Leihbibliothek f deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Liter Eduard Ollmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seiß un Seſebedingungen. pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von 2 torgens 7 Uhr bis Abends 8 offen. . Lesepreis. Bei ückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenvmmen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe egen⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Büchen: 6Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Wr.— Pf. 5 Auswärtige abonnenten haben für Hin und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeibſt zu forgen. 3 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, ſen„verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Lat npreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder deferte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſiattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ———— — 1. Offensein der Bipliothek. Die Bibliother ſteht zur Em⸗ — Hiſtoriſch-romantiſche Gem aͤhlde, von S„ Erſter Band. Das Verhaͤngniß. Erſter Theil. Dresden und Leipzig, 1826. In der Arnoldiſchen Buchhandlung. Das Verhaͤngniß. —— Eine Geſchichte aus dem vierzehnten Jahrhundert. — Erſter Theil. 1. Des große Turnier, welches Koͤnig Richard der Zweite am Sonntage nach dem Feſte des heiligen Michael, im Jahre 1390, zu London zu beginnen gedachte, war durch den Waffenkönig und deſſen Gehuͤlfen in aller Herren Landen ausgerufen. Es ſollte ſogar die ſeltenen Feierlichkeiten hinter ſich laſſen, womit ein Jahr fruͤher der Einzug Iſa⸗ bellens von Baiern, als Koͤnigin, in Frankreichs Hauptſtadt geſchmuͤckt worden, und von denen das Geruͤcht zu ſprechen, noch immer nicht ermuͤ⸗ dete. Schon mehrere Wochen zuvor belebte ein ſeltener Glanz die anſehnliche Stadt. Die pracht⸗ vollen Einzuͤge der Fuͤrſten, Grafen und Herren draͤngten ſich vom Morgen bis in die Nacht. An allen Herbergen und vielen andern Haͤuſern, wo vornehme Turnierluſtige ihre Wohnung aufge⸗ ſchlagen, ſtralten ihre und die Wappen der Ritter 4 und Knappen des Gefolges, dabei flatterten Fah⸗ nen, mit den Farben des erlauchten Turniergaſtes, wenn dieſer von fuͤrſtlichem Stande war. Am Morgen des Feſtes ſelbſt, ſtroͤmte Jung und Alt, nach gehaltener kirchlicher Andacht, dem Platze Smithfield zu, wo das Ritterſpiel gehalten werden ſollte, und die Schaugeruͤſte ſchon am Sonnabend aufgerichtet worden. Nach Mittag fuͤllten ſich dieſe immer mehr mit Damen, an Kleiderpracht und koͤſtlichem Geſchmeide wetteifernd. Dann zog zu Pferde eine Schaar blaſender Trompeter in die Schran⸗ ken. Ihnen folgte auf einem mit Gold geſtick⸗ tem Gewonde uͤberhangenen, hohen, weißen Roſſe der Ehrenritter, in blankem Stahl und völli⸗ gem Turnierſchmucke, das weißſeidene, zierlich geſtickte Gnadentuch*) an ſeiner Lanze. An ihn ſchloſſen ſich die drei Turnierrichter auf ſchwarzen Roſſen, weiße Staͤbe in ihrer Rechten haltend. *) Der Zweck dieſes Tuches war, daß der hiermit von den Damen beehrte Ritter durch Senkung deſſel⸗ ben uͤber jeden Turnierer, der aus Unwiſſenheit oder Einfalt gegen die Turniergeſetze gefehlt hatte, ihn un⸗ ter den Schutz der Damen ſtellte, damit er nicht ge⸗ ſchlagen wuͤrde. 5 Und hinter ihnen her ritt der Waffenkönig mit blitzendem Goldgewande. An dieſem war nebſt den Schildern der Turnierrichter, auf Pergament zierlich gemalt, das Bildniß des Koͤnigs von Eng⸗ land auf einem Turnierroſſe befeſtiget. Der Zug ging einige Mal in den Schroaken herum, wobei die Spannung der Seile unterſucht, auch das ſonſt zu Haltung des Ritterſpiels Erforderliche be⸗ ruͤckſichtigt wurde. Hierauf nahmen die Turnier⸗ richter dem Ehrenritter den Helm ab, der Waf⸗ fenkoͤnig trug ihn zu einem der Geruͤſte der Da⸗ men, dieſe bittend, ihn waͤhrend des Kampfſpiels aufzubewahren. Dort ward er von einem Adli⸗ chen auf einem Lanzenſchafte in die Hoͤhe gehal⸗ ten. Und nun verließen die Richter ihre Pferde und beſtiegen ihr Geruͤſt, waͤhrend der Ehrenrit⸗ ter auf ſeinem Roſſe zwiſchen den Seilen Platz nahm. Späterhin erſchienen, aufgerufen durch die Herolde, von allen Seiten die fremden Herren mit ihrem glaͤnzenden Gefolge. Als eine beſon⸗ dere Eigenheit des Tages aber bewegte ſich, mit ſtolzem, feierlichem Schritte, aus dem alten Koͤ⸗ nigsſchloſſe ein Zug von ſechszig, zum Ritterſpiele ausgeruͤſteten, mit glaͤnzenden Zeugen und Wap⸗ 6 penſchildern behangenen, edeln Roſſen, auf deren jedem ein reichgeſchmuͤckter Knappe ſich befand. Dieſer Zug war aber nur der Vorlaͤufer eines andern von ſechszig Fräulein, ebenfalls auf praͤch⸗ tigen Roſſen, und von Silber, Gold, Perlen und Edelgeſtein ſtralend. Jede von ihnen fuͤhrte an ſilberner Kette einen ſchon ganz zum Turnier aus⸗ geſtatteten Ritter. So ging es Schritt vor Schritt, unter Muſik, Trompetenſchall und Volks⸗ jubel, durch die anſehnliche Stadt. Die reichſten Seidenzeuge und Teppiche verkleideten die Haͤu⸗ ſer, und die mit Zuſchauern aller Art vollgefullten Fenſter boten ein anderes, reichbelebtes und noch mannichfaltigeres Schauſpiel dar. Der Platz Smithfield war das Ziel des Zu⸗ ges. Auf den mit den reizendſten Frauen ge⸗ ſchmuͤckten und reichverzierten Schaugeruͤſten er⸗ wartete ihn ſchon die Koͤnigin von England, wel⸗ cher ihr Gemahl, fuͤr diesmal die thätige Theil⸗ nahme an dem Ritterſpiele aufgebend, zur Seite trat. Den Damen, an deren Ketten die Ritter gingen, halfen ihre bereits daſelbſt harrenden Leute von den Roſſen und geleiteten ſie an die Treppe der ähnlichen, fuͤr ſie aufbewahrten Ehrenplaͤtze. Die Ritter aber ſchwangen ſich auf die Roſſe, 5 5 7 welche die Ehrenknappen verlaſſen hatten und jetzt erfurchtsvoll ihnen darboten. Nun wurden ſie auch mit Helmen verſehen und zum Turniere vol⸗ lends fertig gemacht. Unter den fremden Rittern, welche hier ſich einfanden, war auch der Schwager des Koͤnigs Richard, der Graf Valerian von St. Paul, aus Frankreich, mit einem uͤberaus glanzvollen Gefolge von Rittern und turnierfaͤhigen Adelichen. Er be⸗ gann den Ehrenkampf und erhielt, weil er eine ſeltene Fertigkeit in den Ritterkuͤnſten bewies, Abends im Palaſte des Biſchofs von London, wo die Koͤnigin ein Mahl veranſtaltet hatte, den Dank, in einer koͤſtlichen goldenen Krone beſte⸗ hend. Das Mahl war ein froͤhlicher Wiederhall der uͤberaus glänzend ausgefallenen Waffenthaten, welche dieſen Turniertag unvergeßlich machten. Ein neues Leben ertheilte ihm noch ſpaͤt die An⸗ kunft des jungen, ruͤſtigen Grafen von Oſtrevand, aus Hennegau, und bei dem bis gegen Tagesan⸗ bruch dauernden Tanze ging die hoͤchſte Anmuth und Zierlichkeit mit einer recht einmuͤthigen Freude Hand in Hand. 8 2. Zu den Wenigen, deren Stimmung der all⸗ gemeinen Luſt auffallend widerſtrebte, gehoͤrte eine der Ehrendamen der Koͤnigin, das ſiebzehnjährige Fraͤulein Katharina Nurſey. Ihr ſchoͤner, voller Wuchs, vom innern Sturme getrieben, kaͤmpfte ſichtbar mit dem knapp anliegenden ſeidenen Kleide, deſſen Karmoiſinroth und reiche Goldſtickerei das Einzige ſchien an ihr, was zu dem heitern Cha⸗ rakter des Feſtes und der allgemeinen Froͤhlichkeit paſſen wollte. Duͤſter ſtarrte aus dem ſtolzen, feingebildeten Geſichte, das dunkle, ſonſt nur Luſt und Liebe verkuͤndende und erweckende Auge in das muntere Tanzgewuͤhl. Unwillkuͤhrlich faßte von Zeit zu Zeit ihre, mit koſtbaren Ringen reich beladene, Hand eine der glaͤnzenden, ſchwarzen Locken ſo heftig, als wolle ſie ſich ſelbſt dieſer Zier⸗ den gewaltſam berauben. Einer im Starrkrampfe fuͤr Todtgeachteten aͤhnlich, die von den weinen⸗ den Ihrigen auf das Koͤſtlichſte geſchmuͤckt zum letzten Male dem Auge der Lebenden ausgeſtellt wird, ſchien ſie mit Schaudern dem Lebendigbe⸗ grabenwerden entgegen zu ſehen. Denn was konnte ihr, die mit Herz und Sinnen an den Genuͤſſen v ——— der Jugend hing, und ſich ſolche ohne den ſchoͤ⸗ nen Arthur Oldſon gar nicht zu denken vermochte, was konnte das Leben ihr anders ſeyn, als ein qualvolles Grab, wenn die Furcht gegruͤndet war, daß dieſer Ritter, den ſie noch bei Eroͤffnung des Zuges viel feſter an ihren wirklich ſeltenen Reizen, als an der ſilbernen Kette zu halten glaubte, und als deſſen Verlobte ſie ſich betrachtete, ihr viel⸗ leicht fuͤr immer abtruͤnnig wurde? Schon im Zuge hatte ſie mit Schrecken bemerkt, daß ſein Blick plotzlich haften blieb an einem der Fenſter, aus dem die großen blauen Augen eines lieblichen Fraͤuleins mit goldenem Haar gleichfalls ihm al⸗ lein vom ganzen Zuge ſich zu widmen ſchienen. Ferner entging ihr nicht, als ſie waͤhrend des Turniers die Blicke des geliebten Arthur mit den ihrigen verfolgte, wie ſie voll Inbrunſt an derſel— ben reizenden Blondine hingen, welche in einem violetten Atlaskleide, mit zuruͤckgeſchlagenem wei⸗ ßen, ſilbergeſtickten Schleier, auf einem der praͤch⸗ tigſten Schaugeruͤſte, unter den Damen der Grä— fin von St. Paul ſich befand. Je mehr nach gehaltenem Turniere, im Pa⸗ laſte des Biſchofs, Katharinens Stolz daruͤber ge⸗ wacht hatte, daß ihr Argwohn ſich nicht gegen 10 den ihr dienenden Ritter ausſprach, deſto unbe⸗ ſorgter forſchte dieſer allenthalben nach der franzo⸗ ſiſchen Dame und deſto weniger verbarg ſich ſein Unmuth uͤber ihre Abweſenheit. Nun erſt fragte die tiefgekraͤnkte Katharine, was ihm fehle, und bezwang nur mit Muͤhe den Ausbruch ihrer Eiferſucht, als er Unwohlſeyn fuͤr die Urſache ſeines ploͤtzlichen Verlaſſens des Feſtes angab. Die Gleichguͤltigkeit, mit der es geſchah, die Kaͤlte ſodann beim Abſchiede von ihr, ließen ſie ziemlich auf ſeinen innern Zuſtand ſchließen. Sie ſelbſt blieb einzig darum beim Feſte, um nicht den Verdacht zu erregen, als ob ſie ſeinetwegen demſelben ebenfalls entſagt habe. Da bedachte ſie endlich, daß dieſes Bleiben ihr nur zu noch größerer Schmach gereichen koͤnne, wenn es ihr nicht gelaͤnge, ihrer tobenden Ge⸗ fuͤhle, wenigſtens dem Anſcheine nach, Meiſter zu werden. Als daher jetzt der ſchoͤne Graf von Oſtrevand ſie zum Tanze aufforderte, gab ſie, zu großem Befremden der bis dahin von ihr zuruck⸗ gewieſenen Ritter, ſeinem Wunſche nach. Und die Zierlichkeit ihres Tanzes bezauberte das Auge aller Anweſenden, auch erbot ſie ſich, unter dem Vorgeben, daß die Krankheit, ſo ſie vorhin am 11 Tanze verhindert, ſie ziemlich verlaſſen habe, Meh⸗ rern, die ihr uͤber jene Zuruͤckweiſung vorzuͤglich beleidigt ſchienen, ihre Bitte nunmehr gern zu er⸗ fuͤllen. Einer von dieſen, ein flandriſcher Ritter im Dienſte des Grafen von Oſtrevand, Fabian von Auvert mit Namen, die kraͤftigſte Mannsge⸗ ſtalt vielleicht unter allen Anweſenden, empfand nur alsbald tief im Herzen den Stachel dieſer lieb⸗ lichen Roſe, welche das Feuer des Tanzes bis zur Glut der Granatbluͤte erhoben hatte. Sehnſuchts⸗ voll irrte ſein Blick durch die mannichfachen Ver⸗ ſchlingungen der reichgeſchmuͤckten Paare ihr nach, von den vielen zuweilen dazwiſchentretenden weib⸗ lichen Schoͤnheiten nur geargert, nicht angezogen, und als er endlich ſelbſt des Gluͤckes genoß, ihr Tanzgefaͤhrte zu werden, da berauſchte ſein Auge ſich dergeſtalt im Glanze des ihrigen, daß er zu⸗ letzt auf ein Knie niederſant vor ihr, und ſie um die feuerfarbene Schleife flehte, welche, aus ihrem ſchwarzen Haare herabgeflattert, er ihr ſo eben uͤberreichte. Nicht das, Herr Ritter— antwortete ſie mit bezaubernder Freundlichkeit— es koͤnnte nur Anlaß zu falſcher Auslegung geben. Auch duͤnkt mich das Angedenken zu gering. Traget aber, 12 wenn es euch ſo beliebt, die Farbe dieſer Schleife beim Lanzenbrechen des morgenden Tages. Erra⸗ thet ihr dann den Ritter, mit dem ihr euch nach meinem Wunſche zu meſſen habt, und gelingt es euch, ihn aus dem Sattel zu heben, ſo bleibt euch ein Ring von meiner Hand zum Danke gewiß. Es lag aber in dieſem Verneinen des Erbe⸗ tenen beinahe eine groͤßere Huld, als in der Ge⸗ waͤhrung. Daher druckte der Ritter die ſchoͤne Hand Katharinens an ſeine Lippen und ſprach: Dame, ich danke euch im Voraus fur ſolch eine hohe Gunſt. Gebe nur Gott, daß ich den rech⸗ ten Mann nicht verfehle! Euer Scharfſinn, Herr Ritter— antwortete Katharine— wird euch dabei gute Dienſte leiſten. Der Graf von Oſtrevand, der ſchon einige Zeit beobachtend in der Nähe geſtanden hatte, trat jetzt hervor. Laſſet mir euer Herz nicht in London, Herr Fabian! ſprach er laͤchelnd. Wir werden es bald vermuthlich in Friesland noͤthig haben. Solltet ihr aber den Stern, nach deſſen Lichte ihr ſtrebt, unſerer Heimath gewinnen koͤnnen, ſo wuͤrdet ihr euch damit einen neuen Anſpruch auf meine Dank⸗ barkeit erwerben. 13 Ihr laſſet mir unverdiente Huld widerfah⸗ ren, gnaͤdiger Herr— ſprach hocherroͤthend das Fraͤulein.— Es war unter uns nicht von Her⸗ zen, ſondern vom morgenden Turniere die Rede. Wie haͤtte ich ſolch einem edeln Ritter verweigern moͤgen, dabei meine Farbe zu tragen, warum er mich bat? Die glatte, kalte Hoͤflichkeit in Katharinens Ton und Miene ſetzte dem forſchenden Scherze des Grafen auf der Stelle ein Ziel, und verletzte zugleich Auverts Herz auf das Empfindlichſte. Aber der an Zaͤrtlichkeit hinſtreifende Blick, mit dem ſie ihm ſpaͤterhin im Voruͤbergehen die Worte zufluͤſterte: Vergeſſet auch nicht, was ihr auf morgen mir angelobtet! verguͤtete ihm Alles wie⸗ der mit Einem Male. 3. Die ſpaͤte Heimkehr machte, daß, als die⸗ Sonne ſchon hoch am Himmel ſtand, der Schlaf noch das ganze Haus des Herzogs von Hereford feſſelte. Nur in der Wohnung ſeines Vertrauten, Arthurs Oldſon, hatte er laͤngſt ſeine Kraft ver⸗ loren. Den Blick tief verſenkt in den mit Sil⸗ ber reichgeſtickten, von Perlen umſäumten, weißen 14 Schleier in ſeiner Hand, ſchien dem Ritter das Geſicht des Fraͤuleins, uͤber deren blondem Gelock er ihn am Tage zuvor zuruckgeſchlagen geſehen, immer lebendiger vor die Seele zu treten. Die⸗ ſer Tag war ihm der Eintritt in ganz neue, ſeli⸗ gere Zeit geweſen. Sein Leben hatte mit ihm den Anfang einer ſchoͤnern Geſtaltung gewonnen. Schon waͤhrend des Turniers erfuhr er, daß ſie keine Franzoͤſin, ſondern Blanca, die Tochter Ro⸗ berts von Wellmoore war, des Ritters der Gra⸗ fin von St. Paul, welcher dieſe nach Frankreich begleitete, als ſie ihrem Gemahl dahin folgte. Sein durch ihre Reize wie bezaubertes Herz hatte keine Raſt, da er ſie und ihren Vater in der Abendverſammlung vermißte. Es riß ihn hinweg nach Wellmoore's Wohnung, wo er die Rechte ſeiner ziemlich entfernten Verwandtſchaft mit dem Ritter geltend zu machen dachte. Dieſer war hoch erfreut uͤber den Sohn ſeines Waffenbru⸗ ders, welcher, toͤdtlich verwundet in der Schlacht gegen die Schotten, an ſeiner Bruſt den Geiſt aufgegeben hatte. Mit den Geſichtszuͤgen des be⸗ trauerten Freundes, welche in dem Sohne ſo eben verſchoͤnert vor ihm ſtanden, belebte ſich gar manche Erinnerung an die mit dem Vater ge⸗ 3 15 meinſchaftlich verbrachte Vergangenheit. So ge⸗ ſchah es, daß zwei Männer, die ſich fruͤher nur wenig geſehen und geſprochen hatten, Trotz dem Unterſchied ihrer Jahre, in Kurzem zu einem ſehr hohen Grade der Vertraulichkeit gelangten. Und warum— ſo fragte endlich Ritter Old⸗ ſon— warum, werther Vetter, entzogt ihr euch dem Tanzfeſte, wo ihr gewiß unter die nur un⸗ gern Vermißten gehoͤret? Ein Blick, den hier der Vater auf die in der Naͤhe ſitzende Tochter warf, welche ſehr auf— merkſam nach ſeinem Munde ſchauete, verwies Blanca freundlich aus dem Gemache. Mit Muͤhe bezwang Arthur die Bewegung, die beim Verſchwinden des Lichtes, das ihn hier⸗ her gezogen, ſein Inneres erfuͤllte. Guter Vetter— antwortete Ritter Robert — das Weh von dem heftigen Stoße, den ich im Turniere davon trug, war nur ein Vorwand, mich jenem Feſte zu entziehen. Der eigentliche Grund iſt— zu euch im Vertrauen geſagt— meine Blanca. Wie es dem Vater zu gehen pflegt, der ſein Kind alle Tage vor Augen hat, ſo geſchah es auch mir. Ihre Sehnſucht nach meinem inniggeliebten England zu befriedigen, 16 nahm ich die Tochter mit heruͤber. Aber das Aufſehen, welches ſie offenbar unter der maͤnnli⸗ chen Jugend erregte, zeigte mir, leider zu ſpaͤt, daß das harmloſe Kind bereits in die gefaͤhrlichere Bahn der Jungfrau tritt. Die große Eingezogen⸗ heit ihres Lebens zu Paris, iſt Urſache, daß ich . dort die Beobachtungen nicht machen konnte, die mir hier, ich geſtehe es, eben kein angenehmes Beftemden bereiteten. Das Ploͤtzliche der Jagd ſo vieler Blicke nach dem unſchuldigen Fremdlinge in der Welt, wofuͤr ich meine Tochter betrachten muß, koͤnnte leicht zur Stoͤrung der Ruhe ihres ganzen Lebens Anlaß geben. Der Tanz duͤnkte mich unter dieſen Umſtaͤnden ein allzugefaͤhrlicher Zeitvertreib fuͤr das von mir ſo inniggeliebte Kind. Jetzt aber, theurer Vetter, entdeckt ihr mir, warum ihr euch den Genuß dieſer Freude ver⸗ ſagtet? Durch die offenen Mittheilungen uͤber ſein Vermeiden der Tanzverſammlung ſchon in große Verlegenheit gebracht, fuͤhlte Arthur ſich von dieſer Frage vollends außer Faſſung geſetzt, und konnte dabei beſonders dem Auge des Ritters nicht wider⸗ ſtehen, deſſen Blick gerade um ſo ſchneidender wurde, je minder ihn der junge Mann vertragen konnte. End⸗ 17 Endlich wußte dieſer ſich keinen Rath mehr, als ihm die Wahrheit einzugeſtehen. Wie er nun die Darlegung ſeiner Gefuͤhle und ſeines eifrigen Wun⸗ ſches vollendet hatte, da ſprach Ritter Wellmvore nach einigem Innehalten: Glaubt mir, guter Vetter, daß ich gerade von euch ſolch eine Erklärung am wenigſten vermuthet haͤtte. Denn ſehr wohl entſinne ich mich der ſchoͤnen Dame, an deren Kette ihr ginget in dem Zuge der hier einheimiſchen Ritter. Nimmermehr waͤre ich von ſelbſt auf den Gedanken gerathen, daß euer Auge ſo wenig geblendet ſeyn koͤnne von ſolchen Reizen, um durch andere Damen noch an⸗ geſprochen zu werden. Dazu vernahm ich, von welch einem achtbaren Geſchlechte ſie ſtamme. Noch jetzt will es mir kaum einleuchten, daß zwi⸗ ſchen euch und dem uͤberaus reizenden Fraͤulein von Nurſey nicht naͤhere Bande ſtattfinden ſollten. Wahrlich, verehrter Vetter— antwortete Arthur des Ritters forſchendem Auge— keine, die mir verboͤten, meine Hand nach einer Andern auszuſtrecken. Allerdings waren es ihre Reize, die den noch ganz Erfahrungsloſen in Katharinens Dienſt zogen, und wie dem Ritter ziemt, bei ſei⸗ nen Waffenthaten einer beſonderen Dame zu hul⸗ I. 2 digen, ſo trug auch ich ihre Farbe auf meinen Ritterfahrten, allenthalben, wohin ſie mich fuhr⸗ ten und wo es mir vergoͤnnt wurde, ritterliche Spiele zu uͤben. Aber Katharinens Eitelkeit und Herrſchſucht, und ihr, beſonders dem weiblichen Gemuͤthe ſchlecht anſtehender Hang zur Rache, traten dem Gedanken eines naͤheren Buͤndniſſes mit ihr ſtets in den Weg. Unſer Verhaltniß er⸗ hielt ſich zeither nur darum, weil kein Fraͤulein und keine Wittwe bis dahin mein Herz auszu⸗ fullen vermochte. Mit dem erſten Blicke auf eure Tochter trat dieſer Zeitpunkt ein, und die folgen⸗ den Blicke beſtätigten nur, was der erſte mir ſo ſicher verheißen hatte. Ritter— antwortete Blanca's Vater, Arthurs Hand traulich erfaſſend— ihr ſeyd mir, als der Sohn meines Waffenbruders, zu lieb geworden, als daß ich ſo hart ſeyn ſollte, eure etwas zu ſchnelle Bewerbung durch ein gaͤnzliches Verwei⸗ gern zu beſtrafen. Eben ſo wenig aber duͤrfte ein zu ſchnelles Gewähren noch aus andern Gruͤn— den hier eintreten. Ohngeachtet der anſcheinenden Reife, hat doch meine Blanca erſt 5 acht Ta⸗ gen ihr vierzehntes Jahr zuruͤckgelegt. Naͤhert euch derſelben während unſeres hieſigen Aufent⸗ 19 halts, ich will euch dieſen Vorzug einraͤumen. Doch bevor zwei, ja vielleicht— hier ſeufzte er tief— noch mehr Jahre vergangen ſind, werde ich meiner Tochter keine entſcheidende Stimme in der Wahl des kuͤnftigen Gatten zugeſtehen. Ihr ſagtet ſogar— verſetzte Arthur traurig — und ihr ſagtet es mit beſonderm Nachdrucke, vielleicht noch mehr Jahre, als zwei! Was be⸗ deutete dies? Hieruͤber glaube ich, nach eurem im Ganzen mir gar nicht misfaͤlligen Antrage, euch Aufklaͤ⸗ rung ſchuldig zu ſeyn. Die Stimmung zwiſchen England und Frankreich iſt, wie ihr wiſſet, ſchon ſeit langer Zeit nicht die beſte. Das jetzige Tur⸗ nier kann, ohngeachtet mancher franzoͤſiſche Ritter ihm beiwohnt, im Ganzen keine Aenderung darin bewirken. Denn in wenigen Tagen ſind ſeine Feſte voruͤber, der Krieg zwiſchen beiden Reichen dauert dagegen noch, Gott weiß, wie lange fort. Wir Englaͤnder gehoͤren nicht zu den Geliebten in Frankreich, auch wenn wir dort laͤngſt einheimiſch geworden. Eine beſondere Aufmerkſamkeit aber richtet man auf die, welche zu dem Gefolge des Grafen von St. Paul gehoͤren. Euch wird nicht unbekannt geblieben ſeyn, daß derſelbe, blos wegen 2* 20 ſeiner Heirath der engliſchen Prinzeſſin, die er als Kriegsgefangener in London kennen lernte, und wegen ſeiner Vorliebe fuͤr unſer gemeinſchaftliches Geburtsland, lange aus Frankreich verbannt ge— weſen und ſeine Ruͤckkehr dahin einzig der Gnade des jetzt regierenden Koͤnigs Karl des Sechſten zu verdanken gehabt hat. Um des Grafen ſelbſt wil⸗ len, dem ich große Verbindlichkeit ſchuldig bin, gab ich nicht lange vor unſerer Abreiſe einmal, als die Rede auf die Zukunft meiner Tochter kam, ihm freiwillig das Wort, nie meine Einwilligung zu ihrer Heirath mit einem Englaͤnder zu erthei⸗ len, bevor der Friede zwiſchen Frankreich und England abgeſchloſſen ſey. Nun wird es euch ge⸗ wiß noch klarer, guter Vetter, warum ich die Verſammlung dieſes Abends vermied und auch kei⸗ ner der folgenden beizuwohnen denke.