* † S— a SS= Leihbi deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Seſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Eim⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Vuches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 5 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mf.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. *„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Jn Calais fand der Herzog von Hereford ſchon franzoͤſiſche Abgeſandte, die ihm ihres Herrn Theil⸗ nahme an ſeinem Schickſale und zugleich auch des Koͤnigs Freude bezeigten uͤber den bereits durch Abſendung eines Ritters und Herolds zu erkennen gegebenen Wunſch, Paris zu ſeinem Aufenthalte zu wählen, welcher dort großes Wohlgefallen er⸗ regt hatte. Lieber wuͤrde der Herzog der Einladung ſeines Vetters, des Grafen von Oſtrevand, nach Henne⸗ gau Gehoͤr gegeben haben, der, von ſeiner Ver⸗ weiſung zu Quesnoy benachrichtigt, ebenfalls zwei Ritter zu ihm ſendete, die ihn aber erſt auf dem Wege nach Paris einholten. Allein nun die Ein⸗ leitung zu ſeinem Aufenthalte daſelbſt, wozu ihn hauptſaͤchlich die Wuͤnſche ſeines Vaters und des Herzogs von York beſtimmt hatten, ſchon ſo weit 1* 4 getroffen war, ließ ſich der fruͤhere Beſchluß nicht zuruͤcknehmen. Aus dem Palaſte St. Paul zu Paris an der Seine ritten dem hochgeehrten Gaſte die Herzoge von Berry und Orleans, in Gold, Sil⸗ ber und koͤſtlichen Kleidern ſtralend, entgegen, ihn zu bewillkommen, dann kamen, mit gleichem Schmucke angethan, die Herzoge von Burgund und Bourbon, denen viel edle Praͤlaten und Rit⸗ ter folgten. Auch waren die Häuſer in der Stadt auf den Straßen, durch welche der bunte Glanz wogte, dergeſtalt mit koͤſtlichen Zeugen und Tep⸗ pichen bekleidet, als gaͤlte es dem Einzuge eines regierenden großen Herrn. Aber die allgemeine Heiterkeit wurde unver⸗ ſehens durch ein Ereigniß getruͤbt, das mit der Gewalt einer boͤſen Vorbedeutung alle Anweſen⸗ den erſchreckte. Ein Adelicher aus dem Gefolge des Herzogs von Orleans, Bonifaz mit Namen, dem der Herzog ſehr wohlwollte, ritt ein Roß ſo wild, daß alle ſeine Kraft und Geſchicklichkeit zu deſſen Baͤndigung nicht ausreichte. Beim Sturze mit dieſem Thiere flog ſein Kopf an einen Stra⸗ ßenſtein, ſo daß er auf der Stelle den Geiſt aufgab. —— 5 Im Palaſte St. Paul empfing der Koͤnig von Frankreich den Herzog von Hereford mit aus⸗ gezeichneter Huld, hing ihm eine goldene Kette mit ſeinem Bildniſſe um den Hals, was der Herzog durch den freudigſten Dank erwiederte. Nachdem man Wein und Zuckerwerk zu ſich genommen, beurlaubte ſich der Herzog vom Ko⸗ nige, um der Koͤnigin ſeine Ehrerbietung zu bezei⸗ gen, die ſeiner in andern Zimmern des Palaſtes, von einem zahlreichen Gefolge hochgeſchmuckter Frauen umgeben, harrete und ſich uͤberaus liebreich mit ihm unterhielt. Darauf empfahl er ſich der Koͤnigin, beſtieg dann unten auf dem Platze ſein Roß und wurde von all den Prinzen und Her⸗ ren, die ihm entgegen geritten, bis nach dem Pa⸗ laſte Cliſſon begleitet, der zu ſeiner Wohnung ein⸗ gerichtet war. Eine ſo beſonders ausgezeichnete Aufnahme ſollte uͤbrigens dem Herzoge beweiſen, wie wenig dem franzoͤſiſchen Hofe die Haͤrte gefiel, welche Koͤnig Richard durch dieſe Verweiſung an ſeiner Perſon veruͤbte. Die vornehmſten Prinzen von Gebluͤt gaben ihm ihre Misbilligung derſelben in klaren Worten zu erkennen. Aber das an geſelligem Reize andere Haupt⸗ ſtaͤdte ſo weit uͤberſtralende Paris und die mannich⸗ faltigen Feſte, welche den fremden Gäͤſten Schad⸗ loshaltung gewähren ſollten fuͤr das Entbehren der geliebten Heimath, konnten dem Ritter Arthur das Kleinod nicht aus den Gedanken bringen, das ihm im Weſtminſterſchloſſe zuruͤckgeblieben. Der erſte Brief von daher, war deshalb auch der erſte wahr⸗ hafte Gluͤcksſtral, der ihn hier traf. Alles hatte wieder eine gluͤckliche Geſtalt gewonnen, und wenn ſchon des Herzogs von Hereford Wuͤnſche nicht mit dieſer Verbindung uͤbereinſtimmten, ſo hoffte doch Arthur zwiſchen ihnen und den ſeinigen kuͤnf⸗ tig allmaͤhlig einen Verein ſtiften zu können. Ritter Wellmoore ſchrieb ihm ausfuhrlich uͤber den ganz erwuͤnſchten Stand der Dinge, und Blanca's Brief enthielt am Schluſſe ſogar einige uͤberaus huldvolle Zeilen von der Hand der Koͤnigin, wodurch dieſe das fruͤher ihm zu⸗ gefuͤgte Unrecht wieder gut zu machen ſuchte. Ein recht erfreulicher Gedanke war dem Rit⸗ ter das Verlangen ſeines Herrn, des Herzogs, mit nach Ungarn in den Krieg gegen die Tuͤrken — ———„ —„ 7 zu ziehen, wohin er ihn begleiten ſollte. Allein der Herzog von Lancaſter, der ſeinem Sohne die Erlaubniß dazu beim Koͤnige Richard auswirken ſollte, ließ ihm durch den Ritter Dinorth, den er in dieſer Angelegenheit an ihn geſandt hatte, davon abrathen. Dieſer Ritter brachte uͤberhaupt dem Herzoge ſehr unwillkommene Nachrichten aus ſeinem Geburtslande zuruͤck. Sein Vater, der Herzog von Lancaſter, war durch den immer tie⸗ fern Verfall eines Reichs, zu deſſen Erhebung er ſelbſt ſo weſentlich beigetragen hatte, allmäͤhlig in eine Krankheit gerathen, von der er nach der Mei⸗ nung der Aerzte nicht wieder ganz geneſen konnte. Einen beſondern Schreck erlebte Ritter Old⸗ ſon noch dabei. Herefords Abgeſandter hatte auch an ihn einen Brief mitgebracht, unverkennbar von Frauenhand uͤberſchrieben, und der Herzog, der ihn zufaͤllig erblickte, auf die Schreiberin rathend, ſol⸗ chen ſogleich an ſich genommen, ihn dem Empfän⸗ ger zuzuſchicken. Statt deſſen aber uͤbernahm er die Aushaͤndigung in Perſon. Arthur, der Rede wohl eingedenk, welche ſein Gebieter ihm uͤber die Leidenſchaft fuͤr Blancen noch kurz vor der Abreiſe in London zu verneh⸗ men gegeben, hatte lange ſchon fruchtlos nachge⸗ 8 ſonnen daruͤber, wie er den Herzog von ſeinem Wiedervereine mit der Geliebten benachrichtigen und dabei zugleich die Beſorgniß einer Stoͤrung ihrer Verhaͤltniſſe durch dieſes Band zerſtreuen woollte, aber dazu immer nicht die rechte Zeit und die rechten Worte finden koͤnnen. Und nun, nach⸗ dem ihm der Herzog ſeinen Schmerz ausgedruckt hatte, daß es wohl der letzte Rath ſeines Vaters ſeyn möchte, der ihn von dem ſo erwuͤnſchten Feldzuge zuruͤckhielt, zog er ploͤtzlich den Brief hervor und ſprach: Bald haͤtte ich vergeſſen, was euch leicht das Wichtigſte ſeyn koͤnnte. Hierbei faßte er den Ritter dergeſtalt in's Auge, daß die⸗ ſer erbleichend ſein Knie ſenkte und die Blicke zu Boden kehrend, in der Stellung eines uͤberfuͤhrten Suͤnders vor ihm ſtehen blieb, ohne auch nur ein einziges Wort uͤber die Lippe bringen zu koͤnnen. Aber der Herzog ergriff mit Innigkeit ſeine Hand und ſprach: Getroſt, mein Freund! Als wir zuletzt der Sache gedachten, war ich ein anderer Menſch als heute. Nur noch wie ein freundliches Schattenbild ſtand die Liebe mir in der Erinne⸗ rung. Jetzt regt ſich ihre Kraft von Neuem in meinem Herzen und ich fuͤhle mit euch das Schwie⸗ rige, ſich ihrem Zauber zu entziehen. Ohne daß 9 die vormaligen Bedenken gegen euer Verhältniß mit dem Fraͤulein Wellmoore gehoben ſind, gebie⸗ tet mir doch das eigene Gefuͤhl, daruͤber hinweg⸗ zuſehen. Und in anderer Hinſicht reicht mir eure Liebe ſogar einen hohen Gewinn. Nur der Lie⸗ bende verſteht den Liebenden, und auf der Welt giebt es, auſſer der Liebe ſelbſt, nichts Suͤßeres, als ihren Nachgenuß, in der traulichen Mitthei⸗ lung an einen bewaͤhrten Freund. Wiſſet, Arthur, daß die ſeelenvollen Augen einer jungen Witwe mich getroffen haben mitten in's Herz, und daß ich vermuthlich recht bald mit dem Koͤnige Richard noch von anderer Seite in Verwandtſchaft treten werde. Seit geſtern, wo ſie mir ihre Gegen⸗ liebe zuſagte, war mir auch der Kriegszug ſehr unwillkommen, und ich wuͤrde große Freude uͤber meines Vaters Misbilligung gehabt haben, wenn ſein trauriger Krankheitszuſtand mich dazu kom⸗ men ließe. Nebſt dem innigſten Danke fuͤr eure Verzei⸗ hung nehmt auch meinen herzlichen Gluͤckwunſch, gnaͤdiger Herr, verſetzte der Ritter. Allen Um⸗ ſtänden nach kann eure Geliebte wohl Niemand ſeyn, als die ſchoͤne Tochter des Herzogs von Berry, die verwitwete Gräfin von Eu. 10 Auf einen freundlich bejahenden Blick des Her⸗ zogs, fuhr Arthur mit Feuer fort: Wahrlich, kein Wunder, wenn das ſeltene Misgeſchick, welches die Jugend dieſer anmuthigen Dame betroffen, ſie zur Verzweiflung gebracht haͤtte. Erſt drei und zwanzig Jahre alt und ſchon Witwe von zwei Maͤnnern! Kaum vermaͤhlt mit dem jungen Gra⸗ fen von Blois, rafft der Tod ihr dieſen dahin, und als ihr nachheriger Gemahl, der Graf von Eu, ihr den erſten traurigen Verluſt vergeſſen zu ma⸗ chen ſucht, ſo muß er, ein Opfer des moͤrderiſchen Kriegs gegen die Unglaͤubigen, in Ungarn fal⸗ len. Wie groß aber auch ihr zwiefaches Leid ge⸗ weſen, das Gluͤck an eurer Hand wird ſblches doch gewiß reichlich aufwiegen, und den Him⸗ mel rechtfertigen, der ſie nur ſo tief nieder⸗ beugte, um ihr eine groͤßere Seligkeit auf Erden zu erwecken. Beide, Hereford und Arthur, kamen noch darin mit einander uͤberein, daß, bei der ungemeinen Huld, womit der Koͤnig von Frankreich dem Her⸗ zoge die Verbannung zu verſuͤßen ſuchte, und bei der beſondern Freundſchaft, welche alle Prinzen vom Gebluͤt, und namentlich der Vater der hoͤchſt anziehenden Witwe ihm zu beweiſen ſtrebten, an ———— ———— 11 ein Verweigern des Geſuchs um ihre Hand ſchwer⸗ lich zu denken ſey. Und in der That, kaum ließ der Herzog ein Einleitungswort hierzu gegen den Herzog von Berry, im Beiſeyn des Koͤnigs ſelber, fallen, als auch ſchon ſein zeitheriges Verhaͤltniß mit dem Pariſer Hofe ſich merklich enger und traulicher zu⸗ ſammenzog, und man ihn offenbar voller Freude als ein kuͤnftiges neues, ſehr hochgeſchatztes Glied des Hauſes Frankreich betrachtete. 3. Bei dieſer Sicherheit der Erreichung ſeines Zweckes blieb dem Herzoge von Hereford vor dem letzten Schritte nur die Ertheilung einer Nach⸗ richt davon an ſeinen hochverehrten Vater und das durch dieſen am beſten anzubringende Geſuch um die Genehmigung des Koͤnigs von England uͤbrig, eine bloße Form, die von keinem Be⸗ lange war. Um den Glanz der Hochzeit ſelbſt unmittel⸗ bar auf den Eingang der koͤniglichen Zuſtimmung folgen zu laſſen, wurden indeß, bevor er noch Ar⸗ thurn, wie er Willens war, zum Botſchafter in dieſer Angelegenheit nach London abſendete, alle 12 Vorbereitungen getroffen, und ganz Paris freuete ſich bereits im Voraus der Feſte, welche die ſehr erwuͤnſchte Verbindung herbeifuͤhren mußte, worin⸗ nen Jedermann eine Buͤrgſchaft mehr fuͤr die Fort⸗ dauer der freundſchaftlichen Verhaͤltniſſe zwiſchen Frankreich und England zu erblicken glaubte. Dazwiſchen kam jedoch, leider, unmittelbar nach dem Chriſtfeſte die Botſchaft vom Ableben des Herzogs von Lancaſter, das man zwar in eini⸗ ger Zeit ſehr beſorgt, aber keinesweges fur ſo gar wahr gehalten hatte. Der Brief, worin Koͤnig Richard ſeinem Schwiegervater dieſen Trauerfall anzeigte, em⸗ poͤrte den Koͤnig von Frankreich, wegen der dar⸗ aus offenbar hervorblickenden Freude uͤber den Hintritt eines Mannes, welchem England einen Theil ſeiner Groͤße verdankte. Aber obſchon der unwuͤrdige Richard ganz verſäumte, dem Sohne des Verblichenen Nach⸗ richt deshalb zukommen zu laſſen, ſo erhielt er ſolche doch durch ſeine zahlreichen Freunde in England, und veranſtaltete zu derſelben Zeit, als das ſo unſchicklich abgefaßte Schreiben an den Koͤ⸗ nig von Frankreich eintraf, ſchon ein Trauerfeſt 13 zum Andenken des großen Johanns von Gaunt, Herzog von Lancaſter. 8 Der Koͤnig von Frankreich und ſein ganzer Hof wohnte demſelben bei und bezeigte dem tief⸗ erſchuͤtterten Sohne des Abgeſchiedenen dabei die innigſte Theilnahme. Zugleich bedauerte man laut und unverholen, daß Richard den ſchweren Ver— luſt, den ſein Reich ſo eben erlitte, nicht beſſer zu wuͤrdigen im Stande ſey. 4. An einem der erſten, ſchoͤnen Fruͤhlingsmor⸗ gen war es, daß die, den ganzen Winter uͤber im Palaſte Cliſſon zu Paris nicht heimiſch geweſene Freude ploͤtzlich darin allenthalben ein neues Leben verbreitete. Noch ſpaͤt in der Nacht war der Graf von Salisbury, als Abgeſandter des Koͤnigs Richard, im weißen Roſſe am Greveplatze abge⸗ treten. Was konnte der anders bringen als die, ſeltſam genug, ſo lange verzoͤgerte Zuruckberufung des in der Verbannung lebenden Lieblings des engliſchen Volks nach England und in das Her⸗ zogthum Lancaſter, ſein rechtmaͤßiges Erber Alles war von dem Gedanken der Grundloſigkeit der 14 zeitherigen beunruhigenden Nachrichten, nach denen der Koͤnig die Guͤter des verſtorbenen Johann von Gaunt eingezogen haben ſollte, erfuͤllt, weil ja doch hieraus nichts als Unheil, ſelbſt fuͤr Ri⸗ chard, folgen koͤnne. Allein der Graf von Sa⸗ lisbury, ſtatt, wie Hereford zu denken berechtiget war, ſich bei ihm einzuſtellen, hatte nur dem Koͤ⸗ nige von Frankreich aufgewartet, auch dieſem eine, ſchwerlich willkommene, Botſchaft uͤberbracht. We⸗ nigſtens wollte man Laute des Unwillens gegen ihn vom Monarchen im Vorſaale vernommen ha⸗ ben, dazu ließ der ſeitdem aͤuſſerſt verſtimmte Koͤ⸗ nig ſaͤmmtliche Prinzen ſeines Hauſes zuſammen⸗ berufen zu einer Berathung, die, aus den duͤſtern Mienen abzunehmen, welche ſie zuruͤckbrachten, eben kein troͤſtliches Reſultat gewaͤhrt hatte. Nicht wiſſend, was er denken ſollte von den Dingen, die ihm hieruͤber hinterbracht wurden, eilte der Herzog von Hereford Abends nach dem Palaſte des Herzogs von Berry, Aufſchluß von dieſem zu erbitten, und wenn er auch, wie ſeine dunkeln Zimmer vermuthen ließen, abweſend wal, ſo ſagten ihm doch die erhellten Fenſter der Graͤ⸗ fin von Eu, daß dort vielleicht der Zweck Ganges zu erreichen ſey. 15 Allein aus ihrem Vorgemache trat ein Die⸗ ner, der, auf des Herzogs Frage nach ihr, mit einer Stimme, ſo laut, daß ſie durch das ganze Haus erſcholl, ihre Abweſenheit erklaͤrte, waͤhrend er ihm ein Papier in die Hand ſchob. Die Ehrfurcht, mit welcher der Diener dem Herzoge genaht war, gehoͤrte dazu, den Unwillen, der ihn uͤber ein ſo hoͤchſt raͤthſelhaftes und die Verhaͤltniſſe verletzendes Benehmen anwandelte, in ſeiner Bruſt zuruͤckzuhalten. Der Diener ver⸗ ſchwand. Das Papier, womit der Herzog, wegen meh⸗ rerer ihm Begegnender, erſt auf den unterſten Stufen der Treppe zu einem Lichte treten konnte, enthielt folgende Worte: „In der zweiten Thuͤre des Hofraums, rech⸗ ter Hand, werdet Ihr eine Seitentreppe finden, auf der man Euch erwartet.“ Dieſer Zettel war faſt noch befremdender, als die Art, wie er dem Herzoge zugeſtellt worden. Die weibliche Handſchrift ließ ſich darin nicht verkennen, aber eben ſo wenig, daß es nicht die ihm wohlbekannten Zuͤge der Graͤfin von Eu wa⸗ ren. Was haͤtte auch dieſe zu ſolch einer aben⸗ teuerlichen Beſtellung veranlaſſen ſollen? 16 Mochte indeß die Sache ſich verhalten, wie ſie wollte, ſein Verlangen nach Aufſchluß hob ihn uͤber die vielen Bedenken dagegen hinweg. Er eilte wirklich dem Hofraume und der bezeichneten Thuͤre zu. Dort ſtieß er auf eine Treppe, von der aber nur die erſten Stufen durch einen aus dem Hofe hineinfallenden Lichtſchimmer ein wenig Erleuchtung erhielten. Gleichwohl ſtieg er hinauf. Wer ſeyd ihr' fragte der Herzog, als von oben ein Frauenzimmer mit einem ſchwachen Laͤmpchen ihm entgegen kam, das ſich ehrerbietig vor ihm verneigte. Eure Fuͤhrerin, gnaͤdiger Herr! antwortete die noch ſehr junge Perſon mit leiſer, bebender Stimme. Dabei deutete ſie dem indeß Hinaufge⸗ ſtiegenen auf eine nahe, halb offene Thuͤre. Er ging hinein und ſie folgte. Marie! rief der Herzog, und unwillkͤhrlich breiteten ſich ſeine Arme aus nach der Gräfin von Eu, die ihrer Thränen nicht Meiſterin wer⸗ den konnte. Verzeihet— begann ſie— wenn ich einen Weg einſchlug, der großen Tadel verdienen wuͤrde, wäre er nicht mein einziger geweſen, euch zu ſehen. Der Menſch, der euch die ſchriftliche Nachricht gab, 17 gab, hatte den ſtrengſten Befehl von meinem Va⸗ ter, auch meine Anweſenheit zu verläugnen. Gott im Himmel, mein Vater ſelbſt! rief ſie jetzt erſchrocken aus, als die Hausglocke den Zu⸗ ruͤckkehrenden ankuͤndigte. Lebt wohl, mein Freund, mein inniggeliebter Freund! dieſe meine Vertraute mag euch das Uebrige ſagen. Nach dieſen Worten eilte ſie hinweg uͤber den nach ihrem Zimmer fuͤhrenden Corridor. Wos iſt vorgefallen? fragte der Herzog, auf das Tiefſte erſchuͤttert. Etwas, gnaͤdiger Herr, das Niemand ſich zu erklaͤren weiß! antwortete die vertraute Dienerin. Erſt vorhin hat der Herzog von Berry ſeinen Leuten im Beiſeyn der Graͤfin auf das Strengſte geboten, jedem Auslaͤnder, ohne alle Ausnahme, ſey er auch vom hoͤchſten Range, wenn er zur Graͤfin verlange, das zu ſagen, was euch geſagt worden iſt. Meine Gebieterin fuͤhlt ſich um ſo empfindlicher verletzt durch dieſe Anordnung, weil auſſer euch, gnaͤdiger Herr, Niemand des Zutritts zu ihr genießt, auch Monſeigneur die Worte: ohne alle Ausnahme, mit einem Nachdrucke ausſprach, der noch mehr darauf zu deuten ſchien, wen das ſeltſame Verbot hauptſaͤchlich anging. IH. 2 18 In ihrem Namen ſoll ich euch uͤbrigens verſichern, daß ſie unter allen Umſtaͤnden euer bleiben werde. Sie nimmt einzig Misverſtaͤndniſſe als den Anlaß zu der Stoͤrung an, die ohnſtreitig bald gehoben ſeyn wuͤrde. Darum empfiehlt ſie euch auch das ganze zeitherige Betragen im Umgange mit dem Herzoge. 4 Statt ſonach Aufſchluß uͤber den Zweck der Sendung des Grafen von Salisbury in dieſem Hauſe zu erhalten, hatte ſich ihm darin nur ein dichteres Dunkel uͤber eine Sache verbreitet, die bisher in völliger Klarheit vor ihm gelegen und ſeinem Herzen ſo theuer war. Denn zum inzwi⸗ ſchen heimgekehrten Herzog von Berry ſelbſt noch zu gehen, ſchien ihm bedenklich. Die Geliebte hatte gewuͤnſcht, daß er ganz das zeitherige Betra⸗ gen gegen ihren Vater beobachten moͤchte, was auch ihn ſelber das Beſte duͤnkte; gleichwohl fuhlte er in der jetzigen Stimmung ſich ſeiner hierzu nicht maͤchtig genug. 8 Mit dem Grafen von Salisbury, der am folgenden Tage wieder abreiſete, verſchwand nicht allein die Hoffnung auf des Herzogs nahe Zuruͤck⸗ 19 berufung, ſondern es mußten auch, wegen der Ge⸗ ſinnung des Königs Richard gegen ihn, immer groͤßere Beſorgniſſe in ſeinem Gefolge und ſeiner Dienerſchaft aufſteigen. Daß Salisbury, Richards Botſchafter, ſogar die ganz gewoͤhnliche Aufmerk⸗ ſamkeit, einen Beſuch bei dem Herzoge, unterlaſſen, zeigte die entſchiedenſte Abneigung des Koͤnigs ge⸗ gen den ſo nahen Verwandten. Dieſes Verfahren erklaͤrten auch Arthurn ein Paar bis dahin ihm ſehr auffallend geweſene Stellen in den letzten Briefen von Blanca und ihrem Vater. Waͤhrend er in einem ſeiner Briefe von der bald zu hoffen⸗ den Ruͤckreiſe mit Hereford nach der Heimath ge⸗ ſprochen und dabei das Heil ihres gemishandelten Vaterlandes in dem guten Vernehmen zwiſchen Koͤnig Richard und dem vorbenannten Herzoge durch den guͤnſtigen Einfluß des letztern auf den ſo ſehr getadelten Herrſcher geſehen und ſich dar⸗ uͤber verbreitet hatte, äuſſerte Blanca in ihrer Antwort, daß die Zuruͤckberufung doch wohl ſo gar bald nicht erfolgen moͤchte, ein Urlaub nach Eng⸗ land aber, den ihr Geliebter beim Herzoge naͤhme, wenigſtens ihr beiderſeitiges, ſtilles Gluͤck auſſeror⸗ dentlich befoͤrdern wuͤrde. Die Befeſtigung deſſel⸗ ben wuͤrde ſich dann vielleicht durch eine ſchrift⸗ 2* 20 liche Bitte an Hereford von London aus finden. Ritter Wellmoore hatte noch deutlicher geſprochen und geradezu geſagt, daß jener Urlaub die gluck⸗ lichſte Einleitung zu ſeinem Verlaſſen des herzog⸗ lichen Dienſtes ſeyn wuͤrde. 6. Ungemeldet, wie immer, trat am folgenden Morgen Herzog Hereford in das Zimmer des Vaters ſeiner Geliebten. Aber, offenbar in einem Schwarm druͤckender Gedanken verloren, ſaß die⸗ ſer kopfſchuͤttelnd vor einem Briefe, den er vor Kurzem erhalten zu haben ſchien. Der Eingetre⸗ tene mußte ſich erſt durch die Entſchuldigung, wenn er ſtoͤren ſollte, bemerklich machen. Nichts weniger— antwortete Berry, raͤumte den Brief zur Seite und reichte dem ihn Beſuchen⸗ den mit der gewohnten Freundlichkeit die Hand. Herefords Frage, ob er Salisbury geſprochen, beantwortete er mit einem kurzen Ja, und fuͤhrte ſodann die Unterhaltung auf andere Gegenſtaͤnde uͤber. Dieſelbe Weiſe beobachtete er, ſo oft Here⸗ ford wieder von Richards Abgeſandten anfing. Im Ganzen ward uͤbrigens nicht die mindeſte Erkaltung oder auch nur Veraͤnderung in Berry's 21 Betragen ſichtbar gegen den, der ſich bereits als den kuͤnftigen Gemahl ſeiner Tochter betrachtet hatte. Auch vom Koͤnige und deſſen Gemahlin erfuhr der Herzog von Hereford dieſelbe huldvolle Aufnahme als zuvor. Wie zeither wurde ihm zu Ehren manches Hoffeſt angeſtellt, und wenn er nicht auch ſeine zeitherige Laune und Gewandtheit immer bei der Hand hatte, ſo ruͤhrte das von dem Umſtande her, daß die verwitwete Marie von Eu an keinem dieſer Feſte Theil nahm und uͤber⸗ haupt, unter dem Anfuͤhren fortdauernder Kraͤnk⸗ lichkeit, den Hof nicht beſuchte. Es hieß, ſie bringe zu Wiederherſtellung ihrer wankenden Geſundheit den Fruͤhling auf dem Lande zu. Das Grundloſe dieſes Vorgebens entdeckend und beſorgend, daß daſſelbe wirklich ſeinetwegen gebraucht werde, verlangte der Mann, der ſich ſchon eine Zeit lang als ihren Braͤutigam betrach⸗ tete, vollige Gewißheit daruber, und entdeckte dem Ritter Oldſon und noch einem, welcher die Hei⸗ rathsunterhandlung zeither geleitet und in den letzten Wochen Hinderniſſe gegen die Fortſtellung derſelben gefunden hatte, den Auftrag, geradezu bei dem Herzoge von Berry auf den endlichen Abſchluß der Angelegenheit um ſo dringender an⸗ 22 zutragen, da man ſchon in der Hauptſache ganz einig geweſen und nur die Form noch feſtzuſtellen geſchienen hatte. Hierauf nun ſagte der Herzog von Berry achſelzuckend, daß ihm die Zunge gebunden ſey, und der Freier ſelbſt ſein Wort bei dem Koͤnige, im Beiſeyn der Prinzen vom Gebluͤt, anzubrin⸗ gen habe. Bei der Auszeichnung, welche dem hohen Gaſte nach wie vor vom ganzen franzöſiſchen Hofe widerfuhr, glaubte er dieſen Weg ergreifen zu muͤſſen, der ihn am ſchnellſten und ſicherſten zu dem heißerſehnten Ziele zu fuͤhren ſchien. 3 Im Palaſte St. Paul harrte der Koͤnig be⸗ reits mit den ſaͤmmtlichen Gliedern des Hauſes Frankreich auf den Herzog von Hereford, dem er die gebetene feierliche Audienz zugeſtanden hatte. Aber der Feſtespracht, worin er ſelbſt und die Erſten ſeines Reiches erſchienen, widerſprach die Stimmung gewaltig, welche die Mienen der hohen Verſammlung kund thaten. Vorzuͤglich betreten ſchienen der Koͤnig und der Herzog von Berry, welche, geſondert von den Uebrigen, heimlich ſpra⸗ 23 chen, waͤhrend der eine der Oheime des Koͤnigs, der Herzog von Burgund, finſter vor ſich nieder⸗ ſchauend, raſchen Schrittes auf und abging, un⸗ ſtreitig der Antwort nachzuſinnen, zu welcher er fuͤr den Erwarteten beauftragt war.