Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oktmann in Cießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Keih und Seſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. hesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Puches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— auf 1 Monat: F— 1N 5 „„„ Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern zc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder vefecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ,,, ⁰ Ve —— Fried. Laun, Carl Streckfuls Gu, „ stav S chulling und Fried Kind W 18 17 , M Ae T 5 Der Mantel. Erzöhlung von F r i e d r * —— * At einmahl Abends im Club von Geſpenſterer⸗ ſcheinungen die Rede war, näherte ſich der gehei⸗ me Hofrath G. den Sprechenden, theilte ſeine Bemerkungen über den Gegenſtand mit und erzählte in deren Verfolg nachſtehende Geſchichte: Es wird künftigen Winter gerade zehn Jahr, daß ich zu B.„meinem damahligen Aufenk⸗ haltsorte, die ſonderbarſte Bekanntſchaft meines Le⸗ bens machte. Ein allzu leidenſchaftlicher Freund des. S ſühre ich u eem Due, wie der nee Tag bereits begann, daß ich meine Kräfte zu we⸗ nig geſchont hatte, und ſah nur noch aus einem Win⸗ kel des Saales dez Treiben der übrigen ohne gro⸗ ſes Intereſſe zu. Gar ſehr wurde letzteres jedoch miteinem Wal⸗ zer erhoͤht, der jetzt nach kurzer Pauſe auhob. So viel ſich aber auch ſämmtliche Theilnehmer zu bemü⸗ hen ſchienen, durch eine ausgezeichnete Wildheit auf ihre gänzliche Erſchöpfung hin zu arbeiten, ſo über⸗ both doch einer darunter alle übrigen hierin derge⸗ ſtalt, daß es allgemeine Bewunderung erregte. Es war ein junger Mann von höchſtens ein vder zwen 6 und zwanzig Jahren, dabey ſo einnehmend gebil⸗ det, daß man ihn nicht ohne Wohlgefallen anſehen konnte. um für eine vollkommene Schönheit zu gel⸗ ten, hätte er nur weniger blaß ſeyn und ſein gro⸗ ßes, blaues Ange nicht ſo tief in der Höhle liegen müſſen. Auf der andern Seite aber erhöhte gerade dieſes das Intereſſe an dem leidenſchaftlichen Tän⸗ zer. Ich ſelbſt hatte mich ſchon verſchiedentlich nach ihm erkundigt, jedoch nichts“ weiter in Ehrfahrung gebracht, als daß er ein Fremder ſey, der ſeine Ausgaben an Geld und Kräften nicht ſonderlich zu be⸗ rechnen ſcheine. über letzteres gab dieſe Nacht neue Belege. Er war wenig vom Platze gekommen, und dabey immer in der gewaltſamſten Anſtrengung ge⸗ weſen. Jetzt ging er, erhitzt wie kein Anderer, nach dem Erfriſchungszimmer, und ich trat noch zu rechter Zeit zu ihm, um ihm ein Glas eiskalter Limonave von den Lippen zu reißen. „Warum das 2“ fragte er lächelnd. „Weil Sie den Tod haben könnten!“ „Ach nein, mein Herr, ich bin von einer wahr⸗ haft eiſernen Natur.— übrigens,“ fuhr er fort, „iſt mir es mehr um das Trinken, als gerade um die⸗ ſes Getränk zu thun. Punſch oder Wein ließe ich mir auch gefallen. Hätten ſie vielleicht Luſt das Tages⸗ licht beym Glaſe zu erwarten, ſo würde ich gern von der Parthie ſeyn.“ Das ganze Weſen des jungen Mannes ſchien mir ſo ſehr einer nähern Beobachtung werth, daß irre bie zum A ich mich wirklich mit ihm in ein Rebenzimmer ſetzte.„ Unmäßig, wie er beym Tanze geweſen war, benahm er ſich auch beym Weine. Doch ſchien er an letztern ſchon dergeſtalt gewöhnt, daß das Trinken ſeiner Beſinnung gar keinen Abbruch that. Daher ſuchte ich auch auf allerley Wegen vergebens, etwas von ſeinen Verhältniſſen zu erfahren. Nichts als kurze Reden, größten Theils Sarkasmen auf Welt und Schickſal, waren ihm abzunöthigen. Als wir am hellen Tage aus einander gingen, wußte ich nichts weiter, als daß er ein Baron Kleinau war, der einen anſehnlichen Reichthum an Geiſt und Witz be⸗ ſaß, und daher einer näheren Bekanntſchaft wohl werth ſeyn mochte. Mich wenigſtens freute es da⸗ mahls ſehr,daß er eine zweyteguſammenkunft wünſch⸗ te, auch verſprach ich, ihn am Abende in meinem Hauſe zu erwarten. Ich hatte nicht Urſache, die neue Bekanntſchaft zu bereuen. Des Barons Geiſt und mannigfaches Wiſſen trat am zweyten Abende noch glänzender her⸗ vor. Dabey zeigte ſich ein Gemüth, reich und ſchön und empfänglich für alles Gute und Große. Nur war es allzu leicht verwundbar. Ich vermu⸗ thete dieß wenigſtens, ſo ſehr auch der Baron bey ſolchen Gelegenheiten ſeiner Haltung und ei⸗ nes Auges Meiſter zu werden ſuchte, welches oft Fahnſinn umßerblickte. So viel ſchien 3 mir gewiß, daß ein großes Unglück in dieſes friſche Leben verflochten war. Bis gegen Iternacht verweilte er auf meinem Zimmer. Kurz vor dem Weggehen riß er mit dem Taſchen⸗ tuche etwas heraus. Ich bückte mich darnach und entdeckte zu meinem Erſtaunen einen Dolch. „Wozu,“ rief ich,„ein ſolches Gewehr in einem Lande, wo nächtliche Anfälle auf der 5 kaum erhört ſind 2 „Die Nacht iſt keines Menſchen Freund,“antwor⸗ tete er.„Nicht jeder kann die Wahrheit des Sprich⸗ wortes ſo tief fühlen, wie ich; daher werde ich mich auch von heute an gegen ihre Anfeindungen bewaff⸗ nen, ſo gut es gehen mag.“ Sein Auge funkelte dazu, als ob letztere ſchon wirklich Statt fänden. »Haben Sie keinen Mantel bey ſich“ fragte ich, als er jetzt ſeinen Hut ergriff. „Wie kommen Sie zu der Frage? verſetzte er mit dem Auge des Erſtaunens und Mißtrauens. „Sie ſcheint mir doch,»antwortete ich,„ganz in der Drdnung, da das Thermometer ſchon vorhin ſechs⸗ zehn Grad Kälte anzeigte.“ „Ich bin mit einem Oberrocke verſehen⸗ Män⸗ tel trage ich nie* Das letzte ſtieß er ſo ſonderbar heraus, doßes mich allerdings befremden mußte. Doch verwiſchte ſich bald darauf durch ſeinen recht herzlichen Abſchied 8. der Eindruck, den die letzten Sonderbarkeiten auf mich gemacht hatten. Auch nahmen wir die Verabredu: ng⸗ uns in einigen Tagen in einem benachbarten Kaf⸗ fehhauſe zu treffen. So ſehr meine Begierde nach näherem Auf⸗ ſchluſſe über den neuen Bekannten geſtiegen war, ſo wenig Gelegenheit fand ſich dazu, da er allen an⸗ dern Umgang zu vermeiden ſchien, und ich es unter der Würde des rechtlichen Mannes halte, Dienſtleu⸗ te über ſo etwas auszuhorchen, oder aushorchen zu laſſen. Bey einem Thee, dem ich am Abende darauf beywohnte, ſtutzte ich daher nicht wenig, als einer der Anweſenden plötzlich alſo begann: „Apropos, erinnern Sie ſich wohl eines gewiſſen Barons von Kleinau, der auf dem vorgeſtrigen Balle ſich ſo rüſtig bewies 2* „D ja, antworteten einige Damen, und ſchienen der neuen Richtung des Geſpäches eine beſondere Aufmerkſamkeit zu vergönnen. „Der Herr Baron mag wohl eine t ge⸗ habt haben, daß es ſein letzter Ball ſeyn wer⸗ de. Vorige Nacht iſt er von der Polizey aufgeho⸗ ben worden, und ein Dolch, den man bey ihm ge⸗ funden hat, wird ſeine böſe Sache ſchwerlich ver⸗ beſſern.“ Ich fühlte den Farbenwechſel meines Geſichts und ſuchte ihn burch das vorgehaltene Taſchentuch we⸗ nigſtens den übrigen zu entziehen. Die Nachricht machte große Senſation, beſon⸗ ders auf die Damen, welche, bey ſichtbarem Mit⸗ leiden mit dem ſchönen Manne, vielleicht der Vor⸗ wurf quälte, daß ein Unwürdiger ihnen, durch ſein bloßes Erſcheinen, ein ſo ſtarkes Intereſſe abgewon⸗ nen habe. Was des Barons Verbrechen war, darüber äußerte ſich der Erzähler nicht, doch verſicherte er mit geheimnißvollem Achſelzucken, daß er ſchwerlich mit dem Leben davon kommen werde. Der größte Theil der Anweſenden ließ nun⸗ mehr ſeinem Urtheile über den Verhafteten die Zü⸗ gel. Die meiſten hatten ihm Bosheit und Tücke an⸗ geſehen und alle ſchätzten ſich glücklich, nicht mit dem Manne in irgend ein Verhältniß gerathen zu ſeyn, welches nunmehr vielleicht ihren Ruf gonz unſchuldig verletzen könnte. Letzteres war mir ein Stich in das Herz. Der Wirth vom Balle und deſſen Leute wußten, daß ich mit dem Baron bis zum hellen Tage allein geſeſſen hatte. Bey mir war er noch in der Nacht ſeiner Ver⸗ haftung mehrere Stunden geweſen. Inmeinem Zim⸗ mer war ſogar das Werkzeug zum Vorſchein gekom⸗ 6 men, das auf ein höchſt unerlaubtes Handwerk konn⸗ 5 te ſchließen laſſen! Bey der Unruhe, die mir dieß alles verurſachte, glaubte ich nichts Beſſeres thun zu können, als auf der Stelle zum Polizeydirector, der mich kannte, — — —— — — 1 zu gehen und ihm das Lockere meines Verhältniſſes mit dem Baron Kleinau, durch die Geſchichte, wie ich hineint athen, zu entdecken. Denn, auch die Möglichkeit, daß der Verhaftete ein Anderer, als dieſer— vielleicht nur angebliche— Baron ſeyn könne, verſchwand, indem ein überaus rechtlicher und Wahrheit liebender Mann, der mit dem Po⸗ zeydierector in Einem Hauſe wohnte, das Zeng⸗ niß gab, daß er dem nähmlichen Baron, als Ge⸗ fangenem, dieſen Morgen auf der Treppe begeg⸗ net war. Ich ging und kam bey Polizeydireetor an. Letz⸗ terer, der, wie ich im Vorſaale hörte, einen Gaſtfür den Abend hatte, ließ mich in ein Nebenzimmer wei⸗ ſen, wo er bald darauf ſelbſt erſchien. Um ſo kurz als möglich zu ſeyn, fing ich ſogleich n„Ein gewiſſer Baron Kleinau iſt, wie ich eben erſt gehört habe, in der vorigen Racht verhaftet wor⸗ den. Ich kann nicht bergen, daß ich darüber um ſo mehr erſchrocken bin, weil er den Abend zuvor mit mir zugebracht hat, und die Verbrechen, deren ihn das Publirum beſchuldigt, deßhalb auch auf mich einen Schatten werfen könnten.“ „Von Verbrechen,“ ſagte der Polizeydirector, nachdem er mir, der ich ziemlich laut geſprochen ha⸗ ben mochte, mit Mienen und Geſten Stillſchwei⸗ gen auferlegt hatte,„ von Verbrechen iſt durchaus keine Rede. Ein Gewehr, welches man bey dem Ba⸗ ron entdeckte, hat unfehlbar die Veranlaſſung zu ei⸗ nem ſo falſchen Gerüchte gegeben. Seyn Sie, ich bitte, dieſen Abend mein Gaſt, und Sie werden ſich davon überzeugen.“ Zugleich öffne er das Sei⸗ tenzimmer, in welchem ich den Baron ſelbſt antraf. Sein Begrüßen, weit kälter als gewöhnlich, ließ mich muthmaßen, daß er mein voriges Anbringen vernommen habe; ein Umſtand, der mir allerdings ſehr leid that, mich auch am meiſten dazu bewog, die Einladung für den Abend nicht von der Hand zu weiſen, weil doch hierdurch eine Verſtändigung zwi⸗ ſchen mir und Kleinau möglich wurde. In der That brachte ich auch, ſo bald wenige Minuten nachher den Polizeydirector ein Geſchäft hinausgerufen hat⸗ te, meine Entſchuldigung vor. So freundlich aber mein neuer Freund ſich dieſe gefallen ließ, ſo konn⸗ te mir doch nicht entgehen, daß er zurückhaltender geworden war, als zuvor. Er fagte geradezu, daß es ihm unendlich lieber würde geweſen ſeyn, wenn ich bey meinem vorigen Verdachte, ihn und nicht den Polizeydirector zuerſt aufgeſucht hätte. Polizey⸗ dienern verzeihe er es gern, wenn ſie ihn ſo weit ver⸗ kennten, aber von einem Manne, gegen den er ſich bereits ſo herzlich herausgelaſſen habe, könne er es nicht ſo leicht verſchmerzen. Der Abend verging angenehm genug. Ohne Aufhören war der Wirth bemüht, ſich dem Baron gefällig zu erweiſen, um mich vielleicht dadurch deſto mehr zu überzeugen, daß auch nicht der mindeſte Verdacht gegen ihn Statt finde. —— —— ,—— 13 Beym Nachhauſegehen waren Kleinau und ich, dem Außern nach, ganz auf dem vorigen Fuße, auch forderte er mich nach dem Abſchiede noch recht dringend auf, die Verabredung für den morgenden Abend nicht zu vergeſſen. Deßungeachtet fühlte ich, daß ſich zwiſchen uns ein bedeutender Mißlaut ein⸗ gedrängt hatte. Da es meiner Seits vermieden worden war, ſeiner Verhaftung wieder zu gedenken, ich auch ſonſt keine Gelegenheit gehabt hatte, mich nach den ei⸗ gentlichen Umſtänden derſelben zu erkundigen, ſo wußte ich noch immer nicht, wie es damit zuging. Am folgenden Tage erſt gelangte ich ganz zufällig zum Aufſchluſſe. Man hatte nähmlich gerade in der vorletzten Nacht eine Viſitation in verdächtigen Häu⸗ ſern gehalten, und unter andern den Baron bey ei⸗ nem öffentlichen Mädchen gefunden, auch um ſo weniger entlaſſen, da er ſchon den erwähnten Dolch, den er abgelegt gehabt, wieder zu ſich geſteckt, und dnurch das Tragen eines verbothenen Geweh⸗ res Verdacht auf ſich gezogen hatte. So ließ ſich denn das Gerücht ſeiner Verbrechen ohne Schwie⸗ rigkeit Mein Umgang mit dem jungen Manne dauer⸗ te indeſſen mehrere Wochen fort. Zwar ließ ſich nicht läugnen, daß er ein ſehr wüſtes Leben zu füh⸗ ren und den wildeſten Freuden alle Nächte nachzu⸗ 14 hängen ſchien, allein ſeine übrigen Eigenheiten ſpra⸗ chen außerordentlich zu ſeinem Vortheile und ich rech⸗ nete die Bekanntſchaͤft mit ihm zu den günſtigen Ereigniſſen die ich erlebt hatte. Was mich vorzüg⸗ lich ſchmerzte, war, daß ich ſein volles Zutrauen, eben als es ganz auf dem Wege zu mir geweſen, durch den Gang zum Polizeydirector lich geſtört hatte. Einmahl Abends war er wieder bis tief i in die Nacht auf meinem Zimmer. Wir hatten manchen Gegenſtand beſprochen, und dabey war ſo viel Zart⸗ heit des Gefühles von ſeiner Seite zum Vorſchein gekommen, daß ich gar nicht begreifen konnte, wie er ſeine Nächte— worüber mir nun kein Zweifel weiter blieb— gewöhnlich mit dem Auswurfe der Frauen zuzubringen vermochte. Als er fortging, konnte ich mich daher auch nicht enthalten, ihn zu erſuchen, daß er ſeine Geſundheit ſchonen und die Nacht dem Schlafe, dem ſie beſtimmt ſey, widmen möge. „Ich habe keinen Schlaf in der Nacht' antwor⸗ tete er, und zwey große Thränen utet dazu aus ſeinen ſtarren Augen. „üble Gewohnheit hat Sie unfehlbar darum ge⸗ bracht!“ verſetze ich, ihn freundlich bey der Hand faſ⸗ ſend. Verſuchen Sie, was dagegen zu thun iſt. Am Ende werden Sie ſchon wieder auf den Weg der Ordnung zurückkommen.“ „Nein!“ rief er.„Im Hauſe kann ich die Nacht 15 nicht aushalten. Ich muß lebendige Geſellſchaft um mich haben, und da ich um dieſe Zeit ſo leicht keine Menſchen finde, recht oft mit Halbmenſchen vorlieb nehmen. „Das iſt ſehr traurig. Und wohin wollen Sie jetzt 2“ „Wohin es ſey, nur nicht in meine Wohnung. Die Nacht iſt ſo herrlich, ſo ungewöhnlich warm für die Jahreszeit, daß ich ſie wohl im Freyen zu⸗ brächte, wenn ich einen Geſellſchafter hätte.“ „Der könnte ich ſchon ſeyn!“ verſetzte ich. „W ten Sie, Lieber“ rief er mit Herzlichkeit, und bald darauf gingen wir wirklich. Es war gewiß das erſte Mahl in meinem Le⸗ ben, daß ich zur Winterszeit, kurz vor Mitternacht meine Wohnung verließ, um— einen Spatziergang im Freyen zu verſuchen. Wirklich ſemmte ſich mir auch die Betrachtung der Seltſamket des Einfalls bey jedem Schritte entgegen. Ich hette indeſſen den feſten Vorſatz, mich der Laune des weuen Freundes dießmahl völlig hinzugeben und des Ende abzu⸗ warten, ob ich ſchon um ſo wenige begriff, was wir, als reine Spatziergänger, mit der langen Racht anfangen wollten, da er ſeit dem erſten Schritte aus meinem Hauſe ſo ſtumm gewo'den war und ſich ſo ſchüchtern umſah, als ob es iberall für ihn etwas zu fürchten gebe. Bis zum äußern Thore hatte er ſich ganz mei⸗ ner Leitung überlaſſen, als ich aber hier nach der ———— 16. buſchigen Gegend einlenkte, äußerte er den Wunſch, lieber auf freyem Felde bleiben zu wollen. Mir konnte das völlig gleich gelten. So ſonderbar aber auch der Spatziergang an ſich war, ſo würde er mir doch, vielleicht gerade ſeiner Sonderbarkeit halber, bey dem ſchönen Mon⸗ denlichte nicht unangenehm geweſen ſeyn, wenn mein Freund nur auch dann und wann ein Paar Worte von ſich gegeben hätte. Doch ſo war es, als ob ich im ſchauerlichen Reiche der Todten herum⸗ wandelte, und meines Geſellſchafters fortdauerndes ſcheues Umheiblicken und ſeine leiſen Seufzer eig⸗ neten ſich nict, dieſe Nachtparthie behaglicher zu machen. über eine Viertelſtunde hatten wir nun einen Weg verfolgt worauf ſich, außer dem Acker neben und dem Himmel über uns, kein Gegenſtand ent⸗ decken ließ. Rtzt aber näherten wir uns einer ein⸗ zeln ſtehender Baumgruppe, und da der Schritt meines Begläters auf einmahl um ein Bedeutendes langſamer wirde, ſo betrachtete ich ihn und ſah, wie ſeine Blike ſtarr auf den Bäumen hingen; wie die Angſt in Tropfen auf ſeinem todtenbleichen Ge⸗ ſichte ſtand. „Halt! rief er jetzt, ſich krampfhaft an mich an⸗ drückend. „Was if Ihnen?“ war meine Frage. „So ſehen Sie doch nur nach den Bäumen dort,? 17 rief er, und zog mit der Rechten ſeinen Dolch hervor. „Was ſoll ich ſehen? was wollen Sie thun?“ ſprach ich, ihn zurückſtoßend. „Ihnen nichts, wohl aber dem Verfolger dort. Kommen Sie. Wie ſeine rollenden Augen mich an⸗ ſprühen. Kommen Sie nur; denn ich muß nun einmahl den Zuſtand enden, mag mir auch wi⸗ derfahren, was da will.“ Damit zog er mich den Bäumen näher, nach denen er ſodann ſeinen Dolch warf. Ich kann wohl ſagen, daß mir bey dieſem Be⸗ nehmen und den übrigen Umſtänden recht unheim⸗ lich wurde. Entweder ich hatte es wirklich hier mit der Geiſterwelt und einem Seher derſelben, oder mit einem auf dieſem Punete Wahnſinnigen zu thun. Daher ſah ich denn auch nach allen Seiten, um ir⸗ gendwo die Spur eines Menſchen zu entdecken. Vergebens. Nach einer äußerſt unangenehmen Pauſe hatte ich aber doch endlich meine Beſinnung wieder ziemlich zuſammengerafft und fragte meinen Be⸗ gleiter. „Was ſollte das, lieber Freund?“ „Treſſen ſollte es! Haben Sie Mitleid mit wir, die Verzweiflung weiß ja nicht, was ſie will. Sie war es allein, die mich mit dem Dolche gegen ein Schattenbild bewaffnete. Was will ein Werkzeng aus der Sinnenwelt gegen ein Weſen, das ihr nicht mehr angehört. Was will ich, Abſcheulicher, gegen den Schatten, den ich gerade ſo gränzenlos lieben ſollte, als ich ihn fliehen und haſſen muß?— Dabey ſank der arme junge Mann erſchöpft in meine Arme, und barg ſeine Augen vor der Er⸗ ſcheinung in den Bäumen. „Iſt er fort?“ fragte er endlich leiſe. „überzeugen Sie ſich ſelbſt davon ſ' antworte⸗ te ich. Doch kaum, daß er aufgeſehen hatte, ſo ließ er die Augen wieder in ſeine flache Hand ſinken.„O Gott, Gott,“ rief er aus,„warum haben Sie mir das gethan2* „Sehen Sie denn die Erſcheinung noch immer?“ „Freylich, ſie ſteht ja unverrückt an der vorigen Stelle.“ »So muß ich mich doch näher davon überzeu⸗ gen,“ ſagte ich, und ging nach den Bäumen, um den Dolch zurückzuhohlen. So wenig ich auch im Gan⸗ zen an Geſpenſter und dergleichen glaubte, ſo ge⸗ ſtehe ich doch gern, daß es unter den heftigſten Schlägen meines Herzens geſchah. Der Dolch leuchtete mir ſchon von weitem ent⸗ gegen. Ich hob ihn auf und brachte ihn dem Eigen⸗ thümer zurück. „überzeugen Sie ſich,“ ſagte ich zu dieſem, daß —— ——— bloß Ihre Phantaſie Sie irre geführt hat. Ich habe den Dolch unter den Bäumen aufgehoben und bey * 19 aller Aufmerkſamkeit das mindeſte Ungewöhn⸗ liche wahrgenommen.“ Aber der Geiſterſeher ſagte:„Das konnte ich mir wohl vorſtellen. An ſich iſt es gewiß ein guter Schatten und nur gegen mich feindlich geſinnt. Doch laſſen Sie uns urnkehren. Hier iſt weiter kein Heil für mich zu erwarten. So freundlich auch die Natur um uns her iſt, mir kann ſie nicht helfen, und Sie ſehen, mein Freund, daß ich in der That nirgends, als unter wildem Taumel eine Nacht er⸗ träglich zubringen kann.“ Es ſchauerte mich dergeſtalt, ein ſo junges, reiches Leben ſo nahe am Abgrunde zu ſehen, daß ich erſt nach einiger Erhohlung mich zu der Frage faſſen konnte, was der Unglückliche eigentlich ge⸗ ſehen, und welche Geſtalt der Schatten gehabt habe. „Die Geſtalt, die mich überall verfolgt, wo ich ſtille Freuden aufſuche, iſt ein Mann, von dem nichts ſichtbar iſt, als ein wunderlich geſchnittener Man⸗ tel und ein Paar Augen, die mir das Vet aus⸗ zuglühen drohen.“ „Mein Gott,“ rief ich,„wie kommen Sie nurzu einer ſo unſeligen Viſion 2“ „Nicht Viſion, wenn Sie darunter bloß ein fal⸗ ſches Bild, von der eigenen Phantaſie erſchaffen, verſtehen. Der Schatten iſt leider allzu wirklich. Nur gilt er mir und keinem Andern, und kann, der Natur der Sache nach, keinem Andern gelten.“ „Der Natur der Sache nach?“ fragte ich, und 20 hoffte einigen Aufſchluß darüber zu erhalten Als aber keine Antwort auf dieſe Frage erfolgte, ſo that ich die beſtimmtere: wie und bey welcher Ge⸗ legenheit er zu dem Schatten gekommen ſey2 „Wie ich dazu gekommen bin, das verlohnt ſich kaum der Mühe zu erzählen, da mir doch nie⸗ mand mit Erfolg ſagen wird, wie ich davon komme.“ „Vielleicht, erwiederte ich,„hängt beydes genauer zufammen, als Sie glauben. Haben Sie noch mit keinem Arzte darüber geſprochen* „Still, ſtill mit Rathſchſägen, die alle darauf deuten, daß der Fehler in meiner Einbildungskraft liegen möchte. Ich weiß das beſſer und bitte, davon ganz abzubrechen.“ Die Hitze, mit der er dieſes ausſprach, geboth mir, ſeinem Wunſche für dieß Prayt nachzugeven⸗ Bey unſerer Rückkehr in die Stadt, kehrte auch nahe vor einer Kirche ſeine Viſion ziemlich in der vorigen Weiſe zurück. Schon wieder hob er den Dolch in die Höhe; doch überredete ich ihn leicht und durch Wiederhohlung ſeiner eigenen Uußerung, daß ein ſolches Beginnen ganz zwecklos ſey. So viel merkte ich wohl, er wollte mit dieſem Dolchwerfen die Rache des Verhüllten auffordern, von der er ein Ende ſeines unleidlichen Zuſtandes erwartete. Ob⸗ ſchon er aber damit ganz unfehlbar dieſe Abſicht verband, ſo weigerte er ſich doch, mich bis zu dem Orte zu begleiten, wo er die Erſcheinung zu ſehen — 21 glaubte, aus Furcht, wie es mir vorkam. Und ge⸗ rade dieſe Furcht gab mir noch einige Hoffnung auf ſeine künftige Herſtellung, in ihr meinte ich einen Widerſpruch ſeines jungen kräftigen Lebens gegen den Wunſch der Vernichtung zu finden, und glaubte, daß eben von der Kraft dieſes Lebens aus, Mlſam auf ihn zu wirken ſeyn könnte.— Die Lage des jungen Mannes war zu entſetzr lich, als daß ich ſeiner Bitte, ihn in ein Weinhaus begleiten, nicht hätte nachgeben ſollen. Doch meine Hoffnung, dabey vielleicht der Veranlaſſung zu ſeinem Unglücke auf die Spur zu kommen, blieb gänzlich unerfüllt, und je lebhaftern Antheil ich an ſeinem ſo ſeltſamen Mißgeſchicke nahm, je mehrich wünſchte, den Armen in eine beſſere und würdigere age verſetzt zu ſehen, deſto mehr bedauerte ich, den höchſten Grad ſeines Vertrauens, der hier allein ganz ausreichen konnte, durch meinen voreiligen BGang zum Polizeydirector verſcherzt zu haben. — Es war abermahls ſchon heller Tag, als ich us ſeiner Geſellſchaft in meine Wohnung kam. „Ey, ey,' ſagte mein Onkel, in deſſen Hauſe ich lebte, und der mir zufällig auf dem Flur begeg⸗ nete,„ſo Pät oder vielmehr ſo früh nach Hauſe?“ „Ja, erwiederte ich, nicht ohne Verdruß,„man ann ſich bisweilen ſchwer losmachen.“ — —,——— ——————— —————— 22 „Allerdings. Rur ſchade, daß einem dann der ganze Tag gewohnlich verloren geht.“ „Das gerade nicht,“ antwortete ich.„In mei⸗ nen Jahren kann man wohl noch bisweilen eine Nacht dran ſetzen, ohne ſie am Tage nachhohlen zu dürfen. Ich wenigſtens fühle mich ſo friſch, daß ich gar nicht zu Bette gehen werde.—“ „Wenn das iſt, lieber Reffe, ſo erzeige mir doch die Freundſchaft, ein Paar Augenblicke auf mein Zimmer zu kommen.“ Ich konnte nicht gut ausweichen. „Lieber Neffe, ſagte hier mein Oheim,„du haſt mir immer ein Wort in deine Lebensart zu ſprechen erlaubt, und ich glaube keinen Mißbrauch davon ge⸗ macht zu haben Ich ſchicke dieß darum voraus, weil du vorhin über meine Anrede etwas empfindlich ſchieneſt. Du biſt ſeit einigen Wochen mit einem jungen Manne in Umgang gerathen, vor dem ich mich ierſichteh zu⸗ ihn gekommen. In Z. eine iie zußrtſt liebenswürdige Frau über den Böſewicht, der ſie bald nach der Hochzeit— ohne die mindeſte Urſa⸗ che— verlaſſen hat, um hier ein wohrhaft ſchänd⸗ liches Leben zu führen. Dein Staunen bekräftigt meine Vermuthung, daß du keine Wiſſenſchaft da⸗ von gehabt haſt, und ich denke, du wirſt meinen vä⸗ terlichen Wink nicht unbenutzt laſſen.“ „Beſter Onkel,“rief ich aus,„daß ich es mit ei⸗ —— — nem ſehr unordentlichen Manne zu thun habe, weiß ich, aber äußerſt ſchwer wird es mir, in ihm den Böſewicht zu ſehen, den Sie ſchildern.—“ Ich ſprach mehr darüber, und es gelang mir, den Oheim durch eine Schilderung des Barons, dieſen wenisſtens bis dahin geneigt zu machen, das er mir erlaubte, den Unglücklichen bey ihm einfüh⸗ ren zu dürfen. Nur behielt ſich der Onkel vor, daß letzteres, wegen des Barons ſchon ſehr bekannter Lebensart, nicht etwa beym Thee geſchehen möchte, 3 wo ſeine Töchter immer zugegen waren. Außer die⸗ ſem verſprach ich auch, meinen unglücklichen Freund über das Verlaſſen ſeiner Frau, wo möglich, näch⸗ ſtens auszuhohlen. Schon einige Mahl jedoch war ich ſeit dem mit Kleinau zuſammen geweſen, ohne zu letzterm Zwecke gelangen, da ſeine ganze Stimmung mir nicht eeine offene Frage geſtattete, ſondern bloß auf Um⸗ wegen etwas zu erfahren hoffen ließ. Endlich aber glückte es meinen Bemühungen doch, und der Ba⸗ rron entdeckte mir nach einer Einleitung, die ich zu 6 dieſem Zwecke verſucht hatte, von freyen Stücken, daß er in Z. eine Gattinn zurückgelaſſen habe. Er brach zugleich mit Enthuſiasmus in das ß Lob dieſer Gattinn aus, und fragte dann, ob ein Mann, der eine ſolche Gattinn beſitze, nicht dop⸗ * 24 pelt zu beklagen ſey, wenn er, ſtatt in ihrem Um⸗ gange ein ſeltenes Glück genießen zu können, zu ei⸗ ner wüſten, verächtlichen Lebensart greifen müſſe, wie er. Ich gab ihm zu erkennen daß mir das Müſ⸗ ſen nicht einleuchten wolle. Darauf ſagte er, meine Hand mit Heftigkeit anfaſſend:„O mein Freund, ich ruhte an ihrem Bu⸗ ſen, als mir das Geſpenſt zum erſten Mahle er⸗ ſchien, und mich aufſcheuchte. Seit dem durfte ich meine Hand nur ausſtrecken nach dem Engel, und ſogleich kamen der Mantel und die glühenden Au⸗ gen zum Vorſchein, die mich in jeder ruhigen Nacht verfolgen. Ich mußte meine Gattinn fliehen. Sie weiß nicht, warum es geſchehen iſt. Die Welt weiß es nicht, und— hierbey ſtarrte er mich mißtrauiſch an— wollte Gott, ich wäre der Thor auch nicht geweſen, Ihnen davon zu ſagen.“ Bey einem Zuſtande, wie der ſeinige, konnte ich dieſe damit zuſammenhängende Ungleichheit der Stimmung unmöglich übel nehmen. War doch ſein ganzes Leben ein einziger Widerſpruch geworden. Nur das ſchmerzte mich, daß eben zum Verſuch ei⸗ ner Löſung desſelben das Zutrauen gehörte, das der Kranke mir jetzt mit einem Mahle wieder gänz⸗ lich entzog. Ein Zwiſchengeſpräch, welches ich auf die Bahn brachte, machte ihn am Ende wieder freundlicher⸗ ——— 25 ſo daß ich nun auch die Bitte an ihn wagte, mei⸗ uem Onkel ebenfalls ſeine Bekanntſchaft zu ſchenken. Unter dieſen Umſtänden glaubte ich ſchon eini⸗ ges gewonnen zu haben, da er mir die Gewährung meiner Bitte zuſagte. Nachdem ich meinem Oheim vorläuſig nur ge⸗ fagt hatte, daß gewiß nicht überdruß oder derglei⸗ chen die Urſache ſey, warum der Baron ſeine Ge⸗ mahlinn verlaſſen, ſo führte ich dieſen eines Abends bey ihm ein. Wie freuete es mich, den guten Alten am fol⸗ genden Tage völlig zu meiner Meinung herüberge⸗ bracht zu ſehen, daß nähmlich der neue Bekannte gewiß kein eigentlicher Böſewicht, vielmehr ver⸗ muthlich durch unglückliche Umſtände, in ein ſo tie⸗ fes Elend verflochten ſey, und daß es Pflicht werde, alles aufzubierhen, einen ſo herzvollen und geiſtrei⸗ cen Menſchen von dem Verderben zu retten, an deſſen äußerſtem Rande er ſchwankte. Ich nährte noch einige Hoffnung dazu. Seine Gottiun kannte vielleicht ſein früheres Leben, in deſſen Geſchichte, nach des Onkels und meiner Mei⸗ nung, die deſſen Aufſchlüſſe über ſein jetziges Un⸗ glück unſtreitig zu ſuchen waren. Ein Geiſterbanner ſchien mir, der ich an Geiſtererſcheinungen keinen Glauben hatte, ganz überflüſſig. unterh. Bibl. 3. Jahrg. 1. B. B 26 Da ich ohnehin eben eine Reiſe nach Z. zu ma⸗ chen hatte, ſo nahm ich mir vor, mit zu ſeiner Gat⸗ tinn zu gehen. Der Onkel, deſſen gutes, freundli⸗ ches Weſen dem Baron wohlgeſiel, verſprach, wäh⸗ rend meiner Abweſenheit den Umgang des jungen Mannes nicht zu verſäumen, weil dieſer einer frem⸗ den Vernunft, die zugleich eine gewiſſe, ſcheinbars. Nachgiebigkeit zur Schau trug, in ſeinem mitleids⸗ werthen Zuſtande gar nicht entrathen konnte. Um des vorhabenden Zweckes deſto gewiſſer werden, wandte ich mich noch am Abend meiner Ankunft in Z. an den Vater der Baroneſſe, welcher erſt vor wenigen Tagen von ſeinem Gute herge⸗ kommen war. Seine anfängliche Entrüſtung gegen den Schwiegerſohn verwandelte ſich nach meiner Darſtellung ſeines Zuſtandes gar bald in Mitleiden. Er nahm mich ſehr gütig auf, führte mich auch noch an demſelben Abend bey ſeiner Tochter ein. Welch eine hohe und reitzende Geſtalt! Man mußte. den Schmerz ſelbſt liebgewinnen vor dieſem, ſeinem lebendigen Bilde. Man konnte die leiſen Klagen die⸗ ſes dunkeln, durch ein unwürdiges Schickſal etwas znrückgedrängten Auges, ohne unwillkührliche Seuf⸗ zer nicht anſehen. Man mußte die intereſſante Bläſſe des ganzen wohlgeformten Geſichtes nur darum ver⸗ wünſchen, weil ſie einen Gemüthszuſtand zu verra⸗ 32 chen ſchien, deſſen ſolche Jugend und ſolche Reitze überhoben ſeyn ſollten. Erſt ſeit wenigen Stunden wußte ſie von dem Aufenthalte des Gatten durch ihren Vater, der ihn ausgeforſcht und ſein Gutver⸗ laſſen hatte, um nach B.... zu reiſen und den Baron zur Rede zu ſtellen. Von der Urſache ſeines ſo allgemein gemißbilligten Verſchwindens aber war ihr noch immer nicht das geringſte bekannt. Sie wußte nur ſo viel, daß er eines Abends, wie auf Antrieb eines böſen Geiſtes, plötzlich von ihrer Sei⸗ te geſprungen, und den Morgen darauf nicht mehr zu finden geweſen war. Bis nach S warer gekommen, hatte auch von dort aus für ihren an⸗ ſtändigen Unterhalt geſorgt, aber dann ſeine Wei⸗ kerreiſe gänzlich verborgen zu halten gewußt. Die Freunde der Baroninn hatten dieſe zwar veranlaſſen wollen, ihn durch öffentliche Blätter zur Erklärung des ſo unerhörten Benehmens aufzufordern; jedoch die Verlaſſene war aus Delicateſſe dagegen und bloß für eine behutſame Erkundigung durch ihren Vater geneigt geweſen. Nach meinen, zugleich tröſtlichen und niederſchla⸗ genden Berichten, glaubte ſie ſich zur Pflegerinn ihres kranken Gatten berufen, und dachte ohne Ver⸗ zug zu ihm zu reiſen. Ihr Vater ſelbſt billigte den⸗ Gedanken und wollte ſie begleiten. Es gehörten ſehr kräftige Gegenvorſtellungen von meiner Seite dazu, ihnen die Sache auszureden, oder doch wenigſtens die — 28 Reiſe bis zu der Zeit zu verſchieben, wo ich ſelbſt wie⸗ der in B. ſeyn würde. Um die Heilung meines neuen Freundes beym rechten Ende anzufangen, lag mir alles daran, erſt eine Einleitung zu treffen. Leider aber entdeckte ich gar bold, daß der eigentliche Stoff zu dieſer in Z. nicht autzufinden war Denn die Baroneſſe wußt⸗ von dem frühern Leben ihres Gatten wenig mehr als ich. Nicht lange vor der Vermählung war ſie erſt mit ihm bekannt worden, und das Wenige, was ſie mir von ſeiner Vergangenheit ſagen konnte, nicht geeignet, mir auch nur den geringſten Aufſchluß zu verſchaffen. 8 Von einem Vertrauten der früherén Jahre ih⸗ res Gatten, einem Doctor Sinzer, der auf der Akademie S. gelebt hatte, wußte ſie zwar, aber ſie hatte in der letzten Zeit auf zwey Briefe an ihn keine Antwort erhalten, ſo daß ſie in der Mei⸗ nung ſtand, auch er müſſe ſeinen Aufenthalt verän⸗ dert haben. Er konnte indeſſen vielleicht nur von S. verreist geweſen und nun wieder zurück ſeyn. Dieſe, obſchon ſehr ungewiſſe Hoffnung bewog mich auch, meine Rückreiſe über die erwähnte Akademiezu neh⸗ men, da der Umweg nicht mehr als einige Meilen betrug. In der Wohnung des Doctors Sinzer zu S hoörte ich, daß meine Vermuthung einer Reiſe die richtige geweſen war. Nur war er von ſel⸗ 29 biger noch nicht zurück, dazu wußte kein Meuſch mir zu ſagen, wohin diefe Reiſe gegangen ſey⸗ Eben ſo wenig hatte er die Zeit ſeiner Rückkehr an⸗ gezeigt. Nach dem Aufenthalte von drey Tagen warich daher eines Morgens ſchon im Begriff, ſehr verſtimne in den Reiſewagen zu ſteigen, als Doctor Sinzer, der Abends zuvor wieder gekommen war, auf das Billet, das ich in ſeiner Wohnung zurückgelaſſen hatte, bey mir erſchien. Er wußte bereits um Kleinau's Verſchwinden und ſchloß ſchon, daß es gar ſchlimm mit dem jun⸗ gen Manne ſtehen müſſe, weil von ſeinem zerrürte⸗ ten Gemüthszuſtande wenig zu erwarten ſey. übrigens ſah ich gar bald, daß ich hier den rechten Mann vor mir hatte. Ich ſagte dem Doctor, was ich von des Barons Befinden wußte, und wel⸗ che Hoffnungen ich auf die von ihm zu erwartenden Mittheilungen aus dem Leben des Unglücklichen ge faßt hatte. Da er ſich bereit zeigte, mir alles zu er⸗ zählen, was hierher gehörte, ſo bath ich ihn nur noch, ſo vollſtändig als möglich dabey zu ſeyn, weil zuwei⸗ len die geringfügigſten Umſtände das meiſte Licht verbreiten können. „Verlaſſen Sie ſich darauf,“ ſagte er,„daß ich nichts übergehen werde.“ Und nach einigen unbeden⸗ tenden Wechſelreden zwiſchen uns, erzählte der Freu⸗ de Folgendes, von dem ich, wenn nicht die Worte⸗ doch den ganzen weſentlichen Inhalt behalten habe⸗ 50 und, um dem Leben des Vortrages nicht zu ſcha⸗ den, dem Doctor Sinzer die Rolle des Redners überlaſſen will. . „Meine Freundſchaft mit dem Baron,“ fing der Doetor an, ſchreibt ſich von der Univerſität her, wo ſeine geiſtigen und körperlichen Vorzüge mich an ihn feſſelten und er meine Zuneigung mit einem unbe⸗ gränzten Vertrauen erwiederte. Bald mietheten wir eine gemeinſchaftliche Wohnung, und ſuchten es im Eifer des Studierens, welches wir beyde auf die Rechtsgelehrſamkeit gerichtet hakten, den meiſten übrigen zuvorzuthun. Nur während der halbjährlich einmahl eintretenden Ferien trennten wir uns, um in nnſere verſchiedene Heimath zu reiſen und das je⸗ desmahlige Wiederſehen hatte durch die kucze Ent⸗ behrung immerzweyfachen Reitz erhalten. Bey reich⸗ lichen Einkünften konnte es uns nebenher nicht an Bekanntſchaft mit den beſten Häuſern, ſo wie an andern anſtändigen Vergnügen fehlen, daher denn auch zwey Jahre verſchwunden waren, wir wußten nicht wie. Mit dem Schluſſe derſelben trat unſere pe⸗ riodiſche Trennung wie gewöhnlich ein“ „Ganz ungewöhnlich war dagegen die Art, mit welcher ſich Kleinau nach ſeiner Rückkehr benahm. In Hinſicht unſerer Freundſchaft war zwar nur in ſo fern eine Veränderung mit ihm vorgegangen, als er ſich jetzt im überfließen ſeiner Empfindung zuwet * . 31 len plötzlich in meine Arme warf, was zuvor gewöhn⸗ lich nur 6 Abſchied und Wiederſehen Statt ze⸗ 6 hatte. Allein im? übrigen war er garnicht mehr er Alte. unſer Hauptſtudium begann ihn anzuekeln. t ſchien alles anhaltende Studieren ihm zu⸗ wider geworden.“ „Eine Zeit lang wähnte ich, daß dieſer Zuſtand um ſo eher vorübergehen müſſe, da er ſich auf ein Ereigniß gründete, zu flüchtig, um von demſelben eine dauerhafte Wirkung zu erwarten. Kſeinau hatte nähmlich auf ſeiner Rückreiſe, unterweges vor ei⸗ nem Gaſthofe, einen Wagen halten, und in dieſen unter andern ein ſehr ſchönes Mädchen ſteigen geſehen. Während er den W Lirth vergebens nach ihr gefragt, war der Wagen davon gefahren, doch das Bild des Mädchens in ſeiner Seele zurückgeblieben, das mit jedem Augenblicke ſtärkere und leuchtendere Farben angenommen hatte. Ein ſolcher Eindruck, glaubte ich, könne durchaus nicht von Dauer ſeyn, und ich wünſchte nichts mehr, als daß die Si ihm noch einmahl im Leben begegnen und ſo durch ſie ſelbſt der Farbenſchimmer ausgelöſcht werden möchte, we⸗ mit die Phantaſie meines Freundes ihm ihr Bild in ſein innerſtes Weſen gezaubert hatte. Allein wie ſehr er auch überall nach dieſer Schönheit ſuchte, ſo fand ſie ſich doch nirgends wieder.“ »Die Unruhe, welche ein ſo verfehites Streben in ihm hervorbrachte, ſchadete nicht allein ſeinen Studien, ſie verwickelte ihn auch in andere 2. —— am, glaubten auch die Häßlichen es ihm in alle 32 ſprießliche Dinge. Es gab hier unter den Studie⸗ renden hauptfächlich zwey Ordensverbindungen, wel⸗ che einander ohne Aufhören zu verhöhnen und ſonſt anzufeinden ſuchten. Ehe ich mir es verſah, war der Baron das Haupt der einen geworden. Meine Ge⸗ genvorſtellungen fruchteten nichts, ja es kam ſo weit, daß er bald für einen der erſten Schläger auf der Univerſität galt und nicht leicht ein Duell vorfiel, worein er nicht verflochten geweſen wäre. Außer mit dem feindlichen Orden gab es auch zuweilen Mißhelligkeiten mit den jungen Handlungsdienern, die in grobe Thätlichkeiten ausarteten, ſo daß Klei⸗ nau ſchon mehrmahls wegen dergleichen Geſchichten vor Gericht geſtanden hatte.“ „Die Erbitterung der beyden Orden gegen ein⸗ ander ſtieg mit jedem Tage. Beſonders dachte Klei⸗ nau jetzt darauf, einmahl mit dem Anführer der feindlichen Partey, einem Grafen von Rügen, an⸗ zubinden. Graf Rügen, ein beynahe noch ſchönerer Mann, als der Baron, wurde von ſeiner Partey wie in Allem, ſo auch im Anzuge gewöhnlich zum ilde genomien. Von der Anmuth bethört, che ſelbſt das Barocke an ſeinem ſchönen Körperbe Reuerungen an der Kleidung nachthun zu müſſen 3 Rügen geſiel ſich, wie ſo mancher junge Mann auf der Akademie, zuweilen in einem auffe alenden Wnz von eigener Erfindung.“ „So erſchien er denn auch eines Tages nß 34 mehreren der Seinigen in dem Wirihshanſe eines benachbarten Ortes mit einem Mantel, deſſen Kra⸗ gen, der allgemeinen Mode entgegen, ringsum aus⸗ gezackt war. Kleinau, welcher ſich ebenfalls an die⸗ ſem Orte befand, ſchlug ein ſchallendes Gelächter über ihn auf. Er ſprach von Narrheit und derglei chen ſo laut, daß die Gegner es hören konnten. 9 8 ſchien es abſichtlich nicht bemerken zu wollen, konn⸗ te aber doch, als er ging, ſich nicht enthalten, ei⸗ nen drohenden Blick bey Kleinau zurückzulaſſen. Das Lachen, worein dieſer hierauf ausbrach, ver⸗ fehlte indeſſen ſeine Abſicht. Ohne ſich auch nur darnach umzuſehen ging Nügen mit ſeinen Freunden hinweg.* „Damit war aber die Sache nicht zu Ende. Kleinan machte ein Paar Spottverſe auf den Mantel nach der Melodie eines bekannten Gaſſenhauers. Er verabredete mit einem Leyermanne, daß dieſer das Spottgedicht Abends an einem öffentlichen Orte ab⸗ ſingen ſollte, der dem Grafen und den Seinigen zum gewöhnlichen Aufenthalte diente.“ »Die Geſchichte nahm auch gerade den Gang welchen Kleinau davon erwartet hatte. Der Leyer⸗* mann wurde um den Anſteller befragt. Sich vor ei⸗ ner Menge aufgehobener Stöcke zu retten, muß er alles entdecken, was ihm übrigens auch gar; verbothen worden war. Hierauf kam es denn des Grafen Seite zur Ausforderung, die, in derer ſten Hitze abgefaßt, manches beleidigende Wor 34 hielt. Der Baron feohlockte, und erſuchte mich, ſein Secundant zu werden.“ e½ „So unangenehm es mir auch war, mich in die Schlägerey verwickelt zu ſehen, ſo rieth mir doch die Freundſchaft, es nicht von der Hand zu weiſen, und die Freundſchaft hatte, wie ſich bald zeigen wird, vollkommen Recht gehabt. Zum Orte des Duells war der Saal desſelben Wirthshauſes in der Nähe auserſehen, wo die Geſchichte ihren Anfang genom⸗ men hatte, weil dieſer Saal, in der Regel, nur dann oſfen ſtand, wenn es Tanz am Orte gab.