— Wie erſtarrt ſtand Arthur von der, ſeine Plane ſo ganz durchkreuzenden, Zuſage des Rit⸗ ters. Dieſer faßte ihn bei der Hand und ſprach: Eben darum, lieber Arthur, rathe ich euch fur jetzt durchaus zu keiner feſten Verbindung mit meiner Blanca. Weder ſie, noch ihr ſollt gebunden ſeyn durch die ungluͤckſeligen Umſtäͤnde, die vielleicht ſo lange dauern, als Richards Oheim, der Her⸗ 21 zog von Gloceſter, lebt, dieſer unverſoͤhnliche Feind der Krone Frankreichs. Seyd uͤbrigens uͤberzeugt, daß ich meiner Tochter auch nie einen Franzoſen, oder irgend einen andern Mann, gegen ihren Wil⸗ len, aufdringen werde. Doch bedinge ich mir aus, daß ihr der noch ganz Erfahrungsloſen die Abſicht auf ihre Hand ſo wenig erklaͤrt, als das Wort der Liebe gegen ſie ausſprecht. Denn, wie geſagt, mein Wille iſt, daß ihr nicht mehr gefeſſelt ſeyn ſollt, als ſie, in dieſem Punkte. Offenbar war es ihm um das Abbrechen die⸗ ſes Geſpraͤchs zu thun. Denn er beeilte ſich, das Fraͤulein wieder in's Zimmer zu rufen. Obſchon der Ritter Wellmoore das Ausſpre⸗ chen des vieldeutigen, und Verhäaltniſſe, wie ſie nach dem väterlichen Willen hier eintreten ſollten, zu verwirren drohenden, Wortes Liebe, gegen das ſchoͤne Weſen verbeten hatte, ſo lag ſolches doch, auch wenn Arthur es nicht wollte, ſchon in den Blicken, mit denen er Blanca anſah. Und die ihrigen ſchienen offenbar von der naͤmlichen Flamme entzuͤndet. Zuletzt bat er ſie noch, ihm ein Zeichen zu geben, fuͤr welches beim morgen⸗ den Turniere ſeine Lanze ſich erheben ſolle. Ei— verſetzte das Fraͤulein, und der zarte 22 Roſenſchein ihres Geſichts ging in die gluͤhendere Farbe der Pfirſichbluͤte uͤber, und der Himmels⸗ blick ihres dunkelblauen Auges zog ſich hinter die langen Wimper zuruͤck— was wuͤrde wohl eure heutige Fuͤhrerin ſagen, wenn ſie die feuerfarbene Schaͤrpe mit der reichen Goldſtickerei, die doch ohnſtreitig ihr zu Ehren euern Arm zierte, an die⸗ ſem vermiſſen ſollte? Nicht vermiſſen ſoll ſie die Dame— ant— wortete er. Es wuͤrde Beleidigung fuͤr meine Fuͤhrerin ſeyn, wenn ich ſie ablegte, bevor ich zum Kampfe im Turniere gekommen bin. Mor⸗ gen hoffe ich gewiß hierauf. Das aber kann ich nicht verbuͤrgen, ob ſie, Falls ihr mit einem Zei⸗ chen eurer Huld mich begluͤckt, verkennen moͤchte, daß dieſes es ſeyn wuͤrde, von dem mein Arm eine beſondere Kraft erwartet. Blanca fragte den Vater, ob ſie Arthurs Verlangen gewaͤhren duͤrfe. Wohl, meine Tochter— antwortete er— es iſt feiner, ritterlicher Brauch, einer Dame beim Turnier ſeinen Arm zu widmen, gewiſſerma⸗ ßen das Verſprechen und Unterpfand des Schutzes, worauf ſie in Gefahren vorzugsweiſe zu rechnen habe. Beſonders erfreuen muß es dich, Blanca, 23 daß unſer lieber Vetter, der, bei aller Jugend, bereits ſeine Probeſtuͤcke in Schimpf und Ernſt ablegte, um unſerer Verwandtſchaft willen, einem Kinde, wie du noch biſt, ſolche Ehre erzeigen will. Unſtreitig wuͤrde dieſe Rede beſchaͤmender auf die ſchoͤne Blanca gewirkt haben, waͤren Arthurs Blicke nicht vorausgegangen, deren Flammen er⸗ quickend durch ihre Augen in ihr Herz gezogen waren, und aus dieſem ein ganz neues Weſen gebildet hatten. Auf der Stelle ging ſie, den Schleier zu holen. Als ſie ihn dem Ritter uͤber⸗ reichte, traf zufaͤllig unter demſelben ſeine Hand auf die ihrige, und ein unwillkuͤhrlicher Druck und ein damit im Zuſammenhang ſtehender Blick, ſchien die geheime Weihe ihrer Herzen fuͤr das ganze Leben zu enthalten. 4. Vom Mondtagsmorgen an, regte ſich wieder ein ungewöhnliches Leben in der Stadt London. Auf allen Straßen und Plaͤtzen tummelten Knap⸗ pen und Knechte die praͤchtigen Turnierroſſe, und trugen ſich mit Harniſchen und anderm Waffen⸗ bedurfniß und Schmuck ihrer Herren und Ge⸗ bieter. 24 Nachmittags erſchien Konig Richard in koſt⸗ licher Waffenpracht auf dem Turnierplatze mit einem glänzenden Gefolge von Herzogen, Grafen, Freiherren und Rittern. Unter dieſen befand ſich auch Arthur Oldſon, in himmelblauem, mit Golde prachtvoll ausgelegtem, Harniſche. Er glich an Sehnſucht nach Waffenthaten dem ſilbernen Rei⸗ her auf ſeinem Schilde, deſſen weit geoffnete Au⸗ gen wie lebendig erſchienen. Um den Arm trug er, wie am Tage zuvor, die feuerfarbige Schaͤrpe, aber um den mit drei weißen Reiherfedern gezier⸗ ten, von Golde ſtralenden Helm, hatte er den weißen, mit Silber und Perlen geſtickten Schleier gewunden, welcher faſt bis zu ſeinen Fuͤßen herab⸗ hing. Auch ſein ſchneeweißes Roß war mit einer Decke, viel reicher an köſtlicher Goldarbeit als geſtern, uͤberhangen. Die Königin kam, geleitet von einer anſehnlichen Schaar hochgeſchmuͤckter, zum Theil wunderſchoͤner, Frauen und Fraͤulein, ebenfalls dahin, und begab ſich mit ihnen auf die ausgezeichnetſten der daſelbſt errichteten Schau⸗ geruͤſte. Hoch hervor aus dem glanzreichen Hoſfſtaate des Grafen von Oſtrevand ragte die Geſtalt Fa⸗ bians von Auvert, die dem bekannten Rieſenkoͤr⸗ 25 per des gewaltigen Johanns von Gaunt, Herzogs von Lancaſter, nur wenig nachgeben mochte. Au⸗ verts, mit goldenem Zierrath faſt verdeckter, ſchwar⸗ zer Harniſch, erhoͤhete noch das Anſehen des maͤch⸗ tigen Korpers. An Wuͤrde war er dem. auf ſei⸗ nem Schilde ruhenden, rothen Löwen zu verglei⸗ chen, welcher das bunte, laͤrmende Gewuͤhl umher nicht beachtete. Sein von Gold und Silber ſtar⸗ render Rappe ſchnaubte dem nahen Kampfe unge⸗ duldig entgegen. Wem die feuerfarbige Binde an ſeinem Arme galt, konnten ſeine Blicke kaum ver⸗ bergen, die von Zeit zu Zeit nach Katharinen Nurſey hinaufblitzten, welche ohnweit der Koͤnigin ſich befand. Die zufällige Uebereinſtimmung ihres ſchwarzſammetnen Kleides voll goldener Sterne mit ſeinem Harniſche, ſchmeichelte ſeinen Wuͤnſchen mit guter Vorbedeutung. Darauf erſchien der Herzog von St. Paul, und unter mehrern, mit ihm aus Frankreich ge⸗ kommenen Rittern, auch Robert Wellmoore in ganz einfacher Stahlruͤſtung. Sehr glänzende Waffenthaten kamen zum Vorſchein. Der Koͤnig ſelbſt gab ein Beiſpiel dieſer Art. Darauf jedoch zog er ſich auf das Geruͤſt ſeiner Gemahlin zuruͤck. Außerordentliche 26 Kraft und Behendigkeit im ritterlichen Spiele be⸗ wies vor Andern der junge Graf Wilhelm von Oſtrevand, dem auch Abends von Damen, Her⸗ ren und Herolden der Preis vor Allen aus der Fremde, zuerkannt wurde. Ritter Fabian aus Flandern, wohl erwaͤgend die Umſtände, von denen er ſorgfältig Erkundi⸗ gung eingezogen, hatte lange ſchon den Mann in's Auge gefaßt, dem er, nach dem Wunſche der geſtern erkorenen Dame, ſein Uebergewicht ſollte fuͤhlen laſſen. Er war nicht fehlgegangen. Als er jetzt Ar— thurn bereits gegenuͤber ſaß und hinauf nach Ka⸗ tharinen blickte, welche, dem außern Schmucke nach, ſelbſt eine Koͤnigin, neben dieſer ſtand, ſo ſtralte ihr Auge ihm freundlich die Beſtaͤtigung der getroffenen Wahl herunter. Wer aber von Arthurs Freunden dieſen einreiten ſah in die Schranken mit Fabian von Auvert, der beklagte den tapfern Landsmann, weil all ſeine Geſchick⸗ lichkeit in der Waffenfuͤhrung ſchwerlich aufkom— men konnte vor dem Rieſenbaue des Fremdlings, der auch, einem weit vor ihm hergehenden Rufe nach, allenthalben im Waffenſpiele die wackerſten und kunſtfertigſten Ritter auf den Sand geworfen. 27„ Der Anfang ihres Zuſammenrennens fiel zwar, eben wegen der Vortheile des Andern durch einen Rieſenkoͤrper, zu großem Ruhme aus fuͤr den weit ſchwaͤcher ſcheinenden Arthur. Denn ohne daß nur an das mindeſte Weichen im Sattel zu denken war, trafen ſie drei Mal an einander und beider Lanzen flogen zerbrochen wie duͤnne Halmen in die Luft. Bei dem Allen ließ ſich voraus ſehen, daß wenn nicht der Koͤnig durch Herabwerfen des weißen Stabes dem Kampfe ein Ziel ſetzte, Arthurs auf das Hoͤchſte angeſtrengte Kraft bei Fortſetzung des Waffenſpiels wurde er⸗ liegen muͤſſen, zumal da Ritter Fabian, ſich den Ruhm zu erhohen, ſeine ganze Staͤrke nun erſt aufbieten zu wollen ſchien. Unruhig blickte deshalb Ritter Robert nach dem Koͤnige hin. Dieſer ſchien auch in der That eine Bewegung dazu machen zu wollen. Allein vermuthlich aus Artigkeit gegen den Gebieter des rieſenhaften Ritters, den Grafen von Oſtrevand, welcher, ſeiner Geberde nach, ſich auf den Aus⸗ gang des Streits begierig zeigte, kam ſein Vor⸗ haben nicht zur Ausfuͤhrung. Noch unruhiger wendete nunmehr Ritter Robert ſeine Blicke bald wieder auf die beiden Kämpfer, bald nach ſeiner 28 Tochter, welche von einem benachbarten Geruͤſte den Kampfplatz uͤberſchaute. Ihre ungewöhnliche Geſichtsblaͤſſe und das bereits in Perlen der Angſt glänzende Auge, zeigte ihm zugleich ihre Beſorgniß und die größte Theilnahme fuͤr den Bedrohten. Mit der ſtarkſten Gewait ritten ſo eben wie⸗ der die Kampfer ſich entgegen. Einander ſchon nahe, trieb da ploötzlich ein Windſtoß die herab⸗ hangenden Enden des weißen, blitzenden Schleiers von Arthur's Helme weit hervor. Das Roß ſei⸗ nes Gegners ſtutzte, und durch dieſen uͤberaus guͤnſtigen Zufall, welcher des letztern Aufmerkſam⸗ keit theilen mußte, gelang es ihm wirklich, den Rieſenhaften auf den Sand zu werfen. Zwar raffte er ſich ſogleich wieder empor, als muͤſſe er auf der Stelle Rache fordern fuͤr dieſe Schmach. Allein vergebens. In der Wuth uͤber das ihm 3 niemals widerfahrene Misgeſchick, hatte er die Folge dieſes Falles nicht gefuͤhlt. Seine rechte Hand war ganz ausgerenkt und bereits ſo ver⸗ ſchwollen, daß an Fuͤhrung der Lanze ſich nicht denken ließ. Zwei andere, ſehr ſtattliche Ritter aus des Grafen von Oſtrevand Gefolge, glaubten den Un⸗ fall an dem Englaͤnder raͤchen zu muͤſſen, und for⸗ 29 derten Arthur zum Kampfe auf. Jedoch, obſchon dieſer, aller Beſchwerde daruͤber, daß er von je⸗ nem Zufalle, der ihm bei Beſiegung ſeines erſten Gegners geholfen, abſichtlich Nutzen ziehen wolle, zuvor durch Aufbinden des Schleiers begegnete, ſo hatten dieſe doch beide das Schickſal ihres Vor⸗ gaͤngers. 5. Die Freude war groß von allen Seiten, als Abends Arthur den Ritter Robert und deſſen Tochter in ihre Wohnung geleitete. Werther Vetter— begann Blanca hier zu Arthur— aufrichtig zu ſeyn, ſo zitterte ich bei eurem Kampfe mit jenem Rieſen. Aber mehr als ritterlich beſtandet ihr ihn. Oder ihr vielmehr, ſchoͤne Muhme. Euer Schleier allein war mein Schild gegen ſolch eine uebermacht. Auch die nachherigen Siege moͤchte ich mehr ihm zuſchreiben, als meiner Kraft und Kunſt. Wenigſtens fragt es ſich, ob ich mit ſol⸗ cher Zuverſicht gegen zwei der bewährteſten Käm⸗ pen aufgetreten, und ſo bald zum Ziele gelangt ſeyn wuͤrde, wenn der erſte Gluͤcksfall mich we⸗ niger ermuthigt hätte. 30 Blanca waͤre dem jetzt Abſchied nehmenden Ritter gerade ſo gern zu den Feſtlichkeiten gefolgt, als er ſolche vermieden. Allein ſein Dienſt bei der Dame, deren Kette er noch Tages zuvor oͤf⸗ fentlich zur Schau zu tragen hatte, war ihm nicht aufgekuͤndigt, und ob er ſchon, nach den von ſei⸗ nen Bekannten ihm zugegangenen Nachrichten uͤber ihr Benehmen beim Tanze, darauf ſchließen mußte, daß der flandriſche Ritter, den ohnehin ihre Farbe ſchmuckte, den Kampf mit ihm auf ihren Antrieb geſucht hatte, ſo erforderte doch die Artig⸗ keit, nach ihren Wuͤnſchen ſich zu erkundigen, und wie er ſie beim Feſte nicht fand, ſie in ihrer Woh⸗ nung aufzuſuchen. Als er aber hier vor ihr erſchien, uͤberwaͤl⸗ tigte ſie der Zorn dergeſtalt, daß ſie ſich bis zu folgenden Reden vergaß: Ich weiß nicht, Herr Ritter, ob es, nach euerm geſtrigen Benehmen, Schicklichkeit iſt, oder das Gegentheil, daß ihr mir in dieſe Zuruckgezo⸗ genheit gefolgt ſeyd. Krankheiten, wie die eurige am geſtrigen Abende, ſind zu unanſtändig, als daß ich meine Schaͤrpe an euerm Arme ferner ſollte gern ſehen können, zumal nach dem Siege, den ihr heute auf ſo unehrliche Weiſe davon truget. 31 Fräulein— verſetzte Arthur erhitzt— nur euer Geſchlecht ſichert euch vor der Ahndung ſolch einer Beſchuldigung. Stellt mir aber einen Rit⸗ tersmann an eurer Statt, und ich werde ihn zur Verantwortung ziehn. Dieſes Verlangen ſoll Gewaͤhrung finden,— erwiederte ſie hohnlachend— ſorget nicht!— Der Ritter von Auvert wird, denke ich, dadurch euch und mich zufrieden ſtellen und vermuthlich auch ſorgen, daß ihr nicht durch argliſtige Ränke, wie heute, ihm Schaden thut. Bis dahin ver⸗ ſchonet mich mit eurer Gegenwart! Der Gedanke an einen Kampf auf Tod und Leben, der ihm mit einem Helden von ſolch einer koͤrperlichen Ueberlegenheit, wie Auvert, bevorſtand, durchſchauerte den Ritter auf der Heimkehr. Die ziemlich gewiſſe Todesnaͤhe im Augenblicke, wo der Bluͤtenkelch ſeines jungen Lebens im uͤberirdiſchen Sonnenlichte der Liebe ſich erſt vollkommen entfal⸗ tete, mußte wohl mit einem recht tiefen Wehe, ja mit der duͤſterſten Schwermuth ihn uͤberfuͤllen. Aber die Kraft ſeines friſchen Geiſtes befreite ihn bald wieder von dieſen boͤſen Nebeln. Streitet doch— troͤſtete er ſich— Gott ſelber mit dem, der gerechte Sache hat; und wie oft hat nicht — ſchon Geſchick und Gewandtheit in Fuͤhrung der Waffen den Sieg uber Leibesſtaͤrke davon getragenk Auch kann ich es wohl in jenen mit Allen ſeines Gleichen aufnehmen. Dieſe Erwaͤgung gab ihn auf Einmal ſich ſelber zuruͤck und erſchloß ſein Herz fur die große Freude, des Dienſtes einer Dame ſo ſchnell ledig geworden zu ſeyn, an deren Schoͤnheit ihn nur Ritterſitte, nicht innere Gewalt, gebunden hatte. 6. Der Dienſtag war dem Turniere derjenigen Edelleute gewidmet, welche den Ritterſchlag noch nicht erhalten hatten, und Mittwochs kaͤmpften dieſe abwechſelnd mit den Rittern. Auch endeten beide Tage, gerade wie die beiden erſten, mit einem Feſte und Tanze im Hauſe des Biſchofs von Lon⸗ don, welches dem Koͤnigspaare während des nun beendigten Turniers zur Wohnung diente. Im nämlichen Hauſe gab noch am Donners⸗ tage der König allen Rittern und fremden Edel⸗ leuten ein Abendeſſen, und die Koͤnigin ein Glei⸗ ches den Frauen und Fraͤulein, worauf am fol⸗ genden Mittage ein ſehr glanzvolles Feſt bei dem be⸗ 33 beruͤhmten Oheime des Koͤnigs, Johann von Gaunt, Herzog von Lancaſter, ſtattfand. An Reizen und Pracht wurden jedoch alle dieſe Feſte durch eins uͤbertroffen, welches der Kö⸗ nig hauptſaͤchlich ſeinem Schwager, dem Grafen von St. Paul, und ſeinem Vetter, dem Grafen von Oſtrevand, gab, welcher letztere das Erbie⸗ ten Richards, ihn in den von ſeinem Großvater, Eduard dem Dritten, geſtifteten hohen Orden des blauen Hoſenbandes aufzunehmen, zu großem Be⸗ fremden der aus Frankreich anweſenden Herren, Ritter und Edelleute, nicht zuruͤckwies, ob er ſchon als Vaſall von Frankreich und Schwieger⸗ ſohn des Herzogs von Burgund mehrfache Ver— pflichtungen hatte, einen Orden abzulehnen, deſſen Geſetze ihm den Kriegsdienſt gegen England nicht erlaubten. Ohnſtreitig wuͤrde Ritter Fabian von Auvert die Turnierzeit zum nochmaligen Kampfe mit Ar⸗ thur benutzt haben, wenn während derſelben ſeine ausgerenkte Hand heil geworden wäre. Dafuͤr aber brachte dem Ritter Oldſon, zwei Tage darauf, ein von ihm Abgeſendeter die Ausforderung auf Tod und Leben. Arthur verſprach, zum folgenden Morgen an dem dazu beſtimmten Platze ohnweit I. 3 der Stadt ſich einzufinden, und eilte dann den Ritter Wellmoore zur Theilnahme einzuladen. F Oben am Fenſter zerfloß Blanca beinahe in Thraͤnen, als bei den erſten Blicken des Morgen⸗ roths die beiden Gewappneten, ihr Vater und der Geliebte, vor der Hausthuͤr die Roſſe beſtie⸗ gen. Weder des Vaters finſtre Miene, noch auch die bittende Liebe im, nach ihr ſehnſuchtsvoll hin⸗ aufgekehrten Auge des juͤngern Ritters und ſein Deuten auf ihren Schleier, der diesmal an ſeinen Arm befeſtiget war, vermochte die Verzweiflung zu mildern, welche aus dem ganzen Weſen des ſchoͤnen Fraͤuleins hervortrat.— Dem Schmerz in ſeiner Bruſt Schweigen gebietend, hoͤrte Arthur, in ehrerbietiger Stille, die auf Erfahrung geſtuͤtzten Rathſchlaͤge an, welche, wahrend des langen Weges, Ritter Robert ihm fuͤr den bevorſtehenden Kampf ertheilte, und zeigte auch durch die Beſonnenheit mancher Einwendung, daß die drohende Todesgefahr ſeine Geiſteskraft nicht im mindeſten beeintraͤchtigt hatte. Sie naheten dem bezeichneten Platze. Ob⸗ ſchon durch dichten Wald dem Auge verborgen, 35 gab doch das Wiehern von Roſſen die bereits dort Verſammelten kund. Gleichwohl fanden die Rit⸗ ter beim Betreten deſſelben nur erſt die Vorbe⸗ reitung und Waffen zu dem feſtgeſetzten Streite, außerdem mehrere Knechte und einige ritterliche Zeugen, zu denen auch der Kampfrichter gehoͤrte, ein uͤberaus ehrwuͤrdiger, in Waffenkuͤnſten wohl⸗ geuͤbter Greis. Aber zu allgemeinem Erſtaunen erſchien bald nachher, ſtatt des flandriſchen Ritters, auf hohem, andaluſiſchem Roſſe von der glaͤnzendſten braunen Farbe, eine in dunkelblauen Atlas gekleidete, weiß verſchleierte Dame. Herr Ritter— ſo begann jetzt, den Schleier zuruckſchlagend, Katharine Nurſey, ſchoͤn, wie ſie vielleicht nie erſchienen war, zu Arthur— leider bin ich die Urſache vom heutigen Kampfe. Er⸗ laubt mir daher auch dazwiſchen zu treten. Meine Hitze iſt der Ueberlegung gewichen, und es muͤßte mich ſehr betruͤben, wenn meinetwegen von zwei tapfern Rittersmaͤnnern einer ein Opfer wuͤrde. Herr Fabian von Auvert hat meinem Wunſche, die Vermittlerin zu werden zwiſchen ihm und euch, ſogleich nachgegeben. Solltet ihr meine herzliche Bitte zuruͤckweiſen moͤgen? 3* Die Suͤßigkeit im Tone dieſer Worte, wie in der reizenden Miene, verbunden mit der Lie⸗ besglut im großen, ſchwarzen, weitgeoͤffneten Auge, ſchien alle Anweſende und vorzuͤglich auch den Rit⸗ ter Wellmoore zu bezaubern; Arthur aber antwor⸗ tete: Mein Fraͤulein, eure gefaͤllige Vermittlung gereicht mir zwar zu beſonderer Ehre, allein da die Ausforderung zu dieſem Kampfe durch Herrn Fabian von Auvert, ohne alle Beziehung auf euch, an mich ergangen iſt, ſo koͤnnte er ſelbſt, in Er⸗ mangelung einer gegruͤndeten Urſache, mich kaum davon entbinden, weil ich meiner Ehre nichts vergeben darf.— Wie die Sachen ſtehen, muß ich begehren, daß er in ihr ſeinem eigenen Willen Folge leiſte. Herr Ritter— erwiederte Katharine, und eine hohe Roͤthe erfuͤllte ihr ganzes Geſicht— meinet ihr vielleicht, daß Herr von Auvert ſich des Kampfes mit euch nicht getraue?“ Gegen ſolch einen Argwohn— verſetzte Ar⸗ thur— wuͤrde mich ſchon ſeine ungewöhnliche Kraft und ſein anerkannter Heldenſinn ſchuͤtzen. An mir iſt es aber, zu zeigen, daß auch ich zum Kampfe mit ihm bereit bin. Umſonſt bemuͤhte das Fraͤulein ſich, ihn zum 37 Nachgeben zu bewegen. Auch Ritter Wellmoore glaubte ſich fur ihren Wunſch verwenden zu muͤſ⸗ ſen. Alles vergebens. Darauf richtete Katharine ſich an den greiſen Kampfrichter mit der Frage: ob der Sache nicht vollig Genuͤge geſchehen ſey, wenn Ritter Arthur auf ihren Vorſchlag eingehe, und was ſeine Hart⸗ näckigkeit verdiene, Lob oder Tadel' Mein Fraͤulein— antwortete der ehrwuͤrdige Mann— von jeher gewohnt, den Ausſpruch der Damen zu verehren, kann ich doch in aͤhnlichem Falle die Guͤltigkeit ihres Wortes nicht anerken⸗ nen. Ritter Arthur Oldſon hat Recht. Ein be⸗ grundeter Widerruf der Ausforderung muß daſeyn, und kann auch nur von ſeinem Gegner in Perſon geſchehen. Mit offenbarem Unwillen begab ſich hier das Fraͤulein Nurſey hinweg mit dem bejahrten Rit⸗ ter, der ſie begleitet und draußen ſie erwartet hatte. Bald nachher erſchien der Ritter aus Flan⸗ dern auf ſeinem Roſſe und zum Kampfe geruͤſtet. Ich ehre euer Zuruͤckweiſen der Vermittlerin, begann er. In Kampfſachen muß den Frauen keine Einrede geſtattet ſeyn. Auch gab ich nur ————— —— ——— ————————— 3 38 wider Willen des Fraͤuleins Wunſche zu dem ver⸗ fehlten Antrage nach. Meine Ausforderung aber muß ich widerrufen, weil ich dieſen Morgen durch ſie die eigentliche Veranlaſſung dazu erfahren habe. Faäͤlſchlich wurdet ihr des Gebrauchs unehrlicher Mittel beim Turniere gegen mich beſchuldigt. Dar⸗ auf mußtet ihr ſo antworten, wie es geſchehen iſt. Denn wenn ich auch wohl aus freien Stuͤk⸗ ken euch zu ſolchem Kampfe haͤtte auffordern koͤn⸗ nen, ſo leidet doch meine Ehre nicht, ihn zu ver⸗ folgen, nun ich weiß, wie beleidigend die Einlei⸗ tung dazu fuͤr euch geweſen iſt. Hier meine Rit⸗ terhand, daß ich weit entfernt war, den Zufall, der mich in die eurige gab, der Unehrlichkeit bei⸗ zumeſſen. Nun aber frage ich euch, ob ihr mir unter ſolchen Umſtaͤnden die Ausforderung verzei⸗ hen und unſern Zwiſt fuͤr abgethan halten wollt? Wohl! rief da der alte Kampfrichter mit Ruͤhrung, als Arthur ihm die Hand reichte, und der Kaͤmpfer ſie freundſchaftlich ſchuͤttelte. Denn es iſt allezeit großerer Gewinn fur die Ritterſchaft, wenn zwei ſolche Gegner den Kampfplatz als Freunde verlaſſen, als wenn, ſelbſt nach der glanzendſten Waffenfuͤhrung, einer von ihnen das Opfer un⸗ nuͤtzen Zwiſtes wird!— 39 8. Lieber Vetter— ſprach Ritter Robert auf dem Heimwege zu Arthur— eure Standhaftigkeit in Ehren, aber warlich, ich haͤtte dem Honig der Rede aus ſo lieblichen Frauenlippen und Augen nimmer widerſtanden! Gut, daß der heutige Tag mein letzter iſt in dieſer Stadt. Hefter von den Stralen ſolcher Blicke getroffen, koͤnnte ich leicht den im ſteten Kriege vergeſſenen Gedanken wieder aufnehmen, daß meine ſo fruh verſtorbene Beate, welcher der Herr eine froͤhliche Auferſtehung ver⸗ leihen moͤge, mir keinen männlichen Erben hinter⸗ ließ, und es wohl noch an der Zeit ſey, auf den Erſatz dieſes Mangels auszugehen.