— Darauf erſchien der Herzog von Hereford mit ſeinen Rittern und Edeln, ebenfalls im hoͤch⸗ ſten Schmucke, brachte ſeinen bereits bekannten Heirathsantrag foͤrmlich an, und der Koͤnig, an den er ihn richtete, winkte dem Herzoge von Bur⸗ gund, welcher nach einigem Zoͤgern alſo das Wort nahm: Vetter Hereford, wohl wuͤnſchte ich, euch ein Anderes ſagen zu duͤrfen, oder wenigſtens dem, was ich ſagen muß, ein ſtattliches Maͤntlein umzuhaͤngen. Aber mein gerader Sinn will ſich dem Wunſche nicht fuͤgen. Auch uͤberſchriee wohl des Wortes ſchlimmer Ton, ſelbſt den anmuthig⸗ ſten Schellenklang. Laßt mich daher kurzweg euch erklaͤren, daß kein Verraͤther der Gemahl unſerer Nichte werden kann.— Und eine hohe Glut des Zornes roͤthete plotz⸗ lich das Geſicht des engliſchen Prinzen. Nur die Gegenwart koͤniglicher Majeſtat iſt es, was meinen Degen jetzt in der Scheide feſt⸗ halt! ſprach er ſtolz zuruͤcktretend, und ſchlug dazu 24 an das Gefäß ſeines Schwertes. Aller Verrath iſt ſtets fern geweſen von meiner Seele und im⸗ mer bin ich bereit, den zur Verantwortung zu fordern, der es wagen zu duͤrfen glaubt, mich zu brandmarken mit dem ſchaͤndlichen Namen eines Verraͤthers. Ich bin erboͤtig dazu zu jeder Zeit und ſogar in dieſem Augenblicke, wenn Ew. Ma⸗ jeſtät mir ſolches geſtatten. Nein, werther Vetter— antwortete Koͤnig Karl. Schwerlich wuͤrde ſich in meinem ganzen Reiche auch nur einer finden, der eurer Ehre ſo zu nahe treten moͤchte. Das harte Wort mei⸗ nes Oheims ſtammt einzig aus euerm Vater⸗ lande her. Da ſenkte der im Innerſten empoͤrte Her⸗ zog von Hereford ſein Knie vor dem Könige und ſprach: Eure Verſicherung, gnaͤdiger Herr, iſt mir deſſen hinreichende Buͤrgſchaft. Ich kenne die Feinde, die ich habe in meinem Vaterlande, aber ich kenne auch ihren Unwerth, und ich kenne die⸗ ſen, Gott Lob, nicht allein! Der Koͤnig bat ihn aufzuſtehn und ſagte: Beruhigt euch, Vetter, Alles, hoffe ich, ſoll ſich zum Guten wenden und von eurer Heirath dann wieder die Rede ſeyn. Zuvor nur muͤßt ihr ohne⸗ 25 hin auf die Einrumung eures Erbtheils, des Herzogthums Lancaſter, dringen. Denn in Frank⸗ reich und den meiſten Laͤndern dieſſeit des Mee⸗ res iſt es Gebrauch, daß wenn ein Prinz ſich ver⸗ mahlt, er, unter Einwilligung ſeines Lehnsherrn, ſeiner Gemahlin ein Witthum anweiſe. 8. Das alſo— ſprach Abends im Palaſte Cliſſon der Herzog von Hereford zu Arthur, der allein bei ihm war— das der ſchoͤne Zweck der Bot⸗ ſchaft Salisbury's! Dann allerdings kein Wun⸗ der, wenn er die Schuldigkeit verſaͤumte, in mein Haus zu kommen. Wie moͤchte er die Stirn haben, mir in's Geſicht zu ſchauen? Und dieſer Salisbury war noch der beſte, von allen Rathge⸗ bern und Ohrenblaͤſern des Koͤnigs Richard, der, dem ich ſolch ein Stuͤckchen am wenigſten zuge⸗ traut haͤtte! Er ſoll auch— verſetzte Arthur— nach Ausſage ſeiner Leute, nur ſehr wider Willen des Auftrags ſich unterzogen haben.— O mein Freund— fuhr der Herzog fort— moͤget ihr nun noch hoffen auf unſere baldige Ruͤckkehr, oder auf irgend eine erfreuliche Wen⸗ dung der Dinge' Doch, gnädiger Herr! Nach den Erkundi⸗ gungen, die ich einzog, iſt der Koͤnig von Frank⸗ reich ſo erzuͤrnt geweſen uͤber die euch gemachte Beſchuldigung, daß er vom Grafen von Salis⸗ bury den Beglaubigungsbrief gar nicht hat an⸗ nehmen wollen. Ohne allen Zweifel wird bei der beſondern Gunſt, deren ihr genießt vom Koͤnige Karl, dieſer ſich fuͤr euch und eure gerechten Wuͤnſche nachdruͤcklich verwenden. Und— verſetzte der Herzog in Eifer— ab⸗ gerechnet den Verraͤthernamen, der auf meine Feinde von ſelbſt zuruͤckfällt— iſt nicht das ſchon eine tiefe Demuͤthigung, daß es erſt einer Ver⸗ wendung bedarf fuͤr den Sohn des Johann von Gaunt?* Dabei verſank er in ſolch einen Truͤbſinn, daß Arthur wohl alle Verſuche, ihm Troſt zuzu⸗ ſprechen, in dieſem Augenblicke fuͤr fruchtlos hal⸗ ten mußte. g Hocherfreut uͤber das Gelingen ſeines Plans, dem Herzog von Hereford die Hoffnung auf die 27 Hand der Graͤfin von Eu zu vereiteln, empfing Koͤnig Richard den Grafen von Salisbury mit beſonderer Huld, und ließ bald darauf durch das ganze Reich und in Schottland zu einem Tur⸗ niere nach Windſor einladen. Aber auſſer den vierzig Rittern und eben ſo vielen andern tur⸗ nierfaͤhigen Adeligen, welche ſeiner Anordnung ge⸗ maäß in Gruͤn gekleidet und einen weißen Falken auf der Hand erſchienen, und dem prachtvollen Gefolge des Koͤnigs und der Koͤnigin, fanden nur ſehr wenige Kaͤmpfer ſich ein. Statt aber uͤber dieſes offenbare Zeichen eines allgemeinen Misfallens an ihm und ſeiner Regie⸗ rung heilſame Betrachtungen anzuſtellen, ſah der leichtſinnige Richard verachtend daruͤber hin, und ob er ſchon wußte, wie uͤbel ganz England zufrie⸗ den war mit ſeinem Vorſatze, einen Zug nach Ir⸗ land zu unternehmen, ſo ordnete er ſolchen doch, dem Wunſche des Adels und des Volkes gleich⸗ ſam zum Trotz, bei dieſem Ritterſpiele ſelber an, ließ die Koͤnigin Iſabelle mit ihrem Hoſſtaate in Windſor zuruͤck und nahm ſeinen Weg nach Briſtol, allenthalben vom lauteſten Murren em⸗ pfangen und verfolgt. Die Verbannung zweier der tapferſten und 28 rechtlichſten Prinzen des königlichen Hauſes, des Grafen von Northumberland und Heinrichs Perch, ſeines Sohnes, fachte die Glut, welche längſt ſchon durch ganz England unter der Aſche glomm. 10. Das Geruͤcht von den zahlloſen Rauberhau⸗ fen, welche das Land unſicher machten und einen großen Theil der Einwohner aus den benachbar⸗ ten Doͤrfern der Hauptſtadt nach bieſer ſcheuchten, kam bald vor die Ohren der jungen Koͤnigin zu Windſor. Entruͤſtet uͤber die Graͤuel, von denen ſie hoͤren mußte, entſchloß ſie ſich eines Tages ſelbſt zu einer Reiſe nach London, um dort den Zuſtand der Dinge mit eigenen Augen zu ſehen, und manchem der aller Mittel entbloͤßten Flucht⸗ linge Unterſtuͤtzung zu reichen. Um moͤglichſt un⸗ erkannt zu bleiben, war ſie einzig von ihrem alten Oberhofmeiſter und Marien begleitet, und ließ die zahlreiche Bedeckung von Bogenſchuͤtzen in einem Walde ohnweit der Hauptſtadt zuruͤck. Ohne alle Auszeichnung ritten die beiden weißverſchleierten Damen, auf ganz gewoͤhnlichen Roſſen, mit ihrem Begleiter in das Thor von Lon⸗ don. Aber dem Wunſche der Huͤlfeleiſtung, welche 29 das gute Herz der jungen Monarchin erfuͤllte, trat die Ueberzahl der Nothleidenden in den Weg. Statt, wie ſie gewollt, auf eingezogene Erkundi⸗ gung, einzelne trauernde Familien aufzuſuchen und ihnen ein Rettungsengel zu werden, reichten den Ankommenden uͤberall Maͤnner, Weiber und Kin⸗ der, zum Theil halbnackt, die Hände bettelnd ent—⸗ gegen. Erſt die Nacht zuvor waren die frechſten Bubenſtuͤcke in einem weiten Umkreiſe von Lon⸗ don veruͤbt worden, und um mehrere, ihrer ganzen Habe beraubte, mitunter auf das Grauſamſte ver⸗ ſtuͤmmelte Menſchen, und zuweilen ganze Fami⸗ lien, ſtand das Volk in Haufen verſammelt. Wie aufmerkſam und thaͤtig auch die umherreitenden Conſtabler waren, um die Ruhe zu erhalten, ſo ließen ſich doch die gegen die Regierung und na⸗ mentlich gegen ihr Oberhaupt, den Koͤnig, ausge⸗ ſtoßenen Verwuͤnſchungen nicht einmal ahnden, weil Jedermann in ſolche einſtimmte. Die mei⸗ ſten Gerichtsperſonen ſogar ſchienen dieſe Schmaͤ⸗ hungen nicht ungern zu hoͤren und beſchränkten ihr Amt einzig auf die Verhinderung eines foͤrm⸗ lichen Aufſtandes. Dieſer ſchien ziemlich nahe vor der Pauls⸗ kirche, bei der jetzt eben die geängſteten Damen mit ihrem Begleiter voruͤberkamen. Ein unge⸗ woͤhnlich großer Volkshaufe umringte hier eine Frau im mittlern Alter, welche von der Hoͤhe eines benachbarten Brunnens die Rednerin ſpielte. Ihrer Kleidung war der Stand nicht wohl an⸗ zuſehen, in den ſie gehoͤrte. Sie beſtand aus ſei⸗ denem, aber ſtark abgenutztem Zeuge, nach vor⸗ nehmen Schnitte, ſo daß ſie ſolche eben ſo gut in glucklichen Verhaltniſſen bereits getragen, als ſie, ſchon verfallen, zum Geſchenk erhalten haben konnte. Bis zum Furchtbaren bleich wurde ihr Geſicht durch das ſchwarze Haar, das, ungebun⸗ den, Schlangen gleich, ſolches umgab, und die wilden Blitze aus den tiefliegenden Augen. Auch ihre Rede ließ es zweifelhaft, ob das Gemeine in derſelben ihr eigenthuͤmlich oder nicht vielmehr zu deſto ſicherer Wirkung auf den Haufen, dem ſie galt, von ihr war angenommen worden. Was iſt euer Troſt in ſolcher Noth'— ſprach ſie eben, als die Koͤnigin auf dem Platze anlangte.— Einzig der, daß der Himmel ſolche Frevel nicht ungeſtraft laſſen kann. Denn ein Hirte ſoll pflegen und ſchuͤtzen die Heerde, die ihm anvertrauet worden und nicht Wolle und Nahrung zugleich ihr nehmen und dann von ihr 31 gehen, ſie den Woͤlfen Preis zu geben. Laßt Richarden von Bordeaux nimmer wieder als Konig in dieſe Stadt. Die rechten Anfuͤhrer muͤſſen euch werden. Oder ſollte das ſchaͤndlich vergoſſene Blut ſeines Ohms, des alten Gloceſter, und Arundels mit Schamloſigkeit oͤffentlich veruͤbter Mord, und die Verbannung Warwicks und North⸗ umberlands und Percy's, beſonders aber des ſo edeln, weiſen, menſchenfreundlichen Hereford, ſollte dies Alles nicht Flammen werfen in die Bruſt der rechtlichen Leute, zum Verderben ihres Verder⸗ bers! Die Zeit iſt gekommen, wo die alte Weiſ⸗ ſagung des großen Merlin ſich erfuͤllen, wo die Krone dieſes Landes auf das Haus Lancaſter uͤber⸗ gehen wird. Und gleich einem maͤchtigen Sturme erhob ſich der Haufe, der um die Rednerin herſtand. Es lebe Herzog Heinrich von Lancaſter! erſcholl es allenthalben. Es lebe der rechtmaͤßige Nach⸗ folger des wackern Johann von Gaunt. Es ſterbe Richard von Bordeaux, der Raͤuber ſeiner und unſerer Habe! Nur der ruͤhmlichen Thaͤtigkeit der Conſtabler war es zuzuſchreiben, daß die Raſerei, worin der Haufe ausbrach, ohne Folgen blieb. 32 11. Die vor Schrecken ganz erſtarrte, junge Koͤ⸗ nigin, bis dahin umſonſt ermahnt, einen Platz zu verlaſſen, wo ſo wenig Heil ſich erwarten ließ, hatte vielleicht den Kelch des Leidens nur ganz austrinken wollen. Denn jetzt verlangte ſie auf der Stelle nach Windſor zuruͤck. Der Quell der Worte ſchien ihr voͤllig verſiegt. Erſt da, wo die Bewaffneten im Walde ihrer harreten, rief ſie aus: Wollte doch Gott, daß ich bei ihm wäre, bei meinem Gemahle! Gern wuͤrde ich ihn begleiten auf ſeinen Heereszuͤgen, ohne Klage jede Gefahr des Krieges theilen mit ihm! Dort waͤre ich gewiß wenigſtens mehr an mei⸗ nem Platze, als hier. Denn unter Tigern, wie die, ſo ich heute ſah, deren wilde Geberden und Laute mir zur Qual Tag und Nacht vorſchweben werden, iſt ja, wahrlich, noch weniger Sicherheit. Der Hauptmann der Bogenſchuͤtzen, ein be⸗ jahrter Krieger, der mehrere ſtarke Spuren von Hieben feindlicher Schwerter im Geſichte trug, ritt nicht weit von ihr. Ihre Rede und ihr Schluchzen ging ihm zu Herzen, und er ſprach: Wenigſtens ſo lange, gnädige Koͤnigin, koͤnnt ihr auf 4 33 auf vollige Sicherheit rechnen, bis ich und meine ganze Schaar den Untergang gefunden. Die in⸗ nigſte Theilnahme ſprach ſo mächtig aus dem feuchen Auge des braunen, noch kraftvollen Hel⸗ den, daß Iſabelle davon tief geruͤhrt wurde. Ich danke euch, wackerer Mann— erwiederte ſie— wuͤßte auch allerdings keinen beſſern Schutz, als in ſolcher Liebe. Aber die Gegend iſt mir un⸗ heimlich worden. Die Naͤhe ſolcher Menſchen, wie des Londoner Volks, druͤckt wenigſtens mein Gemuͤth zu Boden, wenn auch mein Leben vor ihr geſichert ſeyn ſollte. Es ſind gar boͤſe Leute, dieſe Londoner! Sollten— verſetzte der Hauptmann raſch, und ſein Auge zeigte die gewaltigſte, innere Empoͤrung — ſollten welche von ihnen eines Vergehens ſchul⸗ dig geworden ſeyn gegen euch, Frau Königin? Nur durch die unerhoͤrten Frevel, welche ihr treuloſer Mund ausſtieß wider meinen Gemahl. Hätten ſie mich gekannt, ſo wuͤrden ſie unſtreitig auch uͤber meine Perſon hergefallen ſeyn. Verzeiht, gnaͤdige Koͤnigin, daß ich dem wi⸗ derſpreche— verſetzte der Hauptmann. Nimmer wuͤrde das geſchehen. Leicht aufflammend und roh iſt das Volk von London, aber wer aus ihm II. 3 34 euch entgelten ließe, was es dem Könige vorwirft, der wuͤrde ſchlimm ankommen bei ſeinem reinen Sinne fuͤr Recht und Billigkeit. Nein, Frau Königin. Wahrlich, auch vor dem Wildeſten wäre eure ſchuldloſe Perſon gewiß ſo ſicher ge⸗ weſen, wie jetzt. So meinet ihr alſo doch, daß der Koͤnig ihnen Urſache zu ihrem Frevel gegeben? Das ſey fern von mir, wie jeder andere Fre⸗ vel. Auch darf ich mich keines Urtheils anmaßen uͤber meinen Koͤnig und Herrn. Aber die uner⸗ meßlichen Summen, welche dem armen Volke ſchon abgepreßt wurden, der unglaubliche Auf⸗ wand, den der jetzige Krieg ihm noch auferle⸗ gen wird, die Verbannung ſo mancher Stutze des Reichs, zu einer Zeit, wo es deren mehr als jemals bedurfte, und die heilloſe Unordnung, ſo Diebe und Moͤrder auf dem Lande und in Städten ungeſtraft veruͤben, das hat freilich den Unmuth der Menſchen bis zur Verzweiflung ge⸗ trieben; dem boͤſeſten Rauſche von allen, weil Nie mand in ihm weiß, was er thut und redet. Aus dem traurigen Blicke, den die jugendliche Dame auf den Achſelzuckenden warf, ſchoͤpfte die⸗ ſer den Muth zu einer Bitte, welche ihm heil⸗ bringend erſchien. 35 Koͤnigin— rief er aus, mit gebogenem Knie und einer ſein Herz offen darlegenden Inbrunſt— thut, was ihr koͤnnt, unſern Herrn zur baldigſten Ruͤckkehr zu bewegen. Mit dieſem meinem Kopfe verbuͤrge ich's, daß er willkommen ſeyn, daß die⸗ ſer Schritt ihm auch diejenigen Gemuͤther neu zu⸗ fuͤhren werde, welche jetzt am wildeſten wider ihn aufbrauſen. Ihre Liebe feſtzuhalten, wuͤrde dann freilich noch Manches zu thun uͤbrig bleiben. Aber der Triumph ſchon allein, den er ſich durch die Ruͤckkehr bereitet ſaͤhe, duͤrfte ihn wohl aufmun⸗ tern andere Wege einzuſchlagen, als zeither, und die zum Theil gewiß ſehr gerechten Wuͤnſche der ſo hart gemishandelten Edeln, wie des Volkes, kuͤnftig beſſer zu beruͤckſichtigen. Wahrlich, Gnaͤ⸗ digſte, wenn es euch gelaͤnge, ihn abzubringen von dieſem verderblichen Kriege, ſo wuͤrde im ganzen weiten Reiche kein Herz mehr ſeyn, das ſeiner edeln Koͤnigin nicht den beſten Segen dafuͤr er⸗ flehete. Die Koͤnigin dankte dem Hauptmann fuͤr ſei⸗ nen Rath und verſprach davon Gebrauch zu ma⸗ chen. Es hatte auch wirklich ſeine Rede ihr Nach⸗ denken ſo unverkennbar aufgefordert, daß man um ſo mehr anſtand, ſie darin zu ſtören, da der Ober⸗ 3* 36 hofmeiſter und auch das Fräulein die Anſichten des Hauptmanns fur richtig erkannten. Umſonſt waren jedoch auch die innigſten Bit⸗ ten, welche die Koͤnigin in ihren Briefen an den Gemahl richtete. Bei all' ſeiner wahrhaften Zu⸗ neigung zu ihr, verwies er Iſabellen doch mit einiger Häͤrte, daß ſie von Dingen zu ſprechen ſich unterfangen, uͤber die weder ihre kindlichen Jahre, noch ihr Geſchlecht uberhaupt, ſich ein Ur⸗ theil anmaßen duͤrfe. 12. Im hochſten Unmuthe uͤber die Verfolgun⸗ gen des Schickſals, welche ihn ſeit einiger Zeit Schlag auf Schlag getroffen, hatte der Herzog Heinrich von Hereford ſich nach einem einſamen Landhauſe in der Naͤhe von Paris zuruͤckgezogen. Was ſollte er auch an einem Hofe, wo ihn Alles ſchmerzlich an die Hinderniſſe erinnerte, welche man ſeiner Liebe in den Weg legte; an einem Hofe, wo alles Freundliche, das ihm noch immer daſelbſt widerfuhr, das Demuͤthigende ſeiner Stel⸗ lung ihn nicht konnte vergeſſen machen. Aber auch mitten durch die Stille des Land⸗ lebens, durch die anmuthigen Troͤſtungen der rei⸗ 37 zenden Natur, griff oft der Gedanke ſchreckend auf ihn ein, daß bei der ſinnloſen Verwaltung des engliſchen Reichs, von der er fortdauernd die beunruhigendſten Nachrichten erhielt, ſeine Kinder ihrer Rechte fuͤr immer beraubt werden, daß die Unwuͤrdigen, welche Richards Entſchluͤſſe leiteten, ſeine ſaͤmmtlichen Beſitzungen an ſich ziehen konn⸗ ten, und auch gar keine Ausſicht vorhanden war, zu einer glucklichen Geſtaltung ſeiner, oder doch der Zukunft ſeiner Soͤhne. In ſo troſtloſe Betrachtungen vertieft, ſaß er einmal zur Zeit der eben beginnenden Abenddäm⸗ merung auf ſeinem Wohnzimmer, als man einen Pilger meldete, der ihn zu ſprechen wuͤnſche. Fuͤhr' ihn herauf! ſprach er zu dem Diener, und mit Einem Male ſchien ein neuer Geiſt in ihm zu erwachen. Ja— rief er, von ſeinem Sitze emporſpringend— das Pilgerkleid ſoll auch das meinige werden. Nach dem heiligen Lande will ich mich wenden und den Erloſer dort anflehen, daß er ſeinen Geiſt herabſende, mir einzugeben, was ich zu thun habe! Als ſchicke der Himmel ſelbſt ihm in dieſem Pilger einen Leitſtern zu, ſo eilte er dem ſich lang⸗ ſamen Schrittes nahenden entgegen, blieb dann 38 aber plotzlich vor ihm ſtehen und ſagte, als er in ihm den Erzbiſchof von Canterbury erkannte: Der Herr ſey gelobt, der mir den treueſten ſeiner Die⸗ ner in meiner rathloſen Einſamkeit ſendet. Tau⸗ ſendmal willkommen, Hochwuͤrdiger! Daß eure Botſchaft an mich von Gott kommt, das beweiſ't ſchon der Entſchluß, den euer Pilgerkleid in mir er⸗ weckte, noch bevor ich euch ſah und ahnen konnte, daß mir ſolch' eine Freude beſchieden ſey. Ja, Verehrter, ihr ſollt mein Gefaͤhrte, mein Geleiter werden. Wo waͤre ich des rechten Pfades wohl ſicherer, als an eurer frommen Hand' Dieſe Bereitwilligkeit, edler Herr— erwie⸗ derte der Erzbiſchof, freuet mich um ſo mehr, da ich in der That eure Fuͤhrung beabſichtige. Noch heute bin ich bereit— frohlockte der Herzog. Gott ſey geprieſen, daß ihr, ehrwürdiger Vater, mich aufſuchtet, daß gerade ihr mich wuͤr⸗ digtet, euer Gefaͤhrte zu werden nach dem heiligen Lande. Denn auf dieſes deutet doch wohl das Gewand der Demuth, das ihr anlegtet? Edler Herr, antwortete der Greis, die in der Daämmerung wie Silber leuchtenden Locken ſchuͤt⸗ telnd— das Land, wohin ich euch fuͤhren ſoll, iſt unheilig geworden, wie keines mehr. Eine grän⸗ 39 zenloſe Ueppigkeit verpraßt den Fleiß und die Sor⸗ gen ſeiner Buͤrger. Der unſinnigſte Krieg ſauget eben die letzten Krafte der beklagenswurdigen Ein⸗ wohner aus. Die Geſetze ſchlafen, und aller, nur mit Muͤhe behauptete Reſt von Beſitz der Einzel⸗ nen, wird ungeſtraft die Beute der Raͤuber und Moͤrder. Statt ihres Blutes, fließt das Blut der uͤber ſolchen Graͤuel aufſchreienden Unſchuld durch Henkershand. Theils hingeopfert, theils ausgeſtoßen, werden die Edelſten, auf daß das Maas der Graͤuel ohne alles Hinderniß uͤber⸗ laufe!— Haltet ein, Hochwuͤrdiger! ſprach der Herzog, Eure Schilderung iſt zu ſehr nach dem Leben, als daß ſie mir nicht das Herz brechen ſollte.— Und dahin kommt ihr jetzt, mich zu fuͤhren? Dahin, edler Herzog, ja wohl. Alles hat ſeine Gränzen, doch nicht der Wahnſinn Richards von Bordeaux. Mit Muͤhe und Noth nur ließen die Londoner ſich vertroͤſten bis zu eurer Ruͤckkehr. Das ganze ehrwuͤrdige Staatsgebaͤude, an dem ſo viele eurer hohen Ahnen arbeiteten, an das der große Eduard die letzte Kuͤnſtlerhand legte, treibt die durch Richard aufgeregte Verzweiflung aus den Fugen, und ganz England verdirbt unter ſeinen 40 Truͤmmern, wenn ihr euern Beiſtand verweigern ſolltet. Die Gemeinde von London ſpricht jetzt zu euch durch meinen Mund. Sie beſchwoͤrt in euch den Einzigen, von dem ſie mit Zuverſicht ihre und des Vaterlandes Rettung erhofft, euch dem ehrenvollen Rufe nicht zu entziehen. Herr Erzbiſchof— antwortete Hereford— was berechtigt die Stadt London, zu reden fuͤr das ganze Reich? Ihr und des ganzen Reiches gemeinſchaftli⸗ ches Elend. Wer koͤnnte in einem Lande, aus dem der Unſinn alles Recht verdraͤngte, wohl eher berechtigt ſeyn, den erſten Anſtoß zu geben zu einer Beſſerung, zu handeln im Namen des Gan⸗ zen, als eben dieſe ungeheuere Stadt, die im jetzi⸗ gen Falle gewiß vom geſammten England Segen dafuͤr zu erwarten hat? Oder ſollte ein großes Koͤnigreich dazu verdammt ſeyn, von den zerſtoͤ⸗ renden Launen eines Wahnwitzigen beherrſcht zu werden? Nimmermehr! Sein Reich iſt auch be⸗ reits zu Ende. Allenthalben erhebt ſich ſchon die Verzweiflung, den Scepter aus einer Hand zu reißen, die ihn nur zum allgemeinen Verderben zu fuͤhren weiß. Und einzig, daß dieſes nicht ge⸗ ſchehe, daß das Nothwendige bewirkt werde, ohne 41¹ den Gang der Ordnung zu unterbrechen, darum ſollt ihr, der Verehrte, euch der Rettung des Va⸗ terlandes unterziehen. Gewaltiger noch, als die demuthige Bitte der Stadt London, muß euch wohl der Ruf der Pflicht anſprechen zu dem ſchö⸗ nen Werke. Denn wer waͤre dazu geboren, wenn ihr es nicht ſeyn ſolltet? Wie moͤchte der von ganz England angebetete Sohn des gewaltigen Johanns von Gaunt es bei dem Schatten ſei⸗ nes Vaters, wie dereinſt bei dem Weltenrichter verantworten, wenn er, durch Verſaͤumung dieſes Zeitpunkts, England ſelbſt in's Verderben ſtuͤrzte? Denn uͤber euch, uber euch allein alles Unheil, das ihm begegnen wuͤrde, da es in eurer Hand liegt, ſolchem zu ſteuern und ſeine dauernde Wohlfahrt zu begruͤnden!