteigliche Scheidewand aufgeführt hatte. Aber dieß bot doch wenigſtens Gele⸗ genheit zu einem Kampf, und ein Gemüth, wie das Con⸗ ſtanze's war mehr für Streit als paſſives Leiden geeignet. Bei ihrem erſten Zuſammentreffen mit Lange war der Schmerz über deſſen Kälte ſo groß geweſen, daß ein Gefühl tiefer Niedergeſchlagenheit ſie mild und demüthig ſtimmte. Aber als ſie ſpäter ihr Schickſal überdachte, hatte ſich ihr Stolz erhoben, und dieſer geſtattete nicht, Jacobo ahnen zu laſſen, daß dieſes Herz noch an ihn gefeſſelt war. Dieſer Mann mit ſeinem unbeugſamen Hochmuthe konnte nach Verfluß ſo vieler Jahre eine Uebereilung nicht vergeſſen. Conſtanze wollte ſiegen, nicht über ihr Gefühl, das wußte ſie, war vergeblich, ſondern über jede Schwachheit, wodurch ſich daſſelbe verrieth. Aus dem Vorfall mit dem Perdetauſch und den Worten, welche Lange dabei fallen ließ, war es Con⸗ —,———— 67 ſtanze klar genug geworden, daß er das Vergangene noch nicht vergeſſen hatte, aber in dieſer Entdeckung lag für ſie zugleich ſo viel, daß dadurch das im Laufe der Jahre gleichſam erſtickte Selbſtgefühl wieder zum Leben erweckt wurde. Die Anklage, daß ſie ſelbſt ohne Grund ihre Glückſeligkeit zerſtört und den Mann, den ſie liebte, beleidigt hatte, war ihr getreulich nachgefolgt, um alle andern Gefühle gewiſſermaßen zu ertödten. Jetzt erhob ſich die verſchwundene Energie, und ſie beſchloß, ihm zu zeigen, daß ſie ſeiner Achtung vollkommen würdig ſei und nicht zu jenen Frauen gehöre, welche einer unglücklichen Liebe unterliegen. Das Bewegliche, Wechſelnde und Flaſtiſche in Conſtanze's Seele kehrte in demſelben Momente zurück, da ſie beſchloß, Lange zur Achtung vor ihr zu zwingen. „Seine Liebe habe ich verloren. Die werde ich niemals wieder gewinnen,“ dachte ſie;„aber ſeine Achtung muß ich mir erwerben. Ha! Du ſtolzer und unverſöhnlicher Jacobo, Du betrogſt dich, wenn Du glaubteſt, daß ich mein Leben lang Dich lieben und vergöttern würde, ohne Etwas zur Erwiederung zu fordern.“ Mit dieſem Ziel, würdig eines ſo ſtolzen und ſelbſtſtändigen Charatters, wie derjenige von Conſtanze war, hatte ſie wieder Intereſſe am Leben gefaßt. Die Roſen der Wangen kehrten allerdings nicht zurück;. der Kummer hatte ſie einmal gebleicht; aber die Züge erhielten Flaſticität und die Augen Glanz. Die welche über Conſtanze's verändertes Ausſehen bei ihrer Rückkehr in's Vaterland erſtaunt waren, 5 ₰ 68 verwunderten ſich nicht wenig über dieſe neue Me⸗ tamorphoſe. Stephana ſah ſie und dachte: Sollte Conſtanze wirklich ein ſo großes Intereſſe für Kurt gefaßt haben, um dadurch wieder dieſelbe Conſtanze zu werden, welche ſie vor ihrer Reiſe ins Ausland geweſen? Olga behauptete, es ſei das Heimweh geweſen, was die Spuren von Kummer, die nun verſchwunden, zurückgelaſſen habe. Jacobo dachte: „Sie iſt immer noch dieſelbe veränderliche Natur.“ Was Kurt für Schlüſſe zog, wollen wir dahin⸗ geſtellt ſein laſſen. Wir wiſſen blos, daß er ein Mann war, und zwar ein Mann, der großen Ge⸗ fallen an Frauen fand, ohne jedoch von ihnen über⸗ ſpannte Begriffe zu hegen; dagegen hatte er eine ganz gute Meinung von ſich ſelbſt, wie alle andern Adamsſöhne. Nehmen wir hinzu, daß Conſtanze in den letzten drei Wochen ſeine Gedanken und Gefühle, obwohl er ſelbſt kein ſonderliches Gewicht darauf legte, un⸗ gemein viel beſchäftigt hatte, ſo werden wir der Wahrheit ziemlich nahe kommen, wenn wir behaupten, daß er bei der Veränderung, welche mit ihrer Art und Weiſe und ihrer Perſon vorgegangen war, keine ganz untergeordnete Rolle zu ſpielen glaubte. Man glaubt gern, was unſern Wünſchen ſchmeichelt, und. jetzt wünſchte Kurt, Conſtanze ſollte ſich ebenſo für ihn intereſſiren, wie es ſeinerſeits für ſie geſchah. Sie ſelbſt leiſtete dieſer Ueberzeugung allen Vor⸗ ſchub; denn auf Spaziergängen nnd in der Geſell⸗ V 69 ſchaft war es ſtets Kurt, oder Jvar, mit welchen ſie ſich am meiſten beſchäftigte. Jacobo gab auf Alles Acht und bemerkte leicht, daß Jvar ſich auch für Conſtauze intereſſirte, und daß Gvert ſich nur ſtellte, als ſei er von Olga entzückt. Daß hinter dieſem verſtellten Wohlgefallen andere Gefühle lagen, die er zu verbergen wünſchte, das konnte Lange nicht entgehen, und wenn er Conſtanze als Gegenſtand aller dieſer ungleichartigen Gefühle ſah, ſo dachte er: „Als Zuſchauer werde ich wohl am beſten Ge⸗ legenheit bekommen, den wirklichen Gehalt ihres Charakters zu ſchätzen und zu beurtheilen.“ Und Evert, dieſe Unglücksgeſtalt— wie ſtand es eigentlich mit ihm? Davon können und wollen wir für jetzt keine Rechenſchaft geben, da die Ereig⸗ niſſe ſelbſt dieß am beſten thun werden. In dieſer, aus lauter egoiſtiſchen Inſtinkten zu⸗ ſammengeſetzten Seele hatte die Neigung zu Con⸗ ſtanze das einzige tiefe und ernſte Gefühl gebildet. Urſprünglich nur eine Jünglingslaune, hatte ſie den Charakter einer mächtigen und ſtarken Leidenſchaft angenommen, die durch den Widerſtand, auf wel⸗ chen ſie traf, zu einer unnatürlichen Stärke ange⸗ feuert worden war. Wie alle leidenſchaftlichen Gemüther, war er zu⸗ gleich eiferſüchtig und argwöhniſch. Ja der Mann, welcher Conſtanze die mindeſte Freundlichkeit bewies,⸗ war der Gegenſtand ſeines Abſcheues, und er ſuchte auf alle erdenkliche Weiſe dem Vermeſſenen zu ſchaden, 70 der es wagte, ſeinen Blick und ſeine Wünſche zu demſelben Gegenſtand wie er zu erheben. Von verſchiedenen Berechnungen geleitet, hatte er feſt beſchloſſen, Olga's Liebe zu gewinnen; wäh⸗ rend er aber dieſe wenig ehrenhafte Rolle ſpielte, gab er genau Acht auf Conſtanze und Alle, welche ihr den Hof machten. Mit innerer Erbitterung bemerkte er, daß Con⸗ ſtanze Kurt und Jvar auf eine Weiſe bevorzugte, wie ſie es niemals ihm gegenüber gethan hatte. Er ſchwur in ſeinem Herzen, Jeden, welchen ſie auf ſolche Art über ihn ſtellte, dieſe Gunſt theuer be⸗ zahlen zu laſſen. Nach dieſer kleinen Auseinanderſetzung der innern Verhältniſſe zu Kungsborg verſetzen wir uns in die, Woche vor Mittſommer. Von dem Grafen Hermann war ein Brief gekommen, wornach er in Folge ge⸗ wiſſer Geſchäftsangelegenheiten ſich genöthigt ſah, ſeinen Aufenthalt in England noch um einige Wochen zu verlängern. Die Folge davon war, daß Olga's und Con⸗ ſtanze's Ueberſiedlung nach Sturesjö auch noch auf⸗ geſchoben wurde. IX. Eines Abends, einige Tage vor Mittſommer, ſpazierten Lange und Jvar nach Kungsborg hinüber. Der letztere war ungewöhnlich zerſtreut. Er ging ſchweigend an Jacobo's Seite hin, und wenn dieſer ihn anredete, gab er nur einſylbige Antworten. ——„ — 3— 71 Lange hatte bemerkt, daß ſein junger Werkmeiſter, obwohl gleich arbeitſam wie früher, doch in den letzten Wochen noch andere Grübeleien, als die ſich um die Arbeit drehten, im Kopf gehabt hatte. Mit einer gewiſſen fieberhaften Ungeduld hatte er ſeine Geſchäfte erledigt, um Abends ſo ſchnell als möglich ſich nach Kungsborg zu begeben. Am obengenannten Abend war gleichwohl der ungewöhnliche Fall eingetreten, daß, als Lange fragte, ob er ihn nicht begleiten wolle, Jvar zuerſt aus⸗ weichend antwortete, hernach aber ſeinen Vorſatz änderte und ihm Geſellſchaft leiſtete. Jacobo war mit dem menſchlichen Herzen allzu⸗ bekannt und viel zu zartfühlend, um an Jrvar eine Frage zu ſtellen, und deßhalb gingen ſie ſchweigend ihres Weges dahin. Zu Kungsborg befanden ſich einige Nachbarn, unter ihnen auch Evert. Kurt war verreist. Jvars Blicke flogen forſchend im Zimmer umher, um Conſtanze zu entdecken. Sie war jedoch im Salon nicht ſichtbar, deßhalb zog er ſich nach der Begrüßung in eine Fenſtervertiefung zurück. EFrert und Olga, die Fräulein N. und einige junge Lieutenants unterhielten ſich mit Ringwerfen auf der Terraſſe im Garten. 3 Jvar ſah ihnen mit einer gewiſſen Gleichgültig⸗ eit zu. Mitten in dieſen Betrachtungen wurde er durch, eine wohlbekannte Stimme, welche gegen Jacobo einen Gruß ausſprach, geſtört. Schnell drehte er ſich 72 um— es war Conſtanze. Er näherte ſich ihr mit den Worten: „Ich fürchtete bereits, mein Fräulein, wir würden heute des Glücks entbehren müſſen, Sie zu ſehen. 4 „Der Verluſt wäre gering geweſen,“ antwortete Conſtanze freundlich.„Ich war den ganzen Tag in Sturesjö und machte im Heimreiten einen Umweg; dieß iſt der Grund, warum ich nicht früher kam. — Wollen Sie, Herr Ingenieur, nicht an den Zer⸗ ſtreuungen der Jugend Theil nehmen?“ fragte Con⸗ ſtanze, als ſie das Ringwerfen erblickte. „Wenn ich denſelben mich entziehen kann, thue ich es gern,“ antwortete Jvar lächelnd.„Ich bin an dergleichen Beluſtigungen zu wenig gewöhnt, um Vergnügen daran zu finden.“ „Wie Sie wollen.“ Conſtanze ſetzte ſich ans Fenſter, und Jvar nahm ihr gegenüber Platz. „Ich habe niemals einen ſo innigen Wunſch, Kungsborg zu beſuchen, empfunden wie heute Abend, und dennoch war ich feſt entſchloſſen, nicht hieher zu gehen,“ ſagte Jvar. „Und der Grund dieſes Widerſpruchs?“ „War ein ganz natürlicher. Mein Gefühl zog mich hieher, aber meine Vernunft mir, daß ich an Ergötzlichkeiten zu viel Zeit verſchwende. Wir Arbeiter müſſen mit unſerem koſtbarſten und einzigen Kapital, der Zeit, haushalten.“ „Das iſt wahr; aber gerade der Srtenf kann Anſpruch auf Zerſtreuung machen. „Gewiß, aber das Geſellſchaftsleben im ue 73 meinen iſt nicht für ihn. Es abſorbirt zu viel von ſeiner Aufmerkſamkeit, welche ausſchließlich auf ſeine Beſchäftigung gerichtet werden muß. Ich fürchte, daß der, welcher ſich ihm hingibt, die Luſt an der Arbeit zerſtört.“ „Sie können unmöglich ein ſolcher Sclave des Vergnügens werden; übrigens bringt der Umgang mit unſersgleichen auch einen großer Nutzen. Durch Geſpräch und Austauſch der Ideen wird unſer Ver⸗ ſtand erweitert. Ihre Beſuche zu Kungsborg ſind jedoch nicht von der Art, daß man dieſelben eine Zeitverſchwendung an das Geſellſchaftsleben nennen kann. Sie widmen denſelben nur ſehr wenige Augen⸗ blicke, und dann nur mit Freunden.“ „Aber wenn dieſe Freunde unſere Gedanken ſo in Anſpruch nehmen, daß dieſelben von der Arbeit abgezogen werden, thut man da nicht am beſten, ihnen auszuweichen?“ „Freunde— merken Sie dieſes Wort wohl, dürfen nur die Macht beſitzen, uns die Stunden der Ruhe zu erheitern, aber niemals, uns in unſern Be⸗ ſchäftigungen zu ſtören.“ „Sie haben Recht, und vielleicht iſt es bei An⸗ dern wirklich ſo; aber bei einem ſolchen Wilden, wie ich, welcher mit ſehr wenigen Ausnahmen ſein Leben in Werkſtätten zugebracht und keine andern Zer⸗ ſtreuungen, als die Verwirklichung ſeiner Ideen ge⸗ habt hat, wird der vertrauliche Umgang mit Per⸗ ſonen, wie die Bewohner von Kungsborg, unwillkürlich die Wirkung äußern, daß ſeine Gedanken von dieſen für ihn neuen Gegenſtänden in Anſpruch genommen werden.— Ich glaube,„ſetzte er lächelnd hinzu, 74 „für einen jungen Mann im Allgemeinen wäre es am klügſten, vor den Damen zu fliehen. Sie richten ſo große Verwirrung in unſerem Gehirn an!“ Conſtanze fand keine Zeit zu antworten, denn Hlga kam herein und gerade auf ſie zugeſprungen, mit dem Rufe: „Liebe Conſtanze! ſpiele uns einen Walzer, wir wollen tanzen.“ Daß Olga zugegen war, davon ſchien Jvar im Allgemeinen nicht eher Notiz zu nehmen, als bis ſie in direkte Berührung mit ihm kam. Dieſer Mangel an Aufmerkſamkeit wurde von Olga nicht getheilt. Sie hatte während des Ringwerfens ihn mit Conſtanze im Geſpräch geſehen und dieſe Ent⸗ deckung Evert mitgetheilt. Von dieſem Augenblick an war Letzterer auffallend unruhig, und da er auf keine Weiſe von dem Ring⸗ werfen abzukommen vermochte, hatte er einen Tanz vorgeſchlagen und es Olga anheimgegeben, ob ſie nicht Conſtanze zum Aufſpielen überreden könnte. Natürlich engagirte er Olga. Der von Eiferſucht ergriffene Sinn mußte ſich irgend einen Ausweg bahnen; er walzte deßwegen ſo wild, daß Stephana ihn bitten mußte, ſich zu mäßigen. „Baron Arelhjelm, Sie ſehen ſo aufgeregt aus.“ „Ach, Fräulein, Olga, aus Gnaden, fragen Sie mich nicht.“ Er drückte ihr die Hand. Olga, welche glaubte, daß ſie auf irgend eine Weiſe an dieſer ſtürmiſchen Gemüthsbewegung Antheil habe, und eine Erklä⸗ rung fürchtete, begann von etwas Anderem zu reden. 75 Cvert antwortete allerdings auf das, was ſie ſagte, aber als er Jvar an das Piano gelehnt ſein Geſpräch mit Conſtanze fortſetzen ſah, hätte er Olga erdroſſeln können, nur um ſich ihr nicht weiter widmen zu müſſen. Als der Walzer zu Ende war, näherte er ſich Conſtanze. Sie ſaß noch am Piano. Evert beugte ſich zu ihr nieder und ſagte auf Franzöſiſch: „Fräulein Conſtanze, vergönnen Sie mir den nächſten Walzer, ich bitte Sie.“ „Baron, ich habe ein für alle Mal erklärt, daß ich niemals mit Ihnen tanze,“ erwiederte Conſtanze in derſelben Sprache. „Sie beabſichtigen alſo heute Abend gar nicht zu tanzen?“ fragte Evert in gereiztem Ton. „Das habe ich nicht geſagt, ſondern nur, daß ich nicht mit Ihnen tanze. Haben Sie die Güte, mich„ nun zu verlaſſen. Die übrige Jugend wünſcht gewiß, daß ich weiter ſpiele.“ „Denken Sie daran, Conſtanze, daß Sie dieſe Weigerung mir bezahlen ſollen,“ flüſterte Evert und entfernte ſich. Er engagirte eines der Fräulein K. Evert begann zu walzen, ohne an ſeine Dame oder an irgend Etwas in der Welt, als an ſeine Erbitterung gegen Conſtanze und an ſeinen Haß gegen Jvar zu denken. Er ſagte Fräulein T. tauſend ſchöne Dinge, um nur Etwas zu ſagen und ſein aufgeregtes Ausſehen nicht merken zu laſſen. Bei der zweiten Runde blieb er ſtehen. Ein Ausruf des Zorns wollte ſich über ſeine Lippen drängen, als er Conſtanze mit Jvar walzen ſah. 76 Iſt ſie wahnſinnig, daß ſie mir ſolchen Hohn zu bieten wagt?“ dachte er und ſetzte den Tanz wie⸗ der fort. Als der Walzer geſchloſſen war und Jvar Con⸗ ſtanze, um ſich abzukühlen, auf die Veranda führte, ſagte er: „Dieſer Walzer erinnert mich an eine Scene aus meinem verfloſſenen Leben, die nur geeignet war, meine Achtung gegen Sie zu erhöhen.“ „Wie iſt das möglich?“ fragte Conſtanze ihn anſehend. „Das kann ich Ihnen jetzt nicht erklären; aber glauben Sie mir, das Andenken an eine edle Hand⸗ lung thut demjenigen gut, welcher der Gegenſtand derſelben geweſen iſt.“ Conſtanze wurde abgerufen, ſo daß ſie die Ve⸗ randa in dem Augenblick verließ, als Evert auf dieſelbe hinaustrat. Die beiden jungen Männer blieben ſomit ganz allein. Evert ging auf Jvar, welcher ſich niedergelaſſen hatte, zu und ſagte in leiſem, gedämpftem Ton: „Vielleicht glauben Sie, ich habe Ihre Geſichts⸗ züge auch vergeſſen?— Der Haß wie die Liebe hat einen ſcharfen Blick. Ich erkannte Sie bei der erſten Begegnung. Ihr Geheimniß liegt ſomit in meinen Händen. Es hängt von mir ab, Sie augen⸗ blicklich in den des Mordes und Diebſtahls verdäch⸗ tigen Jwar umzuwandeln. Wenn mich die Luſt an⸗ wandelt, kann ich dieß auf der Stelle thun, und damit einen Schatten auf Ihre Ehre, einen Flecken 77 auf den Namen des ausgezeichneten Ingenieurs Jvarſon werfen“ „Sie irren ſich,“ antwortete Jvar.„Das Unglück der Vergangenheit kann einen Mann nicht erniedrigen, welcher ſich, gleich mir, durch Arbeit die Achtung Anderer erworben hat. Der ererbte Adel kann er⸗ niedrigt werden, aber nicht der erworbene. Sagen Sie laut, was Sie wiſſen, ich habe keine Beſorgniß deßwegen. Mehr Grund hätten Sie, ſich vor mir zu fürchten, wenn ich von ebenſo niedrigem Cha⸗ rakter wäre.“ Jvar erhob ſich und ſetzte ſtolz hinzu: „Sie erbleichen. Seien Sie aber ruhig, Baron Arelhjelm— ich, der elende Waiſenhausknabe, werde mich nicht rächen, Sie nicht einmal ſtrafen. Ich überlaſſe es Ihnen als Edelmann, noch weitere Nichtswürdigkeiten zu begehen.“ Jvar wollte die Veranda verlaſſen. „Noch ein Wort, Herr Jvarſon,“ ſprach Evert mit Nachdruck.„Unterlaſſen Sie es, Ihre Blicke ſo hoch, wie zu Fräulein Conſtanze zu er⸗ heben; denn ſo vortheilhaft für Ihren Eigennutz und Ihre Eigenliebe eine ſo kühne Hoffnung auch erſcheinen mag, ſo müſſen Sie doch einſehen, daß es vermeſſen von Ihnen wäre, die Wünſche ſo weit emporzuſchrauben. Merken Sie, ich bin edelmüthig genug, Sie zu warnen. Achten Sie auf dieſe War⸗ nung, ſonſt könnte ich Luſt bekommen, Sie von der Höhe dieſer ſchwindelnden Träume in die Tiefe hinab⸗ zuſtürzen, wo die Natur Ihnen Ihren Platz ange⸗ wieſen hat. Sie können Richts gegen mich beweiſen; aber ich kann darthun, daß Sie Jvar ſind, und daß 78 auf Ihnen die Anklage des Mordes und Diebſtahls ruht.“ Jvar betrachtete ihn einen Augenblick, dann ver⸗ ließ er mit einem verächtlichen Achſelzucken die Ve⸗ randa und ging in den Salon. Dort ſollte Muſik gemacht werden. Man drang in Conſtanze, zu ſingen; aber ſie weigerte ſich, wo⸗ rauf eines der Fräulein K. den Platz am Piano einnahm. „Warum ſingt das Fräulein nicht?“ fragte Lange, welcher gegen ſeine Gewohnheit ſich Conſtanze ge⸗ nähert hatte. „Es wäre mir peinlich, dieß vor einer ſo großen Geſellſchaft zu thun. Ich habe ſeit meiner Rückkehr nicht mehr geſungen.“ „Dießmal wurde alſo Ihre Weigerung nicht von der Laune diktirt?“ „Doch, wenn Sie das Gefühl ſo benennen wollen, wornach es mir zuwider iſt, auf Begehren mich hören zu laſſen, um Andern Kurzweil zu machen.“ Jacobo gab hierauf keine Antwort, ſondern be⸗ merkte lächelnd: „Man darf alſo nicht hoffen, daß man Sie zu hören bekommt.“ „In dieſem Fall wäre der Verluſt gering. Haben Sie ſelbſt aufgehört, zu fingen?“ „Ich bin zu alt dazu. Die höhere Zahl der Jahre bringt auch eine Freude mit ſich, nämlich die, daß man ſeinen Thorheiten entwächst.“ 5 79 X. Conſtanze pflegte jeden Morgen in den Park hinunter zu gehen und ihre Wanderung bis hinaus an den Meeresſtrand auszudehnen. Zieß war eine Promenade, welche ſie machte, ehe die Andern auf⸗ geſtanden waren. Am folgenden Morgen ſehen wir ſie deßhalb am Strande gelagert auf die tiefblaue See hinausſchauen. Es wehte ein friſcher Wind und er kleidete die Wo⸗ gen in weißen Schaum. So hatte ſie lang dageſeſſen, als ſie Schritte in ihrer Nähe hörte. Es war nichts Ungewöhnliches, daß Arbeitsleute dieſen Weg gingen, und Conſtanze nahm ſich alſo nicht einmal die Mühe, den Kopf umzuwenden, um zu ſehen, wer es wäre, als eine Stimme ſie mit den Worten begrüßte: „Guten Morgen, Fräulein Conſtanze.“ Sie blickte auf. Evert ſtand an ihrer Seite. Conſtanze erhob ſich ſo haſtig, als ob ſie ein giftiges Thier gewahrte. „Wenn Sie, Herr Baron die Abſicht haben, mich auf meinen Spaziergängen zu verfolgen, ſo werde ich wohl gezwungen ſein, dieſe Gegend zu verlaſſen, ſo lang Sie ſich hier aufhalten,“ bemerkte Conſtanze. „Es iſt heute, ſo viel Gerechtigkeit müſſen Sie mir widerfahren laſſen, das erſte Mal, daß ich Sie auf Ihren Wanderungen ſtöre,“ entgegnete Evert.“ „Und daß ich es heute thue, daran ſind Sie ſelbſt ſchuld ſofern Sie mich unwillkürlich zum Aeußerſten treiben. Ich muß Ihnen begreiflich machen, was 80⁰ Sie niemals begreifen wollen, nämlich Ihre Stellung mir gegenüber. Nehmen Sie daher wiederum Platz. Sie müſſen mich anhören.“ Da Conſtanze noch immer ſtehen blieb, ſo ſetzte er mit ſarkaſtiſchem Lächeln hinzu: „Ich traute Ihnen mehr zu und glaubte nicht, daß ſie vor einem Feinde entfliehen würden. Es hängt ganz von Ihnen ſelbſt ab, ob dieſes Geſpräch eine Kriegserklärung oder ein Friedensvertrag zwi⸗ ſchen uns ſein ſoll. Erweiſen Sie mir daher die Gunſt und nehmen Sie Ihren Platz wieder ein. Ich verſpreche Ihnen, nicht viele Worte zu machen. Conſtanze ſetzte ſich wieder, und Evert blieb in einiger Entfernung von ihr ſtehen. „Es iſt ſomit wahr, daß Sie mich verabſcheuen,“ begann er,„daß mein bloßer Anblick Ihnen verhaßt iſt?— Aber was habe ich denn gethan, was dieſe Geſinnung von Ihrer Seite gegen mich ver⸗ dient?“ Conſtanze wollte antworten, aber Evert kam ihr zuvor, indem er fortfuhr: „Erlauben Sie mir, weiter zu reden. Ja, ich habe Sie von dem erſten Augenblick an geliebt, da ich Sie ſah.— Meine Liebe zu Ihnen iſt das ſtärkſte Gefühl geweſen, das ich je empfunden habe. Es hat mich zu Handlungen verleitet, worüber Sie er⸗ bleichen würden, wenn ſie Ihnen bekannt wären. Hätten Sie mir Ihr Herz gegen das meinige ge⸗ ſchenkt, ſo wäre ich wohl ein braver und arbeitſamer Mann geworden. Sie hätten meine Fehler ver⸗ beſſern, meine Leidenſchaften mildern und meinem Charakter eine ganz andere Richtung geben können. 81 Anſtatt deſſen haben Sie alle meine niedrigen Be⸗ gierden und eigennützigen Triebe geweckt. Sie haben mich zu dem gemacht, was ich bin. Sie waren, Sie ſind und bleiben mein böſer Genius, und dennoch könnte noch jetzt Alles anders werden, wenn.... 6 „Vergeſſen Sie nicht, daß Sie ein für alle Mal verſprochen haben, nicht wieder mit einem Begehren zu kommen, das ich ſo beſtimmt abgeſchlagen habe,“ fiel Conſtanze ein.„Nichts, Baron Axelhjelm, wird mich beſtimmen, die Gattin eines Mannes zu wer⸗ den, den ich nicht liebe, noch weniger, den ich nicht achte.— Unterlaſſen Sie daher dieſe Wiederholung von Anklagen und Bitten, deren Ausſprechen Sie, deren Anhören mich erniedrigt.“ „Sie haben Recht, ich brauche ferner mich deren nicht mehr zu bedienen. Nun wohl, Sie werden niemals die Meinige, das weiß ich; aber Ihre Schweſter ſoll es werden.“ „Olga!“ rief Conſtanze erbleichend;„aber Sie lieben ja dieſelbe nicht.“ „Nein, das iſt wohl nicht möglich, da ich bis zum Wahnſinn Sie liebe.— Doch was hat das zu bedeuten, ſie ſoll darum doch meine Frau werden! Das iſt meine Rache an Ihnen. Ich werde Ihre Schweſter in meine Gewalt bekommen; es wird in meine Macht gegeben ſein, an ihr für Alles Rache zu nehmen, was ich durch Sie gelitten habe. Endlich werde ich durch dieſelbe ein Band erhalten, das Sie zu meiner Sclavin macht, wofern Sie nicht das Bild von der unglücklichen Ehe Ihrer Schweſter mit ſich herumtragen wollen.“ Evert hatte mit ſataniſchem Hohn geſprochen. Schwartz, Arbeit adelt den Mann. M. 6 82 Conſtanze ſtarrte ihn an, als ob ſie unter dem Ein⸗ fluß irgend eines ſchweren Traumes ſtände. Es trat eine Pauſe ein. Sie ſtieß einen tiefen Seufzer aus und ſagte dann, die Augen auf Evert heftend, mit ruhiger Würde: „So lang ich lebe, ſoll meine Schweſter niemals Ihre Frau werden.“ „Sie vergeſſen, daß ſie volle Freiheit hat, ihren Gatten ſelbſt zu wählen.“ „Mag ſein; aber ſie ſoll doch Sie nicht wählen.“ „Fräulein Conſtanze, es gibt bei Gott nicht mehr als einen Fall, wo ſie das nicht thun würde, und dieſer wäre, wenn Sie mir die Hand reichten. Sonſt ſchwöre ich heilig, daß ſie in drei Monaten meinen Namen tragen ſoll.“ Conſtanze ſchauderte. Es lag Etwas in Everts Blick, was ihr Furcht einflößte. „O mein Gott!“ murmelte ſie,„ſollte es möglich ſein, Olga's Herz wäre wirklich ſo gefeſſelt, daß ſie trotz meiner Vorſtellungen die Frau dieſes Mannes werden könnte!“ „Ja trotz derſelben ſoll ſie es werden.— Ja⸗ auch wenn ihr Herz ganz und gar nicht an mich gefeſſelt wäre, ſelbſt wenn ſie einen Andern liebte⸗ Sie begreifen wohl, daß ich nicht mit der Sicherheit, wie jetzt geſchieht, ſprechen würde, wenn ich nicht meiner ganzen Macht mir bewußt wäre. Ich weiß ja, daß Sie Alles thun werden, meine Plane zu durchkreuzen, und dennoch weihe ich Sie in dieſelben ein. Ich gebe Ihnen ſogar vollauf Zeit dazu, weil ich vor drei Wochen noch nicht die Hand Ihrer Schweſter zu begehren im Sinne habe. Sie können 82— —— 83 inzwiſchen alle möglichen Mittel anwenden, um der unglücklichen Verbindung vorzubeugen. Sie können die Hilfe des Grafen Romarhjerta, ja Alles auf⸗ bieten; aber Sie werden doch Nichts ausrichten.— Merken Sie wohl, es gibt nur einen Ausweg, Olga zu retten; und der iſt, daß Sie ſich ſelbſt aufopfern. Ich gebe Ihnen drei Wochen Bedenkzeit. „Mein Herr, Sie glauben mich durch Ihre Dro⸗ hungen zur Nachgiebigkeit zu beſtimmen; aber ich verſichere Sie, daß dieſelben auf mich nicht wirken.“ Conſtanze erhob ſich. „Haben Sie mir noch etwas weiter zu ſagen?“ „Nein, ich will Ihnen bloß den Rath geben, Ihre Schweſter nicht auf die Hoffnung hin, daß Sie Lange's Gattin werden, aufzuopfern. Er wird Ihnen niemals ſeine Hand bieten.“ Erert hatte ſeinen Hieb ſehr geſchickt bemeſſen; dieß bewies ſelbſt der plötzliche Farbenwechſel auf Conſtanze's Wangen. Ohne jedoch auf ſeine letzten Worte etwas zu erwidern, entfernte ſie ſich und be⸗ gab ſich geraden Wegs zu ihrer Schweſter. XI. Olga war noch nicht aufgeſtanden, als Con⸗ ſtanze eintrat. Sie lag im Bette und las. Als ſie Conſtanze erblickte, ſagte ſie mit einem heitern Lächeln: „Guten Morgen, Schweſter Zugvogel; Du kannſt, nicht glauben, wie donkbar ich mich heute gegen Gott für alle ſeine Güte fühle. Ich habe ſeit vie⸗ len Jahren die Erinnerung an eine That mit mir 6* 84 herumgetragen, welche mich ſtets verfolgte und zu einer unbeſtimmten Gewiſſensqual wurde, weil ich nicht wußte, wie ich dieſelbe ſühnen könnte. Nun weiß ich es, und darum bin ich heute vergnügter nnd glücklicher als ſonſt.“ „Wovon redeſt Du, liebes Kind?“ fragte Con⸗ ſtanze und ſetzte ſich auf den Rand des Bettes. „Das iſt für jetzt mein Geheimniß; ich werde es Dir ſpäter einmal mittheilen, wenn auch jetzt nicht.“ Olga ſchlang ihre Arme um den Hals der Schweſter. Conſtanze dachte mit Schaudern daran, daß die⸗ ſes ſchwärmeriſche, gefühlvolle und herzensgute Mädchen die Gattin des herzloſen und egoiſtiſchen Evert werden ſollte. Nein, das durfte, das ſollte nicht geſchehen. „Nun, Olga,“ nahm Conſtanze das Wort, in⸗ dem ſie die Hände der Schweſter ſtreichelte,„ſag' mir einmal, wie gefällt Dir Arelhjelm?— Ich meine den Baron,“ ſetzte ſie hinzu und verſuchte zu lächeln. „Evert!“ rief Olga, indem ſie Conſtanze's Hand losließ und ſich auf das Kiſſen werfend ihr Geſicht darin verbarg. „Ich glaube, meine Frage iſt Dir peinlich.“ „O nein; es fällt mir nur etwas ein, das ge⸗ ſtern Abend paſſirte.— Ah ſo, Du willſt wiſſen, wie mir Evert gefällt.“ „Du willſt es nicht ſagen?“ „Gott bewahre! Ich halte ihn für ſehr ſchön. Ja, ſo ſchön, daß es eine wahre Freude iſt, ihn an⸗ 85 zuſehen; dabei iſt er intereſſant, einnehmend, lie⸗ benswürdig und in jeder Hinſicht angenehm. „Deiner Meinung nach alſo der bezauberndſte Mann, den Du je ſahſt?“ „So ziemlich.“ „Nun, und von welcher Art ſind deine Gefühle für ihn?“ „Conſtanze!“ rief Olga erſchrocken und richtete ſich auf.„Warum ſtellſt Du dieſe Fragen an mich? Der Menſch iſt doch noch nicht mit einem Heiraths⸗ antrag herausgerückt?“ „Du glaubſt ſomit, er habe die Abſicht, eine Werbung zu machen?“ „Davon bin ich vollkommen überzeugt.“ „Welche Antwort würdeſt Du ihm dann geben?“ „Liebe, gute Conſtanze, ſage vor Allem, hat er um meine Hand angehalten?“ „Nein, das hat er nicht; aber ich möchte wiſ⸗ ſen, was Du ihm für eine Antwort geben würdeſt.“ Hlga lächelte und beſann ſich eine Weile; dann ſagte ſie: Nun, ich würde ihn bitten, im nächſten Jahr, in zwei oder drei Jahren wieder zu kommen. Jetzt will ich noch nicht heirathen, nein, um keinen Preis der Welt.“ Conſtanze ſeußzte tief auf, während es ihr leich⸗ ter um's Herz wurde. Was hatte ſie wohl zu fürchten? Nichts. Olga beſaß, gleich ihr, einen ſehr ſelbſtſtändigen Charakter, und die Schweſter wußte nur allzu wohl, daß dieſelbe ſich niemals zu etwas zwingen ließe, was ſie nicht wollte. An demſelben Nachmittag fand ſich Evert zu 86 einem kurzen Beſuch ein. Er beabſichtigte, eine Reiſe mit Baron K. nach*** zu machen, und wollte vor drei Wochen nicht zurückkehren. Bei dieſen Worten heftete er auf Conſtanze einen bedeutungsvollen Blick, der in ihrem Innern eine gewiſſe Unruhe zurückließ. Er war inzwiſchen fort, und während dieſer Zeit gedachte Conſtanze Olga genugſam zu warnen. XII. Die Tage nach Everts Abreiſe kamen Conſtanze ſehr angenehm vor, denn ſie war des Anblicks einer Perſon überhoben, welche immerdar widrige Gefühle in ihrer Bruſt erweckte. Kurt war zurückgekehrt und zeigte ſich wo mög⸗ lich noch lebhafter und fröhlicher als zuvor. Jacobo und Jvar erſchienen gleichfalls an ein paar Abenden, und auch auf ſie ſchien Everts Ab⸗ weſenheit wohlthuend einzuwirken. Am Johannisabend war Tanz für die Unterge⸗ benen von Kungsborg.— Die Herrſchaft ging hin⸗ ab, um zuzuſehen und eine Weile daran Theil zu nehmen. Die Bewohner von Akersnäs waren auch anweſend. Jvar ſtand da und betrachtete ſich die Tanzen⸗ den indem er ſich das Feſt zu Akersnäs ins Ge⸗ dächtniß zurückrief, wo keines der Bauernmädchen mit ihm hatte tanzen mögen. Wie hatte nicht die Zeit ſeine Stellung verän⸗ 87 dert, und dieſe Veränderung hatte er Niemand als ſich ſelbſt zu danken. Während dieſer Betrachtungen fielen ſeine Au⸗ gen auf Olga, welche ſich mit einem jungen Schmied herumſchwenkte. Er lächelte bitter bei dem Gedan⸗ ken, daß es einmal in ihrer Macht geſtanden war, ihm einen wirkichen Dienſt zu leiſten, indem ſie ihm einen Tanz ſchenkte, und daß ſie ſich deſſen gewei⸗ gert hatte, weil ſie ſeine Hände für unwürdig an⸗ ſah, ihre Perſon zu berühren. Und nun, wie vielmal hatte ſie ihm nicht ihre zum Gruß gereicht, obſchon er ſie niemals faßte. Als der Tanz zu Ende war, kam Olga herbei und ſetzte ſich ſogleich neben ihn. „Der Herr Ingenieur tanzt heute Abend nicht?“ ſagte ſie. „Ei, warum nicht, beſonders unter dieſen Leu⸗ ten, deren Stand ich mit Recht angehöre. Es ge⸗ währte mir bloß Unterhaltung, zuzuſehen, wie Sie ſich mit dem Schmied⸗Peter herumſchwenkten; und es erregte meine Verwunderung, daß Sie ihm ge⸗ ſtatteten, ſich, von ſeinen Händen anrühren zu laſſen.“ Dieſe letzten Worte ſprach Jvar mit gedämpfter Stimme und mit beſonderem Nachdruck. Olga fuhr zuſammen und ſah zu ihm auf. Sein Auge weilte mit einem ſtrengen und kalten Aus⸗ druck auf ihr. Der Blick, welchen ſie wechſelten, ſchloß ungemein viel in ſich. „Mit zwanzig Jahren, Herr Ingenieur, iſt man 88 dergleichen kindiſchen Einbildungen entwachſen,“ ant⸗ wortete Olga. „Ja, ich merke es. Geben Sie jedoch zu, daß es den Kindern von Edelleuten im Allgemeinen ſchwer fällt, mit Leuten aus dem Volke umzugehen. Sie meinen, dieſelben ſtehen ſo tief unter ihnen, daß ſie es für eine beſondere Güte halten, bei Ge⸗ legenheiten, wie dieſe hier, mit ihnen zu tanzen oder überhaupt in Berührung zu kommen.“ „Sie haben Unrecht, wenn Sie glauben, dieſes Gefühl entſpringe daraus, daß ich Fräulein Callen⸗ ſtierna bin, und der junge Burſche, mit welchem ich tanzte, der Schmied⸗Peter iſt. Nein, es kommt da⸗ her, daß ich andere Gewohnheiten, mehr Bildung und Lebensart habe als er, welcher niemals als meines⸗ gleichen betrachtet werden kann.“ „Aber wenn dieſer ungebildete Jüngling der Sohn eines Oberſts oder eines Grafen wäre, dann würden Sie es nicht als eine Gnade anſehen, wenn Sie mit ihm tanzten, ſondern nur beklagen, daß er keine beſſere Erziehung genoſſen hat.“ „Sie irren ſich gewaltig,“ rief Olga,„wenn Sie glauben, ich habe größere Achtung vor dem unge⸗ bildeten Edelmann, als vor dem unwiſſenden Schmied.“ „Den erſtern empfangen Sie aber dennoch in Ihrem Salon, während Sie es als eine Schmach betrachten würden, dem letzteren die Thüre zu öffnen.“ „Vergeſſen Sie jedenfalls nicht, daß wir Skla⸗ ven der Achtung vor einem berühmten Namen und hohen Rang ſind.“ 89 „Vor einem Namen, ſagen Sie!“ entgegnete Jvar lächelnd.„Dos iſt ja bloß ein leeres Wort, das nichts mit der Tüchtigkeit deſſen, der den Na⸗ men führt, ſondern deſſen, der ihm einmal Ehre ge⸗ macht, zu thun hat. Das Erbe dieſes Namens kann unmöglich Jemand Anſpruch auf Achtung ge⸗ währen, wofern er nicht ſelbſt ihm Ehre macht. Wir wollen ein paar Beiſpiele annehmen. Da haben wir auf der einen Seite Schmied⸗Peter, einen flin⸗ ken und geſchickten Arbeiter, der die beſte Hoffnung gewährt, daß er dereinſt in ſeinem Fach etwas Un⸗ gewöhnliches leiſtet; auf der andern Seite den Sohn des Baron., Lieutenant Knut, von gleichem Alter mit Peter. Knut X. iſt als ein nichtsnutziger, un⸗ wiſſender und laſterhafter junger Mann bekannt. Es fehlt ihm an äußerer Politur, er iſt roh und dumm, ſomit ohne allen Menſchenwerth. Nun for⸗ dert er Sie zu einem Tanz auf; Sie finden es mög⸗ licher Weiſe unangenehm, mit ihm tanzen zu müſ⸗ ſen, aber betrachten es nicht als eine Gunſt der Herablaſſung. Geben Sie zu, daß ich Recht habe?“ „Bis zu einem gewiſſen Grade ja, denn Knut. wird allerdings als ein Unglück in ſeiner Familie angeſehen, aber aus Achtung für dieſe zeigt man ihm nicht, wie gering er geachtet wird.“ „Laſſen Sie uns einen Augenblick bei dieſer Rückſicht auf ſeine Familie verweilen. Zeichnen ſich wirklich die Mitglieder von der Familie des Baron X. durch irgend hervorragende Eigenſchaften aus, welche zur Achtung berechtigen? Der Baron ſelbſt, als Spieler und Zechbruder bekannt, iſt ein Ver⸗ ſchwender, welcher einen großen Theil ſeines Vermö⸗ 90 gens durchgebracht hat. Sein Leben lang hat er nicht ein einziges nützliches Werk gethan, oder et⸗ was Gutes ausgerichtet. Die Baronin iſt eine Per⸗ ſon, welche ſich nur durch ihre Dummheit, ihren Hochmuth und ihre Eitelkeit hervorthut. Sie iſt eine ſchlechte Mutter, eine ſchlechte Gattin und eine ſchlechte Frau geweſen. Nun wohl, was berechtigt dieſe beiden, von Andern Rückſichten auf einen Sohn zu verlangen, der bei ſolchen Eltern nicht beſſer werden konnte? Verdient Schmiedpeters Vater, der immer ein brauchbarer Arbeiter geweſen iſt und ſeinen Platz auf rühmenswerthe Art ausgefüllt, der ſich und den Seinigen ein Auskommen verſchafft hat, nicht mehr Achtung als dieſer Edelmann? Und iſt denn nicht die fleißige, ſittſame Frau des Schmiedes mehr werth, als jene Dame, welche gleich einem gedan⸗ kenloſen Stück Vieh ihr Leben in eitel Thorheit da⸗ hingeſchleppt hat? Welche Ausſichten bieten ſich endlich dem Sohn des Schmiedes und dem des Edelmanns? Der erſtere wird unzweifelhaft eines Tages durch ſeine Arbeit und Geſchicklichkeit eine ökonomiſch voll⸗ tommen unabhängige Stellung ſich geſchaffen haben und die Genugthuung mit ins Grab nehmen, daß er ſeinen Platz im Leben auf eine würdige Art ausge⸗ füllt hat. Der letztere wird als ein an Leib und Seele verdorbener Wicht enden, nachdem er andere Unglückliche, welche ihm in den Weg kommen, ins Elend geſtürzt hat. Sagen Sie mir nun, wer von dieſen beiden iſt der Edelmann von Natur aus? Unter Edelmann verſtehen wir Jemand, der höher, trefflicher und durch ſeine Eigenſchaften achtungswer⸗ ther iſt, als die gewöhnlichen Menſchen. Die Ver⸗ 91 nunft wird Ihnen, mein Fräulein, unwillkürlich trotz aller Vorurtheile ſagen, daß derjenige, welcher ſich ſelber Bahn bricht und einen Namen ſchafft, mehr Adel beſitzt, als derjenige, welcher dieſen ererbt hat. Doch Vergebung, ich habe Sie mit meinem Gerede über den Adel der Arbeit ermüdet.“ Jvar erhob ſich, indem er hinzuſetzte: „Nun will ich mit einem der hübſchen Mädchen hier mich herumſchwenken.“ Er ging. Olga blieb eine Weile ſitzen und ſah ihm nach. „Er iſt bei weitem nicht ſo ſchön und angenehm wie Evert,“ äußerte ſie kurz darauf gegen Stephana zur Antwort auf die Frage, wie ſich Jvar beim Tanze ausnehme. Sie wartete den ganzen Abend, daß er ſie auch auffordern würde; aber ihr Warten war vergeblich. Als die Herrſchaft von Kungsborg, nachdem ſie ein paar Stunden auf dem Tanzplatz verweilt hatte, heimkehrte, entſchuldigte ſich Jvar, daß er ſie nicht begleite. Er wollte noch bleiben. Dieſer Zug dünkte Olga allerdings minder artig, im Ganzen aber er⸗ ſchien ihr die Sache vollkommen gleichgültig. Von dieſem Abend an ließ ſich Jvar nicht mehr zu Kungsborg ſehen. Er war nun wieder von Me⸗ ditationen in Anſpruch genommen, welche ſeinen Geiſt ausſchließlich beſchäftigten, und Jacobo kam immer allein. Auch die Beſuche von dieſem wurden ſeltener. Kurt ſah ſich nun ganz allein die Aufgqbe geſtellt, die Damen zu unterhalten; dieß geſchah jedoch ſehr ſpärlich. Er war unaufhörlich an der Arbeit. Er hatte zu Kungsborg und zu Furuhof 92 zu bauen angefangen und außerdem auch von Nach⸗ barn ähnliche Geſchäfte übernommen. Dieß alles veranlaßte ihn zu beſtändigem Hin⸗ und Herreiſen und geſtattete ihm keine Ruhe. So vergingen drei Wochen. Sie waren ſo ruhig geweſen, daß Conſtanze beinahe ihre Befürchtungen in Bezug auf Evert und Hlga vergaß, beſonders als Graf⸗Romarhjerta nun heimkehrte. Sie lächelte beinahe darüber, daß ſie ſich durch jene Drohungen hatte ſchrecken laſſen. Auch hatte ſie Olga genugfam aus⸗ geforſcht, um zu der Ueberzeugung zu gelangen, daß dieſe ganz und gar nicht in Cvert verliebt war. Ihre heitere, leichte und poetiſche Sinnesart ſchien überhaupt für tiefe und ſtarke Leidenſchaften nicht geſchaffen. Die lebhaften und wechſelnden Eindrücke wirkten dergleichen völlig entgegen. Conſtanze begann nun davon zu reden, daß es Zeit für ſie wäre, nach Sturesjö heimzukehren. Olga bat ſie aber ſo inſtändig, noch um eine kurze Zeit den Aufenthalt in Kungsborg zu verlängern, daß die Abreiſe aufgeſchoben wurde. Der letzte Tag von den drei Wochen, welche Evert Conſtanze Bedentzeit gegeben, war da.“ Zu⸗ fällig war ſie in Kungsborg ganz allein. Olga und Stephana hatte den Grafen begleitet, um mit ihm die neuen Bauten, welche Kurt in Angriff genommen, zu beſichtigen. Conſtanze, welche ſehr gern einſam in der Gegend herumſtreifte, hatte eben ihren Schäferhut aufgeſetzt und wollte einen Spaziergang zu dem Waſſerfall antreten, als Eklund ihr einen Brief überreichte. Sie warf einen Blick auf die Adreſſe und erkannte 93 Everts Hand. Mit einem höchſt unbehaglichen Ge⸗ fühl erbrach ſie das Siegel. Seit Graf Hermanns Heimkehr hatte ſie gar nicht an Arelhjelm gedacht. Nun drängte er ſich ihrer Erinnerung wieder auf. Der Brief lautete wie folgt: „Heute iſt Ihre Bedenkzeit zu Ende. Ich habe in der Eigenſchaft eines Feindes mehr als ritterlich gehandelt, indem ich Ihnen das Feld vollkommen frei ließ, ſo daß Sie meinen Planen entgegenarbeiten und mich bei Ihrer Schweſter zum Gegenſtand des Abſcheu's machen konnten. Ich wünſche, Sie mögen Ihre Zeit recht gut angewendet haben. Deſto größer wäre mein Triumph. Noch mehr, ich bin nicht eher zurückgekehrt, als bis Onkel Romarhſerta wieder da war, damit Sie zu ſeiner Hülfe Ihre Zuflucht nehmen könnten. Wohlan, mein Fräulein, obwohl ich Ihnen alle möglichen Vortheile eingeräumt habe, erkläre ich Ihnen hiemit, daß, im Fall es Ihnen nicht be⸗ liebt, mir vor Morgen Mittag Ihre Hand zu reichen, Olga vor Morgen Abend meine Braut Fn Der Inhalt dieſes Briefs hatte in Conſtanze's Bruſt wieder große Unruhe erweckt. Der beabſich⸗ tigte Spaziergang verlor aflen Reiz. Sie blieb alſo auf der Veranda ſitzen, um zu überlegen, welche Maßregeln ſie ergreifen ſollte; aber wie ſie die Sache auch betrachten mochte, brachte ſie doch nicht heraus, welche Mittel wohl Evert, um einen ſolchen Zwang auf Olga auszuüben, zu Gebot ſtehen möchten. Mit dem Grafen Hermann darüber zu reden, kam ihr lächerlich vor. Ein vernünſtiger Grund zur Furcht 94 war ja nicht vorhanden. Alles was ſie zu thun hatte, war, Olga zu warnen. Auf ſolche Art ſuchte Conſtanze ſich ſelbſt zu beruhigen. Jacobo's Ankunft in Kungsborg zwang ihre Ge⸗ danken, eine andere Richtung zu nehmen. „Die Romarhjertas ſind ausgefahren, höre ich,“ ſagte Lange und nahm neben Conſtanze Platz.„Be⸗ abſichtigen Sie, mein Fräulein, eine Promenade zu machen, ſo laſſen Sie ſich durch meine Anweſenheit nicht abhalten,“ äußerte er, als er ihren Schäferhut gewahr wurde. „Ich hatte wirklich die Abſicht, eine ſolche zu machen; aber nun iſt mir die Luſt vergangen.“ „Die Veränderlichkeit in Ihren Neigungen ver⸗ läugnet ſich nicht. Sie wechſeln mit einer erſtaun⸗ lichen Leichtigkeit Ihre Gefühle.“ „Dießmal habe ich es wenigſtens nicht aus Laune gethan.“ Es trat ein kurzes Stillſchweigen ein. Jacobo machte demſelben ein Ende, indem er wieder das Wort nahm: „Im Allgemeinen legt man den Frauen der beſſern Klaſſe größere Launenhaftigkeit zur Laſt, als den Männern. Die Urſache davon aber iſt nicht in deren Natur, ſondern in deren Gewohnheiten zu ſuchen. Die reichen Frauen führen ja ein vollkommen be⸗ ſchäftigungsloſes Leben. Dieß geſtattet der Einbil⸗ dungskraft eine freie und ungehinderte Wirkſamkeit. Sie folgen allen Eingebungen der Phantaſie, ohne nur einmal darüber nachzudenken. Sie müſſen ſich auf irgend eine Weiſe Zerſtreuung machen.“ 95 „Iſt dieß nicht ein allzuſtrenges Urtheil? „Darüber müſſen Sie ſelbſt entſcheiden. Laſſen Sie uns einen Augenblick deren Leben etwas näher in Betracht ziehen. Sagen Sie mir, wie viele der⸗ ſelben Ihrer Meinung nach die Frage an ſich ſelbſt ſtellen: Was iſt eigentlich der Zweck meiner Exiſtenz? Was für Gutes ſchaffe ich mit meinem Leben?— Ich wage zu behaupten, daß beinahe keine das Nutzloſe ihres Daſeins in Ueberleg ht. Die vornehme und reiche Dame wird zu eiem Lurusartikel, aber nicht zu einem denkenden Weſen erzogen. Iſt ſie noch dazu ſchön und zufällig bei fünfundzwanzig Johren noch unverheirathet, womit ſoll ſie dann ihre Zeit umbringen? Mit Toilettemachen, Reiten, Fahren, Spazierengehen, Fetengehen. Ballbeſuchen und— Kokettiren. Hat ſie ven ven Natur eine lebhafte Sinnesart erhalten, ſo muß ſie in Folge der Ge⸗ wohnheit, allen Eindrücken nachzugeben, launenhaft und wandelbar werden. Die Phantaſie wird die Leiterin ihrer Handlungen, und das Reſultat iſt, daß ſie auch nicht eine Woche lang für eine und die⸗ ſelbe Idee leben kann. Das geringſte nicht voraus⸗ geſehene Ereigniß genügt, um alle ihre Entſchlüſſe und Vorſätze über den Haufen zu werfen. Eine ſolche Frau wechſelt Neigung, Ueberzeugung Gefühl und Liebe mit derſelben Leichtigkeit, wie wir andern die Kleider. Wir haben jedoch Unrecht, ihnen dieſen Mangel an Feſtigkeit zum Vorwurf zu machen. Wir müſſen die Umſtände anklagen, wodurch ſie in ſo⸗ genannte glückliche Verhältniſſe verſetzt wurden, S deren Natur zerſtört oder vielmehr mißleitet aben.“ 96 „Was Sie da ſagen, iſt wahr, aber nur zum Theil. Sie haben mit dem gewöhnlichen Uebermuth Ihres Geſchlechtes nur von der Frau, aber nicht von dem Mann in der reichen und vornehmen Welt geſprochen. Die Fehler, welche Sie jetzt ihr allein Schuld geben, haben gewiß ihr Gegenbild bei ihm.“ „Allerdings, aber es iſt ganz gegen die Natur des Mannes, ein gemächliches Leben zu führen. Es geſchieht auch, daß während jene ſich einer Launen⸗ haftigkeit oder einer kindiſchen Eitelkeit überläßt, dieſer ſich in Ausſchweifungen ſtürzt. Allgemein betrachtet, liegt aber mehr Vernunft in der Erziehung des Mannes. Der reichſte Vater ſucht auch ſeinen untüchtigſten Sohn zu einem Amt oder Geſchäft heranzubilden; wenn nichts Anderes, ſo macht er ihn zu einem Militär⸗ oder Seemann. Er wird fomit immer beſtimmt, einen gegebenen Beruf, ſo gering er auch ſein mag, auszufüllen. Die reiche Frau hingegen wird dazu erzogen, ihre Zeit mit Romanlectüre, Stickerei und Feten zu verſchwenden, dabei bedient und ausgeſtattet, wie ein Weſen, wel⸗ ches nur dazu da iſt, eine Muſterkarte aller mög⸗ lichen Kleiderſtoffe darzuſtellen. Hat die Natur ihr einen Funken von gewöhnlichem geſundem Menſchen⸗ verſtand gegeben, ſo muß ſie unwillkürlich durch dieſe Rolle ſich erniedrigt fühlen. Sie klagen mich an, daß ich Ihr Geſchlecht gering achte. Fräulein Con⸗ ſtanze, ich habe viel zu innig geliebt, um die Frau nicht hochzuſchätzen. Mein Urtheil hat nur auf die⸗ jenigen Bezug, welche den müßiggängeriſchen Theil Ihres Geſchlechts ausmachen, und durchaus nicht 6 die Frauen der Mittelklaſſen.“ 97 „Aber Sie werden doch nicht behaupten wollen, daß alle reichen Frauen dergleichen Blumen ſind, welche nur die Beſtimmung haben, einen Salon zu ſchmücken,“ „Bis zu einem gewiſſen Grade allerdings. Richt alle ſpielen die Rolle der Kokette oder Salondame; aber alle verſchleudern ihr Leben und treiben mehr oder minder mit dem Wind ihrer Launen. Sie zum Beiſpiel. Sie ſind eine allzu intelligente Dame, um an dem engen Kreis des Geſellſchaftslebens, oder an den Triumphen, die Sie da gewinnen können, Ver⸗ gnügen zu finden. Sie müſſen hinaus in die Welt, und bei Ihrer unruhigen Gemüthsart und der Ge⸗ wohnheit, jeder augenblicklichen Stimmung der Phan⸗ taſie Folge zu leiſten, müſſen Sie Abwechslung haben. So finden Sie zum Exempel es einförmig, hier zu weilen, und ohne einen andern Grund als einen bloßen Einfall, gehen Sie auf Reiſen. Reich und unbedachtſam, haben Sie blos einen Zweck vor Augen, nämlich den, der Langeweile zu entgehen.“ „Wiſſen Sie, Herr Lange, was ich beim Anhören Ihrer Worte gedacht habe?— daß der Glaube an uns ſelbſt uns unduldſam gegen Andere macht. Sie kennen Ihre Ueberlegenheit, und darum glauben Sie das Recht zu haben, Jedermann unfreundlich zu be⸗ urtheilen, welcher mit Fehlern behaftet iſt, wovon Sie frei ſind. Gleichwohl hörte ich einmal von Ihnen ſagen, daß Sie den chriſtlichſten Sinn beſäßen, den man nur haben könnte. Dieß iſt nicht wahr.“ Eigene Mühe und Arbeit mag immer zum Bewußtſein perſönlichen Werthes berechtigen; Sie aber hat dieſer Schwartz, Arbeit adelt den Mann. II. 7 98 Adel der Arbeit ſo übermüthig gemacht, als es bei dem Beſitz ererbten Adels nur möglich iſt.“ So hatte Conſtanze mit Jacobo ſeit ihrer erſten Bekanntſchaft nicht mehr geſprochen, und wir müſſen geſtehen, er war dieſer Sprache ſo ungewohnt, daß ſie jetzt, wie ehmals, ihn überraſchte und ein wenig verdroß. Er heftete die Augen auf ſie und antwor⸗ tete lächelnd: „Iſt es ein Beweis von Unduldſamkeit, wenn ich eine Wohrheit ausſpreche?“ „Ja, im Fall Sie Ihre Auffaſſung von dem Charakter einer Perſon für unbeſtreitbar wahr und richtig anerkannt wiſſen wollen. Sie ſtehen, Herr Lange, in dem Rufe eines Mannes, der nicht allein nach ökonomiſcher Unabhängigkeit und Selbſtſtändig⸗ keit, ſondern auch nach morgliſcher Vollendung ſtrebt, und ſollten darum am allerwenigſten eines ſo un⸗ freundlichen Urtheils ſich ſchuldig machen.“ „Und warum ich weniger als Andere? Von ei⸗ nem„amerikaniſchen Glücksritter“, wie ich, dürfen Sie doch wohl keine höhern moraliſchen Eigenſchaften erwarten.“ 4 Jacobo's Ton war bitter. Zum erſten Mal hatte er ſich auf die von Conſtanze ihm widerfahrene Be⸗ leidigung anzuſpielen erlaubt. Conſtanze erbleichte, ſo heftig war ihre innere Bewegung. Sie ſah ihn an, ſtand auf und ſagte: „Waren auch jetzt Ihre Worte von dem Geiſt der Verſöhnlichkeit, der eines Chriſten größte Tugend ausmacht, eingegeben? Herr Lange, beurtheilen Sie ſich ſelbſt unparteiiſch, wenn es möglich iſt. Sehen 99 Sie dann, wie das Urtheil in Bezug auf die eben von Ihnen beliebte Anſpielung ausfällt.