— Wie vorhin beim Abgange der Ritter der Schmerz, ſo zitterte bei ihrer Heimkehr die Freude in der liebreizenden Blanca. Aus den Thraͤnen⸗ ſpuren ihrer Augen ſprach das Entzuͤcken auf's Ruͤhrendſte, und die Blicke der Liebenden ſuchten ſich um ſo eifriger und ungeſtoͤrter, da Ritter Ro⸗ berten, im Fenſter ſtehend, ſo eben das bunte, luſtige Gewuͤhl einer Menge abreiſender fremder Edelleute unten auf der Straße, und dann die ſeltene Anmuth Katharinens Nurſey feſſelte, welche, den Schleier zuruͤckgeſchlagen, an der Seite ihres alten Oheims und des flandriſchen Ritters vor⸗ uͤberreitend, nicht unterließ, ihr Auge herauf zu wenden und die Ehrerbietung, welche Ritter Well⸗ moore ihr bezeigte, mit Anmuth zu erwiedern. 9. Der Nachmittag war beſtimmt, das Fraͤulein Wellmoore mit den hauptſaͤchlichſten Merkwuͤrdig⸗ keiten eines Theils der hochberuͤhmten uralten Stadt bekannt zu machen. Arthur ritt mit ihr und ihrem Vater. Aber bei einigen Heiligthuͤ⸗ mern hatte man ſich mehr aufgehalten, als es der Wille geweſen war, ſo daß der Abend ſie uͤber⸗ eilte. Zum Gluͤck gewährte ihnen das helle Mond⸗ licht ziemlichen Erſatz, und nachdem ſie ein Paar Abſchiedsbeſuche vollbracht hatten, fuͤhlten ſie ſich dadurch von Neuem auf die Roſſe gelockt. Je ſtiller und einſamer das Vorſchreiten der Nacht die Straßen und Plaͤtze machte, je rieſen⸗ hafter die Schatten der zahlreichen Kirchen uͤber den weichen Mondſchein hingeworfen lagen, deſto ſchauerlicher und anziehender wurde ihnen das große, herrliche London. In alten Sagen wohl⸗ bewandert, unterließ Arthur nicht, manches an 41 ſich unbedeutende Gemaͤuer der Geliebten durch ſeine geſchichtliche Bedeutſamkeit gleichſam zu be⸗ leben, auch wohl mit ſeiner ſchoͤnen Stimme zu⸗ weilen ein darauf Bezug habendes, ſchauriges Lied vorzutragen, das ſich davon im Munde des Vol⸗ kes erhalten hatte. Mitternacht war ſchon voruͤber, als die Toͤne einer Harfe ihre Aufmerkſamkeit erregten, welche einem ſchwachen, maͤnnlichen Geſange zur Beglei⸗ tung dienten. Sie naͤherten ſich den Lauten und ſahen an dem uralten Londoner Steine, der wohl vormals zu einem Druidenkreiſe gehoͤrt hatte, einen Greis mit lang heruntergehendem, weißem Barte, in einem Mantel von längſt nicht mehr gewohn⸗ lichem Schnitte und einem Hute nach der Weiſe der Pilger. Von ihm ruͤhrten Geſang und Har⸗ fenſpiel her. Ohne ſich ſtören zu laſſen durch die Huftritte der Nahenden, fuhr er dann alſo fort: Das Ritterthum war ein erhabener Schein, So leuchtend uͤber die Erde flog, Den Ritter beſiegte die Dam' allein, Der keiner Gewalt ſonſt den Nacken bog. Nur Frauendemuth hieß das Geſchoß, Das vor ihr ſein Knie zu Boden zwang; 42 So hob er den Schauer, der ſie durchfloß, Wenn maͤchtig mit Rieſen und Drachen er rang. Dann bot er Hand ihr und Herz am Altar, Sie liebt' ihn innig als Gatten und Herrn, Und unter der glaͤnzendſten Ritterſchaar Erkannte ſie ihn als den einzigen Stern. Voll Ehrfurcht reichte ſie ihm den Pokal, Voll Lieb' umfing er nur ſie nach dem Streit; So that des Ritters treues Gemahl, So that der Ritter zu meiner Zeit. Doch jetzt iſt Alles ein ſchnoͤdes Spiel, Die ſilberne Kette nur Schmach und Lug, Er achtet der Ehre der Frau nicht viel, Die ſo zur Schau ſeine Schande trug. Und ſie, ſie troͤſtet mit Andern ſich, Wenn er mit Andern der Feſſel lacht, Iſt das, ſo frag' ich, wohl ritterlich, Iſt das der Frauenwuͤrde gedacht?— Alter— ſprach, als er hier innehielt, Rit⸗ ter Wellmoore— deine Toͤne ſind wahrhaft tref⸗ fend. Sie verrathen eine Schule, deren Lehren leider keine Frucht mehr tragen. Allerdings will die zarte Blume des Ritterthums nicht gedeihen in der verdorbenen Luft der jetzigen Zeit. Des Ritters fromme Verehrung der Dame, welcher er ſich widmet, iſt ein nur in ihren Wirkungen fuͤhl⸗ 43 bares Ding, und daß man dieſe Verehrung durch das obſcheuliche Zeichen der Knechtſchaft auszu⸗ drucken wagt, beweiſt klar genug, wie ſo ganz das Verſtaͤndniß ſolch eines ſchoͤnen Gefuhles verloren ging.— Wer biſt du Alter? Ein Blinder! war die Antwort. Wie kommſt du ſo ſpät noch hierher? Weil ich mir zum Schlafe den Tag erwaͤhle und die Nacht zum eigentlichen Leben. Zwar druͤckt mich auch in ihr der Schmerz des Allein⸗ ſeyns, aber doch minder ſchauerlich, als während des Treibens eines Geſchlechts, dem ich im Aeußern aͤhnlich ſcheine, ohne das wir uns mit einander verſtäͤndigen koͤnnen. Gleichwohl muß ich noch immer zu viel vernehmen, von dem was geſchieht, ſo daß ich oft auch kein Ohr haben moͤchte. Wozu nur ſo eitler Prunk in der jetzi⸗ gen harten Zeit? Warum ſinnt man nicht lieber darauf, dem erſchoͤpften Volke Friede zu verſchaf⸗ fen, ſtatt ſeinen ſauern Schweiß in unnuͤtzem Glanze zu vergeuden' Seufzend nahm hier der Alte, als ob ihm zu warm werde, den Hut ab, und legte ihn neben ſich. 44 Daß euch die kalte Nachtluft nicht Schaden thut, Vater! ſprach Ritter Wellmoore. Schweigend und mit dem Scheine des Un⸗ willens uͤber die Bemerkung, welche wie eine Lehre ausſah, ſchuͤttelte er leichthin ſein Haupt, deſſen edle Geſichtszuͤge, vom Monde beſchienen, mit dem ſilbernen Haar und Barte eine beſondere Ehr⸗ furcht erweckten. Glaubt mir— fuhr er dann fort— ich fuͤhle das Licht der runden, ſchoͤnen Scheibe am Himmel, welches ihr ſehet. Seine Lieblichkeit thut mir vielleicht nicht minder wohl, als euch. Unſtreitig ſeyd ihr zum Theil fremd hier in der Stadt, und ſuchet ſie naͤher kennen zu lernen. Vielleicht leben einige von euch morgen um dieſe Zeit ſchon in weiter Entfernung. Denket dann an die jetzige Nacht und an dieſen Ort. Ich be⸗ ſuchte ihn bereits, als ich noch dem Heidenthume angehoͤrte. Nun nach Jahrhunderten iſt er mir noch immer der liebſte Aufenthalt in London. Die Zeit wird noch boͤſer werden, als heute. Huͤtet euch unterzugehen in den mannichfachen Schlin⸗ gen, die ſie euch legen möchte, und die eure eig⸗ nen Begierden zum Theil vielleicht euch aufſtellen. Sucht euch an euch ſelbſt aufzurichten und feſtzu⸗ — 4⁵ halten, ſo wird das ſchauerliche Wuͤthen der kuͤnf⸗ tigen Stuͤrme uͤber euern Haͤuptern hingehen. Du, feine, ſittige Jungfrau, traue hauptſaͤchlich der noch unverfalſchten ſchoͤnen Stimme in dir. Sorge aber auch vor Allem dafuͤr, die Reinheit ihrer Töne heilig zu halten. Was dich dann auch treffen moͤchte, es wird den nach oben gekehrten Blick nimmer von der ewigen Heilquelle abwen⸗ den koͤnnen.— Du, Vater, ſey fortdauernd ihr Vater. Strebe ſtets nach der frommen Erfullung der Pflichten, welche ſolch ein hoher Name dir auferlegt. Bis jetzt iſt die Ehre dir zur Seite gegangen. Aber ein Trugbild, das dich ſchon fruͤ⸗ her verfolgte, hat ſeine blendenden Farben vor deinem Auge noch nicht abgelegt: Huͤte dich vor blinder Leidenſchaft zu den Frauen! Und du, jun⸗ ger Rittersmann, bleibe treu den Gefuͤhlen, ſo anjetzt deine Bruſt beſeligen. Die Verlockungen auf Abwege werden dir nicht fehlen. Hier neigte ſich des Greiſes, bis dahin hoch zum Himmel gerichtetes, Geſicht herab. Zu große Anſpannung von Geiſt und Koͤrper ſchien zu ma⸗ chen, daß er entkraͤftet zuſammen ſank. Verlaßt mich jetzt— ſprach er auch dann mit merklich veraͤnderter, matter Stimme.— Nur einen Daͤmmerſchein durfte ich auf das Schiff eu⸗ rer Zukunft und die Klippen werfen, von denen ſie bedroht iſt. Beweiſet nun durch euern Wandel, daß ich Recht hatte, als ich euch nicht fuͤr un⸗ wuͤrdig hielt, euch dieſe Fingerzeige auf den Weg zu geben. Seltſam getroffen von des Blinden Reden, welche eine Bekanntſchaft mit ihrer Perſoͤnlichkeit, ihren Verhältniſſen und Neigungen zu verrathen ſchienen, hielten ſie noch eine Weile ſchweigend vor ihm, der nun die weggelegte Harfe wieder zur Hand nahm. Da hub endlich Ritter Wellmoore mit Feuer an: Vater, ſprich deutlicher! Wenn du damit verhuͤtetſt, was uns doch noch treffen koͤnnte, muͤßte das nicht ein hinreichender Lohn ſeyn fuͤr dein, allem Anſcheine nach, ſehr wohlwollendes Herz? Darauf aber erwiederte der Greis: Weiter etwas zu ſagen, liegt außer meiner Macht. Be⸗ gnuͤgt euch hiermit, wenn ich nicht ſogar das Er⸗ oͤffnete bereuen ſoll. Dazu winkte er mit der Hand und einer Miene hinweg, ſo gebieteriſch und edel zugleich, daß ſie alsbald Folge leiſteten. 47 10. Waͤhrend die, von keinem Geſange mehr un⸗ terſtuͤtzten Harfenklaͤnge des Blinden ſie freundlich geleiten, ritten die drei Gefaͤhrten, in tiefe Be⸗ trachtungen verſenkt, langſam und verſchloſſenen Mundes neben einander weiter. Endlich rief Ritter Wellmoore kopfſchuttelnd aus: Welch ein ſeltſames, unbegreifliches Weſen! Darauf fragte er den, gruͤßend den einſamen Pfad daher kommenden Nachtwaͤchter, ob ihm nicht vielleicht der blinde Harfner bekannt ſey, deſſen Toͤne nur noch zuweilen von einzelnen Windſtößen bis zu ihnen getragen wurden. Ei— verſetzte der Mann— das iſt ja mein gewoͤhnlicher Geſellſchafter am alten Steine, wo ich ausruhe, wenn er ſich hier in der Stadt auf⸗ haͤlt. Er mag, wie ſie ſagen, vormals ein recht geſcheidter Mann geweſen ſeyn. Vermuthlich aber hat ihn eben ſein vieles Wiſſen und Nachſinnen am Ende zum Wahnſinne gefuͤhrt. Nun glaubt er viele hundert Jahre ſchon auf Erden zu leben, weiß auch erſtaunlich viel von alter Zeit zu er⸗ zaͤhlen, und preiſt ihren Ruhm gewaltig vor der unſrigen. Wie die Gelehrten ſagen, ſo ruͤhrt das vielleicht davon her, daß ſein Kopf die mancherlei Dinge, die er hineinbrachte, im Alter nicht mehr faſſen konnte in ihrem Zuſammenhange, und der daher entſtandene Wahnſinn die Geſchichten, die er in Buͤchern gefunden, wirklich ſelber erlebt zu haben glaubt. Aber trotz ſeiner Bundheit— erwiederte Arthur— ſchien er doch unſre Perſonen zu er⸗ kennen! Ja wohl— antwortete der Waͤchter— das gelingt ihm gemeiniglich, edler Herr. Seine er⸗ ſtorbenen Augen moͤgen wohl noch einen ziemlichen Schein behalten haben. Uebrigens geſchieht kei⸗ ner Seele ein Leid durch ihn. Auch läßt er ſich nicht ſtoͤren im Harfenſpiel von denen, ſo vor⸗ uͤbergehen. Beſonders gern ſieht er vielmehr, wenn ſie ſeine Worte und Weiſen beachten, und ihm ihre Gedanken daruͤber ſagen. Gefallen ſie ihm nicht, ſo verſtummt er auf Einmal. Stim⸗ men ſie dagegen mit ſeinen zuſammen, ſo ſpricht er gern mit ihnen, ertheilt ihnen auch wohl gu⸗ ten Rath wegen ihrer Zukunft und uͤberſchaut zu⸗ weilen, recht ſeltſam, die Verhaͤltniſſe ihm zuvor ganz unbekannt ſcheinender Perſonen. Noch ge⸗ ſtern verſicherte mich indeß ein alter, ſehr verſtaͤn⸗ di⸗ 49 diger und frommer Kloſterbruder, daß das entwe⸗ der nur ein falſches Geruͤcht ſey, oder mit argen Dingen zugehe, ja daß er, wenn es ſich ſo ver⸗ halte, wohl noch gar als Schwarzkuͤnſtler ſein langes Leben auf dem Scheiterhaufen beſchließen önne. Er ſollte mich dauern, wenn's dahin mit ihm kaͤme.— Allerdings— ſprach Ritter Robert— als ſie ihren Weg wieder allein fortſetzten— aller⸗ dings erhaͤlt die Sache einiges Licht, wenn man Wahnſinn annimmt bei dem Alten und einen Schein vor ſeinen Augen. Das Uebrige laͤßt ſich wenigſtens ziemlich erklaͤren. Was er uns ſagte fur unſre Zukunft, war ja ſo allgemein, daß es zu dieſen Ausſpruͤchen die Weisheit eines Sehers wenig bedurfte. Indem der Ritter fortfuhr, dieſes mit Gruͤn⸗ den zu belegen, ſchien er hauptſächlich die Billi⸗ gung und wo möglich Befeſtigung dieſer Gruͤnde, durch ſeine Begleiter zu bezwecken. Allein die immer naͤher heranſchreitende Trennung hatte das Paar zu ſehr mit Schmerz erfullt, um fuͤr andere Dinge noch Raum im Buſen zu behalten. 11. Ueber ein Jahr war verfloſſen. Die Trauer um ihren Verlobten, Fabian von Auvert, welcher in Friesland ein Opfer des Meuchelmords gewor⸗ den, hatte Katharine von Nurſey bereits wieder abgelegt. Schon wäͤhrend des Verhaͤltniſſes mit dem Abweſenden war das Gefuͤhl, die alte Nei⸗ gung zu Arthur ſchwerlich unterdruͤcken zu können, ihr Veranlaſſung zu mancher betruͤbten Stunde geworden. Fruͤhet ſogar, am Morgen des feſtge⸗ ſetzten Zweikampfes zwiſchen Arthur und Auwert, hatte ſie bereits keine Ruhe gehabt, bis ſie den Kampf durch nähere Darlegung der Umſtände hin⸗ tertrieben. Der dabei an Auverts Statt von ihr uͤbernommenen Rolle hätte ſie freilich eine groͤßere Wirkung auf Arthur zugetraut. Wie unwillig ſie aber auch war, ſolche verfehlt zu ſehen, ſo fuhlte ſie doch eine große Beruhigung, als der Kampf wenigſtens unterblieb. Seit Auverts Ableben hatte ſie ſowohl aus eigenem Antriebe, als durch Einleitung ihrer Verwandten, den Umgang mit Oldſon nicht wie zuvor weiter vermieden. Auch er zeigte keinen Widerwillen gegen ihre Geſell⸗ ſchaft. Blanca's lebenvolles Bild in ſeinem 51 Herzen hielt er fuͤr einen hinlaͤnglichen Buͤrgen, daß es zwiſchen ihm und Katharinen nicht ein⸗ mal wieder zu einem Verhaͤltniſſe, dem aͤhnlich, kommen koͤnnte, das fruͤher unter ihnen beſtanden hatte. Troͤſtlich war uͤbrigens der Zuſtand ſeiner Liebe durchaus nicht. Noch bei der Abreiſe hatte Blanca's Vater ihm auferlegt, bis zum Abſchluſſe Nu⸗ Friedens zwiſchen Frankreich und England, dem Maͤdchen ſeine Liebe durchaus nicht zu er⸗ klären. Das war ihm zu ſchwer geworden. Er trug das heißeſte Verlangen, wenigſtens dann und wann ein ſchriftliches Angedenken von ihrer Hand zu erhalten und ſchickte daher durch Ritter, welche nach Paris abgingen, einige Briefe an den Vater mit Beilagen fuͤr die Geliebte. Aber obſchon er letztere ganz offen in Ritter Roberts Hand gelan⸗ gen ließ, und dieſem ſo kein Zweifel bleiben konnte, daß der Liebende ſich einzig in den Schranken der verwandtſchaftlichen Verhältniſſe gehalten hatte, ſo gab der Vater dieſe Briefe dennoch nicht an die Tochter ab, ſondern ließ den Ritter in einer kurzen Antwort auf den zweiten ſeinen ganzen Unwillen fuͤhlen uͤber die Abſicht, dem vor der 4* 52 Hand durchaus nicht naäher zuſammenzuziehenden Verhaͤltniſſe mit Blancen irgend eine andere Rich⸗ tung zu ertheilen. Arthur vertrauete dieß Alles und ſeinen Truͤb⸗ ſinn daruͤber, Heinrich Axtern, einem nach Paris reiſenden Freunde an, der, in Auftrag des Koͤnigs Richard, dort wo moͤglich geheime Einleitung zu Friedensunterhandlungen treffen ſollte. Er gab dieſem auch ein Schreiben an den Ritter Well⸗ moore mit, das letzterm ſeinen Zuſtand auf das dringendſte an's Herz legte. Statt aber Antwort hierauf zu bekommen, ſchrieb Apter ihm einen Brief, der nicht ſowohl Nachrichten, als Andeu⸗ tungen enthielt, welche Arthurs, mit Blanca's Bilde erfulltem Herzen unendliches Weh bereite⸗ ten. Sein Freund äuſſerte darin, daß er in jedem Falle am beſten thun wuͤrde, ſich auf das Uner⸗ wuͤnſchteſte vorzubereiten, damit er nicht an der Qual einer, vielleicht ploͤtzlich ganz untergehenden Hoffnung verbluten moͤchte. Denn aus Roberts Reden zu ſchließen, ſey es gar ſehr die Frage, ob Blanca je die Seinige werden wuͤrde. Uebrigens habe das Fraͤulein mehrere dieſer Reden in ſeiner Gegenwart gehoͤrt, und ihr ganzes Betragen eine 53 Faſſung dabei kundgethan, die der ſeinigen wohl zum Vorbilde dienen könne. 12. Der neun und zwanzigſte Oktober war das⸗ mal ein Tag zwiefacher Feier fuͤr die Stadt Lon⸗ don. Gerade vor zehn Jahren hatte William Walworth, als Lord Mayor, den Wat Tyler, der, an der Spitze von zwanzigtauſend Aufruͤhrern, des Koͤnigs Gewalt und ſelbſt ſein Leben be⸗ drohte, vom Pferde heruntergehauen, und Richard ihn dafuͤr auf der Stelle zum Ritter geſchlagen. Eben wieder zur Wuͤrde des Mayors erhoben, lei⸗ ſtete Walworth den Eid in Weſtminſter, und den feierlichen Zug von da zuruͤckkommen zu ſehen, ſtand das Volk zu vielen Tauſenden verſammelt vor dem Aldermannshauſe. Da kam endlich der ſtattliche Walworth, in Scharlach gekleidet, auf einem mit koͤſtlicher Decke uͤberhangenem Rappen, im Gefolge der Aldermaͤnner, Beamten und Die⸗ ner, ingleichen der Aelteſten der Gilden mit de⸗ ren Wappenſchildern und Fähnlein. So wenig ſich aber auch verkennen ließ, daß nicht alle An⸗ weſende dem neuen Lord Mayor wohlwollten, viel⸗ —— — —— ——— 54 mehr auf gar manchem Geſichte ein grimmiger Haß, vermuthlich darum ſich zeigte, weil eben ſeine heldenkuͤhne Entſchloſſenheit dem ſchon bis zum hoͤchſten Gipfel geſtiegenen Aufruhre auf Ein⸗ mal das Haupt abgeſchlagen hatte, ſo blickte der wackere Mann dennoch mit gleicher Milde auf Alle. Am deutlichſten zeigte ſich die unverhohlene Ab⸗ neigung an einer Menge von ſtattlichen Haͤuſern, wo man verſaͤumt hatte Teppiche auszuhaͤngen und ehrende Inſchriften anzubringen, welches um ſo mehr auffallen mußte, da die andern in dieſen Ausſtattungen diesmal eine beſondere Pracht be⸗ wieſen hatten. Glaͤnzender konnte das Gaſtmahl kaum ſeyn, welches ihm im großen Saale des Aldermanns⸗ hauſes gegeben wurde. Auſſer dem anweſenden Koͤnigspaare beehrten auch die ausgezeichnetſten Perſonen des Hofes und viele von der Ritterſchaft das Feſt mit ihrer Gegenwart. Wenn es kein bloßer Zufall war, daß der ebenfalls anweſende Ritter Oldſon Katharinen Nurſey zur Nachbarin erhielt, ſo ruͤhrte wenig⸗ ſtens nicht von ihm die Veranſtaltung her. Viel⸗ leicht konnten beide fur die ſchoͤnſten Perſonen an der Tafel gelten. Und wenn die gewaltigen Blitze 55 aus den großen dunkeln Augen des Fraͤuleins man⸗ chen Männerblick zur fortdauernden Betrachtung ihres ſchonen Geſichts und des Glanzes des ſchwar⸗ zen Haares zwangen, das in reichen Locken uͤber den vollen, ſchneeweißen Buſen, bis auf das him⸗ melblaue, enganliegende Sammtkleid, mit koſtlichen Silberblumen geſtickt, herabrollte, ſo ſuchten dage⸗ gen verſtohlen viele Frauen und Jungfrauen nach dem edelgeformten Geſichte Arthurs, deſſen Schwer⸗ muth im blauen Auge vielleicht einen beſondern Zauber fuͤr ſie hatte. Sich ſelbſt nicht zu gering achtend, wuͤrden die meiſten ohnſtreitig ſeine ſchoͤne Nachbarin um nichts beneidet haben, als um einen Halsſchmuck von den koͤſtlichſten weißen Perlen, zu deſſen Bemerken die jungen Verehrer Kathari⸗ nens, vor den Koͤrperreizen des Fraͤuleins, viel⸗ leicht gar nicht gelangen konnten. Aber Katharine ſchien all ihre Aufmerkſamkeit und Seele einzig dem Nachbar zuzukehren. Mit Waͤrme ſprach ſie von mancher fruher erlebten, gemeinſchaftlichen Freude, und erweckte ſolche durch ihre anſchau⸗ liche Darſtellung auch fuͤr Athur von Neuem. Der Scherz worein ihre Rede dieſe Dinge zu faſſen ſuchte, wurde allmählig von dem Gefuͤhle niedergerungen, das mit dem wiederholten Uumher⸗ 56 gehen des Pokals(obſchon ſie ſelbſt ſolchen unbe⸗ ruͤhrt ließ) die Oberherrſchaft immer uhe, auch in ihrem Nachbar, gewann. Daß ihr keinen Verluſt erleidet! ſprach ſie jetzt zu ihm, den locker gewordenen, weißen Schleier befeſtigend, den er ſeit jenem Turniere ſtets um den rechten Arm gewunden trug. Eine Thraͤne, welche ihr dabei offenbar die ſchoͤnen Augen er⸗ fullte, ergriff den jungen Mann ſchmerzlich. Un⸗ willkuhrlich druͤckte er mit ſeiner Hand die ihrige, indem er ſie zum Danke an die Lippen zog. Sſeine Theilnahme in dieſem Augenblicke war zu innig, als daß ſie der ſehr aufmerkenden Nach⸗ barſchaft haͤtte entgehen koͤnnen. Mehrere ſeiner und ihrer Verwandten, welche ſeine Verbindung mit dem reichen Fraͤulein wuͤnſchten, freueten ſich der ſcheinbaren Erneuerung der abgebrochenen fruͤ— hern Verhaͤltniſſe. Die erneute Hoffnung auf ein erſehntes, ihr ſchon ganz verſchwunden geſchiene⸗ nes Gluck, gluͤhte wunderſchoͤn aus dem Auge des Fraͤuleins Nurſey, und hauchte uͤber ihr ganzes Weſen einen eigenen Zauber. Arthur ſah, wie glucklich ſein ſtummer Dank ſie gemacht hatte, und ſein wohlwollendes Herz hielt es fuͤr Grau⸗ ſamkeit, ihr die neu uͤber ihrem Leben aufgegan⸗ 57 gene Sonne durch Kaͤlte wieder ausloͤſchen zu wollen. Ihr Blick hing an dem ſeinigen, wie die Lippe des Halbverſchmachteten an dem Becher. Die hierauf Bezug nehmenden Scherzreden der Nachbarn waren zu verbindlich, als daß ſich das Paar dadurch haͤtte verletzt fuͤhlen ſollen. Arthur mußte freundlich darauf eingehen, wenn er die Lie⸗ bende nicht bloß ſtellen wollte. Der ſo eben wieder an ihn gelangte Pokal war ein gutes Mittel, ſeine Verlegenheit zu ber⸗ gen. Er that einen weit ſtarkern Zug als ge⸗ woͤhnlich daraus, weil er ſich dadurch laͤnger den Blicken der Andern entziehen und auch zugleich auf Antwort fuͤr ſie ſinnen konnte. Die Froͤhlichkeit der letztern beſtaͤrkte ſowohl die Scherzenden als ſeine Nachbarin in ihren Anſichten und Hoffnun⸗ gen. Ein heimlicher Druck von Katharinens Hand, fachte die Glut, welche der Wein ihm her⸗ beigefuͤhrt hatte. Wein und Sinnlichkeit verruck⸗ ten ihm den Standpunkt der Dinge, und als jetzt alles dem Königspaare folgte und ſich von der Tafel erhob, traten die Verwandten um Ar⸗ thur und Katharinen herum, ihnen eine recht herzliche Freude zu bezeigen, uͤber deren Grund beiden kaum ein Zweifel bleiben konnte. 