— Herr Erzbiſchof— erwiederte, als dieſer hier innehielt, der Herzog, nach langem, ernſtem Sin⸗ nen, mit einer durch die Erſchuͤtterung, welche der ſo ganz unerwartete Antrag ihm verurſachte, bis zur Heiſerkeit erſchoͤpften Stimme— euer Pil⸗ gergewand hatte meinen Geiſt zu ſehr auf etwas Anderes hingeleitet, als daß ich ſogleich zu einem Entſchluſſe mich zu ſammeln vermoͤchte. Auch iſt die Sache von zu hohem Gewicht, um nicht 4² daruͤber die Meinung der mir am naͤchſten Ste⸗ henden einzuholen. Berathet euch denn mit ihnen, doch unge⸗ ſaͤumt. Es iſt die hoͤchſte Zeit, wenn gegen das Verderben, das jetzt vom Thron aus uͤber unſer Vaterland ſich hinwirft, nicht ein vielleicht noch ſchrecklicheres aus der Hefe des Volks hervorge⸗ hen und Alles zu Grunde richten ſoll. Und auſſer Arthur berief der Herzog noch mehrere Ritter und Rechtskundige aus ſeinem Gefolge herein, denen der Erzbiſchof die Um⸗ ſtaͤnde und den Zweck ſeiner Sendung vorſtellte. Einſtimmig waren ſie der Meinung, daß der Himmel offenbar ſelbſt den Scepter Englands, zu deſſen Heile, in die Hand des Herzogs von Here⸗ ford lege. Nein— entgegnete dieſer— noch nicht, wenn ich ſeinen Ruf recht verſtehe. Nicht eher moͤchte ich, auch nur antaſten, die Krone meines Vetters, als bis die offenbare Nothwendigkeit da⸗ zu eintritt. Uebrigens gebe ich euern Vorſtellun⸗ gen, Herr Erzbiſchof, und dem Rathe dieſer be⸗ währten Maͤnner nach, obſchon ich nicht verheh⸗ len kann, daß eine Reiſe zur Ruheſtaͤtte des Er⸗ 43 loͤſers meinem Herzen weit wohlthaͤtiger wuͤrde geweſen ſeyn. Unmoͤglich, edler Herr! rief der Erzbiſchof mit Feuer. Die Wallfahrt zum heiligen Grabe bleibt nach gethaner Arbeit immer noch uͤbrig. 13. Weil Alles darauf ankam, den Zweck der Abreiſe des Herzogs vor dem franzoſiſchen Hofe geheim zu halten, ſo ſagte er dem Koͤnige Karl, er gedenke einen Theil des Sommers bei ſeinem Oheime, dem Herzoge von Bretagne, in Nantes zuzubringen, und dann wieder nach Paris zu kommen, wenn nicht inzwiſchen ſeine Zuruckberu⸗ fung erfolgte, veranſtaltete auch noch ein glaͤnzen⸗ des Mahl im Palaſte Cliſſon, wobei aber freilich gerade Diejenige fehlte, welche er am liebſten vor allen Andern dabei geſehen hätte. Leider waren es dasmal nicht die unguͤnſti⸗ gen Verhaͤltniſſe allein, welche Marien von Eu davon abhielten, ſondern auch eine Krankheit, die ihr das zuvor gar nicht gefurchtete Ungluͤck ihrer Liebe zugezogen. Von Blois eilte einer ſeiner Ritter, de la 44 Pierre mit Namen, nebſt einem Herolde, dem engliſchen Prinzen voraus nach Bretagne. Der Herzog dieſes Landes war hocherfreut uͤber den ihm bevorſtehenden Beſuch, und hatte nur das dar⸗ an auszuſetzen, daß ſein Neffe erſt um Erlaubniß dazu bitten ließ und nicht im vollen Vertrauen auf ſeine Liebe ſogleich ſelbſt gekommen war, da Niemand in ſeinem Lande ſo freundlicher Auf⸗ nahme gewiß ſey, als er. In Nantes, wo der Landesherr den Herzog von Hereford und die Seinigen wirklich auf das liebreichſte empfing, verließ ihn der vom Könige Karl ihm zur Begleitung mitgegebene Ritter Gui von Baigneux. Den froͤhlichen Feſten, welche ihm zu Ehren hier angeſtellt wurden, wohnte allezeit auch der in ſeinem Gefolge mit befindliche Erzbiſchof von Canterbury bei. 14. Bei der auſſerordentlichen Zuneigung, welche der Oheim ſeinem Neffen bezeigte, hielt es dieſer fuͤr Pflicht, ſein Vorhaben dem Herzoge von Bre⸗ tagne nicht zu verheimlichen, und begann eines Morgens, als ſie noch zuſammen allein waren, mit Darlegung der mancherlei tiefen Kraͤnkungen, 45⁵ welche ihm vom Koͤnige Richard widerfuͤhren, und daß er ſogar befuͤrchten muͤſſe, ſein ganzes recht⸗ maͤßiges Erbe könne ihm und ſeinen Kindern ent⸗ riſſen werden. Leider— verſetzte hierauf ſein Oheim— ſind dieſe eure Beſchwerden nur allzu gerecht. Von guter Hand weiß ich, daß Koͤnig Richard ſchon Manches von dem Herzogthume Lancaſter, welches mit allem Rechte euch zugehoͤrt, an ſolche ver⸗ ſchenkte, die ſeinen koſtſpieligen Launen ſchmeicheln und ihn in den verderblichen Maasregeln unter⸗ ſtuͤtzen, uͤber die Adel und Volk zu murren aller⸗ dings Urſache haben. Nun denn, verehrteſter Herr Oheim— ſprach Hereford weiter— da euch dieſe Dinge bekannt ſind und meine längere Abweſenheit nicht nur mir, ſondern auch meinen Kindern den groͤßten Nachtheil bringen wuͤrden, ſo koͤnnt ihr wohl auch unmoͤglich daran Anſtoß nehmen, daß ich einer Einladung der Stadt London zur Ruͤckkehr nachzugeben denke, weil einzig auf dieſem Wege eine Ausgleichung zwiſchen mir, dem Könige Ri⸗ chard und ſeinen und meinen Rechten zu bewir⸗ ken ſeyn moͤchte. Nein, geliebter Neffe— antwortete der Her⸗ — gangen ſey. 46 zog von Bretagne mit Waͤrme— den nehme ich keinesweges daran. Vielmehr billige ich euern Vorſatz. Er allein kann euch zu einem Rechte verhelfen, das euch auſſerdem ganz wuͤrde verlo⸗ ren gehen. Die Londoner ſind wackere Leute und maͤchtig genug zu einer zweckmäßigen Vermittlung zwiſchen Euch und dem Koͤnige. Zum Beweiſe meiner beſondern Theilnahme ſollt ihr auch Schiffe zur Ueberfahrt, und Bewaffnete und Alles erhal⸗ ten, was ihr zu dem Vorhaben beduͤrft. Tiefgeruͤhrt von ſolcher Huld, dankte der Verbannte ſeinem großmuͤthigen Wirthe mit Hand und Munde. Hierauf ließ der Herzog von Bretagne in Eil, und ohne daß irgend Jemand den Zweck davon inne wurde, drei große Fahrzeuge ausruͤſten und be⸗ mannen, und nachdem im ganzen Herzogthume die Rede fortdauernd davon gegangen war, daß der engliſche Prinz, hocherfreut uͤber die ihm wider⸗ fahrende vorzugliche Aufnahme, bis zum Winter in Nantes zubringen wuͤrde, kam eines Abends der Herzog von Bretagne von einer mit ſeinem Neffen gemachten Luſtreiſe allein zuruͤck, und zu allgemeinem Erſtaunen verlautete es nach und nach, daß Hereford mit jenen drei Schiffen in See ge⸗ 47 15. In Plymouth waren nur wenige Fenſter noch erleuchtet, als Hereford mit den Seinigen und den Bewaffneten im dortigen Hafen am Abende des zweiten Tages landete. Der Amt mann von Plymouth, deſſen Hut Stadt und Ha⸗ fen anvertrauet war, zeigte ſein Befremden uͤber die Menge Kriegsleute und Bogenſchuͤtzen, welche nach und nach an das Land ſtiegen. Doch der Erzbiſchof von Canterbury beruhigte ihn mit der Verſicherung, daß dieſe Krieger in der beſten Ab⸗ ſicht vom Herzog von Bretagne zum Dienſte des Koͤnigreichs geſendet waͤren. Der Herzog von Hereford aber gab ſich Nie⸗ mand zu erkennen und blieb ganz ſtill in ſeinem Gemache, waͤhrend der Erzbiſchof einen reitenden Boten nach London abfertigte, der beim Anbruche des dritten Tages vor dem Hauſe des Lord Mayor anlangte. Der Verdruß des letztern, der noch nicht aufgeſtanden war, uber eine ſo fruͤhe Sts⸗ rung, wurde durch die freudige Nachricht des Boten tauſendfach verguͤtet. Sogleich ließ der Mayor die Vornehmſten der Stadt davon unter⸗ richten, und alle verſammelten ſich bei ihm, und eine Menge Menſchen wurden herumgeſchickt in Lon⸗ 48 don und einem weiten Umkreiſe, den nahen Ein⸗ zug des Erſehnten allenthalben zu verkuͤndigen. Nehr als fuͤnfhundert der Vornehmſten ſchlu⸗ gen zu Pferde die Straße ein, die er zu nehmen hatte, und wohin dieſer Zug kam, da ſtroͤmte auch von allen Seiten das Volk zu, ſo daß der Weg die nachziehende Menge kaum zu faſſen vermochte. Ein allgemeines Jauchzen empfing den Herzog und ſeine Freunde und Bewaffneten in der Ge⸗ gend von Gilford, wo er uͤbernachtete. 16. Die in der letzten Zeit ſo lange entbehrte Freude rauſchte laut auf und verklärte alle Ge⸗ ſichter am folgenden Tage, wie der Lord Mayor und die Aldermaͤnner im hoͤchſten Feſtſchmucke aus dem Thore von London ritten. Zahllos war die Menge, die ſich um ſie auf dem Platze ver⸗ ſammelte, wo ſie des Herzogs Ankunft erwartete⸗ Ein großer Theil davon, zu Roß und zu Fuße, eilte auch weiter hinaus, und als ſie in der Ferne den ſich Naͤhernden erblickten, erſcholl ein einſtim⸗ miges Heil, Heil dem Herzoge Heinrich von Lan⸗ caſter, dem Wiederbringer des Rechts und der Ge⸗ rechtigkeit! Ohn⸗ 49 Ohnweit der Stadt aber empfing ihn der Lord Mayor mit folgenden Worten:„ Erlauchter Herzog von Lancaſter! Mit euch ſchied im vori⸗ gen Jahre der gute Engel von der Stadt Lon⸗ don; mit euch geht anjetzt eine neue Sonne auf uͤber ihr. Sie wird die Nacht verſcheuchen, die ſo lange ſchon uns druͤckte und aͤngſtete. Die Stadt, der ich vorſtehe, dankt euch unterthänig fur die huldvolle Erfuͤllung ihres ſehnlichſten Wun⸗ ſches; ſie legt voll Zuverſicht ihr und des ganzen Landes Schickſal in eure Haͤnde.—“ „Moylord— antwortete der Herzog— nicht ohne tiefen Schmerz folgte ich dem Rufe, den die gute Stadt London an mich ergehen ließ. Denn ſo ehrenvoll er auch iſt, ſo ſchwer war er mit meinen ubrigen Pflichten zu vereinigen, da der koͤnigliche Bannſpruch noch nicht von meinem Haupte genommen worden. Allein die Groͤße eu⸗ rer, und der Leiden des Reichs erwägend, glaubte ich, die Unthätigkeit, worin er mich feſthielt, zu euerm und des Koͤnigs Beſten von mir thun zu muͤſſen!“ Auf dieſe Worte wiederholten ſich die Gluͤck⸗ wuͤnſche von Jung und Alt. Dabei erklaͤrte man laut und ohne Scheu, daß auf dem Koͤnige Ri⸗ II. 4 50 chard zu große Schuld laſte, als daß er länger noch herrſchen koͤnne. Dem Herzog zur Linken ritt der Lord Mayor in die Stadt London ein. O ſeht nur, gnaͤdi⸗ ger Herr— ſprach er zu ihm— leſet die Freude auf allen Geſichtern. Die Hoffnung, ſo lange treulos, iſt uns Allen zuruͤckgekehrt mit euch! Mit groͤßter Milde neigte der Herzog ſein Haupt fortdauernd zu beiden Seiten, bis ihn der Mayor an ſeinen Palaſt gebracht hatte. Daſelbſt verſammelten ſich bald die geiſtlichen und weltlichen Herren um ihn, die noͤthigen Maasregeln mit ihm zu verabreden. Die Herzogin von Gloceſter nebſt ihren beiden Toͤchtern, die Graͤfin Arundel und die Gemahlin des verbannten Grafen Warwick, hießen ihn dort ebenfalls willkommen, und ein Freuden⸗ rauſch hatte ſich der Vornehmſten und Gering⸗ ſten bemaͤchtiget, ſo daß auch alle Werkſtätten der Kuͤnſtler und Handwerker muͤßig ſtanden, wie an einem der hoͤchſten Kirchenfeſte. 17. Im Schloſſe zu Windſor war indeſſen auch der Einzug und die Aufnahme des Herzogs von Hereford bekannt worden, und es herrſchte da⸗ 51 ſelbſt eine allgemeine Verwirrung. Bleich, wie ein todter Leichnam, ſchwankte die junge, bekla⸗ genswerthe Koͤnigin in die Schloßkapelle. Von den fruchtloſen Bitten an jeden und jede aus ihrer naͤchſten Umgebung, ſie ihrem Gemahle zu⸗ zufuͤhren, auf das Aeußerſte erſchoͤpft, ſank ſie nie⸗ der vor dem Bilde der ſchmerzenreichen Jungfrau. Ihrem Munde fehlten die Worte, aber die ſtar⸗ ren Augen hingen an der Angſt in ihrem Auge, in ihren Geſichtszuͤgen. Endlich rief ſie aus: Wie groß dein Schmerz auch geweſen, heiligſte von allen Muͤttern, ſo hatteſt du doch einen Troſt, der mir abgeht. Du hatteſt Thränen, und meine brennenden Augen ſind trocken, wie der Sand der Wuͤſte. Mein Herz verſchmachtet in dem gluͤhenden Winde, der uͤber mein junges Leben weht. Es verſchmachtet, ohne doch ſterben zu koͤnnen! 5 Erſchreckend vor einem nahen Schluchzen, blickte ſie ſich um. Aber die innige Theilnahme im Auge Blanca's, welche ihr unbemerkt gefolgt war, regte ihren Zorn auf, ſtatt ihr Beruhigung zu bringen. Hinweg, tuͤckiſche Schlange! rief ſie aus. Meinſt du mit deinem Schmeicheln mich be⸗ ruͤcken zu koͤnnen? Haſt du mir nicht den Trug 4* 52 deines Herzens offen gezeigt, als du ſagteſt, du liebteſt ihn, den man heute frohlockend einziehen ſah in London mit den Rebellen, der der Ver⸗ traute ihres Oberhauptes iſt? Gnaͤdigſte Königin— verſetzte Blanca— was kann er dafuͤr, daß ſein Gebieter—— Was er dafuͤr kann?— erwiederte das ju⸗ gendliche, ſonſt ſo ſanfte Weſen auf's heftigſte.— Seine Pflicht gegen Bullingbrook*) loͤſte der Augenblick, wo dieſer die Heuchlerlarve von ſich warf. Ein Diener des Hochverraͤthers iſt auch der Geſell des Hochverraths, und ich muß das Herz verachten, welches das Bild eines ſolchen nicht von ſich ſtoßt. Aber bei dem ſtillen, nur durch die Gewalt der maͤchtiger hervorquellenden Thraͤnen kund wer⸗ denden, Leiden in Blanca's Buſen, erinnerte ſich die Koͤnigin ſo mancher ſuͤßen Stunde, wo eine ſchuldloſe Vertraulichkeit zwiſchen ihr und dieſer Dienerin gewaltet und die beiden Herzen unwill⸗ kuͤhrlich vor einander aufgegangen waren. Hiermit ward auch die Wohlthat der Thraͤnen Iſabellens Augen zuruͤckgegeben. *) Der Herzog von Hereford, nach ſeinem Ge⸗ burtsorte Bullingbrook genannt. 53 Blanca— rief ſie nun aus— ja ich weiß, du meinſt es gut mit mir, aber du wirſt auch einſehen, daß deine Liebe zu ihm, ſogar nun noch, da er den Aufruͤhrern angehoͤrt, meiner Liebe zu dir in den Weg tritt, daß ich ſie mit Gewalt aus meinem Herzen reißen und ſie verdammen muß, wenn ſein fortdauerndes Verhaͤltniß mit dem Hochverraͤther dich nicht ſtark genug macht, ihm zu entſagen. Schwoͤre mir, Blanca, nimmer die Seinige ſeyn zu wollen, ſchwoͤre mir's bei den Schmerzen der heiligen Jungfrau, vor der wir knieen und deren Geiſt uns ſicher hier umſchwebt und mir die Thraͤnen zuruͤckgegeben hat, welche meiner zerruͤtteten Seele ſo Noth thaten! Huldreichſte Koͤnigin— erwiederte Blanca, und die immer ſtarrer und ſtrenge ſie anſchauen⸗ den Augen Iſabellens toͤdteten ihr jedes Wort auf der Lippe. Sie faßte ihrer Goͤnnerin Hand, aber dieſe entzog ihr ſolche wieder und ſprach: Nein, ohne den heiligen Eid, den ich begehre von dir, keine Gemeinſchaft mehr zwiſchen uns. Ziehe denn— fuhr ſie aufſtehend mit wieder zunehmen⸗ der Heftigkeit fort— ziehe hin mit dem Aufruͤh⸗ rer! Verrathe ihm Alles, was heute und geſtern uͤber jene ſaubere Sonne hier geſprochen wurde, 54 welcher der treuloſe Mayor der Hauptſtadt ſo zu⸗ jauchzte. Ein einziges der vielen Worte, die mein gerechter Zorn hinwarf, wird hinreichen, mich dem Tode in die Haͤnde zu liefern. Aus Liebe zu ihm, fuͤhre du ſelbſt die Pöbelrotte an, die mich aufſucht. Druͤcke getroſt den Dolch in ein Herz, welches ſo oft ſchon offen vor dir lag! Da ich nun einmal meinen natuͤrlichen Schutzengel, den Gemahl, nicht aufſuchen ſoll, ſo wird die Verzweifelnde darin noch die groͤßte Wohlthat er⸗ blicken.. Wie aber, Gnaͤdigſte— rief Blanca, ihr Kleid auf das Schmerzlichſte erfaſſend— wie wenn eben ſeine Liebe zu mir die Mittlerin wuͤrde zur Ausſoͤhnung der drohenden Umſtaͤnde mit euch; wenn es mir gelaͤnge, ihn zu unſerer recht⸗ maͤßigen Sache uͤberzufuͤhren?— Und dieſer Gedanke entzuͤndete ganz offenbar die Hoffnung der bedraͤngten jugendlichen Geſtalt. Eine gluͤhende Morgenroͤthe belebte ploͤtzlich die bleichen Geſichtszuͤge auf das Reizendſte, und dem unſchuldigen Auge war mit Einem Male der ſuͤße Glanz zuruͤckgegeben, der ihm ſchon ſeit einiger Zeit gefehlt hatte. Aber die Furcht wollte eben die Wange wieder ihr bleichen und des Auges 55 ſchoͤne Lichter auslöſchen, als ein Diener mit der Nachricht, daß Ritter Arthur Oldſon da ſey, das Fraͤulein Wellmoore zu beſuchen, ihrer Hoffnung eine neue mächtige Stuͤtze wurde. Kommt ſelbſt mit mir, verehrteſte Königin! — ſprach Blanca, als Iſabelle ihr nun ihren Se⸗ gen zu dem vorhabenden Werke mitgeben wollte. Was meinem Worte vielleicht doch nicht gelaͤnge, koͤnnte wohl die herzzerreißende Beredſamkeit eurer Thraͤnen bewirken, der Thranen der heiligſten Un⸗ ſchuld und Majeſtat! 18. Allein dieſe Hoffnung ſchien voͤllig ſcheitern zu wollen an dem Ritter. Schon der Umſtand allein, daß das auf ſeinem Wege nach Windſor in tauſend wahrhaft zauberiſchen Bildern vor ihm aufgeſtiegene Wiederſehen durch das Miteintreten der jungen Koͤnigin ſo gewaltig getaͤuſcht wurde, warf einen eiskalten Waſſerſtrom in die hoch auf⸗ lodernden Flammen der Freude, als Arthur die Thuͤre des Gemachs, in dem er einſam harrte, ſich offnen hoͤrte. Der Schrecken uͤber die in dieſem Augenblicke ganz unerwartete Gemahlin des Koͤnigs Richard, wirkte um ſo unverkennbarer 56 und peinlicher auf ihn, da der wahrhafte Adel der in ſo jungen Jahren ſchon in die tiefſten Lei⸗ den verſenkten, ſchuldloſen Koͤnigstochter und Koͤ⸗ nigin ihm das Unternehmen, zu dem er ſo eben im Dienſte ſeines Gebieters mitzuwirken hatte, zum eigentlichen Verbrechen machte. Alle geiſtige Kraft in ihm fuͤhlte ſich dergeſtalt gebunden, daß ſeine ſo lange ſchon von Blancen fruchtlos herbei⸗ geſehnte Erſcheinung den Glanz ihrer Erwartung davon auf Einmal ausloͤſchte; daß die Liebende der Gedanke befiel, die an weiblichen Reizen ſo uͤberreiche Hauptſtadt Frankreichs habe in ſeinem Herzen gewiß einen hochſt nachtheiligen Einfluß auf das Gluͤck ihrer Zukunft geaͤuſſert, und ſein jetziger Beſuch ſey nichts weiter, als eine dem, ja der Koͤnigin ebenfalls bekannten äuſſern Ver⸗ haͤltniſſe zwiſchen ihr und ihm angemeſſene Hand⸗ lung des Wohlſtandes und der kalten Schicklich⸗ keit. Und dieſes mußtez wohl ihren Schmerz auf's hoͤchſte, ſogar von einer Seite anregen, wo ſie ſolches gar nicht erwarten konnte. Aber ſo kraͤf⸗ tig ſie auch uͤber den Zuſtand ſprach, worein die eben eingetretenen Vorfälle den Hof und vor Allen namentlich ihre guͤtige Gebieterin verſetzte; ſo ſtark der Thraͤnenſtrom war, der ihr von der 57 Wonge floß; ſo leidenſchaftlich ſie ſich, wie es ſchien, ihre eigene Perſon ganz vergeſſend, vor dem treulos geachteten Liebenden niederwarf und ihn beſchwor, eine Parthei zu verlaſſen, die, ihrem Ausdrucke nach, die ewigen Rechte der Unſchuld und die geheiligte Majeſtät des Thrones frevel⸗ haft mit Fuͤßen trat, und Frankreichs Rache uͤber das ungluͤckliche Vaterland hereinrufen wuͤrde; ſo treffend und gewaltig die einzelnen Worte auch waren, welche dazwiſchen aus dem Munde der kindlichen Koͤnigin hervorgingen, und durch die ſo gerechte Trauer dieſer Schuldloſen unterſtutzt wurden: ſo beharrte doch Arthur ſtandhaft dabei, daß er ſeinen ſchändlich gemishandelten Herrn nicht verlaſſen duͤrfe, uͤbrigens die Entſcheidung des Rechts oder Unrechts der Sache, welche er auf den Ruf des engliſchen Volks vertheidige, von keinem Urtheile, wie dem ſeinigen abhange. Hierauf aber fragte die, im Bewußtſeyn ihrer Ohnmacht und Huͤlfloſigkeit vor Zorn aufflam⸗ mende Koͤnigin: Und mit dieſer Sprache, mit die⸗ ſer Geſinnung, wagtet ihr, allein in meine hieſige Wohnung zu treten, wagt, mir frech in's Geſicht zu behaupten, daß das Recht wohl auch auf der Rebellen Seite ſeyn koͤnne? Wahrlich, ihr ſetzet 58 weit mehr Vertrauen in meine Großmuth, als man in einem klugen Manne vermuthen ſollte! Unter meiner Leibwache iſt kein einziger Aufruh⸗ rer. Ein Wink nur von euern Reden an ſie, oder irgend einen meiner hieſigen Umgebung, und auch ohne all mein weiteres Zuthun, wuͤrdet ihr euerm wohlverdienten Schickſale entgegengehen. Verdient oder nicht, gnaͤdige Koͤnigin— ver⸗ ſetzte Arthur— ſo viel jedoch iſt ſicher, daß ihr dann einen eurer eifrigſten Vertheidiger weniger haben wuͤrdet. Vertheidiger!— ſprach Iſabelle— Dieſer Frevel allein wuͤrde meinen ganzen Haß auf euch werfen, erſtickte er nicht ſchon im Keime durch die tiefe Verachtung, die ihr mir gegen euch ein⸗ floßt! Aus meinen Augen! Und warnet Jeden aus der Rotte, welcher ihr angehoͤrt, vor der Frech⸗ heit, die Tochter des Koͤnigs von Frankreich, die unglucklichſte der Koͤniginnen, vertheidigen zu wol⸗ len. Den Tod wird ſie leicht, aber ſo etwas nie erdulden! Gott troͤſte euch, Gnädige, in dem gerech⸗ ten Unmuthe, der aus euerm Munde ſpricht. Er auch allein weiß, was im jetzigen großen Streite Recht oder Unrecht iſt. Das Schickſal der Reiche, wie der Einzelnen, ſtehet in ſeiner Hand. 59 Mit dieſen Worten ging er langſam nach der Thuͤr, und rief dann noch, in dieſer ſich umwendend: Blanca! mit einem Tone, der auf Einmal, wie der Harfenklang eines Seraphs, alle Regungen des Herzens ſeiner Geliebten zuſam⸗ menraffte, und ſie emporhob aus der qualvollen Dumpfheit, worein ſie verſunken geweſen. Der himmliſch ihn anleuchtende Blick that es kund. Als er aber nun auf ſie zueilte, da ſchien das neuerwachte ſuͤße Gefuhl der Betrachtung wie⸗ der unterzuliegen. Schnell kehrte ſie ſich von ihm ab und der Koͤnigin zu, von der ſie als die ge⸗ liebteſte Stuͤtze in einer ſo wilden, ſturmiſchen Lebensnacht auf das Innigſte an das bange Herz geſchloſſen wurde. 19. Der einzige Blick, welchen Blanca nachher durch ihr Abwenden gleichſam widerrufen hatte, warf einen wahrhaft himmliſchen Glanz in Ar⸗ thurs Bruſt. Der Widerruf ſchien ihm von ge⸗ ringer Bedeutung. Wenn ſie ſolchen auch ſchwer⸗ üch blos ihrem Verhaͤltniſſe zur Koͤnigin darge⸗ bracht hatte, vielmehr derſelbe in der That eine Folge ihrer Misbilligung ſeines Verfahrens war, ſo hob ihn doch das Licht der fortbeſtehenden Liebe 60 in dieſem Zauberblicke uber alle Sorgen und Wi⸗ drigkeiten hoch hinaus. Am meiſten draͤngte es ihn, Blanca's Vater aufzuſuchen. Bei deſſen nie verhehltem Mismuthe uͤber Koͤnig Richards tadelhafte Regierung, konnte Arthur in ihm einen partheiloſern Beurtheiler der Ereigniſſe, als in ſeiner, durch ihren Dienſt bei der Koͤnigin und ihre Liebe fuͤr die ſchuldlos Leidende, ſehr befangenen Tochter, und die Billigung ſeines Thuns vorausſetzen. Allein wegen der Dinge, ſo ſich vorbereiteten, glaubte er doch fuͤr das Erſte dem Palaſte ſeines Herzogs zueilen zu muͤſſen. Wie damals am Morgen der Abreiſe nach Pa⸗ ris, fand er ihn jetzt wieder von Menſchen aus allen Ständen umringt. Damals aber lag Furcht und Niedergeſchlagenheit auf allen Geſichtern, jetzt dage⸗ gen belebte ſie Hoffnung und Freude insgeſammt. In der Hausthuͤr kam der Ritter de la Pierre ihm mit folgenden Worten entgegen: Viel, ſehr viel, iſt geſchehen in euerer Abweſenheit, Ritter Oldſon. Ihr werdet droben Wunderdinge vernehmen. Gern theilte ich's euch ſelber mit, wenn mir ſo viel Zeit bliebe. Allein um nur das Nothwendigſte abzuthun, muß ich eilen, da wir ſchon in der Nacht aufbrechen werden. . 61 Einer großen Zahl der Vornehmſten des Reichs begegnete er auf der Treppe, die dem Her⸗ zoge aufgewartet hatten. Mit Eifer ſprachen ſie von der unverzuglichen Bewaffnung ihrer Leute und verließen das Haus auf das Schleunigſte. Gedankenvoll ſchritt der Herzog in ſeinem Gemache auf und nieder, als der Ritter eintrat. Endlich!— rief er ihm zu.— Ach, wie ſo ſehr fehltet ihr mir! Mein Herz iſt euch immer offen geweſen, daher wußtet ihr auch, welche mil⸗ den Wege ich hier einzuſchlagen gedachte, den Kö⸗ nig mir zu gewinnen, um wo möglich ſeine jetzi⸗ gen mit dem allgemeinen Haſſe beladenen Rath⸗ geber von ihm zu entfernen und einigen Einfluß auf ſeine kuͤnftigen Entſchluſſe zu erhalten. Allein mit Ungeduld nur hoͤrten die Vorſteher dieſer Stadt meine Vorſchlage an. Nein— widerſprach mir der Mayor geradezu— darein kann die Stadt London unmöglich willigen. Und wenn auch Ri⸗ chard von Bordeaux— denn anders nennt ſchon den König Niemand mehr!