“ „Dieß Mahl aber hatte man ſich darin verrech⸗ net. Da gerade Sonntag war, ſo hatten einige Handlungsdiener ſchon vor uns mit ihren Mädchen Beſitz von dem Saale genommen. Der Baron bath dieſe hierauf, daß ſie ſich in ein anderes Gemachbe⸗ geben möchten. Allein ſo höflich er ſich auch dabey benahm, ſo glaubten die Handlungsdiener doch viel⸗ leicht zu ihrer und ihrer Mädchen Ehre die Behaup⸗ tung des früher eingenommenen Platzes ſchuldig zu ſeyn, und wurden daher, da alle Vorſtellungen verge⸗ bens waren, durch den Baron ganz allein, F hinausgeworfen.“ „Das Duell ging vor ſich. Wahrſcheinlich wa die Wallung, worein den Baron die Epped mit den Handlungsdienern geſetzt hatte, daran Schuld daß er dieß Mahl den Degen bey weitem nicht 4 und bald, jedoch nur leicht, in den linken Arm ver⸗ wundet ward.“ »Jetzt trat ich ſogleich dazwiſchen und ſo ſehr Kleinau auch wüthete, ſo ſehr er behauptete, daß dieß keine Genugthuung bey einer Feindſchaft, wie die ſeinige mit Rügen, ſey, er mußte ſich in meine Meinung fügen, weil ihr ſeines Gegners Secun⸗ dant ebenfalls unbedingt beytrat. Daraufumarmte er zwar Rügen, jedoch konnte man wohl bemer⸗ ken, daß es ein Act der bloßen Gewohnheit war, welcher keinesweges auf innere Eingebung geſchah. Ruch bey dem Weine, den wir nun gemeinſchaftlich einnahmen, war keine Fröhlichkeit oder veränderte Geſinnung überhaupt zu bemerken. An das Trin⸗ . ken ſelbſt wurde kaum gedacht und jeder ſchien froh zu ſeyn, als der Heimweg endlich angetreten werden ſollte.“ „Ehendieſes jedoch geſchah, kam der Wirth her⸗ ein und ſagte von einem Geſpräch der aus dem Saale geſtoßenen Handlungsdiener, das ihm zu Ohren ge⸗ kommen war. Sie hatten geſchworen, den Baron dermaßen zu zeichnen, daß er ſelbſt ſein Lärvchen nicht wieder erkennen ſolle.“ »Kleinau lachte darüber laut auf. Aber der Wirth bath, es nicht auf die leichte Achſel zu nehmen, weil, zu Folge ſicherer Nachrichten, die Feinde im benach⸗ barten Wälbchen eine große Parthie zuſammen ge⸗ bracht hätten, welche ſchon auf der Lauer ſtehe. Der Wirth fügte hinza, daß, da man unfehlbar die Po⸗ 36 lizey nicht wohl zu Hülfe rufen könne, ohne das Duell, als die erſte Veranlaſſung dazu, dem Be⸗ kanntwerden auszuſetzen, ſo ſey ſein Rath, der Ba⸗ ron möge bis zum nächſten Vormittage im Hauſe verweilen, und dann, wo ſeine Feinde bey ihren Ge⸗ ſchäften wären, den Rückweg erſt antreten. Denn ſelbſt eine Verſtärkung aus der Stadtzu hohlen und den Gegnern ein Treffen zu liefern, würde wegen des Aufſehens nicht rathſam ſeyn.“ „Der Baron verwarf jedoch den Vorſchlag mit Unwillen. Nur ein Feiger, ſagte er, könne zu ei⸗ ner ſolchen Maßregel greifen. Ja, er hatte ſich in den Kopf geſetzt, auf der Stelle den Rückweg an⸗ zutreten und, wie er ſich ausdrückte, die Güte ſeines Armes und ſeines Hiebes an den Naſen und Ohren ſeiner Feinde zu prüfen. „Wir Ubrigen traten jedoch dem Wirthe bey. Als aber Kleinau äußerte, daß er ſchon darum den Vor⸗ ſchlag nicht annehmen könne, weil ihm ein Ver⸗ ſprechen zur gewiſſen Rückkehr am Abende verpflich⸗ te, ſo ging man davon ab, und jeder verſuchte et⸗ was anderes vorzuſchlagen. Endlich da alles un⸗ haltbar befunden war, erboth ſich Rügen, der Ein⸗ zige, der einen Mantel bey ſich hatte, dieſen dem Baron zu leihen, worin er, von der Dämmerung begünſtigt, um ſo eher verkannt werden würde.“ „Was der Zweykampf nicht bewirkt hatte, das hrachte dieſes Erbiethen zu Stande.“ „Lieber Rügen! rief Kleinau, ihn herzlich in die —————— 37 Arme ſchließend. Ich ſtehe beſchämt da, auch wenn ich Ihre Offerte nicht annehme.“ „Warum beſchämt? erwiederte der Graf, eine Kleinigkeit wie dieſe iſt man wohl ſelbſt ſeinem Feinde ſchuldig! Aber ſind wir denn wirklich noch Feinde 2*— „Brüder! und aufewig, wenn Du willſt! rief Kleinau begeiſtert aus.“ »Laßt uns anſtoßen darauf, ſprach der Graf und das waren die erſten Gläſer, die unter ſichtba⸗ rer Herzlichkeit und lautem Frohſinn geleert wur⸗ den. übrigens halfen alle Ablehnungen wegen des Mantels, dem Baron nicht das mindeſte; er mußte ſeinen Oberrock dafür dem Grafen abtreten, deſſen Secundant hierauf ſogleich mit Kleinau den Rück⸗ weg einſchlug.“ »Die Menge junger, größten Theils ziemlich ver⸗ mummter Leute, welche ſie unterweges, theils auf der Straße, theils hinter den Bäumen bemerkten, überzeugte den Baron erſt vollkommen von der Noth⸗ wendigkeit der genommenen Maßregel. Ich, der ich ſchon meiner ungewöhnlichen Länge halber nicht für ihn angeſehen werden konnte, war wenige Schritte hinterher gefolgt, um meine Freunde im Nothfalle thunlichſt unterſtützen zu können. Allein es kam zu keinem Angriffe. Vielmehr hörte ich deutlich die Wor⸗ te Er iſt nicht dabey. Wir gelangten daher ohne alle Beunruhigung in die Stadt. Ein Pferdehan⸗ del mit dem Wirthe hatte indeſſen den Grafen Rü⸗ 38 gen noch länger als eine halbe Stunde im Gaſthofe zurückgehalten, während welcher der Abend völlig hereingebrochen war.„Das muß er ſeyn, es iſt ſonſt niemand mehr zurück!“ ſo hörte er ſich ſchon von Weitem entgegenrufen. Vergebens meint er durch Nennung ſeines Nahmens die Sache zu ſchlich⸗ ten. Man glaubt nicht daran, und fällt dergeſtalt über ihn her, daß er durch den Wirth, der auf den entſtandenen Lärm mit ſeinen Leuten herbeyeilt, für todt vom Platze muß geſchafft werden.“ „Kleinau, außer ſich, als er am folgenden Mor⸗ gen dieſe Nachricht erhält, eilt ſogleich zu dem neuen Freunde. Er veranſtaltet, daß er nach der Stadt geſchafft wird, und beruhiget ſich nicht eher, als bis die Arzte, welche eine Stichwunde für ſehr bedenklich gehalten hatten, den Kranken außer Ge⸗ fahr erklären.“ „Der Tag, an dem dieß geſchah, war ein ho⸗ her Feſtag für Kleinau. Ich war ſelbſt zugegen, wie dieſer zu Rügen ſagte:„Der Mantel muß nun mein bleiben. Ich, der lächerlich genug, über ſeinen Schnitt mich aufhielt, will dir die Genugthuung geben, ihn erſt vor aller Welt zu tragen, und dann zum ewigen Andenken deiner Großmuth aufbewah⸗ reu. Der Gedanke an dieſen Mantel ſoll mich zu je⸗ der Aufopferung für dich, ja zu dem grauſamſten Tode begeiſtern, wenn es gälte, dein Leben zu erhalten, oder auch nur zu verſchönern!“— 39 »Rügen erwiederte Kleinau's Liebe mit gleichem Feuer.“ „So ſchön undthebend aber auch die Scene an 2 5*§ ſich war, ſo ſetzté doch der dazukommende Arzt dem Enthuſiasmus des Kranken noch zu rechter Zei Gränzen, weil die Fortdauer einer ſo heftigen Ge⸗ müthsbewegung ſeinen Zuſtand gar leie 6 an⸗ fängliche Gefahr hätte zurückbeingen können.“ „Von nun an fand zwiſchen Rügen und Kleinau die engſte Verbindung Statt, welche auch auf die Ei⸗ nigkeit der zeither immer feindlich gegen einander geſinnten Orden einen ſehr glückl ichen Einfluß äu⸗ ßerte, und es ward aus uns dr reyen ein faſt unzer⸗ trennbares Kleeblatt.“— »Nach einer recht auffallenden Unruhe von meh⸗ reren Tagen, war Rügen eines Abends wieder mit einem Mahle heiter geſtimmt, und ſagte zu uns, die wir auf ſeinem Zimmer allein mit ihm ſaßen:„End⸗ lich, gute Brüder, bin ich wegen meiner Jukunft ent⸗ ſchloſſen, die mir lange Zeit große Unruhe verurſacht hat. Obſchon meine künftigen Güter zu meiner Be⸗ ſchäftigung und meinem Unterhalte weit mehr als zulänglich ausreichen würden, ſo wünſcht doch mein Vater, daß ich, ehe ich mich denſelben ausſchließend widine, ein, meinem Stande angemeſſenes Amt be⸗ kleidet haben möchte. Vielleicht iſt es Eigenſinn zu nennen, doch wird er ſich äußerſt ſchwer davon ab⸗ wenden laſſen. Anfangs lief daher mein Wille dar⸗ auf hinaus, im Inſtizfache nach einem ſolchen Amte 40 auszugehen. Allein der Weg dahin wird mir, haupt⸗ ſächlich aus einer Urſache, zu lang bis zu einem Po⸗ ſten, mit deſſen Anſehen mein Vazer zufrieden ſeyn würde. Darum denke ich eine kürzere, wenn auch gefahrvollere Straße zum Ziele einzuſchlagen. Der Feldzug, welcher ſich eben ersffnet, biethet mir dieſe. Bey den Verbindungen meiner Familie kann mir eine Officierſtelle nicht fehlen, ich will dieſerhalb mich morgendes Tages um eine ſolche bewerben. Mein Onkel iſt General und wird auf mein Bitten mir ſchon Gelegenheit verſchaſſen, in der neuen Lauf⸗ bahn Ehre oder Tod zu erringen.“ „Beyde, Kleinau und ich, ſuchten ihm davon abzurathen, indem wir ſagten, daß ſo ſeine zeithe⸗ rigen Studien ganz verloren ſeyn würden. Er aber erwiederte:„Nichts weniger als das. Ich werde mich darum in meinem künftigen Leben nur deſto beſſer zurecht finden, wenn anders die feindlichen Degen und Kugeln dieſem Leben nicht in den Weg treten. Ebrigens erwähnte ich vorhin einer haupt⸗ ſächlichen Urfache zu dieſem Schritte; es iſt die Liebe. Zu euch geſagt, ich liebe in Thereſen von Barneck ein Mädchen, das ich, ſelbſt von ganz Parteylo⸗ ſen, mit den Engeln habe vergleichen hören. Es liegt mir alles daran, die erſehnte Verbindung bald⸗ möglichſt zu ſchließen. Letzteres aber könnte bey ei⸗ nem geringen Civilpoſten, wie ich im Anfange doch nur erhalten würde, nicht geſchehen, weil meines Vaters Eigenſinn der Einwilligung dann entgegen⸗ 41 ſtünde. Im FKriege habe ich's mit einer Alternative zu thun, die mir beſſer behagt: Entweder ein eh⸗ renvoller Platz oder der Tod! Zwar kennt mich Thereſe ſchon, doch bin ich noch nicht ſo kühn gewe⸗ ſen, mich um ſie zu bewerben. So viel hoffe ich in⸗ deſſen, daß ſie ſich, in der Einſamkeit auf dem Gute, ſchwerlich ſchon jetzt für eine beſtimmte Liebe erklärt hat. Ihr einſames Leben aber wird im jetzigen Som⸗ mer noch aufhören. Verwandte in der Reſidenz, de⸗ ren Adreſſe ich dir mit dieſer Karte gebe, haben ihren Iltern verſprochen, ſich der Bildung There⸗ ſens anzunehmen, die allerdings auf dem Gute ei⸗ niges Hinderniß finden würde. Dir, mein Kleinau, der ebenfalls in kurzem die Reſidenz zum Aufent⸗ halte wählen wird, dir überlaſſe ich es, ſie dort auf meine künftige Bewerbung vorzubereiten. Bin ich ihr gleichgültig, ſo—— hierbey zuckte er weh⸗ mükhig die Achſeln. Iſt dieß, wie ich hoffe, nicht der Fall, o ſo wird ſie gewiß meine Rückkehr, oder die Nachricht, daß ich nicht mehr bin, abwarten, ehe ſie über ihre Hand entſcheidet. Ohne dich wäre ich vielleicht nächſtens auf ihrer Altern Gut gereiſet, um vor meinem Ausmarſche noch ſelbſt ihr meine Liebe zu erklären. So aber wird der zarte Geiſt der Freundſchaft mir ihr Herz bewachen und be⸗ wahren.“ »Er wird es, Bruder meiner Seele!“ rief Kleinau.„Gewiß, du hätteſt deine Wünſche keinem Sreuern Herzen anvertrauen können.“ „Es war,“ ſo fügte der Doctor Sinzer hinzu, „der letzte ſchöne Abend, den wir zuſammen verleb⸗ ten. Schon am vierten Tage brachte eine Staffette die Antwort. Rügen war Lieutenant und ſollte au⸗ genblicklich nach der Reſidenz, um ſeinem bereits ausgerückten Regimente zu folgen.“ „Unſern Abſchied am Morgen ſeiner Reiſe zeich⸗ nete vielleicht eine größere Weichheit aus, als der Anſtand Männern geſtatten will. Kleinau beſonders weinte wie ein Kind.„Rügen,* ſagte er, als die⸗ ſer in den Wagen ſteigen wollte,„wenn du je an mir zu zweifeln vermöchteſt, ſo denk an den Mantel, den ich mir zugeeignet habe, und du wirſt alle an⸗ dern Bürgen entbehren können.“ „Der Scheidende riß ſich mit Gewalt von ſeiner Bruſt los und ſprang in den Wagen, der uns bald aus den trüben Augen rollte.“ »Einen ganzen Monath lang wich die Wehmuth nicht aus unſerem Kreiſe. Kleinau ſprach von der Ahnung, den wackeren Rügen nicht wieder zu ſehen. Er ſuchte mir und andern dieſe Ahnung durch ſei⸗ nen unnennbaren Schmerz am Scheidetage 6 klar als möglich aus einander zu ſetzen. Auch überließ er ſich ſeiner fortdauernden, ſchmerzlichen Stimmung gänzlich, und es war damahls ein Glück für ihn, daß er der Prüfung halber, die ſeinen Kenntniſſen nächſtens bevorſtand, zu recht ahal Aeit genöthiget wurde.“ „Sobaid er die Prüfung im Nücken hatte, dachte 43 er auf nichts ſo ſehr, als nach der Reſidenz zu ei⸗ len, um dort den Auftrag des Abweſenden auf's gewiſſenhafteſte zu beſorgen. Sein Reiſetag war ſchon angeſetzt, als ein zufälliges Ereigniß ihn um eine Woche weiter hinausſchob. Noch immer nähm⸗ lich hatte Kleinau die Schönheit im friſchen An⸗ denken, über deren Erſcheinnng er anfangs ſeine ganze Beſtimmung vergeſſen zu wollen ſchien. Durch die Zeit und den Gedanken der Ungewißheit ihres Wiederſehens war inzwiſchen die Herrſchaft ihres Bildes in ſeiner Seele um Vieles geſchwächt wor⸗ den. Nun aber trifft er plötzlich in einer Geſellſchaft mit ihr zuſammen und ſieht, daß er damahls an der ſchönen Reiſenden tauſend Reitze überſehen hatte, welche jetzt mit ihrer ganzen Gewalt auf ihn ein⸗ ſürmen. Er läßt ſich ihren Altern, Landraths von Gellingen, vorſtellen. Er weiß es zu vermitteln, daß ihm bey Tiſche der Platz neben dem ſchönen Fräulein eingeräumt wird. Er findet in ihrer ſtillen Beſcheidenheit die Güte ſener Wahl bekräftiget; denn daß er ſie wirküich zur Gattinn wählen will⸗ das iſt ſein Hauptgedanke den ganzen Abend.“ »Berauſcht von dem neuen Glücke, fiel er mir auf dem Heimwege einmahl nach dem andern um den Hals, und ich konnte ſeine Frage: ob ich dieſe Neigung billigte, nicht anders, als mit einem auf⸗ richtigen Ja beantworten, da wirklich des Fräuleins iußeres und ganzes Weſen eine Satyre auf die Na⸗ . 44⁴ tur abgegeben haben würde, wenn ukcht in ihr das liebenswürdigſte Gemüth ſeinen Wohnſitz hatte.“ „Acht Tage wollten Landraths noch verweilen, und dann nach der Reſidenz Z. reiſen. Kleinau be⸗ dauerte nur, daß ſie den größten Theil dieſer Zeit nicht in der Stadt ſelbſt, ſondern bey Verwandken auf Gütern in der Nähe zuzubringen gedachten. So⸗ bald ſie nach der Stadt kamen, beſuchte er ſie und betrieb überhaupt die neue Bekanntſchaft ſo ernſt⸗ lich, daß es jedermann auffallen mußte; was ihm übrigens gleichgültig ſeyn konnte, da er von frein⸗ dem Willen unabhängig war und keinen feſteren Ent⸗ ſchluß hatte, als den, die Geliebte zur Gattinn zu begehren, überdieß ſeine ſchon ziemlich klar ausge⸗ ſprochenen Wünſche von Seiten der Altern ganz un⸗ begünſtiget wurden.“ Die gemeinſchaftliche Reiſe wurde verabredet und g⸗n Ich hatte ihn während der Ferien in Z. zu beſuchen verſprochen, um Zeuge ſeines vol⸗ len Glückes zu werden. Aber wie erſchrack ich bey meiner dortigen Ankunft, als ich in ihm einen Un⸗ glücklichen fand, der mit ſeinem beſſeren Selbſt im heftigſten Streite lag. Unterweges nähmlich, war nebſt ſo Manchem, was den langen Tag über zur Sprache kam, auch das, daß Kleinau's Geliebte, die er zeither immer nach dem Nahmen des Land⸗ raths geheißen hatte, nur die Stieftochter des letz⸗ tern und mit einem Worte keine andere, als die⸗ ſelbe Thereſe von Barneck war, an welche Rügen ———— —— 45 ihm den erwähnten Auftrag gegeben hatte. Kleinau begriff, ſo ſagte er mir, noch immer nicht, wie ſein plötzlicher Schauder bey ſo unerwartetem Aufſchluſſe ſämmtlichen Reiſegefährten entgangen ſeyn konnte. Er wußte nicht genug zu beſchreiben, welche An⸗ ſtrengung es ihm nachher gekoſtet, das gänzlich ver⸗ lorene Gleichgewicht während des Reſtes der Reiſe zu behaupten; nicht zu beſchreiben zugleich, wie Thereſens Reitze ſich ſeit der unſeligen Entdeckung zu verdoppeln geſchienen hätten.— Er begehrte meinen Rath. Ich verwies in an ſeine eigene Ver⸗ nunft. Er verſtand mich und hatte auch wirklich den beſten Willen, Rügens Auftrag bey Thereſen aus⸗ zurichten, und ſich Senn auf eine Zeit lang ganz aus ihrem Kreiſe, in entfernte Gegenden zu ver⸗ bannen.“ »Er dankte mir herzlich. Mein Aufruf an ſeine Vernunft, ſagte er, habe ihn neugeboren. Nach ſei⸗ nen kräftigſten Betheurungen, wie ſehr es ihm Ernſt ſey mit der bitteren Entſagung, reiſete ich auch ſehr beruhigt auf die Akademie zurück.“ »Ach, ich kannte noch nicht,“ ſoſchaltete Doe⸗ tor Sinzer hier ſeufzend ein,„ich kannte noch nicht die Tyranney eines liebenden Herzens über die ern⸗ ſteſten, heiligſten Beſchlüſſe*— »Kaum einen Monath nach meiner Rückkehr,“ fuhr er fort,„ſagte mir ein Brief von ihm, daß der Schritt doch geſchehen ſey, daß Kleinau There⸗ ſen wirklich geheirathet habe.“ um dieſe Rachricht einzuleiten, hatte er eine Neihe ſogenannter Ver⸗ nunftgründe vorausgeſchickt.„Thereſens Mutter ſo ſchrieb er,„habe mehrmahls ihre Abneigung ge⸗ gen den Krieg geäußert und aus drücklich geſagt, daß ſie ihre Tochter jedem Andern eher als einem Sol⸗ daten gegeben hätte. Er fagte ferner, daß bey ei⸗ nem ſo mörderiſchen Kriege, wie der damahlige und bey Rügens Vorſatze, ſich beſonders auszuzeich⸗ nen, weit eher zu beſorgen ſey, daß er bleiben, als daß er zurückkehren werde. Und geſchähe dieß auch, fügte er hinzu, ſo würde Rügen doch eher tauſend andere Mädchen finden, als er, Kleinau, eine ein⸗ zige. überhaupt würde Rügen ihm Thereſen ſelbſt. abgetreten haben, wenn er gewußt hätte, mit wel⸗ chen Banden er ſchon früher an ihr bloßes Bild ge⸗ knüpft geweſen. Kurz, Kleinau ſuchte die Verbin⸗ dung durch dieſe und noch andere Auseinanderſetzun⸗ gen von gleichem Gehalte zu beſchönigen.“ „Die Verſtimmung, an der ich darüber litt, machte, daß mein kurzer Glückwunſch allerdings ziemlich hölzern herausgekommen ſeyn mag. In der That warf mir ein Brief, den der Neuverheira⸗ thete mit umgehender Poſt an mich ſandte, meine geringe Theilnahme an ſeinem außerordentlichen Glücke auf das heftigſte vor. Die Veranlaſſung zu dieſer Heftigkeit konnte mir nicht zweifelhaft blei⸗ ben. Ich war über ſeine Gründe hinweggegangen, deren Billigung ſein, ſchon damahls vermuthlich 47 von Zeik zu Zeit unruhiges Gewiſſen, hatte betäu⸗ ben ſollen.“ »Ich entſchuldigte mich, ſo gut es gehen wollte. Es verſtrich aber eine Zeit von ziemlich einem Vier⸗ teljahre, ehe Kleinau wieder an mich ſchrieb. Und aus ſeinem Briefe erhellte, aß— ſein Gemüths⸗ zuſtand großen Theils zerrüttet war.“ „Unter dieſen Umſtänden glaubte ich ſeinem Wun⸗ ſche, mich zu ſehen, nachgeben zu müſſen, und rei⸗ ſete nach Z. Ich fand in Kleinau den Alten gar nicht mehr. Die Gluth ſeines Geſichts war erloſchen, ſein reger lebendiger Geiſt zur Mumie eingeſchrumpft und die Urſache davon mochte ein Brief von Rü⸗ gen ſeyn, den er mir ſogleich entgegen reichte. Zu⸗ fällig hatte dieſer Rachricht von Kleinau's Verbin⸗ dung mit Thereſen erhalten und ſeinem tief ver⸗ wundeten Herzen darüber Luft gemacht. Es war von Tücke, Treuloſigkeit und dem ſchwärzeſten Mei⸗ neid die Rede in dem Briefe.“ „Kleinau zerriß ihn mit den Zähnen, und er⸗ wiederte die Vorwürfe des ſich verrathen fühlenden Freundes ſo gut als möglich. Nur ſelten gab es Au⸗ genblicke, in denen er ſein Unrecht einſah; vielmehr beklagte er ſich über Rügens Feindſeligkeit und ſtieß unter andern einmahl die Worte aus:„Das Leben konnte er mir abfordern, es war immer für ihn be⸗ reit. Aber er wollte meine Seele auch haben, denn was iſt Thereſe anders, als der beſte Theil meiner 45 Seele? Und darüber haſſe ich ihn, und muß ihn haſſen!“— „Es ließ ſich hierauf keine Antwort geben, aber er ſelbſt nahm nicht lange nachher dieſes alles wie⸗ der zurück, und erzählte, wie innig er ſchon nach dieſem Briefe und zuvor die Heirath bedauert habe, wie der arme Rügen ihn wegen ſeines ſo ſchändlich gemißbrauchten Vertrauens verfluchen müſſe. Was den Eindruck von Rügens Briefe um ein Bedeu⸗ tendes verſtärkt hatte, war der Umſtand, daß die ſchuldloſe Thereſe, ganz zufällig gerade am Tage, nachdem er angekommen, geſtand, wie eben ſein Freund Rügen der erſte Gegenſtand ihrer Liebe ge weſen, wie ſie während ihres Aufekthalts in S*** nichts ſehnlicher gewünſcht habe, als ihn einmahl zu ſehen oder etwas von ihm zu hören. Es ſey ihr ſchon einige Mahl gegen ihren nunmehrigen Gatten⸗ die Frage nach dem jungen Manne auf der Zunge geweſen, aber die Furcht, ihren Antheil zu verra⸗ then, habe ſie wieder unterdrückt.“ „Es koſtete mir,“ erzählte Sinzer weiter,„viel Mühe, Kleinau'n dahin zu bringen, daß er There⸗ ſen jetzt, wo es zu ſpät war, nicht alles das ge⸗ ſtand, wovon er zuvor jedes Wort vermieden hatte. Auch machte ich, da ich wohl inne ward, daß meine Gegenwart durchaus nichts in ſeiner ewig ſich wi⸗ derſprechenden unglücklichen Stimmung zu ändern vermochte, mich früher auf die Rückreiſe, als ich anfangs gewollt hatte.“ ₰ 49 „Kaum warich wieder hier, als eines Abends ein Wagen bey meinem Hauſe vorfuhr und bald darauf Kleinau an meine Bruſt ſtürzte. Gott, wel⸗ che Veränderung war damahls mit ihm vorgegan⸗ gen! Es war die Verzweiflung ſelbſt, welche mich in die Arme preßte; der Wahnſinn, der mich aus zwey geliebten Augen anſtarrte.“ „Erſt nach wiederhohlten freundlichen Fragen von meiner Seite, fand Kleinau die verlorne Sprache allmählich. Halbe Worte ſagten mir, daß Rügen in der letzten Schlacht gefallen ſey. Als ſo viel endlich heraus war, rief der Angekommene:„Freund, Bru⸗ der, Einziger, der mir geblieben iſt, ich bin hier, dich um Schutz gegen ſeinen Schatten anzuſprechen, der mich alle Nächte verfolgt, der mich aus den Armen meiner geliebten Frau gejagt hat, der mich über die Gränze des Lebens hinweg ſchleudern wird, wenn du keine Rettung wiſſen ſollteſt.“ „Ich that alles, um ihn durch Vernunftgründe und das Zumbeſtenkehren des Geſchehenen, wenn nicht auf die Dauer zu beruhigen, doch für den bö⸗ ſen Moment zu ſtillen. Ich brachte ihn auch ſo weit, daß er mir ziemlich gelaſſen und im Zuſammenhange erzählte, was er gethan hatte und noch zu thun ge⸗ dachte. Ohne ſeine Frau im mindeſten etwas von den Urſachen ahnen zu laſſen, war er, wie Sie bereits wiſ⸗ ſen werden, in der Nacht heimlich aus Z. gegangen und wollte, um ſo wenig als möglich an das Vergan⸗ unterh. Bibl. 3. Jahrg 1. B. G 50 gene erinnert! zu ſeyn, für's erſte eine Reiſe ver⸗ ſuchen.“ „Einige Einwendungen gegen dieſen Vorſatz er⸗ bitterten ihn, ob ich ſie ſchon mit der nöthigen Be⸗ hutſamkeit machte. Daher hielt ich es für das Beſte, in dieſem Augenblicke die Zweckmäßigkeit ſeines Planes nach und nach anzuerkennen. Aus demſel⸗ ben Grunde billigte ich auch die Verfügung, welche er, wegen des anſtändigen Auskommens ſeiner Gat⸗ tinn bis zu ſeiner Rückkehr, auf meinem Zimmer traf, weigerte mich zudem nicht, ihm eine beträcht⸗ liche Summe in Wechſeln zu überlaſſen.“ „Sehr gern hätte ich ihn während der Nacht im Auge behalten, oder doch wenigſtens meinen Be⸗ dienten in ſeines Nähe gewußt. Das erſtere aber fand in der Lage der Wohnung ein Hinderniß und den Bedienten verbath er durchaus, und aus dem Grunde, weil er ſchon einen treuen Mann bey ſich habe. Den Reſt des Abends verbrachten wir mit Geſprächen über gleichgültige Dinge, geriethen auch unter andern auf die Bedürfniſſe eines Reiſenden⸗ Ich ſtellte ihm vor, daß er bey ſo kalter Jahreszeit nicht wohlthue, ohne Mantel zu reiſen, wie ich be⸗ merkt hatte, daß es geſchehen war. Das einzige Wort Mantel aber entzündete plötzlich ſein bis da⸗ hin ziemlich ruhiges Auge von neuem⸗ Er ſagte, daß der Anblick eines jeden Mantels ihm den hef⸗ tigſten Schauer errege; daß Rügens Schatten ihm allezeit in dem Mantel erſcheine, der noch zu Hauſe 57 in ſeiner Garderobe hinge und der ſchrecklichſte Zeuge ſeiner Wortbrüchtigkeit ſey. Zugleich blichte der Unglückliche überall ſchüchtern umher, als eb⸗ ſchon die bloße Erwähnung des Mantels den zür⸗ nenden Geiſt von deſſen vormahligem Beſitzer her⸗ beygerufen haben könne.“ »Mehr als meine Vorſtellungen hingegen, ſchien bald darauf der Schlaf an dem Unglücklichen thun zu wollen. Nach einer Reihe von Nachtwachen und der Ermüdung von der Reiſe war er in der That ſo ſchläfrig, daß ſeine Augen von ſelbſt zuſanken, und ich vermuthete, er werde eine leidliche Nacht haben.* „Die meinige war nicht ſo zu nennen. Denn kaum befand ich mich im Hinterhauſe, wo ich für gewöhnlich zu ſchlafen pflege, ſo fiel es mir auf das Herz, daß ich ihn bey ſeinem Zuſtande die Nacht in ſo weiter Entfernung von mir zubringen ließ. Sein: eigener Bedienter ſchien mir zur Aufſicht über ei⸗ nen Viſtonär dieſer Art ſchon darum uicht hinrei⸗ chend, weil er, eben als ſein Bedienter, ihm Folge zu leiſten hatte. Ich nahm mir auch feſt vor, gen in Verbindung zu ſetzen ſey, Leider, zeigte ſich's, daß es nun nicht mehr Zeit war, Vermuth⸗ lich von ſeiner böfen Erſcheinung verfolgt, hatte er⸗ i mit ſeinem Bedienten da⸗ ne auch nur die mindeſte Nachricht 52 zu hinterlaſſen, oder am folgenden Tage zu geben; ein Umſtand, der mir bey ſeinem ſonſtigen unbe⸗ gränzten Vertrauen zu mir die Lage ſeines Gemü⸗ thes als ſehr mißlich darſtellen mußte.“ „Sie können glauben, daß ich mir alle Mühe gab, ſeine Spur aufzufinden, die er jedoch, wie mir einige Mahl vorkam, abſichtlich verwiſcht haben mochte. Meine jetzige Abweſenheit hatte einzig die Nachforſchung nach ſeinem Aufenthalt zum Zweck.“ „Bey meiner geſtrigen Rückkehr fand ich von ſei⸗ ner Gartinn zwey ängſtliche, herzzerreißende Briefe, und es iſt mir ein ſehr großer Troſt, daß Sie die⸗ ſer trefflichen Frau wenigſtens etwas von des Un⸗ glücklichen Aufenthalte haben mittheilen können.“ Hiermit ſchloß der Doctor Sinzer ſeine Er⸗ zählung. Meine Zuhörerinnen und Zuhörer werden von ſelbſt einſehen, daß mir unter ſolchen Umſtänden die Heilung des Kranken, über welche ich mit Sinzern mich beſprach, ziemlich zweifelhaft werden mußte. „Wenn er nur vor allen Dingen von der un⸗ ſeligen Viſion zurückgebracht werden könnte!“ ſagte ſein alter Freund. Doch fügte er zugleich hinzu, daß ſie ſchon zu tief in ſeine Phoutaſis eingewebt — zu ſeyn ſcheine⸗ Nach langer, ſchmerzlicher Pauſe, fuhr er fort „Eine einzige, aber freylich überaus ſchwache Hoff⸗ nung hätte ich Mehrere Officiere, welche in 5 der vorletzten Schlacht geblieben ſehn ſollten, find nür vevfprengt geweſen und hahen ſich ſeit dem wie⸗ der gefunden. Wenn dieß mit⸗Rügen etwa auch der Fall wäre! Schwerlich aber, denn ſonſt müßte es ſchon hier bekannt ſeyn. Indeſſen wäre doch vielleicht die Täuſchung, daß der Todtgegiaubte noch lebe, bey Kleinau zu verſuchen.“ Ich verſprach, alle Mühe anzuwenden, um eine heilſame Wirkung auf die zerrüttete Phantaſie des Unglücklichen hervorzubringen. Sinzer drückte mir beym Abſchiede auf das herzlichſte die Hand. Er gab die Zuſage, mir bald nachzufolgen, um mich zu un⸗ terſtützen, und ich ſann unterweges ſchon vorläufig über den beſten Angriff der Sache nach. Denken Sie ſich aber mein Erſchrecken, wie mir bey meiner Ankunft in B....„ der Onkel ſo⸗ gleich kopfſchüttelnd mit dem Worte entgegenkommt: „Das, lieber Neffe, haſt du nicht gut gemacht, daß du Kleinau's Frat hierher ſchickteſt!“. „Ich?* ſo war mein Ausruf.„Vielmehr ab⸗ gerathen habe ich ihr von der Reiſe und gebekhen, daß ſie ſolche bis auf einen Wink von mit verſpa⸗ ren möchte.“ Fe „Nun dann hat ihr Verlangen nach dem Wie⸗ derſehen die Schuld an dem Unglücke,“ ſagte der Onkel. Doch ſtatt ſeiner nur noch unvoliſtändigen Er⸗ zählung will ich die Sache lieber ſogleich in ihrem ganzen Zuſammenhange mittheilen. Die Baroneſſe, von der Sorge um ihren kran⸗ ken Gatten übermeiſtert, vergißt ihr mir gegebenes Wort und eilt zu ihm nach B. Zum Unglück tritt ſie eines Abends gerade zu einer Zeit, wo der Bediente wesgeſchickt worden, in das Zimmer ih⸗ res Gemahls, der eben, in der fürchterlichſten Stim⸗ mung, ſeinen Dolch betrachtet. Beyihrer Abreiſe von Z. hat ſie zufällig in der Garderobe ihres Gat⸗ ten Rügens Mantel gefunden und dieſen über ihr Reiſekleid angezogen. Sie nähert ſich ihm. Er hört jemand auf ſich zukommen und ſieht ſich um. Den wohlbekannten Mantel erblicken, darauf mit dem Dolche zu ſtoßen nnd ſich dann ſelbſt verwunden, iſt eins. Der Onkel, der meine Bitte, ihn fleißig zu befuchen, nicht außer Acht gelaſſen, kommt gerade nach dem Vorfalle dazu. Beyde, Kleinau und deſ⸗ ſen Gemahlinn, liegenam Boden⸗ Er ruft nach Bey⸗ ſtand und bald findet ſich, daß der nach Thereſien geführte Stoß bloß in den Mantel gegangen und ſie nur vor Entſetzen niedergeſtürzt iſt. Der Onkel ſucht die troſtloſe Thereſe, die ſich ihm zu erkennen gibt, über die Abſicht der That zu beruhigen, wenn anders Beruhigung hier denk⸗ bar iſt, und macht vor allen Dingen, daß der Man⸗ tel bey Seite geſchafft wird. 5 Nach vielen fruchtloſen, unter ärzllicher Bey⸗ hülfe geſchehenen Verſuchen ſchlägt endlich Kleinan ſeine Augen auf. Die Freude bricht ihm laut aus dem Herzen, als er ſeine Gattinn am Bette ſieht. 55 Wie er in den jetzigen Zuſtand gekommen iſt, weiß er nicht. Der Wundarzt zuckt indeſſen gegen den Onkel die Achſel; die Verletzung iſt ſehr bedenklich. Alles dieſes war grade den Abend vor meiner Ankunft geſchehen. Ich eilte ſogleich zu dem Kranken, der ſich, für ſeine Umſtände, ganz leidlich befand. Die Baro⸗ neſſe bath wich leiſe um Verſchonung mit Vorwür⸗ fen, deren ſie nicht aufhöre ſich ſelbſt zu machen. Sie bath, daß ich mir ihre Sorgen um den Gemahl vorſtellen möchte, ehe ich über ihre unzeitige Ankunft richtete. S So ſehr ſie auch bör dem bald darauf im Laufe des Geſprächs von ſelbſt erfolgenden Geſtändniſſe ihres Gatten, daß er auch ohne ihr Dazwiſchenkom⸗ men gewiß noch am Abende zuvor zum Selbſtmorde geſchritten ſeyn würde, zurückſchauderte, ſo beruhi⸗ gend mußte doch dieſe Verſicherung ebenfalls auf ſie wirken. übrigens ging es nach einigen Wochen mit dem Kranken, wie der Wundarzt nunmehr äußerte, den Weg der Beſſerung. Aber was für dieſe ſeine gute Natur am Tage that, das verdarb die ausgeartete Phantaſie in der Nacht wieder, welche immer ärger zu werden ſchien.—— Vergebens hatte ich, anfangs mie der Wahr⸗ ſcheinlichkeit, dann ſogar mit der vorgeblichen Ge⸗ wißheit von Rügens Leben, des Kranken Viſionen mehrere Wochen lang zu bekämpfen geſucht, bis end⸗ lich ganz unverhofft ein weit kräftigeres Heilmittel ankam. Graf Rügen traf nähmlich in Geſellſchaft des Doctor Sinzer ſelbſt ein. Der für todt geachtete war gefangen geweſen, und dann gegen die Ver⸗ pflichtung ausgeliefert worden, in dieſem Feldzuge nicht wieder zu dienen. Sinzer— welcher den Gra⸗ fen durch die vollſtändige Erzählung des ſeltſamen Zuſammentreffens ihrer beyderſeitigen Liebe in Einer Geliebten mit Kleinau im voraus völlig ausgeſöhnt hatte— leitete Rügens Ankunft bey dem Kranken ſelbſt ein. Aber ſo ſorgfältig er auch zu u Werke ging⸗ ſo war doch die Gemüthsbewegung behimn Anblick des verſöhnten Freundes zu heftig für den Zuſtand des Kranken. Alle ſeufzten darüber, daß man nicht Anſtand damit genommen hatte. Kleinau bemerkte es und ſagte:„Was ihr doch wunderlich ſeyd⸗ meine Lieben! Nichts als der Tod konnte mir Heil brin⸗ gen. Ich erwartete ihn aus der Hand der Ver⸗ zweiflung. Muß ich euch nicht danken, wenn ihr dieſe ſelbſt in Entzücken zu verwandeln wußtet? The⸗ reſe ſey die Deine, Rügen; vergilt ihr, was ich an euch verſchuldete, durch ein übermaß von Liebe. Sie hat es um uns beyde verdient. übrigens ver⸗ geßt mich wenigſtens, wenn ihr mein Andenken nicht ſegnen könnt.“ „Ich ſegne dich, Bruder, in meinem und ih⸗ rem Nahmen!“ rief hierauf Rügen, während The⸗ reſe ſchluchzend am Halſe des Sterbenden hing. —— „„ I. Der Mantel. Eine Erzählung von 6 arl Streckfuß. E war ein rauher Winterabend, einer von denen⸗ an welchen man im traulichen Zimmer, beym war⸗ men Dfen nur um ſo größere Behaglichkeit fühlt, ie mehr es draußen ſtürmt und tobt. Aber die ver⸗ witwete Commercienräthinn***, obwohl wider die Traulichkeit ihres Zimmers und die Wärme ihres Ofens nichts einzuwenden war, fühlte dennoch nicht die geringſte Behaglichkeit in ſich, vielmehr Miß⸗ muth, ja Ingrimm. Denn der Kammerrath Retter, welcher ihrer mehr als mannbaren Tochter Cöleſtine vor einiger Zeit ſehr ernſthaft die Cour gemacht und deßhalb von Mutter und Tochter manche zarte Auf⸗ munterung zu weiteren Fortſchritten erhalten hatte, feyerte heut ſein Hochzeitfeſt mit einem Frauenzim⸗ mer, das nicht ihre Tochter war— und die ver⸗ witwete Generalinn gab einen Thee, und hakte dazu alle Damen der kleinen Reſidenz, nur ſie und Cö⸗ leſtinen nicht gebethen. Wirklich, es war zum Ver⸗ zweifeln. Stillſchweigend ſaßen, als die Theeſtunde kam, Mutter und Tochter einander gegenüber. Unglück⸗ licher Weiſe wohnte die Generalinn in der Nähe, und 60 ſo gleitete alle Augenblicke der Schein der Laternen, welche den Theegäſten vorgetragen wurden, an den Fenſtern und der Decke des einſamen Stübchens vorbey. Jedes Mahl arbeitete die Mutter ihre ſchwer⸗ fällige Geſtalt vom Stuhle auf nach dem Fenſter hin. Sie ſah durch das Schneegeſtöber die Damen, welche, mit Reſerveſchuhen in dem Strickkörbchen, die ſeidenen Kleider hoch emporhebend, vorbeytrip⸗ pelten.— Die Herren, welche, mit dem Winde um ihren Regenſchirm kämpfend, die ſeidenbeſtrumpf⸗ ten Füße vorſichtig auf die hervorragenden, vom Schnee noch nicht bedeckten Steine des ungleichen Pflaſters ſetzten. Mit ſtiller Inbrunſt wünſchte ſie, daß nur Einer oder Eine ausglitſchen, ſich in den Schnee legen, und dadurch zum heutigen Feſte un⸗ fähig werden möge. Aber ihr Wunſch blieb uner⸗ füllt, und als nun endlich gar noch Gäſte im trocke⸗ nen, ſicheren Wagen angerollt kamen, da erreichte ihr Mißmuth den höchſten Gipfel. Zu bewundern war es, daß Cöleſtine, welcher ſonſt bey dergleichen Veranlaſſungen eine oußeror⸗ dentliche Reitzbarkeit eigen war, heute nicht im ge⸗ ringſten verſtimmt ſchien. Sie ließ der Mutter den guten Nahmen der Vorübergehenden zerfleiſchen, ohne, ihrer ſonſtigen Gewohnheit zuwider, auch nur mit einer Sylbe einzuſtimmen. Vielmehr ſchienen alle Ausfälle ungehört vor ihren Ohren vorbeyzu⸗ gleiten. über ihr ganzes Weſen war eine ſelige Zer⸗ ſtreuung ausgegoſſen. Ein Lächeln ſchwebte ihr um — —— ——,— 61 Mund und Wange, das man würde haben hol nennen können, wenn nicht in ihrem ganzen We⸗ ſen ein gewiſſes Etwas geweſen wäre, was aus dem Innern hervorzukommen, und alle äußere Hold⸗ ſeligkeit zu verdrängen ſchien. „Ich weiß nicht, fing die Mutter, als es nun auf der Straße ruhig wurde, mit höchſtem Arger an,„wie du ſo ruhig und vergnügt da ſitzen kannſt. Iſt es nicht zum Todtärgern? Und du biſt an allem Schuld. Deinetwegen bin ich aus der großen Reſi⸗ denz in die kleine hergezogen, weil ich glaubte, daß da deine zehntauſend Thaler Aufſehen machen, und dir einen Mann verſchaffen würden. Aber will denn einer anbeißen? Alle ledige Herren, die eine Frau ernähren können, lade ich ein, uns zu beſuchen, gebe manchen Thee und manches Abendeſſen, und erame da mein Bißchen Silber aus, und wir beyde legen behm Whiſt mit doppelten Louisd'ors an. Aber was hilft's denn? Wenn ſie ſich ſatt gegeſſen und getrunken haben, gehen ſie und lachen uns aus, und einer nach dem andern nimmt eine Frau und du bleibſt ſitzen. Hätteſt du den Gerichtsdirector ge⸗ nommen, der dich haben wollte, ſo wärſt du unter it Haube, und ich brauchte mich nicht zu ärgern.“ „Liebe Mutter,“ fing Göreſtite mit einer Mil⸗ de an, die ihr ſonſt nicht ſehr eigen war,„ich bitte Sie um alles in der Welt, mir nichts mehr von die⸗ ſem Gerichtsdirector vorzuſagen? Ein Menſch, der 62 das ganze Jahr Acten und keinen einzigen Roman liest? der ſo wenig Zartgefühl beſitzt, daß er, ohne eine Liebeserklärung, bey Ihnen um mich anhielt, zuvörderſt aber ſich von Ihnen meine Doeumente zeigen ließ, um zu ſehen, wie viel mein Vermögen betrage, und ob alles ſicher ſtehe— ein Menſch, der ſo geitzig iſt, daß er alle ſeine Kleider auf dem Trödel kauft— ein ſolcher Menſch ſollte für mich paſſen?“ „Dummes Zeug,“ ſagte die Mutter, weſche allem Epeentriſchen ſehr feind war.„Ein Mädchen, das dreyßig Jahr alt iſt, thut am beſten, wennes zugreift. Und wahrlich, es wird bey dir hohe Zeit, klein zuzugeben. Den ganzen Tag ſtehſt du am Fenſter, und ſpielſt mit deinen Blumen, und wenn ein junger Herr vorbeygeht, klirrſt du mit der Gießkanne an die Scheibe, als wenn es zufällig wäre, nur damit ſie heraufſehen und dich grüßen ſollen. Aber gehorſame Dienerinn, wenn ſie dich ſehen, bli⸗ cken ſie ſchnell wieder weg.“ „Ich verzeihe Ihnen, Mütterchen,“ antworte⸗ te Cöleſtine mit unerklärbarer Langmuth,„weil ich weiß, daß der Thee bey der Generalinn Sie ver⸗ ſtimmt hat.„Aber glauben Sie mir,„ſetzte ſie mit liſtigem, ſelbſtzufriedenen“ Lächeln hinzu, nicht alle blicken wieder weg. Und wenn es ihnen ſo außeror⸗ dentlich am Herzen liegt, ihre Tochter, die noch gar nichts verſäumt zu haben glaubt, an den Mann zü bringen, ſo muß ich Ihnen ſagen, daß jetzt eine — 63 Verbindung eingeleitet wird, auf eine ſo holde, zart⸗ ſinnige Weiſe, daß mein ganzes Herz darüber vor Freude bebt.“— „Im Ernſte, Tinchen?* fragte die Mutter ſchnell und heiter aufblickend.„So laß doch hören.“ „Nochkann, noch darf ich Ihnen nichts ſagen,“ erwiederte jene feyerlich und geheimnißvoll,„und ich hoffe, Sie werden mein Geheimniß ehren. Aber, wenn nicht alle Hoffnungen mich triegen, ſo wer⸗ den Sie bald keine Urſache zum Mißmuthe mehr haben.“ Vergebens drang die Alte bald freundlich, bald ihr mütterliches Anſehen gebrauchend auf die Toch⸗ ter ein. Dieſe blieb dabey, daß ſie nichts ſagen dürf⸗ te, und ihr ſüßes Geheimniß noch in ſich ſelbſt be⸗ wahren müſſe. Aber ihre Miene war ſo froh, und ſo ſicher und liſtig dabey, daß die Commercienrä⸗ thinn mit neuen Hoffnungen erfüllt wurde, und, ob⸗ wohl gepeinigt von Neugier, doch die zurückkehren⸗ den Theegäſte mit viel geringerem Neide als vorhin vor ihren Fenſtern vorbeygehen ſah, und ihr dickes Haupt von mancherley artigen Träumen umgaukelt fühlte. 