58 13. Der Tag neigte ſich, als die Verſammlung aus einander ging. Noch immer harrte das neu⸗ gierige Volk vor der Hausthuͤr, und theilte ſich, beim Beginnen des prachtvollen, bunten, durch die Tafelfreuden ziemlich laut gewordenen, Zuges aus der Hausthuͤr, in zwei lange Mauern, zwi⸗ ſchen denen er ſeinen Durchgang nehmen mußte. Zum Schluſſe deſſelben gehoͤrte Ritter Oldſon auf ſeinem muthigen Braunen und das Fraͤulein Nur⸗ ſey, das auf einem weißen Zelter, mit dem prächtig⸗ ſten Geſchirre, ſaß. Laute Bewunderung empfing die durch den Glanz des Anzugs noch mehr geho⸗ bene Wohlgeſtalt des Paares. Der dunkelblaue Sammt des Mantels, worin das Fraͤulein, der rauhen Herbſtluft halber, ſich gehuͤllt hatte, diente der Himmelsfarbe ihres darunter hervorgehenden Kleides gleichſam zu einer kraͤftigen Schattirung und war uͤberaus vortheilhaft fuͤr die Darſtellung ihres friſchen, ſchönen Geſichts. Von den rei⸗ chen Locken ihres ſchwarzen Haupthaars, leuchtete ein kleines Haͤubchen carmoiſinfarbigen Atlaſſes mit reicher Goldſtickerei und mit goldenen Schnuren unter dem Kinne gebunden. In ihrem mit Sil⸗ 59 ber faſt ganz uberdeckten Guͤrtel, funkelte der Gold⸗ griff eines Dolches, wie ſolche die Edelfrauen und Fräulein der damaligen Zeit in England zu tragen pflegten. Beſonders gefiel auch Arthur. Die un⸗ gewoͤhnliche Glut gab ſeinen, ſonſt etwas blaſſen Wangen einen eigenen Reiz, und den blauen Au⸗ gen das einnehmendſte Feuer. Der kleine, ſchwarze Sammthut, deſſen drei weiße Reiherfedern ſich tief herunterwiegten„ verſahen das feine Geſicht mit einer ſehr wohlgefälligen Schalkheit. Bei dem Feuer, das in ihm flammte, die Kaͤlte des nahenden Abends nicht empfindend, war ſeiner linken Schulter der dunkle Mantel entſchluͤpft und der enganliegende, grasgruͤne Sammtkoller mit reicher, goldener Stickerei, verbunden mit gleicher, am Kniee durch ſilberne Ketten befeſtigter, Beinbe⸗ kleidung, ſchien den jungen, kraͤftigen Koͤrper nur zu verbergen, um die Schoͤnheit ſeiner Verhält⸗ niſſe mehr in's Licht zu ſeben. Der Zug hatte ſich, durch das allmählige Abge⸗ hen der daran Theil Nehmenden in ihre Behauſung, ſchon ziemlich aufgelöſt, als auch Arthur mit Ka⸗ tharinen ihn verließ und um eine Ecke der Straße bog, ſie nach ihrer Wohnung zu geleiten. Der helle Tag war bereits dem Anbruche der Damme⸗ 60 rung gewichen. Da erblickte der Ritter auf Ein⸗ mal einen Alten, deſſen Hut und Mantel an je⸗ nen blinden Harfner erinnerte. Hu! rief das Fraͤulein, den Alten ebenfalls wahrnehmend, und wendete ſich ab, waͤhrend Ar⸗ thur ihm in das auf ihn ſelbſt gerichtete Geſicht ſchauete. Das naͤmliche Grauen, welches Katha⸗ rinen anwandelte, ging eiskalt durch ſeine Bruſt. Allerdings war es jener Alte vom Londner Steine. Aber die heutige furchtbare Eigenheit hatten doch damals ſeine blinden Augen fur ihn nicht gehabt. War das gar der Tod, der ſo ſchrecklich her⸗ uͤberſtarrte fragte ihn voll Entſetzen das Fraulein. Arthur geſtand ihr den gleichen Schauer. Ohne der uͤbrigen Umſtaͤnde zu gedenken, erzäͤhlte hier⸗ auf der Ritter, wo er den Greis ein Jahr fru⸗ her gefunden, und was der Nachtwächter uͤber ihn geaͤuſſert hatte. Ohne dieſes Ereigniß wuͤrde Arthur vielleicht Katharinen, wie ſie auch zu erwarten ſchien, in das Haus ihrer Aeltern begleitet haben. Allein die Erſcheinung des Alten hatte in ihm die Gau⸗ kelſpiele des Tages auf Einmal um alle Wirkung gebracht, und die Glut ausgelsſcht, welche dem Weine ihr Entſtehen zunaͤchſt verdankte. 61 14. Ein heftiger Schreck zuckte Arthurn durch Mark und Bein, als er zu Hauſe den Schleier um ſeinen Arm vermißte. Diener mit Fackeln mußten ſogleich die Straßen ſeines Heimritts durchſuchen und allenthalben Nachftage halten, waͤhrend er ſelbſt nach dem Aldermannshauſe eilte. Hier aber wollte Niemand ſolch einen Schleier gefunden haben. Als habe durch dieſen Verluſt ſein ganzes Geſchick ſich zum Boſen gewendet, ſo raſ'te er bald darauf in Katharinens Gemach. Hoch erfreut, als er, ganz unverhofft, ihr doch noch gemeldet wurde, war dieſe ihm entge⸗ gengeeilt, blieb aber ſogleich, durch den auffallen⸗ den Trug all ihrer Erwartungen im Innerſten vernichtet, vor den rollenden Augen des Todten⸗ bleichen ſtehen. Mein Schleier! ſtammelte er. Hat vielleicht ein ungluͤckſeliger Scherz von eurer Seite mir die Angſt bereitet, in der ihr mich uͤber dieſen Verluſt erblickt? Gebt mir ihn dann wenigſtens ohne Verzug und Aufenthalt. Was weiß ich von euerm Schleier? antwor⸗ tete Katharine empfindlich. Seit ich uͤber Tafel 62 ihn euch befeſtigte, habe ich keinen Gedanken mehr an ihn gehabt. Da kam ein Diener aus ſeiner Wohnung athemlos mit der Nachricht, daß dort der ver⸗ mißte Schleier angelangt ſey. Nach einem Blick voll Danks zum Himmel, verließ er das Zimmer. Sein Entzuͤcken ließ ihn nicht zu dem Gedanken an die Nothwendigkeit einer Entſchuldigung, es ließ ihn uͤberhaupt zu keinem Gedanken, als an den Schleier kommen, bis er ihn endlich zu Hauſe wieder in den Haͤnden hielt, und ſich ganz uͤberzeugt hatte, daß es wirklich das verlorene Kleinod war. Auf die Frage nach dem Ueberbringer, ver⸗ nahm er, daß es ein ganz unbekannter Mann ge⸗ meines Standes geweſen. Geht— rief er da— und kommt mir nicht eher wieder vor die Augen, bis ihr ihn aufgefun⸗ den, daß ich mich des reichlichen Lohnes entledige, den ich ihm ſchuldig bin. Achſelzuckend aͤuſſerten die Diener, es ſey dem Manne durch ſie ſelbſt Hoffnung auf Beloh⸗ nung gemacht und er zum Bleiben ermahnt wor⸗ den, er aber habe ſich verachtend abgewendet und 63 die Hand eines Knaben, ſeines Fuͤhrers, ergriffen. Er ſcheine naͤmlich blind geweſen zu ſeyn. Blind?! rief Arthur aus, und auf ſein wei⸗ teres Nachfragen ergab ſich, daß er der Greis vom Londoner Steine ſeyn mußte. Lange ſtand er am Fenſter, auf die ſeltſamen Geſtalten ſchauend, in welchen der inzwiſchen eingetretene Sturmwind die Wolken neben der Mondsſcheibe hinwegfuͤhrte, wenn er nicht einen ganzen Schleier uͤber ſie hin⸗ warf. Dann verließ er in den Mantel gehullt das Haus. 15. Schon dreimal war er am Londoner Steine vorbeigegangen. Allezeit verweilte er dort lange, aber nie erſchien der blinde Greis. Zum Ungluͤck war auch der neue Nachtwaͤchter, bei dem er ſich nach dem nächtlichen Gaſte erkundigte, noch gar nicht von dieſem unterrichtet. Die durch den fortdauernden Sturm zum Theil halb erſtickten Schlaͤge der Mitternachts⸗ ſtunde hatten ausgeklungen, als er das vierte Mal dem Steine nahete. Abermals vergebens! dachte er ſchon. Denn die nach einem eben recht 64 heftigen Windſtoße eingetretene, tiefe Stille, wuͤrde die Harfentone des Alten gewiß zu ſeinem Ohre gelaſſen haben, wenn er geſpielt hätte. Dafuͤr aber nahm Arthur, als er ſchon faſt an den Stein gekommen, daſelbſt einen Rieſenſchatten wahr, wel⸗ cher ſich zu bewegen ſchien. Und das war wirk⸗ lich der Schatten des Greiſes, durch den bereits ziemlich tief ſtehenden Mond ſehr verlaͤngert. Die Harfe lag diesmal neben ihm, der ſein ganzes Ge⸗ ſicht in den Mantel gehuͤllt hatte. Gott ſey mit dir, Alter! redete der Ritter ihn an. Du haſt mir einen wichtigen Dienſt er⸗ wieſen. Ohne ſeine Stellung im mindeſten zu veraͤn⸗ dern, antwortete der Blinde. Faſt beſorgte ich, dir nur eine Erinnerung zuruͤckgebracht zu haben, welche dir inzwiſchen gleichguͤltig, wo nicht gar laͤſtig geworden. Weshalb dieſe Beſorgniß? Weil ich die Welt und die Menſchen kenne. Mich wenigſtens verkenneſt du gewiß, wenn du nicht glaubſt, daß dieſer Schleier noch immer meine einzige Erquickung iſt in ihrer Abweſenheit. Da enthuͤllte der Alte ſein Geſicht, und es war dem Ritter, als dringe aus den erloſchenen Au⸗ 65 Augen ein erforſchender Stral bis in die geheim⸗ ſten Tiefen ſeines Herzens. Heute Mittag im Aldermannsſaale wuͤrdeſt du mich deſſen kaum uͤberredet haben. Wo wareſt du, daß ich dich nicht gewahr wurde? Unter dem Zuſchauervolke, und zwar mehr meines jungen Fuͤhrers, als meinetwegen. Doch zur Sache: Huͤte dich, Arthur, zuerſt vor dei⸗ nen Freunden und dann vor dem Becher. Auch ſein zu haͤufiger Gebrauch iſt ein Laſter, welches die Ritter meiner Zeit noch nicht fuͤr eine Tu⸗ gend achteten. Schließe fuͤrohin Niemand mehr dein Herz auf uͤber deine Liebe. Bewahre ſie ſorgfaͤltig in dir, wie vormals die Prieſter der Veſta das heilige Feuer. Setze ſie auch nicht durch Wein und rauſchende Freude in Gefahr! Arthur bat um naͤhere Weiſung, wie er ſich in Anſehung ſeiner Liebe zu benehmen habe. Aber der Greis wendete ſich ab, ergriff ſeine Harfe, und als ſey es ihm um eine angemeſſene Begleitung des raſenden Sturmwinds zu thun, ſo heftig riß er in die Saiten bei des Ritters laͤngerm Verweilen, immer mehr und finſterer von ihm hinweggekehrt. I. 5 16. Wie er am Tage zuvor um den Schleier ge⸗ kommen war, das loͤſte ſich dem Ritter ſchon am folgenden Morgen. Nach aufgehobener Tafel hat⸗ ten die Bekannten, die ihn umgaben, zum Scherz, dieſes Andenken behutſam und ohne daß er ſolches merkte, ſeinem Arme abgebunden. Seltſam genug aber hatte ſich ihnen ſolches unter den Haͤnden verloren, was ſie ihrem Rauſche zuſchrieben, und recht erfreut waren, als ſie den Schleier wieder an ſeinem Arme erblickten. Sie drangen in ihn, zu wiſſen, auf welche Weiſe er ihn zuruckerhalten. Einen Aufſchluß aber konnte ihnen Arthurs Be⸗ richt immer nicht gewaͤhren, da ſie ſolch einen Greis, wie er beſchrieb, im Aldermannshauſe durchaus nicht bemerkt hatten.. Uebrigens traf noch am naͤmlichen Tage eine vertraute Freundin Blanca's in London ein, welche, ehe ſie weiter reiſete, ihn zu ſich einladen ließ und entdeckte, daß Axter ſein Vertrauen gemisbraucht und ſelbſt Abſichten auf Blanca's Hand dem Rit⸗ ter Wellmoore zu erkennen gegeben hatte. Zum Gluͤck ohne allen Erfolg, da Blanca's Vater zu⸗ verlaͤſſig keinem Engländer die Tochter verſprechen 67 wuͤrde, bevor nicht der Friede zwiſchen Frankreich und England abgeſchloſſen ſey. Blanca ließ ihn zugleich bitten, den Schleier abzulegen. Ihr Va⸗ ter koͤnne, wenn er davon erfahren ſollte, nur noch mehr gegen ihn gereizt werden, weil doch die Bedeutung deſſelben an Arthurs Arme ſchon zur Kenntniß des Grafen von St. Paul gekom⸗ men, und dieſer gewiß nur ungern ſaͤhe, wenn das am Hofe zu Paris ebenfalls bereits verlautete Geruͤcht, daß Blanca die Verlobte eines Englaͤn⸗ ders ſey, durch ein ſolches Zeichen Beſtaͤtigung zu erhalten ſcheine. Ueberhaupt wuͤnſchte Blanca, er moͤchte, aus demſelben Grunde, ſeine Neigung zu ihr, wenn darauf die Rede komme, geradezu ver⸗ laͤugnen, glaube ſie doch zu wiſſen, daß ſein Herz ihr ſo zuverlaͤſſig allein gehoͤre, als ihm das ihrige. Die Suͤßigkeit der letzten Worte zerſtoͤrten ihm wieder den Mismuth uͤber die andern Mit⸗ theilungen. Uebrigens enthielt die Weiſung, ſo Blanca ihm geben ließ, zugleich einen Aufſchluß uͤber einen Theil der ihm fruͤher nicht recht ver⸗ ſtaͤndlichen Warnungen des Blinden. Unter ſolchen Umſtaͤnden wuͤrde dem Ritter der Schein eines naͤhern Verhaͤltniſſes mit Ka⸗ tharinen willkommen geweſen ſeyn, wenn nur ſi 5* 68 aus dieſem Scheine nicht neue Hoffnungen haͤtte ſchoͤpfen muͤſſen. Ihrem Unwillen an jenem Abende, wo er, auſſer ſich uͤber den Verluſt des Schleiers in ihr Gemach trat, ſuchte ſie einige Tage darauf durch ganz beſondere Gefaͤlligkeit und Milde aus ſeinem Andenken zu verwiſchen. Da ſie wußte, daß er den Schleier zuruͤckerhal— ten, ſo mußte es ihr hoͤchſt erfreulich ſeyn, ihn nicht mehr an ſeinem Arme zu bemerken, zu⸗ mal, da er, wie ſie eines Tages daruͤber ſcherzte, geradezu aͤuſſerte, daß alle Verhaͤltniſſe zwiſchen ihm und dem Fraͤulein Wellmoore als voͤllig ab⸗ gebrochen zu betrachten waͤren. In der Folge erregte dieſes freilich ihm im⸗ mer neue Unruhe, je groͤßer die Hoffnungen Ka⸗ tharinens fortdauernd zu wachſen ſchienen. Denn ob er ſchon gegen ſie ſtets in den Schranken einer Freundlichkeit blieb, die an ſich gar keinen Ver⸗ dacht haͤtte erwecken können, ſo ſchloſſen doch des Fraͤuleins Verwandten aus den haͤufigen Zuſam⸗ menkuͤnften mit ihr, welche ſie uͤbrigens gemeinig⸗ lich ſelbſt veranlaßten, und aus Katharinens Zu⸗ ruͤckweiſen mehrerer ſehr vortheilhafter Heiraths⸗ antraͤge, auf irgend einen Grund, weshalb Beide 69 ihre vorausgeſetzte Verlobung noch geheim halten wollten. 17. Inzwiſchen hatten die oͤffentlichen Ereigniſſe manche Veraͤnderung herbeigefuͤhrt. Koͤnig Ri⸗ chards Gemahlin, Anna von Boͤhmen, erkrankte und ſchied zu Pfingſten im Jahre 1394 von die⸗ ſem Leben. Die Feier bei ihrem Begräbniſſe in der Kathedrale war auſſerordentlich. Durch die zahlloſen Kerzen und Fackeln, wozu das Wachs aus Flandern herbeigeholt worden, wurde die Nacht in Tag verwandelt. Arthurs Artigkeit konnte ſich nicht enthalten, Katharinen ein ſuͤßes Wort uͤber die hohe An⸗ muth zu ſagen, welche die Trauer ihrem Geſicht ertheilte. Niemand unterließ dies, weil wirklich das Ungewohnte, ſie in Schwarz gekleidet zu ſe⸗ hen, die anmuthigen Zuͤge mit einem neuen Reize verſah. Aber nur von ihm hatte ihr die Sache Bedeutung, wenn ſie ſchon vielleicht gleichguͤltiger, als gegen aͤhnliche Höflichkeiten der Andern, dabei erſchien. Die Unterhandlungen zwiſchen England und 70 Frankreich nahmen in Kurzem einen raſchern Gang als zeither. Ein Edelmann aus der Normandie, Robert le Menuot, der Einſiedler genannt, wurde mit einem Geſicht vom Himmel begnadigt, nach welchem er auserſehen war, die bis dahin verun⸗ gluͤckten Verſuche zum Abſchluſſe eines Friedens dem erſehnten Ziele zuzufuͤhren. Vielleicht hätte ſchon ſein erſtes Erſcheinen in London es dahin gebracht. Denn der Oheim des Königs, der Her⸗ zog von Lancaſter, beguͤnſtigte das Geſchäft. Deſto beharrlicher blieb ſein Bruder, der Herzog Thomas von Gloceſter, auf ſeinem Verlangen nach der Fort⸗ ſetzung des Krieges ſtehen, und trotz aller Glätte der Worte gegen den franzoͤſiſchen Botſchafter, mußte dieſer doch ziemlich ganz unverrichteter Sache nach Paris zuruͤckkehren. Die große Hoffnung Arthurs bei Roberts nochmaliger Sendung nach England, welche durch den Grafen von St. Paul noch größere Wichtig⸗ keit erhielt, Blanca wieder zu ſehen, ging zwar nicht in Erfuͤllung; ihr Vater jedoch war im Ge⸗ folge des Grafen und bald gelang es der Bered⸗ ſamkeit der Liebe alle Nebel zu zerſtreuen, welche dem Ritter Wellmoore das Bild des jungen Man⸗ nes ganz in Schatten geſtellt hatten. Die bisheri⸗ ₰ 71 gen Misverſtaͤndniſſe loͤſten ſich. Auſſer dem Arg⸗ wohne, durch Axter dem Ritter Wellmoore bei⸗ gebracht, hatten ihm ſpaͤterhin auch Mehrere ſehr geſchadet, denen er, Nachricht uͤber Arthur ihm zu geben, aufgetragen. Jener Mittag, am Tage der Vereidung des Lord Mayors, und Arthurs, dem Anſcheine nach, feſter als je zuſammengezogene Verbindung mit dem Fraulein Nurſey war beſon⸗ ders herausgehoben worden. Wenn aber auch Wellmoore ſeiner Tochter damals den auſſerordent⸗ lichen Unwillen nicht verhehlte, den er gegen ihren Geliebten in ſeiner Bruſt hegte, ſo glaubte er doch die Urſache ſchon darum ihr vorenthalten zu muͤſ⸗ ſen, weil er wußte, wie oft ſchon durch Eiferſucht eine Liebe, die auſſerdem allmählig von ſelbſt er— loſchen waͤre, zur unzerſtoͤrbaren Flamme angefacht worden iſt. Sie ſchieden im beſten Vernehmen von ein⸗ ander, und ſo ſchwer es Arthurn auch einging, daß Blanca noch eine Zeitlang von der vorgefalle⸗ nen Ausſoͤhnung nichts wiſſen ſollte, ſo malte ihm ihr Vater doch das Entzuͤcken, wenn ſie, bei der nächſten Zuſammenkunft mit ihm, auf Einmal da⸗ von und von der Kroͤnung ihrer Wuͤnſche zugleich uͤberraſcht wuͤrde, ſo groß und gewaltig, hatte ſich auch ſo ganz in den erfreulichen Gedanken deſſel⸗ ben verloren, daß eine Einwendung dagegen nicht wohl zu erheben war. Der Zeitpunkt, wo die hoͤchſte Bluͤte von Arthurs und Blanca's Glucke ſogleich in voller Pracht aufbrechen ſollte, war die zu Befeſtigung des Friedens gereichende, naͤhere Verbindung zwi⸗ ſchen Frankreich und England durch die Wieder⸗ vermaͤhlung Koͤnig Richards mit der erſt acht Jahr alten Iſabelle von Frankreich, deren bereits erfolgte Verſprechung an den älteſten Sohn des Herzogs von Bretagne, in Folge der Werbung jenes Koͤnigs, ohnſtreitig nicht in Erfuͤllung ging. Hatte doch Ritter Wellmoore bereits die Ausſicht, daß ſeine Tochter Blanca als Ehrenfraͤulein der Koͤnigin von England angeſtellt werden, und Iſa⸗ bellen dahin begleiten ſolle. Endlich kam auch wirklich die Verbindung zu Stande. Die junge Koͤnigin wurde zu Paris dem Herzoge von Norfolk, als Stellvertreter Ri⸗ chards, angetrauet. Deſſen ohngeachtet legte der harte Sinn des Herzogs von Gloceſter dem Frie⸗ den noch lange Hinderniſſe in den Weg. Auf den Rath des Grafen von St. Paul verſprach endlich der Koͤnig dieſem Oheime, ſeinem Sohne ————— s 73 Offrem da, wo ſein Abſchluß erfolgen wuͤrde, die Grafſchaft Rocheſter, und ihm ſelbſt eine auſſeror⸗ dentliche Geldſumme; und es fragt ſich, ob dieſes nicht wirklich viel beitrug, die Nachgiebigkeit des ſonſt ſo eiſernen Mannes zu bewirken. Denn un⸗ mittelbar darauf wurde der Friede in Calais un⸗ terzeichnet, wo die Koͤnige von Frankreich und England ſich hierzu in Perſon einfanden. 18. Der reichſte, uͤppigſte Glanz goß ſich aus uͤber die Städte Calais und St. Omer und die ganze dazwiſchen liegende Gegend. Ohnfern von einander hatten beide Könige im Freien große praͤchtige Gezelte aufſchlagen laſſen, fuͤr ſich und die Prinzen vom Gebluͤt, nebſt den Rittern und Herren ihres Gefolges. Obſchon der Herzog von Hereford zu Erhaltung der Ruhe in London zu⸗ ruͤckgeblieben, ſo hatte er doch ſeinem Vater, Jo⸗ hann von Gaunt, den Ritter Arthur beigegeben, damit er durch dieſen von allen Vorgaͤngen treuen Bericht erhielte. Es war Freitags am heiligen Abend vor dem Feſte Simonis Judä, im Jahre 1396, Schlag zehn Uhr Vormittags, als jeder der beiden Koͤnige aus ſeinem Zelte trat, und mit einem uͤberaus glanzreichen Gefolge dem andern zu Fuße entge⸗ gen ging. Auf dem fuͤr ihre Zuſammenkunft be⸗ ſtimmten Platze ſtanden einander gegenöber vier⸗ hundert engliſche, und eben ſo viel franzoſiſche Ritter, ſaͤmmtlich in blanken Stahl gekleidet und das Schwert in der Hand. Zwiſchen dieſen Rei⸗ hen hindurch kamen von beiden Seiten die Koͤnige, Richard im Geleite ſeiner zwei Oheime, der Her— zoge von Lancaſter und Gloceſter, und Karl mit den Herzogen von Berry und von Burgund. Als die Koͤnige ſich ganz nahe waren, ſo ließen die achthundert Ritter ſich mit Einemmale ſämmtlich auf ihre Kniee nieder. Der Anblick war um ſo groͤßer, da Männer, im Geraͤuſche der Waffen der Thränen entwoͤhnt, wie dieſe, ſich ihrer in ſolch einem Momente doch nicht enthalten konnten. Ohnſtreitig trieb ſie ihnen der Gedanke in die Augen, welch einer Menge von Verwirrung und Truͤbſal beide gewaltige Reiche entgangen ſeyn wuͤrden, wenn das jetzige Ereigniß fruͤher gekommen waͤre, und welch eine Maſſe von Volkselend in der freundlichen Handreichung, bei der die Koͤnige ſich gegen einander verneigten, wie 75 durch einen wohlthätigen Zauber auf Einmal ver⸗ tilgt wurde. Farl fuͤhrte hierauf den König Richard in ſein gewaltig großes, mit allem erdenklichen Prunk und Zierath verſehenes Zelt. Die vier Herzoge faßten dann einander ebenfalls bei der Hand und folgten den beiden Herren. Die Ritter thaten ein Gleiches. Im Zelte ſtanden bereits die Herzoge von Orleans und Bourbon zum Empfange der Könige, ſich vor ihnen auf die Kniee niederlaſſend. Die Koͤnige befahlen ihnen aufzuſtehen und ſprachen mit einander. Inzwiſchen wurde Wein und Zuckerwerk auf⸗ getragen, der Koͤnig von Frankreich wurde vom Herzoge von Berry mit letzterm, vom Herzoge von Burgund aber mit Weine bedient. Daſſelbe ward dem Koͤnige von England durch die Herzoge von Lancaſter und Gloceſter gereicht. Als die Monarchen fertig waren mit Speiſe und Trank, ſo leiſteten die franzoͤſiſchen und engliſchen Ritter den Praͤlaten, Herzogen, Fuͤrſten und Grafen die⸗ ſelben Dienſte, wie nachher die Knappen und Of⸗ fizianten den Rittern⸗ Zuletzt war von Eßwaare und Getraͤnk nichts mehr uͤbrig, und nun nahmen ſogleich die bis dahin in traulichem Geſpraͤch be⸗ griffen geweſenen Koͤnige, und nach ihnen alle Uebrige, Abſchied von einander, und Franzoſen und Englaͤnder brachen auf, die erſtern um den König Karl nach Ardre, die andern den Konig Richard nach Guines zu begleiten. Die franzoͤſi⸗ ſchen Gezelte blieben indeſſen aufgeſchlagen und Muſik und Tanz und Freudenlieder erfullten die ganze Gegend bis zum Anbruche des folgenden Tages, deſſen bevorſtehende Feſtlichkeit die allge⸗ meine Hoffnung neu befeſtigen ſollte. 