— wenn er auch An⸗ fangs vielleicht, dem Drange der Umſtaͤnde nach⸗ gebend, euch willkommen hieße, ſo wuͤrde doch nur allzubald ſeine Rache ſchwer laſten auf euch. Die Stadt London, auf deren Bitte ihr herbei⸗ 62 eiltet, waͤre dann Schuld an euerm Untergange! Nein, wir duͤrfen euch nicht ſtehen laſſen auf halbem Wege. Wir legen vielmehr die Regierung des Koͤnigreichs in eure Haͤnde. Die Vornehm⸗ ſten des Landes, die ſich hier in der Naͤhe aufhal⸗ ten, ſind bereits eingeladen zur vorlaͤufigen Hul⸗ digung. Und kaum hatte er das geſprochen, ſo traten auſſer ihnen ſchon mehrere Andere herein, mich insgeſammt auf das Freundlichſte bewillkommend. Bald faßten die weiten Gemaͤcher die große Men⸗ ſchenzahl nicht mehr, und vor der Redekunſt des Mayors und Mehrerer, wagten auch diejenigen, die vielleicht ihre Anſichten nicht theilten, keine Einwendung vorzubringen. So hat man denn das Regiment dieſes Koͤnigreichs mir vorlaͤufig bereits uͤbertragen. In dieſem Augenblicke wurden dem neuen Regenten die Anfuͤhrer der Bewaffneten gemeldet, welche der Herzog von Bretagne ihm mitgege⸗ ben hatte, und traten ſogleich, auf ſein Verlan⸗ gen, ein. Edle Herren— ſo redete er die Betroffenen an— Ich fuͤr meine Perſon wuͤrde euch und die wackern Leute, denen ihr vorſteht, am liebſten zeit⸗ 63 lebens, um mich behalten haben. Allein die Stadt London hat ſo reichlich fuͤr Mannſchaft und Waf⸗ fen geſorgt, daß ſie mit Recht darauf antrug, euch dem Dienſte meines hochverehrten Oheims nicht laͤnger vorzuenthalten. Wenn auch die Dienſte, ſo ihr mir leiſtetet, nur kurz waren, ſo waren ſie doch deſto groͤßer. Denn, wahrlich, ohne eure Geleitung wuͤrde ich dieſe Stadt ſchwerlich ſo gefahrlos erreicht haben. Gehabt euch wohl, und wie ich euch und den Eurigen mich fuͤr immer verbunden achte, ſo bringt, bitte ich, auch ihr den Dank eures geruͤhrten Herzens euerm weiſen Herrn, meinem innigſtgeliebten Oheime, und er⸗ ſuchet ihn in meinem Namen, auch kuͤnftig mir ſeinen wahrhaft väterlichen Rath nicht zu entzie⸗ hen. Nimmer werde ich vergeſſen, daß in der Großmuth ſeiner Unterſtuͤtzung der Keim zu dem Gluͤcke lag, das ich meinem Vaterlande zu berei⸗ ten hoffe. Gott geleite euch! Zugleich trug der Herzog ſeinem nunmehri⸗ gen Schatzmeiſter die Ertheilung reichlicher Ge⸗ ſchenke fuͤr ſie und ihre Leute auf. Gegen Abend hatte die Menge Unbewaffne⸗ ter vor dem Palaſte des Herzogs von Lancaſter einem ſtattlichen Heerhaufen zu Pferde weichen muͤſſen, der aus zwoͤlfhundert Mann beſtand, von den Vornehmſten und Edelſten des Landes ange⸗ fuͤhrt. Der Herzog hielt Muſterung uͤber ihn. Schon vor Einbruch der Nacht zog er an ſeiner Spitze aus London. Bei der Menge Ver⸗ richtungen, welche die Vorbereitung zu einem ſo ſchleunigen Zuge erforderte, wurde es Arthurn kaum moͤglich, an den Ritter Wellmoore zu den⸗ ken, und viel weniger noch ihn aufzuſuchen. Der Zug nahm den Weg nach Briſtol zum Koͤnige Richard. Unter der Bedingung, daß dieſem Mo⸗ narchen kein Leides, ja ſogar ſeinem koͤniglichen Anſehen nicht der mindeſte Eintrag geſchehe, hatte der Herzog den ungeſtuͤmen Forderungen, ihn nach London zu bringen, endlich nachgegeben. 20. Zu Briſtol reichte inzwiſchen ein Feſttag dem andern die Hand. Koͤnig Richard, einsmals ſehr ſpaäͤt zu Bette gegangen, bald in unruhige Träume verfallen und dann erwacht, ohne wieder einſchla⸗ fen zu koͤnnen, ſprang ruhelos aus dem Bette und wollte angekleidet ſeyn. Nein, nein!— rief er unwillig, als der gewoͤhnliche Anzug herbeikam.— Deſſen begebe ich mich fuͤr immer, um mich mei⸗ nes 65⁵ nes Anſehens nicht zu begeben. Offrem von Glo⸗ ceſter und Richard von Arundel richteten geſtern Abend Blicke auf mich, vornehm, wie ich ſie nie vertrage. Mag die Koͤnigstracht, die von nun an taglich die meinige bleiben ſoll, dieſe Knaben fort⸗ an immer an meine Wuͤrde mahnen. Wenn auch ihre Demuth ſtets voller Tuͤcke war, ſo iſt mir ihr jetziges Aufgeblaſenſeyn doch noch weit uner⸗ träglicher. Als er drauf im vollen Ornate, die Krone auf dem Haupte, daſtand, befahl er, daß Gloceſter und Arundel vor ihm erſcheinen ſollten. Aber im voraus zitternd vor ſeinem Grimme, kam der beauftragte Diener mit der Nachricht zuruͤck, ſie waͤren beide in dieſer Nacht abgereiſt. Abgereiſt! Ohne meine Erlaubniß!— rief Richard in hoͤchſter Wuth. Das kann nicht, das ſoll nicht ſeyn! Geh noch einmal, und bei deinem Leben befehle ich dir, ſie herbeizuſchaffen!— Da trat der Sohn ſeines Oheims, des Her⸗ zog; von York, herein. So fruͤh ſchon, Rutland?! rief er ihm entge⸗ gen. Werden Andre auch von ſo finſtern Traͤu⸗ men emporgejagt, wie die Koͤnige? Und blaß und entſtellt, Vetter, ſeht ihr mir ebenfalls aus. Iſt's II. 5 denn wahr, daß die Buben, Gloceſter und Arun⸗ del, ſich meiner Zuchtruthe zu entziehen geſucht, daß ſie vielleicht gar ſchon in dieſem Augenblicke die Fahne der Empoͤrung erhoben haben? Allerdings ſind ſie in dieſer Nacht heimlich fortgegangen. Das iſt auch der Grund, gnaͤdig⸗ ſter Herr, warum mir euer Schlaf diesmal nicht heilig genug geweſen waͤre, hätte ich euch noch darin gefunden. Und wer oͤffnete ihnen dieſes wohlverſchloſſene Haus? Braucht es doch der Verraͤther mehr als einen, um daraus zu entkommen. Leider— erwiederte der Herzog von Rut⸗ land zoͤgernd und mit Achſelzucken— leider ſind auch viel mehr als einer in dieſem treuloſen Spiele. Ein geſtern angelangter Bote hat boͤſe Geruͤchte ausgeſtreut, und ſo eben kehrte einer meiner Die⸗ ner heim, der den Fluͤchtiingen begegnet iſt. Der Schloßhauptmann und eine ziemliche Zahl von Rittern ſind dabei. Wenn ihr ſelbſt ihn hoͤren wollt, ſo mag er herbeikommen. Er komme!— ſprach der Koͤnig und ſetzte, als der Herzog von dem in's Vorgemach ertheil⸗ ten Befehle zuruͤckkehrte, hinzu: Ohnmaͤchtige Toll⸗ heiten! das Kruͤmmen des Regenwurms unter 67 menſchlichem Fußtritte! Meint ſolch Geſindel, daß mein Koͤnigsarm zu kurz ſey, ſie zu erreichen und zu zermalmen, wo und wie ſie ſich vielleicht gegen mich verſammeln? Armſeliger Ameiſenhaufe! Mei⸗ ner Bogenſchuͤtzen bedarf es kaum erſt zu deiner Zerſtoͤrung. Das alſo war es, was die beiden Buben geſtern Abend ſo aufſpreizte? Kein Wun⸗ der, wahrlich, wenn ſelbſt Koͤnigstraͤume durch ſolchen Knabenunſinn ausarten, wie der meinige in voriger Nacht. Was andres lag ihm wohl zum Grunde, als das Uebelwollen der zwei jun⸗ gen Schlangen? Denkt euch, lieber Vetter, mir traͤumte, ein Theil der Großen meines Reichs ſtehe um meinen Thron; aber ſtatt der Ehrfurcht, welche dem Koͤnige gebuͤhrt, ſpricht Spott und Stolz und Uebermuth aus allen Geſichtern. Da nehme ich zufaͤllig wahr, daß mein Sitz kein Thron iſt, ſon⸗ dern ein gemeiner Seſſel, und daß mir Purpur, Krone und Scepter fehlen. Mein Zorn will da⸗ nach rufen, allein die Stimme verſagt mir. Da wollen Auge und Fauſt den Koͤnigs⸗Ornat herbei drohen. Doch ſtatt dem Befehle zu genuͤgen, he⸗ gen ſie ſichtbar boͤſe Abſicht gegen meine Perſon. Und das fruchtloſe Streben, aufzuſchreien, ängſtet mich von Neuem und ich— erwache dann in 5* einer Wuth, die nicht zu beſchreiben iſt. Am mei⸗ ſten ſchame ich mich jetzt der Wirkung, die ſolch ein elender Traum unmittelbar drauf noch im Wachen auf mich aͤuſſerte, und Veranlaſſung zum Anlegen dieſer Kleidung gab. Ihr armſeliges Ge⸗ zuͤcht, Offrem und Richard, wahrlich es bedarf nicht erſt der Krone, euch in euer elendes Nichts zuruͤckzuſchrecken! Hiermit legte er ſeinen Hauptſchmuck bei Seite und fragte dann: Ein Bote alſo iſt gekom⸗ men an ſie? Von wem wohl, als von der Un⸗ bedeutenheit ſelbſt, die ihre ſinnloſen Beſtrebun⸗ gen mit etwas koͤniglichem Blute auszuſchmuͤcken trachtet? Gewiß man hätte der jungen Bosheit keine beſſere Falle legen koͤnnen zu ihrem Verder⸗ ben. Denn daß ihr väterliches Erbe nun fuͤr im⸗ mer an mich verfallen iſt, kann keinem Zweifel mehr unterliegen. Und die, ſo mit ihnen gingen, ſollen gleicher Zahlung theilhaftig werden. Ein ohnmaͤchtiger Aufruhr dieſer Art eroͤffnet dem Staate Huͤlfsquellen, die ihm im jetzigen Kriege vortrefflich zu ſtatten kommen. Da trat der Diener des Herzogs von Rut⸗ land herein. Nur herbei, Alter!— ſprach der Koͤnig zu 69 dem, der voll Ehrfurcht an der Thuͤre ſtehen blieb. Dann naͤherte er ſich, und Richard fragte den vor ihm Knieenden: Wo begegneten dir die ſaubern Voͤglein, die mein hieſiger Käfig zu enge beduͤnkte* Ohngefahr drei Stunden von hier. Und ließen dich ruhig deines Weges ziehen? Nachdem ich den Antrag, mit ihnen zu ge⸗ hen, zuruͤckgewieſen, ſprach einer lachend, daß wir uns naͤchſtens wiederſehen wuͤrden. Und wirklich ſchnell wie die Voͤgel flog der ganze Schwarm auf ſeinen Roſſen davon. Waren ihrer denn viel? Sehr viel. Allenthalben, wo ſie durchgekom⸗ men, hatten ſich neue ihnen angeſchloſſen. Ein Paar Hundert konnten die Berittenen wohl betragen. Ein Paar Hundert?!— rief Richard er⸗ ſtaunt.— Und auſſer dieſen noch Fußgaͤnger? Eine wenigſtens gleich große Anzahl. Sinnloſe Menſchen!— ſprach Richard, nicht ohne Gefuͤhl. Was kann das Ziel eures kraftlo⸗ ſen Strebens ſeyn, als euer Untergang und das Elend der Eurigen? Und wo der Sammelplatz dieſer Raſenden? Wo ſie auf Bullingbrook treffen! Auf Bullingbrook?!— rief der König zuruͤck⸗ 70 bebend, mit halberſtorbener Stimme und einer Leichenblaͤſſe, welche die plotzliche Veraͤnderung in ſeinem Innerſten nicht laͤugnen konnte.— Die Thoren!— fuͤgte er bald darauf mit einem mit⸗ leidigen Lächeln hinzu, das vergebens ſeinen Schrek⸗ ken umſchleiern ſollte. Und waͤre es auch, daß dieſer Verraͤther, mit Durchbrechung der Schranke, die ich ihm ſetzte, ſein Todesurtheil ſich ſelbſt ge⸗ ſprochen, wo naͤhme er Waffen und Geld zur Aus⸗ fuhrung ſeines Frevels her? Man ſagt— ſtammelte der Diener, aber der Sorn aus Richards Augen erſtarrte ſeine Sprach⸗ werkzeuge. Sprich, alter Knabe— fuhr da der Koͤnig, das Haar aus der brennenden Stirne wiſchend und den innern Sturm mit Macht unterdruͤckend, fort— was ſagt man? Wahrheit nur, ſo bitter ſie auch ſey. Als hierauf der Diener ſo viel erzahlte, als er von den Vorgängen zu London gehort hatte, ſchien ein ſtilles Lächeln des ſein Ohr ihm zukehrenden Koͤnigs eine allmaͤhlig eingetretene Gemuͤthsſtille und Faſſung zu verrathen. Allein bald zeigte ſich's, daß es nur ein Krampf der finſterſten Verzweif⸗ lung geweſen war. Denn plötzlich ſprang er auf und rief: Das iſt des wideʒwaͤrtigen Haufens Art 71 und Thun. Acht Jahre kaum, ſo duͤnkte ich ihm ein Gott. Jetzt wurde ein Strohwiſch ihm ge⸗ nuͤgen zum Herrſcher, wenn es nur Richard nicht waͤre. Und— ſprach er weiter, mit immer ſtei⸗ gender Hitze— legte man dem tuͤckiſchen Bulling⸗ brook den Purpur an, ſetzte man wirklich ihm die Krone auf ſein Räuberhaupt? Antworte, Knecht, wenn dich dein Koͤnig fragt. Gnaͤdigſter Herr— verſetzte bebend der Die⸗ ner— ihr verlangtet nichts als Wahrheit und nun habe ich damit euern Zorn auf mein Haupt geladen! Vergoͤnnt mir, daß ich ſchweige. Nein, das allein ſey dir nicht vergönnt. Wer ſagt dir, daß ich zornig bin? Gleiche ich doch an Geduld vielmehr dem Lamme, das ſchon ſein Moͤrder unter dem Meſſer hat.— Sprich, guter, alter Mann. Wie auch mein Mund auf⸗ brauſe, ſo gilt es doch nicht dir. Erzähle weiter. Was ich wußte, gnädiger Herr, iſt ziemlich Alles geſagt. Spat Abends ſind ſie ausgeritten aus London, und wo ſie hingekommen, hat ſich der Haufe ſtark vermehrt. Was uͤbrigens vielleicht noch das Beſte iſt, ſo heißt es allgemein, Bulling⸗ brook habe die Krone ausgeſchlagen. Auch ſpricht er allenthalben von euch nicht anders, als von ſei⸗ nem gnaͤdigen Herrn und Koͤnige. 72 Der heuchleriſche Schelm!— rief Richard aus. Er nennt mich ſeinen Koͤnig und wagt doch in das Reich zu kommen, aus dem ich den Ver⸗ raͤther verbannte; wagt hier mit Heeresmacht aus⸗ zuziehen gegen meine Perſon! Denn wohin an⸗ ders kann wohl ſein Weg gehen? Ein ſo eben angelangter Bote brachte die Nachricht von einem zu König Richards Gunſten durch den Herzog von York erregten Aufſtande unter Bullingbrooks Heere. Er ſelbſt ſey das erſte Opfer deſſelben geworden. Der Bote bekraͤf⸗ tigte ſeinen Bericht, als Augenzeuge, mit ſo vielen Umſtaͤnden, daß auf die im Schloſſe zu Briſtol eingetretene tiefe Niedergeſchlagenheit mit Einem Male wieder der ruͤckſichtloſeſte Jubel folgte. A. Im hoͤchſten Glanze war eben die Sonne untergegangen und ein klarer, freundlicher Him⸗ mel, der ſich uͤber dem durch Waldung verborge⸗ nen, anſehnlichen Feldlager des Herzogs von Lan⸗ caſter ausbreitete, beſtaͤrkte die Luſt nur noch mehr, welche die Ruckkehr eines nach Briſtol aus⸗ geſendeten Kundſchafters erweckt hatte. Es war dies kein Anderer, als der zuletzt erwaͤhnte Bote, — 73 deſſen falſche Nachricht vom Scheitern des ganzen Unternehmens und dem Tode des Anfuͤhrers nichts weiter geweſen, als ein Verſuch, den Koͤnig Richard ſicher zu machen, an deſſen Gelingen ſich ſo eben Alles ergoͤtzte. Es war die erſte eigentliche Ruhe, welche die Krieger in dieſer Nacht ſich vergoͤnnen durften. Der Herzog von Lancaſter ging eben ſelbſt, in Begleitung ſeiner Vettern, der entflohe⸗ nen Gloceſter und Arundel, allenthalben herum, den Spielen und Tänzen der Krieger mit Wohl⸗ gefallen zuzuſchauen, hier die Fröhlichkeit einer Gruppe durch ſein einnehmendes Weſen, dort durch huldvolle Worte und Verſprechungen, oder auch wohl gar durch Theilnahme an dem einfa⸗ chen Mahle und einen Trunk aus dem Becher vergnugter Kampfgenoſſen, noch um Vieles zu er⸗ hoͤhen. Und daß an dieſem Abende auch der Ge⸗ ringſte nicht darben duͤrfe, hatte ſeine Freigebig⸗ keit ſchon zuvor geſorgt. Am ausgelaſſenſten in der Munterkeit zeigten ſich ſeine zwei jungen Ge⸗ fahrten. Einigemal, als ihre Spottlaune gegen den Koͤnig Richard zu laut wurde, mußte ſie der Herzog ſogar freundlich erinnern, daß ſie bedenken möchten, Richard ſey noch immer ſein und ihr Gebieter, und er ſehe nichts ſo ungern, als wenn 74 ſeine Mannſchaft ſich einbilde, er gehe darauf aus, einen Gegenkönig zu bilden, da er doch mit ihrer Huͤlfe einzig der eingeriſſenen Unordnung vorbeu⸗ gen wolle. Er achte ſich fuͤr Koͤnig Richards Un⸗ terthan, ſo gut, wie der Geringſte in England ſolches muͤſſe. Nur Richards Regiment wieder einen feſten Fuß zu verſchaffen, und durch Vor⸗ kehrungen gegen die, ihn auf das Gewiſſenloſeſte Irreleitenden, das verlorene Vertrauen wieder zu gewinnen, ſey der Zweck ſeiner Regentſchaft und des jetzigen Unternehmens. Es koͤnne Niemand mehr beklagen, als er, daß die Herſtellung und Befeſtigung der Ruhe ſeines innig geliebten Va⸗ terlandes einzig auf dem rauhen Wege zu bewir⸗ ken ſey, den er nimmermehr gewagt haben wuͤrde aus eigenem Antriebe. Dabei berief er ſich auf den Erzbiſchof von Canterbury, der ihn im Na⸗ men des engliſchen Volkes dazu berufen, als einen Zeugen des ernſten Widerſtrebens, das ſeinem end⸗ lichen, ihm ſehr bittern, Entſchluſſe vorausging. 22. Zu den ſehr Wenigen in Lancaſters Lager, welche die gar mannichfach auflodernde allgemeine Freude zu theilen nicht geſinnt waren, gehoͤrte 75 Ritter Oldſon. Während er ſeine Leute ſelbſt er⸗ muntert hatte, ſich ihrem Frohſinne zu uͤberlaſſen, ſo weit er mit der Ordnung zu vereinigen ſey, und Geſellen nach eigenem Wunſche dafuͤr aufzu⸗ ſuchen, ſaß er allein in ſeinem Zelte, den Eingang ſchließend, theils um den Glauben zu veranlaſſen, daß er ausgegangen, theils um ſeinem Truͤbſinne das Gellen der durch einander ſchmetternden Toͤne, die ihn nur verſtaͤrken konnten, wenigſtens ſo viel als moͤglich zu mildern. Da ſchallt die wiederholte Frage nach ihm deutlich herein und zwar von einer ihm ſehr be⸗ kannten Stimme. Wenn er ſich auch im Augen⸗ blicke nicht entſinnen kann, wem ſie angehoͤrt, ſo iſt es doch, als ob an ihren Ton ſich freundliche Ereigniſſe der Vergangenheit knuͤpften, und wenn auch die Ausgelaſſenheit in der Freude nur einen widrigen Eindruck in der jetzigen Gemuͤthsver⸗ faſſung auf ihn hervorzubringen vermag, ſo glaubt er doch eine Zerſtreuung durch Bilder aus gluckli⸗ chern Tagen nicht von der Hand weiſen zu duͤr⸗ fen. Schnell reißt er daher ſein Zelt auf, und der Krieger, den er erblickt, wirft wirklich, mit dem Jauchzen uͤber das Wiederfinden ſeines vor⸗ maligen Herrn, ein recht freundliches Licht in den 76 truͤben Gram ſeines Herzens. Vor mehrern Jah⸗ ren hatte dieſen tapfern, aber etwas wilden Bur⸗ ſchen die Liebe aus dem Dienſte in eine ſehr ent⸗ fernte Gegend gelockt. Seitdem war er ihm nie wieder vor Augen gekommen. Auch mit bei unſerm Heerhaufen, Hans?— fragte Arthur. Seit dieſem Nachmittage!— Und deine Frau, durch die ich damals dei⸗ nen Dienſt verlor? Gott gebe der Fantippe heute einen beſſern Tag, als die meinigen waren, die ich bei ihr aushielt. Nein, edler Herr, mit der war kein Fortkommen, und ich wuͤrde nach drei Wochen wieder bei euch eingetroffen ſeyn, haͤtte mich die Scham nicht da⸗ von abgehalten. Ein anderer Dienſt, der ſich mir in der Nähe darbot, fuͤhrte mich nach Frankreich und von dort hinweg in den heilloſen Tuͤrkenkrieg. Ich konnte vom Gluͤcke ſagen, daß ich der Ge⸗ fangenſchaft der Unglaͤubigen wieder entſchlupfte, denn der ſarazeniſche Unhold ließ Alles nieder⸗ hauen, bis auf wenige Reiche, die ihm ungeheure Loͤſung zahlen mußten. So ſchleppte ich mich eine Zeit lang im Dienſte deutſcher Herren hin, und kehrte, des dortigen Lebens uͤberdruſſig, end⸗ ˙ ——.— 77 lich nach England zuruͤck, um hier zu ſterben. Wie ſchlecht es auch in der letzten Zeit bei uns zuging, ſo giebt es doch nirgendwo ein Leben, als in dieſem herrlichen Lande.— Leider brachen mir bald zwei alte Wunden, eine an der Schulter, die andere an der Hand auf, und ich konnte eine Zeit lang als Reiter in keinem Dienſte fortkommen. Da fand ſich eine Stelle bei unſerer kleinen Koͤnigin. Aber ſeitdem die Wunden wieder heil waren, wollte dem Rei⸗ tersmanne der Stubendienſt gar nicht ſchmecken. Kaum vernahm ich auch von dem, was ſich in London zugetragen, als mein Entſchluß ſchon ge⸗ faßt war. Welch eine Freude hatte ich in Wind⸗ ſor, eure Stimme zu hoͤren, und dann mich durch das Schluͤſſelloch zu uͤberzeugen, daß mich mein Ohr nicht zum Beſten gehabt. Koͤnnt ihr glau⸗ ben, daß ich mich eben im Nebengemache befand, als ihr den heftigen Auftritt mit der kleinen Koͤ⸗ nigin hattet? Leider durfte ich die Kammerfrau nicht verrathen, bei der ich zum Beſuche war, ſonſt hatte mich kein Menſch erhalten können; ich haͤtte durchaus euch nacheilen muͤſſen. Hans, lieber Hans— fiel Arthur dem Schwaͤtzer in's Wort— tauſendmal willkommen! 78 Der Himmel ſelbſt ſchickt dich mir zu. Wie ging es im Schloſſe zu Windſor, nachdem ich es ver— laſſen hatte; denn am nämlichen Tage haſt du wohl noch nicht dich entfernt? Erſt in der zweiten Nacht nahm ich den Ab⸗ marſch. Aber darum, edler Herr, ſuchte ich euch, wahrlich, nicht auf, das nach eurem Weggange Vorgefallene vor euer Ohr zu bringen. Und doch dient es vielleicht gerade am Beſten dazu, euch vor den Irrlichtern falſcher Hoffnung zu verwahren. Aber die ſchmerzliche Beſorgniß, welche hier⸗ bei im Geſicht ſeines vormaligen Gebieters auf⸗ ſtieg, verſchloß Hanſen den Mund, ſo lange, bis Arthur ihn auf das Dringendſte beſchwor, Alles mitzutheilen, was er wiſſe, da die jetzige Unge⸗ wißheit qualvoller vielleicht fuͤr ihn ſey, als das ihm vorenthaltene beſtimmte Ungluͤck. Achſelzuckend äuſſerte Hans, daß er das ſelbſt glaube, und verſprach, ihm Alles zu berichten. Schon ſeit einiger Zeit— begann er— ſagte man bei Hofe dem jetzigen Herzoge von Lancaſter nur das Schlimmſte, Abſcheulichſte nach. Das erſtreckte man auch auf ſeine Ritter und Leute. Und da ihr dem Wunſche, Urlaub von ihm zu nehmen, fur eine Reiſe nach London, nicht Gehör 79 geben wolltet, ſo warf man euch ebenfalls in die Verdammniß mit euerm Herrn, und die euch ſonſt ſehr gewogene Koͤnigin, die, ſo klein ſie noch iſt, doch ihr Koͤpfchen ſchon ſo gut hat, wie eine Mannbare, wendete tauſend Kunſtgriffe an, euch zu ſchaden bei dem Fraͤulein Wellmoore. Ich weiß das beſſer als Mancher, denn zum Ueber⸗ druſſe redete mir oft ihre Kammerfrau davon, mit der ich auf dem beſten Fuße ſtand. Da die kleine Iſabelle ihren Zweck am ſicherſten zu erreichen glaubte, wenn es ihr gelaͤnge, dem Fraͤulein einen andern Mann aufzuſchwatzen, ſo ließ ſie's, nach franzoͤſiſcher Weiſe, am Schwatzen den ganzen Tag nicht fehlen. Ein gewiſſer Vicomte Grand⸗ champ, ſchon von Paris her ein Liebling der klei⸗ nen Koͤnigin, ſollte durchaus des Fraͤuleins Ge⸗ mahl werden, und wenn Iſabelle wirklich ſich in der Regel hoͤchſt ſelten nur kindiſch auffuͤhrte, ſo war es doch bei dieſer Gelegenheit einige Mal der Fall. Nach euerm letzten Hader mit ihr wen⸗ dete ſie all ihre Vorſtellungen an, das Fräulein ihrem Heirathsplane zu gewinnen. Und ihr un⸗ aufhoͤrliches Ermahnen und Liebkoſen erreichte auch wirklich ihr Ziel. Eben während der Trauung des Vicomte mit dem Fräulein von Wellmoore am Abend in der Capelle der Koͤnigin, die ich mit eigenen Augen angeſehen, fand ich Gelegenheit zum heimlichen Entſchluͤpfen. Doch ihr werdet ſo lel⸗ chenblaß, edler Herr! Eure Augen erſterben ordent⸗ lich bei meiner Nachricht. Wollte Gott, daß ich ſie lieber zuruckgehalten! Endlich aber hätte ſie ja den⸗ noch euch treffen muſſen. Und je eher es geſchieht, deſto eher erholt ihr euch auch wieder.— Aller⸗ dings wollte ich ſelbſt dafuͤr buͤrgen, daß die nun⸗ mehrige Vicomteſſe Grandehamp noch zu den beſten Weibern gehoͤrt. Glaubt aber meiner Erfahrung, daß dergleichen blutwenig ſagen will. Denn auch die beſten ſind, leiber, nicht gut. Wahrlich, wenn ihr kuͤnftig einmal aufgelegt ſeyn ſolltet, meinen man⸗ nichfachen Abenteuern mit ihnen ein Ohr zu lei⸗ hen, ſo wuͤrde es euch klarer werden, als der Tag, daß kein Mann, der es gut meint mit ſich ſelber, ernſte Verbindungen anknuͤpfen darf mit ihnen. Taugt doch das Kriegesleben ohnehin wenig dazu, ſich an ein Weib zu haͤngen, das, während der Mann in hartem Kampfe die Ehre findet, inzwi⸗ ſchen daheim, auf anderm Wege, ihn wieder darum zu bringen weiß. Dieſer Krieg dauert vielleicht lange. Wie man hoͤrt, wirbt der Herzog von York mit großer Anſtrengung fuͤr den Koͤnig Ri⸗ chard. 81¹ chard. Und traue eins dem Volke. Gehen doch die, ſo in London die Kehlen ſich heiſer ſchrien fuͤr das Haus Laneaſter, morgen ſchon vielleicht zu dem alten Pork über! Dann, wahrlich, iſt keine Zeit mehr für den Eheſtand. Und, edler Ritter, wie wochtel ihr, der Treueſte eures Herzogs, ohne⸗ hin jemals auf die Hand einer der Koͤnigin ſo erglbenen Dilherin rechnen, als die Vicomteſſe iſt? Dankt dem Himmel, daß ſie minder ſtandhaft geweſen, als ihr ohnfehlbar glaubtet! Ohne das haͤtte ja euer Herz eine Feſſel getragen, die euch wohl allmählig zu Tode preſſen, aber niemals er⸗ freuen konnte.. Allerdings— rief Arthur mit Groll zum Himmel ſchauend— allerdings bin ich ihm zu Danke verpflichtet. Mit einem ihrer letzten Blicke, der noch in meinem Herzen fortlebt, will ich einſt fragen, warum die Falſche das herrliche Geprage der ewigen Wahrheit ſo ganz misbrauchen durfte! So ermannt euch doch, edler Herr. Der ſchoͤne Blick eines Weibes iſt ja doch nichts wei⸗ ter, als der Schein eines geſchliffenen Kieſels, in dem man fälſchlich einen Diamanten vermuthet. Nehmt die Weiber fuͤr das was ſie ſind, nam⸗ lich fuͤr angenehme Puͤppchen, die einem ehrlichen II. 6 Manne, nach gethaner Arbeit, zum Zeitvertreibe dienen. Als ob dich deine wuͤſte Lebensart je zur Kenntniß wackerer Frauen haͤtte kommen laſſen! — rief Arthur verachtend aus. Ei, edler Herr, bekraͤftigt denn nicht das eben erlebte ungluͤckliche Beiſpiel die Wahrheit meiner Erfahrungen? Wahrlich, Herr Ritter, eben dieſe, die ſo an euch handeln konnte, hatte mich zuvor beinahe dahin gebracht, meine Meinung von den Weibern fuͤr falſch und ſuͤndhaft zu achten. Denn das iſt gewiß, ſo lange ich am Hofe diente, war ihr aͤuſſeres Leben ganz untadelhaft. Aber wirft doch ihr letztes Thun alle fruͤhern Urtheile uͤber ſie mit Einem Male um, zeigt es doch klarer, als irgend etwas, daß in die anſcheinende Vernunft und in die edeln Gefuͤhle der beſten Weiber oft ploͤtzlich der Wahnwitz, oder irgend ein anderer boͤſer Geiſt eingreift und ihr fruͤheres Benehmen zur Luge macht. Wie, edler Herr, wolltet ihr ſonſt dieſe ſchnelle, ſelbſt von ihrer Kammerfrau(die doch nicht zu den Heiligen gehoͤrt) hoͤchlich ge⸗ misbilligte Heirath nur mit einigem Scheine der Wahrheit an ihr fruͤheres Betragen knuͤpfen. Nach langem, tiefem Schweigen fuhr Arthur 83³ wie aus dumpfem Traume mit folgenden Worten auf: Ja, ja, du haſt Recht. Auch ich komme nun noch zu dem troſtloſen Glauben, daß die Weiber nichts ſind als ein ergotzliches Spiel, und daß der Mann ſich ſelbſt herabwuͤrdigt, der ihnen einen weſentlichen Einfluß auf ſein Leben geſtattet.