1 7. Die Urſache, warum ECöleſtine der Mutter nichts ſagte, war keine andere, als daß ſie eigentlich noch nichts zu ſagen wußte, wenigſtens nichts, was ſie bey ihren Anſprüchen auf hohe, geiſtige Bildung 6⁴ ohne Schamerröthen als Grund ſo ſicherer Hoff⸗ nungen hätte angeben, und wodurch ſie die Mutter, welche das Solide liebte, zu befriedigen hätte glau⸗ ben können.. Wir müſſen bemerken, daß Cöleſtine, die in früheren Zeiten, einen nicht vortheilhaften Wuchs abgerechnet, wirklich nicht häßlich geweſen war, ſich, nach der in einer gewiſſen Reſidenz eingeriſſenen Sitte, zu einem ſtarken Geiſte und einer beißenden Spötterinn auszubilden beſtrebt, gerade dadurch aber die Männer, die ſie anzuziehen gehofft, von ſich abgeſtoßen hatte. Denn wir ertragen weibliche überlegenheit nur dann gern, wenn wir ſie nicht merken. Und ob wir ſchon gewöhnlich mit unſerem Gefühle ſo verſchwenderiſch umgehen, daß der Vor⸗ rath davon dann, wenn wir ſeiner zu Verſchöne⸗ rung unſeres Lebens am nöthigſten bedürfen, völlig erſchöpft, und bloß das Caput mortuum des kalt berechnenden Verſtandes uns übrig geblieben zu ſeyn pflegt, ſo wollen wir doch immer am Weibe dieje⸗ nige Wärme finden, welche mit Cöleſtinens Stark⸗ geiſterey gänzlich unverträglich iſt. Ohne hieiin die Urſache zu ahnen, warum kein Mann Anſtalt machte, ſich ernſthaft an ſie anzuſchlie⸗ hen, fing Cöleſtine doch ſeit einiger Zeit von ſelbſt an dieſer Starkgeiſterey, wenn nicht in ihrem äu⸗ ßern Betragen, doch in ihrem Innern ſich gänzlich zu entſchlagen. Mit jedem Tage gewann das Ge⸗ fühl und die Phantaſie in ihr mehr die Oberhand, 65 wurde die Sehnſucht nach de emjenigen Glücke, das ihr durch die Entbehrung erſt im höchſten Zauberlichte er⸗ ſchien, im Stillen ſtärker in ihrem Herzen. Dieſe Sehnſuͤcht trübte den Verſtand, auf welchen ſie ſo viele Anſprüche machte, immer mehr, und brachte ſie nach und nach von der auf Thatſachen gegründe⸗ ten oft getäuſchten Hoffnung, zum Vertrauen aufluf⸗ tige Ahnung und zum förmlichen Aberglauben. Schon hatte ſie manche kluge Frau in tiefſter Stille heim⸗ geſucht, um ſich die Karte ſchlagen, ſich aus Bley, Küfehſatz und aus den Zügen ihrer Hand wahrſa⸗ gen zu laſſen. Sie hatte ihren Träumen gelauſcht, und die Traumbücher, welche ſie, angeblich, um über dieſe Albernheiten zu ſpotten, zuſammenge⸗ käuft, um Rath gefragt. Aber immer waren die Ausſ ſorüche des S Schickſals dunkel geblieben. End⸗ . in der Splueſetnächt⸗ in Gelcher bekanntlich die Träume vom einer ganz vöfonberen Zuverläſſigkeit ſind, war ihr ein höchſtbebeltungsvolles Traumhild erſchienen, an welches ſogleich e geſchloſſen hatte. Ihr ſchien es näh mlich, befinde ſie ſich auf der Straße unter einer Menge Ingendfreundinnen, von welchen ſie, als die einzige noch unvermählte, mik den beißendſten Spottreden geneckt wurdk. Ver⸗ gebens ſuchte ſie durch noch beißendere Ausfälle ſie zum Schweigen zu bringen. Nur immer ausgelaſ⸗ ſener wurden die Neckereyen, und löſten ſich end⸗ lich in ein lautgellendes Gelächter auf. Da ergriff Eöleſtine die Flucht, Sie ſchwebte halbfliegend ne⸗ ben den Hänſern vorbey, aus deren Fenſtern ab⸗ ſcheuliche Larven ſie ziſchend angrinzten, und war in einem Augenblicke im Freyen. Aber die Gegend war mit Schnee bedeckt, in welchem ſie mit jedem Schritte tiefer verſank. Vergebens ſtrebte ihre Mut⸗ ter, die ſich auf einmahl bey ihr befand, ihr heraus⸗ zuhelfen. Da ſah ſie von weitem einen alten bärtigen Capuziner auf ſich zukommen, der, je mehr er ſich nä⸗ herte,ſich um deſto mehr verſchönerte. SeinBart ward immer kürzer, ſein Geſicht immer jünger, und die unförmliche Capuze verwandelte ſich in einen ſchönen Mantel, von einemZuſchnitte, wie ſie bis jetzt noch kei⸗ nen geſehen hatte. Und ehe ſie ſich es verſah, ſteckte ſie ſelbſt unter dem Mantel und drückte den ſchönen iungen Wann ſeſt an ſich. Auf einmahl kam eine häßliche alte Frau, und wollte ſie unter dem Man⸗ tel vorreißen. Allein dzr unbekannte zog ſie mit Heftigkeit fort, einen bohen. Serg voll Schnee her⸗ unter, an deſſen Fuße ſie zu Voden ſank. Und wie ſie aufſtand, war der Mann verſchwunden. Sie ſah ſich auf dem Markte ihrer Vaterſtadt, und neben ihr lag der Mantel. Wie ſie dieſen nun recht be⸗ trachtete, ſiehe, da wurde es lebendig unter ihm, und ein Menſch richtete ſich, von ihm verhüllt, em⸗ por, und eine Hand kam zum Vorſchein, die ihr ei⸗ nen Myrthenkranz überreichte, und eine Stimme ertönte, welche ſagte:„Es iſt nicht gut, daß der 67 Menſch allein ſey.“ Und ſie nahm den Kranz und ſagte:„Amen.* über dieſem Worte, das ſie wirklich im Schlafe laut und frendig ausgeſprochen hatte, erwachte ſie, und hörte vor ihren Fenſtern leiſe Töne eines zärt⸗ lichen, von der Guitare begleiteten Geſanges. Sie glaubte erſt, daß ein Traum ſie täuſche, denn die Fenſter des Stübchens, in welchem ſie, nach einem Streite mit ihrer Mutter ſeit geſtern, gllein ſchlief, ging in ein einſames Gäßchen, in welchem ſich kaum bey Tage, am wenigſten aber bey Nacht jemand ſehen ließ. Es wurde beynahe von nichts als Gar⸗ tenmauern gebildet, und das Hinterhaus, in wel⸗ chem unſere Schöne ſchlief, war das einzige bewohn⸗ te Gebäude, das dort hinausging.— Als ſie ſich endlich überzeugte, daß ſie wache, und der Geſang noch immer fortklinge, ſtand ſie auf, um zu ſehen, wo er herkomme. Leiſe öffnete ſie das Fen⸗ ſter, und ſah eine hohe männliche Geſtalt, die an die Gartenmauer dem Fenſter gegenüber gelehnt, ſpieſte und ſang. Der Unbekannte war in einen Mantel gehüllt, deßgleichen ſie im Städtchen, wo man doch jedes Kleid und ſeinen Beſitzer genau kannte, noch nicht geſehen zu haben ſich erinnerte. Er war, wie ſie beym Scheine des Mondes, der gerade auf die Geſtalt ſiel, deutlich ſah, von dunkler Farbe, am Halſe von glänzenden Metallſtangen zuſammenge⸗ halten. Ein ungeheurer Kragen, wie ſie ſeitdem all⸗ gemein Mode geworden ſind, ging beynahe bis an 58 die Kuie herab. Was ihn aber am meiſten ans⸗ zeichnete, war, daß ein weißlicher Streif, den ſie für Pelzwerk erkannte, nicht Kur rings am Ran⸗ de herumlief, ſondern auch den oberen Kragen, da, wo er emporſtehend den Hals umſchließt, ver⸗ brämte. Daß der Geſang ihr gelten müſſe, war unzwey⸗ felhaft. Denn es ſtand, wie bereits erwähnt wor⸗ den, kein bewohntes Haus weiter in der Nähe. In dem Hinterhauſe aber, in deſſen zweytem Stocke Göleſtine ſchlief, wohnte weiter niemand, als, ein Stockwerk tiefer, eine ältlicheziemlich häßliche Frau, die vor kurzem erſt, man wußte nicht woher, in die Stadt gezogen war. An dieſe konnten die Lieder der Liebe, die der Unbekannte mit der angenehmſten Stimme von der Welt, und das Geſicht nach oben gekehrt, leiſe ſang, unmöglich gerichtet ſeyn. Noth⸗ wendiger Weiſe war Cöleſtine der Gegenſtand der Sehnſucht, die in ihnen ſich verkündete. um ſo ge⸗ wiſſer wurde ſie deſſen, da der Sänger) ehe er ſich entfernte, etwas emporfliſterte, das ſie zwar nicht verſtand, das aber doch gewiß für nichts ande⸗ res, als für eine Liebeserkläuung in Proſa gehalten werden konnte. Dieſe Begebenheit, an ſich ſchon höchſt merk⸗ würdig und erfreulich, wurde es doppelt, da durch ſie der bedeutende Traum ſich auf das angenehmſte zu erfüllen anfing. Cöleſtine brachte die übrige Naht ſchlaflos, aber ohne die geringſte lange Weile zu, denn 69 ſie war beſchäftigt den Traum zu deuten. Bald war ſie mit ſich einig, daß nach mancherley Schwierig⸗ keit und Gefahr, welche ſie heldenmüthig zu über⸗ winden entſchloſſen war, der Mann im Mantel oh⸗ ne allen Zweifel noch vor Ablauf des Jahres ihr Mann ſeyn würde. Was an dieſer Erklärung nicht recht paſſen wollte, ſchob ſie auf die Inconſequenz der Träume, von welchen man ja eine ſo große folgerechte Genauigkeit im Einzelnen unmöglich ver⸗ langen könne. — So ſtanden die Sachen, als Cöleſtine jenes erſte Getpräch mit ihrer Mutter führte, Die Lang⸗ muth und Milde, womit ſie die beleidigenden Re⸗ den derſelben aufnahm, wird hieraus eben ſo leicht zu erklären ſeyn, als ihr hartnäckiges Schweigen. Da nun auch der Geſang noch einmahl wiederhohlt worden war, fühlte ſie ſich ganz außerordentlich glück⸗ lich. Deſſen ungeachtet aber wurde ihre Ungeduld, zu wiſſen, wie der liebliche Sänger ſich bey Tage aus⸗ nehme, und wer er ſey, auch mit ihm in nähere Berührung zu kommen, mit jedem Augenblicke lebhafter. Wie die Minute bey Neunzigern im Prei⸗ ſe ſteigt, ſo ſteigt ſie auch bey dreyßigjährigen Schö⸗ nen, welche noch immer das Glück, vermählt zu ſeyn, für das höchſte erkennen. Den ganzen Tag kang ſtand Cöleſtine am Fenſter, um den ausgezeich⸗ neten Mantel und unter ihm ihren Erlöſer zu er⸗ 0 blicken. Endlich, nach mehrtägigem vergeblichen Har⸗ ren, ſollte ihr Wunſch befriedigt werden. Mit dem lebhaften Ausrufe„Dort kom mt er! das iſt er!* erſchreckte und erfreute ſie einmahl plötzlich die Mutter. Sie riß das Fenſter auf, achtete es nicht, daß ſie damit ihr ſchönſtes Roſenſtöckchen herabriß, daß es der neugierig herbeygeeilten Mutter auf die ſchmerzenden Hühneraugen fiel; daß dieſe mit einem von der Qual ihr erpreßten Schrey zurücktaumelte, und ein Tiſchchen mit Porzellain umriß; daß dieſes auf den geliebten Mops fiel, der, entſetzt, mit ei⸗ nem gewaltigen Sprunge emporſchnellte, und am Dfen ſeinen Schmerz der Katze vorheulte, die, im Genuſſe der behaglichen Wärme geſtört, ärgerlich mit dem hintern Theile des Schwanzes wackelnd, die Form eines Kamehls nachahmte. Ruhig und achtlos wie der Weiſe beym Untergang der Welt, wie der Mathematiker von Sicilien bey feinen Zir⸗ keln, blieb ſie bey den großen Begebenheiten in ih⸗ rer Nähe. Ihre Augen waren auf den Beſitzer des ausgezeichneten Mantels geheftet, der ſo eben un⸗ ter ihren Fenſtern vorbeyging. Ihr Geſicht verklär⸗ te ſich, als ſie ſah, daß es der nähmliche ſchöne 6 junge Mann ſey, der vor einigen Jahren in einem Concert in*** ihr gegenüber geſtanden, und ſie höchſt aufmerkſam betrachtet hatte. Ihre Nachfor⸗ ſchung nach ihm war zwar damahls vergeblich, ſein Bild aber als ein Gegenſtand ſüßer Sehnſucht in ihrem Herzen geblieben. Unendlich war ihre Wonne, 71 da er erſt nach dem unterſten Stocke des Hauſes, dann aber auch zu ihr emporſah, und mit ſeinen Augen an ihrer Geſtalt hängen blieb, die ſich ſo weit als möglich zum Fenſter hinausbeugte. Ihr Gruß kam unwillkührlich dem Seinigen zuvor, und wurde auf das höflichſte erwiedert. Was ſie aber in das höchſte Entzücken brachte, war, daß der Ge⸗ liebte, dem ſie mit krumm gebogenem Nacken ſo weit als möglich nachblickte, ſich nbth zweymahl nach ihr umſah. Ermattet von den wonnigen Vewegungen ih⸗ res Innern ſowohl, als von der unbequemen Stel⸗ lung, in welche ſie beym Nachſehen ſich gezwängt hatte, kehrte Cöleſtine, nachdem der letzte Zipfel des Mantels in einer Seitengaſſe verſchwunden war, vom Fenſter zurück. Tief Athem hohlend“ hrach ſie in ſüßem Selbſtvergeſſen in die Worte aus„Das war er!—“ „Wer denn?* riefverdrießlich die Mutter, welche mit hochrothem Geſichte und ſchmerzentſtellten Zügen zuſammengekrümmt auf dem Lehnſtuhle faß, und die Lippen zuſammenbeißend den beſchädigten Fuß in der Hand wiegte. Jetzt erſt bemerkte i Schöne das Unheil, das ſie angeſtiftet hatte. L Mitleidig, wie der Sieger die Leichen, die er ſeinen Kroßen Zwecken opfern muß⸗ te, ſo betrachtete ſie die dortliegenden Porzellain⸗ ſcherben, das ſchmerzerfüllte Geſicht der tie und den eingezogenen Schwanz des weinenden Schooß⸗ hündchens. Aber das Gefühl der Seligkeit benahm dieſem Mitleiden alles Bittere, denn ſie hatte ja ihn erblickt, Er hatte ſie gegrüßt, Er hatte ſich zwey⸗ mahl nach iht umgeſehen. „Nun, wer denn?“ fragte die Mutter ungeduldig zum zweyten Mahle, als Cöleſtine ihr die Antwort ſchuldig blieb. „Ach Ihn, ſagte unn jene in holder Zerſtreuung⸗ „meinen Geliebten, den ſchönſten, liebenswürdigſten Mann unter der Sonne.“ „Recht gut, fragte die Commercienräthinn wei⸗ ter.„Aber wer iſt er denn eigentlich 2“ Dieſe Frage brachte Cöleſtinen in nicht geringe Verlegenheit, und durch dieſe ein wenig aus ihrem Entzücken zurück. Sie erkannte, daß ſie zu voreilig, zu planderhaft geweſen ſey. Gleichwohl hatte ſie be⸗ reits zu viel geſagt, und war nun genöthigt, der Mutter das übrige zu entdecken. Nur den Traum, der doch eigentlich die Haupſache war, ließ ihre Bil⸗ dung nicht über ehre Lippen. Daß ſie ihren Gelieb⸗ ten noch nie, außer einmahl im Concerte und neu⸗ lich bey Nacht vom Fenſter herab geſehen, ihn jetzt nur an ſeinem Mantel wieder erkannt, von ſeinen Abſichten keine anderen Beweiſe habe, als die nächt⸗ lichen Geſänge und jene freundlichen Blicke, die wohl auch einem hinter ihr ſitzenden Frauenzimmer gegolten haben konnten.— Daß ſie durchaus nicht wiſſe, wer er ſey— alles dieß brachte die Commer⸗ eienräthinn von den Hoffnungen zurück, die ſe v 75 neulich aus Cöleſtinens ſo ſichern Außerungen ge⸗ ſchöpft hatte. In einer andern Stimmung würde ſie vielleicht die Sache anders angeſehen haben. Denn man will bemerken, daß Mütter, welche ihre Töchter verſorgt zu ſehen wünſchen, oft eine eben ſo lebhafte Phantaſie haben, als dieſe ſelbſt, und in zufälliger Annäherung gern die ernſthafteſten Abſichten ſehen. Aber freylich darf ihnen dann kein Roſenſtock auf die Zehen gefallen ſeyn. „Dacht' ich's doch gleich,* fing die Commercien⸗ räthinn ſehr bitter an,„daß die ganze Sache auf eine Albernheit hinauslaufen würde. Dreyßig Jahr alt, und noch ſo einfältig, nicht einzuſehen, daß ein Spaßvogel dich neckt.“ „Es iſt mir ſehr leid,“ antwortete Cöleſtine, »daß ich unbeſonnen genug geweſen bin, Ihnen vor der Zeit mein Geheimniß zu entdecken. Aber es mag nun ſeyn, ich laſſe Ihnen Ihren Glauben, laſſen Sie mir den meinigen. Und dann,“ ſetzte ſie mit den Worten Wallenſteins geheimnißvoll hinzu,„es hat damit ſein eigenes Bewenden.“ „Was denn? wie denn2 Tinchen,“ fragte die Mutter angelegentlich, deren Schmerz unterdeß ziemlich geſtillt, und deren Neugier durch die letz⸗ ten Worte auf das äußerſte gereitzt war.„Es ſteckt gewiß noch etwas dahinter. Denn ſonſt biſt du ja ſo dumm nicht, daß du dir ohne weitern Grund ſo etwas einbilden ſollteſt.“ Coͤleſtine war noch uneins mit ſich ſelbſt, ob unterh. Bibl. 3. Jahrg. 1. B. D ſie auch den Traum erzählen ſolle. Aber daß ſie, die Vielbeleſene, gerade Wallenſteins Worte gebraucht hatte, gab der Sache den Ausſchlag. Wenn dieſer Held an Träume glauben, wenn ſein Dichter in dem unſterblichen Werke aus dieſem Glauben ſo durchgreifende Motiven nehmen durfte, wer konnte da ihr verdenken, daß ſie ſich dem nähmlichen Glau⸗ ben hingab2 Sie erzählte nun alles und gab dadurch der Mutter ploͤtzlich eine ganz andere Anſicht. „Ich glaube zwar nicht an Träume,* ſagte dieſe nachdenkend,„aber artig iſts und bleibts doch im⸗ mer. Und man hat gar zu viele Beyſpiele, daß Träume ausgegangen ſind. Nun meinetwegen, es⸗ ſollte mir lieb ſeyn, wenn dieſer wahr würde.“ Cöleſtine war durch alles dieß in den gereitzte⸗ ſten Zuſtand verſetzt. Einer Seits ſtand der ſchöne Unbekannte im herrlichſten Glanze vor ihrer Seele⸗ Wie hoch war ſein Wuchs, wie herrlich ſein Anſtand, wie ſprach ſich in ſeinem Gange und ſeinen Bewe⸗ gungen zugleich Kraft und Anmuth aus! Wenn ſie ſich erinnerte, wie friſch ſeine Wange und ſein Mund hatte, ſo ſchauderte ſie vor Entzücken bei dem Gedanken, daß dieſe Wange ſich bei der erſten ſchicklichen Gelegenheit an die ihrige ſchmie⸗ gen, dieſer Mund den ihrigen mit fenrigen Küſſen vedecken werde. Sie verlor ſich ſo tief in dieſen . 75 Vorſtellungen, daß ſie dieß alles ſchon zu fühlen glaubte, daß ihre Mutter ſie noch an demſelben Tage überraſchte, als ſie, nachdem ſie eine Weile mit ge⸗ ſpitztem Munde dort geſeſſen, in ſeligem Selbſtver⸗ geſſen den Polſter des Soffa zärtliche Küſſe auf⸗ drückte. Der beißende Spott, mit welchem die alte Kennerinn des weiblichen Herzens und der weibli⸗ chen Sinne ſogleich ihre Bemerkungen über dieſe ſonderbäre Kußluſt laut werden ließ, erfüllte ſie mit Irger und heißer Scham, zugleich aber auch mit dem Vorſatze, alles zu thun, um das Verhältniß bald zu der gewünſchten Entſcheidung zu bringen, und ſo alle Zweifel, welche der Mutter wieder bei⸗ zukommen anfingen, zu vernichten. Voll dieſes Vorſatzes ſtellte ſie ſich, ſo bald die Mutter ſchlafen gegangen war, an dem Fenſter ih⸗ res Schlafſtübchens auf die Lauer. Weder der Win⸗ terſturm, der mit ihren Fenſtern raſſelte, ſchreckte ſie, noch das Nahen der Mitternacht. Endlich, nach⸗ dem ſie trotz der Ungeduld ihres Herzens mit eiſer⸗ ner Geduld mehrere Stunden geharrt hatte, bewegte ſich gegen zwölf Uhr ein Etwas durch das Dunkel geiſterartig das Gäßchen herauf, und bald erkannte ihr ſcharfes Auge ſowohl als ihr Herz den verhäng⸗ nißvollen Mantel. Beflügelten Schrittes, abeß leiſe, eilte ſie die Treppen hinab zur Hinterthür hinaus in das Gäßchen. Dort war ſo eben auch der Unbe⸗ kannte angelangt, und ging, ſobald ſie ſich zeigte. mit herabgezogenem Hute auf ſie zu. 76 7 „Sind Sie's 2* fragte er heimlich und geheim⸗ nißvoll. „Ja, ich bins,* antwortete ſie ſo. „Hier iſt ein Billet,* ſagte jener⸗weiter, indem er ihr das Papier in die Hand ſchob, und wollte ſich mit einem tiefen Bücklinge wieder entfernen. Aber Cöleſtine, ſo überaus reitzend es ihr auch ſchien, nach langer, trauriger Paufe wieder einmahl ein Liebes⸗ briefchen in ihrer Hand zu fühlen, war doch durch⸗ aus nicht gemeinet, den Geliebten ſo ſchnell, und ohne weitere mündliche Erklärung zu entlaſſen. Sie ergriff alſo ſeine Hand und drückte ſie an ihren hoch⸗ ſchlagenden Buſen. Der Fremde ſchien in großer Verlegenheit. Seine ganze Art zu ſeyn ſprach eine Unſicherheit, ja eine Ehrfurcht aus, welche Cöleſtine hier ſehr am unrechten Orte fand. „Noch einen Augenblick harren Sie.* fliſterte ſie ihm zu.„Legen Sie die Schüchternheit ab, wel⸗ che Sie abhält, ſich der Neigung hinzugeben, von welcher Sie mich überzeugt haben* „Ey, wenn's ſo ſteht, ſo habe ich nichts dawi⸗ der,* antwortete jener mit ſchnell ſich äußernder Vertraulichkeit, doch heimlich und mit einer Stimme, die vom Schnupfen etwas heiſer ſchien.„Ich habe zeitlebens gern im Trüben gefiſcht. Aber um Got⸗ tes willen, reinen Mund, ſonſt geht mir's erbärmlich.“ Obwohl Eöleſtinen dieſe Worte auffielen, ſo hatte ſie doch in dieſem Augenblicke nicht Klarheit 77 des Bewußtſeyns genug, um ihre ganze Sonder⸗ barkeit zu faſſen. Jeder der ſehr heftigen Küſſe, die ſie empfing, wurde zu einem goldnen Wölkchen, das um ihre Stirn wirbelte, und ſo war es ihr bald, als ob ihr Haupt und ihr ganzes Weſen in einem ambraduftenden Meere von Abendröthe ſchwämme, als ob durch dieſes Meer magiſch liebliche Harmo⸗ nien drängen. Immer ſtürmiſcher wurde der Ge⸗ liebte, immer feuriger die Wolken, immer ſchmel⸗ zender die Harmonien. Aber plötzlich wurden dieſe durch ein Nachtwächterhorn geſtört, das am Ende des Gäßchens ſeinen brüllenden Ton erſchallen ließ. Cöleſtine erſchrack heftig, und mit dieſem Erſchre⸗ cken kehrte ihr Bewußtſeyn zurück. Sie erinnerte ſich der bekannten goldenen Regel, daß eine Schöne um ihren Liebhaber warm zu erhalten, von ihren Gunſt⸗ bezeigungen ja nicht zu viel auf einmahl verſchwen⸗ den müſſe, und entwand ſich den Armen des Ge⸗ liebten. Vergeblich ſtrebte dieſer, jetzt eben ſo feu⸗ rig, als er vorhin ſchüchtern geweſen war, ſie ſeſt⸗ zuhalten. Nur noch einen langen Kuß drückte ſie auf ſeine Lippen, und ſchlüpfte dann mit den Wor⸗ ten:„Morgen Nacht ein Mehreres!“ zur Hinterthür hinein. Mit wankenden Schritten ſtieg ſie die dunkeln Stiegen hinauf, das unſchätzbare köſtliche Billet feſt in der Hand haltend. Unglücklicher Weiſe fand ſie in ihrem Zimmerchen das Licht ausgelöſcht. Wie aber hätte ſie ſich entſchließen ſollen, die holde Zuſchrift bis morgen ungeleſen zu laſſen. Auch trieb die Un⸗ geduld ſie an, die letzten Zweifel der Mutter durch die Erzählung deſſen, was eben vorgefallen war, und durch das Billet, deſſen Inhalt nicht zweifel⸗ haft ſeyn konnte, auf die befriedigendſte Art zu wi⸗ derlegen. Sie trat alſo leiſe in die Schlafkammer derſelben, entfaltete zuvörderſt in aller Stille das Billet, und las beim düſtern Scheine des Racht⸗ lichtes Folgendes: „Dasjenige, was mich hinderte, mich ößfent⸗ lich als den Deinen zu bekennen, mein geliebtes Mädchen, wird nun nächſtens gehoben und alle fer⸗ nere Vorſicht unnöthig ſeyn. Ich ſchreibe dir dieß in der einzigen Minute, die mir zu Gebothe ſteht. Suche doch deine ſtrenge Hüterinn zu bewegen, daß ſie morgen mit Anbruch der Nacht mit dir nach Lind⸗ heim fahre. Dort triffſt du mich im Gaſthofe, wo ich die Oberſtube in Beſchlag nehmen werde. Da werde ich dir alles ausführlich erzählen. Einen Wa⸗ gen findeſt du am Wieſenthore, und ſagſt dem Kutſcher die Worte:„nach Lindheim!“ Daran erkennt er, daß du es biſt, die er fahren ſoll.“ Kaum hatte Cöleſtine das Billet geleſen, als ſie mit dem Ausrufe:„Mutter! Mutter! die ſchnar⸗ chende Commercienräthinn beym Arme ergriff. Heftig erſchrocken fuhr dieſe aus dem Schlafe 79 empor.„Um Gotteswillen, was gibts denn für ein Unglück?* ſchrie ſie mit ſchwerer Zunge und ge⸗ waltſam aufgeriſſenen Augen. Aber das fröhliche, ja entzückte Geſicht der Tochter beruhigte ſie, noch mehr die Verſicherung derſelben, daß ihr nicht nur kein Unglück, ſondern ſogar ein wahres Glück be⸗ gegnet ſey. Cöleſtine mußte nun alles haarklein erzählen, und that es mit ſo viel Geſchicklichkeit, daß ihre Er⸗ zählung wie wir gern geſehen, ſich bei weitem beſſer und folgerechter, als die unſrige ausnahnn Sie wußte von der Scene an der Thüre am rech⸗ ten Orte ſo manchen kleinen Zug wegzulaſſen, ſo manchen aber auch dafür hinzuzuſetzen, daß wirk⸗ lich am Ende ein Auftritt von der beſtimmteſten und erwünſchteſten Tendenz daraus wurde. Indeſſen blieb in ihm und in dem Billet doch noch Sonder⸗ bares genng übrig. „Ein närriſcher Kauz muß der Mann ſeyn,* ſagte die Mutter, die unterdeſſen ganz munter wor⸗ den war.„Ich dächte doch, es müßte ihm viel be⸗ quemer ſeyn, wenn er gerade heraufkäme. Unſere Treppen ſind ja nicht zerbrochen.„Klopfet an, ſo wird euch aufgethan“* heißt es. Und ich denke wohl, daß, wenn er Holla ſagte, du geſchwind Her⸗ ein rufen würdeſt.“ „Er muß wohl ſeine guten Urſachen haben,“ ſagte Cöleſtine,„daß er gerade ſo und nicht anders handelt. Aus dem Billet ſehen wir, daß gewiſſe Verhältniſſe, wahrſcheinlich mit ſeiner Familie, ihn abhalten mögen, ſeine Liebe zu mir frey zu bekennen.“ „Das iſt albern,“ antwortete die Mutter,„das brauchte er mir nur zu ſagen, und konnte überzeugt ſeyn, daß ich reinen Mund halten würde.“ „Erlauben Sie, liebe Mutter,“ fuhr Cöleſtine fort, den Geliebten entſchuldigend,„die Welt will den alten Frauen überhaupt, und Ihnen insbeſon⸗ dere, das Talent der Verſchwiegenheit nicht zuge⸗ ſtehen.“* „Im Gegentheil,“ rief jene beleidigt,„ſie, Mamſell Tochter, iſt für eine böſe Zunge, für eine Stadttlätſcherinn bekannt. Und da möchte es wohl ſeyn—* Cöleſtine war nach den Süßigkeiten dieſes Abends zu wenig zu Bitterkeiten geſtimmt, als daß ſie nicht dem nächtlichen Geſpräche eine andere Wen⸗ dung hätte geben ſollen.„Ich bitte Sie zu bemer⸗ ken,“ unterbrach ſie daher ausweichend die Mutter, „daß nicht alle Männer auf gleiche Art lieben. Der eine macht ſich's gern bequem, und geht auf dem ge⸗ radeſten und kürzeſten Wege, während der andere nur über Klippen und Abgründe zu ſeinem Ziele gelangen mag. Und dieſe letzte Art iſt unſtreitig für nicht gemeine Mädchen die intereſſantere, und es entſpricht ganz meinen Wünſchen, daß mein Freund zu ihr gehört. Aber wie dem auch ſey, morgen wer⸗ den wir ja alles erfahren, und nicht wahr, liebe Mutter, Sie fahren mit nach Lindheim 2* 61 „Inun,“ antwortete iene halbbeſänftigt,„was will man machen. Von der Hand weiſen läßt ſich ſo etwas nicht, ſonſt bliebſt du mir am Ende ganz ſitzen. Und ſo muß ich ia wohl mit den Wölfen heu⸗ len, ob mir ſchon die Romanſpielerey ganz fatal iſt.“ Cöleſtine entfernte ſich, und legte ſich nieder. Der heutige Vorgang, der jetzt erſt traumartig und nebelhaft vorüber geſchwebt war, begann nun in der Stille einer ſchlafloſen Nacht ſich als klares Bild vor ihrer Seele zu entwickeln. Je deutlicher es aber wurde, um deſto mehr gab es Stoff zu quälenden Vermuthungen. Sie vermißte nähmlich, je mehr ſie ſich die Scene vergegenwärtigte, in dem heutigen Benehmen des Unbekannten jenen edeln Anſtand, den ſie im Concert, und bey ſeinem neulichen Vor⸗ beygehen bewundert hatte. In ſeiner Haltung war etwas Unbehülfliches, Schlotterndes, ſo wie in der Art von Höflichkeit, mit welcher er ſie angeredet, eine gemeine Schüchternheit zu bemerken geweſen. Hin und wider glaubte ſie ſich ſogar gewiſſer Symp⸗ tome zu ekinnern, die zu verrathen ſchienen, daß der Geiſt des Weines in ſeinem Kopfe geſpukt habe. Wollte ſie auch jene erſte Schüchternheit auf Rech⸗ nung furchtſam ehrerbiethiger Liebe ſchieben, ſo konnte ſie damit weder das vertrauliche Du des Billets, noch die ſonderbaren Worte, womit er ihre Anrede erwiedert hatte, am wenigſten aber ſeine ſehr feu⸗ rigen Liebkoſungen vereinigen. Das höchſt gemeine Benehmen desſelben bey der Umarmung, wodurch ſelbſt ihre erfahrene und daher nicht ſo leicht einzn⸗ ſchüchternde Tugend in einige Verlegenheit gebracht worden war, würde zwar durchaus nicht bewieſen haben, daß er ein Mann von gemeinem Stande ſey⸗ da ihr wohlbekannt war, daß, ſo wie die Extreme überhaupt, ſo auch die vornehmſten und niedrigſten Stände ſich in gewiſſen Dingen berühren. Aber die tiefen Bücklinge? Und der gemeine Dialekt, womit er ſeine Rede ausſprach?— Der Mantel, an wel⸗ chen ſie ihr Geſicht geſchmiegt, unter welchen der Freund ſie ſogar ganz verborgen hatte, war übrigens von einer ganz außerordentlichen Feinheit, und noch fühlte ſie mit Wohlbehagen die ſanfte Reibung der zarten ſeidenartigen Wolle auf ihrer Wange. So einen Mantel konnte nur ein vornehmer Mann tra⸗ gen, und ſo entſchied ſie ſich endlich zu glauben, daß derjenige, welcher ſie heut umarmt, allen an⸗ ſcheinenden Widerſprüchen zum Trotz, wirklich derje⸗ nige, den ſie im Concert und neulich auf der Gaſſe geſehen, und ein Mann von guten Stande ſey⸗ welcher, wie es andern vornehmen Leuken hin und wieder auch begegnen ſoll, zur Abwechſelung an der Gemeinheit Vergnügen finde. Aber ein anderer Gedanke ſchoß ihr ſchnell durch den Kopf, und ſogleich ſchien es ihr, als ob ein ſcharfes Meſſer ihr durchs Herz geſtoßen werde. Sie hatte nähmlich neulich beim Vorbeygehen in dem Fen⸗ ſter der Stube, über welcher ſie ſchlief, und welche, wie oben erwähnt iſt, von einer ältlichen Frau be⸗ 0 wohnt wurde, einen Perrückenſtock mit einem ſehr ſchönen und ganz modernen weiblichen Kopfputze erblickt, von welchem unmöglich zu glauben war, daß er für den Kopf der Bewohnerinn dieſer Stube beſtimmt ſey. Dieß war ihr zwar aufgefallen, und ſie hatte ſich darüber einen gan en Nachmittag lang mit ihrer Mutter beſprochen, ohne zu einem wahr⸗ ſcheinlichen Reſultate zu gelangen. Allein ſie hatte nicht geahnet, daß ihr eignes Schickſal noch mit dieſem Kopfputze in einige Berührung kommen könne. Jetzt erſt kam ihr der zwar unwahrſcheinliche, aber darum nicht minder fürchterliche Gedanke, daß bey der Alten wohl ein junges Frauenzimmer ganz im Verborgenen wohnen, und dieſer der nächtliche Ge⸗ ſang ſowohl, als das ohnehin nicht recht erklärbare Billet beſtimmt geweſen ſeyn könne. Ihr Traum ließ ſogar eine ſolche Deutung zu, da der ſchöne Mann ihr am Ende verſchwunden und ihr bloß der Mantel geblieben war. So niederſchlagend dieſe Vorſtellungen ſeyn mochten, ſo fand ſis doch endlich wieder Troſt in dem Schluſſe des Traumes, worin ihr in dieſem Jahre noch ein Brautkranz auf das gewiſſeſte zugeſagt war. Mit den beruhigenden Wor⸗ ten: Wenn es dieſer nicht iſt, iſt es ein anderer!“ — die ſie zu deſto beſſerer Wirkung halb laut ſich vorſprach, legte ſie ſich endlich herum, und verfiel gegen Morgen noch in einen erquickenden Schlummer. ———— Am Vormittage darauf ſaß ſie, unter mancher⸗ ley ergetzlichen Geſprächen, mit ihrer Mutter allein in der Stube, und beyde, obwohl ſie wie faſt ſtünd⸗ lich, ſo auch jetzt, in allerhand Streitigkeiten mit einander verwickelt waren, arbeiteten ſehr eifrig und einträchtig an dem Anzuge, den Cöleſtine bey der heutigen Zuſammenkunft kragen ſollte. Denn in ei⸗ nem Puncte waren Mutter und Tochter zu jeder Zeit einverſtanden, darin nähmlich, daß es zur Hoch⸗ zeit der letzteren nun hohe Zeit ſey. Cöleſtine ſollte heut ſo reitzend, und zugleich ſo prächtig als mög⸗ lich erſcheinen. Man putzte die Ringe, damit die böhmiſchen Steine am Abende wie Brillanten fun⸗ keln möchten, man reihte die Perlen an, die durch ihr ſchwarzes Haar ſich ſchlingen ſollten. Meh⸗ rere Kleider hingen auf den Stuhllehnen herum, um ſich nach ſorgfältiger Beaugenſcheinigung zu der Wahl desjenigen zu entſchließen, welches am beſten ſtehen möchte. über dem ſollte einlkoſtbarer Zobel⸗ pelz angezogen werden, der bereits an der Wand dort hing, der von einer anziehenden Wohlhabenheit zeugte, und in welchem Cöleſtine ſich immer unbe⸗ ſchreiblich liebenswürdig vorkam. In dieſen Beſchäftigungen, zwiſchen welchen immer zuweilen das Billet, ungeachtet beyde es be⸗ reits auswendig wußten, geleſen und commentirt wurde, ſtörte ſie ein heftiges Klopfen an der Thür. Ohne daß die Einladung, hereinzutreten, abgewar⸗ tet worden wäre, wurde die Thür aufgeriſſen, und 35 herein trat jene Frau, welche das untere Stock⸗ werk bewohnte, und bis jetzt nicht die geringſte Reigung zu einer näheren Bekauntſchaft gezeigt hatte. „Mit Erlaubniß,“ fing ſie in einem fremden Dia⸗ lekte und mit blitzenden Augen an.„Ich muß, doch das Wunderthier in der Nähe ſehen“ „Ach, gewiß unſern Mops,“ ſagte die Commer⸗ eienräthinn mit der außerordentlichen Freundlich⸗ keit, die ſie bey jeder neuen Bekanntſchaft zeigte. Auch Cöleſtinens Geſicht, das vorher in Folge der nächtlichen Vorſtellungen unangenehmes Erſtaunen ausgedrückt hatte, erheiterte ſich bey dieſem Ge⸗ danken, denn ſeit einiger Zeit hatte ſich die Liebe zu ihren Hausthieren beynahe in Leidenſchaft ver⸗ wandelt. „Ja, das muß wahr ſeyn,“fuhr die Commer⸗ eienräthinn mit gewohnter Beredſamkeit fort. Ein wahres Wunderthier iſt unſer Ami—„Sey nurſtill, mein Thierchen,“ redete ſie den klaffenden Freund an, der den Beſuch nicht zum Worte kommen laſ⸗ ſen wollte, und nahm ihn auf ihren Schooß.„Se⸗ hen Sie nur, eine ganz echte Mopsſchnauze. Und was für Falten hat er auf der Stirn? Und geſcheid iſt er“— »Was Mops,*unterbrach die Frau hitzig die Lob⸗ rede.„Die Mamſell will ich ſehen, die ſo große Wun⸗ der chut, und den ſchönſten Mädchen ihreLiebhaber ab⸗ ſpänſtig macht. Iſt's denn die da, mit dem breiten Geſichte“— „Ich begreife nicht,“ Cöleſtine in höchſtem Erſtaunen. „Aber ich begreife wohl,» fuhr jene fort.„ Ich weiß, was ich weiß, und was man geſehen hat, hat man geſehen. Hat er ſie etwa nicht unter den Man⸗ tel genommen? Aber du mein Gott, wo muß der Menſch die Augen haben? Ein ſchöner Tauſch, daß muß man ſagen. Verrückt muß er ſeyn, 8o eine Meerkatze“— „iebe Frau,* fiel Cöleſtine mit zitternden Lip⸗ ven ein, und den ZJorn zurückhaltend, der eben her⸗ vorbrechen wollte.„Ich vermuthe, ſie ſelbſt muß verrückt ſeyn'“— „Iſts etwa nicht wahr,* polterte jene weiter, bis der Nachtwächter gekommen iſt,“ hat ſie ihm unter dem Mantel geſteckt. Wer häkte das in dem Menſchen geſucht? Aber freylich ſo gerade mit der Thür ins Haus fallen durfte man bey andern Leu⸗ ten nicht, und da nimmt man denn lieber eine Nacht⸗ eule ſtatt eines Engels. Mag er denn laufen! Aber es wird ihr noch zu Haus und Hofkommen. Sitzen wird er ſie laſſen, wenn er ſie erſt bey Tage beſe⸗ hen, und ihre zehntauſend Thaler verthan hat, und damit holla“ Während dieſer ſchönen, mit den lebhafteſten Geſticulationen begleiteten Reden, wobey die Frau ihre in einem fremden Lande heimiſche Haube im⸗ 37 mer von einem Ohre zum andern geſchoben, hatte ſie ſich, von dem Mopſe angeknurrt, bis an die Thür zurückgezogen. Hier ſtieß ſie noch ein zorni⸗ ges und verächtliches„Pfui!“ aus; und war ver⸗ ſchwunden. Der Mops, dermit lautem Gebell ihr nachſchoß, beendete die ſtürmiſche Scene. Cöleſtine und ihre Mutter, welche beyde die Fremde zu unterbrechen mehrmahls vergeblich ver⸗ ſucht hatten, ſahen ſich, als ſie fort war, mit ſtum⸗ mer Entrüſtung an. So hatte ihnen noch niemand begegnet, ſo ſtumm hatte die, wegen ihrer Bered⸗ ſamkeit bey Verfechtung von Ehrenhändeln berühmte Commercienräthinn noch keine Beleidigung aufge⸗ nommen. Der erſte Gedanke war, ſo fort nach einem Advocaten zu ſchicken, und die Störerinn des Haus⸗ friedens exemplariſch beſtrafen zu laſſen. Aber die Furcht, daß dann die nächtlicheguſammenkunft auf ei⸗ ne lächerliche und gehäſſige Art ins Publicum kommen werde, ehe noch das Verhältniß ſich entſchieden ha⸗ be, bewog die beleidigten Damen, die Ausführung dieſes Vorſatzes wenigſtens bis nach dem heutigen Rendenzvous zu verſchieben, welches, wie voraus⸗ zuſehen war, in die ganze mit jedem Augenblicke ſich mehr verwirrende Angelegenheit Licht und Klarheit bringen werde. So unangenehm der eben überſtandene Auf⸗ tritt war, ſo gereichte er doch Cöleſtinen in einer Pinſicht zu großer Beruhigung. Denn mit Beſtimmt⸗ 65 heit war ja aus den Reden der Frau abzunehmen, daß unſere Schöne einer Anderen ihren Liebhaber abwendig gemacht, und daß ihr Vermögen den Aus⸗ ſchlag gegeben habe. Ihr Beſitz mußte um ſo ſche⸗ rer erſcheinen, da er von einer Perſon, die ihn be⸗ neidete, anerkannt wurde, auch wurde er, bey Cö⸗ leſtinens Eigenthümlichkeit, durch dieſen Reid nur noch erfreulicher. Bloß wer die Verlaſſene ſey, und in welchem Verhältniſſe ſie mit der Frau ſtehe, blieb noch ein Gegenſtand vergebtichen Nachſinnens.— übrigens war der Traum auch auf dieſe Srene an⸗ zupaſſen, und noch unerſchütterlicher wurde dadurch Cöleſtinens überzengung„daß der Brautkranz, den er ihr verſprach, gewiß noch vor Ende des Jahres ſich durch ihre Locken ſchlingen werde. Ehe noch der Abend erſchien, war Cöleſtine in der Hauptſache bereits mit dem eleganteſten Anzu⸗ ge fertig. Nachdem ſie von einem Spiegel zum an⸗ dern gegangen war, ſixirte ſie ſich endlich vor ei⸗ nem, der in einer etwas dunklen Ecke hing, und daher ihr Geſicht und ihre Geſtalt am reitzendſten zeigte. Dieſer mußte, wie ſie überzeugt war, der treueſte ſeyn, und mit unbeſchreiblichem Wohlge⸗ fallen, das ſich durch ein fortwährendes ſinniges Lächeln äußerte, drehte ſie ſich vor ihm nach allen Seiten herum. Wie der Dichter, das höchſte Ziel im Auge, ſogar an dem Meiſterwerke, das er ſelbſt 89 im Ganzen ais ſolches anerkennt, im Einzelnen im⸗ mer noch etwas zu beſſern findet, und nie ſich ſelbſt genugthut— ſo ging es unſerer Schönen mit ih⸗ rer Geſtalt. Sie ſchob den Streif von feinen Spi⸗ tzen, der die Hälfte ihres gewaltſam gefeſſelten Bu⸗ ſens mehr zeigte, als bedeckte, noch etwas weiter zurück, zupfte an den Falten des himmelblauen Le⸗ vantinkleides, um gewiſſe andere Ründungen in lei⸗ ſern Wellenlinien verſchmelzen zu machen, und zog die Locken noch etwas weiter über die Stirn herun⸗ ter, um einige unangenehme Schatten zu verber⸗ gen. Dann ſteckte ſie die Ringe an, und betrachte⸗ te mit Wohlgefallen ihren Glanz ſowohl, als die reitzende Wirkung, die ſie auf ihrer wirklich recht hübſchen Hand machten. Endlich fand ſie nichts mehr zu thun, undtrat, ſelbſtzufrieden lächelnd mit den Worten:„Nun, was meinen Sie?“ vor ihre Mufter hin. „Je nun,“ ſagte dieſe,„Kleider machen Leute. Man ſollte dir wirklich deine dreyßig Jahre nicht anſehen. Aber nimm dich nur in Acht, daß er dich vor der Hochzeit nicht im Negligee ſieht, ſonſt möch⸗ te es ſchlimm ablaufen.“ »Immer müſſen Sie doch anzüglich werden,“ ſag⸗ te jene, aus ihren Himmeln herabgeriſſen.„In⸗ deſſen es ſey, da Sie ohnehin bald einen andern Ton werden anſtimmen müſſen.— übrigens däch⸗ te ich, wir gingen, um zu ſehen, ob der Wagen da ſey.“ Die Mutter ſuchte ihr begreiflich zu machen, doß ſie eine ungeduldige Närrinn, und daß es noch heller Tag ſey, und fuhr in dem Beweiſe des letz⸗ tern Satzes ſo lange fort, bis die Nacht wirklich an⸗ gebrochen war, wo denn beyde, in der feyerlichen Stimmung, in welche die Erwartung großer Ereig⸗ niſſe zu verſetzen pſtegt, die verhängnißvolle Wan⸗ derung antraten. Wirklich fanden ſie den Wagen verſproche⸗ ner Maßen am Thore, und kamen ohne irgend ein Abenteuer glücklich an dem Orte ihrer Beſtim⸗ muhg an. Indeſſen hatte Cöleſtine, je näher ſie dem Gaſt⸗ hofe kamen, eine um ſo größere Beklemmung em⸗ pfunden, und ungeachtet ihres vorigen Vertrauens kam es ihr auf einmahl vor, als ob ſie eine große Unbeſonnenheit zu hegehen im Begriffe ſey. Der Traum, in welchem der Mann im Mantel ſie einen Berg voll Schnee herunter gezogen, erſchien ihr in der fatalſten Bedeutung. Sie vermochte, da ſie aus⸗ ſtiegen, ſich nicht zu erkundigen. Als aber der Wirth, auf bie herzhafte Nachfrage der Mutter, verſicher⸗ te, daß der Herr ſeit einer halben Stunde bereits auf ſie warte, und mehrmahls ungeduldig gefragt habe, ob die Damen noch nicht da wären, wurde ihr Herz wieder leichter, und mit friſchem Muthe ſtieg ſie, bey dem Scheine des Lämpchens, das der Wirth unterhielt, die ſteile Breterſtiege hinauf. Ein ſchlanker Mann trat eben auf dem bäuri⸗ 9¹ ſchen Vorſaale, der durch den Schein des Lichtes aus der offenen Thüre der Oberſtube nurzum Theil ſpärlich erleuchtet wurde, ihr entgegen. Mit den Worten:„Wie ſehnlich habe ich Sie erwartet!“— eilte er, ehe noch die unbehülfliche Mutter ſich die Stiege hinaufgearbeitet hatte, auf Eöleſtinen zu, und drückte ſie mit der höchſten Leidenſchaft an ſeine Bruſt. Nach einem glühenden Kuſſe, den Cöleſtine mit nicht minderer Glut errwiederte, ließ er ſie, da unterdeß der Kopf der Commereienräthinn aus der Treppenöffnung langſam und wackelnd auftauch⸗ te, plötzlich los; und führte ſie in die offen ſtehende Stube hinein. Kaum aber ſiel hier der Schein des Lichtes auf Cöleſtinens Geſicht, als das des jungen Mannes, in welchem ſie auf den erſten Blick denjenigen, den ſie einſt imn Concert und neulich auf der Straße ge⸗ ſehen, wiedererkannte, die Wirkung zeigte, welche dem Kopfe der Meduſa zugeſchrieben wird. Er trat einige Schritte in die Stube zurück, ſah hier noch einmahl Cöleſtinen mit einem langen ſtarren Blicke des Erſtaunens an, achtete nicht der Mutter, die unterdeſſen hereingetreten war, die anmuthigſten Verbeugungen machte, und viel von der Ehre und dem Vergnügen ſeiner Bekanntſchaft ſchwatzte. Er ſchien aus aller Faſſung gebracht. Unſchlüſſig, ob er gehen oder bleiben ſollte, ſtand er bald ſprachlos dort, bald that er, die Stirn reibend, einige Schrit⸗ te im Zimmer herum, ſah dann wieder mit einem 2 3 9² Blicke, in welchem Beſchämung, Verlegenheit, Zorn und Galanterie mit einander zu kämpfen ſchienen, auf Cöleſtinen— und ſo verfloſſen mehrere Minu⸗ ten, ohne daß, nachdem die Complimente der Mut⸗ ter beendigt waren, eins von ihnen auch nur eine Sylbe hervorgebracht hätte. Cöleſtinens Verlegenheit war entſetzlich. Er war es— ſchlanker und ſchöner, als er ihr vorher ge⸗ ſchienen hatte. Zum überfluſſe lag auch das haupt⸗ ſächlichſte Kennzeichen, der Mantel aufeinem Stuh⸗ le dort, und die lichte Pelzverbrämung ſchimmerte hell neben dem dunkeln Blau hervor. Aber warum that er ſo fremd, nach dem, was geſtern und in dieſem Augenblicke vorgefallen war? Sollte das eine Verwechslung ſeyn? Das wäre ja in jeder Hin⸗ ſicht zu ſchrecklich geweſen. Und doch konnte ſie nichts anderes vermuthen, und ihr Herz ſchlug, und ihre Knie wankten. Da aber fiel ihr Blick noch einmahl auf den Mantel, und ſchnell ward ihr ein Licht in dieſer grauſen Racht. Aus dieſem Mantel war ihr der Brautkranz im Traume gereicht worden, aus die⸗ ſem Mantel mußte er ihr auch in der Wirklichkeit gereicht werden. Wie alle große Seelen in mißlichen Lagen ſich erſt als wahrhaft groß bewähren— ſo ietzt Cöleſtine. Es kam ihr auf einmahl eine Klar⸗ heit, eine Beſonnenheit und Entſchloſſenheit, die alle Zweifel verbannte. Sie fliſterte der Mutter zu, daß der Unbekannte wahrſcheinlich nur ihre Gegen⸗ 9⁵ wart ſcheue, und bath ſie ſich zu entfernen. Die Commercienräthinn, in gewiſſen Puneten ſehr gut⸗ willig, gehorchte. Wirklich war ſie kaum zur Thür hinaus, als die Faſſung des Unbekannten zurückzukehren ſchien. Er ging auf Cöleſtinen zu. 6 „Verzeihen Sie,“ ſagte er ſehr höflich und mit noch ſtockender Stimme,„einer Vertraulichkeit, die“— „Die mir nicht unerwartet kommen konnte,“ unterbrach ihn die Schöne,„da Ihr geſtriges Be⸗ nehmen ſowohl, als Ihr Billet mich darauf vorbe⸗ reitet hatte.