“ Sie ging in den Salon. Eine lange Weile blieb Jacobo ſitzen. Endlich ſtand er auf und ging in den Saal hinein. Er ſah Conſtanze vor der nach dem Garten geöffneten Glas⸗ thüre ſitzen. „Fräulein Conſtanze, Sie haben mir heute Abend eine ſcharfe Lection gegeben; ich ſtehe deßhalb in Ihrer Schuld,“ ſagte er. „Das heißt. Sie glauben, die Reihe ſei jetzt an Ihnen, mir eine ſolche zu geben.“ „Nein, Sie mißverſtehen mich; meine Schuld iſt die der Erkenntlichkeit,“ entgegnete er, ihre Hand faſſend. „Sagen Sie geradezu, daß ich ein ſchlechter Chriſt bin.“ Conſtanze ſah zu ihm auf mit einem Blick, der etwas unwiderſtehlich Einnehmendes hatte. Lange ließ ihre Hand los und ſetzte ſcherzend, indem er den Blick von ihrem Geſicht abwandte, hinzu: „Sie haben ſich dadurch, daß Sie meine Unver⸗ ſöhnlichkeit tadelten, ſelbſt das Recht beigelegt, es zu ſein. Somit müſſen Sie die meinige mir vergeben.“ Conſtanze ſchwieg. Sie empfand eine gewiſſe Bitterkeit gegen Jacdbo wegen ſeiner letzten Bewe⸗ gung. Jeder Schimmer von Freundlichkeit ſchien auf Lange unangenehm zu wirken. „O ich Elende, die ich nicht Stolz und Kraft ge⸗ nug beſitze, dieſes unglückſelige Gefühl in der Tiefe meines Herzens zu verbergen!“ dachte Conſtanze. „Dieſer ſtolze und eingebildete Mann ſoll alſo den Triumph haben meine Schwäche zu ahnen“ 100 Sie hätte vor Demüthigung, Verdruß und ver⸗ wundetem Selbſtgefühl weinen mögen. „Sie haben einen Brief verloren, Fräulein.“ Es war der von Evert. Lange's Blick fiel auf die Adreſſe. Er erkannte die Handſchrift. „Schreibt Evert Arelhjelm an Sie?“ fragte er in einem Ton, welcher eine unangenehme Ueber⸗ raſchung ausdrückte. „Ja,“ antwortete Conſtanze mit einem Seufßzer, welcher durch die Erinnerung an den Inhalt des Briefs hervorgerufen wurde. Sie hatte ihn während des Geſprächs mit Lange beinahe vergeſſen. „Sie ſpielen ein hohes Spiel, Fräulein Callen⸗ ſtierna,“ bemerkte Jacobo ſtreng. „Inwiefern?“ „Brauche ich das wirklich zu ſagen? Doch, was geht das mich an? Ich habe kein Recht, Ihre Hand⸗ lungen zu tadeln. Wäre ich Ihr Freund, ſo würde ich Sie bitten, vorſichtiger zu ſein. Es iſt ein ſchlech⸗ ter Zeitvertreib, Jedermanns Huldigung anzuneh⸗ men, wenn man keinen andern Genuß davon hat, als befriedigte Eitelkeit.“ Stephana's und Hermanns Eintritt machten dem weitern Geſpräch ein Ende. Conſtanze fragte ſo⸗ gleich nach Olga und erhielt zur Antwort, daß ſie unterwegs von dem Probſt und ſeiner Frau ent⸗ führt worden ſei, welche eben nach Kungsborg ge⸗ wollt hätten, um das kleine Fräulein auf ein paar Tage in die Probſtei mitzunehmen. Die Probſtin hatte Olga längſt verſprochen, ſie nach ihren Sennhütten zu führen, welche auf einem 101 ziemlich großen Eilande eine halbe Meile draußen in den Scheren ſich befanden. Sie gedachte nun, am folgenden Tag dorthin zu fahren, und darum ſchloß Olga ſich ihr an, wie ſie ging und ſtand. Conſtanze fühlte eine wirkliche Erleichterung bei dem Gedanken, daß Olga von Kungsborg fern und ſomit Everts Nachbarſchaft entrückt war, da ſie da⸗ durch Zeit gewann, mit dem verhaßten Menſchen zuſammenzutreffen und ihn wo möglich zur Vernunft zu bringen. Conſtanze glaubte immer noch an ihre Macht. Sie betrachtete Evert als einen Menſchen ohne Cha⸗ rakter und Haltung, als einen Sclaven ſeiner Lei⸗ denſchaften, der fonſt in ſeinem Thun aller Conſe⸗ quenz ermangelte. Mit einem Wort, er war ihrer Meinung nach wohl mit Kühnheit, aber nicht mit Feſtigkeit begabt, und ſeine Stärke beſtand nur darin, die Vortheile, welche der Augenblick bot, ſich zu Nutzen zu machen. Es iſt eine Eigenheit in unſerem Gemüth, daß es ſich keinen ſchlechten Charakter denken kann, ohne die eigene Art und Weiſe auf denſelben überzutra⸗ gen. Daher kommt es, daß ein guter und edler Menſch niemals einen Schurken recht verſtehen oder fürchten lernen kann. XIII. Als Lange nach Hauſe ritt, erklangen Con⸗ ſtanze's Worte unaufhörlich in ſeiner Seele. Er begann ſein Benehmen gegen ſie zu überdenken und 102 mußte zugeben, daß er ſtreng und unverſöhnlich ge⸗ handelt. Jahre waren vergangen, neue Ereigniſſe hatten die alten abgelöst, und dennoch war es, als er ſie wiederſah, als ob erſt einige wenige Tage zwiſchen dem Abend, wo ſie ihn beleidigt hatte, und der gegenwärtigen Stunde lägen, ſo lebhaft ſtand die Erinnerung daran vor ihm. Sein verwundeter Stolz hatte keine ſchonende und unparteiiſche Beurtheilung ihres Benehmens geſtattet, obſchon daſſelbe als eine Folge ihres zur Uebereilung geneigten Charakters leicht entſchuldbar geweſen wäre. Er hatte nur mit Strenge ver⸗ dammt und gefliſſentlich vor Allem, was ihre Hand⸗ lungsweiſe rechtfertigen konnte, die Augen ver⸗ ſchloſſen. Monate waren ſeit ihrer Heimkehr vergangen. Lange hatte ſie beinahe täglich geſehen, aber ſtets mit jenem Gefühl des Verdruſſes, welches durch die verletzte Eigenliebe erzeugt wird. Er ſuchte unauf⸗ hörlich an allem ihrem Reden und Thun Etwas zu mäkeln und bemühte ſich mit der größten Hartnäckig⸗ keit, tadelnswerthen Beweggründen nachzuſpüren, welche ihm ein Recht zur Mißbilligung gewähren könnten. Genug, unſer Freund Lange ließ ſich bei allen ſeinen guten Eigenſchaften, wie jeder andere Adams⸗ ſohn, völlig von ſeiner gereizten Eigenliebe beherr⸗ ſchen, während er die irrige Ueberzeugung hegte, er werde ausſchließlich von einem ſtrengen Rechtsgefühl geleitet. Conſtanze's unerſchrockener und directer An⸗ griff auf ſeine Härte hatte ihn zuerſt überraſcht und geärgert, aber ihm hernach Achtung eingeflößt. 103 Die Wahrheit bringt immer das Gute mit ſich. daß wir im Stillen denjenigen hochachten, welcher die Sprache derſelben führt, auch wenn unſere Eitel⸗ keit darunter leidet. Lange mußte bei ſich ſelbſt erkennen, daß er jede andere Perſon als Conſtanze ſchonender beurtheilt haben würde. Gegen ſie war er ſtreng geweſen, weil er ſie geliebt, und weil ſie ſeiner Meinung nach den Werth dieſer Liebe nicht verſtanden, ſondern ein Herz wie das ſeinige zu verletzen gewagt hatte. Für dieſe Uebereilung gab es keinen Pardon. Er war ungerecht ſtreng geweſen, weil das Verbrechen an ihm begangen worden war. „Ich liebe ſie nicht mehr,“ dachte Lange,„und muß daher gerecht ſein können, weil mein Urtheil durch keine Leidenſchaft irregeleitet wird.“ XIV. Am nächſten Morgen ſandte Conſtanze ein Bil⸗ let an Evert. Daſſelbe lautete folgendermaßen. „Sie begehren von miv eine Antwort. Was ſoll dieſelbe enthalten? Sie wiſſen, ich habe Ihnen längſt geſagt, daß ich das ernſte und heilige Gelübde ge⸗ than habe, mein Schickſal niemals mit dem eines andern Mannes zu vereinigen, als deſſen, welchen ich liebe. Nicht minder iſt Ihnen bekannt, daß ich Sie niemals geliebt habe und niemals lieben werde. Sie haben mich einmal ſo tödtlich beleidigt, daß Sie ſelbſt einſehen ſollten, wie unmöglich es für uns iſt, neben einander zu leben. Weßhalb alſo Worte über 104 Etwas verlieren, was eine Unmöglichkeit bleibt, näm⸗ lich eine Verbindung zwiſchen uns? „Was nun Ihre Drohungen in Bezug auf Olga betrifft, ſo will ich nicht ſo ſchlecht von Ihnen denken, daß Sie, im Fall Ihnen ein Mittel hiefür zu Gebot ſtände, Olga zu einem bindenden Verſprechen zwingen würden.— Was gewännen Sie damit? Nichts. „Laſſen Sie mich wenigſtens glauben, daß ſich noch ein Funke von Ehre bei einem Mann findet, der ſo Vieles zu ſühnen hat.“ Conſtanze Callenſtjerna.“ Als der Bote von Stahlhammer zurückkam, brachte er keine Antwort mit. Baron Axelhjelm hatte blos grüßen laſſen. Conſtanze ließ ſich durch den Gedanken, daß Evert in Stahlhammer ſei, in hohem Grade be⸗ ruhigen. Sie hatte für den Augenblick alſo Nichts zu befürchten. Am Nachmittag fand ſich Evert auf eine Weile ein. Er unterhielt ſich meiſtens mit Stephana und erkundigte ſich gar nicht nach Olga. An Conſtanze hatte er kein einziges Wort gerichtet, obwohl beide zehn Minuten lang ganz allein im Salon geweſen waren. Als er Abſchied nahm, ſagte mit einem eigenthümlichen Lächeln und in bedeutungsvollem Ton zu ihr: „Wir ſehen morgen einander wieder.“ Unerklärlich genug vermochte Conſtanze in dieſer Nacht faſt kein Auge zu ſchließen. Sie wurde von einer Unruhe geplagt, welche jeden Schlaf verjagte. Gegen Morgen ſchlummerte ſie ein, und im Traume kam es ihr vor, als klage ihr Vater ſie an, daß ſie über Olga's Glück nicht ſo gewacht habe, wie es 105 ihre Schuldigkeit geweſen. Erſchrocken fuhr ſie aus dem Schlaf empor, als ſie gerade von ihrem Vater die Worte zu hören glaubte:„Du biſt Schuld an deiner Schweſter Unglück!“ Das Erſte, worauf ihr Auge traf, als ſie die⸗ ſelben aufſchlug, war ein Brief, welcher auf ihrem Nachttiſch lag. Beim Anblick deſſelben empfand ſie eine eigenthümliche Beklemmung, und eine Mi⸗ nute gebrach es ihr an Muth, die Hand darnach auszuſtrecken und zu ſehen, von wem er wäre oder was er enthielt. Eine Ahnung ſagte ihr, daß er von Evert kam. Sie irrte ſich nicht. Der erſte Blick auf die Adreſſe beſtätigte ihre Vermuthung. „Welche neue Unannehmlichkeit wird es da wieder geben,“ dachte Conſtanze und erbrach das Siegel. In dem Briefe ſtanden blos die Worte: „Olga iſt mein.“ Er war von geſtern Abend zehn Uhr datirt. Conſtanze klingelte ſofort ihrer Kammerjungfer. Als dieſelbe eintrat, glaubte ſie, ihr Fräulein wäre krank, ſo bleich ſah Conſtanze aus. „Kleide mich ſchnell an!“ war Alles, was ſie über ihre farbloſen und zitternden Lippen zu bringen vermochte. Sie wußte nicht klar, was ſie thun ſollte, nur das fühlte ſie, daß ſie Leib und Blut aufzu⸗ opfern geneigt war, um Olga vor dieſer verabſcheuens⸗ werthen Verbindung zu bewahren. Als ſie angekleidet war und gerade das Zimmer verlaſſen wollte, ging die Thüre auf und Olga trat ein. Auch ſie war bleich, ſah aber doch vollkommen 106 ruhig aus. Nicht eine Spur von Erregung oder Schmerz ſtand in ihrem Angeſicht zu leſen. „Ich glaubte mich ſo zeitig aufgemacht zu haben, daß ich Dich noch im Bette treffen würde,“ äußerte Olga, indem ſie ſich auf den kleinen Sopha warf. „Wenn Du Minna nicht brauchſt, ſo ſchicke ſie fort; ich wünſche mit Dir zu ſprechen.“ Minna wurde verabſchiedet, und die Thüre hatte ſich kaum hinter ihr geſchloſſen, ſo rief Conſtanze aus: „Um Gottes willen, Olga, ſage mir, iſt es wahr, däß „Ich Evert Axelhjelm meine Hand verſprochen habe? Ja!“ „Kind, was haſt Du gethan!“ fuhr Conſtanze in Verzweiflung fort, indem ſie ſich vor Olga auf die Kniee warf und ihre beiden Hände faßte,„o ich Un⸗ glückliche, daß ich nicht beſſer über Dich gewacht habe und deinen Worten glaubte, als Du mir ſagteſt, Du liebeſt ihn nicht. Olga, meiu Herzenskihd, Du mußt, Du wirſt dein Verſprechen wieder zurückneh⸗ men. Du kannſt und ſollſt niemals ſeine Frau werden, und müßte ich Dich mit Gewalt aus den Klauen des Elenden reißen.“ „Conſtanze, faſſe Dich!“ bat Olga, ihre Schweſter ſtreichelnd.„Du biſt ja ſo aufgeregt, daß Du kaum weißt, was Du ſagſt, gerade als ob irgend ein großes Unglück geſchehen wäre, und doch handelt es ſich um weiter Nichts, als daß ich einem jungen, liebens⸗ würdigen und ſchönen Manne Hand und Herz ver⸗ ſprochen habe.“ Olga lächelte. —— 107 „Wie kannſt Du in einem ſo gräßlichen Augen⸗ blicke lächeln!“ fiel Conſtanze ein. „Hältſt Du es etwa für beſſer, wenn ich weinte?“ „Olga, aus Gnade, aus Barmherzigkeit, höre auf zu ſcherzen. Sage mir, durch welche ſata⸗ niſchen Künſte es ihm gelungen iſt, Dir dieſes Ver⸗ ſprechen abzuſchmeicheln.“ Er hat mir Nichts abgeſchmeichelt. Ich habe ihm meine Hand ganz freiwillig gegeben.“ „Wie!“ rief Conſtanze und ſchaute angſtvoll die Schweſter an.„Aber Du haſt mir ja noch vor Kurzem geſagt, Du wollteſt Evert nicht zum Manne nehmen, Du....“ „Ich würde ihn erſuchen, in einem Johre wieder zu kommen,“ fiel ihr Olga mit einer gewiſſen Unge⸗ duld ins Wort.„Ja, das iſt wahr, meine liebe Schweſter, aber Du weißt auch, daß wir Frauen, was Herzensgeheimniſſe betrifft, ſelten anfrichtig ſind. Das, was wir wenig nennen, iſt oft das, was unſer Herz am liebſten hat.— Kurz und gut, ich heirathe jetzt Evert.“ „Du glaubſt vielleicht an die Liebesverſicherungen dieſes Elenden. Du glaubſt Dich unentbehrlich für ſein Leben, aber Du irrſt dich. Er....“ „Liebt Dich ich weiß es,“ fiel Olga mit dem ruhigſten Ton von der Welt ein, obwohl ein ner⸗ vöſes Zucken der Augenbraunen zu erkennen gab, daß dieſer Gedanke ihr peinlich war.„Conſtanze,“ fuhr ſie ernſt und mit geſenkter Stimme fort,„höre jetzt an, was ich ſage. Evert hat mir von Allem erzählt, von ſeinen Drohungen gegen Dich, deren er ſich be⸗ 108 diente, um wo möglich deine Zuſage zu einer Ver⸗ bindung zwiſchen Dir und ihm zu erzwingen. Ich kenne den Inhalt des Briefes, welchen er Dir vor⸗ geſtern ſchrieb, ich weiß auch, was in dem Billet dort ſteht. Du kannſt mir nichts Neues mittheilen. Trotz allem dieſem bin ich jetzt Everts Braut, und in ein paar Tagen erfolgt die Verlobung.— Er⸗ bleiche nicht, erſchrick nicht, ſondern bemühe Dich, mit vollkommener Ruhe mich zu Ende zu hören. Du darfſt weder Tante Stephana, noch den Onkel in alle thörichten Worte und Handlungen Everts ein⸗ weihen. Ich willes nicht. Und wenn Du Himmel und Erde bewegteſt, ſo würdeſt Du, bei Gott und dem Andenken unſeres Vaters, nicht im Stande ſein, mich und Evert zu trennen. Ich werde trotz Allem ſeine Frau. Es entſtand eine Pauſe. OHiga hatte mit einer Ruhe und Kälte, die ihr ſonſt gar nicht eigen war, und mit einer Beſtimmt⸗ heit geſprochen, daß Conſtanze ſich von der Uner⸗ ſchütterlichkeit ihres Entſchluſſes überzeugte. Sie weinte und bedeckte ſich das Geſicht mit den Händen. Es war ihr, als hörte ſie unaufhörlich die Worte, welche ihr Vater im Traume gegen ſie geäußert hatte: Du biſt Olga's Unglück!“ Olga betrachtete die weinende Schweſter— mit einem Blick voll des innigſten Mitleids; aber ſie blieb eine lange Weile unbeweglich ſitzen. Sie ſchien ſich zu ſammeln und gleichſam neue Kräfte zu ſuchen, um dem Sturm von Bitten, der, wie ſie vorausſah, bei Conſtanze auf dieſen Ausbruch von Schmerz folgen müßte, Widerſtand zu leiſten. 109 Da Conſtanze noch immer weinte, beugte ſich Olga zu ihr nieder, legte den Arm um ihren Hals und flüſterte: „Geliebte Schweſter, verbittere mir nicht durch deinen Schmerz den Schritt, den ich gethan habe, ſondern laß mir die Befriedigung, die ich jetzt em⸗ pfinde. Verwandle ſie nicht in Kummer.“ „Olga,“ rief Conſtanze,„Du wirſt namenlos unglücklich an der Seite dieſes herzloſen Egoiſten.“ „Schweig', ich bitte Dich. Laß uns nicht mehr davon reden, Du begreifſt wohl, daß ich feſt und unabänderlich entſchloſſen bin. Jedes Wort iſt ſo⸗ mit eine Qual, die Du zwecklos mir verurſachſt.“ Olga küßte ihre Schweſter und fuhr mit ſchmei⸗ chelndem Tone fort: „Wenn mein Frieden, meine Ruhe Dir theuer iſt, ſo laß uns nicht mehr von dem geſchehenen Schritte re⸗ den, der niemals mehr rückgängig gemacht werden kann. Wenn Du ein Herz für mich haſt, ſo verſprich mir, weder dem Onkel noch der Tante von deiner Be⸗ ſorgniß wegen meiner Verbindung etwas mitzutheilen, oder ſie zu beſtimmen, mir davon abzurathen; es würde nur zu peinlichen Scenen führen und eine Demüthigung für mich ſein, wenn ich genöthigt wäre, den Gatten, den ich gewählt habe, zu vertheidigen.“ Olga ſprach mit einer Innigkeit, daß Conſtanze wohl begriff, wie ſehr dieſe Bitte ihr vom Herzen am. Ach! Conſtanze ſah vollkommen ein, daß ſie Nichts⸗ ausrichten konnte, da Olga ſo feſt entſchloſſen war, Everts Gattin zu werden. Es blieb ſomit Nichts übrig, als Olga zu verſprechen, was ſie begehrte. Einen Augenblick ſpäter verließ Olga ihre Schwe⸗ ſter, um zum Frühſtück Toilette zu machen, Con⸗ ſtanze dagegen empfand ein großes Bedürfniß, friſche Luft zu ſchöpfen und durch den Morgenwind die von ihrer Gemüthsbewegung erhizte Stirne kühlen zu laſſen. Sie wollte in Gottes freie Natur hinaus, um in dem ſtillen Waldesdom recht innig zu dem Herrn der menſchlichen Schickſale zu beten. Conſtanze Callenſtjerna hatte noch nicht gelernt, daß Alles, was wir hienieden von Schmerz und Leiden erndten, nur zu unſerer Veredlung und Beſ⸗ ſerung dient. Die Zukunft ſollte ſie erſt über dieſe große und erhabene Lehre aufklären, indem dieſelbe ſie auf die Nothwendigkeit hinwies, ſchweigend und ohne Murren Kummer und Weh zu ertragen. X XV. Conſtanze war eben auf dem Heimweg von ihrem Lieblingsplatz am Meeresſtrande begriffen, wo ſie eine troſtreiche Stunde in innigem Gebet zu Gott zugebracht hatte, als ſie in der Hauptallee des Parks Evert auf ſich zukommen ſah. Der Anblick des jungen Mannes erregte ihr einen ſo heftigen Schmerz und Groll, daß ſie ſtehen blieb. Es war ihr, als ſtürze das Blut ihr ſo heftig nach der Bruſt, daß ſie er⸗ ſticen müßte. Das Herz und die Pulſe drohten ihre Feſſeln zu ſprengen. Es war ihr unmöglich, einen Schritt vorwärts zu thun, und ſo blieb ſie einige Minuten unbeweglich ſtehen. Evert war ihr inzwiſchen näher gekommen. Er „—————— 111 trug heute das Haupt mit dem Stolze eines Trium⸗ phators. Als er vor Conſtanze ſtand, nahm er den Hut ab und ſagte ſcherzend: „Ich glaube, der Anblick Ihres künftigen Schwagers regt Sie ſo ſehr auf, daß Sie ſich wie gelähmt fühlen. Darf ich meiner Schwä⸗ gerin den Arm zur Stütze bieten?“ „Meine Stütze werden Sie niemals,“ antwor⸗ tete Conſtanze ſtolz. Bei dem Laute von Everts ſpöttiſcher Stimme und höhniſchen Worten kehrte die ganze Elaſticität der Seele zurück. Sie ſetzte ihren Weg fort. „Nun, Conſtanze,“ begann Evert nach einer langen Pauſe und in verändertem Ton wieder: „Wer von uns hat geſiegt, Sie oder ich?“ „Baron Axelhjelm, Sie ſollten ſo viel Takt haben, nicht von einem Siege zu ſprechen, welcher ſtets eine Erniedrigung für Sie in ſich ſchließen muß. Können Sie wirklich ohne Erröthen daran denken, daß Sie einzig und allein aus Rachſucht meine arme Schweſter überredet oder gezwungen haben, Ihnen das Gelübde der Treue zu leiſten?“ „Sie begehen einen ungemeinen Mißgriff bei dem, was Sie da ſagen. Fürs Erſte habe ich Ihre Schwe⸗ ſter nicht gezwungen, mir anzugehören, fürs Zweite wäre es ein Unrecht zu behaupten, daß meine Be⸗ werbung einzig von der Rachſucht ausging. Nein, ich muß durch eine reiche Heirath meine etwas de⸗ rangirten Angelegenheiten wieder in Ordnung bringen und mir die Möglichkeit gewinnen, meinem Stande gemäß zu leben. Ich hätte allerdings noch ein rei⸗ cheres Mädchen bekommen können, als Olga, aber ich 112 wünſchte, durch meine Heirath mit Ihnen verwandt zu werden. Ich bedurfte meinerſeits eines Mittels, um Ihnen Alles zu vergelten, was ich gelitten habe, und nun, Conſtanze, kann ich ſagen, ihr ſeid beide in meiner Gewalt.“ „Beide!“ wiederholte Conſtanze mit einem würde⸗ vollen Blick auf ihn;„Sie müſſen mich für ſehr ſchwach halten, wenn Sie ſich das einbilden.“ „Wir werden ja ſehen— doch da kommt Olga.“ Evert ging ihr entgegen und küßte mit Achtung die Hand, welche ſie ihm bot, worauf Olga ſeinen Arm nahm und den Spaziergang fortſetzte. Nach dem Frühſtück fand eine längere Unterre⸗ dung zwiſchen Olga und dem Grafen Romarhjerta ſtatt, wornach die Verlobung zwiſchen ihr und Evert auf den darauf ſolgenden Sonntag beſtimmt wurde. Weder Stephana noch Hermann unterließen, Olga einige Warnungen zu geben und ihr abzurathen, aber deren Worte brachten keine Wirkung hervor. XVI. Am Abend regnete es. Am Mittag hatte es ſtark gewittert. Dieß hatte zur Folge, daß die Be⸗ wohner von Kungsborg innerhalb ihrer vier Wände verſammelt waren. Kurt hatte ſich den ganzen Tag nicht ſehen laffen, ſo daß die ſo ſchnell bevorſtehende Verlobung ſeines Bruders mit Olga ihm noch unbekannt war. Stephana las aus einem neu erſchienenen Ge⸗ ſchichtswerke vor, während Evert und Graf Hermann — 113 am Brettſpiel ſaßen. Olga lehnte ſich in eine Pom⸗ padour zurück und heftete die Augen auf ein ihr ge⸗ genüber hängendes Gemälde, welches den Marius auf den Trümmern von Karthago ſitzend vorſtellte. Conſtanze arbeitete ungemein eifrig an einer Tapiſ⸗ ſerie. Die Freiherrin D., eine Verwandte des Grafen, welche erſt am Vormittag angekommen war, um ei⸗ nige Zeit in Kungsborg zu verweilen, unterhielt ſich damit, daß ſie Kartendocken ausſchnitt. Fräulein C., Schweſter, ſtickte an einem Halsband für ihren ops. Während Stephana eine Pauſe machte, äußerte Hermann: „Es iſt recht lang her, daß der Ingenieur von Akersnäs nicht hier war. Wir wollen doch ſehen, ob er heute mit Lange kommt. Ich habe einen Boten abgeſchickt und ſie bitten laſſen, heute Abend her⸗ überzufahren. „Nun, das gäbe doch einige Unterhaltung. Ich bin ganz neugierig, dieſen Fabrikmenſchen zu Geſicht zu bekommen, von welchem man allenthalben reden hört und deſſen Arbeiten man in ganz Schweden findet,“ antwortete die Freiherrin D., eine Wittwe von ihren vierzig Jahren, aber von vortheilhaftem Aus⸗ ſehen und innerlich ſehr geneigt, ihrem Wittwenſtand ſo bald als möglich zu entſagen. Deßhalb legte ſie ſich auch erſt zweiunddreißig Jahre bei und ſprach gern davon, wie übel eine einſame Frau daran wäre, welche einer männlichen Stütze entbehrte. „Ei, was den Ingenieur betrifft,“ begann Evert, „weißt Du Etwas davon, Onkel, was er früher war, oder woher er ſtammt?“ Schwartz, Arbeit adelt den Mann. I. 8 Bei dieſer Frage drehte Olga den Kopf um und heftete die Augen auf ihren Verlobten. Dieſer lä⸗ chelte ihr zu, gleichſam zur Antwort auf ihren Blick. „Ich weiß nur ſo viel, daß er ſeine Laufbahn als Arbeiter begonnen hat und durch eigene Anſtren⸗ gung und Thätigkeit, ohne Beiſtand von irgend Je⸗ mand, das geworden, was er jetzt iſt. Mehr bedarf es nicht zu wiſſen, um ihm Achtung zu ſchenken.“ In dieſem Augenblick meldete Eklund Jacobo und Jvar. Ihnen folgte Kurt auf dem Fuße nach. Bei dem Anblick derſelben flog ein Lächeln des Triumphs über Everts Angeſicht. Der Graf und er verließen den Spieltiſch. „Mein beſter Kurt,“ nahm Evert das Wort und führte Kurt zu Olga;„hier ſiehſt Du meine Braut.“ Jvar, welcher eben im Begriff war, eine von Conſtanze an ihn gerichtete Frage zu beantworten, drehte ſich raſch um und heftete einen langen Blick anf Olga, nahm aber in der nächſten Minute das Geſpräch mit Conſtanze wieder auf. Lange ging auf Evert zu und ſagte, ihn ſcharf anſehend: „Ich wünſche, daß Sie das Glück, Fräulein Ol⸗ ga's Hand zu erhalten, ſeinem Werth nach zu ſchätzen wiſſen.“ Zu dem jungen Mädchen ſagte er: „Mögen Sie glücklich werden, mein Fräulein, wenn es möglich iſt. Sie verdienen es vollkommen.“ Kurt hatte Nichts erwiedert, ſondern nur Olga's Hand an ſeine Lippen gedrückt und ſeinem Bruder einen Blick zugeworfen, als ob er auszuforſchen 11⁵5 wünſchte, was denſelben vermocht hätte, ſich um ſie zu bewerben. Wer Jvars Bewegung nicht geſehen, hätte leicht auf den Gedanken gerathen können, er habe Cverts Worte gar nicht gehört, weil er weder gegen ihn noch gegen Olga ein Wort des Glückwunſches äu⸗ ßerte. Zudem nahmen Fräulein C. und die Freiherrin D. ihn alsbald mit ihren Fragen dermaßen in An⸗ ſpruch, daß er ihnen ſeine ganze Aufmerkſamkeit zu⸗ wenden mußte. Die Wolken am Himmel zerſtreuten ſich inzwiſchen und die Strahlen der Abendſonne brachen hervor. Der Regen hatte aufgehört und man öffnete die Glasthüren auf die Terraſſe, um die friſche Luft her⸗ einzulaſſen, welche nach dem Regen ſo angenehm war. Conſtanze wurde von einer innern Angſt beherrſcht, welche, ſo oft ihre Augen auf Cvert fielen, an Hef⸗ tigkeit zunahm. Sie vermochte unmöglich länger auf ihrem Platze zu verbleiben und ging auf die Terraſſe hinaus. Sie bemerkte nicht eher, daß Lange ihr gefolgt war, als bis er an ihrer Seite ſtand. „Fräulein Conſtanze,“ nahm er das Wort,„halten Sie wirklich Evert Axelhjelm der Hand Ihrer Schwe⸗ ſter würdig?“ „Nein, gewiß nicht,“ antwortete Conſtanze ganz aufrichtig. „Und doch gaben Sie zu, daß er ſich mit ihr. verlobt? Sie ſollen ja nach Ihres Vaters Verfügung Elternſtelle bei ihr vertreten. Wohlan, ſelbſt das 8* Geſetz gibt Ihnen ein Recht, Einſprache gegen dieſe Verbindung zu erheben.“ „Nein, das iſt nicht der Fall. In allem, was die Wahl eines Gatten betrifft, iſt Olga vollkommen frei, das ſteht ansdrücklich in dem Teſtamente; ſomit habe ich kein Recht, mich in die Sache zu miſchen. Da Olga außerdem dieſe Verbindung für ihr Glück anſieht, ſo ſteht mir auch kein moraliſches Recht zu, Einſprache zu erheben. Alles, was ich thun konnte, iſt, daß ich ihr abrieth.“ „Und gewöhnlich iſt ſo Etwas fruchtlos, wenn die Liebe das Wort führt,“ erwiederte Jacobo ge⸗ dankenvoll.„Wiſſen Sie, Fräulein Conſtanze, die Verlobung Ihrer Schweſter hat auf mich einen pein⸗ lichen Eindruck gemacht. Es lag Etwas in dieſem wahrhaft poetiſchen Gemüthe, was mich zu ihr hinzog. Wenn ich ihr Auge beim Anblick von etwas Schönem, oder bei der Erinnerung an eine große und—edle That vor Freude und Entzücken ſtrahlen ſah, ſo habe ich ſtets innig gewünſcht, das Schickſal möchte ihr die Bekanntſchaft mit den Sorgen und Schmerzen des Lebens erſparen. Dieſes gefühlvolle und weiche Herz kommt mir nun vor, als müſſe es ſterben, wenn es einen bittern Kampf mit dem Leiden zu beſtehen hat Ach, wäre ſie fortwährend dieſes friſche, lä chelnde Kind, mit Seele und Gedanken nur in dem ſchönen Roſengarten der Phantaſie lebend, geblieben! Seltſam, daß die Liebe immerdar die Bekanntſchaft mit den bittern Seiten des Lebens im Gefolge hat!“ „Das Menſchenherz iſt ein ewiges Räthſel. Es gleicht einem verzogenen Kinde, welches von ſich — 117 wirft, was es hat, um nach dem zu greifen, was es nicht erlangen kann.“ „Es iſt nicht das Herz, ſondern die Phantaſie, welche dieſes grauſame Gaukelſpiel treibt.“ „Glauben Sie, daß meine Schweſter Arelhjelm liebt?“ „Welche Frage?“ erwiederte Jacobo, Conſtanze anſehend.„Was hätte ſie ſonſt vermocht, dieſen Schritt zu thun?“ „Irgend eine exaltirte Eingebung.“ „Wenn Sie an deren Stelle wären, würde Ihre Vermuthung alle Wahrſcheinlichkeit für ſich haben; aber Fräulein Olga iſt nicht launiſch. Sie iſt mehr exaltirt, aber den Impulſen des Augenblicks minder unterthan, als Sie.“ Es trat eine Pauſe ein, welche Jacobo mit den Worten unterbrach:. „Glauben Sie, daß Arelhjelm Ihre Schweſter liebt?“ Sein Blick weilte bei dieſer Frage ſcharf und durchdringend auf Conſtanze. Dieſe fühlte, wie ſie erröthete. Sie blieb ſtumm. Eine Antwort auf dieſe Frage war ſchwer; eine Un⸗ wahrheit wollte Sie nicht ſagen, und die Wahrheit erſchien ihr allzu erniedrigend, als daß Sie dieſelbe geſtehen mochte. „Sie ſchweigen,“ begann Jacobo wieder,„das iſt auch eine Antwort, beredter als die Sprache.“ Mit den Augen der Eiferſucht folgte Evert Con⸗ ſtanze und Lange. Bisher war ihm die Plage er⸗⸗ ſpart geblieben, Jacobo an ihrer Seite zu ſehen. Jetzt wagte der verhaßte Lange es wiederum, ſich derjenigen zu nähern, welche der Gegenſtand ſeiner Liebe war. Vielleicht gelangte der vermeſſene Em⸗ porkömmling, trotz Allem, was Evert dagegen ge⸗ than, doch eines Tags noch in den Beſitz ihrer Hand, für deren Preis Evert Alles aufgeopfert hätte. Jene ganze Hölle von Eiferſucht und Haß, welche in ihm ſchon in jungen Jahren getobt hatte, erwachte jetzt von Neuem, nur mit dem Unterſchied, daß wenn dieſe Empfindungen in dem Angeſicht des Jünglings ſich wiederſpiegelten, dieſelben nunmehr hinter einem Lächeln und einer freundlichen Maske bei dem Mann verborgen wurden. Während des Soupers ſtand Olga einige Minuten allein an einem der Fenſter des Speiſeſaales. Jvar näherte ſich ihr. „Sie verloben ſich alſo?“ ſagte er mit einem ernſten Blick auf Olga, welche nachläſſig an den Fenſterpfoſten ſich anlehnte. „Ja,“ antwortete ſie, ohne zu ihm aufzuſchauen. „Ich gratulire Ihnen. Mögen Sie recht glück⸗ lich werden!“ Jetzt ſah Olga auf. Er hatte ſich bereits entfernt. XVII. Am nächſtfolgenden Sonntag waren alle Nachbarn von nah und fern zur Feier der Verlobung nach Kungsborg eingeladen. Graf Romarhjerta gab zu dieſem Feſttag ſeiner Mündel einen großen Ball. Der Himmel war in Wolken gehüllt, als Olga an dieſem für ſie ſo bedeutungsvollen Tag erwachte. 119 Die Luft war ſchwül, und nicht ein Windhauch kam ſie zu erfriſchen. Etwas Drückendes lag in der At⸗ moſphäre. Olga ſtand eine lange Weile am Fenſter und betrachtete den wolkenſchweren Himmel, welcher trübe und düſter über der Erde ſich wölbte, ohne daß es ſchien, als wolle er ein helleres Ausſehen annehmen, oder es zu einem Regenguß kommen laſſen, ſo daß man darnach ſich der Hoffnung hätte hingeben dürfen, er werde noch im Verlaufe des Tages eine lichtere Farbe annehmen. Nachdem Olga eine Weile dieſen Betrachtungen, welche der melancholiſche Himmel eingab, ſich über⸗ laſſen hatte, klingelte ſie ihrer Kammerjungfer und gab Befehl, die kleine Droſchke einſpannen zu laſſen. Als Olga vor dem Spiegel den Hut aufſezte, ſprach ſie bei ſich ſelbſt, indem ſie ihrem Bilde zuzulächeln verſuchte: „Du ſiehſt an deinem Verlobungstage gerade nicht ſehr glücklich aus, meine arme Olga. Nun, nun, man kann nicht immer gleichgeſtimmt zur Freude ſein. Doch, wozu hilft es, nachzugrübeln? Die Zukunft lernen wir immer noch zeitig genug kennen; das Beſte iſt deßhalb, den Augenblick ſo heiter als mög⸗ lich zu nehmen. Es gibt Nichts, was ſo ſchwarz wäre, daß es nicht ſeine lichte Seite hätte, wenn man ſich nur bemüht, dieſelbe aufzuſuchen. Derjenige iſt ein armſeliger Menſch, der ſchon beim erſten Schritt auf der Bahn, welche er zu wandeln beſchloſſen hat, ins Straucheln geräth. Nein, nur friſchen Muth.“ Sie kehrte dem Spiegel den Rücken und hüpfte 120 aus dem Zimmer die Treppe hinab, indem ſie eine Volksmelodie trillerte. Als ſie in der Droſchke ſaß, befahl ſie dem Kutſcher, den Weg nach dem Köhlerhaus im Walde zu nehmen. „Aber recht ſchnell gefahren!“ ſetzte ſie hinzu, als es die Allee hinunter ging. Olga hielt vor derſelben Hütte, wo ſie vor langer Zeit mit ſo großer Beredtſamkeit dem neunjährigen Janne die Gefahr, welche ihm Jvars Geſellſchaft bringen konnte, auseinandergeſetzt hatte. Janne und ſeine Mutter waren ſeitdem ſtets ein Gegenſtand für Olga's Güte und Freigebigkeit geweſen. Olga bezahlte für den Knaben, welcher große Luſt zum Lernen an den Tag gelegt hatte, die Koſten der Schule. Jetzt war Janne ein vier⸗ zehnjähriger Burſche geworden und hatte gute Zeug⸗ niſſe von ſeinen Lehrern aufzuweiſen, ſo daß er in einem Jahr ein Gymnaſium zu beziehen hoffen durfte. Die Köhlerswittwe, wie ſeine Mutter allgemein genannt wurde, hatte in den letzten zwei Jahren wegen eingetretener Lähmung das Bett hüten müſſen, und Olga war mit unermüdlicher Güte darauf be⸗ dacht geweſen, für die arme Frau Sorge zu tragen, ſo daß es ihr weder an Pflege noch ſonſt einem Be⸗ darf mangekte. An allen Feſttagen oder bei ſonſtigen außerordentlichen Gaſtgeboten zu Kungsborg konnte die Alte mit Sicherheit darauf rechnen, daß ſie einen Extrabeſuch von Hlga erhielt, welche dann irgend etwas Beſonderes mitbrachte, was derſelben auf ih⸗ rem Schmerzenslager Freude machen konnte. Janne war über den Johannisfeiertag zu Hauſe geweſen, aber ſeit einer Woche wieder in die Stadt ——— —— 121 zurückgekehrt, um von dem Schulunterricht Nichts zu verſäumen. Als Olga in die Hütte trat, wunderte ſie ſich, einen fremden Mann drinnen bei der Köhlerin ſpre⸗ chen zu hören. Sie blieb deßhalb ſtehen und horchte. Bald erkannte ſie zu ihrer nicht geringen Ueber⸗ raſchung die Stimme von Jrar, welcher ſich theilneh⸗ mend nach dem Befinden der Alten erkundigte und ſie befragte, ob ſie vielleicht Etwas an ihren Sohn auszurichten hätte, da er, Jvar, am folgenden Tag nach der Stadt reiſen würde u. ſ. w. Olga wollte das Haus verlaſſen und ihm Zeit geben, ſich zu entfernen, ehe ſie hineinginge; aber dieſer Vorſatz war zu ſpät, denn Jvar trat in dem⸗ ſelben Augenblick aus der Kammer heraus. „Laſſen Sie ſich durch meine Gegenwart nicht verſcheuchen,“ ſprach er, ſich Olga nähernd, welche mit der Hand auf dem Thürſchloſſe daſtand. Olga drehte ſich um und trat gleichfalls einige Schritte vor. „Ich danke Ihnen, Herr Ingenieur, daß ſie ſo oft nach der armen Frau ſehen,“ begann ſie;„es iſt recht edelmüthig von Ihnen, daß Sie gegen Janne's Mutter ſo gut ſind.“ Olga bot ihm die Hand, aber Jvar faßte ſie wie gewöhnlich nicht, ſondern antwortete, ſich ver⸗ beugend. „Sie danken mir, mein Fräulein, für Etwas, das keiner Dankſagung werth iſt. Sie laſſen mir zu thun Nichts übrig. Daß ich ſo oft dieſe Hütte be⸗ ſuche, geſchieht mehr aus Egoismus, als aus Menſchenliebe. Die letztere kann nicht gegen Per⸗ 122 ſonen in Anwendung kommen, über welche Sie eine ſchirmende Hand halten. Ich liebe dieſe geringe Behauſung und deren Inwohner, weil ſie mich an Scenen aus meinem vergangenen Leben erinnern, welche, während ſie durchgemacht wurden, für mich von ſchmerzlicher Natur waren, aber zugleich einen großen Einfluß auf mein Schickſal ausübten. Sie wiſſen, welche es waren. „Ich!“ rief Olga erröthend. „Ja, gerade Sie. Wozu würde es helfen, dieß zu leugnen? Sie haben mich längſt wiedererkannt. Ich weiß es. Für alle Andern konnte ich fremd bleiben. Vor Ihnen war es unmöglich.“ Jvar ſprach mit einer Ruhe, welche deſto mehr auf eine innere Bewegung ſchließen ließ. „Und warum ſollte es unmöglich ſein, daß Sie für mich unbekannt blieben?“ fragte Olga gleichfalls erregt und ſetzte ſich auf einen Stuhl am Fenſter. „Weil die Züge eines jeden Menſchen, der auf irgend eine Weiſe in unſer äußeres oder inneres Daſein eingreift, ſich unauslöſchlich unſerem Gedächt⸗ niß einprägen. Ich hatte das Glück oder Unglück, wie Sie wollen, als Knabe auf Ihre Seele einzu⸗ wirken. Sie haben ſich angeklagt, die Urſache meiner Leiden geweſen zu ſein. Ich beſitze noch den Brief, worin Sie mich um Verzeihung für Freigniſſe baten, welche Sie hervorgerufen zu haben glaubten.“ „Aber dieſe Verzeihung gewährten Sie nicht,“ flüſterte Olga.„Auf meine innige Bitte, mir nicht zu fluchen, ſondern vor Ihrer Abreiſe mir noch Ihre Verzeihung zukommen zu laſſen, hatten Sie mir nicht ein Wort der Erwiederung, nicht einen 123 Gruß durch Bengt. Sie ahnen nicht, welche qual⸗ vollen Augenblicke dieſe Härte von Ihrer Seite mir verurſacht hat. Der Gedanke an Sie hat manche Nacht den Schlaf von meinen Augen verſcheucht. Wie oft habe ich mir ſelbſt wiederholt: Meine Schuld gegen ihn iſt ſo groß, daß er ſie mir nicht vergeben kann.— Ich fuͤhlte, daß ſie mich haſſen mußten.“ 5„Nein, Fräulein Olga, ich habe Sie niemals ge⸗ haßt.“ „Aber Sie haben das Böſe nicht verzeihen können, das ich in meinem kindiſchen Unverſtand Ihnen an⸗ gethan.“ „Verziehen habe ich es längſt, ja längſt. Dieß geſchah bereits, als ich Ihren Brief las; aber ich habe es nicht vergeſſen. Das iſt alles. Es war für mich eine Nothwendigkeit, das im Gedächtniß zu bewahren.“ „Eine Nothwendigkeit, ſagen Sie?“ „Ja. Sie waren ſchon von Ihrer Kindheit an eine allzu gefährliche Perſon für den von Ihnen ſo tiefverachteten Schmiedslehrling, als daß nicht der Mann Alles thun ſollte, um zwiſchen Sie und ſeine Gefühle die Erinnerung an die Wunde, welche Sie dem Jüngling geſchlagen haben, zu legen. Und nun, Fräulein Olga, iſt die Vergangenheit todt für uns beide. Glauben Sie mir, hinfort habe ich ſelbſt dieſe vergeſſen.“ „Wollen Sie zum Beweiſe davon jetzt meine Hand faſſen, was Sie bis jetzt zu thun ſich ſtets ge⸗ weigert haben? Ach, Herr Ingenieur, ich bin Ihnen 124 ewigen Dank für das Leben ſchuldig, das Sie mir einmal gerettet haben.“ „Und das Sie jetzt meinem unverſöhnlichſten Feinde ſchenken,“ fiel Jvar heftig ein. Er ergriff die dargebotene Hand, drückte ſie haſtig an ſeine Lippen und verließ das Zimmer, ohne ein Wort hinzuzuſetzen. XVIII. Das obere und untere Stockwerk zu Kungsborg wimmelte von Leuten. Der Himmel war noch immer gleich grau und düſter; da es aber noch nicht ge⸗ regnet hatte, ſo waren alle Lauben und Gänge im Garten und Park von Gäſten angefüllt, welche Küh⸗ lung ſuchten. Die Geſundheit der Verlobten war bereits getrunken, die Reihe der Glückwünſche und ſchönen Redensarten abgemacht, und nun ſpielte die Muſik zum erſten Walzer auf. Der elegante und ſchöne Bräutigam eröffnete den Ball mit ſeiner Braut, die an wirklicher Schönheit ihm weit nachſtand, aber deren ſeelenvolle und geiſt⸗ reiche Phyſionomie einen dauerndern Eindruck zurück⸗ ließ, als ſein bildſchönes Angeſicht. Es gehörte zu den Charakter⸗Eigenthümlichkeiten Olga's, daß ſie ſich möglichſt einfach kleidete. Auch heute war ſie die Einfachſte von Allen, und dennoch lag ſchon in der Art und Weiſe, womit ſie die ein⸗ fachſte Bandroſe anheftete, Etwas, das ihr ein pi⸗ kantes und originelles Ausſehen verlieh. Nimmt man dazu, daß ſie wie eine Sylphide tanzte, ſo iſt 125 es leicht erklärlich, warum die Herren im Allgemei⸗ nen von ihrer äußern Erſcheinung ſtets frappirt wurden. Als ſie mit Evert im Wirbel des Tanzes dahin⸗ ſchwebte, flüſterten die neidiſchen und ſchönen Mädchen: „Es geſchieht beſtimmt nur wegen ihres Geldes, daß er ſich mit Olga verheirathet. Herr Gott! wie unbedeutend ſie neben dem ſchönen, holden Baron ausſieht! Die glückliche Olga!“ Die Herren dagegen ſprachen unter einander: „Es iſt eine wahre Freude, wenn man Fräulein Olga tanzen ſieht. Was ſie nicht für ein liebens⸗ würdiges und anſpruchsloſes Mädchen iſt, und ne⸗ benbei noch ſo reich! Der glückliche Axelhjelm!“ Waren ſie in der That glücklich, dieſe beiden, welche ſo großen Neid erweckten? Was ſie nicht waren, ſollte ihrem Wunſche nach wenigſtens die Welt glauben. „Die menſchliche Eitelkeit,“ ſagt ein Schriftſteller, „kann es eher ertragen, ein Gegenſtand des Neides, als des Mitleids zu ſein.“ Während Evert lächelnd und ſtolz mit ſeiner Braut walzte, war er der Sclave der peinlichſten Gefühle, der bitterſten Gedanken. Niemals glaubte er Conſtanze ſo bezaubernd, ſo wirklich einnehmend und ihrem Aeußern nach ſtattlich geſehen zu haben. Nie hatte er tiefer den ganzen Schmerz empfunden, ſich ſelbſt ſagen zu müſſen: „Dieſe Frau wird Dir niemals angehören!“ Conſtanze trug ein dunkelſeidenes Kleid, als ob. ſie ſchon dadurch hätte zu erkennen geben wollen, daß ſie nicht zu tanzen im Sinne hatte, und Evert erkannte auch die ganze Bedeutung dieſes Thuns. 126 Sie hatte einmal erklärt, daß ſie niemals mit ihm tanzen würde; heute Abend wäre es ihr unmöglich geweſen, der Aufforderung hiezu auszuweichen, wo⸗ fern ſie dieſem Vergnügen nicht gänzlich entſagte. Gleich bei ihrem Anblick, als ſie in dieſem Coſtüm den Salon betrat, verſtand Evert, was der dunkle Anzug zu bedeuten hatte. Eine Folge davon, daß Conſtanze nicht tanzte, war, daß ſie und Lange dieſen Abend ſich unge⸗ wöhnlich viel mit einander unterhielten, und dieß machte für Evert eine wahrhafte Höllenqual aus. Der Ball war ungefähr zur Hälfte vorüber und folglich im Stadium der größten Lebhaftigkeit. Man ruhte eben von einem raſenden Galopp aus und ſetzte ſich allmählig zu dem folgenden Walzer in Be⸗ reitſchaft, als Olga auf Jvar zutrat. „Haben Sie im Sinn, dieſen Walzer zu tan⸗ zen?“ fragte ſie. „Dieſen ſowohl, wie alle andern,“ lautete die Antwort. Einen Augenblick ſchwiegen beide. Jvars Blick ruhte auf Olga, dann ſagte er lächelnd: „Sie beabſichtigen, mir dieſen Walzer zu ſchenken?“ Die Muſik begann wieder und, ohne ein Wort zu ſagen, reichte ihm Olga die Hand. Schneller als der Blitz ſtand vor Jvars Erinnerung der Tag, an dem er vor der Laube ſtehend mit anhörte, wie ſie ſich weigerte, mit ihm zu tanzen, obwohl Lange ſie darum gebeten hatte. Er ergriff heftig die dar⸗ gereichte Hand, indem er mit bewegter Stimme flüſterte: 127 „Bedenken Sie, was Sie thun. Ich bin der⸗ ſelbe Junge, deſſen Hände Sie nicht anrühren wollten.“ „Sie ſind derſelbe und ſind es nicht,“ antwortete Olga, zu ihm aufſehend.„Weigern Sie ſich vielleicht heute, mit mir zu tanzen?“ „Gäbe Gott, daß ich es könnte!“ ſtammelte Jvar. Im nächſten Augenblick flogen ſie auf den Schwin⸗ gen der Töne dahin. Etwas ſpäter fragte Conſtanze im Vorbeigehen Jvar, der nun unthätig daſtand und dem Tanze zuſah: „Sind Sie ſchon müde?“ „Müde nicht, Fräulein Conſtanze, aber der lockende Reiz iſt verſchwunden. Ein Ball hat eigentlich nur eine Seligkeit von zehn Minuten zu bieten. Sind dieſe durchlebt, ſo geht ihm aller Werth ab.“ „Ich meinte, Sie wären noch nicht ſo weit ge⸗ kommen, daß Ihnen ein Ball etwas Anderes bieten könnte, als Vergnügen.“ „Warum das? Ich bin des Geſellſchaftslebens und der Bälle ſo ungewohnt, daß ſie gerade für mich Augenblicke der Seligkeit haben müſſen. Be⸗ denken Sie, daß ich vielleicht mein Leben lang nicht auf drei Bällen geweſen bin.“ „Und dennoch tanzen Sie ſo gut?“ „Ich habe es erſt kurz vor meiner Rückkehr nach Schweden gelernt.“. „Erſt da?“ „Ich brauchte die Fertigkeit darin nicht eher. Ueberdieß hatte ich während meines Aufenthalts in der Fremde weder Zeit noch Luſt zu einer ſolchen Thorheit. Ich hatte mir, ſeitdem ich überhaupt die Möglichkeit dazu beſaß, niemals andere als noth⸗ wendige Ausgaben geſtattet.“ „Sie erachteten es alſo für nothwendig, bei Ihrer Rückkunft hieher tanzen zu können?“ „Ach nein; es war eine Schwachheit,“ erwie⸗ derte Jvar lächelnd und ſetzte dann hinzu:„ich habe dießmal nur meiner Eitelkeit, den Cavalier ſpielen zu wollen, wenn ich wieder in mein Vaterland heim⸗ kehrte, ein Opfer gebracht.“ XX. Nach der Verlobungsfeier vergingen zwei ganze Wochen, ohne daß Jvar zu Kungsborg ſich ſehen ließ. Hingegen war Jacobo öfter als gewöhnlich da geweſen, und in den Geſprächen, die bei deſſen Beſuchen ſich entſpannen, war Jvars Name oft und immerdar mit großem Lobe erwähnt worden. Von Oſt und Weſt war man nach Lange's Fabrik ge⸗ reist, um die Eiſenhobelmaſchine des jungen Werk⸗ meiſters in Augenſchein zu nehmen. Jetzt ſprach man viel von einer Trockneneinrichtung für Getreide, die er erfunden hatte, und für welche er einen von der landwirthſchaftlichen Akademie ausgeſetzten Preis zu erwerben beabſichtigte. Eines Abends, als viel von Jvar und ſeinen ungewöhnlichen Gaben die Rede war, ſaß Evert ſchweigend da und hörte den Lobſprüchen zu. Con⸗ ſtanze hatte mit großer Lebhaftigkeit geäußert, daß 129 ſo ein junger Mann den Stolz einer Mutter und Gattin ausmachen müßte, da er ſeine ganze Exiſtenz und ſein Anſehen ſich durch Arbeit geſchaffen hätte. Dabei ließ ſie ſich manche bittere Sarkasmen über Männer entfallen, welche durch eine reiche Heirath zu einer Unabhängigkeit zu gelangen ſuchten, weil ſie nicht im Stande wären, ſich eine ſolche ſelbſt zu gründen. Bei dieſem ſcharfen Ausfall waren gleichſam Blitze aus Everts Augen geſchoſſen. Das Geſpräch hatte nach dieſen Bemerkungen eine andere Richtung genommen, und Evert näherte ſich Conſtanze und ſagte zu ihr mit leiſer Stimme: „Sie ſind ſehr unbeſonnen, daß Sie mich ſo un⸗ aufhörlich reizen. Denken Sie doch, wenn ich auf die eine oder andere Weiſe dieſem ſo hochachtbaren Werkmeiſter die Federn ausrupfte und den Beweis führte, daß er nichts als ein elender Wicht iſt, den der bewunderte Herr Lange aus eigennützigem In⸗ tereſſe für einen ehrlichen Kerl ausgibt; was würde dann aus dieſen beiden Edelleuten der Arbeit wer⸗ den, wie Sie dieſelben dieſer Tage benannten?“ „Sie bleiben ſtets Männer, die man hochachten muß, auch wenn ſie ſich verſchiedener Fehltritte ſchuldig gemacht hätten. Merken Sie wohl, es gibt kaum irgend ein Vergehen, welches nicht durch Ar⸗ beit und einen untadelhaften Wandel in Vergeſſen⸗ heit gebracht, verziehen und ausgetilgt werden kann. Sie können daher dem Ingenieur Jvarſon niemals. ſchaden. Wenn Sie aber davon ſprechen, daß Sie einen Schatten auf Lange werfen können, ſo iſt das rein lächerlich; er ſteht ſo hoch in der allgemeinen Schwartz Arbeit abelt den Mann. II. 130 Achtung, daß Alles, was Sie ihm aufdichten wol⸗ len, ohne Wirkung bliebe. Männern, wie er und Jwarſon, kann die Verleumdung nichts anhaben.“ „Wenn die Verleumdung es nicht kann, ſo thun es die Vorurtheile,“ antwortete Evert;„das dürfte die Zukunft beweiſen.“ Conſtanze empfand einen wirklichen Eckel vor dem Mann, der aus den verächtlichſten Leiden⸗ ſchaften zuſammengeſetzt war. Einige Tage nach dieſem kleinen Wortwechſel zwiſchen Evert und Conſtanze erhielt Jvar ein Bil⸗ let folgenden Inhalts: „Sie ſind auf morgen nach Sturesjö eingela⸗ den, wo Fräulein Callenſtjerna den Geburtstag der Gräfin Romarhjerta mit einer kleinen Feſtlichkeit zu feiern gedenkt. Ein Freund von Ihnen glaubt Sie jedoch bitten zu müſſen, nicht hinzugehen. Sie haben einen Feind, und es ſieht aus, als ob derſelbe be⸗ ſchloſſen hätte, Ihnen auf die eine oder andere Weiſe gerade unter Fräulein Callenſtjerna's Augen eine Beleidigung zuzufügen. Man wünſcht einen unvertilgbaren Makel auf Ihre Ehre werfen zu können. Folgen Sie Ihrem Freunde und kommen Sie nicht.“ Als Jvar mit dem Leſen fertig war, betrachtete er lang die Handſchrift und murmelte dann: „Die Warnung kommt von Olga; es iſt ihre Hand.“ Dann ſetzte er in Gedanken hinzu: „Ich habe bloß einen Feind, nämlich Axelhjelm. Somit iſt er es, von dem die Beſchimpfung ausgehen ſoll. Hat er vielleicht die Abſicht, laut zu erklären, 131 daß ich der arme Jvar bin? Nun wohl, mag er es thun. Ob es einen Tag früher oder ſpäter ge⸗ ſchieht, iſt einerlei. Mich gelüſtet zu ſehen, ob die Vernunft und das Urtheil der Menſchen ſo beſchränkt ſind, daß ſie mir auf die Anklage hin, die man gegen mich als Jüngling geſchleudert hat und der mein ganzes übriges Leben widerſpricht, die Ach⸗ tung, die ich mir erworben habe, entziehen können. Möge es ſo ſein; auch dann werde ich nicht müde werden zu arheiten, wenn es mir auch nicht eher als an des Grabes Rand gelingen ſollte, den un⸗ verdienten Flecken, den man mir angethan hat, ab⸗ zuwaſchen. Ich, ein elternloſes Kind, ohne Freunde, ohne Alles, bin durch eigene Anſtrengungen gewor⸗ den, was ich heute bin. Sollte man auch noch ein⸗ mal mich mit Schande bedecken und mich von hier verjagen, ſo werde ich doch durch die Arbeit mich wieder emporrichten.“ Jvar's Beſchuß war gefaßt, ſich trotz der War⸗ nung in Sturesjö einzufinden. Wie gewöhnlich bei allen Einladungen, welche an Werktagen ſtattfanden, langte Jvar ſehr ſpät an. ange war verreist, und es blieb ſomit noch un⸗ gewiß, ob er auch kommen würde. Ponſtanze ſah zum erſten Mal Fremde bei ſich in Sturesjb. Obſchon ſie Kungsborg noch nicht ver⸗ laſſen hatte und es auch nicht zu verlaſſen gedachte, ſo lang Evert ſich noch daſelbſt aufhielt, zog ſie es dennoch vor, das kleine Feſt zu Stephana's Ge⸗ burtstage in ihrem eigenen Hauſe zu veranſtalten. Olga hatte ſchöne Verſe dazu verfaßt, und Con⸗ ſtanze ein paar ſehr hübſche Tableaur arrangirt. 