— Der Tag hatte inzwiſchen der Daͤmmerung Platz gemacht. Arthur, deſſen Seele des Lichts ſo ſehr bedurfte, konnte in dem ſchon ganz finſter gewordenen Zelte nicht weiter bleiben. Und wie er hinaustrat, kam ein froͤhlicher Schwarm vor⸗ uͤbergehender Bekannten. Traulich faßte man ihn am Arme und ohne allen innern Halt, wie er jetzt ſich fuͤhlte, wußte er ſelbſt nichts Beſſeres, als ein blindes Hingeben in ihre Fuͤhrung. Nach der eben erhaltenen Nachricht waren Einſamkeit und Nachdenken das Troſtloſeſte und Schauer⸗ lichſte fuͤr ihn. 23. Von dem froͤhlichen Trinkgelage, welches Ar⸗ thur erſt verließ, als im Lager bereits die vollige Nachtſtille eingetreten war, brachte er wenigſtens eine Betaͤubung zuruͤck, in der man uͤber das ganze Leben leicht, wie uͤber ein aus Scherz und 6* 84 Langetweile zuſammen geſetztes Schauſpiel dahin⸗ blickt. Der Leichtſinn ſeiner frohen, jugendlichen Gefäͤhrten wirbelte noch mit der Wirkung eines Schmerz ſtillenden Mittels in ſeinem Kopfe. Aber in der Einöde ſeines Zeltes wuͤrden die bunten Bilder, die ihn gleich heitern Genien umflatter⸗ ten, nur allzubald den dunkeln Erinnerungen haben weichen muͤſſen, waͤre der Zauberlaterne, mit der ſeine Einbildungskraft ihn unterhalten hatte, nicht ſo eben, ganz unerwartet, ein neues Bild vorge⸗ ſchoben worden, oder vielmehr haͤtte die Wirklich⸗ keit ſich nicht eingemiſcht, um ihm zu zeigen, daß ſie ſeine Phantaſie wohl ſogar uͤberbieten konne. Sein Diener kam, ihm eine vornehme Dame anzukuͤndigen, die ihn zu ſprechen wuͤnſche, und kaum war das Wort heraus, als auch ſchon eine uͤberaus zierliche Frauengeſtalt in weißem Schleier ſelbſt hereintrat. Nachdem der Diener ſich wieder entfernt hatte, begann die Dame: Verzeiht, Herr Ritter, wenn mein beſonderes Zutrauen zu euerm ſchoͤnen Herzen euch in der Ruhe ſtoͤrt, die einem Krieger doch ſo Noth thut. Aber die hohe Wichtigkeit der Sache wird, denke ich, meine Entſchuldigung bei euch uͤbernehmen. 85⁵ Die fremdartige Ausſprache gab dem Wohl⸗ laute ihrer Stimme einen ganz eigenen Reiz. Darauf fuhr ſie alſo fort: Das tiefe Geheimniß, welches ich bringe, macht mir die groͤßte Vorſicht zur Pflicht, daher verzeiht die Zudringlichkeit, euch in's Ohr ſpre⸗ chen zu wollen. Mit dieſen Worten ſchlug ſie den Schleier zuruͤck. Das ſchoͤnſte Weib, welches Arthur je⸗ mals geſehen, ſtand vor ihm. Aus dem ſchlanken und doch auch in reicher Jugendfulle uͤberwogen⸗ den Wuchſe ſtieg auf dem feinſten Halſe ein Ge⸗ ſicht von der edelſten Form mit der hinreißend⸗ ſten Miene. Jede Linie daran, jeder Zug trug den Zauberſtempel der ſuͤßen Liebe. Die großen, dun⸗ keln Augen waren gleichſam zwei unerſchoͤpfliche Meere der Liebe ſelbſt, und das glaͤnzende, ſchwarze Haar, deſſen Locken den Umriß des herrlichen Kopfes durch Unterbrechung deſſelben reizend ver⸗ kleidete, ohne ihm zu ſchaden, ſchien vor Freude zu beben, wo es auf die gewaltigen Wogen des nur halb verhuͤllten Buſens auftraf. Die dem Ge⸗ ſichte der Dame abgehende Schneefarbe war durch das warme Braun deſſelben reichlich erſetzt. Wer haͤtte wohl die Erinnerung an den kalten Schnee 86 hier vermiſſen koͤnnen, wo die Liebe in uͤbermaͤch⸗ tiger, wahrhaft ſuͤdlicher Glut emporloderte! Arthurs Seele lag in ſeinen Blicken, welche, trunken geworden durch eine ſo ganz unerwartete, reizvolle Erſcheinung, ſich von dieſer nicht wieder zu trennen vermochten. Unmoͤglich konnte der Eindruck ihrer Schön⸗ heit auf ihn ihr entgehen. Ritter— ſprach ſie daher, mit der vollen, lieblichen, ſeidenen Hand die ſeinige erfaſſend— koͤnntet ihr glauben, daß ich's uͤber das Herz braͤchte, euch eine Bitte an das eurige zu legen, deren Gewaͤhrung euch Nach⸗ theil zuzuziehen im Stande wäre? Und dieſe Worte ſchwammen auf der zarten Melodie ihres Tones im Geleite der ſehnſucht⸗ vollſten Blicke in Arthurs Bruſt. Der warme Athem ihres Mundes und das innigere Anſchlie⸗ ßen ihrer Hand an die ſeinige kamen dazu. Nein, ich muß euch das Beſte zutrauen!— ſprach er. Saget mir darum auch fuͤr's Erſte, wer ihr ſeyd? Das iſt ja Nebenſache!— lächelte die Dame. — Wenn ihr wirklich Vertrauen zu mir habt; beweiſt mir's dadurch, daß ich euch meinen Na⸗ men erſt zuletzt nennen darf. ——— — —5 87 Wohlan— ſprach Arthur— ſo entdeckt mir wenigſtens, welchem guͤnſtigen Umſtande ich das Gluͤck eures Beſuches verdanken muß. Einem Wunſche— antwortete ſie— den gewiß jeder Wohlgeſinnte in dieſem Lande mit mir in ſeiner Bruſt hegt, dem fuͤr das baldigſte Aufhoͤren naͤmlich der begonnenen unſeligen Spal⸗ tung, welche ganz England mit Buͤrgerblute zu uͤberſchwemmen droht. Euer Achſelzucken ſoll mir unſtreitig ſagen, daß es auſſer eurer Macht ſtehe, dieſes Ungluͤck zu heben; aber das iſt nicht alſp. Euer weiſer Rath gilt viel bei dem Herzoge von Lancaſter. Stellt ihm vor, die endloſen Kaͤmpfe, die ſeiner warten, und daß, im kaum denkbaren Falle ſeines Sieges, England verblutend an den durch ihn uͤber daſſelbe gebrachten Uebeln, im To⸗ deskrampfe noch, den Fluch ausſprechen wird uͤber ihn und alle diejenigen, deren Ungeduld die Gnade nicht erwarten wollte, welche Koͤnig Richard ihnen und ſeinem ganzen Reiche zugedacht hatte. Ja, Ritter— ſprach ſie, naͤher zu ſeinem Ohre hingeneigt, mit zunehmendem Feuer— ich weiß, daß der Koͤnig ernſtlich ausgeht darauf, Alles abzulegen, was ihm zeither ſchadete in der Meinung des engliſchen Volkes, daß er vor Allem 88 denkt, den Herzog von Lancaſter nicht nur in ſeine vollen Rechte einzuſetzen, ſondern ſogar ihn hoͤher zu erheben, als jemals einer in dieſem Lande nach dem Koͤnige geſtanden hat. Lieber, theurer kann, laßt euch mein rathendes Wort zu Her⸗ zen gehen. Blicket mir in's Auge und ſeht, ob nicht meine ganze Seele unverhuͤllt vor euch liege, ob es nicht Liebe ſey zu euch, was allein zu dem jetzigen Schritte mich bewog? Durch die hochſte Verzweiflung uber ſein Un⸗ glͤck, einem Trinkgelage froher Menſchen zuge⸗ trieben und gluͤhend davon zuruͤckgekehrt, konn⸗ ten die auſſerordentlichen Reize der wie vom Him⸗ mel ſelbſt ihm zugefuͤhrten ſchoͤnen Erſcheinung und ihr inniges Weſen, ja eine offenbare Zaͤrtlich⸗ keit, ihre Wirkung auf ihn unmöglich verfehlen. Oder— fuhr ſie jetzt leidenſchaftlich fort— leiſtet dir dies Alles noch nicht hinreichende Buͤrg⸗ ſchaft fuͤr mein Wohlwollen, fuͤr meine beſondere Theilnahme an deinem Geſchicke, nun ſo nimm darauf dieſen Kuß. Und im Augenblicke fuhlte er den ſeine Sinne umnebelnden Druck der vollſten, herrlichſten Lippen auf ſeinem Munde. Aber auch nur einen Augen⸗ blick. Einzig als Unterpfand auf meine gränzen⸗ 89 loſe Dankbarkeit, auf mein eifrigſtes Beſtreben, euch das hoͤchſte Gluͤck zu bereiten! ſagte ſie, ſich ſogleich wieder von ihm losmachend. Fuͤr's Erſte eure Zuſage, dem Herzoge von Lancaſter den Rath zu geben, ſich zutrauenvoll und ohne allen Ruͤck⸗ halt in des Koͤnigs Arme zu werfen. Ich buͤrge euch, daß der Schritt, von dem ich eben ſagte, ihm mehr einbringen werde, als das. Ich buͤrge dafuͤr, daß der Koͤnig ihn als ſeinen einzigen Retter betrachten und kuͤnftig gewiſſermaßen die Krone mit ihm theilen werde. Edles Fraͤulein— antwortete Arthur— ſagt ſelbſt, wie möchte ich wohl meinem Herrn, dem Herzoge, rathen, ſich in die Hand ſeines Fein⸗ des zu begeben? Und wenn ich es wollte, welchen Nutzen koͤnnte es bringen? Meint ihr, daß er ſie ſchon vergeſſen habe, die unerhoͤrten Kraͤnkungen, die ihm noch zuletzt in Paris vom Könige Ri⸗ chard widerfuhren; daß er, nach den jetzigen Vor⸗ fallen, dem vertrauen durfe, der ſeines Vertrauens ſich ſo wenig werth zeigte, ſchon zu einer Zeit, wo nur die boshafteſte Verlaͤumdung heimliche Eingriffe gegen ſeine koniglichen Rechte, oder auch nur den Gedanken an ſolche Eingriffe, ihm ſchuld geben konnte' 90 Theurer Freund— verſetzte die Dame— vor Allem muͤßt ihr nie aus der Acht laſſen, daß Koͤnig Richard ganz ein Andrer geworden iſt, als er damals war. Die letzten Ereigniſſe haben die Nothwendigkeit einer von der zeitherigen ganz ver⸗ ſchiedenen Handlungsweiſe dargethan, und zu glei⸗ cher Zeit ſein Gewiſſen auf's Maͤchtigſte angeregt. Vielleicht darf ich mich ruͤhmen, Einiges zu die⸗ ſer heilſamen Veraͤnderung ſelbſt beigetragen zu haben. Dieſes Wort, das, wie die in ihrem Geſichte plotzlich aufſteigende Roͤthe, ihr wider Willen ent⸗ ſchluͤpfte, machte keinen guͤnſtigen Eindruck auf den Ritter. Es ging die Rede, daß Richards Rathgeber, um ihn deſto mehr in ihre Gewalt zu bringen und ſein Auge von allen Staatsgeſchaͤf⸗ ten abzulenken, auch ſchoͤne Frauen ihm zufuͤhrten, an die er ſeine meiſte Zeit verliere. War das vielleicht eine ſolche? Schon die Maasregel, durch einen Kuß ſeine Sinne noch mehr zu entflammen und dann ſich loszureißen von ihm, zeugte zu ſehr von einer kuͤnſtlichen, kalten Berechnung, als daß ihm ihr kurz zuvor freiwillig abgelegtes Geſtand⸗ niß der Liebe nicht hätte verdaͤchtig werden ſollen. Der Gedanke an dieſen Augenblick kehrte in ihm — — 91 jetzt zuruck, und die Vorſtellung, ſtatt einer durch die Glut der Liebe zu dieſem unbeſonnenen naͤcht⸗ lichen Beſuche Verleiteten, nur eine kalte, truͤge⸗ riſche Sirene vor ſich zu haben, ſpannte ſeine Geſichtszuͤge mit Einem Male ſo merkbar ab, daß ſie, empfindlich uͤber die Veraͤnderung in ihnen und in ſeinem Auge, hinzufuͤgte: Uebrigens gilt mein jetziger Verſuch, wie ſchon geſagt, beſonders euerm Gluͤcke. Denn daß des Koͤnigreichs Ruhe hoffentlich bald wieder hergeſtellt ſeyn werde, iſt gewiß. Nicht als ob der Koͤnig an jene falſche Botſchaft von dem Tode des Herzogs und andern Dingen, welche die feindliche Argliſt ſehr uͤberzeu⸗ gend zu machen verſtanden, lange geglaubt hätte. Auch er bekommt ſeine Nachrichten, und daß man uͤber euern jetzigen Aufenthalt nicht ungewiß iſt, davon zeugt ſchon der Umſtand, daß ihr mich jetzt hier ſeht, daß ich euer Lager ſo gut auffinden konnte. Aber der Herzog von York hat bereits ein anſehnliches Heer beiſammen gegen die Re⸗ bellen. Entſchließt euch daher zu was ihr wollt. Nur ſo viel noch, daß, wenn ihr den Herzog von Lancaſter nicht bewegt zur Unterwerfung, was ohnſtreitig das Heilſamſte ſeyn wuͤrde fuͤr euch, wie fuͤr ihn, oder wenn ihr nicht, wenigſtens fuͤr 92 eure Perſon, unverzuͤglich von ſeiner boͤſen Par⸗ thei zu der Parthei des rechtmaͤßigen Koͤnigs uͤbergehen ſolltet, ein gewiſſes Fraͤulein, das euch ſchon lange Zeit ſehr am Herzen zu liegen ſchien, nimmermehr die Eurige werden kann. Von wem ſprecht ihr?— fragte Arthur in einem an Rauheit graͤnzenden Tone. Habt ihr vielleicht mehr als Eine Verlobter — verſetzte die Dame ſpottiſch, und fuͤgte dann mit Stolz hinzu: Ich meine Blanca Wellmoore, und um euch uͤber nichts Weſentliches in Zweifel zu laſſen, ſo wiſſet, daß ich im Auftrage ihres Vaters hier bin, dieſe Erklärung euch zu thun. Das Fraͤulein Wellmoore— antwortete Ar⸗ thur, mit dumpfer Stimme und niedergeſenktem Auge— iſt der väterlichen Verfuͤgung uͤber ihre Hand bereits zuvorgekommen. Saget ihm, daß ſie erſt vor wenigen Tagen in der koͤniglichen Ka⸗ pelle zu Windſor mit einem Franzoſen zum Altare getreten iſt. Hm— erwiederte die Dame— eure Nach⸗ richten ſind wahrlich neuer, als man glauhen ſollte, und gleichwohl nicht neu geng. Allerdings iſt man dort zu dieſer Trauung geſchritten. Aber noch vor ihrer Vollendung hat die am Altare ohnmaͤchtig 93 niebergeſunkene Braut zu Bette gebracht werden muͤſſen. Eine bald nachher angelangte Botſchaft hat der Koͤnigin mit den Ihrigen den Befehl zur Abreiſe nach Langley zum Herzoge von York mit⸗ gebracht. Die Koͤnigin, auſſer ſich uͤber den Zu⸗ fall, welcher ihr Ehrenfraͤulein auf das Lager ge⸗ worfen, dankte nur dem Himmel, daß ſie bald wieder voͤllig zum Bewußtſeyn kam und der Arzt ihre Mitreiſe bei ſo milder Luft ganz unbedenklich fand. Wirklich ward es auch ſchon unterweges immer beſſer und beſſer mit der Kranken. Als nun in Langley die junge Fuͤrſtin in ſie drang nach der Urſache ihrer Ohnmacht, da ſiel ſie ihr mit dem Geſtaͤndniſſe zu Fuͤßen, daß ſie einzig betaͤubt durch die ihre Liebe ſo ungluͤcklich durchkreuzenden Umſtände und die große Anhaͤng⸗ lichkeit an ihre Gebieterin nachgegeben, und die ganze Ruhe ihrer Zukunft durch dieſe Verbin⸗ dung ihr habe zum Opfer bringen wollen. Allein die Kraft dazu ſey ihr in der Ausfuͤhrung abge⸗ gangen, und der Gedanke an das ſo eben auszu⸗ ſprechende Ja habe ſie plotzlich alles Bewußtſeyns beraubt. Daher beſchwöre ſie die Koͤnigin, ihr ihre Huld nicht zu entziehen, wenn ſie jetzt die Unmoͤglichkeit erklaͤre, jemals einem Andern ihre Hand zu geben, als demjenigen, der ſo lange ſchon ihr Herz beſaͤße. Und die junge Koͤnigin, der eigenen Angſt waͤhrend Blanca's Ohnmacht und der bittern Vor⸗ wuͤrfe, die ſie ſich da wegen des Zwanges zu die⸗ ſer Trauung machte, eingedenk, warf ſich in ihre Arme und gelobte ihrem Ehrenfraͤulein, ſich ge⸗ wiß von nun an alles Zuredens in dieſer Sache zu enthalten. Der offenbare Unglaube an ſolch einen Aus⸗ gang im Geſichte des ganz Verſtummten machte, daß die Dame ſtillſchweigend einen Brief aus ihrem Buſen zog und ihm dieſen uͤberreichte. Entzuͤcken erfullte ihn ſchon, als er beim er⸗ ſten Blicke darauf die geliebten Schriftzuͤge Blan⸗ cens erkannte. Jebe Zeile, jedes Wort hob ſeinen Geiſt und die Hoffnungen ſeines Herzens hoͤher. Der Brief war an ihren Vater gerichtet und der unwiderlegbarſte Zeuge ihrer fortdauernden Leiden⸗ ſchaft fuͤr ihn. Edle Frau— ſprach er, als er ihn geleſen, und ſturzte zu ihren Fuͤßen und ergriff ihre Hand — durch Mittheilung dieſes Schreibens ſeyd ihr der Schutzengel meines Lebens geworden. Nim⸗ mer werde ich ſolches vergeſſen. Und nun ſagt mir, wie ich euch dafuͤr danken ſoll? * 95 Daruͤber, daͤchte ich— antwortete ſie— koͤnn⸗ tet ihr gar nicht in Ungewißheit ſtehen. Zeigt durch euer Handeln, daß ihr die Gefuhle verdient, welche der Brief fuͤr euch ausſpricht. Wendet Alles an, das Haupt der Rebellen zur Unterwer⸗ fung zu bewegen, und ſollte dies mislingen, dann wenigſtens ſelbſt die Sache des Hochverraths zu verlaſſen. Auſſerdem erklaͤre ich euch hiermit, im Namen meines Gemahls, des Ritters Wellmoore, daß an eine Verbindung zwiſchen Blancen und euch kein Gedanke iſt. So ſeyd ihr die Gemahlin—— Seine Gemahlin, allerdings. Ihr ſtaunt? Ich konnte euch ſchon darum uͤber dieſen Neben⸗ umſtand nicht laͤnger in Zweifel laſſen, weil der Aufſchluß zu meiner eigenen Rechtfertigung noͤthig iſt. Als vorhin mein Mund den eurigen beruͤhrte, geſchah es einzig, weil ich euch meiner kuͤnftigen muͤtterlichen Liebe nicht unwerth achtete. Thut nun aber auch, was euch zukoͤmmt. Ich daͤchte, der Preis ſchon allein ſollte euch anreizen zu eue⸗ rer Pflicht. Denn das ſchwoͤre ich, daß Blanca eher dem Tode zur Beute werden ſoll, als einem Verraͤther! Und ihr ſeyd ein mehrfacher, einer an ihr und an dem Koͤnige, wenn mein Rath ver⸗ loren gehen ſollte an euerm Herzen. 96 Ihr ganz veraͤnderter, kalter Ton und der immer zunehmende Stolz ihrer Haltung, zeigten zu klar, daß ein herzliches Wort ſchwerlich auf ſie einwirken wuͤrde. Daher beſchraͤnkte Arthur ſeine Erwiederung ihrer Rede auf das Verſprechen, ihr am folgenden Morgen eine ſchriftliche Antwort zu⸗ zuſenden. Sie bezeichnete ihm den Diener, dem ſolche im naͤchſten Dorfe zu uͤbergeben ſeyn werde, und er geleitete ſie ſelbſt aus dem Lager. 24. Durch den theuern Inhalt von Blanca's Briefe war Arthur ein ganz neuer Menſch ge⸗ worden. Seine ſo ſehr geſtoͤrte Vorſtellung von der Geliebten hatte den vorigen vollen Glanz zu⸗ ruͤck erhalten. Die ganze Seele war ihm auch ſo voll davon, daß manches Räthſel des eben gehab⸗ ten Beſuchs, nach ſeiner Ruͤckkehr in die Ein⸗ ſamkeit des Zeltes, nicht einmal ſein weiteres Nachdenken daruͤber aufforderte. Erſt ſeit wenig Wochen war jene Dame zu Briſtol Wellmoore's Gemahlin geworden. Ihren Vater, einen Tänzer aus Welſchland, hatte der König gerade an dem Tage, wo Wellmoore in London vom Anſchauen des ſchoͤnen Maͤdchens trun⸗ 97 trhnken worden, nach Briſtol zu ſich berufen, und der noch immer durch die Macht weiblicher Reize beherrſchte Ritter fuhlte, der Schoͤnheit der in London Alles bezaubernden Flora Concetti er⸗ geben, ſich bewogen den Weg dahin ebenfalls ein⸗ zuſchlagen. Auf Flora's Antrieb trat er ſogar in die Dienſte Richards, bei dem ſie nicht wenig zu gelten ſchien. Von Geſchaͤften zuruͤckgehalten, hatte Blan⸗ ca's Vater den Verſuch, durch Arthur auf den Anfuͤhrer der Feinde einzuwirken, oder doch we⸗ nigſtens des Ritters Perſon zu gewinnen, und ſo vielleicht hinter Manches zu kommen, was noch geheim gehalten wurde, ſeiner jungen, ſchoͤnen Frau um ſo lieber uͤbertragen, da es ihm ganz unmoͤglich duͤnkte, der Rede von dieſen Lippen zu widerſtehen. Unſtreitig war es das, fortdauernd von ihren Anbetern fleißig genaͤhrte Selbſtgefuͤhl, was ſie be⸗ wog, einen Angriff auf Arthurs Herz durch ihre eigene Schoͤnheit zu verſuchen und vielleicht gar eine langjährige Liebe durch die Macht ihrer Reize im Augenblicke zu beſiegen. Ein ſo auſſerordent⸗ licher Triumph mußte der Gefallſuͤchtigen wohl des Verſuches werth ſcheinen. Die guͤnſtige Ge⸗ II.. 98 muͤthsverfaſſung in der ſie hierzu den Ritter fand und in der ihre Perſon offenbar den mächtigſten Eindruck auf ſein erſtauntes Auge hervorbrachte, mochte ihr den beabſichtigten Sieg als bereits er⸗ folgt vorſpiegeln, und die freudige Genugthuung hieruͤber ſie zu der zaͤrtlichen Hingebung auffor⸗ dern, welche ſpaͤterhin, wie ſie, höchſt unmuthig werdend, ihren Hauptzweck nicht erreicht ſah, und daher Blanca's Bild dem ihrigen nunmehr unter⸗ ſchieben zu muͤſſen dachte, fuͤr muͤtterliche Zaͤrt⸗ lichkeit ausgegeben wurde. Nach langer, innerer Truͤbſal war es die erſte Nacht wieder, in der ein erquickender Schlaf den Ritter Oldſon empfangen hatte. Was kuͤmmerten ihn nun die widrigen aͤuſſern Verhaͤltniſſe, wenn ihm Blanca's Geſinnung, ihre Liebe, unveraͤndert geblieben war? Kein Gedanke in ſeiner Seele, ihren Beſitz durch den Uebertritt zu des Königs Parthei zu erwerben. Das haͤtte ſich dieſes Be⸗ ſitzes unwuͤrdig machen heißen! Und wenn auch die Geliebte ſelbſt, befangen in den Anſichten der Parthei, worein ſie ihre Verhältniſſe verflochten, und ihre wahrhafte Anhaͤnglichkeit an die Koͤnigin dieſen Uebertritt ſehnlichſt wuͤnſchte, ſo konnte er einen Wunſch ihr doch nicht gewaͤhren, der ihm den 99 eigenen moraliſchen Werth fuͤr immer vernichtete. War und blieb ſie doch ſein und wuͤrdig, ihm an⸗ zugehoͤren, ſo wie er ihr. Mit der endlichen Lo⸗ ſung des jetzigen buͤrgerlichen Streites ebnete ſich wohl auch ihm die Bahn in ihre Arme. In die⸗ ſem, frohlichen Gedanken eingeſchlummert, hatten huldvolle Träume ihn mit der Geliebten zuſam⸗ mengefuͤhrt. Mein, mein! rief er ſo eben im hoͤchſten Entzuͤcken und ſchlug die Augen auf und —— ſprang erſchrocken empor, denn das lär⸗ mende Treiben im Lager kuͤndigte ihm die Zeit des Aufbruchs an. 25. Auf dem feſten Schloſſe zu Flint, wohin der Koͤnig bei Nacht, mit nur geringem Gefolge, vor dem Herannahen der Londoner heimlich gefluͤchtet war, ſtand er eben am Fenſter, bald in den grauen⸗ den Morgen und deſſen blutrothe Einfaſſung ſtar⸗ rend, bald mit Liebkoſen ſeines ſchoͤnen fortſchlum⸗ mernden Lieblings, eines Windſpiels, beſchäftigt. Wie lange noch— rief er, ſolches ſtreichelnd, aus — ſo bleibt mir vielleicht Niemand mehr, als du! Doch wozu klagen, da zur Zeit noch meine Befehle gelten, da ich noch herbeſcheiden kann von 7* 100 den Meinigen, wen ich will, und ſo kraft meines koͤniglichen Rechts auch der ſchlafloſen, langweili⸗ gen Nacht die Kurzweil froͤhlicher Tage zu geben vermag' Und ſo rief er in's Vorgemach, daß Ritter Wellmoore herbeikommen ſolle. Waͤr' ich doch in Briſtol geblieben! ſprach Richard verdrießlich, als der Ritter eintrat. Hier breitet ſich die unbequeme Zeit in ſo einförmiger Länge vor uns aus, daß man ſie nimmer gewäl⸗ tigen kann. Schon ihrer unausſtehlichen Geſell⸗ ſchaft halber haͤtte ich beſſer gethan, mit dem Vetter Rutland den Rebellen entgegen zu ziehen. Damit wuͤrden wir, wenn nicht die Frevler, doch die Zeit, todtgeſchlagen haben. Gnaͤdigſter Herr— antwortete Wellmoore — beinahe fuͤrchte ich, daß der Zeitvertreib von Briſtol euch hier in dieſem Schloſſe aufſuchen werde. Es tummelt ſich, nach Ausſage meiner Boten, verdächtiges Geſindel, gleich ſchnuffelnden Jagdhunden, hin und her. Beſſere Vergleiche, wenn ich bitten darf!— ſprach der Koͤnig.