“ „Mein geſtriges Benehmen?mein Binet 2* frag⸗ te der Fremde mit neuem Erſtaunen. »Wiſſen Sie etwa nichts davon 2* fuhr Cöleſti⸗ ne mit ſpitzigem Tone auf.„Iſt dieß Billet nicht von Ihnen 2* Sie knüpfte bey dieſen Worten haſtig den Pelz auf, und hohlte mit nicht zu ſpitzigen Fn das Billet dhs ihrem Buſen hervor. »Wie kommt dieß in ihre Hände?“ fragte jener mit neuem Erſtaunen weiter, als er das Papier bey Lichte beſehen hatte. „Das fragen Sie2 Haben ſie mir's nicht geſtern ſelbſt gegeben 2* »Verdammter Eſel!“ brach jetzt der Fremde, ſei⸗ ue Verlegenheit auf einmahl gänzlich ablegend, zor⸗ 9⁴ nig aus.„Sollte man ſich eine ſolche Dummheit als möglich denken* „Verzeihen Sie,“ fuhr er, ſich mit einer ſeich⸗ ten verbindlichen Verbeugung gegen Cöleſtinen wendend, höflich ſort,„wenn eine Verwechslung uns beyde in eine Verlegenheit brachte, die mir dem⸗ ungeachtet höchſt angenehm und intereſſant iſt, da ich ihr das Vergnügen Ihrer näheren Bekanntſchaft verdanke.“ Cöleſtine bekam durch dieſe galante anmuthi⸗ ge Wendung neuen Muth. Sie ſah in dem heuti⸗ gen Benehmen des ſchönen Fremden nur einen neuen Beweis der Sonderbarkeit, die ſie vom erſten Au⸗ genblicke der Bekanntſchaft unter den Fenſtern des Schlafſtübchens ſo angezogen hatte. Die feine Art, mit der er ungeachtet alles deſſen, was ſchon vorge⸗ fallen war, den Roman noch einmahl von vorne anfangen zu wollen ſchien, erhielt ihren ganzen Bey⸗ fall, und ſie würde ſich der von ihm beabſichtigten allmähligen Näherung gerne gefügt haben, wenn es ihr nicht darum zu thun geweſen wäre, der Pei⸗ nigung zu entgehen, welche ſie, wenn die Sache ſich heut nicht entſchied, von ihrer Mutter zu erwarten hatte. Sie ergriff daher ſeine Hand, und ſagte mit möglichſter Innigkeit: „Zu was dieſe Umſchweife? Es iſt zu ſpät da⸗ zu. Eine Verwechslung kann nicht vorgegangen ſeyn. In dieſen Mantel waren Sie geſtern Abend — . 95⁵ gehüllt, als Sie mir das Billet überreichten, und ſich Vertraulichkeiten erlaubten, gegen welche die vorhin in der Dunkelheit des Vorſaales, wegen welcher Sie ſich entſchuldigen, noch ſehr ehrerbiethig erſcheint.“ Noch ehe Cöleſtine dieſe Worte beendigt hatte, brach der Fremde in ein unermeßliches Gelächter aus.„Der Spitzbube! der verdammte Kerl!“ ſo ſchrie er einmahl über das andere, und fing nachje⸗ dem Ausrufe wieder ſo heftig zu lachen an, daßer ſich in der Stube herumdrehte, und ungeachtet des Zwanges, den er ſich anthun zu wollen ſchien, nicht wieder herauskommen konnte. Sein Geſicht war hochroth, alle ſeine Züge verſtellt, ſeine Augen ſtan⸗ den voll Thränen. Mehrmahls fing er zu ſprechen an, aber es war, als ob er Steine im Munde hätte, und mitten im Worte wurde ſeine Rede vom neu⸗ ausbrechenden Lachen unterbrochen. Wenn wir jemanden aus vollem Herzen lachen ſehen oder hören, ſo kömmt uns gewöhalich eben⸗ falls eine unüberwindliche Lachluſt on, ohne daß wir die Veranlaſſung des Gelächters kennen. Cöle⸗ ſtine aber machte von dieſer Regel eine Ausnahme. Je mehr er lachte, um deſto zorniger wurde ſie, und nachdem ſie verſchiedene Mahle vergeblich zur Rede zu kommen verſucht hatte, brach ſie endlich in eine Wuth aus, welche ſie ſofort mächtiger als die Lach⸗ luſt des Unbekannten zeigte. So treibt beym Aus⸗ 96 bruche des Vuleans die Lava das Meer zurück, das gegen den Feuerſtrom anrauſcht. „Es iſt unerhört,* ſchrie ſie mit zitternden Lip⸗ pen,„mir ſo zu begegnen. Schimpflich iſt's, das muß ich ſagen. Was denkt denn der Herr, wen er vor ſich hat? Mich ſo zu mißbrauchen, mich her⸗ auszuſprengen und mich nun auszulachen. Aber es gibt noch eine Gerechtigkeit in der Welt, und ich werde mir Satisfaction zu verſchaffen wiſſen.“ Wenn man in dieſer Rede die Zierlichkeit und Richtigkeit des Ausdruckes vermißt, wie man vor⸗ her in Cöleſtinens Uußerungen gefunden hat, ſoiſt zu bemerken, daß ſie mit vielen ihrer Schweſtern das Unglück theilte, in einen ſolchen Dialekt zu verfallen und ſehr gemein zu erſcheinen, wenn ir⸗ gend eine heftige Leidenſchaft die dünne Decke äu⸗ ßerer Bildung, womit ſie durch Romanenlectüre und Geſellſchaft überkleidet war, abſtreifte, und die innere wahre Geſtaltung zeigte. So ging es ihr ietzt, und was ſie an Liebreitz verlor, gewann ſie an furienhafter Majeſtät. Sie wollte, nachdem ihr blitzender Blick den Fremden noch einmahl von un⸗ ten bis oben gemeſſen hatte, zur Thüre hinauseilen. Aber dieſer war indeſſen zur Beſinnung gekommen. Er eilte ihr nach, ergriff ſie bey der Hand, und bath ſie höflich, zu bleiben. „Verzeihen Sie,“ ſagte er abbittend,„ich geſtehe es, ich habe mich als ein roher, ungebildeter Menſch betragen. Aber glauben Sie mir, es iſt nicht meine 97 Schuld, ſondern die einer Krankheit, an welcher die geſchickteſten Arzte bis jetzt vergeblich eurirt haben. Ich werde nähmlich zuweilen von einer ſon⸗ derbaren Art von Krämpfen befallen, die mich laut zu lachen zwingt, obwohl ich mich äußerſt übel da⸗ bey beſinde. Auch jetzt, ich verſichere Sie, habe ich ſolche Empfindungen, daß ich vielmehr weinen als lachen möchte. Und doch, Sie ſehen, es will noch nicht ganz nachlaſſen.“ Wirklich bemerkte Eöleſtine, daß, während er ſprach, das Gelächter verſchiedene Mahle wieder aus⸗ zubrechen drohte. Indeſſen ging der Anfall nun glücklich vorüber, und Cöleſtine beruhigte ſich voll⸗ kommen bey der erhaltenen Erklärung. Der Unbe⸗ kannte wußte ſie nun über die Anſprüche, die ſie an ſeine Perſon mache, ſo höflich und geſchickt auszu⸗ hohlen, daß er, den Traum ausgenommen, bald alles wußte, was wir eben erzählt haben. Und auch von dieſem floſſen einige leiſe Andeutungen von Win⸗ ken des Schickſals und dergleichen mit ein, die ihm„ beſonders da Cöleſtine ſeinen Fragen darnach mit geheimnißvoller Miene auswich, die Wahrheit, oder doch wenigſtens etwas ihr Ihnliches errathen ließen. Der ſchöne junge Mann war während dieſer Erläuterungen zwar nachdenkend, zu gleicher Zeit aber immer zuvorkommender geworden. Er geſtand ihr mit nicht vollkommen verborgener Ironie, daß ſie ihm im Concert ſowohl als neulich am Fenſter unterh. Bibl. 3. Jahra. 1. B. E 95 ſehr intereſſant vorgekommen, daß ſie es geweſen ſey, nach welcher er ſich umgeſehen habe. Ohne ge⸗ rade weiter etwas zu verſichern, ſtellte er es auch nicht in Abrede, daß der Geſang vor dem Fenſter ihr gegolten habe. Indeſſen ließ er ſich jetzt durch⸗ aus auf keine weitere Erklärung ein, bath jedoch Cöleſtinen, daß ſie heut gegen Mitternacht wieder an der Hinterthüre erſcheinen möge, wo er ihr alle erforderliche Aufklärung zu geben verſprach. Obgleich unſere Schöne die Hoffnungen, mit welchen ſie dieſer Zuſammenkunft entgegen geſehen hatte, nicht erfüllt ſah, ſo war ſie bey dem ſehr un⸗ günſtigen Anfange derſelben doch mit dem Ausgan⸗ ge ſehr zufrieden. Der Abſchied war zwar, ihrem Wunſche zuwider, mehr höflich als zärtlich, und ging ohne den Verſuch einer Umarmung, ja ſogar ohne einen Händedruck ab— allein nach den Son⸗ derbarkeiten, die ſie ſchon hatte verzeihen müſſen, fand ſie dieß nicht ſehr außerordentlich, und tröſtete ſich damit, daß ſie ja heut noch alles erfahren, und die erwünſchte Gewißheit erlangen werde.. Und damit tröſtete ſie auch die Mutter, wel⸗ che, obwohl ſie ſich auf's Lauſchen gelegt, deſſen un⸗ geachtet, da die letzten Verhandlungen ziemlich leiſe vor ſich gegangen waren, nichts Zuſammenhängen⸗ des vernommen hatte. Wie das erſte Mahl, als ſie 95 mit ihr über das Abenteuer ſprach, und nichts Be⸗ friedigendes zu erzählen wußte, ſo hüllte ſie ſich auch heut wieder in ein Geheimniß, das ſie ihr jedoch nach Mitternacht zu entdecken verſprach. Die Neu⸗ gier derſelben, die ſie liſtiger Weiſe immer mehr zu erregen ſuchte, tröſtete ſie über die Qual ihrer ei⸗ genen. Nichts weiter geſtand ſie, als das Rendez⸗ vous, das ſie heut noch habe, da ſie gewiß wußte, 5 daß die Mutter es zu hintertreiben keinen Verſuch nachen werde. Mit geheimnißvollem aber trium⸗ Phirenden Lächeln, nahm ſie, als die verabredete Stunde kam, Abſchied, und die Commercienräthinn, ſe, während Cöleſtine die Treppe hinabſtieg, in te Schlafſtube der letztern gegangen war, um hin⸗ ter dem Vorhange etwas zu erlauſchen, ſah durch die wilde rauhe Racht und das Schneegeſtöber wirk⸗ lich den Mann im Mantel, der, ſobald Cöleſtine heraustrat, ihr nachzufolgen winkte, und ſich dann mit ihr aus dem Gäßchen entfernte. Verdzießlich, ſich hierdurch um das Vergnügen eigener Entdeckung gebracht zu ſehen, und nunalle Aufſchlüſſe von der Gutwilligkeit Cöleſtinens erwar⸗ ten zu müſſen, ging ſie in die Wohnſtube zurück und erwartete hier die Rückkehr der Tochter. Nach einer Viertelſtunde ſchon höxte ſie etwas in höchſter Haſt, aber unſicher die Treppe heraufpoltern. Sie keuchtete hinaus, es war Cöleſtine. Aber keine S Spur mehr von dem geheimnißvollen und ſeligen Lächeln, mit welchem ſie gegangen war. Ihobleiches Geſicht 100 war ein Bild des Entſetzens, in wilder Furcht roll⸗ ten ihre Augen umher, und wagten auf keinen Ge⸗ genſtand ſich zu heften. Ihr Haar ſchien ſich empor zu ſträuben. So ſtürzte ſie, ohne nur die Mutter anzuſehen, vor ihr vorbey, in's Zimmer hinein, warf ſich heftig auf's Sofa hin, und verſteckte das Geſicht in den Polſtern, die ſie neulich ſo zärt⸗ lich geküßt hatte. Dabey ſtieß ſie, auf die ängſtli⸗ chen und neugierigen Fragen der Mutter, nur die abgebrochenen Töne:„O! Ach! Hu' aus, und ſchien vom Fieberfroſte geſchüttelt zu werden. Bey dieſem wirklich bedauernswürdigen An⸗ blicke fühlte die Commereienräthinn ſeit langer Zeit wieder zum erſten Mahle eine wahrhaft zärtliche Regung gegen die Tochter, mit welcher ſie, ſeit dem dieſe, ihrem Nathe zuwider, den Gerichtsdirector ausgeſchlagen, in ewigen Streitigkeiten gelebt hatte. Sie trug alle ſtärkende Mittel und Riechfläſchchen, die in der wohlverſehenen Hausapotheke ſich vor⸗ räthig fanden, geſchäftig trippelnd herbey, und redete der Armen mit ſanften Fragen zu. Endlich richtete ſich Cöleſtine auf, ſah ſtarr in eine Ecke des Zimmers, und fuhr dann mit dem Schre⸗ ensrufe:„Dort ſteht er!“ wieder in die Polſter zurück. „Wer denn, Tinchen 2* fragte die Mutter beſorgt und neugierig. „Der Tod!“ ächzte jene. 1 101 „ Der Commercienräthinn fing es nun auch an, eiskalt über den Rücken herunter zu laufen. Sie bedachte mit Schauder, daß eben Mitternacht vor⸗ bey ſey, und ſah furchtſam in alle Ecken des Zim⸗ mers, ob nicht ein Geiſterſpuk ſich zeige. Endlich, da ihre Furcht mit jedem Augenblicke zunahm, warf ſie ſich auf's Sofa neben Cöleſtinen hin, und ver⸗ barg wie dieſe ihr Geſicht in den Kiſſen. So ſaßen beyde ſtumm und zitternd, bis die Glocke Eins ſchlug. Die kluge Mutter, welche in allem in der Welt, beſonders aber auch in der Na⸗ kurgeſchichte der Geſpenſter wohl erfahren war, und guten Rath zu geben wußte, erhob ſich bey dieſem Tone in der überzeugung, daß die Gefahr nun vor⸗ über ſey. Sie redete Eöleſtinen zu, ihr den Zuſam⸗ menhang der Sache zu erzählen, und dann ruhig in ihr Bette zu gehen. Aber zu beyden war dieſe nicht zu bewegen. Es wurde ihr zugeſtanden, das Bett der Commercienräthinn dieſe Nacht zu theilen. Schlaflos lag ſie dort, oft in fieberhafter Bewegung in ſich ſelbſt zuſammenſchandernd. Erſt als der Tag aubrach, fing ſie an, ſich zu erhohlen. Aber ſie ſchien ganz verändert. Eine Sanft⸗ heit und Weichheit, eine Wehmuth war in ihr, von welcher man ſonſt nicht die geringſte Spur bemerkte. Sie erzählte nun der eindringenden Mutter Fol⸗ gendes: Sobald ſie zur Hinterthüre herausgetreten, 102 war der Mann im wohlbekannten Mantel mit lang⸗ ſamen, feyerlichen Schritten auf ſie zugekommen.“ „Folge mir!“ ſo hatte er ſie mit tiefer hohler Stimme angeredet, und war ohne weitere Erklä⸗ rung pathetiſch vorausgegangen. In dieſen Worten und in dem ganzen Beneh⸗ men des Mannes war etwas ſo Schauderhaftes, daß Cöleſtine keine Frage herauszubringen vermochte, und nachdem ſie ſtillſchweigend einige Schritte ge⸗ folgt, ſtehen blieb. Kaum aber merkte das der Mann, als er ſich nach ihr umkehrte, und ſein:„Folge mir!“ gebietheriſcher und hohler und tiefer als vor⸗ hin wiederhohlte. Sie mußte wider Willen gehor⸗ chen; es war, als ob eine übernatürliche Gewalt ſie nachzöge. So leitete er ſie durch das Gäßchen auf den Markt. Hier ſing die Uhr des Rathhauſes Mitternacht zu ſchlagen an. Der Mann blieb ſte⸗ hen, legte die Hand an die Stirn, und zählte laut und tief:„Eins! zwey!“ bis„zwölf!“— Dann ſagte er mit dem vorigen Tone:„Hörſt du, das iſt die rechte Stunde.“ Das alles war um ſo fürchterlicher, da es eine höchſt ſtürmiſche Winternacht war, der Wind ſchauer⸗ lich mit den Wetterfahnen rauſchte, und wildes Schneegeſtöber in Cöleſtinens Geſicht blies. Kein menſchliches Weſen war in der Stadt zu ſpüren, kein Ton erſcholl, alles war wie ausgeſtorben, nur hin und wieder brannte an den Fenſtern ein blei⸗ 6 ches, durch den Schnee kaum zu erkennendes Nacht⸗ 105 ſicht.— Cöleſtine wollte abermahls ſtehen bleiben. Aber ein drittes:„Folge mir!“ erſcholl noch gebie⸗ theriſcher, als die erſten Mahle, und zugleich er⸗ griff die Geſtalt ſie bey der Hand und führte ſie ne⸗ ben ſich her. Sie hätte folgen müſſen, und wenn ſie gewußt hätte, daß ſie zum Tode wandere. So ging es fort durch die Gaſſen, zum Thore hinaus, nach dem Gottesacker zu. Hier, an der Ecke der Mauer blieben ſie ſtehen.„Willſt du deinen Gelieb⸗ ten ſehen?“ fragte der geheimnißvolle Führer, und zog unter dem Mantel eine Blendlaterne hervor, mit welcher er ſich ins Geſicht leuchtete. Ein Tod⸗ tenkopf grinzte ſie an. Sie glaubte in Ohnmacht zu ſinken.„Fliehe! Fliehe! Fliehe ſo tönte es noch, und alle ihre Kraft ſchien ſich in den Füßen zuſam⸗ men zu drängen. Sie war zu Hauſe, ohne daß ſie ſelbſt wußte, wie es zuging. Nach Beendigung dieſer Erzählung fingen bey⸗ de, Mutter und Tochter, ungeachtet es heller Tag war, von neuem an, ſich zu fürchten. Stillſchwei⸗ gend ſaß ſie dort, todtenblaß, mit dem der Geſpen⸗ ſterfurcht eigenen wunderlichen Zuge um den Mund. Keine wagte zu ſprechen oder nur ſich zu bewe⸗ gen, ja kaum die Augen aufzuſchlagen, aus Furcht⸗ in irgend einer Ecke den Tod zu erblicken. „Es iſt entſetzlich,“ ſo fing endlich die Commer⸗ zienräthinn mit ſehr gepreßter Stimme an,„entſetz⸗ lich! Was muß das zu bedeuten haben 2* „Ach ich weiß es wohl,“ erwiederte Eöleſtine 103 in höchſter Niedergeſchlagenheit.„Mein Traum geht in dieſem Jahre in Erfüllung. Der Brautkranz, der mich erwartet, iſt mir unter dem Mantel vor⸗ gezeigt worden— eine Todtenkrone!“ „ Bey dieſen Worten fing die Arme, welche in Rückſicht des Todes die bekannten Geſinnungen des Achilles hegte, und lieber unvermählt hier oben, als unten im Oreus, im Beſitze von hundert der ſchönſten Männer leben wollte, bitterlich zu wei⸗ nen an. Seit langer Zeit hatte ſie nur aus Arger geweint, jetzt war es die tiefſte Weh nuth, welche ihre Thränen fließen ließ. Die Commercienräthinn ſelbſt fühlte eine ungewöhnliche Rührung. „Man muß ſich nicht gleich das Schlimmſte vorſtellen,“ tröſtete ſie mit einem Tone, der be⸗ wies, daß ſie ſich ſelbſt das Schlimmſte vorſtelle.— „Sonderbar bleibt zwar die Sache immer, das muß wahr ſeyn, aber wer kann wiſſen, was für eine Teufeley dahinter ſteckt.— Sag mir doch,* ſo fuhr ſie nach einiger Beſinnung mit kluger Miene fort,„fühlteſt du nicht, als die Figur dich bey der Hand nahm, ob ſie ordentliche fleiſchige Hände hatte.“ „Ach ja,“ antwortete jene,„ich erinnsre mich, es war eine derbe, ſtarke Mannshand, etwas hart inwendig, wie ich durch den Haudſchuh noch bemerkte.“ „Nun da ſiehſt du ja,“ ſagte die Mutter be⸗ Jehrend,„daß es der wirkliche Tod nicht ſeyn konnke⸗ 105 der bekanntlich ein bloßes Gerippe iſt, und daher auch an den Händen nichts als Knochen hat. Und was deinen Traum anlangt, ſo hörteſt du ja zu⸗ letzt eine Stimme, die ſagte:„Es iſt nicht gut⸗ daß der Menſch allein ſey!“— und du ſagteſt⸗ Amen! Das kann ſich doch unmöglich auf den Tod beziehen.“ So augenſcheinlich die Mutter die Vernnnt auf ihrer Seite hate, ſo durchgreifend ihre Gründe waren, ſo vermochte ſie doch nicht, Cöleſtinen von ihrem peinlichen Glauben abzubringen. Ein neuer Beweis, daß bey den vernünftigſten Weibern, wenn ihre Phantaſie einmahl erregt iſt, die vernünftigſten Gründe ihre Kraft verlieren. Während dieß vorging, wurden in dem nähm'i⸗ chen Hauſe, eine Treppe tiefer, von den ſchönſten Au⸗ gen Thränen des bitterſten Kummers geweint. Der Kopfputz am Fenſter hatte unſere Schöne nicht be⸗ trogen, Wirklich wohnte dort in tiefſter Verbor⸗ genheit ein Mädchen, vordeſſen Reitzen Cöleſtine er⸗ ſchrocken ſeyn würde. Es war die Enkelinn des Herzogs. Als der Erbprinz vor achtzehn Jahren ungefähr aus Italien zurückgekehrt war, hatte die Schönheit des lieblichſten aller Alpenröschen ihn länger, als er wollte, am*** er See feſtgehalten, Perſönliche 106 Liebenswürdigkeit von dem Zauber der Fürſtenwürde unterſtützt, hatten es ihm gelingen laſſen, das Rös⸗ chen zu brechen. Da entwand ſich dem Schooße des trauernden Blümchens ein Engel, lieblicher, als noch je einer die Alpen angelächelt hatte. Der Prinz war kein Wüſtling. Er trug zärtli⸗ che Sorge für Mutter und Kind. Kein Zureden, keine Drohung des ſtrengen Vaters, dem jene Ver⸗ bindung gänzlich unbekannt bleiben mußte, vermoch⸗ ten ihn ſich zu vermählen. Aber die Geliebte ſtarb, die Tochter ward von einer Verwandten zu ſich ge⸗ nommen', von deren Sinnesart wir oben in der Scene mit Cöleſtinen und ihrer Mutter einen Be⸗ weis erhalten haben. Unerträglich ward derzartſin⸗ nigen Emma ihre Lage bey dieſer Frau, und ſie be⸗ ſchwor ihren Vater, mit dem ſie durch einen ver⸗ trauten Vermittler in Briefwechſel ſtand, ſie bald daraus zu befreyen. Der Prinz reiste mit dem Baron*** nach der Schweiz ab. Kaum aber hatte dieſer die Tochter ſeines fürſtlichen Freundes erblickt, als er für ſie die zarteſte und heftigſte Neigung empfand. Dieſe Neigung beſtimmte den Plan, den man wegen Emma's Zukunſt entwarf. Der Herzog mußte bewogen werden, Emma als die natürliche Tochter ſeines Sohnes auzuerkennen, und ſie in einen Stand erheben zu laſſen, welcher eine Verbindung des Ba⸗ rons mit ihr, ohne Zerſtörung ſeiner Familienver⸗ hältniſſe, möglich machte. Man hoffte dieß um ſo 107 gewiſſer zu bewirken, da theils Emma's Mutter nicht mehr lebte, theils der Prinz die Anerkennung der Tochter zur Bedingung einer von ſeinem Vater ge⸗ wünſchten Vermählung machen konnte, theils auch der alte ſtrenge Herrſcher empfänglich für die Ein⸗ drücke der Jugend, Schönheit und Unſchuld war. Emma reiſ'te alſo mit der Verwandten, die man als blindes Werkzeng gebrauchte, nach der Re⸗ ſidenz des Herzogs ab. Die letztere erhielt die Wei⸗ ſung, Emma vor jedermann verborgen zu halten. Der Baron ſelbſt entſagte vor der Hand dem Ver⸗ gnügen, ſeine Geliebte zu beſuchen. Nur jene nächt⸗ lichen Aufmerkſamkeiten erlaubte er ſich, da man nach eingezogener Erkundigung das Schlafzimmer Cöleſtinens für unbewohnt hielt, und ſich daher in dem Gäßchen gänzlich unbelauſcht glaubte. Es war bey Hofe ein Familienfeſt. Bloß der Baron, als Freund des Erbprinzen, wurde zugezo⸗ gen. Bey ſolchen Gelegenheiten war von dem Her⸗ zoge immer am erſten etwas zu erhalten. Emma's Daſeyn und die Abſichten des Barons auf ſie wur⸗ den ihm entdeckt, und die Anerkennung zur Bedin⸗ gung der gewünſchten Vermählung gemacht. Der alte Herr bewilligte noch nichts, aber er wankte. Da ſchrieb der Baron jenes Billet, und gab es dem Bedienten, der mit dem Mantel ſeiner wartete, um es, wie gewöhnlich, an einem von Emma heruntergelaſſenen Faden zu beſtellen. Als 105 dieſer aber Cöleſtinen heraustreten ſah, zweifelte er nicht, daß ſie die Perſon ſey, welcher das Billet be⸗ ſtimmt wäre. So zuverläſſig, treu und verſchwie⸗ gen der luſtige Kerl in jeder andern Hinſicht war, ſo glaubte er doch nicht gegen die Ehrlichkeit zu ſün⸗ digen, wenn er die Gunſtbezeigungen annähme und erwiederte, die ihm von der Geliebten ſeines Herrn ſo freygebig dargebothen wurden. Der Mantel, den der Bediente der Bequem⸗ lichkeit willen umgenommen, hatte die arme Emma wie Cöleſtinen getäuſcht. Im unendlichen Schmerze, ſich verrathen zu ſehen, theilte ſie ſich der Alten mit, die im emporlodernden Zorne an nichts dachte, als ihrem Herzen gegen Cöleſtinen Luft zu machen. Als der Baron bey der Zuſammenkunft im Wirthshauſe die Lage der Sache erfahren hatte, mußte er auf Mittel denken, wie er Cöleſtinen ver⸗ hindern könne, zu plaudern und ihn ferner zu be⸗ lauſchen. Der Bediente erhielt daher Auftrag, das Rendezvous abzuwarten, die Zärtlichkeiten der Schö⸗ nen anzunehmen und zu erwiedern, am Ende ſich ihr zu entdecken, und ihr mit der Drohung, daß bey verletzter Verſchwiegenheit die Geſchichte mit allen lächerlichen Nebenumſtänden öffentlich bekannt ge⸗ macht werden ſolle, Stillſchweigen zu gebiethen. Al⸗ lein der liſtige Kerl, von der Abſicht ſeines Herrn ſowohl, als von Cöleſtinens Reitz unterrichtet, hatte keine Luſt zu einer abermahligen Umarmung, und zog —— 5— 109 jenes herviſche Mittel vor, das ihm jedoch, alsler ſeinem Herrn die Sache erzählte, auf das härteſte verwieſen wurde. Emma wurde leicht aus ihrem Irrthume geriſ⸗ ſen. An einem der folgenden Tage ſtellte man ſie bey einer Jagdparthie auf einem einſamen Luſtſchloſſe unvermuthet dem Herzoge vor. Der Reitz des lieb⸗ lichen Mädchens und die überraſchung hatten die veabſichtigte Wirkung, und alle Hoffnungen gingen in Erfüllung. Die veitere Ausführung dieſer Skizze überlaſ⸗ ſen wir billig dem Leſer. Ehe aber dieß alles ſich entwickelte, war Cöle⸗ ſtinen der Aufenthalt in der Reſidenz unerträglich geworden. Sie wagte kaum auszugehen, kaum zum Fenſter zu treten, aus Furcht den ſchrecklichen Man⸗ tel zu erblicken. Einem geſcheuchten Rehe glich ſie, das bey jedem Rauſchen der Blätter ängſtlich horcht, ob nicht der tödtliche Verfolger ſich zeige. Sie drang in die Mutter, mit ihr nach ihrer Vaterſtadt zurück⸗ zukehren. Die Commereienräthinn, welche die Hoff⸗ nung aufgab, hier für ihre Tochter einen Mann zu finden, und noch außer dem fürchten mußte, daß das wunderliche Abenteuer ſpäter oder früher im Pu⸗ blicum bekannt werden möge, gab ihren Bitten nach⸗ Auch in*“** kehrte Cöleſtinens Heiterkeit nicht zurück. ungeachtet alles Zuredens der Mutter war 110 ſie überzeugt, daß ſie vor Ablauf des Jahres ſter⸗ ben werde. Sie war ſtill, traurig und in ſich ge⸗ kehrt, dabey aber ſehr ſanft und fromm, und durch alles das liebenswürdiger, als ſie noch je geweſen war. Sie verſäumte keine Kirche, und vertauſchte die Romane gegen geiſtliche Betrachtungen. Eine betrachtliche Erbſchaft, die ihr unvermuthet zufiel, machte ihr nicht die geringſte Freude. Sie legte ihr Teſtament nieder, und verordnete darin, daß Kan⸗ zel und Altar der*** Kirche mit Sammet präch⸗ tig bekleidet werden ſolle. Um ſo mehr nahm ihre düſtere Stimmung zu, je mehr der Reſt des Jahres abnahm. Der Winter begann, und ſie war überzeugt, daß ſie nun höch⸗ ſtens noch ſechs Wochen leben könne. Obgleich völ⸗ lig geſund, glaubte ſie doch allerhand gefährliche Symptome in ſich zu fühlen, die ihre baldige Auf⸗ löſung verkündeten. Sie ſchrack im Schlafe zuſam⸗ men, und glaubte dann alle Mahl, daß der Schlag ſie gerührt habe. So ſaß ſie eines Abends dort, und las ein geiſtliches Buch. Da ertönte eine Muſik unter ih⸗ rem Fenſter. Kaum bemerkte ſie es. Die Mutter aber, welcher die Töne gar nicht unerwartet zu kom⸗ men ſchienen, trat an's Fenſter, und fagte dann: „Sieh doch hinaus, Tinchen, ich wette, die Abend⸗ muſik gilt dir.“ Erſt nach mehrmahligen Aufforderungen ſtand 6leſline aus kindlichem Geporſam mit wehmütbi⸗ 3 — 111 gem Lächeln auf, und ging an's Fenſter hin. Kaum aber hatte ſie hinausgeblickt, als ſie mit einem Schrey des Entſetzens zurückfuhr. Denn bey dem Scheine des Mondes hatte ſie deutlich den verhängnißvollen Mantel, oder doch wenigſtens einen ihm ganz ähn⸗ lichen erblickt, in welchen gehüllt ein Mann unter ihrem Fenſter ſtand, und auf einer Drehorgel mu⸗ ſicirte. „Warum erſchrickſt du denn darüber, Tin⸗ cher?“ fragte die Mutter, nachdem Cöleſtine ihr den Grund ihres Entſetzens entdeckt hatte.„Dein Traum wird noch ausgehen, und auf eine andere Art, als du glaubſt. Du wirſt aus dem Mantel heraus noch einen Brautkranz kriegen.—„Ich weiß, was ich weiß,“ ſetzte ſie geheimnißvoll hinzu, und war äußerſt ärgerlich, daß Cöleſtine, die nun eins mahl allem Irdiſchen abgeſtorben war, und die Wie⸗ dererſcheinung des Mantels für ein neues Todesan⸗ zeichen hielt, nicht weiter in ſie drang. Chriſtabend kam. In einer Kirche von*** wird da ſpät Abends ein Gottesdienſt gehalten der von der galanten Welt zu ganz andern Zwecken, als zur Erbauung, benutzt zu werden pflegt. Aber Cöleſtine ging in reiner Abſicht hin. Sie ſaß dort, voll des Gedankens, daß ſie nun höchſtens noch acht Tage zu leben habe. Unbemerkt ließ ſie die galanten Paare vor ſich vorbeyziehen. Als ſie endlich mit thränengetrübten Augen von ihren Geſangbuche af⸗ blickte, Himmel, da ſiel ihr Blick wieder auf den 112 nur zu bekannten Mantel. Ihrem Bethſtübchen ge⸗ genüber ſtand an einem Pfeiler die fürchterliche Ge⸗ ſtalt, und ſchien unausgeſetzt nach ihr hinzublicken. Mit ſtarrem Erſchrecken und getrübtem Auge er⸗ wiederte Cöleſtine eine Minute lang ſeinen Blick. Aber bald trieb immer wachſendes Grauen ſie fort, aus der Kirche hinaus ihrer Wohnung zu. Durch die Stille der Nacht hörte ſie eilige Tritte ſich folgen. Sie ſah ſich um, neues Entſetzen, der Mann im Mantel war es. Sie verdoppelte ihre Eile, jener die ſeinige. Schon hörte ſie die Tritte des Verfolgers dicht hinter ſich, als ihre Kraft ſie verließ. Sie war im Begriffe ohnmächtig auf das Pflaſter niederzutaumeln, als jener ſie erreichte, und ſie in ſeinen Armen auffing. „Ei, ei, hochgeehrteſte Mamſell,“ tönte eine bekannte Stimme.„Sie laufen ja, als ob Sie mit Steckbriefen verfolgt würden. Da ich Sie aber nun erlangt habe, ſo erlauben Sie, daß ich Sie hie nit vorläufig als ein bonum vacans in Beſitz nehme, und mich bey künftiger An⸗ und Ausführung mei⸗ ner Anſprüche auf Ihre werthe Perſon auf gegen⸗ wärtigen aotum possessionis gehorſamſt beziehen dürfe.“ Cöleſtine athmete neu auf, es war der Gerichts⸗ director. Als ſie ſich umſah, war ſie auf dem Platze der Stadt, auf welchem ſie am Schluſſe des Trau⸗ mes ſich geſehen, und den Kranz unter dem Mantel hervor erhalten hatte. ——— —— 11— Die Mutter hatte den Gerichtsdireetor veran⸗ laßt, ſeine Bewerbungen auf eine Cöleſtinens poe⸗ tiſchen Neigungen entſprechende Art zu erneuern⸗ beſonders aber ſich einen Mantel anzuſchaffen, und in dieſem ſeine Liebeserklärungen zu chun, um die Tochter wegen des Traums zu beruhigen. Durch Cöleſtinens Erbſchaft verliebter als je, entſchloß er ſich zu allem. Der bekannte Bediente, der vor kur⸗ zem mit ſeiner jungen Herrſchaft hier durchgereist war, hatte den Mantel, ein Geſchenk ſeines Herrn, in einer Geldverlegenheit an einen Trödler verkauft. Von dieſem war er an Cöleſtinens Liebhaber ge⸗ kommtn, der auf ſeine Garderobe gern ſo wenig als möglich wendete. Cöleſtiue war neu belebt, ihre bange Ahnung verſchwunden, ihr Traum erfüllt. An eine Weige⸗ rung war nicht zu denken. Der Gerichtsdirector begleitete ſie nach Hauſe, und das Brautpaar em⸗ pfing dieſe Nacht noch von der Commereienräthinn⸗ die hergebrachter Maßen dabey vor Rührung weinte. den mütterlichen Segen. Von dem Glücke dieſer Ehe ſchweigt die Geſchichte. 3 III. Der Mante 3 Eine Erzählun — von 4 8 — — — — — H G uſſt av De Thürmer poſaunte, die Rathswahl zu Bier⸗ lingen war vorüber. Vald darauf kam der Advocat Wieſel nach Hauſe, rieb die Hände, ſchlug ein Schnipp⸗ chen und ſagte zu ſeiner jungen Frau?„Senator wär' ich denn! zwar nur ein Bierlinger, doch kleine Vögel fliegen auch.“ Er hoffte, ſich für dieſe Selbſt⸗ entäußerung einem Großvogel verglichen zu hören, doch Gretchen ſchrie laut auf, weil ſie vor dem Kopfe des Stadtſchreibers erſchrack, der piötzlich durch das offene Fenſter Glück wünſchte. „Der Pinſel!' brummte Wieſel, und ſetzte mit Holdſeligkeit hinzu:„Innigen Dank, liebſter Wachauf! Wollt ihr nicht näher kommen, Her⸗ zensfreund?“ „Bin eben ſehr eilig,“ erwiederte der Stadr⸗ ſchreiber:„muß, wie ihr wißt, morgenden Tages in Geſchäften nach der Hauptſtadt reiſen, und er⸗ biethe mich zu Beſtellungen.“ „Verſchont euch doch mit dieſem Kreutze!“ fiel der Senator ein:„Aufträge wiegen zwar bey der übernahme federleicht, aber ſie werden an Ort und Stelle zu Schlepptauen und Schifspfunden, und man verwünſcht dann ſeine Dienſtfertigkeit.“ „ 118 „Und wenn ihr ein Wetterglas von dorther be⸗ gehrtet,“ entgegnete der Gutherzige:»ich ſähe, wie es ſortzubringen wäre.“— Da rühmte Wieſel zu⸗ vörderſt ſein himmliſches Gemüth und ſagte:„Hier iſt ein Brief, den ihr jedoch zu eigenen Händen übergeben und den Empfänger nebenbey ins Auge faſſen müßt, weil mich verlangt zu hören, wie er ſich nahm und äußerte. Die Sache iſt⸗dieſe. Mein ſau⸗ berer Bruder, der vor zehn Jahren auf und davon ging — den wir längſt todt und tief verſcharrt glaubten—“ „Der lebt?“ rief Wachauf froh bewegt— „Herr Moritz ſag' ich, der da lebt, hat die Anzeige von des ſeligen Vaters plötzlichem Hintritt in den Zeitungen geleſen und ſchreibt mir nun, von der Hauptſtadt aus, eine gar herzbrechende Litaney. Ich, der ihn kennt, durchſchaue den Bombaſt und ſehe im Grunde nur die Frage:„Wie ſteht es um mein Erbtheil, Philipp?“ und den Befehl: „Heraus mit dem Mammon Da antwortete ich ihm denn, kurz und gut, daß ſich, wie ja ſtadt⸗ kundig iſt, nach des Vaters Tode weder Geldſum⸗ men, noch Schuldſcheine vorgefunden hätten, daß der Vater jenes anſehnliche Capital, über welches fein letzter Wille verfüge, der Kriegsläufte wegen, irgendwo vergraben oder die Pfandbriefe verbor⸗ gen haben müſſe, und daß mich ſein plötzlicher Hin⸗ tritt ſo mittellos als ihn ſelbſt laſſe. Zum überfluſſe fügte ich den letzten Willen des Seligen in beglan⸗ bigter Abſchrift bey.“ 119 „Hat ihm die rechte Hand eine Wunde geſchlagen,“ ſagte der Stadtſchreiber:„ſo wird die linke, die vom Herzen kömmt, ſie verbinden. Der Auftrag iſt gar unerfreulich, aber er führt mich doch an ein Bru⸗ derherz. Moritz und ich waren ſchon in Quarta ge⸗ treue Rachbarn, und nicht ſelten irrte ſich der alte, blödſichtige Cantor in der Perſon und hieb den Ge⸗ rechten ſtatt des Sünders in die Pfanne.“ Margarethe lächelte, doch war ihr Lächeln ein ſchmerzliches, denn dieſer Moritz, den des rauhen Vaters Strenge in die Wüſte hinaus trieb, gehör⸗ te zu den Lieblingen ihrer Erinnerung Um ihren Mann von einem Gegenſtande abzulenken, der frü⸗ her ſchon ſo manchen häuslichen Zwiſt herbey führ⸗ te, fragte ſie den Stadtſchreiber, ob er auch für ein bequemes Fortkommen geſorgt habe? Wachaufzeig⸗ te nach dem Poſthauſe hinüber und ſagte:„Ich fah⸗ re blind. So lang ein hieſiger Senator nicht als Landſtand reibt, wär' es za frevelhaft, ſich aufdem theuren Poſtwagen breit zu machen und meine Ar⸗ muth kennen Sie. Hm! würden obendrein der Herr Minißer denken, wenn Sie mich, mit der Poſt ein⸗ paſſirt, auf dem Thorzettel fänden, die Bierlin⸗ ger ſticht der Hafer noch! ich aber bin ja abgeſandt, umunterthänigſt darzuthun, daß uns bereits das täg⸗ liche Heu fehle.“ „Wir ſchlummern freylich nicht auf Roſen,“ent⸗ gegnete der Senator:„aber erlaubt mir ein wahres Wort. Wie man ſich bettet, Freundchen! ſo ſchläft 120 man. Unſer Wachauf könnte ja längſt bis an die Ohren zwiſchen den⸗ Heu und dem Hafer ſitzen⸗ wenn ihm die Erbinn und Richte des ſteinreichen Gommercienraths Stoffel nicht zu lang und zu hager wäre.“ „Zu falſch und zu lieblos vielmehr!“ erwiederte der Stadtſchreiber und ſeufzte laut:„ich denke noch mit Schauern an das Ende von dieſem Liede. Wie ging mir's, Frau Senatorinn?— Der alte Com⸗ merzienrath—“ „Iſt ein Simpler fiel Wieſel ein. „Liebt Förmlichkeiten, Weihrauch und Geprän⸗ ge, fuhr Wachauf fort.„Am erſten Juny feyert die Familie ſein Geburtsfeſt auf dem Gute. Zwey Du⸗ tzend Standesperſonen ſind gebethen, auch meiner Wenigkeit thut Mamſell Hannchen die Ehre an. Ich will erkenntlich ſeyn, ich denke an die Erleuchtung einer Baumgruppe, weil zu Abend im Garten ge⸗ ſpeist werden ſoll und nehme unſern Glaſer in An⸗ ſpruch, deſſen Lampenvorrath nur eben zu vier Wor⸗ ten hinreicht. Die hießen denn— „Heil unserm STOFFEI.! Heil!“ „Sie wurden in einer nahen Laube, dem Sitze des Geburtstägers gegenüber, aufgeſtellt und bis auf weiteres mit einer Blende bedeckt, der Gärtner aber, der ſie anzünden, und der Stadtpfeifer, der trompe⸗ ten ſoll, hinter der Laube verborgen. Wir ſitzen endlich, ſtill und ſteif, wie es der CGommerecienrath kebt, nach Stand und Würden eingetheilt, bey Ta⸗ 121 fel. Ich find' es an der Zeit mein Licht leuchten zu laſſen, winke Johannen, die ſich erhebt, ſich dem Gefeyerten nähert, eine zierliche Rede hält und ſie mit einem feurigen, an die Beſellſchaft gerichteten Hoſianna beſchließt. Ihr Vivat war das Stichwort für den Gärtner und den Stadtpfeifer. Die Blende fällt, die Pauken praſſeln, die Flammenſchrift ent⸗ lockt dem geſchmeichelten Commercienrath ein lau⸗ tes Ah! das die Gäſte vielſtimmig nachſprechen und zwiſchen den Paukenwirbeln und Trompetenſtößen ertönt das Jubiliren der Gemeine, die über Zaun und Mauer geſtiegen iſt, um dieſer Herrlichkeit theil⸗ haft zu werden.“ »Man fühlte in ſolchen Momenten eine gewiſſe Genugthuung, Frau Senatorinn. Mein Auge hing an dem holdſeligen Antlitz des Gönners. Jetzt blicke ich, weil alle plötzlich ſo ſtill werden, auf die Ge⸗ ſellſchaft und von den ſeltſam verzogenen Geſichtern nach meinem Obeliskus hin und nehme mit Entſe⸗ tzen wahr, daß der Gärtner in der Eil, oder in der Dummheit, oder auf Eingebung eines Neben⸗ buhlers, das 8 übergangen hat. Ich ſpringe hinab um es anzuzünden, die Döchte ſind feucht, ſie ſpru⸗ deln gleich den jungen Damen, die hinter mir das Lachen übermannt. Ich ſuche die Blende, der Stadt⸗ pfeifer hat ſie zum Rotenpult gemacht, er weiß nicht, wasich will, pfeift, ſiedelt und trompetet ſammt den Seinen fort, und dazu ſchreyen die Rangen aus dem Zaun und von der Mauer her und hinter jedem unterh. Bibl. 3. Jahrg. 1. B. 122 Buſch hervor— Heil unserm Toflel! Heil! und ein Hans. Rarre verkündigt's dem andern.— Was ſa⸗ gen Sie dazu?* „Mich dauert nur Ihr guter Wille entgegnete ſie mitleidsvoll, denn Margarethe war ihm um ſei⸗ nes Herzens willen zugethan. „Ich ſpringe in meiner Troſiloſigkeit zum nahen Teiche hin, um den heilloſen Poflel auszugießen, die Beine mit den ſeidenen Strümpfen gehen mir aus ſie gleiten in den Schlamm, ein junger Rittmeiſter haut den Spitznahmen indeß mit dem Säbel nie⸗ der, und als ich mich nach der Tafel bey Mamſel Hannchen zu entſchuldigen ſuche, wünſcht mir die Boshafte zu meinem Nahmenstage Glück und wen⸗ det ſich hohnlachend an den Rittmeiſter, der, wie ich höre, jetzt ihr erklärter Bräutigam iſ 2 „Sie wird zu vergeſſen ſeyn!“ tröſtete Mar⸗ garethe. Der Senator warf einen bedeutenden Blick auf des Stadtſchreibers abgetragenes Fähnlein und ſagte: Viel leichter wenigſtens als ihre Mitgift. Aber die Schneeluft bläst bereits vom Gebirge her⸗ ab, ſeyd ihr denn auch mit einem warmen Reiſerock verſehen 2* „Da happert es!* ſeufzte Wachauf.„Den Mantel hab' ich der armen„gichtkranken Groß⸗ mutter abgetreten und bin daher wie Majus ab⸗ gethan.“ „O leih ihm deinen!“ bath Margarethe. „Ich will euch aushelfen!“ ſagte Wieſel„wenn 3 —— —— 123 rieb nehmt. Des Vaters after Reiſe⸗“ noch auf dem Boden zu finden ſeyn, ich zu ſuchen.“ nlieber Mann? rief Gretchen, erröthend und riſtet. „Ein Feyerkleid iſt es freylich nicht! fuhr jener fort:„ſchlecht und recht wie er ſelbſt war, und putzt er nicht, ſo ſchützt er doch. An Ortund Stelle aber müßt ihr ihn, als ein väterliches Andenken, dem Herrn Bruder Moritz einhändigen. In meinem Nah⸗ men, meine ich. Das paſſende Geſchenk wird ent⸗ weder allerley nützliche und heilſame Gedanken bey ihm veranlaſſen oder dem Landſtreicher, im Fall der⸗ Noth, zum Dach und Fache dienen. „Verſündiget euch nicht!“ rief Wachauf mit er⸗ hobenem Finger dem Abgehenden nach. Margarethe fühlte ſich, nicht zum erſten Mah⸗ le ſeit dem kurzen Lauf ihres Eheſtandes, von einer Erbitterung übermannt, die bis dahin oft genug in ihr aufwallte, qber noch immer von dem Pflichtge⸗ fühl und der Wilde des frommen Gemüthes be⸗ ſchwichtigt worden war. Der Taubenſinn wich jetzt dem Grolle der Verachtung, ſie geſtand ſich es leiſe, daß dieſer Mann, der ſie erſchlich, und deſſen Hand ſie nur aus kindlichem Gehorſam und in dem Glau⸗ ben an die Außenfarbe der Redlichkeit ergriff, des Friedens und der Blüthen unwerth ſey, die ihm die Geopferte Preis gab. Wachauf hatte während dem das Fenſter ver⸗ . 52 laſſen; Gretchen faßte, als er eintre und ſagte mit thränenvollen Angent edler Menſch, Sie werden dem armen weh thun! Sie werden ihm als ein guke nicht als ein Bothe des Peinigers erſchein und Gott erfreue Sie dafür in dunkeln Stunden. Mo⸗ ritz iſt gut! Sagen Sie ihm, daß mir die Hän⸗ de gebunden ſind, daß ich ſein Schickſal nur be⸗ weinen und für ihn bethen könne. Ich thue es täglich.“ S Die Augen ihres Freundes wurden naß.„Des Vaters rohe Hand,“ ſprach er bewegt,„riß dem ar⸗ men Jungen das Haus nieder, aber die Fürbitte dieſer Frommen wird es früher oder ſpäter wieder aufbauen.“ ** X Margarethe vernahm gegen Morgen das Rol⸗ len des Poſtwagens. Der Herr ſey mit ihm! dach⸗ te ſie, und an den ſtillen Wunſch reihete ſich der Ent⸗ ſchluß, des Freundes kranke Mutter und das Häuf⸗ lein der unmündigen Geſchwiſter, die er aufzog, wäh⸗ rend der Abweſenheit ihres Pflegers zu unterſtützen. Wachauf prangte jetzt, fröhlich im Geiſt und mit dem abgeſchabten Mantel des ſeligen Verwalters angethan, als ein ſehender Paſſagier auf dem Wa⸗ gen, denn der reiche Poſtmeiſter, welcher eben ein Farkes Capital an die Bank ſenden wollte, machte ihn zum Drachen dieſes Schatzes und gab ihm freye Station. Ein nettes, ſtark geſchminktes Weibchen ſaß an ſeiner Seite, vor ihm dagegen ein Fratzen⸗ bild, das die Nachtmütze bis in den Nacken herab⸗ zog und unter dem Kiree ein Lied brummte, deſſen Melodie ſo fremdartig als der Ton und die Sprache des Sängers klang. Die Dame ſchien, trotz der leichten Bekleidung, mit einem ihm zu gute kom⸗ menden Uberfluß von Wärmeſtoff geſegnet, als aber jetzt der Wind wie Meſſer ſchaitt, both er ihr mit⸗ leidsvoll die Halbſcheid des geräumigen Mantels dar. Sie lachelte dankbarlich, nahm das Erbiethen an und ſagte, während dem er ſorgfältig einwickelte⸗ Pan bardzo Taskawy iestes l* Der Stadtſchreiber horchte auf. „Vou are very obliging, Sir!