9* 132 Dieß Alles war vorüber, als Jvar erſchien. Die älteren Herren ſaßen am Spieltiſch, und Graf Ro⸗ marhjerta hatte auf eine Weile den vierten Mann bei einer Whiſtpartie machen müſſen. Stephana und die Probſtin ließen ſich in einem kleinen Kabinet nieder, um ungeſtört einige Armen⸗ angelegenheiten zu beſprechen. In dem etwas düſtern, aber prachtvollen Salon war die übrige Geſellſchaft verſammelt. Man ge⸗ noß etwas Obſt und redete von den verſchiedenen Tagesneuigkeiten. Als Evert ſah, daß Jvar im Geſpräch mit einem jungen Landwirth begriffen war, machte er ſich auf, um an Conſtanze's Seite Platz zu nehmen. Als er an dem jüngſten Sohn von Baron K., Lieutenant Knut, der durch ſeine ſchlechten Sitten und ſeine Bosheit genugſam bekannt war, vorbei⸗ ging, flüſterte er ihm zu: „Jetzt iſt der rechte Augenblick.“ Darauf ließ er ſich hinter Conſtanze nieder. „Finden Sie nicht, daß der Ingenieur Jvarſon heute Abend ungemein liebenswürdig iſt?“ fragte Evert in ironiſchem Ton. „Er iſt ſtets ein Mann, welcher intereſſirt,“ ant⸗ wortete Conſtanze. „Das iſt gewiß, daß er ſich dieſes ſeines erſten Beſuches bei Dir noch lang erinnern wird. Wie wäre es möglich, einen ſo verbindlichen Empfang, wie er ihm von Dir zu Theil wurde, zu vergeſſen?“ Everts Stimme hatte einen Accent boshafter Scha⸗ denfreude, welche Conſtanze durchaus nicht entging. Sie glaubte zu ahnen, daß er Etwas gegen Jvar 133 im Schilde führte. Sie durfte jedoch nicht lang auf die Löſung des Räthſels warten. Lieutenant Knut ʒ. erhob ſich und ging auf Jvar zu. „Sie kommen aus Amerika, Herr Ingenieur?“ begann der Lieutenant und ſetzte ſich auf den leeren Stuhl. Es lag Etwas in der Manier und in dem Ton, womit der Lieutenant ſprach, das die Aufmerkſam⸗ keit auf ſich zog. Die Converſation im Salon wurde unterbrochen und Aller Augen richteten ſich auf Jvar. Dieſer dagegen hatte gleich bei des Lieu⸗ tenants Anrede einen Blick über den Salon hin⸗ über Olga zugeworfen. Ihre Augen begegneten ſich, und in denen Olga's war eine deutliche Warnung zu leſen. Jvar verſtand, daß er jetzt auf ſeiner Hut ſein ſollte. Er wandte ſich herum und antwortete in ruhigem Ton: „Es ſind zwei Jahre, ſeitdem ich Amerika verließ.“ „Sie haben ſich hernach in England aufgehal⸗ ten?“ fuhr der Lieutenant fort, indem er Jvar auf eine unverſchämte Weiſe, welche Conſtanze nicht entging, betrachtete. entgegnete Jvar und ſah den naſeweiſen Frager ſehr herausfordernd an. „Ich thue dieſe Fragen deßhalb, weil Sie, merk⸗ würdig genug, denſelben Namen mit einem ſehr übel berüchtigten Burſchen führen, welcher vor einigen Jahren hier im Ort ſich aufhielt, aber wegen eines Diebſtahls in unſerer Familiengruft von dem Fa⸗ 134 brikherrn Lange fortgeſchickt werden mußte, um nicht von dem Arbeitervolk in Stücke geriſſen zu werden. Daß Herr Lange überhaupt den Jungen in ſeine Fabrik nahm, iſt mir ſtets unerklärlich vorgekom⸗ men, da derſelbe vor ſeiner Ankunft hier, als eines Mordes an einer alten Frau theilhaftig, im Kerker geſeſſen war. Aus Mangel an genügendem Beweiſe und mit Rückſicht auf ſeine Jugend wurde er auf freien Fuß geſetzt und von Lange aufgenommen. Ich habe ſagen hören, derſelbe ſei, nachdem er von hier fortgejagt worden, nach Amerika gegangen, und ſoll, dort ſehr flott darauf losgelebt haben. Vermuthlich hat er die Reiſe mit dem Gelde beſtritten, das von dem Diebſtahl aus unſerer Familiengruft auf ſeinen Antheil gefallen war. Sie können mir wohl keinen nähern Aufſchluß über den Schelm ertheilen? Man behauptet, er habe die Frechheit gehabt, ſich für einen ehrlichen Mann auszugeben und unter ach⸗ tungswerthen Leuten aufzutreten. Unter dem Vor⸗ wand, verſchiedene Erfindungen gemacht zu haben, zu welchen er Gott weiß wie gekommen iſt, ſoll es ihm gelungen ſein, das Vertrauen von wahrhaft ausgezeichneten Perſonen zu erſchwindeln. Vielleicht iſt es Ihnen, Herr Jvar Jvarſon, bekannt, wo der Abenteurer ſich gegenwärtig aufhält?“ Indem der Lieutenant alſo ſchloß, maß er Jvar mit einem verächtlichen Blick. „Sie hätten ſich,“ entgegnete dieſer, indem er den Lieutenant ſtolz anſah,„an keine beſſer unter⸗ richtete Perſon, als an mich wenden können, denn ich ſelbſt bin dieſer Jvar, von welchem Sie reden.“ Evert und der Lieutenant, welche erwartet hatten, 135 der Angriff werde Jvar in Verlegenheit ſetzen und ihn zu einer ausweichenden Antwort beſtimmen, wo⸗ durch er ſich noch mehr kompromittiren würde, wechſelten einen Blick getäuſchter Erwartung. Jvars Antwort erregte eine wirkliche Senſation in der ganzen Geſellſchaft und brachte die Angreifer aus dem Concept. Er ſtellte ſich, als bemerke er dieſe Wirkung nicht, ſondern wandte ſich mit einer leichten Verbeugung zuerſt zu Conſtanze und dann zu den Uebrigen und ſagte: „Jener Jvar, über welchen Baron. ſich auf ſo ungünſtige Weiſe ausgeſprochen hat, iſt wirklich Niemand anders als ich. Der Baron hat vollkommen wahr geſprochen, wenn er erzählte, daß ich mit ſechs⸗ zehn Jahren in eine ganz abſcheuliche Mordgeſchichte verwickelt wurde und ein ganzes Jahr im Gefängniß ſaß. Inwiefern man„aus Rückſicht auf mein Alter“ mich freigab, laſſe ich dahin geſtellt, und es wäre hier auch nicht am Platz, mich über meine Unſchuld an dem Verbrechen, deſſen ich angeklagt wurde, aus⸗ zuſprechen, weil jedes Wort von mir ſtets als eine von der Noth erzwungene Selbſtvertheidigung be⸗ trachtet werden könnte. Ich muß es ſomit ganz den Herrſchaften überlaſſen, in dieſem Fall mich nach meinem ſpätern Wandel und nach ihrer eigenen Ueberzeugung zu beurtheilen. Wahr iſt auch, daß ich ein ganzes Jahr gleichzeitig mit dem Baron Evert Axelhjelm in der Werkſtätte zu Akersnäs bei dem Fabrikherrn Lange gearbeitet habe; aber vollkommen falſch iſt die Angabe des Lieutenants, daß ich wegen Theilnahme an dem Diebſtahl in der X. ſchen Familien⸗ 136 gruft den Ort habe verlaſſen müſſen. Ich ſchied aus der Fabrik, weil die Leute daſelbſt gegen mich auf⸗ gereizt worden waren; und deßhalb ging ich auf Koſten des Fabrikherrn Lange nach Amerika. Daß ich dort nicht, wie der Lieutenant behauptet, ein Abenteurerleben führte, können mehre meiner dort weilenden Landsleute beſtätigen, und ich darf zum Beweiſe hiefür namentlich das Zeugniß, das ich von unſerem berühmten Erikſon erhielt, anführen; ich habe drei Jahre unter ihm gearbeitet. Jetzt bleibt mir nur noch beizufügen: im Fall ich irgend einer Schuld, oder einer unehrenhaften Handlung mir bewußt geweſen, wäre ich ſicherlich fortgeblie⸗ ben und nicht in das Land zurückgekehrt, wo ich dieſelbe begangen hätte; noch weniger an den Ort, wo ich nach der Behauptung des Lieutenants im Verdacht eines Gruftdiebſtahls geſtanden. Ich wäre beſtimmt, wenn ich mich ſchuldig gewußt hätte, hier nicht wieder aufgetreten. Wie weit ich eines Platzes, in einer Gefellſchaft wie dieſe hier, werth bin, müſſen die Herrſchaften, nachdem nunmehr meine früheren Schickſale bekunnt ſind, ſelbſt entſcheiden.“ Jvar erhob ſich und ſetzte mit hochemporgerich⸗ tetem Haupte und in edler Haltung daſtehend hinzu: In dieſem Augenblick danke ich Gott, daß ich, ohne die Augen niederzuſchlagen und mit vollkommen ruhigem Gewiſſen auf die Vergangenheit zurückſchauen kann. Ich habe mich ſtets bemüht, ein rechtſchaffener Arbeiter zu ſein.“ Dann näherte er ſich Conſtanze. „Mein Fräulein, nach der Erörterung, welche eben ſtattgefunden hat und Ihnen Aufſchluß darüber K— ————— 137 gibt, wen ſie vor ſich haben, ſtelle ich es Ihnen an⸗ heim, ob Sie mich ſoweit für einen ehrlichen Mann anſehen, um mir ein längeres Verweilen unter Ihrem Dache zu geſtatten.“ Conſtanze reichte ihm beide Hände und ſprach in lebhaft erregtem Ton: „Herr Ingenieur, nach Ihrer Erklärung bin ich wirklich ſtolz darauf, Sie meinen Gaſt zu nennen und als einen meiner Freunde anſehen zu dürfen. Sicherlich wird Jedermann in der Geſellſchaft Sie ſtets mit Freuden zu ſeinen Bekannten zählen.“ „Wir zuerſt,“ ſagten Stephana und Graf Romar⸗ hierta, welche, ohne bemerkt zu werden, von dem letzten Theil des Auftritts Zeugen geweſen waren. „Ihre Hand, junger Mann,“ ſprach der alte all⸗ gemein geachtete Oberſt D., indem er auf Jvar zu⸗ ging.„Von und mit dem heutigen Tage können Sie laut erklären, daß der alte D. Ihr Freund iſt, etwas das nur ſehr Wenige von ſich ſagen können⸗ Sie haben ſich als ein wackerer Mann gegen einen abſcheulichen Angriff vertheidigt. Es war beim Teufel eine Freude für mich, Ihnen zuzuhören!“ Die beiden mächtigſten und reichſten Männer der Gegend, Graf Romarhjerta und der Oberſt D. hatten das Signal gegeben, und da dieſe den jungen In⸗ genieur für einen rechtſchaffenen Mann anſahen, glaubten die Uebrigen es auch thun zu können, ſo daß alle zuſammen auf die verbindlichſte Weiſe in das einſtimmten, was der Oberſt und der Graf ge⸗ ſagt hatten. Kurt Axelhjelm, welcher bei dem oben geſchilderten Auftritt nicht zugegen geweſen, kam jetzt mit einer 138 Zeitung, die ſo eben mit der Poſt angekommen war, in der Hand herein. „Eine Neuigkeit, meine Herrſchaften!“ rief er; „Ingenieur Jvarſon hat von der landwirthſchaftlichen Akademie den großen Preis für ſeine Getreide⸗Trock⸗ nenmaſchine erhalten. Da ſteht es in der heutigen Zeitung zu leſen.“ Die Geſellſchaft umringte Jvar von allen Seiten, 4 um ihm Glück zu wünſchen. Während der dadurch entſtandenen Bewegung flüſterte eine ſtrenge und drohende Stimme Evert, welcher unbeweglich und mit zuſammengepreßten Lippen daſaß, ins Ohr: „Sie werden ſogleich den Lieutenant 2. beſtimmen, Jvarſon ſeine Entſchuldigung zu machen, und ihm ſelbſt Ihre Achtung bezeugen, ſonſt....* Evert drehte erſchrocken den Kopf um und heftete ſeine Augen auf den Sprechenden. Es war Jacobo. Er hatte ſich zu Sturesjö in demſelben Augenblick eingefunden, als T. ſeinen An⸗ griff auf Jvar eröffnete. Der laute Ton, in welchem der Lieutenant ſich äußerte, war Lange ſchon aufgefallen, ehe er in den Salon trat, und hatte ihn beſtimmt, auf der Schwelle ſtehen zu bleiben, um zu vernehmen, was da kom⸗ men ſollte. Evert betrachtete Lange, ohne ſich von der Stelle zu rühren. Er war blaß und gelb geworden. „Nun haben Sie mich verſtanden?“ fragte Ja⸗ cobo mit gerunzelter Stirne. „Nein,“ antwortete Evert trotzig. Lange flüſterte ihm ein paar Worte ins Ohr, ——— 139 aber ſo leiſe, daß nicht einmal wir dieſelben ver⸗ ſtanden. Everts Geſichtsfarbe ging in Aſchgrau über; ohne weiter zu zögern, ſtand er auf und näherte ſich dem Lieutenant L., welchem er leiſe Etwas ſagte. Dieſer ſtarrte ihn an, als traute er ſeinen Ohren nicht; aber da Cvert ſofort ſelbſt auf Jvar zutrat und mit einem verbindlichen Lächeln ihm die Hand reichte, ſchien A zu begreifen, um was es ſich handelte. „Ich bitte den Herrn Ingenieur, verſichert zu ſein, daß ich mich immer mit Vergnügen an die Zeit erinnern werde, da wir Kameraden waren,“ ſprach Evert. Jvar verbeugte ſich, ohne die ihm dargebotene Hand zu faſſen. Die beiden jungen Männer wechſelten Blicke, welche ein paar ſich kreuzenden Klingen zu vergleichen waren. Der Lieutenant K. ging nun gleichfalls auf Jvar zu und ſagte: „Sie werden entſchuldigen, Herr Ingenieur, wenn ich Etwas geäußert habe, was verletzen konnte. Es geſchieht ſo leicht, daß man nachſagt, was das Ge⸗ rücht erzählt; meine Abſicht war nicht, Ihnen eine Unannehmlichkeit zu verurſachen.“ „Seien Sie verſichert, Herr Lieutenant, daß ich Ihre Abſicht vollkommen richtig aufgefaßt habe,“ erwiederte Jvar und drehte ihm den Rücken. Conſtanze folgte mit geſpanntem Intereſſe dem, was vor ihren Augen vorging, ohne ſich erklären zu können, was Cvert beſtimmt hatte, ſein Benehmen ſo ganz und gar zu ändern. Als ſie ſich umdrehte, um Stephana aufzuſuchen, 140 wurde ſie Lange gewahr, der ſich verbeugend vor ihr ſtand. „Verzeihen Sie, daß ich ſo ſpät komme.“ „Ich enthalte mich gern aller Vorwürfe um der Freude willen, Sie in meinem Hauſe willkommen zu heißen,“ antwortete Conſtanze, welche nach dem Siege, den Jvar gewonnen hatte, ſich ganz aufgeräumt fühlte.„Ich war ſchon geneigt zu glauben, Sie haben die Reiſe nach Iss nur unternommen, damit Sie einen Vorwand erhielten, meiner gaſtlichen Ein⸗ ladung auszuweichen.“ —— Conſtanze ſetzte ſich, und Jacobo nahm den von Evert verlaſſenen Stuhl ein. „Aus welchem Grunde konnten Sie auf eine ſolche Idee gerathen? Warum ſollte ich nicht Ihr Gaſt ſein wollen?“ „Weil Sie unverſöhnlich ſind.“ „Ah, ſind wir daran wieder!“ entgegnete Ja⸗ cobo, indem er nach einem Kupferſtich griff, welcher auf dem Tiſch lag, und ihn mit gleichgültiger Miene betrachtete.„Ich muß Ihnen erklären, Fräulein Conſtanze, daß ich um keinen Preis in der Welt heute Abend von hier hätte wegbleiben mögen.“ Jacobo legte den Kupferſtich wieder bei Seite und ſetzte, die Augen auf Conſtanze heftend, hinzu: „Ich wünſchte, ich könnte Ihnen für die Art und Weiſe danken, wie Sie Jvars Appellation an Sie als Wirthin beantworteten.“ „Herr Lange, ich that nicht mehr, als was jeder rechtlich denkende Menſch an meiner Stelle auch gethan haben würde.“ „Aus wie viel rechtlichdenkenden Menſchen, glauben —Ü 141 Sie denn, daß dieſe Geſellſchaft beſtehe? Ich fürchte, mit Ausnahme von Stephana und Fräulein Olga, hätte nicht eine Einzige dieſer Damen gehandelt wie Sie, denn es wäre denſelben bang geworden, ſich zu kompromittiren. Wie Schade, daß bei Ihnen Alles auf der Eingebung des Augenblicks beruht.“ „Es verlohnt ſich wahrhaftig nicht der Mühe, von mir zu reden; Sie werden mich doch niemals recht verſtehen oder beurtheilen.“ „Möglich. Wir ſind unſerem Charakter nach ein paar Antipoden. Wie dem nun auch ſein möge, ich bin Ihnen Dank ſchuldig für das Beiſpiel, welches Sie den andern Frauen gegeben haben, als es ſich darum handelte, dem wahren Verdienſte Achtung zu beweiſen. Nur ſelten habe ich mich in meinem Leben ſo ſtolz auf den Werth der Arbeit gefühlt, wie heute Abend, als ich Zeuge dieſes Auftritts war, der zum Zweck hatte, einen armen, aber ausgezeichneten Ar⸗ beiter zu beſchimpfen. „Sie ſind alſo dabei geweſen?“ „Ich trat in dem Augenblick ein, als der Lieute⸗ nant ſeine Standrede eröffnete. „Und ich beklagte in meiner Angſt, daß Sie nicht zugegen waren und dem Unverſchämten wehren konnten.“ „Hätte ich das gethan, ſo wäre Jvarſons Sache zu Schanden geworden. Ueberdieß wollte ich ſelbſt ſehen, wie er ſich benehmen würde; ob er jenen moraliſchen Muth beſäße, ohne welchen es keine wahre Menſchenwürde gibt, und welcher erforderlich iſt, um ſein Unglück und ſeine frühere Erniedrigung 142 offen einzugeſtehen. Meine Achtung vor ihm beruhte darauf.“ „Welche ſchreckliche Kaltblütigkeit! Sie vermochten auf ſolche Weiſe zu raiſonniren, in einem Augenblick wie der eben vergangene, wo jede Fiber in meiner Seele vor Angſt bebte und ich mich verſucht fühlte, den Onkel Romarhjerta und Jedermann, der dem Ingenieur Hülfe zu leiſten im Stande war, herbeizu⸗ rufen. Herr Lange, wenn der Verſtand eine ſo vor⸗ herrſchende Rolle ſpielt wie bei Ihnen, ſo muß man zulezt herzlos werden.“ „Bei meinem Alter müſſen Herz und Gefühl eine untergeordnete Rolle ſpielen, beſonders wenn man, wie ich, zu verſchiedenen Malen in ſeinem Leben jenem das Uebergewicht über den Verſtand eingeräumt hat. Was dagegen meine bewieſene Kaltblütigkeit betrifft, ſo haben Sie, auch bei Ihren aufgeregten Gefühlen, ganz daſſelbe Benehmen beobachtet wie ich, zum Beweiſe, daß Sie einſahen, Jvar ſelbſt ſei der rechte Mann, ſich zu vertheidigen.“ „Ach, vergleichen Sie ſich nicht mit mir!“ rief Conſtanze.„Ich konnte ihm Nichts nützen; Sie da⸗ gegen beſaßen die Macht, es zu thun.“ „Ein Mann won Ehre bedarf gegen⸗ über von einem Schurken keines andern Vertheidigers, als ſeiner ſelbſt. Bedenken Sie, daß es bei dieſem Streit zwiſchen K. und Jvarſon nicht blos die Perſon, ſondern die ver⸗ ſchiedenen Ideen galt. Es war eine Lebensfrage, welche auf dem Spiele ſtand. Thatſachen ſollten„ jetzt beweiſen, ob die Arbeit und das ſelbſtgeſchaffene Verdienſt wirklich eine ſo große Macht beſäßen, daß 143 ſie auch einen übeln Ruf vertilgen könnten. Es war Sieg oder Riederlage für meine Anſichten, um was es ſich in Jvars Perſon handelte.“ „Herr Lange, ich werde niemals die Gleichgültig⸗ keit für das Wohl oder Wehe eines Menſchen, wie Sie an den Tag legen, vergeſſen können,“ bemerkte Conſtanze mit einem nicht geringen Anſtrich von Verdruß. „Und ich werde niemals vergeſſen, daß der ſchönſte Sieg, welchen ich das Verdienſt davon tragen ſah, unter Ihrem Dache gewonnen wurde,“ flüſterte Lange und verließ ſeinen Platz. Einige Augenblicke ſpäter wurde von Oberſt D. die Geſundheit des Schmiedejungen Jvar ausgebracht und unter ſtürmiſchem Beifall getrunken. XX. Am folgenden Tag ſollten Olga und Conſtanze nach Kungsborg zurückkehren, wo ſie, ſo lange Olga's Brautſtand währte, zu bleiben gedachten. Conſtanze erklärte, ſie könne unmöglich die Verlobten zu Stu⸗ resjö haben. Cvert und Olga hatten ſeit dem mißlungenen Verſuch, Jvar zu ſchaden, kein Wort gewechſelt. Der Bräutigam war den Reſt des Abends an einem Spieltiſch beſchäftigt geweſn, und als die Geſell⸗ ſchaft aufbrach, begab er ſich mit Baron. nach Stahlhammer. Beim Abſchied hatte jedoch Olga ihm in beſtimmtem Tone zugeflüſtert: 144 „„Ich will morgen mit Dir ſprechen. Komm' deß⸗ halb Vormittags nach Kungsborg.“ Evert ſah ſeine kleine Braut an, welche jetzt offenbar den Kopf ungewöhnlich hoch trug. „Mit dem größten Vergnügen werde ich dein Begehren erfüllen,“ antwortete er, ihr die Hand küſſend. Als er ſich umwandte, um zu gehen, ſtand Kurt vor ihm. Der Bruder ſah finſter aus und ſein Blick war ſcharf, als er ſagte: „Ich muß morgen mit Dir ſprechen. Meine Zeit geſtattet mir nicht, nach Stahlhammer zu reiſen. Du wirſt mich alſo ſchon in Furuhof be⸗ ſuchen.“ „Es wird doch nicht etwas ſo Dringendes ſein, daß ich deßhalb nach Furuhof fahren muß.“ „Dießmal iſt es wirklich dringend. Ich rathe Dir als Bruder, nicht auszubleiben.“ Mit dieſen Worten entfernte ſich Kurt. „Der morgende Tag wird verteufelt unterhaltend,“ dachte Evert, als er durch den Speiſeſaal ging, um das Haus zu verlaſſen. Er hatte den Weg kaum zur Hälfte zurückgelegt, als Conſtanze mit haſtigen Schritten von der entgegengeſetzten Seite auf ihn zukam. Sie ſah ſtolz und kalt aus, als ſie ſtehen blieb⸗ „Sie müſſen ſich morgen zu Kungsborg ein⸗ finden: ich habe ein paar Worte mit Ihnen zu reden.“ Ohne ſeine Antwort abzuwarten, ging ſie weiter⸗ Er ſah ihr nach und murmelte: „Wenn ich auch für den Augenblick nichts An⸗ deres gewonnen habe, ſo bin ich doch ſo weit ge 145 kommen, daß die ſtolze Conſtanze ſich mich um eine Unterredung zu bitten. Ja, Du iſt dieß noch öfters thun müſſen, vermeſſenes W a6“ Somit wurde Cvert am folgenden Tag von drei Perſonen erwartet. Das Frühſtück in Kungsborg war auch kaum vorüber, als Evert die Allee herauf galopirte. Olga ſaß im Garten unter den Linden. Ste⸗ phana war ausgefahren, und Conſtanze noch nicht von Sturesjö, wo ſie länger als die Sweſter g6 blieben, zurückgekehrt. Olga ging Ervert entgegen, und beide nahmen ihren Weg nach dem Pavillon. Das, was Hlga ihrem Verlobten zu ſagen hatte, duldete kein lau⸗ ſchendes Ohr, und deßhalb wählte ſie den genannten Platz zu ihrem téte— 3— téte. „Meine beſte Olga,“ bemerkte Evert beim Ein⸗ tritt in den Pavillon,„Du ſiehſt ſo feierlich aus, daß es gewiß etwas recht Wichtiges iſt, was Du mir zu ſagen haſt.“ Er ſetzte ſich auf einen kleinen Sopha, ergriff ihre Hand und wollte ſie zu ſich herabziehen; aber Olga riß ſich los und nahm etwas entfernt von ihm in einem Fauteuil Platz. „Ich glaube, mein Engel, Du biſt mir böſe!“ rief Evert, indem er ſich in den Sopha zurücklehnte und mit dem Taſchentuch ſich Kühlung zufächelte. „Habe ich auf irgend eine Weiſe mich gegen Dich verfehlt? Das ſollte mir leid thun.“ Er beugte ſich vor und wollte wiederum ihre Hand faſſen; aber ſie wies ihn zurück. „Wozu dieſe ganze Komödie,“ begann Olga, Schwartz, Arbeit adelt den Mann. II 10 „Du weißt bei dir ſelbſt, daß ich nicht nur Grund habe, aufgebracht zu ſein, ſondern vollkommen im Rechte bin, Dich als einen Mann zu betrachten welcher ſeine heiligſten Gelübde gleich Nichts achtet.“ „Olga, Du ſprichſt in Räthſeln.“ „Wirklich! Kannſt Du dich noch erinnern, was Du an jenem traurigen Abend gelobt haſt, da Du das Verſprechen meiner Hand erhieltſt? Ge⸗ denkſt Du noch der Bedingung?“ „„Wann habe ich dieſelbe übertreten?“ fragte Evert, indem er Olga ganz keck anſah. „Evert, iſt es möglich, daß Du mich nicht ver⸗ ſtehen willſt, oder glaubſt Du, ich habe die ganze abſcheuliche Intrigue von geſtern nicht durchſchaut?“ „Meine füße Olga, was hatte ich mit der Sache zu thun? Du ſahſt wohl ſelbſt, daß ich einer von den Erſten war, welche dem Manne die Hand reichten⸗ und daß gerade ich es war, welcher den Lieutenat dazu beſtimmte, ſich bei ihm zu entſchuldigen.“ „Nachdem der Verſuch, ihm zu ſchaden, miß⸗. lungen war.“ „Olga, nun biſt Du ungerecht. Kannſt Du wirk⸗ lich ſagen, daß ich mich mit einem einzigen Wort nach⸗ theilig über ihn geäußert habe? „Höre, Cvert, es verlohnt ſich nicht der Mühe, den Unſchuldigen zu ſpielen,“ fiel Olga haſtig ein. „Du haſt wohl unſere Unterredung am Tage vor dem Gaſtgebot zu Sturesjö nicht vergeſſen, als 5 ich Dich fragte, was deine Worte gegen K., die ich zufüllig mit angehört hatte, bedeuten ſollten. Daſ antworteteſt Du: ich habe ja verſprochen, Jpar 4 * nicht zu ſchaden, und Du kannſt dich auf mein Wort verlaſſen.— Ich verließ mich aber nicht darauf.“ „Und nun, habe ich mein Verſprechen auf irgend eine Weiſe gebrochen?“ fragte Evert kalt. „Ja; Du haſt den elenden Knut F. auf ihn ge⸗ hezt,“ rief Olga mit Wangen, die vor Zorn purpur⸗ roth waren,„und das iſt ein abſcheulicher Betrug gegen mich, welchen ich nicht zu dulden geſonnen bin.“ „Sei ſo gut und erinnre Dich, daß ich nur verſprochen habe, ſelbſt Nichts gegen ihn zu thun. Was Andere thun, dafür will ich nicht verantwort⸗ lich ſein.“ „Du biſt abſcheulich,“ rief Olga und drückte die Hände gegen ihre klopfende Bruſt, als fürchtete ſie, vor Anſtrengung zu erſticken. „Den Vorwurf der Schmeichelei kann Dir Nie⸗ mand machen,“ entgegnete Evert höhniſch, während er aufſtand und ein Glas Waſſer holte, das er ſeiner Braut mit den Worten reichte: „Suche Dich ein wenig zu beruhigen, ſonſt könnte ich leicht auf den Gedanken gerathen, daß zwiſchen Dir und jenem Menſchen ein zärtlicheres Verhältniß beſteht. Das wäre eine Entdeckung, die Du mich aus Klugheit nicht machen laſſen ſollteſt.“ Olga nahm das dargebotene Glas und leerte es. „Erlaubſt Du, daß ich rauche?“ fragte Evert artig, nahm eine Cigarre heraus und öffnete die Glasthüre, welche auf die Terraſſe gegen die See zu führte. Ohne Olga's Antwort abzuwarten, zün⸗ dete er die Eigarre an und begann, an den Thür⸗ pfoſten gelehnt, ganz ruhig zu rauchen. Olga war inzwiſchen einige Mal in dem kleinen 10* Salon auf und ab gegangen. Als ſie ſich ein we⸗ nig gefaßt hatte, blieb ſie vor Crvert ſtehen und ſprach mit einer Kälte und Beſtimmtheit, durch welche er überraſcht wurde: „Es iſt nicht der Mühe werth, über die Art und Weiſe wie Du dein Verſprechen umgangen haſt, noch hin und her zu reden. Du würdeſt doch ſo oder anders dein Benehmen zu vertheidigen und den Schein des Worthaltens zu bewahren wiſſen⸗ Darum wollen wir uns nur auf die Zukunft be⸗ ſchränken. Merke nun wohl, was ich meinerſeits beſchloſſen habe. Wenn Du irgendwie, direct oder indirect, in eigener Perſon oder durch einen Andern, Jvarſon zu ſtürzen ſuchſt, ſo nehme ich das Ver⸗ ſprechen meiner Hand zurück. Die Folgen von dieſem Schritte mögen für Dich ſein, welche ſie wollen, i führe ihn aus Ueberdieß mache ich es Dir zur ausdrücklichen Bedingung, daß Du nach unſerer Vermählung nicht hier bleibſt, ſondern alsbald den Ort verläſſeſt. An demſelben Tage, wo unſere Hoch⸗ zeit gefeiert wird, eine Stunde vor der Trauung händigſt Du mir das ein, womit Du Jvarſon unglücklich zu machen drohteſt. Thuſt Du es nicht, ſo findet auch keine Trauung ſtatt.“ Evert betrachtete Olga eine lange Weile ſchwei⸗ gend. Dieſes kindliche, milde und bewegliche Ange⸗ ſicht hatte nun einen ſo energiſchen und entſchiedenen Ausdruck erhalten, daß er ſich ſelbſt fragte, ob es wirklich dieſelbe Olga wäre, welche er ſich zum Opfer auserſehen, und auf deren leicht erregbare Gefühle er ſo ſehr gebaut hatte. Nach dieſen Betrachtungen antwortete er: —— ———— —— N — S 149 „Du mußt wahrhaftig ſehr feſt an dem Menſchen hängen, daß Du um ſeinetwillen mir ſolche Be⸗ dingungen vorlegſt.“ „Er hat mir einmal das Leben gerettet.— Ich aber bin die Urſache geweſen zu dem Widerwillen und Abſcheu, die ſeine Kameraden gegen ihn zu er⸗ kennen gaben. Und es iſt deßhalb jetzt meine Pflicht, das Böſe, welches ich gethan habe, zu ſühnen, meine Schuld der Dankbarkeit ihm abzutragen.“ „Ganz ſchön; aber es wird wohl ſchwer halten, ihm von dieſem Opfer Mittheilung zu machen,“ erwiederte Evert. „Ich wünſche, daß er niemals eine Ahnung da⸗ von erhält. Was ich thue, geſchieht nur für mein eigenes Bewußtſein.— Nun, Evert, erwarte ich deine Antwort.“ „Beſte Olga ich habe keine zu geben; Du haſt geſagt: Das ſind meine Bedingungen; nun wohl, ich gehe darauf ein.“ z Gvert faßte ihre Hand und ſetzte faſt zärtlich inzu: „Aber warum mit mir diefe Sprache reden? Sollte Olga ebenſo wenig wie Conſtanze es verſtehen, daß dieß bei einem Menſchen von meiner Ge⸗ müthsart und meinem Charakter nicht die rechte Art und Weiſe iſt? Warum nicht eher mild und freundlich ſein? Verſteht Olga nicht, daß es für einen Menſchen, der gleich mir mit einem ſchweren und bittern Seelenleiden behaftet iſt, der Zärtlichkeit und Nachſicht bedarf? Glaube mir, bei meiner Sin⸗ nesart ruft der Schmerz oft ſchlimme Gedanken her⸗ vor; dieſe gehen leicht in Handlungen über, wenz 150 ſie durch Mangel an Theilnahme und verletzende Worte noch verſchärft werden.— Du haſt mir ver⸗ ſprochen, mein guter Engel zu werden, der durch Milde und Güte mich mit meinem Kummer ver⸗ ſöhnen und den beſſern Menſchen in mir wecken wollte. Nun—“ Evert ſchwieg. Seine ſchönen Züge nahmen ein Gepräge von Düſterheit an, welches im Verein mit ſeinen Worten einen tiefen Eindruck auf die herzens⸗ gute und wahrhaft zartfühlende Olga machte. Sie bereute ihre Heftigkeit und ihre harten Worte. „Verzeihe, wenn ich ſtreng geweſen bin,“ ſagte ſie, ihre Hand auf ſeine Schulter legend.„Ich hoffe niemals mehr dergleichen Worte mit Dir reden zu müſſen. Aber ich ſah mir Unrecht angethan, und daher kam meine Heftigkeit.— Nun, GEvert, wollen wir nicht mehr von der Sache reden, es iſt ſchon genug darüber geſprochen worden.“ Cvert legte ſeinen Arm um Olga's Hüfte und ſagte ihr allerlei ſchöne Dinge. Als er kurz darauf von Kungsborg nach Furuhof ritt, dachte er: „Theuer ſollſt Du, meine liebe Olga, mir einmal dieſen Augenblick bezahlen, das gelobe ich Dir.“ In Furuhof angekommen, fragte er nach Kurt⸗ Man wies ihn hinauf in den Saal, wo er den Bruder mit einer Zeichnung beſchäftigt fand. Bei Everts Eintritt ſchaute Kurt auf, und als er ſah, wer es war, arbeitete er fort, ohne auch nur durch ein opfnicken ihn willkommen zu heißen. Nun, da bin ich,“ ſagte Evert, und warf ſich 151 auf den Sopha. Er ſtreckte die Beine über einander und begann mit der Reitgerte an den Stiefel zu ſchlagen.„Was ſind es für hochwichtige Dinge, die Du mir zu ſagen haſt, ſo daß ſie nicht Mittags zu Kungsborg beſprochen werden können, ſondern ich in dieſer verdammten Sonnenhitze hieher reiten muß?“ „Für einen Tagdieb wie Du kann es einerlei ſein, auf welche Art Du die Zeit todtſchlägſt; deß⸗ halb glaube ich, Du konnteſt recht wohl hieher kom⸗ men. Was ich Dir zu ſagen habe, läßt ſich am beſten verhandeln, wenn wir den Blicken Anderer entrückt ſind, weil wir beide vor ihnen unſere Miene in der Gewalt haben müßten.“ Kurt legte ſeinen Zeichnenſtift weg, näherte ſich dem Bruder und blieb mit gekreuzten Armen vor ihm ſtehen. „Es iſt, glaube ich, das vierte Mal, daß wir ſeit dem Tode unſerer Eltern unter vier Augen mit einander ſind. Wir haben ſeit unſerer Kindheit uns gegenſeitig nicht leiden können;— die Jahre haben unſere Gefühle nicht milder geſtimmt, und ich glaube, wir können heute leicht geſtehen, daß wir es am liebſten ſehen würden, wenn das Schickſal unſere Wege nie mehr zuſammenführte.“ „Das iſt wenigſtens das erſte kluge Wort das ich von Dir gehört habe,“ fiel Evert lachend ein; „und da Du gerade zu aufrichtiger Mittheilung ge⸗ ſtimmt biſt, ſo kann ich Dir offen bekennen, daß es wenige Geſichter gibt, welche mir größeres Mißver⸗ gnügen bereiten, als das Deinige, wenn der Zufall uns zuſammenführt. Was hinwiederum unſere Zärt⸗ lichteit gegen einander anbelangt, ſo iſt ſie wohl 152 von wechſelſeitigem Neide ausgegangen. Du mit deinen plebejiſchen Neigungen ſtandeſt bei unſern Eltern niemals in beſonderer Gunſt, während ich dagegen deren Augapfel war.“ „Allerdings, und dieſe Günſtlingſchaft hatte zur Folge, daß Du wie ein reicher Edelmannsſohn erzogen worden biſt, während man mich dagegen nicht warm gelegt hat. Doch laſſen wir das. Es iſt nicht meine Abſicht, das Benehmen unſerer Eltern zu kritiſiren; bleiben wir vielmehr bei deinem und meinem Ver⸗ halten ſtehen, ſeitdem wir nach deren Tod uns gänz⸗ lich mittellos ſahen und nichts als den ſtattlichen Namen Axelhjelm und den noch prunkendern Titel Baron beſaßen. Unſer erſtes téte-Ntéte erfolgte, als Onkel Romarhjerta ſich deiner annahm und ich Maurer zu werden beſchloß.“ „Ja, ich glaube, damals war ich dreizehn Jahr alt, hatte aber doch ſchon Ehrgefühl genug, um über das Erniedrigende deines Entſchluſſes zu erröthen. Du warſt Kadet und konnteſt ſtets auf Unterſtützung von dem Onkel rechnen, aber deſſen ungeachtet ver⸗ tauſchteſt du die Uniform mit der Maurerblouſe.“ „Erinnere mich nicht an deinen knabenhaften Ausfall gegen mich bei jener Veranlaſſung, denn dieß könnte mich nur noch mehr gegen Dich aufreizen.“ „Wie ſo? Es war damals, als Du mit vieler Rührung mir den Vorſchlag machteſt, wir ſollten unſere Kinderſtreitigkeiten vergeſſen und ein paar anhängliche Brüder werden. Du boteſt mir deine Hand zur Freundſchaft und ſchenkteſt mir deine gol⸗ ſe Uhr zur Erinnerung an jenen heiligen Augen⸗ i* ₰ 153 Evert lachte. Kurt ging im Zimmer auf und ab. „Nun wohl, da Du dich über unſere erſte Begeg⸗ nung ſo luſtig machſt, ſo kannſt Du es auch wohl über die zweite, oder haſt Du dieſe vergeſſen?“ Evert ſchwieg. „Du warſt kurz vorher als Zögling in das tech⸗ nologiſche Inſtitut aufgenommen worden.— Ich ſtand im Begriff, nach Amerika zu gehen, als Du eines Tages zu mir kamſt, während Du mich ſonſt niemals beſuchteſt, und um Hülfe bettelteſt. Du hatteſt geſpielt, Du hatteſt verloren, und zwar nicht blos deine Uhr und dein Taſchengeld, ſondern außer⸗ dem eine nicht unbedeutende Summe auf Ehrenwort. Du wagteſt nicht, Romarhjerta die Wahrheit zu ge⸗ ſtehen, und fürchteteſt, er möchte Kunde davon erhal⸗ ten, denn er hatte ausdrücklich erklärt, wenn Du auf eine laſterhafte Weiſe ſeine Güte verwirkteſt, ſo wäre er geſonnen, Dich zur See zu ſchicken. Du wußteſt, daß er das Spiel verabſcheue.— Ich nahm von meinem durch vieljährige Arbeit und die uner⸗ hörteſten Anſtrengungen zuſammengeſparten Reiſegeld die Hälfte, um das zu bezahlen, was Du im Laufe weniger Stunden verloren hatteſt.“ Es trat eine Pauſe ein. Evert pfiff einen Marſch. Kurt fuhr fort: „Vier Jahre war ich fort. Es iſt nicht der Mühe werth, Dir zu ſagen, welchen Entbehrungen ich mich unterziehen mußte, weil es mir an dem⸗ Geld fehlte, das ich für Dich bezahlt hatte; Du würdeſt das ganz in der Ordnung finden, denn dieſe Entbehrungen geſchahen ja um deinetwillen. Gleich 154 bei meiner Rückkehr nach Schweden wurde ich von Onkel Romarhjerta für das Bauweſen zu Sturesjö angeſtellt. Wir, Du und ich, ſahen einander wieder. Ich entdeckte bald, daß Du ſorgfältig jeder perſönlichen Berührung mit mir auswichſt. Ich fühlte mich auch nicht ſonderlich zu Dir hingezogen, denn all dein Reden und Thun bewies, daß Du noch immer derſelbe Narr warſt wie in den Kinderjahren. Genug, unſer drittes Geſpräch unter vier Augen fand ſchließlich ſtatt, als Du wegen deiner Umtriebe und Kabalen von Lange fort und nach England geſchickt wurdeſt. Ich erklärte Dir damals, Du ſollteſt dich in Acht nehmen und nicht den Namen beſchimpfen, den ich unglücklicher Weiſe gemeinſam mit Dir trug. Ich warite Dich Ich Kurt ließ ſeine Hand ſchwer auf des Bruders Schulter fallen und fuhr mit Nachdruck fort: „Jetzt iſt es das vierte Mal, daß wir allein mit einander ſprechen, und ich ſage Dir, ſei auf deiner Hut! Du hatteſt geſtern eine niederträchtige In⸗ trigue angezettelt, aber ſo geſchickt, daß Du deßhalb nicht angetaſtet werden konnteſt. Für Alle, die dein verderbtes Herz, deinen treuloſen Charakter nicht kennen, erſchienſt Du dabei vollkommen unbetheiligt; aber für mich, der Dich kennt, war es, als ich von Romarhjerta das Ereigniß erzählen hörte, ein Leichtes, die Hand, welche die Fäden hielt, zu entdecken. Ich warne Dich, nicht noch einmal deine Finger in dergleichen zu ſtecken, denn bei meiner Ehre ſchwöre ich, Dich dann dermaßen zu zermalmen, daß Du für immer unſchädlich wirſt.“ 155 Wiederum entſtand eine Pauſe. Dann ſprach Kurt weiter: „Du wirſt dich mit Olga verheirathen und durch ſie zu Vermögen gelangen. Siehe zu, daß Du ſie nicht unglücklich machſt, denn wenn Du das thuſt, ſo werde ich der Rächer der armen Frau. Hinfort wird mein Auge Dir folgen, und wenn Du einen Makel auf den Namen zu werfen wagſt, ſo ſchieße ich Dir eine Kugel durch den Kopf. Wäreſt Du nicht mein Bruder, ſo ſollte es mir gleich ſein, ob Baron Axelhjelm ſich wie ein Schurke aufführte oder nicht. Der Baumeiſter Axelhjelm iſt als ein ehrlicher und tüchtiger Mann bekannt und will nicht, daß ein ausſchweifender Bruder ſeinen Namen beſudle. Haſt Du mich verſtanden?“ „Ich habe verſtanden, Du droheſt“ erwiederte Evert und ſprang auf. „Du irrſt dich, ich habe nur gewarnt. Du magſt dir immer meinen Arm gegen Dich gehoben und bereit denken, bei dem geringſten Schurkenſtreich von Dir einen Schlag zu führen, daß keine Spur von Dir übrig bleibt, Nun habe ich Alles geſagt, Du kannſt dich entfernen.“ Evert knallte mit der Reitpeitſche und ſagte lachend: „Meiner Seele, das heißt wirklich tant de bruit pour une omelette.*)— Ph bien, jeder nach ſeinem Geſchmack. Lebe wohl, mein lieber Kurt.“ Damit ſetzte er den Hut auf und verließ ſeinen, Bruder, und einige Augenblicke hernach auch Furuhof. *) D. h. Viel Lärm um einer Kleinigkeit willen. 2 156 „Der Tölpel, mein Bruder,“ dachte Evert,„er wäre Manns genug, mich mit einem Schuß in die Ewigkeit zu befördern, wenn er wüßte.... XXI. Am Nachmittag finden wir Conſtanze und Evert auf einem der Schaukelbretter im Garten ſitzen. Stephana ſpielte Etwas von Chopin, Olga hatte ſich in ihr Zimmer hinauf geſchlichen, und Hermann war in das Leſen der Zeitungen vertieft. Die Freiherrin und ihre Schweſter machten eine Sieſta. Genug, Conſtanze und Evert waren ſich ſelbſt überlaſſen. „Wollen Sie mir ſagen, Evert Axelhjelm,“ begann Conſtanze,„wie Sie es wagen konnten, mein Haus zum Schauplatz Ihrer Gemeinheit zu machen? Sie haben mir oft geſagt, ich ſollte vorſichtig gegen Sie ſein, nun ſage ich: wie unterſtehen Sie ſich, über meine Schwelle zu treten, mit dem vermeſſenen Plan, den Sie geſtern auszuführen gedachten?— Glauben Sie, daß ich nicht endlich Luſt bekommen möchte, Ihrer Unverſchämtheit zu ſteuern?“ „Verſuchen Sie es, wenn Sie können,“ entgegnete Evert kalt.„Wir führen Krieg gegen einander; mögen Sie mich entwaffnen, wenn es in Ihrer Macht ſteht,— ich biete Ihnen Trotz.“ „Wirklich, haben Sie den Brief vergeſſen, wel⸗ chen Sie ſchrieben, als Lange Sie gefangen hielt?“ „Nein, aber ich war damals vorſichtig genug, Ihnen Nichts anzuvertrauen, was mich kompromit⸗ tiren konnte. Was beweist dieſer Brief? Daß ich 157 in Folge eines Jugendfehlers das Mißgeſchick hatte, meinen Principal zu erzürnen?“ „Es könnte mir aber eines Tags einfallen, laut zu erklären, Sie haben mich ſo ſchwer beleidigt, daß ich Sie nicht in meinem Hauſe empfangen kann.“ „Unmöglich. Sie können Ihren künftigen Schwa⸗ ger nicht compromittiren. Geben Sie alſo, beſte Conſtanze, dieſe Sprache auf. Einmal müſſen Sie doch zur Einſicht kommen, daß Sie mir nicht zu ſchaden vermögen. Trotz Ihres Abſcheu's müſſen Sie mir nunmehr äußerlich Wohlwollen und Achtung bezeigen. Wer weiß, vielleicht werden Sie eines Tags gezwungen ſein, Ihre Abneigung zu überwin⸗ den. Wir können nicht berechnen, wohin unſer neues Verhältniß und die Umſtände uns führen können.“ Er machte mit dem Stock Figuren in den Sand. „Laſſen Sie uns einmal zur Kurzweil meine Verbrechen gegen Sie durchgehen.— Worin beſtehen dieſelben? Darin, daß ich Sie höher und heftiger geliebt habe, als irgend etwas. Von dieſem Gefühl geleitet, ſuchte ich Sie auf, ſobald meine ökonomiſchen Verhältniſſe es geſtatteten. Wir ſahen einander wieder in London bei Lord Charter, und dort that ich Ihnen die vielbeſprochene Beleidigung an.— Sie beſtand darin, daß ich mich in Ihr Zimmer einſchloß, um durch den Schatten, welcher davon auf Ihre Ehre fallen würde, Sie zu einer Verbindung mit mir zu zwingen.— Ich wurde entdeckt und Sie riefen Lord Charters Dienerſchaft herbei. Sie waren es, die mich ſchimpflich aus dem Hauſe weiſen ließ. — Die Beleidigung ſiel ſomit auf mich; deſſen un⸗ geachtet lag ich am folgenden Tage zu Ihren Füßen— 158 mit eiſiger Kälte ſtießen Sie mich von ſich. Begehren Sie jetzt nicht, daß ich Ihren Günſtling ſchonen ſoll. Ich habe ja keine andere Rache. Sie hätten mit einem freundlichen Wort mich zu einem ehrlichen Mann machen können, aber Sie zogen es vor, mich zu einem Schurken zu machen. Sie ſetzten eine Ehre darein, mir mit einem grauſamen Hohn Ihre Ver⸗ achtung zu bezeigen, und dieß, obſchon Sie mir von Anfang an Grund zu hoffen gegeben hatten.“ Evert ſchwieg und betrachtete Conſtanze. „Sprechen Sie nicht von Mitleid,“ fiel dieſe lebhaft ein.„Vom erſten Anfang an haben Sie ſich ſo aufgeführt, daß Sie nur Abſcheu erweckten. Hätten Sie auf eine würdige Weiſe Ihr Schickſal ertragen, ſo wäre das Mitleid an ſeinem Platz ge⸗ weſen. Ah! ich habe mir blos vorzuwerfen, daß ich bei unſerer Begegnung in London, bei Charter, an Ihre ſchönen Worte glaubte und Sie als einen ehr⸗ lichen Mann behandelte. Als ich bei Ihren erneuerten Reden von Liebe mich gegen Sie als einen Mann von Herz ausſprach— was thaten Sie zum Lohne dafür? Sie ſuchten einen Flecken auf meinen Ruf zu werfen, um meine Hand zu erhalten. Aber laſſen wir das. Ihr ganzes Leben iſt mit ſchlechten und ſittenloſen Handlungen befleckt. Findet ſich nicht ein edles Gefühl in Ihrer Bruſt, welches Ihnen gebietet, andere als niedrige Mittel anzuwenden? Glauben Sie dadurch mir Ihre Liebe zu beweiſen?“ „Conſtanze,“ entgegnete Evert mit furchtbarer Kälte,„ich will Ihnen meine Liebe nicht beweiſen, die Zeit dazu iſt längſt vorüber; es handelt ſich 159 jetzt darum, Sie die Stärke meines Haſſes fühlen zu laſſen.“ „Und darum dieſe Verfolgungen gegen Menſchen, welche Ihnen nichts zu Leide gethan haben, und zu welchen ich in keinem Verhältniß ſtehe?“ „Sie achten und bewundern den Flenden, den ich geſtern zermalmen wollte. Im Uebrigen verab⸗ ſcheue ich ihn auch um ſeiner ſelbſt willen, und habe das gethan ſeit unſerem Zuſammenſein in Akersnäs. Ich ahnte ſchon damals, daß er Genie hat, Etwas, das mir abging. Doch warum davon reden! Er⸗ lauben Sie mir die Frage, was Sie eigentlich mit dieſem Geſpräch bezweckten? Bis jetzt haben Sie es nur zu einigen unmächtigen Drohungen, einigen bedeutungsloſen Deklamationen gebracht.“ „Ja, Sie haben Recht,“ erwiederte Conſtanze tief aufathmend.„Meine Abſicht war, Ihnen Et⸗ was mitzutheilen, was in gewiſſem Maße das Ver⸗ hältniß zwiſchen uns ausgleichen ſollte. Sie glauben alle Macht in Händen zu haben— ober ich beſitze auch ſolche, die nicht zu verachten iſt; ich meine Olga's Vermögen; das hängt bis zu einem gewiſſen Grad von mir ab. Im Fall ſie eine Parthie trifft, die meiner Ueberzeugung von ihrem wahren Glück widerſtreitet, ſo.... „Iſt es nichts weiter,“ fiel Evert ein,„ſo werden Sie erlauben daß wir von dieſem Thema abbrechen. Ich weiß von Onkel Romarhjerta, daß Olga als Mitgift nur fünfzigtauſend Reichsthaler erhält. Von den übrigen fünfzigtauſend haben Sie das Recht, ihr nur die Zinſen verabfolgen zu laſſen, im Fall dieſelbe eine Heirath gegen Ihren Willen eingeht.“ 160 „Noch mehr: verehlicht ſie ſich mit einem ihrer unwürdigen Mann, ſo habe ich auch das Recht, ihr die Zinſen zu verweigern; wenn ich ſomit erführe, daß Sie Olga unglücklich machen, würden Ihnen nicht einmal die Zinſen von dieſen fünfzigtauſend Reichsthalern zufallen. Sie müſſen ein rechtſchaffener Mann werden, ſonſt— beraube ich Sie der Hälfte von Olga's Vermögen.“ „Wiederum Drohungen. Was beweist dieß? daß Sie mich für einen ungeſtümen und unbeſonnenen Charakter halten, ohne Feſtigkeit in ſeiner Ueber⸗ zeugung oder Conſequenz in ſeinen Handlungen. Sie irren ſich. Wenn ich ein Ziel erreichen will, ſo laſſe ich mich weder durch Drohungen noch Ge⸗ fahren abſchrecken. Merken Sie wohl, ich habe be⸗ ſchloſſen, daß Olga meine Frau werden ſoll. Und nähmen Sie ihr auch alles Vermögen, es würde nichts helfen; ſie müßte es werden, darum weil ſie Ihre Schweſter iſt. Es iſt alſo ganz vergeblich, mir mit Drohungen in Bezug auf Geldangelegenheiten zu kommen. In dieſer Hinſicht dürfte die Zukunft den beſten Beweis liefern, welche der beiden Perſonen die Macht beſitzt, die andere zu zwingen. Haben Sie ſonſt noch Etwas zu befehlen?“ Conſtanze ſah ein, daß jeder Verſuch, auf dieſen Mann einzuwirken, fruchtlos ſein würde. Er hatte Nichts mehr von ihr zu hoffen, und deßhalb war er für jedes ihrer Worte unzugänglich. Sie erhob ſich ſomit, und Evert begleitete ſie in den Salon. 161 XXII. An demſelben Tage, da Evert dieſen Angriffen von allen Seiten ausgeſetzt war, fand ein ganz an⸗ deres Schauſpiel zu Akersnäs ſtatt. Als die Arbeiter am Morgen kamen, ging ihnen von dem Werkmeiſter die Aufforderung zu, ſich in der untern großen Werkſtätte zu verſammeln. Ver⸗ wundert, was dieſe Anordnung zu bedeuten hätte, begaben ſie ſich dorthin und fanden den Werkmeiſter bereits anweſend. Das Angeſicht des jungen Mannes erſchien bleich und erregt. Es war auch für Jvar eine Unmöglichkeit, bei allen den Erinnerungen, die ihn beſtürmten, gelaſſen zu bleiben. Hier, in derſelben Werkſtätte, war es dem frühern Werkmeiſter nur unter eigener Gefahr der Mißhandkung von dem wüthenden Volke gelungen, ihn dem Grimm deſſelben zu entreißen. Jetzt ſtand er hier, umgeben von demſelben Volke und im Begriff ſeine Ehre und ſeine Zukunft den Impulſen, von welchen ſie ſich eben leiten laſſen würden, anheim⸗ zugeben. Ebenſo ruhig und ſeiner Ueberlegenheit vollkommen bewußt, wie Jvar am Abend zuvor, als der Angriff auf ihn erfolgte, ſich gezeigt hatte, ebenſo demüthig und aufgeregt war er jetzt. Es handelte ſich nicht um Menſchen, welche den Tonangebenden folgten, ſondern um ungebildete, aber rechtſchaffene Arbeiter, welche nach dem natürlichen Rechtsgefühl und nach der Auffaſſung, die ſie von ſeiner Schuld oder Un⸗ ſchuld hatten, zu urtheilen geneigt waren.— Sein Schwartz, Arbeit adelt den Mann. 1. 11 162 Verbleiben zu Akersnäs ſollte nicht von der Geſell⸗ ſchaft abhängen, an welche er geſtern Abend appellirt hatte; ſondern einzig und allein von dem Ausſpruch dieſer berußten, fleißigen Arbeiter. Jvar bedurfte darum auch mehrere Minuten, um ſeiner Gefühle Meiſter zu werden. Für ihn bedeutete die Achtung ſeiner früheren Kameraden mehr, als die der Vornehmen. Beſaß er die der erſtern, ſo war er ſtark und konnte die letztern verlachen, im Fall ſie ihn geringſchätzten. Wenn man die Meinung des Volks in die eine Waagſchale legt, ſo verliert die Stimme der Coterien alles Gewicht. Selbſt Arbeiter, hing er mit ganzer Seele an dem Stande, von welchem er ausgegangen war, und zu welchem er gehörte. Als Jvar endlich nach großer Anſtrengung ſo viel Macht über ſich gewonnen hatte, um mit ſchein⸗ barer Ruhe ſprechen zu können, ſprang er auf einen großen Amboß und begann mit klarer Stimme: „Ich habe begehrt, daß ihr euch hier verſammeln ſollt, um heute mein Urtheil von euch zu empfangel. Ich wünſche zu erfahren, ob ich als euer Kamerad eure Achtung verdiene und würdig bin, Werkmeiſter von Akersnäs zu bleiben. Findet ſich Einer unter euch, der mich dieſes Platzes unwerth erachtet, ſo werde ich ihn verlaſſen. Ihr müßt darum wiſſen, wer ich eigentlich bin.... 5 „Das wiſſen wir,“ rief man jetzt von allen Seiten. Ein alter Arbeiter trat vor und führte das Wort: „Der Herr Werkmeiſter iſt derſelbe Jvar, welchen 163 wir vor ſechs Jahren aus der Fabrik verjagt haben. Wir wußten das längſt, hielten es aber für das Beſte, Nichts davon merken zu laſſen, bis wir, der Werkmeiſter und die Arbeiter, näher mit einander bekannt wären Daß wir den Werkmeiſter achten und ſchätzen, das haben wir wohl bewieſen und ſo⸗ mit das Unſere dazu beizutragen geſucht, das Alte in Vergeſſenheit zu bringen. „Ja, ſo haben wir gedacht,“ fiel der Altgeſelle der Feilerwerkſtätte ein,„und mag es nun mit der Mordgeſchichte gegangen ſein, wie es will, ſo hat der Herr Werkmeiſter dadurch, daß er ein ſo präch⸗ tiger Mann und Arbeiter geworden, Alles geſühnt. Wenn wir es ſo überdenken, müſſen wir alle zuge⸗ ſtehen, daß der Werkmeiſter ſich ſtill, arbeitſam und geſittet aufführte, obwohl wir ihm die Gerechtigkeit nicht anthun wollten.“ „Jetzt iſt es eine Ehre für die Fabrik und uns,“ bemerkte ein anderer Arbeiter,„daß der Herr Werk⸗ meiſter hieher zurückgekehrt iſt, nachdem er ſich einen ſo guten Namen gemacht hat.“ 3 „Deßhalb ſagte ich auch,“ rief ein Dritter,„als aron Knuts Diener herkam und mich fragte, ob ich Jvar nicht wieder erkannt hätte, ihm gerade heraus: mag er der Teufel ſelbſt ſein, ſo iſt er doch ein tüchtiger Burſche in und außerhalb der Werkſtätte. Im Uebrigen ſagt die heilige Schrift: wenn der Gerechte auch ſiebenmal fällt, ſo ſteht er wieder auf, und Sie ſind aufgeſtanden, wie ein wahrhafter Herrenmann; darum: Unſer Werkmeiſter lebe hoch!