— Geſindel und Jagdhunde paſſen ſchlecht zuſammen. Iſt doch mein Hund auch einer, und wer weiß beſſer, was ich will und was er ſoll, als er? Er iſt auch mein kraͤf⸗ 101 tigſter Troſt. Wenn Alles der Glucksſonne folgt, die ſich von mir abwendet, ſo bin ich ſeines Blei⸗ bens doch gewiß, auch in der ſchwärzeſten Gewit⸗ ternacht. Oder ſaht ihr ſchon je den treuen Hund ſelbſt um den feinſten Leckerbiſſen buhlen, wenn es nicht meine Hand war, die ihn reichte? Der waͤre nimmer von mir abgefallen, wie ſo Viele. Glich doch das Schloß zu Briſtol einem Baume im Spaͤtherbſt. Bei eingetretenem Sturme ver⸗ lor er faſt alle Blaͤtter. Auſſer Rutland und einigen Wenigen, wuͤrde mir bald Niemand geblie⸗ ben ſeyn. Da lob ich meinen Hund. Schmei⸗ chelt er auch bisweilen mir, ſo lebt doch Niemand auf der Welt, den er eines Gleichen wuͤrdigen, ja deſſen Liebkoſungen er nur der Annahme werth halten ſollte. Wahrlich, mein Tod riſſe auch ihn unter die Erde, der Gram, mich nicht mehr zu ſehen, verzehrte gewiß ſein treues Leben. Man hat ſo ſchoͤne Beiſpiele von Hundestreue. Sind euch deren eben bei der Hand, Ritter, ſo theilt mir ſolche zum Zeitvertreibe mit. Nur nichts von Menſchen! Der treuen giebt es doch, wahrlich, allzuwenig. Gnaͤdigſter Koͤnig— bat Wellmoore, im Tone des Gekraͤnkten. Nun ja— ſprach Richard— ihr gehoͤrt zu 102 den Wenigen, ich glaube es gern. Nur iſt eure Treue zu jung fuͤr euer Alter, und ch idanke ſie wohl allein eurer Frau, die ebenfalls fuͤr euer Al⸗ ter zu jung ſeyn mag. Oder könnt ihr's läugnen, daß einzig der Reiz der lieblichen Flora euch mir nachgezogen hat nach Briſtol? Auſſerdem waͤr't ihr jetzt vielleicht bei Bullingbrook, wo euer kuͤnf⸗ tiger Schwiegerſohn ja auch iſt. Doch verzeiht mir, alter Herr, eure Hand darauf, und ſeyd ge⸗ wiß, daß ich eure gute Geſinnung zu ſchaͤtzen weiß. Apropos, wie fiel die Unterhandlung eurer ſchönen Frau im Lager aus? Die Umſtände draͤngten ſie und mich ſo, daß ihr ganz vergeſſen habt, mir daruͤber Auskunft zu geben. Sie iſt ſo ausgefallen, gnaͤdigſter Herr, daß ich dieſen Buben fuͤr immer aus meinem Herzen geſtoßen habe, und daß ich's meiner Tochter nicht anders thun wuͤrde, wenn ſie jemals die Seinige werden koͤnnte. Durch einen erkauften Diener des Rebellenhaupts weiß ich, daß der Boͤſewicht Oldſon, ſtatt zu handeln fuͤr eure gerechte Sache, dem Bullingbrvok die ganze Unterhandlung ver⸗ rieth und ſich ihm dabei feſter als jemals verbun⸗ den haben ſoll. Das— ſeufzte der Koͤnig lächelnd— das 103 Alles erfuhr ich ſchon durch euer Schweigen und argre mich, daß ich durch dieſe Beſtätigung mir und euch ein Paar ohnehin truͤbe Augenblicke nur noch mehr verfinſtern konnte. Ueberhaupt— fuhr er, ſich zum Scherze gewaltſam emporraffend, fort — uͤberhaupt bin ich ganz wider Willen auf ſo ſchwarze Bilder gerathen. Zerſtreuung wollte ich, Spiel oder Tanz. Ruft eure Frau, daß ſie mein Auge durch die holden Schwingungen ihrer lieb⸗ lichen Geſtalt im Tanze ergotze. Soll ihr Vater, als Tanzgefährte, zugleich mitkommen? Nein— antwortete der Koͤnig— mag ſie lieber allein, der ganzen Anmuth ihres Koͤrpers und ihrer Kunſt ſich uͤberlaſſen. Bei allen Bocks⸗ ſpruͤngen, welche euer Schwiegervater der Jugend noch immer recht glucklich nachzumachen weiß, mahnet mich doch das vergelbte faltenreiche Per⸗ gament ſeines Geſichts an die Zeit, wo. die Lei⸗ chenwaͤſcherin uns die letzte Zärtlichkeit erweiſt. 26. In einem ſchneeweißen, den wundervollen Reiz ihres Koͤrpers im ſtolzeſten Glanze entfal⸗ tenden, einfachen Anzuge, das kurze Roͤckchen mit 104 roſenfarbigen Schleifen aufgeſchurzt, hatte Flora durch den vereinten Zauber ihrer Reize und ihres Tanzes des Königs Auge in ein gluͤckliches Ver⸗ geſſen ſeiner Perſon und ſeiner Bedraͤngniſſe ver⸗ ſetzt. Genug! rief er. Und nun, Ritter Well⸗ moore, laßt ein Fruͤhſtuͤck bereiten, aber nur fur uns drei, damit die gluͤckliche Stimmung keiner Störung unterliege. Als nun Flora mit ihm allein war, ſprach er weiter: Glaubt ihr wohl, ſchoͤne Frau, daß es weniger meine Schonung war, was euch der fort— dauernden Anſtrengung entzog, als die Furcht vor dem Verrathe, den das eigene Auge an mir be⸗ gehen konnte? In der Trunkenheit, welche die Bewegungen eueres unuͤbertrefflichen Leibes, die kleinen Fuͤßchen, auf denen er doch ſo unbegreiß⸗ lich ſicher einherſchwebt, die vollen Rundungen der Arme, wobei man vor Sehnſucht nach ihrem Drucke vergehen möchte, und vor Allem die uͤppi⸗ gen Lippen und ſuͤßeſten aller Blicke ihm mittheil⸗ ten, war ich ſeiner ſo wenig Meiſter, daß euer Gemahl wohl haͤtte Argwohn ſchoͤpfen koͤnnen. Gnaͤdigſter Herr— antwortete die Tanze⸗ rin lächelnd— ein einziger ſolcher Blick, von —— 105 dem ihr eben viel zu viel ſagtet, wuͤrde ihm den Beweis meiner Treue gefuͤhrt, und zum Ueber⸗ fluß wuͤrden die Lippen, deren ihr ebenfalls nur allzuruͤhmlich zu gedenken geruhtet, ſolche beſie⸗ gelt haben. Aber ihr Wort und Laͤcheln erweckten dem Koͤnige auf einmal das ganze Heer der finſtern Bilder wieder, welche bei ihrem Tanze ihm ent— ſchlafen waren. Eure Treue, ja, ja! rief er bit⸗ ter aus, ſie verlaſſend und zu ſeinem Windſpiel nach dem Fenſter eilend, das eben, aus dem Schlummer emporfahrend, leiſe anſchlug und den Laut bald recht ſtark wiederholte, als jetzt unten heftig an's Thor gepocht wurde. Faſt zugleich eilte Wellmoore herbei mit der Nachricht, welche dem erbleichenden Koͤnige ſchon allein der Anblick der Reiterſchaar unten vor dem Schloſſe verkuͤndigte. Als er nun vernommen hatte, der Herzog von Lancaſter ſey ſelbſt unten, Einlaß begehrend, um das väterliche Erbe als Lehn zu nehmen und noch Einiges mit dem Kö⸗ nige zu beſprechen, da verſammelte Richard ſeinen Rath um ſich, und alles war der Meinung, daß der Koͤnig ſeinem Vetter Gehör geben moͤchte, weil ſo vielleicht die böſe Sache noch am beſten 106 zum Guten ſich neigen laſſe und an Widerſtand nicht zu denken ſey.. Darauf genehmigte er auch wirklich den Vor⸗ ſchlag, den Herzog und eilf aus ſeinem Gefolge einzulaſſen. Der Koͤnig ſelbſt mit Wellmoore und noch einem ſeiner Ritter begab ſich hinunter auf den Schloßplatz. Und die Ritter ließen die Thuͤr eroͤffnen und gingen hinaus. Aber nur mit Muͤhe gelang es Wellmoore die Verneigung nachzuma⸗ chen, welche die tiefe Demuth ſeines Gefaährten bei der nochmaligen Frage nach des Herzogs Be⸗ gehren ausdruͤcken ſollte. Und als er dann auch den Geliebten ſeiner Tochter in Lancaſters Beglei⸗ tung erblickte, da wollte ſeine Faſſung ihm vol⸗ lends untreu werden. Mit kaltem Ernſte wiederholte der Ankom⸗ mende ſein Verlangen, worauf er, nebſt eilfen, unter denen auch Oldſon ſich befand, in das Thor gelaſſen wurde. Nur der unerwartete Klang vom heftigen Zuwerfen dieſes Thores, ſobald er hinein war, war es, was den Herzog erſchreckte, keinesweges der, allerdings nicht unwichtige Gedanke, ſich in der Gewalt einer Ueberzahl von Menſchen zu ſe⸗ hen, die er unmoͤglich fuͤr ſeine Freunde halten 107 konnte. Denn mit einem Geſichte, auf dem keine Regung erſchien, auſſer dem Ausdrucke der Noth⸗ wendigkeit ſeines Vorhabens, und dem ruhigſten und feſteſten Tone, ſprach er zu dem vor ſeinem Anblicke ganz bleich gewordenen Koͤnige: Habt ihr ſchon gefruhſtuͤckt? Noch nicht! antwortete Richard. Doch wo⸗ zu dieſe Frage? Weil euch eine große Reiſe bevorſteht. Wohin*. Nach London— antwortete der Herzog— darum rathe ich euch, das Fruͤhſtuͤck nicht zu ver⸗ ſaumen. Aber im Innerſten erſchuͤttert, vom Inhalte der Rede ſelbſt, wie von der ganzen Art und Weiſe, ſah der Koͤnig duͤſter vor ſich hin. Ich habe keinen Hunger und will nicht eſſen! — ſprach er mit finſterm Unmuthe. Doch auf das Zureden ſeiner Umgebung, von welcher der groͤßte Theil des Herzogs Rathe mit vielem Schmeicheln beitrat und bat, daß er ihm doch nachgeben moͤchte, da dieſer Rathgeber, als ein ſo naher Blutsverwandter, gewiß nur ſein Beſtes wolle, entſchloß er ſich endlich doch, Anſtalt zum Fruͤhſtuͤcke machen zu laſſen. 108 Der mit dazu geladene Herzog von Lancaſter ſchlug ſolches unter dem Anfuͤhren aus, daß ſein Fruhſtuͤck bereits voruͤber ſey. Und waͤhrend der kurzen Zeit der Tafel des Koͤnigs, dem die Ereigniſſe wohl alle Luſt zu Speiſe und Trank benehmen mußten, erfuͤllte ſich die ganze Umgegend mit Reitern und Fußvolk. Der Heerhaufen des Herzogs, der in einiger Ent⸗ fernung gelagert hatte, war nämlich inzwiſchen herangekommen. Als der Koͤnig von der Tafel aufſtand, er⸗ blickte er ihn, und fragte: Wozu die vielen Leute? Euch das Geleit zu geben, bis London, wo⸗ hin ich euch zu bringen verſprochen habe. Und gar kein Ausweg, theurer Vetter, die— ſer Trubſal zu entrinnen? Die Londoner ſind meine Feinde. Denkt ihr, euern Vetter, den Koͤ⸗ nig, der Willkuͤhr ſeiner ergrimmten Widerſacher zu uͤberliefern? Das ſey fern von mir! Meinen Haͤnden aber wuͤrdet ihr euch wohl anvertrauen? Ja!— antwortete der König, nach einigem Beſinnen, aber in einem Tone und mit einem Blicke, die ſeinen Kleinmuth nicht bergen konnten. — 109 So nehme ich euch denn in meinen Schutz, gnaͤdigſter Herr. Wenn ich uͤbrigens heute bis jetzt meine Pflicht gegen euch verlaͤugnete, ſo ge⸗ ſchah es nur, weil mir ſchien, als ob man mich beim Eintreten in dieſes Schloß recht nachdruͤck⸗ lich uͤberzeugen wolle, daß ich ganz in eurer Ge⸗ walt ſey. Hierauf glaubte ich mit einem Stolze antworten zu muͤſſen, den ich, nun die Meinigen unten beiſammen ſind, als voͤllig zwecklos wieder ablege fuͤr immer. Auch fordert ihr dadurch, daß ihr euch mir ergebt, meine ganze Sorgfalt fuͤr eure Erhaltung und Zufriedenheit auf, mein er⸗ lauchter Koͤnig und Herr.— Und Alle, die um den Koͤnig waren, ergaben ſich dem Herzoge ebenfalls zu Gefangenen. Drauf wurden Anſtalten zur Abreiſe getroffen, und der Herzog ging mit entbloͤßtem Haupte zur Linken des Konigs in vertrautem Geſpräche mit dieſem hinunter auf den Schloßplatz und ließ die Thore oͤffnen, und ſprach zu ſeinen beuteluſtigen Leuten, welche davorlagen: Alles hier im Schloſſe, Per⸗ ſonen und Sachen, ſtehet unter meinem beſondern Schutze. Wehe dem, der es wagte, den Gering⸗ ſten zu verletzen mit Handlungen oder auch nur mit Worten, wie dem, der das Mindeſte vom 110 hieſigen Eigenthume ſich anmaßen ſollte. Sein Hals wuͤrde ſofort dem Strange verfallen ſeyn! Dieſe Rede ſchien Vielen inzwiſchen Herein⸗ gedrungenen zu misfallen. Auch ſahen ſie mit finſtern Blicken auf den Herzog und die Ehr⸗ furcht, welche er, im fortdauernden Geſpräche mit dem Koͤnige, dieſem bezeigte. Als nun die Pferde fuͤr die Schloßbewohner insgeſammt zur Abreiſe fertig, und Koͤnig und Herzog eben im Begriff ſtanden, die ihrigen zu beſteigen, da blickte Richard ſich um nach ſeinem Lieblinge, dem Windſpiele, das in ſolchen Fallen ge⸗ wohnlich herausgelaſſen, an ihn freundlich hinauf⸗ zuſpringen und die Vorderlaͤufe auf ſeine Schul⸗ tern zu legen pflegte, diesmal jedoch lief es vor⸗ uͤber an ſeinem Herrn und bewies dieſe Liebkoſung dem Herzoge von Lancaſter. Was will das Thier? fragte dieſer. Vetter— antwortete Richard— das iſt eine große Auszeichnung. Auſſer mir darf ſich deren bis heute Niemand ruͤhmen. Seltſam! ſprach der Herzog. Was aber wi⸗ derfaͤhrt euch, gnädigſter Herr? Euer Geſicht iſt plötzlich zu Schnee erbleicht, und euer Auge zu ſtarrem Glaſe worden! 111 Dieſes Thier— erwiederte er— iſt es, was mich ſo auſſer Faſſung ſetzt. Es verkuͤndet mir meine und eure Zukunft. Gebt Acht, der Hund, deſſen ſeltene Treue, noch dieſen Morgen, der hauptſächlichſte Troſt war in meinen Noͤthen, wird von nun an nur euch ſeine Huldigungen dar⸗ bringen. Und dieſe Ahnung betrog ihn nicht. Denn das Windſpiel wollte durchaus nichts mehr von ſeinem alten Herrn wiſſen, ſondern folgte einzig dem Herzoge von Lancaſter und liebkoſ'te von nun an dieſen allein. 2. In troſtloſer Erwaͤgung des auf ihm laſten⸗ den, faſt unertraͤglichen Schickſals, ſaß Koͤnig Richard im alten Schloſſe zu London. Der Her⸗ zog von Lancaſter hatte die königliche Bitte, den hohen Gefangenen nicht bei Tage durch die Stra⸗ ßen der ihm ſo abgeneigten Stadt zu fuͤhren, ſtatt finden laſſen und ihn bei Nacht, ohne alles Auf⸗ ſehen erregendes Gepraͤnge, nach dem Tower ge⸗ bracht. Aber eben hieruͤber, und daß es ſonach ohne alle oͤffentliche Beſchimpfung abgegangen, war der erbitterte Poͤbel aufgebracht gegen den Herzog 112 Welch' ein Stoff zu troſtloſem Nachdenken fuͤr den ungluͤcklichen Richard, als er ſolches wieder erfuhr! Obſchon er nicht wagte, ſich an den Fenſtern zu zeigen, ſo mußte er doch zuweilen von den unter ihnen Verſammelten ſeinen Namen und manche daran geknuͤpfte Verunglimpfungen und Anklagen hoͤren, wovon bei weitem nicht alle gegruͤndet wa⸗ ren. Auſſer den Vieren, welche er ſelbſt als Rath⸗ geber zu der Ermordung von Gloceſter und Arun⸗ del genannt, und die man vor ſeinen Augen zur Richtſtäͤtte geſchleift hatte, war ihm von ſeinem Hofſtaate keine Perſon entzogen worden, deren er ſich nicht aus freiem Antriebe begeben. Aber die Beſchuldigungen gegen ihn, welche die Vorſteher der Hauptſtadt ihm im Beiſeyn des Herzogs von Lancaſter ſchriftlich vorlegten, erreg⸗ ten ihm um ſo groͤßern Schauer, da er, mit ihrer Wahrheit, die unglaubliche Verblendung anerken⸗ nen mußte, in der er hauptſaͤchlich waͤhrend der letzten Zeit dem allgemeinen Nutzen fortdauernd entgegengewirkt hatte. Die Unmoͤglichkeit einſe⸗ hend, nach ſo vielen, zum Theil hoͤchſt entehren⸗ den, Beſchuldigungen, den hohen Platz mit An⸗ ſtand wieder einnehmen und behaupten zu koͤnnen, dachte er in dem Kleinmuthe, worein er verfallen war, * 113 war, auf nichts weiter, als die Rettung ſeines Lebens und hielt Rath mit ſeiner naͤchſten Umge⸗ bung, was hier wohl zu thun das Beſte ſeyn moͤchte. Die Mehrheit ſeiner Rathgeber billigte den Vorſatz der Thronentſagung. Nur einige, und zu dieſen gehoͤrte der Ritter Wellmoore und deſſen Gemahlin, waren dafuͤr, daß er ſein Recht auf die Krone vielmehr bis auf das Aeuſſerſte ver⸗ theidigen muͤſſe. Das wieder von Neuem in Umlauf gekom⸗ mene Geruͤcht, daß Calais den Franzoſen zuruͤck⸗ gegeben werden ſolle, hatte eine ſehr bittere Stim⸗ mung in London gegen die franzoͤſiſche Nation er⸗ regt. Dieſe aͤuſſerte ſich allenthalben ſo, daß auch der Herzog von Lancaſter den immer dringender wiederholten Antrag genehmigte, der Koͤnigin Iſa⸗ bella, Frau von Couci, und auch Blancen, welche, als aus Paris ihr gefolgt, ebenfalls fuͤr eine dort Eingeborne geachtet wurde, zu entziehen und beide Stellen, ſo wie ihren ganzen Hofſtaat uͤberhaupt, mit Perſonen engliſchen Urſprungs zu beſetzen. 28. Die Koͤnigin bewohnte ſeit Kurzem ein an⸗ ſehnliches Gebaͤude in der Stadt London. Eines II. 114 Morgens kam Arthur eben an der Thuͤr deſſelben voruͤber, als ſeine Geliebte haltungslos wie der Schmerz ſelber, herausſchwankte. Blanca! ſtam⸗ melten unwillkuͤhrlich ſeine Lippen, beim Anblicke des durch die bittern Thraͤnen des Abſchieds von ihrer Gebieterin hochgeroͤtheten, theuern Geſichts und der ermatteten Augen, in denen ſein unver⸗ muthetes Erſcheinen offenbar einen Strahl der Hoffnung erweckte. Ritter— begann ſie, als er, naͤher zu ihr tretend, ſein ganzes Herz in einem einzigen Blicke darlegte— wenn ihr der ſeyd, fuͤr den ich euch halte, o ſo macht, daß ich zuruͤckkehren darf zu meiner armen Gebieterin, die, all der Ihrigen be⸗ raubt und auf Einmal von lauter fremden, feind⸗ ſeligen Geſichtern umringt, in ſo fruͤher Jugend ſchon, aller Truͤbſal auf das Grauſamſte Preis gegeben wird! Arthur antwortete: Blanca, theure Blanca, glaubt gewiß, daß ich mit meinem Leben die Ge⸗ waͤhrung eurer Bitte erkaufen wuͤrde, wenn es damit gethan waͤre. Aber, leider, verzweifle ich an dem Gelingen deſſen, was ihr begehrt. Doch kommt mit zu meinem Herzoge; was meinem 11⁵ Munde mißlaͤnge, ſetzt die zermalmende Bered⸗ ſamkeit eurer Leiden doch vielleicht durch. Wohlan, ſo fuͤhrt mich zu ihm, ſagte Blanca. Obſchon gerade in ihm die Quelle meines und der Koͤnigin hauptſaͤchlichſten Ungluͤcks zu ſuchen iſt, will ich ihrethalben doch meinen Widerwillen zu bekaͤmpfen ſuchen. Und wirklich legte ſie dem Herzoge von Lan⸗ caſter, zu dem Arthur ſie brachte, die Sache der— geſtalt an's Herz, daß er, von ihrem Schmerze und der Schoͤnheit ihres Gefuͤhls ergriffen, alſo zu ihr ſprach: Blanca Wellmoore, bisher beklagte ich oft, daß dem Ritter Oldſon die Kraft gebrach, die Feſſel abzuſtreifen, welche ihn an euch bindet. Doch jetzt erblicke ich durch die Klarheit eures ſchoͤnen Weſens den uͤberirdiſchen Reiz, der ihn daran verhindert. Um ſo bitterer aber auch wird mir der Ausſpruch meiner Ohnmacht im jetzigen Folle. Gewiß, das unverſchuldete Leiden der Koͤ⸗ nigin geht auch mir zu Herzen und doch reicht meine Macht nicht hin, es ihr auf ſolche Weiſe zu lindern, wie ihr wuͤnſcht und die allerdings die heilſamſte ſeyn wuͤrde fuͤr das arme Kind. Allein, mag ſich Iſabella troͤſten mit mir. Bei dem jetzi⸗ gen großen Widerwillen des engliſchen Volks ge⸗ 8* 116 gen Frankreich, muß ja mein eigenes Herz ſein Liebſtes aufgeben. Fragt den Ritter Oldſon, wie bitter mir das Scheiden aus Paris wurde und wie nichts anders mir Erſatz gewaͤhren kann fuͤr den herben Verluſt, den ich an Marien von Eu erleide. Denn ſchwerlich werden meine Verhält— niſſe mir jemals die Vermaͤhlung mit ihr verſtat⸗ ten. Und in dieſem Augenblicke darf ich mich der franzoͤſiſchen Krone auch nicht im mindeſten ge— neigt erzeigen, weil die ſchriftlichen Unterhandlun⸗ gen wegen Uebergabe von Calais ganz England erbittert haben. Zudem iſt Iſabellens jugendliche Heftigkeit vielleicht Urſache geweſen, daß man bei der Wahl ihrer neuen Dienerinnen zunaͤchſt ſolche beruͤckſichtigte, die den vorgefallenen Veraͤnderun⸗ gen mit Eifer ergeben waren. Es ſoll meine naäͤchſte Sorge ſeyn, ihr paſſendere Frauen fuͤr ihren Dienſt zu verſchaffen. Und ihr, Fraͤulein — fragte nun der Herzog— denkt ihr euch in das Haus eures Vaters zu wenden? Ach Gott, gnaͤdiger Herr— antwortete Blanca— wenn ich auch noch einen Vater habe, einen innig geliebten Vater, ſo iſt mir doch, leider! kein Vaterhaus mehr geblieben. Seine Wieder⸗ vermaͤhlung, von der ich erſt hoͤrte, als er dem 117 Könige ſchon hierher gefolgt war, hat mich um dieſen Aufenthalt gebracht. Seit meiner Kindheit an anſtaͤndige Umgebung gewoͤhnt, könnte ich's nimmer aushalten unter Einem Dache mit der jetzigen Herrin dieſes Hauſes. Brav, Fraͤulein; das war die Antwort, die ich erwartete. Ich ehre euer Gefuͤhl fuͤr das Schickliche und hoffe ſolchem nuͤtzlich werden zu koͤnnen. Wo denkt ihr euch ſonſt kuͤnftig auf⸗ zuhalten? Unter der Erde wuͤrde mir's am wohlſten ſeyn! Ein Strom von Thränen ſtuͤrzte bei dieſer Antwort ihr aus den Augen. Ganz unverſchuldet iſt mir auf ihrer Oberflaͤche der anſtaͤndige Auf⸗ enthalt verloren gegangen. Ei nun— verſetzte der Herzog, mit einem Blicke auf ſie und Arthur— die Zuſammenfuͤ⸗ gung der Haͤnde der Liebenden am Altare wuͤrde euch dieſen leicht verſchaffen. Ohne den Willen meines Vaters? Nimmer⸗ mehr. Wie wenig mir auch ſein jetziges Band mit einer Perſon gefallen kann, welche Sitte und Anſtand aus den Augen ſetzt, ſo werde ich dadurch doch keinesweges der Pflicht gegen denjenigen ent⸗ bunden, dem ich mein Leben, dem ich mehr als 118 das, dem ich den Sinn fuͤr das Rechte und Gute verdanke. Der Irrthum, worein er verfallen iſt, muß mich zwar betruͤben, darf aber nie meiner na⸗ tuͤrlichen Verbindlichkeit gegen ihn Eintrag thun. Ritter Arthur— ſprach der Herzog— nehmt meinen herzlichen Gluͤckwunſch zu dieſem ſchoͤnen Sterne euerer Zukunft. Und fuͤr euch, Blanca, ſoll auch geſorgt ſeyn. Meine Baſe, die Herzogin von Gloceſter, wird ſich freuen, in euch eine Ge⸗ ſellſchafterin gefunden zu haben, wie ſie ſolche ſich laͤngſt ſchon wuͤnſchte. An ihrem Hauſe werdet ihr ſchwerlich etwas auszuſetzen finden, zumal da ich einen Plan mit ihr habe, der, ſobald er zur Reife kommt, gewiß zur Befeſtigung eurer Zufrie⸗ denheit gereichen wird. Der Herzog ſelbſt brachte die dankbare Blanca hierauf in das Gloceſterſche Haus. 29. Mit der eingetretenen Dunkelheit trieb eben die zunehmende Unruhe den Koͤnig Richard in ſeinem Zimmer immer heftiger auf und nieder. Alle die Seinigen hatte er fortgeſchickt, des Ge⸗ ſpraͤchs halben, um welches er den Herzog von Lancaſter erſuchen laſſen. Das fruchtloſe, lange, 119 und ſeinem koͤniglichen Willen ganz ungewohnte Warten preßte ihm Schweißtropfen aus der Stir⸗ ne. Drauf verweilte er am Fenſter, ergrimmt uͤber die Ruhe, womit ſo eben der Mond ſich im Spiegel der Themſe beſchauete, als auf dieſer jetzt eine Barke herannahete, durch die ſein Auf⸗ merken erregt wurde. In der That war es der Herzog von Lancaſter mit Arthur und mehrern Rittern. Alles Aufſehn zu vermeiden, hatte er ſeinen Beſuch bis zum Abende verſchoben und ſtatt des Hauptthores, den Eingang vom Fluſſe her, nach dem Tower gewaͤhlt. Der Koͤnig kam dem bei ihm eintretenden mit folgender Anrede entgegen: Geliebter Vetter, obſchon ich jetzt einſehe, wie ſchmerzlich die Be⸗ leidigungen ſeyn mußten, die ich euch zufugte, ſo ſeyd ihr es doch allein, auf den in der jetzigen Lage meine Hoffnung gerichtet iſt. Ich denke dieſe nicht zu täuſchen, gnädiger Herr!— antwortete der Herzog. Kann ich mich doch bereits ruͤhmen, daß durch meine Leitung einem großen Unheile vorgebeugt wurde, welche⸗ euer koͤnigliches Haupt bedrohte, wenn die Buͤr⸗ ger von London ihrer Abneigung freien Lauf laſ⸗ ſen duͤrften. 3 . 1 120 Mit größtem Danke erkenne ich das, theurer Vetter,— ſprach der Koͤnig;— um ſo zuver⸗ ſichtlicher richten ſich auch meine fernern Wuͤnſche an euch. Der Punkt, auf dem ich mich befinde, muß das Verlangen in mir erwecken, den Thron dieſes Koͤnigreichs fuͤr immer aufzugeben. Denn wie moͤchte ich, nach dem, allerdings großentheils durch meine Schuld, Vorgefallenen, fernerhin dort ein Gluͤck, oder auch nur die Ruhe ſuchen, die jedem Menſchen ſo Noth thut? Erlaubt mir, Vet⸗ ter, daß ich in eure Hand die Krone niederlege, welche mir hinfort nur die peinlichſte Laſt ſeyn wuͤrde. Eins jedoch bitte ich dabei, naͤmlich eine Abgeſchiedenheit, bei der mein Leben unter euern Schutz geſtellt bliebe. Gnaädigſter Herr— erwiederte der Herzog — auch wenn ich mich nicht unterfangen darf, die Krone zu ergreifen, deren ihr mein Haupt fuͤr wurdig achtet, ſo hoffe ich doch durch meine, dem Staate geleiſteten, treuen Dienſte ſo viel Ein⸗ fluß auf die Einwohner dieſer Stadt und vielleicht ſogar des ganzen Landes, errungen zu haben, um euch die Gewaͤhrung eures billigen Wunſches zu⸗ ſichern zu koͤnnen. Ein anſtändiger Bofſtaat, von euch ſelbſt beſtellt, ſoll der eurige bleiben, verußt euch auf mein Wort! ½„ 121 Und nach wechſelſeitigen Freundſchaftsverſiche⸗ rungen und dem genehmigten Antrage des Koͤnigs, ſeine junge Gemahlin baldmoͤglichſt an den fran⸗ zoͤſiſchen Hof zuruͤckzuſenden, ſchied der Herzog von Richard, welcher ſeit langer Zeit nicht ſo froh und heiter geſchienen hatte. Aber Frau von Wellmoore, die den gefange⸗ nen Koͤnig am folgenden Morgen beſuchte, und von dem Vorfalle hoͤrte, wußte ihm die mit dieſer Thronentſagung verbundene Gefahr fuͤr ſeine Per⸗ ſon ſo anſchaulich zu machen, daß er die Unmoͤg⸗ lichkeit der Zuruͤcknahme der Sache auſſerordent— lich beklagte. Da rieth ihm denn die ſchoͤne Frau, wenigſtens darauf zu beſtehen, daß ſeine Abdankung die moͤglichſte offentliche Feierlichkeit erhalte. Sie lebte naͤmlich der feſten Ueberzeugung, daß der ruͤhrende Auftritt auch einen großen Theil der Herzen ſeiner Widerſacher ihm wieder zuneigen und ſo der Sache eine Wendung geben werde, welche die Gegenparthei gewiß nicht gefuͤrchtet haͤtte. Die Wärme ihrer Beredſamkeit wußte auch den Koͤnig Richard ſo ſehr fuͤr ihre Vorſtel⸗ lung einzunehmen, daß er ſogleich in einem Schrei⸗ ben an den Herzog von Lancaſter ihren Rath be⸗ folgte. Die Antwort des Herzogs fiel gaͤnzlich 122 nach dem Wunſche des Koͤnigs und ſeiner Rath⸗ geberin aus. 30. Der Herzog von Lancaſter berief die Reichs⸗ ſtände, ihnen den wichtigen Gegenſtand vorzule⸗ gen. Unter andern erſchienen in London die ſchon bei Uebernahme der Reichsverwaltung durch ihn der Verbannung entzogenen, Northumberland, Heinrich Perch und Warwick, ferner der Her⸗ zog von York, welcher bei Wahrnehmung der allgemeinen Stimmung gegen den Koͤnig Richard und der harten, von ihm unwiderlegt gebliebe⸗ nen Anklage, die fruchtloſe Bemuͤhung, ein Heer zu ſeinen Gunſten anzuwerben, aufgegeben, ja ſo⸗ gar ſein Sohn, der dem Koͤnige Richard ſo eifrig zugethan geweſene Herzog von Rutland, in deſſen Haͤnden er Briſtol gelaſſen hatte. Und die Mei⸗ nung, daß Richards Thronentſagung angenommen werden muͤſſe, ſprach ſich um ſo einſtimmiger und dringender aus unter den verſammelten Herren, weil ein ſchon fruͤher in Umlauf geweſenes Ge⸗ ruͤcht, nach welchem Richard der Zweite kein aͤch⸗ ter Sohn des ſchwarzen Prinzen, ſondern ein untergeſchobenes Kind ſey, immer mehr Beſtäti⸗ gung zu erhalten ſchien. Des einzigen Biſchofs 123 von Carlisle Einwendungen dagegen, die vielleicht weniger ſeiner Staatskunſt, als ſeinem edlen Herzen Ehre brachten, konnten, bei der allgemeinen Stim⸗ mung, unmoͤglich auf Beruͤckſichtigung hoffen. Auch darin kam die große Mehrheit der ho⸗ hen Verſammlung uͤberein, daß Niemand wuͤrdiger ſich zeige, den auf dieſe Weiſe erledigten Thron des Koͤnigreichs zu beſteigen, als der Herzog Hein⸗ rich von Lancaſter. Und dieſer fuͤgte ſeinem Danke fuͤr das ehrenvolle Vertrauen die Bitte bei, daß dem Koͤnige Richard ſein Wunſch einer oͤffent⸗ lichen Thronabtretung gewaͤhrt und auch fuͤr die Erhaltung ſeines Lebens und ſeiner Beduͤrfniſſe auf das Beſte Sorge getragen, die junge Gemah⸗ lin aber, wie er ebenfalls wuͤnſche, nach Frank⸗ reich geſendet werde, ſobald man in Erfahrung gebracht habe, ob die Geſinnung des franzoͤſiſchen Hofes gegen England durch die eingetretenen Er⸗ eigniſſe nicht vielleicht geſtoͤrt worden. 