* Er ſprach mit Achſelzucken—„Ick nik verſteh!“ „Vous ebes bien bon, Monsieur!— Sie ſind ſehr zi* ſage ich. „Ey, Pflicht und Schuldigkeit!“ „Und ich habe wohl gar das Vergnügen, dieſen angenehmen Gefährten bis zur Hauptſtadt an mei⸗ ner Seite zu ſehen 2* Er bejahte das, eröffnete ihr, mit wem ſie es bis dahin zu thun habe und bath um den würdigen Nahmen; die Dame bath dagegen um ſeinen Schutz⸗ erklärte ſich für die Gattinn des berühmten Phyſi⸗ bers Castel negro, gebürtig aus Mehlſack im Ermer⸗ lande, und der Stadtſchreiber fragte ferneweit, auf 126 ſeinen Vordermann zeigend: ob er etwa die Ehre habe, dem Herrn Bruder, Herrn Vetter oder wohl gar einem, ihr noch werthern Angehörigen in den Nü⸗ cken zu ſehen? „Ich kann mich zu keinem dieſer angenehmen Verhältniſſe bekennen, entgegnete ſie ob er mir ſchon am Herzen liegt. Dieſer gute, junge Mann iſt ein Menſchenfreſſer, den mein Mann von dem engliſchen Schiffscapitän Rogers für eine Spielſchuld ange⸗ nommen hat.“ Wachauf glaubte, die Schneeluft mache ihn hart⸗ hörig—„Ein guter, junger Menſchenfreſſer?“ „Ein Karakalpak, ſag' ich Ihnen,“ fuhr ſie fort:„welchen wir, nebſt unſerer koſtbaren Samm⸗ lung von Land⸗ und Meerwundern in den Haupt⸗ ſtädten Europens für Geld zeigen.“ Der Stadtſchreiber erſtaunte ganz. Er mußte lächeln. Die Karakalpaken ſind Tataren,“ ſagte er endlich:„und allerdings keine Koſtverächter, aber viel zu menſchlich geſinnt, um ihres Gleichen anzu⸗ beißen.“ Annette zog jetzt, vor Irger, ihr niedliches Mäulchen ſchief, ſie redete den Heiden in einer unſerem Stadtſchreiber ganz unbekannten Sprache an, und dieſer entgegnete, verdrießlich und kurz an⸗ gebunden— „Salb rim ned leboh sua!*“ „Da hören Sie nun ſelbſt, daß ich recht habe!“ fuhr ſie fort und auf einen ſolchen Beweis ließ ſich 127 denn freylich etwas Genügliches nicht erwiedern. Je offener und zutraulicher hierauf die ſchnell verföhn⸗ te Nachbarinn, und je wärmer es allgemach unker dem gemeinſamen Mantel ward, je bänglicher ward dem Stadtſchreiber zu Muthe, denn die Großmut⸗ ter hatte ihn, von Kindesbeinen an, vor allen kreutz⸗ und querfahrenden Frauenzimmern dieſes Gepräges gewarnt und der Eindruck dieſer War⸗ nung ſich begründet. Dazu war der ehrbare Jung⸗ geſell weder der Mamſel Stoffel noch irgend einem anmuthigen Frauenzimmer je ſo nahe gekommen als dieſem erregenden, das ihn für einen Zelt⸗oder Ea⸗ zütenofen zu nehmen ſchien und ſich bequemlich an ihm wärmte. Er ſelbſt brannte lichterloh und dachte im Stillen an den frommen Aneas und an die Frau Senatorinn. Da ſprach es plötzlich⸗ dumpf und ſeltſam— „Du lieber Junge du!“ Wachauf ſtutzte, wie vorhin, als ihn Annette in vier Sprachen begrüßte, und ſah auf ihren Roſen⸗ mund, der aber ſo eben einer feſt geſchloſſenen Knos⸗ pe glich. Dieſelbe Stimme bath jetzt— „Immer näher!“ „Faſſe dich, Gottfried!“ ſprach der Stadt⸗ ſchreiber zu ſich ſelbſt:„am Ende iſt es der Titular⸗ kannibale, der von feiner Pflegemutter ſeyn will. Und wieder ſcholl es, klar und vernehmlich— 128 „Gourage, Bajazzo! und gleich darauf— Entrez sil Vous plait!* „Großer Gott!“ dachte Wachauf:„in welche Hände bin ich gerathen! Das iſt, beym Lichte beſehen, eine Bauchrednerinn, die mich verführen will und ſich dieſes zweckdienlichen Mittels be⸗ dient, um ihrer Zunge den Frevel des Antrages zu erſparen.“ „Küß mich doch!“ rief es ferneweit. Annet⸗ tens Mäulchen ſchien der Vollziehung dieſes locken⸗ den Geboths gewärtig—„Feines Liebchen, küß mich doch!“ „Damit verſchonen Sie mich! brummte Wach⸗ auf, und Madam Castelnegro lachte laut. Sie warf den Mantel zurück, hob den Saum ihres Röckchens auf und zeigte ihm, am Boden, den ſchmucken Kä⸗ ſich, in dem zwey Papageyen ſoßen.„Meine Lieb⸗ linge!“ ſagte ſie:„das Männchen iſt ein wahrer Phö⸗ nip und dieſe Kleine hier das raſtloſeſte Schnatter⸗ mätzchen unſerer geſammten Menagerie. Wir brau⸗ chen ſie deßhalb als Aushängeſchilder und Lockvögel, um in den Städten das verehrungswürdige Publi⸗ eum herbey zu ziehen.“ „Wahrhaftig? Ey, das laß ich gelten“ fiel Wach⸗ auf jetzt beruhigt ein und bedauerte, weder mit Apfeln noch Nüſſen verſehen zu ſeyn, um ſich den Lieblingen der lieblichen Nachbarinn empfehlen zu können, Annette aber plauderte jetzt mit ihren Pa⸗ pageyen um die Wette und gab dem aufmerkſamen 129 Zuhörer einige Bruchſtücke aus ihrem Lebenslauſe zum Beſten. „Nun war das Waischen fertig,“fuhr ſte, die Augen trocknend, fort:„ich aber wäre vielleicht vor Gram und Hunger oder vor beyden zugleich, dem Papa und der Mama nachgefolgt, wenn ſich nicht ein Tantchen in Recklingshauſen meiner erbarmt hätte. Sie erbte bald darauf ein Grundſtück im Holländiſchen und dorthin zogen wir und waren recht Blücklich Da kam der Krieg mit ſeinen Gäſten, mit Vritten, Ruſſen und Franzoſen, die denn ins⸗ geſammt Handreichung brauchten und unterhalten ſeyn wollten, und die rührige Nichte viel lieber als die förmliche Tante ſahen. 5 aber trieb es, zu verſtehen und verſtanden zu ſeyn, und die Sprachen der Fremdlinge mußten wie im Fluge gelernt wer⸗ den, da die eifrigen Lehrer kein bleibend Quartier hatten. Tantchen freute ſich meiner Fortſchritte und der ſchönen Andenken, welche mir meine Zuthunlich⸗ keit eintrug, denn der Wehrſtand iſt großmüthig und gibt, wie er nimmt, mit vollen Händen. Der Eine zierte meine Läppchen mit Ohrringen, der An⸗ dere mein Halstuch mit Buſennadeln, die Armern und Gelehrten gingen die Syntax mit mir durch und nahmen, ſtatt der koſtſpieligen Verpflegung, 1 mit Locken und Vergißmeinnicht fürlieb.— Aber die Mißgunſt ruht und raſtet nicht. Plotzlich liebes Stadtſchreiberchen— Plötzlich kam der Gott der Fliegen, Kam der Neidhart angeſtiegen. WMeine Ringe, meine Nadeln, Theure Pfänder, die mich adeln, Nannte böslich der Cujon Similor und Sündenlohn.“ „Wie das ſchmerzt, wie das kränkt, wie das foltert, wenn man, wie ich, die blanke, bare Un⸗ ſchuld iſt— nein, davon haben Sie keinen Begriff⸗ aber man faßt, man tröſtet ſich am Ende, und zu⸗ dem nahete jetzt mein Erlöſer— Castelnegro, der Herrliche zog bey uns ein. Er trat des Morgens als Seiltänzer, des Mittags als Kunſtreiter, am Abend als Phyſikus auf und entzündete mich ſo, dreyfacher Geſtalt. Da— gern geſtehe ich es! da neigte ſich das Gleiche zu dem Gleichen hin; der Einklang der Neigungen machte ſein Recht geltend und mich gelehrig genug, ſchon am Hoch⸗ zeittage mit ihm auf dem Kopf zu ſtehen und den Salto mortale des Seiltanzes mit Beyfall verſuchen zu können.“ Der Stadtſchreiber blickte jetzt verſchämt nach hinten. „Sie werden in Großbannern Wunderd inge ſe⸗ hen, verſicherte Annette: m ein Mann iſt dort und ——— 3e* will ſich zeigen. Der Ort hat ein zahlreiches Pu⸗ blicum und als Landſtadt ein täuſchbares. Dort, liebes Zuckerplätzchen! wo ohnedem die Poſt, in Erwartung einer andern, mehrere Stunden ver⸗ weilen muß, könnten Sie uns nützlich werden— Sie wollen, Schelm! mein kleiner Finger ſagt mir das, auch bath ich ja noch keinen ſchönen Mann umſonſt.“ Wachauf öffnete erröthend den Mund, um je⸗ nen, wie dieſen, und das Zuckerplätzchen zuſammt der Anmuthung abzulehnen; da drückte die freymü⸗ thige Mehlſackerinn ſeine Hand mit Traulichkeit an ihre warme Bruſt und ſagte— „Mein Mann hat während unſeres Aufenthal⸗ tes in Amſterdam einem Kunſtgenoſſen mehrere Ge⸗ heimniſſe abgelauſcht, deren Benutzung ihn früh oder ſpät zum Profeſſer machen wird. Des großen Haufens wegen gibt er, neben dieſen Cardinalſtü⸗ cken, noch manches artige Spiel aus der Taſche zu Beſten, und ein ſo penetranter Verſtand, als der Ihre, begreift wohl leicht, es dazu einverſtan⸗ dener Gehülfen bedarf. Sie, mein Geehrter! wür⸗ den ſich im Gewährungsfalle unter die Zuſchauer miſchen und durch Ihre ſtille Mitwirkung die He⸗ xerey gelingen machen.“ Zur Unterſtützung dieſes Vorſchlages öfnete Annette jetzt den Speiſekober und both ihm ein Schnäppschen und Gebratenes, da warf der unge⸗ heuere Stoß des Wagens ihre Scheitel mit verle⸗ 132 tzender Gewalt gegen die ſeine, warf des Poſtmei⸗ ſters Goldfäßchen auf Wachaufs Zehen und ſeine Rippen mit ſolchem Nachdruck an das Eiſenwerk der Seitenwand, daß er einen lauten Seufzer aus⸗ ſtieß und den Antrag zuſammt der Haſenkeule und dem Lebenswaſſer in ſeinem Schmerze mit Unge⸗ ſtüm abwies. Die verſchmähte, reitzbare Phyſike⸗ rinn kehrte hierauf plötzlich das Rauche heraus, ſie nannte ſeine Stirn, mit der die ihrige ſo unſanft zuſammentraf, eine hörnerne, und ließ den Pfeilen ihres Grolles freyen Lauf. Die Papageyen machten es der Pflegemutter nach und hießen den Stadtſchreiber kurz und lang, dieſer aber verſtummte vor ſeinen Scherern und ſchloß die Augen zu. Der Sſ ward zum wirklichen. —* X Trompetentöne weckten ihn.„Ah, mon coeur! mon angel' rief Anne te, denn der Wagen hielt vor der Poſtzu Groß Bannern, und die Küſſe, wel⸗ che ſie hinabwarf, galten dem verehrten Gemahl, der im feuerfarbenen, mit Silber verbrämten Kol⸗ ler, mit dem Helm auf dem Haupte und dem Blas⸗ inſtrumente in der Hand, unter dem There des Wirthshauſes prangte. Die Meerkatzen erwiederten an ſeiner Statt Annettens Kußhändchen; ihr half ein Meiſterſprung vom Wagen ein zweyter an Castelne- gro's Bruſt, doch in dem Künſtler der 135 Berufsdrang die Wonne des Wiederſehens; er entzog ihr den Mund um ſein eigener Herold zu werden, und trompetete hierauf mit Nachdruck und Ausdauer. Wachauf hinkte grämlich und ſchmerzerfüllt durch den Haufen; er verlangte in demſelben Wirths⸗ hauſe ein Stübchen und etwas Korngeiſt, um den Nagel der großen Zehe, der Brauſche am Kopfe und den verletzten kurzen Nippen damit beyzuſpringen. Man wies ihn an das nächſte, aber der Branntwein blieb aus, denn Castelnegro's Scherz hielt die Wir⸗ thinn, das Poſſenſpiel der verliebten Affen ihre Mägde, das Fratzengeſicht des Karakalpaken den Hausknecht feſt, und die eingeladenen Zuſchauer dran⸗ gen bereits zu Haufen in das Rebenzimmer, um jene Land⸗und Meereswunder anzuſtaunen. „* X Jetzt endlich empfing der Stadtſchreiber den verlangten Spiritus, entkleidete ſich und rieb ihn eben in die hart verletzte Dünnung ein, als die Thür plötzlich aufflog und ein klotzäugiger Hans mit ſeiner Lieſe hereintrat. Ihnen folgte der Stadt⸗ bader, dieſem ein Mühlknappe, dem Knappen der Leichenbitter, dem letztern eine alte Erzieherinn mit vey jungen Fräuleins, und alle dieſe ſchob ein klei⸗ ſchnellkräftiger David, der ſeiner gelehrten eſter Platz machen wollte, auf unſern verſtei⸗ nerten, bis an den Gürtel enthüllten Wachauf zu, der ſich von aller Augen verſchlungen ſah. „Gotts Donnerleid!“ rief Lieſe jetzt und guckte zweifelhaft über Hanſens Schulter. „Ein Cannibale, der!— Im ſteifen Zopfe?* trähte der Bader und eilte kecklich näher, um das Gebiß des Wilden zu beſichtigen. „Ein Karakalpak vielmehr!“ entgegnete der kleine Mann:„hier ſteht es groß und breit auf dem Zettel: ich hab' ihn ſelbſt geſetzt.“ „Weder der Eine»liſpelte ſeine gelehrte Schwe⸗ ſter:„denn ſeine Stirn iſt gewölbt; noch auch der Andere, denn ſeine Naſe iſt geſchnäbelt. Ich fühle mich verſucht, ihn für einen verwilderten Landsmann zu halten.“ „J, meiner Treuen!“ rief aus dem Hinter⸗ grunde ein altes Mütterchen— das ſind ja unſer leibhaftiger Herr Stadtſchreiber aus Bierlingen!“ Wachauf hatte ſich während dem in den Man⸗ tel gehüllt, und ward ſeines Sprachorgans wieder mächtig.„Der bin ich“! ſiel er, beſchämt und entrü⸗ ſtet ein:„und bitte recht dringend— Welch ein Spectakel! Sie verkennen mich gänzlich! Da⸗ zwiſchen fluchte er, mit dem geſunden Fuße ſtam⸗ pfend. Das weibliche Publicum ward bis zu dem Schlafbein roth. Die alte Bonne haderte mit der juchheyenden Lieſe, deren freymüthige Gloſſen ihr Ohr zerriſſen, der ſchwarz gekleidete Leichenbitter 135 mit dem ſchneeweiſſen Mühlknappen, der ihn be⸗ — ſtäubt hatte.„Hab' ich nicht Recht?“ ſprach die Ge⸗ lehrte, ſelbſtzufrieden. Der Bader rühmte Wach⸗ aufs Bau, und die beyden Fräuleins lachten, ihrer Aya wegen, bloß innerlich. Der Stadtſchreiber end⸗ lich, war in der nächſten Minute wieder allein, er verwünſchte die Rachſucht der ſchadenfrohen Castel- negro, ihre Künſte und Meinungen, ihre Tartarn und Papchen und dankte Gott, als er bald dar⸗ auf, dieſer Gefährtinn quitt, ſeelenallein aus dem Thore fuhr. ** — Unſer Held kam am folgenden Abend ohne wei⸗ tere Abenteuer in der Hauptſtabt an, wählte die ſogenannte Bierlinger Herberge zum Quartier und konnte ſich es, trotz dem zunehmenden Rippen⸗ ſchmerz und dem geſchwollenen Fuße nicht verſagen, den unglücklichen Moritz, welcher laut der Aufſchrift des Wieſel'ſchen Briefes im Felſenburgiſchen Pallaſte wohnte, ſofort aufzuſuchen. Ein ſchmucker Wagen hielt vor der Einfahrt; ertrat, von den Freuden des Wiederſehens bedrängt, in den hell erleuchteten Hausraum und ſchritt auf die prächtige Treppe los, als eben ein junger, reich gekleideter Mann von dieſer hexabſtieg. Derſelbe trug ein ſcharlachfarbenes, mit goldener Stickerey bedecktes Kleid, einen Federhut unter dem Arme und alle äußere Kennzeichen des Ranges und Reichz thums; die Livree des Bedienten ſtrotzte von Sil⸗ ber. Je näher er ihm kam, je bekannter erſchien er dem Stadtſchreiber, welcher beſcheiden zurück trat, dann ehrerbiethig aufblickte, und ſeinen Schulfreund, den verlornen Sohn des ſeligen Verwalters, in dem Geſchmückten erkannte. Er war es ganz unzweifel⸗ haft! Das Wort erſtarb unſerem Stadtſchreiber auf der Zunge, ſeine Augen begleiteten den wunder⸗ baren Schweifſtern bis zur Wagenthüre, er glaubte zu träumen und ſprach jetzt ein fluͤchtiges ſchwarz gekleidetes Männlein an, das jenem auf dem Fuße folgte. „Darf ich wohl fragen, wer dieſer Herr war? 2* „Der Herr von Wieſel.“ „Von Wielel? Ey! und was ſtellt dieſer Herr von Wieſel vor?* „Einen Herrn, mein Herr— den Geſellſchafter des Fürſten!“ ſetzte er forteilend hinzu. Dem Stadtſchreiber ſchauerte vor Wonneluſt die Haut., Sieh herab!“ ſprach er heimkehrend:„ſieh herab, harter Vater! deſſen Jähzorn dieſen Schmuck deines Nahmens aus dem Hauſe trieb: dein Ent⸗ laufener ſitzt zur Rechten des Herzogs. Sagt' ich es Margarethen nicht zum voraus, daß ihr Gebeth ihm das Haus wieder aufbauen müſſe. Wie könnte unſer Herr Gott dieſem Engel eine Bitte verſagen? Glückliches Bierlingen! über dem er nun das un⸗ geheure Füllhorn ausſchütten, auf das er Manna 137 Milch und Honig regnen laſſen wird— Ich ſehe euch ſchmauſen, wackere Mitbürger! Höre euch ju⸗ beln! Ja, vivat hoch! der Mann verdient's!“ G Geſellſchafter des Herzogs! Und der iſt ja in ſeinem Alter. Die fanden ſich! das Gleiche neigt ſich nach dem Gleichen, und im Gefolge dieſer preis⸗ würdigen ward unſer Wieſelchen zum Elephanten.“ Im Gaſthofe bath er den Wirth, ihm ſchleu⸗ nigſt einen ſchnellfüßigen Bothen zu verſchaffen und ſchrieb an den Senator, wie folgt: „Zwey Worte nur, Gevatter und College! aber zwey goldene. Euer Bruder iſt des Fürſten Geſellſchafter! Was er, heut Abend, an Gold und Edelſteinen an und um ſich hatte, würde hinreichen, unſere gute, blutarme Bürgerſchaft von dem dürren Aſt auf den grünen Zweig zu verſetzen; das Silbet auf dem Rocke ſeines Be⸗ dienten muß in die Pfunde gehen. Dazu iſt er freundlich und holdſelig wie ein Engel, und gleichſam das verklärte Ebenbild ſeines Va⸗ ters. Der hochverehrten Frau Senatorinn die Hand küſſend, verharre ich, ganz unpaß, all⸗ ſtets ꝛc. ꝛc.* Wachauf fertigte in ſeiner Begeiſterung den Bo⸗ chen ungeſäumt ab und hatte nun eine ſchlafloſe Nacht. Von dem Erſtaunen über die preiswürdigen Wege der Vorſehung zurückkommend, fühlte er den Eintritt eines heftigen Fiebers und das Wachsthum der Schmerzen in den verletzten, kurzen Rippen⸗ Er war am Morgen unfähig, aufzudauern und ſah ſich nothgedrungen, einen Wundarzt zu verlangen. Ihm bangte bereits vor dem Mißverhältniß ſeiner Börſe zu dieſen Koſten, vor den Folgen der Ver⸗ laſſenheit an dieſem ſteinfremden Orte und vor dem Reich der Möglichkeiten. Aber Moritz wird helfen, tröſtete er ſich und ſchrieb, ſo ſchwer es ihm auch ſiel, einen Brief an den fürſtlichen Compan, indem er dieſen zum hoch⸗ und wohlgebornen Freyherrn erhob und den Schreiber als ſeinen treu devoteſten Diener bezeichnete; denn die Demuth, ſagte er zu ſich ſelbſt: iſt zu allen Dingen nütze und ein Bier⸗ linger Rathsglied darf ſie, hieſigen Ortes, ſelbſt dem Kanzleybothen gegenüber, nicht von der Hand laſſen.—„Verlaſſet euch nicht auf Menſchen,* ſetzte er bald darauf, von Zweifeln angefochten, hinzu: „denn Rang und Reichthum greifen nicht ſelten das Gedächtniß und die Sehnerven an, und bringen es oft genug dahin, daß der Betitelte und Bereicherte ſeine Blutsfreunde für Fremdlinge hält und kaum mehr weiß, mit wem er aufwuchs.“ „ „ Der Senator Wieſel haderte indeß eben wie⸗ der, um nichts und wieder nichts, mit Margarethen. als Wachaufs Geſandter über den Markt und auf ſeine Wohnung zuſchritt. Der Krämer an der Ecke. ———— ———— der müßige Buchbinder, die wachſame Räthinn und mehrere andere Marktbewohner ſahen ihm nach und theilten ſofort den Ihrigen das auffallende Ereigniß mit. Eva, die Fleiſcherinn, welche große und kiei⸗ ne Würſte, und Chriſtel die Putzmacherinn, welche Häubchen und Aufſätze an die Behörde trug, ver⸗ kündigten dasſelbe in den übrigen Stadtvierteln und der Verkündigte übergab indeß ſeine Papiere. Wieſel vermißte das Freyzeichen auf dem Umſchlage, er fuhr vom Stuhl auf und rief—„Seyd ihr bezahlt 2* „Ich habe keinen Heller geſehen,“ erwiederte der Bothe:„und bekomme vier Thaler.“ Jener wollte bereits, in ſeinem Arger, die Depeſche un⸗ erbrochen zurück geben, als der Staffetenläufer hin⸗ zu ſetzte—„dieß Mahl werde Sie das Geld nicht dauern, meinte der Herr, welcher mich abfertigte.“ Da hieß ihn Wieſel in des Geſindes Stube verziehen, erbrach den Brief und las. Margaretha warf einen Blick auf den Gries⸗ gram, denn das Blatt mußte, nach allen dem, ein Ereigniß von Bedeutung enthalten. Sie ſah ihn die Farbe wechſeln und die tiefen Stirnfurchen des Menſchenfeindes in ſchnellem Wechſel zu⸗ und abnehmen. „Lies!“ murmelte er jetzr mit halber Stimme und eilte zum Schreibtiſche. Grerchen las und die kaum gehemmten Thränen ihres Leides ſtrömten, in Perlen der Zufriedenheit verwandelt, über das er⸗ 140 glühende Antlitz.„Der Herr ſey gelobt!“ rief ſie er⸗ ſchüttert. Ihre Augen flogen gen Himmel— der Himmel hatte ſie erhört. „Antworte du!“ ſagte ihr Gatte:„meine Hand zittert, mein Herz bebt vor Unruhe, ich vermag es nicht.“ Sie trug Bedenken.„Ich befehle es! Zwey Zeilen nur. Du beſcheinigeſt, unter verbindlichen Dankſagungen, den Eingang der willkommenen Nachricht, meldeſt, daß ich wit nächſter Poſt perſön⸗ lich in der Hauptſtadt eintreffen würde, und bitteſt ihn mir ein Quartier in der Bierlinger Herberge zu beſorgen.“— Margarethe ſchrieb und fertigte den Bothen ab, ihr Mann ging im Sturmſchritte auf und ab, Groll und Freude, Mißgunſt und Ent⸗ würfe durchkreutzten ſein Innerſtes. Jetzt ſchluger ſich* plötzlich vor die Stirn und ſagte, von der Erinne⸗ rung vernichtet:„Was thatich? Und dieſer Raſende meldet mir nicht, ob er den unſeligen Brief übergab.“. „Du meinſt die Antwort auf des Bruders Zu⸗ ſchrift? „Was ſonſt? Die Antwort aufden Judasbrief, in dem mich der Heuchler, wie jetzt klar wird, offen⸗ bar nur verſuchen, aushohlen, meine Geſinnun⸗ gen gegen ihn erforſchen wollte. Und da ſind Tauſende gegen Eins zu wetten, daß ihn der Pin⸗ ſel von Stadtſchreiber, ſeinem Auftrage zu Folge, rückſichtlos übergab und daß Herr Moritz dieſen zu⸗ reichenden Grund, mich zu verläugnen, mit Frenden benutzen wird. Darauf ergriff er plötzlich Hut und 141 Stock und eilte ſpornſtreichs nach dem Rathskeller. Es war derſelbe das Stelldichein und politiſche Kan⸗ nengießhaus der Honoratioren, und die Geſellſchaft bereits, wegen des angekommenen Eppreſſen, in Erwartung des Senators, ungemein zahlreich. Jetzt trat er ein, geberdete ſich wie ſonſt, ſprach von dem feuchten Herbſt und dem zeitigen Winter, von der Schlauigfeit des geſtern verhafteten und heute ſchon entſprungenen Schatzgräbers, zog endlich ei⸗ nen alten Eplieutenant, der ſeine dreyßig Silber⸗ linge in Bierlingen aufgehen ließ und Wieſels Ver⸗ trauter war, an's Fenſter und fliſterte—„Sie wa⸗ ren vor kurzem in der Hauptſtadt, Freund! ken⸗ nen unſern neuen Regenten, ſtehen in Verbindung und Briefwechſel, und wiſſen beſſer als ich, werjetzt etwa am Hofe gelten mag? Da, leſen Sie gefäl⸗ ligſt, was mir ſp eben der Stadtſchreiber Wochauf ſchreibt. Iſt er nicht wahnſinnig, ſo ſind Wunder geſchehen; mir ſteht der Verſtand ſtill.“ Der Penſionarius, welcher kein vorzüglicher Leſer war, ſtellte ſich zurecht, guckte und blinzelte, riß jetzt die Augen auf, gab endlich den Brief zu⸗ rück und ziſchelte in Wieſels Ohr— „Auf Ehre, das iſt viel! ich wünſche Glück! Unſer neuer Herzog hat, wie man hört, auf ſei⸗ nen Reiſen verſchiedene junge geniale Männer an⸗ geworben und ſelbige nunmehr in's Land gezogen. Von dieſen mag wohl der Herr Bruder ſeyn? 2 Wohl Bhnen, Theuerſter!“ Der Senator drückte ihm krampfhaft die Hand. 4 „Da dürfte ich ja wohl bitten,“ fuhr jener eindring⸗ lich fort:„auch meiner beſtens zu gedenken, wenn ſie früh oder ſpät in des Herrn Bruders Reich kommen?“ Wieſels Augen und Geberden verhießen dem Lieutenant mindeſtens ein Regiment. Damit ſchlich er ſich fort, und die Gemeine ward nun plötzlich wieder laut⸗ Als die Herren am folgenden Morgen, zum Frühſtück in dem Gießhauſe verſammelt waren, fuhr Wieſel, in Geſellſchaft ſeiner Frau, die ihn aus gewichtigen Gründen begleiten mußte, mit Ex⸗ trapoſt vorüber; ſie zerbrachen ſich von neuem die⸗ Köpfe. „Und gar mit Extrapoſt“ ſagte Kaſpar,„das iſt unerhört.“ „Wenn nur der Lieutnant reden wollte!“ ſiel Melchior ein. „Am Ende,“ äußerte Balthaſar:„hot ihn der Stadtrichter deputirt, um den entſprungenen Schatz⸗ gräber zu verfolgen“ Da lachten ihn die Andern aus, aber jener berief ſich auf den landkundigen Zu⸗ ſtand der Kämmerey, welcher einen ſolchen höchſt nothwendig mache. * X * Vald nach dem Abgange jenes Bittſchreibens an den fürſtlichen Günſtling, vernahm der kranke Wachauf ein Klopfen an der Thür, und Moritz trat in eigener hoher Perſon vor ſein Bett. Er trug kein Abzeichen der geſtrigen Herrlichkeit, ein unſchein⸗ barer überrock bedeckte die herrliche Geſtalt. Der Stadtſchreiber fuhr von ſeinem Lager auf, er ver⸗ ſuchte es, ſich trotz der ſitzenden Stellung und der verwundeten Rippen, mit Ehrerbietung zu vernei⸗ gen und dachte—„Gott ſey Dank! mein Gönner bömmt zwar als Nicodem, aber er kömmt doch!“ „Willkommen Alter!“ rief ſein Jugendfreund und drückte ihn mit Zärtlichkeit an die Bruſt:„Dein Anblick führt mich in die hellen Frühſtunden mei⸗ nes Lebens zurück. Aber wir haben die Rollen ver⸗ tauſcht, wie ich ſpüre, denn ſonſt war Moritz ja der ⸗ Necker, und mein Wachauf das duldſame Stichblatt; du willſt wohl die verjährten Unbilden an mir rächen** „Ey, da ſey Gott für,“ liſpelte der Pazient: „nur der gerührte Dank und die inbrünſtige Ver⸗ ehrung erfüllen mich., „Dich hat unfehlbar ein Witzbold getäuſcht? Die Forderungen deiner ſeltſamen Zuſchrift bekränk⸗ ten mich zuerſt, doch weiterhin mußte ich wieder laut auflachen. Ich, Bruder! ich ſoll dich bey dem Miniſter entſchuldigen? Ich eine Auslöſung für dich bewirken? Wer bin ich denn in deinen 2 Augen 2* „Da haſt du den verſchmitzten Böfling,“ ſagte 3 der Stadtſchreiber zu ſich ſelbſt:„den Nothbehelf dde Weltmanns, der dich abführen wil 144 „Wer bin ich denn?2“ wiederhohlte jener. „Faſit Primus a rege!“ fiel Wachauf ein:„Sei⸗ ner Durchlaucht Jonathan— ſein Johannes, wie jedem Kind auf der Gaſſe bekannt iſt.“ „Mein Freund iſt kränker, als er glaubt, und dieſer Unfall verkümmert mir die Freude des Wie⸗ derſehens. Du haſt ein Fieber, guter Wachauf! das deine Anſicht der Dinge verrückt und die Außenwelt vor dir umgeſtaltet.“ „Ich glaub' es ſelbſt!“ entgegnete der Kranke ſtill erbittert.„Es war ein Fieberbild, das geſtern Abends, mit Gold bedeckt, mit einem verſilberten Bedienten hinter ſich, von der Treppe des Felſen⸗ burgiſchen Pallaſtes herabkam und nach Hofe fuhr.“ „Nach Hofe? ich2* „Ja! als des Fürſten Geſellſchafter!“ „Soll ich jetzt weinen oder lachen 2* „Beydes verlernt man in dieſer Sphäre.“ „Du biſt im Irrthum, Herzensbruder!“ „So irrte ſich wohl auch der kleine ſchwarze Naun. der unmittelbar nach dem Herrn von Wie⸗ ſel die T Seppe herab kam und mich auf Befragen berichtete.“ „Der Schalksnarr! Höre mich! Herr von iſt hier wohl jeder, der nicht Livrei oder den Bet⸗ telſack trägt, und der ſchwarze Mann war der Thea⸗ terſchneider, welcher mir das neu gefertigte Kleid von rothem Halbtuch, mit tollem Goldkram verziert⸗ überbracht hatte. In's Schanſpiel fuhr ich, weil . —,————————— ———— 145 die Birection den Wagen bezahlt und nur, um den Vertrauten des Theaterprinzen vorzuſtellen. Ein Bedienter meines Hauswirthes, des Grafen Fel⸗ ſenburg, hohlte mich zufällig auf der Stiege ein, und die Brillanten, welche dich blendeten, lies mir ein böhmiſcher Glasſchleifer ab. Aus ſolchem Zindel iſt meine Epcellenz zuſammen geflickt, und dieſer gibt dir den Maßſtab meines Einfluſſes und Ge⸗ wichtes bey dem Miniſter.“ „Ich erſtarre!“ jammerte V Bachauf.„Du nur ein Komödiant?“ „Beym Poftheater, ja! Und nur zu dir und dir zum Troſte ſey's geſagt: nicht eben der gemeinſte.“ „So iſt es aus mit meinem Leben. Dein Bru⸗ der erdroſſelt mich.“ Moritz fragte beſtürzt nach dem Grunde, und jener theilte ihm, kurz und gut, die Frite über⸗ eilung mit. Der Schreck erhöhete das Fieber und Komus wendet jetzt ſein Antlitz ab, denn die Sache wird ernſthaft und unſer Stadtſchreiber redet irr. Noch lag der Brief, welchen ihm der Senator, als Antwort auf die Zuſchrift ſeines Bruders mitgab, von geſtern her, auf dem Tiſche. Moritz gewahrte Hand, die Aufſchrift an ſich, er öffnete den Brief, erſah mit Betrübniß, daß dieſer Bruder noch der Alte und mit Entſetzen, daß der einzige, letzte Anker ſeinss Schiffleins, der väterliche Nach⸗ laß, verſchwunden ſey. Ihn aber drängten W Wechſel⸗ und Chrenſchulden. unterh. Vibl. 3. Jahrg. 1. B. 6 —————— 146 „O, meine Luiſe!“ rief er, ſchmerzerfüllt— „Und meine Ehre!— O, mein Geliebter!“ ſetzte er troſtbedurftig hinzu und warf ſich an des Kranken Hals, welchen aber jetzt ſein Zuſtand taub und rath⸗ los machte⸗ * 2 * Luiſe, deren Moritz eben in der Hitze ſeines Drangſals gedachte, war ſeine Nachbarinn im vier⸗ ten Stocke, der Noth⸗ und Hülfsengel ihrer ſie⸗ chen Mutter und eines Häufleins jüngerer Schwe⸗ ſtern, die insgeſammt von dem Ertrag ihrer weibli⸗ chen Fertigkeiten lebten. Die nahe Nachbarſchaft führte zu Begegnungen⸗ des Mädchens Lieblichkeit und ſeine Anmuth erregten bald ein gegenfeitiges Intereſſe, des Mädchens fromme Zucht und Wieſels rindliche Beſcheidenheit erhöhete dieß Gefühl zu der zärtlichſten Achtung, und immer zarter und ſüßer ward das würdige Verhältniß. Bald darauf gelang es dem Nachbar, Luiſen und ihre Freundinn, wel⸗ che jene zum Beſuch eines dramatiſchen Prachtſtücks veſchwatzt hatte, aus dem erdruͤckenden Gedränge am Eingang zu retten und ſie längs eines Schleif⸗ weges auf bequeme Plätze zu führen. Die Gegen⸗ wart ſeiner Angebetheten reifte plötzlich den Keim der mimiſchen Kunſt in dem talentvollen Schanſpieler, Moritz verließ am Schluſſe der einzigen bedeuten⸗ den Seene ſeiner Rolle die Bühne unter ſchallen⸗ ——— —— ———— —.—— 14) dem Beyfall, und aus Luiſens Augen ſielen zwey helle Thränen auf die bedrängte Bruſt. Er hatte ſich genug gethan, die Blume des Selbſtvertrauens ging in ſeinem Herzen auf, das Gefühl der Beden⸗ tenheit gab ihm den Muth, ſeiner Gefeyerten nä⸗ her zu treten. Geſchloſſen ward der Bund, die En⸗ gel der Poffnung und der Zuverſicht beglaubigten ihn, und der roſenrothe Abglanz ihrer Flügel hellte den düſtern Hintergrund der Zukunft vor den Lie⸗ benden auf. 7 X „ Moritz hatte bey dem Kranken gewacht, er weilte bis zu den Abendſtunden des folgenden Ta⸗ ges an deſſen Bette. Jetzt rief ihn ſein Beruf in das Schauſpiel, eine Wärterinn trat an ſeinen Platz⸗ Wachauf war eben bey ſich, als ihm jener das Le⸗ bewohl ſagte; er hörte die Klagen des Weibes über den gewaltigen Schnee und die heftige Kälte, und rieth ihm, den gelehnten Mantel umzunehmen, der ihm ja ohnehin von Philippen zugedacht ſey. „Mir zugedacht 2* fragte Moritz. „Ein Nachlaß deines Vaters, kitgegiet je⸗ ner:„er ſtarb in ihm.“ »Moritz erblaßte, die Thränen ſchoſſen bey diefer ſchnell geweckten Erinnerung in ſein Auge, er ſah durch dieſe Thränen nach dem Winkel hin, in dem der Mantel ſeinen Platz gefunden hatte, und es gemahnte ihn, als ſtehe ſein verſchiedener Vater G 2 * 148 dort, als hebe er die Hand, die ihn verſtieß, zum verſöhnenden Segen auf. Stillweinend hüllte ſich Moritz in das Sterbekleid und eilte fort. —* * Das Licht brannte dunkel und die Wärterinn nickte, als eine viel ſeltſamere Erſcheinung den Stadtſchreiber aufregte. Es ſtand ein Wehrwolf an ſeinem Bette, aber die Schreckgeſtalt hatte ein an⸗ muthiges Menſchengeſicht, und ſtreckte ſtatt der Klauen einen niedlichen Pelzhandſchuh nach ihm aus.„Hei⸗ liger Engel!“ rief er, als Margarethe die Wolf⸗ ſchur fallen ließ und ihre milde,ſchmeichelnde Stimme ihm das innigſte Beyleid bezeigte. Schon hielt er ihre zarte, warme Hand in der ſeinen, und fürch⸗ tete noch, daß ihn ein Fieberbild täuſche, da ſtürmte ihr Mann herein, zum Bette hin und rief— „Iſt das ein Wetterchen! Ey, und was muß ich von dem Wirthe hören? Du ſeyſt verwundet, ſagte er; Figura zeigt's. Vor allen Dingen, Freund⸗ chen! ſprachſt du ihn? den Bruder, mein' ich, und wie ſteht's?* „So eben verließ er mich.“ „Iſt's möglich? Nun? Mit Huld und Freund⸗ ſichkeit—* „O, wie ein Gottgeſandter!“ „So wie ich wir ihn dachte!“ ſagte Gretchen mit frendiger Zuverſicht. 6 149 „Der Teufel trau ihm!* fiel ihr Mann ein— „Und meinen albernen Brief haſt du natürlich im Sacke behalten?“ „Dort auf dem Tiſche— liſpelte der Kranke nach kurzem Beſinnen— Wieſel fuhr pfeilſchnell zu dem bezeichneten hin und ſchalt—„So frank und frey? Und hier liegt nichts. Gewiß in deinen Taſchen?“ er durchſtörte dieſe. „Liegt er nicht dort,“ ſagte der ſeufzend de Stadt⸗ ſchreiber:„ſo hat er ihn zweiſels ohne gefunden—* „Willſt dumich raſend machen? Gefunden ſagſt du? alſo erbrochen— geleſen perhor rrescirt!“ „Thut wenig oder nichts zur Sache.“ Wenig oder nichts?“ jammerte Philipp mit „ den Zähnen knirſchend, drehte ſich, wie ein Blatt im Wirbelwind, um ſeine Achte, vern nahm Kein Wort von dem Aufſchluſſe, den Wachaufs ſchwachr Srimme jetzt yarvraur werden leß und ſtürmte plötz⸗ lich fort, durch Schnee und Sturm, zum Felſenbur⸗ giſchen Pallaſte hin. „Wohnt Herr von Wieſel hier2* „Iſt im Theater!“ entgegnete der Thürhüter. „Wohlan!“ ſagte Philipp zu ſich ſelbſt—„dort werd' ich ihn ſehn— In ſeinem Glanz, in der be⸗ ſchriebenen Herrlichkeit— Im erſten Nange unfehl⸗ bar; unweit des Fürſten, wie ſich verſtehtz gewiß im Gefolge.“ 150 Man gab eine Lieblingsoper des Publicums, bas Haus war voll, zu ebener Erde fand kein Apfel Platz. »Nur eine Loge noch iſt unbeſetzt,“ äußerte der Caſſier:„in die Sie frey paſſiren können, weil man aus ihr zwar wohl ins Haus, doch wenig vom Thea⸗ ter ſieht.“ Sie ſchien dem Kargen die willkom⸗ menſte, er fand, daß ihr jener nicht zu viel gethan hatte, und zudem war es in dieſem verſchobenen Winkel ſtockdunkel. Wieſel ſetzte ſich feſt, er mu⸗ ſterte nun mit Folkenaugen die Beſitzhaber der Eh⸗ rerlätze und den Kreis der fürſtlichen Umgebung; der Bruder war nicht unter dieſen. Jetzt flog der Vorhang auf und mit ihm ein Theatergewitter her⸗ bey. Die Lichter des Proſceniums verſanken, der große Lampenkranz verſchwand, die finſtre Nacht brach herein, dem furchtſamen Philikn d arloo- mach ganz ſchauerlich in dem einſamen Verſtecke.— Jetzt ſielen Blitze, ſie drangen bis zu ihm, ſie war⸗ fen ihr röthliches Licht auf ein Weſen, das bleich und bewegungslos an der rechten Wand derſelben Loge zu lehnen ſchien. Der Anblick trieb ihm das Haar gen Berge. Er hatte ſich allein geglaubt ⸗ da ſtand— ſein Vater! Dieſelben Züge, dasſelbe Hinſtarren der dunkeln, himmelan gebrochenen Au⸗ gen, das ſprechende, ſchreckende Abbild des Grei⸗ ſes, der bey der Rückkehr von einer Reiſe, vom Schlag getroffen, in Philipps Arm verſchied. Die kalte Hand des Bewußtſeyns griff in ſein Herz⸗ —— er wankte der Thüre zu, er ſtürzte hinans, die Gal⸗ lerie entlang es trieb ihn, unter die Menſchen zu kommen, er flüchtete in dieſe helle, ebengeöffnete Loge und entſchuldigte bey den zwey nächſten Da⸗ men die Zudringlichkeit eines Fremden, der Alles beſetzt finde, mit bebender Stimme. Luiſe und ihre Freundinn, zu denen er gera⸗ then war, erlaubten ihm gütig, in ihre reitzenden Nacken zu Jehn und unterhielten den Fremdling während des Interacts. Die Rückkehr der Lichter, die holden Geſtalten, das blühende Leben, wekches ihn hier rings herum anſprach, verdrängte jetzt allmählich den furchtbaren Eindruck, er ward ſich des eigentlichen Zweckes wie⸗ der bewußt und nannte den Damen ſeinen Nah⸗ men, den ja Moritz in der Hauptſtadt bereits gel⸗ tend gemacht hatte.„Ich komme, meinen Bruder zu begrüßen,“ fuhr er, um ſich Bedeutung zu geben⸗ fort; da unterbrach ihn Luiſe, die jenen Nahmen allerdings würdigte, mit der Frage:„Wie? etwa den geachteten, belſebten—“ In dieſem Augenblicke rollte der Vorhang auk⸗ es ertönte eine betäubende Kriegsmuſik; Wieſel vernahm den Nachſatz nicht und antwortete, in ſeinem Irrthum beſtärkt, mit ſtolzer Iuverſicht— Denſelben! Gegen das Ende des Stückes erſchien eine Ban⸗ de von Landſtreichern auf dem Theater, Luiſe, der die Unterhaltung des künftigen Schwagers am Her⸗ zen lag, kehrte ſich plötzlich zu dieſem und ſprach mit dem milden Tone des Bedauerns: „Man hat ihm leider! heute, da er kein Sän⸗ ger iſt, eine ſehr untergeordnete Rolle zutheilen müſſen.“ „Er hebt wohl jede!“ verſetzte die Nachbarinn. »Wer?“ ſtammelte Wieſel, denn ſeine Augen gewahrten an der Spitze der Landſtreicher das⸗ ſelbe Geſpenſt, welches ihn vorhin zum angſthaften Kinde machte—„Wer?“* wiederhohlten ſeine zittern⸗ den Lippen. »Der in dem grauen Mantel dort!“ ſagte die Dame. „Ihr Herr Bruder!* verſetzte Luiſe und be⸗ zeichnete mit dem Finger ſeinen Nahmen auf der Perſonenliſte. Der Senator ſtarrte den Zettel an und las: Erſter Vagabond— Herr Wieſel. Zweyter Vagabond— Herr Micv. »„Gewiß,“ fuhr Luiſe fort:„Sie dürfen ſtolz auf dieſen Brnder ſeyn.“ Das war nun keineswegs der Fall; es ward dagegen dem zukünftigen Schwager ganz dunkel vor den Angen“ und gans weichlich und erbärmlich zu Muthe. Die Luftſchlöſſer, welche bereits auf der Her⸗ reiſe gebaut wurden, die Stellen und Würden, zu — —— —— 155 denen ihn der fürſtliche Geſellſchafter erheben, die Ducatenrollen, mittelſt deren er vor allen ſeine brü⸗ derliche Zärtlichkeit beglaubigen ſollte, zerrannen vey dem Anblick des erſten Landſtreichers in einen Wachauf'ſchen Fiebertraum; er eilte, vernichtet und betäubt, ohne Gruß und Dank aus der Loge, und trotz dem Sturm und dem Schneegeſtöber, Straße auf, Straße nieder. Von Zeit zu Zeit beantwortete der böſe Feind ſeine Vermeſſungen und rieth ihm, den Stadtſchreiber Wachauf, dieſen Quell alles Un⸗ heils, dieß Herzblatt ſeiner ſcheinheiligen Schlange, dieſen geheimen Spießgeſellen des erſten Landſtrei⸗ chers, dieſen falſchen Götzen der Bierlinger Mal⸗ rontenten, ganz unbedenklich muſetodt zu ſchlagen. — X — Margarethe ſaß indeß, von ihrem Manne ver⸗ laſſen, als ein heilbringender Genius an des Freun⸗ des Bett, deſſen Zuſtand ſich, ſeit ihrem Eintritte, ſichtlich verbeſſerte. Der zuſprechende Arzt äußerte ein angenehmes Befremden, wünſchte ſich und dem Kranken Glück und verſchrieb eine Ptiſane, die während der Nacht mit Fleiß genommen werden ſollte. Kaum war er abgegangen, ſo wimmerte die Thörangel, ſo ward das Pförtchen, wie von Gei⸗ ſterhand geöffnet, ſo ſchlich es auf den Zehen nä⸗ her, ſo ſtand der werthe, oft vermißte Vaga L 154 bond nach einer zehnjährigen Entfernung vor Mar⸗ garethen. D, heiliges⸗Wiederſehen! Und ihre Bruſt voll Wehmuth und Zärtlichkeit ſchlug an des Jugendfreundes Pruſt und ihre Lip⸗ pen, und ihre Thränen vermählten ſich. »So war es denn kein Irrthum,“ hob er end⸗ lich an;„ſo war es des feindſeligen Bruders Bild, das mich vorhin erſchreckt hat?“ »Ihr ſaht euch?* fragte ſie beſtürzt. „Wir ſahen uns! Zerfallen mit dem Leben, verdüſtert, gramerfüllt verließ ich unſern Kran⸗ ken hier, und eilte, meinem Berufe gemäß, ins Theater, auf dem ſo eben Luſt und Lachen an der Tagesordnung war. Das Treiben unſerer Witz⸗ bolde ärgerte und verſcheuchte mich in eine finſtere Winkelloge, wo ich ungeſtört und ungeſehen mei⸗ nem Kummer nachhängen konnke. Da tritt ein Frem⸗ der ein, bemerkt mich nicht, ſieht emſig hin und her; ſein Auge ſcheint die Zuſchauer, Mann für Mann, muſtern zu wollen. Die Oper beginnt mit Donner und Wetter, Theaterblitze beleuchten ſein Geſicht, ich ſehe die bekannten Züge. Das iſt dein Bruder! ſagt mein Herz, doch ein geheimes Grauen vor unſerm Wiederſehen hält mich in meinem Win⸗ kel feſt. Er nimmt den ſtummen, verſteinerten Nach⸗ bar wahr, faßt ihn in's Auge, bebt zurück, ſtürzt aus der Thür und iſt verſchwunden. Der Himmel kann noch alleszum Beſten keh⸗ — 155 ren,“ tröſtete Wachauf:„ſeyd Ihr nicht Brüder? ſelbſt Karakalpaken nehmen endlich Raiſon an; er⸗ grimmte Potentaten ſtecken das Schwert ein, auch unſer Senator wird ſich verſöhnen laſſen. Mir, Be⸗ ſter! hat der Herr geholfen. Ich ſoll das hier ver⸗ ſchriebene Tränkchen fleißig brauchen und zu den Trauergeiſtern ſagen— Hebet Euch weg von mir! Der Arzt hat Recht! Ein Narr, der ſie nicht gehen heißt.“* Moritz griff mit der einen Hand nach dem Ne⸗ zept, drückte mit der andern das lauſchende im An⸗ ſchauen ſeiner Wohigeſtalt verſunkene Gretchen an das Herz, erſuchte ſie, den Bruder auf ſeine Erſcheinung vorzubereiten, und eilte, weil dieſer bereits in der Nä⸗ he ſeyn konnte, hinweg, um die Ptiſane für ſeinen Freund bereiten zu laſſen. ** X Er kam in die Officin und neben ihn trat ein ſteinaltes, gebeugtes Mütterchen, mit der Krücke in der Hand, mit rothen Augenhöhlen und einem vor⸗ ſpringenden, ſchneeweißen Raſfzahn über der Lippe. Sie huſtete und forderte Lakritzenſaft, und die ſtechen⸗ den Augen hafteten auf dem Antlitz des reitzenden Nachbars, der die herbey kommende Gattinn des Apothekers begrüßte, und dagegen, wegen ſeines ge⸗ ſtrigen, ſinnigen Spieles, manch wohlthuendes Wort vernahm. Noch immer hielt die Alte den wunder⸗ 156 ſchönen, jungen Mann im Auge. Mit Gunſt! wi⸗ ſperte ſie jetzt und ihre Hand ſtrich über den abge⸗ tragenen Plüſch ſeines Mautelkragens hin.„Halt ſtill, mein Söhnchen!“ ſetzte ſie hinzu, als das Beta⸗ ſten desſelben kein Ende nahm und er ſich ihrer er⸗ wehren wollte— „Wohl eine Spinne?