“ Ehe ſich Jvar verſah, wurde er von denſelben 11* 164 Armen, die ſich einſt drohend gegen ſein Haupt er⸗ hoben hatten, auf die Schultern genommen und unter gewaltigem Hochrufen herumgetragen. Es war einer der ſchönſten Augenblicke im Leben des jungen Arbeiters, und noch im Spätherbſt ſeines Alters ſollte das Andenken daran ſeine Bruſt mit Rührung erfüllen. „Nun, Kameraden,“ rief Lange, welcher unter dieſen etwas lärmenden Ehrenbezeugungen in die Werkſtätte getreten war;„ich glaube, Akersnäs darf es ſich zur Ehre ſchätzen, den Werkmeiſter als Lehr⸗ ling in ſeiner Werkſtätte gehabt zu haben.“ „Ja, ſo iſt es,“ ſchallte es ringsumher. Eine Stunde darauf hatte Jedermann ſich wieder an ſeine Arbeit begeben. In der Schmiede ertönten ſriſche Hammerſchläge gleichſam als Accompagne⸗ ment zu Bengts kräftiger Stimme, welche heute ſtärker und froher als gewöhnlich lautete. Er be⸗ hauptete, ſelbſt an ſeinem Hochzeittage nicht heiterern Sinnes geweſen zu ſein. „Es war doch eine Freude, die mir durch Leib aund Seele ging, daß ich den Tag erleben durfte, da die Kameraden dem armen verſtoßenen Jvar ſolche Ehre anthaten,“ ſprach er bei der Heimkehr zu ſeiner jungen Frau. Am Abend, als die Arbeit zu Ende war, wan⸗ derte Jvar mit Bengt nach ſeiner Wohnung. Jvar hatte geſagt: Tieſen Tag, welcher der ſtolzeſte meines Lebens iſt, will ich bei dem beſchließen, welchem ich es vor⸗ nehmlich zu danken habe, daß ich nach Akersnäs ge kommen bin, und welche mich Gott fürchten und die 165 Arbeit zu lieben gelehrt hat. Deßhalb, mein lieber Bengt, mußt Du mich heute mit nach Hauſe nehmen.“ Und die junge Hausfrau tiſchte das Beſte auf, was ihre Speiſekammer zu bieten hatte, und jetzt, wie zu Mutter Inga's Zeit las Bengt ein Kapitel aus der Bibel, bevor man ſich zu Tiſch ſetzte. Als die Mahlzeit vorüber war, ſang Bengt ein Lied, gerade wie damals, als Jvar bei dem rechtſchaffenen Schmied ſeine Heimath gefunden hatte. XXIII. Nach dieſen Ereigniſſen verfloß eine Zeit, welche durchaus nichts Bemerkenswerthes bot. Lange war in Geſchäftsangelegenheiten nach der Hauptſtadt ge⸗ reist, und in Folge davon hatte der Werkmeiſter zu Akerenäs doppelt ſo viel zu thun, ſo daß auf alle Beſuche zu Kungsborg verzichtet werden mußte. Evert hatte ſich gleichfalls nach Stockholm begeben, um Vorkehrungen zu treffen, damit bis zum Herbſt für den Einzug ſeiner jungen Frau Alles in Ordnung wäre. Eine große Wohnung mußte ge— miethet, Möbel gekauft werden u. ſ. w. Während dieſer Zeit ſchwärmte, träumte und dichtete Olga ganz wie früher. Conſtanze übte ſich darin, ihren Vorſätzen mehr Halt zu geben und mit ihren Neigungen nicht von einem Gegenſtand zum andern überzuſpringen. Sie brachte hin und wieder mehrere Tage in Sturesjö zu, wo zu Olga's Ausſteuer gewoben und genäht wurde. An einem ſchönen Samstag Abend zu Ende 1 1 166 Auguſts wanderte Olga ganz allein zu Janne's Mutter. Sie trug einen kleinen Korb mit Obſt am Arm. Als ſie an das Gebüſch im Walde kam, wo ſie zuerſt mit Janne Bekantſchaft gemacht hatte, ſetzte ſie ſich nieder, um auszuruhen. Seit ſechs Jahren hatte ſie ſtets dieſen Platz hiezu gewählt, wenn ſie einen Spaziergang nach der Köhlerhütte unternahm. Gerade als ſie ſich niederließ, bewegte es ſich hinter dem Gebüſch. Sie drehte ſich um und ge⸗ wahrte einen Mann. Olga ſtieß einen Angſtruf aus. „Soll ich denn an dem Platze hier ſtets das Unglück haben, Ihnen Schrecken einzujagen?“ ſagte Jvar. „Ah, Sie ſind es, Herr Ingenieur,“ erwiederte Olga erröthend.—„Ich muß Ihnen recht albern vorkommen, daß ich über Alles erſchrecke,“ ſetzte ſie lächelnd hinzu. „Jetzt hatten Sie auch Grund genug dazu. Es war eine Unvorſichtigkeit von mir, daß ich ſo plötz lich hier auftrat; aber aufrichtig geſprochen, muß auch ich bekennen, Sie haben mich durch Ihr Er⸗ ſcheinen gleichfalls ſo plötzlich den Gedanken, in welche ich verſunken war, entrückt, daß ich etwas heftig vorſtürzte, um zu ſehen, wer da wäre.“ Olga hatte ſich wieder auf den Raſen niederge⸗ laſſen. Jvar folgte ihrem Beiſpiel. „Sie haben ſich wieder in Kungsborg recht un⸗ ſichtbar gemacht,“ begann ſie.„Es iſt ſchon lange her, ſeitdem wir Sie das letztemal dort erblickten⸗ Ich kann mich deſſen kaum mehr entſinnen.“ „Das letzte Mal ſah ich Sie in Sturesjö.“ 167 „Seitdem haben wir uns nicht wieder getroffen?“ „Nein, ich habe mit Fleiß vermieden, Ihnen zu begegnen.“ „Und aus welchem Grunde?“ „Weil ich Sie nicht wiederſehen konnte und wollte, ohne Ihnen zugleich für die Warnung zu danken, welche Sie mir zukommen ließen.“ „Erlauben Sie, daß wir davon ſchweigen,“ be⸗ merkte Olga in einem Ton, welcher zu erkennen gab, daß ihr der Gegenſtand peinlich war.—„Wiſſen Sie, woran ich dachte, ehe Sie kamen und mich er⸗ ſchreckten? Ich erinnerte mich ſo lebhaft an den da ich Janne und Sie hier getroffen abe.“ p Olga lächelte mit verlegener Miene und ſetzte inzu: „Und wünſchte mir, daß das Schickſal uns noch einmal an dieſer Stelle zuſammenführen möchte.“ „Jetzt muß ich meinerſeits fragen, aus welchem Grunde?“ „Ich fühlte ein wirkliches Verlangen, Ihnen mein unheilvolles Benehmen zu erklären, das ſich in ſpä⸗ terer Zeit leichter entſchuldigen ließe.“ „Fräulein Olga,“ fiel Jvar lebhaft ein,„wir haben uns ja ſchon einmal darüber verſtändigt, daß das Vergangene auch vergeſſen ſein ſollte.“ „Ja, und deßhalb können wir davon reden, als ob es uns gar nichts anginge.“ Olga erzählte nun, wie durch die Mährchen ihrer Amme von Geſpenſtern und„dem Böſen“ ihre Phantaſie mit den ungeheuerlichſten Schreckbildern erfüllt worden war. 168 Dieſe Beſchreibung wurde mit Olga's gewöhn⸗ lichem Humor gegeben, und Jvar lachte darüber recht herzlich. Endlich kam ſie zu der Schilderung von dem großen Einfluß, den die Auſtritte in Akersnäs auf ſie hervorgebracht, und von der völlig veränderten Richtung, welche in Folge davon ihre Vorſtellungen genommen hatten. Sie erzählte, wie durch die Verfolgungen der Arbeiter gegen Jvar mit einem Mal eine völlige Umwandlung in ihrem Ideengang bewirkt worden war, und wie ſie, von dem ängſtlichen Verlangen, klar in der Sache zu ſehen, angetrieben, ſich zu Mutter Inga be⸗ geben hatte. „Von ihr, der frommen und herzensguten Frau, lernte ich meine ganze Schuld gegen Sie erkennen. Am Morgen darauf reisten Sie ab. Ich brachte die Nacht damit zu, daß ich an Sie ſchrieb und Sie bat, mir wo möglich das Böſe zu verzeihen, das durch meinen Unverſtand Ihnen angethan worden war. Von dieſem Tage an arbeitete ich allen jenen Phantaſien entgegen, welche mich früher in allen Dingen etwas Ungeheuerliches hatten ſehen laſſen. Jedesmal, wenn ein Vorurtheil ſich meiner bemäch⸗ tigen wollte, ſtand der Gedanke an Sie warnend an meiner Seite. Mit wirklicher Angſt wartete ich, von Lange Etwas über Sie zu erfahren, aber ver⸗ gebens. Sie waren nach Ihrer Abreiſe von Gothen⸗ burg gleichſam verſchwunden, und umſonſt ſchrieb man nach Amerika, um Auskunft über Sie zu er⸗ halten. Alles, was man erfuhr, war, daß das Schiff mit welchem Sie die Reiſe gemacht hatten, durch irgend einen Unglücksfall zu Grunde gegangen ſei. 169 Bei dieſer Nachricht war es, als ob ein nagender Vorwurf ſich in mir zu regen anfinge und von meiner Seele nicht mehr ablaſſen wollte. Ich glaubte unaufhörlich in meinem Innern eine Stimme zu hören, welche mich anklagte, die Urſache Ihres Todes zu ſein. Oft habe ich, wenn dieſe Gedanken mich marterten, zu Gott gebetet, daß ich einmal davon befreit, oder auf irgend eine Weiſe in den Stand geſetzt werden möchte, meine Schuld zu ſühnen.“ Olga ſchwieg. Auf den beweglichen Zügen ruhte ein milder und demüthiger Ausdruck. „Ach. Sie haben das wenige Böſe, das Sie mir gethan, reichlich geſühnt,“ verſicherte Jvar mit Wärme.„Auch waren nicht Sie es, von der jene beklagenswerthen Ereigniſſe hervorgerufen wurden, ſondern Andere, welche das von Ihnen erweckte Vorurtheil benützten, um mir dadurch zu ſchaden. Ueberdieß, Fräulein Olga, ſind gerade dieſe Ereig⸗ niſſe die Urſache geweſen, daß ich wieder ganz allein in die Welt hinausgeſtoßen wurde und durch meine eigenen Anſtrengungen mich emporarbeiten mußte. Glauben Sie mir, nach den letztvorgefallenen Ereig⸗ niſſen möchte ich nicht im Mindeſten die Vergan⸗ fenheit ändern. Gebe Gott, daß..... 2 JIvar hielt an. „Warum reden ſie nicht aus?“ „Wann iſt Ihre Hochzeit?“ fragte Jvar, ohne zu thun, als ob er Olga's Worte gehört hätte. „Zu Ende September.“ „So bald!“ Beide ſchwiegen. 170 Jvar erhob ſich eine Weile darauf mit den Worten: „Wir haben uns mit der Vergangenheit ſo ſehr beſchäftigt, daß wir die Gegenwart ganz vergaßen und auf den Einbruch der Dämmerung gar nicht Acht gaben. Sie wollen noch zu Janne's Mutter. Erlauben Sie mir, Sie zu erwarten und ſodann nach Kungsborg zu begleiten.“ Es war ſchon ziemlich dunkel, als Jvar und Olga auf dem Heimweg durch den Wald dahin zogen. „Ich würde mich trotz meiner ſchönen Vorſätze doch ſicherlich recht gefürchtet haben, wenn ich allein hätte heimgehen müſſen,“ ſagte Olga,„beſonders wenn mir, wie jetzt, eine ſolche Geſtalt begegnet wäre.“ Sie deutete hiebei auf einen Mann, der auf ſie zukam. Dem Ausſehen nach war es ein armer Wanderer. „Ach, das iſt ein armer Handwerksburſche,“ er⸗ wiederte Jvar und betrachtete die Perſon.„Ich ſehe niemals einen ſolchen Menſchen, ohne der Zeit zu gedenken, da ich ſelbſt mit ſchwerem Schritt und hoffnungsloſem Herzen umherzog und um Arbeit anſuchte.“ Der Mann war inzwiſchen näher gekommen. „Sie müſſen aber zugeben, daß der hier ein ungewöhnlich abſchreckendes Ausſehen hat,“ meinte Olga und ſchmiegte ſich unwillkürlich näher an Jvar an. „Das iſt nicht zu beſtreiten,“ antwortete er mit einem Blick auf den in Lumpen gehüllten Burſchen, welcher ſich jetzt hart bei ihnen befand. An einem 171 Knüttel, den er über die Schulter gelegt hatte, trug er ein kleines Bündel und ein paar zerriſſene Stiefel. „Meine gnädigen Herrſchaften, erbarmen Sie ſich eines armen Mannes und geben Sie ihm ein Al⸗ moſen,“ ſagte er, ſeine ſchmutzige und zerfetzte Mütze Olga hinſtreckend. Jvars Augen waren auf dem gelblichbleichen, aufgedunſenen und widrigen Angeſicht, welchem Laſter und Verbrechen in jedem Zuge ihren Stempel auf⸗ gedrückt hatten, wie feſtgewachſen. „Was biſt Du?“ fragte er. „Ich bin ein armer Schmiedgeſelle, der krank geweſen und nun Arbeit ſucht,“ lautete die Ant⸗ wort, welche mit dem bei Bettlern gewöhnlichen Jammerton gegeben wurde. „Und Dein Name?“ Der Bettler warf einen ſchielenden Blick auf Jvar, ehe er zur Antwort gab: „Ich heiße Ström.“ „So; und Du ſuchſt wirklich Arbeit?“ „Ja, mein Herrgott, ganz gewiß. Vielleicht können Sie mir ſolche geben.“ Dabei ſielen die Augen des elenden Burſchen auf Jvarſons Uhrkette, und ſie funkelten vor Hab⸗ gier. „Das könnte wohl geſchehen. Du gehſt gerade aus bis zu dem Kreuzweg und wendeſt Dich dann links; ſo kommſt Du auf ein großes Feld; auf der andern Seite davon liegt eine Menge von Fabrik⸗ gebäuden. Darauf hältſt Du zu und ſagſt zu dem Thürhüter, der Werkmeiſter habe Dich hergeſchickt, um auf ihn zu warten.“ 172 „Ich danke unterthänigſt“ ſagte der Bettler, als Olga ihm gleichzeitig etliche Kupfermünzen reichte.„Gott ſegne die gnädigen Herrſchaften. Ich werde den Weg zur Fabrik ſchon finden.“ Olga und Jvar ſetzten ihre Wanderung heim⸗ wärts fort, und der Bettler marſchirte nach dem Kreuzweg. Sobald er an eine Krümmung gekommen war, hielt er an und ſchaute ſich um. Als er ſich genugſam überzeugt hatte, daß Olga und Jvar ihn nicht ſehen konnten, ſetzte er ſich an den Straßen⸗ graben, während er in Gedanken folgenden erbau⸗ lichen Monolog heilt: „Das war der Teufel ſelbſt, ſo glozte er mich an.— Ich merkte recht wohl, daß er meinen Worten nicht Glauben ſchenkte; nun, nun, daß iſt auch we⸗ niger zn verwundern, denn ich ſehe nicht gerade aus, wie ein Putznarr. Aber der pfiffige Fuchs ſoll meine Gans doch nicht beißen, daraus wird nichts. Ich müßte ein verteufelter Narr ſein, wenn ich mich in die Falle, die er mir geſtellt hat, locken ließe. Er will mir Arbeit verſchaffen, ſagt er. Verteufelt gut, wenn ich arbeiten wollte; aber da ſteckt's ja eben, daß mir jede Luſt zur Sclaverei abgeht. Ich habe es immer für ungerecht angeſehen, daß man Leute ihr Leben in Mühe und Schweiß dahin⸗ ſchleppen läßt, während andere in Ueberfluß leben, ohne einen Rutzen zu ſchaffen. Und ſo habe ich es in der Ordnung gefunden, mit den Reichen zu theilen. Das iſt viel weniger ermüdend, als den Hammer zu führen. Anſtatt nun in die Fabrik zu gehen, will ich lieber hier herum dem feinen Herrn auf⸗ lauern und ihm dazu helfen, daß er ſeine Uhr und 173 Kette los wird; das ſind bloße Putzſachen, deren er wohl entbehren kann. Iſt er, wie ich glaube, der Diſtriktspolizeibeamte, ſo habe ich dann meine Sache um ſo beſſer gemacht. Es wäre nicht das erſte Mal, daß die Gerechtigkeit und ich einander in die Haare gerathen.“ Er kicherte vor ſich hin und fuhr dann fort: „Bis jetzt iſt es ihr aber doch nicht gelungen, mich gehörig zu faſſen; ich habe ſie immer an der Naſe herumgeführt.“ Der Bettler ſchlich an die Krümmung des Weges zurück. Olga und Jvar waren nicht mehr ſichtbar. Nachdem dieſe den Wanderer hinter ſich gelaſſen hatten, ſchritt Jvar neben Olga ſchweigend und düſter dahin. „Ich glaube, der arme Teufel hat Sie ver⸗ ſtimmt,“ bemerkte endlich Olga. „Ja, ich geſtehe es.“ „Seit langer Zeit habe ich keinen Menſchen von ſo ſchauerlich widrigem Ausſehen unter die Augen bekommen; er ſah ſo hinterliſtig aus, als er mit Ihnen redete.“ „Dießmal täuſchte die Außenſeite nicht. Der Schurke war deutlich in jedem Zuge zu leſen.“ „Sie haben Unrecht gethan, daß Sie ihn nach Akersnäs wieſen und ihm zu verſtehen gaben, Sie würden dieſen Weg wieder zurückkommen.“ „Glauben Sie das?“ „Haben Sie nicht geſehen, welchen Blick er auf ⸗ Ihre Uhrkette warf? Denken Sie nun, wenn er hier im Hinterhalt läge.“ 174 Olga ſah erſchrocken zu Jvar auf. „Ah, fürchten Sei nichts. Solche Wichte ſind gewöhnlich feig. Sie begehen einen Mord an ſchla⸗ fenden, oder an alten wehrloſen Weibern, wagen ſich aber nicht an einen Mann, der ihrer Meinung nach ſich zu vertheidigen im Stande iſt. Was den Bur⸗ ſchen hier betrifft, ſo iſt er ein ſprechender Beweis davon, wohin Laſter und Müßiggang führen, wenn man ſich denſelben einmal überläßt. Urſprünglich iſt er ein ganz geſchickter Arbeiter geweſen, der ſich eine ſorgenfreie Zukunft hätte ſchaffen können, wenn er nicht fürs Erſte unheilbar faul, und fürs Zweite dem Trunk ergeben geweſen wäre. Dieſe unglück⸗ lichen Fehler haben ihn auf die Bahn des Ver⸗ brechens geführt.“ Am Parke von Kungsborg angelangt, nahm Jvar Abſchied Vergebens bat ihn Olga mitzu⸗ kommen und ihre Droſchke zur Heimfahrt zu benützen. Er lachte über ihre Befürchtungen und war nicht zu überreden. „Ach, mein Gott!“ rief Olga beinahe weinend, „wenn Ihnen Etwas widerführe, ſo laſtete es in Ewigkeit auf meinem Gewiſſen; denn wäre ich nicht mit Ihnen zuſammengetroffen, ſo hätten Sie nicht nöthig gehabt, durch den Wald heimzukehren. Aus Mitleid, gehen Sie nicht zu Fuß“ Sie faßte ſeine Hand und ſah bittend zu ihm auf. „Beſtes Fräulein Olga, ſeien Sie vollkommen ruhig und geſtatten Sie mir dießmal, auf meinem Willen zu beharren. Ich muß nun ſogleich nach Akersnäs zurückkehren.“ 175 Jvar that, wie er ſagte. Mit raſchen Schritten wanderte er, nachdem er ſich zuerſt einen tüchtigen Haſelſtock geſchnitten hatte, ſeines Weges dahin, achtete aber dabei auf jede Bewegung im Gebüſch zur Seite des Fußpfades. „Ich bin überzeugt, daß der Schurke irgendwo im Hinterhalt liegt, um mich meiner Uhr zu be⸗ rauben. Nun, um ſo beſſer, ich kann dann endlich mit dieſen Buben der an dem Unglück meines Le⸗ bens ſchuld war, Abrechnung halten. Ha! ich em⸗ pfand etwas wie Raſerei in mir, als ich dieſe Phyſionomie erkannte.— Aber, was iſt das?“ Jar blieb ſtehen; ehe er ſich jedoch umdrehen konnte, um zu ſehen, was es wäre, packte ihn Je⸗ mand feſt im Nacken, und er fühlte, wie ein paar Hände ſeinen Hals umſpannten. Der Angriff war von hinten geſchehen. Darauf hatte ſich Jrar nicht gefaßt gemacht. Nun galt es, ſich von dieſem lebendigen Schraubſtock loszumachen, welcher ſich feſter und feſter um ſeine Kehle ſchloß. Jwar, flink und ſtark, wie Alle, die durch Arbeit ihre Körperkräfte geübt haben, ſchlang ohne Zögern ſein eines Bein um die beiden ſeines Angreifers, ſo daß dieſer rücklings niederſtürzte und Ivar mit ſich zu Boden riß. Der Schmied ſchlug jedoch im Fallen ſo heftig an einen Stein an, daß er aus Schmerz Jvars Hals fahren ließ. Sobald dieſer ſich von den Händen frei fühlte, machte er einen kräftigen Ruck und kam auf ſolche Weiſe ganz los. Mit einem Sprung war Jvar auf den Beinen. Sein Widerſacher machte eine Bewegung, um ſich 176 gleichfalls aufzurichten; dieß verhinderte Jvar jedoch dadurch, daß er ihm das Knie auf die Bruſt ſezte und ihn ſomit zwang, ſich ſtill zu halten. „Das iſt alſo die Arbeit, die man ſucht, Stangbom,“ rief Jvar.„Ich habe große Luſt, Dich dafür zu bezahlen, elender Schurke.“— Und den Haſelſtock erhoben, ſezte er hinzu:„Es wäre ein Gluck, wenn ich Dir einen ſo gnten Arbeitslohn be⸗ zahlte, daß Du auf dem Platze bliebeſt, Du, der Mörder Greta's.— Unterſtehſt Du dich, nur einen Laut auszuſtoßen, ſo überliefere ich Dich der Ge⸗ rechtigkeit.“ Der Elende zitterte vor Furcht und Schmerz. denn Jvar klopfte ihn buchſtäblich durch und durch; und als er den Geſellen abgeprügelt hatte und der⸗ ſelbe ſich krümmend am Boden lag, ſagte er: „Jezt packſt Du dich auf der Stelle davon. Bedenke, daß ich Dich kenne, und hüte dich, mir noch einmal in den Weg zu kommen, wenn Du nicht willſt, daß das Geſetz Hand an Dich legt.“ Dann nahm er einige Silbermünzen aus der Taſche und warf ſie dem Bettler zu. „Hier iſt ſo viel, daß nicht der Hunger Dich zu neuer Miſſethat treibt. Siehe zu, daß Du weit von hier weg biſt, wenn der Morgen graut; ſonſt wirſt Du ergriffen und eingeſteckt. Ich gebe Dir die Nacht, um dich davon zu machen.“ Stangbom ſaß zuſammengekauert am Wege. Er rieb ſich die von den zärtlichen Berührungen des Haſelſtocks ſchmerzenden Glieder und murmelte einen ſtillen Fluch über den, der ihn abgeſtraft hatte. 177 Jvar entfernte ſich, während der Schmied ihm mit den Augen folgte. XXIV. Am folgenden Morgen erhielt Olga nachſtehende Zeilen: „Alle Furcht wegen des elenden Burſchen von geſtern war überflüſſig, wovon ich mich beeile Sie„ in Kenntniß zu ſetzen. Mit Achtung J. Jvarſon.“ Nachdem Olga dieſe Zeilen geleſen, ließ ſie ſich ankleiden, um mit Stephana in die Kirche zu gehen. — Der nächſtkommende Sonntag war für Olga's erſtes Aufgebot beſtimmt. Evert wurde täglich zu Kungsborg erwartet, und Olga empfand an dieſem Tage ein wirkliches und großes Verlangen, das Gotteshaus zu beſuchen. Ueber ihr ganzes Weſen war ein leichter Schatten von Schwermuth ausge⸗ breitet, als ſie zum Frühſtück in den Speiſeſaal trat; aber ſobald ſie Stephana gewahr wurde, nah⸗ men ihre Züge ein lächelndes Gepräge an.— Es wollte ihr jedoch heute nicht gelingen, hinter der ſcherzenden Maske die Unruhe ihres Innern zu verbergen. „Fährſt Du mit in die Kirche?“ fragte ſie Conſtanze. „Nein, ich beabſichtige heute den Gottesdienſt unter dem hohen Himmelszelt zu begehen,“ lautete die Antwort. Als der gräfliche Wagen der Kirche zueilte, Shhwartz Arbeit adelt den Mann. n. 12 178 ſpazierte Conſtanze durch den Park nach ihrem Lieb⸗ lingsplatz am Strande und ſetzte ſich daſelbſt nieder. Alles rings umher war ſo ruhig und ſtill; der der einzige Laut, den man vernahm, war das ſchwache Seufzen der Wogen am Strande und die aus der Ferne herüber tönenden Anſchläge der Kirchenglocken, welche zum Gebet riefen. Es war einer von jenen friedlichen Sonntagen auf dem Lande, welche ſo mächtig zu unſerer Andacht ſprechen, weil es uns vorkommt, als ob die ganze Natur ihrem Herrn und Schöpfer ein Loblied ſänge. Selbſt ein Atheiſt könnte ſich unmöglich des Gefühls von Gottes Nähe erwehren, welches ſich uns unwillkürlich auf⸗ drängt und zur Folge hat, daß wir an einem ſolchen Sabbatsmorgen, umgeben von der erhabenen Natur, einen unwiderſtehlichen Drang fühlen, vor der Gott⸗ heit das Knie zu beugen. Auf Conſtanze's für dergleichen Eindrücke ſtets offenes Gemüth äußerte der heilige Frieden des Augenblicks eine mächtige Wirkung Sie fühlte ſich gleichſam von den Armen des allgütigen Vaters umſchloſſen, und die Unruhe und Bitterkeit, welche ſo oft ein leiſes Murren in ihrer Seele erzeugt hatten, ſchmolzen hinweg, und ſie betete mit demi⸗ thigem Herzen. Die Glocken waren inzwiſchen verſtummt. Eine einſame arme Droſſel, die ſich hier vergeſſen hatte, während ihre Genoſſen nach Süden zogen, ſtimmte ihr wehmüthiges Gezwitſcher in der Nähe von Con⸗ ſtanze an. „So einſam werde ich auch ſein, wenn Olga fort iſt,“ ſagte ſie laut vor ſich hin. 179 „Mehr oder minder einſam ſind wir alle,“ ant⸗ wortete eine männliche Stimme, welche ſie ſogleich als Kurt angehörig erkannte. Sie drehte ſich um und ſah ihn in geringer Entfernung auf einem alten Baumſtamm ſitzen. Er nahm den Hut ab und ſetzte lächelnd hinzu: „Welch' ein ſonderbares Spiel des Schickſals, daß wir uns hier auf gleichem Punkte zuſammen⸗ finden, wie es ſchon einmal vor ſechs Jahren ge⸗ ſchah,— und ich meine ſogar, daß der Baum⸗ ſtumpf, auf dem ich ſitze, noch derſelbe iſt. Unbe⸗ merkt von Ihnen, lauſchte ich damals auf Ihren Geſang, wie eben jetzt auf Ihre Worte. Man möchte ſich zu glauben verſucht fühlen, daß, wie es im Mähr⸗ chen heißt, ſechsundzwanzig tauſend Jahre ſeitdem vergangen, und daß wir nun verurtheilt ſind, ganz dieſelben Scenen zu durchleben, ſo vollkommen gleich iſt Alles.“ „Alles, außer wir ſelbſt“ fiel Conſtanze ein. „Gott weiß, ich glaube, daß von Allem wir ſelbſt am wenigſten verändert ſind, der menſchliche Cha⸗ rakter bleibt ſich immerdar gleich, es ſind blos die äußeren Verhältniſſe, welche ſich anders geſtalten. „Und wir mit ihnen.“ „Erlauben Sie, daß ich dieſer Ihrer Behauptung widerſpreche. Gern, aber ich will Ihnen zuerſt beweiſen, daß ich Recht habe.— Als wir vor ſechs Jahren hier zuſammentrafen, bildeten Sie einen Gegenſtand förm⸗ lichen Abſcheu's für mich. Ich hielt Sie für einen“ Mann ohne Herz und Sitten.“ „O, ich erinnere mich recht wohl, daß Sie mich 12* mit Ihrer Verachtung beehrten,“ erwiederte Kurt lachend.„Sie glaubten, es ſei Ihnen unmöglich, es nur in meiner Nähe auszuhalten und einen Augenblick mit mir zu verplaudern. Ich war ein leibhafter Don Juan, der ſich ſelbſt den Gouverneur zu Gaſt gebeten.“ „Nun wohl, hier haben Sie ſogleich einen Btweis, daß wir uns ändern. Ich glaubte damals, ich könnte meinen Widerwillen gegen Sie nicht überwinden, und nun 3 „Sind wir drei ganze Monate recht gute Freunde geweſen, wollen Sie ſagen.“ „Was beweist dieß anders, als daß unſere An⸗ ſichten und Charaktere mit den Jahren ihre Geſtalt wechſeln? „Ganz und gar nicht. Sie ſind immer wandel⸗ bar geweſen. Dieß iſt Ihr Charakter. Sie ſind heute noch dieſelbe lebhafte, unruhige und wechſelnde Seele wie damals, und folglich müſſen Ihre An⸗ ſichten, Neigungen und Geſchmacksrichtungen gänzlich von dem Eindruck des Augenblicks abhängen. Die Launenhaftigkeit Ihres Gemüths wird ſich bis zu Ihrem Tode gleich bleiben.“ „Ich fürchte, daß Sie Recht haben.“ „Es iſt nur ein Punkt, in welchem Sie ſich ver⸗ ändert haben.“ „Und dieſer iſt? „Die Beurtheilung von den Fehlern und Schwach⸗ heiten Anderer. Sie haben gelernt, daß wir Menſchen keine Muſterweſen ſind, ſondern daß Jeder von uns ſein Quantum Fehler hat. Dieß bewirkt, daß Sie jetzt den Stein der Verwerfung wägen, ehe Sie ihn 181 ſchonungslos auf Ihren Nächſten ſchleudern. Sie haben in dieſen ſechs Jahren nähere Bekanntſchaft mit ſich ſelbſt gemacht. Sie haben durch die Folgen Ihrer Uebereilungen und Ihrer Unduldſamkeit ge⸗ litten und ſind zugleich zur Erkenntniß gekommen, daß Sie nicht blos mit dieſen, ſondern noch mit an⸗ dern Gebrechen behaftet ſind. Dieß Alles hat Sie aufmerkſam auf ſich ſelbſt— minder ſtreng und miß⸗ trauiſch gegen Andere gemacht. „Möglich, daß es ſo iſt, und dennoch komme ich mir ganz anders vor als ehedem; noch mehr, ich glaube, daß Alle dieſelbe Metamorphoſe ihres Cha⸗ rakters durchgemacht haben. „Glauben Sie mir, ſie ſind ſich alle gleich, aber Ihr Urtheil über dieſelben hat ſich modiſicirt, und deßhalb ſehen Sie deren Handlungen und Motive mit andern Augen an. Denken Sie zum Beiſpiel von mir, daß ich mich im geringſten Grade ver⸗ ändert habe?“ „Ja bedeutend,“ erwiederte Conſtanze lächelnd. „Sie ſind gewiß weniger unbeſtändig.“ „Gäbe Gott, daß dem ſo wäre!“ ſeufzte Kurt mit komiſchem Ernſt;„aber leider iſt dieß nicht der Fall. Als wir uns das letzte Mal hier trafen, brannte ich für Tante Stephana. Seit dem ſtand ich wenigſtens ein halb Duzendmal in Flammen, und zu allerletzt war ich wahnſinnig verliebt in....“ „Olga“ fiel Conſtanze ſcherzend ein. „Sie war eine von den ſechs, welche auf Tante tephana folgten.— Nein, die Perſon waren Sie.“ „Ich!“ rief Conſtanze und konnte ſich nicht ent⸗ halten, laut aufzulachen. 182 Kurt ſtimmte ganz herzlich in ihre Munter⸗ keit ein. „Merken Sie wohl, ich ſagte war.“ „Ich verſtehe, das heißt ſo viel als in der Ver⸗ gangenheit. „Wenn es noch ſo wäre, würde ich nicht davon reden. Ich erkläre mich niemals, wenn ich verliebt bin, ſondern gehe und brenne in ſchönſter Stille und glaube, ſo lang das Fieber dauert, daß ich eine heftige Leidenſchaft empfinde, ſo wie, daß dieſelbe erwiedert wird. Ich komme jedoch niemals dazu, meine Gefühle in Worte zu kleiden.“ „Aber in Handlungen,“ fiel Conſtanze ein wenig ſcharf ein. „Ah, Sie ſpielen auf Berlin an. Um Vergebung, Sie irren ſich, wie ich Ihnen ſogleich beweiſen will. Ich begegne in Berlin einer wunderſchönen Frau, der Oberſtin Wielki, Ihrer Freundin. Einen ganzen Tag folge ich derſelben wie ihr Schatten. Ich be⸗ wohne ein Zimmer im Hotel St. Petersburg. Das Glück will, daß wir uns Mittags an der Table d'höte treffen. Ungeachtet der wilden Blicke ihres Mannes finde ich Gelegenheit, ein Geſpräch mit ihr anzufangen. Wir plaudern, und dabei ſage ich ihr Alles, was man einer Frau von ihrer Schönheit ſagen muß. Am Abend beſuche ich die Oper, wo ſie ſich gleichfalls einfindet. Mit einem Glaſe betrachte ich dieſes Angeſicht, an dem man ſich niemals ſatt ſehen kann. Sie verließ das Theater, ehe die Vor⸗ ſtellung zu Ende war. Wahrſcheinlich geſchah es in Folge der Verwirrung, die ſich meines Gehirns be⸗ mächtigt hatte, daß ich bei der Heimkehr in das 183 Hötel die Thüre verfehlte und in das Zimmer trat, welches neben dem meinigen lag. Ich hatte die Thüre hinter mir noch nicht geſchloſſen, als ich den unſeligen Irrthum entdecke. Ich wollte gerade mich wieder zurückziehen, als eine Stimme aus dem innern Zimmer fragte, wer da wäre. Die Stimme gehörte einer Frau an, und ich verweilte noch, um ſie zu zwingen, herauszukommen, was ſie auch ganz richtig that. Es war meine Flamme, was ich nicht er⸗ wartet hatte. Als ſie mich gewahrte, rief ſie er⸗ ſchrocken: „Was wollen Sie, mein Herr?“ „Ich hatte nicht Zeit zu antworten, denn es ließen ſich Stimmen auf dem Korridor hören, und Frau Wielki flüſterte in der größten Beſtürzung: „Mein Mann! Sie haben mich kompromittirt, mein Herr.“ „Seien Sie ruhig, Madame, er ſoll mich nicht zu ſehen bekommen,“ erwiederte ich und eilte auf den Schirm zu, welcher vor der Thüre ſtand. Ich hatte meine Bewegungen ſo berechnet, daß wenn der Oberſt auf die Seite kam, wo ich jetzt ſtand, ich mich hinter den Schirm ſchmiegen und dann zur Thüre hinaus ſchleichen wollte. Nun, die Thüre öffnet ſich, und hereintritt der Oberſt mit einer Dame. Unwill⸗ kürlich erſchrocken über meine fatale Situation, da ich mich der feuerſprühenden Augen des Ehemannes erinnerte, als ich ſeine Frau bei Tiſche angeredet hatte, drückte ich mich ganz behend an die Ecke des Schirms. Nur einige Schritte trennten mich von der Thüre, als ein niederträchtiges Schickſal will, daß ich heftig nießen muß. In demſelben Moment 184 wird der Schirm bei Seite geworfen, und ich befinde mich Auge in Auge dem lieben Oberſt gegenüber.“ Kurt lachte. „Wahrhaftig,“ fuhr er fort,„ich kann mir nichts Lächerlicheres denken, als dieſe Lage. Die Oberſtin todesbleich, ich roth wie eine Gichtroſe der Oberſt pomeranzengelb, und eine Weile fürchtete ich, er würde mich in Stücke zerreißen. Sie wiſſen, was folgte: eine Sturzfluth militäriſcher Komplimente und eine Herausforderung auf den nächſten Morgen. Der Mann war ein Engländer, und wenn ein ſolcher auf die Idee kömmt, unvernünftig zu ſein, ſo iſt er es mehr als ein anderer Menſch. Natürlich mußte eich die Herausforderung annehmen, denn er wollte von meiner Vertheidigung Nichts hören, und auf⸗ richtig gefprochen, glaubte ich, der Narr verdiene einen Schuß. „Eine Stunde, nachdem ich glücklich und wohl⸗ behalten in mein eigenes Zimmer gelangt war und mein Abenteuer belachte, klopfte es an der Thüre. Ich öffnete, und eine Dame, in einen Shawl gehüllt, trat ein. Die Dame waren Sie. Ich bat Sie, Platz zu nehmen; aber Sie lehnten es mit der Würde einer Königin ab und ſtellten dann in befehlendem Ton an mich das Verlangen, ich ſollte als ein ehr⸗ licher Mann davon abſtehen, eine Frau noch in größeres Unglück zu ſtürzen, dem Zweikampf ent⸗ ſagen und ſogleich abreiſen. Ich erfüllte Ihr Be⸗ gehren und verließ Berlin. „Das ganze Ereigniß entſchwand allmälig meinem Gedächtniß und wäre ſicherlich mir in Vergeſſenheit 6 185 gerathen, wenn nicht unſer Wiederſehen vor ſechs Jahren daſſelbe aufgefriſcht hätte.“ „Haben Sie niemals mit Unruhe an die arme Frau gedacht, welche Sie ſo unbedachtſam bloß⸗ ſtellten?“ „So unfreiwillig, wollen Sie ſagen“ Nein. Ich vermuthe, daß ſie mit ihrer Schönheit und Liebens⸗ würdigkeit ſehr bald den ſafrangelben Ehemann wieder beſänftigt hat.“ „Sie irren ſich. Sie konnte ihn niemals von ihrer Unſchuld überzeugen, ſondern führte ein ſo unglückliches Leben nach jenem Ereigniß, daß mir nie etwas dergleichen vorgekommen iſt. Aus Rache oder Eiferſucht trennte er ſie von Allem, was ihr lieb und theuer war, von ihren Freunden, ſelbſt von mir; ſogar ihr Kind nahm er ihr weg und ließ ſie bei jeder Gelegenheit den Schimpf einer Treuloſigkeit fühlen, welche ſie niemals begangen hatte.“ „Dann wundert es mich nicht, daß Sie mich verabſcheuten. Im Gegentheil, ich achte Sie nur um ſo mehr deßhalb. Aber ſie wurde ja Wittwe?“ „Ja, zwei Jahre ſpäter hatte Gott Erbarmen mit dem beklagenswerthen Engel, und der Tod löste ihre Ehe.“ „Sie erwarteten dieſelbe ſchon vor ſechs Jahren hier— warum kam ſie nicht? „Weil ſie nicht mit Ihnen zuſammentreffen wollte.“ „Das wundert mich nicht,“ ſagte Kurt in ganz nachdenklichem Ton.„Es liegt etwas Hölliſches in der Vorſtellung, daß man für eine junge ſchöne Frau der Urheber ſo vieler Leiden geweſen iſt. Von jetzt an bin ich gewiß ſo geſetzt, wie ein alter 186 Mann,“ ſetzte er lächelnd hinzu.„Sie ſind ſomit meine letzte Flamme geweſen.“ Conſtanze erhob ſich, und Kurt folgte ihrem Beiſpiel. Sie gingen den Garten hinauf. Gerade 3 ſie die Gitterthüre zu demſelben öffneten, fragte urt: „Wo hält ſich die Oberſtin Wielki jetzt auf?“ „Gegenwärtig in Italien; aber wahrſcheinlich kommt ſie nächſtes Jahr nach Schweden.“ Als Kurt und Conſtanze in den Saal traten, fanden ſie zu ihrer Ueberraſchung Lange und Jvar. Der Erſtere hatte etwas Abgemeſſenes in ſeinem Be⸗ nehmen, und ſein Gruß Conſtanze gegenüben war ungewöhnlich kalt. „Willkommen daheim,“ ſagte dieſe.„Sie ſind lang von Hauſe weggeweſen.“ „Allerdings, ich weiß ſelbſt nicht— wie lang; ich hatte ſo viel zu thun, daß die Zeit wie davonflog.“ Kurt und Jvar ſezten ſich an eines der Fenſter— und ſprachen von einigen neuen Erfindungen. Con⸗ ſtanze und Lange traten in den Salon. „Hier iſt Alles ſich gleich geblieben, merke ich,“ äußerte Lange. „Ja bis auf Weiteres ſteht, Gott ſei Dank, Alles noch auf dem alten Fuß,“ antwortete Conſtanze ſeufzend und dachte daran, daß es bald anders werden ſollte. „Aber warum ſagen Sie, Gott ſei Dank? Es gibt Veränderungen, welchen man mit Freuden ent⸗ gegenſieht? Eine ſolche, glaubte ich, ſtehen auch Sie im Begriffe vorzunehmen.“ „Was meinen Sie?“ . 187 „Ich erwartete, Ihnen recht bald zu Ihrer Ver⸗ lobung Glück wünſchen zu dürfen. Einer ſolchen Veränderung pflegt eine junge Dame mit Freude entgegenzuſehen.“ „Gott weiß, ich glaube, die Ehe iſt für uns Frauen wirklich minder verlockend, als den Männern zu glauben beliebt. Aber was gab Ihnen Grund zu der Vermuthung, daß ich mich zu verheirathen beabſichtige? Auf wen ſollte denn meine Wahl ge⸗ fallen ſein?“ „Auf Kurt Axelhjelm. Er iſt ein Mann, welcher die Hand einer edeln Frau vollkommen verdient,“ antwortete Jacobo. „Das iſt unbeſtreitbar damit ich ihn aber wählen könnte, wäre Etwas erforderlich, das ihm gänzlich abgeht.“ „Reichthum? Denn ſonſt würden Sie argwöhnen, er liebe Sie aus Eigennutz.“ Conſtanze wechſelte die Farbe, antwortete aber, ohne zu thun, als verſtände ſie die in Lange's Worten enthaltene Anſpielung. „Ich würde gegen Kurt Axelhjelm keinen ſolchen Verdacht hegen; aber ich verheirathe mich niemals, ohne daß ich den Mann liebe, mit welchem ich mein Schickſal zu vereinigen gedenke.“ „Nun wohl, was hindert Sie, Kurt zu lieben?“ „Der Umſtand, daß mein Herz ſich ebenſo wenig an ihn feſſeln kann, als das ſeinige an mich.“ Conſtanze trat an die Glasthüre, welche gerade offen ſtand. Jacobo blieb in einem Fauteuil ſitzen. Es erfolgte eine lange Pauſe. Endlich unterbrach Conſtanze dieſelbe mit den Worten: L—————————— 188 „Nun, Herr Lange, was macht Ali, mein früheres Ich habe es noch keinen Dienſt thun ehen.“ Ali befindet ſich vortrefflich. Ich kann Sie ver⸗ ſichern, ich benütze ihn täglich, obwohl niemals, wenn ich Kungsborg beſuche.“ „Und warum das?“ „Aus Furcht, die Luft könnte ihm hier ſchlecht bekommen,“ antwortete Jacobo, indem er Conſtanze ſich näherte.„Ich glaube an die Geſeze der Re⸗ action, und deßhalb wollte ich Ali dem Einfluſſe der⸗ ſelben nicht bloßſtellen.“ Jacobo lächelte und ſezte dann hinzu: „Unter der Einwirkung meiner nicht ſehr beweg⸗ lichen und noch weniger launenhaften Gemüthsart iſt er fromm und ſittſam; in Ihrer Nähe könnte er ſeine wilden Phantaſien wieder annehmen.“ „In dieſem Fall iſt das Pferd, welches ich von Ihnen eingetauſcht habe, in Bezug auf eine von mir ausgehende Rückwirkung vollkommen unempfindlich. Es iſt ſeinen alten guten Sitten getreu geblieben, ungeachtet ich es ſehr oft benützt habe.“ „Ich ſagte Ihnen ja ſchon bei dem Tauſche, daß ich Ihnen das Treue für das Unbeſtändige gebe.“ „Nicht ſo ganz; es beweist blos, daß Ihr Pferd ſeinen Gewohnheiten treu geblieben iſt, aber dabei ebenſo leicht einem andern Herrn gehorcht, während das meinige, in der Freude, mich wieder zu ſehen, ſeinem hitzigen Temperamente ſich wieder hingeben würde, das es jezt abgelegt hat. Laſſen Sie uns, wie bei lehrreichen Fabeln, eine Moral daraus ziehen, denn Sie müſſen zugeben, daß Sie das Bild von 189 unſern Pferden ganz ſo, wie es von Fabeldichtern geſchieht, benüzt haben.“ „Möglich! Aber was iſt dann die Moral.“ „Dieſe: daß nicht immer das treu iſt, was es zu ſein ſcheint, und daß nicht immer das unbeſtändig iſt, was einen ſolchen Namen an ſich trägt. Ruhe und Kaltblütigkeit ſind ebenſo wenig ein Beweis von Beſtändigkeit, als Beweglichkeit des Gemüths und Wechſel der Ideen von einer Flüchtigkeit des Gefühls zeugen.“ Mit dieſen Worten entfernte ſich Conſtanze. XXV. Am Abend regnete es ſtark. Gegen ſonſtige Ge⸗ wohnheit war in Kungsborg Niemand zu Beſuch als Jvar und Lange. Man ſaß im Kreiſe herum und plauderte. Stephana wandte ſich zu Jvar mit den Worten: „Ich habe einen Wunſch an Sie, Herr Ingenieur in welchen alle hier Verſammelten einſtimmen werden.“ „Sie haben nur zu befehlen, Frau Gräfin.“ „Nun wohl, erzählen Sie uns, wie es kam, daß Sie ſo viele Jahre lang gar Nichts von ſich hören ließen. Es wäre für mich, bei meinem ſo langen Aufenthalte in Amerika beſonders intereſſant, zu hören, wie Sie ſich im Lande der Freiheit Bahn ge⸗ brochen haben. Wollen Sie dieſen Wunſch von uns allen erfüllen?“ „Unendlich gern.“ 190 Nach einer kurzen Pauſe begann Jvarſon ſeine Erzählung folgendermaßen: „Ich ſchiffte mich auf der Brigg Wafhington ein, welche am letzten November von Gothenburg abging. Die Zahl der Paſſagiere war ziemlich groß. Die Reiſe ging gut und ohne Unterbrechung bis zur Küſte von Neufoundland, als plötzlich der ſchreckliche Ruf:„Feuer an Bord“ uns in der Nacht erweckte. Es gibt vielleicht nie ein Wort, welches ſo entſetzlich lautet als dieſes, und ich will die gräßliche Aufre⸗ gung der darauf folgenden Scenen ganz übergehen. Ich wüßte auch kaum davon Rechenſchaft zu geben, wie ich mitten in dieſer Verwirrung und Verzweif⸗ lung in eine der Schaluppen gelangte, welche ſogleich von dem Kapitän und der Mannſchaft ausgeſetzt wurden, um ſo viel Perſonen zu bergen, als Raum darin fänden. Alles was ich weiß, iſt daß die Schreck⸗ niſſe dieſer Nacht niemals aus meiner Erinnerung entſchwinden werden. „Der Schein von dem brennenden Fahrzeug leuch⸗ tete uns zu unſerer gefährlichen Fahrt. Wir ruderten auf die Küſte zu, wurden aber von dem ſtarken Winde nach der entgegengeſetzten Richtung getrieben. Gegen Morgen erblickten wir ein Segel; wir ſteuerten darauf zu und wurden an Bord genommen. Sein Beſtimmungsort war Neu York. „Nach dieſem unglücklichen Ereigniß, bei welchem der Kapitän des Waſhington das Leben verlor langte ich am vierzehnten Januar in Amerika an. Mit achtzehn Jahren ſtand ich jetzt in einem fremden Welttheile einſam und verlaſſen da, durch das Un⸗ glück mit dem Schiff meines Geldes und meiner Em⸗ X — 191 pfehlungsbrieſe beraubt, unbekannt mit der Sprache und mit Allem, was mich umgab. Das Einzige, was ich beſaß, waren ungefähr zwanzig Reichsthaler, welche ich in meiner Weſtentaſche fand. „Einer von meinen Unglücksgefährten, ein junger Baumwollenſpinner, der zum Glück ein Empfehlungs⸗ ſchreiben an einen Schweden, einen Herrn Bolander, gerettet hatte, nahm mich zu demſelben mit. Ich erzählte ihm mein Mißgeſchick und erhielt zur Ant⸗ wort, daß er in Folge verſchiedener Handelsaffairen Nichts für mich thun könnte, aber gern bereit wäre, mich an einen Fabrikanten, Herrn Sherman, der eine große mechaniſche Werkſtätte in Neu⸗York be⸗ ſäße, zu empfehlen. „Mit einem Schreiben von ihm und der Adreß⸗ karte Sherman's in der Taſche, machte ich mich ſo⸗ gleich auf den Weg, den leztern aufzuſuchen. Als ich in ſeiner Wohnung anlangte, übergab ich Bo⸗ landers Empfehlungsbrief. Nachdem er ihn geleſen hatte, forderte er mich auf, in ein paar Tagen wieder⸗ zukommen und die Antwort zu holen. „Niedergeſchlagen verließ ich denſelben und zog nun in Begleitung des jungen Baumwollenſpinners aus, uns ein Quartier in einem deutſchen Emigran⸗ ten⸗Wirthshauſe zu ſuchen. Nach ein paar Tagen beſuchte ich Herrn Sherman wieder, um zu hören, was ich von ihm zu hoffen hätte. Er antwortete mir, er habe keinen Platz für mich, ertheilte mir aber den Rath, den Kapitän Erikſon zu beſuchen. Er gab mir auch einen Brief mit, worin er mich demſelben empfahl. Ich dankte ihm für ſeine Mühe und begab mich dann zu unſerem berühmten Lands⸗ mann John Erikſon, traf ihn aber nicht zu Hauſe. Er war verreist. Der weltbekannte ſchwediſche Mecha⸗ niker hatte damals gerade ſehr viel damit zu thun, einige Verbeſſerungen, welche er an dem von ihm erfundenen Dampfſchiff gemacht hatte, zu erproben. Zu dieſem Zweck mußten verſchiedene Reiſen unter⸗ nommen werden, welche ſeine zeitweilige Abweſenheit von Neu⸗York zur Folge hatten. „Ich mußte mir nun auf eine andere Weiſe, wenn ich nicht Hungers ſterben wollte, Arbeit zu verſchaffen ſuchen. Auch ſah ich recht wohl ein, daß meine Unbekanntſchaft mit der Landesſprache für mich ein großes Hinderniß war, und ich nahm mir vor, daſſelbe, koſte es was es wolle, zu überwinden. „Zuerſt mußte ich aber Arbeit haben. Bei der Rückkehr in unſer Quartier theilte mir der junge Baumwollenſpinner mit, daß er einen Platz gefunden habe, und fragte mich, welches meine Plane wären. „Ich erklärte ihm, daß es mir nur um Arbeit, gleich viel welche, zu thun wäre, um mir für den Anfang meinen Lebensunterhalt zu verdienen und in meinen freien Stunden Engliſch zu lernen. Er ſchlug mir vor, mit ihm einen Schweden aufzufuchen, den er kannte und der ſeines Wiſſens in Neu⸗York ſich aufhielt. Vielleicht konnte der mir einen Rath geben. „Zu dieſem Zweck machten wir uns auf, um mit Hülfe eines Briefes, den mein Kamerad an ihn hatte, ſeine Wohnung aufzuſuchen. Wir waren noch nicht ſehr weit gegangen, als in dem Lärm und Ge⸗ tümmel der Straße einige ſchwediſche Worte an unſer Ohr ſchlugen. Mein Kamerade ſchaute ſich um und 193 entdeckte gerade wollten. Wir gingen auf ihn zu. Er ſchien ſehr erfreut, Landsleute zu treffen, und erzählte uns, er ſei als Schleifer in einer großen, eine halbe Stunde von Neu York gelegenen Scheerenfabrik angeſtellt. Mein Kamerade fragte, ob er mir nicht Arbeit daſelbſt ver⸗ ſchaffen könnte. Er verſprach, ſein Möglichſtes zu thun, um einen Landsmann zu recommandiren, wo⸗ rauf wir uns trennten, nachdem er mich aufgefordert hatte, zu ihm in die Fabrik zu kommen und Ant⸗ wort zu holen. „Tags darauf fand ich mich daſelbſt ein und wurde ohne Schwierigkeit auch als Scheerenſchleifer angeſtellt. Ich würde mich gewiß bei meinem neuen Handwerk ſchlecht ausgenommen haben, wenn nicht mein nächſter Nachbar in der Werkſtätte ein alter afrikaniſcher Neger, mir bereitwillig die nöthigeUn⸗ terweiſung hätte zukommen laſſen. „So verging einige Zeit, und dabei brachte ich es theils durch vieles Leſen bei Nacht, theils durch Auf⸗ merkſamkeit auf das, was immer um mich herum engliſch geſprochen wurde, dahin, daß ich mir bald forthelfen konnte. Meine Arbeit trug indeſſen nur gerade ſo viel ein, als für den Tag daraufging, und war im Uebrigen auch nicht das, was ich mir anzueignen beabſichtigt hatte. Mein Dichten und Trachten war auf Mechanik gerichtet; und als ich den Mann, welchen wir ſuchen tete Maſchinenfabrik zu Boſton, ungefähr vierhun⸗ dert engliſche Meilen von Neu York, verſchidene Schwartz, Arbeit adelt den Mann. II. 13 194 Arbeiter ſuchte, war mein Entſchluß gefaßt, dahin zu reiſen. Ich theilte meine Entdeckung einem Ita⸗ liener mit, welcher mit mir daſſelbe Zimmer in einem Gaſthaus bewohnte. Er ſehnte ſich gleich mir nach einer paſſenden Beſchäftigung, und wir kamen überein, uns zuſammen nach der genannten Fabrik zu begeben. „Am andern Tage reisten wir mit der Eiſenbahn ab. Ich hatte von dem gutherzigen Schweden, dem Scherenſchleifer, mir das Reiſegeld entlehnt. Nach einer vierundzwanzigſtündigen Fahrt kamen wir in Boſton an und erhielten auf unſere Erkundigung zur Antwort, daß wir erſt in ein paar Tagen Ar⸗ beit erhalten könnten. Dieß war abermals ein Miß⸗ geſchick, denn es fehlte uns an Mitteln zu unſerem Lebensunterhalt; ich war beſonders übel daran, da ich durchaus nicht wußte, auf welche Weiſe ich mir in dieſer Zeit auch nur das Nothdürftigſte erwerben könnte. „Mit beklemmtem Herzen wanderte ich in der mir wieder fremden Stadt herum. Ueberall, wo meine Augen eine Dampfeſſe entdeckten oder Rauch aufſteigen ſahen, richtete ich meine Schritte hin, und nach mehreren mißglückten Verſuchen traf ich endlich auf den Beſitzer einer mechaniſchen Werkſtätte, welcher ſo viel Geduld hatte, anzuhören, was ich in gebro⸗ chenem Engliſch ihm begreiflich machen wollte, näm⸗ lich daß ich ohne Arbeit ſei und ſolche zu erhalten wünſche. „Meine bedrängte Lage ging ihm zu Herzen, und er ſagte, ich ſollte mich Tags därauf in ſeiner einfinden und würde dann Arbeit erhalten⸗ ueber die Maßen erfreut, ſtellte ich mich früh 195 am andern Morgen ein, um endlich meine Sehn⸗ ſucht nach Thätigkeit befriedigt zu ſehen. Von die⸗ ſem Tage an ſchien mein Leben eine freundlichere Geſtalt anzunehmen. „So verging ein ganzes Jahr, und in dieſer ganzen Zeit ſprach ich kein Wort Schwediſch und kam in keine Gemeinſchaft mit meinen Landsleuten. Dagegen hatte ich Gelegenheit, mit einigen Ameri⸗ kanern Bekanntſchaft zu machen, und von ihnen lernte ich, daß auch der unbedeutendſte Arbeiter darauf ausgehen muß ſeinen Verſtand zu bilden und ſeine Seele zu veredeln. „Ich hatte nun feſten Fuß auf der Bahn gefaßt, nach der mein Sinn von jeher geſtanden war. Durch fleißige Arbeit ging es raſch vorwärts. Aber ein neues Mißgeſchick ſollte wiederum auf einige Zeit ſtörend in die ſchnellere Entwicklung für meine Be⸗ rufsthätigkeit eingreifen. „Mein Principal, der ſeiner Fabrik eine allzu große Ausdehnung gegeben hatte, ſah ſich in die Noth⸗ wendigkeit verſetzt, ſich für inſolvent zu erklären, und das Geſchäft wurde bis auf Weiteres eingeſtellt. Ich ſtand von Neuem ohne Arbeit da. „Eines Tags, während ich ſo ohne Beſchäfti⸗ gung war, ſchlenderte ich aus der Stadt hinaus und befand mich bald vor dem Irrenhoſpital von Maſſachuſetts. Von Ausſehen glich daſſelbe einem in gothiſchem Styl erbauten Schloſſe mit vier Flü⸗ geln, einem nach jeder Himmelsgegend, ſamntt Wachtthurm und hohen Mauern, über welche die zu den Gärten und Spazierplätzen gehörigen Bäume emporragten. 