31. Ein ſchoͤner, heiterer Morgen hatte die mei⸗ ſten Werkſtaͤtten in der Stadt London geleert und jeden, der es moͤglich machen konnte, von ſeinem Geſchäft in die Straße gerufen, wo ein ſeltenes 124 Schauſpiel ſich vorbereitete. Angefuͤhrt vom Lord Mayor und deſſen zahlreichem Gefolge, ritt der Herzog von Lancaſter, an der Spitze der Vor⸗ nehmſten des Landes, durch das frohe Zujauchzen der zu beiden Seiten der Straßen gedraͤngten Volksmenge, nach dem Tower. Einen beſonders gläͤnzenden Anblick gewaͤhrte dabei unter andern der Erzbiſchof von Canterbury, der im großen Ornate, umgeben von ſeiner geſammten Suite, erſchienen war. Im großen Saale des Towers nahmen hierauf Alle den Platz ein, den das zu erwartende Ereigniß ihnen einraͤumte oder ihr Rang erforderte. Die beklemmende Groͤße deſſelben hielt bald nach der Ankunft jeden Laut gefangen. Da oͤff⸗ neten ſich entfernte Thuͤren und immer naͤher toͤnten die Tritte eines einzelnen Menſchen, wo⸗ durch die uͤrige Todtenſtille nur noch äͤngſtli⸗ cher wurde. Endlich trat der Mann, der ſonſt nie ohne das zahlreichſte, glänzendſte Gefolge von Großen und Hoͤftingen und einer anſehnlichen Leibwache erſchienen war, ganz allein, aber die Krone auf dem Haupte und das Scepter in der Hand, in den Saal. Der Anblick erſchutterte um ſo tiefer, da der koͤnigliche Purpurmantel auf 3 £ — 125 ſeinen Schultern lag und vorn, wo er offen war, die köſtlichſte, von Gold und Juwelen ſtralende Kleidung, den hoͤchſten Feſttag des Reichs anzu⸗ kuͤndigen ſchien. Alles an ihm leuchtete feſtlich, ſein Auge ausgenommen, deſſen matter, duͤſterer Blick die größte Theilnahme aufforderte, da die Leichenblaͤſſe ſeines ſonſt immer ſehr friſchen Ge⸗ ſichts eine auſſerordentliche Zerruͤttung im Innern zugleich an den Tag legte, und das milde Läͤcheln um ſeinen Mund um ſo tiefer auf die Verſamm⸗ lung einwirken mußte, als die heutige freundliche Ergebung darin vormals nie zu ſeinen Eigenſchaf⸗ ten gehört hatte. Nachdem ſein Blick uͤber die Anweſenden hingelaufen, begann der Koͤnig, zwar laut, aber nicht ohne Beben in der Stimme: Ich bin Koͤ⸗ nig von England, Herzog von Aquitanien und Herr von Irland geweſen an zwei und zwanzig Jahr. Jetzt komme ich, dieſer Koͤnigswuͤrde und Herrſchaft, dem Scepter, der Krone und Allem, was dazu gehoͤrt, voͤllig zu entſagen und alles dies in die Hand meines Vetters Heinrichs von Lancaſter niederzulegen. Ich bitte, daß er ſolches annehmen wolle. Hiermit reichte er das Scepter dem Herzoge, 126 welcher es nahm und ſodann dem Erzbiſchof von Canterbury uͤbergab. Dann ergriff Koͤnig Richard die Krone auf ſeinem Haupte, mit beiden Haͤnden und ſprach: Lieber Vetter Heinrich, Herzog von Lancaſter, nehmt dieſen Hauptſchmuck, welcher mir den Na⸗ men eines Koͤnigs von England erwarb, und zu⸗ gleich alle damit verbundenen Rechte. Der Herzog von Lancaſter ergriff hierauf die Krone ebenfalls, um ſie in die Hand jenes Erzbi⸗ ſchofs niederzulegen. Waͤhrend dieſe Verhandlungen aufgezeichnet und gerichtlich beglaubiget wurden, blickte Koͤnig Richards Auge wie fragend umher in der ganzen Verſammlung, ob nicht diejenigen darunter, von deren beſonderer Anhaͤnglichkeit an ſeine Perſon er uͤberzeugt war, die Erſchuͤtterung, welche die ſo eben in ſich ſelbſt zuſammenſinkende Koͤnigsgroͤße hervorgebracht, zu ſeinem Vortheile benutzen moͤch⸗ ten. Umſonſt. Und offenbar weit betrubter als er gekommen, ging er hinweg und der Ruf: Lange lebe Heinrich von Lancaſter, unſer kuͤnftiger König und Herr! ertoͤnte bald zu vollſtimmig, als daß er den vom Throne Heruntergeſtiegenen nicht bis in die entfernteſten Gaͤnge auf ſeiner Ruͤckkehr hatte ver⸗ 427 folgen ſollen. Dieſer Ruf erhob ſich auf's Neue, vom verſammelten Volke unterſtuͤtzt, als der Zug, wie er gekommen war, zuruͤckging und die beiden Reichskleinode wohlverwahrt nach der Weſtmin⸗ ſterabtei in die Schatzkammer gebracht wurden. 32. Dienſtags am dreißigſten September im Jahre 1399 war es, daß der Herzog von Lanca⸗ ſter im Weſtminſterpalaſte Parlament hielt. Die Praͤlaten und die uͤbrige Geiſtlichkeit, nebſt allen Herzogen und Grafen des Reichs, auch einer großen Anzahl von Deputirten aus den Städten, hatten ſich eingefunden. Und dieſer Verſammlung, gewiſſermaßen von ganz England, wurde die Frage vorgelegt, ob ſie dem Herzoge Heinrich von Lan⸗ caſter, dem das Land nicht allein durch das Recht der Eroberung, ſondern auch als rechtmaͤßiges Erbe und durch Richards vor Praͤlaten, Herzogen, Gra⸗ fen und Herren im großen Saale des Towers ganz freiwillig geſchehene Abtretung, zugehore, zum Koͤnige annehmen wolle. Dabei wurde verlangt, daß jeder ohne den mindeſten Zwang ſeine Mei⸗ nung daruͤber aͤuſſern moͤge. Und mit Enthuſias⸗ mus rief Alles wie aus Einem Munde, daß man 128 nur den Herzog Heinrich von Lancaſter wuͤnſche und keinen als ihn. Als nun auf die wiederholte Frage dieſelbe Antwort nochmals erfolgt war und der Herzog ſeinen Dank fuͤr das ihm vergoͤnnte Zutrauen und die Liebe Englands ausgeſprochen hatte, ſtieg er die Stufen zu dem bis dahin leer geweſenen, goldenen Koͤnigsſitze hinan und nahm Platz darauf. In einem einſtimmigen Laute rauſchte nun⸗ mehr die allgemeine Freude durch den ungeheuern Saal und alles Volk hielt die Hände hoch empor und gelobte ihm Treue und Gehorſam. Der dreizehnte Oktober ward zugleich zur Kroͤnung des neuerwählten Koͤnigs feſtgeſetzt und das Parlament ſchloß ſich mit dem allgemei⸗ nen Ausrufe: Lange lebe Koͤnig Heinrich der Vierte! 33. Am Sonnabende vor dem Kroͤnungsſeſte ver⸗ ließ Koͤnig Heinrich Weſtminſter und begab ſich in das Schloß zu London, begleitet von den Vor⸗ nehmſten des Reichs. Sechs und vierzig Knap⸗ pen, denen der Ritterſchlag zugedacht war, hielten hier die gewoͤhnliche Nachtwache, jeder davon in einem 129 einem beſondern Gemache, wo ihm auch das ge⸗ wöhnliche Bad bereitet wurde. Den folgenden Vormittag in der Meſſe ſchlug ſie der Koͤnig insgeſammt zu Rittern und ließ ihnen lange, gruͤne Röcke mit engen Aermeln reichen, die, nach Art der Praͤlaten, bunt aufgeſchlagen waren. Auf der linken Schulter trugen dieſe Ritter eine doppelte Borte von weißer Seide, mit aͤhnlichen herunterhangenden Quaſten. Der Zug am Nachmittage aus dem Tower nach dem Weſtminſterpalaſte legte eine hohe Pracht zur Schau. Der Koͤnig, von dem Prinzen Hein⸗ rich ſeinem Sohne, ſechs Herzogen, ſechs Grafen, achtzehn Baronen und acht bis neunhundert Rit⸗ tern begleitet, ſaß, mit unbedecktem Haupte, auf einem wunderſchoͤnen, ſchneeweißen Roſſe. Er trug ein kurzes, nach deutſcher Sitte gefertigtes, Oberkleid von Goldſtoff, den Orden des blauen Hoſenbandes unter dem Knie, dazu das ihm vom Koͤnige von Frankreich verehrte Bildniß an der gol⸗ denen Kette um ſeinen Hals. Das Volk kannte bereits ſeine Geſinnung zu gut, als daß dieſes ihm haͤtte Anſtoß geben ſollen, da er gewiß nicht, gleich dem Koͤnige Richard, auf Koſten Englands eine Vorliebe fuͤr Frankreich hegte, wohl aber bei II. 9 130 dem eingetretenen Regierungswechſel, welcher dem Koͤnige Karl, ſeiner Tochter halber, empfindlich ſeyn mußte, letzterm, ſchon aus Klugheit, alle moͤgliche Ehre zu bezeigen wuͤnſchte. Vor allem aber gewann er die Herzen immer mehr durch das leutſelige Weſen, womit er den zu beiden Seiten des Zuges dicht gedrängten Volksreihen ſich freundlich zuneigte. Und, wie gar haͤufig das Unbedeutende und an ſich ganz Gleichguͤltige den groͤßten Einfluß auf die Gunſt oder Abneigung eines Volks gegen den Regenten aͤuſſert, ſo wirkte die Vergleichung, welche man hierin zwiſchen ihm und ſeinem Vorgaͤnger anſtellte, der dieſe Aufmerk⸗ ſamkeit nicht zu beobachten pflegte, immer nach⸗ theiliger auf die Geſinnung der Menſchen gegen den letztern. Den Zug vergroͤßerten der Lord Mayor, die Aldermaͤnner und angeſehenſten der Kaufleute und Einwohner von London, nebſt den Vorſtehern der Gilden mit ihren Faͤhnlein und Schildern, ins⸗ geſammt auf das Feſtlichſte geſchmuͤckt. Der Reiter allein gab es ſechstauſend dabei. In den Straßen, welche die Feierlichkeit beruͤhrte, wa⸗ ren die Haͤuſer insgeſammt verziert, zum Theil mit ausgezeichneter Pracht. Allenthalben zeigten 131 ſich Sinnſpruͤche, mitunter in Buchſtaben aus den koͤſtlichſten Blumen zuſammengeſetzt und nur Ein fortdauernder Freudenzuruf erſcholl unten, wie aus den mit Menſchen uͤberfullten offenen Fen⸗ ſtern. Und an dieſem und dem folgenden Tage floß aus neun Brunnen weißer und rother Wein fuͤr Jedermann vom Morgen bis in die Nacht. In der Nacht zum Mondtage nahm der Koͤ⸗ nig das Bad, legte ſogleich am andern Morgen, nachdem er aufgeſtanden war, ſeine Beichte ab und wohnte ſodann dreien Meſſen bei. Darauf bewegte ſich in ungemeiner Wuͤrde ein Zug von Praͤlaten und Geiſtlichen aus der Weſtminſterkirche nach dem Palaſte und kehrte nachmals aus dieſem mit dem Koͤnige zuruͤck, wel⸗ chem die Herzoge, Grafen und Barone folgten, insgeſammt in langen Scharlachkleidern, bunt auf⸗ geſchlagenen Maͤnteln und großen Kappen mit ähnlichem Aufſchlage. Die Herzoge und Grafen trugen drei bunte Borten, ohngefaͤhr eine Viertel⸗ elle lang, auf der linken Schulter. Die Barone hatten deren nur zwei und alle uͤbrigen Ritter und Adeliche waren ebenfalls in Scharlach geklei⸗ det. Der Koͤnig aber ging in der hoͤchſten Pracht, den Purpurmantel auf den Schultern, jedoch mit 9* 132 entbloßtem Haupte. Ueber dieſem breitete ſich ein Himmel von dunkelblauer Seide, mit vier helltö⸗ nenden Glocken behangen, aus, der, einem alten Rechte zufolge, von vier Buͤrgern der Stadt Do⸗ wer getragen wurde. Dem Koͤnige zur Rechten ging ſein Sohn Heinrich Prinz von Wales und zur Linken der Großfeldherr Heinrich Graf von Northumberland, der erſte das Schwert der Kirche, der zweite das der Gerechtigkeit tragend. Der Reichsmarſchall Graf von Weſtmoreland aber folgte ihm mit dem Scepter. So ſchritt, von einer zahlloſen Volksmenge begleitet, der Zug nach der Kirche. In ihrer Mitte ſtand ein prachtvoll uber⸗ hangenes Geruͤſt mit dem goldenen Throne, auf welchem der König Platz nahm. Da that der Erzbiſchof von Canterbury dem Volke kund, daß Gott ihn auserſehen habe zu ſeinem Koͤnige und Herrn und fragte nachher, ob es auch der Wille jedes der Anweſenden ſey, daß er als ſolcher ge⸗ weiht und gekrönt werde. Wie aus Einem Munde erſcholl hierauf das allgemeine Ja, das in der boͤlbung der Kirche einen kraͤftigen Wiederhall fand. Dazu hoben alle die Haͤnde hoch empor, ihm Treue und Gehorſam gelobend. Nunmehr bewegte ſich der König von ſeinem Throne nach dem Altare zur Weihe, zu welcher zwei Erzbi⸗ — 133 ſchoͤfe und zehn Biſchoͤfe ſich um ihn verſammel⸗ ten. Hier ward er denn unter dem Abſingen der Litanei entkleidet, eingeſegnet und geſalbt, wobei man ihm eine Muͤtze auf das Haupt ſetzte und ihn ſo kleidete, als gehoͤre er dem geiſtlichen Stande an. Dann wurde dem aus der Scheide gezoge⸗ nen Schwerte der Gerechtigkeit die Weihe ertheilt und ſolches dem Koͤnige uͤberreicht, welches er wie⸗ der in die Scheide ſchob. Der Erzbiſchof von Canterbury umguͤrtete ihn hierauf damit. Dann brachte man die Krone des heiligen Eduard herbei, welche ebenfalls geweiht und von demſelben Erz⸗ biſchofe dem Koͤnige auf das Haupt geſetzt wurde. Nach Beendigung des nun anhebenden feierlichen Hochamts verließ der Koͤnig das Gotteshaus wie⸗ der. Und der Zug kehrte zuruͤck nach dem Pa⸗ laſte, in deſſen Hofe ein Brunnen mit weißem und rothem Weine ſich befand. Drauf begab ſich der Koͤnig in den Saal und zog ſich von da in ſeine Wohnzimmer. Fuͤr den Mittag war an fuͤnf Tafeln ein glaͤnzendes Mahl im Saale bereitet. An der er⸗ ſten Tafel ſaß der Koͤnig. Ihm zur Rechten hatte der Prinz von Wales, mit dem Schwerte der Kirche verſehen, ſeinen Platz, zur Linken der Graf 134 von Northumberland mit dem Schwerte der Ge⸗ rechtigkeit und am Ende der Tafel der Marſchall, welcher das Scepter trug. Auſſerdem befand ſich Niemand an dieſer Tafel, als die beiden Erzbi⸗ ſchoͤfe und ſiebzehn Biſchoͤfe. An der zweiten Tafel ſaßen die fuͤnf Pairs des Reichs, mit den Vornehmſten, Herzogen, Gra⸗ fen und Herren; an der dritten die Gemeinen der Stadt London; an der vierten die ſechs und vierzig, welche am Tage zuvor erſt den Ritter⸗ ſchlag erhalten hatten und an der fuͤnften die Eh⸗ renritter und Knappen. Waͤhrend dieſes Mahls erſchien vor dem Pa⸗ laſte ein Ritter, zum Streite voͤllig geruͤſtet, auf einem, wie er ſelbſt, mit rothem Panzer ganz be⸗ deckten Roſſe, nebſt einem andern, der ihm die Lanze trug. Er uͤberreichte dem Koͤnige eine ſchriftliche Ausforderung an jeden Ritter oder Adelichen, der behaupten moͤge, daß Koͤnig Hein⸗ rich nicht der wahre Koͤnig von England ſey. Er ſtehe bereit, dies im Beiſeyn ſeines gnädigſten Herrn und mit ſeinen Waffen zu beweiſen, zu jeder Stunde, welche Se. Majeſtät dazu feſtzu⸗ ſetzen geruhen wollte. Koͤnig Heinrich ließ hierauf dieſe Ausforde⸗ — 135 rung durch den Waffenkönig, ſowohl im Saale, als auch an ſechs Orten der Stadt ausrufen, aber Niemand fand ſich, ſie anzunehmen. Nach gehaltenem Mahle wurde im naͤmli⸗ chen Saale Wein und Zuckerwerk herumgereicht. Drauf zog ſich der Koͤnig zuruͤck und die ganze Verſammlung ging aus einander. 34. Wie eifrig aber auch Koͤnig Heinrich ſich beſtrebte, die Wunden zu heilen, welche die Ver⸗ waltung ſeines Vorgängers dem Reiche geſchlagen hatte, und wie allgemein dieſes Beſtreben Aner⸗ kennung, im Adel ſowohl als im Volke, fand, ſo konnte es doch kaum fehlen, daß die naͤchſten Verwandten des im Tower gefangen gehaltenen Richard, und hauptſaͤchlich diejenigen, welche den Misbräuchen der vorigen Regierung ihr Gluͤck verdankten, die fuͤr ganz England ſo heilſame Ver⸗ änderung mit dem Auge des Unwillens betrachte⸗ ten und im Stillen auf Raͤnke ſannen, das neue Regiment wo moͤglich wieder umzuſturzen. Durch beſondere Guͤte ſuchte der Monarch ihre heimliche Thätigkeit im Keime zu erſticken. So nahm er unter andern ſeinen Schwager, den ihm ſehr ſeindlich geſinnten Bruder des Koͤnigs Richard, den Grafen von Holland, zu Gnaden an, ſchenkte auch auf ſeine Bitte dem gefangenen Grafen von Salisbury, deſſen oͤffentliche Enthaup⸗ tung die Stadt London, beſonders wegen der Ver⸗ läͤumdungen, womit er, als Richards Abgeſandter, dem Vermaͤhlungsplane des nunmehrigen Koͤnigs in Paris entgegengearbeitet hatte, fortdauernd be⸗ gehrte, Leben und Freiheit. Allein eben dieſe zwei Begnadigten wirkten nun nur deſto kraͤftiger wider den neuen Monarchen. Dazu kam, daß die nach Frankreich zuruckgekehrte Frau von Couci, wegen der ihr widerfahrenen Entlaſſung, am dortigen Hofe, bei Darſtellung der eingetretenen Ereigniſſe, ihren ganzen Groll gegen die neue Regierung aus⸗ ließ und damit ihren Zweck, das koͤnigliche Haus gegen England zu erbittern, auch vollkommen er⸗ reichte. Ergriffen doch den König ihre Mitthei⸗ lungen uͤber den Zuſtand Englands und ſeiner Tochter dergeſtalt, daß er daruͤber in ſein altes Uebel, den Wahnſinn, von dem man ihn gaͤnzlich geheilt glaubte, zuruͤckverfiel. Ob man aber ſchon Anſtand nahm, einen offe⸗ nen Krieg gegen den neuen Koͤnig zu wagen, ſo hoffte man doch den Zweck deſſelben durch heimliche Auf⸗ regungen in England deſto ſicherer zu erreichen. ——— —————— 137 Zuerſt ſtrebte man, die Staͤdte Bordeaux und Bayonne, wovon beſonders die erſtere dem in ihr geborenen Koͤnige Richard, wegen der beſondern Beguͤnſtigung, welche er ihr ſtets hatte widerfah⸗ ren laſſen, ſehr wohlwollte, zum Abfalle zu bewe⸗ gen, aber vergebens. Hauptſaͤchlich vielleicht, um von der Stim⸗ mung der engliſchen Hauptſtadt und des ganzen Landes genau unterrichtet zu werden, ſendete der franzoͤſiſche Hof nunmehr die Herren von Labret und Hangers an die Koͤnigin Iſabelle nach Eng⸗ land. Konig Heinrich hielt ſich gerade zu El⸗ tham auf. Sie fanden die ausgezeichnetſte Auf⸗ nahme bei ihm, und ſtatt ihrem Auftrage an die Koͤnigin irgend ein Hinderniß in den Weg zu le⸗ gen, ertheilte er dem Grafen von Northumber⸗ land Befehl, ſie zu ihr zu begleiten, welche eben in der Naͤhe von London auf dem Lande wohnte, woſelbſt die Herzogin von Irland, eine Tochter der Frau von Couci und die Herzogin von Glo⸗ ceſter mit ihren Toͤchtern und noch einigen Frauen und Fraͤulein ihr eine fuͤr die Umſtände nicht unanſehnliche Hofhaltung bildeten. Arthur begab ſich mit dahin und war hoch⸗ erfreut, ſeine Geliebte, ſeit jener Ungluckszeit vol⸗ 138 lig hergeſtellt, wieder zu ſehen. Ihre beſondere Genugthuung druͤckte ſie daruͤber aus, daß Koͤnig Heinrich Alles gethan hatte, um der jungen Toch⸗ ter von Frankreich die geſtoͤrten Verhaͤltniſſe wenig⸗ ſtens ſo angenehm als moͤglich zu machen. Nur Eine Beſorgniß quälte Blancen, und das war das Gefährliche der Lage ihres Vaters. Aus ſicherer Quelle wollte ſie wiſſen, daß ſeine unwuͤrdige Gemahlin, mißvergnuͤgt wegen des Koͤnigs Ri⸗ chard nunmehriger Beſchraͤnkung, welche auf ihren Hochmuth und auf ihre Habſucht allerdings gleich nachtheilig zuruͤckwirken moͤchte, ihre ganze Ueber⸗ redung anwendete, ihn zur Reue uͤber ſeinen Ent— ſchluß der Thronabtretung zu bewegen. Wie ſein boͤſer Daͤmon ſuche ſie den gefangenen Koͤnig im⸗ mer zur Unzufriedenheit mit ſeiner jetzigen Lage zu verleiten und ſolle ſeine mehrmalige Aeuſſerung, daß er ſich darin recht wohl befinde, da ſeine Ta⸗ fel und uͤbrige Lebensgewohnheit keinen weſentli⸗ chen Abbruch erlitten, ihm auf die ungeziemendſte Weiſe verwieſen haben. Blanca achtete die Ent⸗ fernung dieſer Frau vom Koͤnige Richard fuͤr das Rathſamſte, weil durch ſie ohne Zweifel noch ir⸗ gend ein Unheil angeſtiftet wuͤrde, und ihr be⸗ dauernswerther Vater, wegen ſeiner ſklaviſchen ——— ——— 139 Ergebenheit in Flora's Willen, einer Verflechtung darein kaum zu entgehen vermoͤge. Arthur fragte, ob es ihr Wunſch ſey, daß Koͤnig Heinrich davon unterrichtet wuͤrde. Mein ſehnlichſter!— antwortete ſie.— Wenn ihr dabei, wie ich euch zutrauen darf, mit der noͤthigen Behutſamkeit und Schonung meines ar⸗ men Vaters zu Werke gehen wollt. Arthur verſprach, ihrem Verlangen nachzu⸗ kommen. Allein vergebens trug der Ritter bei ſeinem Gebieter auf Flora's Entfernung vom Koͤ⸗ nige Richard an. Nein— antwortete Heinrich — wohnt ſie doch nicht einmal mit im Tower, und beſucht ihn nur bisweilen. Gerade die Weg⸗ nahme dieſer Frau wuͤrde dem Gefangenen recht empfindlich fallen, und dies abgerechnet, wuͤrfe ſie auch auf mich den Schein der Furcht vor einer Weibsperſon. Fuͤr ſolche Furcht iſt kein Raum in meiner Seele. Dazu ſcheint mir mein Thron bereits allzufeſt zu ſtehen. 35. Mit Honig auf den Lippen, aber vermuthlich mit deſto heftigerm Gifte im Herzen, verließen die beiden franzoͤſiſchen Abgeſandten den Koͤnig, 140 der ihretwegen von Eltham nach Weſtminſter ge⸗ kommen war und ihnen im dortigen Palaſte ein anmuthiges Feſt gegeben hatte.