* rief die Apothekerinn. „Ja, eine Spinne!“ fagte jene:„und die brin⸗ gen Glück. Damit ſah ſie ihm nochmahls ſtarr ins Geſicht, both Allen eine gute Nacht und ging ihres Weges. Moritz erhielt die Ptiſane, er folgte der Alren. „Pſt, junger Herr!“ erſcholl es hinter ihm. „Mein Herr Gevatter kauft alte Kleider, wär' ihm etwa der Mantel feil? Um keinen Preis! Wie? ſo ein Lappen? §. Laßt ihn in Ehren. Er iſt Goldeswerth. Sey doch ſo freundlich, das Warum bey⸗ zufügen. E. Mein Vater verließ mir ihn. S. Der Vater? Ja, den könnt ihr freylich nicht verläugnen; ihr gleicht ihm Zug für Zug. Sie faßte ſeinen Arm. Nur wohnt euch eine Lieb⸗ lichkeit bey, die ihm abging. E. Die Menſchen brachten ihn um dieſe. S. Sagt doch, die Jahre, Kind! Schützten mich die nicht, ſo hättet Ihr bereits den weiten Man ——— ——— ————— ———— 157 gel über mich hergeſchlagen um das zarte Püppchen nicht beſchneyen zu laſſen. E. Geh, Hepe! Packe dich! Welk oder friſch, ich theile nichts mit ſolchen Puppen. S. Thuſt wohl daran und für dieß verſtändige Wort will ich mich abfinden. E. Das fehlte noch! S. Wohl fehlt es Euch! Es fehlt Euch viel, doch weiß ich Hülfe! Moritz zog ſie, ergriffen von dieſen Reden und ihrer Zuverſicht, nach der Straßenlaterne hin. „Was du hier vor dir ſiehſt,“ ſagte die Alte! „kann freylich dein Herz nicht erfreuen, doch was du hören wirſt, ſoll es gewiß guter Dinge machen. Geh in dein Kämmerlein mein Sohn! ſchleuß die Thür hinter dir zu und trenne den Kragen deines Mantels auf. Soll aber dein Herz dann für die Dauer guter Dinge bleiben, ſo bitte Gott mit Sa⸗ lomo um ein weiſes.“ Damit verſchwand ſie in der nächſten Hausthür und dieſe flog hinter ihr in das Schloß. Er klopfte vergebens, er griff endlich, wie die Alte vorhin gechan, an den bezeichneten Kragen, es kniſterte in ihm.„Das ſind Papiere, ſagte Mo⸗ ritz zu ſich ſelbſt, eilte an das Bette des Geneſen⸗ den zurück, entfernte die Wärterinn und theilte ihm und Magarethen das ſeltſame Abenteuer mit. Gretchen fühlte ſich befangen⸗ ſie lächelte glau⸗ 155 bensvoll und. Wachauf ſagte nach kurzem Beden⸗ ken— 5 „Zur Scheere, Freundinn! trennen Sie! Nur höhere Geiſter wiſſen, ob ich nicht bloß deßhalb mit der kecken Stirn der Dame Castelnegro und dem Eiſen des Poſtwagens zuſammen kraf, um unſern Moritz der Lakritzeneſſerinn in die Hände zu ſpielen. Der Zuſammenhang leuchtet mir ein. Dein vorſich⸗ tiger Vater, der wohl öfter den Dreyer unter die Zunge nahm, weil er der eigenen Hand nicht trau⸗ te, reiste, wie bekannt, nach der Hauptſtadt, um ſein aufgekündigtes Capital einzuſtreichen, welches ihm, Zweifels ohne, bey der Seltenheit des Gel⸗ des, in großen Banknoten ausgezahlt ward. Die Wege ſind unſicher, die Brieftaſchen verlierbar und der leichte Raub geſchickter Taſchendiebe, wer aber ſucht oder findet den Mammon in dieſem ausgedien⸗ ten Mantel? Die Nähkunſt iſt ſeine Sache nicht, herbey alſo mit der Alten, die ſeine hieſige Wir⸗ thinn, oder Aufwärterinn, oder wohl gar ein ver⸗ trautes Blümchen aus dem Kranze der Vergangen⸗ heit ſeyn mochte. Des Vaters Züge ſprechen das Mütterchen rührend an, es erkennt den Mantel, es langt neugierig nach dem Schatzbehälter, und ſo er⸗ klärt der Reſt ſich ja von ſelbſt. O„trennen Sie den geſegneten Kragen auf. Ich habe eine Ahuung, Frau Senatorinn, und Vorgefühle ſind des Schick⸗ ſals Stimme.“ Margarethe befühlte, während dem Laufe ſei⸗ 159 ner Rede, wie vorhin die Alte gethan, mit Eifer den Kragen.„Mein Schwiegervater' ſagte ſie:„trug allerdings auf ſeiner letzten Reiſe dieſen Mantel, der Schlag traf ihn nach der Heimkehr, beym Ein⸗ tritt in das Haus, mein Mann trug ihn ſür todt in's Zimmer, er ſtarb nach wenigen Minuten in ſei⸗ nem Arme. „Es raſchelt!“ unterbrach ſie der Stadtſchreiber, als Gretchen jetzt die Schere anſetzte und neigte Aug und Ohr zu ihrer Hand herab, doch die Sena⸗ torinn hielt plötzlich inne, veränderte die Farbe und liſpelte—„Es raſchelt!— Ja!— Zunächſt der Thür⸗ Im Vorſaal draußen— Der Mantel glitt von ih⸗ rem Schooß— Mir wird ſo bang— O Gott! was mag das ſeyn 2* Moritz ſchalt die furchtſame Schwägerinn we⸗ gen ihrer Schreckhaftigkeit, dem Stadtſchreiber lief. zugleich mit dieſer, ein ſympathetiſcher Schauer über die Haut und beyde Männer horchten auf, denn es klang eben, als ob viele ſchwerbeladene Men⸗ ſchen über den Vorſaal trabten. Dazwiſchen ächste es und ziſchelte. Margarethe verhüllte ihr erbliche⸗ nes Geſicht in dem Tuche, und Moritz ging, zu ſe⸗ hen was ſich begebe2 *— * Philipp verließ bekanntlich das Opernhaus zu Folge der Erſchütterungen, welche dort auf ihn ein⸗ 160 wirkten, in einem Zuſtande der an de Vernichtung gränzte. Des Vaters drohende Geſtalt, der Schat⸗ ten des zürnenden Todten, ob er ſich gleich zu dem lebendigen Vagabonden verkörperte, wich nicht von ſeinen Augen, der Ingrimm über die getäuſchte Hoffnung geſellte ſich zu dem Drange des Gewiſ⸗ ſens, das ihn der Unthat zieh, ſeinem hülfsbedürf⸗ tigen Moritz die Halbſcheid der zweytauſend Gulden vorenthalten zu haben, welche Philipp damahls in der Brieftaſche des Vaters fand. Nicht redlicher wür⸗ de er, wie wir ihn kennen, mit dem muthmaßli⸗ chen reichen Inhalte des Mantels verfahren ſeyn, wenn ihm an des Bruders Statt, ein ſolcher Wink der Alten zugekommen wäre. Jetzt ließ ſein Schick⸗ ſal den Betäubten die Schneedecke des Canales für ebenen Pfad halten, er ſtürzte Kopfüber in die Fluth; der nahe Fährmann ſprang herbey, er zog ihn im folgenden Augenblick aus dem Eiſe, doch der erſtarrte Philipp hatte kaum die Wohnung ge⸗ nannt, nach der er gebracht zu werden wünſchte, als die Parte den mißlungenen Faden ſeines Lebens zerſchnikt. Und ſo veranlußte denn des Leichnams An⸗ kunft und der Fußtritt der keuchenden Träger jenes Geräuſch, das die ahnungsvolle Margarethe vorhin aufſchreckte. Wir überlaſſen ihn dem Todtenrichter, verſo⸗ gen uns die Darſtellung des Schreckens und der Beſtürzung, welche unſere Bierlinger jetzt ergriff, und des ſchmerzlichen Zuwachſes ihrer Betroffenheit, als * —————— ———.———— 4* 161 ſie, am Ziele der verwirrungsvollen Racht, den Mantel vermißten und ihn vergebens in allen Stu⸗ ben, Winkeln und Verſtecken der Herberge ſuchten. Ihn hatte augenſcheinlich einer der Träger, oder ein Mitglied des nengierigen Geſindels, das mit dem Todten in das Zimmer drang, entwendet, und der Gram des hülfsbedürftigen Fleeblattes wuchs mit jedem Gedanken an den gehofften Schutz, der nach der Schätze Weiſe unter ihren Händen verſchwun⸗ den war. Vergebens ſchlich Moritz, während der nächſt⸗ folgenden Tage vom Morgen bis zum Abend Straße auf Straße ab, um jener Wahrſagerinn zu begegnen; vergebens vernahm er das geſammtePerſonal derEle⸗ vhantenapotheke und die Heerſchar alter Weiber, wel⸗ che in ihrer Nähe hauste und waltete; das ſeine fand er nicht, nicht eine Spur der lahmen, heiß erſehn⸗ ten Hexe. Gretchen fand dagegen unter der Leitung ihres Schutzgeiſtes, in einer verborgenen Taſche von Phi⸗ lipps Briefbehälter, die zweytauſend Gulden Pa⸗ piergeld, welche er nach des Vaters Tode verun⸗ treut und beſeitigt hatte; der Centner fiel von ih⸗ rem Herzen und Lebensluſt und Ruhe kehrte in ihre ſchöne, heiß bedrängte Bruſtzurück. Die Halbſcheid dieſes Fundes reichte ja hin, den Unterhalt der Mä⸗ ßigen für mehr als ein Jahr zu ſichern, während dem die andere Hälfte den Dornenkranz von der 8 162 Scheitel des armen Moritz hob, die Forderungen ſeiner Gläubiger deckte und ihn damit in den Stand ſetzte, ſeine geliebte Loniſe an den Traualter zu führen. Die Theilnahme war allgemein, als Moritz, der gerühmte Hofſchauſpieler nach Jahresfriſt mit dieſer reitzenden Gattinn, in der Vaterſtadt eintraf, um die lang entbehrten Hausgötter zu begrüßen und ein willkommenes Beylager feyern zu helfen, denn hoffentlich wird es den Leſer nicht befremden, wenn er ſo eben die Witwe Wieſel mit dem Heren Stadt⸗ ſchreiber Wachaufzum dritten Mahl aufbiethen hört. Zwar hätte Gretchen ihr zweytes Myrtenfeſt viel lieber im engeren Kreiſe begangen, aber Wachaufs Verhältniſſe nöthigten ihn, ſich der dortigen Sitte zu fügen und die Vettern und Muhmen, ſammt dem Senat und allem Zubehör einzuladen. Chriſtine, die Putzmacherinn, arbeitete jetzt Tag und Nacht; Eva, die Fleiſcherinn, ſtopfte ihre Matadore mit Eyern, Urſel, Bärbchen und Salo⸗ me ſchabten Trippel und Kreide, um die Knöpſfe der Feyerkleider und die verwimmerten Ehrendegen ihrer Brotherrn zu poliren, der Thürmer erhielt die Weiſung, am Trauungstage wie bey der Rathswahl zu poſaunen, 3 Stadtpoet aber ſuchte Reime und * 163 brummte wo er ging und ſtand— Hymen⸗ Riemen — Fackel, Gewackel, ete. 5 —* — Die Hochzeits gäſte verſammelten ſich bereits, als Moritz mit ſeiner jungen Gattinn anlangte. Der Fürſt hatte ihm, wie man bereits aus der Hofzei⸗ tung wußte, wegen ſeiner letzten, unübertrefflichen Darſtellung des Hamlet einen Diamantring verehrt, der jetzt am Finger des Künſtlers funkelte und ihn in den Augen der Verſammlung dem wirklichen Prin⸗ zen von Dänemark gleichſtellte. Der edle Wein und die gehäufte Veranlaſſung auf das Wohl des Brautpaares und des Herrn Hof⸗ ſchauſpielers zu trinken, ließ ſelbſt den ehrwürdig⸗ ſen Patriarchen und den Maßehrendſten Weiſen von Bierlingen bir Zauroeurel augemach zu Kopfe wachſen. Seit Menſchengedenken hatte man ſich dort weder ſo brünſtig noch ſo gemeinſam umfan⸗ gen, als jetzt nach der Tafel, im Laufe der geſegneten Mahlzeit geſchah. Und wo nun ein Bruder dem andern am Herzen lag, da neigten ſich gerühr⸗ te Freunde zu der Gruppe und machten ſie gleich⸗ ſam zu einer Liebeshoſe, die unwillkührlich fortge⸗ zogen, an der nächſten Tiſch⸗ oder Wandecke oder an der Kehrſeite eines ähnlichen Tugendbundes zer⸗ platzte. Gajus, der ſchmachtende, ſchwankte ſeiner kei⸗ „ 164 fenden Househre nach, und geſtand ihr unter bit⸗ tern Thränen, daß er vor Sehnſucht und Zärtlich⸗ keit weder wo ein, noch wo aus wiſſe: Sempro⸗ nius, der arme Teufel, machte dem reichen Poſt⸗ meiſter ein Rittergut feil, und der Lieutenant, den kein Weingeiſt gewältigen konnte, führte den lal⸗ lenden Caſpar im Saale auf und ab, rühmte die Selbſtbeherrſchung und ſchnitt daneben, 1m offenen Widerſpruch mit ſeiner Predigt, jeder Aufwärterinn, die ſich hinter ihm wegſtehlen wollte, mit Hand und Fuß den Rückzug ab. „Nimm doch ein Prischen!“ rieth ſich Melchior, welchem der Kopf brummte; er ſuchte, zu Folge des Gedränges, die Doſe in des Nachbarn Taſche, erſtaunte, ſie in eine Tüte voll Confect verwandelt zu finden, welche jener bey Tafel für den lieben Klei⸗ nen beſeitiget hatte, und ſpeiste es an Kindes Statt.— Balthafar endlich, der ſertge Sixtus, ererferte ſrch⸗ dem Herrn Trankſteuereinnehmer zu beweiſen, daß die abſolute Einheit des Subjectes, welches nach Abſonderung aller Accidenzen übrig bleibe, die Seele bezeichne; der Einnehmer aber verſicherté, daß er viel lieber Seel' und Leib als ſeine Acciden⸗ zen miſſen wolle. Jetzt ſammelte Moritz Alt und Jung zum Rei⸗ henſpiele. Die holdſelige Braut fragte zuerſt, ob nicht irgendwo ein Kämmerchen zu vermiethen ſey. und alle Männer trachteten, ſie in das ihrige zu locken, Bald gab es keinen Senator mehr, der nicht — 8——— 165 zum Gänſedieb geworden wäre, und die Gewalt der Muſik gewältigte den Geiſt des Rauſches. Selbſt der verehrliche Conſul tappte jetzt, von den Frev⸗ lern gefoppt, als Haſchkater umher und verfolgte des Bräutigams trippelnde Großmama, welche ſich dieſes loſen Geſellen mit Hülfe ihres Brautfächer⸗ ſchlagés erwehrte. Wachaufen hatte während dem ein Dienſtge⸗ ſchäft entfernt. Der Wachtmeiſter meldete ihm, daß in der Garküche ein Prinz von Libanon eingekehrt ſey, der aus Mangel an Geld die Zeche nicht be⸗. zahlen könne und ſeinen Erbprinzen bey dem Wirth verſetzen wolle. Der Bräutigam trug Bedenken, den verehrlichen Haſchkater mit dieſer Anzeige in der Freude zu ſtören, er hielt es, als die einzige jetzt noch im Sleichgewicht ſtehende Polizeybehörde für das Beſte, die Sache ſelbſt zu unterſuchen, warf den Uberrock um und ging mit dem Wacht⸗ meiſter um Seiner Durchlaucht den Kopf zu wa⸗ ſchen. Da ſtand der große Castelnegro im Stande der Erniedrigung und erneuerte die vorjährige, kurze Bekanntſchaft; der Tartar löffelte in der Ofen⸗ höhle eine Bierſuppe aus. Jener verklagte das Schick⸗ ſal und entwickelte eine Reihe von Unglücksfällen, welche die ſchöne Mehlſackerinn ſeit dem über ſein Haupt brachte. Sie hatte ſich mit ihm entzweyt; hatte zur Sicherung ihres Eingebrachten nach den Seejungfern und Meerkatzen, nach dem phyſiſchen 166 Apparat und den goldbedeckten Kollern und Bein⸗ kleidern gegriffen und den kunſtfertigen Lehrling des Gatten in alle Welt begleitet. Wachauf deckte großmüthig des Klägers Zeche, zußerte ſein Erſtaunen über Annettens Undank und gedachte ihrer feurigen, ihm auf dem Poſtwagen und in Groß⸗Bannern klar gewordenen Vorliebe für den Gatten, doch Castelnesro ſprach von Zier⸗ puppen und domödiantinnen, und verglich ſie, mit Achſelzucken, der ungerathenen Tochter des Hans⸗ wurſt von Salzburg, die ihr zum Vorbild gedient zu haben ſcheine. Er erklärte ſich fernerweit die⸗ ſes unſtäten Lebens müde, ſprach von glänzen⸗ den Anſtellungen, die ſich ihm darböthen, und fragte an, ob nicht etwa auf dem Bierlinger Philantropin ein Freyplätzchen für ſeinen Pfiegeſohn, den Kara⸗ kalpaken offen ſey?. X* X Moritz beftügelte indeß im Hochzeithauſe, an Wirthes Statt, den Geiſt der Freude und als der dampfende Punſchnapf erſchien, verſammelte er die erſchöpfte Gemeine in bunter Reihe um die Tafel und die entzündeten Jünglinge und die glühenden Mädchen begrüßten, unter Anführung dieſes geüb⸗ ten Choragetten, den guten Geiſt mit ſüßen Liedern. Die Braut aber neigte ſich, von Wehmuth aufge⸗ regt, an Luiſens Bruſt; ſie vermißte den Bräuti⸗ ———— 167 gam, ſie gedachte des verſchwundenen Philipps, ſie vergab ihm die Unthat und ihre fallenden Thrä⸗ nen wurden zum Dankopfer für den edlern Gefähr⸗ ten, der eben jetzt von ſeinem Geſchäftsgange zurück kam, die Sinnende beſchlich und ſie voll Liebesluſt umarmte. Kaum war das Geſangbuch der Grazien er⸗ ſchöpft, als die Saalthüren aufflogen, und der Wirbel der Pauken zum Tanze rief. Wachauf eröff⸗ nete mit der Braut den Reihen und machte, wider Vermuthen, ſeinem Tanzmeiſter Ehre. Ihm folgte der Lieutenant mit der Großmama, dieſen der ver⸗ ehrliche Haſchkater mit der Frau Superintendentinn, dann ſämmtliche Gänſediebe mit ihrem Raube: die kleine Familie, welche Margarethe, zum herzinni⸗ gen Vergnügen der Mütter nachhohlen ließ, paarte ſich nach der Altern Weiſe und verlängerte den Rei⸗ hen. Neugierige Laufmädchen und Kleinhürgerinnen ſahen, theils durch die Fenſter, theils ſtahlen ſie ſich in den Saal, um ihre Götrer hier im Fleiſche zu erblicken und den Staat der ſchmucken Braut zu muſtern.„Moritz!“ fliſterte dieſe, als er eben einen pohlniſchen Tanz mit ihr aufführte:„ach, lieber Moritz, ſehen Sie nichts 2“ Er ſah nur das Roth von ihren Wangen fliehn, fühlte ihre Hand in der ſeinen zittern und ſprach, von dieſer krankhaften Reitzbarkeit geärgert.—„Doch nicht Geſpenſter am Hochzeitabend 2“ „Die Wahrſagerinn“ 268 „Ey, wo7* „Dort in des Vaters Mantel, zunächſt der Thür.“ Seine Blicke durchkreutzten den Haufen der Zuſchauerinnen, an welchem ihn die Wendung des Tanzes vorüber führte, und begegneten jetzt den ſtechenden Augen der Alten, die nicht zu verken⸗ nen war. „Sie iſt es!“ fliſterte er unwillkührlich; Mar⸗ garethe vernahm die Beſtätigung, ſie beſchwor ihn, den Tanz zu enden und eilte, den Bräutigam auf⸗ zuſuchen, Moritz aber ſchlich auf die Alte zu, faßte ihren Arm und drängte ſie ſchnell an das anſtoßende Zimmer. „Oha!“ ſchmählte dieſe:„begrüßt man ſo die werthen Gäſte?* „Wer biſt du? Sprich! Was führt dich in dieß Haus? Wie kamſt du zu dem Mantel? Rede!“ „Ihr fragt ja, wie der Narr den Klugen. Man kam dazu und ihr davon. Hierher führt mich der gute Wille und mein gutes Recht— Ich war des ſeligen Vaters Amme.“ „Iſt's möglich?“ rief er aus:„des Vaters Amme! du?“ „Die ihn nährte und pflegte, hob und trug, denn er kam als ein Wurm auf die Welt, nurmei⸗ ne Bruſt hat ihn erhalten. Auch ſteh' ich nicht mit leeren Händen da. Mein Kern, du Herzenskind! iſt ſüßer als die Schale. Es fehlet nicht am Irdi⸗ ſchen, das mir drey Ehemänner hinterließen, ich aber hatte, nach wie vor, an Wenigem genug: ich lebte ſchlecht und recht, nach ſparſamer Witwen Weiſe, und ſo wuchs es mir nachgerade zu Häup⸗ ten und den lachenden Erben zu. Du biſt von dieſen.“ Moritz ſah ihr ſtarr und gar unfreundlich in's Geſicht und dachte— Die alte Schlange hat ganz ohne Zweifel den Kragen aufgetrennt und ſich die Banknoten zugeeignet; macht jetzt, auf Koſten dei⸗ nes Erbtheils, die Großmüthige und will euch mit dem Abfall des geſtohlenen Capitals vergnügen. Sybille aber ſprach mit Eifer: „Ich ſeh' dir's an, der Mantel ſticht dir in die Augen. Schau, warum thateſt du nicht, wie ich dich thun hieß? Warum verſchleuderteſt du dein köſtli⸗ ches Erbtheil an meinen Gevatter Bertram, den⸗ Trödler? Dort hing er Wochen lang, groß und breit in der Bude und ich dankte dem Herrn, der mich ihn ſehen ließ, und gab mit Freuden drey blanke Gulden für die zwanzig tauſend papiernen, die ich unter dem Kragen verſteckt wußte. Nimm hin, was dein iſt* fuhr Sybille fort und zog ein Packet voll Banknoten aus dem Buſen:„und thue Gutes da⸗ mit, ſagt mein Syrach.“ »Folge nicht den böſen Lüſten, ſondern brich deinen Willen.“ »Sey kein Weinſäufer, denn der Wein bringt viel Leute um.* Unterh. Bibl. 3. Jahrg. 1. B. 6 170 die Furcht des Herrn.“ „Habe Dank! ſey geſegnet rief Moritz tief gerührt und drückte die heilbringende Amme an ſein Herz, Sybille aber, deren Manteltaſchen von allerley Geräthe ſtrotzten, drängte ihn ſchmählend zurück und ſagte—„Ihr werdet mir wohl das Hochzeitgeſchenk zerdrücken.“— „Wie? du kömmſt obendrein als Geberinn?“ „Wenn Sie mich anders nicht verachten,“ fuhr jene fort und kam wieder auf ihre Wohlhabenheit und ihr Verhältniß zu dem ſeligen Vater zurück. Koritz erfuhr jetzt, daß ſein Vater, ſo oft er die Hauptſtadt beſuchte, bey ihr zuſprach, daß ſie ihm, wegen ſeiner Furcht vor dem Verluſte, die Noten des erhobenen Capitales vor der letzten Heimreiſe, in den Kragen des oft erwähnten Mantels nähen mußte— daß ſte, am Morgen nach jener Begeg⸗ nung in der Apotheke, zu einer krankeg Verwand⸗ tinn nach Sellau abgerufen ward und dieſe dort bis zu ihrem Tode wartete und pflegte. Sie erzählte ihm ferner, wie ſie, nach der Nückkehrin die Haupt⸗ gadt, durch Zufall oder auf Gottes Geheiß, bey dem Trödler eingetreten und unter viel anderm Lap⸗ venkrame den wohlbekannten Mantel erblickt, ge⸗ feilſcht und an ſich gebracht habe.— Sybille fand den Schatz zu ihrem Erſtaunen unverſehrt, ſie ſuchte nun unverweilt die Erben⸗ denen er gehörte, in ih⸗ ver Heimath auf, kehrte hier bey einer vieljährigen „Geld und Gut machet Muth, aber vielmehr 191 —„Du magſt in ſo weit recht haben, als unſere einſtmahlige, frühe Liebe dem Manne vielleicht mit Grund lächerlich ſcheint, nicht, in ſo fern ſie ſo wahr, ſo dem Herzen entkeimt, ſo von keiner uned⸗ leren Neigung getrübt war! Ach! wär ich damahls geſtorben!— Du hätteſt um mich geweint, du hät⸗ teſt der Jugendgeſpielinn einen Kranz geſandt und noch jetzt erſchien ihr Bild lieblichlächelnd in deinen Träumen!“ „Ich hatte mir die ſchöne Bußfertige als durch ein üppiges, doch rohes Leben verwildert, durch mancherley Erfahrung gewitzigt, auf die Vorrechte des zärtern Geſchlechts halb Verzicht leiſtend, mit leerem Kopfe und verhärtetem Herzen, gedacht; jetzt ſprach ſie mit einer Beſtimmtheit und Feinheit, die wenigſtens einen ſehr gebildeten Verſtand ver⸗ rieth, mit einer Empfindung, die aus dem wärm⸗ ſten Herzen zu ſtrömen ſchien; jetzt ſah ihr Auge ſo rein, ſo ſchuldlos, ſo ſeelvoll zu mir auf, daß ich faſt als der Schuldige vor ihr ſtand. So ſehr mein böſer Geiſt mir warnend zurief, gegen die feinere und daher nur um ſo gefährlichere Buhlerinn anf mei⸗ ner Hut zu ſtehen, ſo zog mich doch ein unwider⸗ ſtehliches Gefühl ihr näher und ließ mich ihre Hand in die meinige ſchließen.“ »So ohne Aufſicht,“— fuhr ſie fort—„wie wir ſonſt hier mit einander ſpielten, ſo wuchs ich auch in dem Hauſe meines Vaters auf. Meine Wutie war todt; meine Schweſter, die ihre Stelle. 6 mir vertreten ſollte, fühne ſich glücklich in des 5 Bewunderung, die alle unſer Haus beſuchende Männer ihr zollten, und bediente ſich meiner nicht ſelten zur Vermittlerinn ihrer geheimen Verſtänd⸗ niſſe, in welchen ich damahls noch nichts, als ſcherz⸗ hafte Neckereyen, erblickte. Man hatte mich ſchon ſehr früh ins Geſicht als ein's der ſchönſten Kinder geprieſen, und manche bedeutende Winke, was ich in einigen Jahren ſeyn werde, waren mir nicht entgangen. Meine Schweſter, die nichts Höheres 6 kannte, als reich und vornehm zu werden, wünſchte ſich oft leichtſinnig an meine Stelle. Selbſt mein Vater, den ich hiermit nicht anklagen will, äußerte beſtimmt, ſein Glück wieder empor zu bringen.“ „Je älter ich wurde, deſto mehr hatte ich Ge⸗ legenheit zu bemerken, daß man mich aufſuchte; ich müßte erröthen im Nahmen deines Geſchlechts, alte und junge Thoren ſich raſtlos bemühten, mir den Kopf zu verrücken und mir einzubilden, es ſey weit und breit niemand mit mir zu vergleichen.“ 5„So vielen und ſo oft wiederhohlten Verſuchen gelang es nur gar zu gut, meine Eitelkeit auf un⸗ erhörte Art zu reitzen. Unſer Haus fing an, mehr als jemahls beſucht zu werden; man machte mir, ſelbſt unter den Augen meines Vaters, anſehnliche gung zu halten, mich damit geſchmückt zu ſehen Geſchenke und ſchien es für die größte Gunſtbezei⸗ zuweilen in meiner Gegenwart, ich ſey vielleicht⸗ wollte ich alle der Schmeicheleyen gedenken, womit 195 Putzliebe iſt ja, wie man ſagt, der jungen Wilden ſo eigen, wie der gebildetſten Dame; ich glaube mich kaum gegen dich entſchuldigen zu dürfen, daß ich dieſen Lockungen nicht widerſtand.“ „Ich wurde bald das, was ich unter dieſen umſtänden werden mußte, eine junge Cokette, die, mit etwas natürlichem Verſtande begabt, ihre Blicke berechnete und insgeheim Jedem den Vor⸗ rang einzuräumen ſchien, ohne gegen irgend einen ſich zu vergeſſen. Damahls, Ferdinand, war es, wo ich unſerer frühern Neigung, wie das erwachſene Mädchen der Puppe, mich ſchämte und ſie abzubre⸗ chen ſuchte. Das letztere wirſt du jetzt bey kaltem⸗ Blute, wäre nur der Beweggrund edler geweſen, gewiß ſehr verzeihlich finden.“ „Kurz nach dieſer Zeit kam ein junger Baron in unſer Haus, der von mir gleich auf den erſten Anblick ganz wie verblendet ſchien. Er bewies mir ſeine Leidenſchaft, ſchon vom erſten Tage unſerer Bekanntſchaft an, nicht durch Bewerbung, ſondern durch Eiferſucht; er machte mir, um jeden Andern⸗ zu übertreffen, die koſtbarſten Geſchenke; er verehrte mich wie eine Göttinn und gab deutlich zu erken⸗ nen, daß es ihm nicht, wie den übrigen, um eine romanhafte Tändeley, ſondern um den Beſitz mei⸗ ner Hand, zu thun ſey.“ »Da bald ſelbſt mein Vater, weder an des Ba⸗ rons aufrichtigen Abſichten, noch an ſeinem ſehr großen Vermögen, zweifeln konnte; da dieſer uns Unterh. Bibl. 3. Jahra. 1. B. F vorſtellte, daß es zu unſerer Verbindung nur der Einwilligung einer ihn über alles liebenden Mut⸗ ter bedürfe, und er gewiß hoffe, dieſe werde, ſobald ſie mich ſehe, alle Vorurtheile des Standes ver⸗ geſſen; da er mich auf das zärtlichſte bath und be⸗ ſchwor, Vertrauen zu faſſen und ihm unter anſtän⸗ diger Begleitung in ſeine Heimath zu folgen; ſo drang mein Vater in mich, ein Glück, das mir und 9 ihm ſich anbiethe, nicht leichtſinnig zu verſcher⸗ zen, ſondern eine ſo ehrenvolle und großmüthige Zuneigung, mit Zurückſetzung aller andern, we⸗ niger reichen und weniger ernſtlichen Bewerber, zu erwiedern. „Ich konnte den Baron, obſchon er mir nicht ganz gleichgültig war, dennoch nicht lieben; ich über⸗ ſah die äußern Vortheile keineswegs, die durch eine ſolche Verheirathung mir zu Theil werden ſollten; aber mein inneres Gefühl machte es mir unerträg⸗ lich, mich gewiſſer Maßen verkaufen zu laſſen; mei⸗ ne Lage, die ich kannte, gefiel mir zu wohl, um ſie gegen eine ungewiſſe, nicht mit meinem Herzen übereinſtimmende, zu vertauſchen. Da ich jedoch vorausſah, daß ich mit allen dieſen Gründen bey meinem Vater nicht auskommen werde, ſo ſann ich auf einen Vorwand, wenigſtens Zeit zu gewinnen. Dieſer war bald gefunden; ein wenig Liſt hat Mut⸗ ter Natur mir von je her zugetheilt, wie du dich viel⸗ teicht ſelbſt noch aus unſernfrühen Spielen her er⸗ innerſt“— 195 „O vollkommen!“— ſiel ich, nicht ohne ſchar⸗ fen Doppelſinn, ihr ins Wort. Doch ſie fuhr lä⸗ chelnd fort, ohne ſich irren zu laſſen: „Ich brauchte meine Schweſter zum Werkzeu⸗ ge, meinem Vater Verdacht einzuflößen. Ich erregte in dieſer den Gedanken, daß die Reiſe zu des Barons Mutter doch alle Schicklichkeit verletze; daß der Ba⸗ ron vermuthlich hierbey nur eine Gelegenheit beab⸗ ſichtige, gewiſſe unedlere Zwecke zu erreichen; daſſ es nicht nur unverantwortlich, ſondern ſelbſt ſehr unklug ſey, mich auch nur der Möglichkeit auszuſe⸗ tzen, das Schickſal ſo vieler andern Bethörten zu theilen.—„Wahrlich du biſt klüger, als ich!— ſagte meine Schweſter, und bald waren meine Be⸗ denklichkeiten nicht bloß meinem Vater mitgetheilt, ſondern äuch dem Baron zu Ohren gekommen.“ „Dieſer ſah ſich hierdurch faſt für beleidigt an, ſ und ich bediente mich ſchon ſeines Zornes zum Be⸗ weiſe, daß ich richtig geurtheilt habe, als er uns * einen Brief ſeiner Mutter überbrachte. Sie ſchrieb darin, daß für ſie die heftige Leidenſchaft ihres Soh⸗ nes kein Geheimniß mehr ſey; daß ſie, ſo ſehr ge⸗ 3 wiſſe Verhältniſſe ſie beſorgt machen müßten, ihn zu ſehr liebe, um dem Glücke ſeines Lebens, wie er es nenne, Hinderniſſe in den Weg zu legen; daß aber auch Niemand, am wenigſten das junge Frauenzimmer ſelbſt, das ſie ſchon nach der Schil⸗ derung ihres Sohnes aufrichtig achte, dem Mut⸗ terherzen es verdenken werde, wenn ſie ſeibſt vor J2 8 langen wünſche, welche das Glück ihres Sohnes, mithin auch das ihrige, zu gründen beſtimmt ſey. Sie erſuchte mich im Verfolg, weil ſie ſelbſt zu ei⸗ ner ſo weiten Reiſe zu alt ſey, mich dazu zu ent⸗ ſchließen, welches ich gewiß auf keinen der möglichen Fälle zu bereuen Urſache haben ſolle; ſie bath mich, auf ihre Koſten eine mir beliebige Begleiterinn zu wählen; kurz, der ganze Brief, an deſſen Echtheit ſich nicht im mindeſten zweifeln ließ, trug die unverkennbarſten Spuren der feinſten und edelſten Denkungsart an ſich. So oft ich ihn durch⸗ las, fühlte ich mich gewiſſer Maßen über mich ſelbſt erhoben; dieſer Brief hielt mir ein Bild vor, nicht wie ich war, ſondern wie ich wünſchen mußte zu ſeyn.„ „Jetzt bemerkte ich auch mit geheimer Se daß ich noch nicht ſo gänzlich verdorben ſey, als ich äußerlich ſcheinen mochte; ich gab den Bitten des Barons, den dringenden Vorſtellungen meines Va⸗ ters nach; ich nahm eine ehrbare Alte in Dienſte und trat mit dem Baron den Weg nach******, nahe an der franzöſiſchen Gränze, an.“ „Daß dieſe Reiſe, der vielen Abwechslungen we⸗ gen, die ſie mir gewährte, der reitzenden Gegend halber, durch welche wir kamen, ſo wie überhaupt durch den Reitz der Neuheit, unendlich angenehm. für mich ſeyn mußte, brauche ich wohl nicht zu ſa⸗ Len. Auch würde ich der Wahrheit untrsu werden⸗ allen Dingen die Bekanntſchaft der Perſon zu er⸗ — 197 wollte ich dem Baron nicht dos Zeugniß geben, daß er, der heftigſten Liebe gegen mich ungeachtet, ſich den⸗ noch durchaus nicht in ſeinem Benehmen gegen mich geändert, daß er ſich nicht das mindeſte gegen die Ge⸗ ſetze des feinſten Anſtandes habe zu Schulden kom⸗ men laſſen. Er ſchien unaufhörlich in einem Him⸗ mel von Freuden zu ſchweben; er trug mich faſt auf den Händen; er ſuchte alles hervor, mir die Beſchwerlichkeiten der Reiſe zu erleichtern und, ſo viel ſeine Eile nur verſtattete, durch den Anblick aller Sehenswürdigkeiten zu verſüßen. Seine Gut⸗ müthigkeit fing an, auf mein Herz Eindruck zu machen, die Zufriedenheit und Wonne, die ich in ſeinen Blicken las, ſooft ſie auf mir verweilten, er⸗ regten den Wunſch in mir, ihn wenigſtens aus Dank⸗ barkeit lieben zu können.“ „Je lauter er vom Anfange der Reiſe an ſeine frohen Erwartungen für die Zukunft zu erkennen gegeben hatte, deſto mehr mußte es mir auffallen, als ſich, je mehr das Ende derſelben heranrückte, ein nicht zu verbergender Trübſinn in ſeinen Mie⸗ nen äußerte. Er ſaß manches Mahl in tiefen Ge⸗ danken, zog, wenn er dgraus erwachte, feurig mei⸗ ne Hand an ſeine Lippen, wollte dann, wenn ich um die Urſache ſeiner Verſtimmung fragte, von nichts wiſſen und berief ſich, wenn ich ihn allzu ſehr in die Enge trieb, auf die Erfahrung, daß ein herbeyei⸗ lendes großes Gſück immer mit banger Ahnung ver⸗ kunden ſey.“ — 496 „Auch verſchwand ſeine trübe Laune, als wir uns dem Landſitze ſeiner Mutter näherten. Die Land⸗ ſchaft, in welcher ſie wohnte, ſchien ein Paradies; grünende Hügel, Berge mit Weinſtöcken bepflanzt, lange Alleen von Fruchtbäumen, ſchone Bäche, wel⸗ che die Fluren durchſchnitten, glänzende Heerden, welche dort friedlich weideten, frohe, wohlgebildete Landleute, die ſingend und heiter ſcherzend die Arbeit wie ein Spiel zu betrachten ſchienen, alles dieß war dazu geeignet, den heiterſten Eindruck auf mei⸗ ne Seele zu machen und ſie jeder zarteren Empfin⸗ dung zu öffnen.“ Um ſo gerührter mußte ich werden, als der Wagen endlich vor einem einfach, aber edel erbau⸗ ten Schloſſe hielt, der Baron mich aus dem Wa⸗ aen hob und mit dem freudigen Ausruf:„Mutter, hier iſt ſie!“ einer ehrwürdigen Dame vorſtellte, in deren Zügen noch unverkennbare Spuren hoher Schönheit, in deren Augen reines Bewußtſeyn, Sanftmuth, Frömmigkeit, kurz, alle jene milden Tugenden zu leſen waren, welche den Frauen vor⸗ züglich eigen ſind.“ „Kaum hatte ſie die Forderungen der Mutter⸗ liebe durch eine zärtliche Umarmung des einzigen Sohnes befriedigt, als ſie mir mit unbeſchreibli⸗ cher Würde die Hand both und mich mit den Wor⸗ ten:„Kommen Sie, liebes Kind; wir werden uns kennen und hoffentlich lieben lernen!* in das Haus führte.“ —— —— 199 „Hier ließ ſie mir durcheine Ausgeberinn eini⸗ ge, mit allen Bequemlichkeiten verſehene Zimmer anweiſen, die ich wegen ihrer Einrichtung im vollen Sinne des Wortes Frauenzimmer nennen möchte. Ich wurde von dieſem Augenblicke an mit einer Vor⸗ ſorge und Aufmerkſamkeit behandelt, die ganz dazu dienen mußte, das Gefühl einer wohl noch zu erlan⸗ gen möglichen innern Würde, das ſchon früher bey Leſung ihres Briefes in mir erwacht war, nicht nur zu nähren, ſondern auch bis zu einer Art Begeiſte⸗ rung zu erheben.“— „Wollte ich dir, lieber Ferdinand,“— fuhr Ulrike mit lebhafter Bewegung fort—„von den ruhig ſeligen Stunden erzählen, die ich von nun an, ohne Auflegung irgend eines Zwanges, in dem umgange dieſer vortrefflichen Dame zubringen durf⸗ te, ich würde nicht fertig werden, und Thränen dankbarer Erinnerung müßten bald meine Worte unterbrechen. Nie habe ich früher oder ſpäter ein ſo vollkommenes Weib geſehen, wie die Baroninn, voll wahrer Gottergebenheit ohne Heucheley; eine Mutter der Armuth, aber im Stillen; eine Tröſte⸗ rinn jedes Leidenden, ohne es ihn fühlen zu laſſen; ein Muſter ſtrenger Tugend mit der ſchonendſten Nachſicht gegen Strauchelnde; im höchſten Grade gebildet, ohne einen Schatten von Anmaßung; eben ſo gutmüthig, als verſtändig; eben ſo reich an Kenntniſſen, als ſich auch zu dem Niedrigſten berablaſſend!“ „Jetzt fühlte ich erſt, was es heiße, eine Mut⸗ ter zu haben, und eine ſolche! Gewiß, eine Toch⸗ ter, von ihr erzogen, wär' ein Engel auf Erden geworden!* „So glücklich ich mich ſelbſt in meinen neuen Umgebungen befand, ſo merkte ich doch meiner Wohl⸗ thäterinn— ſanft ruht ſie nun im Grabe, aber ewig werde ich ſie ſo nennen!— nach einiger Zeit einen Kummer ab, den ſie mir zu verbergen ſuchte. Auch ihr Sohn war wieder, und noch in erhöhetem Gra⸗ de, in ſich gekehrt und trübſinnig, ſo viel er ſich Mühe gab, gegen mich heiter und voll beglücken⸗ der Hoffnungen zu erſcheinen. Ich fing an im Hauſe auf alles aufmerkſamer zu werden; ich bemerkte, daß oft reitende Vothen Briefe brachten und ab⸗ hohlten, daß Officiere zu dem Baron kamen, und dieſer ſich dann mit ihnen, und wenn ſie ſich ent⸗ fernt hatten, mit der Mutter verſchloß. War dieß geſchehen, und wir kamen zur Tafel, ſo gelang es auf keine Weiſe, ein munteres Geſpräch einzulei⸗ ten; ich ſah Unruhe in den Mienen der Mutter und des Sohnes, welche ſie beyde gegen mich mit einer nicht ſehr bedeutenden Rechtsſtreitigkeit ent⸗ ſchuldigten.“ „Endlich ward eines Morgens die gewohnte Stille von Pferdegetrappel unterbrochen, und ich ſprang, da mir jetzt alles Furcht einflößte, halb an⸗ gekleidet aus dem Bette, um hinter dem Vorhan⸗ ge zu lauſchen. Hier ſah ich, daß die Baroninn, weit 201 früher als ſonſt erwacht, die Hände wie im Gebeth aufhebend am Fenſter ſtand. Der Baron ſtürzte bald darauf zum Schloſſe heraus, warf ſich auf ſein Pferd und ſprengte ſo eilig davon, daß der Reitknecht ihn kaum wieder einhohlen konnte.“ „Nach einigen Stunden ſchickte die Baroninn zu mir und ließ mich bitten, allein zu ſpeiſen, indem ein unangenehmes Geſchäft ſie nöthige, heute ohne Geſellſchaft zu bleiben; auf den Abend werde es ihr hoffentlich vergönnt ſeyn, mich zu ſich rufen zu laſ⸗ ſen. Jetzt blieb mir kein Zweifel übrig, daß etwas von Wichtigkeit vorgehe, ohne es ergründen zu kön⸗ nen, ohne ſelbſt in der Nähe meiner Wohlthäterinn mich aufhalten zu dürfen.* »Wie ſchwer dieſer Tag mir zu überſtehewwar, werde ich nie vergeſſen. Der Abend verging; die Baroninn ſchickte nicht. Am andern Morgen ſah ich einen Officier geritten kommen, ganz beſtäubt und ſtarr vor ſich hin blickend; es ſtand ihm auf dem Geſicht, daß er eine Schreckensbothſchaft bringe. „Nun konnte ich mich nicht länger halten, in die Zimmer der Baroninn zu dringen, doch ein Geiſtlicher, der ſchon früher auf das Schloß gehohlt worden war, hielt mich zurück und verſprach, mich in kurzem zu beſuchen. Ich ſah beym Zurückgehen überall verweinte Geſichter und erhielt, wenn ich auch fragte, nirgends Antwort. Meine Angſt war unbeſchreiblich.“ „Der Geiſtliche kam endlich; ich erſuhr, nach lane ger, vorſichtiger Vorbereitung, daß der Baron in einem Zweykampfe geblieben ſey.“ „Die nähere Veranlaſſung dazu, dis mir aber erſt einige Tage ſpäter, und nur durch Zufall, be⸗ kannt wurde, war des Barons frühere Verlobung mit einem Fräulein aus ſehr anſehnlicher Familie geweſen. Sein Wortbruch hatte den Bruder des Fräuleins mit der glühendſten Rachſucht erfüllt, und alle Mühe der beyderſeitigen Verwandten, auf ir⸗ gend eine Weiſe eine Ausſöhnung zu vermitteln, oder wenigſtens die Erbitterung zu mäßigen, war ohne Erfolg geblieben.“— „Glaubſt du wohl an Beſtimmung, Ferdinand? an Vorausbeſtimmung unſerer Schickſale, meine ich“ fiel ſich hier Ulrike ſelbſt ins Wort. Ich ſtutzte. —„Dieſer Wahn läßt ſeine Anhänger zu troſtlos und gibt ſie zu ſehr ihren eigenen Leidenſchaften da⸗ hin,— erwiederte ich—„um ihn nicht mit allen Gründen der Vernunft zu bekämpfen.“ „Doch fand ich damahls“— fuhr ſie fort— „eine Art von Beruhigung darin, ſowohl für meine damahlige Gegenwart, als für die 2 S „Wie ſoll ich das erklären* „Du wirſt mich auslachen; doch muß ich pier ein Geſchichtchen aus meiner früheſten Kindheit er⸗ wähnen, das mir von alten Leuten erzählt worden iſt. Zu einer Zeit, bis zu welcher ich nicht zurück denken kann, ſtand meine Mutter, mich auf den Armen, einſt ganz allein im Vorhauſe. Es war 205 damahls vor kurzem Friede geworden, und man⸗ cherley Geſindel, das vorher den Armeen nachgezo⸗ gen war, ſtreifte im Lande herum. Meine Mutter erſchrak daher, als die Thür mit Heftigkeit aufge⸗ riſſen ward und eine baumſtarke, braungelbe Frau auf ſie zutrat, deren Außeres wenig empfehlend war. Man hat mir oft ihre abenteuerliche Kleidnng ge⸗ ſchildert, wovon mir nur noch eine ſcharlachene Eroa⸗ tenmütze und ein ſchwarzer Hufarenpelz erinnerlich iſt. Dabey trug ſie zwey häßliche Kinder in einem Man⸗ tel auf dem Rücken.“ »Das fremde Soldatenweib ſprach meine Mut⸗ ter um einen Zehrpfennig an, lobte mich als ein wunderſchönes Kind und ſpielte, wie liebkoſend, mit meinen krauſen Locken. Meine Mutter gab ihr in der Beſtürzung, was ſie finden konnte, nur eine Kupfermünze.—„Könnt's behalten!*— verſetzte das Weibsſtück mit frechem Hohn und gellender Stim'ene, indem ſie das Geld auf den Boden warf— „kauft euerem Püppchen dafür einen Wecken! Schnee⸗ weißchen, Roſenroth! ſchlägt einſt die Freyer todt!* »Dieſe Prophezeyung, ſo lächerlich es auch iſt, daran zu glauben, fiel mir damahls ein, und ſo ſehr mich der Tod des Barons ſchmerzte, ſo ſehr meine eigene Lage dadurch verändert ward, ſo tröſtete es mich doch einiger Maßen, jene Wahrſagung nunmehr ohne mein unmittelbares Verſchulden ein⸗ getroffen zu ſehen. Sie hatte mich doch manches Mahl mit Grauſen erfüllt! Aberwares mein Werk, 20 daß der Baron mich geſehen und ſeine Liebe mir zu⸗ gewendet hatte? Ich hatte ihn wahrlich nie an mich gelockt; nur ſein feindliches Verhängniß hatte ihn zu mir geführt!“— Ulrike wendete ſich hierauf wieder zur Fortſetzung ihrer Geſchichte:„Kaum mußte ich mich als die un⸗ ſchuldige Urſache von des Barons Tode betrachten, als ich den Geiſtlichen um eine Unterredung bitten ließ. Mein Gefühl ſagte mir augenblicklich, was ich zu thun habe; mich den Augen der tiefgebeugten Mutter ſchleu⸗ nigſt zu entziehen, ſchien mir unerläßliche Pflicht. Ich bath den Geiſtlichen dieß der Baroninn zu hinter⸗ bringen und mir Erlaubniß zur Reiſe auszuwirken. „Ich billige Ihren Entſchluß“— antwortete der Pfarrer—„aber Sie verkennen die Baroninn! Ich habe ſchon längſt von ihr Auftrag, Sie auf die⸗ ſen Fall zu verſichern, daß ſie die zärtlich geliebte Braut ihres Sohnes immer als Schwiegertochter betrachten wird!“ „Ergriffen von dieſer Seelengröße konnte ich nur durch Thränen mir Luft machen.„Die Baroninn“— ſagte ich weinend—„hat ein heiliges Recht auf mei⸗ nen unbedingten Gehorſam; mein Schickſal wird ganz von ihren Winken abhängen!“— „Und ſo wäre ich denn faſt am Schluſſe meiner Geſchichte. Ich habe nichts weiter hinzu zu ſetzen, als daß ich ein Jahr lang eine Mutter in jedem Sinne des Wortes beſaß; daß ich ihr alles danke, was ich bin; daß ſie mich in ihrem letzten Willen 205 zur Erbinn ihres Vermögens eingeſetzt hatte; daß man aber nach ihrem Tode weder den Schein über⸗ deſſen Niederlegung, noch das Teſtament ſelbſt ge⸗ funden hat.