13* 196 „Verſunken in die Betrachtung dieſer Nachtſeite alles menſchlichen Elends, machte ich mir ſo meine Gedanken über Alles, was zur Milderung und Hei⸗ lung deſſelben geſchehen war. Amerika, behauptete man, hatte ſo viel gethan, daß deſſen Bewohner ſchon hiemit einen ſchönen und wahrhaft moraliſchen Zug ihres Charakters beurkundeten. „Ohne ſelbſt zu wiſſen wie, befand ich mich im Vorhof des Hoſpitals. Ich meldete mich als Rei⸗ ſenden und bat um die Erlaubniß, das Innere des Gebäudes einſehen zu dürfen, was mir auch bewil⸗ ligt wurde. In dem Empfangzimmer fand ich den Oberarzt, welcher ſich auf die zuvorkommendſte Weiſe erbot, mich zu begleiten, im Fall ich die innere Ein⸗ richtung und die Perſonen der Kranken ſelbſt näher in Augenſchein nehmen wollte. Ich nahm dieß dank⸗ bar an und folgte ihm. „Es befanden ſich hier ungefähr vierhundert Irre beiderlei Geſchlechts und jedes Alters, welche nach Klaſſen in beſtimmte Theile des Gebäudes ein⸗ gewieſen waren. Alles zeugte von einer Bequem⸗ lichkeit, Sauberkeit und Ordnung, wie man es nur in einem ſo progreſſiven Lande finden kann. „Die Heizung und Zubereitung der Speiſen ge⸗ ſchah mittelſt Dampfes. Es war ein Theater da, auf welchem diejenigen, die an geringerer Geiſtes⸗ ſtörung litten, mit großer Sorgfalt und Fertigkeit leichtere Komödien zur Darſtellung brachten und zu⸗ gleich dadurch den Uebrigen große Beluſtigung ver⸗ ſchafften. Nicht minder gab es einen Tanzſaal, eine Kegelbahn, ein Leſe⸗ und Muſikzimmer. „Der Oberingenieur, welcher die Aufſicht über die Maſchinen ſammt den Gas⸗ und Waſſerappa⸗ raten führte, war erkrankt, und es ließ ſich kaum hoffen, daß eine ſchnelle Beſſerung eintreten würde, was der Arzt tief beklagte, da ſich für den Augen⸗ blick Niemand fand, welcher die Stelle des Kranken einnehmen konnte Da ich wußte, daß ich den An⸗ ſprüchen, die auf einem ſolchen Platze gemacht wur⸗n den, gewachſen war, ſo empfahl ich mich hiezu. Nachdem er eine Weile mit mir geſprochen hatte, nahm der Oberarzt mein Anerbieten an, und ſchon am folgenden Tag trat ich in meine Stelle und ſah mich ſomit ohne weitere Umſtände in ein Irrenhaus verſetzt, wo ich drei Monate auf eine ziemlich düſtere Weiſe verlebte. Tag und Nacht machte ich meine Runde durch die unheimlichen Säle, um nachzuſehen, ob Alles in gehöriger Ordnung wäre. „Hier war es, wo ich mich mit vollem Ernſte in mechaniſche Grübeleien vertiefte und meinen dun⸗ keln, unfertigen Ideen Form zu geben ſuchte. Ich verſchaffte mir Bücher über die techniſche Mechanik, und um all' das Elend, das mich umgab, zu vergeſ⸗ ſen, arbeitete ich mich in mein Fach hinein, worin ich zwar praktiſche, aber noch keine theoretiſchen Kenntniſſe beſaß. „Nach drei Monaten legte ich mein Amt nieder, mit welchem ein ſo vortheilhafter Gehalt verbunden geweſen war, daß ich einiges Geld erſpart hatte. Mein Beſchluß war gefaßt: ich wollte nach Neu York zurückkehren, den Kapitän Erikſon aufſuchen und ihm von meinen auf die Mechanik bezüglichen Träume⸗ reien Mittheilung machen. Fand ſich daran etwas Taugliches, ſo war er der rechte Mann, mir dar⸗ 198 über Aufklärung zu geben. Nach beinahe fünfzehn⸗ monatlicher Abweſenheit von Neu York kehrte ich da⸗ hin zurück, mit ganz andern Ausſichten und Hoff⸗ nungen, als ich zu hegen gewagt hatte, da ich mich nach Boſton hegab. Ein paar Tage nach meiner Ankunft daſelbſt be⸗ ſuchte ich Kapitän Erikſon.— Ich werde niemals die Empfindung des Nationalſtolzes vergeſſen, welche meine Bruſt erfüllte, als ich bei dieſem ausgezeich⸗ neten und geiſtvollen Mann, welcher ſeinem Vater⸗ lande ſo große Ehre machte, vorgelaſſen wurde. Er empfing mich mit jener prunkloſen Freundlichkeit, welche um ſo größere Bewunderung vor ſeinem Genie einflößte. Nach einem ziemlich langen Geſpräche klopfte er mich auf die Schulter und ſagte: „Sie haben eine ſchöne Laufbahn vor ſich, wenn Sie daſſelbe Intereſſe für den Beruf, dem Sie ſich gewidmet haben, bewahren.“ „Drei Tage darauf arbeitete ich bei ihm und blieb drei Jahre auf dieſem meinem Platze, bis ich endlich auf ſeinen Rath nach England ging, um mein Patent mit Vortheil zu verkaufen. Ich erhielt eine ſehr vortheilhafte Stelle in London. „Von dort aus wurde ich durch Herrn Lange be⸗ rufen, und da meine Sehnſucht mich in das Vater⸗ land zurücktrieb, nahm ich das Anerbieten mit Freude an und kehrte hieher zurück.“ „Aber warum haben Sie nie Etwas von ſich hören laſſen?“ „Als ich zuerſt, von Allem entblößt, nach Ame⸗ rika kam, wollte ich nicht ſchreiben. Ein Brief hätte damals einen Anſtrich von Bettelei gehabt. Mein 199 Entſchluß ſtand feſt, mir ſelbſt, ohne Beihilfe An. derer, einen Weg zu bahnen. Sollte mir dieß nicht gelingen, ſo wünſchte ich für diejenigen, welche mir Güte erzeigt hatten, todt zu ſein. Sodann dachte ich, es wäre vielleicht am beſten, mich denen nicht in das Gedächtniß zurückzurufen, welchen ich ſo manche Verdrießlichkeit verurſacht hatte, und endlich wollte ich durch meine Arbeit mich der Güte, die ich erfahren hatte, würdig machen, ſowie der Achtung, die ich als tüchtiger Arbeiter anſprechen zu können glaubte.“ „Sie ſind ſehr ſtolz.“ „Ach, Frau Gräfin, wenn ich es bin, ſo dürfen Sie nicht glauben, daß ich es auf mich ſelbſt bin, ſondern nur auf diejenigen, welche mich die Ehre der Arbeit gelehrt haben.“ XXVI. Am nächſten Morgen, als Olga erwachte, wurde ſie von einem Blumenbouquet und von einem klei⸗ nen Billet auf roſenrothem Papier begrüßt. Stühle und Sophas in ihrem Zimmer waren mit Paketen bedeckt, welche ſämmtlich Evert, der in der Nacht zu Kungsborg angekommen war, mitgebracht hatte. Olga roch an den Blumen, öffnete das Billet und las mit gleichgültiger Miene die ſchönen, zier⸗ lich geſchriebenen Worte. Als ſie daſſelbe weglegte, ſeufzte ſie tief und legte die Hände über der Bruſt zuſammen. Bei dem Frühſtück trafen ſich die beiden Ver⸗ 200 lobten. Olga lächelte freundlich dem Bräutigam zu, und er küßte zärtlich ihre Hand. Er ſprach von ihrer Wohnung in Stockholm und berichtete, wie er ſie hatte einrichten laſſen; er drückte die Hoffnung aus, bei der Wahl der Möbel und anderer Gegen⸗ ſtände Olga's Geſchmack getroffen zu haben. Sie hörte Alles mit zerſtreuter Miene und ſicht⸗ barem Ausdruck größter Gleichgültigkeit an. Als er fragte, wie ihr ſeine Geſchenke gefielen, erröthete Olga und ſprach ihren Dank aus, indem ſie mit einer gewiſſen Verlegenheit äußerte, dieſelben wären recht hübſch. Das arme Kind! Sie erſchrack wahrhaft, als ihr einfiel, daß ſie noch kein Paket geöffnet, ſomit dieſelben noch gar nicht geſehen hatte. Sobald ſie ſich alſo hinwegſchleichen konnte, eilte ſie auf ihr Zimmer hinauf, um ihre Vergeßlichkeit wieder gut zu machen. Jetzt ging man mit fürchterlicher Eile Aufgebot und Hochzeit entgegen, denn Alles ſollte bis Ende Septembers abgemacht ſein. Man fertigte koſtbare ſeidene Kleider für die Braut, welche aber ſelbſt gegen ollen dieſen Putz ſehr gleichgültig ſich zeigte. Sie behauptete ſogar zuweilen, wenn ſie ſo ausſtaf⸗ firt wäre, würde ſie ſich gewiß höchſt lächerlich aus⸗ nehmen. Conſtanze wurde, je näher der Tag der Hochzeit heranrückte deſto düſterer. Oft kam es ihr vor, als müßte ſie ſich darauf bereiten, irgend eine ſchreckliche Strafe über ſich ergehen zu laſſen, und dann pflegte ſie wohl gegen Olga zu äußern: „Mir ſcheint, ich werde niemals die Kraft dazu 201 finden, den Augenblick zu überleben, da der Prieſter über Dich und Ervert den Segen ſpricht.“ Olga antwortete dann lachend: „Meine liebe Conſtanze, betrachte mich einmal! Sehe ich wirklich aus, wie eine unglückliche Braut?“ Und wenn Conſtanze dann zugeben mußte, daß dem allerdings nicht ſo wäre, ſo ſetzte Olga hinzu: „Nun, warum ſich alſo grämen? Glaube mir, wenn ich einmal Evert unter den Händen habe, ſoll er noch ein ganz anderer Menſch werden.“ Unter ſolchen Scenen kam der wichtige Tag immer näher. GCvert war eitel Artigkeit und Freundlichkeit gegen ſeine Braut und wich mit un⸗ erſchütterlicher Conſequenz jeder Berührung mit Conſtanze aus, gegen welche er ſich kalt höflich zeigte. Jvar war in dieſer Zeit nur zweimal zu Kungs⸗ borg geweſen, und beide Mal hatte ihm Evert zu⸗ vorkommende Aufmerkſamkeit bewieſen. Den Fa⸗ brikherrn Lange ſuchte er nicht auf, vermied ihn aber auch nicht. Genug, unſer Bräutigam benahm ſich in jeg⸗ licher Hinſicht achtungswerth und war bei Allen, die ihn nicht näher kannten, wohlgelitten. Olga glich einem heitern, ſorgloſen Kinde. Sie ſang, machte Verſe, neckte ſich mit Kurt und ſcherzte mit ihrem Bräutigam. Es war unmöglich, ſie zu irgend einer Theilnahme an der emſigen Geſchäftig⸗ keit zu beſtimmen. Wenn Stephana oder irgend emand ſie daran erinnerte, ſo antwortete ſie lachend: „O, das wird auch ohne mich fertig. Ich will 202 nicht das Andenken an meine letzte Mädchenzeit da⸗ durch trüben, daß ich mir ſagen muß, ich habe die⸗ ſelbe an den Nähtiſch gefeſſelt hingebracht. Und ge⸗ feſſelt war Olga auch in keinerlei Weiſe. Sie eilte von Einem zum Andern, als ob ſie an Allem zu⸗ mal ſich hätte erfreuen wollen. Jacobo, der jetzt ſehr oft in Kungsborg war, ſchien mit einem ausſchließlichen Intereſſe Olga zu beobachten. Zuweilen ruhte ſein Blick mit wirkli⸗ cher Theilnahme auf Conſtanze's jetzt immerdar kum⸗ mervollem Angeſicht, beſonders wenn er einen der ſchadenfrohen Blicke, welche Evert auf ſie warf, vor⸗ her aufgefangen hatte. Eines Abends, wenige Tage vor der Hochzeit, als er nach Kungsborg kam, war Olga eben im Be⸗ griff, ein Gedicht, welches ſie über das Drängen und Treiben vor der Hochzeit gemacht hatte, vorzuleſen; daſſelbe erweckte auch ſofort durch ſeinen Humor große Heiterkeit. Auch Jacobo lachte recht herzlich darüber. Conſtanze war nicht im Salon gegen⸗ wärtig. Olga war ungemein aufgeräumt und glich, wäh⸗ rend ſie ſich im Salon herumtrieb, der muthwilligen Freude ſelbſt. Auch Evert war in ſehr munterer Stimmung. Während eines Scherzes mit Olga hatte er ſie um den Leib gefaßt und walzte mit ihr im Saale herum. Gerade in dieſem Augenblick trat Conſtanze ein. Ihr Geſicht trug die Spuren vergoſſener Thränen, und als ſie ſah, wie Evert und Olga in vollem Tanze begriffen waren, lagerte ſich eine Wolke des * 203 Kummers auf ihrer Stirne, und nur mit größter Mühe vermochte ſie die Thränen zurückzuhalten. Die allgemeine Aufmerkſamkeit war auf die Ver⸗ lobten gerichtet, und ſo gab Niemand auf Conſtanze Acht. Sie ging alſo ganz unbemerkt quer durch den Salon und in das anſtoßende kleine Kabinet, nur um nicht ſehen zu müſſen, wie Olga von den Armen des verhaßten Evert umſchloſſen war. Conſtanze war kaum in das von einer Lampe ſchwach erleuchtete Gemach getreten, als Jacobo unter der Thüre ſtand. Er ging auf ſie zu und ließ ſich auf einem Stuhle neben dem Sopha, wo ſie Platz genommen hatte, nieder. Fräulein Conſtanze,“ ſagte er mit ungewöhnlich milder Stimme,„warum ſo traurig? Ihr verwein⸗ tes Antlitz macht einen peinlichen Eindruck auf Ihre Schweſter. Verbergen Sie Ihren Kummer, ſo daß er deren gegenwärtige Freude nicht verdüſtert.“ „Wie iſt es für mich möglich, Herr Lange, dieſer Heirath ohne Verzweiflung entgegenzuſehen?“ „Die Verzweiflung iſt ein Gefühl, dem wir uns hinzugeben kein Recht haben. Sollten Sie wirklich nicht die Kraft beſitzen, um die Beſorgniſſe, wovon Sie jett gequält werden, in Ihrer eigenen Bruſt zu verbergen?“ „Mein eigenes Unglück würde ich beſſer ertragen, aber das Bewußtſein, daß Olga einer finſtern Zu⸗ kunft entgegen geht, ſchlägt mich völlig nieder.“ Conſtanze ſtützte den Kopf in die Hand. „Das Unglück iſt relativ; das, was Ihnen viel⸗ leicht als ein ſolches erſcheint, kann für Ihre Schweſter das Gegentheil ſein. Wenn ſie im Uebrigen Liebe 204 zu Arelhielm empfindet, ſo iſt es ja Seligkeit für ſie, ſeine Gattin zu werden; und man mag ſagen, was man will, die Liebe iſt doch in unſerer unver⸗ nünſtigen Welt die einzige vernünftige Thorheit.“ „Ach, Sie ſuchen mich zu tröſten.“ „Ganz und gar nicht; ich wünſche blos einmal zu ſehen, daß Sie beſſer im Stande ſind, das zu tragen, was Sie nicht ändern können. Das iſt das Große bei dem Menſchen, daß er mit Seelenſtärke auch der traurigſten Zukunft entgegen zu ſehen ver⸗ mag. Wir dürfen unſerem Kummer nicht geſtatten, die Freude aus unſerer Umgebung zu verſcheuchen. Jacobo ſprach mit Nachdruck. Conſtanze blickte auf. „Sie haben Recht, ich bin ſchwach.“ 5 Sie reichte ihm die Hand mit einem dankbaren ick. Jacobo ſchloß ſie in die ſeinigen mit den Worten: „Und nun werden Sie ſich bemühen, vor Ihr Angeſicht eine lächelnde Maske zu nehmen.“ „Ja,“ antwortete Conſtanze, indem ſie ſich erhob und zu lächeln verſuchte;„aber ich bin noch ſo unerfahren in der Kunſt, eine Freude zu erheucheln, die meinem Herzen fremd iſt, daß es mir nicht recht gelingen wird. Doch die Zeit wird mich wohl auch dieſes noch lehren. „Ein Denker ſagt ganz richtig: die Worte ſind nur dazu da, die Gedanken zu verbergen. Ich möchte hinzuſetzen: Unſer Angeſicht muß eine Maske ſein, hinter welcher wir unſere Gefühle verbergen.“ „Herr Lange, können Sie wirklich dieſe moraliſche Maskerade billigen?“ fragte Conſtanze. „Ja, denn man bedarf derſelben leider jeden 205 Augenblick. Ich halte es im Allgemeinen für eine Schwäche, die ganze Welt in unſerem Innern leſen zu laſſen. Wie Viele verſtehen den Reichthum des Herzens? Höchſt Wenige. Für diejenigen, welche ihn nicht verſtehen, iſt es eine Profanation des Heiligſten, das wir beſitzen, wenn wir es deren Blicken preisgeben. Der Kummer insbeſondere iſt Etwas, das wir tief und ſorgfältig in unſerem In⸗ nern begraben müſſen.“ „Ach, was haben Sie von Kummer erfahren!“ ſagte Conſtanze mit leiſer Stimme. „Glauben Sie, daß ich frei von Leiden geweſen bin, weil ich dieſelben hinter einer unzugänglichen Ruhe verborgen habe?“ entgegnete Jacobo ernſt.— „Da kommt Ihre Schweſter,“ ſetzte er hinzu,„wie heiter ſie ausſieht!“ „Eben dieſe Heiterkeit iſt mir unbegreiflich.“ „Darum, weil die Liebe ein ungelöstes Räth⸗ iſ Den Reſt des Abends zeigte Conſtanze ſich weniger bekümmert als gewöhnlich. Evert dagegen hatte ſeine muntere Laune ganz verloren; er ſandte Conſtanze und Jacobo finſtere, drohende Blicke zu. XXVII. Endlich war man am Tage der Hochzeit ange⸗ angt. Es war ein ſchöner und warmer Septembertag. Olga hatte ſich geweigert, die Andern in die Kirche zu begleiten; ſie erklärte auf ihre eigene, beſtimmte 206 Weiſe, daß ſie an dieſem Tag vollkommen ſich ſelbſt angehören wolle; und ſo hatte man ſie denn, nach⸗ dem ſie einmal dieſen Wunſch ausgeſprochen, in Frieden gelaſſen und ſich nach dem Gotteshauſe begeben.„ Olga hatte ſich ſchon früh am Morgen nach Sturesjö hinüber begeben und dort unter die Die⸗ nerſchaft verſchiedene kleine Geſchenke ausgetheilt. Hernach war ſie bei allen ihren Schützlingen herum⸗ gefahren, deren jeder irgend ein Andenken von ihr erhielt. Zuletzt hielt ihre Droſchke vor der Hütte von Janne's Mutter. Als ſie hier ausſtieg, empfing der Kutſcher Befehl, heimzukehren. Anſtatt aber in die Hütte einzutreten, ging ſie nach dem eine Strecke davon gelegenen wohlbekannten Gebüſch. Olga ſetzte ſich hier nieder und ſtützte den Kopf auf die zuſammengelegten Hände, welche bald ganz feucht von Thränen waren. Lange, lange Zeit verblieb ſie ſo; endlich erhob ſie ſich, ſchaute warm und innig zum Himmel empor und nahm wieder den Weg nach der Hütte. Als ſie die Hand auf die Thürklinke legte, flüſterte ſie in bewegtem Ton: „Wenn meine Hoffnung mich täuſchte. O, das wäre bitter!“ Jetzt öffnete ſie die Thüre und trat ein. In der Stube ſaß Jvar. „Ich habe mir Etwas herausgenommen, das Sie vielleicht kaum entſchuldigen werden,“ bemerkte er.„Ich habe nämlich Sie hier erwartet. Es war 207 mir, als müßte ich noch einmal mit Ihnen reden, ehe wir auf immer uns trennen.“ „Warum ſagen Sie: auf immer, Herr Ingenieur,“ fragte Olga mit einer gewiſſen Unſicherheit im Ton. „Sie verheirathen ſich— verheirathen ſich aus Liebe und werden glücklich ſein.“ „Ja, ich hoffe es.“ „Nun wohl; wir ſind alſo dann getrennt.“ Olga ſetzte ſich an das Fenſter. Jvar blieb in einiger Entfernung davon ſtehen. Er fuhr fort: „Wenn ein Menſch, wel eheimniß auf dem Herzen gehabt hat, dem Tode nahe iſt, ſo empfindet er ein unwiderſtehliches Ver⸗ langen, es einem Freunde anzuvertrauen⸗ Daſſelbe Gefühl regt ſich auch dieſen Augenblick in meiner ruſt. So weit ich mich auch in die Zeit zurück⸗ denken mag, ich habe Sie von der erſten Minute an geliebt. Sehen Sie, das iſt mein Geheimniß. Ihr Bild hat ſich mit allen meinen Zukunftsträu verwachſen. Sie waren der Stern, der mich leitete. Schon als Knabe, da ich in der Schmiede arbeitete, träumte ich, daß meine Arbeit mich zu Unabhängigkeit und Glück führen und daß es mir eines Tags ge⸗ lingen würde, Ihresgleichen zu werden. Um dieſes iel zu erreichen, plagte ich mich wie ein Sclave, obwohl Ihre Verachtung meinen Groll erweckt hatte. Ich mußte vorwärts, um einmal auf gleicher Linie mit Ihnen zu ſtehen. Ich kehrte hieher zurück, ich traf mit Ihnen zuſammen. Ich mied Ihre Perſon, aber ich ſah Sie doch immer, unaufhörlich wieder, um mich von einem blendenden Luftgebilde bethören cher ſein Leben lang ein men 208 zu laſſen. Ach, Fräulein Olga, welche wahnſinnigen Träume hat nicht jene Liebe genährt, und nun— nun werden ſie in Nichts zerrinnen. Sie müſſen begraben werden, und mit ihnen auch meine friſchen Hoffnungen. Verdiente er, jener Mann, wirklich Ihre Liebe?— eine Liebe, für welche ich ſchon von meiner Kindheit an gearbeitet hatte?“. Er trat um ein paar Schritte Olga näher. „Es war ein Raub des Heiligſten, als Sie mir den Glauben an die Zukunft entriſſen. Ich hätte verdient, ihn zu behalten.“ Olga rührte ſich einen Augenblick nicht von der Stelle; dann ſtand ſie auf und ſagte mit bewegter Stimme: „Herr Ingenieur, vergeſſen Sie nicht, daß Sie zu der Braut eines Andern ſprechen! Einmal habe ich übel an Ihnen gehandelt, aber ich war damals ein unverſtändiges Kind. Jetzt haben Sie mit dieſer Erklärung unrecht gegen mich gehandelt. Und Sie ſind ein Mann, der ſehr wohl weiß, was recht und unrecht iſt. Einmal haben Sie mir das Leben ge⸗ rettet, jetzt dagegen haben Sie mir Böſes zugefügt, wodurch jener Dienſt vollkommen aufgewogen wird. Wir ſind alſo quitt— und können ſcheiden. Mein Abſchiedswort an Sie iſt— Arbeit. Bedenken Sie, daß jeder Erfolg, den Sie gewinnen, eine Freude für Olga iſt. Leben Sie wohl!“ In Olga's Weſen lag eine ſo einfache und wahr⸗ hafte Würde, daß Jvar ehrerbietig ihre Hand an ſeine Lippen drückte und flüſterte: „Haben Sie Dank, guter Engel meines Lebens. Hinfort iſt die Arbeit die ſtille und freundliche 6 209 möge Gott niemals mir ihn wie Weg führen!“ ſeufzte Olga, ihr über die Wangen ſtürzten. der in den während die Thränen XXVIII. Am Abend deſſelben Tages, wo die Zuſammen⸗ kunft in der Hütte ſtattgefunden, trat Jvar eine Reiſe an. Et hatte bei der Rückkehr nach Akersnäs Jacobo auf eine Woche um Urlaub gebeten. Aus ſeiner aufgeregten Miene daß Etwas vorgefallen ſein müſſe, was ihn zu einer ſo plötzlichen Reiſe veranlaßte. Was es war, arg⸗ wohnte er wohl. Er gab alſo ſeine Zuſtimmung, ohne eine weitere Frage zu thun, und bemerkte blos: „Sie ſind auf morgen zu Fräulein Olga's Hoch⸗ zeit eingeladen; kann dieß Sie nicht beſtimmen, Ihre Reiſe bis zum Dienſtag aufzuſchieben?“ in, es wäre mir am liebſten, wenn ich bei dieſer Hochzeit nicht unter den Gäſten ſein dürfte,“ antwortete er in einem Ton, welcher ein ganzes Ge⸗ ſtändniß in ſich ſchloß. Noch am Abend reiste Jvar ab. Jacobo dachte, als er ihn abfahren ſah: „Kluge Männer und Thoren, Genie's und Dumm⸗ köpfe, ale theilen wir das gemeinſame Schickſal, L wir in irgend einer Periode unſeres Lebens die iebe mit unſerem Verſtand unb Frieden davon laufen Schwartz, Arbeit abelt den Mann 1. 14 21⁰ laſſen. Welches ſeltſame Räthſel iſt nicht das Leben, und welche wunderliche Zuſammenſetzung von Thor⸗ heit und Vernunft bildet nicht der Menſch! Die Natur gibt uns Gefühle, die Erziehung Ideen, das Geſell⸗ ſchaftsleben Vorurtheile, unſer Beruf Intereſſen, und hernach iſt unſer ganzes Leben weiter Nichts als ein unaufhörlicher Streit zwiſchen allen dieſen Dingen. Was wir daraus lernen müſſen, iſt, ſo zu leben, daß wir ſterben können, ohne allzu große Reue dar⸗ über, daß wir Gottes Abſichten ſchlecht entſprochen haben.“ Am Tage nach Jvars Abreiſe wurde Olga's Hochzeit mit großem Pomp und Glanz gefeiert. Die Braut war bleich und unbeſchreiblich reizend; der Bräutigam ſchön und liebenswürdig, die Schweſter der Braut ruhig und ernſt. Wie weit das Aeußere der Letztern dem entſprach, was ſie wirklich empfand und dachte, müſſen wir dahin geſtellt ſein laſſen. Sie hatte ſich ſorgfältig maskirt. Für die Gäſte war es ein prächtiges Feſt, unge⸗ — mein belebt, und Jedermann dachte noch lang daran, wie vergnügt es auf Olga's glänzender Hochzeit hergegangen war. Man beklagte nur, daß die Neu⸗ vermählten ſchon ein paar Tage darauf den Ort zu verlaſſen und auf ſolche Art die Jugend aller der Zerſtreuungen, welche noch gefolgt wären, zu berau⸗ ben gedachten. Es war ein ſchrecklicher Moment für Conſtanze geweſen, als ſie an der Mutter Stelle Olga den Kranz auſſetzte; aber als ſie ihrem ruhigen und —,— 211 freundlichen Blick begegnete, dachte ſie an Worte und bewältigte ihre Rührung. Sie küßte Olga auf die Stirne und flüſterte: „Gott ſegne Dich, mein Liebling!“ „Ich danke Dir!“ hatte Olga geſagt und ihren Arm um die Schweſter gelégt. Eine lange Weile war ſie ſo dageſtanden, ihr Antlitz an Conſtanze's Bruſt verborgen. Als ſie wieder aufſah, waren ihre Züge ruhig. Conſtanze hatte eine Empfindung als würde ein ſcharfer Dolch in ihrem Herzen umgedreht, da er Prieſter das Amen über das Brautpaar aus⸗ ſprach. In demſelben Momente begegnete ſie Cverts finſteren und drohenden Blicken, und es wandelte ſie ein Schauder an, wenn ſie an Olga's Zukunft dachte. Lange's XXIX. Am Morgen vor ihrer Abreiſe trat Olga in Conſtanze's Zimmer. Das Kindliche, Heitere und uthwillige war aus ihren Zügen verſchwunden, und man konnte ſehen, daß ihre Gedanken auf einen ſehr ernſten Gegenſtund gerichtet waren. „Geliebte Conſtanze, heute komme ich ſicherlich, um Dich ſehr zu betrüben, aber Du mußt dich be⸗ mühen, mich ruhig anzuhören. Was ich zu ſagen habe, begreift deinen, meinen und Everts Frieden in ſich,“ begann Olga und faßte der Schweſter Hand, welche ſie in die ihrige ſchloß. „Ach, Du weißt doch, daß ich was mir möglich iſt, für Dich thun will und werde,“ ant⸗ wortete Conſtanze und verſuchte, ruhig zu erſcheinen. „Wir werden morgen abreiſen,“ fuhr Olga fort. „Aber, Conſtanze, wenn Du mich lieb haſt, ſo be⸗ gleiteſt Du mich nicht in die Hauptſtadt, ſondern bleibſt hier..... 4 „Olga, was ſagſt Du?“ rief Conſtanze;„ſoll ich Dich ſo allein in ſeinen Händen laſſen?— Unmöglich!“ „Du mußt— ich fordere es.“ „Aber bedenke doch, daß ich gar nicht im Stande bin, hier zu leben, ſo weit getrennt von Dir, mit dem nagenden, entſetzlichen Gedanken, daß Du. un⸗ glücklich biſt, und daß ich nicht an deiner Seite ſein kann, um Dich zu tröſten und Dir beizuſtehen.“ „Willſt Du lieber an meiner Seite ſein, um mir Unglück zu bereiten?— Conſtanze, deine Gegen⸗ wart, deine bloße Nähe wäre im höchſten Grade unheilvoll für mich. Evert würde für Alles, was er durch Dich gelitten zu haben ſich einbildet, Rache zu nehmen ſuchen; dieß haſt Du mir ſelbſt geſagt, Conſtanze. Wenn dem ſo iſt, ſiehſt Du wohl ein, daß er Alles thun wird, um Dich zu quälen, oder deine Unruhe und Beſorgniß in Bezug auf mich zu erwecken, im Fall dein Anblick ihn an ſeinen Groll erinnert. Jeder Gegenſtand, der ſeine Eiferſucht deinetwegen erregt, wird eine Urſache zu Unan⸗ nehmlichkeiten für mich. Mit einem Wort: Du würdeſt durch deinen Aufenthalt in der Hauptſtadt nur eine Reihe von Auftritten hervorrufen, welche alle auf mein häusliches Leben zurückwirken und meine Ehe in eine lebenslängliche Marter verwandeln * mußten. auf mehrere Meilen es für Evert keine Gefühle; mich auzuſchließen und ſein Glü Bleibſt Du dagegen hier, getrennt von eina es zu finden ſteht.“ Wahrheit mit dem, ſagt hatte, 213 und wir leben nder, dann gibt unaufhörliche Aufſtachelung ſeiner er erhält vielmehr Gelegenheit, ſich an ck da zu ſuchen, onſtanze hatte ſchweigend und unbeweglich Olga's i orten zugehört. Sie enthielten ſo viel und waren ſo ſehr in Uebereinſtim was Conſtanze ih daß ſie denſelben Recht geben mußte, obwohl das Gefühl ſich mußte ſi em, was O Sie wäre, Abſichte welcher geſtand ſich ſie zu begleiten, n Evert ſich ver Art ſeine Gefühle e ſchließlich, nach lga forderte, la die ganze Zeit vor der mitangeſehen, welche er ie von Kummer un Sie mußte ſomit ſich werfen und d Unru Olga mit den dagegen empörte. re eigene Vern unft ge⸗ Auch einigen Einwendungen, zu ihre Zuſtimmung geben. für ſie waren. Hochzeit die Scha an den Tag legte, wenn he niedergedrückt war. dem bittern Opfer unter⸗ nſo tief verachteten und verabſcheuten Mann abziehen laſſen. auf die Z hörte und Ueberlegenheit beda as achtloſe ind wiede pflegte. Olga ſprach nze und ſuchte ihr ukunft einzuflöß ie in ihrem ſelbſt, daß es abſolut unrecht da ſie wußte, mit welchen heirathet hatte und von Sie hatte denfreude kluge und verſtändige Worte zu Hoffnung und Vertrauen ſie anwenden, es ſchwer, oder trä das ſie ſonſt ßen. Wenn man ſie reden Raiſonnement herrſchende chte, ſo hielt muthwillig fröhliche r zu erkennen, an konnte auf in ihr umeriſche zu ſein was ein wo mung 214 ausgezeicheter Arzt von einer Patientin ſagte:„Sie vereinigt den höchſten Grad von Verſtand mit dem höchſten Grad von Kindlichkeit.“ Nachdem es Olga gelungen war, Conſtanze zu beruhigen, kehrte ſie in ihr Zimmer zurück. XXX. In dem kleinen Vorgemach, welches ſich vor dem Schlafzimmer der Reuvermählten befand, traf ſie ihren Mann. Er lag auf einem Sopha ausgeſtreckt und rauchte. Mit dem Abſatz des einen Fußes ſtieß er gegen den Sopharand an. Sein ganzes Ausſehen verrieth eine innere Ungeduld, welche er bei Olga's Eintritt nur mit großer Mühe zurückhielt. Mit einem Tone, den er ſo ruhig als möglich zu machen ſuchte, ſagte er: „Das war eine ſchrecklich lange Berathung mit deiner Schweſter, meine beſte Olga. Ich glaubte, ſie werde gar kein Ende nehmen.“ „Mein Freund, es iſt natürlich, daß wir, Con⸗ ſtanze und ich, einander noch Vieles zu ſagen haben⸗ da wir ſcheiden.“ Olga legte einen beſondern Nachdruck auf das lezte Wort. „Scheiden, was iſt das für ein Geſchwätz? Con⸗ ſtunze wird uns ja begleiten. Ich habe ſchriftlichen Befehl gegeben, in unſerer Wohnung ein paor Zimmer für ihren Bedarf in Stand zu ſetzen. Du ſiehſt alſo, wie ſehr mir an deinem Wohlbefinden —— —— 215 gelegen iſt. Ich wünſche, daß Du es ſo angenehm als möglich in deiner neuen Heimath haben ſollſt.“ „Glaube mir, ich weiß dieſen Zug von Fürſorge für mein Wohlergehen vollkommen zu ſchätzen,“ er⸗ wiederte Olga bitter;„aber da unſere Begriffe in dieſer Beziehung ſo ſehr von einander abweichen, ſo habe ich eben jezt Conſtanze überredet, nicht mit nach Stockholm zu gehen.“ Evert ſprang ganz dunkelroth vor Zorn auf und rief„ „Olga, Du haſt es gewagt?“ „Ja wohl! warum ſollte ich es nicht wagen? Vor wem ſollte ich mich fürchten? Du hatteſt ja nur mein Glück und Wohlergehen im Auge, als Du wollteſt, daß Conſtanze uns begleite.“ „Das iſt treulos, mich ſo zu betrügen,“ fuhr er fort, indem er im Zimmer auf und abging.„Du haſt mir doch verſprochen, Conſtanze zu überreden, ihren Aufenthalt bei uns zu nehmen.“ „Ja im Fall ſie nach der Hauptſtadt reiste; aber nun bleibt ſie hier.“ „Ich werde ſie noch zu zwingen wiſſen, nach Stockholm zu gehen!“ entgegnete Cvert, während ſeine Schritte immer haſtiger wurden und er Olga die wildeſten Blicke zuwarf. Sie blieb vollkommen ruhig. „Das wäre vergebliche Mühe, denn ich habe Conſtanze das Verſprechen abgenommen, mich nicht eher zu beſuchen, als bis ich ſie darum bitten würde.“ Gvert blieb vor Olga ſtehen und ſprach in ge⸗ dämpftem Tone: „Darf ich vielleicht wiſſen, wozu dieſes Spiel und dieſe Intriguen dienen ſollen? Iſt es deine Eiferſucht auf Conſtanze, welche dieſelben hervorge⸗ rufen hat?“ „Ich eiferſüchtig? Evert, Du bedenkſt gar nicht, was Du ſprichſt. Um dieſes zu ſein, müßte ich Dich lieben, und das iſt nicht der Fall, wie Du weißt. Ihr Männer allein könnt eiferſüchtig ſein, ohne Liebe. Bei euch ſpielt der Egoismus die Hauptrolle in Allem.“ Everk drehte ſich auf dem Abſatz herum. Ein hervorſtechender Zug bei dem Geſchlechte der Männer iſt, daß ſie ſich darüber ärgern, nicht geliebt zu werden, auch wenn ſie nicht lieben. Sie ſind in dieſem Fall wahrhaft lächerlich. Ein Gatte, der ſich um ſeine Frau gar nicht kümmert, der ſie ſogar be⸗ trügt, fordert gleichwohl von derſelben, daß ſie ihn vergöttere, und wofern ſie das nicht thut, ſieht er dieſelbe als ein pflichtvergeſſenes Weſen an. Etwas der Art dachte unſer Evert, welcher in dieſer Hinſicht nicht um ein Jota klüger war, als andere Männer; und darum bemerkte er: „Du hätteſt wenigſtens ſo viel Ambition und Pflichtgefühl haben ſollen, mich mit dieſer Erklärung zu verſchonen.“ „Und warum? Du weißt, daß ich die Wahrheit rede, denn ich habe Dir dieß ſchon geſagt, als Du um meine Hand anhielteſt. „Mag ſein, aber eine Frau ſollte wenigſtens ſo vorſichtig ſein, ſo etwas nicht auszuſprechen. Sie erniedrigt ſich damit immerdar.“ Evert glaubte, ſich höchſt moraliſch auszudrücken. 217 „Lieber Evert, es iſt, wenn wir unter vier Augen ſind, nicht der Mühe werth, ein maskirtes Spiel mit einander zu treiben. Ich werde als eine ehrliche Frau meine Pflichten gegen Dich erfüllen, deſſen magſt Du vollkommen verſichert ſein. Dieß iſt auch Alles, was Du begehren kannſt.“ „Unendlich verbunden; aber vielleicht willſt Du mich nun darüber aufklären, was dieſes Spiel mit Conſtanze zu bedeuten hat.“ „Ich habe nicht geſpielt, ich habe nur Dich der Nothwendigkeit überheben wollen, es zu thun. Nie⸗ mals— verſtehſt Du— werde ich zugeben, daß Du mich als ein Mittel, Conſtanze zu quälen, benützeſt. Keine Macht auf der Welt wird mich beſtimmen, in dieſem Fall deinen Intereſſen zu dienen. Wie un⸗ glücklich ich auch werden mag, welche Leiden ich auch durchleben muß, ſo ſoll Conſtanze ebenſo wenig daran Theil haben, als Zeugin davon ſein. Vor ihr bin und bleibe ich eine glückliche Frau.— Und nun Evert, w ünſche ich, daß wir dieſes Thema ruhen laſſen. Auf morgen früh ſieben Uhr ſind die Pferde beſtellt. Gib mir nun deinen Arm und laß uns hinunter gehen, die Frühſtücksglocke hat ſchon längſt geläutet.“ Evert reichte Olga ſchweigend ſeinen Arm, wäh⸗ rend er dachte: „Heute ſind wir noch unter Romarhjerta's Dach; aber es gelüſtet mich zu ſehen, ob Du auch, wenn wir von allen Denen, die Dich ſchützen können, ge⸗ trennt ſind, dieſen beſtimmten und ſichern Ton bei⸗ behalten wirſt. In dieſem Fall dürfte wahrſcheinlich 218 das Wort auf Dich Anwendung finden: was man nicht biegen kann, das muß man brechen.“ Während des Frühſtücks fragte ſich Evert mehr⸗ mals, ob dieſe Olga, die er jetzt vor ſich ſah, daſſelbe unfügſame Kind ſei, das er hatte heranwachſen ſehen, und dem jede Kraft abzugehen ſchien, Leiden und Mißgeſchick zu ertragen. Ob ſie wirklich noch daſſelbe leicht zu rührende Kind ſei, das beim An⸗ blick von dem Tode einer jungen Katze weinen konnte und über den Schmerz, den ein Weſpenſtich ihr ver⸗ urſachte, untröſtlich war. Evert hatte auf dieſe vermeintliche Empfindlichkeit in Olga's Gemüth ſeinen ganzen Racheplan gebaut. Er hatte ihr nicht die Kraft zugetraut, das tägliche und ſtündliche Brummen eines Mannes zu ertragen, den ſie nicht leiden konnte. Sie würde, meinte er, bei allen den Stichen, die er ihr zudachte, unwill⸗ kürlich in Klagen ausbrechen und dieſe Klagen vor Conſtanze ausſchütten. Ihr Kummer, ihre Thränen würden ein nagender Vorwurf für die Schweſter ſein, welche ſich als deren Urſache anſehen mußte. Auf die Schwäche und Weichheit in Olga's Charakter hatte Evert ſo ſehr gerechnet, daß er eine wirkliche Unruhe bei dem Gedanken empfand, er habe mög⸗ licher Weife einen Fehlgriff begangen. Einen großen, einen ungeheuren Fehlgriff hatte der ſchlaue Evert auch wirklich begangen. Olga ge⸗ hörte zu jenen von der Natur begünſtigten Weſen, welche nicht ſo leicht unglücklich zu machen ſind. Sie beſaß hierfür einen allzu elaſtiſchen Charakter und ein poetiſches Gemüth, was vereint zur Folge hatte, daß ſie ſich nicht ſo leicht durch Widerwärtigkeiten und * 219 Sorgen niederdrücken ließ, ſondern immerdar, ſelbſt in den ſchwärzeſten Augenblicken, irgend einen Licht⸗ ſtrahl aufſuchte, woran ſie ihre Gedanken und Hoff⸗ nungen aufrichten konnte. Mit Hülfe ihrer lächeln⸗ den, friſchen uud reichen Phantaſie mußte es ihr auch immer gelingen, ihrem Leben eine ſonnenhelle Seite abzugewinnen. Täuſchte die Wirklichkeit ihre Hoffnung, ſo konnte ſie ſich in die Welt der Phantaſie flüchten und die Bitterkeit des Lebens in den Träumen, womit ſie ſich umgab, vergeſſen. Ueberdieß war Olga ſo völlig frei von Egoismus und ihres eigenen Ich's ſo uneingedenk, daß ſie für diejenigen, welche ihr theuer waren, Alles auf⸗ opfern konnte, ohne auch nur zu fühlen, daß ſie ein Opfer brachte. Das bitterſte Schickſal konnte ſie ohne einen Seufzer ertragen, wenn ſie wußte, daß ſie dadurch auf irgend eine Weiſe das Glück eines Andern förderte. Mit einer ungewöhnlich ſtarken Seele be⸗ gabt, empfand ſie kein Bedürfniß, ſich über ihre Schmerzen auszuſprechen. Sie behielt dieſelben für ſich ſelbſt, Sie achtete die Ruhe ihrer Freunde viel zu ſehr, als daß ſie dieſelbe durch ihre Leiden ge⸗ ſtört hätte. Somit war ſie durchaus nicht die Perſon, welche Everts Intereſſen dienen konnte. Zugleich mit den niedrigen Leidenſchaften der Menſchen viel zu unbe⸗ kannt, um die Mittel vorauszuſehen, oder auch nur zu berechnen, welche dieſer in ſeinen Erwartungen getäuſchte Mann anzuwenden geneigt war, um ſie zu dem, was er begehrte, zu zwingen. 220 Am nächſten Morgen reisten die jungen Gatten ab. Romarhjerta und alle andern Bewohner von Kungsborg begleiteten ſie ein Stück Wegs. Als end⸗ lich der Augenblick des Abſchieds kam, zeigte Olga einen hohen Grad von Selbſtbeherrſchung; denn ob⸗ wohl jede Fiber ihrer Seele bei der Trennung von Perſonen, welche ihr ſo theuer wie Stephana und Conſtanze waren, zitterte, behielt ſie doch eine Ruhe bei, welche Conſtanze unmöglich an den Tag zu legen vermochte. Als nun alle die erneuerten Umarmungen, welche beim Abſchied ſo peinlich ſind, vorüber waren, eilte Olga von Conſtanze hinweg in den Reiſewagen. Zwiſchen Conſtanze und Evert war nicht ein Wort gewechſelt worden;— ſie hatte nur beim Ab⸗ ſchied geäußert: „Ich hoffe, daß wir einander bald wiederſehen,“ worauf ſie ſich ſchnell entfernte. Zwei Tage darauf ſiedelte Conſtanze nach Stu⸗ resjö über. XXXI. Ein Jahr war Olga vermählt; ein Jahr hatte ſie getrennt von Allen, die ihr theuer waren, verlebt. Sie hatte den Winter in der Hauptſtadt, den Sommer in einem Badeort zugebracht. Evert führte, was man ein elegantes Haus nennt. Er war mit meheren der vornehmſten Familien ver⸗ wandt; ebenſo Olga. Ihr Geſellſchaftskreis war 221 deßhalb ſehr groß, und ihre Lebensweiſe entſprach in keiner Weiſe ihrem jährlichen Einkommen. In dieſe ökonomiſchen Angelegenheiten miſchte ſich Olga niemals, machte ſomit auch keinerlei Be⸗ merkungen über das Leben, das ſie führten. Sie ließ Evert in Allem thun, was er wollte, ohne ſich die mindeſte Andeutung zu geſtatten. Hätte Olga die leiſeſte Ahnung gehabt, wohin dieſe Verſchwendung führen würde, ſo würde ſie nicht ſo unbedachtſam Alles in Everts Thun und Laſſen ge⸗ ſtellt, ſondern die Rente von den fünfzigtauſend Reichsthalern, welche Conſtanze an Evert auszubezah⸗ len ſich weigerte, für ſich behalten haben. Jetzt ſtellte ſie ihm Alles anheim, ohne an die Zukunft zu denken, oder zu überlegen, daß ihre Einkünfte ein Ende nehmen könnten. ie war ihr ehliches Leben verfloſſen?— Eine ununterbrochene Kette von Demüthigungen, von immer wiederkehrenden Nadelſtichen, welche Olga peinigten, ohne ſie verwunden zu können. Niemals zeigte Evert, wenn ſie allein waren, ſeiner Gattin irgend einige Freundlichkeit; aber darauf hatte ſich Olga gefaßt gemacht und fügte ſich darein, als in eine unvermeidliche Nothwendigkeit. Das aber, wo⸗ rauf Olga ſich nicht vorbereitet hatte, war jene raffi⸗ nirte Bosheit, womit Evert ſie zu quälen und Alles, was für ſie einigen Werth hatte, ihr zu entrücken ſuchte. Entdeckte er Etwas, das ihr Freude machte, ſo zerſtörte oder entfernte er es ſogleich und umgab ſie mit Allem, was ihr zuwider war. Beſonders läſtig fiel Olga der Umſtand, daß ſie entweder ſelbſt auswärts ſein, oder Gäſte und Ge⸗ 222 ſellſchaft bei ſich ſehen mußte. Sie liebte es zu⸗ weilen, ſich ſelbſt anzugehören, aber gerade darum ließ Evert ihr keine Ruhe. Ein anderes Gemüth, als das Olga's, hätte ſich davon niederdrücken laſſen, aber da ſie einſah, daß es nicht anders ſein konnte, ſuchte ſie auch in dieſem geiſtesarmen Zeitvertreib Etwas zu finden, das ſie intereſſiren konnte. In ihren Verhältniſſen nach außen zeigte ſich Evert ſtets liebenswürdig und angenehm, wenn Fremde zugegen waren; dagegen gab es keine Grobheit, welche Evert ſich nicht daheim gegen ſie geſtattete. Eben der ſichtbare Abſcheu Olga's vor groben Worten wurde bald ein Grund für ihn, daß er ſich deren bediente, wenn Niemand außer den Domeſtiken die⸗ ſelben hörte. Dieß alles bewirkte, daß Olga, welche zu Hauſe nur die ſchlechten Sitten ihres Mannes zu ſehen bekam, auch in ihrem Benehmen gegen ihn vor Andern etwas Kaltes annahm, während er dagegen eitel Aufmerkſamkeit war. Genug, nach einjähriger Ehe war Olga der Ge⸗ genſtand mancher Anmerkungen in der Geſellſchaft, worin ſie lebte. Man fand ſie allzu kalt und un⸗ zugänglich gegen ihren Mann, beſonders da Evert ſchön und liebenswürdig, und in Folge davon der Günſtling aller Damen war. Allerdings flüſterte man unter der Dienerſchaft von Evert, daß die Baronin nicht glücklich ſei, daß der Baron gar kein Heiliger war ſondern ſich recht garſtig gegen ſie benahm, aber dieß waren Kleinig⸗ keiten, welche Evert nicht in Betracht zog. 223 Olga hatte von Sturesjö ein junges Mädchen mitgebracht, welches in dem letten Jahr vor ihrer Verheirathung als Kammerjungfer bei ihr diente. Olga fand Gefallen an ihr, und eben darum hatte Evert erklärt, daß ſie aus dem Hauſe müßte. Eines Tags, kurz vor ihrem Austritt, hatte ſie, während Olga ſich ankleidete, von dem Baron zu reden an⸗ gefangen und wollte nun der Baronin Verſchiedenes uber deſſelben Lebensweiſe mittheilen, wovon ſie ihre Gebieterin in Kenntniß ſetzen zu müſſen glaubte; aber Olga ſiel ihr ſogleich ins Wort und erklärte, daß ſie Nichts hören wolle. Niemand wußte beſſer als Olga, was für ein Leben Evert führte, denn er machte ſich eine Ehre daraus, ſie hierüber nicht im Unklaren zu laſſen. Das erſte Jahr von Olga's Ehe war ſomit eine ununterbrochene Kette von moraliſchen Stichen. Sie erkannte deutlich, daß dieß nur das Vorſpiel zu dem war, was ihrer noch wartete; aber ſie ſuchte deſſen ungeachtet einige Lichtpunkte für ihr Leben ausfindig zu machen. Das Bitterſte von Allem war, daß ſie Tag für ag neue ſchlechte Eigenſchaften an ihrem Mann zu entdecken verurtheilt wurde. Es war eine traurige Lehrzeit. Sie hatte allerdings ſchon in den Tagen ihrer Verlobung Fvert als einen Sclaven heftiger und zügelloſer Leidenſchaften angeſehen, aber nicht geglaubt, aß er einer kalten Bosheit oder wirklich niedrigen andlung fähig ſei. Sein Betragen gegen Jvar und Conſtanze hatte ſie für eine Folge von Neid und Eiferſucht erklärt und ſich der Meinung hinge⸗ geben, nach ſeiner Entfernung von den Gegenſtänden, 224 welche zu dieſen Empfindungen Anlaß gaben, würde er ein ganz anderer Menſch werden, und ſeine beſſeren Gefühle in Wirkſamkeit treten. Nun waren alle dieſe Illuſionen wie hinweg⸗ geblaſen, und ſie hatte nur einen herzloſen Egoiſten vor ſich, der zu jeder Schlechtigkeit fähig erſchien, ſo⸗ bald es ſein Intereſſe erheiſchte. Es war etwas über ein Jahr, ſeitdem Olga im Eheſtand lebte, als ſie eines Morgens einen Brief von Conſtanze erhielt, worin dieſe erklärte, ſie habe durch ihre frühere Kammerjungfer erfahren, daß ihre Ehe bereits im höchſten Grad unglücklich wäre. Mit zärtlichen Worten beſchwor ſie Olga, aufrichtig zu ſein und ihr in Bezug auf ihr und Everts Verhältniß die Wahrheit zu ſagen. Der Brief ſchloß mit den Worten: „Alles, was ich hörte, hat den Frieden aus mei⸗ ner Seele verſcheucht, und Du wirſt ſelbſt einſehen, wie nutzlos es für Dich wäre, zu verlangen, ich ſolle länger von Dir getrennt bleiben. Tauſendmal habe ich mich verſucht gefühlt, meine Zuſage zu brechen und mich plötzlich in Stockholm einzufinden, um mich ſelbſt von der Wahrheit deſſen, was deine Zofe ge⸗ ſagt hat, zu überzeugen. Olga, ich verſpreche Dir, ſogleich wieder heimzukehren; laß' mich nur Dich wiederſehen uud dein häusliches Leben in der Nähe betrachten. Du weißt nicht, welche Qual dieſe Erzählung in meinem Innern hervorgerufen hat, und mit welcher Angſt ich in deinem Briefe nach einem Wort oder Ausdruck ſuchte, wodurch dieſelbe beſtätigt oder widerlegt würde; aber Du ſprichſt beinahe niemals von Dir ſelbſt und erwähnſt höchſt ſelten deines Mannes⸗ 225 Du ſcherzeſt und reflektirſt über alles Anbere. Was ſoll ich davon glauben.—— Olga wurde von einem wirklichen Entſetzen bei der Vorſtellung ergriffen, Conſtanze möchte kommen und ſich von der Art und Weiſe, wie Cvert ſie zu Hauſe behandelte, Kenntniß verſchaffen. Um jeden Preis mußte demſelben vorgebeugt werden. Gerade als Olga im Begriff ſtund, in Er⸗ wägung zu ziehen, wie es ihr am beſten gelingen möchte, Conſtanze zu beruhigen, ging die Thüre auf und Evert trat ein. Die beiden Gatten hatten ſich am Tage vorher nicht geſehen. Evert hatte am Abend Spielge⸗ ſellſchaft gehabt, und dabei war viel getrunken worden. „Was zum Teufel iſt das wieder für ein Streich von Dir, daß Du nicht in der Eigenſchaft der Wirthin bei dem Souper geſtern Abend zugegen warſt?“ fragte er in zornigem Ton und warf ſich auf ein Sopha, wobei er die Füße auf einer der Seiten⸗ lehnen aufpflanzte. „Die Herren waren ſo aufgeräumt,“ antwortete Olga,„und das Geſpräch hatte einen ſo ausgelaſſenen on angenommen, daß ich es meiner Würde un⸗ angemeſſen fand, bei ſolchen Gäſten die Honneurs zu machen.“ „Ah ſo, Du hielteſt es unter deiner Würde?“ rief Cvert höhniſch lachend.„Ich muß Madame aber erklären, daß, wenn ich Gäſte habe, ich dieſelben nicht aus Laune vernachläſſigt ſehen will. Von dem Geſpräch, woran ich mich betheilige brauchſt Du dich nicht verletzt zu fühlen.“ Dlga ſchwieg. Sie kannte Everts Gemüthsart Scwart, Arbeit adelt den Mann. I. 15 226 und wußte, daß er am Tage nach einem ſolchen Abend in ſchlechter Stimmung war und allen möglichen Anlaß ſie zu beleidigen aufſuchte. „Nun zum Teufel, was ſoll das bedeuten, daß Du nicht antworteſt? Haſt Du nicht gehört, was ich ſagte? Iſt es deine Abſicht, wieder einen Auf⸗ tritt herbeizuführen?“ ſchrie Evert. „Was willſt Du, daß ich auf dergleichen Unge⸗ reimtheiten antworten ſoll? Du biſt heute in einer Stimmung, wo.. „Ich Gehorſam verlange“ donnerte Evert.„Ja, darauf kannſt Du dich beim Teufel verlaſſen. Ich bin dieſer Stänkereien müde und eben deßwegen hie⸗ her gekommen, um Dir zu erklären, daß es Zeit für Dich wäre, deine Aufführung zu ändern. Du glaubſt vielleicht, daß ich immerdar Luſt habe, den Narren zu ſpielen und deinen demüthigen Diener zu machen; aber dem iſt nicht ſo, ich..... 4 Er hielt plötzlich an. Seine Augen fielen auf den Brief, welcher noch auf dem Tiſch lag. Olga hatte vergeſſen, denſelben bei ſeinem Eintritt bei Seite zu legen. Evert erhob ſich ſchnell und ſtreckte die Hand nach dem Briefe aus: eine Bewegung, welche Olga gleichfalls machte. Aber Evert kam — ihr zuvor und hielt den Brief bereits in der Hand. „Von wem iſt denn der Brief, daß Du ſo ſehr fürchteſt, ich werde ihn leſen?“ fragte er in höhni⸗ ſchem Ton. „Eine ſo tugendhafte und pflichtgetreue Frau, wie Du, wird doch keine Geheimniſſe vor ihrem Mann haben. Du erlaubſt wohl, daß ich ihn leſe.“ „Nein, Gvert, das geſchieht nicht. Der Brief iſt, — 227 wie Du an der Handſchrift ſehen kannſt, von Con⸗ ſtanze,“ entgegnete Olga und ſtreckte die Hand darnach aus. „Ah ſo, von deiner Schweſter! bemerkte Evert, während er den Brief langſam auseinanderſchlug; „dann wirſt Du ſo gut ſein und mich entſchuldigen, wenn ich ein Intereſſe empfinde, von dem, was die ſtolze Dame zu ſagen hat, Kenntniß zu erhalten. Es iſt wohl etwas recht Sentimentales und Erbau⸗ liches, kann ich mir vorſtellen.“ Olga, welche es ſich zur Regel gemacht hatte, ſich niemals in einen unnützen Streit mit einem Mann einzulaſſen, den ſie von ganzer Seele verachtete und deſſen Grobheiten ſie ſich nicht freiwillig ausſetzen wollte, verhielt ſich ſchweigend und unbeweglich. Auf Everts Angeſicht ſpiegelte ſich während des Leſens etwas von ſataniſchem Hohn und Triumph ab. Er faltete den Brief zuſammen und legte ihn mit den Worten zurück: „Aha, ſind wir dahin gekommen, daß ſie ſich von deinem Glück zu vergewiſſern wünſcht. Nun ja, das iſt ja recht ſchön.“ r ſchwieg, und es trat eine lange Pauſe ein. Olga fühlte ſich nicht geneigt, ſie zu unterbrechen. Sie wußte, daß ſie einander nur unangenehme Dinge ſagen würden. „Nun, beſte Olga,“ begann Evert,„deine Schwe⸗ ſter ſehnt ſich nach Dir. Das hat wohl dein Herz gerührt, ſo daß Du ſie bitteſt, ſchnell hieher zu kommen⸗ Was gedenkſt Du zu antworten?“ Er drehte den Kopf um und warf einen Blick auf Olga, um zu ſehen, was in ihrer Miene geſchrieben ſtand. 15* 228 „Ich gedenke Conſtanze zu antworten, daß ſie in Bezug auf mich vollkommen ruhig ſein und folg⸗ lich nicht die Reiſe hieher machen ſoll,“ erwiederte Olga ruhig. „Aber eine ſolche Antwort widerſtreitet meinen Wünſchen. Ich will nicht, daß Du dergleichen an ſie abgehen läſſeſt. Ich habe beſchloſſen, daß Conſtanze hieher kommen ſoll.“ „Aber ich habe gerade das Gegentheil beſchloſſen,“ erwiederte Olga beſtimmt. „Und der Grund, wenn ich fragen darf?“ „Weil ich nicht will, daß Conſtanze der Unan⸗ nehmlichkeit ausgeſetzt werden ſoll, ſehen zu müſſen, wie Du deine Frau behandelſt. Das würde ſie ver⸗ letzen, während es auf mich dieſe Wirkung nicht hervorbringt. Dazu, daß deine rohe Bosheit mir Schmerz verurſache, wäre es nöthig, daß ich noch Etwas von der guten Meinung beſäße, welche ich ſonſt von Dir hatte. Evert war im Begriff, eine Antwort zu geben, aber ein Klopfen an der Thüre deutete an, daß ein Diener Etwas zu melden hatte. „Herein!“ rief Evert. Der Diener öffnete die Thüre und ſagte: „Die Gräfin Romarhjerta wünſcht die Frau Ba⸗ ronin zu ſprechen.“ „Tante Stephana!“ rief Olga und eilte an Evert vorüber in den Salon hinaus. „Der Teufel hole ſie!“ brummte Evert, indem er einen Blick in den Spiegel warf, durch das Haar fuhr und ſeiner Miene einen ſolchen Anſtrich gab, um mit angenehmem Lächeln die Gräfin begrüßen zu können. 