— Ein Verſuch der Grafen von Holland, Kent und Salisbury, den Koͤnig beim Mahle, nach einem Turniere, zu uͤberfallen und umzubringen, war mislungen. Gewarnt davor(wie es hieß, von einem der Theilnehmer, dem Herzoge von Rutland) war der mit groͤßter Unterwuͤrfigkeit von Holland dazu eingeladene Heinrich daſelbſt nicht erſchienen. Aber die Verſchwoͤrung gegen ihn hatte bereits zu viele Theilnehmer, um durch laͤngern Aufſchub des Ausbruchs ihr Geheimniß nicht in Gefahr zu ſetzen. Daher bewogen ſie einen Geiſtlichen aus Richards Kapelle, der auſſer— ordentliche Aehnlichkeit mit dieſem, ſeinem Herrn hatte, die Perſon des gefangenen Koͤnigs vorzu⸗ ſtellen. Unter dem Vorgeben, daß er ſich ſeiner Gefangenſchaft zu entziehen gewußt, nahmen ſie ihn mit ſich, in ſeinem Namen zu werben und gedachten ſo mit einem Haufen Gewaffneter den Koͤnig Heinrich, welcher eben in Windſor Hof hielt, daſelbſt aufzuheben. Allein Heinrich, in Zei⸗ ten davon unterrichtet, begab ſich nach London, erſt in den Tower, den Koͤnig Richard uͤber das 141 fuͤr ihn Unternommene zur Rede zu ſtellen, und dann mit dem Lord Mayor das Weitere zu be⸗ rathen. Bevor aber noch der gefaßte Beſchluß, den naͤherruͤckenden Rebellen mit Waffenmacht entge⸗ gen zu gehen, zur Ausfuͤhrung kommen konnte, waren ſie zu Suſſex, wo ſie vorgegeben hatten, daß Koͤnig Richard unter ihnen ſey, dem dortigen Beamten verdaͤchtig geworden. Dieſer ſammelte daher ſogleich ſeine Leute und umringte und er⸗ ſtuͤrmte das Haus, das ſie inne hatten, wobei die Haͤupter des Aufruhrs insgeſammt um's Le⸗ ben kamen. Doch obſchon die Stadt London dem Koͤ⸗ nige Heinrich vorhielt, daß die allgemeine Sicher⸗ heit und die ſeinige ſchwerlich durch ſolche Auf⸗ tritte geſtoͤrt worden ſeyn wuͤrde, wenn er dem Antrage zu Richards Hinrichtung fruͤher nachge⸗ geben, und zugleich die Hoffnung ausdruͤckte, daß nunmehr wenigſtens der Konig dieſe Sicherungs⸗ maasregel nicht laͤnger ausſetzen moͤchte, da ganz offenbar der Gefangene mit den Verräthern im Einverſtändniß geweſen, ſo wollte er ſich doch nicht zu ſolch einer Gewaltthat entſchließen. Ich habe ihm meinen Schutz zugeſichert— ſagte er— und werde ihm Wort halten. Bei meinem Zorne daher keinen Laut mehr hieruͤber, ſo lange der offenbare Verrath des Gefangenen nicht klar erwieſen iſt. 36. Mehr als ſeit langer Zeit das Herz den Hoffnungen einer gluͤcklichen Zukunft aufgeſchloſ⸗ ſen, ging Arthur eines Abends auf und nieder in ſeinem Wohngemache. Was immer ſein vorzug⸗ lichſter Wunſch und zugleich die Hauptſorge ſeines Lebens geweſen, ſchien endlich ſich auf das Gluck⸗ lichſte geſtalten zu wollen. Das Unerwartetſte war ihm begegnet; Blanca's Stiefmutter hatte ihn zu ſich rufen laſſen und an die Bitte, den alten Groll fuͤr immer zu vergeſſen, im Namen ihres Gemahls die beſten Vorſchläge geknuͤpft. Zuruͤckgekommen von der Ausſicht, den mit ſeiner Lage zufriedenen König Richard auf dem freiwil⸗ lig aufgegebenen Platze jemals wieder zu erblicken, ſchien ſie jetzt nichts ſehnlicher zu wuͤnſchen, als die Ausgleichung mit ihrer Stieftochter. Alles Streben nach äuſſerm Glanze— ſagte ſie— iſt Thorheit und das wahre Gluͤck des Menſchen be⸗ ſteht darin, ſich auf ſeinen Familienkreis zu be⸗ 143 ſchraͤnken. Je laͤnger ich dieſes verkannt habe, um ſo feſter bin ich jetzt davon uͤberzeugt. Hier⸗ 1 auf äuſſerte ſie, daß gewiß nur wenig herzliche Worte von ihr hinreichen wuͤrden, das ſo uͤberaus unguͤnſtige Licht, worin Blanca ſie zeither erblickt habe, ganz von ihr zu nehmen und eine Fami⸗ lieneinigkeit zu bewirken, welche ihrem, zur voll— 1 gen Erkenntniß gekommenen Herzen nunmehr das nothwendigſte Beduͤrfniß ſey. Im Voraus erklaͤre ſie ihre Bereitwilligkeit, mit dem Verlaſſen des Königs Richard, das Geruͤcht einer beſondern Verbindung zwiſchen ihm und ihr gaͤnzlich zu zerſtoͤren und ihre Wohnung zu nehmen, wo die ſo verſtaͤndige Blanca ſolches am gerathenſten fin⸗ den werde. Nur ihre Liebe, wo moͤglich, oder doch wenigſtens erſt vor der Hand die Gelegenheit ihr darzuthun, daß ſie ſich nicht unverdient um dieſe Liebe bewerbe, nur dieſe Gelegenheit wuͤnſche ſie zu erhalten. Zur Vermittelung hierzu wiſſe ſie Niemand, als den Ritter. Daß der Preis des Werks die väterliche Einwilligung in ſeine Ver⸗ bindung mit der Geliebten ſey, werde ihn beſon⸗ ders dazu anreizen, ſich der Sache zu unterziehen. Uebrigens könne er uͤberzeugt ſeyn, daß auch, wenn, wider Verhoffen, die Kraft ſolch eines Vorſprechers an Blanca's Herzen verloren gehen ſollte, ſie dennoch, in der gewiſſen Vorausſetzung, daß er wenigſtens das Seinige zu ihrem Zwecke redlich beitragen werde, ihm Blanca's Hand bei ihrem Gemahle zuverläſſig auszuwirken gelobe. Durfte Arthur hier wohl ſeine Zuſage verwei⸗ gern? Hatten doch die Worte der ſchoͤnen Frau in der That etwas ſo Ueberredendes, auch ſchien es ihm billig und den Umſtänden durchaus angemeſſen, die Unterredung mit Blanca, worauf ja doch der Antrag ihrer Stiefmutter allein ging, wirklich zu Stande zu bringen. Glͤckte es letzterer, ſich von dem, allerdings aͤußerſt ſtarken Verdachte zu reini⸗ gen, ſo war die Einigkeit einer Familie wieder gewonnen, welche, wegen der innigen Zuneigung Blanca's zu ihrem Vater, zur voͤlligen Zufrieden⸗ ſtellung ſeiner Geliebten mit gehoͤrte. Gluͤckte es ihr aber auch nicht, ſo erlangte er doch mit Einem Male die Ausſicht auf den ſo lange er— ſehnten Verein mit der Geliebten wieder, eine Ausſicht, die ihm in der letzten Zeit ganz ge⸗ fehlt hatte. Noch mehr: dieſe griffuungen beruhigten ihn auch von einer andern Seite. Vermöge der be⸗ ſondern Aufmerkſamkeit, welche dem Ritter, ſeit der ——— — —— 145 der erwähnten Emporung, auf den gefangenen Ri⸗ chard, vom Koͤnige ingeheim empfohlen war, hatte ihm der Schloß-Hauptmann ſchon vor mehrern Tagen von einer auſſerordentlichen Geſchaͤftsthaͤ⸗ tigkeit im Hofſtaate des hohen Gefangenen Nach⸗ richt ertheilt, und erſt an dieſem Morgen mit ihm von mehrern, ſpaͤt Abends angelangten Kiſten geſprochen, welche Waffen zu enthalten geſchienen. Obſchon Arthurn die Sache ebenfalls nicht unbe⸗ denklich vorkam, ſo billigte er doch den Intrag des Hauptmanns auf eine Unterſuchung nicht, weil er, nach den heiligen Verſicherungen, welche der Gefangene dem Könige Heinrich uͤber die vol⸗ lige Zufriedenheit mit ſeiner Lage gegeben, und nach dem Abſcheu, den er ihm uͤber alle faͤlſchlich unter ſeinem Namen begonnene Aufruhrverſuche ausgedruckt hatte, nicht die mindeſte Beunruhi⸗ gung des vormaligen Koͤnigs zu erlauben dachte. Er glaubte auf dieſe Weiſe im Geiſte ſeines Ge⸗ bieters zu handeln, und gab dem Schloßhaupt⸗ manne blos eine Verdoppelung der zeitherigen Achtſamkeit und ſolche Vorſichtsmaasregeln auf, welche kein neues Mistrauen gegen den Gefange⸗ nen an den Tag legten. Nach den ihm von Blanca's Stiefnutte II. 10 146 geſchehenen Eroffnungen, war es ihm zwiefach lieb, daß er ſich auf die vorgeſchlagene Ausſu⸗ chung nicht eingelaſſen hatte. Ein eiligſt ſeinem Gemache ſich nähernder Sporntritt ſtoͤrte ihn in dem ſuͤßen Traume ſeiner Zukunft, worein die Einbildungskraft ihn ſo eben gewiegt hatte. Es war der Schloßhauptmann. Herr Ritter— begann er athemlos, und ſein rollendes Auge verkuͤndete Unheil— nun wird es volliger Ernſt. Das deutliche Waffengetoͤſe in Ri⸗ chards Wohnung veranlaßte Beobachtungen durch das Schluſſelloch, und da dieſe zu keiner Gewißheit fuͤhrten, loͤſte ich einem von den Knechten des Ge⸗ fangenen durch meinen Wein die Zunge. Damit er nicht auch Andern das plaudere, was er mir plauderte, habe ich ihn in den Keller geſchafft. Mit großer Aengſtlichkeit fragte dieſen Nachmittag der Ritter Wellmoore nach ihm, und ſchon bin ich zum dritten Male hier in eurer Wohnung und herzlich froh, euch endlich anzutreffen. In dieſer Stunde ſchon ſoll der Durchbruch geſchehen. Ganz betaͤubt durch dieſe voͤllig unerwartete Nachricht, waffnete ſich Arthur auf der Stelle und eilte nach dem Tower mit dem Hauptmanne. Ein Theil der ſchon durch letztern verſtaͤrkten — 147 Wache, begab ſich in aller Stille an eine Thuͤr welche ſtets verſchloſſen war, aber, ihres Alters halber, ohne Beruͤhrung des Schloſſes durch Ri⸗ chards Leute von innen aufgeſprengt werden ſollte. Eine Viertelſtunde lang war in dem Gange, zu dem ſie fuͤhrte, von auſſen nichts wahrzunehmen, als die tiefſte Ruhe. Späterhin aber regte ſich's leiſe, und dann vernahm man ganz deutlich die Fußtritte Gewaffneter. Die bereits durch Arbei⸗ ten von innen zum Aufſpringen vorbereitete Thuͤr oͤffnete ſich jetzt ohne alles Geraͤuſch. Aber der Schrecken derer, die hier ganz un⸗ bemerkt zu entſchluͤpfen und nach der Themſe zu entkommen dachten, uͤber die Bewehrten, die ihnen entgegen traten, war ſo groß, daß ſie insgeſammt einen Augenblick wie erſtarrt daſtanden, einen Knecht ausgenommen, der ſich mit aͤuſſerſter Wuth auf den ihm zunaͤchſt ſtehenden Arthur warf, und ſo der Wache gewiſſermaßen ſelbſt das Zeichen gab, ihre Wehr ebenfalls zu gebrauchen. Arthur war mit einer leichten Verwundung am Halſe davon gekommen, der Knecht hingegen, ſein Angreifer, durch ſein Schwert niedergeſtreckt, das ihm, neben der Schulter hinein, bis tief in die Bruſt ging. Nur Ein Opfer noch war die Folge dieſes Un⸗ 10* 4 1 3 —— — —————— 148 ternehmens, und zwar das Hoͤchſte, welches hier hatte fallen koͤnnen. Koͤnig Richard, in Verzweif⸗ lung uͤber den unerwarteten Widerſtand, mit ſei⸗. nem Schwerte auf die Wache eindringend, lag regungslos auf dem Boden. Während die Theil⸗ nehmer an ſeiner Flucht verhaftet wurden, war Arthur und der Hauptmann mit ihm beſchäftigt. Aber obſchon an ſeinem Koͤrper nirgend eine Wunde ſich wahrnehmen ließ, mislang doch jeder Verſuch ihn in's Leben zuruͤckzubringen. Entwe⸗ der hatte ein gewaltſamer Druck am Halſe durch Pierce von Eyton, wie man glaubte, oder der Schrecken ihm den Tod gegeben. Im Innern vernichtet durch dieſen Trauer⸗ fall, wankte Arthur hinweg. So ſpät es auch ſchon war, ſo eilte er doch noch zu dem Koͤnige, der eben im Begriff ſtand, zur Ruhe zu gehen. Heinrichs Erſchuͤtterung uͤber dieſe Nachricht läßt ſich nicht beſchreiben. Auch der Koͤnige Wille— rief er aus— wie ohnmaͤchtig iſt er doch! Ihr wißt, wie ernſt— lich ich mich allen Unternehmungen gegen Ri⸗ chard's Leben widerſetzte. Und nun wird man ge⸗ wiß nichts als Heuchelei hierin ſehen und die nie raſtende Verlaͤumdung mich als ſeinen Moͤrder ausſchreien!— 149 Ganz unheimlich aber wurde dem Ritter Old⸗ ſon bei der Ruͤckkehr nach ſeiner Wohnung mit der Erinnerung, aus welchen lieblichen Bildern der Schloßhauptmann hier ihn aufgeſchreckt hatte. Was waren alle dieſe Bilder geweſen, als das truͤglichſte Schattenſpiel? Vielleicht wußte er kaum ſelbſt anzugeben, warum er jetzt nach Wellmoore's Behauſung eilte. Er fand ſolche ganz verlaſſen. Alles war, nach des Hauswirths Berichte, vor Kurzem auf das Schleunigſte abgereiſt. Am folgenden Tage erhielt er auch durch den Schloßhauptmann voͤlligen Aufſchluß uͤber die Gaukelei, welche Flora am Tage zuvor mit ihm veranſtaltete. Durch einen geheimen, nach ihrer mislungenen Flucht aber bekannt gewordenen Ka⸗ nal, war ſie unter andern auch von der Ober⸗ aufſicht Arthurs uͤber den koͤniglichen Gefange⸗ nen und dem Argwohne unterrichtet worden, den in den letzten Tagen der Schloßhauptmann ge⸗ gen ihn gefaßt hatte. Einzig, um den Ritter Oldſon recht ſicher zu machen in Anſehung Ri⸗ chards, mochte ſie ihn unſtreitig mit dem Luͤgen⸗ gewebe von dem voͤlligen Aufgeben ihrer fruͤhern Plane und ihrem Wunſche nach mit Blancen, umſtrickt haben. 2 Finſter, wie das Grab, lag die Nacht uͤber der Stadt London, aber ihre gewoͤhnliche Stille verdräͤngte der furchtbar hauſende Sturm und das laute Gemurmel der allenthalben umher ver⸗ ſammelten Volkshaufen. Beſonders groß und dicht befanden ſie ſich auf dem Platze vor dem Tower. Da knarrte endlich das Thor des letztern auf und ein von Fackeltraͤgern begleiteter reitender Conſtab⸗ ler theilte die harrende Menge in zwei gleiche Haͤlf⸗ ten. Hinter ihnen her kam ein ſchwarz uͤberhange⸗ ner Wagen mit vier ſchwarzen Pferden beſpannt, auf dem der Leichnam des vormaligen Koͤnigs ſicht— bar lag. Zwei Diener in ſchwarzer Kleidung, und Fackeln in der Hand, gingen daneben her, und vier eben ſo gekleidete, leidtragende Ritter folgten ihm. Die Aeuſſerungen der harrenden Menſchen aus allen Klaſſen waren ſo verſchieden, als der Grad ihrer Bildung. Die Roheſten achteten es offenbar fuͤr ein hohes Feſt, uͤber die Leiche des Verhaßten, ſchonungs: und gefahrlos, Verwuͤn⸗ ſchungen aller Art ausſchuͤtten zu konnen, wäh⸗ rend auch diejenigen Beſſern, denen Richard im Leben vielleicht zu viel gethan, ſich durch den Tod 15¹ fuͤr ausgeſoͤhnt betrachteten mit ihm, und ihm ihre herzliche Verzeihung nachſendeten. Auch Arthur fuͤhlte ſich, als der geringe Trauerzug des vor Kurzem noch ſo gewaltigen Koͤnigs bei ſeiner Wohnung voruͤberkam, dem Leichname nachgetrieben, um bei der ſo vollig ver— ſunkenen Groͤße, der Nichtigkeit alles Irdiſchen recht lebhaft zu gedenken. Auf das Etſchutterndſte trat ſie ihm in's Licht an dem Orte, wo man jetzt mit der Leiche anhielt, um ſolche zwei Stunden lang, jedem der danach begehrte, zur Schau zu geben. Ihr bleiches, auf ſchwarzem Kopfkiſſen ruhendes Haupt, durch Fackelſchein geroͤthet, hatte offenbar den Umſtehen⸗ den ebenfalls die Blaͤſſe und Stille der Leiche mitgetheilt. Nur ein einziges Mal wurde letztere mit Ungeſtuͤm unterbrochen. Als naͤmlich ein wil⸗ der Matroſe heranſtuͤrmte und unberuͤhrt von dem wahrhaft Herzzerſchneidenden des Auftritts in die graͤßlichſten Fluͤche gegen den Abgeſchiedenen aus⸗ brach, da wurde der Unwille Mehrerer, in den tiefen Sinn dieſes Trauerſpiels Verſunkenen, zu einer Furienwuth, welche, bevor noch die Conſtab⸗ ler ihr Einhalt thun konnten, den Fuͤhlloſen erfaßte und mit grimmigen Fauſtſchlaͤgen hinwegjagte.„ 152 Bald darauf ſtellte ſich die vorige Stille wie⸗ der her, nur von einzelnen Klagelauten und Seuf⸗ zern bisweilen unterbrochen. Milder geworden als gewöhnlich durch das Zermalmende der Szene, machte jetzt die ſonſt wenig nachgiebige Menge der um den Wagen Verſammelten einem fackeltragenden Diener Platz, hinter dem ein hochbejahrter Ritter mit einer dichtverſchleierten Dame herankam. Großer Heiland, welch' ein unwuͤrdiges Ziel fuͤr ſolch einen Mann! rief die Dame, und das Wort kam ſo tief aus ihrer Seele, daß alle ſich davon ergriffen fuͤhlten und wenig Augen ohne Thränen blieben. Arthur, der in der Naͤhe geſtanden und die Stimme ſogleich erkannt hatte, brach ſich mit Gewalt Bahn durch das jetzt ſo duldſame Volk. Blanca!— fluͤſterte er ihr zu.— Wie kommt ihr nach London, gerade in ſolcher Trauernacht' Die Nachricht von dem unſeligen Todesfalle — antwortete ſie— raffte mich wider Willen auf, und ich fuͤhle mich meinem wackern Ge⸗ fährten fuͤr immer verpflichtet, daß er mein Be⸗ ſchutzer bei dieſer Reiſe wurde. Drauf machte ſie beide Ritter mit einander ————— 153 bekannt und ſprach dann zu Arthur: Daß die ge⸗ ſtrige Nacht keine gewoͤhnliche war, das that ſchon die unbeſchreibliche Angſt mir kund, welche mich allenthalben nach Ruhe ſuchen ließ und allenthal⸗ ben vergebens. Der Trauerfall, der mir heute Mittag zu Ohren kam, erklaͤrt mir zwar die ge⸗ ſtrige Ahnung, aber noch immer nicht die Pein, ſo mich im jetzigen Augenblicke eben wieder furcht⸗ bar durchſchauert. Hierbei ſchlug ſie den thraͤnenvollen Schleier zuruͤck und ſagte: Wo finde ich meinen Vater? Ihm iſt doch kein Leid widerfahren? Niemand— antwortete Arthur— iſt Leid geſchehen, von der ganzen Umgebung des Verſtor⸗ benen, mit Ausnahme eines einzigen Knechts, der das Opfer ſeiner eigenen Wuth wurde. Auch die, nach der vereitelten Flucht zur Haft Gebrachten, wurden dieſen Morgen, auf Koͤnig Heinrichs Be⸗ fehl, ſchon wieder in Freiheit geſetzt. So kommt denn, Ritter— erwiederte ſie— kommt mit mir zu meinem Vater. So nahe, wie ich mich ihm fuͤhle in dieſem Augenblicke, wer⸗ den, muͤſſen ihm meine geſtern ausgeſtandenen Lei⸗ den an's Herz gehen. Die Verblendung, worin ihn die Umſtände bisher feſthielten, wird der ſie—⸗ 154 genden Gewalt meiner Liebe zu ihm weichen. Ja die eigene Seele ſagt es mir, daß die ſeinige mei⸗ nen Bitten nicht länger widerſtehen, daß er ſei⸗ ner Tochter den kuͤnftigen Schutz durch euch, in einem ſo feindſeligen Leben, unmoͤglich entziehen kann, ohne ſein Vaterherz ſelbſt todtlich zu ver⸗ letzen. Gerade bei dunkeln Ereigniſſen, wie das jetzige, wirkt das himmliſche Licht am wohlthätig⸗ ſten auf die Gefuͤhle der Menſchen. Ergreift mit mir dieſe Gelegenheit. Fuͤhrt mich zu ihm, daß er unſerm Bunde ſeinen Segen ertheile. Die Stimme der Wahrheit in meinem Innern ſagt: Er wird es gewiß. Arthur erzählte nun, wie er noch geſtern in der Nacht Wellmoore's Wohnung leer gefunden, und fragte dann mit lauter Stimme den ihm zu⸗ naͤchſt ſtehenden der vier Leidtragenden, der ſchon lange ſein vom Grame verſteinertes Geſicht den leiſe Sprechenden zugekehrt hatte: Wißt ihr etwa, Ritter, wohin der Ritter Wellmoore ſich wendete, und ob er vielleicht, nach dem Ausſpruche der Gnade des Koͤnigs uͤber alle Theilnehmer an der mislungenen Flucht, wieder zuruͤckkehrte? Und ihr— antwortete der Gefragte mit fin⸗ ſterm Hohne— ihr wuͤßtet das nicht, wuͤßtet 155 nicht, daß von da, wohin ihr ſelbſt ihn ſtießet, die Gnade aller Koͤnige des Erdbodens zu ohn⸗ maͤchtig ſeyn wuͤrde, ihn zuruͤckzurufen? Das Geſicht der bebenden Blanca, deſſen ſtarrer Blick bald auf dem Geliebten, bald auf dem finſtern Leidtragenden haftete, gab ein Herz zu erkennen, das auf dem Punkte ſtand, unter dem Drucke der Ereigniſſe zu zerſpringen. Aber ſie erholte ſich wieder etwas an der fe⸗ ſten Miene und dem gefaßten Tone, mit denen Arthur hierauf zu ihm ſprach: Ritter, ich ehre eure Trauer um einen Gebieter, dem ihr euer Leben gewidmet hattet. Ehrt dafuͤr auch ihr das Wort der reinſten Wahrheit aus meinem Munde. Kein Wunder, wenn der Verblichene, dem ihr ſo eben die letzte Ehre erzeigt, euerm Blicke die Frei⸗ heit raubte und euer Schmerz Wellmoore's Ver⸗ ſchwinden mit dem Tode des Knechts verwechſelt, der ſeine unnuͤtze Wuth unter meinem Schwerte aushauchte. Wie aber— ſo fiel der Leidtragende ihm mit der fruͤhern finſtern Miene hier in's Wort— wie, wenn der ſelige Wellmoore, ſo gut, wie wir vier, ſich unter einem Knechtshelme verborgen hatte? Die andern Drei bekraͤftigten dieſes. 156 Bewußtlos ſank Blanca in die Arme ihres greiſen Begleiters, waͤhrend Arthur, zwiſchen Glau⸗ ben und Unglauben ſchwankend, dem Wahnwitze nahe gebracht wurde, durch die Ausſage eines der Ritter, nach welcher der Schloßhauptmann, Ar⸗ thurs Verhältniß mit der Tochter des Getodteten kennend, Blanca's Geliebten, aus Schonung den Namen des durch ſeine Hand Gefallenen ſo lange als möglich hatte verheimlichen wollen.— Zu meinem Vater, zu meinem ermordeten Vater!— rief die ploͤtzlich wieder aus ihrer Ohn⸗ macht emporfahrende Blanca ihrem Begleiter fle⸗ hend zu. Auf des letztern leiſe Erkundigung, bezeich⸗ nete ihm der Ritter, welcher die vollſtaͤndige Lö⸗ ſung des ſchrecklichen Räthſels gegeben hatte, den Platz auf dem Gottesacker, wo Wellmoore ſchon in der vorigen Nacht in aller Stille war beerdigt worden. 38. Ganz von Weitem nur folgte Arthur der Geliebten nach der einſamen Staͤtte der Todten. Und kaum hatte der Greis mit Huͤlfe des Mon⸗ des, der vom hellgewordenen Himmel herunter⸗ 157 blickte, den neuen Grabhuͤgel aufgefunden und die Verwaiſ'te dahin gefuͤhrt, ſo ſturzte ſie vor ihm nieder, druckte ihr gluhendes Geſicht in die friſche Erde und ſprang dann wieder empor, die Heff⸗ nung des Grabes, als ihr letztes und einziges Heil auf der Welt, begehrend. Da nahete aber ein Mann, von einem be⸗ nachbarten Huͤgel, wo er bis dahin hinter einem Leichenſteine unbemerkt geſeſſen hatte, und ſprach: Der Tod iſt der heiligſte Schlaf, ſtoͤre ihn nicht! Und der Ton dieſer Rede riß Blanca's Blick empor aus der Tiefe ihres Schmerzes, nach dem Manne hin, der ſie ausgeſprochen. Es war der Greis, den ſie einſt mit ihrem Vater und dem Ritter Oldſon am Londoner Steine geſehen hatte. Alter— ſo rief ihr Schmerz ihn an— ſchauerlicher als je, treten mit deinem Wiederer⸗ ſcheinen deine fruͤhern Worte vor meine Seele. Du wußteſt von unſerm Schickſale, und doch lie⸗ ßeſt du deine warnende Stimme nicht wieder hörend! Weil meine Warnungen uch geweſen ſeyn wuͤrden, wie damals. Die Leidenſchaften verwirren die Schickſale der Einzelnen, wie der 158 Voͤlker. Gleich dem, den die Menge unlaͤngſt ver⸗ goͤtterte, hat auch deinen Vater die Leidenſchaft vor der Zeit in die Tiefe geriſſen. Preiſe den Schlum⸗ mernden gluͤcklich, daß er wenigſtens unter der Erde den Frieden fand, den auch Vorſichtigere nim⸗ mer ganz auf ihrer Oberflaͤche erreichen.— Seine Liebe zu dem gefallenen Koͤnige war nichts, als ein falſcher Schein, entſprungen aus dem Irr— lichte der Leidenſchaft fuͤr eine Unwuͤrdige. Blanca's Troſtloſigkeit ging allmählig in ſtil⸗ len Schmerz uͤber. Wie ſie nun ſo eine Zeit lang am Huͤgel auf ihren Knieen gelegen hatte und die gefaltet hoch emporgehobenen Haͤnde wieder herab⸗ ſanken, da nahete Oldſon langſam, ihre Hand er⸗ greifend. Arthur— ſprach ſie— nicht euch die Schuld unſeres gemeinſchaftlichen Geſchickes. Tragen aber muͤſſet ihr daſſelbe wie ich. Der Leichnam unter dieſem Huͤgel iſt die Klippe, an der unſer Gluͤck ſcheitern muß. Er ſcheidet uns fuͤr das ganze Leben. Wie moͤchte ich ohne Reue die Gattin werden vom Moͤrder meines geliebten Vaters! Recht, meine Tochter! ſprach der blinde Greis. Du haſt des ſchweren Raͤthſels Sinn getroffen. Ein boͤſer Zufall zerriß euern irdiſchen Verein, „ 159 euch auf den ewigen jenſeits zu verweiſen. In Calais, guter Arthur, richtete ich deinen Blick ſchon darauf hin. Gott, welcher euch dieſe Schickung auferlegte, wird euch auch Kraft ver⸗ leihen, ſie zu tragen, und wie der Sturm, der vorhin wuͤthete, dem freundlichen Monde gewi— chen iſt, der uͤber uns ſteht, ſo wird auch der Sturm dieſes Daſeyns euch zu dem klaren Frie⸗ den des Himmels fuͤhren.— 39. Eine Pilgerfahrt nach Paläſtina duͤnkte dem Ritter Arthur das beſte Heilmittel fuͤr Leib und Seele. Schon am dritten Tage trat er ſie an, einzig von Hanſen begleitet, der wieder in ſeine Dienſte getreten war, und empfahl Blanca's Ge⸗ muͤth hauptſächlich der Leitung des blinden Grei⸗ ſes. Aber die erlebten Unfaͤlle waren zu heftig geweſen fuͤr ihr junges Leben. In Kurzem zum Tode erkrankt, ließ ſie dem Alten den einzigen Wunſch zuruͤck, daß wo moͤglich ihr Staub kuͤnftig mit den irdiſchen Reſten des aus Palaͤſtina Heim⸗ gekehrten nur Eine Ruheſtaͤtte erhalten moͤchte. Ohne von dieſem Wunſche zu wiſſen, hegte der Ritter das naͤmliche Verlangen. Zu Palaͤ⸗ II.. 11 160 ſtina in einen Kampf mit Sarazenen gerathen) fand er dort das Ende ſeiner Tage, aber ſtatt ſei⸗ nen Leichnam in der heiligſten Erde der Welt öeſtat⸗ ten zu laſſen, befahl er ſeinem Diener, ihn zuruͤck nach England in die Haͤnde des blinden Greiſes zu bringen, der Veranſtaltung treffen ſollte, daß ſeine Gebeine einen Platz erhielten unter demſel⸗ ben Huͤgel, welcher einſt Blanca's Leichnam ge⸗ widmet wuͤrde. 40. Noch am Tage vor ihrer langerſehnten, nach manchem Hinderniſſe endlich zur Ausfuͤhrung ge⸗ kommenen Abreiſe nach Frankreich, ihrer geliebten Heimath, beſuchte die junge Witwe des ungluckli⸗ chen Richard, von Niemand als ihrem hochbejahr⸗ ten Oberhofmeiſter begleitet, das Grab, worunter Blanca's und Arthurs bereits vereinte Reſte ſich befanden. Lange ſtand ſie, den einfachen Marmor anſtarrend, der die Namen der Liebenden und ihre Hoffnung auf das jenſeitige Wiederſehen ausſprach. Schluchzend beugte ſich die durch die Truͤbſale der Welt ſo fruͤh ſchon gebleichte Königstochter uber den kalten Denkſtein hin. Da erhob ſich hinter ihr die Stimme eines Mannes, den man zuvor nicht wahrgenommen hatte. 161 Weine nicht, mein Kind!— ſprach der blinde Alte im Pilgerhute. Nach langer Leidensnacht laͤ⸗ chelt dir ja um ſo ſchoͤner die Sonne des irdi⸗ ſchen Gluͤcks bei deinen Verwandten, welche ihre Arme ſchon dir entgegenbreiten. Aber auch dieſe hier bedurfen deiner Thraͤnen nicht. Ihre Pilger⸗ fahrt iſt gluͤcklich beendet. Auch ihnen kann das Verhaͤngniß, das ſich hier ihrem Bunde entgegen⸗ ſtellte, nur zum Heile gereichen. Was haͤtte ihnen Groͤßeres werden koͤnnen auf dieſer Erde als der Tod, da der ſchoͤne Glaube an Gott und Ewig⸗ keit, die Buͤrgſchaft ihres kuͤnftigen Gluckes, ihnen noch die letzten Augenblicke erleuchtete? 7 8 9 . 10 8 4 15 16 17 —