“ „Wie dieß zugegangen? läßt ſich bey der Be⸗ ſtürzung, die damahls im Schloſſe herrſchte, bey der großen Anzahl ihrer Dienerſchaft und bey der Hab⸗ ſüchtigkeit ihrer Seitenverwandten, wohl errathen, doch niemahls beweiſen. Von ihren nunmehrigen Er⸗ ben kaum mit einem Reiſegelde verſehen, kehrte ich in meine Vaterſtadt zurück. Was das Gerücht, dem ich durch meinen früheren Leichtſinn, leider! die Waf⸗ fen gegen mich in die Hände gegeben hate, von meiner Abweſenheit ſagt, iſt dir gewiß viel zu gut bekannt, als daß ich nur ein Wort darüber verlieren dürfte!*—— Als mein Freund Ferdinand bis zum Schluß von Ulrikens Erzählung gekommen war, ſchlug der Seiger zehn Uhr. Wir trennten uns daher für heute, ſo ſehr meine Neugier geſpannt war, nachdem ich mit ihm ausgemacht hatte, morgen um dieſelbe Zeit wieder zu kommen. Mit dem Früheſten war ich wieder bey ihm und fand ihn bey einer nicht minder grauenvollen Be⸗ ſchäftigung, als am geſtrigen Morgen. „Komm her, lieber*****— rief er mir ent⸗ gegen, einen blendend weißen Schedel in der Hand— * 366 „da— unterſuche— fühle— und ſage mir auf dein Gewiſſen, findet ſch hier eine Spur des viel beſprochenen Mordorgaus 2*— Nicht ohne Schau⸗ dern nahm ich den Schedel, und meine Hand zit⸗ terte, als ich die obere Hirnſchale völlig zertrüm⸗ mert fand.“ „Der Kopf eines Erſchlagenen oder Miſſethä⸗ ters 2— fragte ich bebend. »Vom Rade! Sieh, hier hat der Nagel geſeſ⸗ ſen!“ antwortete Ferdinand mit dumpfem langſa⸗ men Tone. „Ich verſtehe wenig von der neuen Lehre“— nahm ich wieder das Wort, mich zur Unbefangen⸗ heit zwingend, ob mir ſchon das Blut kalt den Na⸗ cken hinabrieſelte—„aber, wie mir das Organ ge⸗ zeigt worden iſt, finde ich nichts hier.“ »Nun ſo höre weiter!“— verſetzte Ferdinand, hüllte den Todtenkopf ſorgfältig in ein ſchwarzes Tuch, und zog mich wieder auf den Soffa. »Da Ulrike mit ihrer Geſchichte zu Ende war, konnte ich kaum dem Triebe widerſtehen, ſie in mei⸗ ne Arme zu ſchließen, und gewiß wäre dieß geſche⸗ hen, hätte ſie durch die letzten Worte mich nicht ſelbſt wieder an das Urtheil der Menge und die Warnungen meines kühler prüfenden Verſtandes erinnert.“ „Doch was mir dieſer auch einfliſtern mochte, ich war dennoch an ihr und mir völlig irre gewor⸗ den. Höchſtens einen alltäglichen, fein gewendeten 20 Roman hatte ich zu hören erwartet! eine ſehr ein⸗ fache Geſchichte, aber mit den ſprechendſten Zügen der Wahrheit, wie ſie kaum zu erkünſteln iſt, ward mir gegeben. Entſchuldigungen, Beſchönigungen, gleiß neriſchen Betheurungen hatte ich entgegen ge⸗ ſehen; aber Ulrike geſtand ein, wie tief ſie geſunken war, und zeigte mir ohne ſich irgend einen Verdienſt dabey zuzueignen, wie es ihr möglich geweſen ſey, ſich wieder der Verderbtheit zu entreißen. Ubrigens ent⸗ räthſelte ihre Geſchichte doch auch, wie ſie zu dem Grade von Bildung gelangen konnte, der aus je⸗ dem ihrer Worte hervorleuchtete, und ſie hatte ge⸗ wiſſe Stimmungen des Geiſtes erwähnt, die man ſchwerlich anders kennt, als aus eigener Erfahrung; zu dem lag in ihrem ganzen Weſen ſo viel Edles, in ihrer Stimme ſo viel Wahres, in ihrem Blicke ſo viel Unerſchrockenheit, daß kaum bey der ver⸗ ſchmitzteſten Buhlerinn, kaum bey der in das La⸗ ſter ganz Verſunkenen ein ſo überreichliches Maß von Verſtellung zu vermuthen ſtand; überdieß ſchwebte auf ihrem Geſichte keine Furche, wie ver⸗ worfene Leidenſchaften ſie ziehen, und auf ihren Wangen blühte die Farbe der Geſundheit.“ „Um mich weder ſelbſt zu übereilen, noch Ulri⸗ ken unverdienter Weiſe zu quälen, hielt ich ſchleu⸗ nige Flucht für das Beſte.„Ich danke dir dafür, liebe ulrike, daß ich wieder an dich glauben, daß ich wieder mit Herzlichkeit an dich denken darf! 2 Recht bald, vielleicht morgen hoffe ich dich wieder * 208 zu ſehen!“— mit dieſen Worten küßte ich ihre Hand und entfernte mich, ohne daß ſie mich zurück⸗ hielt, aus dem Garten.“ »Als ich vor der Thüre ſtand, fand ich wich nicht im mindeſten geſtimmt, nach Hauſezu gehen. Ich ſchweifte einige Stunden im Felde herum, blieb den ganzen Abend zerſtreut und brachte die Racht äußerſt unruhig zu.“ »Aber was geht es dich an,*— fragte ich mich am Morgen—„ob Ulrike tugendhaft oder laſter⸗ haft iſt? Will irgend jemand, will ſie ſelbſt wohl die ehemahlige, von ihr ja für Thorheit anerkannte Zuneigung geltend machen 2*— Es war, als ſpotte etwas im tiefſten Hintergrunde meines Herzens über dieſe Frage und— damit ich dir nicht allzu lange die Zeit raube— noch war kaum der Nach⸗ mittag da, als ich wieder an die Breterwand pochte und Ulrike nach der Gatterthür flog, ſie für mich zu öffnen. Auch ſie ſchien wie von einer unwiser⸗ ſtehlichen Macht zu mir hingezogen zu werden, ob⸗ ſchon wir uns dieß nie eingeſtanden und nie weiter etwas von Vergangenheit und Zukunft ſprachen, ſondern bloß in der Gegenwart lebten.“ „Schon war die ehemahlige zarte Vertraulich⸗ keit nicht bloß hergeſtellt, ſondern auch ſo erhöht, daß ich nicht wohl einen Tag leben konnte, ohne Ulriken zu ſehen, als mir meine Schweſter mit gut⸗ meinender Beſorgniß einige bedeutende Winke gab. Nach dem, was ſie mir, obwohl mit der größten 209 Schonung, errathen ließ, war die allgemeine Stim⸗ me längſt darüber einig, daß Ulrike ſchon von ih⸗ vem ſechzehnten Jahre an zu den Verworfenen ih⸗ res Geſchlechtes gehört, dann aber einige Jahre als des Barons Moitreſſe und zvletzt ſogar in Straßburg in einem berüchtigten Hauſe gelebt habe.“ „Was geht es mich an?— ſagte ich erbittert zu mir ſelbſt.—„Nein! über mein Vermögen, über mein Herz, über meine Ruhe kann ich ſchal⸗ ten und walten, aber nicht über meine Ehre!“ So hatte ich denn den Stab über ſie und mich gebrochen; doch blieb ich ſtandhaft bey dem einmahl gefaßten Entſchluſſe. Ich benutzte bey Ulriken eine Neiſe, die ich ſchon vorher auf acht Tage beſchloſ⸗ ſen hatte, zu dem Vorgeben meines gänzlichen Wie⸗ derabgangs. Auch jetzt noch blieb ſie ſich vollkom⸗ men gleich. Sie nahm auf das zärtlichſte, doch dem Anſcheine nach ohne tief eindringenden Schmerz, von dem geliebten Jugendbekanten Abſchied, und dankte mir für die frohen Stunden, die ich ihr ge⸗ ſchenkt habe,„vielleicht ihre letzten;“ ſonſt kam kei⸗ ne Klage, keine Bitte, zu bleiben oder ſie nicht ganz zu vergeſſen, kein Vorwurf über ihre Lippen.“ »Hatte ich Hartherziger geglaubt, bey dieſer Trennung müſſe ſich ihre Abſicht, mich mit ihrem Netze zu umſpinnen, verrathen; ſo war ich jetzt ra⸗ ſend genug, ſie kalt und gefühllos zu nennen.“ „Dennoch brannte es während meiner Reiſe un⸗ aufhörlich unter meinen Sohlen, wie in meinem 210 Herzen. So ſehr ich mich anſtrengte, ihr Andenkeu zu verbannen: ihr Bild ſtand unaufhörlich vor mir und, wie ein Lichtſtrahl von oben, ſiel endich der Gedanke in meine Seele, daß es wohl nicht un⸗ möglich ſey, die Wahrheit oder Falſchheit ihrer Er⸗ zählung an's Licht zu ziehen. Vielleicht lebt der Geiſtliche noch, ſagte ich zu mir ſelbſt, mit dem ſie bey der Baroninn bekannt worden ſeyn will, und wäre auch dieſer geſtorben, ſo wird ſie doch nicht umhin können, Einen oder mehrere Andere anzuge⸗ ben, die von ihrem dortigen Aufenthalte wiſſen. Warum ſollten dieſe ſich weigern, auf Erſuchen für oder wider ſie zu zeugen?“ „Dieſer Einfall, der ſo nakürlich war, daß ich mich wunderte, nicht längſt darauf gekommen zu ſeyn, ließ mir von nun an keine Ruhe, und— warum ſoll ich's längnen? die Hoffnung, Ul⸗ riken ganz gerechtfertigt zu ſehen, verbreitete wieder einen roſigen Schimmer über mein eigenes Leben. „Ich beſchleunigte mein Geſchäft und kam ſchon am Abende des fünften Tages nach F' zurück. Da ich abgeſtiegen war und durch eine lange Lin⸗ denallee nach dem Hauſe meiner Schweſter ging, begegnete mir Ulrike am Arm einer bejahrten Ver⸗ wandten, die jetzt bey ihr wohnte.“ „Was es auch gekoſtet hätte, ich konnte mich nicht enthalten, ſie anzureden! Ich brauchte den Vorwand, daß ein unterwegs erhaltener Brief mich 211 nochmahls zurück geführt habe; ſie ſchien es ohne weiters zu glauben. Wir traten zuſammen und plauderten, wegen Anweſenheit der dritten Perſon, ziemlich gleichgültig, obwohl die Frage nach dem Nahmen des Geiſtlichen immer anf meinen Lippen ſchwebte; doch faßte ich Ulrikens Hand und drückte ſie insgeheim auf das zärtlichſte.“ „Als wir ſo bey einander ſtanden, geſellte ſich, ohne nur den Hut zu ziehen, ein junger, ſtamm⸗ hafter, ſchwarz gekleideter Mann zu uns, drängte ſich ziemlich unhöflich zwiſchen mich und Ulriken, und nahm ſie beym Aem, um ſie nach ihrem Garten zu begleiten. Ich maß ihn mit den Augen und war im Begriffe, meine Empfindlichkeit zu äußern.— „Mein Bräutigam ſeit drey Tagen!“ ſagte ulrike ſehr ſanft und warf mir einen Blickzu, in welchem Himmel und Hölle lag.“ „Jetzt wares, als ſtürze ein Meer über mich zuſammen, in deſſen Wogen ich unterſinken müſſez ietzt erſt hatte das Schickſal entſchieden! Ich nahm, voll Erbitterung gegen die ganze Außenwelt, ſo kurz Abſchied, als nur möglich, und eilte zu meiner Schweſter.“ S „Doch dieſe war, in der gewiſſeſten Vorausſe⸗ tzung, daß ich erſt nach Verfluß einer Woche wie⸗ derkomme, mit ihrem Manne auf ein Landgut ge⸗ fahren. Eine ſonderbare Ahnung überlief mich, als ich mich jetzt im ganzen Hauſe unbeobachtet und, weil die Dienerſchaft im Vorderhauſe wohnte, ſo⸗ 212 bald ich wollte, allein wußte. Ich ließ mir, was ich etwa noch brauchen konnte, bringen und gab vor, mich aus Müdigkeit ſehr bald niederlegen zu wollen.“ »Da der Bediente fort war, kam ich faſt nicht von den noch dem Garten gewendeten Fenſtern. Es fing an zu dunkeln; ich ſah ulrikens weißes Kleid unter den Bänmen ſchirmmern. In einem Sprunge ſtand ich an der Gartenwand. Ich pochte, nachdem ich durch das Aſtloch geguckt hatte, leiſe mit dem Fin⸗ ger und rief:„Biſt du allein, Ulrike 2—„Ich bin's;“— antwortete ſie ängſtlich—„nur meine Muhme iſt oben im Hauſe!“— Das Weingelän⸗ der war augenblicklich überſtiegen.—„Du biſt Braut, Ulrike 2*— rief ich heftig und zog ſie wie ein Roſender an meine Bruſt.“ „Und warum nicht?“— antwortete ſie mit der tiefſten Wehmuth. Sie erzählte mir nun, ihr Bräutigam ſey lange Zeit bey ihrem Vater erſter Marqueur geweſen und habe ihr ſchon früher ſeine Hand angetragen; jetzt ſey ſein alter reicher Vetter in B' verſtorben und habe ihm ein großes Hotel hinterlaſſen; ihr Vater ſey dem Vetter ſchuldig ge⸗ weſen; der Reffe habe ſeine Werbung wiederhohlt und zugleich mit Arreſt gedroht; ſie habe eingewil⸗ ligt, ſich zum Opfer für ihren Vater dahinzugeben, ob ihr Bräutigam gleich mit einer gewiſſen, im Weltlauf erworbenen Verſchmitztheit, das roheſte und heimtückiſchſte Herz verbinde.“ 213 „So lange ſie noch ſprach, hatte ſie ſich gezwun⸗ genz jetzt war ihre Kraft dahin. Ihr Kopf ſank auf meine Schulter. Sie brach in zahlloſe Thränen aus. Vor mir ſtand es mit Flammenſchrift:„Sie fällt als ein Opfer für dich; vor fünf Tagen konnteſt du ſie noch retten, aber du warſt Unmenſch genug, ſie mit kaltem Blute von dir zu ſtoßen!“ „Ich muß über das Zunächſtfolgende ſchnell hin⸗ weg eilen. Kann dir die Erfahrung entgangen ſeyn, daß ein heftig gereitztes, bis zur Verzweiflung ge⸗ brachtes Herz jeder Leidenſchaft, auch der verbreche⸗ riſchen, nur um ſo offener iſt 2— »Wir gingen, weil der Thau fiel und es völlig dunkel wurde, auf Ulrikens Zimmer; ihre Tante war ſchon zu Bette. Wir, ſaßen feſt umarmt unt verklagten das Schickſal. Das Licht brannte tief herunter; die Zukunft lag düſter vor uns ausgebrei⸗ tet; der Augenblick warunſer! Ulrikens Schönheit, meine unſinnige Leidenſchaft, ihr nur noch leiſe da⸗ gegen kämpfendes beſſeres Gefühl, die geheimniß⸗ volle Nacht, die Gluth zweyer, einſt kindlich ver⸗ trauten, jetzt mit jener Zeit ſich verrätheriſch täu⸗ ſchenden Herzen— ichverließ Ulriken nicht ſo ſchuld⸗ los, als ich zu ihr gekommen war!“ »Ulrike machte mir keine Vorwürfe, ſondern nannte ſich allein und doppelt ſtrafbar. Dennoch riß die erregte Sinnlichkeit, ulrikens Liebe gegen mich, die Verachtung gegen ihren Bräutigam, uns noch zu mehreren, nicht minder unerlaubten Zuſammen⸗ 214 künften hin. Wir lebten, wie in einer immerwäh⸗ renden Verblendung, oder das Verhängniß hatte die Schuldigen ſchon zu feſt ergriffen, um ſeine Opfer wieder entſchlüpfen zu laſſen. Ich vergaß al⸗ les; ich achtete, da meine Schweſter zurückgekehrt war, nicht einmahl auf die Forderungen des An⸗ ſtandes und des Gaſtrechtes. Dos Weingeländer, das den Knaben zu unſchuldigen Spielen getragen hatte, diente dem Manne als Leiter zur Ausübung eines Raubes.“ Doch ſo liſtig ich auch zu ſeyn glaubte, ſo ver⸗ borgen vor jedermann ich meine nächtlichen Wan⸗ derungen hielt, irgend jemand mußte mich beym überſteigen belauſcht haben. Ulrikens Vater befahl ihr in die Stadt zu ziehen; Emilie ergriff ſanft bit⸗ tend meine Hand, zeigte auf die Gartenwand und ſprach wehmüthig, mit einem warnenden, auf ih⸗ ren, uns nicht bemerkenden Gatten gerichteten Blick: „Bruder!“ „Ich war unverſchämt genug, den Unwiſſenden zu ſpielen, ohne daß ſie weiter in mich drang. Ihr, nicht auf überzengung deutendes Schweigen reitzte mich zu der Vermeſſung, daß ich in emigen Tagen abreiſen, und Ulrike nächſtens getraut werde.“ „Mein Herz zitterte, als ich auf mein Zimmer kam. Abreiſen wollte ich und Ulriken ihrem Schick⸗ ſal überlaſſen? abreiſen ſogar, ohne ſie noch ein⸗ mahl zu ſehen? Nein, ich mußte ſie ſehen? mußte 215 ihr Genugthuung anbiethen, und hätte ich im fol⸗ genden Augenblick ſterben ſollen!“ »Es gelang mir nach mancher fehlgeſchlagenen Liſt, ihr ein Billet in die Hand zu ſpielen. Sie verſprach mir die letzte Zuſammenkunft in einem öffentlichen, einſt mit großen Koſten angelegten, jetzt aber verwilderten Luſtwäldchen.“ »Als ich ſie, mit genz herabgelaſſenem Schleyer, durch das raſchelnde Herbſtlaub auf mich zukommen ſah, ſtand mein Entſchluß feſt, mich nur als ihr Verlobter von ihr zu trennen. Ich hielt auch mich für reich genug, ihren Vater vom Untergange zu retten.“ „Aber kaum hatte ich ihr mit feuriger Veredſam⸗ ſamkeit meine Abſicht bekannt gemacht, als ſie er⸗ ſchrocken zurück trat.—„Nein, Ferdinand 1“— antwertete ſie—„nimmermehr! Mein guter Ruf war durch den Leichtſinn meiner Jugend unwieder⸗ bringlich verwirkt, als ich noch ſchuldlos war, und ich liebe dich zuuneigennützig, um deine Ehre Preis zu geben, um dich zum Bettler zu machen! Vor deinem Beſuch auf dem Zimmer hätte ich vielleicht wanken können; jetzt iſt es zu ſpät! Auch mit dir würde ich unglücklich werden, du mit mir! Das Gerücht würde nicht ruhen; deine Verwandten wür⸗ den mich als Verführerinn brandmarken; meine Nachgiebigkeit gegen dich würde dich ſelbſt in ſchwas chen Stunden verleiten, an mir zu zweifeln! Nur zum Abſchiede bin ich gekommen! Duwirſt manch⸗ „ 316 mahl an die Geſpielinn deiner Jugend, du wirſt⸗ auch an dieſe Stunden denken— und wie auch mein Loos falle, ich werde zufrieden ſeyn!“ »Bey dieſer Weigerung blieb ſie auch, ob ich ſchon flehentlich, ſelbſt ungeſtüm dringend, um Ab⸗ änderung ihres Entſchluſſes bath; ob ich gleich der Möglichkeit erwähnte, ihre Ehre wenigſtens im Kreiſe ihrer nähern Bekannten von jedem Verdacht zu reinigen. Sie nannte mir gleichgültig den Nah⸗ men des Geiſtlichen, zugleich aber erfuhr ich, daß mein Vermögen bey weitem nicht zureiche, die Schulden ihres Vaters zu decken. Der ſchon halb Verlorne hatte in den letzten Zeiten unſinnig in Lotterien gewagt, und war jetzt in der Hand ſeines ehemahligen Untergebenen.“ „So ſchieden wir denn von einander mit blu⸗ tendem Herzen, und ich nicht ohne Vermuthung, daß auf Ulrikens Hartnäckigkeit die Drohung der bos⸗ haften Wahrſagerinn noch immer einigen Einfluß habe. Mein Schmerz gränzte an Verzweiflung, und doch mußte ich ihn in mich ſelbſt verſchließen. Ich eilte aus F'*r, als verfolge mich die Hand der Rache, und hörte nach Vierteljahresfriſt, daß Ul⸗ rike verheirathet und mit ihrem Manne nach B*n gezogen ſey.“ „Eine Reiſe, die ich als Leibarzt des Fürſten von S. in die Schweiz und nach Italien machte, und angeſtrengte Beſchäftigung nach der Heimkunft⸗ gaben mir endlich einen Theil meiner Nuhe wieder. — 217 Das Leben hörte auf, mir unerträglich zu ſeyn. Ich richtete mich vollkommen ein, obwohl mit dem feſten Entſchluſſe, mich nie zu verheirathen. Da erhielt ich einſt früh Morgens um zwey Uhr durch Staffette eine Zuſchrift von unbekannter Hand⸗ Hier iſt ſie.* Ferdinand gab mir bey dieſen Worten den Brief aus ſeiner Brieftaſche, und ich las folgendes: „Ihre Schriften über——— und——— haben mich ſchon längſt einen Mann in Ihnen ken⸗ nen und achten gelernt, der, genährt von dem Geiſte der Alten und durch vielſeitiges Studium gebildet, mit dem brennendſten Eifer für das Wohl ſeiner Brüder auch eine höhere Anſicht des Lebens verbin⸗ det. So wage ich es denn im Vertrauen auf Jh⸗ ren Muth und Ihr Herz, Ihnen eine Nachricht mit⸗ zutheilen, welche Sie, wie ich vermuthen muß, zwar erſchüttern, aber, ſteht es anders in Ihrer Macht, zuverläſſig auch zur Rettung einer Unglücklichen auf⸗ rufen wird.“ „Die Gaſtwirthinn zum goldnen Adler, Ulrike * geborne*** aus Fr, iſt dieſe Unglück⸗ liche. Als hieſiger Gefangenarzt habe ich ihr Zu⸗ trauen gewonnen, und ſie beſitzt nicht nur mein innigſtes Mitleid, ſondern auch die lebhafteſte Be⸗ daurung der ganzen Stadt. Aus einigen flüchtigen Außerungen muß ich ſchließen, daß Sie einſt nä⸗ hern Antheil an ihren Schickſalen nahmen, als Arme zu entdecken wagt.“ unterh. Bibl. 3. Jahrg. 1. B⸗ K . . 218 »Nach einer höchſt unzufriedenen Ehe, nach Er⸗ duldung unzähliger unwürdigen Begegnungen, hat ein aufwallender, dem Wahnſinne ähnlicher Zorn ſie zum Verbrechen geleitet. Sie iſt als Mörderinn. ihres Mannes in Unterſuchung gerathen; das To⸗ desurtheil iſt über ſie ausgeſprochen. Nur noch acht Tage wird ſie, wenn nicht unerwartet ein rettender Engel erſcheint, des Lebens genießen, das für ſie keinen Reitz mehr hat.“ „Sie wiſſen nun das Schreckliche, und ich muß Ihnen anheim geben, was Sie thun können und wollen. An mir können Sie auf den thätigſten Beyſtand rechnen, ſo weit dieß Menſchlichkeit nur ge⸗ biethet,Ehre undPflicht nur geſtattet. Ich bin u. ſ. w.* „Entſetzlich!— rief ich nach Leſung dieſes Briefes aus und ließ, bleich vor Schrecken, das Blatt aus der Hand fallen. Ferdinand, der indeſſen ſtarr, mit verſchränkten Armen vor dem Bilde geſtanden hatte, wandte ſich mit heftiger Bewegung nach mir um.„Nicht wahr, entſetzlich?— O dieſe Ulrike, die ich oft als Knabe umarmt, die ich als Mann unſäglich geliebt, deren ſchuldloſem Wandel der afte, dem Grebe nahe Geiſtliche auf meine geheime An⸗ frage das ſchönſte Zeugniß ertheilt hatte— dieſe Ulrike, deren Verführer nur ich war, in deren Ar⸗ men mir ſelbſt die Sünde reitzend erſchien—— nicht wahr, du mußt auch um ſie weinen?“ Er warf ſich um meinen Hals, und lang entbehrte, Lalte Thränen ſtürzten aus ſeinen Augen. 219 Als er ſich erhohlt und wieder einige Faſſung erlangt hatte, ſetzte er, anfänglich in kleinen Ab⸗ ſchnitten, ſeine Erzählung fort: „Du kannſt leicht denken, daß der Brief des Gefangenarztes, ſo vorſichtig und theilnehmend er abgefaßt war, mich beynahe zu Boden ſchmetterte. Doch kaum kehrte die Beſinnung einiger Maßen zu⸗ rück, als ich, noch ehe es völlig tagte, nach Poſi⸗ pferden ſchickte und mich, wie ich ging und ſtand, in den Wagen warf. Ich ſchonte weder Bitten noch Geld, um auf das ſchleunigſte befördert zu werden, und als ich in B'** angelangt war, eilte ich unverzüglich zu dem Gefangenarzte.“ „Ich fand einen ſchon bejahrten, eben ſo ange⸗ nehmen als kenntnißreichen Mann, umringt von ſeiner Gattinn und einem Kreis blühender Kinder; er ſchien glücklich, nur die Ausübung ſeiner Amts⸗ pflichten, die ihn täglich in die Hütten der Armuth, in die Höhlen des Unglücks, der Verzweiflung und des Wahnſinnes riefen, mochte das Wölkchen me⸗ lancholiſchen Trübſinns über ſeine offene Stirn ver⸗ breitet haben.“ „Er führte mich ſogleich auf ſein Zimmer, und ich ſoh ihm nur zu deutlich an, daß er über meine, obwohl erwartete Gegenwart nicht wenig betroffen war. Ich bath ihn, mir vor allen Dingen etwas Genaueres von den Umſtänden, unter welchen die That verübt worden ſey, mitzutheilen, und er war im S mir hierüber die vollſtändigſte Auskunft W zu verſchaffen. Freylich ſchien er, durch Ulrikens klu⸗ ges, mich ſchonendes Benehmen irre geführt, davon keine Ahnung zu haben, wie tief manches in meine Seele ſchnitt! Ich gebe dir nur das Hauptſachlichſte:“ „Ulrikens Mann, ob ihm wohl die üble Nach⸗ rede, die ſie verfolgte, kein Geheimniß ſeyn konnte, hatte ſich gleich vom Anfange her als der eiferſüch⸗ tigſte, aber auch als der herzloſeſte Tyrann gegen ſie benommen.“ „Da die Schönheit der jungen Wirthinn auch in B' nicht überſehen wurde; da ihr Verſtand und feines Benehmen jedermann für ſie einnahm; da übrigens der Ruf, in welchem ſie in ihrer Va⸗ terſtadt ſtand, allmählich auch in ihren neuen Auf⸗ enthaltsort drang: ſo war es nicht zu verwundern, daß, ungeachtet der Strenge ihrer Sitten, doch je⸗ der der einkehrenden Fremden lieber mit ihr, als mit ihrem unwiſſenden und ungefälligen Manne, verhandeln mochte, ja, daß ſich vielleicht Mancher zu gewiſſen Vertraulichkeiten für berechtigt hielt, wozu ihr jetziges Betragen nicht den mindeſten An⸗ laß gab. Ihr Mann, der jeden ihrer Schritte be⸗ wachte, ward hierdurch unglanblich erbittert und behandelte ſie wie die gemeinſte Elende. Seine Bosheit, mit einem ſchmutzigen Geitz verbunden, verdammte ſie zu den niedrigſten Arbeiten und ord⸗ nete ſie ſogar ſeiner Mutter unter, die in ihrem Charakter alle Abſcheulichkeiten eines böſen altem Weibes vereinigte.“ — 121 „So empörend dieſe Lage für Ulriken ſeyn mußte, die, einſt in der Baroninn Schloſſe ganz an⸗ dere Tage verlebt hatte, ſo ergab ſie ſich doch darein mit faſt beyſpielloſer Geduld; ſelbſt die geringſten Aufwärter und Mägde trugen Mitleid mit ihr und dienten ihr williger, als der übrigen Herrſchaft.“ „Endlich wurde ſie— einen Monath zu früh— entbunden!— Sieh mich nicht an, Freund'“— unterbrach ſich Ferdinand ſchaudernd—„mein Verbrechen hat ſie dem Schwerte überlie⸗ fert—— „Laß mich einen Schleyer über die Qualen wer⸗ fen, die Ulrike von nun an erdulden mußte. Ihr Mann, der vielleicht jetzt Manches, was ihm frü⸗ her zu Ohren gekommen, verglich, der vielleicht ſo⸗ gar den Abend, an dem wir auf einander getroffen waren, in ſein Gedächtniß rief, war unmenſchlich genug, ſelbſt der unglücklichen Mutter nicht zu ſcho⸗ nenz ein heftiger Arger verurſachte den Tod ihres Kindes.“ »Als Ulrike ſich einiger Maßen erhohlt hatte, wies er ihr die Beſorgung der Küche zum immer⸗ währenden Geſchäft an und belegte ſie bey jeder Zwiſtigkeit, oft ſelbſt vor den Ohren der Mägde, mit den gemeinſten, pöbelhafteſten Schimpfnahmen. Sie erniedrigte ſich mehrere Mahle, ihn auf ihren Knien um Scheidung zu bitten; aber er antwor⸗ kete:„Lebte dein Vater noch, meinethalbenz aber ſo will ich für mein vieles Geld wenigſtens eine 222 Magd haben, die nicht entlauſen darf!“ Die Schwie⸗ germutter ſchlug dazu ein teufliſches Gelächter auf. — Alles dieſes ſind Thatſachen, durch glaubwürdige Zengen vor Gericht eidlich erhärtet!“ „Einſtmahls entſtand zwiſchen ihr und der Schwiegermutter beym Anrichten der Speiſen eine Mißhelligkeit, und die letztere rufte ihren Sohn zu Hülfe. Dieſer herzloſe Unmenſch, durch einen Zank mit einem Fremden eben heftig gereitzt, vergaß ſich, ohne auf etwas zu hören, ſo weit, daß er Ulriten ins Geſicht ſchlug, was er bis jetzt noch niemahls gewagt hatte. Kalt, ohne ein Wort zu ſagen, wandte er ſich um und wollte gehen; aber Ulrike kannte ſich nicht mehr.“ „Verflucht ſey dieß Leben!“ rief ſie von Zorn glühend und warf ihm das Vorlegemeſſer nach, das ſie zufällig in der Hand hielt. Ein böſer Geiſt lenkre den Wurf; es drang durch den Rücken und ſtreifte das Herz. Der Mann ſtarb in wenig Stunden. „Kaum war die That geſchehen, als ulrike, ohne einen Laut von ſich zu geben, ſich ruhig nie⸗ derſetzte und es abwartete, bis die Gerichtsperſo⸗ nen ſie abhohlten. Sie geſtand Alles bey der erſten Vernehmung und führte nichts zu ihrer Entſchuldi⸗ gung an, als daß ſie in dem ſchrecklichen Augen⸗ blicke nichts von ſich gewußt und nichts anders ge⸗ konnt habe.“ „War durch das Schreckliche dieſes Mords gleich anfänglich Jedermann wider ſie empört geweſen⸗ 223 ſo wurden doch, da man die genauern Umſtände er⸗ fuhr, Aller Herzen durch ihre Jugend, durch ihre Schönheit, durch ihre Sanftmuth, durch ihre Klug⸗ heit und Reſignation, womit ſie ſich benahm, zum innigſten Mieleid gegen ſie hingeriſſen. Von meh⸗ rern Seiten ſuchte man ihr Mittel und Wege zu Linderung ihrer Strafe an die Hand zu geben, doch vergeblich; ſie ſelbſt that nie einen Schritt, ihr Le⸗ ben zu retten.“ „Das Erlenntniß brachte der Thäterinn Hin⸗ richtung mit dem Schwert und Flechtung des Kör⸗ pers aufs Rad, und der Landesherr unterſchrieb ihr Todesurtheil ungeachtet bedeutender Vorſprache, weil in den letzten Jahren mehrere ähnliche Ver⸗ brechen verübt worden waren, die den Arm der ſtrafenden Gerechtigkeit zu ſchreckenden Beyſpielen auffoderten.“ „Der Todestag wurde angeſetzt, und man be⸗ ſtürmte faſt das Gefängniß, die ſchöne Männermör⸗ derinn noch zu ſehen. Sie wußte den ſie beläſtigen⸗ den Blicken der Neugier nicht anders zu entgehen, als daß ſie ihre, bey dieſen Umſtänden freylich nicht zu verwundernde Geſundheitsſchwäche geltend machte. Dieß brachte ſie mit dem Gefangenarzte zuſammen; Opfer, welche die Gerechtigkeit tödten will, dür⸗ fen nicht ſterben!“ „Die menſchenfreundliche Behandlung des Arz⸗ tes, vielleicht auch ſeine, der meinen ähnliche Be⸗ ſchäſtigung, öffnete gegen dieſen ihr, fonſt gegen 224 Jedermann, ſelbſt gegen die ihr zugeordneten Geiſt⸗ lichen, verſchloſſenes Herz. Sie fragte ihn, wie bey⸗ läuſig, ob er wohl einen ſeiner Collegen Nahmens **** kenne, und dann, als er dieß bejahte, ob es wohl möglich ſey, daß mir von ihrer Hinrichtung, etwas bekannt werden könne 2“ „Dieß hielt der Arzt nicht für unwahrſcheinlich und ſie fagte gelaſſen:„Ich wünſchte es nicht!“ „Als der Arzt, hierdurch aufmerkſam gemacht, weiter in ſie drang und die Urſache wiſſen wollte, antwortete ſie nichts weiter, als:„Nein, ich wünſchte es nicht— er hat mich in früher Jugend gekannt— jetzt darf er es nicht wiſſen! Aber an ihn ſchreiben möchte ich wohl— wollten Sie dieſen Brief beſtellen— Da der Arzt dieß verſprach, ſchien ihr eine Laſt vom Herzen zu fallen.—„Ich danke Ihnen“— ſagte ſie lächelnd—„Nun weiß ich mein Haus beſtellt.“ „Als der Gefangenarzt bis hieher mit ſeiner Erzählung vorgerückt war, drang ich in ihn, mir den Brief einzuhändigen. Er verſicherte aber, ihn noch nicht in Händen zu haben.“ „Ich beſchwor nun meinen neuen Freund— denn ſeine gefühlvolle Theilnahme an Ulrikens Schickſa⸗ len hatte unſere Herzen ſchon nach Verlauf einer Stunde einander unendlich nahe gebracht,— mir zu rathen, wie ich etwas, wär' es auch das üu⸗ ßerſte, zu ihrer Rettung beytragen könne, oder mir wenigſtens zu einer Zuſammenkunft mit ihr zu ver⸗ —————— 225 helfen. Er verſprach das letztere, wenn er vorher Ulriken befragt; wegen des erſtern verwies er mich an ihren Vertheidiger, über deſſen Geſchicklichkeit undEifer in der ganzen Stadt nur Eine Stimme ſey.“ „Ich verfügte mich augenblicklich zu dieſem. Er ſchien mir faſt noch ein Jüngling, war ſehr hager und faſt bis zur Unſtätigkeit lebhaft, eine Flamme, die ſtets aufzulodern drohte; das Genie leuchtete aus ſeinen tiefliegenden blitzenden Augen; ſeine Um⸗ gebungen kündigten ihn als einen enthuſtaſtiſchen Freund auch jener Wiſſenſchaften und Künſte an, die das Leben verſchönern. Als ich ihn mit meinem Anliegen bekannt machte, ſtarrte er mich an und erbleichte. Er preßte meine Hand feſt in die ſeinige und rief bis ins Innerſte erſchüttert:„Ich hätte für meine Schweſter nicht mehr thun können— ich kannte ſie ſchon, da ſie noch für die ſchönſte Frau dieſer Stadt galt— ich bin ruhig— ſeyn Sie es auch— es iſt alles vergebens!“ „Ich drang in ihn, noch eine Bittſchrift zu fer⸗ tigen, kurz, wie ſie ſeinem Herzen entſtröme; ich ge⸗ ſtand ihm ſelbſt meine Schuld ein, die ſein Scharf⸗ blick ohne dieß zu errathen ſchien; ich rief ihn auf, Gebrauch von meinem Geſtändniſſe zn machen, wenn dieß etwas fruchten könne; ich erboth mich, die Vor⸗ ſtellung ſelbſt an den König zu überbringen.* »Umſonſt, umſonſt!“— rief er auf's neue— „der König kann und wird nicht wollen, und wollte 225 er auch, es iſt zu ſpät! Der König iſt vorgeſtern zur Nevüe abgereist; ſelbſt ein Courier könnte in ſo kurzer Zeit nicht hin und zurück.“ „Bey dieſen Worten war er ſeiner Thränen nicht mehr mehr Meiſter; zwey einander Fremde lagen ſich, wie weinende Brüder, in den Armen. Irre ich nicht ganz, ſo nahm er an Ulriken ein faſt leidenſchaftliches Intereſſe.—“ „Soll ich dir nun noch das Weitere erzählen? Soll ich dir ſagen, wie ich ſann und mich faſt über⸗ ſann, ſie durch Liſt aus dem Kerker zu befreyen? wie ich tollkühn einen Verſuch machte, die Wächter zu beſtechen, der zu nichts führte und zu nichts füh⸗ ren konnte? wie ich nur mit vieler Mühe die Er⸗ laubniß von ihr erhielt, von ihr Abſchied zu neh⸗ men, doch auf ihr ausdrückliches, durch nichts ab⸗ zuänderndes Verlangen, nur in Gegenwart des Arz⸗ tes? wie ich, von der Todesangſt für ſie faſt zum Wahnſinn gebracht, ein Giftpulver in einem Strauße verbarg; wie der Arzt, durch mein Zittern auf⸗ merkſam gemacht, dieſen mit ſanft vorwerfendem Blick ſchnell an ſich nahm? wie ſie ſelbſt mit himm⸗ liſcher Ruhe durch Mienen zu erkennen gab, daß er dieſer Vorſicht bey ihr nicht bedürfe? wie ſie ſanft zärtlich, der Erde ſchon halb entrückt, mit mir ſtets nur wie mit. einem frühen Jugendfreunde ſprach und jedem drohenden Ausbruch meiner Empfindung mit klarer Veſinnung zuvorkam? wie ſie mir ein . ——————— 227 Schleife von ihrem Sterbekleide ſchenkte? Soll ich dir die fürchterlichen Zurüſtungen ſchildern, die ſich noch immer vor meinen Augen bewegen?— „Was ein Mann tragen kann, habe ich getra⸗ gen! Sie duldete den Tod um meinetwillen; ſollte ich ihr vielleicht mich ſuchendes Auge mich im Tode verniſſen laſſen? ſollte ich es Andern glauben, ob ihre Marter kurz oder qualvoll geweſen ſey.“ »Wie ängſtlich mich auch der Arzt bath, was er mir auch vorſtellte, ich ließ mich nicht davon abhal⸗ ten; er und ihr Vertheidiger, der mir an Geiſtes⸗ ſtärke nicht weichen wollte, nahmen mich in ihre Mitte; unter dem erdichteten Vorgeben eines an⸗ zuſtellenden Galvaniſchen Verſuchs wurde es dem fremden Arzte geſtattet, ſich dem Schaffot zu nähern.“* „Ihr langſames Herannahen, die Gelaſſenheit, mit welcher ſie, eben ſo entfernt von theatraliſchem Anſtand, als von niedriger Zaghaftigkeit, dem Tode entgegen ging, erregte in allen Anweſenden laute Ausbrüche des Bedauerns; wenig Augen blieben trocken. Als ſie das Schaffot betrat, legte ſie ihre Hände glatt zuſammen und ſah mit unverwandten Augen gen Himmel; das Irdiſche ſchien vor ihr verſchwunden. Sie befeſtigte ihr langes blondes Haar, das man auf ihr Bitten verſchont hatte, ſelbſt auf den Scheitel, und faltete dann wieder die Hände, als man ihr die Augen verband. Ein Schwert⸗ ſtreich machte ihrem Leben und Leiden ein Ende.“ „Schon mit dem Zücken des Richtſchwerts nach 228 dem blendenden, ſonſt oft mit meinen Küſſen be⸗ deckten Nacken, fühlte ich meine erzwungene Stand⸗ haftigkeit weichen und nur bis zum Fallen des Hiebs reicht meine Beſinnung. Meine Begleiter haben mich ſchnell in einem ſchon bereit gehaltenen Wagen davon gebracht.“ „Aus leicht zu errathenden Gründen hat man den Körper gleich nach der Hinrichtung begraben und nur das Haupt auf das Rad— ich kann es nicht ausfagen! Dort hab ich nie ihn geſehen, aber er iſt auch nicht lange dort geblieben. Die Vermit⸗ telung meiner Freunde und eine Geldſumme, die ich ſehr gern verhundertfacht hätte, brachte ihn in meine Hände. Dort liegt er unter dem Todten⸗ tuche. Es iſt mir das Liebſte von Allem, was ich beſitze.“ Da ich Ferdinanden am folgenden Tage wieder beſuchen wollte, war er in der Nacht abgereist. Nach Verfluß eines halben Jahres erhielt ich die Nachricht, daß der Tod ſeinem Gram ein Ende ge⸗ macht habe. Seine und Ulrikens Geſchichte, nicht zufrieden, bloß zu unterhalten, dürfte dem reiferen Nachdenken manche inhaltſchwere an die Hand biethen. V. SPie Nſ Vaßt mir doch ja den Herbſt in Ehren— ſchrieb Huldberg an ſeine Geſchwiſter in die Heimath— oder rüſtet euch zu einer recht ernſtlichen Fehde! Wär' ich nur ſonſt von der Meiſterſchaft nicht ſo weit noch entfernt, ich würde es jetzt ordentlich darauf anlegen, einſt„der Herbſtmahler'“ zu hei⸗ ßen. Gerade meinem Fenſter gegenüber breiten ſich Weingebirge aus, wie ein Wald von Thyrſusſtä⸗ ben, von jubelnden Bacchantinnen mit Rebenkrän⸗ zen umwunden. Zu meiner Rechten zieht ſich ein dunkler Eichenforſt hin, der mit ſeinen welkenden Blättern ganz und gar einem grünen, mit roth⸗ güldenen Arabesken durchwirkten Teppiche gleicht. Dann zur Linken rauſcht ein niedliches Birkenbüſch⸗ chen und in dem Büſchchen kerhebt ſich, von Stroh und Schilf nett genug zuſammengebaut, eine Ein⸗ ſiedlerhütte, die zum Vogelheerd dient; und hin⸗ ter dem Büſchchen— kaum fünf hundert Schritte— ſchauet mit ſeinem runden Thurme ein graues, bü⸗ ſieres Haus hervor, das ehemahls, glaub ich, ein 232 Kloſter geweſen iſt; und in dem weiland Kloſter wohnt— ja! davon wäre vieles zu ſagen! »Doch damit ihr endlich erfahrt, woran ihr ei⸗ gentlich mit mir ſeyd, ſo wiſſet, daß der Fürſt, wie iedes Jahr gewöhnlich, in dieſem Herbſte eine Par⸗ forcejagd anordnete, und daß ich, in Hoffnung auf gute Ausbeute für meine Studien, mich entſchloß, dieſem Zuge auf eigene Hand beyzuwohnen. Ich packte außer den nothwendigen Kleidern nichts, als mein Mahlergeräth, ein; ein ausgemuſterter Jagd⸗ klepper, der mir ſchon von manchem frühern Ritt her als trefflicher Läufer bekannt iſt, ward gemiethet; frey, froh und rüſtig langte ich an Ort und Stelle an, und beſprach bey der raſchen Förſterinn in der ſilbernen Birke— dieß iſt ein Forſthaus, in dem zugleich Fremde bewirthet werden— ein hüb⸗ ſches Zimmer mit Licht und freyer Ausſicht, je nach⸗ dem es falle, auf Tage, Wochen oder Monathe. Hier treibe ich mich denn noch immer herum. Der zur Jagd angeſetzte Tag kam heran. Was man auch von der Grauſamkeit dieſes Vergnügens ſagen mag, das Rufen der Hüfthörner, der Anblick ſo vieler rüſtiger Jäger, Roſſe und Hunde, die Freyheit, der Muth, das Gefühl der Kraft, die Keckheit, die aus jedem Auge blitzen, verſetzen das Herz in die wohlthätigſte Wallung, man fühlt ſich der kleinen Gegenwart auf Augenblicke ent⸗ hoben, 233 Zum Helden des Trauerſpiels hatte man einen Zwanzigender erwählt, leicht, ſchlank und prächtig, wie ich noch keinen geſehen. Seine Flucht war die eines Königsſohns, der einem überlegenen Schick⸗ ſale weicht und noch im Fliehen bald ſtolz auf ſeine Verfolger zurück, bald um Rettung flehend zu den Göttern empor ſchaut. Doch bey Menſchen und Göttern galt kein Erbarmen. Fort, unaufhaltſam fort, durch's Geſträuch, durch die tief ſich ausbrei⸗ tenden Zweige hundertjähriger Rüſten und Buchen, durch bemooste Sümpfe, zuletzt durch einen ſpiegel⸗ hellen Teich, folgt das Hollah der wilden Jagd. Die Kraft des edlen Hirſches iſt erſchöpft— er ſchwankt— Er ſteht entathmet— mächtig ſtürzt er nieder; Noch vorwärts ſtrebt der Lauf, doch ſtarr wird ſchon der Blick; Zum Rücken ſinkt das ſproſſende Genick, Und das Geweih bohrt in die eignen Glieder. Doch ich will euch mein Jagdgedicht, das ich damahls im Geiſteempfing, ein anderes Mahl mitthei⸗ len, wenn ich mich erſt in der Weidmannsſprache etwas feſter geſetzt habe.— Jetzt, da ſchon die lech⸗ zenden Doggen gierig den Schweiß leckten, war meine Jagdluſt völlig gebüßt; es ward mir wun⸗ derbar weich ums Herz! Ich konnte den Anblick nicht länger ertragen. Auch auf mir, ſo wenig ich 234 Hand angelegt hatte, ſchien ein Theil der Blut⸗ ſchuld zu haften! Ich ritt langſam nach dem Jagdhauſe zu und — weiß der Himmel, zu welchen melancholiſchen Be⸗ trachtungen mich noch mein Gefühl geführt hätte, wäre nicht in dieſem Angenblicke aus dem weiland Klo⸗ ſter eine einfache, aber wunderliebliche Weiſe zu mir herübergeblungen. Ich erhob meine Augen nach dem Orte, von wo die Töne kamen, und erblickte auf einem Altane der langen Gartenmauer, der mit ſeinen Spitzbogen und gothiſchen Schnirkeln voll⸗ kommen zu dem Gebäude paßt, eine weißgeklei⸗ dete weibliche Geſtalt, ganz dazu geeignet, meine Blicke feſt zu zaubern. Doch zur Einleitung habt ihr für heute genug, und was ſich mit mir und der wunderholden Prin⸗ zeſſinn ferner zugetragen, follt ihr im nächſten Briefe erfahren! 2. Du erinnerſt dich wohl noch, liebe Schweſter Jette, daß ich in dein blondes Haar noch als Knabe ordentlich verliebt war und dir manchmahl den ge⸗ bührenden Reſpeet bloß in der Abſicht erwies, deine Locken ſtreicheln zu dürfen. Dieſe Zuneigung für das Blonde, das, wie mich wenigſtens dünkt, mit ſo manchem Charakteriſtiſchen unſerer edeln Abkunft immer mehr verſchwindet, hat ſich feit dem bey mir 235 nicht vermindert, und ich war längſt mit mir dar⸗ über einig, daß nur ein Blondinchen mein Herz feſ⸗ ſeln ſolle. Denke dir nun ſelbſt, ob ich mit meinem Fuchs Halt machte, als mein forſchendes Auge in der gothiſchen Niſche ein allerliebſtes Köpchfen ent⸗ deckte, das mit den geſcheitelten, lang herabhän⸗ genden Ringellocken, mit den großen blauen un⸗ ſchuldigen Augen, durchaus niemand andern, als geradewegs einer Heiligen anzugehören ſchien! Ich erhob mich, ſo hoch und ſo leiſe ich konnte, in den Bügeln; das weiße Fräulein hatte des irren⸗ den Ritters noch nicht gewahrt, ſondern ſaß, un⸗ befangen vor ſich ſingend, Gott weiß, in wie tie⸗ fen Gedanken, und flocht lieblichtändelnd einen Kranz von rothen und blauen Aſtern. „Den Kranz mußt du haben,“— dachte ich augenblicklich—„und ſollteſt du darum betteln!