19. Das Feſt Simonis Juda iſt wohl ſelten ſo gefeiert worden, als damals von England und Frankreich vereint geſchah. Vormittags gegen eilf Uhr erhob ſich König Richard in hoͤchſter Pracht nebſt ſeinen Oheimen und allen mit ihm uͤber das deer gekommenen Fuͤrſten, Grafen und Herren, und erſchien ſo im Zelte des Koͤnigs Karl. Nach der feierlichen Aufnahme und manchem Scherze, womit der allgemeine Frohſinn den Tag beſeelte, ſetzte man ſich zur Einnahme des Mahls an die dazu eingerichteten Tafeln. Beſonders prangte 77 mit Gold⸗ und Silbergefaßen die Tafel, woran die beiden Könige allein und ſehr weit auseinan⸗ der, und zwar an dem obern Ende der Koͤnig von Frankreich und an dem untern der Koͤnig von England ſaßen, und von den Herzogen von Berry, Burgund und Bourbon bedient wurden, wobei vorzuͤglich der Herzog von Burgund durch ſeinen ſchalkhaften Witz zur angenehmen Unterhal⸗ tung beitrug. Nach Aufhebung und Wegnahme der Tafeln wurde Wein und Zuckerwerk herumgegeben. Ein beſonderer Glanz aber that ſich auf mit dem Er⸗ ſcheinen der jungen, ihren Jahren an Geiſt weit vorausgeeilten, Koͤnigin von England. Alles war geblendet von dem Golde und Silber und Edel⸗ ſteinen, in denen ſie und ihr zahlreiches Gefolge prangte. Mit ruhrender Feierlichkeit reichte Konig Karl ſeiner Tochter die Hand und uͤbergab ſie ſo ihrem Gemahl. Und kaum war dies geſchehen, ſo wurde von allen Seiten Abſchied genommen, worauf ſich die Koͤnigin von England in eine hierzu beſtimmte, mit den Wappen Englands und Frankreichs und köſtlichem Zierath verſehene Saͤnfte ſetzte. Mit großer Anſtrengung nur hatte Arthur Oldſon waͤhrend der Tafel und nachher ſeine Sehnſucht nach dem Wiederſehn der Geliebten bezwungen. Die Ungeduld quaͤlte ihn beſonders darum, weil er unter den anweſenden franzoͤſiſchen Rittern ihren Vater vermißte und noch nicht ein⸗ mal wußte, ob ſie zur Stelle eines Ehrenfraͤuleins der Koͤnigin von England auch wirklich gelangt war. Zwar riß der ſelige Moment, wo er ſie dann in Iſabellens Gefolge erſpaͤhte und nach ſo langer, truber Entbehrung wieder den erſten Blick von ihr erhielt, allen zeitherigen Kummer, alle Angſt und Sorge aus ſeiner Bruſt. Aber ein neuer und groͤßerer erwuchs ihm ſchon unmit⸗ telbar darauf, aus dem nicht zu verkennenden Schmerze, aus dem, offenbar von anhaltendem Weinen ermatteten Auge der Geliebten. Die Ur⸗ ſache enthullte der Augenblick, ehe die junge Koͤ⸗ nigin in die Sänfte ſtieg. Eine tiefe Trauer ſchien da ihr ganzes Gefolge zu erſtarren, waͤh⸗ rend Iſabelle ſelbſt, mit Muͤhe ihre Thraͤnen zu bergen ſuchend, Blancen zuletzt noch einmal die Hand zureichte und das Fräulein, auf die Kniee ſinkend vor ihr, wie der Sterbende das Kruzifix, dieſe Hand inbruͤnſtig an die Lippen druͤckte. Als die Koͤnigin ſich von ihr losreißen mußte, feſſelte 79 der Schmerz ihre Kraft dergeſtalt, daß ſie zum. Wiederaufſtehen fremder Unterſtuͤtzung bedurfte. Von den aus Frankreich mitgekommenen Da⸗ men wurde ihr keine gelaſſen, als Frau von Couci. Dagegen verſammelten ſich um ſie die ihr bisher ganz fremd geweſenen engliſchen Herzoginnen von Lancaſter, York, Gloceſter und Irland, nebſt einer großen Anzahl anderer hoher Damen, durch deren Freudenbezeigungen ohnſtreitig der Schmerz in ihr erſt recht zum Vorſcheine gekommen ſeyn wuͤrde, haͤtte der Anſtand, welcher der Koͤnigin beiwohnte, ſie minder weit uͤber ihre zarte Jugend hinausge⸗ hoben. Die Abreiſe der Engländer ging auch ſo ſchnell, daß Arthur nicht einmal die Geliebte zu⸗ vor aufſuchen konnte, und zu Calais, wohin ſeine Beſtimmung ihn fuͤhrte, ließen die mannichfachen ſeiner dort harrenden Geſchäfte ihn ebenfalls nicht zu einer Reiſe zuruͤck kommen. 20. Am darauf folgenden Dienſttage, dem Aller⸗ heiligenfeſte, ſpielten eben noch die Blicke der un⸗ tergehenden Sonne mit den ſchoͤnen, bunten Fen⸗ ſterbildern der uͤbervollen Kirche des heiligen Ni⸗ kolaus zu Calais, recht freundlich, als das koͤnig⸗ liche Paar mit großem Gefolge und im hoͤchſten Glanze dort ankam. Der ehrwuͤrdige Erzbiſchof von Canterbury verrichtete die Einſegnung, und dachte in ſeiner Rede der gluͤcklichen Zeiten, welche dieſe Verbindung fur zwei große Reiche herbeifuͤhren koͤnne. Zugleich aber ließ er ſich uͤber die Pflicht des Fuͤrſten aus, alle Kraft aufzubieten, um dem gottlichen Segen nicht durch unweiſes Leben die Bahn zu vertreten, der er zu ſeinem Gedeihen beduͤrfe. Er ſprach viel von der Muͤhe, die ein gottgefaͤlliger Regent an ſein Land verwenden, daß er nicht in Glanz, Ueppigkeit und koſtſpieligen Zer⸗ ſtreuungen, ſondern in der Liebe des Volks ſein Gluͤck und ſeine Groͤße ſuchen muͤſſe, und daß dieſe Liebe einzig und allein durch angeſtrengtes Nachſinnen uͤber die Wohlfahrt des Ganzen, und dahin abzweckende Einrichtungen auf die Dauer koͤnne erworben werden. Der Thron, ſagte er, ſey nichts weniger, als ein Ruheſitz, er ſey viel⸗ mehr ein Sorgenſtuhl und die Krone eine Zier, welche jeder widrige Wind vom Haupte zu wehen vermöge, wenn nicht Weisheit und Gerechtigkeit ſie feſthalte. Der wuͤrdige Geiſtliche mochte allerdings mit die⸗ 8¹ dieſer Rede auf manche wunde Stelle von Ri⸗ chards Gewiſſen treffen allein die Milde ſeines Tons, die Sanftmuth der Blicke und das Wohl⸗ wollen ſeines Herzens, leuchtete zugleich ſo ſehr daraus hervor, daß der Koͤnig von ſelbſt ſchwer⸗ lich ungehalten daruͤber geworden wäre. Als aber jetzt ſein Blick auf den Herzog von Gloceſter fiel und wahrnahm, mit welcher Haͤrte das Auge des ſtrengen Mannes auf ſeinem Geſichte haftete, und auch, nach dem eintretenden hohen Errothen des gekrönten Neffen, noch nicht von ihm abließ, da erſt entſtand ſolch eine ſichtbare Ungeduld in ihm, daß der Redner, wie es ſchien, fruͤher, als es ſein Vorſatz geweſen, zum Schluſſe eilte. In einem ziemlich fernen Winkel der Kirche hatte Arthur, mehr, um den Anſtand nicht zu verletzen, als aus innerem Triebe, die heilige Hand⸗ lung abgewartet. Aber es war ihm weder Auge noch Ohr fuͤr die Rede gegeben. Doch ein Ton, wie der Sprung einer Saite, gerade waͤhrend des Amen, wirkte ſo gewaltig auf ihn, daß er, mit dem plotzlich in ihm aufſteigenden Gedanken an den Blinden beim Londoner Steine, ſogleich nach der Gegend des Klanges blickte, ohne jedoch der Urſache auf die Spur zu kommen. I. 6 Der Blinde, daruͤber war er laͤngſt mit ſich einig, und ſein Reden und Thun, ließ ſich durch⸗ aus nicht auf die Weiſe erklären, wie jener Nacht⸗ waͤchter es verſuchte und die gelehrten Leute, auf deren Urtheil ſich derſelbe durchaus ſtutzen wollte. Arthur hielt ihn vielmehr fuͤr einen mit der be⸗ ſondern Gunſt des Blickes in die Zukunft Be⸗ gabten, und auf das Lebendigſte regte ſich der Wunſch in ihm, dieſen Greis wieder zu erblicken. Wie er nun, voll davon, eben mit der Volks⸗ menge zur Kirche hinausgedraͤngt wurde, da fuͤhlte ſich ſein Auge wunderbar ergriffen von der Ge⸗ ſtalt dieſes Blinden ſelbſt, der im hellen Strale des Mondes an der Thuͤre ſtand. Sey mir gegruͤßt! rief aus voller Seele der Ritter ihm zu. Dein Erſcheinen duͤnkt mich ein ſehr gluͤckliches Ereigniß. Der Sprung, wie von einer Saite, lenkte mir Gedanken und Wuͤnſche alsbald nach dir. Und nun biſt du wirklich da. Sollte das keine erfreuliche Vorbedeutung ſeyn? Vielleicht antwortete der Blinde. Huͤte dich nur, deinem Gluͤcke eine falſche Geſtalt unterzu⸗ legen. Uebrigens war es wirklich eine Saite mei⸗ ner Harfe, die am Ende der erbaulichen Rede zer⸗ ſprang. Was aber wird die ſchoͤne Rede fuͤr 83 Frucht tragen? Wird ſie die Truͤbſale hindern oder auch nur aufhalten, die ich ſchon hereinbre⸗ chen ſehe uͤber unſer England' Ton und Kopfſchuͤtteln bewieſen, daß er we⸗ nig Vertrauen hierauf ſetzte. Das Verhängniß, deſſen dunkle Wolken ſich immer dichter uͤber un⸗ ſerm Vaterlande zuſammenziehen, kann gar leicht auch dich und deine Wuͤnſche treffen!— fuhr er fort.— Ihr Gegenſtand uͤbrigens iſt dir naͤher, als du glauben wirſt. Nur vergiß nie des Unbe⸗ ſtands aller irdiſchen Guͤter und laß dich nimmer ablocken vom wahren Gluͤcke, welches einzig her⸗ vorgehen kann aus reinem Bewußtſeyn. Blanca iſt eben hier in Calais angekommen, um als Die⸗ nerin der neuen Königin mit nach England zu gehen. Alter— ſprach Arthur, nach dem erſten Frohlocken wieder in Zweifel verſinkend— iſt es auch wahr, was du ſagſt' Nur Wahrheit rede ich— antwortete er— ſo weit nämlich meine geiſtige Blindheit derſelben faͤhig iſt. Dank, tauſend Dank! rief der Ritter, trun⸗ ken von der ihm eben verkuͤndeten Gunſt des Schickſals, und hatte keinen Gedanken mehr als 6 den, das Wiederſehen der Geliebten nicht um einen Augenblick zu verſpäten. A. Iſt ſie das wirklich?— dieſe Frage ſchwebte Arthurn auf den erblaſſenden Lippen, als er auf dem Schloſſe zu Calais in der Thuͤr des Gema⸗ ches ſtehen blieb, wo Blanca ſo eben von ihrer Dienerin des Reiſeanzuges entledigt, und zur Vor⸗ ſtellung bei der Koͤnigin angekleidet worden. Denn mit allen Merkmalen ſchmerzlichen Unwohlſeyns, ſah er ſie vor ſich, und die Feierkleider ſtanden in wahrhaftem Widerſpruche mit dem todtenblei⸗ chen Geſichte, mit der matten Seelenloſigkeit des Auges. Willkommen, theurer Vetter!— redete ſie ihn in franzöſiſcher Sprache an, welche ihre Die⸗ nerin nicht verſtand. Nur die Hoffnung, euch vielleicht doch noch heute zu ſehen, machte, daß ich das Bette nicht ſogleich aufſuchte, ſondern mich zur Vorſtellung bei der Koͤnigin ankleiden ließ. Mein Hauptzweck iſt gluͤcklich erreicht; was will ich mehr? Aber, mein Gott— rief der Erſchrockene— warum nicht fuͤr das Erſte einen Arzt' ——— ——— 85⁵ Weil ich dann doch vielleicht um dieſen, bei aller in mir tobenden Pein, noch immer ſehr glucklichen Augenblick gekommen waͤre! Zu ver⸗ wundern iſt es uͤbrigens nicht, daß mein Körper dem Erlittenen unterliegen muß. Erſt nach der feſten Hoffnung, mit nach England gehen zu duͤr⸗ fen, den Schrecken, ſie nicht erfullt zu ſehen! Und dann wieder, als ſchon meine Ruͤckreiſe nach Paris mich mit jedem Augenblicke weiter entfernte von dem Lande meiner Wuͤnſche, und ich daruͤber immer tiefer in Schwermuth verſank, die Einho⸗ lung durch einen Courier vom Grafen St. Paul, der die Bitten der Koͤnigin ſo kräftig bei ſeinem Vetter, dem Koͤnige Richard, unterſtuͤtzt hatte, daß ich auf's eiligſte nach Calais zu ihr ſollte, um, wo moͤglich, noch der Feier des heutigen Ta⸗ ges beizuwohnen. Dieſe Freude folgte jenem Schmerze allzu plotzlich. Kaum hatte ſie es ausgeſprochen, ſo erſchien die von ihrer Ankunft unterrichtete Koͤnigin, durch die Ungeduld, ſie wiederzuſehen, hereingetrieben. Zu bewundern war die Wurde, welche der dem Alter nach der Kindheit noch angehoͤrenden Fuͤr⸗ ſtin ſchon beiwohnte, und mit welchem Eifer ſie den Zuſtand, in dem ſie ihre erſehnte Dienerin * fand, zuerſt beruckſichtigend, ſogleich ſelbſt den Arzt ihres Gemahls herzuholte, auch nicht eher ſich beruhigte, bis er verſicherte, die baldige Her⸗ ſtellung koͤnne ſchwerlich fehlen, wenn der Kran⸗ ken die nöthige Sammlung neuer Kraͤfte ohne alle Stoͤrung verſtattet werde. 22. Die Feſte der folgenden Tage blieben von Arthur ſo wenig benutzt, als ſeine Verhaͤltniſſe ſolches geſtatteten. Der Arzt hatte die Krankheit des Fraͤuleins von Wellmoore offenbar zu leicht an⸗ geſehen; zwei ganze Tage mußte die Patientin das Bett huͤten. Dann aber erholte ſie ſich auch ſo ſchnell, daß er kein Bedenken gegen ihre Mitreiſe hatte, als es am Freitage zu Schiffe ging. Der guͤnſtigſte Wind wehete am Morgen der Abfahrt. Im frohen Gluͤcksrauſche ſchauete Ar⸗ thur aus ſeinem Fahrzeuge dem koͤniglichen nach, welches vorausging und das koͤſtliche Ziel ſeiner Wuͤnſche in das Vaterland trug, dem er ebenfalls zugefuͤhrt wurde. Welch ein Verein dort, nach ſo langer Entbehrung! Auch dieſer wurde nun⸗ mehr von ihm mit Entzuͤcken gedacht. Fuͤr je⸗ des der zahlloſen Kuͤmmerniſſe war ja bald eine 87 tauſendfache Entſchaͤdigung zu hoffen. Noch am Abende zuvor hatte er eine wahrhaft ſelige Stunde mit Blanca verlebt durch die Mittheilungen, welche ihm von ihr uͤber die truͤbe Vergangenheit geſcha⸗ hen, in der ihre Gedanken und Gefuͤhle ganz die ſeinigen geweſen waren. Auch bei dieſen verweilte er jetzt mit dem ſuͤßeſten Behagen. Ihr Vater hatte ſich, ſeit ſeiner Ruͤckkehr von der letzten Reiſe nach England, zu ihrer groͤßten Beruhi⸗ gung, fuͤr ihre Verbindung mit dem Geliebten vollig erklaͤrt. Der Friede war der glaͤnzendſte Zeitpunkt geweſen, wo ſie durch den Segen der Kirche gekroͤnt werden ſollte. Er ſelbſt hatte die⸗ ſen Gedanken gefaßt, das Gluͤck ſeiner geliebten Tochter zu beſchleunigen, und die Trauung zu Calais, am Tage der königlichen ſelbſt, folgen zu laſſen. Dazwiſchen war nun aber freilich ſchon der Umſtand gekommen, daß Ritter Wellmoore von Geſchäften in Paris zuruͤckgehalten wurde. Jetzt konnte man, allem Vermuthen nach, darauf rechnen, daß Blanca's näherer Verein mit Ar⸗ thur ſobald eintreten werde, als Ritter Wellmoore in ſein Vaterland fuͤr immer zuruckkehrte. Dieſes ſollte bei einer baldigen Reiſe dahin mit dem Gra⸗ fen St. Paul geſchehen, welcher auch Blanca's Bleiben bei der Koͤnigin, der, dem Herkommen gemaͤß, nur Eine Dame aus ihrem Vaterlande, in der Frau von Couci folgen durfte, auszuwir⸗ ken gewußt hatte. Bei ſolch einer Sicherheit der Nähe des Ziels wurde dieſes ſogar erhoͤht und verherrlicht durch den Aufſchub. Die junge Koͤnigin war am Abende noch ge⸗ kommen, wie Arthur da geweſen. Sein Verhaͤlt⸗ niß mit ihrem Ehrenfraͤulein verrieth ſich von ſelbſt. Koͤnig Richard holte ſeine Gemahlin ab. Sie bat ihn um die Erlaubniß, des Paares kuͤnf⸗ tige Hochzeit ausrichten zu duͤrfen. Freundlich gab er ihr ſolche, und fuͤgte hinzu, daß er dieſe Freude mit ihr zu theilen denke. Lag nicht ſonach ein ganzer Himmel voll Se⸗ ligkeit ſchon offen da vor ihm, und eine Bahn dahin ohne alles Hinderniß? Nur allzubald aber zerſtoͤrte die naͤhere Er⸗ waͤgung der Umſtaͤnde den herrlichen Rauſch voͤl⸗ lig wieder. Traue dem irdiſchen Gluͤcke nicht zu viel! ſo hatte der blinde Alte ihm gerathen. Und einen Augenblick nachher vergaß er nicht nur die⸗ ſer Warnung, ſondern des Alten ſelbſt, und eilte auf den Fluͤgeln der glaͤnzendſten Hoffnung nach 89 dem Schloſſe zu Calais, dort die Geliebte zwar zu finden, aber in einem Zuſtande, der ſogleich mit dem Gedanken an ihren vielleicht nahen Tod alles vergangene Trubſal wieder uͤber ſein Haupt ſchuͤttete?— Und jetzt— konnte nicht ein Sturm, der ſich plötzlich erhob, ihn auf Einmal um alle Hoffnungen ſeines Lebens bringen? Konnte nicht jene Warnung des weiſſagenden Greiſes ihren Untergang auf dem Meere ſchon im Auge gehabt haben? Die Tiefe des Elends, worein ihn nun wie⸗ der ſeine Beſorgniß verſenkte, ließ ſich einzig mit der Hoͤhe des Gluͤcks vergleichen, worauf er kurz zuvor erſt geſtanden hatte. um ſo froher war er von Neuem an dem Tage, wo er im Schloſſe zu Weſtminſter Blancen in ihrem Gemache wiederfand⸗ Schon der folgende Tag aber fuͤhrte eine ge⸗ waltige Stoͤrung ihres Friedens herbei. Wegen zu großer Ermuͤdung war der Koͤnigin der Wunſch erfuͤllt worden, einige Damen, welche auſſer den in Calais ihr bereits zugegebenen, ihrem Dienſte gewidmet ſeyn ſollten, erſt am Morgen nach ihrer Ankunft ſich vorſtellen zu laſſen. Blanca erkannte unter dieſen ſogleich in Katharinen von Nurſey diejenige, an deren ſilberner Kette ſie ihren Ge⸗ liebten zuerſt erblickt hatte. Wie ein giftiger Dorn ging ihr durch das Herz mit dem unwillkuͤhrlich von Haß entflammten Blicke, der aus dem dun⸗ keln Auge des reizenden Fräuleins ſie traf. Auch nachher, als Katharine ihr eine beſondere Freude bezeigte uͤber ihre, hoffentlich bald naͤhere Bekannt⸗ ſchaft, konnte die große Freundlichkeit und zuvor⸗ kommende Guͤte in ihrem Weſen jenen Blick Blancen noch lange nicht vergeſſen machen, bis endlich, bei der Fortdauer ihrer Liebesbezeigungen, die eigene Herzensguͤte des Fraͤuleins von Well⸗ moore ſie ſelbſt daruͤber mit Vorwuͤrfen uͤber⸗ haͤufte, daß ſie eines Blickes ſo lange gedenken koͤnne, deſſen Widerwaͤrtiges vielleicht einzig in ihren, durch die fruͤhern Umſtände herbeigefuͤhrten falſchen Vorſtellungen davon gelegen habe. Die Folge ſchien das auch immer mehr zu be⸗ waͤhren. Arthur ſelbſt war am frohſten daruͤber. Nicht ohne Beſorgniß hatte er dem voͤlligen Bruche mit Katharinen, wegen der zeither immer von ihm durchaus gelaͤugneten Verbindung zwiſchen ihm und Blancen, entgegen geſehen. War es ihm 9¹ doch ſchon wiederholt vorgekommen, als ob das Fräulein von Nurſey ſeine Bitte um ihre Hand zuverſichtlich erwarte, und mehrere Male bereits aus Verdruß, daß ſie nicht erfolge, plötzlich abge⸗ reiſet ſey, ein entferntes Gut dem Aufenthalte in dem, ihren Wuͤnſchen ſonſt gewiß weit mehr zuſagenden, Glanze der Hauptſtadt vorzuziehen. Allein die ſcherzhafte Weiſe, mit welcher ſie ihn, ſtatt den mindeſten Zorn zu zeigen, uͤber ſeine große Verſtecktheit, und die unter frohlichem La⸗ chen ausgeſprochene Verſicherung, daß ſie die Sache laͤngſt durchſchaut habe, empfing, widerſprach je⸗ nen Vermuthungen ſo ſehr, daß ihn jeder Gedanke daran verließ. Soo ſchien denn der heitere Spie⸗ gel ſeiner Zukunft auch von dieſer Seite mit kei⸗ nem truͤben Anhauche bedroht zu ſeyn. 24. In ſeiner ſtillen Zuruͤckgezogenheit zu Plaſhy ſaß Mittags der Herzog Thomas von Gloceſter, aber diesmal nicht blos im Kreiſe ſeines Hauſes. Denn es war ſein Geburtsfeſt, und auſſer ſeiner Gemahlin, ſeinem Sohne Offrem und zwei Toch⸗ tern, hatte ihm nicht nur der Herzog von Here⸗ ford, vom Ritter Arthur Oldſon begleitet, einen Beſuch gemacht, ſondern ſchon am Abende zuvor waren zwei Aldermaͤnner von London, nebſt eini⸗ gen andern angeſehenen Perſonen aus dem Buͤr⸗ gerſtande gekommen, ihm fuͤr dieſen Tag der dor⸗ tigen Buͤrgerſchaft fortdauerndes Vertrauen zu ver⸗ ſichern. Als waͤhrend des Nachtiſches die Herzogin und ihre Töchter ſich entfernten, und der Becher bereits fleißig die Runde gemacht hatte, da ver⸗ ließ endlich den Hausherrn das dumpfe, nur ſel⸗ ten unterbrochene Schweigen, das er während des ganzen Mahles nicht zu bezwingen vermocht, und er ſprach: Werther Neffe und Schwager und ihr uͤbrigen wackern Herren und Freunde! Meinen Dank fuͤr eure und der guten Stadt London Auf⸗ merkſamkeit auf den heutigen Tag habe ich euch bereits geſagt. Genau genommen aber, iſt es wohl wirklich ein Tag, deſſen der Sohn Eduards des Dritten, geſegneten Andenkens, ſich immer noch freuen kann? Soll ich die Mahnung ruͤh⸗ men an die erhabenen Thaten dieſes großen Koͤ⸗ nigs, da ich zugleich ſehen muß, wie man darauf umgeht, ſie bis auf die letzte Spur auszutilgen? Worin beſtehen wohl die Handlungen, durch welche die jetzige Regierung zu glaͤnzen ſucht? In einer 93 Pracht und Ueppigkeit, die vom Schweiße der Buͤrger unnatuͤrliche Nahrung erheiſcht, in Auf⸗ lagen, unter deren Centnerlaſt Reich und Arm endlich erliegen muß! Und um auch ſelbſt der Hoffnung einer beſſern Zukunft die Sehnen zu verſchneiden, ſchloß man Frieden mit Frankreich, welches mein großer Vater ewig in Furcht erhielt, und zu einer Zeit ſchloß man ihn, wo ein wohl⸗ geordneter Kriegszug dahin Wunder gewirkt haͤtte, da jenes Königreich, durch die von den Tuͤrken erlittene Niederlage ſeiner Voͤlker in Ungarn, um alle bedeutende Feldherren und den Kern ſeines Heeres gekommen iſt! Noch mehr: Statt die verlorene Gemahlin durch einen andern Sproͤßling vom deutſchen Kaiſerthrone wuͤrdig zu erſetzen, nimmt der zur ewigen Kindheit verurtheilte Koͤ⸗ nig, noch ein Kind von acht Jahren zu ſeiner Ge⸗ mahlin, um dem unklugen Frieden rechte Dauer zu geben. Dankt Gott, theurer Neffe, daß ihr nicht dabei waret, als man das ſchmachvolle Buͤnd⸗ niß zwiſchen Calais und St. Omer vollends zu⸗ ſammenzog. Wahrlich, ich glaubte man ſchnuͤre mir ſelbſt den Hals zuſammen bei der Inbrunſt, mit welcher Frankreichs Kind von dem engliſchen Kinde empfangen wurde! Fragt nur euern Va 94 ter, meinen geliebten Bruder, danach. Uebrigens möchte ich gerade auf ihn am meiſten zurnen. Denn wie konnte der große, einſichtsvolle Johann von Gaunt dieſer Verbindung und jenem ungluͤck⸗ lichen Frieden ſo ſehr das Wort reden? Und eben iſt, wie ich vernehme, unſer allerliebſter Graf von St. Paul, der Friedens- und Heirathsvermittler, wieder beim Koͤnige, wahrſcheinlich einer neuen Vermittlung halber! Doch ſtill von ſo unerfreu⸗ lichen Geſchichten an einem Tage, den ihr meiner Freude zu widmen dachtet. Laßt uns einen Trunk thun auf die alten guten Zeiten und, wo moͤglich, die jetzige vergeſſen. Ihr wackerer Hauptmann— dabei wendete er ſich an einen Theilnehmer des Mahls, einen hochbejahrten Krieger— ihr habt mich ſchon manchmal mit Erzaͤhlung von Bege⸗ benheiten erfreut, zu denen ihr ſelber zuweilen recht weſentlich beitruget. Verſetzt uns doch ein⸗ mal durch eine, oder die andere, um ein vierzig Jährlein, oder funfzig, zuruͤck. Noch unlaͤngſt kam ich dazu, wie ihr meiner Frau und meinen Toͤchtern die Uebergabe von Calais mittheiltet. Calais iſt ein Kleinod in der engliſchen Krone; gebt doch die Hiſtorie auch mir und dieſen Her⸗ ren zum Beſten. 