229 Im Salon fand er nicht allein die Gräfin, ſon⸗ dern auch den Grafen und erfuhr zu ſeinem nicht geringen Verdruß, daß ſie möglicher Weiſe den ganzen inter, im Fall die Aerzte es für gut fänden, in Stockholm bleiben würden, da Stephana nur in die Hauptſtadt gereist war, um ſie zu Rath zu ziehen. a war ein Strich durch Everts Rechnung. Während der Anweſenheit der Romarhjertas fand er es weder wünſchenswerth noch klug, Conſtanze nach Stockholm kommen zu laſſen. Auch wünſchte er in ſeines Herzens Tiefe, die Romarhjertas möchten ſein, wo der Pfeffer wächst. Olga dagegen fühlte ſich glücklich, Jemand von denen, welche ſie liebte, und von welchen ſie gleich⸗ falls geliebt wurde, wieder zu ſehen. Die Ausſage der Kammerjungfer von Olga' unglücklicher Ehe war auch nach Kungsborg gelangt, o daß Stephana mit forſchendem Blick ſie betrachtete, als die erſten Begrüßungen ausgetauſcht waren⸗ In den Zügen der jungen Frau las man jedoch nichts von den Schmerzen, welche ſie in dieſem Jahr durch⸗ lebt hatte, und Stephana fühlte ſich in hohem Grade beruhigt, als ſie nach ihrem erſten Zuſammentreffen dieſelbe wieder verließ. Als Cvert und Olga wieder allein waren, be⸗ merkte der Erſtere in ungewöhnlich freundlichem Tone: „Nun, beſte Olga, das iſt ja recht angenehm, daß Du die Romarhjertas wieder ſiehſt.“ lga ſah ihn ganz überraſcht an. „Ja,“ war Alles, was ſie antwortete. Sie empfand zu große Verachtung gegen Evert, als daß 230 ſie jemals mit ihm über Etwas ſprach, das ihr Freude oder Betrübniß verurſachte. „Wannſchreibſt Du an Conſtanze?“ begann er wieder. „Wahrſcheinlich heute.“ „Grüße ſie von mir.“ Mit dieſen Worten nickte Evert Olga zu und verließ das Zimmer. An demſelben Tage ſchrieben Olga und Stephana an Conſtanze. Stephana gab ihr die Verſicherung, daß Olga's Ausſehen nicht im Mindeſten das Gerücht von einem unglücklichen Befinden derſelben beſtätige, daß ſie vielmehr heiter und vergnügt erſcheine. Olga ſelbſt ſcherzte über Conſtanze's Beſorgniſſe und bat ſie, in Bezug auf ihr Glück ruhig zu ſein. Der ganze Brief athmete Oiga's gewöhnlichen Hu⸗ mor und war ein ſo getreuer Ausdruck ihres poeti⸗ ſchen, heitern Gemüths, daß er ganz geeignet erſchien, zu beruhigen. Als Olga durchlas; was ſie geſchrieben hatte, lächelte ſie und ſprach bei ſich ſelbſt. „Entweder bin ich ſehr leichtſinnig, oder beſitzen meine Gefühle eine wunderbare Elektricität. Heute morgen fühlte ich mich ſo überaus unglücklich, daß nichts mich beſtimmen konnte, jemals wieder zu hoffen, oder das Leben erträglich zu finden. Jetzt denke ich: Gott verläßt den nicht, welcher ſich ſelbſt nicht verläßt, und ich glaube, daß das Leben immer einige Freude zu bieten hat.“ Olga verbrachte den ganzen Abend bei Stephana, und man plauderte von Neuem und Altem. Olga fühlte ſich während dieſer Stunden ebenſo glücklich, als ſie am Morgen ſich unglücklich gefühlt hatte. „ 231 XXXII. Als Olga von den Romarhjertas heimkehrte, ſagte ihr das Kammermädchen: „Der Herr Baron hat ſagen laſſen, daß er die Frau Baronin noch zu ſprechen wünſche.“ Olga begab ſich zu ihrem Mann. Er ging in ſeinem Zimmer auf und ab. Als er ſie ſah, trat er ihr entgegen und äußerte beinahe artig: „Entſchuldige, daß ich Dich noch ſo ſpät beſchwere; aber ich habe etwas Dringendes mit Dir zu reden. Der Gegenſtand iſt langweilig; es handelt ſich um Geſchäftsangelegenheiten,“ ſetzte er mit einem mög⸗ lichſt gewinnenden Lächeln hinzu. Es war dann und wann geſchehen, daß Evert ſich ſo artig gezeigt hatte; dann gab es aber ſtets et⸗ was recht Unangenehmes mitzutheilen; und ſo machte ſich Olga auch jetzt auf Etwas dergleichen gefaßt. Einmal, da er ſo zuvorkommend geweſen, handelte es ſich um das Geſtändniß, daß er ihren Kanarien⸗ vogel todt getreten hatte; ein anderes Mal war ihm von dem Grafen Romarhjerta der Auftrag geworden, Olga zu unterrichten, daß ihr Schützling Janne unvermuthet geſtorben war.— Genug, Everts Art⸗ tigkeit gegen ſeine Frau war allezeit der Vorbote irgend eines Unglücks. So empfand Olga auch jetzt eine eigenthümliche, peinliche Unruhe. „An Geſchäftsangelegenheiten nehme ich ja durch⸗ aus keinen Antheil,“ antwortete ſie,„und ich glaubte darum nicht, daß wir in dieſem Fall einander Etwas zu ſagen hätten. Es ſteht Dir ja, vollkommen frei, nach deinem Belieben zu handeln.“ „Allerdings,“ erwiederte Evert, indem er Olga auf den Sopha niederzog;„dießmal aber ſoll Dir erlaubt ſein, deine kleine ſchöne Hand noch mit hin⸗ einzuſtecken.“ Mit dieſen Worten küßte er Olga's Hand. So äußerſt verbindlich hatte er ſich noch nie gezeigt. Mit einem Schauder dachte Olga: „Mein Gott! Welches Ungluck hat er mir an⸗ zukündigen!“ Evert fuhr fort: „Ehe ich mich mit Dir vermählte, hatte ich einen Theil meines Kapitals in einer größern Finanzſpe⸗ kulatiyn angelegt, und in Folge davon mußte ich in dem letzten Jahr meines Junggeſellenlebens Schul⸗ den machen. Dieſe liquidirte ich ſogleich nach meiner Verheirathung, denn ich verabſcheue dergleichen. Gegenwärtig bin ich durch den Abſchluß eines höchſt brillanten Geſchäfts und den Ankauf eines Hauſes in Verlegenheit verſetzt, denn ich habe kein genügen⸗ des Betriebskapital, beſonders da ich verſchiedene, ſehr empfindliche Verluſte erlitten habe. Du mußt daher deine Macht über Conſtanze benützen und ſie zu beſtimmen ſuchen, daß ſie die andere Hälfte deines Vermögens ausbezahlt. Es iſt und bleibt doch im⸗ mer ein häßlicher Zug von ihr, daß ſie daſſelbe Dir vorenthalten will. Sie hat ihres Vaters thörichter Anordnung gemäß ein doppelt ſo großes Vermögen zu ihrem Antheil bekommen, wie Du. Nun, willſt Du dieſe Angelegenheit für mich arrangiren?“ Olga athmete tief auf und fühlte ſich wahrhaft 233 Everts Begehren im höchſten Grade gerecht. In verſtand von dergleichen ſo wenig, daß ſie es ganz natürlich fand, wenn Evert das ihr zukommende Geld haben wollte. Sie antwortete darum auch ſogleich; „Ich will mit der nächſten Poſt die Sache in Ordnung bringen. War es nichts Anderes, was Du mir ſagen wollteſt?“ Blos ſo viel noch da Du ſo gern vor der Welt, vor den Romarhjertas und vor Conſtanze für eine glückliche Frau angeſehen werden willſt— Gt⸗ was, das im höchſten Grade lobenswerth iſt— ſo wäre es nicht gerade nöthig, daß Du von den Grün⸗ den Rechenſchaft gibſt, welche mich, ſei verſichert, gegen meinen Willen, beſtimmt haben, mich an Dich zu wenden. Laß es ſo ausſehen, als ob es dein eigener Wunſch wäre, das in Beſitz zu bekommen was deine Schweſter Dir aus Laune verweigert. Das wäre immerdar ein ſchöner Beweis der Liebe und des Vertrauens von deiner Seite,“ ſetzte Evert lächelnd hinzu.„Conſtanze würde mindeſtens nicht ſo bald wieder Grund zur Unruhe ſchöpfen.“ „Du darſſt vollkommen überzeugt ſein, daß nicht ein Schatten auf Dich fallen ſoll.“ „Du biſt wirklich eine ſehr liebenswürdige Gat⸗ tin,“ bemerkte Cvert und küßte ihr die Hand. „Wenn ich dieß bin,„erwiederte Olga kalt,“ ſo kommnt es nicht daher, daß ich gegen Dich die Pflicht 234 zu haben glaube, es zu ſein, ſondern es hat ſeinen Urſprung einzig und allein darin, daß ich Achtung vor mir ſelbſt habe.“ Sie erhob ſich und ſetzte hinzu: „Gute Nacht!“ Dann verließ ſie das Zimmer. Evert dachte, als er allein war: „Wenn ich mich mit einer Marmorſtatue vermählt hätte, ſo könnte dieſe nicht gefühlloſer gegen die Demüthigungen und Stiche ſein, welche ich gegen ſie richte, als Olga. Sie iſt ein Granitblock, welchem ich vergeblich eine Plage anzuthun ſuche. Sie ſetzt allen meinen Verſuchen in dieſem Fall eine eiſige Kaltblütigkeit entgegen und bleibt ſich immerdar gleich. Und doch war es ein ſataniſch gut ausge⸗ dachter Plan, Conſtanze durch Olga zu zermalmen. Die Reihe dürfte indeſſen noch an mich kommen; wir wollen ſehen.“ XXXIII. Am nächſtfolgenden Poſttag ſchrieb Olga an Conſtanze und entwickelte mit ihrer gewöhnlichen Klarheit die Gründe, weßhalb ſie die Schweſter bat, Evert die Hälfte ihres Vermögens nicht länger vor⸗ zuenthalten. Sie wiederholte, daß eine derartige feindſelige Handlungsweiſe von Conſtanze's Seite für ſie ſowohl verletzend als demüthigend ſei, ſoſern dieſelbe eine läute Mißbilligung der von ihr getrof⸗ fenen Wahl eines Gatten in ſich ſchließe. Der Brief war mit der einfachen und wahrhaften 235 Wärme geſchrieben, welche Olga's Charakter kenn⸗ zeichnete, ſobald ſie von Etwas redete, was ſie für recht hielt. Fieberhaft war die Ungeduld, womit Evert Con⸗ ſtanze's Antwort erwartete. Er befand ſich wirklich in ökonomiſcher Bedrängniß. Daß Olga das Ihrige möglichſt gethan hatte, um Conſtanze zu überreden, davon war er vollkommen überzeugt; ſo weit kannte er ſchon ihren Charakter. Im Laufe der Woche, welche verfloß, ehe die Antwort anlangte, waren er und Olga auf Pro⸗ menaden, im Theater und in Geſellſchaften ſehr oft mit einander zu ſehen. Nicht ein einziges Mal hatte es eine Spielpartie daheim bei Evert gegeben; da⸗ gegen war er beinahe jede Nacht außer dem Hauſe geweſen. Endlich traf Conſtanze's Antwort ein. Sie ent⸗ hielt Anweiſungen auf den Reſt von Olga's Ver⸗ mögen und dazu folgende Zeilen: „Meine geliebte Olga! „Was Du von mir wünſcheſt, habe ich nun gewährt. Ich forſche nicht nach den Urſachen, welche dieſes Begehren hervorgerufen haben; ich erfülle daſſelbe blos. Von Dir geht nur aus, was edel iſt. Im Uebrigen bin ich reich genug für uns beide, im Fall dein Mann ein Verſchwender wäre und vergeuden ſollte, was Du vertrauensvoll in ſeine Hand legſt u. ſ. w.“ Einige Augenblicke nachdem Olga dieſen Brief empfangen hatte, fand Gvert ſich ein. Sie reichte ihm denſelben, ohne ein Wort zu ſagen. „Nun ja, das iſt recht ſchön, daß das Geld 236 kommt,“ ſprach er gleichgültig;„obwohl ich nunmehr deſſelben wicht bedarf, denn ich habe Geld von Eng⸗ land für mein Patent erhalten, ſo daß ich dieſes hier wohl entbehren könnte.“ Dieß war alles, was er über die Sache bemerkte. Er ſaß eine Weile da und ſpielte mit ſeiner Uhr⸗ kette, worauf er mit einem verbindlichen Lächeln wieder begann: „Weißt Du, daß der alte Baron X. in Stock⸗ holm angekommen iſt?“ „Ja, er hat mir geſtern ſeinen Beſuch gemacht.“ „Ach, ich vergaß, daß er nicht wohl in deiner Nähe ſich aufhalten kann, ohne einer ſo jungen und einnehmenden Dame wie Du ſeine Aufwartung zu machen. Kennſt Du auch die Urſache von des Barons Anweſenheit?“ Olga's Herz ſchlug heftig. Sie ſah es Evert an, er dießmal eine wirkliche Bosheit im Sinne atte. „Vermuthlich beabſichtigt er den Winter hier zu⸗ zubringen.“ „O nein, der Burſche wird alt, und da wächst man aus ſeinen Thorheiten hinaus. Er iſt hieher gekommen, um eine Hypothek auf Stahlhammer auf⸗ zunehmen und ſich mit einigen Juriſten über den ſeiner Zeit ſo viel beſprochenen Gruftdiebſtahl zu berathen.“ „Evert!“ rief Olga todesbleich. „Warum erſchrickſt Du ſo darüber, beſte Olga — Ach, mein Engel, Du biſt ja ſo bleich, daß es ausſieht, als wollteſt Du in Ohnmacht fallen. Be⸗ fiehlſt Du vielleicht ein Glas Waſſer?“ — 237 „Nein, ich danke! erwieberte Olga und unter⸗ drückte mit einer gewaltſamen Anſtrengung den Sturm in ihrem Innern.„Fahre in deiner Er⸗ zählung fort.“ „Die Sache iſt die, daß dem Baron ein alter Brief in die Hand gekommen iſt welcher den Dieb⸗ ſtahl betrifft, und... „Sage mir,“ fiel Olga kalt ein,„wozu dieſes Gaukelſpiel dienen ſoll. Der Brief, auf welchen Du hindeuteſt, iſt einmal verbrannt worden und kann ſomit nicht mehr ſchaden.“ „Biſt Du vollkommen ſicher, daß es nicht eine Kopie war, welche damals verbrannt worden iſt?“ fragte Evert und warf Olga einen triumphirenden Blick zu. Olga ſtarrte ihn an, als ob ſie das, was ſie eben gehört hatte, nicht glauben könnte und wollte. „Evert, Du haſt eine höchſt eigenthümliche Weiſe zu ſcherzen, wenn Du durchſcheinen laſſen willſt, daß Du mich betrogen haſt. So tief Du in meiner Achtung geſunken biſt, kann ich doch nicht ſo ſchlecht von Dir denken.“ „Was Du von mir denkſt, iſt auch vollkommen gleichgültig, da Du als pflichtliebende Frau, wofür Du dich ſelber erklärſt, nicht gern etwas Un⸗ günſtiges von deinem Mann ausſagen willſt.“ Weißt Du, Evert, im Fall es ſich wirklich ſo verhielte, wie Du ſagſt, wäre deine Handlungs⸗ weiſe ſo ſchlecht, daß Du nicht allzu ſehr auf die Rückſicht bauen dürfteſt, welche ich in der Eigenſchaft als Frau Dir vor der Welt zu beweiſen hätte,“ entgegnete Olga.„Es könnte leicht geſchehen, daß 238 ich mich nicht darum bekümmerte, einen Mann zu ſchonen, welcher aus lauter Treuloſigkeit zuſammen⸗ geſetzt iſt.“ „Uebereile Dich nicht, ſondern erinnere Dich, daß wir nicht blos dem Guten, ſondern auch dem Rechten unſere Achtung zu ſchenken verpflichtet ſind. Ich halte es für Unrecht, daß ein Schurke wie Jvarſon frei umhergeht und das Vertrauen von ehrlichen Leuten genießt, und es ſtimmt mit meiner Pflicht ganz überein, daß ich dazu beitrage, ihn zu demas⸗ kiren.“ „Aber Du haſt ja ſelbſt geſagt, er ſei an dem Diebſtahl unſchuldig,“ fiel Olga heftig ein. „Deſſen kann ich mich nicht entſinnen. Es han⸗ delt ſich üderdieß um ein Rechtsprincip, und nicht um ein Individuum.“ „Mißbrauche nicht das Wort Recht, denn es wird profanirt, wenn Du davon ſprichſt. Vielleicht kannſt Du dich auch nicht erinnern, daß Du mir ver⸗ ſprochen haſt, niemals einen Schaden zuzufügen...“ „Dem Abgott deiner Seele,“ fiel Cvert ein, indem er ſich erhob und ſetzte mit ſtolz emporgerichtetem Haupte hinzu:„rede mir nicht immer von dem, was ich verſprochen oder geſagt hahe, denn ich bin dieſer unaufhörlichen Berufung auf Verſprechungen, die ich gebrochen u. ſ. w., völlig müde. Hier ſind ſie ſehr übel angebracht, da ich mit der ganzen Sache Nichts zu thun habe. Der Baron hat einen Brief gefunden, welcher der Vermuthung Raum gibt, daß Jvarſon an dem Diebſtahl betheiligt war. Was geht die Sache wohl mich an? Nicht das Mindeſte. Es beweist weiter Nichts, als daß man zwei 239 ſolcher Briefe gefunden, wie Du an deinem Hoch zeittage einen den Flammen opferteſt, oder daß es ein anderer iſt, welcher dieſelbe Eigenſchaft hat.“ Olga drückte beide Hände feſt auf ihre Bruſt. „Ich beklage Dich und mich, im Fall es zu einer gerichtlichen Klage gegen Jvarſon käme,“ ſagte ſie und verließ das Zimmer. „Ha, nun iſt die Reihe an mir,“ murmelte Evert und ſtreckte die Hand drohend nach ihr aus.„Jetzt habe ich die Waffe geſunden, womit ich Dich ver⸗ wunden und quälen kann. Du biſt vermeſſen genug geweſen, meinen Angriffen nur Verachtung entgegen⸗ zuſetzen. Eines Tages werde ich Dich und Conſtanze auf den Knien zu meinen Füßen ſehen.“ XXXIV. Einige Tage vergingen, ohne daß die beiden Gatten zuſammtrafen. Olga war von den Romar⸗ hiertas völlig in Anſpruch genommen, da es nun feſt⸗ ſtand, daß ſie nicht in Stockholm bleiben würden. Die Aerzte hatten erklärt, daß Stephana's Unpäß⸗ lichkeit von keiner Bedeutung wäre, und da ſie ſich nach dem Gebrauch der von denſelben verſchriebenen Heilmittel beinahe völlig hergeſtellt fand, ſo wurde beſtimmt, daß die Rückreiſe nach Kungsborg in acht Tagen ſtattfinden ſollte. GFrert hatte ſich aufmerkſam gegen die Romar⸗ hierta's und ſo liebenswürdig als Ehemann gezeigt, daß es ihm gelungen war, Stephana's Unruhe in 240 Bezug auf Olga völlig zu zerſtreuen. Sie äußerte ſogar einmal gegen Hermann: „Es iſt eine Freude, zu ſehen, wie zärtlich und beſorgt Evert gegen ſeine junge Frau iſt, und ich kann wahrhaftig nicht begreifen, wie das Gerücht aufgekommen iſt, daß er ſich ſchlecht gegen ſie be⸗ nehme.“ „Daraus ſieht man, wie wenig man ſich nach dem richten darf, was Dienſtboten ſagen,“ erwiederte Hermann.„Nach Allem, was ich gehört habe, iſt Evert ein wackerer und galanter Mann, dem man nichts vorwerfen kann, als daß er auf einem allzu flotten Fuße lebt.“ Auch die klügſten Leute laſſen ſich bisweilen vom Schein betrügen. Ein paar Tage vor dem, welcher zur Abreiſe des Grafen Romarhjerta feſtgeſetzt war, kam Olga, um den Abend bei Stephana zuzubringen, welche alle Einladungen abgelehnt hatte. Gerade als Olga eintrat, wurde ſie durch den Anblick eines Herrn überraſcht, welcher neben Stephana ſaß und ſehr vertraulich mit ihr redete. Als er das Geſicht nach Olga herumdrehte, rief ſie freudig aus: „Ah, ſieh da, Herr Lange! Nachdem die erſten Begrüßungen ausgetauſcht waren, fragte Olga: „Wann ſind Sie wieder nach Schweden zurück⸗ gekehrt?“ „Heute, mit dem Dampfſchiff von Lübeck. Ich habe mit der Rückreiſe ſo lang als möglich gezögert, was ſchon daraus hervorgeht, daß ich erſt die letzte 241 Fahrgelegenheit, welche dieſes Jahr von dort aus ſtattfindet, benüzt habe.“ „Sie ſind lang fortgeweſen. „Beinahe ein Jahr. Ich habe England, Frank⸗ reich und Deutſchland bereist, um mir Aufklärung darüber zu verſchaffen, wie weit man mit der Me⸗ tallfabrikation im Auslande gekommen iſt.“ Olga und er ſprachen den ganzen Reſt des Abends mit einander. Kurz vor dem Souper fand ſich auch Evert ein, um ſeine Frau abzuholen. Jacobo's Anblick ſchien einen höchſt unangenehmen Eindruck auf ihn zu machen; aber nichts deſto weniger lud er Lange auf den folgenden Tag zum Mittagsmahl ein, was dieſer jedoch ablehnte. Lange wollte mit den Romarhjerta's die Heimreiſe machen. Vei dem Abſchied von Stephana fragte die Gräfin, nachdem Axelhjelm ſich entfernt hatte, Ja⸗ cobo, ob Olga nicht glücklich ausſähe. „Glücklich? Nein, Stephana, das nicht; wohl aber wie eine Perſon, welche ſorgfältig dieſe Rolle zu ſpielen bemüht iſt.“ „Sollteſt Du jetzt vollkommen gerecht ſein?“ „Was meinſt Du?“ „Dein Vorurtheil gegen Evert bewirkt, daß Du dir die Möglichkeit gar nicht zu denken vermagſt, es könne Jemand mit ihm glücklich werden. Ich bin einen ganzen Monat hier geweſen, und in dieſer Zeit habe ich von ſeiner Seite Nichts als Zärtlich⸗ keit und freundliches Weſen gegen Olga geſehen. Es ſcheint, daß er wirklich feſt an ihr hängt.“ Schwartz, Atbeit abelt den Mann. II. 16 242 „Möglich; ich will es nicht beſtreiten; aber was ich beſtimmt beſtreite, iſt, daß ſie ſich glücklich fühlt.“ „Wenn ich dagegen etmas bemerken ſollte, ſo wäre es das, daß Olga mir in ihrem Benehmen gegen Evert etwas kalt vorkommt.“ Jacobo gab keine Antwort darauf, ſondern bot Stephana die Hand zum Abſchied, worauf er ſich nach ſeiner Wohnung begab. Es war ein ungewöhnlich klarer und etwas kalter Novemberabend. Der Mond ſtreute ſein Silber über Birgers herrliche Stadt*) aus. Jacobo konnte der Luſt nicht widerſtehen, anſtatt den Weg nach der Neuen Straße, wo er logirte, zu nehmen, nach der Schiffsbrücke abzubiegen und dem Kai zu folgen. Er wanderte langſam dahin, blieb hin und wieder ſtehen, um das ſchöne Gemälde in Augen⸗ ſchein zu nehmen. So war er bis an die Schleuſe gekommen, wo er anhielt und auf die See hin⸗ ausſchaute. „Was zum Teufel, ich glaube bei meiner Seele, es iſt Lange,“ rief eine friſche und klare Stimme, und Jacobo erhielt einen Schlag auf die Schulter. Er drehte ſich um, und Kurt Axelhjelm ſtand vor ihm. Sie wechſelten einen kräftigen Handſchlag und Jacobo ſagte: „Nun, das iſt eine angenehme Begegnung; aber was machſt Du eigentlich hier? Ich glaubte, wir würden uns in Kungsborg treffen.“ ²) Birger Jarl erbaute um 1250 die eigentliche Stabt auf den drei Inſeln Helgeands⸗, Stads⸗ und Riddarholmen zur Ver⸗ theidigung des an dem großen Mälarſee herumliegenden Binnen⸗ landes. A. d. U. 243 Jacobo faßte Kurt am Arme und wandte nun ſeine Schritte nach dem nördlichen Theil der Stadt. „Die Bauarbeit iſt zu Ende; ich habe den Ort ſchon vor einem Monat verlaſſen, bin aber erſt heute in der Haupſtadt angelangt, da ich wegen des Ge⸗ ſchäfts für den nächſten Sommer eine Reiſe nach Schonen machen mußte.“ Sie ſetzten ihren Weg fort, während ſie allerlei Fragen machten und beantworteten. Kurt erfuhr, daß die Romarhjertas in der Stadt waren, und daß ſie ſammt Lange demnächſt abreiſen würden u. ſ. w. Als ſie an die Ecke der Nordbrücke kamen, ſtie⸗ ßen ſie auf eine Gruppe von Herren, welche dort ſtanden und ſchwazten. Sie waren in einem ſo leb⸗ haften Geſpräch begriffen, daß ſie Kurt und Jacobo nicht beachteten. Einer derſelben äußerte mit einer Stimme, welche deutlich zu erkennen gab, daß er aus einer Geſell⸗ ſchaft kam, wo der überwiegende Genuß im Trinken beſtanden hatte.. „Was zum Teufel ſoll das heißen, Arelhjelm, daß Du dich weigerſt, mir Revanche zu geben. Ich ſollte doch glauben, daß Du hiezu verpflichtet wäreſt, wenn ich es verlange. Mit A—feld kannſt Du ein anderes Mal ſpielen.“ Bei dem Laut von Axelhjelms Namen waren Kurt und Jacobo ſtehen geblieben. „Nun geht,“ antwortete eine andere Stimme, in welcher ſie dem Ton nach die Everts erkannten⸗ „Bleib mir vom Leibe, wenn Du nicht abſolut einen derlaß haben willſt.“ 16* 244 „Vorwärts, vorwärts zu***,“ rief die ganze Geſellſchaft. Jacobo und Kurt zogen ſich zur Seite und ließen ſie paſſiren. „Mein Bruder!“ murmelte Kurt. „Er iſt alſo auch Spieler!“ ſprach Jacobo bei ſich ſelbſt. Kurt reichte ihm die Hand zum Abſchied mit den Worten: „Wir treffen uns morgen.“ Dann ſchlug er den Rockkragen hinauf, drückte den Hut tiefer ins Geſicht und ſchlug denſelben Weg ein, wie Evert und ſeine Zechgenoſſen. Lange ſezte ſeinen Heimweg fort und dachte da⸗ bei an Olga's ſo vielbeſprochenes Glück. XXXV. Es hatte vier Uhr Morgens geſchlagen, als ein junger Mann aus einem Hauſe in einer Straße kam, die wir hier nicht mit Namen bezeichnen wollen. Sein Gäng war bald haſtig, bald langſam. Zuweilen blieb er ſtehen, wie wenn er von einem Gedanken feſt⸗ gehalten würde; den Augenblick darauf eilte er en nige Schritte vorwärts, um gleich wieder ſtehen zu, bleiben, oder langſamer vorzurücken. Von Zeit 30 Zeit ſtieß er leiſe einen Fluch aus. An der Nordbrücke angekommen, machte er aber⸗ mals Halt und lehnte ſich über das Geländer, wäh⸗ rend er mit dem Blick den Wellen folgte. Er nahn den Hut ab und ließ den kühlen Wind ſeine heiße b S 8* 8*— 8*— — 245 Stirne fächeln. Die Strahlen des Mondes fielen auf ein Angeſicht von ungewöhnlicher Schönheit, obwohl es jetzt von heftigen Leidenſchaften ver⸗ zerrt war. „Ein erbärmliches, elendes Leben das,“ mur⸗ melte er und ſchaute düſter in die Tiefe.„Heute Abend habe ich die Hälfte von den Fünfzigtauſend verſpielt. Ich möchte doch wiſſen, wie lang das Fahrzeug meines Lebens ſich noch über dem Waſſer wird. Verdammt, daß ich verlieren mußte, i „Du ſtets derſelbe elende Wicht bleibſt!“ er⸗ gänzte eine Stimme hinter ihm, und er fühlte ſich von ein paar ſtarken Armen gefaßt.—„Vollte ich nach Recht handeln, ſo ſchleuderte ich Dich in den Strom,“ fuhr derjenige fort, welcher ihn ſo feſt im Nacken hielt;„dann beugte ich der Rothwendigkeit vor, Dich noch tiefer erniedrigt zu ſehen, als Du es bereits biſt.“ Mit dieſen Worten hob er Evert ein wenig in die Höhe, als hätte er wirklich die Ab⸗ ſicht, den ſchönen Herrn über das Geländer in die rauſchende Fluth hinabzuwerfen; er hielt ihn aber nur eine Weile ſo und ſtellte ihn dann ziemlich un⸗ ſanft wieder auf das Trottoir nieder. „Kurt!“ rief der junge Mann, als er wieder auf den Füßen ſtand. „Ja, Kurt, der Dich nun völlig kennt und weiß, daß ſein Bruder ein Spieler iſt, welcher ein Viertel von dem Vermögen ſeiner Frau auf einen Wurf verloren hat und welcher nächſtens ſeine Ehre ver⸗ ſpielen wird, im Fall er noch Etwas davon hat.— 246 Du biſt geworden, was jeder Faulenzer wird, ein Sclave der erniedrigendſten Laſter.“ „Du biſt doch nicht mein Vormund!“ entgegnete Evert und drückte den Hut auf den Kopf. „Ja, ich bin dein Vormund, wenn es den Na⸗ men gilt, den wir beide führen.“ Cvert machte eine Bewegnng, als wollte er ſich entfernen. Kurt aber faßte ihn von Neuem an der Schulter. „Nein, nicht von der Stelle, ehe ich Dir geſagt habe, welche Folgen eine Wiederholung deſſen, was ich heute Nacht mit angeſehen, haben wird. Als ich Dich am Spieltiſche ſah, mit einem Angeſicht, in welchem ſich die ganze Gier elender Gewinnſucht abſpiegelte, kam es mir vor, als ſähe ich die ganze Erniedrigung deines künftigen Lebens. Ich fühlte mich ſo wüthend, daß ich hätte vortreten und Dir auf der Stelle den Kopf zerſchmettern mögen, um nur nicht den Tag erleben zu müſſen, da Du vom Laſter zum Verbrechen herabſinken würdeſt. Ich ſage Dir deßhalb: Begegnen wir einander noch ein⸗ mal auf derſelben Stelle, ſo ſtehe ich nicht für das, was geſchieht. Es iſt das zweite Mal, daß ich Dich warne, das dritte Mal....“ Kurt's Hand legte ſich ſo ſchwer auf Evert's Schulter, daß es dieſem war, als wollte ſein Bru⸗ der ſie zerbrechen. „Ich weiß wahrhaftig nicht, welches Recht Du zu dem Ton haſt, den Du annimmſt, da Du doch ſelbſt den von Dir ſo verachteten und verabſcheuten Ort beſuchteſt, da....“ „Schweig'; ich will deine Schmähungen nicht 247 hören; ich verachte Dich allzu ſehr, als daß ich mich gegen Beſchuldigungen, die von Dir erhoben wer⸗ den, vertheidigen möchte.— Ich ſage Dir bloß: ſei auf deiner Hut! Bedenke, daß wir uns jetzt in der⸗ ſelben Stadt aufhalten und daß ich Dir wie dein Schatten folgen werde.“ Kurt ließ ihn los und entfernte ſich. Evert blieb eine lange Weile ſtehen. Dann ballte er die Hände und murmelte: „Ach, wie haſſe ich alle dieſe Menſchen, welche ſich unterſtehen, mich anzuklagen, weil ich nicht wie ſie das Leben eines Taglöhners dahin ſchleppen kann. Meine Natur wie meine Gewohnheiten ſind von verfeinerter Art; das können ſie nicht begreifen. Ich wünſchte, alle drei hätten nur einen Hals, und ich könnte mit einem einzigen Streich ſie ab⸗ ſchlagen.“ XXXVI. Nach der Abreiſe des Grafen Romarhjerta ver⸗ floſſen einige Wochen, welche für Olga ungewöhnlich ruhig waren. Evert war ſelten zu Hauſe; wenn dieß geſchah, ſo ſahen ſich die beiden Gatten nur bei Tiſche, oder wenn ſie einen Ausgang mit ein⸗ ander machten. Seine Zeit war durch Geſchäfte in Anſpruch genommen, wie er ſelbſt verſicherte. Hlga fühlte ſich zuweilen durch ſein ungewöhnlich freund⸗ liches Benehmen etwas beunruhigt; denn ſie fürch⸗ tete, daß es nur die Einleitung zu irgend einem niederträchtigen Anſchlag wäre. Einige Mal hatte 248 ſie das Geſpräch auf den Baron F. gebracht; aber Evert brach es ſogleich ab, ohne nur ein Wort in Bezug auf Jvar beizufügen. Endlich kehrte der alte Baron nach Hauſe zu⸗ rück; ſtatt ſeiner trat aber eine andere Perſon auf, gegen welche Olga einen inſtinktmäßigen Abſcheu hatte, nämlich Lieutenant Knut. Eines Tags, kurz vor Weihnachten, trat Evert in das Zimmer ſeiner Gattin. „Mein Engel, ich kann Dir zu einer großen Freude Glück wünſchen,“ ſprach er mit einem be⸗ leidigenden Lächeln,„der Abgott deiner Seele, der unvergleichliche Jvarſon, iſt in der Hauptſtadt an⸗ gekommen und beabſichtigt, dieſelbe durch ſeine Ge⸗ genwart ein paar Wochen zu verherrlichen.— Nun, was fehlt Dir? Du ſiehſt ja ganz erſchrocken aus, und ich dachte Dir eine angenehme Ueberraſchung zu bereiten.“ Olga hatte die Farbe gewechſelt, behielt aber doch jene kalte äußere Ruhe bei, welche ihr Beneh⸗ men gegen Evert kennzeichnete. „Ich weiß kaum, warum ich durch das, was Du mir da mittheilſt, angenehm überraſcht ſein ſollte, erwiederte ſie.„Jvarſon und ich, wir ſtehen in kei⸗ ner Berührung mit einander.“ „Wirklich nicht?— Iſt es möglich, daß Du die Hand von deinem Günſtling abgezogen haſt, welchen zu beſchützen Du dir vor nicht gar langer Zeit zur Ehrenſache machteſt?“ „Ein Mann wie Jvarſon bedarf keines Schutzes von Jemand, außer von ſich ſelbſt; das hat er nur zu wohl bewieſen.“ Sf —————————— — —————— 249 „Glaubſt Du das?— Nun wir werden ja ſehen,“ entgegnete Evert, indem er ein Papier aus der Rocktaſche zog.„Der Baron. hat bis auf Weiteres dieſes kleine Zeugniß gegen den Arbeits⸗ helden meinen Händen anvertraut. Ich bin begierig, wie er ſeine Rolle ſpielen würde, wenn man auf die Idee käme, die alte Diebſtahlsgeſchichte wieder aufzunehmen. Es könnte wohl geſchehen, daß man durch irgend ein wunderliches Spiel des Schickſals auf irgend einige von den ſo ſeltſam verſchwunde⸗ nen Kleinodien ſtieße, welche den Todten geraubt worden ſind.“ „Ein ſolches Spiel des Schickſals wird nicht ſtattfinden,“ entgegnete Olga. „Ach, mein Engel, man kann den Gang der Er⸗ eigniſſe nicht berechnen;— apropos, wann kommt Conſtanze nach Stockholm?“ „Dieſen Winter nicht.“ „Nicht? Du irrſt Dich ſicherlich, wenn Du der⸗ gleichen behaupteſt. Ich vermuthe, Du haſt mich ſo weit verſtanden, um zu begreifen, daß ſie Dich beſuchen muß.“ Er ſchlug das Papier aus einander und las daraus folgende Zeilen vor: ———„Sie wiſſen nicht, Herr, Lange, wie der Gedanke an den unglücklichen Jüngling mich quält. So jung und bereits ſo tief gefunken!— Die Unruhe, man möchte ſeine Theilnahme an dem Diebſtahl entdecken, iſt bei mir ſo groß, daß ich trotz Ihres mir geſtern Abend gegebenen Verſpre⸗ ens Sie noch einmal bitten muß, ihn ſo ſchnell als möglich von hier fortzuſchicken. Es läßt ſich viel⸗ 250 leicht hoffen, daß er, getrennt von dem Vaterlande, noch ein braver und ehrlicher Mann werde, ſo wenig es auch jetzt darnach ausſieht....“ Evert faltete den Brief wieder zuſammen und ſteckte ihn ein, indem er ſagte: „Nun, wann ſchreibſt Du an Conſtanze?“ Olga blieb ſtumm. „Sie hatte dieſen Brief ſchon früher einmal ge⸗ leſen, aber nicht mit Ruhe, ſondern in exaltirter Stimmung. Sie hatte damals bloß an Jvar ge⸗ dacht und völlig vergeſſen, daß gleichzeitig mit ihm noch ein anderer junger Menſch ſich zu Akersnäs be⸗ fand. Daß dieſer auch denſelben Herbſt aus ſeiner Stelle getreten und ins Ausland gereist war, daran hatte ſie früher gar nicht gedacht.— Jetzt, wäh⸗ rend Evert las, war es, als ob ein furchtbarer Argwohn in ihrer Seele aufſtiege, und ſie ſprach bei ſich: „Wie wenn dieſer Brief gar keinen Bezug auf Jvar hätte, wenn....“ Sie erinnerte ſich nun lebhaft der Nacht auf dem Kirchhofe, wo ſie die Wallfahrt zu der T—ſchen Gruft unternommen hatte; der Fragen Helfrids, ob ſie gehört hätte, was von den vermeintlichen Ge⸗ ſpenſtern geſprochen worden war; des Schreckens, den Helfrid zu erkennen gegeben hatte, wenn Olga einmal auf ihre nächtliche Wanderung zu ſprechen kam,— dieß Alles tauchte jetzt mit wunderbarer Lebhaftigkeit vor ihrem Gedächtniß auf. Da Olga keine Antwort gab, ſondern ſtillſchwei⸗ gend und in Gedanken verſunken ſitzen blieb, ſo wie⸗ derholte Evert ungeduldig ſeine Frage. 251 „Ich habe erſt neulich an Conſtanze geſchrieben, ſo daß es wohl noch Zeit damit hat,“ erwiederte Olga und ſah Evert an. „Ah ſo, die Sache ſoll demnach ſo ſchnell nicht vor ſich gehen; aber Du dürfteſt vielleicht anderer Anſicht werden, wenn ich Dir erkläre, daß dieß das einzige Mittel iſt, mich zu beſtimmen, keinen Ge⸗ brauch von dieſem Papier zu machen, welches zur Folge haben könnte, daß Jvarſon auf dem Schub an das Bezirksgericht Akers abgeliefert würde, um denſelben in Unterſuchung und zur Strafe zu ziehen wegen „Eines Diebſtahls, den er nicht begangen hat.“ „Mag ſein; aber ich ſage Dir nun, wie damals, als ich deine Hand begehrte, unſchuldig oder ſchul⸗ dig bedeutet wenig oder nichts, wenn man den Schein gegen ſich hat. Du mußt zugleich begreifen, daß, wenn man wie er ſchon einmal in ſeinem Leben eines großen Verbrechens verdächtig und wie er deß⸗ halb eingekerkert war, jede Anklage als ſehr wahr⸗ ſcheinlich ſich darſtellt.“ „Darin haſt Du Recht; aber deſſen ungeachtet werde ich Conſtanze nicht bitten, uns einen Beſuch zu machen.“ „Du glaubſt vielleicht, daß ich jenen Herrn ſchonen werde?“ „Nein, lieber Evert, in Beziehung auf Dich habe ich nicht einen Schatten von Illuſion mehr.“ Evert ſah Olga einen Augenblick an; er war ganz überraſcht von ihrer Sicherheit. Gewöhnlich wurde ſie durch eine Hindeutung auf Jvar mehr oder minder aufgeregt. 252 „Welche hölliſche Ideen hat ſich jetzt der kleine liſtige Satan in den Kopf geſetzt,“ dachte Evert. „Sie ſieht aus, als hätte ſie beſchloſſen, daß ich ſie nicht vom Fleck bringen ſollte. Ich habe mir wahr⸗ haft einen abſcheulichen Irrthum zu Schulden kom⸗ men laſſen, als ich ſie für ſanft und ſchwach anſah. Ich habe in meinem Leben noch kein unbeugſameres Weib getroffen.“ Während Evert ſich dieſen Gedanken überließ, war eine Pauſe eingetreten. Evert unterbrach dieſelbe mit den Worten: „Haſt Du einen Augenblick überlegt, welche Mittel ich in meiner Hand habe, um den Elenden zu vernichten?“ „O ja, ich weiß recht wohl, daß Du Alles thun wirſt, um ihn in's Unglück zu ſtürzen.“ „Bedenke, wenn ich gleichzeitig mit der erfol⸗ genden Anklage eine kleine romantiſche Schilderung von der Jugend, dem Verbrechen und den Aben⸗ teuern deines Helden in die Zeitungen einrücken ließe:— welches Glück, glaubſt Du, würde eine ſolche machen?“ „Daſſelbe, wie alle Skandalgeſchichten: ſie würde den Pöbel intereſſiren; aber weißt Du auch, Evert, wozu ſie Dich ſtempeln würde, der Du drohſt, ein ſo erniedrigendes Mittel zur Befriedigung deiner Rache anzuwenden?— Ja, zu einem verächtlichen Weſen, welches ſelbſt auf den äußern Schein, ein Menſch von Erziehung und Ehre zu ſein, ver⸗ zichtet hat.“ „Sehr verbunden;— aber Du begreifſt wohl, 253 daß ich ſo viel Takt haben werde, um nicht ſelbſt in den Vordergrund zu treten.“ „Laß uns dieſes Geſpräch beenden, Evert. Es hilft zu nichts, Worte in dieſer Sache zu verſchwen⸗ den; Du kannſt mich niemals zwingen, Conſtanze zu einer Reiſe hieher aufzufordern. Führſt Du deine niedrigen Anſchläge gegen Jvarſon aus, ſo kann ich Dich nur beklagen. Du dürfteſt ſelbſt dabei am ſchlimmſten wegkommen.“ „Wie ſo, wenn ich fragen darf?“ „In der Nacht, da der Diebſtahl in der A— ſchen Gruft begangen wurde, bin ich ſelbſt auf dem Kirchhofe geweſen,“ entgegnete Olga und ſtand auf.„Wenn daher die Sache zu einer gerichtlichen Unterſuchung kommt, ſo halte ich es für meine Pflicht, eine Erklärung über das, was ich geſehen und gehört habe, abzugeben.“ Einen Augenblick betrachtete ſie Evert, in deſſen Angeſicht bei den Worten ſeiner Frau eine furcht⸗ bare Veränderung vorging. Dann entfernte ſich Olga und ging in ihr Schlafzimmer, deſſen Thüre ſie verriegelte. „Schlange!“ murmelte Evert und ſah ihr nach. XXXVII. Einige Tage ſahen die beiden Gatten einander nicht. Olga hatte ſagen laſſen, ſie ſei unpäßlich und hielt ſich in ihrem Zimmer eingeſchloſſen. Evert 254 gebrach es gleichfalls an jeglicher Luſt, mit ihr unter vier Augen zuſammenzutreffen, und ſo blieb ſie im Frieden. Am dritten Tage empfing Olga einen Brief von Stephana, worin verſchiedene Aufträge, welche Evert ausrichten ſollte, namhaft gemacht waren. Sie klingelte und fragte, ob der Baron zu Hauſe wäre. „Ja,“ antwortete die Kammerjungfer;„der Herr Lieutenant K. iſt gerade bei ihm.“ Olga überlegte eine Weile, dann beſchloß ſie, ſelbſt zu ihrem Mann mit Stephana's Brief zu gehen. Sie fühlte ſich wie durch eine innere Stimme getrieben, mit Knut. eine Begegnung zu ſuchen. Eine Ahnung ſagte ihr, daß dieſe beiden Menſchen über einem abſcheulichen Plane brüteten; denn nie⸗ mals waren ſie noch beiſammen geweſen, ohne irgend eine ſchlechte That auszuhecken,— noch mehr, ſeit⸗ dem Olga's Gedanken der Vergangenheit zugewendet waren, fiel ihr auch ein, daß Knut und Evert ſchon von langer Zeit ſehr gute Freunde geweſen waren. „Ich will doch ſehen, was der Herr Lieutenant für ein Geſicht macht, wenn ich plötzlich in Everts Zimmer trete. Er iſt mir immerdar ausgewichen, als ob er fürchtete, wir möchten in eine Berührung mit einander kommen.“ Olga ging durch die Zimmer, welche das ihrige von dem Everts trennten. Die Tage, welche ſeit ihrer letzten Unterredung mit ihm vergangen waren, hatten eine furchtbare Umwälzung in Olga's Innerem 255 hervorgebracht. Doch warum von den bittern Kämpfen reden, welche ſie ſtill und einſam durchmachte; ſie vertraute dieſelben ja Niemand an;— ſollten wir ſie alſo erzählen? Als Olga vor Gverts Thüre kam, blieb ſie einen Augenblick ſtehen, um zu horchen. Sie wollte er⸗ fahren, was dieſe Freunde, von denen einer des andern ſo würdig war, ſich zu ſagen hätten. Olga horte Kurt zur Antwort auf das, was Cvert geſagt hatte, äußern: „Die Sache iſt alſo abgemacht. Du erläſſeſt eine öffentliche Anzeige wegen der geſtohlenen Zeich⸗ nungen, und dieß ſo ausführlich, daß man ſogleich diejenigen erkennt, welche Jvarſons Patentgeſuch beigelegt ſind. Du kannſt dieß um ſo ſicherer thun, als Du die Originalzeichnung ſelbſt und das Con⸗ cept zu der Beſchreibung aufzuweiſen im Stande biſt. Das war verteufelt pfiffig ausgedacht, und wir verwickeln den Herrn ſomit auf geſchickte Weiſe in eine gerichtliche Unterfuchung, und da iſt es keine Kunſt, die nunmehr vergeſſene Mordgeſchichte wieder vorzubringen; denn natürlich muß man Neues und Altes aufſuchen, um zu beweiſen, daß der Kerl ein übelberüchtigter Abenteurer iſt, welcher durch Un⸗ redlichkeit und Betrug ſich in der Welt emporgearbeitet hat. Schade, daß man die Affaire mit dem Gruft⸗ diebſtahl nicht mithereinziehen darf. Was Gvert zur Antwort gab, hörte Olga nicht. „Verteufelt, daß ſie ein ſo liſtiges und ſtarrſinniges eib iſt,“ bemerkte Knut.„Weißt Du, wo der hoch⸗ müthige Kerl wohnt?“ 256 Olga ſtrengte jeden Nerven an, um zu hören; aber es war unmöglich. „So ſo, im Bergſtrahl'ſchen Hauſe.— Nun, wie lang wird er hier bleiben?“ „Vermuthlich bis er die Sache mit ſeinem Pa⸗ tent abgemacht hat. Geh' nun, damit ich Zeit be⸗ komme, die Eingabe an die betreffende Behörde zu machen,“ ſagte Evert laut und Olga hörte an der Bewegung, daß ſie aufſtanden und näher kamen. Sie legte jetzt die Hand auf das Schloß und trat ganz plötzlich ein. Die beiden Herren, welche mit dem Rücken gegen die Thüre ſtanden, drehten ſich raſch um, zu ſehen, wer da wäre. Bei Olga's Anblick nahm ihr Geſicht einen Ausdruck unangenehmer Ueberraſchung an. Obwohl ihr Herz ſo heftig erregt war, daß ſie jeden Schlag zu hören glaubte, ſagte ſie doch, nachdem ſie Knut gegrüßt hatte, zu Evert gewendet, in ihrem ge⸗ wöhnlichen Tone: „Hier iſt ein Brief von Tante Stephana, mit Aufträgen an Dich, die ſogleich ausgerichtet werden ſollen. Sie will Antwort mit der heutigen Abend⸗ poſt haben. Olga übergab ihrem Mann den Brief und ent⸗ fernte ſich. In ihrem Schlafzimmer angelangt, blieb ſie eine lange Weile unbeweglich ſitzen. Wie konnte ſie wohl Jvar warnen? Unter der Dienerſchaft hatte ſie Niemand, dem ſie eine einzige Zeile anzuvertrauen wagte. Alle waren dazu in⸗ ſtruirt, jede ihrer Handlungen auszukundſchaften und was ſie auch thun mochte, ihrem Herrn zu rappor⸗ tiren. Ihre Kammerjungfer, die ohnedieß keine ſehr 257 ſtrengen Begriffe von Sittlichkeit hatte, ſtand bei Evert in beſonderer Gunſt. 5 Nach einiger Ueberlegung faßte ſie ihren Beſchluß. Ohne weitere Beihülfe kleidete ſie ſich an und ging aus. Auf der Treppe begegnete ihr die Kammer⸗ jungfer, welche rief: „Die Frau Baronin wollen ausgehen?“ „Ja, wie Du ſiehſt.“ „Soll Friedrich die Frau Baronin nicht begleiten?“ „Nein, ich gehe allein.“ Liſette eilte zu Evert hinauf. Sie öffnete leiſe ein wenig die Thüre und berichtete, die Baronin ſei ſo eben ausgegangen, nachdem dieſelbe ſich ohne ihren Beiſtand angekleidet hätte. Obwohl er im Begriff ſtand, die gewöhnliche Morgenpromenade nach der Nordbrücke zu machen, war er doch nach dieſer Mittheilung der ſchönen Liſette mit einem Sprung auf der Treppe und hinter Olga her. Er gewahrte ſie bald, obwohl ſie mit ſchnellen Schritten über die Königinſtraße wanderte und ihren eg nach der Stadt nahm. Ha! wenn ich ein Ge⸗ heimniß entdecken könnte! Wenn meine tugendhafte und ſtrenge Gemahlin doch nicht ſo tugendhaft wäre, wie ſie ſich den Schein gibt, dann könnte ich ſagen, aß mir der Teufel auf ſehr lobenswerthe Weiſe ſeinen Beiſtand geliehen hätte. Ich glaube, bei meiner Ehre, ſie will zu Jvarſon.“ . Dieß und Aehnliches dachte Olga, während er in einem gewiſſen Abſtand Evert folgte, welche wirk⸗ lich in das Bergſtrahlſche Haus ging. Evert blieb unter der Thüre ſtehen und horchte. Schwartz, Arbeit adelt hen Mann. II. 17 258 Er hörte wirklich ſie nach dem Ingenieur Jvarſon fragen. „Die Thüre da rechts!“ antwortete eine Frauen⸗ ſtimme.„Der Herr Ingenieur iſt eben nach Hauſe gekommen.“ „Ein Rendezvous,“ murmelte Evert.„Und ich war einfältig genug, an ihre reinen Sitten zu glauben! Bravo, auf dieſe Weiſe erhalte ich Ver⸗ anlaſſung, meine gekränkte Ehre zu rächen, und ich gelobe, mir eine glänzende Genugthuung zu ver⸗ ſchaffen. Nun Conſtanze, habe ich deine Schweſter richtig in meinen Händen, und wir wollen ſehen, wer ſiegen wird, Du oder ich, Olga mag ſchuldig ſein oder nicht, ſie hat ſich jedenfalls compromittirt. Wenn ich nur K. hier hätte; der könnte mir dann bezeugen, daß ſie dem Elenden hier einen Beſuch gemacht hat; gerade ſo ein Zeuge wie K. wäre paſſend, weil ich dieſen ſo vollkommen in meiner Gewalt habe.“ Evert blieb ſtehen und überlegte, als er einen Schlag auf die Schulter erhielt und Knut. rief: „Was zum Teufel ſtehſt Du denn hier? Ge⸗ ſchieht es, um Dir die Freude zu machen, deinen Freund Jvarſon zu ſehen?“ „Du kommſt, wie wenn Du mir aus der Hölle zugeſandt worden wäreſt,“ rief Evert ſchadenfroh. „Ich wünſchte eben, daß ich Dich hier hätte. Was meinſt Du, meine ſtolze Gemahlin iſt auf Beſuch bei Herrn Jvarſon.“ 3 „Ha, ha, ha! Mein lieber Axelhjelm, das iſt etwas früh, daß Du dir ſchon nach fünfzehnmonat⸗ licher Che die löbliche Rolle eines betrogenen Gatten on n⸗ ſe zu r⸗ ich r⸗ n, t. in ch r et e⸗ n le 5 ſt ⸗ 259 zugetheilt ſehen mußt. Nun, wie gefällt Dir der neue Kopfſchmuck?“ ſpottete Knut X. Evert wurde kupferroth vor Zorn. Kurts Ge⸗ lächter reizte ihn. Es gibt Nichts, wofür wir Men⸗ ſchen empfindlicher ſind, als Spott und Hohn. Wir können Alles verzeihen, nur nicht, daß man über uns lacht. „Schweig' mir mit deinen abſcheulichen Poſſen. Du ſollteſt doch begreifen daß ich nicht in der Laune bin, in einem Augenblick wie dieſer dergleichen zu ertragen.“ „Aber zum Teufel, Du biſt doch nicht im Ge⸗ ringſten in deine Frau verliebt.“ „Verliebt oder nicht, ſo kann ich doch nichts an⸗ deres als wüthend darüber ſein, mich betrogen zu ſehen; ein Gegenſtand der abſcheulichſten Treuloſigkeit!“ „Wahr, die Ehre hat auch ihre Forderungen, wenigſtens um des Namens willen; aber warum ſtehſt Du hier und deklamirſt, anſtatt hinaufzugehen und das liebende Paar zu überraſchen?“ „Folge mir!“ war Alles, was Gvert ſagte. „Unendlich gern; ich bin ein Freund von kleinen vikanten Scenen,“ antwortete der Lieutenant, indem er Cvert pfeifend nachfolgte. „Wo wohnt der Ingenieur Jvarſon?“ fragte Arelhielm ein Mädchen, das ihm entgegenkam. „Hier!“ antwortete das Mädchen und deutete auf eine Thüre, worauf ſie durch eine andere ver⸗ chwand. Evert riß die Thüre zu Jvarſons Zimmer auf zn war ſelbſt überraſcht, ſie nicht verſchloſſen zu nden. 178 260 Auf einem Sopha der Thüre gegenüber ſaß Olga, ohne Hut oder Mantel abgelegt zu haben. Jvarſon hatte in einiger Entfernung davon auf einem Stuhle Platz genommen. Bei dem heftigen Aufreißen der Thüre drehte er den Kopf gegen die Eintretenden um. Der Anblick von Evert und Knut K., welche die Hüte aufbehielten, überraſchte ihn augenſcheinlich auf eine unangenehme Weiſe. Er erhob ſich ſchnell. Evert ging auf Jvarſon zu und ſprach mit einer vor Wuth und Bosheit zitternden Stimme: „Ich ſuche meine Frau! Verſtehen Sie, was das heißen will, wenn ein Ehemann ſeine Gattin bei einem Unverheiratheten ſucht? Weiter nichts, als daß ſie ein ehrvergeſſenes Weib, und er ein Schurke iſt.“ „Darin irrſt Du dich,“ antwortete Olga kalt.„Ich habe den Herrn Ingenieur nur beſucht, um ihn vor dem Komplott zu warnen, welches in Rückſicht auf ſein Patent angezettelt worden iſt. Die Ehre eines unſchuldigen Mannes ſtand auf dem Spiel, und da hielt ich es für meine Pflicht, zu handeln, wie ich gethan. Du magſt mein Benehmen deuten, wie Dir beliebt.“ Olga hätte für ſich ſelbſt nichts Unheilvollres ſagen können, als daß ſie hinter die wohlausgeſonnene Intrigue gekommen und darauf bedacht geweſen war, Jvarfon in dieſelbe einzuweihen. Der Plan erſchien ſomit vereitelt. Cvert ergriff ſie heftig am Arm. und ſagte in dumpfem Ton: — 261 „Biſt Du von Sinnen, Weib, daß Du mir ſo zu trotzen wagſt?“ Darauf wandte er ſich zu Jvarſon und ſagte: „Sie ſollen von mir hören. Ich habe einen Zeugen, daß ich meine Frau hier getroffen; ich möchte ſehen, was mich abhalten ſoll, ſie ſammt Ihnen vor Gericht zu laden.“ Evert eilte aus dem Zimmer und ſchleppte Olga mit ſich fort. Mit der Poſt von demſelben Tage ſchrieb Jvar an Conſtanze folgende Zeilen. „Sofort nach Empfang dieſes Schreibens verlaſſen Sie Sturesjö und eilen hieher, um wo möglich ein Unglück von Ihrer Schweſter abzuwenden. Von ihrem edeln, jeder Selbſtaufopferung fähigen Cha⸗ rakter geleitet, hat ſie ſich der Bosheit ihres Mannes in dem Augenblick bloßgeſtellt, wo ſie mich von der Gefahr retten wollte, das Opfer einer niedrigen Kabale zu werden. Zögern Sie nicht, ſondern reiſen Sie ſogleich ab. Darum bittet Mit Hochachtung O. J. Jvarſon.“ XXXVIII. Kein Wort wurde zwiſchen Olga und Evert auf dem Heimwege gewechſelt. Gvert hatte blos zu Knut geſagt: „Komm' in einer Stunde zu mir. Bis dahin bleibt Alles, was vorgefallen iſt, unter uns.“ Olga fühlte die Thränen der Entrüſtung auf 262 ihren Wangen brennen, bei dem Gedanken daran, daß dieſe in ihren Augen ſo verächtlichen Männer auch nur die mindeſte Veranlaſſung zu einem Zweifel an ihrer Ehre haben ſollten, und ſie ſah ſehr wohl ein, daß ſie den Schein gegen ſich hatte, im Foll Evert Skandal machen wollte. Es war eine gräß⸗ lich bittere Vorſtellung, daß ſie vielleicht für eine verbrecheriſche Frau angeſehen werden könnte, obwohl ſie ſich ſelbſt bewußt war, daß ſie ſich nicht im Ge⸗ ringſten einer ſolchen Anklage ſchuldig gemacht hatte. „Als ſie in den Salon traten, ſchloß Evert die Thüre mit den Worten: „Madame, Sie werden jetzt auf Ihr Zimmer gehen und es nicht ohne meine Erlaubniß verlaſſen. Ich verbiete Ihnen, einen Beſuch anzunehmen, einen Brief abzuſchicken oder zu empfangen, und hoffe, Sie werden ſo klug ſein, meinen Befehlen Folge zu lei⸗ ſten. Ich werde auf alle Fälle jeden Ihrer Schritte bewachen laſſen.