“— Doch noch ehe ich zu Ausführung dieſer ſchnellen Idee vorſchreiten konnte, erhob das niedliche Blondchen die herbſtliche Sternenkrone mit beyden Händen, ſchaute gefällig zu ihr empor, drückte ſie dann auf den Kopf und ſprang, ohne mich auch nur mit ei⸗ nem Auge zu ſehen, die Altantreppe hinab. „Wer mag der Glückliche ſeyn,“— fragte faſt grämelnd und eiferſüchtelnd mein Herz—„dem zu Liebe ſich die Liebliche alſo ſchmückte 2“— Das ganze fürſtliche Jagdgefolge ſtand, wie ein Heer verhaß⸗ ter Nebenbuhler, vor meiner Seele. Aber ſo ſehr mich dieſe Vorſiellungen verſtimmten, ſo ſiel mir 36 doch auch ein, daß es mir, als einem ermüdeten Reiſenden, ja verſtattet ſeyn werde, in dieſem Hauſe an der Heerſtraße um einen Trunk Waſſers zu bit⸗ ten, und— ſchnell war mein Pferd an ein Sta⸗ cket gebunden. Der Garten, in den ich nun trat, ſchien dem weiland Kloſter an alterthümlicher Steifheit nicht im mindeſten nachzuſtehen. Hohe, fächerartig ge⸗ ſchnittene, doch ganz verwilderte Buchenwände, wuchernde Neſſelſträuche, und hier und da ein ver⸗ fallenes weiland Luſthaus, zeigten eben nicht von großer Gartenliebhaberey des jetzigen Bewohners; nur ganz im Hintergrunde zeigte ſich ein Blumen⸗ berg mit Sonnenroſen, Malven und andern Herbſt⸗ blumen über und über bewachſen. Doch was gingen mich jetzt alle Reſſeln und Blumenberge der ganzen Welt an? die gegenwär⸗ tigen zogen nur darum meine Blicke an, weil ja das Blondchen unmöglich ſchon in's Haus zurück, folglich noch in irgend einer dieſer Alleen anzutref⸗ fen ſeyn mußte. Ich hatte mich nicht gelrrt! Nachdem ich meh⸗ rere Gänge durchſtrichen war, entdeckte ich das wei⸗ ße Fräulein, doch ach! in dertragiſchen Verrichtung. einen— Leichenſtein zu bekränzen. S Nicht wahr, ihr ſeyd nach meinem vorigen Briefe auf empfindſame Scenen gefaßt? Das Klo⸗ ſter iſt da; Kränze und Grab ſind vorhanden; der keuſche Mond ſcheint überall; an zwey zärtlich füh⸗ lenden Herzen ſcheint es auch nicht zu mangeln; mithin wäre ja der ganze Apparat zu einem Roman aus der Blüthenzeit unſerer Vätter und Mütter in Bereitſchaft!— Ber Anblick des blonden Fräuleins beflügelte meine Schritte; mein Herz ſchlug unruhig; meine Stunde war allem Anſcheine nach gekommen! Das Rauſchen der herbſtlichen Blätter unter meinen Fü⸗ ßen und mein klirrender Spornentritt machten die Schöne endlich aufmerkſam; ſie erhob ſich ſchnell von dem Grabſteine und trat mir, wie es ſchien, über meine Gegenwart ein wenig verwundert, doch ſanft und freundlich entgegen. »Was wünſchen Sie 2*— fragte ſie, ſich ein wenig zu mir neigend, mit geſenktem Blicke. Ich nahm meine ganze Keckheit zuſammen, was mir denn bey einem ſo holden Kinde der Na⸗ tur nicht eben ſchwer werden konnte.—„Jenen Kranz“— antwortete ich—„den Sie eben auf der Altane wanden! Ich bin ein leidenſchaftlicher Blumenfreund und mahle oft welche nach der Na⸗ tur. Müßte ich nicht fürchten, dieſe Aſtern einem gliebten Todten zu entziehen, ſo—“ 236 „Seyn Sie deßhalb unbeſorgt“— verſetzte das Mädchen mit dem ſüßeſten Lächeln, das in ihren Roſenwangen zwey niedliche Grübchen erzeugte— „der Geiſt Alinens wird Sie nicht verfolgen! Nur ein Windſpiel der Fürſtinn, das ſie, glaub' ich, von einer Freundinn geerbt hat und, ich weiß nicht warum, durchaus in meiner Nähe begraben wiſſen wollte, liegt unter dieſer Trauerweide, und da es wohl ſeyn könnte, daß die Fürſtinn im Vorbeyfah⸗ ren hier anhielt, ſo wollte ich, wie ſchon öfters, einen Kranz auf den Stein legen. Sie iſt dann im⸗ mer ſehr gnädig gegen mich und nennt mich ein gu⸗ tes Kind. Doch iſt dieß eben nicht nöthig, und wenn dieſen Blumen ſonſt die Ehre widerfahren kann, gemahlt zu werden, ſo will ich Sie nicht darum bringen! Es muß recht hübſch ſeyn, gemahlt zu werden!* Sie nahm dabey den Kranz von der Stein⸗ platte, auf der ich die Worte: Aline, Mariavens und dann Julia's treuer Lieblinz las, und überreichte ihn mir mit einer ſchäkerhaf⸗ ten Verbeugung. Ich ſuchte mich mit dem Kranze auch der Hand zu bemeiſtern, aber die Holde ents — 239 zog ſich mir und wandte ſich nach dem Hauſe. Doch ſagte mir ein im Fortgehen zurückgeworfener Blick, daß ſie nicht auf mich zürne, und ſo beſtieg ich denn wieder, den erbeuteten Kranz, den ich anders nicht unterzubringen wußte, um den Hut und ſo ei⸗ nem Hochzeitbitter nicht unähnlich, mein ſcharren⸗ des Roß. 7 4 Es war gerade rechte Zeit geweſen, die ſenti⸗ mentalnaive Scene abzubrechen; denn noch war ich erſt eine kurze Strecke geritten, als das hinter mir erſchallende Getümmel die Ankunft des Hofes an dem Kloſterhauſe verkündigte. Meine Eiferſucht auf die goldbebrämten Jagdjunker und Jäger erwachte auf's neue, und ich langte ziemlich verdrießlich in meinem Gaſthauſe an, Die beſorgte Fr u Förſterinn hatte ſehr richtig berechnet, daß ich hungern werde, und brachte mir einige, ſchon halb verbrannte Repphühner und eine Flaſche für echten Burgunder ausgegebenen Land⸗ wein, mit eigener Hand auf das Zimmer. Ich er⸗ griff dieſe Gelegenheit, mich nach den Bewohnern des einſtmahligen Kloſters zu erkundigen, und er⸗ fuhr, der Herr Kloſtervogt, eine Art von Inſper⸗ tor der fürſtlichen Vorwerke, wirthſchafte dort bloß mit einer alten Prieſterwitwe und ſeinem einzigen Töchterlein, das— nun ja, ich glaubte das gern! 240 ein Ausbund von einem allerliebſten Kinde ſey!“ übrigens ſtehe der alte Braun bey dem Fürſten ſehr wohl angeſchrieben; die Fürſtinn ſey Pathe von ſeiner Tochter und wolle dieſe auch ausſtatten, weßhalb denn freylich ſchon viele Freyer mit einer langen Naſe wieder abgezogen wären! 5 Wenn meine ehemahligen Lehrmeiſter Rocht ha⸗ ben, ſo wird wohl aus meiner Kunſt im ganzen Le⸗ ben wenig werden, weil ich alles, noch dazu bald mit Farben, bald mit Worten mahlen will, wozu* mich das Herz treibt und daher nie auf ein einzel⸗ nes Fach ungetheilten Fleiß wenden kann. Seit ei⸗ nigen Tagen beſchäftige ich mich nun wieder, ſtatt mit Baumſchlag und Fernen, weßhalb ich eigentlich hieher kam, mit Miniatur und habe aus meiner Phantaſie Alfonſinen— ſo heißt die ſchöne Blonde im Kloſter— leidlich genug getroffen. Das ſeelenvolle Köpfchen und der ſchlanke Oberleib beugt ſich, wie damahls, da ſie nach den Aſtern aufblickte, aus dem Spitzbogen der Altane, wie aus einer Bil⸗ derblende, hervor; die hohe, offene Stirn mit den ſeitwärts von den Wangen zurückfallenden Locken und der farbige Sternenkranz, der, von ihr leicht gehalten, in den Lüften zu ſchweben ſcheint, gibt dem Bildchen etwas recht Bedeutendes, Andächti⸗ ges, möchte ich ſagen, und der kleine Umfang des 241 Blättchens iſt zum Grück für mich recht dazu geeig⸗ met, es in meine Brieftaſche aufnehmen zu können. Oft wenn ich jetzt ſpatzieren gehe und mit meiner Mappe bald auf einen Berg, bald unter einer al⸗ ten Eiche weile, wird das Taſchenbuch vorgenom⸗ men, und ich freue mich dann doch, daß ich noch 65 viel kann, als ich kann!— Doch glaubt nur nicht, daß ich euch das alles ſo ſchreibe, um bloß recht offenherzig zu beichten; wäre mein ländliches Abenteuer nicht durch das Gemählde wenigſtens um einen Schritt vorgerückt, ich hätte das Geſtändniß meiner Schwäche Vihr es ſo zu nenn halten! Daß in einem Birkenbüſchchen unfern meiner Herberge ein Vogelherd angerichtet iſt, hab⸗ ich euch, wenn ich nicht irre, ſchon gemeldet. Jetzt aber muß ich nachhohlen, was ich freylich ſelbſt erſt ſpäter erfuhr, daß der Herr Kloſtervogt vom Vo⸗ gelſtellen ein ſtarker Liebhaber iſt, und daß ich dieſe Liebhaberey für eine treffliche Gelegenheit anſah, nicht bloß an ihn, ſondern, wenn anders die Göt⸗ ker mir günſtig wären, wohl auch wieder an ſeine Kloſternonne zu gelangen. Ich ließ mir, um dieſen Zweck zu erreichen, nicht die Mühe dauern, den ganzen Bechſtein, den ich bey meinem Wirthe, dem Förſter, ausge⸗ ſpürt hatte, durchzuſtudieren und auf dieſe Weiſe mit dürftiger Vogelkenntniß und einigen Kunſtaus⸗ Unterh. Bibl. 3. Jahrg. 1. B. L — wenn en beliebt— wohl für mich be⸗ 242 drücken ausgerüſtet, trat ich bey einem nebligen Morgen getroſt meine Wanderung nach dem Vo⸗ gelherde an. Den Bericht von dem Anſpinnen und der Er⸗ weiterung unſerer Bekanntſchaft werdet ihr mir gern erlaſſen. Es lag in der Sache, daß mir mehr, als ihm, daran gelegen ſeyn mußte; deßhalb ließ ich mich durch ſein, anfänglich ziemlich kaltes und ſprödes Benehmen nicht zurück ſchrecken. Es gelang mir. Ich kenne ſeit dem die beſten Lockbeeren, weiß den Reitzufinken vom Würzgebühr aufs Haar zu unterſcheiden, conterfeye für Herrn Praun Eichelgabige und Grünſpechte und— ehegeſtern hat er mir gelegentlich erzählt, Alfonſine zeige ſeit einigen Tagen auch Luſt, einmahl auf dem Vo⸗ gelherde zu frühſtücken; ſie werde worgen wohl nachkommen! Rennt es nicht Eitelkeit, wenn ich alsbald be⸗ rechnete, daß ich eben auch ſeit einigen Tagen das, wie das Sprichwort ſagt, für manchen Junggtsſel⸗ len ſo verderbliche Vogelſtellerhandwerk getrieben habe; der Alte meinte ja ſelbſt, das Mädchen werde uns hier nur im Wege ſeyn; ſie könne keiner Taube den Hals umdrehen! Ich meiner Seits warwegen des im Wegeſeyns ganz anderer Meinung, und wußte es am andern Tage, obſchon unſere Richtung eigentlich gar nicht auf einander ſtoßen konnte, recht gut einzurichten⸗ vaß ich mit der lieblichen Alfonſine auf dem Wege 2 3 nach dem Vogelherde zuſammen traf. Gott! wie reitzend trat ſie in dem großen weißen Tuche, das ſie wegen des Morgennebels um ſich geworfen hatte, durch die Birken daher! wie nett ſchlugen ſich die feuchten Falten um ihre Arme, um den ganzen zart⸗ gebildeten Körper! wie lieblich ſchaute ihr Geſicht aus der Nonnenhülle hervor! Sie ſchien über mein Hierſeyn ein wenig ver⸗ wundert, ich über das ihrige; ſie machte einen Scherz daraus, ich auch; ſie gleitete auf dem etwas ſchlüpfrigen Waldwege über eine Wurzel, ich be⸗ mächtigte mich ihrer Hand und ließ ſie mir auch⸗ nach längſt überſtandener Gefahr nicht wieder ent⸗ ziehen. „Ich habe nun auch Ihre Aſtern gemahlt?— fing ich, ſo leicht, als es mir nur gelingen wollte, zu ihr an und drückte zugleich das liebe Irmchen etwas näher an mich.—„Darf ich ſie Ihnen zeigen 2“ Sie war etwas betroffen.„Ach ja!— ant⸗ wortete ſie recht ſanft, indeß der feinſte Zinnober ihre Wangen überzog. Ich griff nach meinem Ta⸗ ſchenbuche, ſch'ug das Papier um das Miniaturbild zurück und— wahrlich, jetzt feyerte auch ich ein⸗ mahl einen Triumph meiner Liebe zur Kunſt! „O das iſt ſchön; fein, zart und ſchön!“— ſtammelte Alfonſine verlegen—„nur zu ſchön, wenn—— Rein! ich will mich nicht verſtellen, ich müßte ſte durch eine Frage um die Deutung be⸗ 9 2 24⁴ leidigen, aber— Sie können denn doch ſchwerlich alles verantworten, was Sie dieſem verliehen haben.“—— „Alfonſine!“— antwortete ich—„könnte un⸗ mittelbar das Herz mahlen, ich glaube ſelbſt, dieß⸗ mahl wäre mir etwas gelungen!“ Unſere Augen ſuchten und fanden einander; aber war die Einſamkeit des Morgens, war die geheimnißvolle Dämmerung der Bäume daran Schuld, genug, wir geriethen beyde in ſichtbare Verwirrung und eilten ſchweigend, was wir nur konnten, nach der Hütte. Daß ich mich während des ländlichen Früh⸗ ſtücks an eine Göttertafel verſetzt glaubte, brauche ich euch wohl nicht zu ſagen. Wir ließen den Alten ſo oft nach dem Nohrvogel ſchauen, ſo oft das Retz rucken und Scharen von Finken den Kopf eindrü⸗ cken, als er wollte, und hatten übrigens gegen ſeine Erinnerung, uns recht ſtill zu verhalten und nur durch Zeichen zu ſprechen, nicht das mindeſte ein⸗ zuwenden. 6. um die Dreyzahl meiner Herbſtfreuden zu er⸗ füllen— denn von der Jagd und dem Vogelherd erzählte ich euch ſchon— muß ich nun auch der Weinleſe gedenken. Die liehliche Alfonſine kam noch einige Morgen in die Schilfhütte, und hatten wir 245 uns gleich noch kein Wörtchen weiter geſagt, ſtan⸗ den auch gleich unſere Blicke, wegen des doch ein wenig grämlichen Alten, immer auf ihrer Hut, ſo wußten wir doch im Ganzen ſo viel, daß wir ein⸗ ander nicht gram waren. Wenigſtens konnte auch ich hieran nicht länger zweifeln, da Alfonſine, un⸗ geachtet ihrer Sittſamkeit und wahren Taubenun⸗ ſchuld, es dennoch einzuleiten wußte, daß ich gele⸗ gentlich von ihrer Einladung zur Weinleſe auf den fürſtlichen Bergen etwas erfuhr. Dieſe Weinleſe iſt gewöhnlich für die Hofleute der mittlern Ordnung und für die ganze hieſige Ge⸗ gend ein Feſt; der fürſtliche Kellnermeiſter macht dabey den Wirth, und es ſind bekannte und fremde Gäſte willkommen. Sonach durfte ich es dem Herrn Kloſtervogk, der ſchon nach ſeiner eigenen Verſicherung ſich ſein Pfeifchen in meiner Geſellſchaft recht ſchmecken läßt. kaum von fern zu verſtehen geben, daß ich noch kei⸗ ner Weinſeſe beygewohnt habe, als er mich veran⸗ laßte, ihn zu begleiten.„Da ich ein Fremder, noch dazu ein Mahler ſey“— meinte er—„und dort in der Preſſe viel hochfürſtliche Bilder in Lebens⸗ größe aufgehangen wären, ſo würde dieß gar nicht auffallen. Sonſt müßte er ſich freylich wegen ſeiner Tochter, über welche die Fürſtinn ſich alles und je⸗ des hinterbringen laſſe, ein wenig in Acht nehmen!“ Ich verſtand den Wink, und Alfonſinens Wange glich, als er das ſagte, einem Scharlach. Doch fan⸗ — nwie uns leidlich genug zurecht, und von n noch beym Weggehen mit einem einzi⸗ deſto feurigern Blick eingeladen, erſchien en Morgen pünctlich auf dem ver⸗ c Schloſſe— wahrlich, das alte Klo⸗ 8 mit ſeinem altmodiſchen Täfelwerk, mit . ſeinen düſtern Kreutzgängen, und der verwilderte Garten mit den Taxuspyramiden, mit dem ganz überſchilften Schwanenteiche, erinnert mich jedes Mahl an ſo etwas aufs neue! Der Wagen, der uns abhohlen ſollte, ſtand ſchon bereit; Herr Braun, in ſchwarzen Sammt⸗ eiteidern, brokatner Weſte und franzblauem Plüſchkleide, trat mir ſtattlich entgegen. Alfonſine, wie immer, ganz weiß, doch faſt prächtig gekleidet, — ich hörte nachher, die Spitzen wären ihr letztes Weinachtsgeſchenk von der Fürſtinn— übrigens kei⸗ nen Schmuck, als die drey niedlichſten aller blauen Aſtern, im blonden Haar, zog mein Auge bald zum Boden, b nHimmel. Von dort oben ſchien ſie ia auf dieſe Erde herabgeſchwebt! „ Habt ihr gleich noch keine Weinleſe erlebt, ſo kann ich euch dieß Feſt doch unmöglich weitläuftig beſchreiben. Scharen luſtiger Menſchen, auf den Bergen truppweiſe vertheilt, Winzer und Winzerin⸗ nen, die volle Vutten zu Preſſe tragen, dann und —,——— * 247 wann weltlicher Geſang, und zuletzt ein geiſtlicher Choral, Schüſſe aus Flinten und kleinen Böllern, wenn's hoch kommt, einige Schwärmer und Feuer⸗ räder, dieß ungefähr wäre alles, was ſich hierbey erwähnen läßt. Das fröhliche Gemüth, das man mitbringt, muß auch hier, wie immer, das Mei⸗ ſte thun! Bey mir blieb das Ganze, wie mir leider oft begegnet, weit hinter der Erwartung zurück; doch freylich hatte ich nur Augen für Alfonſinen, und — vielleicht verdarb auch die ſtädtiſche Geſellſchaft das läudliche Bacchanal. Ich will es nur gerade heraus ſagen— denn ich kann es ja doch nicht verſchweigen— von den Hofleuten, welche der Fürſt bey dieſer Gelegenheit gewöhnlich gaſtiren läßt, ſchien ein junger, ſüß duf⸗ tender Menſch, Nahmens Bellamy, den man aller Augenblicke:„Berr Hofſecretär!“ rief, und der ſelbſt alle Augenblicke erzählte, wie gnädig die höchſten Herrſchaften ſich gegen ihn herabließen, ge⸗ wiſſer Maßen das Oberhaupt. Dieſer mochte eben ſo gut als ich die Bemerkung gemacht haben, daſt Alfonſine unter allen anweſenden Mädchen Köni⸗ ginn des Feſtes zu ſeyn verdiene, und ſich ſelbſt ne⸗ benbey die Rolle des Königs zutheilen. Da nun auch der alte Braun ſich gegen ihn ſehr verbindlich, faſt möchte ich ſagen, reſpectvoll benahm, und ich, als ein Stück Mahler, im nicht geſtickten Rocke, ja gar mit ſchlicht herabhangenden Haaren, mit einem 248 frevelhaften Sammtbaret, mit dem altdeutſchen Spitzenkragen, unter dieſer Gattung dienſtbarer Herrſchaften nicht eben im hohen Preife ſtand, ſo mußte ſich Alfonſine die Huldigungen dieſes einge⸗ bildeten Thoren gefallen laſſen und konnte nur ſel⸗ ten, nur durch Blicke mir ſagen, daß ſie lieber an meiner Hand gehen, an meiner Seite ſitzen würde. Indeß, ſo ſorgfältig wir über uns wachten, der Herr Hofſecretär ſchien doch von unſerer Au⸗ genſprache etwas entdeckt zu haben. Er richtete daher, um mir ſein übergewicht fühlbar zu machen, wähtend der Mittagstafel einige Mahl ſpitzige Ein⸗ ſälle gegen mich, womit ich ihn aber tüchtig ablau⸗ fen ließ. Der Wein aus dem fürſtlichen Keller fing nach und nach an, mehrere der ſchon nüchtern et⸗ was kupfernaſigen Herren und Damen zu erleuch⸗ ken. Der Reſpect verminderte ſich; ſie lachten ei⸗ nige Mahl, wenn der Herr Pofſecrerär abgeführt ward, daß ſchier Tiſche und Bäuche ſchütterten. Der kleine Sultan gerieth darüber außer ſich; auch er ſtürzte voll Ingrimms nun ein Glas nach dem andern hinein— kurz, als mich nach Tiſche Braun in einen Saal führte, um mir die gerühmten fürſt⸗ lichen Portraits zu zeigen, kam uns in kurzem, zitternd und faſt weinend, Alfonſine nachgeſtürzt, mit der Bitte, ſie gegen den Bofſecretär in Schutz zu nehmen. Alfonſine mußte erzählen. Der Hofſecretär hatte ſie aufgefordert, um mit ihr zu ländern. Sie ——— ——,——— —,——— 249 hatte das ausgeſchlagen, unter dem Vorwand, es zuerſt mir verſprochen zu haben. Da hatte der Hof⸗ ſecretär laut gefragt: Wie das ſeyn könne? um mit ihr tanzen zu dürfen, müſſe ich ihn erſt be⸗ grüßen! Der alte Braun warverlegen. Ich bath Alfon⸗ ſinen um ihren Arm und wollte ſie auf den Tanz⸗ ſaal zurück begleiten. Mehrere der Gäſte, unter die⸗ ſen eine hochgeſchmückte Fran Oberhof⸗ Spritzen⸗ Inſpectorinn, die— eine köſtliche Figur zu einem burlesken Krönungsaufzuge!— Bellamy's weißbe⸗ ſcheidetes Deglein unter ihrer ponceaufarbenen Her⸗ melinſaloppe auf die Seite ſchaffte, kamen herzu und ſuchten mich zu begütigen, wie ſie meinten, um ein Unglück zu verhüten. Endlich, nach mancherley Discuſſionen, die mit lächerlicher, faſt diplomati⸗ ſcher Wichtigkeit betrieben wurden, kam es dahin, daß Braun anſpannen ließ und ich Alfonſinen über den Tanzſaal und dann an den Wagen führte. Ich ſelbſt kehrte noch ein Mahl zurück und erbath mir von der blutſcheuen Schwertträgerinn eine ehrbare Menuet à la Reinc. Sie entledigte ſich dieſer, we⸗ gen ihres Reſpects gegen Bellamy ihr nicht eben erwünſchten Verrichtung, obſchon etwas bangend, dennoch mit dem größten altmütterlichen Anſtande; aber der Herr Hofſecretär hatte ſich indeſſen, wie man ſagte, wegen der terriblen Alteration, auf ein Bette gelegt. 3. Daß nach Alfonſinens Entfernung meines Bleibens bey der werthen Geſellſchaft nicht eben lange war, könnt ihr wohl denken. Ich machte mich zu Fuße auf den Heimweg, konnte mir es aber nicht verſagen, im Vorbeygehen bey dem Kloſtervogt an⸗ zuſprechen. Es ſing ſchon an zu dämmern. Die alte Aus⸗ geberinn meinte,„der Herr Kloſtervogt ſey aus Verdruß über den Krakeel“— Adelun gs Schat⸗ ten verzeihe der Duenna dieſen Provinzialismus, den ich ſchreibe, wie ſie ihn ausſprach— noch zu Pfarrers gegangen; die Mamſel aber werde wohl drinn ſeyn.“— Mich beßel Wonne und Zittern. Ich ſollte ſie allein ſehen— jetzt— jetzt und allein! Meine Hand bebte am Stubenſchloß; ich öffnete. Alfonſine ſtand vor dem Spiegel und hatte ſich eben ausgekleidet; die Aſtern lagen noch vor ihr auf dem Tiſchchen; ſie warf überraſcht, halb erſchrocken, ein großes Scharlachtuch um ſich. „Liebe Alfonſine!“ rief ich und ſchlang raſch, meiner ſelbſt nicht mächtig, meinen Arm um ſie— „liebe Alfonſine! Sie ſind doch wohl?“ Ihre noch erhitzte Wange ruhte ſanft an der meinigen; auch ſie zitterte; ihr Buſen ſchien den eng umſchließenden Gaſche mir faſt zu durchſchlagen; ſie wollte ſich von mir losmachen, doch ohne es zu vollbringen.—„Mein Vater iſt ausgegangen, Was 251 wollen Sie noch, lieber Buldberg 2*— lispelte ſie leiſe mit der ſchönſten Verwirrung. „Alfonſine! Sie wiſſen es längſt“— erwiederte ich—„Ihr Herz! Ihre Liebe! oder wäre beydes ſchon mein 2* Ihr Blick— die Wärme ihres Athems— ihr Losreißenwollen und nicht können— ihre Un ſchlüſſigkeit— ihr runder blendender Arm, der im Umſchlingen mit der Größe des gar zu habſüchtigen Scharlachs in Streit gerieth— der Kuß ihres Ro⸗ ſenmundes— meine Küſſe vom Zwielicht und ſelbſt von der Unbehülflichkeit des Umwurfs begünſtigt— und dann das: Ewin! ewig ent⸗ das vereint von un⸗ ſern Lippen flog— könnt ihr noch zweifeln, daß Alfonſine mein, daß euer Bruder unausſprechlich glücklich iſt? 9. Es ſind nun beynahe drey Wochen, ſeit dem ich euch das ketzte Mahl ſchrieb, und doch ſcheinen es mir kaum ſo viel Tage. Wahrlich, der Zeit und dem Amor— beiden ſollte man, wie Schmetterlingen, die Flügel ausrupfen! Die ſeligen Augenblicke, deren ich während die⸗ ſer kurzen Vergangenheit genoß, kann ich euch we⸗ der aufzählen, noch ſchildern. Nur ſo viel ſollt ihr hievon erfahren, daß ich etwa von vier zu vier Ta⸗ gen den alten Braun bey guter früher Zeit ein⸗ 252 mahl beſuche, daß aber dieſer gewöhnlich des Nach⸗ mittags zu dem benachbarten Pfarrer ſpatzieret; daß im Herbſte— o ſeht nur ſelbſt, ob er nicht der allerfreundlichſte Zeitgott iſt!— die Abende gerade weder zu kalt, noch zu hell ſind, und daß eine Aus⸗ geberinn, die einen jungen, hübſchen, gegen ſie recht höflichen Herrn, der ſie oftmöglichſt Frau Magiſte⸗ rinn tiRirt, doch unmöglich in den Tod hinein haſ⸗ ſen kann, in einer ſo weitläufigen Wirthſchaft wahr⸗ haftig mehr zu thun findet, als alle Schritte und Tritte ihrer Mamſell zu bewachen. Ja, lieben Kinder, nicht bloß ein arkadiſches, nein! ein wahres olympiſches Leben habe ich bis jetzt geführt— o warum kann es nicht auch die Cwigkeit der Olympier hindurch dauern? warum ſagt mir die kalte Vernunft, daß ich endlich ein mahl in die Hauptſtadt zurück muß? Könnt' ich euch nur begreiflich machen, wie ein Elyſium der verfallene Kloſtergarten für mich geworden iſt! Könntet ihr mich belauſchen, wie ich jeden Nachmittag an meinem Fenſter auf die Däm⸗ merung harre und den Gang der Sonne gar nicht richtig finde— ſelbſt meine Frau Förſterinn ſcheint etwas zu merken!— wie ich dann, wenn es end⸗ lich zu düſtern beginnt, durch die Buchenwände ſchleiche und nicht ſelten in den trocknenden Tiſchtü⸗ chern, in den ſteinernen Diana's und Flora's, die der Zahn dergeit noch halb und halb verſchont hat, das weiße Gewand meiner Alfonſine zu erblicken glaube! — — 253 Doch ſie kommt ja endlich, endlich!— blen⸗ dendweiß, und ſittig, und freundlich, wie immer, doch jedes Mahl lieblicher geſchmückt— und für mich geſchmückt, und jedes Mahl entzückter, mich zu entzücken— ſelbſt das Verſtohlne, das Geheim⸗ nißartige leiht unſern Zuſammenkünften, leiht Al⸗ fonſinens unſchuldvoller Miene, ihren behutſam um⸗ ſpähenden Augen, neue, unſägliche Reitze— ſie ruht in meinen Armen; ihre Locken fallen auf meine Schultern; ihr heißer Athem berührt mich— jedes meiner Gefühle findet das Echo in ihrem Herzen, jeder meiner Küſſe feurige Vergeltung auf ihren Lippen— wir wandeln mit einander Hand in Hand, reden wenig und ſprechen doch ſo viel— der Mond tritt langſam hinter dem Walde hervor, und nach oft erneuten Küſſen und Umarmungen entſchlüpft ſie, um morgen mit dem Abendſtern wieder für mich aufzugehen! Etwas trübt mit alle dem unſern Liebeshimmel und iſt auch der Grund, weßhalb Alfonſine, ſo ſchwer ihr dieß wird, ihrem Vater nichts von un⸗ ſerer Liebe zu entdecken wagt. Es iſt nähmlich kein Zweifel, dal die Fürſtinn es ſich ſelbſt vorbehalten hat, Alfonſisens Hand zu vergeben, und leider muß das liebliche Mädchen nach den Außerungen ihres Vaters vermuthen, daß der ſüß duftende Herr Hofſeeretär ſich doch nicht ganz ohne Grund ſo an⸗ maßend und gebietheriſch gegen ſie benommen hat. ——— 10. Ich habe euern Vorſtellungen nachgegeben und bin nun, nach dem ſchmerzlichſten Abſchiede, den ich jemahls erlebte, wieder in die Hauptſtadt zurück gekehrt. Alfonſinens Briefe, die ſie mir auf das be⸗ ſtimmteſte verſprochen hat und auf das pünectlichſte ſendet, ſind jetzt meine einzigen Freuden. O welch ein reiches Gefühl lebt in dieſem kindlichen Herzen! wie liebt ſie mich ſo fromm, ſo, weil ſie es muß, ſo feurig und gränzenlos! Seyd uberdieß wegen meiner Studien nicht länger in Sorgen. Eben weil mir jetzt ohne Alſon⸗ ſinen die ganze Natur ſo weit und ſo leer iſt, flüch⸗ re ich wärmer, als jemahls, zur Kunſt, und irre ich nicht ganz⸗ es gelingt mir auch jetzt beſſer! Außer einigen Jagdſtücken, die ich zum Theil nach der Natur zeichnete und nun ins Größere mahle, habe ich auch auch den etwas idealiſirten Alfonſine— o was gibt es da viel zu idealiſiren?— eine Phantaſie ausgeführt— ihr mögt ſelbſt einen Nahmen dafür ſuchen— eine Heilige, die mit emporgehobenen Händen auf einer Wolke gen Himmel ſchwebt. Statt des Aſternkranzes habe ich ihr ein Diadem von Sternen gegeben, nach welchem ſie ſehnend aufblickt; die Figur ſelbſt iſt nur mit einem Ather⸗ gewand umgeben, und, wie die Leichtigkeit der Wol⸗ ke es erfordert, ziemlich blaß, duftig und geiſtig gehalten; die Belenchtung und der dünne Schleyer — 255 erhoͤhet das Geiſterartige noch mehr; ein Mondre⸗ genbogen, den ich vor kurzem in der Natur, gera⸗ de über Alfonſinens Kloſter, erblickte, wölbt ſich unter der Wolke. Zum nächſten Geburtstage der Fürſtinn hoffe ich dieſe Bilder mit ausſtellen zu können; bis da⸗ hin— darüber werdet ihr doch nicht zürnen, wenn der Jagdklepper zu Zeiten den im Forſthauſe, wo nicht genoſſenen, wenigſtens an die Krippe geſchrie⸗ benen Hafer wieder wittert? 11. Alles, was wir befürchteten, iſt gegründet, Alfonſine ſchreibt mir mit Thränen, daß ihre Hand von der Fürſtinn dem Bellamy, der in großer Gunſt bey ihr ſtehe, beſtimmt ſey. Braun hat ſeiner Toch⸗ ter gerade herausgeſagt, er halte ſie zu vernünftig, um an irgend eine Weigerung zu denken. Sie ſelbſt verſichert, der Fürſtinn den größten Theil ihrer Bildung und viele andere Weohlthaten zu verdanken zu haben, und iſt in Verzweiflung. Was ſoll ſie thun? was ſoll aus mir werden? Alfonſinen zu verlieren, ſie mir zu erhalten, eins ſo gut, wie das andere, ſteht nicht in meiner Macht. Dem Bellamy ein wenig den Hals zu brechen, oder Alfonſinen zu entführen, wäre freylich nicht eben ſchwierig— und ſie ging mit mir! ja ſie ging! Aber— was würdet ihr dazu ſagen? 12. Es iſt alles verſoren! Die Fürſtinn hat jüngſt nach einer zweyten Jagd im Kloſterholze wieder bey Braun anhalten laſſen, und Alfonſinen ihr Verſpre⸗ chen bekannt gemacht, bey ihrem Vater um ſie für den Hofſecretär zu werben. Es verſteht ſich, daß dieſes für einen Befehl galt, auch wenn Alfonſine der Fürſtinn in Hinſicht ihrer Erziehung nicht al⸗ les ſchuldig wäre. Deſſen ungeachtet hat das treue Mädchen es gewagt, der Fürſtinn einen Fußfall zu thun, ſogar meiner dabey zu erwähnen, wenigſtens um Aufſchub zu bitten. Aber Bellamy, deſſen Mut⸗ ter Kammerfrau bey der Fürſtinn iſt, hat ſeine Er⸗ wählte ſchon im voraus gehörig anſchwärzen laſſen, und ſo iſt natürlich der Erfolg kein anderer gewe⸗ ſen, als daß die Fürſtinn mit den Worten:„Du wirſt zu gehorchen wiſſen!“ Alfonſinen den Rücken gekehrt hat. 15. Meine Amazonenſchlacht hat in“, wohin ich ſie ſandte, den Preis gewonnen. Die große goldene Medaille iſt mir mit den ehrenvollſten Ausdrücken zugeſandt worden. Alfonſine trägt ſie, als das erſte Geſchenk, das ich ihr anbiethen konnte, auf ihrer Bruſt. Ich denke die Herrn Preisvertheiler, wenn ſie das wüßten, würden mit mir zufrieden ſeyn! 257 Aber hier ſcheint es, als fänge irgend ein Unſtern über mir immer mehr und mehr zu walten an. Auch der kleinliche Neid meiner Kunſtgenoſſen ſcheint gegen mich zu erwachen. Die von mir ausgeſtellten Gemälde haben größern Beyfall gefunden, als ich erwartete. Deſſen ungeachtet, oder vielleicht eben darum, hat man, als der Hof die Ausſtellung be⸗ ſuchte, meine Heilige auf der Wolke aus dem We⸗ ge zu ſchaffen gewußt, und entſchuldigt dieß mit ei⸗ nem Befehle des Fürſten, der übrigens meine Jagdſtücke kaufen wolle. Man ſagt, es ſey in meinem Phantaſiebilde eine Ahnlichkeit entdeckt worden, welche die Für⸗ ſtinn erſchüttern könne— aber mit wem, außer mit Alfonſinen, kann ich eben ſo wenig erfahren, als errathen. Das Ganze iſt offenbar nur ein Vor⸗ wand, um mich nicht empor kommen zu laſſen. Man hat öffentlich geurtheilt, man glaube auf dem Bilde eine himmliſche Erſcheinung zu erblicken. Das iſt nun freylich einem und dem andern unerträglich, der bereits ſich ſelbſe oder einem ſeiner Elienten die erledigte Stelle bey der Akademie beſtimmt hat— Mögen ſie doch! Alfonſine verlangt von mir Nath, was ſie thun ſoll. Ihr Vater meint, ſie ſolle ſich doch nicht zie⸗ ren; an den Herrn Mahler, der übrigens recht hüb⸗ ſche Vögel zeichnen könne, ſey als Mitwerber um ſie, bewandten Umſtänden nach, gar nicht zu denken! Morgenden Abend wünſcht die Holde, im Er⸗ keczimmer— dorthin, unter ausgeſtopfte Rohr⸗ dommeln und Kranniche, wo jedoch auch ein recht freundlicher Kamin iſt, hat uns der Winter jetzt verſcheucht— nicht vergeblich auf mich warten zu dürfen! Ja, ich werde dich ſehen, werde dich in meinen Armen halten, Alfonſine!— aber wie? wenn ich zu ohnmächtig wäre, dich mir zu erhalten— wenn es das letzte Mahl wäre? 14. Heute muß ich euch wohl einen längern und tröſtlichern Brief ſchreiben. Ich bin, wie man mir geſagt, großer Gnade gewürdigt worden, und meine Herrn Collegen, die mich bis jetzt kaum kannten, bezeigen mir heuchleriſch ihre wärmſte Theilnahme. Höre, wie es ging! Die Fürſtinn hat, wie ich nun weiß, davon, daß auf Befehl des Hofmar⸗ ſchalls eins meiner Bilder hinweg genommen wor⸗ den iſt, etwas erfahren. Sie mag, unter uns ge⸗ ſagt, anfänglich wohl etwas, was man hier inde⸗ cent nennt, vermuthet und daher das Ganze über⸗ hört haben; allein man mag denn doch mit einer Art von Geheimnisvollthuerey dabey zu Werke ge⸗ gangen ſeyn, die ſie vom Gegentheil überzeugt und ihre Neugier geſpannt hat. Genug, eines Tags, als der Fürſt abweſend war, erhielt ich eine Ein⸗ ladung, gegen Mittag bey der Fürſtinn zu erſchei⸗ 259 nen und auch aſle von mir ausgeſtellte Gemählde in den Gartenſaal ſchaffen zu laſſen. Es hieß, die Für⸗ ſtinn wolle mit meinen zwey Jagdſtücken ihrem Gemahl ein Geſchenk machen. Mir war alles ſo ziemlich gleich; doch warf ich mich in recht ſolide Kleidung und beſchloß, auch im übrigen meine Sonderlingsnatur, wie ihr ſie zu nennen pflegt, ſo viel nur immer möglich, im Zaume zu halten. Doch wahrlich, dießmahl wurde mir dieß leicht! Die Fürſtinn gehört zu den erlauchten Damen, in deren Gegenwart jedem Gebildeten wohl wer⸗ den muß; der Nymbus einer drückenden Hoheit verſchwindet faſt in den erſten Augenblicken; man hat ſich ihr kaum genähert und muß ſie nicht bloß an⸗ bethungs⸗, ſondern ſelbſt liebenswürdig finden. Ich zeigte denn meine Hirſch- und Entenjagd vor; indeß ſchien ſie nur aus Gefälligkeit dabey zu verweilen und nur von der treuen Nachahmung der Natur, nicht von dem Gegenſtand, angezogen zu werden. Ich las es deutlich in ihren Blicken, daß ſie nach dem ihr entzogenen Gemählde verlange, obſchon ſie mit aller Feinheit der höhern Stände nicht die mindeſte Unruhe zeigte. Endlich, nach manchem Schrikt vor⸗ und rück⸗ wärts, deutete ſie auf das dritte, noch verhüllte Gemählde, meine emporſchwebende Heilige; ich zog das Tuch hinweg und— die Fürſtinn ſank, nach einem ſtarr auf das Bild geworfenen Blick, den 260 ihr zunächſt ſtehenden Damen, in einer Anwand⸗ lung von Ohnmacht, in die Arme. 15. Ich fand es wegen des übelbefindens der Für⸗ ſtinn für ſchicklich, mich zu entfernen. Doch noch war ich nicht bis zur Thüre gelangt, als ſie ſich er⸗ hohlte und mit einer, vielleicht nur in dieſem Stan⸗ de möglichen Beherrſchung ihrer ſelbſt, mir zu bleiben befahl. „Haben Sie ſelbſt dieß Bild gemahlt?“ fragte ſie, indem ihre Blicke noch wie ungewiß im Zim⸗ mer herum ſchweiften. „Ja, gnädigſte Frau!“ „Wie ait ſind Sie2“ „Fünf und zwanzig— dieß Bild kein halbes Jahr!“ „Unmöglich!*— Sie trat mehrere Schritte zu⸗ rück und fuhr dann, nur zu mir gewandt, leiſe und ernſt fort:„Sind Sie ein Caglioſtro? das Hriginal dieſes Portraits iſt vor ſechzehn Saheß⸗ verſtorben.“ „Verzeihung, Ihre Durchlaucht!— antwor⸗ tete ich—„das Hriginal lebt!“ „In Ihrer Erinnerung vielleicht*“— fragte ſie etwas heftiger.—„Sie ſahen die Dame viel⸗ leicht als ein Knabe? Sie— doch nein! wie könn⸗ te das zugehen?* „Nur einige Züge ſind hier der ſogenannten —,— † 261 Regel etwas näher gebracht, nur das Ganze etwas duftiger, wenn es mir gelang, etwas ätheriſcher gehalten! ſonſt iſt dieß größere Bild vielmehr eine Copie von dieſem!“— Ich zog mein Taſchenbuch heraus und überreichte der Fürſtinn, jetzt ſchon muthiger gemacht, Alfonſinens Miniaturbild. Sie fuhr haſtig darauf zu—„Ha! Wenn im Herbſt die Aſtern blühen!“— rief ſie dann, wie in einer Art Beiſtesabweſenheit aus—„ja ich ge⸗ denke dein, Marianne!—— Ich werde ſie wieder rufen laſſen, junger Schwedenborg!“ ſetzte ſie dann, ſich mit Mühe faſſend, hinzu, und ſtützte ſich auf eine Hofdame, um ins Nebenzimmer zu gelangen. 16. Erſt nach vierzehn Tagen, erſt geſtern, liebe Geſchwiſter! bin ich wieder zu der Fürſtinn geru⸗ fen worden; aber freylich iſt auch der Fürſt früher niemahls auf längere Zeit abweſend geweſen. Ich war vorbereitet, dießmahl nichts weni⸗ ger, als zurückhaltend zu ſeyn. Hatte Alfonſine es gewagt, zum Beſten unſerer Liebe zu ſprechen; ich der Freye, der Unabhängige, wäre ja wohl ein Feiger geweſen, hätte ich durch die Glorie der Hoheit mich von der Entdeckung meiner beiſten Wünſche zurückſchrecken laſſen. „Sprechen Sie jetzt aufrichtig“— nie die X 262 Fürſtinn heute, von einer einzigen ältlichen Dame begleitet, mich an—„Sie ſehen, daß meine gan⸗ ze Seele ſich mit dieſem Gegenſtande beſchäftigt, daß ich zu dem Künſtler, deſſen guter Genius Aſtern in 6 Sterne umſchuf, Vertrauen habe! Hat ihr grö⸗ ßeres Bild mich tief erſchüttert, ſo mußte der Aſterkranz auf dem kleinern mein Erſtaunen auf's höchſte ſteigern! Wie erfuhren Sie, oder— wie Alfonſine von einem Geheimniſſe, das ich bis jetzt, als ein Vermächtniß der innigſten zärtlichſten Freund⸗ ſchaft, allein zu bewahren geglaubt habe.“ Ich war um Worte verlegen. Das ganze Glück meines Herzens ſtand vielleicht jetzt auf dem Spiele! wie hätt' ich nicht zagen ſollen? „Kommen Sie“— fuhr die Fürſtinn fort und trat, weit von der Hofdame weg, in ein Fen⸗ ſter—„ich will zuerſt das Geheimniß brechen; Offenherzigkeit. Ich hatte eine Geſpielinn, eine Freundinn meiner Jugend, die längſt Aſche, ewig in meinem Herzen leben wird! Mariane konnte in einem unbewachten Augenblicke ſtraucheln, aber— ach! die Unglückliche hat mit ihrem ſchönen Leben dafür gebüßt! Wenige Wochen vor ihrem Tode, da ich ihr zum Zeichen meiner Liebe einen Strauß von Roſen in ihren Verbannungsort ſandte, erhielt ich dieſe Zeilen zur Antwort.“ Die Fürſtinn nahm bey dieſen Worten aus ei⸗ dann doch wenigſtens hoff' ich von Ihnen gleiche 265 nem goldenen Sonvenir ein elfenbeinernes Täfel⸗ chen und ließ es mich leſen. Die zierlich mit Sil⸗ berſtift geſchriebenen Worte waren: „O wie bald, wie bald verblühen Roſen in des Maien Schein! Wenn im Herbſt die Aſtern blühen, Julia, dann denke mein.“ Dann begann die Fürſiinn mit unendlicher Wehmuth in Blick und Stellung zu mir aufs neue: „Als die Aſtern wieder blühten, war ſie nicht mehr! — Nun dann— dieſe ahnungsvollen Worte, die ich treu in meinem Buſen bewahrt habe, dieſe Worte, die jetzt, da Marianens Tochter vielleicht doch durch meine Vorſorge für ſie unglücklich werden könnte, wie ein Zuruf, wie eine Warnung, wie ein zärtli⸗ cher Vorwurf von oben, aus dieſem Aſterkranze mir entgegen tönten— wie iſt es möglich, daß Sie und Alfonſine davon wiſſen konnten 2“ Ich war zu beklommen, durch die mir wieder⸗ fahrne Huld zu gerührt, um von dem, was ein wunderbares Spiel des Zufalls mir gewährte, ei⸗ nen unrechtmäßigen Gebrauch zu machen; ich er⸗ zählte der Fürſtinn ſchlicht und einfach die ganze Begebenheit auf dem Altane und dann im Garten; doch— die Rede ſtrömte ja aus vollem Herzen— ich ſprach zugleich mit einem Feuer, daß ſie über meine heißeſte Liebe zu Alfonſinen, ſelbſt über die Erwiederung dieſer Liebe, nicht den mindeſten Zweifel laſſen konnte. 2 264 Aber ſo natürlich alles zugegangen war, fo glaubte doch, wie es mirwenigſtens ſchien, die Für⸗ ſtinn an irgend eine höhere Einwirkung. Nur nach und nach fing ſie an, die Sache halb und halb als Scherz zu behandeln, fragte mich um mein Her⸗ kommen und Treiben, wovon ſie jedoch ſchon ziem⸗ lich genau unterrichtet ſchien, reichte mir dann mit unbeſchreiblicher Huld die Hand zum Kuſſe und ent⸗ ließ mich mit den Worten:„Halten Sie ſich denn bey der nächſten Jagd bereit! überlaſſen Sie mir, der Aſtern zu gedenken— aber, dieſes Einzige mache ich zur Bedingung!— kein Wort von un⸗ ſerm Geſpräch vor der Hand zu Alffonſinen“ 17. Die Fürſtinn hat mir das Miniaturbild wie⸗ der zuſtellen laſſen, für das größere Gemählde aber eine goldne Doſe mit hundert Louisd'oren geſchickt. Nun braucht ihr mir lange, lange kein Geld zu ſenden!— übrigens— wußte die Fürſtinn kein lieberes Geſchenk für mich? Ich ſchnupfe ja nicht—— Nein! glaube nicht, daß ich undankbar bin! Ich verehre die Fürſtinn als meine Wohlthäterinn und werde jedes Talent aufbiethen, das mir verlie⸗ hen ward, ihr meine Dankbarkeit zu bezeigen. Es war nur ſo ein wilder Einfall über die ganzen ge⸗ wöhnlichen Ehrenbezeigungen, ein recht ungeſchlach⸗ ter Einfall, wie mir wohl manchmahl kommen! 5 265 Euch muß ich ja alles ſchreiben!— o der Gedanke an Alfonſinen läßt mich nicht ruhen! Die Jagd iſt angeſagt; man hat mir einen Wink davon gegeben. Bellamy wird, wie es heißt, durch ein Schnupfenfieber verhindert, für dieſ Mahl dabey zu ſeyn. 18. Ich, Alfonſiné, bis jetzt genannt Braun, ſchreibe dieſe Zeilen an euch, liebe Geſchwiſter! aus dem fürſtlichen Schloſſe. Euer böſer Bruder hatte mir in vierzehn Tagen auch keinen Buchſtaben, wohl aber ein allegoriſches Bildchen, das nicht eben auf Un⸗ glück deutete, zukommen laſſen. Die Fürſtinn fuhr an. Mehr todt als lebendig mußte ich vor ihr er⸗ ſcheinen.„Ich bringe Bellamy mit“— redete ſie mit der ihr eignen Huld mich freundlich an und ver⸗ ſcheuchte ſchon durch den Silberklang ihrer Stimme jedes Wölkchen von meiner Stirne—„Du haſt dich hoffentlich beſonnen, mein Kind 2*— Das Kind ließ ſich ſchweigend aufs Knie; aber— der angeb⸗ liche Bellamy, der jetzt hervor trat, hieß eigentlich Huldberg— und— ihr mögt dagegen etwas ein⸗ wenden oder nicht, von künftigem Sonntage an habe ich die Ehre zu unterzeichnen eeure ergebenſte Schweſter Alfonſine Huldberg. unterh. Bibl. 3.Jahrg. 1. B. M 19. Nachſchrift von Huldbergs Hand. Der Director der Akademie iſt außer ſich. Er hat einen künftigen Schwiegerſohn einſchieben wol⸗ len. Meine jüngeren Herren Collegen wünſchen mir Glück und ſind der Meinung, meine Aſtralis, wie der Herr Gallerie⸗Inſpector mein Bild taufte, habe mir die Hofmahlerſtelle verſchafft. Nun, ſie mögen Recht haben; aber freylich iſt es meine Aſtralis, meine ſchöne blonde Braut, Alfonſine!— Ihr kennt nun, denke ich, die Stärke meiner Liebe zu dem himmliſchen Mädchen, wenn ich, für deſſen Bedürfniſſe ihr bis jetzt nur allzu reichlich ſorgtet, mit ihrer Hand ein Amt annehme!— In wenig Wochen ſtelle ich euch meine Braut vor, und dann geht es mit der Schweſter der Fürſtinn ohne Verzug nach den Stanzen des heiligen Raphaels! Ihr errathet wohl, daß Alfonſine nicht zurückbleibt! Alfonſine und Italien!! * — 2 Seite I. Der Mantel. Eine Erzählung von Friedrich Laun. 3 II. Der Mantel. Eine Erzählung von Carl Streckfuß. 57 MI. Der Mantel. Eine Erzählung von Guſtav Schilling. 6 8 113 IV. Das Schmetterlingscabinet. V. Die Aſtern.„„*„„220 . 9