95 Der Ritter begann hierauf: Wenn ihr be⸗ fehlt, edler Herr, ſoll es geſchehen. Vor dem boͤſen Calais gab es allerdings gar heiße Tage und Naͤchte. Ohngeachtet wir die Stadt von allen Seiten eingeſchloſſen, wollte doch Niemand darin von Uebergabe hoͤren, immer noch auf Ent⸗ ſatz durch den franzoſiſchen Koͤnig hoffend. Er kam auch wirklich mit ſtarkem Heereszuge. Allein vergebens; er mußte wieder abziehen vom Berge Sangates, und nun endlich gab der Befehlshaber, Herr Johann von Vienne, von der Zinne der Feſtung das Zeichen, daß er endlich zum Unter⸗ handeln geneigt ſey. Da ſchickte denn unſer hoch⸗ ſeliger Herr Koͤnig Eduard der Dritte, nebſt dem beruͤhmten Feldherrn Walther von Manny, den Oberſten Baſſet hin, die Vorſchläge anzuhoͤren, und Vienne begann: Werthe Herren, ich brauche ſo tapfern und waffenkundigen Rittern nicht erſt zu ſagen, daß es unſere Pflicht war, dieſen, von unſerm Herrn, dem Koͤnige von Frankreich, uns anvertrauten Platz wacker zu vertheidigen. Was in unſern Kraͤften ſtand, haben wir auch redlich gethan. Allein der gehoffte Entſatz iſt fehlgeſchla⸗ gen, und wir erwarten von der Großmuth des Königs von England, eures Herrn, daß er uns nicht dem Hunger zur Beute laſſen werde. Bit⸗ tet ihn darum, in unſerm Namen, und daß wir ziehen durfen, wie wir ſind, während er Stadt und Feſtung, nebſt Allem ſo darinnen, in ſeine Gewalt nehme. Mit Achſelzucken antwortete Walther: Herr Johann, das iſt nicht die Meinung unſeres Herrn. Vielmehr verlangt er, ihr ſollet euch ergeben, daß es einzig ihm anheimgeſtellt ſey, wen er leben oder ſterben laſſe. Calais hat ihn allzuſehr gereizt und uns zu viele Leute gekoſtet, um auf ein gnaͤdiges Auge von ihm fuͤr Alle darin zu zählen. Drauf antwortete Johann von Vienne, das wurde ſehr hart an uns gehandelt heißen. Die wenigen Ritter und Edelleute in der Stadt, die wir unſerm Monarchen, dem Koͤnige, ſo ehrlich gedient haben, wie ihr ſolches dem eurigen auch thun wuͤrdet, erlitten wahrlich bereits Elends ge⸗ nug. Aber wir und die Beſatzung werden den⸗ noch das Haͤrteſte eher noch dulden, als daß wir in den Tod des Geringſten aus der Stadt willi⸗ gen ſollten, ſo lange wir ihn zu hindern im Stande ſind. Berichtet das euerm Koͤnige und bittet, daß er ſeine Großmuth ſo vielen Leidenden nicht entziehen moͤge. Das 97 Das geſchah auch. Aber Koͤnig Eduard be⸗ ſtund darauf, daß man ſich ergeben ſolle auf Gnade und Ungnade. Da ſprach der wackere Walther zu ihm: Gnadiger Herr, bedenkt zuvor ob ihr wohl daran thut. Wenn ihr die Einwoh⸗ ner oder einen Theil davon toͤdten laſſet, wird man dann nicht kuͤnftig eure Unterthanen in gleichem Falle auf dieſelbe Weiſe behandeln' Mehrere Hauptleute unterſtuͤtzten Manny's Rede, und der Koͤnig ſagte zu ihnen: Meine Herren, ich will nicht allein gegen euch Alle. meiner Meinung beſtehen. Erwaͤget werthe Gaͤſte— fiel hier der Her⸗ zog von Gloceſter ein— wie viel koͤniglicher der Ausſpruch ſolch eines großen Koͤnigs war, als das empoͤrende Beharren manches andern auf Meinungen, die wahrlich bei weitem nicht ſo viel Grund haben, als die meines hochverehrten, ſeli⸗ gen Vaters!— Der Erzaͤhler fuhr— fort: Sagt dem Befehlshaber von Calais— ſprach Koͤnig Eduard — daß es meine groͤßte Gnade ſey, wenn ſechs der angeſehenſten Buͤrger der Stadt baarfuß und mit geſchorenen Haͤuptern, einen Strick um den Hals, herauskaͤmen und mir die Schluſſel von . 7 Stadt und Feſtung uͤberbraͤchten, ſechs Mann, mit denen ich ganz nach meinem Willen verfahren koͤnnte. Todtenbleichen Geſichts harrete auf der Fe⸗ ſtungsmauer Herr Johann von Vienne, auf den lange ausbleibenden Walther. Als er nun endlich kam, dieſen Spruch ihm zu eroͤffnen, antwortete er: Beauftragt von der Gemeine zu der Unterhand⸗ lung, muß ich ihr zuerſt davon Meldung thun. Dann begab er ſich auf den Markt und ließ mit der Glocke die Stadtbewohner zuſammenru⸗ fen. Und auf ſeinen traurigen Bericht fing Alles um ihn her zu weinen an, Jung und Alt, ſo daß es Herrn Johann das Herz vollends zerriß. Nun aber trat der reichſte und geachtetſte Buͤrger der Stadt, Euſtachius von St. Pierre, hervor und ſprach: Theure Mitbuͤrger, zu ſchrecklich wäre es, eine große Gemeine, wie dieſe, dem Hunger oder jedem andern Tode Preis zu geben, wenn irgend ein Mittel dagegen aufzufinden. Mit Freu⸗ den will ich der Erſte ſeyn, der ſein Leben zu Rettung derſelben darbietet. Da ſturzten ſchluch⸗ zend Weiber und Greiſe und Kinder dem treffli⸗ chen Manne zu Fuͤßen, und Niemand von allen Anweſenden konnte ſich enthalten der Thranen 99 der Ruͤhrung und des Dankes. Sein Beiſpiel erweckte auch ſogleich drei Andere, Johann von Aire und Jacob und Peter Wiſand mit Namen, zu derſelben That, und der fuͤnfte und ſechſte ge⸗ ſellte ſich ihnen ebenfalls. Darauf beſtieg Johann von Vienne ein Roß (denn ſeine kranken Fuͤße verſagten ihm den wei⸗ tern Dienſt) und fuͤhrte ſie, ganz in dem Zu⸗ ſtande, in welchem König Eduard ſolches befohlen, dem Thore zu. Da hat ſich denn die Betruͤbniß der geſamm⸗ ten Einwohner kundgethan, in lautem Schreien durch einander. Und draußen vor dem Thore, wo Herr Walther ihn erwartete, ſagte er zu die⸗ ſem: Als Hauptmann dieſer Stadt uͤberliefere ich euch hier, mit nothgedrungener Einwilligung ihrer armen Bewohner, dieſe ſechs Buͤrger. Da⸗ bei ſchwoͤre ich, daß ihr in ihnen die angeſehenſten und wohlhabendſten der ganzen Buͤrgerſchaft von Calais, und was noch mehr iſt, ſolche Maͤnner vor euch ſehet, die jeder Stadt und jedem Lande zur beſondern Zier gereichen wuͤrden. Darum bitte ich euch auch, edler Herr, ſo viel ich nur bitten kann, verwendet euch bei euerm Könige fuͤr die Erhaltung ihres Lebens. 7* Hierauf antwortete Walther von Manny: Obſchon ich nicht weiß, was der Koͤnig, mein Herr, uͤber ſie beſchließen wird, ſo gelobe ich euch doch, Alles fuͤr ſie zu thun, was in meinen Kräften ſteht. Als aber nachher Herr Walther ſie dem Koͤ⸗ nige vorgeſtellt hatte, warfen ſie ſich nieder vor ihm aufdie Kniee, und St. Pierre ſprach: Gro⸗ ßer Koͤnig, wir ſind Buͤrger des ſo lange und hart bedraͤngten Calais, und angeſehene Kauf⸗ leute daſelbſt geweſen, und bringen euch hier die Schluͤſſel der Stadt und Feſtung, zugleich auch, zu Rettung der uͤbrißzen Einwohner, Leib und Leben dar. Thut mit uns nach euerm Gefallen, wenn wir— was wir aber kaum glauben können, da wir unſchuldige Menſchen ſind— von eurer bekann⸗ ten Großmuth ausgeſchloſſen ſeyn ſollten.. Und wer dabei ſtand von Grafen, Baronen, Edelleuten und Andern konnte ſeine tiefe Ruͤhrung nicht verbergen. Nur der Koͤnig blickte finſter vor ſich hin; denn er war aͤuſſerſt erbittert auf die Buͤrger von Calais, weil ſie die Beſatzung mit all ihrer Kraft gegen ihn unterſtuͤtzt, auch in fruͤherer Zeit zur See mannichfachen, großen Nachtheil ihm zugefuͤgt hatten. Zum Tode mit 101 ihnen! rief er und gab einen Wink, daß man ſie auf der Stelle enthaupten ſolle. Und obſchon Alles um Gnade bat fuͤr die wackern Maͤnner, ſo achtete er deſſen dennoch nicht. Da trat Herr Walther zu ihm und ſprach: Gnaͤdigſter Herr, moͤchte der hohe Sinn, den ihr ſonſt nie verlaͤugnet, auch diesmal euerm Zorne gebieten! Wuͤrde nicht Jedermann eu rGrau⸗ ſamkeit zeihen, wenn ihr ſo hin⸗ richten ließet, die freiwillig, um ihre Mitbuͤrger zu retten, wie Miſſethůteruch hier zu Fuͤßen liegen? Allein nach kurzem Sinhien ſprach der Koͤ⸗ nig, raſch und mit einer Strenge, der Niemand mehr eine Bitte entgegen zu ſetzen wagte: Nur der Scharfrichter kann hier entſcheiden! Die von Calais haben mich um ſo viele Menſchen gebracht, daß dieſe die Schuldopfer ſeyn ſollen. Die drin⸗ nen in der Stadt hätten es insgeſammt reichlich verdient, und was ihr grauſam zu nennen euch erdreiſtet, iſt meines Erachtens ein beſonderes Merkmal unverdienter Gnade!— MNun aber— fuhr der Erzähler fort— nun konnte die edle Koͤnigin, eure erlauchte Mutter, Frau Philippine von Hennegau, damals eben ihrer Niederkunft nahe, ihr mildes theilnehmendes Herz nicht laͤnger bezwingen. Schnell drang ſie durch die, welche ihren Gemahl umgaben, und ließ ſich nieder vor ihm auf ihre Kniee und ſprach: Theu⸗ rer Herr, ſeit langer Zeit verſchonte ich euer Ohr mit jeglicher Bitte. Dasmal aber, da Niemand mehr wagt, eurem Zorn entgegen zu treten, ge⸗ bietet mir die Pflicht, ſolches zu thun. Ich be⸗ ſchwoͤre euch, um der gnadenreichen Mutter Got⸗ tes willen und aus Liebe zu mir, habt Erbarmen mit dieſen ſechs Maͤnnern! Darauf blickte der Koͤnig die edle Vorſpreche rin an und ſchwieg. Dann antwortete er: Dame, diesmal wollte ich doch, daß ihr anderswo ſeyn muͤßtet, als hier! Denn wahrlich, ich kann es euch nicht verſagen. So thut denn mit ihnen nach euerm Gefallen! Und ſogleich ging die Koͤnigin mit den ſechs Buͤrgern hinweg, ließ ſie mit Kleidern und Speiſe und Trank verſehen, auch ihnen, nach reichlichem Geſchenke, ſicheres Geleit durch das Heer geben. Bald nachher verließ bekanntlich die ſaͤmmt⸗ liche Einwohnerſchaft Calais, und des Koͤnigs Weisheit bevoͤlkerte die Stadt mit nichts als Englaͤndern, und befeſtigte den Platz auf's Neue, — 7 103 ſo daß er uns jetzt das ſicherſte Bollwerk gegen Frankreichs Heeresmacht darbietet. Hm— rief da der Hauswirth mit einge⸗ biſſener Lippe— und wie tange meint ihr wohl, daß das noch dauern werder! Ein banges Staunen erſtarrte bei dieſer Frage die ganze Verſammlung. Wiſſet denn— fuhr er fort— daß ſo eben der Graf von St. Paul mit dem Koͤnige uͤber dieſes, Englands Krone ſo theuer erkaufte Juwel unterhandelt, daß unſer edler Vetter Norfolk, der hauptſäͤchlichſte Befoͤrderer der Heirath des Koͤnigs und Befehlshaber von Calais, dabei iſt, und Richard von Bordeaux*) das Kleinod Frank⸗ reich fuͤr eine huͤbſche Summe wieder abzulaſſen denkt. Vermuthlich einzig aus huldreicher Ruͤck⸗ ſicht auf das engliſche Volk. Es hoͤrt ja nicht auf zu ſchreien uͤber die Größe der Abgaben, welche ſeine Regierung erheiſcht. Vielleicht be⸗ darf ſeine Tafel ein Paar tauſend Koͤche mehr als zeither*e). Die Staatskaſſen reichen hierzu ) Von Bordeaux, ſeinem Geburtsorte, wurde der Koͤnig ſo genannt. **) Man verſichert, daß Koͤnig Richard der Zweite 2000 Foche in ſeinem Dienſt gehabt habe. nicht aus, um nun die zeitherigen Laſten nicht zu erhoͤhen, entſchließt ſich ſeine Großmuth zum Ver⸗ kaufe einer ſo uͤberfluͤſſigen Stadt. Der Preis dafuͤr wird ihm ſchon eine Zeit lang haushalten helfen! Es waͤre denn, daß er aus zarter Vor⸗ liebe fur Frankreich, das uns immer ſo viel Gu⸗ tes erzeigte, und zuletzt noch ein Kind zur Koͤni⸗ gin gab, die Großmuth ſo weit triebe, ſeinem Schwiegervater ein Geſchenk damit zu machen. Ein wahrhaft königliches Geſchenk! Denn Frank⸗ reich koͤnnte die Feſtungswerke, von uns mit ge⸗ waltigen Koſten neu errichtet, um es im Zaume zu halten, nun ohne Weiteres gegen uns ſelbſt ge⸗ brauchen. Die guten engliſchen Kaufleute, welche mein großer Vater einſt dahin berief, und die uͤbrigen Engländer wuͤrde freilich kein viel beſſeres Loos treffen als die franzoſiſchen Einwohner nach der damaligen Uebergabe der Stadt. Allein ſolche Kleinigkeiten verdienen keine Betrachtung, und der einzige Unterſchied, daß das, was damals, als eine Folge des Krieges, an beſiegten Feinden ge⸗ ſchah, nunmehr an den eigenen, treuen Buͤrgern, mitten im Frieden, von ihrer weiſen Regierung veruͤbt wurde, der koͤnnte vielleicht fuͤr ein Ueber⸗ maaß der Großmuth gelten. 105 Während die meiſten Gäſte bei dieſen Reden der hoͤchſte Unmuth ſichtbar erfullte, gerieth des Herzogs Geſicht und Auge immer mehr in Flam⸗ men, bis er hier endlich vom Sitze empor ſprang und ausrief: Nein, wahrlich auch der Spott iſt zu gut fur ſolche Unwuͤrdigkeiten. Nichts, als ein Ernſt, ein wahrhaft bitterer Ernſt koͤnnte hier eingreifen und Abhuͤlfe geben, wenn dieſes theure, innig geliebte Land, von der Hoͤhe, zu der mein erlauchter Vater ſolches erhob, nicht hinabſinken ſoll, in eine Schmach, aus der keine Rettung mehr moͤglich waͤre! Die Anweſenden erhoben ſich mit ihm von der Tafel, und der Hauswirth zog zunaͤchſt den Herzog von Hereford und einen der mit anweſen⸗ den Aldermaͤnner in ein Fenſter. Die Uebrigen ſprachen ebenfalls in einzelnen Gruppen leiſe zu⸗ ſammen. In der Hitze jedoch wurde man zuwei⸗ len auch laut. Beſonders gedachte man der ſchlech⸗ ten Rathgeber des Koͤnigs, wie des Grafen von Norfolk und vorzuglich auch des Herzogs von Ir⸗ land, welcher, durch Gloceſters Anordnung ver⸗ wieſen, auch aus der Ferne noch großen Einfluß auf den Koͤnig äuſſere. Als aber einer der Gäſte ſich bis zu dem Vorſchlage vergaß, den Koͤnig fuͤr 106 regierungsunfaͤhig zu erklaͤren, und ſeine und der jungen Koͤnigin anſtändige Haft, bei der es ihnen durchaus an nichts ermangeln duͤrfe, fuͤr noth⸗ wendig zu halten, ſo hoͤrte das der in einiger Entfernung ſtehende Herzog von Hereford, und blickte mit ſolch einem Unwillen auf den Kecken hin, daß dieſer, wie vom Blitze geruͤhrt, um Ver⸗ zeihung bat, wenn er vielleicht zu weit gegangen ſey im Eifer fuͤr die Wohlfahrt des theuern Va⸗ terlandes. Beim Heimreiten mit Arthur ſagte der Her⸗ zog von Hereford, nach langem unmuthvollen Schweigen, zu dem Ritter: Wollte Gott, das heutige Mahl wäre nie vorgekommen! Das da⸗ bei geſaͤete Unkraut wird gewiß ſchnell aufſchie⸗ ßen und allenthalben ſeinen Gifthauch verbreiten. Gabt ihr wohl Acht auf Manche der Anweſen⸗ den, und namentlich auf den, der die Verhaftung des Koͤnigs in Vorſchlag brachte? Dann ſahet ihr gewiß auch, wie furchtſam und heuchleriſch die Schlange ſich zuruͤckzog, als mein Blick ſie getroffen, hatte. Der wackere Oheim! Sein gerechter Un⸗ wille uͤber die Uebel, die das Land bedrohen, verlei⸗ tet ihn zu Aeuſſerungen, welche ſehr falſcher Aus⸗ legung faͤhig ſind. Der gerade Sinn des tapfern 107 Kriegers ahnete nicht, daß unter denjenigen, welche ihm ihre herzlichen Gluckwuͤnſche darbrachten, ſich auch Schelme befinden konnten, ſinnend, ihn zu verderben. Wahrlich, ein Koͤnig, der nur dann ſicher zu ſeyn glaubt vor den eigenen Buͤrgern ſeines Landes, wenn tauſend Bogenſchuͤtzen ihn umgeben, der haͤlt, zu noch mehrerer Sicherheit, gewiß auch Kundſchafter uͤberall, und es fragt ſich gar ſehr, ob nicht heute ſchon vor Richards Ohren das Schlimmſte, was in Gloreſters Hauſe geſprochen worden, ihm ſelber und vielleicht auch mir zugeſchrieben wird!— 25. Zu voll von den glaͤnzenden Hoffnungen, welche mit der Ankunft des Grafen von St. Paul in London fuͤr Arthurs Liebe aufbluͤhten, konnten die nur allzu gegruͤndeten Beſorgniſſe des Herzogs von Hereford nicht Wurzel faſſen im Herzen des jungen Mannes. Kaum zuruͤckgekehrt, eilte er gauch, ohne zuvor die Reiſccleider abzuthun, in die Wohnung des Grafen, um den Ritter Well⸗ moore aufzuſuchen, der zugleich mit ihm gekom⸗ men, und nun ſchon zwei Tage in London war. Eine Reiſe mit dem Herzog von Hereford hatte ihn einige Zeit von der Hauptſtadt entfernt ge⸗ halten. Aber die freudige Erwartung, womit der Ritter die Treppe hinaufflog und hoͤrte, daß ſein Vetter zu Hauſe ſey, erſtarrte ſogleich beim Em⸗ pfange. Statt den ſo lange entbehrten, kuͤnf⸗ tigen Gemahl ſeiner Tochter liebend in die Arme zu ſchließen, bezeigte er ihm ſeine Freude des Wie⸗ derſehens auf ſo ernſte, hoͤfliche Art, daß Arthur ganz erſchrocken zuruͤcktrat. Guter Vetter— fuhr Ritter Wellmoore im froſtigſten Tone und mit ſehr bedenklicher Miene fort— nicht ohne großes Befremden habe ich vernommen, wie ihr ſchon, nach Ankunft meiner Tochter in Calais, euch der Koͤnigin als Blanca's Verlobten zu erkennen gegeben habt. Derglei⸗ chen, daͤchte ich, haͤtte wohl anſtehen ſollen bis zu meiner Ankunft, wo es ſchicklicher war, daß es durch mich geſchah, wenn mir ſonſt die Sache als zweckmaͤßig erſchien. Das iſt aber nunmehr um ſo weniger der Fall, da ihr auf ſolche Weiſe mir vorgegriffen. Verehrter Vetter— fiel Arthur entruͤſtet ein— waͤret ihr zugegen geweſen, ſo wuͤrde ich allerdings euch gebeten haben, mich der Koͤnigin als den Verlobten eurer Tochter vorzuſtellen. Da dies jedoch, leider, nicht ſo war, und ich in eure Genehmigung unmöglich noch Zweifel ſetzen konnte, duͤnkte mich der eingeſchlagene Weg der kuͤrzeſte. Der kuͤrzeſte— verſetzte er— mag es aller⸗ dings geweſen ſeyn. Fuͤr den beſten aber kann ich ihn durchaus nicht betrachten. Ich habe auch ſchon meine Misbilligung eurer Voreil der Koͤni⸗ gin ſelbſt zu erkennen gegeben, und muß bitten, daß ihr ſo lange, bis etwas Entſcheidendes in die⸗ ſer Angelegenheit vorkommen kann, eure Beſuche bei meiner Tochter gaͤnzlich einſtellet, weil ſolche, bevor ich euch ſelbſt als Blanca's Braͤutigam oͤf⸗ fentlich anerkannt habe, ihr nur zum Nachtheile gereichen muͤßten. Und— verſetzte Arthur in ſeinem gerechten Unwillen— ſollte es, nachdem ich ſo lange nach der Gewäͤhrung einer Bitte ſchmachtete, die in der Hauptſache Anfangs euern Wuͤnſchen gemaͤß erſchien, ſollte es nun nicht endlich einmal Zeit ſeyn zu dieſem Anerkenntniſſe? Nein, ſage ich euch! antwortete Wellmoore ſo finſter, daß Ritter Oldſon, ſeiner Faſſung un⸗ gewiß werdend, ſich entfernen zu muͤſſen glaubte, wenn es nicht zum gaͤnzlichen Bruche zwiſchen ihm und dem Vater ſeiner Geliebten kommen ſollte. Der Gedanke an des blinden Greiſes Be⸗ merkung uͤber das Truͤgliche des Menſchengluͤckes mußte ihm wohl auf dem Heimwege zunaͤchſt ein⸗ fallen. Denn er hatte das ſeinige ſchon ſo feſt⸗ zuhalten geglaubt, daß er jetzt wahnſinnig werden moͤgen. Die heitre Mondnacht lockte ihn nach dem Londoner Steine. Aber keine Spur hier von dem geſuchten Greiſe. Am Schloſſe jedoch, wo er ge⸗ gen Morgen voruͤber kam, ſtand— o unverhoff⸗ tes Gluͤck!— Blanca ſo eben noch am offenen Fenſter. Ohne Zweifel hatten die Vorgaͤnge der letzten Tage ſehr nachtheilig auf Koͤrper und Geiſt bei ihr eingewirkt. Schon daß ſie zu ſo ſpaͤter Zeit noch nicht zur Ruhe war, bewies es. Auch glaubte Arthur die ſchoͤnen Augen des Geſichts von Thraͤnen geſchwollen zu ſehen, das der Mond⸗ ſchein in bleiche Leichenfarbe gehuͤllt hatte. Der Seufzer, den er jetzt deutlich vernahm, galt ihm um ſo mehr fuͤr einen Buͤrgen, daß ſie ihn er⸗ kenne, als ſein Achſelzucken einen abermaligen, noch lautern Athemzug in ihr erregte⸗ Erſt mit der neuen Thaͤtigkeit, welche der 111 Tagesanbruch in der Stadt aufweckte, ſchied das Paar, und Arthur nahm wenigſtens die Beruhi⸗ gung mit in die oͤde Wohnung, daß wenn auch ſein ſichtbarer Verein abermals, ſo voͤllig uner⸗ wartet, eine Stoͤrung erlitten, der innere doch ge⸗ wiß in ganzer Reinheit und Heiligkeit fortbeſtehe. 26. Den einzigen Weg, um von Blancen einige Nachricht zu erhalten, erblickte der Ritter, unter den nunmehr eingetretenen Umſtaͤnden, in einer Erkundigung bei dem Fraͤulein von Nurſey, wo der Zutritt ihm unverwehrt war. Vielleicht wuͤrde er ſich vor dieſem Schritte geſcheuet haben, wenn Katharine ſich minder gut in ſein offenkundiges Verhaͤltniß zu Blancen gefunden hätte. Allein ſie ſchien ihre fruͤhern Hoffnungen auf Arthurs Hand als einen bloßen Traum zu betrachten und dem Gluͤcke dieſes Paares eine ganz beſondere Theilnahme zu widmen, wie unter andern erſt vor Kurzem die Koͤnigin gegen Blancen geruͤhmt hatte. Den ganzen folgenden Tag fand er jedoch keine Gelegenheit, Katharinen zu ſprechen. Er hoffte, die Nacht werde vielleicht einiges Licht in ſein dunkles Daſeyn werfen, und verſuchte da den geſtrigen Gang unter die Schloßfenſter. Wirklich erblickte er die Geliebte auch wieder dort. Aber als erkenne ſie ihn nicht, oder als ſey ihre geſtrige, hnliche Zuſammenkunft verrathen und ihr zu gro⸗ ßem Vorwurfe gemacht worden, ſo entfernte ſie ſich, ſobald er naͤher herankam. Um ſo mehr eilte er am folgenden Morgen in der Nurſey Wohnung. Doch an ihrer Statt daſelbſt nur Unruhe und Beſtuͤrzung. Kopfſchut⸗ telnd und wie getroffen von etwas ganz Unbe⸗ greiflichem, kamen mehrere Damen und Herben aus ihren Zimmern. Von Dienſtleuten war Nie⸗ mand im Vorgemache. Da trat auch Blanca heraus. Das Gluͤck, ſie ſo unerwartet und ganz ohne Zeugen anzutreffen, machte, daß Arthur die Thraͤnen in ihren Augen uͤberſah und auf ſie zu⸗ eilte. Allein ein Blick, der nur Stolz und Mis⸗ billigung ausſprach, feſſelte ſeinen Fuß an den Boden. Wie im Todeskrampfe zuckte ſein Herz auf, und eine geiſtige Laͤhmung uͤberfiel ihn dann, waͤhrend ſie davon eilte. Erſt der Blick voll Un⸗ willens, mit dem ſie ſich noch einmal nach ihm zuruͤckwendete, und dann um die Ecke eines Corri⸗ dors verſchwand, regte ihm Leib und Seele, aber frei⸗ freilich auf das Schmerzlichſte wieder auf. Schon gedachte er Blancen nachzueilen, haͤtte er ſie auch bis in die Gemaͤcher der Koͤnigin verfolgen muͤſ⸗ ſen. Doch dieſe ſelbſt im Geleite der Frau von Couci trat jetzt aus Katharinens Zimmer. Wißt ihr vielleicht daruͤber Auskunft zu ge⸗ ben, was aus dem Fraͤulein Nurſey geworden iſt? fragte ſie ihn, mit einem Geſichte, deſſen tiefe Be⸗ truͤbniß beim Anſchauen des ſeinigen immer mehr von dem Ausdrucke der unverkennbarſten Abnei⸗ gung vor ihm verdraͤngt wurde. Doch nein! Wie koͤnntet ihr davon wiſſen! Eher moͤchte ich fragen, was ihr hier wollt. Zugleich verbiete ich euch, jemals wieder einen Fuß in Gemaͤcher zu ſetzen, die zu den meinigen, oder zu den mei⸗ ner Dienerinnen fuͤhren. Qualvoll, wie der durch Zauber auf die Erde zuruͤckgerufene Schatten eines Begrabenen, wankte Arthur die Schloßtreppe hinunter, immer von Neuem zuſammenſchaudernd vor dem Wiederhall ſeiner eigenen Tritte an ihrer Woͤlbung. Der Name der Nurſey, der Geſpraͤchsgegen⸗ ſtand einiger unten am Portale Verſammelten, war das Erſte, wovon ſeine Aufmerkſamkeit wie⸗ der aufgeregt wurde. Aus den hier zu verneh⸗ I. 8 114 menden Reden ging hervor, daß das in der Abend⸗ důmmerung des Tages zuvor verſchwundene Fraͤu⸗ lein Nurſey noch immer nicht zuruͤckgekehrt war, und dieſer Vorfall ihre ganze angeſehene Ver⸗ wandtſchaft in keine geringe Beſturzung verſetzt hatte. Faſt allgemein ſchrieb man das Ereigniß einem Wahnſinne zu, von dem ihre Diener bis⸗ weilen Spuren an ihr bemerkt haben wollten. 