“ Olga gab keine Antwort. Sie ſah allzuwohl ein, daß es zwecklos wäre, ſich zu vertheidigen, und begab ſich ſchweigend in ihr Zimmer. Evert folgte ihr bis an die Thüre zu dem kleinen Salon und ihrem Privatkabinet, welche er hinter ihr verſchloß, worauf er den Schlüſſel in die Taſche ſteckte. Dann klingelte er und ließ Liſette rufen. Dieſe erhielt ihre Verhaltungsbefehle, ohne jedoch in das, was vogefallen war, eingeweiht zu werden. Als dieß abgethan war, wandte er ſich nach ſeinem Zimmer und ſchrieb folgenden Brief: „Conſtanze! „Ein Jahr und einige Monate ſind vergangen⸗ 263 ſeitdem wir uns das letztemal geſehen haben. Dieſe Zeit iſt für Sie ruhig und angenehm geweſen; Sie haben ſich in den glücklichen Irrthum eingewiegt, daß ich Sie vergeſſen hätte, und tröſteten ſich mit der Glückſeligkeit, welche ich an der Seite Ihrer Schweſter genöſſe. Sie beſitzen aber ſehr wenig Menſchenkenntniß, wenn Sie ſich einbilden, Olga könne wohlthuend auf mein moraliſches Leben einwirken. Es gab nur Eine, welche dazu möglicher Weiſe im Stande geweſen wäre, aber dieſe verſtieß mich, und nun mag ſie den Lohn für dieſe ihre Herzloſigkeit empfangen. „In dieſem Augenblick kann ich eine furchtbare Rache an Ihnen ausüben, denn ich habe die Ehre Ihrer Schweſter in meiner Gewalt; es hängt ganz von meinem Gutdünken ab, ob ſie der allgemeinen Verachtung preisgegeben werden ſoll, welche ſie zur Ehebrecherin ſtempeln wird. Sie ſehen nun, mein Fräulein, wer von uns ſich vor dem Willen des Andern beugen muß, Sie oder ich. Hoffen und erwarten Sie Nichts von meinem Edelmuth oder meiner Nachſicht gegen ein ehrvergeſſenes Weib; ich habe kein Erbarmen mit Ihrer Schweſter. Evert Axelhjelm.“ Als Evert ſeinen Brief geſiegelt und abgeſchickt hatte, wanderte er im Zimmer auf und ab. Alle ſeine Gedanken waren auf den Eindruck concentrirt, welchen dieſer Brief bei Conſtanze hervorbringen würde. „Der Ingenieur Jvarſon wünſcht den Herrn Baron zu ſprechen,“ meldete der Diener. 264 Evert blieb ſtehen. „Was ſagſt Du? Wer fragt nach mir?“ Er glaubte nicht recht gehört zu haben. „Der Ingenieur Jvarſon,“ wiederholte der Diener. „Iſt der Kerl von Sinnen, oder was will er?“ dachte Evert.„Das iſt der Gipfel der Unver⸗ ſchämtheit.— Sage dem Ingenieur, ich könne ihn nicht empfangen,“ bemerkte er dann laut. Der Diener ging, kehrte aber ſogleich zurück, nit einer Karte, welche er dem Baron überreichte. Dar⸗ auf ſtanden mit Bleiſtift folgende Worte in engli⸗ ſcher Sprache geſchrieben: „Sie müſſen mich empfangen, ſonſt rufe ich die Polizei, um mir zur Wiedererlangung der geſtohlenen Zeichnungen behülflich zu ſein.“ „Laß den Ingenieur hereinkommen,“ ſagte Evert. Fünf Minuten darauf trat Jvarſon ein. Nach⸗ dem er die Thüre hinter ſich verſchloſſen hatte, blie⸗ ben er und Evert eine Weile ſtehen und betrachteten einander. Es war, als ob beide die Tiefe des Haſſes hätten bemeſſen wollen, welcher ihre Bruſt erfüllte. Sie waren ganz allein zuſammen, dieſe Feinde von den Jünglingsjahren her. Endlich brach Evert das Stillſchweigen. „Sie ſind mehr als vermeſſen, daß Sie es wagen, unter das Dach des Mannes zu treten, deſſen Frau Sie verführt haben.“ Evert trat Jvar einen Schritt näher und fuhr fort: „Wiſſen Sie, was ich thun ſollte? Ihnen durch meinen Diener eine Tracht Prügel verabreichen und Sie zur Thüre hinauswerfen laſſen.“ ——— 265 „Ja, im Fall ich wäre, was Sie gegen mich be⸗ haupten; aber Sie wiſſen ſo gut als ich, daß es eine abſcheuliche Unwahrheit iſt; Sie wiſſen, daß Ihre Frau ein Engel an Reinheit und Tugend iſt; nicht minder, daß nur deren Furcht vor Ihren nie⸗ drigen Anſchlägen dieſelbe in meine Wohnung führte. Somit verlohnt es ſich nicht der Mühe, daß Sie ſo etwas ſpielen, merken Sie wohl, ich ſage ſpielen, wie es die Rolle eines gekränkten Mannes iſt, denn der ſind Sie nicht.“ „Hören Sie, Herr erinnern Sie ſich, daß Sie in meinem Hauſe ſind, und daß ich nicht geſonnen bin, Beleidigungen von Ihnen zu ertragen. Wenn Sie nicht in einem andern Ton ſprechen, werfe ich Sie hinaus.“ „Baron Arxelhjelm, haben Sie ſchon vergeſſen, was ich auf die Karte geſchrieben habe? Denken Sie daran und befleißen Sie ſich größerer Ruhe, wenn ich mit Ihnen rede. Sie müſſen mich hören.“ Jvar trat nun ſeinerſeits einen Schritt näher und ſagte: „Sie haben ſeit meiner Ankunft in Schweden Alles gethan, um mir zu ſchaden, ohne daß es Ihnen geglückt iſt. Sie haben von den Jünglingsjahren an mich gehaßt, weil ich durch Arbeit zur Unab⸗ hängigkeit zu gelangen ſuchte. Sie haben mich ver⸗ abſcheut, weil ich trotz Allem, was Sie gethan, um mich zu ſtürzen, doch in dieſem Augenblick die Achtung der Menſchen genieße. Ich meinerſeits habe in Ihnen den Uebermuth, den Müßiggang und die Niederträchtigkeit verachtet. Wir haben ſomit nie⸗ mals einander leiden können. Dennoch war es immer 266 mein Wunſch, das Schickſal möchte uns niemals zu⸗ ſammenführen, weil ich fühlte, es würde mir ſchwer werden, Sie nicht zu entlarven. Bis zum heutigen Tag habe ich nichts gethan, um Sie zu ſtrafen, aber nun fühle ich, daß es Zeit iſt, Ihrer Unver⸗ ſchämtheit Schranken zu ſetzen. Sagen Sie mir, wo hatten Sie die Silberplatten her, welche Sie in England verkauften? Ich könnte an Ihrer Stelle antworten: aus der A— ſchen Familien⸗Gruft.— Sagen Sie mir ferner, weſſen Idee war es, auf welche Sie ein Patent in London nahmen?— Ich könnte antworten: es war des armen Jvars erſte Erfindung, deren Sie ſich auf eine ſo verächtliche Weiſe bemächtigten, als wir zu Alersnäs waren⸗ Und endlich: Wem gehören die Zeichnungen, welche Sie für die Ihrigen auszugeben beabſichtigten, als Sie darauf dachten, in öffentlichen Blättern nach den Kopien fahnden zu faſſen? Mir, und Ihr Freund und würdiger Kamerade x. hat ſie mir geſtohlen.“ Evert ſtützte ſich auf den Tiſch und ſchaute Jvar dreiſt in die Augen. „Beweiſen Sie mir, wenn Sie können, daß ich Silberplatten verkauft habe; daß die Erfindung von dem Gebläſe nicht von mir iſt; daß die Zeichnungen, die ich in meinem Beſitz habe, nicht mir zugehören. Wenn Sie das vermögen, dann werde ich mir von Ihnen bange machen laſſen.“ „Das Letztere dürfte das Leichteſte ſein, und er⸗ fordert blos, daß ich die Polizei bei Ihnen eine Hausſuchung vornehmen laſſe. Ein ſolches Thun würde ſicherlich im höchſten Grade ungünſtig für Sie ausfallen. Sie ſind als ein Mann bekannt, welcher immerdar vor mechaniſchen Arbeiten Abſcheu gehabt und aus eigenem Antrieb ſich niemals damit be⸗ ſchäftigt hat. Von mir dagegen ſind allzu viele Beweiſe der Tüchtigkeit gegeben, als daß man der Fabel glauben ſollte, ich habe mich eines Diebſtahls an Ihnen ſchuldig gemacht. Sie müſſen jetzt mit mir ein Uebereinkommen treffen, ſonſt reiche ich gegen Sie und Knut F. Klage ein, daß ſie mir die Original⸗ zu meiner letzten Erfindung geſtohlen aben.“ „Und worin ſoll denn dieſes Uebereinkommen beſtehen, wenn ich fragen darf?“ „Darin, daß Sie fürs Erſte die erniedrigende Anklage zurücknehmen, welche Sie gegen Ihre un⸗ ſchuldige Frau im Beiſein des Lieutenants L. aus⸗ geſtoßen haben, und fürs Zweite, daß Sie derſelben alle die Achtung erweiſen, welche ſie verdient. Merken Sie wohl, ich beſitze ſtets eine Handhabe auf Sie, nämlich das Zeugniß der Arbeiter, welche den Lieu⸗ tenant F. an dem Abend, da ich die Zeichnungen vermißte, aus meinem Zimmer kommen ſahen. Alle wiſſen, daß ich mit dem Lieutenant niemals Umgang gehabt, und Alle können bezeugen, daß er mich früher niemals beſucht hat. Ferner ſind zwei Arbeiter da, welche durch das Fenſter guckend wahrnahmen, wie er Zeichnungen zu ſich ſteckte. Sie erſehen hieraus, daß die Sache für Sie eine ſehr leidige Wendung nehmen kann, auch wenn Sie die Vorſorge träfen, die Papiere zu zerſtören. Lieutenant K. wird, wenn man ihn in die Enge treibt, kein Bedenken tragen, Sie als den Anſtifter des Diebſtahls zu bezeichnen, und dann, Herr Baron Axelhjelm, werden Sie in 238 eine wenig ehrenvolle Gerichtsunterſuchung ver⸗ wickelt. Nun haben Sie die Güte zu wählen: Ach⸗ tung und Gerechtigkeit für Ihre in jeder Beziehung bewunderungswürdige Gattin, oder Verachtung und Schmach für Sie ſelbſt.“ Evert ging im Zimmer auf und ab, während er zwiſchen den Zähnen einen ſtillen Fluch gegen K. ausſtieß, der ſo unvorſichtig geweſen war, ſich ſehen zu laſſen. Endlich blieb er vor Jvar ſtehen und ſagte: „Wäre mir nur ein Zweifel an der Ehre meiner Frau aufgeſtiegen, ſo hätte ich Ihnen, darauf konn⸗ ten Sie ſich gefaßt machen, den Schädel eingeſchlagen. Blos der Leichtſinn, womit ſie ihren guten Ruf auf's Spiel ſetzte, iſt es, der meinen Zorn erregt hat. Und nun, mein Herr, werden Sie mich wohl von Ihrer Gegenwart befreien.“ „Das will mit andern Worten ſagen, Sie ſehen die Nothwendigkeit ein, ſich in das zu fügen, was Ihnen das Gewiſſen gebietet.“ In dieſem Augenblick trat Lieutenant K. unange⸗ meldet ein. Jvar warf ihm einen ſtolzen Blick zu und ging ſeines Weges. „Was zum Teufel ſoll das bedeuten?“ rief Knut;„der Liebhaber auf Beſuch bei dem Ehemann! Vielleicht kommt er, um....“ „Schweig!“ ſchrie Evert,„Du biſt an dem ver⸗ dammten Beſuche ſchuld. So geht's wenn man mit einem ſolchen Tölpel, wie Du, gemeinſchaftliche Sache macht. Deine Dummheit hat Alles gründ⸗ lich zerſtört!“ „Ah bah, mon cher, ich glaube, Dir beliebt ———— 369 böſe zu ſein, und das auf mich, der Dir ſtets mit Rath und That beigeſtanden iſt.“ „Ein herrlicher Beiſtand, auf Ehre! Höre nun, was ich Dir zu ſagen habe, und präge es deinem Gehirn ein, wenn es Dir möglich iſt. Merke Dir, wenn Du mit einem einzigen Wort, einer Andeu⸗ tung oder einer Miene meine Frau zu compro⸗ mittiren wagſt, ſo iſt es um Dich geſchehen. Ver⸗ achteſt Du meine Drohung oder legſt deiner Zunge nicht Zaum und Zügel an, ſo wiſſe, daß der Schmiede⸗ ritter Jvarſon einen ganzen Anhang von Schmie⸗ den hat, welche bezeugen können, daß ſie Dich ſeine Zeichnungen ſtehlen ſahen. Es könnte Dir, im Fall Du Olga verleumdeteſt, der Scandal begegnen, daß er die ganze Meute auf Dich losließe.“ „Eine hübſche Situation für meine Edelmanns⸗ ehre, und dieß Alles um Deinetwillen. Wäreſt Du mir nicht nöthig, ſo könnte der Teufel dein Freund ſein, aber nicht ich!“ XXXIX. Den Tag nach der oben beſchriebenen Unter⸗ redung ſtand Kurt Axelhjelm in ſeiner Wohnung in der Regierungsſtraße, mit einem Schlafrock angethan und damit beſchäftigt, auf einer großen ſchwarzen Tafel, welche der Thüre gegenüber an der Wand hing, einen Riß zu entwerfen. Die dunkeln glän⸗ zenden Augen weilten mit geſpanntem Intereſſe auf dem Entwurfe, den er mit raſcher, ſicherer Hand ausführte. Er pfiff dazu eine heitere Melodie. 270 Ein Pochen an der Thüre bewog ihn, den Kopf umzudrehen; auf ſein Herein! öffnete ſich die Thüre und Jvar ſtand vor ihm. „Willkommen, Ehrenpaſchao! Wo zum Teufel warſt Du den geſtern, daß Du mich vergeblich im Theater auf Dich warten ließeſt? Ich grübelte ſo viel darüber nach, daß ich auf das, was geſpielt wurde, beinahe gar nicht Acht gab. Du pflegſt ſonſt Wort zu halten. Vielleicht biſt Du gar auf den unglücklichen Einfall gerathen Dir für die Zeit deines hieſigen Aufenthalts ein Liebchen einzuthun. Laß' Dich nicht darauf ein, mein Freund; das iſt das Schlimmſte, was man thun kann.— Aber mein Gott, wie Du ſo feierlich ausſiehſt! Iſt etwas Un⸗ angenehmes vorgefallen?“ ſetzte Kurt hinzu und ſchleuderte ſeine Kreide weg. Jvar warf ſich auf den Sopha und ſagte: „Dein Bruder verhinderte mich, mit Dir zuſam⸗ menzutreffen.“ „Mein Bruder? Was haſt Du mit dieſem Bur⸗ ſchen zu ſchaffen?“ „Das kann ja einerlei ſein,“ entgegnete Jvar. „Genug, es hat zwiſchen uns eine ſehr unangenehme Begegnung gegeben, und ich möchte nicht gern davon erzählen. Die Folge davon iſt, daß ich wünſche, Du möchteſt bisweilen, ja oft deine Schwägerin beſuchen ſu darüber wachen, daß ihr nichts Schlimmes wider⸗ ährt. „Das heißt in gutem und deutlichem Schwediſch ſo viel als: dein Bruder behandelt ſeine Frau nicht ſehr freundlich; ſiehe zu, lieber Kurt, daß er nich allzu niederträchtig mit der armen Frau verfährt. 271 „Ueberſetze meine Worte wie Du willſt, aber wache über ſie, das iſt Alles, um was ich Dich bitte. Leider muß ich heute ſchon abreiſen, denn ich habé Briefe erhalten, welche mich nach Hauſe rufen.“ „Hier haſt Du meine Hand darauf, daß ich auf dieſen Anlaß hin Olga nicht aus dem Auge laſſen werde. Obſchon ich beinahe beſchloſſen habe, keinen Fuß über meines Bruders Schwelle zu ſetzen, will ich ſie dennoch beſuchen, und wenn es erforderlich iſt, recht oft. Aber was iſt das für eine Eile mit der Heimreiſe, Du wollteſt ja ein paar Wochen hier bleiben.“ „Lange iſt ſo heftig erkrankt, daß man für ſein Leben befürchtet.“ „Was ſagſt Du, Lange? O, das wäre ein uner⸗ ſetzlicher Verluſt.— Wann gehſt Du ab?“ „Zu meinem Bedauern kann ich erſt Pferde auf den Abend bekommen.“ Nachdem noch einige Worte gewechſelt worden waren, verabſchiedete ſich Jvar. Zu einer ſpätern Stunde noch an demſelben Tage ſteuerte Kurt von der Regierungsſtraße nach der Königinſtraße, indem er in Gedanken folgenden Mo⸗ nolog hielt. „So, ſo, dieſer Schurke, mein Bruder, ſpielt den Eheſtandsteufel gegen ſeine Frau. Nun, dann iſt es mir wohl erlaubt, mich in die Sache zu miſchen; aber recht ſonderbar war es von Tante Stephana, welche das Gegentheil behauptete. Doch das be⸗ weist Nichts. Frauen ſehen nicht weiter, als ihre Naſe reicht, das iſt eine abgemachte Sache. Aller⸗ 272 dings iſt es nicht ſehr angenehm, mit Evert, dem Skorpion, zuſammenzutreffen.“ In Everts Wohnung angekommen, fragte er, ob die Baronin zu Hauſe wäre. Der Portier bejahte, und ließ ihn paſſiren. Im Vorzimmer ſaß ein in Livree gekleideter Lümmel, mit einer ächten Bedienten⸗Phyſionomie, worin ſich eine Miſchung von Frechheit, Unverſchämtheit, Liſt und Kriecherei abſpiegelte. Er war eben beſchäftigt, in der bequemſten Stellung von der Welt die Tages⸗ blätter zu leſen. „Hör' einmal,“ ſprach Kurt in dem kurzen und raſchen Ton, den er ſtets annahm, wenn er mit Per⸗ ſonen redete, die ihm nicht behagten,„melde mich bei der Frau Baronin.“ Er überreichte dem Diener ſeine Karte, legte ſeinen Ueberzieher ab und wandte ſich nach der Thüre zu dem Salon. Mit der gewöhnlichen Schnelligkeit von Dome⸗ ſtiken, welche einen großen Theil ihrer Zeit in den Vorzimmern der Vornehmen zugebracht, hatte Friedrich einen Blick auf die Karte geworfen und bemerkte beim Anblick des Namens, der darauf ſtand, ſehr geſchmeidig: „Ich werde ſogleich die Ehre haben, den Herrn Baron anzumelden, obwohl die Frau Baronin für jetzt keine Beſuche annimmt.“ Kurt gab keine Antwort, ſondern trat in den Salon. Friedrich verſchwand durch eine Thüre, welche zu dem Zimmer von Mamſell Liſette führte. Evert war ausgegangen. Es folgte nun eine lange Berathung zwiſchen — 273 Friedrich und Liſette, wie ſie ſich zu verhalten hätten. Der Baron hatte bei Verluſt ihres Dienſtes ihnen verboten, Jemand ohne ſein Vorwiſſen zu ſeiner Frau zu laſſen; aber des Barons eigener Bruder war doch wohl etwas ganz Anderes als ſonſtige Beſuche, und es konnte ja leicht geſchehen, daß ſie Verdruß be⸗ kamen, wenn ſie ihn nicht anmeldeten. Liſette gelangte endlich zu dem Entſchluß, ſelbſt hinzugehen und zu erklären, die Frau Baronin nehme Nachmittags keine Beſuche mehr an. Die Berathung hatte indeſſen ſo lang gedauert, daß Kurt darüber die Geduld verlor, denn das Warten war Etwas, wofür er am wenigſten ge⸗ ſchaffen war. Da nun der Diener nicht ſchnell ge⸗ nug zurückkehrte, beſchloß er ſich ſelbſt anzumelden, und begab ſich ſofort in das nächſte, an den Salon ſtoßende Zimmer, indem er dachte: „Ich kann darauf ſchwören, daß Olga's Zimmer auf dieſer Seite hier liegt, kann aber nicht begreifen, warum ich mit meiner Schwägerin ſolche Ceremo⸗ nien machen ſoll. Kurt ging durch mehrere Zimmer, ohne Jemand zu treffen, und murmelte: „Das ſieht aus, als ob ich in ein Haus käme, deſſen Bewohner ausgeſtorben ſind.“ „Jezt ſtand er in einem kleinen Porzimmer und vor einer Thüre, welche verſchloſſen war. Er be⸗ merkte jedoch, daß der Schlüſſel auf ſeiner Seite ſteckte, und daß er ſomit denſelben nur umzudrehen brauchte, um weiter zu gelangen. „Zum Teufel, Olga's Zimmer liegt doch nicht wohl hier herum, da die Thüre hier verſchloſſen iſt.“ Schwartz, Arbeit adelt den Mann. II. 274 Er war eben im Begriff, auf dem Wege, den er gekommen war, wieder umzukehren, als eine kleine hübſche Zofe, mit dem naſeweiſeſten Ausſehen von der Welt, herbeigeeilt kam. Sie verneigte ſich und ſchaute dem ſtattlichen Herrn keck ins Geſicht. „Du biſt vermuthlich die Kammerjungfer der Frau Baronin,“ bemerkte Kurt, ehe das Mädchen ein Wort zu ſagen vermochte.„Nun, kann ich deine Gebieterin ſprechen?“ „Die Frau Baronin nimmt Nachmittags keine Beſuche an.“ „Auch mich nicht?“ fragte Kurt, während ſeine dunkeln Augen forſchend auf dem Mädchen weilten. „Nicht einmal den Herrn Baron,“ antwortete ſie ganz dreiſt. „So, ſo; kannſt Du mir ſagen, wohin die Thüre führt?“ Dabei deutete Kurt auf die verſchloſſene Thüre. „Zu dem Zimmer der Frau Baronin.“ Kurt drehte den Schlüſſel um, indem er ſagte: „In dieſem Fall will ich mich ſelbſt erkundigen, warum die Baronin ihres Mannes Bruder nicht ſehen will.“ „Herr Baron, die Frau Baronin wird recht böſe werden,“ ſagte Liſette und eilte vor, als ob ſie ihm den Weg verſperren wollte. „Das iſt meine Sache,“ antwortete Kurt und ſchob Liſette bei Seite. Jezt ging die Thüre auf und in einem Sopha ihr gegenüber ſaß Olga. —— 275 Bei Kurt's Anblick ſprang ſie auf und rief er⸗ freut: „Ah, ſieh da, Kurt!“ „Ja, Kurt, den Du nicht empfangen, ſondern fortſchicken wollteſt, ganz als ob ich eine fremde Perſon wäre,“ erwiederte Kurt und faßte herzlich die där⸗ gebotene Hand. „Ich wollte Dich nicht empfangen?“ wiederholte Olga erſtaunt. „Ja, ſo ſagte das Mädchen hier,“ ſagte Kurt, indem er auf Liſette deutete. „Das iſt nicht meine Schuld,“ fiel dieſe ein. „Der Herr Baron hat mir verboten, ohne ſein Vor⸗ wiſſen Jemand zu der Frau Baronin zu laſſen, und da er fort iſt, ſo....“ „Braucht es keine Erklärungen,“ bemerkte Olga mit Würde;„Du kannſt dich entfernen.“ Als Kurt und Olga allein waren, rief er: „Aber um Gottes willen, was ſoll das bedeuten? Du biſt eingeſperrt und von deinen Domeſtiken be⸗ wacht?“ „Beſter Kurt, kehre Dich nicht an dergleichen Lappalien; es iſt eine zufällige Grille von Evert, daß ich keine Beſuche in ſeiner Abweſenheit annehmen ſoll. Laß uns nicht davon reden, Ich verſichere Dich, daß ich mich recht wohl bei dieſem Arrange⸗ ment befinde, denn ich kann doch auf ſolche Art von em ewigen Jagen von einem Souper zum andern und von den unerträglichen Beſuchen, welcher einer armen Frau beinahe das Leben koſten, ein wenig ausruhen.“ Kurt ſaß ſchweigend da und S Olga. 3 — 276 Auf ſeinem Angeſicht ſtand ein deutlicher Zweifel zu leſen; aber er äußerte ſich nicht weiter darüber, da er die Beweggründe, welche Olga beſtimmten, ihn nicht in ihre ehlichen Verhältniſſe einzuweihen, allzu ſehr reſpektirte. Nach einer kurzen Pauſe ergriff er das Buch, in welchem Olga geleſen hatte. „Du ſtudirſt„Geld und Arbeit“ von Onkel Adam,“ begann er dann wieder. „Ja,“ antwortete Olga,„es intereſſirt mich ſehr. Abgeſehen von der ſchönen Tendenz, trägt es ein ſo inniges Gepräge warmer und wahrhafter Menſchen⸗ liebe, daß es dem Herzen wohl thut. Es iſt dieß eine Eigenſchaft, welche ſämmtliche Werke dieſes lie⸗ benswürdigen Schriftſtellers auszeichnet.“ Von Romanen und Literatur kam das Geſpräch auf die verſchiedenen Lebensbahnen, und Olga äußerte: „Es hat mich oft gewundert, daß Du ſo plötzlich deiner Carriere in Carlberg entſagt und dich einem Handwerk zugewendet haſt. Gewohnheit und Er⸗ ziehung in unſerem Stande haben zur Folge, daß junge Leute im Allgemeinen weder Sinn noch Nei⸗ gung für das rein Praktiſche haben.“ „Gonz richtig. Man könnte ſagen, die Eitelkeit ſei bei dem Adel ſo groß, daß er es für ſeine Pflicht anſieht, ſeine Söhne zu uniformirten Tagdieben zu erziehen. Ich habe von den Kinderjahren an einen im höchſten Grade halsſtarrigen und ſelbſtſtändigen Charakter gehabt, und als meine Eltern mich nach Carlberg brachten, dachte ich: ſo lang ich unmündig bin, muß ich mich wohl in dieſe Knechtſchaft fügen; aber ſobald ich volljährig werde, werfe ich die Uni⸗ form von mir, um ein freier Menſch zu werden!— 1 277 „Der Tod meines Vaters, und bald darauf meiner Mutter brachte in meinen ökonomiſchen Ausſichten eine ſchnelle Veränderung hervor. Ueber den Baron Axelhjelm brach der Konkurs aus. Als Onkel Ro⸗ marhjerta mich davon unterrichtete, befiel mich eine ſolche Scham, daß ich nicht aufzuſehen wagte. Ei⸗ nige Tage ſpäter wanderte ich nach Sörmland, um noch einmal von meines Vaters Beſitzthum Abſchied zu nehmen. Ich war damals ſiebzehn Jahre alt. Der Anblick dieſes ſchönen und ſtattlichen Hjelmdal, wo meine erſten Kinderjahre verfloſſen waren, preßte meinen Augen Thränen aus, als ich bedachte, daß dieſes Gut und das ganze Vermögen meines Vaters durch Wohlleben und Müßiggang vergeudet worden. Es war vielleicht der bitterſte Augenblick in meinem Leben, als ich da ſtand, auf meiner Väter Grund und Boden, und erwog, daß ich arm war, ſo arm, daß ich Nichts beſaß, als was man aus Güte mir zuwarf. Mein Stolz, ja, mein adeliges Blut erhob ſich gegen den Gedanken, von meinen Verwandten zur Vollendung meiner Studien ein Al⸗ moſen annehmen zu müſſen. Nein, mein Entſchluß war gefaßt; ich mußte mir ſelbſt Bahn brechen, ſelbſt mein tägliches Brod verdienen. Ich konnte gegen Niemand in einer Schuld der Dankbarkeit ſtehen. Ich wollte arbeiten und ſo zu ökonomiſcher Unab⸗ hängigkeit gelangen und wo möglich eines Tages Hielmdal wieder an mich bringen. Dieß war mein Verlöbniß mit der Göttin des Fleißes, und ich kann mit Stolz verſichern, daß ich ihr getreu geblieben — obwohl ich ſonſt gegen ihr Geſchlecht untreu geweſen bin,“ ſetzte er lachend hinzu. 4 „Nun, und was ſagte der Onkel zu dieſem Be⸗ ſchluß? War er es, welcher Dir den Rath gab, Architekt zu werden?“ „O nein, ich wollte ihm nicht einmal für einen Rath zu danken haben. Allein, ohne Zuthun eines Andern, wählte ich meinen Beruf. Zwei Tage nach meiner Rückkehr von Hjelmdal ſtand ich ſchon als Maurerlehrling bei einem Bauwerke im Süden der Stadt in Arbeit. Erſt acht Tage, nachdem ich hier in Dienſt getreten war, erhielt der Onkel Nachricht von der Veränderung, welche ich ſelbſt in meinem Schickſale zu Stande gebracht hatte. Er beſchloß nun auch Evert für einen Gewerbszweig heranbilden zu laſſen.“ „So große Achtung ich auch vor deiner Hand⸗ lungsweiſe habe, ſo muß ich doch im Allgemeinen bemerken, daß die unaufhörliche Sklaverei zum Ge⸗ winn ökonomiſcher Vortheile in die Länge etwas ſehr Egoiſtiſches wird.“ „Warum? Bedenke, daß die Güte ſelbſt Nichs zu geben vermag, es ſei denn, daß der Fleiß erſt ſam⸗ melt. So lang wir, von Armuth und Bekümmerniß wegen der täglichen Nothdurft und Nahrung nieder⸗ gedrückt werden, können wir zu keiner höhern, ſelbſt⸗ ſtändigen Entwicklung der Seele gelangen. Das Jammergeſchrei der Armutth verſcheucht jeden Ge⸗ danken an ein höheres Intereſſe, und wenn der Mangel ſeine bleiſchwere Hand auf das Herz legt, da bringt er tauſenderlei Verſuchungen mit ſich, welche Demjenigen fremd ſind, welcher ſicher und geborgen iſt. Glaube mir, wären die Menſchen arbeitſamer und folglich auch minder arm, ſo wären der Ver⸗ 279 brechen weniger. Das Streben nach pekuniärer Selbſt⸗ ſtändigkeit iſt ſomit auch das Streben nach mora⸗ liſcher Freiheit. In demſelben Maaße, als wir die erſtere gewinnen, können wir an der letztern arbeiten. Ah, Du weißt nicht, Olga, welches Gefühl des Stolzes und der Genugthung es iſt, wenn es gelang, aus der erſten und drückendſten Bekümmerniß ſich empor⸗ zuarbeiten und ſagen zu können: Dieſe Verbeſſerung deines Lebens haſt Du dir ſelbſt geſchaffen.“ Hier wurde das Geſpräch durch ein heftiges Auf⸗ reißen der Thüre unterbrochen, und Evert trat ein. Als er ſeinen Bruder ſah, blieb er ſtehen. „Guten Tag, Erert!“ ſagte Kurt mit kaltem Ton, ohne ſich von der Stelle zu rühren. „Das iſt ja ein wahres Wunder, daß man Dich hier ſieht,“ erwiederte Evert, ohne ſeine Frau zu begrüßen. „Ja, Du haſt Recht; das iſt wirklich mein erſter Beſuch bei euch, ſeitdem ihr verheirathet ſeid;— aber Du vergiſſeſt, deine Frau zu begrüßen.“ „Guten Abend, Olga!“ ſagte Evert mit einem Nicken, ohne jedoch ſeinen Blick auf ſie zu richten. Er warf ſich auf einen Stuhl.„Nun, was gibt es ſonſt Neues?“ fuhr er, zu Kurt gewendet, fort, „und was iſt der Grund, daß Du mein Haus mit deiner Gegenwart beehrteſt?“ „Die Artigkeit, welche mir gebot, Olga meine Aufwartung zu machen. Du dürfteſt wohl beach⸗ ten, daß ich deine Frau beſucht habe, nicht Dich.“ Nachdem noch einige Worte gewechſelt waren, ſtand Kurt auf. Als er von Olga ſich verabſchie⸗ dete, bemerkte er lächelnd, er werde bald wieder 280 kommen und hoffe dann, von der Dienerſchaft beſſer empfangen zu werden. Als er fort war, brach Evert in die heftigſten und ſchimpflichſten Vorwürfe gegen Olga aus, daß ſie es gewagt hätte, trotz ſeines Verbots Jemand anzunehmen. Mit eiskalter Ruhe hörte ſie ihn an, als ob das, was er ſagte, ſie gar Nichts anginge. Als Evert ſeinen ganzen Wörtervorrath zum Ausdruck ſeines Grimmes erſchöpft hatte, ſprach er: „Kleide Dich ſogleich an; wir fahren heute Abend in das Theater.“ „Ich nicht,“ antwortete Olga. „Was ſagſt Du? Willſt Du mir Trotz bieten?“ rief Evert, indem er Olga einen Schritt näher trat. „Nein, aber ich beabſichtige, hier zu bleiben. Du haſt, ohne die Sache zu unterſuchen, aus Bos⸗ heit die erſte Gelegenheit, die Du finden konnteſt, ergriffen, um mich anzuklagen. Du haſt mit dem Vorſatz und in der Meinung, meine Ehre zu brand⸗ marken, deine Gattin in der Gegenwart von. be⸗ ſchimpft und ſchließlich Dich dazu erniedrigt, deine Domeſtiken zu meinen Kerkermeiſtern und zu Spio⸗ nen meiner Handlungen zu machen.— Nun wohl, hältſt Du mich für verbrecheriſch, ſo bin ich der Behandlung werth, welcher Du mich unterwirſſt, und dann kann ich nicht an deiner Seite auftreten. Bin ich dagegen unſchuldig, wie es wirklich der Fall iſt, ſo haſt Du mich ſo tief beleidigt, daß ich aus Achtung vor mir ſelbſt mich nicht mehr mit Dir zuſammen ſehen laſſen will.“ 281 „Olga, reize mich nicht!“ rief Evert ganz raſend und erhob den Arm. Sie ſtreckte die Hand gegen ihn aus und ſprach mit Würde: „Baron Axelhjelm, bedenken Sie, was Sie thun.“ „Ausgeburt der Hölle!“ murmelte er, ließ den Arm ſinken und eilte aus dem Zimmer. Als die Thüre ſich hinter ihm ſchloß, ſank Olga auf den Sopha und flüſterte, das Angeſicht mit den Händen bedeckend: „O mein Gott, wie unglücklich bin ich!“ Sie weinte heftig, aber nicht lang. Als ſie ſich aufrichtete, war der gewaltſame Schmerz aus ihrem Angeſicht verſchwunden, und ſie ſprach bei ſich mit demüthigem Sinn: „Ich habe Unrecht, zu murren. Mein Schickſal habe ich ſelbſt geſchaffen, darum daß ich mich durch Everts Drohungen, Jvar wegen des Gruftdiebſtahls anzugeben, ſchrecken ließ, und um dieſen zu retten, bin ich Everts Frau geworden. Ich glaubte damit gutzumachen, was ich ihm einmal Böſes angethan hatte. Mein Kummer iſt nicht ſchwerer, als ich ihn zu tragen vermag. Alles, was geſchieht, iſt für uns gut und nützlich; ſo iſt es auch mit den Prüfungen, welche ich durchzumachen habe. Hätte ich ein beſſe⸗ res Schickſal verdient, ſo würde es mir auch zuge⸗ fallen ſein.“ Sie nahm das Buch, worin ſie geleſen hatte, als Kurt kam, kroch in die eine Ecke des Sopha's und fuhr in Gedanken fort: „Ein ſolcher ungeſtörter Augenblick, mit einem guten Buch zur Geſellſchaft, iſt auch ein glücklicher.“ 282 In der nächſten Minute war das Buch Olga's ganze Welt. ILX. Wie auch Evert gegen Olga raſen und toben mochte, ſo ließ ſie ſich doch auf keine Weiſe bewe⸗ gen, ihm in eine Geſellſchaft zu folgen, oder auf einer Promenade ſich anzuſchließen. Er geſtattete ihr nicht, ohne ihn ihr Zimmer zu verlaſſen, und es war ganz vergeblich, ſie überreden zu wollen, dieß in Gemeinſchaft mit ihm zu thun. Die Folge hievon war, daß Olga eine Gefangene blieb, und Liſette und Friedrich als Kerkermeiſter fungirten. Um durch ihr Wegbleiben aus den Ge⸗ ſellſchaftskreiſen kein Auſſehen zu erregen, wurde vorgegeben, ſie ſei unpäßlich und könne weder Be⸗ ſuche machen noch empfangen. Der Hausarzt fand ſich bei der kleinen gnädigen Frau ein und verſchrieb etwas ſehr Unſchuldiges, weil er aus Olga's Aus⸗ ſehen und deren Verſicherung, ſie leide nur an Mi⸗ gräne, den Schluß zog, daß die Baronin nur von irgend einer Laune beherrſcht werde. Bei den Beſuchen des Doctors war Evert bei⸗ nahe immer gegenwärtig und zeigte ſich dann gegen ſeine kalte und abgemeſſene Gattin ſo aufmerkſam, daß der Arzt dachte: „Der arme Baron, mir ſcheint, daß er nach den Grillen und Capricen ſeiner Frau tanzen muß.“ 283 Olga, welche ihren Entſchluß gefaßt hatte, ſuchte ſich in ihrer Gefangenſchaft ſo behaglich, als ſie ver⸗ mochte, einzurichten. Was ſie wirklich plagte, war, daß Evert ihr alle Schreibmaterialien weggenommen hatte, und daß Liſette unaufhörlich in ihrem Zim⸗ mer eine unnöthige Geſchäftigkeit affectirte. Die freche Naſeweisheit des Mädchens marterte Olga, aber ohne daß ſie etwas davon merken ließ. Sie duldete, daß dieſelbe ſich in ihrem Zimmer nach Belieben zu thun machte und jeden Augenblick auf Alles Acht gab, was Olga vornahm, da dieſe der Meinung war, ſie dürfe ihr nicht das geringſte Hin⸗ derniß in den Weg legen. „Mit dem beſten Willen von der Welt,“ ſprach Olga bei ſich,„ſollen ſie keinen Grund finden, mich anzuklagen.“ Und dieß war auch die Wahrheit. Liſette hatte niemals Etwas zu rapportiren, und Evert mußte zu ſeinem geheimen Verdruß ſich überzeugen, daß Olga ſich auf keine Weiſe einer Abweichung von ihren Pflichten ſchuldig machen würde. Dieß war jedoch Etwas, das er vor ihr einzugeſtehen ſich wohl hütete; vielmehr lag es in ſeinem Plane, ſeine Frau ſo zu behandeln, als ob ſie ſich eine wirkliche Verirrung n Pfade des Rechts hätte zu Schulden kommen aſſen. So verfloß etwas über eine Woche. Kurt hatte Olga noch einen Beſuch gemacht; ungeachtet aller Anſtrengungen von Liſette war es vergeblich gewe⸗ ſen, ihn abzuweiſen. Eines Morgens, während Evert gerade im Be⸗ 284 griff war, ſich anzukleiden, trat Friedrich in ſein Zimmer und meldete: „Ein Reiſewagen hält vor dem Hauſe und eine Dame, welche ihren Namen nicht angeben will, wünſcht die Frau Baronin zu ſprechen.“ „Ah, endlich!“ murmelte Evert für ſich. Ein Blitz der Freude flog über ſein Geſicht. Zu dem Diener ſagte er:„führe ſie in den Salon.“ Er kleidete ſich ſchnell an und eilte von ſeinem Zimmer aus ihr entgegen. In demſelben Augenblick, da er in den Solon trat, wurde einer hochgewachſenen, ſtattlichen Dame die Thüre gegenüber geöffnet. Einen Augenblick be⸗ trachteten Evert und ſie einander; darauf ging er auf ſie zu und ſagte artig: „Welche angenehme Ueberraſchung, Dich endlich zu ſehen, Conſtanze! Das war eine Freude, auf welche ich nicht zu hoffen wagte. Ich weiß kaum, wie ich Dir dafür danken ſoll.“ Er faßte Conſtanze's Hand und wollte ſie an ſeine Lippen führen; dieſe aber zog ſie mit einer ſtolzen Bewegung zurück. „Mein Beſuch in der Hauptſtadt gilt nicht Ihnen, Baron Axelhjelm, ſondern ich will blos meine Schwe⸗ ſter ſehen und ſprechen. Der Brief von Ihnen hat mich auf ſchreckliche Weiſe über das aufgeklärt, was ſie ſo ſorgfältig zu verbergen ſucht...“ „Deßhalb darfſt Du Olga nicht tadeln,“ unter⸗ brach ſie Evert mit einem Lächeln und in ſpotten⸗ dem Ton.„Es geht nicht ſo leicht, ſelbſt einzuge⸗ ſtehen, daß man ſeine Pflichten als Gattin verrathen und die Achtung vor denſelben mit Füßen getreten 285 hat. In einem ſolchen Fall hintergeht ihr Frauen die ganze Welt, eure Männer, eure Angehörigen, und Gott ſelbſt, wenn ihr könntet.“ Conſtanze und Evert waren inzwiſchen in den kleinen Salon eingetreten. „Sie wagen doch nicht zu behaupten, daß Olga...“ „Ihren Mann betrogen hat? Ja, ich be⸗ haupte das nicht allein, ſondern kann es auch be⸗ weiſen!“ rief Evert in verändertem Ton und ſah Conſtanze ſtolz an.„Ja, Fräulein Conſtanze Callen⸗ ſtierna, erbleichen Sie jetzt nur! Sie haben Grund dazu; denn von meinem Edelmuth hängt hinfort die Ehre Ihrer Schweſter wie Ihre eigene ab. Ich kann, wenn es mir beliebt, ſie der Verachtung und dem Skandal preisgeben. Daß ich es nicht bereits gethan, kommt daher, weil ich Ihre Ankunft abwar⸗ ten wollte.“ „Ich kenne das unglückliche Ereigniß nicht, wel⸗ ches einen Schatten von Grund zu der Anklage Olga's gegeben hat; aber ich weiß und fühle, daß ſie unſchuldig, daß Trug und Treuloſigkeit ihr un⸗ möglich iſt.“ „Wirklich!“ rief Evert hohnlachend. Er erzählte ſofort mit hölliſchem Spott Olga's Beſuch bei Jvar⸗ ſon und ſetzte dann hinzu: „Vermuthlich wollen Sie ſo weit gehen, zu be⸗ haupten, eine junge, verheirathete Frau könne einen jungen, ledigen Mann beſuchen, ohne daß hierin etwas Arges liege. In dieſem Fall ſind Sie gewiß die einzige Perſon, welche die Sache ſo liberal be⸗ urtheilt. Es handelt ſich nicht darum, ob ſie eines Verbrechens ſchuldig iſt oder nicht, ſondern daß ſie 286 auf eine entſetzliche Weiſe ſich ſelbſt und mich com⸗ promittirt hat. Ich brauche nicht an ihre Schuld⸗ loſigkeit zu glauben, und es iſt auch nicht meine Abſicht, es zu thun. Ich weiß nur Eines, und das iſt: ich kann ſie dafür ſtrafen, daß ſie mit meinem Namen zu ſpielen gewagt hat. Ich habe ihre Ehre in meiner Gewalt und kann ſie Blatt für Blatt zerpflücken, und ihre Perſon ſelbſt zum Gegenſtand der Verachtung für Andere machen. Sehen Sie ein, wie erniedrigend es für Olga ſein muß, ſchon nach ſo kurzer Ehe ſich den Ruf einer treuloſen Frau zu⸗ zuziehen.— Nun, Fräulein Conſtanze, werden Sie nicht auch jetzt mich mit Hohn von ſich weiſen? Werden Sie nicht Ihre ſtolzen und übermüthigen Worte mir ins Geſicht ſchleudern?— Sie ſchweigen. Sollte es Ihnen wirklich an Ausdrücken fehlen, mir Ihren Abſcheu zu verdolmetſchen?“ Evert lehnte ſich an den Kamin und betrachtete Conſtanze, welche, den Kopf in die Hand geſtützt, den ganzen Abgrund, welcher gähnend vor Olga ſich aufthat, zu überdenken ſchien. Nach einer langen Pauſe blickte ſie auf. „Was iſt der Preis dafür, daß Sie meine Schwe⸗ ſter nicht ins Unglück ſtürzen?“ fragte ſie.„Oder was fordern Sie dafür, daß eine unſchuldige Frau nicht von Ihnen gebrandmarkt wird.“ „Der Preis, fragen Sie?— Vor anderthalb Jahren hätte ich von Ihnen einen Preis verlangen können, wofür ich Alles geopfert haben würde. Jetzt haben Sie mir Nichts mehr zu ſchenken, ich Richts mehr von Ihnen zu begehren. Ich fordere ich wünſche Nichts.“ Evert hatte den Kopf zurückgeworfen und ſah Conſtanze mit einem übermüthigen Blick an; dann fuhr er fort: „Sie glauben vielleicht, mit einem Lächeln, mit einem zauberiſchen Blick oder dergleichen mich be⸗ ſänftigen zu können; aber Sie irren ſich. Wenn ich Sie jetzt anſehe, frage ich mich ſelbſt: Iſt das wirklich die Frau, welche Du Jahre lang bis zum Wahnſinn geliebt haſt, und mit welcher Du nun ohne einen Schatten von Erregung ſprechen kannſt?““ „Erlauben Sie, daß wir von dieſem Thema ab⸗ brechen; denn es iſt jetzt ganz gleichgültig was Sie für mich fühlen. Es handelt ſich um meine Schwe⸗ ſter. Sie ſagten, Sie haben meine Ankunft hier abgewartet. Was meinten Sie damit?“ „Daß Sie als Schweſter die Erniedrigung thei⸗ len müſſen, welche vielleicht Olga zufällt. Ich war barmherzig genng, ihr eine Tröſterin geben zu wollen.“ „Aber Sie können unmöglich ſo grauſam, ſo ſchonungslos ſein, Schimpf und Schande über die Frau zu bringen, welche Ihren Namen ge⸗ tragen hat.“ „Ich kann nicht!“ wiederholte Evert;„was ſollte mich abhalten? Ich habe dieſelbe niemals ge⸗ liebt und kann ſomit nicht in Folge eines ſolchen Befühls zur Schonung geneigt ſein; ich liebe ebenſo wenig Sie und kann ſomit auch nicht mit Rückſicht auf Sie irgend eine Duldſamkeit üben. Worauf hoffen Sie alſo?“ „Auf Ihren Egoismus.“ „Da haben Sie ihn unrichtig aufgefaßt, wenn 288 Sie glauben, daß irgend ein Vortheil in der Welt mich beſtimmen könne, von meiner Rache abzu⸗ ſtehen.“ Hier wurden ſie durch einen Wortwechſel im äußern Salon unterbrochen, und eine wohlbekannte Stimme rief: „Aus dem Wege, Schlingel! Ich habe ja ſchon geſagt, daß ich mich ſelbſt anmelden werde.“ Im nächſten Augenblick ſtund Kurt vor ihnen. „Was ſoll das heißen, daß Du mit Gewalt bei mir eindringſt?“ fragte Evert und ſchleuderte dem unwillkommenen Störer einen wüthenden Blick zu. „Das ſoll heißen, daß ich mit Dir etwas zu reden habe, das keinen Aufſchub duldet!“ entgeg⸗ nete Kurt kalt. Darauf wandte er ſich zu Conſtanze mit den Worten: „Um Vergebung, beſte Conſtanze, daß ich ſo kopf⸗ über hereingeſtürzt komme und das Geſpräch unter⸗ breche; aber aufrichtig geſagt, ich glaube, der Ver⸗ luſt, welcher durch dieſe Störung entſteht, iſt nicht ſehr groß, da Du mit meinem Bruder redeteſt und dieſer ſelten etwas zu äußern hat, was des Anhö⸗ rens werth iſt. Du haſt wohl Olga ſchon ge⸗ ſprochen?“ „Nein, noch nicht.“ „Aber, mein Gott, warum gehſt Du nicht zu ihr hinein?“ „Ich bitte mir aus, daß Du nicht den Herrn in meinem Hauſe ſpielſt!“ fiel Evert aufgebracht ein⸗ „Olga darf ihre Schweſter nicht empfangen.“ „So, ſo?“ entgegnete Kurt, ſeine Hand auf Cverts Schulter legend, und ſchaute ihm gerade in die Augen, mit einem Ausdruck ſo großen Zorns, daß Evert darüber blutroth wurde.„Erinnere Dich meiner Warnung auf der Nordbrücke.“ Es lag in Kurts ganzem Weſen etwas ſo Drohen⸗ des Strenges und Gebieteriſches, daß eine Ahnung Evert ſagte, ſein Bruder habe ihm eine ganz be⸗ ſondere Mittheilung zu machen. „Geleite deine Schwägerin zu deiner Frau und kehre ſogleich zurück.— Ich bin gekommen, um un⸗ ſere Schlußrechnung abzumachen,“ ſetzte er mit einem unheilverkündenden Accente hinzu.„Thue deßhalb auf der Stelle, was deine Pflicht iſt; denn jede Minute Aufſchub vergrößert deine Schuld.“ Wie alle Leute, die kein reines Gewiſſen haben, war Evert leicht einzuſchüchtern. Dreiſtigkeit und Feigheit ſind bei dergleichen Menſchen immer ver⸗ eint. Er ſah an Kurts ſchwarzen Augen, daß er nicht in der Stimmung war, ſich trotzen zu laſſen; deßhalb bot er Conſtanze den Arm und führte ſie, ohne ein Wort zu ſagen, zu Olga hinein. Kurt hatte ihm nachgerufen: „Ich erwarte Dich in deinem Zimmer.“ XLI. Als Evert in ſein Zimmer trat, ſah er Kurt in ſichtbar aufgeregter Gemüthsſtimmung auf⸗ und abgehen. Bei Everts Anblick blitzte es in ſeinen Au⸗ gen, und er ging, ohne ein Wort zu ſagen, auf die Thüre zu, ſchloß dieſelbe ab und ſteckte den Schlüſſel in ſeine Weſtentaſche. Schwartz, Arbeit adelt den Mann. II. 19 290 „Was zum Teufel thuſt Du?“ rief Evert und that etliche Schritte nach der gegenüber befindlichen Thüre; aber Kurt ergriff ihn am Arm, ſchleuderte ihn wie einen Handſchuh zur Seite und ſagte, wäh⸗ rend er auch dieſe verſchloß: „Ich verſichere mich des Gruftdiebs Evert Axel⸗ hielm.“ Unwillkürlich begann Evert am ganzen Leibe zu zittern. Er faßte krampfhaft nach der Stuhllehne. „Elender, wagſt Du noch, aufrecht zu ſtehen?“ rief Kurt und packte ihn an der Schulter.„Du be⸗ greifſt wohl, daß Du nach dieſer gräßlichen Ent⸗ deckung nur noch einige Minuten zu leben haſt!“ Evert machte eine verzweifelte Anſtrengung, ſich loszureißen. „Rühre Dich von der Stelle, ſtoße einen ein⸗ zigen Laut aus, ſo ſchlage ich Dir den Schädel mit meiner geballten Fauſt ein. Du glaubſt vielleicht, ich werde zugeben, daß Du wie ein anderer Ver⸗ brecher vor Gericht geſtellt werdeſt?“ Kurt ließ ihn los und ging ein paar Mal im Zimmer auf und ab. Evert war auf den Stuhl niedergeſunken. Nach einer langen Pauſe nahm Kurt wieder mit unnatürlich ruhiger Stimme das Wort: „Es wundert mich, daß Du noch lebſt; daß ich Dich nicht im erſten Ausbruch meines Zornes ge⸗ tödtet habe.“ Er kreuzte die Arme über der Bruſt und be⸗ trachtete Evert, indem er mit Schmerz hinzuſette: „Wie gräßlich, daß dieß mein Bruder iſt, mei⸗ ver Mutter Sohn!— O es iſt zum Entſetzen!“ Abermals machte er einige Schritte auf und ab. Inzwiſchen hatte Evert wieder Muth geſchöpft. Er hatte im Stillen die Sache überlegt und war zu dem Reſultat gelangt, daß ſein Bruder unmöglich einen Beweis gegen ihn haben könnte, ſondern daß Alles auf bloßem Verdacht beruhte. In demſelben Maße, als Kurts Zorn ſich zu legen ſchien, nahm Evert ſeine urſprüngliche Si⸗ cherheit und Unverſchämtheit wieder an. Er ſtand deßhalb auf und fragte, den Kopf emporwerfend, in trotzigem Ton: „Darf ich vielleicht erfahren, was dieſe rohe Aufführung zu bedeuten hat? Welches Recht haſt Du, mich mit ſo niederträchtigen Beſchuldigungen zu überhäufen, wie Du eben ausgeſprochen haſt? Ich glaube, in meinem eigenen Hauſe nicht nöthig zu haben, deiner Gewaltthätigkeit mich zu unter⸗ werfen.“ Mit dieſen Worten näherte ſich Evert der Klin⸗ gelſchnur. „Rufe einen von deinen Dienern, wenn Du es wagſt,“ ſagte Kurt.„Dann laſſe ich Dich in Arreſt ſetzen. Verſtehſt Du?“ Evert zog die Hand wieder zurück. „Ich verſtehe nichts,“ antwortete er. „Nun, dann will ich Dir die Sache ſchnell be⸗ greiflich machen.“ Kurt warf ſich auf den Sopha— Er fuhr ſich mit der Hand über die kalte und bleiche Stirne. „Haſt Du ganz vergeſſen, daß Jönsſon, der eine deiner Mitſchuldigen, eine Mutter hinterließ, daß dieſe Mutter Kenntniß von dem Lerſ und 292 das Geſtohlene verbergen half? Jönsſons Mutter ſtarb vor einer Woche. Kurz vor ihrem Tode ver⸗ traute ſie ihrer Schwiegertochter den Beweis dafür an, daß Du und Knut F. bei dem Diebſtahl mit⸗ betheiligt geweſen. Sie that dieß, damit ihre Schwiegertochter euch zwingen könnte, auch an ſie das Jahrgeld fortzuzahlen, welches ihr bisher der Alten hattet zukommen laſſen.“ „Und wie ſieht denn der Beweis aus, daß wir an dem Diebſtahl Theil genommen haben?“ fragte Evert.„Glaubſt Du vielleicht, die Worte eines phantaſirenden, im Sterben liegenden alten Weibes genügen zu dem Beweiſe, daß ich Jönsſons Mit⸗ ſchuldiger geweſen?“ „Nein, das glaube ich nicht; wohl aber, daß dieſes von Dir und Knut unterzeichnete Schriftſtück dazu ausreichend iſt.“ Kurt zeigte ihm ſofort ein Papier, worin er ſehr leicht dasjenige wieder erkannte, welches Jönsſon ihn und Knut auszuſtellen gezwungen hatte, damit ſie den erſtern nicht ins Unglück bringen könnten, ohne deſſen Schickſal zu theilen. Auf demſelben ſtand geſchrieben; „Daß wir an dem Gruftdiebſtahl ebenſo bethei⸗ ligt ſind, wie Jönsſon, edkennen wir hiemit aus⸗ drücklich an. Knut F. und Evert Axelhjelm.“ In derſelben Nacht, da der Diebſtahl ſtattfand, hatte Jönsſon gedroht, ſie anzugeben, wofern ſie ihm nicht eine Beſcheinigung, wie die oben angege⸗ bene zur Hand ſtellten, wodurch ihm Gewähr ge⸗ — 295 leiſtet wäre, daß er„von den Herrenleuten nicht verrathen würde.“ Beim Anblick dieſes Papiers, das von Evert ge⸗ ſchrieben und von ihm und Knut F. unterzeichnet worden war, wurde er aſchgrau. Er ließ den Kopf auf die Hand ſinken. „Du haſt, wie alle Verbrecher, Dir ſelbſt eine Grube gegraben,“ begann Kurt wieder.„Daß die⸗ ſes Papier ſich in meiner Hand befindet, dafür haſt Du Jönsſons Frau zu danken, welche um keinen Preis einen Vortheil daraus ziehen wollte, ſondern aus Ergebenheit gegen mich, der ich ihr verſchiedene Dienſte zu leiſten Gelegenheit hatte, hieher nach Stockholm kam und mir die ganze garſtige Ge⸗ ſchichte mittheilte. Sie wollte nicht zu meines Bru⸗ ders Untergang beitragen; deßhalb übergab ſie die⸗ ſen Beweis gegen Dich meinen Händen.“ Kurt ſchwieg. Es entſtand eine lange Pauſe. Endlich erhob er ſich und ging auf Evert zu. „Du erinnerſt Dich wohl noch meiner War⸗ nung?“ fragte er ihn mit dumpfer Stimme.„Du begreifſt wohl, daß Du entweder dir eine Kugel vor den Kopf ſchießen oder auf immer das Vater⸗ land verlaſſen mußt.— Ich will mich nicht mit dem Blut eines Menſchen beflecken, ſonſt lebteſt Du nicht mehr. Du haſt auf eine ſo gemeine und in jeder Hinſicht verabſcheuenswerthe Art dich erniedrigt, daß Du jedes Recht auf das Leben verwirkt haſt. Du glaubteſt dich durch die Arbeit in einer Werkſtätte gedemüthigt, aber einen Diebſtahl zu begehen, dünkte Dir keine Erniedrigung. Doch warum Worte dar⸗ über verlieren! Du biſt ein ſo verächtlicher Schurke, 294 daß es eine Schande iſt, nur mit Dir zu reden. Vernimm alſo den Urtheilsſpruch, den ich fälle: Du haſt vierundzwanzig Stunden Zeit, zu wählen, ob Du dich in die Ewigkeit befördern, oder in einen andern Welttheil auswandern willſt; aber Du mußt allein reiſen, darfſt Olga nicht mitnehmen. Biſt Du innerhalb dieſer Zeit nicht fort, ſo mag das Ge⸗ ſetz ſeinen Lauf haben. Dann verlaſſe ich Schwe⸗ den und wechsle meinen Namen. Ich werde dem, welchen ich annehme, ſchon Achtung zu verſchaffen wiſſen. Dieß iſt, merke es wohl, auf Ehre und Ge⸗ wiſſen, mein Beſchluß. Entweder mußt Du aus dem Wege gehen, oder für dein Verbrechen Strafe er⸗ leiden. Weiter habe ich nichts beizufügen.“ Kurt ſah auf ſeine Uhr und fuhr dann fort: „Morgen um dieſe Stunde werde ich mich er⸗ kundigen, ob Du noch da biſt. Einen Paß und, was Du ſonſt zum Fortkommen brauchſt, werde ich anſchaffen.“ Kurt warf ihm den einen Schlüſſel zu, nahm den andern, öffnete die Thüre und entſernte ſich. Gvert blieb wie angewurzelt ſtehen. Es lag et⸗ was Gräßliches in der Raſerei, welche ſein Inneres bei dem Gedanken erfüllte, daß alles das Böſe, wel⸗ ches er Andern anzuthun verſucht hatte, auf ihn ſelbſt zurückgeſchlagen war. Eben jetzt, in dem Augenblick, da er Conſtanze in ſeiner Hand zu haben glaubte, da er mit hölliſcher Schadenfreude die Vortheile be⸗ rechnete, die er für ſich hatte, die Waffen prüfte, die er benützen konnte,— jetzt erfolgte die Ent⸗ deckung eines vor acht Jahren begangenen Verbre⸗ chens und ſtellte ſich zwiſchen ihn und ſeine Rache— 295 eines Verbrechens, das er begangen hatte, weil die Arbeit ihm verhaßt war.— Er klagte Conſtanze an, daß ſie auch hieran die Schuld trage.— Und er ver⸗ fluchte ein Gefühl, welches er als die Quelle aller ſeiner Frevel anzuſehen geneigt war. LXII. Während dieſe Ereigniſſe im Innern des frei⸗ herrlichen Hauſes ſtattfanden, wurde eine ſtumme Scene im Vorzimmer aufgeführt. Herr Friederich, welcher eine Treppe weiter oben eine kleine Liebſchaft hatte, war, ſo lang die beiden Brüder mit einander ſprachen, hinaufgegangen, um mit ſeiner Schönen ein wenig zu plaudern, und hatte die Thüre des Vorzimmers unverſchloſſen gelaſſen. Er wollte ihr blos ein paar Worte ſagen, und ſogleich wieder umkehren; aber nun kann wohl kein Sterblicher es ihm verdenken, daß die Zeit ihm allzu ſchnell verging. Genug, der Augenblick verwandelte ſich in eine halbe Stunde. Ein in Lumpen gehüllter Bettler ſchlich inzwiſchen die Treppe herauf und bis zu der Thüre des Vor⸗ zimmers, welche nur angelehnt war. Mit größter Vorſicht ſchob er ſie ein wenig zurück und blinzelte hinein. Haſtig zog er dann den Schlüſſel aus dem Schloſſe und drückte ihn in ein Stückchen Wachs ab, welches er in der Hand hielt; dann ſteckte er ihn wieder in's Schloß und ging ebenſo unbemerkt davon, wie er gekommen war. 296 LXIII. Cvert hatte den ganzen Tag, in ſeinem Zimmer eingeſchloſſen, zugebracht. Von Zeit zu Zeit hatte er ſeinen Schreibtiſch geöffnet und, was er noch an Geld und Werthpapieren beſaß, zuſammengerechnet. Er hatte natürlich ſich zum Reiſen entſchloſſen, aber gleichzeitig noch einen andern Vorſatz gefaßt. „Muß ich das Vaterland und meinen Rache⸗ plänen entſagen, ſo will ich auch ſo viel mir zu eigen machen, um im Auslande ein angenehmes Leben führen zu können; folglich ſoll Conſtanze die⸗ jenige ſein, welche zu meinem Wohlergehen beiſteuern muß.