27. Als im Laufe dreier Tage die ſorgfaͤltigſten Nachforſchungen nach der Verſchwundenen frucht⸗ los ausfielen, hielt man dafuͤr, daß ſie in einer finſtern Stimmung, deren ſie oft, gerade nach der ausgelaſſenſten Laune, unterworfen geweſen, ihr Leben vermuthlich in der Themſe geendet habe. Das Urtheil uͤber ſie war ſehr verſchieden. Die Ritter konnten ihr ihre Hochachtung um ſo weniger verſagen, je groͤßer, bei einem ſichtbaren Streben nach fremdem Beifalle, ihre ſittliche Strenge ſich gezeigt hatte, und ſelbſt diejenigen Frauen, welche ihr Wunſch zu gefallen, waͤhrend ihres Lebens verletzte, konnten, nun die Reizende allem Vermuthen nach geſtorben war, nicht muͤde werden, die mannichfachſten Tugenden und beſon⸗ 11⁵ ders eine vorzuͤgliche Herzensgute ihr nachzuruh⸗ men. Ganz anders ließen ſich ihre Dienſtleute, und uͤberhaupt diejenigen uͤber ſie aus, denen ſie nicht blos die Glaͤtte ihres Aeuſſern zuzukehren brauchte. Sie warfen ihr Liebloſigkeit, Haͤrte, Eigenſinn und Rachſucht vor. Nur darin ſtimmte ihr Urtheil mit dem Urtheile des Hofes und ihrer Verwandten zuſammen, daß Arthur Oldſon wahr⸗ ſcheinlich der einzige Mann ſey, dem ſie von Her⸗ zen zugethan geweſen. Denn ſelbſt zu dem Rit⸗ ter Auvert, ihrem verſtorbenen Verlobten, ſchien ſie damals nur in der Verzweiflung uͤber ihre Vernachlaͤſſigung durch Arthur gegriffen zu haben. Nicht allein ihre Verwandten, ſondern auch die Mehrheit der Andern glaubten daher die Schuld dieſes Unterganges eines glänzenden Hofgeſtirns auf Oldſons Schultern wälzen zu muͤſſen. Ze: nem Mittagsmahle im Aldermannshauſe, das als ein beſondres oͤffentliches Zeugniß derſelben ange⸗ fuͤhrt wurde, wußte man andere, minder bekannt gewordene, äͤhnliche Szenen aus Katharinens fruͤ⸗ herer Zeit, welche zum Theil ganz aus der Luft gegriffen ſeyn mochten, an die Seite zu ſetzen, und auf recht gehaͤſſige Art auszumalen. Wenn daher der Unglucksfall zur Sprache kam, ſo wurde 8* 116 immer zugleich des Ritters Charakter in Schatten geſtellt. Auch diejenigen, ſo, wie bereits gedacht, Katharinens Herzensguͤte nicht anerkannten, glaub⸗ ten ihr wenigſtens bisweilen dieſe Gerechtigkeit widerfahren laſſen zu muͤſſen, daß ſie vielleicht viel beſſer geworden waͤre, wenn Oldſon beſſer an ihr gehandelt haͤtte. Allenthalben wurde bei dieſer Gelegenheit von ihm und ſo ſehr zu ſeinem Nach⸗ theile geſprochen, daß der Herzog von Hereford ſelbſt ihn daruͤber zur Rede ſtellte. Gerade das fehlte noch, den auf ganz un⸗ begreifliche Weiſe Zermalmten vollends nieder zu ſchmettern. Eine große Erleichterung gewaͤhrte ihm die Darlegung der Umſtaͤnde, wozu er ſich jetzt gegen ſeinen Gebieter entſchloß. Im Vertrauen, daß ſein Goͤnner vielleicht ſelbſt unternaͤhme, von der Koͤnigin uͤber Arthurs Verweiſung aus ihrem Ge⸗ biete eine Erlaͤuterung ſich zu erbitten, eroͤffnete er ihm ſein ganzes Herz. Allein ſtatt dieſes Er⸗ bietens ſagte der Herzog zu ihm: Seyd zufrie⸗ den, Ritter Arthur, wenn ich eure Unſchuld in der Sache nicht laͤnger verkenne, und ſolche, wo auch darauf die Rede kommt, gegen Jedermann vertheidigen werde. Enthaltet euch aber, falls 117 mein Bitten etwas uͤber euch vermag, aller wei⸗ tern Nachforſchungen nach den Urſachen von der Ungnade der Koͤnigin. Des Koͤnigs nie ruhender Argwohn gegen Alles was lebt, mit Ausnahme derjenigen, die er ſo weit vor Andern hervorzieht, iſt gerade auf ſeine naͤchſten Blutsfreunde am mei⸗ ſten gerichtet. Ueberall träumt er Verrath und Tuͤcke von ihnen. Wuͤrdet ihr oft geſehen in den Gemachern der Koͤnigin, ſo köͤnnte man allzu leicht meinen, ihr gäbet dort meinen Kundſchafter ab. Laßt lieber die Dinge ſo, wie ſie gekommen ſind. Ein Mann eures Gleichen muͤßte ohnehin zu ſtolz ſeyn, einem Fräulein Huldigungen darzubringen, die, allem Anſcheine nach, ſchwach genug iſt, frem⸗ den Einfloͤſterungen euch zu opfern, bevor ſie noch eure Vertheidigung anhoͤrte. Habt hr doch ohne⸗ hin ihren Vater wider euch. Oder wolltet ihr auch ſeine Gunſt zu erbetteln trachten? Nein, lieber Arthur, wenn auch der Rittersmann die Frauen zu ehren hat, ſo darf er doch nicht ſeine eigene Ehre ihren Launen, oder gar den Launen ihrer Verwandten unterordnen! Ueberhaupt duͤnkt mich die jetzige Zeit viel zu wichtig, um ſich in Dinge ſolcher Art zu ſehr zu vertiefen. Ich furchte, wir gehen unglaublichen Ereigniſſen entgegen. Das 118 Volk wird immer lauter und lauter. Das ſcheint auch der Grund, weshalb die Unterhandlungen wegen der Ruͤckgabe von Calais keinen Fortgang haben. Aber die Art der Verwaltung im Allge⸗ meinen, die ungluͤckliche Art, Gelder, gleichſam auf der Folter, zu erpreſſen, reicht ſchon hin, Alles in Unordnung zu bringen. Der beklagens⸗ werthe Vorſatz Richards, bei dem jetzigen Zuſtande der Dinge die ungeheuern Koſten aufzubringen zu einem Kriege gegen Irland, einer Wildniß, von der nichts zu erhoffen ſteht, das kommt dazu!— 28. Wirklich zogen die ſchon lange drohenden Ge⸗ witterwolken immer ſchwaͤrzer und furchtbarer her— auf. Johann von Gaunt, der Einzige, welcher noch den Sinn des verblendeten Richard biswei⸗ len zu lenken gewußt hatte, verlor ſo ſehr allen Einfluß auf die Beſchluͤſſe des Koͤnigs, daß er's fuͤr das Beſte hielt, mit ſeiner Gemahlin, der zeitherigen Geſellſchafterin Iſabellens von Frank⸗ reich, ſich in ſeine Beſitzungen zuruͤckzuziehen. Duͤſter und einſilbig ſaß eines Abends Rit⸗ ter Arthur mit ſeinem Herrn, dem Herzog von Hereford, allein in deſſen Wohngemache zu Lon⸗ 119 don. Da trat auf Einmal die Schweſter ſeiner verſtorbenen Gemahlin, die Herzogin von Glo⸗ ceſter, in tiefſter Trauer mit aufgeloͤſtem Haar in's Zimmer, und ſchlug den ſchwarzen Schleier mit Heftigkeit zuruͤck. Ihr wiſſet doch, theurer Schwager? fragte ſie, und ihr Mund zuckte krampfhaft, die weit aufgeriſſenen thränenloſen Augen ſtarrten ihn an. Verehrteſte Schwaͤgerin— erwiederte er— was mein Glaube zeither als zu grauſam und un⸗ wahrſcheinlich zuruͤckwies, das drängt ihm euer Anzug, eure unverkennbare Verzweiflung, leider auf! So iſt alſo euer Gemahl, mein hochver⸗ ehrter Oheim und Schwager, wirklich nicht mehr am Leben* Ach, auf das ſchaͤndlichſte hat man mich und meine Kinder um ihn gebracht. Ihr häͤttet den falſchen, nichtswuͤrdigen Richard ſehen ſollen, wie er Abends noch ſpaͤt zu uns nach Plaſhy kam. Seine Miene, wie ſuͤß und freundlich! Es ſchien dem zaͤrtlichen Neffen um nichts zu thun, als meinen Mann und mich und unſere Kinder ein⸗ mal wieder zu ſehen. Was herzte er nicht uns Alle, ehe er meinen Gemahl aufforderte mit ihm zu jagen!— Noch ſo ſpät? verſetzte mein Tho⸗ 120 mas.— Beſſer ſpät als niemals! antwortete Ri⸗ chard. Wenn ihr auch gerade nicht der beſte Freund der Franzoſen ſeyd, ſo werdet ihr euch doch die Wahrheit eines ihrer Sprichwoͤrter gefallen laſſen. — Ohne alles Arg folgte hierauf mein Gemahl dem Koͤnige, der uns auf das Freundlichſte ſeine Ruͤckkehr verſprach. Er hat auch Wort gehalten. In einem Sarge iſt ſein einbalſamirter Leichnam wirklich in Plaſhy angekommen. Am Schlage ſoll er geſtorben ſeyn auf dem Schloſſe zu Calais, und doch zeigt der ſehr verletzte Hals ganz deutlich, daß er erwuͤrgt wurde. Laut auf den Straßen und Plätzen dieſer Stadt will ich das ausſchreien und den Namen des koͤniglichen Moͤrders dazu. Was hat wohl die Mutter zu furchten, der man den Vater ihrer Kinder auf ſo buͤbiſche Weiſe entriß? Was die Kinder davon, daß ihnen auch eine Mut⸗ ter ermordet werden kann, die uͤber jene heilloſe That ohnehin bereits den Verſtand verlor? Wahr⸗ lich die Trauerkleidung, wohinter der ſchaͤndliche Norfolk die That zu bergen ſuchte, die er, als Be⸗ fehlshaber von Calais, ſelber veruͤbte, ſoll dem nie⸗ drigen Henker abgeriſſen werden vor allem Volk! Hier aber ergriffen Fieberſchauer die Herzo⸗ gin ſo heftig, daß ihre Frauen gerufen wurden, 12¹ welche ſie zu Bette brachten, wo ſie fortfuhr, ihrer ruͤckſichtloſen Verzweiflung gaͤnzlich den Zugel zu laſſen. Durch ihre nur allzubald dem Volke zu Lon⸗ don zugebrachten Reden, erhielt daſſelbe die volle Beſtätigung ſeines Argwohns. Die allgemeine Erbitterung ſtieg daher immer hoͤher, und det Koͤ⸗ nig, zu deſſen Ohr das Alles ebenfalls gelangte, glaubte durchaus kein Geheimniß weiter aus den Umſtänden machen, vielmehr durch offentliche Ver⸗ uͤbung einer ſchon beabſichtigten zweiten Gewalt⸗ that darthun zu muͤſſen, wie gering er die Mei⸗ nung der Menſchen achte. Graf Richard von Arundel, der Oheim der verwitweten Herzogin von Gloceſter, zu gleicher Zeit mit ihrem Gemahle verhaftet, wurde nunmehr aus dem Tower geholt und zu London oͤffentlich enthauptet. Der Koͤnig ſelbſt wohnte der Hinrichtung bei, und der Herzog von Norfolk, Arundels Schwiegerſohn, der auch die Unterſuchung gegen ihn gefuͤhrt hatte, ſcheuete ſich nicht, dem ungluͤcklichen ſelbſt die Augen zu verbinden. 5 122 29. Das Gerucht ſolcher Gewaltthaten bewog die hochempoͤrten Herzoge von Lancaſter und York nach London zu kommen und ihren Neffen, den König, deshalb zur Rede zu ſtellen Richard, hauptſächlich die Verbindungen des erſtern fuͤrch⸗ tend, deſſen Toͤchter auf den Koͤnigsthronen Spa⸗ niens und Portugals ſaßen, ließ ſich, nach man⸗ cher Unterhandlung, beſonders durch die Dazwi⸗ ſchenkunft der Vorſteher der Reſidenz, zu dem Verſprechen bewegen, von nun an einzig den viel⸗ erfahrnen, einſichtsvollen Johann von Gaunt, Her⸗ zog von Lancaſter, zum Rathgeber zu waͤhlen, und nichts zu thun, bevor er nicht ſeine Mei⸗ nung daruber eingeholt hätte. Statt aber dieſer Zuſage nachzugehen, han⸗ delte der Koͤnig, nach den Einfluͤſterungen ſeiner ſchlechten Vertrauten, eigenmaͤchtiger und gewalt⸗ thaͤtiger als zuvor. Grauſam genug, zwang er die Gemahlin des auf ſeinen Befehl zu Calais er⸗ wuͤrgten Herzogs von Gloceſter, mit ihrem Sohne und beiden Toͤchtern, bei ihm zu leben, muthete auch ein Gleiches dem Sohne des enthaupteten Grafen Arundel zu, und als einſt ein Ritter des — 123 ermordeten Gloceſter ein Wort hieruͤber und uͤber des Koͤnigs Rathgeber fallen ließ, wurde derſelbe ſogleich ergriffen und hingerichtet. Kein Menſch wagte mehr den Mund zu öffnen uͤber des Koͤ⸗ nigs Handlungen. Und damit er recht ſicher waͤre vor den Ausbruͤchen des allgemeinen Unwillens, verſtärkte er ſeine Leibwache immer mehr. We⸗ gen der eingetretenen Baufaͤlligkeit des ungeheuern Saales im Weſtminſterpalaſte, wo unter andern auch die Parlamentsſitzungen gehalten wurden, ließ er fuͤr dieſen Zweck einſtweilen ein hoͤlzernes Gebaude erbauen, aus dem, von allen Seiten oſſen, die Parlamentsglieder ein ſcharfes Auge ha⸗ ben konnten auf Alles, was geſagt und gethan wurde, und ſtellte um das Haus viertauſend Bo⸗ genſchuͤtzen mit geſpannten Bogen und aufgelegten Pfeilen, die in jedem Augenblicke abgeſchoſſen wer⸗ den konnten. Dieſe Maasregeln erreichten ihren Zweck voll⸗ kommen; denn es ward dem Vergnuͤgen des Koͤ⸗ nigs jedes Opfer gebracht. Dabei kamen oft, um wenig bedeutender Dinge willen, Verbannungen, ſelbſt der Vornehmſten des Adels, aus dem Koͤ⸗ nigreiche vor. Dazu vermehrte er in dem Grade, wie der allgemeine Wohlſtand des Landes abnahm, 124 den Glanz und Reichthum ſeines Hofſtaats. Kein König von England vor ihm, hatte in den gluͤck⸗ lichſten Zeiten ſolch eine Pracht um ſich her ver⸗ breitet. 30. Zu denen, welche ein ganz beſonderes Ver⸗ trauen des uͤbel berathenen Monarchen genoſſen, gehoͤrte der Unterhaͤndler beim Morde ſeines Oheims, der Graf von Norfolk. Wohlahnend, daß der Herzog von Hereford, ſchon wegen ſeiner nahen Verwandtſchaft mit dem Ermordeten, un⸗ moͤglich im Herzen die Ehrerbietung hegen koͤnne, welche ſein Verhältniß zu zeigen ihm auferlegte, leitete er es eines Tages dahin ein, ihn uͤber ſeine Meinung auszuholen. Hereford, durch das Zu⸗ trauen, welches er gegen ihn ausgeſprochen, von ſeinem Herzen aufgefordert, ihm ein gleiches Zu⸗ trauen zu beweiſen, gab dieſer Aufforderung um ſo lieber nach, weil er dabei auf einen Mann von ſolchem Einfluſſe zum Vortheile des Volkes wir⸗ ken zu koͤnnen glaubte. Wohin, lieber Vetter— ſagte er— ſoll das Alles am Ende fuͤhren? Iſt es doch ſo weit gekommen, daß ein einziges, zu⸗ weilen ganz ſchuldloſes Wort, wo nicht auf das „ 125 Schaffot, doch in die Verbannung fuͤhren kann! Sieht es nicht aus, als wolle der Koͤnig den ge⸗ ſammten Adel nach und nach aus dem Reiche ja⸗ gen? Das kann doch, wahrlich, dieſem nur Nach⸗ theil bringen. Auf dieſe Reden erwiederte zwar der Graf kein Wort, aber er ging zum Koͤnige und ſagte, im Beiſeyn des Herzogs von Lancaſter und des eben verſammelten Hofes: Gnaͤdigſter Herr, als zu euerm Hauſe gehoͤrig, und Marſchall dieſes Reichs, bin ich vor Andern euch Treue und Er⸗ gebenheit ſchuldig, und wuͤrde mich ſelbſt des ſchaͤndlichſten Verraths anklagen muͤſſen, wenn ich eurer Majeſtät Geſinnungen und Reden verſchwei⸗ gen wollte, die am Ende doch wohl eurer koͤnig⸗ lichen Perſon Nachtheil bringen koͤnnten. Da richtete der Koͤnig ſein Auge feſt auf ihn und ſprach: Wozu dieſe Reden, Graf Norfolk? Ihren Sinn will ich wiſſen. Nun fil der Graf dem Konige zu Fuße und ſagte: Laßt, gnaͤdigſter Herr, den Herzog von Hereford kommen, und ihr ſollt Alles in ſeinem Beiſeyn erfahren. Koͤnig Richard befahl ihm aufzuſtehen, und ſchickte nach dem Herzoge. Dieſer aber, nichts 126 weniger, als das vermuthend, was ihn erwartete, nahte ſich ohne alles Arg. Und der Graf redete ihn alſo an: Herzog von Hereford, ihr ſprachet vorhin anders, als ihr ſolltet von euerm Herrn, dem Koͤnige von Eng⸗ land. Behauptetet ihr doch, er verdiene nicht Herrſcher zu ſeyn uͤber dieſes Koͤnigreich, wenn er ohne vorhergehende Unterſuchung, und ohne ir⸗ gend einen vernuͤnftigen Grund, die tapfern Maͤn⸗ ner daraus verſtoße, die er zu Bewahrung und Aufrechthaltung deſſelben beduͤrfe. Mit meinem Leben gegen das eurige will ich beweiſen, daß ihr ein falſcher, unwuͤrdiger Verraͤther ſeyd! Ganz betaͤubt von ſolch einer unerwarteten Rede trat der Herzog von Hereford zuruͤck, und ſtarrte ſprachlos ihn an. Dann aber nahete er ſich wieder feſten Schrittes, den Hut in der Hand, dem Koͤnige und ſeinem Anklaͤger, und ſprach zu dieſem: Graf Norfolk, ich ſage, daß du ein falſcher, unwuͤrdiger Verraͤther biſt, und werde das beweiſen mit meinem Leben gegen das deinige. Darauf antwortete der Graf: Euer Wort ſoll zur Luͤge werden, und die Wahrheit das mei⸗ nige zum Siege fuͤhren. 127 Und nun zogen ſich beide Gegner zuruͤck zu ihrem Gefolge, und es wurden uͤber ſolch einem unerwarteten Zwiſchenſpiele alle Gewohnheiten des Hofes vergeſſen und keine Anordnung, Wein und Zuckerwerk zu reichen, gegeben. Denn der Koͤ⸗ nig verließ die Verſammlung im heftigſten Zorne, und ſchloß ſich in's Nebengemach ein. Bald nach⸗ her aber mußten ſeine Oheime Lancaſter und York zu ihm kommen, und auf ihren Rath wurde der Oberfeldherr herzugeholt und dieſem befohlen, bei⸗ den, dem Herzog von Hereford und Grafen von Norfolk, aufzuerlegen, daß ſie ohne Erlaubniß des Koͤnigs das Reich nicht verlaſſen ſollten. 31. Der Unwille uͤber dieſen Vorfall war allge⸗ mein und fiel groͤßtentheils auf den König zuruͤck. Man hatte ihn ſogar in Verdacht, daß die ganze Sache auf ſein Anſtiften durch den Grafen Nor⸗ folk herbeigefuͤhrt worden ſey. Inzwiſchen trafen die beiden Gegner alle Vorbereitungen zu ihrem oͤffentlichen Zweikampfe, der an Pracht und Glanze nie ſeines Gleichen gehabt haben ſollte. Der Herzog von Hereford ſendete zum Herzoge von Mailand nach dem koͤſt⸗ üichſten Waffenſchmucke fuͤr das blutige Feſt, und der Graf von Norfolk ließ ſeinen Waffenbedarf aus den beruͤhmteſten Werkſtätten Deutſchlands herholen. Immer lauter aber murrete das Volk daruͤber, daß ſein Liebling, der Herzog von Here⸗ ford, auf den es die groͤßte Hoffnung ſetzte, ſolch einer elenden Intrigue halber, ihm vielleicht fuͤr immer entriſſen werden koͤnnte, und auch die Her⸗ zoge von Lancaſter und York misbilligten ſo un⸗ verholen des Koͤnigs Einwilligung in dieſen Zwei⸗ kampf, daß die Verſtaͤndigſten derjenigen, welche um ſeine Perſon zu ſeyn pflegten, der Biſchof von York und der Graf von Salisbury, ſich be⸗ rufen fuͤhlten, ihm die Gefahr vorzuſtellen, die ſeine Perſon bedrohe, wenn Hereford im Kampfe umkommen ſollte. Hierauf nun fragte der Koͤnig, ob ſie fuͤr rathſamer erachteten, das blutige Schauſpiel gar nicht ſtattfinden zu laſſen, und ſtatt deſſen ſeinen Neffen fuͤr immer aus England zu verweiſen. Achſelzuckend aber antworteten ſie, daß dies eben⸗ falls den hoͤchſten Unwillen des Volks erregen wuͤrde, welches vielmehr die Verweiſung des ihm verhaßten Norfolk erwarte, der das koͤnigliche An⸗ ſe⸗ 129 ſehen durch ſolch eine unziemliche Herausforderung ſo ſchwer verletzt habe. Da verſammelte denn der König die Groͤß⸗ ten des Reichs um ſeinen Thron, und ließ die beiden Gegner herzuholen und jeden in ein beſon⸗ deres Gemach auf dem Schloſſe bringen. Dann ſendete er den Oberfeldherrn, nebſt vier der Vor⸗ nehmſten an ſie ab, und ließ ihnen ſagen, daß, wie ſehr auch die in ſeinem Beiſeyn von ihnen ausgeſprochenen Worte ſein königliches Misfallen hätten erregen muͤſſen, er dennoch ſeine Vermitt⸗ lung eintreten zu laſſen geneigt ſey. Doch erhei⸗ ſche er von ihnen unbedingten Gehorſam in ſeine Befehle. Als nun beide dieſe Erklärung gethan hatten, ſo lautete ſein Spruch, daß Graf Norfolk fuͤr immer, der Herzog von Hereford aber auf zehn Jahre aus England verwieſen ſeyn ſolle.— 32. Ritter Arthurs Herz, von zwiefacher Unruhe, wegen ſeines Herrn und des Ungluͤcks ſeiner Liebe erfullt, ſaß eben im einſamen Gemache halb ſin⸗ nend, halb traͤumend, vor einer Schaar grauen⸗ voller Phantaſiebilder aus ſeinem kuͤnftigen Leben umringt, als der koͤnigliche Verbannungsſpruch I. 9 130 ihm zu Ohren kam. Mit der Abweſenheit von England that ein neues Leben vor ihm ſich auf. Zwar fehlte auch dieſem jedes Laͤcheln der Hoff⸗ nung, aber Alles was ihn in London, ſeinem zeit⸗ herigen Wirkungskreiſe, umgab, war ihm in ſo hohem Grade ſchauerlich geworden, daß er alle Aenderungen dieſes Zuſtandes fuͤr Verbeſſerungen achten mußte. Zwiſchen Blanca und ihm war jede Verbindung, wie es nur allzu gewiß erſchien, ganz mit ihrem Willen, aufgehoben. Aus ſicherer Quelle wußte er, daß ſie ihm allein Katharinens von Nurſey Untergang zur Laſt legte. Mit wah⸗ rer Schlangenliſt ſollte er der Ungluͤcklichen Nei⸗ gung errungen und dann ihrer Liebe geſpottet ha⸗ ben. Vergebens hatte er ſich zu rechtfertigen ge⸗ ſucht. Seine muͤndlichen Aufträge an ſie wa⸗ ren von Blancen eben ſo zuruͤckgewieſen worden, als ein Brief, den er in ihre Haͤnde zu ſpielen wußte. Und was den Ritter Wellmoore anlangte, ſo zeigte dieſer, wo er ſeiner anſichtig wurde, ſolch eine auffallende Erbitterung gegen ihn, daß er ihm moͤglichſt auswich, um nur nicht etwa gar in den betruͤbten Fall eines Zweikampfs mit dem Va⸗ ter der noch immer Heißgeliebten zu gerathen. In Anſehung ſeines hochverehrten Herrn, 131 des Herzogs, war ihm durch das Wegfallen des Kampfes mit Norfolk auch eine große Sorge vom Herzen genommen, hoffte man doch uͤberdies allgemein, daß der Koͤnig, wenn ſchon weniger aus Neigung, als aus Politik, die Zeit ſeiner Verbannung mindern und dem Volke ſeinen Lieb⸗ ling recht bald zuruͤckrufen werde. Dieſe Hoffnung mußte eine beſondere Feſtig⸗ keit gewinnen, an dem Tage, wo Arthur dem Her⸗ zog von Hereford nach Eltham, dem freundlichen Sommerſitze des Königs, folgte, wohin er in Be⸗ gleitung ſeines Vaters, ſeines Oheims York, des Grafen Northumberland, deſſen Sohnes Heinrich Percy, und mehrerer anderer hoher Herren ſich begab, um Abſchied zu nehmen. Koͤnig Richard, hocherfreut ſcheinend uͤber die⸗ ſen Beſuch, bewirthete die Anweſenden auf das Koͤſtlichſte, ſchloß dann beim Abſchiede den Her⸗ zog von Hereford in die Arme und ſprach: Mein Herz, theurer Vetter, wußte nichts von dem Ur⸗ theile, das ich, leider, uͤber euch verhaͤngen mußte. Aber die Reden zwiſchen euch und dem Grafen Norfolk, Angeſichts meiner und des gansen Ho⸗ fes, gaben dem Volke zu großen Anſtoß, als daß ſie ungeahndet bleiben konnten. Zum Beweiſe, 132 wie ungern ich eure Perſon entbehre, ſetze ich auch hiermit die zehn Jahre eurer Verbannung bis auf 1 ſechs herab. 3 Als nun der Herzog dafuͤr dankte und zu er⸗ 16 kennen gab, daß es ja nur von ſeinem Willen ab⸗ haͤnge, ihm kuͤnftig noch groͤßere Gnade wider⸗ fahren zu laſſen, ſo beſtärkte des Koͤnigs freund⸗ liche Miene ganz offenbar des Herzogs Erwar⸗ 1 tung. Seit langer Zeit hatte vielleicht dieſer Mo⸗ narch die Edelſten ſeines Reiches nicht in dem Grade erfreut, als durch ſein jetziges Beneh⸗ men. Mit ganz ungezwungenem Wohlwollen rich⸗ teten ſich die Blicke der Anweſenden nach ihm hin, denn der edle Sohn Johanns von Gaunt lag ihnen insgeſammt ſehr am Herzen. 33. Im Palaſte des Herzogs von Hereford laͤrmte noch ſpaͤt am Abende vor ſeiner Abreiſe das bun⸗ teſte Gewuͤhl durch einander, als er den Ritter Oldſon aufſuchte, der eben mit Schreiben beſchaͤf⸗ tigt war.* Vielleicht gar noch eine Mahnung an die alte, verſchwundene Ljebe, ein Scheidewort, das ———— 133 zum Bindemittel der bereits geſchiedenen Haͤnde werden ſoll? fragte der Herzog mit dem ihm eige⸗ nen Forſchungsblicke. Der Ritter aber antwor⸗ tete mit einer Treuherzigkeit, die gar keinen Zwei⸗ fel an ihrer Wahrheit geſtattete: Nein, gnaͤdiger Herr, mit meiner Hoffnung ſind auch alle Be: ſtrebungen dieſer Art geſtorben. Nicht eure Hoffnung! verſetzte der Herzog, ſeine Hand ergreifend. Ihr Stamm, eure Ju⸗ gend, ſteht ja ſo ſchoͤn und friſch, daß ein einzel⸗ ner Zweig daran ſchon verdorren kann. Glaubt mir, werther Freund, ich ſchaͤtze euch und mich glucklich wegen dieſes Verluſtes. Auch euch! Der Seufzer, den ihr fruchtlos zu erſticken ſucht, macht mich nicht irre in dieſem Glauben. Oder ſollte ich mich taͤuſchen mit der Zuverſicht, daß ihr mir zu⸗ gethan ſeyd von ganzer Seelef Wahrlich, gnädiger Herr, keinen Augenblick laͤnger litte ich die Seele in meinem Leibe, koͤnnte auch nur das kleinſte Theilchen von ihr euch ab⸗ truͤnnig werden! Nun denn, ſo bleibt es bei dem was ich ſagte, und ihr ſeyd eben darum gluͤcklich, weshalb ihr euch fuͤr ungluͤcklich achtet. Eure Liebe zu ei⸗ nem Ehrenfräulein der Koͤnigin, welches das ganze 134 Herz dieſes kindlichen Weſens beſitzt, konnte mit eurer Liebe zu mir auf die Dauer unmoͤglich be⸗ ſtehen. Ich ſelbſt wuͤrde nicht nachgelaſſen haben, bis ihr eine beſtimmte Wahl getroffen zwiſchen ihr und mir. Wenn auch meine jetzige Entfernung die Zeit hinausgeſchoben, ſo waͤre ſie doch ſicher nur allzu bald wiedergekommen, wo man euch als meinen Kundſchafter in den Zimmern der Koͤnigin betrachtet haͤtte. Nach dem ungluͤcklichen Vorfalle mit Norfolk erheiſcht meine Stellung am Hofe weit mehr Ruͤckſichten als zuvor. Ich muß die Behutſamkeit in Allem verdoppeln. Und welch ein ganz anderes Opfer fur euch, als jetzt, muͤß⸗ tet ihr die Geliebte meiden, bei glucklichen Ver⸗ haͤltniſſen mit ihr!— Um ſo beſſer— fuhr der. Herzog nun in ganz veraͤndertem ſcherzhaften Tone fort— um ſo beſſer wird uns beiden der jetzige Aufenthalt in dem heitern Frankreich thun. Dort wollen wir, denke ich, gemeinſchaftlich auf die Brautwerbung ausgehen, und uns ſchon vorſehen, daß wir auch ſolche Braͤute erwaͤhlen, von denen unſere Verhaͤltniſſe keine Stoͤrung erleiden.— Das geſchaͤftige Treiben hatte allmaͤhlig der naͤchtlichen Stille weichen muͤſſen. Arthur ſtand im Begriff ſich zur Ruhe zu legen, als ein Paar * — * 135 heftige Zuge an der Hausglocke geſchahen und bald darauf ſein Diener mit der Meldung eines Baar⸗ fußermoͤnchs herein trat, der auf das dringendſte bitte, daß ihm noch ein augenblickliches Gehoͤr vergoͤnnet werde. Ein ſterbender Menſch— begann der zu ihm gefuͤhrte Moͤnch— bedarf eurer Verzeihung, um vor dem Richterſtuhle beſtehen zu koͤnnen, der uns alle dermaleinſt erwartet. Wer iſt es, Paterk fragte Arthur. Davon, wenn wir bei ihm ſind. Ihr duͤrft uͤbrigens keine Zeit verlieren, wenn ihr ſeiner Seele dieſe Wohlthat erzeigen wollt. Guter Pater— erwiederte Oldſon— unſere Zeit bis zur morgenden Abreiſe verträgt das nicht. Wer aber der Menſch auch ſeyn und worin ſein Vergehen gegen mich beſtehen mag, ſo uͤberbringet ihr ihm immerhin meine herzliche Verzeihung. Herr Ritter— entgegnete der Moͤnch— ſeine bangende Seele verlangt nach euerm An⸗ ſchauen. Er hat wichtige Dinge auf dem Herzen, die er nur euch, wie er ſagt, entdecken kann. Da ließ ſich denn freilich nicht wohl wider⸗ ſtehen.— 136 34. Wohin fuͤhrt ich mich? fragte Arthur, als ſie eine reichliche Stunde in einer Nacht gegan⸗ gen waren, ſo ſchwarz, daß ohne des Moͤnchs kleine Laterne gar kein Fortkommen geweſen wäre, und auch der Boden in der nur ſparſam noch mit einzelnen Haͤuſern verſehenen Gegend der unge⸗ heuern Stadt immer verwachſener und unwegſa⸗ mer wurde. Wenn das nur halb ſo lange noch dauert, muß ich bei dem beſten Willen, euch zu folgen, die Sache doch aufgeben. Ihr werdet das nicht noͤthig haben!— ant⸗ wortete der Moͤnch, an die gebrechliche Thuͤr ei⸗ nes großen Gebaͤudes pochend, in deſſen ganz ver⸗ fallener einen Haͤlfte der vor Kurzem erwachte Sturm mit den Baumwipfeln, die aus dem ver⸗ witterten Gemaͤuer herausragten, ein recht un⸗ heimliches Spiel trieb. Der Ritter ſtand einen Augenblick an, ob er dem Unbekannten an einen Ort folgen ſolle, der eher einer Raͤuberhoͤle, als dem Aufenthalte recht⸗ licher Menſchen glich. Allein die auf dem Wege immer kuͤrzer und lakoniſcher gewordenen Antwor⸗ 137 ten ſeines Fuͤhrers hatten ihm bereits das Fragen dergeſtalt verleidet, daß er ſich lieber der groͤßten Gefahr auszuſetzen dachte, als einer abermaligen Antwort, die keinen Aufſchluß ertheile. Der Angſtſchrei einer Weibsperſon im In⸗ nern, kurz vor Eroͤffnung der Thuͤr, konnte nicht beruhigend einwirken. Was gab es? fragte der Mönch die Frau, welche, ein Stuck brennender Fackel in der Hand, die Thur jetzt aufthat. Eine große Schlange,— antwortete ſie— die ganz unvermuthet dicht ne⸗ ben mir auffuhr. Bei ſolchen Hausgenoſſen muß man auf ſei⸗ ner Hut ſeyn! ſprach der Ritter, ſein Schwert ziehend, und folgte uͤber einen mit Strauchwerk und Unkraut uͤppig bewachſenen Schutthaufen ſei⸗ nem Fuͤhrer und der Frau, welche letztere, durch ſorgfältiges Leuchten mit der Fackel und manche Handreichung, ihm den faſt ganz unwegſamen Pfad uͤber lockere Steine zu erleichtern ſuchte. Nach dem Abſchreckenden des Eingangs uͤber⸗ raſchte die Reinlichkeit und Ordnung des wohler⸗ haltenen Seitengebaͤudes um ſo mehr. Aus ei⸗ nem ziemlich hell erleuchteten Gemache, deſſen Ge⸗ 138 raͤthſchaften den Aufenthalt einer Frau von nicht gemeinem Stande ankuͤndigten, leitete man den Ritter nach einem voͤllig dunkeln Zimmer. Gott ſey gelobt! rief es, als er dahinein⸗ trat, aus einem Winkel, wo ein Bett ſtand, ſehr ſchwach und doch mit unverkennbarer Anſtrengung. Licht! dann aber verlaßt uns!— fuͤgte es dar⸗ auf hinzu. Allein man ſetzte dem erſten Verlangen die Schonung entgegen, welche leidende Augen vor dem Lichte verlangten. Ich begehre es! hieß die Antwort. Wozu Schonung fuͤr zwei Augen, die ohnehin in weni⸗ gen Stunden geſchloſſen ſind fuͤr immer? Der Ton der letzten Worte ergriff den Rit— ter wunderbar, und als mit der hereingebrachten Kerze er ſelbſt ſich dem Lager nahete, erkannte er, trotz der furchtbarſten Entſtellung durch eine ab⸗ zehrende Krankheit, in dem ſterbenden Menſchen, den der Moͤnch ihm angekuͤndigt hatte, Kathari⸗ nen, das verſchwundene Fraͤulein Nurſey. Ihr erkennt mich wieder in dieſer Todtenge⸗ ſtalt— begann ſie, als ſie allein mit ihm war — ich ſehe das an euerm Erſtarren. Quaͤlt aber nur mein ohnehin genug geaͤngſtetes Gewiſſen nicht — noch mit einer Theilnahme, die mich ſchwerer ver⸗ wundet, als alles Erlittene. Denn, wahrlich, um euch habe ich ſie am wenigſten verdient. Wiſſet, daß ich ganz allein es war, welche Unfrieden aus⸗ ſaͤete zwiſchen euch und die Geliebte, und Alles was mit dieſer in Beziehung ſteht. Auf das hef⸗ tigſte angegriffen von dem nahen Verhaͤltniſſe, in dem ich euch, nach der Ankunft der jungen Koͤni⸗ gin, mit einer Perſon erblickte, an die ich zuvor kaum noch dachte, glaubte ich nur in der Ver⸗ nichtung eures und des Gluͤcks eurer Geliebten das Ungluck meiner aufrichtigen Liebe zu euch tra⸗ gen zu koͤnnen. So ſtellte ich mich denn einzig darum recht freundlich gegen euch, um euch deſto ſicherer zu ſchaden. Die Wirkung meiner heimli⸗ chen Bosheit blieb nicht aus. Ich war ſchon dahin, daß Ritter Wellmoore mir verſprochen, ſeinen Willen nimmermehr in die Vermaͤhlung der Tochter mit einem Manne zu geben, den ich ihm als vollig wortbruͤchig an mir geſchildert hatte. Die Huld der Koͤnigin euch abzuwenden war mir ebenfalls ſchon gelungen, und endlich auch Blanca ſo eingeengt durch Vorſtellungen von allen Seiten, und ihr die Fortdauer ihrer Neigung zu euch als ein Verbrechen dargeſtellt, 140 vor dem ſie zuruͤckſchaudern mußte. Wie groß aber auch die Frechheit war, welche mich bei die⸗ ſen ſchändlichen Schritten unterſtuͤtzte, ſo ging ſie doch nicht ſo weit, daß ich euch kuͤnftig noch in die Augen ſehen, daß ich die Guͤte haͤtte ertragen können, mit der mir die Königin, Ritter Well⸗ moore und beſonders die auf das Abſcheulichſte betrogene Blanca uͤberall entgegenkamen. Auch ein gänzliches Zuruͤckziehen zu meinen Verwand⸗ ten hätte mich gewiß nicht ganz vor der Qual dieſer unverdienten Guͤte geſchuͤtzt. Ohnſtreitig wuͤrde man mich bei ihnen und auf dem Lande aufgeſucht haben, wenn ich dahin meine Zuflucht genommen häͤtte. Sogar das Verhaͤltniß mit den Verwandten druͤckte mich gewaltig, weil ihr zuvor ſo oft in unſerer Geſellſchaft waret, und ihr Da⸗ ſeyn ſchon allein Erinnerungen in meinem Ge⸗ dächtniſſe auffriſchte, von denen ich unmoͤglich Heil erwarten konnte. Hierzu kam noch, daß ich einer hoͤchſt unwillkommenen Bewerbung um meine Hand entgegenſehen mußte, durch einen Mann, den von meiner Seite eine Freundlichkeit, die ein⸗ zig den Zweck hatte, euern Wuͤnſchen entgegen zu arbeiten, dazu ermuntert haben mochte. Waͤhrend man, wie ich zu meiner Freude 141 erfuhr, mich umgekommen glaubte, vergrub ich mich hier in dieſe Einſamkeit. Ein Theil meines Schmuckes, ſo geringe, daß man ihn vielleicht nicht vermißte, hätte hingereicht fuͤr die Beduͤrf⸗ niſſe auch eines langen Lebens, da ſich ſolche nur auf das Nothwendige beſchraͤnkten. Meine vor⸗ malige Amme, dieſelbe Frau, welche euch einließ, half mir zu dieſem Aufenthalte. Auſſer ihr habe ich, ſeit ich hier bin, keinen Menſchen geſehen, als den Moͤnch, der euch mir jetzt zugefuͤhrt hat. Waͤhrend meiner Krankheit, in der mir ſeine Kenntniß der Heilkraͤfte Beiſtand leiſtete, ſtand ich mehrmals im Begriff dieſen Schritt an euch zu thun. Allein der beſſere Wille ward immer wie⸗ der durch meine beleidigte Eitelkeit gebunden, bis die ſchauerliche Naͤhe des Grabes mich auf das dringendſte dazu aufforderte. Dieſer Brief an den Ritter Wellmoore enthaͤlt das Bekenntniß meiner Suͤnden, und wird euch gewiß zur voll⸗ kommenen Rechtfertigung dienen. Ich habe ihn gebeten, auch der Koͤnigin meine Verlaͤumdungen in ihrem vollen Lichte darzuſtellen. Muß ich mich doch nothwendig ſelbſt vernichten vor der Welt, um der himmliſchen Barmherzigkeit theilhaft zu werden. Wollt ihr der vor dem ewigen Richter Zagenden den letzten, einzigen Troſt auf der Welt, eure Verzeihung, mit hinuͤber geben' Von Herzen! rief Arthur aus, aufgerichtet durch die köſtliche Hoffnung, nun recht bald ſeiner zeitherigen Schmach uͤberhoben zu ſeyn, und ge⸗ rechtfertigt zu ſtehen vor der ſo lange entbehrten Geliebten. Auf Katharinens Verlangen kamen der Moͤnch und die Dienerin herein. Arthur mußte der Ster⸗ benden geloben, ihre Pflegerin Niemand als die⸗ jenige zu verrathen, welche ſie an dieſen heimli⸗ chen Ort gebracht und ihr mit groͤßter Treue ge⸗ dient hatte. Ihre Verwandten, fuͤrchtete das Fraulein, koͤnnten auſſerdem Rache nehmen an der wackern Frau. Der Abſchied, zu dem das erſte, ſchwache Leuchten des neuen Tages den Ritter aufforderte, war erſchuͤtternd. Mehr als Einmal mußte er umkehren, der Sterbenden die Verſicherung zu wiederholen, daß er gewiß nicht den mindeſten Groll gegen ſie im Herzen trage. Wegen Arthurs Unbekanntſchaft in dieſem entlegenen Theile der Stadt ſollte der Mönch ihm bis nach einem be⸗ kannten Platze das Geleite geben. 35. 143 35. Schauerlicher noch, als in der Nacht, war der Weg nunmehr aus dem von auſſen ganz un⸗ gewoͤhnlich erſcheinenden Gebaͤude. Bei Arthurs Ankunft hatte die vom Winde ſtark bewegte Fak⸗ kel wenig mehr als den unebenen ſchwankenden Pfad nach den bewohnten Gemächern erhellt. Jetzt, im Dammerſcheine des Morgens, lagen auf beiden Seiten die tiefen, mit Brombeergeſtraͤuch und anderm wilden Gruͤn uͤberwachſenen Gewol⸗ ber vor ihm, wohinunter ein einziger Fehltritt dem gewiſſen Tode zufuͤhrte. Kein Wunder, wenn hier Niemand einen lebenden Menſchen ſuchte. Arthur machte dieſe Bemerkung, aber der Moͤnch ſagte: Gleichwohl ſind die Beiden, ſo wir eben verließen, nicht die einzigen Bewohner des ſo ſehr verfallenen Hauſes. Im obern Saale lebt noch ein Alter, welcher behauptet, daß ſeine Vorfahren das Haus erbauet, und er darin jung geworden. Und doch beweiſet Alles, daß nur der Verfall deſſelben weit älter ſeyn muß, als die laͤngſte menſchliche Lebenszeit. Vielleicht waͤre es ſchon vor einem Jahrhunderte aus dem jetzi⸗ gen wuͤſten Zuſtande wieder emporgeriſſen worden, I. 10 hielte nicht die Sage von unheimlichen Weſen, welche hier ihren Sitz haben ſollen, die Menſchen vom Wiederaufbaue zuruͤck. Die Kranke und ihre Dienerin erfuhren das erſt, als ſie ſchon ziem⸗ lich ein Jahr hier zugebracht hatten. Da ihnen jedoch nie etwas Unheimliches begegnet war, ſo verließen ſie auch dieſe ſtille Freiſtatte nicht. Es hat ſie bis jetzige Stunde, auſſer boͤſem giftigen Gewuͤrm, das freilich nicht ſelten ſeyn mag in ſolcher Einoͤde, kein Geiſt, oder etwas Aehnliches erſchreckt. Hm, hm!— fuhr der Moͤnch fort, ſich um⸗ kehrend nach den Fenſtern, woraus Harfentoͤne er⸗ ſchollen— der Mitbewohner ſcheint eben ſein Morgenlied zu beginnen. Iſt der Mann nicht blind' fragte Arthur, als er denſelben Geſang vom Ritterweſen erkannte, mit dem er, in Wellmoore's und Blanca's Geſell⸗ ſchaft, einſt um Mitternacht am Londoner Steine empfangen wurde. Ja wohl!— antwortete der Moͤnch. We⸗ nigſtens heißt er blind. Auch hatte er vor eini⸗ ger Zeit einen jungen Menſchen bei ſich, der ihn zuweilen zu fuͤhren pflegte. Seit der aber, wie man ſagt, in den Krieg nach Irland gezogen iſt, 145 findet ſich der Alte ſo gut fort, als jener Juͤng⸗ üng. Ich moͤchte den Blinden ſehen, der den Weg in dieſe Behauſung machen koͤnnte, ohne An⸗ ſtoß wie er! Schon als der junge Menſch noch bei ihm lebte, begegnete ich ihm oft allein, mitten in der Nacht. Vermuthlich iſt ſeine Blindheit nur ein Vorwand, um der Menſchen Herz deſto eher zum Mitleid zu bewegen. Und mit dem Vorgeben eines Alters, wie ſolches niemals ein Menſch erreicht, hat es ohnſtreitig dieſelbe Be⸗ wandniß. Der Wahnſinn, den ihm viele deshalb beilegen, mag wohl ebenfalls auf der Leute Gut⸗ muͤthigkeit berechnet ſeyn! Arthur dachte ganz anders daruͤber, und be⸗ dauerte herzlich, daß ihm die Zeit gaͤnzlich fehle zum Beſuche des Greiſes, der, wie der Moͤnch noch bemerkte, mit keinem Menſchen Gemeinſchaft hielt.. Die jetzige Geſpraͤchigkeit des Paters befrem⸗ dete den Ritter, wenn er ſie mit dem fruͤhern ein⸗ ſilbigen Weſen zuſammenhielt, ſo ſehr, daß er ſich daruͤber Aufſchluß erbat. Treuherzig, wie er war, erwiederte der Befragte geradezu, er habe erſt durch die Art, wie Katharine ſich gegen ihn be⸗ nommen, ſein Zutrauen erworben. Vorher ſey er 10* 146 der Meinung geweſen, das zwiſchen ihr und ihm obwaltende Unrecht befinde ſich lediglich auf ſeiner Seite. Deshalb habe er ihm auch die Kranke nicht genannt, weil er, im Falle es geſchehen waͤre, die Zuruͤckweiſung ſeines Antrags mitzuge⸗ hen gefuͤrchtet. Bald kam es heraus, daß des Paters Arg⸗ wohn ſich von den Eroͤffnungen der Frau her⸗ ſchrieb, welche jetzt Katharinens Pflegerin war. Der Moͤnch entdeckte naͤmlich dem Ritter, daß in den erſten Jugendjahren ſeine Neigung zu des Fraͤuleins nunmehriger Pflegerin ſo maͤchtig gewe⸗ ſen, daß er, ſtatt von der Buͤrgerstochter abzu⸗ laſſen, wie ſeine adelichen Aeltern ihm angeſonnen, den geiſtlichen Stand ergriffen habe. Zufällig ſey er ſpaͤterhin Katharinens Beichtiger geworden und erſt waͤhrend ihrer jetzigen Krankheit mit ſeiner vormaligen Geliebten zuſammen gekommen. Dieſe nun habe den erſten Grund zu des Fräuleins Nur⸗ ſey ſo fruͤhem Tode in Arthurs Treuloſigkeit ge⸗ ſucht.. Nachdem ihm der Ritter ſeine vormaligen Verhaͤltniſſe mit Katharinen naͤher beleuchtet hatte, ſprach der Moͤnch: Von hier, denke ich, werdet 147 — ihr euch auch ohne Beiſtand weiter finden. Die Sterbende wird deſſelben mehr beduͤrfen. 36. Alle Straßen und Plätze belebten ſich immer mehr und mehr. Die meiſten Hauſer waren ſchon aufgeſchloſſen. Arthur eilte die Treppe nach Well⸗ moore's Wohnung hinauf. Dieſer ſprang in hef⸗ tigem Zorne aus dem Bette, als er den Verhaß⸗ ten in ſeinem Schlafgemach erblickte. Was wollt ihr von mir? fragte er finſter. Fuͤr's Erſte nur ſo viel Ruhe— antwortete Arthur gelaſſen— als zum Leſen dieſes Briefes erfordert wird. Wirklich that der Brief Wunder. Nach man⸗ chem Laute des Unwillens, welcher der Schreibe⸗ rin galt, reichte er dem Ritter mit herzlich bereuen⸗ der Miene, ſtumm die Hand, und als er ihn zu Ende geleſen hatte, ſchloß er den jungen Mann auf das Innigſte in die Arme.— Zum Gluͤck— ſprach er— iſt noch nichts in der Sache verdor⸗ ben, lieber Vetter. Gott ſey geprieſen, daß er der unvertilgbaren, nur mit groͤßter Muͤhe niederge⸗ haltenen Liebe meiner Tochter zu euch, durch dieſe 148 ſeine Lenkung der Dinge entgegen kam. Wahr⸗ lich, ohne das waͤre ſie mir ſicher zu Grunde ge⸗ gangen! Vor Allem ſchalt er nun ſeine eigene Leicht⸗ gläubigkeit, geſtand die Verblendung ein, in der ihm Katharine als das herrlichſte Weſen erſchie⸗ nen war, und hatte nicht glauben koͤnnen, daß Arthur wirklich ſo vielen Reizen, wie ſie in ſei⸗ nen Augen beſaß, zu widerſtehen im Stande ge⸗ weſen. Nachdem ihm, auf die Frage nach der Ster⸗ benden, Arthur ihren Aufenthalt beſchrieben, ſo gut er's vermochte, und dabei bemerkt hatte, daß ſie ſchwerlich noch am Leben ſey, wurde noch des Ritters Zukunft beſprochen. Wellmoore verbuͤrgte ihm das Herz ſeiner Tochter und die Seligkeit, worein ſie die eben erlangte Kunde verſetzen werde, erbot ſich auch, da fuͤr den entzuͤckten Liebenden durchaus keine Zeit mehr blieb, ſeine Rechtferti⸗ gung bei der Koͤnigin ebenfalls zu bewirken, und fur den kuͤnftigen Briefwechſel zwiſchen ihm und Blancen die Mittelsperſon zu machen. Daß nach der Aufnahme, welche der Herzog zuletzt noch beim Koͤnige gefunden, ſeine Abweſenheit von gar 149 keiner Dauer ſeyn werde, war Jedermann uͤber⸗ zeugt. 37. Vor dem Palaſte des Herzogs von Hereford fand Arthur ſchon den lebendigen Ausdruck der Volksgeſinnung fuͤr den Verbannten. Menſchen von jedem Alter und Stande gab es hier verſam⸗ melt, voll Truͤbſinns nach den Reiſeanſtalten am Portale blickend, und ſobald oben am offenen Fen⸗ ſter der geliebte Reiſende erſchien, um die Leute unten zu groͤßerer Thaͤtigkeit zu ermuntern, er⸗ ſcholl auch ein Lebehoch, das die unverkennbare, tiefe Wehmuth dem Herzen des Verehrten nur werther machen mußte. Mit gewohnter Leutſelig⸗ keit nickte er Vielen darunter zu, die er kannte, ſagte auch dem und jenem ein freundliches Wort. Dagegen gebot er ein Paarmal recht ernſt und gebieteriſch durch Kopfſchuͤtteln, wenn Verglei⸗ chungen laut wurden zwiſchen ihm, dem Verwie⸗ ſenen, und dem, der ihn verwieſen hatte, die na⸗ turlich zum voͤlligen Nachtheile des letzteren aus⸗ fielen. Schon furchtete Arthur nicht durchdringen zu 150 eonnen durch den dichten Menſchenhaufen. Kaum aber hatte einer, der in ihm des Herzogs Ver⸗ trauten erkannte, ſeinen Namen genannt, ſo ſchmiegte man ſich auf beiden Seiten dergeſtalt zuſammen, daß in der Mitte ein ganz breiter Weg bis nach dem Eingange entſtand. Saget, Herr Ritter— rief man ihm zu— ſaget dem edeln Herzoge, daß wir ihn ſo gern hier behielten, lieber als jeden Andern. Saget ihm daß wir es keinen Augenblick verkennen, wie viel Gutes er an uns gethan, und wie ſo manchmal er uns geſchuͤtzt hat gegen die ſchaͤndli⸗ chen Kundſchafter, welche uns oft nur darum das Herz auf die Zunge locken, um uns zu verderben. Iſt es etwa nicht ſok fragte der Sprecher mit rollenden Augen nach einem nicht weit von ihm Stehenden heftig hinuͤbergreifend. Allerdings iſt das ein ſolcher! riefen Mehrere dem zur Leiche Erblaſſenden zu, und nur mit großer Muͤhe ge⸗ lang es dem Ritter zu verhindern, daß der be⸗ reits zu Boden Geriſſene nicht auf der Stelle zertreten wurde. Bald nachher ſprengten in einiger Entfer⸗ nung Conſtabler zu Pferde herbei, die Ankunft des Lord Mayors verkuͤndigend. Sogleich bahnte ſich ————— 151 ſich abermals ein breiter Weg in der Mitte. Aber wenn auch dieſe hohe Magiſtratsperſon, wie bei der feierlichſten Gelegenheit, mit den Alder⸗ maͤnnern, ſeinem ſaͤmmtlichen Gefolge und einer großen Anzahl der angeſehenſten aus der Buͤrger⸗ ſchaft zu Roſſe erſchien, ſo war doch diesmal die gewohnte Kleiderpracht von der Trauer verdraͤngt. Wie Leidtragende ſaß Alles in ſchwarzem Anzuge, auf den muthvollen, ſchwer zu baͤndigenden Pfer⸗ den, und die Betruͤbniß der Mienen bewies, daß ihre Trauer kein leeres Gaukelſpiel war. Die Fen⸗ ſter der Haͤuſer waren mit ſchwarz gekleideten Da⸗ men, zum Theil von ausgezeichneter Schoͤnheit, geſchmuͤckt. Aber kein ſuͤßes Lächeln ſtieg auf in den reizenden Geſichtern. Als der hohe Abreiſende endlich tum und ſein Roß beſtieg, da nahete der Lord Mayor ihm ehrerbietig mit der Aeuſſerung, daß er und die Aldermaͤnner fuͤr Schuldigkeit erachteten, ihm Na⸗ mens der Stadt, die ihm ſo viel Heil ſchon ver⸗ danke, ihr Leid uͤber ſein Weggehen zu bezeigen. Die tiefe Ruͤhrung des Gefeierten beim Danke fuͤr dieſe Theilnahme lockte ploͤtzlich Thraͤnen in ihre Augen, und der hier und da laut auſſchreiende Schmerz der mehr als Vierzigtauſend, welche dem 11 —— —— 152 Zuge folgten, vergaß gar haͤufig die Ruckſichten, ſo man dem Koͤnige ſchuldig war. Als der Mayor an der Graͤnze des Stadt⸗ gebietes von dem hochgeehrten Verbannten Ab⸗ ſchied nahm, ſagte er unter anderm: Die Liebe des ganzen Koͤnigreichs, welche mit euch geht, ſey euer Troſt auch in der Ferne. Unſte Her⸗ zen werden nicht eher wieder froh werden, als bis ihr dem bedraͤngten Vaterlande zuruͤckgegeben ſeyd!— Nur allmaͤhlig minderte ſich die Menge der den Herzog Begleitenden. Viele folgten ihm zu Roſſe bis Dartford, einige ſogar bis Dower und erwarteten dort ſeine Einſchiffung. Noch lange nach der Abfahrt ſtand das Ufer mit Menſchen gefuͤllt, und als ſein Schiff bereits ihren Augen voͤllig entruͤckt war, ſtarrte man noch immer in den Schaum der voruͤbereilenden Wogen. ſfſſi 8 9 10 11 13 1 1 7 18 19 * —ͤ,— . — 2.