— Ich werde immerdar das Bewußtſein mit mir nehmen, daß Olga an mich gefeſſelt, als meine Frau fortzuleben gezwungen iſt, ohne ſich mit einem Andern vereinigen zu können, im Fall ihr Herz zur Liebe erwacht. Ich bleibe auf dieſe Weiſe ſtets ihr böſer Genius.“ Mit dieſen ſchönen Gedanken beſchäftigt, lenkte er ſeine Schritte nach Olga's Zimmer, wo er ganz richtig Conſtanze fand. Ohne die Erſtere eines Blickes zu würdigen, begann er zu der Letztern gewendet: „Sie fragten mich, ob ich einen Preis dafür hätte, wenn ich von dem Vorſatz abſtände, die Welt wiſſen zu laſſen, wie meine Frau ihre und meine Ehre gewahrt hat.“ „Ja, mein Herr,“ erwiederte Conſtanze,„ich ſtellte dieſe Frage und wiederhole ſie noch einmal.“ „Nun wohl, ich habe wirklich einen Preis, wo⸗ 297 für ich bis auf Weiteres die Sache der Ver⸗ geſſenheit übergeben will, nämlich den: Sie, Con⸗ ſtanze, händigen mir die Summe von fünfzigtauſend Reichsthalern in guten und ſicheren Papieren ein; das heißt, Sie geben mir eine Verſchreibung auf dieſe Summe und arrangiren es ſo, daß ich von irgend einem Handelshaus in England dieſelbe er⸗ heben kann, weil ich für dieſen Foll ſchon morgen eine längere Reiſe antrete. Gehen Sie auf dieſen Vorſchlag nicht ein, ſo mache ich morgen einen Pro⸗ ceß gegen Olga anhängig, welcher immerdar, auch wenn er zu Nichts weiter führt, Skandal im Gefolge hat. Vor Abend wünſche ich Ihre Antwort zu er⸗ halten.“ Damit entfernte er ſich ebenſo ſchnell, wie er eingetreten war. Kurz ehe er ſich zur Ruhe begeben wollte, über⸗ reichte ihm Friederich einen Brief. Derſelbe enthielt folgende Zeilen: „Ihr Vorſchlag iſt angenommen; morgen werden Sie die gewünſchte Verſchreibung erhalten.“ Zufrieden mit der Art und Weiſe, wie er die ungünſtigſten Umſtände zu ſeinem Vortheil zu wenden gewußt hatte, legte ſich Evert nieder; aber der Schlaf wollte ſich nicht einſtellen. So ſehr er auch hin und her raiſonnirte, ſo blieb doch immer Etwas zurück, das ihn anklagte oder ihm bewies, daß ſeine Hoff⸗ nungen geſcheitert waren. Er warf ſich unruhig auf dem Lager hin und her und empfand endlich eine ſolche innere Qual, daß es ihm unerträglich dünkte, im Finſtern zu bleiben. Er ſtreckte die Hand aus, um nach dem Feuerzeuge auf dem Nachttiſch zu greifen, hörte aber in denſelben Augenblick einen 298 Laut, gerade als ob eine Thüre in dem Nebenzimmer geöffnet werde. „Wer da?“ rief Evert. Keine Antwort. Er taſtete mit der Hand auf dem Nachttiſche herum, ohne die Zündhölzchen zu finden, während er deutlich vernahm, daß die Thüre zu ſeinem Schlaf⸗ zimmer geöffnet wurde. „Biſt Du es, Friederich?“ fragte Evert, dießmal nicht ohne ein unbehagliches Gefühl von Schrecken. Abermals erfolgte keine Antwort. Er ſtreckte die Hand nach dem Glockenzug aus, fühlte ſich aber gleichzeitig von ein paar ſtarken Armen gefaßt. Evert ſtieß einen lauten Hülferuf aus, welcher jedoch in einem erſtickten Röcheln und einem ſchmerz⸗ lichen Seufzer erſtarb,— dann wurde Alles wieder ſtill. Am folgenden Tage ſprach ganz Stockholm von Nichts als dem ſchrecklichen Mord, welcher in der Nacht an dem Baron Axelhjelm begangen, und mit welchem ein größerer Diebſtahl verübt worden. Dem Thäter war man noch nicht auf die Spur ge⸗ kommen.—— Und nun verſetzen wir uns von dem Schauplatze aller dieſer Ereigniſſe nach Kungsborg. LXIV. Wir müſſen jedoch in der Zeit etwas zurückgehen und von dem, was unmittelbar nach Olga's Hochzeit erfolgte, Rechenſchaft geben. 299 Einige Tage, nachdem Olga mit ihrem Gatten Kungsborg verlaſſen hatte, nahm Conſtanze ihre Ueberſiedlung nach Sturesjö vor. Jedermann war der Meinung, daß ſie es ſo allein auf dem alten Herrenſitz ungemein leer und öde finden würde. Stephana hatte ihr deßhalb auch vorgeſchlagen, über den Winter in Kungsborg zu bleiben; aber Conſtanze hatte das Anerbieten unter dem Vorwand abgelehnt, es wäre nun Zeit für ſie, daran zu denken, daß ſie ſo viele Untergebene habe, deren ſie ſich annehmen müſſe. Ebenſo beſtimmt hatte ſie ſich geweigert, eine Geſellſchaft mitzunehmen. Sie behauptete, ein Menſch, der einmal zu dem Entſchluß gekommen wäre, ein thätiges Leben zu führen, habe an ſeiner Beſchäf⸗ tigung Geſellſchaft genug. Das Einzige, was ſie that, war, daß ſie an eine Verwandte, ein Fräulein Knorrenſkjöld, ſchrieb, welche arm und übelhörig war. Sie lud dieſelbe ein, den Reſt ihrer Tage in Stu⸗ resjö zuzubringen. „Auf dieſe Weiſe thue ich ein gutes Werk und verſchaffe mir zugleich die von der Convenienz vor⸗ geſchriebene Schürze,“ ſagte Conſtanze lächelnd zu Stephana. Es war am letzten September gegen Abend, als Conſtanze in ihrer Wohnung anlangte, wo Alles zu ihrem Empfange bereit war. Die untergehende Sonne warf ihre Strahlen durch die hohen und tiefen Fenſter. Conſtanze wanderte gedankenvoll durch die Zimmer, und mußte ſelbſt geſtehen, daß die großen Gemächer ihr düſter und öde vorkamen. Dieß war alſo ihre Heimath; hier ſollte ſie ein⸗ 300 ſam, umgeben von Allem, was der Reichthum ver⸗ ſchaffen kann, ihr Leben hinbringen, ohne andere, als die demüthigen und ſelaviſchen Geſichter ihrer Dienerſchaft um ſich herum zu erblicken. Aber ſie hatte es ja ſelbſt ſo gewollt. Conſtanze blieb endlich in einem kleinen Eckka⸗ binet ſtehen; von hier aus hatte man eine freie und herrliche Ausſicht— mit der tiefblauen unermeßlichen See im Hintergrunde. Die Sonne warf gerade der Erde ihren Scheide⸗ gruß zu. Wehmüthig und kummervoll waren die Gedanken, welche die Bruſt der jungen Frau erfüllten, und mit einem tiefen Seufzer ſprach ſie bei ſich ſelbſt: „Bei allem meinem Ueberfluß fühle ich mich ſo einſam, arm und dürftig. Warum wurde ein ſolches Weſen wie ich zur Welt geboren? Geſchaffen, durch meine eigene Gemüthsart mein und anderer Glück zu zerſtören, und durch die Ereigniſſe von den ein⸗ zigen Perſonen, die ich liebte, getrennt, bin ich mir blos bewußt, daß ich eine tiefe, unheilbare Herzens⸗ wunde und eine unſägliche, mit Angſt gemiſchte Sehnſucht nach Olga mit mir herumtrage. Richts, worauf ich den Blick mit der Hoffnung heften könnte, daß es meinem Herzen oder meiner Seele einige Freude bereiten werde. Noch jung bin ich bereits des Lebens müde.“ Conſtanze öffnete das Fenſter. In der Ferne hörte ſie das Horn eines Hirten, und ein paar klare, junge und friſche Stimmen ſangen eine Volksweiſe. Es war ein herrlicher Abend, und unwillkürlich dachte Conſtanze: „Das Leben iſt doch ſchön und der Menſch könnte 301 recht glücklich ſein, wenn er ſelbſt nicht ſo viel thäte, um es ſich zu verbittern.“ Conſtanze ſchloß das Fenſter. Der ſchöne Abend mit ſeiner Poeſie erſchien ihr wie ein Spott auf ihr einſames und leeres Leben. In dem Augenblick, da ſie das Zimmer verlaſſen wollte, wurde ihre Aufmerkſamkeit von einer ſchönen Vaſe mit einem wahrhaft prächtigen und großen Blumenbouquet angezogen. Neben der Vaſe lag auf dem Tiſch ein Brief. „Von wem können dieſe Blumen ſammt dem Briefe ſein?“ „Außer Stephana kenne ich jetzt, nachdem Olga fort iſt, Niemand, der mit ſolcher Aufmerkſamkeit mich in meinem Hauſe willkommen heißen möchte.“ Sie nahm den Brief und hätte ihn beinahe fallen laſſen. Ein einziges Mal früher hatte ſie einen ſolchen von derſelben Hand empfangen, aber ſeitdem war manches Jahr vergangen. Conſtanze zitterte, als ſie das Siegel erbrach. Der Inhalt war folgender: „Fräulein Conſtanze! „Erſtaunen Sie nicht allzu ſehr darüber, daß Sie einen Brief von mir empfangen, ſondern ſehen Sie darin etwas ganz Natürliches. Ich möchte Sie ſo gern mit einigen Zeilen in Ihrer Heimath willkommen heißen. Bilden Sie ſich deßhalb ein, es ſei ein Freund, welcher von ganzem Herzen wünſcht, daß Ihr Leben unter dem Dache, welches Ihr Eigen⸗ thum iſt, lächelnd und heiter dahin fließen möge. Bilden Sie ſich ferner ein, daß dieſer Freund ſich 302 vorgenommen hat Ihnen einige Worte der Wahrheit zu ſagen, und Sie werden dieſelben verſtehen, ſo geneigt Sie auch ſonſt ſind, Alles, was gut gemeint iſt, zu mißverſtehen. „Sie ſind nach Sturesjö übergeſiedelt, feſt ent⸗ ſchloſſen, dort das Leben einer Einſiedlerin zu führen. Sie halten das für eine Pflicht, weil Ihre Schweſter, wie Ihnen dünkt, eine minder glückliche Partie ge⸗ macht hat. Sie ſind auf die bizarre Idee gekommen, ſich Ihr Leben ſo viel als möglich zu verbittern, und ſomit jeglicher Freude zu entſagen, in der Voraus⸗ ſetzung, daß es auch Ihrer Schweſter daran gebrechen werde. Dieſe Idee iſt ganz eigenthümlich und ſtimmt mit dem Unmotivirten in Ihrem Charakter vollkommen überein. Ich bin auch überzeugt, daß Sie im Laufe eines ganzen Monats alle möglichen Auswege finden werden, um ſich ſelbſt zu quälen. „Wenn es Ihnen auf dieſe Weiſe gelungen iſt, ſich das Leben recht unerträglich zu machen, ſo wird auch dieſes den Reiz der Neuheit verlieren, und Sie gerathen dann auf irgend einen andern Einfall, der von ebenſo wenig Verſtand zeugen wird, wie jener. Unter dieſem Spiel mit Glück oder Unglück verlieren Sie viel Zeit und gewinnen keinen Frieden. „Frieden! Ach es iſt ja der einförmige Frieden, welchem Sie zu entfliehen ſuchen, und daher dieſe Jagd nach Allem, was die Vorkommniſſe des Lebens aus ihrem ruhigen und gleichmäßigen Gange zu reißen vermag. „Sagen Sie mir, Fräulein Conſtanze, glauben Sie nicht, daß wir Sterbliche auch Pflichten gegen unſere Mitmenſchen erhalten haben? Sie antworten —..——— 303 Ja, aber mein Gott ſo ſchnell Sie auch mit der Antwort auf dieſe Frage fertig ſein mögen, ſo ſind Sie doch weit davon entfernt, ſie zu verſtehen. Sie vergeſſen leicht Andere um Ihrer ſelbſt willen. „Geſtehen Sie, daß Sie mich jetzt dreiſter finden, als es ziemlich iſt. Vergeſſen Sie nicht, daß Sie das, was ich heute ſage, auf Rechnung des ver⸗ meinten Freundes ſetzen müſſen. „Sie ſind unruhig über Ihrer Schweſter Zukunft. Das iſt natürlich; aber nicht natürlich iſt es, daß Sie ſich Ihr Leben verbittern. Ihre Schweſter wird darum nicht weniger unglücklich, weil Sie ſich Ihr eigenes Geſchick unerträglich zu machen ſuchen. „Fräulein Conſtanze, wir Menſchen, die wir eine ſo kurze Zeit zum Leben haben, dürfen uns nicht mit dem, was völlig nutzlos iſt, beſchäftigen. Wenn Sie dadurch, daß Sie ſich das eigene Leben ver⸗ bittern, aus dem Ihrer Schweſter jeden Schatten eines Kummers entfernen konnten, ſo wäre ich der Erſte, der Ihren Vermuthungen Beifall ſchenkte und erforderlichen Falls Ihnen beiſtände, Ihr Daſein ſchwer und düſter zu machen, denn es geſchähe we⸗ nigſtens für einen guten Zweck; ſo aber möchte ich wünſchen, Ihnen beweiſen zu können, daß eine edlere, Andern nutzbringendere Stimmung Ihnen geziemt. „Sie haben der Arbeit Beifall geſchenkt. Sie ſind eine der erſten Perſonen geweſen, welche Jvar Achtung bezeigt haben. Sie haben mit Wärme darüber geſprochen, und ich habe mit Freude Ihren Worten zugehört. „Worte— ſehen Sie, das iſt Alles. Wird das auch ſo bleiben? Während Sie für denjenigen 304 ſchwärmten, welcher ſich durch eigene Arbeit einen Weg gebahnt hat, ſetzen Sie ſich ſelbſt hin und— verſchwenden Ihr Leben ohne Beſchäftigung. Sie verdammen den Müßiggang durch Ihre Worte— und huldigen ihm durch Ihr Leben. „Es wird ein Tag kommen, wo der Ueberdruß ſich einfindet, wo die Zeit lang wird, wo ſelbſt die Launen ihres Reizes entbehren. Suchen Sie dem Erſcheinen dieſes Tages vorzubeugen; dieß wünſcht der, welcher nicht wagt, Ihr Freund zu ſein. Jacobo Lange.“ Conſtanze hatte während des Leſens unaufhörlich die Farbe gewechſelt, und eben dieſer wechſelnde Geſichtsausdruck bewies, daß jedes Wort in dieſem abſonderlichen Brief irgend einen empfindlichen Punkt in ihrem Herzen berührte. Als ſie damit zu Ende kam, erſchien ſie förmlich aufgebracht. Gleichzeitig war aber auch ihr Stumpfſinn verſchwunden, und ſie empfand ein lebhaftes Verlangen, ſogleich unter dem Einfluß ihres Zorns dieſes höchſt impertinente Schreiben zu beantworten. Beſchluß und That folgten bei Conſtanze un⸗ mittelbar auf einander. Deßhalb ſetzte ſie ſich nie⸗ der und ſchrieb eine Erwiderung folgenden Inhalts: „Herr Lange! „Ich ſollte Ihnen für Ihre Artigkeit, mir Blu⸗ men zu ſenden, meinen Dank abſtatten, aber auf⸗ richtig geſagt, vermag ich das nicht, denn Ihr Brief war allzuvoll von Dornen, als daß er nicht hätte verwunden ſollen. —— 305 „Sagen Sie mir ein für allemal: was berech⸗ tigt Sie, ſich unaufhörlich mit meinen Fehlern zu beſchäftigen? Meine edelſten, und ich möchte ſagen, heiligſten Gefühle zu tadeln und zu mißdeuten? Iſt wirklich Ihre Selbſtvergötterung ſo groß, daß Sie nicht begreifen können, wie es Charaktere gibt, welche von dem Fhrigen abweichen und deſſen un⸗ geachtet Werth haben könten? „Ich will aus Lainte unglücklich ſein, ſagen Sie. Was oder wie viel begreifen Sie von meinen Ge⸗ fühlen oder vön meiner Lebensanſicht? Nichts. „Urtheilen Sie ſomit nicht über Etwas, das Sie nicht verſtehen können. „Sie fordern mich auf, zu arbeiten. Nun wohl, möchten Sie ſehen, wie ich hinſitze und mich mit Weißzeugnähen, Strumpfſtricken und dergl. abgebe, oder was wollen Sie, daß ich thun ſoll? Backen, brauen, ſcheuern, waſchen und plätten, oder Heu rechen und Garben binden? „Sonſt hatte ich geglaubt, daß man auch arbeite, wenn man leſe, ſeinen Geiſt ausbilde, für ſeine Untergebenen Sorge trage, der Noth der Armen zu ſteuern ſuche u. ſ. w. Verzeihen Sie, daß ſich bis⸗ her einer ſo verkehrten Auffaſſung hingegeben hat. Conſtanze Callenſtjer na.“ „N. S. Wenn ich Ihre Freundin ſein wollte, ſo würde ich auch wagen, es zu ſein„trotz Ihrer großen und mannigfachen Fehler, aber ich willes ni ch t.“ Conſtanze ſchickte dieſe zuſammengeworfene Ant⸗ Schwartz, Arbeit abelt ben Mann. II. 0 306 wort, welche völlig von ihrem Zorn diktirt worden war, unverzüglich ab. Die Reaction, welche der Aerger bewerkſtelligte, war ſehr heilſam. Conſtanze wurde völlig aus der Niedergeſchlagenheit emporgeriſſen, welche die ganze Zeit vor und nach der Hochzeit ſie beherrſcht hatte. Als der Bote von Akersnäs zurückkam, überreichte„ er Conſtanze ein Billet, welches blos folgende Worte enthielt: „Haben Sie Dank dafür, daß Sie böſe gewor⸗ den ſind. Ich bin wirklich viel beſcheidener, als Sie. Ich kann Ihnen dafür danken, daß Sie mir nur Dornen und keine Roſen geſandt haben. Conſtanze fühlte ſich in der Seele erbittert gegen Jacobo und ſchlief mit dem ſchönen Vorſatz ein, auf lange Zeit Kungsborg nicht zu beſuchen, damit ſie des Zuſammentreffens mit ihm überhoben wäre. Am folgenden Morgen begab ſie ſich hinunter zu ihrem Verwalter und begann mit ihm die Rech⸗ nungen durchzugehen, ſich von ihren Untergebenen und von Allem, was ſonſt ihr Beſitzthum betraf, zu unterrichten. Conſtanze war ganz erſtaunt, als man das Mit⸗ tagsmahl anmeldete, und ſie ſagte bei ſich: „Mir dünkt, ich habe ein ordentliches Tagewerk vollbracht und gerade gearbeitet, als ob ich die Ab⸗ ſicht hätte, ihm damit zu gefallen.— Das wäre auf alle Fälle ein zweckloſer Verſuch.“ Am Nachmittag gedachte Conſtanze in Beglei⸗ tung ihrer Wirthſchafterin, Mamſell Aker, 4 — Wanderung zu ein paar Köthnern zu unternehmen, — 307 welche der Verwalter ihr als unordentliche und in Folge davon höchſt arme Leute geſchildert hatte. Sie war, wie Lange ſich ausgedrückt haben würde, auf die Laune gerathen, daß Niemand arm ſein dürfe, der zu ihrem Beſitzthum gehörte. Während Conſtanze auf Mamſell Aker wartete, meldete der Diener: „Herr Lange.“ „Bitte Herrn Lange, einzutreten,“ antwortete Conſtanze und fühlte, daß ſie ſich nur mit Mühe würde enthalten können, ihm etwas recht Bitteres zu ſagen; aber als Lange nun mit einem freund⸗ lichen und herzlichen Lächeln auf ſeinen Lippen vor ihr ſtand, da legte ſich der Zorn, und ſie ſagte ſcherzend: „Iſt es die Reue, welche Sie hieher führt?“ „Bis jetzt,“ antwortete Lange,„bin ich von die⸗ ſem Gefühl nicht mehr als einmal in meinem Leben heimgeſucht worden.“ „Und dieß war?“ „Schon vor mehreren Jahren; aber Reue über meinen dornigen Brief fühle ich ganz und gar nicht. Im Gegentheil, ich bin hieher gekommen, um mich über die Reſultate davon zu freuen. Es gibt, wie Sie wiſſen, nur zweierlei Politik, nämlich die, welche glückt und die, welche mißglückt. Nun will ich wiſſen, zu welcher von beiden die meinige gehörte.“ „Politik, ſagen Sie? War Ihr Brief eine Politik?“ „Gewiß. Ich wollte Sie ärgern. Zorn 0* 308 iſt ein Surrogat gegen den Kummer. Es iſt mir beſſer geglückt, als ich zu hoffen wagte.“ „Ah, glauben Sie das nicht,“ antwortete Con⸗ ſtanze, welche bei dem Gedanken, daß ſie wirklich recht böſe geweſen war, erröthete. „Ueberdieß komme ich, um Ihnen Lebewohl zu ſagen.“ „Was ſoll das heißen?“ „Ah, Sie haben vielleicht vergeſſen, daß ich eine Reiſe in das Ausland zu unternehmen beabſichtige, welche wahrſcheinlich ein Jahr dauern wird.“ „Ich habe niemals davon reden gehört.“ Conſtanze's eben noch ſo lebhaftes Angeſicht war bleich geworden, und ſie gab ſich vergebliche Mühe, ruhig zu erſcheinen! „Wenn dem ſo iſt, kommt es davon her, daß Sie meine Freundin nicht ſein wollen.“ „Oder davon, daß Sie mein Freund zu ſein nicht wagten,“ entgegnete Conſtanze, indem ſie zu lächeln verſuchte. Jacobo ſcheute ſich, ſie anzuſehen. „Sie gehören zu der Zahl der Frauen, welche Einwohner für das Irrenhaus ſchaffen. Ich fürchte mich vor Ihnen wie vor einer Gefahr.“ „Und darum verreiſen Sie?“ bemerkte Con⸗ ſtanze, und ihre Stimme hatte etwas unwillkürlich Kummervolles. „Ich reiſe, weil ich als Fabrikant hinaus muß. Meine Geſchäfte zwingen mich dazu. Jetzt kann ich dieſe Reiſe machen, weil ich mit vollem Vertrauen die Fabrik Jvar überlaſſen kann.“ Es trat eine kurze Pauſe ein. 309 „Wiſſen Sie, Fräulein Conſtanze, was ich heute gewünſcht habe?“ Conſtanze ſah ihn fragend an. „Daß Sie meine Freundin werden möchten. Es wäre Etwas, das der Phantaſie ſchmeichelte, während ich getrennt von Ihnen lebte, obwohl meine Ver⸗ nunft mir ſagt, daß ich bei meiner Rückkehr Sie verändert finden würde.“ „Mich?“ fragte Conſtanze, ihn abermals an⸗ blickend;„ich verändere mich niemals.“ „Nehmen Sie ſich in Acht; ich könnte Ihnen leicht das Gegentheil beweiſen.“ „Ich fordere Sie heraus, dieß zu thun.“ „Einmal— es ſind ſeitdem viele Jahre ver⸗ floſſen— gaben Sie die Verſicherung, Sie könnten niemals einen andern Mann lieben, als den, welchem Sie damals Ihr Herz ſchenken. Die Kräfte der Seele reichen nicht aus, um zweimal ſo zu lieben“, ſagten Sie. Ein paar Tage hernach...“ „Verleitete mich mein thöricht argwöhniſches Weſen...“ „Still, das gehört nicht hieher. Genug, Sie hörten auf, jenen Mann zu lieben.“ Jacobo heftete bei dieſen Worten das Auge auf ſie und ſetzte langſam hinzu: „So würde es auch mit Ihrer Freundſchaft gehen, im Fall Sie mir dieſelbe ſchenkten.“ „Ebenſo treu, wie mein Herz Jahre lang an dem einzigen Mann hing, den es je geliebt hat, ſo treu wird auch meine Freundſchaft ſein,“ antwortete Conſtanze, indem ſie ihm die Hand reichte. 310 „Conſtanze!“ rief Lange und ergriff lebhaft die dargebotene Hand. „Jacobo, Sie haben das gewußt und verſtanden, aber Sie wollten nicht daran glauben.“ Einige Tage darauf reiste Lange ab. Beim Abſchied von Conſtanze hatte er geſagt: „Wenn ich bei der Heimkehr nach Jahresverlauf die Freundin wiederfinde, dann werde ich wagen, an Conſtanze's Herz zu glauben.“ XLV. Lange trat ſeine Reiſe an. Conſtanze war vollkommen verändert. Das Leben erſchien ihr nicht mehr öde und leer, ſondern voll von reichen und unerſchöpflichen Schätzen an Freude und Glück. Die junge Herrin von Sturesjö ver⸗ lebte ihre Tage nicht in trägem Vegetiren, ließ ſich bei ihrem Thun nicht von Launen und Einfällen leiten, ſondern machte ſich einen Plan und ein Ziel für ihre Wirkſamkeit. Wahr iſt, daß in ihrer Hand⸗ lungsweiſe nichts Gleichmäßiges zu erkennen war, ſondern daß ſie Eines und Dasſelbe immer auf ganz verſchiedene Art ausführte. Konſequent in der Hauptfache, war ſie in Kleinigkeiten veränderlich. Dieß bewirkte, daß ſie jedem Ding, das ſie unter⸗ nahm, auch jedesmal bei deſſen Ausführung wieder ein neues Gepräge verlieh. Der flüchtige Beobach⸗ ter hielt ſie für regellos, und dennoch verfolgte ſie mit unerſchütterlicher Feſtigkeit ihren Vorſatz, da⸗ durch daß ſie für die Wohlfahrt und die moraliſche Ausbildung ihrer Untergebenen wirkte, Nutzen zu ſtiften. XLVI. Wie trug Jvar ſein Schickſal nach Olga's Ver⸗ mählung? Ganz wie ein Mann, welcher vollkom⸗ men zu verſtehen gelernt hat, daß es ein Heilmittel für alle moraliſchen Schmerzen gibt, und das iſt die Arbeit. Er verdoppelte ſeine Thätigkeit, und vergebens hätte man auf der wolkenloſen Stirne des flinken Werkmeiſters nach einer Spur von Herzenskummer geforſcht. Davon ſtand in ſeiner Miene nichts zu leſen. Als Lange abreiste und Jvar die alleinige Ver⸗ antwortlichkeit für die Leitung der ganzen Fabrit übernahm, wurde ſeine Zeit ſo ſehr in Anſpruch ge⸗ nommen, daß ihm für kummervolles Nachſinnen über vereitelte Hoffnungen u dgl. Nichts davon übrig blieb. Alle ſeine Gedanken waren eben der Ver⸗ antwortlichkeit, welche ihm oblag, zugewendet, und er vergaß ſich ſelbſt völlig, um nur redlich ſeine Pflichten gegen Lange zu erfüllen. Ein großer Schriftſteller ſagt einmal:„Es iſt nur das Loos des Müßiggängers, von ſeinem Kum⸗ mer verzehrt zu werden, der Fleißige vergißt ihn unter ſeiner Arbeit.“ Für die Wahrheit davon lie⸗ ferte Jvar den Beweis. Von ganzer Seele und von ganzem Herzen liebte er die Arbeit, und wir glau⸗ ben beſtimmt, daß es ihm durch ſie und mit ihr ge⸗ lungen ſein würde, ſich über jeden Verluſt im Leben zu tröſten. 312 Er verließ Akersnäs nur dann, wenn er an einem Sonntag nach Kungsborg oder nach Sturesjö fuhr. An beiden Orten wurde er ſtets mit Freund⸗ ſchaft empfangen und von den Romarhjertas behan⸗ delt, als ob er zur Familie gehörte. Eines Sonntagnachmittags nach Neujahr ſchwenkte ſein kleiner Schlitten auf den Hof von Sturesjö herein. Er kam, um Conſtanze Grüße von Lange zu bringen. Während des Geſprächs äußerte Jvar: „Nun, Janne's Mutter iſt jetzt auch zur ewigen Ruhe eingegangen. Sie überlebte die Nachricht von dem Tode ihres Sohnes nicht viele Tage. Ich habe auch, wie ein ächter Egoiſt, bei dem Tode der Alten Erkundigung eingezogen, auf weſſen Grund und Bo⸗ den die kleine Köhlerhütte gelegen iſt, und hiebei erfahren, daß dieſelbe zu Sturesjö gehören ſoll.“ „Ja, ich glaube ſogar, daß die Hütte gerade auf der Grenze ſteht, welche Kungsborg und meine Beſitzungen ſcheidet.“ „Aber dennoch ſo, daß ſie ganz und gar Ihnen gehört. Dieſer Umſtand iſt vielleicht ein Haupt⸗ grund geweſen, warum ich das Fräulein heute be⸗ ſucht habe. Ich wollte Ihnen den Vorſchlag machen, die Hütte mit dem ringsherum liegenden Boden an mich zu verkaufen.“ „Aber was um's Himmels willen wollen Sie damit anfangen, Herr Ingenieur?“ fragte Conſtanze ſcherzend, „Ich will mir eine eigene Wohnung bauen,“ antwortete er lächelnd.„Meine Einkünfte geſtatten mir nicht, ein größeres Stück Land zu kaufen. Ich habe mir aber in den Kopf geſetzt, ein ſolches mein 313 eigen zu nennen, wäre es auch nicht größer, als daß ich darauf ſtehen könnte. Nun, Fräulein Con⸗ ſtanze, wollen ſie das Köhlerhäuschen an mich ver⸗ kaufen?“ „Gern, Ich denke nur, daß der Einfall ſeltſamer Art iſt, denn Sie werden doch nicht die Abſicht haben, Ihre Wohnung dort aufzuſchlagen.“ „Allerdings. Ich ſtelle mir ſchon vor, was für ein ſtolzes Gefühl es ſein wird, wenn ich unter mein eigenes Dach trete. Ich gebe Ihnen die Ver⸗ ſicherung, mein Fräulein, daß Sie in einem Jahr Ihre kleine Köhlerhütte nicht mehr erkennen werden.“ „Möglich, obwohl ich zweifle, daß Sie ſo mitten in dem Walde ſich eine behagliche Wohnung werden einrichten können. Für einen Köhler iſt die Lage der Hütte ganz vortrefflich geweſen; aber für ei⸗ e „Schmied iſt ſie auch paſſend. Sie ſind Ariſto⸗ kratin und blicken darum mit Geringſchätzung auf die Stelle, wo die Köhlerhütte ſteht. Ich dagegen, der ich weiß, wie viel man aus beinahe nichts ma⸗ chen kann, und gelernt habe, daß auch das gering⸗ fügigſte Ding ſich nutzbar machen läßt, ich verſtehe auch, daß die kleine Köhlerhütte mit der Zeit eine Wohnung für den Arbeiter Jvar werden ann.“ „Ueber die Beſchuldigung, daß ich eine Ariſto⸗ kratin ſei, ſollten Sie ſich jedoch näher erklären. „Bedarf es deſſen wirklich? Sie haben durch Gewohnheit und Erziehung gelernt, Alles, was einen niedrigern Standpunkt im Leben einnimmt, als Sie, wenn auch nicht gering zu achten, ſo doch mit einem ge⸗ 314 wiſſen Gefühl von Mitleid anzuſehen. Das Volk iſt ein Gegenſtand für Ihre Theilnahme, aber nicht für Ihre Sympathie. Gerade ſo wie Sie denken, die Lage der Köhlerhütte mitten im Walde tauge für einen Köhler, aber nicht für Jemand, welcher größere Anſprüche auf die Güter des Lebens als jener machen kann,— gerade ſo machen Sie es auch mit den Kindern des Volks. Der Sohn des Köthners iſt hinter ſeinem Pflug ganz am rechten Platze; aber eines Ihrer Verwandten würden Sie dieſen Platz unwürdig fin⸗ den. Sie ſind die Freundin der Großen, weil Sie dieſem Stande angehören; dieß iſt ebenſo natürlich, als daß ich ein Freund des Volkes bin.“ „Sie täuſchen ſich vollkommen in Bezug auf meine Sympathien. Ich kann ſagen, daß ich weder die Freundin der Großen, noch des Volkes bin; ich halte es mit der Bildung. Nirgends in der Welt lernt man, ſich ſo ſehr mit dem Fortſchritt zu be⸗ freunden, als in England, und ich habe drei Jahre mich dort aufgehalten. Dort achtet man das wahre Verdienſt als Etwas, das den Menſchen zur Voll⸗ kommenheit führt, und dort findet ſich jene Sittlich⸗ keit, welche von der Religion ausgeht. Dieſe wirklich hochgeſinnte Nation ſetzt mehr als jede andere eine Ehre darein, die Ueberlegenheit, wo ſie ſich auch finden mag, zu belohnen und aufzumuntern.“ XLVII. Im nächſtfolgenden Frühling wurde die alte Köhlerhütte niedergeriſſen und ein ſchönes ländliches Haus auf derſelben Stelle aufgeführt. Die Arbeiter —— —— zu Akersnäs flüſterten einander zu, der Werkmeiſter habe gewiß im Sinne, ſich zu verheirathen, daß er ſich eine eigene Wohnung erbaue. Dabei dachten die Leute allerdings, ein ſo prächtiger Burſche wie der Werkmeiſter hätte ſich einen beſſern Platz hiefür, als jenen, verſchaffen können. Schließlich waren ſie über die Sache ſo weit ins Reine gekommen daß er denſelben darum gewählt habe, weil er nicht allzu weit von der Fabrik entfernt ſein wollte. Bengt war der Meinung, Jvar werde niemals eine größere Freude empfinden, als wenn er es durch Arbeit und Umſicht dahin gebracht habe, ſich unter ſeinem eigenen Dache niederzulaſſen. Der Sommer verging unter Arbeit ſowohl für Conſtanze, als für Jvar, und der Herbſt löste ihn ab. Von Olga hatte man nichts Beunruhigendes vernommen, und Conſtanze begann zu hoffen, daß Evert beſſer wäre, als ſie ſich vorgeſtellt hatte. So ſtanden die Dinge, als Olga's ehemalige Kammerjungfer kam, um wieder Unruhe und Furcht in ihrem Herzen zu erwecken. Obwohl Stephana's und Olga's Briefe vollkommen geeignet waren, ſie zu beruhigen, blieb doch eine unüberwindliche Be⸗ ſorgniß in Conſtanze's Seele zurück. Es ſchien ihr unmöglich, ſich der Ueberzeugung zu entſchlagen, daß irgend ein Grund für Ausſagen, wie ſie von der Kammerjungfer gemacht worden waren, vorliegen mußte. Endlich war die Zeit von Jacobo's Abweſenheit beinahe zu Ende. Man erwartete die Romarhjertas und ihn daheim. Conſtanze fuhr nicht nach Kungs⸗ borg, um dort ſie zu begrüßen, denn ſie wollte 316 Lange nicht im Beiſein Anderer wiederſehen. Eine faſt nervöſe Ungeduld hielt Conſtanze den ganzen Tag in unaufhörlicher Bewegung. Das mindeſte Geräuſch, welches dem Rollen eines Wagens glich, verurſachte ihr heftiges Herzklopfen. Sie hoffte, Jacobo zu ſehen. Er konnte es unmöglich unter⸗ laſſen, nach Sturesjö herüberzukommen; aber der Tag verging, und der Abend folgte, ohne daß Con⸗ ſtanze's Hoffnung ſich verwirklichte. „Ach, ich Thörin!“ dachte ſie,„daß ich glauben konnte, in dem eiſigen Herzen dieſes Mannes finde ſich Etwas von meinen warmen Gefühlen; nein, Alles iſt bei ihm kalter Verſtand.— Verſtand!“ wiederholte ſie halb lächelnd,„es iſt kein Beweis von ſonderlichem Verſtand, daß er mich liebte; und dieß hat er gethan.— Thut er es noch? So ſieht es nicht aus.“ Conſtanze ging zur Ruhe mit niedergeſchlagenem Gemüth, wie es immer geſchieht, wenn unſere Hoff⸗ nungen uns täuſchen. Am Morgen, als ſie erwachte, befand ſich auf ihrem Nachttiſch ein ausgezeichnet ſchöner Blumen⸗ ſtrauß, und daneben lag ein Brief. Conſtanze erbrach ſogleich das Siegel und las: „Es iſt Nachts zwei Uhr, da ich zu Hauſe an⸗ lange, und mein erſter Gedanke iſt bei Ihnen. Thor⸗ heit in meinem Alter, ſich ſo an eine Frau zu ſeſſeln, daß man eine fieberhafte Ungeduld empfindet, bis man ſie wieder ſieht. Stunden können vergehen, ehe das geſchehen wird, darum ſchreibe ich. Meine Frage iſt jetzt nicht;„Iſt die Freundin treu“ geblie⸗ ben?“ Das weiß ich; ihre Briefe haben es mir 317 geſagt, ſondern die Frage lautet:„Iſt Conſtanze's Herz daſſelbe geblieben?“ Wann darf ich Sie wie⸗ derſehen? Dieß ſoll mir Alles ſagen, was ich zu hoffen habe. „Einmal ſchwur ich, niemals, was auch geſchehen möge, noch einmal die Worte auszuſprechen: Ich liebe Sie. Ich werde es auch nicht thun; aber ich werde Ihnen beweiſen, wie innig Conſtanze geliebt worden iſt und geliebt wird von Jacobo Lange.“ Ein reitender Bote überbrachte an Lange folgende Antwort: „Conſtanze erwartet Jacobo zu Sturesjö, ſobald er dieſes erhält. Laſſen Sie das Warten nicht allzu lange dauern.“ Mein lieber Leſer, wir waren nicht zu Sturesjö, als Jacobo dort anlangte, und können folglich auch von dem, was zur Sprache kam, keine Rechenſchaft geben. Wir wiſſen blos, daß beide um Mittag ſich nach Kungsborg begaben, und daß Conſtanze's Wunſche gemäß die Verlobung bis zu ihrem Geburtstag, dem zwanzigſten December aufgeſchoben wurde. In einem Briefe an Olga hatte Conſtanze dieſer von ihrem bevorſtehenden Glücke Mittheilung gemacht. Die Nachricht hievon war für Olga eine Quelle der Freude geweſen, weil ſie nun das für ihr Herz ſo tröſtliche Bild einer freudenreichen Zukunft für die Schweſter beſaß. Sie erachtete es indeſſen als über⸗ flüſſig, Evert hievon in Kenntniß zu ſetzen, bevor eine förmliche Notifikation erfolgte. Sie ahnte nur allzuwohl, welche häusliche Hölle daraus für ſie entſtehen würde. 318 Dennoch ſah es aus, als ob das Schickſal ein für allemal beſchloſſen hätte, daß Conſtanze nicht Jacobo's Frau werden ſollte, denn er erkrankte ſchwer und ſo bedenklich, daß man für ſein Leben beſorgte. Mitten in dieſer Angſt und Verzweiflung erhielt Conſtanze Jvars und Everts Briefe. Ihre Freund⸗ ſchaft für die Schweſter und ihre Liebe zu Jacobo hatten einen gefährlichen Kampf mit einander zu beſtehen. Es iſt ungewiß, welche von beiden den Sieg davon getragen hätte, wäre nicht eine leichte Beſ⸗ ſerung in Jacobo's Krankheit eingetreten, welche für den Augenblick zu einiger Hoffnung berechtigte. Voll Angſt um das Theuerſte, was ſie auf Erden hatte, reiste Conſtanze ab. Die Ereigniſſe, welche bei ihrer Ankunft in der Hauptſtand eintraten, kennen wir. Nach Everts ſchrecklichem Ende kehrte Conſtanze nach Sturesjö zurück, und hier kam ihr die frohe Nachricht entgegen, daß Jacobo außer aller Gefahr ſich befände. XIVIII. Zwei Jahre waren ſeit Axelhjelms Ermordung verfloſſen, und noch hatte Olga weder Sturesjö noch Kungsborg beſucht. Sie war nach Auseinanderſetzung von Cveris Angelegenheiten nach Dalekarlien aufge⸗ brochen und bei einem dort anſäßigen Oheim abge⸗ ſtiegen. Von ihrem ganzen Vermögen blieben, als alle Schulden bezahlt waren, nur zehntauſend Reichs⸗ thaler übrig. Alle Anerbietungen Conſtanze's, das ihrige zu theilen, wies Olga mit Beſtimmtheit zurüc — 319 und antwortete, ihr nunmehriges Beſitzthum reiche für ihre kleinen Bedürfniſſe vollkommen aus; ſie verabſcheue das Geld, ſetzte ſie hinzu, und wünſche nur ſo viel zu haben, daß ſie ohne Sorge leben könne. Ebenſo lehnte ſie Conſtanze's Einladung, nach Sturesjö zu kommen und ihren Aufenthalt daſelbſt zu nehmen, entſchieden ab und ſchrieb in einem ihrer Briefe: „Jetzt, nach allem dem Gräßlichen, das ich erlebt habe, in jene Gegenden zurückzukehren, wo ich die Verbindung mit dem unglücklichen Evert anknüpfte, widerſtrebt mir ganz und gar. Laß mich darum meiner eigenen Neigung folgen und meinen Wohnſitz auf einen ganz fremden Boden verlegen, wo mich Nichts an die Vergangenheit erinnert. Wenn der Eindruck derſelben durch die Zeit erbleicht iſt, komme ich ſchon nach Sturesjö und Kungsborg zurück.“ Ein Jahr nach Everts Tod wurde Jacobo's und Conſtanze's Hochzeit zu Sturesjö gefeiert, worauf letztere widerum dieſe ihre Heimath verließ, um nach Akersnäs überzuſiedeln. Das Einzige, was Conſtanze an dieſem Feſttage ihres Glücks bekümmerte, war, daß ſie Olga miſſen mußte; aber deren freundlicher Brief tröſtete ſie einigermaßen über dieſen Verluſt. An einem ſchönen und ſonnigen Junitage, andert⸗ halb Jahre nach Conſtanze's Hochzeit hielt ein kleiner, anſpruchsloſer Reiſewagen am Gitterthore zu Kungs⸗ borg, und eine junge Dame ſtieg aus. Der nun ſiebzigjährige Eklund geleitete dieſelbe, um ſie an⸗ zumelden. „Beſter Herr Eklund, melden Sie mich nicht an!“ ſprach die kleine Dame mit einem friſchen und 320 heitern Lächeln.„Ich möchte durchaus die Frau Gräfin überraſchen.“ „Hm!“ erwiederte der Alte und ſah ganz un⸗ ſchlüſſig aus. „Nur dieſes einzige Mal,“ ſetzte jene hinzu, warf, ohne demſelben weitere Bedenkzeit zu laſſen, Hut und Mantel ab, eilte mit leichtem und laut⸗ loſem Schritt nach dem Salon und ſchob die Thür⸗ gardine zur Seite. Sie ſteckte den Kopf hinein und warf einen raſchen Blick in dem großen Gemach herum, welches ſich vollkommen gleich geblieben war. Auf dem kleinen Sopha vor der Glasthüre, welche auf die Terraſſe hinaus führte, ſaß Stephana; ſie beugte ſich auf ein Buch nieder, in welchem ſie las. Leiſe wie ein Geiſt ſchlich die kleine Dame durch den Salon und ſtellte ſich hinter Stephana auf. Dann hielt ſie plötzlich dieſer die kleinen Hände vor die Augen und rief mit verſtellter Stimme: „Sage ſogleich, wer ich bin!“ „Conſtanze!“ antwortete Stephana. Darauf erfolgte ein friſches, helles Gelächter, welches viel zu charakteriſtiſch war, als daß man es vergeſſen konnte. „Olga!“ rief jetzt Stephana und ſprang auf. Im nächſten Augenblick war ſie von Stephana's Armen feſt umſchloſſen. Conſtanze erhielt gegen Mittag durch einen Boten die Einladung, nach Kungsborg zu kommen, da die Gräfin Frau Lange etwas Wichtiges mitzutheilen hätte. Man war übereinkommen, daß Olga bei Con⸗ ſtanze's Ankunft nicht ſichtbar ſein ſollte; deßhalb 321 hielt ſich dieſelbe in einem Cabinet neben dem Salon verborgen. Als Conſtanze bei Stephana eintrat, ſagte ſie lachend: „Ich fürchte, meine beſte Stephana, das Wich⸗ tige, was Du mir zu melden haſt, beſteht blos darin, daß Du von Langeweile geplagt biſt und meine Anweſenheit wünſcheſt, um Dir Zerſtreuung zu bereiten. Der Onkel iſt wohl auf eine halbe Stunde fortgegangen, und dieß macht Dich untröſtlich.“ „Du irrſt Dich; ich habe gar keine Langeweile, und Hermann kommt eben, wie Du ſiehſt,“ erwie⸗ derte Stephana, indem ſie auf ihren Mann deutete, welcher gerade eintrat. „Nun, was iſt es dann?“ fuhr Conſtanze fort, indem ſie in einem Fauteuil Platz nahm und ſo⸗ mit dem Cabinet den Rücken zukehrte. „Ei, ich habe einen Brief von Olga erhalten, welche nun in vollem Ernſt ſich in Dalekarlien nie⸗ derzulaſſen gedenkt und dort ein kleines Beſitzthum durch Kauf erwerben will.“ „Liebe Stephana, das iſt eine ſo unangenehme Neuigkeit, daß Du damit wohl noch hätteſt warten können. Ich begreife wahrhaftig Olga nicht, daß ſie ſo getrennt von ihrer einzigen Schweſter zu leben vermag.“ „Iſt Olga's Benehmen ſeltſamer als das Deinige. da Du ſechs Jahre im Auslande herumreisteſt und ſie hier ließeſt. Damals waret ihr durch einen viel größern Abſtand von einander getrennt.“ „Das war etwas ganz Anderes. Ich ging einer unglücklichen Liebe aus dem Wege; ich wollte Allem entfliehen, was mich an ihn erinnerte.“ Schwartz Arbeit adelt den Mann. II. 21 322 „Nun, nun, Jedermann hat ſeine Gründe. Ich wollte Dir aber jetzt noch den Vorſchlag machen, über Pfingſten eine Luſtreiſe nach Dalekarlien zu unternehmen, um Olga zu begrüßen; biſt Du dabei?“ „Ach ja, und um ſo mehr, als wir, Lange und ich, uns bereits vorgenommen hatten, die Erzland⸗ ſtreicherin aufzuſuchen.“ „Welche nun Dich aufgeſucht hat,“ flüſterte eine Stimme hinter Conſtanze, und ein Arm legte ſich um ihren Hals. XLIX. Am folgenden Morgen— es war ein Sonntag — wanderte Olga durch den Wald nach der ehe⸗ maligen Köhlerhütte. Daß dieſelbe an Jvar ver⸗ kauft und in eine ſchöne Wohnung verwandelt worden war, davon beſaß Olga noch keine Kenntniß. Conſtanze, von ihrem Glück und ihrem Gatten allzu⸗ ſehr in Anſpruch genommen, hatte deſſen in ihren Briefen nicht mit einem Wort erwähnt. Während Olga ſo dahin ging, fühlte ſie ſich wahrhaft glücklich, wiederum in dieſer ihrem Herzen ſo theuren Gegend zu weilen, wo Alles ſie an die Träume der erſten Jugend erinnerte, welche für je⸗ den Menſchen einen ſo großen Werth haben. Es kam ihr vor, als ob die ganze beſchwingte Sänger⸗ ſchaar, welche rund umher ihren Chor anſtimmte, ſie willkommen hieße, und jeder Baum und jeder Buſch ihr einen freundlichen Gruß zunickte. Als ſie an den Kreuzweg kam und rechts abbog, blieb ſie wie verſteinert ſtehen. War es eine Sin⸗ nentäuſchung, oder Wirklichkeit, was ſie vor ſich ſah? — 323 Die kleine Huͤtte war verſchwunden, und da ſtand ein nicht ſehr großes, ſchönes Landhaus, in Schwei⸗ zerſtyl erbaut, mit einer einladenden Veranda und umgeben von einem neuangelegten Garten, welcher von einem Staket umſchloſſen war. „Ach, mein Gott?“ dachte Olga,„was für ein unglücklicher Einfall von Conſtanze, hier ein ſolches Haus hinzubauen. Man wird ſehen, ſie hat mein Gebüſch zerſtört, welches ſo viele Jahre und zu allen Zeiten der einzige Vertraute meines Herzens geweſen.“ Sie ging weiter bis an das Staket und entdeckte da zu ihrer großen Freude das theure Gebüſch, in deſſen Schatten eine kleine grün angeſtrichene Bank ſtand. Sie legte die Hand an das Gitterthürchen, um hinein zu gehen, als Jemand aus der Veranda heraustrat. Olga rührte ſich jetzt nicht von der Stelle. Vor ihr ſtand Jvar. „Sie hier!“ rief er.„Ich wagte kaum, meinen Augen zu trauen, und dennoch war ich überzeugt, daß Ihre erſte Walfahrt hieher gerichtet ſein würde die Köhlerhütte hat ſich in die Schmiedswohnung verwandelt.“ Er führte ſie zu der kleinen Bank neben dem Gebüſch. „Dieſes Haus gehört alſo....“ „Mir,“ fiel Jvar lächelnd ein. „Ach! Ich ſollte wirklich böſe auf Sie werden, daß Sie mir zuvorgekommen ſind. Ich bin einzig hieher gereist, um den Platz meiner Schweſter ab⸗ zukaufen.“ 21* * 324 „In dieſem Fall werden Sie ihn wohl mir abkau⸗ fen müſſen,“ erwiederte Jvar ſcherzend.„Ich fürchte nur, daß es Ihnen nicht gelingen wird, mich zu dieſem Verkauf zu bereden.“ „Aber mein Herr, wer gab Ihnen das Recht, auf ſolche Art meine Pläne zu durchkreuzen?“ „Wer?— mein Herz, welches mir ſagte, daß Eines von uns, entweder Sie oder ich, im Beſitz dieſer Stätte, welche nur für uns beide einen Werth hatte, ſein müßte. Ich kaufte dieſelbe drei Monate, nachdem Sie dieſe Gegend verlaſſen; ich bin ſomit ſchon über drei Jahre Eigenthümer davon.“ „Und mein Gebüſch haben Sie ſich auch zugelegt?“ „Ganz und gar nicht; ich habe es blos in die Einfriedigung hereinnehmen laſſen, welche alle die Erinnerungen, die an meine gegenwärtige Heimath geknüpft ſind, in ſich ſchließt. Sie ſitzen jetzt im Schatten deſſelben, auf der Bank, welche Sie er⸗ wartete.“ „Sie glaubten alſo, daß ich wiederkommen würde?“ „Ich glaubte es nicht, denn der Glaube iſt nur eine erhabene Unkenntniß; ich wußte es.“ „Wie konnten Sie deſſen ſo ſicher ſein?“ „Weil ich Ihr Herz nach dem meinigen beur⸗ theilte.“ „Ich verſtehe Sie nicht.“ „Nicht?“ wiederholte Jvar, ihre Hand faſſend. „Nun wohl, ſo will ich mich erklären. Ich wußte, daß der arme Jvar, in deſſen Geſchick Sie ſo mächtig eingegriffen hatten, Ihnen lieb geworden war.“ Olga gab keine Antwort darauf. „Und deßhalb erwartete er Sie hier. Habe ich mich geirrt?“ —— — —————— 325 „Ich bin zum Widerſprechen nicht geneigt,“ ent⸗ gegnete Olga und ſtand auf, ohne ihre Hand aus der Jvars zurückzuziehen.„Begleiten Sie mich nach Kungsborg.“ „Ja, wenn Sie mir zuerſt eine Frage beant⸗ worten.“ „Laſſen Sie hören.“ „Was halten Sie von Schmiedshütte? Gefällt Ihnen?“ „Sehr wohl!“ „Und wenn ich es Ihnen böte, würden Sie die Gabe annehmen?“ „Ich glaube ſo. Aber nun wollen wir uns nach dem ſtolzen Herrenſitz begeben.“ „Um eines Tags hieher zurückzukehren,“ ſchloß Jvar, indem er Olga's Hand in ſeinen Arm legte, 6 und unter heiterem Geſpräche ſpazierten ſie durch den Wald dahin. L. Am Nachmittage ſaßen alle zuſammen unter den Linden im Hofe, als Bengt in ſeinem beſten Sonn⸗ tagsanzug an dem Gitterthor erſchien, welches ihm ſofort geöffnet wurde. Er ging ganz dreiſt auf die verſammelten Herrſchäften zu. Lange, welcher zuerſt ſeiner anſichtig wurde, äußerte: „Ich bin recht neugierig, was es gibt, daß mein braver Meiſterſchmied in feſtlichem Putze daherkomm⸗ und ſeine Frau an einem Sonntagsnachmittag da heim gelaſſen hat.“ Jetzt ſtand Bengt mit einer Verbeugung vor ihnen. 326— „Ich bitte gehorſamſt um Entſchuldigung, daß ich ſo gradaus in den Herrenhof komme; aber ſehen Sie, es war mir akkurat unmöglich, nicht hieher zu gehen und zu fragen, ob die Herrſchaften ſchon die Zeitungen aus der Hauptſtadt, welche heute morgen angekommen ſind, geleſen haben.“ „Als der Graf dieſe Frage verneinte, nahm* Bengt in einem Tone, welcher von innerer Bewe⸗ gung zeugte, wieder das Wort: „Nun die Sache verhält ſich ſo: jener Bube, der Ström oder Stangbom, welcher wegen Ermordung des Barons Axelhjelm zum Tode verurtheilt wurde, hat kurz vor ſeiner Hinrichtung ein Geſtändniß ab⸗ gelegt, welches... welches.... Herr Gott, ich weiß nicht, was ich vor lauter Freude thue, denn ſehen Sie, es ſteht in allen Zeitungen, daß.... daß. Jvar an dem Morde der alten Frau voll⸗— kommen unſchuldig iſt.“ „Bengt!, rief Jvar und ſprang auf;„was ſagſt Du?“ „Daß alle Zeitungen erklären, es ſei von Stang⸗ bom eingeſtanden worden, er allein habe, während der Lehrling Jvar, der bei ihm wohnte, im Schlafe lag, die alte Frau ermordet, aber es ſo einzurichten gewußt, daß es ausſah, als ob der Knabe es ge⸗ than hätte.— Und nun wollte ich gern der Erſte ſein, der dem Herrn Werkmeiſter die Kunde hievon brächte.“ Bengt ſchüttelte Jvar die Hand, und beide waren ſo erregt, daß ſie eine Zeit lang kein Wort hervor⸗ zubringen vermochten. „Mit Verlaub,“ begann endlich Bengt wieder, 6 —,,— ———— 327 „es iſt für mich ein wahrer Feſttag, darf ich ſagen und ſehen Sie, hier kann der Herr Werkmeiſter ſelbſt leſen, wie ungemein hübſch die Zeitungen von der Sache reden. Ja, man könnte ſich verſuch fühlen, recht ordentlich zu weinen, ſo ſchön ſteht en da geſchrieben.“ Bengt reichte Jacobo die Zeitungen hin und deutete auf einen Artikel ungefähr folgenden Inhalts: „Wir erachten es für Pflicht, das vorſtehende Geſtändniß des armen Sünders mitzutheilen, damit auch kein Schatten von Verbrechen mehr anf dem unſchuldig Angeklagten und Verdächtigten bleibe. und ſprechen die Hoffnung aus, daß, wo auch der ehemalige Lehrling Jvar ſich aufhalten möge, dieſe öffentliche Anerkennung ſeiner vollkommenen Unſchuld an jenem abſcheulichen Morde ihm vor Augen kom men werde.“ Den Tag darauf ließ Bengt alle ſeine Ka⸗ meraden bitten, ſich in der Werkſtätte im Erdgeſchoß zu verſammeln; hier las er Ihnen mit lauter Stimme die öffentliche Freiſprechung ſeines jungen Freundes von aller Theilnahme an der Ermordung der Jungfrau Greta vor. Drei Monate ſpäter hatte Bengt die Freude, auf Jars Hochzeit zu tanzen. Der Meiſterſchmied hatte an Vatersſtelle ſeinen frühern Schützling in den Brautſtuhl geführt, als dieſer und Olga ihre Ge⸗ ſchicke vereinten. Die Hochzeit fand zu Akersnäs ſtatt, und alle Arbeiter waren dazu eingeladen. In der mit Laub und Blumen verzierten großen Werk⸗ ſtätte wurde das Mahl für alle dieſe Gäſte aufge⸗ tragen, welche ſich Alle mit dem geachteten und 328 hochgeſchätzten Werkmeiſter mehr oder weniger ver⸗ wandt zu ſein einbildeten. Am Abend fuhr das Brautpaar heim nach Schmiedshütte, welches der Fleiß erbaut und nun die Liebe geſchmückt hatte. Zehn Jahre ſpäter war Jvar Lange's Com⸗ pagnon und für ſeine Erfindungen mit dem Waſa⸗ orden belohnt worden. Er war ein Mann, geehrt von ſeinen Mitmenſchen, glücklich und geliebt in ſeiner Familie. Schmiedshütte war fortwährend die Heimath der beiden Gatten. Jvar war und blieb ſtets der hurtige und fröh⸗ liche Arbeiter, mit unverdorbenem Herzen und ein⸗ fachen Gewohnheiten, und Olga ſtand an ſeiner Seite als die friſche, frohe, lächelnde Hoffnung, ein Bild der wahren Poeſie des Lebens. Kurt arbeitete ſtets mit gleicher Unermüvlichkeit. Erſt nachdem er durch eigene Arbeit ſich ſo viel er⸗ worben hatte, um ſeines Vaters Beſitzthum, Hjelmdal wieder an ſich kaufen zu können, beſchloß er ſich zu verheirathen. Die Wittwe des Oberſts Wielki wurde Kurts Frau. An demſelben Tage, da Kurt den Kauf von Hjelmdal abſchloß, wurde Stahlhammer, Beſitzthum des Barons. auf Rechnung ſeiner Gläu⸗ biger im Aufſtreich verſteigert. Einige Zeit darauf ſtarb der alte ausſchweifende Edelmann. Sein Sohn Knut hatte Schulden halber ſich aus dem Staube gemacht, und was es mit ihm für ein Ende nahm, vermögen wir nicht anzugeben. Ende. ſſſſſſſſſſſſſſſſſſſiſſſſ T 8 9 10 12 3 1 15 1